deutſcher, engliſcher ₰ franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: TN— P. N Pf. —— „ 3„ 5„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeth zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen' mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch 6 Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht. daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— — * Mr= Zusgewühlte Werke von Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. G. Fink. Stuttgart. S Franckh'ſche verlagshe 1862. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. . Schuld und Anſlmld. Roman von ₰. Frau M. F. Schwartz. Aus dem Schwediſchen überſezt * von Dr. G. Fink. Dritter Band. 5 Stuttgart. — Franckh'ſche Verlagshanblung. 1862. ₰ * — — . — 8— — Schull und Anſchull. Drie eil Zwei Winter hatten ihren weißen Mantel über die Erde ausgebreitet, ſeit die Fregatte Carolina den Hafen von Neapel verlaſſen, und wieder kam der Frühling mit Blumen im Hagr. Stockholm,„die ſchöne Sünderin,“ hatte wäh⸗ rend der kalten Jahreszeit in dulci jubilo gelebt und ſich mit Bällen, Concerten, Soireen und allen möglichen Luſtbarkeiten vergnügt. Die Kinder der Thorheit hatten dabei vergeſſen daß es Etwas gibt was man den Ernſt des Lebens nennt. Man amü⸗ ſirte ſich und die Zeit verflog wie ein Traum, doch — Carl Kullberg ſagt ganz treffend: Schließ mit des Lebens Freude einen Bund, Leb in dem Taumel ſtets erneuter Luſt; Du findeſt doch in einer ſchlimmen Stund Daß ſie mehr koſtet als Du Dir bewußt. Als daher der Frühling mit ſeinem klaren blauen Himmel und ſeiner ſtrahlenden Sonne kam, ſo be⸗ gann auch das vergnügungsſüchtige Publicum der Hauptſtadt ſich müde zu fühlen. Die ungeuen hatten ſich matt getanzt, die Soupers wurde n weilig, die Concerte hatten nichts Pikantes n bieten, und Thalias Tempel ſtand verlaſſen da 5 ganzen Winter hatte man Emilie H— bewundert, ſich von Frau G— entzücken laſſen, Thränen der Theilnahme über die meiſterhafte Aufführung der Griſeldis geweint, und jezt waren Bewunderung, Entzücken, Theilnahme u. ſ. w. erſchöpft, als die Raſenpläze des Thiergartens ſich mit einem zarten Grün bedeckten, das Leberkraut aufzuſchießen an⸗ fing, und Jedermann ſich ſagen mußte daß die Lam⸗ pen im Theaterſaale matt und trübe ausſahen gegen die Frühlingsſonne. Die gemalten Decorationen be⸗ ſaßen Nichts was den blühenden Gebüſchen gleich⸗ kam. Das gefeiert junge Mädchen fand ſeine Be⸗ wunderer langweilig; dieſe hinwieder waren es müde geworden eine Anmuth anzubeten welche Spizen, Juwelen und Lampenſchein bedurfte, um in einem recht vortheilhaften Lichte dazuſtehen. Bedenkt man ferner daß die ſchönſte Frau nach einem in eitel Vergnügungen veriebten Winter mehr von ihrer Ju⸗ gend und Friſche verloren hat, als eine ganze Reihe von ruhigen Jahren ihr rauben könnte, ſo iſt es natürlich daß die Frühlingsſonne nur erblaßte Wan⸗ gen und matte Augen beglänzte Gähnend ſah man dem Abend entgegen. Die Löwen des Tages wuß⸗ ten nicht wie ſie die Zeit todtſchlagen ſollten; mit einem Wort, Alles was die Hauptſtadt zu bieten vermochte war abgenüzt. Man ſeufzte nach dem Sommer, man wurde von dem hartnäckigſten Ueber⸗ druß heimgeſucht. Da ſtand eines Tags in den Zeitungen: „Stockholm hat den Beſuch der in den lezten Jahren im Ausland ſo vielgeprieſenen Madame Dor⸗ bino empfangen. Die ausgezeichnete Künſtlerin ge⸗ —— S 9 denkt ſich hier in verſchiedenen Rollen hören zu laſſen. Zum erſten Male wird ſie als Agathe im Freiſchüz auftreten.“ Alſo etwas Neues! Eine Künſtlerin die in Paris und London Aufſehen gemacht hatte und der zu hul⸗ digen dort in der Mode war. Die Tonangeber Stockholms konnten ihr alſo ihre Bewunderung ſchenken ohne ſich zu compromittiren. Ja es mußte ſogar ſonderbar ausſehen wenn die Stockholmer ſich nicht beeilten der franzöſiſchen Sängerin ihren Enthu⸗ ſiasmus zu zeigen, während man es in Paris und London bereits gethan hatte. Madame Dor⸗ bino war alſo ſchon ehe man ſie hörte Gegenſtand einer Bewunderung, wie man ſie der vollendetſten einheimiſchen Künſtlerin die je mit ihren Tönen ent⸗ zückte nicht zu ſchenken gewagt haben würde. Ach meine lieben theuern Londsleute! warum dieſe thörichte Vorliebe für Alles was aus dem Auslande kommt? Warum dieſen kläglichen Man⸗ gel an Selbſtſtändigkeit des Urtheils? Der Fran⸗ zoſe oder Engländer fragt auch nicht das Ausland um Rath bevor er ein Verdienſt rühmt.»Nein er thut es ganz unabhängig von Allem was andere Nationen denken oder für gut finden; aber wir Schweden, wir müſſen zuerſt den Ausländer den Weg breit treten laſſen den unſer Urtheil gehen ſoll. Der Freiſchüz mit Madame Dorbino als Agathe wurde angekündigt. Alle beſſern Pläze woren ſchon lange voraus beſtellt. Ein paar Tage vor der Vor⸗ ſtellung wollen wir einen Beſuch im Theater machen. Es iſt noch nicht zehn Uhr. Eine Probe ſoll ſtatt⸗ finden. Die Künſtler vom Theater ſind in kleinen 10 Gruppen verſammelt. Sie wünſchen die fremde Künſtlerin zu ſehen. Während ſie auf ihre Ankunft warten, wollen wir belauſchen was geſprochen wird. Wir bleiben bei einer der Gruppen ſtehen. „Haſt Du ſie geſehen?“ fragte Frau““ Herrn „Nein, aber ich hoffe das Vergnügen zu haben, da wir in derſelben Oper ſingen werden,“ antwor⸗ tete Herr*. „Sie ſoll außerordentlich ſchön ſein,“ bemerkte ein anderer. „Ich habe gehört daß ſie infam häßlich ſei,“ verſicherte Frau*, die ſelbſt ſehr ſchön war. „Sie ſoll, was Moral betrifft, eine Heilige ſein,“ bemerkte ein Anderer. „Eine Theaterheilige,“ meinte Herr*. Der Ein⸗ fall erregte große Heiterkeit. „Ja, das dürfte das rechte Wort ſein,“ ver⸗ ſicherte Frau**, deren Seele bereits von dem gif⸗ tigſten Neid gegen die berühmte Sängerin erfüllt war.„Ich weiß daß ſie wenigſtens einen bösarti⸗ gen Liebhaber hat, und das iſt ein Herr von Bris bei der königlichen Oper in Paris. Im Uebrigen werden Sie wohl ihre Heirathsgeſchichte gehört haben?“ „Nein, wie lautet ſie?“ Alle warfen ſich mit Begierde auf einen Gegenſtand der ſo ſtark nach Scandal roch. Man konnte ja möglicher Weiſe etwas recht Infames von dieſer Frau zu erzählen bekommen die mit ihren Tönen das Publicum von London und Paris entzückt hatte. Man konnte ja von einem moraliſchen Flecken hören der ihre Künſt⸗ lerehre beſudelte. Das war ein herrlicher Fund. 11 Das Lob weckt immer den Neid, der nur mit einem einzigen Auge ſchlummert und gierig nach einem Sandkorn greift, um es in einen Berg von Scan⸗ dal zu verwandeln. So verhält es ſich nicht bloß im Theater, ſondern überall in der Welt. Die menſchliche Eitelkeit und Eigenliebe kann es nicht anhören, wenn ein Anderer gelobt wird. Daher entſtehen alle dieſe ehrenkränkenden Gerüchte.— Aber kehren wir zu den Sprechenden zurück. Frau* er⸗ griff das Wort: „Sie ſoll mit einem Muſiker, Namens Dorbino, verheirathet geweſen ſein.“ „Einem Italiener?“ „Nein, einem Franzoſen. Er hörte ſie vor acht oder zehn Jahren auf den Straßen von Paris ſin⸗ gen und wurde von ihrer Stimme ſo eingenommen daß er ſie ſpäter heirathete.“ „Schon vor zehn Jahren? Demnach wäre ſie nicht mehr ſo jung.“ „Sie muß bedeutend älter ſein als ich.“ „Wirklich?“ „Einige Monate nach der Hochzeit trat ſie in der Oper auf wo ſie eine kleinere Parthie hatte. Ein engliſcher Lord ſah ſie und wußte ſie zu bere⸗ den daß ſie ihrem Manne dnvon lief, der ſich im Aerger eine Kugel durch den Kopf jagte. Mit dem Lord begab ſie ſich nach Italien. Nachdem ſie den Engländer möglichſt ausgebeutet hatte, opferte ſie ihn einem Italiener. Vor drei Jahren trat ſie wie⸗ der in Paris auf, machte Glück, wurde als etwas Entzückendes auspoſaunt, reiste nach London und brachte es ſo weit daß John Bull um ihretwillen 12 Beefſteak und Porter vergaß. Jezt ſoll ſie ſeit einigen Jahren mit Herrn von Bris lirt ſein.“ „Dieſe Heilige hat ſich alſo von allen Nationen anbeten laſſen?“ „Still, da kommt der Director und mit ihm eine Dame.“ Alle Blicke richteten ſich auf die Ankommenden, und ſelbſt die Neidiſchſten mußten mit Verdruß ge⸗ ſtehen daß die Dame die mit dem Director kam von höchſt ſeltener Schönheit war. Madame Dorbino, denn ſie war es, beſaß eine ſo ausgeſuchte Würde, und zeigte ihre hohe ſchlanke Geſtalt auf eine ſo ſtattliche Art, daß ſie etwas Impoſantes bekam. Ihr Wuchs vereinigte Ueppigkeit der Formen und Geſchmeidigkeit in ſolcher Harmonie, daß der Blickmit Wohlbehagen aufallen Umriſſen ruhte. Der weiße Schwanenhals trug einen ſo ſchönen Kopf, daß die Züge, wenn man ſie nur ein einziges Mal geſehen hatte, unauswiſchbar ins Gedächtniß einge⸗ graben blieben. Das dunkle üppige Haar umgab eine Stirne ſo rein daß man deutlich ſah daß die darin wohnenden Gedanken ſo keuſch waren wie bei einem Kinde. Die großen dunkeln Augen glichen ſtrahlenden Sternen die ihre Wärme von der Sonne und ihre Klarheit von dem Monde entlehnt hatten. Der ganze Geſichts ausdruck war edel und jungfräu⸗ lich. Beim erſten Blick entſagte man jedem unvor⸗ theilhaften Gedanken und vermuthete daß die hier preisgegebene Geſchichte ein Mährchen ſei das Frau“ aus Neid gegen eine Nebenbuhlerin erſonnen habe, die ihre Partien ſingen ſolle. „Wie ſchön ſie iſt!“ flüſterte man unter einander. 13 Der Capellmeiſter nahm ſeinen Plaz ein; die Probe begann. Sie wird ihre Partie wohl franzöſiſch ſingen, meinte man und ſah mit geſpannter Erwartung dem Augenblick entgegen wo ſie beginnen ſollte. Jezt erklangen die wohlbekannten Tacte und Madame Dorbino ſang: Wie nahte mir der Schlummer Bevor ich ihn geſehn! War es wirklich dieſelbe Arie welche Frau** geſungen hatte? Ja! Von welcher Göttermacht hatte dieſe Künſtlerin eine ſo klare, ſo melodiſche, ſo umfangreiche Stimme empfangen? Von wem hatte ſie gelernt ſo viel Wärme, ſo viel Leben, ſo viel Seele in die Töne zu legen? Der Neid ver⸗ ſtummte. Die Bewunderung des Augenblicks zer⸗ trat ihn. Man vergaß ſein eigenes Intereſſe, man vergaß ſich ſelbſt über dem Eindruck welchen der Geſang hervorbrachte. Die Zuhörerſchaft in einem Theater wird, wie jedes andere Publicum, vom Eindruck des Augen⸗ blickes beherrſcht. Der Impuls der Stunde iſt für Künſtler, Schauſpieler und Schriftſteller diejenige Macht die Alles beherrſcht. Das Gefühl iſt der ent⸗ ſcheidende Gradmeſſer bei dieſen Kindern des Augen⸗ blicks deren ganze Exiſtenz in der Gegenwart liegt. Sie beſizen keine Zukunft. Ihre Triumphe und Er⸗ folge ſind Eintagsblumen die heute gewonnen wer⸗ den, aber morgen ſterben. Die Künſtler und Poeten theilen daſſelbe Schickſal: in der einen Minute ſind ſie für das Publicum Halbgötter, und in der an⸗ dern werden ſie gänzlich vergeſſen. Das ganze Theaterperſonal war von Madame Dorbinos Geſang dermaßen hingeriſſen worden, daß es ſie gerne im Triumph herumgetragen hätte. Selbſt die Neidiſchſten wurden von dieſem Gefühle beherrſcht ſo lange der Zauber der Töne währte; aber als man nach der Proöbe wieder auf die Straße kam, legte ſich das Entzücken allmählig, und in demſelben Grade erwachte der Neid wieder; er wurde um ſo ſtärker als man mit innerem Verdruß geſtehen mußte daß ſie ein überlegenes Talent war. Zur Steuer der Wahrheit müſſen wir zugeben daß der Eindruck welchen ihr Geſang auf den männ⸗ lichen Theil ihrer Zuhörer machte, von der Art war daß ihnen alle Luſt verging die Erzählung der Frau * nachzureden. Die Männer werfen nicht gerne einen Schatten auf die Ehre eines ſo ſchönen Wei⸗ bes. Die Frauenzimmer dagegen ergreifen mit Be⸗ gierde jede Gelegenheit einer von der Natur mit Vorzügen ausgezeichneten Dame zu ſchaden. Die Geſchichte der Frau** hatte ſomit alle Hoff⸗ nung von weiblicher Seite aus bereitwilligſt ver⸗ breitet zu werden. Schon im Verlauf weniger Tage wußte man recht wunderliche Sachen von der be⸗ rühmten Sängerin zu erzählen, lauter Dinge die mehr oder weniger geeignet waren ihrem Rufe zu ſchaden. Lebe wie eine Heilige, ſei keuſch wie der Mond, rein wie Schnee, fromm wie ein Kind, und du wirſt dennoch der Verläumdung nicht entgehen, im Fall du das Unglück haſt bei deinem eigenen Geſchlechte ₰ 5 15 Neid zu erwecken. Gegen Alles kannſt du dich ſchüzen, nur gegen die tückiſche Bosheit nicht die vom Neide ausgeht. Da hilft weder Tugend noch Herzensgüte, denn nur eine einzige giftige Zunge braucht etwas Verkleinerndes hinzuwerfen, ſo werden Andere mit Begierde es als Wahrheit nachſprechen, Zuſäze machen und einen Makel auf deine Ehre werfen. Die Maiſonne leuchtete ſo mild, ſo freundlich über Stockholm und ſeine ſchöne Umgebung. Noch dem Thiergarten! Nach dem Thiergarten! ſchien jedes Lüftchen zu flüſtern; aber nicht dahin begab man ſich an dieſem Abend, ſondern man zog nach dem königlichen Theater um in dem vollgedrängten Saale zum erſten Mal Madame Dorbino zu hören. Verſchmachtend vor Wärme und Entzücken, ſtellten ſich die Herren, während die Damen aufſpazierten und ihre Pläze einnahmen, gruppenweiſe vor dem Hauſe auf und weideten ihre Augen bis die Vor⸗ ſtellung begann. Im Vorſaal auf dem Jacobsmarkt finden wir etliche unge Männer von denen einer ſich durch ſein freies und offenes Auftreten auszeichnet. Die mit abſichtlicher Nachläſſigkeit geſchlungene Halsbinde, die herabgeſchlagenen Vatermörder, der üppige Backen⸗ bart und die Munterkeit ſeiner ganzen Erſcheinung gaben zu erkennen daß er ſeine Zeit und ſein Leben nicht an die Lumpereien verſchwendet hatte womit Garniſonsoffiziere ſich zu zerſtreuen pflegen. „Nun, lieber Aberney,“ ſagte einer der Herren aus der Gruppe, ein hochaufgeſchoſſener, kerzengera⸗ 16 der und wohlausgeſtopfter Gardelieuteannt,„das iſt etwas Seltenes daß man Dich zu ſehen bekommt. Du biſt ja als wenn Du gar nicht vorhanden wäreſt. „Er iſt auch nicht vorhanden,“ verſezte ein an⸗ derer,„denn er iſt verliebt, der Unglücksvogel.“ „Bin ich verliebt?“ fragte Tage und erröthete wider ſeinen Willen. „Du glaubſt vielleicht daß man es nicht erfahren habe, weil Du Dich in den lezten Wochen zurückge⸗ zogen haſt und wie ein Eremit lebſt; aber Du täu⸗ ſcheſt Dich. Wir wiſſen Alle daß Du verliebt biſt „Canitz,“ unterbrach einer der Herren und grüßte dieſen, der ganz haſtig vorbeiging. „Er iſt heute Abend auch hier. Der Name Dor⸗ bino hat ſelbſt die Todten ins Leben zurückge⸗ rufen.“ 1 „Hat einer von euch ſie geſehen?“ fragte Tage. 2 Anblick Lothars hatte bereits ſeine Galle er⸗ weckt. „Ja, ich ſah ſie heute früh ſpazieren fahren,“ antwortete ein kleiner ſchlanker Herr.„Der franzö⸗ ſiſche Legationsſecretär zeigte ſie mir.“ Der kleine Herr rühmte ſich immer mit ſeinen diplomatiſchen Bekanntſchaften, und hatte ſtets mehr als Andere geſehen und gehört. „Nun, wie ſieht ſie aus?“ fragte man rings umher. „So ſo, ſie iſt nicht nach meinem Geſchmack, ſie iſt etwas zu dick und hat Augen die gar zu deutlich ihre franzöſiſche Abkunft verrathen.“ 4 „Sie gilt für außerordentlich ſchön.“ „Wie geſagt, etwas zu dick. Im Uebrigen ken⸗ nen Sie meinen Geſchmack; ich liebe feine und edle Züge. Ich bin, was das Aeußere betrifft, Ariſtokrat.“ „Wie Schade daß Du kein von vor Deinem Namen führſt, mein guter Berglaub!“ ſagte der Gardeoffizier. Die Andern lachten. „Jezt iſt es Zeit hineinzugehen,“ meinte Aber⸗ ney. Die Herren begaben ſich nach dem obern Amphitheater, wo ſie ihre Pläze einnahmen. Tage ſpähte mit ſeinem Opernglas nach Lothar umher; aber er ließ ſich nicht blicken. Die Ouvertüre wurde geſpielt. Der Vorhang ging in die Höhe, und man ſchenkte dem erſten Act möglichſt wenig Aufmertſamkeit. In dem rechten Ochſenauge auf der erſten Reihe ſaß ein älterer Herr. Er ſtand noch im kräftigen Mannesalter. Er hatte ſich ſo gut wie möglich in die Ecke zurückgezogen, offenbar um ſehen und hören zu können ohne ſelbſt geſehen zu werden. Im lin⸗ ken Ochſenauge der erſten Reihe finden wir Lothar. Er kehrte dem Publicum den Rücken zu, ſo daß ér vom Saale aus nicht bemerkt werden konnte. Während des erſten Zwiſchenactes äußerte einer der Herren aus Aberneys Geſellſchaft: „Sieh da, in der erſten Reihe haben wir die Gräfin Reinſtein. Nun, Aberney, wirſt Du Deinen Gegenſtand nicht begrüßen?“ Tages Blick richtete ſich auf die erſte Reihe, wo atalie in einer Toilette ſaß die den ausgeſuchteſten ſeſchmack mit Einfachheit verband. Er verbeugte Schwartz Schuld und Unſchuld. III. 2 . ſich. Die Gräfin beantwortete lächelnd den Gruß, und ſo gleich flüſterte der Gardelieutenant: „Du beneidenswerther Sterblicher, der Du Dich rühmen kannſt ein Lächeln von ihr erhalten zu haben! Ich bin noch nicht ſo glücklich geweſen einen Blick zu bekommen.“ Der zweite Act begann. Als der Vorhang in die Höhe ging, hätte Tage beinahe einen Ausruf gethan. Unwillkürlich griff er in den Arm ſeines Nachbars und preßte ihn zwiſchen ſeinen ſtarken Fingern. „Ich ſehe ſchon von ſelbſt daß ſie ſchön iſt; Du brauchſt mich nicht ſo handgreiflich darauf aufmerk⸗ ſam zu machen,“ flüſterte der Nachbar ungeduldig. Die Arie der Agatha begann. Alle Augen hin⸗. gen an den Zügen der Sängerin, jedes Ohr war von ihren Tönen gefeſſelt. Es gab jedoch drei Per⸗ ſonen die bei ihrem Anblick ſo ſtark erſchüttert wur⸗ den, daß ſie nicht einmal den Anfang der ſchönen Arie hörten. Der ältere Herr im rechten Ochſenauge mur⸗ melte, während er mit der Hand über ſeine Stirne — fuhr: „In dieſes Rabenneſt alſo hat ſich die ſchnee⸗ weiße Taube verirrt! Armes Kind, mußte ich Dich ſo wieder finden!“ „O mein Gott, alſo hier ſollte ich ſie wieder ſehen?“ dachte Tage und ſtierte mit wilden Blicke die Erſcheinung an. „Das iſt ſie— und zwar ſchöner als je!“ f ſterte Lothar.„Auf dem Theater ſollte ich alſo 4 Abgott meines Herzens finden. Das iſt * 19 ſezlich.“ Er lehnte den Kopf zurück, als hätte der Schmerz ihn vernichtet.—„Herr des Schickſals, Du biſt ſtreng daß Du mich nicht einmal das ſchöne und keuſche Traumbild behalten ließeſt; jezt erſt iſt ſie todt für mich. Welches hölliſche Spiel gedachte das Schickſal mit meiner menſchlichen Schwachheit zu treiben, daß es mir dieſes ſchöne Denkmal von ihr in den Weg warf! Ihr äußeres Bild habe ich vor Augen, aber von dieſem Herzen von Unſchuld, Güte, Liebe und Grauſamkeit, das einſt Alles für mich geweſen, kann ich Nichts verſpüren.“ Wie nahte mir der Schlummer Bevor ich ihn geſehn! ſang Madame Dorbino. In den Frühlingstagen ſeiner aufkeimenden Liebe hatte Lothar Schuldfried niemals ſingen gehört. Nur ein einziges Mal vorher hatten Töne ihrer Stimme ſein Ohr getroffen, und damals hatte die Stimme des Kindes ihn ſo bezaubert daß er ſie zwingen wollte das Liedchen zu ſingen. Was⸗dann erfolgte wiſſen wir. Jezt ſtrömte dieſe Stimme ſo warm, ſo glühend, ſo wunderbar zu ſeinem Herzen, und dennoch füllte ſich dieſes nur mit Bitterkeit. Dieſe Töne, die ſeinem Gemüth hätten ſchmeicheln müſſen, erweckten nur ſeine düſtérn und leidenſchaft⸗ lichen Gefühle. Lothar kam ſich vor als ob er ſchlechter würde ſo lang er auf den Geſang lauſchte. Es war als hätte er beim Anblick der Sängerin den Glauben an das Gute, Reine und Edl ver⸗ loren. Lothars Blick hing feſt an ihren Zügen, aber noch hatte ſie den ihrigen nicht zu ihm erhoben. Das Publicum ſchien für ſie gar nicht vorhanden zu ſein. Sie ſchien die Hunderte von Augen die auf ſie gerichtet waren, von Ohren die ihr entgegen⸗ lauſchten, vergeſſen zu haben. Ihre Seele war im Geſang und der Geſang wurde auch ein Spiegel⸗ bild ihrer Seele.⸗ Das war die echte Künſtlerin,» nicht die nach Beifall jagende Actrice. Jene Neben⸗ intereſſen, die das eifrige Suchen nach Effect und Bewunderung hervorrufen, kamen bei Madame Dor⸗ bino nicht ein einziges Mal zum Vorſchein. Die erſte Arie war vorüber, der Applaus und das Bravogeſchrei wollte kein Ende nehmen. End⸗ lich verſtummte der Beifallsſturm; Max trat ein. Juſt in dieſem Augenblick ſchaute Madame Dor⸗ bino zur erſten Reihe hinauf. Sie fuhr zuſammen und ſchloß ihre Augen als hätte ein Bliz ſie ge⸗ blendet. Ein heftiges Zittern fuhr durch ihren Kör⸗ per und ſie vergaß in den Geſang einzufallen. Sie erholte ſich jedoch und verſtändigte ſich mit dem Ca⸗ pellmeiſter durch ein Zeichen. Sang ſie das Fol⸗ gende eben ſo gut? Wirklich eben ſo gut? Wirz müſſen antworten— nein; aber das Publicum be* morkte die Unſicherheit in der Stimme, die Ungleich⸗ heit im Vortrage nicht; es hatte ſich eininal vnom Schwindel des Entzückens ergreifen laſſen, und dieſer gebot der kalten Vernunft Stillſchweigen. Applaus und Hervorrufe folgten nach dem Schluß des zweiten Actes, und als Madame Dorbind bei dem lezteren erſchien, machte man ſeiner Bewunderung —— — 21 durch Geſchrei, Geſtampfe und Geklatſche Luft. Eine eigenthümliche Art ſeinen Beifall zu äußern. Es gab jedoch drei Perſonen die nicht klatſch⸗ ten, ſtampften oder ſchrieen. Sie gaben durch keine einzige Geberde zu erkennen welchen Eindruck der Geſang auf ſie machte. Dieſe drei waren dieje⸗ nigen die in Madame Dorbino Schuldfried er⸗ kannt hatten. „Sie hat mich geſehen,“ dachte Lothar;„ſie hat ſeit dieſem Wiedererkennen ſchlecht geſungen. Sie hat alſo noch ein Gedächtniß für die Vergangenheit. Aber ſie ahnt nicht, die ausgezeichnete Sängerin, daß dieſe Vergangenheit jezt gleichſam begraben iſt, und daß ich von heute Abend an gänzlich verändert bin. Ich weiß jezt daß Schuldfried ſich nicht mehr von mir finden laſſen wird.“ Im weitern Verlauf des Stückes richtete Ma⸗ dame Dorbino nicht ein einziges Mal mehr ihre Blicke auf Lothar. Sie ſang, ſang ſo daß der Saal von Jubel erſcholl, aber ſie ſang mit todtenblaſſen Wangen. Die Vorſtellung war vorüber, der Vor⸗ hang fiel; aber das Publicum wollte die ſchöne Sän⸗ gerin noch einmal ſehen, ihr noch einmal ſeine Huldigung ſchenken, und ſie mußte herauskommen. Als ſie erſchien um mit einem Compliment für dieſes Wohlwollen zu danken, erhob ſie einen ſcheuen, bei⸗ nahe bebenden Blick zu Lothar. Er hatte ſich auf⸗ gerichtet; er betrachtete die gefeierte Sängerin mit einem beinahe höhniſchen Lächeln, einem Lächeln ubll Bedauerns auf den Lippen. Bei dieſem Anblick richtete ſich das kaum noch ſo demüthig geſenkte 22 Haupt empor. Schuldfried machte ein zugleich würde⸗ volles und dankbares Compliment vor dem Publicum. Lothar ſtürzte die Treppen hinab, an Bekannten und Unbekannten vorbei, rief ſeinen Kutſcher und ließ ſich nach dem Schiffsholm fühden, wo er wohnte. Am folgenden Tag waren die Zeitungen voll von den größten Lobpreiſungen ſowohl in Bezug auf den Geſang, als auf das Spiel und die äußere Er⸗ ſcheinung der Künſtlerin. Während man in Cafes, Schweizereien, Wirths⸗ häuſern auf der Nordbrücke und dem Guſtav⸗Adolphs⸗ Markt, in Privat⸗ und öffentlichen Geſellſchaften von nichts Anderem als der geſtrigen Vorſtellung ſpricht, wollen wir bei dem Gegenſtand all dieſer Theilnahme einen Beſuch machen. Schon am Ende März hatte die Gräfin Rein⸗ ſtein ein elegantes Quartier in ihrem Haus, eine Treppe höher als ſie ſelbſt wohnte, herrichten und in Ordnung bringen laſſen. Wer es beziehen ſollte, das hatte ſie geheim gehalten, bis Madame Dor⸗ bino kam, ſich da einquartirte und dadurch neuen Stoff zu Muthmaßungen gab. Die Beſſerunterrich⸗ teten wußten überdieß daß die Gräfin für die ge⸗ feierte Sängerin eine Sommerwohnung in der Nähe ihrer eigenen Villa im Thiergarten gemiethet hatte. Beabſichtigte die ſchöne Franzöſin längere Zeit in Schweden zu verweilen, oder was war die Urſache dieſer Anordnung? Dieſe Fragen hörte man allent⸗ halben aufſtellen. Wir gedenken die Neugierigen — nicht zum Voraus aufzuklären, ſondern ſtatt deſſen einen Beſuch bei Madame Dorbino abzuſtatten. Es iſt der Morgen nach ihrem erſten Auftreten. Sie ſizt in einem allerliebſten kleinen Cabinet das mit Blumen angefüllt und von den klaren, freund⸗ lichen Strahlen der Maiſonne beglänzt iſt. Betrachten wir das junge Weib einen Augen⸗ blick. Als wir ſie das lezte Mal ſahen, war ſie ein ſiebenzehnjähriges Mädchen, ein Kind, unbekannt mit dem Leben, ſeinen Laſten und Leiden, ſeinen Bekümmerniſſen, ſeinen Cabalen und verführeriſchen Freuden. Jezt waren ſechs Jahre vergangen. Aus dem ſorgloſen Kinde war ein Weib geworden. Aus der natürlichen Landdirne, die kein anderes Geſez für ihr Benehmen fand als ihre augenblicklichen Eingebungen, die nicht wußte was das Wort Ver⸗ ſtellung bedeutete, war eine ausgezeichnete Sängerin und eine gleich ausgezeichnete Schauſpielerin ge⸗ worden. Sie hatte ſich aus einem unbefangenen Naturkind in eine Perſon verwandelt die im höch⸗ ſten Grad in der Verſtellung heimiſch war. Sie, die mit ſiebzehn Jahren nur Ektorp und ſeine Um⸗ gebung gekannt, keine andern Menſchen geſehen als diejenigen die ſich in der kleinen Bezirkskirche ver⸗ ſammelten, ſie hatte jezt dieſe ſechs verfloſſenen Jahre in den größten Hauptſtädten der Welt, auf den vornehmſten Theatern Europas, umgeben von den größten Cabalen und den leichtſinnigſten Sitten, zugebracht. Welche Veränderungen mußten nicht in ihrem Innern vorgegangen ſein! Betrachtet ſie wie ſie jezt in dem ſchneeweißen Morgenkleide daſizt, die üppigen Flechten einfach 24 geordnet, ganz wie zur Zeit wo ſie noch ein junges Mädchen war. Man wäre verſucht zu glauben, die Zeit habe ſtill geſtanden, und man habe Schuldfried von Ektorp vor ſich. Die Theaterſchminke hatte dieſe ſchöne reine Farbe noch nicht anzugreifen ver⸗ mocht. Die Schmeichelei hatte, wie es ſchien, dieſes Gepräge kindlicher Unſchuld das einſt ihre Züge ge⸗ kennzeichnet noch nicht verwiſchen, dieſem offenen und reinen Blick nichts von der übermüthigen Sicher⸗ heit geben können die häufig eine Folge davon iſt. Die einzige merkliche Veränderung in Schuldfrieds äußerer Erſcheinung war, daß ihre Geſtalt eine größere Entwicklung der Formen erhalten hatte, und daß über ihren Zügen mehr Nachdenklichkeit ausge⸗ breitet lag als in den ſorgloſen Jugendjahren. Vor ihr auf dem Tiſch lagen die Zeitungen, ſämmtlich voll von Lobpreiſungen auf ſie; eben ſo eine Maſſe unerbrochener und parfümirter Billete. Nicht einen einzigen Blick widmete ſie den leztern. Sie ſaß in Gedanken verſunken und hielt in der Hand einen vor Alter vergilbten und durch vieles Leſen abgenüzten Brief, der mehr einem Bruchſtück als einem Schreiben glich. Ihre Blicke ruhten auf den gebleichten Buchſtaben. Was war das für ein Brief? Derjenige welchen Lothar nach ihrem Be⸗ ſuch auf Kronbrück ihr geſchrieben hatte. „So habe ich denn den Augenblick des Wieder⸗ ſehens durchlebt,“ dachte Schuldfried.„Ich habe alſo endlich dieſes Ziel erreicht nach dem ich geſtrebt hatte, nämlich nur noch ein einziges Mal. dieſen Augen zu begegnen, ſie nur noch ein einziges Mal auf mich geheſtet zu ſehen; aber, o Gott, mit wel⸗ —— e— 25 chem Ausdruck!“— Schuldfried drückte die Hand über ihre Augen.„Nicht ſo dachte ich mir unſer Wiederſehen; und gleichwohl hätte ſein Nichterſchei⸗ nen bei dem Rendezvous in Neapel mir ſagen müſ⸗ ſen daß ich aufgehört habe Etwas für ihn zu ſein. Es war entſezlich bitter ſeinem Blick voll Hohn und Ritleid zu begegnen. Ach, ich hatte geträumt daß er mir liebevoll entgegen blicken würde.“ Schuld⸗ fried drückte mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit den Brief an ihre Lippen und an ihr Herz, während ſie in Gedanken fortfuhr:„O ich wahnwiziges Kind, ich beſaß einmal dieſes Herz und warf es wie ein un⸗ würdiges Spielzeug von mir, Wie war es mößlich dieſen Brief nicht zu verſtehen worin jedes Wort Hochſinnigkeit athmet!— Schwer habe ich mich gegen den Freund meines Herzens vergangen. Werde ich es je ſühnen können?— Sühnen?— Will er auch nur ein Sühnopfer von mir haben?— Nein, nein, Schuldfried hat er vergeſſen und für Madame Dorbino hegt er nur Verachtung. Was waren mir all dieſe Beifallsrufe, all die Huldigungen die man mir widmete, wenn er nur Hohn auf den Lippen hatte?“ Schuldfried ſprang auf und ſtellte ſich vor den Spiegel, indem ſie in Gedanken fortfuhr:„In allen Sprachen hat man mir geſagt daß ich ſchön ſei. Sie faltete ihre Hände:„O Vater da oben! Wenn es ſo iſt, ſo mach mich in ſeinen Augen ſchön; laß mich noch ein einziges Mal Liebe und Ver⸗ zeihung in ſeinem Blick leſen, dann mag die ganze Welt mich verſtoßen, und ich werde im nächſten Augenblick zu ſeinen Füßen ſterben.“ Hier wurde ſie durch eine Dienerin von mittle⸗ . 26 rem Alter unterbrochen die herein kam; eine Art Mittelding von Mamſell und Dienſtbote, mit einem echt franzöſiſchen Ausſehen, lebhaften, braunen Augen, warzen Haaren und etwas dunkler Farbe; klein von Wuchs, mit jener Leichtigkeit der Bewegungen welche den Franzöſinnen ſo eigenthümlich iſt. „Ich empfange Niemand,“ anwortete Schuldfried. „Ich ſagte ihm dieß, Madame, aber da bat er mich Ihnen dieſe Carte zu übergeben.“ Schuldfried ſtreckte die Hand aus, aber kaum hatte ſie die Augen darauf geworfen, als ſie einen Ruf erhob und hinauseilte. In dem kleinen Speiſeſaal ſtand derſelbe Herr von mittleren Jahren der am Abend zuvor in dem rechten Ochſenauge geſeſſen, mit gekreuzten Armen da und hielt ſeinen Blick auf die Thüre gerichtet, durch welche die Dienerin verſchwunden war. Plöz⸗ lich flog die Thüre auf und Schuldfried eilte auf ihn zu, blieb aber wie bebend halbwegs ſtehen, als fürchtete ſie ſich der erſten Regung ihres Herzens zu folgen. Beim Anblick dieſer Zögerung ſagte er: „Wie auch das Leben ſich geſtalten mag, ſo bin und bleibe ich immer Dein Freund, mein Kind; be⸗ denke daß ich dieß ſchon einmal geſagt habe.“ Dann ſtreckte er ihr die Arme entgegen. Schuldfried warf ſich an den offenen Buſen und rief unter Thränen: „Mein Freund, mein guter geliebter Freund!“ Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und flü⸗ ſterte:„Wie glücklich fühle ich mich nicht in dieſem Augenblick!“ Die Thränen ſtürzten über Schuldfrieds Wan⸗ gen, Aberney drückte ſie feſt an ſeine Bruſt und ſtammelte: „Undankbares Kind, wie konnteſt Du je den Bruder Deines Vaters verlaſſen und ihn ſo lange in Unkenntniß über Dein Schickſal erhalten!“ „Meines Vaters Bruder!“ ſtammelte Schuldfried und drückte ihr Geſicht an ſeine Bruſt;„Du weißt es und ſtößeſt mich nicht von Dir!“ „Schuldfried, ich wußte es ja lange ehe wir uns trennten,“ antwortete Aberney und fuhr koſend über das ſchöne Geſicht. „Und ich entfloh, entfloh weil man mir geſagt hatte daß Du von Harms Tochter Nichts ſehen und hören wolleſt. Onkel, Onkel, welche Jahre bittern Leidens ſind nicht aus dieſer Ueberzeugung er⸗ wachſen!“ Nach den erſten Ausbrüchen der Freude, dem erſten Austauſch gegenſeitiger Fragen und Antwor⸗ ten legten ſich die wollenden Gefühle welche das Wiederſehen hervorrief, und nun folgte eine ruhigere Berichterſtattung über das Vorgefallene, die Motive welche Schuldfried in ihrem Benehmen geleitet ꝛ6. Mit derſelben einfachen und unverſtellten Aufrichtig⸗ keit welche ſie als junges Mädchen ausgezeichnet hatte, erzählte ſie Aberney von der entſchwundenen Zeit. Sie ſprach mit Rührung von der Vergangen⸗ heit und von demjenigen was ſich auf ihre Mutter bezog, ging aber ganz leicht über all die bittern Prüfungen hinweg denen ſie ſelbſt unterworfen ge⸗ weſen.— Wir wollen den Ereigniſſen nicht dadurch vorgreifen daß wir ihre Erzählung mittheilen. Wir 28 werden ſpäter, bei einer wichtigeren Gelegenheit, dar⸗ auf zu ſprechen kommen. Als die Eſſenszeit kam, erhob ſich Aberney um zu gehen, aber Schuldfried ergriff ſeine Hand und ſagte mit einem bezaubernden Lächeln: „Willſt Du mich ſchon verlaſſen, Onkel? Könnteſt Du Schuldfried nicht dieſen Tag ſchenken?“ „Kind, dieſen und alle meine Tage möchte ich Dir gerne ſchenken; aber was hälfe ich jezt der ge⸗ feierten Sängerin?“ Dieſe lezten Worte ſprach Aberney mit einem Anſtrich von Bitterkeit. Während der ganzen Erzählung Schuldfrieds hatte er ſtille dageſeſſen, ohne durch die mindeſte Geberde oder Miene ſeinen Beifall oder ſeine Mißbilligung ihres Benehmens zu erkennen zu geben. Als ſie von den Motiven ſprach welche ſie veranlaßt hatten Sängerin zu werden, lehnte Aberney bloß ſeinen Kopf in ſeine Hand und ſeufzte. Gleichwohl lag in dieſer Bewegung Etwas das ihr ſagte daß er die⸗ ſen Schritt nicht billige. Jezt ſprach er es ſogar offen aus. „Onkel, wenn Du ſo denkſt, warum ſuchteſt Du mich auf?“ „Ich wollte Dich wieder ſehen.— Ich wollte wiſſen warum Du entflohen biſt, ohne mir einen Grund für Dein Benehmen anzugeben, und warum Du mich ſo viele Jahre lang in Unkenntniß über Dein Schickſal ließeſt. Kurz und gut, ich wollte wiſſen was aus dieſem bezaubernden Kinde gewor⸗ den iſt das ich einſt lieber hatte als alles Andere hier auf Erden. Hätte die Welt ſie zerſtört, ſo...“ 29 „So hätteſt Du ſie ucht als Deine Nichte an⸗ erkannt,“ flüſterte Schukdfried. Des Profeſſors Stirme verdüſterte ſich. Er ſah Schuldfried mit einem ſtremngen Blick an und ſagte: „Meine Nichte iſt jezt Schauſpielerin. Was weiß ich von Madame Dorbino? Ich kenne die Sitten der ausgezeichneten Sängerin nicht. Ich weiß wohl daß ſie Jahre ihres Lebens auf den Theaterbrettern zugebracht hat. Dachteſt Du Hamals keinen Augen⸗ blick an die zweideutige Stellung in welche Du kamſt, indem Du... „Indem ich Künſtlerin wurde?“ fiel Schuldfried ernſt ein.„Onkel,“ fügte ſie mit Wärme hinzu, zich dachte bloß daran daß die Kunſt mich mit einem Leben verſöhnen könne das durch fremde Schuld bitter geworden. Ich fühlte daß ich zur Künſtlerin geboren war, und daß ich nur meinen Beruf folgte indem ich wurde was ich jezt bin. Ein ſo aufge⸗ klärter und vorurtheilsfreier Mann wie Du, Onſel, kann die Schauſpielerlaufbahn nicht als verächtlich bezeichnen wollen. Das Poetiſchſte was Du gedacht, das Schönſte was Du componirt haſt, wäre ja ein todter Buchſtabe geblieben, wenn nicht der Sänger oder Schauſpieler ihm Leben gegeben hötte. Das Theater iſt es nicht was demoraliſirt und erniedrigt; denn überall in der Welt kann ich ein ehrenhaſter Menſch bleiben, wenn ich nur ſelbſt es bleiben will. Liebe ich die Kunſt, das Schöne in ihr, und widme ich mich ausſchließlich der edlen Aufgabe mich wahr und treu in alles Hohe und Erhabene einzuleben was ich als Künſtler vorſtellen kann, dann, Onkel, 30 trenne ich auch Gedanken und Gemüth von Allem was gemein und erniedrignd iſt.“ „Das iſt unmöglich menn man ſein Leben in der unreinen Atmoſphäre der Theaterluft, umeben von Intriguen und Leichtſini, zubringt, mit Unwahrheit und Verſtellung als Boruf.“ „Onkel,“ rief Schuldfried mit glühenden Wan⸗ gen,„wo im Leben ntgehen wir dem? Nirgends. Ob wir Schauſpielep auf dem Welttheater oder auf der Theaterſcene ſinb, ſo werden wir immer vom Böſen heimgeſucht/ oder angeſteckt. Es kommt auf uns ſelbſt an wig viel davon uns anklebt. Das Theaterleben hat ſeine Nachtſeiten, ich weiß es; aber wenn ich mit einem für die Kunſt entflammten Her⸗ zen nur ſie liehé, ſo ſehe ich alles Schlechte was mich umgibt rücht. Ich brauche mich nicht in die Myſterien der Couliſſen einweihen zu laſſen; die ſind mir gleichgiltig, ſie gehören nicht zu meiner Künſtler⸗ laufbahn, und was dieſe nicht berührt, das iſt für eine wahre Künſtlerſeele nicht vorhanden. Duſagſt, unſer Beruf ſei Verſtellung und Unwahrheit. Nein, Onkel, für den Künſtler nicht. Für ihn iſt das Bild das er darſtellen ſoll ein Theil ſeiner ſelbſt. Er wird von der Idee des Verfaſſers ergriffen und die Worte des Dichters erhalten Leben und Form. Der Schau⸗ ſpieler der ſich die Verſtellung zur Aufgabe macht iſt kein Künſtler und wird nie etwas anderes als ein Zerrbild von der Idee des Verfaſſers darſtellen. Er wird nie die Kraft beſizen das Publicum hinzu⸗ reißen. Wenn dieß für den dramatiſchen Künſtler gilt, ſo gilt es noch mehr für den lyriſchen. Onkel“ — Schuldfried ergriff ſeine Hand und fuhr mit 31 wirklicher Begeiſterung fort—„bedarf es der Un⸗ wahrheit und Verſtellung, um in den Character oder die Gefühle eines Tongemäldes verſezt zu werden? — Bedaxf es nicht vielmehr Natur und wirkliches Gefühl?— Ach! Ich weiß es daß ich, wenn ich ſinge, alles Andere über dem Geſang vergeſſe. Mein eigenes Ich iſt nicht mehr vorhanden, ich lebe und habe mein ganzes Weſen in der Muſik⸗ Ich bin ein Echo deſſen was der Componiſt geträumt hat, ich bin ein Theil von ihm, nicht von mir ſelbſt. Als mein Herz unter Sorgen und bittern Prüfun⸗ gen blutete, als rings umher Nacht war, da wurde es eitel Licht, ſobald ich mich auf den Schwingen der Töne über die ſo bittere Welt erheben durfte. Ich entfloh dann von dieſer zu einer beſſern. Mir war als ſei ich Gott näher gekommen. Ich dachte da nicht an die Lampen, die Couliſſen oder das Publicum.“ Schuldfried verſtummte. Sie hatte mit dem Ausdruck von Wahrheit geſprochen, welchen nur der⸗ jenige in ſeiner Stimme niederlegen kann der ſeines Herzens heiligſte und wärmſte Gedanken in Worte kleidet. Auf den Profeſſor machten Schuldfrieds Worte einen lebhaften Eindruck. Er erkannte ihre Richtigfeit; aber noch erhoben ſich die Vorurtheile dagegen daß ſeine Nichte eine Theaterſängerin ſein ſolle. Man wird ſich erinnern daß Aberney der ältern Generation angehörte, und daß die in der Kindheit eingeſogenen Vorurtheile ſich am längſten erhalten. Er hatte ſein ganzes Leben hindurch eine unüberwindliche Antipathie gegen Theaterleute ge⸗ habt. Deßhalb ſchmerzte es ihn ſeinen Liebling, die lange vermißte und geſuchte Schuidfried, als ein Mitglied dieſer Menſchenkaſte zu finden die er nicht ausſtehen konnte und von welcher er die ſchlechteſten Begriffe hegte. Schuldfrieds enthuſiaſtiſche Worte ſtellten zwar den Theaterlünſtler in ein ganz anderes Licht, als worin Aberney ihn bisher betrachtet hatte; aber deßungeachtet blieb das Vorurtheil noch immer aufrecht und ſtellte ſich dem Eindruck entgegen wel⸗ chen das junge Weib hervorgebracht. Er antwor⸗ tete alſo: „Mag auch die von Dir gegebene Schilderung wahr ſein, ſo iſt es doch eben ſo wahr daß das Theaterleben dem Charakter eine leichtſinnige Rich⸗ tung gibt. Die Freiheit im Reden und Benehmen die zwiſchen den Schauſpielern vorherrſcht, die Schmei⸗„ cheleien die man an das Talent verſchwendet— Alles trägt unwillkürlich dazu bei das Herz zu ver⸗ derben und den Samen böſer unmoraliſcher Grund⸗ ſäze auszuſtreuen.“ Schuldfried legte ihre Hände auf Aberneys Schulter und blickte mit dem ehrlichen und un⸗ ſchuldsvollen Ausdruck eines Kindes zu ihm auf. „Onkel,“ ſagte ſie mit tiefem Ernſt,„ſchau mir ins Auge und ſag, ob Du glaubſt daß dieſe auf dem Theater verbrachten Jahre mein Herz verderbt und mich demoraliſirt haben? Du mußt in jedem Zug leſen daß ich noch dieſelbe bin wie bei unſerer Trennung, denn die Wahrheit hat ihr unverkenn⸗ bares Gepräge. Ich war damals ein unwiſſendes Kind, ohne eine Ahnung davon daß ich viel zu ſüh⸗ nen hatte.“ Ein Ausdruck tiefer Schwermuth glitt über ihre Züge, verſchwand aber eben ſo plözlich und mit einem Lächeln das an vergangene Zeiten erinnerte fügte ſie hinzu:„Ach, ich leſe in Deinem Blick daß Du Deine frühere Schuldfried in mir wieder gefunden haſt; aber der Unterſchied, Du guter, geliebter Onkel, beſteht darin daß ſie Dir jezt nicht mehr aus falſchem Stolze davon laufen wird.“ Unmöglich ein Vorurtheil feſtzuhalten, wenn ſo bezaubernde Lippen einem entgegenlächeln. Der Profeſſor war überwunden. Er hatte ſich beinahe mit dem Gedanken verſöhnt eine Sängerin zur Nichte zu haben. Deßungeachtet erhob er ſich zum zweiten Male um zu gehen. „Willſt Du nicht mit mir zu Mittag eſſen, Onkel?“ fragte Schuldfried. „Doch, mein Kind, ich möchte wohl; aber als ich in Dein Haus kam, traf ich mit Jemand zu⸗ ſammen der ebenfalls hieher gehen wollte.“ Der Profeſſor lächelte.„Ich zwang dieſen Jemand nach Hauſe zurückzugehen und meine Ankunft abzuwarten. Zezt fürchte ich daß er ungeduldig wird, im Fall ich länger hier verweile.“ Schuldfried erröthete. Sie dachte ſich ſogleich daß dieſer Jemand Tage war. Sein Name war während des Geſprächs noch nicht genannt worden. Der Gedanke an ihn verurſachte ihr ein unange⸗ nehmes Gefühl und das Blut ſtrömte in ihre Wangen. „Du biſt doch auf den Nachmittag frei?“ fragte der Profeſſor, der ſehr wohl die hübſche Farbe be⸗ merkte die Schuldfried erhieit. „Ja, den ganzen Tag.“ „Nun wohl, dann komme ich wieder und bringe Tage mit. Wenn Du noch dieſelbe biſt wie früher, Schwartz, Schuld und Unſchuld. IMI. 3 34 ſo wird das Wiederſehen Deines einzigen Jugend⸗ freundes Dir gewiß Freude machen.“ „Ganz gewiß!“ Mehr ſagte Schuldfried nicht, aber ſie war beklommen. Als der Profeſſor ſich ent⸗ fernte, blieb ſie eine lange Weile unbeweglich daſizen. „Meine treuen Freunde aus der Kinderzeit, die ſuchen mich auf; aber er.. ach, mein Gott, wie konnte ich darauf hoffen? Was bin ich denn für ihn? Und doch, wie liebte er mich ſo innig! Iſt es denkbar daß dieſe Liebe todt, oder daß eine andere an ihre Stelle getreten ſein kann? Unmöglich!“ In einem Häuschen irgendwo auf dem Blaſiholm finden wir Profeſſor Aberneys Wohnung. In einem großen, geräumigen Zimmer war Tante Sara be⸗ ſchäftigt die Bucher in den beiden dort ſtehenden Schränken abzuſtäuben. Die kleine, ſtets rührige Sara war ſich vollkommen gleich geblieben. Auch jezt trug ſie ihre weiße feine Haube mit ſchönen Spi⸗ zen und ihre wohlgeſtärkte Schürze, fleckenlos und glatt als wäre ſie ſo eben aus der Commode her⸗ vorgeholt worden. Es iſt derſelbe Morgen wo Aberney Schuldfried beſuchte. Er hatte kaum erſt ſeine Wohnung ver⸗ laſſen, und Sara hatte ſich auf die hohe See der Vermuthungen hinausbegeben, wo man immer ſicher ſein kann Schiffbruch zu leiden. Während Staub Sl und Staubbeſen fleißig arbeiteten, dachte ara: „Mit Tage ſteht es nicht ganz richtig.“ Jez klopfte ſie einen großen dicken Papierklumpen vo 35 nicht ſehr einnehmendem Aeußern.„Ich möchte wiſſen was ihm ſeit geſtern Abend in den Kopf ge⸗ flogen iſt. Als er aus dem Theater kam war er ja ganz wild. Die ganze Nacht iſt. er auf ſeinem Zimmer auf und ab gegangen. Wollen ſehen ob der Junge nicht mit ſeinem Herzen verlaufen iſt!“ „ Jezt wurde der alte Pack auf ſeinen Plaz geworfen. „Man hat ja behauptet, er ſei in dieſe Gräfin da verliebt die ihn beſtändig einlädt. Vielleicht war es Etwas das ſich auf ſie bezog. Das Allertollſte iſt jedoch daß auch Victor ſich ganz eurios geberdete. Der alte Narr kann wenigſtens nicht verliebt ſein; aber dafür gibt es niemals Sicherheit, denn obſchon er ein geſezter und ernſter Mann ſein ſollte, ſo ſprang er doch davon um dieſe ausländiſche Sän⸗ gerin zu hören. Zum Henker, wie heißt ſie doch? Ich muß in den Zeitungen nachſehen.“ Jezt ging es an Tages Zimmer, das rechts von Sara lag; aber dort bekam Sara die Zeitung vor Abend nicht. Dagegen war ein ganzer Bogen mit dem Worte Sängerin vollgeſudelt. „Sieh da, was habe ich geſagt? Wahrhaftig, der Junge iſt von der herumreiſenden Sängerin be⸗ hert. Ich möchte wiſſen ob er ſich deßwegen in große Gala geworfen hat weil er ſie aufſuchen wollte. Aber wohin hat ſich denn Victor begeben, der doch ſonſt nie um dieſe Zeit ausgeht? Ich muß mich ſehr verwundern; ſollte etwas Unerwartetes eingetroffen ſein was alle Beide zu andern Menſchen gemacht hat? Sollte Tage vielleicht...“ Hier wurde Sara durch ein heftiges Geklingel unterbrochen. Gleich darauf flog die Saalthüre auf —— 36 und Tage kam herein. Ohne Tante Sara zu be⸗ merken oder zu beachten, ging er in ſein Zimmer, ſchlug heftig die Thüre zu und riegelte. „Was in aller Welt iſt an dem Jungen?“ brummte Sara.„Ich habe ihn in meinem Leben nie ſo geſehen; ohne Gruß an mir vorbei zu gehen, das iſt wahrlich allzu ſtark.“ Jezt ſchüttelte Sara den Beſen zum offenen Fenſter hinaus. Wiederum klingelte es. Nach einigen Minuten kam eine Dienerin und ſagte: „Frau F. will das Fräulein beſuchen.“ „Bitte ſie hereinzutreten,“ lautete die Antwort. Der Staubbeſen erhielt ſeinen Plaz an einem Meſſinghaken neben dem Ofen, die Schürze wurde geglättet und der Bücherſchrank verſchloſſen, ſo daß, als Frau F. eintrat, keine Spur von Tante Saras Abſtäubungswuth mehr übrig war, die immer aus⸗ brach wenn Aberney nicht um den Weg war. „Guten Tag, meine liebe Sara,“ begann die würdige Frau, eine alte Bekannte Saras von ihrem erſten Auſenthalt in Schweden her, und der voll⸗ kommene Typus einer Stockholmer Dame aus der beſſern Mittelclaſſe.„Wie geht Dirs? Ich konnte mirs unmöglich verſagen hieherzugehen und mich nach Deinem Befinden zu erkundigen. Du biſt ſo un⸗ ſichtbar bei uns.“ „Sehr willkommen, liebe Lieſe!“ Sara verneigt⸗ ſich artig und führte ihren Gaſt in den Salon.„c habe viel an Dich gedacht; aber Du weißt ja ſelbſt wie ſchwer ich aus dem Hauſe komme.“ Eine Weile ſchwazten die beiden Damen don wie wenig man für ſich thun könne wenn man Her 37 zu beſorgen habe; nachdem ſie ſodann dieſen Be⸗ trachtungen einiges Weitere über Mägde und Markt⸗ preiſe beigefügt, war das Geſpräch im vollen Gang und man hatte das große Feld, die Angelegenheiten der Nebenmenſchen, vor ſich. „Warſt Du geſtern im Theater?“ fragte Frau F. „Nein, meine Liebe, ich beſuche ſolche närriſche Orte beinahe nie,“ antwortete Sara etwas ſcharf. „In meinem Alter weiß man ſich anders zu zer⸗ ſtreuen.“ „Aber, meine liebe Freundin, Du weißt ja daß die fremde Sängerin zum erſten Mal auftrat. Ich als muſicaliſch wäre untröſtlich geweſen wenn ich ſie nicht zu hören bekommen hätte.“ „So; wie heißt ſie denn?“ „Ei der Tauſend, haſt Du denn in den Zeitun⸗ gen nicht von Madame Dorbino geleſen?“ „Nein, ich leſe nie etwas anderes als Anzeigen.“ „Du glaubſt nicht wie intereſſant ſie war. Sie hat eine ſehr gute Stimme und eine hübſche Ge⸗ ſtalt; aber denke Dir, ſie ſingt ſo friöol, gar nicht wie andere Menſchen, ſondern ſie wird bald feuer⸗ roth, bald wieder ſo blaß, daß man es durch die Schminke hindurch ſieht. Ueberdieß gibt ſie ihrem Geſicht einen unpaſſenden Ausdruck, gerade als ob ſie alle Männer damit bannen wollte, was ſie auch wirklich thut. Sie waren all zuſammen verrückt im Applandiren- und Herausrufen. Der Beifall ging bis zum Scandal. Dein junger Vetter, der Leu⸗ tenant, war auch da. Er ſah ganz verſtört aus als ich und meine Adele in der Vorhalle ihm be⸗ gegneten“ „Ja, ich weiß daß ſowohl Tage als Victor da waren.“ „So, der Profeſſor war auch da? Ihn ſah ich nicht; dagegen aber ſah ich den reichen Finnen der bei der Fioite iſt, Baron Canitz.“ „Er iſt kein Finne,“ fiel Sara unwirſch ein. „Doch, liebe Freundin, er iſt einer, ich weiß die„ Sache ganz genau. Sein Vater wurde im lezten finniſchen Krieg erſchoſſen. Ich habe genaue Mit⸗ theilungen datüber.“ „Es ſcheint mir als ob ich es beſſer wiſſen müßte,“ ſiel Sara mit ſteigender Hize ein. „Laß uns nicht ſtreiten. Wir haben ſchon ſo viel über die Sache diſputirt daß ich glaube wir könnten es jezt dabei pewenden laſſen. Ich kam ganz von dem ab was ich ſagen wollte. Ja, Ba⸗ ron Canitz ſaß im Ochſenauge auf der erſten Reihe, und ich glaubte er würde die Sängerin verſchlucken, ſo ſah er ſie an. Geſtern Mittag hörte Adele ihre ganze Lebensſtizze von Fräulein A., welche dieß Alles von Frau O. hatte, deren Mann in der Ca⸗ pelle iſt, und er hatte es von Frau““, unſerer erſten Sängerin.“. „Sie iſt ja eine Franzöſin; wie können alſo dieſe Frauen etwas von ihr wiſſen?“ fiel Sara un⸗ geduldig ein. „O ſolchen Perſonen geht, ſowohl im Böſen wie im Guten, ihr Ruf voran. Sie ſoll von zwei Män⸗ nern getrennt worden ſein, überdieß eine Verbin⸗ dung mit einem Prinzen gehabt haben, der ſie an einen engliſchen Lord abtrat, und dieſer wieder a— einen reichen Franzoſen, welchen ſie verließ als ſi 39 ihn ruinirt hatte. Jezt ſei ſie mit einem Sänger liirt. Sie ſoll ein wahres Muſter von Coketterie und ſo intrigant ſein, daß ſie alle Männer abfängt die ihr in den Weg kommen. Meine Adele, die, wie Du weißt, ein höchſt ſittſames Mädchen iſt, ſagte, ſie habe ſich geſchämt ſie nur anzuſehen.