1 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih und Ceſebedingungen. ollensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſ. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Mi.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. 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Schon im Anfung der 1780er Jahre war Ulea⸗ burg ſo bedeutend vorangeſchritten, daß es für die an ſehnüchſe Stadt Oſtbothniens gelten Smni Es hatte ungefähr 3000 Einwohner, zwei Märkte und 23 Straßen, eine geräumige Keilirche und 350 Häuſer, außer dem Rathhaus, ſämmtlich von Holz Man behauptet, die Stadt habe bloß zwei ſteinerne Häuſer beſeſſen, wovon das eine auf dem großen Markte gelegen. Zu ihren Merkwürdigkeiten gehört daß Johann Meſſenius in der Kirche begraben liegt. Außerdem konnte Uleaburg ſich einer ſchönen und geſunden Lage an der ſüdlichen Seite des Ulea rüh⸗ men, der ſich durch einen Waſſerfall, genannt Mer Uleaburg liegt auf einer Erdzunge, die auf der einen Seite den Fluß, auf der andern die Kembel bucht hat. Die Stadt beſaß auch v von denen einer, der ſogenan. hoch war und eine prächtige A 3 Fuße deſſelben brauste ein Waſſerfall hervor, und man ſah von da aus verſchiedene ſchöne Holme. Jenſeits der Bucht erſtreckte ſich die Landzunge Hieta⸗ ſaari und das ſchöne Vorgebirge, wo es nie an ſtattlichen Fahrzeugen mangelte. Ueberdieß hatte dden ſogenannten Stadt⸗ man zwei Brücken die ü fluß führten. 4 So ungefähr ſah Uleaburg zur obengenannten 5 Zeit aus. Kurz vor dem Krieg von 188 wurden zwei Hochzeiten in dem Städtchen gefeiert. Es waren zwei Freunde die ſeit ihrer Knabenzeit Alles gemein⸗ ſchaftlich gehabt hatten, und ſich nun auch durch den⸗ ſelben Prieſter und zur ſelben Stunde in die Ketten der Ehe ſchlagen laſſen wollten. Der eine war der Apotheker Ehrmann, und der andere der Kaufmann Claes Aberney. Beide aren geachtete Männer und genoßen allgemeines nſehen wegen ihres rechtſchaffenen Chäracters, ſo E wie ihrer aufgeklärten und wahrhaft patriotiſchen Geſinnung. Durch eine Freundſchaft verbunden die bis in die Kinderzeit zurückging, hatten ſie beſtändig ſowohl 4 die heitern als die trüben Stunden des Lebens mit einander getheilt. Ehrmann beſaß zwei Schweſtern, Debora und Sara. Leztere, die jüngſte der drei Geſchwiſter, wurde ſchon ganz jung beim Tode der Eltern von⸗ i fgenommen die in Schweden dagegen hatte dem Hauſe ihres den, bis Claes Aberney ſie als 5 ar 5 Sympathie unter denj 7 Ehrmann heirathete eine junge Schwedin die als Gouvernante bei einem ſeiner Verwandten wohnte. Roſa Strom, ſo hieß ſie, hatte zwar Anfangs eine entſchiedene Abneigung gegen ihn gezeigt, aber Ehrmann ließ ſich dadurch nicht abſchrecken. Er dachte: Friſch begonnen iſt halb gethan, und ſo fuhr er fort zu beſtürmen, bis ſie ſich eines ſchönen Tags ihen ließ und Ja ſagte. Sein Freund Aberney hatte ihm indeß aufs Ernſtlichſte von dieſer Verbindung abgerathen. „Siehſt Du nicht, lieber Ehrmann,“ pflegte er zu ſagen,„daß das Mädchen gar kein Gefühl hat? Gelingt e Dir ihre Pand zu erhalten, ſo wirſt Du gewiß unglücklich. Du gibſt Dein Herz hin und empfängſt dafür nur Kälte und Gl eichgiltigkeit, was Du weniger als irgend ein Anderer ertragen kannſt. Im Uebrigen haſt Du, wie ich, unvermiſchtes finni⸗ ſches Blut in Deinen Adern; Du ſollteſt kein ande⸗ res als ein finniſches Mädchen heirathen. Gleiche Kinder ſpielen immer am beſten, das bedenke wohl.“ Solche Worte wirken nicht, wenn ſie an einen Verliebten gerichtet werden. Ehrmann achtete nicht darauf. Er wurde vollſtändig von ſeiner Nei⸗ gung beherrſcht, und das Ende vom Lieh war daß er und Roſa am ſelben Tag Hochzeit nächten wie Aberney und Debora. In Folge der Freundſchaft der beiden Männer ſuchte auch Debora ſich ihrer Schwägerin zu nhern jungen dern alles that um ihr Zuſammenleben zu verbittern. Die Liebe die er ihr einſt gewidmet, verwandelte ſich ſo allmählig in Kälte und Bitterkeit, und er ſuchte außer dem Hauſe die Annehmlichkeiten die ihm daheim fehlten. Wie alle Männer die ſich ſelbſt lieben, hatte Ehrmann innigſt gewünſcht, ſeine Frau möchte ihm einen Sohn ſchenken; aber auch hierin begünſtigte ihn das Schickſal nicht. Erſt nach ſechsjähriger Ehe wurde ihm eine Tochter geboren. Aberney hatte damals zwei Söhne, Caſpar und Enoch, der ältere fünf, der jüngere drei Jahre alt. Im Verdruß darüber daß das Kind ein Mäd⸗ chen war, taufte Ehrmann ſie Harm. Ein Jahr darauf bekam ſeine Frau wieder eine Tochter. Er wurde darüber ſo ärgerlich daß er ſagte: „Dieſes Kind iſt für mich wie wenn es nicht ge⸗ boren wäre. Ich werde es nie anreden, ſondern thun als ob es gar nicht vorhanden wäre.“ Das Mädchen erhielt von ſeiner Mutter den Namen Edith. Im ſelben Jahre war die Familie Aberney wiederum durch einen Sohn vermehrt wor⸗ den. Alſo drei Knaben, während der unglückiche Ehrmann nicht einen einzigen beſa Jahre verfloßen; die Kindet d beiden Freunde wuchſen heran. Schon bei der Geburt Harms beſtimmten die Väter ſie und Caſpär für einander, was damols gänz gewöhnlich war. Dadurch ſollte das alte Freundſchafts⸗ und Familienband noch feſter gelnüpft werden. In Folge dieſer Uebereinkunſt wurde Ca⸗ ſpar der große Liebling Ehrmanns Man beſchloß * 10 daß der Junge, falls er Luſt dazu hätte, dereinſt die Apolheke übernehmen ſollte, was ebenfalls dazu beitrug daß Ehrmann ihn mit einer an Schwäche grenzenden Zärtlichkeit verhätſchelte, während er ſeine Tochter Harm ſtreng behandelte und nach Edith ganz und gar nicht fragte. Nie wurde leztere von dem Vater angeredet, ſondern er beantwortete ihren WMorgengruß nur mit einem ſtummen Kopfnicken. Edith war ganz rechtlos im elterlichen Hauſe. Die Mutter liebte mit leidenſchaftlicher Heftigkeit ihr älteſtes Kind und widmete ſich ihm ſo ausſchließlich daß ihr für die jüngſte Tochter keine Zärtlichkeit übrig blieb. Ehrmann war nach Ediths Geburt noch ſtren⸗ ger gegen ſeine Frau geworden, und ſo kam es daß Roſa in ihrem großen Unperſtand das Kind als die Urſache ihres vergrößerten Unglücks betrachtete und einen wirtlichen Widerwillen gegen das Mädchen PVom Vater behandelt wie wenn ſie gar nicht', vorhanden wäre, von der Mutter mit zügelloſer Heſtigkeit zurückgeſtoßen, verfloß Ediths erſte Kind⸗ heit ſehr traurig. Wenn der Vater in Zorn gegen die Mutter aus ach mußte Edith jedesmal die Fol⸗ gen e ertragen welchen Roſa gegen ihren Mann nicht auszulaſſen wagte. Oft wurde e lediglich darum gezüchtigt weil Roſa ſonſt Nie⸗ mand zu tyranniſiren hatte. Harm war unzertrennlich von der Mutter. Bei allen Vergnügungen und Zerſtreuungen mußte ſie dabei ith kam ſelten aus dem Hauſe. Der ſie beſuchen durſte, war die Aber⸗ neyſche S und zwar erhielt ſie dieſe Erlaub⸗ niß bloß, weil Roſa aus Reſpect Debora es nicht wagte ihr unnatürl Gefühl gegen ihr jüng⸗ ſtes Kind ſe zu zeigen. Wenn Aberney oder Debora manchmal ihre Mißbilligung über die par⸗ teiiſche Behandlung der beiden Mädchen äußerten, erhielten ſie zur Antwort: „Ach meine Lieben, ihr wißt nicht wie wider⸗ wärtig Edith iſt. Sie muß ſtrenger erzogen werden als ihre Schweſter.“ Dieß war auch ſichs in den Kopf geſe bild ſei. Jeder Fehler Mutter als eine Unart die werden könne. Wahr iſt daß Edith ein ganz eigenthümliches Kind war, beinahe häßlie ohne daß ein Zug in ihrem Geſicht andeutete daß ſie mit der Zeit ſchön werden könnte. Nur beſaß ſie große dunkle Augen⸗ Sonſt war ſie klein, bleich und ächlich, hatte Flachshaare, eine Klumpnaſe und einen ſtark her⸗ vortretenden Ausdruck von Stumpfheit oder eigen⸗ ſinnigem Troz, und ſo wirkte ihr erſter Anblick bei⸗ nahe abſtoßend. Durch die Strenge womit ſie be⸗ handelt wurde, hatte ſie einen ſcheuen Blick bekom⸗ men, obſchon ihr ganzes Benehmen ſonſt nicht gerade von Aeng ſtlichke it zeugte. Sie war ſehr une horſan und verſtieß beſtändig gegen die taufend kleinen Ver bote die täglich ausgingen, obſchon ſie für jedes Verſ für jede Uebertretung derſelben be ihre Sie hatte ezt daß Edith des Vaters Ab⸗ „ ih ſe Mä dchens erſchien der ſtreng genig beſtraft und Edith hatten eine und dieſce e 126 gehabt, die als Kindsmagd im Hauſe geblieben war. Dieſe faßte für Edith eine mütterliche Ergebenheit und ſuchte das Kind auf alle Arten, durch Bitten und Vorſtellungen, anzuhalten daß es brav und ge⸗ horſam ſein ſolle, bekam aber immer zur Antwort: „Mama ſchlägt mich wenn ich auch noch ſo artig bin, und deßhalb will ich lieber ungehorſam ſein.“ Weder die Bitten der Amme noch die Strafen der Mutter konnten ſie beſtimmen das Wort Papa auszuſprechen. Sie nannte den Vater nur er oder der Herr. Aberney dagegen nannte ſie immer Vater. Tante Aberney und Papa Aberney waren für Edith Ideale und, mit Einrechnung der Amme, die einzigen Perſonen gegen welche ſie artig und ge⸗ horſam zu ſein ſich bemühte. Frau Aberney wurde durch die Amme von Ediths unglücklicher Stellung im Hauſe unterrichtet, und beſann ſich lange wie ſie dieſelbe verändern könnte, eſonders da Edith jezt neun Jahre alt war und noch nicht um Unkerricht ihrer Schweſter hatte Theil nehmen dürfen. Ihr ganzes Wiſſen beſchränkte ſich auf das was die Amme ihr beigebracht hatte. De⸗ bora hatte mehrere Male zu Roſa geſagt daß ſie ſehr Unrecht thue das Kind ſo zu vernachläßigen, aber immer eine Antwort erhalten welche deutlich anzeigte daß ſie ihre Kinder ohne fremde Einmi⸗ ſchung zu erziehen wünſche, und daß Debora ſich in dieſem Fall nicht um ihr Thun und Laſſen zu be⸗ kümmern brauche, da Roſa ſich nie Bemerkungen über die Art und Weiſe erlaube wie ſie ſelbſt ihren Mutterpflie achkomme.— Sowohl Debora als Aberney hätten Ehrmanns Aufmerkſamkeit darauf 13 zu lenken geſucht wie ſehr Edith in jeder Beziehung zu Hauſe verwahrlost werde, aber ohne Erfolg. Der Schweſter antwortete er: „Liebe Debora, ſorge Du für Deine Kinder und kümmere Dich nicht um die meinigen.“ Gegen Aberney hieß es: „Da ich dafür ſorge daß ihr und ihrer Schweſter Nichts fehlt, ſo kann ich das Uebrige wohl der Ob hut der Mutter überlaſſen. In beſſern Händen als in denen der Mutter kann ein Kind nicht ſein.“ Daß dieſe Mutter ihr Kind ſchlecht beſorgte, da⸗ von nahm Ehrmann gar keine Notiz, und da er mit den Jahren ein ganz harter Eheherr geworden war, ſo verlor Aberney alle Luſt ihn darüber auf⸗ zuklären wie ſchlecht Roſa ihren Mutterpflichten nach⸗ kam. Er fürchtete das Verhältniß zwiſchen den Gat⸗ ten noch zu verſchlimmern. Ein anderes Mittel mußte alſo erſonnen werden um das arme Kind in eine beſſere Stellung zu bringen. Debora und ihr Mann hatten eben beſchloſſen Roſa und Ehrmann zu beſtimmen daß ſie das Mädchen ihnen überlaſſen möchten, als der Zufall durch einen an ſich unbe⸗ deutenden Umſtand eine gänzliche Umwälzung in Ediths Leben hervorrief. Ehe wir darüber berichten, müſſen wir Einiges von Harm ſagen. So ſtiefmütterlich Edith von der Ratur behandelt ſchien, ſo reich war dagegen Harm ausgeſtattet. Schon als Kind beſaß ſie eine ungewöhnliche Schönheit und jene angeborne Anmuth in ihren Bewegungen und ihrem ganzen Weſen welche das Kind, Mädchen oder Weib das ſie beſizt zu einem bezaubernden Geſchöpfe macht. 14 Mit ihrem dunkeln Lockenhaar, ihren großen ſtrah⸗ lenden Augen und ihrer roſigen Geſichtsfarbe war ſie eine prächtige Knofpe die ſich mit der Zeit zu einer üppigen Roſe zu entfalten verſprach. Lebhaft, heftig, leidenſchaftlich und herrſchſüchtig, hätte das Kind bei einer klugen und verſtändigen Mutter manche Beſorgniſſe erregen können, weil ihre ganze zukünſ⸗ tige Richtung von der Sorgfalt abhing womit ſie in ihren früheſten Jahren erzogen wurde, von den Gewohnheiten die ſie da annahm, und den Beiſpie⸗ len die ſie erhielt. Bei einer ſchwächen Mutter, die gegen ihre Fehler blind war und in dem Willen des Kindes ihr einziges Geſez erkannte, mußte Harm, obſchon mit einem reichen Verſtand und einem ſehr aufopferungsfähigen Herzen ausgeſtattet, dennoch nur eine willige Sckavin ihres Egoismus und ihrer Wünſche werden. Wohin leztere ſie führen konnten, wenn ſie ihnen niemals einen Zügel anlegen lernte, ließ ſich unmöglich zum Voraus berechnen, aber gleich⸗ wohl war vorherzuſehen daß ſie dadurch ſich ſelbſt und Andere ins Verderben ſtürzen konnte. Sie be⸗ ſaß eine ſchnelle Auffaſſung und lernte mit großem Intereſſe. Schon früh war eine geſchickte Gouver⸗ nante aus Stockholm angenommen worden um ſie zu unterrichten. Sie machte erſtaunliche Fortſchritte und war mit zehn Jahren ein kleines Meerwunder. Sie tanzte wie ein Engel, ſpielte mit außerordent⸗ licher Ferkigkeit, zeichnete allerliebſte Landſchaften, ſtickte die zierlichſten Blumen und ſprach einige fran⸗ zöſiſche Phraſen; genug, die zehnjährige Harm war ein Genie, und wenn Papa Abends in Geſellſchaft ging und Mama Cafeſchweſtern bei ſich hätte, ſo mußte Harm Etwas aus der Königin von Gbol⸗ conda ſpielen oder h die Gavotte tanz Tanten riefen dann im Chor: „Ei der Tauſend, wie geſchickt das Mädchen iſt!“ Aber ſo verſchwenderiſch die Natur gegen die ſchöne Harm geweſen, ſo hatte ſie ihr gleichwohl eine ihrer Gaben verſagt, nämlich die Stimme. Harm beſaß ein gutes muſicaliſches Ohr, konnte aber nicht einen einzigen Ton ſingen, was ſie ſelbſt und die Mutter ſchwer verdroß, zumal da Edith, der alle andern Vorzüge fehlten, juſt dieſen einzigen beſaß. Richts erbitterte Harm mehr, als wenn Edith mit klarer und ſchöner Stimme eine der ſchönen Melo dien ſang welche Harm ſpielte. Edith dagegen wartete ihrer Schweſter, ſo oft ſie allein waren, mit einem Geſange auf, obſchon ſie wußte daß Harm dann laut weinend zur lieben Mama hineinſprang, die ihrerſeits Edith für ihre Bosheit gegen die ſanſte und argloſe Harm beſtrafte. Jeden Donnerſtag und Sonntag Mittag brach⸗ ten entweder Aberneys bei Ehrmanns zl umgekehrt. Es war ein Donnerſtagsabend Reihe der Bewirthung an Ehrmanns war. atte beſchloſſen juſt an dieſem Abend Roſa r zu 1. 1 fein anzufaſſen, um Edith zu bekommen, und ſie be gann davon zu ſprechen wie öde es ſich empfinde keine Tochter zu beſizen. Ehrmann und Aberney ſpielten Bret Die drei jungen Herrn Aberney und die Fräulein Ehr⸗ mann waren in der Wohnſtube verſammelt und ten ſich mit einem Lotto. Caſpar war damals fünfz e alt und ein Junge von ganz gewöhnlichem Ausſehen. Enoch, der zwei Jahre jünger war, hatte ein lebhaftes und geniales Geſicht. Zwiſchen den beiden Brüdern ſaß Harm, ſchön und freundlich wie der Lenz. Ihnen 3 gegenüber ſaßen Edith und der jüngſte Aberney, Victor. Edith hatte das Ziehen. „Mein Gott, wie langſam Du die Nummern ſagſt!“ bemerkte Caſpar. „Das thut Edith mit Fleiß,“ fiel Harm ein,„nur 16 uns zu quälen. Seht nur wie boshaft ſie aus⸗ ieht.“ Die beiden Jungen ſchauten auf ihr kleines vis- nvis und konnten nicht läugnen daß Harm Recht hatte. Edith ſaß mit der Hand im Nummernbeutel da und ſah ihre Schweſter ſchadenfroh on, indem ſie ſagte: „Ja ſiehſt Du, jezt ziehe ich gerade ſo langſam s ich will, und ihr müßt euch damit begnügen.“ „Pfui wie garſtig Du biſt,“ fiel Enoch heftig ein;„Du ſiehſt doch daß es Harm guält.“ „Was kümmere ich mich darum?“ antwortete Edith mit lautem Lachen und ſchüttelte den Beutel. „Zieh jezt und mach keine Umſtändel“ befahl 1 Caſpar.„Wenn man ſo häßlich iſt wie Du, muß man wenigſtens artig ſein.“ Jezt zog Edith die Hand herauf und ſagte: „Seht, da iſt die Nummer; aber welche? d müßt ihr errathen.“ Sie hielt die geſchloſſene Hand empor und hinzu: 5 ke 17 „Ich will euch ein Lied ſingen, ſo lange ihr wartet.“ „Edith!“ rief Harm, indem ſie wie raſend auf⸗ flog,„wenn Du ſingſt, ſo ſag ichs ſogleich Mama.“ „O das läſſeſt Du wohl bleiben, ſo lange die Tante da iſt.“ Damit ſprang Edith an die Ver⸗ bindungsthüre zwiſchen dem Salon und dem Wohn⸗ zimmer. Ehe eines der andern Kinder Etwas ahnte, öffnete ſie dieſelbe, ſtellte ſich auf die Schwelle des Salons und ſang aus vollem Halſe ein damals ſehr beliebtes Volkslied. Auf dem Sopha im Salon hatten die beiden Frauen ſich niedergelaſſen, und vor einem der Fen⸗ ſter ſaßen die Herren bei ihrem Brettſpiel. Als die klare, ſchöne Stimme des Kindes erſcholl, wandte ſich Ehrmann raſch um. Es war das erſte Mal daß er ſie hörte, und dennoch war Edith neun Jahre alt. Roſa wurde bleich und dann purpurroth vor Aerger; ſie warf ihrer Tochter einen raſenden Blick zu. Die Kleine ihrerſeits hatte ihre Augen mit einem herausfordernden Ausdruck auf die Mutter gerichtet. Harm verbarg ihr Geſicht in den Händen und weinte bitterlich. Caſpar und Enoch ſuchten ſie zu X tröſten, während der kleine Victor mit einem ächten Spizbubenlächeln der verzweifelnden Harm zuflüſterte: F das ſchmeckt nicht näch Zuckerbrod? Hi, hi, hi!“ Der Geſang verſtummte, und der Schall eiter Ohrfeige welche Caſpar recht nachdrücklich dem klei⸗ nen Victor applicirte, bildete den Schlußaccord. 0 Schwartz Schuld und Unſchuld. x. 8 Victor kreiſchte laut, und jezt mußte Papa fragen! was es gebe. „Schämt ihr euch nicht, Jungen,“ ſagte Aberney, „einen ſolchen Spectakel zu verführen, wenn ihr auf Beſuch ſeid?“ „Caſpar hat mich geſchlagen,“ rief der Beohr⸗ feigte. „Kannſt Du fünfzehnjähriger Bengel Dich ſo, vergeſſen?“ verſezte Aberney mit gerunzelten Braugn. „Er war unartig gegen Harm und hat ſie über ihr Weinen ausgelacht,“ antwortete Caſpar, etwas beſchämt wegen ſeiner Uebereilung. „Ja Papa, und ich hatte ganz Recht, denn Harm weinte nur aus Neid darüber daß Edith ſang,“ er⸗ dreiſtete ſich Victor ganz keck zu bemerken. „Ihr müßt alle beide nach Hauſe gehen. Leute wie ihr ſeid kann man nirgends hinnehmen, wenn ihr euch nicht beſſer betragen lernt,“ erklärte Aber⸗ ney mit einem ſo beſtimmten Ton, daß man wohl ſah daß keine Appellation ſtattfand. Hierauf nah⸗ men Aberney und Ehrmann ihre Pläze am Spiel⸗ tiſch wieder ein, und die beiden jungen Herren zo⸗ gen ab. Eine eigenthümliche Verſtimmung folgte. Ehr⸗ mann, ſonſt lebhaft und heftig im Spiel, ſaß ſchwei⸗ gend und gedankenvoll da. Roſa war über Edith ſo aufgebracht, daß ſie nur mit der größten Anſtren⸗ gung ihren Zorn beherrſchen konnte. 3 Im Wohnzimmer bemühte ſich Enoch die erbit⸗ terte Harm zu tröſten und wieder zu gutem Humor zu bringen, aber dieß war nicht leicht, denn i beklagte ſie ſich bitter daß die Jungen um der b ——— 10 haften Edith willen nach Hauſe geſchickt worden und daß die ganze Freude des Abends verdorben ſei. Edith hatte ſich auf einen Schemel vor dem Feuer geſezt und blickte mit einem Ausdruck der Reue hinein. Es that ihr leid um Victor. Die Andern waren ihr gleichgiltig. Ein Spiel kam nicht mehr zu Stande. Als ſie hinausgehen und eſſen ſollten, erhielt Edith Befehl zu bleiben. Ihre Amme brachte ihr dieſes Gebot von der Mutter und ſtrich ihr koſend das Haar, indem ſie hinzufügte: „Armer kleiner Starrkopf, jezt gibt es wieder Schläge auf den Abend.“ „Nun und dann? Ich bin ja ſo daran gewöhnt,“ antwortete das Kind mit einem trozigen Lächeln; „deßhalb ſinge ich jezt noch ein Lied, da ich doch nichts zu eſſen bekomme.“ „Liebes Herzchen, thue es nicht,“ bat die Amme ganz erſchrocken. Edith hörte nicht auf die Warnung, ſondern ſtimmte einen neuen Geſang an. Bei den erſten Tönen öffnete ſich die Salonthüre und Ehrmann ſtand auf der Schwelle. Mit gleichgiltiger Miene ſah Edith den Vater an und ſang das Lied zu Ende⸗ Als ſie verſtummte, ſagte er: „Komm heraus, Kind!“ „Dieß war das erſte Mal daß er Edith anredete. Sie blieb unbeweglich. „Hörſt Du was ich ſage?“ wiederholte er⸗ „Mama hat mir verboten hinauszugehen!“ ant⸗ wortete das Mädchen, ohne ihre Stellung zu ver⸗ ändern. „Komm, liebe Edith, folge jezt,“ flüſterte die Amme, die bei dem Gedanken erſchrack daß ihr klei⸗ ner Liebling den Herrn reizen könnte; aber zu ihrer großen Verwunberung ging Ehrmann auf Edith zu und ſagte mi ungewöhnlicher Milde: „Ich befreie Dich von der Strafe die Deine Mutter Dir auferlegt hat. Komm jezt.“ Er faßte ſie am Arm. Edith erhob ſich, ſah verwundert ihrem Vater ins Geſicht und folgte ihm. Wäre Frau Roſa Zeugin eines Erdbebens gewe⸗ ſen, ſo hätte es keinen ſchrecklicheren Eindruck der Beſtürzung machen können, als der Anblick Ediths an des Vaters Hand, und als ſie ihn zur Magd ſagen hörte: Warum iſt für Edith nicht gedeckt? da war ſie nahe daran rücklings zu Boden zu ſinken, hielt es aber doch für gerathener eilig ihren Plaz am Tiſch einzunehmen, um allem derartigen Unglück zuvorzukommen. Es war in der alten guten Zeit wo man ſich zu ſeinem Abendbrod an den Tiſch ſezte, ſtatt daß wir jezt ſtehenden Fußes ſoupiren. Roſa war ſo aufgeregt, daß ſie die Milch auf das Tiſchtuch verſchüttete, und ſie beging ſo viele Mißgriffe daß ihr Mann zulezt ganz ungeduldig Lief „Wo haſt Du denn Deinen Kopf, liebe uni. Du gibſt mir ja Pfeffer zur Grüze.“ Endlich trennte man ſich. Aberneys gingen nach Hauſe. Harm trat zu dem Vater, küßte ihm die Hand und ſagte:„Gute Nacht, lieber Papa!“ Gute Nacht!“ antwortete Ehrmann herb. Edith ſchwieg wie gewöhnlich und ſagte Nich „Willſt Du Beinem Vater nicht die Hand küſſen ———— Thüre hinter ſich zu. 21 fragte Ehrmann, indem er ſie ihr reichte. Schwei⸗ gend kam das Kind der Aufforderung nach. „Nun warum wünſcheſt Du mir nicht gute Nacht?“ Einen Augenblick ſah ſie ihn an, als wollte ſie den Ausdruck ſeiner Züge erforſchen. Dann ſagte ſie: „Gute Nacht, Papa!“ Dieß war das erſte Mal daß ſie dieſe Worte ausſprach, und Gott allein weiß was ſich dabei im Innern des Mädchens regte; aber im ſelben Augen⸗ blick wo ſie über ihre Lippen kamen, ſtürzten Thrä⸗ nen die Wangen hinab, und ohne zur Mutter ein Wort zu ſagen, ſprang ſie aus dem Salon und in das Wohnzimmer, das zugleich das Schlafgemach der Mädchen war. Dort warf ſie ſich auf ihr Eihen und ſchluchzte laut, während Harm mit ihr zankte. „Warum habe ich nie erfahren daß das Mäb⸗ chen Stimme hat? Du weißt daß ich den Geſang ſehr liebe,“ ſagte Ehrmann zu ſeiner theuern Hälfte, als ſie allein waren. „Weil Du nie Etwas von ihr wiſſen wollteſt,“ antwortete Frau Roſa ſchnauzig;„im Uebrigen iſt man noch kein Meerwunder wenn man ſingen kann.“ „Das gehört nicht hieher, und ich verbitte mir alle unnöthigen Redensarten. Du weißt daß ich Deine Deckamationen nicht leiden kann.“ Ehrmann ging ins Schlafzimmer und ſchlug die „Das garſtige Mädchen, was hat ſie jezt wieder angeſtellt?“ dachte Roſa, als ſie eine Weile nachher ebenfalls eintrat. Sie ſah ihrem Manne an daß er bei ſehr böſer Laune war; ſie hielt es daher fürs Beſte ihn nicht zu reizen, ſondern ſich ganz beſchei⸗ den zur Ruhe zu begeben. Am ſolgenden Morgen ſagte Ehrmann in die Apotheke ging, zu ſeiner Frau: „Laß die Kinder hereinkommen!“ „Was fällt Dir um Gotteswillen ein, da Du ich ja ſonſt Nichts um ſie bekümmerſt?“ „Was nicht hindert daß ich Gehorſam verlange,“ antwortete Ehrmann barſch. „ehe er kommſt Du ganz plözlich auf den Einfall daß Du nicht in die Apotheke hinabgehen könneſt ohne ſie zu ſehen.“ Frau Roſa ſagte dieß mit einer ſolchen Heftig⸗ keit, daß die Worte ihr von den Lippen flogen. ie arme Frau glaubte immer ſich einem Mann widerſezen zu können der ſie dennoch mit Macht⸗ ſprüchen zum Gthorſan zwang, nachdem ſie et einen ehelichen Streit hervorgerufen hatte. So auch jezt. Ehrmann wurde böſe, ſprach bittere, ſcho⸗ nungsloſe Worte, und das Ergebniß war daß Roſa auf ſeinen im Zorn ausgeſprochenen Befehl die Kin⸗ der hereinrufen mußte. Harm trat mit einem leichten tänzelnden Gan lächelnd, blühend und wie eine Puppe gekleidet ——— 8 — 23 Edith kam langſam nach, mit düſterer Stirne und ſcheuem Blick, ſauber, aber äußerſt dürftig gekleidet, in einem Aufzug der all der Zierlichteit und Sorg⸗ falt ermangelte womit Mutterliebe die ſchöne Tochter geſchmückt hatte. Ehrmanns Blick ruhte auf Edith; Harm ſah er kaum an. Als die Mädchen grüßten, ſahen ſie mit Verwunderung auf den Vater, der für die Ael⸗ tere nur ein ſtrenger Herr geweſen und für die Jüngere beinahe eine unbekannte Perſönlichkeit war. Ehrmann ſagte zu Edith: „Du haſt wohl bereits angefangen zu ſpielen?“ „Nein, ich leſe und ſpiele nicht,“ antwortete das Kind. „Ehrmanns Brauen runzelten ſich, und er er⸗ innerte ſich jezt daß Aberney mehrere Male das Geſpräch auf das Mädchen gelenkt und ihm ſeine gänzliche Gleichgiltigkeit gegen ſie vorgeworfen hatte. „Nimmt Edith keinen Antheil am Unterricht der Manmſell E.?“ fragte er ſeine Frau. „Noch nicht,“ antwortete Roſa;„Edith hat eine ſo träge Faſſungsgabe.“ Ehrmann ſagte Nichts; aber die geſchwollenen Adern ſeiner Stirne bewieſen daß er ſehr zornig war. „Du mußt mir das Lied ſingen das Du geſtern Abend jangſt,“ begann er gegen Ebith. Das Mäd⸗ chen ſchien eine Weile zu zögern. Die Augen der Mutter funkelten buchſtäblich. Aber nach kurzem Bedenken ſang ſie das finniſche Volksliedchen. Nur Ehrmann ſelbſt wußte welche Erinnerungen aus der Kinderzeit darin lagen; wir wiſſen bloß daß er, als der Geſang vorüber war, das Kind auf den“ Kopf tätſchelte und freundlich ſagte: „Du ſingſt recht artig.“ Damit verließ er haſtig das Zimmer und ging in die Apotheke hinab. Eine halbe Stunde ſpäter kam Victor Aberney hereingeſtürzt und rief: „Tante Roſa ſchlägt Edith ſo ſchrecklich, bloß weil ſie ſich unterſtanden hat zu ſingen. Komm, komm, ſonſt geht es nicht gut!“ Und mit einem Ausdruck der Verzweiflung er⸗ griff er Ehrmanns Arm und zog ihn mit ſich. Als ſie in den Salon hinaufkamen, hörten ſie aus dem Wohnzimmer erſticktes Klagen und Schluchzen. Ehe Ehrmann hineinkam, war Victor vorange⸗ ſprungen und hatte die Thüre aufgeriſſen. Der t Junge ſah ganz wild aus. Mit einem Sprung war er an Frau Ehrmann, die im größten Zorn Ebith mit einer großen Birkenruthe züchtigte. Augenblick⸗ lich war ihr die Ruthe aus der Hand geriſſen, und mit einer von Aufregung zitternden Stimme rief der Junge unter Thränen: „Jezt ſollſt Du die arme Edith nicht mehr ſchla⸗ gen, Tante!“ In ſeinem Grimm zerriß Victor die Ruthe und warf die Stücke Frau Roſa, die ihn ganz verblüfft betrachtete, zu Füßen. Sie hatte den Rücken 8 der Thüre zugewandt, ſo daß ſie ihren Mann erſt bemerkte, als er fragte: „Warum ſchlägſt Du das Mädchen?“ Edith, die an dieſem Tag mehr als gewöhnlich Schläge bekommen hatte und ganz dunkel ahnte daß ſie jezt in dem Vater einen Beſchüzer erhalten würd antwortete unter heftigem Schluchzen: 25 „Ich habe Schläge bekommen weil ich ſingen kann.“ Sie ergriff des Vaters Hand und fügte mit kindlicher Verzweiflung hinzu:„Nimm mich fort von hier. Ich werde böſe, weil man ſo garſtig gegen mich iſt.“ „Du ſiehſt ſelbſt was für ein unartiges Kind ſie iſt,“ ſchrie Frau Ehrmann, konnte jedoch nicht mehr ſagen, denn ihr Mann unterbrach ſie mit einem: „Schweig Weib, ſonſt...“ Er nahm die kleine Toch⸗ ter am Arm und ging hinaus. „Was um Gotteswillen hat er vor?“ dachte Roſa, die ihn über den Salon und die Treppen hinab gehen hörte. Die Thüre öffnete ſich und fiel wieder zu. Frau Roſa ſprang ans Fenſter und ſah ihren Mann mit der Tochter am Arm quer über den Weg zu Aberneys gehen. Als er eine Stunde nachher wieder nach Hauſe kam, war er allein. Edith war bei Tante Debora gelaſſen worden. Die Erklärung die jezt zwiſchen den beiden Gat⸗ ten erfolgte, belehrte Roſa auf eine ſchreckliche Weiſe daß ſie für immer die Ergebenheit verloren welche ſie einſt beſeſſen hatte. Nach einigen Wochen kam Ehrmanns Schweſter Sara auf Beſuch nach Uleaburg. Sie hatte jezt ihre Verwandten in Schweden verloren und wollte daher ihre Geſchwiſter wieder ſehen, mit denen ſie ſeit ihrer Kindheit nicht mehr zuſammen getroffen war. Sie war unverheirathet und beſaß ein ſehr anſehnliches Vermögen. Nachdem ſie den Sommer in Uleaburg zugebracht, kehrte ſie im Herbſt nach Schweden zurück und nahm Edith mit. Sie hatte es üb ernommen das Mädchen zu erziehen und zu ihrer Erbin zu machen. Sie zu ihrem Bruder und zu ihrer Schweſter ge⸗ agt: „Ihr habt ja noch mehr Kinder und könnt mir Edith abtreten. Ich beſize keine Seele für die ich „ leben kann; gebt mir alſo das Mädchen.