Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeiß und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: —— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: IW W W 8 2 W— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Zusgewülltt Werbe 4 rau A. S. Schwartz Uus ben Schvebiſhen 5 — Dr. G. Fink. Stuttgart. rranchſche Verlagsh 1862. Srhuld und Anſthull. Roman von . Frau M. S. Fchwartz. ———— Aus dem Schwediſchen überſezt von Dr. G. Tink. — ½ Zweiter Band. 4 1 „ Stuttgart. Franch'ſche Verlagshandlung. 1862. ₰ Scluld und Anſchull. Zweiter Dheil. Sie wollte eben in den Garten hinabgehen, um ſich die Langeweile des Wartens mit den gewöhnlichen Als Schuldfried am folgenden Morgen ganz früh aus ihrem Zimmer herabkam und ſich in den Garten begeben wollte um ihre Herbſtblumen und ihre kleinen Miſtbeetpflanzen zu beſorgen, ging An⸗ nika ihr entgegen und brachte ihr einen beſchriebenen Papierſtreif mit den Worten: „Doctor Wagner fuhr ſo eben hier vorbei; er muß zur Frau des Waldſchüzen, die krank iſt, und da bat er mich Dir dieß Billetchen zu übergeben.“ Schuldfried fühlte wie ſie erröshete, als ſie das Papier aus der Hand der alten Dienerin empfing. Sie öffnete es; es ſtand da auf franzöſiſch:„Wenn Sie einen Unglücklichen tröſten wollen, ſo machen Sie um acht Uhr in der Frühe einen Spaziergang auf dem Waldweg.“ Dieſe Zeilen waren mit dem Namen Wagner unterzeichnet. Schuldfrieds Herz ſchlug vor Unruhe und Freude. Es waren noch zwei Stunden bis zur feſtgeſezten Zeit. Geſchäften daſelbſt zu vertreiben, als Annika„ der Küche aus ihr rief.. „Was willſt Du?“ fragte Schuldfried. „Du ſollſt zur Frau hineinkommen,“ antwortete Annika. „Iſt Mama aufgeſtanden?“ „Ja wohl; ſie hat geſagt daß ſie Dir vor dem Frühſtück Etwas zu ſagen habe.“ Schuldfried ging zur Mutter hinein. Es war höchſt ſelten daß ſie die Schwelle ihres abgeſchiedenen Zimmers betrat. Frau Smith hatte zwar ihrer Toch⸗ ter nicht verboten hinzugehen, aber dieß fiel Schuld⸗ fried niemals ein. Das Stübchen bildete für die Phantaſie des Mädchens einen Plaz wo finſtere und duſtere Geiſter weilten, und es kam ihr vor als ob jeder Gegenſtand darin mit Thränen getränkt wäre. Wenn es je einmal geſchah daß Schuldfried hinein⸗ gerufen wurde, ſo überkam ſie immer ein Schauer. Dieß war Etwas wovon ſie ſich noch nicht hatte be⸗ freien können. Als daher Annika ſagte daß ſie hinein⸗ kommen ſolle, machte Schuldfried ein ganz unglück⸗ liches Geſicht. Frau Smiths Zimmer lag rechts von dem kleinen Saal, welcher das erſte( kam. Links lag das ſogenannte Arbeitszimmer. Dieſes war groß, hell und hatte vier Fenſter. Drin ſtand ein Elavier, ein ſchöner Bücherſchrank, eine Laute, ein Zeichnungsſtänder und einige kleine Sophas mit ihren Arbeitstiſchen. Die Fenſter waren mit Blu⸗ mentöpfen angefüllt und das Ganze hatte etwas höchſt Anheimelndes, zumal da man eine ausgezeich⸗ net ſchöne Ausſicht darin genoß. Der Saal war kleiner und düſterer, weil das dichte Laubwerk der lach bildete in das man Flecken von einer unheimlich bräunlichen Farbe und nen noch mit Blumen geſchmückt; der düſtere Schein der dadurch hereinfiel gab dem Ganzen ein melan⸗ Bäume das Tageslicht nicht ungehindert hereindri⸗ gen ließ. Sein Ameublement war ſchwerfällig; es beſtand aus einem braun angeſtrichenen Sopha und dito Stühlen mit ſchwarzen Lederüberzügen, einem Anrichttiſch, einem Speiſetiſch und einer Wanduhr. Frau Smiths Zimmer war klein und von höchſt beſonderem Ausſehen. Ein eiſernes Bett, umgeben von grünen Vorhängen die in Folge der Jahre be⸗ deutend abgeſchoſſen waren; über demſelben eine ur⸗ ſprünglich grüne Decke, aber jezt voll von dunkeln Blutſpuren ähnlich. Innerhalb des Vorhangs hing ein Piſtol mit beſchmuztem Kolben und roſtigem Rohr. An der Wand, gerade vor dem Bett befand ſich das Porträt eines Mannes in der Blüthe ſeiner Jugend. Die Züge waren äußerſt edel und ſeelenvoll; ſie be⸗ ſaßen eine auffallende Aehnlichkeit mit denen Schuld⸗ frieds. Unter dem Porträt, an einem Nagel, hin⸗ gen ein Mannsrock und eine Weſte, beide mit dun⸗ keln Flecken bedeckt. Zwei Stühle, deren Ueberzug ſo abgenüzt war daß er da und dort große Neigung zum Zerreißen zeigte, ein eichenes Tiſchchen mit Uhrgeſtell und einer Uhr, ein Pfeifenſtänder mit mehreren ſchönen Pfeifen, ein Raſierzeug mit aller⸗ lei Schächtelchen, ein Bücherſtänder voll älterer Bü⸗ cher und ein wackeliger Schreibtiſch vollendeten das Ameublement. Das Fenſter war weder mit Gardi⸗ choliſches Gepräge. Es war als flüſterte jeder Ge⸗ genſtand in dieſem Zimmer von Ereigniſſen ſo dü⸗ ſterer Art daß ſelbſt das Tageslicht vor den Erin⸗ nerungen daran zurückbebte. Als Schuldfried die Thüre öffnete und zur Mut⸗ ter hineintrat, war es ihr gerade als ob ſie in ein Grab ſtiege. Frau Smith ſaß vor der herausgezogenen Schub⸗ lade des Arbeitstiſchchens. Sie ſtüzte ihren Arm auf dieſelbe und den Kopf in die Hand. Sie glich, während ſie ſo dqſaß, der Reue, welche verzweif⸗ lungsvoll Gegenſtände anſtarrt die Zeugen von Bö⸗ ſem geweſen, worüber das Gewiſſen ohne Hoffnung auf Verſöhnung weint. Vor ihr lag ein fertiger Brief den ſie zuſammengelegt und verſiegelt, aber noch nicht überſchrieben hatte. Frau Smith hatte ihren Rücken der Thüre zugekehrt, und da dieſe leiſe aufging, bemerkte ſie den Eintritt der Tochter erſt als ſie an ihrer Seite ſtand und mit einer gelinde 1 zitternden Stimme ſagte: „Guten Morgen, Mama, Du haſt mich rufen 3 äſſen „Ah, biſt Dus, mein Kind?“ Frau Smith er⸗ hob ſich und ließ ihre Lippen ganz leicht die Stirne der Tochter berühren. „Ich wollte Dir ſagen, meine geliebte Schuld⸗ fried, daß ich heute früh nicht mit Dir arbeiten kann, ſondern wünſche daß Du die arme Frau des Wald⸗ ſchüzen beſucheſt, die da drüben in ihrer Hütte krank und allein liegt. Erkundige Dich was ſie für ſich und die Kinder bedarf und nimm einen Korb voll Speiſen mit. Annika wollte hingehen; aber ich weiß, Du nimmſt Dich ſo gerne der Armen an, doß ich ich dieſer Freude nicht berauben wollte.“ — 11 „Ach Du gute Mama, daß Du immer ve denkſt mir Freude zu machen und den Hilfsbedürf⸗ tigen beizuſtehen.“ Frau Smith ſtrich das Haar aus der reinen, freien Stirne der Tochter und betrachtete ſie mit einem Blick voll Liebe und Schmerz. „D wenn ich von Deinem Leben jeden Kummer wegnehmen, wenn ich mit endloſen Qualen für mich ſelbſt eitel Freude für Dich erkaufen könnte, dann dann würde ich den Muth beſizen unter dem Schmerz zu lächeln. Jezt... ſie wandte ſich ab und fügte hinzu:„Jezt ahnſt Du nicht welches traurige Erbe Du bekommen haſt.“ „Geliebte Mama, welches Erbe ich auch bekommen haben mag, ſo bin ich ſtolz darauf Dich Mutter nennen zu dürfen,“ ſagte S indem ſie die Mutter umſchlang; dieſe aber ie heftig von ſich und ſagte: „Geh!“ „Mamn, biſt Du böſe auf mi fried erſchrocken. „Ich böſe auf Dich? laß mich jezt! Die arme Frau Schuldfried küßte der Mutter Pan und das Zimmer. Aus einer Gartenarbeit wurde nichts, ſondern Schuldfried mußte jezt alle die Sachen beſorgen die ſie der armen Frau und ihren Kindern mitbringen wollte. Nachdem ſie in einen Korb gelegt waren, mußte ſie nothwendig Cafe trinken, denn, meinte Annika, das ginge doch nicht an daß das Kind mit hungrigem Magen einen langen Weg machte⸗ Die Alte hätte ein ſolches Unglück für ihren Liebling nicht überleben können. Aber nicht genug mit dem Cafe; Schuldfried wurde auch noch mit prächtigen weißen Brödchen bewirthet, damit ſie ja keine Ma⸗ genſchwäche bekommen ſollte. Troz aller Verſiche⸗ rungen des jungen Mädchens daß ſie nicht mehr könne, ließ die Alte nicht nach bis die Brödchen ver⸗ zehrt waren. Alles das vertrödelte die Zeit, ſo daß es beinahe acht Uhr war als Schuldfried heiter die Allee entlang whndelte. Sie war ungemein erfreut über den Gedanken daß ſie den Fremden ſehen oder Etwas über ihn erfahren ſolle. Bei der Einbiegung in den Waldweg traf ſie auch wirklich Lothar, der mit aufgeregter Miene ihr entgegen kam. Ehe er ein einziges von all den bittern Worten vorbrin⸗ gen konnte welche die Eiferſucht ihm eingab, rief Schuldfried: „Welche Ewigkeit ſeit wir uns nicht mehr ge⸗ troffen haben! werde ich wieder vergnügt, da ich Sie wieder ſehe. Sie reichte ihm die Hand und lächelte ſo freund⸗ lich, daß der Schimmer davon ſich auf Lothars Zü⸗ gen wiederſpiegelte Aller Unmuth und alle Erbit⸗ terung verſchwand bei ihrem Anblick und ein unbe⸗ ſchreiblich milder Eindruck kam unter die ſtürmiſchen Elemente. Er ergriff die dargebotene Hand ohne alle Heftigkeit, ganz wie ein Freund die Hand eines andern ergreift und drückt. Seine Stimme verrieth durchaus keine Aufregung, als er ganz wehmüthig verſezte: „Wie kann ichs wagen an Ihre Worte zu glau⸗ ben, da Sie ſo hartnäckig, ſo grauſam mich ver⸗ 13 urtheilt haben ſich nicht eins Minute lang von mir ſehen oder ſprechen zu laſſen? Sie konnten Ihren alten Freunden nicht eine einzige Viertelſtunde zu Gunſten des neuen abſtehlen. Wie ſchmerzlich mußte ich das empfinden, da ich in Ihrem Benehmen einen deutlich ausgeſprochenen Wunſch zu finden glaubte mich nicht wieder zu ſehen und... „Still! Sie verſündigen ſich wenn Sie ſo ſprechen. Sie wußten wohl daß es gegen meinen Willen geſchah und daß ich Sie gerne getroffen hätte. Im Uebrigen,“ fügte ſie mit ihrem hellen Lachen hinzu,„habe ich Ihnen dieß ja erſt vor Kurzem ge⸗ ſagt. Laſſen Sie uns alſo die Gegenwart nicht durch Geſpräche über die Vergangenheit verbittern. Ich bin in dieſem Augenblicke o ſelig und vergnügt daß ich aus lauter Wonne ſingen möchte.“ Schuldfrieds Geſicht war ſo freudeſtrahlend daß 2 auch der mißtrauiſche Lothar daran glaubte und alle 3 Eiferſuchtsgedanken verſchwanden. Sie war ſo ſchön, ihre Augen lächelten ſo freundlich und ſchalkhaft, ihre Worte waren ſo ungekünſtelt, daß der größte Zweifler ohne Bedenken ſich hätte hinreißen laſſen. „Sie ſind ein wunderliches Weſen; mit einem Blick, einem Wort können Sie die Nacht in Tag verwandeln. Als ich durch den Doctor den Wunſch äußern ließ Sie zu ſehen, war es eitel Nacht in meiner Seele, und jezt „Iſt es eitel Sonnenſchein? Nicht wahr?“ „Vollkommen! Wiſſen Sie was Sie gleichen?“ „Einem Landmädchen das einen Korb trägt,“ ſagte Schuldfried lachend. 14 „Ah, verzeihen Sie, ich ſah den Korb nicht, ich ſah bloß Sie; aber für wen iſt er beſtimmt?“ „Jür die arme kranke Frau des Waldſchüzen.“ „In dieſem Fall geben Sie ihn mir zum Tragen.“ Lothar, der Beſizer von Millionen und Gebieter einer zahlreichen Dienerſchaft, machte ſich jezt zum Träger eines Mädchens deſſen Mutter einen ſeiner unbedéutendſten Pachthöfe bewohnte. Schuldfried hin⸗ e wiederum, die ein ganz natürliches Raiſonnement hatte, ließ den jungen Mann den Korb nehmen, weil er nach ihrer Anſicht mehr Kräfte beſaß als ſie. Als ſie ihm denſelben überreichte, ſagte ſie ſcherzend: „Ich bin weit gegangen und habe darauf ge⸗ wartet Ihnen den Gr geben zu können.“ Lothars Züge veränderten ſich augenblicklich. „Mein Gott!“ fügte Schuldfried hinzu, als ſie bieſe Veränderung ſah,„haben Sie ſich in der Zeit wo wir getrennt waren Ihre Empfindlichkeit nicht abgewöhnen können? Wir ſprechen ja nur von einem Speiſekorb. Von einem andern kann ja nicht die Rede ſein. Aber apropos, warum ſchrieb der„ octor daß ich mich hier einfinden ſolle? Warum haben Sie es nicht ſelbſt gethan?“ „Haben Sie d erſprechen vergeſſen das Sie mir abnahmen?“ Ach es iſt wahr. Das habe ich ganz vergeſſen.“ Sie ſah ihn an.„Dieſen Zug von Ihnen, ein Wort nicht zu brechen, achte ich hoch. Dieß war mehr finniſch als ruſſiſch.“ „Und doch bin ich ein Ruſſe und kein Finne.“ Unter ſolchen Geſprächen wurde der Weg bis an ———— 15 die Hütte des Waldſchüzen zurückgelegt. Schulbfried ſchwazte wie ein verwöhntes Kind voll Lebensluſt. Sie vergaß alles Andere und gab ſich dem reinen angenehmen Eindruck hin der ihre Bruſt erfüllte. Lothar fühlte ſich von ihrem unſchuldsvollen Weſen ſo beherrſcht, daß ſie gleichſam einen Theil ihrer eigenen ſorgloſen Stimmung auf ihn übertrug. Un⸗ gewiß iſt ob, troz allem was Lothar zu ſagen be⸗ ſchloſſen hatte, ein Wort von tieferer und ernſterer Art zwiſchen ihnen gewechſelt worden wäre, wenn nicht ein kleines an ſich unbedeutendes Ereigniß die für den Augenblick eingeſungenen Leidenſchaften in der Bruſt des jungen Mannes geweckt hätte. Als ſie vor dem Häuschen des Waldſchüzen ſtan⸗ den, ſagte Lothar:— „Ich gebe Ihnen den Korb jezt zurück und hoffe daß Sie mich nicht gar zu lange warten laſſen.“ Er trat auf die Seite und Schuldfried verſchwand. Etwas mehr als eine halbe Stunde verfloß bis ſie wieder ſichtbar wurde. Während Lothar wartete, überließ er ſich Be⸗ trachtungen höchſt wechſelnder Art. Einige Augen⸗ blicke ehe Schuldfried heraustrat, kam ein großer ſchöner Jagdhund an ihm vorbeigeſtürzt, wie er aus⸗ geſtreckt im Graſe lag. Bald darauf ließ ſich ein ſcharfer Pfiff vernehmen. Lothar drehte ſich um und ſah nach der Richtung woher das Getöne kam. In einiger Entfernung im Walde zeigte ſich ein junger Mann in jägermäßiger Ausrüſtung, der ſchnellen Schrittes denſelben Weg einſchlug wie der Hund⸗ Die ganze Erſcheinung war augenblicklich geweſen denn im nächſten Moment waren Hund und 16 im Gebüſche verſchwunden; aber troz ihrer vorüber⸗ gehenden Natur war Lothar gleichwohl auf einmal in den wilden Wirbel ſeiner Leidenſchaften zurückge⸗ ſchleudert worden. Er ſprang auf als wollte er dem Entſchwundenen nachſezen, aber in dieſem Augenblick ſtand Schuldfried vor ihm. Auch ihre Züge trugen nicht mehr den ſtrahlenden lächelnden Ausdruck wie beim Eintritt in die arme Hütte. Das Elend das ſie da geſehen, hatte die Freude weggeblaſen. Ihre Gedanken waren ſo feſt darauf gerichtet daß ſie den düſtern Ausdruck in Lothars Geſicht nicht beachtete. Sie ſagte bloß: „Laſſen Sie uns gehen.“ Lothar gehorchte und nun gingen ſie lange ſchwei⸗ gend neben einandek⸗ Endlich wandte ſich Schuldfried gegen ihn und ſagte mit bittender Stimme: 6 „Sie ſind ein Freund des Eigenthümers von Kronbrück; ſagen Sie ihm doch daß ein kleines Scherflein von ſeinem Ueberfluſſe ihm den Segert einer Familie verſchaffen könnte. Bitten Sie ihn der bedürftigen Waldſchüzenfamilie zu helfen. Ein ſo reicher Herr ſollte auf ſeinen Gütern keine ſo armen Geſchöpfe haben wie dieſe ſind.“ „Noch heute ſoll ihrer Armuth abgeholfen wer⸗ den,“ antwortete Lothar. „Dank für das Verſprechen.“ „So bedürftig dieſe Leute ſein mögen,“ fuhr Lothar fort,„ſo bezweifle ich doch ob ſie ſo arm ſind wie derjenige deſſen Unterſtüzung Sie für die⸗ ſelben in Anſpruch nehmen.“ 17 Schuldfried bemerkte jezt erſt ſein düſteres Aus⸗ ſehen. „Wie finſter Sie dreinſchauen!“ rief ſie;„haben auch Sie ein Bild des Kummers vor Augen gehabt, ſo lange ich drinnen war?“ Ich habe immer Bilder des Kummers ſo lange ich Sie nicht ſehe. In Ihrer Nähe vergeſſe ich mein unglückliches Schickſal und gebe mich dem Entzücken des Augenblickes hin. Sie zaubern alle düſtern Ge⸗ danken gleichſam hinweg, und ich vergeſſe die Wirk⸗ lichkeit über den Träumen die mich bethören. So z. B. haben wir auf. dem ganzen Herweg geſcherzt, und gleichwohl hatte ich einen ganz anderen Grund warum ich eine dritte Perſon. anſprach um dieſe Unterredung zu erlangen.“ „Sie haben Recht; daran dachte ich nicht.“ Schuldfried blieb ſtehen und fügte ruhig hinzu:„Sie kommen doch nicht um mir Lebewohl zu ſagen?“ „Und wenn es ſo wäre?“ Lothars Blick ruhte auf Schuldfried als wollte er in ihrem Herzen leſen. „Das würde mich tief betrüben.“ Ihre Augen ſtanden voll Thränen. Schuldfried ſezte ſich auf einen Felſen der ſich neben dem ſchmalen und beinahe ungebahnten Fußpfad erhob worauf ſie gingen. Sie würden mich alſo vermiſſen?“ ſtammelte othar. .„Ich würde Sie ſehr vermiſſen. Vielleicht allzu ſehr, mehr als ich ſollte,“ flüſterte Schuldfried. „Wenn es ſo iſt, wie konnten Sie mich dann neulich ſo lang ohne alle Gelegenheit Sie zu treffen laſſen?“ „Es hing ja nicht von mir ab. Mein Freund Schwartz Schuld und Unſchmld. I. 2 — 18 und Tage ſagten immer, ich dürfe nicht allein gehen, und deßhalb holten ſie mich ab. Geſtern war ich wirklich ſo tief betrübt darüber mit Ihnen nicht ſprechen zu dürfen, daß es mir ſogar auf Junta ganz und gar nicht wohl zu Muthe war.“ „Erinnern Sie mich nicht an geſtern, denn ſonſt tritt mir Ihr Bild vor die Augen wie Sie mit die⸗ ſem jungen Manne da auf der Weidenbank ſaßen.* O in dieſem Augenblick fand ſich nicht ein einziger freundlicher Gedanke, nicht eine einzige Erinnerung an mich in Ihrer Seele vor. Auch hätte dieſes Bild von Ihnen und von ihm mich beinahe ſo weit getrieben daß. Lothar that ſich Einhalt als erſchräcke er über ſeine eigene Heftigkeit; dann fügte eer, als er Schuldfrieds unruhigem Blick begegnete, hinzu:„Verzeihen Sie mir, ich will und werde ruhi⸗ ger werden. „Ich begreife nicht warum Sie aufgeregt ſind, warum meine Beſprechung mit Tage Ihren Zorn hervorrufen kann. Sie ſagen, ich hätte Sie ver⸗ geſſen, und dennoch ſprachen wir gerade von Ihnen.“ „Sie ſprachen mit ihm von mir?“ „Ja gewiß, oder vielmehr Tage ſprach von Ihnen und ich erzählte ihm von unſerer Bekanntſchaft.“ „Ich beneide den jungen Mann um ſein Glück.“ „Sie beneiden ihn? Und um was?“ „Um Deine Liebe,“ hätte Lothar ſagen mögen, aber in Schuldfrieds Haltung lag Etwas was ihn zwang mit erkämpfter Ruhe zu ſagen: 2 3 „Um die Freundſchaft und das Vertrauen womit Sie ihm zugethan ſind.“ „Aber mein Gott, ich kann Sie nicht auf die⸗ 19 ſelbe Art lieben wie Tage,“ fiel Schuldfried lächelnd ein.„Er und ich waren ja als Kinder die einzigen Freunde für einander. Er iſt mein Bruder und ich bleibe immer ſeine Schweſter.“ „Wenn er Ihr Bruder iſt, was bin dann ich?“ „Das weiß ich nicht; ich weiß bloß daß es mir Freude macht Sie zu ſehen, daß ich gerne Ihre Freundin ſein möchte. Aber wenn man ſagte, ich müſſe auf Ihre oder Tages Freundſ ſt verzichten, ſo wäre es die Ihrige, weil „Weil ſie Ihnen gleichgiltig* fiel Lothar heftig ein.„H ich weiß ja daß ich Nichts für Sie bin.“ „Sie wiſſen das Gegentheil,“ ſagte Schuldfried, dießmal beinahe verdrießlich;„aber es iſt recht böſe von Ihnen immer zu glauben daß ich etwas Ande⸗ res ſage als was ich denke.“ Jezt erhob ſie ſich um zu gehen, aber Lothar hielt ſie auf mit den Worten: „Bleiben Sie, ich bitte, und verzeihen Sie mir meine Ausbrüche von Heftigkeit. Ich will ruhig ſein, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, was Sie auch ſagen mögen; nur hören Sie mich geduldig an und antworten Sie mir aufrichtig.“ „Das verſpreche ich.“ Schuldfried ſezte ſich wieder. Iſt es Ihnen nie eingefallen,“ begann Löthar, „darüber nachzudenken was mich unaufhörlich in Ihren Weg zurückführte?“ „Sie haben mir ja geſagt daß meine Geſellſchuft Ihnen Vergnügen mache, und da es mir eben ſo geht, ſo habe ich mich in keine Grübeleien über eine ſo einfache Sache eingelaſſen.“ 20 „Aber Sie beſizen neben Ihrer Unerfahrenheit einen von Natur überlegenen Verſtand, und dieſer muß Ihnen unwillkürlich ſagen daß der Reiz den Ihre Gegenwart auf mich ausübt, von einem ſtärkern Gefühl ausgeht als von einem augenblicklichen Ver⸗ gnügen.“ „Ja, ich glaube daß Sie mich lieb haben.“ Schuld⸗ fried erröthete gelind. „Sie haben Recht. Ich habe Sie wirklich ſehr lieb. Sie ſind das einzige lebendige Weſen an das ich mich mit Seele und Herz gefeſſelt habe. Schon bei Ihrem erſten Anblick waren Sie mir theuer und lieb, ſo lieb daß ich fürchtete, meine Worte oder beunruhigen. Obhſchon Ihre Freundſchaft das koſt⸗ barſte Geſchent war das Sie geben konnten, ſo ſcheute ich mich beinahe es anzunehmen, weil ich fürchtete, mein Gefühl für Sie möchte einen an⸗ ſpruchsvolleren Character bekommen. Ich wollte Sie nicht meinen heftigen Leidenſchaften ausſezen. Um Sie, wenn auch nur einige Minuten, täglich zu ſehen, hätte ich gern alle weltlichen Vortheile von mir geworfen. Sie ſind Alles was die Erde Liebes und Theures für mich beſizt, und gleichwohl würde Sie, wenn nicht meine Verzweiflung darüber daß ich Sie jezt verliere mich dazu getrieben hätte. Ich weiß daß Sie mich nicht lieben, ich leſe das in die⸗ ſem Augenblick auf Ihren bleichen Wangen, und ich habe nie darauf gehofft. Aber ich hatte gehofft daß Ihr Herz auch keinem Andern gehören würde. Auch dieſe Hoff irgend Etwas von mir möchten Sie ſchmerzen oder nung haben die Umſtände mir entriſſen.“ 3 ich vielleicht nie geſagt haben: Schuldfried, ich liebe 3 1 21 Schuldfried verbarg ihr Geſicht in den Händen; ſie weinte. Lothar rief:. „Aus Gnade, aus Barmherzigkeit, weinen Sie nicht! Haben meine Worte Sie ſo erſchreckt daß ſie Thränen hervorrufen? Flößt meine Liebe ſolchen Abſcheu ein? O ſprechen Sie, ſagen Sie ein ein⸗ ziges Wort der Verzeihung, des Mitleids. Ehe ich Ihnen einen bittern Augenblick bereite, will ich lie⸗ ber dieſe Gegend verlaſſen und nie hieher zurückkeh⸗ ren. Ich werde, wenn Sie es wünſchen, ſo weit wegfliehen, daß nicht einmal der Klang Ihtes Na⸗ mens mein Ohr treffen ſoll. Ihnen Kummer zu bereiten iſt für mich der Tod. Möge ich daher lieber zu der bittern Qual verurtheilt werden Sie als die Braut eines Andern glücklich zu ſehen!“ „Nie!“ flüſterte Schuldfried. „Nie!“ rief Lothar und ergriff ihre Hand.„Schuld⸗ fried, ſpielen Sie nicht mit mir? Sagen Sie, was enthält dieſes Nie? Werden Sie nie die Braut eines Andern werden?“ Schuldftied zog raſch ihre Hand weg, erhob ſich und ſagte: „Nein, eine innere Stimme ſagt mir das. O mein Gott,“ fügte ſie traurig hinzu, indem ſie ſich zu Lothar wandte,„warum haben Sie ſo zu mir ge⸗ ſprochen? Warum haben Sie mit Ihren Worten die Freude zerſtört die ich in Ihrer Nähe empfand?& Jezt iſt es als ob eine ganze Welt zwiſchen uns läge, ſo verändert erſcheint mir Alles. Wenn Sie Barmherzigkeit haben, ſo ſprechen Sie nicht mehr ſo.“ „Geben Sie mir Ihre Hand,“ bat Lothar,, und ſagen Sie daß Sie nicht böſe ſind, ſagen 8 22 „Hier iſt meine Hand. Ich bin nicht böſe, abe ich bin betrübt. Ich fühle mich mir ſelbſt fremd un gleichſam geſchieden von denjenigen die ich früher am innigſten liebte.“ Lothar führte ihre Hand an ſeine Lippen und ſtammelte: 4 „Warum mir auf einmal ſo viel und ſo wenig Hoffnung geben? Morgen, vielleicht ſchon heute wird Tage Ihre Hand begehren. Sie werden dann. „Seine Schweſter bleiben. Tage wird mir nie ein ſolches Leid anthun wie dasjenige iſt das Sie jezt andeuten. Zwiſchen ihm und mir ſtehen Sie.“ Schuldfried that einige Schritte um ſich zu ent⸗ fernen. Lothar folgte ihr. Sie wandte ſich um mit den Worten: „Wenn Schuldfried Ihnen lieb iſt, ſo verlaſſen Sie ſie jezt. Sie bedarf der Einſamkeit.“ „Und wann, wann ſehe ich Sie wieder?“ „Ich weiß nicht. Machen Sie jezt keine Fragen.“ Sie ſ ſah ihn mit ſo bittendem Blicke an, daß Lothar mit einer ſtummen Verbeugung auf die Seite trat und ſie vorbei ließ. Er blieb unbeweglich auf dem Plaze. Als ſie ein Stück weit gegangen war, wandte ſie ſich um und blieb ſtehen. Im Augenblick war Lothar an ihrer Seite. „Wünſchen Sie Etwas?“ „War es Ihre Abſicht mir heute Lebewohl 6 ſagen?“ fragte ſie mit zitternder Stimme. „Ja.“ „Wann werden Sie reiſen?“ „Das hängt von Ihnen ab.“ ſezte ihren 2 fort und Lothar — 23 ing an ihrer Seite. So verfloß eine gute Weile. Pzuch ſagte ſie mit einem halben Lächeln: „Ich glaube, wir vergeſſen ganz was wir ſo eben ſagten.“ „Vergeſſen?“ „Ja, wenigſtens jezt. Eigentlich weiß ich nicht warum ich ſo ſehr erſchrack. Sie ſind ja ganz ſich ſelbſt gleich, ganz ſo wie ich Sie mir gerne dachte. Sie ſehen gar nicht ſo düſter aus wie dort.“ Sie nickte mit dem Kopfe nach dem Plaz wo ſie früher geſprochen hatten. Der Weg war hier ſehr ſteinig und abſchüſſig. Lothar reichte Schuldfried die Hand um ihr zu helfen und Schuldfried nahm dieſelbe, während ſie fortfuhr: „Sie kommen mir manchmal vor wie zwei Men⸗ ſchen. So eben noch erſchrack ich beinahe vor Ihnen und mir ſelbſt, und ich hatte große Luſt uns beiden zu entlaufen. Jezt iſt es mir wieder als ob wir alte gute Freunde wären.“ „Freunde,“ wiederholte Lothar mit einem beinahe traurigen Blick. „NRicht dieſe Miene; ſonſt könnte ich wieder ent⸗ ſpringen wollen, um mich hernach darüber zu be⸗ unruhigen daß ich Sie betrübt habe.“ Schuldfried ſah Lothar mit einem ſo freundlichen und herzlichen Ausdruck an, daß man keines Zauberglaſes bedurfte um eine reine und wahre Ergebenheit darin zu leſen. Gleichwohl hatte dieſer plözliche Wechſel in Schuld⸗ frieds Benehmen etwas ſo Eigenthümliches und Un⸗ gewöhnliches, daß Lothar ſich dadurch einige Augen⸗ blicke verblüfft fühlte. Erſt war ſie traur weſen und hatte geweint, hernach ſcheu, und j 24 wieder das ungekünſtelte Kind das mit der unbe⸗ fangenſten Aufrichtigkeit von ſich ſelbſt ſprach. Lothar betrachtete ſie mit verwundertem Blick, während ſie den Abhang hinabgingen, und Schuldfried ſtüzte ſich auf ſeine Hand. S„Sie bereuten es alſo daß Sie mich ſo plözlich erlaſſen wollten?“ ſagte er. „Ja, und darum blieb ich ſtehen.“ Sie lachte: „Ich war gezwungen ſo zu handeln, ſonſt hätte ich keine Ruhe bekommen, ſondern den ganzen Tag Ihr trauriges Geſicht vor mir gehabt. Sie haben mir wirklich viele unruhige Augenblicke bereitet.“ Schuld⸗ fried hielt den Kopf ſchief und warf ihm einen zärt⸗ lichen und dennoch ſchalkhaften Blick zu. Lothar blieb ſtehen und betrachtete ſie mit einem Ausdruck von Zufriedenheit und Glück wie Schuld⸗ fried noch nie geſehen hatte. „Habe ich Ihnen unruhige Stunden bereitet?“ fragte er und lächelte. „Haben Sie die Güte weiter zu gehen,“ ſagte Schuldfried, die ebenfalls hatte ſtehen bleiben müſſen. „O nein, ich habe keine Luſt zu gehorchen, be⸗ vor Sie mir geantwortet haben. Ueberdieß will ich Sie recht betrachten, um den Ausdruck den Ihr Ge⸗ ſicht jezt trägt meinem Gedächtniß einzuprägen.— Wann ſoll ich reiſen?“ fügte er mit einer Stimme hinzu, welche die kleine Hand die in der ſeinigen ruhte zum Zittern brachte.. „Das werde ich Ihnen ein andermal ſagen, aber jezt will ich nicht länger hier ſtehen.“ wortet.“ „Sie haben meine erſte Frage noch nicht beant⸗ —.— —,——— —, „Ich laſſe mich nicht zwingen; noch mehr, ich will ſie nicht beantworten.“ Sie gingen wieder weiter und Lothar ſagte ſcherzend: „Das finniſche Mädchen hat jezt einen Ruſſen zur Stüze.“ Schuldfried wollte ſeine Hand loslaſſen, aber er behielt ſie feſt, indem er in ernſtem Tone hinzufügte:„Es gibt eine Macht die alle Volks⸗ ſtämme vereinigt, die nichts öon beſonderen Väater⸗ ländern weiß, ſondern die Bevölkerung der ganzen Erde zu einer einzigen macht; und dieſe Macht iſt die Liebe. In der Liebe knieen wir Alle vor dem⸗ ſelben Gott, und ſeine Vaterarme ſtehen uns Allen offen. Alles was von ihm ausgeht iſt beſtimmt das zu vereinigen und zu verſöhnen was Haß und Vorurtheil abgeſondert haben. Die Liebe gleicht Alles aus und veredelt Alles.“ Sie waren jezt am Fuße des Hügels, und Lothar ließ ihre Hand los mit den Worten:„Sie ſind wieder frei. Fühlen Sie ſich jezt glücklicher?“ „Ich habe mich nicht unglücklich gefühlt.“ „Sie ſind ein wunderliches Mädchen und rufen auf eine unerklärliche Art bald Glauben, bald Zwei⸗ fel hervor. Sie ziehen mich zu Ihnen hin und doch zwingen Sie mich in der Entfernung ſtehen zu blei⸗ ben; Sie halten die Worte auf meine Lippen ge⸗ feſſelt und doch nöthigen Sie mich zu ſprechen. So auch jezt. Ich möchte in dieſem Augenblick eine Frage an Sie ſtellen, aber ich wage es nicht, und gleichwohl enthält die Antwort auf dieſe Frage mein ganzes. Leben.“ 22 „So fra wieder Unruhe und Furcht hervorrufen. In dieſem Augenblick fühle ich mich ſo glücklich, daß ich gerne dieſen Eindruck wahrer Freude behalten möchte.“ Bei der Allee trennten ſie ſich. Lothar ſagte da: „Ueberzeugen Sie ſich morgen um dieſe Zeit daß die Familie des Waldſchüzen die Unterſtüzung erhalten hat welche Sie heute begehrten. Sie gehen doch hin?“ „Ganz ſicher,“ antwortete Schuldfried. Der morgende Tag— was er im Schilde führt, wiſſen wir nie, wir haben immer Urſache ihn zu fürchten. Während die oben beſchriebene Scene zwiſchen den beiden jungen Leutchen ſtattfand, wollen wir einen kleinen Beſuch auf Junta machen und hernach ſehen was ſich auf Ektorp zuträgt. Zur ſelben Zeit wo Schuldfried die Zeilen vom Doctor erhalten hat, ging Tage mit ſeinem Hunde auf die Jagd. Er empfand ein unwiderſtehliches Bedürfniß durch irgend eine heftige Bewegung ſeine Unruhe zu verſcheuchen. Er traf Aberney nicht ehe er ausging, ſondern ſagte zu Tante Sara, er würde erſt zum Mittageſſen heim⸗ kehren. Als daher Aberney zum Frühſtück kam, fand er bloß Sara. Der Profeſſor ſah gedankenvoll aus und antwortete einſilbig auf ihr Gerede. Nach dem während ſie mit der andern ihre Schürze glättete. ſchon lange aufgeſchoben habe.“ „ ——— Cafe wollte Aberney wieder auf ſein Zimmer gehen, aber die Alte legte ihre eine Hand auf ſeinen Arm, „Lieber Nefſe, ich habe Etwas zu ſagen was ich 27 „Kannſt Du nicht noch länger damit warten?“ fragte Aberney mit einem Lächeln, das zu erkennen gab daß er ungemein dankbar ſein würde wenn ſie dieß thäte.* „Nein, das kann ich nicht weil es ſich um Schuld⸗ fried handelt.“ „Beſte Tante, es iſt wohl nicht die Rede davon ſie zu verheirathen?“ „O nein, Du brauchſt Dich nicht darüber zu be⸗ unruhigen daß ich mich in dieſe Sache miſchen könnte, obſchon ich weder taub noch blind bin und daher nur zu gut weiß daß Tage ganz unglückſelig in das Mädchen verliebt iſt; aber ſieh, ich habe auch noch etwas Anderes bemerkt was Dir entgangen zu ſein ſcheint, nämlich daß das Mädchen ganz und gar nicht in ihn verliebt iſt.“ „Ei liebe Tante, das iſt kein Grund mich auf⸗ zuhalten um von dieſen Beobachtungen zu ſprechen, zumal da Du ſehr leicht die Wahrnehmung machen kannſt daß ich etwas Anderes zu denken habe.“ „Jezt würde ich ganz Recht daran thun wenn ich ſchwiege, um Dich für Dein Benehmen gegen Deine alte Tante zu ſtrafen; aber ich bin eine Chri⸗ ſtin, und darum halte ichs für meine Pflicht gewiſ⸗ ſenhaft zu handeln, zumal da es das Wohl eines Kindes betrifft.“ „Zur Sache denn! Um was handelt es ſich?“ „Um Schuldfried, habe ich ſchon geſagt, obſchon Du nicht darauf hören willſt, ſondérn mich wie immer mit Deinen kurzen Antworten abzuſpeiſen ſuchſt.“ Aberney kannte Tante Saras Gemüthsart und wußte daß er ſich, wenn ſie vor den Kopf geſtoßen 28 wurde, ihrem Wortſchwall unterwerfen mußte, oder daß ſie ihm mehrere Wochen lang ein ſaures Geſicht ſchnitt. Er faßte daher ſogleich ſeinen Entſchluß, als er merkte woher der⸗Wind blies; er ſezte ſich ſeufzend auf den Salonſopha, um Sara Alles ausſprechen zu laſſen was ſie auf dem Herzen hatte. Als ſie ſich mit geläufiger Zunge darüber ergoſſen wie ſie behandelt werde, wie wenig Rückſicht man auf ſie nehme u. ſ. w., war der Aerger vorüber und Sara wieder gut wie Gold. Jezt erſt hatte der Profeſſor Hoffnung zu erfahren was ſie eigentlich mitzutheilen hatte, aber er hütete ſich wohl ein Wort zu ſagen was einer Erinnerung glich, weil er ſonſt leicht in eine neue Sündfluth hätte gerathen können. Als Tante Saras Rede vorüber war, holte ſie tief Athem, glättete ihre Schürze und ſagte in einem gänzlich veränderten Ton: 6. „Hat Schuldfried Dir geſagt daß ſie während des Sommers eine Bekanntſchaft gemacht hat?“ „Nein, das hat ſie nicht,“ antwortete der Pro⸗ feſſor mit einer Miene gänzlicher Gleichgiltigkeit, die es Jedermann unmöglich machte ſeine Gedanken zu erforſchen.„Nun, was iſt das für eine Bekannt⸗ ſchaft?“ fragte er. 3 „Ein junger Mann. Entweder iſt es der jung. Caniz oder einer von ſeinen Gäſten.“ „Du weißt nicht beſtimmt wer es iſt?“ „Nein, das weiß ich nicht; wohl aber weiß ich beſtimmt daß er ſie während Deines ganzen Aufent⸗ haltes in Abo täglich traf; daß er auf allen Spa⸗ ziergängen bei ihr war und oft ganze 5 mit 4 * ₰ * 29 „Wer hat das Alles erzählt?“ „Mutter Monika in U.; ich glaubte es jedoch nicht, denn die Alte ſchwazt ſo viel wenn der Tag lang iſt. Aber als ich das lezte Mal im Pfarrhaus war, ſagte mir die Pfarrerin, ſie habe es auch ge hört, ihre Knechte haben ſie verſchiedene Mal gehhen und die Dienerſchaſt auf Kronbrück habe geſagt daß der Baron jeden Tag auf den Hof der Wittwe reite. Auch der Waldſchüz ſah Schuldfried mit einem jungen Herrn im Wald ſpazieren gehen, der gewöhnlich an der Ecke auf ſie warte. Jezt meine ich daß Du, da Du einen großen Ein⸗ fluß haſt, mit ihr über die Sache ſprechen ſollteſt, da die Mutter es nicht verſteht beſſer auf das Mäd⸗ chen Acht zu geben. Wir wiſſen beide recht gut daß Schuldfried alles das im puren Unverſtand ge⸗ than hat, und obſchon es wahrlich in meiner Jugend nicht anging daß ein ehrbares Mädchen mit einem jungen Mann auf den Straßen herumſtrich, ſo ſehe ich doch wohl ein daß es aus lauter Unwiſſenheit geſchehen iſt. Nun kann es inzwiſchen ſo gekommen ſein daß dieſe Unwiſſenheit zwei böſe Folgen mit ſich geführt hat: erſtens daß die Leute zu ſchwazen au⸗ gefangen haben und zweitens daß Schuldfried ihr Herz verloren hat.“ „Was veranlaßt Dich zu einer ſolchen Vermuthung, Tante?“ fragte Aberney. „Was mich dazu veranlaßt? Wie kannſt Du „ſo curios fragen? Glaubſt Du denn daß ein Mäd⸗ chen wie Schuldfried, das gewöhnt iſt nur zu thun was ihr Vergnügen macht, jeden Tag hingehen und einen jungen Mann treffen würde, wenn ſeine Ge⸗ — aft ihr nicht eüehm wäre? Die geſunde in lieber Victor, ſagt ja daß ſie eine Neigung zu ihm haben muß. Ueberdieß liegt in dem⸗ kleinen Umſtand daß ſie mir, Dir und Tage die ganze Bekanntſchaft verſchwiegen hat, ein ſchweres und ſchlimmes Zeichen. Ein Mädchen iſt immer rückhältſam wenn ihr Herz ins Spiel kommt; iſt ſie aber ſonſt offen und ſchweigt auf einmal, ſo kann man als ausgemacht annehmen daß ſie...“ „Daß ſie in ihrer Einfamkeit mit kindlicher Freude Alles umfaßt was von dem gewöhnlichen einförmigen Leben abweicht,“ fiel Aberney ein und erhob ſich, indem er hinzufügte:„Was Du mir da erzählt haſt, Tante, das habe ich ſchon vor vierzehn Tagen gewußt.“ „Vor vierzehn Tagen?“ rief Sara, indem ſie mit beiden Händen ihre Schürze glättete,„und Du heſt nichts geſagt? haſt ihr nicht vorgeſtellt wie übel ſie handle, wie ſie ihre weibliche Würde gänzlich ver⸗ geſſe? wie ſie.. „Nichts von alle dem begreift was Dich in Angſt ſezt, Tante. Nein wahrlich, ich habe Nichts geſagt und werde auch Nichts ſagen, obſchon ich Etwas weiß was Du nicht weißt, nämlich wer der junge Mann iſt; aber,“ fügte Aberney mit einem eigen⸗ thümlich ſchlauen Blinzeln hinzu,„warum haſt Du nicht ſelbſt mit Schuldfried geſprochen?“ „Ich? H dafür glaube ich mich zu gut. Sie wäre im Stande mir mit ihrem vornehmen Geſicht⸗ chen zu antworten daß ich mit ihrem Thun und Laſſen Nichts zu ſchaffen habe. Ich bin nicht ihr Lehrer und habe auch durchaus nicht ihre Grziehung übernommen.“ „Ganz richtig, und überdieß haſt Du gegen das ſchöne Kind eine Schwäche die Dir allen Muth raubt ihr etwas Unangenehmes zu ſageß.“ Aberney lachte.„Du meinſt, die Mentorsrolle paſſe für mich.“ „Aber Du ſcheinſt es nicht zu meinen,“ ſagte Sara etwas ſpizig. „Ich habe das Hofmeiſtern nie ausſtehen können, und ich halte Vorleſungen über Paſſend und Un⸗ paſſend, Recht und Unrecht für überflüſſig. Ich halte mich nie an die Theorie, ſondern nur an die Praxis. Deßhalb habe ich ganz einfach, ohne daß Schuld⸗ fried es ahnte, ſie verhindert den jungen Mann zu ſehen. Worte ſind immer unmächtig. Das Einzige was wirkt ſind Handlungen. Jezt, beſte Tante, wol⸗ len wir nicht mehr von der Sache reden. Ich hoffe übrigens Schuldfried noch vor Schluß der Woche einen geſezlichen Beſchüzer verſchafft zu haben, welchem das Recht zuſteht zwiſchen ſie und jede Perſon zu treten die ihrer Ruhe gefährlich iſt.“ Aberney verließ das Zimmer ſo ſchnell daß Tante Sara Nichts fragen konnte. Sie trippelte in die Küche hinaus und beſann ſich gewaltig über zwei Dinge: erſtens ob wohl Tage unter dem Beſchüzer verſtanden ſei, oder ob ihre häufig wiederkehrenden Beſorgniſſe daß Aberney ſelbſt Abſichten auf das Mädchen habe begründet ſein könnten; zweitens wie ſie ermitteln ſollte ob Schuldfrieds Bekannter wirklich der junge Canitz ſei. Im lezten Fall mußte das Mädchen gerettet werden, mochte es koſten was es wollte. Sie kam indeß nicht beſonders weit in gen, enn ei Mann trat in die gte nach dem Profeſſor. „Von kommt Ihr und was wollt Ihr?“ fragte Sara, indem ſie ihre Brille aufſezte um den Fremden recht in Augenſchein zu nehmen. „Ich bin Knecht auf Ektorp und ſollte das da dem Herrn Profeſſor übergeben,“ antwortete der Ge⸗ fragte mit einem Krazfuß der eine Verbeugung vor⸗ ſtellen ſollte. „So! Vermuthlich von Fräulein Schuldfried?“ Sara ſtreckte die Händ aus um den Brief zu nehmen. „Ich kann das nicht ſo genau ſagen; aber Jung⸗ fer Annika ſagte, ich dürfe den Brief Niemand geben als dem Herrn Profeſſor ſelbſt.“ Sara warf ihren Hals ein wenig auf, ſtrich ihre Schürze glatt und fuhr in die Küche hinaus, indem ſie dem Knecht ſagte er ſölle in den Saal hinein⸗ gehen und dort warten. Sie ſelbſt pochte an die Thüre ihres Neffen und rief: „Ein Bote aus Ektorp will mit Dir reden.“ Augenblicklich öffnete ſich die Thüre und Aberney ging haſtig an Sara vorbei und in den Saal. Die Alte brummelte: „Man wird es noch erleben daß der alte Narr ſelbſt das Mädchen haben will, aber daraus wird nie und nimmer was. Nein, der Junge ſoll ſie haben ſo wahr ich Sara heiße.“ Inzwiſchen hatte Aberney den Brief empfangen und mit ungewöhnlicher Haſt geöffnet. Er enthiel bloß folgende Zeilen: 5 „Schuldfrieds Mutter wünſcht das ihr durch di Poſt gemachte Anerbieten mündlich beantworten zu 33 dürfen. Sie erwartet Victor Aberney bei ſich ſo⸗ bald er dieſe Zeilen erhalten hat.“ Als der Profeſſor den Brief wieder zuſammen⸗ legte, ſagte der Knecht: „Ich ſolle dem Herrn Profeſſor ſagen daß ich den Wagen bei mir habe.“ „Gut, ich gehe mit.“ Alle Fragen Saras blieben unbeantwortet, und nach fünf Minuten rollte Frau Smiths grüne Chaiſe mit dem Profeſſor nach Ektorp, ohne daß Tante Sara erfahren konnte was dieß Alles zu bedeuten hatte. Als Aberney in der Hausflur ſtand, trat Annika ihm entgegen. Die Augen der Alten waren roth⸗ geweint und ſie war ſo aufgeregt daß ſie nur mit Mühe den Profeſſor bitten konnte ſie zur Frau zu begleiten. Aberney hatte ſchon bei ſeinem erſten Beſuch auf Ektorp in dieſem runzligen alten Geſicht Züge zu erkennen geglaubt die ihm bekannt vorkamen. Er hatte Annika einige Male gefragt ob ſie einander nicht ſchon früher geſehen hätten, und da hatte ſie geantwortet: „Das iſt wohl möglich, obſchon ich mich nicht er⸗ innere.“ Nach dieſer Antwort hatte er ſich nicht weiter mit der Alten beſchäftigt, aber jezt kam es ihm lebhaft ins Gedächtniß, daß er in einer längſt verfloſſenen Zeit dieſem Blick voll Unruhe und Kummer begegnet ſei, daß derſelbe in ſeinen jüngern Jahren einmal ganz mit demſelben Ausdruck auf ihm gehaftet habe. Aberney bekam indeß nicht viel Zeit um Be⸗ trachtungen anzuſtellen, und da er ſelten fragen mochte, ſo folgte er Annika ſchweigend durch den Schwartz, Schuld und Unſchuld. 2 3 34 kleinen Saal. Einen Augenblick blieb die alte Die⸗ nerin vor Frau Smiths Thüre mit der Hand am Schloſſe ſtehen. Sie zögerte gleichſam ſie zu öffnen. Noch einen Blick voll Angſt heftete ſie auf Aberney, dann drehte ſie den Schlüſſel um, die Thüre ging auf, und als Aberney eben über die Schwelle treten wollte, flüſterte Annika: „Haben Sie Mitleid mit ihr!“„ Damit ſchloß ſie die Thüre hinter Aberney und er befand ſich im Zimmer der Wittwe. Gerade vor ihm ſtand Frau Smith auf eine Stuhllehne ſich ſtüzend. Sie glich einem verſteinerten Menſchenbild. Die großen ſchwarzen Augen ſtierten ſeelenlos und gläſern gegen Aberney. Dieſer ſtand unbeweglich vor der Thüre; ein zugleich düſteres und drückendes Gefühl legte ſich auf ſeine ſtarke Seele, als ſein Blick auf die lebendige Leiche in Menſchengeſtalt fiel die er vor ſich hatte. Es war an dieſem Weib etwas ſchauerlich Feſſelndes, was den Blick an dieſe Züge feſtkettete, aus denen alle Beweglichkeit entflohen ſchien. Nach einigen Se⸗ cunden wandte Aberney ſein Haupt, als ſuchte er ſich von der entſezlichen Wirkung zu befreien welche der Anblick von Frau Smith hervorgerufen. Da⸗ bei ſiel ſein Blick auf das Porträt. Kaum hatten ſeine Augen das Bild erſchaut, als er vorftürzté, Frau Smith bei beiden Armen ergriff und mit wil⸗ der Heftigkeit rief: 4 „Unglückliche, wer biſt Du?“ Er riß ſie mit ſich zu dem Porträt vor.„Dieſes Bild!“ Er ſtie ſie mit Entſezen von ſich und murmelte:„Du bi ulſo 35 „Seine Wittwe,“ flüſterte ſie mit lautloſer Stimme und war niedergeſunken, indem ſie Aber⸗ neys Knie umfaßte und verzweiflungsvoll ſtammelte: „Fluche mir, der Verbrecherin, aber ſchone das ſchuldloſe Kind!“ „Es gibt keine Flüche die für Dich gräßlich ge⸗ nug ſind,“ murmelte er und wandte ſich gegen die Thüre als wollte er hinausſtürzen, aber Frau Smith vertrat ihm ſchnell den Weg. Die Hand gegen das Gemälde ausgeſtreckt, ſagte ſie: „In ſeinem Namen fordere ich daß Du bleibſt.“ Der Arm ſank und ſie faltete die Hände wie zum Gebet:„In Schuldfrieds Namen flehe ich.“ „H mein Gott! Dieß iſt alſo ihre Mutter!“ Aberney fuhr mit der Hand über ſeine Stirne und fügte mit einem Ausdruck bittern Schmerzes hinzu: „Das allein fehlte noch.“ Seine Augen hefteten ſich jezt auf das Porträt und nun ſagte er gerührt: „Mögen Deine Züge mich recht lebhaft erinnern daß ſie auch Dein Kind iſt!“ Es entſtand eine lange Pauſe Aberneys Auge ruhte mit tiefem, trauervollem Ernſt auf dem Por⸗ trät. Endlich weckte ihn ein qualvoller Seufzer aus den Gedanken und Erinnerungen welche der Anblick dieſes Geſichtes hervorrief. Er wandte ſich lang⸗ ſam gegen die Wittwe und ſagte mit volltommen wieder gewonnener Ruhe: „Ich bin jezt bereit zu hören.“, wei Stunden ſpäter erdröhnten ſchwere Schritte im Saal, und Annika, die auf ihrem Zimmer im obern Stock war, ſah Aberney ganz langſam ſich entfernen. Die Alte hatte während der ganzen Be 36 ſprechung zwiſchen Frau Smith und ihm abwech⸗ ſelnd geweint, in der Bibel geleſen und kniefällig gebetet. Als ſie ihn jezt gehen ſah, faltete ſie die Hände und flüſterte: „Barmherziger Vater, was Du auch beſchloſſen haſt daß nach dieſer Beſprechung geſchehen ſoll, iſt ſicherlich gut und nützlich für uns. Amen!“ Sie ging die Treppe hinab in den Saal. Auf den Zehen ſchlich ſie ſich an die Thüre der Wittwe und hielt lauſ ſchend das Ohr hin. Es herrſchte laut⸗ loſe Stille, wie wenn kein lebendiges Geſchöpf da⸗ geweſen wäre. Als die Alte lange, aber vergebens nach einem Tone gelauſcht hatte, ſchien ſie zu er⸗ ſchrecken, richtete ſich auf, legte die Hand ans Schloß und drehte den Schlüſſel um. Die Thüre ging auf. — Frau Smith lag bewußtlos auf dem Boden. Im ſelben Augenblick wo Annika mit einem Angſiſchrei zu der Ohnmächtigen voreilte, trat Schuldfried in den Saal. Durch die offene“ Thüre ſah ſie ihre Mutter wie todt daliegen und auf den Knieen neben ihr die laut klagende Annika. Etwas ſpäter ritt der Oberknecht pornſtreichs nach Kronbrück zu dem Arzte. Frau Smith war ſchwer erkrankt. Kaum war Lothar auf Kronbrück in den Salon gekommen als der Doctor eintrat. „Entſchuldigen Sie daß ich unberufen unne aber man hat mir einen Expreſſen aus Ektorp ſchickt.“ „Aus e. rief Lothar und eilte 4f ihn zu 3 „Frau Smith muß heftig erkrankt ſein.“ Der Doctor überreichte Lothar ein Billetchen. Darin ſtand: „Um Gotteswillen, Doctor, eilen Sie hieher; meine Mutter liegt am Sterben⸗ Schuldfried.“ „Wagner, nehmen Sie meine ſchnellſten Pferde und fahren Sie tüchtig zu,“ bat Lothar und ſchob den Doctor zur Thüre hinaus. Zehn Minuten ſpäter jagten des Barons wildeſte Füllen mit dem Arzte fort, der in weniger als drei Viertelſtunden die Meile zurücklegte, welche das Gut von dem Pachthof trennte. Annika, die alte ſtets bedachtſame Dienerin, hatte das Bett ihrer bewußtloſen Herrin in das große Arbeitszimmer bringen laſſen, damit nicht der Blick des Arztes oder eines Fremden in das düſtere Hei⸗ ligthum dringen könnte. Unbeweglich, ohne ein an⸗ deres Lebenszeichen als das unruhige Keuchen der Bruſt, lag Frau Smith auf ihrem Bette. Annika hatte durch Herablaſſung der Fenſtervor⸗ hänge das helle freundliche Gemach in ein düſteres Krankenzimmer verwandelt. An Frau Smiths Bette kniete Schuldfried, die Hand der Mutter feſt in der ihrigen haltend und unruhig auf das jezt ſcharlachrothe Geſicht und die glasartig ſtilleſtehenden Augen blickend. Es war das erſte Mal daß Schuldfried die Mutter von einer Krankheit ergriffen ſah. Zwar war ſie in Schuld⸗ frieds Kindheit einige Male unpäßlich geweſen, wie Annika ſich ausdrückte, aber damals bekam bie Toch⸗ ter ſie nie zu ſehen. Jezt war es Schuldfried als 38 ob das Blut um ihr Herz ſtockte; einen ſo drücken⸗ den Schmerz hatte der Zuſtand ihrer bewußtloſen Mutter bei ihr hervorgerufen. In lauten Klagen hätte ſie der namenloſen Qual in ihrer Bruſt Luft ſchaffen mögen; aber es war als ſei jeder Ton auf ihren Lippen erſtorben, als hätten Unruhe und Angſt mit eiſerner Fauſt ihre Bruſt erfaßt und zuſammen⸗ gepreßt.