“ „Deßhalb halte ichs fürs Beſte wenn man ſolche Orte der Sünde, wie das Theater iſt, gar nicht beſucht. Du und Adele werdet wohl nicht mehr hin⸗ gehen um ſie zu hören?“ „Ei wie Du ſo ſprechen magſt, beſte Sara! Du weißt daß Adele muſicaliſch iſt, ſie muß ſich alſo bei allen Vorſtellungen wo ein Talent auftritt zei⸗ gen. Man muß nothwendig Madame Dorbino ge⸗ hört haben, wenn man mit in der großen Welt lebt.“ Frau F. wollte immer dafür angeſehen wer⸗ den daß ſie zur großen Welt gehöre. Sie fuhr fort:„Wir haben uns für alle ihre Vorſtellungen abonnirt. Heute hat Adele ihr Portrait gekauft das bereits in allen Buchhandlungen vorräthig iſt. Sie iſt in der Mode, und da muß man ihr Bild auf dem Salontiſch liegen oder über dem Clavier hängen haben.“ „Das Bild eines Frauenzimmers von welchem Du ſo viel Böſes weißt?“ Das iſt etwas ganz Anderes; wir beſizen das Recht ihr Leben zu tadeln und in dieſem Fall ſtreng zu ſein; aber man muß doch zeigen daß man ihr Talent zu würdigen verſteht; ſonſt heißt es man habe gar kein Urtheil. Im Uebrigen muß man die Theaterleute nehmen wie ſie ſind; an ihre Sitten macht man keine großen Anſprüche, man bewundert 40 ſie aus der Ferne, aber man öffnet ihnen ſeine Sa⸗ lons nicht, außer wenn dieß unter den Tonangeben⸗ den Mode wird,— dann— kann man freilich nicht ausweichen.“ „Weißt Du was, liebe Lieſe, ich danke Gott da⸗ für daß ich nicht in der großen Welt lebe. Ich habe die Menſchen von jeher für erbärmlich und ſchlecht gehalten; aber ſo ſchlecht wie jezt ſind ſie mir früher nie vorgekommen.“ „Das kommt daher weil Du alt geworden und nicht mit Deiner Zeit vorangeſchritten biſt. Nein, jezt muß ich gehen. Adieu, liebe Sara; grüß mir den Profeſſor und den Lieutenant. Ich hoffe ſie werden mir die Ehre erweiſen zu meinem großen Schmaus am Samſtag zu kommen; Dein Verſprechen habe ich bereits.“ Noch einigen weiteren nichtsſagenden Redens⸗ arten entfernte ſich Frau F. Tante Sara hatte ſich in Folge der empfangenen Mittheilungen den Kopf voll von unruhigen Phantaſien über die fremde Sängerin geſezt und brachte jezt ihre Einbildungen mit Tages ſonderbarem Benehmen in Verbindung. Gegen Mittag kam Aberney nach Hauſe. Er ſah ungewöhnlich heiter aus und grüßte die Tante ganz freundlich. Beim Klang ſeiner Stimme öffnete ſich Tages Thüre, und der junge Lieutenant eilte auf ihn zu mit den Worten: „Kommſt Du direct von ihr, Papa?“ Aberney lächelte und ging, ohne zu antwopten, in Tages Zimmer. Dieſer folgte nach und Tante Soara ſah zu ihrem unbeſchreiblichen Verdruß die Thüre wieder ſchließen. Ihr Blut begann zu kochei — 4— — 41 ſie fand es abſcheulich von Tage und ihrem Reffen ſo behandelt zu werden. Dieſe Herren ſchloßen ſie von allem Vertrauen aus, und das war mehr als ſie ertragen zu können glaubte. Mit wilder Haſt flog ſie jezt durch den Salon und in ihr eigenes Zimmer deſſen Thüre ſie ſchmetternd zuſchlug, als hätte ſie gehofft daß dieſe Aeußerung ihres Unwil⸗ lens ihr Bahn zu dem Neffen brechen würde. Wir laſſen jezt die Alte auf eigene Fauſt ihren aufge⸗ regten Gefühlen Luft ſchaffen, und wollen ſehen was zwiſchen Tage und Aberney vorging. Als die Thüre hinter ihnen geſchloſſen war, ſagte der Leztere: „Mein lieber Tage, Du beſizeſt gar zu wenig Mocht über Deine Gefühle, da Du mit Fragen auf mich losſtürzeſt, und zwar in Gegenwart der Tante.“ „Papa, ſeit geſtern weiß ich nicht mehr was ich thue oder ſage. Bedenke einmal, ſie auf den Thea⸗ terbrettern wieder zu ſehen, als Gegenſtand all die⸗ ſer Blicke und Huldigungen, behandelt wie ein Ge⸗ ſchöpf das man für Geld ausziſchen oder heraus⸗ rufen kann, wie eine Spielſache in der Hand des Publicums. O mein Gott! Habe ich ſie darum ſo warm und innig geliebt? Wer, wer hat die reine, unverdorbene Schuldfried in das verwandelt was ſie jezt iſt?“ „Tage,“ ſiel Aberney ein,„ſie iſt was ſie war, daſſelbe reiche Herz, daſſelbe unſchuldsvolle Mädchen.“ „Soll ich das glauben, Papa? Nein, ſie iſt eine Schauſpielerin und nichts anderes. Warum durfte ich nicht zu ihr gehen und den ganzen tiefen Ver⸗ druß meines Herzens, die ganze Erbitterung die meine Seele bei dem Gedanken an ihren gräßlichen Betrug erfüllt, gegen ſie ausgießen?“ Tage ging mit großen Schritten auf und ab. „Wen hat ſie denn betrogen? Worin beſteht ihr Betrug?“ fragte Aberney. „Papa, denk an ihre Flucht, denk an die Jahre worin ſie uns in Unkenntniß über ihr Schickſal er⸗ hielt, an die Sorgfalt womit ſie ſich verbarg, an die Herzloſigkeit womit ſie mich verließ.— Für wen hat ſie das Alles gethan?— Für keinen Andern „Thörichter Junge, ſprich nicht eine Anklage aus von welcher Du weißt daß ſie falſch iſt. Sie iſt jezt wie immer achtungswürdig.“ „Sie?— die Sängerin die wie eine Abenteu⸗ rerin, ohne Schuz und ohne Stütze, allein in der Welt umhergereist iſt!“ „Höre, Tage, wenn Du in dieſem Ton ſortfah⸗ ren willſt, ſo iſt eine Beſprechung zwiſchen uns über⸗ flüſſig. Mir vergeht dann alle Luſt Dir mitzuthei⸗ len was ich während meiner kurzen Beſprechung mit Schuldfried erfahren habe.“ „Du glaubſt alſo was dieſe Lippen ſagen die an Lüge gewöhnt ſind? Du glaubſt an die Aufrichtig⸗ keit einer Stimme welche Jahre lang die Kunſt ſtudirt hat den Ausdruck wahren Gefühls anzu⸗ nehmen?“ Aberney hatte ſich mit gekreuzten Armen auf . Sopha geſezt. Als Tage verſtummte, ſagte er kalt: „Ich glaube, Dir iſt das Blut dermaßen zu Kopfe 43 — geſtiegen daß Du nimmer weißt was Du ſagſt oder thuſt. Ich ſpreche nicht gerne mit Narren, und deß⸗ halb thun wir wohl am Beſten wenn wir kein Wort mehr über die Sache verlieren. Sonſt würde ich Dir ein Geheimniß mittheilen das ich Dir bisher verſchwiegen habe, nämlich daß Schuldfried meine Nichte, daß ihr Name Aberney iſt, und daß die Entdeckung dieſes Umſtandes ihr Verſchwinden ver⸗ urſacht hat. Man hatte ihr geſagt, ich ſei ſchreck⸗ lich erbittert auf ihre Mutter und wolle weder ſie noch die Tochter als meine Verwandten anerkennen, und dieß war der Grund warum ſie mit der Mut⸗ ter entfloh die ihr ein ſo trauriges Erbe gegeben. Frage mich nicht warum ich über die Frau und das Kind meines Bruders ſo erbittert war, ich kann es nicht ſagen. Das Geheimniß liegt mit der ſchuld⸗— beladenen Frau begraben. Was hinwiederum Schuld⸗ fried betrifft, ſo ſteht ſie ſo hoch über andern, daß jedes beleidigende Wort gegen ſie eine Unverſchämt⸗ heit iſt die immer auf ihren Urheber zurückfallen wird. Beſuche ſie und ſprich mit ihr; blicke in dieſe Augen, dann wirſt Du Dich jeder Anklage gegen ſie ſchämen, und damit Baſta. Willſt Du ſie treffen, ſo ſteht es Dir frei mich heute Mittag zu ihr zu begleiten; wo nicht, ſo kannſt Dus unterlaſſen. Eines ſage ich Dir: tritt nicht mit Anklagen oder Vorwür⸗ fen auf, denn ich will nichts davon wiſſen. Wenn ich ſage daß Schuldfried ein edles und hochſinniges Weib ſei, ſo kannſt Du es auch glauben.“ Aberney erhob ſich mit dem Beifügen:„Sie hat mit mir über die Vergangenheit geſprochen, aber ſie bat mich nicht mehr darauf zurückkommen zu müſſen, nachdem ſie die Sache einmal berührt habe. Du dürfteſt ihr daher, bis ſie ſelbſt auf den Gegenſtand zurückkommt, alle Fragen erſparen, wenn Du entſchloſſen biſt ſie wieder zu ſehen.“ Aberney verließ das Zimmer und Tage warf ſich auf den Sopha; in ihm tobten all dieſe aufgereg⸗ ten Gefühle, die in unſerm Innern ein verworrenes Chaos von Gutem und Böſem hervorbringen. Bei Tiſch ſagte der Profeſſor ganz plözlich zu Sara: „Ich ſoll Dich von Enochs Tochter grüßen.“ Tante Sara ſtand im Begriff einen Kalbsbraten nach allen Regeln der Kunſt zu tranſchiren. Sie ließ Meſſer und Gabel fallen und machte eine ſo heftige Bewegung daß ſie ſammt ihrem Stuhl weit vom Tiſche hinwegkam. Dabei ſchlug ſie die Hände zuſammen und ſtarrte Aberney an, als traute ſie ihren Ohren nicht. Die Beſtürzung war ſo groß, daß es mehrere Minuten anſtand bis ſie ein Wort über ihre Lippen bringen konnte. Endlich murmelte ſie mit undeutlicher Stimme: „Um Gottes willen, was ſagſt Du?“ „Ich ſage daß ich Enochs Tochter getroffen habe und daß ich Dich von ihr grüßen ſoll.“ „Aber.. aber...“ ſtammelte Sara, die vor Aufregung nicht ſprechen konnte. „Nun, liebe Tante, mach Dich nur wieder an Deinen Braten, ſo will ich Dir inzwiſchen erzählen daß wir eine ausgezeichnete Sängerin hieher bekom⸗ men haben und... „Victor, treibe mit Deiner alten Tante kein Ge⸗ ſpötte, Du weißt..“ —ꝛ 45 „Wie gut ſie gegen ihren Neffen und Nichte war, das iſt ganz richtig; auch ſpotte ich nicht, ſondern will, wenn Du es erlaubſt, meine Erzählung fort⸗ ſezen. Dieſe ausgezeichnete Sängerin iſt meine Nichte.“ „Herr Jeſus, was ſagſt Du? Dieſes Weib das ein halb Duzend Männer und eben ſo viele Lieb⸗ haber gehabt hat, das ein ſo grundſchlechtes Ge⸗ ſchöpf iſt! Ach! das fehlte noch zu meinen Beküm⸗ merniſſen, daß ich Enochs Kind als ein verdammtes Weſen wieder finden mußte.“ Tante Sara verbarg ihr Geſicht in der Serviette und weinte. „Verdammt! Was ſchwazeſt Du, Tante!“ ſagte Aberney mit gerunzelten Brauen.„Sie iſt eine große Künſtlerin und ein achtungswürdiges Frauen⸗ zimmer. Aber wer hat es gewagt Dir das Gegen⸗ theil einzureden?“ Aberneys Blick flog zu Tage hin⸗ über. „Man hat mir nichts eingeredet,“ ſchluchzte die Tante;„Frau F. war da und erzählte die Lebens⸗ geſchichte der Sängerin. Mein Gott, ich ahnte da⸗ mals nicht daß es ſich um Enochs Kind handelte. Es iſt ſchrecklich, es iſt ſchauerlich.“ „Was liegt Schreckliches darin daß Enochs Toch⸗ ter eine ausgezeichnete Sängerin, daß ihr Name in ganz Europa berühmt iſt? Wenn Frau F. eine Lebensgeſchichte von ihr zuſammenzuphantaſiren be⸗ liebt, ſo dürfteſt doch Du, Tante, ſo vernünftig ſein nicht daran zu glauben, zumal da Du weißt wie unzuverläßig die Erzählungen der Frau F. ſind.“ „Man muß doch glauben was man nicht beſtrei⸗ ten kann, und daß ſie eine Theaterdame iſt, läßt ſich ja nicht leugnen. Die Schuld davon wird immer auf Dich fallen weil Du in Deiner Unverſöhnlichkeit nichts von der Mutter wiſſen wollteſt, ſondern das arme Kind den Winden und Wellen Preis gabeſt. Im Uebrigen dürfte ſie wohl kaum ein rechtſchaffe⸗ nes Weib ſein, da ſie von zwei oder drei Männern getrennt iſt. Da ſieht man daß die Sünden der Päter „Behalte Deinen Soz gefälligſt für Dich, er paßt ſchlecht auf meine Nichte,“ fiel Aberney ſcharf ein.„Was die drei Männer betrifft, ſo iſt Alles zuſammen erlogen. Sie iſt die Wittwe des einzigen Mannes den ſie hatte,“ „Sie war verheirathet! Schuldfried mit einem Andern verheirathet!“ dachte Tage. „Was kommt Dich an, der Du früher nie nach ihr noch nach der Mutter fragteſt, daß Du jezt...“ „Die Tochter aufſuchſt?“ fiel Aberney ein.„Der Zufall hat uns zuſammengeführt. Die Mutter iſt jezt todt und— das Grab verſöhnt Alles. Mor⸗ gen bringe ich Enochs Tochter hieher. Bis dahin kaſſen wir, wenn Du willſt, Tante, die Sache da⸗ hingeſtellt. So wie Du meinen Character kennſt, Tante, begreiſſt Du wohl daß ich Enochs Tochter nicht als meines Bruders Kind betrachten würde, wenn ſie nicht ein achtungswürdiges Weib wäre.“ Die Tante ſeufzte; ſie war zu aufgeregt um mit Einwendungen oder Fragen hervorzurücken. Eno Edith, Alles was ſie auf Erden am meiſten geliebt hatte, ſtand lebhaft vor der Erinnerung der guten Alten, und ſie dachte in ihres Herzens Betrübniß 47 daß es doch ſehr bitter ſei Enochs Kind unter ſol⸗ chen Verhältniſſen wieder finden zu müſſen. Nach der Mahlzeit hatte Aberney zu Tage kein Wort von einem Beſuche bei Schuldfried geſagt. Abends gegen fünf Uhr ergriff der Profeſſor ſeinen Hut um auszugehen. Sara hatte ſich in ihr Zim⸗ mer eingeſchloſſen. Es kam ihr Alles ſo wunderlich vor, daß ſie ihre gewöhnliche Gemüthsruhe gänzlich verlor. Als Aberney in den Salon hinauskam, fand er dort Tage in der ſorgfältigſten Beſuchs⸗ toilette. „Du haſt Dich alſo zu einem Beſuch bei Sieh entſchloſſen?“ fragte der Profeſſor gleich⸗ giltig. „Ja, wenn Dus erlaubſt, Papa,“ antwortete Tage, während er ſich bemühte ruhig zu erſcheinen. Etwas ſpäter traten Vater und Sohn in die Wohnung der Sängerin. Als die alte Franzöſin ihnen öffnete, bedurfte Tage mehrere Secunden um ſo viel Macht über ſich zu gewinnen, daß er Aber⸗ ney in den Salon folgen konnte, wo Schuldfried ihnen entgegen kam. Tage war an der Thüre ſtehen geblieben, außer Stand ihr einen Schritt entgegen⸗ zugehen. Er war zugleich erſchüttert und überraſcht. War dieß die vielgerühmte Sängerin die er geſtern auf der Bühne geſehen? Nein, es war ja dieſelbe Schuldfrieb, mit welcher er als Junge geſpielt, für die er als Jüngling geſchwärmt hatte; daſſelbe Lächeln, derſelbe freudeſtrahlende Blick, dieſelbe be⸗ zaubernde Einfachheit und ungeſuchte Anmuth. 48 Als Schuldfried mit ihrem friſchen, klangvollen Organ Aberney herzlich willkommen geheißen, wandte ſie ſich zu Tage. Ueber die ſammtenen Wangen fiel eine höhere Schattirung von Roth, als ſie Tage die Hand reichte mit den Worten: „Wie freue ich mich nicht über dieſes Wieder⸗ ſehen! Willkommen, Tage, und verzeih all die Un⸗„ ruhe die ich durch mein plözliches Verſchwinden aus dem Kreis meiner Freunde verurſacht habe. Vergiß wo möglich die Leiden die ich durch dieſen Schritt hervorrief, und glaube daß ich Dir heute als Freun⸗ din und Schweſter die Hand reiche. Schuldfried hat nicht eine einzige Minute aufgehört dieſes für Tage zu ſein.“ Dem jungen Lieutenant wirbelte es im Kopfe. Es ſchwindelte vor ſeinen Augen und er ſtammelte einige unzuverläßige Worte, während er Schuld⸗ frieds Hand ergriff und an ſeine Lippen führte. Aberney betrachtete die jungen Leutchen. Schuld⸗ fried war, mit Ausnahme der Röthe die auf ihren Wangen aufſtieg als ſie ſich zum erſten Mal an Tage wandte, ruhig geblieben. Sie grüßte ihn mit einer Freundlichteit die von aller Bewegung ſo frei war, als hätten ſie ſich erſt geſtern verabſchiedet und heute wieder getroffen. Er dagegen war ſo aus aller Faſſung gebracht, daß man daraus leicht auf die Stärte des Intereſſes ſchließen konnte das ihn noch nach ſechs Jahren an ſeine Jugendfreundin knüpfte. „Er liebt ſie; aber an ihr zeigt nichts daß ſie ihn ſiebt. Armer Tage! Das Geſchenk ihres Her⸗ zens iſt nicht für Dich beſtimmt,“ dachte Aberney. 49 Wenn Schuldfried in zarter Jugend das Talent beſeſſen hatte zu erfreuen und aufzumuntern, alle düſtern Gedanken zu verſcheuchen und lichte hervor⸗ zurufen, ſo beſaß ſie dieſe Eigenſchaft jezt in noch höherem Grade. Ihr Blick und alle ihre Worte gaben die innige Befriedigung über dieſes Zuſammentreffen mit ihren theuern Freunden kund. Jezt wie früher verbreitete ihre Freudigkeit in ihrer ganzen Umgebung Wohlge⸗ fallen. Tages im Anfang etwas gezwungenes und aufgeregtes Benehmen machte bald einer vollkommen heitern und unbefangenen Stimmung Plaz. Nach einer Stunde war es ihm als ſeien die ſechs Jahre nur ein Traum geweſen, ſo vollkommen fühlte er ſich in die frühern frohen Zeiten zurückverſezt. Man ſprach im Anfang von der Vergangenheit, dann ſtellte Schuldfried allerlei Fragen, zuerſt über Tante Sara, dann über Tage und ſeine Lebensſchickſale. Tage ſprach von den Reiſen die er gemacht hatte, und bemerkte endlich mit einer eigenthümlichen Schärfe in der Stimme: „Ich war mit bei der Expedition welche die Fre⸗ gatte Carolina vor zwei Jahren machte. Ich war in Neapel.“ Schuldfried fuhr zuſammen und ſah Tage an, indem ſie rief: „Du! Du!“ Dieſes Geſpräch erinnerte Tage an all die feind⸗ ſeligen und ſchlimmen Gedanken welche der Brief an Lothar in ihm hervorgerufen hatte. Ihr Aus⸗ druck ſpiegelte ſich in ſeinem Geſichte zurück. Schuld⸗ fried betrachtete ihn mit ängſtlich forſchendem Blick. Schwartz, Schuld und Unſchuld. III. 4 X — ———— 50 „Ja,“ ſagte Tage nicht ohne eine gewiſſe Bit⸗ terkeit im Tone,„ich war mit der Carolina in Nea⸗ pel und hörte damals von Madame Dorbino ſpre⸗ chen, ahnte aber nicht daß ſie und Du eine und die⸗ ſelbe Perſon wäret.“ „Du hatteſt alſo keine Idee davon daß Schuld⸗ fried in Neapel war?“ Tage wechſelte die Farbe, antwortete aber ſo⸗ eich: „Nein, das hatte ich nicht.“ „Unbegreiflich daß ich Deinen Namen nicht unter den Offizieren nennen hörte die man mir als an⸗ weſend bezeichnete,“ ſagte Schuldfried gedankenvoll. „Vielleicht war auch Deine Aufmerkſamkeit ſo ausſchließlich auf einen einzigen Namen geheftet, daß Du den meinigen nicht beachteteſt.“ Tage fühlte ſich von eiferſüchtiger Wuth erfaßt. Er war nahe daran Aberneys Anweſenheit zu vergeſſen und vor dieſem die Ereigniſſe in Neapel zu erzählen, ja ſo⸗ gar zu geſtehen daß er von Schuldfrieds Anweſen⸗ heit gewußt habe. Bei dieſer Anſpielung auf Schuld⸗ frieds Intereſſe für Lothar nahm die junge Dame einen würdevollen Ausdruck an und antwortete bei⸗ nahe kalt: „Wie kannſt Du wiſſen daß am Bord der Fre⸗ gatte Carolina eine Perſon war über deren Namen ich meine Freunde vergeſſen hätte?“ „Ich fragte ja bloß.“ Tage ſpielte mit einigen Nähſachen die auf dem Tiſche lagen.—„Es war mir unerklärlich daß meine Cameraden bei Aufzäh⸗ lung unſerer Namen mich vergeſſen ſollten.“ 51 „Ah, Du weißt alſo daß ich mit einem Deiner Cameraden geſprochen habe?“ 8 „Er erzählte mir, Madame Dorbino habe einige Fragen an ihn geſtellt.“ Tage heftete einen finſtern Blick auf Schuldfried.„Ich hörte auch daß....“ Er hielt inne. „Warum unterbrichſt Du Dich?“ fragte der Pro⸗ feſſor, der mit geſpanntem Intereſſe dieſem Geſpräch gefolgt war und jezt aus Schuldfrieds Bläſſe ſchloß daß Tage einen für ſie ſehr empfindlichen Punkt be⸗ rührte. Seine Stimme brachte Tage wieder zur Beſinnung und gebot ihm ſeine Worte und ſein Ge⸗ ſicht in Acht zu nehmen. „Ich unterbrach mich,“ ſagte er mit wohlgeſpiel⸗ ter Gleichgiltigkeit,„weil ich nicht gerne einen Na⸗ men ausſpreche der für Schuldfried unangenehm zu hören ſein muß.“ „Und welcher Name wäre das?“ „Tage meint gewiß— Canitz,“ fiel Schuldfried mit ihrer merkwürdig klaren Stimme ein. Ihre dunkeln Augen leuchteten wunderbar als ſie dieſelben auf Tage heftete. „Ha!“ war Alles was der Profeſſor antwortete; dann folgte eine kleine Pauſe die ſehr peinlich war. Aberney ſah zuerſt Tage mit einer Miene an als erwartete er daß dieſer Etwas ſagén würde; aber 1 er in ſeinem Schweigen beharrte, ſagte der Pro⸗ eſſor: Sollte Schuldfried wirklich ein Vorurtheil gegen dieſen Namen gehabt haben, ſo glaube ich daß daſ⸗ ſelbe gänzlich verſchwinden wird, wenn ſie erfährt daß Lieutenant Canitz auf der Fahrt von Neapel 4* —— — — — 52 Polermo unſerem Tage das Leben gerettet at.“ „Hat er Tage das Leben gerettet?“ rief Schuld⸗ fried mit freudeſtrahlendem Geſicht. „Ja, ich habe es wirklich ihm zu verdanken daß ich in dieſem Augenblick hier ſize,“ antwortete Tage mit bitterem Lächeln, indem er Schuldfried anſah. „Wie es zuging erlaubſt Du mir vielleicht ein ander Mal zu erzählen. Jezt wäre es weit angenehmer Dich ſprechen zu hören.“ „Ja, beſonders da Toge nicht gerne von dieſem Ereigniß ſpricht. Ich hätte es ſicher gar nicht er⸗ fahren, wenn nicht einer von ſeinen Cameraden, Lieutenant Steen, mir die ganze Geſchichte erzählt hätte,“ ſagte Aberney. „Es lautet als ob Du behaupten wollteſt, Papa, 65 „Daß Du nicht dankbar ſeiſt. Nun ja, das iſt auch eine Wahrheit, wenigſtens in Bezug auf Canitz. Aber laſſen wir das.“ Der Profeſſor führte das Geſpräch auf die vergangenen Jahre zurück, und Schuldfried erzählte mit Wehmuth wie ihre Gedan⸗ ten unaufhörlich zu ihren beiden Freunden gewall⸗ fohrtet, und wie ſie bei allen Schweden mit denen ſie zuſammengetroffen Erkundigungen einzuziehen ge⸗ ſucht habe. Sie erzählte daß ſie durch Paſtor Ar⸗ bonius in Finnland erfahren habe wie das Leben ſich für Aberney und Tage geſtaltete; daß ſie von ihm alhährlich einen Brief erhalten worin er ihr mitgetheilt daß die Freunde ſich wohl befinden und daß es ihnen gut gehe. „Du haſt alſo mit Arbonius correſpondirt?“ ſiel — — 53 Tage ein,„und zwar obſchon Du uns in gänzlicher Unkenntniß über Dein Schickſal ließeſt.“ „Tage, frage meinen Freund—“ Schuldfried reichte Aberney die Hand—„ob er mein Benehmen nicht zu würdigen weiß. Ich hätte nicht leben kön⸗ nen ohne Etwas von Denjenigen zu erfahren die mir theuer waren,“ fügte ſie traurig hinzu. „Aber wir, wir mußten alle Nachrichten von Dir entbehren.“ „Wir ſind ja übereingekommen daß keine Vor⸗ würfe in Betreff der Vergangenheit gemacht werden ſollen,“ ſagte Aberney.„Ich verſtehe Schuldfried volltommen.“ Er ſtreichelte ihren Kopf; ſie ergriff, ganz wie früher, die Hand des väterlichen Freundes und küßte ſie. s entſtand eine kleine Pauſe. Schuldfried war in wehmüthige Gedanken verſunken; Tage betrachtete ſie. Aberney unterbrach das Schweigen und ſagte, während er ſeinen Blick auf Schuldfried ruhen ließ: „Wundert es Dich nicht daß Tage und Canitz auf einem ſchwediſchen Kriegsſchiff waren?“ Schuldfrieds Hols, Stirne und Wange ware von einer dunkeln Purpurflamme übergoſſen, als ſie antwortete: „Ja, ich geſtehe daß es mich überraſchte, als man ſagte daß— daß— Canis in ſchwediſchen Dienſten ſtehe.“ Tage war bleich geworden, als Aberney von Neuem dieſen Namen nannte der in ſeinen Ohren ſo widerlich klang. Der Profeſſor that als ob er dieſen Eindruck nicht bemerkte und fuhr fort: „Es iſt auch etwas höchſt Seltſames daß ein — L 54 ruſſiſcher Unterthan eine ſo glänzende Laufbahn, wie Canitz ſie in dieſem Lande hatte, verläßt und ein fürſtliches Vermögen wegwirft um in Schweden einer unſichern Zukunft entgegenzugehen. Er dient jezt auf unſerer Flotte und hat ſich da als ein Mann von ausgezeichneten Eigenſchaften bewieſen, ſo daß es Niemand mehr einfallen kann ihm vorzuwerfen daß er der Sohn des Generals Canitz iſt.“ Tage hatte eine Scheere und einen Fadenknäuel ergriffen. Mit raſtloſem Eifer zerſchnitt er den lez⸗ teren während Aberney ſprach. Die feſt zuſammen⸗ gepreßten Lippen bewieſen daß er den Ausdruck ſei⸗ ner Gefühle bei den Worten des Profeſſors zurück⸗ zuhalten ſuchte. Als dieſer verſtummte, ſagte Tage jedoch mit gedämpfter Stimme: „Was Canitz iſt oder nicht iſt, wird immer ſchwer zu entſcheiden bleiben, weil er einen kalten, berech⸗ nenden und verſchloſſenen Character hat der urwill⸗ kürlich Mißtrauen einflößt. Man hat immer Grund zu fürchten daß die Fehler des Vaters bei irgend einer Gelegenheit zum Vorſchein kommen werden.“ Schuldfried hatte ſchweigend dageſeſſen. Als Aberney von Eanitz ſprach, hob ſich ihre Bruſt un⸗ ruhig. Bei Tages Worten wandte ſie ſich ſchnell gegen ihn und fiel lebhaft ein: „Tage, man darf einen Menſchen nicht nach den Fehlern beurtheilen wodurch ſeine Eltern ſich bemerk⸗ lich machten. Das iſt eine grauſame Ungerechtigkeit; und im Uebrigen ſehen wir zwar wenn die Leute fehlen, aber wir wiſſen nicht durch welche ſchreckliche Leiden und Gewaltthaten gegen ihre eigenen Gefühle die verbrecheriſche That hervorgerufen worden iſt; 55 darum— laßt uns nicht urtheilen! Ach! ich habe auch einmal ſo wie Du gedacht und unbarmherzig den Stab über einen Unſchuldigen gebrochen, wäh⸗ rend ein Anderer die Schuld trug. Ich werde es ewig bereuen.“ „Schuldfried hat Recht,“ ſagte Aberney und ſtand auf. Er legte ſeine Hand auf Tages Schulter und bemerkte: „Keiner von uns weiß wie viel Schuld er als Erbtheil empfangen.“ Tage ſah mißvergnügt aus. Dieſer verabſcheute und verhaßte Name mußte ihm alſo immer eine Niederlage bereiten. Der ganze Canitz ſchien nur zu ſeiner Qual geſchaffen zu ſein. Jezt mußte er ihn zuerſt von Aberney loben, dann von Schuldfried vertheidigen hören, und zwar ſchon am erſten Tage ihres Wiederſehens. Schuldfried, die jezt neben ihrem natürlichen Verſtand, ihrer ſchnellen Auffaſſung und ihrem angebornen Feingefühl eine bedeutende Erfahrung erworben hatte, begriff den auf Tage hervorgebrachten Eindruck ſogleich und lenkte das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand. Obſchon jede Fiber in ihrem Innern von Ungeduld und Ver⸗ langen zitterte noch mehr von Lothar zu hören, nahm ſie doch den abgeſchnittenen Faden des Ge⸗ ſprächs nicht wieder auf. „Kannſt Du heute Abend über Deine Zeit ver⸗ fügen?“ fragte der Profeſſor. Wollkommen, ich bin heute ganz frei. Meine Couſine, Natalie Reinſtein, hat mit einem Fremden einen Ausflug nach Drottningholm gemacht und kehrt erſt ſpät am Abend zurück.“ ℳ it 56 „Ah, es iſt wahr, Du ſagteſt mir heute früh daß Du mit der reizenden Gräfin verwandt ſeieſt.“ Der Profeſſor warf einen ſchalkhaften. Blick auf Tage, der bei dieſem Namen etwas genirt ausſah. „Du wohnſt ja in ihrem Hauſe, ein Umſtand den ich über der Freude des Wiederſehens gänzlich ver⸗ geſſen habe.“ „Ja, Natalie iſt mir mit wahrer Freundſchaft entgegengekommen. Als ich mich entſchloß nach Schweden zu gehen, übernahm ſie es Wohnung und dergleichen für mich ins Reine zu bringen. Sie hat ſeit meiner Ankunft dahier viel Wohlwollen an mich verſchwendet.“ „So,“ ſagte Aberney.„Die Gräfin iſt ein ge⸗ fährliches Weib; ſie beſizt neben einer einnehmenden äußern Erſcheinung ungewöhnliche Bildung und viel Genialität in der Unterhaltung, hat aber einen kal⸗ ten und berechnenden Verſtand. Wie ihr Herz be⸗ ſchaffen iſt weiß ich nicht zu ſagen, darüber wird wohl Tage Beſcheid geben können, denn Du mußt wiſſen, meine liebe Schuldfried, daß der junge Herr ſich Knall und Fall in die ſchöne Gräfin verliebt hat.“ Aberney ſah dabei Schuldfried an, als wollte er erforſchen welchen Eindruck ſeine Worte auf ſie machen würden.“ „Deine Wahl, beſter Tage,“ ſagte Schuldfried, „zeugt von gutem Geſchmack, und es freut mich ſehr daß ſie auf eine ſo außerordentliche und ſo reichbe⸗ gabte Dame gefallen iſt.“ Tage warf einen wüthenden Blick auf Aberney und erklärte aufs Entſchiedenſte, er ſei nie in die Gräfin verliebt geweſen und könne es auch nie wer⸗ 57 den. Dieſe Verſicherung rief einen wehmüthigen Zug auf Schuldfrieds Geſicht hernor. „Sie würde wünſchen daß er eine Andere liebte,“ dachte Aberney.„Alle Hoffnung iſt alſo aus für Tage.“ „Biſt Du ſeit Deiner Ankunft auch ſchon in der Umgegend geweſen?“ fragte Aberney⸗ „Rein, beſter Onkel. Ich hatte gar keine Luſt Schweden zu ſehen, bevor ich Dich wieder geſehen hatte. Ich fühlte mich, troz aller Freundlichkeit Na⸗ taliens, hier, wo man meine Sprache redet, weit einſamer als an andern Orten.“ „Nun wohl, wenn Du willſt, ſo fahren wir auf den Abend in den Thiergarten!“ rief Tage,„und wenn Papa es erlaubt, ſo hole ich einen Wagen.“ Augenblick darauf war Tage bereits auf dem eg. Als Aberney und Schuldfried allein waren, ſagte der erſtere: „Morgen iſſeſt Du bei uns zu Mittag, nicht wahr?“ „Ganz gewiß, im Fall Du mich abholen willſt. wenn ich aus der Probe komme.“ „O nein, das will ich nicht,“ ſcherzte Aberney, „und zwar aus dem einfachen Grund weil ich Dich dahin zu begleiten beabſichtige. Um wie viel Uhr mußt Du gehen?“ „Um zehn Uhr. Ach, Du lieber Onkel, wie ſicher und froh fühle ich mich nicht an Deiner Seite! Du biſt und bleibſt mein guter Freund, mein beſter Freund.“ „Und nicht wahr, Kind, Du wirſt nicht mehr 58 von mir reiſen?“ Der Profeſſor hatte ſie am Kopfe genommen und blickte ihr in die Augen. Schuld⸗ fried lächelte wehmüthig. „Ich weiß nicht,“ ſtammelte ſie;„vielleicht kann ich bleiben; vielleicht zwingt mich auch irgend ein mächtiges Gefühl in meinem Innern daß ich ſchon dieſen Sommer Schweden verlaſſe. Ich gehorche nicht mehr meinem eigenen Willen, ſondern einem ſtärkeren. Ach! frage mich nicht, laß mich noch eine kleine Weile mein Geheimniß bewahren. Eines Tags, geliebter Onkel, werde ich es in Deine Bruſt niederlegen, und an dieſem Tage bin ich entweder das glücklichſte oder das unglücklichſte Geſchöpf auf der Erde. Bis dahin will ich Vergangenheit und Zukunft über der Freude vergeſſen Dich wieder ge⸗ funden zu haben.“ Der Profeſſor küßte ſie ſchweigend auf die Stirne. Er ahnte bereits was Schuldfried nicht zu ſagen wagte; aber was weder er noch ein Anderer zu ahnen vermochte, das war der Plan den Schuld⸗ fried entworfen hatte, das Ziel das ſie erreichen wollte. Ob ihr dieſes Streben gelang oder nicht, das ſollte für ihre ganze Zukunft entſcheidend werden. Jedermann wer an einem ſchönen Maiabend den Thiergarten beſucht hat, weiß auch daß er voll iſt von gehenden, fahrenden und reitenden Perſonen, die keineswegs die fröhlichen Kinder des Sonntags⸗ publicums ſind, ſondern vielmehr jener glücklichen oder vielmehr unglücklichſten Kaſte angehören für 59 welche das ganze Leben nur ein einziger Ruhetag iſt. Man fährt in den Thiergarten weil die Zeit der Soupers dahin iſt; man begibt ſich dahin weil es zum guten Tone gehört; aber betrachtet man dieſe menſchlichen Eintagsblumen welche die elegante Welt ausmachen, ſo findet man daß Ueberdruß ſich ganz naſeweiſe neben ſie in die eleganten Wagen geſezt hat; daß das von Beluſtigungen überſäitigte Ge⸗ müth und das matte Auge die Fähigkeit verloren haben ſich am Frühling, am Sommer, am Leben zu erfreuen; aber was macht das? Man hat Livree⸗ diener, zierliche Equipagen, prächtige Pferde und ausgeſuchte Toiletten: Alles das iſt zum Zeigen da, und darum begibt man ſich in den Thiergarten. In einer dieſer Equipagen die durch das blaue Thor und von da nach der Ebene fuhren, ſaß jedoch eine ſchöne junge Dame, deren ganzes Ausſehen verrieth daß ſie wenigſtens nicht von Thorheiten über⸗ ſättigt war, daß ſie die Fähigkeit, noch nicht verlo⸗ ren hatte das Schöne zu genießen oder ſich an dem herrlichen Frühlingsabend zu erfreuen. Reugierig und voll Intereſſe flogen ihre Augen umher, und mit einem Ausdruck wahrer Bewunderung betrachtete ſie das bezaubernde Gemälde das unſer Thiergarten darbietet. Der Wagen worin ſie mit ihren Beglei⸗ tern ſaß nahm ſeinen Weg über die Ebene nach dem ſogenannten Friespark zu. Dieſer war damals nicht wie jezt uneingehegt, ſondern von einem Zaun um⸗ geben. Sie ſtiegen aus der Kaleſche und begaben ſich zu Fuß hindurch. Schweigend, aber mit einem Ausbruck unverſtellter Bewunderung wanderte die junge Dame, geſtüzt auf den Arm ihres älteſten 60 Begleiters, an den Seeſtrand hinab, wo ſie Halt machten. Haſt Du je da geſtanden, mein lieber Leſer, und ganz ſtille das eigenthümlich ſchöne Gemälde be⸗ trachtet das Du vor Dir hatteſt, während die dicht⸗ belaubten Eichen ihre hundertjährigen Scheitel über Deinem Haupte ſchüttelten? Wenn Du das gethan haſt, ſo haſt Du auch Stolz empfunden über die ſchöne Natur Deines Vaterlandes. Zur Rechten haſt Du Birgers Stadt, umſchlungen von dem Salzſee und Mälar, ein prächtiges Geſchmeide, eingefaßt von den Silberarmen des Meergottes und umgeben von ſeinen Holmen. Gerade vor Dir beſizeſt Du die hohen und ernſten Berge des ſüdlichen Landes, ein Bild von dem Volke das unter den Felsbergen des Nyrdens aufgewachſen iſt, und vor Deinen Füßen rollen die Wellen des Salzſees. Rund um Dich her haſt Du eine Natur die in ihrer üppigen Schönheit ſo prunkend iſt daß Du mit entzücktem Gemüthe unwillkürlich ausrufſt: „O Schweden, wie ſchön biſt Du nicht, mein Vaterland!“ „Nun Schuldfried,“ ſagte endlich Aberney nach langem Schweigen,„was denkſt Du von unſerem Thiergarten?“ Sie legte die Hand aufs Herz, während ſie mit ihrem ſtrahlendſten Lächeln antwortete: „Es iſt mir hier zu voll als daß ich ſagen könnnte was ich denke. Es kommt mir vor als ob nur Finnland im Stande wäre mich dieſes Lond vergeſſen zu laſſen. Wäre ich keine Finnin, ſo möchte 7 * 61 ich Schwedin ſein und ſagen können: Hier bin ich geboren.“ „Das biſt Du auch, mein Kind. In Schweden ſtand Deine Wiege und in der ſchwediſchen Erde ſchläft Dein Vater.“ Bei dieſen Worten zuckte Schuldfried zuſammen und drückte heftig Aberneys Arm, als wäre ihr ein ſchwerer Schmerz widerfahren. Tage fiel mit eini⸗ gen Betrachtungen über Stockholms Lage u. ſ. w. ein. Man kehrte zum Wagen zurück, wohin Schuld⸗ fried mit zögernden Schritten ging, gleich als wollte ſie mit vollen Zügen die Luft einathmen die ihr ſo lieblich vorkam. „Wenn dieſer Plaz ſchon jezt Dein Auge feſſelt, wie viel mehr dann wenn dieſe Eichen im vollen Schmuck ihres grünen Laubes prangen!“ ſagte Tage, indem er ihr in den Wagen half, Man fuhr an Liſtenhill und Manilla vorbei nach dem Roſenthal. Als man um Karl Johanns RlV. beliebteſte Sommerwohnung herumgefahren, wo die Luft mit Blumendüften geſchwängert war, bégah man ſich auf dem ſchönen Roſenthaler Weg nach Brunnsvik heim. Auf den erſten tiefen Eindruck den eine herrliche Natur auf die Seele macht, war bei Schuldfried eine aufgeräumte und heitere Stimmung gefolgt, wie ſie ſich bei allem Schönen einzufinden pflegt. Sie kleidete ihre Eindrücke in Worte, und wenn ſie ſo lächelnd und mit Ausrufungen ihr Entzücken zu erkennen gab, erinnerte man ſich nur mit Mühe daß dieſes hinreißende und ungekünſtelte Weſen einer 62 ausgezeichneten Schauſpielerin gehörte. Auch ſagte Tage: muß wirklich einen Blick auf Deine aus⸗ geſucht prachtvolle Toilette gerichtet haben um nicht zu vergeſſen daß Du Madame Dorbino biſt.“ „Was an meiner Toilette erinnert an die Sän⸗ gerin?“ fragte Schuldfried.„ „Ihre Koſtbarkeit, ihre äußerſte Eleganz,“ ſagte Tage mit einem Seufzer;„die ſchmuckloſe Schuld⸗ fried iſt eine glänzende Dame geworden.“ „Das iſt wahr; aber dieſe Seidenzeuge und dieſer Sammt bedecken ein Herz das unveränderlich dasſelbe iſt wie zur Zeit wo es in groben Kleidern ſchlug. Deßhalb, lieber Tage, laß uns das Schöne um uns her nicht über einigen Stücken koſtbaren„ Zeuges vergeſſen.“ Jezt lächelte Schuldfried ſo freundlich, daß ſie die Schatten wegzauherte die ſich hervordrängen wollten um die Freude des gegenwärtigen Augen⸗ blickes zu verdüſtern. Aberney fühlte, wie Schuld⸗ fried, Alles was den Schönheitsſinn berührte zu tief als daß er etwas Anderes auf ſich einwirken ließ. Er betheiligte ſich ſo ſehr bei Schuldfrieds Eindrücken daß er ihre Toilette erſt bemerkte als Tage davon ſprach, und auch da war ſie für ihn eine ganz un⸗ tergeordnete Sache. Als man eben den Hügel aus Roſenthal hinabgefahren war, begegnete man einer eleganten Kaleſche worin zwei Damen ſaßen. Neben dem Wagen ritt ein junger Mann auf einem aus⸗ gezeichnet ſchönen Schimmel. Er war in einem leb haften Geſpräch mit einer der Damen begriffen. Schuldfried war dermaßen von der Betrachtung der X 63 Umgegend in Anſpruch genommen daß ſie die Be⸗ gegnenden erſt beachtete als ſie umkehren wollten. Der Reiter kam da zwiſchen die beiden Equipagen und in dieſem Augenblick wandten ſich Schuldfrieds Blicke auf ihn. Sie ſaß vorwärts geneigt, warf ſich aber ganz unwilllürlich in den Wagen zurück. Die friſchen blühenden Wangen wurden weiß, die dunkeln Augen ſtierten den Reiter an, deſſen kalter ſtrenger Blick auf ihr ruhte. Er grüßte Aberney und Tage; dann war die Erſcheinung verſchwunden. „Canitz!“ murmelte Tage und ſah Schulbfried an. Weg war jeder Schimmer von Freude. Der Dämon der Eiferſucht flüſterte ihm augenblicklich einen Rath ein welchen Herz und Vernunſt in einer ruhigeren Stunde verworfen haben würden. Wenn man eiferſüchtig iſt oder vom Neid be⸗ hertſcht wird, iſt man weder gut noch verſtändig. Tage ſagte: „Man ſieht die Gräfin 2. nie ohne daß Canitz bei ihr wäre. Er gedenkt ganz ſicherlich die reiche Dame zu heirathen. Es wäre eine glänzende Ver⸗ bindung.“ Schuldfried wurde noch bläſſer. „Sie iſt recht ſchön,“ fuhr Tage fort.„Haſt u die Dame in der Kaleſche beachtet?“ fragte er Schuldfried. „Nein,“ lautete die einſilbige Antwort. Aberney bemerkte ſowohl Schuldfrieds veränder⸗ tes Ausſehen als auch Tages Abſicht ſie zu quälen. Mit dem gleichgiltigſten Ton von der Welt fiel er ein: „Ich glaube daß Du Dich gänzlich täuſcheſt, 64 wenn Du meinſt daß Canitz ſich verheirathen wolle. Die Sache berührt uns übrigens nicht im Mindeſten. Liegt nicht etwas eigenthümlich Wechſelreiches in der Natur hier?“ fragte der Profeſſor Schuldfried.„Dort vornen am Roſenthal iſt Alles ſo freundlich und voll von Blumen; hier dagegen eine mit Bäumen be⸗ deckte und mauerartige Bergſtrecke die dieſen Weg vom übrigen Thiergarten trennt.“ Schuldfried kehrte ihr bleiches Geſicht gegen Aberney und beantwortete ſeine Frage mit einem gänzlich zerſtreuten Ton. Sie wurde inzwiſchen ge⸗ zwungen den Faden des Geſpräches wieder aufzu⸗ nehmen. Das that ſie auch mit dem feinen Tact welcher den guten Ton auszeichnet. Ihr herzliches Lachen erſcholl zwar nicht mehr, auch wurden ihre Züge von keinem ſtrahlenden Lächeln erheitert; die Sonne der Freude hatte ſich in einen Schleier von Wehmuth gehüllt der ihre Strahlen nicht hervor⸗ brechen ließ; aber es lag dennoch Licht und heller Tag darüber. Ihre freie, offene und wahre Künſt⸗ lerſeele die nur im Schönen lebte, ließ ſich nicht ein⸗ mal durch Schmerz und Kummer verdüſtern, ſondern verlieh auch ihnen Etwas von dem Roſenſchimmer der Alles umgab wobei ſie weilte. Tage dagegen, ein Kind der Wirklichkeit, mit den alltäglichen kleinen Schwachheiten des Menſchen, obſchon mit mehreren guten Eigenſchaften begabt, hatte den höchſt gewöhnlichen Fehler daß er, wenn er übler Laune wurde, den Ausdruck derſelben auf ſeinem Geſichte ſich wiederſpiegeln ließ. Er ſaß alſo jezt ganz verdrießlich und ſtill da, ohne ſich mit 65 ———— einem einzigen Wort bei der Unterhaltung zu be⸗ theiligen. So endete die erſte Ausfahrt. Am Abend, als Schuldfried nach Hauſe kam und ihre Verwandten ſie verlaſſen hatten, trat ihre franzöſiſche Dienerin mit einem Bouquet von Myrten und Hrangenblü⸗ then bei ihr ein. „So eben brachte dieß ein Bedienter mit dem Bemerken, ich ſolle es ſogleich zu Madame herein⸗ tragen,“ ſagte ſie. Schuldfried warf einen gleichgiltigen Blick auf das ſeltſame Bouquet und ſagte: „Stelle es unter die andern die ich im Laufe des Tages erhalten habe.“ Mamſell Anaiſe ging an eine große Blumenvaſe die vor dem mittlern Salonfenſter ſtand, und wollte es unter eine Maſſe prachtvoller und koſtbarer Bou⸗ quete ſtellen womit man der Sängerin ſchon am korgen aufgewartet hatte. „Madame hat heute über zwanzig Bouquets pr⸗ halten,“ ſagte Anaiſe,„aber dieſes iſt das einzige bei welchem ſich kein Billet befand. Gewiß hat ein Engländer es geſchickt; denn ſonſt ſchickt wahyrlich kein vernünftiger und kluger Menſch bloß Myrten und Orangenblüthen. Ueberdieß iſt es von einem breiten ſchwarzen Band umwunden. Selbſt das Papier das es umſchließt iſt ſchwarz.“ „Laß michs ſehen,“ ſagte Schuldfried, die, ob⸗ hon von andern Gedanken in Anſpruch genommen, gleichwohl ein eigenthümliches Intereſſe an dem ſon⸗ derbaren Geſchenke empfand. Sie betrachtete es Schwartz, Schuld und Unſchuld. II. 5 66 aufmerkſam. Ein fein gepreßtes ſchwarzes Seiden⸗ papier umſchloß es und ein ſchwarzes Band ver⸗ flocht die Myrtenzweige und die ſchneeweißen Drange⸗ blüthen. Sollte ein Sinn in dieſem Geſchenke liegen, ſo konnte es nur Kummer und Liebe bedeuten. „Wenn es von ihm wäre!“ dachte Schuldfried. „Welcher Andere würde.. Narrheit! Anaiſe, ſtelle es unter die andern.“ Schuldfried wollte das Zim⸗ mer verlaſſen, aber Anaiſe hielt ſie auf mit der Frage: „Wird Madame dieſe vielen Billete nicht leſen die heute angekommen ſind?“ „Nein, verbrenne ſie!“ Am folgenden Tag war die Probe von Robert. Sowohl die lyriſchen als die dramatiſchen Künſtler des Theaters waren auch jezt alle verſammelt um Madame Dorbino in nähesn Augenſchein zu nehmen und wo möglich eine Maſſe Fehler an ihr zu ent⸗ decken. Ueberdieß wollte man eine Stimme hören die ſelbſt das engliſche Blut zu erwärmen vermochte, ſo daß ſogar die Britten ſich hinreißen ließen. Der ſchwediſchen Bühne ſchönſter Schmuck, Fräulein H., befand ſich ebenfalls da, und erklärte mit ihrem be⸗ zaubernden Lächeln, Madame Dorbino ſei ſo ſchön daß Jedermann ſich von ihr verdunkelt fühle. In einer andern Gruppe ſpendete man der ausgezeichneten Sängerin enthuſiaſtiſche Lobſprüche, und in einer dritten hatte man keine Mühe geſpart um etwas recht Infames über ſie aufbringen zu können. Eine vierte Gruppe wiederholte alles Gute und Böſe was ſie gehört hatte ohne ein ſelbſtſtändiges Urtheil zu fällen. Dieſe gehörten zu denjenigen die gerne wie⸗ 4 67 derkäuen was Andere ſagen, ſelbſt aber zu ängſtlich ſind um eine eigene Ueberzeugung auszuſprechen. In dieſer kleinen Welt, genannt Theater, finden wir ganz dieſelben Elemente wie im gewöhnlichen Leben, und ich wage zu behaupten daß ſie in der Beurtheilung Anderer weder beſſer noch ſchlechter iſt, als die ſogenannte große Welt. Einige Minuten vor der Probe kam Schuldfried, aber dießmal in Begleitung des Profeſſors Aberney, der ſie am Arm führte. Aberney gehörte zu denjenigen Männern in der Hauptſtadt die Jedermann kennt, und deren Name auch von den Ungelehrten mit Achtung genannt wird. Auch am Theater kannte ihn Jedermann. Er hatte ſich als beliebter Componiſt bekannt gemacht, ſtand ſomit bei den lyriſchen Künſtlern in großem Anſehen, und auch ſein Auftreten mit Schulbfried erregte ein gewiſſes Aufſehen. Die Vorwizigen zogen daraus ſogleich neue Schlüſſe. Während die Ouvertüre ge⸗ ſpielt wurde, hatte man den ganzen Zuſammenhang erfahren. Der Profeſſor Aberney war nichts Ge⸗ ringeres als einer ihrer Männer; möglicher Weiſe der Componiſt der ſich erſchoſſen haben ſollte. Nach der Probe hatte man die Geſchichte fertig. Aberney führte Schuldfried zu ſich nach Hauſe. Auf dem Guſtav⸗Adolphs⸗Markt begegnete ihnen Tage⸗ Er ſah jezt heiterer aus als am vorhergehenden Abend. Als ſie vor der Hausflur des Profeſſors ſtan⸗ den und dieſer die Hand ausſtreckte um zu klingeln, ſagte Schuldfried: 1 ihres Neffen iſt?“ 68 „Weiß Tante Sara daß Schuldfried das Kind „Nein.“ Jezt klingelte es. Die Thüre wurde geöff⸗ net, und im nächſten Augenblick ſtand Schuldfried vor Sara, die bei dieſem Anblick beinahe in Ohnmacht fiel. Darauf folgten Ausrufungen, Erklärungen, Thränen, Umarmungen u. ſ. w. Als Alles das gehörig be⸗ ſorgt war und als Tante Sara ihre Haube in Ord⸗ nung gebracht und die Schürze geglättet hatte, ſezte man ſich zu Tiſche. Sara hatte das Schreckliche daran daß die Tochter ihres lieben Enoch, ihr Lieb⸗ ling Schuldfried, Sängerin ſei, gänzlich vergeſſen, ſo froh hatte das Wiederſehen ſie gemacht. Aberney, Schuldfried und Tage thaten das Ihrige um die frohe Stimmung zu erhalten. Die Zeit eilt raſch dahin wenn die Freude als Gaſt in unſerer Seele wohnt. Um ſieben Uhr mußte Schuldfried ihre Freunde verlaſſen. Bei dieſem Aufbruch erinnerte ſich Sara der traurigen Seite von Schuldfrieds Lebensſtellung. Einige ſcharfe Worte glitten über die Lippen der Alten, aber Aberney unterbrach ſie ſogleich. Als Tage hörte daß Schuldfried der Gräfin Rein⸗ ſtein verſprochen hatte den Abend bei ihr zuzubringen, weil dieſe Madame Dorbino zu Ehren Gäſte ge⸗ laden, gerieth er in ſchlechte Laune und fügte den Aeußerungen Saras etwas recht Bitteres hinzu. Schuldfried beantwortete Saras Ausfälle nicht, aber zu Tage ſagte ſie ernſt: „Tage, hüte Dich vor Ungerechtigkeiten gegen eine Freundin; ſie werden früher oder ſpäter der Tod der Freundſchaft.“ — 69 Aberney war der einzige der Schuldfrieb keine Vorwürfe machte. Er war und blieb ſich gleich. Auch an dieſem Tage ſchieden Tage und Schuldfried in unangenehmer Stimmung von einander. Als Schuldfried heimfuhr, nahm Tage ſeinen Hut um auszugehen und in der friſchen Luft ſein aufge⸗ regtes Inneres zu beruhigen. „Du biſt ja auf heute Abend auch zur Gräfin geladen, gehſt Du nicht hin?“ fragte der Proſeſſor. „Ich glaube nicht daß ich mich den ganzen Abend dort langweilen werde,“ antwortete Tage; „gehſt Du hin?“ „Das iſt klar; da Schuldfried unter dieſer ganzen Adelselique auſtreten ſoll, ſo muß ſie ihren Onkel an ihrer Seite haben.“ Tage antwortete Nichts, ſondern verließ das Zimmer. „Sie muß das Theaterleben verlaſſen,“ dachte er indem er nach Norrbrück ging,„oder ich thue was nicht recht iſt. O wie innig, wie wahnſinnig liebe ich ſie nicht! Wie treu hat ſich mein Herz mit dieſer Liebe verkettet! Sie ſchuldet mir eine Belohnung dafür, ſo wie für Alles was ich um ihretwillen ge⸗ litten habe, und ſie darf nicht am Theater bleiben.“ Tage vergaß, als er ſeine Treue pries, gänzlich daß er es nicht ſo genau damit genommen hatte. Tante Sara dachte, als ſie in ihr Zimmer ging: „Schuldfried muß vom Theater weg. Enochs Tochter darf keine Schauſpielerin bleiben, und müßte ich Himmel und Erde in Bewegung ſezen um ſie wegzubringen.“ 70 Aberney machte ſeine Toilette. Er dachte, wäh⸗ rend er ſein Halstuch knüpfte: „Schuldfried darf nicht am Theater bleiben; ſie darf ihr Leben nicht umgeben von wahnſinnigen Bewunderern dahinbringen deren Schmeicheleien ſie früher oder ſpäter verderben würden; und eben ſo wenig darf ſie einem infamen Neid preisgegeben bleiben der ihren Ruf beſudeln würde. Sie muß die Bühne verlaſſen, aber freiwillig und nicht in Folge von Ueberredung.“ Während Schuldfried ihre Toilette zum Beſuch bei der Gräfin Reinſtein machte, dachte ſie: „Künſtlerin oder Weib? Welches von beiden, das Theater oder der Himmel, mein zukünftiges Schickſal ſein mag, wird ſich vielleicht ſchon heute Abend entſcheiden. Natalie hat mir geſagt daß er komme.“ Sie heftete eine dunkelrothe Blume als Bruſt⸗ roſe an das ſchwarze Kleid das in reichen Falten um ſie herabfiel. Dem Haar fehlte aller Schmuck. Man konnte ſagen daß Schuldfried die größte Ein⸗ fachheit in ihrer Kleidung entwickelte. Sie war ſchön, ſo ſchön daß ſie im Voraus ihres Sieges gewiß ſein konnte wenn ſie die Abſicht hatte einzu⸗ nehmen. Ueber dem friſchen Colorit der Wangen lag jedoch an dieſem Abend ein durchſichtiger Schnee⸗ duft. Es war halb neun Uhr als Schuldfried die Treppe hinab in den Vorſaal der Gräfin trat. Sie hätte beinahe einen Ruf des Erſtaunens ausgeſtoßen, als ſie dort Aberney fand, der auf Jemand wartete. „Onkel!“ rief ſie;„Du hier!“ „Ich bin von der Gräfin auf Madame Dorbino eingeladen,“ ſagte er lächelnd,„und ich habe mich eingefunden um an Deinem Arm die ausgezeichnete Sängerin einzuführen die nicht ohne ihren natürlichen Beſchüzer erſcheinen darf.