“ Ehrmann ertheilte ſeine Einwilligung. „ Jahre vergingen nach dieſen Eréigniſſen, ohne daß etwas Bemerkenswerthes vorfiel. Harm wuchs zu einem bezaubernden Mädchen heran und wurde ein Gegenſtand der Bewunderung für den Proviſor Caſpar Aberney, wie auch für den jungen Studen⸗ ten Enoch. Als Harm ſiebzehn Jahre alt wurde, hatte der Vater beſchloſſen daß ſie und Caſpar die Ringe wechſeln ſollten. Enoch beſchloß eben ſeine Studien in Abo und ſollte ſich dann nach Stockholm begeben, um im Hof⸗ gericht zu arbeiten.. Die Sommerferien ſollte er in Uleaburg bei den Eltern zubringen. Er war zwanzig Jahre alt, leb⸗ haft, warmherzig und ſchön. Er ſah Harm täglich; was Wunder wenn er in ſeinem Jugendtaumel ver⸗ gaß daß ſie für den Bruder beſtimmt war? Genug, als eines Tages Enoch und Harm im Aberneyſchen Garten ſaßen, hatte er ihr anvertraut wie innig ſie geliebt wurde, und hinwiederum von ihr erfahren daß ſie ihn weit mehr liebte als Caſpar. Zu glück⸗ lich um den Betrug zu bedenken der gegen dieſen begangen wurde, vergaßen ſie Alles, außer dem Be⸗ 27 wußtſein daß ihre Herzen einander gehörten. Es ging indeß jezt wie immer wenn der Menſch ſich vom Rauſche des Augenblicks beherrſchen läßt; das Erwachen daraus wurde bitter, weil die Wirklichkeit da ganz unbarmherzig eintrat und über das Glück der entflohenen Stunde hohnlachte. Auf acht Tage hatte Harms Vater ihre Verlo⸗ bung mit Caſpar feſtgeſezt. Der Gedanke daran jagte das Blut wild durch Harms Adern, als ſie ſich eines Abends allein im Zimmer befand und überlegte was geſchehen ſollte. Die Gefühle des jungen Mädchens waren heftig und leidenſchaftlich, das Wort Entſagen hatte ſie nicht verſtehen gelernt. Es ſchien ihr unmöglich auf ihre Liebe zu Enoch zu verzichten. So weit ſie ſich zurück erinnerte, war er ihr liebſter Freund geweſen; jedes gute und ſchöne Gefühl das ſie empfunden hatte war von ihm ge⸗ weckt worden, und jezt, da ſie wußte daß ſie beide einander gleich innig und warm liebten, jezt kam eine vom Vater beſchloſſene Ehe und trät ihrem künftigen Glücke in den Weg. Nein, ſie wollte ſich mit Caſpar nicht verloben. Was lag ihr daran daß er ſie liebte, da ſie nur Enoch ihr Herz ſchenken konnte? Sie beſchloß am folgenden Tag dem Vater zu ſagen daß ſie nicht Caſpars Frau werden könne. Mit dieſem Beſchluß ſchlief ſie ein, wurde aber von unruhigen und fieberhaften Träumen gequält. Es war ihr als flüſterte ihr Jemand ins Ohr: haſt jezt die Sonne Deines Glückes untergehen ſehen.“ Die wildeſten und ſchrecklichſten Phantaſien marterten ſie die ganze Nacht, und als ſie am Mor⸗ gen erwachte, ſtand die Amme mit einem Briefe in 28 der Hand vor ihr. Das junge Mäbdchen eine eigenthümlich unangenehme Aufregung beim Anblick deſſelben. Sie konnte ſich nicht erklären warum, aber ſie ahnte daß er etwas Trauriges ent⸗ halten würde. Es iſt entſezlich, liebes Herzchen, wie lange Du heute geſchlafen haſt,“ ſagte die Amme, die jezt, nachdem Edith von ihr genommen war, ihre ganze Ergebenheit auf Harm übergetragen hatte. „Was für einen Brief haſt Du da?“ fragte Harm mit tiefem Athemholen. Sie fühlte ſich ſo wunderlich beklommen.. „O es iſt bloß eine Bagatelle. Enoch Aberney übergab mir ihn. Er iſt vor ein Paar Stunden abgereist.“ „Abgereist!“ rief Harm, indem ſie ſich heftig im Bette ſezte.„Wohin?“ „Ich weiß nicht. Er ſagte bloß, er müſſe ab⸗ reiſen, und ſo ſah ich Herrn Aberney und ihn um ſieben Uhr wegfahren.“ Harm ſtreckte die Hand aus und nahm den Brief. Sie dachte: „Sie ſind wohl nach dem Landgut des Onkels gefahren.“ Jezt erbrach ſie das Siegel. Das Schreiben war lang und Harms Augen flogen über die Zei⸗ len; aber je länger ſie las, um ſo bewölkter wurde hre Stirne, um ſo bleicher ihre Wangen, und als ie fertig war, warf ſie ſich unwillkührlich auf das ſen zurück und brach in ein wildes heftiges Wei⸗ nen aus, während ſie krampfhaft den Brief zuſam⸗ mendrückte. Die Amme war weggegangen, ſo daß 29 ſie ſich ungeſtört dem erſten Ausbruch ihres Schmer⸗ zes überlaſſen durfte. Was ſtand denn in dem Briefe um ihn hervorzurufen? Enochs Vernunft und Rechtsgefühl waren erwacht. Als Harm und Enoch am vorhergehenden Abend ſich getrennt hatten, kam Caſpar zum Bruder her⸗ über und plauderte mit ihm bis tief in die Nacht hinein. Caſpar hatte von ſeiner Zärtlichkeit gegen Harm, ſeinen Hoffnungen auf Glück an ihrer Seite u. ſ. w. geſprochen. Er hatte mit ſo großer Zu⸗ verſicht von der Zukunft geredet, daß Enoch einen ſtechenden Schmerz empfand, als er ſich erinnerte was zwiſchen ihm und Harm vorgefallen war. Von religiöſen und moraliſchen Eltern mit ſtren⸗ gen Begriffen von Ehre und Pflicht erzogen, hatten Aberneys Söhne von Kindheit auf die Rechte An⸗ derer und ihre eigenen Pflichten innig reſpectiren gelernt. Dabei herrſchte zwiſchen den Brüdern eine wahre Ergebenheit vor. Genug, Enoch betrachtete ſich als denjenigen der Caſpar verrathen hätte, und glaubte ſeine Augen nicht gegen ihn erheben zu dür⸗ fen. Durfte wohl er, Caſpars Bruder, deſſen Glück zerſtören und zu nichte machen? Ein Glück das man ihm von Kindheit an als den Gegenſtand aller ſei⸗ ner Träume vor Augen gehalten hatte! Als Caſpar endlich Enoch verließ, ſchrieb dieſer an Harm. Er ſagte ihr Alles was ſein redliches und unverdorbenes Herz empfand, und daß er, ob ſchon er ſie innig liebe, doch eher ſterben als auf Koſten ſeines Bruders die Seligkeit einer Stunde erkaufen möchte. Er bat Harm ihn zu vergeſſen und ihre Liebe wieder demjenigen zuzuwenden der 30 zu ihrem Gatten beſtimmt ſei. Schon am folgenden WMorgen, als ſie ſeinen Brief empfing, hatte er Ulea⸗ burg verlaſſen und wollte nicht eher dahin zurück⸗ kehren als bis er Harm und Caſpar glücklich wußte. Das Schickſal begünſtigte auch dieſen Entſchluß Enochs, denn am nächſten Morgen ſollte ſein Vater eine Geſchäftsreiſe nach Abo machen, und Enoch be⸗ nüzte die Gelegenheit ihn zu begleiten. Als Aberney am Tage vor Harms Verlobung zurückkam, war er allein. Enoch war mit einer Poſt⸗ vacht nach Stockholm weiter gereist. Bleich als ſollte ſie dem Tode angetraut werden, war Harm an dem Tage wo ſie und Caſpar die Ringe wechſelten, einem Tag den die Väter mit großem Jubel feierten, die Mütter aber mit ganz andern Augen betrachteten. Frau Aberg die zärt⸗ liche Mutter, ſeufzte: „Mein armer Caſpar, ich fürchte daß Harm nicht geſchaffen iſt ihn glücklich zu machen.“ Frau Ehrmann hinwiederum dachte: „Meine ſchöne und gefeierte Harm hätte wohl eine beſſere Partie machen können, als daß ſie wie ich Apothekerin wird.“ Caſpar ſah glücklich aus, wie es einem verlieb⸗ ten Bräutigam ziemt und anſteht. Victor Aberney war ſo eben erſt Student gewor⸗ den und befand ſich alſo auf dem Verlobungsball als ein recht großer Cavalier, wenigſtens in ſeinen eigenen Augen. 31 Ein Jahr ſpäter fand die Hochzeit ſtatt. Zu dieſem Feſt kamen auch Tante Sara und Edith nach Finnland. Leztere war jezt ſechzehn Jahre alt und, obſchon ganz und gar keine Schönheit, doch ein recht hübſches und liebenswürdiges Mädchen. Alle ſchie⸗ nen überraſcht durch die vortheilhafte Veränderung die mit ihr vorgegangen, Vater und Schweſter em⸗ pfingen ſie mit herzlicher Freundlichkeit, die Mutter aber zeigte einen vollſtändigen Kaltſinn. Am Hochzeitstage ſah Harm ſo leidend aus, daß Edith mehrere Male fragte ob ſie krank ſei; aber ſie erhielt eine verneinende Antwort. Enoch hatte der Hochzeit des Bruders nicht angewohnt. Harm war während der Trauung ſo heftig aufgeregt, daß ſie nur mit Mühe die üblichen Worte über ihre Lippen brachte, und im Augenblick wo der Prieſter Amen ſagte, taumelte ſie und ſiel ohnmächtig in Caſpars Arme. Als ſie wieder zur Beſinnung kam, hätte ſie heftiges Fieber und konnte ſich den Gäſten nicht zeigen, ſondern mußte zu Bette gehen. Dieß war ein trauriger Schluß eines ſolchen Tages, und es ſah wirklich aus als wollte Harm aus dem Leben ſcheiden. Sie erkrankte an einer ge⸗ fährlichen Entzündung. Mehrere Wochen ſchwebten ihre Mutter und ihr Mann in der tödtlichſten Un⸗ ruhe um ſie. Höchſt eigenthümlich war es daß ſie während hrer ganzen Krankheit keine andere Perſon als Edith an ihrer Seite duldete, und ſo tief das ihre Mutter und ihren Mann ſchmerzte, ſo mußten ſie ſich gleich⸗ wohl fügen, weil der Poctor erklärte daß man ſich —. ihren Wünſchen nicht widerſezen dürfe. Edith wurde alſo ihre eigentliche Wärterin. Wenn Harm ſich in Folge phyſiſcher oder morali⸗ ſcher Martern auf ihrem Lager hin und her warf, konnte nur Ediths Geſang ſie beruhigen. Nach ſechs Wochen befand ſie ſich endlich auf dem Wege der Beſſerung und konnte angekleidet da⸗ liegen, wollte aber noch immer Niemand als Edith bei ſich haben. Die Schweſter war ihr nach dieſer Krankheit gleichſam unentbehrlich geworden, und doch hatte die ſtolze und launiſche Harm ſie in ihren Kinderjahren nicht ausſtehen können und in den Jah⸗ ren der Trennung ihr beinahe niemals geſchrieben. Kam dieß daher daß Edith ihre Vertraute geworden war? Nein. Harm beſaß keine ſolche und wollte auch keine beſizen. Ungeachtet die Mutter mit bei⸗ ſpielloſer Uebertreibung dieſes Kind geliebt hatte, war dieſe Liebe gleichwohl nie von der Art geweſen daß ſie das Vertrauen der Lohte können. Das veränderliche, parteili e und unver⸗ trägliche Weſen der Frau Ehrmann wat nicht ge⸗ eignet Achtung oder Vertrauen einzuflößen. Harm liebte ihre Mutter weil dieſe die einzige Perſon wor die ihr als Kind Liebe gezeigt hatte, aber dieſe Er⸗. gebenheit ging von reinem Egoismus aus; ſie er⸗ zeugte kein Bedürfniß nach dem Rathe der Mutter, tein Verlangen nach einem Worte des Troſtes von ihren Lippen in des Lebens bittern Augenblicken Rein, Harm hatte keinen Wunſch von ihren Gefühle ober Leiden mit einer Mutter zu ſprechen der ſie nicht die Fähigkeit zutraute ſie in dieſem Fall zu verſtehen Dabei war Harm einer jener verſchloſſ 33 nen und rückhaltſamen Charactere welche die Dunkel⸗ heit lieben; man weiß nie was ſie verbirgt, aber man hat immer Urſache ſie zu fürchten. Der Grund warum Harm die Geſellſchaft Ediths vorzog und ſich nur bei ihr wohlbefand, lag ganz einfach darin daß die Schweſter im lezten Jahr täg⸗ lich mit Enoch beiſammen geweſen war, der in Stock⸗ holm bei Tante Sara wohnte. Dieß hatte zur Folge daß Edith häufig von dem Vetter ſprach. Sie be⸗ ſchrieb wie er die Abende zubrachte, welche Vergnü⸗ gungen und welche Beſchäftigungen Enoch hatte, wie gut, redlich und talentvoll er war u. dgl. Harm lauſchte aufmerkſam auf jedes Wort, gleich als fürch⸗ tete ſie ein einziges davon zu verlieren. Oſt veran⸗ laßte ſie Edith dieſelbe Sache mehrere Male zu er⸗ zählen, ohne daß Edith bemerkte daß dieß um Enochs willen geſchah. Harm gab ihrem Wunſche das An⸗ ſehen als wollte ſie ſich das Leben in der Haupt⸗ ſtadt recht klar vergegenwärtigen. Enoch beſaß eine ſchöne Stimme, und alle Lieder die er zu ſingen pflegte ſang auch Edith. Es war ein Troſt für die arme Harm ſie zu hören. Die Folge war daß ſie unwillkürlich den Wunſch äußerte, Edith möchte bei ihr bleiben, was indeſſen der Va⸗ ter und Tante Sara entſchieden verweigerten, weil Edith nach Stockholm zurück müſſe um ihre Sprach⸗ und Muſikſtudien zu vollenden. Als Harm nach Verlauf zweier Monate wieder geſund war, kehrten Edith und Tante Sara nach Schweden zurück, und jezt fühlte ſich Harm ſo ent⸗ ſezlich einſam daß ſie nur mit Ueberdruß ihrer Zu⸗ kunft entgegenſah. Schwartz, Schuld und Unſchuld. I. 3 3 — —— 34 Die ſo traurig begonnene Ehe des jungen Paa⸗— res kam indeß dem oberflächlichen Beobachter ganz glücklich vor. Die lebhafte und feurige Harm war allerdings nach der Krankheit gänzlich verſchwunden und jezt ſtill, ruhig und träumeriſch geworden. Bei⸗ nahe nie zeigte ſie ſich heftig, und von den eigen⸗ ſinnigen und herrſchſüchtigen Launen welche ſie früher gekennzeichnet hatten, fand man keine Spur mehr vor. Es war als hätte ſich eine Wolke über dem Sonnenlicht der Seele gelagert. Harm erſchien deß⸗ ungeachtet jezt einnehmender und lieblicher als zu⸗ vor. In den großen düſtern Augen brannte eine dunkle Flamme die ihnen etwas Zauberhaftes ver⸗ lieh, und um das bleiche ſchöne Geſicht wogten die ſchwarzen Locken wie ſtille Leidenſchaften, welche die gedankenvolle Stirne der jungen Frau in ihrem Schooße beherbergte. Ohne Liebe verheirathet, während das Herz von einem Andern erfüllt war, hartnäckig und verſchloſ⸗ ſen von Character, verlebte Harm in den erſten Jah⸗ ren ihrer Ehe nur eine Reihenfolge endlos trübſeli⸗ ger Tage. Weit entfernt, wie ihre Mutter, dem Willen des Gatten der ihr Herz nicht beſaß ewigen Widerſtand entgegenſezen zu wollen, blieb Harm paſſiv. Sie that Alles um was der Mann ſie bat, widerſprach ihm niemals, war nie ungeduldig oder unfreundlich, aber auch nie zärtlich oder herzlich. Caſpar Aberney, ein Mann von ruhiger un ernſter Gemüthsart, liebte ſeine Frau, machte abe keine romantiſchen Anſprüche an ihre Ergebenheit Bald nach ihrer Krankheit ſchäzte er ſich allzu gl lich ſie in's Leben zurückkehren zu ſehen, als daß e ſie mit Fragen über dieſe merkliche Veränderung ge⸗ quält hätte, beſonders da er dieſelbe als eine Foige der Krankheit betrachtete. Da ſie fortwährend ſtill, nachgiebig und ſanft blieb, ſo fand er ſie weit an⸗ genehmer und liebenswürdiger als während ihrer Verlobung, einer Periode in welcher ſie ihn unauf⸗ hörlich mit ihren Launen und ihrer Heftigkeit ge⸗ quält hatte. Glücklicher Weiſe für Caſpar hatte er es von Kindheit an als ausgemacht betrachtet daß Harm ihm am meiſten vor allen zugethan, daß er der Gegenſtand ſei dem alle ihre Gedanken und Träume gelten; eine angenehme Selbſttäuſchung in Folge welcher der junge Apotheker Harms augen⸗ ſcheinliche Veränderung als eine Folge ihrer Liebe zu ihm betrachtete. Genug, die jungen Eheleute wurden von Jedermann für ungemein glücklich ge⸗ halten. Man ſprach allgemein davon wie ſehr Harm ſich veredelt habe, was für eine hübſche und häus⸗ liche Frau ſie ſei und wie ſie nur höchſt ſelten Ver⸗ gnügungen mitmache. So vergingen zwei Jahre, bis Edith wieder einen Beſuch in der Heimath machte. Ihr Anblick ſchien Harm mit Freude zu erfüllen, und dieſe umarmte die Schweſter mit einer Herzlichkeit die einen leb⸗ haften n auf Edith machte. Dießmal war Tante ara nicht dabei. Edith blieb einen Mo⸗ nat in der Heimath, dann ſollte ſie nach Schweden zurückkehren. Eines Abends, kurz vor ihrer Abreiſe, ſchlug Harm einen Spaziergang durch das Zollthor bis nach Lötan vor. Es war ein ſchöner Abend am 36 Ende Juni. Arm in Arm wandelten die beiden Schweſtern dahin. Edith ſprach von Stocholm, und Harm ging nachdenklich an ihrer Seite. Als ſie nach Lötan kamen, wo viele Jungen aus der Stadt ſich auf dem Felde herumtummelten, ſezte ſich Harm auf einen kleinen Hügel, der von einigen Bäumen beſchattet war. Sie nahm den einfachen Sommerhut ab und unterbrach Edith plözlich mit der Bemerkung: „Ich bin jezt zwei Jahre verheirathet; wie ſehr habe ich mich nicht verändert!“ „Ja ſehr!“ ſiel Edith lebhaft ein,„aber zu Deinem Vortheil.“ „Das meinſt Du bloß.“ Harm lächelte bitter. „Meine Veränderung kommt mitunter daher daß ich jezt gänzlich paſſiv bin.“ Sie faßte Edith beim Arm und fügte heftig hinzu:„Sprich, haſt Du eine wahre Ergebenheit gegen mich?“ „Ja gewiß; ſeit Deiner Krankheit habe ich Dich lieb gehabt; aber Harm, warum machſt Du eine ſolche Frage?“ „Darum weil Du mir eine Probe Deiner Er⸗ gebenheit ablegen mußt. Höre mich an: Seit mei⸗ ner Krankheit habe ich ein brennendes Verlangen gehabt nach Stockholm zu kommen und dort einen Arzt zu befragen. Ich werde von einem innern Lei⸗ den verzehrt.“ Sie verſtummte und dachte:„Gott allein weiß daß ich jezt die Wahrheit rede.“ Warum ſprichſt Du nicht mit Caſpar darüber?“ fragte Edith und ſah die Schweſter beſorgt an. „Er würde unruhig werden, und Mama würbde mich mit ihren ewigen Fragen quälen. Nein, Gdith, 37 eher mag es bleiben wie es iſt, und gleichwohl würde ich, wenn ich nur in die Hauptſtadt onit könnte, ganz ſicher wieder hergeſtellt werden.“. Harm fügte mit angſtvoll bittender Stimmés hinzu: „Edith, hilf mir zur Erfüllung dieſes Wunſches. Es iſt mehr als mein Leben was ich in dieſem Augen⸗ blick von Dir erbitte.“ Edith wurde unruhig als ſie in das aufgeregte Geſicht der Schweſter blickte; aber ſie lächelte ihr freundlich entgegen und verſicherte daß ſie Alles thun wollte um ihren Wunſch zu erfüllen, wenn ſie nur wüßte wie ſie es anſtellen ſollte. „Sprich Du mit Papa; Caſpar richtet ſich in em nach ihm, und Du vermagſt ſo viel über Papa. O Edith, Edith! Wie dankbar werde ich nicht ſein!“ Harm lehnte ſich gegen die Schweſter und weinte. Thränen waren etwas ſo Ungewöhnliches bei Harm, daß Edith ſich nicht erinnern konnte wann ſie dieſelbe zum lezten Mal weinen geſehen hatte. Ge⸗ rührt über dieſen Ausdruck von Schmerz, verſprach Edith Alles aufzubieten, damit Harm ſie nach der Hauptſtadt begleiten dürfe. „Liebe Harm,“ ſagte Edith,„Du kannſt es als ausgemacht anſehen daß Du mitdarfſſt, denn wenn ich einmal Etwas beſchloſſen habe, ſo muß es ge⸗ chehen. Ich bin nicht bloß zum Scherz eine Finnin.“ „Zu Dir ſteht auch meine ganze Zuverſicht; ob⸗ ſchon Du, wie ich, nicht von ungemiſchtem finniſchem Blute biſt, ſo.„ „Will doch Gott was das Weib will,“ fiel Edith ſcherzend ein. 38 Eines Abends am Ende Juli ſpazierten ein älte⸗ rer Herrund zwei junge Damen im Thiergarten. Eine von ihnen war von ſo ungewöhnlicher Schön⸗ heit, daß überall wohin ſie kam die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit ſich ihrer Perſon zuwandte und Jeder⸗ mann flüſterte: „Welch ein ſchönes Geſicht!“ Nachdem ſie eine Weile auf der Ebene luſtgewan⸗ delt und die ſchöne Dame ihre unruhig forſchenden Blicke der wogenden Volksmaſſe nachgeſandt hatte, ſagte der ältere Herr: „Jezt iſt es Zeit ins Theater zu gehen; dort treffen wir Enoch beſtimmt. Ich kann nicht begrei⸗ fen daß wir hier nicht auf ihn geſtoßen ſind.“ „Aſſeſſor P.s Mittagsmahl hat ſich wohl länger hinausgezogen,“ ſagte die weniger ſchöne der Damen, die keine andere als Edith war. „Vermuthlich,“ antwortete ihr Begleiter, in wel⸗ chem wir den ältern Aberney erkennen. „Ich bin mitgekommen um mich an ſeiner Ueber⸗ raſchung zu erfreuen, wenn er Harm treffen würde. Als ich ihn geſtern Abend, während ich Edith zur Schwägerin begleitete, traf, ſagte ich weder ihm noch Sara daß Harm da ſei. Ich wollte ſie gerne heute überraſchen, wenn ſie hier zuſammenträfen.“ Sie ſchlugen jezt den Weg nach dem Thiergarten⸗ theater ein und gingen hinein. Kaum hätten ſie ihre Pläze eingenommen, als ein junger Mann mit ſchönen, edlen und intelligenten Geſichtszüßen, be⸗ gleitet von einer ältern Dame, eintrat. Seine Augen fielen ſogleich auf Aberney, Edith und Harm. Der. Anblick der lezteren überraſchte ihn dermaßen daß er . . derung im Benehmen Harms hervor, die vft ihr lau⸗ 39 unbeweglich vor der Thüre ſtehen blieb, und Gott allein weiß wie lange er ſo geblieben wäre, wenn nicht Tante Sara ihn gezwungen hätte ſie nach den Pläzen zu begleiten die ſie neben den Reiſenden be⸗ ſaßen. Harm hatte Enoch ſogleich bemerkt, und ihre Auf⸗ regung war noch heftiger als die ſeinige. Ein Glück war es für die Bewahrung ihres Geheimniſſes daß Edith und Aberney auch an der Thüre ſaßen und die Aufmerkſamkeit beider auf die Eintretenden ge⸗ heftet war; ſonſt hätte Edith leicht das eigentliche Leiden Harms ergründen können. Jezt konnte ſie ſich einigermaßen erholen, ehe Ediths Augen auf ſie gerichtet wurden. Aberney grüßte Schwägerin und Sohn, dann kam die Reihe an Harm. Tante Sara lächelte, flüſterte der Nichte einige herzliche Worte zu und ſezte ſich neben Schwager Aberney. „Welche Freude, Harm, daß ich Dich auch wie⸗ der einmal zu ſehen bekomme,“ ſagte Enoch mit un⸗ ſicherer Stimme und nahm Plaz neben ihr, „Es iſt ſehr lange daß wir uns nicht mehr ge⸗ troffen haben,“ ſtammelte Harm und legte ihre Hand in die ſeinige. Aber nach einem leichten Druck ließ er ſie los und begann dann mit großem Intereſſe nach den daheim Gebliebenen zu fragen. ð Zwei Wochen lang war Harm täglich mit Enoch zuſamnfen, aber kein Blick, ja nicht einmal ein Zil⸗ tern der Stimme deutete auf eine Spur der frühern Neigung. Das Benehmen Enochs rief eine Verän⸗ 40⁰ niſches Weſen hervortreten ließ. Enoch war gegen Harm wie gegen Edith, und nichts ließ vermuthen daß ſein Gefühl gegen ſie anderer Art ſei. Es war ein bitterer Kampf für das ſtolze Weib. Als ſie vollkommene Gewißheit zu haben glaubte daß ſie nicht mehr geliebt werde, verlangte ſie mit fieberhaf⸗ ter Ungeduld nach Hauſe zurück, ein Wunſch dem Alles entgegenkam. Aberney, der Edith und Harm nach Stockholm begleitet, weil er dort Geſchäfte zu beſorgen hatte, war nach drei Wochen reiſefertig, und Harm zeigte ſich vollkommen zufrieden mit ihm in die Heimath zurückkehren zu dürfen. Genug, die Reiſe wurde feſtgeſezt, und es blieb nur eine ganz kurze Zeit für den Aufenthalt in Stockholm übrig. Einige Tage vor dem Abſchied hatte Tante Sara ihre Verwandten zu einem Ausflug nach ihrer klei⸗ nen Villa beredet die außerhalb des Kungsholmer lag, und wohin ſie einige Freunde geladen atte. Harm war ſchön. Die junge finniſche Dame wurde daher von den eingeladenen Herren mit Hul⸗ digungen umgeben. Alle wetteiferten ein Lächeln oder einen Blck von ihr zu erhalten. Mit feinem Tact verſtund Harm verbindlich zu ſein ohne aufzu⸗ muntern. Ihr Geſpräch war gebildet, zuweilen leb⸗ haft, aber über ihrem ganzen Weſen lag ein ſchwe⸗ rer Schleier, hinter welchem man das Feuer glühen zu ſehen meinte; allein es war kein Feuer das die⸗ ſen Schmetterlingen Hoffnungen geſtattete, ſondern eines das ſagte: Nicht für euch. Enoch war ungewöhnlich ſtill und gedankenvoll; ſeine Augen ruhten unabläſſig auf Harm, ohne daß ——— 41 ſie es jedoch bemerkte, weil ſie nicht ein einziges Mal auf ihn ſchaute. Harms ſtolzes Herz ertrug es nicht daß er glau⸗ ben ſollte, ſie liebe ihn noch, während er ſelbſt auf⸗ gehört hatte es zu thun. Man machte Spaziergang inlarten. Eines der fremden Kinder brach eine weiße Roſe ab und gab ſie Haum Sie befeſtigte ſie an ihrer Schärpe. In demſelben Augenblick ſchaute ſie auf und war ganz überraſcht Enoch vor ſich zu ſehen. Ueber Wangen, Stirne und Hals flog eine Purpurröthe als ſie ſeinen Augen begegnete. In dieſem Blicke lag Etwas das ſie im Nu in die Vergangenheit zu⸗ rückverſezte, aber es war eine Offenbarung die in der nächſten Secunde verflog; denn Enoch wandte ſogleich ſeinen Kopf ab und ſagte in gleichgiltigem Tone: „Eine ſchöne Blume das!“ „Ja, mir gefällt die weiße Roſe beſſer als die rothe,“ antwortete Harm. Sie konnte nicht dieſelbe Macht über ihre Stimme gewinnen wie er. Die übrige Geſellſchaft begann eine lange Er⸗ örterung über rothe und weiße Roſen, und als man bei dieſer Gelegenheit an einen ſchmalen Fußſteig kam der ſich abwärts neigte, ſagte Enoch kächelnd zu Harm: „Liebe Schwägerin, willſt Du nicht meinen Arm zur Stüze annehmen?“ arm nahm ihn.. Es war das erſte Mal daß er ihr ein ſolch ver⸗ iches Anerbieten machte. War es Irrthum oder 42 Wirklichkeit, Harm meinte, durch Enochs Arm gehe ein Zittern, als ſie den ihrigen hineinlegte. Sie kamen, ohne daß Harm recht wußte wie, den Andern ein gut Stück voran. „Woher mt Deine Vorliebe für die weißen Roſen?“ fr Enoch. „Gott weiß, ich habe mir das nie klar gemacht.“ „Dann bin ich glücklicher, denn ich weiß warum ſie mir gefallen.“ „Laß hören! Ich bin neugierig darauf.“ „Ich kann eine weiße Roſe nie ſehen, ohne mir vorzuſtellen daß ſie ein Bild des Frauenherzens ſei. So rein wie die Blätter der Roſe ſind, muß es an Gedanken und Gefühlen ſein. Auch verachte ich den „Mann der die Gebote des Gewiſſens ſo ſchlecht ver⸗ ſteht, daß er die Frau die er liebt Verſuchungen ausſezt die den mindeſten Schatten auf ihre Seelen⸗ reinheit werfen können.“ „Aber, Enoch, die Vernunft des Mannes kann nicht immer über ſeine Gefühle Wache halten, und deßhalb thun wir am Beſten, wenn wir Andere nicht zu ſtreng beurtheilen.“ „Beim Weib wie beim Mann müſſen Ehre und Pflicht vorherrſchen, ſonſt ſind ſie verächtlich.“ „Nimm Dich in Acht; das Schickſal kann ſich ſo rächen daß Du Dich ſelbſt vor Deinen Gefühlen ducſt.“ „Nein, Harm, das kann nie geſchehen.“ Eine lange Pauſe folgte. Harm ſprach dann von gleichgiltigen Dingen; aber ihre Wangen waren weiß wie die Blätter der Roſe in ihrer Schärpe. Als man nach Hauſe zurückkehrte, wurde Muſit 43 gemacht. Edith ſang und ſang ſo daß ſie alle Welt entzückte. In einen Armſtuhl zurückgelehnt, ſaß Harm in dem Cabinet das an den Saton grenzte. Sie hörte den Geſang nicht, ſo ſehr war ſie von den Gedanken an Enoch in Anſpruch genommen, ſo ſehr ſehnte ſie ſich nach einer Gewißheit ob ſein Blick wirklich ein Spiegelbild ſeiner Gefühle oder nur ein trügeriſches Luftgebild geweſen. Enoch ſtand unmittelbar vor der Thüre des Ca⸗ binets; er hatte ſeinen Rücken Harm zugekehrt und . ſchien gänzlich in den Geſang verloren. Als dieſer verſtummte, wandte er ſich um; in demſelben Augen⸗ blick erhob ſich Harm um in den Salon hinauszu⸗ gehen. Bei dieſer Bewegung verlor ſie die weiße Roſe die in der Schärpe ſteckte. Ohne von Enoch ſcheinbar Notiz zu nehmen, ging ſie an ihm vorbei und trat in eine der aufgeſchlagenen Glasthüren, wo ſie ſtehen blieb und ſich mit Edith unterhielt. Wäh⸗ rend ſie daſtand, konnte ſie ins Cabinet hineinſehen und bemerkte ſehr wohl daß Enoch, einige Augen⸗ blicke nachdem ſie es verlaſſen hatte, hineinging. Durch die Vorhänge an den Glasthüren verborgen, drehte ſie ihren Kopf und ſchaute ihm nach. Sie ſah wie Enoch haſtig die Blume aufhob, an ſeine Lippen führte und an ſeiner Bruſt verbarg. „Jezt kann ich glücklich ſterben,“ dachte Harm im ebermaß ihres Gefühles.„Ich weiß daß er mich noch liebt.“ Die übrigen Stunden des Abends war ſie ver⸗ gnügt und voll Seligkeit. Sie ſcherzte und lächelte, aber ohne ihre Worte an Enbch zu richten. Seine Stirne dagegen verfinſterte ſich immer mehr, und 44 auf der Heimfahrt war Enoch ſo düſter, daß es ſo⸗ gar Aberney und Edith auffiel. Am folgenden Morgen genügte jedoch die Ge⸗ ſchichte mit der Blume nicht mehr für Harms Herz. Gatte, Pflichten, Alles war vergeſſen. Sie beküm⸗ merte ſich nur um Eines, nämlich um die Gewißheit ob ſie geliebt werde oder nicht. Sie hatte ja nur noch zwei Tage Friſt bis zu ihrer Abreiſe, und ſie fand es unmöglich Stockholm zu verlaſſen, ehe Enoch mit Worten bekräftigt hätte was ſeine Blicke und die Bewegung mit der Blume ihr zu verſtehen gaben.— Den ganzen Tag wurde ſie von einer fieberhaften Angſt beherrſcht, die äußerſt peinlich wurde als Enoch nicht zum Vorſchein kam. Aberney war fort; Edith war mit einigen Bekannten ausgegangen; Harm hatte erklärt, ſie ſei unwohl und könne nicht mit⸗ kommen; Tante Sara hatte viel mit Speiſevorräthen und andern Reiſevorbereitungen zu ſchaffen, und ſo ſah Harm auch ſie nicht. Gegen Abend kam Enoch nach Hauſe und fand Harm allein im Wohnzimmer. Ohne ſcheinbar im Mindeſten dadurch genirt zu ſein, begann er davon zu reden wie ſehr er beſchäftigt geweſen, und dann ging das Geſpräch auf andere Gegenſtände über. Enoch redete von der Heimath, und wie er ſich ſehne ſeine Brüder und ſeine Mutter wieder zu ſehen. Sein ungezwungenes Weſen wirkte auf Harm, ſo doß auch ſie allen Zwang ablegte. „Wirſt Du nächſten Sommer nach Finnland hinüberkommen?“ fragte ſie.. „Ja, ganz ſicher. Ich habe den Verſuch früher 8 ð Enoch ergriff ſie. 45⁵ nicht wagen wollen,“ fügte er mit einem wehmüthi⸗ gen Lächeln hinzu. „Und warum nicht?“ „Weil ich meiner eigenen und vielleicht auch einer fremden Kraft mißtraute. Ich wäre ſehr unglücklich geweſen, wenn ich bei ihr eine Schwäche entdeckt hätte die den von ihr übernommenen Pflichten zu nahe getreten wäre.“ Enoch ſchien aufgeregt, Harm dagegen vollkommen ruhig „Eine ſolche Befürchtung, lieber Enoch, iſt mir unerklärlich. Glaubteſt Du daß ſie ihre Gattin⸗ pflichten nicht kenne?“ „Harm, höre mich an,“ rief Enoch lebhaft.„Als man mir ſchrieb daß Du an Deinem Hochzeitstag erkrankt ſeieſt, entſtand in meinem Innern der bit⸗ tere Gedanke daß daß„ „Es war eine heftige Erkältung,“ fiel Harm fro⸗ ſig ein.„Es war nicht der Mühe werth ein ſo großes Gewicht auf Deine und meine Kinderneigung zu legen, die doch nichts Anderes als eine Kinde⸗ rei war.“ „Kinderei!“ wiederholte Enoch ernſthaft.„Ich weiß recht gut daß mein Gefühl gegen Dich von Re⸗ ferer Natur war.“ „Im Fall Du von unſerer Freundſchaft ſprichſt, ſo hoffe ich daß ſie ſtets eine geſchwiſterliche Erge⸗ benheit bleiben werde,“ antwortete Harm mit freund⸗ lichem Lächeln;„aber die Thorheiten die Dich veran⸗ laßten Uleaburg zu verlaſſen hätten Dich nicht abhal⸗ ten ſollen uns zu beſuchen, denn im Ganzen können wir doch darüber lachen.