„ Dem armen Kinde kam es wie eine Ewigkeit vor bis der Doctor kam. Bei jeder Bewegung, beim geringſten Geräuſche fuhr ſie zuſammen und ſchaute nach der Thüre. Endlich nach qualvollem Warten erſchollen die erſehnten Worte: „Der Doctor iſt hier!“ In dieſem Augenblick trat Wagner ein. Schuldfried war äufgeflogen und auf ihn zugeeilt. Sie ergriff ſeine Hand und ſagte mit bebender Stimme: „Retten Sie ſie!“ Des Doctors Blick haftete einige Momente auf Schuldfried, und die glatte Ge⸗ ſchmeidigkeit auf ſeinen Zügen verſchwand vor einem Gepräge wirklicher Theilnahme.. „Ich werde Alles thun was ich kann,“ antwor⸗ tete er, ging zu der Kranken vor, ſchob die Vor⸗ hänge weg, fuhr aber zurück als ſeine Augen auf die Patientin fielen. Er ſtarrte ſie einen Augenblick an, als wollte er nicht an die Wirklichkeit der Er⸗ ſcheinung glauben die er vor ſich hatte. Er be⸗ durfte mehrerer Secunden um ſich zu erholen. Wa ner gehörte nicht zu denjenigen die ſich lange vo Ueberraſchungen beherrſchen ließen. Als er dah den erſten Eindruck überwältigt hatte, drehte er ſi und ſagte zu Annika, die ſich ſogleich an ſein 30 Seite befand:„Ziehen Sie die Vorhänge auf; ich be⸗ 6 darf der Helle.“ Dann beugte er ſich über die Patientin und ergriff ihre Hand um den Puls zu fühlen. Sein Blick hing feſt an ihren Zügen und er dachte: „Ich muß dieſes Geſicht beim vollen Tageslicht ſehen, um mich zu überzeugen daß ſie es iſt. Wenn dieſe verzerrten und entſtellten Züge wirklich dieſel⸗ * ben ſind die ich ſo ſchön ſah, die...“ Jezt wurden die Vorhänge hinaufgezogen und das volle Tageslicht ſtrömte über die Kranke herein. „Sie iſts,“ murmelte der Doctor, beinahe eben ſo bleich wie Frau Smith.„Welches hölliſche Schick⸗ † ſal wirft dieſes Weib wieder in ſeinen und mei⸗ nen Weg?“ Er richtete ſich auf, zog einen Stuhl ans Bett und ſezte ſich. Er verlangté eine Schüſſel und eine Binde; dann öffnete er eine Ader. Als dieß vorbei war, holte Frau Smith tief Athem, rich⸗ tete ſich im Bette auf und ſtieß einen wilden Schrei aus. Der Doctor ſchien dieß berechnet zu haben, denn er faßte ſie behutſam und feſt um den Leib und zwang ſie ſich wieder zu legen. Darauf wandte er ſich an Schuldfried mit den Worten: „Ich wünſche mit der Alten und der Kranken allein zu ſein.“ „Nur ein Wort über.. über meiner Mut⸗ ter Zuſtand,“ ſtammelte Schuldfried. „Wir hoffen daß es beſſer mit ihr wird,“ ant⸗ wortete der Doctor freundlich,„aber hier iſt viel Ruhe und viel Geduld bei ihrer Umgebung erfor⸗ derlich.“ Frau Smith machte jezt eine heftige Anſtrengung um ſich emporzuraffen, aber der Doctor echielt ſie 40 ruhig. Sie murmelte einige verworrene Worte die einen qualvollen Eindruck auf den Arzt zu machen ſchienen, denn er ſagte mit kurzer Stimme: „Fräulein Smith, haben Sie die Güte uns allein zu laſſen.“ Schuldfried ging hinaus. Wagner ſagte zu Annika:„Verriegeln Sie die Thüre, damit Niemand hereinkommt.“ Die alte Dienerin gehorchte. Kaum war dieß geſchehen, als Frau Smith einen neuen Angſtſchrei ausſtieß und ſich aus dem Bette zu ſtür⸗ zen ſuchte, während ſie im wildeſten Irrſinn Worte ſprach welche Geheimniſſe von ſchauerlicher Art bloß⸗ legten. Der Doctor hörte einige Minuten auf das verworrene Gerede, als wäre es ihm Bedürfniß einen Blick in die noch krankere Seele der Kranken zu werfen. Dann wandte er ſich an Annika: „Sie begreifen wohl daß das was ſie jezt ſpricht von Niemand gehört werden darf als von Ihnen, von Gott und mir. Es würde Tod und Verzweif⸗ lung über die Tochter bringen.“ „Ja ich begreife es,“ ſtammelte Annika;„aber wie ſoll ich ſie abhalten ihre Mutter zu verpflegen?“ „So lange die Mutter delirirt, darf Schuldfried das Krankenzimmer nicht betreten. Inzwiſchen will ich hier bleiben, bis wir einen beruhigenden Trank aus der Apotheke erhalten haben.“ Den ganzen Tag durfte Schuldfried die Mutter nicht ſehen, obſchon ſie aufs Innigſte darum bat. In dem etwas düſtern Saale ſizend, zitternd vor Unruhe und die Hände feſt zuſammengepreßt, hor ſie auf die wilden Schreie aus dem Krankenzimmer. Als die Dämmerung einbrach, wurde es drinnen ſtill, und Schuldfried vernahm nur noch ein dunkles — —— 41 Gemurmel. Ein Gefühl der Angſt erfaßte das Herz des jungen Mädchens, und den Blick auf die Thüre gerichtet die zu Frau Smiths gewöhnlichem Zimmer führte, durchdrang ſie in Gedanken das trauervolle Geheimniß das die Mutter umgab. Mit einem neuen Schauer dachte ſie an all die Gegenſtände die in der jezt verlaſſenen Wohnung ein höchſt vbetrübendes Er⸗ eigniß andeuteten. Sie meinte die Thüre aufgehen, das Bild aus dem Rahmen treten und langſam durch das Zimmer ſchreiten zu ſehen. Sie meinte, das Geſicht auf dem Bilde das ſie immer mit ſcheuen Blicken betrachtet hatte ſehe düſter und drohend aus. Während dieſe Phantaſiebilder durch die zunehmende Dunkelheit immer mehr Leben gewannen, öffnete ſich die Thüre zu dem myſtiſchen Zimmer mit einem knar⸗ renden Ton. Schuldfried ſtieß einen ſchwachen Angſt⸗ ruf aus und verbarg ihr Geſicht in den Händen, aber im nächſten Augenblick ſchaute ſie wieder ganz unerſchrocken auf. Gleichwohl erſtarrte das Blut in ihren Adern vor Entſezen, denn vor ihr ſtand ein ſtattlicher Mann, deſſen Züge in dem Dunkel das ſie umgab denen des Porträts glichen. Die Augen ruhten mit einem betrübten und wie es ſchien ſtren⸗ gen Ausdruck auf Schuldfried. Das junge Mäd⸗ chen ſtarrte ganz unbeweglich vor Furcht die Ge⸗ ſtalt an. „Was iſt geſchehen, mein Kind?“ ſagte eine Stimme, welche Schuldfried zu theuer war als daß ſie nicht ſogleich die Kraft beſeſſen hätte die von ihrer Phantaſie hervorgerufenen Schreckbilder zu ver⸗ ſcheuchen. Sie warf ſich in die Arme des Mannes 42 der ſis anredete. Eine Thränenfluth ſtürzte über ihre Wangen und ſie rief: ½„Gott ſei Dank daß Sie kommen, mein Freund. Ach, ich bin ſo namenlos unglücklich! Meine Mut⸗ ter...“ Mehr konnte ſie vor Schluchzen nicht ſagen. „Iſt krank,“ antwortete Aberney;„ich weiß es uund darum bin ich hier.“ Er ſezte ſich und zog Schuldfried an ſein Herz indem er hinzufügte:„Ar⸗ mes Kind, wie aufgeregt Du biſt!“ Ein tiefer qual⸗ voller Seufzer hob ſeine Bruſt.„Warum ſizeſt Du hier?“ fragte er nach einer Pauſe während welcher er Schuldfried ungehindert, den Kopf an ſeine Schul⸗ ter gedrückt, hatte weinen laſſen. „Der Doctor hat mir verboten im Krankenzim mer zu ſein. Er und Annika ſind allein dort. Ic habe nicht hineingehen dürfen. Es iſt immer, immer ſo. Ich darf nie bei ihr ſein. Es iſt als ob man mir gar kein Recht zuerkennen wollte wenn es ſich um meine Mutter handelt. Ich bin gewiß ein ſehr böſes Kind, da man ſo mit mir umgeht.“ Aberney ſtrich koſend den Kopf des Mädchens und ſagte zärtlich: „Keine ſolche Gedanken! Doctor Wagner iſt ein ausgezeichneter Arzt und handelt immer ſo daß er in erſter Linie an die Kranke denkt.“ —à „Aber mein Gott, ſie war ja den ganzen Tag beſinnungslos und im Delirium; es konnte keine böſen Folgen haben wenn ich ſie verpflegte. Jezt bin ich beinahe verrückt geworden. Hier zu ſizen, nur iht wildes Schreien zu hören. Schuldfried weinte zufs Neue heftig. Aberney wurde ſtill. Er begriff — daß der Arzt Schuldfried von der Kranken fern hielt⸗ damit ſie nicht hören ſollte was die Mutter im De lirium ſprach. „Jezt mein Kind,“ ſagte Aberney nach einer kur⸗ zen Pauſe,„mußt Du Dich zu beruhigen ſuchen. Das iſt die erſte wirkliche Prüſung die Gott Dir ſchickt, und ganz ſicherlich iſt es nicht die lezte. Merk Dir daher meine Worte: Der iſt ein ſchlech⸗ ter Chriſt der nicht mit hochgehaltenem Haupt, aber demüthigem Gemüthe die Laſt trägt welche der Herr auf unſere Schulternlegt. Des Menſchen Größe liegt in ſeiner Seelenſtärke und Ergebung in den Willen des Höchſten. Es würde mich ſchmerzen wenn meine liebe Schuldfried nicht die Kraft beſäße das Mißgeſchick würdig zu ertragen. Weinen und eklagen vermindert den Kummer nicht, aber es verhindert uns an der Erfüllung unſerer Pflichten. Verſuche ſtark zu ſein. Glaube mir, man⸗ cher wilde Sturm wird verheerend über Dein Leben hinfahren, und wenn Du beim erſten Windſtoß Dich niederſchlagen läſſeſt, ſo wirſt Du im Kampf unter⸗ gehen. Das Leben iſt ein Streit mit dem Schmerz, und nur derjenige ſiegt der ſeine Zuverſicht auf den Voater droben ſezt.“ Während Aberney ſprach, hatte Schuldfrieds Ge⸗ ſchluchze ſeine Heftigkeit verloren, und als er fertig war, hörte es ganz auf. Sie flüſterte: „Dank! Ich werde dieſe Worte in meinem Ge⸗ dächtniß bewahren und ſie nie, nie vergeſſen.“ Jezt offnete ſich die Thüre des Schlafzimmers 44 und der Doctor trat heraus. Aberney und Schuld⸗ fried erhoben ſich; leztere eilte auf ihn zu. „Wie ſtehts?“ fragte ſie. „Ihre Mutter hat jezt Ruhe bekommen und ich hoffe daß die Nacht einigermaßen ruhig wird. Ich glaube daher meinen Plaz an ihrem Bett auf einige„ Stunden verlaſſen zu können und erſuche Sie den⸗„ ſelben in meiner Abweſenheit einzunehmen.“ † Annika hatte ein paar Lichter angezündet, ſo daß Wagner den Profeſſor bemerkte. Schuldfried war be⸗ reits drinnen an der Mutter Bett. „Ah, gehorſamer Diener, Herr Profeſſor,“ ſagte Wagner verbindlich. Aberney erwiederte den Gruß. „Iſt Frau Smiths Zuſtand bedenklich?“ fragte er. „Für einen andern Menſchen würde er ſehr be⸗ denklich ſein, aber für ſie iſt er nicht ſo gefährlich. Sie beſizt einen ſtarken Körper und ditto Seele, ſo daß ſie ſicherlich die heftige Hirnentzündung überſteht, die vermuthlich durch eine gewaltſame Gemüths⸗ erſchütterung hervorgerufen worden iſt.“ „Sie glauben alſo daß man die Tochter heute Nacht bei ihr laſſen kann?“ „Ja, wenn man ihr fortwährend von der Arznei gibt die ich verſchrieben habe.“ Der Doctor nahm Abſchied und erbot ſich Aberney nach Junta zu füh⸗ ren. Aber der Profeſſor antwortete er gedenke auf Ektorp zu bleiben, um wachen zu helfen im Falle ein Beiſtand nöthig ſein ſollte. N In ſeinen Wagen zurückgelehnt fuhr Wagner mit verhängten Zügeln auf dem Wege nach Kronbrück. 4⁵ „Wunderliche Fügung des Schickſals,“ dachte er. „Dieſes Weib hat mehrere Jahre in meiner Nähe gelebt; ich hätte ſie mit einem einzigen Wort ſtürzen und Strafe und Schande über ihr Haupt bringen können, und ich hatte keine Ahnung daß diejenige die ich mit ſo raſtloſer Beharrlichkeit ſuchte, mir ſo nahe war. Und jezt— jezt bin ich es der ſie ver⸗ pflegt, der ſie aus Tod und Wahnſinn retten wird, der verhindert hat daß ihre Tochter entdeckt wer ſie iſt. Unbegreifliches Räthſel das ſich Schickſal nennt! Und die Tochter— dieſes Kind das zugleich ihre Strafe, ihr bitterſtes Leiden und ihre einzige Freude ausmacht, ſie iſt Gegenſtand der Liebe eines Canitz.— Sollten wirklich die Miſſethaten der Väter an den Kindern heimgeſucht werden? Oder ſind es die Mächte des Abgrunds die ſich an dieſem hölli⸗ ſchen Spiel des Zufalls beluſtigen? Da ich die Fä⸗ den der Ereigniſſe in meiner Hand geſammelt habe, ſo kann ich ſie auch nach meinen Plänen ausſpinnen.“ Ein unglückverkündendes höhniſches Lächeln ſpielte um des Doctors Lippen, und er fügte hinzu:„Schuld⸗ beladenes Weib, in meinen Händen ruht jezt Deiner Tochter Schickſal; wollen ſehen was ich daraus zu machen Luſt habe.“ „Halt!“ erſcholl eine befehlende Stimme, und der Kutſcher, ein echter Ruſſe hielt ſogleich die feurigen Springer an. Wagner ſchaute auf und ſah im Halbdunkel Lothar, der neben dem Wagen ſein Pferd anhielt. Mit einem Sprung wat er unten und ſaß neben dem Doctor in der Drotſchke. „Jahr zu,“ befahl er dem Kutſcher. „Das Pferd!“ wagte dieſer einzuwenden. „Es ſoll ſich den Heimweg ſelbſt ſuchen oder laufen wohin es Luſt hat. Fahre jezt nur.“ Ein Knall mit der Peitſche und der Wagen flog voran. „Nun Doctor?“ ſagte Lothar. „Die Wittwe iſt ſehr ſchwer erkrankt; ich konnte den ganzen Tag ihr Bett nicht verlaſſen.“ „Und die Tochter?“ „Iſt troſtlos. Die Mutter ſcheint ihr ſo lieb zu ſein, daß die bloße Furcht ſie zu verlieren dem jun⸗ gen Mädchen alle. Faſſung raubt. Sie kann die Ungewißheit des Ausgangs kaum ertragen. Ich er⸗ innere mich nicht daß ich je eine größere Angſt ge⸗ ſehen hätte als die ihrige.“ „Sie müſſen die Mutter retten. Ich werde Sie fürſtlich dafür belohnen. Dieſer Engel darf von keinem Kummer betroffen werden.“ „Herr Baron, meine Pflicht als Arzt erfülle ich gegen Freund oder Feind, Arm oder Reich; und Ihr Geld vermag in dieſer Beziehung Nichts über mich.“ „Ich weiß das und vergaß...“ „Daß nicht alle Menſchen feil ſind!“ „Still Wagner, Sie ſehen ja daß ich aufgeregt bin. Wenn dieſes Weib meine eigene Mutter ge⸗ weſen wäre, ſo hätte ihre Krankheit mich nicht ſchwe⸗ rer ängſtigen können als jezt der Fall iſt. Aber warum verließen Sie Ihre Patientin?“ 2 Weil meine Anweſenheit in der Nacht über⸗ flüſſig iſt.“ 2 „Wer hilft der Tochter wachen? Sollten Sie nicht eines von den vielen Frauenzimmern auf Kron brück hinſchicken um ihr beizuſtehen?“ „Ueberflüſſig; Profeſſor Aberney iſt da, und de 47 er doch mit der Zeit die Rechte eines Verwandten bekommt, ſo nimmt er ſchon jezt den zärtlichſten und ſorgſamſten Antheil an Allem was die Bewohner von Ektorp betrifft. Man muß es geſehen haben mit welcher Güte er das junge Mädchen behandelte, um zu begreifen daß ſie in ihm einen wahren Freund und eine feſte Stüze beſizt.“ Lothar ſaß ſtill da; die Dunkelheit verbarg in ihrem Schooße die Schatten welche der Doctor durch ſeine Worte hervorgerufen. Lautlos wurde der Reſt des Weges zurückgelegt. Lothar quälte ſich damit daß er die Aeußerungen des Doctors über Aberneys Zärtlichkeit gegen Schuldfried in ſein Ge⸗ dächtniß zurückrief. Mit Bitterkeit klagte er das Schickſal an, deſſen ungünſtige Fügung ihm nicht ge⸗ ſtatte an ihrer Seite zu weilen. Als der Doctor am folgenden Morgen in aller Frühe in der Wohnung der Wittwe erſchien, fand er zu ſeiner Ueberraſchung Schuldfried gänzlich ver⸗ ändert. Der maßloſe Schmerz den ſie Tags zuvor gezeigt, hatte einer tiefen Ergebung Plaz gemacht. Man ahnte daß das Herz noch von derſelben Angſt zitterte, aber daß ſie jezt mit religiöſer Standhaftig⸗ keit und Unterwürfigkeit ſie zu ertragen ſuchte. In ihrem ganzen Weſen lag keine ſchlaffe Nachgiebigkeit gegen die Schläge des Kummers; es zeugte von Muth in der Stunde der Prüfung; es hatte etwas Achtunggebietendes. Die Stunden der Nacht hatten aus dem Schooße der Schwachheit all die Seelen⸗ 3 ſtärke und all den moraliſchen Muth entwickelt, worin— in Zukunft ihr Schmuck beſtehen ſollte. Der erſte Kummer kam ſo heftig, ſo unvorbereitet und in 48 einem Augenblick wo ſie ſich ſo glücklich fühlte, daß er geradezu wie ein Donnerſchlag wirkte. Aberneys ernſte Worte in der vergangenen Nacht, in welcher er mit ihr über die Weit geſprochen von der ſie ſo wenig wußte und die ſo manchen Schmerz beher⸗ bergte, hatten die ſchlummernden Kräfte in ihrer Seele geweckt. Als Aberney verſtummte und Schuld⸗ fried am Bette der Mutter ſaß und ihre theuern Züge betrachtete, da hatte das Nachdenken ſich ein⸗ geſtellt und ihr ſa Manches zugeflüſtert auf was, ihr Gefühl nicht hatte hören wollen. Das Feuer härtet den Stahl, das Leiden die Seele. Der erſte ſtarke Schmerz welchen Schuldfried erfuhr erweckte ihre Thatkraft und ihr Gottvertrauen zu vollem Leben. Es ſtand ihr jezt klar vor der Seeke daß mit Thrä⸗ nen und Klagen Nichts gewonnen wurde, und deß⸗ halb betete ſie aus der Tiefe ihres Herzens: „Vater, gib mir Kraft mich geduldig unter Dei⸗ nen Willen zu beugen.“ Das Kind war Weib geworden. So dachte auch Wagner als er ſie betrachtete. Später am Vormittag ſtellte ſich das heftige Delirium wieder ein und da mußte Schuldfried das Zimmer verlaſſen. Der Doctor hatte gegen Aber⸗ ney geäußert: „Während dieſer Anfälle halte ichs für das Beſte daß nur ich und die alte Dienerin bei der Kranken ſind“ Ohne Einwendung, ohne ein Wort des Mißver⸗ gnügens darüber daß ſie nicht bleiben durfte, gehorchte Schuldfried; aber ſtatt wie am vorhergehenden T unthätig dazuſizen und auf die Schmerzensſchrei lauſchen, begann ſie das Nöthige anzuordnen und Annikas Plaz in der Haushaltung zu erſezen. An⸗ nika bat ſie einige Ruhe zu ſuchen, aber ſie ſchüttelte den Kopf und antwortete: „Das iſt unnöthig.“ „ Schweigend, mit vollkommener Geiſtesgegenwart und raſtloſer Sorgſamkeit um die Kranke, verlebte Schuldfried ſieben kange Tage in deren Verlauf keine Veränderung im Zuſtande der Mutter eintrat. Aber⸗ ney und Tage hatten mit unermüdlichem Eifer und ausdauernder Freundſchaft ihr und Annika zur Seite geſtanden. Schuldfried war dankbar und freundlich gegen Alle, ſprach aber wenig und ſchien vollkom⸗ men ruhig zu ſein, beſonders wenn ſie drinnen im Krankenzimmer ſizen durſte. Am ſiebenten Tag ſchien auf einmal der wilde Wahnſinn ſich legen zu wollen; die Kranke verfiel in einen ruhigen Schlaf, und als ſie nach einigen Stunden daraus erwachte, war ſie vollkommen klar. Der Doctor hatte geſagt daß Niemand anders als Schuldfried oder Annika bei ihr ſein dürfe, damit nicht Ueberraſchung oder Schrecken nachtheilig auf ihre ſchwachen Kräfte einwirke. Es war um die Dämmerung von einem ſchönen Auguſtabend. Annika hatte ſich erſchöpft durch An⸗ ſtrengung in eine Sophaecke gelehnt und war in einen unruhigen Schlummer verfallen. Schuldfried ſaß auf einem Schemel an der Mutter Bett, ihre Augen auf die Schlafende geheftet. Die unter⸗ gehende Sonne warf durch die herabgelaſſenen Roll⸗ vorhänge einige matte Strahlen in das Zimmer. Sowohl drinnen als draußen herrſchte eine lautloſe Schuldfried hatte die Hände gefaltet und wartz, Schuld und Unſchuld, I. 4 ſtammelte ein demüthiges Gebet. Als ſie eben ein andächtiges Amen flüſterte, ſchlug die Mutter ihre Augen auf und heftete ſie auf die Tochter. Der Blick war klar. Schuldfrieds Herz pochte, da ſie in den großen ſchwarzen Augen einen zärtlichen Ausdruck ſah, ſo heftig vor Freude, daß ihre Stimme zitterte als ſie halb flüſternd fragte:„ „Geliebte Mama, wie iſt Dir's?“ Sie drückte ihre Lippen an die Hand der Mutter. „Bin ich krank geweſen?“ ſagte Frau Smith mit matter Stimme. „Ja, Du warſt ſehr, ſehr krank.“ Jezt ſtanden Schuldfrieds Augen voll von Thränen.„Wie fühlſt Du Dich in dieſem Augenblick?“ „Gut, nur etwas ſchwer und matt im Kopfe.“ Annika erwachte, und nachdem Schuldfried ganz ruhig und behutſam die Mutter darauf vorbereitet daß ein Arzt gerufen worden ſei und jezt im Saale warte um ſich von ihrem Zuſtand nach dem Schlafe zu überzeugen, ging ſie, ohne die Erlaubniß der Mut⸗ ter abzuwarten, nach dem Doctor⸗ Frau Smiths Augen glitten mit ihrem gewöhnlichen ſeelenloſen Ausdruck an ſeinen Zügen vorüber. Wenn er ſie vorher erkannt hatte, ſo war doch deutlich zu ſehen„ daß ſie ihn nicht wieder erkannte. Sie antwortete kurz und einſilbig auf ſeine Fragen; ſodann ver⸗ ordnete er Einiges und verließ das Zimmer. Zu Schuldfried ſagte er: „Ihre Mutter, Fräulein Schuldfried, iſt jezt außer aller Gefahr. Suchen Sie nur dafür zu ſorgen daß ſie ruhig bleibt, dann hoffe ich daß ſie recht bal vollkommen hergeſtellt ſein wird.“ 51 Er forderte Schuldfried auf auszuruhen und ver⸗ ſicherte daß Frau Smith, wenn ſie von den verordne⸗ ten Pulvern eingenommen hätte, die ganze Nacht ruhig ſchlafen würde. Aberney drang ebenfalls darauf daß Schuldfried in ihr Zimmer gehen ſolle um ſich durch Schlaf zu ſtärken. Er ſagte dieß in einem ſo zärtlichen und dennoch ſo beſtimmten Ton daß ſie gehorchen mußte. Auch Annika ſprach dem Kinde zu: es müſſe thun was die alten Leute ſagen; ſie ſelbſt, Annika, wolle in dieſer Nacht noch wachen. Genug, Schuldfried begab ſich auf ihr Zimmer, nach⸗ dem ſie die Mutter eingeſchlafen geſehen hatte. Tage, der den ganzen Tag auf Ektorp geweſen, fuhr am Abend heim, aber Aberney blieb zurück. Nachdem Schuldfried ein warmes Dankgebet zu Gott emporgeſandt, ſchlummerte ſie ein und ſchlief ruhig wie ein Kind. Es war acht Nächte daß ſie nicht geruht hatte. Aberney ſchlich ſich zu der Kranken die einge⸗ ſchlafen war. Später in der Nacht erwachte ſie je⸗ doch und rief Annika: „Ich möchte ihn gerne treffen,“ flüſterte ſie der Dienerin zu. „Den Profeſſor?“ fragte Annika. Aberney ſtand augenblicklich neben dem Bette und reichte ihr die Hand mit den Worten: „Ich habe über Schuldfrieds Mutter ge⸗ wacht. Das Leiden verſöhnt ſo Vieles.“ „Dank,“ ſtammelte die Kranke, dann winkte ſie Annika daß ſie mit Aberney allein ſein wolle. Die Dienerin ging in den Saal hinaus, wo ſie ſich auf —,—— 52 den Sopha legte und einſchlief. Erſt als die Strah⸗ len der Sonne heranbrachen, erwachte Annika, und als ſie ins Krankenzimmer trat, fand ſie Aberney neben der Patientin ſizend, ihre Hand in die ſeinige geſchloſſen. Frau Smith war int tiefen Schlaf ver⸗ ſunken. Des Profeſſors ruhige und ernſte Züge trugen Spuren einer ſchmerzlichen Aufregung; aber wir verlaſſen ſie um zu ſehen wie Schuldfried ſich in ihrem Jungfernſtübchen befindet. „ —— Die Lebensgewohnheiten des jungen Mädchens waren einfach und natürlich wie ihr ganzes Weſen. Zu ihnen gehörte daß ſie Morgens früh aufſtand. Sie glich dem Vogel der mit ſeinem fröhlichen Ge⸗ zwitſcher die aufgehende Sonne begrüßt. Am ge⸗ nannten Morgen war ſie ebenfalls bei Sonnenauf⸗ gaug erwacht, und obſchon ſie ſich durch die Ruhe geſtärkt fühlte und Gott für die Beſſerung der Mut⸗ ter dankte, ſo war doch der Blick womit ſie der Kö⸗ nigin des Tages entgegenkam wehmuthsvoll. Sie ſtand lange am offenen Fenſter und ſah mit Thrã⸗ nen in den Augen auf die blaue Waſſerfläche hinaus. Ein qualvolles Gefühl bedrückte ſie. Sie kam ſich„ ſo einſam vor in der ganzen weiten Welt und den⸗ noch fand ſie dieß undankbar. Wie aufrichtig und. innig liebten nicht Tage und Aberney ſie! Sie hatte dieß während der Krankheit der Mutter deutlicher als je erfahren. Wie war es alſo möglich dieſe qualvolle Leere im Herzen, dieſe unbeſtimmte Sehn⸗ ſucht zu empfinden die ihr ganzes Inneres erfüllt Schuldfried, die heitere, die freundliche und ſor — 2 53 Schuldfried, die in den Tagen der Prüfung ſo viel Seelenſtärke gezeigt hatte, fühlte ein unwiderſteh⸗ liches Bedürfniß zu weinen, ſie wußte ſelbſt nicht recht über was. Jezt zu weinen nachdem Gott ſo gnädig geweſen war und ihr das Leben der Mutter wieder geſchenkt hatte; jezt da ihre ganze Seele von eitel Dank und Freude hätte erfüllt ſein müſſen! Wun⸗ derliches Menſchenherz das niemals zufrieden iſt! Ein, und dasſelbe Bild kehrte unaufhörlich vor ihre Seele zurück, und ſie meinte, während ſie ſo da⸗ ſtand, daß Alles ſich freundlich und heiter geſtalten würde, wenn ſie nur einen einzigen Augenblick dieſe theuern Züge wieber zu ſehen oder von dieſer koſen⸗ den Stimme einige freundliche Worte zu hören be⸗ täme. Sie hatte dieſelbe ſchon ſo lange nicht mehr vernommen. Juſt als dieſer Wunſch, zuerſt dunfel, dann beſtimmt, vor ſie trat, raſchelte es leiſe in der Hecke unter ihrem Fenſter. Schuldfried fuhr zuſam⸗ men und ſchaute hin. Hatte Gott ihr ſcheues Gebet erhört oder war es ihr böſes Schickſal das ihrem Wunſche entgegenkam? das iſt eine Frage die wir nicht beantworten können. Sicher iſt daß Lothar ſo bleich daſtand und einen Blick der innigſten Theil⸗ nahme auf ſie heftete. Schuldfrieds Züge wurden von dem Roſenſchimmer übergoſſen den ein ange⸗ nehmes Gefühl immer hervorbringt. Sie beugte ſich etwas hinab und lächelte Lothar ganz freund⸗ lich zu, als er den Hut abnahm und ſie begrüßte. „Das war eine ſehr traurige Zeit die da ver⸗ gangen iſt,“ ſagte er. „Sehr,“ ſtammelte Schuldfried. ezt iſt doch alle Gefahr vorüber?“ 54 „Ja, Gott ſei Dank!“ „Auch habe ich mich hier eingefunden um Sie um Etwas zu bitten.“ „Und das wäre?“ „Daß Sie, während Pflicht und Gefühl Sie am Krankenbett zurückhalten, mir, der ich Ihre Unruhe nur aus der Ferne theilen darf, geſtatten mögen Ihnen zu ſchreiben, um wenigſtens einige Worte des Troſtes zu erhalten.“ Sein Wunſch war von einem ſo zärtlich bittenden Blicke begleitet daß Schuldfried ſogleich Ja antwortete. Nach einigen Minuten hatte Lothar ſich entfernt, und Schuldfried ſchlich ſich die Treppe hinab und zur Mutter hinein die noch ſchlum⸗ während ihre Hand in der des Profeſſors ruhte. Ein Paar Stunden ſpäter fand ſich der Doctor bei der Kranken ein, an deren Lager er Aberney traf. Wagners Augen weilten mit einem forſchenden Aus⸗ druck auf Frau Smiths Zügen, als wollte er darin leſen was vorgegangen war. Einmal, als er einige Fragen an ſie ſtellte, veränderte er den Ton ſeiner Stimme, ſo daß die Ausſprache eine ganz andere wurde. Da fuhr die Kranke zuſammen und betrach⸗ tete ihn bebend; aber es lächelte ihr ein fremdes Geſicht entgegen das unmöglich mit der Stimme an die er ſie erinnerte in Verbindung ſtehen konnte. Als der Doctor ſich entfernte, begleitete ihn Shuldfried Als ſie ſich im Saale allein befanden, reichte er ih einen Brief mit den Worten: „Wenn Sie für den Schreiber dieſes einiges Intereſſe haben, ſo beſtimmen Sie ihn daß er nicht —— . 55 . die Nächte draußen vor Ihrer Wohnung zubringen ſoll.“ Wagner ſich und ging. Der ganze Tag ging zu Ende ohne daß ſie einen freien Augenblick fand um das theure Schreiben zu leſen; erſt am Abend, als die Mutter einſchlief und Aberney und Tage nach i heimgefahren waren, überſchaute ſie dieſe Zeilen die an ihrem klopfenden Herzen verborgen gelegen hatten. Was enthielten ſie? Ach! ganz daſſelbe wie tauſend andere ähnliche Briee e, nur mit dem Unterſchied daß, während an⸗ dere junge Männer von Liebe ſchwazen und Liebe verlangen, ewige Treue geloben und hinwiederum begehren, Lothar nur von ſeiner innigen Ergebenheit ſprach, wie theuer ihm jeder Augenblick ſei wo er Schuldfried ſehen dürfe, wie er ſie verehre und be⸗ wundere u. ſ. w. Das Wort Liebe wurde nicht ge⸗ nannt, eben ſo wenig ein Buchſtabe von Gegenliebe. — Im BGeiſte des Briefes athmete Wärme, in den Ausdrücken lag eine erſtaunliche Behutſamkeit; im Ganzen verriethen ſich des Herzens edelſte Gefühle und eine Zartheit die nur derjenige zeigt welcher wirklich liebt. Schuldfried ſchrieb einige Zeilen zur Antwort. Sie waren wenig und handelten gar nicht von ihr. Das Schwerſte für ſie war Ddieſen Brief in die Hände des Dotors zu ſpielen. Sie konnte wahrlich nicht den Mi gewinnen ihn nur zu übergeben. Der Doctor kam ihr jedoch zuvor, denn beim Abſchied ſagte er „Haben Sie die Güte das zu ſciten um was ich Sie geſtern bat?“ 1 56 5 Als Antwort darauf reichte ihm Schuldfried den rief. Nach einigen Wochen war Frau Smith ſo ziem⸗ lich wieder hergeſtellt und wurde nur noch von der Schwäche beläſtigt die eine heftige Krankheit immer hinterläßt. Sie hatte einige Stunden täglich in dem † kleinen Erker zugebracht um friſche Luft zu ſchöpfen und Kräfte zu gewinnen. Obſchon der Doctor bei jedem Beſuche erklärke daß ſie als hergeſtellt betrach⸗ tet werden könne und daß die Natur keiner Unter⸗ ſtüzung durch die ärztliche Kunſt mehr bedürfe, ſezte er dennoch ſeine ärztlichen Beſuche auf Ektorp fort. Eines Mittags als er davon zurückkehrte, begab er ſich ſeiner Gewohnheit gemäß zu Lothar hinauf, der ſtets mit Ungeduld ſeiner Heimkunft entgegenſah. Der junge Gutsherr war im großen Salon nicht zu finden, ſondern der Doctor traf ihn im Arbeits⸗ cabinet in einen kaum erſt erbrochenen Brief vertieft. Bei Wagners Eintritt warf er denſelben auf den Tiſch und ging dem Doctor mit der Frage entgegen: „Nun, Doctor, haben Sie einige Worte des Tro⸗ ſtes für mich?“ Schweigend reichte der Doctor ihm ein Billet. Lothar ging ans Fenſter um es zu leſen, während er Wagner den Rücken kehrte. Inzwiſchen richteten ſich die Augen des Doctors auf den Brief den Lo⸗ thar hingeworfen hatte.. „Wiederum dieſe enge und elegante Damenhand die ich inſtinctmäßig verabſcheue. Eine innere Stimme ſagt mir daß die Briefſchreiberin diejenige iſt die 57 meinen Einfluß geſchwächt hat. Troz der Reihe von Jahren die verfloſſen ſind ſeit ich ihn zum erſten Mal von dieſer Hand da Briefe bekommen ſah, iſt es mir nicht gelungen die Verfaſſerin zu ermitteln.“ Mit ſcheinbarer Gleichgiltigkeit näherte er ſich dem Tiſch und nahm eine darauf liegende Zeitung, warf aber zugleich ſeine Augen auf die erſten Zeilen des Briefes. Da ſtand: „Mon blen-aimé Lothard!“ Mehr konnte der Doctor nicht erhaſchen, denn Lothar wandte ſich um. Wagner war jezt gänzlich von der Zeitung in An⸗ ſpruch genommen. „Doctor,“ ſagte Lothar,„wiſſen Sie ob etwas Beſonderes in Ektorp vorgefallen iſt?“ „Nein, Alles iſt ſich gleich. Der Profeſſor iſt täglich da, ſo auch der junge Tage. Frau Smith ſcheint von erſterem beherrſcht zu werden und behan⸗ delt den lezteren mit einer ungewöhnlichen Freund⸗ lichkeit, die bei dem düſtern Weibe etwas höchſt Sel⸗ tenes iſt. Die Tochter iſt wieder das heitere Kind geworden wie vor der Krankheit der Mutter, und es bedarf keines beſondern Scharfſinns um ſogleich zu entdecken daß die jungen Leutchen einander zu verſtehen anfangen, wobei der Profeſſor ihnen Vor⸗ ſchub leiſtet.“ Der Doctor ſah gedankenvoll vor ſich hin. Lo⸗ thar betrachtete Wagner mit einem mißtrauiſchen Blick den dieſer jedoch nicht zu bemerken ſchien. Eine lange Pauſe entſtand. Endlich ſaßte der Doctor: „Ich habe heute beſchloſſen nicht mehr nach Ek⸗ torp zu gehen. Meine Beſuche als Arzt waren längſt überflüſſig, und den Poslilion d'amour will ich nicht länger ſpielen. Ich that dieß aus Freundſchaft gegen Sie, weil ich mir vorſpiégelte daß ich Ihnen damit eine Freude bereiten könnte, aber jezt „Warum unterbrechen Sie ſich?“ fiel Lothar ein, auf deſſen Stirne eine dunkle Purpurfarbe brannte. „Jezt fürchte ich ſowohl für Sie als für das junge Mädchen etwas Schlimmes zu ſtiften wenn ich damit fortfahre.“ „Und der Grund?“ „Sie ſoll die Frau des jungen Aberney werden. Wie man auch die Sache von Seiten der Vernunft oder der Moral betrachten mag, ſo müſſen Sie zu⸗ geben daß es für ſie glücklicher iſt einen geachteten und rechtſchaffenen Mann zu heirathen als... „Verſchonen Sie mich mit Ihren Unterbrechun—. gen und ſprechen Sie gerade heraus.“ Lothar war ungeduldig. „Nun wohl, wie Sie belieben: als Ihre Ge⸗ liebte zu werden!“ „Meine Geliebte!“ rief Lothar;„Sind Sie ver⸗ rückt, Doctor, oder für wen halten Sie mich?“ „Für einen vornehmen ruſſiſchen Unterthanen mit einem warmen lebhaften Herzen und ſtarken Leidenſchaften, aber Verſtand genug um einzuſehen daß die Tochter der armen Wittwe nicht die Frau des Barons Canitz werden kann.“ „Und was ſoll dieß verhindern?“ „Die Verſchiedenheit Ihrer gegenſeitigen geſell⸗ ſchaftlichen Stellung. Sie würden ſich durch ein ſolche Mißheirath die Ungnade des Czaren zuziehen.“ „Pah! Ein Canitz kann heirathen wen er will, —————„ 59 ohne den Kaiſer oder ſonſt Jemand fürchten zu müſſen.“ „Glauben Sie das? Sonſt will ich Sie nur er⸗ innern daß...“ Lothar ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Tiſch und betrachtete den Doctor ſchweigend, mit einem Blick gedämpften Zornes und Stolzes, welcher zur Folge hatte daß Wagner ſich ſchnell unterbrach und, ſtatt ſich vollends auszuſprechen, ſagte: „Sie haben alſo wirklich den Gedanken genährt Fräulein Smith zu heirathen?“ „Nein, ich habe in Bezug auf die Zukunft gar Nichts gedacht. Ich habe pon der Stunde gelebt ohne mich um den nächſten Augenblick zu beküm⸗ mern, weil ich Nichts zu wünſchen wagte um den geringen Antheil den ich an ihrem Wohlwollen be⸗ ſaß nicht zu verlieren; aber jezt fühle ich daß, wenn ſie mir ihr Herz ſchenkte, Nichts in der Welt mich abhalten würde ſie zu meiner Gattin zu machen.“ „Und dennoch liegt da ein Brief der mit den Worten anfängt: Mon bien-aimé Lothard,“ dachte der Doctor. Laut ſagte er: X „Aber wenn Sie auch ihr Herz beſizen, ſo hilft das nicht viel, denn ſie wird ſich aus Freundſchaft gegen den jungen Aberney beſtimmen laſſen ihm ihre Hand zu geben. Sie erfüllt damit den liebſten Wunſch nicht nur ihrer Mutter, ſondern auch ihres liebſten Freundes, Profeſſors Aberney. Ja ich ge⸗ ſtehe aufrichtig, ich ſelbſt finde dieſe Verbindung ſo natürlich und ſehe darin eine ſo ſichere Gewährſchaft für das Glück des Mädchens, daß ich nicht länger den Priefträger machen oder Schuld ſein will, wenn ihr Intereſſe von dem jungen Aberney abgelenkt wird.“ „Sie wollen nicht?“ Alles Blut war Lothar nach dem Kopfe geſtrömt. „Nein! Als ich heute bei meiner Ankunft die bei⸗ den jungen Leutchen im Garten ſizen ſah, ſie den Kopf an ſeine Schulter gelehnt, er die Arme um ihren Leib geſchlungen, da ſchien es mir, ſie ſeien † für einander geſchaffen, und ich dachte: An ſeiner Seite wird ſie bald das Intereſſe vergeſſen das ſie jezt für den Baron hat. Als der Profeſſor ſie dann zärtlich küßte, da kam es mir vor als ſeien dieſe drei Weſen durchaus geſchaffen um ein langes und glückliches Leben zuſammen zu führen.“ Lothars Eiferſucht brannte in hellen Flammen. „So, Sie finden das? Aber ich finde daß Schuld⸗ fried ein viel zu außerordentliches Mädchen iſt um dem Sohne eines politiſchen Ränkeſchmieds wie Aberney in die Arme geworfen zu werden. Vom Vater kann man glauben daß die ruſſiſche Regie⸗ rung jeden Augenblick ihre ſtrafende Hand über ihn erhoben hält.“ „Dann muß man die Leute wiſſen laſſen daß die Aufmerkſamkeit bereits auf den Profeſſor gerichtet iſt. Er kann ja nach Schweden ziehen und dort in ungeſtörter Ruhe das Glück ſeines Sohnes genießen. Es hat in den lezten Tagen Augenblicke gegebe wo ich mich verſucht fühlte Aberney zu whrnen.“ „Ha, das fehlte noch daß Sie mich verriethent Und doch wiſſen gerade Sie recht gut wie unent⸗ behrlich das Mädchen für meinen Seelenfrieden iſt. Sie kennen meine Gemüthsart, meinen ganzen Ch . 61 racter, und Sie haben vom erſten Augenblick einge⸗ ſehen daß ich dieſes Mädchen von ganzer Seele liebte. Welche hölliſche Treuloſigkeit wäre es nicht geweſen den jungen Aberney zu begünſtigen! Ha, ich glaube, wenn Sie das thäten, ſo würde ich Sie zermalmen.“ „Wenn ich ſo gehandelt hätte, ſo wäre es Ihre eigene Schuld,“ antwortete der Doctor ruhig.„Sie haben einmal erklärt daß Sie mich nicht als Ihren Freund betrachten; folglich können Sie auf meine Freundſchaft keinen Anſpruch machen.“ „Sie waren gleichwohl mein Vertrauter, derjenige der meinen Gefühlen Nahrung gab und Vorſchub leiſtete,“ antwortete Lothar heſtig. „Das Erſte gebe ich zu, aber das Lezte ganz und gar nicht. Ich habe beinahe nie aus eigenem Antrieb von dem jungen Mädchen geſprochen; ich habe Ihnen nie eine Hoffnung in Bezug auf ſie zu⸗ geflüſtert. Im Gegentheil habe ich Sie vor dem Einfluß der beiden Aberneys gewarnt; aber da machte man mir Vorwürfe, ich wolle den Teufel in Ihrem Blut wecken. Nun wohl, Herr Baron, die Folge davon iſt daß ich mich nicht verpflichtet glaube Ihren Intereſſen zu dienen, da Sie Alles was ich dabei vornehme als Schurkenſtreiche betrachten. Aber möge jezt diejenige Perſon die Ihnen Mißtrauen gegen mich eingepflanzt hat, Ihnen einen eben ſo guten Rath geben wie ich ihn hätte geben können!“ Lothars Bruſt hob ſich unruhig. Seine ganze Seele war in Aufruhr bei dem Gedanken daß es bloß einiger Worte von Wagner an Aberney be⸗ durfte damit dieſer nach Schweden hinüberreiste und 62 Schuldfried mitnahm, Lothar aber als ein Raub all dieſer Furien die jezt in ſeiner Bruſt rasten zu⸗ rückbleiben mußte. Sie, Schuldfried, hatte ihren Kopf an Tages Schultern gelehnt, während er ſeinen Arm um ihren Leib geſchlungen hielt. Sein Blut kochte bei dieſem Gedanken, beſonders wenn er über⸗ legte daß er ſelbſt kaum ihre Hand zu berühren wagte Zum Doctor ſagte er: „Vergeſſen Sie wenn ich Ihnen Unrecht gethan habe, und beweiſen Sie daß Sie einiges Intereſſe für mich hegen, indem Sie nicht auf die Seite mei⸗ nes Rivals übergehen.“ Der Doctor betrachtete ihn einen Augenblick, dann ergriff er die dargebotene Hand und ſagte mit Nachdruck: „Ich werde ihn nicht warnen.“ „Gut!“ Lothar ging an den Tiſch, warf haſtig einige Zeilen auf ein Papier, verſiegelte daſſelbe und überreichte es dem Doctor mit den Worten: „Schicken Sie dieß mit einem reitenden Expreſ⸗ ſen ab.“ 5 Der Doctor hielt den Brief in der Hand und betrachtete die Aufſchrift, dann ſah er den jungen Mann an: „Was hoffen Sie von einer Beſprechung mit Tage Aberney? Daß er nach Schweden zurückreiſe und ſeiner Braut entſage? Oder glauben Sie es werde Ihnen wirklich auf dem Wege der Ueberredung gelingen einen Finnen von ſeinem Wunſche abzu⸗ bringen? Dann wäre es beſſer Sie ſchafften ihn und ſeinen Vater in aller Stille auf die Seite.“ „Wagner, wecken Sie dieſen abſcheulichen 63 danken nicht wieder in meiner Seele! Ich möchte ihm weit lieber eine Kugel durch den Kopf jagen und „Es Schuldfried überlaſſen Sie zu verabſcheuen und ihn zu beweinen. Verſuchen Sie es, beſter Baron, Ihre Stellung und Ihre Handlungen einen Augenblick beſonnen zu beurtheilen. Sie lieben das junge Mädchen, Schuldfried hegt ein lebhaſtes In⸗ tereſſe für Sie, doch nicht ſtark genug um dem mächtigen Einfluß alter Freunde die Wage zu halten. Sie wollen Allem Troz bieten um ihr Ihren Namen und eine weit glänzendere Geſell⸗ ſchaftsſtellung als ihr jezt geboten wird zu ſchen⸗ ken. Nun wohl, Sie wollen das Mädchen und ſich ſelbſt zugleich glücklich machen; aber dieß wird Ihnen nie gelingen ſo lange die Feinde der Familie Canitz ſie beherrſchen. Dieſe verabſcheuen Rußland, das ruſſiſche Joch, und lieben Schweden. Was iſt alſo einfacher als daß Sie im Bewußtſein hievon dem Profeſſor und ſeinem Sohn Päſſe verſchaffen um binnen acht und vierzig Stunden Finnland zu verlaſſen? Haben Sie ihnen dadurch geſchadet? Nein, dieſe Herren werden nicht nach Sibirien ge⸗ ſchict wie die armen Polen.“ Die Ergebniſſe dieſer Berathung werden ſich bald zeigen. Nach einer Stunde verließ der Doctor das Zimmer und begab ſich nach ſeinem eigenen Flügel.. Die Nacht war weit vorangeſchritten, und noch wanderte Lothar unruhig im großen Salon auf und ab. Der Brief in deſſen Leſung ihn die Ankunft des Doctors unterbrochen hatte, war gänzlich ver⸗ geſſen. Es ging Lothar wie allen Menſchen deren Gefühle bis auf die höchſte Höhe getrieben ſind, daß die ganze Thätigkeit der Seele ſich um einen einzigen Gegenſtand concentrirt der dieſe Steigerung hervorgerufen hat. Lothar war einige Abende in die Nähe von Ektorp geritten, hatte ſich ſodann an den Plaz im Walde geſchlichen, wo man Alles ſehen konnte was auf dem Hofe vorging, und da hatte er Tage und Schuldfried beiſaminen geſehen. Bemerkt man ferner daß er ſie ſeit dem Morgen wo er durchs Fenſter einige Worte mit ihr ausgetauſcht keinen Augenblick mehr hatte treffen können, ſondern ſich lediglich mit „den paar Zeilen hatte begnügen müſſen die er als Antwort auf ſeinen langen Brief erhalten, ſo be⸗ greift man leicht wie es in ihm gähren mußte, be⸗ ſonders da Schuldfried in ihren Briefen niemals on ihren Gefühlen oder von irgend Etwas das auf ihre Neigung bezogen werden konnte ſprach. Der lezte Brief den der Doctor mitgebracht hatte, war in⸗ deß von den vorhergehenden abgewichen und hatte in Verbindung mit allem Andern oben mitgetheilte Beſprechung hervorgerufen. Er lautete wie folgt: „Sie ſind betrübt. Ihre Worte haben einen Anſtrich von Kummer und zuweilen von Bitterkeit. Woher kommt das? Bin ich die Urſache davon? Und gleichwohl möchte ich ſo gerne einen angenehmen Gegenſtand bilden bei dem Ihre Gedonken verweil⸗ ten. Ach ich hätte viele Wünſche; aber es iſt mir zu Muthe wie einem Vogel den man ſeines böci Schazes, der Freiheit, beraubt hat. Gleichwohl ſollt 65 ich glücklich ſein, ſehr glücklich, denn... Verzeihen Sie daß ich Ihnen nicht Alles ſagen kann; nur ſo⸗ viel mögen Sie wiſſen daß ich jezt die Ruhe und den Frieden meiner Mutter in meinen Händen habe. Sie hat geſagt, das Mittel ſie zu erfreuen liege in meiner Gewalt, und gleichwohl... bebe ich; doch dieß geſchieht wohl darum weil ich ein Kind bin das mit Allem unbekannt und dem Alles neu iſt. Nein, jezt will ich nicht mehr ſchreiben und doch hätte ich Ihnen ſo viel zu ſagen. Wer weiß wie lange ich noch das Recht beſizen werde Ihre Brieſe zu empfangen oder zu beantworten... Leben Sie wohl und verzeihen Sie mir wenn ich Ihnen Kum⸗ mer gemacht habe oder machen werde.“ 3 Ein Tag hat vier und zwanzig Stundeñ. Dieſe hinwiederum bilden ein Nichts in dem großen Re⸗ chenbuch des Unendlichen, und gleichwohl wie manche Umwälzung in einem Menſchenlehen kann nicht die⸗ ſes kleine Picken der Zeitenuhr in ſich ſchließen! Die Nacht, welche der reiche und ſchöne Beſizer von Kronbrück durchwachte, hatte für Schuldfried allen andern Nächten geglichen. Sie entſchlummerte mit Gedanken an den Fremden, obſchon ſie an Tage denken wollte. Im Schlaf wurde ſie von geheimen unruhigen Gedanken erfreut oder gequält, und als ſſie am Morgen erwachte, hatte ſie keine Ahnung daon daß dieſer Tag das Signal zu all den ver⸗ heerenden Stürmen werden ſollte die ihr Leben be⸗ dröhten. Mit der gewöhnlichen wehmüthigen Sehn⸗ ſücht, die ſich jezt in ihrem Herzen wieder vorfand, begrüßte ſie den Aufgang der Sonne. S Schwartz, Schuld und Unſchuld. I. 5 66 Frau Smith ſagte nach dem Frühſtück zu ihrer Tochter: „Mein Kind, Du haſt meinetwegen ſo lange die arme lahme Mutter Veronica und die Frau des Waldſchüzen vernachläßigt, daß Du mir ein Vergnü⸗ gen machen würdeſt wenn Du ſie beſuchteſt.“ Nach einigen Stunden wondelte Schuldfried nach der Hütte des Waldſchüzen. Eine ſtille Ahnung ſagte ihr, ſie könnte möglicher Weiſe vielleicht mit dem Fremden zuſammentreffen. Ihr Vorgefühl täuſchte ſie nicht, denn ſie wär noch nicht weit gegangen, als ſie zu ihrer großen Verwunderung Lothar in der Allee begegnete. Er pflegte ſonſt nicht ſo nahe bei dem Hofe zu gehen. Bei ſeinem Anblick eilte Schuld⸗ fried auf ihn zu und rief vergnügt: „Wie artig Sie ſind daß Sie juſt heute hieher kommen!“ „Hätten Sie keinen Spaziergang gemacht, ſo wäre ich nicht länger vor dem Gitterthor ſtehen ge⸗ blieben, ſondern in Ihre Wohnung gegangen um mit Ihnen ſprechen zu können,“ antwortete Lothar. „Ach Sie ahnen nicht welche hölliſche Nächte und Tage ich hingeſchleppt habe.“ Er fuhr mit der Hand über die Stirne. „Aber mein Gott, was quält Sie denn?“ fragte Schuldfried. „Meine Liebe zu Ihnen, Schuldfried,“ antwor⸗ tete er. „Sehen Sie, ich bin ja nur eine Quelle des Leidens für Sie und doch möchte ich ſo gerne das 4 Gegentheil ſein.“ 6 Lothar ergriff ihre Hand und führte ſie an die 1 67 kleine Bank die unter einem hohen Wachholderbuſch am Wege ſtand. „Sezen Sie ſich hier und hören Sie mich an,“ ſagte er in einem Ton der ſeine tiefe Aufregung verrieth.„Ach Schuldfried, Sie faſſen für mich das ganze Leben zuſammen; den Himmel von Glück wo⸗ hin meine Wünſche ſich einmal gewagt haben, und * den Abgrund von Qualen wohin noch nicht einmal die Phantaſie ſich verirren konnte. Geben Sie mir daher einen einzigen Strahl von Hoffnung daß. Ach verzeihen Sie, der Schmerz macht mich kühn.... daß Sie mich einmal lieben werden. Ich will ge⸗ duldig den Tag abwarten und ſollte er erſt bei mei⸗ nem Tode anbrechen. Befreien Sie mich nur von. dem qualvollen Gedanken daß Sie einen Andern — lieben, daß Sie die Frau eines Andern werden ſollen; denn dieſe Vorſtellung hat mich beinahe in einen wahrhaft elenden Menſchen verwandelt.“ Er ſchüttelte den Kopf mit einer Bewegung als wollte er die Martern verjagen die darin tobten.„Sagen Sie mir,“ fuhr er fort,„ob es nicht irgend ein Mittel für mich gibt Ihr Herz zu gewinnen. Nennen Sie mir die Hpfer die Sie fordern, und ich will mich ihnen unterwerfen wenn ich mir nur Ihre Zärklich⸗ 5 keit damit erwerben kann.“ Er ergriff Schuldfrieds Hände.„Ich habe in meinem ganzen Leben nicht gewußt was es heißt Jemand zu lieben, Jemand von ganzer Seele lieb zu haben; Sie ſind die Erſte die mich den Himmel und die Hölle dieſer Em⸗ 1 pfindung kennen lehrte. Ich habe weder Multer 1 noch Patör noch Geſchwiſter gehabt; Sie ſind die Einzige an die ich mich anſchloß und oh 7 X 6 5 68 könnte ich nicht leben.“ Er preßte ihre Hände feſt in die ſeinigen. Auf Schuldfrieds Wangen wechſelten Purpur⸗ flammen und Lilienwolken. Sie lächelte ihm mild und dennoch betrübt zu und flüſterte: „Ihre Worte ſind wieder nahe daran mich zu erſchrecken, und gleichwohl klingt ein Echo von ihnen in meiner Seele wieder. Still, unterbrechen Sie mich nicht, ſondern verſuchen Sie mich mit Geduld und Ruhe anzuhören. Sezen Sie ſich an meine Seite,“ fuhr Schuldfried fort, indem ſie ihre Hände aus den ſeinigen zog.