“ Schuldfried lächelte ihm ſo dankbar entgegen, indem ſie ſeinen Arm ergriff. Die Gräfin Reinſtein, mit welcher wir bereits Bekanntſchaft gemacht haben, war eine jener Frauen die man mit Recht gefährlich und unwiderſtehlich nennt. Man kann nicht ſagen worin ihre Macht liegt, aber man kann ihnen eben ſo wenig entfliehen. Sie war durchaus nicht ſchön, ja ſie konnte bei näherer Betrachtung kaum hübſch genannt werden, und dennoch pries man ſie überall wegen ihrer An⸗ ziehungskraft. Ihre Züge waren unregelmäßig, und nur die blizenden geiſtreichen Augen erklärten wie man ſie die ſchöne Gräfin Reinſtein nennen konnte. Dieſe Augen waren keineswegs von einer unge⸗ wöhnlichen Farbe oder Form. Sie waren mehr klein als groß, aber ſie hatten einen Ausdruck der magiſch feſſelte, ſo daß man ſie nie vergeſſen konnte, daß man nie müde wurde hineinzuſchauen und ſich zulezt von ihnen bezaubern ließ. Man vergaß darüber die Klumpnaſe und die unſchöne Form des Mundes. Das Haar war ungewöhnlich üppig und von einem hellen Caſtanienbraun, das mitunter ins Roth ſchillerte, wenn man es in einem gewiſſen Lichte ſah, ſo daß es mit einem leichten Goldſtaub überſäet ſchien; dabei war es gekräuſelt und ſah wie 72 eine leichte Wolke aus. Die Gräfin war hoch ge⸗ wachſen und geſchmeidig, lebhaft, ſtolz und unbe⸗ ſonnen, veränderlich und herrſchſüchtig, muthwillig, cokett. Stets wechſelnd, immer neu, nie dieſelbe. In einem Augenblick ſanft wie ein Täubchen, im andern heftig und eigenſinnig wie eine Tyrannin. Heute konnte ſie ſchwärmen und ſich romantiſchen Träumen hingeben, morgen ſpottete ſie über die Schwärmerei und huldigte der Thorheit. Sie ent⸗ wickelte eine unerhörte Beharrlichkeit wenn es ſich um eine Eroberung handelte, ob es ihr nun um die Huldigung eines Mannes oder eines Weibes zu thun war, die ihr auch gewöhnlich zu Theil wurde; aber in demſelben Augenblick wo ſie den Widerſtrebenden beſiegt, hatte ſie ſelbſt alles Intereſſe für die mit großér Mühe gewonnene Perſönlichkeit verloren. Mit Schuldfrieds äußerer Erſcheinung hatte ſie die ſchon weiter oben ausgeführte Aehnlichkeit. Man ſah nie die eine ohne an die andere zu denken. Leb⸗ haftigkeit und Anmuth der Bewegungen hatten beide gemeinſchaftlich, eben ſo auch die unverſtellte Auf⸗ richtigkeit und überraſchende Naivetät womit ſie den Leuten die Wahrheit ſagten. Bei Schuldfried war dieß eine Folge der Ecziehung und Natur; bei der Grä⸗ fin Natalie war es Studium. Sie beſaß zu viel Genie um nach den gewöhnlichen Regeln cokett zu ſein. Sie legte es ganz und gar nicht darauf an mit bloßen Schultern, einem feſtgeſchnürten Leib, ſchmachtenden Blicken, bezaubernden Mienen oder dem modernſten Kleiderſchmuck zu verführen. Nein, Natalie gebrauchte weder Schminke noch Ausfüllungs⸗ 73 mittel, weder Juwelen noch Blumen um ihre Reize zu erhöhen: ſie hatte ganz andere Mittel gewählt. „Mögen die Einfältigen ſich an ſolchen Plunder halten, der es doch nicht verhindern kann daß ſie langweilig ſind und alt werden,“ dachte Natalie. Sie beſchloß originell zu ſein, und zwar auf eine Art daß ſie die geſuchteſte von allen geſuchten Damen wurde. Sie wußte ſchon als junges Mädchen, als ſie zum erſten Mal ins Geſellſchaftsleben hinaustrat, daß ſie keine eigentliche Schönheit beſaß. Von ihren Eltern hatte ſie ein hübſches, aber keineswegs be⸗ deutendes Vermögen. Es genügte nicht um ihr Bewunderer oder Freier zu verſchaffen, obſchon es für ihre Bedürfniſſe und Launen vollkommen genügte. Ihr erſtes Jahr im Geſellſchaftsleben gebrauchte ſie dazu die Damen zu ſtudiren die in der Mode waren und ſich ſelbſt im Hintergrund zu halten. Im zweiten Jahr ging ſie nach Paris, blieb dort zwei Jahre und heirathete dann den Grafen Reinſtein. Der Graf war kränklich und unternahm ſeiner Ge⸗ ſundheit wegen eine Reiſe nach Italien und Egypten; auf dieſer Fahrt machten wir zum erſten Mal die— Vekanntſchaft Nataliens, die aus dem Land der Schwarzkunſt und Myſtik als reiche Wittwe zurück⸗ kehrte. Der Graf hatte ihr ſein ganzes Vermögen vermacht. Sie war jezt zwei Jahre lang das Meteor geweſen um welches die Elegans des Tages ſich ſammelten; der Stern der von keinem andern ver⸗ dunkelt wurde, der Gegenſtand auf welchen der Neid mit unterdrücktem Verdruß blickte. Reich, unabhängig und leidenſchaftlich darauf er⸗ picht mit einer ausgezeichneten Umgebung zu glänzen, 74 machte Natalie ihr Haus zu einem Sammelplaz für Genie, Kunſt und Wiſſenſchaft. In ihrem Salon von einer Anbeterſchaar umgeben, hatte ſie gleich⸗ wohl nie erfahren was Liebe war und eben ſo wenig was Neid heißen wollte. Sie liebte es die ſchönſten Frauen und gefährlichſten Nebenbuhlerinnen um die Mocht auf welche ſie. ſo hohen Werth legte in ihrer Nähe zu ſehen, weil ihr Triumph, wenn ſie ſich den⸗ noch als Königin der Anmuth behaupten konnte, nur um ſo größer war. Was wahrhaft Gutes oder Böſes an ihr war läßt ſich nicht leicht beſtimmen; jezt glich ſie einer reizenden künſtlichen Blume die Alles, ſogar den Duft, von der Natur entlehnt hatte, aber gleichwohl das Weſentlichſte— das Leben— nicht beſaß. Das heißt, ihr Herz war noch zu keinem anderen Intereſſe erwacht als für die Triumphe die ihre Eitelkeit erntete. Ihr Leben glich einem ſchäumenden Trank; aber ſie hatte ganz und gar keine Ahnung von der Art des Bodenſazes auf dem Pocal. Es gab nichts Ausgezeichnetes in der Welt der Kunſt, Literatur, Muſik oder Wiſſenſchaft was die reizende Wittwe nicht in ihre Geſellſchaft zu ziehen ſuchte. Sie ſezte einen Ehrgeiz darein den Adel des Genies über den Geburtsadel zu ſtellen und ſie erlaubte ſich die ſchärfſten Ausfälle über die ver⸗ moderten Ahnen und zerlumpten Fahnen des lezteren. Am obengenannten Abend befand ſich eine größere Geſellſchaft in ihren Salons; die Mehrzahl gehörte der Adelsclaſſe an, ſonſt aber waren einige beliebte Künſtler, Gelehrte, Denker und geniale oder dafür geltende Schriftſteller da. Man ſah einen 75 Berzelius im Geſpräch mit dem Grafen Woyna, den finniſchen Künſtler Ekman in Unterhaltung mit der ſchönen Gräfin F., der atheiſtiſche A. ſprach mit dem Profeſſor F. über Theologie. Der franzöſiſche Geſandte politiſirte mit dem Grafen C. u. ſ. w. Mitten in dieſer bunten Schaar ſaß die Gräfin. Sie hatte ſich cokett in einen Sopha zurückgeworfen und ſprach mit einem jungen Mann der ſich auf die Rücklehne deſſelben ſtüzte. Im Kreiſe dieſer mit Seide, Spizen und Edelſteinen prunkenden Damen war ſie ſelbſt die einfachſte. Sie trug ein hellblaues Kleid von einem dünnen Zeug. Ihr Haarpuz wich gänzlich von dem gewöhnlichen ab und war ein Mittelding von männlicher und weiblicher Coiffüre. Schuldfried war noch nicht ſichtbar geworden. „Ich verſichere Sie, Baron,“ ſagte Natalie,„daß ich Ihnen allen eine große Ueberraſchung und mir ſelbſt einen Triumph zu bereiten gedenke. Verſuchen Sie zu errathen welchen Gaſt ich erwarte. Es war wirklich nöthig daß ich ſelbſt mich an Ihrem Staunen zu weiden wünſchte, um mich zu veranlaſſen daß ich Ihnen das Verſprechen abnahm zu kommen.“ „Sie ſind gar zu gütig, Gräfin, auf meine geringe Perſon ein ſo großes Gewicht zu legen,“ antwortete der junge Mann mit einem Lächeln das zugleich kalt und ironiſch war. „Sie täuſchen ſich, Baron Canitz, wenn Sie glauben daß ich ein Intereſſe für Sie habe. Nein, ganz und gar nicht, ich will nur mich ſelbſt zer⸗ ſtreuen, indem ich Sie überführe daß Sie eine Un⸗ wahrheit geſprochen haben.“ „Erlauben Sie mir daran zu zweifeln daß dieſe Freude Ihnen zu Theil werde. Ich ſpreche nie eine Unwahrheit.“ „Nie? dann weiß ich mehr als Sie. Apropos, wie lange gedenken Sie mir noch den Hof zu machen? Geſtehen Sie daß Sie damit Ihrem Ziele nicht näher gekommen ſind.“ „Das geſtehe ich, auch werde ich von nun an in meiner Zudringlichkeit nicht fortfahren. Ich werde mich ſogar, gnädige Gräfin, nicht öfter bei Ihnen einfinden als wenn Sie mich rufen.“ „Wirklich? Sie ſagten gleichwohl einmal daß...“ Natalie ſah ihn ſchalkhaft an. „Daß ich Ihr Ritter bleiben würde bis Sie mir ſagten was ich zu wiſſen wünſche.“ „Ganz richtig.— Sie verzichten alſo darauf mich ausforſchen zu wollen?“ „Ja.“ „Wie ſoll ich das verſtehen? Sie gehören nicht zu denjenigen die den Schwierigkeiten den Rücken kehren. Sollten Sie zufällig...“ „Wiſſen wo die Perſon ſich befindet um deren⸗ willen ich Sie gequält habe, Frau Gräfin?“ Lothar ſah ſie mit einem kalten Blicke an.„Wiſſen Sie wo ſie ſich aufhält?“ fügte er hinzu. „Ja, das weiß ich.“ Natalie ſah genirt aus. „In dieſem Fall“— Lothar lächelte—„gratulire ich mir noch mehr zu wiſſen als Sie ſelbſt. Ich fürchte ſehr, Gräfin, daß Sie ſich den Spaß ge⸗ macht haben mit einem Wiſſen zu prangen das Sie nicht hatten.“ „Laſſen wir das, ich bitte; für jezt bin ich viel zu ungeduldig um mich mit etwas Anderem zu be⸗ ſchäftigen als daß ich Sie aus der Rolle fallen ſehe die Sie ſpielen, und in Bezug auf welche ich mich wenigſtens nicht täuſchen laſſe.“ „Täuſchen? Was meinen Sie?“ „Daß Ihre Gleichgiltigkeit nicht wirklich iſt, ſondern bloß eine Coketterie mit welcher Sie Auf⸗ ſehen machen wollen.“ Canitz verbeugte ſich. „Wenn es ſich ſo verhält, ſo müſſen Sie zugeben daß ich ein Verdienſt habe, nämlich niemals aus meiner Rolle zu fallen.“ „O ja, das haben Sie.“ „Ich biete Ihnen Troz ob Sie dieſe Behaup⸗ tung beweiſen können.“ „Soll ich es thun?“ „Ich werde Ihnen verbunden ſein, Gräfin.“ „Nun wohl, ſo erinnern Sie ſich wie ich Ihnen beim erſten Auftreten der Madame Dorbino im Theatergang begegnete. Wie aufgeregt und verſtört ſahen Sie nicht da aus! Sie waren ſo aus dem Gleichgewicht gebracht daß Sie beinahe vergaßen mich zu grüßen.“ „Ja, ich erinnere mich deſſen wirklich,“ antwor⸗ tete Lothar mit unveränderter Ruhe;„aber das war eine Folge der ſtarken Wärme. Ich war unwohl.“ „Madame Dorbino und Profeſſor Aberney,“ erſcholl es von der Thüre her. Lothar fuhr buchſtäblich zuſammen. Die Gräfin vergaß auf ihn Acht zu geben, ſo überraſcht war ſie Schuldfried am Arme des Profeſſors zu ſehen. Sie hatte von ihrer Verwandtſchaft oder Freundſchaft nichts gewußt. Sie hatte Aberney auf Madame 78 Dorbino eingeladen um ihm das Vergnügen ihrer Bekanntſchaft zu bereiten. „Immer artig gegen die Ausgezeichneten,“ ſagte die Gräfin zu dem Profeſſor, als er ſie begrüßte. „Dießmal, Frau Gräfin, war es nicht Artigkeit, ſondern ich erfüllte eine Pflicht— Madame Dorbino iſt eine Verwandte von mir.“ Beim Namen der Sängerin hatten ſich Aller Augen auf die Eintretenden gerichtet und es war eine merk⸗ liche Senſation entſtänden. Erſt als die Gräfin mit einigen verbindlichen Worten ihre angenehme Ueber⸗ raſchung über Schuldfrieds Verwandtſchaft mit einem Manne wie Aberney ausgedrückt hatte, erinnerte ſie ſich Lothars, und es fiel ihr ein daß ſie nicht beobachtet hatte welchen Eindruck Schuldfrieds Auftreten auf ihn hervorbrachte. Sie wandte ſich haſtig um; aber ſiehe da, der Baron war verſchwunden; ihre Augen ſuchten ihn vergebens. Sie konnte ihn nicht im Salon entdecken. In einigen Augenblicken war Schuldfried von Leuten umgeben die ſie wegen ihres Auftretens im Freiſchüz becomplimentirten. Man drängte ſich um die ausgezeichnete Sängerin, um ihr ſeine Hul⸗ digung darzubringen und ſich in der Nähe zu über⸗ zeugen daß ſie außer dem Theater eben ſo ſchön, eben ſo einnehmend, eben ſo bezaubernd war wie auf demſelben. Zum erſten Male ſah Natalie ſich von ihren Anbetern verlaſſen. Sie hatten ſich be⸗ eilt ihr Rauchopfer zu den Füßen der Neuangekom⸗ menen niederzulegen. Natalie war indeß für den Augenblick von andern Gedanken in Anſpruch genommen als von ihrer 79 Gefallſucht. Sie kannte diejenigen die ihren Triumph⸗ wagen zogen zu gut, als daß ſie nicht gewußt hätte daß ſie bloß mitten in den Kreis zu treten, und einen ihrer tollſten Einfälle oder einen ihrer geiſt⸗ reichen Scherze loszulaſſen brauchte, um ſie ſogleich wieder unter ihre Fahne zu ſammeln. Während man Schuldfried mit Schmeicheleien, den Profeſſor mit Fragen beſtürmte, ging die Gräfin in die zwei anſtoßenden Salons, fand jedoch keinen Canitz. Endlich kam ſie in ein kleines Cabinet wo ſie ihn am Fenſter ſtehen ſah. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt. Sie eilte auf ihn zu und ſagte: „Ei wie, Herr Baron, erſchreckt der Name Dor⸗ bino Sie ſo daß Sie entfliehen?“ Lothar wandte ſich um. Natalie meinte zu be⸗ merken daß er bleicher als gewöhnlich und daß der kalte, ſtolze Ausdruck verſchwunden ſei. Auf ſeinem Geſichte ruhte ein Zug von Schwermuth, von bit⸗ terem Schmerz, der bei Natalie, dieſem Kinde der Thorheit, wunderbar anklang. Dieſer Mann der immer eine ſo kalte Höflichkeit gezeigt, der beſonders gegen ſie eine gewiſſe ſarcaſtiſche Ironie angenom⸗. men, in deſſen Blick ſie niemals einen Schimmer von Wärme zu entdecken vermochte, der ſie mit ſeiner Unnahbarkeit gereizt und gequält, den ſie für einen eiskalten Egoiſten angeſehen hatte: er beſaß alſo ein Herz das Kummer und Schmerz erfahren konnte. Es fand ſich alſo Wärme hinter der kal⸗ ten Maske. Natalie meinte ihn nie ſo einnehmend gefunden zu haben. Dieſes Geſicht, das jezt von ſeinem ſpöt⸗ 80 tiſchen Lächeln oder ſeinem ſtrengen Ernſt befreit war, kam ihr ſchön vor. Sie dachte: „Wie würde dieſer Blick nicht glühen können, wenn ſein Herz von Liebe erfüllt wäre!“ Canitz, der den Eindruck den ſeine kummervolle Miene auf Natalie machte nicht ahnte und nicht ein⸗ mal daran dachte, antwortete mit einem wehmüthigen Lächeln: „Gräfin, mich erſchreckt Nichts, aber ich liebe es zuweilen mir ſelbſt Geſellſchaft zu leiſten.“ „Mit welchem Ton Sie das ſagen!“ Die Gräfin Natalie vergaß das Scherzen. Lothar fuhr mit der Hand über ſeine Stirne und nahm dann ſeine gewöhnliche Stimme, ſein kaltes Ausſehen wieder an. „Was in meinem Ton ſezt Sie in Verwunde⸗ rung? Denken Sie jedenfalls nicht ſo übel von mir als ob ich die Einſamkeit ſuchte um mich wie ein ſeufzender Werther meinem Stöhnen zu überlaſſen. Nein, ich kann Sie verſichern daß dieß nur geſchieht weil ich des Gewimmels um mich her müde bin.— Aber Sie verſprachen mir eine Ueberraſchung: ich bin noch von Nichts überraſcht worden was ich ge⸗ hört oder geſehen habe.“ „Nicht? Sie hörten doch wer angemeldet wurde?“ Die Gräfin ſchaute ihn an. Nach einigen Minuten war eine vollſtändige Revolution in ihr vorgegangen. Unbegreifliches Räth⸗ ſel, genannt Menſchenherz! Es iſt höchſt wahrſchein⸗ lich daß Natalie ihr ganzes Leben lang mit Canitz hätte umgehen können, ohne für ihn ein anderes Intereſſe zu empfinden als für jede Perſon die ihr — 81 eine angenehme Unterhaltung oder auch Verdruß bereitete. Bisher hatte ſie an Lothar nur gedacht wenn ſie ihn ſah, dazwiſchen hinein aber vergeſſen daß er vorhanden war. Jezt hatte dieſe eherne Figur Etwas hervorſchimmern laſſen was wie Gefühl ausſah. Es fand ſich alſo ein Herz in dieſer Bruſt vor. Warum ſollte ſie es nicht zu feſſeln vermögen? Aus der Marmorſäule gegen welche ſie ihren aus⸗ gelaſſenen Wiz ſpielen ließ war Etwas geworden was ſie kennen zu lernen wünſchte, was erforſchen zu können ihr ſehnlichſtes Verlangen erregte. Lothar hatte in dem reizenden Weibe einen Feind ſeiner Ruhe bekommen. Jezt war es für ihn zu ſpät die WMaske der Gleichgiltigkeit aufzuſezen. Sie hatte einmal entdeckt daß es eine Maske war, und ſie mußte dieſelbe um jeden Preis wegſchaffen; aber kehren wir zum Geſpräch zurück. „Von wem ſprachen Sie, Gräfin?“ ſagte Lothar mit einer ſo natürlich geſpielten Unwiſſenheit daß die Gräfin ſich davon täuſchen ließ. „Ei, mein Herr, ich weiß wahrhaftig nicht was ich von Ihrer Zerſtreutheit denken ſoll.“ „Was Sie wollen, Gräfin, nur erklären Sie mir warum ich aus meiner Rolle gefallen ſein ſoll.“ „Nun wohl, Madame Dorbino iſt hier.“ „Ich rechnete darauf ſie heute Abend bei Ihnen zu treffen.“ „So— 0, geben Sie mir jezt Ihren Arm, ſo will ich Sie vorſtellen und dabei meine Beobach⸗ tungen machen.“ „Mich vorſtellen!“ Lothar konnte mit der ganzen Kraft ſeines Willens nicht verhindern daß das Blut Schwartz, Schuld und Unſchuld. IMI. 6 82 ihm nach dem Kopfe ſtrömte. Er wußte daß der Blick der Gräfin auf ihn gerichtet war, und er hätte viel dafür gegeben dieſen Augenblick ſein Blut eben ſo in der Gewalt zu haben wie ſeine Muskeln. „Ich glaube mein Vorſchlag regt Sie auf? Sie kennen doch Madame Dorbino nicht?“ „Nein, Gräfin, ich kenne die Sängerin Madame Dorbino nicht,“ antwortete Lothar kalt. „Ihren Arm.“ Die Gräfin nahm Lothars Arm. Während der kurzen Wanderung durch die kleineren Solons ſuchte Lothar jede Bewegung zu bezwingen. Er ſcherzte mit der Gräfin. Der ſchärfſte Beobachter hätte in dieſem ſtolzen und kalten Geſicht keine Spur von Aufregung bemerken können. Als er endlich neben Schuldfrieds Stuhl ſtand, ſah er aus wie ein Stück Granit. Die junge Dame war in einem leb⸗ haften Geſpräch mit Madame St. begriffen und hatte ihren Kopf von der Seite abgewandt woher Lothar und Natalie kamen. „Erlaube, beſte Frida,“ ſagte die Gräfin zu ⸗„daß ich Dir den Baron Canitz vor⸗ telle.“ Bei Nataliens erſten Worten hatte Schuldfried ſich umgewandt. Vor ihr ſtand Lothar bleich, kalt und ſtolz. Er ſpielte ſeine Rolle unübertrefflich; die ausgezeichnete Theaterdame aber die wegen ihres hinreißenden Spiels ſo wie wegen ihres Geſangs mit Bravorufen, Blumenſträußen und Lorbeerkränzen überſchüttet worden, wechſelte ihre Farbe ſo heſtig und ſah, als ſie des Barons höfliche, beinahe ehr⸗ furchtsvolle Verbeugung erwiederte, ſo aufgeregt aus daß es Jebermann in die Augen fiel. Sie machte 83 die Behauptung zu Schanden daß eine Schau⸗ ſpielerin durch das Einſtudiren fremder Charactere ihre eigenen Gefühle und die Fähigkeit tiefe und ernſte Eindrücke zu empfangen verliere. Die Gräfin dachte: „Frida kennt ihn, aber, mein Gott, ſie ſpielt ihre Rolle ſchlecht, ſie kann ihre Aufregung nicht bemän⸗ teln. Aber das bedeutet nichts, ſie iſt auch jezt ſchön. O wie dieſer Mann mich aufbringt! Seht welche Ruhe, und doch möchte ich mein Leben daran wagen daß auch er ſie kennt; ich ſah es als ich den Vorſchlag machte ihn vorzuſtellen. Ich muß das Geheimniß erforſchen.“ Natalie verließ Schuldfried. Lothar nahm auf dem leeren Stuhl zu ihrer Rechten Plaz. Ein junger Herr hatte ihn verlaſſen als der Baron vorge⸗ ſtellt wurde. Es war Schuldfried unmöglich ein Wort über ihre Lippen zu bringen, obſchon ſie wußte daß alle Blicke auf ſie gerichtet waren. Lothar da⸗ gegen war ſich vollkommen klar daß keine Aufmerk⸗ ſamkeit auf dieſem Zuſammentreffen haftete; er ſagte daher mit ruhiger Stimme, obſchon mit einem Ton⸗ fall der Etwas unnatürlich klang: „Wie gefällt es Ihnen in Schweden? Sie be⸗ ſuchen es doch zum erſten Male? Es muß alſo den Reiz der Neuheit haben.“ Lothars Blick ruhte klar und glänzend auf dem ſchönen Weibe. So lange ihr Geſicht noch ein Ge⸗ präge von innerer Bewegung verrieth, fuhr Lothar fort von dem ſchwediſchen Volke, ſeiner Bildung und dergleichen zu ſprechen. Ein einziges Mal hatie ſie es gewagt die Augen zu ihm außzuſchlagen, ſie aber 6* 84 ſogleich wieder geſentt. Nachbem er noch eine Weile von gleichgiltigen Gegenſtänden geſprochen, ſtand er auf, und nach einigen achtungsvollen Aeußerungen, welche ſo geſagt waren daß die Umſtehenden ſie hören konnten, entfernte er ſich. Eine Stunde darauf ſtüſterte Schuldfried zu Aberney; „Lieber Onkel, führe mich weg, ich halte es nicht mehr aus!“ „Und ich zweifle nicht länger,“ dachte der Pro⸗ feſſor,„ich weiß jezt Alles. Arme Kinder, es ſcheint aus den Gräbern eurer verbrecheriſchen Eltern kein Glück aufblühen zu wollen.“ Als Schuldfried nach Hauſe kam, reichte ihr Anaiſe wieder ein Bouquet von Myrten und Hrange⸗ blüthen, umflochten von einem ſchwarzen Band und mit ſchwarzem Papier umgeben. Schuldfried ſtellte es nicht unter die andern Blu⸗ men. Warum? Sie wußte es ſelbſt nicht, aber das eigenthümliche Geſchenk intereſſirte ſie. In Robert trat Schuldfried zum zweiten Mal als Alice auf. Auch jezt ſtrahlte ihr ein dunkles Augenpaar aus den Ochſenaugen der erſten Reihe entgegen; auch dießmal blieben ſ eine Hände unbe⸗ weglich, und obſchon das ganze übervolle Haus von Bravogeſchrei und Applauſen erſcholl, obſchon die ganze Bühne von Blumen überſchüttet wurde, ſo blieb doch er, für welchen ſie eigentlich ſang, kalt. Was bekümmerte ſich Schuldfried um den Beifall aller Andern? Ein einziger Blick, ein einziges Zeichen Ww 85⁵ des Wohlgefallens von ſeiner Seite wäre ihr mehr geweſen als die Bewunderung der ganzen Welt. Als ſie aus dem Theater heimfuhr, war ſie bis in ihr Herz betrübt. Das einzige Mal wo das Schickſal ſie zuſammengeführt, hatte er nicht mit einem Worte angedeutet daß er ſich Schuldfrieds erinnerte. War dieß nicht die ſtärkſte Beſtätigung deſſen was er durch ſein Benehmen in Neapel zu verſtehen gegeben hatte? Schuldfried war unglücklich und eine ſchwere Laſt von Mißmuth und Verzweif⸗ lung legte ſich auf ihr Gemüth. An dieſem Abend wurde ihr kein Strauß von Myrten und Hrangeblüthen gereicht, ſondern ein aus Cypreſſen und Lorbeeren eochreht Kranz. Kum⸗ mer und Ehre. Am Morgen nach ihrem Auftreten in Robert kamen Beſuche die nicht angenommen, Billete die nicht geleſen wurden, Blumenſträuße welche Anaiſe zur Hand nahm. Nach der Einladung bei Natalie waren mehrere ähnliche an die ſchöne Sängerin ergangen die mit der Gräfin und dem berühmten Profeſſor Aberney verwandt war. Sie war alſo von guter Familie, was ihre Actien in der kleinlichen Stadt Stockholm bedeutend ſteigen machte. Bei uns Schweden geiten Familienverbindungen ungeheuer viel. Genug, Schuldfried wurde aufgeſucht, geprieſen, und man that Alles um ſie zu verwöhnen, beſonders da ſelbſt der Neid gegen ihre Lebensweiſe Nichts einzuwenden wußte. Zwar circulirte eine Maſſe von Gerüchten daß ſie verheirathet geweſen ſei, daß ſie ſelbſt eine Maſſe Abenteuer überſtanden habe u. ſ. w., aber da Profeſſor Aberney als ihr natürlicher Beſchüzer 86 und naher Verwandter auftrat, ſo wurden derlei Sachen nur ganz leiſe geflüſtert. Die Damen meinten es liege in der Art wie Schuldfried ſang eine beinahe anſtößige Wärme. Ja, dieſe Hingebung, dieſe Gluth, dieſe Inſpiration habe wahrlich etwas Leichtfertiges, Unweibliches und Un⸗ paſſendes u. ſ. w.; aber nachdem man ſich in Lon⸗ don und Paris davon hatte einnehmen laſſen, ſo mußte man wohl Nachſicht mit Etwas haben was man nicht verſtand. Ueberdieß lag in Schuldfrieds Vortrag ein ſolches Gepräge von Wahrheit daß ſelbſt der Tadel verſtummen mußte. Eine Woche verging. Schuldfried hatte alle Ein⸗ ladungen abgelehnt und alle ihre freien Stunden dem Umgang mit Aberney oder Natalie gewidmet, Tage wurde zuſehends mehr hingeriſſen und wich der Gräfin aus. Noch war er in Schuldfrieds Gegenwart nicht mit ihr zuſammengetroffen. Aber je deutlicher ſeine Neigung zu Schuldfried ans Licht trat, um ſo mehr zog ſie ſich zurück, was Tages Gefühle ſteigerte ſtatt ſie abzukühlen. Er wurde zu⸗ weilen bitter und erlaubte ſich dann ſehr ſcharfe Ausfälle über Schuldfrieds Berufswahl. Dabei ver⸗ hielt Schuldfried ſich ruhig. Sie diente ihm zuweilen mit einigen Bemerkungen; manchmal aber gab ſie auch gar keine Antwort. Auch Tante Sara wariete ihr mit langen Predigten über das Sündhafte ihres Lebens auf. Geſchah es dann daß die Alte und Schuldfried allein waren, ſo wurden die Predigten mit Bitten daß ſie doch den Weg des Verderbens verlaſſen möchte begleitet. Oft lag in Tante Saras einfachen wenn auch vorurtheilsvollen Worten ein ſolches Gepräge von herz⸗ 87 licher Ueberzeugung, daß Schuldfried ſie anhörte ohne ſich beleidigt zu fühlen oder ſie mit ihrer vor⸗ nehmen Miene oder ihrem beſtimmten Ton zu unter⸗ brechen; Tante Sara ſah jedoch ſehr bald ein daß ſie mit all ihrem Gerede Nichts ausrichtete. Es mußte ein anderes Mittel angewandt werden. Was blieb noch zu thun? Ja, der Scandal mußte heraus. Schuldfried mußte erfahren was die Leute von ihr ſagten; ſie mußte aus dem Wahne daß ſie Achtung genieße geriſſen werden. Wenn vornehme Leute ſie einluden, ſo bewies das ganz und gar nicht daß verſtändige Leute ſie achteten. Tante Sara hatte überdieß die vollkommene Ueberzeugung daß es keinen Rauch ohne Feuer gebe; folglich mußte Schuldfried auf irgend eine Art zu all dieſem Geſchwaze Anlaß gegeben haben. Tante Sara hatte noch in friſcher Erinnerung daß Schuldfried ſchon als junges Mäd⸗ chen ſich zu ſehr freien Ideen bekannt hatte. Sie war ja mit dem jungen Manne ſpazieren gegangen von welchem Sara noch nicht beſtimmt wußte ob er Canitz oder ein Anderer war. Dieſe Spaziergänge waren nach Saras Dafürhalten deutliche Beweiſe. von einer leichtſinnigen Natur. Deßhalb wollte Sara bei der erſten paſſenden Gelegenheit der Toch⸗ ter Enochs ernſtlich die Augen öffnen. Es war ihre Pflicht die Verirrte zu retten. Sonderbar genug verhielt ſich Aberney ganz neutral. Tante Sara konnte unmöglich einen größern Widerwillen gegen Schuldfrieds Stellung als Sänge⸗ rin haben ais er. Seine Gründe zu dieſer Abnei⸗ gung waren indeß ganz anderer Art als die ihrigen⸗ Er erblickte darin durchaus nicht einen Weg zum 88⁸ Verderben, ſondern eine Bahn auf welcher Schuld⸗ fried früher oder ſpäter von zwei Unannehmlichkeiten betroffen werden mußte: erſtens als Opfer von Cabalen zu fallen die zum Zwecke hätten ihren Namen in den Koth zu ziehen. Daſſelbe Gerücht das ſie auf raſchen Flügeln zu einer bekannten Künſt⸗ lerin gemacht hatte, würde mit Begierde den erſten Scandal ergreifen der auf eine pikante Art einen Schatten auf dieſelbe Perſon wärfe die man ſoeben geprieſen. Aberney kannte die Welt und wußte daß die Zeitungen in ihrem Hunger nach Neuigkeiten gerne Alles beſprechen was intereſſiren kann und ſich ſomit ſehr häufig zu Herolden des Scandals machen. Er wußte auch daß alle Oeffentlichkeit gefährlich iſt, zumal für eine Dame deren Ehre ſo leicht ange⸗ griffen werden kann. Zweitens konnte Aberney die dramatiſche Künſtlerſchaft unmöglich verſtehen oder recht beurtheilen. Er erblickte darin Verſtellung und Unwahrheit, nicht aber jene innere Hingebung, jene Fähigkeit ſich in das hineinzuverſezen was das Gefühl anregt. Er konnte nicht begreifen daß es in unſerer Seele eine Eigenſchaft gibt welche dem Echo gleicht und eine Antwort gibt auf dasjenige was 5 der Sänger gedacht oder geträumt und der Com⸗ poniſt geſchaffen hat. Der wahre dramatiſche Künſtler gleicht einem Inſtrument. Sein Inneres beſizt eine Ant⸗ wort auf das Schöne und Häßliche, das Großartige und Kleinliche, das Lächerliche und Erhabene was der Autor gedacht hat. Er hat nicht die Fähigkeit erhalten dieſe Bilder zu zeichnen die aus den Schach⸗ ten der Phantaſie hervorkommen, aber er weiß ſie . 89 aufzufaſſen und ihnen Leben zu geben. Alles das konnte der gelehrte Mann nicht begreifen. Er fand daß die dramatiſche Kunſt nur eine mühſam einſtu⸗ dirte Verſtellungskunſt, nur ein bis zur Virtuoſität getriebenes Talent ſei, Gedanken, Gefühle und Cha⸗ ractere zu lügen welche der darſtellenden Perſon gänzlich fremd bleiben. Wenn es ſich ſo verhielte, ſo müßte auch daraus folgen daß alles Wahre und Edle unter dem Bemühen mit Talent zu lügen er⸗ ſtickt würde. Hätte Schuldfried nur geſungen, hätte ſie zwar mit Wärme und Lebendigkeit geſungen, aber keinen dramatiſchen Vortrag gehabt, ſo wäre die Gefahr weniger groß geweſen. So aber mußten dieſe Ab⸗ götterei des Augenblicks, dieſe Beifallsſtürme, dieſer ephemere Glanz der Berühmtheit früher oder ſpäter einmal ihr Gemüth in jenen gefährlichen Taumel verſezen der leicht in Selbſtvergötterung übergeht. Nein, ſie mußte allen dieſen Gefahren entriſſen wer⸗ den. Und gleichwohl blieb Aberney paſſiv. Er ver⸗ doppelte bloß ſeine Zärtlichkeit und Sorgſamkeit, um ihr Wohl. Er verlezte ſie nie mit Angriffen. Er wußte daß die erſte Bedingung, um einen Menſchen zur Befolgung der Rathſchläge zu bringen die man von ihm befolgt ſehen möchte, darin beſteht daß man ſich ſein Vertrauen erwirbt und ihn durch einen höhern Grad von Ergebenheit beherrſcht. Tage dagegen hatte nach Schuldfrieds viertem Auftreten ebenfalls beſchloſſen durch eine Erklärung einen entſcheidenden Schlag in der Sache zu thun. Folglich ſtand ſowohl von Tante Sara als von Tage ein Sturm bevor. Aberney ſeiner Seits be⸗ 90 mühte ſich durch die Macht des Einfluſſes zum Ziele zu gelangen. Schuldfried hatte, während All das ſich vorbe⸗ reitete, Niemand als ihre Verwandten beſucht. Natolie umfaßte ſie mit einer enthuſiaſtiſchen Bewunderung welche das Gepräge wahrer Hingebung annahm. s ſchien offenbar daß ſie Schuldfrieds Vertrauen gewinnen wollte. Tägtich war Natalie bei ihr und Schuldfried mußte, troz aller ihrer Einwendungen, der bezaubernden Gräfin auf ihren Spaziergängen nach Haga und Karlberg Geſellſchaft leiſten. Bei allen ſolchen Gelegenheiten trafen ſie mit Lothar zuſammen, der ihnen gewöhnlich zu Pferd irgendwo begegnete, ſodann eine Weile neben dem Wagen herritt und ſich mit der Gräfin unterhielt, nachdem er Schuldfried achtungsvoll, aber kalt begrüßt hatte. ei dieſen kurzen Beſprechungen geſchah es zuweilen daß Schuldfried ſich mit dem einen oder andern Wort hineinmiſchte, aber im Allgemeinen vermied ſie es in Lothars Gegenwart zu ſprechen. Eines Tages, als ſie Lothar im Thiergarten be⸗ gegneten, rief Natalie ihm entgegen: „Wahrhaftig, beſter Baron, ſieht es nicht aus als ob Sie noch immer den Aufenthalt einer gewiſſen Perſon zu ermitteln ſuchten? So hartnäckig lauern Sie mir auf.“ „Gräfin, ich betheure daß nur der Zufall mich in Ihren Weg führt,“ antwortete Lothar. „Ich glaube Ihnen nicht. Sie täuſchten mich 6 als Sie ſagten daß Sie die Geſuchte gefunden ätten.“ „Ich hatte ſie gefunden, aber jezt wieder ver⸗ 91 loren,“ ſagte Lothar mit Bedeutung. Seine und Schuldfrieds Augen begegneten ſich. „Das heißt, Sie haben die Spur verloren,“ ſcherzte Natalie,„und Sie hoffen ſie durch mich wieder zu finden.“ „Gräfin! Ich hoffte ſo lange daß ich es nicht noch einmal zu thun wage.“ Lothars Augen ruhten auf Schuldfried, deren Herz ihre Bruſt zerſprengen wollte. „Nun, warum verfolgen Sie mich dann?“ fragte Natalie lächelnd. „Ich mache es wie der Stahl, der zum Magnet hingezogen wird; ich gehorche, meinem Willen und der Vernunft zum Troz, der Anziehungskraft.“ „Sie ſind göttlich. Auf dieſe Art kommen Sie am Ende noch dazu mir gegen Ihren Willen eine Liebeserklärung zu machen,“ ſcherzte Natalie. „Gräfin! Ich komme nie dazu eine Liebeserklä⸗ rung zu machen. Ich werde nie zu einem Weib die Worte ſagen: Ich liebe Dich.“ Wiederum be⸗ gegneten ſich Lothars und Schuldfrieds Augen. In dieſem Moment wandte ſich Natalie gegen Lothar und fing den auf Schuldfried gerichteten Blick auf.. „Aha,“ dachte ſie mit einem gewiſſen Verdruß. „Ich glaube die Worte ſind an mich gerichtet, aber auf Frida gemünzt.“ Ohne Etwas von ihrem minder angenehmen Ge⸗ fühl merken zu laſſen, ſagte ſie zu Schuldfried ge⸗ wendet: „Was ſagſt Du dazu? Der Baron war ſeit zwei Jahren der eifrigſte von Allen die mir ihre Huldi⸗ gungen ſchenkten. Bei Promenaden, Spazierfahrten, Soupers, Concerten, Soireen und Theatern, überali — 92 hat er mir ſeine Aufwartung gemacht und bei allen Gelegenheiten ſein ganzes Talent aufgeboten um liebenswürdig zu ſein.“ „Bitte um Verzeihung, gnädige Gräfin, Sie ver⸗ leumden mich. Ich habe nie etwas ſo Unmögliches verſucht wie liebenswürdig zu ſein.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Baron, ſonſt könnte es mir einfallen Mabame Dorbino die ganze Ge⸗ ſchichte zu erzählen.“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich, Sie werden mich nicht verrathen,“ ſagte Lothar. „Werde ich nicht?“ ſagte Natalie trozig. „Nein.“ „Da Sie mir Troz bieten, ſo werde ich ſogleich beweiſen daß ich thue was mir gefällt. Weißt Du warum der Baron mir ſeine Aufwartung machte?“ fuhr Natalie gegen Schuldfried gewendet fort.„Aus dem einfachen Grunde weil er von mir erfahren wollte„„ „Gnade, Frau Gräfin, fahren Sie nicht fort, ich bitte um Alles,“ fuhr Lothar mit ſolcher Lebhaftig⸗ keit fort daß ſein ganzes Ausſehen ſich veränderte. „Er will nicht daß ſie ſein Intereſſe für Fräu⸗ lein Smith erfahren ſolle,“ dachte Natalie,„und eben darum ſoll ſie es wiſſen.“ Laut ſagte ſie:„Ich gebe keine Gnade, und darum ſoll Frida erfahren daß Sie mich in der Hoffnung verfolgt haben den Aufenthalt eines gewiſſen Fräuleins Smith zu er⸗ fahren.“ „Fräulein Smith!“ wiederholte Schuldfried und drückte ihr Taſchentuch auf ihr glühendes Geſicht. Lothat ritt ſchweigend neben dem Wagen her ohne einen Blick hineinzuwerfen. Die Gräfin fuhr fort: „Und ich habe beſchloſſen daß ihm durch mich ſein Wunſch nicht befriedigt werden ſoll.“ „Ihr Beſchluß kommt daher daß Sie den Aufent⸗ halt des Fräuleins ſelbſt nicht kennen,“ fiel Lothar ein, nahm ſeinen Hut ab, verbeugte ſich und ſprengte davon. Seit dem Abend wo Schuldfried und Lothar bei Natalie zum erſten Male zuſammentrafen, war dieſe von einer heftigen Laune für ihn erfaßt wor⸗ den. Noch war es nichts Anderes. Was daraus werden konnte, war noch unſicher. Ihre gewöhn⸗ lichen Bewunderer erſchienen ihr fad, ihre tägliche Geſellſchaft dumm und langweilig, die einzige Per⸗ ſon außer Lothar von der ſie ſich angezogen fühlte war Schuldfried. Dieſes Intereſſe war in der ge⸗ genwärtigen Periode ein wirkliches, wenn auch die Beweggründe egoiſtiſch waren. Sie fand Vergni⸗ gen an Schuldfrieds lebhafter und geiſtreicher Un⸗ terhaltung, und ſie hatte viel an ihr zu ſtudiren und von ihr zu lernen. Natalie wußte daß ſie in Bezug auf Anmuth, auf die unwiderſtehliche Gabe zu bezaubern, weit hinter der Sängerin ſtand. Dieſe Eigenſchaften die bei Schuldftied Natur waren, konnte und mußte Natalie durch Studium erwerben. Am Tag nach der Spazierfahrt im Thiergarten, wo Lothar und Natalie die für Schuldfried beden tungsvollen Worte gewechſelt hatten, befano ſich lez⸗ 94 tere in ihrem Cabinet. Auf ihrem ganzen Weſen ruhte heute ein Gepräge von Hoffnung und Freude. Die Gräfin trat bei Schuldfried ein, und nach⸗ dem ſie über allerlei gleichgiltige Dinge geſprochen, ſagte ſie ganz plözlich: „Wann und wo biſt Du mit Canitz zuſammen⸗ getroffen?“ „Beſte Natalie, warum beſtehſt Du hartnäckig auf der Behauptung daß wir mit einander zuſam⸗ mengetroffen ſeien?“ antwortete Schuldfried aus⸗ weichend. Aus dem Ton konnte Natalie erſehen daß ſie mißvergnügt war. „Ich beſtehe ganz und gar nicht darauf, ſondern mache bloß eine Frage. Sie ſcheint Dir zu miß⸗ fallen?“ „Ja wirklich.“ „Nun wohl, dann will ich ſie nicht wiederholen.— „Sie kennt ihn,“ dachte Natalie verdrießlich.„Sie gibt immer ausweichende Antworten, wenn ich in dieſer Beziehung Etwas wiſſen möchte.“ „Meine eigentliche Abſicht,“ fuhr die Gräfin fort, „war Dir Vorwürfe zu machen daß Du mir einen meiner wärmſten und treueſten Anbeter geraubt haſt; der wenigen an deren Ergebenheit ich beinahe aubte.“ „Und wer iſt das?“ fragte Schuldfried lächelnd. „Ich bin mir nicht bewußt daß ich einen Anbeter gefangen hätte, und kann alſo auch Dir keinen ge⸗ raubt haben.“ „Und Lieutenant Aberney?“ „Ah, Tage.— Schulbfried lachte.—„Hat — „ Kranz von Cypreſſen und Lorbeern, ſtatt der Myrten⸗ 95 er ſich in Dich verliebt, ſo magſt Du ihn immerhin behalten. Er und ich ſind ja bloß Jugendfreunde.“ „Ganz ſchön und gut; aber ſeit Deiner Ankunft dahier hat er mich nicht mehr beſucht, obſchon ich ihn eingeladen habe, und überdieß iſt er mir ſicht⸗ lich ausgewichen. Geſtehe daß er in die Jugend⸗ freundin verliebt iſt.“ „Das verhüte Gott,“ ſagte Schuldfried ganz an⸗ dächtig. „Sie fragt Nichts nach dem jungen Aberney,“ dachte Natalie;„ſie iſt ſicher in den Granitmenſchen verliebt.“ Natalie ſtüzte den Kopf auf ihre Hand und ſah bei dieſer Gelegenheit eine Blumenvaſe worin ein Strauß von Myrten und Pomeranzenblüthen ſtand. „Von wem haſt Du dieſes Bouquet da?“ fragte ſie und zog die Vaſe an ſich. „Ich weiß nicht, es iſt mir geſchickt worden,“ antwortete Schuldfried, wurde aber dabei roth, denn ſie dachte unwillkürlich an Lothar. Die Gräfin ſagte nichts, obſchon ſie den Far⸗ benwechſel ſehr wohl bemerkte. Sie betrachtete das Bouquet aufmerkſam, als wollte ſie es ausforſchen. Schuldfried war viermal aufgetreten. Jedesmal erntete ſie geſteigerten Beifall und der Enthuſias⸗ mus des Publicums nahm fortwährend zu. Immer fand ſie Lothar im Ochſenauge der erſten Reihe, und wenn ſie aus dem Theater heimkam, erhielt ſie einen 96 ſträuße womit ſie ſonſt jeden Tag regolirt wor⸗ den war. Am Tag vor Schuldfrieds fünftem Auftreten hatte die Gräfin ſie beharrlich erſucht auf den Ball zu kommen welchen ſie zum Abſchied von den Win⸗ tervergnügungen gab. Schuldfried wußte daß ſie dort wieder Lothar finden würde; ſie wünſchte dieß zwar nach der lezten Beſprechung ſehr; aber den⸗ noch zögerte ſie. Fürchtete ſie ihn zu treffen? Nein; aber ſie fürchtete die einzige Hoffnung die ſie noch beſaß vernichtet zu ſehen. Seine eiskalte Achtung war ihr eine Qual, ein bitteres Leiden. Endlich entſchloß ſie ſich jedoch den Wunſch der Gräfin zu erfüllen und auf dem Ball zu erſcheinen. Während ihrer Toilette hielt ſie in Gedankep folgenden Monolog: „Ich muß heute Abend eine Beſprechung mit ihm haben. Ich muß erfahren warum er Fräulein Smith ſuchte und dennoch Schuldfried ein Rendezvous ver⸗ weigerte. Ich will Klarheit darüber haben was er mit den Wörten meinte: Ich habe ſie gefunden und wieder verloren.“— Sie drückte ihre Hand gegen das Herz und betrachtete ihr wahrhaft ſchönes Bild in dem Spiegel, indem ſie in Gedanken fortfuhr: „O daß ich nur an dieſem einzigen Abend ſchön ſein tönnte, ſo ſchön, daß ich die Vergangenheit in ſeiner Seele zurückriefe!“ Schuldfried, die ſonſt eine gewiſſe Pracht in ihren Kleidern liebte, war dieſen Abend äußerſt einfach. Gonz weiß. Das Haar nur mit einigen Aehren und Kornb umen geſchmückt. Sie trug keine blizenden Juwelen, ſondern nur eine Garnitur von K ornblumen. Auch jezt war Profeſſor Aberney ihr Cavalier. Tage hatte, auf Schuldfrieds Aufforderung und um ihren Scherzen darüber zu entgehen daß er es nicht wage dem gefährlichen Anblick der Gräfin Troz zu bieten, beſchloſſen den Ball ebenfalls zu beſuchen, um Schuldfried zu zeigen daß Natalie ihm gleich⸗ giltig ſei. Schuldfried tanzte gern, denn ſie tanzte gut. Der Ball war ſchon weit vorangeſchritten als Lothar kam. Schuldfried entdeckte ihn während eines Wal⸗ zers mit Tage. Es war das erſte Mal daß Tage ſie im Wirbel des Tanzes ſchwang. Gott und Schuld⸗ fried allein wiſſen wie es möglich war daß er nicht, bei dem Schwindel der ihn ergriff, Alles verrieth was ſein Herz empfand. Gewiß iſt daß Schuldfrieds kalte Miene ihn beinahe erſchreckte und das Einzige war was ſeine Gefühle zügelte. Als der Walzer zu Ende war und Tage ſie aus dem Tanzſaal führen wollte, kamen ſie an Lothar vorbei. Er grüßte Schuldfried mit einer noch tälteren und höflicheren Verbeugung als gewöhnlich. Tage warf einen trium⸗ phirenden Blick auf Lothar, als hätte er damit ſagen wollen: Sie gehört mir, ſie iſt für Dich verloren. Tage hatte Anfangs gefürchtet daß Lothar durch eine Ertlärung über ſein Wegbleiben von dem Ren⸗ dezvous in Neapel ihn gänzlich ſtürzen und badurch auf einmal wieder ſeinen früheren Plaz in Schuld⸗ frieds Herzen gewinnen würde; aber da dieſe Er⸗ klärung noch nicht ſtattgefunden hatte, obſchon ſeit der erſten Begegnung Lotharz und Schulofrieds beinahe zwei Wochen verfloſſen waren, ſo hielt er es für ausgemacht daß Schuldfried ihr ausweiche. Schwartz, Schuld und Unſchulv. Il. 7 Ueberdieß flüſterte ihm ſeine Eigenliebe ſo manche thörichte Hoffnung zu, daß er auf den Grund der⸗ ſelben Schuldfrieds ſicher zu ſein glaubte. War es wohl denkbar daß jezt, nachdem ſie ihn, den Jugend⸗ freund, wieder gefunden, ihr Herz von der Treue abweichen konnte die ſie ihm ſchuldete? Rein! Um allen ungebührlichen Erklärungen zwiſchen ihr und Lo⸗ thar zuvorzukommen, beſchloß er ſchon am folgenden Tage mit einer ſolchen herauszurücken. Schuldfried ſollte über die Zukunft entſcheiden. Sie konnte nicht anders, ſie mußte ihm ihr Wort halten. Dieß waren die Gedanken welche Tage in ſeinem Hirn wälzte, während er neben Schuldfrieds Stuhl ſtand und von gleichgiltigen Dingen ſprach. „Herr Lieutenant, wie ſoll ich Ihre Aufführung in den lezten Zeiten erklären?“ ſagte eine ſcherzende Stlimme hinter ihm mit einem ſolchen Tone, daß man ſie für Schuldfrieds Stimme halten konnte. Tage erröthete und wandte ſich um. Vor ihm ſtand Natalie mit drohend erhobenen Fingern. Ihr Blick war auf den jungen Mann mit einem gewiſſen Aus⸗ druck gerichtet der ihn feſſelte. „Frau Gräfin, ich verſtehe Ihre Meinung nicht,“ antwortete Tage, der mit innerem Entſezen fühlte daß nicht einmal Schuldfrieds Anweſenheit ihn vor dem gefährlichen Einfluß der Gräfin ſichern konnte. „Nicht?“ Natalie hing ihr Köpfchen ſchief und lächelte auf eine ſo bezaubernde Weiſe daß es Tage ganz bang ums Herz wurde.„Ihren Arm, Lieu⸗ tenant Aberney, ſowill ich mich erklären.“ Damit entfernte ſich die Gräfin an Tages Arm, nachdem ſie Schuldfried mit den Worten zugenickt: 9 „Ich beraube dich auf einen Augenblick Deines Cavaliers.“ „Und ich, ich muß mit ihm ſprechen,“ dachte Schuldfried.„Koſte es was es wolle, das Eis muß gebrochen werden.“ Sie erhob ſich um Lothar ausfindig zu machen, ſezte ſich aber ſogleich wieder, denn er kam von der entgegengeſezten Seite auf ſie zu. „Sie befinden ſich doch recht wohl, Madame?“ ſagte er auf franzöſiſch und ſezte ſich neben Schuld⸗ fried, indem er einen raſchen, forſchenden Blick auf die Perſonen in ihrer Nähe warf. Schuldfried be⸗ antwortete die Frage, aber mit einer Stimme welcher die Ruhe gänzlich abging, wodurch die ſeinige ſich auszeichnete. „Sind Sie zu dieſer Polka engagirt?“ fragte er auf italieniſch, als er entdeckte daß man ihn und Schuldfried neugierig beobachtete. „Ja, ſowohl zu dieſer als zu allen übrigen,“ antwortete Schuldfried in derſelben Sprache. „Und Sie gedenken ſie zu tanzen?“ Lothar be⸗ trachtete Schuldfried. In ſeinem Blicke ſtand anze nicht! „Nein, ich will heute Abend nicht mehr tanzen.“ Schuldfried lächelte ganz ſchalkhaft. „Wirklich?“ Lothar blickte mit gleichgiltiger Miene an den Plafond empor.„Sie wollen ſich den Ein⸗ druck des lezten Walzers ungeſchwächt bewahren?“ „Das nicht; aber der Tanz macht mir keine Freude mehr.“ In Neapel pflegt man eine Dame für den gan⸗ zen Abend entweder zum Tanz oder zur Converſa⸗ 85 74 ob Dein Gefühl wirklich an mich gefeſſelt iſt, oder 100 tion oder auch zu beidem zu engagiren. Genug, ſie gehört über die Ballzeit dem Cavalier, und auf dieſe Art kann ein Ball auch ein wirkliches Intereſſe erhalten. „Sie haben geſagt daß Sie heute Abend nicht mehr zu tanzen gedenken; es iſt doch ſo?“ „Ganz gewiß, die Wärme iſt ſo drückend.“ 7 „Gut, in dieſem Fall nehme ich mir die Freiheit Sie zu einer Converſation während dieſer Polka einzuladen. Nehmen Sie den Vorſchlag an?“ „Gerne.“ „Wenn die Muſik anfängt, bin ich alſo wieder hier.“ Lothar ſtand auf und trat zu einer Dame die nicht weit davon ſaß. Er ließ ſich neben ihr nieder. Schuldfried verabſchiedete ihre Tänzer unter dem Vorwand daß es ihr zu warm ſei und ſie hei⸗ ſer zu werden fürchte. Lothar dachte, während er mit der Gräfin N. ſprach: „Sie hat meinen unausgeſprochenen Wunſch ver⸗ ſtanden. Sie beſizt alſo noch den Inſlinet des Her⸗ zens. Jezt, Schuldfried, gilt es zu ſehen ob Du die Proben beſtehſt denen Du Dich unterwerfen mußt; — — ob Du auch jezt Lothar für ihn aufopfern wirſt.— Ja, ich muß auf meiner Hut ſein, damit nicht meine Alles verſchlingende Schwäche wiederum meinen Ver⸗ ſtand beherrſcht und mich zu ihrem Sclaven macht. O Schuldfried, Schuldfried! Wenn Du mir meinen Glauben an Dich wieder geben könnteſt, ſo würde ich alle Qualen vergeſſen die Du meinem Herzen bereitet haſt.— Hoffe indeſſen nie daß ich derjenige ſein werde dör zuerſt von Liebe ſpricht. Rein, das 101 Herz das Du einmal verſtoßen haſt, das mußt Du jezt nehmen, es kann Dir nicht mehr angeboten werden.“ Die erſten Tacte ertönten. Der Cavalier der Gräfin N. kam um ſie wegzuführen. Lothar ging um ſeinen Plaz bei Schuldfried einzunehmen⸗ „Wir Sterblichen können nie ohne Motiv han⸗ deln,“ begann Lothar mit etwas unſicherer Stimme, „und da dieß eine allgemein angenommene Regel iſt, Madame, ſo hat ein ſolches auch zu Grunde ge⸗ legen als ich Sie um dieſen Tanz erſuchte.“ „Ich habe es verſtanden,“ antwortete Schuld⸗ fried,„und wenn Sie nicht auf dieſe Art Gelegen⸗ heit zu einem Geſpräche zwiſchen uns verſchafft hät⸗ ten, ſo hätten Sie mich genöthigt es zu thun. Sie waren mir eine Erklärung ſchuldig.“ „Das iſt wahr.“ Lothar bemühte ſich die Be⸗ wegung zu bezwingen die ihn beherrſchen wollte. „Ich hätte dieſe Erklärung ſchon bei unſerm erſten Zuſammentreffen geben ſollen, aber...“ „Sie glaubten daß Schuldfried eine ſolche nicht verdiene?“ flüſterte die junge Dame. „Madame, wenn ich Schuldfried wieder gefunden hätte, ſo würde ich keine Minute mit einer Erklä⸗ rung gezögert haben welche nicht geben zu können zwei Jahre lang mein größter Schmerz war.“ Lothar fuhr mit der Hand über ſeine Stirne, heftete einen ſtrengen Blick auf Schuldfrieds glühen⸗ des Geſicht und ſprach alſo weiter: 3 „Eines Abends beſuche ich das Theater um eine berühmte Sängerin zu hören, ein Frauenzimmer das in der Welt umhergereist iſt um Beifall zu ernten, 102 um ſich applaudiren zu laſſen; mit einem Wort eine Schauſpielerin.— Madame, in ihr konnte ich unmöglich Schuldfried erkennen. Es widerſtrebte mir beinahe die Erklärung die auf meinem Herzen brannte gegen Madame Dorbino abzugeben.— Schuld⸗ fried konnte unmöglich die Wittwe des Componiſten Dorbino ſein.“ Lothar verſtummte. „Mag ſein,“ ſagte Schuldfried mit einem Tone, der vollkommen von der Bewegung frei war welche ſich einen Augenblick zuvor in ihrer Sprache wieder gefunden hatte,„mag ſein daß Sie, wie die meiſten Menſchen, nicht begreifen können oder wollen daß die Sängerin eine Künſtlerin iſt, ſondern daß Sie ſich von Ihrem Vorurtheil beherrſchen laſſen; aber auch in dieſem Fall hätte die Ritterlichkeit Sie be⸗ ſtimmen müſſen nicht zu vergeſſen was die Höflich⸗ keit fordert, zumal da es ſich um ein Frauenzimmer handelte.“ Schuldfried ſprach jezt mit der ungezwun⸗ genen Aufrichtigkeit die ſie als junges Mädchen aus⸗ gezeichnet hatte. „Fordern Sie Höflichkeit von mir, Madame?“ Ich verlange Etwas wozu jedes Frauenzimmer berechtigt iſt.“ „Auch das iſt unmöglich. Da ich in Madame Dorbino Diejenige wieder fand welche einſt Schuld⸗ fried geweſen, ſo konnte ſie kein Gegenſtand meiner Höflichkeit werden, ſondern eine Perſon der ich meine Achtung bezeigte.“ „Achtung?“ wiederholte Schuldfried lächelnd. „Bewieſen Sie Ihre Achtung dadurch daß Sie mit Stillſchweigen den Wunſch beantworteten den ich einſt an Sie ergehen ließ? Sie ſchickten nicht ein⸗ — 103 mal einige Worte leerer Höflichkeit als Entſchuldigung, ſondern ließen die Dame die Sie um eine Beſpre⸗ chung bat vergebens warten. Sie erklärten ihr da⸗ durch daß Sie ſich ihr gegenüber der Pflichten der Höflichkeit überhoben glaubten. Sie wußten indeß damals nicht daß Schuldfried eine Bahn betreten hatte welche Sie nicht billigen. Richt gegen Ma⸗ dame Dorbino zeigten Sie in Neapel Ihre Gering⸗ ſchäzung, ſondern gegen. „Das Weib das ich einſt anbetete,“ fiel Lothar mit aufgeregter Stimme ein.„Modame, möge Gott Sie davor bewahren das zu erfahren was ich em⸗ pfand als ich Ihren Brief zu ſpät erhielt.“ „Sie erhielten ihn alſo?“ „Ja, aber durch einen unglücklichen Umſtand den ich nicht näher erklären will, erhielt ich ihn erſt um ſieben Uhr deſſelben Abends wo Sie mich zu ſpre⸗ chen wünſchten. Ach! Sie hatten es mir ja unmög⸗ lich gemacht Sie wieder zu finden; konnten Sie einen Augenblick glauben daß ich nicht geeilt haben würde einem Rufe Schuldfrieds Folge zu leiſten?“ „Dank für dieſe Worte.“ Eine Thräne zilkerte in Schuldfrieds Wimpern und ſie lächelte mild. Eine Thräne in Schuldfrieds Augen! Lothar, Lothar, wie ſollte es jezt mit Deinen ſtolzen Vor⸗ ſäzen gehen? Warſt Du bereit dieſer Gefahr entge⸗ genzutreten? Ganz ſicher nicht! Lothar beugte ſich haſtig vor, als wollte er ihre Hand ergreifen, die Lippen öffneten ſich um Worte zu ſprechen die ganz anders lauteten als wie die kalte Vernunft ſie dic⸗ tirte; aber in dieſem Augenblick ſchwärmten die Tän⸗ zer in den Salon herein, und gleich darauf ſtand Natalie, auf Tages Arm geſtüzt, vor ihnen. „Ei wie, Herr Baron, Sie tanzen nicht?“ rief Natalie. „Ich warte auf den Walzer welchen Sie mir gütigſt zugeſagt haben,“ antwortete Lothar und er⸗ hob ſich. „Und inzwiſchen verhindern Sie Madame Dor⸗ bino am Tanzen?“ „Keineswegs; Madame wagt heute Abend nicht mehr zu tanzen, weil ſie heiſer zu werden fürchtet. Wir haben von Neapel geſprochen,“ fügte Lothar mit einem Blick auf Tage hinzu. „Ja, Sie hielten ſich gleichzeitig daſelbſt auf,“ fiel die Gräfin ein und fixirte Lothar.„Es war juſt damals als Frida einen der Offiziere der Fre⸗ gatte Carolina nach Ihnen fragte.