“ Sie reichte ihm die Hand. „Harm, Du biſt ein großes und edles Weib. Als ſolches haſt Du ſtets vor meiner Phantaſie ge⸗ ſtanden, als ſolches bewahrte ich Dich immer gern in meiner Erinnerung. Dank, tauſend Dank, Du meine erſte und einzige Liebe, daß ich Dich ſo wie⸗ der gefunden.“ Er küßte ihre Hand; ein Schauer ging durch Harms ganzes Weſen, und ſie ſchloß ihre Augen um ihre äußere Ruhe bewahren zu können. „Um meinetwillen brauchſt Du Deine Heimath und Deine Angehörigen nicht mehr zu fliehen.“ „Um Deinetwillen nicht, aber.. 2 „Keine Aber, denn Deines Bruders Frau kann unmöglich für Deine Ruhe gefährlich ſein.“ Harm lächelte ſo ſchweſterlich gegen ihn.„Laß uns das Vergangene vergeſſen und gute Verwandte und Freunde bleiben.“ „Du biſt glücklich?“ „Ja, ich bin ſehr glücklich,“ verſicherte Harm. „Harm, laß uns dieß Geſpräch nicht länger fort⸗ ſezen. Ich habe dabei meine ganze Schwachheit kennen gelernt. In dieſem Augenblick wünſche ich daß ich Dich nie wieder geſehen hätte.“ Er erhob ſich und ging einige Male im Zimmer auf und ab. Harm ſaß in dem Sopha zurückgelehnt und dachte: „Mein Leben wollte ich gern dafür geben, wenn ich ſagen dürfte wie innig, wie ausſchließlich ich ihn liebe; aber ein einziges Wort das die Gefühle mei⸗ nes Herzens andeutete, würde mir für immer ſeine Achtung und mit ihr ſeine Liebe rauben.“ Sie drückte die Hand hart gegen ihre Bruſt und ſeuſzte.— Bei dieſem Tone blieb Enoch ſtehen. 47 „Du ſeufzeſt, Harm,“ ſagte er.„Sollteſt auch „Ob ich mich nach meinem Heimweſen und mei⸗ nem Manne ſehne. Ja.. Harms Augen ruh⸗ ten forſchend auf Enoch. Sie ſah ihn die Farbe wechſeln und fügte hinzu:„Ich kann nicht ohne Un⸗ ruhe daran denken wie lange Caſpar mich vermiſ⸗ ſen muß.“ „Er liebt Dich noch immer gleich innig?“ „Ja, das thut er gewiß.“ „Und wie wäre es wohl anders möglich? Du gehörſt nicht zu denjenigen die man vergeſſen kann. Ach Harm, Du wirſt es nie verſtehen wie ich Dich geliebt habe und bis in meinen Tod lieben werde.“ Es entſtand eine Pauſe. Harm beſaß nicht die Kraft zu antworten. Tante Sara's Ankunft unter⸗ brach alles weitere Geſpräch. Zwei Tage ſpäter war Harm abgereist. Caſpar begrüßte ſeine Frau mit Freude und Herzlichkeit, und es hätte einen angenehmen Eindruck auf Harm machen müſſen ſich noch immer gleich ſehr von ihrem Manne geliebt zu ſehen; aber ſie blieb kalt dagegen und verſchmähte es in ſeiner Er⸗ gebenheit einen Troſt und Erſaz für die ihr von der Pflicht auferlegte Entſagung zu ſuchen. Die junge Frau hatte nicht gelernt daß es hier im Leben für alle Leiden und Oyfer einen Troſt gibt, nämlich das Bewußtſein erfüllter Pflichten. Harm verwarf Alles was ihren innern Kummer verringern konnte, und fand einen Genuß darin im Schmerz gleichſam zu 48 erſtarren. Ihr Körper, nicht ihre Seele war es was in die Heimath zurückkehrte. Ohne alles Intereſſe für die äußere Welt, em⸗ pfing ſie mit gänzlicher Gleichgiltigkeit die Nachricht daß ihr Mann einen jungen Auskänder, einen Deutſchen wie es hieß, zu ſich genommen habe. Caſpar wurde dafür bezahlt daß der junge Jvano ſich in ſeinem Laboratorium beſchäftigen durfte. Derſelbe ſollte Chemiker werden. In ein Gefühl maßloſer Sehnſucht verſunken und ihrer ganzen Umgebung überbrüſſig, ſchenkte Harm dem jungen Menſchen wenig Aufmerkſamkeit und re⸗ dete ihn ſelten oder niemals an, obſchon Caſpar ſie oft darum erſuchte. In Folge ſolcher Bitten konnte es geſchehen daß ſie einige nichtsſagende Worte an den Jüngling verlor, wenn er ſich bei den Mahlzei⸗ ten einſtellte oder Abends in den Familienkreis kam; ſonſt aber benahm ſie ſich als ob er gar nicht für 1 ſie vorhanden wäre. Jvano ſeinerſeits konnte Harm nicht aus dem Auge laſſen, vom Moment an wo er das gleiche Zimmer mit ihr betrat, bis er es wieder verließ. Sie war zu ſchön um nicht ein Gegenſtand der Bewun⸗ derung für den gleichalterigen Jüngling zu werden. Einige Wochen nach Harms Rücktehr traf jedoch ein Ereigniß ein, das ſie der einſilbigen Trägheit worein ſie verſunken war einigermoßen entriß. De⸗ bora Aberney ſtarb nach kurzer Krankheit und hin⸗ terließ Mann und Söhne in tiefſter Trauer. Harm beweinte die Heimgegangene, weil ſie wußte wie ſeht der Verluſt der geliebten Mutter Enoch zu Herzen gehen würde, beſonders weil er dieſe ſo theuern 49 Züge ſeit drei Jahren nicht wieder geſehen hatte und ſie nun nie mehr ſehen ſollte. Ein Jahr war über Deboras Gruft dahingerollt, als Frau Ehrmann ihrer Schwägerin ins Grab folgte. Harm wurde nach der Mutter Tod noch ſtiller und verſchloſſener, ohne daß Caſpar darauf achtete. Er gehörte zu denjenigen Männern die es für eine Weichheit anſehen ſich beſtändig mit ihrer Frau zu unterhalten, beſonders da in Harms ſtets nachgiebigem und paſſivem Weſen Etwas lag was äußerſt einförmig wurde, ſo daß er ſeine ſchöne Frau ſehr oft langweilig fand. Auf Alles was er ſagte, „ antwortete ſie immer Ja und ließ ſich nie auf eine Erörterung ein, ſo daß Caſpar gegen ſeine Freunde äußerte: „Meine Frau iſt ſo verliebt daß ſie, um mit nicht zu mißf ie ei andern b mißfallen, nie einen andern Gedanken hat 5 Der arme Caſpar, wie verblendet war er nicht, um nicht in Harms ganzem Benehmen einen deu ausgeſprochenen Lebensüberdruß, eine vollſtändige Bleichgiltigkeit gegen Alles zu ſehen! Hätte Harm einen Freund, einen Vertrauten beſeſſen mit dem ſie ihre Gefühle und ihre Leiden beſprechen konnte, ſo würde die Richtung in ihrem Innern keinen ſo furcht⸗ baren Character angenommen haben wie es jezt der Fall war Eines Tags war Caſpar aus der Apotheke herauf⸗ gemmen und hatte eine Flaſche mitgebracht, die er n einen Schrank in ſeinem Zimmer ſtellte wo er ſeine Droguen verwahrte. Dabei äußerte er: „Unſer Leben iſt doch ein gebrechlich Ding: einige Shwart, Schuld und Unſchuld. I. 4 aber in dieſem Augenblick kam eine Magd herein. Harm ſtellte ganz haſtig die Flaſche weg und ſchloß Tropfen von dieſer Flüſſigkeit hier und die Lebens⸗ lampe erliſcht augenblicklich.“ „Iſt es Gift?“ fragte Harm. „Ja, und dazu eines das augenblicklich tödtet.“ Caſpar ſchloß den Schrank und legte den Schlüſ⸗ ſel in ſeine Tiſchſchublade. Als er ſich entfernt hatte, zog Harm den Schlüſſel hervor und öffnete den Schrank. Sie nahm die Flaſche und betrachtete ſie,„ während ſie in Gedanken die Worte ihres Mannes wiederholte: „Einige Tropfen davon und die Lebenslampe er⸗ liſcht! Und ich könnte mich alſo von einem Leben befreien das mir unerttäglich wird! Wer würde mich vermiſſen? Niemand. Einige Wochen nach meinem Tode wäre ich vergeſſen. Ich habe kein Kind und folglich kein Band das mich ans Leben knüpft.“ Sie griff nach dem überbundenen Glaspropf, den Schrank. Dieß geſchah indeß nicht ſchnell genug, denn die Magd bemerkte ihre Bewegung. „Herr Aberney wünſcht Sie zu ſprechen,“ ſagte die Magd und warf einen neugierigen Blick im Zim⸗% mer umher.„Der Tauſend, was doch die Frau mit dieſen Flaſchen zu thun haben mag?“ dachte ſie:„der Herr hat ja ſo ausdrücklich Jedermann verboten ſie anzurühren.“ Harm erhielt von ihrem Schwiegervater einige 5 Aufträge, in Folge deren ſie in die Stadt zu gehen hatte, was den ganzen Tag in Anſpruch nahm⸗ Abends ſaßen die beiden alten Freunde bei den jun⸗ 4 51 gen Leü en im Salon und rauchten ihre Pfeifen⸗ Harm hatte Haushaltungsgeſchäfte bekommen die ſie in der Küche aufhielten. Als ſie in den Saal tre⸗ ten wollte, hörte ſie Aberney ſagen: „Siehſt Du, Ehrmann, daß ich doch von An⸗ fang an Recht hatte, als ich Dir von Deiner Hei⸗ rath mit Roſa abrieth? Aber Du warſt eigenſinnig.“ „Und dafür habe ich auch büßen müſſen. Meine Ehe war ſo unglücklich, daß ich ſeit meiner Wittwer⸗ zeit ſchon manchmal Gott für die Erlöſung aus die⸗ ſen Banden gedankt habe.“ „Ich dagegen werde nie aufhören Debora zu ver⸗ miſſen.“ „Das iſt natürlich; denn wo gegenſeitige Liebe iſt, da iſt auch Glück; aber wo dieſe fehlt, da iſt der Tod die einzige Rettung die man hoffen kann.“ Harm ſtand lange unbeweglich da, ohne weiter von dem Geſpräch zu hören. Sie wiederholte: „Wo Liebe fehlt, da iſt der Tod der einzige Ret⸗ ter der übrig bleibt; das Beſte iſt alſo zu ſterben?“ Dieſe lezten Worte hatte ſie, ohne es beinahe zu wiſſen, laut ausgeſprochen. „Ganz und gar nicht,“ antwortete eine freund⸗ liche Stimme, und ſie fühlte ein Paar Hände die ſie um den Leib faßten. Es war Victor, der aus Abo gekommen war um auf einige Wochen zu Hauſe zu bleiben. Er präparirte ſich aufs Examen. Von dieſem Tage an wurde Haim unruhig und launiſch. Es war als ginge ein ſchwerer Kampf in ihrem Innern vor. Victor entdeckte während ſeines Aufenthaltes zu Hauſe bald daß Harm einen Kummer hatte; aber, Aberney in Folge eines plözlich tödtenden Giſtes hatte, lag zerbrochen neben ihm. 52 war dieß auch zu verwundern? Im Vetl uf von anderthalb Jahren hatte ſie ja Mutler und Schwie⸗ germutter verloren. In Victor regte ſich jedoch der Argwohn daß Harm ihren Mann nicht liebe, ſondern von einer geheimen Liebe verzehrt werde.. Eines Tags, ſechs Wochen nach Victors Heim⸗ kehr nach Uleaburg, ſaßen Aberney und Victor am Mittageſſen bei Ehrmann, als eine von Caſpars* Mägden zu ihnen hereinſtürzte und rief: k „Der Herr iſt todt vom Stuhle gefallen, nach⸗ dem er von einem Glas Wein getrunken hatte.“ Die beiden Alten und Victor eilten über die Stroße und in Caſpars Wohnung. Sie fanden ihn rücklings auf dem Boden liegend und Harm, mehr einer Bildſäule als einem lebendigen Weſen ähnlich, über ihn hingebeugt. Der herbeigerufene Arzt erklärte daß Caſpar geſtorben ſei. Der Reſt des Weines wurde unter⸗ ſucht; man fand aber kein ſolches darin, und ebenſo wenig in den Ueberreſten der Speiſen die auf dem Teller waren. Das Glas woraus Caſpar getrunken Jezt folgte eine genaue Unterſuchung, woraus„ ſich ergab daß unter den von Caſpar aufbewahrten Drognen die Flaſche mit der Blauſäure geöffnet wor⸗ den war. Eine Magd erzählte, ſie habe eines Tags geſehen wie die Frau gerade dieſe Flaſche in den Schrank zurückgeſtellt habe. Da während der Mahl⸗ 3 zeit Niemand im Zimmer geweſen war, außer der Dienerin und Harm; und da leztere. den Wein ein⸗ geſchenkt hatte woran Caſpar ſtarb, ſo wurde eine —ůÜ Unterſuchung angeſtellt bei welcher auf Harm ein ſtarker Schein fiel daß ſie ihren Mann vergiftet habe, obſchon die öffentliche Meinung ſie vollkommen frei⸗ ſprach. Man wußte ja daß die beiden Gatten ganz glücklich gelebt hatten. Ein Nebenumſtand machte ſie ſehr verdächtig, nämlich daß auf das Nastuch das ſie an dem Tag gebrauchte Blauſäure verſchüttet worden war. Der Prozeß wirkte erſchütternd auf Alle. Harm zeigte jedoch dabei eine Ruhe und Würde die ſelbſt dem Richter imponirten. Kaum hatte die Unterſuchung begonnen, als Enoch nach fünfjähriger Abweſenheit ganz plözlich in Ulea⸗ burg auftrat. Brieflich von dem unglücklichen Ende des Bruders und dem auf Harm fallenden Schattèn von Verdacht unterrichtet, eilte er herbei um ihr wo möglich als Juriſt beizuſtehen. 3 „ Das Zuſammentreffen zwiſchen Beiden war für ihn im höchſten Grad ſchmerzlich. Harms ganze Er⸗ ſcheinung bewies wie ſehr ihre Seele von den bittern Leiden verheert wurde die ſie getroffen hatten. Sie war ſo bleich und ſo abgezehrt daß ſie wie ein Schat⸗ B geöeh ten von ſich ſelbſt erſchien. Bei der erſten Beſpre⸗ chung mit Enoch war ſie ſehr aufgeregt, bei der zwei⸗ ten vollkommen ruhig. Es handelte ſich da nur um eine genaue Schilderung alles deſſen was ſich an Caſpars Todestage zugetragen hatte. Mit vollkom⸗ mener Klarheit beſchrieb Harm Alles vom Kleinſten bis zum Größten. Enoch brachte es zu Papier; dann ſprach er mit ſeinem eigenen und mit Harms Vater, welche bezeugten daß ſie vom Anfang bis zum Schluß ihrer Che eine gute Frau geweſen ſei, ein Zeugniß das auch alle Leute im Hauſe ihr gaben. 3 Nie hatten die Dienſtboten einen Streit zwiſchen den Gatten gehört, ſondern Harm hatte ſich immer nach⸗ giebig und freundlich gegen ihren Mann gezeigt. Freilich ſtimmten auch alle darin überein daß ſie ſeh ſtill und ſchwermüthig geweſen. Nach all dieſen Unterſuchungen und den beharr⸗ lichſten Verhören unter den Lehrlingen und Proviſo⸗ ren in der Apotheke, erinnerte ſich Jvano daß er am Morgen des Todestages in Caſpars Zimmer geweſen ſei und dort auf dem Tiſch ein Weinglas geſehen habe. Caſpar habe eine ſchwarze Flaſche in der Hand gehalten, während er mit Jvano geſpro⸗ chen. Dieſe Aufſchlüſſe gaben Anlaß zu neuen Nach⸗ forſchungen, woher das Glas genommen worden ſei aus welchem Caſpar getrunken. Die Magd erklärte, ſie habe es aus dem Schrank geholt, aber als Enoch fragte ob ſie an dieſem Tage kein Glas aus Caſpars Zimmer getragen habe, zeigte es ſich daß ſie ein ſolches, das auf dem Tiſche ihres Herrn geſtanden, in den Schronk geſtellt, weil es ganz rein ausge⸗ ſehen habe. Jezt ſchien die Sache klar. Caſpar hatte das Glas gebraucht und Blauſäure hineinge⸗ ſchüttet; die Magd hatte es ihm dann vorgeſezt, und ſo hatte die Vergiftung ſtattgefunden.* Am Nochmittag wurden dieſe Aufklärungen bei dem ſtattfindenden Unterſuchungsverhör vorgebracht, und Harm, die dadurch beinahe vollkommen von aller Verdacht befreit worden, ſaß ganz allein in ihren Haus, als Jvano bei ihr eintrat. „Entſchuldigen Sie, Madame,“ ſagte er auf fran zöſiſch,„daß ich Sie ſtöre. Aber ich komm Ihnen Lebewohl zu ſagen. Ein Brief von meinem Gönner ruft mich ſogleich nach Petersburg.“ Harm antwortete einige allgemeine Phraſen. Als ſie fertig war, ergriff Jvano einen Stuhl und ſezte ſich neben ſie. „Sie erwarteten daß ich mich jezt entfernen würde; aber ehe ich dieſes Haus verlaſſe, wo ich von Ihrem verſtorbenen Mann ſo viel Gaſtfreundſchaft und von Ihnen ſo viel kalte Höflichkeit empfangen, habe ich 3 einige Worte zu ſagen. Sie ſind ein außerordent⸗ lich ſchönes Weib; man kann Sie nicht ſehen ohne ein Meiſterwerk des Schöpſers in Ihnen zu bewun⸗ dern. Ich bin jung, und kein Wunder alſo wenn Ihre Schönheit einen tiefen Eindruck auf mich ge⸗ macht hat— doch das iſt jezt vorbei. Beim Tod Ihres Mannes haben Sie in meinen Augen auf⸗ gehört ſchön zu ſein,“ fügte er mit ſtarker Betonung hinzu.„Sie haben indeß lange Zeit den Gegenſtand meiner wärmſten Gefühle gebildet. Ihr ganzes We⸗ ſen war geſchaffen um in einer Jünglingsbruſt ſchlum⸗ mernde Träume zu wecken. In Folge meiner ſtillen Anbetung und Bewunderung für Sie habe ich heute vor Gericht eine Erklärung abgegeben, wodurch der Tod Ihres Mannes den Schein eines unglücklichen Zufalles gewinnt und Sie von allem Verdacht be⸗ freit werden. Aber, Madame, das geſchah nicht um Ihret⸗ ſondern um meiner ſelbſt willen. Ich wollte dieſen Namen den ich einſt verehrt und geliebt hatte, nicht durch einen ſchrecklichen Verdacht gebrandmarkt hören, wenn auch meine Gefühle jezt das Gegen⸗ il von dem geworden ſind was ſie früher 3 en. ein an ſie hinterlaſſener Brief vermuthen laſſe, mit den bevorſtehenden Krieg vergeſſen wurden. 56 „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte Harm ſtolz und † blickte Jvano düſter an.„Wenn das was Sie vor meinem Schwager und vor Gericht erzählt haben unwahr iſt, wer hat Sie denn gebeten mit einer er⸗ dichteten Geſchichte aufzutreten?“ „Meine frühere Schwäche für Sie hat mich dazu beſtimmt.“ Jvano richtete ſich auf und flüſterte Harm einige Worte ins Ohr. Die junge Wittwe wurde noch bleicher als ſie geweſen. Sie ſtierte Jvano an; die⸗ ſer aber fügte mit einer Verbeugung hinzu: „Das Grab und ich ſind gleich ſtumm. Leben Er eilte aus dem Zimmer, und Harm lehnte ſich bebend in den Sopha zurück. Etwas ſpäter am Abend kam die Poſt mit zwei unglücksſchwangeren Nachrichten, einer perſönlichen und einer öffentlichen. Leztere enthielt den Befehl an die finniſchen Re⸗ gimenter ſich ſchleunigſt auf den Kriegsfuß zu ſtellen; ie andere war von Tante Sara. Sie meldete Ehrmann unter Ausdrücken der tieſſten Verzweif⸗ lung, daß ſeine Tochter Edith verſchwunden und, wie einem Ruſſen nach Petersburg gereist ſei. Dieſe beiden Hiobspoſten wirkten ſo heftig auf Ehrmann, daß er vom Schlage getroffen wurde und nach einigen Tagen ſtarb. Sein Hinſcheiden, die Unterſuchung über Ca⸗ ſpars Tod und Ediths Flucht waren lauter Ereigniſſe die über der allgemeinen Unruhe beim Gedank 57 öffentliche Aufmerkſamkeit wurde ſo ausſchließlich dar⸗ auf gerichtet, daß man alle Privatereigniſſe bei Seite ſezte. Im Februar 1808 brachen die ruſſiſchen Truppen unter General Buxhövden über die Grenze. In Folge der ruſſiſchen Proclamation hoffte man noch daß die begonnenen Feindſeligkeiten ein glückliches Ende nehmen könnten, aber leider war Guſtav Adolph 1V. zu ſtarrköpfig um ſeine Kraft klug zu be⸗ 3 faßten Beſchluß heilig zu halten, alle verſtändigen † Rathſchläge und Warnungen verwarf. Er ſezte das Wohl des Landes auf einen einzigen Wurf und öff⸗ nete die Thore deſſelben für alle Verheerungen des Krieges. Finnland hatte ſich einige Zeit lang von den un⸗ ſeligen Kriegen die es verheert erholen können; mit freudiger Hoffnung hatte es den allgemeinen Wohlſtand auf dem Boden der ſo viel von ſeiner Kinder Blut getrunken erblühen geſehen. Beim Ausbruch des Krieges von 1808 blühte 3 Finnland, das kann man dreiſt ſagen, ſowohl in ma⸗ terieller als intellectueller Beziehung. Die Bevöl⸗ kerung hatte mit jedem Jahr bedeutend zugenommen, und mit ihr vermehrten ſich auch die Producte des Landes. In wiſſenſchaftlicher Bildung war es eben⸗ falls vorangeſchritten, und die Univerſität Abo konnte ſich vollkommen mit den ſchwediſchen meſſen. Stille bildete ſich hier eine Reihe von Männern die jedem Jahrhundert zum Ruhm nereichen würden. Namen wie Porthan, Calonius, Menander, Tengſtröm, Ga⸗ dolin und Hällſtröm werden in der Geſchichte der rechnen, und die Folge war daß er, um einen ge⸗ 8 Gelehrſamkeit mit ausgezeichneter Ehre aufbewahrt bleiben; ſie zeugen von der Kraft und Beharrlichkeit die ſtets eine intellectuelle Ueberlegenheit hervorge⸗ rufen und ſie fruchtbar gemacht haben. Stolz auf ſein Land und ſeine Söhne, träumte Finnland von fortwährendem Voranſchreiten, als der Kriegsſturm kam und die Veränderlichkeit des Glückes bewies. O Finnland! Welcher Schwede kann ohne Schmerz an den 17. September 1809 denken? Da wurde der Friede zwiſchen Schweden und Rußland abge⸗ ſchloſſen, ein Friede der dich von dem ſchwediſchen Mutterherzen losriß, welches nie aufhören wird den Verluſt des Kindes zu beweinen auf das Schweden ſo ſtolz war. Treu und ſtark wie deine Felſen, haſt du ein Jahrhundert den Verheerungen des Krieges Troz geboten, für dein Land geſtritten und geſiegt mit einem Muth und einer Entſagung die dein Volk zu einem der ſeltenſten machen, was dieſer lezte für Schweden ſo unglückliche Krieg am beſten beweist, und worüber Adolph Jvar Arvidſon ſich folgender⸗ maßen ausſpricht: „So endete dieſer für den ſchwediſchen Soldaten immer gleich ehrenvolle, obſchon nicht immer gleich glückliche Feldzug. Beinahe ohne Unterſtüzung von Schweben, beſtand das finniſche Heer einen gänzlich ungleichen Kampf mit überlegenen Feinden zuweilen mit einem unter ſolchen Umſtänden erſtaunlichen Er⸗ folg, und erkämpfte ſich überhaupt mehrere Siege als die früheren Kriege, ſelbſt im Verein mit Schwe⸗ dens geſammelter Streitmacht, darboten. Bei dem großen Mißverhältniß in Bezug auf die Kräfte de kriegführenden Parteien war es vorherzuſehen 46 — 3 ¹ 59 das kleine finniſche Heer zulezt unterliegen mußte; aber wie es Siege ohne Ehre gibt, ſo gibt es auch Niederlagen die unſterblichen Ruf mit ſich füh⸗ ren, und dieß kann man von den Niederlagen des finniſchen Heeres ſagen. Bei der Erinnerung an all den Heldenmuth der ſich im Kriege des Jahres 1808 kundgab, fühlt man ſich verſucht den Betrug zu verfluchen der es wagte ein ſolches Volk zu ver⸗ rathen.“ Sechs Jahre ſpäter. In einer freundlichen Gegend mitten in Schwe⸗ den lag die ausgezeichnet ſchöne Landrichterwohnung von Särnäs. Das Jahr zuvor war ein neuer Rich⸗ ter mit ſeiner Frau hier aufgezogen. Landrichter Enoch Aberney war zwar noch jung für den Poſten den er erhalten, aber dieſe raſche Beförderung hatte er durch ſeine ungewöhnlichen Kenntniſſe ſo wie ſeine große Tüchtigkeit und Recht⸗ ſchaffenheit gewonnen, lauter Eigenſchaften welche den gebildeten Finnen mehr oder weniger auszeichnen. Seit zwei Jahren war er mit Harm, der Wittwe ſei⸗ nes Bruders, verheirathet. Das erſte Jahr ihrer Ehe hatten ſie in Stockholm zugebracht, worauf Enoch 35 Lundgericht erhielt und ſich in Särnäs nieder⸗ i Harm war ſeit zwei Jahren die Gattin des Man⸗ nes den ſie von Kindheit auf ſo ausſchließlich geliebt hatte. Enoch beſaß jezt dieſs Fran, die in ihrer 60 Perſon alles Hohe und Edle vereinigte was er am Weibe anbetete. Beide waren alſo ſehr glücklich? Ja, Enoch war es wirklich; aber wie es Harm zu Muthe war, das ließ ſich nicht ſo leicht beſtimmen. Wenn ſie Enoch an ihrer Seite hatte, vergaß ſie Alles über der Freude des Augenblicks; aber es war nicht dieſes friſche, lächelnde und friedliche Bild in⸗ nigen Glückes und innerer Zufriedenheit, ſon⸗ dern eine gewiſſe fieberhafte Unruhe worüber ein Trauerſchleier ausgebreitet lag. Der Liebe roſige Freude war in Wolken gehüllt oder auch von ſtillen und unruhigen Träumereien geſtört. Ueber Harms innere Welt war ein Schatten geworfen der nie da⸗ von wich. „Die Erinnerung iſt es die mich quält,“ pflegte ſie Enoch zu antworten, wenn er ſie zärtlich fragte, warum die Wolke beſtändig auf der bleichen Stirne weile. Enoch liebte ſie doppelt in ſolchen Augen⸗ blicken. Sie wäre nicht ſeine feinfühlende Harm ge⸗ weſen, wenn ſie über dem gegenwärtigen Glück leicht⸗ ſinnig die unheimlichen Bilder der Vergangenheit hätte vergeſſen können. Nach zweijähriger Ehe wurde Harm Mutter, und die düſtern Erinnerungen ſchienen jezt beinahe weg⸗ geblaſen zu ſein. Sie ſchien wirklich glücklich und Enochs Seligkeit war vollkommen. Das Leben lächelte ihm ſo verheißungsreich entgegen, als ein äußeres Ereigniß kommen und das Glück verjagen ſollte. Beim zweiten Herbſtgericht ſeit Enoch ſein Amt angetreten, kam eine garſtige Verbrechergeſchichte vor⸗ Eine Bäurin wurde ängeklagt ihren Mann vergiſtet 61 zu haben. Am erſten Unterſuchungstag, als Enoch aus dem Gerichtsſaal kam, war er bleich, und zum erſten Male ſeit ſeiner dreijährigen Ehe ruhte ein Zug von Düſterheit über ſeinem Geſichte. Harm fragte was es ſei, und er antwortete: „Ach meine geliebte Harm, es wird mir mitunter recht ſchmerzlich Richter zu ſein, denn man bekommt den Menſchen in ſeiner tiefſten Erniedrigung zu ſehen. Der Anblick des Verbrechers regt immer unſer In⸗ neres auf.“ Beim Mittageſſen war Enoch ſchweigſam und ſein Blick ruhte mit einem ſchmerzlichen Ausdruck auf Harm. Einer der Notare bemerkte während der Mahlzeit: „Haben Sie gehört, Frau Landrichterin, welches abſcheuliche Verbrechen wir heute vorhatten?“ „Nein,“ antwortete Harm,„aber aus Aberneys düſterem Ausſehen kann ich ſchließen daß es etwas Ungewöhnliches war.“ „Eine ganz junge Bäurin iſt angeklagt ihren Mann durch Gift ermordet zu haben,“ antwortete der Notar. Harm erblaßte; ein Schauer ging durch ihr gan⸗ zes Weſen. In dieſem Augenblick ſah ſie auf ihren Mann. Er ſchaute ſie unruhig forſchend an. Sonderbar,“ ſagte Enoch, indem er ſeine Frau betrachtete,„ich werde ganz ſicher das arme Weib zum Tod verurtheilen müſſen, und doch iſt ſie mög⸗ * licherweiſe unſchuldig.“ 3„Das iſt unmöglich, Herr Landrichter,“ fiel der Notar ein;„es liegen gar zu viele Beweiſe gegen ſie vor.“ 62 „Nichts iſt unmöglich,“ erwiderte Enoch und rich⸗ tete ſich vom Tiſche auf. Als er Harm küßte, nahm er ihren Kopf in ſeine Hände und ſah tief in ihre Augen; dann flüſterte er mit aufgeregter Stimme: „Armes Kind!“ Harm verbrachte die Zeit wo Enoch bei Gericht war in ihr Zimmer eingeſchloſſen, indem ſie Kopf⸗ weh vorgab. Abends, als Enoch zu ihr kam, tru⸗„ gen ihre Augen Spuren von Thränen, und man konnte deutlich ſehen daß ſie viel geweint hatte. Enoch war jezt freundlich, herzlich und heiter wie gewöhnlich. Er plauderte munter und liebkoste Harm; aber als er ſie an ſich zog und mit den zärtlichſten Namen nannte, begann ſie wieder zu weinen. Am folgenden Tag ſchien Harm ruhig, obſchon eine gewiſſe Wehmuth auf ihren Zügen ruhte. Die Unterſuchung gegen die des Mords angeklagte Bäurin währte den ganzen Morgen, und bei der Mahlzeit war Enoch wieder nachdenklich. Der Prozeß gegen die Verbrecherin machte die Wolke auf Enochs Stirne immer düſterer. Er war freundlich gegen Harm, zuweilen leidenſchaftlich zärt⸗ lich, aber es wurden nur wenige Worte zwiſchen ihnen gewechſelt. Er ſchien einem Geſpräch mit ihr ausweichen zu wollen. Am lezten Gerichtstag, ehe er ausging um der Giftmiſcherin ihr Urtheil zu ver⸗ kündigen, kam er zu Harm herein. Sie ſaß an der Wiege ihres ſchlafenden Kindes. Enoch betrachtete beide eine lange Weile, dann küßte er Harm auf die Stirne und ſagte ſanft: „Nur diejenige die unglücklich, aber nicht ver ℳ 63 brecheriſch war, kann es wagen die Freuden der Mut⸗ terſchaft zu genießen. Nicht wahr, meine Geliebte?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, küßte er ſie und fügte hinzu: „Auf Mittag iſt das Gericht aus, und dann, Harm, wirſt Du mir mit einem Lächeln auf Deinen ſchönen Lippen entgegentreten, ſo daß ich Alles was mich quälte vergeſſen kann. Wir eſſen allein. Der Gerichtshof iſt ins Pfarrhaus eingeladen, aber ich habe für meine Perſon abgelehnt.“ Als Harm allein war, ſank ſie an der Wiege des Kindes auf die Kniee nieder und ſtammelte unter heftigem Schluchzen: „Nur diejenige die keine Verbrecherin iſt, kann es wagen die Freuden der Mutterſchaft zu genießen. O Jeſus Chriſtus, erbarme dich über mein unſchul⸗ diges Kind!“ Harm richtete ein beinahe feſtliches Mahl an. Der zierliche Tiſch ſtand mitten im Zimmer gedeckt. Mit einem Lächeln hinter welchem ſie den ganzen Schmerz verbarg der in ihrer Seele wohnte, ging ſie dem eintretenden Enoch entgegen und bot ihm ihre Lippen zum Kuſſe. Enoch blieb gleich an der Thüre ſtehen. Sein Blick fiel auf den Tiſch wo eine Weinflaſche ſtand, und gleich als hätte dieſer Anblick eine ſchreckliche Erinnerung hervorgerufen, fuhr er mit der Hand über die Stirne und holte einen tiefen Seufzer Als er dann ſein Geſicht Harm zuwandte, war es ſtreng, milderte ſich aber, als er ihrem liebreichen Blick begegnete. Man ſezte ſich. Harm that Alles um liebenswürdig zu ſein. 64 Der Zufall, dieſe unerklärliche und geheimnißvolle Macht, wollte daß man dieſen Mittag Geflügelbra⸗ ten hatte, ein Gericht das Harm nicht gerne auf ihrem Tiſche ſah, weil es das lezte war das Caſpar gegeſſen, ehe er das unglücksſchwangere Wein⸗ glas geleert hatte. Als Enoch ſeine Portion ver⸗ zehrt hatte, nahm Harm die Weinflaſche und ſchenkte ihm ſein Glas ein, aber ohne das ihrige zu füllen. „Trinkſt Du keinen Wein?“ fragte Enoch in* einem Ton der von ſeinem gewöhnlichen ganz ver⸗ ſchieden war. „Nein, Enoch, Du weißt ja daß ich nie Wein trinke,“ antwortete Harm. „Ja es iſt wahr, Du trinkſt nicht, Du ſchenkſt bloß Deinen Männern ein.“ Die Stimme war ſcharf und hart. Er ergriff das Glas und fügte hinzu:. „Vor ſechs Jahren, ja juſt am heutigen Tage ſchenkteſt Du Deinem erſten Manne Wein ein.“ 5 Enoch goß langſam, beinahe tropfenweiſe ſein Glas auf den Teller aus, indem er dann mit dum⸗ pfer Stimme fortfuhr: „Ich will ſehen ob nicht auch auf dem Boden dieſes Glaſes Gift liegt.“ Sein durchdringender Blick hing feſt auf den todtenbleichen Zügen ſeiner Frau. Als er die lezten Worte ausſprach, fuhr Harm auf und rief verzwei lungsvoll: 6 „Gnade, Barmherzigkeit!“ Sie warf ſich vor Enoch auf die Knie und ergri ſeine Hand. Er zog ſie weg, ſtüzte ſeinen K . 65 darauf und ſagte, indem er fortwährend die Knieende firirte: „Im Cabinet des Mannes be dieſer Schrank enthielt Flaſchen mit Gift; eines Ta⸗ ges, juſt an demſelben Tag den wir jezt haben, vor ſechs Jahren, ging die Frau in dieſes Zimmer, nahm eine ſchwarze Flaſche und ſchlich in den Saal hin⸗ aus, wo der Tiſch gedeckt ſtand. Ins Glas des Mannes goß ſie einige Tropfen der farbloſen Flüſ⸗ 5 ſigkeit, dann ſtellte ſie die Flaſche wieder an ihren laz, nachdem ſie dieſelbe mit ihrem Nastuch ab⸗ etrocknet. Einige Augenblicke darauf tritt ſie dem anne mit ihrem holdeſten Lächeln entgegen. Sie läßt ihn mit ſeinen Lieblingsgerichten bedienen, und endlich ſchenkt ſie ein Glas von dem Weine ein und (Enoch ergriff mit heißt ihn trinken. Er trinkt! krampfhafter Heftigkeit ihren Arm.) Und nachdem er dieſes Glas geleert, das ſie ihm mit ſo treuloſer Freundlichkeit gereicht hat, ſtürzt er todt zu ihren Füßen.