„Sie bitten mich um einen Schimmer von Hoffnung. Was kann ich geben das Sie nicht bereits beſäßen? Sie lieben mich. Ach dieſe Worte erfüllten einmal mein Inneres mit Leben, dann mit Freude, und ſo oſt ich ſie in meiner Erinnerung wiederholte, ſchlug mein Herz ſtärker Sie mir lieb waren. Vielleicht nur allzu lieb,“ fügte ſie mit geſenkter Stimme hinzu,„und gleichwohl ſind Sie mir ſo fremd, daß es Augenblicke gibt wo ich meine ich ſolle Sie nicht ſo lieben wie ich thue. Unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe in dieſen Wochen wo wir getrennt lebten ernſtlich an Sie und an mich gedacht. Troz aller Zärtlichkeit, die mich umgab, empfand mein undankbares Herz gleich⸗ wohl ein wehmüthiges Verlangen nach Ihnen. Sie ſind für mein Leben unentbehrlich geworden. Für Ihr Glück würde ich gerne mein eigenes opfern, aber für den Frieden meiner Mutter, für den Wunſch meines Onkels und für Tages Zukunft würde i ohne Bedenken ſowohl Sie als mich opfern. Ach ——„—— vor Wonne. Ich fühlte damals recht deutlich daß das Gefühl womit ich an Ihnen hänge gibt mir nicht das Recht einem Andern als mir ſelbſt Schmerz zuzuziehen. Es iſt nur das Recht mich aufzuopfern.“ Schuldfried legte die Hand an ihr Herz uns fügte hinzu:„Es iſt als ob da drinnen Etwas fehlen müßte wenn ich und Sie getrennt würden, und deß⸗ ungeachtet wird der Tag bald kommen..... „Schuldfried, Schuldfried,“ erſcholl eine Stimme vom Hofthor her; die jungen Leutchen drehten ſich um und Schuldfried erhob ſich ſogleich mit den Worten:„Meine Mutter!“ Sie reichte Lothar die Hand und fügte mit einem Blick der ſeine Bruſt mit jubelnder Freude erfüllte hinzu:„Leben Sie wohl bis auf morgen.“ Sie ſprang über den Graben und eilte zur Mut⸗ ter. Als ſie weglief, erhob ſich Lothar um wo mög⸗ lich einen Blick von dem Weibe zu erhaſchen das Schuldfried das Leben gegeben, und über welches ſo wunderliche Gerüchte gingen. An das Thor geſtüzt ſtand wirklich Frau Smith da und erwartete das Herannahen ihrer Tochter. Das Geſicht hatte ſie der Allee zugekehrt. Lothar, der ſich nur einige Schritte hinweg befand, konnte ſehr wohl ihre Züge unterſcheiden. Der junge Mann bog die Zweige des Buſches auseinander, ließ ſie aber ſogleich wieder fahren indem er murmelte „O mein Gott! dieſes unheimliche Geſicht, welche Erinnerungen ruft es nicht in meiner Seele zurück Nein, ſie kann es nicht ſein irgend ein hölli⸗ ſches Trugbild treibt ſeinen Spott mit mir.“ Er beugte ſich wieder mit einer haſtigen Béwegung huter die Zweige. Frau Smith blieb regungslos ſtehen bis Schuldfried an das Thor gekommen war. „Zwei ſo ähnliche Geſichter kann es nicht geben,“ ſtammelte Lothar und verſank in Gedanken die ihm Anfangs ſehr qualvoll zu werden ſchienen, aber zulezt ſchüttelte er ſeinen ſchönen Kopf um ſich davon zu befreien, und ein Ausdruck ſtrahlender Freude flog über ſein Geſicht indem er flüſterte: „Was geht es mich an wer ihr das Leben ge⸗ geben hat! Sie iſt jezt mein. Weder die Mächte des Himmels noch der Hölle können ſie mir ent— reißen, ſeit ich weiß daß ihr Herz mir gehört. Sollte ich wohl darum aufhören dieſes reine und edle Mädchen zu lieben weil ſie ein Kind des Ver⸗ brechens iſt? Nein, wäre ſie auch am Fuße eines Schaffots geboren, ſo iſt ſie doch ſelbſt eine— ſchuldfreie Taube.— Schuldfried!— Ach wie viel ſchließt nicht dieſer Name in ſich!“ Lothar ritt nach dem ſtolzen Kronbrück zurück, indem er ſich zum erſten Male in ſeinem Leben den gaukelnden Jugendtäuſchungen über zukünftiges Glück hingab. Sein Herz pochte vor Freude, als er in der Phantaſie den Augenblick ſah wo er die Toch⸗ ter der düſtern Wittwe als ſeine Gattin und Be⸗ herrſcherin des herrlichen Gutes heimführen würde. Mit welcher Pracht, mit welchem Glück wollte er ſie umgeben, und wie wollte er ſie nicht mit ſeiner Liebe ſchmücken!— Es war das erſte Mal daß der on der Natur ſo freigebig ausgeſtattete und ſo reich mit Glücksgütern geſegnete junge Mann ſich wahrhaſt glüchlich fühlte; das erſte Mal daß eine Ahnung von Wonne ſeine Seele anflog. Lothar hatte All 4 vergeſſen was ihn einer unrechten Handlung beſchul⸗ digen konnte. Er hatte bloß ein einziges Bewußt⸗ ſein, daß Schuldfried ihn lieb hatte. Was kümmerte er ſich darum ob es Andere gab denen ſie ſich auf⸗ zuopfern für ihre Pflicht hielt; dieſe Andern ſollten ihm bald nicht mehr im Wege ſtehen, und was die Mutter betraf, ſo dachte Lothar gar nicht an ſie. Er beſaß Schuldfrieds Zuſicherung und in dieſer Gewißheit glaubte er Alles zu beſizen. O Jugend, Zeit der Hoffnungen, wie bitter beweinen wir dich nicht wenn du mit deinen Schä⸗ zen von Glauben und Zuverſicht entflohen biſt, wenn das Herz nicht gerade dasjenige fürchten gelernt hat was die Hoffnung am ſchönſten malt! Ein Tag mag noch ſo freundlich oder traurig beginnen, ſo nimmt er zulezt ein Ende, und unſere Freuden oder Schmerzen verbergen ſich im ſtillen Schooße der Nacht. So auch an dem Tage wo Lo⸗ thar die ganze Welt von Glück die ihm entgegen lächelte nicht in ſeiner Bruſt faſſen zu können meinte. Zu Mittag waren einige Gäſte geladen und der ſonſt ſtolze und verſchloſſene Wirth von Kronbrück hatte vor Freude geſtrahlt. Seine Unterhaltung blizte von Geiſt und Wiz. Doctor Wagner, der ſich unter den Gäſten befand, warf von Zeit zu Zeit einen eigenthümlichen Blick auf Lothars ſchönes, vom Glücke noch ſchöner gewordenes Geſicht. „Berauſche Dich immerhin mit Deinem Schatten von Seligkeit, um ſo ſchrecklicher wird Dein Erwachen ſein,“ dachte der Pole. 5 72 Nach Tiſch entfernten ſich alle Gäſte. Der Dor⸗ tor ſagte, er ſei zu einem Kranken gerufen, und als die Dämmerung einbrach, befand ſich Lothar allein. Er ſaß im großen Salon in einen Sopha zurück⸗ gelehnt, in all die Träumereien verſunken die der Einbildungskraft eines glücklichen Liebhabers ſo an⸗ genehm ſchmeicheln. Die Dienerſchaft hatte wie ge⸗ leuchtern angezündet ohne daß der Baron darauf achtete; er bemerkte die ganze Lichtfluth die auf ihn herabſtrömte nicht, ſo vollkommen war er von der äußern Welt losgeriſſen. Gleichwohl wurde er da⸗ hin von einem Bedienten zurückgerufen der eintrat und meldete daß eine junge Dame ihn zu ſprechen wünſche. „Wer iſt ſie?“ fragte Lothar ärgerlich über die Störung. „Sie will ihren Namen nicht angeben, behauptet aber daß ſie etwas Wichtiges zu ſagen habe.“ „Laß ſie hereinkommen!“ Lothar erhob ſich aus ſeiner liegenden Stellung und fuhr mit der Hand Dann kann es nicht...“ „Wollen Sie gefälligſt eintreten; der Herr Ba⸗ ron ſizt da und iſt ganz allein.“ Herein trat ein hochgewachſenes ſchlankes Frauen⸗ zimmer mit geſenktem Blick. Die Thüre wurde hin⸗ ter ihr zugemacht und ſie blieb unmittelbar vor der⸗ ſelben ſtehen. Sie und Lothar waren allein. Er richtete ſich auf und wandte ſich zu ihr, blieb aber wöhnlich die Lichter in den Candelabern und Kron⸗ Z durch die dunkeln Locken indem er dachte:„Jung? Die Thüre öffnete ſich und der Bediente ſagte: ——— 73 ſtehen und blickte ſeinen Gaſt beinahe erſchrocken an, indem er rief:„ „Schuldfried!“ Ehe wir zur Schilderung der Scene übergehen die jezt erfolgte, wollen wir einen Blick zurückwerfen und ſehen was auf Ektorp geſchah als Frau Smith ihre Tochter rief. Schuldfried hatte ſogleich Lothar verlaſſen und war zu ihrer Mutter geeilt. Als ſie durchs Gitter⸗ thor eintrat, hatte Frau Smith ihr einen Brief ge⸗ reicht der mit einem reitenden Boten von Junta ge⸗ kommen war. Er lautete wie folgt: „Madame, ein großer Verdruß der eingetreten iſt veranlaßt mich zu der Bitte Schuldfried ſogleich nach Junta herüberzulaſſen. Ich wende mich an Sie damit Sie nach Schuldfried ſchicken, im Fall ſie ausgegangen wäre wenn dieß ankommt. Die Angen⸗ blicke ſind koſtbar. „Mit aller Achtung „Sara Ehrmann.“ Als Schulfried in aller Haſt dieſe Zeilen geleſen hatte, ſagte Frau Smith: „Ich habe anſpannen laſſen. Fahre fort und bete zu Gott daß ihn Nichts betroffen haben möge.“ Nach einigen Augenblicken war Schuldfried auf dem Weg nach Junta. Er kam ihr wie eine Ewig⸗ keit vor, und ſie ſuchte ſich die Zeit und ihre Angſt damit zu vertreiben daß ſie ſich die Worte ins Ge⸗ dächtniß zurückrief die Aberney während der Krank⸗ heit ihrer Mutter zu ihr geſagt. „Im Augenblick der Prüfung zeigt der Meuſch am beſten ob er Seelenſtärke beſizt und ein guter 74 Chriſt iſt,“ hatte er geſagt, und ſie wollte ſtark ſein; ſie wollte mit vollkommener Geiſtesgegenwart Allem entgegentreten was bei der Ankunft auf Junta ſie erwarten mochte. Dort angelangt eilte Schuldfried in den Saal, wo ſie Tante Sara leiſe weinend in der Sophaecke traf. Beim Anblick Schuldfrieds ſtürzte ſie auf und warf ſich ihr um den Hals, indem ſie rief: „Mein Gott, Kind, welch ein ſchrecküiches Un⸗ glück: ſie ſind fort, fort!“ Sie brach in lautes Schluchzen aus. „Fort! Gute, liebe Tante, ſprechen Sie doch und ſagen Sie was geſchehen iſt,“ bat Schuldfried mit zitternder Stimme. Was ſie wünſchte, war jedoch nicht ſo leicht aus⸗ zuführen; denn erſt nach vielen Ausrufungen und Fluthen von Thränen gelang es Schuldfried zu er⸗ fahren was alle dieſe Ausbrüche hervorrief. Die Sache verhielt ſich ſo: Während man auf Junta frühſtückte, waren der Kronvogt und der Bezirksexecutor gekommen und hatten mit Profeſſor Aberney und Tage zu ſprechen verlangt. Sie waren ins Zimmer des Erſteren ge⸗ führt worden. Nach kurzer Beſprechung, während welcher der Executor alle Papiere Aberneys zu ſich nahm, waren ſie wieder herausgekommen, und Aber⸗ ney hatte Tante Sara mitgetheilt daß er und Tage gezwungen ſeien ſogleich nach Abo zu reiſen. Tante Sara hatte während der Beſprechung der Herren in Aberneys Zimmer eifrig am Schlüſſelloch gelauſcht und deutlich gehört daß der Executor von Gefangen⸗ ſchaft in Sibirien ſprach. Ja ſie konnte ihr Leben dran ſezen daß er geſagt hatte, Aberney und Tage würden dahin abgeführt werden. Zwar hakten Aberney und Tage bei ihrer Ab⸗ reiſe Tante Sara gebeten kein Wort davon zu ſagen daß ſie mit dem Kronvogt und dem Executor nach Abo gefahren ſeien, ſondern ſie ſolle bis auf Weite⸗ res angeben, ſie hätten eine Geſchäftsreiſe gemacht; aber als Tante Saras beide Lieblinge fort waren, konnte ſie es in der Einſamkeit nicht aushalten, ſon⸗ dern ſchickte ſogleich nach Schuldfried, um gegen ſie ihr Herz auszuſchütten und wo möglich irgend eine Art zu ihrer Rettung ausfindig zu machen. Tante Sara hatte ſich in den Kopf geſezt daß ſie ſelbſt und Schuldfried nach Abo fahren ſollten; leztere ſollte dann zum Generalgouverneur gehen und für die Abgeführten bitten. Schuldfried war jung und ſchön, ſie liebte Aberney und war ja bei⸗ nahe Tage's Braut; dieſer leztere Umſtand, meinte Sara, würde den Gouverneur rühren, und wenn irgend Etwas ſein Mitleid wecken könnte, ſo wäre es eine verzweifelnde Braut. Tante Saras ganze Hoff⸗ nung beruhte auf dem Erfolg einer rührenden Bitte Schuldfrieds bei dem Gouverneur. Schuldfried ſaß bleich da und hörte gedankenvoll dieſen Vorſchlag an. Ihr Inſtinct ſagte ihr daß ſie darauf keine Hoffnung gründen könne Etwas aus⸗ zurichten. Daß Etwas geſchehen müſſe, ſah ſie deut⸗ lich ein; aber was, darüber wußte ihre Unerfahrenheit keinen Rath. Inzwiſchen machte ihr Sara die trau⸗ rigſten Beſchreibungen vom Schickſal aller derjenigen welche ſich das Mißvergnügen der ruſſiſchen Regie rung zugezogen. Sie entwarf dem Mädchen die gräßlichſten Schreckbilder von der Knute und Si⸗ birien, ſo daß ihre Haare ſich ſträubten und ihr Herz bebte. Während Tante Sara auf ſolche Art ſich ſelbſt und Schuldftied in die Angſt jagte, hörte man einen Wagen in den Hof hereinrollen. „Vielleicht kommen ſie zurück!“ rief Schuldfried indem ſie aufſprang. Sie öffnete die Thüre und eilte in den Erker hinaus, blieb aber dort mit dem Ausdruck getäuſchter Hoffnung in ihren Zügen ſtehen; denn der Ankömmling war Wagner. Der Doctor ging ihr verbindlich entgegen und ſagte, er habe ſie in Ektorp beſucht, weil er erfahren habe daß Profeſſor Aberney als politiſch verdächtig nach Abo abgeführt worden ſei. Da er ſie nicht zu Hauſe getroffen, ſo habe er ſie hier aufgeſucht um ihr als Freund den Rath zu geben daß ſie nach— Kronbrück fahren, ſich eine Beſprechung mit dem Ba⸗ ron erbitten, ihm das Vorgefallene erzählen und ihn um ſeine Vermittlung für Aberney erſuchen ſolle. „Er iſt allmächtig und ein Wort von ihm ge⸗ nügt um den Profeſſor zu befreien,“ hatte der Doe⸗ tor geſagt. Als Schuldfried ihrer Tante Saras Vorſchlag mittheilte, bewies er ihr daß eine ſolche Appellation an den Gouverneur ganz zwecklos ſein würde. Der Gouverneur als Beamter müſſe ſeine Pflicht thun; Baron Conitz dagegen als beſonderer Günſtling des Kaiſers könne mit der größten Leich⸗ tigkeit Aberney von allen ſchlimmen Folgen ſeiner politiſchen Verſehen befreien. Als der Doctor ſich entfernt hatte, war Schuld⸗ frieds Entſchluß gefaßt und ſie reiste nach Kronbrück, wohin auch wir jezt zurückkehren. 1 Beim Tone von Lothars Stimme ſah Schuld⸗ fried erſchrocken auf, heftete mit einem Ausdrück des Entſezens ihre Augen auf ihn, trat dann haſtig einige Schritte vor, ergriff ſeinen Arm und rief:„Sie ſind alſo Conſtantin Canitz?“ Ihr Geſicht war tod⸗ tenblaß geworden, ihre Lippen bebten und die großen Augen ſtarrten verzweiflungsvoll ihn an. h Mit einer Regung wahren Entſezens riß Schuld⸗ fried die Hand von ſeinem Arme los, verbarg ihr Geſicht in den Händen und murmelte: „Q Jeſus Chriſtus, erbarme Dich über mich!“ „Schuldfried,“ ſagte Lothar betrübt,„erſchreckt mein Name Sie ſo ſehr? Was bedeutet das wenn ich Canitz heiße? Für Sie bin und bleibe ich immer der Lothar, der Sie bis zur Abgötterei liebt.“ Schuldfried blieb unbeweglich. Lothar fügte mit innig bittender Stimme hinzu: „Verzeihen Sie die Schwachheit die mich ver⸗ onlaßte zu verſchweigen wer ich war. Ich wußte ja daß die Gewißheit darüber mich verhaßt machen würde und ich wollte geliebt werden. Wenden Sie ſich nicht ab, ſondern ſagen Sie daß Sie mir ver⸗ zeihen.“ Schuldfrieds Hände waren langſam von ihrem Geſichte herabgeſunken. Lothar ſuchte eine von ihnen zu ergreifen; aber bei dieſer Bewegung trat ſie zu⸗ rück, richtete das geſenkte Haupt' ſtolz empor und heftete einen kalten würdevollen Blick auf ihn. Mit einer unnatürlich ruhigen Stimme ſagte ſie: „Baron Canitz! Ich kenne Sie nicht. Da das erſte Mal daß wir uns treffen. Ich habe mich 78 hier eingefunden um Ihre Vermittlung für Aberney zu erflehen.“ Im ganzen Weſen des jungen Mädchens lag Etwas was Lothars Blut gerinnen machte. Sein Herz wurde von Angſt ergriffen wenn er ihrem kalten Blick begegnete, und er glaubte unter dem Einfluß eines qualvollen Traumes zu ſtehen. Er hatte ſich kurz vorher noch ſo ſelig gefühlt, daß es ₰ ihm jezt ſchwer wurde dieſe Veränderung zu begrei⸗ fen die ihr Aeußeres andeutete. Dieſe Augen die ihm am Morgen ſo liebevoll entgegengelächelt, waren ſie wirklich dieſelben die jezt ſo verächtlich blickten? Er hörte ihre Worte, aber er faßte ſie nicht. Er verlangte bloß zu wiſſen, ob ſein Name das Gefühl in ihr getödtet habe das ihn ſo glücklich„ gemacht. Was war Alles was ſich nicht auf Schuld⸗ frieds Liebe bezog für Lothar? Nichts. „Alles was Sie zu mir ſagen, ehe ich von Ihren Lippen einen Ausdruck der Verzeihung erhalten habe, kann ich nicht verſtehen. O Schuldfried,“ rief er heftig,„ſehen Sie mich nicht ſo an; was habe ich denn Böſes gethan? Ich habe Sie wie ein höhere Weſen geliebt und verehrt. Ein einziges freund⸗ liches Wort, ein Wort das mir ſagt daß Sie dieſelb üind wie heute früh, und Sie können dann über me Leben gebieten.“ „Wenn ich mit einem ſolchen Wort meiner Mut⸗ ter Leben, meine eigene Ehre retten könnte, ſo ver⸗ öchte ichs doch nicht auszuſprechen. Sie ſind nicht mehr für mich der Sie waren— der Mann den ich liebte. Sie ſind Baron Canitz, und zu ihm komme ich um ſeine mächtige Hilfe zur Rettung des Pro⸗ 3 3 79 feſſors Aberney und ſeines Sohnes anzuflehen. Sie ſind auf Grund einer politiſchen Anklage vom Kron⸗ vogt nach Abo geführt worden. Ich bin gekommen um den Günſtling des ruſſiſchen Kaiſers anzuflehen daß er meine unglücklichen Landsleute rette. Sie können es thun und auf meinen Knien will ich Sie darum bitten.“ „Sie bitten und hoffen auf Gewährung,“ ſagte Lothar düſter,„und dennoch verweigern Sie ein freundliches Wort dem Manne deſſen ganzer Friede darauf beruht. Sie begehren einen Dienſt der mich Leben und Freiheit koſten kann, und zwar in dem Augenblick wo Sie mit Verachtung mein Herz von ſich ſtoßen. Bei Baron Canitz bitten Sie und Lothar verſtoßen Sie; derſelbe Name an den Sie ſich wen⸗ um Ihre Freunde zu retten iſt der Tod für Ihre iebe.“ „Ja, dieſer Name kann meine Freunde retten, aber ich kann den Träger deſſelben nicht lieben. Er gehört einer Familie die gegen Finnlands Frei⸗ heit gefrevelt, ihr Vaterland verrathen hat, und Canitz heißt derjenige der in ſeiner rohen Wildheit mich einmal ſchimpflich mißhandelte“ Schuldfried fügte mit Bitterkeit hinzu:„Ich möchte vor Schmerz ſterben, wenn ich bedenke daß ich mich noch vor eini⸗ gen Stunden ſtolz fühlte die Liebe eines Conſtantin Canitz zu beſizen. Dem vermeſſenen ruſſiſchen Ab⸗ kömmling einer erniedrigten ſchwediſchen Familie kann Schuldfried ihr Herz nicht ſchenken.“ Sie ſchöpfte tief Athem und fügte mit gefalteten Händen hinzu: „Helfen Sie meinen Freunden, retten Sie dieſe Fremder zu wzlchem ich kam um Hilfe zu ſuchen. Sie können, aber wollen dieſelbe nicht gewähren⸗ 80 — Leute vom Unglück, geben Sie ſie mir und Finn⸗ land zurück.“ „Hören Sie mich, Schuldfried, ich kann Ihnen Ihre Freunde nicht zurückgeben, ſelbſt wenn ich meine ganze Wohlfahrt dafür opfere. Wer ſich gegen die ruſſiſche Regierung vergangen hat, kann nicht gerettet werden.“ „Sie können nicht?“ fiel Schuldfried ein;„ſagen„ Sie lieber daß Sie„nicht wollen. O mein Gott, wie konnte ich mich einen Augenblick der trügeriſchen Hoffnung hingeben daß Sie, ein Canitz, ein Ruſſe, edelmüthig ſein könnten! Ich mußte eine Weigerung erwarten von einem Manne der...“ „Warum verſtummen Sie?“ fragte er mit be⸗ bender Stimme.„Stoßen Sie zu, zermalmen Sie mich, zerfleiſchen Sie mein Herz, zertreten Sie es † unter Ihren Füßen und kehren Sie dann heim mit dem Bewußtſein den Frieden eines Menſchen zerſtört zu haben. Mädchen,“ fügte er heftig hinzu,„Sie verläugnkn das grauſame Blut nicht das Sie ge⸗ erbt haben.“ „Baron Canitz,“ verſezte Schuldfried mit Kälte „es handelt ſich hier nicht um Sie und um mich. Das Vergangene iſt vorüber. Sie ſind mir ein Nun wohl, ich gehe; genießen Sie den Triumph daß ich Sie vergebens um eine gute Handlung angefleht habe, die eine für Ruſſen unmögliche Hochſinnigkeit vorausſezte. Jezt habe ich nichts mehr hinzuzufügen.“ Schuldfried wandte ſich gegen die Thüre. „Verweilen Sie noch einen Augenblick und hören 81 Sie mich an. Indem Sie ſo verächtlich zu mir re⸗ den, vergeſſen Sie daß dieſer erbärmliche Canitz Sie in ſeiner Gewalt beſizt, daß er, wenn er ein ſchlechter Menſch wäre der Ehre und Tugend ver⸗ achtete, ſeine Macht mißbrauchen und nur auf ſeine Leidenſchaften hören könnte.“ „Auf was hören Sie denn, wenn Sie meinen Freunden nicht helfen wollen?“ ſagte Schuldfried mit der unerſchütterlichen Feſtigkeit in ihren Behauptun⸗ gen die dem finniſchen Volke ſo eigenthümlich iſt. „Ich kann Ihnen nicht helfen.“ „Sie wollen nicht. Baron Canitz, möge Gott Ihnen dieſe Weigerung verzeihen.“ Schuldfried näherte ſich der Thüre, aber Lothar vertrat ihr den Weg. „Sie gehen alſo ohne ein einziges freundliches Wort, ohne einen einzigen freundlichen Blick?“ „Ja.“ Schuldfried ſah ihn ſtolz an.„Sie laſ⸗ ſen mich ört weggehen, obſchon Sie wiſſen daß das Unglück und die Leiden meiner Freunde mir weit unerträglicher ſind als der Schmerz der mich ſelbſt getroffen hat. Sie können ihnen die Freiheit wieder ſchenken, aber Sie ziehen es vor mich in meiner Qucl vergehen zu laſſen. Und Sie wagen es noch von Ihrer Ergebenheit gegen mich zu ſpre⸗ chen. Ach das iſt ein abſcheulicher Hohn!“ „Wenn es ein Hohn wäre, ſo brauchte ich bloß den Schlüſſel in dieſem Schloſſe umzudrehen, und Sie wären mein Eigenthum.“ Er legte die Hand auf das Schloß.„Ich habe geſagt daß ich Ihre Bitte ſicht erfüllen kann. Sie zweifeln, Sie verweigern mir ein einziges armſeliges Wort des Snſ für Schwartz, Schuld und Unſchuld. I. 82 all den Schmerz den ich erleide. Sie höhnen mich, während meine Liebe ſo heilig und ernſt war, daß ich mich nicht einmal mit einer Geberde von einem andern Gefühl als Ehrfurcht leiten ließ. Nun wohl, wenn Schmerz oder Verdruß mich jezt veran⸗ laſſen würden Sie in meiner Gewalt zu behalten, ſo wäre dieß eine entſchuldbare Hundlung.“ Er ſchöpfte tief nach Athem und fügte mit einem bei⸗* nahe wehmüthigen Ausdruck hinzu:„Aber wenn ich das thäte, ſo würde ich Sie nicht ſo innig lie⸗ ben wie dieß der Fall iſt. Sie ſind mir lieber als mein eigenes Glück, ſelbſt in dem Augenblick wo Sie mich verachten.“ Lothar zog ſich auf die Seite. „Leben Sie wohl und mögen Sie nie die Härte bereuen die Sie jezt gezeigt haben. 2 Er verbeugte ſich. Schuldfried war chüttert. Thränen floßen ihre Wangen hinab. „Geben Sie meinen Fr ich werde Sie ſegnen.“ „Verlangen Sie daß ich zu Ihre Füß ßen ſterben ſoll, und ich will es thun. Aber begehren Sie nicht das Unmögliche.“ „Ja unmöglich für einen Canitz, aber möglich für einen Mann von edlem Herzen,“ rief Schuldfried und ſchloß die Thüre auf. Lothar blieb unbeweglich ſtehen, bis ſie ſich hinter ihr wieder ſchloß, dann eilte er durch eine andere hinaus. 1 iheit und Im Hofe von Kronbrück die anſpruchsloſe kleine Droſchke worin Schuldfried gekommen w Anders es ſich ruhig gemacht und ſchlief ganz 83 gemächlich auf ſeinem Ohr, indem er die Zügel in ſeiner müden Hand hielt. Ein Bedienter rief den ſchlafenden Kutſcher an und half Schuldfried in den Wagen. Der Abend war düſter, der Himmel trübe, und durch die Luft ging ein dumpfes Seufzen das ein nahendes Gewitter verkündete. Juſt als der Bediente ganz artig den Teppich für das junge Mäd⸗ chen zurechtlegte, hörte ſie eine helle und wohlbe⸗ kannte Stimme von der Treppe her rufen: „Führe ſogleich mein Reitpferd vor!“ Schuldfried hüllte ſich in ihren Shawl. Sie zit⸗ terte, ob vor Kälte oder Schmerz wäre ſchwer zu beſtimmen, aber gewiß iſt daß ein heftiger Froſt ſie ſchüttelte. Sie wollte Anders auffordern ſchnell von dieſem Ort wegzufahren wo ihre ganze Lebensfreude zerſtört worden, aber ſie vermochte kein Wort über ihre Lippen zu bringen. Anders war ganz ſchlaftrunken und bedurfte einer langen Weile bis er zu ſich kam und Peitſche und Zügel in Ordnung waren. Dann ging es im lang⸗ ſamen Hundetrab zum Gitterthor hinaus. Als es geöffnet wurde, hörte Schuldfried die Hufſchläge eines Pferdes das man auf den Hof führte. Sie drückte ihre Hand feſt gegen ihr unruhig pochendes Herz. Jezt kam ein Pferd hinter ihr her galoppirt. Als ſie ein Stück weit in der Allee war, befand ſich der Reirer an der Seite der Drotſchke. „Seien Sie ohne Furcht,“ ſagte eine Stimme ſo weich und betrübt daß ihte Töne Schuldfried ins Herz drangen;„ich will Sie mit meiner Gegenwart nicht quälen oder verfolgen; ich will bloß darüber ſtand. Alle die ihr theuer geweſen und deren An⸗ 84 wachen daß Sie heimkommen ohne daß Ihnen Etwas geſchieht.“ Heiße Thränen rollten über Schuldfrieds Wan⸗ gen, aber dieſe ahnte Lothar nicht; die Dunkelheit verbarg ſie und der Sturm küßte ſie weg. Hätte es ihr Leben gegolten, ſo hätte Schuldfried nicht ein einziges Wort zu erwidern vermocht. Lothar ritt ſchweigend neben dem Wägelchen her, während der Gott des Sturmes ſeine Schwingen entfaltete. Kein Wort wurde während der ganzen Fahrt gewechſelt, und als die Drotſchke nach Ektorp abbog, ſagte Lothar: „Leben Sie wohl!“ „Dank!“ flüſterte Schuldfried mit lautloſer Stimme die vom Geheule des Windes übertäubt wurde, ſo daß ſie die Ohren nicht erreichte für welche ſie be⸗— ſtimmt war. Lothar riß ſein Pferd herum und jagte im wilden Carriere davon. Schuldfried hä gerne zurückgerufen, hätte ihm gern einige liche Worte geſagt, aber es war zu ſpät. Die Nacht löste den Tag ab und Schulbfried ſaß allein auf ihrem Stübchen. Das keuchende Licht warf ſeinen unruhigen Schein auf ihre bleichen Züge in denen ſo viel tiefer und bitterer Schmerz zu leſen W blick ſie erfreut hatte, waren jezt fort. Schuldfried fühlte ſich ſo niedergedrückt, ſo durchaus unglückich, daß ſie viel dafür gegeben hätte um eine einzige theilnehmende Bruſt zü beſizen an die ſie ſich hätte anlehnen können, oder eine freundliche Stimme die ihr einige Worte des Troſtes zugeflüſtert hätte. E war als hätte eine Windsbraut alle ihre Freude zer 5 W 85 ſtört oder zertrümmert, um nichts als Angſt, Ver⸗ zweiflung und Hoffnungsloſigkeit zu hinterlaſſen. Ihre liebſten Freunde waren von einem ſchauerlichen Schick⸗ ſal bedroht, ohne daß ſie Etwas für ſie zu thun ver⸗ mochte. Sie hätte ſie mit ihrem Leben ſo gerne von allem Schmerz freikaufen mögen! Und dann dieſer Mann, der ihr ſo unausſprechlich theuer, ſo unentbehrlich geworden war— er hatte ſie betrogen, er hatte ſich in ihre Liebe und ihr Vertrauen ein⸗ geſchlichen; er war derſelbe Canitz der ſie und Tage mißhandelt, derſelbe Mann den ſie von Kindheit an verabſcheut, den ſie als den Sohn eines Abtrünnigen verachten gelernt hatte. Alles das war eine blei⸗ ſchwere Laſt für die ungeprüfte Seelenſtärke, beſon⸗ ders da ſie troz alle dem zu ihrer tiefen Beſchämung ihr Gefühl nicht von ihm loszureißen vermochte. Schuldfried meinte vor Schande zu vergehen, weil ſie ſo ſchwach war denjenigen zu lieben den ſie ver⸗ achten ſollte. Auch ſtieg jezt der nagende Gedanke in ihr auf daß ſein vielleicht oft ausgeſprochener Neid gegen Aberney und Tage es ſei was ihn veranlaſſe ihnen nicht helfen zu wollen. Alſo war ſie ſelbſt die Urſache ſeiner Weigerung, und bei dieſen Folgerungen ſie von den bitterſten Selbſtanklagen über⸗ allen. Schuldfried gehörte im Allgemeinen nicht zu den⸗ jenigen die für alle Widerwärtigkeiten Thränen oder auch nur eine Klage bei der Fand haben, aber die Qualen die jezt auf ſie einſtür en, ſchienen ihr wirk⸗ liche Höllenſchmetzen zu ſein die vielleicht eine Linde⸗ rung finden würden wenn ſie weinen könnte. Endlich gegen Morgen erbarmte ſich der Goit 86 des Schlafes über das unglückliche Kind und ſchloß ſie in ſeine Arme, ſo daß ſie in einen kurzen und unruhigen Schlummer verfiel. Als ſie daraus er⸗ wachte, war der Tag ſchon ſehr weit vorangeſchritten. Sie fand auf dem Tiſch neben dem Bette einen etwas dicken Brief. Die Aufſchrift war von Aber⸗ ney's Hand. Haſtig erbrach ſie das Siegel. Der Umſchlag enthielt zwei verſiegelte und einen unver⸗ ſiegelten Brief. Sier entfaltete ſogleich den leztern, wurde aber ſchneeweiß als ihr Blick auf die nur allzu bekannte Handſchrift fiel, dieſe ſchönen und feinen Buchſtaben deren Anblick ihr ſonſt ſo viel Freude gemacht hatte, jezt aber ihre Bruſt nur mit Bitter⸗ keit erfüllte. Sie las: „Sie ſagten mir geſtern daß Sie zu Baron Ca⸗ nitz in der Hoffnung gekommen ſeien Ihre Freunde durch ihn aus einer drohenden Gefahr zu erretten. „Sie, ein junges und ſchönes Mädchen, begaben ſich zu dieſem Manne, dem einzigen Weſen das Sie auf Erden verabſcheuen. Um Sie dazu zu vermögen, war eine mächtige Ergebenheit erforderlich, und eine ſolche hegen Sie für dieſe beiden Männer. Sie vergaßen die Furcht vor einem Conitz und traten über ſeine Schwelle, obſchon Sie ihn jeder ſchlechten Hondlung fähig glaubten. „Was hofften Sie denn bei einem ſolchen Men⸗ ſchen auswirken zu können? Hofften Sie ihn durch Ihre Bitten zu erweichen? Dann ſezten Sie voraus daß in ſeiner Bruſt Herz ſchlage das für Mit⸗ leid offen ſei. Wer Mitleid empfiſden, wer von einer Bitte gerührt werden kann, iſt kein Verdorbener, 87 und gleichwohl denken Sie das von Conſtantin Canitz. „Sie kamen in der Ueberzeugung daß er Ihnen fremd, daß er der Mann ſei mit dem Sie einmal in Ihrer Kindheit und in ſeinen Jünglingsjahren auf ſo unglückſelige Weiſe zuſammengetroffen; Sie kamen ohne einen Gedanken an die Gefahr der Sie ſich ausſezten, indem Sie allein und ſchuzlos die Wohnung eines Mannes betraten und auf ſeiner Schwelle die Forderungen der Convenienz bei Seite ſezten, überdieß noch riskitten verkannt, verachtet zu werden. Sie vergaßen Alles außer der Gefahr die Ihre Theuern betraf. „Wie ſehr müßte ich nicht dieſelben wegen der Zärtlichteit verabſcheuen deren ſie genießen, und ſeien Sie überzeugt, ich thue es auch. Doch davon wollte ich jezt nicht ſprechen, ſondern von dem verachteten Ruſſen Canitz, der, wie Sie geſtern ſagten, weder Mitleid noch Edelmuth beſizt, von dieſem Manne der Sie, gleichviel wie innig, liebt; ich glaube er hat es Ihnen geſagt. „Sie waren in ſeinér Gewalt⸗ Sie beſchimpften, reizten, verlezten ihn mit Ihren Worten; Sie thaten Alles um ſeine beſſern Gefühle in einen brüllenden Orcan von wilden rachſüchtigen Leidenſchaften zu verwandeln. Er beſaß die Macht ſeinen ſchlimmeren Eingebungen zu folgen, und obſchon Sie ſich erlaub⸗ ten ganz unbeſonnen die heiligſten Gefühle ſeines Herzens und ſeine Ehre mit Füßen zu treten, ſö vergaß doch der Ruſſe die Achtung nicht die er Ihnen oder ſich ſelbſt ſchuldete; obſchon ſein Blut von wilder Eiferſucht, gekränktem Stolz und verach⸗ 88 teter Liebe kochte, ſo ließ er Sie doch abziehen, ohne Sie nur mit einem einzigen Wort für die Hölle büßen zu laſſen die Sie in ſeinem Innern her⸗ vorriefen. „Schuldfried, während der entſezlichen Augen⸗ blicke unſerer lezten Beſprechung fühlte ich daß meine Seele edler war als die Ihrige. Ich verehrte und liebte Sie, und Sie, Sie behandelten mich mit höl⸗ liſcher Grauſamkeit. Ich habe mich nie ſo ſtolz auf mich ſelbſt gefühlt, als in dem Augenblick wo ich nach alle dem Sie gehen ließ. Ich hatte mein ſchlechteres Ich beſiegt. Merken Sie, unverſtändiges Kind, daß ich bloß ein einziges Wort, ein Wort das mehrmals auf meinen Lippen ſchwebte, zu ſagen ge⸗ habt hätte, um Sie zu demüthigen und zu zermal⸗ men; und dennoch ſprach ich dieſes Wort, dieſes ent⸗ ſezliche Geheimniß nicht aus. Beten Sie zu Gott daß ich immer die Kroft beſizen möge es zurückzu⸗ halten, und ſeien Sie auf Ihrer Hut daß Sie nicht noch einmal die Saiten meiner Seele ſo hoch ſpan⸗ nen wie Sie geſtern thaten. Einmal kann man es verhindern daß ſie ſpringen— zweimal nicht. „Nachdem Sie mein Inneres zerſtört, den kurzen reinen Glückstraum worein ich mich gewiegt zerriſſen hatten, entfernten Sie ſich ohne ein Wort des Er⸗ barmens, der Theilnahme, obſchon ich Sie flehent⸗ lich darum bat. Sie verließen mich und fürchteten* nicht daß ich mich an dieſen Männern rächen könnte für welche Sie zu bitten gekommen waren. Sie hofften wirklich daß ich dieſe Feinde meines Glückes und Friedens, die Urheber der Höllenqualen in welche ich geſtürzt worden, ſchonen und keine Rache —— ——— „ — ——— 5 89 an ihnen nehmen würde. Sie wagten ſehr viel in⸗ dem Sie einen Canitz reizten, denn derſelbe Mann auf deſſen allmächtigen Einfluß Sie für die Be⸗ freiung Ihrer Freunde rechneten, mußte Ihnen Angſt einjagen wenn Sie ihn beleidigten. Er konnte ja mit ſeinem Wort das Unglück derſelben noch ver⸗ größern. Geſtehen Sie daß Sie ihm eine Großſin⸗ nigkeit zutrauen mußten die nicht Jedermann ge⸗ geben iſt.„ „In dieſem Augenblick habe ich eine Correſpon⸗ denz vor mir liegen, die, wenn ſie in andere Hände käme, den Profeſſor Aberney ſein Leben koſten würde. Ich brauche ſie bloß dem Generalgouverneur zu ſchicken; aber ſtatt deſſen ſchicke ich ſie Ihnen und zwar, obſchon ich dieſe Aberneys aus dem Grund meines Herzens haſſe. „Noch mehr, ich bin die ganze Nacht gereist, um dieſe Leute ſelbſt zu beſuchen und ihnen beifol⸗ gende Briefe von Freunden zu verſchaffen die Ihnen ſo theuer ſind. Meinen geringen Einfluß habe ich ſo angewandt, daß das Unglück das ſie getroffen hat ſich auf den Befehl beſchränkt binnen acht und vierzig Stunden Finnkand zu verlaſſen. Sie reiſen nach Schweden. „Sie baten mich um ihr Leben und ihre Frei⸗ heit. Ich antwortete daß ich dieſen Leuten nicht hel⸗ fen könne ach dieſer elende Ruſſe wollte ſich lieber von Ihnen mit Vorwürfen überhäufen laſſen, als Ihnen eine Hoffnung geben die er nicht mit Sicherheit verwirklichen konnte. „Jezt ſind, gleichviel um welchen Preis, Leben, Freiheit und Vermögen Ihrer Freunde unangetaſtet 90 geblieben. Dieſelben leben und ſind frei— ſind„ Sie zufrieden? „Dieſe meine Handlungsweiſe dürfte einiger⸗ maßen den Bubenſtreich verſöhnt haben welcher be⸗ gangen wurde von dem Knaben Lothar Conſtantin Canitz.“ Schuldfried ſaß nach vollendeter Lectüre ganz wie verſteinert da Dieſer ſo ruhige, ſo ernſte, ſo würde⸗ ₰ volle Brief war gleichwohl mit einem ihr widerlichen Namen unterzeichnet. All dieſen Edelmuth hatte Conſtantin Canitz bewieſen, er den ſie immer als einen Typus von Schlechtigkeit betrachtet hatte, und endlich waren dieſer Canitz und Lothar eine und dieſelbe Perſon. Schuldfried geſtand daß er ſich großſinnig gezeigt hatte. Bei der Erinnerung an all die gedankenloſen Worte die ſie am Abend vor⸗ her ausgeſprochen, erkannte ſie den ganzen Adel ſei⸗ nes Benehmens indem er ihr jezt die Aberneyſchen Briefe zuſchickte. Obſchon Schuldfried mit den ein⸗ fachſten Verhältniſſen des Lebens unbekannt war, ſagte ihr doch ihre Vernunft, als ſie in einige davon hineinblickte, daß ihr Inhalt für Aberney höchſt un⸗ glückſchwanger geweſen wäre. Mit einem Gefühl das ſie ſich nicht zu erklären vermochte, drückte ſie 3 Lothars Schzi an ihr Herz und flüſterte: „Bis x. en Tod wird er mir theuer ſein.“ 6 Das Getöne von Schritten auf der Treppe ver⸗ anlaßte ſie den Brief zu verſtecken. Frau Smith trat ein. Sie kam ſonſt höchſt ſelten auf Schuld⸗ frieds Zimmer, bloß wenn die Tochter unpäßlich war. Frau Smith ſah unruhig aus. * 9 ʃ „Du haſt ja einen Brief von Aberney erhalten? Was ſchreibt er? Schuldfried erröthete. Sie hatte ihn noch nicht erbrochen. „Ich habe Onkel Aberney's Brief noch nicht leſen können,“ antwortete ſie und überteichte ihn der Mutter. „Nein, lies Du ſelbſt, mein Kind.“ Er war nicht ſonderlich lang und enthielt bloß einige aufmunternde Worte. Schuldfried möge guten Muthes ſein, ſie befänden ſich beide wohl. Sobald er in Schweden angelangt ſei, würde er an ihre Mutter ſchreiben und ihr den Vorſchlag machen hin⸗ überzuziehen. Der Brief ſchloß mit einigen warmen Verſicherungen väterlicher Ergebenheit. Als er zu Ende geleſen war, ſagte Frau Smith düſter: „Ich nach Schweden hinüberziehen? Niemals!“ Sie verließ das Zimmer und Schuldfried konnte den Brief von Tage allein leſen. Er war g6⸗ ſchrieben im Tone eines Jünglings der von ſeiner Herzliebſten losgeriſſen iſt. Tage war unglücklich und unruhig. Er gab und verlangte zu gleicher Zeit Verſprechungen von Liebe und ewiger Treue, wäh⸗ rend er bezweifelte ob Schuldfried ihm ergeben ſein könnte, und doch zugleich um ihre Zärtlichkeit flehte, als das einzige Mittel um die Trennungsqualen aushalten zu können. Er pochte und bat, er klagte und tröſtete: Alles auf etlichen Zeilen. Der ganze Brief zeugte von einem aufgerégten Gemüthszu⸗ ſtand und einer bangen Beſorgniß das Herz zu ver⸗ lieren das er zu beſizen glaubte. dantbares Weiberherz! Hbſchon jedes Wort in dieſem Brief einen hohen Grad von Liebe ath⸗ 92 mete, ſo durchlas ihn Schuldfried doch ganz zerſtreut, und als ſie ihn zuſammenlegte, dachte ſie gewiß: „Armer, lieber Tage!“ Aber weiter hinaus gingen ihre Gedanken nicht. Was ſie an Aberneys Brief wunderte, das war die vollkommene Zufriedenheit die er mit ſeiner Ueberſiedlung nach Schweden aus⸗ ſprach. Tage ſchrieb ganz keck: da es ihm jezt un⸗ möglich ſei ſeine Braut abzuholen, ſo müſſe die Braut zu ihm reiſen. Der Ton ſowohl in Aberneys als in Tages Brief beruhigte Schuldfried über das Schickſal und die Gemüthsſtimmung Beider. Nun kehrten ihre Gedanken allmählig zu dem erſten Brief und ſeinem Verfaſſer zurück. Der tiefe Abſcheu den ſie vor Allem was Canitz hieß eingeſogen hatte, die Erinnerungen aus der Kindheit, die in der Seele des ſtolzen und eigenſinnigen Naturkindes unver⸗ wiſchbar eingegraben waren, Alles das erweckte einen bittern Kampf gegen das Gefühl der Bewunderung die ſeine Handlungsweiſe jezt einflößte. Daß Derjenige den ſie als Feind ihres Landes und Volkes betrachtete für ihr Herz ſo viel ſein ſollte, das wollte das finniſche Mädchen ſich ſelbſt nicht verzeihen. Einige Tage vergingen. Der Herbſt hatte ange⸗ fangen ſein verdrießliches Geſicht zu zeigen. Es win⸗ dete und regnele unaufhörlich. Auf Ektorp war es düſter. Schuldfried ver⸗ brachte die Tage beinahe beſtändig auf ihrem Zim⸗ mer. Frau Smith lebte in dem ihrigen eingeſp Annikg war ſtill und niedergeſchlagen. Sie einmal geſagt: 93 „Gott tröſte uns, wie Alles das enden wird! Du weißt nicht, Schuldfried, welche Sorgen und Be⸗ kümmerniſſe Mama hat; Du biſt glücklich!“ Schuldfried hatte Nichts gefragt. Sie wußte aus Erfahrung daß Annika niemals antwortete: aber das junge Mädchen war jezt noch betrübter un niedergedrückter als zuvor. Alles war ja fort was ihr Freude gemacht, alle Diejenigen denen ſie i Liebe und Vertrauen hatte nahen können. Am dritten Tag kam ein Bote von Tante S mit der Bitte Schuldfried möchte nach Junta hinüber⸗ kommen. Sie traf die Alte niedergeſchlagen, aber ruhig. Tante Sara hatte ſich jezt gerüſtet ihrem Neffen nach Schweden nachzuziehen; aber bevor ſie Junta verließ, wollte ſie ſich von Schuldfried verabſchieden, die auch den ganzen Tag bei ihr blieb. 6 Die Alte war außerordentlich mittheilſam. Sie ſprach ganz offen und unverholen, was ſonſt nicht ihr Brauch war. „Ich hatte allerdings,“ ſagte ſie,„in Finnland zu ſterben gewünſcht. Meine ganze Jugend und den größern Theil meiner mittleren Jahre habe ich zwar in Schweden zugebracht, aber ich habe immer die Hoffnung genährt meine Tage in dem theuern Va⸗ terland beſchließen zu können. war nicht Gottes Wille; denn wo Victor leht, da muß auch ſeine alte Tante leben. Er hat ſich hier niemals recht wohlbefunden, ſeit Finnland ruſſiſch geworden, und das iſt auch kein Wunder; aber er glaubte ſei⸗ nen Landsleuten nüzen zu können und deßhalb blieb er. Der arme Victor! Sein Leben war voll von Sorgen und Prüfungen.“ Sara ſeufzte. Sie empfand ein unwiderſtehliches Bedürfniß ihr Herz bei Schuldfried erleichtern zu dürfen. Sie hatte keine Freundin und nie eine ſolche beſeſſen. Im Allgemeinen war ſie wortkarg und ſcharf gegen Fremde, obſchon ſie gegen ihren Neffen, gegen Tage und Schuldfried geſprächig und wohlwollend ſein konnte. Nicht einmal gegenüber der Lezteren, die ihr Liebling war, hatte ſie jemals eine Andeutung auf die Vergangenheit oder die Bekümmerniſſe Aberneys gemacht. Jezt, nach dieſen Tagen gänzlicher Einſam⸗ keit und Angſt, war ihr das Herz ſo voll. Die Ver⸗ gangenheit mit all ihren Verluſten zog an ihrer Seele vorbei, und da Schuldfried das einzige ihr theure weibliche Weſen war, ſo regte ſich jezt ein gewaltiges Bedürfniß recht offen und recht viel mit ihr zu ſprechen. Sie kannte Schuldfried und wußte daß Alles was ſie zu ihr ſagte wohl aufgehoben war. „Du mußt wiſſen, mein Kind,“ fuhr Sara fort, „daß Victor Aberney und ich die einzigen Trümmer zweier einſt glücklichen, aber vom Schickſal ſchwer heimgeſuchten Familien ſind. Victors Mutter war meine Schweſter. Ich beſaß auch einen Bruder, der ein angeſehener Mann war. Gott ſegne ihn!“ Jezt ſtanden der Alten die Thränen in den Augen⸗ Langſam, als fürchtete ſie ihre eigenen Erinnerungen, begann ſie all die Ereigniſſe zu erzählen die der Leſer aus der Einleitung kennen gelernt hat: vo Harms Verheirathung mit dem älteſten Aberney un deſſen Tod; von Harms zweiter Che mit En deſſen unglücklichem Ende. 95 Schuldfried hörte die unheimliche Familienge⸗ ſchichte voll Theilnahme an, und als Sara verſtummte, um ihrer Rührung bei der Erinnerung an all dieſe Nichten und Neffen denen es unglücklich gegangen Einhalt zu thun, fragte Schuldfried: „Nun Tante, was wurde denn aus der armen Wittwe der beiden Brüder? Ich meine Ihre Nichte Harm.“ „Ach mein Kind, das weiß ich nicht. Victor reiste zwar gleich nach der Nachricht von Enochs Tod nach Schweden hinüber; aber was zwiſchen ihm und Harm vorging, weiß ich nicht. Als er wieder heimtam und ich nach ihr fragte, antwortete er mir ſtreng und düſter: „Tante Harm iſt todt— wenigſtens iſt ſie es für uns. Sie iſt eine Verbrecherin deren Name von keinem rechtſchaffenen Menſchen genannt werden darf.“ „Welche Entdeckungen er machte, ſuchte ich nicht zu erforſchen. Leider muthmaßte ich ſie und ſchwieg. Wenn ich ſpäter manchmal ihren Namen nannte, wurde er böſe. Einmal träumte ich daß Harm zu mir komme und mich um Verzeihung bitte. Am Worgen faßte ich Muth und erzählte Victor meinen raum. Er antwortete: „Es gibt Verbrechen die nicht verziehen werden können, und zu dieſen gehören die Verbrechen Harms.“ „Aber wenn ſie unglücklich und in Noth wäte? fiel ich ein. „In Noth kommt ſie nie und unglücklich zu ſein verdient ſie. Sprich nicht mit mir über dieſes Geſchöpf. Erinnere Dich daß ſie den Namen Deiner Brü⸗ der trägt, wandte ich ein. 96 „Das werde ich immer als eine Schande betrach⸗ ten; aber ich bitte Dich, Tante, ſprich nicht von die⸗ ſem Weib, es bringt bloß mein Blut in Aufruhr. „Im ſelben Jahr erfuhr ich zufällig daß ſie und ihr Kind, denn ſie hatte ein Kind von ihrem lezten Mann, ſich einige Zeit in Rußland aufgehalten haben...“ Tante Sara verſtummte und begann zu weinen. „Bei wem?“ „Ach Schuldfried, mein liebes Mädchen, das iſt mein eigentlicher Herzenskummer.“ Tante Sara weinte bitterlich.„Siehſt Du, meine zweite Nichte„ Edith war mein Liebling, meine Freude, und mit ihr ging es auch unglücklich. Sie zog ſich den Un⸗ willen der Familie zu; wodurch, das wage ich nicht zu ſagen; genug, ſie hielt ſich in Rußland auf. Ich, die ich ſie von ganzem Herzen liebte, ich konnte das arme Kind nicht verſtoßen und deßhalb ſchrieb ich ihr noch immer. Bei ihr in Rußland wohnte Harm eine Zeitlang, aber eines Tags verſchwand ſie ſpur⸗ los aus der Schweſter Haus. Seitdem hat man nichts mehr von ihr gehört.“ „Und Edith lebt alſo noch?“ Tante Sara ſah ſich erſchrocken um, ergriff Scht ld⸗ fried feſt beim Arm und flüſterte: „Sie iſt ihrem Manne nach Sibirien gefolgt, en ſind jezt zehn Jahre.“. „Iſt nichts für die Unglückliche geſchehen?“ frag Schuldfried ſchaudernd. „O ja, Victor hat alles Mögliche aufgeboten Er hat ſogar mit dem verſtorbenen General Conitz geſprochen um durch ihn eine Veränderung in ihrem Schickſal zu bewirken; aber der General antwortete 97 „So lange ich lebe, ſoll ſie bleiben wo ſie iſt! Liebes Kind, fürchte vor allen Dingen den Namen Canitz, das ſind ſchreckliche Menſchen. Dieſe Familie bringt Unglück und Fluch mit ſich. Sie heucheln Tugend und ſchöne Handlungen, um ihre Opfer zu täuſchen; ſie ſind Menſchen ohne Treu und Glauben, ohne Herz und Gefühl. Meine arme Edith, mein armes Kind, hat dieß erfahren müſſen. Nachbem Victor mit dem General geſprochen hatte, wollte er Nichts mehr von Edith hören, denn ſie hat nach ſeiner „Ueberzeugung ihr Schickſal verdient.“ „Und wodurch?“ „Ihr erſtes Verbrechen will ich Dir nicht ſagen, as weiß nur ich und Victor. Das zweite beſtand darin daß ſie einen Ruſſen heirathete, einen von denen die Finnland einnehmen halfen. Ich habe viel gebetet und viel geweint, damit ihre Sünden ihr vergeben werden mögen; denn ſie, die Feinde und Unterdrücker unſeres Landes, zu lieben, das iſt eine ſchwere Sünde, und Gott ſtraft diejenigen die es thun.“ „Aber,“ ſagte Schuldfried, indem ſie ihren Kopf gedankenvoll in die Hand lehnte,„warum antwor⸗ tete General Canitz daß ſie nicht aus Sibirien kom⸗ men würde ſo lange er lebe?“ „Darum weil er Urſache war daß ihr Mann dorthin gebracht wurde“, gerade wie ihr Sohn jezt die Schuld trägt daß Victor des Landes verwieſen worden iſt.“ Was ſagen Sie damit?“ rief Schuldfried. Meine Ueberzeugung. Nimm Dich vor dem engen Canitz in Acht, liebe Schuldfried. Ich ver⸗ Siwartz, Schuld und Unſchuld. I, 7 98 muthe daß er Deine Freunde bloß entfernt hat um ungehindert Dir ſchaden zu können. Mißtraue jedem Wort, jeder ſcheinbar noch ſo guten Handlung; ſie verdecken bloß Heimtücke, und Victor ſagte oft: Für einen Canitz gibt es weder Treue noch Ehre, ſie machen ſich ein Spiel aus Allem was ihre ſchlech⸗ ten Abſichten fördern kann. So viel iſt gewiß daß niemals ein Aberney Deinen Namen mehr hören möchte im Fall Du gegen einen Canitz Wohlwollen oder Ergebenheit zeigſt. Laß dieſe Worte warnend vor Deinem Gedächtniß ſtehen, im Fall er Deine einſame und verlaſſene Lage benüzen ſollte um Dich zu ſeinem Opfer zu machen.