“ „Gräſin, Sie ſind allzu gütig, Sie belieben zu ſchmeicheln,“ ſagte Lothar mit einer kalten Verbeu⸗ gung vor Natalie. „Ha, der Menſch macht mich noch raſend durch ſeins Unzugänglichkeit,“ dachte ſie. „Sie haben von Neapel geſprochen,“ dachte Tage und biß die Zähne zuſammen.—„Aber was thuts? Schuldfried wird in meinem Benehmen nur einen Beweis dafür ſehen wie wahnſinnig ich ſie liebe. Morgen muß das Loos geworfen werden.“ Etwas ſpäter kam Lothar auf Tage zu und ſagte: „Sie können ruhig ſein, ich habe Madame Dor⸗ bino nicht geſagt und werde ihr auch nie ſagen wer oder was mich verhindert hat Schuldfrieds Einla⸗ —— 105 dung Folge zu leiſten.“— Ohne Tages Antwort darauf abzuwarten, entfernte ſich Lothar von ihm. In den übrigen Stunden des Abends konnte Lothar keine Gelegenheit mehr erhalten mit Schuld⸗ fried ein Wort zu wechſeln, ſo ſehr war ſie umringt. Die Enthuſiaſtiſchſten beſtürmten Tage mit Lobſprüchen auf Madame Dorbino. Lothar hörte. ihn darauf ſagen daß er mit ihr verwandt ſei. Am folgenden Tag, als Tage beſchloſſen hatte daß ſein Schickſal entſchieden werden ſolle, hatte Schuldfried Morgens Probe und Abends mußte ſie ſpielen; folglich wurde der junge Herr nicht empfan⸗ gen und mußte alſo ſeinen Sturm auf einen andern Tag verſchieben; aber wer weiß was die Zukunft in ihrem Schooße birgt?. Am Abend war das rechte Ochſenauge leer. Die klaren, kalten, düſtern Augen blickten Schuldfried nicht entgegen. Als ſie nach dem Theater heim kam, überreichte ihr Anaiſe nicht wie gewöhnlich einen Kranz von Lorbeern und Cypreſſen. Schuldfried ver⸗ mißte ihn und war darüber bekümmert, wie auch dar⸗ über daß Lothar nicht im Theater geweſen. Wgr er krank? Oder was veranlaßte ihn zum Wegbleiben? Tage wurde auch am folgenden Tag verhindert Schuldfried zu beſuchen. Der Dienſt nöthigte ihn da zu bleiben wohin ſeine Pflicht ihn forderte. Schuld⸗ fried verbrachte ihren Tag bei Natalie, wie ſie ge⸗ wöhnlich that wenn ſie nicht bei Aberney war oder allein zu bleiben wünſchte. Natalie hatte einige ihrer vertrauteren Freunde zum Diner eingeladen. Unter ihnen war Lothar. 106 Man ſchwazte munter über Tiſch; Natalie war bezau⸗ bernd, Schuldfried heiter. Obſchon ſie Lothar von ganzer Seele liebte, ſo hatte ſie ſich gleichwohl niemals durch den Schmerz oder Kummer den ihre Liebe ihr verurſachte nieder⸗ drücken laſſen und ihr von Ratur lebensfriſches Ge⸗ müth ſtets vor einem liebeſiechen Winſeln zu bewah⸗ ren gewußt. Nein, ſie hatte ihre bitterſten Küm⸗ merniſſe, ihre ſchmerzlichſten Leiden mit einer Hülle von Zuverſichtlichkeit bedeckt, ſo daß ſie ſtets mit Glauben und Hoffnung der Zukunft entgegen ſah. Fand ſie daß ihre Hoffnungen ſie täuſchten, ſo beugte ſie demüthig ihr Haupt vor dem Mißgeſchick und richtete es dann wieder empor mit dem Gedanken: „Was ich hoffte und wünſchte war wohl nicht recht, und deßhalb wurde mir das Ziel verſagt das ich zu erreichen wünſchte; oder auch waren die Mit⸗ tel die ich anwandte unrichtig. Ich will von Neuem anfangen mit Glauben und Hoffnung zu arbeiten.“ Oft wenn Lothar Schuldfrieds ſtrahlende und lebhafte Augen, ihre lächelnden Lippen ſah und ihr geſundes Lachen hörte, bezweifelte er daß ihr Herz ein tieferes Gefühl bergen könne, oder daß es großer Freuden oder großer Schmerzen fähig ſei; aber er brauchte bloß in einer unbewachten Minute ihren Augen zu begegnen um auf andere Gedanken zu kommen. Dann lag ſo viel tiefes Gefühl und eine ſolche Wärme in dieſen Spiegeln der Seele, daß er im Hintergrund derſelben zu erkennen meinte wie das Herz voll von ſtarken und lebhaften Empfindun⸗ gen ſchlug. ————— 107 Aber nicht davon wollen wir ſprechen, ſondern von Natalie und ihren Gäſten. Man war von Tiſch aufgeſtanden und der Cafe wurde umhergeboten. Bei einem der Salonfenſter das offen ſtand ſaß Schuldfried, und vor ihr ſtanden einige Herren, worunter Lothar. Man ſprach von Muſik, von Componiſten. Einer der Herren äußerte gegen Lothar: „Sie waren geſtern Abend nicht im Theater, Herr Baron, um ſich von Madames Tönen hinreißen zu laſſen.“ „Nein, ich wagte es nicht mich dieſer Gefahr auszuſezen,“ antwortete Lothar mit einer eigenthüm⸗ lichen Betonung.„Ich hatte einen zu lebhaften Ein⸗ druck von dem lezten Mal bewahrt wo ich Madame hörte, um von Neuem dem Einfluß Troz bieten zu wollen welchen der Geſang ausübt.“ „Sagen Sie lieber,“ fiel Schuldfried lachend ein, „daß Sie ſich einer Qual entziehen wollten.“ „Einer Qual, Madame?“ fragten die Meiſten mit Verwunderung. „Allerdings; Baron Canitz iſt kein Freund der Muſik.“ „Wie? das klingt ſonderbar; der Baron bezucht beinahe alle Concerte und iſt bei jeder guten Oper im Theater zu finden.“ „Man läßt ſich zuweilen herbei der Mode ein Opfer zu bringen, nicht wahr, Herr Baron?“ Schuldfried wandte ſich direct an Lothar und heftete einen ſchalkhaften herausfordernden Blick auf ihn. Lothar, der ſtumm geworden war, ſah ſich jezt ge⸗ zwungen zu antworten. 108 „Madame, man widerſpricht einer Dame nie⸗ mals, und was mich betrifft, ſo könnte ich mich nie ſo weit vergeſſen.“ Noch eine Weile ging das Geſpräch in demſel⸗ ben Geiſte fort. Schuldfried ſcherzte und zwang Lo⸗ thar ſich heiterer als gewöhnlich bei der Unterhal⸗ tung zu betheiligen. Etwas ſpäter finden wir Schuldfried und Lothar allein am Fenſter, da die Andern ſich entfernt hat⸗ ten ohne daß Schuldfried oder Lothar es ſich erklä⸗ ren konnten. Aber die Urſache dürfte vielleicht darin geſucht werden daß Lothar beinahe ausſchließ⸗ lich den Faden des Geſprächs aufgenommen hatte, und zwar auf eine ſolche Art daß Schuldfried die einzige war die ſich dabei betheiligte. Als der lezte Herr ſich entfernte, ſagte Lothar mit ſeinem ironi⸗ ſchen Lächeln: „Ich habe ſie jezt Alle aus dem Felde geſchla⸗ gen.“ Er nahm ſeinen Plaz gegenüber Schuldfried ein und fügte hinzu:„Sie glauben alſo, Madame, daß ich die Muſik verabſcheue?“ „Wenigſtens diejenigen die ſie treiben,“ antwor⸗ tete Schuldfried. „Habe ich Etwas von dieſer Art ausgeſprochen?“ „Ganz gewiß; Sie ſagten es hier vor zwei Tagen.“ „Bitte um Verzeihung, ich ſagte bloß t Schuldfried nicht in Madame Dorbino erkennen vermochte.“ „Und darum wollten Sie geſtern die e nicht hören?“. „Ich habe ſie viermal gehört, und hätte ich ſie ———— 109 das fünfte Mal gehört, ſo liefe ich Gefahr Schuld⸗ fried zu vergeſſen.“ „Das war ſo eingewickelt daß ich den Sinn nicht verſtehe.“ Schuldfried ſah unerſchrocken in ſeine gefährlichen Augen. „Die Beifallsäußerungen die Modame Dorbinv umſtrömen entweihen das finniſche Mädchen; ſo kommt es mir vor.“ „Baron, Sie ſind⸗ vorurtheilsvoll wie ein Weib oder ein Kind. Laſſen Sie uns von dieſem Gegen⸗ ſtand abgehen.“ Der Ton womit Schuldfried dieß ſagte hatte etwas von der frühern übeln Laune, was Lothar gar zu lebhaft an das finniſche Mäd⸗ chen erinnerte. „Sie beſchuldigen mich vorurtheilsvoll zu ſein, aber Sie haben Unrecht, ich bin bloß meinen ein⸗ mal aufgeſtellten Principien getreu.“ „Es heißt kein Princip wenn Sie gegen eine gewiſſe Claſſe oder eine gewiſſe. Lebensbahn einen Widerwillen hegen, ſondern dieß nennt man reines Vorurtheil. Sie gehören vielleicht zu denjenigen welche dafür halten daß das Weib kein Recht beſize ſich der von der Natur ihr verliehenen Vorzüge zu bedienen, um ſich Unabhängigkeit zu verſchaffen. Nach Ihrer Anſicht iſt ſie möglicher Weiſe etwas ſo Untergeordnetes daß ſie ohne Leitung eines Mannes nicht einen einzigen Schritt thun darf.“ „Ganz und gar nicht; ich ſtelle die Frau ſo hoch daß ich ſie zu etwas Edlerem als zu einer Zer⸗ ſtreuung für die Menge geſchaffen glaube. Sie iſt den Männern an wirklichem Menſchenwerth über⸗ legen. Deßhalb iſt es eine Qual, wenn ſie ſich auf 110 einen ſolchen Plaz ſtellt daß Jeder ſie nach Be⸗ lieben tadeln, rühmen, erheben oder herabſezen zu dürfen glaubt. Die Frau, Madame, iſt die geheime Macht welche die Welt regiert; aber juſt wegen dieſer Heimlichkeit paßt ſie für keine Art von Oeffentlichkeit, denn dadurch wird der Zauber ge⸗ brochen und ihre Gewalt zerſtört. Es gibt keine große und edle Handlung, keine Staatsumwälzung, keine einflußreiche Weltbegebenheit die nicht ſeinen erſten Urſprung von einer Frau ableitete. Sie iſt. die Mutter der Tugenden und des Heldenmuths, und darum...“ „Soll ſie Nonne werden,“ fiel Schuldfried lachend ein. „Madame, ihre Aufgabe beſteht nicht darin daß ſie Lorbeeren für ihre eigene Eitelkeit, ſondern daß ſie Myrten in die Liebe flicht.“ „Von was ſprechen Sie?“ rief Natalie und kam zu ihnen. „Von Liebe und Ehre,“ antwortete Lothar.„Ich behaupte daß die Lorbeeren der Ehre für den Mann ſeien, die Myrtenkränze der Liebe aber für die Frau.“ „Das heißt, Herr Baron, Sie ſtellen den Saz ſo daß wir Frauen unſer Leben damit zubringen ſollen Euch Männer anzubeten, während ihr Euch mit allen Auszeichnungen ſchmücket welche die Ehre ſchenken, und mit allen Vortheilen welche das Leben gewähren kann. Ihr wollt geliebt werden ohne daß Ihr Euch die Mühe nehmt zu lieben.“ „Frau Gräfin, wir vergenden in unſerer erſten Liebe ſo viel Aufopferung und Vergötterung an 111 Euch Frauen, daß Ihr uns ſpäter niemals zurück⸗ ſchenken könnet was wir Euch damals gaben.“ „Sie glauben das; aber ich fürchte daß dieſe Selbſtaufopferung und Vergötterung nicht von der änderlich. Sie ſelbſt zum Beiſpiel, wie oft ſind Sie verliebt geweſen?“ „Ein einziges Mal.“ Lothars Blick flog zu Schuldfried hinüber. „Das heißt, eine einzige Liebe und viele Gegen⸗ ſtände.“ ² .„Mein Herz beſaß nur einen einzigen Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe.“ „Beſaß. Sie ſprechen von einer entſchwunde⸗ nen Zeit?“ „Das iſt wahr.“ „Aber Sie können wohl noch einmal dazu kom⸗ men zu lieben?“ „Geliebt zu werden, meinen Sie?“ ſagte Lothar und warf wieder einen Blick auf Schuldfried. zu laſſen.“ „Ganz richtig,“ fiel Lothar lächelnd ein; ich wünſche nichts ſehnlicher als recht herzlich geliebt zu werden.“ „Aber wenn Sie das wünſchen,“ bemerkte Schuld⸗ fried,„ſo müſſen Sie doch auch ſelbſt lieben.“ „Ja,“ fuhr Natalie fort,„Sie können doch nicht hoffen daß ein Frauenzimmer zu Ihnen herkommen ſagen ſoll: Baron Canitz, ich bin in Sie ver⸗ iebt.“ rechten Art iſt; dazu iſt ſie zu egoiſtiſch und ver⸗ „Gräfin, eben das iſt es ja was ich hoffe. „Das heißt, Sie haben beſchloſſen ſich lieben 5 112 Ehe man mir ſein Herz gibt, werde ich niemals ausſprechen was das meinige verbirgt; das habe ich mir ſelbſt gelobt.“ „Dann werden Sie das Geheimniß Ihres Her⸗ zens wohl bis zum Tode behalten müſſen,“ meinte Natalie. „Schwerlich wird wohl ein feinfühlendes Weib ſich ſo erniedrigen daß ſie Ihnen ihre Liebe erklärt ohne daß Sie es zuerſt gethan haben,“ ſagte Schuldfried. „Madame, ich glaube Sie ſagten ſich erniedri⸗ gen,“ fiel Lothar lebhaft ein;„worin liegt die Er⸗ niedrigung, wenn ich fragen darf?“ „Darin daß ſie ihre heiligſten Gefühle preisgibt und ſich der Demüthigung ausſezt ſich von dem Manne vor welchem ſie ſich verräth verſtoßen und mit Füßen getreten zu ſehen,“ antwortete Schuldfried ebenfalls lebheſt. „Wärum ſollte ſie verſtoßen und mit Füßen getreten werden? Iſt es bei der Frau tadelnswerther wenn ſie ein Herz beſizt als bei dem Mann? Sie ſagten mir eben, ich ſei vorurthöilspoll; erlauben Sie jezt daß ich die Anklage zurückwerfe. Es er⸗ ſcheint mir unnatürlich daß die Frau ſelaviſch den Augenblick abwarten ſoll, wo der Mann ihr erlaubt ihre Gefühle in Worte zu kleiden. Würde es nicht mit ihrer Menſchenwürde beſſer zuſammen ſtimmen, wenn ſie gleich dem Manne das freie Recht hätte ihr Herz zu verſchenken, ohne den Augenblick ab⸗ warten zu müſſen wo es ihm beliebt daſſelbe zu nehmen? Eine Frau ſieht leichter und ſicherer ob ihre Liebe erwiedert wird als der Mann. Sie läßt 113 ſich nicht durch eine Alles verſchlingende Eigenliebe bethören, ſondern ſie beurtheilt ihre Gefühle mit der raſchen und ſichern Auffaſſung die ihr angehört. Sie iſt alſo weniger leicht Mißgriffen unterworfen als der Mann, und ſie würde nicht Gefahr laufen ihre Hoffnung getäuſcht zu ſehen. So viel iſt ſicher,“ fuhr Lothar fort,„daß über meine Lippen nie die Worte gehen werden: Ich liebe, bevor ich dieſelben gegen mich ausſprechen hörte. Nie werde ich ſagen: Werde mein, bevor ſie geſagt hat: Ich gehöre Dir.— Einmal opferte ich mein Herz einem Weibe. Ich bot es ihr, ſie verſtieß es und jezt... „Jezt verlangen Sie daß diejenige welche Sie zunächſt mit Ihrer Aufmerkſamkeit beehren Ihnen ihr Herz zu Füßen legen ſoll?“ fragte Natalie. „Nein, ſie ſoll es mir ſchenken ohne daß ich darum bitte.“ „Unter ſolchen Bedingungen Bhalten Sie es ſicherlich nie,“ meinte Schuldfried. Natalie war gezwungen Schuldfried und Lothar zu verlaſſen. Sie mußte einen neuen Gaſt begrüßen. Lothar ſagté jezt mit vibrirendem Ton: „Sie glauben alſo daß ich nicht erhalten werde was ich wünſche? Und gleichwohl habe ich beſchloſſen daß ich ſie, wenn ich ſie auch zum Aeußerſten treiben muß, ſo daß ſie im Kampfe ermattet, end⸗ lich doch dahin bringen muß mir freiwillig ihr Herz zu ſchenken und mir zu ſagen daß ich ihr theuer ſei.“ „Aber wenn ſie das zuerſt von Ihnen hören wollte?“ Schwartz Schuld und Unſchuld. IM. 8 114 „Dann muß ihr Wille dem meinigen nachgeben.“ „Sie verlangen das Abgeſchmackte.“ „Bemerken Sie wohl, Madame, daß ich Nichts verlange; ich ſpreche bloß davon daß ich beſchloſſen habe die Sprache der Liebe niemals gegen eine andere Frau zu reden als diejenige die mir zuerſt bewieſen daß Sie mich liebt.“ „Ich fürchte daß Sie dann dieſe Sprache nie reden werden.“ Schuldfried erhob ſich von ihrem Plaze. Eine eigenthümliche Röthe des Verdruſſes bedeckte die Wongen der jungen Frau. „Ich theile dieſe Befürchtung nicht mit Ihnen. Das Schickſal ſchuldet mir den Erſaz daß es mir eine Frau in den Weg führt die heroiſch genug iſt um wahr zu ſein. Mein ganzes Leben will ich ihr opfern, wenn ſie mir eine Ergebenheit ge⸗ ſchenkt hat die zu verlangen ich niemals wagen würde.“ „Baron Canitz, Sie werden vergebens ein ſtolzes Weib ſuchen das ſein Herz auf dem Altar Ihrer Eigenliebe opfern wird. Eher läßt ſie es brechen.“ „Und in dieſem Fall das meinige mit. Sie wird dann der Henker ihres eigenen und meines Glückes.“ „Daß ſie Ihr Glück zerſtört hat kann ſie nicht wohl wiſſen, da Sie ihr nicht zu erkennen gaben daß ſie es in ihren Händen hatte.“ Lothar, der ſich ebenfalls erhoben hatte und vor Schuldfried ſtand, blickte ſie feſt an und ſagte: „Mabame, Sie werden wohl nicht behaupten 11⁵ daß die liebende Frau nicht ſehe und verſtehe ob ihr Gefühl erwiedert wird. Liebe bedarf keiner Worte; ſie ſpricht durch Handlungen.“ „In dieſem Fall braucht ſie ſich auch nicht zu erklären, ſondern kann es den Handlungen über⸗ laſſen.“ Schuldfried ging von Lothar weg. Er ſchaute ihr nach und murmelte vor ſich hin: „Schuldfried, Du kennſt Lothar, ſo wie er jezt iſt, ſchlecht— Du mußt ihm ſchlechterdings ſowohl durch Worte als durch Handlungen beweiſen daß ſeine Liebe das Opfer Deines Stolzes verdient.“ Am nächſten Morgen ſtellte ſich Tage bei Schulb⸗ fried ein. Sein Beſchluß hatte ſich in der lezten Zeit etwas modificirt. Er wünſchte ſeinen Einfluß auf Schuldfried dadurch zu erproben daß er ſie zu beſtimmen ſuchte die Bühne zu verlaſſen. Er glaubte, ſeine Liebe gebe ihm ein Recht dieſes Opfer zu fordern, und ehe dasſelbe gebracht war, wollte er nicht die Erfüllung eines Verſprechens verlangen ſ ſeiner Anſchauungsweiſe zu Folge, an ihn and. Dieß war der Mantel welchen Tage über eine andere Schwachheit ſeines aus ſo vielen widerſtrei⸗ tenden Elementen zuſammengeſezten Herzens warf. Sonſt war ein kleines Geheimniß da welches be⸗ wirkte daß er nicht ſeiner erſten Eingebung zu Folge plözlich mit ſeiner Bewerbung hervortrat, und dieſes Geheimniß hieß— Natalie. Tage liebte ſie nicht; in ſeiner Neigung gegen ſie lag nichts was mit dem tiefen ſtarken Gefühl verglichen werden konnte das ihn an Schuldfried feſſelte; aber deßungeachtet übte ſie einen ſtarken Einfluß auf ſein Gemüth und ſeine Einbildungskraft aus. Er hatte der Gräfin zwei Jahre lang eifrig den Hof gemacht, war neidiſch auf Alle geweſen die ſie mit ihrem Wohlwollen erfreute, und beſonders hatte er ſeine Eiferſucht auf Lothar gerichtet, der ſtets ihre Aufmerkſamkeit zu gewinnen wußte, wenn er in einer Geſellſchaft erſchien wo Natalie war. Tage hatte ihr Anfangs ſeine Huldigungen in der feſten Ueberzeugung zugewendet daß ſie, ein thörichtes Weltkind, eine leichte Eroberung werden und ihn ſehr bald mit einer für ſeine Eitelkeit ſchmeichelhaften Gunſt belohnen würde; aber zu ſeiner großen Ueber⸗ raſchung fand er daß Natalie mit ihren Liebhabern nur ſpielte und keinem einen eigentlichen Vorzug vor dem andern gab. Der Reiz der in dem Gedanken lag eine Frau zu beſiegen die ſich von keinem andern beſiegen ließ, hatte in den lezten zwei Jahren Tage zu mancher Thorheit getrieben und ihn zu Aeüßerungen veran⸗ laßt die große Aehnlichkeit mit Liebeserklärungen hatten. Alles das machte daß Tage, als er Schuld⸗ fried wieder fand, einen wahren Widerwillen gegen weitere Begegnungen mit Natalie faßte und ihr aus⸗ wich. Das ſchlaue Weib hatte ihn indeß gezwungen auf dem Ball zu erſcheinen, und während des Wal⸗ zers hatte ihm Natalie einige freundliche Vorwürfe über ſein Ausbleiben gemacht, ſo daß er bie kühne Hoffnung ſchöpfte Gegenſtand ihres warmen Intereſſes zu ſein, zumal da die Vorwürfe von ein Paar Thrä⸗ 117 nen in den wunderbaren Augen begleitet waren⸗ Er war ihr nicht gleichgiltig, das las er in allen ihren Zügen. Er war ihr lieb, das ſagten ihm die bethränten Wimpern. Unſer armer Tage war, trotz ſeines finniſchen Blutes, ein echter Adamsſohn, ſchwach als er die Zärtlichkeit der Frau zu beſizen glaubte die er zwei Jahre lang zu gewinnen geſucht hatte. Sie bethörte ſeine Vernunft, ſie berauſchte ſein Gemüth, und ob⸗ ſchon er ihretwegen keine Stunde lang das Wohl⸗ wollen Schuldfrieds hätte opfern mögen, ſo war doch ſeine Eigenliebe dadurch geſchmeichelt. Als der erſte Tag nach dem Ball vorbeiging ohne daß er ſich gegen Schuldfried erklären konnte, wollte das Schick⸗ ſal daß er Abends mit Natalie im Theater zuſam⸗ mentraf, und daß ſie ihn auf eine Art behandelte welche ihm den feſten Glauben eingab daß er geliebt werde. Jezt, da der Sieg ihm zufallen zu wollen ſchien, wurde es ihm ſchwer ſie von ſeiner Liebe zu Schuldfried zu unterrichten und ihr theilnehmend zu erklären daß er ſie nie geliebt habe u. ſ. w. Noch war er Schuldfrieds nicht ſicher genug um ein Glück wegzuwerfen das ihm ſo zauberiſch und ſchön ent⸗ gegenlächelte. Wenn jezt Schuldfried ihr Verſprechen nicht hieit, wenn ſie, verdorben durch das Theater⸗ leben, leichtſinnig mit ſeinem Herzen ſpielte und ſeine treue Hingebung opferte, was ſollte dann ſeine Verzweiflung hindern, ihn in ſeinem Schmerz tröſten, wenn er das Herz von ſich ſtieß das ihm entgegen⸗ kam? Tage wollte Schuldfried prüfen, er wollte ihr Gelegenheit geben zu beweiſen ob ſie einige Ergeben⸗ heit gegen ihn hätte. Er wollte beſtändig an ihrer 118 Seite ſein, ihr tauſend Gelegenheiten bieten ſeine innige Liebe zu ſehen, aber ſie an das einſt gegebene Verſprechen erſt dann erinnern, wenn er ſich über⸗ zeugt hätte ob ſie noch denſelben feſten Character beſize den ſie als junges Mädchen gezeigt. Der Brief an Lothar in Neapel hatte ſeinen Glauben an ihre Liebe auf eine furchtbare Weiſe erſchüttert. Ja es gab Augenblicke wo ſeine Ver⸗ nunft ihm ſagte, jedes Wort darin ſei ein deutlicher Beweis daß ihr Herz Lothar gehöre. Aber da kam der Egoismus, brachte die Vernunft zum Schweigen und erklärte daß er, Tage, ſchon ſeit ſechs Jahren das Verſprechen ihrer Hand habe, daß ſie als Frau von Ehre demſelben nicht untreu werden könne. Ueberdieß hatte Lothars Kälte gegen Schuldfried ihm die Ueberzeugung eingegeben daß ſeine Gefühle gegen ſie ſeinem Stolz untergeordnet ſeien, und daß er ſelbſt mit einiger Beharrlichkeit den erſten Plaz in Schuldfrieds Liebe wieder erobern könnte. Dieſem Räſonnement gemäß richtete auch Tage ſein Benehmen ein. Bei ſeinem Beſuch ſprach er wie ein zärtlicher Bruder mit Schuldfries. Er bat ſie im Namen ihrer Kinderfreundſchaft, eine Bahn zu ver⸗ laſſen wo ſie bereits Ruhm genug für die Befriedi⸗ gung ihrer Eitelkeit und überdieß die Mittel zu ihrer öconomiſchen Unabhängigkeit gewonnen habe. Er ſprach von den Gefahren, von den Intriguen und allen Arten von Bosheit denen ein ausgezeichnetes Talent ausgeſezt ſei. Schuldfried ſei zwar bis jezt dieſen Unannehmlichkeiten glücklich entgangen, aber es ſei immer beſſer ſich von dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, ſo lange ſie auf der Mittagshöhe ihres 119 Künſtlerrufes ſtehe, als wenn derſelbe ſich zu verlieren anfange. Schuldfried hörte ihn mit derſelben ſchalk⸗ haften Miene an wie einſt ſeinen Moralpredigten zur Zeit wo ſie noch ein ganz junges Mädchen war. Sie ließ ihn ausſprechen ohne zu unterbrechen, und obſchon ihr ſchalkhafter Ausdruck nicht gerade bewies daß ſeine Worte ihr ſonderlich zu Herzen gingen oder daß ſie ein großes Gewicht darauf legte, ſo freute es ihn doch daß ſie ihn in ſeinen Vorſtellungen nicht unterbrach. „Jezt, beſte, geliebte Schuldfried,“ ſchloß Tage, indem er ihre Hand ergriff,„jezt habe ich Dir meine Ueberzeugung und Anſchauung von Deiner Stellung geſagt.“ Tages Augen ruhten mit einem ſo warmen Ausdruck auf ihr, daß ſie gar zu deutlich ausſprachen was ſeine Lippen noch verſchwiegen. Schuldfrieds Antwort ſollte entſcheiden ob dieſe Erklärung bis auf Weiteres in ſeinem Innern verſchloſſen bleiben oder ob er den Impuls des Augenblickes ſiegen laſſen ſollte. Ein einziges Wort der Zuſtimmung und Nachgiebigkeit gegen ſeine Vorſtellungen, und Tage hatte Natalie vergeſſen, um ſich zu Schuldfrieds Füßen zu werfen; aber Schuldfried, die in jedem Zuge las was in ſeinem Innern vorging, hütete ſich wohl die mindeſte Veranlaſſung zu einer Erklärung zu geben die nothwendig für Beide ſchmerzlich werden mußte. „Dank für Dein Wohlwollen, lieber Tage,“ ſagte ſie,„aber Du mußt verzeihen wenn ich über all die Gefahren lache die Du mir vormalſt. Die Bahn die ich betreten habe iſt nicht ſo dornenvoll wie Du Dir vorſtellſt, und deßhalb, mein Freund, gedenke 120 ich ſie nicht zu verlaſſen. Ich liebe meinen Künſt⸗ lerberuf von ganzem Herzen. Ich bin erſt drei und zwanzig Jahre alt— Schuldfried lächelte ſo hoff⸗ nungsvoll— und da iſt es viel zu früh ſich von der Welt zurückzuziehen, Philoſoph zu werden und in irgend einem verborgenen Winkel der Erde auf ſeinen Lorbeern auszuruhen. Nein, mein rechter Plaz iſt auf der Bühne und da bleibe ich. Wenn Du mir einen Gefallen thun willſt, ſo verlieren wir kein Wort mehr über die Sache.“ „Du verachteſt alſo meine Rathſchläge?“ „Ganz und gar nicht; aber ich finde Deine Rede pedantiſch und, erlaube mir es zu ſagen, zu vorur⸗ theilsvoll und einſeitig. Sie ſchmeckt ein wenig nach Kleinſtädterei.“ Schuldfried hatte ihre Worte mit vollkommener Kenntniß von Tages empfindlicher Eitelkeit gewählt und war mit der Schonungsloſigkeit zu Werk gegan⸗ gen, wie auch die beſten Frauen ſie gegen einen Mann zeigen der ſie liebt ohne ihre Gegenliebe zu beſizen. Sie wünſchte Tage zu ärgern, um ihn von Gerede über Gefühle abzuhalten die ſie nicht theilte. Tage ging dießmal tief verlezt und mit weit ge⸗ ringerem Glauben an ſein Glück als je von Schuld⸗ fried. Dieß wirkte niederſchlagend auf ſein Gemüth, und vergebens ſuchte er durch einen Beſuch bei Na⸗ talie aus dieſer Stimmung zu kommen. Tage gehörte indeß nicht zu Denjenigen die ſich durch Widerſtand ſo leicht ermüden laſſen. Nein er beſchloß jezt feſter als je ſo viel wie möglich bei Schuldfried zu ſein, ſie auf Promenaden, in's Thea⸗ 121 ter und aus demſelben zu begKen, ſie zu beſuchen ſo oft ſie. daheim wäre, und es ſo einzurichten daß ſie ſo viel wie möglich in Aberneys Haus käme. Er führte ſeinen Vorzaz auch ganz conſequent aus. Eirge Tage ſpäter ſang Schuldfried zum ſechs⸗ ten Mal und zwar mit ſteigendem Erfolg. An die⸗ ſem Abend fand ſie Lothar im Ochſenauge und bei ihrer Heimkehr erhielt ſie einen Kranz von Lorbeeren und Cypreſſen. „Der iſt von ihm,“ dachte Schuldfried und küßte den Kranz. Tags darauf traf Natalie mit Lothar zuſammen, als ſie auf dem Markt Karls KlII. ſpazieren ging. „Sie waren geſtern im Theater; wie gefiel Ih⸗ nen Madame Dorbino?“ fragte Natalie. „Sie ſang zum Entzücken wie immer,“ lautete die Antwort. „Sie haben Recht, und es wäre Schade wenn es dem jungen Aberney gelänge ihre Hand zu ge⸗ winnen; denn dann könnte ſie als ſeine Frau nicht nach Paris und London zurückkehren, ſondern müßte hier bleiben. Unſere ſchwediſche Bühne iſt zu unbedeu⸗ tend um ſich ein Talent erſten Ranges anzueignen.“ „Es iſt wohl nicht glaublich daß Madame Dor⸗ bino ſich verheirathet.“ „Im Gegentheil, es iſt höchſt wahrſcheinlich. Ha⸗ ben Sie nicht geſehen mit welcher Beharrlichkeit Lien⸗ tenant Aberney ihr folgt?“ „Was beweist das? Daß er als Verwandter ſeine Anſprüche geltend macht.“ „Sie wollen an ihre bevorſtehende Verlobung nicht glauben. Sie mißfällt Ihnen, ſcheint mir's?“ 122 „Gräfin, das Gick Anderer mißfällt mir nie.“ „In dieſem Falb kann ich Sie verſichern daß der junge Aberney Madame Dorbino ſein Herz anzubie⸗ ten gedenkt, und aus zuverläßiger Hand weiß ich daß ſie das Anerbieten nicht mit Nein beantworten wird.“ In dieſem Augenblick wandten ſich die Gräfin und Lothar am Ende der Allee um und befanden ſich einer Dame und einem Herrn gegenüber.“ „Ah, ſieh da, Frida!“ rief Natalie.„Guten Tag, Lieutenant Aberney!“ fügte ſie gegen dieſen gewen⸗ det mit ihrem bezauberndſten Lächein hinzu. „Wir wollten Sie aufſuchen, Gräfin,“ ſagte Tage.„Schuldfried behauptete Sie hätten ihr hier ein Rendezvous gegeben.“ „Ja, aber Ihnen nicht,“ antwortete die Gräfin lachend. „Ich begleitete Schuldfried.“ Tage verbeugte ſich. Lothar nahm mit einer ganzen Welt von Zwei feln in ſeiner Bruſt Abſchied.— 5 Am ſolgenden Morgen kam Natälie in aller Frühe, als Schuldfried noch im Bette lag, zu ihr herauf.* „Auf, auf, Frida, mach Dich ſchnell fertig!“ rief ſie. Ich habe beſchloſſen daß Du und ich den heu⸗ tigen Tag in Roſenvik, unſerer Sommerwohnung, draußen zubringen müſſen.“ 1 „Nein, das iſt unmöglich,“ verſicherte Schuld⸗ fried;„ich habe mich bereits verſagt.“ „Ohne meine Erlaubniß? Und wohin?“ „Zum Onkel.“ „Dieß Verſprechen kann nicht gehalten werden. Ich beabſichtige den Profeſſor zu entführen, und was ſogar noch ſchlimmer iſt, ich habe bereits ſeine Einwilligung. Alſo ſchnell heraus und mach eine ländliche Toilette. Ich will Deine Kammerjungfer vorſtellen.“ Sie gab keine Gnade. Schuldfried mußte ſich von Natalie ankleiden laſſen und zwar ſo wie dieſe wollte. Das Reſultat war daß beide Damen gleich gekleidet waren. Als Schuldfried in Ordnung war, ſtellte ſich Natalie neben ſie vor den großen Trü⸗ meau und ſagte: „Du biſt um ein gutes Stück ſchöner als ich, und deſſenungeachtet habe ich beſchloſſen Deinen An⸗ beter, den jungen Aberney, für mich zu behalten; ein hübſcher Vorſaz, da er gänzlich in Dich ver⸗ narrt iſt.“ „Ich trete ihn unendlich gerne ab,“ verſicherte Schuldfried. „Ferner habe ich mir vorgenommen daß.. Natalie ſah Schuldfried an daß dieſe Marmor⸗ ſtatue von Canitz ſich in mich verlieben ſoll.“ Hätte es Schuldfrieds Leben gegolten, ſo hätte ſie es! nicht verhindern können daß ſie die Farbe wechſelte. „Ei wie, mein Engel, ich glaube Du wirſt roth? Sollteſt Du möglicher Weiſe ſelbſt Abſichten auf ihn haben?“ Liebe Natalie, thu mir den Gefallen und ſprich nicht von Canitz,“ ſagte Schuldfried. „Gerne, meine Liebe, obſchon Du entſchuldigen 124 wirſt daß ich Dein Benehmen etwas ſonderbar finde; aber ſeze jezt nur Deinen Hut auf und fort in den Thiergarten!“ Die Eqvipage der Gräfin wartete vor dem Hauſe, und ein großer ſchlanker Herr ſtand am Schlage. Schuldfried erkannte Lothar. „Der Baron begleitet uns nach Roſenvik,“ ſagte Natalie. Im nächſten Augenblick ſaßen die beiden Damen und Lothar in dem bequemen Sufflette das über den Guſtav⸗Adolphs⸗Markt, am Theater vor⸗ bei und nach dem Thiergarten rollte. Als ſie an Thaliens Tempel vorbei kamen, ſagte Natalie die an dieſem Tag beſonders aufgeräumt war: „Hier hat das Stockholmer Publicum Dir ſeine enthuſiaſtiſche Huldigung geſchenkt; hier haſt Du es mit Deinen Tönen hingeriſſen, mit Deinem Spiele bezaubert und mit Deiner Schönheit verrückt ge⸗ macht. Es muß doch eine berauſchende Freude darin liegen eine ſo exaltirte Bewunderung hervorrufen zu können. Warſt Du in ſolchen Augenblicken nicht recht ſtolz auf Dich ſelbſt?“ Lothar ſah Schuldfried an als ſie antwortete: „Nein, nicht ſtolz, wohl aber dankbar gegen Gott der es mir gelingen ließ.“ „Aber wie iſt es möglich daß eine junge Dame aus eigenem Antrieb. Sängerin wird?“ fiel Lothar ein.„Woher ſchöpfen Sie den Muth, Madame, vor Hunderten von Menſchen aufzutreten?“ „Sie ſtellen zwei Fragen auf einmal an mich,“ ſagte Schuldfried lächelnd. „Beantworte eine um die andere, liebe Frida,“ meinte Natalie. 125 „Nun wohl, ſo will ich meine erſte Frage mit einer Gegenfrage an Sie beantworten: Wie konnten Sie Seemann werden, Herr Baron?“ „Aus Beruf.— Es war das Einzige wozu ich Luſt hatte, das Einzige wozu ich taugte.“ „Nun wohl, diejenige die Sängerin wird folgt auch ihrem Beruf, und was noch mehr iſt, ſie be⸗ nüzt dieſen Beruf um ihr Auskommen zu finden. Ich war ein armes Mädchen; Gott hatte mir Stimme verliehen; man ſagte: mit dieſer kannſt Du Dir Dein Auskommen erwerben; ich wurde Sän⸗ gerin.“ „Und die Kunſt und die Welt machten eine Ero⸗ berung,“ fiel Natalie ein, die mit innerem Verdruß bemerkte daß Lothar nicht einen Blick von Schuld⸗ fried abwandte. Eine Pauſe entſtand während wel⸗ cher Schuldfried in tiefen Gedanken daſaß. Nach einer Weile begann ſie wieder: „Sie fragen wie ich den Muth haben könne aufzutreten? Was ich jezt ſagen will werden Sie vielleicht nicht glauben, und dennoch iſt es eine Wahrheit. Wenn der Vorhang aufgeht und ich auf die Bühne trete, habe ich bloß einen einzigen Ge⸗ danken der meine Seele erfüllt, nämlich die Idee des Componiſten deſſen Muſit ich ſingen werde. Ob im Theaterſaal ein einziger Menſch iſt oder Tauſend, das gilt mir gleich; das Publicum iſt vergeſſen, all dieſe lauſchenden Ohren ſind nicht für mich vorhan⸗ den, es iſt mir als hätte ich den Geiſt des Compo⸗ niſten an meiner Seite um darüber zu wachen daß ich nicht ſeine ſchönſten Gedanken ſchlecht wiedergebe.“ „Aber die Applauſe, die Bravorufe, der Blu⸗ 126 menregen, alles das muß Dich wohl in die Wirk⸗ lichkeit zurückführen,“ meinte Natalie. „Ganz gewiß.“ Jezt lächelte Schuldfried mit demſelben kindlichen Lächeln womit ſie ſo oft in früheren Jahren Lothars düſtere Gedanken verſcheucht hatte, einem Lächeln das Natalie ſo treffend nach⸗ ahmte. „Und Dein Herz ſchlägt vor Freude?“ „Ich wage dann zu glauben daß ich das ſchöne Werk nicht verpfuſcht habe.“ Das Geſpräch brehte ſich eine Weile um Künſt⸗ lerleben, Muſik und dramatiſche Kunſt. Man ſprach von berühmten Schauſpielerinnen und Sängerinnen, ihrem Glück und Erfolg. Lothar äußerte ſich im Allgemeinen mit einem gewiſſen Vorurtheil über die Bühnenkünſtler, und in Folge deſſen entſtand eine lebhafte Debatte. Nataliens Verdruß darüber daß Lothar ſo beſtändig Schuldfried betrachtete ver⸗ ſchwand, wenn er ſich in ihrer Gegenwart ſo über die Perſonen äußerte die ſich der Bühne widmeten. Natalie trat auf Schuldfrieds Seite und Lothar mußte alſo gegen zwei kämpfen. Nachdem alle Be⸗ weiſe Für und Wider vorgebracht waren und man auf beiden Seiten ſeine Mittel erſchöpft hatte, ſagte Lothar endlich: „Mit zwei Gegnerinnen wie Sie ſind, meine Damen, kann ich unmöglich den Kampf länger fort⸗ ſezen. Eines weiß ich, nämlich daß meine Anſicht, wenn ſie auch noch ſo unrichtig ſein mag, dennoch auf meiner Ueberzeugung beruht. Ich würde es nie wagen an eine Dame zu glauben die ſich mit der Leichtigkeit einer Schauſpielerin in die Gefühle — 127 Anderer hineinverſezen und fingirten Empfindungen ein ſo naturwahres Gepräge geben kann, doß ſie den Zuſchauern Thränen auspreßt. Unwilltürlich muß man fragen: Wo hört die Kunſt auf und wo beginnt die Wahrheit?“ „Bei einer ſolchen Auffaſſung des Characters der dramatiſchen Künſtler iſt es natürlich daß ſie auch eine untergeordnete Idee von ihrem mora⸗ liſchen Werth haben müſſen,“ ſagte Schuldfried. „Es ſei ferne von mir, Madame, daß ich in dieſem Fall etwas Verlezendes ausſprechen möchte: was ich geſagt habe iſt nur meine individuelle An⸗ ſicht.“ Natalie brachte etwas Anderes aufs Tapet. Et⸗ was ſpäter ſtieg man in Roſenvik aus, wo Profeſſor Aberney, Tage, einige Couſinen von Natalie und etliche Herren ihnen bereits entgegen kamen. Tage wurde blaßgelb als er Lothar in Geſell⸗ ſchaft Schuldfrieds und Nataliens erblickte. Er mur⸗ melte einen ſtillen Fluch über den Einfall der Gräfin ihn zu ihrem Cavalier zu nehmen. Natalie bemerkte Tages mißvergnügtes Aus⸗ ſehen. Die Gräfin wußte jedoch ſeinen finſtern Blick wegzuſcherzen, und die kleine Geſellſchaft die ſich im Pavillon verſammelte plauderte eine Weile recht munter. Profeſſor Aberney war ganz beſonders belebt. Er ſagte Natalie tauſend ſchöne Sachen, zeigte ſich eben ſo geiſtreich als angenehm, wußte auch der alltäglichſten Unterhaltung Leben und Intereſſe zu verleihen. Der Profeſſor erzählte von einigen Verrücktheiten 128 der Engländer. Der Gegenſtand wurde von der übri⸗ gen Geſellſchaft aufgenommen, und Jeder brachte Etwas von Britanniens höchſt eigenthümlichen Söh⸗ nen zu Markte. Es iſt offenbar eine Krankheit von den Englän⸗ dern originell ſein zu wollen,“ ſagte Natalie, nach⸗ dem ſie recht herzlich über eine der Anecdoten ge⸗ lacht hatte.„Ich wollte wetten daß Frida einen Engländer zum Bewunderer hat und daß er es iſt der ihr die närriſchen Bouquets ſchickt. Was hältſt Du ſelbſt davon, meine Liebe? Denken Sie ſich, meine Herrſchaften,“ fuhr die Gräfin, ohne Schuld⸗ frieds Antwort abzuwarten, fort,„jeden Abend fin⸗ det Madame Dorbino einen ſchwarzumwundenen Strauß von Myrten und OHrangeblüthen auf ihrem Nachttiſch.“ „Das iſt ein ſeltſames Geſchenk,“ rief man in die Runde. „Und dabei bedeutungsvoll,“ fiel der Profeſſor lächelnd ein.„Die Myrte bedeutet Liebe.“ „Und das ſchwarze Band Kummer,“ meinte Na⸗ talie.„Alſo iſt es ein Britte der eine unglückliche Liebe für Dich gefaßt hat und Dir auf dieſe Art ſeine Gefühle mittheilen will. Geſtehen muß man daß Frida die traurigen Myrtenzweige mit beſonde⸗ rer Freundlichkeit behandelt hat.“ „Wie ſo?“ fragte Lothar. „Madame Dorbino hat ſie in eine eigene Voſe auf ihrem Tiſch im Cabinet geſtellt. Die andern armen Bouquets werden ſammt und ſonders in eine Athenienne im Salon einquartirt. Anaiſe verſicherte mich dieſer Tage, dieſes närriſche Geſchenk mache ſie 129 ganz ärgerlich und ſie habe nie etwas Dummeres geſehen, beſonders da es jeden Abend wo Madame Dorbino mit einem Kranz von Lorbeeren und Cypreſſen vertauſcht werde.“ „Lorbeeren und Cypreſſen bedeuten die lichkeit aller Ehre,“ meinte der Profeſſor.„Das iſt ein allegoriſcher Anbeter.“ „Und dabei verſchwiegen; denn Anaiſe ſagt ſe habe ſowohl Bouquet als Kränze genau durchſucht,— ohne auch nur einen einzigen geſchriebenen Buchſta ben zu finden.“ „Man merkt wohl daß Anaiſe wenigſtens nich verſchwiegen iſt,“ fiel Schuldfried ein und erhob ſich Sie ging in den Garten hinaus; die Andern leiſte⸗ ten ihr Geſellſchaft. „Bieten Sie Madame Dorbino den Arm, Baron Canitz,“ rief Natalie, die ſich vom Profeſſor führen R„ſo wollen wir eine Tour im Garten machen.“ Tage warf einen wüthenden Blick auf Natalie. Sie fuhr lachend fort; „Sie, Lieutenant Aberney, werden Sie der Ca⸗ valier von Tante A.“ „Wollen Sie meinen Arm Madame,“ ſagte Lothar zu Schuldfried,„oder fürchten Sie ſich etwa noch immer eine Stüze von einem Ruſſen an⸗ zunehmen?“ haben aufgehört ein Ruſſe zu ſein, und ich. babe „Aufgehört das finniſche Mädchen zu ſein,“ fie Lothar ein. „Sie täuſchen ſich; ich bin noch immer Finnin,“ verſicherte Schuldfried lachend und nahm ſeinen 3is⸗ Schuld und Unſchuld. MI. 9 130 „Unmöglich! Madame Dorbinö muß Franzöſin ſein, ſonſt würde ſie nicht einer gedankenloſen Freun⸗ din Dinge mittheilen die eine ernſte Bedeutung haben.“ „Ah! Sie meinen die Cypreſſen und Lorbeern.“ „Haben Sie den Sinn derſelben überlegt?“ „Onkel Aberney deutete ihn mir.“ „Und Sie haben keinen andern geſucht?“ „Nein.“ „Soll ich Ihnen einen geben?“ „Laſſen Sie hören!“ Lothar blieb auf einem Plaz der eine freie Aus⸗ ſicht bot ſtehen, wie wenn er ſie betrachten wollte; dann fuhr er fort: „Es kann ja bedeuten daß Ihr Ruhm den Kum⸗ mer eines Andern ausmache. Sie erkaufen Ihre Lorbeern auf Koſten des Friedens eines Andern.“ „Und weſſen?“ „Was weiß ich? Vielleicht des Gebers.“ „Kann er mich vielleicht um meinen Erfolg be⸗ neiden?“ „Gibt es denn keinen andern Schmerz als den des Neides?“ „Allerdings; aber ich verſtehe nicht was dieß hier ſagen ſoll.“ „Sezen Sie ſich und erlauben Sie daß ich Ihnen ein Mährchen erzähle. Es war einmal ein Junge, der hatte einen Roſenbuſch der ſeine Freude, ſein Glück und ſeinen ganzen Reichthum ausmachte. Der Buſch wuchs unbemerkt vor allen Blicken in einem wilden Walde; die üppige Schönheit ſeiner ſchnee⸗ weißen Blumen erfreute kein anderes Auge als das — 131 ſeinige; ſeine balſamiſchen Düfte umſchwebten keinen Andern als ihn. Jeden Tag kniete er dort nieder und ſchenkte dem Roſenbuſch ſeine Huldigung und ſeines Herzens heiligſte Bewunderung. Der Roſen⸗ buſch war ſein Heiligthum, die unſchuldsvolle Rein heit deſſelben ſeine Freude, und ſo oft er ſich ihm näherte, war es ihm als müßte er erſt ſein Herz und ſeine Gefühle erforſchen bevor er vor ihn träte. ⸗ Der Roſenbuſch wurde ein Verbindungsglied zwi⸗ ſchen ihm und Gott. Dieſe Blume muß mein blei⸗ ben, dachte er, und nur meine Liebe und meine Liebkoſungen ſollen ſie berühren; ſie ſoll niemals von dem Böſen was die Welt hat beſudelt werden. Sie ſoll wie ſie gelebt hat, in Unſchuld, Liebe und Frieden ſterben. So träumte der Junge, als er eines Tags erwachte und den Buſch verſchwunden fand.“ Lothar verſtummte. Er blickte traurig vor ſich hin. „Und dann, wie ging es dann weiter?“ fragte Schuldfried. „Dann verfloßen mehrere Jahre, und als er den ſchönen Roſenbuſch wieder fand, war er nicht mehr im Schooße der Natur; er prunkte umgeben von Bewunderern ſeiner Schönheit, in einer zierlichen Vaſe in einem eleganten Salon. Er war noch gleich ſchön, aber er war nicht mehr derſelbe. Ma⸗ dame, ein Anderer hatte ihn beſeſſen und ange⸗ pflanzt. Die Heilige des Knaben war kein Weſen mehr das nur von ihm angebetet wurde, ſondern deine prunkende Zierpflanze der Jedermann huldigte. Der wagiſche Traum war zerſtört, der S 132 Wahn gebrochen und die Heilige des Knaben in einen der Abgötter des Tages verwandelt die man in einem Augenblick mit Lorbeern bekränzt und in einem andern vergißt. Der Beifall den man dem frühern Abgott des Jungen ſchenkte ſchloß eine Quelle bitteren Kummers für ſein Herz in ſich; er erinnerte ihn daran was er beſeſſen und was er verloren hatte, um es nie wieder zu erhalten. Auf dieſe Art, Madame, kann die Berühmtheit des Einen dem Andern ſeinen Frieden koſten.“ Lothar erhob ſich. „Jezt,“ fügte er hinzu,„wollen wir, wenn Sie Luſt haben, die Andern aufſuchen, ſonſt verfallen wir den Spöttereien der Gräfin.“ Schuldfried ſtand auf. In ihrer Bruſt war ein eigenthümliches Gemiſch von Gefühlen. Verlezter Stolz, bitterer Schmerz beim Gedanken an die Vergangen⸗ heit, und dennoch ein feſterer Glaube an die Zu⸗ kunft als je. Als ſie Lothars Arm ergriff, ſagte ſie: „Sie haben den Sinn der Lorbeern und Cypreſ⸗ ſen auf Ihre Weiſe gedeutet; welche Erklärung wol⸗ len Sie den Myrten und Hrangeblüthen geben?“ „Sie bedürfen keiner Auslegung,“ antwortete Lothar. „Und dem ſchwarzen Bande?“ „Schwarz, Madame, bedeutet entweder Kummer oder Tod.“ „Tod!“ wiederholte Schuldfried. „Ja, eine todte Liebe. Halten Sie jezt Alles zuſammen, ſo finden Sie: Ihr Künſtlerruhm hat einen Schmerz verurſacht der ſo groß war daß er die Liebe tödtete.“ 3 133 Lothar ſpürte daß Schuldfrieds Arm zitterte; er fühlte den zuckenden Schmerz den ſeine Worte ver⸗ urſachten, und dabei ſchlug ſein eigenes Herz voll Freude. „Das war eine theuer erkaufte Berühmtheit,“ ſtammelte Schuldfried. p„Aber ſie wird ganz gewiß über den erlittenen Verluſt tröſten?“ Lothars düſtere Augen ruhten forſchend auf Schuldfrieds bleichen Wangen. „Ich hoffe es,“ antwortete ſie ſteif. „Wenn ich ein Weib liebte das Schauſpielerin oder Sängerin wäre und ſie ſagte mir daß ich ihr Herz beſize, wiſſen Sie was ich antworten würde?“ „Daß Sie ſie vergeſſen haben, daß ihr Künſtler⸗ ruf Ihre Liebe getödtet habe. Das Vorurtheil wäre Ihnen mehr als die wärmſten Gefühle des Herzens,“ antwortete Schuldfried nicht ohne Bitterkeit. „Sie täuſchen ſich, Madame; wenn Sie mich liebte, ſo würde ich ſagen: Opfere mir Deinen Künſtlerruf als Beweis Deiner Liebe und ich werde an die Wirklichkeit derſelben zu glauben wagen.“ „Sie verlangen viel.“ 5„Es iſt wahr, aber dieß kommt daher daß ich früher Alles gab und beinahe Nichts verlangte.“ „Jezt verkangen Sie Alles und geben Richts.“ „Sie haben Recht; ſollte ich noch einmal das Herz glühen und die Seele von dem allmächtigen Gefühl beherrſcht ſühlen das wir Liebe nennen, dann mögen meine Hondlungen ſprechen und nicht meine Worte, und ich werde niemals ihr Herz for⸗ dern. Sie muß das meinige nehmen.“ Jezt kamen der Profeſſor und Natalie ihnen ent⸗ — 134 gegen. Etwas ſpäter nahm man ein ausgeſuchtes Diner auf der Veranda ein. Natalie war bezaubernd. Lothar beſchäftigte ſich beinahe ausſchließlich mit ihr. Schuldfried war hei⸗ ter und ſcherzte wie ein Kind; Tage blickte finſter drein wie ein Herbſthimmel; der Profeſſor zeigte ſich liebenswürdig gegen Alle und achtete auf Alles. Nach dem Mahle ſaß man im Salon und plau⸗ derte. Tage ſezte ſich hinter Schuldfried. Er ſchwieg beharrlich. „Ich gedenke Ihnen heute Mittag eine Ueber⸗ raſchung zu bereiten, Herr Baron,“ bemerkte Nata⸗ lie, indem ſie ſich an Lothar wandte. „Welche, wenn ich fragen darf?“ ſagte Lothar. Ich habe eine Perſon eingeladen für welche Sie ſich ſehr intereſſiren.“ „Doch nicht Diejenige deren Aufenthalt Sie mir ſo hartnäckig verſchwiegen?“ lächelte Lothar ironiſch. 6 „O nein, einen ſehr, ſehr alten Bekannten.“ „Ich erlaube mir nicht zu rathen, ſondern laſſe es lieber auf die Ueberraſchung ankommen die Sie mir ſo gütigſt zugeſagt haben.“ „Gut; apropos, wann ſingſt Du das nächſte WMal wieder, mein Engel? Der Jemand der hieher⸗ kommt ſagte mir daß er die ſchöne Stimme ſehr gerne von der ſchwediſchen Bühne aus hören möchte.“ „Ich weiß ſelbſt nicht,“ antworteie Schuldfrie) † 1— ganz gleichgiltig. — 135 „Du haſt erſt ſechs Mal geſungen und Dich auf acht Mal verſprochen.“ „Ich habe kein beſtimmtes Verſprechen abgege⸗ ben wie oft ich auftreten wolle.“ „Aber mein Gott, Frida, Du wirſt damit doch nicht ſagen wollen daß.. „Daß ich geſtern zum lezten Mal aufgetreten ſei,“ fiel Schuldfried lachend ein.„Nein meine Liebe, das will ich gewiß nicht.“ „Du kannſt einen doch erſchrecken.“ Tage äußerte mit einem nicht unbedeutenden An⸗ ſtrich von Bitterkeit im Tone: „Schuldfried liebt ihre Künſtlerlaufbahn und ihren Ruhm zu ſehr, um den Lorbeern entſagen u wollen die das ſchwediſche Publicum zu ihren Füßen niederlegt.“ „Ja, Du haſt Recht, Tage, ich liebe wirklich meine Künſtlerlaufbahn ſehr, und was mich jezt veranlaſſen könnte ſie aufzugeben müßte mächtiger ſein als alle meine andern Gefühle in der Bruſt. Du haſt auch darin Recht daß ich ſtolz auf den Bei⸗ fall bin den meine Landsleute mir ſchenken. Dieß wird immer die koſtbarſte Erinnerung aus meinem Künſtlerleben bleiben wenn es einmal zu Ende iſt. Ich trete in einigen Tagen in der weißen Frau 4 fügte ſie mit einem ſtolzen Blick auf Tage hinzu. „Der wahnwizige Junge,“ dachte der Profeſſor, „er wird ſie mit ſeinen Angriffen zur Zeit und Un⸗ zeit ſo reizen daß er dem entgegenarbeitet was an⸗ dere vernünftige Leute ausrichten. Ich habe nie 6 136 einen unbeſonneneren Narren geſehen als er iſt, ſo⸗ bald es ſich um Weiber handett.“ „Schuldfried,“ ſagte er,„ſing uns einige der finniſchen Lieder die Du als Kind ſangeſt, wenn Du ſie nicht vergeſſen haſt.“ „Etwas vergeſſen was an Finnland erinnert, an die Heimath, an meine glückliche Kindheit, un⸗ möglich!“ Ohne ſich weiter bitten zu laſſen ging Schuld⸗ fried ans Clavier. Einige Minuten ſpäter erklang dieſe wunderbar ſchöne Stimme im Salon. Sie ſang eine von Aberneys Compoſitionen, juſt dieje⸗ nige womit ſie ihn als Kind zu ihrem Zuhörer ge⸗ macht hatte. Der characterfeſte, ruhige und verſtändige Aber⸗ ney wurde bei dieſem Geſang dermaßen von ſeiner Erinnerung überwältigt, daß er aufſtand und an eines der Fenſter vortrat um ſeine Bewegung zu verbergen. Wehmuth, tiefe Wehmuth lag in ſeinen Blicken, und obſchon dieſer Geſang manche bittere und ſüße Erinnerungen in ſeiner Seele hervorrief, ſo war doch die Erinnerung an Schuldfried als Kind die lebhafteſte. Ach! er meinte noch immer das be⸗ zaubernde Kind an ſeiner Seite ſizen zu ſehen wie ſie ſein Ohr mit ihren Tönen liebkoste. Wie man⸗ chen holden und dennoch thörichten Traum hatte nicht die Stimme des Kindes in der Bruſt des da⸗ mals Zsjährigen Profeſſors geweckt!— Die Töne verklangen, aber die dadurch hervorgerufenen Erin⸗ nerungen ſtanden lebhaft vor Aberneys Innerem. Plözlich ſchlug Schuldfried einige glühende Accorde an, und wiederum erklang ihre Stimme, aber es — ſ — — war keine nordiſch⸗ſchwärmeriſche Melodie die jezt das Ohr mit ihrem Zauber umfing, ſondern eines der feurigen Lieder des Südens. Es war eine Barcarole. War Jemand da der ſich jezt erinnerte wann ſie dieſelbe geſungen hatte? Als die lezten Töne erſtorben waren, verließ ſie das Inſtrument, ging zu Aberney und ſagte leiſe: „Lieber Onkel, ich konnte nicht mehr als dieſes einzige ſingen. Es wurde mir ſo voll ums Herz.“ „So ging es auch mir.“ Die Lippen des Pro⸗ feſſors berührten Schuldfrieds Stirne ganz leicht; dann ging er von ihr weg. „Wann ſingen Sie in der weißen Frau?“ fragte Jemand Schuldfried, als ſie, wie es ſchien, in Ge⸗ anken verſunken daſtand. „Nie,“ antwortete ſie und entfernte ſich von dem Frager. 4 „Nie! Dieſes Wort haſt Du ſchon einmal gegen mich ausgeſprochen, und gleichwohl führſt Du jezt den Nainen Dorbino,“ dachte Lothar. Eine Weile ſpäter meldete Nataliens Bedienter daß ein Herr die Gräfin zu treffen wünſche. Mit einem bezaubernden Lächeln verließ ſie den Baron, während ſie im Vorbeigehen Lothar zuflüſterte: „Jezt kommt die Ueberraſchung.“ „Jemand aus Rußland,“ dachte Lothar. zlls Natalie wieder eintrat, brachte ſie einen ältern ganz ſchwarz gekleideten Herrn mit. Sie präſentirte: „Doctor Wagner.“ Der Rame machte auf die meiſten einen lebhaſ⸗ ten Eindruck. Lothars Brauen runzelten ſich, Schuld⸗ 138 frieds Wangen wurden etwas bleicher, in Tages Augen blizte es wie von Freude. Der Doctor war nicht der am wenigſten Ueber⸗ raſchte, als er hier alle diejenigen beiſammen fand die er mit den Fäden ſeiner Intriguen umſchnürt hatte. Natalie lachte und machte mit ihren gewöhn⸗ lichen übermüthigen Ausdrücken einige pikante Be⸗ merkungen über die Wirkung welche das Auftreten des Doctors verurſachte Wagner trat dann auf Schuldfried zu und ſagte ihr einige verbindliche Worte, wie man ſie für eine ausgezeichnete Perſönlichkeit immer bereit hat. Es ſchien Lothar als ob Schuldfried, während der Doe⸗ tor mit ihr ſprach, ihren ſchönen Kopf ungewöhnlich ſtolz trüge, und als ob ihre Antworten, obſchon höflich, gleichwohl etwas kalt Zurechtweiſendes hätten. „Ah! ich glaube Sie kennen Madame Dorbino von früher, Doctor?