Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und CFeſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Ubends 8 Uhr offen. 2. Pesel eis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angen inmen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summ⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatte wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden un beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— 1 Answärtige Wbonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendi der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorg. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrened vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfernc.) mußr Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſcht der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. (2 Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und vd beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverlein der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche e⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 4 Frau M. S. Schwartz. A u's dem Schwediſchen. Stuttgart. Fran ckh'ſche verlas 1864. 6 die Schutzlofen. Stine Irzählung von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. Otto gen. Reventlow. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlun 1864. Dru der K Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg. 5 * 3 ₰ liches Grauen abgelöſt werden wird Prolog. Derjenige, welcher den nördlichen Theil von Schweden beſucht hat, weiß, daß unſer liebes Va⸗ terland manche Gegenden von wilder und imponiren⸗ der Schönheit beſitzt, welche, wenn man ſie bei hel⸗ lem Tage von der Sonne beleuchtet ſieht, mächtig zu unſeren Gefühlen ſprechen; wenn man ſich aber eine ſolche Gegend in einer ſtürmiſchen Herbſtnacht, in Finſterniß eingehüllt und dem Kampf der Elemente ausgeſetzt denkt, dann glaube ich, daß die Bewun⸗ derung, die wir vorher empfunden, bald durch wirk⸗ In einer ſolchen Gegend lag das große Eiſen⸗ werk Helenefors am Ausfluß eines kleinen Stroms welcher ſich durch die Landſchaft ſchlängelte und bei ſeinem Austritt in die offene See einen hohen und impoſanten Waſſerfall bildete. Kaum eine halbe Meile vom Werke lag der Pfarrhof. Der Weg, welchen Fußgänger zw Werk und dem Pfarrhof gewöhnlich benutzt i 6 ſchmaler Steg längs dem Waſſerfall und neben einem hohen Walde. Am Himmel wurden dicke ſchwarze Wolken von einem heftigen Winde gejagt, welcher heulend durch den Wald zog und die Gipfel der ſtolzen und ſchlan⸗ ken Tannen bog. Der Mond guckte nur für Augen⸗ blicke zwiſchen den dunkeln Wolken hervor. An der einen Seite des Waſſerfalls ſtand ein kleines Luſthaus, welches wahrſcheinlich von irgend einem Bewunderer der großartigen Ausſicht, die man dort hatte, aufgeführt worden war. Auf dem Pfade wanderten zwei junge Männer; ſie kamen aus verſchiedenen Richtungen. Das Ziel der Waonderung Beider ſchien das kleine Haus zu ſein. Als der Mond einen flüchtigen Strahl auf die Gegend warf, war man verſucht, ſie für eine und dieſelbe Perſon zu halten, ſo ähnlich waren ihre Geſichtszüge einander. Das Einzige, woran man ſie bei einem ſolchen Lichtſtrahl hätte unterſcheiden können, war, daß der Eine Jagdkleider trug, eine Flinte über die Schulter geworfen und einen haſtigeren Gang und unruhige⸗ ren Blick hatte. Unſer Jäger erreichte zuerſt das kleine Haus und blieb einen Augenblick ſtehen, um zu lauſchen; da er aber nichts hörte, ſo murmelte er: — Gut, ich bin zu rechter Zeit gekommen. Er ſetzte darauf die Wanderung einige Schritte weiter fort,— als der Schall von den Tritten des anderen jungen Mannes ſein Ohr erreichte, wobei er ſtehen blieb und den Hahn ſeines Gewehrs ſpannte. Traurig eine bekannte Melodie pfeifend, kam jetzt der Andere bei der Stelle an, wo der Erſtere ſtand, und als er merkte, daß Jemand ihm den Weg verſperrte, fragte er: — Wer da? Das Abfeuern eines Schuſſes, welcher den Fra⸗ ger zu Boden ſtreckte, war die Antwort, aber in demſelben Augenblick hörte man den Angſtſchrei einer Weiberſtimme. Der Mond beleuchtete die Scene. Der Mörder ſtand emporgerichtet mit drohendem Blick und horchte nach dem Laut. Nur das Heulen des Sturmes und das Brauſen des Waſſers unterbrachen die Stille. — Gewiß,— dachte er,— war das der Schrei irgend eines Raubvogels, der durch den Schuß aus ſeinem Neſte aufgeſcheucht wurde, und den meine Einbildung für eine Menſchenſtimme nahm. Er bückte ſich jetzt über die Leiche, der er Rock und Hut auszog und ihr ſeine Kleider anzog, wor⸗ auf er den lebloſen Körper in den Waſſerfall hinab⸗ ſchleuderte. Dann zog er die Kleider des Todten an und ſagte halblaut und in einem höhniſchen Tone: — Wer würde jetzt ſagen können, welcher von uns da unten in der Liefe ſchläft? — Ich!— klang eine Stimme hinter ihm, und eine Hand fiel auf ſeine Schulter, wobei er zuſam⸗ menfuhr und ſich erbleichend umwandte. Vor ihm ſtand ein Mann mittel Länge Der Mond beleuchtete ſeine Züge— und der Mörder rief: — Graf Gratton! Fünßehn Jahre ſpäter. An einem kalten, mondſcheinhellen und ſchönen Abend am Schluß⸗ des Februar wimmelten Stock⸗ holms ſchneebedeckte Straßen von Fahrenden und Promenirenden in allen Theilen der Stadt. An der Ecke von der Königshöhe und der Rör⸗ ſtrandsgaſſe ſtand ein ſehr junges Mädchen, das noch dem kindlichen Alter angehörte; ſeine zarten Glieder zitterten vor Kälte, und es hüllte vergebens ein dünnes baumwollenes Tuch um ſeine Schultern. Ein Herr von langer Statur, mit ſtolzer Haltung und in einen warmen Pelz gehüllt paſſirte an dem kleinen zitternden Mädchen vorbei und ging der Rörſtrandsgaſſe zu. — Das Kind folgte ihm nach und flehte mit angſtvoller Stimme: — Aus Mitleid, mein Herr, geben Sie mir einen Reichsthaler. Der Herr drehte ſich um, betrachtete das Kind mit einem ſtrengen Blick und ſagte: chämſt Du Dich nicht, einen ganzen Thaler Du ſollteſt Dich geniren in Deinem en Sie mir! aber meine Mutter liegt krank und ich beſitze Nichts zu Holz, Eſſen und Me⸗ dicamenten für ſie,— antwortete das Mädchen weinend. — Das Lied da kenne ich, ſo ſagen alle Bettel⸗ kinder;— ſagte der Herr und entfernte ſich; aber das arme Kind, welches gewiß in großer Noth war, faßte verzweifelt ſeinen Pelz, um ihn feſtzuhalten, und rief in ſchmerzlichem Tone: — Aus Gnade, geben Sie mir einen Reichstha⸗ ler, ſonſt ſtirbt meine Mutter vor Kälte und Hunger. Ich habe nie früher gebettelt, aus Barmherzigkeit, um unſer Aller Erlöſer willen, helfen Sie mir! — Fort von mir! wie kannſt Du es wagen Leute auf der Straße anzuhalten? Danke Gott, daß ich nicht einen Polizeibiener rufe;— und damit verſetzte er ihr einen Schlag mit ſeinem Stock über die Schulter. Das Mädchen ließ gleich den Pelz fahren und ſetzte ſich, indem ſie Alles außer dem Erniedrigen⸗ den des Schlages vergaß, auf einen Ausweichſtein und weinte; weinte bittere und ſchmerzliche Thrä⸗ nen, während ſie ſeufzte: — O mein Gott! mein Gott! — Warum ſchlug der Herr Dich, mein Kind? — fragte eine freundliche, wohllautende, männliche Stimme, und in demſelben Augenblick fühlte das auf ihrer ſteifgefrornen Schulter eine warme and. Sie blickte auf zu dem, der ſie mit ſo vieler Theilnahme angeredet hatte. Ein Jüngling von einigen und zwanzig Joh 10 mit einem jugendfriſchen und edlen Geſicht ſtand vor ihr. — Weil ich——— ihn bat, mir einen Reichs⸗ thaler zu geben——— Ach ich bin ſo unglücklich, meine Mutter ſtirbt vor Kälte;— mehr vermochte ſie nicht zu ſagen; denn das Schluchzen erſtickte ihre Stimme und ſie verbarg ihr Geſicht in der Schürze. — Wie alt biſt Du?— fragte der Jüngling. Das Mädchen blickte ihn verwundert an und antwortete: — Vierzehn Jahre!——— aber vielleicht werden Sie jetzt auch böſe. — Nein, mein Kind, wenn Du mir der Wahr⸗ heit gemäß antworten willſt. — Warum ſollte ich nicht Wahrheit ſprechen? Der Jüngling lächelte über dieſe naive Antwort und über die vollkommene Unbekanntſchaft mit aller Verſtellung, welche darin lag. Er hob wieder an: — Haſt Du lange gebettelt? — Nein, nein, ich habe es nie früher gethan,— antwortete das Mädchen mit vieler Heftigkeit;— aber jetzt, nachdem Alles, was wir beſeſſen, während Ma⸗ ma's Krankheit verkauft worden iſt, und ich keine Arbeit erhalten konnte, mußte ich es thun. Heute Abend, als Mama auf ihrem Lager lag und vor Mangel an Allem winſelte, faßte ich den Entſchluß, mich an irgend einen barmherzigen Menſchen zu wenden um ſo viel zu bekommen, wie ich zu eini⸗ cen Holz, einem wenig Milch und ein Paar für ſie nöthig hatte. Ich wußte nicht, daß hts Schlimmes E Böſes ſei. Nicht wahr, mein Herr, ich * † 11 — Das haſt Du gewiß nicht; aber laß mich Dich jetzt zu Deiner Mutter begleiten. — Wie Sie gut ſind!——— Sie helfen ihr ja, Sie laſſen Sie nicht in ihrer Noth ſterben? — Ich werde ihr helfen,— antwortete der Jüngling, ſtreichelte ihren Kopf und blickte ihr ins Geſicht. — Kommen Sie, kommen Sie,— rief ſie und eilte ihm voran die Rörſtrandsgaſſe hinauf. Als ſie das Ende der genannten Gaſſe erreichten, ging das Mädchen hinein in eine der am meiſten verfallenen Hütten, ſchlug den Weg über den Hof nach einem Gebäude ein, welches mehr einem Schup⸗ pen als einem Wohnhaus ähnlich ſah. Dort näherte ſie ſich einer Thüre, welche ſie öffnete und dann von dem Jüngling begleitet in ein kaltes, feuchtes und finſteres Zimmer eintrat, aus welchem eine ſchwache Stimme fragte: — Biſt Du es, Alva? — Ja, Mama. — Wo biſt Du geweſen? Als ich erwachte, warſt Du fort. — Mama wird es gleich erfahren,— antwor⸗ tete Alva, welche mittelſt Feuerſtein und Stahl große Anſtrengungen machte, Feuer zu bekommen, was ihr auch zuletzt gelang. Sie zündete einen ſehr kleinen Lichtſtumpen an, welcher in einem alten, aber reinlichen Leuchter ſteckte der Schein davon beleuchtete das Bild der grenzen⸗ loſeſten Armuth. Das Zimmer war klein und äußerſt verfalle welche Farbe die Tapeten urſprünglich gehabt, konnte 12 man nicht unterſcheiden, ſo geflickt und verkleiſtert waren die Wände. Das ganze Meublement deſſelben beſtand aus einem alten Feldbett, auf welchem ein bleiches, noch junges Weib lag. Etwas, das einem Stuhle oder einem Tiſche glich, fand ſich nicht vor. Das Licht ſtand im Fenſter. Einige auf einander gelegte Strohkiſſen in der einen Ecke des Zimmers ſtellten das Bett des jungen Mädchens vor. Etwas altes Porzellangeſchirr und eine eiſerne Pfanne war Alles, was ſonſt in dieſem Zimmer vorhanden war; der Fußboden war aber rein und die geflickten und ab⸗ genutzten Bettlaken waren weiß. — Wen haſt Du mit Dir?— fragte die Kranke, als der Lichtſchein auf den Jüngling fiel. — Gute Mama, werde nicht böſe; als ich Dei⸗ nen Jammer im Schlafe ſah, und ſah, wie es Dich fror, und als ich dazu erwog, daß wir ſeit vier und zwanzig Stunden nichts gegeſſen und auch nichts mehr zum Verkaufen beſaßen, da wurde ich trau⸗ rig und beſchloß hinauszugehen und— zu betteln. Wende Dich nicht weg und weine nicht, ſondern höre mich an; Deine Alva litt von den Qualen des Hungers. Dieſer Herr hier hat verſprochen, uns zu hel⸗ fen. Siehſt Du, Mamachen, wir würden ſonſt aus Mangel an Allem ſterben;— bemerkte Alva und be⸗ deckte die Hände der Mutter mit ihren Küſſen. — Alva, mein gutes Kind, Du mußteſt alſo auch noch betteln— ſeufzte die Mutter mit Schmerz Gnädige Frau,— ſiel der Jüngling ein cher wohl merkte, daß es hier nicht ſchicklich ſei 13 Madame zu ſagen,— ich biete Ihnen mit wirkli⸗ chem Vergnügen meine Hülfe an, bis Sie geſund werden, und ich bitte Sie, ſich deshalb nicht zu be⸗ unruhigen, daß ein glücklicher Zufall mich Ihrer Tochter in den Weg geführt hat. Die Mutter ſtammelte einige Worte der Dank⸗ barkeit; Alva aber ſprang hin zu dem jungen Mann und ergriff ſeine Hand, welche ſie lebhaft küßte. Es ſtand bei dieſen ſeinen Worten in ihren thränener⸗ füllten Blicken eine ſo aufrichtige Dankbarkeit ge⸗ ſchrieben, daß er ſich dadurch tief gerührt fühlte. Wir übergehen es, wie Hülfe angeſchafft wurde, und verſetzen uns weiter hinaus in der Zeit. Seit Alva's Zuſammentreffen mit dem jungen ann waren acht Tage verfloſſen. Der Leſer glaubt wahrſcheinlich ſchon den Gang der Ereigniſſe errathen zu können und denkt vielleicht: Eine Bettlerin und ein reicher junger Mann, das wäre intereſſant, wenn die ſich in einander verliebten und der Schluß wie in allen Romanen der würde,— daß ſie einander heiratheten. Wenigſtens muß er ſie anführen, und das Reſultat davon werden— der Held und die Heldin in dieſer Erzählung. Ich beklage aber, daß ich nicht auf dieſe Weiſe den Er⸗ wartungen des Leſers entſprechen kann. Derſelbe darf ſich indeſſen tröſten; denn alle Wege führen doch nach Rom; und trifft Das nicht ein, ſo wird es wohl etwas Anderes. In demſelben Zimmer, in welchem wir zuerſt Alva ſahen, iſt jeßt Alles verändert; das Feldbett iſt verſchwunden und ein Schlafſopha zum Auszie⸗ ben hat deſſen Stelle eingenommen. Die Kranke liegt auf einem weichen und beque⸗ men Bett, und außerdem gibt es dort ſechs Stühle, einen Tiſch und eine Commode. Ein munteres Feuer brennt im Ofen und ein Zue Licht ſteht in einem Meſſingleuchter auf dem iſch. Alva ſitzt an dieſem und näht. Auf einem Stuhl neben der Kranken hat der junge Mann Platz ge⸗ nommen. — Wie befinden Sie ſich heute Abend, Frau Holm? F. — Bedeutend beſſer, Herr Ernſt. Ich kann nie mit Worten die tiefe Dankbarkeit ausdrücken für Alles, was Sie für uns gethan, und für die große Güte, die Sie dadurch an den Tag gelegt, daß Sie mir ärztliche Hülfe und alle möglichen Bequemlich⸗ keiten verſchafft haben. — Aber, gnädige Frau, Sie verſprachen mir, ja das Letztemal, als ich hier war, nicht mehr mit mir darüber zu ſprechen. Was ich für Sie gethan habe, iſt Etwas, das auch jeder andere gute Menſch in meiner Lage gethan haben würde, und es verdient nicht, daß Sie ſich ferner damit beſchäftigen. Laſſen Sie uns deßhalb von etwas Anderem reden. Ich reiſe morgen von der Hauptſtadt ab und komme, um Ihnen Adieu zu ſagen; damit es Ihnen nicht an Arbeit und Unterſtützung fehle, falls Sie eine ſolche nöthig haben ſollten, habe ich mit einer Dame von meiner Bekaüntſchaft geſprochen, welche verſprochen hat, Ihnen Beſchäftigung zu geben. bier iſt ihre Adreſſe;— ſagte Ernſt und ſtand guf, dem er Alva eine Karte überreichte. 15 Das Mädchen richtete ihre großen dunkeln, ſee⸗ lenvollen Augen auf ihn und äußerte: — Sie verlaſſen uus alſo, Herr Ernſt? Wie und traurig werden wird, wenn Sie fort ind! — Aber, Alva, Du haſt mich ja nur dreimal geſehen. — Oh, ich habe Sie alle Tage geſehen, denn ich habe immer an Sie gedacht; und bete jeden Tag zu t für Sie, welcher ſo gut gegen Mama ge⸗ weſen——— — Nun gut, thue daſſelbe, wenn ich fort bin,— fiel der Jüngling ein, und blickte mit Bewunderung in Alva's hübſche Augen. — Wir wiſſen nicht einmal Ihren Namen,— fiel die Mutter ein. — Was macht ein Name zur Sache; möge ich nur für Sie Ernſt bleiben, bis wir uns wieder ſehen. Leben Sie wohl, gnädige Frau! Lebe wohl, Alva! Wir ſehen einander nächſten Sommer wieder. Ver⸗ geſſen Sie nicht zu der Dame zu gehen, deren Adreſſe ich Ihnen hinterlaſſen. Ernſt ging, nachdem er die Hände der Mutter und der Tochter gedrückt; aber keines von beiden merkte, bevor er ſchon ein paar Stunden fort war, daß er einen Fünfzigthalerſchein unter die Kiſſen der Kranken hineingeſchmuggelt hatte. 1 — Mama, warum ſollte er abreiſen?— fragte Alva Thränen in den Augen. Das weiß ich nicht, mein Kipd; Sw Rächſten Sommer kommt er wi 16 verholte Alva in ihrem Herzen. Ach! wie der Menſch, ſchon von Kindheit an, von der Hoffnung getäuſcht wird. Viele Sommer ſollten vergehen, bevor Alva ihn wieder ſehen ſollte. Ein Brief. Helenefors, d. 10. April 18— Mein ehrenwerther Freund und Bruder! Unſerer Verabredung gemäß, als wir uns in Upſala trennten, erhältſt Du einen Bericht über meine Introduction in Baron Helgenſtjernas Haus. Noch mit dem Herz voll von dem fröhlichen und kameradſchaftlichen Leben, welches ich verlaſſen und den Kopf noch erhitzt von dem Abſchiedstrunk in der Nacht, ſetzte ich mich in das Fuhrwerk. Ein letztes ſchallendes Lebewohl war ver. klungen und die Pferde eilten im raſchen Trabe davon. Ich warf mich zurück in eine Ecke des Wagens, um über meine Stellung nachzudenken; ſie kam mir nichts weniger denn angenehm vor. Meine Mutter, welche eine Couſine von Baron Helgenſtjerna war, hatte durch ihre Heirath mit mei⸗ nem Vater, einem armen und bürgerlichen Militär, ſich mit dem ſtolzen Geſchlecht überworfen. Indeſſ wurde ich, als meine Eltern ſtarben, von der je verſtorbenen Frau des Barons ins Haus aufge erzogen. Meine Wohlthäterin ſtarb, 17 der Baron erfüllte das ihm aufgebürdete Barmher⸗ zigkeitswerk als eine Pflicht, deren Erfüllung er ſich des Scheines wegen unterziehen mußte. Er ſchickte mich in die Schule nach Upſala, mie⸗ thete mich bei Deinen Eltern ein und beſtritt ſpäter die Koſten meiner Univerſitätsſtudien. Seit meiner Ankunft in Upſala bis zum heutigen Tage ſind acht Jahre verfloſſen. Ich war damals vierzehn Jahre alt. Während dieſer acht Jahre habe ich den Baron oder Helenefors nie wieder ge⸗ ſehen. Er hat das Geld für meinen Unterhalt pünkt⸗ lich bezahlt; ſonſt aber nicht nach mir gefragt. Hätte nicht der Zufall mir bei Deinen Eltern eine ſo liebe Heimath gegeben, ſo weiß ich nicht, wie es mir gegangen wäre; mir, der ich ganz und gar mir überlaſſen war und gänzlich allein in der Welt tand. Jetzt, nach Verlauf von acht Jahren, hat es dem Baron gefallen, mich zu ſich zu berufen, um wäh⸗ 3 der nächſten zwei Jahre Lehrer ſeiner Tochter zu ſein. Meine abhängige Stellung war von einer ſolchen Beſchaffenheit, daß ich dem Rufe nachkommen mußte. Während ich an all das Unangenehme dachte, welches eine ſolche Stellung mit ſich bringt, trat die Erinne⸗ rung an den Baron vor meine Seele. Ich ſah ihn mit ſeinem kalten und hochmüthigen Weſen, mit ſei⸗ nem ſtrengen und finſteren Blick;— und empfand noch dieſelbe Furcht wie in meinen Knabenjahren. Ich, ein lebensfroher Jüngling, der noch dus muntere kameradſchaftliche Leben friſch im Gedächt⸗ Schwartz, Die Schutzloſen. 2 18 niß hat und die Freiheit und Unabhängigkeit liebt, ich ſoll jetzt in jene Heimath ariſtokratiſcher Vor⸗ urtheile verſetzt werden. Mit der Gewohnheit zu fluchen, zu rauchen und Studentenſtreiche zu machen, ſoll ich mich jetzt hin⸗ ſetzen und ein Mädchen unterrichten. Wahrlich, es kommt mir vor, als wenn das direct in die Hölle führte. Wäre es nur ein Junge geweſen, dem man hier und da einen Puff geben könnte; aber ein Ich werde bei dem Gedanken ganz übler aune. Um acht Uhr Abends fuhr der Wagen vor das Hauptgebäude auf Helenefors. Es ſchneite, regnete und ſtürmte ganz verd—. Ein Bedienter empfing mich auf der Treppe und ich wurde in zwei große elegante Zimmer hineinge⸗ führt, die für mich beſtimmt waren, und theilte mir mit, daß der Baron mich zu ſprechen wünſche, ſo bald ich in Ordnung ſei. Ich fluchte zwiſchen den Zähnen darüber, daß ich, nachdem ich einen ganzen Tag gereiſt, genöthigt ſei, mich umzukleiden; aber der Student mußte ſchweigen. Ich machte ſo raſch als möglich meine Toilette und faßte unterdeſſen den lobenswerthen Vorſatz, meine Schülerin abſcheulich zu finden. Als ich mich in präſentablem Zuſtande befand, ließ ich mich durch den Bedienten zum Baron führen. Ic trat in ein großes Zimmer, ein Vorgemach, Salon oder Geſellſchaftszimmer; der Anblic aber, der ſich mir darbot, war des Pinſels eines Molers würdig. Das Zimmer war glänzend erleu Kamin brannte ein Feuer. in Tie 19 bemſelben ausgebreitet und darauf lag ein Mäbchen von zwölf bis dreizehn Jahren, welches einen New⸗ fundländerhund von merkwürdiger Schönheit neben ſich hatte. Der Kopf des Kindes ruhte auf deſſen Hand; aber es zu beſchreiben, wäre unmöglich. Laß Dein gewöhnliches Phlegma bei Seite und verſuche ein Menſch zu werden, welcher das Schöne faßt und verſteht. Der ganze Kopf war mit leichten aber doch üppigen goldgelben Locken bedeckt. Das Geſicht hatte jene volle und blühende Run⸗ dung, welche man faſt nur bei der Kindheit findet. Die Augen waren hellblau, aber von einer feurigen Lebhaftigkeit. Der Mund war klein, aber von einem fortwährenden ſchelmiſchen Lächeln umgeben. Alle Geſichtszüge deuteten auf eine außerordent⸗ liche Lehendigkeit, und man meinte, die Pulſe des n unter dieſer durchſichtigen Haut ſchlagen zu ehei Die von dem ſtarken Lichtglanz beleuchtete Gruppe machte auf mich einen ſo blendenden Eindruck, daß ich einen Augenblick an der Thüre ſtehen blieb. Der Baron ſaß mit ſeinem düſtern und harten Geſicht in einen Lehnſeſſel zurückgeſunken. Es drang ſich mir unwillkürlich der Gedanke auf, daß es Denjenigen, welche nach Swedenborg anneh⸗ men, daß ein guter und ein böſer Geiſt immerwäh⸗ rend den Menſchen durchs Leben begleite, vorkom⸗ men müßte, als wenn der Baron nur von ſeinem böſen und das Kind von ſeinem guten Geiſte regiert werde. 20 Außer dem Baron und dem Kinde befanden ſich zwei andere Perſonen in dem Zimmer. Die eine war ein junger Mann von meinem Alter, mit edlen und regelmäßigen Zügen, dunkel⸗ lockigem Haar und dunkelblauen ſeelenvollen Augen. Der Andere war ein älterer Mann mit jenen mar⸗ kirten und ſcharfen Zügen, die man nur bei den Leuten des Südens antrifft. In ſeinem Geſichte ſtand deutlich zu leſen: kein Sohn des Nordens. Durch dieſe Auseinanderſetzung bin ich viel zu lange an der Thüre ſtehen geblieben; aber tröſte Dich, ich bin jetzt zu Ende. Der Baron grüßte mich mit einem: — Willkommen, Hermann. Nach dem Austauſch der gewöhnlichen Höflich⸗ keitsbezeugungen deutete er auf den jungen Mann und ſagte: — Ein Verwandter, Graf Ernſt Gratton; der andere Herr: Monſieur Soirs, Muſiklehrer, und das Kind dort meine Tochter Gerda, ein — kleiner Wildfang,— fügte er mit einem Verziehen des Mundes hinzu, das einem Lächeln ähnlich ſein ſollte. Gerda war weder aufgeſtanden, noch hatte ſie gegrüßt, ſondern betrachtete mich nur mit einem for⸗ ſchenden Blick. Endlich rief ſie: — H! Hermann ſieht gar nicht gefährlich aus, er ſpielt gewiß eben ſo gern wie er ſtudirt. 3 Wir Alle, ausgenommen der Baron, brachen bei dieſer Bemerkung, die wahrer war, als Jemand ahnte, in ein Gelächter aus; und als wir uns Abends trennten, dachte ich: jenes junge Mädchen und ihr Couſin, der junge Graf Gratton. Gerda . trägt ein grünes Reitkleid von Tüch 1 3 21„ iſt wenigſtens nicht anderen ſolchen ähnlich, und da⸗ mit ſchlummerte ich ein und ſchlief, bis die Sonne hoch am Himmel ſtand. korgen trete ich mein Amt als Mentor die⸗ ſes reizenden Kindes an. Es iſt indeſſen verd— langweilig, daß man auf unſerer ſchönen Erde nicht blos für das Vergnügen leben kann, ſondern ſich nothwendig mit einer ernſten und traurigen Seite des Lebens abquälen muß. Wären Eva und die Schlange nicht geweſen, ſo hätten die Söhne unſe⸗ res Vaters Adam noch heute in den Luſtgärten des Paradieſes wandeln dürfen und nicht nöthig gehabt zu ſtudiren, zu arbeiten und zu denken, um ihr Le⸗ ben zu verdienen. Und auch ich brauchte dann nicht dieſem wilden Kinde Kenntniſſe einzubläuen oder auslehrer zu ſein. Ich könnte, wenn ich an die alte Eva denke, faſt zu dem ganzen Geſchlecht einen Haß bekommen. Grüße vor Allem recht ſehr Deine Eltern ſowie alle Cameraden von Deinem aufrichtigen Freund Hermann Waldner. Nachdem wir dieſen Brief mitgetheilt, führen wir, am Tage nach der Abſendung deſſelben, den Leſer ohne weiteres auf Helenefors ein. In einem kleinen Salon im Parterre ſtanden die Tochter des Barons das Verſprechen geben, niemals befehlend aufzutre⸗ ten, ſondern höflich mit der Dienerſchaft zu ſprechen. — Ernſt, Du reiteſt ja mit?— fragte Gerda den Grafen. — Nein. — Aber ich will, daß Du es thuſt. — Ich dagegen will, daß ſowohl Du wie ich zu Hauſe bleiben,— antwortete Ernſt und warf ſich in einen Lehnſeſſel. — Und Du glaubſt auch, daß das geſchieht? Nein, dann reite ich allein; ich kümmere mich nicht um Dich; Du biſt immer ſo böſe.. — Thue wie Du willſt——— reite allein. — Aber jetzt will ich es nicht,— rief Gerda 1 und ſtampfte mit dem Fuße. — Nun, wie denkſt Du es dann anzufangen? — fragte Ernſt und that einige Züge aus ſeiner Cigarre. — Ich bleibe zu Hauſe.— Gerda ſprang jetzt hin zu Ernſt, ergriff ſeine Hand und fügte faſt demüthig hinzu: — Wenn Du mir nur nicht böſe biſt,— wenn Du mir nur verſprichſt fröhlich und freundlich ge⸗ gen mich zu ſein. — Das verſpreche ich; aber dann mußt Du mir — Aber Papa befiehlt ja.— er Dein Vater hat das Recht dazu; aber Du, ein Kind, und dazu ein Mädchen, mußt freundlich und mild gegen Alle ſein. — Warum ſagſt Du jetzt alles Dieſes? — Weil ich Dir wegen Deines Befehlens und igen Benehmens gegen den alten Erik böſe war. 23 — Und darum warſt Du häßlich und wollteſt nicht mit mir ausreiten? — Ja, denn Deine Geſellſchaft war mir unan⸗ genehm. — Und das, obgleich Du weißt, wie vergnügt ich wenn Du mich begleiteſt. — Ja. — Dann magſt Du mich nicht leiden! — Doch, Gerda, und gerade deßhalb thut Dein Benehmen mir leid. — Nein, nein, das magſt Du nicht,— rief Gerda heftig und fing an zu weinen. — Gerda, Gerda! jetzt gefällſt Du mir gar nicht, wenn Du ſo heftig biſt. — Sei mir nicht böſe, ich werde gut werden und den alten Erik um Verzeihung bitten; ich werde höflich gegen Alle ſein, wenn Du nur nicht Gerda böſe biſt! Und jetzt lag ſie auf den Knieen, führte die Hände des Grafen an ihre Lippen und weinte und 66 Ernſt lachte auch und küßte das hübſche ind. — Jetzt gehe ich zu Erik,— und Gerda flog hinaus.. Sie eilte hinunter nach einem Gebäude, welches von der Dienerſchaft bewohnt wurde, und ging hin⸗ ein in ein Zimmer, in welchem ein alter Mann ſaß und an einem Netze ſtrickte. — Lieber, guter Erik, verzeihe mir, wenn ich uunhöflich gegen Dich war, ich werde Dir meinen kleinen Alin geben, wenn Du mir gut wirſt,— äußerte Gerda und reichte dem Alten Hand. — Gott ſegne Sie, kleines Fräulein; was für ein gutes Herz Sie haben!— antwortete der Alte⸗ — Nein, ich nicht, ſondern Graf Ernſt iſt es, der geſagt hat, daß ich böſe geweſen ſei. — Was thuſt Du hier?— klang die Stimme des Barons von der Thüre aus. — Ich bitte Erik um Verzeihung, weil ich un⸗ artig gegen ihn geweſen,— antwortete Gerda. — Was ſprichſt Du da für tolles Zeug,— fiel der Baron mit Strenge ein. — Die Wahrheit, Papa, iſt, daß ich gegen Erik böſe geweſen wär. — Und dann!——— hat Erik Recht von meiner Tochter Rechenſchaft zu fordern?——— Komm, Gerda!— und der Baron faßte die Hand des Mädchens. — Thue das nicht noch einmal, Gerda, das ſchickt ſich nicht für ein Fräulein Helgen⸗ Gewiß thue ich das, denn ich wurde ſo ver⸗ gnügt dabei, und ich will es wieder thun, und ich werde es wieder thun. Ernſt hat mich gelehrt gut zu ſein, und ich gehorche keinem Anderen, als ihm,— antwortete Gerda trotzig. — Kind, Du mußt Deinem Vater gehorchen. — RNein, ich ſoll nur meinem eigenen Willen folgen, hat Papa geſagt. i Der Baron blickte die Tochter mit einem gewiſſen Anſtrich von Zärtlichkeit an und fügte dann hinzu — Aber wenn Du mir damit Verdruß mach — Dann laſſe ich es bleiben,— antwor Gerda und küßte die Hand des Vaters. 5 25 werde freundlich ſein; dann brauche ich niemals Dich oder Ernſt zu betrüben. Jetzt ſprang ſie vom Vater fort; denn dort kam Ernſt mit ihrem Hut und Reitpeitſche. — Willſt Du jetzt reiten?— fragte Ernſt vergnügt. i rief Gerda in die Hände klat⸗ ſchend und Ernſt hob ſie in den Sattel; worauf beide fortgaloppirten. Abends an demſelben Tage ſaß Gerda oben in einem ihrer eigenen Zimmer auf einem Schemel und ſtützte den Kopf auf die Hände. In einiger Entfernung von ihr ſaß eine ältere Frau, die Amme Gerdas, Mutter Sigrid, wie man ſie nannte. Sie war das einzige weibliche eſen, welches Gerda ſeit dem Tode ihrer Mutter zur Seite gehabt; und die letztere war geſtorben, als ſie nur vier Jahre alt war. — Warum ſitzt Fräulein Gerda ſo ſtill da?— fragte Sigrid und blickte ſie an. — Warum ſagſt Du Fräulein? — Der Baron hat es ſo befohlen. — Aber ich will nicht, daß Du mich anders nennſt als Gerda. — Dann wird der Baron böſe. — Darum kümmere ich mich nicht. — So darf Fräulein nicht ſprechen. — Ich darf ſprechen wie ich will! — Rein, jetzt iſt das Fräuleinchen böſe und denkt nicht daran, daß Gott im Himmel Alles ſieht und hört und daß er Ungehorſam und Unehrerbie⸗ tigkeit gegen die Eltern verbietet. 26 — Nun, ſo nenne mich Gerda, wenigſtens wenn wir allein ſind; das wird den guten Gott gewiß nicht beleidigen, mich aber glücklich machen. Ich bin ja auch Dein eigenes Schooßkind,— fügte ſie hinzu, rückte den Schemel hin neben Sigrid und legte ihren Kopf auf deren Kniee. — Sage mir jetzt, kleine Gerda, woran Sie denkt?— fragte Sigrid und ſtreichelte die goldgel⸗ ben Locken. — Ja, ſiehſt Du, ich dachte daran, daß Ernſt mir immer böſe wird, weil das, was ich thue, Papa gefällt. Welcher von ihnen hat nun Recht? — Derjenige, welcher Gerda befiehlt, überein⸗ ſtimmend mit dem Worte Gottes zu handeln. — Aber wenn Papa Unrecht hat und ich un⸗ gehorſam gegen ihn werde, dann verſündige ich mich ja gegen Gottes Gebot? — Gedenke nur dieſer Worte Gottes:„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der iſt nicht meiner werth,“— dann wird Gerda auch das Rechte finden. Man ſoll in Allem, was nicht dem Ge⸗ bote Gottes zuwider iſt, ſeinen Eltern gehorchen. Ein friedlicher Ausdruck ruhte auf Sigrids Zü⸗ gen, als ſie dieſe Worte ausſprach⸗ Gerda ſchwieg. Und damit verlaſſen wir ſie. 3 So war das Kind; wie wird wohl das Weib werden? 27 Aus dem Auge— aus dem Sinn. F Anfangs Mai erhielt Graf Ernſt, welcher in der bköniglichen Kanzlei für die auswärtigen Angelegen⸗ heiten angeſtellt war, eine vacant gewordene Stelle als Attachs bei der Geſandtſchaft in London und mußte gleich darauf abreiſen. Er nahm den Weg über Gothenburg nach Hull, und paſſirte alſo nicht Stockholm. Gerda weinte und war untröſtlich über die Ab⸗ reiſe des Vetters; aber mit der bei ſolchem Tempe⸗ ramente gewöhnlichen Leichtigkeit vergaß ſie bald den Gegenſtand ihres Sehnens,— und wandte jetzt ihre ganze Aufmerkſamkeit und Neigung dem jun⸗ gen und munteren Lehrer zu. ir können ruhig verſichern, daß der Studi⸗ rende Hermann Waldner ſein Amt als Infor⸗ mator bei der hübſchen Gerda lange nicht ſo pein⸗ lich fand, wie man nach ſeinem Briefe hätte glauben ſollen; im Gegentheil kam er immer ſeinem Beruf mit Vergnügen und auf eine ſehr verdienſtvolle Weiſe nach. Er lehrte ſie nicht allein ihre Stu⸗ dien, ſondern auch ihren Lehrer lieben. Binnen kur⸗ zer Zeit hatte Gerda auch den beſten Freund ihrer Kindheit, Graf Ernſt, faſt ganz vergeſſen. So verfloſſen zwei Jahre, während welcher Graf Ernſt fortwährend in England verweilte. Gerda's Zuneigung zu ihrem Lehrer, aber auch die ſeinige zu ihr, nahm immer mehr und mehr zu, ſo daß Hermann, als der Baron ihm den Vorſchlag machte, ſeinen Aufenthalt in ſeinem Hauſe noch um 28 ein Jahr zu verlängern, um Gerda's Erziehung zu vollenden, mit Freuden darauf einging. Ohne ſich ſelbſt darüber Rechenſchaft abzulegen, hatte Hermann ſich an die junge Schülerin mit einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit angeſchloſſen, und was er für brüderliche Zuneigung hielt, war eigentlich weiter nichts, als das erſte Aufdämmern eines wär⸗ meren Gefühles. An einem Sonntage, zwei Jahre nach Hermanns Ankunft auf Helenefors, ſaß der Baron in dem klei⸗ nen Salon, in ein ernſtes Geſpräch mit dem Seel⸗ ſorger der Gemeinde, Paſtor Hedberg, vertieft. — Der Herr Paſtor würde mir einen Dienſt er⸗ weiſen, wenn Sie mir irgend ein Frauenzimmer an⸗ weiſen könnten, welches als Geſellſchafterin für meine Tochter paſſend wäre. — Ich glaube nicht die rechte Perſon zu ſein, um in dieſem Falle den Wünſchen des Herrn Ba⸗ rons entgegenkommen zu können. — Aber da ich doch glaube, daß der Paſtor es iſt, ſo hoffe ich, daß Riemand das Gegentheil be⸗ haupten wird. — um Vergebung; aber ich ſelbſt wage es doch zu befürchten; denn wegen der Anſchaffung einer Gouvernante wäre es wohl am beſten, daß der Herr Baron ſich an ſeine Verwandten oder Freunde da oben in Stockholm wendete. 5 — Purchaus nicht;——— daß der Herr ſi ſpricht, kommt daher, daß der Herr ſich nicht Ze genommen hat, mich zu verſtehen. Ich will kei wegs eine Gouvernante, ſondern nur eine Geſe ſchafterin vom gleichen Alter, welche durch tägli 29 Zuſammenſein mit Gerda ſie mit dem bekannt machen kann, was die Welt in ihrem äußeren Be⸗ nehmen von ihr verlangt. Ich bin ein Feind vyn allem Unterricht durch Frauenzimmer, uud darum iſt meine Tochter ohne alle dieſe beſchränkten Begriffe von Sittlichkeit und eine Menge dummer Vorurtheile aufgewachſen, welche man gewöhnlich den Mädchen von Kindheit an einprägt. Ihre Kenntniſſe gehen über das hinaus, was man von einem Weibe erwartet, und es fehlt nur noch, daß ſie durch Umgang mit einem Mädchen vom gleichen Alter, und ohne Prätenſionen, einigermaßen ihre Rolle auf dem Welttheater ſpielen lernt. Ich will alſo eine Perſon aus den beſſeren Stän⸗ en, mit gutem Verſtand und guten, einfachen Sitten haben; ſie muß aber unbemittelt ſein und darum nie ſelbſt eine ausgezeichnete Rolle geſpielt haben, ob⸗ gleich ſie weiß, was einem Weibe anſteht. Eine ſolche würde ich ſchwerlich durch meine Be⸗ kannte in der Hauptſtadt erhalten können. Man würde mir eine Gouvernante auf den Hals ſchicken, die affektirt und mit allen möglichen Dummheiten behaftet wäre. 8 — Ich glaube jetzt die Meinung des Herrn Barons vollkommen begriffen zu haben, und werde, ob⸗ gleich ich mich augenblicklich Niemandes erinnern kann, doch Alles aufbieten, um dem Wunſche des Herrn Barons zu entſprechen,— bemerkte der Paſtor und ſtand auf, um ſich nach Hauſe zu begeben. — 1 17 ür ein unglückliches Weib hat das Leben doch keinen anderen Eroſt— als den Tod. Von der Unterredung zwiſchen dem Baron und dem Paſtor verſetzen wir jetzt den Leſer nach der Hauptſtadt und zwar in ein großes, hübſches Zim⸗ mer, welches ganz in dem ſüdlichen Theile der Stadt lag. Es iſt an einem Abend Ende März. Das Meublement in dieſem Zimmer iſt einfach, aber zierlich und es fehlen alle Zeichen der Armuth, obgleich es von einer weniger glänzenden ökonomi⸗ ſchen Lage zeugt. In dem Sopha ſitzen zwei Frauenzimmer, von welchen das eine einige und dreißig Jahre alt zu ſein ſcheint und ein bleiches, leidendes Ausſehen hat. Ihr noch ſeelenvolles Geſicht iſt ſehr abgezehrt. Die großen Augen leuchten von einem fieber⸗ hoaften Glanze. Das andere iſt ein Mädchen von nur ſechzehn Jahren, mit einem Aeußeren, das unwillkürlich frappirt. Daſſelbe hat ein goldgelbes, lockiges Haar, wel⸗ ches auf eine merkwürdige Weiſe an Gerda's ein nert; aber das iſt auch die einzige Aehnlichk welche die Mädchen mit einander haben. Seine Haut iſt fein und blendend weiß, aber es fehlt derſeiben jenes blühende und friſche Ausſehen, welches ge wöhnlich bei der Jugend zu finden iſt. Wenn ſie den Blick von der Arbeit erhebt u aufſchaut, dann gleichen dieſe großen, ſchwarzen 31 gen einem Paar Sterne; drücken aber einen hohen Grad von Schwärmerei und Wehmuth aus. Sie ſind von langen, dunkeln Augenwimpern be⸗ ſchattet und werden von Augenbrauen, die wie ge⸗ zeichnet ausſehen, geziert. Das goldgelbe Haar und die ſchwarzen Augen ſind eine ſeltene Zuſammen⸗ ſtellung, und müßten nicht gut zu einander paſſen; aber trotzdem iſt Alles in dieſem Geſicht ſo harmo⸗ niſch und feſſelnd, daß man faſt geneigt wäre, ſie, wie ſie jetzt da ſitzt, für die Schöpfung der Phan⸗ taſie irgend eines Künſtlers zu halten, die plötzlich ins Leben gerufen worden ſei. Ihr Wuchs iſt lang und ſchlank, faſt mager. Die Hände ſind fein ge⸗ bildet und durchſichtig. Sie arbeitet fleißig an einem Stickrahmen. Das ältere Frauenzimmer ſtützt gedankenvoll den Kopf auf die Hand und den Ellenbogen auf den Tiſch, während ſie mit Schmerz das junge Mäd⸗ chen betrachtet. — Weißt Du, Alva, was mich unaufhörlich plagt? — Nein, Mamachen. 5 — Daß ich Dich unfehlbar bald allein laſſen muß, ohne Freunde, ohne Stütze, gänzlich allein in der ganzen Welt. Es iſt auch entſetzlich, daß Du von Kindheit an zur Sklaverei der Armuth verur⸗ theilt und den Verſuchungen derſelben ausgeſetzt ge⸗ weſen biſt. O dieſe Gedanken ſind bitter, bitterer, als Du ahnſt, mein geliebtes Kind. — Aber, gute Mama, warum beſchäftigſt Du Dich damit; Du weißt ja, daß alle Unruhe Deinen Zuſtand ſchlimmer macht. Du willſt ja für Deine 32 Alva leben,— antwortete das Mädchen und küßte zärtlich die Hand der Mutter. — Alva, hier iſt nicht mehr die Rede davon, ein Leben verlängern zu können, deſſen Stunden ge⸗ zählt ſind, ſondern davon, ſolche Anordnungen für Dich zu treffen, daß ich nicht zu den Qualen, welche vorher ſchon meine Seele peinigen, auch noch den ſchrecklichen Gedanken mit ins Grab nehmen muß, daß Du ſchutzlos in der Welt ſtehſt. — O, Mama, Mama! ſprich nicht von dieſem traurigen Thema, komm nicht auf einen Schmerz zu⸗ rück, von dem Gott allein weiß, ob Deine arme Alva ihn überleben wird,— äußerte ſie, während häufige Thränen ihre bleichen Wangen benetzten. — Alva, in deinem Alter ſtirbt man ſelten an Trauer,— ich würde ſonſt jetzt nicht leben,— ant⸗ wortete die Mutter im düſteren Tone, indem ſie mit der Hand über die Stirne ſtrich.— Aber höre mich an: Verhältniſſe, von welchen ich wünſche, daß ſie Dir immer fremd bleiben mögen, haben mich ge⸗ zwungen, meinen Namen zu ändern. Mein rechter Name iſt Anna Hedberg. Ich bin im nördlichen Theile von“* auf Lunda Pfarrhof geboren wo mein Vater Pfarrer war. Wir waren zwei Geſchwiſter, ein Knabe und ein Mädchen. Mein Bruder reiste nach Amerika, u ich bin noch vollſtändig darüber in Unkenntniß, ob er lebt oder wo er ſich dort aufhält. Aber ich habe einen Couſin, Erik Hedberg welcher von meinem Vater erzogen, Pfarrer wurde und jetzt Paſtor der Lunda Gemeinde iſt. Er ha immer ein gutes, redliches und warmes Herz gehabt⸗ 33 und ich will, daß Du nach meinem Tode dort⸗ hin reiſeſt und einen Brief, der in meinem Schreib⸗ tiſch liegt, ſowie ein Packet für ihn mitnimmſt, wel⸗ ches Du ebenfalls in demſelben findeſt. Verſprich jetzt Deiner faſt ſterbenden Mutter, daß Du, ſowie mein Staub beerdigt iſt, ſofort das We⸗ nige, was wir beſitzen, verkaufen und zu Erik rei⸗ ſen wirſt. — Das verfpreche ich Dir heilig, Mama,— antwortete Alva weinend. — Ich bin dann etwas ruhiger. Gott möge über Dich wachen und Dich ſo glücklich machen, wie Deine Liebe und Zärtlichkeit gegen mich es ver⸗ ienen. Die Mutter lehnte ſich zurück gegen die Sopha⸗ ecke und beide ſchwiegen. Nur das unterdrückte Schluchzen Alvas ſtörte die Stille. — Weine nicht, Kind,— ſprach die Mutter mit einer vor Fieber keuchenden Stimme;— erinnere Dich der Verſe, die ich auf meinen Sarg geſetzt ha⸗ ben will. Flüſternd ſtammelte ſie folgende Worte: „Ich geh' vergnügt den letzten Gang, Bin müde, hab' die Welt ſo ſatt.⸗ Ein heftiger und gewaltſamer Huſten überfiel ſie bei dieſen letzten Worten und endete mit einem ſtarken Blutſturz. Alva eilte erſchrocken nach Salz und Waſſer, um das Blut zu ſtillen; aber bevor ſie damit fertig war, lag die Mutter ohnmächtig auf dem Sopha. — Mama, Mama!— Schwartz, Die Schutzloſen. rief Avn n venne 34 lung und kniete vor dem Sopha,— Du gehſt jetzt nicht von mir fort. Wache auf, geliebte Mama, gebe mir ein einziges Zeichen, daß Du lebſt! O, mein Gbtt, mein Gott! ſtehe mir bei. Als wenn der gute Vater da oben Alva gehört und allzu hart gefunden hätte, die Mutter ſo raſch wegzurufen, kehrte das Leben noch einmal zurück und die Ohnmächtige machte eine Anſtrengung aufzu⸗ ſtehen. Wie ſteht es, Mama, ſprich, ſage, wie Du Dich befindeſt. — Ich bedarf Ruhe,— war Alles, was die Kranke zu antworten vermochte. Alva beeilte ſich ihren Wunſch zu erfüllen, und nachdem es ihr gelungen war, die Mutter ins Bett zu bringen, erſuchte ſie einen der Nachbarn, einen Arzt herbeizuſchaffen. Aber ach! welchen Troſt kann wohl ein ſolcher geben, wenn die Kranke ſich im letzten Stadium der— Schwindſucht befindet. So auch hier; obgleich der herbeigeholte Doctor ſowohl der Patientin als Alva mit aller Humanität und allem Wohlwollen entgegenkam, wie es unſeren ſchwediſchen Aerzten eigen iſt, ſo konnte er doch keine Hoffnung geben; denn der Tod hatte ſchon vor lan⸗ ger Zeit ſeine Hand auf dieſes Herz gelegt, deſſen Schläge jetzt gezählt waren. Als Alva den Doctor hinausbegleitete, fragte ſie weinend: Wie lange kann meine arme Mutter BGewiß müßie die Beantwortung einer ſolchen 35 3 Frage bei einer ſolchen Gelegenheit gar zu ſchmerz⸗ lich ſein, denn der Doctor ergriff freundlich und theilnehmend Alvas Hand und antwortete: — Es iſt unmöglich, das mit Beſtimmtheit zu ſagen; ſie lebt vielleicht noch einige Tage, aber ſie kann auch ebenſo gut noch dieſe Nacht ſterben; ſeien Sie darauf bereit ſie zu verlieren, ſeien Sie aber auch verſichert, daß Nichts, was gethan werden kann, um ihren Zuſtand zu lindern, von mir unterlaſſen werden wird. Ich komme morgen früh bei Zeiten wieder. Und damit verließ er die troſtloſe Alva, welche zum Lager ihrer Mutter zurückkehrte. Sie war ein⸗ geſchlummert. Alva kniete in ſtummem nnd bitterem Schmerz am Bett, ohne daß ſie im Stande war weder zu beten noch zu denken; und ſich nur bewußt, daß ſie Alles, was ihr auf der Erde lieb war, verlieren würde. Alva, welche nie ein anderes Ziel ihrer Anhänglichkeit gehabt, hatte von der zarten Kind⸗ heit an dieſelbe der Mutter gewidmet. Mutter und Tochter maren Alles für einander, und jetzt kommt der Tod, jener widerliche und unbewegliche Tyrann, um dieſes Band zu zerreißen, und das arme Kind in die Welt unter fremde Menſchen hinauszuwerfen, welche ſie nicht kannte, noch weniger liebte, und unter welchen ſie ſich immer allein fühlen würde. Dieſe Gedanken traten freilich nicht klar vor Alvas Seele; aber ihr Herz wurde von ſo vielen und bitteren Leiden beſtürmt, daß ſie ein ganzes Chaos von Qualen bildeten. Endlich der 36 Sun Schluchzen aus, welches ſie nicht zu⸗ rückhalten konnte. — Alva, Alva!— äußerte die Mutter mit veränderter Stimme, die heftig war, und an deren Ton man hörte, daß die Kranke phantaſirte.