“ Enoch erhob ſich und riß Harm buchſtäblich aus ihrer knieenden Stellung auf, indem er rief: „Unglückſelige, Du haſt mich betrogen; Du warſt 5 Buunſnin Du haſt meinen Bruder gemordet, un t Er ſchleuderte ſie weit von ſich, fuhr mit den Händen durch ſein Haar und rief in ver⸗ zweiflungsvollem Tone: „Und ich, ich habe die Mörderin meines Bruders geheirathet!“ fand ſich ein Schrank; „Höre mich ehe Du verdammſt!“ „Folge mir,“ war Alles was er antwortete; dann ging er in ſein Arbeitszimmer ünd verriegelte die Thüre hinter ſich. Am folgenden Morgen kam ein Bote ins Pfarr⸗ haus mit der ſchrecklichen Nachricht, Landrichter Enoch Aberney habe ſich in der Nacht erſchoſſen, und ſeine liebenswürdige Gattin ſei vor Kummer verrückt ge⸗* worden. Schluß der Einleitung. Srlull und Anſrlun. Erſter Theil. In den Falten ihres Mantels hatte die Zeit zehn Jahre eithrr Zehn Winter hatten ihren Schnee über Eno Aberney's Gruft geworfen, und ſechzehn Jahr ug hatte Schweden den Verluſt Finnlands bewei i Mit Schmerz und Sehnſucht blickte Schwe⸗ mn Verlorenen nach, und von Finnlands treuer Bruſt wurde mancher Seufzer nach der ſchwediſchen Küſte entſandt. Vergebens ſuchte man in Uleaburg nach einem der Abkömmlinge Ehrmanns und Aber⸗ ney's. Die Apotheke war in fremden Beſiz gekom⸗ men und das Aberneyſche Haus war ein Raub der Flammen geworden. Von Aberney's drei hoff⸗ nungsvollen Söhnen lebte nur noch der jüngſte, aber er wohnte nicht mehr in ſeiner Vater⸗ ſtadt. Was war wohl aus Ehrmanns beiden Töchtern geworden? Man wußte es nicht. 3 Victor Aberney war Profeſſor an der Univer⸗ ſität Abo geworden und dort anſäßig. Er beſuchte Uleaburg niemals. Das Frühlingsſemeſter von 1825 war in Abo zu Ende. Profeſſoren und Studenten begaben ſich fort, 70 um nach den ausgeſtandenen Strapazen den Som⸗ mer zu genießen und ſich zu reſtauriren. Auch Pro⸗ feſſor Aberney verließ die Univerſitätsſtadt und zog auf ein kleines Landgut, etliche Meilen von Abo, das er juſt damals gekauft hatte. Es hatte eine ab⸗ geſchiedene Lage. Der Profeſſor gedachte den Som⸗ mer dort zuzubringen, ohne eine andere Geſellſchaft als Tante Sara, die ſeinen Haushalt beſorgte. Aber⸗ ney war Junggeſelle. In den frühern Sommern war er auf einen Hof gezogen, den er gepachtet hatte; aber da Aberney dort nicht ungeſtört aus⸗ ruhen durfte, ſo hatte er ſich weiter hinn. geben. Victor Aberneys Beſchäftigung während Aufenthaltes in Junta(ſo hieß ſein G darin beſtehen daß er ſich in ſeine wiſſenſchaftlichen und muſicaliſchen Studien vertiefte. Er war ein be⸗ liebter Componiſt und ausgezeichneter Muſiker. Auf ſeinen Sommerausflug nahm er eine ganze Biblio⸗ thet Bücher und Muſicalien mit und verbrachte ſeine Tage gerne ſo, daß er im Walde ausgeſtreckt lag und einen ſeiner Lieblingsautoren las, oder daß er mit einem Buch in der Gegend umherſtreifte, oder auch vergaß er die ganze äußere Welt bei ſeiner Violine oder ſeinem Clavier; denn er liebte die Ein⸗ ſamkeit und ſuchte nie freiwillig eine andere Geſell⸗ ſchaft als die Natur, ſeine Bücher und die Muſik. Er war damals noch nicht volle vierzig Jahre alt, von hohem Wuchs und kräftigem Bau, hatte eine freie und offene Stirne, auf welcher intellectuelle u moraliſche Ueberlegenheit thronte, und in jedem Zu 71 lag ein ſtark ausgeprägter Ausdruck von Character⸗ feſtigkeit. Er ſah wie ein echter Finne aus, recht⸗ ſchaffen, klug und entſchieden. Im Uebrigen war er ein genialer Gelehrter der nie etwas Anderes als ſeine Bücher geliebt, ein geiſtreicher Componiſt der nie für etwas Anderes als die Muſik geſchwärmt hatte, und ein rechtſchaffener Mann der für ſein Va⸗ terland leben wollte. Er entzog ſich dem Geſellſchaftsleben ſo viel als möglich; aber wenn er daran Theil nahm, that er es nicht wie ein halb aberwiziger, zerſtreuter Bü⸗ cherwurm, deſſen Manieren ein Lächeln hervorriefen, n wie ein gebildeter und angenehmer Geſell⸗ ſ S ram Ende Mai, eine Woche nach Aber⸗ ney kunft auf Junta. Mit einigen Büchern 2 Arm begab ſich der Profeſſor nach einem ſeiner Lieblingspläze im Walde. Aber kaum war es ihm gelungen ſich im zarten Graſe auszuſtrecken, als eine Stimme rief: „Victor, Victor!“ „Sieh, da kommt Tante Sara; was kann die Alte von mir wollen?“ dachte der Profeſſor und ſah ganz verdrießlich aus. In dieſem Augenblick ſchim⸗ merte eine Frauengeſtalt zwiſchen den Bäumen her⸗ vor. Es war ein kleines mageres Frauenzimmer, mit großer Sorgfalt und Zierlichkeit gekleidet, ohne daß jedoch etwas Uebertriebenes in ihrem Aufzug lag. Die ausgezeichnet feine und ſchöne Spizen⸗ haube war einfach und blendend weiß. Das davon umſchloſſene Geſicht war ganz ſicher vor etwa dreißig oder vierzig Jahren ſchön geweſen; jezt war es klein und ausgetrocknet, zeigte aber noch feine und regel⸗ mäßige Züge. Die braunen tiefliegenden Augen waren äußerſt lebhaft und hatten einen gemiſchten Ausdruck von Schärfe und Freundlichkeit. Ihr gan⸗ zes Weſen trug das Gepräge einer raſtloſen Thätig⸗ keit. Als ſie leichten und ſchnellen Schrittes Aber⸗ ney erreicht hatte, ſagte ſie mit kurzer und haſtiger Stimme: „Lieber Victor, es iſt nicht recht daß Du mir davon ſpringſt; Du ſollteſt mich genug kennen um zu wiſſen daß ich Dich doch bekomme, wenn ich ein⸗ mal zu einem Geſpräche entſchloſſen bin.“ Tante Sara breitete ihr Taſchentuch auf dem Boden aus, ſtrich ihr Kleid glatt und ſ ſe ſch ein Stück von Victor hinweg. „Es iſt nichts Leichtes mir zu enttol das kann ich Dir gleich ſagen,“ fügte Sara mit ſchlauer Miene hinzu. „Ich merke es,“ ſeufzte Victor und ſchlug ſein Buch zu; dann fragte er: „Nun warum verfolgſt Du mich ſo hartnäckig, Tante?“ „D Du weißt es recht wohl,“ ſagte Sara und ſtrich mit großer Sorgfalt eine Falte an ihrer Schürze glatt.„Hätteſt Du nicht geahnt was es war, ſo wäreſt Du nicht ſo ſchnell hinweggelaufen.“ „Liebe Tante, wenn es ſich darum handelt den Brief zu leſen, ſo..“ Victors Brauen zogen ſich zuſammen,„ſo verſichere ich Dich duß es ſich nicht der Mühe lohnt. Ich bitte Dich in aller Freund⸗ ſchaft, ſprich mir nicht mehr von der Sache.“ „Nach dieſer Warnung haſt Du alſo Dein Ge⸗ F 73 wiſſen beruhigt in Bezug auf das was zwiſchen Dir und mir geſchehen kann, im Fall wir einander in die Haare gerathen ſollten? Sonſt will ich Dir mel⸗ den daß Tante Sara nicht ſehr ängſtlich iſt, und deßhalb. Sie zog einen Brief aus ber Taſche. Augen⸗ blicklich war Victor auf den Beinen. „So iſt es aus mit meiner Geduld,“ rief er. „Ich verſichere Dich, Tante, daß ich nicht zum Mit⸗ tageſſen heimkomme, im Falle noch ein einziges Wort von der Sache geſprochen wird.“ mit machte Victor einige lange und haſtige daß er weit von Tante Sara hinweg⸗ blieb ſizen und ſah ihm nach. Als ſie m Auge verloren hatte, murmelte ſie: ring immer zu, mein Junge, aber ſieh, es hilft nichts oder hältſt Du denn Deine alte Tante für ein ſo armſeliges Geſchöpf, daß ſie das Recht nicht verfechten könnte weil Du davon laufſt? O Du biſt viel zu ſicher. So gewiß ein Mann bei ſeinem Wort und ein Ochſe bei ſeinem Pflug blei⸗ ben muß, ebenſo ſicher iſt daß, wenn ein Weib Etwas will, dieß durchgeſezt wird, und wenn auch zehn Männer ſich quer in den Weg ſtellen. Jezt will ich daß Du den Jungen nehmen ſollſt, weil es recht und billig iſt, und das wird auch geſchehen.“ WMit dieſem Vorſaz erhob ſich Tante Sara und trippelte nach dem Hofe hinauf. Sie ſezte ſich mit ihrer Arbeit in den Erker und ſchaute jeden Augenblick uniher, ob die Knechte und Mägde arbei⸗ teten. Sie waren mit Anordnung der Blumenbeete beſchäftigt. — Gegen Mittag kam Aberney nach Hauſe. Als er Tante Sara im Erker ſizen ſah, blieb er am Gatterthor ſtehen, als wäre er unentſchloſſen, ob er in den Hof hineingehen ſollte oder nicht; aber als ſie, ohne auf ihn zu achten, mit ihrer Nähterei fortfuhr, foßte Aberney einen Entſchluß und ſezte ſeinen Weg fort. Als er die Hausflur hinaufging, ſagte er: „Guten Tag, liebe Tänte! Kann man bald eſſen?“ „Eſſen?“ rief Sara.„Du ſagteſt ja daß Du nicht zum Eſſen heimkommen wollteſt?“ „Hm!“ Mehr antwortete Aberney nicht ging in den Saal hinein. Tante Sara b und nähte ganz verzweifelt. Vietor gin auf und ab. Nach einer Weile kam hinaus. „Ich möchte doch jezt Etwas zu eſſen bekom „So, ſo, Du möchteſt Etwas zu eſſen bekommen, und ich ſoll mich bei Deinen Wünſchen ſchnell bereit zeigen; aber wenn ich Etwas zu ſprechen habe, ſo lauſſt Du davon und ſagſt, Du wolleſt lieber Nichts eſſen als mich anhören. So viel iſt gewiß und wahr daß „Ei, ei, liebe Tante, ſei nur nicht böſe; Du weißt ja daß es nur ein einziger Gegenſtand iſt von dem ich nichts hören will.“ „Und da glaubſt Du daß ich ſchweigen werde? Du meinſt, ich laſſe mir Stillſchweigen befehlen?“ Tante Sara war ernſtlich böſe. „Ich dente, Du werdeſt artig ſein und mir ein Eſſen geben,“ fiel Victor lachend ein. 8 75 Tante Sara erhob ſich brummend und ging in die Küche hinaus. „Jezt kann ich überzeugt ſein daß ich mit Pöckel⸗ fleiſch bewirthet werde,“ dachte Victor und ſezte ſich auf die Treppe. Nach einer Weile erſcholl die Stimme der Tante: „Jezt kannſt Du hineingehen und eſſen.“ Victor ging in den Saal. Es war bloß für eine Perſon gedeckt. „Nun, was bedeutet das? Wirſt Du nicht mit⸗ en?“ fragte er. ich bin nicht hungrig.“ fuhr in die Küche hinaus, und Victor ſezte er murmelte: eAlte iſt aufgebracht. Es iſt doch ſchrecklich n Weibern daß ſie ſo zankſüchtig ſind.“ er Profeſſor hob den Deckel von der Platte und war vollkommen überzeugt daß er Pöckelfleiſch zu ſehen bekommen würde, was gar nicht ſeine ſchwache Seite war; aber er täuſchte ſich. Es war ein Fleiſchge⸗ richt. Nachdem er ſein Eſſen mit tüchtigem Appetit erpedirt hatten, ging er in den Erker hinaus um ſeine Pfeiſe zu rauchen und mit ſeinem großen Hühnerhund zu ſpielen. Tante Sara ließ ſich nicht blicken, ſondern die Magd brachte den Cafe. Aberney war nach dem Eſſen ſo ſehr an Sara's Geplauder gewöhnt daß es ihm ganz leer und öde vorkam. Bald verfiel er in Gedanken, aber dieſe mußten von eigener Art ſein, denn eine Wolke um die andere zog ſich um ſein Geſicht. Er vergaß das Rauchen und die Cafetaſſe blieb unberührt ſtehen. Plözlich wurbe das Schweigen umher von einer klaren ſchönen Kin derſtimme unterbrochen die ein finniſches Volkslied ſang. Aberney fuhr beim Klang dieſer Töne die aus dem Walde kamen zuſammen. Es war daſſelbe Lied das Edith geſungen hatte, als ihr Vater ſie zum erſten Mal hörte. In Victors Seele riefen dieſe Töne ſo manche bittere Erinnerungen zurück. Mit geſpanntem Intereſſe lauſchte er auf Melodien welche die Bilder von dem theuren elterlichen Hauſe und Allen die er geliebk hatte zurückführten. Als der Geſang aufhörte, blieb er noch immer, den Kopf in die Hand gelehnt, in Träumereien verſunk 3 Es war eine Stimme, ganz wie die ihrig er, und merkte nicht daß er dieſen Geda ausſprach, bis Tante Sara ſagte: „Und gleichwohl werden diejenigen die verwandt find der Armuth preisgegeben, Du ſo leicht...“ „Tante,“ rief Victor heftig, indem er ſich „was für Poſſen haſt Du da vor?“ „Mit Poſſen kannſt Du Dich ſelbſt beluſtigen, oder glaubſt Du vielleicht ich habe es ſo veranſtaltet daß dieſes Lied geſungen werde?“ „Ja das glaube ich; wer hat geſungen?“ „Vermuthlich ein Nachbarskind. Die Sache iſt übrigens ganz gleichgiltig; ich kam bloß um 3 Weiter kam Sara nicht. Aberney erhob ſich ſo⸗ gleich und ſchlug mit haſtigen Schritten den Weg in ſein Zimmer ein, das er doppelt verſchloß. „Welch ein Stierſchädel!“ brummte Tante Sara. —— erhob, 77 Der Abend war ungewöhnlich mild. Die Sonne war nahe daran ſich in Auroras Schooß zu verber⸗ gen, als Aberneys Thüre ſich wieder offnete und er in den Saal hinaustrat von wo er nach dem Erker ging. Dort war kein Menſch, und froh einem Zuſammentreffen mit Sara zu entgehen, wandelte Victor über den Hof und durch den Wald, bis er ans Ufer kam. Da warf er ſich in's Gras, nahm den Hut ab und ließ den Abendwind koſend über ſeinen Scheitel ſtreichen, während ſeine Augen der Bewegung des Waſſers folgten. ie Vögel lockten einander und ſchienen ſich an dem herrlichen Abend zu erfreuen. Aberney lag am Fiß einer Klippe und war gänzlich verborgen von den dichten Gebüſchen. Aus ſeinen tiefen Gedanken wurde der gelehrte Mann durch ein raſchelndes Ge⸗ töne oben auf der Klippe und einige Steine geweckt, die herabrollten und dicht neben ihm fielen. Ehe er ſich aufrichten konnte um nach der Urſache dieſer ewegung zu ſehen, ließ ſich eine ungewöhnlich ſtarke und klangvolle Kinderſtimme hören, die ein Lied ſang das zu den älteren Volksmelodien, und zwar zu den⸗ jenigen gehörte deren ſich Aberney aus ſeinen Kin⸗ derjahren erinnerte. Die Stimme ſang jeden Vers zweimal, und mit ſo muſicaliſcher Auffaſſung, daß ſie Aberneys ganzes Intereſſe weckte. Als die Töne endlich verklangen, ſprang er auf um die Sängerin zu ſehen. Auf dem Fels ſaß ein kleines Mädchen. Ihr Kopf war abgewandt, denn ſie ſchaute nach dem Waſſer. Aberney konnte alſo nur ihr Profil ſehen, aber dieſes war von ſeltener, regelmäßiger Schön⸗ heit. Die ganze Form dieſes einnehmenden kleinen Kopfes war hübſch, und man ahnte leicht daß ſie in der Nähe ungewöhnlich reizend erſcheinen mußte. Sie war noch Kind und konnte höchſtens zehn oder elf Jahre zählen. Aberney betrachtete das Mädchen lange mit un⸗ verwandter Aufmerkſamkeit; endlich drehte ſie den Kopf und ſah ihn. Sie erhob ſich ſogleich um hin⸗ abzueilen. S „Mein Kind, ſchlag dieſen Fußſteig hier ein,“ ſagte Aberney,„dann brauchſt Du nicht klettern.“ Das Mädchen nickte zuſtimmend; leich Geiſt ſchwebte ſie herab und ſtand ne Augenblicken vor Aberney, den ſie mit ei thümlich freimüthigen und offenen Blick beg „Wie wagſt Du es allein hier im Walde 5 gehen?“ fragte er von ihrer Erſcheinung gefeſſelt. „Warum ſoll ich es nicht wagen? Ich bin ganz allein und ſo an den Wald gewöhnt, wo ich meine Lieder den Vögeln vorſinge, die ihnen lauſchen, daß ich den Berg und die Bäume da lieb habe, und obſchon ich mir oft gewünſcht daß die Ajatten*) ſich, oſienbaren und mich irre führen möchten, ſo iſt es doch noch nicht geſchehen.“ „Wohnſt Du hier in der Nähe?“ „Ja gewiß. Ich bin der Wittwe Tochter, wie ſie mich nennen. Meine Heimath iſt Ektorp. Aber wer biſt Du? Ich habe Dich noch nie geſehen.“ ) Dem finniſchen Volksglauben zufolge ein weiblicher Walvgeiſt der die Leute im Wald irre zu leiten pflegt. —— Das Mädchen betrachtete den ſtattlichen Mann, deſſen Ausſehen ihr Vertrauen einflößte. Bei Kin⸗ dern iſt der erſte Eindruck gänzlich entſcheidend. Nicht Ueberlegung oder Verſtand ſpricht in dieſem Alter, ſondern der reine Inſtinct. Das Mädchen ſezte ſich, während ſie ſprach, auf einen Stein am Strande, und begann flache Steine die ſie aus dem Sand aufhob in's Waſſer zu wer⸗ fen, ſo daß ſie hoch aufhüpften. „Duwillſt wiſſen wer ich bin,“ antwortete Aberney lächelnd und ſezte ſich auch auf einen Stein.„Ich bin der neue Beſizer von Junta.“ Ah jezt weiß ich; dieſer ſchöne Hof da drüben im Walde. Die alte Annika ſagte, es ſei ein Herr dah gezogen den ich ſehr fürchten müſſe.“ Das Mädchen begann zu lachen.„Du ſiehſt nicht gerade gefährlich aus. Weißt Du was ich dachte als Annika behauptete, ich dürfe nicht in den Hof gehen?“ „Laß hören.“ „Das Erſte was ich thun müſſe ſei daß ich da⸗ hin gehe. Das that ich auch heute Mittag; aber es waren Leute da die arbeiteten, und deßhalb wollte ich nicht weiter gehen. Wie ärgerlich! Ich habe jezt ſchon lange keinen Stein mehr zum Schnellen gebracht. Gewiß haſt Du böſe Augen.“ Sie be⸗ trachtete Aberney. „H nein, es kommt daher daß Du zu ſchwere teine wählteſt,“ antwortete er, ungemein beluſtigt von der Art des Mädchens.„Aber ſag einmal, warum hat Annika geſagt daß ich gefährlich ſei?“ „Ja, das weiß ich nicht; aber geſtern, als ich von einer meiner Wanderungen nach Hauſe kam 80⁰ ſagte ſie: Höre einmal, Schuldfried, Du darſſt nicht nach Junta gehen. Dort wohnt ein Herr der gegen alle kleine Mädchen und beſonders gegen Dich Böſes vorhat. Als die Alte dieß ſagte, ſah ſie ganz er⸗ ſchrocken aus, und dieß hat auch dazu beigetragen daß ich nach Junta gehen mußte.“ „Du biſt alſo nicht beſonders gehorſam?“ bemerkte Aberney. „O nein, Annika gehorche ich nicht ſehr. Wenn ſie Etwas ſagt, ſo thue ich immer das Gegentheil.“ „Wem gehorchſt Du denn?“ „Ich gehorche Mama,“ antwortete das n ganz ernſthaft. „Wie heißeſt Du?“ „Schuldfried Smith,“ ſagte die Kleine l ſich mit dem Bemerken:„Nein, ich darf nicht länger mit Dir ſchwazen, ſondern muß jezt heimgehen. Komm morgen Abend hieher, dann will ich auch kommen und Dir meine Lieder vorſingen.“ Sie nickte und eilte leicht und flink wie ein Vögelchen und dachte: friſches und unverdorbenes Wilbe. Ich möchte doch wiſſen In Juſta⸗war während der Abweſenheit des Pro⸗ feſſors ein Junge von vierzehn Jahren angelangt. Er fragte nach Fräulein Sara Ehrmann und wurde von ihr umarmt und unter Thränen geherzt und geküßt. Die Alte war bei ſeinem Anblick ſo tief aufgeregt 81 daß ſie lange nicht ſprechen konnte, ſondern den Jun⸗ gen feſt an ihre Bruſt drückte und wie ein Kind ſchluchzte. Als die erſte heftige Gemüthsbewegung ſich gelegt hatte, folgte eine Maſſe von Fragen. Tante Sara hatte viel was ſie wiſſen wollte. Nachdem ihre Neugierde einigermaßen befriedigt war, ſagte ſie: „Jezt, liebes Kind, will ich Dich auf Dein Zim⸗ mer führen, wo Du heute Abend zu bleiben haſt. 368 muß mit Victor ſprechen, ehe ich Dich ihm vor⸗ telle.“ Sara bewirthete den Jungen mit dem Beſten was ihre Vorrathskammer vermochte; dann führte ſie ihn in ein Stübchen im obern Stock. Nachdem e ordenlich dort inſtallirt war, trippelte die Alte hinab und trat in den Erker hinaus, juſt in dem Augenblick wo Victor nach Hauſe kam. Da ſie noch nicht ganz im Klaren war wie ſie Aberney auf die Ankunft des ungebetenen Gaſtes vorbereiten ſollte, und ihren Angriffsplan noch nicht ausgedacht hatte, ſo ſah ſie beim Anblick ihres Reffen ganz überraſcht aus. „Ei der Tauſend, kommſt Du ſchon wieder heim?“ ſagte ſie in ungewöhnlich freundlichem Tone. „Komme ich Dir zu bald, Tante?“ fragte ien mit gutmüthigem Lächeln.„Es iſt zehn r! „Schon ſo ſpät?“ Saras Toi war ganz außer⸗ ordentlich mild.„Dann iſt es nicht zu früh daß Du ein Abendbrod bekommſt.“ Sara huſchte in die Küche, und nach einer Weile ſtand ein zierlicher Tiſch mit friſchen Eiern und an⸗ Schwartz, Schuld und Unſchuld. I. 6 82 dern Lieblingsgerichten Aberneys im Erker. Wäh⸗ rend all dieſes Wohlwollen aus der Speiſekammer der ſonſt ſehr ſparſamen Sara auf ihn herabhagelte, dachte er: „Was wohl die Alte ankommt? Sie tractirt mich ſonſt meiner Seele nicht, wenn ich nicht auf ihre Pläne eingegangen bin. Gewiß hat ſie eine Abſicht dabei daß ſie mir ein ſo prächtiges Mahl aufträgt.“. Zu Aberneys großer Verwunderung ſprach Sara ſowohl bei als nach dem Eſſen beinahe von nichts Anderem als dem Hof, den nöthigen Verbeſſerungen und dergl. Als Victor gegeſſen hatte, blieb er noch lange ſizen und rauchte. Sara leiſtete ihm Geſell⸗ ſchaft und ſtrickte dazu mit ihrer gewöhnlichen Em⸗ „Du verderbſt ja die Augen mit Deinem Stricken, Tante, denn es iſt ſchon dunkel,“ ſagte Aberney und erhob ſich. Die Pfeife war ausgeraucht. „Ganz und gar nicht, denn ich ſehe nie auf meine Strickerei. Aber jezt mag es Zeit ſein zur Ruhe zu gehen; gute Nacht!“ Die Alte ſah auf ihre Schürze, nickte Aberney zu und ging hinaus. „Sie lebt gewiß nicht mehr lang. So Etwas habe ich nie geſehen,“ ſagte Aberney und rief ſeinen getreuen Anders, welcher der Kammerdiener und das Factotum des Profeſſors war; er hatte ſchon bei Victors Eltern gedient. Als Anders von dem Pro⸗ feſſor herauskam, begegnete er Sara in der Vorhalle. Sie fragte ob ſein Herr ſchon liege. „Ja, Fräulein, er hat ſich ſo eben gelegt.“ * ———————— — 02 83 „Haſt Du ihm verſchweigen können daß ein Gaſt angekommen iſt?“ fragte Sara. „Ach Herr Jemine, wie Sie ſo ſprechen mögen, Fräulein! Ich hatte Ihnen ja verſprochen kein Wort zu ſagen.“ „Das iſt recht, lieber Anders; geh jezt und leg Dich.“ Sara ging in den Saal und dann direct zu Aberney in ſein Schlafzimmer. Anders dachte, während er über den Hof ging: „Ich möchte mein ſündiges Leben daran wagen daß es der Sohn der Harm iſt. Er hat ja ihre warzen Augen. Wollen jezt ſehen wie der Pro⸗ die Veranſtaltung aufnimmt. Nun, nun, man hon fragen dürfen.“ Wähend Anders ſolche Schlüſſe machte, hatte Abe t nicht geringer Verwunderung Tante ra zu ſich hereinkommen geſehen, und zwar nach⸗ dem er bereits zur Ruhe gegangen war, was der ehrbaren alten Jungfrau ſonſt nicht mit der Sittſam⸗ keit vereinbar ſchien. „Was gibt es daß Du um dieſe Zeit herein⸗ kommſt, Tante?“ rief er, indem er ſich ganz gefan⸗ gen fühlte, wie eine Ratte in der Falle. Wus auch' die Alte jezt zu ſagen haben mochte, ſo mußte er es anhören, denn es gab durchaus keine Möglichkeit zu einem Rückzug. „Ja, mein Lieber, da ich heute den ganzen Tag nicht mit Dir ſprechen konnte, ſo muß ich wohl meine ſehr natürliche Abneigung Dich im Bett zu beſuchen überwinden, um Dir zu ſagen was ich Dir mitzu⸗ theilen habe. Du biſt jezt Deinerſeits gezwungen mich anzuhören. Du kannſt nicht wohl aus dem 6* Bette ſpringen, ſollte ich meinen. Deine Halsſtarrig⸗ keit hat mich genöthigt dieſen Ausweg zu ergreifen.“ „Ich ſehe die Nothwendigkeit Deiner Handlungs⸗ weiſe gar nicht ein,“ antwortere Aberney zornig. „Nicht? Aber ich ſehe ſie ein, und das könnte wohl genügen, denke ich. Jezt frage ich Dich im Ernſt und beſtimmt: Willſt Du den Jungen aufneh⸗ men und erziehen oder nicht?“ Das Blut ſtrömte Aberney nach dem Kopfe, als er mit Heftigkeit antwortete: „Tante, ich will mit dem Sohne dieſes verbreche⸗ riſchen Weibes nichts zu thun haben; dieß habe ich ſchon einmal beſtimmt erklärt, und ich glaubte, Du ſollteſt meinen Character ſo weit kennen, um zü wiſ⸗ ſen daß ich von meinem Wort niemals abgehe.“ „Wenn Du bei Deiner ungerechten Handlungs⸗ weiſe verharrſt und das Kind darum hilflos läſſeſt weil die Mutter verbrecheriſch war, ſo halte ich es für meine Pflicht Dein Haus zu verlaſſen und den Reſt meiner jezt kleinen Mittel mit ihm zu theilen. Man ſoll von Sara Ehrmann nicht ſagen, ſie habe einen Menſchen verlaſſen dem ſie hätte helfen können. Was gehört das hieher, ob Tages Mutter noch ſo große Fehler begangen hat? Das Kind kann nichts dafür. Außerdem, mein lieber Victor, hat die arme Frau ſchwer genug dafür büßen müſſen. Jezt han⸗ delt es ſich übrigens um ein unſchuldiges Kind, das ſie auf eine ſo bewegliche Art unſern Händen an⸗ vertraut hat. Und wenn auch Du Dein Herz den Bitten der armen Mutter verſchließeſt, ſo thue ich es nicht.“ Die Alte glättete mit großem Eifer an ihrer Schürze und war ſo heftig aufge⸗ 85 regt, daß ihr Kopf ein nervöſes Zittern zu ver⸗ rathen anfing. „Du brauchſt nicht für ihr Kind zu ſorgen, Tante, nachdem Du den größten Theil Deines Vermögens für die Kinder von Brüdern und Schweſtern aufge⸗ braucht haſt. Ich werde dem Jungen einen jähr⸗ lichen Unterhalt ausſezen, bis er ſeibſt für ſich ſor⸗ gen kann, aber unter der ausdrücklichen Bedingung daß er nie über meine Schwelle kommt und ſich auf keine Weiſe in perſönliche Berührung mit mir zu ſezen ſucht. Ich überlaſſe es Dir ſelbſt die zu ſeinem Studium erforderliche Summe zu beſtimmen, und wünſche ich daß ſein Name nicht mehr unter 6 nannt werde.“ ſo, Du glaubſt, es ſei genug dem armen en ein Almoſen hinzuwerfen,“ rief Sara im größten Zorn, und bei ihren Bemühungen die Schürze zu glätten, runzelte ſie dieſelbe noch immer mehr; „aber ſiehſt Du, das war es nicht um was ich Dich anflehte. Ich will Dir erzählen daß ich zehn Jahre lang für ihn geſorgt habe und dieß in Zukunft auch ohne Deine Hilfe thun würde, wenn es ſich nur um Geld handelte; aber ſieh, ein Vater, eine Familie, ein Schuz iſt es was dem Jungen Noth thut, und das ſoll er auch haben. Was die Bedingung be⸗ trifft daß er Deine Schwelle nicht betreten ſoll, ſo kommt ſie etwas zu ſpät. Der Junge ſchläft bereits unter Deinem Dache.“ 5 „Tante!“ rief Aberney, indem er ſich in ſeinem Bette ſezte.„Du haſt doch nicht.„ „Gewagt ihn hieher kommen zu laſſen? Ja ſieh, das habe ich gewagt, und entweder bleibt er hier oder wir verlaſſen Beide dieſes Haus, wo ein kalter Egoiſt aus unſinnigem Haß gegen die Mutter das Kind verabſcheut. Jezt habe ich mich ausgeſprochen. Entweder Du nimmſt ihren Sohn auf oder ich theile mit dem Jungen die Brocken die ich beſize. Wir wollen ſehen ob Du von Deiner Handlungsweiſe Segen ernteſt.“ Sara ging nach der Thüre zu, ohne ſich umzu⸗ wenden oder einen Blick auf Aberney zu werfen. Jußt als ſie die Hand ans Schloß legte, ſagte er mit gedämpfter Stimme: „Willſt Du nicht ſo gut ſein, Tante, und noch einen Augenblick dableiben? Ich dürfte doch ein Recht haben zu erfahren wie der Junge hiehergekom⸗ men iſt.“ „Auf meine Aufforderung, weil ich einen Reffen von Herz zu beſizen glaubte. Ich habe mich getäuſcht: folglich bleibt nichts übrig als einzupacken und mich ſogleich wegzubegeben. Allein ſtehend mit Deiner Unverſöhnlichkeit, wirſt Du, hoffe ich, einſt ein⸗ ſehen wie übel Du gehandelt; aber dann wird es zu ſpät ſein es wieder gut zu machen.“ Der Schlüſſel wurde umgedreht, und Tante Sara verſchwand durch die Thüre, ohne daß Aberney ſie zurückrief. In der Nacht ſchlief weder er noch Sara. Lez⸗ tere riß alle ihre Kleider aus den Schränken und packte ſie in die Koffer die ſie ohne alle Hilfe vom Boden herabſchleppte. Sie war ſo im Innerſten empört, daß ſie jeden Augenblick von Neuem zu wei⸗ nen anfing. Sie packte ein und wieder aus. Sie warf den Inhalt der Schubladen wild unter einander. Sie war ganz aus dem Gleichgewicht gekommenz die ge⸗ 87 ſtärkte Schürze wurde abſcheulich verrunzelt, ohne daß ſie ein einziges Mal daran dachte ſie zu glätten. Als am Morgen die Arbeitsglocke läutete und Sara die lezte Hand an ihre Packarbeit legte, öffnete ſich die Thüre und Victor trat bei ihr ein. Er war ungewöhnlich bleich, und aus ſeinem verſtörten Ge⸗ ſicht konnte man leicht abnehmen daß er die ganze Nacht gewacht hatte. „Wo haſt Du ihn einlogirt, Tante?“ fragte er. „Im gelben Gaſtzimmer,“ lautete die Antwort. „Er ſchläft wohl noch?“ „Nun und dann? Du wirſt wohl nicht verlangt daß ich ihn aus dem Bette reißen und mich Nacht mit ihm auf den Weg machen ſoll?“ Alte ſah mächtig ergrimmt aus. „Ich möchte ihn gerne ſehen,“ antwortete Aber⸗ ney kurz. „Heffne die Thüre und geh hinein,“ ſchnauzte Sara,„aber halte mich nicht auf. Ich muß hin⸗ unter und die Reiſepferde beſtellen, ehe die Leute ſich an die Arbeit begeben.“ „Es iſt überflüſſig daß Du abreiſeſt, Tante.“ „Ich nicht abreiſen! Du wirſt es ſchon ſehen. Ich habe mich gewiß nicht als eine ſolche Wetter⸗ fahne bekannt gemacht, daß ich meinen Entſchluß än⸗ dern ſollte. Nein, mein lieber Neffe, was ich einmal geſagt habe, das habe ich geſagt.“ „Willſt Du ſo gut ſein und noch einige Minuten dableiben, ſo wollen wir das Geſpräch fortſezen das Du geſtern Abend angefangen haſt.“ S Sara ſah ihren Neffen an und wandte ſich dann zu einer ihrer Schubladen zurück. Aberney, der aus dieſer Bewegung ſchloß daß ſie ſeine Rückkehr abzu⸗ warten gedenke, ging wieder hinaus und begab ſich nach dem gelben Gaſtzimmer, das er ganz behutſam öffnete. In einem von leichten Vorhängen umgebenen Bett ruhte ein junger Knabe. Er lag in dem tiefen ruhigen Schlaf welcher der Jugend ſo eigen iſt. Aberney ſchlich ſich leiſe an das Bett. Er blieb ſtehen und heftete ſeinen Blick auf den Schlafenden, der ein außerordentlich ſchöner und blühender Knabe war, mit üppigen hellbraunen Locken die ſich in Un⸗ ordnung um eine hohe und freie Stirne ringelten. Auf den halb offenen Lippen ſpielte ein troziges Lächeln, vermuthlich von einem Traum hervorge⸗ rufen. Aberney betrachtete ihn lange, drehte ſich dann ſchnell auf dem Abſaze um und verließ das Zimmer eben ſo lautlos wie er eingetreten war. Er ging direct an Tante Saras Thüre, öffnete ſie und ſagte: „Ich behalte den Jungen in meinem Hauſe und will ihn adoptiren. Alles Reiſen iſt alſo überfluſſig.