“ rief Natalie. „Ja, Frau Gräfin, ich hatte die Ehre Madames Bekanntſchaft in Finnland zu machen als ich Arzt auf Kronbrück war.“ „Kronbrück,“ wiederholte die Gräfin, gerade wie wenn ſie in ihrer Erinnerung geſucht hätte. „Kronbrück gehörte dem Baron Canitz,“ erklärte der Doctor. „Ah!“ Natalie ſezte das Geſpräch nicht fort, aber ſie beſchloß den Doctor um nähere Mittheilungen über Schuldfried und Canitz anzugehen. Ihre Bruſt hob ſich unruhig, da eine inſtinetmäßige Ahnung ihr gleichſam zuflüſterte daß es ihr nie gelingen würde, 139 Lothar einzunehmen, daß zwiſchen ihm und Schuld⸗ fried irgend ein Geheimniß liege. „O mein Gott, ich glaube daß ich zum erſten Mal in meinem Leben Neid und Bitterkeit kennen lerne,“ dachte Natalie, indem ſie Schuldfried betrachtete. „Sie iſt ja mein Ebenbild, aber ſchöner und ein⸗ 6 nehmender. Ich glaube daß ich ſie verabſcheuen könnte wenn.. wenn.. er ſie vorzöge. Er aber iſt er denn etwas für mich? In dieſem Augen⸗ blick Alles.“ „So gedankenvoll, meine Gnädige,“ ſagte Lo⸗ thar, der ſich der Gräfin genähert hatte. „Ich dachte an Sie.“ „Das war ein höchſt unwürdiger Gegenſtand für die Gedanken einer ſo liebenswürdigen Dame.“ Liebenswürdig ſagten Siet⸗ „Ja und ich wiederhole es noch einmal.“ „Ein leeres Wort, Herr Baron, wer liebt denn mich?“ „Ganz ſicher Derjenige dem Sie einmal Ihr Herz ſchenken.“ „Sind Sie davon überzeugt?“ 5„Vollkommen.“ „Wenn ich es jezt Aberney ſchenkte, glauben Sie daß er mich lieben würde?“ wenn er nicht vorher eine Andere ie 5 „Sie glauben alſo daß ich eine Nebenbuhlerin nicht überwinden könnte?“ „Frau Gräfin, Sie können das Unmögliche mög⸗ lich machen; Sie ſiegen wo Sie nur wollen.“ „Dank, ich werde Ihrer Worte gedenken, und 140 ich hoffe daß, falls ich einmal im Ernſt ein Herz erobern wollte, dieſes auch mein werden wird.“ „Sie iſt eiferſüchtig,“ dachte Lothar;„ſollte ſie wirklich an Aberney denken?“ „Canitz hat etwas zu ſagen gewagt was Nata⸗ lie mißfiel,“ dachte Tage;„ſie iſt mißvergnügt. Warum kann ich ſie nicht lieben, dieſes bezaubernde Weſen? Warum werde ich an ihrer Ergebenheit den Verräther ſpielen müſſen um mein Herz Schuldfried zu Füßen zu werfen? Die eine liebt mich, die an⸗ dere liebe ich. ha dieſer verdammte Canitz!“ Tage warf einen wüthenden Blick auf ſeinen Nebenbuhler. Spät Abends begab man ſich heim. Als man bei Nataliens Haus aus dem Wagen ſtieg und Lothar von den Damen Abſchied nahm, ſagte er ganz leiſe zu Schuldfried: „Heute Abend erhalten Sie keine Myrten mit ſchwarzem Band.“ „Ich weiß es,“ antwortete Schuldfried.„Für mich blüht ja teine Myrte mehr.“ „Nein, es iſt wahr, Sie ſind Wiktwe.“ Nach einer qualvollen Nacht begrüßte Tage den Morgen mit düſterem Blick. Der ländliche Ausflug hatte ſeine Leidenſchaft für Schuldfried in demſelben Maße geſteigert wie ſeine Eiferſucht aufgereizt. Die Befriedigung welche die eingebildete Eroberung an Natalie ſeiner Eitelkeit gewährte war verſchwunden, und mit leidenſchaftlicher Ungeduld erwartete er den morgenden Tag um zu Schuldfried zu ſtürzen und im Namen der Liebe und Ehre ihre Hand zu be⸗ gehren. Er mußte ſich um jeden Preis das Recht 6 141 erkaufen zwiſchen Schuldfried und den verhaßten Lothar zu treten. Sie mußte die Seinige werden, und ſollte er ſie zur Erfüllung des Verſprechens das ihre Mutter und ſie ihm einmal gegeben hatten zwin⸗ gen müſſen. Lieber den Tod für Schuldfried und ihn ſelbſt, als den Augenblick überleben wo Lothar der Beſizer des Weibes wurde das er bis zum Wahnſinn liebte. So ungefähr dachte Tage, während die wilde Jagd ſeiner ſtürmiſchen Gedanken ihn wach erhielt. Der Morgen kam und mit ihm wieder der Entſchluß auf eine Entſcheidung ſeines Schickſals zu dringen. Er wollte ſich eben ankleiden, als der alte Diener des Profeſſors ihm einen Brief überreichte. Es war ein roſenrothes, parfümirtes und elegantes Billetchen deſſen Zierlichkeit andeutete daß es von Damen⸗ hand kam. Die ſorgfältige und ſchöne Schrift auf der Adreſſe gab zu erkennen daß eine Dame von Bildung die Feder geführt hatte. Tage erbrach es auch ſogleich. So betrübt ein junger Lieutenant ſein mag, ſo intereſſirt er ſich immer für eine ſolche Offenbarung, die ihn ahnen läßt daß die Hand welche den Inhalt geſchrieben ſchön ſei. Das cokette Billetchen lautete wie folgt: „Beſter Lieutenant Aberney! „Vor den Augen einer zärtlichen Freundin ſucht man vergebens Etwas zu verbergen was die Welt des Herzens berührt. Ich kenne Ihr Geheimniß, obſchon Sie es vor mir verborgen haben; vielleicht haben Sie es mir darum verſchwiegen weil Sie das meinige ahnten.— Beſuchen Sie mich heute früh um zwölf, ſo werde ich Ihnen als Ihre beſte Freun⸗ din in Etwas zu rathen ſuchen was ſich auf Ihr 142 Glück bezieht, wobei ich gänzlich vergeſſen werde was Ihre Seligkeit koſten mag. Natalie.“ O Ausbund von Weiberliſt! Wie gut kannte nicht Natalie das Inſtrument auf dem ſie ſpielte! Das Herz des Mannes iſt im Allgemeinen ein wunder⸗ liches Gemiſch von Hoheit und Niedrigkeit. Groß⸗ ſinnigkeit verträgt ſich ganz freundſchaftlich mit Kleinlichkeit; die craſſeſte Eitelkeit geht Hand in Hand mit dem umfaſſendſten Ehrgeiz. Natalie wußte das, und darum verſtand ſie es auch Tages Eitel⸗ keit zu gleicher Zeit zu ſchmeicheln und ſie zu reizen; ſie wußte ſich mit ihrer erheuchelten Ergeben⸗ heit eine große Macht über ſeine für die Winde der Leidenſchaften offene Seele zu erwerben. Die Freundſchaft gegen einen jungen Mann iſt ein Mit⸗ tel wodurch eine reizende Frau ſich Einfluß auf ihn erwirbt. Warum? Weil die Freundſchaft zu Nichts verpflichtet. Sie iſt nicht, wie die Liebe, ein Wucherer der hundert Procent fordert. Nein, die Freundſchaft verlangt ſelten einen Gegendienſt und iſt im Ganzen eine große, unverſtändige Verſchwen⸗ derin. Die Freundſchaft eines Weibes iſt immer Etwas was dem Manne zugleich ſchmeichelt, ihn erfreut und beruhigt. Sie verſchafft Zärtlichkeit ohne daß er ſelbſt der Geberin ſolche zu bieten braucht. Der Egoismus des Mannes befindet ſich immer wohl dabei, wenn er nehmen kann ohne geben zu müſſen. So auch bei Tage. Er fühlte gleichſam einen Hauch von Frieden und Troſt über ſeiner Seele, nachdem er das Billetchen geleſen hatte Dieſe ſo gefeierte, ſo geſuchte, ſo umſchmeichelte 143 Natalie ſprach zu ihm von ihrer Ergebenheit, nannte ſich ſeine zärtliche Freundin; ſie deutete darauf hin daß ſein Glück mit einer Andern ihr ſelbſt Schmerz bereiten könnte. Tage warf einen Blick in den Spie⸗ gel und fand daß er, troz der durchwachten Nacht, ein recht hübſcher Burſche war, und daß ſein Aus⸗ ſehen ihn vollkommen zu einer ſolchen Eroberung berechtigte. Nun wohl, wenn Natalie ihn liebte, wenn es ihm gelang ihr Liebe einzuflößen, warum ſollte er die innige Jugendneigung nicht auffriſchen können die Schuldfried für ihn gehegt hatte? Wiederum lächelte die Hoffnung, wiederum flüſterte das Selbſt⸗ vertrauen ſeinem Herzen manches ſchmeichelnde Ver⸗ ſprechen zu, und als Tage nach einer ſorgfältigen Toilette ſich zur Gräfin begab, war ſein Geſichts⸗ ausdruck nicht mehr niedergeſchlagen, ſondern ſeine Augen leuchteten von Zuverſicht. In einem reizenden Boudoir fand er Natalie in einer einfachen, aber geſchmackvollen Morgentoilette. Als er eintrat, reichte ſie ihm mit einem einnehmen⸗ den Lächeln voll Zärtlichkeit und Wehmuth die Hand und ſagte: „Willkommen, treuloſer Ritter, der ganz und gar nicht verdient daß man ſich für ihn intereſſirt. Sie ſind undankbar, man ſollte Sie den Mißhandlungen des Schickſals überlaſſen.“ Tage ergriff die Hand und küßte ſie mit einer Wärme die durchaus nicht geſpielt war. Er war leider ein allzu williger Sclave der Einprilcke des Augenblicks um anders als nach ihren⸗Impuls handeln zu können. 3 144 „In welchem Fall, Gräfin, habe ich mich gegen Sie vergangen?“ ſagte Tage und ſezte ſich in einen Lehnſtuhl, welchen er ganz nahe zu dem Sopha zog worauf das einnehmende Weib ſaß. „Und das fragen Sie?“ Natalie ſah ihn mit wohlgeſpieltem Ernſte an.„Wie oft haben Sie im Verlauf der zwei lezten Jahre geſagt daß Sie mich lieben? Wie manchen Brief haben Sie nicht ge⸗ ſchrieben, worin Sie ſagen daß ich der einzige Stern an Ihrem Lebenshimmel ſei, daß Sie mich anbeten?“ Tage ſah etwas genirt aus; Natalie fuhr fort: „Dachten Sie was Sie ſchrieben? Fühlten Sie was Ihre Worte zu erkennen gaben? Lieutenant Aberney, antworten Sie mir ehrlich und aufrichtig wie es einem Manne zukommt. War es ein Spiel das Sie mit mir trieben?“ „Nein, Gräfin, es war kein Spiel.“ „Es war alſo Ernſt: es war alſo Wahrheit daß Sie mich liebten?“ „Wahrheit in dem Augenblick wo ich es ſagte,“ antwortete Tage, der ſehr wohl einſah daß Ehrlich⸗ keit hier das Beſte war. „Sie wollten alſo wegen einer plözlichen Auf⸗ wallung mein Herz zum Beſten halten und, wenn es Ihnen gelang, es liegen laſſen wie ein Spielzeng das Ihnen keinen Spaß mehr machte.“ Die Gräfin ſenkte ihr Haupt und verbarg das Geſicht in ihren Händen. Es ſah aus als ob ſie weinte. Tages Lage war nichts weniger als angenehm, beſonders da Natalie Schuldfrieds beſte Freundin zu ſein ſchien. Ueberdieß auf ſolche Art eine Frau weinen zu ſehen die lange ein geſuchter Gegenſtand ſeiner Aufmert⸗ 145 ſamkeit geweſen, das war Etwas was Tage gänz⸗ lich aus dem Concept brachte. Dieſe Thränen ſagten ihm ja daß er den Preis gewonnen habe wornach er ſo eifrig geſtrebt. Daß derſelbe jezt nicht mehr den gleichen Werth hatte wie früher, war nur Etwas was ſeine Stellung noch peinlicher machte. Er beugte ein Knie vor der Gräfin und ſtammelte mit aufgeregter Stimme: „Hören Sie und beurtheilen Sie mich dann.“ „Ich will nichts hören,“ flüſterte Natalie und erhob ihr gebeugtes Haupt mit einem zärtlichen Blick auf Tage.„Ich weiß ja Alles, ich weiß daß Sie on ganzer Seele Madame Dorbino lieben. Ihr Lebensglück beſteht ja doch in einer Verbindung „mit ihr?“ Tage ergriff die Hände der Gräfin und küßte ſie, indem er flüſterte: „Verzeihen Sie, aber ich habe Schuldfried ſeit meinem vierzehnten Jahre geliebt.“ „Und werden Sie wieder geliebt?“ fragte Natalie, indem ſie ihre Hände wegzog. „Einſt that ſie es; einſt gelobte ſie mir ihre Hand und ihre Treue; ſeitdem waren wir mehtere Jahre getrennt und jezt—“ „Jezt fürchten Sie ihr Herz verloren zu haben?“ Es gibt Augenblicke wo Zweifel und Kleinmü⸗ thigkeit meine Seele erfüllen.“ „Stehen Sie auf.“ Natalie ſtüzte den Kopf mit einer ſchmerzlichen Bewegung in ihre Hand, als könnte ſie ihn nicht hoch halten.„Ich habe ſchon im erſten Augenblick als ich Sie mit Frida beiſammen ſah das Geheimniß errathen. Geſtern ſtand es mir vollkom⸗ Swartz, Schuld und Unſchuld. I. 10% 146 men klar vor Augen.“ Natalie ſeufzte.„Die Ent⸗ deckung war ſchmerzlich; ich hatte an Ihre Liebe geglaubt; ich war glücklich in meinem Glauben. Still, unterbrechen Sie mich nicht. Wer die Hoff⸗ nung auf eigenes Glück verkoren hat, dem bleibt nur noch übrig das Glück desjenigen zu bereiten der ihm das ſeinige geſtohlen; auch erbiete ich meinen Beiſtand zur Beförderung Ihrer Verbindung mit Schuldfried. Ich bin jezt die Bundesgenoſſin Ihres Glückes, nachdem Sie mir die Freude geraubt haben ſelbſt Ihr Glück zu ſein.“ Die Augen der Gräfin verſchleierten ſich wie durch eine Thräne. Jezt folgten einige Fragen von Seiten Nataliens über das Verhältniß zwiſchen Tage und Schuldfried, ob eine Erklärung ſtattgefunden habe u. ſ. w. Tage vertraute ihr was die Gegenwart betraf, verſchwieg aber Alles was ſich auf die Vergangenheit bezog, wie auch die Rolle die Lothar in Schuldfrieds Leben geſpielt hatte. Er nannte nicht ein einziges Mal den Namen ſeines Nebenbuhlers und deutete auch nicht auf ihn an. Er ſprach ausſchließlich von dem was zwiſchen Schuldfried und ihm ſeit ihrer Ankunft in Schweden ſtattgefunden hatte, wie er ſie zu über⸗ reden verſucht habe das Theater zu verlaſſen, und wie er die Erfüllung der gegebenen Verſprechen noch nicht habe verlangen wollen, ehe Schuldfried durch ein längeres Zuſammenſein mit ihm in ihrer Erinne⸗ rung die frühere gegenſeitige Ergebenheit wieder gefunden. Ruclie als er endlich dqvon ſprach baß er beim Empfang ihres Brieſchens feſt entſchloſſen geweſen ſei zu örte ihn aufmerkſam an, aber Schuldfried zu gehen und eine Entſcheidung ſeines Schickſals auszuwirken, da fiel ſie lebhaft ein: 26 „Damit würden Sie Alles verderben. Eine übereilte Erklärung könnte Sie nur Schuldfried ent⸗ fremden. Nein; Ihr Entſchluß zuerſt ihre Zärtlich⸗ 3 keit wieder zu gewinnen iſt der richtige. Ich will inzwiſchen für Sie arbeiten. Undankbarer, Sie ſollen demnach mir für Ihr Glück verpflichtet ſein.“ 1 Das Geſpräch währte noch eine Weile, und als 6 Tage ſich von Natalie entfernte, betrachtete er ſie als ſeinen guten Engel. Seine Ergebenheit gegen ſie war jezt bedeutend größer und feſter begründet als vorher. Lamartine ſagt irgendwo, ich weiß nicht an wel⸗ chem Ort: „Durch Hingebung und Güte erobert die Frau unſere Herzen, durch Schönheit und Talent berauſcht ſie nur unſere Sinne. Die Schönen und Talent⸗ vollen müſſen ſich hingebend und gut ſtellen, falls ſie mit der Allmacht der Liebe über uns herrſchen wollen.“ 2 Wir glauben daß Lamartine Recht hat. Natalie hatte wenigſtens durch die Rolle die ſie jezt aus⸗ führte mehr gewonnen, als durch alle andern die ſie bisher geſpielt hatte. Sie hatte ſich Tages Achtung, Bewunderung und Ergebenheit erworben. Ob ſie wohl dieſen Gewinn behaupten konnte? Jo, ſo lange er an das glaubte was ſie ſcheinen wollte. Kurz nach dem ländlichen Ausflug kam einer von denjenigen Tagen wo die Menſchen von einer wahren Wuth ergriffen ſcheinen einander das Leben möglichſt unangenehm zu machen. Tante Sara er⸗ wachte mit dem Vorſaz zu Schuldfried zu gehen und ihr in Betreff des Theaterlebens Vernunft zu predigen. Hatte ſie nicht wieder die allerſchrecklichſten Gerüchte hören müſſen? Fräulein G., Mamſell D. und Frau F., alle hatten dazu beigetragen Sara darüber aufzuklären daß Madame Dorbino ein mehr als zweideutiges Leben geführt hatte, und daß nur ihre Verwandtſchaft mit der Gräfin Reinſtein ſie einiger Maßen in der allgemeinen Achtung erhielt, ſo daß ſie noch in die vornehmeren Kreiſe eingeladen wurde. Genug; Sara legte ein zierliches Promenadecoſtüm an und begab ſich ganz ſrühe, ehe noch Aberney ſichtbar geworden, zu Schuldfried. „Madame, ein älteres Frauenzimmer wünſcht Sie zu ſprechen,“ ſagte Anaiſe zu Schuldfried, indem ſie den Kopf durch die Cabinetsthüre hereinſtreckte. „Wie heißt ſie?“ fragte Schuldfried ohne auf⸗ zuſchauen. „Fräulein Ehrmann.“ „Tante Sara!“ Schuldfried erhob ſich ſogleich und legte ihr Schreibzeug weg.„Sag ihr ſie möge hereinkommen.“ „Welchem glücklichen Ereigniß darf ich die Freude zuſchreiben Dich in meiner Wohnung zu erblicken, ⸗ Tante?“ rief Schuldfried lächelnd und ging Sara mnigeß „Meine Ergebenheit führt mich hieher,“ antwor⸗ tete Sara, die tröz ihrer großen Vorſäze ſtreng zu ſein nicht umhin konnte gegen das ſchöne Kind zu lächeln das ihr heute ſchöner als je erſchien. „Komm und ſeze Dich, geliebte Tante! Herzlichen Dank dafür daß Du Dich doch entſchließen konnteſt die Wohnung einer Sängerin zu betreten.“ Schuld⸗ fried hob drohend den Finger.„Es war gar zu böſe von Dir nicht über meine Schwelle gehen zu wollen ſo lange ich Schauſpielerin bin.“ „Es war vielmehr ganz recht,“ verſezte Sara ſcharf;„wenn ich jezt dennoch hieher gehe, ſo geſchieht es bloß weil ich feſt beſchloſſen habe daß Du keine Theaterdame bleiben darſſt.“ Die Alte ſprach mit ſolchem Nachdruck daß ihr Kopf wackelte. „Du willſt mir alſo eine Schlacht liefern, Tante,“ rief Schuldfried heiter;„aber das iſt nicht ritterlich einen Gegner ſo unvorbereitet anzugreifen. Bedenke doch, wenn ich in Folge dieſer Uberrumpelung das Gewehr ſtrecken müßte“ Sara wurde durch dieſe Munterkeit ganz aus dem Concept gebracht und ſah Schulbfried eine Weile ſtarr an. Gewöhnlich antwortete leztere, wenn Sara ihre kleinen Angriffe machte, entweder gar nicht oder auch in einem kalten und abweiſenden Tone. „Du ſcherzeſt,“ fuhr Sara fort,„aber ich muß Dir nur ſagen daß ich nicht des Scherzes wegen hieher gekommen bin„ſondern um reinen Ernſt mit Dir zu ſprechen und von Dir Rechenſchaft für das ſts zu fordern das Du geführt haſt und noch ührſt.“ „Ueber was in meinem Leben ſoll ich Rechen⸗ 6 geben?“ Noch lächelte Schuldfried ganz ſchalk⸗ haft. „Wie Du nur fragen kannſt!“ Tante Sara glät⸗ 15⁰ tete heftig an ihrer Schürze.„Biſt Du nicht von Deinem Manne geſchieden? Haſt Du Dir nicht ſeit⸗ dem verſchiedene Abweichungen vom Wege der Sitt⸗ lichkeit erlaubt?“ Schuldfried brach in ein ſchallendes Lachen aus. „Um Gotteswillen, was ſagſt Du da, Tante? Bin ich von meinem Manne geſchieden?..“ Sie konnte vor Lachen nicht weiter ſprechen. O Gipfel des Leichtſinns! Ein ſolches Benehmen konnte ein noch frommeres Gemüth als Sara rei⸗ zen; auch rief dieſe mit einer vor Aerger zitternden Stimme: „Ah ſo, Enoch Aberneys Tochter bewahrt ihre Ehre ſo daß ſie über die Schändlichkeiten lacht die man ihr vorwirft! Du warſt gleichwohl dem Na⸗ men Deines Vatees mehr Achtung ſchuldig, und Du hätteſt nie vergeſſen ſollen welchen unverwiſchbaren Schatten das Verbrechen Deiner Mutter darauf ge⸗ worfen hat, Du... „Genug!“ rief Schuldfried und ergriff heftig Sa⸗ ras Arm. Sie war todtenbleich; ihr ganzer Kör⸗ per zitterte, und mit einer Stimme die etwas Hoh⸗ les hatte ſagte ſie:„Sprich den Namen meiner Mutter nicht aus; nenne ihn nie wenn Du mich nicht aus dem Lande treiben willſt.“ Schuldfried faßte ihren Kopf und murmelte ſchmerzlich:„O lie⸗ ber Heiland, ſollte ſelbſt ihr Staub keinen Frieden bekommen? Hat die Aermſte denn nicht durch ſo manche bittere Leiden ihr Verbrechen geſühnt?“ Dann erhob Schuldfried ſtolz ihr geſenktes Haupt und fügte hinzu:„Tante, die Tochter von Harm Aber⸗ ney weiß daß ſie vor Gott ſchuldfrei daſtehen muß um zur Sühnung deſſen beitragen zu können was ihre Mutter verbrochen hat; aber ſie weiß auch daß ſie ſich kein Unrecht hat zu Schulden kommen laſſen, daß ihr Leben rein und fleckenlos iſt wie das Ta⸗ geslicht. Mit dieſem Bewußtſein glaubt ſie das Recht zu beſizen allein über ihre Zukunft zu verfü⸗ gen. Und jezt, Tante, laß uns von dieſem Gegen⸗ ſtand abgehen.“ „Monſieur Aberney,“ hörte man Anaiſe ſagen, und wieder zeigte ſich der Kopf der würdigen zöſin in der Thüre.. „Er iſt willkommen,“ antwortete Schuldfried turz und kalt. Tante Sara war beim Namen Aberney etwas erſchrocken. Sie fürchtete es möchte Victor ſein, und dann wäre es gar zu verdrießlich geweſen, wenn er erfahren hätte was ſie ſo eben geſagt; aber ihre Beſorgniſſe verſchwanden bald als Tage eintrat. Nachdem er Schuldfried begrüßt und einen mißver⸗ gnügten Blick auf die im Sopha thronende Tante Sara geworfen, ſagte er zur leztern gewendet: „Haſt Du Schuldfried etwas Beſonderes zu ſa⸗ gen, Tante? In dieſem Fall entferne ich mich und komme wieder, wenn die Herrſchaften ausgeredet haben.“ „Was ich zu ſagen hatte, ſcheint nicht nach Schuld⸗⸗ frieds Sinne zu ſein; deßhalb thue ich wohl am Beſten wenn ich gehe.“ Sara erhob ſich.„Du willſt auf keinen verſtändigen Ralh hören,“ fügte ſie mit einem Blick auf Schuldfried hinzu, die bleich und kalt vor ihr ſtand. „Jezt nicht,“ antwortete Schuldfried.„ 152 3 Aeußerungen von vorhin thun mir noch weh.“ Sie legte die Hand aufs Herz. „Du bedenlſt nicht was ich empfand als...“ „Tante, ſprich nichts mehr; ſpanne den Bogen nicht noch höher!“. Schuldfried ſah ſo aus, daß Tante Sara es fürs Rathſamſte hielt ſich zu entfernen. 6 Tage wollte Schuldfried einen Spaziergang vor⸗ ſchlagen, aber ſie lehnte es ab mit der Erklärung daß ſie der Einſamkeit bedürfe. An dieſem Tage empfing Schuldfried Niemand, ſondern blieb in ihre Zimmer eingeſchloſſen. Als Tage von Schuldfried herabkam, traf er in. Nataliens Hausflur mit Lothar zuſammen. Lothar ſah ihm nach und dachte: ſ 8„Er kommt von ihr— wenn Natalie Recht hätte! Unmöglich, das Schickſal kann mir nicht ſo gräßlich Glück, Glauben und Hoffnung rauben.“ Er klingelte an Nataliens Vorſaal. Während Tante Sara ſich rüſtete um zu Schuld⸗ fried zu gehen und ihr mit ihrer Strafpredigt auf⸗ zuwarten, hatte Natalie zwei Briefe abgeſchickt; den einen an Doctor Wagner folgenden Inhalts: „Herr Doctor! „Sobald Sie dieß erhalten, beſuchen Sie „Natalie Reinſtein.“ ¹ Der andere war an Lothar und lautete alſo: „Herr Baron! „Wenn Ihre Zeit es erlaubt, ſo beſuchen Sie mich heute Vormittag. Sie treffen mich um ein Uhr zu Hauſe. Mit aller Achtung „Natalie Reinſtein.“ 153 Den Doctor traf der Brief juſt als er ausgehen wollte, und die Folge war daß er ſogleich zur Grä⸗ fin eilte. Als Natalie die beiden Billete abgeſchickt hatte, begann ſie in ihrem Bibliothekzimmer auf und ab zu gehen. Sie ſah aufgeregt aus. Die Wangen bleich und die Augen bald wehmüthig verſchleiert, bald blizend vor Verdruß. Nachdem ſie ihre Wan⸗ derung eine Weile fortgeſezt, blieb ſie vor einem Spiegel ſtehen und betrachtete ihr eigenes Bild, während ſie in Gedanken folgenden Monolog hielt: „Sollte es wirklich möglich ſein daß ich, die ich ſo viele Jahre lang nicht an Liebe geglaubt, ſon⸗ dern die für mich glühenden Thoren ausgelacht und ſorglos mit Herzen geſpielt habe, jezt meinerſeits die⸗ ſer elenden Seuche verfallen ſein und wirklich für einen Mann fühlen ſollte— einen dieſer Herren der Schöpfung die beim Lichte beſehen Marionetten gleichen! Wir ſchönen Weiber brauchen ja bloß die Fäden zu ziehen, ſo bekommen wir ſowohl Helden als Genies, ſowohl große Männer als Pygmäen, die alleſammt nach unſern Launen tanzen und ſich zu unſern Sclaven erniedrigen. Und einen ſolchen Hampelmann, der vom Manne weiter nichts als den Ramen hat, ſollte ich— ich lieben! Ha! das wäre erniedrigend!— Iſt er wirklich wie dieſe andern? Nein. Er hat ſich zum Sclaven keines Weibes ge⸗ macht, und eben das hat mich bezaubert. Aber weiß ich es denn ſo genau?— Dieſe Gleichgiltig keit, dieſe Ueberlegenheit kann ja auch bloß geſpielt ſein, und er kann ein eben ſo ſchwaches Herz haben wie alle andern. Zwei Jahre lang hat et mich un⸗ 154 terhalten, intereſſirt, gereizt und gequält, aber doch nicht, wie jezt, meine ganze Seele in Aufruhr ge⸗ bracht.— Aufruhr, ja das iſt das rechte Wort. Verdruß, Zorn und Erbitterung iſt es was ich em⸗ pfinde; nichts Anderes. Mein Stolz kann es nicht ertragen daß er allein mir widerſtehen ſoll. Ich ertrug es ſo lang ich ihn unnahbar glaubte; aber ezt. „Doctor Wagner,“ meldete der Bediente. Der Doctor trat ein. Willkommen, Herr Doctor, ich habe Sie mit Ungeduld erwartet,“ ſagte Natalie. „Sind Sie krank, Frau Gräfin?“ fragte Wag⸗ ner mit einem feinen Lächeln, indem er die ſchöne kleine Hand ergriff und den Puls fühlte.„Ihr Puls ſchlägt beinahe hundertmal in der Minute. Sie haben Fieber.“ „Möglich; deßhalb habe ich auch nach Ihnen geſchickt; aber laſſen wir mein Fieber bis auf Wei⸗ teres.“ Die Gräfin ſezte ſich und winkte dem Doe⸗ tor Plaz zu nehmen. *„Erinnern Sie ſich unſerer erſten Bekanntſchaft?“ begann Natalie. „Am Bord der Fregatte Carolina; nur gar zu* Zut. Ich hatte das Glück während der Reiſe der Arzt des Herrn Grafen zu ſein.“ s ſind ſeitdem mehr als zwei Jahre verfloſ⸗ ſen, und inzwiſchen haben Sie ſich in Schweden auf⸗ gehalten?“ „Ja, und im vergangenen Sommer hatte ih das Glück mit Ihnen in Schoonen bei dem Gra⸗ 3 155 fen M. zuſammenzutreffen, als Sie bei der gräf⸗ lichen Familie auf Beſuch waren.“ „Ich war krank und Sie curirten mich.“ „Was ſie wohl mit dieſer Wiederholung von Dingen beabſichtigt die ich weiß? Wenn ſie lieber einen directen Ausfall machte, ſo könnte ich beſſer ſehen was ſie im Schilde führt,“ dachte der Doctor Laut ſagte er: 1 „Ihre Krankheit war nur eine Folge übler Laune aber anders verhielt es ſich mit dem jungen Aberney. Er ſezte beinahe ſein Leben an die Rettung Ihres— Handſchuhes.“ 3 „Erinnern Sie mich nicht an all die Thorheiten die er damals beging,“ ſagte Natalie ungeduldig. „Es gilt nicht ihm,“ dachte der Doctor. „Wann kamen Sie in der Hauptſtadt an?“ fragte die Gräfin, indem ſie das Geſpräch raſch abbrach. „Vor einem Monat.“ „Wie lange bleiben Sie hier?“ „Entweder für immer oder verlaſſe ich Schweden um nie wiederzukehren.“ „Warum ließen Sie mich nicht früher wiſſen daß Sie in Stockholm waren?“ „Sie ſtellt ein förmliches Verhör mit mir an. Es wird ihr ſchwer zur Sache zu kommen,“ fiel der Doctor in Gedanken ein. Er antwortete: „Weil Geſchäfte meine Zeit in Anſpruch nahmen. Ueberdieß, ſchöne Gräfin, hörte ich daß Sie geſund ſeien und meine ärztliche Hilfe nicht bedürfen. Ich erinnere mich lebhaft Ihrer Aeußerung vom vorigen Sommer.“ 2 „Ah! ich weiß. Ich ſagte: Laſſen Sie ſich in 156 der Hauptſtadt nieder, ſo ſollen Sie mein Arzt werden. Sie ſind es auch von heute an; darum ſchickte ich nach Ihnen. Ich bin krank.“ Der Doctor machte eine Verbeugung die ſo ge⸗ deutet werden konnte: Da Sie es ſagen, ſo muß ich es wohl glauben. Verſtehen Sie mich recht; ich bin ſo ärgerlich daß ich mich unwohl fühle.“ „Kann ich da Etwas zur Milderung Ihres Aergers beitragen?“ „Sie können meine Neugierde befriedigen.“ Ah“ „Sie kennen Madame Dorbindo. Wo und wie lernten Sie dieſelbe kennen?“ „Endlich ſind wir an der Sache,“ dachte der Doctor.„Laß ſehen, Wagner, daß Du Nichts ver⸗ räthſt bevor Du die Gründe weißt die das ſchlaue Weib leiten.“ Laut ſagte er mit rückhaltſamer Miene: „Gräfin, ich ſagte Ihnen bei meinem Zuſammen⸗ treffen mit Madame Porbino daß ich ſie in Finn⸗ land kennen gelernt habe.“ „Als unverheirathet?“ „Ja, Sie wiſſen ja ſelbſt daß ſie ſich als un⸗ verheirathet in Frankreich und England aufgehalten hat.“ „Wo oder bei wem machten Sie ihre Bekannt⸗ ſchaft?“ „Bei ihrer Mutter.“ Hieß ihre Mutter Aberney?“ Der Doctor machte eine bejahende Verbeugung und nahm ſeine rückhaltſamſte Miene an. „Aufrichtigkeit iſt nicht ſeine ſchwache Seite,“ dachte Natalie mit innerer Ungeduld.„Ich muß den Angriffsplan verändern.“ „Dank für Ihre Aufſchlüſſe. Meine ausgezeich⸗ nete Couſine iſt ſo verſchloſſen daß man ſie niemals von ihrem vergangenen Leben reden hört. Ich weiß noch nicht wie nahe ſie mit dem Profeſſor verwandt iſt, ſondern nur daß ſie zur Familie Aberney ge⸗ hört, und ich vermuthe daß ſie als ledig dieſen Namen führte.“ Die Gräfin legte ſich in die Sophalehne zurück und ſagte mit ſcheinbarer Gleich⸗ giltigkeit:„Sie haben ſich längere Zeit in Finnland aufgehalten, und zwar, wenn ich mich recht erinnere, in der Nähe von Abo?“ „Sowohl dort als in Helſingfors.“ „Ein ſonderbares Volk, dieſe Finnen.“ Natalie ſchwazte lang und breit von dem finniſchen Volk, von dem lezten finniſchen Kriege und den finniſchen Verhältniſſen. Der Doctor ging mit einer eigen⸗ thümlichen Behutſamkeit auf das Geſpräch ein, und achtete auf jedes Wort der Gräfin ohne es ſich jedoch anmerken zu laſſen. Nachdem Natalie von gewiſſen adeligen Familien in Finnland geſprochen die ſie kannte, ſagte ſie ganz gleichgiltig: „Baron Canitz hat ja ein größeres Gut dort?“ „Alſo von Canitz will ſie etwas wiſſen,“ dachte der Doctor.„Der Baron hat ein Gut dort ge⸗ habt,“ ſagte er,„aber er hat es verkaufen müſſen.“ „Gab es nicht in der Rähe eine Familie Namens Smith?“ fragte Natalie. „Frau Gräfin, in Finnland gibt es viele Fa⸗ i dieſes Namens.“ „Doctor,“ rief Natalie halb ſcherzend, halb unge⸗ duldig,„Sie geben mir nichts als ausweichende Antworten.“ „Darum, Frau Gräfin, weil Sie ſo ſonderbare Fragen an mich ſtellen.“ Der Doctor ſah die junge Dame mit einem durchdringenden Blick an, während er mit Nachdruck hinzufügte:„Sie wünſchen von mir Etwas zu erfahren was Baron Canitz betrifft, aber Sie wollen es ausforſchen ohne das Intereſſe verrathen zu müſſen das Ihren Erkundigungen zu Grunde liegt. Warum nicht lieber geradezu fragen?“ „Ich traue Ihnen nicht; Sie ſind ein ſehr ſchlauer und gefährlicher Mann.“ „Gräfin, ich wage in aller Demuth zu verſichern daß ich über Sie dieſelbe Anſicht habe.“ Der Doctor verbeugte ſich. „Nun wohl, wenn dem ſo iſt, ſo werden wir wohl einander belauern müſſen.“ Natalie lachte. „Unmöglich. Hier gibt es bloß eine einzige Art und Weiſe: Wir müſſen uns einander auf Gnade und Ungnade ergeben und ehrlich ſpielen. Was wollen Sie von mir wiſſen?“ „Ich will wiſſen ob Sie ein gewiſſes Fräulein Smith aus Finnland kennen.“ Ja.“ „War Baron Canitz in ſie verliebt?“ Ba. „Wo hält ſie ſich gegenwärtig auf?“ „Hier.“ „In der Hauptſtadt?“ „Ja.“ „Ich muß wiſſen wo?“ — „Sie ſollen es erfahren; aber zuvor müſſen Sie ſich mir anvertrauen und mir ſagen ob Ihr Herz an Baron Canitz gefeſſelt iſt.“ „Doctor, Sie überſchreiten die Grenze welche die Delicateſſe ſteckt.“ „In dieſem Falle trete ich zurück, und habe alſo weder von Fräulein Smith noch von Baron Canitz, noch von Modame Dorbino etwas zu ſagen.“ Natalie ſchwieg. Der Doctor fuhr nach einer Weile fort:„ „Ich bin der Einzige der Aufſchlüſſe über dieſe Perſon geben kann; ate, Gräfin, wenn Sie Auf⸗ richtigkeit von mir verlangen, müſſen Sie mir mit gutem Beiſpiel vorangehen. Lieben oder verab⸗ ſcheuen Sie Canitz? das iſt es worüber ich Klarheit haben muß.“ „Ich verabſcheue den Baron Canitz.“ „Das heißt Sie lieben ihn,“ ſiel der Doctor lächelnd ein.„Was iſt Ihre Abſicht, was verlangen Sie mit Ihrem Abſcheu?“ „Ihn zu demüthigen.“ „Ich verſtehe: ihn zu Ihren Füßen zu bekom⸗ men. Gräfin, das iſt ſchwer, wo nicht getadezu unmöglich.“ „Nichts iſt unmöglich,“ fiel Ratalie heftig ein. „Ich fürchte gleichwohl daß hier der Fall ein⸗ treten wird. Ich kenne Canitz, er verändert ſeine Gefühle nicht.“ „In dieſem Fall mag er ſich in Acht nehmen. Ich werde es nie verzeihen wenn er mich ver⸗ ſchmäht.“ „Seit ſechs Jahren iſt ſein Herz an eine Perſfon 160 gefeſſelt die er bis an ſeinen Tod lieben wird. Es gibt nur ein einziges Mittel ihn von dieſer thörichten Liebe abzubringen.“ „Und dieſes iſt?“ ————. „Wenn man ſie in ſeiner Achtung ſtürzt. Und das iſt nichts Leichtes. Sie iſt keuſch und rein wie eine Veſtalin.“ „Und dieſe Veſtalin, wer iſt ſie?“ „Fräulein Smith.“ „Wo ſie finden?“ „In dieſem Hauſe.“ „Doctor!“ „Madame Dorbino und Fräulein Smith ſind eine und dieſelbe Perſon.“ „O meine Ahnung!“ „Baron Canitz wünſcht die Frau Gräfin zu be⸗ ſuchen,“ meldete der Bediente. „Sie ſehen aufgeregt aus, Madame,“ ſagte der Doctor auf Franzöſiſch. „Ich bin krank.“ Natalie warf ſich gegen die Sophalehne zurück und ſagte zu dem Bedienten:„Der Herr Baron möge eintreten!“ Wagner ergriff den Arm der Gräfin, wie wenn er den Puls unterſuchte, und als Lothar eintrat,* hörte er den Doctor ſagen: „Ich werde mich morgen erkundigen ob meine Verordnungen gefruchtet haben.“ Er erhob ſich, machte eine höfliche Verbeugung vor Natalie, eben ſo vor Lothar, und verließ das Zimmer. ——————. ——————————— 161 „Sie ſind unpäßlich, Frau Gräfin?“ ſagte Lo⸗ thar, als ſie allein waren;„kann meine Anweſen⸗ heit Sie beläſtigen?“. „Ich habe Sie ja um Ihren Beſuch gebeten, antwortete Natalie mit etwas unſicherer Stimme. „Wie Sie ſehen, habe ich der Aufforderung Folge geleiſtet.“ „Meine Abſicht war Ihre Artigkeit in Beſchlag zu nehmen.“ Ratalie hielt ihren Kopf ſchief à 1a Schuldfried und lächelte gegen Lothar, der bei die⸗ ſer Bewegung ganz unbemerkt ſeine Brauen run⸗ zelte. Er antwortete indeß in verbindlichem Tone: „Sie haben über mich zu befehlen.“ „Am Montag wird die Weiße Frau gegeben; ich wollte Sie bitten mir für dieſen Abend Ihr Ochſen⸗ auge abzutreten. Sie werden ſich wohl für alle Vorſtellungen der Madame Dorbino darauf abon⸗ nirt haben?“ „Ich trete es Ihnen mit Vergnügen ab, Frau Gräfin. Ich benüzte es das lezte Mal nicht.“ „Nicht? Sie wollen es aber doch benüzen wenn die Weiße Frau gegeben würde?“ Sie ſah ihn an. „Ich glaube kaum, und jedenfalls, Gräſin, kann jezt nicht mehr die Rede davon ſein. Will ich die Weiße Frau hören, ſo kann ich immer im Saal einen Plaz bekommen. Wünſchen Sie ſonſt noch etwas?“ „Ja!“ Natalie reichte ihm mit einem beinahe bittenden Blicke die Hand. Die ausgezeichnetſte Schauſpielerin hätte ihre Sache nicht beſſer gemacht. „Ich wünſchte daß Sie mir und der ruſſiſchen Ge⸗ ſandtin an dieſem Abend Geſellſchaft leiſteten. Sie wiſſen daß die Gräfin P. kränklich iſt. Sie hat ſich Schwartz, Schuld und Unſchuld. UI. 162 bei keiner der frühern Vorſtellungen ins Theater ge⸗ wagt. Sie bat mich daher ihr ein Ochſenauge in der erſten Reihe zu verſchaffen. Ich verſprach ihr ſowohl dieß als auch meine Begleitung. Nun wohl, die Gräfin iſt ſchrecklich langweilig; kommen Sie daher und helfen Sie mir die langen Zwiſchenacte aushalten. Sie verrichten damit zwei gute Thaten:, Sie erheitern die kranke Gräfin deren Günſtling Sie ſind, und zerſtreuen mich.“ Lothars Stirne verfinſterte ſich. Natalie hatte einen wahren Hinterhalt geſtellt: ſie erkundigte ſich zuerſt ob er entſchloſſen war das Theater nicht zu beſuchen, und machte es ihm dann unmöglich ſich zu weigern. „Wenn die Weiße Frau aufgeführt wird,“ ant⸗ wortete Lothar,„ſo werde ich die Ehre haben die Damen zu begleiten.“ „Dank, beſter Baron, und jezt ein Schlußwort. Verzeihen Sie daß ich mir zwei Jahre lang den Spaß gemacht habe Sie glauben zu laſſen daß ich Fräulein Smith kenne. Ich bereue jezt dieſe Poſſe und geſtehe aufrichtig daß ſie ein mir gänzlich un⸗ bekannte Perſönlichkeit iſt.“. „Ich glaube daß ſie es war, Gräfin; aber zu⸗ gleich bin ich feſt überzeugt daß Sie gerade jezt wiſſen wer dieſen Namen geführt hat.“ „Welche Vorausſezung! Auf was gründen Sie dieſelbe?“ 4 „Auf meine Kenntniß Ihres Characters. Sie 2 ſind nie gefährlicher als wenn Sie mild ſind. Dann„ gebietet die Klugheit daß man auf ſeiner Hut iſt./ „Gefährlich? Was meinen Sie damit?“ 163 „Gefährlich iſt wer die Mittel zu beſizen glaubt einen Andern zu verlezen.“ „Und dieß ſagen Sie mir?“ „Ja, Frau Gräfin, juſt Ihnen; denn hinter die⸗ ſem offen ausgeſprochenen Geſtändniß daß Sie Fräu⸗ lein Smith nicht kennen verbergen Sie Ihre genaue Kenntniß dieſer Perſönlichkeit. Sie wiſſen jezt daß Madame Dorbino dieſen Namen geführt hat. Doe⸗ tor Wagner hat Sie darüber aufgeklärt. Sie wiſ⸗ ſen auch daß die einzige Dame der ich je meine ganze Vewunderung und Hochachtung geſchenkt habe Schuldfried Smith iſt.— Jezt, nachdem ich dieß ſelbſt beſtätigt habe, werden Sie ganz ſicher einſehen daß alles weitere Gerede in dieſer Sache nicht an ſeinem Plaze wäre.“ Es gibt Nichts was Intriganten ſo ſehr über⸗ rumpelt wie ein aufrichtiges Bekenntniß der Wahr⸗ heit. Natalie war beinahe ganz aus der Faſſung gebracht. Gleichwohl war ſie eine zu geübte Schau⸗ ſpielerin um ſich Ueberraſchung oder Verdruß an⸗ merken zu laſſen. Sie verſezte daher lachend: „Sie haben mich entwaffnet, beſter Baron, und war ſo gründlich daß Sie mir alle meine Waffen geraubt haben. Wonmit ſoll ich Sie künſtig an⸗ greifen?“ „Mit Ihrer liebenswürdigen Heiterkeit, Ihrem Wiz und Ihrer Genialität,“ ſagte Lothar artig. „Darin beſizen Sie Waffen die man Ihnen nie rauben kann. Sie ſind ſo reich ausgerüſtet, daß Sie ſtets ein für unſere Herzen gefährliches Weib ( bleiben.“ 11* 164 „O, ich bin nicht ſehr gefährlich!“ Natalie ſeufzte.„Ich bin es für Sie nie geweſen.“ „Sie ſind es für Alle denen Sie gefallen wollen.“ „So; das war eine ausweichende Antwort.“ „Ganz und gar nicht. Ich wollte damit ſagen daß Sie mich mit nichts Anderem als Ihrer Un⸗„ gnade beehrt haben. Sie haben es nicht der Mühe werth gefunden mir zu gefallen.“ Begriff Natalie die Feinheit in dieſer Antwort? Wir glauben es, denn ſie wechſelte unmerklich die Farbe. „Sie haben Recht und ſicherlich werden Sie nie⸗ mals ein Gegenſtand meiner Gefallſucht. Nach die⸗ ſer Erklärung können wir ja einander die Hand 7 reichen.“ „Meine gnädige Gräfin, ich verſichere daß es mir nie einfallen kann etwas Anderes als ein ritterlicher Freund der Damen im Allgemeinen und der liebens⸗ würdigen im Beſondern zu ſein.“ Lothar führte die Hand der Gräfin an ſeine Lippen und nahm Abſchied. „Ha! der Vermeſſene! er wollte nicht einmal meine Freundſchaft haben; aber das ſollſt Du be⸗ reuen!“ murmelte Natalie.* Am Abend deſſelben Tages, als Lothar nach Hauſe kam, warf er ſich auf den Sopha, um die Zeitungen zu leſen. Mit der theilnahmloſeſten Miene— von der Welt ſchlug er eine von ihnen auf. Ganz mechaniſch warf er ſeine Augen auf die erſte Seite 165 und die Theateranzeigen. Mit Curſivſchrift ſtand darin zu leſen: „Am Donnerſtag unterbleibt die Vorſtellung der Weißen Frau wegen Heiſerkeit der Madame Dorbino.“ Lothar ſprang auf und rief: „Was bedeutet das? Iſt ſie heiſer oder...“ Er warf ſich wieder auf den Sopha und drehte das Blatt um, ob vielleicht noch nähere Auſfſchlüſſe darin ſtanden. Es fand ſich wirklich eine lange Tirade vor. Das Abendblatt beklagte den Verluſt des Publikums das daranf verzichten müſſe Madame Dorbino in der Weißen Frau zu hören. Referent hoffte indeß daß die Heiſerkeit nur zufällig ſei und daß man in der nächſten Woche das Vergnügen habe von ihrer ſchönen Stimme umkost zu werden. „Alſo nur ein Aufſchub,“ dachte Lothar und warf das Journal weg. In dieſem Moment ſah er einen Brief der auf dem Tiſch lag. Beim erſten Blick darauf fuhr er zuſammen. Er riß ihn an ſich, in„ nächſten Minute war der Brief erbrochen; er las: „Madame Dorbino iſt nicht heiſer, ſie tritt nie in der Weißen Frau auf.“„ Ein Name war nicht unterzeichnet. Deſſen be⸗ durfte es auch nicht. Lothar hätte unter hundert Schriften die Hand erkannt die dieſe Worte aufs Papier geworfen. Hätte das Papierchen die Er⸗ nennung zu den höchſten Ehrenſtellen, zu den größten Auszeichnungen enthalten, es hätte keine innigere Freude, keine wahrere Wonne hervorrufen können als er jezt empfand. Jeder Zug in Lothars Geſicht trug ein Gepräge von Glück und Befriedigung, ſo daß es wahrhaft ſchön war. Einige Augenblicke ſpäter verließ Lothar ſeine Wohnung. Schuldfried verbrachte ihren Mittag mit Aberney; ſie hatten eine Fahrt nach Drottningholm gemacht. Sie kamen etwas ſpät nach Hauſe. Anaiſe reichte ihr da ein Bouquet von Myrten und Immortellen, mit einem roſenrothen Band umwunden. In der Mitte ſteckte ein Papier. Schuldfried führte die Blumen mit einem ſtrahlenden Lächeln an ihre Lip⸗ pen, und flüſterte, indem ſie das Billetchen öffnete: „Er hat mich verſtanden.“— Jezt warf ſie ihre Augen auf das entfaltete Papier; es enthielt ein einziges Wort und dieſes lautete: „Dank!“ „Ah! ſein gekränktes Selbſtgefühl verlangt alſo daß ich ihm beweiſen ſoll wie grenzenlos theuer er meinem Herzen iſt. Ja, beweiſen werde ichs; aber. er ſoll den Triumph nicht haben daß ich mein Herz als Geſchenk in ſeine Hand lege. Nein, Lothar, dieſes Herz verdient wirklich daß Du für ſeinen Beſiz etwas von Deinem Stolze opferſt.— Ich weiß daß er mich liebt.— Seine Kälte, ſeine bittern Worte haben mir nur bewieſen daß er die warmen und ſtarken Gefühle verbergen will die ihn an mich ketteten.“ Wiederum wurde das Bouquet gelieb⸗ kost, wiederum lächelte ſie es mit einem Ausdruck von Hoffnung und Glauben an, wie er nur dem⸗ jenigen eigen iſt welcher liebt. Als Aberney heimkam, ging Tage ihm im Saal mit einer Zeitung in der Hand entgegen und rief: „Haſt Du das heutige Abendblatt geleſen, Papa?“ —— —— 167 „Nein, ich komme von Drottningholm. Schuld⸗ fried und ich waren den ganzen Mittag dort.“ „Warum durfte ich nicht mitkommen?“ „Du antworteteſt ja, Du ſeieſt beſchäftigt, als ich Dich fragte.“ „Ich wußte da nicht..“ „Daß Schuldfried mich begleiten würde?“ Aberney lächelte.„Nun warum wolteſt Du wiſſen ob ich das Abendblatt geleſen habe?“ „Eine einzige Frage zuvor, beſter Papa.“ „Gerne.“ 5 „War Schuldfried heute heiſer? Sprach ſie mit Dir davon?“ „Ganz und gar nicht; ſie ſang auf meinen Wunſch, ehe wir uns nach Drottningholm begaben, einige Volkslieder. Ihre Stimme war klar, voll und hinreißend wie immer.“ „O mein Gott, laß mich nicht vor Wonne ver⸗ rückt werden!“ rief Tage mit einem Ton und Ge⸗ ſichtsausdruck der die heftigſte Freude verkündete⸗ „Darf ich vielleicht wiſſen um was es ſich han⸗ delt?“ fragte Aberney. „Hat Schuldfried Nichts in Bezug auf die Weiße Frau am Donnerstag geſagt?“ „Nicht ein Wort. Aber endlich dürfteſt Du mit Deinen Fragen aufhören und mich über ihre Be⸗ deutung auftlären.“ „Da lies ſie ſelbſt, Papa.“ Tage reichte dem Profeſſor die Zeitung. „Höchſt ſonderbar,“ bemerkte Aberney, als er die Stelle in Betreff Madame Dorbinos geleſen hatte.„Schuldfried war nicht im Mindeſten heiſer 168 und ſprach kein Wort davon daß die Weiße Frau aufgeſchoben werden ſoll; ich verſtehe das nicht.“ „Aber ich, ich verſtehe es,“ rief Tage voll Freude. „Dann muͤßt Du mich aufklären.“ Der Pro⸗ feſſor ſezte ſich in den Sopha. „Schuldfried hat Heiſerkeit vorgeſchüzt um ſich vom Theaterleben zurückzuziehen.“. „Worin willſt Du die Urſache zu dieſem Be⸗ nehmen finden?“ „In ihrer Ergebenheit gegen mich.“ „Kindiſche Illuſionen, mein lieber Tage. Ich bezweifle ganz und gar nicht daß Schuldfried Dich lieb hat, aber ihre Freundſchaft gegen Dich iſt nicht von der Art daß ſie ſolche Opfer brächte. Ich habe Dich ſchon mehrere Male gewarnt ſie nicht zu über⸗ ſchäzen.“ „Aber dießmal dürfte ich gegründete Urſache haben zu glauben daß ihre Freundſchaft zärtlicherer Natur iſt als Du vermutheſt. Ich bin es der ſie beſtimmte die Bühne zu verlaſſen. Ich habe mit Schuldfried darüber geſprochen. Ich habe ihr die Gefahren vorgeſtellt denen ſie ausgeſezt ſei, und ich habe ſie bei unſerer Kinderfreundſchaft beſchworen eine Bahn aufzugeben, auf welcher ſie früher oder ſpäter in Unannehmlichkeiten kommen würde.“ „Was antwortete ſie?“ fragte Aberney, indem er gedankenvoll vor ſich hinſchaute. „Sie wies Alles unter Scherzen zurück, aber dieß iſt ja ihre Gewohnheit. Sie behandelt Alles in heiterer Weiſe und ſcherzt ſogar in ernſten Dingen. , — 169 Folglich müſſen nicht ihre Worte reden, ſondern ihre Handlungen.“ „Ich glaube inzwiſchen daß Du auf dieſe Hand⸗ lung Schuldfrieds kein gar zu großes Gewicht legen darſſt. Sie hat dadurch ganz und gar nicht zu er⸗ kennen gegeben daß ſie das Theater verlaſſen will, und ſelbſt wenn ſie das thäte, ſo fürchte ich daß dieſer Schritt nicht von dem Wunſche Dir gefällig zu ſein, ſondern von ganz andern Motiven herrührt.“ „Von welchen denn?“ „Es könnte ja noch eine andere Perſon geben die ebenfalls einen Widerwillen gegen ihr Künſtler⸗ leben hätte und der ſie dieſes Opfer brächte.“ „Wer ſollte dieſe andere Perſon ſein?“ „Ich,“ fiel eine Stimme hinter Tage ein. Es war Sara die einer alten Gewohnheit gemäß belauſcht hatte was im Saale geſprochen wurde. „Die Tante!“ riefen Tage und Aberney zugleich. „Ja, juſt die Tante,“ verſezte Sara.„Das wundert euch. Weil ihr Beide nichts darnach fraget was ich ſage, ſo glaubet ihr daß auch alle Andern meine Worte gering ſchäzen. Schuldfried hat jezt bewieſen daß ſie mir wirklich Vertrauen und Achtung ſchenkt. Ich war es die in vollem Ernſt mit ihr ſprach und ihr aus einander ſezte daß ſie es dem Andenken ihrer Eltern ſchuldig ſei eine ſo. ſündhafte Lebensbahn zu verlaſſen. Mit ihrem wahren und guten Herzen hat Schuldfried anch meinen Rathſchlägen gemäß gehandelt; das hat ſie jezt bewieſen.“ Aberney erhob ſich und ſagte lächelnd: „Selig ſind die glauben! Dieß gilt für euch Beide. Jedes von euch hegt die Ueberzeugung auf Schuldfried eingewirkt zu haben. Ich meinerſeits möchte meine Ehre nicht daran wagen daß ihr irgend einen Theil an ihrem Entſchluſſe hättet. Es wird ſich wohl bald zeigen wer von uns Dreien Recht hat.“ „Du willſt vielleicht Dir ſelbſt das Verdienſt zu⸗ rechnen?“ fiel Sara ſpizig ein.„Wie könnte wohl etwas Vernünftiges zu Stande kommen wenn Du nicht die Finger dabei hätteſt?“ „In meinem Hauſe wenigſtens geſchieht nichts Kluges wenn ich nicht dabei bin,“ antwortete Aberney lachend.„Was Schuldfried betrifft, ſo habe ich ſie nie zu bereden geſucht daß ſie die Bühne verlaſſen ſolle. Gute Nacht!“ Tage legte nicht das mindeſte Gewicht auf Aber⸗ neys Worte; er erblickte darin nur die gewöhnliche pedantiſche Predigt eines alten Mannes gegenüber einem Jüngling. Was Tante Sara betraf, ſo dachte er keinen Augenblick daran daß ſie auf Schuldfried eingewirkt habe. Nein, er ſelbſt, Tage, war es allein der Schuldfried vermocht hatte von dieſen Triumphen der Eitelkeit abzuſtehen, und jezt, nachdem er dieſen Beweis ihrer Zärtlichkeit empfangen, jezt hielt er jeden Aufſchub für überflüſſig. Der morgende Tag mußte die Beſtätigung des Glückes bezeugen von welchem er ſo lange geträumt hatte. Tage ſchrieb noch vor Schlafengehen folgenden Brief: 171 „Meine edle Freundin! „Sie die Sie mich in den lezten Tagen mit ſo hoher Huld umfaßt und ſo lebhaſt an Allem Theil genommen haben was mein Glück betrifft, Sie wer⸗ den es ganz ſicher natürlich finden, wenn ich mich beeile Ihnen mitzutheilen daß ich jezt am Ziele meiner Wünſche ſtehe. „Gräfin, Schuldfried liebt mich! Sie hat es mir heute Abend bewieſen. Ich bin der glücklichſte Sterbliche auf Erden. Morgen iſt ſie vor der ganzen Welt die Meivige. „Theure, anbetungswürdige Gräfin, verzeihen Sie mir meine Seligkeit, und daß ich im Beſize einer andern Liebe als der Ihrigen glücklich ſein kann. Wäre Schuldfried und meine an ihrer Seite verbrachte Kindheit nicht, ſo hätte die Erde keine Frau die ſo geliebt zu werden verdiente wie Sie. Sicherlich haben Sie auf Schuldfried ſo eingewirkt, daß ſie ſich beeilte mir dieſen ſprechenden Beweis ihrer Liebe zu geben. 3 „Leben Sie wohl, Schöpferin meines Glückes! Morgen ſehen Sie zu Ihren Füßen Ihren dankbaren Sclaven „Tage Aberney.“ Als Natalie Morgens erwachte, wurde ihr Tages Brief überreicht, der noch ſpät Abends dem Portier übergeben worden war. Nachdem ſie ihn durchleſen, ſprang ſie mit einem Freudenſchrei aus dem Bette. Sie ließ ſich in größter Haſt ankleiden und ſchickte nach Doctor Wagner. Er ſtellte ſich ungeſäumt ein. Bei ſeinem Ein⸗ tritt in Nataliens Boudoir wurde er von der Gräfin 172 mit einem verbindlichen, aber rückhaltenden Lächeln empfangen. Natalie hatte beſchloſſen ihrerſeits in das Vertrauen des Doctors einzudringen und aus⸗ zumitteln warum er der Neigung Schuldfrieds und Lothars entgegenarbeitete. Sie war zu ränkevoll und berechnend um zu glauben daß Jemand etwas thun könne ohne durch egoiſtiſche Beweggründe ge⸗ leitet zu werden. Der Doctor, ein ſcharfer Beobachter, bemerkte die verſchloſſene Miene der Gräfin, und ahnte ſogleich einen Angriff gegen welchen er auf ſeiner Hut ſein müſſe. „Sie haben mich rufen laſſen, Gräfin,“ ſagte er.„Sind Sie jezt wieder unwohl?“ Dieſe Worte wurden mit einer gewiſſen Ironie ausge⸗ ſprochen. „Nein, lieber Doctor, ich wollte Ihnen nur mit⸗ theilen daß ich vollkommen wieder hergeſtellt bin.“ „Wirklich?“ Der Doctor legte ſeinen Zeigefinger an ihren Puls und fixirte die Gräfin.„Erlauben Sie mir das zu beſtreiten. Sie haben noch einen zu vollen Puls als daß ich Sie für geſund erklären dürſte. Sie leiden an einer heftigen Entzündung.“ „Glauben Sie das?“ Die Gräfin lächelte mit einem gewiſſen Uebermuth.„In dieſem Fall habe ich ein abkühlendes Mittel in meiner Gewalt.“ Natalie zeigte ein Papier das ſie in ihre Hand ge⸗ ſchloſſen hielt.„Aber was mein Uebel heben kann, dürfte möglicher Weiſe das Ihrige vergrößern.“ Natalie legte ihren rechten Zeigefinger auf den Puls des Doctors und ſagte ihn nachäffend:„Sie leiden an einer heftigen Entzündung.