— Alva! weine nicht; Deine Thränen brennen auf meinem Herzen!——— Du biſt rein,——— rein wie der Tag Gottes; aber ich——— ich ſollte weinen——— Siehſt Du nicht meinen Vater?——— ſiehſt Du, wie er ſeine Hand gegen mich ausſtreckt——— O! hörſt Du—— hörſt Du ſeinen Fluch——— Die Kranke ſtieß einen Angſtruf aus. Alva ſchauderte es und ſie drückte ihre Lippen gegen die Hand der Mutter. Nach einer Weile hob dieſer wieder an: — Wenn man Dir ſagen ſollte,——— daß Dein Leben meine Schande ſei——— ſo glaube ihnen nicht!——— Niemand weiß es beſſer, als der Pfarrer——— Alva fuhr bei dieſen Worten zuſammen, als wäre ſie von einer Schlange gebiſſen worden. Sie verbarg ihren Kopf in den Kiſſen der Mutter; ſie wollte nicht mehr 6 hören; aber dieſe Nacht war dazu beſtimmt, ihr fürchtetliche Dinge zu enthüllen. Die Mutter erhob ſich mit Heftigkeit und rief — Alva! wer iſt da?——— Kommen ſie, um mich zu holen——— ſoll ich gegen ihn zer gen——— Iſt es der Graf, der mich angegeben hat?——— Hülfe——— ich will nicht— — Mama, geliebte Mama! hier iſt Nieman als Deine Alva. 37 — Ja ſo——— ich meinte doch antwortete die Kranke, und fiel auf die Kiſſen zurück. Nach einigen Augenblicken Stille erhob ſie ſich wieder, die Verzweiflung auf dem Geſichte gemalt: — O Gott! jetzt ging der Schuß los——— Siehe die Leiche da unten im Waſſerfall— Erbarmender Jeſus——— der Vater meines Kindes——— ein Mörder——— und die Mutter eine entehrte und verfluchte Tochter! Gnade, Gnade, Du milder Gott!——— ich konnte ja den Vater meiner Tochter nicht auf—— Schaffot bingen Ein durchdringender und ſchmerzlicher Ruf ent⸗ ſchlüpfte Alva. Ihre geliebte, angebetete Mutter ——— entehrt, gefallen; ihr duer ein Mörder!* Dieſe entſetzlichen Dinge, von welchen Alva nie⸗ mals eine Ahnung gehabt, warf jetzt die Mutter in ihren Fieberphantaſien in ihre Seele, um dem jun⸗ gen Herzen eine unheilbare Wunde zu verſetzen,— welche nie zu bluten aufhören ſollte. Von den ſchrecklichen Bildern, welche ſie quälten, ermattet, ſank die Mutter ſtill auf das Kiſſen zurück und ſo verſtrich eine Stunde. Alva, welche ihrerſeits erſchüttert und zermalmt war, lag neben dem Bett ſo unbeweglich wie eine Bildſäuke. Der Ton der Stimme der phantaſirenden Mutter machte ſie vor Angſt zittern. — Alva,— flüſterte die Mutter mit matter Stimme,— ich will einen Pfarrer haben—— Ich muß vor einem anderen Manne mein b ladenes Herz erleichtern.——— Dieſer Moid, 38 an welchem ich unſchuldig bin, darf nicht mit mir begraben werden——— Rein, ich will wenigſtens wiſſen, ob ich Vergebung erwarten kann——— ob Gott mir mein Schweigen verzeihen wird—— Das Geſetz——— Alva fuhr ſchaudernd zuſammen, daß ihre ſter⸗ bende Mutter den Vater den Geſetzen übergeben würde. 3 — Nein, das⸗darf nicht geſchehen; mag es ſein, wie es will,— dachte ſie in ihrer Verzweiflung. Sie ergriff die Hände der Mutter und ſagte in herzzerreißendem Schmerz: — Mama, es iſt Alvas Vater, den Du verra⸗ th illſt, es iſt das ganze Leben Alvas, das Du aen Blute beſprengen willſt. Mama, denke an Deine Tochter. Bei dieſen Worten wurde das Ausſehen der Mut⸗ ter etwas klarer; ſie ſchwieg lange und ſagte dann: — Ich werde ſchweigen——— Alva ſtand auf und ging hinaus; es gelang ihr, ein armes Weib, das im Hauſe wohnte, zu bewegen, nach einem Pfarrer zu gehen. Als Alva wieder eintrat lag die Mutter ſtille da. Sie beugte ſich übers Bett; die Kranke ergriff ihre Hand und ſagte: Wenn Du zu Erik reiſeſt, dann vergeſſe nicht das Packet——— bitte ihn, daß er, wenn er es geleſen hat, wie ein chriſtlicher Pfarrer handeln möge; nur mit der Ueberzeugung kann ich ſ Es folgte eine Pauſe; dann fügte ſie aber mi heftiger und unklarer Stimme hinzu: S 39 — Das Verbrechen darf nicht mit mir ſterben. ——— Hörſt Du, wie das Waſſer braust und um Rache ruft——— Gehe nicht dorthin, Alva ehe icht dorthin Mit verwirrten Sinnen fuhr ſie eine Zeit lang zu ſprechen fort. Von Entſetzen vernichtet und mit bebendem Her⸗ zen hörte Alva der unheimlichen Rede der Mutter zu und fürchtete außerdem, daß der Pfarrer, nach dem ſie geſchickt, erſcheinen würde; aber die aufgeregte Phantaſie der Kranken beruhigte ſich vorher und ſie fiel in einen unruhigen Schlummer. Als der Geiſtliche eintrat, erwachte ſie und war vollkommen bei Sinnen. Sie empfing das Abend⸗ mahl, ruhte dann ſtill bis gegen Morgen, wo ein neuer Blutſturz ihrem Leben ein Ende machte. Bei der Ankunft des Doctors bot ſich ihm der Anblick einer Leiche im Bette dar, und daneben ſaß die unglückliche Alva mit einem faſt irrſinnigen Aus⸗ ſehen. Der Doctor ſah ſofort ein, daß raſche Hülfe vonnöthen ſei; denn die Gemüthserſchütterungen und die Sorgen hatten eine Blutſtockung im Ge⸗ hirne bewirkt.. Sie hatte nie einen vater gehabt und jetzt auch ihre Mutter verloren, aber Gott nahm ſich ihrer an. Im großen Saale des Pfarrhofes zu Lunda ſaß Paſtor Hedberg am Kaminfeuer und rauchte aus einer großen Meerſchaumpfeife. In einiger „. 1 40 Entfernung von ihm ſaßen ein älteres Frauenzim⸗ mer und ein ſehr junges Mädchen mit milden, und freundlichen Zügen und arbeiteten. Einige geſunde und kräftige Jungen tummelten ſich auf dem Fuß⸗ boden. Alles im Zimmer athmete Gemüthlichkeit, Friede und Segen. Man fühlte ſich wohl zu Muthe, wenn man unter dieſes Dach trat. Aber draußen ſchneite und regnete es; der Wind pfiff um die Ecken des Hauſes; es war ein ſchreckliches Unwetter. — Ein furchtbares Wetter heute,— ſagte der Paſtor. — Das weiß Gott; und die ſind zu beklagen, die gezwungen ſind, jetzt da draußen zu ſein,— antwortete die Gattin.. — Aber ſage mir Maria, wie ſoll ich eine Ge⸗ ſellſchafterin für des Barons Gerda finden? — Ich meine, daß Lotta Norblom paſſend ſein würde. — Nein, meine Liebe, das iſt ſie nicht. — Warum? — Erſtens iſt ſie zu alt, und der Baron will ein Mädchen haben, das ſo ziemlich mit dem Fräu⸗ lein im gleichen Alter iſt; zweitens iſt ſie Gouver⸗ nante geweſen — Das ſcheint mir——— aber ſtill, Ihr Jungen, man hört ja ſeine eigene Stimme nicht, wenn Ihr Lärm macht,— ein——— Siehe, da kommt ein Fuhrwerk,— unterbrach ſich unſer Paſtorin; ſie ſtand auf und ging hin zum Fenſter welches nach der Landſtraße hinauskehrte. — Ein Frauenzimmer, das auf einem offene 41 Poſtwagen fährt. Wer in Gottes Namen kann das ſein? — Möge es ſein, wer es wolle, Mutter, ſo ſteht unſer Haus und unſere Gaſtfreundſchaft ihr immer zu Gebote,— antwortete der Paſtor und ſtand ebenfalls auf. — Das verſteht ſich, mein Alter. Gehe Du hinaus und empfange ſie. So, auf vom Boden, Kinder,— befahl die Paſtorin, und putzte dem jüngſten von den Knaben die Naſe. Der Paſtor kam kurz darauf herein mit einem jungen Weibe, welches mit Mantel und wattirter Kopfbedeckung angethan war. Seien Sie ſo gut und laſſen Sie mich Ihnen helfen, die Reiſekleider auszuziehen,— bat die Pa⸗ ſtorin. Die Fremde machte eine ſtumme Verneigung und nahm das Anerbieten freundlich an. Bald ſtand unſere Alva da in tiefer Trauertracht. Nachdem ſie den Paſtor und ſeine Frau begrüßt, überreichte ſie dem Erſteren den Brief ihrer Mutter. Nachdem er den Brief durchgeleſen, ſchien er ſehr aufgeregt und ging hin zu dem jungen Mädchen, welches er herzlich umarmte. Dann ſagte er: — Willkommen unter meinem Dach, Du Kind Annas, und ſei überzeugt, daß Du hier immer eine Heimath und auch ein Vater⸗ und Mutterherz finden wirſt. Meine Alte, leſe ſelbſt, damit Du auch un⸗ ſere junge Verwandte willkommen heißen kannſt. Wir übergehen alle die Umarmungen und herz⸗ lichen Verſicherungen, mit welchen Alva empfangen 42 wurde, und verſetzen uns einige Tage weiter in der Zeit. Alva und der Paſtor ſaßen allein in dem oben⸗ genannten Saale; die Sonne ſchien heiter durch das Fenſter. — Mein Kind, Deine ſelige Mutter ſpricht in ihrem Brief von einem Packet, das Du mir über⸗ geben ſollteſt,— ſagte der Paſtor. — Guter Onkel! verzeihen Sie mir,— antwor⸗ tete Alva, deren Wangen noch bleicher wurden.— Die letzte Nacht, wo meine Mutter lebte, verrieth ſie in ihren Fieberphantaſieen den Inhalt dieſes Pa⸗ ckets, und Sie, welcher das Dunkel kennen, das über meiner Geburt ruht, verzeihen mir gewiß, daß ich dieſe Papiere zerſtört habe, welche mir die Ver⸗ irrungen meiner Mutter und die Strenge ihres Va⸗ ters in Worte kleideten; Sie laſſen mich allein die Mitwiſſerin des Inhaltes derſelben ſein? — Gut, mein Mädchen, ich begreife vollkommen Deine Motive und achte ſie hoch. Laßt uns deßhalb von etwas Anderem ſprechen. — O, Dank! Alva ergriff die Hand des Paſtors und einige heiße Thränen fielen auf dieſelbe herab. — Ich habe eine Bitte, oder richtiger zwei; ich wünſchte, daß Niemand hier im Orte erführe, daß ich die Tochter der verſchwundenen Anna Hedberg bin. Genöthigt zu ſein, im Entfernteſten den Staub meiner verſtorbenen Mutter beſchimpft oder auch nur . zweideutige Aeußerungen über ſie zu hören, würde mich bitterer und ſchmerzlicher ſein, als der 43 — Ich begreife vollkommen Dein Zartgefühl in dieſer Beziehung, ſo vollkommen, daß Du durch Dei⸗ nen Wunſch dem meinigen entgegenkommſt. Meine Frau und ich wollten Dir gerade daſſelbe vorſchlagen. Die ganze myſtiſche Geſchichte, welche Anna umgab, iſt jetzt vergeſſen, ſie würde aber durch Dein Auf⸗ treten als ihre Tochter wieder aus der Vergeſſenheit hervorgezogen und weiter verbreitet werden. Wir ſind in dem Puncte vollkommen einig; aber jetzt zu dem andern! — Daß ich in meinem Alter Onkel und Tante zur Laſt liegen ſollte, die ſelbſt ſo viele unverſorgte Kinder haben, das weder darf noch kann ich; mein Wunſch wäre deshalb, irgend eine Stelle als Leh⸗ rerin bei kleineren Kindern zu erhalten, und daß On⸗ kel ſo gut ſein wollte, mir zu einer ſolchen zu ver⸗ helfen. — Glaubſt Du denn nicht, daß wenn Gott uns Brod für Fünfzehn gegeben, wir es auch mit der Sechzehnten theilen würden? Nein, mein Mädchen, Du ſollſt bei uns bleiben. — Wie tief erkenne ich nicht die Güte Onkels an! aber, glauben Sie mir, ich kann und werde ſie nicht auf eine ſolche Weiſe mißbrauchen. Vermehren Sie die Schuld, in welcher ich zu Onkel ſtehe, da⸗ durch, daß Sie mir eine Stelle verſchaffen, und Lunda Pfarrhof wird immer meine rechte Heimath bleiben; aber ich muß hinaus und ſelbſt mein Brod verdienen. Noch eine Weile ſtritten ſich der Paſtor und Alva mit einander; aber ſie war ſo beſtimmt und bat ſo innig, daß der Paſtor deutlich einſah, es ſei 44 ihr feſter Entſchluß. Er ſah ein, wie peinlich es für Alva, als einer ihren Verwandten ganz fremden Perſon ſei, von ihrer Barmherzigkeit leben zu müſ⸗ ſen, und zollte ihrer guten Lebensart alle Achtung. Als er dies Alles überlegt hatte, beſann er ſich eine Weile, und jetzt trat ihm der Auftrag des Ba⸗ ron Helgenſtjerna vor ſein Gedächtniß. Er äußerte indeſſen noch nichts gegen Anna darüber, ſondern⸗ ſagte nur: — Ich werde än die Sache denken und meine Frau zu Rathe ziehen; wir werden ſchon eine gute Stelle für Dich finden. Jetzt muß ich mich nach begeben, um Baron Helgenſtjerna zu ehen. Ein leichtes Zittern durchbebte Alvas Glieder, als er das Wort: Helenefors ausſprach. Der Pfarrer ſtand auf, um hinauszugehen, kehrte aber um, als er die Hälfte der Stube durch⸗ ſchritten hatte. Würdeſt Du nicht mit meiner kleinen Anna mich ein Stück Weges begleiten, dann machteſt Du auch einen Spaziergang und ſeheſt zu gleicher Zeit einen ausgezeichnet ſchönen Waſſerfall, der in der Nachbarſchaft liegt. Das Wetter iſt herrlich, und Du kannſt eine kleine Zerſtreuung nöthig haben. — Nein, danke, guter Onkel; darf ich damit ver⸗ ſchont bleiben? Alva ſprach dieß mit einer Art Schaudern. — Wie Du willſt;— und damit ging der Paſtor. 45 Eine ſeltſame Fügung. Ein paar Stunden darauf ſaßen der Baron und der Paſtor im Cabinet des erſteren. — Jene Verwandte iſt ja wie aus den Wolken gekommen! und nach Allem, was der Herr Paſtor geſagt hat, ſcheint ſie eine ganz paſſende Geſellſchaft für meine Tochter zu ſein. — Wenn ſie nur nicht gar zu jung und uner⸗ fahren in den allgemeinen Sitten der Welt iſt. — Das hat weniger zu bedeuten; ſie weiß im⸗ mer mehr als Gerda, die noch nicht einmal gelernt hat, zu grüßen, zu danken, zu ſchweigen, oder zu ſitzen, wie es ſich einem Mädchen geziemt. Jedenfalls werde ich morgen nach dem Pfarrhofe kommen. Jetzt bleibt doch der Herr Paſtor bei mir heute Abend? Am folgenden Tage ganz früh ließ der Paſtor Alva zu ſich rufen.. — Ich habe jetzt eine Stelle für Dich, falls Du dieſelbe annehmen willſt. — Wo denn, beſter Onkel? — Bei Baron Helgenſtjerna. Alva fuhr zuſammen und wurde äußerſt blaß; antwortete aber nichts. Der Paſtor fuhr fort, ihr darüber Auskunft zu geben, welches Alvas Beruf dort werden würde, und ſchloß mit der Bemerkung, daß der Baron in einigen Stunden zu erwarten ſei. — Willſt Du auf das Anerbieten eingehen? Alva war ſichtlich aufgeregt; in ihrem Herzen 46 kämpften viele und bittere Gefühle. Sie war nicht im Stande, eine Antwort zu geben. — Iſt dieſer Vorſchlag Dir in irgend einer Weiſe zuwider, ſo ſage es gerade heraus,— ſagte der Paſtor und klopfte ſie freundlich auf die Schulter. Alva hatte indeſſen ihren Entſchluß gefaßt und antwortete mit ziemlich ruhiger Miene: — Wenn Onkel glaubt, daß ich dieſelbe anneh⸗ men kann, dann——— dann——— will ich es⸗ — Daran zweifle ich nicht, und darüber laſſen wir den Baron ſelbſt urtheilen. Ziehe Dich jetzt an, damit Du fertig biſt, bis er kommt. Ala eilte hinauf auf ihr Zimmer, in welches ſie ſich einſchloß.. Uum zwölf Uhr fuhr der Wagen des Barons in den Pfarrhof hinein, und es wurde nach Alva geſchickt. Sie trat bleich aber ruhig ins Vorgemach, und machte vor dem Baron eine tiefe Verbeugung, welcher ſeinerſeits durch ihr Aeußeres überraſcht zu ſein ſchien; denn in den dunkeln, düſtern Augen leuchtete etwas einem Blitze Aehnliches. Nach einigen Vorfragen über Alvas Eltern, welche der Paſtor beantwortete, ſchlug der Baron ihr vor, die Stelle als Geſellſchafterin ſeiner Tochter in ſei⸗ nem Hauſe anzunehmen. Alva nahm das Anerbieten an, und man tra das Uebereinkommen, daß ſie in einer Woche i Amt antreten ſollte. 2 ——————————— 49 weißt ja, daß ich vor Kummer krank werden und ſterben würde. — Du wirſt mich ebenſo leicht vergeſſen, wie Du Graf Ernſt vergaßeſt. — Wie kannſt Du ſo ſprechen?——— Dich vergeſſen!——— ich würde dann zu gleicher Zeit vergeſſen, daß ich lebe. .— So glaubſt Du jetzt; aber wenn ich fort in——— — Dann iſt auch alle Freude für mich fort— Shſt n Hermann, es iſt, als wenn das Herz nicht ſchlagen könnte, wenn ich Dich nicht ſehe, als wenn Du meine Seele, mein Leben wäreſt,— ſagte Gerda und rückte im Boote ganz nahe an Hermann heran. — Gerda!— mehr konnte Herman nicht hervor⸗ bringen, ſondern ergriff ihre Hand und lehnte ſeine Zene Stirne gegen dieſe;— Gerda, ich liebe ich! — Ach, Hermann! das weiß ich, wir lieben ja einander; Du haſt mir ſchon von der Kindheit an geſagt, daß Du mich leiden mochteſt; warum ſiehſt Du ſetzt ſo betrübt aus? Gerda ſtreichelte liebkoſend ſeine Locken. — Du verſtehſt mich nicht, Kind; aber jetzt weißt Du es,— antwortete Hermann mit Heftigkeit.— Ich liebe Dich nicht mehr wie ein Kind, ein Bruder, ein Lehrer, ſondern wie man ein Weib liebt. Du mußt mir angehören, Du mußt meine Frau werden. Und jetzt ſchloß er ſie an ſein Herz. Gerda, welche noch nicht den Unterſchies der verſchiedenen Arten der Liebe begriff, fühlte Schwartz, Die Schutzloſen. kann ich Dich nie. das weiß ich und dieſe Gewißheit peinigt mich 50 daß ſie auf der Erde Keinen hatte, der ihr ſo lieb ſei, als Hermann. Während der Zeit, wo Hermann noch auf He⸗ lenefors verweilte, ſprach er täglich mit Gerda von ſeinen warmen und reinen Gefühlen für ſie; und Gerda, welche vor dem Abend auf dem See von ganzer Seele ein Kind war und kein Bewußtſein von der Beſchaffenheit ihrer Neigung zu Hermann hatte, entwickelte ſich zum Weibe in derſelben Zeit, wo ſie ihr eigenes Herz kennen lernte. Alle ihre Gefühle concentrirten ſich in einem einzigen, und dieſes gehörte ihm. Am Tage vor der Abreiſe Hermanns waren Beide zuſammen im Pfarrhofe geweſen und ſpazier⸗ ten längs dem Waſſerfall nach Hauſe. Gerda weinte. — Du darfſt nicht weinen, nicht auf dieſe un⸗ verſtändige Weiſe über meine Abreiſe trauern,—— ſagte Hermann und beugte ſich zu ihr herab.— Glaube mir, Gerda, daß mein Schmerz vollkommen ſo tief wie der Deinige iſt; aber ich muß abreiſen, wenn es mir in der Zukunft möglich werden ſoll, um Deine Hand anzuhalten. Verſpreche mir nur, daß das Bündniß unſerer Herzen ein Geheimniß zwiſchen mir und Dir bleibt, bis ich offen als Dein Freier auftreten kann; bleibe Deiner Liebe treu und vergeſſe mich nicht, während wir getrennt ſin Hermann! ich werde möglicherweiſe, während, Du fort biſt, vor Trauer ſterben, aber vergeſſe Gerda, Dein Gemüth iſt veränderlich Chatakter ſchwach und Deine Gefühle wechſeln 5 7 welche Sigrid dem hatte. Auf dieſe baute Hermann ſeine Hoffnung, als ſie ihm vor Gott Treue ſchwur. 51 bald wirſt Du von Freiern umgeben werden und Dein Vater, der Dich im höchſten Grade liebt, wünſcht wahrſcheinlich, daß ſeine einzige Tochter eine glänzende Partie mache. Iſt wohl Zeine Liebe zu mir ſtark genug, um mir treu zu bleiben? Ich wage nicht, ſelbſt dieſe Frage zu beantworten. — Aber ich, Hermann, fühle, daß ich nie meine Gefühle für Dich ändern und mich nie überreden laſſen kann, meine Liebe zu vergeſſen. Nein, ich ſchwöre bei dem allgütigen Gott, Niemandem als Dir zu gehören! Als Gerda mit ihrer zum Himmel erhobenen Hand dieſen Eid ſchwur, ſtand ſie an derſelben Stelle, wo vor achtzehn Jahren der obenerwähnte Mord begangen wurde. Würde dieſer Schwur heilig gehalten werden?... Sollte derſelbe Hermann Glück bringen? oder verwandelte der Geiſt des Er⸗ mordeten denſelben in einen Fluch? „Niemand weiß, welchen Faden die Parzen ſpinnen.“ Hermann beruhigte ſich; denn unter all den leichtbeweglichen und flüchtigen Gefühlen in der Seele Gerda's gab es doch eines, welches feſt und rein war; ihre einfache, aber wahre Gottesfurcht, Herzen des Kindes eingeprägt Am Tage nach Hermanns Abreiſe überließ Gerda ſich der heftigſten Trauer. Der Baron, welcher, bevor er eine Tochter be⸗ lam, Niemanden als ſich ſelbſt auf der Erde geliebt, hatte auf ſie all die Liebe übertragen,. ein 52 egoiſtiſches Herz für ein anderes menſchliches Weſen empfinden konnte. Sie war ein Theil von ihm ſelbſt, für ihr Glück und ihren Frieden würde er Alles, ausgenommen ſich ſelbſt, opfern. Der Baron ſah deshalb mit Unruhe Gerda's Trauer. Nachdem er Alles aufgeboten hatte, um ſie zu tröſten, ging er hinauf zu Alva. J — Ich wünſchte, daß Mamſell Holm meine Tochter nicht allein ließe, ſondern ſie zu zerſtreuen ſuchen möchte,— ſagte der Baron, als er in Alva's Zimmer eintrat. Zu gleicher Zeit muß erwähnt werden, daß Alva die einzige Perſon im Hauſe war, die er mit einiger Rückſicht und Freundlichkeit behandelte. — Ich habe es verſucht, aber das Fräulein befahl mir, es allein zu laſſen, und bemerkte, daß der bloße Anblick von mir ihr jetzt peinlich ſei,— antwortete Alva. — Sie ſind indeſſen Diejenige, welche nach Her⸗ manns Abreiſe Einfluß auf ſie hat. Ich will des⸗ halb, daß Sie ſie nicht verlaſſen. — Ich werde mit Vergnügen dem Befehle des Herrn Barons nachkommen. Wie Alva es jetzt anfing, ſo gelang es ihr wirk⸗ lich, Gerda zu beruhigen, und endlich ſprach letztere zu ihr von ihrer Liebe zu Hermann und von ihrem ihm gegebenen Verſprechen des Schweige d der Treue u. ſ. w. Nichts nähert zwei jun chen einander raſcher, als ein ſolches anvertra Geheimniß. Alva nahm bald eine hohe Stelle Gerdas Herzen ein; denn mit ihr konnte ſie vo Hermann, von ihren Gefühlen, Träumen und Hoff⸗ 53 nungen ſprechen. Freilich machte Alva ſie darauf aufmerkſam, daß die Verbindung mit Hermann auf ſchwere Hinderniſſe von Seiten des Barons ſtoßen würde; aber darauf wollte Gerda niemals hören. Und Alva, welche ahnte, daß Gerdas Leben gerade das Gegentheil von dem werden würde, was ſie ſich vorſtellte, liebte ſie wie eine junge Mutter ihr Kind. Ein Jahr verging und Alles blieb unverändert⸗ Alva übte während dieſer Zeit einen wohlthuenden Einfluß auf Gerda und that Alles, um in ihrem Herzen die guten Inſtinkte zu wecken, welche darin ſchlummerten und um ihrem launiſchen, veränderli⸗ chen und etwas egoiſtiſchen Temperament kraſtvoll entgegenzuarbeiten; aber Gerda gehörte zu jenen ſchwachen Naturen, welche irgend Jemanden an ihrer Seite haben müſſen, welche ſie leiten und welche, wenn ſie ſich ſelbſt überlaſſen werden oder ſich unter dem Einfluß einer ſchlechten Umgebung befinden, dazu geſchaffen ſind, ihrem eigenen Untergang ent⸗ gegenzugehen. Sie ſind nichts durch ſich ſelbſt, ſon⸗ dern Alles durch Diejenigen, welche ſie beherrſchen. Das Benehmen des Barons gegen Alva wurde mit jedem Tag freundlicher und oft zuvorkommend. Er war in ſeiner Herablaſſung ſo weit gegangen,. daß er Gerda ihre Bitte gewährt hatte, Alva Du nennen zu dürfen, was für ſo unerhört gehalten wurde, daß Alle ſich darüber wunderten. Es iſt wieder Mai. Gerda und Alva promenir⸗ ten im Park. — Sahſt Du, daß Papa zwei Briefe erhielt; der eine war von Herman, ich kannte die Handſchrift. Letzthin ſchrieb er, daß er um die Johanniszeit hier⸗ herkäme. Aber worüber mag er jetzt ſchreiben? Ich brenne vor Ungeduld. — Aber, Gerda! warum ſich mit ſo vollkommener Sicherheit einer Hoffnung hingeben, von welcher Du nicht weißt, ob ſie werde verwirklicht werden? Warum nicht auf meine Warnungen hören? Denke Dir, wenn Dein Vater Deine Liebe nicht billigt oder andere Plane für Deine Zukunft hat. Glaube mir, Du ſollteſt an das denken, was ich Dir ſo oft ge⸗ ſagt; denn welches entſetzliche Erwachen für Dich, wenn alle Deine Luftſchlöſſer zuſammenſtürzen. — Oh, da hört man, daß Du Papa nicht kennſt. Er will nur mein Glück, das hat er mir ſo oft ge⸗ ſagt. Niemals wird er mein Herz zu Etwas zwin⸗ gen, was demſelben zuwider iſt. Nein, nein! er wird Alles thun, um meine Verbindung zu fördern, wenn er erfährt, daß ich nur mit Hermann glücklich werden kann. — Gott gebe, daß Du Dich nicht täuſcheſt; aber ich fürchte doch, daß Du es thuſt,— antwortete Alva ſeufzend. Hier wurden ſie unterbrochen. Ein Bedienter kam vom Baron und rief Gerda zu ihm. Ein Eid wird gebrochen und ein Eid gegeben. Der Baron ſaß in ſeinem Cabinet mit einem kalten unbeugſamen Ausdruck in dem ſtolzen Geſicht und hatte zwei Briefe vor ſich, als Gerda vor Freude ſtrahlend eintrat. 55 — Papa hat Brief von Hermann erhalten, was ſchreibt er?— fragte Gerda und näherte ſich dem Tiſche, indem ſie die Hand nach einem der Briefe aber der Baron zog denſelben zurück und agte: — Hier iſt nicht von Herman die Rede, ſondern von einer Sache von weit größerer Wichtigkeit. — Und was denn? — Setze Dich, mein Kind, ſo wirſt Du es zu hören bekommen. Bei einer Gelegenheit in meinem Leben, wo ich nicht von mir ſelbſt abhängig war, und lange bevor Du geboren wurdeſt, verſprach ich Deinem Onkel, Graf Gratton, daß, falls ich eine Tochter bekäme, ſollte ſein damals ſechsjähriger Sohn Ernſt ihr Mann werden——— Stille falle mir nicht in die Rede!——— Ernſt hielt ſich deshalb während Deiner Kindheit oft in meinem Hauſe auf, damit ein Grund zu einer Neigung gelegt werde, welche Eure Verbindung erleichtern mußte. Er widmete ſich nach dem Wunſche ſeines Vaters dem diplomatiſchen Fach, und hat nun ſich vier Jahre in London aufgehalten, woher er in die⸗ ſen Tagen zurückgekehrt iſt. Er iſt jetzt ſechs und zwanzig, Du ſechszehn Jahre, und die Zeit iſt da, mein Verſprechen zu erfüllen— In vierzehn Tagen haben wir ihn hier und um die Johanniszeit wünſche ich, daß Deine Verbindung mit ihm gefeiert werde. Haſt Du mich verſtanden? Gerda ſah den Vater beſtürzt an und ihre Wan⸗ gen wurden ſchneeweiß. Mit aufgeregter Stimme antwortete ſie: — Mein Vater!— ich habe Dich gewiß nie 56 verſtanden——— und ich will dieſe Worte nicht verſtehen, welche mich ungehorſam gegen Dich ma⸗ chen würden; denn ich kann nicht Ernſt Grattons Frau werden. — Und, doch muß es geſchehen!— antwortete der Baron in einem ſo feſten Tone, daß Gerda zu⸗ ſammenfuhr; darauf äußerte ſie aber: — Papa! Du willſt mich alſo zwingen? — Ja, wenn Du Dich weigerſt, mir zu gehor⸗ chen, ſo muß ich, ſo weh es mir auch thun würde. Der Graf hat mein Wort und Du weißt, daß ich ein gegebenes Verſprechen nie breche. — Aber, Papa, ich habe bei Gott Hermann ge⸗ ſchworen, ſeine Gattin zu werden. — Hermann?— wiederholte der Baron lang⸗ ſam.— Hermann iſt alſo ein Schurke, der mein Vertrauen mißbraucht und einem Kinde einen Eid der Treue abgenommen hat. Nun gut, er ſoll ſein Benehmen bereuen. Mit jenem Inſtinct, welchen alle liebende Herzen beſitzen, ſuchte ſie Hermann von jeder Schuld frei zu machen und nur ſich dem Zorne des Vaters aus⸗ zuſetzen. Sie antwortete in abgeriſſenen Sätzen: — Er hat keinen Eid verlangt, ſondern ich ——— ich allein habe denſelben gegeben——— Ich liebe Hermann, als den beſſeren Theil meiner ſelbſt; nur die Hoffnung, daß wir bald vereint werden würden, hat mich die Bitterkeit der Tren⸗ nung ertragen laſſen. Für mich iſt er das Leben, und ohne ihn habe ich kein ſolches——— Und Du, mein Vater! welcher Gerda ſo hoch liebt, willſt * ————— 57 Du mir mehr als das Leben rauben——— mein einziges irdiſches Glück? Gerda näherte ſich dem Vater und lehnte ihr in Thränen gebadetes Geſicht an ihn; der Baron ſchob ſie aber leiſe zurück und ſagte: — Die Gattin eines Hermann Waldner kann die einzige Tochter des Baron Helgenſtjerna nie werden——— Verſtehſt Du?——— das kann nie geſchehen. — O! ſpreche nicht ſo!— rief Gerda verzwei⸗ felt.— Dann kann ich nicht die Gattin von irgend Jemandem werden, weil Hermann meine Liebe und Treue beſitzt. Papa, mache mich nicht unglücklich für das ganze Leben. — Höre auf. Gerda, und glaube Deinem Vater, wenn er Dich verſichert, daß Du um unſerer Beider Wohl willen gehorchen mußt. Ich habe einen hei⸗ ligen Eid als Pfand dafür gegeben, daß Du Ernſt gehören ſollſt, und nichts in der Welt kann mich zu einem Meineidigen machen. — Aber, Papa, auch ich habe einen heili⸗ gen Eid geſchworen, und doch willſt Du, daß ich denſelben brechen ſoll; ſei doch verſichert, daß Deine Tochter es nicht thun wird. Dein Eid, mein Vater, enthält eine Ungerechtigkeit gegen Dein Kind. Du verpfändeſt dadurch mein Leben an einen Anderen, ohne zu wiſſen, ob das Eingehen einer ſolchen Verbindung in meiner Macht ſtehen würde. — Du willſt alſo, daß ich Dich zwingen ſoll, irregeleitetes Kind!— antwortete der Baron und erhob ſich in ſeiner ganzen Länge. Sein Aeußeres 3 hatte etwas Feierliches, als er da ſtand mit ſeinen dunkeln Augen und ſeiner düſteren Stirne, auf wel⸗ cher ein unabänderlicher Entſchluß zu leſen war. — Papa, habe Erbarmen mit Deinem Kinde! — rief Gerda und ſchob die Locken weg von dem unnatürlich bleichen Geſicht, und ſtreckte dann die Hände bittend gegen den Vater aus. — Ich muß unbeweglich ſein, ſo ſehr wir auch darunter leiden. Es gibt nur zwei Wahlen: daß ich ſterbe——— oder mein Verſprechen halte. Weigerſt Du Dich, mir zu gehorchen,——— dann werde ich aufhören zu keben. In dieſem Augenblick haſt Du zu wählen zwiſchen dem Leben Deines Vaters und Deiner Liebe. Der Baron ſchloß eine Chatouille auf, welche auf dem Tiſch ſtand und nahm daraus eine Piſtole, wor⸗ auf er hinzufügte: — In derſelben Stunde, in welcher Du ein un⸗ widerrufliches Nein in Beziehung auf die Ver⸗ bindung ausſprichſt, die ich Dir vorgeſchrieben, werde ich mit dieſer Waffe meinem Leben ein Ende machen, welches Du mir unmöglich gemacht, ferner fortzuſetzen. ——— Du biſt frei!——— Ich habe nichts hinzuzufügen——— Glaube indeſſen nicht, daß Dein Vater ſich dazu herabläßt, dieſes als eine leere Drohung anzuwenden.——— Nein, es gibt bei meiner Ehre keine andere Wahl für mich——— und was ich geſagt, iſt mein feſter, beſtimmter Ent⸗ ſchluß. ter an. Sie ſtrich mit der Hand über die Stirne⸗ Bleich wie ein Marmorbild und mit ſtarren Blicken ſtand Gerda da und ſtarrte den Va * * ——„ ——— 59 Es kam ihr vor, als ſtände ſie unter der Herrſchaft eines häßlichen Traumes. O Gott! es war alſo kein Irrthum, ſondern eine entſetzliche Wirklichkeit! Gerda fuhr ſchaudernd bei dem Gedanken zu⸗ ſammen, die Urſache des Todes von ihrem Vater zu werden——— Sie trat hin zu dem Baron, beugte ergeben ihren Kopf und flüſterte mit einer Stimme, welche alle Qualen ihres Herzens wiedergab: — Ich muß Dir denn gehorchen, mein Vater. Der Baron ergriff die Hand der Tochter und ſagte mit Zärtlichkeit: — Dank, mein geliebtes Kind;——— aber ſchwöre mir bei meinem und Deiner Mutter Seelen⸗ frieden, ohne Jemandem mitzutheilen, daß Du da⸗ zu gezwungen worden——— ſchwöre mir, daß Alle——— verſtehſt Du——— Alle darüber in Unkenntniß bleiben, daß ich gezwungen war, Dich zu überreden——— Und ich verſpreche Dir dagegen, Herm ann fortwährend zu unterſtützen und zu beſchützen; im entgegengeſetzten Falle werde ich ihn die ganze Wirkung von eines erzürnten und Sitn Vaters Zorn empfinden laſſen. Ich ſchwöre es,— antwortete Gerda mit ngtlet Stimme.— Aber jetzt verlaſſe mich, Papa; ich wünſche allein zu ſein⸗ Der Baron ging. Gerda blieb unbeweglich ſtehen. Kein heftiger Ausbruch machte ihrer beklemmten Bruſt Luft, keine Thräne linderte ihren Schmerz; es war als wollte das Leben von dannen fliehen. Dieſe lebhaften und glänzenden Augen ſtarrten gefühllos vor ſich hin. 60 Eine Stunde war hinreichend geweſen, um Gerda von der Höhe ihrer frohen Illuſionen in die kalte und freudenarme Wirklichkeit hinabzuſtürzen. So hatte Gerda lange da geſtanden, als eine freundliche und milde Stimme ihr ins Ohr flüſterte: — Bete, mein Kind! Es war Sigrid. Sie war vom Baron an Gerda geſchickt. Durch dieſen einfachen Rath von derjenigen, welche ſie zu⸗ erſt beten gelehrt, zerriß das Band, welches bisher die Thränen zurückgehalten, und ſie warf ſich wei⸗ nend in Sigrids Arme. Welche Worte der Hoffnung und des Troſtes die letztere ausſprach, übergehen wir. Gerda ließ melden, daß ſie krank ſei und deshalb den Tag allein mit Sigrid zubringen wolle. Beim Fruhſtück am folgenden Tage erſchien Gerda, aber ſo bleich und verändert, daß der Baron und Alva ſtutzten. Als der Erſtere ſie auf die Stirne küßte, flü⸗ ſterte er: — Erinnere Dich Deines Verſprechens! Gerda antwortete nicht, ſondern warf einen voll tiefen Schmerzes auf ihn, welcher zu ſagen hien: — Du ſiehſt wohl, daß ich gehorche. — Gerda! wie befindeſt Du Dich?— fragte Alva unruhig. — Jetzt recht gut,— antwortete Gerda und drückte feſt ihre Hand. Alva, welche ahnte, daß am Tage vorher Etwas 5 —— 61 zwiſchen Vater und Tochter vorgefallen ſei, ſchwieg. Sie ſah ein, daß es ſich auf Gerdas Liebe bezogen. Nach dem Frühſtück äußerte der Baron: — Ich muß Alva bitten(die Benennung Mam⸗ ſell hatte er ſchon lange bei Seite gelaſſen) nach der Stadt zu reiſen, um für meine Tochter wegen ihrer baldigen Verlobung mit Gratton, die in vier⸗ zehn Tagen ſtattfinden wird, einige Einkäufe zu machen. Alva warf einen mitleidigen Blick auf Gerda, durch deren Körper ein Schauer des Schmerzes ging. Einige Stunden darauf reiste Alva ab. Gerda verſank in eine ſtumpfe und ſtarre Ge⸗ müthsſtimmung. Es verhielt ſich wirklich, wie ſie ſelbſt geſagt:„Hermann war ihr Leben; ohne ihn hatte ſie kein ſolches.“ Eine unerwartete Erbſchaft. Alva war gerade von ihrer Reiſe behufs der Einkäufe zurückgekehrt, und im Begriff zu Gerda hbinunterzugehen, als das Mädchen, welches ſie be⸗ . diente, eintrat. — Der Paſtor bittet, Mamſell ſprechen zu dürfen. — Bitte ihn heraufzukommen, antwortete Alva. Kurz darauf unterhielt ſich unſer Paſtor mit Alva. — Ich habe einen Brief von Amerika erhalten, welcher Dich betrifft. Nun, ſehe nicht ſo beſtürzt 62 aus. Der Brief iſt von Deinem Onkel, welcher vor zwanzig Jahren dorthin abreiste, und von dem man ſeit jener Zeit nichts mehr hörte. Er hat ſich ein anſehnliches Vermögen geſammelt; da er aber un⸗ verheirathet und außerdem krank iſt, ſo wünſcht er Deine Mutter zu ſehen. Er ſchreibt an mich in meiner Eigenſchaft als Paſtor in der Lunda Gemeinde, und bittet, mir Auskunft darüber zu verſchaffen, wo ſeine Schweſter ſich jetzt befinde, ob ſie verheirathet ſei, ob ſie Kin⸗ der habe u. ſ. w. Auch wünſcht er ſie, oder einige ihrer Kinder bei ſich in Amerika zu ſehen, bevor er ſtirbt. Nebenbei ſendet er Reiſegeld und eine bedeu⸗ tende Gratification an mich für meine Mühwaltung. Da er ſein ganzes großes Vermögen ſeiner Schwe⸗ ſter oder ihren Kindern zu teſtamentiren beabſichtigt, ſo hält er ſein Verlangen, einige von ihnen zu ſehen, für billig. Deine Mutter iſt geſtorben, Du biſt ihr einziges Kind und alſo auch ihre einzige Erbin. Ich halte dafür, daß Du unverzüglich ſeinem Wunſche nachkommſt. — Aber wie ſoll ich meine Stelle verlaſſen? wie Gerda im Stich laſſen können, welche mich vielleicht nie mehr als jetzt nöthig hatte? — Ich werde, ohne den Namen Deiner Mutter zu verrathen, die Sache ſchon in Ordnung bringen; und was das Fräulein betrifft, ſo iſt ſie ja jetzt ſchon eine ganz andere Perſon, daß ſie Dich ganz gut entbehren zu können ſcheint. Uebrigens, darf man wohl den Ruf eines Sterbenden nicht unberückſichti laſſen. Eine Perſon, welche Dir eine unabhängige * 63 Stellung ſchenkt, ohne dafür eine eigentliche Auf⸗ opferung zu verlangen, biſt Du verpflichtet, ſofort zu beſuchen. Vielleicht wird es Dir gelingen, ihm die letzten Stunden ſeines Lebens auf einer fremden Erde zu verſüßen, auf welcher er ohne eine väter⸗ liche Heimath und ohne Freunde gelebt hat, nur um das Vermögen zu erwerben, welches er Dir jetzt anbietet. Alva! Deine Pflicht verbietet Dir, Dich zu weigern. — Ach, mein guter Onkel, wenn Sie wüßten, wie innig ich, die ich Niemanden in der Welt zum Lieben habe, mich an Gerda angeſchloſſen habe; wie ſehr ſie mein warmes und treues Herz nöthig — Das mag ſein; aber Du biſt auch dem Bru⸗ der Deiner Mutter Etwas ſchuldig, und ſei über⸗ zeugt, daß Deine verſtorbene Mutter, wenn ſie noch lebte, es nicht geſtattet haben würde, daß Du es unterlaſſen hätteſt, den letzten Wunſch ihres Bruders zu erfüllen. — Nun gut, ich werde denn abreiſen; aber Onkel muß mir verſprechen, über Gerda zu wachen. — Das verſpreche ich Dir, und ich gehe, um mit dem Baron zu ſprechen. Am Nachmittag deſſelben Tages ruhte Gerda auf einem Sopha in ihrem Zimmer. Alva ſaß ne⸗ ben ihr. — Ich muß Dir ſehr ſchwach vorkommen, daß ich jetzt im Begriff bin, einem Anderen als Her⸗ mann anzugehören? Ohne nach der Urſache fragen zu wollen, ſo will ich doch glauben, daß nur ein mächtiges Motiv 3 64 Dich hat bewegen können, Dein Verſprechen zu brechen. — Glaube indeſſen nicht, daß ich gezwungen wor⸗ den bin,— rief Gerda heftig.— Ich habe aus freiem Willen gehandelt. — Dann gab es irgend einen wichtigen Grund, der auf Dich einwirkte; ja ich kann es mir nicht denken, daß du ſchwach genug biſt, um mit den Ge⸗ fühlen Anderer zu ſpielen. — Und dabei auch mein eigenes Herz zu zer⸗ malmen!——— nein! einen ſolchen Leichtſinn beſitze ich nicht. Glaube mir, Alva, Du hätteſt an meiner Stelle ebenſo gehandelt, wie ich. — Das iſt ſehr möglich; aber, wenn ich ein⸗ mal meinen Entſchluß gefaßt, und, wie Du es jetzt gethan, alle meine Hoffnungen auf Liebe und Glück gemordet hätte, dann würde ich nicht, wie Du es jetzt thuſt, da liegen und über das, was ich verlo⸗ ren, brüten, und der Welt ein Geſicht zeigen, das von Gemüthsbewegungen zerſtört iſt, ſondern vor neugierigen Augen die Wunde verbergen, an wel⸗ cher ich litt, ſowie auch, den Blick auf die Zukunft gerichtet, mich in meine Entſagung und in die Pflich⸗ ten einzuleben ſuchen, welche ich vor Gott und Men⸗ ſchen auf mich zu nehmen beabſichtige. Du haſt oft ſelbſt zu mir von Graf Gratton geſprochen, und alle Erinnerungen, welche Du aus Deiner Kindheit von ihm haſt, beweiſen, daß er ein gutes und edles Herz beſitzt.* — Was geht das jetzt mich an, wo er kommt und mir mein Glück raubt,——— jetzt, wo ich Hermann liebe!— antwortete Gerda untröſtlich. 65 — So darfſt Du nicht denken. Da Du Dich veranlaßt ſiehſt, ihm aus freiem Willen Deine Hand zu reichen und ihm Dein Leben zu widmen, ſo mußt Du auch aus ganzer Seele dahin ſtreben, ihm Dein widerſtrebendes Herz zuzuwenden und Deinen Troſt und Deinen Erſatz in dem Bewußtſein ſuchen, ſeiner vollkommen würdig zu ſein. — Kannſt Du ſo ſprechen, Du, die Du nie ge⸗ liebt, die Du nicht weißt, was ein tieſes Leiden, was ein verwundetes und blutendes Herz ſagen will. Alva ergriff Gerdas Hand und drückte ſie, in⸗ dem ſie im ernſten Tone ſagte: — O! möchteſt Du, Gerda, nie den bitteren Kelch der Leiden ſo bis auf den Grund leeren müſ⸗ ſen, wie ich,— und möchteſt Du niemals einen ſo heilloſen Schmerz erfahren, wie den, welchen ich noch in dieſem Augenblick empfinde. Jeder Zug Alvas zeugte von der Wahrheit ihrer Worte; denn in denſelben ſprach ſich jetzt ein ſo bitteres Leiden aus, daß Gerda ſich um ihren Hals warf und flüſterte. — Verzeihe mir, falls ich irgend eine ſchmerz⸗ liche Wunde in Deinem Herzen aufgeriſſen habe. — Nein, Du haſt keine Wunde aufgeriſſen; denn dieſelbe blutet fortwährend. Das Eintreten des Barons unterbrach das Ge⸗ ſpräch. Er wandte ſich an Alva: — Durch den Paſtor habe ich zu meinem wirk⸗ lichen Bedauern erfahren, daß Mamſell Alva in einigen Tagen mein Haus zu verlaſſen beabſichtigt. Obgleich die Veranlaſſung eine ſolche iſt, daß ich ihr nur dazu Glück wünſchen ſollte, ſo kann ich mich Schwartz, Die Schutzloſen. 5 doch nicht darauf beſchränken, wenn ich bedenke, daß ſie uns in einem Augenblick verläßt, wo Gerda ſie ſo nöthig gehabt hätte. Es lag etwas Freundliches im Tone des Ba⸗ rons, und in ſeinen Augen lag——— etwas mehr. Wir übergehen den Auftritt, welchen dieſe Mit⸗ theilung zwiſchen Alva und Gerda hervorrief, ſowie auch die Verzweiflung der letzteren, welche jetzt in ihrer gewöhnlichen unbändigen Weiſe zum Ausbruch kam. Alva blieb indeſſen eine Woche auf Helene⸗ fors. Sie reiste Ende Mai ab; hatte aber ſowohl dem Baron wie Gerda das Verſprechen gegeben, bei ihrer Rückkunft nach Schweden Gerdas Heimath als die ihrige zu betrachten, ſowie auch der letzteren oft zu ſchreiben. Gerda, welche ſich ſelbſt, ihrer Sehnſucht nach Alva und ihrer hoffnungsloſen Liebe überlaſſen war, dachte gar nicht an die Pflichten, welche ſie über⸗ nehmen ſollte. Sie irrte ganze Tage draußen herum und dann ſchwärmte ſie entweder für Hermann, oder gab ſich einer wirklichen Verzweiflung hin. Ihre Lieblingspromenade war der Steg am Waſſerfall, wo viele und ſonderbare Gedanken in Gerdas verwirrtem Hirn ſich bewegten; aber wie tief man auch in einem Alter von fünfzehn Jahren lei⸗ det, ſo ſchreckt man doch davor zurück, ſeinem Le⸗ ben ein Ende zu machen. Abends, wenn Sigrid ihr ein kinfaches Gebet vorlus, weinte Gerda und betete zu Gott; doch nicht, um ſich darauf zu ſtärken, würdig ihren Be⸗ ruf zu erfüllen, ſondern, daß ſie noch einmal Her⸗ 67 mann zu ſehen bekomme und dann ſterben möchte. So verfloß die Zeit bis zur Ankunft des Graſen Ernſt Gratton. Der Baron, welcher fürchtete, daß die ſonderbare Gemüthsſtimmung ſeiner Tochter dem Grafen Ernſt und deſſen Familie gar zu ſehr in die Augen fallen möchte, fand es nothwendig, Gerdas Aufmerkſamkeit darauf zu lenken. Am Tage vor ihrer Ankunft ging er deshalb zu ihr hinauf. — Willſt Du heute ausreiten?— fragte der Baron Gerda, welche mit verweinten Augen und mit verſtörtem Ausſehen in einem Lehnſtuhl lag. — Nein, Papa. Der Baron trat auf die Tochter zu, ſtrich ihr die Locken von der Stirne, und betrachtete ſie mit ſinin Ausdruck unverſtellten Schmerzes, indem er agte: — Du verſprachſt ja Deinem Vater zu gehor⸗ chen? Du ſchwurſt auch, daß Niemand ahnen ſollte, was dieſer Gehorſam Dich koſtete, und doch, mein Kind, leſen es Alle in Deinem Benehmen und in Deinem verweinten Geſichte. Glaube mir, ich habe nicht anders handeln können; aber ſage nur gerade heraus, daß das Opfer Deine Kräfte über⸗ ſteigt, dann werde ich für Dich thun, was Du nicht für mich zu thun vermagſt: Dich dadurch befreien, daß ich mein Leben opfere. — O Papa, Papa, ſpreche nicht ſo!