“ In ihrem Ergießungseifer achtete Tante Sara 1 nicht darauf wie der Ausdruck in Schuldfrieds Zü⸗ gen unaufhörlich wechſelte. † Abends fuhr Schuldfried, nachdem ſie von Tante — Sara herzlichen Abſchied genommen und die drin⸗ 1 gendſten Ermahnungen empfangen hatte ſich in allen Dingen nach Victor zu richten, nach Hauſe zurüc Der Abend war düſter und der Regen ſchlug ſchmetternd an die Fenſterſcheiben als ſie wieder in 1² ihr Stübchen trat. Als ſie allein daſaß und auf das Geheul des Sturmes lauſchte, traten ihr die traurigen, unglücklichen Ereigniſſe welche Tante Sara erzühlt hatte beſtändig wieder vor Augen, und in ihren Ohren widerhallten unaufhörlich die Worte des Generals Canitz daß Edith in Sibirien bleiben ſolle, ſo lange er lebe. Alle Warnungen der Tante Sara tauchten nach einander auf, um ſie zu quälen und zu martern. 3 . tete ſie mit dem Ausdruck ſchmerzlicher Zärtlichkeit 99 Eine ganze Woche war vergangen ohne daß von dem Beſizer Kronbrücks Etwas zu ſehen oder zu hören war. Am Tag nachdem Schuldfried von Tante Sara Abſchied genommen, kam der Paſtor nach Ektorp herüber. Ein Brief von Frau Smith hatte ihn dazu beſtimmt. Nach einer langen Ein⸗ zelbeſprechung mit der Wittwe ſpeiste er mit Schuld⸗ fried und ihr zu Mittag. Während des Eſſens ſagte der Paſtor: „Nun, jezt iſt Kronbrück wieder verlaſſen. Der junge Baron iſt ſchon am Anfang der Woche nach Petersburg abgereist.“ Jezt klirrte ein Teller. Schuldfried ließ denjeni⸗ gen den ſie von Annika empfangen ſollte fallen. Als der Paſtor abgereist war, ſagte Frau Smith: „Morgen unternehme ich eine Reiſe nach Abo.“ „Du Mama!“ rief Schuldfried erſchrocken.„Ich darf Dich doch begleiten?“ „Nein, Du mußt daheim bleiben. Meine An⸗ weſenheit in Abo iſt nothwendig. Es handelt ſich um Geſchäfte.“ „Kein Aber, mein Kind, ich muß reiſen.“ Frau Smith tätſchelte ihre Tochter und betrach⸗ der beinahe immer in ihren Blicken lag. Darauf ging ſie in ihr Zimmer, und Schuldfried in ihrer innern Unruhe nahm einen Shawl um auszugehen. Sie wandelte gegen Junta zu. Wie fröhlich und glückich war ſie nicht früher immer und zulezt noch in dieſem Sommer der wie ein Luftgebilde dapon⸗ geſtogen dieſen Weg gegangen! Wie ſchön und mit ihren Unordnungen gehabt. Che die Woche um 100 freundlich hatte ihr nicht das Leben geſchienen! Und jezt— jezt hatte der glänzende Traum eitel Schat⸗ ten hinter ſich gelaſſen. Jeder Buſch auf dem Weg erinnerte ſie an ihn. Sie ſezte ſich auf ihren ge⸗ wöhnlichen Ruheplaz, ſtüzte ihren Kopf in die Hände und wiederholte unaufhörlich in Gedanken: „Er iſt ein Canitz; er iſt jezt weit, weit entfernt, und fort iſt auch mein guter Freund und fort ſind alle diejenigen die Freude mit ſich brachten.“ Es begann bereits zu dämmern als Schulbfried von ihrem Spaziergange zurückkehrte. So oft der Wind im Laub und in den Zweigen rauſchte, horchte ſie mit Furcht und Beben, ſezte aber dann ihren Weg fort indem ſie murmelte: „Was fürchte oder hoffe ich denn? Er iſt ja in „ Petersburg.“* Als ſie in den Hof von Ektorp hineinkam, ſtand eine elegante Chaiſe da. Ein Bedienter in Canit⸗ ſcher Livree hielt die Zügel. „Der Doctor!“ dachte Schuldfried.„Bringt er 6 etwa Sie ging in die Vorhalle, blieb aber lauſchend „ ſtehen. Im Saal ſprach ein Mann ſehr heftig. Es 4 waren nicht des Doctors einſchmeichelnde und weiche Töne, ſondern ein rauhes und unangenehmes Organ. Schuldfried hörte ihn ſprechen: 88 „Es iſt jezt das lezte Mal daß ich mahne. Sa⸗ gen Sie der Frau Smith meine Empfehlung, und wenn ſie binnen Wochenfriſt den Pacht für den Hof nicht bezahle, ſo habe ich Auftrag ſie hinauswerfen zu laſſen. Der Baron hat lange genug Nachſicht 101 iſt, muß die ganze Summe bezahlt ſein oder es ge⸗ ſchieht wie ich geſagt habe. Dieß iſt des Barons ausdrücklicher Befehl.“ Die Thüre ging auf und Schuldfried konnte ſich kaum noch auf die Seite ziehen, um durch die Haſt womit ſie aufgeſtoßen wurde nicht umgeworfen zu werden. Ein Mann von abſtoßendem Aeußern trat heraus. Er ging ohne zu grüßen an Schuldfried vorbei, betrachtete aber ihr ſchönes Geſicht mit einer unverſchämten Zudringlichkeit die ihr das Blut in die Wangen jagte. Annika folgte ihm. „Mein Gott, was habe ich gehört?“ rief Schuld⸗ fried, als der Verwalter von Kronbrück in ſeinen agen geſtiegen war.„Iſt Ektorp nicht meiner Mukter Eigenthum? Steht ſie in Schuld bei. bei. Fronbrück? Annika, antworte um Gottes⸗ willen! O warum, warum alle dieſe Geheimniſſe vor mir!“ „Still um Gotteswillen!“ flüſterte Annika.„Es würde Frau Smith ſchrecklich verdtießen wenn ſie erführe daß das Kind etwas davon weiß.“ „Aber Annika, ich muß Alles wiſſen oder thue“ ich was nicht recht iſt,“ ſagte Schuldfried mit einem ſo heftigen und beſtimmten Ton daß Annika ſie er⸗ chrocken anſchaute. „Du ſollſt Alles über die Sache erfahren wenn u nur ſchweigſt und thuſt als ob Du Nichts gehört hätteſt. Glaube mir, für Frau Smith wäre dieß nur ein neuer Stein auf dem Herzen.“ Schuldfried ging auf ihr Zimmer, Annika hatte verſprochen nachzukommen.. Die Wirklichteit begann dem jungen Mädchen „ nahe zu kommen. Die glückliche Unerfahrenheit worin ſie bisher gelebt hatte, wurde jezt in Stücke zerriſſen von den Umſtänden welche die prachtvoll blühende Roſe der Illuſionen Blatt um Blatt zerpflückten und ſie in die Winde ſtreuten. Nach einer kurzen Weile fand ſich Annika bei Schuldfried ein. Dieſe war die ganze Zeit über in„ ihrem Zimmer auf und ab gegangen. Bis jezt hatte Schuldfried ihre Mutter im Beſiz eines hinreichenden Vermögens geglaubt und Ektorp hatte ſie immer als Eigenthum betrachtet. Schul⸗ den, Bekümmerniſſe und Bedürfniſſe waren Etwas — an das ſie nie gedacht hatte, außer wenn ſie Werke der Barmherzigkeit übte. Und jezt bei wem ſtand die Mutter in Schuld? Bei dieſem Canitz, bei Lothar. Von wem wurde die Mutter mit Austrei⸗ bung bedroht? Von demſelben Manne der ſie ſo feierlich verſichert hatte daß es kein Opfer gebe das er nicht für ihr Glück bringen wolle; von demſelben Manne der ihr dieſen von ſo vieler edlen Würde erfüllten Brief geſchrieben hatte. Tante Sara hatte alſo Recht, alles Gute und Hochſinnige was von einem Canitz kam war Verſtellung, Lüge; nur das Gemeine und Schlechts war Wahrheit.* Unbeweglich wie eine Bildſäule, hörte Schuldfried“ die Auseinanderſezung Annika's über die Mittel ihrer Mutter ſo wie über die Art und Weiſe wie dieſe, wenn ſie ſich auf ihrem Zimmer einſchloß, arbeitete um abbezahlen zu können. Sie bekam durch Ver⸗ mittlung des Paſtors manchmal Schreibereien, und die Pfarrerin verſah ſie oft mit Näharbeiten. Frat —— Annika verlangte von 103 Smith wollte nicht daß ihre Tochter von der Noth niedergedrückt werden ſollte. „Das Einzige,“ ſagte Annika,„was ſie im Kampf mit den Sorgen aufrecht erhalten hat, war daß ſie im Stillen für ihr Kind arbeiten durfte, während Du, Schuldfried, Dich nur in der Freude des Le⸗ bens zu ſonnen, Deine Seele und Deine Talente zu cultiviren und Dich um keine Noth und Sorge zu bekümmern brauchteſt.“ Schuldfrieds Thränen rannen ihre Wangen hinab als ſie von ſo innig hingebender Mutterliebe hörte. Schuldfried daß ſie ſich nichts davon anmerken laſſen ſollte, daß ſie über die wahre öconomiſche Lage unterrichtet worden ſei. „Aber,“ ſagte Schuldfried,„was ſoll Mama nu pachten?“ „Ich weiß es nicht. Er erklärte beſtimmt daß ſie binnen Wochenfriſt bezahlen müſſe. Sie reist ver⸗ muthlich deßwegen nach Abo.“ „Wäre doch mein guter Freund hier!“ ſagte Schuldfried. „Kind, ehe Deine Mutter von einem Aberney einen ſolchen Dienſt annähme, würde ſie lieber ſter⸗ ben,“ fiel Annika lebhaft ein. „Und warum?“ fragte Schuldfried mit einem fragenden Blick. „Frage nicht, liebes Kind. Glaube mir, Du biſt am glücklichſten wenn Du gar nichts weißt. as Leben iſt mitunter ein recht betrübtes Ding, aber Gott iſt gut und ſein Wille lenkt Alles zum Beſten“ „Amen!“ ſeufzte Schuldfried andächtig. . 104 aller Frühe nach Abo. Schuldfried arbeitete den ganzen Vormittag an einer ſchönen Stickerei welche ſie angefangen hatte'um ſie Aberney an ſeinem Ge⸗ das Ding zu verkaufen. In der Nacht nach der Beſprechung mit Annika überlegte ſie Vergangenheit und Zukunft. Das Re⸗ beizutragen ſuchen. Dieſer neue Zweck wirkte ganz rein materielles Intereſſe, ein eifriges Beſtreben die drückende Laſt der Bekümmerniſſe für ihre Mutter zu erleichtern. Schuldfried glaubte vor all der Ent⸗ ſagung die im Benehmen der leztern lag ihr Knie beugen zu müſſen. Die vollkommene Umwälzung welche durch die Entdeckung ihrer wirklichen öconomiſchen Stellung hervorgerufen wurde, hatte die ſchlummernde Ent⸗ ſchloſſenheit in ihrer Seele zur Thätigkeit erweckt und all die Thatkraft ausgebildet womit die Natur drängt werden mußten und nicht lähmend auf ihr Gemüth wirken durften. merung ein. Schuldfried legte ihr Geſchäft weg um einen Augenblick auszuruhen, als ſie auf der Treppe Tritte vernahm und Annika mit einem Fremden Am folgenden Morgen reiste Frau Smith in burtstag zu ſchenken; aber jezt hatte ſie beſchloſſen ſie begabt hatte. Sie ſah ein daß die moraliſchen, Bekümmerniſſe in die Tiefe ihrer Seele zurückge⸗ Nach einer fleißigen Tagesarbeit brach die Däm⸗ ſultat war daß das junge Mädchen beſchloß ihr Le⸗ ben der Arbeit zu weihen. Sie wollte gleich in aller Stille für ihr gemeinſchaftliches Auskommen wohlthätig auf ihre Stimmung. Er gab ihr ein —— —— 105 reden hörte, welchem ſie zu erklären ſuchte daß er Schuldfried nicht ſprechen könne. Alle Einwendungen waren indeß vergeblich. Die Stimme ſagte: „Melden Sie daß mein Herr Grüße von Herrn Profeſſor Aberney habe.“ Augenblicklich war Schuldfried auf der Hausflur. „Iſt es Jemand mit Grüßen von Profeſſor Aberney?“ rief ſie. Annika ſtand auf der oberſten Treppenſtufe, aber ehe ſie antworten konnte, ſagte die Stimme von unten: „Ja, es iſt ein Herr der direct von Abo kommt.“ Schuldfried eilte die Treppe hinab. Drunten ſtand ein hübſch gekleideter Mann, offenbar der Be⸗ dientenclaſſe angehörig, obſchon er keine Livree trug. „Bitten Sie Ihren Herrn, er möchte gefälligſt ſagte Schuldfried und ging ſelbſt in den aal. Nach einigen Minuten wurde die Thüre geöffnet und ließ einen ſchlanken hoch gewachſenen jungen Mann herein. Es war halb Dämmerung, aber ſeibſt wenn es noch dunkler geweſen wäre, würde Schuld⸗ fried dieſe zugleich nachläßige und dennoch edle Hal⸗ tung, das eigenthümlich Hochgeborne in Geſtalt und Zügen erkannt haben. In der Freude darüber daß ſie Nachrichten von den theuern Freunden erhalten ſollte, war Schuldfried einige Schritte gegen den Fremden vorgegangen, blieb aber bei ſeinem Anblick unbeweglich und wie vom Donner gerührt ſtehen. S 106 Als Annika die Thüre hinter ihm zugemacht hatte, ging er ſchnell auf Schuldfried zu und ſagte: „Laſſen Sie ſich durch meinen Anblick nicht er⸗ ſchrecken. Der verhaßteſte Menſch kann mitunter an⸗ genehme Nachrichten bringen und dieß iſt der Fall mit mir. Ich bringe Ihnen Briefe mit.“ Jezt kam Annika mit Licht. Schuldfried hatte ſich inzwiſchen vollkommen er⸗ holt, und mit einer kalten, höflichen Bewegung er⸗ ſuchte ſie den Gaſt Plaz zu nehmen. Die alte An⸗ nika betrachtete das Kind mit verwunderter Miene und dachte, während ſie aus und ein trippelte: „Herr Jeſus, was iſt an das Kind gekommen? Sie ſah ſo ſchrecklich vornehm aus, gerade als wenn ſie eine Königin wäre. Hm, hm!“ Lothar ſeinerſeits dachte, als er ſich ein Stück von ihr ſezte: Iſt dieß wohl daſſelbe ſpielende, freundliche und freudeſtrahlende Kind das ich noch vor ganz kurzer Zeit ſah? Bedurfte es alſo bloß einiger wenigen Tage um ſie zu verwandeln?— Und gleichwohl, 3 wie anbetungswürdig war ſie nicht, wie furchtbar † ſchön iſt ſie nicht jezt.“ Als ſie wieder allein waren, ſezte ſich Schuldfried und ſagte mit ruhiger Stimme: „Es befremdet mich, Herr Baron, daß ein Brief von meinen Freunden durch Ihre Hände zu gehen braucht.“. Stolz richtete Schuldfried ihr ſchönes Haupt em⸗ por Beim Anblick Lothars ſtand es mit ſchrecklicher Klarheit vor ihrer Seele daß ſie mit dem Gläu bi⸗* ger ihrer Mutter ſprach, demſelben Manne der — * W— ———— 107 gedroht hatte die arme Wittwe hinauswerfen zu laſ⸗ ſen, im Fall ſie ihren Pacht nicht bezahle. Schuld⸗ frieds Inneres war von Unmuth erfüllt. Kam die⸗ ſer Mann vielleicht um ſich an ihrer Riedergeſchlagen⸗ heit und Demüthigung zu weiden, bei dem Bewußt⸗ ſein daß ihre Mutter von ſeiner Willkühr abhänge, oder hoffte er, der reiche Canitz, die Tochter der ar⸗ men Wittwe würde ſich zu Bitten für die Mutter nöthigen laſſen? Wie dem auch ſein mochte, er ſollte in dieſer Beziehung ſeinen Wunſch nicht erfüllt ſehen. Sie fühlte ſich vollkommen von der tiefſten Verach⸗ tung beherrſcht über die gemeine Rache die er neh⸗ men wöllte. Lothar hatte lange gewartet bevor er ihre An⸗ rede beantwortete. In dem kalten Ton lag Etwas das ihn verlezte, weil er wußte daß er dieſen Em⸗ pfang nicht verdiente. Er bedurfte mehrerer Minu⸗ ten um den unangenehmen Eindruck deſſelben zu verwinden. „Profeſſor Aberney,“ begann Lothar,„iſt den ruſſiſchen Behörden verdächtig, und deßhalb hielt er es fürs Rathſamſte einen zuverläßigen Boten zur Ueberbringung dieſes Briefes zu bentizen, den er bei ſeiner Abfahrt aus Abo einem ſeiner Freunde über⸗ gab. Dieſer Freund dagegen, der zu ängſtlich um ſeine eigene Sicherheit beſorgt war, als daß er es gewagt hätte ihn zu beſtellen, übergab ihn dem Ge⸗ neralgouverneur. Dieſer ſeinerſeits öffnete ihn. Da der Gouverueur, ein alter Freund meiner Familie, fand daß der Inhalt ausſchließlich Conſtantin Canitz und nicht den Staat hetraf, ſo ſchickte er den Brief mir, und ich habe ihn geleſen.“ 108 „Mit welchem Recht?“ fiel Schuldfried heftig ein, indem ſie dabei ganz ihre Rolle kalter Würde vergaß. „Mit dem Recht das der Generalgouverneur mir geſtattete, indem er ihn mir offen zuſchickte. Es iſt ſehr möglich daß Sie den Brief nie bekommen hät⸗ ten, wenn nicht der verhaßte Name Canitz darin ſtände, und wahrlich bei Gott, kein anderer als Lo⸗ thar Canitz hätte Ihnen das Schreiben gebracht, nachdem er dieſe beleidigenden Ausfälle gegen ſeine Ehre geleſen.“ Er überreichte Schuldfried den Brief. „Warten Sie einen Augenblick ehe Sie leſen,“ fügte er hinzu.„Ich will Ihnen ſagen was dieſes Schreiben enthält. Profeſſor Aberney hat ſich auf drei vollen Seiten einzig und allein mit mir beſchäf⸗ tigt. Er zeichnet meine Familie auf eine ſolche Art, daß Sie verzaubert ſein müßten um nach Durchleſung des Briefes zu glauben, daß an dem Erben aller dieſer niederträchtigen Handlungen noch irgend Etwas von einem ehrlichen Manne ſein könne. Er warnt, er beſchwört Sie vor mir zu fliehen, als dem Vertreter einer Familie welche Aberney als einen Fluch für die Erde betrachtet. Und gleichwohl, Schuldfried, iſt es diefer Elende, dieſer Fiedeicommiß⸗ erbe der Niederträchtigkeit, wie Ihr Freund ſich aus⸗ drückt, der Ihnen einen Brief überreicht den er hätte vernichten können. Ich bin einzig und allein von Abo hiehetgereist um ihn in Ihre Hände zu über⸗ geben. Für mich war es eine Pflicht Ihnen ſogleich Nochrichten von denjenigen zu verſchaffen die Sie vermiſſen. Das heißt ja gegen mich ſelbſt arbeiten. Dieſer Brief ſpricht nicht bloß von mir, ſondern auch von Ihrer Verbindung mit dem jungen Aber⸗ ney, von Ihrer Reiſe nach Schweden u. dgl. Wenn ich alſo ein ſchlechter Kerl bin, ſo habe ich mich we⸗ nigſtens gegen Sie noch nicht ſo benommen.“ „Wie nennen Sie das daß Sie meine Freunde angegeben haben?“ fragte Schuldfried, die ſich an Tante. Saras Worte erinnerte und daher Lothars gegenwärtige Handlung nur als ein Spiel betrach⸗ tete, hinter welchem er eine Heimtücke verberge. Auch die Geſchichte mit der Eintreibung des Pachtzinſes hatte den Erklärungen Saras alle möglichen Wahr⸗ ſcheinlichkeiten gegeben. „Habe ich ſie angegeben?“ fragte Lothar er⸗ bleichend. „Ja, das haben Sie, Sie ſelbſt ſind derjenige der dieſe Niederträchtigkeit begangen hat.“ „Sie täuſchen ſich ſchrecklich,“ ſagte Lothar düſter. „Einen Augenblick hatte ich wirklich die Abſicht es zu thun; aber auch damals überwand ich die Ver⸗ ſuchung durch eine unrechte Handlung einigen Vor⸗ theil zu gewinnen. In der Nacht bevor man Ihre Freunde von Junta abführte, wurde der Kampf zwiſchen meinen beſſeren und ſchlechteren Gefühlen ausgekämpft; in dieſem Augenblick danke ich Gott daß ich an dem Schickſal das ſie getroffen keine Schuld trage.“ „Ich kann und därf Ihnen nicht glauben.“ „Und was berechtigt Sie zu zweifeln? Was haben Sie geſehen das Ihnen Veranlaſſung gibt mich für einen Mann zu halten der frech eine Unwahrheit ſagt?“ rief Lothar. Der Vorſaz ruhig zu ſein be⸗ gann auch bei ihm zu wanken. 110 „Wenn auch nicht Ihre ſichtlichen Handlungen mich zu allen möglichen Zweifeln berechtigen, ſo füh⸗ ren Sie einen Namen der den Inbegriff alles deſſen was man treulos nennt in ſich ſchließt.“ „Schuldfried, ſeien Sie auf Ihrer Hut; wägen Sie Ihre Worte ab; ich habe mich einmal geduldig von Ihnen mit Füßen treten laſſen und als Antwort darauf Ihnen bloß durch mein Benehmen Achtung abnöthigen wollen. Ich bin indeß ein Menſch von heftigen und wilden Fitceften Die Ungerechtig⸗ keit Ihrer Angriffe könnte mich leicht, merken Sie ſich das, ich warne Sie, zu einem Ertrem treiben das ich hernach bereuen würde. 4 „Vermuthlich daß Sie meine Mutter von Ihrem Hauſe jagen ließen,“ fiel Schuldfried bitter ein. „Schuldfried!“ rief Lothar, indem er auffuhr. „Was ſagen Sie? Welche neue und abſcheuliche Handlung verſuchen Sie mir anzudichten?“ „Baron Canitz, was helfen dieſe Worte? Sie ₰ haben einmal geſchrieben daß Sie mich mit einem einzigen Worte zermalmen könnten; aber Sie täu⸗ 5 ſchen ſich. Die Mittel womit Sie mich zu zermalmen 3 ſuchen ſind zu ohnmächtig um die angedeutete Wir⸗ kung hervorzubringen.“ Sie erhob ſich und fügte ſtolz hinzu:„Und jezt haben wir einander ſicherlich Nichts weiter zu ſagen.“ „Nehmen Sie gefälligſt Ihren Plaz wieder ein,“ verſezte Lothar, dießmal mit beſtimmtem und bei⸗ nahe befehlendem Tone;„noch haben wir einander nicht Alles geſagt was wir uns zu ſagen haben. Sagen Sie mir, Schuldfried,“ fügte er mit weicher Stimme hinzu⸗„können Sie nicht ſe daß Lothar einen Namen trägt der Ihnen verhaßt iſt?“ „Nein, das iſt mir unmöglich,“ antwortete Schuld⸗ fried und blickte kalt auf den jungen Mann. „Unmöglich!“ wiederholte Lothar und ſein Blick verfinſterte ſich. „Ja, unmöglich! Der Lothar den ich vor kurzer Zeit lieb hatte, iſt verſchwunden, und ich werde ihn in Baron Canitz nie wieder finden. Jeder Verſuch wäre vergeblich, denn wir lieben nicht was wir nicht achten— und ich kann den Eigenthümer von Kron⸗ brück unmöglich hochachten; mein Herz kann ſich un⸗ möglich dem Sohn des Generals Canitz ſchenken.“ „Sie können den Sohn des Generals Canitz nicht lieben, ſagen Sie,“ verſezte Lothar. Ueber das bleiche Geſicht flog eine Purpurflamme und in den Augen brannte ein düſteres Feuer.„Aber ich kann Sie lieben, obſchon Sie die Tochter einer Frau ſind welche als Vergifterin ihres erſten Man⸗ nes gebrandmarkt iſt und durch dieſes Verbrechen Tod ihres zweiten Mannes veiſchuldet hat.“ ie lgen!“ Schutbftied ergrif kanpſtaſt ſei⸗ nen Arm. „Lüge ich? Kann Harm Aberneys Tochter dieß zu behaupten wagen?“ Lothar hatte geſchrieben: Möge Gott Sie be⸗ wahren daß ich nicht einmal die ſchrecklichen Worte ausſpreche dis auf meinen Lippen ſchwebten! Aber er ahnte damäls die furchtbare Wirkung nicht die ſie hervorbringen ſollten. Einen Augenblick blieb Schuldfried unbeweglich, 112 wie vom Donner gerührt ſtehen; dann ſtürzte ſie mit einem furchtbaren Angſtſchrei zu Boden. Sie lag leblos zu Lothars Füßen. Bei dieſem durchdringenden Schrei wurde die Thüre aufgeriſſen und Annika ſtürzte herein. In der nächſten Minute fuhr Lothar in geſtreck⸗ tem Galop nach Kronbräck um Wagner nach Ektorp zu ſchicken. Er verfluchte die Regung die ihn ver⸗ mocht hatte dieſe Worte auszuſprechen, welche buch⸗ ſtäblich diejenige zermalmen ſollten die er vor jedem Schmerz bewahren zu wollen erklärt hatte. Drei Wochen ſchleppte Lothar ſein Daſein auf Kronbrück hin, ohne einen Funken von Hoffnung, ohne die mindeſte Linderung der Qualen die ihn verzehrten. Der Doctor hatte dieſe Zeit über täg⸗ lich Ektorp beſucht. Schuldfried ſei ſchwer erkrankt, hieß es, wenn er zurückkam. Auf die angſtvolle Frage: Wie befindet ſie ſich? erhielt Lothar immer dieſelbe Antwort: Es iſt noch keine Beſſerung ein⸗ getreten. Wir wollen den Leſer nicht mit einer Darſtellung ſeines Gemüthszuſtandes ermüden, denn es wäre vergeblich all die Reue, Unruhe und die ſchmerzlichen Selbſtanklagen zu ſchildern die ihn quälten. Eines Sonntag⸗Abends ſaß der junge Baron bleich, abgezehrt und beinahe unkenntlich in ſeinem Cabinet. Er ſchrieb, ſchrieb an ſit An dieſem Brief hatte er ſchon drei Wochen täglich geſchrieben. Es war kein Brief mehr, ſondern ein ganzes Buch. Der Doctor hatte ſich entſchieden geweigert während 3 113 ihrer Krankheit auch nur eine einzige Zeile zu über⸗ mitteln, weil ſie nicht aufgeregt werden dürfe. Die Lampe warf ihren bleichen Schein auf Lothars düſtere Züge. Alles um ihn her war ſtill und öde. Plözlich fuhr ein Wagen im Hofe auf. Bei ſeinem Geraſſel erhob Lothar das Haupt und lauſchte. Sein Blick war mit geſpannter und qualvoller Erwartung auf die Thüre gerichtet. Bald hörte man Tritte im Zimmer Fraußen und unmittelbar darauf trat Doc⸗ tor Wagner ein. Das lächelnde Geſicht des Polen hatte an dieſem Abend einen triumphirenden höhniſchen Ausdruck. Lothar, den ſeine eigene Unruhe allzu ſehr in Anſpruch nahm, achtete nicht darauf, ſondern rief dem Doctor zu: „Wie ſtehts heute Abend?“ „Gut!“ antwortete der Arzt und reichte ihm einen Prief. In Wagners Ton lag eine ſo unverkennbare Schadenfreude, daß Lothar, der juſt in dieſem Augen⸗ blick auſſchaute, unwillkürlich vor dem Ausdrucke in ſeinem Geſicht ſchauderte. Er blieb unbeweglich, ohne den Brief in Empfang zu nehmen. „Welche ſchreckliche Bedeutung hat wohl dieſes Lort?“ fragte Lothar und drückte ſeine Hand über die Augen. Dann fuhr er auf.„Haben Sie ihr Leben nicht retten können und kommen Sie jezt ſich an meiner Verzweiflung zu weiden?“ Er ſtreckte die Hand aus und ergrif ein auf dem Tiſche liegen⸗ des Piſtol.„Sagen Sie ſchnell: lebt ſie oder iſt ſie todt?“ „Sie lebt und iſt geſund,“ antwortete der Doc⸗ Schwartz, Schuld und Unſchulv. I. tor.„Dieſer Brief muß Sie überzeugen,“ fügte er mit einem fürchterlichen Lächeln hinzu. Augenblicklich war der Brief aus des Doctors Hand und Lothar las folgende Zeilen: „Wenn Sie dieß empfangen, hat Harm Aber⸗ neys Tochter ſchon ſeit einer Woche Finnland ver⸗ laſſen. Suchen Sie nicht, Sie werden niemals wiederfinden Schuldfried.“ Lothar ſtieß ein Gebrüll aus und mit der Schnel⸗ ligkeit eines Panthers warf er ſich auf den Doctor, indem er rief: „Schurke, Du haſt mich betrogen! Wenn Du zehn Leben hätteſt, ſo könnteſt Du mir das nicht büßen.“ Mit der ganzen Stärke wahnſinnigen Zornes hatte Lothar den Doctor mit der einen Hand um den Hals gefaßt, in der andern blizte ein Piſtol. Wagner ſchloß die Augen; aber in demſelben Mo⸗ ment wo der beſinnungsloſe Lothar losdrücken wollte, griff ihm Jemand in den Arm; die Kugel flog an Wagners Kopf vorbei und durch die Wand. Eine Stimme, melodiſch und mild, rief auf franzöſiſch: „Unglücklicher, willſt Du Dich im Blute Deines Lehrers beſudeln?“ 8 Beim Tone dieſer unerklärlichen, wunderbaren Stimme entfiel das Piſtol der Hand Lothars; er ließ Wagner los und wandte ſich um. Vor ihm und dem Doctor ſtand eine hochge⸗ wachſene Frau mit einem nicht mehr jungen, nicht mehr ſchönen Geſicht, aber mit dem Ausdruck einer Heiligen. Ihr Blick ruhte auf Lothar. Darinnen 115 ſtand eine leidenſchaftliche Zärtlichkeit und tiefe Be⸗ trübniß zu leſen. „Haſt Du Deinen Schwur vergeſſen?“ ſragte ſie und ſtreckte die Hand gegen ihn aus.„Haſt Du ver⸗ geſſen daß Du, welche Schlechtigkeit dieſer Mann auch gegen Dich begehen möge, niemals die gräßliche Schuld vergrößern wolleſt worin Deine Ahnen gegen ſein Geſchlecht ſtehen? Die Miſſethat des Ver⸗ brechers muß an ſeinen Kindern geſühnt werden. Du, der Schuldfreie, mußt' gut machen was der Schuldige verbrochen hat.“ „O Mutter,“ murmelte Lothar mit lautloſer Stimme und warf ſich zu ihren Füßen. Die Richtung unſeres Lebens, die Wendung die unſere beſſeren und ſchlechteren Anlagen nehmen, hängt gewöhnlich von den Widerwärtigkeiten und Leiden ab die uns treffen. Bei einem Theil Men⸗ ſchen wirken ſie aufreizend, bei einem andern zer⸗ malmend, und bei einem dritten erwecken und be⸗ wirken ſie eine wahre Selbſtprüfung. Lezteres war bei Lothar der Fall. Er äußerte einmal über ſich ſelbſt:„Was ſich Böſes oder Gutes in mir vorfindet, das werde ich erſt dann erfahren wenn einmal ein ſtarkes und hef⸗ tiges Gefühl ſich meiner bemächtigt.“ Er hatte Recht. Die Neigung zu Schuldfried war keine Laune die etwa aus der trüben Quelle wilder Leidenſchaften gefloſſen wäre, ſondern ſie war aus dem edelſten und beſten Boden des Herzens aufgeſproßt. Um ihr in ſittlicher Beziehung näher zu kommen, it Lothar 5 116 2 jedem unedlen Gefühl Schweigen aufgenöthigt. Er wollte ſich keinen Vortheil auf Koſten deſſen erkaufen was ſeine beſſeren Inſtincte verwarfen. Auch hatte er, als er nach dem Geſpräch mit dem Doctor beſchloß Aberney anzuzeigen und deßhalb einen Brief an den Generalgouverneur ſchrieb, im Augenblick wo dieſer abgeſandt werden ſollte, von einer Handlung abge⸗ ſtanden die er für unwürdig hielt. Von dieſer Art Perſonen auf die Seite zu ſchaffen die er ſeinen In⸗ tereſſen gefährlich glaubte, wollte er keinen Gebrauch machen. Nein, die Gunſt die er von ihr wünſchte durfte er keinen unedlen Handlungen zu verdanken haben. Genug, der Brief wurde vernichtet. Ehe er nach Ektorp ritt um wo möglich Schuld⸗ fried zu treffen, erhielt er einige Zeilen von dem Doctor, der ihn benachrichtigte daß jeder Schritt in der Aberneyſchen Sache überflüſſig ſei, weil der Pro⸗ feſſor ſich durch ſeine eigene Unbedachtſamkeit bereits ſelbſt ins Verderben geſtürzt habe. „Um ſo beſſer,“ flüſterte Lothars Egoismus.„Ich werde alſo von ihrer Gegenwart befreit'werden ohne ihre Beſeitigung verſchuldet zu haben.“ Darauf begab er ſich nach Ektorp um ſich auf die eine oder ondere Weiſe ein Zuſammentreffen mit Schuldfried zu ermöglichen. Die Ereigniſſe die her⸗ nach erfolgten ſind uns bereits bekannt. Wir verließen Lothar in dem Augenblick wo er ſich der unbekannten Vermittlerin zu Füßen ſtürzte. Wir wollen jezt erzählen was zwiſchen ihr und ihm vorging⸗„ Nach Lothars erſticktem Ausruf wandte ſich die Dame zu dem Doctor und beſtimmte ihn ſich zu 117 entfernen. Dann verwandte ſie den größern Theil der Nacht zu einem Geſpräch mit Lothar. Gegen Morgen wurde nach dem Doctor geſchickt. Lothar hatte in Folge der wechſelnden Gemüthsbewegungen denen er ausgeſezt geweſen eine heftige Blutſtockung bekommen, die einen Aderlaß nöthig machte. Nach einigen Stunden fühlte ſich der Baron beſſer; Nach⸗ mittags reiste er mit der unbekannten Dame von Kronbrück ab und hinterließ den Doctor in einem Chaos von Vermuthungen. Er, der ſämmtliche Fäden der Ereigniſſe in ſeiner Hand zu beſizen und die Schick⸗ ſale der betreffenden Perſonen nach ſeinem Gutdün⸗ ken geſtalten zu können geglaubt hatte, er mußte ſich juſt in dem Augenblick wo er Lothar in einen Ab⸗ grund von Quaken geſtürzt zu haben hoffte, ſeinen Raub entriſſen ſehen und war außer Stand geſezt das vor ihm liegende Räthſel zu löſen. Von der wilden Raſerei die Lothar bei der Nach⸗ richt von Schuldfrieds Fiucht ergriffen hatte war jezt keine Spur mehr zu ſehen, als der Doctor kam um ihm beizuſtehen, und als Lothar von Kronbrück abreiste, hatte er ſich vollkommen ruhig gezeigt und dem Doctor die Hand gereicht mit den Worten: „Leben Sie wohl, Doctor; vielleicht treffen unſere ge nie mehr zuſammen. Sollte es indeß wider rmuthen geſchehen, ſo ſeien Sie überzeugt daß es Ihnen geſtern zum lezten Mal gelungen iſt meine Gefühle dermaßen zu ſteigern daß meine Vernunft und mein Wille ſie nicht mehr zu zügeln vermochten. Suchen Sie meinen Zornesausbruch zu vergeſſen wie ich die Veranlaſſung zu vergeſſen ſuchen will.“ Nach einigen Minuten befand ſich Wagner allein 118 auf Kronbrück, allein mit ſeinen zerriſſenen Intriguen⸗ fäden deren neue Verknüpfung Zeit, Nachdenken und Beharrlichkeit erforderte. Der Doctor war indeſſen nicht derjenige der wegen einer Nieberlage in ſeinen Beſtrebungen unthätig blieb. Nein, mißlang es ihm auch zehnmal, ſo begann er es das elfte Mal wieder, bis er früher oder ſpäter dennoch zu dem erſéhnten Ziele gelangte. Wir können ihn jezt bis auf Wei⸗ † teres ſeinem Schickſal überlaſſen, mit der Gewißheit ihn ſpäter wieder zu finden. 2 Lothar begab ſich nach Petersburg. Der Schiff⸗ bruch ſeiner ſchönſten Hoffnungen und der gewaltige Schmerz der dadurch hervorgerufen wurde, hatte einen gänzlichen Widerwillen gegen alle Thätigkeit bei ihm erzeugt. In ſein Hotel eingeſchloſſen ver⸗ brachte er ſeine Tage damit daß er entweder, wie es ſchien, in tiefes Grübeln verſenkt im Zimmer auf und ab ging oder auf dem Sopha lag und zur Decke hinaufſtierte. Während dieſer Wochen ging Lothar ſein ganzes vergangenes Leben, die Ueber⸗ eilungen, die Ausſchweifungen und den⸗ Uebermuth die ſeine Jünglingsjahre gekennzeichnet hatten, durch; dann kam der glühende Enthuſiasmus womit ſeinen Beruf als Marineoffizier umfaßt hatte, der aber gänzlich erloſch als er einen Blick in die ruſſiſch Verhältniſſe warf. Dadurch entſtand ein ſolch Ueberdruß an Allem, daß er die Geſchmeidigkeit, Leb⸗ haftigkeit und Energie welche den Seemann aus⸗ zeichnen müſſen gänzlich verlor. In dieſer Stim⸗ mung beſuchte er Kronbrück. Das Ritterliche, das wahrhaft Edle, das wirk⸗ lich Schöne hatten in Lothar einen eifrigen Bewun⸗ derer. Aber vergebens hatte er in ſeiner Umgebung 119 * ein entſprechendes Bild dafür geſucht. Als er auf dem Gut ſeiner Väter angelangt war, wo er ſich ſeinen Träumen und ſeiner Schwer⸗ muth zu überlaſſen gedachte, warf ihm das Schickſal dieſes bezaubernde Naturkind in den Weg, dieſes Mädchen bei welchem Schönheit, Bildung, Origindli⸗ tät und Friſche des Gefühls ſich vereinigten um dieſes einnehmende Weſen zu ſchaffen das ſeine Seele magiſch feſſelte. Hätte Lothar früher geliebt, geſchwärmt und geglüht, ſo wäre Schuldfrieds Ein⸗ fluß auf ihn vielleicht weniger allmächtig geweſen. Jezt war ſie ſeine erſte wirkliche Liebe. Bis zu dem Tag wo er ſie ſah, hatte ihn nicht einmal ein vor⸗ übergehender Zauber an eine der Damen gefeſſelt mit denen er im Geſellſchaftsleben zuſammengetrof⸗ fen, und gegen diejenigen die außer dieſem Kreis ſtanden hegte er eine ſo gründliche Verachtung daß er ihnen nicht einmal einen flüchtigen Gedanken widmete. Er war ein ausſchweifender Jüngling ge⸗ weſen, jedoch weniger aus Neigung als in Folge des berauſchenden Lebens in Saus und Braus das ihn einen Augenblick beluſtigte. Die wilden Ver⸗ gnügungen denen man ſich in den Univerſitätsſtädten zerſtreuten ihn nur ſo lange ſie den Reiz der eit beſaßen, verloren aber dann allen Werth. Genug, Lothar hing ſeine ganze Seele an Schuld⸗ fried und that ganz dgsſeibe wie tauſend junge Männer vor ihm die ein unverdorbenes Herz beſi⸗ zen; er wurde Sclave der Neigung die ſeine Seele beherrſchte, aber ein Sclave der es nicht wagte ſich die Freiheit zu wünſchen, um nicht zu verlieren was 120 er ſchon beſaß. Es gab kein Opfer, keine edelmüthige Handlung, wozu er ſich nicht fähig fühlte, um Schuld⸗ fried zu beweiſen wie innig, wie grenzenlos er ſie liebte. Juſt dieſes Beſtreben in allen Dingen und bei allen Gelegenheiten ihrer würdig zu ſein, hatte Schuldfried eine ſo große Macht über ihn verliehen; um ſo gewaltſamer war aber auch ſein Schmerz, als ſie ſeinen Menſchenwerth verkannte und mit Ver⸗ achtung alle ſeine Beweiſe von Hingebung zurück⸗ ſtieß. In einem Ausbruch des Verdruſſes über dieſe Verſchmähung ſeiner edelſten Gefühle hatte er die unglückſeligen Worte über die Mutter geſagt. Der Schlag den er da gegen Schuldfried führte fiel her⸗ nach auf ihn ſelbſt zurück und zerſplitterte gänzlich den kurzen, aber ſchönen Traum der ihm ein zukünf⸗ tiges Glück vorgeſpiegelt hatte. Lothar hatte keinen Verſuch gemacht Schuldfrieds Aufenthalt zu erfah⸗ ren. Er glaubte ihn zu wiſſen und war feſt ent⸗ ſchloſſen ſich zu einer freiwilligen Verzichtleiſtung auf ein Wiederſehen mit ihr zu verurtheilen. Wohin konnten wohl ſie, die Mutter und die dlte Dienerin ſich begeben haben als zu Aberney? Und wenn es ſo war, dann hatte er ja ſelbſt über ſein Schi verfügt; der Würfel war dann geworfen und Schuld⸗ ſried war Tages Braut.— Wie gründlich ihr ſcheu gegen Canitz war, bewies ja der Schritt ſie gethan hatte; ſie konnte ja nicht einmal in ſeiner Nähe verweilen. Nun wohl, warum ſollte denn er ſie aufſuchen— warum ſich ihr wieder in den Weg werfen und neue Leiden hervorrufen? Nach fünf Wochen gänzlicher Einſamkeit mitten in der großen und prachtvollen Hauptſtadt des Kai⸗ hicſat ——— 121 ſerreichs hatte Lothar, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, ein beſtimmtes und deutliches Bild von ſei⸗ nem Innern bekommen und ſich auch den Weg aus⸗ geſteckt den er in Zukunft zu gehen gedachte. Noch war es ihm nicht klar wie er das Ziel erreichen ſollte das er ſeinem Streben ſezte, aber das ſtand deutlich vor ſeiner Seele daß er Rußland verlaſſen mußte, daß er da weder bleiben konnte noch wollte; eben ſo gewiß wie alles das war aber auch daß er unter keiner Bedingung dieſes Land aufgeben und als ein elender Ueberläufer in den Dienſt eines andern treten wollte. Nein, den Fleck der ſeinem Namen anklebte mußte er durch einen ſtreng ehren⸗ haften Wandel verwiſchen. Er mußte zeigen daß er an dem Verbrechen ſeiner Väter unſchuldig war, daß er mit dem Namen nicht auch ihre Treuloſigkeit und Grauſamkeit geerbt hatte. Lothars ſtolzes Gemüth konnte ſich nicht darein finden die Erinnerung zu ertragen daß ſie, das einzige Weib das er geliebt und angebetet hatte, ihn mit Abſcheu von ſich ſtieß, weil er einer Familie angehörte deren Namen jeder Rechtdenkende verachten mußte. Er fühlte Kräfte in ſich die ihn über die Menge erhoben, und er mußte ſein Leben ſpäter ſo einrichten daß man ihm Gerech⸗ eit widerfahren ließ. Kriechende Schmeicheleien gen ſeines Ranges, ſeines Reichthumes oder Ein⸗ fluſſes konnten Lothar nicht befriedigen. Nein, Schuldfrieds offenkundiger Widerwille hatte in ihm ein brennendes Verlangen erweckt durch ſeine ſtrengen Grundſäze und ſeine Tüchtigkeit zu beweiſen daß er ſelbſt nur dem wahren Verdienſt huldigte. „Sie hat mein Glück, meinen Glauben an Selig⸗ 122 keit, meine Hoffnung auf Zukunft in Allem was mein Herz betrifft zermalmt. Ich habe kein Ziel für per⸗ ſönliches Glück dem ich nachſtreben will. Ich muß in Thätigkeit und in der ſtolzen Befriedigung ſtreng nach den Geſezen der Ehre gehandelt zu haben einen Erſaz für das Verlorne finden. Einmal ſuchte ich ſie, konnte nicht leben ohne ſie zu ſehen, beſchränkte mein ganzes Daſein auf eine abgöttiſche Liebe für ſie. Ich litt, ich ſchwärmte, ich hätte für ein Lächeln, für ein freundliches Wort zu ihren Füßen ſterben können. Sie zertrat mein Herz, ſie zermalmte es und endlich entfloh ſie. Nun wohl, nie werde ich unſere Bahnen wieder zuſammenführen, ich werde nie mehr um ihre Liebe betteln; aber ich werde nie aufhören ſie zu lieben. Das Schickſal wird uns noch zuſammenbringen, eine Ahnung ſagt mir das; aber wehe mir wenn ich ihr dann einen Schritt ent⸗ gegenthue! Die Liebe die ſie einmal verſtoßen hat, werde ich ihr nie mehr bieten. Und jezt hinaus, hinaus, um ſo zu handeln daß ich frei bin und ohne dieſes Autocratenjoch auf meinen Schultern das Meer begrüßen kann. Dort will ich fortan leben und ſterben.“ Mit dieſem Entſchluß trat Lothar ganz plözlich in die Welt hinaus und wurde von ſeinen Bear ten in Petersburg begrüßt. Die ſeit ihrem lez Zuſammentreffen verfloſſenen Monate hatten ſein Ausſehen bedeutend verändert. Die hohe Stirne, die früher ſo klar geſchienen als ob keine Wolke ſie verdüſtern könnte, hatte jenes eigenthümliche Ge⸗ präge nachdenklichen Ernſtes erhalten das tiefe und wirkliche Leidenſchaften hinterlaſſen. Man ſah daß 123 ein bitterer Kummer dieſe Schläfe gefurcht und der Kuß des Schmerzes eine kalte Bläſſe auf dem Tem⸗ pelgewölbe des Gedankens hinterlaſſen hatte. Die früher ſo lebhaften und blizenden Augen woraus ſo viel Uebermuth und Stolz geleuchtet, waren jezt kalt und klar wie Sterne die am Firmament funkeln und glizern, ohne zu erwärmen oder zu erleuchten, indem ſie uns nur einförmig entgegenblinken. Dise Lippen, die früher ein ſchalthaftes ſpöttiſches Lächèln gehabt, waren jezt ernſthaft, verſchloſſen, und ein ſtrenger Zug war auf ihnen zurückgeblieben, als hätte das Leiden ſein Siegel darauf gedrückt. Jeder von Lothars Freunden, Vorgeſezten und Bekannten be⸗ merkte dieſe Veränderung im Stillen, aber nicht ein einziger äußerte ein Wort darüber. In ſeinem gan⸗ zen Benehmen lag eine ſolche Kälte daß man ſich dadurch gleichſam in der Ferne gehalten fühlte, und man begriff ſogleich daß der junge Baron jede Be⸗ merkung oder Frage mit Stolz zurückweiſen würde. Lothar hatte feſt beſchloſſen, ehe der Frühling mit ſeinem Geflüſter von Hoffnungen zurückkehre, müſſe er frei ſein, um dem Volk und Land dienen zu können das er ſein nennen wollte und von wo der Stammbaum ſeiner Väter ausgegangen war. i dieß zugehen ſollte, war etwas was der Zu⸗ fall zu beſtimmen hatte, und dann hing Alles davon ab ob dieſer Beherrſcher des menſchlichen Schickſals Lothars Wünſche begünſtigen würde oder nicht. „Mein Leben will ich ohne alles Bedenken gegen en möglichen Gewinn meiner Freiheit auf's Spiel ſezen,“ dachte Lothar. 124 Wiederum vergingen einige Wochen. Noch hatte Lothar keine Mittel gefunden die Kette zu löſen die ihn an Rußland feſſelte. Er hatte beſchloſſen ſich direct an den Kaiſer zu wenden und ihm zu ſagen daß er ſich niemals als Ruſſen betrachtet habe, ſon⸗ dern daß er von Seele und Herz wie auch von Blut Schwede ſei, deßhalb auch in ſein eigentliches Vaterland zurückzukehren wünſche. Lothar war eben beſchäftigt ſeine Toilette zu machen, um ſich zum Kaiſer zu begeben und um eine Audienz zu bitten. Reich, einer Familie ange⸗ hörig die Rußland große Dienſte geleiſtet hatte, und von der Natur ſehr freigebig ausgeſtattet, war er ein junger Mann auf welchen der Kaiſer große Hoff⸗ nungen für die Zukunft ſezte und den er mit aus⸗ gezeichnetem Wohlwollen umfaßte. Auf dieſes Wohl⸗ wollen baute jezt Lothar eine, wiewohl nur ſchwache Hoffnung; als er eben mit ſeinem Anzug fertig war, kam ſein Kammerdiener mit zwei Briefen herein. eine war von Schweden, der andere von Finn⸗ and. Schweden? Lothar hatte dort keinen andern Bekannten als Schuldfrird. Er betrachtete den Brief mit einem wahren Beben, und derſelbe Mann der, ohne auch nur eine Muskel zu verziehen, dem Tode ins Auge hätte ſehen können, zitterte bei dem bloß Gedanken daß bieſer Brief von ihr ſein möchte. Einen Augenblick ergriff ihn ein Schwindel von Hoffnungen und der Umſchlag lag zerriſſen zu Bo⸗ den. Es war nicht ihre Hand, ſondern die kühnen und nachläßigen Schriftzüge eines Mannes. Lothar —,—— 125 fuhr über ſeine Stirne und murmelte: Ich Thor! Sodann warf er einen Blick auf die Unterſchrift; da ſtand: Victor Aberney. Beim Anblick dieſes Namens ſchoß ihm das Blut gegen den Kopf und er zerknitterte den Brief mit einer zornigen Bewe⸗ gung. Nach einigen Secunden hatte er ſich jedoch ſo weit erholt daß er leſen konnte wie folgt: „Herr Baron! „Durch eine grauſame Nothwendigkeit außer Stands geſezt mich perſönlich bei Ihnen einzufinden um eine Genugthuung und Erklärung wegen Ihres Beneh⸗ mens zu fordern, ſehe ich mich gezwungen dieſes Mittel anzuwenden, obſchon ich nur wenig Hoffnu hege daß ein Mann von Ihrem Character mir die Satisfaction geben werde die ich verlange. Ich frage Sie daher: was iſt aus Schuldfried gewor⸗ den?— Sie iſt von dem Hofe den ſie mit ihrer Mutter bewohnte verſchwunden, und Sie ſind es der ſie entführte. Sie haben ſich wie ein heimtückiſcher Verführer in das Herz des jungen Mädchens ein⸗ geſchlichen, und nachdem es Ihnen gelungen mich aus Ihrer Nähe zu entfernen, haben Sie das arme Kind ſammt der Mutter verlockt Ihnen zu folgen. Es iſt nicht das Erſtemal daß ſolche Handlungen z Ihrer Familie vorkamen. Erinnern Sie ſich ſers Zuſammentreffens in Abo am Abend vor meiner Abreiſe, als Sie mich beinahe zwangen Ihnen einen Brief an Schuldfried zu übergeben? Ich ſagte Ihnen damals daß ich von Ihrer Treuloſigkeit nichts Geringeres erwarte, als daß Sie den Brief ent⸗ weder gar nicht an ſeine Adreſſe gelangen laſſen 126 oder ihn zu irgend einer Niederträchtigkeit anwen⸗ den würden. Sie antworteten mir: Wenn Sie einen ſolchen Zug von mir ſehen, ſo ſprechen Sie Ihre Verachtung aus, aber bis zum heutigen Tag beſizen Sie kein Recht mir zu mißtrauen oder mich zu beſchimpfen, denn Sie ſelbſt könnten Schuldfried nie ſo ſicher vor allem Böſen ſchüzen wie meine tiefe Verehrung vor ihr ſie ſchüzt. Einen Schur⸗ ken können Sie mich an dem Tage nennen wo ſich etwas Heimtückiſches oder Treuloſes in mein Beneh⸗ men gegen ſie oder irgend eine andere Perſon ein⸗ ſchleicht. „So lauteten Ihre Worte. Ich zlaubte nicht daran weil ich nie an einen Canitz glaube. Ihr Venehmen hat mir Recht gegeben. Sie ſind ein Schurke, denn Sie haben heimtückiſch das unſchul⸗ dige Mädchen ins Verderben gelockt, ſie verankaßt ihre Freunde zu vergeſſen und ihre Ehre mit Füßen zu treten. „Sie werden vielleicht fragen mit welchem Recht ich mich in ihr Thun und Handeln einmiſche. Mit dem Recht das ich als naher Verwandter und Bruder ihres Vaters beſize. Sie dürften mich daher unverzüglich über das Schickſal meiner Nichte und das Loos das Sie ihr zudenken unterrichten; im andern Fall werde ich durch den ruſſiſchen Geſandten dahier die Sache höheren Ortes anbringen laſſen, und Sie können leicht einſehen welche Folgen aus meinen fortgeſezten Bemühungen gegen Sie ent⸗ ſtehen könnten. „Victor Aberney.“ —,——— 127 Hätte man Lothar einen Schlag ins Geſicht ver⸗ ſezt, wäre die Decke über ſeinem Haupte zuſammen⸗ gebrochen, ſo hätte dieß nicht die Beſtürzung hewor⸗ gerufen die ihn jezt beherrſchte. Schuldfried hatte ſich alſo nicht nach Schweden begeben. Sie war nicht zu dieſen ihren Freunden und Verwandten geflohen. Wohin hatte ſie alſo ihren Weg genommen? Wo hielt ſie ſich auf? Das war ein Chaos von Fragen und Vermuthungen aus welchem Lothar vergebens einen Leitfaden ſuchte. Nachdem er ſich umſonſt den Kopf zerbrochen um eine Erklärung zu finden die wenigſtens einiger⸗ maßen den durch Aberneys Brief heraufbeſchworenen. Sturm in ſeinem Innern beruhigen könnte, griff er nach dem Briefe aus Finnland. Vielleicht daß die⸗ ſer ihm einen Lichtſtrahl in dem ringsum herrſchen⸗ den Dunkel gab. In den Gefühlen die Lothars Bruſt erfüllten wär ein Gemiſch von jubelnder Freude und Verzweiflung: Freude bei dem Gedanken daß Schuldfried auch dieſen ſeinen verhaßten Nebenbuh⸗ lern entflohen, daß ſie nicht die Braut dieſes Tage war, und Verzweiflung über ihr ſpurloſes Verſchwin⸗ den. Der Brief aus Finnland kam von einer ſehr wohlbekannten Hand; er war von Wagner, auf franzöſiſch geſchrieben, und lautete in der Ueberſezung wie folgt: „Herr Baron Canitz! „Sie haben mir verſchiedene Male geſagt daß ich mich einer Läſterung ſchuldig mache, wenn ich mich Ihren Freund nenne.— Sie haben mich Jahre lang mit mißtrauiſchen Blicken betrachtet und in em meiner Worte eine Bosheit erblicken wollen tigen Periode ſeines Lebens wünſchen ſollte aus dem Dienſt der ruſſiſchen Krone loszukommen, oder lungen klug und reif zu beurtheilen.