“ 173 „Vollkommen wahr,“ ſfiel Wagner ein,„aber ſo gewandt Sie auch ſein mögen, meine gnädige Gräfin, um das Uebel zu entdecken, ſo fürchte ich doch daß Sie nicht errathen können woher es kommt. Ich dagegen weiß daß das Ihrige ſeine Wurzel im Herzen hat. Können Sie wohl ſagen wie meine Krankheit entſtanden iſt?“ Der Doctor ſah ſo heiter und freundlich aus daß Natalie vergebens die feine und geſchmeidige Maske zu durchdringen ſuchte, die ſein düſteres und ränkevolles Gemüth verbarg. „Ich habe ganz und gar keine Luſt zu der Hercules⸗ arbeit Sie auszuforſchen. Sie haben ſich mit einer ſo glatten Hülle umgeben, daß es mir mein ganzes Leben lang nicht gelingen wird Sie feſtzuhalten, wofern Sie mir nicht dazu helfen wollen. Gerade das iſt es wozu ich Sie jezt beſtimmen möchte.“ „Sie glauben ſehr feſt an Ihre Macht über uns Männer.“ „In Bezug auf Sie glaube ich nur an meine Schlauheit.“ „Wollen Sie dieſelbe mit der meinigen meſſen? In dieſem Fall, Frau Gräfin, betrachte ich mich bereits als überwunden.“ „Heuchler! Sie wollen damit ſagen daß es mir nicht gelingen werde. Laſſen wir allen Streit. In einer Stunde iſt Baron Canitz hier. Er darf Sie nicht treffen. Ich will wiſſen welchen Grad von Ergebenheit Sie gegen den Baron hegen.“ „Welchen Grad?“ wiederholte der Doctor und ſah zur Decke hinauf;„die Gradzahl iſt ſehr ſchwer zu beſtimmen.“ 6 „Keine ſolche Wortverdrehungen,“ rief Natalie 174 ungeduldig.„Kurz und gut: haben Sie Freund⸗ ſchaft für Canitz?“ „Viel, Frau Gräfin; ich war ja ſein Lehrer.“ „In dieſem Fall haben wir einander nichts zu ſagen. Ich will und werde dem Freund und Lehrer des Barons nicht eine Sache anvertrquen die einen ſchmerzlichen Schlag für Canitz enthält.“ Die Grä⸗ fin erhob ſich mit dem Bemerken:„Sie müſſen ent⸗ ſchuldigen daß ich Sie bemüht habe; aber ich glaubte, Sie wären aus der einen oder andern Urſache ein Feind des Barons, und in dieſem Fall hätte ich Ihnen Etwas anzuvertrauen gehabt.“ „Verdammt!“ murmelte der Doctor in Gedanken. „Dieſes Weib iſt beinahe ſo ſchlau wie ich ſelbſt. Es bleibt mir nichts anderes übrig als ſie in meinen Haß einzuweihen.“ „Leben Sie wohl, Doctor,“ fuhr Natalie nach einer kurzen Pauſe fort;„ich muß Toilette machen bis der Baron kommt.“ Sie ging auf die Thüre zu. „Aus Gnade ein Paar Worte, Frau Gräfin,“ rief der Doctor, der ſich ebenfalls erhoben hatte und auf ſie zutrat.„Sie haben mich mißverſtanden.“ „Nein, Doctor, ich habe Sie im Gegentheil verſtanden. Ich erkläre jezt: Ehe Sie mir ſagen welches Intereſſe Sie haben Schuldfried und Canitz von einander trennen zu wollen, erfahren Sie nichts von dem Schlag der den Baron ſchon in einer Stunde treffen wird.“ „Nun wohl, Gräfin, meine Freundſchaft für den Baron hat ſehr große Aehnlichkeit mit dem Gegen⸗ theil. Ich habe Gründs ſein Glück nicht zu wünſchen.“ „Und welcher Art ſind dieſe Gründe?“ ſtanden; ob Canitz in Aberney einen Nebenbuhler „Ich kann und will ſie Ihnen nicht ſagen. Sie müſſen ſich mit der Erklärung begnügen daß Alles was des Barons Glück befördern kann mir verhaßt iſt. Koſte es was es wolle, ſo werde ich ſein Glück in Unglück, ſeine Freude in Schmerz zu verwandeln ſuchen. Sind Sie mit dieſer Erklärung zufrieden, Gräfin? Es iſt die einzige die ich Ihnen geben kann.“ 5 „Vollkommen. Leſen Sie das.“ Natalie reichte dem Doctor den Brief Tages. „Welchen Gebrauch gedenken Sie davon zu ma⸗ chen?“ fragte der Doctor als er ihn zurückgab. „Ich habe den Baron hieher gebeten; er wi dieſen Brief leſen.“. „Auch die lezten Zeilen?“ „Ja, allerdings; mag er glauben daß ich in Aberney verliebt ſei; das paßt ganz in meinen Plan.“ „Gut. Erlauben Sie mir jezt eine Frage. Warum haben Sie mir die Sache mitgetheilt?“ „Darum weil Sie mir einige Auftlärungen ge⸗ ben müſſen. Ich will wiſſen in welchem Verhöltniß der junge Aberney und Schuldfried zu einander erblickte u. ſ. w. Ich habe mich gehütet an Lezteren Fragen zu richten, um nicht den Verdacht zu erte⸗ gen daß ich ein anderes Intereſſe habe als Tages Glück.“ Eine halbe Stunde ſpäter wurde Baron Conitz angemeldet. „Es iſt das zweite Mal im Verlauf von zwei Tagen daß Sie von mir einen Brief erhalten worin 176 ich um Ihren Beſuch bitte,“ begann Natalie.„Hat das Sie nicht in Verwunderung geſezt?“ „Gräfin, was von einer ſchönen Dame kommt ſezt mich nie in Verwunderung.“ „Warum glauben Sie wohl daß ich Sie zu ſpre⸗ chen gewünſcht habe?“ „Ich habe der Aufforderung Folge geleiſtet ohne eine Vermuthung über die Urſache zu wagen.“ „Sie haben wohl geleſen daß die Weiße Frau zurückgeſtellt iſt?“ „Ja. Madame Dorbinos Heiſerkeit wird wohl bald vorübergehen, und in dieſem Fall ſteht meine Loge immer zur Verfügung, Frau Gräfin.“ 2„Das war es auch nicht worüber ich mit Ihnen zu ſprechen wünſchte.“ „Ich vermuthe ebenfalls eine andere Veran⸗ laſſung.“ „Madame Dorbino iſt nicht heiſer,“ verſezte die Gräfin.„Ich hörte ſie geſtern droben auf ihrem Zimmer mit klarer und voller Stimme ſingen.“ „Dann hat ſie wohl Heiſerkeit vorgeſchüzt,“ ant⸗ wortete Lothar kalt;„aber Sie luden mich doch wohl nicht ein um darüber zu ſprechen?“ „Nicht ſo ganz, aber doch auf eine gewiſſe Art. Wiſſen Sie, Baron, ich vermuthe daß Frida die Bühne zu verlaſſen beabſichtigt.“ „Haben Sie einen Grund zu dieſer Befürchtung?“ „Ja; doch dabon ſpäter. Erinnern Sie ſich daß ich Ihnen vor einigen Tagen ſagte daß Frida im Begriff ſtehe ſich zu verloben?“ „Ja, ich wilk mich erinnern daß Sie etwas Aehnliches geäußert haben.“ 177 „Sie glaubten nicht an meine Worte.“ „In dieſem Augenblick bin ich noch ungläubi⸗ ger,“ antwortete Lothar lächelnd. Natalie bemerkte mit Verwunderung daß Lo⸗ thars Geſicht nicht ſein gewöhnliches Gepräge von Kälte und Gleichgiltigkeit hatte. Die warmen Flam⸗ men des Blutes hatten alle ſeine Züge mit Farbe und Leben übergoſſen. „Schade daß ich Ihre Ueberzeugung erſchüttern muß. Wir Frauen wollen uns nicht gerne beſchul⸗ digen laſſen falſche Gerüchte verbreitet zu haben, und deßhalb glaube ich mich berechtigt meine Worte vor Ihnen zu beſtätigen. Haben Sie daher die Güte und leſen Sie das.“ 4 Natalie reichte Lothar den Brief Tages. Mit ſichtbarem Widerwillen empfing und las ihn Lothar. Ein heftiges Zucken der Augenbrauen, eine plözliche Bläſſe über der Stirne und eine unwillkürliche Zu⸗ ſammenziehung der Geſichtsmuskeln bewieſen daß die Leſung des Briefes ihm einen gewaltſamen Schmerz verurſachte. Den Augen der Gräfin entging dieſe Bewegung nicht. Sie empfand ſelbſt ein ſo bitteres Gefühl doß ſie unwillkürlich die Hand an ihr Herz legte und dachte: „Er liebt innig, von ganzer Seele. Ha! wie verabſcheue ich ſie!“ Lothar gab den Brief zurück und ſagte mit voll⸗ kommen ruhiger Stimme: „Aberney iſt zu beneiden im Fall er wirklich Madame Dorbinos Hand erhält.“ „Im Fall, ſagen Sie; das klingt als ob Sie noch zweifelten.“ Schwartz, Schuld und Unſchuld. IIH. 12 178 „Es iſt ein Fehler von mir, Gräfin, daß ich nichts Anderes glaube als was ich ſehe. Das Schickſal iſt ſo launiſch.“ „Wiſſen Sie denn nicht daß Tage Aberney ſchon ſeit langer Zeit Fridas Verſprechen hat, ein Ver⸗ ſprechen das ſie ihm ſchon vor ihrer Abreiſe aus Finnland gegeben haben ſoll?“ „In dieſem Fall hat ſie Recht dem Gebote ihres Herzens und der Ehre zu folgen. Haben Sie mir ſonſt Etwas zu ſagen, Gräfin?“ „Nur noch das daß der junge Aberney als eine Bedingung ihrer Verbindung Schuldfrieds Abſchied vom Theater verlangt haben ſoll. Dieß veranlkaßt mich die Vermuthung hinzuwerfen daß ſie nie mehr auftreten werde.“ „Die Kunſt erleidet einen Verluſt und das Fa⸗ milienleben macht eine Eroberung, Frau Gräfin.“ Lothar erhob ſich und nahm Abſchied. „Ha! dieſer Menſch iſt geſchaffen mich wahn⸗ ſinnig zu machen. Er gönnte mir nicht einmal den Triumph ſeinen Schmerz bezeugen zu dürfen. Nur den erſten Ausdruck deſſelben vermochte er nicht zu beherrſchen; aber hernach dieſe unerhörte Kaltblütig⸗ keit, dieſe Unnahbarkeit die mich mehr reizt als die gröbſten Beleidigungen.“ Als Lothar die Gräfin verließ, ging er geraden Wegs zu Schuldfried hinauf, indem er dachte: „Ich muß von ihr ſelbſt die Beſtätigung hören. Ich kann nicht glauben daß ihre Bruſt ſo viele Falſchheit verbirgt. Wozu ſollten die geſchriebenen 179 Worte dienen, wenn ſie das Theater verläßt um ſeine Frau zu werden? Sie würden dann ein ab⸗ ſcheuliches Spiel mit fremden Gefühlen enthalten, ein Spiel das mit Schuldfrieds Character ganz un⸗ vereinbar iſt. Wenn ſie aus Neigung oder andern Beweggründen ihm ihre Hand reicht, ſo iſt es nicht denkbar daß ſie ſich den Schein geben wollte als ob ſie mich liebte. Nein, tauſendmal nein; es iſt da irgend ein Mißverſtändniß oder ein Spiel das die Gräfin mit mir treibt.“ Er ſtreckte die Hand aus und klingelte an Schuldfrieds Vorſaal. Er, der beſchloſſen hatte ihre Schwelle nicht zu betreten bevor ſie ihn riefe, jezt ſtand er gleichwohl im Be⸗ griff es zu thun. Anaiſe öffnete. „Iſt Madame zu Hauſe?“ fragte Lothar. „Ja Monſieur.“ „Hat ſie Beſuche?“ „Meſſieurs Aberney ſind bei Madame.“ Lothar meinte ſein Blut werde zu Feuer; nur mit der größten Anſtrengung vermochte er zu erklä⸗ ren daß er wiederkehren würde. Dann eilte er, ein Raub der ſtürmiſchſten Gefühle, die Treppen hinab. Tages Worte:„Morgen iſt ſie vor der ganzen Welt die Meinige,“ kehrten in ſein Gedächtniß zurück. Inzwiſchen fand bei Schuldfried folgender Auf⸗ tritt ſtatt. Tage hatte ſich ſchon ganz früh bei ihr einge⸗ funden. Schuldfried begrüßte ihn herzlicher als ge⸗ wöhnlich, und Tage erblickte in dem freundlichen Gruß eine weitere Beſtätigung der Thatſache daß ſie ihn lieb habe. — 12* 180 „Schuldfried, ich komme, um Dir dafür zu dan⸗ ken daß Du nicht in der weißen Frau auſftritiſt,“ begann Tage mit einer ſo zärtlichen Stimme, daß ſchon der Ton dollmetſchte was er in Worte kleiden wollte. „Du biſt mir keinen Dank ſchuldig,“ verſicherte Schuldfried und ſah ihn mit ihren ehrlichen Augen an.„Was Du gegen das Theater ſagteſt hat nicht auf meinen Entſchluß eingewirkt, der von ganz an⸗ dern Gründen ausging. Laß uns daher nichts mehr von dieſem Gegenſtand ſprechen.“ „Wie Du willſt.“ Tage ergriff Schuldfrieds Hand und ſchloß ſie zwiſchen die ſeinigen. In dieſem Augenblick ſchlug ſein Herz von demſelben Gefühl wie in ſeinen Jüng⸗ lingsjahren, wenn er an ihrer Seite ſaß, ehe noch ſeine ſelbſtſüchtigen Wünſche vorherrſchend wurden. Tage meinte ein beſſerer Menſch zu ſein als er ſeit Jahren geweſen. Alles kam ihm vor wie zur Zeit als er das lezte Mal Finnland verließ und ſeine Bruſt voll war von Hoffnung und Zuverſicht, ſein Herz nur einen einzigen Wunſch hegte, nämlich an Schuldfrieds Seite leben und ſterben zu dürfen. „Laß mich eine Weile ſo daſizen,“ flüſterte Tage. „Vielleicht werde ich nie mehr die friedlichen und ſeligen Gefühle haben die mich jezt beherrſchen. O laß mich einige Augenblicke glauben daß Alles ſei wie früher.“ „Nein, Tage, eine ſolche Einbildung darſſt Du nicht nähren, Alles iſt jezt anders.“ „Wenn nur Du nicht verändert biſt, ſo bin ich zufrieden.“ 181 „Ich bin nicht verändert, Tage; aber ich ver⸗ ſtehe heute die Gefühle die mein Inneres beherr⸗ ſchen; das that ich früher nicht.“ „O, ſage mir daß Du mich eben ſo lieb haſt wie früher.“ Tage blickte ſie an und fuhr leiden⸗ ſchaftlich fort:„Die Zärtlichkeit die Du einſt gegen mich hegteſt hat nicht erſterben können, ſie muß in Deinem Herzen noch wohnen wie in dem meinigen. Ach, Schuldfried, ich habe ja ſchon als Knabe kei⸗ nen andern Menſchen geliebt als Dich. Du allein haſt meine ganze Seele beherrſcht. Für den Jüng⸗ ling warſt Du der ſchönſte und lieblichſte ſeiner Träume; für den Mann das einzige Ziel ſeiner Sehnſucht, die Quelle ſeiner böſen und ſeiner guten Gedanken. Verzweiflungsvoll ſtreckte ich die Arme⸗ nach Dir aus als Du verſchwunden warſt; mit dem Tod im Herzen fürchtete ich daß Du einen Andern liebeſt, und mit verdoppelter Liebe frage ich Dich jezt: Haſt Du Deine erſte Jugendneigung, Deine Treue gegen den Freund Deiner Kindheit verrathen? Iſt es möglich daß Du ſie treulos auf einen Ande⸗ ren übergetragen? Iſt es möglich daß Du jezt, nachdem das Schickſal uns wieder zuſammengeführt, und Du aus jedem Blick, aus jedem Zug meines Geſichtes, aus jedem Wort von meinen Kppen er⸗ ſehen mußteſt wie theuer Du mir biſt, Dein Herz dennoch ſür das Gefühl verſchließen konnteſt das einſt darin herrſchte? Sprich, Schuldfried, ſage daß Du dem Tage dem Du einſt Deine Hand verſpro⸗ chen treu geblieben biſt.“ Tage ergriff ihre beiden Hände und fügte mit Heftigkeit hinzu:„Du haſt 182 kein Recht die Braut eines Andern zu werden als die meinige.“ „Tage, Du mußt ruhig ſein und mich anhören,“ ſagte Schuldfried.„Durch dieſe leidenſchaftliche Sprache, dieſe Berufungen auf längſt entſchwundene Zeiten und durch dieſe Anſprüche kannſt Du nicht zu einem klaren Bild unſerer beiderſeitigen Stellung kommen. Du mußt mich mit vollkommener Beſinnung und mit Verſtand anhören. Kannſt Du das nicht, lieber Tage, ſo laß uns die Erklärung verſchieben bis Du ruhiger geworden biſt.“ „Ich werde Dich anhören,“ ſagte Tage mit ge⸗ dämpfter Stimme und ließ ihre Hände los. „Monſieur Aberney,“ meldete Anaiſe. „Bitte ihn einzutreten,“ antwortete Schuldfried. „Papa!“ rief Tage indem er aufſprang;„warum muß er gerade in dieſem Augenblick kommen!“ Er preßte mit krampfhafter Heftigkeit ſeine Hände zu⸗ ſammen. Schuldfried ſah ihren beſinnungsloſen Vet⸗ ter verwundert an. Der Profeſſor trat ein. „Ah, Du hier, lieber Tage?“ ſägte er und nickte dem Sohne zu. „Tage und ich waren in einem ernſten Geſpräch begriffen,“ ſagte Schuldfried und reichte dem Pro⸗ feſſor die Hand;„Du kommſt wie vom Himmel ge⸗ ſandt um eine Erklärung anzuhören die ich zu machen habe und dann über mich zu urtheilen.“ „Schuldfried, was wiliſt Du thun?“ fiel Tage ein. „Ich will Deinen Vater und meinen beſten Freund zum Richter zwiſchen Dir und mir machen. Er war in jüngeren Jahren der Vertraute Deiner Gefühle; — 183 er iſt es ſicher auch jezt; mag er alſo auch mit all der Schwachheit bekannt werden die meinem Her⸗ zen anklebt.“ Schuldfried zog den Profeſſor neben ſich auf den Sopha, legte, wie einſt als Kind, ihre geſchloſſenen Hände auf ſeine Schulter und ſagte mit tiefer, ern⸗ ſter Stimme: „Onkel, Du und ich wiſſen wozu eine Ehe ohne gegenſeitige Liebe führen kann. Nicht wahr, wir könnten bei der Erinnerung daran Blut weinen? Du wirſt nie wünſchen daß eines von uns beiden, Tage oder ich, eine ſolche Verbindung eingehe.“ „Nein, möge Gott euch bewahren!“ ſagte der Profeſſor. „Nun wohl, als Du und meine Mutter vor ſechs Jahren wünſchten daß Tage und ich ein Paar werden ſollten, da glaubtet ihr unſer beiderſeitiges Glück dadurch zu fördern. Ihr glaubtet daß mein Herz Tage angehöre. War es nicht ſo?“ „Deine Mutter glaubte es und ich hoffte, nach⸗ dem Du von Demjenigen getrennt worden der da⸗ mals Deine Phantaſie beſchäftigte, ſo würde Deine ganze Ergebenheit ſich auf Tage concentriren.“ „Du argwöhnteſt ſchon damals, Papa,“ rief Tage, „Still!“ ſagte der Profeſſor mit befehlendem Tone;„laß Schuldfried mittheilen was ſie zu ſagen hat, dann magſt Du ſprechen.“ „Ich meinerſeits,“ fuhr Schuldfried fort,„war damals mit der Welt des Herzens viel zu unbekannt, um meine eigenen Gefühle recht beurtheilen zu kön⸗ nen. Eben ſo unbekannt war ich mit dem Leben 184 und dem unheimlichen Drama das darin aufgeführt wird. So kam es daß ich nur auf zwei Stimmen in meinem Innern lauſchte: auf den innigen Wunſch den Willen meiner Mutter zu thun und auf meine Hoffnung Tage glücklich zu machen. Damals ver⸗ ſprach ich mit der Zeit Tages Braut zu werden; aber kaum war das Verſprechen gegeben, als ich es auch ſchon bereute; ich entdeckte daß Schuldfried hielt inne. Sie lehnte ihr glühen⸗ des Geſicht an Aberneys Schulter, ihre Bruſt hob ſich unruhig. Es entſtand eine kurze Pauſe, wäh⸗ rend welcher das Blut wie Feuer in Tages Adern brannte. „Was entdeckteſt Du?“ fragte endlich der Pro⸗ eſſor. „Daß ich Tage nicht liebte.“ „Sage lieber daß Du einen Andern liebteſt, daß Du treulos mein redliches Herz verrietheſt,“ rief Tage, indem er aufſprang. „Nimm Deinen Plaz wieder ein und verhalte Dich ſtill,“ befahl der Profeſſor.„Bemerke daß alle Vorwürfe übel angebracht ſind, wenn ſie von einem Manne gegen das Weib ausgeſprochen werden das ihm ehrlich die Wahrheit ſagt.“ „Tage hat Recht, Onkel; ich liebte wirklich einen Andern. Ich liebte ihn auch in den Augenblicken wo ich ihn verachten zu müſſen glaubte. Er hatte mein ganzes Herz feſtgenommen.“— Schuldfried drückte die Hände gegen ihre Bruſt.—„Und gleichwohl reiste ich weg und floh von ihm und von euch. Man hatte die Decke weggeriſſen die längſt vergan⸗ gene Ereigniſſe enthüllte. Beim Anblick deſſen was 185 ſie verbarg entfloh ich, bebend vor den Folgen die⸗ ſer Vergangenheit.— Jahre kamen und vergingen, aber weder Zeit noch Entfernung vermochten ſein Bild zu bleichen. Ich liebte ihn mit jedem Jahre mehr Die ruhige Prüfung ſeiner Handlungen, Alles lehrte mich den Mann immer höher achten den ich verachten zu müſſen geglaubt hatte. Nach⸗ dem ich die traurige Eheſtands⸗Geſchichte erfahren die das Leben ſo vieler Menſchen verdüſtert und ſo diel Böſes, ſo viel bittere Leiden verurſacht hatte, that ich bei Gott ein heiliges Gelübde mein Schick⸗ ſal niemals mit einem Andern als mit Demjenigen zu vereinigen den mein Herz liebte.“ „Du biſt gleichwohl jezt Wittwe. Liebteſt Du den Mann deſſen Namen Du führſt?“ fiel Tage mit Bitterkeit ein. „Er war mein Wohlthäter, ich verpflegte ihn in kranken Tagen und echielt dafür ſeinen Namen und den Titel ſeiner Frau,“ antwortete Schuldfried ernſt. Sie ſchlang ihren Arm um Aberneys Hals und fügte hinzu:„Jezt, Onkel, gerade ehe Du kamſt, ſagte Tage zu mir daß er mich noch liebe, daß er die Erfüllung meines einſt von mir gegebenen Ver⸗ ſprechens von mir verlange. Er fordere dieß im Namen ſeines Glückes und meiner Ehre.“ „Was antworteteſt Du?“ fragte der Profeſſor. „Ich hatte ihm noch keine Antwort gegeben als Du kamſt. Was ich jezt euch Beiden mitgetheilt habe bildet meine Antwort.— Ich liebe Tage nicht, mein Herz hat dem Freunde meiner Kindheit nur eine ſchweſterliche Ergebenheit zu ſchenken. Verzeih 186 mir das, Tage,“ fügte ſie hinzu und reichte ihm die Hand. „Soll ich Dir verzeihen daß Du mich in einen Elenden ohne Zukunft, ohne Hoffnung, ohne Ziel für meine Gegenwart verwandelt haſt? O Schuld⸗ fried, möge der Höchſte Dich nicht beſtrafen! Du haſt mich ſchrecklich betrogen.“ Tage ſtürzte aus dem Zimmer. Schuldfried ſprang auf um ihm nachzueilen, aber Aberney hielt ſie auf mit den Worten: „Bleib! Der Schmerz macht ihn ungerecht und verwildert ſein Gemüth. Morgen wird er ſein Be⸗ nehmen und ſeine eigene Stellung mit mehr Ruhe und Beſonnenheit beurtheilen.“ „Onkel, kann ich anders handelus“ „Nein, mein Kind, das kannſt Du nicht. Nur gegenſeitige Liebe erbaut häusliches Glück. Wo ſie nicht zu finden iſt, da hofft man vergebens auf Freude. Beſſer alſo, Tage leidet jezt unter ſeinen vernichteten Hoffnungen; er wird ſich einſt darüber tröſten. Es gibt keinen Erſaz für ein Leben ohne Liebe, an der Seite einer Gattin hingeſchleppt welche nicht liebt.“ Etwas ſpäter entfernte ſich der Profeſſor. Nie iſt der Menſch ein größerer Egoiſt als wenn er verliebt iſt. Alle ſeine Gedanken und Gefühle concentriren ſich dann um einen einzigen— Ge⸗ genſtand. Schuldfried vergaß den peinlichen Ein⸗ druck von Tages Worten, das Gefühl des Kummers den ſein Schmerz hinterlaſſen hatte, über Gedanken an Lothar und ging, um ſich an dem Bouquet zu laben das ſie am vorhergehenden Abend empfangen. 187 Als Tage verzweiflungsvoll von Schuldfried hin⸗ wegſtürzte, ging er zu Natalie. Es war eine halbe Stunde nachdem Lothar ſie verlaſſen hatte. Bei Tages Eintritt hatte die Gräfin ihr Geſicht mit einem ſanften wehmüthigen Ausdruck bekleidet, aber dieſer verſchwand augenblicklich als ſie ihn zu ſehen bekam. „Was in Gottes Namen iſt geſchehen?“ rief Natalie mit unverſtellter Beſtürzung. Eine Ahnung ſagte ihr daß es Etwas ſei was auch auf ſie einen weniger behaglichen Eindryck machen würde. „Sie hat mich verſtoßen!“ rief Tage.„Sie hat erklärt daß.——— daß——— ſie mich nicht liebe, daß ſie einen Andern liebe.“ Tage vergaß die Geſeze der Höflichkeit und warf ſich ohne Weiteres in einen Stuhl, die Hände vor ſein Geſicht haltend. Bei ſeinen Worten wechſelte Natalie die Farbe, behielt jedoch eine vollkommene Herrſchaft über ſich ſelbſt. „Was ſagen Sie, Lieutenant Aberney? Hat Frida Sie verſioßen? Sie die Ihnen geſtern ihre Liebe bewies, wie Sie mir ſchrieben, und die heute vor der Welt die Ihrige werden ſollte?“ „Ach ja, das glaubte ich.“ „Sie glaubten es; Sie waren alſo Ihrer Sache nicht gewiß?“ „Doch, vollkommen.“ „Sogte ſie Ihnen geſtern daß ihr Herz Ihnen gehöre, und hat ſie heute dieſe Erklärung zurück⸗ genommen?“ Tage erzählte was vorgefallen war. Er weinte wie ein Kind, indem er wiederholte daß er ſie ver⸗ 188 loren habe, die er nie aufhören könne zu lieben. Mit gedankenvoller Miene hörte Natalie ihn an. Sie vergaß wie jämmerlich es war einen Mann wie ein ſchwaches Kind über ſeine eigenen Leiden weinen zu ſehen. Endlich unterbrach ſie ihn mit den Worten: „Wer iſt denn derjenige den Frida liebt?“ „Das iſt dieſer verabſcheute, dieſer erbärmliche und verhaßte Canitz!“ „Ich wußte es,“ dachte Natalie und preßte ihre Lippen zuſammen; zu Tage ſagte ſie mit einem freundlichen Blick und einem aufmunternden Lächeln: „Noch iſt nicht Alles verloren; ich habe Ihnen meinen Beiſtand verſprochen. Sie können darauf rechnen.“ Sie ſprach Worte des Troſtes zu Tage, der ſie mit einem Strahl von Hoffnung anhörte, während er die ſchönen Hände der Gräfin küßte und ſich un⸗ glücklich geberdete. Natalie erſuchte ihn am folgenden Tag wieder zu kommen, wo ſie ihm mittheilen würde welche Re⸗ ſultate ihre Bemühungen für ſein Glück zu arbeiten gehabt hätten. Am Abend deſſelben Tags war ein großes Feſt am blauen Thor, das die Offiziere der Flotte eini⸗ gen Mitgliedern der hrittiſchen Marine zum Beſten gaben. Daß ſowohl Tage als Lothar dabei waren, verſteht ſich von ſelbſt. Man trank aus Herzens⸗ grund, und die Stimmung war eine höchſt aufge⸗ räumte. Das Geſpräch fiel natürlich auf Frauen⸗ zimmer— dieſes ewig neue und doch ſo ausgenüzte 189 Thema. Von den Damen im Allgemeinen hgm man auf einige insbeſondere zu ſprechen, und da mußten auch die beliebteſten Bühnenkünſtlerinnen ſich einer Critik unterwerfen, die je nach der verſchiede⸗ nen Auffaſſung bald tadelnd bald lobend ausfiel. „Sie hörten wohl Madame Dorbino, als ſie in London war?“ fragte einer der ſchwediſchen Offiziere die brittiſchen. „Ja, bei ihrem lezten Beſuche in London hatte ich das Glück,“ antwortete einer.„Sie beſizt eine wunderbar hinreißende Stimme und dabei eine ſel⸗ tene Schönheit.“ „Und iſt bei alledem uneinnehmbar wie eine wohlverſchanzte Feſtung,“ fiel ein anderer ein. Wirklich? Das Gerücht will gleichwohl das Gé⸗ gentheil behaupten,“ meinte einer der Lieutenants. „Goddam! Was kann das Gerücht von Miſtreß Dorbino anders ſagen als daß ſie ein ausgezeichne⸗ tes Talent iſt?“ Dieß wurde mit der derben engliſchen Beſtimmt⸗ heit geſagt, welche zu erkennen gab daß der Britte auf eine entgegengeſezte Ueberzeugung nicht zu ach⸗ ten beabſichtigte. Wir Schweden haben bei unſern ſonſt vortreff⸗ lichen Eigenſchaften den Fehler daß wir mit klein⸗ ſtädtiſcher Leidenſchaft Klatſchereien lieben, ihnen bereitwillig unſer Ohr leihen und ſie mit einer furchtbaren Unbeſonnenheit nachſchwazen. Dieß gilt ſowohl von den Männern als den Frauen. Die Herren ſchneiden beim Punſch⸗ und Toddyglas, die Frauen bei der Thee⸗ oder Cafetaſſe ihren Nebenmenſchen die Ehre ab. Die Uniform birgt ebenſo oft wie die Mantille ein tadelſüchtiges Herz. Dieß zeigte ſich auch jezt. Die ſchwediſchen Offiziere ließen ſich von dem beſtimmten Ton des Engländers nicht abſpei⸗ ſen, ſondern einer von ihnen rückte mit einer höchſt intereſſanten Geſchichte von Madame Dorbino her⸗ aus Es war ein Abſud derjenigen womit Frau*“ die Theaterkünſtler tractirt hatte, nur in bedeutend verbeſſerter und vermehrter Auflage. Ein engliſcher Lord ſpielte darin die Hauptrolle. Dieß gab den Jüngeren und Leichtſinnigeren in der Geſellſchaft Veranlaſſung mit einigen pikanten Anſpielungen darauf einzufallen, daß, da die ſchöne Sängerin ſich gegen die Engländer ſchwach gezeigt habe, es in der Ordnung wäre wenn dieſe jezt ihre Parthei ergrif⸗ fen. Zwei Mitglieder beobachteten während der ſcandalöſen Erzählung ein gänzliches Stillſchweigen, nämlich Lothar und Tage. Erſterer ſtand an einer Stuhllehne dem Erzähler gerade gegenüber und be⸗ trachtete ihn ſcharf; lezterer hatte ſich in eine Sopha⸗ ecke geworfen, als wünſchte er ſich aller Einmi⸗ ſchung in den Gegenſtand zu entziehen. Die beiden Engländer unterbrachen die Geſchichte häufig und erklärten Alles für unwahr. Als das ſcandalöſe Mährchen zu Ende war, ſagte Lothar mit ſeiner wunderbar klaren und wohllautenden Stimme: „Wir ſind hier ungefähr dreißig Schweden und zwei Engländer. Von meinen dreißig Landsleuten, welche auch die Landsleute von Madame Dorbino ſind, hat nicht ein Einziger ſeine Stimme zu ihrer Vertheidigung erhoben, ſondern dieß haben die bei⸗ den Fremdlinge ühernommen. Meine Herten, ei⸗ blicken Sie darin nicht einen Schimpf für die Schwe⸗ 191 den, beſonders da die Dame deren Ehre ſo unver⸗ ſchämt angegriffen worden iſt einen Vetter unter uns beſizt?“ Die ſchwediſchen Offiziere ſahen einander etwas verblüfft an. „Lieutenant Aberney,“ fuhr Lothar fort,„treten Sie als Vetter von Madame Dorbino vor und vertheidigen Sie ſie, ſonſt könnten Sie mich zwin⸗ gen es zu thun und Ihnen die Erfüllung einer theuern und heiligen Pflicht zu rauben.“ Auf dieſe Worte folgte eine grabähnliche Stille. Tage rührte ſich nicht vom Fleck. „Ei wie, mein Herr,“ rief Lothar mit flammen⸗ den Augen,„muß ich Sie nochmals ermahnen die Forderung der Ehre zu erfüllen! Hörten Sie nicht daß es der Ruf einer achtungswerthen Dame iſt womit man leichtſinnig zu ſpielen gewagt hat?“ Er trat einen Schritt gegen Tage vor. Dieſer erhob ſich gänzlich beherrſcht von den Dämonen in ſeinem Innern. Er ſah Lothar mit eiskaltem Hohne an und ſagte: „Sie täuſchen ſich, Lieutenant Canitz, ich bin mit Madame Dorbino nicht verwandt, wenigſtens werde ich in Zukunft eine ſolche Verwandtſchaft nie anerkennen. Ich kann und will eine Perſon nicht vertheidigen deren Schickſale und Abenteuer ich kenne, und an deren Ehre ſich ſo viele Flecken vorfinden.“ Lothar hatte einmal zu Tage geſagt: Geſchehe was da wolle, ſo werde ich mich nie an Ihrer Per⸗ ſon vergreifen, und gleichwohl verſezte er Tage jezt einen Winpſlichen Schlag ins Geſicht. Der Schall davon bildete den Punkt des ausgeſprochenen Sazes⸗ 192 Auf dieſe, man konnte wohl ſagen bewußtloſe Hand⸗ lung folgte ein wahrer Tumult. Die Engländer traten auf Lothars, die Verläumder Madame Dor⸗ binos auf Tages Seite. Lothars Handlung er⸗ heiſchte Genugthuung. Bei den Worten Waffen, Genugthuung u. dgl. erwachte Lothar wie aus einem Traum. Was haite er gethan? Einen Vorſaz ge⸗ brochen, ein Duell hervorgerufen, und zwar obſchon er einmal erklärt hatte daß er ſich nie dazu beſtim⸗ men laſſen würde. Er hatte ſich vergangen, einen Cameraden tödtlich beleidigt, und dieſer Camerad war Tage. Er hatte dieſe Fremden zu Zeugen eines ſolchen Auftrittes zwiſchen zwei ſchwediſchen Offizieren gemacht. Gerne hätte er ein Jahr ſeines Lebens dafür gegeben um den unbeſonnenen Schlag zurücknehmen zu können. Dabei hatte er Schuld⸗ frieds Ehre ſchlecht vertheidigt, indem er Veranlaſ⸗ ſung zu einem ſolchen Scandal gab der unwillkür⸗ lich auf die eine oder andere Art bekannt werden mußte. Es war lange her ſeit Lothar eine Ueber⸗ eilung zu bereuen gehabt hatte. Er ſah jedoch ſo⸗ gleich ein daß er für den Augenblick nichts zur Verſöhnung des Geſchehenen thun konnte, und er ſagte daher mit vollkommen wiedergewonnener Ruhe zu den Engländern: „Für dieſen unangenehmen Auftritt deſſen Zeugen. Sie geworden muß ich mir Ihre Nachſicht erbitten. Ich will und werde mein Benehmen nicht entſchul⸗ digen, ſondern kann bloß beklagen daß Lieutenant Aberney und ich Ihnen einen ſo geringen Begriff von der Einigkeit unter den Offizieren der ſchwediſchen Flotte beigebracht haben. Es galt die Ehre einer „ 193 achtungswürdigen Dame, das iſt meine einzige Ent⸗ ſchuldigung.“ „Keine Entſchuldigungen, Maſter Canitz, Sie haben als ein Mann von Ehre gehandelt.“ „Da nur die Waffen unſern Zwiſt beilegen können, ſo habe ich gleichwohl eine Aufforderung an alle unſere Cameraden, nämlich daß das Geſchehene unter der hier verſammelten Geſellſchaft bleibe.“ „Unſer Ehrenwort darauf!“ lautete die Antwort. Lothar verbeugte ſich vor der Geſellſchaft. Darauf wandte er ſich an den Erzähler der ſcandalöſen Ge⸗ ſchichte mit den Worteèn: „Herr Lieutenant, Sie haben Sachen nachge⸗ ſprochen die Sie von Andern gehört hatten und deren Wahrheit Sie nicht verbürgen konnten. Dieß iſt, um den gelindeſten Ausdruck zu gebrauchen, un⸗ bedachtſam, beſonders da es ſich um eine Dame handelt. Die Ritterlichkeit gebietet die Ehre der Frau zu vertheidigen, nicht ſie anzugreifen. Die unangenehmen Folgen die Ihre Erzählung mit ſich geführt hat, werden Sie ganz ſicher mehr Behutſam⸗ keit lehren, wenn Sie ſich wieder einmal zum Ge⸗ währsmann fremden Geredes machen.“ Der arme Erzähler ſah äußerſt verlegen aus. Er fühlte daß er eine klägliche Rolle ſpielte. Dieſes Bewußtſein verſtimmte ihn gegen Lothar, der jezt nur noch mit einigen Worten beifügte daß er und Aberney als die Friedensſtörer ſich zu entfernen hätten, um den Andern ihre Freude nicht länger zu verderben. 8 X 4 Schwartz. Schuld und Unſchuld. MI. 13 194 Als Lothar ſich von der Geſellſchaft getrennt hatte, ſchritt er langſam über die Ebene hin und ließ ſich nach dem Holm hinüberrudern. Sein Ge⸗ müth war düſter; er dachte mit bitterem Schmerz daran daß er ſich der Uebertretung eines Vorſazes ſchuldig gemacht hatte. Wenn er ſich mit Tage duellirte, brach er ein Gelübde, und gleichwohl blieb ihm kein anderer Ausweg. Er hatte Tage be⸗ ſchimpft; er hatte ſich von ſeinem Zorn ſo beherrſchen laſſen daß er ſich zu einer Grobheit erniedrigte; aber war es denn auf der andern Seite möglich mit kaltem Blut anzuhören wie Schuldfried von Tage gleichſam gebrandmarkt wurde? Nein, das war unmöglich. Lothar kannte Schuldfrieds Leben und ihre Schick⸗ ſale in den lezten Jahren nicht; aber ſie war ſeines Herzens heiligſter Schaz, und er glaubte an ſie wie an das Gute und Edle. So ſchmerzlich es ihm geweſen ſie als Schauſpielerin und Wittwe wieder⸗ zufinden, ſo war doch ſeine Liebe allzu wahr und wirklich, als daß er die Frau die er anbetete mit einem ſchimpflichen und erniedrigenden Argwohn hätte beſchmuzen mögen. „Tages Benehmen,“ dachte Lothar,„beweist gar zu deutlich daß Schuldfried den Hoffnungen die er in ſeinem Brief ausgeſprochen nicht entgegengekom⸗ men iſt. Läßt es ſich wohl annehmen daß er einen ſo erbärmlich ſchwachen Character haben ſollte, daß dieſe Erzählung auf ihn hätte einwirken können? Unmöglich, denn bei allen ſeinen Fehlern hat er ſi doch auf ſeine Art geliebt. Sein Benehmen konnt alſo bloß von verſchmähter Liebe und einem einge wurzelten Haß gegen mich herrühren. Er hat meinen Character zu gut begriffen, um nicht einzuſehen daß eine Niederträchtigkeit gegen ſie das ſicherſte Mittel war um mich aus allem Gleichgewicht zu bringen.“ Lothar trat in ſeine Wohnung und in den kleinen Salon der das erſte Gemach bildete. Auf dem Tiſch lagen einige Briefe; Lothar warf ſich in einen Lehn⸗ ſtuhl, nahm den erſten den er in die Hand bekam, erbrach und durchlas ihn ganz flüchtig. Jezt griff er nach dem zweiten und beim erſten Blick darauf ver⸗ änderte ſich ſeine Miene. Der Unſchlag wurde mit wilder Haſt weggeriſſen und er las: „Die morgigen Zeitungen werden die Nachricht bringen daß Madame Dorbino für immer die Bühne verläßt, daß die beliebte Sängerin nie mehr auf⸗ treten wird. „Schuldfried bringt Lothar alſo ihren Künſtlerruf zum Opfer; und ſie glaubt daß jezt die rechte Stunde zu der Beſprechung gekommen iſt die in Neapel nicht ſtattfinden konnte. Morgen früh wird Lothar erwartet von „Schuldfried.“ Was dachte, was empfand Lothar als er dieß las? Ihr die ihr liebet, ihr wißt es allein. Während all dieſe merkwürdigen Ereigniſſe ſich zutrugen, legte Tante Sara mit großer Sorgfalt die Winterkleider Tages und des Profeſſors zurecht, wobei ſie es an wohlriechenden Kräutern nicht fehlen ließ, damit die Motten nicht den Sommer über Schaden thun konnten. Sara ſah ganz mild und frieden aus. Schuldfried, das gottgeſe te Kind, ſollte jg das Theater verlaſſen, davon war Sara feſt überzeugt, obſchon Schuldfried allerdings nur geſagt hatte daß ſie bis auf Weiteres nicht auftreten würde. Sara hatte ſoeben die Leinwand zuſammenge⸗ näht in welche ſie die Winterkleider gepackt, und ſummte vor ſich hin: „Komm, ſchöner Mai und blicke u. ſ. w.“ 8 als es klingelte. Im Augenblick darauf wurde die Saalthüre aufgeriſſen, und Tage kam mit dem Hut auf dem Kopf ganz verſtört herein. „Iſt Papa daheim?“ fragte er ohne zu grüßen. „Nein, das iſt er nicht; aber um Gotteswillen, was haſt Du denn?“ rief Sara, indem ſie Nadel And Fingerhut fallen ließ. Tage warf ſich auf den Sopha, ſchleuderte ſeinen. Hut' weit von ſich, fuhr mit den Händen durch ſein Haar und rief: „Ich bin der unglücklichſte Menſch auf der Erde; ich beſize nicht ein einziges Weſen das an meinem Schmerz, an meinem Unglück, an meiner Verzweif⸗ lung theilnimmt.“ Er bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. „Herr mein Gott, wie ſündhaft Du ſprichſt!“ 3 ſagte Sara, ging auf Tage zu, legte ihre kleine Hand auf ſein geſenktes Haupt und fügte zärtlich bei: „Mein lieber, lieber Junge, Du beſizeſt ja immer mein Herz, das ſo ſchwach gegen Dich iſt daß es Dich mehr liebt als Deinen Vater; überdieß haſt Du ja auch ſeine Ergebenheit, und er hat ſich in allen Fällen ſo zärtlich und gütig gezeigt.“ 5 „Sprich nicht von Papa; wenn es ſich um mi —„— Wy 197 und Schuldfried handelt, ſteht ſie ſeinem Herzen immer näher als ich.“ „Aber von mir kannſt Du nicht ſagen daß ich Jemand Dir vorziehe,“ flüſterte Sara koſend. Wenn der Menſch recht betrübt, recht tief vom Kummer, Verdruß oder Schmerz niedergedrückt iſt, da hört er gern auf die Stimme welche die Sprache der Zärtlichkeit ſpricht, ſelbſt wenn er ſonſt nicht ſonderlich viel darnach fragt. Tage war von dem Augenblick an wo der Pro⸗ feſſor ihn adoptirte Saras Goldjunge geweſen. An ihn verſchwendete ſie ihre Zärtlichkeit; alle ſeine Wünſche befriedigte ſie, entweder öffentlich oder ge⸗ heim, wenn ſie mit Aberneys Willen im Widerſpruch ſtanden. Die Alte hatte, wenn man ſich ſo aus⸗ drücken darf, Tages Egoismus groß gezogen und ihm alle mögliche Nahrung gegeben. Daß Tage Fehler hatte, war Etwas was Sara unmöglich zu⸗ geben konnte, im Fall Jemand ſie darauf aufmerk⸗ ſam machen wollte; daß Tage Unrecht haben konnte, war eben ſo unmöglich. Alle Andern hatten das, aber er nicht, ſofern er ſich nicht direct gegen die Alte verſündigte; auch das vergaß ſie im nächſten Augenblick. Sie fand immer Etwas womit ſie ihn entſchuldigte. Tages Gefühl gegen Sara war weder Dankbarkeit noch Ergebenheit. Der ſchöne, junge Lieutenant ſchien alle Zärtlichkeit die ſie an ihn ver⸗ ſchwendete als Etwas zu betrachten worauf er das vollſte Recht hätte. Nie machte er ſie zur Vertrau⸗ ten ſeiner Angelegenheiten, höchſt ſelten dachte er daran daß Sara überhaupt da war, und 36 nur wenn er ſie gerade ſah. 198 In dieſem Augenblick, wo ſo viele bittere Ge⸗ fühle ſeine Seele aufregten, empfand er ein unwi⸗ derſtehliches Bedürfniß einem theilnehmenden Herzen, von dem er zum Voraus wußte daß es ihm alle tadelnden Bemerkungen erlaſſen würde, ſeine Leiden klagen und ſeinen Kummer ausgießen zu dürfen. Wir wollen inzwiſchen weder ſeine Klagen noch ſeine Wehrufe anhören; wir begnügen uns damit die Re⸗ ſultate davon zu erfahren. Die Thurmwächter in Stockholms Kirchen tute⸗ ten zehn; die Nachtpatrouille hatte ihre ſchläfrigen Wanderungen im Quartier begonnen, als die Haus⸗ thüre des Profeſſors Aberney ſich öffnete, und eine kleine Frauengeſtalt auf die Straße trat, worauf ſie an dem ſchönen Frühlingsabend von dem Blaſiholm weg und über die Neubrücke auf ein einzeln ſtehen⸗ des Haus zuſchritt das irgendwo hinter dem Hopfen⸗ hof ſtand. Die Thüre war geſchloſſen, die Geſtalt klopfte dreimal. Nach einigen Minuten öffnete ſich ein Fenſter und eine weibliche Stimme fragte: „Wer iſt drunten?“ „Sara!“ lautete die Antwort. Das Fenſter wurde geſchloſſen und in der nächſten Minute trat Sara ins Haus. Nur eine halbe Stunde verweilte ſie da, darauf kehrte ſie in ihre Wohnung zurück. Etwas ſpäter ging ein hochgewachſenes Frauenzim⸗ mer aus dem einſamen Hauſe. Sie nahm denſelben Weg wie Sara, nur mit dem Unterſchied daß ſie ihre Wanderung bis auf den Holm fortſezte und erſt bei einem der Eingänge des Wohnhauſes ſtehen — 199 blieb. Ein Bedienter ſtand da und war beſchäftigt ſeine zärtlichen Gefühle einer kleinen, helläugigen Dirne zu erklären die jezt, nachdem ihre Herrſchaft zur Ruhe gegangen, einige freie Angenblicke für ihre Herzensangelegenheiten hatte. „Wohnt Baron Canitz hier?“ fragte das Frauen⸗ zimmer. Der Bediente wandte ſich um, betrachtete die Dame lümmelhaft von Kopf zu Fuß, und ant⸗ wortete: „Allerdings wohnt Baron Canitz hier, aber er empfängt bei Nacht keine Beſuche.“ Die Dame machte eine Bewegung als wollte ſie an dem Bengel vorübergehen; dieſer aber ſtellte ſich auf die Schwelle des Eingangs und ſagte, ſeine Arme in die Seiten geſtemmt:. „Mein Herr iſt zur Ruhe gegangen. Kommen Sie morgen Mittag um fünf Uhr wieder.“ „Ich muß jezt ſogleich mit dem Baron ſprechen,“ erklärte d eninne beſtimmt. „Bedaure, aber es kann nicht geſchehen.“ — Man hörte Tritte auf der Treppe und ein Herr in der Uniform der Flotte wurde ſichtbar. „Suchen Sie den Baron anitz?“ ſagte er höf⸗ lich zu der Dame, deren Züge bewieſen daß ſie ſchon lang über hinaus wo man eine zwei⸗ erkung über ihren Beſuch hätte machen deutige Bemer können. 4 in Herr, ich habe ihm etwas Wichtiges zu ſagen was keinen Aufſchub duldet.“ In dieſem Fall treten Sie ein. Ich verließ ihn ſo eben. Die Thüre gerade vor der Treppe.“ Der Bediente zog ſich beim Anblick des Offiziers 200 auf die Seite. Als die Dame die Treppe hinauf gehen wollte, ſagte er: „Soll ich vielleicht den Herrn Baron benach⸗ richtigen...“ „Iſt nicht nöthig,“ antwortete der Offizier. Die Dame trat ein und der Herr Bediente ſezte ſeine intereſſante Converſation mit ſeiner Herzens⸗ flamme fort. In einem kleinen Cabinet vor dem kleinen Salon ſaß Lothar und ſchrieb. Die Thüre des erſtgenann⸗ ten Zimmers ging auf ohne daß er es beachtete. Leiſe Tritte wurden gehört. Sie näherten ſich dem Cabinet, entgingen aber gleichfalls Lothars Aufmerk⸗ ſamkeit. Auf der Schweile blieb die hochgewachſene Dame ſtehen und ließ ihren Blick unbeweglich auf dem gebeugten Haupte des jungen Mannes ruhen. Seine Stirne war bleich, ſeine Bruſt arbeitete un⸗ ruhig. Man bemerkte leicht daß ſeine Gedanken von keiner ruhigen Art waren. „Lothar!“ flüſterte eine Stimme ſo mild und doch ſo ernſt, als wollte ſie zu gleicher Zeit Zärt⸗ lichkeit und Vorwurf ausdrücken. Lothar fuhr zu⸗ ſammen und ſchaute auf. Beim Anblick der Dame erhob er ſich und murmelte mit Schmerz: „Ah! ich wußte daß Du kommen würdeſt.“ Die Dame trat vor, reichte ihm ihre beiden. Hände und ſtammelte: „Du wußteſt es, und woher?“ Lothar ergriff ihre Hände, preßte ſie mit einem Ausdruck von beinahe religiöſer Verehrung an ſeine Lippen und ſagte: „Wenn Du auftrittſt, dann habe ich mich irgend 201 einer unbedachten oder ungerechten Handlung ſchul⸗ dig gemacht. Nicht um das Gute zu belohnen, ſon⸗ dern um das Böſe zu beſtrafen, haſt Du mich auf⸗ geſucht. O Mutter! Glaubteſt Du wirklich mich vor meiner übereilten Gemüthsart warnen zu müſſen? Haben dieſe ſechs vergangenen Jahre, in denen ich Dich nicht geſehen, Dir nicht zur Genüge bewieſen daß ich das Ziel das Du mir zeigteſt über Alles ſtelle? Glaubteſt Du wirklich mich vor meinem eige⸗ nen Innern warnen zu müſſen?“ Wehmüthig ruhte ſein Blick auf den Zügen der Mutter. Sie drückte ſeinen Kopf an ihr Herz und flüſterte: „Mein Sohn, ich bin ſtolz auf Dich geweſen— ich danke Dir.“ „Aber Du wollteſt den Sohn nicht öfter mit Deinem Anblick erfreuen als...“ Wiederum ſah Lothar mit einem betrübten, vorwurfsvollen Blick die Mutter an. „Höre mich.“ Die Dame ſezte ſich auf einen Sopha und zog ihn neben ſich hin.„Ich bin nicht gekommen um Rechenſchaft von Dir zu fordern, nicht um Dir den rechten Weg zu zeigen oder Dich vor der Verſuchung zu warnen; ich bin gekommen um Dich zu fragen: Wie gedenkſt Du in Bezug auf den Streit zu handeln der heute zwiſchen Dir und einem Deiner Cameraden ſtattgefunden hat?“ „Ah! Du weißt alſo?“ „Daß ein unangenehmer Auftritt vorgefallen iſt wobei Du und Aberney die Hauptrollen ſpielten.“ „Du willſt wiſſen wie ich handeln werde? Er darf mir das Leben nehmen,“ antwortete Lothar düſter.„Ich kann Dir kein größeres Opfer bringen 202 als wenn ich mich in dieſem Augenblick, wo das Glück mir zum erſten Male lächelt, ſchuzlos einem wüthenden Feind entgegenſtelle.“ „Es wäre beſſer geweſen, Du hätteſt ihn nicht bis zu dieſem äußerſten Schritte getrieben,“ fiel die Dame beinahe kalt ein. „Wenn Du unſern Streit kennſt, ſo kennſt Du auch die Veranlaſſung dazu und dann...“ „Werde ich Dein Benehmen ſtets mißbilligen. Doch ich bin nicht mehr Deine Richterin, darum wünſche ich bloß daß Du mir den Vorfall erzählſt, damit ich einen klaren Begriff davon erhalte.“ Mit ruhiger Stimme erzählte Lothar das ganze Ereigniß. Seine ſonſt ſtolzen Züge hatten dabei einen beinahe demüthigen Ausdruck angenommen. Er ſah feſt in die Augen der Mutter, als wollte er ſie in ſeiner Seele leſen laſſen. Ihre Züge ver⸗ düſterten und betrübten ſich. Als er aufhörte, ſaß ſie lange ſchweigend da, wie von einer innern Be⸗ wegung überwältigt. Endlich ſagte ſie: „Du darfſt die Forderung nicht annehmen.“ „Verlange nicht das Unmögliche; bedenke daß ein Schatten auf meine Ehre fällt wenn ich mich weigere.“ „Aber dieß Duell kann und darf nicht ſtatt⸗ finden.“ „Ich habe Dir ja verſprochen daß kein Tropfen ſeines Blutes das Gewiſſen Deines Sohnes be⸗ flecken ſoll. Ich werde meinen Arm nicht zur Ver⸗ theidigung erheben.“ „Aber Du wirſt erlauben daß er Dir das Leben nimmt, daß er ſich mit Deinem Blute beſudelt und ——— 203 daß all dieſe Schuld über das Haupt Deiner Mutter kommt.“ „Willſt Du lieber daß Dein Sohn von ſeinen Cameraden verachtet werden ſoll?“ „Alles Andere, nur dieſes Duell nicht!“ „Mutter, ich will Dir Alles opfern, nur das nicht. Ich muß ihn für den erlittenen Schimpf Rache nehmen laſſen.“ „Aber ich, ich ſage Dir daß Du und er einander nicht als Feinde gegenüber treten dürfet; das darf, das kann nicht geſchehen.“ Die Mutter lehnte ſich an Lothars Ohr und flüſterte ein Paar Worte hinein. Ihre Wirkung auf den jungen Mann war augenblicklich. Er ſtarrte ſie eine Weile an, ergriff dann heftig ihre Hände und murmelte mit dumpfer Stimme: „Das allein fehlte noch!“ Darauf erhob er ſich, machte einige Gänge durch das Zimmer, ſezte ſich dann wieder an ihre Seite und ſagte: „Jezt iſt es Zeit, Mutter, daß Du mir Alles ſagſt und dann— dann—“ Die Mutter begann eine lange Erzählung welche Lothar mit geſpanntem Intereſſe anhörte. Es war ein trauriges Blatt, aus dem großen Buche des Lebens geriſſen. Wir laſſen die Nacht es verhüllen und begrüßen ſtatt deſſen den morgenden Tag. Der Profeſſor ſaß eben bei ſeinem Cafe, als Sara ihm ein elegantes Billet überreichte. Der 204 Bediente wartete auf Antwort. Aberney durchlas die wenigen Zeilen und ſagte: „Sage dem Boten ich werde kommen.“ Später am Vormittag finden wir den Profeſſor im Boudoir der Gräfin Natalie, in einem lebhaften Geſpräch mit der reizenden Dame begriffen. „Frau Gräfin, ich habe Ihre Worte aufmerkſam angehört, obſchon ich in Wahrheit nicht verſtehe was ich in der Sache thun ſoll. Ich kann nur be⸗ klagen daß Tage ſo wenig Kraft und Würdegefühl beſizt, daß er wie ein winſelndes Weib herumlauft und Andere in ſeine Privatbekümmerniſſe einweiht.“ „Andere, ſagen Sie, Herr Profeſſor! Vergeſſen denn ganz daß ich die Freundin Ihres Sohnes „Wenn Sie ſeine Freundin ſind, ſo ſind Sie eine ſehr gefährliche Freundin,“ antwortete der Pro⸗ feſſor lachend,„und es würde mich nicht im Mindeſten wundern wenn er ſich dann über das erlittene Miß⸗ geſchick tröſtete.“ „Es handelt ſich nicht darum was ich bin, ſondern daß Sie Ihrem Sohn helfen müſſen um.. „Um Jemand unglücklich zu machen?“ fiel der Profeſſor ein.„Nein, Gräfin, das werde ich niemals thun.“ „Aber, Profeſſor, Frida hat einmal Ihrem Sohne. zugeſagt, und Sie, als ihr Verwandter, ſind wohl der geeignetſte Mann ſie zum Worthalten außzufor⸗ dern. Iſt es wohl denkbar daß ſie ein Glück finden wird, nachdem ſie das Glück ihres Jugendfreundes zerſtört hat?“ „Ein auf fremden Rath hin gegebenes Verſprechen 205 kann wohl nicht binden, beſonders wenn das Herz ſeine Stnne dagegen erhebt. Gräfin, ich will von meinem Sohne nicht ſo ſchlecht denken, um zu glauben daß er noch jezt auf dieſes Verſprechen rechnen lönne, nachdem Schuldfried erklärt hat daß ſie einen Andern liebt.“ „Und dieſen Andern halten Sie für würdig auf Koſten Ihres Sohnes glücklich zu werden?“ „Ja, Gräfin, das glaube ich und auch Sie.“ i meinen Sie das?“ „Daß Sie wie ich einen hohen Begriff von dem Baron Canitz haben.“ „Ich habe weder einen guten noch einen ſchlim⸗ men Begriff von ihm; er iſt mir eine gleichgiltige Perſönlichkeit. Für Ihren Sohn dagegen intereſſire ich mich wirklich, und beklage nur daß Sie es ſelbſt ſo wenig thun.“ „Frau Gräfin, ich kann nicht begreifen wie ſein Glück darin beſtehen ſoll daß zwei Leute unglückich werden und er ſelbſt gleichfals. Laſſen Sie uns deßhalb kein Wort mehr über die Sache verlieren. Tages Pflicht gebietet daß er Alles thut um das 3 Glück dieſer beiden Leute zu befördern die einander lieben.“ „Sie verlangen das Ungereimte.“ „Warum ungereimter als das Intereſſe das Sie meinem Sohne zeigen? Ich glaube, Gräfin, wenn Sie Canitz liebten und wüßten daß ſeine Seligkeit 1 Schuldfried hieße, ſo wäre es Ihr liebſter Wunſch die Vereinigung dieſer beiden befördern zu können.“ „Glauben Sie das?“ „Ja, im Fall Sie nicht Alles thäten um ihr entgegenzuarbeiten. Im erſteren Fall würden Sie als eine edle und gute Frau handeln, im lezteren...“ Der Profeſſor ſtand auf und fügte abbrechend hinzu: „Es kann mir nicht einfallen den Saz ausſprechen zu wollen. Leben Sie wohl, Gräfin, und erlauben Sie mir einen Rath. Wir müſſen uns nie in die Verhältniſſe Anderer einmiſchen, indem wir auf ihre Handlungen oder Schickſale einzuwirken ſuchen. Was unſer Egoismus damit bezwect erreichen wir nicht. Der Strom der Ereigniſſe geht ſehr häufig unſern Berechnungen und Wünſchen ſtracks entgegen.