——— Ich gehorche ja,— ſeufzte Gerda, und warf ſich an die Pruſt des Paters. Ja, Du gehorchſt, aber morgen wird Deine Art zu gehorchen vielleicht Unglück rin⸗ 68 gen. Alle werden ſehen, wie unglücklich Du biſt ——— beſſer iſt es, daß wir heute demſelben ein Ende machen——— — Ich verſpreche es, morgen heiter zu ſein, zu lachen und glücklich auszuſehen, wenn ich nur, heute mir ſelbſt überlaſſen bleibe. Papa wird mit mir zufrieden ſein. Gerda verſuchte unter ihren Thränen zu lachen. Der Baron beugte ſich zu ihr herab und küßte ihre Stirne, worauf er ſich entfernte. Gerda ſah jetzt zum Erſtenmale nach der Umge⸗ ſtaltung ihrer Schickſals ein, daß ſie ſuchen mußte, ſich eine Kraft zu erkämpfen, die ihr jetzt fehlte und die ſie ſich nicht allein geben konnte; aber wohin ſollte ſie ſich jetzt, wo Alva fort war, wenden, um jene zu erhalten? Gerdas Gedanken fielen ſchließlich auf Paſtor Hedberg. Sie begab ſich ſofort nach dem Pfarr⸗ hof und brachte dort den ganzen Tag mit dem Pfar⸗ rer zu. Als Gerda Abends zurückkehrte, ſchien ſie ruhig zu ſein. Die älteſte Tochter des Paſtors, Anna, begleitete ſie, und ſollte auf Gerda's Verlangen einige Tage bei ihr bleiben. Am folgenden Tage um die Mittagszeit fuhr ein leichter Reiſewagen mit zwei Herren an der gro⸗ ßen Eingangstreppe auf Helenefors vor. Der Eine der Angekommenen war Graf Ernſt Gratton, ein junger Mann von einigen und zwanzig Jahren, mit einer hohen, von Verſtand und Genialität zeugenden Stirne, ein Paar ſeelenvollen, dunkelblauen Auge ſowie einer ungezwungenen edeln Haltung. Der 69 Ausdruck im Geſicht hatte indeſſen etwas Gleichgül⸗ tiges, das in Verbindung mit der blaſſen Hautfarbe auf einen Mann deutete, der ſein Leben genoſſen und auch gelitten hatte. Sein Reiſekamerad, ein Mann von über dreißig Jahren, entbehrte aller äußeren Vorzüge; er war lang und mager, mit einem durch anhaltende Arbeit vor der Zeit gekrümmten und einer von geiſtigen Anſtrengungen gefurchten Stirne. Es war Pro⸗ feſſor Gren, Graf Ernſts früherer Lehrer und jetzt ſein beſter Freund. Im Salon ſaß Gerda und unterhielt ſich mit der Tochter des Paſtors, als der Baron die beiden Herren einführte. Ernſt ſchien ſehr über die Veränderung über⸗ raſcht welche in den vier Jahren mit Gerda's Aeu⸗ ßerem vor ſich gegangen war; und in dieſem Augen⸗ blick kam Gerda ihm reizend hübſch vor, wie ſie daſtand mit erröthenden Wangen und einem freund⸗ lichen Lächeln auf den Lippen; denn es war mit unverſtellter Freude, daß ſie den Freund ihrer Kind⸗ heit wiederſah. Sie vergaß für den Augenblick, daß ſie Etwas mehr für einander ſeien. Mit aufrichtiger und warmer Herzlichkeit grüßte auch Ernſt ſeine junge einnehmende Braut, ſo daß der Austauſch der erſten Grüße innig und heiter war; aber gleich darauf war das Bemühen Gerda's, es zu ſein, ein mißglücktes. Gegen Abend kamen die übrigen Mitglieder der Familie Gratton, ſo wie einige andere Verwandte an, und am Tage darauf wurde die Verlobung Ger⸗ va's mit einem großen Balle gefeiert. Alle Nota⸗ bilitäten der Gegend waren dazu eingeladen worden. Der Baron ſah die Nothwendigkeit ein, Graf Gratton und ſeine Angehörigen mit Vergnügungen und Leuten zu umgeben, damit ihre Aufmerkſamkeit nicht ausſchließlich auf Gerda gerichtet werde, und das Zweideutige in ihrem Benehmen ihnen nicht in die Augen fallen möchte. Für Gerda war es gänzlich unmöglich, ſich voll⸗ kommen zu beherrſchen. In dem einen Augenblick gab ſie ſich einer wilden unnatürlichen Heiterkeit hin und im anderen ſtürzte ſie, die Augen voll Thrãä⸗ nen, aus dem Hauſe. So hatte ſie ſich ſchon den erſten Tag gezeigt, und der Baron dachte mit Verzweiflung an die drei Wochen, welche noch bis zur Hochzeit wären. Er ſuchte ihr Betragen durch ihre fortwährende kindliche Unſchuld und durch die zwangloſe Erziehung zu er⸗ klären, welche ſie genoſſen. Ernſt, welcher ihr kind⸗ liches Temperament noch friſch im Gedächtniß hatte, wunderte ſich darum am wenigſten. Nach dem Verlobungsball wechſelte eine Luſt⸗ partie mit der anderen ab. Gerda wurde in den Wirbel ihr ganz unbekannter Vergnügungen einge- führt und überließ ſich, ohne darüber nachzudenken den neuen Eindrücken auf eine ähnliche Weiſe, wie derienige, der im Rauſche zu vergeſſen und ſich zu 1 tröſten ſucht. Auf dieſe Weiſe gelang es dem Baron, die Ze ſeinen Gäſten zu vertreiben, und endlich graute d Tag, an welchem ein unauflösliches Band die beiden jungen Perſonen vereinigen ſollte, die vor lauter 74 Vergnügen keine Zeit gehabt hatten, ein einziges Wort von Liebe mit einander zu wechſeln. Ernſt, welcher ſehr für ſeine Braut,„den klei⸗ nen Wildfang,“ wie auch ſeine Mutter ſie nannte, eingenommen war, ſuchte freilich eine Gelegenheit, mit Gerda eine einſame Promenade zu machen oder eine Unterredung mit ihr zu haben; aber ſie ver⸗ ſtand es ſo gut, dem auszuweichen, wie der Baron, der durch Luſtbarkeiten und fremde Gäſte es ſo ein⸗ zurichten wußte, daß nichts daraus wurde. Graf Ernſt, welcher immer die Menſchen und befonders die Frauen in einem etwas düſteren Lichte betrachtet hatte, dachte, als er ſah, daß Gerda bei den meiſten Gelegenheiten alle Forderungen der Convenienz und des geſellſchaftlichen Lebens außer Acht ließ, daß ſie wenigſtens frei von aller Verſtel⸗ lung aufgewachſen ſei und ein reines unverdorbenes Herz beſäße. Das Wilde und Maßloſe, welches, während ſie ein Kind war, ihm eine Plage war, gefiel ihm deshalb jetzt. Gewiß war die Wildheit des Kindes eine unver⸗ ſtellte Aeußerung ihres Gemüthszuſtandes geweſen; während dieſelbe jetzt eine Maske war, hinter wel⸗ er Gerda ein blutendes Herz verbarg. Wir wollen jetzt den Leſer in die große Pracht⸗ wohnung auf Helenefors am Hochzeitstage einige Stunden nach der Trauung einführen. Bleich, mit faſt ſtarren Geſichtszügen ſtand Gerda in dem weißen Brautkleid und ſprach mit dem Pa⸗ ſtor. Ihre Lippen hatten bereits das Ja ausge⸗ ſprochen welches ſie für immer an einen Mann feſſelte, den ſie nicht liebte und der ſie von dem⸗ tigen Augenblick hallten Alva's Worte in Gerde 72 jenigen trennte, dem ſie mit Herz und Seele an⸗ gehörte. Als Gerda ſich vom Brautſchemel erhob, meinte ſie, daß das Herz geſtorben ſei und nicht mehr zu ſchlagen vermochte. Gefühllos wie eine Bildſäule empfing ſie Umarmungen, Glückwünſche u. ſ. w. Ernſt hatte ſeine ſtumme Braut mit Verwunde⸗ rung angeblickt. Jetzt waren endlich alle dieſe er⸗ müdende Ceremonien vorüber und der Pfarrer hatte Gerda zu einem Fenſter hingeführt, um ihr ungeſtört einige tröſtende Worte ſagen zu können; aber gerade in dieſem Augenblick fuhr ein leichter Reiſewagen vor das Wohngebäude. Gerda warf mechaniſch einen Blick nach dem Wagen und in demſelben Augenblick entſchlüpfte ihr ein Schmerzensruf; denn——— im Wagen ſaß——— Hermann——— — Was iſt das?— fragte Ernſt und eilte hin zu der zitternden Gerda. — Nur eine Ungeſchicklichkeit von mir, der das Unglück hatte, die Frau Gräfin auf den Fuß zu tre⸗ ten; ich bitte tauſendmal um Verzeihung,— äußerte der Paſtor und ergriff Gerda's Hand, die er heftig drückte, um ſie wieder zur Beſinnung zu bringen, und führte ſie vom Fenſter fort. — Wie befindeſt Du Dich, geliebte Gerda?— fragte Ernſt und blickte forſchend die Thränen in den zitternden Augenwimpern an. In dieſem Augenblick, in welchem eine einzige unvorſichtige Bewegung, ein einziges Wort das wahl Verhältniß hätte verrathen können, in dieſem wi Seele wieder:„Ich würde in der Tiefe me ⸗ 73 nes Herzens die Wunde verbergen, an welcher mein Herz litt.“ Mit einer Anſtrengung, welche man nicht von ihr erwartet haben ſollte, unterdrückte Gerda auch ihre Gefühle und antwortete: — Jetzt iſt es mir wieder wohl; aber es that ſehr weh. Ernſt blieb bei ſeiner Braut. Der Paſtor eilte hinunter zu Hermann, um ihn zu verhindern, ſich zu zeigen. Mit heftig pochendem Herzen und mit reuevoller Unruhe machte Gerda ſich darauf gefaßt, ihre Be⸗ gegnung mit Hermann nicht mehr zu überleben. Sie empfand deßhalb eine große Frleichterung, als der Paſtor ſich näherte und als Niemand auf ſie Acht gab, flüſterte: — Er kommt nicht herauf. Dieſer Tag hatte, wie alle andern, ein Ende. Die Nacht breitete ihre Dunkelheit über die Leidenſchaf⸗ ten der Menſchen aus und verleiht ihnen Ruhe. Als Gerda ſich am folgenden Morgen anziehen ſollte, ſchickte ſie nach Sigrid und entfernte die Kammerjungfer. — Gott ſegne die Gräfin!— grüßte Sigrid und küßte herzlich ihre Hand. — Dank, gute Sigrid! Sage mir, haſt Du Magiſter Waldner geſehen? Gerda zitterte beim Nennen ſeines Namens. Sigrid blickte Gerda eine Weile ſchweigend an, als wenn ſie nicht ſicher geweſen wäre wie ſie han⸗ deln ſollte; Gerda aber, die ihre Unentſchloſſenheit ſah, 74 begriff, daß Verſtellung nothwendig ſei, und fügte deshalb hinzu: — Liebe Sigrid, Du weißt ja, wie kindlich ich ihm zugethan war, und Du begreifſt wohl, daß mir ſeine ſpäte Ankunft geſtern verdrießlich war, weil er dadurch verhindert wurde, meiner Hochzeit beizuwoh⸗ Ich wollte ſo gern meinen früheren Lehrer ehen. — Das glaube ich wohl; aber jetzt iſt er wie⸗ der abgereist, denn er muß zu einer Gerichtsver⸗ handlung. Dieſen Morgen um vier Uhr war er oben bei mir, und ſah ſo ſonderbar aus; auch bat er mich, dieſes Schreiben der Frau Gräfin als Ent⸗ ſchuldigung zu übergeben, daß er hätte abreiſen müſſen, ohne die Frau Gräfin zu ſehen; gleich dar⸗ auf reiste er ab. — BGieb es her,— rief Gerda mit unverſtellter Heftigkeit und entriß Sigrid den Brief. Hier deſſen Inhalt: „Auf eine ebenſo grauſame als unverzeihliche Weiſe haben Sie, Frau Gräfin, mit meinem Herzen geſpielt und Ihren Eid gebrochen. Sie wußten, daß ich, das Herz voll freudiger Hoffnungen und Ihrer Treuloſigkeit unkundig, geſtern hier ankom⸗ men würde. Warum mich nicht wenigſtens mit einer Ueberraſchung verſchonen, welche mich getödtet haben würde, wenn Ihre Herzloſigkeit nicht meine Verachtung erregt hätte. Sie hätten ja durch ein paar Zeilen mich von der leichtſinnigen Aenderung Ihrer Wahl in Kenntniß ſetzen können. Diejeni Gerda, welche ich einſt liebte, exiſtirt nicht me Leben Sie wohl, Frau Gräfin! und möge Gott — 75 Ihnen das Böſe, das Sie mir angethan, vergeben; ich kann es nicht.“ Hermann Waldner. Einige Briefe. Wir theilen dem Leſer nachfolgende Auszüge aus einem paar Briefen mit, welche im Jahr nach Gerda's Heirath geſchrieben worden ſind. Graf Ernſt Gratton an Pröfeſſor Gren. Helenefors, 10. Auguſt 18— Mein lieber Gren! Wie herzlich wünſche ich Dir nicht dazu Glück, daß Du endlich das Ziel Deiner Wünſche erreicht haſt, in Deinem Elyſium, in Deinem lieben Deutſch⸗ land die Weiſen der Welt in der Nähe ſchauen zu dürfen. Reiſe, mein Freund, reiſe und vermehre die reichen Schätze Deines Wiſſens. Suche in das Heiligthum der Wiſſenſchaften einzudringen, und ſetze auch Du eines Tages die Welt durch Deine Kennt⸗ niſſe in Erſtaunen; ſchaffe Dir durch Deine Kennt⸗ niſſe und Dein Genie einen glänzenden Namen, aber glaube indeſſen nicht, daß Du dadurch glücklich wirſt. Nein, auf der Erde blüht kein wahrhaſtes Glück!— Ehre, Liebe und Glück ſind bloße Schattenbilder, welche uns nur bethören und, wenn wir ſie feſthal⸗ ten wollen, von dannen fliehen. Das größte Genie wird einſt vergeſſen, die heißeſte Liebe erlöſcht, die reinſte Freude iſt kurz und verſchwindet, ohne eine Spur hinter ſich zurückzulaſſen. Diejenigen, welche das phyſiſche Leben des Men⸗ ſchen ſtudirt haben, müſſen auch beſſer als wir An⸗ deren einſehen, daß es Menſchen gibt, welche während ihrer Wanderung hier auf der Erde immer darnach ſtreben, ein geträumtes Ideal zu erreichen. Während ſie darauf hinarbeiten, daſſelbe zu erringen, berau⸗ ſchen ſie ſich in der Einbildung von der Glückſelig⸗ keit, die ſie erfahren werden, wenn ſie ihre Traum⸗ bilder verwirklicht ſehen werden. Nun gut, ſie erleben bisweilen einen ſolchen Augenblick; aber wie bald müſſen ſie nicht ſich ſelbſt mit Verwunderung fragen: Welchen Weg nahm denn die ſchwin⸗ delnde Glückſeligkeit? Es entſtand eine Leere in der Seele, welche wie⸗ der ausgefüllt werden mußte. Dieſelbe wird durch irgend ein neues Ideal erſetzt, und ſo geht es ins Unendliche, bis der Tod kommt und dieſem thörichten 4 4 Streben, dieſem verfehlten Leben ein Ende macht. Du ſelbſt, lieber Gren, welcher zu dieſen Weſen gehörſt, die nicht exiſtiren können, ohne eine Idee zu haben, von der ihre Einbildung träumen kann, wirſt auch eines Tages das Undankbare dieſes Strebens erfahren. Du wirſt von dieſen Menſchen, für deren Aufklärung Du mit ſo vielem Eifer geſtrebt, ver⸗ kannt werden——— und Du wirſt ſterben, ohne daß ſie es Dir anrechnen, was Du gedacht und ge⸗ than haſt. Deine Belohnung wird vielleicht ein 77 vergängliches Monument auf Deinem Grab und— —— Vergeſſenheit werden. Für das Wohl der Menſchheit zu leben, iſt mei⸗ ſtentheils daſſelbe, uls ſich zum Märtyrer zu machen. Themiſtokles, welcher in der Schlacht bei Salamis Griechenland rettete und deſſen Macht gründete, ſtarb doch als landflüchtig an Ferxes' Hof in Perſien. ſe iſt die Art der Menſchen, Verdienſte zu be⸗ ohnen. Biſt Du noch nicht der Welt müde, ſiehſt Du nicht ein, daß es nicht der Mühe lohnt, ſo viele Anſtrengungen und Aufopferungen, wie Du es ge⸗ than, auf dieſes Leben zu verſchwenden? Die Welt iſt voll von egoiſtiſchen und undankbaren Thoren. Wenn Du noch nicht zu dieſem Reſultate gelangt ſo ſei überzeugt, daß Du einſt dazu gelangen wirſt. Ich bin ganze zehn Jahre jünger als Du und ſehe doch mit einem müden Blick und einem wirk⸗ lichen Eckel auf die lange Reihe von Jahren, die ich noch zu durchleben habe. Du wirſt über eine ſolche Aeußerung von mir verwundert ſein, der ich erſt nur ein Jahr mit einem ſchönen, liebenswürdi⸗ gen und unermeßlich reichen Mädchen verheirathet bin,— daß ich, der ich ſelbſt vermögend bin, eine glänzende Stellung in der Geſellſchaft einnehme und Alles beſitze, um was die Menſchen einander benei⸗ den,— doch ſchon des Lebens müde bin. Willſt Du die Löſung des Räthſels haben, ſo ſiehe ſie hier: Von Kindheit an von einem Tempe⸗ rament, das wenig Gefallen an Zerſtreuungen fand, wuchs ich theils an Deiner Seite auf⸗ theils brachte ich ue Ferien bei meinem Verwandten Baron Helgenſtjerna zu, und betrachtete immer Gerda als meine künftige Frau. An der Univerſität nahm ich, wie Du weißt, wenig an den Vergnügungen der Studenten Theil. Endlich erreichte ich das mündige Alter und be⸗ trat, nach dem Wunſche meines Vaters, aber nicht aus eigener Neigung, die diplomatiſche Laufbahn, denn ich habe nie den Reiz des Ehrgeizes gekannt, es niemals verſtehen können, warum man ſich um Auszeichnungen ſtreite, und nie ein Glück darin ge⸗ funden. Wenn ich aber gleichgültig gegen die Lockun⸗ gen der Ehrſucht war, ſo war ich es nicht gegen die⸗ jenigen der Vergnügungen. Ich wurde nach und nach in jene elenden Zer⸗ ſtreuungen eingeweiht, welchen vorzüglich Jünglinge von meinem Stande ſich hinzugeben pflegen. Ohne mich jenen Sinnengenüſſen zu überlaſſen welche die edelſten Gefühle der Seele tödten uud uns zu Tho⸗ ren herabwürdigen, koſtete ich doch auch genug von dieſem Gift, um Eckel und Verachtung davor zu bekommen. Ein auf dieſe Weiſe zugebrachtes Jahr genügte, um mich dahin zu bringen, daß ich an Allem, was Tugend und Moral heißt, zu zweifeln anfing. So war mein Seelenzuſtand, als plötzlich ein junges Mädchen in dem Hotel des ſchwediſchen Ge⸗ ſandten in London meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zo9 Der Geſandte war mit meiner Tante verheira- 3 thet und das junge Mädchen, welches aus Schweden ankam, war die Tochter eines meiner Onkeln, welcher 79 eben geſtorben war und ſeinem einzigen aie kein Vermögen hinterlaſſen hatte. Sie wurde von ihrer Tante, der Gräfin K—, der Frau des Geſandten, ins Haus aufgenommen. Hilda Sköldburg war dazu geſchaffen, alle Leidenſchaften eines Jünglings zu erwecken. Sie war mit einer blendenden Schönheit begabt, munter, lebhaft und vollkommen zu Hauſe in allen Irrgän⸗ gen der Coquetterie. Schlau, berechnend und intri⸗ guant, hatte ſie es ſich zu ihrer Lebensaufgabe ge⸗ macht, durch eine reiche Partie aus ihrer abhän⸗ gigen Stellung herauszukommen, um Gelegenheit zu bekommen, auf eine glänzende Weiſe diejenige Rolle zu ſpielen, zu welcher ſie ſich durch ihre Geburt für berechtigt hielt. Von ihrer Schönheit bethört, wurde ich ſo für ſie eingenommen, wie man es mit zwanzig Jahren werden kann. Hilda, welche mich von den Plänen meines Vaters mit Gerda ſprechen hörte, beſchloß die Verbindung mit ihr ſelbſt zu einer Ehrenſache u machen, und räumte mir aus Berechnung das 1. ein, was Andere nur in Augenblicken des Entzückens zu geben pflegen. Aber unvermuthet änderte ſie d gleich darauf ihr Benehmen und forderte ihre ge⸗ kränkte Ehre zurück. Sie drohte, der Gräfin K— Alles zu entdecken, wenn ich nicht unverzüglich als ihr Freier aufträte. Ich, welcher wirklich liebte, träumte auch nur vom Glück mit ihr und ſchrieb an meinen Vater, dem ich erklärte, daß ich ſeine Wünſche in Be⸗ iehung auf die Verbindung mit Gerda nicht er⸗ füllen könnte, weil ich Hilda liebte. * 80⁰ Aber bevor Antwort kam, freite ein Lord Eldner Hilda und erhielt— Mein Herz bekam eine Wunde, welche ich dadurch zu heilen ſuchte, daß ich mich in den Wirbel der Vergnügungen ſtürzte. So vergingen zwei Jahre als ich, müde und überſättigt von all den elenden Genüſſen, meine Gedanken einem wirklicheren und wahreren Glück——— der Verbindung mit Gerda, zuwandte. Dieſe war meine letzte Illuſion. Ich ließ mein armes Herz ſich bei dem Gedan⸗ ken an die Quellen eine reine, zärtliche des Glücks auffriſchen, welche und leidenſchaftsloſe Liebe mir an der Seite einer jungen, unſchuldigen und lieben⸗ den Frau bieten wü rde, und ich hofſte dann Erſatz für all die Zeit und geiſtige Kraft, die ich ver⸗ ſchleudert, zu finden. Run gut, mein lieber Gren, wie glaubſt Du, daß mein Traum verwirklicht wurde?. Hier der Glückſeligkeit, enthält: Ich habe ein lieb haſt Du nun eine Schilderung welche mein eheliches Leben enswürdiges und reizendes Kind zur Frau bekommen, ſchön wie die Verſuchung. Ich glaube auch, daß ich ſie hoch, ja grenzenlos lieben könnte; aber doch nicht, wenn ſie ſich zeigt, wie ſie es jetzt thut. Dieſes wilde, muntere Kind, welches ich früher herrſchte, iſt gegen mich gänzlich gefühllos und ſchweigend wie eine Immer paſſiv meine Wünſche er heiter, immer wortkarg, gleicht ſie einem Weſen, das petrificirt worden iſt. Oft, wenn ſie ſich v i unbemerkt glaubt und mit einem einzigen Wort be⸗ Bildſäule. 2 füllend, niemals wild, heftig und etaltir 81 verwandelt ſich ihr Geſicht, ſowie ich kommè, um ihre Gefühle zu theilen; ihr Blick wird dann ſtarr und der Ton kalt.— Neulich ſtand ich hinter einem Thürvorhang ver⸗ borgen, als ſie einen Brief von einer gewiſſen Alva erhielt, die im Hauſe geweſen und Gerda ſehr zu⸗ gethan iſt. Sie bedeckte ihn mit ihren Küſſen, weinte, lachte und tanzte vor Freude. Ich trat unvermuthet ein; ſie blickte mich an wie ein Gefangener ſeinen Gefängnißwärter, und wurde ſofort kalt und unzugänglich. Aber woher kommt das? Liebt ſie einen Andern? Ich fragte ſie darüber; ſie antwortete mir ruhig:„Wen ſollte ich lieben?“ Warum verabſcheut ſie dänn mich? Ich weiß es nicht und kann keine Aufklärung erlangen; ſie antwortete auf alle meine Fragen in Betreff deſſen:„Ich habe keinen Grund, Dich zu haſſen.“ Dieſes unſchuldige, ſo einfach erzogene Mädchen iſt gewiß der Verſtellung fähig trotz irgend einer Coquette. Es bleibt alſo nichts übrig, als mein Leben und meine Lebensmüdigkeit dahinzuſchleppen; ben die Erde wird für mich weder ein eingebil⸗ detes, noch ein wirkliches Glück mehr beſitzen. . Apropos, was jene Alva betrifft,— ſo hat dieſer Name in meiner Seele eine Frinnerung aus jüngern Jahren erweckt. Ich traf einmal ein Kind, welches bettelte und deſſen Mutter ich half. Dieſes Mädchen hatte ungewöhnlich ſchöne, man könnte ſa⸗ gen, magiſch feſſelnde Augen. Das Mädchen hieß auch Alva. Ich vertraute bei meiner Abreiſe von Stockholm ſie und ihre Mutter dem Schutze meiner Tante, der Obriſtin H—, an. Schwartz, Die Schutzloſen. 82 Aber meine Tante ſtarb kurz darauf und ich reiste nach England. Bei meiner Rückkunft nach Schweden ſuchte ich vergebens Erkundigungen über meinen kleinen Schützling und ihre Mutter, die beide ſpurlos verſchwunden waren, einzuziehen. In mei⸗ nem Leben ohne Ziel habe ich gewünſcht, ſie wie⸗ derzuſehen. Denke Dir, wenn jene Alva daſſelbe Mädchen wäre! Aber was dann mehr?— mein Loos iſt ja einmal gefallen. Wie viel glücklicher, wenn ich arm geboren wäre und mit der Dürftigkeit jeden Zoll breit auf der Bahn des Lebens hätte kämpfen müſſen; dann hätte ich noch die ganze Elaſticität meines Geiſtes be⸗ ſeſſen und wäre nicht mit ſechsundzwanzig Jahren ein abgelebter Greis.— Bald, mein lieber Gren, wirſt Du vielleicht auch das Luftbild kennen lernen, welches uns bethört, wenn wir das Glück außer⸗ halb uns ſelber ſuchen. Dein treuer — Ernſt Gratton. Auszug aus einem Brief von Gräfin Gerda an Alva Holm. ———„Nachdem ich Dir nun über unſer häusliches Leben und über unſere Ueberſiedlung nach Stockholm Auskunft gegeben habe und nachdem ich mehr als genug von meiner Freude, Dich wiederzu⸗ ſehen, geſprochen, werde ich auch Etwas von mir ſelbſt ſagen. Bei noch nicht zurückgelegten achtzehn Jahren bin . ich nahe daran, über dieſes langweilige und ein⸗ förmige Leben zu ſterben. An einen Mann gefeſſelt, den ich nicht lieben und auch nicht haſſen kann, weil ſeine Güte das Letztere unmöglich macht, bin ich ſo unglücklich, wie ein Weib es ſein kann. Wäre ich gezwungen geweſen, den Winter auf Helenefors zu bleiben und dort allein das Leben mit meinem Manne dahinzuſchleppen, während er mich immer mit ſeinen Fragen plagt und ich unaufhörlich ſei⸗ nen phlegmatiſch ausgeſprochenen Wunſch, ſich von mir angebetet zu ſehen, anhören muß; dazu von allem dem umgeben, was mich daran erinnert, wie glücklich ich hätte ſein können und wie unglücklich ich durch dieſen Menſchen geworden, welcher mit Ge⸗ walt ſich meine Hand und mein Vermögen erzwun⸗ gen hat— ſo glaube ich beſtimmt, daß ich nicht mehr beim Verſtande wäre. Wie oft habe ich nicht mit Verzweiflung an Her⸗ mann, an meinen gebrochenen Eid, an ſeine Ver⸗ achtung gedacht. Indeſſen liegt eine gewiſſe Wol⸗ uſt in meinen Qualen; denn ſonſt würde dieſe e Langeweile, die uns umgibt, mich vernichtet aben. Ich muß bald fort von hier und nach Stock⸗ olm, um ihn wiederzuſehen und von ſeinen Lippen zu hören, daß er mir verziehen hat; dann bin ich bereit zu ſterben. Das Leben an der Seite des Mannes, deſſen Gattin zu ſein ich verurtheilt bin, iſt gar zu ſchwer. Sprich nicht zu mir davon, daß die Pflicht es ver⸗ langt, daß ich ihn liebe; denn nie werde ich eine ſo unſinnige Pflicht verſtehen lernen. 84 Fragte er denn darnach, was mein Herz fühlte, als er von meinem Vater die Erfüllung eines ge⸗ gebenen Verſprechens forderte? Nein, er nahm mich in Beſitz wie eine Han⸗ delswaare und verlangt obendrein, daß ich ihn lieben ſoll! Ueber meine Handlungen mag er befehlen; aber über mein Herz befehle nur ich,— und das wird nie das ſeinige werden. Ich muß hinaus in das Gewühl der Welt, um Ei ſelbſt und die Feſſel zu vergeſſen, die mich Du ſiehſt aus allem dieſem, wie unglücklich Deine Gerda iſt; komm deßhalb, komm bald, mich zu trö⸗ ſten und zu ſtärken, damit ich mich nicht in all mei⸗ nem Reichthum ſo arm fühlen möge. In unſerem Hauſe in der Königinſtraße hat Ernſt auf mein Verlangen drei Zimmer einrichten laſſen, welche für Deinen Empfang bereit ſein wer⸗ den und in welche Du, Deinem Verſprechen gemäß, bei Deiner Ankunft in Stockholm einziehſt. Du ſiehſt hieraus, daß Alles zu Deinem Empfang in Bereitſchaft iſt; und Du haſt jetzt, wo Dein Ver⸗ wandter geſtorben iſt, nichts, das Dich zurückhalten dürfte c.————————— — Das Wiederſehen In einen kleinen eleganten und comfortabl Salon im Hauſe des Grafen Gratton in der K 85 niginſtraße führen wir den Leſer an einem Novem⸗ ber⸗Abend, und zwar in demſelben Jahre ein, in welchem die oben mitgetheilten Briefe geſchrieben wurden. Auf einem weichen Sopha ſitzt vor einem Divan⸗— tiſch die Gräfin Gerda und blättert in einer Menge Kupferſtiche. In die andere Ecke zurückgelehnt finden wir den Grafen, welcher mit einem eigenen Blick das ſehr hübſche Geſicht ſeiner Frau betrachtet. Weißt Du, woran ich jetzt denke, Gerda?— be⸗ gann der Graf. — Nein,— antwortete Gerda, ohne ihn anzu⸗ ſehen. — Wenn ich, wie jetzt, Deine Schönheit bewun⸗ dere und Künſtler zu ſein wünſche, um Deine Züge der Nachwelt aufzubewahren, frage ich mich zu glei⸗ cher Zeit: warum liebſt Du nicht dieſes reizende Weib? wie kann Dein Herz bei ſo vieler Anmuth gleichgültig bleiben?——— — Und Dein Herz——— fragte Gerda, de⸗ ren Wangen eine höhere Farbe annahmen, was antwortet das? — Daß ich nicht mehr lieben kann. Ernſt betonte letzteres Wort. — Warum ſollteſt Du nicht mehr lieben können? 6— Das klingt vielleicht unglaublich; aber die Wätme meines Herzens iſt jetzt abgekühlt und es iſt vielleicht keine mehr darin vorhunden. Ich kann nicht jene Gefühle empfinden, welche das Blut in Wallung bringen, welche verzehren und beleben und uns zu Idealen im Böſen und im Guten machen, — 86 welche uns beherrſchen und unſer größtes Glück oder größte Plage ſind. Die Fähigkeit ſie zu em⸗ pfinden, muß in meiner Bruſt ausgelöſcht ſein, und nicht wahr, Gerda, mein Leben wird recht leer, weil ich nicht mehr die Gluth der Liebe empfinde oder von dem Feuer derſelben belebt werde. — Ja, das muß gewiß traurig ſein;— und Gerda betrachtete jetzt ihren Mann mit einem ge⸗ wiſſen Intereſſe. Er ſetzte ſich näher zu ihr hin. — Sage mir, Gerda, würdeſt Du es haben wol⸗ len, daß es anders werde, daß ich Dir mit der Gluth einer leidenſchaftlichen Liebe zugethan wäre? ——— O Gerda! ſage ein Wort, daß Du wie⸗ der dieſe Gefühle zum Leben erwecken willſt, welche jetzt im Begriff ſind zu ſterben——— Sage, daß Du es wünſcheſt mich zu Deinen Füßen zu ſehen und Dich mit jenen Flammen zu umgeben, welche Alles erwärmen und beleben. Eruſt ſchlang ſeinen Arm um Gerdas Leib, ſein Blick wurde warm, faſt flammend und der raſche Athemzug verrieth eine heftige Gemüthsbewegung In dieſem Augenblick hatte Gerda ſein Herz und ſeine Liebe in ihren Händen. Von ihrer Ant⸗ wort hing es ab, ob ſie dieſelben für immer beſitzen, oder für immer von ſich entfernen ſollte. Es war eine jener wichtigen Gelegenheiten, welche über künftige Glück von Gatten entſcheiden. Aber Gerde wandte ſich weg von den warmen, faſt bitt Blicken des Grafen, und zog ſich mit einem! Schauer von ihm zurück, indem ſie flüſterte: 87 — Nein, das will ich nicht——— es iſt am beſten ſo wie es iſt. Ernſt ließ ſie los und ſtand auf, ohne ein Wort zu ſagen. Er ging einigemale auf und ab im Sa⸗ lon. Gerda ſaß ſtill und blickte hinunter, denn ſie wagte nicht zu ihm hinaufzublicken. Sie fühlte, daß er durch ihre Antwort tief verletzt worden ſei. Nachdem Ernſt eine Weile auf und abgegangen war, äußerte er im gleichgültigſten Tone von der Welt, als wenn gar nichts vorgefallen wäre: — Ich hätte beinahe vergeſſen, Dir mitzutheil daß Du heute Abend zwei Beſuche bekommſt. Hilda Eldner erwähnte heute, als ich ſie flüchtig ſah, daß ſie beabſichtige, zu Dir zu kommen, und geſtern Mittag bei Präſident D.— traf ich mit Deinem frühe⸗ ren Lehrer Hardisvogt Waldner zuſammen. Gerda fuhr zuſammen und ließ einen Kupfer⸗ ſtich fallen. Ernſt beeilte ſich, denſelben aufzuheben, worauf er hinzufügte: — Ich drückte ihm meine Verwunderung dar⸗ über aus, daß wir ihn nicht bei uns geſehen, und er verſprach heute Abend eine Viſite bei uns abzu⸗ tatten Hier wurde der Graf durch einen Bedienten un⸗ terbrochen, welcher meldete: — Mamſell Holm. Gerda flog vom Sopha auf und eilte der Ein⸗ tretenden mit ihrer ganzen ehemaligen Lebendigkeit entgegen. Sie warf ſich weinend, lachend und ju⸗ belnd um ihren Hals. Ernſt, welcher ſich raſch ge⸗ gen den unerwarteten Gaſt wandte, ſah indeſſen nur 88 eine ſchwarze Kleidung und zwei goldgelockte Köpfe, welche ſich an einander lehnten, ſowie vier Arme, die einander feſt umſchloſſen. Als der erſte Ausbruch von Gerdas Freude ſich gelegt hatte, ließ ſie Alva los und wandte ſich an den Grafen, um ſie ihm vorzuſtellen. Jetzt fiel Ernſt Alva in die Augen und ſie trat einen Schritt zurück; aber ſie hielt augenblicklich inne und grüßte ihn mit einer tiefen Verneigung und einer aufgeregten Miene. Der Graf blickte ſeiner⸗ ſeits dieſes ungewöhnliche und idealiſche Weſen mit em bleichen Geſichte mit unverſtellter Bewunderung an, die mit Verwunderung untermiſcht war, und hieß auf eine artige und freundſchaftliche Weiſe Alva willkommen: Möge es mir geſtattet ſein, Gerdas ſo heiß er⸗ ſehnte Freundin ein herzliches Willkommen zu ihrer Rückkehr zu wünſchen. ch werde für dieſen Empfang des Herrn Grafen mich immer dankbar fühlen,— antwortete Alva mit etwas zitternder Stimme und hob ihre ſchönen Augen zu ihm auf, in welchen ein Ausdruck von— ich weiß nicht was— ſchimmerte. des Bedienten, und vor Gerda ſtand nun Hermann. Gemüthsbewegung frei war, äußerte: nicht früher meine Aufwartung gemacht; aber mein Zeit iſt leider ſo in Anſpruch genommen geweſe — Hardisvogt Waldner!— lautete die Stimme 3 Er war hübſch wie ein Phantaſiebild, aber kalt und ruhig wie die Wirklichkeit. Er verbeugte ſich vor ihr, indem er mit einer Stimme, die von jeder — Entſchuldigen Sie, Frau Gräfin, daß ich 89 daß ich nicht über eine einzige Stunde disponiren konnte. Gerda hob ſcheu ihren Blick zu dem ſeinigen auf, um zu ſehen, ob dieſer dieſelbe kalte Sprache ſpräche wie die Lippen. Aber der Ausdruck darin war auch gleichgültig. Es ging ein Fröſteln durch Gerda's Herz und ihr aufgeregtes Ausſehen wäre gewiß Ernſt nicht entgangen, wenn er nicht ſeine Augen auf Alva ge⸗ richtet gehabt hätte. Hermann wandte ſich jetzt an dieſe letztere, indem er ihr zu der großen Erbſchaft Glück wünſchte. Da⸗ durch wurde die Unterhaltung allgemein und ziem⸗ lich lebhaft. Nur Gerda war ſtill. Die Ankunft der Gräfin Hilda Eldner brachte noch mehr Leben in die Geſellſchaft. Die Stunde, die Hermann dort blieb, verging raſch. Die Gräfin Hilda war entzückt über den jungen, liebenswürdigen Hardisvogt und ergoß ſich in Lob⸗ reden über„den blondlockigen Baldur,“ wie ſie ihn nannte. Aber dieſes Lob war für Gerda wirklich peinlich, beſonders da Hermann der hübſchen Hilda eine faſt ausſchließliche Aufmerkſamkeit widmete. Da wir von Hilda ſprechen, ſo wollen wir im Vorbeigehen einige Worte über ihr Ausſehen ſagen: Sie war klein von Wuchs und ſtark brünett, mit einem Paar feurigen, ſchwarzen Augen, welche zu ſagen ſchienen, daß ſie niemals weder vergeſſen noch verzeihen könnten. Dieſe Augen waren ſchmachtend wie eine Nacht in Italien, wild wie diejenigen einer Tigerin, leidenſchaftlich wie die einer Spanie⸗ rin, kurz, ſie gaben alle die Gefühle wieder, welche 90. Hilda ſelbſt wollte, daß ſie wiederſpiegeln ſollten. Die Geſichtszüge waren übrigens regelmäßig, aber von der Form des Kopfes hätte ein Phrenolog ſagen können, daß er viel zu breit und zu kurz ſei, Etwas, das auf einen ſehr ſchlauen und egoiſtiſchen Charak⸗ ter, aber auf keine Herzensgüte deutet.— Ihre Haut war dunkel, und erinnerte an das gemiſchte Blut der Creolin. Die Gräfin Hilda war ſeit einem Jahre Wittwe nach Lord Eldners Tod aber nur Beſitzerin von einem mäßigen Vermögen, weil der eigentliche Reichthum des Barons in einem Fideicommiß beſtanden hatte, welcher wegen ihrer kinderloſen Ehe auf ſeinen Bru⸗ der übergegangen war. Es verging einige Zeit, während welcher Alva auf Gerdas Gefühl einzuwirken ſuchte; aber obgleich ſie, die in demſelben Hauſe wohnte und täglich mit Gerda zuſammen war, Etwas hätte ausrichten müſ⸗ ſen, ſo ſcheiterten doch alle ihre Bemühungen an der entſchiedenen Antipathie der jungen Grafin ge⸗ gen den Grafen und an ihrem eigenſinnigen Ver⸗ harren auf ihrer Liebe zu Hermann. Indeſſen verging eine Woche nach der anderen, ohne daß Waldner ſich wieder bei der gräflich Grat⸗ ton'ſchen Familie zeigte, und das trotzddem, daß ſo⸗ wohl der Graf als die Gräfin ihn mehrmals einge⸗ laden hatten. In ſolchen Fällen war er immer vor⸗ her engagirt ꝛc. Gerda ſah daraus, daß er nicht in ihre Rähe „ 91 kommen wollte; aber weit entfernt, ihr Selbſtgefühl zu verletzen, goß dieſer Widerſtand nur Oek ins Feuer. So war ein Monat dahingeſchwunden. Der Baron, welcher das Parterre in Graf Grat⸗ tons Haus bewohnte, war täglich mit Alva zuſam⸗ men und erwies ihr eine ſo warme und fleißige Aufmerkſamkeit, daß es Allen in die Augen fiel. Die jetzt reiche, hübſche und liebenswürdige Mamſell Holm wurde von einer Menge armer Edelleute umringt, welche mit gierigen Blicken die reiche Erbin betrachteten und ihr ihre Huldigungen darbrachten. An einem Abend vor Weihnachten finden wir Gerda, Alva und die Gräfin Hilda in einer Loge erſten Rangs im Opernhauſe zuſammen. Man gab Kabale und Liebe von Schiller. Der erſte Act war zu Ende. Jeder ſuchte mit ſeinem Opernglas nach einem Bekannten; ſo auch Gerda; und ſie fuhr plötzlich zuſammen, denn im Amphitheater ſtand Hermann und ſprach mit einem jungen hübſchen Mädchen. Gerda wollte ihren Blick von ihm wegwenden, konnte aber nicht. Schließlich erhob Hermann ſeine Augen nach der erſten Loge und grüßte ſie, aber mit einer kalten, höflichen und nichtsſagenden Miene. Her⸗ mann fuhr fort, lebhaft mit ſeiner Dame zu con⸗ verſiren. Ohne Acht darauf zu geben, obſervirte 2 Alva ſowohl Hermanns Gleichgültigkeit, als Gerda's tumme Verzweiflung. Sie hoffte in ihrem Herzen, daß ſie ſchließlich, nach ſo vieler gegen ſie an den Tag gelegten Kälte, aufhören würde, ihn zu lieben. 92 Aber wie wenig kannte Alva das Menſchenherz, da ſie nicht in Betracht zog, daß Widerſtand reizt. Als der zweite Act zu Ende war, verſchwand Hermann, und Gerda wartete vergebens, ihn wieder zu Geſicht zu bekommen. — Er erträgt nicht einmal meinen Anblick,— dachte Gerda, und die Thränen rannen ihr unwill⸗ kürlich über die Wongen.. — Sieh mal die kleine Unſchuld vom Lande, die im Theater weint— ſcherzte die Gräfin Hilda. Beim Beginn des dritten Acts traten auch der Baron und der Graf in die Loge. — Was hält Mamſell Holm von Schillers „Liebe“. — Sie iſt ein der Phantaſie eines ausgezeich⸗ neten Dichters entſprungenes Ideal,— antwortete Alva und ſtand auf. — Sie glauben alſo, daß ſich in der Wirklich⸗ keit kein Gegenſtück dazu findet. — Nein, wenigſtens nicht bei dem Manne. — Woher weiß Alva das?— fragte der Graf. Sein Blick und Ton hatten einen Ausdruck, welcher Alva erröthen machte und ein bitteres Gefühl in ihr hervorrief. Darum, weil der Mann im Allgemeinen mehr Egoiſt iſt;.... er opfert ſich ſelbſt Alles, Andern nichts,— antwortete Alva feſt in kal⸗ tem Tone und wandte ſich vom Grafen weg; dieſer beugte ſich aber noch tiefer zu ihr herab und flir ſterte: Eeines Tages werden Sie dieſe Worte zu⸗ 4 —— — —— 93 rücknehmen, Alva.— Dann ſtand er auf und wandte ſeine Aufmerkſamkeit der Bühne zu. Beim Hinausgehen bot er ſeiner Frau den rech⸗ ten und Alva den linken Arm. Der Baron begleitete die Gräfin Hilda. Einige Tage darauf trat Gerda in Alva's Zimmer. — Heute Abend ſehen wir einige Freunde bei uns, und erräthſt Du, wer unter Andern kommt? Gerda lächelte wehmüthig. — Hermann, ſchließe ich aus dem Zittern Dei⸗ ner Stimme. — Papa hat ihn halb mit Gewalt gezwungen, ſein Verſprechen zu geben. — Und Du hatteſt wohl den Baron darum ge⸗ beten7 — Ja, Alva, ja, ich muß ihn ſehen, wenn Du nicht willſt, daß ich ſterben ſoll,— rief Gerda und warf ſich in ein Sopha, wobei ſie das Taſchentuch an ihr glühendes Geſicht führte. — An Deiner Stelle ſtürbe ich lieber, als daß ich mir eine ſolche Schwäche hätte zu Schulden kommen laſſen, eine. — Still, Alva, ich bin nicht aufgelegt, Moral zu hören. Ich bin ſelbſt für meine Handlungen verantwortlich. 5 — Theile ſie dann nicht mir mit; denn ſo lange Du davon ſprichſt, muß ich ſie mißbilligen. — Zetzt biſt Du mir böſe. — Nein, Gerda; aber ich leide, wenn ich ſehe, daß Du Deine Pflichten ſo ſchlecht und verkehrt auf⸗ 94 faſſeſt, daß Du ſo ganz und gar Deinen Mann ver⸗ giſſeſt, der es indeſſen verdiente, daß Du einige Rückſicht auf ihn nähmeſt, und daß Du ſo unauf⸗ haltſam auf einer Bahn dahinſtürzeſt, die früher oder ſpäter zu Deinem Verderben führen wird. Das Eintreten der Gräfin Hilda unterbrach das Geſpräch. Die Salons im Gratton'ſchen Hauſe waren reich erleuchtet; eine kleine auserwählte Geſellſchaft war dort verſammelt. Indeſſen fehlten noch Hermann und der Baron. Gerda glich der verkörperten Un⸗ ruhe; Profeſſor Gren, welcher neulich von ſeiner Reiſe ins Ausland zurückgekehrt war, leitete beſonders die Unterhaltung. — Nun, mein lieber Gren, biſt Du noch immer ein ſo eifriger Phrenolog?— fragte Graf Ernſt. — Ein Phrenolog iſt ja eine Art Wahr⸗ ſager!— ſagte eines der Fräulein Gratton ſcherzend. — Wenn Sie ſo wollen, meine Gnädige,— antwortete Gren mit einem eigenen Lächeln;— und um Ernſt zu antworten, muß ich offen geſtehen, daß ich wo möglich ein noch eifrigerer Phrenolog bin, als bevor ich abreiste. — Es ſoll eine intereſſante Wiſſenſchaft ſein; ich hörte viel davon ſprechen, während ich mich in Nordamerika aufhielt,— ſiel Alva ein. — Nun, Herr Hexenmeiſter,— rief die jüngſte Schweſter von Ernſt, Fräulein Selma, der Liebling des Profeſſors von der Zeit, wo er ſich als Lehrer im Gratton'ſchen Hauſe aufgehalten,— ſagen Sie uns jetzt Etwas von unſeren Köpfen. Hier haben 95 7 ſie ihren kleinen, hübſchen Kopf hinſtreckte. — Daß Du eine Närrin biſt, das weiß Gren ſchon ſeit lange, und alſo iſt Selma nicht die wich⸗ tige Perſon, woran er ſeine Kunſt erproben kann,— meinte Ernſt;— ſondern er muß Jemanden neh⸗ men, den er nicht kennt. Mamſell Holm z. B., wenn Sie erlauben?— fügte der Graf ſich an Alva wendend hinzu. — Unendlich gern,— antwortete Alva und ſetzte ſich neben den Profeſſor. Gren betrachtete ihren Kopf mit einem aufmerk⸗ ſamen Blick und ſtrich zu gleicher Zeit mit ſeiner Hand über denſelben hin. — Die Hauptzüge in Manſell Holms Charak⸗ ter,— ſagte er,— ſind: ein überwiegendes Wohl⸗ wollen, großer Idealiſationsfinn in Ver⸗ bindung mit einem guten Verſtand, viele Selbſt⸗ beherrſchung, Feſtigkeit und Rechtſchaf⸗ fenheit. Ihre größten Mängel ſind: Mangel an allem Egoismus und zu wenig Habſucht. Sie beſitzt alſo einen erhabenen und feſten moraliſchen Charakter, der bis zur Selbſt⸗ verläugnung von allem Egoismus frei iſt. — Aber, Herr Profeſſor, Sie ſchildern ja Mam⸗ ſel boln als eine Vollkommenheit,— rief Gräfin ilda. — Waos ſoll ich thun? ich ſchildere nur nach der Ratur; fragen Sie Diejenigen, welche Mamſell Alva kennen, ob mein Portrait wahr iſt,— antwortete der Profeſſor mit einem gutmüthigen Lächeln. — Jedes Wort iſt wahr,— riefen zu Sie den meinigen, um damit zu beginnen;— worauf 96 Zeit Gerda und der Baron, welcher eben eingetre⸗ ten war. — Nun, Frau Gräfin, was ſagen Sie jetzt?— fragte Gren. — Daß ich meinen Kopf Ihrer Unterſuchung nie ausſetzen werde. — und darin handeln Sie klug, denn Sie müſſen von Natur die Freundin der Phrenologie ſein,— flüſterte der Profeſſor und heftete ſeine Augen auf ihren niedrigen und breiten Schädel. Jetzt trat Hermann ein. Er grüßte Gerda, aber nur mit der kalten Höflichkeit, welche man einer fremden Perſon erweiſt. Nachdem er ihr ſoviel Aufmerkſamkeit gewidmet, wie der Anſtand verlangt, zog er ſich zurück und wandte ſich an Alva, mit welcher er faſt ununterbrochen converſirte. Man muſicirte; Gerda ſang mit einer Stimme, die klar und rein wie die der Nachtigall und gefühl⸗ voll wie die Seufzer eines Italieners war. Als ſie zu Ende war, machte man ihr wegen ihres Geſanges Complimente. Auch Hermann nä⸗ herte ſich, um einige Worte zu ſagen. Gerda ließ in demſelben Augenblick ihr Taſchentuch fallen und er bückte ſich, um es aufzuheben. Unter dem⸗ ſelben lag auf dem Fußboden ein kleines Billet. — Nehme es,— flüſterte Gerda. Hermann kam der Aufforderung nach; als er ſich aber wieder erhob und ihre Blicke ſich begegneten, ſpiegelte ſich in den ſeinigen eine offenbare Unzufriedenheit ab. — Hat Gerda nicht eine ausgezeichnet ſchö Stimme?— fragte Graf Ernſt Alva und nah Platz bei ihr am Fenſter. . 97 — Ja, das hat ſie gewiß; die Stimme iſt mei⸗ ſtentheils ein Ausdruck der menſchlichen Gefühle. — Daran zweifle ich——— Gerdas Stimme iſt der Ton aus einem Inſtrumente, das die Natur geſchaffen——— Ihre Gefühle haben nichts da⸗ mit zu thun. — Der Herr Graf ſcheint nicht all den Reich⸗ thum zu kennen, welchen Gerdas Herz birgt. — Nein, ich habe wahrlich nichts davon be⸗ merkt,— antwortete Ernſt mit einer gewiſſen Bit⸗ terkeit.— Und übrigens kommt es mir vor, als wenn ich denſelben überall, wo ich mich hinwende, vermiſſe. Die Menſchen ſind kalt und egviſtiſch. — Meint der Herr Graf das? — Davon bin ich vollkommen überzeugt; denn in dieſem Lichte ſind ſie mir erſchienen. Er betrachtete Alva mit einem eigenen Blick. — Zu einer ſolchen Ueberzeugung kann nur der⸗ ienige gelangen, dem es ſelbſt an Gefühlen gebricht. — Mag ſein, denn die meinigen ſind wirklich im Begriff auszuſterben. Wenigſtens glaubte ich es vor einiger Zeit. — Bevor der Herr Graf verheirathet wurde.— — Nein, ein Jahr darauf——— Jetzt habe ich indeſſen angefangen, bisweilen daran zu zwei⸗ feln, daß ſie dem Abſterben ſo nahe ſind.——— Die Augen des Grafen und Alvas begegneten ſich. Die ſeinigen hatten wieder denſelben druck wie im Theater, was Alva tiefs rröt machte. Sie entfernte ſich und dachte in demſe Angenblick: 3 64 — Er iſt nicht beſſer, als die anderen von Schwartz, Die Shutzloſen. 75 95 ner Art; und doch, wie edelmüthig hat er ſich ge⸗ gen mich erwieſen——— 5 — Auch ſie hat ein Marmorherz, und doch liegt eine ganze Welt von Gefühlen in dieſen unwider⸗ ſtehlichen ſchwarzen Augen. Ich muß wiſſen, ob es ſie iſt, ob es daſſelbe Kind iſt——— dachte Graf Ernſt und blickte hinaus in die dunkle Nacht. Der Baron und Grafin Hilda unterhielten ſich im Cabinet. — Es iſt vergebens, daß ſie mich zu täuſchen ſuchen. Dieſe Alva hat einen tiefen Eindruck auf Sie gemacht, was Sie das vergeſſen macht, wofür ich ein Recht habe von Ihnen Rechenſchaft zu fordern. — Für was, Hilda?——— Für unſere kleine Intrigue letzten Sommer in Paris——— Die gibt Ihnen, ſollte ich meinen, kein Recht über mich,— antwortete der Baron ſtolz. — So— o! glauben Sie das, Mar; aber ver⸗ geſſen Sie, daß ich Ihren Bitten erſt nachgab, nach⸗ dem ich das Verſprechen von Ihnen erhalten hatte, daß Sie, bei unſerer Rückkehr nach Schweden, mein. Gewiſſen dadurch beruhigen wollten, daß——— — ich Sie zu meiner Frau machte? Wie können doch Sie, welche einer Claſſe angehört, die über die Vorurtheile der Spießbürger erhaben iſt, ſo plebeijiſch raiſonniren——— Sie eine Dame von altem Adel——— Welcher Vor⸗ theil wäre es denn, dem Adel anzugehören, we derſelbe uns nicht das Recht gäbe, nach Bel unſeren Phantaſieen zu folgen——— La die Bürger und den Pöbel ihre veralteten B ——— ————————————— 99 von Sittlichkeit behalten; die mögen dieſelben als einen Troſt oder als eine Plage haben— gleich viel. Von ihnen muß man eine unbefleckte Tugend for⸗ dern, weil ſie ſonſt Uns gleichen würden. Unter das Joch der Vorurtheile niedergedrückt, werden ſie uns willig gehorchen——— Wir unſererſeits, welche einer Kaſte angehören, die über die Menge erhaben iſt, wir bräuchen nicht die Controle des Volks, nicht ſeinen Tadel und ſein Lob; denn wir ſind nicht von ihm abhängig. Darum, ſchöne Hilda, können Sie ſich Freiheiten erlauben, welche die Frau eines Bürgers entehren würden, die aber bei Ihnen nur Einfälle ſind, welchen Sie nach Ge⸗ fallen folgen können. — In alle dem da können Sie Recht haben; aber ich habe meine Gründe, anders zu denken. So, Mar, verlange ich von Ihnen als Edelmann, daß Sie Ihr Wort halten. — Begreifen Sie nicht, Hilda, daß das Wort eines Edelmanns, zwiſchen uns geſagt, weniger werth iſt, als das eines andern Mannes, wenn es im Rauſche des Entzückens über die Reize eines Weibes dieſem gegeben wird; und dieſes muß ſich in Acht neh⸗ men, daran zu glauben. Was er in einem Schlaf⸗ zimmer verſprochen, hält er ſelten im Salon.. — Ich will indeſſen, daß Sie es jetzt thun Verſtehen Sie, ich fordere es,— äußerte Hilda heftig. 