“ Damit wurde die Thüre wieder zugeſchlagen und Aberney verſchloß ſich auf ſein Zimmer. Tante Sara, die noch an der Commode ſtand wo Aberney ſie verlaſſen hatte, drehte ſich bei ſei⸗ nen Worten um; aber als die Thüre eben ſo ſchnell zugeſchlagen wurde wie ſie geöffnet worden war, ſchlug ſie ihre Hände zuſammen und ſank verblüfft auf einen Stuhl. Lange überließ ſie ſich jedoch der Ueberraſchung nicht. Als der erſte Eindruck ſich ge⸗ legt hatte, flüſterte ſie in größter Eile ein Gebet der Dankbarkeit zu Gott, der ſie einen ſelchen Sieg hatte liches 89 gewinnen laſſen, und dann war es eine ſchreckliche Haſt Alles wieder einzupacken was ſie herausgelegt hatte und alle Spuren der beabſichtigten Reiſe zu verwiſchen. Die Dienſtboten durften natürlich nichts davon zu ſchwazen bekommen. Die Alte tummelte ſich der⸗ maßen daß ſie ganz fertig war, als um 7 Uhr Liſa heraufkam, um zu ſehen ob das Fräulein unwohl ſei, weil ſie ſich nicht habe blicken laſſen. Sara hielt es für das Klügſte zu ſagen, ſie ſei ein wenig un⸗ päßlich geweſen. Den ganzen Vormittag blieb Aberney unſichtbar, und Niemand wagte an die Thüre zu klopfen, wenn er ſich eingeſchloſſen hatte. Dieß war ein deut⸗ Zeichen daß er allein und ungeſtört ſein wollte. Der neuangekommene Gaſt, der junge Tage, hatte mit Tante Sara gefrühſtückt und ſodann mit ihr einen kleinen Spaziergang im Garten gemacht. Die Mittagsglocke erſcholl ſo hell und rief die Leute auf Junta von der Arbeit zur Mahlzeit; da öffnete Aberney ſeine Thüre und trat in den Saal hinaus, wo der Tiſch gedeckt ſtand, aber kein Menſch ließ ſich blicken. Er ging in den Erker und ſagte zu dem im Hofe arbeitenden Anders, er ſolle Tage bitten herabzukommen, im Fall er im gelben Zim⸗ mer ſei. Im nächſten Augenblick ſtand der Junge vor Aberney. „Hat Tante Sara Dir geſagt daß mein Haus künftig das Deinige ſein ſoll? Daß Du mich von heute an als Deinen Vater betrachten ſollſt?“ fragte Aberney mit einer Stimme die etwas herb klang. „Ja, Tante Sara hat mirs geſagt,“ antwortete der Junge. „Gut, dann habe ich nichts hinzuzufügen.“ Er *. reichte Tage die Hand.„Ich hoffe daß wir ſeitig mit einander zufrieden ſein werden.“ Tage ergriff die dargebotene Hand und führte ſie an ſeine Lippen, indem er ſtammelte: „So lange ich mich erinnern kann, hat man mich gelehrt den Namen Aberney zu lieben.“ „Man,“ wiederholte Aberney, fuhr aber nicht fort, ſondern winkte Tage in den Speiſeſaal mitzu⸗ kommen, wo die Mahlzeit und Tante S warteten. Sara hatte eine nagelneu geſtärkte Schürze an, obſchon erſt die Hälfte der Woche um war. Sonſt berechnete ſie die Schürzen gewöhnlich wochenweiſe. Auch eine friſche Haube umſchloß das magere kleine Geſicht, denn die lezte war unter den Gemüthsbewe⸗ gungen der Nacht ganz unbrauchbar geworden. Sara hätte nicht geglaubt daß ſie ins Himmelreich treten dürfe, wenn ſie ſich in einer runzligen Schürze und in einer nicht ganz ſchneeweißen Haube gezeigt hätte. Die Alte hatte jezt ihr gewöhnliches Ausſehen wieder gewonnen. Aberney ſprach im Allgemeinen nicht viel und war bei dieſer Mahlzeit noch ſchweigſamer als ge⸗ wöhnlich. Er ſtellte an Tage einige Fragen, was er tönne, in welche Schule er in Helſingfors gegangen ſei u. ſ. w. In Bezug auf ſeine Eltern und ſeine früheren Lebensſchickſale fragte er gar Nichts. Was 3 — ——— ———— —. — 91 Aberney an ſeinem Pflegeſohn beſonders gefiel, war ſein offener Blick, ſo wie ſeine freien und ungezwun⸗ genen Bewegungen und Reden. Tage war mit Tante Sara und Aberney ſo wie wenn er ſie ſeiner Leb⸗ tage gekannt hätte, und gleichwohl ſah er ſie Beide jezt zum erſten Mal. Nach dem Eſſen ließ der Profeſſor ſämmtliche Hausgenoſſen hereinrufen und ſagte zu ihnen, auf Tage zeigend: „Hier ſehet ihr meinen Sohn, Tage Aberney.“ Als Tante Sara und Victor allein waren, um⸗ armte ihn die Alte und rief: „Du biſt doch mein lieber Junge, mit einem Her⸗ zen wie ein echter Aberney. Es war ſchon und groß⸗ ſinnig daß Du ihr Kind aufnahmſt und ihm Dei⸗ nen Namen gabſt.“ Gegen Abend machte Aberney einen Streifzug gegen die Küſte hinab, aber nicht ſo planlos wie gewöhnlich. Er nahm ſeinen Weg ſogleich zu dem Plaze wo er Tags zuvor das kleine Mädchen ge⸗ troffen hatte. Als er an Ort und Stelle kam, fand er ſie bereits da. Sie ſaß auf demſelben Stein wie bei ihrem erſten Zuſammentreffen und rief ihm ent⸗ gegen: „Das iſt artig daß Du kommſt. Ich glaubte ſchon, Du würdeſt Dich nicht einfinden. Dann hätte ich gewiß geweint.“ „Du wollteſt mich alſo gerne wiederſehen?“ „Ja, ſehr, ſehr!“ Sie hüpfte vom Stein herab, ſprang zu Aberney vor, ergriff ſeine Hand und zog ihn auf die grüne Matte die am Fuße des Ber⸗ ges lag. „Seze Dich hieher, ſo will ich Dir erzählen, warum es mich betrübt hätte wenn Du nicht ge⸗ kommen wäreſt.“ Aberney warf ſich ins Gras. Das Kind nahm neben ihm Plaz, legte ſeine geſchloſſenen Hände auf 6 ſeine Schulter und fuhr fort: „Als ich geſtern Abend heimkam, dachte ich bis zum Einſchlafen daran daß ich Dir einige meiner* Lieder vorſingen dürfe. Dieß war mir etwas ſo Neues daß ich mich recht darauf freute.“ „Warum kam es Dir ſo angenehm vor?“ „Hem!“ Schuldfried neigte ihr Köpſfchen ſchief und ſann eine Weile nach.„Das kann ich ſo ge⸗ nau nicht ſagen; aber Du mußt wiſſen daß ich außer Mama und des Waldſchüzen Annika noch nie Je⸗ mand geſungen habe als den Vögeln, und dieſe kön⸗ nen mich nicht loben, aber das kannſt Du. Ueber⸗ dieß dachte ich, wir könnten wohl gute Freunde werden. Ich werde Dich recht lieb haben.“ Es war Aberney ganz unmöglich über Schuldfrieds ungekünſtelte Worte nicht zu lächeln. Er verſicherte daß er bereits ihr Freund ſei. Wer hätte ſich nicht zu dieſem bezaubernden und naturfriſchen Kinde hin⸗ gezogen gefühlt? Obſchon die Freundſchaft in ihrem Alter meiſt vorübergehend iſt, ſo hat ſie gleichwohl etwas ſo Anziehendes, daß man ſich davon feſſeln läßt, weil ſie gänzlich von der Eingebung des Augenblickes dictirt wird. Ueberdieß hatte Schuldfried etwas ſo Eigenthümliches an ſich, daß ſie unwillkürlich In⸗ tereſſe erwecken mußte, wenn ſie nicht ſo ſchön geweſen wäre. 3 „Soll ich Dir einige finniſche Lieder ſingen?“ fragte ſie.„Liebſt Du Finnland?“ „Ja, ſehr. Es iſt ja mein Vaterland.“ Mit ſtarker und klarer Stimme ſang das Mäd⸗ chen einige Lieder die Aberney nur allzu bekannt waren; das eine hatte Edith in ihrer Kindheit ge⸗ ſungen; das andere war eine ſeiner erſten Compo⸗ ſitionen. Während Schuldfried ſang, ſchloß Aberney ſeine Augen, und er glaubte ſich in die glücklichen heitern Kinderjahre zurückgeführt wo Finnland noch ſchwediſch war und wo ſein Herz Nichts von Kum⸗ mer und Schmerz wußte. Unwillkürlich ſtahlen ſich einige Thränen aus den Augen des ſtarken Mannes und rannen langſam über ſeine Wangen beim Ge⸗ danken an die erlittenen Verluſte. Schuldfried, die ihre Blicke auf ihn geheftet hielt, verſtummte plözlich, als ſie Thränen auf ſeinen Wangen ſah. Sie rief heftig: „Wie, Du weinſt? Hat mein Lied Dich betrübt? Und ich glaubte, es würde Dir gefallen.“ „Ich weinte über Finnland,“ antwortete Aberney; zmein geliebtes, theures Finnland! Singe, Kind, Deine Lieder ſind mir lieb!“ Schulbfried ſang ihr unkörbrochenes Lied vollends aus und dann noch eines. Aberney liebkoste und lobte ſie, wobei ſie ſo heiter lächelte; aber als er ſie bat noch eines zu ſingen, antwortete ſie lachend: „Nein, heute Abend nicht. Wir müſſen eines für morgen aufſparen; jezt muß ich heimgehen.“ Aberney erhob ſich mit den Worten: Schuldfried legte den Finger auf ihre Lippen und blieb eine Weile nachdenklich ſtehen; dann er⸗ hob ſie ihr Haupt und antwortete: „O ja, das kannſt Du wohl thun; aber Du darfſt nicht bis in den Hof gehen, wo Annika Dich ſehen könnte; denn ſonſt dürfte ich beſtimmt lange nicht mehr über den Garten hinausgehen.“ „Und warum?“ „Annika will nicht daß ich mit andern Leuten als dem Landvolk rede.“ Schuldfried ergriff Aber⸗ neys Hand und ſie traten den Heimweg durch Wald und Gebüſche an.. „Du ſprichſt beſtändig von Annika und nie von Deiner Mutter. Wie kommt das?“ S „Meine Mutter iſt ſo gut, ſo fromm daß ich manchmal glaube, ſie ſei eine Heilige. Von ihr ſpreche ich nicht gerne, weil... weil... ich ſie zwar ſchrecklich lieb habe; aber dennoch... dennoch.. habe ich eine ſolche Verehrung vor ihr daß ich bei⸗ nahe niemals wage in ihrer Gegenwart zu lachen.“ „Du biſt vielleicht ſelten bei Deiner Mutter?“ „O nein, das bin ich nicht. Ganze Tage lang leſe, nähe, ſpiele, ſchreibe und zeichne ich bei Mama. Bloß in meinen freien Stunden gehe ich von ihr weg. Dann iſt es mein Vergnügen im Wald umher⸗ zuſpringen.“ „Mit welchen Nachbarn geht Deine Mutter um?“ „Wie närriſch Du fragſt! Wir kennen Niemand in der Nachbarſchaft. Mama fährt nie weiter als in die Kirche, und da begleite ich ſie.“ „Haſt Du keinen Spielcameraden?“ „O ja freilich, ich habe eine ſehr ſchöne Kaz und viele, viele Tauben.“ Unter ſolchem Geplauder wurbe der Weg zurück⸗ gelegt, und als man ans Ende des Waldes kam, bat Schuldfried ihren Begleiter, er möchte ſie jezt verlaſſen. Sie küßte ihn zum Abſchied auf bie Fin⸗ ger und eilte dann, leicht und heiter wie eine Gazelle, 3 eine krumme Allee entlang, die aus dem Waldweg 3 hinab zu dem einſamen Höſchen führte, das unbe⸗ ſchreiblich hübſch und romantiſch am Ufer eines Slees lag. Auf Ektorp oder dem Hof der Wittwe, wie Smiths Gütchen gewöhnlich von den Bauern nt wurde, wollen wir ſchleunig einen Beſuch machen, bevor Schuldfried zurückkommt. „ Das Haus ſelbſt lag zwiſchen einem mit großen Bäumen bep anzten Hof und einem Garten, der bis hoher düſterer Fichtenwald. Der am Ufer gelegene Garten war ausgezeichnet gut gehalten und mit ver⸗ ſchiedenen Lauben ſowie einem kleinen Luſthauſe ver⸗ ſeben. Lezteres war den Sommer über Frau Smiths“ Lieblingsplaz. Dort ſaß ſie Vormittags mit ihrem Töchterchen und gab ihm Unterricht. Nachmittags, wenn das heitere Kind ſeine Freiheit genoß und ſeine Ausflüge machte, blieb Frau Smith allein da, arbeitete, weinte und blickte düſter in den leeden Raum hinaus. Sie verbrachte ganze Tage in die⸗ ſiiu ohne ſich in ihren Gewohnheiten ſtören zzu laſſen. Frau Smith wohnte ſeit ſechs Jahren in Ektorp. an den See hinabging und von einem ungewöhnlich hohen Zaun umgeben war. Rundum lag ein Ihre Landwirthſchaft wurde von einem Verwalter, das Hausweſen von Jungfer Annika beſorgt. Der Ertrag des Hoſes war gering und Frau Smiths Mittel beſchränkt, ſo daß große Sparſamkeit im Haus der Wittwe vorherrſchte. Sie ſelbſt arbei⸗ tete mitunter ſehr fleißig; was ſie dann that, war ein Geheimniß zwiſchen ihr und Annika; aber es gab wieder andere Zeiten, wo ſie in Schwermuth verſank und nichts Anderes that als mit Schuldfried las. Dazwiſchen hinein wandelte ſie in ihrem Zim⸗ mer auf und ab oder trieb ſich, wie von einer innern Angſt gejagt, in der großen Gartenallee herum. Am fraglichen Abend ſaß ſie eifrig mit einer Stickerei beſchäftigt im Luſthauſe. Sie war ganz ſchwarz gekleidet und trug auch eine ſchwarze Haube die ein bleiches Geſicht und ein ſilberweißes Haar um⸗ ſcloß. Alles um ſie war ſill und ſchweigfem Der einzige Ton den ſie hörte war das Geräuſche der Wogen am Strand und das Singen der Vögel auf den Zweigen. Plözlich erſcholl eine gelle Weiber⸗ ſtimme in vollem Gezänke mit einer friſchen Kinder⸗ ſtimme. „Ja das ſag ich Dir, Schuldfried, dießmal klage ich beſtimmt bei Mama,“ kreiſchte die gelle Stimme. „Das ſollſt Du bleiben laſſen, ich kann Alles ſelbſt erzählen,“ antwortete die Kinderſtimme. Frau Smith ſchaute auf und ſah Schuldfried die breite Allee hinab in das Luſthaus ſpringen deſſen Glasthüren offen ſtanden. Als die Kleine in die Nähe kam, mäßigte ſie ihre Eile, und bei der Thüre angelangt, trat ſie ganz ſittſam und anſtändig zur 97 Mutter hinein. Sie ergriff ihre Hand und grüßte ſie mit den Worten: „Guten Abend, geliebte Mama.“ In dieſem Augenblick wandte ſie ſich um und ſah Annika den Gang herab und auf das Luſthaus zu kommen. Bei dieſem Anblick fügte ſie ſchnell, ehe noch Frau Smith eine Frage gethan hatte, hinzu: „Mama, Annika will mich verſchwazen; aber ich will am liebſten ſelbſt ſagen was ich gethan habe.“ „Das wünſche ich auch, mein Kind,“ antwortete die Mutter und ein liebevolles Lächeln verklärte die düſt üge. s die Sache iſt ſo daß—“ dfried ſpringt bei den Nachbarn umher,“ nnika ein, indem ſie in das Luſthaus trat. „Laß Schuldfried ſelbſt reden,“ ſagte Frau Smith. „Du weißt ja daß ich es nicht gern ſehe wenn Du d warum thuſt Du es doch?“ kama, ich bin bei Niemand geweſen,“ antwor⸗ tete das Mädchen.„Meine ganze Schuld beſteht darin daß ich geſtern beim öſtlichen Vorgebirge mei⸗ nen Freund, den Eigenthümer von Junta, traf. Ich ſaß auf dem Berge und ſang. Er rief mir zu, ich ſolle herabkommen, und ſo wurden wir ganz gute Freunde. Ich bat ihn heute wieder zu kommen und verſprach ihm zu ſingen, und das that er auch. Jezt at er verſprochen mich lieb zu haben und daß wir uns oft treffen wollen. Annika, welche ſah daß er mich begleitete, ſagt, ich hätte etwas Böſes gethan, und Du würdeſt recht ungehalten auf mich werden; aber das glaube ich nicht.“ Schuldfried ergriff der Mutter Hand und fügte hinzu:„Geliebte Mama, Du darfſt nicht Schwartz, Schuld und Unſchuld. dulden daß Annika mich innerhalb des Gartenzaunes einſperrt, ſondern Du wirſt mich am Abend gehen und meinem Freund meine Lieder vorſingen laſſen. Ich werde den Tag über um ſo fleißiger ſein.“ „Wie heißt Dein Freund?“ „Das weiß ich nicht.“ „Aber ich weiß es,“ murmelte Annika, jedoch ſo leiſe, daß weder Mutter noch Tochter hörte was ſie ſagte. Frau Smith blieb einige Augenblicke ſtill; dann klopfte ſie das Mädchen auf den Kopf und ſagte ganz freundlich:. „Du haſt ſo wenig Freude, mein lie daß ich Dir dieſe da wahrlich nicht verw Gehe immerhin zu Deinem neuen Freund ud ſinge ihm Deine Lieder.“ „Nein, Madame, das darf das Mädchen nicht, thun,“ ſiel Annika ein. „Und warum nicht?“ Frau Snith ſah di Ae an „Der Eigenthümer von Junta heißt Victor Aberney.“ Ein Schauder durchzucte Frau Smith. Sie ſaß † lange unbeweglich da; dann erhob ſie ſich, küßte Schuldfried auf die Stirne und verließ das Luſt⸗ haus. Schuldfried ſah forſchend die Mutter an; aber da dieſe äußerlich ruhig ſchien, ſo ahnte das Kind nicht daß ihre Ruhe ein aufgeregtes Inneres verbarg. In der glücklichen Sorgloſigkeit ihres Al⸗ ters legte Schuldfried kein Gewicht darauf daß die Mutter ſo eilig das Luſthaus verließ. Sie wat allzu ſehr an die Eigenthümlichkeiten ihrer Gemüths⸗ art gewöhnt, um zu bedenken daß der Name ihres — — 99 Freundes die Urſache dieſes plözlichen Aufbrüches ſein konnte. Als ſie mit Annika, die ganz betrübt der Entſchwinbenden nachſah, allein war, ſagte Schuld⸗ fried mit kindlichem Uebermuth: „Nun Annika, was haſt Du jezt davon daß Du mich verſchwazen wollteſt? Habe ich einen Zank be⸗ kommen? Wurde mir verboten ans Ufer zu gehen und meinen Freund zu treffen?“ „Still, liebes Kind, Du Schmerz Dein Unverſtand herv Annika und verließ Schuldfried. „Jezt iſt die Alte böſe,“ dachte das Mädchen und begann unter fröhlichem Singen ihre Blumen zu begießen und ihre e ſ en zu füttern, was ihre gewöhnliche Abendbeſe ahnſt nicht welchen orruft,“ antwortete häſtigung war. Am folgenden Morgen ſah man ſchon in aller Frühe Frau Smith unruhig in einem der entlegen⸗ ſten Gänge des Gartens auf⸗ und abgehen. Ihr Geſicht war ſo düſter, daß man in jedem Zug eine hoffnungsloſe Verzweiflung zu ſehen meinte die ſich mit ihren Klauen im Herzen feſtgehackt habe und“ daſſelbe ohne alle Schonung zerfleiſche. Sie preßte die feſt zuſammengedrückten Hände an ihre Bruſt, gleich als wollte ſie den Schmerz innerhalb der ſtil⸗ len Mauern feſthalten, ſo daß kein Klageton über die farbloſen Lippen kommen konnte. Das aſchbleiche Geſicht, die rothen, vom Nacht⸗ wachen matten Augen, verkündeten Quglen die in er verfloſſenen Nacht allen Sch hlaf und alle Ruhe von ihrem Lager verjagt hatten. 100 6 welche auf die Terraſſe hinausführte, und betrachtete die unruhige Wandlerin. Endlich, nachdem ſie einen tiefen Seufzer ausgeſtoßen und gemurmelt hatte: „Armes Kind, wann wird Dein Kummer ſich min⸗ dern?“ ging ſie über die Terraſſe hinab in den Gang wo Frau Smith mit ungleichen Schritten promenirte. b „Wie iſt es heute?“ fragte Annika mit der Stimme einer Mutter die über ihr Kind unruhig iſt. „Ah Du biſts, Annika!“ Frau Smith blieb ſtehen und warf einen fragenden Blick auf die Dienerin. „Kommen Sie jezt hübſch in den Sagl herein; dort habe ich warmen Cafe bereitet. Es iſt erſt fünf Uhr, ſo daß außer uns beiden noch Niemand im Hofe auf iſt.“ Annika ergriff Frau Smiths Hand und fügte hinzu:„Thun Sie der Alten ihren Willen und trinken Sie ein wenig Cafe. Nach einer ſchlafloſen und unter freiem Himmel verbrachten Nacht mag das ſehr nöthig ſein. Denken Sie an die kleine Schuldfried und ſeien Sie beſorgt um ihre Mama.“ Annikas runzliges Geſicht zeigte ſo viel Zärtlich⸗ keit, daß ſein Anblick nur wohlthätig auf das Herz% wirken konnte; auch glitt Etwas wie ein freundliches † Lächeln über Frau Smiths Züge und ſchweigend ſchlug ſie den Weg nach dem Saale ein. Als ſie dort eine Taſſe Cafe getrunken, welchen Annika mit großer Beſriedigung auftrug, blieb ſie eine Weile in Gedanken vertieft ſizen; dann wandte ſie ſich un die Dienerin und ſagte: Annika ſtand lange in der offenen Saalthüre* „Iſt Victor Aberney wirklich mein nächſter Nach⸗ bar?“ „Ja, und deßhalb zankte ich Schuldfried weil ſie 3 mit ihm ſprach. Ich wußte ja daß... „Daß ich ihm ſorgfältig ausgewichen bin, meinſt 6 Du? Das iſt wahr und ſoll ewig ſo bleiben. Er ich eönnen nicht zuſammentreffen. Doch mit Schuldfried iſt es ganz anders. Sie iſt frei von aller Schuld, und wie gut wäre es nicht wenn ſie in Victor einen Freund erhielte, für die Zukunft vielleicht eine Stüze?“ „Aber Victor iſt nicht freundlich geſinnt!“ „Gegen mich, nein;— aber ein ganzes Jahr⸗ zehnt iſt ſeitdem verſtrichen... Gleichviel, er kennt Schuldfrieds Mutter nicht und wird ſie nie kennen lernen. Mag ſeine Theilnahme nur dem Kinde gel⸗ ten, welches ihm vom Schickſal in den Weg geführt worden iſt! Ueberdieß, Annika, beſize ich denn auch das Recht Schuldfriet gänzlich von andern Men⸗ ſchen abzuſondern?“ „Das wollte ich nicht ſagen; doch daß ſie am glücklichſten iſt, der Welt abgeſchieden lebt.“ „So habe auch ich gedacht; aber Alles Grenze, und wenn ſie aber ich glaube ſo lange ſie von hat eine daher Etwas wünſcht was ihr einſames Leben verſüßen kann, ſo will ich daß ſie es bekommen ſoll. as iſt denn das Ziel und der Zweck meines Daſeins? Für ihr Glöck zu leben, ſo daß ſie nur das Sonnenlicht des Lebens zu ſehen bekommt, ohne alle Ahnung daß es auch ein Nacht⸗ jeite hat. Lege alſo meinem kleinen Sommervogel eine Feſſeln an; mag er in Wäldern und Thälern 102 umherfliegen und Alles genießen was ihm Freude ſchenkt!“ Jezt hörte man eine heitere Stimme die eine muntere Melodie ſang, und leichte Tritte auf der Treppe die vom obern Stock herabführte. Im näch⸗ ſten Augenblick öffnete ſich die Thüre, und Schuld⸗ fried, blühend und lächelnd wie der klare Lenzmor⸗ gen, hüpfte ins Zimmer herein. Beim Anblick der Mutter nahm ihr Gang einen geſesteren Character an, und ſie näherte ſich ihr mit dem Gepräge der hrfurcht das immer in ihrem Benehmen gegen ſie vorwaltete. ßi An dieſem Tag las ſie fleißiger als gewöhnlich Mutter und Tochter arbeiteten eifrig b die Mit tagsglocke erſcholl. Mit einem:„Jezt aus für heute!“ ſchlug Schuldfried das Bu d küßte der Mutter die Hand, worauf ſie nach Saal eille um Annika beim Decken zu helfen, was Schuld⸗ fried immer that wenn ſie die Alte ein wenig er⸗ zürnt zu haben glaubte. Das kleine Mädchen war die Dienſtfertigkeit und Freundlichkeit ſelbſt. Annika konnte unmöglich um⸗ hin ihr als Belohnung für ihre Artigkeit etwas Rahm mit Geſälz zu geben. Nach Tiſch nahm Schuldfried ihren Hut, warf einen ſchalthaften Blick auf Annika und einen forſchenden auf ihre Mutier, indem ſie ſagte: „Jezt gehe ich zu meinen Tauben und dann a Ufer, um meinen Freund zu treffen.“ Annika runzelte ihre Brauen, Frau Smith nickt 2 aus dem Käfig. beifälig, und in der nächſten Minute war der Vogel Dießmal hatte Aberney ſich zuerſt beim Rendez⸗ vous eingefunden, ſo daß Schuldfried ihn am Fuße des Berges liegend fand. Als er die Kleine er⸗ blickte, ſtreckte er ihr die Hand entgegen und ſagte: „Komm jezt, ſeze Dich zu mir her und erzähle ein wenig von Deinen Eltern und Dir ſelbſt. Ich habe ſeit geſtern viel an Dich gedacht.“ „Das hab ich auch gethan,“ verſezte Schuldfried, indem ſie ſich neben ihn ſezte; dann erzählte ſie, Annika ſei böſe geweſen, weil ſie Aberney bei ihr geſehen habe. Nach dieſer Mittheilung fragte der Profeſſor: „Was war Dein Vater?“ „Mein Vater iſt todt und von ihm darf man ſ Ich ſoll noch ſehr klein geweſen ſein ſagt Annika; aber ich kann mich daß ſie geſagt hat was er war. Das ich ſie fragen.“ „Biſt Du in der hieſigen Gegend geboren?“ „O nein, das bin ich gewiß nicht, denn ich er⸗ innere mich ganz deutlich daß ich an einem Orte war wo ſehr große Häuſer, viele Leute und viele Equipagen waren, wie auch daß Alle eine andere Sprache rebeten als wir; aber es war nicht deutſch und auch nicht franzöſiſch.“ „Hat man Dir nie geſagt was für ein Ort es war?,— „Nein. Als ich Annika darum fragte, anlwor⸗ tete ſie: Das Kind ſoll nicht an bieſe Zeit denkeu, ſondern ſie bergeſſen, ſonſt betrübt es ſeine Mama⸗ Und das iſt Etwas was ich ſehr fürchte.“ * Finbeſt Du nicht daß es ſehr angen „Wie alt warſt Du als Du dieſen Ort verließeſt? Weißt Du das?“ „Vier Jahre; denn jezt bin ich elf alt und wir wohnen ſeit ſieben Jahren auf Ektorp. Ich erinnere mich ſo wohl als wir aus der großen Stadt weg⸗ reisten, wo ich nur ſehr wenig ausgehen durfte. Wir fuhren über breite Straßen und Pläze, wo hübſche Kirchen und Bildſäulen ſtanden. Dann ka⸗ men wir an andere Orle die auch Städte ſein ſoll⸗ ten; aber ſie waren klein, und ſo kamen wir eines Abends hieher. Seitdem war ich nirgends als hier; nur daß wir dreimal im Jahr in die Kirche fahren.“ „Nun, möchteſt Du nicht noch einmal in die große ſchöne Stadt kommen?“ „Nein, das will ich gewiß nicht. ich nur ſelten ausgehen und niemals mich begleitete. Hier darf ich im V gen, auf dem See rudern und frei und leben?“ Aberney lächelte, und ſtatt die Frage zu beant⸗ worten, bat er ſie um eines der Lieder die ſie Tags zuvor geſungen hatte. 1 „Und warum gerade dieſes?“ fragte Schuldfried. „Das ſollſt Du nachher erfahren.“ Als der Geſang aus war, ſagte Aberney: „Weißt Du wer die Muſik zu dieſem Liede ge⸗ macht hat?“ „Nein.“ . „Du?“ rief das Kind und ſchlang ganz vergnügt die Arme um ſeinen Hals, während es ſeine Ueber⸗ 105 raſchung und Bewunderung in den ungekünſteltſten Worten ergoß und dieſelben mit kindlichen Liebko⸗ ſungen begleitete. Auch an dieſem Abend ging Aberney ein Stück Wegs mit ihr. Das originelle Kind hatte den ge⸗ lehrten Mann wirklich gefeſſelt, und am folgenden Tage erhielt Frau Smith einen Brief folgenden In⸗ halts von ihm: „Madame! Obſchon gänzlich unbekannt, nehme ich mir gleichwohl die Freiheit Ihnen ſchriftlich meine Aufwartung zu machen. Sie beſizen ein Töchter⸗ chen, ein ungewöhnlich reichbegabtes Kind. Der Zufall hat mich und ſie zuſammen geführt. Sie wiſſen wie Ich dagegen weiß daß Sie keine Be⸗ ſuche empfangen und daß Sie ſelbſt nie welche ma⸗ chen. Nun wohl, ich reſpectire Ihre Einſamkeit und will ſie nicht dadurch ſtören daß ich Ihnen meinen Beſuch aufnöthige; aber auf der andern Seite in⸗ tereſſirt mich Ihr Töchterchen zu ſehr, als daß ich mich enthalten könnte Ihnen einen Vorſchlag zu machen, nämlich daß Sie mich die Mühe ihres Un⸗ terrichtes mit Ihnen theilen laſſen und mir die Freude vergönnen möchten ihren ungewöhnlichen Verſtund und ihre muſicaliſchen Anlagen ausbilden zu helfen. Ich glaube in beiden Fällen Ihrer Toch⸗ ter von nicht geringem Nuzen ſein zu können. Ich ſelbſt beſize einen Sohn, der mit Ihrer Tochter den Unterricht erhalten und in den Freiſtunden ihr Spiel⸗ camerad ſein würde. Schuldfried iſt jezt in den Jahren wo ſie einer Geſellſchaft bedarf die ihre kind⸗ lichen Freuden theilen und mit der ſie von ihren Spielen ſprechen kann. Wir Alten können für ein gleichem Alter iſt, und deßhalb glaube ich daß der Umgang mit meinem Sohn ihr ſowohl nüzlich als erfreulich ſein wird. Genug, ich wünſche denjenigen Theil ihres Unterrichts der unter dem Namen all⸗ gemeine Bildung zuſammengefaßt werden kann, ſo wie die vollſtändige Leitung ihrer muſicaliſchen Stu⸗ dien zu übernehmen. „Sie wundern ſich vielleicht über meinen Vor⸗ ſage wer ich bin. „Ich bin was man einen Gelehrten nennt allen Eigenheiten eines Bücherwurms. ein geſchworner Feind des Geſellſchaftsleb der Einſamkeit und meiner Bücher; ich mich für alles Ungewöhnliche un ir Ihre Tochter. Meine alte Tä aus. „Nehmen Sie meinen Vorſchlag an, en Nachmittag ein Wagen Schuldfried ab nach Junta bringen. Ich erwarte Ihre Antwort. „Mit Achtung „Victor Abetney. Der Bote brachte folgende Antwort von Fu Smith: — Schuldfrieds Mutter.“ Schon am folgenden Mittag ſtand ein Wägelchen am Gatterthore von Ektorp. Einige Minuten dar⸗ und amit abfuhr. ſo junges Gemüth nicht ſein was ein Kind von ſchlag; aber ich kann ihn motiviren, indem ich Ihnen „Mit Dank wird der Vorſchlag angendmmen von auf ſaß Schuldfried mit heiterem Lächeln neben dem alten Anders, der den Pf erden einen Klatſch 3 „Was in Gottes Namen fällt dem Mann ein?“ murmelte Tante Sara, als Anders wegführ um Schuldfried zu holen.„Was will er jezt mit dem jungen Mädchen hier machen? Wie ſchwer ließ er ſich dazu bringen den Knaben zu nehmen!“ Tänte Sarg war recht verſtimmt gegen Schuld⸗ fried, und als der Wagen zurückkam und das Mäd⸗ chen heraushüpfte, gedachte ſie ganz verdrießlich auf ihr Zimmer zu gehen ohne das Kind zu begrüßen; aber Schuldfried, welche die conventionelle Höflich⸗ keit ganz und gar nicht verſtand, ſprang ihr mit einigen hurtigen Schritten nach und verneigte ſich ſo ale bſ vor der Alten, daß ihr Geſicht ſich ſo⸗ i rte. Sie empfing das Kind mit einem cheln. In der Saalthüre Aber⸗ uldfried ihn erblickte, eilte ſie vor, iid und küßte ſie mit großer Leb⸗ Der unge Tage hatte ſich an einem der Saal⸗ fenſter nie elaſſen und betrachtete die Fremde mit neugierigen Blicken, indem er dachte: „Das Mädchen bewegt ſich wie wenn es ein Knabe wäre. Es wird vielleicht recht angenehm⸗ſie zur Camerädin zu erhalten.“ Angenehm wurde es auch, denn in weniger als einer halben Stunde waren die elfjährige Schuld⸗ fried und der Tage die boſten Freunde von der Welt. Tage war der erſte Altersg genoſſe von Kindern ſogenannter beſſerer Kute mit dem Schuldfried in Berührung kam. Bisher hatts ſie nur Bauernkinder getannt und mit dieſen war ſie mie auf einen n Fuß gekommen. 