“ ſtärke genug beſizen um Ihre Handlungen ſelbſt be⸗ wozu ich Sie zu verleiten geſucht habe. Ich habe Alles das wie ein Mann ertragen, in der feſten Ueberzeugung daß Sie einſt genöthigt ſein würden mir Recht widerfahren zu laſſen. Wann dieſer Tag anbrechen wird, laſſe ich dahin geſtellt; genug daß er einmal kommen muß, und bis dahin mögen Sie mir mißtrauen. Nicht um Ihre Ueberzeugung von mir im Mindeſten zu erſchüttern, ſchreibe ich jezt an Sie; nein Herr Baron, es geſchieht um eine Pflicht zu erfüllen. „Sie wiſſen, Herr Baron, daß am Todtenbette Ihres Vaters, des Generals, Niemand zugegen war als ich und ſein jezt verſtorbener Kammerdiener. Was da geſagt wurde, weiß alſo kein Anderer als ich, da das Grab bereits den andern Zeugen ver⸗ birgt. Eine Stunde vor ſeinem lezten Seufzer ver⸗„ traute er mir inliegendes Brieſchen an mit den Worten: Im Fall mein Sohn in irgend einer wich⸗ wenn ſeine Eigenſchaft als ruſſiſcher Unterthan ſei⸗ nem Glück und Erfolg irgendwie hinderlich im Wege ſtände, ſo übergeben Sie ihm das und er iſt frei. Sie dürfen es ihm erſt dann übergeben, wenn Sie ihn für geſezt genug halten um ſeine eigenen Hand⸗ „Ich überſende Ihnen das anvertraute Papier mit der vollen Gewißheit daß Sie jezt Character⸗ urtheilen zu können, und da Sie zugleich an einem Wendepunkt Ihres Lebens ſtehen wo dieſes Papie Ihnen vielleicht von unberechenbarem Werth ſei ——— 129 könnte. Ich müßte des Menſchen Herz ſchlecht ken⸗ nen, wenn Sie nicht gerade jezt Ihre volle Freiheit wünſchen ſollten. Ich hoffe, Sie werden klar ein⸗ ſehen daß ich bei dieſer Gelegenheit als ein Freund und nicht als ein Feind gehandelt habe. „Jezt noch ein Schlußwort: Sie glauben daß ich in Bezug auf Fräulein Smith treulos gehandelt habe; in dieſem Fall muß ich mich Ihrem ungerech⸗ ten Urtheil unterwerfen. Ich will Sie inzwiſchen über eine Sache⸗ aufklären, nämlich daß ich ſie, als Sie mich nach Ektorp ſchickten, um der Kranken bei⸗ zuſtehen, mehr geiſtig als körperlich angegriffen fand. as zwiſchen Ihnen und ihr vorgefallen iſt, weiß ich nicht. Es muß etwas recht Schreckliches geweſen ſein, denn ſie wiederholte unaufhörlich: Dieß war alſo das große Geheimniß: Jeſus erbarme dich über mich! Einige Tage war ſie gänlich von Sinnen, aber am dritten kam ſie mir, als ich eintrat, ruhig vor. Da nöthigte ſie mir das Verſprechen ab daß ich Ihnen von ihrem Entſchluß, den ſie mir mit⸗ theilte, Finnland zu verlaſſen, nichts ſagen wolle. ch gab ihr mein Wort darauf ihren Brief erſt acht Tage nach ihrer Abreiſe Ihnen zu übergeben. „Sie werden vielleicht ſagen, dieß ſei eine unedle Handlung gegen Sie. Möglich; aber als Menſch und als Mann von Herz konnte ich mich nicht anders gegen das junge Mädchen benehmen, denn ſie hatte beſchloſſen eher zu ſtetben als Sie wioder zu ſehen. ohin ſie gegangen iſt, weiß ich nicht. „Jezt, Herr Baron, habe ich nur noch beizufügen daß ich meine Stelle als Arzt von Kronbrück nie⸗ derlege ſobald mir mein Abſchied von der Bezirks⸗ Schogrö, Schuld und Unſchuld. I. 9 130 arztſtelle bewilligt iſt. Wir ſind alſo geſchiedene Leute. Mögen Sie nie die Ungerechtigkeiten bereuen welche Sie begangen haben gegen Ihren früheren Lehrer „J. Wagner.“ Unverzüglich öffnete Lothar die Einlage. Es war ein vom ruſſiſchen Kaiſer unterzeichnetes Docu⸗ ruſſiſchen Dienſte zu treten und nach Schweden zu⸗ rückzukehren. Daran war jedoch die Bedingung ge⸗ knüpft daß ſie alle liegenden Güter und Capitalien die ſie in Rußland ſelbſt beſaßen verloren. Zwar Kronbrück durften ſie als Erbgut behalten, aber Alles was ſie von der ruſſiſchen Krone als Zeichen ihrer Gewogenheit wegen ihres bewieſenen Dienſt⸗ eifers bekommen hatten, verloren ſie in demſelben Augenblick wo ſie Rußland verließen. Wenn irgend Etwas noch Lothar freuen konnte, ſo war es dieſes Document. Hätte darin geſtanden ler ein Land perlaſſen müſſe wo er jezt fürſtliche Reichthümer beſaß, ſo häkte er gewählt ein freier Vermögen das ſein Vater und Großvater auf eine nicht ſehr ehrenvolle Weiſe etworben hatten. Er wollte nicht eine einzige Kopeke davon behalten. Mit ſeinem Freiheitsbrief in der Taſche begab er ſich zum Kaiſer, um ſeinen Entſchluß anzuzeig ment, wodurch es den Erben des Generals Canitz, im Fall ſie es wünſchten, freigeſtellt wurde aus dem daß er ſein ganzes Vermögen verliere und als Bett⸗ Bettler zu ſein. Jezt konnte eine Wahl nicht in Frage kommen. Kronbrück warf allein bedeutende Einkünfte ab. Alſo entſägte er mit Vergnügen dem —— und ſodann weit, weit von dieſ zureiſen das er nie geliebt hatte. em Reiche hinweg⸗ Wir wollen jezt ſehen wie ſich das Leben für Profeſſor Aberney geſtaltet, nachdem er beinahe köpf⸗ lings Finnland hatte verlaſſen und ſeine Penaten nach Schweden verſezen müſſen. Aberney hatte theils durch Erbſchaft, theils durch Erſparniſſe ein nicht unbedeutendes Vermögen be⸗ ſeſſen. Kurz vor dem Ereigniß das ſeine Entfernung aus Finnland zur Folge hatte, verlor er durch Bankrott mehr als die Hälfte davon. Der Reſt ſchüzte ihn. indeß vor Noth und würde im Verein mit ſeiner Profeſſorsbeſoldung zur Befriedigung ſeiner kleinen Be⸗ dürfniſſe genügt haben, wenn er nicht durch die Ver⸗ bannung ſeine Stelle an der Univerſität verloren hätte. Jezt blieb nur noch der Ertrag von Junta übrig. Aberneys erſtes Geſchäft bei ſeiner Ankunft in Schweden mußte ſomit darin beſtehen daß er ſich eine Anſtellung ſuchte bei welcher er ſeine ungewöhn⸗ lichen Kenntniſſe verwerthen und ſich ſeine öcono⸗ miſche Unabhängigkeit erwerben konnte. Es gibt Männer die, ſelbſt wenn man ſie in Lapplands entlegenſte Gebirge verſezte, gleichwohl durch die Mannigfaltigkeit hreſe ihre Tüch⸗ tigkeit und Ueberlegenheit ſich ſo bekannt zu machen wüßten daß das Echo ihres Namens weit umher erſchallen würde. Zu dieſer Zahl gehörte Aberney; man ſprach ſowohl in Stockholm als in Abo von ſeiner wiſſenſchaftlichen Bildung, ſeiner 132 und da er den ſchwediſchen Boden als Verbannter 3 betrat, ſo wurde er mit offenen Armen von Schwe⸗ den empfangen, das ſtets mit Freude und Stolz jede Gelegenheit ergriff ſeine innige und unverminderte Anhänglichkeit an Finnland und ſeine Söhne zu be⸗ zeugen. Genug, der berühmte Finne erhielt eine Profeſſur(wo oder welche, kann gleichgiltig ſein). Bald hatte er ſich ſo darin eingelebt, daß er ſich* bei der neuen Wendung ſeines Lebens ganz glücklich hätte fühlen können, wenn nicht aus Finnland die für ſein Herz ſchmerzliche Nachricht gekommen wäre daß Schuldfried und ihre Mutter ihre bisherige Wohn⸗ ſtätte verlaſſen hatten, ohne daß der Paſtor wußte wohin ſie gegangen waren. Einige Tage nach ihrer Abreiſe hatte dieſer einen Brief von Schuldfried er⸗ halten, worin ſie ihm für älle ihr und der Mutter bewieſene Güte dankte, mit dem Beifügen daß be⸗ ſondere Umſtände ſie genöthigt hätten das Vater⸗ land zu verlaſſen. Die Veranlaſſungen zu dieſem Schritte ſeien von der Art daß Schuldfried den Aufenthaltsort verſchweigen müſſe den ſie ſpäter wählen würde. In dieſem Brief lag überdieß ein Schreiben an Aberney um deſſen gütige Beſorgung der Paſtor erſucht wurde. 46. Der Brief an Aberney war offenbar in einer höchſt aufgeregten Stimmung geſchrieben und bewies daß das junge⸗ Mädchen von bittern und ſchmerz⸗ lichen Gefühlen beherrſcht wurde. Sie bat ihn ſo rührend daß er auch in einer Zukunft wo die Wahr⸗ heit ihm vor Augen ſtände verſuchen möchte ohne Groll und Zorn an ſie zu denken. Sie ſagte ſie möchte lieber ans Ende der Welt fliehen als ihn verändert und verbittert wiederſehen. Sie ſchloß mit den Worten: „Theurer als Alles was ich bisher liebte waren Sie mir, Onkel, und deßhalb wäre es mir unmög⸗ lich eine Veränderung in Ihrer Neigung zu erfahren. Jeden anderen Verluſt könnte ich verſchmerzen, nicht aber die Entdeckung daß ich nicht mehr Ihre liebe Schuldfried ſei, und daß zwiſchen Ihnen und mir Etwas ſich vorfinde was mich von meinem Freund, meinem Vater trenne. Ach Onkel, ich fliehe, fliehe, mit dem Gebet zu Gott daß ich die Erinnerung an Ihre Güte und Liebe behalten dürfe als einen Troſt für Alles was mir entriſſen worden iſt. Grüßen Sie Tage und er möge mich vergeſſen. Mein wider⸗ ſtrebendes und ſchwaches Herz war nicht für ihn ge⸗ ſchaffen, aber bis an meinen Tod werde ich ſeiner und Ihrer Liebe gedenken, als der ſchönſten Schäze welche das Leben für mich beſeſſen hat. „Denken Sie ohne Groll und Unwillen an Ihre —„ſehr unglückliche Schuldfried.“ Dieſer Brief erfüllte Aberney mit wahrem Kum⸗ mer. Was ſollte er glauben? Auf was anderes deutete ſie als auf die Schwachheit in Folge deren ſie Vater⸗ land und Freunde verlaſſen hatte? Und worin konnte dieſelbe beſtehen als in de Liebe zu dieſem Ca⸗ nitz? Des Paſtors Brief enthieß eine ähnliche An⸗ deutung. Was war natürlicher als daß Aberney an den Mann ſchrieb von welchem er glaubte daß er die erbärmliche Rolle des Verführers geſpielt habe? ir kennen den Wortlaut ſeines Briefes⸗ Tage nahm die Nachricht von Schuldfrieds Ve „ wieder der Alte. Man hätte auf ſeinem Geſichte 134 nichen ſo heftig auf, daß Aberney ſeiner ganzen Macht über den jungen Mann bedurfte um ihn wie⸗ der zur Vernunft zu bringen. Dieſe Neigung die ihn ſeit ſeinen früheſten Jüng⸗ lingsjahren an Schuldfried gefeſſelt war mit ſeinem Herzen feſt verwachſen, und er konnte ſich ohne ſie keine Freude, kein Glück denken. Er hatte ſich nie eine zukünftige Seligkeit geträumt 1 an ihrer Seite, und er hatte Schuldfrieds Gefühle ſo gänzlich nach ſeinen eigenen beurtheilt, daß er die Möglich⸗ keit ſie zu verlieren keinen Augenblick in ſeiner Seele aufkommen ließ. Und jezt da er ſo zuverſichtlich ge⸗ hofft hatte einige warme und liebreiche Worte auf ſeinen Brief zu erhalten, jezt kam die Nachricht daß Schuldfried verſchwunden ſei. Sie war vielleicht mit ihm entflohen, mit dieſem Manne der ſich wie ein— Dieb in ihr Herz eingeſtohlen hatte. Aberney äußerte gegen Tage Nichts von ſeinen Befürchtungen; aber als er Schuldfrieds Brief las, entſtanden ſie von ſelbſt. Einige Wochen verfloßen während deren Tage ſich ſeinem Kummer, ſeiner Eiferſucht und ſeinem Aerger überließ, als er glück⸗ licher Weiſe Befehl erhielt ſich nach Carlskrona i Dienſt zu ſe Neue Gegenſtände ciholtn Beſchäftigung ver⸗ minderten ſeinen Kummer etwas oder drängten ihn wenigſtens in den Hintergrund. Tages angeborne Heiterkeit gewann ihr Recht wieder, und nachdem er ſich einige Wochen in Carlskrona unter fröhlichen und muntern Cameraden aufgehalten, wurde er ſo ziemlich pergebens Spuren von Kummer gejnht. Licweht 3 fand ſich dieſer bei der Erinnerung an Schuldfried vor. Dieſe war wie ein Feuermal in ſeiner Seele das weder Zeit noch Umſtände zu verwiſchen ver⸗ mochten, obſchon es dem oberflächlichen Betrachter vielleicht ſo ſcheinen konnte. Tage beſaß einige von den Eigenſchaften die den Seemann auszeichnen müſſen, obſchon ihm auch — mehrere davon fehlten. Er beſaß jene Elaſticität vermöge welcher die Söhne des Meeres nicht gerne mit einem wirklichen Kummer verkehren, ſondern ihn abſchütteln oder wegſchieben, ſo daß er ſich nicht zwiſchen ſie und das tägliche Leben eindringen kann das ihr eigentliches Fach iſt. Offen und lebhaft, war Tage mit Leib und Seele Seemann, obſchon ihm der practiſche Verſtand abging der unbedingt nöthig iſt. Bedenkt man dabei daß er bis zur Starr⸗ töpfigkeit eigenſinnig war und nur mit Anſtrengung den Zügel der Disciplin ertrug, ſo ſieht man daß er auf der andern Seite ſich nicht für die militäriſche Laufbahn eignete. Er hatte ſie jedoch aus freier Wahl ergriffen, weil er meinte die wahre Freiheit müſſe auf dem Meere wohnen. Es hätte Ja und viele Anſtrengung erfordert um Tage mit der Bedanken auszuſöhnen daß jge unbegrenzte Freiheit ein Unding iſt⸗wonach verni ftige Leute nicht ſtre⸗ ben dürfen. Aberney hatte mit Freuden Tage nach Carlskrona abreiſen laſſen, weil er vorausſah daß er dort in einen Wirkungskreis geworfen werden mußte der ihm keine Zeit zu Grübeleien ließ. Nachdem er abgereist war, ſchrieb Aberney an Lothar den oben erwähnten Brief und wartete nicht —— ohne Ungeduld auf eine Antwort. So verfloßen einige Wochen bis er folgenden Brief erhielt: Herr Profeſſor! „Ich habe Ihren Brief erhalten und weiß in Wahrheit nicht auf was Sie hindeuten. Folglich kann ich nicht darauf antworten, aber in zwei oder höchſtens drei Wochen werde ich mich perſönlich in Stockholm einfinden um Ihnen eine Erklärung zu geben und abzuverlangen. Lothar Canitz.“ Drei oder vier Wochen vergingen ohne daß Aber⸗ nney etwas Weiteres von Lothar hörte. Schon wollte der Profeſſor den ganzen Brief als eine Finte um Zeit zu gewinnen anſehen, und ſchon hatte er den feſten Entſchluß gefaßt den ruſſiſchen Geſandten um Aufſchlüſſe über Schuldfrieds Schickſal anzugehen, als Tante Sara eines Tages ganz todtenblaß zu ihrem Reffen in ſein Arbeitszimmer geſprungen kam und mit unſicherer Stimme ſtammelte: „Victor, Baron Canitz iſt draußen im Salon und wünſcht Dich zu ſprechen.“ Der Profeſſor richtete ſich auf und ſagte: „Wirklich, das freut mich daß er wenigſtens den Muth hat ſich hier eipzufinden.“. „Und Du wilſt einen Canitz empfangen?“ rief Sara, indem ſie die Hände zuſammenſchlug;„Du, ein Aberney, läſſeſt ihn auch nur eine Minute auf Deiner Schwelle ver⸗ weilen?“ „Tante,“ ſagte Aberney ernſt,„der junge Ca⸗ nitz und ich müſſen uns treffen. Wer unter mein Dach tritt, ſei e? Freund oder Feind, den begrüße — nter Deinem eigenen Dache — ich immer als Gaſt. Dieß iſt eine alte übliche Sitte im Norden.“ Der Profeſſor bat Sara den Baron einführen zu laſſen. N. Nach einigen Augenblicken ſtanden dieſe Männer aufs Neue einander gegenüber, beide mit hochgetra⸗ genen Köpfen und einander ſtolz anblickend, worauf ſie beiderſeits einen kalten Gruß abgaben. Das einzige Mal wo ſie ſich vorher getroffen hat⸗ ten, war in Abo, als Lothar nach einer Beſprechung mit dem Generalgouverneur. es ſo einrichtete daß Aberney nur den Befehl erhielt Finnland zu ver⸗ laſſen um jeder Unterſuchung zu entgehen. Als Lothar bei dieſer Gelegenheit Aberney beſuchte und den Brief abholte den er an Schuldfried übergab, hatte der Profeſſor einige bittere Worte geſprochen, und beide waren damals ſo aufgeregt daß ſie von ihrer gegenſeitigen äußeren Erſcheinung kaum einen Eindruck behielten. Jezt dagegen waren ſie kalt und ruhig. Sie betrachteten einander einige Secunden lang, als wollten ſie erforſchen wie viel Ehrlichkeit und Wahrheit ſich nach den Geſichtszügen erwaxten laſſe. Lothar, der jünger und weniger gewöhnt w im Blicke eines Menſchen zu leſen was er Nieder⸗ trächtiges oder Edles verbarg, ſchwieg am längſten, und ſo mußte Aberney zuerſt das Wort ergreifen. „Sie haben mich lange warten laſſen, Herr Ba⸗ ron,“ begann Aberney, und wer den Profeſſor kannte, mußte aus dem Tone ſeiner klaren und klangrolle Stimme leicht erſehen daß Lothar einen angenehmen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er glaubte in dem ſchönen Geſicht des jungen Mannes einen ganz andern Character zu leſen als er erwartet hatte. 138 „Ich weiß es, Herr Profeſſor, aber die Verzö⸗ gerung hing nicht von mir ab, ſondern von gewiſſen Formalitäten denen ich mich unterwerfen mußte, be⸗ vor ich das ruſſiſche Joch abſchütteln und als freier Mann den ſchwediſchen Boden betreten konnte. Jezt bin ich hier um Ihnen jede Erklärung zu geben die Sie verlangen können und ich zu geben vermag, wie auch um von Ihnen eine ſolche in Betreff Ihrer„ Anſchuldigungen gegen mich zu verlangen.“ „Baron Canitz, ich wünſche zu wiſſen welches Schickſal Schuldfried getroffen hat.“ Dießmal klang Aberneys Stimme ſehr ſcharf. „Aber wie können Sie ſich mit dieſer Frage an mich wenden? Haben Sie wirklich einen Augen⸗ blich den Gedanken hegen können daß ſie, dieſes reine unverdorbene Mädchen, gleich einer verbreche⸗— riſchen Abenteurerin mit mir aus ihrer Heimath weg⸗ laufen und ihre Freunde in Unkenntniß über ihr Schickſal laſſen könnte?“ „Wozu dieſe hübſchen Worte? Sie iſt auf eine geheimnißvolle Weiſe entflohen, und nür eine un⸗ lückliche Neigung zu Ihnen hat ſie dazu veranlaſſen önnen,“ ſagte Aberney ruhig, aber beſtimmt. Ein ſchmerzliches bitteres Lächeln ſpielte Lothars Lippen als er antwortete: W „Sie ſagten eine unglückliche Liebe zu mir; hät⸗ ten Sie geſagt ein tiefer Abſcheu, ſo wären Sie der Wahrheit näher gekommen. Und um Ihnen dieß zu beweiſen, ſehen Sie hier den Brief den ſie mir nach ihrer Abreiſe zuſchickte.“ Lothar zog Schuldfrieds Billet hervor. Als . es durchleſen hatte, erblaßte er. 139 „Sie kennen alſo Schuldfrieds Mutter?“ fragte er mit dumpfer Stimme. „Am Tag vor Ihrer Abreiſe aus Abo entdeckte ich zum erſten Male daß Frau Smith und Harm Aberney eine und dieſelbe Perſon waren.“ „Woher kennen Sie ihre traurige Geſchichte?“ „Herr Profeſſor, das kann ich Ihnen nicht ſagen. Genug, ſie iſt mir bekannt, aber das wußte ich nicht daß Sie ein Bruder von Schuldfrieds Vater ſind. Hätte ich das gewußt, glauben Sie mir, dann wäre Vieles anders geworden.“ Lothar erzählte jezt ganz einfach Alles was zwi⸗ ſchen ihm und Schuldfried nach Aberneys Entfernung. vorgefallen war; ſeine im Zorn ausgeſprochenen Worte über Schuldfrieds Mutter und was daraus erfolgte. Aberney ſaß gedankenvoll da und hörte zu, wie wenn er aus dieſer Erzählung einen Schluß zu ziehen ſuchte der Schuldfrieds Flucht erklären könnte. Als Lothar verſtummte, ſagte er, mehr vor ſich hin als in Form einer Frage: „Aber warum dieſe geheimnißvolle Entfernung, dieſes Verſchwinden?“ „Das Verbrechen der Mutter iſt der einzige Er⸗ klärungsgrund,“ ſagte Lothar düſter.„Das Bewußt⸗ ſein daß ein Fremder darum wußte, jagte das ſtolze Mädchen weit weg von denjenigen die davon Kunde hatten. Wie tief muß ſie nicht diejenigen verabſcheuen die Etwas auszuſprechen wagten was nach ihrer Mei⸗ nung für alle Welt ein Geheimniß war?“ 3„Und was für ſie ſelbſt ein Geheimniß war,“ 1 fügte Aberney wehmüthig hinzu. F — 140 „Was ſagen Sie?“ rief Lothar.„Kannte Schuld⸗ fried die traurigen Verhältniſſe ihrer Mutter nicht?“ „Nein, ſie befand ſich in gänzlicher Unkenntniß ſowohl über den rechten Namen der Mutter als über ihre Verwandtſchaft mit mir.“ „O mein Gott, welche Schandthat habe ich da nicht begangen!“ murmelte Lothar. Er erhob ſich und reichte Aberney die Hand, indem er hinzufügte:* „Wenn Sie können, Herr Profeſſor, ſo verzeihen Sie mit das Herzeleid das ich Ihnen durch ſie be⸗ reitet habe. Verzeihen Sie mir auch den Haß, den Unwillen den ich gegen Sie hegte. Welche entſezliche Leiden habe ich nicht verurfacht!“ Aberney ergriff die dargebotene Hand ohne Etwas„ zu antworten; aber er drückte ſie auf eine Art die mehr ſagte als Worte. Darauf entfernte ſich Lothar— ohne daß eine weitere Silbe zwiſchen ihnen gewech⸗ ſelt wurde, aber ſie ſchieden von einander mit Ge⸗ fühlen gegenſeitiger Theilnahme. „ Nach der oben beſchriebenen Beſprechung zwiſchen Lothar und Aberney verfloßen drei Jahre. Der Frühling hatte die Erde wieder grün gekleidet und über Meer und Land wölbte ſich der hellblaue Himmel. Die im Winter ausgebeſſerten Schiffe wurden ſegelfertig gemacht; dem Seemanne ſchwoll die Bruſt vor Hoffnung und Befriedigung. Er ſollte wieder die liebe Woge durchfahren, wieder mit dem Sturme kämpfen, wieder nach neuen Küſten eilen dürfen. Die Ruhe auf dem Lande war ihm lang, die Luft zu 141 ſchwül geworden, und ein unbeſchreibliches Sehnen hatte ſein Herz erfaßt. Dorthin, dorthin nach der See ſtand ſein Ver⸗ langen. 8 Wie heißt des Seemanns rechtes Vaterland? Das Meer.— Wie wir Andern mit ſchwermüthi⸗ gem Heimweh in den Raum hinausblicken und die „ Arme nach der Vatererde ausſtrecken wenn wir von ihr getrennt leben, ſo macht es auch der Seemann wenn er längere Zeit auf dem Lande gewtſen iſt. Seine Bruſt wird beklommen, ſein Gemüth ſehnſuchts⸗ krank, und er ſeufzt nach dem freien Meer. Im Mai 183— ging eine Fregatte die wir Ca⸗ rolina nennen wollen von Carlskrona nach einer Mittelmeerexpedition ab. Jedermann am Bord des ſtattlichen Kriegsſchiffes befand ſich in heiterer Stim⸗ mung. Man ſagte dem Lande ein fröhliches Lebe⸗ wohl und begrüßte jubelnd die raſtloſe Woge. Das Meer! Dieſes unermeßliche Reich mit der Zerſtörung in ſeinem Schooße und der poeti⸗ ſchen Schönheit auf ſeiner Oberfläche; fürchterlich in ſeinem Zorn, wunderbar in ſeiner Stille. Man wird von ehrfurchtsvollem Beben ergriffen wenn es brüllt; man fühlt ſich zur Wehmuth bewegt wenn es ſchlum⸗ ernd liegt und träumt. Die ruhige Stille lähmt; die Raſerei des Sturmes bringt das Blut in Fie⸗ berbrand. „Das Leben auf der See iſt doch ſehr einförmig,“ hört man ſo Manchen ſagen. Nur der oberflächliche Beobachter kann ſich ſo ausdrücken, nicht aber der denkende Betrachter der Dinge. Für ihn bietet das Meer eine reiche Quelle von Ueberlegungen, Er mag ſeine 142 weißſchäumenden oder wild dahin eilenden Wellen ſehen, ſo liefert es ihm beſtändig neue Gemälde zu bewundern und immer neuen Stoff für das Nach⸗ denken, für die Phantaſie und für die Forſchung. Die Fregatte Carolina hatte einen Tag nach dem⸗ jenigen wo wir ihr einen Beſuch abſtatten wollen den Hafen von Cadix verlaſſen um nach Gibraltar zu ſegeln. 5 Dieſer kleine ſchwimmende Staat, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, der ſich in einem Kriegsſchiff beiſammen findet, iſt eine höchſt eigenthümliche Offen⸗ barung und aller Aufmerkſamkeit werth. Es bieten ſich da unendlich viele Gelegenheiten den Menſchen⸗ geiſt zu bewundern, wegen ſeines Talentes zu ordnen und Alles, vom Größten bis zum Kleinſten, mit Macht zuſammenzuhalten. Für denjenigen der nicht weiß wie Alles am Bord eines Schiffes auf ſeine gewiſſe Zeit ver⸗ theilt und auf ſeinen gewiſſen Plaz beſtimmt und angeordnet iſt, muß es ein Räthſel ſein wie man ſo viel ausrichten, erreichen und anordnen kann. Jür denjenigen der die Thätigkeit und Ordnung auf einem Kriegsſchiffe nicht kennt, muß unwillkürlich die Frage entſtehen: Mit was können die Offiziere und 300 bis 400 Mann während eines längern Aufenthaltes zur See ſich beſchäftigen? Wie verfließt wohl dieſe lange Zeit? Laßt uns vor allen Dingen einen Blick auf das Verdeck werfen, ſo lange das Grauen des Tages die Nebel zu verdrängen anfängt die über dem dunkeln Blau ſchweben. Das Schiff ſchaukelt ſich leicht und ſorglos auf der Wöge; vielleicht daß wir am Bord deſſelben einige Bekannte wiederfinden. 6 143 Es iſt während der Tagwache. Alles iſt ſo ſtill, ſo geheimnißvoll in dieſem Halbdunkel das durch die eingezogenen Segel noch dunkler wird. Auf dem Hintertheil ſtehen zwei bis drei Männer in der Drill⸗ rolle, ſtill wie Mumien, mit dem einen Auge auf dem Compaß, mit dem andern auf der Wetterfahne des Steuermanns welcher„recht ſo,“„nicht tiefer“ „ u. ſ. w. wiederholt. Auf dem Commandoſchemel hat der wachhabende Offizier ſeinen Plaz und ſpäht bald in den Raum hinaus, bald wirft er prüfende Blicke auf den Wind. Er iſt der Gedanke der dieſe ganze bewegliche Maſchine leitet, der während ſeiner Wacht den Befehl und das Leben und Wohl Aller in ſei⸗ ner Hand hat, auf deſſen Wachſamkeit und Urtheil alle Anweſenden vertrauen müſſen, wenn der Gott des Schlafes ſeinen Beſuch in den Cajüten macht. Ehe wir unſere Schilderung fortſezen, wollen wir in dieſem Halbdunkel den Mann auf dem Commando⸗ ſchemel betrachten. Seine Züge kommen uns be⸗ kannt vor. Sicherlich haben wir die hohe ſchlanke Geſtalt des jungen Premierlieutenants ſchon einmal geſehen. In dieſem Geſichte mit ſeinem ſtrengen, ernſten, aber doch poetiſch ſchwärmeriſchen Gepräge erkennen wir ohne Mühe Lothar Conſtantin Canitz. Sein Blick der gerade vorwärts ſchaut, hat etwas Schwärmeriſches was nicht einmal durch die geſpannte Aufmerkſamkeit verwiſcht werden kann. Daß die durch die Stille hervorgerufenen Gedanken ihn nicht von ſeinen Pflichten abziehen, erſieht man aus dem prüfenden Blick den er von Zeit zu Zeit um ſich wirft, und worin zu leſen ſteht daß er die Wichtig⸗ keit ſeines Poſtens vollkommen aufgefaßt hat. E— 144 Für Lothar war in der gegenwärtigen Periode das Leben auf der See Alles. Es gab keine zärt⸗ lichen Bande die ihn ans Land feſſelten, keine lieb⸗ liche Hoffnung, keine brennende Sehnſucht die ſeinen Gedanken oder ſein Gefühl auf irgend einen Punkt der Erde fixirte. Nein er ſtand allein da, wurde von Niemand vermißt und von keinem unruhig klopfenden Herzen zurückerwartet. Ob er vorwärts 5 oder rückwärts blickte, ſo ſtand er allein, allein mit einem glühenden Gefühl und einer eingebrannten Erinnerung in Folge deren ihm alles Anbere außer dem Leben zur See gleichgiltig wurde. Hier, mit dem unendlichen Himmelsgewölbe über und dem Abgrund des Oceans unter ſich, war er heimiſch, und beim Gedanken an die ſchmerzliche Vergangen⸗ heit überlief es ihn kalt.— Aber wir verlaſſen ihn und ſezen den Spaziergang auf dem Verdeck wei⸗ ter fort. Auf dem Gangbord ſtehen ganz ſtill, theils an die Bruſtwehr gelehnt, theils auf den Kanonenſizen, einige Mann von der um vier Uhr herausgetrom⸗ melten und noch nicht ganz munter gewordenen Wache, während ein anderer Theil langſam auf dem Back auf⸗ und zugeht. S— Voran ſteht bei einer Kanone der Backoffizier mit dem Tubus in der Hand. Es war ein Second⸗ lieutenant, ein junger Mann von geſchmeidigem, kräftigem Körperbau und ſchönem nordiſchem Geſichte. Die klaren blauen Augen haben wir auch ſchon ge⸗ fehen, denn ſie gebören Tage Aberney. Seine Züge verkünden im Allgemeinen ein ſorgloſes Gemüth, ſind aber für den Augenblick durch einen bittern ₰ 145 Ausdruck entſtellt. Er ſcheint den Poſten den er bekleidet, die Verantwortung die auf ihm ruht, kurz Alles über den unangenehmen Gedanken zu ver⸗ geſſen die ſein Inneres beſchäftigen. Er ſteht un⸗ beweglich und dermaßen in Betrachtungen verſunken da, daß man ſich verſucht fühlen könnte zu glauben, er wiſſe nicht mähr wo er ſich befinde. Weder das brauſende Meer, noch die Schiffsglocke auf der Bat⸗ terie die mit ihrer metallnen Zunge den Gang der Zeit erzählt, noch weniger das in allen Tonarten bis zum Vormars ſich wiederholeyde: Alles recht! der Maſtkorbwache ſcheint ſich ſeinen Ohren zu nahen. Er bleibt gänzlich gleichgiltig gegen Alles und ſchenkt. der im Oſten aufgehenden Helle keine Aufmerk⸗ ſamkeit. Lothar warf jezt einen ſpähenden Blick vorwärts, ſezte dann das Sprachrohr an den Mund und rief mit ſeiner klaren Stimme: „Auf den Back!“ 4 Dieſer Zuruf vom Hintertheil gilt demjenigen der auf dem Back commandirt. Tage fuhr zuſammen und wandte ſich haſtig um. „Holla!“ rief er als Antwort auf den unerwar⸗ teten Zuruf. Der arme Tage! Er hatte ſich dermaßen ſeinen traurigen Träumen überlaſſen, daß er die äußere Welt gänzlich vergaß. Die Einſamkeit, dieſe Mutter aller hohen und gemeinen, guten und ſchrecklichen Ge⸗ danken, hatte entſchwundene Erinnerungen und frü⸗ here Illuſionen hervorgerufen die ſchon längſt im kalten Grabe der Wirklichkeit lagen. Alles was er zn beſizen geglaubt und nun verloren hatte, zog jezt Slwartz, Schuld und Unſchuld. I. 10 an ſeiner Seele vorüber; und was oder wer war es wodurch er von dieſer Erforſchung der Vergan⸗ genheit in die Gegenwart zurückgeführt wurde? Die Stimme des Mannes von welchem er glaubte daß er ſeine ſchönſten Hoffnungen zerſtört habe. Er beugte ſich über die Baſtion, indem er voll Zorn krampfhaft ſeine Fauſt ballte und murmelte: „Schon die bloße Gegenwart dieſes Menſchen bringt jeden Tropfen meines Blutes zum Sieden.“ Wiederum erſcholl Lothars Stimme. „Ich glaube der Klüver ſchlägt? Er muß nicht recht liegen.“ Tage ſprang von der Kanone auf welcher er während der Wache geſtanden herab, ging leewärts hinüber und ſah daß es ſich wirklich ſo verhielt wie zu verſtehen gegeben hatte. Er comman⸗ irte: „Strecket den Klüver!“ ₰ Der Befehl wurde ſogleich von der Backmann⸗ ſchaft ausgeführt, worauf Tage ſeinen Plaz wieder einnahm. 3 3 Dieſe Verſäumniß Tages, daß er das nicht be⸗ achtet hatte was Lothar bemerkte, veranlaßte leztern ſeinen Commandoſchemel zu verlaſſen und vorwärts zu gehen. Ohne ein Wort zu Tage zu ſagen, ſchritt er an ihm vorüber, ſchaute einen Augenblick am Vorſegel hinauf, wandte ſich dann zu Tage und fragte: ſind die Boleinen nicht richtig gehalten?“ „Ich wage es nicht ſie feſter zu ziehen,“ antwor⸗ tete Tage indem er an ſeine Müze griff.„Sie ſind ſo weit gezogen als ſie es ertragen können.“ 147 Lothar ſixirte ihn mit Augen die nichts Gutes verkündeten. Er hatte es jezt, vermöge des Rech⸗ tes das dem wachthabenden Offizier zuſteht, aber ſelten von ihm benüzt wird, in ſeiner Macht ſich ſo zu ſagen in das zu legen was dem Backoffizier zu⸗ kommt, ein Benehmen das für den Untergebenen im höchſten Grade demüthigend iſt. Lothar ergriff, wir müſſen es leider geſtehen, mit Begierde dieſe Gelegenheit um Tage zu demüthigen, während er ſelbſt, als allein verantwortlich für ſeine Wache, un⸗ zugänglich war. „Da iſt nicht gebraßt,“ ſagte er und rief ohne eine Antwort abzuwarten: „Hintertheil leewärts braſſen!“ Die Mannſchaft flog an die Enden; die Pfeife ließ das langgedehnte Halungsſignal erſchallen; des Rieſenvogels einziger Flügel wandte, die Baydunen bogen ſich. Lothar war inzwiſchen vorwärts ſtehen geblie⸗ ben. Als er dachte daß es genug gebraßt ſei, com⸗ mandirte er: S* „Die Braſſen feſt!“ Dann wandte er ſich mit einem ſpöttiſchen Lächeln zu Tage und ſagte:„Ha⸗ ben Sie jezt die Güte und laſſen Sie die Boleinen etwas mehr aushalten als vorher.“ Damit ging er nach dem Hintertheil. Ees gibt Nichts was einen Offizier, mag er auch der jüngſte Secondlieutenant auf der Flotte ſein und ſeine erſte Reiſe machen, mehr verlezt als wenn der wachhabende Offizier vorwärts kommt und in den Angelegenheiten des Backoffiziers anordnen und Befehle ertheilen will. Der Grund viel⸗ leicht ein falſcher Ehrgeiz, eine kindiſche Ueberzeugung der meiſten Subalternen, daß ſie über alle Zurecht⸗ weiſungen erhaben ſeien, eine Idee daß mit den Epauletten die Geſchicklichkeit in allen Dingen von ſelbſt gegeben ſei. Tage glaubte ſeine Würde ſchwer verlezt, und dieß, verbunden mit ſeiner bereits vorhandenen Erbitterung, ſteigerte ſeinen Unwillen gegen Lothar bis auf den höchſten Grad. Er unterdrückte jedoch den Groll der in ſeiner Bruſt koche; aber er ſchwur daß Lothar eines Tags all die Demüthigungen die er ihm zufügte ſchwer büßen ſollte. Die Wuth die in ſeinem Innern tobte wurde jezt von der Macht der Disciplin und der Gewohnheit des Gehorſams, ſo lange man am Bord iſt, zurückgehalten; aber von ihren Zügeln befreit, wollte Tage ſich furchtbar zeigen. Er ver⸗ ſtand es nicht was Vergeſſen und Verzeihen hieß. Er begriff bloß daß er, mochte es koſten was es wollte, ſich rächen mußte. 8 Er blickte düſter auf die langen düſtern Wogen die gegen den Bug der Fregatte hinrollten. Ueber dieſer ganzen Waſſerwüſte die das Schiff umgab, lag jezt ein Halbdunkel das in vollkommener Harmonie mit den düſtern, unruhigen und ärgerlichen Gefüh⸗ len ſtand die ſich in ſeiner Bruſt wälzten. Das Meer ſang ſein einförmiges und gewaltiges Lied von den beiden jungen Männern welche die unfreundlichſten Gefühle gegen einander hegten. Sie hörten nicht auf ſeinen einfachen majeſtätiſchen Ge⸗ ſang, ſondern nur auf das Lied das die Rachtgeiſter in ihrem Innern ihnen vorſangen. Sie hatten jezt keinen Sinn für dieſes Meer das Byron das älteſte * —,— „ v 149 Kind der Schöpfung nennt, ſondern waren bloß von Betrachtungen über all das Herzeleid das ſie einan⸗ der zugefügt hatten in Anſpruch genommen. Unter dem Einfluß derſelben ſtanden ſie ſtill und unbeweg⸗ lich wie Bildſäulen da; mit dem Unterſchied jedoch daß Lothar keine Secunde die ihm obliegenden Pflich⸗ ten vergaß, während Tage hinwiederum Alles über ſeiner Erbitterung hintanſezte. So verging eine Stunde, Tage hatte ſich jeden Augenblick umge⸗ wandt und bange, flammende Blicke auf den Mann geworfen der ihn jezt durch die Macht des Dienſtes und Grades beherrſchte. Der Nachtnebel weilte noch über der Woge. Er wartete auf den Augenblick wo die Königin des Tages ſich aus den Armen der Nacht losreißen würde. Einige matte träge Strahlen welche die Sonne dem Tag zum Gruß ſchickte, ehe ſie ihr glühendes Geſicht über die Woge erhob und über die glänzende Meeresfläche ihr Gold ausſtreute, wäh⸗ rend ſie dieſelbe mit ihren brennenden Küſſen lieb⸗ koste, vertrieben den dichten Nebelſchleier. Es lag etwas magiſch Feſſelndes, etwas großartig Schönes in dem Augenblick wo die Sonne ihre Wanderung an dem blauen Himmelsgewölbe antrat. Lothar griff, als er das ſtrahlende Geſtirn des Tages erblickte, mit einem ſchwermüthigen Lächeln an ſeine Müze, als wollte er ihm ſeinen Gruß darbrin⸗ gen. Sein Camerad vorn dagegen hatte nicht ein⸗ mal einen Blick für die prächtige Beherrſcherin des Firmamentes. S Der Sonnenaufgang iſt auf dem Meer wie auf 150 dem Lande das Signal zu Leben und Rührigkeit. So auch am Bord der Carolina. Die Zaubermacht der Nacht wurde durch die An⸗ kunft des Lichtes gebrochen. Bei Sonnenaufgang ließ der Wind ein wenig nach. Lothar, der auf Alles achtete, bemerkte auch dieß ſogleich. Er commandirte:„ „Strecket die Hinterbraſſen auf die Windſeite! Die Boleinen los! Halet die Braſſen!“ Etwas Erfreulicheres gibt es wohl nicht für den Seemann der lange mit widrigem Winde kreuzt, als wenn er die geſegneten Worte hört: Die Boleinen los, halet die Braſſen! Da entſteht Leben und Rüh⸗ rigkeit im ganzen Schiff. Auch jezt ging es wie bei einem Tanze in allgemeinem Wetteifer. Die Hinter⸗ ſegel wurden nach dem Winde gebraßt. Jezt kommt die Reihe an die Vorderſegel. „Halet die Vorderbraſſen nach der Windſeite!“ commandirte Lothar. 3 Auf einmal ſprang Lothar von ſeinem Plaze herab auf Tage zu und fragte ihn heftig: „Was iſts, Herr Lieutenant, ſind die Vorder⸗ braſſen nicht gehalt?“ ₰ Tage, den die vorhergehende Zurechtweiſung noch ſchmerzlich auf der Seele brannte, antwortete:. „Ich habe keinen Befehl erhalten.“ Lothar ſah ihn mit kaltem, beinahe verächtlichem Blicke an, trat einen Schritt näher und ſagte mit geſenkter Stimme: „Herr Lieutenant, der verſieht ſeinen Dienſt. ſchlecht, der bloß das thut was ihm befohlen wird.“ „ 151 Damit wandte er ſich nach dem Hintertheil zu⸗ rück und nun wurde kein Wort weiter gewechſelt. Tage hatte dem Cameraden einen drohenden Blick nachgeſchleudert und murmelte: „Welche hölliſche Fügung hat uns auf dieſelbe Planke geworfen und mich verurtheilt mit dieſem Elenden da zu leben? Dieſe Wachen die wir zuſam⸗ * Wnen halten müſſen, dieſe ſataniſchen Nadelſtiche die er mir bei der geringſten Gelegenheit verſezt, alles das treibt meinen Abſcheu auf die Spize. Gewiß iſt daß ich, ehe wir uns trennen, ein eben ſo ſchlech⸗ tter Menſch bin wie er, ſo ſehr demoraliſirt mich mein Haß gegen ihn.“ S Während Tage dieſen Monolog hielt, wartete der Steuermann mit der Signalpfeife am Mund 8 an der großen Lucke, die Augen auf Lothar geheftet, der als wachhabender Offizier, als der lezte Glocken⸗ ſchlag Fünf ertönte, ausrief: „Alles jezt an die Arbeit!“ Alle Privatintereſſen mußten vor der Thätigkeit die nun erfolgte verſtummen. Jeder Offizier bekam vollauf zu thun. Vom Verdeck bis zur Batterie, von der Batterie p bis zum Zwiſchenboden und bis zum entfernteſten Winkel beginnt jezt ein Geſchrei das für einen auf ſeinem Ohr ſchlummernden Seemann höchſt ſtörend iſt. Die Tagesarbeit am Bord kann damit als be⸗ gonnen betrachtet werden. Vergebens ſuchen wir uns ein Bild von der zierlichen Sauberkeit und Ordnung zu machen die am Bord eines Kriegsſchiffes herrſchen. Sie ſind nicht bloß in Folge des engen Raumes durch das — 152. Bedürfniß geboten, ſondern tragen auch hauptſäch⸗ lich zum Wohlbefinden daſelbſt bei. Das Erſte was geſchieht wenn die Mannſchaft mit dem Fegen fertig geworden, iſt eine allgemeine Reinwaſchung des Schiffes. O ihr meine liebenswürdigen und unvergleic⸗ lichen Hausfrauen, was ſagt ihr von einer Puzerei die in einer Stunde vorüber ſein ſöll! Sie mu 5 nothwendig höchſt unvollſtändig ſein oder vielmehr ſie kann einen ſolchen Namen gar nicht verdienen. Es iſt ja gerade die nöthige Zeit um ein Paar Böden abzuwiſchen. Ihr zucket die Achſeln und haltet es für ein Mährchen. Es iſt jedoch die reine Wahr⸗ heit in dieſer Stunde wird eine ſo gründliche Säu⸗ berung vorgenommen, daß kein Splint vergeſſen bleibt. Tage und Lothar bekamen auch an andere Dinge als an ihre gegenſeitige Feindſchaft zu denken, weil der eine darauf ſehen mußte daß die Mannſchaft auf dem Hintertheil am großen Maſt ordentlich ihre Geſchäfte beſorgte, und der andere vorn daſſelbe zu thun hatte.§ Das Verdeck bietet bei ſolchen Gelegenheiten ein eigenthümliches Bild dar. Die Mannſchaft, die ihre Hoſen und Hemdärmel zurückgeſchlagen hat, kommt mit vollen Waſſereimern herbei und gießt ſie ſtrömend über Verdeck und Batterie aus. Ein Theil ſtreut Sand auf das naſſe Verdeck, ein anderer Theil liezt auf den Knien und ſcheuert die Planken mit weichem Maltaſtein. Hierauf wird Alles zuſammen mit reinem Waſſer in die See hinabgeſchwemmt und zulezt kommt die Reihe an die hölzernen Schaufeln und den Schwapper.* Cajüte. 153 So geht eine Puzerei raſch und luſtig von Statten. Ich fordere jedoch jede Hausfrau heraus ob ſie einen ſo feinen und weißen Salonboden auf⸗ weiſen kann wie der Secondlieutenant ihn ſeinem Chef vorweist. Jeder hat dabei, wie bei allen Ver⸗ richtungen an Bord, ſein beſtimmtes Geſchäft, und araus erklärt ſich die Raſchheit womit in weniger ls einer Stunde das ganze Schiff, Boote, Lafetten, Verdeckgitter, mit einem Worte, alles Loſe und Feſte aufs Feinſte gepuzt iſt. Schlag acht iſt die Toilette des Schiffes gemacht und Alles auf dem Verdeck in Ordnung, Batterien und Zwiſchenböden; es bleibt dann nur noch übrig die da und dort vorkommen den meſſingenen Zierrathen blank zu ſcheuern. Lothars und Tages Wachdienſt war jezt vorüber. ſie an einander vorbeikamen, ſagte Lothar zu age: 3 zuf die Art wie Sie Ihren Dienſt verſehen, Herr Lieutenant, muß ich die ganze Wache thun, und dazu habe ich in Zukunft keine Luſt.“ „Melden Sie dem Chef was Sie zu bemerken— haben,“ antwortete Tage trozig und ging vorbei. Lothar ſchaute ihm nach. Tage ging in ſeine Einer von Lothars älteren Cameraden, der Pre⸗ mierlieutenant Steen, der einzige am Bord mit wel⸗ chem er auf Du ſtand und etwas näher bekannt war, trat auf ihn zu und ſagte, indem er ihm freund⸗ lich auf die Schulter klopfte: „Sage mir aufrichtig, Canitz, warum biſt Du ſo übel auf Aberney zu ſprechen? Du haſt beſtändig Etwas an ihm auszuſezen.“ — 154 „Nur im Dienſt,“ antwortete Lothar kalt. F „Das iſt wahr. Aber Du nimmſt es mit den andern Cameraden nicht eben ſo genau; gegen ſie biſt Du nachſichtig. Ich fürchte ſehr, Du und Aber⸗ ney ſeid mit einer innern Ladung gegenſeitigen Wi⸗ derwillens auf die See gegangen die ihr am Beſten thätet über Bord zu werfen.“ Willſt Du damit ſagen daß ich gegen Aberney. Saumſeligkeit auf der Wache und dergleichen blind ſein ſolle?“ fragte Lothar. „Ich will ſagen daß am Bord eines Schiffes keine Feinde beiſammen ſind, ſondern nur Cameraben. Die Meerw blaſen alle Verdrießlichkeiten weg.“ Steen verließ Lothar, der auf die Batterie ging, während er mit einer eigenthümlichen Bitterkeit dachte: „Blaſen alle Verdrießlichkeiten weg; ja Verdrieß⸗ lichkeiten, das iſt wahr; aber weder Meer noch Land ermag die Wunden der Seele zu heilen oder die Bitterkeit zu lindern welche das Herz beim Anblick des verhaßten Nebenbuhlers empfindet.⸗ Schon der Gedanke an den Ring den er trägt, regt meinen 6 Grimm gegen ihn auf. Er iſt ein Andenken an ſie. Auf der Goldplatte ſteht: Schuldfried. Ach wenn ich die ganze Welt umſegle, wenn ich mein ganzes Leben getrennt von allen Erinnerungen an ſie zu⸗ bringe, ſo kann ich doch nicht vergeſſen daß dieſer Tage ihr ſo unausſprechlich theuer war. Und ich— ich ſollte ein guter Camerad gegen in Thö⸗ † richte Vorausſezung! Ich wäre kein Menſch, wenn ich das könnte.“ Um zehn Uhr beginnt das Eyereitium das bis 3 „ * drei Viertel auf Zwölf währt. Dabei werden ſo⸗ wohl die phyſiſchen als die geiſtigen Kräfte ſo in Anſpruch genommen, daß jeder Theilnehmer alles weichliche Träumen, alle Sorgen und Qualen weit von ſich werfen muß. Man kann das Seemannsleben einen unaufhör⸗ lichen Kampf nennen, eine Kette von unermüdlicher Thätigteit, von raſtloſem Ringen mit unvorherge⸗ ſehenen Schwierigkeiten und Mühen. Ein dünnes Brett das von einer unter dem Waſſer verborgenen Klippe geſpalten werden kann, trennt den Seemann vom Tode. Sobald er ein Schiff betritt, ſchauen ihm alſo jeden Augenblick neue Gefahren entgegen denn auf dem Meere offenbaren ſich ſolche mit jeder Minute. Es ſind Männer erforderlich um ihr Le⸗ ben einem ſo gefahrreichen Beruf zu widmen, Män⸗ ner die zu ſterben verſtehen. Wenn wir auf unſerer Rhede ein ſtolzes ſchönes Kriegsſchiff erblicken, wenn wir vom Land aus mit Luſt ſeine Bemannung angeſchaut haben, fällt es uns gleichwohl nicht ein nähere Betrachtungen über dieſe Abtheilung der Landesvertheidigung anzuſtellen. Wir erblicken in der Beſazung eine Art von See⸗ ſoldaten und in den Offizieren Männer welche die Uniform der Flotte tragen. Im Uebrigen denken wir an ſie nicht weiter als an jeden andern Militär; aber laßt uns jezt dieſe Menſchen, die in allen Län⸗ dern wo es eine Flotte gibt den Stolz der Nation bilden, näher ins Auge faſſen. Was iſt wohl ein Matroſe? Ein Weſen das in die Welt geworfen iſt um zu arbeiten ind zu ent⸗ ſagen; das nie erfährt was eine ungeſtört eine regelmäßige Lebensart heißen will. Der Ma⸗ troſe hat eine eigenthümliche Sprache, eigenthümliche Gewohnheiten und ſogar eine eigenthümliche Art ſich zu bewegen: Alles in Folge ſeines Berufes. Laßt uns ſeine Exiſtenz näher beſchauen. Müde von der Arbeit, wirft er ſich in ſein hän⸗ gendes Ruhebett; aber kaum hat er ſeine Augen ge⸗ ſchloſſen, als eine Stimme, donnernd wie die Po⸗ ſaune des Weltgerichtes, ihn aufs Verdeck ruft um mit 4 einem wüthenden Meer, einem aufgeregten Element zu kämpfen das ihm jede Secunde einen beinahe ſichern Tod zeigt. Er darf nicht an ſich ſelbſt, an die Gefahr, an das ſchreckliche Gebrüll und den Sturm denken, ſondern darf nur einen einzigen Ge⸗ danken haben, und dieſer muß in dem Ohr liegen womit er das Commandowort auffaßt, um ſodann augenblickich zu gehorchen. Das Schiff iſt ſeine Welt, deſſen Rettung ſeine Pflicht, und er darf ſich nichts darum bekümmern ob er bei dieſen Anſtren⸗ gungen ſeinen lezten Augenblick kommen ſieht. Noch 18 nicht trocken vom Unwetter, das, wenn es einen Sturm im Schlepptau hot, ihn aufs Neue ins Takel⸗ und Tauwerk treibt, wird er wiederum von den ſen. Kaum hat er, abgemattet und wie gerädert, ſein einſames Lager erreicht, ſo verkündet ihm die Uhr daß die Ruheſtunde vorüber, daß ſein Plaz oben iſt in dem kalten pfeifenden Wind. Wohlan, zu dieſem Beruf ſind ganz andere phy⸗ ſiſche und geiſtige Kräfte erforderlich als zu jeder ſonſtigen Laufbahn, und zwiſchen dem Matroſen und dem Landſoldaten kann gar keine Vergleichung ent⸗ Sturzwellen des Meeres und des Himmels übergoſ⸗ 4 — 1 157 ſtehen: der erſtere ſteht hoch über dem lezteren. Er muß ſchwerere Anſtrengungen durchmachen, iſt ſeinem Lande nüzlicher und braucht mehr Muth als der Landſoldat. Wenn dieß im Allgemeinen gilt, uimn wie viel mehr vollends in Kriegszeiten! Während der Schlacht, wenn die Kugeln um ihn pfeifen, muß er nicht bloß am die Zerſtörung denken die ſie mög⸗ licherweiſe anrichten, ſondern er muß ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auch auf die Woge, auf die geliebte und doch ſo treuloſe Woge richten. Während der Landſoldat wenigſtens dem Raſen trauen kann worauf er ſteht und kämpft, muß der Seemann jeden Augenblick er⸗ warten daß der Rumpf auf welchem er ſtreitet zer⸗ ſplittert werde. Wohin er ſich wendet, lauert der Tod auf ihn, nicht bloß aus der feindlichen Batterie, ſondern auch aus der Meerestiefe und aus dem un⸗ erbittlichen Zorn des Sturmes. Bei alledem findet man nirgends eine ſolche Munterkeit, Lebendigkeit und Fröhlichkeit wie bei dem Seemann. Er liebt dieſe Abwechſelungen, er hat ſeine Luſt an der Gefahr, er hat Sinn und Auge für das Wunderbare, und ſein Character gleicht dem Element dem er ſein Leben widmet; ſtille träu⸗ mend wenn Ruhe ihn umgibt; munter wenn friſche Winde die Segel füllen; wachſam und thatkräftig wenn der Sturm rast; leichtſinnig und übermüthig wenn er das feſte Land betritt. Er beſizt Nichts was ihm gehört, weder Freude noch Schmerz, Alles entlehnt ſein Gepräge von der launiſchen Woge. Ach! Ich ſehe einen alten Seemann nie ohne auf ihn zugehen und ihm die Hand reichen zu wollen; denn lebhaft ſteht vor meiner Seele Alles was er 158 * 6 gelitten hat, und wie viel Muth erforderlich war um ſo. für Andere zu arbeiten. Aber dieſe Betrachtungen haben uns vielleicht gur zu lange vom Schauplaz der Erzählung fern⸗ gehalten. 4— Das Vormittagsexercitium iſt vorüber. Nach der Arbeit bekommt die Mannſchaft ihr Mittageſſen. Die Offiziere, mit Ausnahme des wachhabenden, ver⸗ ſammehn ſichh im Geſellſchaftszimmer, wo man die Tagesereigniſſe zu beſprechen anfängt, das heißt, das gemachte Manöver critiſirt. Der einz hätte es ſo machem ſollen, der andere ſo. Lothar, der im Allgemeinen wortkarg war, ließ ſich ſelten auf ein Geſpräch ein, außer wenn es ſich um das Seeweſen, das Manöver des Schiffes und dergleichen drehte. Bei allen Gelegenheiten wo er ſich in ſolchen Dingen ausſprach, verrieth er ſo gründ⸗ liche Kenntniſſe, eine ſo ſichere Auffaſſung, ein ſo klares Urtheil und ſo lebendiges Intereſſe, daß Je⸗ dermann ihm aufmerkſam zuhörte. Bei ſolchen Ge⸗ legenheiten verrieth er eine erſtaunliche Keberlegen⸗ heit, und gleichwohl ſprach er juſt dann mit einer Anſpruchsloſigkeit die ſonſt nicht in ſeinem ſtolzen Weſen lag. Am obengenannten Tag hatte man ein ſehr ſchö⸗ nes Manöver gemacht. Ins Geſellſchaftszimmer herab⸗ gekommen verſammelten ſich Alle, mit Ausnahme Tages, um ſein Urtheil zu hören. Das ſtrenge, kalte Beſicht wurde ungewöhnlich lebhaft, die ſtrahlenden Augen wurden noch ſtrahlender, und er äußerte ſich mit ſolcher Wärme und Theilnahme, daß ihm Jeder⸗ mann mit Vergnügen zuhörte. 