5 — Das iſt ja eine Komödie. Sie lärmen ja wie eine verführte Unſchuld vom Lande. Glauben Sie mir, wir paſſen nicht für die Rollen einer ſo ſimpeln Komödie, wie die, welche mit einer ſchließt. Ich kann mir auf Ehre nichts Lächerlicheres denken, und ich kann Sie verſichern, daß es nie meine Abſicht war, ein ſolches Verſprechen zu er⸗ füllen, wenn ich es auch in der Aufregung gegeben. Bedenken Sie nur, wenn alle Weiber, denen ich ähnliche Verſicherungen gegeben, keimei und verlangten, daß dieſelben erfüllt werden.... Ich bekäme dann, bei Gott, viel zu viele Frauen. — Aber ich gehöre nicht zu dieſem Dutzend Wei⸗ bern, die Sie nach Belieben betrügen können, ich einen Namen, welcher... Sie beſchützt und in deſſen Schatten Sie thun nnen, was Ihnen beliebt; aber laßt uns ſchließen. — Sie ſagen mir alſo gerade heraus, daß ich nicht Ihre Frau werde? — Nun, mein Gott, ja!.. Das iſt ja das, womit ich uns beide eine ganze Stunde geplagt habe, es Ihnen klar zu machen,— antwortete der Baron mit einem kalten Lächeln und einem Achſel⸗ zucken. — Wohlan denn, Max Helgenſtierna, Sie ſollen es bereuen.. Ich werde mich eines Tages rächen, — bemerkte die Gräfin und erhob ſich mit blitzen⸗ den Augen vom Sopha. — Dank, meine hübſche Feindin, ich werde mich ergeben Ihrem Haß unterwerfen und Ihnen doch immer als einem der ſchönſten Frauenzimmer, die ich gekannt, meine Huldigung darbringen. — Noch ein Wort: gedenkt Baron Hageienn vee zu ſere Gattin zu machen? ——— — 101 — Spaſſen Sie, Frau Gräfin, oder glauben Sie, daß ich toll geworden bin? — Was weiß ich. alſo zu Ihrer Maitreſſe? — Was weiß ich,— antwortete der Baron, indem er die Worte der Gräfin wiederholte. Da wir von dem Baron ſprechen, ſo dürfte es nicht unpaſſend ſein, einige Worte über ſein Aeußeres zu ſagen. Du erwarteſt vielleicht, lieber Leſer, daß ich Dir einen zweiten Björn Ulftand vorzuführen ge⸗ denke7 Keineswegs... Wenn auch Baron Helgen⸗ ſtierna ſeinem inneren Werthe nach nicht beſſer als Erſterer war, ſo kann ich Dich doch verſichern, daß ſein Aeußeres unvergleichlich chevaleresker war. Der Baron war ein Mann von nur einigen und vierzig Jahren mit kiner ſtattlichen Figur und ditto Haltung. Sein Haar war dunkel, ſeine Stirne frei⸗ lich etwas niedrig; aber dieß iſt ein Fehler, der oft bei ſeiner Kaſte anzutreffen iſt; die Augen waren dunkel, düſter und unerklärlich, obgleich man ſolche intereſſant nennt. Der Mund hatte einen harten Ausdruck,— einen nobeln, würde man ſagen kön⸗ nen; aber ohne zu denjenigen zu gehören, welche den Adel in Schutz nehmen wollen, kann ich doch ver⸗ ſichern, daß unſer Baron das Ausſehen und die Ma⸗ nieren eines wirklichen Edelmanns hatte und daß ihn mit Grund eher hübſch als häßlich nennen onnte. 102 Bwei Rinder. Am Abend nach dem oben beſchriebenen führten zwei Kinder, die im Thorwege des Grafen Gratton ſtanden, folgendes Geſpräch: — Nun, Conrad, haſt Du einige Pfennige ſammeln können?— fragte ein Mädchen von ungefähr fünfzehn Jahren einen kleinen in Lumpen gehüllten Jungen, der im Thorwege ſtand und fror. — RNein, Malla, ich habe den ganzen Tag nicht mehr als zwölf Schillinge zuſammenbringen können, und die verſpielte ich auf dem Kronenweg an die rothe Jane,— antwortete der Junge weinend. — Und Du haſt nichts auf dem Markte erwi⸗ ſchen können? — Ja, etwas Kuchen und Aepfel, aber die habe ich gegeſſen; außerdem war ich nahe daran, von einem Polizeidiener ergriffen zu werden, als ich an einen Birkhahn Hand legen wollte, aber ich war raſcher auf den Beinen als er. — Was das alte Weib heute Abend böſe wer⸗ den und Dich ſchlagen wird. — Sie iſt der Teufel ſelbſt; aber warte, ich werde doch wohl groß, und dann ſoll ſie ihre Be⸗ zahlung bekommen; ich werde ſie dann in meiner Tour durchpeitſchen. Jetzt gehe ich nicht nach Hauſe, — antwortete der Junge. — Warte, Conrad, ich gehe jetzt hinauf und tanze auf dem Theater und vielleicht treffe ich dort irgend einen Herrn, der mir ein Paar Zwölfſchil⸗ lingsſtücke gibt, dann ſollſt Du die Hälfte davon — — 103 ſn Du mußt wiſſen, daß ich hübſch bin, ich. 3 12 — Nun ja, wir werden ſehen, ich kauere ſo lange hinter dem Thore nieder und warte auf Dich. Die Kinder lenkten ihre Schritte nach dem Strome und gingen hinein über die Pferdetreppe. Als ſie dort anlangten, bemerkte das Mädchen: — Ich bin ſo hungrig, daß es mir im Magen brennt. Arme Malla,— antwortete der kleine Junge. — Der Teufel iſt arm, aber ich nicht,— fuhr das Mädchen ihn an und ſprang davon. Auf dem Theater finden wir ſie wieder geſchminkt und ausgeputzt unter den Figurantinnen. Baron Helgenſtjerna und der ältere Graf Grat⸗ ton ſtanden zwiſchen den Couliſſen, und betrachteten durch ihre Operngläſer dieſe armen Geſchöpfe. Die kleine Malla fror es und ſie zitterte, blickte aber den beiden Herren ohne Verlegenheit gerade ins Geſicht. Sie hatte jenes pikante Ausſehen, welches an die Kinder des Südens erinnert: dunkeles Haar, ſchwarze Augen, ſchwellende Lippen und etwas bräun⸗ liche Haut. Der Körper war zwar mager, aber die Hände und Füße klein und wohl geformt. — Was ſagſt Du von dem kleinen Mädchen dort mit den ſchwarzen Augen?— fragte Graf Gratton. — Sie iſt nicht übel,— antwortete der Baron. — Sie ſieht der Agnes, die Du mit Dir von Frankreich brachteſt, ſehr ähnſich. — Meinſt Du das? Der Baron wandte mit einem leichten Zucken der Augenbrauen ſeine Augen vom Mädchen weg. — Laßt uns hingehen und mit ihr ſprechen. Mir gefällt ſie, und ich werde vielleicht Etwas thun, um ihr in der Welt fortzuhelfen. — Thue es; ich kümmere mich nicht um das Kind; ſie iſt nicht nach meinem Geſchmack. Gute Nacht, und Glück zu,— ſagte der Baron und ent⸗ fernte ſich. Er lenkte ſeine Schritte nach der Pferdetreppe und begegnete, als er in der Nähe des Thores an⸗ langte, dem kleinen Conrad, welcher die Hand gegen ihn ausſtreckte und ſagte: — Einen Pfennig, lieber, guter Herr, einen Pfennig. — Was machſt Du hier, Junge?— brüllte der Baron. — Ich warte auf Malla, die da oben tanzt——— Guter, lieber Herr, geben Sie mir einen Pfennig, mein Vater iſt todt und ich habe nichts zu eſſen,— ſtammelte Conrad in wimmerndem Tone und ſprang dem Baron nach, der ſeinen Weg fort⸗ ſetzte, ohne ſich weiter um das Betteln des Jungen zu kümmern. Als er an ſeinem Thoreingang an⸗ langte, drehte er ſich um und ſagte: — Fort, Du kleine Canaille, und wage Dich nicht hier herein;— darauf b er drohend ſeinen Stock gegen den Jungen. — Aber einen Pfunig gnädiger Herr,— wie⸗ derholte Conrad. 6— Ich glaube, Du bettelſt, Du kleiner Sa an es in demſelben Augenblic von einer groben v men wird,— dachte Gerda;— er kann mich — 10⁵ und widerlichen Männerſtimme hinter dem Jungen, und eine ſtarke Hand faßte ihn bei der Schulter.— Jetzt habe ich Dich feſt und Du ſollſt mir nicht davon ſpringen, wie Du es dieſen Morgen thateſt, als Du den Birkhahn ſtahlſt, Du diebiſcher Burſche. Marſch, ins Loch!— Und damit ſchleppte er den Jun⸗ gen fort. Eine Stunde darauf fuhr der alte Graf Gratton vom Opernhauſe fort und nahm ſeinen Weg nach der Stadt. Vor der Wohnung eines übelberüchtig⸗ ten Frauenzimmers ließ er halten und ſtieg dann, von der kleinen Malla begleitet, aus. Beide gingen in das Haus hinein. Bald darauf kam der Graf wieder allein heraus und fuhr nach Hauſe. Später finden wir Malla wieder; aber wo und wie Eine Demüthigung. An demſelben Abend, an welchem obengenanntes kleine Abenteuer ſtattfand, ſaß Gerda einſam in ihrem Salon. Graf Ernſt war zu Mittag bei dem engliſchen Geſandten. Alva war ausgefahren, um ſich mit ihrem Geſchäftsführer zu berathen. Auf Gerda's Geſicht las man Unruhe, Erwar⸗ tung und Angſt. Alle Qualen der Ungewißheit ſtanden mit deutlichen Zügen darauf geſchrieben. Es iſt nicht anders möglich, als daß er kom⸗ ſo tief beleidigen. Aber wenn er nicht käme.. wenn er mich dergeſtalt verachtete, daß?... Nein, nein, er kommt beſtimmt, obgleich er verhin⸗ dert worden iſt und deshalb ausbleibt——— So kreuzten ſich die Gedanken in dem aufgereg⸗ ten Geiſte der jungen Gräfin. Die eine Viertel— halbe und endlich ganze Stunde verlief nach der andern, ohne daß Jemand kam. Die Uhr ſchlug achte. Gerda weinte vor Schmerz und gekränktem Stolze. Aber jetzt trat der Bediente ein, welcher auf einem ſilbernen Präſentirteller Gerda ein kleines Billet überreichte, das ſie gleichgültig in Empfang nahm. Als ſie ſich wieder allein befand, warf ſie die Augen auf die Aufſchrift, ihre Wangen nahmen eine höhere Farbe an und die Hand zitterte; denn das Billet war von Hermann. Gerda riß es heftig auf. Aus dem Briefe fiel ein Papier auf den Boden. Von Gemüthsbewegung faſt erſtickt, las ſie folgende Worte: „Frau Gräfin! „Durch einen Irrthum oder Zufall verloren Sie geſtern Abend das beiliegende Billet, welches ich Ihnen jetzt zurückſtelle. Daß es niemals für mich beſtimmt ſein konnte, dürfte die Gräfin Gratton bei näherem Nachdenken leicht einſehen. Habe die Ehre zu zeichnen hermann Waldner. Das von u zurückgeſchickte Billet lautet folgendermaßen: „Gerda fleht Hermann um eine Stunde Unte redung WorgensRachmittag um ſechs uhr, wo ſie — e —— 107 allein zu Hauſe anzutreffen iſt. Sie ſteht darum im Namen der frühern Liebe Hermanns.“ Kaum war ſie mit dem Durchleſen des Briefes zu Ende, als die Salonthüre aufging und Graf Ernſt eintrat. Gerda hatte in ihrem aufgeregten Zuſtande nicht bemerkt, daß das Billet auf dem Bodenteppich liegen geblieben war. Beim Eintritt ihres Mannes beeilte ſie ſich Hermanns Brief zu verſtecken; ver⸗ gaß aber ganz und gar denjenigen, der auf dem Fuß⸗ boden lag. Der Graf, deſſen Blicken das aufgeregte Aus⸗ ſehen Gerda's nicht entgangen war, ſah ſich forſchend im Zimmer um und blickte ſchließlich wieder ſeine Frau an. — Guten Abend, Gerda! Ich glaubte, daß Du dieſen Mittag beabſichtigeſt mit Deinem Vater ins Theater zu gehen. — Ich wollte ausgehen, änderte aber meinen Plan,— antwortete Gerda in gereiztem Tone. — Du ſiehſt ſo aufgeregt aus——— was ſehlt Dir?—iſt Etwas paſſirt?——— wo iſt Alva? — Deine ſpionirenden Fragen ſind unerträglich. Darf ich denn nicht aufgeregt oder verdrießlich ſein, wenn es mir einfällt, ohne daß ich Dir zu beichten brauche? Und darf vielleicht Alva nicht ausfahren, wenn ſie will?7 Gerda fand eine Linderung in ihrem Schmerz dadurch, daß ſie gegen ihren Mann in Zorn aus⸗ brach. — Ich laſſe mich nie dazu herab, zu ſpioniren, Gerda; aber als Dein Mann habe ich doch wohl 108 das Recht, eine Frage an Dich zu richten. Du willſt mir kein Vertrauen ſchenken, laß uns deshalb nicht mehr davon ſprechen,— äußerte Ernſt ruhig. Aber in demſelben Augenblick, wo er ſich ſetzen wollte, fielen ſeine Augen auf Gerda's Billet, welches er aufhob. Gerda erbleichte und zitternd ſtreckte ſie die Hand darnach aus, um es dem Manne abzu⸗ nehmen. Der Graf der ihren Schreck und das heftige Zit⸗ tern wahrnahm, das durch ihren Körper lief, als er den Brief aufhob, zog die Hand, worin er ihn hielt zurück, richtete einen ernſten Blick auf ſeine Frau und äußerte in kaltem Tone: — Nicht ſo eilig! — Aber dieſer Brief gehört mir, und ich will nicht, daß Du ihn leſeſt,— rief Gerda heftig. — Du irrſt Dich!——— eine Frau hat keine Geheimniſſe vor ihrem Manne. Ernſt's Geſicht trug das Gepräge der Strenge. Er näherte ſich dem Tiſch, auf welchem eine Lampe brannte. Gerda ſank vernichtet in einen Lehnſeſſel zurück. Langſam, faſt unſchlüſſig faltete der Graf den kleinen Brief auseinander. Ein Todesfröſteln ging durch Gerda's Körper; aber bevor Ernſt einen Blick auf den Inhalt warf, wandte er ſich an ſeine Frau und ſagte: — Obgleich zwiſchen uns nicht diejenige Zärt⸗ lichkeit und das Vertrauen obwalten, welche das Glück der Ehe ausmachen, ſo gibt es doch eine Sache, die ich von dem Ehrgefühl meiner Gattin fordere, un die ich nie verzeihen würde, falls ſie dieſelbe ver äußerte 109 gäße——— das iſt: die Achtung vor mei⸗ nem Namen; dieſem Namen, welcher bisher nur von ehrenhaften Weibern getragen wurde; denn Du wirſt vergebens in meiner Familie nach einem ein⸗ zigen ſuchen, der den Namen Gratton trug und das Betragen einer Hetäre ſich zu Schulden kommen ließ,— und ich würde gegen Sie, meine Gnädige, unerbittlich ſein, wenn Sie die Erſte wären, welche durch Ihren Leichtſinn die Ehre meiner Familie brandmarken wollten. — Ernſt, was Du auch glauben magſt, daß dieſes Billet enthalte, ſo zeige Dich edelmüthig und gebe mir es wieder zurück; ich werde Dir immer dafür in meinem Herzen dankbar ſein,— flehte Gerda mit einem ſo demüthig bittenden Blick, daß Ernſt ſich durch ihre Worte gerührt fühlte. — Schwöre mir, daß es nicht von einem Manne geſchrieben iſt,— ſagte Ernſt und näherte ſich ihr. — Ich ſchwöre es bei Gott,— verſicherte Gerda. — Mag es dann ſein,— und mit dieſen Wor⸗ ten, hielt der Graf das Billet, ohne ein Auge darauf zu werfen, an das Lampenlicht, welches daſſelbe ver⸗ zehrte. Ein edler Stolz ruhte über dem Geſichte und ſprach aus der Stimme des Grafen, als er — Ich habe Deinem Wunſche entſprochen! Haſt Du meinen Edelmuth mißbraucht, ſo wird der Feh⸗ ler der Deinige ſein——— und Gott wird zwiſchen uns richten;——— aber erinnere Dich wohl, daß eine ſolche Handlung nicht erneuert wer⸗ den darf. Und, Gerda, bitte zu Gott, daß ich nicht dahin gelange, an Dir zu,zweifeln! 110 — Dank, Ernſt, Dank,— mehr vermochte Gerda nicht zu ſagen; ſie ergriff die Hand ihres Mannes und führte dieſelbe mit tiefer Rührung an ihre Lippen, während häufige Thränen ihr Geſicht feuchteten. In dieſem Augenblick ſprachen Gerda's beſſere Gefühle und ſie machte in der Tiefe ihres Herzens das Gelübde, niemals ihrem Manne Anlaß zu geben, ſeinen Edelmuth zu bereuen,——— Harald zu vergeſſen und ihr Leben ganz und gar ihren Pflich⸗ ten als Gattin zu widmen. All dieſes nahm Gerda ſich vor, und all dieſes wollte ſie wirklich; aber ein ausgezeichneter Ver⸗ faſſer hat geſagt:„In dem Vorſatz ſelbſt liegt eine große Wahrſcheinlichkeit, daß man denſelben nicht halten wird; denn wo Vorſätze nöthig ſind, da dienen ſie gewöhnlich zu nichts.“ Ernſt beugte ſich über ſeine Frau küßte ſie auf die Stirne und ſagte: — Bedenke eine Sache, Gerda, falls Du verſucht werden ſollteſt, Deine Pflichten zu vergeſſen, nämlich, daß Du einem Stande angehörſt, deſſen Vorrechte ihn vor Anderen verpflichten, der Welt zu zeigen, daß er nicht aus Leuten beſteht, welche nur das Recht auf äußere Auszeichnungen, ſondern auch die Pflicht geerbt haben, durcherhabene Denk⸗ weiſe und Sitten, ſowie dunch ſtaatsbür⸗ gerliche Tugenden dieſe Vorrechte zu ver⸗ dienen; denn wie wirſt Du dieſe Tugenden bei der Maſſe finden können, wenn diejenigen, welche das Beiſpiel geben ſollen, dieſelben entbehren Soll i n Dichter;“ wir 111 man mit dem adeligen Namen irgend einen ver⸗ nünftigen Begriff verbinden, ſo muß es der der wirk⸗ lichen Tugend und Ehre ſein. Der Anfang eines ernſthaften Abenteuers. Eine kurze Zeit verfloß, während welcher Gerda in der That in das Benehmen gegen ihren Mann mehr Herzlichkeit, als früher hineinlegte. Alva ſah dies mit Befriedigung, ohne ſich die Urſache erklären zu können. Die Weihnachten mit ihren Luſtbarkeiten und ihren kindlichen Aufzügen waren überſtanden. Gerda und Alva waren fortwährend aus dem Hauſe ge⸗ weſen; die Erſtere von den Aufmerkſamkeiten des arons und den faden Schmeicheleien courmachender Glücksritter verfolgt. Ein unglückliches Geſchick wollte, daß Gerda mitten in ihren guten Vorſätzen unaufhörlich mit Hermann zuſammentreffen ſollte. Bei jedem ſolchen Zuſammentreffen erblaßte ein guter Vorſatz, und als das Neujahr kam, waren ſie alle dahin. Was dachte aber Graf Ernſt, als ſeine Gattin in ihre frühere Gleichgültigkeit gegen ihn zurückſiel?„Das wiſ⸗ wiſſen es nicht. Einige Tage nach dem Neujahrstag war tons Wohnung erleuchtet; man empfing; n 4 Salon befand ſich nur die Gräfin, als der Bediente Hardisvogt Waldner anmeldete. Mit Wangen, die wie Purpur glühten, und mit einem kaum hörbaren Herzklopfen erhob ſich Gerda, um den Eintretenden zu begrüßen. Nach einigen gewöhnlichen Höflichkeitsphraſen fragte Hermann in ungezwungenem und natürlichem Tone nach dem Grafen. — Ernſt ging nur hinunter zu Papa; aber er kommt bald wieder herauf. Gerda's Stimme zitterte. Hermann ſprach von Wind und Wetter, von dem Börſenballe ꝛc.; aber die Converſation blieb durch die aufgeregte Gemüthsſtimmung Gerda's matt. Endlich wagte ſie ihre Augen zu Hermann zu erhe⸗ ben, aber ſie begegnete einer kalten und nichtsſagen⸗ gen Miene. Gerade als wenn das ihr Muth ein⸗ geflößt, äußerte ſie: — Der Herr Hardisvogt ſcheint den Sinn der Worte, die ich vor einiger Zeit ſchrieb gänzlich miß⸗ verſtanden zu haben. Um Vergebung, Frau Gräfin, ich erinnere mich i irgend einen Brief von Ihnen empfangen zu aben. Es lag in ſeinem Tone der deutliche Wunſch ausgedrückt, es überhoben zu werden, auf dieſes Thema einzugehen; aber Gerda, welche fürchtete, daß dieſe Zuſammenkunft unter vier Augen verlor gehen möchte, hob wieder an: — Wozu dieſe ſcheinbare Vergeßlichkeit, da 3 zu einer Erklärung zwiſchen uns 4 * ihre Hand auf ſeinen Arm. nicht mehr derſelben mächtig, zur Gräfin herab u 418 — Und warum?.. Graf Grattons Gattin iſt mir keine ſolche ſchuldig. — Aber Gerda.. — Frau Gräfin,— antwortete Hermann mit Stolz und ſtand auf.— Ich kannte freilich früher eine Gerda, aber ſie iſt für mich längſt todt, und die Todten ſprechen nicht. — Hermann, halt ein!— rief Gerda und legte — Sie müſſen mich anhören. Jahre ſind dahingeſchwunden, ohne daß ich mich habe erklären können, und doch mußte ich während meines traurigen Lebens wenigſtens ein Recht auf den Troſt haben, daß Sie mich nicht verachte⸗ ten. Ich habe nicht dadurch Ihre Verachtung ver⸗ dient, daß ich meine theuerſten Hoffnungen opferte und mein Leben einer langen Reihe freudenleerer Jahre weihte. Ich kann es Ihnen nicht ſagen, Her⸗ mann, was mich zum Meineid veranlaßte; aber die Hand aufs Herz gelegt betheure ich, daß es für mich keine Wahl gab, ich mußte meine Liebe fen — Frau Gräfin, ich glaube Ihnen,——— ich muß Ihnen glauben; aber wozu dient dieſe Er⸗ klärung, die Sie nur aufregt, und die niemals Et⸗ was in unſerer gegenſeitigen Stellung ändern wird — Spreche nicht ſo; ſie wird mich wenigſtens davon befreien, von Deiner Verachtung zerfleiſcht zu werden. Du ahnſt nicht, wie unglücklich ich bin. Auf Hermanns Geſicht wechſeiten viele ſich wi⸗ derſtreitende Gefühle; aber endlich beugte er ſich Schwartz, Die Schutzloſen. vindlichſte für die Güte danken, mit welcher flüſterte mit einer Stimme, die das, was das Herz fühlte, wiédergab: — Armer, innig geliebter Engel, wie ſollte ich Dich haſſen können. Gerda blickte auf, ihre Augen begegneten ſich, und in demſelben Augenblick trat Alva ein. Kurz“ b kam auch Graf Ernſt, der Baron und Gräfin ilda. Eine halbe Stunde ſpäter finden wir ſie Alle, ſo wie die Fräulein Gratton, um den Divantiſch im Salon verſammelt. Man unterhält ſich mit großer Lebhaftigkeit. Gerda iſt fröhlich und heiter wie die neu erwachte Hoffnung, Hermann munter und lebhaft. Der Baron und Alva ſaßen in einiger Entfer⸗ nung von den Andern auf einem kleinen Sopha, in einem lebhaften Geſpräche begriffen. In Beziehung auf dieſes Geſpräch dürfte es mir erlaubt ſein, zu erwähnen, daß in einem Teſtament, welches Alva zur Univerſalerbin ihres Onkels machte, ſich ein Punkt befand, welcher vorſchrieb, daß ſie ſelbſt ihr Vermögen verwalten oder mündig ſein ſollte. — Der Kämmerer M. iſt heute bei mir geweſen, — äußerte der Baron gegen Alva,— und ſeinem Wunſche gemäß ſoll die Summe, welche Sie meinen Händen anvertraut haben, in Helenefors Werk an⸗ gelegt werden. — Ich muß dem Herrn Baron auf das V meinen Wunſch entgegengenommen und bewill haben antwortete Alva mit einem wehmüthi „ gehöriges Mitleid das Böſe zu ermuntern 115 Blick und etwas Unerklärlichem in ihrem ganzen Weſen, welches ſich immer in demſelben zeigte, wenn ſie mit dem Baron ſprach. — Erlauben Sie, daß ich als Erwiederung des Dienſtes, den Sie glauben, daß ich Ihnen erwieſen habe, Alva einen Rath geben darf. — Gern. — Sie verſchwenden zu große Summen auf Ih⸗ ren Ausflügen unter Bettlern und Elenden. Wenn Sie auf dieſe Weiſe fortfahren, dann wird Ihr Ver⸗ mögen ein Ende nehmen. Keine Schätze ſind ſo un⸗ erſchöpflich, daß ſie nicht ſollten erſchöpft werden können, wenn man ſie auf der Straße ausſchüttet. — Ich ſchütte ja nicht das Geld auf der Straße aus, wenn ich damit der Noth und der Armuth zu helfen ſuche,— antwortete Alva mit tiefem Gefühl. Vor ihr Gedächtniß trat der Abend, an welchem ſie vor Kälte und Hunger bebend und mit Verzweif⸗ lung im Herzen um Hülfe flehte und als Antwort auf ihre Bitte den Schlag von einem Stock erhielt. Die Erinnerung an jene Herzloſigkeit rief einen dro⸗ henden Schmerzensblick in ihren Augen hervor. — Sie fühlen Mitleid mit dem elenden Troß, weil Sie denſelben nicht kennen. Glauben Sie mir, Niemand iſt arm, außer durch ſeine eigene Schuld. Leichtſinn, Verſchwendung und Aus⸗ ſchweifungen ſind die allgemein wirkenden Ur⸗ ſachen des Elendes. Dem Arbeitſamen fehlt es nie an Brod und er braucht nicht zu betteln. Ich halte es als gegen unſere Pflicht ſtreitend, durch ein un⸗ — Der Herr Baron gibt alſo nie ein Almoſen von ſeinem Ueberfluß? — Nein, niemals, weil ich nicht an dieſe roman⸗ haften Darſtellungen des unverdienten Elends glaube. Derjenige, der ſich mit Kraft aus der Noth und der Erniedrigung hervorarheiten will, kann es, und die⸗ jenigen, welchen es an Kraft fehlt, ſind ein Krebs in der Geſellſchaft, die am klügſten thut, wenn ſie dieſelben ſich ſelbſt verzehren läßt. — Weil es Menſchen gibt, welche in ihrem Reichthum wie der Baron denken, möchte ich gerade glauben, daß es ſo viel Elend gibt. Intereſſirte der Reiche ſich für den Armen, dann würde es ganz anders ausſehen; und wenn Alle ſo dächten, dann würden ja dieſe armen unglücklichen Weſen aus Mangel an dem Nothwendigſten ſterben. — Mag ſein, aber die Geſellſchaft würde im Ganzen dabei gewinnen, und was iſt dabei zu ver⸗ lieren? Früher oder ſpäter trifft ſie nothwendig ein ſolches Schickſal, und Sie richten mit Ihrer Barmherzigkeit nichts aus, als daß Sie ihr Daſein und Leiden verlängern. Uebrigens zahlen wir ja Alle unſere Beiträge zu den Armenanſtalten, in welche Beſchäftigungsloſe und Solche, welche wirk⸗ lich nicht im Stande ſind, für ſich ſelbſt zu ſorgen, aufgenommen werden. Dadurch, daß die Geſellſchaft ſolche Anſtalten beſitzt, und jeder Bürger dazu con⸗ tribuirt, iſt Alles von uns gethan, was man langen kann⸗ 538 Graf Ernſt ſaß in einiger Entfernung davon lauſchte der Unterhaltung zwiſchen dem Bor lva, aber ohne daß es ſchien, als gäbe er darauf „ Alva blickte den Baron mitleidig an und ant⸗ wortete: S — Ich weiß das, Herr Baron; aber trotzdem glaube ich, daß Sie ſich härter machen, als Sie wirklich ſind, um mich von übertriebenen Ausgaben abzuhalten, denn es iſt nicht möglich, ſo zu denken Wie ſchrecklich grauſam wäre nicht ein ſol⸗ cher Vorſatz. Sie begegnen z. B. auf einer Pro⸗ menade einem ausgehungerten Kinde, welches ſeine Hände gegen Sie ausſtreckt und Sie um ein Scherf⸗ llein bittet.... Nun gut, kann dieſes Kind etwas für ſein Elend, für ſeine Armuth.... Kann es denn ſelbſt ohne Anderer Hülfe ſich daraus hervor⸗ arbeiten?— Sie werden einwenden, daß es Kinder gibt, welche ausgeſchickt werden, um Armuth zu heucheln, in der ſie ſich nicht befinden. Mag ſein, daß es viele ſolche gibt; aber iſt es nicht empörend, anzunehmen, daß alle dieſe Armen lügen, um ſich die Barmherzigkeit ihrer Mitmenſchen zu erzwingen, und auf dieſe Weiſe nur deßhalb in der Schule des Betrugs eingeübt werden, weil ihre wirkliche Ar⸗ muth nicht hinreicht, um ihre Mitmenſchen zur Un⸗ terſtützung zu bewegen. Mag es auch ſein, daß es Solche gibt, die gar nicht zu betteln nöthig haben, ſo iſt es doch beſſer, Neunen, die es nicht verdienen, zu geben, als Gefahr zu laufen, daß der Zehnte, 6 wirklich bedürftig iſt, ohne Hülfe von uns weg⸗ geht. e Alva hielt inne. Ueber die Lippen des Barons ſchwebte ein verächtliches Lächeln. Ala urtheilt, ohne das Lumpengeſinde kennen, welches Sie ſo warm vertheidigen. 6 118 Menſchen begehen jede Niederträchtigkeit, um von der Arbeit loszukommen; und ſchließlich befinden ſie ſich recht wohl in ihren Lumpen und Hütten, wenn ſie nur Branntwein bekommen können. — Ich höre, daß der Herr Baron nie ernſthaft über dieſe Frage nachgedacht hat. Erlauben Sie mir, daß ich nur ein Bild aus der Geſchichte der Armuth und des Elends entrolle. Es gibt in Ih⸗ rem eigenen Stande Menſchen, welche ſich leichtſinnig den Eindrücken hingeben, welche die Anmuth eines Mädchens auf ſie macht, und ſie dann opfern!—— Dieſe Weiber ſind dadurch verloren, und was bleibt ihnen übrig, wenn ſie von ihren Verführern ver⸗ laſſen werden?—— Einzig, auf der Bahn fort⸗ zuwandeln, auf welche ſie hineingeleitet worden ſind. ——— Sie zucken die Achſeln und lächeln— —— Mag ſein, daß Sie dieſen Opfern Ihr Mit⸗ leid verſagen, aber— ihre Kinder! Beim Ausſprechen dieſes Wortes klang Alva's Stimme wunderbar ergreifend. — Welches wird das Loos dieſer Weſen, die an der Schwäche und an dem Leichtſinn ihrer Müt⸗ ter ganz unſchuldig ſind?——— In Lumpen gehüllt ſtreichen ſie in den Straßen und an den Häfen herum, und wenn ſie bettelnd ihre Hand ge⸗ dann gen ihre glücklicheren Mitmenſchen ausſtrecken, begegnen ihnen nur Kälte und Herzloſigkeit.— Die Mütter, Laſtern aller Art ſich hingebend, laſſe ſie ein Raub des entſetzlichſten Verderbens an Kör per und Seele werden;— ihre Töchter fallen ge wöhnlich der tiefſten Erniedrigung anheim, und i öhne bevölkern die Gefängniſſe.——— Sag WMeädchen, ſo ſehr für einen ſolchen Gegenſtand ein⸗ genommen ſein? 119 Sie, können denn dieſe armen Menſchen etwas für ihren Urſprung, ihre Armuth, ihr Elend, ihren Wandel und— ihr Ende? Liegt denn nicht der gräßlichſte Egoismus, die empörendſte Herzloſigkeit darin, an einem armen Kinde, welches bettelt, gleich⸗ gültig vorübergehen zu können, ſelbſt wenn dieſes Kind eine von ſeinen Eltern eingelernte und erfundene Geſchichte herſagt. Haben wir denn, als Menſchen und Chriſten, ein Recht, eine ſolche Grauſamkeit zu verüben? Wie viele Summen werden nicht für leichtſinnige und unpaſſende Vergnügungen hinaus⸗ geworfen, und wie viel würdiger wäre es nicht, wenn Diejenigen, welche der Zufall zu Beſitzern von Vermögen gemacht, einen Theil davon dazu verwen⸗ deten, dieſe armen Kinder einem Leben zu entziehen, welches äußeres Elend und moraliſches Verderben mit ſich bringt und ſie zum Verbrechen zwingt. Es iſt leicht zu ſagen: lieber Hungers ſterben, als ſinken; aber es iſt ſehr ſchwierig, wenn nicht gänzlich unmöglich, etwas Derartiges auszuführen. Wir können mit vollkommener Sicherheit annehmen, daß wenn dieſe Kinder weniger unglücklich wären, ſie auch weniger laſterhaft ſein würden. Nun gut, iſt es dann nicht unſere Pflicht, ihnen zu helfen und ſie von dem Abgrunde fortzuziehen, der ſie ſonſt verſchlingen würde? — Sie ſprechen mit einer Wärme, Alva, welche beweist, daß Sie das, was Sie ſagen, tief empfin⸗ den; aber wie können denn Sie, ein junges, ſchönes — Darum, weil ich ſelbſt tenne lernt habe, was Noth heißen will,— ant⸗ wortete Alva tief gerührt; aber in demſelben Mo⸗ ment fiel ihr Blick auf Graf Ernſt, welcher ſie mit Theilnahme betrachtete, und ſie ſchwieg plötzlich. Eine leichte Röthe wechſelte mit der Bläſſe auf ihren Wangen. — Was vermag nicht ein ſo ſchönes Weib, wie Sie, über mein Herz?— Um Ihnen zu gefallen, würde ich ſelbſt gegen dieſe Weſen edelmüthig wer⸗ den können. Wenn ich Alva ein Vergnügen machen und ihr eine Ausgabe erſparen kann, dann nehmen Sie ungenirt meine Kaſſe in Anſpruch. Nicht wahr, Sie wiſſen, daß ich Ihretwegen kein Opfer ſcheue? Wenn Sie wollten, würden Sie mich ganz und gar beherrſchen. Der Baron ſprach dieſe Worte, indem er ſich näher zu Alva herabbeugte, In den dunkeln Augen leuchtete ein Feuer, welches Alva ſchaudern und Graf Gratton erbleichen machte. Letzterer wartete mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf Alva's Antwort. — Ich danke dem Herrn Baron für dieſe Worte und werde Ihr Anerbieten, meinen Schützlingen zu helfen, nicht vergeſſen,— antwortete das junge Mädchen freundlich und verließ den Baron. — Sie iſt nur ein gewöhnliches Weib, welches ſeine Huldigungen entgegen nimmt und erwiedert, — dachte Ernſt, warf ſich heftig in den Schaukel⸗ ſtuhl zurück und ſuchte ſeine unruhigen Träume in Schlaf zu wiegen. 3 — Sie wird mir nicht entgehen; denn wie alle ern Weiber hat ſie auch ihre ſchwache Seite. ch die Leichtigkeit, womit ſie fallen, zeigen 121 ſelbſt, wozu die Natur ſie beſtimmt hat,— dachte der Baron und näherte ſich der übrigen Geſellſchaft. Er ließ ſich jetzt neben Hilda nieder, mit welcher er ſcherzte. Der Graf, der es ſatt bekam, ſich und ſeine Ge⸗ danken im Schaukelſtuhl zu wiegen, näherte ſich Gerda und bat ſie, zu ſingen, worauf er neben Alva Platz nahm. Gerda ſang Geijers wohlbekanntes: „Bisweilen wachend auch ich träume.⸗ Als der Geſang zu Ende war, äußerte Ernſt: Ich habe auch wachend geträumt, aber das iſt eine große Thorheit, nicht wahr, Mamſell Alva? — Warum, wenn es uns glücklich macht? — Wenn man aber von einem Traum erwacht und ſich getäuſcht findet? — Dann liegt der Troſt in dem augenblicklichen HGlück, welches uns unſere Einbildung ſchenkte. — Lieben Sie es auch, in Träumen Vergeſſen⸗ heit zu ſuchen? — Ach ja, wenn man es nur könnte!— ant⸗ wortete Alva mit einem wehmüthigen und träume⸗ riſchen Blick. — Ihnen lächelt ja das Glück in allen Geſtalten zu; Sie ſind jung, ſchön, reich und bewundert. — Herr Graf, daſſelbe kann ich auch von Ihnen ſagen, und doch ſprachen Sie von dem Unglück, von Träumen getäuſcht zu werden. Ja, während man ſich Ideale ſchafft, de entſprechendes Bild die Wirklichteit nicht beſitzt. — z. B. träumte ich einen ſchönen Traum, aus welchem mein Schwiegervater mich weckte. — Und der betraf?.. — Sie, Alva — Mich?... Ich möchte nicht glauben, daß ich ſo recht für einen Traum paſſe. — Im Gegentheil, wenn man Sie ſieht, wäre man verſucht, Sie für ein Traumbild oder für das Ideal eines Künſtlers zu halten, das Leben be⸗ kommen.... Aber wenn man Sie ſprechen hört, dann entdeckt man, daß Sie doch nichts Anderes ſind, als— ein Weib. — Was will denn der Herr Graf, daß ich ſein ſoll? — Ich möchte bei Ihnen eine Seele wiederfinden, die eben ſo ſchön und von der Menge verſchieden iſt, wie Ihr Aeußeres. Ich wollte, daß Ihr Herz eben ſo warm wäre, wie Ihr Auge, und Ihre Ge⸗ fühle eben ſo edel wie Ihre Stirne. Ich möchte bei Ihnen nicht jene kleinliche Coquetterie, jene kin⸗ diſche Eitelkeit antreffen, welche die Schmeicheleien eines Mannes mit Wohlgefallen aufnimmt, wenn auch dieſelben an ſich eine Beleidigung enthalten. Verzeihen Sie, Alva, wenn ich Sie verletze; aber ſeien Sie verſichert, daß ich nur gegen eine Schwe⸗ ſter, oder gegen die beſte Freundin Gerda's meine Gedanken ſo unverholen ausſprechen konnte. 3 — Weit entfernt, durch das, was der Graf ge⸗ ſagt, verletzt zu werden, fühle ich mich zum Danke dafür verpflichtet; aber ich bin mir nicht bewußt dieſen Vorwurf zu verdienen. Wann und wo nahm e ſolche Schmeichelei mit Wohlgefallen auf? Alva's Wangen wurden purpurroth. — Vor einer halben Stunde von dem Ba⸗ Alva blickte auf zu dem Grafen und ihre Augen begegneten ſich. In denen Alva's lag Verwunde⸗ rung, in denen des Grafen ein ſtummer Vorwurf. — Der Herr Graf hörte vermuthlich nicht unſer Geſpräch, das voranging. Seien Sie überzeugt, daß nicht ein ſo elendes Gefühl, wie geſchmeicheite Eitelkeit, meine letzte Aeußerung dictirte. — Es war alſo ein wärmeres, zärtlicheres? Die Augen des Grafen blitzten. — Ein edleres wenigſtens,— antwortete Alva ruhig, und wandte ſich an Hermann mit einigen Worten über die Ereigniſſe des Tages. In Ernſts Innerem tummelten ſich Leidenſchaf⸗ ten, welche bewieſen, daß ſie noch nicht ausgeſtorben waren, oder im Todeskampf lagen. Als Alle endlich aufbrachen und Hermann Ab⸗ ſchied nahm, äußerte Ernſt, indem er ihm treuherzig die Hand ſchüttelte; — Ich hoffe, daß der Herr Hardisvogt, als ein Verwandter von uns, uns ferner nicht ſo fremd behandelt, wie bisher, ſondern mir ſowohl als Gerda das Vergnügen gönnen wird, Sie öfter ſehen zu dürfen. Hermanns Blick flog hinüber zu Gerda. In dem ihrigen lag eine Bitte. Flüchtig erröthend antwortete Hermann: — So oft meine Zeit es erlaubt, wird ir immer ein großes Vergnügen ſein, die Ehre zu ha⸗ ben, von der freundlichen Einladung des Herr Grafen Gebrauch machen zu dürfen. Die Gräfin Hilda hatte den Blick, welchen Her⸗ mann Gerda zugeworfen, flüchtig aufgefängen, und die Augen der Letztern redeten eine Sprache, welche die in Liebesintriguen bewanderte Hilda augenblick⸗ lich auffaßte und verſtand.... Als ſie in ihren Wagen ſtieg, dachte ſie ungefähr folgendermaßen: — Ah! jetzt habe ich Fäden, aus welchen ich meine Rache ſpinnen kann.... Baron Helgen⸗ ſtierna! die Einzige, die Sie geliebt, iſt Ihre Toch⸗ ter. Nun gut, Sie ſollen erfahren, daß ſie, mag ſie auch noch ſo ſehr Gräfin ſein, entehrt werden kann.. Ich werde mich an Allen rächen... an Ernſt, weil er mich vergeſſen hat;.... an Marx, weil er mit mir geſpielt und ſein gegebenes Wort mißachtet hat;.... und an Hermann, weil er ſie mir vorzieht.... Ich möchte mal ſehen, ob Gerda's Name ſie auch gegen offenbare Schande zu ſchützen vermag.————— Das Leben einer Bettlerin. An einem ſchönen Vormittag im Februar ſtand Alva bereit, in Begleitung eines Bedienten eine Promenade zu machen, als ſie im Thorwe hegegnete. as, ich glaube, Sie wollen ausgehen e ja geſtern Abend beſchloſſen, daß d Gerda nach dem Thiergarten fahren ſ — Aber daraus wird vor eilf Uhr nichts, und bis zu der Zeit bin ich wieder zu Hauſe. — Wohin will denn Alva ſo angelegentlich? — Zu einer Zuſammenkunft mit Profeſſor Gren, — antwortete Alva lächelnd. — Dann leiſte ich Ihnen Geſellſchaft. — Unmöglich;.... der Profeſſor und ich haben ein Geheimniß mit einander.. Sehen Sie, da kommt er. Leben Sie wohl! Alva neigte grüßend den Kopf, entfernte ſich und ging auf Gren zu. Ernſt blickte ihnen eine Weile nach und kehrte dann wieder in ſeine Wohnung zurück. Wir dagegen begleiten den Profeſſor und ſeine Dame. Sie wanderten nach dem Johannes⸗Platz und dann nach einem der letzten in die Erde hinab⸗ gehenden Häuſer in der Zollthorſtraße, vor welchem ſie ſtehen blieben. — Manmſell erlauben wohl, daß ich mit hinein⸗ gehe und daß der Bediente wartet?— fragte hier der Profeſſor. Wenn der Herr Profeſſor die Güte haben will; denn, um die Wahrheit zu reden, ſo fürchte ich mich immer ein wenig, allein unter dieſe Weiber zu gehen. Dieſes Haus war eine elende Hütte, welche von mehreren Haushaltungen bewohnt wurde, die ſich alle in dem tieſſten Elend befanden... Alva und der Profeſſor traten in ein elendes ämmerlein ein, in welchem ſich drei Weiber be⸗ fanden, von welchen das eine feſt eingeſchlafen Etwas, was einem Bette ähnlich ſah, das „ 126 auf einem Haufen von Hadern lag; die andern bei⸗ den waren in zerlumpte und ſchmutzige Kleider ge⸗ hüllt; ihre Geſichter waren aber noch jung, obgleich von Ausſchweifungen und Völlerei entſtellt. Auf dem Fußboden krabbelten zwei halbnackte Kinder herum. Die Luft im Zimmer war dergeſtalt von Unreinlichkeit verpeſtet, daß Alva, als ſie eintreten wollte, zurückfuhr. — Hier wohnt wohl ein Weib mit dem Namen Ag nes?— fragte der Profeſſor. — Jo, ſie liegt dort.... es iſt nicht viel mit ihr, denn ſie kämpft eben mit dem Tode und hat 13 ſeit geſtern geſchlafen,— antwortete das eine eib. Alva trat hin zu der Kranken, zog ſich aber vor dem entſetzlichen Schmutz, welcher ſie umgab, zurück. — Gibt's hier nicht ein anderes Zimmer, wohin; 1 die Unglückliche bringen könnte?— fragte va. — Mein Gott, iſt denn das hier nicht gut ge⸗ nug?.. Sie kann Gott danken, daß ſie hier ſtatt auf der Straße liegt, da ſie ihre letzte Br miethe noch nicht bezahlt hat. — Welche Krankheit hat ſie? — Wie kann ich das wiſſen?... Aber i werde es ſicher ſo einrichten, daß ich ſie los werde — antwortete daſſelbe Weib. Alva wandte ſich an den Profeſſor und tenert auf Engliſch: — Es iſt unmöglich, ſie hier in dieſem zuſtn zu wir müſſen dafür ſorgen, d in ein Krankenhaus gebracht werde. Ich bezahle gern, wenn es ſich nur heute machen läßt. — Mit Ihrer Erlaubniß werde ich es beſorgen. Aber laſſen Sie uns gehen, denn ich ſehe, wie Sie dadurch leiden, daß Sie hier verweilen. — Sofort,— antwortete Alva, und wandte ſich an das Weib, welches davon geſprochen, daß die Kranke ihre Miethe ſchuldig ſei.— Wie viel haben Sie von Agnes wöchentlich zu fordern? — Vierundzwanzig Schillinge. Alva gab dem Weibe einen Reichsthaler und bat ſie, mit der Kranken Nachſicht zu haben, bis ſie von hier wegtransportirt werde. — Wem gehören die Kinder?— fragte Alva, als ſie gerade gehen wollte. — Das ſind die meinigen,— antwortete ein anderes Weib. — Lebt ihr Vater? — Das weiß ich nicht. — Sind Sie verheirathet? — Nein, das bin ich gewiß nicht. Alva gab ihr etwas Geld, um Eſſen für die Kleinen zu kaufen; dann ſchrieb ſie ihren Namen auf und eilte mit beklemmtem Herzen hinaus. Am Nachmittag deſſelben Tages trat Profeſſor Gren zu Alva ein. — Jetzt iſt das kranke Weib ins Krankenhaus gebracht worden, und hat Ihrem Wunſche gemäß dort ein eigenes Zimmer. Sie ſcheint ziemlich bei Sinnen zu ſein, falls Sie ſie beſuchen wollen, ob⸗ gleich die Aerzte wenig Hoffnung geben, daß ſie wieder geneſen werde. 5 — Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Herr Profeſſor, für Ihre Güte, daß Sie mir beiſtehen. — Erlauben Sie mir nur eine Frage: warum verhinderten ſie mich, die Hülfe Desjenigen anzu⸗ ſprechen, welcher ſie in dieſes Elend gebracht? — Ach, Herr Profeſſor, dazu habe ich einen mächtigen Beweggrund, der aber mein Geheimniß bleiben muß... Wie kam der Herr Profeſſor von Anfang an in Berührung mit jener Agnes? — Durch einen kleinen Laufjungen, den ich habe, und der im Hofe wohnt. Eines Tages ſprach er von einem armen Weibe, das nicht richtig im Kopfe ſei, und bei ihren Anfällen von Wahnſinn eine fremde Sprache ſpräche. Meine Neugierde wurde erweckt Ich ließ den Jungen mich zu ihr führen. Nachdem ich eine Weile mit ihr geſprochen, erzählte ſie mir ihre Lebensſchickſale, und dadurch erfuhr ich den Namen des Verführers. Ich hielt es für meine Pflicht, ihr aus dem Elend herauszuhelfen, in wel⸗ ches ſie durch ſeine Schuld gerathen. Als ich geſtern Abend Mamſell Holm dieſes Ereigniß mittheilte, geſchah es, um von Ihnen, welche beſſer ſeinen Cha⸗ rakter kennen, einen Rath zu erhalten, wie ich es angreifen ſolle; aber es war keineswegs meine Ab⸗ ſicht, daß Sie ſich des armen gefallenen Weſens annehmen ſollten. Ich halte es nicht einmal für Recht, ihn in Unkenntniß über die traurigen Folgen ſeines Leichtſinns leben zu laſſen. — Seien Sie vollkommen überzeugt, daß er e etnes Tages erfahren wird, aber nicht jetzt. Di Zeit dazu iſt noch nicht gekommen,— an düſter. p Nachdem ſie eine Weile geſchwiegen, fügte ſie hinzu: 1. — Wenn ich dem Herrn Profeſſor nicht gar zu ſehr zur Laſt falle, oder ſeine koſtbare Zeit zu ſehr in Anſpruch nehme, ſo möchte ich mir Ihre Geſell⸗ iſt nach dem Krankenhauſe heute Abend aus⸗ itten. — Ich bitte, daß Sie überzeugt ſein mögen, daß ich nichts lieber thue. Einige Stunden ſpäter finden wir Alva neben dem Bett des kranken Weibes in einem ʒiner des Krankenhauſes ſitzend. Der Profeſſor ſteht am Ofen. Die Kranke ſpricht ſehr eifrig. — Sie verſprechen mir alſo, meine Kinder aus⸗ findig zu machen?.. Schwören Sie, daß Sie Wort halten! — Ich verſichere Sie, daß ich Alles thun werde, was ich vermag,— antwortete Alva. ——,— — Ich bin in Frankreich geboren:.. ich war dort verheirathet.. Ein Schwede kam dorthin ich erinnere mich ſeines Namens,— Agnes erhob ſich und flüſterte Alva ein Wort in's Ohr, welche dabei zuſammenfuhr.— Er war hübſch! iich ließ mich dadurch verleiten und reiste mit ihm n Mann und Kind. Der Herr dort weiß, was ihr Schickſal wurde, ich habe ihm Alles mitgetheilt. ch kam hierher... und gebar eine Tochter; es ſind fünfzehn Jahre her. Das Kind wurde in das Waiſenhaus eingekauft. Mein Leben verfloß auf fröhliche Weiſe; ich hatte eine Wohnung, h leider und einen Wagen.. am wenig 2 ich damals daran, daß dieß ein Ende ho Scwartz, Die Schutzloſen. Ein Jahr darauf bekam ich einen Knaben; denſelben nahm eine Frau für Waiſenhausgeld. Nach ſeiner Geburt wurde ich aber krank und jetzt verließ mich der Vater des Kindes. Was blieb mir wohl übrig, nach dem was ich geweſen?.. Und ſo ſank ich immer tiefer und tiefer, bis ich das wurde, was ich jetzt bin... An meinem Herzen nagte beſonders der Gedanke an das Schickſal meiner Kin⸗ der, welche ich rückſichtslos in die Welt hinaus ge⸗ worfen.. Aber Sie verſprechen mir jetzt, die⸗ ſelben ausfindig zu machen. — Ja, aber dann muß ich die Nummer des Mädchens und den Namen der Perſon wiſſen, welche den Knaben herausnahm. Das Mädchen heißt Malla, mehr weiß ich nicht. .— Aber wo haben Sie den Waiſenhausſchein? — Das weiß ich nicht. — Wann und in welchem Monat iſt ſie geboren? — fragte Alva ängſtlich. — Im November 18—. — An welchem Tage? — Das habe ich vergeſſen. — O Gott! daun wird es ja unmöglich,— ſeufzte Alva. — Sie haben es verſprochen!— rief die Kranke faſt wild. 33] i aber der Junge, wiſſen S beſſer über ihn Beſcheid? er wurde der Frau übergeben uhmachergeſellen Namens Granlund Wann iſt er geboren? — Im Mai... Hülfe, Hülfe! Dort kommt der Teufel, um mich zu holen!....