108 Wir müſſen jezt die Bewohner von Junta und Ettorp auf einige Augenblicke verlaſſen, um ein we⸗ nig rückwärts zu gehen und von Ereigniſſen zu be⸗ richten die ſich mehrere Jahrzehnte vor unſerer Er⸗ Zählung zugetragen haben. Nach der Revolution von 1778 fand ſich in Schweden ein der Müzenpartei zugehöriger Edelmann, der aus Erbitterung über die ſtattgehabte Revolution ſein Vaterland aufgab und nach Rußland ging. Dort trat er unter dem angenommenen Namen Canitz in Kriegsdienſte. Einige Jahre vor der Revolution hatte er ſich mit einem reichen finniſchen Ehelfräulein vermählt und durch ſie bedeutende Güter in Finnland erhalten. Als er daher die Vatererde verließ, be⸗ ſaß er eine Frau und zwei Söhne. Seine Gattin unterlag indeß bald dem Gram ihren den Reihen des uralten Feindes von S u er⸗ blicken. Sie ſtarb kurz darauf in Finntand auf ihrem Gute Kronbrück. Nach ihrem Tode ließ er ſeine Söhne nach Ruß⸗ 3 land holen und erzog ſie dort zu künftigen Unter⸗ thanen dieſes Landes. Im ege von 1788 ſtanden Canitz und ſein älteſter Söhn bei der ruſſiſchen Armee gegen ihre Landsleute und wurden wegen ausgezeichneter Tapfer⸗ keit belohnt. Bald nach dem Frieden von 1789 ſtärb Canitz Sein älteſter Sohn, damals ruſſiſcher Hauptmann, vermählte ſich im folgenden Jahre mit einer reichen itd vornehmen Ruſſin. Ein widriges Schickſal wollte daß dieſe Ehe mehrere Jahre hin⸗ durch kinderlos bleiben ſollte. Es ſah wirklich aus* als oh die neuen Barone von Canitz mit den bei⸗ 3 — 109 den Söhnen des Landesverräthers ausſterben ſoll⸗ ten; denn der jüngere war ledig geblieben und hielt ſich beſtändig im Auslande auf. Er hatte die diplo⸗ matiſche Laufbahn gewählt. Am Krieg von 1808 nahm der ältere Canitz wiederum Theil, und ſtand alſo zum zweiten Mal mit bewaffnt Fauſt ſeinen Landsleuten gegenüber. Sein Name wo für das finniſche Volk ein Schrecken und Abſcheu geworden, weil man gehört hatte daß er ein geborener Schwede war. Beim Friedens⸗ ſchluß wurde er zum General ernannt und Vater eines Sohnes den ihm ſeine Frau bald darauf ſchenkte. Das Geſchenk koſtete die Mutter ihr Leben. Ein hr nach ihrem Tod erhielt General Canitz eine militäriſche Würde in Finnland, und da erſt trat er in Beſiz ſeines mütterlichen Gutes Kron⸗ brück. Er fand es im höchſten Grad übel verwaltet und ganz len. Doch mit den Mitteln die er jezt beſaß wurde es ihm leicht den alten Herrenſiz wieder herzuſtellen. Das Hauptgebäude wurde nieder⸗ geriſſen und dagegen ein ſtattlicher Palaſt aufgeführt. Der frühere Verwalter wurde verabſchiedet und ein deutſcher verſchrieben der die Landwirthſchaft beſſer betreiben ſollte. Genug, nach einigen Jahren war FKronbrück eines der beſten Landgüter in der ganzen rovinz, beſonders da der General unaufhörlich noch neues Land dazu kaufte. Sein Söhnchen Lothar Conſtantin hätte er nach Finnland mitgenommen, und ſo langs der Vater ſich dort aufhielt, wurde der Junge zu Hauſe von einem älteren deutſchen Frauenzimmer aus guter Familie „erzogen. Als der Erbe des füvſtlichen Vermögens ſieben Jahre alt wurde, ſchickte man ihn in Beglei⸗ tung eines jungen Polen als Hofmeiſters in eine deutſche Lehranſtalt. Was aus dem jüngeren Bruder des Generals geworden, war nicht bekannt. Er wär gleichſam verſchwunden, und des Generals es Auftreten in Kronbrück gab zu erkennen ſich als den einzigen Eigenthümer des mütterlhen Gutes be⸗ trachtete. Von den Wenigen welche die beiden Brüder i ihren Kinderjahren gekahnt als ihre Eltern in Fin land gewohnt hatten, fühlte Niemand Luſt ſich dem Manne zu nähern der gegen ſeine Lan ge⸗ fochten, und ſo war der Gens Fragen in Betreff ſeines Bruders beſteh Der düſtere, ſtrenge und ſtöl ſo wenig geneigt mit ſeinen Jugen kanntſchaft zu erneuern, ſondern was Finne und Schwede hieß e muth. Mit allen ſeinen S den, hegte er einen ſichtbare en Abſcheu was an Schweden erinnerte. Vielleicht eit ihn bei dieſen Erinnerungen eine Stimme in ſeiem Innern wegen des Böſen verklahte das er dem Paterland anthun geb iche ie d rblut das er vergoſſen um Rach, ſo oft e zuſammentraf, und ſo kam es daß rung mit ihnen auswich⸗ Zehn Jahre waren verfloſſen, ſ der von ſeinem Poſten in Finnland ab berufen wor⸗ den. Während dieſer Zeit war er einige Male in Kronbrück geweſen, indeſſen nur ganz kz aber er ———— 111 ſchickte jedes Jahr ſeinen Amtmann herüber, um die Rechnungen zu unterſuchen und dafür zu ſorgen daß das Gut ſorgfältig verwaltet wurde. Im ſelben Jahre wo Aberney nach Junta zog, hatte der Verwalter von Kronbrück ſchon im April Befehl erhalten daß das Gut in Ordnung gebracht und mit der größten Pracht eingerichtet werden ſolle; denn der General und ſein Sohn beabſichtigten zu⸗ gleich mit einer größeren Anzahl von Gäſten gegen Johannis anzukommen und den Sommer über dort zu verweilen. Die große Wohnung, alle Gaſtzimmer und die Zimmer des jungen Barons erhielten neue Möbel und wurden mit fabelhafter Pracht eingerichtet. Die ganze Gegend und die Nachbarn, bis auf die Ein⸗ wohner der elendeſten Hütte herab, wußten vdn nichts Anderem als von den Herrlichkeiten zu erzählen die nach Kronbrück gebracht wurden. Die Bewohner Ektorps und Juntas waren indeß die einzigen die nicht davon ſprachen, obſchon erſte⸗ res nur fünf Viertelmeilen und lezteres nur eine Meile von Kronbrück lag. Die Urſache lag gewiß nicht in einer etwaigen Unkenntniß von dieſen Mert⸗ würdigkeiten, ſondern ganz einfach darin daß alles Neue was man ſich erzählte zwiſchen dem Großknecht ar und der alten Annika blieb, die es weder Schuldfried noch Frau Smith mittheilte. Ebenſo ſtand es mit Tante Sara. Die Alte intereſſirte ſich unge für Klatſchereien und Neuigkeiten, brachte ſie e niemals weiter zu ihrem Neffén, weil ſie wu ß er alles ſolches Gerede verabſcheute. So kam es daß die Hauptperſonen in gänzlicher Unwiſ⸗ 112 ſenheit von Dingen lebten welche die Zungen des ganzen Bezirks ausſchließlich beſchäftigten. Am Tag vor Johannis kam der General ſammt ſeinem Sohne und einer großen Anzahl von Gäſten nach Kronbrück. Das ſo lange verlaſſene Gut wim⸗ melte von Leuten. Schöne Damen, ſtattliche Cava⸗ liere in ſchimmernden Uniformen und ſterngeſchmückte alte Herren erfüllten die Säle. Die Rückkehr des„ jungen Erben von den deutſchen Univerſitäten wurde mit allen möglichen Luſtbarkeiten gefeiert. Lothar Conſtantin⸗Canitz war damals ein Jüng⸗ ling von 17 Jahren, mit einem feinen, intelligenten, bleichen und intereſſanten Geſicht. Ein übermüthiges Lächeln und ein Gepräge höhniſcher Verachtung ent⸗ ſtellten indeß die ſonſt regelmä gen Züge. Es ſchien als wären allzu früh geweckte Leidenſchaften in ſchar⸗ fen Streit mit den edleren Inſtincten ſeines Her⸗ zens gerathen und hätten in ſeinem Innern ein Chaos hervorgerufen, aus welchem nur hochmüthige Selbſtüberſchäzung und Verachtung gegen Anbere 4 recht deutlich hervorgingen. Er war groß und ſchlank, von beinahe ſchwächlicher Conſtitution, die mit dem Feuer in ſeinem Auge und der Lebhaftig⸗ keit ſeiner Bewegungen nicht recht zuſammenſtimmte Wenn man dieſen Jüngling anſah, fragte man ſi unwillkürlich, ob es ein phyſiſches oder moraliſches Leiden ſei was vor der Zeit die Wangen gebleicht und den Körper gebeugt, ſo daß erſtere ihre Ju gendfriſche und lezterer ſeine Geſchmeidigkei ren hatte. Conſtantin hatte ſeit ſeinem ſiebenten Jahre ſei⸗ nen Vater nicht geſehen. Sechs we⸗ %. 113 Ankunft in Kronbrück umarmte der General ſeinen Sohn nach ſo langer Trennung. Vielleicht hatte dieſe Vater und Sohn einander entfremdet und die Kälte hervorgerufen womit er dem General bei ihrem erſten Zuſammentreffen entgegentrat. Dem ſei wie ihm wolle, Thatſache war daß er einen gänzlichen Mangel an kindlicher Ergebenheit zeigte und die Zärtlichkeit des Vaters mit auffallender Kälte er⸗ widerte. Gleich nach Conſtantins Ankunft in Pe⸗ tersburg äußerte der General den Wunſch, der Sohn möchte in die Kriegsſchule treten und ſich zum Ma⸗ rineoffizier ausbilden. Darauf antwortete Conſtantin: „O ja, warum nicht? Es iſt ganz eins was ich werde. Für einen Ruſſen paßt es am beſten ein Henkersknecht von Handwerk zu werden.“ „Mein Sohn, Du ſollteſt Dich erinnern daß „Daß ich in dieſem verfluchten Lande hier vor⸗ ſichtig ſein muß,“ fiel Conſtantin höhniſch ein.„Seien Sie ruhig, Vater; ich werde das nicht vergeſſen.“ Der General runzelte die Brauen, ohne zu dem Sohne ein Wort zu ſagen. Dagegen ließ er deſſen Hofmeiſter, Dr. Wagner, rufen. Mit ſcharfen Reden verwies er ihm die falſche Richtung in welche der Geiſt ſeines Sohnes geleitet worden zu ſein ſcheine. „Ich beauftragte Sie darüber zu wachen daß er zu einem verſtändigen Jüngling und einem guten ruſſiſchen Edelmann ausgebildet werde; aber zu mei⸗ nem Erſtaunen finde ich daß er weder in der einen noch der andern Beziehung meinen Erwartungen entſpricht. Sollte Ihr polniſches Blut Sie pielleicht verleitet haben meinen Inſtructionen zuwider zu han⸗ deln? In dieſem Fall könnte es geſchehen daß„ Schwartz, Schuld und Unſchuld. I. 8 114 „Herr General,“ fiel Wagner mit einem ein⸗ ſchmeichelnden Lächeln ein,„ich habe meine Pflicht als Gouverneur gewiſſenhaft zu erfüllen geſucht; aber Baron Conſtantin iſt wie ein junger Löwe; er läßt ſich nicht ſo leicht zähmen und geht die entgegen⸗ geſezte Richtung von derjenigen die man ihm vor⸗ zeichnet. Gleichwohl iſt er ſehr klug und wird ſich nie compromittiren.“ 6 „Gut, wir wollen ſehen. Sie bleiben mir ver⸗ antwortlich.“ Abends ſtellte ſich der Doctor bei ſeinem Schü⸗ ler ein, der in einem äußerſt prachtvollen Cabinet in ſeiner Privatwohnung auf einem Sopha lag. „Ah ſo, der Alte hat Ihnen den Marſch ge⸗ macht, mein lieber Doctor,“ ſagte der Jüngling, „und das haben Sie ſo krumm genommen daß Sie aus purer Angſt nicht auf die Abenteuerjagd mit mir ausgehen wollen? Pah! Laſſen Sie ihn nur brummen! Ich ſchwöre daß Ihnen, was auch ge⸗ ſchehen mag, kein Leid widerfahren ſoll. Alſo fort mit allen Scrupeln, und laſſen Sie uns verſuchen ob dieß abſcheuliche Petersburg nicht auch Würfel, Mädchen und Wein bieten kann.“ „Baron, wir ſind nicht mehr in Heidelberg, und darum ſoge ich beſtimmt: Hier werden keine Tol⸗ heiten gemacht!“ Meinen Sie? Und wenn ich ſie auf eigene Fauſt, ohne Geſellſchaft begehe, wer will mich daraß 3 hindern?“ ch„ 1 „Auf welche Art?“ rief Conſtantin und ſprang auf. „Ich würde mich dann gezwungen ſehen dem 115 General zu ſagen daß ich ſchwach genug geweſen ſei in directem Gegenſaz zu ſeinen Inſtructionen zu han⸗ deln, und daß ich Sie, ſtatt einen ruſſiſchen Unter⸗ thanen aus Ihnen zu bilden, zu einem freiſinnigen Manne erzogen habe. Ja, ich würde dann geſtehen daß ich ſeinen Willen vollſtändig übertreten und Sie ſeinem Verbote zum Troz Schwediſch habe lernen laſſen.“ „Nun was geht es mich an wenn Sie ihm das Alles ſagen?“ „Nicht viel; aber er würde mich nach Sibirien ſchicken laſſen.“, „Ha, Wagner, Sie haben eine abſcheuliche Art über mich zu ſiegen.“ Conſtantin warf ſich wieder auf den Sopha. In dieſem Augenblick hatten die Züge des Jünglings einen wahrhaft edlen Ausdruck. Einen ganzen Monat hatte ſich die vornehme Geſellſchaft in Kronbrück aufgehalten, als Schuldfried und Tage an einem ſchönen Juliabend von Junta weggingen. Lezterer wollte ſeine Spielgenoſſin nach Hauſe begleiten, was ganz zur Tagesordnung ge⸗ hörte.. Durch den großen hohen Fichtenwald der zwiſchen Junta und Ektorp lag, führte ein ſchöner Weg. Wenn man fuhr, hatte man nicht viel über eine Viertel⸗ meile von Aberney's Gut bis auf den Hof det Wiitwe. Halbwegs von der Anhöhe pflegten die Kinder ſich zu ſezen und uuszuruhen; ſie ſchwazten dann über dieß und das, oder auch ſang Schuldfried ihrem Be⸗ 116 gleiter Etwas vor. Der genannte Abend war un⸗ gewöhnlich warm und ruhig. Sie ſezten ſich unter eine alte hohe Tanne welche ſie mit ihren Zweigen überſchattete. „Warſt Du auch ſchon in Kronbrück?“ fragte Tage. „Nein, gewiß nicht, und Du kannſt überzeugt ſein daß ich nie hingehen werde,“ antwortete Schuld⸗„ fried mit der allerliebſten ſchnippiſchſten Miene von der Welt.. „Und warum das? Ich denke mit der nächſten Gelegenheit einmal hinüber zu kommen und dieſen ſtattlichen Herrenſiz anzuſehen. Du inußt wiſſen, Anders erzählt mir, die Zimmer dort ſeien mit Seſ⸗ ſeln und Sophas von Gold und Silher möblirl. Es ſind jezt ſo viele Gäſte aus Rußland da, daß täglich große Feſte gegeben werden. Gewiß wäre es recht angenehm Alles das mitanzuſehen, und ich gedenke dieſer Tage einmal mit Anders hinüberzugehen.“ „Nein, Tage, das darſſt Du nicht thun,“ rief Schuldfried mit einem Ausdruck von Angſt. „Warum nicht?“ „Weil.. Schuldfried ſah ſich erſchrocken um und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort:„Weil 8 auf ganz Kronbrück ein Fluch ruht, der alle diejeni⸗ gen trifft die dieſen Unglücksort betreten, ſo daß ein Unglück ſie früher oder ſpäter heimſucht.“ „Wie kindiſch Du herausſchwazeſt,“ verſezte der vierzehnjährige Tage mit einer Miene überlegenen Verſtandes. „Liebſter Tage, das iſt gar kein ſo unverſtändi⸗ ges Gerede, ſondern die reine Wahrheit. Du mu 117 wiſſen daß der Vater des Generals Canitz ein Ver⸗ räther war, d. h. daß er Schwede war und dennoch gegen die Schweden Krieg führte. Während des Krieges wurden viele finniſche und ſchwediſche Ge⸗ fangene nach Kronbrück gebracht, und da ſoll der General ſie ſo ſchlecht behandelt haben daß ſie vor Elend ſtarben. Jeder von ihnen rief einen Fluch auf Kronbrück, ſeinen Eigenthümer und Alle die ſein Haus betreten herab. Ueberdieß ſtarb die Mutter des Generals dort aus Gram darüber daß ihr Mann ſich an den Ruſſen verkaufte, und ſie geht als Geiſt und weint über ihren böſen Sohn. Der Generql hat auf Kronbrück ſeinen Bruder umbringen laſſen und ihn in einem Keller begraben, ſo daß man, wenn es Mitternacht wird, tiefe Seufzer aus dem Grabe hört. Hu! was für ein grauenhafter Ort dieſes Gut iſt!“ Ver hat Iir dieſe Geſchichten da erzählt?“ fragte Tage mit einer ſehr nachdenklichen Miene. „Annika hat mir an den Winterabenden ſo viele ſonderbare Sachen über Kronbrück und ſeinen Eigen⸗ thümer geſagt. Eines Abends erzählte ſie wie ſchiecht die ſchwediſchen und finniſchen Gefangenen behandeit wurden, und während ſie ſo ſprach, kam meiné Mutter und hörte was ſie ſagte. Mama erſuchte ſie dann nie mehr Etwas zu erwähnen was den Ge⸗ neral hetreffe, ſondern lieber von andern Dingen zu reden. Meine Mutter legte ihre Hand auf meine Schulter und fügte hinzu: Beſchäftige Deine Ein⸗ bildung nicht mit Kronbrück, ſondern bedenke daß wir auch in unſern Gedanken das Böſe meiden ſol⸗ len, und böſe iſt Alles was den Namen Conitz führt.“ 118 „Ich will doch mit Papa darüber reden,“ fiel Tage ein.„Von ihm kann ich gewiß erfahren ob es wahr iſt was Deine Annika geſagt hat.“ Nachdem dieſer Beſchluß gefaßt worden, bat Tage ſeine kleine Begleiterin um ein Lied. Mit klarer Stimme ſang ſie wie folgt: Nein, meine Ruhe tauſch' ich nimmer Um alles Gold der neuen Welt; Was hilft des Staubes eitler Schimmer, Wenn's mich im tiefen Herzen quält? Mich rührt nicht leckrer Mahlzeit Luſt, Mich locket nicht des Goldes Pracht: Ach, nur die Unruh' in der Bruſt, Das iſt's was ewig in mir wacht. Im Augenblick wo der Geſang verſtummte, ſprang ein Jüngling über den Graben hinter ihnen und rief in gebrochenem Schwediſch: „Höre Mädchen, ſinge das Lied noch einmal, es gefällt mir; ich will es noch einmal hören.“ Schuldfried und Tage erhoben ſich beim Anblich des Fremdlings. Tage nahm Schuldfried bei der Hand und ſagte: „Komm, laß uns gehen!“ „Thue zuerſt was der Baron befohlen hat,“ ſagte ein Herr von etlichen und dreißig Jahren, der jezt ebenfalls über den Graben ſprang und ſich vor die Kinder ſtellte. Auch ſeine Ausſprache hatte etwas Fremdes in der Betonung. „Sollſt Du auf Befehl ſingen, Schuldfried?“ fragte Tage. Auf den Wangen des Knaben brannte die Röthe des Verdruſſes und er blickte die Unbe⸗ annten ſtolz an. 119 „Du unverſchämter Junge, Du wirſt doch nicht verlangen daß ich das Mädchen darum bitten ſoll?“ rief der Jüngling. „Ja, das verlange ich,“ antwortete Tage trozig⸗ „Liebe Kinder, es iſt der junge Baron Canitz,“ ſagte der ältere Herr und wollte den Knaben auf den Kopf tätſcheln; dieſer aber ſtieß die Hand weg und ergriff nur um ſo feſter Schuldfrieds Arm, in⸗ dem er mit einem Ausdruck des Entſezens ſagte: „Canitz!“ Beide machten eine Bewegung ſich zu entfernen. „Bleibt ſtehen!“ commandirte Conſtantin und ſtellte ſich ihnen in den Weg.„Haſt Du nicht ge⸗ hört daß ich das Lied da noch einmal hören will?“ „Ich will nicht ſingen,“ ſagte Schuldfried und warf einen Blick des Abſcheus auf Conſtantin.„Ich ſinge nie für...“ „Einen Ruſſen,“ ergänzte Tage und that einige Schritte um ſich mit Schuldfried hinwegzubegeben; aber Conſtantin ergriff das Mädchen am Arm und riß ſie von Tage weg, indem er heftig ſagte: „Ich habe geſagt daß Du ſingen ſollſt, und da hilft Alles nichts. Wenn Du nicht gehorchſt, ſo be⸗ kommſt Du Schläge und Dein naſeweiſer Protector da auch.“ Conſtantin erhob ſeine Reitgerte als wollte er wirklich ſeine Drohung ausführen. „Keine Uebereilung,“ warnte der ältere Herr, konnte jedoch nicht mehr ſagen; denn als Tage ſah daß Conſtantin über Schuldfried ſeine Reitgerte er⸗ hob, ſtürzte er auf den jungen Baron los und ver⸗ ſezte ihm einen Schlag ins Geſicht, indem er ganz rief: 120 „Laß Schuldlried los!“ Riit einer kräftigen Bewegung ſeines Arms ſchleu⸗ derte Conſtantin den Knaben, der ihm an Größe und Stärke ſehr unterlegen war, weit von ſich, ſo daß er rücklings in einen Graben fiel. „Elender Junge, ich zermalme Dich und Deine Schweſter, weil Du es gewagt haſt Hand an mich zu legen,“ ſchrie Conſtantin und gab Schuldfried zuerſt einen Schlag ins Geſicht und dann auf die Schulter. Bei dieſem Anblick war Tage wieder auf den Beinen, und mik wilder Raſerei warf er ſich auf Conſtantin, der, um ſich ſelbſt zu vertheidigen, Schuldfried loslaſſen mußte. Es entſtand ein fürch⸗ terlicher Kampf, aber nach einigen Augenblicken blieb der Sieg auf Seite Conſtantins. Er hatte Tage unter ſich bekommen und erhob ſeine Reitgerte um ſeinen Gegner mit dem Stiel recht gründlich durch⸗ 5 zubläuen, aber Schuldfried ergriff den erhobenen Anm indem ſie mit angſtvoller Stimme rief: „Sie ſollen, Sie dürfen Tage nicht ſchlagen!“ Ohne ſeine Bewegung in ſeinem aufgereizten Zuſtand zu berechnen, ſchleuderte Conſtantin das WMädchen eben ſo heftig von ſich wie ſo eben den Fnaben. Sie fiel rücklings und blieb unbeweglich liegen. Bei Schuldfrieds Dazwiſchenkunft war es jedoch Tage gelungen wieder loszukommen, und einige Augenblicke wälzten ſich die heiden Jünglinge wie nen ſtanden. Aber beim erneuten Zuſammentreffen ergriff Conſtantin ſeinen Gegner im Nacken, hielt Bälle um einander her, bis ſie wieder auf den Bei⸗ ihn hoch in die Luft und ſchleuderte ihn dann rück ——— 121 lings auf den Boden, worauf er ihm noch einige Streiche gab mit den Worten: „Unverſchämter Bauernlümmel, jezt wirſt Du Dei⸗ nen Ton herabſtimmen lernen.“ „Um Gotteswillen, Baron, bedenken Sie daß wir in Finnland ſind,“ rief Dr. Wagner, der über die bewußtloſe Schuldfried hingebeugt daſtand.„Ich glaube Ihre Raſerei hat beide Kinder das Leben gekoſtet.“ Bei Wagners Worten entfiel die Reitgerte der Hand Conſtantins; er faßte Tage um den Leib und richtete ihn auf. Das Blut rann dem Knaben von der Stirne. Als er aufgehoben war, ſchöpfte er tief Athem, machte eine ſchwache Anſtrengung um los⸗ zukommen, und ſtand wieder aufrecht, taumelte aber als er einen Schritt gegen Conſtantin thun wollte, ſo daß er ſtehen bleiben und ſich an einen Baum ſtüzen mußte. Jezt hörte man das Geräuſche eines Wagens der herannahte. „Fort, Baron!“ ſagte der Doctor;„wenn Jemand Sie ſähe, könnte es zu großen Widerwärtigkeiten füh⸗ ren. Sputen Sie ſich, oder bei Gott, wenn Sie noch einen Augenblick bleiben, ſo thue ich nichts um den Kindern hier zu helfen.“ „Aber.. ſtammelte Conſtantin.* „Baron Canitz!“ ſagte der Doctor in entſchiede⸗ nem Tone und erhob ſich in ſeiner vollen Größe. „Entfernen Sie ſich ſogleich; Sie haben bereits mehr als zu viel Unheil angerichtet.“ Conſtantin ſprang über den Graben und ver⸗ ſchwand im Walde. Tage hatte ſich ſoweit erholt daß er mit dem 122 Schnupftuch das Blut abtrocknen konnte das ihm über die Augen rann. Sein erſter Blick, als er dieſe frei hatte, fiel auf Schuldfried. „Mein Gott, was iſt geſchehen?“ ſtammelte er, und das Schnupftuch um ſeine blutige Stirn haltend, taumelte er auf ſeine kleine, bleiche Camerädin zu, die eben jezt einen tiefen Seufzer ausſtieß und die Augen aufſchlug.“ „Wie iſt's, mein Kind?“ fragte der Doctor. „Liebe, liebe Schuldfried, wie ſteht's mit Dir?“ ſchluchzte Tage, indem er ſich an ihrer Seite auf die Kniee warf und mit ſeiner freien Hand eine der ihrigen ergriff. Schuldfried ſchaute zuerſt den Doctor, dann ihren Cameraden an und warf ſich hierauf dieſem um den Hals, indem ſie in Thränen ausbrach und murmelte: „Tage, Tage, er hat uns geſchlagen!“ Sie griff nach ihrem Backenknochen, über deſſen feiner Rundung ein dunkelrother Streif von Conſtan⸗ tins Reitpeitſche zu ſehen war. Inzwiſchen kam der Wagen immer näher und wurde bald ſichtbar. Es war ein bedeckter Reiſewagen. Als er eben vorbei⸗ fahren wollte, rief Wagner dem Kutſcher Halt zu. Dieſer kam der Aufforderung ſogleich nach. „Wohin fährſt Du?“ fragte der Doctor. „In das Wirthshaus von L.,“lautete die Antwort. „Sagt mir, Kinder, woher ſeid ihr?“ ſagte Wag⸗ ner zu Tage, der noch immer Schuldfrieds Hände in den ſeinigen geſchloſſen hielt. Die Kleine hatte einen ſo heftigen Schlag ins Genick bekommen daß ſie ganz verwirrt war. „Schuldfried wohnt in Ektorp, dicht hier neben,“ 123 ſagte der Junge, indem er den Schmerz vergaß den ſeine Stirnwunde ihm verurſachte. „Kannſt Du,“ fuhr der Doctor gegen den Kut⸗ ſcher fort,„Deine Herrſchaft bitten daß ſie dieſe bei⸗ den Kinder in den Wagen nehme und auf ein klei⸗ nes Gut bringe das auf dem Wege nach X. liegt? Sie ſind gefallen und haben ſich verlezt, ſo daß ſie nicht heimgehen können.“ „Das müſſen Sie ſelbſt fragen, denn ſehen Sie, die Dame die ich führe, verſteht mein Gerede nicht,“ antwortete der Kutſcher. Die Reiſende ſchob in dieſem Augenblick die Vor⸗ hänge vom Wagenfenſter weg, und ein verſchleiertes Frauengeſicht kam zum Vorſchein. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte der Doctor auf Franzöſiſch,„daß ich Sie aufhalte; aber ich muß Sie bitten daß Sie dieſen Kindern da die Güte er⸗ weiſen möchten ſie auf ein Gut zu bringen das ganz in der Nähe liegt.“ Die Dame nickte zuſtimmend und öffnete ſelbſt den Schlag. Wagner hob Schuldfried und auch Tage, der ſich kaum vor einem Augenblick entſchließen konnte ihre Hand loszulaſſen, hinein. „Warte am erſten Hof rechts wohin Du kommſt,“ ſagte der Doctor zu dem Kutſcher, nachdem er der ₰ Dame gedankt hatte.„Ich werde vor Dir dort ſein,“ fügte er hinzu. Im nächſten Augenblick war Wag⸗ ner über dem Graben und verſchwand im Walde. Während der Fahrt behandelte die Dame die beiden Kinder mit großer Zärtlichkeit. Sie hatte ihr Schnupftuch genommen und Tages bluende Stirne verbunden, wie auch Schuldfrieds St läfe mit wohlriechendem Waſſer beſprengt. Während die⸗ ſer Beſchäftigung hatte ſie den dichten Schleier auf⸗ gehoben. Sie hatte ein bleiches kummervolles Ge⸗ ſicht mit großen dunkeln Augen. Sie war nicht mehr jung; aber Etwas in dieſen Zügen flüſterte daß ſie in ihren jüngern Jahren ein vortheilhaftes Aeußeres gehabt habe. Als ſie an die krumme und ſchmale Allee kamen die aus dem Waldweg nach Ektorp hin⸗ abführte, hielt der Wagen an. Doctor Wagner öff⸗ nete den Schlag. Rachdem er der Dame abermals — gedankt, hob er Schuldfried heraus; aber als er Tage heraushelfen wollte, ſtieß der Junge ſeine Hand hinweg und ſprang ſelbſt herab. Im nächſten Augen⸗ blick war die Reiſende verſchwunden und der Doctor mit ſeiner Laſt nach Ektorp hinabgegangen, wo er Annika begegnete, die beinahe einen Schlag bekam, als ſie das Kind von einem fremden Herrn getragen und von einem Jungen mit blutiger Binde um den Kopf begleitet ſah. Gleichwohl gelang es Wagner der Alten klar zu machen daß die beiden Kinder er⸗ ſchreckt worden, in Folge deß gefallen ſeien und ſich verlezt haben, wie auch daß Schuldfried Ruhe und Pflege bedürfe. Da Wagner mit ſtarker ausländi⸗ ſcher Betonung ſchwediſch ſprach, ſo hatte Annika einige Mühe ihn ſogleich zu verſtehen. Sie begriff indeß die Hauptſache, nämlich daß für Schuldfried Ruhe und Pflege Noth thue; auch währte es nicht lange, ſo lag das kleine Mädchen in ihrem Zimmer im obern Stock. Annika wurde von dem Doctor in volle Thätigkeit verſezt mit Senfpflaſtern u. ſ. w. Tage hatte Schuldfried getreulich begleitet und mit ängſtlichen Blicken das verwirrte Ausſehen ſeiner Bette liegend und Schuldfried auf dem Sopha. bei Schuldfried. 125 Freundin betrachtet. Während er ſo an der Sopha⸗ lehne ſtand, kam es ihm vor als begänne der Boden unter ſeinen Füßen ſich zu bewegen, und endlich war es ihm als ob er Schuldfried nur noch durch einen Nebel ſähe; er griff krampfhaft in die Sophalehne, fühlte ſich aber in dieſem Augenblick von ein paar Armen umfaßt, worauf Alles um ihn her verſchwun⸗ den war. Als Annika zurückkam, fand ſie Tage auf dem err Jemine, iſt des Profeſſors Junge auch weg!“ rief ſie;„Gott tröſte mich!“ Nachdem Tage vom Doctor verbunden und wie⸗ der zur Beſinnung gebracht war, erſuchte er Annika anſpannen und ihn nach Junta zurückführen zu laſ⸗ ſen. Wagner erklärte, die Ohnmacht ſei nur eine Folge des Blutverluſtes und Tages Zuſtand im Uebrigen ganz und gar nicht gefährlich. Anders verhielt es ſich mit Schuldfried; ſie hatte eine ſchwere Contuſion am Kopfe erhalten und dieſe hatte eine ſtarke Gehirnerſchütterung verurſacht. Mit elf Jahren, wenn man einen geſunden Kör⸗ per hat, iſt die Natur ein mächtiger Arzt. So auch Frau Smith, die erſt nach des Doctors Weg⸗ gang von Annika unterrichtet worden war, nahm ſo⸗ gleich ihren Plaz an Schuldfrieds Krankenbett ein, aber nach einigen Wochen befand ſich dieſe außer aller Gefahr. Doctor Wagner hatte ſie mit rühmens⸗ werthem Eifer und einer Sorgfalt die dem Arzt alle Ehre machte verpflegt. Frau Smith wich beharrlich jedem Zuſqen 3 treffen mit dem Doctor aus, obſchon ſie Tag und Nacht bei dem Kinde wachte. Sobald Wagner kam, ging Frau Smith ins anſtoßende Zimmer, und An⸗ nika war diejenige die ihn empfing und ſeine Vor⸗ ſchriften ausführte. Schon am erſten Tag nach dem betrübenden Er⸗ eigniß fand ſich Aberney auf Ektorp ein. Er wurde. von einer Dienerin in den Saal geführt, und nach⸗ † dem er eine Weile dort gewartet, übergab ihm ein Dienſtbote ein Billet folgenden Inhalts: „So lange Schuldfrieds Zuſtand erfordert daß die Mutter an ihrem Krankenlager wacht, bittet die Mutter daß Sie dieſe Tochter nicht beſuchen mögen. Ueber ihren Geſundheitszuſtand ſollen Sie jeden Mor⸗ gen in Keüntniß geſezt werden.“ Aberney las das ſeltſame Billet zweimal durch. und entfernte ſich dann. Während der ganzen Krank⸗ heit Schuldfrieds ſchickte er zweimal täglich um nach ihrem Befinden zu fragen; aber wenn auch der Pro⸗ feſſor, mit ſeinen hohen Begriffen von der perſön⸗ lichen Freiheit jedes Menſchen, Frau Smiths Wunſch allzu ſehr reſpectirte um ſie auf irgend eine Weiſe zu beläſtigen, ſo war dieß doch Etwas wozu der kleine Tage ganz und gar keine Luſt hatte.. Vier volle Tage mußte der Junge vor Schmerz und Wundfieber das Bett hüten, aber troz Allem was er dabei ausſtand, würde er ſich ganz ſicher nach Ektorp begeben häben, wenn Aberney ihm nicht verboten hätte ſein Zimmer zu verlaſſen. Es iſt ſehr ungewiß ob er dieſem Verbote nachgekommen wäre, wenn nicht Tante Sara oder Aberney ihm beſig Geſellſchaft geleiſtet hätte. Es blieb ihm . — dieſes währt, mußt Du auf Deinem Zimmer blei⸗ 127 alſo nichts Anderes übrig als daß er ſich ruhig hielt, und dieß machte ihn höchſt ungeduldig. Es kam ihm vor als würden ſeine Schmerzen mit jedem Tage ſchlimmer, und in ſeiner Unruhe darüber daß er auf Junta Bleiben mußte, während er bei Schuldfried hätte ſein wögen, jammerte er unaufhörlich und warf ſich auf ſeinem Lager hin und her. Er bercitete ſeiner Umgebung eine ordentliche Geduldprobe. Ganze Tage lang grübelte er über ein Mittel aus ſeinem zu entkommen und ſich nach Ektorp begeben. 2 n vierten Abend, als Aberney ſelbſt einen en Verband um die Stirne des Jungen gelegt und dieſer dabei große Unverträglichkeit gezeigt hatte, ſagte der Profeſſor: „Du biſt doch ein rechter Tropf, daß Du wegen dieſer Schramme ſo jammern magſt! Wie kann ein Junge ſich wegen einer ſolchen Kleinigkeit grämen?“ „O es iſt nicht darum, ſondern weil ich einge⸗ ſperrt ſein muß,“ ſtammelte Tage. „Du haſt immer Fieber gehabt, und ſo lange ben. Gute Nacht jezt, Junge, und danke Gott daß Du nicht eben ſo krank biſt als die kleine Schuld⸗ fried.“ Der Profeſſor tätſchelte ihn auf den Kopf und entfernte ſich. Wie unwiſſend zeigen ſich nicht die klügſten Men⸗ ſchen bei Beurtheilung der Gefühle von Kindern oder jungen Leuten! Sie faſſen nur die Aeußerun⸗ gen derſelben auf, aber nicht die Motive. So auch jezt. Aberney ſah bei Tage nur die Ausbrüche ſei⸗ ner Ungeduld, nicht aber das was ſie hervortief, und deßhalb glaubte er ihn dgran erinnern zu ſollen daß ſeine Camerädin noch übler daran ſei als er. Die Folge davon war jedoch daß Tage um jeden Preis nach Ektorp gehen mußte. Abends, nachdem Tante Sara gute Nacht geſagt hatte und alle Hausgenoſſen von Juntg zur Ruhe gegangen waren, ſtand Tage auf. Er wär zwar ein wenig wirr im Kopf und auch etwas ſchwach auf den Beinen, aber ſein Beſchluß ſtand feſt t nach Ektorp, und ſollte er auch dahin kriechen Ganz behutſam ſchlich er ſich die Trepp rund hatte große Mühe um mit freundlichen Wor⸗ ten den Hofhund zu beſchwichtigen, der ſich der nächt⸗ lichen Wonderung widerſezen wollte. Endlich war es ihm gelungen in den Wald zu kommen, und ob⸗ ſchon ſeine Kräfte gering waren, ſo wanderte er doch unerſchrocken weiter in der ſchönen Sommernacht. Wohl zehnmal mußte er ausruhen und ein e Weile ſeinen ſchwer ſchmerzenden Kopf in die Hände legen um Kraft zu ſammeln; aber troz Schmerzen und Schwäche fiel es ihm nicht ein einziges Mal ein ſeinem Plan zu entſagen. Als er ungefähr drei Viertheile des Weges zurückgelegt hatte, ſank er vor Mattigkeit zuſammen. Er legte ſeinen kranken Kopf an einen Raſen und dachte: „Ich muß weiter, ich muß weiter, und ſollte ich darüber ſterben. Es iſt bloße Weichlichkeit daß ich mir ſo müde vorkomme; in einer Weile ſeze ich meinen Weg fort und ruhe nicht bis ich in Ek⸗ torp bin.