159 Tage hatte ſich am andern Ende des Zimmers niedergelaſſen. Die Erörterung war außerordentlich lebhaft. Bleich und mit umwölkter Stirne blickte Tage zu ſeinem verhaßten Nebenbuhler vor, welchen er, troz aller Beweiſe für das Gegentheil, als die Veranlaſſung zu Schuldfrieds Verſchwinden betrachtete. Das Intereſſe das die Cameraden an Lothar be⸗ S zeugten, verdroß Tage ebenſo ſehr wie die Bered⸗ ſamkeit und Sachkenntniß womit dieſer ſeine Anſich⸗ ten ausſprach. Mit Erbitterung bedachte er daß die⸗ ſer Canitz ihm an Rang, an Kenntniſſen, an pünkt⸗ licher Pflichterfüllung, kurz in allen Stücken voraus E ſei, ſo daß ſowohl der Capitän als der Second⸗ lieutenant ihn als ein Vorbild betrachteten. Während Tage Alles that um ſeine feindſelige Stimmung gegen den älteren Cameraden noch zu ſteigern, fuhr das Geſpräch fort. Man war vom WManöver zu Betrachtungen über den Seemannsberuf übergegangen. „Ehe wir uns ausführlicher darüber äußern,“ ſagte der Premierlieutenant Steen,„wollen wir uns erſt klar machen was ein Seemann iſt.“ „Ein Mann deſſen Beruf darin beſteht auf dem Meere zu leben,“ verſezte einer der Offiziere;„wo⸗ fern er nicht, wie wir, ſeine meiſte Zeit auf dem Lande zubringen darf,“ fügte er lachend hinzu. „Ihre Antwort iſt ganz richtig, Herr Lieutenant,“ bemerkte Lothar mit einem feinen Lächeln,„bedarf aber doch einer näheren Betrachtung, und da wir die verſchiedenen Benennungen: Offizier, Matroſe, Seemann haben, ſo muß man unwillkührlich unter ihnen gewiſſe Unterſchiede fuchen die aufs Schärſſte 5 ₰ 160 begränzt ſind. Laſſen Sie uns in erſter Linie von einem guten Matroſen ſptechen, um mit dieſer her⸗ vorſtehenden Claſſe unter uns Söhnen des Meeres zu beginnen; denn der Matroſe iſt der practiſchſte unter allen Männern die ihr Leben dem Dienſt und der Ehre eines Landes widmen. Geſchickt in Allem was von ihm gefordert wird, lebhaft, thätig, wach⸗ ſam, kühn und abgehärtet, iſt er gleichſam geſchaffen um jeder Gefahr Troz zu bieten, bekämpft die Be⸗ ſchwerlichkeiten aller Climate, überſteht alle Müh⸗ ſeligkeiten des Wachens und der Arbeit und unter⸗ wrirft ſich allen möglichen Entbehrungen; er iſt ein vollkommen disciplinirter Soldat, nicht bloß in Folge der Gewohnheit der Subordination, ſondern aus in⸗ nigſter Ueberzeugung von der Nothwendigkeit eines augenblicklichen Gehorſams, ſo wie die Gefahren des Meeres ihn fordern; und gleichwohl, wenn er ohne das mindeſte Bedenken den empfangenen Befehl voll⸗ ieht, bemerkt er doch ſogleich das Rechte oder Un⸗ rechte was daran iſt, ſeine Stärke oder Schwäche. Er erkennt ſogleich den Unterſchied zwiſchen einem Offizier der fähig iſt ihn zu leiten und einem andern der nur den Titel führt; zwiſchen dem wahren See⸗ offizier und demjenigen der nur theoretiſche Bildung, nicht aber das practiſche Urtheil beſizt das er ſelbſt hat. Deßhalb iſt es bei der Flotte nothwendiger als überall ſonſt daß der Offizier in allen Stücken den Forderungen entſpricht die man an ihn machen kann, weil er ſonſt von der Mannſchaft, die er b herrſchen ſoll, und deren Leben gänzlich von de Commandirenden abhängt, mißachtet wird.“ „Alles das iſt vollkommen wahr,“ fiel Lieutenant * 161 Steen ein,„aber der Matroſe iſt gleichwohl nur als eine Maſchine, ein Wertzeug oder ein Mittel zur Ausführung der Gedanken zu betrachten die vom Chef ausgehen. Man kann ihm unmöglich eine höhere Stelle zutheilen.“ „Mag ſein; aber ſo unmöglich es für die Seele iſt eine ihrer Ideen ohne Hilfe des Körpers auszu⸗ führen, eben ſo unmöglich iſt es für einen Seeoffi⸗ zier ohne eine gute Mannſchaft etwas Tüchtiges zu werden.“ „Die Seele iſt gleichwohl von höherem Werth als der Körper.“ „Wahr, aber ſie leiſtet ohne den Beiſtand des Körpers nichts Nüzliches.“ „Bedenke wie viel zu einem geſchickten Schiffs⸗ capitän erforderlich iſt!“ „Ja, ein geſchickter Seeoffizier muß außer einer gründlichen nautiſchen Bildung auch große Erfahrung beſizen; er muß ſich practiſch an alle Arbeiten ge⸗ wöhnen die vorkommen, er muß den geübteſten Bück und die vollkommenſte Kenntniß der zuſammengeſez⸗ ten Kräfte die ein Schiff in innere und äußere Be⸗ wegung bringen, wie auch die Fähigkeit ſie anzu⸗ wenden beſizen. Er muß durch dieſe Erfahrung die Fähigkeit erwerben den unvorhergeſehenſten Gefahren ruhig entgegenzutreten und augenblicklich zuvorzu⸗ kommen. Er ſieht ſogleich was zu thun iſt; und werden ſeine 2 ehe n ſolchen Matroſen wie ich „Aber ein geſchickter Chef hat felten eine ſo aus⸗ Schwartz Schuld und Unſchuld II. 11 162 gewählte Mannſchaft, und er muß dennoch alle Hin⸗ derniſſe die ihm entgegentreten ſiegreich beſeitigen oder ſich als unfähig zur Bekleidung ſeines Poſtens betrachten laſſen,“ wandte einer der Offiziere ein. „Nur der Unkundige kann ſo Etwas verlangen; aber dieſe hohen Anſprüche kommen daher weil es zum großen Theil von dem Chef abhängt ſeine Be⸗ ſazung zu dem zu machen was ſie ſein muß, um den„ Anſprüchen zu genügen die man an ſie ſtellen kann. Einem Chef ſagt ſein ſeemänniſcher Blick gleich am erſten Tage wo er an Bord iſt woran es fehlt. So⸗ bald ihm dieß deutlich geworden, muß er unermüd⸗ lich ſein um den Mängeln abzuhelfen und durch täg⸗ liche Erfahrung, ſo wie durch die größte Pünktlichkeit und Strenge bei allen Exercitien, Manövern und der geringſten Kleinigkeit die Mannſchaft zur Vollendung zu führen. Werden dieſe Bemühungen von ſeinen Offizieren unterſtüzt, ſo wird es ihm unbedingt gelin⸗ gen ſeine Beſazung zu einer vollkommen guten und tüchtigen zu machen. Beſizt ein Sterblicher das Recht ſich ſtolz zu fühlen, in der eigentlichen Bedeu⸗ tung des Wortes ſtolz auf ſeine Willenskraft und das dadurch Errungene, ſo iſt es ein Schiffscapitän mit ſeinen Offizieren und ſeiner Mannſchaft die er eingeübt hat. Sein Eifer und ſein Intereſſe hat ſie zu demjenigen gemacht was ſie ſind, und wenn Je⸗ mand Liebe verdient, ſo iſt er es. Wenn er ein wahrhaft überlegener Mann iſt, ſo weiß er auch daß er das was er iſt nur durch ſeine iſchaft iſt, un leztere in das was ſie durch ihn geworden. Sie ſind unzertrennliche, obſchon in ihter Bedeutung verſchi dene Fuctoren in dem großen Ganzen das man ein 163 ausgezeichnetes Kriegsſchiff nennt. Jeder Offizier auf demſelben muß es als heilige Pflicht anſehen ſeinem Chef aus allen Kräften beizuſtehen, indem er pünct⸗ lich und voll Intereſſe ſeine Pflichten erfüllt. Das geringſte Verſehen eines Offiziers halte ich für zehn⸗ mal tadelnswerther als das größte eines Matroſen, weil ein ſolches Beiſpiel des Offiziers einen ſchäd⸗ lichen Einfluß auf die Mannſchaft ausüben muß.“ Bei dieſen lezten Worten hatte ſich Lothars Blick unwillkührlich Tage zugewandt. Ihre Blicke begegneten ſich, und Tage, in deſſen Innerem es kochte, bedurfte nur noch dieſer Veranlaſſung um ſei⸗ nem Verdruſſe Luft zu ſchaffen. Er ſtand alſo bei Lothars Schlußworten ſogleich auf nnd ſagte: „Vermuthlich halten Sie, Herr Lieutenant, ſich für einen ſolchen Typus von Seeoffizier der die Be⸗ mühungen des Chefs eine ausgezeichnete Mannſchaft hheranzubilden unterſtüzt.“ So ſprechend war Tage bis zu der Gruppe um Lothar vorgetreten. Dieſer blickte ihn kalt an und antwortete mit unveränderter Stimme: „Wenigſtens bemühe ich mich nach beſten Kräf⸗ ten meinen Plaz auszufüllen, und nach meinem Da⸗ fürhälten darf keiner ein Kriegsſchiff betreten, wenn er nicht die Abſicht hat ſeinen Beruf mit vollſtem Herzen zu umfaſſen. Wer ſeine Pflicht nicht liebt, wird immer ein ſchlechter Seemann bleiben. Ich begreife nicht wie man es wagen kann ſich eine Ver⸗ äumniß oder Etwas was von einem mangelnden Intereſſe zeugt zu erlauben. Ganz ſicher würde ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen wenn mein Chef Veranlaͤſſung erhielte mir eine Bemerkung zu . 164 machen. Ich will daß er, wenn ich am Abend die Wache übernehme, in ſeine Cajüte gehen kann mit der vollen Gewißheit daß er auf dem Verdeck ein ſcharfes, aufmerkſames Auge und ein treues Herz zurücklaſſe das über alles Andere auf Erde und Meer ſeine Pflicht ſezt. Dieß, Lieutenant Aberney, iſt meine Auffaſſung meiner Obliegenheit; aber das ſezt durch⸗ aus nicht voraus daß es auch die Ihrige ſein muß.“„ Lothar ging von der Gruppe weg und wollte ſich auf die Batterie begeben. Tage hielt ihn auf mit den Worten: „Iſt es Ihre Abſicht, Herr Lieutenant, mich zu beleidigen und die Behauptung aufzuſtellen daß ich meine Pflicht nicht verſtehe?“ „Herr Lieutenant, ich habe nicht von Ihnen ge⸗ ſprochen, ſondern bloß meine Anſicht geäußert was ein Offizier ſein ſolle.“ Lothar ſah ihn ſtolz an und ging die Treppe hinauf. „Du biſt doch verdammt kizlich, mein lieber Aberney,“ ſagte Steen, als Lothar ſis nicht hören konnte.„Du klagſt über Canitz; er hat indeß den. Vortheil vor Dir daß er Dich nie anders als im Dienſte quält, im Fall Du irgendwie eine Bemer⸗ kung verdienſt.“ „Möglich,“ antworteté Tage;„aber er kann ja nie den Mund auſthun ohne daß in ſeinen Worten und in ſeinem Ton Uebermuth liegt.“ „Aberney hat Recht,“ ſtimmten einige jüngere Offiziere ein die ebenfalls einen Zahn auf Loihe hatten wegen ſeiner Ueberlegenheit.„Canitz iſt ſtolz und übermüthig.“ — 165 „Er iſt ein kenntnißreicher und ausgezeichneter Seeoffizier,“ bemerkte der Secondlieutenant. ⸗ Nach einigen Augenblicken hatten Aberney und die übrigen Offiziere von andern Dingen zu plau⸗ dern begonnen. Man ſprach von den Vergnügun⸗ gen der Hauptſtadt, von Frauenzimmern, von Thea⸗ ter, von Muſik, von allen möglichen Dingen welche die Fregatte nichts angingen. „Sahſt Du während Deines lezten Aufenthaltes in der Hauptſtadt Fräulein Högquiſt in Quäcker und Tänzerin?“ fragte ein ehemaliger Carlskroner Zög⸗ ling den Lieutenant Tage. „Allerdings,“ lautete die Antwort und nun folgte eine lange Erörterung über die Schönheit, Grazie und Anmuth der liebenswürdigen Schauſpielerin. Während Canitz und die Offiziere ſich unterhiel⸗ ten, hatten der Obſervationsoffizier und der Steuer⸗ nann auf dem Verdeck etwas Anderes zu thun ge⸗ habt als das gemachte Manöver zu erörtern. Sie waren damit beſchäftigt eine paſſende Stellung ein⸗ zunehmen und mit ihrem Sextanten die Mittagshöhe zu beobachten, das heißt, den Durchgang der Sonne an dem Orte wo das Schiffſich befindet. Wenn dieſer Augen⸗ blick durch Beobachtung feſtgeſtellt iſt, ſo iſt es zwölf Uhr. Die Zeit darf jevoch nicht durch die acht Glä⸗ ſer kund gegeben werden, bevor der Chef gefragt orden iſt ob er erlaube daß es Mittag ſei. Nachdem Offiziere und Chef um zwei Uhr ihr ittagsmahl eingenommen, finden wir einen Theil von ihnen auf der Batterie auf und ab ſpazierend, wo ſie ſich an der durch die offenen Schießſcharten ſpielenden friſchen Briſe abkühlten. Bei einer dieſer 5 166 Schießſcharten ſaß Lothar und betrachtete das unend⸗ liche dahinrollende Meer, mit ſeinen blauen und grünen Wogen und ihrem weißen glänzenden Schaum, der wie eine Spizenſtickerei über den in ewiger Un⸗ ruhe ſich hebenden und ſenkenden Ocean hingewor⸗ fen war. Was er fühlte das wiſſen wir nicht; aber was er dachte können wir möglicher Weiſe ermitteln. Du glaubſt vielleicht, meine junge Leſerin, ſeine Ge⸗t danken haben bei der Herzliebſten geweilt; nein, ſeine Gedanken waren auf die Woge gerichtet, in dieſem Augenblick waren die leztern Alles für ihn. Er ſtellte ſtille Betrachtungen über die poetiſche Seite des Seemannslebens an, über den Kampf zwiſchen der Natur und dem Menſchengeiſte welchen es darbie⸗ tet. Er durchging ſeine Abwechſelungen, er bedachte wie es ihm in einfamen Nachtwachen, wenn er ſo in der Stille umhergeſchweift, geſchienen als ob er die⸗ ſem ewigen und unendlichen Weſen das wir Gott nennen näher gekommen ſei; welche unerſchöpfliche Veranlaſſungen die Größe der Schöpfung zu be⸗ wundern in den Feſten liegen zu welchen das Meer ſowohl in ſeiner Freude als in ſeinem Zorn ein⸗ lade. Jahraus jahrein hätte Lothar die Woge durch⸗ furchen und nur im Falle des Bedarfs in einem Hafen ankern mögen; dann aber ſchnell wieder hin⸗ aus zu dem Gebrülle des Sturmes oder der ſchwer⸗ müthigen Träumerei der Stille. Er hätte ſich mit dem Meere vermählen und ſchwören mögen auf ihm zu leben und zu ſterben, ohne Sehnſucht nach dem Lande zu empfinden.— Armer Lothar, eines Tag ſollte vielleicht die jezt ſo innig geliebte Woge eine Feindin deiner liebſten Wünſche werden und 167 dir den Gegenſtand entführen welchen ſie jezt um⸗ ſchwebten. Um vier Uhr begann das Exercitium wieder und verſezte Lothar, wie alle Andern, in volle Thätigkeit bis ſechs Uhr, wo nach der Aufſtellung bei den Ka⸗ nonen alles Exerciren für den Tag aufhört. Um acht Uhr begann die Nachtwache. Lothar und Tage erhielten jezt die erſte Wache. Der wach⸗ habende Offizier, welcher Lothar war, ließ das Sig⸗ nal blaſen und die Nacht begann. 8 Aber wann endet der Tag und wann beginnt die Nacht auf einem Kriegsſchiff? Das iſt ſchwer zu ſagen. Es heißt allerdings die erſte Wache ſei die Nachtwache. Wer kann um acht Uhr ſchlafen? Jezt wo alle Tagesarbeit vollendet iſt und die Mann⸗ ſchaft ruhen und ihre Seemannslaune auf ihre eigene Weiſe zeigen darf, jezt fehlt es an aller Luſt in die Cajüten zu gehen. Man macht ſich nun Zerſtreuun⸗ gen nach ſeinem eigenen Gutdünken. Dieſe Leute, die vielleicht von vier Uhr Morgens keinen eigentlich freien Augenblick mit Ausnahme der Mittagsſtunde gehabt haben, und von denen die Hälfte um Mitternacht die Wache übernehmen muß, können gleichwohl nicht dazu vermocht werden ins Bett zu gehen. Sie ſammeln ſich da und dort in Gruppen. Die älteren Matroſen, ſonnenverbrannte Geſellen mit echter Seemannshaltung, laviren auf dem Gangbord hin und her leewärts, ſie ſprechen on der Heimath, von alten Abenteuern und fernen ändern, von wunderbaren Errettungen vom Tode und überbieten einander in jenen Wizen die ihnen ſo eigenthümlich ſind und die, bei der trockenen, ſill auf dem Schiff. Lothar erhielt ſeine nchtbe⸗ 1 168 derben Manier womit ſie geſagt werden, dem zufälli⸗ gen Hörer gar oft ein herzliches Lachen abnöthigen. Die Unteroffiziere ſpazierten auf dem Gangbord von der Windſeite und ſprachen in einem gebildete⸗ ren Tone miteinander. Auf dem Backbord, um einen mit Sagen und Erzählungen beladenen Confrater, ſammelt ſich ein Theil der Beſazung, gewöhnlich die Bootsleute, und lauſcht mit geſpanntem Intereſſe auf jene monſtrö⸗ ſen Spuckgeſchichten bei denen Alles verzaubert iſt; andere die mehr muſikaliſch ſind, ſummen eine be⸗ kannte Melodie, deren Rhythmus und Tert allmäh⸗ lig immer deutlicher werden, wenn der Backsboot⸗ offizier keine Notiz davon nimmt. Hier hat der Backsbootcorporal einige von der Natur weniger glücklich ausgeſtattete unter Schwe⸗ dens ſeefahrenden Bauern feſtgenommen und macht mit ihnen eine Runde, um ihnen practiſch zu be⸗ weiſen wozu jedes Ende taugt. Dort iſt ein ein⸗ fältiger Kerl auf das ſehr zweifältige Gebiet der halbeingefahrnen Matroſen und der Schiffsjungen gerathen, und nach ſeiner Miene zu ſchließen, wünſcht er daß Gott in ſeiver großen Weisheit niemals das Land vom Waſſer getrennt haben möchte. Die Offiziere gehen auf dem Halbverdeck lee⸗ wärts auf und ab, während der Chef und Second⸗ lieutenant ſich auf dem Ehrenplaz des Schiffes, dem Halbverdeck nach der Windſeite, Bewegung machen, wo Lothar jezt als wachhabender Offizier mit dem Sprachrohr in der Hand über Alle wacht. Jezt ſchlägt es neun Uhr und nun wird es * 169 fehle von dem Chef, der nach Mittheilung derſelben den andern Offizieren gute Nacht wünſchte und ſich zu Bette begab. Wir wollen nicht Tag für. Tag die kleinen oder größern Veranlaſſungen erzählen welche Lothar nahm um Tage in allen Stücken zu demüthigen, der hin⸗ wiederum überall auf deſſen ſtolzes und übermüthi⸗ ges Benehmen, wie er es nannte, hinwies. Die Folge war daß Tage immer feindſeliger geſtimmt wurde, was auch auf ſeine jüngern Cameraden zu⸗ rücwirkte, die ſich bei jeder Beleidigung gegen Tage mitbeleidigt glaubten und einen gründlichen Haß auf Lothar warfen. Unter einer beſtändig zunehmenden Spannung zwiſchen Lothar und Tage näherte ſich die Fregatte Gibraltar. Es war ein ſchöner Morgen. Lothar hatte die Wache. Eine friſche Briſe blies in die 3 Segel, der Himmel wölbte ſich ſo klar und tiefblau über dem wahrhaft ſchönen Gemälde das vor ſeinen Augen ausgebreitet war. Gerade vor ihm der Sund auf der einen Seite der Affenberg, ein africaniſcher Rieſe, ſchwarz wie die Geſchöpfe die ſich um ſeinen Fuß tummeln, und auf der ahdern Seite Gibraltars unfruchtbarer Fels, deſſen offene Theile hundert Ka⸗ nonen bergen, bereit den Tod nach jedem Punkte des Horizontes zu ſchleudern. Es war als hätten des Mittelmeers zornige Wogen dieſe beiden Pfeiler von Granit und Lava von einander geſchieden. Die Briſe wurde ſtärker, die Fregatte ging mit S 170 vollen Segeln vorwärts, und ankerte am Fuße des berühmten Berges. Tage ſehnte ſich ans Land zu kommen um all dem Verdruß den er ſo lang hatte verſchlucken müſſen Luft ſchaffen zu können. Die zahlloſen kleinen Na⸗ delſtiche und tauſenderlei Verdrießlichkeiten womit Lothar ihn während der Reiſe gequält, hatten ſeine Erbitterung dermaßen geſteigert, daß es ihm zum vollen Bewußtſein kam daß Einer von Beiden zu viel hienieden ſei. Nur die Achtung vor der Disciplin hatte einen Ausbruch verhindern können, und Tage hatte ſeine ganze Willenskraft aufbieten müſſen um bei den Widerwärtigkeiten die Lothar ihm bereitete den Gegenſtand ſeines Zornes nicht zu zermalmen. Er fühlte daß er ſeine aufgeregten Gefühle für den Reſt der Reiſe ſchwerlich würde zügeln können, und er hatte beſchloſſen ihnen während des Aufenthaltes in Gibraltar auf irgend eine Weiſe Luft zu ſchaffen. Wie? wußte er ſelbſt noch nicht. Er ſah bloß ein es für Lothar und ihn unmöglich ſei zuſammen er zu ſegeln: einer von ihnen mußte in Gibral⸗ tar bleiben um in ſeiner Erde begraben zu werden. ₰ Die meiſten Offiziere erbaten und erhielten Er⸗ niß ans Land zu fahren. Am Bord der Fre⸗ gatte blieben nur noch die wachhabenden und überdieß Lothar. Ueber die Bruſtlehne hingebeugt betrachtete er die Abfahrt der Cameraden. Sein Blick war vollkommen gleichgiltig. „War Lieutenant Aberney mit in der Schaluppe?“ fragte eine Stimme hinter Lothar auf franzöſiſch. Er fuhr zuſammen und wandte ſich um. Es war Doctor Wagner, der die Fahrt von Cadir her als 171 Sciffsarzt mitgemacht hatte, weil der von Carls⸗ krong mitgenommene Doctor in lezterer Stadt er⸗ krankt war und nicht weiter reiſen konnte. „Ja,“ antwortete Lothar kalt. „Wollen Sie auch ans Land?“ „Nein. Es iſt ſchon das dritte Mal daß ich Gibraltar beſuche, und ich weiß wahrlich nicht warum ich ans Land gehen ſollte, wenn es nicht aus einer dienſtlichen Veranlaſſung geſchieht.“ „Es dürfte auch das Klügſte ſein hier am Bord zu bleiben,“ verſezte Wagner mit einer eigenthüm⸗ lichen geheimnißvollen Miene.„Lieutenant Aberney kann unmöglich gut auf Sie zu ſprechen ſein. Sie haben ihm das Leben nicht gerade verſüßt.“ 2 „Wenn es ſo iſt, ſo dürfte indeß die Schuld an ihm ſelbſt liegen. Warum verſieht er ſeinen Dienſt ſo ſchlecht daß er zu Bemerkungen Anlaß gibt?“ „Mag ſein, aber dieß hat zur Folge gehabt daß nicht bloß er allein, ſondern auch ſeine Cameraden über Sie erbittert ſind. Sie thaten klug daran doß ⁰ Sie an Bord blieben.“ „Welche Gefahr hätte ich wohl laufen können wenn ich ans Land gegangen wäre?“ —„Ganz ſicher ahnen Sie dieſelbe.“ „Wagner, Sie werden doch nicht behaupten wol⸗ len daß ich die Gefahr fürchte?“ ſagte Lothar mit einem verächtlichen Lächeln. „Ich nicht, aber Aberney und ſeine Cameraden werden Ihr Benehmen ſo deuten; doch das kann Ihnen ganz gleichgiltig ſein. Ich meines Theils glaube daß Sie Recht haben jedem Zuſammentreffen 172 mit Aberney und ſeinen Cameraden auf dem Lande⸗ auszuweichen.“ Eine Pauſe entſtand, worauf Doctor Wagner mit dem gleichgiltigſten Ton auf der Welt bemerkte: „Die Rhede hier bietet einen ſeltenen Anblick dar, und man kann wohl ſagen daß ſie ein Stell⸗ dichein für alle Nationen iſt. Sie iſt das Rendezvous der Seefahrer. Sonderbar genug daß der Handel ſo lebhaft ſein kann, während doch im Ganzen genommen die Bevölkerung ſo gering iſt. Ich bin begierig ob Sir G. D. noch Gouverneur hier iſt. Er ſoll ein wahrer Gentleman gewe⸗ ſ ſein.“ So ſprach der Doctor noch lange fort, ohne daß Lothar auf ſeine Worte achtete. Sie glitten an ſei⸗ nen Ohren vorbei. Ganz plözlich unterbrach er den Redner mit den Worten:„ „Glauben Sie daß, im Fall ich ans Land ginge, der Narr Aberney und ſeine Cameraden die Abſicht hätten ſich an meiner Perſon“ zu vergreifen?“ „Ja, ſo klang es als ſie geſtern Abend mit ein⸗ ander ſprachen.“ „So; aber die Furcht vor den mnangenehn Folgen wird ſie wohl abhalten.“ „Das iſt wahr, und um ähnlichem Scandal vor⸗ † zubeugen, haben Sie Recht daß Sie hierbleiben. Ich hatte die Abſicht Sie darum zu bitten. Sie können lachen über das was Aberney und ſeine Freunde von Ihrem Hierbleiben denken Sie be wahren dadurch den jungen unbeſonnenen Mann davor daß er ſich unglücklich Das heißt edet gegen einen Feind gehandelt. 173 „Edel!“ Lothar lächelte bitter.„Es iſt ſchon lange her daß ich edelmüthig war. Dießmal will ich es jedoch ſein.“ Er ließ den Doctor ſtehen und ging zum Chef. Nach einer halben Stunde fragte er Wagner: „Haben Sie Luſt mit ans Land zu gehen? Da Sie noch nie in Gibraltar waren, ſo mag es für Sie intereſſant ſein dieſen vielbeſprochenen Plaz zu ſehen. Wer weiß, vielleicht finden Sie auch Gele⸗ genheit zu neuen pſychologiſchen Erfahrungen.“ Nach einigen Augenblicken ruderte wieder eine Schaluppe von der Fregatte ab. Darin ſaßen Lothar und Wagner. Bei ihrer Ankunft auf dem reichte der erſtere dem Doctor die Hand und agte: „Wir treffen uns umnacht Uhr wieder wenn ich zur Fregatte zurückkehre. Sie müſſen jezt einen der Matroſen als Wegweiſer mitnehmen.“ Lothar ent⸗ fernte ſich mit raſchen Schritten. ½ 7 den hochgewachſenen, ſchlanken und ſchönen eoffizier war manches ſtrahlende Augenpaar ge⸗ ichtet, während er, ganz gleichgiltig gegen die Auf⸗ erkſamkeit die man ihm ſchenkte, ſeines Weges ging. Picht ein einziges von den Augenpaaaren die ihm folgten konnte ſich rühmen den ſeinigen begegnet zu ſein. Was waren Weiber für ihn? Nichts. Er verabſcheute ſie ſammt und ſonders, weil ſie ihn daran erinnerten daß es in der Welt nur eine einzige gab die er liebte, und dieſe einzige hatte ihn zu einem Geächteten gemacht dem nichts Anderes mehr theuer war als das Meex, und der ſein Leben nur noch hin⸗ 8 174 ſchleppte weil er die Schuld ſeiner Väter verwiſchen wollte. Lothar ging direct auf das Hotel N. zu. Die großen Säle wimmelten von Leuten und um die kleinen Tiſche hatten ſich verſchiedene Gruppen nie⸗ dergelaſſen um Zeitungen zu leſen oder ſich zu be⸗ ſprechen. 2 Lothar warf einen prüfenden Blick auf die Ge⸗ ſellſchaft, aber es war nicht ein Einziger da der die Uniform der ſchwediſchen Flotte trug. Er ging durch den großen Saal und in eins der Seitenzimmer das leer war; dort ließ er ſich mit einigen Zeitungen an einem Tiſch nieder. So verfloß eine ganze Stunde, als er plözlich einige Stimmen hörte die ſchwediſch ſprachen. Lothar lig unbeweglich ſizen, indem er dachte: 3 „Ich will hier bleiben bis ſie ſich einen Plaz gewählt haben.“ In dieſem Augenblick traten drei Offiziere der Fregatte in das Zimmer wo Canitz ſaß. Er hatte ſeinen Rücken der Thüre zugekehrt und machte nicht die mindeſte Bewegung als ſie eintraten. „Ah ſieh, da haben wir ja einen Camerade rief einer der Ankömmlinge. „Nein, Du täuſcheſt Dich, das iſt kein Came⸗ rad— es iſt Baron Canitz,“ antwortete ein anderer welchen Lothar als Aberney erkannte. Beim Klange von Tages Stimme wandte er ſich um. Als er Aber⸗ ney und ſeine Cameraden erblickte, grüßte er ſie mit einer kalten Verbeugung und nahm ſeinen Plaz wie⸗ der ein ohne dem Gruß ein Wort beizufügen. Er rief den Kellner und verlangte eine halbe Flaſche 175 Wein und Cigarren, worauf er ganz ruhig in der Zeitung weiter las. Tage wurde dunkelroth vor Aerger über Lothars kalten und ſtolzen Gruß. Er und ſeine Cameraden ließen ſich an einem Tiſch zunächſt bei demjenigen wo Lothar ſaß nieder. Sie begannen ganz über⸗ müthig zu ſcherzen. Als der Kellner mit dem von Lothar verlangten Wein und den Cigarren kam, rief Tage: „Bringen Sie das hieher.“ Der Kellner blieb ſtehen und betrachtete Tage, worauf er ſagte: „Das iſt der Herr der es beſtellt hot.“ „Thut Nichts, er kann warten!“ Und damit griff Tage den Leller. Ohne von der(Zeitung aufzuſchauen, ſagte Lothar: „Holen Sie mir andern Wein und andere Ci⸗ garren.“ Der Kellner eilte hinaus. Inzwiſchen hatten die drei Offiziere die kleine Wein⸗ flaſche geleert, und als der Gargon zurückkam, wurde Lothars Wein aufs Neue von Tage in Beſchlag genommen; auch dießmal ſagte Lothar ganz ruhig: „Holen Sie mir andern Wein.“ — Als der Kellner zum dritten Mal hereinkam, er⸗ hob ſich Tage von ſeinem Plaze, ſezte ſich an Lothars Liſch, ihm gerade gegenüber, und ſagte ſpottend: „Ich vermuthe, Herr Baron, daß Sie die Ab⸗ ſicht haben dieſe Flaſche Wein mit mir und meinen Cameraden zu leeren.“ „Noch eine Flaſche Wein und drei Gläſer,“ war die einzige Antwort die Lothar gab, ohne von der Zeitung aufzuſchauen. „Meine Cameraden und ich,“ fuhr Tage fort, indem er ſeinen Ellenbogen auf den Tiſch ſtemmte und Canitz mit einem höhniſchen Ausdruck anſah, „finden es unhöflich von Ihnen, Herr Baron, daß Sie fortwährend leſen, während wir Ihnen unſere Abſicht zu erkennen gaben mit Ihnen zu trinken. Alſo fort mit der Zeitung!“ rief Tage und im nächſten Augenblick lag das Journal zu Lothars ine Lachſalve von Seite der Cameraden erfolgte dieſes Heldenſtück. Ueber Lothars bleiche Stirn log eine flammende Röthe, aber er blieb unbeweg⸗ lich. Mit ſcheinbarer Ruhe ſtreckte er die Hand aus, nahm eine Cigarre, zündete ſie an und begann ganz phlegmatiſch zu rauchen. 6 „Hat man in dem Lande woher Sie kommen ſo wenig Lebensart, daß man nicht zu antworten pflegt wenn man angeredet wird?“ fragte Tage. Lothar ſchwieg beharrlich. Einer⸗ der andern Offiziere ſagte lachend: „Zum Teufel, mein lieber Aberney, Du ſprichſt da von Lebensart mit einem— Ruſſen. Du ſollteſt doch wiſſen daß dieß Barbaren ſind.“ Du haſt Recht, und da man mit ſolchen Nachſicht 1 haben muß, ſo will auch ich mit unſerm ſchweigſamen Baron Nachſicht haben. Ich kann, während wir unſere Flaſche leeren, ein Geſchichtchen erzählen das den Baron Canitz ganz ſicher intereſſiren wird.“ Lothar ſchwieg und rauchte. Als der Kellner mit Wein und Gläſern kam, ſagte er: 3 177 „Heben Sie die Zeitung auf!“ Dabei deutete er auf das Journal das Tage ihm aus der Hand geriſſen hatte. Der Kellner überreichte es ihm, aber Lothar ſagte, er ſolle es auf den andern Tiſch legen. „Nun, Baron, werden Sie nicht mit uns an⸗ ſtoßen?“ fragte Tage. „Füllen Sie die Gläſer der Herren,“ war Lothars Antwort. „Sie müſſen uns zutrinken,“ meinte Tage. Lothar ließ ſein Glas unberührt ſtehen. „Ah, ich verſtehe, Sie wollen zuerſt meine Ge⸗ ſchichte hören; nichts iſt billiger,“ ſagte Tage. Die übrigen Offiziere ließen ſich um den Tiſch nieder, ſämmtlich mit dem nicht ſehr ſchönen, aber leider allzu gewöhnlichen Gefühl der Schadenfreude, wenn ſie bedachten daß jezt etwas ſehr Unange⸗ nehmes für die Perſon welche ſie ſcheel anſahen zum Vorſchein kommen würde. Lothar behielt ſeine kalte Haltung, keine Muskel in ſeinem Geſicht verrieth die mindeſte Aufregung. Er rauchte mit gleichgiltiger Miene ſeine Cigarre. „Es gab,“ begann Tage, deſſen ganzes Ausſehen große Aufregung zeigte,„einen ſchwediſchen Edelmann der ſein Vakerland verrieth und in ruſſiſche Dienſte trat. Der Verrath dieſes Mannes wurde von der ruſſiſchen Regierung aufs Freigebigſte belohnt. Er würde ein gewaltig reicher Mann, und ſeine Söhne die das treuloſe Benehmen ihres Vaters treu nach⸗ ahmten, ſtanden in hoher Gunſt bei dem Czar. Einer von dieſen Söhnen hatte auch einen Sohn in Rußland geboren und erzogen wurde. Man Schwartz Schuld und Unſchuld. M. 12 178 alſo erwarten daß dieſer ein guter Unterthan würde; aber nein; er wurde ſeinerſeits abfällig, und ſtatt als ein Mann von Ehre im Dienſte des Landes zu bleiben wo er geboren war, verließ er ihn in dem Augenblick wo Rußland ſeiner Offiziere am meiſten bedurfte. Er diente zuerſt in der engliſchen und dann in der ſchwediſchen Flotte.— Wir genießen die Ehre dieſen Ueberläufer als Cameraden zu haben; eine Ehre die jeder ſchwediſche Offizier als Schmach be⸗ trachten ſollte. Doch dieß gehört zu dem öffentlichen Leben des Mannes. Er beſizt auch eine Privatge⸗ ſchichte, und dieſe hat noch trübere Flecken; denn der ruſſiſche Apoſtat beging während ſeines Aufenthalts in Finnland.. Bei dem Worte Finnland fiel Lothars geballte Fauſt mit einem heftigen Schlag auf den Tiſch, und er heftete auf Tage einen Blick der ihn erblaſſen machte; aber nach einer kurzen Pauſe fuhr Tage fort: „Er raubte ein unſchuldiges junges Mädchen das verlobt war,“ „Der Schurke!“ riefen Alle. „Ihre Geſundheit, Baron Coanitz!“ Tage ergriff ſein Glas und erhob es. Lothar blieb unbeweglich, aber die geballte Fauſt ruhte noch auf dem Tiſch und das dunkle Auge war feſt auf Tage gerichtet. „Nun,“ rief dieſer, bis zur Wuth gereizt über ſolche Kälte,„hören Sie nicht daß ich Ihnen zu⸗ trinke?“ „Ich trinke nicht mit Narren,“ antwortete Lothar und richtete ſich auf⸗ „Sie müſſen trinken oder“— Tage ſchlug Lothar arre aus dem Mund—„oder ich ſage daß Sie ein ehrloſer Schurke ſind mit dem kein ehrlicher Schwede als Camerad dienen kann.“ Lothar nahm langſam eine neue Cigarre, zün⸗ dete ſie an und ſagte mit Nachdruck: „Wir wollen doch ſehen ob Sie dieß morgen zu wiederholen wagen.“ Er ging einige Schritte auf die Thüre zu. Tage wollte ihm nachſtürzen, aber die Cameraden hielten ihn auf. „Beruhige Dich und vergiß nicht daß Du die Uniform trägſt,“ ſagte einer von ihnen. Inzwiſchen hatte Lothar das Zimmer verlaſſen. „Ha, der Elende,“ murmelte Tage, beinahe er⸗ ſtict vor Zorn,„mit welcher hölliſchen Kälte hat er ſich nicht beſchimpfen laſſen, und dieſem Menſchen der ſich ſo behandeln läßt, dieſem Me nſoll ich untergeben ſein! Der Kerl hat ja Tropfen ehrliches Blut in ſeinen Adern!“ Alle waren dahin einverſtanden daß Lothars Benehmen keine Spur von Ehrgefühl verrathe; aber eben deßhalb meinten die Ruhigeren, Aberney ſei viel zu gut um ſich ſeinetwegen zu compromittiren. Das Reſultat war der Beſchluß daß Lothar bloß Prügel verdiene, aber keinen Schuß Pulver oder Degenſtich werth ſei. Nach dieſem Urtheilsſpruch wurde Tage etwas ruhiger, und man begab ſich in den Billardſaal hinauf wo Tage und einige ſeiner Cameraden eine Parthie begannen. Alle Umſtehen⸗ den folgten dem Spiel mit Aufmerkſamkeit, weil Tage ſich durch große Geſchicklichkeit auszeichnete. Er wollte eben einen Stoß thun, als Jemand ihn bei er Schulter berührte. Er wandite ſich ärgerlich gegen den unwillkommenen Störer um nd wan 180 nicht wenig überraſcht, als er ſich Lothar gegenüber befand. „Sie wünſchen ſich mit mir zu ſchlagen?“ ſagte Lothar. „Ja,“ antwortete Tage. Lothar zog ſeine Uhr heraus und ſah darauf. „Es iſt jezt fünf, alſo in einer Stunde auf Neu- tral Ground, da wo der Korkwald beginnt auf dem Weg nach St. Rogue. Die Waoffe haben Sie zu beſtimmen.“ „Piſtolen.“ Sie ſolche bei ſich auf dem Land?“ 5.“ „Bringen Sie ſie mit; aber Sie dürften zugeben daß ich eine Bedingung an unſer Duell knüpfe.“ „Welche?“ „Daß es in Gegenwart unſerer drei Cameraden ſtattfinde. Sie hoben die Beſchimpfung mit ange⸗ ſehen, ſie müſſen auch die Genugthuung bezeugen.“ „Ich bins zufrieden.“ „Gut, in einer Stunde alſo.“ Mit dem Billardſpiel war es aus. Tage und ſeine Cameraden entfernten ſich. Wie heftig auch das Blut in unſern Adern ſie⸗ den, welcher Art die Gemüthsbewegungen ſein mögen die einen Menſchen veranlaſſen einen andern zum Zweikampf herauszufordern, ſo findet ſich immer ein Augenblick wo die Ueberlegung ſich einſchleicht, um ihre Stimme mitten in dem Orcan zu erheben der die Vernunft fortreißt. Dieſer Augenblick tritt ein 181 wenn die Duellanten ſich auf den Kampfplaz be⸗ geben. Als Lothar ſeine Herausforderung ergehen ließ klopfte Tages Herz hoch vor Freude. Er ſollte alſo ein für allemal von dieſem verhaßten Canitz befreit werden, denn entweder mußte er ſelbſt oder Lothar auf dem Plaze bkeiben. Der Augenblick der Rache war gekommen. Er ſollte das Blut ſeines verab⸗ ſcheuten Nebenbuhlers ſehen. Tage konnte in ſeiner Ungeduld kaum erwarten bis die Stunde um war, aber als er ſich mit ſeinen Cameraden auf den Kampfplaz begab, da war Etwas in ihm was ihm warnend zurief: „Entweder kehrſt Du gar nicht oder mit der Laſt eines Menſchenlebens auf Deinem Gewiſſen zurück.“ Dieſes Gewiſſen war bis auf den heutigen Tag ſchuldfrei geweſen. Auf dem Plaze angelangt fand er Lothar vor ſich. Dieſer war ganz allein. „Haben Sie keinen Secundanten?“ fragte Tage unangenehm dadurch überraſcht. „Er hat verſprochen um ſechs Uhr hier zu ſein.“ Nach einigen Augenblicken kam PDr. Wagner. Lothar wandte ſich nun an Tages Freunde, indem er mit ſeiner ausnehmend klaren Stimme ſagte: „Che Lieutenant Aberney und ich unſern Streit mit den Waffen ausmachen, wünſche ich an die Her⸗ ren eine Frage zu ſtellen: Wer von uns Beiden hat nach Ihrem Dafürhalten den nicht ſehr ehrenvollen herbeigeführt der vor einer Stunde ſtatt⸗ and?“ 8 Dieſe Frage rief eine augenſcheinliche Verlegen⸗ 182 heit hervor. Tages Freunde wollten ihm nicht gerne Schuld geben, und doch konnten ſie nicht leugnen daß er der fehlende Theil geweſen. Als die Ant⸗ wort auf Lothars Frage ausblieb, wiederholte er mit energiſcher Schärfe im Ton: „Da meine Frage an Offiziere der ſchwediſchen Flotte gerichtet iſt, ſo brauche ich gewiß nicht zu fürchten daß die Antwort nicht unvollkommen un⸗ parteiiſch ſein werde. Ich verlange von Ihnen bloß eine Anerkennung der Wahrheit.“ „Nun wohl,“ ſagte der älteſte der drei jungen Männer,„wir müſſen offen bekennen daß Aberney allein an dem Vorfalle Schuld iſt; aber auf der andern Seite müſſen wir Ihnen ehrlich ſagen, Lieu⸗ tenant Canitz, daß wir Aberneys Benehmen nur als eine Folge all der Widerwärtigkeiten betrachten welche er am Bord der Fregatte von Ihnen zu er⸗ leiden hatte. An ſeiner Stelle würden wir eben ſo gehandelt und Streit mit Ihnen geſucht haben um uns ſchlagen zu können.“ Lothar machte eine kalte Verbeugung, wie wenn man ihm etwas Verbindliches geſagt hätte. „Hier handelt es ſich nur um den Auftritt der dieſes Duell hervorgerufen hat,“ verſezte er,„und ich hoffe die Herren werden mir alle bezeugen daß ich dabei eine Ruhe und Kaltblütigkeit behauptete, welche dem Lieutenant Aberney beweiſen mußte daß ich durchaus keinen Streit mit ihm wünſchte.“ „Das geben wir zu.“ „Die Herren müſſen auch geſtehen daß mir deß⸗ ſenungeachtet nichts Anderes als eine Herausforde⸗ 183 rung übrig blieb, wenn ich nicht als ein Menſch ohne Ehrgefühl vor Ihnen ſtehen wollte.“ „Das iſt vollkommen wahr.“ „Nun wohl, wenn Sie jezt das zugeben, ſo hoffe ich daß Sie noch mehr thun werden, wenn ich der von Lieutenant Aberney erzählten Geſchichte Etwas beigefügt habe was er dabei vergeſſen hat. — Er hat vollkommen wahr geſprochen, wenn er ſagte daß mein Großvater ein ſchwediſcher Edelmann war und das Vaterland verließ um in ruſſiſche Dienſte zu treten. Wahr iſt ferner daß mein Vater Rußland gedient hat und daß ich ſelbſt ruſſiſcher Unterthan war; aber gänzlich falſch iſt daß ich als Ueberläufer Rußland verlaſſen habe. Ich bin mit Erlaubniß des Kaiſers aus dem Dienſte dieſes Lan⸗ des getreten und als freier Mann nach Schweden zurückgekehrt, das ich von Jugend auf als mein Voterland betrachtete. Liegt in dieſer Handlung etwas Ehrenrühriges, ſo bin ich bereit ſogleich aus dem Dienſt der ſchwediſchen Flotte zu treten. Ich überlaſſe es Ihnen ſelbſt zu beurtheilen ob ich mich durch dieſes Benehmen Ihrer Cameradſchaft unwür⸗ dig gemacht habe.“ „Wir ſind weit entfernt dieß zu behaupten,“ ant⸗ wortete der älteſte Offizier. „Dieß war mein öffentliches Leben wie Lieute⸗ nant Aberney ſich ausdrückte. Jezt zu der kläglichen Anſchuldigung als ob ich einem Andern ſeine Braut geraubt hätte. Niemand weiß beſſer als gerade Lieutenant Aberney daß dieß falſch iſt. Das junge Mädchen um das es ſich handelt, war von ſo un⸗ tadelhaftem Ruf, ſo edel und ſo hochſinnig, daß der⸗ 184 jenige der eine ſo erbärmliche Anklage gegen ſie ſchleudert, wie wenn ſie mit einem andern Mann als mit ihrem Bräutigam davon gelaufen wäre, eine verächtliche Handlung begeht und das Recht verwirkt hat für einen Ehrenmann zu gelten; beſon⸗ ders wenn er, wie Lieutenant Aberney, weiß daß er eine falſche Beſchuldigung ausſpricht. Wenn daher der Lieutenant nicht die ſchwediſche Uniform trüge, ſo würde ich mich nicht mit einem Manne ſchlagen wollen der ſeine Ehre ſo befleckt hat, daß er ſich einer Unwahrheit bediente um auf einen Feind und ein unſchuldiges Mädchen einen Schatten zu werfen. Ich duellire mich alſo mit Ihrem Ca⸗ meraden, meine Herren, nicht mit Tage Aberney. Jezt bin ich bereit.“% In Lothars ganzem Weſen lag etwas ſo Edles daß es Allen imponirte. Als er aufhörte, warfen die Cameraden mißbilligende Blicke auf Tage, wel⸗ cher todtenblaß, mit einem von Zorn ganz entſtell⸗ ten Geſichte, auf Lothar zuſtürzte und rief: „Beweiſen Sie daß ich die Unwahrheit geſpro⸗ chen habe wenn Sie können.“ „Wollen Sie das wirklich?“ Lothar griff an ſeine Bruſttaſche.„Ich brauche Ihnen ja bloß den Brief Ihres eigenen Vaters zu zeigen. Es iſt leicht zu beweiſen daß Sie mich verleumdet haben; aber es wäre ſchwerer zu beweiſen daß Sie die Wahrheit geſprochen haben. Und nun genug der Worte. Mögen die Kugeln, Ihrem eigenen Wunſche gemäß, dieſem für Sie nicht ſehr ehrenvollen Auftritt ein Ende machen!“ Lothar zog ſich ein wenig auf die Seite Per 185 Doctor und der älteſte der Offiziere, welcher Secun⸗ dant war, maßen jezt die Diſtanz und ſo weiter. Darauf nahmen die Duellanten ihre Pläze ein. Tage hatte den erſten Schuß. „Zielen Sie ſicher,“ ſagte Lothar mit entſezlicher Kälte,„ich tödte Sie wenn die Reihe an mich kommt.“- „Ja, wenn die Reihe an Sie kommt,“ war Alles was Tage antwortete. Er erhob das Piſtol und zielte. Aller Augen waren auf Lothar gerichtet, der mit aufrechter Haltung, hochgehaltenem Haupte und einer granitnen Ruhe in ſeinen Zügen ſein Schickſal erwartete. Das Signal wurde gegeben, der Schuß ging los. Eine Wolke von Pulverrauch umgab Lo⸗ thar, der mit unveränderter Haltung daſtand. „Sie zielen ſchlecht,“ war Alles was er ſagte. Er hob die Hand mit dem Piſtol und fügte hinzu: „Ich habe eine feſtere Hand.“ Tages flammendes Geſicht wurde jezt weiß wie der Kragen um ſeinen Hals. Lothar erhob das Piſtol. Die Secundanten gaben das Signal und Lothar rief in demſelben Augenblick: „Die Müze herab, Lieutenant Aberney!“ Die Kugel riß die Müze von Tages Kopf. „Was bedeutet das?“ rief dieſer. 3 „Das bedeutet daß ich Ihnen das Leben ge⸗ ſchenkt habe,“ antwortete Lothar und warf das Piſtol weg.„Ich will mein Gewiſſen nicht mit Ihrem Blute beflecken.“ „Aber ich nehme ein ſolches Geſchenk nicht an,“ ſchrie Tage ganz wüthend. „So laſſen Sie uns laden und von Neuem an⸗ fangen,“ antwortete Lothar kalt.„Ich gebe Ihnen hiemit das Recht mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen; aber davon kann nicht die Rede ſein daß ich nochmal auf Sie feure.“ „Ich würde Sie dazu zwingen. Begreifen Sie denn nicht daß Einer von uns auf dem Plaze blei⸗ ben muß, und ſollten wir uns zulezt mit dem Kol⸗ ben ſchlagen?“ brüllte Tage. „Immerhin, dann werde ich bleiben; denn Nichts in der Welt kann mich beſtimmen ein Haar auf Ihrem Haupte zu krümmen. Sie haben mich einen Ueberläufer, einen Verräther, einen Mädchenräuber genannt. Meine Ehre verlangte daß ich mich mit Ihnen ſchlug. Ich habe jezt unſeren Cameraden (Lothar machte eine leichte Verbeugung gegen dieſe) bewieſen daß ich kein elender Feigling bin. Dieß war Alles was ich thun mußte; aber es gibt keine Ehre welche verlangt daß ich mich mit Ihrem Blute beſudle und in Ihren Henker verwandle.“ „Sie wollen mich alſo in den Ihrigen ver⸗ wandeln?“ „Leere Worte, Lieutenant Aberney, ziemen ſich für Männer nicht. Wollen Sie mein Leben haben, ſo nehmen Sie es. Haben Sie die Güte, meine Herren, und laden Sie die Piſtolen,“ fügte Lothar verbindlich hinzu. Niemand rührte ſich vom Flec. Der älteſte der Offiziere bemerkte:; „Aberney, es iſt am Beſten, Du läſſeſt das Spiel hier bewenden, denn was Du dobei ernteſt, wenn Du fortfährſt, iſt keine Ehre. Komm laß uns 187 „Gehen ohne Genugthuung! Gehen ohne daß ..„Ohne daß Sie mein Blut fließen ſahen, wollen Sie ſagen. Ich entferne mich ja auch ohne das Ihrige geſehen zu haben, obſchon Sie mich be⸗ ſchimpften und beleidigten. Nun wohl, Sie beſizen immerhin den Triumph daß Sie bieß ungeſtraft thun durften. Ich nehme nur das Bewußtſein mit beleidigt worden zu ſein und Ihnen dafür das Leben geſchenkt zu haben.“ Lothar griff an die Müze während er an den andern Offizieren vorüberging, und entfernte ſich dann mit dem Doctor, der von dieſer Scene in höchſtem Grade überraſcht war. Wagner hätte ſein Leben darauf gewettet daß Lothar ſeinen Gegner niederſchießen würde, weil er wußte daß Lothar ihn verabſcheute. Daß er, nach ſolchen Beleidigungen von Tage, ſeinem verhaßten Nebenbuhler das Leben ſchenken würde, warf alle pſychologiſchen Anſchauun⸗ gen des Doctors über den Haufen. Schweigend wandelten ſie bis zur Zugbrücke. Als ſie dieſe paſſiren wollten, wandte ſich Lothar zu dem Doctor und ſagte ganz kurz: „Sie wundern ſich daß ich den Narren nicht über den Haufen geſchoſſen habe. Geben Sie zu daß Sie darauf gerechnet haben, ich würde als ſein Mörder vom Plaze zurückkehren.“ „Ich geſtehe daß Ihr Benehmen mich in Ver⸗ wunderung geſezt hat.“ „Um ſo beſſer. Sie werden im Verlauf der Reiſe noch mehr Gründe zur Verwunderung erhal⸗ . N ten. Sie haben Viel zu lernen, mein lieber Doe⸗ tor, bis Sie mich ausgelernt haben.“ Wiederum entſtand eine lange Pauſe. Auch dießmal unterbrach Lothar dieſelbe. „Können Sie mir ſagen ob Profeſſor Aberney einen Bruder hat? Sie kennen ja die Familie?“ Obſchon die Frage in ſcheinbar ſorgloſem Tone geſtellt wurde, betrachtete der Doctor den Baron mit einem langen und prüfenden Blick bevor er ant⸗ wortete. Das Geſicht des jungen Premierlieutenants blieb unbeweglich. „Nun, Doctor, warum antworten Sie nicht?“ Ich beſann mich ob ich nicht von einem leben⸗ den Bruder gehört habe, aber ich kann mich nicht darauf entſinnen. Ich möchte beinahe zu behaupten wagen daß der Profeſſor allein von ſeinen Geſchwi⸗ ſtern noch übrig ſei.“ „Aber er hat doch Verwandte dieſes Namens?“ „„Das iſt möglich, ich weiß es nicht.“ „Sie waren ja vorigen Winter in Paris?“ „Kamen Sie nicht mit einigen Schweden zu⸗ ſammen?“ „Nein.“ Wiederum entſtand eine lange Pauſe die erſt unterbrochen wurde als ſie an den Hafen kamen. „Gehen Sie mit an Bord?“ fragte Lothar. „Ich bleibe hier bis die Andern zurückkehren; aber warum begeben Sie ſich ſo bald zurück?“ „Weil ich auf dem Lande Nichts mehr zu thun habe.“ Er ſprang in das Boot, winkte dem Doctor und war bald an der hängenden Treppe der Fregatte. 189 Der Doctor ſchaute ihm nach, indem er in Ge⸗ danken folgenden Monolog hielt: „Es ſieht wirklich aus als ob ich alle Macht über ihn verloren hätte. Wenn er einen Augen⸗ blick in die Schlinge zu fallen ſcheint die ich lege, ſo thut er es nur, um mir und Andern zu beweiſen daß er ſie gänzlich zerriſſen hat.— Aus dem ſchwa⸗ chen, muthloſen Jüngling, der ſich von ſeinen Lei⸗ denſchaften beherrſchen ließ und wie Wachs in meiner Hand war, iſt ein Mann von Granit geworden, und zwar nachdem der harte Schlag ſie zu verlieren ihn getroffen hat. Seit dem Abend wo ich ihre Flucht beinahe mit dem Leben büßen mußte, hat er nicht die mindeſte Andeutung auf ſie gemacht. Auf die Erklärung die ich über mein Benehmen gab hat er nicht geantwortet. Es war als ob die Erinne⸗ rung an das junge Mädchen aus ſeiner Seele ver⸗ ſchwunden wäre. Heute, nach vier Jahren, iſt es das erſte Mal daß er einige Fragen macht die ſich auf die Familie Aberney beziehen.