— rief die Kranke und fing an heftig zu phantaſiren. Alle Bemühungen Alva's, eine vernünftige Ant⸗ wort zu erhalten, waren vergeblich. Vergebens machte der Doktor verſchiedene Verſuche, ſie wieder zur Vernunft zu bringen; ſie fuhr trotzdem fort, irre zu reden. Alva weinte. Der Profeſſor ſuchte ſie damit zu tröſten, daß Agnes am folgenden Tage den Gebrauch ihres Verſtandes wieder erlangen werde. Endlich entfernte ſich Alva. Am folgenden Morgen hatte Agnes zu leben aufgehört. Alva brachte den ganzen Tag auf ihrem Zimmer eingeſchloſſen zu. Die Zeit war wieder um einige Tage weiter vorwärts geſchritten, und wir führen den Leſer noch einmal in den kleinen Salon des Grafen Gratton ein, wo wir die gewöhnliche Geſellſchaft finden, näm⸗ lich die Gräfin Hilda, die Fräuleins Gratton, Pro⸗ feſſor Gren, Hermann und ein paar junge Männer, die Verwandte waren, ſo wie die Mitglieder der Familie. Gerda, die Fräulein und Ernſt ſind damit be⸗ ſchäftigt, in einer Berathung mit Gräfin Hilda den Plan zu einem Balle zu entwerfen, welchen erſtere zu geben beabſichtigte. Alva und der Profeſſor ſprachen leiſe, während ſie an einer Stickerei a beitete. Wenn mir Mamſell Holm Geduld zu haben ver⸗ ſpricht, ſo will und werde ich Alles thun um über die beiden Kinder Aufklärung zu verſchaffen. Durch Hülfe der Polizei und mit Aufopferung von ein wenig Geld läßt ſich Etwas machen. Sie wiſſen nicht, daß ich einen verzweifelten Eigenſinn beſitze, welcher durch kein Hinderniß ermüdet. — Haben Sie herzlichen Dank für dieſe Worte; Sie ſind alſo meine einzige Hoffnung. 2 Die Stimme des Barons unterbrach ſie. — Ich muß Ihnen eine Neuigkeit mittheilen. welche, obgleich ſie eine hier anweſende Perſon be⸗ trifft, dennoch zu der bizarren Art gehört. Was meinen Sie, meine Herrſchaften, Mamſell Holm be⸗ abſichtigt den größten Theil ihres Vermögens auf die Errichtung einer Verſorgungsanſtalt für nothlei⸗ dende Kinder zu verwenden. Alva erröthete vor Aerger. Die Gräfin Hilda und die jungen Herren brachen in ein ſchallendes Gelächter aus. Die Uebrigen blickten Alva verwun⸗ dert an. — Ein guter Scherz, Max,— rief die Gräfin Hilda lachend. — Das iſt kein Scherz, ſondern eine Wahrheit, wovon der Baron geſprochen, und ich hoffe voll⸗ kommen das Recht dazu zu haben,— antwortete Alva ruhig und erhob ſtolz ihr Haupt mit einem ernſten Blick auf die Gräfin und den Baron. Letz⸗ terer ſah, daß er Alva verletzt hatte, weshalb er ch erwähne nicht Ihre wahnſinnig ede ige Handlung, um Sie zu verletzen, oder u 133 Sie in irgend einer Weiſe dem Gelächter Preis zu geben, ſondern weil ich dieſelbe für ſo excentriſch halte, daß ich wünſche, alle Anweſenden möchten in ihrer Eigenſchaft als Freunde Ihnen davon ab⸗ rathen. — Und ich gebe die heilige Verſicherung, daß Nichts in der Welt mich bewegen wird, von dieſem Plan abzuſtehen, der den Zweck hat, jene unſchul⸗ digen Opfer der Armuth einigermaßen für das Un⸗ glück zu entſchädigen, daß ſie geboren worden ſind. Mag auch meine Handlungsweiſe Manchem wahn⸗ ſinnig erſcheinen, ſo iſt ſie wenigſtens eine Thorheit, die zu den beſſeren gehört. — Aber, Alva, welche Freude be Sie ſelbſt dabei,— fragte Gräfin Hilda. — Erſtens die, als Chriſtin gegen meine ver⸗ wahrlosten Mitmenſchen meine Pflicht erfüllt zu ha⸗ ben, und dann liegt außerdem eine Ehre darin, gut zu ſein, welcher nachzuſtreben ich mich nicht ſchäme. Es lag in Alva's Ton ein Ausdruck tiefen Ern⸗ ſtes und feſter Ueberzeugung. — Noch eine Sache, Alva. Haben Sie ein Recht, Ihrem künftigen Gatten und Ihren Kindern den größten Theil Ihres Vermögens zu rauben? — Ich verheirathe mich wahrſcheinlich nie; aber wenn ich es thäte, dann würde es nur mit einem Manne ſein, der mich nicht wegen meines Vermö⸗ gens nähme. — Derjenige Theil von nur zwanzigtauſend Thalern, den Sie für ſich behalten, wird nicht 2 in Verſuchung bringen,— antwortete der B 134 welche im Geheimen auf die reiche Erbin ſpeculirt hatten. — Um ſo beſſer, Herr Baron, ich werde dann vielleicht nur um meiner ſelbſt willen geheirathet, — antwortete Alva heiter. 5 Kurz darauf verabſchiedeten ſich die ʒr Candidaten, und Gräfin Hilda flüſterte dem Ba⸗ ron zu: — Sie ſpielen Ihre Karten gut, daß Sie die Raubvögel verjagt haben; Sie ſind jetzt mit dem ſentimentalen Täubchen allein. Man ſprach ſpäter vom Gutesthun, von Undank u. ſ. w. Der Baron theilte einige Anekdoten mit, und als er ſchloß, äußerte Graf Ernſt: — Ich bin leider nicht oft in dem Falle gewe⸗ ſen, Barmherzigkeit zu üben; aber einmal ſah ich 4 die Armuth in ihrer empörendſten Geſtalt, weil ſie„ Perſonen von Bildung getroffen. Sie waren voll⸗ kommen entblößt, hatten aber das Gepräge der Rein⸗ lichkeit an ſich, welches weit mehr zum Herzen ſpricht, als die eckelhafte Unreinlichkeit, mit welcher jene gewöhnlich umgeben iſt. — Wann war das?— fragte Gerda. — Das war vor ſechs oder ſieben Jahren,— antwortete Ernſt und ſetzte ſich in einen Lehnſeſſel Alva gegenüber, welche er, während er Folgendes berichtete, aufmerkſam anblickte.„ Alva hatte ihre Augen auf ihre Sticerei ge⸗ heftet und arbeitete eifrig. †ch verweilte mit meinem Schwiegeronte in Stodhoim. An einem ſchönen Februarabend wollte eine eenab⸗ nach Carlberg machen, o — — 135 mit ein paar Cadetten von meiner Bekanntſchaft zu⸗ ſammen zu treffen. In demſelben Augenblick, in welchem ich in die Rörſtrandsſtraße einbog, bemerkte ich vor mir ein kleines Mädchen, welches einen Herrn verfolgte.... Ernſt hielt einen Augenblick inne und ſah Alva forſchend an; aber man bemerkte keine Bewegung in ihrem Geſicht. Sie arbeitete gleich fleißig. Der Graf fuhr fort: — Ich konnte deutlich ſehen, daß das Kind bet⸗ telte, denn es faßte den Pelz des Mannes. Dieſes verdroß letzteren ſo, daß er ſeinen Stock erhob und dem Mädchen einen Schlag damit verſetzte... Eine leichte Zuckung in Alva's Augenwimpern war die einzige Bewegung, die man bemerkte. Graf Ernſt fuhr jetzt fort, das, was der Leſer ſchon weiß, ſo wie den Eindruck zu ſchildern, welchen die große Noth der Verlaſſenen auf ihn machte. Er ſchloß ſeinen Bericht folgendermaßen: — Ich werde niemals das Ausſehen jenes Kin⸗ des vergeſſen, welches ausgezeichnet hübſch zu wer⸗ den verſprach. Oſt hat, auf meinen Irrfahrten durch's Leben, ſich die Erinnerung an jenes kleine Mädchen mit ihrem unſchuldigen, aber warmen, dankbaren Blick mir aufgedrängt. — Nun, was wurde aus jenem Kinde?— fragte Gerda mit Intereſſe;— ſie war Dir wohl ſehr dankbar für das, was Du thateſt?. — Ich reiste kurz darauf nach Heleneſors und ſah ſie nie wieder,— antwortete Ernſt.— Wa aus der Mutter und ihr geworden, weiß ich nicht; ſie hat wahrſcheinlich mich und die ganze Be⸗ gebenheit vergeſſen. Jetzt hätte Ernſt recht viel darum gegeben, wenn Alva ihren Kopf erhoben hätte, um in ihren Augen leſen zu können; aber ſie blieben geſenkt. Indeſſen antwortete ſie in ruhigem Tone: — Solche Handlungen werden nicht ſo leicht vergeſſen. — Und warum glaubt Mamſell Alva das?— fragte Ernſt, der um jeden Preis der Welt wünſchte, daß Alva ihn anſehen ſollte. — Weil ein Kindesherz ſolche Eindrücke lange feſthält. Jetzt blickte Alva auf und ihre Augen begegne⸗ ten denen Ernſts. Was ſagte Alva's Blick?.. Wir wiſſen es nicht, aber Ernſt fuhr mit der Hand über die Stirne und ging zu einem andern Thema über. Er war mit ſich ſelbſt und der ganzen Welt, vor Allem aber mit Alva, unzufrieden. Was nützte ihi jetzt ſeine Mittheilung? Mußte es nicht Alva unedel vorkommen, falls ſie jenes kleine Bettler⸗ mädchen wäre, und wenn ſie es nicht war, mußte ihr dann nicht jener Bericht als eine unpaſſende Prahlerei vorkommen? Ernſt that jetzt das, was die Menſchen zu thun pflegen, wenn ſie einſehen, daß ſie eine Dummheit begangen—— er beging noch eine. Der Graf wollte noch einen Verſuch machen, ſich zu überzeugen, ob Alva und ſein Schützling eine und dieſelbe Perſon ſeien. Vielleicht folgte er einem andern, weniger edeln Gefühl, weil er mit einem gewiſſen Aerger geſehen hatte, wie der Baron den —— 137 ganzen Abend ſich unausgeſetzt mit Alva beſchäftigt und daß ſie mit Freundlichkeit ſeine Aufmerkſamkei⸗ ten entgegen genommen hatte. Genug, der Graf näherte ſich ihr, als ſie auf⸗ geſtanden war und, faſt von den Vorhängen ver⸗ borgen, an einem der Fenſter ſtand, mit wehmüthi⸗ gem Blick ins Freie hinausſchauend. — Will Alva den Namen des Mannes wiſſen, welcher das kleine Mädchen ſo herzlos behandelte? — fragte Graf Ernſt. — Ja, das will ich,— antwortete Alva und lehnte ſich gegen die Fenſterſcheiben. — Baron Helgenſtjerna. Alva fuhr zuſammen. — Und dieſem kalten Cgoiſten geben Sie den Vorzug vor Anderen? — Graf Gratton! Alva's Stimme zitterte. — Sagen Sie, o, ich bitte Sie darum, lieben Sie den Baron? Es war in einem aufgeregten und bittenden Tone, daß Ernſt dieß äußerte. — Das habe ich keinen Augenblick gethan! — Dank,— ſagte Ernſt, und Alva fühlte ſeine Lippen auf ihrer Hand brennen. Nur Gott und Alva ſelbſt wußten, was ſie da⸗ bei empfand.. „ könnte, doch bin ich ihnen auf die Spur gekom— in iHrouung iſt. Die Reiſt nach Helenefors. Klar und warm ſchien die Juniſonne herab auf die ſpiegelklare Oberfläche des Mälarſees. An der Ritterholmsbrücke ſprang, ſchrie und ſtieß man ſich herum wie gewöhnlich, wenn ein Dampfſchiff ab⸗ gehen ſoll. Als die Uhr dreiviertel auf Sieben ſchlug, fuhren zwei Wagen hinunter zu dem ſchiff Upſala. Aus denſelben ſtiegen Baron Hel⸗ genſtjerna, Graf Ernſt, Gerda, Alva, Gräfin Hilda und.... Hermann, welche an Bord des eben genannten Schiffes gingen. Profeſſor Gren ſtand bereits auf dem Deck und wartete auf ſie. — Du gehſt alſo trotz Deiner eigenſinnigen Wei⸗ gerung mit?— fragte Ernſt. — Nein, ich danke, jetzt nicht. Ich habe Mam⸗ Holm Etwas zu ſagen, und deßhalb bin ich ier.. — Was für Geheimniſſe haſt Du und Alva mit einander? Ueber das kurz vorher ſo heitere Geſicht des Grafen verbreitete ſich eine düſtere Wolke. — Welche andere, als die des Herzens,— ant⸗ wortete der Profeſſor lachend und eilte hin zu Alva. pig Nun, Herr Profeſſor?— fragte Alva un⸗ ruhi — Noch nichts, was zur Aufklärung beitragen und bleibe deßhalb hier, bis die Sache vollko — 139 — Was Sie gut ſind! Wie ſoll ich Ihnen meine Dankbarkeit erweiſen können? — Dadurch, daß Sie immer für mich, als für einen Freund, Raum in Ihrem Herzen behalten,— antwortete der Profeſſor mit Wärme und drückte Alva's Hand. Noch einige Worte wurden zwiſchen ihnen gewechſelt. 3 Jetzt wurde zur Abfahrt geläutet, ſo daß alle weiteren Geſpräche mit Fremden abgebrochen werden mußten, und kurz darauf ging das Schiff ab. Gren dachte, als er den Hügel hinaufging, wel⸗ cher zur Brücke führte: — Wenn ich jemals ein ſolcher Narr werden ſollte, daß ich meine Freiheit wegwürfe und mein Glück ſo ſchwierigen Händen anvertraute, wie die⸗ jenigen eines Weibes, dann könnte es nur bei einem ſolchen Mädchen wie Alva geſchehen. Alva blickte wehmüthig auf die verſchwindende Stadt zurück und dachte: — Falls ich jemals in der Ehe Erſatz für das ſuchen würde, dem mein Herz jetzt entſagen muß, dann iſt es ſicher, daß nur ein Mann mit Grens Geiſt und edlem Herzen mich in Verſuchung bringen könnte. — Woran denkt Manſell Alva?— ertönte Graf Ernſts Stimme hinter ihr. Alva wandte ſich um und erröthete leicht. — An Profeſſor Gren. — Er iſt beneidenswerth glücklich. — In welcher Beziehung denn?— fragte Alva d blickte hinaus auf den See. — Alva weiß zu gut, daß es nur ein lü gibt, um das ich ihn beneiden kann, nämlich ein Gegenſtand, der... — Gedanken Gerda's zu ſein,— fiel Alva ein und begegnete den gar zu warmen Blicken des Gra⸗ fen mit einer ernſten Miene. Er ſchwieg einen Augenblick und betrachtete ſie; ſodann ſagte er: — Dank, Alva, für dieſe Worte; ſie deuten an, daß Sie meinen Charakter vollkommen richtig auf⸗ faſſen, und erinnern mich zu gleicher Zeit daran, daß ich rückſichtlich meines Benehmens und wegen meines Namens— Edelmann ſein muß; Etwas, das ich beinahe vergeſſen hätte. Aber ſeien Sie überzeugt, daß es nicht ſo bald wieder paſſiren ſoll. Ernſt begann nun heiter und ungezwungen von andern Gegenſtänden zu ſprechen. Alva fühlte ſich glücklich. Alle in der kleinen Geſellſchaft waren ſehr aufgeräumt, und wer hat nicht dieſes Gefühl von Erleichterung empfunden, wenn man dem Zwange der Stadt den Rücken kehrt, um ſich den freien und ungezwungenen Annehmlichkeiten des Landlebens zu überlaſſen. Hiezu kam, daß faſt Jeder von der Ge⸗ ſellſchaft ſeine eigenen Intereſſen und Hoffnungen hatte, denen er ſich hingab. BGerda hatte ſchon ſeit jenem Abend, an welchem ſie Hermann die Erklärung aufdrang, ihn oft ge⸗ ſehen, und obgleich er noch nicht mit ihr von ſeinen. Gefühlen geſprochen, ſo wich er doch nicht mehr aus, ſondern verſäumte im Gegentheil keine Gelegenheit, um ſie zu ſehen. 3 S.ie hatte indeſſen in ſeinen Augen gut g was ſeine Lippen noch verſchwiegen. Gerda üb S digung erwähnen, nämlich daß ſie von Kindheit an — und erinnere Dich, daß wir in erſter Linie deßhalb *in der Welt leben, um unſer eigenes Glück zu ſchaf⸗ beim Kinde gemildert, und der Umgang mi 141 ſich ſomit, ohne nachzudenken, der glücklichen Vor⸗ ſtellung, während ſeines Aufenthalts auf Helenefors täglich mit ihm zuſammenſein und ihre Phantaſie mit dem Gedanken an ſeine treue Liebe berauſchen zu dürfen, die ſich in allen ſeinen Bewegungen aus⸗ ſprach. Daß ſie mit dieſen Gefühlen ihre Pflichten verletzte und ſich in eine Bahn welche ſowohl für ſie ſelbſt wie für Ernſt Unglück mit ſich bringen würde, das fiel Gerda nicht ein. Sie hatte ſo gut wie gar nicht darüber reflectirt, was es hei⸗ ßen wolle, Gattin zu ſein, und da ſie in ihrem äußern Benehmen den Anforderungen, welche die Welt an ſie machte, entſprach, ſo meinte ſie, daß kein großer Trug darin liege daß ſie ſich ſolchen Gefühlen hingab, und dachte nicht daran, daß eine Gattin gleich ſchuldig iſt, wenn ſie die Treue des Herzens verräth, oder daß die moraliſche Untreue eben ſo tadelnswerth iſt, wie die ſinnliche; denn der Schritt von der einen zur andern iſt leicht ge⸗ macht. Eines müſſen wir indeſſen zu ihrer Entſchul⸗ daran gewöhnt war, ihren Vater unaufhörlich ſagen zu hören: — WMein Kind, wenn Du im Leben glücklich wer⸗ den willſt, dann folge nur Deinem eigenen Willen, fen, und daß wir uns ſo wenig als möglich mit dem anderer Leute befaſſen dürfen. Freilich hatte Sigrids einfache un ple Gottesfurcht den Einfluß dieſer egoiſtiſche Jugendträume und Hoffnungen, und mein Herz hat ihm die Wunden, an welchen es leidet, zu danken. Dach mit Gerda lebe, oder dadurch, daß ich mein erz durch den Anblick von ihr erfreue ꝛc., Nieman⸗ hatte faſt gänzlich den Eindruck derſelben verwiſcht; aber nur ſo lange, als bei Gerda keine Leidenſchaf⸗ ten ſolche Sophismen wieder ins Leben riefen, um damit das bisweilen murrende Gewiſſen zum Schwei⸗ gen zu bringen. Von Gerda's religiöſem Gefühle konnte man ſagen, daß ſie als Kind raſch zum Glauben ge⸗ weſen, weil ſie Alles annahm, ohne es zu un⸗ terſuchen; als ſie aber in die Welt hinauskam und überall um ſich herum freie, faſt übermüthige An⸗ ſichten über religiöſe Gegenſtände hörte, ſo zw ei⸗ felte ſie an Allem, ohne irgend einen Zweifel löſen zu können, und endete damit, gar nicht an ſolche Fragen zu denken. Hermann raiſonnirte ſeinerſeits, als er die Ein⸗ ladung des Barons annahm, den Sommer auf He⸗ lenefors zuzubringen, folgendermaßen: — Graf Ernſt hat mir mein Glück geſtohlen, mir das Liebſte, das ich beſaß, geraubt, meine Nun gut, dann iſt es nicht zu viel, wenn ich einige Biſſen von dem, was mit Recht mein gehört, ge⸗ nieße. Ich trete dadurch, daß ich unter demſelben dens Rechte zu nahe. 6 Aber Hermann bedachte nicht, daß er ſich ei Verſuchung ausſetzte, der zu widerſtehen er kein wegs gewachſen war. Die Gräfin Hilda träumte nur von die ſie un dem Baron nehmen wollte, 143 bedenken, daß Gerda dadurch für immer unglücklich werden würde. Der Baron hoffte mit Leichtigkeit Alva gewinnen zu können, wenn er allein mit ihr ſei. Alle dieſe Perſonen dachten in ihrem unbeſchränkten Egoismus nur an die Erfüllung ihrer eigenen Wünſche, und vergaßen ganz und gar oder überſahen die Tauſende von Wunden, welche ſie dadurch Andern verurſachen würden. Ernſt, in deſſen Seele eine tiefe und ernſte Nei⸗ gung zu Alva wohnte, machte ſich indeſſen ſelbſt das Gelübde, Herr über dieſelbe zu werden und zu zei⸗ gen, daß er ihrer Achtung würdig ſei. Der Menſch glaubt gern an ſeine eigene Stärke und Kraft, aber er verrechnet ſich doch ſo oft. Alva. was hoffte ſie wohl? Viel Gutes und Edles? Aber was? Das können wir nicht ſagen. Sollte wohl der Herbſt alle dieſe ver⸗ ſchiedenartigen Wünſche und Intereſſen verwirklicht ſehen? Welch' entſetzliches Räthſel iſt nicht die Zu⸗ kunft für uns Alle! Unſere Reiſenden waren an der Fähre vorbei⸗ paſſirt. Der Baron und die Gräfin Hilda ſtanden abſeits auf dem Deck und lehnten ſich an den Bord. Die Gräfin betrachtete das ſchimmernde Waſſer, wel⸗ ches die Räder hinterließen. — Sie verzeihen mir alſo meine Treuloſigkeit und ſtehen ſchon von Ihrem Haß ab?— äußerte der Baron als Antwort auf eine vorhergehende Be⸗ rkung Hilda's. „da es Nichts nützt, weil Sie, Mar, g ndern Achilles unverwundbar ſin gens gleicht der Haß des Weibes dem ſchäumenden Waſſer hier, welches ſo lange braust, als die Kraft der Räder es in Bewegung ſetzt, aber ſich in Nichts auflöst, wenn die Kraft, die es aufrührt, zu wirken aufhört. — Ich müßte Sie ſchlecht kennen, wenn nicht die Freundſchaft bei Ihnen irgend eine Hinterliſt verberge. — Max, ich habe Sie einmal geliebt, und da müſſen Sie ſelbſt finden, daß ich gegen Sie keinen Haß empfinden kann,— antwortete Hilda mit einem wehmüthigen Blick. — Ich will Ihnen denn glauben;— aber um die Lippen des Barons ſpielte trotzdem ein zweifeln⸗ des Lächeln. — Was hatten Sie ſonſt zu befehlen? — Sie lieben Alva!.... Nun gut, was geben Sie mir, wenn ich es ſo einrichte, daß der Hardisvogt mit Gerda und Ernſt mit mir fährt, ſo daß Sie auf der ganzen übrigen Reiſe ſie allein in Ihren Wagen bekommen. — Meine Erkenntlichkeit für Ihre Güte und meine Bewunderung für Ihren Geiſt; aber warum legen Sie, Hilda, einen ſolchen Eifer für den Er⸗ folg meiner Bemühungen bei dieſem Mädchen an den Tag? Die Gräfin legte ihre Hand auf den Arm des Barons und ſagte mit gedämpfter Stimme und mit dem Ausdruck wirklichen Haſſes: Weil ich ſie verabſcheue; weil ich weiß, da iebe ihr Unglück bringen wird! u „weil ich dieſe unſchuldsreine Taube, 145 ihren dummen Begriffen von Tugend wie ein ge⸗ wöhnliches Weib damit enden ſehen will, daß ſie in Ihre Hände fällt. Später wird ſie dann eine paſ⸗ ſende Vorſteherin bei ihrer Armenanſtalt. Wie unedel und niedrig auch die Gefühle des Barons waren, ſo beſtand doch der Unterſchied zwiſchen ihm und der Gräfin darin, daß ſie Weib war... und die Wahrheit muß anerkannt werden, daß ein Mann niemals in der Infamie ſo weit geht, wie ein Weib;— und auch bei dem ſchlechteſten Mann bringt es alle ſeine Gefühle in Aufruhr, wenn er hört, daß Jemand ſeine Bosheit und Rachſucht gegen den Gegenſtand ſeiner Neigung richtet. Sein Gefühl mag noch ſo unrein, egoiſtiſch, oder flüchtig ſein, ſo nimmt et doch mit Eckel und Unwillen alle Angriffe gegen den Gegenſtand deſſel⸗ ben auf, ſd lange dieſer noch ſein Blut erwärmt oder ſein Herz belebt. Die Gefühle des Barons geriethen auch bei dem Gedanken in Wallung, daß dieſe Hilda, die jeder ſchlechten und leichtſinnigen Handlung fähig war, ibre Angriffe gegen dieſes reine und tugendhafte ädchen zu richten wagte. Alva's einfache, aber wahre Tugend, ſo wie ihr anſpruchsloſes und wür⸗ diges Weſen ſan außerdem auf den Baron einen ſo großen Einftuß geübt, daß jedesmal, wenn er ihr ſeine unreinen und elenden Gefühle erklären wollte, die Worte ihm auf den Lippen ſtarben und er ſich beherrſcht, ja faſt zermalmt von dem ernſten Ausdruck in ihren Augen füchlts⸗ Bei dem Vorſchlag Hilda's entſtanden mn Inneps des Barons Betrachtungen und G S chw a rö, Die Schutzloſen. welche ſie dahin gebracht haben würden, daß ſie vor Aerger geſtörben wäre, falls ſie dieſelben in ſeinem Herzen hätte leſen können; und weit entfernt, ſeine Pläne mit Alva, wie ſie es wünſchte, zu beſchleu⸗ nigen, verzögerte ſie dieſelben und gab ſeinen Ge⸗ danken eine andere Richtung. Als der Baron ſchwieg, fragte die Gräfin: — Haben Sie meine Gefühle für Alva ver⸗ ſtanden? — Nur zu gut, und wahrſcheinlich werde ich nicht ſo bald den Eindruck vergeſſen, welchen Ihre Worte auf mich gemacht haben; aber laßt uns nicht mehr über den Gegenſtand ſprechen. — Wie Sie wollen.... Hörten Sie jenen Anfall von Republikanismus, welcher vor Kurzem Ernſt anwandelte, als er Ihrem niedrig gebornen Verwandten, dem Hardisvogt und Alva vorſchlug, daß ſie gegen ihn und Gerda alle Titel bei Seite laſſen und an deren Stelle ein patriarchaliſches Du ſetzen ſollten? Der Baron verzog die Augenbrauen, ſagte aber nichts. WVon Upſala aus ſetzte man die Reiſe auf der Landſtraße fort. Mit wirklichem Aerger hörte Gräfin Hilda, wie der Baron ſchon am Bord des Dampf⸗ ſchiffs Hermann den dritten Platz in ſeinem Wagen anbot und ihr dadurch zeigte, daß er ihren Beiſtand in dieſer Sache nicht annehme. 147 Die wiedergefundenen Rinder. Eine Woche nach Alva's Abreiſe wanderte Pro⸗ feſſor Gren über das Meierhoffeld nach dem Deutſchbäckerberge hin und blieb vor einer der dort gelegenen Hütten ſtehen, in deren Thorweg einige Kinder ſpielten. — Wißt Ihr, Kinder, ob hier eine Madame Blomſtedt wohnt?— fragte der Profeſſor. — Die Blomſtedtſche? ja, ſie hat hier gewohnt, ſehen ſie, ſeit Malla Mamſell geworden, iſt ſie umgezogen. — Weißt Du, mein Junge, wo ſie jetzt wohnt? — Jetzt wohnt ſie überhaupt nicht. denn ees iſt Malla, welche wohnt, und das Weib darf ſich bei Malla aufhalten. — Wo wohnt denn Malla? — Auf der Großen Straße Nro..... — Dank, mein Junge; da haſt Du ein paar Pfennige,— und damit entfernte ſich der Profeſſor, indem er ſeine Schritte nach der Großen Straße lenkte. Er trat in ein Haus und fragte nach Mam⸗ ſell Malla Blomſtedt. Ein Mädchen wies ihn nach der Treppe. Er läutete. Ein älteres Weib von einem niedrigen und frechen Ausſehen zeigte ſich in der Thüre. — Sind Sie Madame Blomſtedt? Frau, will der Herr ſagen,— corri 6 ihn das Weib⸗ — Ja, Frau Blomſtedt. — Ja, das bin ich. Will der Herr hereinkom⸗ men, dann erfahre ich, was Sie wollen,— äußerte Frau Blomſtedt, warf die Thüre auf und führte ihn in ein großes Vorgemach. Die Meubles in dieſem Zimmer waren koſtbar ₰ und elegant, aber es herrſchte darin die wider⸗ lichſte Unordnung. Mitten auf dem Boden ſtand ein Tiſch mit den Ueberreſten einer beendeten Mahl⸗ zeit. Das Tiſchtuch war mit ausgeſchütettem Wein übergoſſen, und Bruchſtücke und zerſchlagene Gläſer lagen ringsum auf dem hübſchen Fußteppich zer⸗ ſtreut. In einem der Sophas ſtand eine Schüſſel mit den Ueberreſten eines Truthahns, und nebenbei lag ein ſeidenes Kleid hingeworfen u. ſ. w. Alles trug das Gepräge eines ausſchweifenden Lebens. Frau oder Madame Blomſtedt nahm die Schüſſel und das Kleid vom Sopha weg, warf das letztere auf einen Stuhl und ſchmiß die erſtere auf einen Divantiſch, worauf ſie den Profeſſor Platz zu neh⸗ men bat. — Meine beſte Frau, man hat mir geſagt, daß Sie vor ungefähr fünfzehn Jahren ein Mädchen aus dem Waiſenhaus herausgenommen haben.„. — eieh mal Einer! vielleicht hatte ich dazu keine Frlaubniß. Was hat der Herr mit der Sache zu thun? — Das werde ich gleich ſagen... Sh⸗ — Dieſes Kind war ja das meinige. — Nein, Ihr Kind war todt. — Wer hat das geſagt? — Laßt uns einander verſtehen. Hier iſt nicht davon die Rede, Sie für Ihre Handlungsweiſe z 149 Verantwortung zu ziehen, ſondern nur davon, über das Kind, welches Sie vor fünfzehn Jahren aus dem Waiſenhauſe herausnahmen, ins Klare zu kom⸗ men. Ich verſpreche Ihnen eine runde Summe, . wenn Sie die Wahrheit ſprechen; aber ich muß die reine Wahrheit erfahren. — Und wenn ich ſie nicht ſagen will? — Dann wende ich mich an die Polizei. Sie haben zu wählen zwiſchen fünfzig Reichsthaler, die, falls Sie mir aufrichtig Alles mittheilen, was das Kind betrifft, Ihnen gehören, und der Einmiſchung der Polizei in die Sache, falls Sie mich betrügen. Nun gibt es Menſchen, welche eine eben ſo große Furcht vor der Polizei wie Andere vor— dem Teufel haben, und man kann mit Sicherheit an⸗ nehmen, daß Diejenigen, welche ein weniger reines Gewiſſen haben, vor dieſen beiden Mächten beben; ſo auch Frau Blomſtedt. Das Wort Polizei machte auf ſie die gute Wir⸗ kung, daß ſie ſofort den Ton herabſtimmte, höflich wurde, und nach einigen Einwendungen das Fol⸗ gende mittheilte, welches wir indeſſen nicht mit ih⸗ ren eigenen Worten erzählen, ſondern woraus wir nur einen kurzen Auszug machen. Frau Blomſtedt, wie ſie ſich jetzt nennen ließ, war nie verheirathet geweſen, ſondern hatte verſchie⸗ „ dene Schickſale gehabt, worunter auch das, daß ſie von einem wohlhabenden Kaufmann ein Kind be⸗ kam. Das Kind wurde freilich in das Waiſenhaus eingekauft, aber die Mutter nahm es heraus, um weitere Unterſtützung für daſſelbe vom Pater erhalten. Alles ging ein paar Wochen nach Wunſch aber dann ſtarb das Kind. Frau Blomſtedt, welche entſchiedene Anlage zur Induſtrie hatte, meinte, daß es recht bequem ſei, die doppelten Koſtgelder zu er⸗ heben, ging darum in das Waiſenhaus und nahm ein anderes Mädchen von demſelben Alter wie das ihrige heraus. Dieſes gab ſie dann dem Vater ge⸗ genüber für das ſeinige aus, um von ihm fortwäh⸗ vend eine gewiſſe Summe zu deſſen Erziehung zu erhalten. Die Betrügerei gelang, und auf dieſe Weiſe ver⸗ floſſen acht Jahre, worauf die Beiträge ausblieben, weil die Angelegenheiten des vermeintlichen Vaters in Unordnung geriethen. Frau Blomſtedt dachte jetzt daran, das Kind dem Waiſenhauſe zurückzu⸗ geben; aber das Schickſal führte ſie mit einem Seil⸗ tänzer zuſammen, welcher ſich anbot, das Mädchen an ſich zu nehmen. Die Bedingungen wurden dahin geſtellt, daß unſere Frau die Waiſenhausgelder er⸗ heben konnte, aber das Mädchen los wurde. Wir gehen darüber hinweg, wie das arme Kind behandelt wurde. Derjenige, welcher Eugdne Sue's„Martin“ geleſen hat, kann ſich davon eine klare Vorſtellung machen. Das kleine Mädchen, deſſen Name Malla war, tanzte auf dem„Hopfenhof“, im Thiergarten, in kleinen Städten und überall, wo jene Seiltänzer⸗ geſellſchaft hinkam. Sie wurde alſo unter den furcht⸗ barſten Repräſentanten der Sittenloſigkeit, ohne ir⸗ gend einen Begriff von ihrer Erniedrigung, auf⸗ 33 erzogen. 3 Vier Jahre brachte ſie auch dieſe Weiſe zu der Seiltänzer ſtarb und die hübſche Geſellſchaft 151 auflöste. Malla kehrte zu der Blomſtedtſche zurück. Jetzt wurde ſie beim Opernballet eingeſchrieben, und da ſie außerdem ſehr hübſch zu werden verſprach, ſo baute ihre Pflegemutter darauf ihre Pläne für die Zukunft. Das Mädchen hielt ſich deßhalb fortwäh⸗ rend bei dieſer Perſon auf, obgleich dieſe Etwas heruntergekommen war und in einem Hofe auf dem deutſchen Bäckerberg wohnte, woſelbſt auch eine Menge anderer elender und gefallener Weſen ihre Heimath hatten. Wovon Frau Blomſtedt eigentlich lebte, gab ſie nicht an; aber man konnte mit vollkommener Sicher⸗ heit annehmen, daß ihre Induſtrie nicht zu der ehren⸗ haften Art gehörte, weil ſie verſchiedene Male als Diebs⸗ hehlerin angeklagt geweſen, jedoch ohne verurtheilt zu werden. Malla war von ihrer zarteſten Kindheit an ſo ſchlecht und hart behandelt worden, daß alle zarteren Gefühle bei ihr vollkommen getödtet worden waren. Andere Begriffe als die von Laſtern, Aus⸗. ſchweifungen und Verbrechen hatte ſie ſich nie an⸗ geeignet. Ihre Anlagen nahmen eine unverbeſſer⸗ liche Richtung zum Niedrigen. Als ſie das fünfzehnte Jahr erreichte, gab es keine Spuren von tugend⸗ haften oder edleren Sympathien in ihrer Bruſt. Das einzige zärtliche Band, welches ſie an irgend ein menſchliches Weſen feſſelte, war die Zuneigung, welche ſie zu einem kleinen Knaben hegte, der ein Jahr jünger als ſie war und ſich bei einer Lumpenſamm⸗ lerin aufhielt, die in demſelben Hof mit der Blom⸗ ſtedtſche wohnte. Für dieſen Jungen empfand Malla viele Theil⸗ nahme, wahrſcheinlich weil er, wie ſie ſelbſt, oft eine barbariſche Behandlung zu erdulden hatte und 152 ihr einziger Troſt der war, ſich gegenſeitig über ihte Leiden beklagen und ihre Peiniger verfluchen zu können... Oder war es vielleicht ein anderes geheimnißvolles Band, welches ſie zu einander hin⸗ zog7 In ihrem fünfzehnten Jahre machte der alte Graf Gratton ſie zu dem, was ſie jetzt war.... Malla fühlte keine Erniedrigung oder irgend einen Eckel an dieſem Leben, denn ſie hatte nie das Alter der Unſchuld gekannt und nie gewußt, daß ſie zu etwas Anderem beſtimmt geweſen, als gerade zu dem, was ſie jetzt geworden. Arme Kinder, zu welchem entſetzlichen Leben ſeid ihr nicht durch den leichtſinnigen und unmenſchlichen Egoismus eurer Eltern verurtheilt; und doch hatte die Natur dieſe Eltern zu euren Beſchützern beſtimmt! O, ihr Müt⸗ ter, welche die Stimme der Natur verläugnet und rückſichtslos eure unſchuldigen Kinder in die Welt hinauswerfet, welche entſetzliche Rechenſchaft werdet ihr einſt ablegen müſſen! Als der Profeſſor die oben genannten Erkundi⸗ gungen eingezogen hatte, bat er, mit Malla ſprechen zu dürfen. — Sie ſchläft jetzt, denn der Graf und einige Herren waren hier bis gegen Morgen, und wenn ich ſie wecke, wird ſie ſo böſe, daß ſie um ſich ſchlägt. — Ich werde eine Weile fortgehen,— antwor⸗ tete der Profeſſor mit einem Seufzer. Viele und traurige Betrachtungen über das menſch⸗ liche Elend in allen dieſen verſchiedenen Geſtalten drangen ſich Gren auf, während er in dem angren⸗ zenden Quartier herumwanderte. 153 Nach Verlauf einer Stunde kehrte er wieder zu⸗ rück und traf jetzt ein ſehr junges Mädchen, welches, den Jahren nach faſt ein Kind, in einen Sammet⸗ ſchlafrock gehüllt war. Das üppige ſchwarze Haar fiel unordentlich ums Geſicht herunter. Nachdem Malla einen mit den Angaben der Blomſtedtſche ganz übereinſtimmenden Bericht erſtattet, welchem ſie nur dieß und jenes von der ſchlechten Behandlung, die ſie erduldet, hinzufügte, fragte Pro⸗ feſſor Gren ſie: — Haben Sie niemals gewünſcht, Ihre Eltern kennen zu lernen? — Nein, das habe ich gewiß nicht;.... was kümmere ich mich um ſie, ſie haben ja nicht nach mir gefragt. Uebrigens, was meine Mutter wohl war, bin jetzt ich, und dann wird ſie doch ſchon arm und elend ſein; es würde nur eine Laſt ſein, ſie auf den Hals zu bekommen. Ich habe genug an der Blomſtedtſche. Aber vielleicht kennen Sie mei⸗ nen Vater? Es ſchauderte den Profeſſor bei dieſen kalten und empörenden Aeußerungen. — Nein, ich kenne ihn nicht; aber eine Perſon, welche Ihrer ſterbenden Mutter verſprochen, für Sie zu ſorgen, hat mich gebeten, ihr einige Aufklärungen darüber zu verſchaffen, wo Sie ſich aufhielten. Sie will Ihnen Erziehung geben und Sie in eine Pen⸗ ſion ſetzen laſſen, wo Sie Unterricht erhalten und dann ſpäter auf eine anſtändige Weiſe Ihren Lebens⸗ unterhalt verdienen könnten. Da meine Mutter nicht nach mirg während ſie lebte, ſo iſt es jetzt überfi können Diejenige, welche Sie geſchickt hat, grüßen und ihr ſagen, daß ich es jetzt ganz gut habe... Ich in ein Inſtitut kommen? oder was war es, das der Herr ſagte? Ja, das möchten Sie wohl ſehen! Als wenn das etwas Unterhaltendes wäre, zu ler⸗ nen!.. YNein, ich danke.... Ich erinnere mich noch ſehr wohl all der Schläge, die ich beim Seil⸗ tänzer bekam. Wozu ſollte das auch dienen? Bin ich nicht eine ſo hübſche und feine Mamſell, wie ich es je werden kann? und ich will es wahrlich nicht anders haben.... Ein anſtändiges Leben?.. Wie der Herr ſo ſchwatzen kann, als wenn das der Mühe werth wäre, nach ſo Etwas zu ſtreben! Und jetzt lachte Malla aus vollem Halſe. Lange, aber vergebens ſprach der Profeſſor noch mit Malla, und ſuchte ihr das Erniedrigende in der Stellung, die ſie jetzt einnähme, recht klar zu machen, ſo wie ihr alle die Vortheile eines ehrenhaften Le⸗ bens, und beſonders eines ſolchen, wie das, welches ihr jetzt angeboten würde, vor die Augen zu halten; aber Malla begriff nichts von alledem, und wollte das unthätige Leben, das ſie jetzt führte, durchaus nicht aufgeben. Alles, was ſie antwortete, war: — Wenn ich das Leben, das ich jetzt führe, ſatt bekommen, können Sie wieder vorſprechen, aber jetzt will ich nach meinem eigenen Gefallen leben zc. Mit dieſem Beſcheid entfernte ſich unſer Profeſſor. Es war ihm nach vieler Mühe und Anſtrengung gelungen, Auskunft über das eine Kind der unglück⸗ lichen Agnes zu erhalten; aber was war damit ge⸗ wonnen? Die Unglückliche war unrettbar dem Laſter 3 kleines Capital zu verſchaffen, um damit am 15⁵5 verfallen. Die üblen Gewohnheiten waren ihr be⸗ reits zur Natur geworden. Durch Unterſtützung der Polizei gelang es auch endlich dem Profeſſor, ein Weib Namens Gran⸗ lund aufzuſpüren. Daſſelbe war jetzt Lumpenſamm⸗ lerin und durch mehrere kleinere Diebſtähle, wegen welcher ſie beſtraft worden war, ſo wie auch durch verſchiedene geringere Betrügereien, der Polizei be⸗ kannt. Gegenwärtig ſaß ſie, als an einem gröberen Diebſtahl betheiligt, im Criminalgefängniß auf dem Schmiedehof. Daß ſie ein Pflegekind hatte, war auch bekannt, ſo wie auch, daß dieſes, ein Junge, oft wegen Mauſerei angeklagt geweſen und ſchließ⸗ lich in Prinz Carls Anſtalt für entartete Kin⸗ der aufgenommen worden ſei. Mit dieſem Beſcheid begab ſich unſer Profeſſor an einem ſchönen Junitag, kurz vor Johannis, nach dem Schmiedehof. Wir übergehen die Details betreffs der Zuſam⸗ menkunft, und glauben daran am klügſten zu han⸗ deln. Das Hauptreſultat, zu welchem der Profeſſor kam, war: Daß Loviſa Granlund, welche mit einem Schuh⸗ machergeſellen verheirathet geweſen war, und in demſelben Hauſe gewohnt, wo Agnes wohnte, ſich in ſehr armen Verhältniſſen befunden hatte, weil der Mann nur wenig Arbeit gehabt. Die Frau kam auf die Idee, ſich auf irgend eine W eine Winkel⸗Schenke anzulegen. Aber gerade als ſie dieſe Pläne im Kopf hatte, gebar Agnes ihr zweites Kind, und ſie erfuhr von einer Magd, daß das Kind in das Waiſenhaus eingekauft werden ſollte. Die Frau fand die Gelegenheit paſſend, für das Waiſenhausgeld das Kind als Pflegekind anzu⸗ zunehmen, um ſich auf dieſe Weiſe die erſehnten Gelder zu verſchaffen, und ließ Agnes den Vorſchlag machen. Die Sache wurde abgemacht, und das Schuhflicker⸗Paar zog nach dem Sumpfe u. ſ. w. So lange Agnes gut wohnte und Etwas zu geben hatte, unterließ die Frau nicht, ſie zu beſuchen und ihr kleine Summen zum Unterhalt des Kindes abzulocken; bald zog aber Agnes um, und die Pfle⸗ gerin des Knaben wußte nicht mehr, wo ſie wohnte. Auch machte die Polizei dem Treiben der Madame Granlund ein Ende, und die Schuhflickerfamilie ge⸗ rieth ins größte Elend. Der Mann trank ſich zu Tode. Wir wollen nicht das Leben des armen Kindes ſchildern, das ſich leicht denken läßt, da der Knabe ja nur der Gegenſtand einer geizigen Berechnung und ſeit dieſe nicht mehr zur Ausführung ge⸗ bracht werden konnte, nur eine Laſt war, welche die elende Pflegemutter gern los ſein wollte. Sobald der Knabe ſich verſtändlich machen konnte, wurde er mit andern Kindern hinausgeſchickt, um zu betteln, Kam er ohne Etwas nach Hauſe, dann bekam er Schläge, und um dieſen zu entgehen, mauste er, m vnothwendig einſt damit enden, im Zucht⸗ ngeſperrt zu werden. als er größer wurde. Auf ſolche Weiſe erzogen —— 157 Das war das jüngſte Kind der Agnes, der Bruder Malla's, und derſelbe kleine Knabe, für welchen ſie Theilnahme und Anhänglichkeit gezeigt, als ſie in demſelben Hof wohnten. Der Name des Knaben war Conrad; jetzt war er als verwahr⸗ lost in Prinz Carls Anſtalt aufgenommen. Um ſich ſeines Auftrags mit Einemmale zu ent⸗ ledigen, nahm der Profeſſor eine Droſchke und fuhr nach jener Anſtalt. Auf ſeine Frage dort nach Con⸗ rad Granlund, erhielt er zur Antwort, daß vier Knaben, worunter auch Conrad Granlund ſich befand, letzte Nacht entwichen ſeien. Dieſe Opfer der Vergehen ihrer Eltern ſchienen rettungslos Laſtern und Verbrechen anheimgefallen zu ſein. Am Tage darauf reiste der Profeſſor nach He⸗ lenefors. Die Johanniszeit mit ihren Blumen und ihrer Schönheit war längſt vorbei. Auf Helenefors finden wir jetzt alle unſere alten Bekannten, und zwar auch den Profeſſor wieder. Es war ein ſchöner Tag Mitte Auguſt, an welchem ſie Alle auf einem Hügel im Parke verſammelt waren, auf welchem man ſich niedergelaſſen hatte, um nach dem brennend heißen Tage Kühle und Erquickung zu finden. Hermann hatte Gerda und Alva gegenüber, welche neben ein⸗ ander ſaßen, Platz genommen. Zu Gerda's Füßen lag Ernſt, und auf derſelben Seite wie Hermann ſaßen auch Hilda und der Baron. Der junge Hardisvogt machte die eine und die andere Entdeckung, welche Gerda im höchſten Grade beunruhigt haben würde, falls ſie Etwas davon ge⸗ ahnt hätte. So z. B. fand er Alva viel hübſcher und ihre Stimme viel ſanfter als Gerda's. Es wunderte Hermann, daß er das nicht früher bemerkt hatte. Viele und ſonderbare Gedanken kreuzten ſich in ſeinem Gehirn; dieſelben räumten alle Gerda den Vorzug ein, und das Ende dieſer Vergleichung wurde, daß Gerda's veränderliches und feuriges Herz zwar für eine Geliebte, aber nicht für eine Gattin paßte. Alva dagegen war wie dazu geſchaffen, als Gattin ein reines und ungetrübtes Glück um ſich zu ver⸗ breiten.„O, wie glücklich derjenige, welcher einſt ſie die ſeinige nennen darf,“ dachte Hermann und ſein Herz begann heftig zu pochen. Als er es gewahr wurde, welche heftige Gemüthsbewegungen jene Gedanken hervorriefen, beſchloß er, ſich nicht mehr in die Betrachtung von Alva's gar zu gefähr⸗ lichen Augen zu vertiefen. — Würdeſt Du, Ernſt, wohl eiferſüchtig werden Punen— fragte in demſelben Augenblick Gräfin ilda. Alle Anweſende fuhren unwillkürlich zuſammen, und aus den Augen des Barons ſchoß ein drohen⸗ der Blitz auf die Gräfin. Alva ſah Ernſt unruhig an, Gerda erröthete und blickte nieder. — Das würde ich gewiß und aus vielen Grün⸗ den; aber warum eine ſolche Frage, Hilda. Warm, werde ich Dir ſchon nachher ſ aber zuerſt mußt Du Dich über die Art i i S Sſeuh ausſprechen. 159 — Mag es ſein! Ich würde zuerſt aus Liebe eiferſüchtig ſein können; eine ſolche Eiferſucht iſt ein bitteres und verzehrendes Leiden. Eine fortwährende Furcht, eine nie raſtende Unruhe 1.... Dieſelbe kann zwar oft unbegründet ſein, aber ſie entſteht, wenn man liebt, ohne die Gewißheit zu haben, wie⸗ der geliebt zu werden, oder wenn man mehr Liebe gibt, als man wieder erhält.... Ein ſolches Ge⸗ fühl erzeugt grauſame Qualen! Die Blicke des Grafen flogen bei dieſen Worten unwillkürlich hinüber zu Alva, richteten ſich aber bald wieder auf Gerda. — Eine andere Art von Eiferſucht iſt diejenige, welche ein ehrenhafter Mann in Beziehung auf die Reinheit ſeines Namens empfindet. Dieſelbe ent⸗ ſteht niemals, als wenn er Anlaß hat, zu glauben, daß er betrogen ſei!.... Sie iſt unnachſichtig, falls er findet, daß die Fran ſeine und ihre eigene Ehre leichtſinnig befleckt hat; ſo Etwas kann oft in ſeinen Folgen fürchterlich ſein, und ich fühle tief, daß ich, wenn ich auch ein ſolches Weib noch ſo hoch liebte, demſelben doch nie wieder verzeihen könnte!.... Und ein Mann, welcher meinen Na⸗ men ſo tief erniedrigt hätte, würde nur mit ſeinem Leben den Schimpf abwaſchen können, den er mir angethan!.. Jetzt, Hilda, habe ich Dir Rechen⸗ ſchaft über diejenigen Arten von Eiferſucht abgelegt, welcher ich fähig bin. — Du würdeſt alſo gegen Gerda unnachſichtig ſein, falls ſie Dich betröge?— fragte die Gräfin, heſtete dabei ihre Augen auf Gerdas jetzt leichen. Du kommſt zu ſpät, mein Junge, 160 blaſſes Geſicht, und wandte dann ihre Blicke nach Hermann, deſſen Ausſehen aufgeregt wurde. — Ja, gewiß,— antwortete der Graf lächelnd, indem er Gerda an ſich zog; dann fügte er, als wenn er der Gräfin zeigen wollte, daß er der An⸗ hänglichkeit Gerda's ganz ſicher ſei, hinzu:— falls ich nicht ſo gewiß wäre, allein das Herz meiner Gerda zu beſitzen!.... Aber wozu dieſe Fragen? — Darum, weil ich Dich für viel zu kalt hielt, um ſolche Gefühle hegen zu können,— antwortete Hilda und ſpielte nachläſſig mit einigen Blumen. Alva ſchauderte es, denn ſie begriff vollkommen Hilda's Abſichten. Aber jetzt kam Profeſſor Gren und meldete, daß. Graf Gratton mit Frau und Tochter angekommen ſeien. Alle beeilten ſich, ihnen entgegen zu gehen. — Nur Hilda und Hermann blieben zurück. „— Was hält der Herr Hardisvogt von des Grafen Weiſe, eiferſüchtig zu ſein?— fragte die Gräfin. — Ich würde ſie furchtbar gefunden haben, im Falle, daß Sie, meine gnädige Gräfin, ſeine Gattin geweſen. — Was ſoll das bedeuten? Ich glaube, Sie wollen mich beleidigen! — Durchaus nicht; es bedeutet nur, daß ich der Gräfin wegen derſelben zu trotzen im Stande wäre,— antwortete Hermann und küßte galant ihre Hand. Sie ſchwieg und dachte: 161 ch Dir bereits in die Karten geguckt, und jetzt werde ich euch beide vernichten. d, Im Vorübergehen muß bemerkt werden, daß Hermann es nicht vermocht hatte, auf diejenige Gerda ſich zu beſchränken, welche er ſich vorgeſtellt hatte. s Alle Vorſätze Hermanns hatten zu nichts gedient. Die Verſuchung war zu groß, die Gegend zu ſchön und das tägliche Zuſammenſein gab zu viele Gele⸗ t, genheit, die Erinnerung an jene Periode wieder wach e zu rufen, in welcher ſie beide in den Träumen ihrer erſten Liebe lebten. Genug, er hatte bereits ſeine n Gefühle in Worte gekleidet, und die Worte enthiel⸗ ten Wünſche. Vielleicht lag auch in ſeinem Charak⸗ ter zu viel Leichtſinn, um das Unrecht zu begreifen, n welches darin lag, das Schweigén zu brechen, das er ſich auferlegt. Gerda, welche ihrerſeits viel zu ſchwach und ganz s ohne Grundſätze war, überließ ſich ganz dem Reize e des Augenblicks, ohne die Folgen ihres pflichtver⸗ geſſenen Betragens zu bedenken. Daß unter ſolchen Verhältniſſen Andere als ſie ſelbſt merken würden, wie die Sachen ſtanden, kann man leicht einſehen. Alva that Alles, was ſie ver⸗ mochte, um Gerda den Abgrund zu zeigen, auf wel⸗ chen ſie ſich beſinnungslos zuſtürzte; aber alle ihre Bemühungsn waren fruchtlos, und Gerda endete damit, daß ſie ihr auswich. Auch der Baron begann unruhig zu werden, und er beſchloß, mit Hermann zu reden, bevor irgend eine dienſtfertige Perſon die Augen öffnete, welcher der Einzige w noch nichts ſah. So ſtanden die Sachen S oben erzählte Geſpräch ſtattfand. Schwartz, Die Schutzloſen. 