“ So groß war die Willenskraft des fünfzehnjäh⸗ rigen Jungen daß er nach einigen Minuten ſeine überlegte: Wanderung ununterbrochen bis na Er ging in den Hof bis unter den Giebel des Hauſes, wo, wie er wußte, Schuldfrieds Fenſter ſich befand. Wie oft hatte ſie es ihm nicht gezeigt! Unter dieſes Fenſter, welches en liebſten Gegenſtand umſchloß den der Jüngling beſaß, ſezte er ſich. Es wurde ihm jezt leichter ums Herz als er ſich ſo nahe bei ihr befand. Er legte ſich auf die Bank, gebrauchte ſeine Mize als Kopf⸗ kiſſen, faltete die Hände zum Gebet und ſo ſchlief er vor Müdigteit ein. ch Ektorp fortſezte. und ſchleppte ſich buchſtäblich ie eſten Strahlen der Sonne fielen auf den S nd weckten ihn. Sein Kopf ſchmerzte hef währte lange ehe er ihn aufzurichten vern einer kräftigen Anſtrenguns geſchah es och. Lange ſaß er unbeweglich da und zu überlegen wie er Schuldfried zu Ge⸗ ſicht men könnte. In dieſem Augenblick öff⸗ nete 8 Fenſter über ſeinem Kopf. Tage ſchaute n entdeckte er an der Wand terſims reichte. Tage hinauf, ſah aber Niemand. Statt deſſe hinter der Hecke ein Spalier das inaufging und beinahe zum Fenſ „Wenn ich Annika bitte mich zu Schuldfried hin⸗ 5 einzulaſſen, ſo weist ſie mich ab, wie Papa gethan m Spalier da hinauf⸗ hat; aber wenn ich an dieſe klettern und ins Zimmer hineinſpringen würde, ſo träfe ich ſie ganz gewiß, wer auch drinnen ſein möchte.“ Geſagt, gethan. Tage begann, abſchon mit eini⸗ ger Schwierigkeit, am Spalier hinaufzuklettern. Als er ans Fenſſer kam, warf er einen Blick ins Zim⸗ Schwartz, Schuld und Unſchuld. I. * mer hinein. Es war Niemand darin. Rechts ſtand ein Bett deſſen Vorhänge ſorgfältig zugezogen wa⸗ ren. Noch ein Paar Schritte und der junge Aben⸗ teurer befand ſich in Schuldfrieds Zimmer. Die Thür eines anſtoßenden Zimmers ſtand halb offen. Tage blieb einen Augenblick ſtehen und lauſchte, aber als Alles ruhig und ſtill blieb, ſchlich er ſich bis zum Bette vor und ſchob die Vorhänge weg. Hier ruhte„ Schuldfried auf dem ſchneeweißen Lager, ſelbſt blaß wie eine geknickte Lilie. Sie ſchlummerte. Tage ſtand unbeweglich da und betrachtete die theuren Züge mit bethränten Augen. Sie kam ihm wie todt vor.— So verfloßen einige M Schuldfried plözlich die Augen auſſchl Tage rief ſie mit einer Stir ſchon matt, dennoch ihre ganze Freude Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen H ſterte:„Gott ſei Lob und Dank daß Dy men biſt!“ Bei Schuldfrieds Ruf ließ ſich eine vegung im anſtoßenden Zimmer vernehmen; ohne daß eines der Kinder darauf achtete, wurde die Thüre aufge ſchoben und Frau Smiths düſtere Geſtalt erſchien auf der Schwelle. Beim Anblick des Jungen zog ſie ſich ſchnell zurück, und unmittelbar darauf hörte † man ein Geklingel. In der nächſten Minute trat Annika ein. Die Alte wagte nicht zu brummen, ob⸗ ſchon ſie beim Anblick Tages große Luſt zu hadern empfand; denn der Doctor hatte geſagt, Schuldfried müſſe in Ruhe erhalten werden. Sobald ſie davon zu ſprechen anfing daß er ſich entfernen ſolle, wurde Schuldfried aufgeregt, und nun verſtummte Annika ſogleich. Schuldfried hielt Tages Hand ſeſt und wollte nicht daß er ſie verlaſſe. Annika, die nicht wußte wie ſie ſich benehmen ſollte, ging zu Frau Smith hinein um ihren Willen zu hören. Inzwi⸗ ſchen ergriff Schuldfried den Arm Tages und ſagte heftig: „Tage, Du darfſt nie davon reden daß man uns „ geſchlagen hat. Du haſt es doch zu Niemand geſagt?“ n „Nein, Schuldfried, das habe ich nicht. Ehe ich Genugthuung für mich und für dich erhalten habe, ſage ichs Niemand,“ antwortete der Junge mit einer ärkere vbe auf ſeiner Wange. Er erzählte jezt rtgeſtohlen habe und daß er vor dem daheim ſein müſſe. zurückkam, brachte ſie von Frau Smith mit daß Tage wiederkommen und ſuchen dürfe wie er es wünſche. Frau necht erhielt Befehl Tage nach Junta en. — Bei ſeiner Heimkehr erhielt Tage Vorwürfe von Aberney: dieſe aber waren nicht gefährlich und wur⸗ den gänzlich vergeſfen, als der Profeſſor verſprach daß er am folgenden Tag nach Ektorp gehen dürfe. Nach einigen Wochen befand ſich Schuldfried vollkommen auf dem Wege der Beſſerung und ver⸗ brachte die Nachmittage auf einer Bank außen im Hofe liegend. Sie litt jezt nur am Schwindel, einem Uebel von welchem der Doctor behauptete daß ſie es noch einige Zeit behalten würde. Tage war jeden Nachmittag bei ihr und dann las er ihr vor oder erzählte Geſchichten. Endlich nach einem Monat war ſie vollkommen geſund und konnte zu ihrer unbeſchreiblichen Freude die Fahrten nach Junta wieder unternehmen; aber mit den angenehmen Spaziergängen nach Hauſe war es zu Ende, denn der alte Anders brachte Schuld⸗ fried zu Wagen hin und her. Oft wenn Tage und Schuldfried allein waren, ſprachen ſie mit tiefer Erbitterung von Conſtantin Canitz, und dann pflegte das Mädchen mit rothen Wangen und blizenden Augen zu f „Wenn ich hundert Jahre alt wür die abſcheuliche Schande nicht vergeſſ ich von ihm geſchlagen worden ſin immer geſagt, es ſei eine unaus gung Schläge zu bekommen, und ſi noch nie hat mich Jemand auch nur ger berührt, um mich zu ſchlagen. hat es gethan und ich werde es ihm Sie deutete auf die Schramme a und fügte hinzu: „Bis in meinen Tod werde ich de verabſcheuen der Dir dieß zugefügt hat, und we ich ſeinen Namen höre, wird mich immer der Schlag ſchmerzen den er mir ins Geſicht gab.“ Conſtantin hatte nach den Vorfällen mit den Kindern ganz plözlich Kronbrück verlaſſen, obſchon alle Gäſte und der General ſelbſt noch blieben. Dr. Wagner war zum Bezirksarzt ernannt worden und ſomit ebenfalls geblieben. Alles was man von Conſtantins plözlicher Ab⸗ reiſe erfuhr, war daß er noch am ſelben Abend wo der Auſtritt im Walde ſtatt hatte ein Billet erhielt das ein Bote aus dem Gaſthaus brachte. Nach Durchleſung deſſelben war er ſogleich fortgeritten und erſt am folgenden Morgen zurückgekommen, wo er den General aufſuchte und eine lange Unterre⸗ dung mit ihm hatte. Nachmittags erklärte der General ſeinen Gäſten, ſein Sohn müſſe in bie Kriegsſchule in Petersburg eintreten. ———— len uns jezt ſechs Jahre weiter verſezen ohner von Ektorp und Junta waren ſie daß ſich etwas beſonders Merkwür⸗ reiste Profeſſor Aberney von Junta e und Tante Sara zogen dann mit, ihrer Abweſenheit wurde Junta von t und ſeiner Frau bewohnt. In der Winter einförmig; Schuldfried kitete, fuhr in die Kirche und beſuchte ndere Hütte wo ihre mildthätigen einen. Segen hinterließen. So war ihr Leben don Kindheit auf dahingegangen, und ſie empfand keine Sehnſucht nach einer andern Lebens⸗ weiſe. Im Frühjahr kehrte Aberney nach Junta zurück; ſie traf dann ihren guten Freund Tage und Tante Sara wieder, und nün begannen die Lectionen, Spa⸗ ziergänge, Spiele und Geſpräche, welche Schulofried immer mehr an Tage und Aberney feſſelten. So ichts von der Scheu eines Einſiedlers waren drei Jahre vergangen. Am vierten Frühling kamen Sara und Aberney allein. Tage war auf Aberneys Wunſch nach Schweden gegangen und ſollte ſich in Carlsberg zum Marineoffizier aus⸗ bilden. So verfloßen drei Jahre, ohne daß Schuldfried ihren theuern Jugendfreund wieder ſah. Schuldfried zählte jezt ſiebzehn Sommer. Aus dem hübſchen Kind war eine ſ Jungfrau ge⸗ worden, die noch inimer ihren friſchen frohen Sinn und ihr ungekünſteltes Herz bewahrte. Das in voll⸗ kommener Einſamkeit erzagene Mädchen ₰ von keiner ſchwermüthigen Träumere manchmal beim Singen ihrer Liedes waren es heitere Träume, friſch und ihr ganzes Weſen, oder auch ſtolz wie niemals aber ſchnſuchts krank oder weh Fröhlich wie eine Lerche, eilte ſie an eit nen Tag zu Anfang Mai nach Ju durch einige Zeilen Aberneys von ſei ſelbſt unterrichtet worden. Ihr gut im höchſten Grad überraſcht, als 3 ling wieder erblickte, und ſah wie ſis lezten Monaten zum Weibe entwi elt hatte. Der . Blick den er auf ſie heftete, bewies daß der gelehrte Mann, obſchon in ſeine Studien vertieft, gleichwohl von einer ungewöhnlichen Schönheit überraſcht wer⸗ den konnte. Tante Sara, deren ganz beſonderer Liebling ſie geworden war, bewirthete ſie mit allem Koſtbaren was ihre Vorrathskammer an Eingemachtem und —— 135 Backwerk beſaß, und das junge Mädchen war an Seele und Herz noch ſo vollkommen Kind, daß ſie ſich all die guten Sachen die Sara aufſtellte recht wohl munden ließ. Der erſte und auch der zweite Beſuch auf Junta wurden vollſtändig von Erzählungen wie man den Winter zugebracht, ſo wie von all den mehr oder weniger merkwürdigen Ereigniſſen die einigermaßen von der täglichen Ordnung abwichen, in Anſpruch genommen. Vor dem Erker ſizend erzählte ſie ihrem guten Freund, wie ſie Aberney fortwährend nannte, daß ſie ein langes Gewebe gemacht, daß ſie ſo und ſo viel Garn geſponnen, welche Bücher ſie geleſen, welche Muſik ſie eingeübt, wie oſt ſie die Kirche be ſucht, was für ſchöne Topfpflanzen ſie aufgezogen, ud wie viele Laubenpaare ſie jezt beſaß. Als der Bericht über all dieſe Merkwürdigkeiten zu Ende war, fügte ſie hinzu: „Ich habe auch reiten gelernt.“ „Reiten! wiederholte Sara und ſah beſtürzt von ihrer Stickerei auf.„Das iſt nicht möglich. Es ziemt ſich nicht für ein ſittſames Mädchen. In mei⸗ ner Jagend würde man ſo Etwas nicht geſtattet haben. Bloß ſehr vornehme Damen können ſich ſolche Unweiblichkeiten erlauben, ohne daß es ſehr auffällt.“ „Wenn eine vornehme Dame reiten kann ohne daß es anſtößig iſt, ſo kunn auch ich es thun; denn was für die eine paßt, das paßt auch für die an⸗ dern.“ Schuldfried ſah mit einer lächelnden und trozi⸗ gen Miene Tante Sara an.„Annika daheim,“ fuhr ſie fort,„bekam beinahs einen Schlag, als ſie mich S 136 zum erſten Mal zu Pferde ſah. Sie ſprang ſogleich zur Mama um zu klagen; aber damit war Richts gewonnen. Ich erhielt von meiner Mutter volle Erlaubniß meinen Zelter zu tummeln.“ Schuldfried lachte. Tante Sara glättete ihre Schürze, ein Zei⸗ chen daß die Alte bei übler Laune war. Aberney ergriff mit echter Profeſſorsmiene das Wort: „Liebes Kind, das ſollteſt Du, gleube ich, ganz bleiben laſſen. Eine Reiterin zu ſein, iſt gerade Nichts was ein Weib ſchmückt. Es iſt gar nicht anmuthig zu ſehen wie ein junges Mädchen gleich einem Coſaken zu Pferde einherſprengt. Wir Män⸗ ner bewundern in der Frau gerne ein ſchchernes und mildes Weſen das in ſeinem Thun d Laſſen alles Mannhafte verabſcheut.“ „Ach mein guter Freund, ein ſolches mildes und ſchüchternes Weſen werde ich nie,“ veiſezte Schuld⸗ fried.„Die Furcht iſt mir fremd, und da ich nichts Böſes thue, ſo muß ich Alles thun könen was mich gelüſtet. Ich liebe Bewegung und Feiheit Dieſe i mich zu⸗ zwei Vortheile habe ich beſeſſen ſo w rückerinnern kann. Sie waren mei chäze und find es noch jezt; deßhalb liebe ichs wie eine Winds⸗ braut auf meinem Pferde dahinzufliegen. Wollte Gott daß ich ein rechtes Reitpferd befäße, aber ſo glücklich bin ich nicht.“ Ein kleiner Disput entſtand zwiſchen Schuldfried und Aberney, wobei er ſich über den wirklich über⸗ legenen Verſtand des Mädchens, ihr logiſches Den⸗ ken und die Klarheit ihrer Beweisführung wundern mußte. Dieß war indeß ganz natürlich, wenn man bedenkt daß Schuldfried, in Folge der wiſſenſchaft⸗ 137 lichen Richtung die ſie durch Aberney erhalten, ihren Geiſt wahrhaft ausgebildet und ihren von Natur außerordentlich guten Kopf ungewöhnlich geübt hatte. Bei ihrem dritten Beſuch begannen die Lectionen wieder. Wenn Schuldfrieds Stimme ſchon in ihren Kinßerjahren ſchön war, ſo hatte ſie jezt eine unge⸗ meine Kraft und Klarheit gewonnen und war eine wahre Nachtigallenſtimme geworden. Ein Paar Wochen verfloßen ſchnell für Schuld⸗ fried, die ihre Lectionen liebte und ſich an der Seite ihres väterlichen Freundes ſo glücklich und froh fühlte. Eines Tags beſchloß Schuldfried nach Junta zu rei⸗ ten Sie machte den Weg ſonſt immer zu Fuße.— Der Oberknecht Jvar hatte ihr Mittags geſagt daß Bleß, das beſte von den drei Pferden auf Ektorp, frei ſei, im Fall das Fräulein davon Gebrauch machen wolle Ratürlich wollte Schuldfried das, und der Oberknecht erhielt den Auſtrag es zu ſatteln. Nach dem Mittageſſen ging Schuldfried in den Stall hinab. Sie wollte Annika nicht wiſſen laſſen daß ſie ritt, weil die Alte ſonſt ein Geſchrei von dem Schreck ängefangen hätte worein Schuldfried ſie verſeze. In einem kurzen Blouſenröckchen und Beinklei⸗ dern von dunklem ſelbſtgewobenem Zeug, mit einem runden Strohhut auf dem Kopf, war Schuldfried eine, wenn auch nicht gerade elegante, doch ausge⸗ zeichnet ſchöne Reiterin. Mit dem Pferd und Ge⸗ ſchirr verhielt es ſich jedoch anders. Bleß war ein kleiner, brauner Bauernklepper, mit einem weißen Stern auf der Stirne, einer langen ungekämmten Mähne und kurzen Ohren die er unaufhörlich ſpizte. 138 Die Ausrüſtung beſtand aus einem alten abgetra⸗ genen Sattel den der Oberknecht bei irgend einer Auction gekauft, ſo wie aus einem Zaumgeſchirr das ebenfalls ſeine beſten Tage geſehen hatte. Die Zü⸗ gel waren von Hanf, allerdings ganz neu, aber un⸗ beſchreiblich einfach. Doch was bedeutete das Alles? Die Hauptſache für Schuldfried war daß ſie reiten durfte; das Uebrige war Nebenſache. Fröhlich und ſtolz ſaß ſie im Sattel, gleich als wäre ihr Klepper ein ausgezeichneter andaluſiſcher Springer und das Gebiß mit Gold und Edelſteinen geſchmückt. Es ging friſch weg, obſchon nur im ſogenannten Hde⸗ trab. Akls ſie ein Stück weit gekommen war, hielt ſie ihr Pferd an und ließ es im Schritt gehen Wald war Schuldfrieds Entzücken und durch ritt ſie immer langſam. Gott weiß an was das Mädchen dachte, rend Bleß mit ſeiner Laſt gemächlich voranſchritt. Ganz plözlich wurde ſie durch Hufſchlägs hinter ihr aus ihren Gedanken geweckt. Es kam Jemänd in geſtrecktem Galopp einhergeritten. Bleß erhoh ſei⸗ nen Kopf und wieherte. Schuldfried Wandte ſich um und wartete mit nicht geringer Neugierde wer es wohl ſein könnte. Sie erinnerte ſich nicht einen Reiter in der Gegend geſehen zu haben, ſeit General Canitz vor drei Jahren geſtorben war. Daß es kein Bauernjunge war der auf der Waide umherritt, hörte man wohl an den leichten Hufſchlägen. „Wie angenehm,“ dachte Schuldfried,„daß man einmal einen Freiden zu ſehen bekommt! Das wäre wahrhaft epochemachend!“ Kaum hatte ſie das gedacht, als ein ſchneeweißer S „„ — ———— Zelter den kleinen Hügel heranſprang den ſie hinter ſich geläſſen hatte. Das Pferd trug auf ſeinem Rcen einen ſchlanken Reiter. hne im Mindeſten über den Anblick eines jun⸗ annes zu Pferde zu erſchrecken, ließ Schuld⸗ fties ihren Bleß ſeinen beſcheidenen Hundetrab wei⸗ gehen und wartete ungeduldig bis ſie den Reiter eme Jezt war er ganz nahe. Wieder ſie ihren Kopf. ei dieſer Bewegung riß der Reiter die Zügel n i juſt in dem Augenblick wo ſein Pferd vor⸗ eiſpingen ſollte. War es die ungewöhnliche Schön⸗ beit e Mädchens, oder war es der eigenthümliche Anblick dieſer ſchlanken, eleganten Frauengeſtalt in einem ſo dürftigen Reitkleid und auf einem Pferd das zu ganz andern Dienſten beſtimmt war öls es jest veirichtete, was den jungen Mann veranlaßte ſo Pzlich anzuhalten, oder war es wirklich der Grund den er angab, als er ſeine Uniformsmüze abnahm und ſagte: „Eutſchuldigen Sie und erlauben Sie mir die Soh dieß der rechte Weg nach Kronbrück iſt?“ Seine Augen hafteten mit dem Ausdruck der größten Ueberraſchung auf dem Mädchen. „Nein, Sie ſind ganz davon abgekommen, und müſſen entweder bis zu dem Kreuzweg bei Junta vorreiten oder zurück bis zu dem Hauptweg am Ende des Waldes,“ antwortete Schuldfried, zwar mit einer ſtarken Röthe auf den Wangen, aber ſonſt ohne allen Zwa Sie hatte mit der Hand die beiden ver⸗ ſchieden ichtungen bezeichnet die er einzuſchlagen hatte „Dann will ich lieber vorwärts,“ antwortete der junge Mann mit einem fremden Accent; ich kehre nicht gerne um, wenn ich einen Weg betreten hab 6 „Dieß iſt gleichwohl zuweilen unumgänglich nöthig denn ſonſt würden wir nie in die Heimath zutü kehren die wir verlaſſen müſſen.“ Schuldfried ſagte dieß mit ihrer gewöhht Ungezwungenheit, ohne ſich durch die klaren und lenden Augen des Fremden beläſtigt zu fühle war ſich ihrer eigenen Schönheit viel zu we wußt, um den Ausdruck unverſtellter Bewun in ſeinem Blicke zu beachten. Der junge Mä gegen ſchien gar nicht geneigt ſeinen Weg allein ſort⸗ zuſezen, ſondern ritt im gleichen Schritt mit Schuld⸗ fried weiter, nahm das Geſpräch wieder auf und führte es auf eine eigenthümlich lebhafte und origi⸗ nelle Att die unwillkürlich intereſſirte. Schuldfried wußte kein Wort davon, bis ſie an dem Kretzweg waren. „Hier ſcheiden ſich unſere Wege,“ ſagte ſie lächend „Kronbrück liegt rechts.“ „Und wohin geht Ihr Weg?“ fragte der Frend „Links nach Junta. Wenn Sie jezt gerade do wärts reiten, werden Sie bald die Hauptſtraße fin⸗ den.“ Sie nickte zum Abſchied mit dem Kopfe. „Erlauben Sie eine Frage: Iſt das Ihre Hei⸗ math wohin Sie jezt reiten?“ „Nein, ich will nur einen Freund beſuchen. Le⸗ ben Sie wohl!“ Schuldfried nickte abermals mit dem Kopfe. In dieſer Bewegung lag et ſo be⸗ ſtimmt Abweiſendes, daß des jungen Manige Antwort darin beſtand ſeine Müze abzuneh R und 141 mit einigen verbinblichen Worten für die angenehme Geſellſchaft zu danken, worauf er ſich im Galopp entfernte. Nachdenklich ſezte Schuldfried ihren Weg fort. Die feinen ſchönen Geſichtszüge des Fremden, ſeine ſtolze und dennoch ungezwungene Haltung, ſeine n und durchdringenden Augen, Alles das hatte Schuldfried einen lebhaften Eindruck gemacht, ers da in dieſem Geſichte etwas lag was ihr it vorkam. ermuthlich gleicht er irgend einem Traumbild in Innern,“ dachte Schuldfried lächelnd,„denn lichteit ſelbſt habe ich noch keinen andern ehen als den Paſtor, Aberney, Tage a, ſo wie die Leute im Hauſe.“ Tag ging es mit der Lection unge⸗ Schuldfried ſchenkte dem natur⸗ 3 Vortrag ihres guten Freundes keine e keit, ſondern unterbrach ihn unaufhörlich mit Fra ber ganz andere Gegenſtände. Endlich ſagte ſie lachend: 3„Heute wäre es gewiß angenehmer Etwas über Finnland und den lezten Krieg zu hören. Ach mein guter Freund, die Wärme iſt ſo drückend daß ich nicht denken kann.“ . Aberney ſah mißlauniſch aus, was er ſeit der Ankunft Schuldfrieds geweſen war; denn es war ihm unangenehm ſie zu Pferde zu ſehen. Aber bei dieſem Beweis von mangelndem Intereſſe wurde er es noch Kehr. Schuldfried bemerkte ſogleich die Wolke Stirne; ſie neigte ihren Kopf ſchief und ſagte lächelnd: 142 „Sie dürfen nicht böſe ſein, Onkel, wenn ich zu⸗ weilen unaufmerkſam bin, aber dieß kommt daher daß mich manchmal eine Sehnſucht ergreift von die⸗ ſem Lande reden zu dürfen das ſo manche blutige Kämpfe durchgemacht hat, und das ich eben deßhb ſo innig, ſo von ganzem Seie liebe daß ich ich nie verſöhnen kann mit...“ Eine Hand legte ſ auf Schuldfrieds Lippen; es war Tante Sarg⸗ Inzwiſchen war die Wolke von Aberneys Sine verſchwunden, und er begann von dieſem Finnnd 1 zu reden das auch ihm lieb und theuer war Ein Beſuch des Paſtors unterbrach indeß bald das Ge ſpräch, und da Aberney ie zt von dieſem in Anſpruch genommen wurde, ſo nahm Schuldfried Abſchied und begab ſich nach Hauſe. Als ſie den großen Wald⸗ weg hinabritt, wunderte ſich Schuldfried darüber daß ſie Onkel Aberney Nichts von der Begegnung mit dem Fremden geſagt hatte. Sie konnte nicht begrei⸗ fen warum ſie es nicht gethan, und wäre e umgekehrt um dieſen Fehler gut zu machen, als ihre Aufmerkſamkeit S einen Gegenſtand am Kreuzweg gelenkt wurde. Dort ſtand nämlich ein weißes Pferd an einen Baum gebunden. Sie erkannke es ſogleich. „Hat er ſeinen Weg nach Kronbrück nicht fort⸗ geſezt?“ fragte Schuldfried in Gedanken; oder warum hat er das Pferd hier gelaſſen?“ Jezt erhob ſich eine männliche Geſtalt. Er hatte von den Gebüſchen verdeckt unter dem Baume ge⸗ legen wo das Pferd ſtand. Ehe Schuldfried an Ort und Stelle kam, hatte er ſich in den Sottel ge⸗ ſchwur ngen und etwartete ſie zu Pferde⸗ „Zürnen Sie über meine Keckheit hier zu — 143 erwarten?“ fragte er mit einer höflichen Verbeugung und einem verbindlichen Lächeln. „Sie wollten ja nach Kronbrück?“ „Allerdings; aber bei näherer Ueberlegung zog ich es vor den andern Weg zu nehmen den Sie mir bezeichneten.“ Geſchah es darum weil Sie dann doppelt ſo weit zu reiten hatten?“ 6. „Ja, es gibt wirklich in unſerem Leben Augen⸗ blicke wo wir die Zeit feſtzuhalten und den Weg zu verdoppeln wünſchen den wir zurückzulegen haben.“ „Sie ſagten indeß daß Sie nicht gerne um⸗ kehren.“ „Das iſt wahr, aber ich kehre nicht um, ſondern ſeze nur meinen Weg fort. Im Uebrigen liegt in den Umſtänden ſo viel was uns veranlaßt unſer Be⸗ nehmen zu ändern. Nur unſere Principien dürfen nie verändert werden.“ Ohne eine weitere Erlaubniß abzuwarten, ritt er neben Schuldfried her. „Wenn man Finnland zum erſten Mal beſucht,“ ſagte er im Laufe des Geſprächs,„ſo hat ſeine Na⸗ tur etwas Abſchreckendes durch ſeine tiefen Wälder, ſeine Moräſte und ſeine Berge. Das Land iſt für einen Nichteingebornen nicht ſehr einladend.“ „Das ſagen Sie weil Sie dieſes Land mit ſei⸗ nem Reichthum an Seen und ſeiner großartigen ſchön und lieblich.“. „Sig ſind darin geboren und erzogen. Wenn Finnland noch ſo häßlich wäre, ſo hätte es doch ein Recht auf ſeitte ſchönen Töchter ſtolz zu ſein.“ Natur nicht kennen. Ach, in meinen Augen iſt es 144 „Sagen Sie lieber auf ſeine muthigen Söhne. Seine Männer ſind wie die Felſen bei denen ſie auf⸗ gewachſen ſind, ſtark und muthig.“ Der junge gtann lächelte, indem er antwortete „Das glauben wir alle von unſern Landsleuten „Möglich, aber in dieſem Fall entſcheidet Geſchichte. Das Volk das mit Heldenmuth für Selbſtſtändigkeit geſiegt und geſtritten hat, it Character ein großes Volk.“ „Wie die Finnen,“ fiel der Fremde etn ito⸗ niſch ein. „Ja, das finniſche Volk iſt groß von Character, antwortete Schuldfried mit flammenden Wangen und blickte den Fremden olz an. „Ich kenne Ihr Volk St aber ich glaube gern was ſo ſchöne Sippen ſprechen, beſonders wenn es mit ſo vieler Begeiſterung vorgetragen wird. Sie dürfen indeß nicht vergeſſen daß Finnland jezt ein ruſſiſches Fürſtenthum iſt. Es iſt alſo nicht immer ſiegreich aus dem Kampfe hervorgegangen.“ „Es wurde nicht beſiegt, ſondern verrathen. Ge⸗ gen die Gewalt hat der Finne bis auf den lezten Mann geſtritten, aber gegen Betrug und Verrath gibt es keinen Heldenmuth.“. „So jung und ſchon ſo heimiſch in ernſten Din⸗ gen daß Sie mit Wärme Ihre Nation vertheidigen?“ Das Intereſſe des Fremden hatte ſich bedeutend geſteigert. „Sind wirklich hohes Alter und große Kennt⸗ niſſe“ nöthig um die Vatererde zu lieben? Jeder Bauer hegi ja daſſelbe Gefühl. Die Liebe zum e terland iſt uns angeboren.“ . 145 „Möglich; ſie iſt indeſſen ein Inſtinct den nicht Alle haben. Ich kenne Menſchen welche die ganze Welt als ihr Vaterland betrachten.“ „Dieß müſſen ſehr Wenige ſein.“ „Glauben Sie das?“ ſagte der Fremde mit einem eigenthümlichen Lächeln.„Ich gehöre leider zu die⸗ ſen Wenigen die kein Vaterland anerkennen.“ „Ich beklage Sie,“ verſezte Schuldfried und ver⸗ ſezte ihrem Pferde einen kleinen Schlag mit der Weidengerte die ſie als Reitpeitſche benüzte. Bleß trabte ein wenig ſchneller. „Warum reiten Sie ein ſo ſchlechtes Pferd?“ rief der Fremde unwillkürlich, als er eine Weile den Bauerngalopp * betrachtet hatte welchen Bleß aus⸗ „Aus dem einfachen Grund weil ich kein anderes beſize,“ antwortete Schuldfried lachend, ohne im Mindeſten verlegen zu werden. „Wer hat Sie reiten gelehrt?“ „Unſer Oberknecht und ich ſelbſt. Sie halten mich ganz gewiß für eine ſchlechte Reiterin. Aber das bedeutet Nichts, denn ich reite einzig und allein weil ich es angenehm finde. Ach ich möchte wie ein Sturmwind dahineilen können!“ „Wirklich! Und doch reiten Sie ſo langſam?“ „Durch den Wald, ja! Da lauſche ich gerne auf die Seufzer der Waldfrau⸗die durch die Bäume ſäu⸗ ſeln, und auf den Geſang der Vögel; da iſt mir ſo wohl.“ Es entſtand eine kleine Pauſe. Schuldfried hatte ihr Pferd wieder im Schritt gehen laſſen und ſchien Schwaptz, Schuld und Unſchuld. I. 10 „½ einige Augenblicke vergeſſen zu haben daß ſie nicht allein war. Der Fremde brach das Stillſchweigen. „Sie wohnen hier in der Gegend?“ „Ja, ich bin hier aufgewachſen.“ 3 Sie waren jezt auf einem Hügel, und durch eine OHeffnung im Wald zeigte ſich ein ſchöner Landſee und an demſelben ein Gut. Schuldfried deutet 6 das Leztere und fügte hinzu: „Dort liegt meine Wohnung Ektorp.“ „Ah!“— Eine leichte Wolke glitt über die breite und klare Stirne des Fremden, als drängte ſich ihm eine unangenehme Erinnerung auf. „Sie ſind vermuthlich ein Reiſender der Finnland zum Erſtenmal beſucht,“ begann Schuldfried wieder, ohne die Veränderung auf ſeinem Geſicht zu be⸗ merken. 3 „Ja ich bin Reiſender und halte mich gegen⸗ wärtig in Kronbrück auf.“ „In Kronbrück!— Der Eigenthümer iſt alſo zurückgekehrt? Er war, Gott ſei Dank! mehrere Jahre nicht hier.“ „Warum ſagen Sie Gott ſei Dank?“ „Weil weil.. er ein Ruſſe iſt,“ antwortete Schuldfried.„Für jeden ſolchen⸗ der ſich nicht in Finnland befindet danke ich Gott.“ Das Geſicht des Fremden verfinſterte ſich, und es lag ein eigenthümlicher Ausdruck in ſeiner Stimme, als er antwortete; „Sie ſind unbédachtſam und vergeſſen gänzlich daß ich ein Fremder bin.“ „O nein; aber welchen Nuzen hätten Sie davon wenn Sie meine Worte übel deuteten? Ich habe — ja bloß geſagt was ich denke, und das kann 8 kein Verbrechen ſein?“ „Zuweilen doch, z. B. wenn ich ſelbſt ein vß wäre!“ Sie!“— Schuldfried zerrte ſo ſtark an ihrem Pferde, daß Bleß, der an ſolche Bewegungen gonz und gar nicht gewöhnt war, einen heftigen Seiten⸗ ſprung machte und bei dieſer Gelegenheit die Reite⸗ rin aus dem Sattel warf. Sogleich ſtand der Fremde auf dem Boden und beugte ſich hinab um Schuld⸗ fried aufzuheben. Bleß, der ſich frei fühlte, folgte ſeinem Verlangen nach dem Stalle und ſprang in vollem Carriere nach Hauſe. Das Pferd des Frem⸗ den dagegen blieb lammfromm ſtehen, während ſein er Schulbfried aufhob. „Wie iſts? Haben Sie ſich beſchädigt?“ fragte er theilnehmend. Ein ſonderbares Spiel des Schickſals wollte daß ſie ſich jezt auf demſelben Plaze befanden wo Con⸗ ſtantin vor ſechs Jahren Tage und Schuldfried miß⸗ handelt hatte. „Ich kann auf dem einen Fuß nicht ſtehen; ich muß ihn verrenkt haben,“ antwortete Schuldfried, die bei dem Verſuche zu ſtehen vor Schmerz todes⸗ blaß wurde. WMit ſtarken Armen trug der Fremde ſie auf eine weiche Grasbank wo er ſie niederſezte. „Dieſes Ihr Mißgeſchick muß ich auf mein Ge⸗ wiſſen nehmen,“ ſagte er.„Wie ſtehts mit dem Fuße?“ fügte er ſanft hinzu.„Wenn Sie nicht hier bleiben wollen, ſo reite ich auf Ihr Gut und ſchaffe einen Wagen her; oder wenn Sie auf meinem Pferde 148 † ſizen zu können glauben, ſo will ich Sie zu Fuße begleiten. Das Gehen wird, wie Sie ſelbſt finden, unmöglich.“ „Ach da will ich lieber Ihr Pferd benüzen. Sie ſind gar zu gütig daß Sie es mir ſo ritterlich a bieten.“— Schuldfried lächelte. „ Aber Sie dürfen nicht länger hier bleiben Ihr Fuß erfordert baldige Hilfe, und bis i Kronbrück zum Arzte komme, ſteht es noch lange 3 „Zum Arzte!“ rief Sch ulbfried er er ſchrocken.„Nein um Gottes willén ſchicken Sie S Man wird mich daheim ſchon pfleg Das Wort Arzt erinnerte Mal wo ſie eines ſolchen bedurf „Und man wird es ſchimm wahrſcheinlich.“ 6 Er beugte ſich hinab um Schuldfried aufzuhelfen, aber ſie ſchob ſachte ſeinen Arm zurück und ſaste „Ich bin ſchon n gefallen und habe mir wehe gethan, aber ich habe nur ein einziges Mal ärztliche Hilfe gebräucht. Verſprechen Sie mir da⸗ her daß Sie keinen Arzt ſchicken wollen.“ „Ich verſpreche Nichts; aber ich ſage mit aller Beſtimmtheit daß Sie hier nicht länger bleiben dür⸗ fen.“ Ehe Schuldfried noch weitere Einwendungen machen konnte, war ſie vom Boden aufgehoben und auf das Pferd geſezt. „Thut der Fuß ſehr weh?