“ So lange die Fregatte bei Gibraltar blieb, ver⸗ leiß Lothar ſie nicht. Schweigſam und noch ver⸗ ſchloſſener als zuvor verrichtete er den Dienſt für ſich und Andere. Auch Tage hatte ſich ſehr verändert. Die ge⸗ wöhnlich ſo ſorgloſen Züge waren beinahe immer düſter und wurden von keinem freundlichen Lächeln erheitert. Er entzog ſich der Geſellſchaft ſeiner Ca⸗ 3 meraden ſo viel wie möglich und überließ ſich gänz⸗ lich ſeiner Erbitterung gegen Lothar, die ſich nach den Vorfällen bei dem Duell aufs Höchſte geſtei⸗ gert hatte. Er beſaß keine Hoffnung mehr mit Wor⸗ ten Rache an ſeinem verhaßten Feinde nehmen zu können. Bedenkt man ferner daß Lothar alle dienſt⸗ lichen Verrichtungen Tages fortwährend mit derſel⸗ ben Genauigkeit beobachtete, ſo iſt leicht zu begrei⸗ fen daß ſeine Erbitterung mit jedem Tage noch zunahm, zumal die Cameraden nach dem Duell Lo⸗ thar mit höherer Achtung begegneten. Es gibt Nichts was unſerem Character ſo gründ⸗ lich Abbruch thut, als wenn wir uns von unſerer verlezten Eigenliebe beherrſchen laſſen. Hätte Tage ein einziges Mal auf die Stimme der Vernunft ge⸗ hört, ſo würde dieſe ihm gezeigt haben daß Lothar bei dem Duell eine edle Selbſtbeherrſchung an den Tag legte die ihm Achtung einflößen mußte. Er würde dann auch ſein eigenes Benehmen unparteiiſch beurtheilt und nicht wie jezt gegen das Schickſal ge⸗ tobt haben. Ein großer Denker hat geſagt: Wenn Du von einem Leiden getroffen wirſt, ſo ſuche die Urſache dazu nur in Dir ſelbſt! Und der große Denker hat Recht. Wenn wir, ſtatt den Fehler auf Andere zu ſchieben, ihn bei uns ſelbſt ſuchten, ſo würden wir manchem Böſen zuvorkommen, was jezt dadurch erzeugt wird daß wir uns gegen diejenigen verbittern denen wir unſere Unannehmlichkeiten Schuld geben. Tage hatte ſich in den Strom wilder Lei⸗ denſchaften geworfen, ohne daß er auch nur einen Verſuch machte auf die Stimme der Vernunft oder des Herzens zu hören- Nach einigen Tagen lichtete die Fregatte ihre Anker und ging unter Segel. Der nächſte Haſen 191 ſollte Neapel ſein. Ohne daß etwas Bemerkens⸗ werthes eintrat, ankerte ſie auf der Rhede von Nea⸗ pel, und das Land wo das Feuer im Schooße der Erde und in den verborgenen Verſtecken des Her⸗ zens wohnt, lag offen vor ihren Blicken. Tage, der während der ganzen Fahrt von Gib⸗ raltar in einer düſtern Stimmung geweſen, freute ſich wirklich als er Italiens ſchöne Küſten begrüßte. Gleich den übrigen Hffizieren ſehnte er ſich ans Land und war auch einer der erſten welche die erbetene Erlaubniß erhielten die Fregatte zu verlaſſen„um Neapel zu ſehen und dann zu ſterben.“ Mit dem gewöhnlichen Uebermuth lebensluſtiger junger Seeoffiziere warf er ſich nebſt ſeinen Came⸗ raden in den Wirbel der Zerſtreuungen die ſich ihnen darboten. Die Tage verfloßen wie Secunden, und vergebens hätte man in Tages jezt freudeſtrahlender Miene Etwas von ſeiner Düſterkeit am Bord ver⸗ ſpürt. Kummer und Erbitterung ſchienen ihm jezt fremd zu ſein. Tage war noch nie in Neapel geweſen. Alles war ihm alſo neu, und er dachte an nichts Anderes als ſich ſeinen Eindrücken hinzugeben, die Vergnü⸗ gungen zu genießen die ihm zu Gebot ſtanden, und guälende Gefühle in der Fluth der Luſt zu erträn⸗ ken. Sein Aufenthalt auf dieſem ſo viel beſungenen Fleck der Erde glich einem trunkenen Traume. Zwei Wochen eilten dahin, als wären es zwei Tage ge⸗ weſen. Tage hätte die Zeit zurückhalten, die von der Fregatte erwarteten Befehle unterſchlagen und dadurch die Abfahrt von Neapel ins Unendliche hin⸗ aus ziehen mögen. Alle Freude hat jedoch ihren — — 192 Schatten, ſo auch die ſeinige. Für den Augenblick beſtand er aus dem Wachdienſte. Um das Maß ſeines Aergers darüber daß er an Bord bleiben mußte voll zu machen, war Lothar ſeine einzige Ge⸗ ſellſchaft. Tage mußte alſo die doppelte Qual aus⸗ ſtehen an die Fregatte gebunden zu ſein und ſeinem verabſcheuten Feinde Geſellſchaft zu leiſten. Etwas über zwei Wochen waren ſeit der Ankunft in Neapel verſtrichen, als Lothar eines Morgens im Salon ſaß und Zeitungen las. Er und Tage ſollten um acht Uhr die Wache übernehmen. Die Thüre zu Tages Cajüte ſtand offen. Einer der jüngeren Ca⸗ meraden war bei ihm und Lothar hörte ganz un⸗ willkührlich folgendes Geſpräch mit an: „Wie Schade, lieber Aberney, daß Du geſtern nicht mit in San Carlo warſt!“ ſagte der junge Lieutenant. „Wie ſo?“ fragte Tage verdrießlich. Der Ge⸗ danke an die bevorſtehende Wache verſtimmte ihn. „Du hätteſt da, außer dem Vergnügen Rubin zu hören, das ſchönſte Weib geſehen das mir je un⸗ ter die Augen gekommen. Ach, ein ſolches Geſicht werde ich nie wieder zu ſehen bekommen,“ ſeufzte der Lieutenant. „Du kannſt ſie vielleicht noch mehr als einmal † ſehen,“ meinte Tage. „Wie ſoll das zugehen? Wir können ja jeden Augenblick Befehl zur Abfahrt erhalten.“ „Nun, dann hat es auch nicht ſo viel zu ſagen, Du biſt ſo leicht entzückt.“ „Mag ſein; aber dießmal iſt der Gegenſtand ſo außerordentlich ſchön, daß ich meine Epauletten da⸗ 193 ran wage daß Jeder der ſie ſieht in Feuer und Flammen geräth.“ „So! Es war wohl eine von den Sängerinnen?“ „Allerdings wax es eine Sängerin, aber ſie ge⸗ hörte nicht zum San⸗Carlo⸗Theater. Es war Ma⸗ dame Dorbino.“ „Ah, die vielgeprieſene franzöſiſche Sängerin! Sie iſt alſo hier?“ „Ja, da ich ſie geſehen habe.“ „Du hörteſt ſie ſingen? Ich muß..“ „ auf Deinem Plaze bleiben,“ fiel der Ca⸗ merad lachend ein. „Bis auf Weiteres, ja. Hat ſie wirklich eine ſo ſchöne Stimme, wie man glaubt?“ „Hör einmal, lieber Freund, Du mußt ſchlaf⸗ trunken ſein, da Du meine Worte nicht verſtehſt, ob⸗ ſchon ich in ganz gutem Schwediſch mit Dir ſpreche. Ich habe mich jezt ſchon klange damit geplagt Dir klar zu machen daß ſie nicht aufgetreten iſt, ſondern ſich nur als Reiſende in Neapel aufhielt, und daß ich ſie im Theater ſah. Sie ſaß in derſelben Loge wie ich.“ „Aber da ſie nicht ſang, ſo weiß ich nicht woher Dein Entzücken kommt.“ „Habe ich Dir nicht gleich am Anfang geſagt daß ſie ungewöhnlich ſchön iſt, daß ſie ein Paar Augen hat die einen Menſchen verrückt machen können?“ „Wirklich? Ich weiß ſonſt nicht wie die Augen ausſehen ſollten die auf mich eine ſolche Wirkung ausüben könnten. Es wäre inzwiſchen angenehm Schwartz, Schuld und Unſchuld. II. 13 6 194 die weltberühmte und ſchöne Sängerin zu Geſicht zu bekommen.“ „Dieß iſt ein Glückstreffer der nicht Jedem in den Schooß fällt, und gewiß wirſt auch Du von der Fortuna nicht ſo ſehr begünſtigt wie ich, ſelbſt wenn Du ſie zu ſehen bekommſt.“ „Du Narr, Du wirſt mir doch nicht weiß machen wollen daß Du...“ † „Daß ich mit ihr geſprochen habe? Allerdings will ich das.“ „Dann haſt Du wohl einen Handſchuh aufgeho⸗ ben den ſie fallen ließ, und da ſie dafür dankte, ſo glaubſt Du jezt hergehen und damit renommiren zu können daß Madame Dorbino ſich einen ganzen Abend mit Dir unterhalten habe. Du biſt in dieſer Beziehung zu bekannt als daß ich Dir glauben könnte.“ „Das gilt mir ganz gleich. Die Wahrheit iſt daß ich, als ich in die Loge trat, zwei Damen und einen Herrn vor mir traf. Die eine Dame drehte bei dem Geräuſch das ich machte den Kopf um. Nie habe ich ein ſo ſchönes Geſicht oder ſolche Augen geſehen. Sie betrachtete mich aufmerkſam; aber um mich ſtreng an die Wahrheit zu halten, muß ich ge ſtehen daß ihre Muſterung meiner Perſon eigentlich meiner Uniform zu gelten ſchien. Nachdem ſie die⸗ ſelbe gehörig in Augenſchein genommen, flüſterte ſie der andern Dame einige Worte zu, worauf dieſe einen flüchtigen Blick auf mich warf und auf fran⸗ zöſiſch antwortete: „Er gehört zur ſchwediſchen Flotte.“ „Die Muſik begann. Gott allein weiß was ſie ſongen. Ob ſie ſangen oder wie ſie ſangen, ich weiß 195 es nicht. Rubini, Monzocchi, Alles war vergeſſen; denn ich grübelte bloß über eine Möglichkeit meine ſchöne Nachbarin anzureden und zu erfahren wer ſie ſei. Nach dem erſten Act wandte ſich die Dame die ſie bei ſich hatte gegen mich und ſagte in untadel⸗ haftem Schwediſch: „Aus Ihrer Uniform erſehe ich daß wir Lands⸗ leute ſind, und dieß veranlaßt mich zu der Frage ob Sie das liebe Schweden ſchon lang verlaſſen haben.“ „Wer war glücklicher als ich! Natürlich erzählte ich wann wir von Carlskrona abgeſegelt, welche Hä⸗ fen wir beſucht und wie lange wir uns dort aufge⸗ halten. Zu meiner großen Verwunderung ſchien die ſchöne Dame meine Worte aufmerkſam anzuhören, und dieß veranlaßte mich zu der Vermuthung daß ſie ebenfalls ſchwediſch verſtehe. In der ganzen übrigen Zeit unterhielt ich ein lebhaftes Geſpräch mit meiner Landsmännin. Sie fragte Einiges über meine Cameraden an Bord. Als ich unter dieſen auch Canitz nannte, machte die ſchöne Zuhörerin eine heftige Bewegung und rief den Namen Canitz. Dann fragte ſie mich auf franzöſiſch, woher dieſer Canitz ſei. „Er iſt ein ehemaliger Ruſſe,“ antwortete ich, „und vor zwei Jahren in ſchwediſche Dienſte ge⸗ treten.“ „Und, heißt Lothar Conſtantin?“ fragte ſie mit einer Stimme welche zitterte. „Sie wandte ſich von mir weg und ſchenkte dem Geſpräch keine Aufmerkſamkeit mehr. Nach der Vor⸗ ſtellung fragte ich meine Landsmännin ganz kühn 196 mit wem ich die Ehre gehabt hätte zu ſprechen. Sie antwortete lächelnd: „Meine Freundin hier iſt Madame Dorbino, deren Namen Sie ſicherlich aus den Journalen ken⸗ nen gelernt haben. Wer ich bin, ſollen Sie erfah⸗ ren wenn wir uns in Stockholm treffen.“ „Ich verbeugte mich; Madame Dorbino nahm den Arm des Cavaliers, und ich ſtellte mich um ſie vor⸗ beigehen zu ſehen; aber ſie wandte mehr als einmal ihr bezauberndes Geſicht gegen mich und fragte: „Wie lange bleibt die Fregatte Carolina in Neapel?“ „Das iſt unbeſtimmt, Madame, ſie wartet auf weitere Ordre. „Sie nickte mit dem Kopf und im nächſten Augen⸗ blick war die ſchöne Erſcheinung verſchwunden. Ich uhr in einer ganz unglücklichen Verwirrung zurück und war feſt überzeugt daß Madame Dorbino früher einmal ein Verhältniß mit Canitz gehabt habe, die⸗ ſem beneidenswerthen Sterblichen, deſſen Name allein ſchon eine ſo heftige Gemüthsbewegung bei ihr her⸗ vorrief. „Was weiter? eine Sängerin hat immer eine Menge Abenteuer, und da Canitz wohl kein Heiliger geweſen ſein wird, ſo iſt es ſehr wahrſcheinlich daß er ſich zu den Zwölftauſens kechnen kann die in ihre Gunſt eingezeichnet ſind.“ „Vandal! man hört wohl daß Du dieſes ſchöne und reine Geſicht nicht geſehen haſt; ſonſt könnteſt Du nicht ſo ſprechen.“. „Ach ich glaube Du ſprichſt von der Keuſchheit einer Sängerin, eines Weibes das ihr Leben auf 197 dem Theater und zwiſchen den Couliſſen zuge⸗ bracht hat.“ 6 Lothar verließ den Salon und ging auf das Verdeck. Unwillkürlich dachte er an Madame Dor⸗ bino und beſann ſich wo er ſie möglicher Weiſe ge⸗ ſehen habe, ehe ſie ſich bei einem Pariſer oder Lon⸗ doner Theater verheirathet. Um acht Uhr übernahm Tage die Wache. Zu ſeiner großen Verwunderung verrichtete Lieutenant Steen den Dienſt an Lothars Stelle. Etwas ſpäter am Morgen ſezte eine Schaluppe von der Fregatte aus. Darin ſaß Lothar. Er fährt fort um mit ſeiner früheren Neigung, Madame Dor⸗ bino, zuſammenzutreffen, dachte Tage und ſchaute der Schaluppe mit neidiſchen Blicken nach. Der elende Pedant hat alſo doch Verbindungen mit Theater⸗ damen gehabt. Es verdroß ihn daß Lothar juſt an dieſem Tage ans Land ging. Seit ſein Camerad ihm von Ma⸗ dame Dorbino erzählt hatte, war er von einem hefti⸗ gen Wunſch ergriffen worden ſie zu ſehen, und der Bedanke daß Lothar, dieſer verhaßte Lothar, unter ſeinen übrigen Vorzügen auch den beſizen ſollte ein Gegenſtand des J der gefeierten Sängerin zu ſein, erbitterte ihn förmlich. So verliebt ein junger Mann ſein, für ſo un⸗ glücklich er ſich halten mag, ſo gibt es gleichwohl Etwas was er nicht mit Gleichgültigkeit anhören kann, nämlich die Beſchreibung der Schönheit einer Frau. Er kann ein noch ſo großer Philoſoph ſei 198 ſo entſteht doch der Wunſch in ihm diejenige zu ſehen deren Reize von Andern geprieſen werden. So auch bei Tage. Madame Dorbino war ein Gegenſtand der ſeine Neugierde reizte, und zur Steuer der Wahr⸗ heit müſſen wir bekennen daß er keinen höhern Wunſch hegte als die Hartnäckigkeit los zu werden womit ſein Herz an Schuldfried feſthielt. Er wollte ſie. vergeſſen, aber er vermochte es nicht. Er hatte zu dieſem Zweck Alles aufgeboten. Wenn die Fregatte ſich in einem Hofen aufhielt, eilte Tage ſich in die Arme der Vergnügungen zu werfen die ſich darbo⸗ ten, in der Hoffnung dadurch die Erinnerung an ſie zu ſchwächen, die er nach dieſen Zerſtreuungen nur noch inniger liebte. Der Name Madame Dorbino weckte in ihm den Wunſch ſie kennen zu lernen. Genug, unſer lieber Tage war erbittert daß Lothar die Kühnheit hatte ans Land zu gehen, während er ſelbſt an ſeiner Stelle hätte ſein mögen. Im Uebri⸗ gen war ihm der Verdruß erſpart mit Lothar auf der Wache ſein zu müſſen. Tage ſpazierte mit großer Ungeduld auf dem Verdeck hin und her und quälte ſich mit allen mög⸗ lichen unangenehmen Betrachtungen. Endlich blieb er beim Anblick eines Bootes das ſich der Fregatte näherte ſtehen. Ob es wohl anlegen wollte? Nachdem der Ruderer ſeine Frage nach dem wach⸗ habenden Offizier mehrere Male wiederholt hatte, verſtand Tage ihn endlich und erklärte in ſchlechtem Italieniſch daß er es ſei. Ein Brief wurde über⸗ reicht. Tage empfing ihn und betrachtete aufmerk⸗ ſam die Adreſſe. Sie lautete an Lothar. Aber nicht der Name des eleganten Billets war es was Tages 199 Blicke feſſelte; nein, es war die zierliche Hand⸗ ſchrift. Sie kam ihm zu bekannt vor als daß ſein Herz bei dieſem Anblick nicht ſtärker gepocht hätte. Er wandte das Billet um und betrachtete das Sie⸗ gel. Ein heftiges Zittern überkam ihn. Er ſtarrte das Siegel an wie wenn es den Tod enthalten . hätte, und gleichwohl ſtand nur ein Name darin. „Und wenn es Leben und Ehre gälte, ſo muß ich wiſſen was dieſer Brief enthält,“ dachte Tage. Ich muß Gewißheit haben. H wenn der Elende mich betrogen hätte, dann... dann.. Das Siegel wurde erbrochen. Mit Fiebergluth im Blute durchlas Tage die wenigen Zeilen. Ihren Inhalt werden wir ſpäter erfahren. —— Inzwiſchen wandelte Lothar die lange Strada Tribuna hinan bis ans Ende der Toledoſtraße, ging am Schloſſe vorbei, nach Santa Lucia hinaus in die Reſtauration der Reiſenden und trank dort eine Flaſche Vino Greco, während er die Ausſicht auf Soma und den Veſuv betrachtete. Aus ſeinen Ge⸗ danken über dieſes Gemälde wurde er durch eine Stimme geweckt die ihm auf franzöſiſch zurief: Welche freudige Ueberraſchung Sie zu treffen, beſter Canitz!“ Lothar wandte ſich um und erkannte ſeinen ehe⸗ maligen Cameraden auf der ruſſiſchen Flotte, Gra⸗ fen Gurtzkow. Nachdem man einige verbindliche Worte gewechſelt und Neues und Altes beſprochen hatte, ruderten die beiden jungen Männer auf den herrlichen Golf hinaus. Abends beſchloßen ſie in das San⸗Carlo⸗Thea⸗ ter zu gehen. Als Gurtzkow und Lothar in ihre Loge traten, war der Saal beinahe gedrängt voll. Erſterer muſterte mit größter Genauigkeit jedes Ge⸗ ſicht, bezeichnete Lothar verſchiedene Damen die er beſonders ſchön fand und ſcherzte über die Aufmerk⸗ ſamkeit die einige bezaubernde Neapolitanerinnen dem ſchwediſchen Seeoffizier widmeten. Die Huverture wurde geſpielt; der Vorhang ging in die Höhe und der erſte Act war zum größern Theil vorüber, als die Loge neben derjenigen wo Lothar und ſein ruſſiſcher Freund ſaßen geöffnet wurde. Lothar achtete nicht darauf, ſo ſehr war er in Roſſi⸗ nis Muſik verſunken. Gurtzkow dagegen, der mehr das Schöne in den Formen als in den Tönen be⸗ wunderte, faßte Lothar am Arm und flüſterte: „Haben Sie geſehen welche ſchöne Dame in die Loge daneben eingetreten iſt?“ Lothar zudte ungeduldig über die Störung die Achſel; aber in demſelben Augenblick ſagte eine friſche melodiſche Stimme ganz nahe bei ihm auf franzöſiſch: „Ach ich ſagte es doch voraus daß wir zu ſpät kommen würden.“„ DOlſchon dieß ganz leiſe geflüſtert wurde, ſo machte doch der Ton der Stimme daß Lothar zuſammen⸗ fuhr. Er beugte ſich ſchnell vor um ſeine Nachbarin in Augenſchein zu nehmen. Zwei Damen in elegan⸗ ter Toilette befanden ſich nebſt einem Herrn in der Nebenloge. Diejenige deren Stimme einen ſo leb⸗ haften Eindruck auf Lothar gemacht, hatte ihm den Rücken zugekehrt. „Wie Schade daß ich die Arie im erſten Act nicht zu hören bekam!“ bemerkte ſie. „Iſt es meine Schuld?“ fragte der Cavalier. Auch er ſprach franzöſiſch. „Das behaupte ich nicht; aber...“ „Sie möchten mir doch gerne die Schuld auf⸗ laden.“ „Still, hören wir dieſes Trio an.“ Die Dame lehnte ſich in ihren Stuhl zurück. Lothar drückte ſich tiefer in die Ecke ſeiner Loge, aber ſeine Blicke hingen an dem ſchönen Nacken der Nachbarin feſt, wie wenn er durch dieſes hartnäckige Fixiren ſie zwingen wollte ſich umzuwenden, inzwiſchen gehörte ſie offenbar nicht zu den Senſitiven und blieb daher unbeweglich. Während des erſten Zwiſchenactes fragte der Cavalier die Dame: „Nun Madame, wie gefällt Ihnen die Signora S.? Ihre Stimme hat einen ungewöhnlichen Um⸗ fang.“ gefällt mir recht gut,“ lautete die Antwort. „Sie ſind ſo gedankenvoll. Sie ſcheinen ſich nicht zu amüſiren?“ „O doch, aber man kann nicht immer heiter ſein.“ 8„Sie waren ſeit der Abſendung dieſes Briefes bei ſchlechter Laune.“ „Das iſt ein Irrthum. Wenn ich gedankenvoll bin, ſo kommt es daher daß mein Herz von einer lebhaften Sehnſucht nach dem Vaterland ergriffen iſt,“ ſagte die Dame mit einer eigenthümlich ſchwer⸗ müthigen Betonung. 5 Lothars Herz ſtand ſtill. Er wagte kaum zu 202 athmen, um nicht einen einzigen Ton von dieſer Stimme zu verlieren die eine ganze Welt von Ge⸗ fühlen in ſeinem Innern hervorrief. „Sie wollen doch nicht nach dem kalten Norden zurückkehren?“ ſagte der Cavalier und beugte ſich 11 näher zu ihrem Stuhl, als wollte er ſeine Frage mit einem zärtlichen Blick begleiten. „Später vielleicht; was weiß ich? Doch laſſen wir das!“ Das Geſpräch ging jezt zur Muſik über. Lothar hatte ſich in den dunkelſten Winkel ſeiner Loge zurückgezogen. „Ich muß dieſes Weib ſehen,“ dachte Lothar, „ich muß mich überzeugen... und wenn es ſo wäre, was dann„ich habe ein heiliges Gelübde gethan daß ich mich ihr niemals nähern, daß ich nie einen Verſuch machen wolle unſere Lebensbahnen zu⸗ ſammenzuführen. Im Uebrigen iſt ſie dann frei? Beſizt nicht ein Anderer Rechte über ſie von denen ich nicht einmal zu träumen gewagt habe?— Sie iſt vielleicht verheirathet!— Ha dann' wäre es beſſer wir hätten uns nie wieder geſehen! Was wünſche ich eigentlich!— Sie zu ſehen und dann— zu ſterben.“ Lothar fuhr mit der Hand über ſeine Stirne. ½ 3 Das Schauſpiel war vorüber. Gurtzkow und Lothar verließen ſogleich ihre Pläze, der erſtere voll Verlangens einen Schimmer von der ſchönen Nach⸗ barin zu erblicken, die ihm die ganze Zeit über ſo hartnäckig den Rücken zugewendet hatte. An die Wond in der Galerie gelehnt, war Lothars Blick gänzlich verdeckt von Gurtzkow, der ſich vor ihn — geſtellt hatte. Jezt wurde die Loge geöffnet. Dey Cavalier trat zuerſt heraus, wandte ſich um und bot den Damen die Hand um ihnen zu helfen. Erſtere war eine junge Dame, von mehr originellem als ſchönem Ausſehen; die zweite dagegen beſaß ſo regelmäßige Züge, daß man ſie ohne Uebertreibung 4 eine Schönheit neünen konnte. Gurtzkows ſtiller Be⸗ wunderungsruf ſauste an Lothar vorbei, ohne daß er auch nur einen Laut davon hörte. Obſchon Lo⸗ thar ſich auf den ihm bevorſtehenden Anblick vorzu⸗ bereiten ſuchte, ſo⸗wurde er doch ſo gewaltſam da⸗ von erſchüttert daß er ganz bewußtlos, mit wildſtie⸗ renden Blicken auf die bildſchönen Züge, gegen die Dame zutrat. Seine Lippen öffneten ſich um einen Namen auszuſprechen; aber einen Augenblick dar⸗ tief in die Stirne und ſtüzte ſich bebend an einen Pfeiler. Gurtzkow war zu ſehr von der Betrachtung des Gegenſtandes ſeiner Bewunderung in Anſpruch ge⸗ nommen als daß er das ſonderbare Benehmen ſei⸗ nes Begleiters beobachtet hätte. An ihnen vorbei ſtrömte eine Maſſe von Menſchen und mit ihnen die Damen und ihr Cavalier, ohne daß Jemand auch nur einen Blick auf Gurtzkow oder Lothar ge⸗ worfen hätte. Erſterer ging mit dem Strom, aber der letztere blieb wie vom Blize getroffen ſtehen. Am folgenden Morgen, als Lothar in den Sa⸗ lon auf der Fregatte hinaustrat, fand er Tage allein dort ſizen. Bei Lothars Anblick erhob er ſich und auf zog er ſich wieder zurück, drückte ſeine Müze 204 5. ging überraſcht von dem bleichen und verſtörten Ausſehen des Cameraden auf ihn zu. In jedem Zuge Lothars ſtand deutlich zu leſen daß er einen ſehr ſchweren und ſchmerzlichen Kampf gekämpft hatte. Als Lothars Augen auf Tage fielen, funkelte es darin. Sie betrachteten einander einige Secunden lang mit düſtern Blicken; endlich brach Tage das Stillſchweigen. „Ich habe Ihnen einen Wunſch vorzutragen, Herr Lieutenant,“ ſagte er mit einem vergeblichen Bemühen ſeine Stimme ruhig zu machen. „Und der lautet?“* „Ich möchte eine Beſprechung unter vier Augen mit Ihnen haben.“ Lothar ſah ſich im Salon um und antwortete kalt: Wir ſind ja allein.“ „Nicht hier, wo wir von all dieſen ſpähenden Augen und lauſchenden Ohren umgeben ſind, kann die Beſprechung ſtattfinden die ich wünſche. Nein, was darin verhandelt werden ſoll, das darf außer Gott und uns Beiden Niemand hören.“ ½ „Es ſcheint mir als ob Sie und ich einander Nichts mitzutheilen hätten,“ verſezte Lothar hochfah⸗ rend.„Wir haben in Gibraltar abgeſchloſſen.“ „Sie täuſchen ſich; denn ich habe Ihnen wirklich Etwas anzuvertrauen was Sie hören müſſen; deß⸗ halb verlange ich von Ihnen ein Rendezvous fünf Uhr bei Pozzuoli.“ „Und wenn ich mich weigere?“ „Dann“— Tage trat ihm einen Schritt näher ballte ſeine Fäuſte und ſprach mit gedämpfte 205 Stimme—„dann werden Sie mich zu einem Extrem treiben.“ „Aber Sie wiſſen, Lieutenant Aberney, daß ich mich mit Ihnen nicht ſchlagen will und nicht ſchla⸗ gen werde. Es gibt Nichts was mich veranlaſſen kann auch nur ein Haar anf Ihrem Hanpte zu krümmen.“ „Es handekt Jich hier um kein Duell, ſondern nur um eine Beſprechung. Was Sie nach derſelben unternehmen wollen iſt eine andere Frage. Sie fürchten wohl ein téte téte mit mir nicht?“ „Daß Furcht mir fremd iſt, dürften Sie be⸗ zeugen können; da es für mich Ehrenſache iſt den Wunſch eines Feindes zu erfüllen, ſo werde ich mich bei dem Rendezvous einfinden.“ Lothar verließ den Salon. Tage ſah ihm nach und murmelte: „Ha, Vermeſſener, jezt— jezt kommt die Reihe an mich Dir all das Böſe zu vergelten das Du mir ugefügt haſt.“ Tage fuhr mit einer Bewegung ver⸗ zweifelten Schmerzes über ſeine Stirne, während er ſeinen ſtillen Monolog alſo fortſezte:„Um mich rächen zu können, habe ich den Muth gehabt die brennende Sehnſucht zu opfern die mich ſeit mehre⸗ en Jahren verzehrt. Ich brauche bloß nach Caſtella⸗ mare zu gehen um ſie zu ſtillen, und dennoch thue ich es nicht. Warum? Lann ich den Elen⸗ zermalmt ſehen muß. Ha! wenn er in ohnmächti⸗ er Verzweiflung und Wuth ſeine Hände ringt, dann habe ich Etwas von der Strafe vollzogen die ich ihm für Alles ſchulde was er mir geraubt hat. Jezt 206 will ich ihm ſein Glück entreißen und mich dann an ſeinem Schmerze weiden.“ —— Die Glocke des Apoſtelthurmes verkündete den Einwohnern Neapels daß es fünf Uhr war, als Lo⸗ thar ſich in Pozzuoli einfand. Auf der Schwelle eines tleiHauſes ſtand Tage. Er beantwortete Lothars ſtumme Begrüßung mit einem Griff an ſeine Müze, dann ging er, ohne ein Wort zu ſagen, eine ſchmale Treppe hinan die in den obern Stock führte. Lothar folgte ihm ſchwei⸗ gend. Sie traten in ein Zimmer das mit einem einzigen Fenſter verſehen war⸗ Tage ſchloß die Thüre ſorgfältig und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche, ein Manöver das Lothar nicht beachtete. Er war an das Fenſter getreten, warf einen Blick auf, die Gegend hinaus und blieb eine Weile ſo ſtehen. So verfloßen einige Augenblicke, worauf er ſich um⸗ wandte. In einen kleinen Sopha zurückgelehnt ſaß Tage, die Stirne mit ſeiner Hand bedeckend. „Ich habe ſchon lange gewartet daß Sie mit der Mittheilung beginnen würden um derenwillen Sie mit mir zuſammenzutreffen wünſchten,“ ſagte Lothar.„Aufrichtig geſprochen, ich wünſche daß S einem Rendezvous das für uns Beide unmöglich ſeh angenehm ſein kann, ſobald als möglich ein E machen. Ueberdieß muß ich vor acht Uhr an Bo ſein um die Wache zu übernehmen. Es iſt alſok Zeit zu verlieren“ Bei Lothars Anrede fuhr Tage zuſammen und ſprang auf. 3 S—— „Sie haben um acht Uhr die Wache zu über⸗ nehmen,“ wiederholte Tage.„Wie viel können wir nicht inzwiſchen erleben!“ Tage ging auf Lothar zu und fuhr mit einer eigenthümlich ſpöttiſchen Stimme fort:„Sie haben beſchloſſen ſich nie mit mir zu ſchlagen, es möge geſchehen was da wolle, ja nicht einmal ein Haar. auf meinem Haupte zu krümmen. War es nicht ſo?“ „Allerdings.“ „Sie ſind ſehr edelmüthig.“ Ein bitteres Lächeln ſpielte auf Tages Lippen.„Aber ich könnte meine Ghre daran ſezen daß dieſer Edelmuth Sie nicht abhalten wird Ihren Vorſaz zu brechen noch ehe es acht Uhr ſchlägt.“ „Wagen Sie Ihre Ehre nicht daran, Sie könn⸗ ten ihrer ſonſt verluſtig werden,“ verſezte Lothar mit älte.„Ich werde, wenn die Verſuchung Ihnen eine Kugel durch den Kopf zu jagen zu ſtark würde, eher mich ſelbſt tödten als von meinem Vorſaz abgehen. Lieutenant Aberney, ich weiß nicht was es heißen will mein Wort zu brechen oder mit Verſprechungen zu ſpielen.“ „Die Zukunft wird beweiſen welchen Werth Ihre ſtolzen Worte beſizen.“ Tage kreuzte die Arme über ſeine Bruſt.„Sie ſehen wohl ein daß ich ſeit mei⸗ nen Knabenjahren— wo Sie mir dieß da ver⸗ ſezten.— er devtete auf die Narbe an ſeiner Stirne — Sie haſſen muß; daß dieſer Haß durch unſere emeinſchaftliche Fahrt und die Ereigniſſe in Gibral⸗ tar verzehnſacht worden iſt, ſehen Sie wohl auch ein.“ Mit einem Ton geſteigerter Erbitterung fuhr er fort:„Sie wagten es mir das Leben zu 208 ſchenken, und Sie thaten es mit der hölliſchen Ueberzeugung daß dieſes Geſchenk mir verhaßter ſei als zehn Tode. Ihrer Nachſicht ein Leben ver⸗ danken zu müſſen dem Sie allen Werth geraubt haben, iſt ein Fluch, wie ihn nur die raffinirteſte Grauſamkeit zu erdenken vermocht hat; und wenn ich heute wie ein treuloſer Schurke handle, ſo ſind Sie allein Schuld daran.“ „Haben Sie mich hieher gebeten um mir das zu ſagen?“ fragte Lothar.„In dieſem Fall können wir ſogleich auseinander gehen. Ich habe Ihnen keine Erklärung über mein Benehmen zu geben, und hätte ich auch eine ſolche zu geben, ſo würde ichs nicht thun. Sie wären nie im Stande meine Motive zu begreifen.“ Lothar ging einige Schritte auf die Thüre zu. „Bleiben Sie, Lieutenant Conitz!“ rief Tage. „Sie kommen nicht von der Stelle bevor ich es will.“ Lothar blieb ſtehen und betrachtete Tage mit einem ruhigen Blick; dann fielen ſeine Augen auf ein Paar Piſtolen die auf dem Tiſche lagen. Bei ihrem Anblick trat er wieder im Zimmer vor. Ein beinahe mitleidiges Lächeln ſpielte auf Lothars Lip⸗ pen und mit der größten Gleichgiltigkeit ſagte er: „Sie gedenken mich gefangen zu halten?“ Da⸗ mit ſezte er ſich auf den Sopha, welchen Tage ver⸗ laſſen hatte. „Ja, Sie ſind mein Gefangener,“ erwieder Tage„Sie betrachten die Piſtolen dort auf dem Ziſch. Sie ſind geladen. Sie ſind für Sie und für mich beſtimmt. Wenn ich Ihnen mitgetheil habe was mich zu dieſem Zuſammentreffen mit Ih 209 veranlaßt, ſo werden Sie der Erſte ſein der dar⸗ nach greift um unſern Streit durch ſie entſcheiden zu laſſen.“ 3 „Niemals!“ antwortete Lothar beſtimmt. Tage trat an das offene Fenſter und blieb lange davor ſtehen. Nach einer Pauſe, die geraume Zeit währte, wandte er ſich ins Zimmer hinein und ſagte in beinahe ſcherzendem Tone: „Ueber uns wölbt ſich Neapels ſchöner klarer Himmel; um uns lächelt die bezauberndſte Natur; wir athmen dieſe mit Wohlgerüchen und Wolluſt er⸗ füllte Luft, welche die Kraft beſizt ſelbſt das kältrſte Gemüth in Flammen zu verſezen und im trivialſten Herzen poetiſche Träume hervorzurufen. Nun wohl, das Alles ſcheint zu Liebe, zu Genuß und Freude einzuladen!“ Lothar gab keine Antwort. Er ſchien die Fort⸗ ſezung dieſer Einleitung zu erwarten. Tage hin⸗ wiederum wartete lang ob ſein Camerad Etwas zu ſagen hätte; aber als dieſer ſtill blieb, fuhr Tage fort: „Und gleichwohl ſind wir hier mit Gefühlen zuſam⸗ men die mit den angedeuteten himmelweit verſchieden ſind. Sie ſind hier weil Ihr Zartgefühl Ihnen verbot einem Feinde ſeinen Wunſch abzuſchlagen. Sie ſind wahrhaft artig.“ Tage verbeugte ſich mit einem iro⸗ niſchen Blick auf Lothar.„Ich,“ fuhr er mit einem Achſelzucken fort,„der ich nicht an einem kaiſerlichen Hof erzogen worden bin und folglich keinen Anſpruch auf Ihren feinen Tact machen kann, ich bin ganz ein⸗ fach darum gekommen, weil ich Ihnen eine vertraute Mittheilung zu machen habe welche Sie, wie ich hoffe, gütigſt mit einem Piſtolenſchuß beantworten werden.“. Shwartz, Schuld und Unſchuld. 1I. 14 Si Saite in der Seele ſeines Feindes berührt habe; aber 210 Tage hielt inne. Man bemerkte leicht daß er das Geſpräch möglichſt zu verlängern wünſchte. „Laſſen Sie uns eine Vorausſezung machen, nämlich daß Sie eine Herzliebſte beſeſſen hätten die Ihnen durch ein plözliches und unerklärliches Ereig⸗ niß von der Seite geriſſen worden wäre. Jahre ſind vergangen ohne daß Sie etwas von ihrem Schickſal erfahren konnten. Sie haben ſie überall geſucht ohne ſie zu finden. Sie kommen nach Reapel, und an einem milden lieblichen Abend wie dieſer hier, wo jeder Windhauch von Liebe und Poeſie ge⸗ ſchwängert iſt, erfahren Sie daß die Geliebte in Ihrer Nähe weilt. Sie ſchickt Ihnen ein Billet mit der Einladung ſich an einem beſtimmten Plaz ein⸗ zufinden. Sie wünſchen beim Empfang deſſelben nichts ſehnlicher als den glücklichen Augenblick des Wiederſehens beſchleunigen zu können. Die Geliebte ihrerſeits zählt die Minuten bis zu Ihrer Ankunſt. Welche Welt von Seligkeit wartet Ihrer nicht bei dieſem Zuſammentreffen!“ ₰ Tage verſtummte. Lothar war zwar etwas bläſ⸗ ſer geworden, ſonſt aber zeugte ſein ganzes Ausſehen von der größten Gleichgiltigkeit. Tage betrachtete ihn ſchweigend eine lange Weile, als wollte er 4₰ forſchen ob dieſe Einleitung nicht eine empfindliche — da Lothars Geſicht ſeine granitne Ruhe beibehielt, fuhr Tage fort: 6 „Stellen Sie ſich vor daß das Weib das Sie am meiſten auf Erden lieben Sie mit unruhig lo⸗ pfendem Herzen erwartet, und daß Sie ſelbſt Jah Ihres Lebens darum geben würden um zu ih 211 eilen: daß Sie aber von Jemand auf einem Plaz gefangen gehalten würden der weit von demjenigen abliegt wo ſie mit Ihnen zuſammenzutreffen wünſcht, gerade wie ich Sie jezt gefangen halte; was wür⸗ den Sie dann gegen Denjenigen unternehmen der Sie von dem Glück und ihr trennte?“ Ein heftiges Zucken in Lothars Brauen und ein Bliz aus ſeinem Auge gaben zu erkennen daß Tage dießmal einen ſchmerzlichen Punkt in ſeinem Herzen berührt hatte; aber mit beibehaltener äußerer Ruhe antwortete er: „Ich würde gegen dieſen Jemand gar Nichts unternehmen.“ „Wirklich? Sie ſind von einer ſeltenen Kaltblü⸗ tigkeit. Was würden Sie mir antworten wenn ich zu Ihnen ſagte: Schuldfried iſt in Neapel?“ Tages vor Eiferſucht funkelnde Augen nahmen mit Schadenfreude wahr daß Lothar beim Namen Schuldfried zuſammenzuckte, wie wenn man ihn mit einem glühenden Eiſen berührt hätte. „Ich würde antworten daß ich es wiſſe,“ ſagte Lothar düſter. ie wiſſen es?“ rief Tage leidenſchaftlich und ſtürzte auf ihn zu.„Sie haben ſie alſo geſehen?“. Es erfolgte eine Pauſe, während welcher die bei⸗ den Cameraden die Herzſchläge von einander hätten hören können. „Sie haben ſie alſo getroffen?“ war das Erſte as Tage wie zermalmt ſtammelte, worauf er ſein cht in ſeine Hände lehnte. thar ſchwieg. So vergingen einige Minuten. 212 Tage erhob ſein geſenktes Haupt und ſagte langſam mit ſtarker Betonung: „Sie wiſſen alſo auch daß Schuldfried ein Ge⸗ ſpräch mit Ihnen wünſcht, oder iſt vielleicht. Lothar ſprang auf. „Was ſagen Sie: Wünſcht Schuldfried mich zu treffen? Wann und wo? Sprechen Sie ſogleich!“ Ein Strahl wilder Freude flog über Tages Ge⸗ ſicht und höhniſch antwortete er: „Das hoffen Sie von mir zu erfahren? Sie⸗ wird es Ihnen wohl ſelbſt geſagt haben wo und wann ſie für Sie ſichtlich iſt.“ „Lieutenant Aberney,“ ſagte Lothar mit gedämpf⸗ ter ruhiger Stimme, obſchon ſeine Bruſt ſich unruhig hob;„Sie haben einen mir theuern Namen und Ihre Kenntniß von ihrem Aufenthalt in Neapel benüzt, um mit meinen heiligſten Gefühlen ein wahr⸗ haft unwürdiges Spiel zu treiben. Iſt dieß eine Rache die Sie an mir nehmen wollen, ſo erkläre ich dieſelbe für ärmlich und unedel. Sie wollten den. Triumph haben mit den empfindlichſten Saiten mei⸗ nes Herzens zu ſpielen, und ich war thöricht genug auch nur eine Secunde lang zu glauben daß Wah heit in Ihren Worten liege.“ Lothar ſchöpfte ti Athem. „Sie glauben ich ſcherze?“ Tage ſah Lothar an. „Betrachten Sie mich und ſagen Sig: Sche ich aus als ob ich ſcherzte? Sie ſagen ich wolle eine ärm⸗ liche Rache nehmen, indem ich mit Ihren heiligſten; Gefühlen ſpiele. Rein, ich ſpiele nicht ich ſtrel nicht nach einem ſo nichtigen Triumph deuten. Ich will weit mehr. Er gri in Caſtellamare auf Sie gewartet. Sehen Sie hier den Beweis.“ Er überreichte Lothar den erbrochenen Brief. Beim erxſten Blick darauf ſchoß das Blut in Lothars Geſicht. Er riß den Brief an ſich und „Nachdem Schuldfried beinahe vier Jahre lang für Alle die ſie einſt lieb hatten wie todt geweſen, fragt ſie Lothar heute ob er ſich ihrer erinnere? Iſt Schuldfried Lothars Herzen noch theuer, ſo kom⸗ men Sie um fünf Uhr nach Caſtellamare, wo Schuld⸗ fried bis ſieben Uhr auf Sie warten wird. Kom⸗ men Sie da nicht, ſo weiß ich daß Sie ſie vergeſſen haben, und daß nicht einmal ſo viel Intereſſe mehr in Ihrer Seele übrig iſt daß Sie zu erfahren wünſchten welche Schickſale das finniſche Mädchen ſeit ſeinem plöz⸗ lichen Verſchwinden durchgemacht hat. Wir werden uns dann nie wieder treffen. Soll Schuldfried von Neapel abreiſen ohne Sie wieder geſehen, ohne Lo⸗ thars Verzeihung für das Leid erhalten zu haben das ſie ihm einſt zugefügt? Der mörgende Tag wird ntwort bringen auf dieſe Fragen für „Neapel den. „Schuldfried,“ Als Lothar dieſe Zeilen geleſen hatte, ergriff er ke bei den Schultern und rief in entſezlichem orn: „Elender, was haſt Du gethan!“ Ich habe mich gerächt und nur über meine e get e Weg zu ihr.“ Lothar ſchleuderte Tage buchſtäblich auf die Seite — Brieftaſche.„Schon ſeit vier Uhr hat Schulbfried 214 und ſprang ans Fenſter vor. Augenblicklich warf ſich jedoch Tage zwiſchen dieſes und Lothar und ſagte mit gräßlichem Spott: „Im Foll Sie Luſt haben aus dem Fenſter zu ſpringen, ſo ſind zwei Hinderniſſe vorhanden erſtens daß Sie die Beine brechen und zweitens daß ich es nicht erlaube. Ich bin jezt kein Kind mehr wie da⸗ mals als Sie Schuldfried zwingen wollten zu ſingen. Ich bin ein Mann mit eben ſo ſtarken Muskeln wie Sie geworden, und ſo lange ich eine einzige davon bewegen kann, werden Sie nicht aus dieſem Zimmer kommen. Im Uebrigen iſt die Zeit abgelaufen, es iſt ſieben Uhr. Schuldfried weiß jezt daß Sie ſie vergeſſen haben, daß Sie kein Intereſſe mehr für ſie hegen.“ 6 * Ein gedämpfter Verzweiflungsruf entfiel Lothar. Die Adern auf ſeiner Stirne ſchwollen und jeder Zug in ſeinem Geſichte verrieth einen gewaltſamen Kampf in ſeinem Innern. Er ſtürzte auf den Tiſch zu und riß eines der Piſtolen an ſich. „Endlich,“ rief Tage und ergriff das andere; aber es bedurfte bloß dieſes Ausrufes um Lothar zur Beſinnung zurückzurufen; denn augenblicklich ging der Schuß los. Lothar hatte in die Luft gefeuert, dann ſchleuderte er das Piſtol zum Fenſter hinaus; und ſagte mit bumpfer Stimme 3 „Sie haben wie ein niederträchtiger Schurke ge⸗ handelt, und deßhalb habe ich mich jezt von der Verſuchung befreit Sie zu tödten, wie Sie verdient hätten.“ Er drückte die Hand an die Stirne als wollte er die wilden Gedanken zum Gehorſam gege den allmächtigen Willen zwingen. 215 Tage ſtartte ſeinen Nebenbuhler an und war beinahe betäubt on deſſen Benehmen. Endlich ſagte er⸗ indem er das Piſtol zurücklegte: wird nie vergeſſen daß Sie ihr dieſe Beſptechung verweigert haben. Ha! ich bin gerächt, vollkommen gerächt.“ Er lachte höhniſch. „Hätte man mir geſagt: Du darfſt Dich mit Schuldfried eine Stunde beſprechen, aber für dieſe Stde verlange ich Dein Leben, ſo würde ich es 1 ohne Bedenken geopfert haben. Sie, der Sie mir dieſe Glück geſtohlen, Sie hoben es ungeſtraft thun können. Ha! wenn Sie noch ſo viele Le⸗ ben beſäßen, ſo könnten Sie mir dieſen Augen⸗ blick nicht vergelten. Warum ich Sie und mich ſelbſt nicht getödtet habe, begreife ich nicht.“ „Ich auch nicht,“ murmelte Tage.„Welchen Werth hat das Leben für mich? Sie— und nicht mich— hat ſie zu einer Beſprechung eingeladen. In dieſem Bewußtſein liegt eine Hölle die nur durch Ihre Gefühle in diefem Augenblick, ſo wie durch Schuldfrieds Demüthigung und Schmerz, wenn ſie findet daß ſie nichts für Sie iſt, aufgewogen wer⸗ den kann.“ Lothar ging auf Tage zu, legte die Hand auf ſeine Schulter und ſagte mit Nachdruck: 6„Oeffnen Sie die Thüre wenn noch ein Tropfen ehrlichen Blutes in Ihnen iſt. Zwingen Sie mich nicht ſie zu ſprengen; ich muß hinaus.“ „Ja, Sie müſſen hinaus; ja wahrhaftig, denn es iſt jezt ein Viertel auf acht. In drei Viertel⸗ ſtunden müſſen Sie die Wache übernehmen.“ Tage chte wieder.„Sprengen Sie die Sie 216 kommen dennoch zu ſpät. Herr Lieutenant, jagen Sie ſich jezt eine Kugel durch den Kopf, Sie haben Ihren Dienſt verſäumt.“ Lothar riß ſeine Uhr heraus, warf einen Blick darauf, faßte Tage um den Leib und ſchleuderte ihn auf den Boden, ſprang dann empor und zum Fen⸗ ſter hinaus ohne ſich um die Folgen zu bekümmern. Es war ein gewagter Sprung, aber ein Seemann fragt nichts nach der Gefahr. Als Tage ſich auf⸗ gerichtet hatte, ſtürzte auch er ans Fenſter und ſah jezt Lothar wie einen Narren nach dem Ufer ſpringen. Du glaubſt vielleicht, meine liebe Leſerin, er ſei nach Caſtellamare geeilt um wo möglich eine Spur von Schuldfried zu finden. Nein er eilte wohin die Pflicht ihn rief. Beim Gedanken daß er, Lothar, ein Dienſtvergehen verſchuldet haben ſollte, kochte ſein Blut, und während er mit aller Kraft forteilte, war es ihm als ob die wilde Jagd in ſeinem Hirn ihn verrückt machen ſollte. Lothars unbändiger Stolz empörte ſich gegen den Gedanken daß er ſeine Pflicht verſäumen könne. Noch hatte er drei Viertel⸗ ſtunden vor ſich; noch beſaß er fünf und vierzig Minuten. Ich muß an Bord der Fregatte ſein ehe dieſe verſtrichen ſind, dachte er. Als er an die Chaja kam, fand er alle Boote 4 feſtgebunden. Er knirſchte mit den Zähnen vor Wuth, wenn er bedachte wie koſtbar die Minuten waren und daß ſie keine Ueberlegung geſtatteten. „Ich muß auf der Fregatte ſein ehe es ſchlägt, oder ich werde mich als entehrt betrachten!“ 3 mit ſtürzte ſich Lothar ins Waſſer. In demſelbe 217 Augenblick legte die Schaluppe die ihn beim Land erwartet hatte, bei der hängenden Treppe der Fre⸗ gatte an. „Iſt der Premierlieutenant dabei?“ fragte der wachehabende Offizier. „Nein,“ lautete die Antwort. „Nicht! Nicht? Und es iſt ſchon drei Viertel auf Acht.“ „Dießmal ſcheint er ſich zu vergeſſen,“ meinte einer der Offiziere. Fünfzehn Minuten beſaß alſo Lothar um ſeine Ehre zu retten. Wenn er ſechszehn ausblieb, ſo war dieſelbe nach ſeinen Begriffen befleckt. Der bedeutungsvolle Schlag ertönte.„Iſt der Premierlieutenant Canitz da?“ wurde gefragt. Die Lippen der Anweſenden öffneten ſich zu einem Nein, als eine klare Stimme antwortete: 6 „Hier bin ich!“ Lothar ſtand auf dem Verdeck; zwar triefend von Waſſer, aber mit beihehaltener Würde und beſchüzt von der Dunkelheit. Die Nachtwache hatte begonnen. Der Capitä und alle übrigen Offiziere kamen ſpäter am Abend an Bord. Die Fregatte hatte Befehl zum Abſegeln erhalten, und zwar war die Fahrt auf nächſten Morgen in aller Frühe feſtgeſezt. Die italieniſche Nacht hüllte Meer und Land in die Falten ihres dunkeln Mantels. Alles war ſo ſtill. Die warme Luft erfüllte das Herz mit Sehn⸗ ſucht oder Wehmuth. Nur die Tritte der Nacht⸗ wache auf dem Verdeck unterbrachen die voll⸗ ſtändige Stille die herrſchte. Lothar ſtand da und ſtarrte in die Finſterniß hinaus— ſeine Bruſt 218 hob ſich unruhig— da drinnen war es Nacht, aber eine Nacht voll von heftigen Stürmen und bittern Kämpfen. Ein verzweifelter Schmerz raste in ihm bei dem Gedanken an das Unheil das Tage ge⸗ ſtiftet.— Schuldfried, ſie die er inniger als ſein Leben und ſeine Wohlfahrt geliebt, hatte ihn ge⸗ rufen, und er hatte dem Ruf nicht Folge geleiſtet. Lothar begriff ſelbſt nicht woher er die Gewalt über ſeinen Zorn gewann ſo daß er Tage nicht auf der Stelle tödtete. Zum erſten Mal verfluchte Lothar ſeinen Dienſt und die grauſame Nothwendigkeit die ihn zwang auf das Schiff zurückzukehren, während er ganz Neapel hätte durchſuchen mögen, um ſie wieder zu finden. Im Frieden der Nacht wurden die ſtürmiſchen Gefühle von traurigen und bittern abgelöst. Seine Eiferſucht gegen Tage, die bisher ſeinen ganzen Unwillen dictirt, hatte ſich in eine namenloſe Erbit⸗ terung, eine ſtolze Verachtung verwandelt. Tage hatte Lothar den größten Schmerz bereitet den Je⸗ mand ihm verurſachen konnte und ſich dadürch gleich⸗ ſam außer den Bereich aller kleinlichen Verfolgungen geſtellt. Die Wunde die er Lothar geſchlagen hatte, war zu groß um in Tages Demüthigung eine Lin⸗ derung finden zu können. Sein Blick richtete ſich in der dunkeln Nacht auf Neapel. Dort— dort konnte er ſis wieder finden. Er brauchte bloß über dieſes Waſſer zu rudern das ihn vom Lande trennte, nach Caſtellamare zu gehen, ſie aufzuſuchen und iht zu erklären was ihn am Kommen verhindert hatte; Alles wäre damit ver⸗ ſöhnt geweſen; aber er war an das Verdeck der 219 Fregatte gefeſſelt, und als der Tag kam um die Nocht abzulöſen, ſo hatte das Schiff ſich von Neapel entfernt und ihn vielleicht auf ewig von Schuldfried getrennt. Wäre Lothar vor vier Jahren in dieſe Lage ver⸗ ſezt worden, ſo hätte er Dienſt und Anſehen über die Klinge ſpringen laſſen. Er hätte Tage getödtet und lieber ſich ſelbſt ins Unglück geſtürzt als Etwas unverſucht gelaſſen um Schuldfried wieder zu ſehen. Liebte er ſie alſo jezt weniger?. Nein, aher er war ein Mann geworden der das Gefühl mit ſeinem Willen zügelte, der die bitterſten Prüfungen, die härteſten Schläge welche das Schickſal ihm zu⸗ ſchickte, mit aufgerichtetem Haupte ertragen konnte. Ueber ſeine Handlungen, über ſein ganzes Leben hatte er Pflicht und Ehrgefühl zu Wächtern Der Morgen kam und die Fregatte hatte Nea⸗ pels ſchöne lachende Ufer hinter ſich. Auf einer der Kanonenlucken der Batterie ſtand Lothar und folgte mit ſchwermüthigen Blicken der einſt ſo theuern Woge die ihn jezt von dem Ein⸗ zigen trennte was er auf Erden liebte. Wann und wo ſollte er Schuldfried wieder finden? Vielleicht niemals. Lothar fühlte ſich verſucht dasſelbe Meer zu verfluchen mit dem er ſich vor Kurzem noch ver⸗ 1 mählen zu können gewünſcht hatte. O du ewig un⸗ beſtändiges Menſchenherz worin Liebe und Abſcheu ſo leicht wechſeln! „Ich habe den Auſtrag erhalten Ihnen, Herr Varon, dieſen Brief zu überreichen,“ ſagte eine hinter Lothar. Er wandte ſich um; es war 220 Dr. Wagner, der ihm ein Billetchen zuſtellte. Schweigend nahm Lothar es entgegen. Seine Hand zitterte beinahe als er das Siegel erbrach und die wenigen Zeilen durchlas: „Schuldfried iſt alſo vergeſſen. Lothar wollte ihr keine Gelegenheit geben ſich zu erklären.— Möge Gott Ihnen den Schmerz verzeihen den Sie ihr bereitet haben und möge er unſere Lebenswege nie mehr zuſammenführen! Leben Sie glücklich, das wünſcht Schuldfried.“ Eine lange Weile blieb Lothar unbeweglich. Es war ihm als hätte Jemand mit einem glühenden Eiſen die Wunde in ſeinem Innern berührt. Darauf fragte er den Doctor ohne ſich gegen ihn zu wenden: „Wie iſt dieſes Billet in Ihre Hände ge⸗ kommen?“ „Ein Herr übergab es mir als ich und der Ca⸗ pitän in die Schaluppe ſtiegen, die uns geſtern Abend an die Fregatte führen ſollte,“ antwortete der Doctor. Wiſſen Sie nicht von wem es iſt?“ „Nein, Herr Baron, ich habe nicht darauf ge⸗ ſehen, als ich es empfing.