6 ſügte er hinzu. — Hermann muß fort, ſobald der Ball vorüber iſt,— dachte der Baron, als er dem alten Grafen entgegen ging.— Ich ſah es Hilda an, daß ſie et⸗ was Abſcheuliches gegen Gerda im Sinn hat. — Ich will über ſie wachen,— nahm Alva ſich vor, welche mit Grund befürchtete, daß eine große Gefahr drohe, weil Hilda's Schadenfreude ſo un⸗ zweideutig war. — Auf dem Balle findet ſich eine paſſende Ge⸗ legenheit, ſie zu entlarven,— hoffte Gräfin Hilda. — Ich muß eine Unterredung mit Hermann haben, denn dieſer Zuſtand von Unruhe und Furcht wird ſchließlich unerträglich,— dachte Gerda. — Fort muß ich! meine Gegenwart wird ſonſt ihr Unglück,— rief Hermanns beſſeres Gefühl ihm zu. Später Abends, als Alle im Salon des Barons im Parterre ſich verſammelt hatten, woſelbſt die Glasthüren zu der Terraſſe offen waren, ſtand Alva gegen eine derſelben gelehnt und blickte träumend nach der niedergehenden Sonne. Sie dachte mit Wehmuth, Sehnſucht und Schmerz an ihre ſo heiß und unausſprechlich geliebte Mutter. — Würde Alva hinausgehen und ſich auf die Terraſſe ſetzen? ich habe Ihnen einige Worte zu ſagen; — klang die Stimme des Barons hinter ihr. lva warf ihm einen ſcheuen Blick zu, vähte ein leichter Schauer ſie durchrieſelte. — Ich habe nur einige Worte zu ſagen⸗ Sie gingen hinaus und ſetzten ſich auf eine Ban — SSenengurluntt: durch welche 163 — r Paſtor Hedberg und ſeinen Kindern die Zinfen von dem Capital übertragen, welches in Heleneſors an⸗ gelegt iſt, iſt mir heute zugeſtellt worden, und ich wünſchte zu wiſſen, was Sie wollen, daß damit geſchehe. e— Wenn ich den Herrn Baron bitten dürfte, die Güte haben zu wollen, dieſelbe dem Paſtor zu⸗ zuſchicken. 4— Aber warun, Alva, ſie ihm nicht ſelbſt über⸗ geben — Weil es ausſehen würde, als wollte ich eine t Schuld bezahlen, welche ich nie wieder abbezahlen kann.— Nein, möge mein Name nicht dabei ge⸗ t nannt werden, ſondern die Gabe als eine Anord⸗ nung von unſerem gemeinſamen Verwandten er⸗ ſcheinen. — Sie ſind das ſonderbarſte Weib, das ich je⸗ mals gekannt. Unerwartet Beſitzerin einer halben Million geworden, thun Sie nichts, um das Leben zu genießen, ſondern verſchenken faſt Ihr ganzes 3 Vermögen, indem Sie Wohlthätigkeitsanſtalten ſtif⸗ ten u. ſ w., und behalten nur ſo viel für ſich, daß eie gerade davon leben können. — Und wozu ſollte ich mehr nöthig haben2 — Um Ihr Leben zu verſchönern und glücklich zu machen. — Herr Baron, jeder Menſch hat ſeine eigene Weiſe, glücklich zu ſein, und ſo auch ich. Mein Glück finde ich— gerade in dem, was ich jetzt — Aber, Alva, haben Sie nie daran gedächt, ſi 1. 4 u verheirathen? — Rein, noch nicht. Baron, drückte heftig ihre Hand und ſtand auf. — Antworten Sie mir aufrichtig! Hat Alva ihr Herz bexeits Jemanden geſchenkt? — Nein, Herr Baron, Niemanden. — Dank, ich bin zufrieden. Ich liebe Sie, Alva, wie ich nicht geglaubt hätte, daß ich je ein Weib lieben könnte, und— nicht wahr, Sie verabſcheuen mich ja nicht. — Wie ſollte ich das denn können! Der Herr Baron hat mir ja nur Güte erwieſen. Aber Alva's Stimme zitterte, und in ihrem Ge⸗ ſichte ſpiegelte ſich ein tiefer Schmerz. — Ich will jetzt, von ſpähenden Blicken umgeben, dieſes delicate Thema nicht berühren; aber verſpre⸗ chen Sie mir auf Mittwoch Vormittag um zehn Uhr eine Zuſammenkunft im Pavillon. Da morgen der Ball ſtattfindet, ſo werden Alle länger als gewöhn⸗ h ſchlafen, und ich kann ungeſtört jene Unterredung mit Ihnen pflegen. — Ich werde die Ehre haben, mich einzufinden, — antwortete Alva; ſie ſchauderte aber unwillkür⸗ lich zuſammen, als ſie den glühenden Blicken des Barons begegnete. 55 — Sie ſind ja frei, Alva?— fragts er und beugte ſich zu Alva herab, ſo daß ſie den Hauch ſeines Athemzugs an ihrer Wange fühlte. — Ich bin vollkommen frei. — Und Sie werden mich einſt tieben? Ich hoffe, daß ich es einſt können Alva mit einem Ton und ei welche offenbar einen Doppelſinn in ſich — Dank, angebetetes Mädchen,— ſlüſte 165 Als Alva allein war, faltete ſie ihre Hände, blickte hinauf zum Himmel und ſeufzte: — O, Du guter Geiſt meiner holden Mutter, würdige mich Zeines Beiſtandes, daß ich meine ſchwere Pflicht recht erfülle! 6— Am Tage darauf ſollte Gerda's neunzehnter Ge⸗ burtstag mit einem großen Balle gefeiert werden; die Familie des Grafen Gratton, welche ein paar eilen von Helenefors wohnte, war deßhalb am Tage vorher angekommen und ſollte mehrere Tage bleiben. Am Abend des Balltages war die ganze Pracht⸗ wohnung auf Helenefors feſtlich mit Blumen ge⸗ ſchmückt, um die große Anzahl Gäſte zu empfangen, welche eingeladen waren. Noch waren weder Standesperſonen noch andere Gäſte erſchienen, als Alva, vollkommen ballmäßig gekleidet, mit einem ſtrohgelben Atlaskleide angethan und in den Haaren ein Netz von weißen Perlen, in den leeren Salon eintrat. Sie wanderte langſam durch eine Reihe von Zimmern und blieb endlich in einem kleinen achteckigen Cabinet ſtehen, vor deſſen Spiegel ſie einihe Locken gedankenvoll ordnete. Eeine geſchmackvollere Toilette als die Deinige kann man nicht ſehen,— äußerte Graf Ernſt hin⸗ ter ihr. Auch er war im Ballkleide. Der Blick, welchen Ernſt auf Alva warf, war heiter und voll Bewunderung. Bild meiner Träume, wende Dich nicht von mi zen Macht meines Willens meinen Gefühlen Schwei — Als der Spiegel mein Bild wiedergab, dachte ich gerade: wer würde wohl jetzt in mir das ver⸗ zweifelte und hungrige Kind wiedererkennen, welches Du einſt ſo edelmüthig vom Hungertode retteteſt. O meine arme Mutter, warum durfte ſie nicht leben und mit von einem Ueberfluß genießen, welcher mir ohne ſie ſo leer vorkommt? Warum konnte ſie nicht Dir ihre warme Dankbarkeit bezeugen?.. 6 Alſo warſt Du es doch?... Mein Gedächt⸗ niß täuſchte mich nicht. — Ich war es, die im Laufe meines Lebens Deine edle Handlung oder die Erkenntlichkeit, die ich Dir ſchuldig bin, niemals vergeſſen habe noch vergeſſen kann. Ich hatte auch Deine Geſichtszüge treu in meinem Gedächtniſſe bewahrt. Man vergißt freilich Vieles hier im Leben; aber den vergißt man nie, welcher mehr als unſer Leben,— nämlich dasjenige einer zärtlichen Mutter gerettet hat. Sei verſichert, Ernſt, daß mein Herz ewig fühlen wird, was es Dir zu danken hat, und ſollte ein Tag in unſerem Leben kommen an welchem ich das beweiſen kann, ſo rechne darauf, daß ich vor keinem Opfer, das Dein Glück betrifft, zurückſchrecken r — Vor einem wirſt Du doch zurückweichen: mir es zu verzeihen, daß ich Dich liebe!— äußerte Ernſt, indem er leidenſchaftlich ihre Hände ergriff, welche er gegen ſein klopfendes Herz drückte. ————————— HO, Du mein lange geſuchtes, wiedergefundene ab Ich habe, um Dich nicht zu verletzen, mit der 3 1 — ——.———— wär ein menſchliches Herz einer ſtärkeren Verſuchung ausgeſetzt worden, als d i aber vor ihrer Seele ſtand 167 gen geboten, und ſie in die Tiefe meiner Bruſt zurückgedrängt. Bereits ſeit unſerer Ankunft hier habe ich nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick die Gluth verrathen, welche mich verzehrt und mich ausſchließlich beherrſcht. Ich begriff die Meinung Deiner Worte auf der Reiſe hierher, uud gehorchte denſelben, obgleich ich in einer ſo ſchönen, zum Her⸗ zen ſprechenden Gegend wie dieſe mit Dir verweilte. Es hat Augenblicke gegeben, in welchen die Fähig⸗ keit, in meiner eigenen Bruſt das Geheimniß meines Herzens zu verſchließen, zu ſchwanken anfing, wo ich von dem Wunſche, geliebt zu werden, nieder⸗ gedrückt wurde und mich darnach ſehnte, ſagen zu dürfen ich liebe Dich! Aber ich ſah Dich, und — ſchwieg. Und doch gibt es in meiner Liebe Nichts, das Dich verletzen kann; ſie iſt rein und heilig. Jetzt, Alva, jetzt, wo ich endlich in Dir jenes Kind wiederfinde, deſſen Anblick ſchon damals auf mich einen unauslöſchlichen Eindruck machte, jetzt mußt Du es mir verzeihen, daß Gefühle, die ſtärker ſind, als mein Wille, mich zu ſprechen zwingen. O! ich verlange nur von Dir die Erlaubniß, Dich lieben zu dürfen, und das wirſt Du mir nicht verweigern — Ernſt! ich muß es doch,— antwortete Alva mit Anſtrengung und in ihren Augen glänzten Thränen, Niemals wurde die Macht eines Menſchen über ſich ſelbſt auf eine härtere Probe geſtellt; niemals as Alva'si ſen ug ck; was ſie thun mußte, und nicht das, was ihr ſchwa⸗ ches Herz ihr gebot. — Warum, Alva, warum?— rief der Graf und drückte heftig ihre Hände. — Ich muß es, wenn ich wirklich Dein und Gerda's Glück will!.... ich muß es, wenn ich Deine Achtung und die Achtung vor mir ſelbſt be⸗ halten will. Du ſagſt, daß Deine Liebe nichts an ſich hat, das mich verletzen könnte, aber Du täu⸗ ſcheſt Dich grauſam Du biſt verheirathet, und Dein Herz muß ganz und gar und ausſchließlich Deiner Gattin gehören⸗ Als ſie dioſe Worte ausſprach, zitterte jede Fiber in Alva's eigenem Herzen; aber ohne daß ihr Ge⸗ ſicht den Kampf in ihrer Bruſt verrieth, fuhr ſie fort: — Es liegt alſo in Deiner Liebe ſelbſt, dieſelbe möge nun beſchaffen ſein, wie ſie wolle, etwas für mich tief Verletzendes, weil dieſelbe immer eine Be⸗ leidi gung gegen Gerda enthält — Halt' einen Augenblick ein!— rief Ernſt; — dieſe Gattin hat mich nie geliebt ſie hat mit einem Widerwillen ſonder Gleichen mich von ſich geſtoßen. Noch mehr.... ſie hatte einſt ſich mein Herz ganz und gar zuwenden können, welches mit müden, ſehnſuchtsvollen Schlägen einem andern ent⸗ gegenzuklopfen wünſchte; aber ſie hat es mit entſetz⸗ üchſter Gleichgültigeit von ſich geſtoßen. Iſt es mein Fehler, daß das Bedürfniß der Liebe, welches in meiner Bruſt niedergelegt wurde, nicht ausſterben konnte, ſondern in all ſeiner Heftigkeit wieder er wachte, als ein Weib, wie ich es mir von den Jüng⸗ 3 —— 169 lingsjahren her geträumt, mir entgegentrat?.. Bin ich denn derjenige, an welchem der Fehler lag?. oder iſt es nicht dieſe Gattin, welche in ihrem eigenen kalten Egoismus mich kaltblütig einem freudearmen und öden Leben überliefert! Welche Pflichten habe ich denn gegen.... — Spreche es nicht aus, Ernſt! Du vergißt Dich! Das Gefühl, welches Du für mich hegſt, kann nicht dadurch entſchuldigt werden, daß Du Feh⸗ ler bei Deiner Frau aufſuchſt. Nein, Du mußt es, als eine Deiner unwürdige Schwäche, bekämpfen... — Niemals, Alva!— äußerte der Graf leiden⸗ ſchaftlich,— ich werde Dich bis in meinen Tod lie⸗ ben! Welches Recht haſt Du denn, mir den Genuß zu verweigern, mit Dir von Liebe ſprechen zu dür⸗ ſen?.. Nein, Du wäreſt grauſam und undank⸗ bar, wenn Du mich kalt von Dir ſtießeſt. — Ich habe kein Recht über den Grafen Gratton, — antwortete Alva mit edlem Stolze;— aber ich habe eine viel zu hohe Meinung von Ernſt, welcher ſich ehemals gut und edelmüthig gegen die Noth zeigte, als daß ich glauben könnte, er würde die Dankbarkeit, die ich ihm ewig ſchuldig bin, dazu mißbrauchen, mich zu zwingen, eine Sprache anzu⸗ hören, welche ihn herabwürdigen und mich zwingen würde, ſeine Nähe zu fliehen. Denjenigen Ernſt, welcher in meinem Gedächtniſſe wohnte, hatte ich mir als einen Mann vorgeſtellt, welcher für das Rechte jeder edlen Aufopferung fähig ſei; als einen Mann, der niemals ſeine Pflicht vergeſſen könnte. — Nun gut, dieſen Ernſt ſollſt Du ied Ich will ein Mann und Deiner würdig antwortete Ernſt, bleich wie eine Marmorſtatue, und während ſeine Augen alle die ſtürmiſchen Geſühle ausdrückten, die er mit ſeinem Willen zu bekämpfen ſuchte.— Das Opfer, welches Du von mir forderſt, wird meine Kräfte nicht überſteigen, denn ich werde Dir die Stärke meiner Liebe dadurch zeigen, daß ich Dir unbedingt gehorche. Er führte Mvals Hand langſam an ſeine Lippen und hielt ſie eine Secunde gegen dieſelben gedrückt. War es ein Irrthum?— aber es kam ihm vor, als wenn ihre Hand zitterte. Er ließ ſie los und — entfernte ſich. — Dank!— flüſterte Alva. Ein Glück war es indeſſen für den edlen Vorſatz des Grafen, daß er ſich nicht umdrehte, oder einen Blick auf die in einen Lehnſeſſel niedergeſunkene Alva warf, denn in dieſem Augenblick drückten ihre Augen und Geſichtszüge eine tiefe und glühende Leidenſchaft aus, dis von einem bittern Schmerz begleitet war. Einige Stunden darauf war der Ball im vollen Gange. Alva tanzte ſo, als wollte ſie durch die Haſtigkeit der Bewegungen und durch die berauſchen⸗ den Töne der Muſik einen Schmerz betäuben, oder einen Gedanken verjagen. Als zum zweiten Walzer engagirt wurde, zog Alva ſich zurück und ſetzte ſich auf den Balkon. Sie fühlte ein großes Bedürfniß auszuweichen und einige Augenblicke einſam zu ſein; als aber die Muſik wie⸗ der begonnen hatte, kam der Baron hinaus zu und äußerte unruhig: — Um Alles in der Welt, Alva, gehen S hinein in den Tanzſaal. Gerda walzt mit S 171 und die Unglückliche verräth ſich. Wachen Sie über ſie, wenn es möglich iſt. Alva entſprach ſofort ſeinem Verlangen, blieb aber in der Thüre ſtehen, wo ſie voll Angſt Her⸗ mann und Gerda mit den Augen folgte. Ihre Ge⸗ ſichter gaben deutlich die Gefühle wieder, von welchen ſie beherrſcht wurden, und mit den Blicken in ein⸗ ander verſenkt, ſchienen ſie die ganze Welt vergeſſen zu haben. Alva's Augen ſuchten unruhig nach Ernſt, wel⸗ cher ſich in dieſem Augenblick näherte und ſie fragte: — Biſt Du engagirt? — Nein. — Will Alva mit mir walzen? Der Graf ſah ſie bittend an, aber Alva dachte mit Entſetzen daran, daß vielleicht ſie und Ernſt, wie Hermann und Gerda, vom Wirbel des Tanzes ergriffen, ihre Gefühle den Blicken Aller preisgeben würden, und antwortete deßhalb: — Rein, ich danke; wir thun am klügſten, es zu unterlaſſen, dieſen Tanz mit einander zu tanzen. — Du fürchteſt Dich alſo, mit mir zu tanzen? O, ſage, daß Dein Herz es thut!— bat Ernſt und bückte ſich herab zu Alva. Durch ihr ganzes Weſen ging ein Schauder. Sollte ſie denn vor ihm die Schwäche ihres Herzens verrathen, durfte ſie ihn ahnen laſſen, daß ſeine Neigung erwiedert werde? — Nein, lieber den Tod,— dachte Alva, und indem ſie ihre Blicke feſt auf Ernſt richtete, antwor⸗ tete ſie ruhig: — Warum ſollte mein Herz ſich davor fürchten, wenn ich mit Dir walze? — Verzeihe mir, Alva, ich raste; aber zum Beweis, daß ich Unrecht gehabt, räume mir meine Bitte ein; ich bin nie dazu gekommen, mit Dir zu walzen. — Du biſt gar zu, aufgeregt, Ernſt. — Gönne mir dieſen Walzer, und ich werde Dir zeigen, daß ich ruhig bin. 1 Mag es denn ſein, wenn Du es durchaus willſt. Ernſt legte ſeinen Arm um ihren Leib; derſelbe zitterte. Alva erhob ihre Augen zu ihm, und in ihnen war ein Vorwurf zu leſen; er erwiederte aber denſelben mit einem ernſten Blick, der zu ſagen ſchien:— Sei ruhig, Du wirſt mit mir zufrie⸗ den ſein. Und ſo groß war die Macht ſeines Willens, duß jetzt, wo er ſie, die er ſo hoch liebte, den Gegenſtand ſeiner erſten wirklichen Liebe, in ſeinen Armen hielt, nicht eine Muskel zitterte und nicht ein einziger Blick oder Athemzug es verrieth, wie wild die Leidenſchaf⸗ ten in ſeiner Bruſt rasten. Mit einer ſo ruhigen und gleichgültigen Miene, als wäre ſie eine ihm gänzlich fremde Dame gewe⸗ ſen, führte er Alva durch den Wirbel des Watzers. Sie ſahen beide zwei zum Leben erweckten ſchönen Statuen gleich, ſo bleich und kalt waren ihre Ge⸗ ſichter, während Gerda und Hermann die losgelaſſ nen Leidenſchaften darſtellten. Ernſt vermochte indeſſen nur ein paar Mal he umzutanzen, denn er fühlte, daß der Verſuch 173 Kräfte überſteigen würde, falls er denſelben fortſetzte. Er führte darum Alva nach ihrem Sitz zurück, und entfernte ſich, ohne ein Wort gegen ſie zu äußern. Alva, welche dem Erſticken nahe war, eilte hinaus auf den Balkon. Sie warf ſich in eines der Sophas und ſtützte ihre brennend heiße Stirne gegen die eiſerne Balluſtrade. Einige Thränen der Hoffnungs⸗ loſigkeit und des tiefſten Schmerzes rannen über ihre Wangen. Plötzlich machten die Stimmen von zwei in ihrer Nähe ſich unterhaltenden Perſonen ſie zuſammen⸗ fahren. — Aber, Ernſt, biſt Du denn blind, daß Du nicht ſiehſt, was Alle ſehen; werfe nur Deinen Blick auf Gerda's Geſicht, wenn ſie walzt,— tönte die Stimme der Gräfin Hilda. — Hilda, Du täuſcheſt Dich; es iſt der Walzer und ſonſt nichts, was Gerda ſo lebhaft macht. — Aber, wenn ich beweiſen kann, was ich ge⸗ ſagt, wenn ich ihre Untreue vor Deinen Augen bloßlege, was thuſt Du dann? — Ich werde Dir dann natürlich glauben; was ich aber thue, iſt eine Sache, die nur mich angeht. — Nun gut, der Ball iſt um zwölf Uhr zu Ende; treffe um ein Uhr mit mir im untern Corridor zu⸗ ſammen, dann wirſt Du den Beweis erhalten. Das Rauſchen eines Seidenkleids deutete an, daß die Angeberin ſich entfernte. Alva eilte jetzt in den Tanzſaal, um Gerda zu treffen; aber ſie war von einer Menge Gäſte um⸗ geben, und alle Bemühungen Alva's, ihr einige Worte zu ſagen, ſcheiterten an Gerda's unbeſonnener 6 it Heiterkeit. Endlich gelang es Alva doch, ihr ins Ohr zu flüſtern: — Ich müß ſofort mit Dir ſprechen. — Jetzt nicht, aber morgen,— antwortete Gerda, welche gar nicht geneigt war, von Alva irgend welche Warnungen oder Ermahnungen ent⸗ gegenzunehmen.. Während der Ball ſeinen Fortgang hatte und alle dieſe Intriguen in dem reich erhellten Salon geſponnen wurden, wurde außerhalb des Hauſes ein anderes Schauſpiel aufgeführt. Ein Junge von dreizehn bis vierzehn Jahren, der in eine zerriſſene Jacke getleidet war, ſchlich, von einem langen, breitſchulterigen Kerl in Segel⸗ tuchhoſen und blauem Rock begleitet, vorſichtig ums Haus herum. — Hör' mal, Conrad,— flüſterte der Kerl, — laß mal ſehen, daß Du mich jetzt verſtehſt. Als ich hier Bedienter war, und der Schindersknecht von Baron mich wegen lumpiger neun Thaler einſtecken ließ, da hatte er immer ſein Geld in einem Nacht⸗ tiſch, der neben ſeinem Bett ſteht. Siehſt Du, das dort iſt ſein Schlafzimmerfenſter. Jetzt, während man tanzt, iſt Niemand an der Seite. Wenn ich mich auf die Bank hier ſtelle, kannſt Du auf meinen Schultern hinaufklettern, und dann iſt es ein Va⸗ gatell für Dich durch's F* Nachttiſch ſteht rechts am Bett... Du bohr das Tiſchblatt und das Uebrige weißt enſter hineinzukommen. Der ſten Tage zum Lehnsmann zu transportiren. 175 Sieh Dich gut um im Zimmer, ob es ſonſt nichts gibt, was taugt, verſtehſt Du? — Beim Teufel! gewiß verſtehe ich; aber her mit Deinem Meſſer, Langbein.... — Was, zu Millionen Teufeln, willſt Du mit dem, Du Küchlein? — Ja, Du, wenn Jemand kommen ſollte, dann werde ich, bevor er Zeit bekommt, daran zu denken, hervorſpringen und ihm eine Merke im Unterleib geben. — Du haſt Anlagen, ein ganzer Kerl zu wer⸗ den, Du kleiner Satan,— ließ ſich der Kerl ver⸗ nehmen und ſtreichelte dem Jungen den Kopf. Nachdem der Junge das Meſſer in ſeine Bruſt⸗ taſche geſteckt, kletterte er auf die Schulter des Kerls, drückte ein Loch in die Fenſterſcheibe, öffnete das Fenſter und kroch hinein in das Schlafzimmer des Barons. Es brannte dort nur eine matte Lampe. Conrad blickte um ſich und ging auf den oben ge⸗ nannten Tiſch los. Bevor er aber ſeine Bohrarbeit begann, fielen ſeine Augen auf eine mit Brillanten beſetzte Uhr, welche in einem Uhrſtänder auf dem Tiſche ſteckte. Er bemächtigte ſich ſofort derſelben, und wollte ſie in ſeine Taſche practiciren, als er ſich in demſelben Augenblick von einer ſtarken Hand hinten am Nacken gepackt fühlte. Es war.... der Baron ſelbſt. Es wurden Bediente gerufen und man ergriff den kleinen Dieb. Der Baron gab dem Inſpector Befehl, ihn am näch⸗ Als der Junge über den Hof nach dem Zir geführt wurde, in welches er eingeſchloſſen werden ſollte, begegnete ihm der Profeſſor Gren. — Was iſt das für ein Kind?— fragte er. — Eine kleine Canaille, die im Begriff war, die goldene Uhr des Barons zu ſtehlen,— antwortete einer der Bedienten. — Wie heißt Du und woher biſt Du?— ſagte der Profeſſor zum Jungen. — Ich heiße Conrad Granlund, und bin zu Hauſe in Stockholm. — Dann biſt Du aus Prinz Carls Anſtalt ent⸗ wichen. — Wie weiß der Herr das?— — Das iſt Dir gleich; genug, daß ich es weiß. — Da es ſich ſo verhält, dann iſt es wohl nicht der Mühe werth, zu läugnen,— antwortete der Knabe mit jener rohen Gleichgültigkeit, wie man ſie bei Menſchen findet, die nichts zu verlieren haben. — Velche Befehle hat der Baron betreffs des Jungen gegeben?— fragte der Profeſſor den In⸗ ſpector — Daß wir ihn morgen zu dem Kroncomman⸗ danten transportiren ſollen. — Der Herr Inſpector dürfte ſo gut ſein, da⸗ mit nicht zu eilen und neue Ordres abzuwarten; denn ich habe wegen des Burſchen vorher Einiges mit dem Baron zu ſprechen.. — Das thue ich gern, wenn der Herr Profeſſor glaubt, daß ich deßhalb keine Unannehmlichkeiten bekomme. — Ich gebe mein Wort darauf, daß der Ba nicht unzufrieden damit ſein wird. 177 — Dann mag der Krabat hier bleiben, bis ich weiteren Beſcheid bekomme.* Und damit wurde Conrad nach einem dunkeln Zimmer im Domeſtikengebäude abgeführt. Der Profeſſor beeilte ſich, Alva aufzuſuchen und ihr dieſe Sache mitzutheilen. Ende des Abenteuers. Der Ball war zu Ende und alle fremden Gäſte abgereist. Alva eilte eine⸗ Wendeltreppe hinab, welche von ihrem Zimmer zu einem andern führte, das von Gerdas Kammerjungfrau bewohnt wurde und ſich vor dem Toilettezimmer der Gräfin befand. — Hat die Gräfin ſich bereits zu Bett gelegt? — fragte Alva das Kammermädchen. — Ja, das hat ſie. — Iſt es lange her? — Eine gute Viertelſtunde; als ich hineinging ſchlief die Gräfin. Alva kehrte mit folgenden Gedanken in ihre Zimmer zurück: — Welche Beweiſe kann wohl Hilda gegen ſie häben Ich muß bei ihrer Zuſammen⸗ kunft mit Ernſt zugegen ſein, um dem Uebel vorzu⸗ beugen, falls es möglich iſt.——— Heute Nacht droht ihr keine Gefahr, weil ſie ſchläft; denn im Schlafe thut der Menſch nichts Schwartz, Die Schutzloſen. 5 ⸗ Langſam ſtieg Ernſt die Treppe hinauf, Alva hüllte ſich in einen Shawl, denn ſie trug noch die Balltracht und eilte hinab in den Corri⸗ dor. Hinter einem der lang hinabhängenden Fen⸗ ſtervorhänge verſteckt, erwartete ſie, was da kommen würde. Einige Minuten darauf kamen die Gräfin Hilda und Ernſt faſt zu gleicher Zeit an. — Nun, Hilda, wo haben Sie die Beweiſe, daß ich betrogen bin?— fragte Ernſt mit aufge⸗ regter Stimme. — Durch einen Baum auf der Terraſſe verbor⸗ gen hörte ich Gerda zu Hermann ſagen:„Um ein Uhr in meinem Cabinet, hier haſt Du den Schlüſſel zu meinem Salon. Komme ohne Furcht, ich werde die Thüre zu den Zimmern meines Salons ver⸗ ſchließen.— Ich beeilte mich dann, um mir von dem Bedienten des Barons dieſen Schlüſſel zu Ger⸗ da's äußerem Salon zu verſchaffen; ſieh hier, nehme ihn und gehe hinein zu Deiner keuſchen, treuen Gattin, welche ganz und gar vergißt, daß Du exiſtirſt. — Hilda! wenn Du durch einen ſolchen Scherz mich zum Beſten haben willſt, dann..... wehe Die Stimme des Grafen war nicht wieder zu erkennen. — Mein Leben gebe ich zum Pfand für die Wahrheit meiner Worte— ontwortete die Gräfin Hilda und eilte die Treppe hinunter, welche zu de Gaſtzimmern führte, die jetzt von den Elter Grafens bewohnt wurden. 179 zu Gerda's und ſeiner Wohnung führte. Alva da⸗ gegen flog haſtig und leicht wie ein Geiſt hinauf in ihr Zimmer; aber wir verlaſſen ſie, um dem Grafen zu folgen. Als er die Thüre zu Gerda's äußerem Salon erreicht und dieſelbe vorſichtig aufgeſchloſſen hatte, ging er hinein, ohne daran zu denken, dieſelbe hinter ſich zu verſchließen; ſodann lüpfte er den Thürvor⸗ hang zum nächſten Zimmer; aber auch dieſes war leer. Mit leiſen Tritten ſetzte er ſeine Wanderung nach dem Cabinet fort, zu welchem auch die Thür⸗ vorhänge niedergelaſſen waren; aber der HKlang von Stimmen, welche leiſe ſprachen, erreichte ſein Ohr. Er ſchob den Vorhang ſo weit bei Seite, daß er un⸗ bemerkt hineinblicken konnte, wo er dann Gerda äußern hörte: — Geliebter, immer geliebter Hermann! was Du doch gut warſt, daß Du kamſt. O! wenn Du wüß⸗ teſt, was ich gelitten habe, welche Unruhe und welche Qualen mich geplagt haben; ich mußte mit Dir ſprechen, um leben zu können! Und doch fürchte ich, daß ich dieſe ſelige Stunde gar zu theuer erkauft habe, denn morgen werde ich gewiß nicht wagen, den Blicken meines Mannes zu begegnen Dieſes Mannes, welcher mir Dich geraubt und das Leben für uns Beide zu einer Laſt gemacht hat. — Warum dieſen Augenblick mit ſolchen Gedan⸗ ken verbittern? Laſſe jetzt meine Liebe Dir genug ſein. Welche Pflichten haſt Du denn gegen ihn? Gehörte nicht Dein Herz mir, lange bevor D ihm Treue ſchwurſt? 6 Der Schall eines Kuſſes machte de 180 tern. Es trat jetzt eine Stille ein und ſo verfloſſen einige Sekunden, als Ernſt plötzlich eine Hand auf ſeiner Schulter fühlte. Er drehte ſich um und be⸗ fand ſich Angeſicht zu Angeſicht mit ſeinem Vater, ſeiner Mutter, dem Baron und Gräfin Hilda. — Nun, mein lieber Ernſt, was macht Deine Frau und warum gehſt Du nicht hinein?— fragte der alte Graf Gratton. — Warum gehſt Du nicht hinein?— wieder⸗ holte Gräfin Hilda, näherte ſich der Thüre, zog den Vorhang bei Seite und trat, von den Andern be⸗ gleitet, unter welchen Ernſt der letzte war, über die Schwelle. In einem kleinen Sopha ſaßen, von einer Lampe beleuchtet, Hermann und an ſeiner Seite ein gold⸗ lockiges Weib, welche der Thüre den Rücken zukehrte; bei dem Geräuſch aber, das die Eintretenden mach⸗ ten, erhoben ſich beide haſtig vom Sopha und der blondlockige Kopf wandte ſich gegen die Angekom⸗ menen, welche Alle, ausgenommen Ernſt, mit Einem⸗ male verwundert ausriefen: — Alva! Bleich wie der Tod, aber mit einer ruhigen Haltung ſtand Alva da, während die folgenden Ausrufe der Anweſenden zu gleicher Zeit ihr Ohr erreichten: — Das iſt ſchamlos! Das Zimmer der Gattin meines Sohnes! Welche Unverſchämtheit, hier ein nächtliches Rendezvous feſtzuſetzen. Das wirft einen Schatten auf unſer Haus! u. ſ. w. Nur Ernſt verblieb ſtumm. Den Blick auf Alva gerichtet, ſtund er gegen den Thürpfoſten gelehnt * 181 Die Gräfin Hilda warf ihre funkelnden Augen im Zimmer umher und rief: — Dieß iſt beſtimmt eine Betrügerei! Die alte Gräfin Gratton ging langſam auf Alda zu und äußerte ſtolz: — Mamſell Holm hätte es unpaſſend finden müſſen, um nicht härtere Ausdrücke zu gebrauchen, die Zimmer meiner Schwiegertochter zu einer Liebes⸗ zuſammenkunft zu benützen, denn Sie müſſen wiſſen, daß man geargwohnt hat, der Beſuch des Herrn bier habe ihr gegolten.... Sie haben Gerda's Freundſchaft auf eine höchſt verächtliche Weiſe be⸗ lohnt. Sie müſſen — Halt ein, Mutter, denn Alva iſt fiel der Graf Ernſt ein und trät vor; aber bevor er etwas Weiteres ſagen konnte, hatte Hermann ſeine und Gerda's Lage klar begriffen und faßte mit der Schnelligkeit des Blitzes den einzigen Be⸗ ſchluß, der nach ſeiner Anſicht hier Alle retten konnte. Er unterbrach deßhalb den Grafen und ſagte: — Um Verzeihung, Frau Gräfin, hier iſt nicht die Rede von Gtwas geweſen, was im Geringſten Ihre Familie verletzen könnte; denn ich habe die Ehre, Ihnen meine Braut vorzuſtellen..... — Seine Braut!— riefen Alle in der höchſten Verwunderung. Auf Alvq's Wangen glühte eine hohe Röthe und ſie ſtützte ſich zitternd an das Sopha. Dieſes pfer, welches Hermann ihr aufzwang, um Alle zu retten, kam Alva gar zu groß vor. 1 — Ja, meine Braut!.. Ich hatte von Gräfin Gerda mir die Erlaubniß ausgebeten nach — dem Balle hier Alva's Antwort entgegenzunehmen, weil ich bereits übermorgen gezwungen bin, wegen einer Gerichtsberhandlung, zu der ich beordert bin, abzureiſen, und vorher wollte ich mein Schickſal ent⸗ ſchieden haben. Wenn Jemand einen Fehler began⸗ gen hat, dann bin ich es allein; aber das dürfte man mir als ungeduldigem Freier verzeihen. — Wird gerne eingeräumt,— ſcherzte der alte Graf. — Und jetzt, Frau Gräfin,— fügte Hermann hinzu und näherte ſich Hilda,— dürften Sie, welche wahrſcheinlich die ausgeſuchte Güte gehabt haben, das Eclatiren meiner Verlobung zu beſchleunigen, mir erlauben, daß ich Sie nach Ihren Zimmern zurück⸗ begleite. Er bot ihr ſeinen Arm, welchen Hilda, von Raſerei und vereitelter Rachſucht faſt erſtickt, ſtill⸗ ſchweigend annahm. Als ſie in dem äußern Salon anlangten, flüſterte ſie ihm zu: — Noch bin ich trotzdem nicht beſiegt; bedenken Sie das, mein Herr; denn ich bin nicht durch Ihre Comödie getäuſcht worden. Sie haben ſich ver rechnet. falls Sie aber glauben, daß ich mich in Alva ver⸗ rechnet habe, ſo theile ich immer daſſelbe Schickſal. welches Sie mit Graf Ernſt und——— dem Baron erfahren haben,——— antwortete Hermann Pilda biß ſich in die Lippen und ſchwieg. Wir kehren nach dem Cabinet zurück. — Ich verſtehe Sie nicht recht, Frau Gräfin; Der alte Gra und ſagte: — Da hier nur von einem qui pro quo die Rede iſt, ſo kehren wir nach unſern Zimmern zurück, meine Freundin, und müſſen morgen den Neuver⸗ lobten gratuliren. Darauf entfernten ſie ſi Der Baron näherte ſich Alva mit folgenden Worten: — Darf ich Dich dieſen Weg nach Deinen Zim⸗ mern begleiten. — Nein, ich danke, mit der Erlaubniß des Herrn Grafen, gehe ich durch Gerda's Zimmer, da wir einander einige Worte zu ſagen haben. Der Baron ging. 5 Ernſt und Alva waren jetzt allein. Mit einem von Zorn aufgeregten Geſicht und gekreuzten Armen ſtand der Graf vor ihr. Alva drückte die Hand heftig gegen ihr Herz und flehte zu Gott, daß er ihr die Macht verleihen möchte, den Sturm zu be⸗ ſchwören. — Nun gut, Alva! Du haſt vor der Welt „ Gerdas Ehre gerettet; was willſt Du aber, daß ich mit dieſem Weibe thue, das meinen Namen zu entehren gewagt hat? — Ich verlange von Ernſt nur zwei Dinge,— äußerte Alva und heftete flehend ihre Augen auf ihn:— erſt, daß Du auf Deine Zimmer hinauf⸗ gehſt und den morgigen Tag abwarteſt, und dann daß Du nicht mit Gerda ſprichſt, bevor ich Dir meine Erklärung gegeben habe! 6 Rein, ich muß. ſofort dieſes Weſ f wandte ſich an ſeine Gräfin welches mit Treue und Ehre geſpielt hat; ich muß ihr ſagen, daß meine Rache entſetzlich werden wird! — Ernſt, kannſt Du Alva die erſte, vielleicht die einzige Bitte, die ſie in dieſem Leben an Dich richtet, verſagen?— rief Alva und ergriff ſeine bei⸗ den Hände, auf w ce einige heiße Thränen von ihren Augen fielen — Du weinſt,*——— Möge denn Dein Wille geſchehen, Du guter Engel;——— und habe Dank, daß Du mir den öffentlichen Schimpf er⸗ ſpart haſt, der mir zugedacht war. Theile mir bei Zeiten mit, wann und wo ich Deine Erklärung er⸗ halten ſoll; denn ich kann ſie nicht ſehen und dabei meinen Aerger unterdrücken. Ernſt küßte ehrerbietig Alva's Hand, worauf er ſich iſete⸗ Da ſtand nun Alva mit ihrer halb geglückten Aufopferung und mit ihrem Leben in eine Menge peinlicher Verhältniſſe verwickelt. Dieſe ganzen letzten vierundzwanzig Stunden war Alva ſo vielen ſchmerzlichen Gemüthsbewegungen unterworfen ge⸗ weſen, daß ihr die Kraft fehlte, zu Gerda zu gehen. Sie warf ſich aufs Sopha und brach in ein hefti⸗ ges convulſiviſches Schluchzen aus. Alva hatte freilich eine ſtarke Seele, aber auch ein warmes und gefühlvolles Herz, und in dieſem Augenblick fühlte ſie ſich ſo einſam und das Leben kam ihr ſo traurig vor, daß ſie gern gleich hä ſterben mögen, um nicht nöthig zu haben, zu leiden und ſich für Andere aufzuopfern. die Se Ausbrüche des Schmerzes ſich ge legt hatten, erhob Alva ſich mit Anſtrengung und ging hinein zu Gerda. 185 Die Gräfin hatte ſich zu Bett gelegt und er⸗. wartete mit einem Geſicht, welches von der gren⸗ zenloſeſten Angſt zeugte, die Rückkehr Alva's; als dieſe letztere eintrat, fragte ſie: — Nun, wie in Gottes Namen iſt es 2 Alva theilte ihr in Kür das mit, was der Le⸗ ſer bereits weiß; als ⸗ zu der Stelle in ihrem Bericht kam, wo Heriänn ſie für ſeine Braut erklärte, fuhr Gerda auf und rief: — Ah, dahin wollte Deine ſcheinbare Aufopfe⸗ rung es bringen. Es war, um Hermann zu dieſem Schritt zu zwingen, daß Du meine Ehre retten wollteſt. Aber begreifſt Du denn nicht, daß ich niemals das zugeben werde, daß Hermann auch lieber ſtirbt, als ſeiner Liebe untreu werden — Gerda, wäge Deine Worte,— äußerte Alva mit einer ſo unnatürlichen Ruhe, daß dieſelbe un⸗ heimlich erſchien. Dieſer Angriff von Gerda war für Alva ſo unerwartet und ſchmerzlich, daß ſie nur durch eine heftige Anſtrengung ihre Bewegung zu beherrſchen vermochte. — Und warum ſollte ich das?— fragte Krda mit zornigem Blut und glühenden Wangen. Was habe ich zu verlieren, da Du mir ihn geraubt haſt? Wer bat Dich darum, dazwiſchenzutreten und einem Auftritt vorzubeugen, welcher nur meine Scheidung von Ernſt und meine Verbindung mit Hermann zur Folge gehabt haben würde. Aher ich weder will noch werde mich Deinen Intriguen unterwerfen. Ich gehe ſofort zu Ernſt und zu ih⸗ nen Allen, um ihnen zu ſagen, daß ich es war. — Gerda! biſt Du wahnſinnig, willſt Du einer w wilden Leidenſchaft wegen Deine und Deines Man⸗ nes Ehre opfern?——— — Ich opferte ein Mal meine Liebe, ich thue es nicht zum Zweitenmale. Was kümmere ich mich um die Verachtung der Welt? was kümmert mich die Schande, wenn es ſich um Hermann handelt? Begreife doch wenn es meine eigene Mutter wäre, die i ir entreißen wollte, ich ſie haſſen würde——— Ich weiß von nichts auf dieſer Erde, als von meiner Liebe. — Halt ein, Gerda! ich werde Dir zeigen, daß auch Du Dich vor dem Geſetze der Nothwendigkeit beugen mußt,— äußerte Alva erregt.— Du willſt wegen einer Liebe, die ebenſo egoiſtiſch wie zügel⸗ los iſt, Alles opfern, was dem Menſchen heilig iſt. Mögeſt Du es thun, ich habe nicht die Abſicht, Dich daran zu hindern; aber Du mußt mich erſt anhö⸗ ren. Dadurch daß Du Deine Schande bekannt machſt, würdeſt Du nicht allein einen Schatten auf den ehrenhaften und unbefleckten Namen Deines Mannes, ſondern auch auf den Deines Vaters werfen. Noch mehr, das Einzige, was Du dabei gewinnſt, iſt, daß Hermann als ein Sühnopfer für Eurer Beiden Fehler ſterben muß. GFrinnere Dich der Worte Ernſts an Hilda:„Fin Mann, wel⸗ cher meinen Namen ſo tief erniedrigte, würde nur mit ſeinem Leben den Schimpf abwaſchen können, den er mir zugefügt.“ Du ſiehſt, daß ich es für unter meiner Würde halte, mich gegen die elenden Beſchuldigungen zu vertheidigen, die Du gegen mich gemacht haſt; nun, wenn Du über meine Handlungsweiſe ſo kleinlich 187 denken kannſt, dann behalte Deine Gedanken bei ir ſelbſt; ſie enthalten nichts, was für mich ver⸗ letzend ſein könnte, weil ſie nicht auf mich zu⸗ treffen Gehe jetzt hin, Gerda, und ſetze Deiner beklagens⸗ werthen Handlung die Krone auf, und füge dem Be⸗ wußtſein, eine treuloſe Lut eine undankbare Tochter zu ſein, auch noch das hinzu, dadurch, daß Du Dich unbeſonnen Deinem Egoismus hingibſt, den BGegenſtand Deiner Zärtlichkeit gemordet zu haben. Behe, ich hindere Dich nicht lange; denn von der⸗ jenigen, welche ſo wenig an ihre Pflicht und ſo viel. an ſich ſelbſt gedacht hat, iſt nichts zu hoffen. Sei auch überzeugt, daß Hermann, wenn Du ſein Leben in der Blüthe ſeiner Jahre leichtſinnig opferſt, in ſeiner letzten Stunde ſeine Liebe, deren Gegenſtand und ſeine Schwäche verfluchen wird. Jetzt habe ich nichts mehr zu ſagen,— ſchloß Alva und näherte ſich der Thüre zum Toilettenzimmer. Gerda war zermalmt, vernichtet, mit den Hän⸗ en vor dem Geſicht zuſammengeſunken. Viele Schreckbilder traten vor ihre Seele; viele herzzer⸗ reißende und ſchmerzliche Gedanken peinigten ſie. Als aber Alva die Thüre erreicht hatte, flüſterte ſie: — Alva! verlaſſe mich nicht, noch ein Wort! — Was willſt Du von mir? Ich kann nicht mehr für Dich thun, als ich gethan habe. Ich habe Dir nichts mehr zu ſagen——— Es war mit einer müden und traurigen St daß Alva dieſe Worte. Ol wie willſt Du, daß ich leben ſt für immer Hermann verloren habes X — Hermann, und immer Hermann! Biſt Du denn durch Deine Neigung ſo verblendet, daß Du für nichts Anderes ein Gefühl haſt? Und doch muß⸗ teſt Du jetzt, wo Du die Ehre Deiner ganzen Fa⸗ milie aufs Spiel geſetzt, an alles Andere, nur nicht an ihn denken. Gibt es denn kein Gefühl in Dei⸗ ner Bruſt, welches Dir ſagt, wie tief Du Deinen Gatten beieidigt?—— und wie viel Du zu verſöhnen haſt? Erhebt ſich keine Stimme in Dei⸗ nem Innern, welche Dir befiehlt einen Fehler zu bereuen, an welchen die bloße Erinnerung Dich er⸗ röthen machen müßte. Siehſt Du nicht ein, wie viele koſtbare Schätze Du verſchleudert haſt, als Du Deine Pflichten als Gattin und Weib verrietheſt, als Du die Achtung vor Dir ſelbſt und dem Na⸗ men, den Du trägſt, vergaßeſt?——— Ein Na⸗ men, deſſen Klang Dich an die großen Anſprüche erinnern ſollte, die ſich daran knüpfen. Oder glaubſt Du, daß Du deßhalb ungeſtraft mit Ehre und Pflicht ſpielen kannſt, weil der Zufall Dich in eine Claſſe hineingeworfen, die in Folge ihrer Geburt über Andern zu ſtehen wähnt. Nein, Gerda! dupch die Zeit geht ein Geiſt, welcher dort, wo der⸗ ſelbe Achtung ſchenken ſoll, Tugend for⸗ dert, und der ſich nicht länger täuſchen läßt durch eine längſt untergegangene Größe. Gerda weinte; ſie war heftig aufgeregt; ent⸗ ſtand eine Pauſe⸗ Ueber Alva's Wangen rannen einige recht bittere Thränen. — Verzeihe mir, Alva,— äußerte Gerda und ſtreckte die Arme gegen ſie aus.— ſ in dieſelben und flüſterte: verwirklichen im Stande ſind. 189 — Ich habe nichts zu verzeihen, ich habe bereits vergeſſen, was Du mir ſagteſt, wenn Du mir ver⸗ ſprichſt, eine Liebe aus Deinem Herzen zu verban⸗ nen, welche für Dich ein Verbrechen iſt und uns Beide ſo unglücklich gemacht hat. — Ich will Alles thun, was Du von mir for⸗ derſt, wenn Du Dich nur nicht mit Hermann ver⸗ heiratheſt. — Ich werde, wenn es nothwendig ſein ſollte, mich als eine Scheidewand zwiſchen Pich und ihn ſtellen,— antwortete Alva mit unbeweglicher Stimme. Gerda verbarg ſchluchzend ihren Kopf in dem Kopfkiſſen. Und damit verlaſſen wir ſie. Ganz früh am folgenden Morgen erhielt Alva nachſtehenden Brief von Hermann: „Alva! Es würde unmöglich ſein, Ihnen alle die Gefühle zu ſchildern, welche mich dieſe Nacht beſtürmt haben. Ihr Auftreten bei einer Gelegen⸗ heit, wo Gerda und ich leichtſinnig mit den heilig⸗ ſten Intereſſen geſpielt, glich dem eines rettenden ngels. Man muß, wie ich, einen ſolchen Augen⸗ blick erlebt haben, um das Gewicht Ihres Edel⸗ nuths recht faſſen zu können. Jetzt müſſen Sie es nicht halb ſein; denn ſonſt hätten Sie nur die Be⸗ weiſe, aber nicht den Verdacht beſeitigt. Was ich von Ihnen verlange, iſt vielleicht mehr, als Sie zu u⸗Werden Sie nir, der ich Sie zu meiner Braut gemacht, verzeihen? Doch, ich konnte ja nicht anders handeln. Mich und Gerda auf Koſten Ihrer Ehre zu retten, war unmöglich———— Gerda zu verrathen, war ebenſo unmöglich——— Es blieb alſo nur das übrig, was ich that. Aber der Schritt, den ich eigenmächtig that, nöthigt mich jetzt, Sie zu bitten, ihn zu vollenden. Hören Sie mich an und verzeihen Sie mir: „Es hat ſelbſt, während ich von Gerda entzück war, Augenblicke gegeben, in welchen ich Sie träu⸗ mend beirachtete und dachte:„Glücklich derjenige, der einſt Alva ſeine Gattin nennt!“ Glauben Sie nicht, daß es die Selbſtvertheidigung oder das Ver⸗ langen iſt, durch eine Verbindung mit Ihnen allen Verdacht von mir abzulenken, welcher dieſe meine Worte dictirt. Nein, es ſind meine geheimſten Ge⸗ danken, meine volle Ueberzeugung. Bei Gerda's künftigem Glück flehe ich darum: werden Sie die meinige! Ich weiß, daß Alva mich nicht liebt, ſo lange ich frei bin. Ihr Herz wird mir gehören, ſo lange es keine andere Scheidewand zwiſchen ihr und mir gibt, als Graf Ernſt. Ihrem Gatten wird ſie nie wagen ihre Liebe zu zeigen, und die Eiferſucht wird ſchließlich Gerda's Neigung dem Grafen zuwenden. Alſo um Gerda's künftigen Frieden und Glücks willen: wer⸗ den Sie meine Gattin! Ich bin nicht dreiſt genug um von meinem Glück zu reden. Nein, das wäre vermeſſen. Aber ſeien Sie überzeugt, daß ich, obgleich ich oft ein Sklave mancher Leidenſchaft ge⸗ weſem doch, wie auch Ihre Antwort werden möge, ——— — — nie vergeſſen werde, daß ich Alva das Leben zu 191 danken habe. Was Sie auch von mir fordern mö⸗ gen, ich werde blind gehorchen; mehr wage ich nicht zu ſagen; denn würde ich das hinzufügen, was mein Herz fühlt, ſo würde man mir vielleicht nicht glau⸗ ben. Mein Leben und meine wärmſte Dankbarkeit gehören Alva. Ihr ewig verbundener „Hermann.“ „P. S. Alva's Antwort muß mir eingehändigt werden, bevor wir uns zum Mittagstiſch einfinden, damit ich wiſſen kann, wie ich handeln muß.“ Ob dieſer Brief geeignet war, auf einen ſolchen Charakter wie Alva's irgend einen Eindruck zu ma⸗ chen, laſſen wir dahingeſtellt ſein; genug ihre Ant⸗ wort lautete folgendermaßen: „Hermann! Ich hätte gewünſcht in Ihrem Briefe eine andere Sprache angetroffen zu haben; aber die Zeit und die Verhältniſſe erlauben mir es nicht, darüber meine Gedanken auszuſprechen. Sie bit⸗ ten mich, Ihre Gattin zu werden. Meine Antwort muß lauten: Ich kann es nicht. Die Ehe iſt nicht ein Geſchäft, welches man nach Be⸗ rechnung oder Vortheil abſchließt. Sie iſt ein hei⸗ liger und bedeutungsvoller Act——— ja der wichtigſte in unſerem Leben; und es iſt nicht mög⸗ lich, eine Verbindung für das ganze Leben auf eine ſolche Weiſe wie dieſe einzugehen. „Ich liebe Sie nicht, Hermann! und werde Sie nie lieben. Wie können Sie dann es verlangen daß ich vor Gott Ihnen Treue, Liebe und Ach⸗ tung ſchwören ſoll. Mein Gelübde wäre ein Meineid und unſere Ehe würde das werden, was die Gerda's iſt——— ein unglückliche. Endlich: wie können Sie ferner verlangen, daß ich Ihnen gegenüber ge⸗ nügende Achtung und Vertrauen hegen ſoll, um meine Zukunft dem früheren Lehrer und Freund Gerda's anzuvertrauen, welcher auf eine ſo egoiſtiſche und leichtſinnige Weiſe ihre Ehre und ihr Glück geopfert hat. Nein, ich weder will noch kann Hermanns Gattin werden;——— das wäre eine gar zu unnatürliche Handlung. Das Einzige, was ich um Gerda's willen thun kann, iſt, daß ich bis zu Ihrer Abreiſe für Ihre Braut gelte. „Was ich von Ihrem Ehrgefühl fordere, iſt, daß Sie einige vernünftige und eines ehrenhaften Man⸗ nes würdige Worte an Gerda ſchreiben, um ſie zur Beſinnung und zum Nachdenken zu bringen. Auch wünſche ich, daß ſie in dem Glauben bleiben möge, ich ſei wirklich Ihre Braut; denn nur dadurch kann man hoffen, daß es gelingt, ihre Neigung dem von Euch beiden ſo tief beleidigten Gatten zuzuwenden. Machen Sie indeſſen heute eine Reiſe nach der Stadt und erſparen Sie uns Allen ein unangeneh⸗ mes Zuſammentreffen beim Mittagstiſch. „Ich bin vollkommen überzeugt, nicht vergebens an Ihr Ehrgefühl appellirt zu haben, und bin auch verſichert, daß Sie Alles thun werden, um das, was Sie verbrochen, wieder gut zu machen. Im Ver⸗ trauen darauf hoffe ich, daß wir noch einem guten Ausgang der Sache entgegenſehen können. 