“ Der Profeſſor küßte der Gräfin die Hand und entfernte ſich. Während die Gräfin und der Profeſſor ſich be⸗ ſprachen, ſaß Lothar bleich da und blickte düſter vor ſich hin. Der nächtliche Gaſt war verſchwunden, hatte aber viel Kummer und Schmerz in ſeiner Seele zurückgelaſſen. Das Eintreten des Bedienten mit dem Cafe führte Lothar in die Welt zurück worin er lebte. Er ſezte ſich um einige Zeilen zu ſchreiben. Als er ſie verſiegelt hatte, befahl er den Brief zu Madame Dorbino zu bringen. Nachdem dieß geſchehen war, warf Lothar ſich wieder auf den Sopha, als ob Alles was jezt geſchehen könnte ihm gleichgiltig wäre. Er hatte den Geſchteupu eines Mannes der ſich darauf vorbereitet hat die wilden Stürme des Schickſals raſen zu laſſen. 3 ſah auf ſeine Uhr und murmelte:„ „In einer Stunde werden ſie hier ſein um d Bedingungen feſtzuſezen; in einer Stunde we mein Dug ijedo V 207 ich vor meinen Cameraden in einem zweifelhaften Lichte ſtehen. O Mutter, Mutter, das gibt einen ſchweren Augenblick. Ich werde gezwungen werden den Dienſt der ſchwediſchen Flotte zu verlaſſen und mich wie ein fremder Abenteurer in fremde Länder zu begeben, denn Niemand wird mit einem Menſchen dienen wollen der zuerſt öffentlich einen Cameraden beſchimpft hat und ihm dann Satisfaction ver⸗ weigert.“ Lothars Bruſt wurde von einem tiefen qualvollen Seufzer gehoben. „Es iſt ſchrecklich, nachdem man Alles gethan um die Forderungen der Ehrs zu befriedigen, nachdem man, wie ich, alle Privatintereſſen aufgeopfert hat, um ſeinem Namen Achtung zu erwerben, durch eine augenblickliche Uebereilung alle dieſe Bemühungen zerſtört und vernichtet zu ſehen. Ich werde alſo dem bereits ſo beſchmuzten Namen einen neuen Fleck anhängen.“ Man hörte Tritte im Salon. Lothar fuhr zu⸗ ſammen. Das Blut brannte wie Feuer in ſeinen Adern, und gleichwohl war jezt eine heroiſche Kalt⸗ blütigkeit erforderlich. Zwei Offiziere der Flotte traten bei Lothar ein, der ſich erhob und ſie mit einem ſtummen Hände⸗ druck begrüßte. Ehe ſie ein Wort hervorbringen konnten, ſagte er: „Sie kommen um mit mir die Bedingungen für Aberney feſtzuſezen. Ich muß Sie Wäuſtellen ob er auf keinen agen daß er jede 208 friedliche Beilegung der Sache verweigere. Er nimmt keine andere Genugthuung an als mit den Waffen.“ „In dieſem Fall verlangt er Etwas was ich nicht gewähren kann,“ antwortete Lothar kalt und beſtimmt. „Ich ſchlage mich nicht.“ „Canitz, was fagſt Du?“ riefen die beiden Ca⸗ meraden, indem ſie ihn mit Blicken der Mißbilligung und Ueberraſchung anſahen.„Wenn Du das Duell verweigerſt, ſo mußt Du Deinen Grund angeben.“ „Ich habe keinen andern als daß ich beſchloſſen habe mich nicht zu ſchlagen.“ „Dieß iſt kein annehmbarer Grund.“ „Es iſt der einzige den ich habe.“ Troz aller weitern Gründe die ſie vorbrachten, troz aller Vorſtellungen daß er kein Recht habe Tage auf dieſen Grund hin Genugthuung für den erlittenen Schimpf zu verweigern, blieb Lothar unerſchütterlich. Die Offiziere entfernten ſich, nachdem ſie offen er⸗ klärt hatten daß ſie Lothars Benehmen als ein ſolches betrachten das die Mißbilligung ſämmtlicher Cameraden erregen müſſe. . Wir wollen jezt bei Schuldfried einen Beſuch machen, der in die gleiche Zeit mit dieſen Ereigniſſen fällt. Sie war an dieſem Tag ungewöhnlich früh aufgeſtanden und hatte mit beſonderer Sorgfalt ihre Toilette gemacht, Heute ſollte ja er g Schuld⸗ fried lächelte, Fänz glüclich i an, ſie freute ſich daß ſie ihres Glückes mac 209 Seele war von Hoffnung erfüllt. Schuldfried hegte, im Widerſpruch mit allen andern Verliebten, keine unruhige Befürchtung daß Lothars Herz ſich ver⸗ ändern könnte. Seit dem Augenblick wo er ſein Wegbleiben von dem Rendezvous in Neapel damit erklärt hatte daß ihm ihr Brief nicht rechtzeitig zu⸗ gekommen ſei, war Schuldfrieds ganzer Glaube an die Tiefe und Unerſchütterlichkeit ſeiner Liebe zurückgekehrt. Er liebte, das ſagte ihr das eigene Herz; er liebte, deſſen war ſie ſo gewiß daß weder Lothars kalter Ton noch ſeine bittern Worte, noch ſonſt Etwas auf dieſe Ueberzeugung einzuwirken vermoch⸗ ten. Sie war auch vollkommen ſicher daß er der Einladung Folge leiſten und kommen würde. Sie war ſo froh bei dem Gedanken daß Alles zwiſchen ihnen jezt klar werden ſollte. Sie wollte ihn für das Vergangene und all den Schmerz den ſie ihm verurſacht um Verzeihung bitten; er würde verzeihen und ſie lieben wie früher. Ihr ganzes Leben wollte Schuldfried ihm weihen, glücklich ſich dem Manne opfern zu dürfen den ſie ſo innig, ſo über Alles liebte. Die Zeit, welche Flügel hat wenn wir glücklich ſind, erſcheint wie eine Kröte wenn wir mit Unge⸗ duld Etwas erwarten. Schuldfried gebot ihrem unruhigen Herzen Stillſchweigen; ſie bot alle ihre Kraft auf um ruhig zu ſein, aber es wöllte nicht gelingen. Mit glühenden Wangen lauſchte ſie auf das geringſte Geräuſch. Plözlich läutete es; das iſt er.— Tritte wurden im Salon gehört, die Thür⸗ vorhänge gingen in die Höhe und— Anaiſe erſchien nit einem Brief den ſie Schuldfried überreichte. Die Schwartz, Schuld und Unſchuld. MI. 14 — 210 Hand zitterte die ihn empfing und erbrach. Darin ſtanden folgende Zeilen: „Auch heute wird Schuldfried vergebens auf Lothar warten, und morgen iſt ſeine Ehre ſo be⸗ fleckt, daß er der Frau die ihm ihren Künſtlerruf opfert und zu deren Füßen er ſterben zu dürfen wünſchte, nicht mehr unter die Augen treten kann oder darf. Ein Fluch ruht auf „Lothar.“ Gegen Mittag trat Natalie unangemeldet bei Schuldfried ein. Die bezaubernde Gräfin ſah be⸗ trübt aus. „Ich komme,“ rief ſie,„um Dir einen höchſt fatalen Vorfall zu erzählen der geſtern ſtatt fand und wobei Canitz keinen beſonders ſchönen Character an den Tag legte.“ „Dann iſt die Sache bedeutend entſtellt worden,“ ſagte Schuldfried, welche der Beſuch der Gräfin be⸗ läſtigte. „O nein, nicht im mindeſten; ich habe die Ge⸗ ſchichte von dem unglücklichen Gegenſtand ſeiner Grobheit, Deinem Vetter, Lieutenant Aberney.“ „Hat Canitz ſich gegen Tage vergangen?“ „Allerdings, und zwar vor einer Geſellſchaft von dreißig bis vierzig Perſonen.“ „Dieß verträgt ſich nicht mit dem Character des. Barons Canitz,“ verſicherte Schuldfried lebhaft. „So unverträglich es ſein mag, ſo iſt es dennoch geſchehen. Die Offiziere der Flotte gaben geſtern Abend einigen Fremden zu Ehren ein Mahl wobei die Rede auf ein Frauenzimmer fiel, über welches Canitz ſich ganz anders äußerte als Aberney. Als 211 der leztere ſeine Behauptung verfechten wollte, ver⸗ ſezte ihm Canitz einen ſchimpflichen Schlag i ins Geſicht. Die Anweſenden verlangten ſogleich die Snie des Barons aus der Geſellſchaft. Heute früh hat Aberney ihm eine Herausforderung zugeſchickt, die er anzunehmen verweigerte, ohne einen Grund dafür anzugeben. Dieſes im höchſten Grad unritterliche Benehmen wird zur Folge haben daß die Offiziere der Flotte nicht mehr mit einem Menſchen dienen wollen, der ſich auf die Forderungen der Ehre ſo ſchlecht verſteht. Baron Canitz muß ſeinen Abſchied nehmen. Schon heute Abénd werden wir die ſcan⸗ dalöſe Geſchichte in allen Zeitungen zu leſen be⸗ kommen.“ „Hat Tage Dir Alles das geſagt?“ fragte Schuld⸗ fried bleich und mit hochgehaltenem Haupte. „Allerdings.“ „Ich beklage von ganzem Herzen daß Tage die Forderungen ſeiner eigenen Ehre ſo ſchief auffaßt, daß er Dinge ausbreitet die unter Cameraden vor⸗ gefallen ſind.“ „Canitz beſizt keine Cameraden mehr in der ſchwediſchen Armee,“ fiel Natalie ſtolz ein. „Dabei hat nur die ſchwediſche Armee verloren“ Schuldfried ſah auf ihre Uhr und bemerkte:„Du wirſt entſchuldigen, beſte Natalie, aber ich muß mich ankleiden um auszufahren.“ Natalie bereitete ſich zu gehen. „Weißt Du was, Fride ſagte ſie,„es wundert mich daß Du ſo wenig Theilnahme und Herz für Dei⸗ nen alten Jugendfreund zeigſt, daß Du ihm gegen einen Fremden Untecht gibſt.“„ 4 212 „Tage iſt in dieſem Augenblick meinem Herzen fremder als Canitz. Ueberdieß, Natalie, weiß ich daß, wenn lezterer ſich übereilt hat, dieß darum ge⸗ ſchehen iſt, weil der Erſtere ſich einer ſehr tadelns⸗ werthen Handlung ſchuldig machte.“ Schuldfried reichte der Gräfin die Hand zum Abſchied, und nach einigen weiteren flüchtigen Worten zwiſchen ihnen eilte Natalie in ihre Wohnung hinab, um zu über⸗ legen ob es nicht möglich ſei einer Annäherung zwiſchen Schuldfried und Lothar Hinderniſſe in den Weg zu legen. Die Gräfin huldigte der Theorie: Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Schuldfried ihrerſeits begab ſich ſogleich zu Aber⸗ ney. Nach einer längeren Beſprechung verließen ſie beide ſeine Wohnung. Schuldfried begab ſich nach Hauſe zurück und der Profeſſor ging zu Lieutenant Steen, um von ihm als Unpartheiiſchem den wah⸗ ren Sachverhalt zu erfahren. Auch dieſer Tag nahm ein Ende. Der Abend kam ſo mild und ſo ſtille. In Stockholms Kirchen läutete es; es war ſieben Uhr. Der Holm lächelte ſo freundlich in ſeiner grünen Pracht auf der blauen Waſſerfläche. Die Menſchen, dieſe Kinder der Un⸗ ruhe, hatten ihre Tagesarbeit vollendet, und man ſah ein Boot ums andere nach dem Thiergarten fahren. Ein zierlicher Wagen fuhr ganz behut⸗ ſam über die Holmbrücke und bis vor das Haus wo Lothar wohnte. Dort blieb er ſtehen und heraus ſtiegen zwei Damen wovon die Eine einen dichten Flor trug. Sie begaben ſich nach der Wohnung des jungen Lieutenants. Die Unverſchleierte ging . 213 voraus und öffnete die Thüre des Vorſaales, wo ein Bedienter auf ſeinem Stuhle ſchlief. „Iſt der Baron zu Hauſe?“ fragte ſie in kaum verſtändlichem Schwediſch. „Ja,“ lautete die Antwort. „Iſt er allein?“ „Ganz allein. Wen darf ich anmelden?“ „Sie brauchen nur ein Frauenzimmer zu mel⸗ den,“ antwortete die verſchleierte Dame, indem ſie ihm einen Bankſchein in die Hand legte mit den Worten: „Gehen Sie voraus, ich folge Ihnen.“ Der Bediente gehorchte einer Aufforderung die von einem ſo rührenden Beweis von Freigebigkeit begleitet war. Die Dame flüſterte ihrer Begleiterin Etwas zu, worauf ſie durch die Arbeitsthüre ver⸗ ſchwand. Am Cabinet angekommen meldete der Be⸗ diente: „Eine Dame wünſcht den Herrn Baron zu ſprechen.“ „Laß ſie hereinkommen,“ hörte man Lothar ant⸗ worten. Der Bediente trat auf die Seite mit den Worten: „Haben Sie die Güte einzutreten; der Herr Baron iſt drinnen.“ Er ſchloß die Thüre hinter ihr. Lothar wandte ſich gegen die Eintretende, die in dieſem Augenblick ihren Flor erhob. Er ſprang auf und rief: „Schuldfried!“ 3 Zum zweiten Mal betrat Schuldfried bie Woh⸗ nung Lothars. Zwiſchen ihrem erſten Beſuch und dieſem lagen ſechs Jahre. Das erſte Mal kam ſie um alle ihre ſchönen freundlichen Träume zerſtört und ſich ſelbſt, ein unwiſſendes und unerfahrenes Kind, in einen Wirbel von Ereigniſſen geworfen zu ſehen, von denen ſie ſich kein klares und anſchau⸗ liches Bild machen konnte. Jezt,— jezt— kam ſie mit einem Herzen voll von Glauben und Hoffnung, feſt entſchloſſen die düſterſten Schickſale des Lebens mit ihm zu theilen, glücklich und ſelig wenn ſie nur an ſeiner Seite bleiben durfte. Das erſte Mal ver⸗ ſtieß ſie ihn; jezt kam ſie um ihm ihr Herz zu ſchen⸗ ken. Ob er ihre Gabe wohl annahm? In das abgeſonderte Haus hinter dem Hopfen⸗ garten wollen wir den Leſer an demſelben Abend einführen wo Schuldfried ſich nach dem Holm begab. In einem einfach möblirten Zimmer finden wir die Dame die Lothar ſeine Mutter nennt. Sie ſizt in einen Sopha zurückgelehnt und bedeckt das Geſicht mit ihren Händen. Sie weint. Neben ihr hat Tante Sara Plaz genommen. „Ich begreife Deine Betrübniß nicht,“ ſagte Sara;„Alles iſt ja glücklich und gut gegangen, beſſer als ich zu hoffen wagte.“ „Ach ſprich nicht ſo,“ ſtammelte die Dame;„nur ich ſelbſt weiß wie unrecht ich gehandelt habe.“ „Unrecht,“ wiederholte Sara und ſah ganz ver⸗ wundert drein. „Ja.“ Jezt erhob die Dame ihren Kopf und betrachtete Sara.„Aber laß uns nicht davon reden, ſondern von ihm. Schuldfried könnte alſo ——— 7 — —— , —, 215 ſein Glück machen; ihr Verluſt wird ſeinen Charac⸗ ter zu Grunde richten.“ „Das iſt meine Ueberzeugung; ſeit ſie ihm ihre Hand verweigerte, war er ganz toll. Er hat geſagt er werde ein Elender werden, er habe Nichts wofür er leben könne.“ Sara führte ihr Nastuch an die Augen, während ſie mit zitternder Stimme fortfuhr: „Der arme Junge wird gewiß Hand an ſein Leben legen. Ach, er hat ein ſo reiches und warmes Herz und er hat Schuldfried ſo innig und treu geliebt, daß ſie ihn jezt ganz unglücklich gemacht hat.“ „Weiß Schuldfried wie viel Böſes ihm die Ver⸗ weigerung ihrer Hand bereitet hat?“ „Ja leider. Deſſenungeachtet hat ſie mir auf meinen Brief folgende Zeilen geantwortet.“ Sara überreichte der Dame einen Brief welchen dieſe mit gerührtem Herzen öffnete und las: „Liebſte Tante! „Es war ſchon der Mühe werth Dich ſo böſe zu geberden, weil zwei junge Männer in Streit gerie⸗ then, wenn auch ich der Zankapfel bin. Ein Duell kommt nicht zu Stande, ſoviel kann ich Dich ver⸗ ſichern; dieß iſt auch Alles was ich verſprechen känn, denn Deinem Wunſche gemäß ganz romantiſch mich ſelbſt opfern und Tage meine Hand geben, das kann und will ich nicht. Hier haſt Du meine Gründe. Als ich vor ſechs Jahren Tage mein Verſprechen gab, geſchah es weil meine Muiter mich darum bat; ich kannte damals mein Inneres nicht. Jezt, Tante, liebe ich Tage nicht, und ich werde niemals die Gottloſigkeit begehen ohne Liebe zu heirathen Ueber⸗ dieß wirſt Du mir verzeihen, wenn ich es kläglich von einem Manne finde daß er den Verluſt einer Frau die er zu lieben glaubt nicht ertragen kann, ſondern wie ein Kind darüber klagt und Andere als Vertheidiger in einer Sache aufſtellt die ihm ſelbſt mißglückt iſt. Geſchehe was da wolle, Tage wird niemals derjenige mit dem ich mein Schick⸗ ſal vereinige. Dieß iſt mein unveränderlicher Entſchluß. „Jezt, Tante, kein Wort mehr von der Sache. Ich beklage Tage; weniger darum weil er mich liebt, als darum weil er ſchwach und nicht ſehr ritterlich iſt. Man hat mir den Auftritt zwiſchen ihm und Baron Canitz erzählt. Lezterer zeigte ſich damals wie immer als echter Gentleman. Gott ſegne ihn dafür. Das wünſcht .„Deine ergebene „Schuldfried.“ Langſam legte die Dame den Brief zuſammen und reichte ihn der Alten mit den Worten: „Schuldfried iſt und bleibt für Tage verloren.“ „Aber wenn dieſer unglückſelige Canitz beſtimmt werden könnte...“ „ ſie nicht zu lieben?“ fiel die Dame mit einem betrübten Lächeln ein.„Nein, ſo weit er⸗ ſtreckt ſich keines Menſchen Gewalt über ihn. Alles kann dieſer Mann opfern, nur ſeine Liebe zu Schuld⸗ fried nicht. Welche Macht beſizt ſie nicht über die Herzen die ihr einmal gehört haben!“ Tante Sara öffnete den Mund um zu antwor⸗ ten, als ein älterer Dienſtbote eintrat und in ge⸗ brochenem Schwediſch ſühter „Ein Herr will Sie beſuchen, Madame.“ —=— ———————— — —————— 217 „Du weißt ja daß ich keine Beſuche annehme.“ „Aber er ſagte, wenn ich ihn nicht anmelde oder hineinlaſſe, ſo werde er ſich mit Gewalt Bahn brechen.“ „Dieß waren meine Worte,“ ſprach eine klare Stimme hinter der Dienerin. Die Dame und Sara blickten hin. Leztere rief erſchrocken: „Victor!“ Die Dame wurde todtenblaß und vermochte ſich nicht zu rühren. Sie deutete nur mit einer Bewe⸗ gung an daß die Dienerin ſie allein laſſen ſolle. In Nataliens reizender Somnerwohnung finden wir drei Perſonen beiſammen. Sie waren indeſſen nicht da um den ſchönen Abend zu genießen, ſon⸗ dern ſaßen in dem Salon eingeſchloſſen, deſſen grüne Jalouſien vorgezogen waren, ſo daß nur ein matter grünlicher Schein in das elegante Zimmer herein⸗ drang. „Dieß iſt alſo Madame Dorbinos Familien⸗ geſchichte,“ ſagte die Gräfin Natalie, die eine von den dreien war.„Sie iſt ſehr düſter; aber leider findet ſich darin Richts was einen Schatten auf ſie ſelbſt wirft. Sie ſteht rein und makellos wie die Unſchuld ſelbſt am Grabe ihrer verbrecheriſchen Mut⸗ tei. „Wahr, aber Baron Canitz weiß nicht daß die⸗ jenige die er liebt die Tochter der Giftmiſ ſcherin iſt,“ ſiel Doctor Wagner ein, welchet der Zweite im Bunde war.„Welchen Einfluß dieſe Miuheilung auf ſein ſtolzes Gemüth haben kann iſt „Aber, mein Gott, ſie wird ſeine Geſühle nicht erſchüttern können,“ fiel Tage ein, welcher der Dritte war.„Er mit ſeinem übermüthigen Character wird ſeinen Namen für genügend halten um jeden Schat⸗ ten zu verwiſchen der an Schuldfrieds Namen kleben könnte. Im Uebrigen vergißt man Alles wenn man liebt.“ „Das iſt freilich wahr; aber es gibt gewiſſe Familienverhältniſſe die bedeutend auf ihn einwirken könnten, im Fall er erführe weſſen Tochter Madame Dorbino iſt.“ „Warum haben Sie ihm das nicht geſagt?“ fragte Natalie. „Darum weil es nicht in meinem ſpeziellen Plane lag.“ „Sie müſſen uns erklären, in welchem Fall die Nachricht daß Harm Aberney die Mutter Schuld⸗ frieds iſt, auf Canitz einwirken könnte,“ ſagte Tage und ſtüzte den Kopf in ſeine Hand. „Der Bruder des Generals Canitz, der Legations⸗ ſecretär, heirathete nämlich Edith Ehrmann, die Schwe⸗ ſter Horms. Dieſe Verbindung, die Anfangs ein Geheimniß war, verurſachte, als ſie bekannt wurde, eine ſchreckliche Beſtürzung, weil der Legationsſecre⸗ tär mit einer reichen und hochgebornen Ruſſin ver⸗ lobt war. Die Folge war für ihn ſelbſt und die junge Frau eine Verbannung nach Sibirien, ein Werk des Generals, welcher dadurch der einzige Be⸗ ſizer von Kronbrück wurde. Dieß geſchah in Lothars früheſter Kindheit. Eines Tags erhielt Lothar, wäh⸗ rend er ſich auf einer deutſchen Univerſitöt aufhielt, einen Brief durch einen reiſenden Engländer. Er — 6 —— — ————— — 219 kam von ſeinem Onkel, der ihn dem Engländer über⸗ geben hatte welcher Sibirien bereiste. Der Lega⸗ tionsſecretär lag damals in den lezten Zügen. Der Britte hatte verſprochen das Schreiben auf die eine oder andere Weiſe dem Sohne des Generals Canitz in die Hände zu ſchaffen. In Petersburg erfuhr der Engländer daß der junge Baron ſich in Heidel⸗ berg aufhielt, und begab ſich dahin um ſein Ver⸗ ſprechen gegen den Sterbenden zu erfüllen. Der Brief enthielt eine kurze Erläuterung über die Ur⸗ ſache der Verbannung, nebſt einer innigen Bitte an Lothar daß er die Aufhebung dieſer Strafe für die Frau des Legationsſecretärs auswirken möge, die, wenn der Brief in ſeine Hände käme, ganz ſicher Wittwe wäre. Lothar ſchrieb ſogleich an den General und ſchickte ihm den Brief ſeines ſterbenden Onkels, mit dem Bemerken daß er, wenn ſein Vater nicht unverzüg⸗ lich auswirke daß die Wittwe des Verſtorbenen aus Sibirien komme, niemals nach Rußland zurückkehren, ſondern ſich eine Kugel durch den Kopf jagen würde. Der General, der aus vielen Gründen äußerſt be⸗ ſorgt um das Leben ſeines Sohnes war, namentlich auch weil das von ſeiner Frau ererbte Vermögen aus Fideicommiſſen beſtand die er verlor wenn der Sohn ſtarb, verſprach mit umgehender Poſt die Be⸗ freiung ſeiner Schwägerin aus Sibirien. Dagegen forderte er ſeinem Sohne das Verſprechen ab ſich nie und unter keinen Umſtänden mit der Familie ſeiner Schwägerin in eine Verbindung einzulaſſen. Lothar gelobte dieß ſeinem Vater. Ich beſize ſogar den Brief worin er das Verſprechen abgab. 220 „Nun,“ fiel Tage ein,„kam Edith aus Sibirien?“ „Jo, ſie wurde über die ruſſiſche Grenze geſchickt, mit der Erklärung daß ſie jedes Land außer dem Umkreis des ruſſiſchen Reiches und ſeiner Beſizungen zum Aufenthalt wählen könne. Ein Jahr darauf ſoll ſie in Frankreich geſtorben ſein.“ „Hatte ſie keine Kinder?“ fragte Tage. „Meines Wiſſens nicht,“ antwortete der Doctor. Es entſtand eine Pauſe. Die Gräfin unterbrach ſie: „Sie glauben alſo daß ein Verſprechen gegen einen längſt verſtorbenen Vater dem Baron Canitz ſo heilig ſein werde, daß es ihn beſtimmen könne einer Verbindung zu entſagen die ſein Herz wünſcht?“ „Ich glaube an nichts, Gräfin; aber ich ver⸗ ſuche Alles wenn ich ein Ziel erreichen will. Baron Canitz hat ſich in den lezten Zeiten zur Lebensauf⸗ gabe gemacht wie ein echter Spartaner Wort zu halten, ſelbſt wenn ihn dieß ſeine liebſten Wünſche koſten ſollte.“ „Gut! Wir wollen ſehen was wir thun können,“ ſagte die Gräfin, indem ſie*„Sie, lie⸗ ber Doctor, haben mir des ons Liebe zu Ma⸗ dame Dorbino mit ſo lebhaften Farben geſchildert, daß ich nicht weiß was ich von ſeinem kalten und ſonderbaren Benehmen gegen ſie auf der einen und ſeiner lebhaften Vertheidigung ihrer Ehre auf der andern Seite denken ſoll. Er kann alſo aus ſeiner Rolle fallen.“ „Der lezte Vorfall beweist ja daß er ſie noch liebt,“ rief Tage.„Seine Weigerung ſich zu ſchla⸗ ——— —— —————— 221 gen beweist daß er ihre Ehre nicht durch ein Duell bloßſtellen will.“ „Ganz und gar nicht,“ fiel der Doctor ein, „ſondern einzig und allein daß er ſein einmal gege⸗ benes Wort ſich nicht mit Ihnen zu duelliren nicht brechen will, oder auch daß er Sie einer ſolchen Ehre nicht würdig findet.“ „Nein, Doctor, jezt ſind Sie auf dem Holzweg,“ fiel die Gräfin ein.„Es iſt irgend ein geheimer mächtiger Grund vorhanden der ihn zu dieſer Hand⸗ lungsweiſe beſtimmt hat.“ „Möglich.“— Der Poctor nahm ſeinen Hut und bereitete ſich zum Gehen. Die Gräfin beglei⸗ tete ihn ins nächſte Zimmer. „Doctor,“ ſagte Natalie, indem ſie ihren Arm auf den Arm des Arztes legte,„ich muß dieſes Weib um jeden Preis aus meinem Wege ſchaffen. Ach wie gründlich ich ſie jezt verabſcheue!“ „Und ihn liebe,“ ergänzte der Doctor. „Still und hören Sie mich an: Sie müſſen mir helfen ſie aus dem Wege zu ſchaffen, aber ſo daß es ausſieht als ob ſie mit dem Narren da drinnen fortgereist wäre.“ F nickte mit dem Kopf ge⸗ gen das Zimmer wö Tage ſich befand. Der Doctor betrachteie ſie eine Weile wie wenn Natalie ihm eine Idee eingegeben hätte. Darauf antwortete er lächelnd: „Wenn der Satan eine recht hölliſche Idee auf den Weg bringen will, ſo läßt er ſie von einem Weiberhirn ausgehen. Sie haben mir den Faden zu Etwas gegeben was uns ſehr ſchnell zu dem ge⸗ wünſchten Ziele führen kann. Leben Sie wohl, ich entferne mich jezt, um Ihnen einen Plan mitzuthei⸗ len ſobald ich ihn fertig habe.“ zurück. Am folgenden Morgen, unmittelbar nachdem Tage aufgeſtanden war, kam der Profeſſor zu ihm. Aber⸗ neys Stirne war finſter und ſein Bkik ſtreng. „Was iſt zwiſchen Dir und Canitz vorgefallen?“ fragte der Profeſſor indem er ſeinen Adoptivſohn betrachtete. „Ein Streit der mit einer Beleidigung von ſei⸗ ner Seite endete,“ antwortete Tage mit einem ganz unerſchrockenen Blick auf den Vater. „Um was handelte es ſich?“— Aberneys Brauen waren gerunzelt. „Um ein Frauenzimmer.“ „Um welches Frauenzimmer? Ich will ihren Namen wiſſen.“ „Ah pah! ich glaube daß ich in meinem Alter mich nicht mehr über meine Handlungen zu verantwor⸗ * brauche,“ ſagte Tage trozig;„ich bin kein Junge mehr.“ „Aber Du benimmſt Dich wie ein Lümmel.“ „Papa!“ rief Tage indem er ſich erhob. chweig nd höre wohl was ich Dir zu ſagen habe. Ich kenne den Namen des Frauenzimmers das Du nicht nennen willſt.“ Der Profeſſor kreuzte ſeine Arme und fuhr in ſtrengem Tone fort:„Wie nennt man den Kerl der die Ehre eines Weibes bedroht ſieht Der Doctor ging und Natalie kehrte zu Tage ohne ſeine Stimme zu ihrer Vertheidigung zu erhe⸗ ben? Man nennt ihn einen Mann ohne alle Be⸗ griffe von Ritterlichkeit. Wie nennt man Denjenigen 223 der in einem ſolchen Augenblick die Bekanntſchaft und Verwandiſchaft mit demſelben Weibe verleugnet das er kaum zuvor zu lieben behauptet hat, wäh⸗ rend er der erſte iſt der ſie im Stiche läßt wenn ſie verläumdet wird? Nun, ihn nenne ich einen Mann ohne Ehre, würdig von jedem ehrenhaften Burſchen einen ſchimpflichen Schlag ins Geſicht zu erhalten, ohne Recht dafür Genugthuung zu fordern.“ Der Profeſſor legte ſeine Hand ſchwer auf die Schulter des Sohnes und fügte mit Nachdruck hinzu:„Ein ſolcher Mann biſt Du.“ Tage wurde todtenblaß und ſtand auf einmal aufrecht vor Aberney. „Heffne Deinen Mund nicht zur Vertheidigung oder zu ſtolzen Worten. Bei mir hilft das nichts; Du kannſt Dich doch mit demjenigen nicht duelliren der Vaterſtelle an Dir vertreten hat. Kleide Dich ſo⸗ gleich an. In einer Stunde muß Canitz die Ge⸗ nugthuung haben die Du ihm ſchuldeſt.“ „Ich?“ rief Tage mit funkelnden Augen.„Soll ich ihm Genugthuung geben, ihm der mich ſchimpf⸗ lich geſchlagen hat?“ „Ja, das ſollſt Du.“ „Nie. Es gibt keine menſchliche Macht die mi dazu zwingen kann. Ich bin der Beleidigte, und er muß ſich entweder mit mir ſchlagen oder „Seinen Abſchied nehmen? Thörichter Junge, Du denn nicht wie erbärmlich Du gehandelt aſt?“ „Erbärmlich und in was? Ich habe geſagt daß ich nicht mit Schuldfried verwandt ſei, und ich habe die Wahrheit geſprochen. Um zu wiſſen mit wem 224 ich verwandt bin, müßte ich zuerſt wiſſen weſſen Kind ich ſelbſt bin.“ „So. Ich hätte geglaubt daß Du, nachdem ich Dich adoptirt, Dir meinen Namen und alle Sohnes⸗ rechte gegeben, auch meine Nichte als Deine Couſine betrachten müßteſt. Aber wir wollen davon ab⸗ gehen. In einer Stunde ſollſt Du erfahren weſſen Kind Du biſt. Kleide Dich an.“ Der Profeſſor verließ das Zimmer ſeines Sohnes. Tage eilte ſeine Toilette zu vollenden. Ein eigen⸗ thümliches unruhiges Gefühl quälte ihn. Er wie⸗ derholte die Worte des Profeſſors:„In einer Stunde ſollſt Du erfahren weſſen Kind Du biſt.“ Tage hatte ſich ſo wenig oder ſo ganz und gar nicht mit der Frage beſchäftigt: Weſſen Kind bin ich? daß es ihm ganz wunderlich vorkam jezt daran zu denken. Bis zu dem Tage wo Tante Sara ihn nach Junta kommen ließ, war er bei einer anſtändigen Familie in Helſingfors aufgewachſen, wo für ihn bezahlt wurde und er alle mögliche Sorgfalt genoß. Einige Male während dieſer Zeit hatte ein älteres Frauenzimmer, das er bei ſeiner Ankunft auf Junta als Tante Sara erkannte, ihn beſucht. Er hatte nie erfahren wie ſie hieß, ſondern nur daß ſie eine Verwandte ſeiner verſtorbenen Eltern ſei. Man hatte ihm geſagt, dieſe ſeien in ſeiner zarten Kindheit. verſchieden. Als er mit vierzehn Jahren von Pro⸗ feſſor Aberney als Kind angenommen wurde, hielt er es für ausgemacht daß ſeine Eltern mit dem Pg⸗ feſſor verwandt geweſen ſeien. Er machte eise Fragen, bekam aber da von Aberney die ausdrü⸗ liche Weiſung in dieſer Beziehung Nichts erforſchen 225 zu wollen, ſondern mit ſeiner gegenwärtigen Stel⸗ lung zufrieden zu ſein. Seine Neigung zu Schuld⸗ fried und alle damit verknüpften Intereſſen machten auch daß er wenig oder gar nicht über ſein Her⸗ kommen nachdachte, zumal da er es in älteren Jahren als ausgemacht annahm daß er irgend einer Schwäche Aberneys ſein Leben zu danken habe. Jezt lenkte die Erklärung des Profeſſors ſeine Gedanken ganz plözlich auf dieſen von ihm vollſtändig vergeſ⸗ ſenen Gegenſtand. Mit ſeiner Bemerkung daß er nicht wiſſe weſſen Kind er ſei, hoffte er Aberney ſelbſt in Verlegenheit zu bringen. Sobald Tage angekleidet war, trat er in den Saal hinaus, wurde aber ganz überraſcht als er Aberneys Zimmer voll von Leuten fand wie wenn“ eine größere Einladung ſtattgefunden hätte. Noch mehr verwunderte er ſich als er in dieſen Gäſten ſämmtliche Cameraden erkannte die dem Auftritt am blauen Thor angewohnt hatten. Er begrüßte ſie mit einer Miene als ob er fragen wollte: Warum ſeid ihr hier? Sie beantworteten den Gruß mit einem ähnlichen fragenden Blick. Ganz vorn im Saal ſtand Lothar im Geſpräch mit einem der Engländer die ebenfalls da geweſen. Profeſſor Aberney ſtand mit Lieutenant Steen in der Mitte. Als er Tage erblickte, zog er ſeine Uhr heraus, warf einen Blick darauf und ſagte mit vernehmlicher Stimme: „Ich habe mir die Freiheit geuommen, meine Herren, Sie aus Veranlaſſung des Streites hieher zu bitten der zwiſchen Baron Canitz und meinem Adoptivſohn ſtattgefunden hat.“— Aberney Schwartz, Schuld und Unſchuld. 111. 15 226 legte ein ſtarkes Gewicht auf das Wort Adoptivſohn. —„Mit Verdruß ſehe ich aus den geſtrigen Abend⸗ zeitungen daß das Publicum eingeweiht worden iſt, und daß dieſer Streit gar zu unangenehme Folgen für Baron Canitz mit ſich geführt hat. Ich habe deßhalb das begangene Unrecht wieder gut machen und über des Barons Weigerung ſich zu ſchlagen eine Erklärung abgeben wollen, die ſein Zartgefühl ihm nicht geſtattete. Die meiſten der Herren werden vermuthlich zugeben daß mein Adoptivſohn den em⸗ pfangenen Schlag verdient hat, wenn ich Ihnen mittheile daß Madame Dorbino meine Nichte und die Couſine von Tage Aberney iſt. Seine Verleugnung einer Verwandtſchaft mit ihr war alſo, um keinen ſtärkeren Ausdruck zu gebrauchen, eine höchſt unedle Handlung von ihm. So ſchmerzlich es ſein mag, muß ich gleichwohl geſtehen daß die Zurechtweiſung des Ba⸗ rons Canitz an ihrem Plaze war, daß ich an ſeiner Stelle eben ſo gehandelt haben würde. Daß der Baron ein Duell mit einem Manne verweigerte der ſich ſo unritterlich aufführte, halte ich für ganz recht, ſelbſt wenn ſich kein andrer Grund zu dieſer Weige⸗ rung vorgefunden hätte.“ „Baron Canitz hat dieß nicht als Grund ange⸗ geben,“ fiel einer der Anweſenden ein.„Er hat bloß geantwortet er wolle ſich nicht ſchlagen. Wir glauben ein ſolches Benehmen gegen einen Camera⸗ den den er in ſo zahlreicher Geſellſchaft beleidigte unvereinbar mit den Forderungen der Ehre. Will der Baron vor uns hier Verſammelten ſeine Ent⸗ ſchuldigung vorbringen und nimmt dieſer ſie an, ſo haben wir nichts weiter zu ſagen; im andern 227 Fall ſehen Sie wohl ein, Herr Profeſſor, daß wir auf die Seite des Beleidigten treten und erklären müſſen daß Baron Canitz ſein und unſer Camerad nicht mehr ſein kann.“ „Die Herren haben eigene Begriffe von Ehre,“ fiel Aberney mit einer gewiſſen Schärfe im Tone ein.„Aber wir wollen über verſchiedene Anſichten nicht ſtreiten, ſondern zu der Erklärung übergehen.“ „Herr Profeſſor,“ fiel Lothar ein,„Sie ſind mehr als edelmüthig daß Sie ſich zu meinem Ver⸗ theidiger machen wollen; aber ich ſelbſt will und werde mich nicht rechtfertigen; ich wünſche es nicht einmal. Ich verlaſſe die ſchwediſche Flotte und reiſe nach England, mit der Hoffnung daß Lieutenant Aberney dann ohne Groll und Unmuth an einen Mann denken wird der in dieſem Augenblick die zwiſchen uns vorgefallenen Feindſeligkeiten beklagt. Lieutenant Aberney hatte als Beleidigter das Recht Genugthuung von mir zu erhalten. Ich habe ſie verweigert und verlaſſe meinen Dienſt „Weil Sie ſich nicht mit Ihrem Bruder duelliren wollen,“ fiel der Profeſſor ein.„Mein Adoptivſohn, Tage Aberney, iſt der jüngere Bruder des Barons Canitz. Sehen Sie da ein Familiengeheimniß das nur der Baron und ich wußten.“ „Sein Bruder?“ murmelte man. „Ich ſein Bruder!“ rief Tage, indem er vor⸗ wärts ſtürzte.„Nein, das kann nicht ſein.“ „Wenn es nicht ſein könnte, ſo hätte Victor Aberney nicht vor allen hier Verſammelten geſagt daß es ſo ſei; und nun, meine Herren, haben Sie die Löſung des Räthſels. Fordert die noch daß 228 durch den Leib ſtoßt oder eine Kugel durch den Kopf jagt, oder im glücklichſten Fall ſich daſſelbe von ihm thun läßt, ſo habe ich nichts weiter beizufügen.“ Lothar ſtand an die Wand gelehnt. Er war bleich. Nach einigen Augenblicken hatten die Ca— meraden und Freunde ihn umringt um ihm als Zeichen ihrer Achtung die Hände zu drücken. Nach⸗ dem man dem Profeſſor einige verbindliche Worte geſagt, bereitete man ſich zu gehen. Lothar trat dann in den Kreis der Anweſenden und ſprach: „Als Cameraden ſind wir getrennt. Mein Be⸗ ſchluß die ſchwediſche Flotte zu verlaſſen ſteht feſter als je; daß ich es mit Beibehaltung Ihrer Achtung † thun kann, iſt mir lieb und dafür bin ich dem Pro⸗ feſſor Aberney verpflichtet. Ich werde mich ſtets ſeines Wohlwollens wie auch der Ehre im ſchwedi⸗ ſchen Dienſt geſtanden zu haben würdig machen.“ Lothar Canitz ſeinem jüngern Bruder einen Degen In Schuldfrieds reizendem kleinem Cabinet, bei offenen Fenſtern und von den Frühlingswinden um⸗ kost, finden wir am Nachmittag deſſelben Tages Lothar und Schuldfried. Sie hat ihre Hand in die ſeinige geſchloſſen. Mit ihrer milden, melodiſchen Stimme erzählt ſie wie folgt: „In den erſten zwei Tagen, nachdem ich erfahren daß die unglückliche Harm Aberſeh meine Mutter war, betete ich viel. Ich fühlte mich namenlos ⸗ glücklich. Am dritten kehrte meine Mutter von ihter Reiſe nach Abo zurück. . S ,— „Als ſie in mein Zimmer trat und meine Blicke auf die düſtern unheimlichen Züge fielen, hätte ich einen leidenſchaftlichen Schmerzensruf ausſtoßen mö⸗ gen, ſo ſchrecklich qualvoll war der Eindruck ſie wieder zu ſehen, ſeit ich das ſchauerliche Geheimniß der Vergangenheit kannte. Als ſie ihre Lippen an meine Stirne drückte, ſchloß ich die Augen, damit nicht mein Blick die Martern verrathen ſollte die mein Herz zerfleiſchten. „Sicherlich war dieß einer der bitterſten und peinlichſten Augenblicke in meinem Leben. Ich die ich von meiner zarteſten Kindheit an mit einem Ge⸗ fühl religiöſer Erfurcht zu meiner Mutter als zu einem höheren und vollkommeneren Weſen aufgeſchaut, ich wußte jezt daß dieſe Mutter ein überlegtes Ver⸗ brechen begangen hatte. Es war als ob Verzweiflung meine Seele erfaßt hätte. Ich durchwachte die Nacht unter Thränen darüber daß ich ihr Gewiſſen nicht rein waſchen könne, und unter Gedanken an die Zukunft. Die Gefahren die meiner Mutter drohten, falls derjenige der mir ihr Geheimniß geoffenbart es gegen andere Leute ausſprach, ſtanden lebhaft vor meiner Phantaſie. Ach! damals mißtraute ich dem theuerſten Freund meines Herzens,“ fügte Schuldfried mit einem ſonnenwarmen Blick auf Lo⸗ thar hinzu.„Die Betäubung worein der erſte Schlag mich verſezt hatte verſchwand, und als der Morgen kam, war der Kampf ausgekämpft. Ich hatte ge⸗ ſiegt über die Bitterkeit in meinem Herzen, über den eiſigen Eindruck und über den Schmerz ſelbſt. Es war mir klar daß ich jezt handeln und meine Mutter vor allen traurigen Folgen ihres Verbrechens retten 230 mußte. Tante Sara hatte von ihrer Nichte Harm geſagt daß ſie in Verdacht geſtanden ihren erſten Mann vergiftet zu haben, doß ſie nach dem Tode des zweiten eine Perſon ſei deren Namen Onkel Aberney nicht hören wolle. Sein Unwille gegen ſie war ſo groß daß er nicht einmal erlaubte von dem Kinde zu ſprechen dem die verbrecheriſche Frau ſeines Bruders das Leben gegeben. Die Entdeckung wer Frau Smich ſei, mußte alſo ſeiner Ergebenheit gegen mich den Tod bringen; ſo glaubte ich in meiner Un⸗ kenntniß deſſen was zwiſchen ihm und meiner Mutter vorgefallen war. Mein Beſchluß war gefaßt. Wir mußten fort, weit fort von dieſem mir ſo theuren Fleck Erde. Wie dieß zugehen ſollte, das wußte ich nicht recht. Weder meine Mutter noch Annika durf⸗ ten ahnen daß ich die Vergangenheit kannte. „Mit vollkommener Seelenſtärke und Energie be⸗ grüßte ich den Morgen; allen weichlichen Kummer über Etwas das ſich nicht ändern ließ hatte ich weit von mir weggeworfen. Mit allen meinen Thränen vermochte ich ja den dunkeln Flecken am Leben meiner Mutter nicht auszuwiſchen. Mir, ihrer Tochter, ſtand es nicht zu den Stab über ſie zu brechen. Nein, meine Pflicht gebot ihr ſo gut wie möglich beizuſtehen in der Reue und Betrübniß die an ihrem Innern zehrten. „Als Annika heraufkam, fand ſie mich zu ihrer Ueberraſchung wieder hergeſtellt von meiner Unpäß⸗ lichkeit. Ich wünſchte zu wiſſen ob meine Mutter, den Pacht bezahlen könne. Annika erzählte mir nun daß der Kaufmann bei welchem der lezte Reſt ihres 231 kleinen Capitals angelegt worden, wegen Schulden entflohen ſei und uns zu wahren Bettlern gemacht habe. Meine Mutter hatte indeß jezt durch Verkauf ihrer Kleinodien das Geld für den Pacht erhalten. „Während Annika mir dieſe Mittheilung machte, kam Doctor Wagner. Er ſchien im höchſten Grad verwundert daß er mich geſund fand, und ſagte, nachdem er ſich überzeugt hatte daß mein Puls ruhig ſei, er wünſche unter vier Augen Einiges mit mir zu ſprechen. Annika verließ uns und Doctor Wagner ſagte mir nun, er habe ſchon lange die Abſicht gehabt mich vor Baron Canitz zu warnen.“ Schuldfried lehnte ihr Haupt an Lothars Schulter und fügte mit koſender Stimme hinzu:„Ich war ſehr, ſehr böſe damals; ich glaubte alles lieble was man von meinem Lothar ſagte.“ „Und zwar juſt als er Leben und Blut hätte opfern mögen um Dir ein Leiden zu erſparen.“ Lothar beugte ſich zu ihr hinab und verſiegelte die orte mit einem Kuß. Schuldfried fuhr fort: „Als der Doctor lange von Dir geſprochen, wie Du den Plan habeſt mich durch die Schuld meiner Mutter zum Eingehen auf Deine Wünſche zu zwingen, behauptete er mir freundſchaftliche Rathſchläge erthei⸗ len zu wollen. Dieſe gingen dahin daß ich Finnland verlaſſen und mir mit meiner Stimme die öcono⸗ miſche Unabhängigkeit verſchaffen ſollte die er mir zuſicherte. Er erbot ſich mir eine Empfehlung an einen ausgezeichneten Muſiker in Frankreich, Herrn „zu geben; er entwarf mir den Reiſeplan, zählte mir die Mittel vor und übernahm es unſere Mobi⸗ 232 lien aufs Allervortheilhafteſte zu veräußern, damt ich ſogleich Geld bekäme um nach Paris zu gelangen. Ich glaubte an die lockenden Beſchreibungen des Schazes den ich an meiner Stimme beſäße, und ich dankte ihm. Er hatte mir, ohne es zu wiſſen, eine. Ausſicht eröffnet um einen bereits gefaßten Beſchluß ½ auszuführen. Jezt blieb noch übrig die Zuſtimmung meiner Mutter zu erhalten. Ich ſagte dem Doctor daß ich nicht wiſſe wie dieß zugehen ſolle. Er ant⸗ wortete mir, wenn ichs zugebe, ſo wolle er mit meiner Mutter reden, und verſprach bei ſeiner Ehre ihre Einwilligung auszuwirken. Er hielt Wort. Nachdem er eine Stunde mit meiner Mutter geſpro⸗ chen, ſuchte er mich auf üm mir zu ſagen daß ſie vollkommen damit zufrieden ſei Finnland zu ver⸗ laſſen, und daß ſie es mir anheimſtelle wohin ich gehen wolle. Seit dieſem Geſpräch mit Wagner erſchien mir meine arme Mutter noch ſcheuer, düſterer und unruhiger als zuvor. „Acht Tage ſpäter hatten wir Finnland verlaſſen, ich mit einer Seele voll von tauſend quälenden Ge⸗ danken, unglücklich bis in die Tiefe meines Herzens, aber bereit meinerſeits für meine Mutter und ihre treue Begleiterin Annika zu arbeiten. „Ach, als ich Ektorp den Rücken kehrte, ohne daß ein Wort von Dir mir ſagte daß Du den Schmerz bereueſt den Du mir verurſacht hatteſt, da meinte ich eine Saite ſei in Keinem Innern ge⸗ ſprungen, und es war mir zu Muth als ob meiner. Seele wärmſte Gefühle bei ir zurückblieben, obſchon Alles mir Veranlaſſung gab Dich für einen herzloſen Egoiſten zu halten, der alle Mittel aufbiete um ſeine ———— 233 Wünſche zu erreichen. Ich meinte damals, wenn Du uns mit einer einzigen Zeile einige Theilnahme geäußert oder mich verſichert hätteſt daß das trau⸗ rige Geheimniß in Dir todt und begraben ſei, ſo hätte ich mich glücklich gefühlt; aber nein, nicht ein Wort „Ha dieſer Wagner!“ rief Lothar mit Erbitterung, „wie gräßlich viel Böſes hat er nicht verſchuldet! Ich werde ihm nie verzeihen daß..“ „Daß wir jezt glückich ſind,“ flüſterte Schuld⸗ fried lachend.„Die Seligkeit muß uns gut und nachſichtig machen; ſie kann ſich mit der Erbitterung nicht vertragen.“ Schuldfried blickte mit einem ſo ſchönen Ausdruck in die düſtern Augen ihres Lieb⸗ lings, daß dadurch eitel Sonnenlicht in ſeinem Blick hervorgerufen wurde. Nach einer Weile ſezte ſie ihre Erzählung fort: „Einen Monat darauf waren wir in der Haupt⸗ ſtadt Frankreichs und noch einige Wochen ſpäter war meine Mutter— geiſteskrank.“ Schuldfried lehnte ihr Haupt an Lothars Schulter; eine Pauſe entſtand. Er ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib und zog das junge Weib näher an ſeine treue Bruſt. Endlich flüſterte er zärtlich: „Armer Engel!“ „Ach, Lothar, das war eine ſchauerliche Lage: allein, fremd, jung und unbekannt, ohne Freunde, mit einer ſchwachſinnigen Mutter, einer alten kranken Dienerin und ohne Mittel. Die unſrigen waren jezt erſchöpft. Mit Schauder fühlte ich wie unbedacht mein Unternehmen war mich auf ſolche Art in ein fremdes Land zu wagen. Herr K., der einzige Menſch 234 an den ich eine Empfehlung beſaß, war nicht in Paris zu finden. Er war nach England gereist wo er ſich ein Jahr aufzuhalten gedachte. Ich hatte mich an die Wirthin des elenden Hotels wo wir wohnten um Rath gewandt, und ſie machte den Vorſchlag mir einen Plaz in einem Café zu ver⸗ ſchaffen, um Abends zu ſingen. Ich lehnte dieſes Anerbieten ab und wolite nach ihrer Anweiſung bei einem der kleineren Theater eine Stelle ſuchen, aber auch dieß mißlang. Alle unſere Gelder waren zu Ende, wir ſchuldeten eine ganze Woche im Hotel, und die Verrücktheit meiner Mutter nahm mit jedem Tage zu. Ganz verzweifelt, weil unſere Wirthin erklärte daß wir ausziehen müßten wenn wir nicht bezahlten, faßte ich den Entſchluß mich zu dem Singen in einem Café, wozu ich aufgefordert wurde, zu bequemen. Es war eines Abends. Ich hatte unſerer Wirthin juſt meinen verzweifelten Plan mitgetheilt und war darauf in unſer Stübchen zurückgekehrt. Ueberwältigt von Kummer begann ich zu ſingen, um die Angſt in meinem Innern zu betäuben und das wahnſinnige Gerede meiner Mutter zum Schweigen zu bringen: denn ſobald ich ſang wurde ſie ſtill und lauſchte. Heimweh hatte mein Gemüth ergriffen, Kummer und Mißmuth erfüllten meine Seele. Mein Herz verlangte nach Kronbrück, und ich ſang, ſang als wäre es mein Schwanengeſang geweſen. „Während ich auf ſolche Art meinem übervollen Herzen Luft ſchaffte, wurde die Thüre aufgeriſſen und ein Mann mit ſilberhellen Haaren trat haſtigen Schrittes herein. Ich verſtummte; meine Mutter ———————— 235⁵ ſtieß einen gellen Schrei aus, und Annika ſprang von dem Schemel empor worauf ſie geſeſſen. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie erſchrecke, ſagte er auf franzöſiſch; aber ich ging vorbei, hörte eine wunderbar ſchöne Stimme, fragte wem ſie gehöre, und erfuhr daß die Beſizerin ſich einen Plaz wünſche wo ſie dieſelbe verwerthen könne. Er ſagte, er heiße Dorbino, ſei Componiſt und habe großen Einfluß bei der königlichen Oper. Er werde mir gerne nüz⸗ lich ſein wenn ich von meiner Stimme Gebrauch machen wolle. Später habe ich oft gedacht, die Vorſehung ſelbſt habe Herrn Dorbind an dem an⸗ ſpruchsloſen Hotel wo wir wohnten vorbei geführt, und zwar juſt in dem Augenblick wo ich mit Ver⸗ zweiflung im Herzen die Lieder meiner Heimath ſang; denn von dieſer Stunde an war mein Schickſal verändert. Herr Dorbino wurde mein Lehrer, mein Vater, meine Stüze. Er verſchaffte meiner Mutter einen Plaz in einer Privatanſtalt für Geiſteskranke, wohin Annika ſie begleiten durfte. Mir öffnete er ſein Haus, welchem ſeine ältere Schweſter vorſtand, die in ihrer Ingend Sängerin geweſen war. Ein Jahr ſpäter war ich Sängerin an der königlichen Oper in Paris, und reiste im Sommer nach Eng⸗ land hinüber, wohin Herr und Fräulein Dorbinb, die mir beide viel Zärtlichkeit ſchenkten, mich beglei⸗ teten. Herr Dorbino hatte eine Tochter beſeſſen die ein hoffnungsvolles Talent war, mit einer Stimme wie die meinige. Einer ſeiner liebſten Wünſche war geweſen daß ſie mit der Zeit eine ausgezeichnete Sängerin werden möchte. Der Tod entriß ſie dem Vater mit ſiebzehn Jahren. In mir meinte er ſie 236 wieder aufleben zu ſehen. Als ich bei der königlichen Oper in Paris engagirt wurde, überredete er mich ſeinen Namen anzunehmen, weil dieß ihm die Illuſion gewähren würde daß ſeine Tochter noch lebe, und daß meine Erfolge die ihrigen ſeien. Als ich von London nach Paris zurückkam, fand ich meine Mutter von ihrer Gemüthskrankheit wieder hergeſtellt, aber ſehr ſchwach. Ich ließ ſie ſogleich in meine Wohnung bringen, in daſſelbe Haus wo Herr Dorbino wohnte. Die Aerzte erklärten daß ſie nur noch wenige Wochen zu leben habe. Ein Paar Tage nach ihrem Einzuge bei mir bat ſie mich um Schreibzeug. Sie ſchrieb einen langen Brief welchen Annika auf die Poſt ſchaffen mußte. Nach einigen Wochen, als meine Mutter ſo angegriffen war, daß wir jeden Augen⸗ blick auf ihr Ende warteten, meldete man mir ein Frauenzimmer frage nach Frau Smith. „Das iſt ſie! rief meine Multer und ſezte ſich haſtig im Bette auf. Nach einigen Augenblicken lag ſie in den Armen einer hochgewachſenen Frau. Ich ließ ſie allein beiſammen; eine Ahnung ſagte mir daß die Fremde meine Tante Edith ſei. „Als es wieder Tag wurde, hatte Harm Aberney aufgehört zu leben. Wie ein Engel des Troſtes ſaß Cdith Ehrmann an der Seite ihrer Schweſter. Meine Mutter hatte in ihr Grab niederſteigen dürfen, ohne zu ahnen daß ich ihr Verbrechen wußte.“ „Weißt Du, Schuldfried, weſſen Mutter dieſe Edith iſt?“ fragte Lothar, indem er heftig ihre Hand ergriff. „Ja, ſie ſagte mirs. Sie iſt die Mutter Lothars.“ „Du kennſt alſo ihre Geſchichte?“ —— ——— — 237 „Nein, ſie theilte mir bloß mit daß ſie Deine Mutter ſei, daß ober dieß ein Geheimniß für die Welt bleiben ſolle. Sie erzählte mir auch wie ſie gerade zur rechten Zeit um Dich an der Ermordung Wagners zu verhindern, nach Kronbrück gekommen ſei. Als ich davon ſagte daß Dein Verwalter ge⸗ droht habe meine Mutter aus Ektorp wegzujagen, erklärte ſie mir daß Du davon ganz und gar nichts wüßteſt. Jezt ſtandeſt Du vollkommen rein vor meiner Seele da. Als ich in der Erinnerung Dein ganzes Benehmen durchging, ſah ich ein wie übel ich gegen denjenigen gehändelt der mich ſo innig geliebt hatte. Mein Herz wurde von dem glühend⸗ ſten Wunſch ergriffen zu Dir zu eilen, mich zu Deinen Füßen zu werfen und mein Unrecht abzubitten; aber Deine Mutter ſagte mir, Du ſeieſt in engliſche Dienſte getreten und mit einem brittiſchen Geichwa⸗ der nach Indien geſegelt. Als meine Mutter be⸗ erdigt war, reiste Tante Edith ab. Sie verſprach mich zu benachrichtigen ſobald Du von Deiner Reiſe zurückkehren würdeſt, aber ſie hat nicht Wort ge⸗ halten.— Annika ſtarb bald nach meiner Mutter. „Ein Jahr nach dem Tode meiner Mutter erlag auch Herr Dorbino einem ſchweren Bruſtleiden das zehn Jahre lang an ſeinem Leben gezehrt hatte. Sechs Wochen hindurch wachten ich und ſeine Schwe⸗ ſter bei ihm. Auf ſeinem Todtenbett ließ er ſein Schickſal mit dem meinigen vereinigen, damit ich das Recht haben ſollte einen Namen zu führen, von welchem er glaubte daß ich ihm Ehre machen würde. Er theilte ſein Vermögen zwiſchen mir und ſeiner Schweſter, ſtellte aber die Bedingung daß ich noch 238 einige Jahre bei der königlichen Oper in Paris bleiben müſſe, und mich nie bei einem andern Thea⸗ ter engagiren laſſe, obwohl ich in den Ferien auch auf andern Bühnen in Europa auftreten und Gaſt⸗ rollen geben könne, damit der Name Dorbino ſo berühmt werde wie er es verdiene. Ich gab dieß Verſprechen; es war das Geringſte was ich meinem und meiner Mutter Wohlthäter zu Liebe thun konnte. „Ein Jahr ſpäter kam Herrn Dorbinos Nichte, die Gräfin Reinſtein, nach Paris. Damals machte ich ihre Bekanntſchaft. Im folgenden Sommer tra⸗ fen wir uns in Rom und reisten von da aus zu⸗ ſammen nach Neapel. Von Deiner Mutter erhielt ich niemals Nachrichten. Ich hatte ihr unter der Adreſſe die ſie mir gab geſchrieben, aber ohne eine Antwort zu erhalten. „Der Zufall wollte daß ich während meines Aufenthaltes in Neapel erfuhr daß Du Dich am Bord der Fregatte Carolina befandeſt. Wie ich handelte weißt Du, eben ſo auch daß wiederum zwei Jahre vergingen, bevor ich den Muth hatte noch einen Annäherungsverſuch an Dich zu machen; aber da Natalie in allen ihren Briefen von Dir und Onkel Aberney ſprach, ſo wurde es mir unmöglich noch länger von euch Beiden getrennt zu leben. Ich reiste nach Schweden, mit dem feſten Entſchluß das Herz wieder zu gewinnen das einſt mein ge⸗ weſen und für deſſen Beſiz kein Opfer mir zu groß war„— 239 Abends, als Lothar von Schuldfried heimkam, erhielt er nachſtehenden Brief: „Herr Baron! „Wenn Sie morgen frei ſind, ſo beehren Sie mich mit einem Beſuch. Ich wünſche von Ihnen einen Aufſchluß zu erhalten, um welchen ich ſonſt Niemand angehen möchte. „Mit Achtung„ „Natalie Reinſtein.