“ Bei dieſer Antwort wandte ſich Lothar haſtig um und fixirte den Doctor, der ganz ruhig ſeinen Blick aushielt. Es war zwei Tage nach der Abfahrt von Neapel. Der Wind war die ganze Zeit widrig geweſen, die Fregatte war mit ihren Kreuzen ungefähr zwei Grade füdlicher gekommen. Der Aetna war ſichtbar ge⸗ worden, und die Fregatte hatte ſich dann oſtwärts ſuchte er eine Aehnlichkeit zwiſchen ſeinem eigenen ſollte. Ein dumpfes Gebrumme ließ ſich wie eine hob den Buſen der Woge, als hätte ſie Luft ein⸗ 221 gewandt, indem ſie ungefähr 6 bis 7 Knoten zu⸗ rücklegte. Es war ein finſterer, unglückverkündender Abend. Zwiſchen Lothar und Tage war ſeit der Abfahrt von Neapel kein Wort gewechſelt worden. Alle Be⸗ merkungen von Lothars Seite hatten aufgehört. Er verſah ſeinen Dienſt mit derſelben Pünktlichkeit und Genauigkeit wie früher, aber ohne ſich um Tages Leiſtungen zu bekümmern. Lothars bleiches Geſicht war noch bleicher und ernſter geworden. An ge⸗ nannten Abend ſchritt Tage, der die Wache hatte, ſtill und düſter auf dem Back umher, indem er zu den ſchwarzen Wolken emporſchaute die über den. Himmel hinjagten. Mit einer eigenthümlichen bittern Befriebigung Seelenzuſtand und dem Sturm der bald ausbrechen vorausgeſchickte Warnung hören; ein Rieſenſeufzer geathmet für das Gebpüll das aus ihren Lungen ausgehen ſollte. „Gut, wir bekommen einen Kampf mit den raſen⸗ den Elementen,“ dachte Tage.„Ich muß dem Tod in's Weiße des Auges ſehen um die Hölle in mir zu vergeſſen. Sturmgeheul und Donnergetöſe wird meine Qualen wenigſtens für den Augenblick in den Schlaf lullen.“ „Wir bekommen eine ſchwere Nacht,“ ſagte eine Stimme hinter ihm. Er wandte ſich um; es war Lothar, der ſeinen Plaz auf dem Halbdeck verlaſſen hatte und vor ihm ſtand. Tage betrachtete ihn einen 222 Augenblick; dann wandte er ihm den Rücken und wollte weiter gehen. „Lieutenant Aberney,“ begann Lothar von Neuem, „wir bekommen ſchlimmes Wetter.“ In dieſem Augenblick zuckte ein Bliz aus dem Schooß der ſchwarzen Wolke und beleuchtete den Raum mit ſeiner Flamme. Darauf folgte ein Donner⸗ getöſe, als ob der Himmel einſtürzen wollte, und das Meer beantwortete es mit einem wilden Ge⸗ brülle. Es war der erſte Accord welchen der Herr des Sturmes bei dem jezt auszuführenden Concert an⸗ ſchlug, und nun kam eine Pauſe. „Wir werden ſtrenge Arbeit haben,“ ſagte Lothar it einer ungemein milden und klaren Stimme. „Hat der Chef Sie geſchickt um mir das zu ſagen?“ fragte Tage höhniſch. „Ja, Er der unſer Aller Chef iſt, Er der uns den Sturm ſchickt.“ 5 „Verrichten Sie die Arbeit des Herrn?“ 3. „Zuweilen;— wenigſtens gehorche ich in dieſem Augenblick der Einwirkung einer höhern Macht als meine Erbitterung iſt auf mein Gemüth. Lieutenant Aberney, wir haben einander gehaßt.“ „Haben gehaßt; ſagen Sie lieber: wir haſſen, und zwar mit jedem warmen Blutstropfen.“ „Fühlen Sie in einem Augenblick wie der jezige ni⸗ Schwere dieſes unverſöhnlichen Haſſes?“ Nein.“ „Das würde beweiſen daß Ihr Herz für alles Andere als Egoismus gefühllos iſt. Sie haben mir das größte Leid zugefügt das irgend ein Menſch mir zu bereiten vermochte. Sie hätten mir meine Ehre, ich würde Ihnen verziehen haben; aber mir das Einzige zu rauben was Werth für mich beſaß, das war mehr als ich verzeihen zu können glaubte, und dennoch biete ich Ihnen jezt meine Hand zur Verſöhnung. Im nächſten Augenblick wird vielleicht Einer von uns vor dem Thrön des Höchſten ſtehen, und ich wenigſtens will nicht mit unverſöhntem Herzen vor Gottes Richterſtuhl treten. Ich will nicht mit einer feindlichen Geſinnung gegen Jemand ſterben.“ Lothar bot Tage die Hand; dieſer aber ſchob ſie bei Seite mit den Worten: mein Vermögen, mein Leben nehmen können, und „Im Tod wie im Leben bin und bleibe ich Ihr Feind. Wenn des Meeres Tiefe heute Nacht mein Grab wird, kann ich mir Glück wünſchen daß ich dadurch von Ihrem Anblick befreit werde.“ „Ich beklage Sie,“ war Alles was Lothar ſagte; dann kehrte er auf ſeinen Plaz auf dem Hintertheil zurück. Es dunkelte immer mehr; die Flügel des Stur⸗ mes ſchwebten über die Wellen hin. Lothar com⸗ mandirte das Manöver zur Einziehung des zweiten Reffs im Marsfegel. Auf hoher See und bei ſtarkem Wind bildet ein großes rollendes Schiff, ſo in der ogelperſpective geſehen, wie diejenigen es ſehen die an den Rudern liegen, einen höchſt eigenthümlichen Anblick, wenn es in der ringsum ſchäumenden See arbeitet und ſich wälzt, die jeden Augenblick über den Bug ſchlägt und das Verdeck mit gewaltigen Waſſermaſſen über⸗ ſpült. Für diejenigen die unter dieſen Umſtänden das Segel einziehen ſollen, ſind die Bewegungen „ ſehr heftig. Sie liegen droben und ſchwingen ſich auf eine ſo gefährliche Art von einer Seite auf die andere, daß ſogar ein alter und geübter Matroſe ſchwindlig werden kann. Die See wuchs, der Sturm nahm überhand, und wenn eine Finſterniß in einer kohlſchwarzen Nacht undurchdringlicher erſcheinen kann als die andere, ſo iſt es diejenige wenn ein Sturm dem einſamen Segler naht und ihn in ſeinen vernichtenden Schooß auf⸗ nimmt. Ein raſſelndes Getöſe, wie wenn tauſend Wägen auf einer gepflaſterten Straße führen, wurde in der Entfernung gehört und übertönte das Brauſen des Meeres; darauf kam der erſte Windſtoß mit einem wilden Schäumen das wie ein Schneefall Segel und Verdeck bedeckte. Darauf kam ein Bliz oder viel⸗ mehr zwanzig Blize, denn das ganze Firmament ſtand eine Secunde lang in Flammen. Es war Gottes Namenszeichen in dem unermeßlichen Raum. Der Sturm begann jezt ernſtlich ſeinen ſchrecklichen Geſang erſchallen zu laſſen. Lothar ließ den Chef in Kentniß ſezen, der halb angekleidet auf's Verdeck kam und ſogleich die ganze Mannſchaft herauscommandirte. Im Nu ſchwärm⸗ ten, wie die Bienen aus ihrem Korb, die Matroſen heran, einige kaum bekleidet, alle aber bereit in Regen, Finſterniß und Sturmgeheul Leib und Leben für das Schiff und für einander zu wagen. Das Ungewitter nahm auf eine furchtbare Art zu. Der Second⸗ lieutenant ergriff das Sprachrohr. Alle Offiziere nahmen ihren Poſten ein wie bei einem allgemeinen Manöver. Nicht ein einziges Licht erhellte dieſe Scene. Bei den flammenden Blizen konnte man jedoch dieſe Geſtalten mit den ſehnigen Armen und den energiſchen Geſichtern entdecken, die bereit ſtan⸗ den beim erſten Wort ſich in das Takelwerk zu ſtür⸗ zen, um Bruſt an Bruſt mit dem raſenden Sturm einen Zweikampf auszufechten, wer herrſchen ſolle, ſeine oder des Menſchen Kraft. Offiziere und Unteroffiziere ſtanden mit feſtem Vertrauen auf einander an den Enden und fühlten und tappten umher, ob Alles klar war. An ein Sehen war nicht zu denken. Durch das Sturm⸗ geheul und Wogengetöſe ertönte die Stimme des Lieutenants: „Entert, beſchlagt das Vor⸗ und Kreuzmarsſegel!“ Bei einem blendenden Bliz ſah man eine lange Reihe von Geſtalten die im Waſſer eten. Es war als hätte das Meer ſeine Todten zurückgegeben, die triefend von Salzſchaum ganz leiſe ihre Himmel⸗ fahrt anträten. Tage, der ſeine Station auf dem Halbverdeck und Befehl erhalten hatte nach der Befeſtigung der Boote zu ſehen, war zugleich mit einigen Matroſen damit beſchäftigt. Auf einmal kam eine ſchreckliche Querwelle und ſchleuderte die Fregatte mit ſolcher Macht auf die Seite, daß einen Augenblick Alles unter einander herumtummelte. Während dieſes Tu⸗ nultes hörte man einen ungewöhnlichen Knall, wie wenn eine Eiſenſtange bricht, und darauf einen Schrei. She auch nur die Hälfte der betäubten Mannſchaft ſich aufraffen konnte, erſcholl wie tönendes Erz die Stimme Lothars mit dem Rufe: „Ein Mann über Bord!“ Schwartz, Schuld und Unſchuld. 1 226 Der Unglückliche war kein anderer als Tage. Er hatte ſich im Sturz an einem Bootshaken ver⸗ fangen und hing bereits ganz bewußtlos darin. Lothar beſchloß ſein Leben an die Rettung ſeines unver⸗ ſöhnlichen Gegners zu wagen. Unter tauſenderlei Gefahren, wovon nur Seeleute einen Begriff haben, und zu deren Schilderung eine erfahrenere Feder als die unſrige erforderlich iſt, wurden die Anſtren⸗ gungen des heldenmüthigen Mannes, der auch im mißlichſten Augenblick ſeine Geiſtesgegenwart nicht verlor, endlich gekrönt. WMehrere Stunden lang heulte und raste der Sturm noch fort; die Fregatte tauchte auf und nie⸗ der; Lothar ſpürte nichts von dem Peitſchen des Windes, hörte ſein unheimliches Gepfeife nicht; er dachte nicht daran daß er ganz durchnäßt war; nein, in ſeinem Innern war es ſo hell und friedlich. „Mutter!“ dachte er,„Du wirſt mit Deinem Sohne zufrieden ſein. Jezt, Schuldfried, bin ich würdig von dir geliebt zu werden. Wer iſt heute beſſer, der einſt ſo tief verachtete Canitz oder dieſer Tage, dem Du ihn aufopferteſt? Ach! daß ich eine ganze Reihe ſtolzer und edler Thaten auszuführen ver⸗ möchte, um am Schluß meines Lebens ſagen zu können, mein eigener Werth habe meinen Namen rein gewaſchen! Die meiner unwürdige Schwäche, eine Folge meiner Erbitterung gegen ihn, iſt heute Nacht im Schooße des Meeres begraben worden. Zur Sühnung der Schläge die ich ihm einſt ver⸗ ſezt, habe ich ſein Leben gerettet. Ich habe es jezt gerettet, obſchon mein Herz von der Wunde blutet die ſeine lezte Handlung mir geſchlagen. Ich habe — 227 alſo das Böſe mit Gutem vergolten. Ich kann es wagen ſtolz auf mich ſelbſt zu ſein. Das Leben hat bei all ſeinen Schmerzen doch auch ſchöne Augen⸗ blicke; ein ſolcher Augenblick wie dieſer wiegt Alles auf, und ſollte der Reſt meines Daſeins ſo freudlos ſein wie die Vergangenheit war.“ Die Tage am Bord der Fregatte verfloßen nach dem erzählten Ereigniß, ohne daß etwas Wichtiges ſich zutrug: Wachen, Erercitien, Beſprechungen im gemeinſchaftlichen Salon und Promenaden auf dem Verdeck oder der Batterie. Lothar war nach der Sturmnacht der Günſtling aller ſeiner Cameraden geworden. Man wetteiferte ihm ſeine Hochachtung zu bezeugen. Lothar ſelbſt war ſich ſo ziemlich gleich, ſtill und ernſt; doch erwiederte er das freundliche Entgegenkommen ſeiner Cameraden mit einem ver⸗ bindlichen Weſen, ſtatt ſeiner frühern, beinahe ab⸗ ſtoßenden Kälte, womit er ſonſt alle Verſuche zur Herſtellung eines vertraulichen Verhältniſſes abge⸗ wieſen hatte. Mit ausgeſuchtem Tact bewies er daß er die Achtung die man ihm in Folge ſeines ſchönen Benehmens ſchenkte in ihrem vollen Werth zu ſchäzen wußte. Sämmtliche Cameraden wußten um die Feind⸗ ſeligkeit Lie zwiſchen Lothar und Tage vorwaltete. Die Meiſten kannten auch Tages Benehmen in Gib⸗ raltar. Es lag alſo in Lothars Handlungsweiſe etwas wahrhaft Edles, was ſeinen Cameraden einen hohen Begriff von ſeinem Character einflößte. Wir klagen darüber daß die ei ſchlecht, K 7 228 daß unſere Zeit demoraliſirt ſei. Wir haben Un⸗ recht. Wo immer eine gute, ſchöne oder großartige That ausgeführt wird, iſt Alles bereit ihr Achtung, Beifall und Bewunderung zu zollen, und zwar ſo unbedingt daß in ſolchen Augenblicken ſelbſt der Neid verſtummt. Wir vergeſſen uns ſelbſt um jubelnd einen ausgezeichneten Zug eines Mitmenſchen zu ver⸗ künden. Wenn dieß eine allgemein giltige Regel iſt, ſo gilt ſie ganz beſonders für Seeleute, bei denen Alles auf den Impuls des Augenblickes ankommt, und jede großſinnige Handlung iſt Etwas was den derben Söhnen des Meeres bis in die Seele hinein wohl thut, weil ihre Herzen unverdorbener und un⸗ verkünſtelter ſind als bei den Kindern der Städte. Während Alle, vom Chef bis auf den geringſten Matroſen herab, Lothar die Rettung Tages zu hoher Ehre anrechneten, litt dieſer ſelbſt am Fieber. Er wurde dadurch Tag und Nacht an ſein Lager gefeſſelt, und ſein Gemüthszuſtand war auch nicht geeignet die Beſſerung zu beſchleunigen. Schon am Morgen nach der Sturmnacht erzählte ihin ein Came⸗ rad wem er ſeine Rettung zu verdanken habe. Dieſe Nachricht goß gleichſam Feuer in ſein fieberheißes Blut. Marternd war ihm der Gedanke daß er ge⸗ gen Canitz in einer ſolchen Schuld ſtehe. Während er ſich auf ſeinem Lager wälzte, drängte ſich ihm unaufhörlich die bittere Vergleichung zwi⸗ ſchen ihm ſelbſt und Lothar auf. Die Scene in Neapel, zwei Tage vor dem Sturm, als Tage ſich mit wilder Luſt an dem Seelenleid erlabte das er ſeinem verhaßten Nebenbuhler bereitet, trat ankla⸗ gend vor ſein Gedächtniß. Seine unedle Handlungs⸗ 229 weiſe damals, ſeine gehäſſige Erklärung als Lothar ihm die Hand zur Verſöhnung bot, Alles kehrte wieder und ſtellte ſich in einem nicht ſehr ehrenvollen Lichte dar. „Hätte mein Vater ſein und mein Benehmen beobachten können,“ dachte Tage,„wie gründlich würde er mich nicht tadeln und vielleicht verachten; wie hoch würde der ſtrenge und hochſinnige Mann nicht ihn ſtellen!“ Die Pulſe flogen, das Blut brannte, und Tage warf ſich unruhig hin und her, indem er in ſeinen Betrachtungen alſo fort „Aber iſt es denn ſo Rollen vertauſcht geweſen handelt hätte wie ich? Was meinen Vater betrifft, ſo kann er wahrlich mein Benehmen nicht beurthei⸗ len. Nein, er hat nie erfahren was eine heftige Leidenſchaft beſagen will. Er hat nie ſolche Nadel⸗ ſtiche von einem ſeit Kindesbeinen verhaßten Feind ertragen müſſen und weiß alſo nicht wozu ſie füh⸗ ren können.“ Tage kam jezt auf das für uns ſchwache Sterb⸗ liche gewöhnliche Gebiet, d. h. er ſuchte für ſeine eigene Erbärmlichkeit zu advociren; ja er ging ſo weit daß er in ſeiner Lebensrettung durch Lothar nur einen Grund erblickte ihn zu verabſcheuen. Es gibt Leute welche von dem Guten das man ihnen erweist nur erbittert werden, die ſich ärgern gegen Jemand in Verbindlichkeit zu ſtehen, und die einen Grimm auf Jeden werfen der ihnen das Be⸗ kenntniß abnöthigt daß ſie eine Dankbarkeitsſchuld haben. Dieß iſt bei allen eigenliebigen und jelbſt — S* daß er, wenn unſere nicht eben ſo ge⸗ 230 ſüchtigen Perſonen der Fall. Tage gehörte zu die⸗ ſer Categorie, und wie alle ſolche Charactere, konnte er leicht eine Richtung zum Böſen annehmen, wenn er ſich, wie jezt der Fall war, von dem ganzen Groll ſeiner verlezten Eigenliebe beherrſchen ließ. Tage vergaß nie eine Beleidigung, verzieh niemals wenn man ſich gegen ihn vergangen hatte, erkannte keine andere Ueberlegenheit an als ſeine eigene, und be⸗ trachtete alles Gute was man ihm erwies als Etwas wozu er vollkommen berechtigt ſei. Dagegen vergaß er immer ſeine Dankba sſchuld. Bei einem ſol⸗ chen Grundton in ſ eele war es natürlich daß Lothars Bene att ihn zu rühren oder ſei i ecken, einen ſtillen, aber er⸗ ervorrief. Dieſer wurde um ſo größer, als er einſah daß er ihn nicht zu Tage † kommen laſſen durfte. Sämmtliche Cameraden hätten ½ ihr Verdammungsurtheil über ihn geſprochen. Wagner, der mit wunderbarem arfſinn alle Triebfedern verſtand die uns zum Böſen führen, und ſie mit Meiſterhand anzuſchlagen wußte, faßte Tages Gemüthszuſtand vollkommen richtig auf, und da er ſich auf ſeine frühern Berechnungen, ſo lange er mit Lothar zu thun gehabt, nicht mehr verlaſſen konnte, ſondern ſie immer fehlſchlagen ſah, ſo beſchloß er Tage als Werkzeug zur Beförderung ſeiner Pläne zu benüzen. Am erſten Tag ſeiner Krankheit achtete Wagner genau auf jedes Wort, jede Bewegung und jede Veränderung in ſeinem Geſichte. Als das Fie⸗ ber etwas nachzulaſſen begann, verbrachte Wagner lange Stunden am Lager des Patienten und ſprach † da von gleichgiltigen Dingen. Tage zeigte ein offen⸗ — höhten Groll in ₰ 231 bares Mißtrauen gegen den Doctor, welchen er als Lothars Freund betrachtete. Eines Tags brachte Wagner das Geſpräch auf dieſen. Tage verhielt ſich gänzlich ſtill; aber der ſchlaue Arzt, der hinter der Maske der Gleichgiltigkeit ſeine Abſicht verbarg Tage auszuforſchen, merkte nur zu gut wie dieſer, als er ſelbſt von Lothars teichen und ungewöhnlichen Geiſtes⸗ gaben ſprach, ſich hin und her drehte wie wenn er auf dem Roſt läge. Jezt wußte Wagner genug und unterbrach für dießmal alles weitere Gerede über Lothar. Am folgenden Tag ſagte er mit ſeinem Lächeln, während er Tage den Puls ühlte: „Sie müſſen ſich beeilen geſund zu werden, da⸗ mit Sie vollkommen munter ſind wenn wir nach Polermo kommen, und dieß kann bald genug ge⸗ ſchehen wenn der Wind ſich dreht. Wir haben einen hartnäckigen Gegenwind gehabt, und ich wünſche daß dieſer anhäit bis es mir gelungen iſt Sie wie⸗ der herzuſtellen.“ „Was hat meine Geſundheit mit dem Gegen⸗ wind zu ſchaffen?“ fragte Tage. „Eigentlich nichts; aber wenn wir nach Palermo kommen, müſſen Sie wohlauf ſein, und da dieß noch einige Zeit anſteht, ſo wünſche ich daß unſere An⸗ kunft daſelbſt ſich verzögere.“ „Und warum?“ „Man bereitet Ihnen dort eine Ueberraſchung vor“ Der Doctor lächelte. Mir?“ „Das ſcheint Sie in Verwunderung zu ſezen. Sie kennen doch die Ergebenheit Ihrer Cameraden?“ 232 „O ja, aber Sie ſprechen jezt in Räthſeln. Pa⸗† lermo, Gegenwind, meine Wiederherſtellung, Ueber⸗ raſchung und Ergebenheit der Cameraden, Sie be⸗ rühren das Alles auf einmal, ohne daß ich ein Wort davon verſtehe.“ „Es iſt auch nicht die Abſicht baß Sie etwas verſtehen ſollen, da es ſich um eine Ueberraſchung handelt. Ich habe bereits zu viel geſagt.“ „In dieſem Fall halte ichs fürs Beſte wenn Sie ſich vollends ausſprechen.“ „Meinetwegen, da es Etwas iſt was Ihnen Freude machen und folglich zu Ihrer ſchleunigen Beſ⸗ ſerung beitragen muß. Ihre Cameraden gedenken bei der Ankunft in Palermo zur Feier Ihrer Rettung ein Mahl zu veranſtalten. Das heißt, das Mahl wird für S, Ihren Retter veranſtaltet.“ Des Doctors Augen ruhten auf Tage, der bei dieſen Worten ſeine Farbe wechſelte und die Zähne zuſam⸗ menbiß. Als ob er dieſe Bewegung nicht bemerkt hätte, fuhr Wagner fort: „Des Barons Canitz kluger und vorherſehender Kopf verläugnete ſich nicht. Er berechnete ſehr richtig welchen Vortheil er davon hatte Sie zu retten. Er gewann damit zweierlei: Erſtens verpflichtete er Sie zum Danke, und dann erwarb er ſich auf einmal die Freundſchaft ſeiner Cameraden. Es iſt immer angenehm durch die Bande der Erkenntlichkeit Leute an ſich zu feſſeln, und Nichts iſt leichter als den Edelmüthigen zu ſpielen.“ Der Doctor betonte das Wort ſpielen. Er hatte den Samen des Böſen in ein ſehr fruchthates Erdreich ausgeſtreut, denn Tage umfaßte 233 mit Begierde den Gedanken daß Lothars ganzes Benehmen eine Folge gemeiner Berechnung ſei. Nach einigen Tagen ankerte die Fregatte auf der Rhede von Palermo. Tage war indeß nicht ſo weit hergeſtellt daß er, ſo lange die Fregatte im Hafen blieb, ſie verlaſſen konnte. Er begnügte ſich damit die Cameraden von dem Schmauſe erzählen zu hören welcher Lothar gegeben wurde; von den Toaſten die dabei ausgebracht wurden, von der erhöhten Sym⸗ pathie die man für den ruſſiſchen Cameraden, wie man Lothar früher genannt hatte, empfand, von den Abenteuern die man erlebt hatte u. ſ. w., lau⸗ ter Dinge die in Tages Seele nur unangenehme Gefühle erweckten. Endlich nachdem Tage eine ganze Woche lang die Qual ausgeſtanden entweder von den Vergnü⸗ gungen ſeiner Cameraden oder von ihrer innigen Zuneigung gegen Lothar hören zu müſſen, wurde er die Nachricht erfreut' daß die Abfahrt beſchloſ⸗ en ſei. „Wir bekommen Paſſagiere nach Alexandria mit, eine junge Dame mit ihrem Mann,“ ſagte einer der Cameraden zu Tage, indem er flüchtig in ſeine Ca⸗ jüte hereinſchaute. „Das iſt mir gleichgiltig,“ antwortete Tage un⸗ wirſch. Er war demnächſt wieder hergeſtellt, aber dieß machte ihm keine Freude, denn jezt ſtand der bittere Augenblick bevor wo er mit Lothar zuſammentreffen und ihm einige verbindliche Worte für den geleiſte⸗ ten Dienſt ſagen mußte, und dieß war ihm qual⸗ voller als die ſchwerſte Krankheit. Am Tag wo 234 das Schiff von Palermo abſegelte, zeigte er ſich zum erſten Male ſeit ſeiner Krankheit im Salon. Er wählte dazu eine Zeit wo Lothar die Wache hatte. „Nun, lieber Aberney, haſt du Canitz getroffen?“ fragte Steen. „Noch nicht,“ lautete die Antwort. „Ich hoffe daß die Herren ſpäter eben ſo gute Freunde werden wie ſie vorher das Gegentheil waren,“ bemerkte der Secondlieutenant;„Canitz iſt iſt ein braver Kerl und hat ſich auch im Augenblick der Gefahr als guter Camerad erwieſen. Dieß ſind doch Eigenſchaften die alle Anerkennung verdienen, oder wie, Aberney?“ „Ganz gewiß,“ gab Tage zu. Der Secondlieu⸗ tenant ging auf das Verdeck, nachdem er zuvor einen forſchenden Blick in den Spiegel geworfen und ſein † Haar mit einer gewiſſen Sorgfalt geordnet hatte. „Auf Ehre und Seligkeit, die bezaubernde Gräfin hat ſchon am erſten Tage ihres Aufenthalts dahier ſowohl dem Chef als dem Secondlieutenant den Kopf verrückt,“ bemerkte ein junger Lieutenant.„Seit wir mit der ſchönen Hexe zur See gegangen, ſind die Spiegel wieder zu Ehren gekommen. Es iſt doch verdammt angenehm Frauenzimmer an Bord zu haben.“ Unſer junger Lieutenant ſtellte ſich jezt ſeinerſeits vor den Spiegel und betrachtete mit ungemeinem Wohlbehagen ſein friſches, von Geſundheit und Lebens⸗ luſt zeugendes Geſicht. „Ach! du ſprichſt von den Paſſagieren die nach Alexandria mitfahren wollen?“ fiel Tage ein. „Ja; es iſt eine bezaubernde junge Dame.“ „Wer iſt ſie?“ „Die Gräfin Natalie Reinſtein, die Gemahlin des Neffen von unſerem Chef, eines jungen Hofge⸗ richtsrathes, der an der Schwindſucht und abſcheu⸗ licher Magerkeit leidet. Gelb wie Pergament, aber reich. Jezt ſoll das Ehepaar nach Alexandrien; der Graf, um daſelbſt wo möglich ſeine Geſundheit und ſein verlornes Fleiſch wieder zu erhalten, was, wie ich der ſchönen Gräfin wegen hoffe, ſich leicht thun laſſen wird. Sie iſt ſchon zwei Jahre mit dieſem lebendigen Skelett verheirathet, und da der Graf ſchon damals eine baufällige Ruine war, als er ſein Schickſal mit dem ihrigen vereinigte, ſo meine ich es wäre endlich Zeit daß der Tod das Band löste das nicht von der Liebe geflochten worden iſt.“ „Und ein ſolches Weib kannſt Du bezaubernd nen⸗ nen?“ fiel Tage ein. „Ja, mein Freund. Je mehr vom Teufel und je weniger von einem Engel bei einer Dame zu finden iſt, um ſo gefährlicher iſt ſie. Ich meines Theils ver⸗ abſcheue jene holdſeligen, milden, hingebungsvollen Engel die ſich Jahr aus Jahr ein gleich bleiben; rein wie Schnee, einförmig wie eine Windſtille, und ver⸗ drießlich wie die Langeweile ſelbſt. Nein, das Weib das ich lieben will muß ein bezaubernder kleiner Satan ſein, der mich quält und bethört, ganz wie unſere Gräfin.“ „Glück zu!“ ſagte Tage. „Was Dich betrifft, mein lieber Aberney, ſo kann ich Alles daran ſezen daß Du Dich wahnſinnig in ſie verliebſt.“ „Ich?“ Tage ſah ſeinen Cameraden milleidig 236 an.„Der Tag bricht nicht an wo ich mich von einem Weibe bethören laſſe.“ Dieſe Aeußerung Tages wurde von ſeinen Ca⸗ meraden mit ſchallendem Gelächter aufgenommen, und zehn Minuten lang blieb er die Zielſcheibe ihrer ſchärſſten Wize. Dann kam das Geſpräch wieder auf die Gräfin. „Ich ſah und ſprach ſie in Neapel auf dem San⸗ Carlo⸗Theater,“ ſagte einer der Offiziere.„Erinnerſt Du Dich der Dame die Madame Dorbino begleitete? Sie war keine andere als unſere liebenswürdige Gräfin.“ „Sie ſoll mit der berühmten Sängerin verwandt ſein,“ bemerkte ein anderer Offizier;„wenigſtens ſagte ſie es ſelbſt.“ „Aber die Gräfin iſt ja eine Schwedin,“ meinte ein Dritter,„und Madame Dorbinö eine Franzöſin?“ „Ganz richtig; aber das hindert nicht daß die Gräfin doch mit ihr verwandt ſein kann. Seit Dampf⸗ boote und Dampfwagen im Brauche ſind, hat man in allen Welttheilen Brüder und Schweſtern. Man iſt nie ſicher ob man nicht bei einer Reiſe auf einen nahen Verwandten ſtößt. 3 Während man im Solon ſchwazte und plauderte, bis es zehn Uhr ſchlug und das Exercitium begann, ſtand Lothar auf dem Verdeck und unterhielt ſich mit einer jungen Dame welche die leicht gekräuſelte Waſſerfläche betrachtete, während ſie mit ihren Qua⸗ ſten und ihrer Mantille ſpielte. „Aber mein Gott,“ ſagte die Gräfin Reinſtein, „wie können Sie behaupten daß das Leben am Bord angenehm ſei? Mir kommt es mörderiſch langweilig 237 vor, und man muß entweder Miſanthrop oder ein höchſt beſchränkter Geiſt ſein um dieſes Herumſtreichen auf dem Ocean angenehm zu finden. Nennen Sie mir einen einzigen von den Genüſſen welche der Aufenthalt auf dem Meere bietet!“ „Wenn ich ſie auch alle außzählte, ſo würden Sie, Frau Gräfin, ſie doch nicht verſtehen, und deß⸗ halb überlaſſe ich Ihnen ſelbſt zu entſcheiden ob ich und meine Cameraden Miſanthropen oder Dumm⸗ köpfe ſind.“ Lothar fagte dieß mit einer gewiſſen ironiſchen Artigkeit. „Meine Bemerkung war vielleicht etwas zu ſcharf,“ verſezte die Gräfin lachend;„aber dieß kommt da⸗ her daß ich ſchon zum Voraus einſehe wie unendlich langweilig ich es bekommen werde. Gewiß ſterbe ich vor Langeweile ehe ich Alexandrien erreiche.“ „Unmöglich, Frau Gräfin, Sie ſind ja ſchon an dieſem erſten Tag Gegenſtand der allgemeinen Be⸗ wunderung geworden.“ „Wirklich? Darauf habe ich nicht Acht gegeben.“ „Welches Unglück für den Chef, den Second⸗ lieutenant und alle meine Cameraden daß ihre Be⸗ mühungen ihnen nicht beſſer gelungen ſind! Seien Sie überzeugt, dieſe Herren werden alle ihre Kräfte aufbieten um Ihnen die Zeit möglichſt zu verkürzen.“ „Der Chef, der Secondlieutenant und alle Ihre Cameraden haben alſo die ſchöne Abſicht mich zu zerſtreuen?“„ „Ich bin es vollkommen überzeugt, und Sie ſelbſt, Frau Gräfin, haben es gewiß ſchon bemerkt.“ „Nun denn, und Sie?“ „Ich?“ Lothar verbeugte ſich und antwortete 3 — 238 mit kaltem Lächeln:„Ich liebe die Meerfrau zu ſehr, als daß ich auch nur einen Verſuch machen ſollte irgend einer undern Frau angenehm zu ſein.“ „Sie ſind nicht beſonders artig, Baron Canitzn.“ „Bitte um Verzeihung; ich bin ja Seemann.“— Lothar verließ die Gräfin, denn jezt wurde zu den Abtheilungen geblaſen. Sauber, zwar in den Ar⸗ beitskleidern, aber doch vollkommen ſeemannsmäßig, kam jezt die Mannſchaft auf das Verdeck, ſtellte ſich mit der Schnelligkeit und Schweigſamkeit die alle Handlungen auf einem Kriegsſchiff auszeich⸗ net, und erwartete die Ankunft der Offiziere. Der Dienſt rief Lothar weg von der liebenswürdigen Gräfin, die, als die einzige Dame unter dieſen rau⸗ hen bärtigen Männern, in Wahrheit nur allzu gut mit ſeiner geliebten Meerfrau verglichen werden konnte, welche aus ihren Perlenſälen emporſtieg um ihre Söhne ein einziges Mal lebendig zu ſchauen, be⸗ vor ſie dieſelben in die Arme des Todes ſchloß. Lothar muſterte ſeine Abtheilung, vernahm den Rapport, wies einige Leute wegen Sauniſeligkeit zu⸗ recht und ſprach ein Paar freundliche Worte zu einem alten Matroſen der lächelnd ſein Priemchen drehte und auf die übliche Weiſe meldete daß es nichts Neues gebe. Jezt trat der Secondlieutenant zu der Gräfin, und unter lebhaften Geſprächen ſpazierten ſie auf dem Verdeck hin und her, bis es zehn Uhr wurde. Um eilf, als das Exercitium vorüber war und Lothar in den Salon trat, fand er Tage dort ganz allein Es war das erſte Mal ſeit ſeiner Genefung e einander wieder ſahen. Bei Tages Anblic † fühlte ſich Lothar etwas beläſtigt. Mit dem ihm angebornen Zartgefühl begriff er ſehr wohl daß Tages Stellung höchſt unangenehm ſein mußte; er beſchloß daher augenblicklich zu thun als ob gar nichts zwi⸗ ſchen ihnen vorgefallen wäre und ging mit einem ganz kalten Gruß an ihm vorüber. Tage dagegen erblickte in dieſem Benehmen nur den verlezendſten Uebermuth und wurde dadurch gereizt. Gleichwohl ging er zu Lothar vor und ſagte mit einem ſcharfen, ſchneidenden Ton, der nur zu deutlich bewies daß ſeine innere Stimmung nicht mit den Worten har⸗ monirte welche die Höflichkeit ihm abnöthigte.: „Herr Lieutenant, ich bin Ihnen für die Rettung meines Lebens verpflichtet und wünſche Ihnen da⸗ für zu danken.“ Er war bleich, die blauen Augen blickten mit einem düſtern Ausdruck auf Lothar. Er trug ſeinen Kopf höher als gewöhnlich. „Sie ſind mir keinen Dank ſchuldig,“ antwortete Lothar.„Ich habe bloß eine Pflicht erfüllt, was Sie an meiner Stelle auch gethan haben würden.“ „Daran zweifle ich,“ dachte Tage. „Wenn es heißt: Ein Mann über Bord, ſo iſt dieß für Alle eine Aufforderung ihm beizuſtehen; daß ich der Erſte war der zur Rettung herbeieilte, und daß der Mann gerade Sie waren, iſt bloß ein Spiel des Zufalls.“ „Das iſt wahr. Wenn Sie vorher gewußt hät⸗ ten wen Sie retteten, ſo wären Sie vielleicht nicht der Erſte geweſen,“ fiel Tage mit einem Lächeln ein, welches zu viel Hohn verrieth um nicht die in ſeinem Innern verborgene Bitterkeit bloßzuſtellen, zugleich aber bewies daß er nicht begreifen konnte oder be greifen wollte daß von ſeinem Feind etwas Großes oder Edles ausgehen könne. „Glauben Sie das wenn Sie wollen, ſo ſtehen Sie in keiner Verpflichtung gegen mich,“ antwortete Lothar ſtolz und ging von ihm weg. Zwei Tage nachher hatten Lothar und Tage wieder die Wache zuſammen. Tage, der ſeit ſeiner Geneſung mit Widerwillen an die Wiederaufnahme ſeines Dienſtes und die Zeit die er noch auf der Fregatte zubringen mußte ge⸗ dacht hatte, war gleichwohl nach Verlauf einiger Tage zu einer etwas beſſern Laune gekommen. Er ſchenkte ſeinem äußern Menſchen mehr Sorgfalt und auf ſeinem Geſicht zeigte ſich zuweilen der Refler eines heitern Lächelns. Um es kurz zu ſagen, er hatte dasſelbe Intereſſe für die ſchöne Gräfin ge⸗ wonnen wie ſeine Cameraden. Was an ihr war es was ihn beim erſten An⸗ blick überraſchte? Ein Etwas das an Schuldfried erinnerte. Es beſtand eine erſtaunliche Aehnlichkeit zwiſchen ihnen in Bezug auf Wuchs, Bewegungen, die Art den Körper zu tragen, den Kopf zu halten, ja ſogar ihr Lachen war das gleiche. Wenn man die Gräfin Natalie im Rücken ſah und ſie ſcherzen oder lachen hörte, ſo gerieth man in die größte Ver⸗ ſuchung ſie für Schuldfried zu halten; aber wenn ſie ſich umwandte, lag in dieſem Geſicht nicht der mindeſte Zug der an die regelmäßige Phyſionomie des finniſchen Mädchens erinnerte. Tage war von der Aehnlichkeit entzückt, und die Gräfin erweckte ſein 241 Intereſſe in ſo hohem Grad, daß er ſich in ihrer Ge⸗ ſellſchaft glücklich fühlte, ſich nach ihr ſehnte wenn ſie abweſend war, und alle Unannehmlichkeiten des Lebens in ihrer Nähe vergaß. „Die Aehnlichkeit mit Schuldfried iſt es die mein Gemüth feſſelt,“ ſagte Tage zu ſich ſelbſt.„Wenn ſie ſpricht, ſo iſt es als ob Schuldfrieds Stimme mein Ohr liebkoste; wenn ich ſie gehen oder ſich bewegen ſehe, ſo vergeſſe ich was vorgefallen iſt und meine mich in vergangene Zeiten zurückverſezt, und wenn der Schall ihres fröhlichen Lachens an mein Ohr ſchlägt, ſo iſt es mir als ob ich noch Knabe wäre und mich an Schuldfrieds kindlichen Poſſen betheiligte.“ Es war ein lieblicher Wahn welchem Tage ſich gänzlich hingab. Die Gräfin, eine ſehr gefallſüch⸗ tige Dame, ſah ſogleich daß ſeine Aufmerkſamkeit und Galanterie von anderer Art war als bei ſeinen Cameraden. Deßhalb erfreute ſie ihn mit größerer Gunſt als die andern. Sie ſprach im Ernſt und im Scherz mit ihm und ließ ſich ſogar auf lange Erör⸗ terungen ein. Für ihn hatte ſie immer ein freund⸗ liches, zuweilen ſogar herzliches Lächeln; genug, Jedermann ſah daß Aberney der Günſtling der Gräfin war. Allerdings gab es auch Augenblicke wo ſie ſich ungeheuer viel mit Lothar beſchäftigte und ihm eine Huldigung abzwingen zu wollen ſchien die er auf dem Altare ihrer Eitelkeit darzubringen ganz und gar keine Luſt zeigte. Auch Lothar hatte die Aehnlichkeit zwiſchen Schuldfried und der Gräfin bemerkt, aber auf ihn Schwartz, Schuld und Unſchuld. I. 16 242 übte ſie keine entzückende Wirkung aus, ſondern eher das Gegentheil. „Sie gleicht Schuldfried wie eine Caricatur ihrem Original gleicht,“ dachte Lothar.„Was bei Schuldfried hinreißende Natur und Wahrheit war, iſt bei ihr Kunſt und Studium. Ihr Anblick quält mich, weil ſie beweist daß die Anmuth und Grazie die bei gewiſſen Menſchen Naturgaben ſind von an⸗ dern copirt werden können. Dieſe Schäze von Auf⸗ richtigkeit und wahrer Unſchuld laſſen ſich auch durch Kunſt wiedergeben. Es iſt mir als ob ſie etwas Heiliges profanirte, wenn ich bei ihr eine Bewegung ſehe die an Schuldfried erinnert.“ Die Folge war daß Lothar, im Widerſpiel gegen ſeine Cameraden, der Gräfin auswich, ſo weit die Höflichkeit es geſtattete. Er war indeß zu ſehr Gentleman um auch nur einen Augenblick zu ver⸗ geſſen was eine Dame von einem gebildeten Manne zu fordern berechtigt iſt. Höflich wenn er mit ihr zuſammentraf, zeigte er gleichwohl eine ſolche Kälte und einen ſolchen Mangel an Intereſſe, daß man wohl einſah wie ſeine verbindlichen Worte und die Aufmerkſamkeit die er ihr ſchenkte keinen andern Grund hatten als die Gewohnheit ſich gegen Da⸗ men im Allgemeinen ſo zu benehmen; eine Gewohn⸗ heit welche ſich Jeder aneignet der in höhern Ge⸗ Jellſchaftskreiſen gelebt hat. Allerdings ſchimmerte zuweilen eine unterdrückte Ueberlegenheit hervor, ein Etwas das ſagte daß er dem ſchönen Geſchlecht ſchmeichelhafte Redensarten und Artigkeiten zuwerfe, gerade wie man den Kindern Spielſachen zuwirft um ihre Wünſche zu befriedigen. Dieß mußte eine Gräfin?“ ten von Rom aus zuſammen.“ 24⁵ „Es kommt immer beſſer. Sie behaupten alſo daß ich Geſchichten erfinde?“ „Frau Gräfin, ich behaupte das nie von einer Dame; aber ich glaube daß Sie ſich täuſchen konnten.“ „Ganz und gar nicht. Das will ich ſogleich be⸗ weiſen. Während meines Aufenthaltes in Neapel, als ich mit Madame Dorbino beiſammen war, nannte Jemand eines Abends im San⸗Carlo⸗Theater ge⸗ ſprächsweiſe Ihren Namen. Da wurde ſie aufge⸗ regt und fiel mit einigen Fragen über Sie ein. Als wir das Theater verlaſſen hatten, war ſie ſehr betrübt und antwortete ausweichend auf meine Frage ob ſie Sie kenne. Kurz und gut, Alles berechtigte mich zu dem Schluſſe daß Die Gräfin hielt inne als wollte ſie Lothar Ge⸗ legenheit verſchaffen ihren Saz zu ergänzen; aber er beobachtete ein hartnäckiges Stillſchweigen, und zwar mit einer Miene die von der vollkommenſten Gleich⸗ giltigkeit zeugte. Es entſtand eine Pauſe ohne daß Natalie ihren unterbrochenen Saz vollendete. Lothars Gedanken⸗ gang hatte inzwiſchen eine andere Richtung genom⸗ men. Dießmal war er es der das Schweigen un⸗ terbrach. „Wie lange verweilten Sie in Neapel, Frau „Lier Wochen. Mabame Porbind und ich r „Trafen Sie in lezterer Stadt einige Schweden?“ Lothar fragte dieß ohne Natalie anzuſehen. „Ja, ich traf einige Landsleute. Wünſchen Sie 246 vielleicht über den Aufenthalt von Jemand Auf⸗ ſchlüſſe zu erhalten?“ „Kannten Sie zufällig eine Fräulein Smith, eine geborne Finnin?“ Nur mit einer gewaltigen An⸗ ſtrengung bemeiſterte Lothar ſeine Stimme, ſo daß ſie vollkommen ruhig war als er dieſe Worte ſagte. Die Frauen beſizen im Allgemeinen ein eben ſo fei⸗ nes Ohr als Auge, beſonders wenn ſie Jemand aus⸗ forſchen wollen. So auch Natalie. Obſchon Lothars Geſicht ſein kaltes Gepräge behielt, erkannte ſie gleich⸗ wohl eine gewiſſe Unſicherheit in der Stimme, welche ihr ſagte daß die Perſon deren Namen ſie jezt aus⸗ ſprach eine hohe Wichtigkeit für ihn hatte. Augen⸗ blicklich war daher ihr Entſchluß gefaßt. Sie wollte ſich von der Richtigkeit ihrer Beobachtung überzeugen und ſich ſodann den Spaß machen Lothar möglichſt zu quälen. Es iſt immer gefährlich eine Frau einen ſchwachen Punkt im Herzen eines Mannes enidecken zu laſſen: er kann dann darauf rechnen daß er einen wahren Plaggeiſt in ihr bekommt. „Ja, ich machte wirklich in Neapel die Bekannt⸗ ſchaft eines Fräuleins Smith von Finnland,“ ant⸗ wortete Natalie. Lothar wandte ſich haſtig zu ihr. „Sie war alſo zugleich mit Ihnen in Neapel?“ gung um Ruhe zu erkämpfen: „Hatte ſie Neapel verlaſſen als Sie abreisten?“ „Sie wollte ſich am folgenden Tage weg be⸗ geben.“ 6 a. Lothars Bruſt hob ſich einige Secunden lan unruhig; darauf verſezte er mit der größten Anſtre 8 247 „Und wohin wollte ſie da reiſen?“ „Herr Baron, dieſe Frage gedenke ich nicht zu beantworten.“ Die Gräfin wollte ſich entfernen, aber Lothar ſagte: „Ein Wort, Frau Gräfin: warum verweigern Sie mir eine Antwort? Sie können unmöglich ein Intereſſe daran haben zu verſchweigen wohin Fräu⸗ lein Smith reiste oder wo ſie ſich aufhält, im Fall Sie es wiſſen.“ „Welches Intereſſe haben Sie es wiſſen zu wol⸗ len?“ Die Gräfin ſah ihn un. „Der Friede, das Glück und die Zukunft eines Menſchen hängt davon ab.“ „Schöne Worte um Ihre Reugierde zu bemän⸗ teln. Durch mich werden Sie dieſe Befriedigung nicht erhalten.“ „Gräfin, kennen Sie alſo wirklich ihren gegen⸗ wärtigen Aufenthalt?“ „Allerdings.“ „In dieſem Fall beſchwöre ich Sie bei Allem was heilig iſt, ihn mir zu ſagen.“ Jezt ſchlug es neun Uhr. „Gute Nacht, Herr Lieutenant!“ ſagte die Gräfin lächelnd.„Man muß jezt in die Cajüte gehen.“ „Sie wollen alſo meine Bitte nicht gewähren?“ 5 Durch mich erfahren Sie nichts.“ Sie achte. „Iſt das Ihr leztes Wort?“ „Ja, mein leztes, und Sie können ſich darauf verlaſſen daß ich es halte.“ „Nun wohl, ſo hören Sie auch das meinige Bis Sie mir Fräulein Smiths Aufenth n, 248 werde ich Sie mit meinen Fragen verfolgen und ſo beſpähen, daß es mir entweder durch Liſt, Ueber⸗ redung oder andere Mittel endlich gelingen muß auszumitteln was Sie verſchweigen wollen; wenn Ihnen dann meine Zudringlichkeit Widerwärtigkeiten . bereitet, haben Sie es lediglich ſich ſelbſt zuzuſchrei⸗ ben. Ich muß um jeden Preis von Ihnen erfah⸗ ren wo ſie ſich befindet.“ „Leere Worte, Herr Lieutenant: in Alexandrien trennen wir uns.“ „Aber ich werde Sie wieder finden und dann Sie meinen Wunſch erfüllen.“ „Nie!“ Die Gräfin verließ das Verdeck. Tage war wüthend über das lange Geſpräch zwiſchen ihr und Lothar. Sie hatte ihn alſo gänzlich vergeſſen und ſich nur mit Lothar beſchäftigt, der ſich ihm immer und überall in den Weg ſteltte. Tags darauf finden wir Natalie und Tage auf der Batterie ſtehend und durch eine der Kanonen⸗ lucken ſehend. ⸗ „Was fehlt Ihnen, Herr Lieutenant, Sie ſehen ſo verdrießlich aus,“ ſagte Natalie ſcherzend. „Mir fehlt Nichts und doch Alles,“ antwortete Tage und ſchaute der jungen Dame dreiſt in die Augen.. „Das iſt ſehr viel und ſehr wenig auf einmal.“ Ganz richtig, und doch beſteht unſer Glück ſehr häufig aus Wenig oder vielmehr aus Nichts.“ m Gotteswillen, ſprechen Sie nicht ſo ernſt⸗ haft, das läßt Ihnen ſchlecht.“ Ratalie lächelte mit einem kindlichen Ausdruck der an Schuldfried erin⸗ 249 nerte.„Scherz und Freude gebühren Ihrem Alter, Ihrem Stande und Ihrem Ausſehen. Ich kann ernſte und feierliche Mienen nicht ertragen.“ „Und dennoch intereſſiren Sie ſich ſo ſehr für Canitz. Er ſcherzt ſelten und lächelt beinahe nie.“ „Wer hat Ihnen geſagt daß ich mich für ihn intereſſire?“ Natalie hielt ihren Kopf ſchief und darein wie ein fünfzehnjähriges Mädchen. Tage wurde ganz warm ums Herz. Er vergaß ſogar in dieſer Bewegung eine Aehnlichkeit mit Schuldfried zu finden, ſo bezaubernd fand er die Gräfin. „Meine Augen haben mirs geſagt,“ antwortete Tage mit einem feſten Blick auf die gefährliche Sirene. „Dann haben Sie ſchlechte Augen, Herr Lieute⸗ nant.“ Natalie wandte ſich von ihm ab und blieb lange ſtill ſtehen, in einer Haltung welche Tage ſagte daß ſie mißvergnügt ſei. „Sie ſind böſe?“ fragte er endlich. Ja.“ „Aber, mein Gott, über was? Wenn meine Augen mich täuſchen, ſo...“ „So müſſen Sie übet ſich ſelbſt gebieten; ich 8 will nicht die Vertraute derſelben werden.“ „Hören Sie mich gütigſt an. Wenn man ſich in der Gegenwart einer Perſon ſehr glücklich fühlt, 3 ſo beneidet man Alle welche das Glück genießen das an ſelbſt ſo hoch ſtellt. Sehen Sie, das iſt mein . ganzer Fehler. Ich beneidete Canitz um die lichkeit die Se ihm ſchenkten.“ 250 „Dann ſind Sie ein großer Thor,“ rief die Gräfin lächelnd.„Ich quälte ihn ja nur beſtändig.“ „Auch das kann zuweilen ein Glück ſein.“ „Möglich; aber für ihn war es das Gegentheil, davon bin ich feſt überzeugt. Er kann mich ſo wenig ausſtehen als ich ihn. ir haben eine natürliche Antipathie gegen einander.“ „Sprechen Sie aufrichtig, Frau Gräfin?“ 4 „Ich bin immer aufrichtig.— Sie kennen ja die Vergangenheit des Barons Canitz, nicht wahr?“ „Ein wenig.“ „Wiſſen Sie ob er verliebt war?“ „Wer von uns Sterblichen iſt es nicht geweſen?“ fragte Tage ausweichend. „Das iſt keine ehrliche Antwort,“ meinte die Gräfin ungeduldig.„Ich will wiſſen ob er in Je⸗ mand ſterblich verliebt war.“ „War iſt nicht das rechte Wort, denn ich glaube daß er es noch iſt.“ Tages Geſicht verfinſterte ſich. Das flüchtige Behagen des Augenblicks verging, als ſeine Gedanken zu der Vergangenheit und zu der unglückſeligen Neigung zu Schuldfried zurückkehrten, die jezt in ihrer ganzen Stärke vor ihm ſtand. „Kennen Sie den Namen ſeiner Angebeteten?“ „Nein.“ Die Gräfin betrachtete ihren Bewunderer und 1 brachte etwas Anderes aufs Tapet, wobei es ihr gelang einige Minuten die Schatten zu verſcheuch hece das Geſpräch über Lothär hervorgeruf atte. Eine Weile nachher kam Lothar guf die Gräfin. 4 gegen Natalie ſeinen Verdruß darüber merken ließ, herrſchten; aber dann brauchte Natali 251— p. Bei ſeinem Anblick verließ Tage ſogleich ſeinen az. Von dieſem Tage an konnte man ſagen daß Lothar die Gräfin beinahe verfolgte. Sobald er ſie ſah, war er an ihrer Seite, aber er belagerte ſie ganz und gar nicht mit Bitten oder Fragen, ſon⸗ dern ſprach mit. ihr von Reiſen, vom Aufenthalt an verſchiedenen Orten und verwickelte die junge Dame manchmal ſo in ihrem Geſpräche, daß ſie ſich bei⸗ nahe verrathen mußte. Entweder war ſie beſtändig auf ihrer Hut und bemerkte Lothars Abſicht, oder auch war die ganze Bekanntſchaft mit Fräulein Smith bloß fingirt, denn ſonſt hätte ſie bei den plözlichen Wendungen welche Lothar dem Geſpräche gab ſchlechterdings manchmal ein aufklärendes Wort ſagen müſſen. Lothars oft ſonderbare Art und Weiſe ein Geſpräch zu führen hatte bloß zur Folge daß ſie ſich daran amüſirte und daß Tages Neid ge⸗ weckt wurde. Da man Natalie und Lothar oft bei⸗ ſammen ſah, ſo zogen die Cameraden ihn wegen ſeiner hartnäckigen Hofmacherei auf. Dieſer Scherz war für Tage eine neue Hölle, verſezte ſein Blut in wilde Gährung und gab ſeiner Bewunderung für die Gräfin eine qualvolle Heftigkeit. Er konnte es nicht ertragen Lothar und ſie mit einander ſpre⸗ chen zu ſehen. Es war ihm unausſtehlich ihr Lachen zu hören wenn Lothar mit ihr ſprach; obſchon er nicht wagte ſich dadurch lächerlich zu machen daß er 4 ſo konnte er doch nicht verhindern daß ſein Geſicht das Gepräge all der Eindrücke annahm die ihn be⸗ eigenthümliche kindliche Art zu lächeln, ſo verflogen die Wolken von ſeiner Stirne und er vergaß allen Aerger um ſich von ſeinem Vergnügen an ihrer Ge⸗ ſellſchaft aufs Neue berauſchen zu laſſen. Wohl ihnen Allen daß die Fregatte endlich in Alexandrien ankerte! Nur Gott im Himmel weiß, zu welcher neuen Thorheit oder Erbärmlichkeit Tage ſich durch ſeinen Neid und Zorn hätte verleiten laſſen, wenn Natalie noch weiter mitgefahren wäre. Eine trau⸗ rige Wahrheit iſt es daß überall wo ein Weib auf⸗ tritt Zank und Zwietracht entſteht. Sind daran die Weiber Schuld oder die Männer? Beantworte die Frage wer will. Ende des zweiten Theils. Biographien berühmter 1 Erfinder und Entdecker der Reizeit. Erſter Band: Georg Stephenſon, 2. Auflage. 80. 32 Bogen mit einem Holzſchnitt. Zweiter Band: James Watt, 21 Bogen mit 8 Holzſchnitten. Preis in engliſchem Einband mit Goldſtempeln jeder Band Thlr. 1— fl. 1. 45 kr. Sicherlich ſind die Anfänge und Endziele der jetzigen Induſtrie⸗Epoche nie großartiger aufgefaßt worden, als in beiden vorſtehenden Biographien. Wo ließe ſich auch dem Scharfſinne und der Beharrlichkeit eines James Watt, eines Georg Stephenſon gleich Großes an die Seite ſtellen! So unwiverſtehlich iſt der eigenthüm⸗ liche Reiz, welcher dieſe Lebensbeſchreibungen umgibt, daß jeder Roman daneben erblaßt. Der Geiſt, ſtets in die Schranken des wirklichen Lebens gebannt, gewinnt an innerer Spannkraft, der Charakter des Jünglings wird geſtählt durch ſo edle Beiſpiele; und endlich find über das innere und äußere Leben der beiden großen Männer ſo viele und intereſſante Aufſchlüſſe gegeben, daß dieſe Biographien als endgültige angeſehen werden können. Nicht leicht wird es ein Buch geben, das geeigneter wäre, die ſtrebſame Jugend unſeres deutſchen Vater⸗ landes auf der Bahn praktiſcher Bildung zu befeuern und zu edlem Nacheifer anzuſpornen, als obige Bio⸗ graphien. * Crpihlungen von Hermann Kurz, Verfaſſer von„Schiller's Heimathjahre.“ Neue vermehrte Sammlung. 3 Bände eleg. broch. à Band Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr. Inhalt: Eine reichsſtädtiſche Glockengießerfamilie. — Wie der Großvater die Großmutter nahm.— Das Wittwenſtüblein.— Bergmärchen.— Das weiße Hemd. — Den Galgen! ſagt der Eichele.— Die Zaubernacht. Das Schattengericht.— Das Arkanum.— Die blaſſe Apollonia.— Neun Bücher Denk⸗ und Glaubwürdig⸗ keiten.— Wiederſinden.— Ein Herzensſtreich.— Das Horoſcop.— Das gepaarte Heirathsgeſuch.— Der Feu⸗ dalbauer.— An der Wiege.— Ein Donnerwetter im Hornung.— Jugenderinnerungen. Jeder Band bildet ein ſelbſtſtändiges Ganzes und wird einzeln verkauft. Stuttgart. ½ Franckh'ſche Verlagshandlung. — ſ 8 9 10 11 2 13 1 6 17 1 4 15 1