7 ℳ 8 193 Hermann kam Alva's Wunſche pünktlich nach und ſchrieb an Gerda: „Ich bin gezwungen, Dir ein ſchriftliches Lebe⸗ wohl zu ſagen, geliebte Gerda; denn Du ſiehſt ge⸗ wiß ein, daß Alles zwiſchen uns ein Ende haben muß. Wir haben mit dem Feuer geſpielt und waren nahe daran ein Raub deſſelben zu werden. Du ſetzteſt Deine Ehre und ich mein Leben aufs Spiel. Wir müſſen uns trennen. trennen für immer. Es iſt nicht mehr in der Eigenſchaft Dei⸗ nes Geliebten, daß ich Dir ſchreibe, ſondern als Dein ehemaliger Lehrer, der Dir einen Rath ge⸗ ben will. Nehme das, was ich ſage, nicht als Vor⸗ wurf auf, ſondern betrachte es als wohlgemeint von demjenigen, deſſen Herz heiß und innig Dein Glück wünſcht. „Eine verheirathete Frau muß ſich immer in t nehmen bei demjenigen Manne, den ſie als unverheirathet geliebt zu haben glaubt, Gefühle zu erregen, weil dieſer Mann ja nicht ihr Gatte iſt; denn ſie läuft dadurch Gefahr ihre Pflichten zu ver⸗ letzen und über ihre ganze Familie Unglück zu brin⸗ gen. Die verheirathete Frau iſt nicht mehr von der jungfräulichen Glorie umgeben; ſie iſt ein ganz anderes Weſen und für ſie ſind Leidenſchaften, deren Befriedigung im Allgemeinen als ein Unglück be⸗ trachtet werden, weit gefährlicher, als für Andere, weil ſie, von allem anderen Uebel abgeſehen nicht allein zu einer treuloſen Gattin machen, dern auch ſelbſt im Herzen des Liebhabers die tung verwiſchen. Wenn ein Weib durch unſertwegen fällt, dann ſind wir doch Schwartz, Die Schußloſen. — nug, um ſie, wenn unſere Vernunft erwacht, ver⸗ werflich zu finden. Danke Gott, Gerda, daß wir aus der gefährlichen Betäubung herausgeriſſen wor⸗ den ſind, bevor Dein Fehltritt es Dir unmöglich gemacht haben würde, zu Deinem Manne empor⸗ zublicken, oder das edelmüthige Opfer Alva's anzu⸗ nehmen. Eine Stunde ſpäter— wer weiß, womit das von Dir ſelbſt veranlaßte téte à téte geendet haben würde!— Die Wünſche des Mannes kennen in ſolchen Augenblicken keine Grenzen;— und die Schwäche des Weibes iſt am häufigſten viel zu groß, um denſelben widerſtehen zu können. „Und jetzt, meine geliebte Gerda, flüchte Dich ans Herz Deines Gatten; ſuche durch Liebe und Dreue das, was wir verbrochen, zu ſühnen.— Ich gehe, mir in der Ausübung meiner Pflichten Erſatz für das zu ſuchen, was ich verloren. „Zeige Dich, meine Gerda, ſtark und der Be⸗ wunderung würdig, welche mein Herz Dir dann zollen wird. Du darfſt nicht vom Mittagstiſche wegbleiben, damit Du nicht uns beide bloßſtellſt. Hermann.“ Dieſer Brief,— kalt wie eine Novembernacht, — zeigte Gerda klar, daß Hermanns Liebe keines⸗ weges zu derjenigen Art gehörte, welche Zeit und Verhältniſſen trotzt, und ſie ſah deutlich ein, daß er nicht daran dachte, aus Kummer über ihren Ver⸗ luſt zu ſterben. Dieß wirkte gleich wie kühlendes Pulver auf Gerda's glühende Gefühle; er hatte die Wirkung desſelben wohl berechnet. Alva ſchrieb an Ernſt folgende Vorte — — gung des Kopfes Alva gegrüßt hatte, 195 „Im großen Salon heute Abend um ſechs Uhr wird Ernſt erwartet von Alva.“ Sie erhielt nachſtehende Antwort: „Ich gehe mit Gren auf die Jagd, komme aber um ſechs Uhr wieder zurück. Nachdem Alva dieſe Antwort erhalten, ging ſie nach dem Pfarrhof; aber etwas vör zehn Uhr kehrte ſie zurück und eilte auf ihre Zimmer. Ihr Geſicht trug Spuren einer durchwachten Nacht und heftiger Gemüthsbewegungen. Ein leichter blauer Schatten unter den großen ſchwarzen Augen gaben demſelben etwas Düſteres und machte die Wangen noch blei⸗ cher. Als Alva in ihren Zimmern angekommen war, machte ſie in größter Eile Toilette. Darauf kniete ſie und betete lange aber ſtille. Während dieſes Gebets nahmen die Geſichtszüge wieder ihre urſprüngliche Ruhe an, und als Alva einige Minu⸗ ten ſpäter durch den Park nach dem Pavillon hinun⸗ terwandekte, waren alle Spuren einer Gemüthsbe⸗ wegung aus dieſem Geſicht verſchwunden, in deſf ſſen usdruck eine große und ſtarke Seele ſich abſpie⸗ gelte. Eine grauenhafte Aufklärung. Der Baron war bereits im Pavillon, als Alva dort eintrat. Er maß das Zimmer mit großen ritten. Nachdem er mit einer ſtummen Verheu⸗ 196 zur Thüre, drehte den Schlüſſel zweimal um und ſteckte letzteren in die Taſche. Ohne durch eine ein⸗ zige Miene Ueberraſchung oder Furcht zu verrathen, ſah Alva ſtillſchweigend dieſer Handlung zu. Der Baron wandte ſich jetzt an Alva, heftete einen düſteren Blick auf ſie und ſagte: — Vieles hat ſich verändert, ſeit ich mir dieſe Zuſammenkunft ausbat, und wenig ahnte ich die Ereigniſſe, die ſich entwickelt haben. Der Fehler iſt nicht der meinige, wenn dieſe Vorfälle eine Aende⸗ rung in meiner Meinung von Ihnen bewirkt und ganz andere Pläne hervorgerufen haben. Merken Sie ſich genau, daß ich nicht der Mann bin, wel⸗ cher ungeſtraft Jemanden mit ſich ſpielen läßt——— Und dieſes, Alva, haben Sie bereits gethan. — Aber, auf welche Weiſe, Herr Baron? Alvas Stimme war ruhig. — Das fragen Sie——— Wiſſen Sie daß Sie das einzige Weib waren, für welches ich im Laufe meines Lebens Achtung gehegt; das einzige, gegen welches ich nicht die Wünſche meines Herzens zu äußern wagte. Es lag in Ihrem Blick etwas ſo Reines und Edles, in Ihrem ganzen Weſen etwas ſo Einfaches und doch Würdevolles, daß Sie meine wilden Paſſionen beherrſchten und meine lei⸗ denſchaftlichen Begierden zügelten. Sie waten die Erſte, an deren Tugend und Redlichkeit ich glaubte, und darum die Erſte, die mich betrogen hat——— Sie antworteten mir letztet tag daß Ihr Herz frei ſei, und——— ſch ieſe RNacht finde ich, daß Sie einem Andere — Sollte es wirklich möglich ſein, de * Leidenſchaft und Hermann— 197 Herr Baron, ſo kurzſichtig wären„um ſich durch dieſe Comödie täuſchen zu laſſen 65 hatte ich nicht erwartet——— Haben Sie Ihre eigenen Worte über Gerda, während ſie walzte, ver⸗ geſſen?„Die Unglückliche verräth ſich?“ — Gerda? — Ja Herr Baron——— Ihre Tochter! ——— Die es nur gelang einer öffentlichen Schande dadurch zu entziehen, daß ich meine eigene Ehre aufs Spiel ſetzte. — Alſo war die angebliche Freierei nur ein Deckmantel für Gerdas Liebe zu Hermann? Ich hatte mir nicht vorgeſtellt, daß Sie ſo urnc frei wären, und wahrlich, es ſchmerzt mich, daß Sie es ſind; denn dadurch werde ich der einzigen Illuſion beraubt, welche das Leben mir zu bieten gehabt hat. Wer hätte Sie für fähig gehalten, zu einer Intrigue beizutragen, deren Zweck war, einen geachteten Mann zu betrügen——— — Herr Baron! Sie ſprechen da einen Irrthum aus, welcher mich tief verletzen würde, falls derſelbe von einem Anderen geäußert worden wäre,— fiel lva ein, indem ſie den Kopf emporhob und einen ſtolzen Blick auf den Baron warf.— Ich gebe mich nicht zu einer Rolle her, die ſo erniedrigend iſt, wie die, welche Sie vermuthen——— Freilich habe ich durch meine Mitwirkung in dieſer Sache einen Schleier über das G eſchehene werfen und Gerda von den entehrenden Folgen ihres Fehltritts be eien wollen; und dann ſtehe ich nachher zwiſchen Scandal zu machen. — Beabſichtigt denn Alva ihr Geſchick mit dem⸗ jenigen von Hermann zu verbinden.. — Noch weiß ich nicht, wozu ich mich für ge⸗ zwungen erachten kann. — Aber, Alva, das wird nie geſchehen. — Wenn es geſchehen muß, ſo iſt es deshalb, weil Sie, Herr Baron, Ihrer Tochter alles Andere gelehrt, aber nur nicht dieſe beiden Dinge: Die Heiligkeit ihrer Pflichten zu kennen und Achtung vor dem Namen zu hegen, wel⸗ chen ein ehrenhafter Mann ihr anver⸗ traut hat. bier iſt nicht mehr die Rede von meiner Lochter, ſondern——— von Ihnen und mir!— äußerte der Baron haſtig;— hier iſt von dem ein⸗ zigen Weibe die Rede, das ich je in der Welt ge⸗ liebt, und dieſes Weib——— ſind Sie!——— Zwar bin ich während meines Lebens der Sklave von mancher Leidenſchaft geweſen, aber nie bevor ich Sie ſah. Alva, habe ich gewußt, was Liebe heißt — Als ich Sie um eine Zuſammenkunft bat, da geſchah es, um Ihnen——— einem Mäd⸗ chen ohne Geburt und Namen,——— meine Hand, meinen Namen und mein Leben anzubieten! Ich MarHelgenſtjerna, ſage zu Ihnen, Alva Holm, werden Sie meine Gattin, werden Sie die reiche und mächtige Boroneſſin Helgenſtjerna, und Sie werden mich nicht wegen etwas ſo Imaginärem opfern, wie die bloßgeſtellte Ehre Gerdas——— Sie iſt meine Tochter! dieſes iſt genug, um ſie zu beſchützen, ſelbſt wenn Ernſt thöricht genug wäre. 199 — Herr Baron,“ ich werde auf Ihr Anerbieten antworten, wenn Sie mir vorher die Güte erweiſen wollen, eine Mittheilung anzuhßren, welche Ihre Familie angeht,— äußerte Alva und ſetzte ſich. — Wozu ſoll das dienen?— fragte der Baron und nahm neben ihr Platz. — Was ich zu ſagen habe, geht Sie zu nahe an, als daß es nicht auf meinen und vielleicht auch auf Ihren Entſchluß Einfluß haben ſollte: — Vor einigen und zwanzig Jahren gab es in dieſer Gegend zwei Jünglinge; der eine war der geſetzliche Erbe eines Barons, deſſen Namen ich bis auf Weiteres auslaſſen will; der andere ein armes Waiſenkind, deſſen Mutter früher als Kunnerjl frau bei der Frau des Barons gedient hatte. Sie verließ unvermuthet ihren Platz, weil ſie gegen ihren hohen Dienſtherrn zu nachgiebig geweſen. Kurz darauf gebar ſie einen Sohn, welcher ſofort in das„ aiſenhaus eingekauft wurde. Der Mutter fiel es nach dieſen Ereigniſſen ſchwer einen Dienſt zu er⸗ halten, aber endlich bekam ſie doch einen ſolchen bei dem aufgeklärten Paſtor in der Lunda Gemeinde. Das arme Opfer einer ſolchen thieriſchen Laune wurde wegen des Schickſals ſeines Kindes, welches in ein gewöhnliches Waiſenhaus hineingeworfen wor⸗ den war, von Gewiſſensqualen und Unruhe verzehrt. Sie vertraute dem Paſtor ihren Kummer an und dieſer ſprach mit dem vornehmen. Vater, um ihn zu bewegen eine kleine Unterſtützung zu geben damit die Mutter ſelbſt das Kind pflegen könnte; aber er neinte, daß er ſchon theuer genug einen un bezahlt hätte, von welcher ihm kein Eindyl 200 geblieben, und er ſpeiste deshalb den Pfarrer mit den Worten ab:„er habe bereits Alles gethan, was man verlangen könnte.“ Während Alva ſprach, wurde das Geſicht des Barons immer bläſſer und bläſſer. — Der Paſtor fand die Lage der Mutter be⸗ klagenswerth und überließ ihr deshalb eine Hütte auf der Markung des Pfarrhofes, in welche ſie ein⸗ zog, nachdem ſie ihr Kind vom Waiſenhaus wegge⸗ nommen. Durch Hil fe der Arbeit, welche der Paſtor ihr verſchaffte, ſowie durch die Unterſtützung vom Waiſenhauſe ernährte und erzog ſie das Kind——— — Der Knabe, deſſen Name Otto war, genoß Paſtor denſelben Unterricht wie ſeine eigenen Kinder, ein Knabe, der zwei Jahre älter war als Otto, ein Mädchen, das einige Jahre jünger war, gehörten einem Brudersſohn des Paſtors. So verfloſſen zwölf Jahre, als die Mutter ſtarb. Der ſchon vaterloſe Knabe ſtand jetzt auch mutterlos da, ohne Familie und ohne andere Erbſchaft, als die Schande ſeiner Geburt——— Von den An⸗ gehörigen ſeiner Mutter hatte er nichts zu hoffen; denn wer hält ſich für verwandtmiteinem unehelichen Kinde? Der Paſtor machte noch einen Verſuch auf das Herz des reichen, in Ueppigkeit lebenden Vaters, aber ohne Erfolg. Er antwortete:„Laſſe die Waiſen⸗ hausdirection ihn nach Norrland ſchicken, er wird dann zu einem tüchtigen Bauernburſchen gen ſterbende Mutter hatte den S dem 3 8 Paſtors anvertraut, und dieſer noh 201 ihn zu ſich ins Haus——— Er wurde mit den Kindern des Paſtors zuſammen erzogen.——— Ottos Temperament war von Kindheit an ge⸗ waltthätig, egoiſtiſch und unbändig——— Si⸗ nige Jahre vergingen, und die Knaben wuchſen während dieſer Zeit zu Jünglingen heran. Sie wur⸗ den alle drei auf die Univerſität geſchickt. Wem Otto das Leben zu danken hatte, war leider zu wohl bekannt, und obgleich er nie den Paſtor da⸗ von hatte ſprechen hören, ſo erfuhr er es doch von Anderen. Bei der Ankunft der jungen Leute auf der Univerſität, trafen ſie mit dem einzigen, geſetz⸗ lichen Sohn des Barons, Max, zuſammen——— Wahrſcheinlich war es während dieſes kurzen Auf⸗ enthalts Ottos in Upſala, daß der Grund zu einem Alles Andere verſchlingenden Neid gegen den reichen und gefeierten Bruder gelegt wurde. Dazu kam, daß die beiden Brüder in Wuchs und Geſichtszügen eine ſo täuſchende Aehnlichkeit mit einander hatten, daß man ſie nur durch die Farbe des Haars unter⸗ ſcheiden konnte.——— Otto hatte lockiges goldgelbes Haar; Max aber dagegen dunkeles——— Länger als ein Seme⸗ ſter hielt Otto es nicht auf der Univerſität aus; denn für ſeinen ſtolzen Charakter war der Vergleich zwiſchen ihm und ſeinem Bruder zu peinlich; und. dazu kam, daß die Cameraden ihn oft im Scherz den Baſtard nannten. Beim Beſuch der jungen Leute in der imath, bat Otto den Paſtor, daß er ſich dem La widmen dürfte, um vom Studiren frei zu ommen; darauf ging letzterer mit Vergnügen ein, da 202 Einnahmen nicht groß waren und der Unterhalt eines Jungen auf der Univerſität immer ziemlich fühlbar iſt. Viele kleine Stiche waren ſeitdem auch geeignet geweſen, die feindlichen Gefühle Ottos gegen den Bruder noch mehr anzufachen. Als der Baron und kurz darauf auch ſeine Frau ſtarb, erbte der Sohn Max allein das ungeheure Vermögen des Vaters, während der Andere nur einem Leben voll Abhän“ gigkeit, Kummer und Widerwärtigkeiten entgegenſah. Von ſeiner erniedrigenden Geburt und em Bewußt⸗ ſein gepeinigt, bei einer unbemittelten Prediger⸗ familie das Gnadenbrod zu eſſen, wurde Otto noch düſterer, und ſeine Rede athmete nur Bitterkeit und Haß. Die Einzige, welche während dieſer Zeit einen etwas mildernden Einfluß auf ihn ausübte, war des Paſtors junge, hübſche und gute Tochter Anna. Für ſie ſchien er auch eine tiefe Neigung zu hegen, welche ſie mit wirklicher Anhänglichkeit erwie⸗ derte.——— Ein Jahr nach dem Tode des alten Barons er⸗ eignete ſich eine traurige Geſchichte mit dem Sohne des Paſtors, welche nahe daran war, den menſchenfreund⸗ lichen Paſtor das Leben zu koſten. Der junge Stu⸗ dent hatte ſich einer zügelloſen Leidenſchaft für Spiel hingegeben und Schulden gemacht, in Folge deſſen er in die mißlichſten Geſchichten verwickelt wurde. Um aus dieſer Verlegenheit herauszukommen und um die dringendſten Creditoren vom Halſe zu bekommen nahm er Anlehen auf mit der Unterſchrift des Baron Max als Bürgen, die er ſt unter den ente geſetzt. bringen; aber es mißlang ihm——— Der Gra 203 Die Betrügerei wurde entdeckt und der Jüng⸗ ling als Fälſcher verhaftet; indeſſen kam er durch die Dazwiſchenkunft des jungen, damals wirklich edelgeſinnten, Barons durch, und die Sache wurde niedergeſchlagen. Der Revers wurde von dem Ba⸗ ron eingelöst, und der Jüngling, welcher von dem ſtrengen Vater keine Verzeihung erlangen konnte, reiste nach Amerika. Der Paſtor trug die Liebe, die er zu ſeinem eigenen Kinde gehabt auf ſeinen Bruderſohn und Pflegeſohn über; während der Name des Erſteren nie mehr in der Familie genannt werden durfte. Die Verpflichtung zur Dankbarkeit, welche der Pre⸗ diger gegen den Baron zu haben ſich verpflichtet fühlte, entfernte vollends Otto von ſeinem Wohlthä⸗ ter und vermehrte ſeine Erbitterung gegen den Erſteren. „So war man an dem Zeitpunkt vor einigen und zwanzig Jahren angelangt, welchen mein Be⸗ richt eigentlich betrifft. „Der Paſtor verſchaffte Otto einen Platz als Inſpector bei einem Grafen Gratton, deſſen Gut in der Nähe von Lunda Pfarrhof lag. Der Graf war weitläufig mit Baron Marx verwandt und ſein nächſter Nachbar; daher kam es, daß er ihn oft be⸗ ſuchte. Die ökonomiſchen Verhältniſſe des Grafen Gratton ſcheinen zu jener Zeit ſehr verwickelt gewe⸗ ſen zu ſein, da ſein Gut faſt zu ſeinem ganzen Werth verpfändet war——— Er ging deßhalb mit dem Plane um, eine Verbindung zwiſchen dem Baron und ſeiner einzigen Schweſter zu Stande zu 204 war ein Mann ohne irgend einen moraliſchen Werth, ſchlau, egoiſtiſch, verſchlagen, und ſehr leichtſinnig. Er gehörte zu jener Claſſe von Edelleuten, die nichts für heilig halten, an nichts glauben und jedweder ſchlechten Handlung fähig ſind, wenn ſie nur den äußeren Schein von Ehre bewahren können. Er hatte, obgleich er mit einem achtungswerthen Frauen⸗ zimmer verheirathet war, ſein ganzes bedeutendes Vermögen auf Ausſchweifungen aller Art verſchwen⸗ det——— Oft pflegte er über die Aehnlichkeit Ottos und des Barons und über die Unmöglichkeit ſie zu unterſcheiden, wenn die Haarfarbe dieſelbe wäre, Scherze zu machen. „Baron Max fing indeſſen an gegen Anna eine gewiſſe Aufmerkſamkeit zu zeigen, welche Otto bald in die Augen fiel. Da erwachte bei Otto das Verlangen dem Bruder dadurch ein Leid zuzufügen, daß es ihn in Bezug auf ſeine Liebe zu Anna ver⸗ letzte. Von jenem Augenblick an änderte ſich Ottos wirkliche Zuneigung zu ihr und nahm den Charak⸗ ter einer heftigen Leidenſchaft an. Um einen ver⸗ ächtlichen Haß zu befriedigen, lohnte er ſeinen Pflege⸗ vater und Wohlthäter, den Paſtor, dadurch, daß er ——— ſeine Tochter verführte.“ Alva hielt jetzt inne, und der Baron ſtützte ſeine bleiche Stirne auf die Hand. — Von einem Herzen, welches den Forderungen der Dankbarkeit ſo fremd war und ſo wenig beim Gedanken an ſeine eigene unglückliche Zukunft fühlte, daß er, um ſeine elende Rachgier zu befriedigen, die Tochter ſeines edlen Pflegevaters zum Opfer brachte war nicht viel zu erwarten. 205 „Anna, ſowohl von ihren eigenen Gefühlen wie von ſeiner Leidenſchaft bethört, mußte mit ihrem ganzen Leben ihren Fehltritt entgelten. „Jeden Sonnabend pflegte Otto nach dem Pfarr⸗ hof zu kommen und dort die Sonntage zuzubringen. An einem hübſchen Samſtag Nachmittag im Oeto⸗ ber, als der Paſtor in irgend einem Geſchäft ab⸗ weſend war und Anna im Saale ſaß und auf Otto wartete, trat Baron Max ein. Er ſprach zum Erſtenmale mit ihr von ſeiner Liebe und ſchloß mit dieſen Worten: „— Anna, ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz und mein ganzes Leben an. „In demſelben Augenblick fühlte er einen Schlag auf ſeine Schulter, und eine höhniſche Stimme äußerte: — Ich beklage, Herr Baron, daß Sie zu ſpät kommen, denn Anna iſt bereits meine Liebhaberin und kann alſo nicht Ihre Gattin werden. „Es war Otto. „Anna verbarg bei dieſer ſchamloſen Erwähnung ihrer Schwäche das Geſicht in den Händen und weinte. Der Baron, welcher von dieſen Worten ins Herz getroffen wurde, wandte ſich an Otto und äußerte: „— Du biſt ein elender Schurke,— und gab ihm dabei einen Schlag ins Geſicht, worauf er ſich entfernte. Bei dieſer Stelle in Alvas Bericht, ſtand der Baron auf und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Aber Alva fuhr fort, ohne ſich dadurch ſtören zu laſſen. 206 „Was Otto ſagte, ſo wie das, was nachher zwiſchen ihm und Anna vorfiel, übergehe ich. Er ſpielte den Reuevollen. Er bewog Anna, an den Baron zu ſchreiben, um ſich eine Unterredung aus⸗ zubitten. Der Zuſammenkunftsplatz ſollte der Pa⸗ villon ſein, welcher am Waſſerfall in der Nachbar⸗ ſchaft liegt. Sie überließ es dem Baron, ſelbſt die Zeit zu beſtimmen. Die Gründe, welche Otto an⸗ wandte, waren: daß der Baron Annas Vater das, was er jetzt wußte, mittheilen, dadurch Ottos Aus⸗ weiſung aus dem Hauſe bewirken und eine Verbin⸗ dung zwiſchen ihnen unmöglich machen könnte. Der Zweck von Annas Zuſammenkunft mit dem Baron ſollte der ſein, dieſem Allem vorzubeugen. Otto übernahm es, den Brief zu beſorgen. Am folgenden Sonntag fand ſich ein heſtiger Sturm ein und dicke Wolken jagten den ganzen Tag über den Himmel. In der Dämmerung gab Otto vor daß er nur einen Beſuch in der Nochbarſchaft zu machen beab⸗ ſichtige und entfernte ſich. „Anna aber, welche am Fenſter ſaß und ihn †. nicht aus ſeinem Zimmer herauskommen ſah, ging kurz darauf, als der Paſtor und der Adjunct ſich zum Brettſpiel hingeſetzt hatten, hinunter nach dem Gebäude, in welchem Otto ſein Zimmer hatte. Als ſie bei der Thüre ankam, fand ſie dieſelbe verſchloſ⸗ ſen, aber Licht darinnen. Anna bückte ſich und guckte durchs Schlüſſelloch. Sie ſah mit Verwun⸗ derung, wie Otto dämit beſchäftigt war ſein Haar zu ſchwärzen. Eine Ahnung von irgend einem Un⸗ glück bemächtigte ſich ihrer, und ſie war gerade im 207 Begriff anzuklopfen, als man von dem anderen Ge⸗ bäude ihren Namen rief. Anna gehorchte dem Ruf. Graf Gratton war auf Beſuch im Pfarrhofe ange⸗ kommen und wollte ſpäter nach dem Eiſenwerk. In größter Eile beſorgte Anna das, was ihre Anweſen⸗ heit erheiſchte, und als ſie ihren Vater in einem leb⸗ haften Geſpräch mit dem Grafen begriffen ſah, ſchlich ſie fort und eilte wieder hinaus, um zu Otto zu gehen. Als ſie in den Hof hinunter kam, ſah ſie ihn, die Büchſe über die Schulter, den Weg nach dem Waſſerfall nehmen. Anna von einer unerklär⸗ lichen Unruhe beherrſcht, hüllte den Shawl um ſich und folgte Otto auf dem Wege, den ſie ihn hatte nehmen ſehen. Bei dem obengenannten Pavillon angekommen hörte ſie deutlich den Schall der Tritte, mit welchen er ſeine Wanderung fortſetzte und folgte ihm noch einige Schritte. Ein Strahl des Mondes beleuchtete wieder die Gegend. Hinter einem Ge⸗ büſch verſteckt ſah Anna zwei Männer ein Paar Schritte davon ſtehen; in demſelben Augenblick er⸗ folgte das Krachen einer Büchſe, und ſie ſah den Anderen zu Boden ſinken. Anna ſtieß einen Angſt⸗ ſchrei aus und ſank in die Kniee. Vor Angſt und Entſetzen bebend und gegen einen Baumſtamm ge⸗ lehnt, ſah ſie, wie der Mörder mit einem drohenden Blick auf den Laut horchte; als er aber weiter nichts vernahm, warf er den Todten in die Tiefe des Waſſerfalls. Anna verlor dabei die Beſinnung. — Wiſſen Sie, Alva, daß dieſe Geſchichte die Berichterſtatterin viel koſten kaun,— ſiel der Baron ein und ergriff Alvas Hand, die er mit funkelnden Augen heftig drückte. 208 — Aber erſt muß der Herr Baron den Bericht zu Ende hören,— antwortete Alva ruhig und fuhr fort: — Wie lange Anna ohnmächtig war, weiß ich nicht; als ſie aber wieder zu ſich kam, hörte ſie ganz in ihrer Nähe zwei Perſonen mit einander ſprechen: „— Unter der Bedingung, daß Sie meine Schweſter heirathen, Tillby ganz und gar an mich und meine Erben abtreten, und, falls Sie in Ihrer Ehe eine Tochter bekommen, ſich verpflich⸗ ten, daß Sie die Gattin meines Sohnes werde, ſo⸗ wie auch, daß falls ſie einen Sohn bekommen, der⸗ ſelbe ſeine Frau aus meiner Familie nimmt, werde ich es verſchweigen, wer da unten ſchläft und, falls es nöthig ſein ſollte, Ihnen helfen. Im Ganzen gewinne ich bei der gegenwärtigen Lage der Dinge; denn ich habe Sie jetzt ganz und gar in meinen Händen. — Aber wer garantirt mir für Ihr Schweigen und dafür, daß Sie wirklich bei den Forderungen ſtehen bleiben, welche Sie jetzt als Bezahlung dafür beanſpruchen? „— Ihre Heirath mit meiner Schweſter iſt eine ziemlich ſichere Bürgſchaft für mich, und übrigens werden wir gegenſeitig einen ſchriftlichen Vertrag aufſetzen, welcher uns zwingt, unſer Wort zu hal⸗ ten. Nun, Ihr Entſchluß?——— Zwiſchen dem Galgen und Ihnen gibt es keine Voh Komm, laß uns gehen! „— Noch ein Wort; aber Anna, v S ——— 209 „— Ihr Liebhaber ſchläft ja da unten,— ant⸗ wortete der Andere, deſſen Stimme Anna zu gut kannte. „— Die beiden Sprechenden entfernten ſich. Anna ſchleppte ſich hin nach dem Pfarrhof. Auf dieſer Wonderung machte ſie eine entſetzliche Ent⸗ deckung: daß ſie Mutter werden würde.“—— Alva hielt inne. Der Baron warf ſich in einen Lehnſeſſel, mehr einer Bildſäule, als einem Men⸗ ſchen ähnlich. Sie fuhr fort: „Am Tage darauf reiste Baron Marx, von Graf Gratton begleitet, ins Ausland. „Otto war ſpurlos verſchwunden; alle Nachfor⸗ ſchungen waren vergeblich; er war und blieb fort. Anna ſchleppte ein Leben dahin, wie man es ver⸗ geblich zu beſchreiben ſuchen würde, und ſo verfloſſen drei Monate. Es war nicht mehr möglich, ihren Zuſtand zu verbergen; aber ſie beſaß doch nicht Kraft oder Muth, ihren Fehltritt einzugeſtehen. Eines Tages kam der Paſtor von einem der Nach⸗ barhöfe nach Hauſe. Man hatte dort einige Worte über ſeine Tochter hingeworfen, die ihn veran⸗ laßten, an ihr verändertes Ausſehen zu denken, wel⸗ ches er bisher dem ſonderbaren Verſchwinden des Pflegebruders zugeſchrieben hatte. Als er nach dem Pfarrhof heimkam, ſchickte er nach Anna. Sie trat zitternd und voll Angſt ein. „— Nehme den Shawl ab, Anna; warum gehſt Du immer mit demſelben angethan?— bemerkte der Vater. Die Unglückliche wagte nicht der Schwartz, Die Schutzloſen. N 210 nachzukommen. Der Paſtor, welcher vergebens dar⸗ auf wartete, daß man ihm gehorchen ſollte, wurde 8 ungeduldig und riß ihr ſelbſt den Shawl herunter. Ich übergehe die erſten Schmerzensausbrüche des alten, tief gekränkten Vaters, ſowie die bittere, aber zu ſpäte Reue der Tochter. Als der Erſtere das Bekenntniß der Tochter entgegengenommen, ſprach er mit entſetzlicher Ruhe: „— Morgen machen wir unſere Rechnung ab, Anna; gehe jetzt, ich will allein ſein. „— Am folgenden Nachmittag wurde ſie wieder zum Vater gerufen. Auf dem Tiſch lag ein Paquet Geld, und im Hofe ſtand ein angeſpanntes Fuhr⸗ werk. Der Paſtor redete ſie mit folgenden Wor⸗ ten an: „— Die Mitgift Deiner Mutter betrug 8000 Reichsthaler, welche, während ich vier Kinder zu ver⸗ ſorgen hatte, gänzlich darauf gegangen ſind. Aber Dein Theil davon iſt 2000 Reichsthaler; ich habe ſie mir durch eine Anleihe verſchafft und dort lie⸗ gen ſie. Das iſt Dein mütterliches Erbe und Dein Recht. Ich habe als Vater Dir den Verluſt Deiner Mutter zu erſetzen geſucht; ich habe Dich über Alles und von meiner ganzen Seele geliebt; ich habe ge⸗ glaubt, vor Gott und Menſchen meine Pflichten ge⸗ gen Dich ſowohl als Vater wie als Lehrer erfüllt zu haben; aber ich muß mich doch geirrt haben. Sage, was haſt Du Deinem Vater vorzuwerfen? O mein Vater, mein Vater! Du biſt mehr ich geweſen, als Vater und Mutter;— ant⸗ tete die tief zerknirſchte Tochter und kniete nieder Habe ich Dir nicht klar den Weg der Tu⸗ 3 211 gend und der Wahrheit zeigen können, oder ſind meine Lehren dunkel geweſen? Hat es in der Aus⸗ übung meines Berufes Etwas gegeben, was Dir zu dem Glauben Anlaß gegeben, daß ich mit meinem Gewiſſen unterhandelt habe? Oder waren meine Darſtellungen der Sittlichkeitslehre von ſolcher Na⸗ tur, daß Du keinen deutlichen Begriff davon be⸗ kamſt? „— Mein Vater! Ich habe ſchon von Kindheit an von Ihnen nur gute und vortreffliche Lehren ge⸗ hört, und von Ihnen ſelbſt nur ſolche Handlungen geſehen, welche einem chriſtlichen Prediger vollkom⸗ men würdig waren. 1 „— Wenn dem ſo iſt, ſo habe ich alſo redlich meine Pflichten gegen Dich erfüllt? „— Ja, das haben Sie, bei Gott!— ſchluchzte. Anna. 5 „— Nun gut, höre denn auch, was ich von Dir zu fordern habe,— rief der Paſtor mit furcht⸗ barer Stimme.— Ich fordere von Dir meinen ge⸗ kränkten Namen als Piediger und Vater zurück. Ich fordere von Dir, daß Du eine Tochter biſt, welche der Gemeinde als Vorbild dienen kann, und ich for⸗ dere endlich von Dir den Lohn für meine Liebe, eine väterliche Pflege und meine Mühen. Was haſt Du mir von allem Dieſem gegeben? 6 „Anna vermochte nicht zu antworten. „— Du gibſt mich der Schande Preis. Du ſetzeſt die Krone auf den Kummer, welchen Du Dei⸗ em Vater bereitet!——— Du haſt mir das Leben verhaßt und meinen Beruf als Pfarrer zu einer Laſt gemacht!——— Du verbandeſt Dich 212 mit Demjenigen, welcher meine Wohlthaten mit Un⸗ dank lohnte. Siehe,— das iſt Dein Werk; Du mußt fort aus dieſem Hauſe, das Du erniedrigt haſt. Draußen ſteht ein Fuhrwerk, das Dich hinbringen wird, wohin Du ſelbſt wünſcheſt; wenn es nur weit weg von dieſer Gegend iſt. Die leichtſinnige Toch⸗ ter des Pfarrers muß fort, damit ihr Betragen nicht ſchädlich auf die Kinder der Gemeinde wirke. Die gute Tochter ſegnet der Vater; die entartete ver⸗ flucht er. „Anna hörte nicht mehr, ſie war in Ohnmacht gefallen.“ Alva ſchwieg, denn ſie war viel zu aufgeregt, und der Baron ſchauderte zuſammen.„ Eine Weile darauf hob Alva wieder an: „Am folgenden wurde die Unglückliche von ihrem Vetter, welcher beim Vater Adjunkt war, aus dem Vaterhauſe fortgeführt, um nie wieder dorthin zurückzukehren. „Der Paſtor ſtarb einige Monate darauf, allein, ohne Kinder und als ein Opfer ſeiner Barmherzig⸗ keit. Von Anna hörte man ſeitdem niemals ſpre⸗ chen — Ah! aber Sie, Alva, wiſſen wohl, wohin ſie den Weg nahm?— rief der Baron. — Niemand hörte mehr von Anna Hedberg ſprechen,— fuhr Alva fort, ohne die Frage direkt zu beantworten.— Jetzt einige Worte vom Baron, und ich bin zu Ende. „Er verheirathete ſich im Jahre darauf in Paris mit Graf Grattons Schweſter und verkaufte, wie es hieß, Tillby an ihn. Nach Allem, was ich von 213 der Frau des Barons gehört, ſoll ſie ein Engel an Güte geweſen ſein, und man hatte alle Veranlaſſung zu glauben, daß er ſich hätte glücklich mit ihr füh⸗ len ſollen. Aber dieſer Mann, der nur aus niedri⸗ gen, egoiſtiſchen Leidenſchaften zuſammengeſetzt war, vernachläßigte in der That ſeine Frau und gab ſich einem ausſchweifenden Leben hin. Die jungen Neu⸗ vermählten fuhren fort, in Frankreich zu bleiben. Nach eigiger Zeit gebar die junge Frau dort eine Tochter. Kurz darauf gab er ſich einer Neigung hin, die er zu einer jungen, hübſchen Gewürzkrämer⸗ frau gefaßt. Sie war nur zwei Jahre verheirathet geweſen. Lange und vergebens belagerte er ſie mit ſeinen Huldigungen; ſiegte aber doch endlich, und als er von Paris abreiste, gelang es ihm, das junge Weib mit ſich fortzulocken. Sie ließ ihren Mann und ein zartes Kind im Stich. Der Mann, welcher ſeine Frau leidenſchaftlich liebte, nahm ſich nachher das Leben, und was aus dem Kinde geworden, weiß ich nicht. — Sie ſetzen meine Geduld zu ſehr auf die Probe; ich will nicht mehr hören,— unterbrach Alva der Baron. — Herr Baron, Sie müſſen mich zu Ende hö⸗ ren, denn das, was noch übrig, muß Sie beſonders intereſſiren. Die junge Franzöſin, deren Name Agnes war kam zugkeich mit ihrem Geliebten nach Schweden, und er umgab ſie mit all dem erniedri⸗ eines vornehmen Mannes iſt.——— Bei Agnes verſammelten ſich der Baron und ſeine Freunde, um bei einem frivolen Gelage ihre Abende zuzubringen. 2¹4 Agnes, von Natur eichtſinnig und von einem mü⸗ ßigen und dem Vergnügen gewidmeten Leben be⸗ täubt, wurde wie von einem Strom dem Abgrunde entgegengeführt, der ſie verſchlingen ſollte. „Sie gebar, kurz nach ihrer Ankunft in Schwe⸗ den, eine Tochter. Der Baron kaufte das Kind im Waiſenhauſe ein und die Mutter wurde dadurch von der Laſt befreit, die ſonſt ſtörend auf ihr heiteres Leben hätte wirken können. Ein Jahr darauf be⸗ kam ſie auch einen Sohn, welchen eine Frau, die im Hauſe wohnte, für das Waiſenhausgeld an⸗ nahm. „Agnes erkrankte an einer Erkältung, und als ſie ſich wieder erholte, war ihre Schönheit verwelkt. Der Liebhaber, welcher nur durch ſeine Sinnlichkeit gefeſſelt wurde, hatte ſie bereits ſatt und ließ ſie kaltblütig im Stich. Er verließ die Hauptſtadt und reiste nach einem ſeiner Güter, um, wie er vorgab für ſeine jüngſt verſtorbene Gattin zu trauern. „Agnes, an das Leben gewöhnt, welches ſie ſeit drei Jahren geführt, ſetzte daſſelbe ſo lange fort, als etwas von ihrer Schönheit übrig war; ſchließlich ſank ſie aber zu einem derjenigen Weſen hinab, welche man, in Lumpen gehüllt und als ein Raub aller möglichen Laſter und bisweilen auch Verbrechen, durch die Straßen wandeln ſieht. Dieſe Agnes, frü⸗ her die Gattin eines ehrenhaften Mannes, dann die Maitreſſe eines reichen Barons, fand ihren Tod auf einem Bündel Stroh in einer Hütte, die meiſten⸗ theils von gefallenen Geſchöpfen bewohnt war, ohne daß ſie Etwas von dem Schickſal ihrer Kinder; wußte, und als ein Raub verzehrender Gewiſſensbiſſe — — 215 Der Verführer, der ſie auf die Bahn des Laſters und die Kinder in die weite Welt hinausgewovfen, ohne daß ſie irgend einen mütterlichen oder väterli⸗ chen Schutz oder auch nur eine Heimath hatten— ſagen Sie! was denken Sie von ihm? Würden Sie, wenn Sie ein Weib wären, es wagen, ihm Ihr Schickſal anzuvertrauen? — Ich habe Sie jetzt angehört, hören Sie jetzt mich an. Ein Mann, wie der Baron, ſchreckt nicht vor irgend Etwas zurück, verſtehen Sie?——— vor Nichts Die Furcht iſt ihm ein unbekanntes Gefühl. Wenn das Weib, dem er einmal ſeine Hand geboten, dieſelbe ausſchlägt. dann wird es doch ihm gehören. Merken Sie meine Worte, Alva! Als Sie hier eintraten, und ich glaubte betrogen zu ſein, da ſchwur ich, daß Sie nicht mehr von hier hinaus⸗ kommen ſollten, ohne die Meinige zu ſein. Sie klär⸗ ten mich über meinen Mißgriff auf; ich glaubte Ih⸗ nen!——— Ich bot Ihnen meinen Ramen an; Sie aber beſchimpften mich nur. Nun gut, Sie ſollen die Meinige werden; aber ohne den Namen des Barons Helgenſtjerna zu tragen! — Hier gibt es keinen Baron Helgenſtjerna; er wurde vor zwanzig ermordet; hier gibt es nur ſeinen Mörder Otto Lind!— rief Alva und ſich in ihrer ganzen Länge. Der Baron taumelte einige Schritte zurück, blieb aber plötzlich ſtehen. Seine Augen erweiterten ſich ſeine Lippen wurden blau. Einen Augenblick ſtarrte er Alva an, git aber dann mit einer entſehlichen Ruhe — Was Sie ausgeſprochen haben 216 Todesurtheil——— Ich würde nicht meine eigene Mutter ſchonen, wenn ſie lebte und mein Geheimniß kennte. Die Stimme war feſt und der Blick unbe⸗ weglich Ich war im Voraus darauf vorbereitet,— antwortete Alva ruhig,— aber Sie werden wohl begreifen, daß ich ein mächtiges Motiv gehabt, um mich dergeſtalt bloßſtellen zu können? — Welchen Grund Sie gehabt, iſt mir gleich⸗ gültig. Meine Sicherheit verlangt Ihr Leben und Sie werden ſterben,— rief der Baron raſend und zog einen Dolch aus der Bruſttaſche, den er gegen Alva erhob. — Stoßen Sie nicht zu!——— Sie würden nur ein Weib tödten, welches lieber ſterben will, als Sie verrathen,— ſagte Alva mit wehmüthiger Stimme, und richtete einen Blick voll Zärtlichkeit auf ihn. Langſam ſank die Hand mit der Waffe herab, mit der andern fuhr er über ſeine Stirne. — Alva! Sie ſind ein gefährliches Weib—— Wer gab Ihnen dieſe Macht, welche gegen meine Vernunft mich ſo entzückt und bethört, daß ich Sie ſchone, wo meine Ehre und mein Leben Ihre Auf⸗ opferung fordern. Wer gab Ihnen dieſe Macht über mich, die Niemand früher beſeſſen? — Gott——— welcher wollte, daß Sie einmal in Ihrem Leben lernen ſollten, Etwas höher als ſich ſelbſt zu lieben,— antwortete Alva ge⸗ rührt. ,— Warum, Alva, haben Sie dieſe ver⸗ 217 geſſenen Ereigniſſe wieder hervorgebracht?——— Wie kennen Sie das, was vor Ihrer Geburt paſſirt iſt?— fragte der Baron mit düſterem Blick. — Wie ich Alles dieſes weiß, werden Sie bald erfahren. Warum ich es gethan, werde ich ſofort ſagen: Mein Herz würde ewig bluten, wenn ich mit dem Gedanken ſterben müßte, daß Sie auf der be⸗ tretenen Bahn fortwandelten. Ich wollte Ihren Blicken Alles, was Sie verbrochen, entgegenhalten, um in Ihrer Seele den Gedanken an Alles das zu erwecken, was Sie zu ſühnen haben. Gottes Güte iſt unendlich. — Alva, ich glaube weder an Verzeihung, noch Strafe. Der Menſch iſt ſein eigenes Schickſal und ſein eigener Richter. — Sie werden indeſſen bald erkennen, daß es eine Nemeſis gibt, welche ein Verbrechen nie un⸗ geſtraft läßt. Iſt es Ihnen während Ihres Lebens nie eingefallen, an jene Weſen zu denken, deren Ur⸗ heber Sie ſind? Haben Sie ſich nie gefragt, welches ihr Schickſal geworden?——— Sie ſelbſt, ein Kind einer entehrten Mutter und eines herzloſen Vaters, welcher, unbekümmert um Ihre Zukunft, Sie in ein Waiſenhaus hineingeworfen; Sie, welcher ſelbſt den bitteren Kelch gekoſtet, über ſeine Geburt erröthen zu müſſen; Sie, welcher durch Vergleichung von Ihrer eigenen Lage mit der Ihres Bruders ſchon frühzeitig die Ungerechtigkeit eines ſolchen Va⸗ ters kennen lernten, welcher einem ſeiner Kinder Alles raubt,— Eltern, Ehre und Unterhalt, wäh⸗ rend er das andere in vollem Genuß all' dieſer Vor⸗ züge läßt!— Sie, welcher durch das Rechtswidrige 218 und Strafbare in all' dieſem zu einem— Bruder⸗ mord getriehen wurden; Sie hätten ſich niemals ſelbſt einer ſolchen Handlungsweiſe ſchuldig machen ſollen! Als ein ſinnliches Verlangen Ihre Sinne hinriß, hätte doch der Gedanke an Ihre Mutter.— Ihre eigene Exiſtenz und Ihr begangenes Verbrechen Sie davon haben abhalten müſſen, andere Frauen ebenſo beklagenswerth wie ſie zu machen, und Kin⸗ dern das Leben zu geben, welche durch ihre Geburt dem Unglück und dem Verbrechen anheimfielen—— „Wenn dieſe Kinder im glücklichſten Falle unter dem Schutz einer Mutter aufwachſen, ſo werden ſie, wenn ſie eines Tages zu einem klaren Begriff von ihrer Lage erwachen, mit dem Namen Mutter, die⸗ ſem theuren und heiligen Namen, doch immer den Gedanken an Schande, und mit dem Gedanken an ihren Vater das Gefühl der Verachtung gegen eine grauſame Herzloſigkeit verbinden. Sie beſitzen nicht dieſes für das Herz ſo mächtige und für's ganze Leben ſo einflußreiche Gefühl der Ehrfurcht vor den Eltern. Sie beſitzen kein Vorbild der Tu⸗ gend, nichts als Gegengewicht gegen die Verſuchun⸗ gen. Sie ſind alles deſſen beraubt, was die Sitt⸗ lichkeit zu einem unangreifbaren Geſetz macht. Ungeachtet alſo, daß dieſe Kinder nichts dafür kön⸗ nen, daß ſie nur einem zügelloſen Leichtſinn ihr Le⸗ ben zu danken haben, ſo trifft ſie doch derjenige Verdacht, welcher einzig und allein auf ihre ſtraf⸗ baren Eltern zurückfallen ſollte. „Entſtanden denn niemals dieſe Gedanken in Ihrer Seele, als Sie aus Egoismus Agnes zu Ihrem Opfer machten und ihre Kinder zu einem Le 219 — ben voll Elend verurtheilten... Haben Sie nie⸗ mals mit Unruhe daran gedacht, daß es Ihr eigenes Kind ſein könnte, welches in Lumpen gehüllt, von Hunger ausgemergelt, vor Kälte zitternd und in der Schule des Laſters aufgezogen, bettelnd ſeine Hand gegen Sie ausſtreckte? Schauderten Sie nicht vor Entſetzen bei dem Gedanken an alle die moraliſchen Morde, welche Sie an jenen Frauen und ihren Kindern begangen? Wollen Sie jetzt, Herr Ba⸗ ron, das wirkliche Schickſal der letzteren kennen ler⸗ nen, dann werde ich es Ihnen nittheilen, Herr Baron. Einſt wurden Sie von einem kleinen ver⸗ zweifelten Mädchen verfolgt, deſſen Mutter krank und dem Tode nahe war, und auch das Mädchen litt die Qualen des Hungers.⸗Dieſes Kind flehte Sie an um einen Reichsthaler, und Sie antworteten auf deſſen Bitte mit einem Schlag von Ihrem Stock. Dieſes Mädchen war Ihre Tochter! ——— Ein Freund und Verwandter von Ihnen, der alte Graf Gratton, nahm ein anderes Mädchen vom Ballet und machte es zu ſeiner Mai⸗ treſſe; Sie ſelbſt haben in Geſellſchaft mit dem Grafen und Anderen nächtliche Orgien gefeiert. Dieſes Weib, den Jahren nach noch ein Kind, aber im Laſter ausgelernt, weſſen Tochter iſt daſſelbe wohl?——— Nun, auch die Ihrige!——— nämlich das erſte Kind mit jener unglücklichen Agnes. Jener Knabe, welcher geſtern durch's Fenſter kroch und Ihre Uhr ſtahl und den Sie heute den Ge⸗ richten übergeben wollen, weſſen Kind iſt er?——— Ihr Sohn, mit derſelben e——— und endlich ich——— * — Halten Sie ein, Agnes, wer ſind denn Sie? — rief der Baron angſtvoll. — Ja, ich— das einzige Weib, das Sie wirk⸗ lich geliebt zu haben verſichern, das Sie zu Ihrer Gattin haben wollten, und von dem Sie geſchworen haben, daß es dieſe Stelle nicht verlaſſen ſoll, ohne Ihnen zu gehören; wer bin wohl ich?——— She ochterl Alva's Stimme zitterte beim Ausſprechen dieſes Wortes. Es würde vergeblich ſein, den Eindruck beſchrei⸗ ben zu wollen, welchen dieſe Worte auf den ſtolzen Baron machten. Er ſank auf einen Stuhl herab und ſtammelte: — Alva! meine Tochter? nein, nein, das kann nicht ſein——— — Es iſt doch ſo; denn ich bin daſſelbe Kind, welches Sie einſt anbettelte, ohne es damals zu wiſſen, daß es mein Vater war, an den ich meine Bitte richtete;——— ich bin Anna Hed⸗ er3 Tochter — Alſo Anna's Kind. Es lag etwas von Schmerz, Angſt und Ver⸗ zweiflung in dem Tone, mit welchem der Baron dieſe Worte ausſprach. Alva ging auf ihn zu, kniete an ſeiner Seite nieder, ergriff ſeine Hand und ſagte mit bewegter Stimme; 4 — Mein Vater!——— verzeihen Sie Ihrer Tochter, wenn ihre Erzählung Ihr Herz blu⸗ ten machte; aber, als ich, nach dem Tode meiner Mutter in ihren Aufzeichnungen das las, was ich Ihnen jetzt geſagt, da entſtand in mir der feſte Ent⸗ * 221 ſchluß, eines Tages dadurch, daß ich dieſe Ereig niſſe in Ihrem Gedächtniſſe wieder wach riefe, zu verſuchen, in Ihrem Herzen Reue zu erwecken. — Wir übergehen das, was weiter zwiſchen Vater und Tochter geſagt wurde, da es von keinem Gewicht für unſere Erzählung iſt. Als der Baron und Alva den Pavillon verließen, war das Ausſehen des Erſteren düſter und verſtört und Alva's Augen trugen Spuren von Thränen. Ein Bedienter theilte dem Baron bei ſeinem Eintritt in ſeine Zimmer mit, daß man nach dem Pfarrhofe eingeladen ſei, und daß der alte Graf Gratton und die beiden jungen Gräfinnen dieſelbe angenommen hätten. — Wo iſt Graf Ernſt?— fragte der Baron. — Auf der Jagd, in Geſellſchaft mit dem Pro⸗ feſſor. — Und der Hardisvogt? — Er reiſte dieſen Morgen nach der Stadt. — Das iſt gut; melde es mir, wenn der Tiſch gedeckt iſt——— und gebe Befehl, daß der Wagen um fünf Uhr angeſpannt ſein ſolle. Ich fahre auch nach dem Pfarrhof. Der Bediente entfernte ſich. Der Baron wanderte, ein Raub ſeiner aufge⸗ regten und peinlichen Gefühle, unten im Zimmer auf und ab. Dazwiſchen murmelte er: — Alva, Alva!