“ Lothar leiſtete der Einladung Folge und fand ſich bei Natalie ein. Er traf die junge Gräfin ganz allein. „Sind Sie ſehr verdrießlich über mich, Herr Baron, daß ich Ihre Zeit ſo in Anſpruch nehme?“ ſagte ſie mit ihrem verführeriſchſten Lächeln und ihrer kindlichſten Miene. „Gräfin, ich bin über ein ſchönes Frauenzimmer nie verdrießlich,“ antwortete Lothar verbindlich. „Ein Zufall hat mich genöthigt Sie um dieſen Beſuch zu bitten. Bei der Reviſion einiger Papiere meines Mannes fand ich unter anderm einen Brief⸗ Auf dem Rand ſtanden die Worte: Gefunden im Hotel N. in Berlin. Der Brief iſt ruſſiſch geſchrieben, und ich wünſchte daß Sie als Kenner dieſer Sprache mich darüber aufklären möchten ob er möglicher Weiſe einen Werth für mich haben kann.“ Die Gräfin überreichte den Brief. Lothar empfing ihn ohne alles Mißtrauen; aber während des Oeffnens wechſelte er die Farbe und warf ſeine durchdringenden Blicke auf die Gräfin. „Haben Sie dieß wirklich unter den hinterlaſſe⸗ nen Papieren des Grafen gefunden, Madame?“ 240 „Ja, wie ich ſage.“ „Sie wiſſen alſo nicht von wem oder an wen der Brief iſt?“ Lothar lächelte. „Nein, ich verſtehe nicht ruſſiſch und deßhalb be⸗ läſtigte ich Sie.“ „Es wundert mich daß die Wahl auf mich fiel. Warum nicht eben ſo gut auf den Dr. Wagner? er liest auch ruſſiſch.“ „Der Doctor iſt verreist, wiſſen Sie es nicht?“ „Nein, ich weiß kein Wort davon. Geſtehen Sie daß ſich das ſehr ſonderbar trifft.“ Jezt lachte Lo⸗ thar und ſah Natalie mit einem Blicke an, der auch bei dieſer künſtlich verhärteten Natur das Blut in die Wangen trieb. „Baron Canitz, ich verſtehe Ihr Benehmen und Ihre Worte nicht,“ ſagte Natalie, indem ſie eine ſtolze Haltung annahm. „In dieſem Fall, meine gnädige Gräfin, wollen wir zur Leſung des Briefes ſchreiten, der an Nie⸗ mand anders als an mich gerichtet und von General Canitz iſt. Ich war fünfzehn Jahre alt als ich ihn erhielt. Wollen Sie den Inhalt hören?“ „Wenn der Brief an Sie iſt, ſo habe ich ja kein Intereſſe dabei zu erfahren um was es ſich handelt.“ „Vielleicht wiſſen Sie es bereits?“ „Herr Baron, ich glaube Sie vergeſſen die For⸗ derungen der Artigkeit,“ rief Natalie. „Nein, Gräfin, das thue ich nicht; aber ich möchte wünſchen daß Sie und ich die Masken abwärfen. Sie haben dieſen Brief nicht nach dem Tode Ihres Mannes gefunden, Sie haben ihn von Dr. Wagner ————————————— 241 erhalten. Warum und zu welchen Zwecken, das be⸗ greife ich nicht.“ „Nun wohl, ich habe ihn wirklich von Dr. Wag⸗ ner erhalten,“ rief Natalie, welche einſah daß eine gutgeſpielte Aufrichtigkeit hier an ihrem Plaze war. Er hat ihn mir mit dem Wunſche gegeben daß ich ihn in Ihre Hände bringe, Sie jedoch dabei an das Verſprechen erinnern ſolle das Sie Ihrem Vater gegeben haben.“ „Warum gab er Ihnen einen ſolchen Auftrag?“ fragte Lothar kalt. „Aus dem einfachen Grund weil er meine Er⸗ gebenheit gegen Sie kennt.“ „Sie ſind allzu gütig!“ Lothar werbeugte ſich. „Er weiß auch daß Sie ihm mißtrauen, und deßhalb wünſchte er Ihnen durch eine andere Hand die Nachricht zukommen zu laſſen daß Madame Dor⸗ bino eigentlich nicht Smith heißt, ſondern.. Aberney,“ fiel Lothar ein.„Ich weiß as.“ „Wiſſen Sie auch daß ihre Mutter...“ „Die Schweſter von Edith Ehrmann war, die den Legationsſecretär Canitz heirathete. Ja, Frau Gräfin, Alles das weiß ich.“ 3 „In dieſem Fall war Dr. Wagners Unruhe dar⸗ über daß Ihre frühere Neigung zu Madame Dor⸗ bino wieder aufflammen könnte ungegründet.“ „Vollkommen!“— Lothar lächelte.„Der gute Doctor glaubte mich alſo von meiner Herzensſchwach⸗ heit retten zu können, indem er mich darüber auf⸗ klärte daß Madame Dorbino einer Familie angehöre Schwartz, Schuld und Unſchuld. III. 16 242 mit der ich keine Verbindung einzugehen verſprochen habe.“ „Er hegte die feſte Ueberzeugung daß Baron Canitz niemals einem Verſprechen untreu werde, und am allerwenigſten einem ſolchen das er ſeinem ver⸗ ſtorbenen Vater gegeben. Dieſes muß heilig ſein.“ „Ja, ein Verſprechen gegen meinen Vater würde das immer bleiben.“ Lothars Stirne legte ſich in einige Falten;„aber, Frau Gräfin, da Sie mich mit ſo viel Güte und Wohlwollen erfreuen, ſo haben Sie den Doctor gewiß auch um die Gründe gefragt, warum ihm ſo viel daran liegt daß ich mein Wort halte. Hat der Doctor perſönlich Etwas gegen Ma⸗ dame Dorbino?“ „Sie iſt die Tochter der Giftmiſcherin Harm Aberney. Es liegt etwas Gefährliches in der Erb⸗ ſchaft welche die Tochter einer Verbrecherin empfan⸗ gen hat.“ „So, aber ich bin ja ſelbſt der Sohn des Man⸗ nes der ſeinen eigenen Bruder in Sibirien ver⸗ ſchmachten, den Vater Wagners nebſt mehreren an⸗ dern Polen zu Tode knuten, die Mutter und Ge⸗ ſchwiſter des Doctors nach Sibirien führen ließ; mit einem Worte, eines Mannes der ein grauſames Herz und einen treuloſen Character hatte; auch ich habe ein unglückſeliges Erbe erhalten.“ „Aber in Ihrem eigenen Character findet ſich Nichts was grauſam und treulos iſt.“ „Findet ſich bei Madame Dorbino Etwas von dieſer Art vor?“ „Ich bin weit entfernt dieß behaupten zu wol⸗ len; aber was ſie iſt das wiſſen wir nicht. Sie iſt in erſter und lezter Linie Schauſpielerin.— Ihr Glück, Baron Canitz, kann unmöglich an der Seite dieſer Frau erblühen.“ „Das kann es nicht; nein, Sie haben Recht; und ich werde es nicht mehr da ſuchen.“ Lothar lächelte heiter. Natalie wußte nicht wie ſie dieſes Lächeln erklären ſollte. „Dank für dieſe Worte. Sie werden ganz ſicher einen Mann erfreuen der mit der Sorgſamkeit und Theilnahme eines Vaters alle Ihre Schritte beob⸗ achtet.“ Natalie reichte ihm die Hand, indem ſie mit weicher Stimme hinzufügte:„Entſchuldigen Sie mich wenn ich meine Rollé bei Uebergabe des Brie⸗ fes ſchlecht ſpielte; Doctor Wagner hielt mich für eine beſſere Schauſpielerin, als er mich erſuchte Ih⸗ nen dieſe Erinnerung aus dem Todtenreich zu geben und dadurch eine unglückliche Verbindung zu ver⸗ hindern.“ „Aber, Gräfin, ich weiß nicht auf was Ihre Be⸗ fürchtungen ſich gründen; ich war der einzige der ſeine Huldigung der Sängerin nicht darbrachte.“ „Das iſt wahr, aber der Doctor kannte Ihre frühere Neigung zu ihr, und ich habe genug ver⸗ ſtanden, um den Schluß zu ziehen daß ſie noch im⸗ mer einen großen Einfluß auf Ihr Herz ausübe.“ „Ich kann heilig verſichern daß Madame Dor⸗ bino nicht gefährlich iſt oder war.“ „Baron, erinnern Sie ſich an das was Sie mir vor ganz kurzer Zeit ſagten.“ „Sagte ich Ihnen damals daß ich Madame Dor⸗ bino liebe?“ „Sie ſagten damals daß ſie die S welche 244 Sie unter allen am meiſten bewundern und vereh⸗ ren. Sie haben ſie auf eine Art vertheidigt die Ihnen ſehr theuer zu ſtehen kam.. „Ah, Sie kennen alſo die Geſchichte vom blauen Thor?“ Lothar runzelte die Brauen. „Ich habe ſie in den Zeitungen geleſen.“ „Alle Anweſenden gelobten Stillſchweigen und dennoch weiß die ganze Hauptſtadt darum. Es ſchmerzt mich daß Männer ihr Wort brechen können. Im Uebrigen, Gräfin, kann man ein Frauenzimmer verehren und bewundern, ja ſie ſogar vertheidigen, ohne daß damit bewieſen iſt daß man ſie liebe.“ „Ihre Worte ſezen mich in Erſtaunen und er⸗ freuen mich.“ Natakie fixirte Lothar. „Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen, Gräfin. Ich liebe die Frau die mir für die Schiff⸗ brüche meines Ehrgeizes Erſaz gewähren wird, und an deren Seite ich einen Himmel auf Erden zu fin⸗ den gedenke, zu ſehr als daß ich einer andern hul⸗ digen könnte.“ „Ah! Sie lieben alſo„ „Ja, ich der Granitmenſch, wie Sie mich nann⸗ ten, könnte, von einer ganzen Welt verachtet und verſtoßen, glücklich leben wenn ich nur zu ihren Füßen leben dürfte, umkost von ihrer Stimme und bezaubert von ihrem Bilde.“ Nataliens Augen ruhten wie feſtgezaubert auf Lothars jezt ſo warmen und lebhaften Geſichtszügen, worin die Kraft einer mächtigen, glühenden Leiden⸗ ſchaft zu leſen ſtand. Nie war er ſo ſchön geweſen wie in dieſem Augenblick. Nataliens Herz bebte von einer eigenthümlichen Unruhe. Die Hoffnung, die — 245 treuloſe Hoffnung ſpiegelte ihr in dieſer Secunde ſo manches bezaubernde und koſende Bild vor. „Verzeihen Sie, Gräfin, daß ich von mir ge⸗ ſprochen habe,“ begann Lothar wieder, indem er ſich erhob;„aber Ihr Intereſſe für mein Glück hat mich dazu veranlaßt. Ich will daher hinzufügen: Madame Dorbino kann mir nie gefährlich werden, weil ich Ihnen ſchon morgen meine Braut Schuld⸗ fried vorzuſtellen gedenke.“ Lothar küßte der Gräfin kalte Hand und ent⸗ fernte ſich.* „Verlobt!“ ſagte Natalie, als Lothar verſchwun⸗ den war.„Verlobt, er, der einzige Mann für welchen ich ein anderes Intereſſe hatte als das der Eitelkeit.“ Ihr Blut kam in Gährung; jeder Tropfen ver⸗ wandelte ſich in Galle. Es war nicht Schmerz ſondern ein Gefühl heftigen Verdruſſes darüber daß Lothar es wagte ſeine Hoffnung und ſein Glück an eine Andere zu ketten als an ſie. Sie hatte alle möglichen Mittel angewandt um ihn zu feſſeln. Es hatte ſogar Augenblicke gegeben wo ſie glaubte es ſei ihr geglückt. Ja, dieſe ganze Zeit über die Madame Dorbino in ihrer Geſellſchaft zugebracht, hatte Natalie ſich damit geſchmeichelt für Lothar einigen Werth zu haben, und jezt— jezt ſah ſie alle ihre Hoffnungen vereitelt. Die verlezte Eitel⸗ keit iſt bei einem Frauenzimmer vollkommen eben ſo gefährlich wie die verlezte Eigenliebe bei einem Mann.— 246 Eine Frau die ſich's zur Lebensaufgabe ge⸗ macht hat zu gefallen, einen Hof von aufwartenden Cavalieren zu haben die ihretwillen kommen und ſeufzen, verzeiht Alles, außer wenn ihr eine Erobe⸗ rung nicht gelungen iſt. Derſelbe Mann der Ge⸗ genſtand ihres bezauberndſten Lächelns, ihrer hin⸗ reißendſten Blicke geweſen, wird ihr Todfeind wenn er ihrem Eroberungsverſuche widerſtanden hat, und ſie thut jezt Alles um dem Unnah⸗ baren zu ſchaden. Jedermann weiß daß die Frau ein Engel iſt wenn ſie liebt, aber eine Furie wenn ſie haßt. Natalie, dieſe Prieſterin der Eitelkeit, der Sa⸗ lonsintriguen und der Coketterie, ſie die niemals Freundſchaft, Liebe oder Haß empfunden hatte, wurde jezt von einem heftigen Verlangen ergriffen Lothar ein Leid zuzufügen, ihm einen recht bittern Schmerz, eine ſchwere Demüthigung zu verurſachen, ihm eine unheilbare Wunde zu ſchlagen. Und dann Schuld⸗ fried, dieſe Vermeſſene, die ſich erdreiſtet zwiſchen Natalie und Lothar zu treten, welches Uebel konnte man wohl ihr wünſchen das den Aerger Nataliens aufgewogen hätte? Indeß gehörte die Gräfin nicht zu denjenigen die unthätig daſizen und über ihre Verrechnungen nachgrübeln. Nein, ſie war vielmehr eine jener eigenſinnigen Naturen die ſich vom Wider⸗ ſtand reizen laſſen und ihren Gefühlen gerne auf eine thätige Art Luft ſchaffen. Nur einige Minuten blieb Natalie, wie von ihrem Aerger betäubt, ſizen; dann ſprang ſie auf und klingelte heftig. Ein Bedienter erſchien. 247 „Spanne meinen bedeckten Wagen an und fahre ſogleich zu Doctor Wagner; er möge hieher kommen.“ Der Bediente entfernte ſich und nun ſchrieb die Gräfin Folgendes: „Lieutenant Aberney! „Ich bin eine ſchlechte Freundin; ich habe Ihren Intereſſen übel gedient. Conitz verlobt ſich mit Schuldfried. Er wird ſie alſo Ihnen entreißen. Beſuchen Sie mich ſobald Sie dieſes erhalten. „Natalie.“ Etwas ſpäter erhielt die Gräfin folgendes Schreiben: 3 „Meine gnädige Gräfin! „Sie, die Sie mit ſo vieler Güte einen armen Gelehrten umfaßt haben und überdieß dem Liebling des Gelehrten, ſeiner Nichte, Ihre Freundſchaft ſchen⸗ ken, werden ſich ſicherlich nicht der Einladung ent⸗ ziehen die Verlobung Schuldfrieds mit Lothar Canitz am 4. Juli mit Ihrer Gegenwart zu beehren. Wo Sie auftreten, da erſcheinen auch Freude und Lieb⸗ reiz in Ihrem Gefolge. „Mit ausgezeichneter Achtung hat die Ehre zu zeichnen 3„Ihr gehorſamſter Diener „Victor Aberney.“ Natalie zerdrückte dieſen Brief mit krampfhafter Heftigkeit, indem ſie murmelte: „Ich werde kommen, aber ich werde ein ganz anderes Gefolge als Freude in Dein Haus mitbrin⸗ gen, Du ſcheinheiliger Pedant. Es iſt als wollte er ſich an meiner Niederlage erlaben. Auch dieſer hochmüthige Finne muß dadurch niedergedrückt wer⸗ 248 den, daß er erfährt wie genau man die Flecken in ſeiner Familiengeſchichte kennt.“ Der Doctor erſchien jezt. Das Geſicht des ſchlauen Polen verrieth einen gewiſſen Grad von Ungeduld. Das Erſte was er ſagte war: „Gräfin, was fällt Ihnen ein daß Sie nach mir ſchicken während ich verreist ſein ſoll?“ „Ich konnte nicht anders. Da ſehen Sie her!“ Natalie reichte ihm den Brief des Profeſſors. „Ah, ſchon ſo frühe?“ murmelte Wagner.„Das geht über meine Berechnung. Ich glaubte nicht daß die Widerwärtigkeiten die im Wege ſtanden ſo bald beſeitigt werden könnten.“ Der Doctor warf ſich in einen Emma, indem er ſeine gewöhnliche feine Höf⸗ lichkeit gänzlich vergaß.* „Er wird ſehr glücklich werden, nicht wahr?“ ſagte Natalie. „Beneidenswürdig!“ antwortete der Doctor; „dieſes Weib hat ein Herz wie Edelſtein. Ich habe ſie in den bitterſten Prüfungen beobachtet, und ich habe nie dieſes ſchöne Geſicht ſein zuverſichtliches Gepräge verlieren, nie dieſen ſtolzen Nacken ſch beugen ſehen. Sie hat die Tage der Widerwärtig⸗ keit mit Seelenſtärke und Muth ertragen, ſie hat mit Kraft und Entſchloſſenheit in den Gang de Ereigniſſe eingegriffen. So lange ich ihr N — — war, hatte ſie Vertrauen zu mir. Damals war ich ſelbſt ein beſſerer Menſch. Sie beſizt eine wunder⸗ bare Macht über alle mit denen ſie in Berührung kommt; ſie konnte den Satan ſelbſt fromm und be⸗ ſcheiden wie ein Lamm machen. Für Canitz gibt es — 249 keinen Schmerz, kein Leiden, ſo lange ſie an ſeiner Seite ſteht; er wird ſehr, ſehr glücklich werden.“ Der Doctor ſtüzte den Kopf in ſeine Hand und murmelte:„Glücklich er,— der Sohn des Hen⸗ kers der Meinigen!“ Wagner richtete heftig ſeinen Kopf auf und fügte hinzu:„Nein, und müßte ich mich zu einem Verbrechen erniedrigen, ſo darf ein Canitz nicht glücklich werden.“ Natalie hatte ſchweigend dageſeſſen, in der Er⸗ wartung daß der Doctor noch Einiges hinzufügen würde; aber als dieß nicht geſchah, ſagte ſie: „Nun, Doctor, werden wir daſizen und ganz be⸗ ſcheiden das Glück dieſer Leute anſehen, ein Glück das in den Ruinen unſerer Pläne aufgeblüht iſt?“ „Ich habe noch nie die infame Rolle eines Zu⸗ ſchauers geſpielt, wenn Etwas mir unangenehm wat. Nein, Gräfin, wer einen Zweck erreichen will, muß auch im Stande ſein Etwas dafür zu wagen. Wir wollen jezt ſehen ob Sie energiſch genug ſind um dieſen Grundſaz feſthalten zu können.“ „Sie können deſſen verſichert ſein.“ „Gut!“ Der Doctor ſtand auf um die Thüre zu ſchließen, aber in dieſem Augenblick trat der Be⸗ diente ein und meldete: „Lieutenant Aberney!“ In der nächſten Minute küßte Tage die Hand der Gräfin, indem er einige Worte von Erkenntlich⸗ keit u. dgl. murmelte. Man konnte ihm leicht an⸗ ſehen daß ein verheerender Sturm über ſein Inne⸗ res gezogen war. „Nun, Lieutenant Aberney, Sie werden ſich 250 wohl mit Baron Canitz verſöhnt haben?“ ſagte der Doctor. „Ja!“ war Alles was Tage antwortete. „Er verlobt ſich mit Schuldfried,“ fiel die Gräfin ein. „Auch das iſt wahr.“ „Und Sie ſind damit zufrieden?“ „Ich kann es nicht hindern.“ „Was würden Sie ſagen, Herr Lieutenant, wenn ich dieſe Vereinigung unmöglich machte?“ „Ich würde ſagen daß dieß nicht im Bereich der Möglichkeit liege.“ „Aber wenn dennoch?“ Die Gräfin ſah ihn an. „Sie ſind ſehr gütig, Gräfin, daß Sie mir fort⸗ während ſo viel Freundſchaft zeigen und noch in der lezten Stunde meinen Muth aufrecht erhalten wol⸗ len; aber es iſt zu ſpät. O! Sie ahnen nicht wie unglücklich ich bin.“ Tage fuhr mit der Hand über die Stirne.„Wenn ich doch den Haß zu löſchen vermöchte den ich fortwährend gegen ihn hege! Aber das iſt unmöglich.“ „Das Klagen ziemt dem Manne nicht, ſondern das Handeln. Wir wollen jezt hören was unſer Doctor für Heilmittel gegen dieſes Uebel da hat. Sagen Sie uns zuerſt Ihren Vorſchlag,“ fügte die Gräfin gegen Wagner gewendet hinzu. Zwei Tage ſpäter war Profeſſor Aberneys Woh⸗ nung feſtlich geordnet um Gäſte zu empfangen. Tante Sara, in einem neuen ſchwarzen Seidenkleid und mit einer nagelneuen Haube, trippelte durch die — Zimmer, weinte von Zeit zu Zeit ein Bischen, und ſeufzte ſo tief als hätte ſie ein Begräbniß anzuord⸗ nen. So oft ſie durch den Saal ging, warf ſie einen betrübten Blick auf Tages Thüre und murmelte: „Mein armer Junge! Wollte Gott, dieſer ſchwere Tag wäre vorüber. Ich werde Schuldfried nie das Herzeleid verzeihen das ſie ihm bereitet hat. Nein, nie werde ich vergeſſen daß ſie den Andern vorziehen konnte. Daran iſt Victor Schuld. Ja, ſo iſts. Er wollte nicht auf meine Warnungen hö⸗ ren.“ Jezt wurde das Nastuch hervorgezogen, Sara trocknete ihre Augen und ſchluchzte ein wenig, aber als ſie an die Naſe anſezte, fielen ihre Blicke auf die Lichter und Kronleuchter, und pumps! nahmen ihre Gedanken eine andere Richtung.„Herr, mein Gott und Schöpfer, wie Lotte die Lichter hineinge⸗ ſteckt hat! So viel iſt gewiß wahr daß man überall dabei ſein muß, ſonſt geht es ganz närriſch zu.“ Sie nahm einen Stuhl, ſtellte ſich auf ihre Zehen und brachte unter leiſem Gebrumme über Unord⸗ nung, Unzuverläßigkeit u. dgl. das Vernachläßigte in Ordnung. Juſt als dieß geſchehen war, trat der Profeſſor aus ſeinem Cabinet und ging durch den Saal nach Tages Zimmer. Tante Sara vertrat ihm geradezu den Weg, und ſagte mit einer Stimme die von Verdruß und Schmerz zitterte: „Wohin willſt Du, lieber Victor?“ „Zu Tage hinein,“ lautete die ruhige Antwort. „Laß den Jungen in Ruhe!“ fiel Sara heftig ein und ſtimmte eine ihrer Thränenmelodien an. „Ich ſollte meinen Du habeſt ihm die Loſt ſchwer genug gemacht. Das ſage ich Dir, Victor, ich hätte 252 nie geglaubt daß Du Dich ſo herzlos gegen Tage benehmen würdeſt wie Du jezt gethan haſt; davon wie Du mich behandelteſt will ich gar nicht ſprechen.“ Nun ergoß ſich eine wahre Thränenfluth, während welcher Sara mit beweglicher Stimme und in ſehr hohem Discant forkfuhr:„Ich bin an ſchlechte Be⸗ handlung ſo gewöhnt, aber ich hatte mir vorgeſtellt daß das Kind welches Du angenommen, noch auf einige Zärtlichkeit rechnen könne. Der arme Tage, was hat er nicht ausſtehen müſſen, ohne daß ein freundliches Wort ſein Leiden milderte?“ Tante Sara mußte wieder mit dem Nastuch hervorrücken. „Und dieſe ſchändliche Verlobung welcher er auf Dei⸗ nen Befehl anwohnen ſoll und.. „Jezt, Tante, könnte es genug ſein,“ fiel Aber⸗ ney kalt ein.„In einer halben Stunde kommen meine Gäſte. Du wirſt ſie wohl nicht mit Thränen und Schluchzen empfangen wollen. Was Tage be⸗ trifft, ſo habe ich mir nur eines vorzuwerfen, näm⸗ lich meine allzu große Nachſicht gegen ihn. Wenn man ſich wie er als ein Menſch ohne Ehre und Selbſtbeherrſchung benimmt, wenn man nichts An⸗ deres als ſeine eigenen egoiſtiſchen Wünſche im Auge hat, ſo iſt es Vaterpflicht den entarteten Sohn mit Gewalt auf die Gebote der Ehre hinzuleiten. Sprich mir nicht von Tage, ſondern danke Gott daß Du ihm zur Seite ſtehſt, denn ſonſt hätte ich ihn vor allen ſeinen Cameraden für unwürdig erklärt meinen Namen zu tragen.“ „Um Gotteswillen, was ſagſt Du?“ rief Sara, indem ſie erſchrocken zu dem Neffen aufſchaute. „Ich ſage daß nur die Rückſicht auf Dich mich abhielt Tage nach Verdienſt zu ſtrafen. Ich glaube ihn jeder ſchlechten Handlung fähig.“ Der Profeſſor ging auf die Thüre zu, legte die Hand ans Schloß und fügte hinzu: „Er iſt das Gegentheil von Lothar Canitz; es gibt keine Art von Edelmuth welche dieſer nicht an meinem unwürdigen Adoptivſohn ausgeübt hätte, deſ⸗ ſen einzige Antwort ſtets ein neuer Verrath an Ehre und Pflicht war.“ Aberney öffnete die Thüre. Er fand Tage einige Schritte davon ſtehend, bleich, mit hochgehaltenem Kopfe. Aberney ſchloß die Thüre wieder und Tage ſagte langſam: „Alſo nur die Rückſicht auf Tante Sara hat Dich abgehalten Deinen unwürdigen Adoptivſohn zu be⸗ ſtrafen, den Du jeder Schlechtigkeit fähig glaubſt? Ich bin alſo ſo tief in Deiner Achtung geſunken, Papa?“ „Ja,“ antwortete der Profeſſor. „Du hältſt mich für einen erbärmlichen Egoiſten ohne Ehre und Glauben?“ „Dein Benehmen war von dieſer Art.“ „Ich bin ein elender, ſchwacher Tropf, ohne allen moraliſchen Muth, ohne alle Selbſtbeherrſchung?“ „Das biſt Du.“ „Die Vergangenheit hat mich als ſolchen gezeigt.“ Tage fuhr mit ſeinen beiden Händen an ſeine Stirne und drückte ſeine Schläfe.„Ja dieſe Hölle von Neid, Eiferſucht, von wilden und zügelloſen Wün⸗ ſchen, von brennender Liebe und verzehrenden Lei⸗ denſchaften, Alles das hat mich wirklich in einen beklagenswerthen Menſchen umgewandelt.“ 254 Er warf ſich in einen Stuhl und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. „Und gleichwohl,“ ſagte Aberney mit Ernſt, „warſt Du der Gegenſtand an den meine Hoffnun⸗ gen ſich knüpften. Als ich am erſten Morgen wo Du unter meinem Dache ſchliefeſt an Deinem Lager ſtand und Dein friſches, offenes Geſicht betrachtete, da erblickte ich in Dir die Freude meines Alters, ſeine Ehre und ſeinen Stolz. Ich gab Dir meinen Namen in der vollen Ueberzeugung daß Du ihm Ehre machen würdeſt; aber man hat Unrecht wenn man ſeine Hoffnung auf Adoptivkinder baut; ſie halten ſelten was ſie verſprechen.“ Tage ſaß unbeweglich da. Es entſtand eine längere Pauſe. Endlich erhob ſich Tage und reichte mit tiefer Bewegung und einem demüthigen Aus⸗ druck dem Vater die Hand. „Papa, ich weiß daß ich den Erwartungen wozu Du berechtigt warſt ſchlecht entſprochen habe. Ich war ein williger Sclave meiner Leidenſchaften, und zwar in dem Grad, daoß ich mich ſchämen würde wenn Du eine Ahnung davon hätteſt; aber das iſt jezt vorbei. Ol ich werde den Eindruck nie vergeſſen den Deine Aeußerungen gegen Tante Sara auf mich machten. Vergiß die Vergangenheit; die Zukunft ſoll ſie ſühnen!“ Der Profeſſor ergriff ſchweigend des Sohnes Hand und drückte ſie. Tage fuhr fort:„Die Um⸗ wälzung. die in meinem Schickſal ſtattgefunden, die gänzliche Vereitlung aller meiner Wünſche und Hoff⸗ nungen die eine Folge davon war, hat mich meine eigene Schwäche und alle Elemente des Böſen die 255 ſich in meinem Innern vorfinden kennen gelehrt. Ich weiß jezt daß es mir, wenn ich hier bleibe und dem Glücke anwohne das mein hätte ſein können, wenn das Schickſal es gewollt hätte, niemals gelin⸗ gen wird Macht über meine ſchlimmeren Wünſche zu erhalten. Genug, ich muß fort, weit von hier — ſo daß nicht einmal meine Ohren von dem Klange der Namen getroffen werden, welche im Stande ſind böſe Gedanken und Gefühle in meinem Innern zu erwecken.“ „Dieß billige ich vollkommen. Was Du jezt wünſcheſt wollte ich Dir vorſchlagen. Du mußt je⸗ doch vorher zeigen daß Du éin Mann ſein kannſt, nachdem Du ein ſchwacher Sclave geweſen. Meine Achtung und mein Vertrauen zu Deinen beſſern Vorſäzen werden lediglich davon abhängen wie Du Dich während der Zeit die Du noch hier biſt be⸗ nimmſt.“ „Du ſollſt zufrieden ſein, Papa.“ „Der Commandeur Z.,“ ſagte Tante Sara, in⸗ dem ſie die Thüre aufdrückte. Eine Stunde ſpäter waren die Gäſte verſam⸗ melt. Sie beſtanden aus Lothars Vorgeſezten und Cameraden, ſo wie einigen Familien mit denen der Profeſſor verwandt oder befreundet war. Nur Gräfin Natalie fehlte. Lothar und Schuldfried waren ſo ſchön, daß es eine Freude war ſie anzuſehen. Das Glück iſt das beſte Schönheitsmittel. Tage war bleich und ſtill, zeigte aber eine Ruhe und Selbſt⸗ beherrſchung, die Aberney im höchſten Grade über⸗ raſchte und Sara dermaßen rührte daß ſie ſchnell hinausgehen und ein Bischen weinen mußte. Schuld⸗ 256 fried lächelte ſo freundlich gegen Tage und ſah ihn mit ſo herzlicher Güte und Milde an, daß er ihren Verluſt nur noch tiefer zu empfinden meinte. Er ſcheute ſich in Lothars edles Geſicht zu ſchauen; er wußte daß der Anblick des Glückes das darin ſtand nur ſeinen Zorn wecken und ihn in den dunkeln Strom der Eiferſucht zurückwerfen würde. 2 Die Gräfin Reinſtei wurde angemeldet. Tage ſprach eben mit Schuldfried. Sämmtliche Anweſenden wandten ſich beim Klange dieſes Namens um und blickten nach der Thüre. Natalie trat ein. Sie war äußerſt einnehmend. Gleich Schuldfried trug ſie ein weißes Seidenkleid mit einer Garnitur von Blumen. Ueber Lothars Züge flog eine dunkle Röthe des Verdruſſes, als er ſah daß Natalie mit ſeiner Braut gleich gekleidet war. Der Profeſſor begrüßte die Gräfin äußerſt verbindlich, und Natalie erwiderte ſeinen Gruß mit heiterem Scherz. Sie war unwi⸗ derſtehlich einnehmend. Tages Blicke waren hartnäckig auf ſie gerichtet. Die Wolke auf ſeiner Stirne lichtete ſich. Sie liebte ihn, dieſe verführeriſche Frau, vor deren Liebreiz und Geiſt jeder ſeine Rauchopfer anzündete. Eine ſolche Gewißheit mußte die Macht haben ein Lieutenantsherz zu tröſten. Endlich, als der Augenblick günſtig war, näherte er ſich ihr. „Sie ſind heute Schulbfried ähnlicher als je“ bemerkte er mit einem Blick der Bewunderung. „Wenn es ſo iſt, ſo ſind meine Bemühungen ge⸗ glückt; aber gleichwohl werden die Liebhaber Fridas ſie nicht eine Stunde lang über mir vergeſſen.“ Natalie warf Tage einen höchſt gefährlichen Blick zu. „Gräfin, wenn es ſo iſt, ſo liegt das Unglück nur darin daß man Sie nicht zuerſt geſehen hat. In dieſem Fall hätte man Sie nicht über Schuldfried vergeſſen können.“ Natalie betrachtete Tages Geſicht. Es war ernſt, und es lag darin Etwas was ihr ſagte daß er wirk⸗ lich ſo dachte wie er ſprach. Natalie beugte ſich näher zu ihm und flüſterte: „Sie haben doch nicht vergeſſen?“ „Ich vergeſſe nie.“ „Und heute Abend?“ „Bin ich auf meinem Poſten.“ „Gut.“ Einige Herren näherten ſich der Gräfin; man begann von ganz gleichgiltigen Dingen zu reden. Das Geſpräch wurde ungemein lebhaft. Lieutenant Steen, der vor Kurzem in England geweſen, erzählte verſchiedene merkwürdige Verbrechergeſchichten. Na⸗ talie nöthigte Schuldfried neben ihr Plaz zu nehmen. Der Profeſſor befand ſich auch in der Gruppe welche die in umgab. Lothar ſtand hinter Schuldfrieds Stuhl. „Während meines Aufenthalts in Bremen,“ er⸗ zählte die Gräfin,„ſah ich den Kopf einer ſehr be⸗ rüchtigten Giftmiſcherin, Namens Margreth Gottfried, fallen. Die Herrſchaften werden wohl von ihr ge⸗ hört haben?“ Die Frage wurde von den Meiſten bejaht, und man erzählte von den merkwürdigen Schickſalen der berüchtigten Giftmiſcherin. Schwartz, Schuld und Unſchuld. M. 17 258 „Als ich vor einigen Jahren durch den mittleren Theil Schwedens reiste,“ fuhr Natalie fort,„erzählte man mir eine merkwürdige und traurige Geſchichte, die ſich vor einigen Jahrzehnten dort zugetragen hat. Sie war ſo betrübter Art daß ich nie von einer Vergiftung hören kann ohne mich daran zu erinnern.“ „Es war alſo eine Vergiftungsgeſchichte?“ ſagte Jemand im Kreiſe. „Ja, auf eine gewiſſe Art.“ Jezt erhob Natalie ihre Augen und heftete ſie auf Lothar, der fort⸗ während an Schuldfrieds Stuhl gelehnt ſtand und folglich ſeinen Plaz der Gräfin gegenüber hatte. Etwas in ihrem Geſichtsausdruck gab Lothar eine Ahnung daß ſie etwas Unangenehmes ſagen würde. Natalie fuhr fort: „In der Gegend ſoll ein junger und beliebter Landrichter geweſen ſein der ſich, nachdem er einige Jahre lang mit Ehren ſein Amt verwaltet, erſchoß.⸗ „Und die Urſache?“ fragte man. „War höchſt betrübt.“ Nataliens Blick wanderte jezt von Lothar auf Schuldfried.„Es wurde ent⸗ deckt daß die Frau des Landrichters, die Wittwe ſeines eigenen Bruders, ihren erſten Mann vergiftet hatte und.. „Die Baronin Canitz!“ meldete man. Natalie verſtummte ſchnell. Lothar fuhr zuſam⸗ men, und Schuldfried, die bei Rataliens lezten Worten todtenblaß geworden, warf einen erſchrocke⸗ nen Blick auf Lothar. „Die Baronin Canitz, wer iſt ſie?“ fragte man 259 flüſternd. Alle Blicke richteten ſich mit geſpanntem Intereſſe auf die Thüre. Der Profeſſor war nebſt Tante Sara, die ſich mehrere Maie ſchneuzte um ihre Contenance zu behaupten und nicht weinen zu müſſen, der Ankommenden entgegen geeilt. Er führte eine ſtattliche ältere Dame ein, mit einem Aeußern das noch Spuren von Schönheit ver⸗ rieth, da die großen dunklen Augen einen eigen⸗ thümlichen Zug über das Geſicht verbreiteten. Jeder Zug verkündete ein Leben voll tiefer und bitterer Leiden. „Meine Couſine, Frau Canitz,“ präſentirte der Profeſſor,„die Mutter des Barons Canitz und auch meines Adoptivſohnes Tage Aberney, welchen ſie gütigſt mir zur Erziehung als eigener Sohn anver⸗. traut hat.“ Die Ueberraſchung war allgemein. Auch Tage und Lothar waren erſtaunt. Auf das Auftreten der Mutter waren ſie ganz und gar nicht vorbereitet. Lothar und Schuldfried gingen zur Baronin vor. „Meine Braut!“ Lothar. Die Stimme war aufgeregt und ſein Blick ruhte zärtlich auf der Mutter. Die Baronin umarmte Schuldfried und ſtüſterte „Gott ſegne Dich, meine Tochter!“ Tage war unbeweglich an einem Fenſter ſtehen geblieben. Der Blick der Baronin ſuchte jedoch ſo⸗ gleich den jüngſten Sohn. Vielleicht fing Tage die⸗ ſen Blick auf, vielleicht auch flüſterte Etwas in ſeinem Innern ihm zu was ſeine Schuldigkeit war. Nach kurzem Zögern ging auch er zur Mutter vor Lothar 17* 260 zog ſich zurück und Schuldfried blickte weg. Tage war aufgeregt. Es war jezt das zweite Mal in ſeinem Leben daß er vor derjenigen ſtand welcher er ſein Leben zu verdanken hatte. Er vermochte kein Wort zu ſagen, ſo überwältigt war er von tauſend widerſtreitenden Gefühlen. Er ergriff ihre Hand und führte ſie an ſeine Lippen. Als er das ge⸗— beugte Haupt wieder aufrichtete, umarmte ihn die Baronin, indem ſie flüſterte: „Gott ſegne Dich, mein geliebteſtes Kind!“ Die Worte wurden von keinem Andern gehört als von demjenigen an den ſie gerichtet waren. Nachdem man ſich von der erſten Ueberraſchung erholt hatte, kam das Geſpräch wieder in Gang. Tante Sara, die Baronin und Schuldfried unter⸗— hielten ſich zuſammen. Natalie ſaß in ihren Stuhl zurückgelehnt und hörte mit zerſtreuter Miene zu was Lieutenant Steen und eine Dame ſagten. Die Con⸗ verſation war nicht beſonders lebhaft. Der Pro⸗ feſſor ließ ſich neben der Gräfin nieder. „Sie wurden,“ ſagte Aberney verbindlich,„mit⸗ ten in Ihrer Erzählung von dem jungen Richter unterbrochen. Das war Schade. Ich vermuthe daß die Geſchichte einen pſychologiſchen Werth hatte wie die meiſten Verbrecherhiſtorien.“ Bei dieſen Worten Aberneys wandte ſich Schuld⸗ fried heftig um, als hätte ſie durch dieſe Bewegung fragen wollen, was ihm denn einfalle daß er das Geſpräch auf dieſen Gegenſtand zurückführe. Ob der Profeſſor dieſe Bewegung beachtete oder nicht, iſt ungewiß; genug, er fuhr fort: 261 „Kennen Sie den Namen des Landrichters?“ „Ich habe ihn gehört, aber vergeſſen,“ antwor⸗ tete Natalie mit einer eigenthümlichen Betonung. „Wirklich? Dann bin ich glücklicher: denn der Unglückliche der ſich erſchoß war— mein Bru⸗ der, Madame Dorbinos Vater und der Schwager der Baronin Edith Canitz.“ Natalie wurde dunkelroth. „Die arme hinterlaſſene Wittwe, von welcher Sie ſagten daß ſie ihren erſten Mann umgebracht habe, war, wie Frau Canitz, meine Couſine. Ihr erſter Mann war ebenfalls mein Bruder. Sie dürf⸗ ten alſo, meine gnädige Gräfin, einſehen daß ich beſſer als irgend Jemand die Urſachen des Todes meiner beiden Brüder kenne. Ich kann daher ganz dreiſt erklären daß jede Anklage gegen meine ver⸗ ſtorbene Schwägerin, als ob ſie den Tod eines ihrer Männer verſchuldet hätte, falſch iſt. Es iſt etwas gewagt Jemand als ſchuldig anzunehmen den das Geſez unangetaſtet läßt. Man riskirt da immer daß man ſich zum Verbreiter eines unwahren Gerüchtes macht.“ Natalie fühlte ſich gedemüthigt, antwortete aber mit ihrem kindlichſten Lächeln: „Sie haben Recht, beſter Profeſſor, und darum vergeſſe ich immer die Namen der Perſonen die in den Ereigniſſen welche ich erzähle eine Rolle ſpielen. Dieß hat das Gute daß man niemals com⸗ promittirt.“ „Eine liebenswürdige gewohuheit wie alle Ihre Gewohnheiten ſind.“ „Du alter Fuchs!“ dachte Natalie.„Du heilſt 262 mit Schméicheleien, damit ich nicht merken ſoll daß Du mich gekrazt haſt.“ Man ſoupirte und endlich brach man auf. Der Morgen kam wieder mit Leben und Bewe⸗ gung. Tante Sara war früh aufgeſtanden, um nach dem Schmaus wieder Alles in Ordnung zu bringen. Sie war eben beſchäftigt die Gläſer und das Porzellan zu zählen, als des Profeſſors Anders eintrat.. „Schon auf, Fräulein?“ ſagte Anders.„Wiſſen Sie das Unglück ſchon?“ „Welches Unglück?“ fragte Sara. „Das Unglück mit Madame Dorbino.“ „Um Gotteswillen, was iſt ihr geſchehen?“ „Die Pferde ſind mit dem Wagen, dem Kutſcher und ihr ſcheu geworden und geradezu in den Strom geſprungen. Eklund, der hier aufwartete, kam ſo eben und erzählte die ganze Geſchichte... Herr Jeſus, wie bleich Sie werden, Fräulein!“ „Victor! Victor!“ ſchrie Sara aus vollem Halſe und ergriff verzweiflungsvoll ihren Kopf.„Victor! Victor!“ . Des Profeſſors Thüre ging auf und er zeigte ſich in ſeinen Schlafrock gehüllt auf der Schwelle. Was gibts?“ fragte er. Sara ſprang auf ihn zu und rief verzweif⸗ lungsvoll:„ „Schuldfried iſt zu Tode geſtürzt!“ Darauf fiel ſie in Ohnmacht. 263 Als Lothars Bedienter am Morgen bei ihm ein⸗ trat, ſagte er: „Herr Baron, es iſt geſtern Abend ein Unglück geſchehen.“ „Welches?“ fragte Lothar. „Ich weiß nicht ob ich wagen darf es zu erzäh⸗ aber Herr Baron, Sie werden wohl den⸗ noch. Hier wurde der Bediente von Jemand unter⸗ brochen der heftig die Salonthüre aufriß; Lieutenant Steen trat haſtig in Lothars Cabinet und rief mit aufgeregter Stimme: „Canitz, welches gräßliche Ereigniß! Und noch an Deinem Verlobungstag!“ Lothar ſprang auf. „Von welchem Ereigniß ſprichſt Du?“. „Von dem Unglück das Deine liebenswürdige Braut betroffen hat.“ „Schuldfried!“ „Die Pferde gingen mit ihr durch und... Lothar ſprang an die Thüre um hinauszuſtür⸗ zen; aber Steen ergriff ihn beim Arm und ſagte: „Wohin, mein armer Freund?“ „Zu ihr!“ „Canitz, nimm all Deinen Muth zu Hilfe und höre mich an: Sie iſt ſammt dem Wagen und den Pferden in den Strom geſtürzt.“ „Das iſt nicht wahr, es kann nicht ſein!“ rief er verzweiflungsvoll. Er ergriff ſeinen Hut und eilte die Treppe hinunter. Einige Augenblicke dar⸗ auf klingelte es heftig an Schuldfrieds Vorſaal. 264 Anaiſe öffnete. Es war Lothar, der mit bleichen und bebenden Lippen fragte: „Iſt Madame zu Hauſe?“ kommen,“ lautete die Antwort. „Nicht! Wo iſt ſie denn?“ „Ich weiß nicht; wir haben die ganze Nacht auf ſie gewartet; vielleicht iſt ſie bei dem Profeſſor.“ Lothar eilte weg. Nach einer Weile ſtürzte er in den Saal bei Aberney, wo er den Profeſſor der eben ausgehen wollte beinahe umwarf. „Schuldfried!“ ſtammelte Lothar mit Verzweif⸗ lung in Ton und Blick. Der erſte Blick auf Aberneys Geſicht war ihm eine genügende Antwort auf die Frage. Auch Tage war verſchwunden. Wir verlaſſen jezt unſere von Kummer und Ver⸗ zweiflung heimgeſuchten Freunde, und wollen ſehen was bei Natalie nach ihrer Heimkehr von dem Ver⸗ lobungsfeſte vorfiel. „Nein, Madame iſt heute Nacht nicht heimge⸗ „ Als Natalie in ihr Boudoir trat, wich ſie einen Schritt zurück und ſtieß einen ſchwachen Angſtſchrei aus. Im Halbdunkel der Sommernacht erkannte ſie eine Mannsgeſtalt in den Sopha zurückgelehnt. „Licht!“ rief die Gräßin. Die Kammerjungfer eilte mit ſolchem herein. Wezt erſt erhob ſich die Figur. Der Lichtſchein fiel 6 ihr Geſicht, und Natalie ſtammelte ganz be⸗ türzt: „Lieutenant Aberney, Sie hier!“ 265 „Ja, wie Sie ſehen, Gräfin.“— Die Kammer⸗ jungfer ſtellte die Lichter auf den Tiſch und verließ ſogleich das Zimmer. „Wie kamen Sie hieher und welche Veranlaſſung haben Sie mich auf ſolche Art bloßzuſtellen?“ fragte Natalie. „Die Veranlaſſung iſt daß ich heute Abend mit Ihnen ſprechen will. Eben jezt. Was ich zu ſagen habe duldet keine lauſchenden Ohren, darum erlau⸗ ben Sie daß ich die Thüre ſchließe.“ „Ei, mein Herr, bedenken Sie doch was Sie thun!“ rief Natalie.„Was werden meine Leute denken?“ 1 „Was ſie wollen. Ich muß unter vier Augen mit Ihnen ſprechen.“ „Iſt es Ihnen mißglückt weil Sie hier ſind?“ Neit. „Aber mein Gott, wenn unſer Plan nicht ge⸗ ſcheitert iſt, ſo begreife ich nicht...“ „Wie Sie mich hier finden können? Sezen Sie ſich gefälligſt, Gräfin, und verſuchen Sie mich ruhig anzuhören.“ Er nöthigte Natalie ſich zu ſezen. „Der von Ihnen und Dr. Wagner entworfene Plan war ja folgender. Der Doctor ſollte an dem Wagen worin Schuldfried heimfuhr auf den Bock ſizen, und ſtatt ſie in ihr Haus zu führen, ſollte er nach Roſenvick fahren, wo ich ſie erwartete. Die Idee war ſinnreich und wohl ausgedacht; denn in der ganzen Welt hätte ſich nicht ein einziges Weſen gefunden das nicht am Morgen Schuldfried für eine treuloſe und verächtliche Frau gehalten hätte, die, um Baronin Canitz zu werden, ihre Kinderneigung 266 aufgeopfert, gleichwohl aber eine verbrecheriſche Ver⸗ bindung mit dem Jugendfreund unterhalten hätte. Wenn Lothar Canitz ſie noch zehnmal glühender geliebt hätte als wirklich der Fall iſt, ſo hätte gleich⸗ wohl dieſes Ereigniß ihn für immer von Schuld⸗ fried getrennt. Alle Schwüre und Betheurungen hätten ſie von dem erniedrigenden Makel der auf ihre Ehre geworfen worden wäre nicht rein waſchen können. Es blieb ihr dann nur noch übrig mir ihre Hand zu reichen und auf dieſe Art dem Scan⸗ dal ein Ende zu machen. Der polniſche Doctor hatte die Folgen ſeines Planes wohl berechnet, und das Ende wäre wahrſcheinlich geweſen daß Lothar ſich eine Kugel durch den Kopf gejagt hätte.“ „Wohin wollen Sie mit allem dem kommen?“ Natalie rieb ungeduldig ihr Nastuch zwiſchen ihren Händen.. „Sie ſollen es ſogleich erfahren, Gräfin. Als Sie und der Doctor mich in den Plan einweihten Lothar und Schuldfried durch eine ſolche Bosheit zu trennen, hatten Sie keine Idee davon daß wir beide Brüder ſind. Sonſt hätten Sie ſicher die Unmöglich⸗ keit eingeſehen daß ein Bruder, ſo feindſelig er auch geſinnt ſein mochte, ſich einer ſolchen Verrätherei ſchuldig gemacht hätte.“ „Aber, mein Herr, Sie ſtellten ſich als ob Sie unſern Plan, der nur die Erfüllung Ihrer Wünſche zum Zweck hatte, mit Begierde ergriffen,“ fiel die Gräfin heftig ein. „Sehr wahr; aber wenn ich das nicht gethan hätte, ſo hätte der Doctor irgend eine andere Bos⸗ heit ausgedacht vor welcher ich Schuldfried nicht 267 ſchüzen konnte— weil er mich nicht darein einge⸗ weiht hätte.“ „Sie haben ſie alſo gewarnt?“ Die Gräfin ſprang auf. „Nein, ich habe etwas noch Beſſeres gethan, ich habe ſie vor allen Verfolgungen ſicher geſtellt, bis wir Beide, Sie und ich, einander recht verſtanden hätten.“ „Ich glaube Sie zur Genüge verſtanden zu ha⸗ ben,“ fiel Natalie ein und wollte das Zimmer ver⸗ laſſen. „Bleiben Sie, Natalie,“ ſagte Tage beſtimmt und faßte die junge Dame am Arm⸗„Sie haben mich nicht zu Ende gehört.“ Er ſah auf ſeine Uhr. „Noch iſt Wagner mit dem leeren Wagen nicht nach Roſenvik gekommen. Ehe er entdeckt daß er bloß ſich ſelbſt mit einer Luſtfahrt amüſirt hat, werden Sie einſehen daß ich Sie und mich vor einer ſchlechten Handlung bewahrt habe. Sie werden mir dafür danken.“ „Daran zweifle ich.“ Natalie ſezte ſich wieder. „Haben Sie nicht tauſendmal erklärt und auch ſchriſtlich wiederholt daß Sie Jur mein Glück be⸗ fördern wollen?“. „Allerdings,“ antwortete Natalie. Sie bedachte mit Beben daß ſie ſich gänzlich in Tages Gewalt befand, daß das Spiel verloren war, und daß er, Tage, ſie aufs Gräßlichſte compromittiren konnte, wenn er ihre Theilnahme an den Intriguen gegen Schuldfried bekannt machte. Natalie hatte ſich in ihren eigenen Nezen gefangen. „In dieſem Fall haben Sie mein Glück in Ihren 268 Händen. Mein Glück hat ſeinen Namen gewechſelt, es heißt nicht mehr Schuldfried, ſondern Ratalie.“ „Sie haben gleichwohl geſagt daß Sie mit keiner andern als Schuldfried glücklich werden könn⸗ ten,“ fiel Natalie ein. „Oder mit Ihnen. Natalie, eine Weigerung von Ihnen würde mir jezt Zweifel an Ihrer Auf⸗ richtigkeit erregen, und dann...“ „Was würde dann geſchehen?“ „Ich würde dann zu dem Glauben genöthigt daß Sie ein ränkeſüchtiger und dämoniſcher Charae⸗ ter wären, wie Wagner Sie geſchildert hat.“ .„Der elende Pole hat mich verrathen,“ dachte Natalie. Die Gräfin ſah augenblicklich ein daß ſie aus der Noth eine Tugend machen und ihre Frei⸗ heit opfern mußte um ihre Ehre zu retten. Sie ſagte daher: „Glauben Sie lieber daß ich die Schöpferin Ihres Glückes werden wolle. Gott gebe daß das Geſchenk meiner Hand den Verluſt erſezen könne den Sie erlitten haben.“ Sie reichte ihm die Hand. „ Einige Augenblicke nachdem Lothar bei Aberney eingetreten war, und ehe man Etwas hatte ſprechen können, wurde die Thüre aufgeriſſen und Tage kam herein. „Welch ein ſchreckliches Spiel des Schickſals!“ rief er;„Dockor Wagner iſt todt gefallen. Die Pferde ſind durchgegangen und mit ihm und dem Wagen in den Strom geſtützt.“ 269 „Und Schuldfried!“ riefen der Profeſſor und Lothar. „Sie iſt bei unſerer Mutter. Sie ging geſtern Abend mit ihr nach Hauſe,“ antwortete Tage. „Deßhalb durfte Lothar ſie nicht an den Wagen be⸗ gleiten.“ Etwas ſpäter am Tage finden wir Lothar, Tage und Schuldfried bei Edith. Leztere erzählte dem jüngſten Sohn ihre Lebens⸗ ſchickſale, die wir zum Theil aus der Mittheilung des Doctors an Natalie kennen. Wir wollen deß⸗ halb den Leſer nicht mit einer Wiederholung derſel⸗ ben ermüden, ſondern hier nur noch Folgendes bei⸗ fügen: Edith hatte ſich in ihrem ſiebzehnten Jahre mit Seele und Herz in den Legationsſecretär Magnüs Canitz verliebt, deſſen Bekanntſchaft ſie während ihres Aufenthaltes bei Tante Sara machte. Das Reſultat dieſer Neigung war daß ſie ihn, als er Schweden verließ, nach Petersburg begleitete, wo der Legationsſecretär ſich in der Stille mit ihr trauen ließ. Er wagte es nicht dieſe Verbindung öffentlich zu machen, weil er den Zorn des Czars fürchtete, der ihm eine Dame aus den vornehmſten Familien Rußlands zur Braut beſtimmt hatte. Die Auserkorene war noch ſehr jung, ſo daß von einer Vermählung erſt nach einigen Jahren die Rede ſein konnte. Magnus Canitz hoffte während dieſer Zeit einen Ausweg zu finden, um die ruſſiſche Familie zur Ab⸗ brechung der Verbindung zu beſtimmen. Nach ein⸗ jähriger geheimer Ehe gebar Edith einen Sohn. 0 Dem General, der die Ehe ſeines Bruders erfahren hatte, gelang es ihn durch Drohungen und Ueber⸗ redung zu beſtimmen daß er den Sohn unmittel⸗ bar nach ſeiner Geburt ihm überließ. Ebith erklärte man, das Kind ſei todt zur Welt gekommen. Nach einigen Tagen ſtarb die Frau des Generals, nachdem ſie, wie es hieß, einen Sohn geboren wel⸗ cher der Erbe des ungeheuren Vermögens der ruſ⸗ ſiſchen Dame werden ſollte. Dieſer Sohn war kein anderer als Ediths Erſtgeborner. Ein Jahr verfloß. Edith ſollte wieder Mutter werden. Ihr Mann wurde mit einer Botſchaft an den franzöſiſchen Hof geſchickt, und Edith reiste während ſeiner Abweſen⸗ heit nach Helſingfors, um ſich da unter dem Titel Frau Brunzwith aufzuhalten. In Helſingfors gebar ſie Tage. Sie hatte kurz zuvor an Tante Sara ge⸗ ſchrieben, die in aller Heimlichkeit ſie beſuchte und einige Zeit bei ihr blieb. Als Tage ein Paar Mo⸗ nate alt war, erhielt Edith Briefe von ihrem Manne, der ſie erſuchte nach Petersburg zurückzukommen, aber das Kind in Helſingfors zu laſſen. Die Braut von Magnus Canitz, die junge Ruſſin, war von einer ſchweren Bruſtkrankheit befallen wor⸗ den, ſo daß ſie eine Reiſe nach Italien machen mußte, und dadurch wurde die beabſichtigte Vermählung auf⸗ geſchoben. Magnus, ein ſchwacher und ſchwärmeri⸗ ſcher Character, gänzlich von ſeinem ältern Bruder beherrſcht, vor welchem er eine gewiſſe Furcht hatte, ſo daß er ihm blind gehorchte, ließ ſich von dem General bereden ſeine Ehe mit Edith fortwährend geheim zu halten, bis man ſehen würde ob der Tod ihn nicht von der durch kaiſerlichen Willen verordne⸗ 271 ten Verbindung befreie. So vergingen einige Jahre, während welcher die ruſſiſche Braut ſich beſtändig im Süden aufhielt, und der junge Tage in Helſing⸗ fors. Magnus wollte nicht daß der Junge nach Rußland zurückkommen ſolle. So ſtanden die Sachen, als eines Tages Mag⸗ nus Canitz nebſt Frau nach Sibirien geſchickt wurde. Der General hatte ihn förmlich angegeben daß er eine Schwedin geheirathet, obſchon er nach dem Willen des Kaiſers mit einer Ruſſin verlobt war. Das Uebrige wiſſen wir. Während des Aufenthal⸗ tes der Gatten in Sibirien geſtand Ediths Mann, nachdem er ſeiner Frau einen heiligen Eid abge⸗ nommen das Geheimniß zu verſchweigen ſo lange der General lebe, daß ihr älteſter Sohn nicht todt ſei, ſondern als der einzige Erbe des Generals gelte Als Edith nach ihrer Befreiung von Sibirien ſich ein Jahr in Frankreich aufgehalten hatte, ſuchte ſie Lothar auf. Dieß geſchah während ſeines Aufent⸗ haltes in Kronbrück. Sie war keine andere als die Dame welche Tage und Schuldfried, nachdem Lothar ſie mißhandelt hatte, in ihrem Wagen heimbrachte. Sie hatte durch einen Brief eine Beſprechung mit Lothar verlangt und ihn um ſeinen Beſuch gebeten, ſo lange ſie ſich unter einem angenommenen Namen in einem Wirthshaus bei Ektorp aufhielt. Ohne auf nähere Erklärungen über ihre Perſönlichkeit ein⸗ zugehen, ſagte ſie Lothar daß er nicht der Sohn der ruſſiſchen Fürſtin, ſondern ihr eigenes Kind ſei, und auf ſolche Art wurde ſie ſein guter Engel, der Wagners frühere Gewalt über ihn gänzlich erſchütterte.. Wagner dagegen war der jüngſte Sohn einer 272 polniſchen Familie, welche der General Canitz, ſo lange er nach Polen commandirt war, auf eine ganz fürchterliche Art hatte behandeln laſſen. Der Vater war unter der Knute geſtorben. Die Mutter und Wagners Brüder wurden nach Sibirien abgeführt, und der Doctor ſelbſt, damals ein Junge von zwölf Jahren, hatte ſeine Rettung nur der verſtorbenen Generalin zu verdanken. Es gelang ihr ihn längere Zeit zu verbergen. Darauf ſchickte ſie ihn nach Berlin und bezahlte dort für ihn. Auf ihrem Todten⸗ bett vertraute ſie den jungen Jwano der Obhut ihres Mannes an und nahm dieſem das Verſprechen ab für ihn ſorgen zu wollen. Der General ſchickte ihn einige Jahre ſpäter nach Finnland und auf ſolche Art kam er in Caspar Aberneys Haus. Als Lothar nach einer deutſchen Univerſität geſchickt wer⸗ den ſollte, wurde Iwano Wagner wie man ihn naunte(ſeinen rechten Familiennamen wiſſen wir nicht) zum Lehrer des jungen Barons beſtellt, wäh⸗ rend er ſelbſt ſeine mediciniſchen Studien vollendete. Edith hatte ſich nach ihrem erſten Zuſammen⸗ treffen mit Lothar einige Tage in dem ſchwediſchen Wirthshaus aufgehalten. Harm und ſie trafen dort zuſammen. Edith war die einzige welche wußte daß ihre Schweſter unter dem angenommenen Namen Smith nach Finnland übergeſiedelt war. Es gelang ihr auszumitteln daß Harm auf Ektorp wohnte. Einige Zeilen von Ediths Hand beſtimmten Harm ſie eines Morgens ganz frühe im Gaſthof zu be⸗ ſuchen. Die Laſt eines begangenen Verbrechens, die ſo viele Jahre ſchwer auf Harms Gemüth gelegen, und polniſchen Familie, lange er nach Polen fürchterliche Art hat war unter der Knul Wagners Brüder w und der Doctor ſelb Jahren, hatte ſeine Generalin zu verdan! Zeit zu verbergen. Berlin und bezahlte d bett vertraute ſie d ihres Mannes an ur ab für ihn ſorgen z ihn einige Jahre ſ ſolche Art kam er in Lothar nach einer de den ſollte, wurde nannte(ſeinen rech nicht) zum Lehrer d rend er ſelbſt ſeine 1 Edith hatte ſich treffen mit Lothar ei Wirthshaus aufgeha zuſammen. Edith w ihre Schweſter unte Smith nach Finnlant ihr auszumitteln da Einige Zeilen von( ſie eines Morgens( ſuchen. Die Laſt eines b viele Jahre ſchwer c * ihn nac, em Todten⸗ der Obhut Verſprechen eneral ſchickte N und auf Als ſ 8 9 10 11 12 ſin 15 16 n 13 14 3