——— meine Tochter! Beim Mittagstiſch kam Alva nicht zum Vor⸗ ſchein. Sie ließ ſagen, daß ſie durch ein Uebelbe⸗ finden verhindert ſei, und ſie befand ſich wirklich nicht wohl. Während dieſer ganzen vierundzwanzig Stunden war Alva einer Gemüthsbewegung nach der andern ausgeſetzt geweſen, und ſie fühlte ein großes Bedürfniß, einige Stunden allein zu ſein, um allem Zwang und aller Verſtellung auszuweichen. Sie hatte das Bedürfniß zu weinen und zu beten, um ſich Kraft zu der Zuſammenkunft mit Ernſt zu holen. Nur eine ſo ſtarke und von dem Gefühl für das Gute belebte Seele wie Alva, war im Stande alle dieſe Stürme zu ertragen, ohne zu er⸗ liegen. Alva hatte bereits von dem Augenblick an, wo Ernſt gleich einem rettenden Engel für ſie auftrat, ſein Bild in ihrem Herzen behalten; und obgleich Jahre vergingen, bevor ſie einander wiederſahen, ſo nährte ſie doch in ihrem Innern eine ſchwärmeriſche Neigung zu ihm, die ihre Seele mit manchem an⸗ muthigen uud reinen Traum erfüllte. So ſtand es auch mit ihrem Herzen, als ſie ihn als Gerda's Mann wiederſah. Wie manches Luft⸗ ſchloß ſtürzte zuſammen, wie manche ſchöne Illuſion verſchwand nicht bei dieſem bittern Wiederſehen. Beſonders hatte Alva, nachdem ſie Eigenthümerin eines großen Vermögens geworden, manche glänzende Vorſpiegelung von der Hoffnung gehabt, und träumte immer von einem Wiederſehen; aber ach! unter elch ganz anderen Verhältniſſen. Jetzt weihte die⸗ be ihr Leben der Entſagung und ihre Liébe fnungslöſigkeit. Aber in demſelben in welchem ſie die Antwort auf ihre eigenen gehei men Gefühle in Ernſt's Augen zu leſen glaubte, ſtand auch die Nothwendigkeit klar vor ihrer Seele, ihn niemals ihre Liebe ahnen zu laſſen. Sie mußte all' ihre Kraft aufbieten, um Gerda von ihrer Liebe zu Hermann abzubringen und das Ziel ihrer Be⸗ mühungen war Gerda's und Ernſt's Glück. So hatte Alva ihren Lebensplan eingerichtet. Aber ſollte es ihr gelingen?——— Sollte denn ſſo viele Entſagung nie irgend einen Erſatz erhalten? ——— Sollten dieſe Vorſätze, ſo edel ſie auch waren, ſiegend aus dem Kampf mit den glühendſten Forderungen des Herzens hervorgehen?——— Die Zuſammenkunft mit Ernſt wird es zeigen. Um fünf Uhr fuhren alle, die zu Hauſe waren, nach dem Pfarrhof. Alva hörte, als ſie auf ihrem Sopha lag, die Wagen fortrollen. Sie that einen tiefen und ſchmerzlichen Seufzer. Auf die Stunde darauf war die Zuſammenkunft mit Ernſt beſtimmt, bei welcher Alva eine neue, harte Probe beſtehen ſollte. 5 Um ſechs Uhr trat ſie in den Salon, wo ſie den Grafen fand. Er ſaß in einem Lehnſeſſel hinge⸗ ſunken und hatte ein verſtörtes trauriges Ausſehen. Der Graf ſtand auf, ging Alva entgegen und agte: — Ich bin Deinem Wunſche nachgekommen; ——— ich bin hier, um mich täuſchen zu laſſen; wer fühlt denn Freundſchaft genug, um nicht ſeine Hand dazu zu bieten, das zu thun? 5 — Ich habe Dich nie getäuſcht und werde es auch jetzt nicht thun——— pi 224 — Spreche nicht ſo, Alva!——— man hat mich ja ſchon betrügen wollen, und wenn es miß⸗ lang, ſo war es nicht Dein Fehler,— antwortete Ernſt, indem er Alva zum Sopha hinführte und ſelbſt auf einem Stuhl daneben Platz nahm.— Nachdem ich zu einer ruhigeren Betrachtung meiner Lage gekommen, hat Gerda's Treuloſigkeit nicht den größten Schmerz in mir erweckt; nein, ihr zürne ich nur; aber Du, Alva, haſt meinem Herzen eine tie⸗ fere Wunde verſetzt. Als ich einige Minuten vor Dir auf dem Schauplatz meiner gekränkten Ehre anlangte, bemächtigte ſich meiner ein Zorn, ein Zorn, welcher Blut heiſchte; als ich aber Dich hinein⸗ ſtürzen, Gerda von ihrem Platz wegreißen und ihr Etwas in's Ohr flüſtern ſah, was ſie zu fliehen veranlaßte, da wurde meine Seele von einem ent⸗ ſetzlichen Schmerz ergriffen, der nur an Bitterkeit zugenommen, je mehr ich daran gedacht. Weißt Du, Alva, man iſt erſt dann recht unglücklich, wenn man gezwungen wird, an Allen und an Allem zu zweifeln. Ernſt ſtützte die Stirne auf die Hand. — Ich verſtehe Dich nicht——— Nur um Gerda zu retten, warf ich mich zwiſchen——— — Begreift Alva nicht, daß ich bei der Erin⸗ nerung an dieſer Dazwiſchenkunft entſetzlich leiden muß, welche freilich Gerda's Ehre zu retten, aber auch mich irre zu führen zum Zweck hatte? ——— Von Dir betrogen zu werden, welche ich ſo hoch und heilig geliebt habe! Alva!— Alva! das verdiente ich nicht. ueber Alva's Wangen rannen vittere Thränen; ——————— ¹ —, 225 ſo bittere hatte ſie noch nicht vergoſſen.— Ver⸗ kannt, verkannt von Allen, und auch von Ernſt!— flüſterte Alva. — Weine nicht, Alva, Deine Thränen brennen mir auf dem Herzen. O, ſage ein Wort, daß Du mich nicht betrügen wollteſt,— äußerte Ernſt mit Wärme und ergriff ihre Hand. Mit bewegter Stimme berichtete jetzt Alva, wie ſie Gräfin Hilda's Anklage mit angehört und auch ihrer Zuſammenkunft im Comptoir beigewohnt hätte. — Als Du,— fuhr ſie fort— mit dem Schlüſſel in der Hand Dich nach Gerda's Zimmer begabſt und Hilda ſich beeilte, anderweitig ihre Anklage zu wiederholen, da hatte ich nur einen Wunſch, den nämlich, dem Unglück, welches über Gerda, und dem Scandal, der über Euch beiden ſchwebte, vorbeugen zu können. Es konnte nur dadurch ge⸗ lingen, daß ich meine eigene Ehre auf's Spiel ſetzte; aber was hatte das denn zu bedeuten, da es Dir galt? Während ich nach meinen Zimmern hinauf und dann die Wendeltreppe hinunter nach Gerda's Zimmern eilte, flog zwar der Gedanke durch meinen Kopf, daß Du mir zuvorkommen könnteſt, aber ich öſtete mich indeſſen mit der Hoffnung, den An⸗ deren zuvorzukommen. Und ſo vollkommen kannte ich deinen Charakter, daß ich überzeugt war, Du würdeſt nicht, nachdem ich dazwiſchen getreten, Ger⸗ da's und Deine eigene Ehre einem offenbaren Scandal preisgeben. Was wäre nicht paſſirt, falls es ſu gegangen wäre, wie Hilda es berechnet hatte? Habe ich mich einer Betrügerei ſchuldig gemacht, ſo es wenigſtens eine ſolche, welche jeder gute Schwartz, Die Schutzloſen. —,——— 226 Menſch zu begehen beteit iſt, wenn er dadurch einer augenblicklichen Gefahr vorbeugen kann. — Wenn ich aber ſpäter als Du gekommen, und durch dein Auftreten irregeleitet worden wäre, hätteſt Du mich dann nicht über die Wahrheit auf⸗ geklärt? — Nein, Ernſt, gewiß nicht!——— ich hätte nur auf Gerda's beſſeres Gefühl einzuwirken geſucht, ſie aber bewogen, Dir Alles zu geſtehen und zu ſuchen, durch ihre Reue Dein Herz zur Ver⸗ ſöhnung zu bewegen.— — Möglich, daß Du Recht haſt, und ich, in meinem Stolze verletzt, Unrecht habe. Aber glaubſt Du denn, Alva, das ich mich je zu der elenden Rolle hergebe, den Betrogenen zu ſpielen? Glaubſt Du, daß ich dieſe beiden Menſchen, welche es ge⸗ wagt haben, mit meinem Vertrauen und meiner Ehre ihr Spiel zu treiben, ungeſtraft laſſen werde? ——— Rein, bei Gott! das kann ich nicht. — und doch, Ernſt, habe ich die Hoffnung daß Du verzeihen wirſt!——— — Niemals!——— hoffe nicht darauf. 5— Und warum ſollteſt Du ſtrenger als Go 4 ein. — Still, Du weißt nicht Alles, was dieſes Wei verbrochen hat! Möglich, daß ich ihr dieſes ver⸗ zeihen könnte, obgleich ich daran zweifle; es lieg jedoch innerhalb der Grenzen der Möglichkeit; wenn ich aber an all' das Böſe denke das ſie gethan. vann iſt ſo Etwas unmöglich. Bedenke, daß ſie in den Brautſtuhl trat, das Herz mit Liebe zu einem Andern erfüllt; daß ſie mit vollem Bewußtſei falſchen Eid ſchwur, als ſie vor Gott mir Liebe und Treue verſprach; daß ſie nachher, ſtatt zu ſuchen ſich mir zu nähern, Alles that, um mich von ihr zu entfernen. O, Alva! wenn Du, gleich mir, ein ganzes Jahr an der Seite eines Weſens dahin ge⸗ ſchleppt hätteſt, welches Dein Herz lieben wolite, welches Dir aber immer mit eiſiger Kälte be⸗ gegnete, dann würdeſt Du meine Erbitterung gegen ſie begreifen. Merke Dir, daß ich zu ihren Füßen darum gebettelt habe, mich wiſſen zu laſſen, was mich ihr verhaßt machte, daß ich ſie beſchworen habe, mir aufrichtig zu ſagen, ob ſie einen Andern liebe; aber ſie hat mir nur mit abſtoßender Kälte geantwortet. Ich habe den Gleichgiltigen geſpielt, um ihre Eitelkeit zu verletzen, und ſie zuletzt gerade heraus gefragt, ob ſie wünſche, daß ich ſie liebe; worauf ſie antwortete, daß ſie es noch nicht wünſche. Kann eine Gattin weiter in der Grauſamkeit gehen? Noch nicht genug: einmal bekam ich einen Brief in meine Hände, welcher, wie ich deutlich einſah, irgend ein Geheimniß enthielt; aber auf ihre freundliche Bitte hin verbrannte ich denſelben ungeleſen——— Wer gab dieſem Weibe ein Recht, mein Leben an das ſeinige zu ketten, da es ſich doch bewußt war, es könne mich nie lieben, ſondern unſere Verbindung nur zu einer gegenſeitigen Plage machen? Wer gab ihr ein Recht, ihre Pflichten zu verhöhnen und die Achtung vor meinem Namen mit Füßen zu treten? Sage, kann man das Alles verzeihen?——— Und dieſer Mann, der von mir in mein Haus ein⸗ geladen wurde, den ich als einen Freund behandelt; welches Mitleid verdient der?—— 6 — — — — . 228 Lehrer und unumſchränkter Beherrſcher ihrer Gefühle, wie hat er ſeine Pflichten als ehrenhafter Mann erfüllt?——— Nun, danit, daß er meine Freund⸗ ſchaft mit Verrath an meinem Vertrauen erwiederte. ——— Er hat ſeine Macht über Gerda dazu angewendet ſie von ihren Pflichten wegzulocken und hat ſie gelehrt, mit ihrem Gewiſſen zu feilſchen. Man ſtraft denjenigen, der in der Aufwallung einen Menſchen todtſchoß, am Leben; was für eine Strafe verdient aber jener, der die Niederträchtigkeit begeht, den Einen um der Anderen Zuneigung zu beſtehlen, der Vertrauen und Sittlichkeit mordet und einen Schatten unverdienter Schande und unverdienten Hohns auf einen ehrenhaften Namen wirft? Eine ſolche Handlungsweiſe kann nur dadurch beſtraft werden, daß er ſtirbt und— ſie verſtoßen wird. — Ich habe Dich angehört; thue Du jetzt daſ⸗ ſelbe mit mir. Du ſagſt, Gerda hätte einen fal⸗ ſchen Eid. abgelegt, als ſie Dir Treue ſchwor. Weißt Du aber auch, ob ſie es aus freiem Willen that, und was es ſie koſtete? Nun, die Aufopferung ihrer erſten warmen Liebe und alle ihre Träume von Glück!— ——— Mit einem Temperament und einer Erziehung wie Gerda's war ſie wohl im Stande dem Befehle ihres Vaters nachzukommen und ſich für ihn zu opfern? nachher fehlte es ihr nur an Kraft, würdig ihren ſchweren Beruf zu erfüllen. Sie hat in Dir nur denjenigen geſehen, welcher den Vater zwang, auf Koſten ihres Glückes ſein gege⸗ benes Wort zu halten. Du kamſt erſt drei Wochen vor der Hochzeit an, und ohne daß Du ein einziges 229 Wort von Liebe mit ihr gewechſelt, oder Dir von ihren Gefühlen Kenntniß eingeholt hätteſt, vereinigſt Du Dein Schickſal für das ganze Leben mit dem ihrigen! Was gab Dir ein Recht, auf ein Ver⸗ ſprechen des Vaters von Gerda hin, Dir ihr Leben „zuzuſchanzen?“ Du nahmſt Beſitz von ihr, wie von einem Dir gehörigen Gute und ohne Dich um ihr Herz zu bekümmern; und doch forderſt Du nach⸗ her Liebe, Zärtlichkeit und Treue! Wer hat eigent⸗ lich das Andere hervorgerufen: ſie, welche den Drohungen eines ſtrengen und unbeweglichen Vaters gehorchte, oder Du, der Du frei handelteſt und eine Braut annahmſt, ohne zu wiſſen, ob ſie Dich liebte? ——— Jetzt, wo die gar zu natürlichen Folgen Deiner unbeſonnenen Handlungsweiſe ſich zeigen, jetzt richteſt Du bloß Deinen Zorn und Deine Rache gegen ſie. Du willſt das Opfer des Deſpotismus eines Vaters und Deiner eigenen Gleichgiltigkeit, ohne Barmherzigkeit der Verachtung und der Schaden⸗ freude der Welt übetlaſſen; während Du doch ſelbſt Dich deſſelben Fehlers ſchuldig gemacht, deſſen Du Gerda anklagſt. Sie iſt nur ihrer erſten Liebe treu geblieben und hat derſelben nachgegeben; aber Du, Du haſt Dich dem Eindruck einer neuen Neigung hingegeben! — Alva, Du gehſt zu weit! — Nein, Ernſt, nein! die Treuloſigteit des Herzens iſt ebenſo ſtrafbar wie die der Sinne!——— Wie viel edler und Dei⸗ ner würdiger wäre es, wenn Du Deiner fehlenden Fau verzeihend die Hand reichteſt und durch Deine 230 Nachſicht ſie zur Reue und ſchließlich zur Liebe zwängeſt! Sie wird Dich dann als den beſſeren Theil ihrer ſelbſt eines Tages lieben, weil Du ſie das Gute und Heilige in ihren Pflichten gelehrt haſt. Glaube mir, eine ſolche Handlung bringt Dir weit mehr Befriedigung, als wenn Du einer egoiſti⸗ ſchen Rachſucht nachgiebſt. — Aber das, was Du vorausſetzeſt, iſt unmög⸗ lich; denn ich liebe dieſes Weib nicht. — Alles Gute und Großmüthige iſt einem edlen Menſchen möglich. Du haſt mir einmal geſagt, daß Du mich höher als mein Leben liebteſt. Nun gut, im Namen dieſer Liebe flehe ich Dich an: Verzeihung für Gerda! und möge das, was paſſirt, zwiſchen Dir und mir bleiben, bis Gerda reuevoll Dir einſt ſelbſt ihren Fehler bekennt. — Ich habe nicht die Kraft dazu, denn an ihren Lippen werde ich immer die Merkmale von ſeinen Küſſen und an ihrer Stirne unſerer Beider Schande leſen. O Ernſt! ich habe alſo vergebens zu Deinem Herzen geſprochen? Dein Egoismus iſt ſtärker, als Dein Edelmuth! Auf den Knien, zu Deinen — bettle ich um Verzeihung für dieſes arme, irrege⸗ leitete Kind, welches niemals eine Mutter gehabt die ſie die Pflichten eines Weibes gelehrt, die auf⸗ gewachſen iſt ohne Leitung und keinen Begriff von dem bekommen hat, was ſich für eine Gattin ſchickt. Ernſt! ich werde nicht aufſtehen, bevor Du meine Bitte bewilligt haſt. Alvä war ſo idealiſch ſchön, als ſie, das ganze Geſicht von den Gefühlen verklärt, die ſie belebten, — . 231 auf die Knie fiel, daß es ihr gewiß würde gelungen ſein, ein weniger gefühlvolles Herz, als das des Grafen zu bewegen. Er betrachtete ſie einen Augen⸗ blick ſtillſchweigend, aber mit leidenſchaftlicher Be⸗ wunderung; dann legte er die Hand auf ihre Stirne und äußerte traurig: — Stehe auf, Engel! Deine Bitte ſchließt mein ganzes zur Entſagung verurtheiltes Leben in ſich; aber doch werde ich——— um Deinetwil⸗ len——— aus Liebe zu Dir, Du bewun⸗ derungswürdiges Weib, es verſuchen, Gerda zu verzeihen——— aber ihm?——— — Der Hermann, welcher Gerda liebte, exiſtirt nicht mehr. Er entſagte ihr ja, als er in Gegen⸗ wart von Andern mich zu ſeiner Braut machte—— — Alva!— rief der Gräf aufſpringend,— Alva! wohnt in deinem Herzen die Milde eines Engels und die Grauſamkeit eines Teufels, da Du, das Ideal meiner Träume, mir ſagſt, daß Du dem Manne gehören wirſt, den ich am tiefſten verab⸗ ſcheue——— Wenn dem ſo iſt, dann keine Ver⸗ zeihung für ſie, keine⸗Schonung gegen ihn. Lieber den Tod, als zu leben und Zeuge zu ſein, daß er im Beſitz eines Glückes iſt, von dem ich nicht einmal zu träumen gewagt habe. — Ewiger, niemals ruhender Egoismus! Wann wird denn einmal Deine Stimme von der Menſchen⸗ liebe erſtickt werden? Die Worte, welche Du jetzt ausſprachſt, hätten nicht über Deine Lippen kom⸗ ich ihn weder hochachte, noch liebe. men dürfen, denn ſie enthalten den größten Egois⸗ mus. Ich werde niemals Hermanns Gattin, weil 5 232 — Noch ein Wort, Alva!——— Eine Ehe kann ja ohne Scandal aufgelöst werden!——— und Gerda dänn mit Hermann glücklich werden. — Ein vor Gott abgelegtes Gelübde iſt heilig, es darf nicht gebrochen werden. Die Ehe iſt nicht ein Geſchäft, ſondern eine moraliſche Verbindung fürs Leben, die wir mit einem heiligen Eid beſiegelt haben, und deſſen Heilighaltung zu bewahren eine unabweisbare Pflicht erheiſcht. Derjenige, welcher leichtſinnig damit ſpielt, kann nie auf Glück hoffen ——— O Ernſt! An Hermanns Seite würde Gerda einſt dahinwelken, ohne je das zu finden, was ſie von ihm geträumt. An Deinem Herzen dagegen wird ſie ſich zu einem edlen Weibe entwickeln. Werde Du der Führer, die Stütze und der Freund Deiner jungen verirrten Gattin und vergeſſe eine unwürdige Schwäche, welche nunmehr Dir nie etwas Anderes, als Unglück bringen kann. Der Graf ſtand gegen den Kamin gelehnt da und betrachtete Alva. Viele bittere und ſich wider⸗ ſtreitende Gefühle kämpften in ſeiner Bruſt. Er ſah deutlich ein, daß ſie ihm nicht würde gehören können; denn dem geſchiedenen Manne würde Alva nie ihre Hand reichen. Alva ſtützte ermattet ihren Kopf auf die Hand und auch in ihrer Bruſt machte die Stimme des Herzens ſich geltend, obgleich ohne Hoffnung, gehört zu werden. Sie wartete die Antwort des Grafen ab; aber ihre Kräfte verſagten ihr in dieſem Kampfe mit ihm, welcher ſie ſo hoch, ſo heiß liebte. 3 unterbrach das Schweigen: du forderſt von mir Alles; aber du gibſt 233 mir nichts. Mag es ſo ſein! Was dieſer dein Sieg mich gekoſtet, wirſt Du nie begreifen. Du haſt ge⸗ ſiegt, Alva; ich werde das Ungereimte thun und Beiden verzeihen. Biſt Du jetzt zufrieden?“ — Ich habe nie an dem Ausſchlag gezweifelt, welchen Dein edles Herz geben würde,— antwor⸗ tete Alva gerührt und drückte dankbar ſeine Hand. — Aber, Alva, bevor wir uns trennen und die lange Pilgerfahrt durch ein Leben ohne Liebe begin⸗ nen, ſo beantworte mir eine Frage vollkommen auf⸗ richtig. Laß Dich nicht ein eingebildetes Vorurtheil davon abhalten, wahr zu ſein. Verſpreche mir das,— flehte Ernſt, und ergriff Alva's beide Hände, indem er ihr ins Geſicht blickte. — Ich werde aufrichtig ſein! Alva's Stimme zitterte. — Dank!——— Es hat unbewachte Augen⸗ blicke gegeben, in welchen ich bei Dir einen Blick, eine Röthe, oder ein Zittern auffing, welches mein Herz vor Freude klopfen machte; denn ich habe an dieſen Zeichen zu ſeben geglaubt, daß ich von Dir geliebt ſei——— O, Alva! ſage mir ehr⸗ lich, ob ich Recht gehabt. Laſſe mich die Gewißheit davon als eine Stärkung und einen Troſt auf der Bahn des Lebens mitnehmen——— Alva! be⸗ raube mich nicht dieſer meiner letzten, meiner einzi⸗ gen Hoffnung!— bat Ernſt entzückt und drückte ihre Hände an ſeine glühenden Lippen. Einen Augenblick ſchwankte Alva; aber mit der Kraft ihres Willens befahl ſie ihrem Herzen, noch zu ſchweigen——— Alva wußte zu gut, daß nur die Ueberzeugung, daß ſeine Liebe unerwied ſei, 234 die Gefühle Ernſts Gerda zuwenden würde. Mit einem heroiſchen Muthe, wie deſſen nur eine Seele fähig iſt, welche ſo entſagend und ſo vom Gefühl für das Rechte durchdrungen iſt, wie Alva, antwor⸗ tete ſie, ohne daß eine Muskel in ihrem Geſicht es verrieth, wie tief ſie darunter litt: — Du haſt Dich ſehr geirrt, Ernſt. Ich hege für Dich die wärmſte Erkenntlichkeit und Freund⸗ ſchaft. Ich bin Dir zugethan als Wohlthäter und Freund, ja als einem aber Liebe hat mein Herz nie für Dich gefühlt und kann ſie nie für Dich fühlen. — O, Alva! Du hätteſt mich ja in meinem Irr⸗ thum laſſen können, damit ich glücklich in demſelben hätte leben können,— rief Ernſt mit Schmerz und ließ ihre Hände los. — Und mich durch einen Irrthum getäuſcht? — Aber was bleibt mir jetzt übrig, deſſen es ſich lohnt, daß man dafür lebt? — PDeine junge, ſtrafbare, aber reuevolle Gattin! antwortete Alva mild, aber ernſt. Am folgenden Tage hatte Hermann eine längere Privatunterredung mit dem Baron. Was dabei ver⸗ handelt wurde, wiſſen wir nicht. Beim Frühſtück waren Alle im Speiſeſaale verſammelt. Gerda zeigte ſich heiter und ungenirt; Alva war bleich; der Ba⸗ ron kalt und ſteif; die Gräfin Hilda bei offenbar übler Laune. Nach der Mahlzeit äußerte der Baron kam deßhalb mir zu, mit Bezug auf den Auftritt dieſe Nacht, durch eine offene Beglückwünſchung ihre Verlobung mit meinem Verwandten, Hermann Wald⸗ ner, mitzutheilen; da aber die Verbindung noch auf die Zukunft angewieſen iſt, ſo wünſchen die Verlob⸗ ten, daß ſie bis auf Weiteres nicht öffentlich bekannt gemacht werde. 3 Gerda warf eine koſtbarg Vaſe mit Blumen um und ſchüttete mit einer ſol Heftigkeit Waſſer in ein Glas vor ſich, daß der ganze Inhalt der Flaſche über den Tiſch ausgegoſſen wurde. Ernſt ſpannte den Hahn an einem Paar hübſchen Piſtolen, welche in einem Futteral lagen, und die der Baron eben erhalten hatte. Die Gräfin Hilda warf einen raſen⸗ den Blick auf Alva. Die Uebrigen gratulirten in⸗ deſſen den Verlobten mit einigen verbindlichen Worten. — Biſt Du ein ziemlicher Schütze, Hermann?— fragte der Graf und näherte ſich einer der offenen Glasthüren. — O ja, paſſabel,— antwortete Hermann. — Laß uns verſuchen, wer am beſten ſchießt,— äußerte der Graf nachläßig.— Bringe Kugeln, Zuündhütchen und Pulver her,— befahl er dem Be⸗ dienten. Alva horchte unruhig auf dieſes Geſpräch. Der Bediente kam mit den verlangten Gegen⸗ ſtänden wieder. Ernſt und Hermann gingen hinaus aufd n. Nachdem der Graf geladen, äußerte — Ich habe immer Gerda's Freundin, Manſell Holm, als meine zweite Tochter angeſehen, und es 236 — Siehſt Du die Schwalbe, welche dort fliegt? Ich ſchieße ſie im Fluge. Der Graf feuerte in demſelben Augenblick den Schuß ab und der kleine unſchuldige Vogel fiel todt in den Hof hinab. — Hier ſcheitert meine Geſchicklichkeit,— ſagte Hermann erbleichend. — So würde ich das Herz des Mannes durch⸗ bohren, welcher unter der Maske eines Freundes und meine Gaſtfreundſchaft genießend, meine Frau verführte,— und dabei legte er die Hand auf Her⸗ manns Schulter, und——— und in ſeinem Blick leuchtete eine deutliche Drohung. In einem verächt⸗ lichen Tone fügte er hinzu: — Ein ſolcher Schurke hätte auch wohl eine Kugel verdient, oder was meinſt Du? Der Graf wartete indeſſen nicht Hermanns Ant⸗ wort ab, ſondern kehrte in den Speiſeſaal zurück. Schurke!— wiederholte Hermann, als er allein war und ballte convulſiviſch ſeine Hände.— Ah, Gerda! ich habe meine thörichte Leidenſchaft für Dich theuer bezahlen müſſen, indem ich ſtillſchwei⸗ gend dieſes anhören mußte. Er hatte Recht— mein Benehmen iſt abſcheulich geweſen. Schon denſelben Abend reiste unſer Hardisvogt nach ſeinem Gerichtsdiſtrikt ab. Ein Jahr war verfloſſen. Wir führen den Leſer noch einmal u 5 fors in die Wohnung des Grafen und Gerda's ein. In dem kleinen Salon finden wir wieder die beiden Gatten. Ernſt ſitzt in einer halb liegenden Stellung auf dem Sopha, eine Cigarre rauchend und blickt träumend nach der Decke. Gerda ſitzt in einem Fau⸗ teuil bei einer Handarbeit. Ihr Blick fliegt mitun⸗ ter nach dem Mann. Es iſt Frühling— die letzten matten Strahlen der Abendſonne fallen auf das junge Weib. — Ernſt, iſt es wirklich wahr, daß Du die Ab⸗ ſicht haſt, in vierzehn Tagen eine Reiſe ins Ausland anzutreten?— begann Gerda mit einer gewiſſen Furcht in der Stimme. — Jo, ſo habe ich es mir vorgenommen. — Und du reiſeſt allein? — Wer ſollte denn mich begleiten wollen? Ich bin und bleibe ja unter allen Umſtänden immer einſam! — Ernſt! — Was willſt Du ſagen? — Daß Du eine Gattin haſt, welche——— — Welche niemals ihren Abſcheu vor mir über⸗ winden wird. — Du täuſcheſt Dich——— — Wirklich? Und unſer vergangenes Leben,— was beweist das? — Daß ich viel gegen Dich geſündigt habe; aber, Ernſt, Du haſt mich auch nicht geliebt. wollte——— — Und wo ich Deine Liebe von mir ſtieß — Gerda, es gab eine Zeit, wo ich es thun 238 — Du haſt es ſelbſt geſagt. Nachher kam eine Zeit——— wo wir Beide gleichgültig waren. — und enblich kamen dieſe letzten achtzehn Mo⸗ nate, welche wir ununterbrochen hier zugebracht ha⸗ ben, und während welcher Du Alles gethan haſt, 1 um das Gefühl für das Rechte in mir zu beleben und ſo gut geweſen biſt, ſo gut, daß——— — Paß es Dich durchaus gehindert hat, mit abſtoßender Kälte mich zurückzuweiſen. Nun gut! Du kannſt nichts für Deine Gefühle, Du wirſt nie Dein Glück bei mir ſuchen, und ich werde nie Freund⸗ ſchaft, Theilnahme und Aufrichtigkeit bei Dir finden. Wir thun deßhalb am beſten, daß wir getrennt le⸗ ben. Warum ſoll ich Dich zwingen, Dein Leben an meiner Seite dahinzuſchleppen, da ich doch nicht Dein Herz erhalte? — O Ernſt! ſpreche nicht mehr ſo——— wenn Du nur in meiner Seele leſen könnteſt! So würde ich gewiß nur einen Wunſch darin finden, den nämlich: mich los zu werden. — Gerda weinte; Ernſt erhob ſich halb, reichte ihr die Hand und ſagte: — Wenn ich Dir Unrecht thue, ſo ſage mir es, und ſei überzeugt, daß es nicht meine Abſicht war; aber ich fühle mich recht unglücklich! 5 — Und das durch mich— ſchluchzte Gerda und warf ſich an des Mannes Seite nieder.— Ernſt! es iſt nur Reue und Verlegenheit darüber geweſen daß ich Deine Güte nicht verdient. O, ich habe ſo viel zu bekennen, daß mir der Muth gefehlt hat Dir zu ſagen;——— ſo viel abzubitten, von 1 ich fürchtete, daß Du es mir nicht verzeihen 239 würdeſt!——— Du ſiehſt zu Deinen Füßen die⸗ ſelbe Gerda, deren Herz Du in der Kindheit unum⸗ ſchränkt beherrſchteſt!——— deren Freude und Glück Du allein warſt!——— Höre mich an und, wenn es möglich iſt, verzeihe mir!* Mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme bberichtete Gerda jetzt von ihrer Liebe zu Hermann, ſowie von den Drohungen des Vaters, welche ſie be⸗ wogen. Ernſt ihre Hand zu reichen, und von Allem, 3 was darauf folgte——— von Alva's rettender Dazwiſchenkunft, u. ſ. w. Als ſie geendet hatte, hob Ernſt ſie mit einer 3 zärtlichen Umarmung auf und ſagte:„ — AUuf dieſen Augenblick, Gerda, habe ich ein ganzes Jahr gewartet. Alles, das Du mir jetzt 6 geſagt haſt, habe ich ſeit jener Nacht gewußt. Ich 6 kam einige Augenblicke vor Alva——— — Du wußteſt dieß Alles, und verſtießeſt mich doch nicht. — Alva bat für Dich!——— Ich habe auf dieſen Augenblick gewartet, wo Du freiwillig und aus Liebe mir Alles anvertrauen würdeſt!——— Dann erſt wußte ich, Gerda, daß ich in Dir eine Gattin gefunden hätte, deren Herz ungetheilt mir gehört!——— Habe ich mich getäuſcht? — Nein, das haſt Du gewiß nicht!——— Dir, dem zärtlichen Freunde meiner Kindheit, Dir, Dir allein gehört es jetzt ganz und gar. Sage nur, daß Du mir verzeihen kannſt; daß Du nach dieſem Allem mich ebenſo hoch und ebenſo warm lieben kannſt, wie ich Dich! — Verziehen habe ich Dir ſchon„Gerd 3— wir haben beide gefehlt.——— Lieben— ja ich liebe Dich, ſo hoch mein Herz noch lieben kann. — Und ich darf Dich begleiten, wenn Du rei⸗ ſeſt?— fragte Gerda und bedeckte die Hände ihres WMannes mit Küſſen.— — Ja, im Leben und Tod,— verſicherte Ernſt und drückte ſie zärtlich an ſein Herz. — Ja, und ich bin auch die Deinige mit Leib und Seele,— verſicherte Gerda mit ihrer ganzen früheren Lebhaftigkeit. Später am Abend ſtand Ernſt einſam am Fen⸗ ſter, welches nach Süden lag. — O Alva! Du reiner, angebeteter Engel, Du haſt geſiegt, Du haſt Recht gehabt; es liegt ein großer und edler Genuß darin, zu verzeihen und als Menſch und Chriſt ſeine Pflicht zu erfüllen. Jetzt erſt bin ich Deiner würdig,— dachte der Graf. Einige Tage darauf reisten Ernſt und Gerda hei⸗ ter und glücklich nach Italien. Auf einem Sopha in einer kleinen netten Woh⸗ nung in der Königinſtraße lag ein bleiches, ſchönes Weib. Ihr Geſicht trug das Gepräge einer über⸗ ſtandenen Krankheit. Neben ihr ſaß ein Mann on hoher Geſtalt, mit düſteren Geſichtszügen und einer vor der Zeit gefurchten Stirne. — Gerda und Ernſt ſind jetzt nach Italien ge⸗ eist,— äußerte der Mann. — Mit Freuden habe ich es aus Gerda's letztem 241 Briefe erfahren, welcher auch meine Hoffnung be⸗ ſtätigte, daß ſie jetzt glücklich ſind;— antwortete das junge Weib. — Falls man den Worten der Menſchen glau⸗ ben ſoll, ſo ſcheint es wirklich ſo. — Und alle Nachforſchungen in Betreff Conrads ſind vergeblich geweſen. — Ja——— Du weißt, daß ich einige Tage nach Deiner Erklärung, durch welche ich erfuhr, daß er Agnes Sohn war, ihn zur See Einige Zeit darauf kam das Schiff in Marſeille an. Dort deſertirte er und ſeither ſind alle Verſuche, ihm auf die Spur zu kommen, mißlungen. — Das iſt mehr als traurig; aber wir müſſen doch hoffen——— Und Mallä?——— Iſt rettungslos gefallen; alle Verſuche, ſie auf die rechte Bahn zurückzuführen, ſcheitern an den böſen Ge⸗ wohnheiten, die ihr jetzt zur Natur geworden. Es iſt nicht mehr die Noth, es iſt die Neigung, welche ſie auf der Bahn des Laſters zurückhält. Sie hat die Frau, bei welcher ich ſie in Koſt gegeben hatte, zum zweitenmale verlaſſen, um ſich einem ausſchwei⸗ fenden Leben hinzugeben——— Alles, was ich in ſolchen Verhältniſſen thun kann, iſt, es ſo zu arrangiren, daß ſie künftig gegen Noth geſchützt iſt. 5 — Wie hoffnungslos!——— Sie iſt indeſ⸗ ſen nicht mehr als ſiebenzehn Jahre. 6 — Ich habe gethan, was Du wollteſt, Alva Du ſiehſt ſelbſt ein, daß ich nichts vermag. Alva ſchwieg und ſtützte traurig ihren Kopf die Hand. — Aber es iſt nicht dieſes, was an mir nag Schwartz, Die Schutzloſen. 16 — 65 Leichtſinnige Mütter bekommen leichtſinnige Kinder! ——— darän bin ich nicht allein Schuld. Es iſt ein anderes Gefühl, welches verzehrend an mei⸗ ner Seele nagt——— — Reue, Gewiſſensqualen? 1 — Nein, Alva, ein Mann mit einem eiſenharten Charakter iſt nicht zugäng⸗ lich für ſolche Phantaſieen Ich bereue weder noch beweine; ich raſe nur und verfluche mein Geſchick, welches Dich zu meiner Tochter machte!———. — Herr Baron! — Stille, Du mußt mich anhören: Du warſt das einzige Weſen, auf welches ich einen höheren Werth legte, als auf mich ſelbſt; Du warſt die ½ Erſte, welche mich beherrſcht hat; und das durch Deine Tugend, Deinen Edelmuth und Deine Schön heit——— Ich hätte mich ſtolz und glücklich ½ gefühlt, Dich meine Gattin nennen zu dürfen und an Deiner Seite hätte ich einſt wirkliches Glück ge⸗ nießen können——— Als ich mich aber endlich Deines Beſitzes für ſicher hielt, da kamen dieſe Worte: Deine Tochter! um ſich zwiſchen mich und mein Glück zu ſtellen. Der Gedanke, daß ich entſagen müßte, daß ein höhniſches Geſchick mir mein irdiſches Glück entreißt, ſetzt mein Blut in Flammen und jagt den Schlaf von meinen Augen; ½ n dieſe Worte haben doch nicht die Macht gehabt, enden Gefühle zu vernichten——— ge Dir und gehorche Dir, weil ich nicht leben ne Dich zu ſehen——— Du biſt meine meine Qual geworden, Weißt Du nicht, 243 daß meine Stirne gefurcht wird, daß ich, der ich bisher glaubte, über mein und Anderer Schickſal befehlen zu können, mich jetzt unter das Joch der Nothwendigkeit beugen muß. k — Mein Vater! Dieſe Sprache von Ihren Lip⸗ pen enthält tauſend Dolchſtiche für mein Herz. — Weißt Du, Alva, daß ich hundert Mal ge⸗ wünſcht habe Du ſeieſt todt, damit ich es überho⸗ ben würde, in Dir ein rächendes Schickſal, eine Strafe für meine Verbrechen zu ſehen; und doch——— als Du krank wurdeſt, wollte ich Alles, was ich be⸗ ſitze, für die Rettung Deines Lebens geben——— Ich war nahe daran Dich zu haſſen, weil Du Schuld daran warſt, daß ich mich ſelbſt vergaß!——— Es trieb mich deßhalb aus Deiner Nähe fort, um gleich wieder wie ein Friedloſer zu Dir zurückzukehren. Dieſe Gefühle, welche mich bald Dich fliehen laſſen und bald wieder zu Dir zurückführen, ſind für mich eine aahre Hölle! Die Ankunft von Alva's Arzt unterbrach jetzt das Geſpräch. Am folgenden Tag unternahm der Baron eine längere Reiſe ins Ausland. Alva, welche an einer ſchweren Bruſtkrankheit darniedergelegen und noch ſehr ſchwach war, reiste einige Zeit darauf nach Lunda Pfarrhof. Sie war vollkommen mit der Organiſation ihrer Erzie hungsanſtalt für arme Kinder fertig dieſe war jetzt in voller Wirkſamkei Gren hatte verſprochen, die Oberaufſicht übet zu übernehmen. 244 Auf einer ſchönen Villa in der Nähe von Flo⸗ renz ſaß Gerda an einem herrlichen Sommerabend und las einen Brief, als Ernſt eintrat. — Neuigkeiten von Schweden?— fragte er hörbar. — Ja, von Alva; ſie befindet ſich jetzt beſſer und hält ſich den Sommer über in Lunda Pfarrhof auf——— Alva wünſcht mir warm und innig zu der bevorſtehenden Vermehrung meiner Familie Glück. Gerda erröthete und reichte ihrem Manne die Hand mit einem reizenden Lächeln voll Liebe. — Nicht wahr, mein Ernſt, unſer Glück wird vollkommen, wenn wir ein kleines Weſen bekommen, das wir gemeinſchaftlich lieben können? — Gewiß, geliebte Gerda, wird das unſer Glück vollenden,— antwortete der Graf und küßte ſie zärtlich. Himmel Gerda in allen Geſtalten zu. Man war darüber einig geworden, ein Jahr dort zu bleiben. Gerda's beweglicher und lebhafter Geiſt paßte ſo gut zu der ſüdlichen Sonne und zu den Leuten des Südens——— Wie manche ſchöne Vorſpiege⸗ lung der Hoffnung, wie manchen reizenden Traum hatte Gerda nicht während dieſer Monate holder Erwartung, ein Weſen zum Lieben zu bekommen ——— Der Himmel ihrer Zukunft war klar und blau, keine einzige Wolke verdunkelte ihn——— doch armes Kind, wie kürz ſollte Dein Glück Das Glück lächelte alſo unter Italiens ſchönem Sechs Monate darauf war freilich dieſe Villa derſelbe reizende Ort und die Natur um denſelben ebenſo ſchön; aber die heitere, lebensfriſche Gerda ſuchte man vergebens. Man findet beim Eintritt in jene eine Bahre; darauf liegt ſie wie eine„vor der * Zeit gebrochene Lilie,“ und neben der Bahre ſteht 3 ein trauernder Gatte, welcher in ſeinen Armen ein zartes Kind hält. Graf Ernſt hatte jetzt einen Sohn, deſſen Daſein die Mutter das Leben gekoſtet hatte. — „— ——— c„ Zwei Jahre ſpiter an einem ſchönen Auguſt⸗ abend, wollen wir noch einmal einen Beſuch in „ Lunda! Pfarrhof machen, wo alles ſich gleich geblie⸗ ben war, Alva ſitzt einſam im Saale neben einem der Fenſter, den Blick träumend ins Freie gerich⸗„ tet. Einzelne Thränen ſchleichen langſam ihre Wan⸗ gen hinab. Sie fühlte ſich ſo einſam in der Welt, ohne Jemand, für den ſie zu leben hatte. Ihr Herz pochte unruhig und ihr Leben kam ihr ſo leer, ſo öde und ſo freudenarm vor. Lange hatte Alva ſo dageſeſſen, als ſie von ihren Erinnerungen überwältigt, mwilturtich den Namen: zi— Ernſt! vor ſich hinflüſterte. Alva,— antwortete eine Stimme hinter Mit einem Ausruf freudiger Ueberraſchung ſie ſich um——— es war — 246 — Alva! ich habe lange damit gezögert, Dich wiederzuſehen, weil ich meine Schwäche fürchtete; aber meine Liebe, welche ſtärker iſt, als meine Ver⸗ nunft, trieb mich hierher, um Dich noch einmal zu ſehen, um noch einmal dieſelbe Luft mit Dir zu athmen, obgleich ich weiß, daß dieſe Luft für mich ein Gift iſt. Du haſt einmal geſagt, daß Dein Herz mich niemals lieben kann——— O Alva! wie ſchön könnte das Leben noch für mich——— wie glücklich ſowohl ich, wie mein kleines mutterloſes Kind werden, falls Du meine Gefühle theilteſt——— Jetzt will ich nicht ſagen: werde die Meinige; denn eine ſo heiße und ſtarke Liebe, wie die mei⸗ nige begnügt ſich nicht mit jener lauwarmen Ant⸗ wort auf ihre Gluth, welche Deine Hingebung und Selbſtaufopferung geben könnte——— Warum kann ich nicht in Deinem Herzen Liebe erwecken? — Ernſt!——— ich habe Dich ſchon von dem erſten Augenblick unſeres Zuſammentreffens ge⸗ liebt——— Aber erſt jetzt biſt Du frei!——— jetzt kann ich, ohne zu erröthen, ſagen: Dir und keinem Anderen hat mein Herz von dem Augenblick an, wo ich wußte, daß ich ein ſolches beſaß, gehört! Wir überlaſſen den Schluß dieſer Scene der eigenen Phantaſie des Leſers. Acht Tage darauf wurde Alva's und Ernſts Verlobung bei der Mutter des letzteren gefeiert, welche etwas über ein Jahr Wittwe geweſen war. Alva hi bis die Hochzeit vorüber war, in Am Tage darauf reisten ſie Epilog. nach einem Gute in Wermeland, weil der Graf nicht auf Helenefors wohnen wollte, wie der Baron es gewünſcht. Das Temperament des Barons wurde nach der Heirath Alva's immer düſterer und düſterer; Graf Ernſt aber und ſeine junge Gattin genoſſen dagegen ein ungeſtörtes und reines Glück. Die edelgeſinnte Alva hatte durch die Schickung der Vorſehung end⸗ lich den Lohn für ihre vielen Entſagun gen und Auf⸗ opferungen gefunden. Gerda's kleiner Sohn fand in Alva eine zärt⸗ liche Mutter, welche ihn mit ungetheilter Liebe er⸗ 95 pflegte. Er war und blieb das einzige ind. Ein Jahr nach Alva's Verlobung mit Ernſt wanderte der Baron an einem dunkeln Herbſtabend längs dem Waſſerfäll auf dem Fußſteg nach dem Pfarrhofe. Der Sturm heulte im Walde und das einförmige Brauſen des Waſſers bildete eine Art Accompagnement dazu. Er blieb auf demſelben Platze ſtehen, wo er ſich vor einigen und zwanzig Jahren mit dem Blute ſeines Bruders befleckte. Finſtere und entſetzliche Gedanken drängten ſich ihm auf, und in ſeiner Bruſt raste ein Stugm der eben ſo wild, aber noch verheerender wa de in der Natur. Dieſer Mann, deſſen Le Kette der herzloſeſten Handlungen, de Egoismus geweſen, fühlte ſich jetzt in all' ſeinem Ueberfluß einſam und verlaſſen von Allen. Dort ſtand er nun, die Arme über die Bruſt gekreuzt, und ſtarrte düſter hinab in die Tiefe. Die Er⸗ innerung an ſein Leben, an ſeine Verbrechen und Genüſſe durchfuhr ihn; und bei dieſem Rückblick fand er nicht einen einzigen Tag wirklicher Freude oder wahrhaften Glückes, um deßwillen es der Mühe werth wäre, zu leben.——— Dann kam die Erinnerung an Alva, und ein Fröſteln ſchüttelte ſeine Glieder. Seine Gedanken verweilten mit lei⸗ denſchaftlicher Beharrlichkeit bei Alva's Bild, von welchem er meinte, daß es ihn mit traurigem Blick betrachte und auf den Himmel zeige, als wollte es andeuten, daß er viel zu bereuen, abzubitten und zu beweinen hätte! Aber dieſer Mann hatte keine Thränen, keinen Glauben, keine Hoffnung.——— Er war ſehr zu beklagen, weil er, obgleich von ſeinen Verbrechen aufgerüttelt, doch niemals auch nur einen Verſuch machen wollte, ſich zu beſſern oder jene zu ſühnen. Plötzlich fühlte er ſich feſt an der Schulter ge⸗ packt, und eine Stimme äußerte: — Gib Deine Uhr und Dein Geld,— und in demſelben Augenblick ſtand ein unterſetzter Mann in Seemannskleidern ſowie ein in Lumpen gehüllter Jüngling vor ihm. — Nein, die wirſt Du in Ruhe laſſen,— ant⸗ wortete der Baron, welcher ſeine gewöhnliche Kälte wieder gewonnen und ſich durch eine Bewegung on em Manne frei machte. ween wir ſehen,— antwortete der 249 Knabe,— welcher jetzt hervorſtürzte, um ſich der Uhr zu bemächtigen. Der Baron faßte dabei den Angreifer am Nacken; dieſer verſetzte ihm aber einen Meſſerſtich in die Seite. Beide ſtanden am Rande des Waſſerfalls und als der Baron vor Schmerz ſchwankte, ſtürzte er hinab und zog den Knaben mit ſich. Sie wur⸗ den vom Waſſer verſchlungen und verſchwanden in der Tiefe. Das war verteufelt dumm,— rief der Mann in Seemannstracht,— zwei Menſchenleben ohne Nutzen, und Conrad, der arme Teufel, daß der mitfolgen mußte!— worauf er ſich entfernte. Der Brudermord wurde alſo hier durch einen Vatermord gerächt. In dem geiſtigen Leben folgen die Urſachen und Wirkungen ebenſo noth⸗ wendig aufeinander, wie in dem materiellen. Es liegt in dem moraliſchen Gang der ewigen Natur⸗ ordnung, daß das Böſe, früher oder ſpäter, aber nothwendig auf die eine oder die andere Weiſe einen ſchlimmen Ausgang haben muß. Dieſes iſt eigentlich das, was man Gottes Strafe nennt. Ende. 5 belltriſtiſche Iuguni. Kabinetsbibliothek der claſſiſchen Romane aller Nationen. Preis eines jeden Bändchens 2 Sgr.— 6 kr. rhein. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. Stuttgart. Franckh'ſche vetugeherter Bändchen Abuut, E., Germaine. 8 Zinsworth, Rookwood, oder der Bandit der deſtß 7 SAlmquiſt, Drei Frauen in Smaland.. 8 — Es geht an. Ein Gemälde aus dem Leben 3 — Amalie Hillner.. 3 — Der Königin Juwelenſchmuck 5 4 Anderſen, Nur ein Geiger 5 Der Improviſator. 6* Speltern, Der Schutzgeiſt. Szeglio, Niccolo de' Lapi. 10 alzuc, Modeſte Mignon, und: die kleinen buſfe einer tugendhaften Frau.. 6— Belcher, Edwurd, Horatio Howard Brenton. Bell, Currer, Shirley. Roman GFrzählunen ernhardt, Kinder der Zeit.. 8 oz, Ein Weihnachtsjubelgeſang in Proſa, und: Leben und Abenteuer des Herrn Martin i 20 4 — Das Grillchen auf dem S Bleak Houſe 2— Dombey und Sohn remer, Die des Friidrun Bändchen n, Streit und Friede, oder Scenen aus Norwegen 2 — Das Haus, oder Sue 5 — Die Familie H. 3 Ein Lagebuch — In Dalekarlien WBie Johannisteiſe — Geſchwiſterleben.. — Die Heimath in der neuen Welt — Hertha. Geſchichte einer Seele — Vater und Tochter... — Reiſebilder aus der Schweiz und Italien 3 Cäſar Porgia, Roman v. Verfaſſ. d.„Whitefriars“ Ceril, oder die Abenteuer eines Stutzers.... Conſcience, H., Das Wunderjahr 1566. — Geſchichte des Grafen Hugo von und — do do—= c S c c d ſeines Freundes Abulfaragus.. — Der Rekrut. Eine Dorfgeſchichte.. De Der Barie — Der Geldteufel — Batavia — Das Leid der Zeiten — Der junge Doktor.. — Simon Turchi.. Cooper, Das Markus⸗Riff oder der Krater — Edward Myers, od. Erinner. a. d. Leben e. Seemanns Cruſenſtolpe, Carl Johann und die Schweden Parlem, Eliſabeth v. Oeſterreich, v. ich Pnsh, Die blutige Marquiſe —— Bändchen Pumas, Aler., Iſaak Laqutdem i 1 nigin Margvt 17— — Die Fünfundvierzig. 157 Olhmpia von Cleves 17— —— Eine Tochter des Pi Gräſin Charn) 3— — Das Brautkleid. 2 —— Eine corſ. Familie, Grſch. e. Tovien, outttmie — Der Baſtard von Mauleon — Tauſend und Ein Geſpenſt. 1 ſcwarz Te S ₰ e Bel— Gott und Teufel. —— Der Pfarrer von uwum — El Salteador... er— Catherine Blum.. Abenteuer eines Schauſpielers 4 — Die Mohikaner von Paris. I. Abtheilung —— 1. Abth. unter dem Titel: Salvator. 40 — Ingenue. — Der Page des Herzogs von Savoyen — Der Haſe meines Großvaters — Der Wolfsführer Grin von Verrue 1 Die Genoſſen Jehus e Sler., Meiſter Adam der K — Heinrich IV... — Die Wölfinnen von Machecoul Das Horoscyvp 10— Black — Memviren des Dichters dru 1— Der Pechvogel... 3— Garibaldi's Memoiren. 1—9 Dumas, Aler., der Züngere, Diana von — Ein Frauenleben„. 1— Drei ſtarke Männer — Sophie Printem — oetor Servansꝓͤũ ieine ovellen 1— Triſtan der Rothe — Offland und Antonine.. 1 Eikenhorſt, Amſterdams Geheimniſe ſcerry, Gabr., Der Waldläufer — Die Koſakenjagd Feval, Pariſer Liebſch aften — Der Bucklige.. Aullerton, Schloß Grantley — Lady Bird. Sleig, Der leichte Dragoner Gore, Das Erſtgeburtsrecht — Pie Frau des Geſandten 1— Der Geldverleiher. 1— Die Bankiersfrau oder Hof und Stadt 1 Guerrazzi, Die Belagerung von Florenz. Bändchen Guerrazzi, Die Schlacht von Benevent.. 13 akob, Die Katakomben von Rmn ungfrau v. Orleans, die, vom Verf. der„Whitefgiars“ 12 ko, Marie die Spanierin, oder das Schlachtopfer% eines Mönchs. Mit einem Vorwort von E. Sue 10 ½ Ravanagh, J., Natalie Knorring, Der Käthner und ſeine Familie ꝛc..„ Bingston, Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling Bönig Rarl Kl. und ſeine Günſtlinge. Hiſt. Roman Rowalewski, Petersburg bei Tag und bei Nacht Larroir, Die beiden Hofnarren. Hiſtor. Roman Lamartine, A., Raphael. Eine Liebesgeſchichte Zee, Holme, Thorney⸗Hall.„ Lever, Bekenntniſſe von Harry Lorrequer — Jack Hinton, von der Garde — Der St. Patriks⸗Abend — O'Malley, der iriſche Dragoner. — O'Donoghue. Eine Erzählung aus Irland.. 1½ — Arthur O Leary, ſeine Fahrten u. Erfahrungen c. — Die Nevilles von Garretstown... — Der Ritter von Gwynne 1 ½ — Die Daltons oder drei Lebenswege.. 2 ½ anzoni, Die Verlobten 1 Maquet, Herzensſchulden.. — Die weiße Abenteuer des Monſieur Piolet —— ſ n 12 1 11 3