“ Schuldfried konnte vor Schmerz kein Wort ſagen; auch erwaptete er keine Antwort, ſondern nahm das Pferd beim Zügel und brachte ſo das arme Mädchen nach Ektorp. 6 Wort wurde zwiſchen ihnen gewechſelt. Am 2 bat Schuldfried ihren Begleiter, er möchte anhalten und ihr aus dem Sattel helfen, was er auch that. Sie ſezte ſich auf eine kleine Bank die dort ſtand, uug als er ſie über den Hof führen wollte, ſagte ſie: Mein, laſſen Sie mich hier bleiben. Wenn Sie ſfernt haben, will ich Jemand zu Hilfe rufen.“ Warum erlauben i nicht daß ich Sie die gen Schritte über den Hof begleiten und ſtüzen Mutter ſieht nicht gern Gäſte,“ antwor⸗ ſtied. Er betrachtete ſie nuten, lüſſig ob er gehorche ſolle oder er ſeine M machte eine werden!“ Che Schuldftied einige Worte des Donkes ſtam⸗ meln konnte, hatte er ſich auf ſein Pferd geſchwun⸗ i e terre. Sie blickte ihm im ihr vor als öb der Buch⸗ ink iſcher nd auf dem Baum über ihrem Kopfe ſ eine ganze Menge trauriger Geſchichten erzählen wollte. Eine eigenthümliche Unruhe und Qual er⸗ füllte ihre ſonſt ſo ruhige Bruſt, und eine ſtille Ahnung flüſterte daß die Geſo tiche mit dem Fuß Unglück bedeute. Gllich als ſie von dem enteilen⸗ den Reiter nichts mehr ſah, begann ſie zu rufen, und nach einer Weile erſchien Annika in der Küchen⸗ hüre da eine hohe Syringenhecke die Bank berdecte wo Schuldfried ſaß, ſo konnte die Alte ſie nicht hinüberreitet,“ ſagte Annika. In dieſem Augenblick 150 ſehen, ſondern ging erſt nach einigen wiederholten Rufen auf die Richtung los woher die Töne kamen. „Was gibts? Warum ſchreiſt Du ſo ſchrecklich?“ „Liebe Annika, ich habe den Fuß verrenkt und kann nicht vom Fleck,“ antwortete Schuldfried „Herr mein Vater, was iſt das? Haſt Du den Fuß verrenkt? Wie Du ausſiehſt! Ganz verrückt wie eine Landſtreicherin! Jezt begreife ich; Du biſt ausgeritten. Das Mädchen, das Mädchen, es ſtürzt gewiß noch in ſein Verderben...“ Hier unterbrach Annika plözlich, denn Schuldfried wurde ſeh „Peter, Peter,“ begann die Alte einem Knech zuzurufen der des Weges kam; ag das Fräulein hinauf, ſie hat ſich den Fuß vetlezt. Annika ging ſelbſt hadernd voran, und Petei folgte mit Schuldfried, die er guf Jungfer Annikas Befehl in ihr Zimmer hinauftrüg. Als man ihr den Strumpf auszog, zeigte es ſich daß der Fuß geſchwollen war. Annika wuſch ihn mit Branntwein, während ſie mit Schuldfried über⸗ legte wie man es vermeiden könne Frau Smith we⸗ nigſtens an dieſem Abend noch Etwas zu ſagen. Troz aller Bemühungen Annikas wurden die Schmer⸗ zen immer ſtärker, und die Alte wurde ganz troſtlos, als der Verſuch den Fuß durch Ziehen wieder ins rechte Geleiſe zu bringen ohne Erfolg blieb. „Es wird wohl das Beſte ſein, liebes Herzchen, wenn Jvar oder Peter nach Kronbrück zum Doctor hörte man einen Wagen vorfahren und vor dem Gitterthor anhalten. Dieß war etwas ſo Außei⸗ 151 ordentliches daß Annika troz ihrer Angſt von der ſtöhnenden Schuldfried hinweg und ans Fenſter ſprang. „Ein fremder Herr und das mitten in dieſem Elend,“ rief ſie und eilte hinaus. Im Vorhaus traf ſie den Ankömmling, einen ältern Mann von vor⸗ theilhaftem Aeußern. Annika erkannte ſogleich Dr. Wagner. S gwien hat mir geſagt daß Fräulein Smith ſich verlezt habe,“ ſagte der Doctor. Annita ſtierte ihn an, und in ihrem Kopf ſpuck⸗ ten wunderliche Ideen von Waldgeiſtern und der⸗ gleichen die Botendienſte verrichtet hätten. Wer ſonſt hätte nach dem Doctor ſchicken können, und wie ließ es ſich natürlich erklären daß er gerade in dem Augenblick kam wo ſie ſeine Hilfe wünſchte? Als die Alte nichts antwortete, fuhr Wagner fort: „Sollte man etwa Spott mit mir getrieben haben, und ſollte Fräulein Smith meiner Hilfe nicht bedürfen?“ „Ach Du lieber Gott, freilich bedarf ſie Hilfe; aber es iſt ſo wunderbar, es iſt es iſt.. — Annika verneigte ſich einmal ums andere und führte den Doctor zu Schuldfried hinauf. Er grüßte die Patientin, die bei ſeinem Anblick die Farbe wechſelte, mit ausgeſuchter Höflichkeit, un⸗ terſuchte den beſchädigten F Fuß ß und fand daß er gänz⸗ lich verrenkt war. Mit einigen gewählten Worten“ bat er Schuldfried um Entſchuldigung daß er ge⸗ nöthigt ſei ihr Schmerz zu verurſachen. Schuldfried überſtand jedoch den Schmerz mit bewundernswürdi⸗ ger Geduld und ohne daß ein Laut der Klage über 152 ihre Lippen kam. Der Dockor verſchrieb hierauf einige Umſchläge. Als der Wagen mit dem Arzt weiter rollte, kam Frau Smith langſam aus dem Garten. Die ver⸗ floſſenen ſechs Jahre hatten die Runen des Kummers noch tiefer in ihre Züge eingegraben. Ihr ganzes Ausſehen ſchien von Schmerz verſteinert zu ſein. Bei ihrem Eintritt in die Vorhalle rief ſie Annika, die ſogleich aus Schuldfrieds Zimmer herabkam. „Ich meinte ein Wagengeraſſel zu hören,“ ſagte Frau Smith.„War ein Gaſt da?“ „Ja, der Doctor von Kronbrück,“ antwortete Annika ganz dreiſt. „Was ſucht er hier?“ „O, drum hat Schuldfried, 3 „Schuldfried, Schuldfried„ wiederholte Frau Smith, indem ſie auf die Alte zutrat.„Was iſt ihr begegnet?“ „Sie hat den Fuß verrenkt. Aber es iſt nichts Gefährliches, der Doctor hat ihn bereits einge⸗ richtet.“ ihrer Tochter hinein. Annika murmelte: „Gott ſei Dank daß ſie nicht⸗fragte wie der Doctor hieherkam, denn da hätte ich ihr nicht ant⸗ worten können.“ Wir verſezen uns jezt nach Kronbrüt Der große Herrenſiz hatte ſeit dem vor drei Jahren er⸗ folgten Tod des Generals leer geſtanden. Conſtaß tin befand ſich, als ſein Vater ſtarb auf einer S 7/ Ohne mehr anzuhören, ging Frau Smith zu 153 erpedition. Jezt nach ſechs Jahren kam der junge Eigenthümer ganz plözlich in Begleitung zweier ruſ⸗ ſiſchen Edelleute die leidenſchaftliche Jäger waen auf ſeinem Erbgute an. a Schloß in Kronbrück war ein viereckiges See mit zwei großen Flügeln. General Canitz ie Zimmer mit fürſtlicher Pracht einrichten öbliren laſſen. Da war aller Luxus ange⸗ häuſt der den Geſchmack des reichen Ruſſen kenn⸗ zeichete Das Haus mit ſeinen Marmorſäulen und Balconen war ein wahrer Palaſt. Der größte Saal im erſten Stoch der mitten im Hauſe lag und quer durch daſſelbe ging, mit Fenſtern die bis auf den Boden reichten ind Glasthüren die zum Balcon hinausführten, n als Probe für die Einrichtung der übrigen Gemächer dienen. Die Tapeten daſelbſt waren von grauei Seidendamaſt mit eingewobenen Blumen in Roth und Silber. Die zwiſchen den Fenſtern angebrachten Spiegel waren in verſilberte Rahmen eingefaßt, mit Einlagen von den prächtig ſten Cryſtallen und Mineralien. Die Möbel, von verſilbertem Holz, waren mit demſelben Zeug über zogen woraus man die Tapeten genommen Ein großer und vier kleinere ſilberne Kronleuchter mit rothen Gläſern hingen von der Decke herab, und in allen Ecken des Salons ſtanden Marmorgruppen die ſilberne Candelaber hielten. Die Vorhänge waren mit koſtbaren Borten und Quaſten von Roth, Grün und Silber verſehen. f einem der vielen kleinen Sophas die ſich in ie Zimmer befanden, lag an demſelben Abend Schuldfried ihre Begegnüng mit dem Fremden 154 gehabt der junge Eigenthümer von Kronbrück. Die Glasthüren nach dem Gartenbalcon ſtanden offen und ließen balſamiſche Blumendüfte hereinſtrömen. Lothar Conſtantin Canitz war um dieſe Zeit e zwei und zwanzig Jahre alt und hatte ei vortheilhaftes Aeußere. Die hohe und breite war ſo frei und offen, daß es ſchien als könne ſie von keinen Wolken beitaue werden. Die tis genden, großen und dunkeln Augen hatten gemiſchten Ausdruck von Intelligenz, Milde, Feuer, Leidenſchaft und Kühnheit. Das Geſicht war gerade zu oval, die Naſe fein geſchnitten, der Mund klein und mit blendend weißen Zähnen verſehen; ein dunkles Haar und dito Bactenbart umrahmten das Geſicht. 3 Für den Augenblick ſchien nin von un⸗ ruhigen Gedanken gequält zu ſein Einmal ums andere ſah er auf ſeine Uhr, und da ihm dieß keine in gewährte, ergriff er endlich eine ſilberne Glocke, die auf einem Marmortiſchchen neben ihm ſtand, und klingelte heftig. Ein Bedienter in grü⸗ ner und rother Livree erſchien ſogleich. „Iſt der Doctor zurückgekommen?“ fragte Con⸗ ſtantin den Eintretenden auf ruſſiſch.“ „Nein, noch nicht,“ lautete die Antwort die in derſelben Sprache abgegeben wurde. „Sage ihm, ſobald er kommt, daß ich warte.“— Dieſelbe Frage und derſelbe Auftrag wiederholte ſich jezt zum ſiebenten Mal, ſeit der Doctor Kronbri verlaſſen hatte. Als der Bediente nach einer tieſen Verbeugung das Zimmer verließ, begann Conſte in ſichtbarer Ungedul d auf und ab zu gehen. S 155 blieb er bei einer der aufgeſchlagenen Glasthüren ſtehen und ſchaute hinaus. In der Ferne zeigte ſich der See. Die Sonne lehnte ihre glühende Wange an ſeinen kühlen Schooß. Belcher Art auch die Betrachtungen waren die den ungen Mann beſchäftigten, ſo wurde er bald durch den Eintritt einer Perſon darin geſtört. Conſtantin ſich ſogleich um und Pr. Wagner kam auf ihn zu. „Nin Doector, wie ſtehts?“ fragte Conſtantin auf franzöſiſch. „Den Fuß habe ich jezt eingerichtet, aber ſie muß ſich zwei bis drei Wochen ruhig halten und darf ſich gar nicht rühren,“ antwortete der Doctor mit einem verbindlichen Lächeln. „Ich verſprach Ihnen die größtmögliche Beloh⸗ nung, wenn Sis den Schaden bald heilen würden.“ „Herr Baron, meine Kunſt kann nur der Natur zu Hilfe kommen; wir Aerzte ſind keine Götter.“ „Nein, das merke ich wohl; und waohrlich, ich weiß nicht was Ihre Kunſt nüzen ſoll wenn die Na⸗ tur die größte Arbeit verrichten muß.“— Conſtan⸗ tin warf ſich auf einen kleinen Sopha den er an die offenen Glasthüren geſchoben hatte. „Sie dient dazu einen verrenkten Fuß einzurich⸗ ten, einen gebrochenen Arm zu verſchienen, Wunden die man ſich zugezogen hat zu heilen, ferner.. „Aha, Sie haben ein gutes Gedächtniß, merke ich. Wiſſen Sie was, Doctor, Sie ſind ein eigen⸗ thümliches Gemiſch von Schlauheit und Keckheit, von demüthiger Kriecherei und dreiſter Offenheit. Sie ſind, wie alle Ihre Landsleute, eine wunderliche Zu⸗ 156 ſammenſez zung us einem Schurken und einem ehr⸗ lichen Kerl.“ Ueber die lächelnden Züge des Doctors flog ein drohender Ausdruck, aber ſo ſchnell daß er eige Spur hinterließ. „Was Sie über mich und meine Landsle merken, das kann man, wage ich zu behanp allen Leüten ſagen. In jedem Winkel In⸗ nern findet ſich immer der S— ch gebildet werden kann. Es kommt ganz a hältniſſe an worein wir kommen, d Shri 3 oder der ehrliche Mann die Oberhand behält.“. „Oder ob ſie Hand in Hand gehen werden, wie bei Ihnen?“ „Ganz richtig, aber jezt muß ich Sie verlaſſen.“ Der Doctor machte einen tiefen cling. Conſtan tin ſtreckte die Hand aus und lächelnd „O glauben Sie nicht daß Si mir ſo leicht da von kommen. Gurtzskow und Brühskowirtz ſind auf der Jagd. Ich bin alſo allein ünd wünſche daß Sie mir heute Abend Geſellſchaft leiſten. Ich habe allerlei mit Ihnen zu plaudern; es iſt ſehr lange her daß wir uns nicht mehr vertraulich unterhielten. Sie müſſen mir alſo für den Reſt des Tages Ge ſellſchaft leiſten.“ „Mit dem größten Vergnügen,“ antwortete der D ockor verbindlich, ei inen Hut weg, ſchob einen Lehnſtuhl vor und wollte ſich eben ſezen, als Con⸗ ſtantin ſagte: „Haben Sie die Güte zu klingeln. Wi önn unmöglich reden, wenn wir nicht Pfeifen und Weit haben.“ 157 Als der Doctor nach der gungeeiß⸗ wapf er einen düſtern Blick auf den jungen Mann der ihn mit einer gewiſſen gleichgiltigen Ueberlegenheit be⸗ ige Augenblicke ſpäter finden wir den Arzt Eigenthümer von Kronbrück mit Pfeifen i it Gläſern vor ſich, aus denen ſie i raubenſaft nippten. Eine lange enn Der Doctor ſchien gän eine außerordentlich kleinen Füße Gonſtantin dagegen ſchaute gedanken⸗ o di chwirbel an. Seine Nachdenklichkeit war wirklich ber de octors Bewunderung für eine Stiefel wer ein ſägirt, weil er von Zeit zu eit auf Conſtain einen lauernden Blick warf. lich brach Sezeter das Schweigen. Er heſftete ſeine durchdringenden Augen auf den Doctor und fragte: „Haben Sie Nichts von Ihrer neuen Patientin zu erzählen?“ „Ich habe Ihnen ja bereits über ihren Geſund⸗ heitszuſtand berichtet, antwortete der Doctor ganz gleichgiltig, ohne ſcheinbar verſtehen zu wollen daß Conſtantin vonzihr zu hören verlangte. „Ei wie, ſpielen Sie nicht den Einfältigen. Soll⸗ ten Sie Ihren Scharfſinn ſo gänzlich verläugnen um „Um nicht zu ahnen daß ganz andere Gefühle als Mieid Ihnen Unruhe um das Schickſal des Mäbchens einflößen, wollen Sie ſagen. O nein, ich ebe Ihre Gefühle jezt wollkommen eben ſo gut ſrüher, aber jezt ſcheige ich und warte auf Ihr Conſtantin ſah betrübt aus.—„Noch mehr 158 Geſtändniß daß Sie das Mädchen nicht bloß ſchön, ſondern unwiderſtehlich reizend gefunden haben. Sie gleicht einer üppigen Roſe die mit ihrer Schönheit und ihrem Duft ſelbſt einen Heiligen verlocken ſie brechen zu wollen. Und daher kommt gſe 4 So!“ Conſtantin lächelte beinahe glauben alſo ich könne kein Mitleid eß es nicht in meinen egoiſtiſchen Begierde ſprung habe?“ „Vom Glauben, Herr Baron, iſt Rede; ich bin volltommen überzeugt daß verhält; aber Sie wollten ſicht davon mit mir reden ſondern von dem ſchönen kädchen da brüben auf dem kleinen Ektorp.“. „Sie haben Recht. Was ich bin wie viel Gu⸗ tes oder Böſes in mir liegt, das weiß noch Niemand, nicht einmal ich ſelbſt, und am aletwenigſten Si Es enſtand eine Pauſe. ₰ „Sahen Sie des Mädchens Putters“ ſet% Conſtantin.. „Nein, nur die alte Magd.“ 8 „Wiſſen Sie Etwas von den Bewohnern Gt torps?“* „O ja, eben ſo viel wie alle Andern hier in der Gegend, vielleicht noch Etwas mehr. So 3. B. weiß ich daß dieſes Mädchen, deſſen Schönheit Sie jezt hat, daſſe eibe Kind iſt Sie vor ſechs Jahren mißhandelten.“ „Wirklich? Ich fürchtete es in Wehtheit. 2 meinte in ne ſchönen Bugen das Geſicht des F 159 des zu erkennen, als es bewußtlos hlag und Sie mich zwangen zu entfliehen.“ „Ferner weiß ich daß die Mutter ein gänzlich ab⸗ geſchiedenes Leben führt. Sie geht mit Niemand um, fährt niemals aus, außer dreimal jährlich in die Kirche, empfängt nie einen Beſuch außer vom Peor In bieſer Einſamkeit hat ſie ihre ſchöne ie one allen Zwang aufwachſen d af Gewohnheiten und Beneh⸗ er an Geiſtesbildung den meiſten Mädchen ihres Alters überlegen. Ferner weiß ich Etwas was Sie vielleicht ſelbſt nicht wiſſen, näm⸗ lich daß Frau Smith von dem General, Ihrem Vater, Ektorp auf zwölf Jahre gepachtet hat, und daß Hieſer Pacht jezt ernenert werden oder die Wittwe abziehen muß. Das gibt natürlich ein Geſchäft zwi⸗ ben hrem Verwalter und der alten Dame.“— oeors Augen ruhten mit einem beinahe bos⸗ haften Ausdruck auf Conſtantin. „Nn das ſind ja ganz gleichgiltige Sachen,“ bemerkie dieſer. ings; aber wer weiß wozu die Kenntniß darhn i ulunft führen kann? Es iſt immer gut zu iſſen auf welchem Fuß man mit Leuten ſteht für d ſich intereſſirt. Der eigene Vortheil iſt der Ung aller Ergebenheit.“ „Welche abſcheuliche Lebensphiloſophie!“ Möglich, aber gleichwohl iſt ſie es der wir alle in unſeret Pandlungsweiſe huldigen.“ Conſtäſtin zuckte verächtlich die Achſeln, als wollte e andeuten daß er dieſen Einwurf ganz und gar ier Antwort werth finde 160 „Von weſhat das Mädchen die ungewöhnliche Geiſtesbilhung erhalten von der Sie ſprechen?“ „Theils on ihrer Mutter, theils von einem Nachbar, Pröfeſſor Aberney, dem Eigenthümer von Fünta.“ 4 „Dem Vater des Jungen der an jenem ab lichen Tage ſo hartnädig das Mäh z verthei⸗ digen ſuchte?“ „Er iſt nur Pflegevater. De geſelle und ein Mann von etliche ierzig ren, ſtattlich in ſeinem Aeußern und eis echter Finne von Character.“ ² „Ich verſtehe, ein Stihbe „Ja wenn Sie die Ketſchürliche Feſtigkeit Rechtſchaffenheit und warme Pattlandsliebe welche das ſinniſche Volk auszeichnen ſo iennen wollen.“ Wann wurden Sie, Doctor, ein ſolcher Bewun⸗ derer dieſes„trägen und halsſtattigen“ Vols „Mit Erkaubniß, Herr Baron, ich bewundere nicht, ſondern ſpreche bloß von einer Thatſache.“ „Gut, wollen Sie jezt hören was ich in Bezug auf das Mädchen wünſche?“ Brauchen Sie es wirklich zu ſagen Ich ſollte meinen, das wäre vollkommen überflüſſig ürs Erſte, das Mädchen ſoll nicht erfahren daß Sie Con⸗ ſtantin Canitz ſind. Sie ſoll Sie für Gurtzstow oder irgend einen Andern halten, nur nicht füt den Eigen⸗ thümer von Kronbrück. Ferner wollen Sie durch mich eine Correſpondenz zu Stande bring end⸗ lich ſoll ich das Terrain ſondiren, danSi ah ren wie Sie mit dem Mädchen in Berühtng men können.“ 5 P Conſtantin ſprang vom Sopha äuf, ſtürzte ein volles Glas hinab, lief einmal im Zimmer hin und her, und blieb dann mit gekrbuzten Armen vor dem Doctor ſtehen, indem er langſam ſagte: Paben Sie das Mährchen geleſen wie der Teu⸗ fel Seelen wirbt?“ 4 „Nein, ich leſe niemals Mährchen.“ „Das iſt Schade, ſonſt würden ſelbſt darin erkannt haben, denn er macht ganz wie Sie Er ninmt die ſchönſten Vorſäze Lines Men⸗ ſen und wendet ſie zum Böſen. Dieß geht ſo zu, daß er, im Angenblic wo ein guter Beſchluß gefaßt ird, der menſchlichen Schwachheit alle möglichen Plittel zeigt wie ſie ihre Leidenſchaft befriedigen kann. Das thun auch Sie Als ich mich von dem Mäd⸗ chen entfernte, beſchloß ich ſie nie wieder zu ſchen. ſchicte Sie hin, damit ſie baldige Hilfe erhalten ſolte, weil ich mich für den Urheber des Unglücks anſah. Ich wollte unerkannt bleiben, damit in ihr keine unangenehme Erinnerung an unſer kurzes Bei⸗ ſammenſein erwachen ſollte. Endlich wollte ich Ihnen meinen Winſch mittheilen von ihrer öconomiſchen Stellung Kenntniß zu erhalten, und dann ſollten Sie ſagen daß der Fremde der ihr die Unannehm⸗ lichteit mit dem verrenkten Fuße zugezogen habe jezt wieder abgereiet ſei. Alles das war, auf Ehre und Seligkeit, meine feſte Abſicht.“ „In dieſem Fall können Sie ja Ihre ſchönen und romantiſchen Vorſäze auch ausführen.“ Conſtantin that in ſchtlicher Aufregung wieder einen Gang durch das Zimmer. Des Doctors Blick ſolgte ihm. Schwartz, Schuld und Unſchuld. 1. 162 „Ich noh wiſſen,“ begann Conſtantin wieder, indem et vorzden offenen Glasthüren ſtehen blieb, „ob mein Vater nicht einen ſchreckichen Mißgriff be⸗ ging als er Sie zu meinem Gouverneur machte. Sie waren der Mann den ich bis zur Anbetung liebte. Sie beſaßen alſo eine unbegrenzte Gewalt über mich, Sie hätten mich mit Ihrem überlegenen Verſtand leicht vom Böſen abhalten können, un es kaum eine Ausſchweifung ode Znrichtige Fandlung in meinem Jünglin nicht aus dem Samen erwachſen wärs mein Inneres gelegt hatten.“ „Wenn es ſo wäre, wie konnten Sie mich dan einen ehrlichen Mann nennen „In Ihrem Verhältniß zu mir als Lehrer habe ich Sie nie ehrlich genannt, ſondern gerade darin waren Sie ein Schurke.“ 3 „Und dennoch haben Sie mir den Plaz verſchaf den ich jezt beſize?“ 4 3 „Das that ich aus zwei Gründen. Erſtens weil Sie durch Ihre Hofmeiſterſtelle bei mir eine Zeit vergeudeten die Sie nüzlicher hätten anwenden kön⸗ nen. Ich ſtand bei Ihnen in einer großen Schuld die ich nicht ſo leicht abtragen konnte. Iht Ein⸗ kommen als Hofmeiſter konnte Ihnen den Verluſt der Zeit die ich Sie koſtete nicht erſezen. Um meine Schuld zu bezahlen, mußte ich es ſo einrichten vaß Sie ein Amt erhielten das mit Ihren Anſprüchen übereinſtimmte.“ „Und dieß glauben Sie von der Stelle die ich jezt inne habe? Warum nicht eben ſo wohl von der⸗ 3 163 jenigen die Ihr Vater mir bei der Fürſtin N. ver⸗ ſchaffen wollte?“ „Darum weil Sie dann in Rußland hätten leben müſſen, bei einer Ruſſin, umgeben von Allem was Ihre gehäſſigen Gefühle gegen die Unterdrücker Po⸗ lens hätte wecken können. In Rußland würde jede Spur eines beſſern Inſtinctes in Ihnen vertilgt worden ſein. Hier dagegen, in einem gde deſſen Volk den Leiden fremd war die Ihr eees getrof⸗ fen, gab es Nichts was die ſchlumnth Erbitte⸗ tung in Ihrer Seele weckte. Dem ehrlichen Manne Wagner vetſchaffte ich durch meinen Vater die Stelle als Bezirksarzt und machte ihn zum Arzte für Kron⸗ brück, weil ich volltommen überzeugt war daß Sie da ein hinreichendes Feld für Ihre Thätigkeit und Menſchenliebe erhalten würden. Die vergangenen Juhre haben mir gezeigt daß ich Sie nicht unrichtig beurtheilte. Sie ſind bei Arm und Reich beliebt und hochgeſchäzt. Sie waren der Freund der Ar⸗ men, der Beiſtand der Reichen, Sie haben als Arzt und Menſch gewiſſenhaft Ihre Pflicht erfüllt.“ „Und gleichwohl nannten Sie mich ſo eben noch einen Schurken,“ fiel der Doctor mit ſeinem geſchmei⸗ digen Lächeln ein. „Ja und das thue ich noch jezt, denn die Lebens⸗ philoſophie die Sie mir beibringen wollten, verräth einen Schurken. Die Geſchicklichkeit womit Sie auf den Saiten meines Innern ſpielten, ſo daß Sie vor der Zeit meine Begierden erregten, verräth einen Schurken, und wenn ich heute nicht ein grundver⸗ dorbener junger Mann mit einem von Ausſchwei⸗ fungen vertrockneten Herzen bin, ſo iſt dieß nicht 164 Ihr Verdienſt, ſondern dieſe Ehre gebührt meinen Naturanlagen und dem Umſtand daß ich mehrere Jahrk hindurch von dem ſchleichenden giftigen Ein⸗ fluß Ihrer Lehren getrennt war.“ Conſtantin ver⸗ „ſtummte. Dr. Wagner ſchien nicht geneigt das Geſpäch fortzuſezen. Er gauchte ganz gleichgiltig ſeine Pfeife und li jühgen Baron ungeſtört in den trachtu tfahren worein er verſunken w Plözlich ſe ſich Conſtantin an den Doetor „Wat wollten Sie einen moraliſch eenden Menſchenaus mir machen? Warum haben Sie bei jeder Verſuchung die Mittel angedetet wodurch ich meine unedlen Wünſche befriedigen könnte? Sie ha pen ſomit Alles gethan damit ich untergehen ſollte?“ Conſtantins Stimme war gereizt. „Herr Baron, Sie haben ſich ſelbſt aufgeregt, und deßhalb erſcheint Ihnen Alles in einem falſchen Licht, ſonſt würden Sie einſehen daß ich nur nach meinen Grundſäzen gehandelt habe. Ich bin all dieſen Vorurtheilen die dem großen Haufen als Geſeze gelten fremd, und ich habe Sie behandelt ohne dieſelben dazwiſchen treten zu laſſen. Ich habe die Ueberzeugung daß ein junger Mann von allen Verhältniſſen des Lebens Kenntniß erhalten muß, um vom Leben ſelbſt eine wahte Anſchauung zu be⸗ kommen. Er muß den ſchäumenden Pocal des Ge⸗ nuſſes gekoſtet haben, um ſeine eigene Schwäche und Stärte kennen zu lernen. Meine Lebensphiloſophie lautet dahin daß wir unſer Daſein genießen ſollen. Iſt dieſe Anſicht unrichtig, ſo mögen Sie mich klagen, aber nicht anklagen; denn ſie iſt einmul die 165 meinige und eine andere konnte ich Ihnen nicht bei⸗ bringen.“ „Ihr eigenes Leben iſt durchaus keine Reihen⸗ folge von taumelnden Genüſſen, ſondern ganz un⸗ tadelhaft.“ Warum? Weil meine Genüſſe nicht von der eichen Art ſind wie bei andern Menſch be den Wein, aber nur in mäßige habe noch nie ein Weib gefunden d erſchienen wäre. Dieß hat zur ch niemals den Freuden des Weins be hingegeben habe. Ich habe eine Häuptleiden⸗ aft, das ſind meine Studien. Ihnen gebe ich hin und genieße ſie mit vollen Zügen. Mein Beruf als Arzt iſt mir theuer. Dieß der Grund warum ich ihm ſorgfältig nachtomme. Wenn es mir. kein Vergnügen machte, ſo würde ich ein ſaumſeli⸗ ger und gleichgiltiger Doctor ſein. Denn wir thun nur das gut was uns Freude gewährt. Ich über⸗ laſſe mich ohne Zwang Allem was das Leben an⸗ genehm machen kann. Es iſt nicht meine Schuld, Herr Baron, wenn die Natur mir weniger Mittel zum Benuß verliehen hat als Ihnen.“ Wiederum entſtand eine tleine Pauſe, worauf der Doctor von etwas Anderem zu reden anfing, ud bald war es ihm gelungen Conſtantins In⸗ tereſſe ſo ſehr an den Gegenſtand zu feſſeln den er behandelte, daß dieſer ihr früheres Geſpräch ver⸗ geſſen zu haben ſchien. Wenige Menſchen beſaßen ein größeres Talent mit ihrer Beredſamkeit zu intereſſiren und zu feſſeln e Dr. Wagner, und gerade das machte ihn ſo ge⸗ S 166 fährlich, wenn er ſeine in ſittlicher Beziehung ſo ge⸗ fährlichen Sophismen verfocht. Die beiden Herren nahmen ein leckeres Abend⸗ brod zu ſich. Es war Mitternacht vorüber, als der Doctor nach ſeinem Hute griff um nach Hauſe zu gehen. Er bewohnte den linken Flügel, der an un für ſichzeinen ſtattlichen Herrenſiz ausmachte Co in reichte dem Doctor zum Abſchied di Hand u ß ihn bis an die Thüre gehen, o über ſeine morgigen Beſuch bei Schulbfried Wort zu fägen. Der Doctor hütete ſich e Gegenſtand zu berühren. Er wollie eben öffnen als Conſtantin mit erkünſtelter Gleichgiltigkeit ſagte „Wann beſuchen Sie morgen Ihre junge Pe tientin?“ „In aller Frühe,“ lautete die Antwort. No eine Verbeugung, ein Druck auf das Schloß und der Doctor verſchwand. Conſtantin blieb mitten im Zimmer und ſchaute noch immer nach der Thüre. Er murmelte vor ſich hin: „Welche hölliſchen Gedanken und Wünſche hat nicht dieſer Dämon in meiner Bruſt erweckt! Ach welch ein erbärmliches Werkzeug bin ich nicht in dieſes Menſchen Hand! Aber bin ich denn wirklich; der ſchwache Character der ſich von Leidenſchaften beherrſchen läßt die ihm ein Anderer einimpft? Ach! Ich weiß ſelbſt nicht was ich bin, bis ein mächtiges und ſtarkes Gefühl die Seele beherrſcht und in die Saiten des Herzens greift. Bisher habe ich keine von dieſen innern Kräften empfunden die aus uns 1 Sterblichen entweder Größen oder Erbärmlichkeiteß 167 machen. Ich habe nie Eltern, nie eine Familie be⸗ ſeſſen, nie Liebe weder zu Vater noch zu Mutter empfunden; ich habe nie einen Freund und, was och ſmer iſt, nie ein Vaterland gehabt. Mit einem Ber der von ſeinem Vaterland abgefallen, e er die ich nie gekannt, iſt ſogar mein Blut gemiſcht, und nicht einmal der Inſtinct feſſelt mich mit Vorliebe an Landsleute oder ine Vater⸗ 1 de gehöre zu einer Nation die ih verachte; iee einem Monarchen den ich verabſcheue; eine ganze Stellung iſt geeignet in meinem In⸗ nern dieſes Chaos von Böſem und Gutem hervor⸗ zurufen das bisher meinen⸗Character gekennzeichnet hat. Ich, der reiche und mächtige Canitz, bin ſehr beklagenswerth; denn mit 22 Jahren bin ich lebens⸗ ſatt und beſize nichts Anderes als einen Reichthum wofür ich mir Alles kaufen kann, nur keine wirk⸗ lichen Freunde, keine Eltern, kein Vaterland und kein Glück. Der Ueberfluß kann einen Sinnenrauſch ſchaffen und Gelegenheit geben unſere Launen zu befriedigen, aber nicht einen einzigen glücklichen Augen⸗ blick ſchaffen.“ Am folgenden Morgen, als der Doctor eben ſeinen Cafe trinken wollte, trat, Conſtantin in ſeine elegante und behagliche Wohnung. Wagner ſaß in einer großen Bibliothek, deren ſämmtliche Wände mit vollen Bücherſchränken beſezt waren. Bei Con⸗ ſtantins Anblick erhob er ſich ſogleich und begrüßte ihn mit ausgeſuchter Höflichkeit, indem er ſagte: „Was verſchafft mir ſo frühe die Ehre Ihres 168 5 Beſuchs Herr Baron?“ Bei ſich dachte er:„Ich war überzeugt daß er vor meiner Wegfahrt noch kommen würde, und ich will mein Leben daran ſezen er einen Brief mitbringt den ich dem Mäd ſoll.“ 6 „Ich wollte Sie vor Ihrer Abfahrt ber Doctor, um Sie zum Mittageſſen ei ſagte Conſtantin. „Ich hehme die Einladung mit gro an. So ich von meinen Krankenbe komme, werde ich die Ehre haben mich 8 Conſtantin ſprach von einigen gleichgiligen Sa chen und entfernte ſich dann zu nicht geringer Ueber raſchung des Doctors, der einen Vertrauensauftra erwartet hatte. „Was beabſichtigte er eigentlich mit dieſem Be ſuch?“ fragte Wagner ſich ſelbſt.„Solche Einla⸗ dungen läßt er ſonſt immer durch die Dienerſchaft ergehen; jolglich war dieſe hier nur ein Vorwand. Er, der reiche und ſtolze Canis, ſollte ſich einer Ein⸗ ladung wegen perſönlich bei Wagner einfinden? Un⸗ möglich.“ Der Doctor lächelte höhniſch und ging an das Cafetiſchchen zurück das er verlaſſen hatte. Als er die Taſſe aufhob, bemerkte er einen Brief der daneben lag. Er war an ihn adreſſirt. „Aha!“ ſagte der Doctor mit einem ſardoniſchen Lächeln;„jezt erklärt ſich die große Artigkeit“ Er wog den Prief in der Hand und hielt in Gedanken folgenden Monolog: „Was enthält wohl das da? Laß uns darüber nachdenken. Nun, einige Phraſen darüber daß ich mit meinen Redensarten ſeinen ſchlechteren Menſchen —— 169 geweckt habe u. ſ. w. und dann bittet er mich zu guter Lezt einen Gruß oder ein Billet an das Mäd⸗ chen zu beſtellen das ich behandle. Pah! Der Tropf beſizt nicht einmal moraliſche Kraft genug um den Brüder Sederlich zu ſpielen, ohne deßhalb Andere zuagen Die lächelnde Miene des Doctors ver⸗ te ſich vlözlich und nahm ein Gepräge unver— cen Haſſes an, indem er fortfuhr:„Du täu⸗ eichliche Jüngling, wenn Du glaubſt einzi aei e Auſcweifungen Wein, ich will Deinen Untergang; i wäſſche aus Deinem Leben eine Kette von Hialen und Verbrechen machen zu können die Dein Jneres mit den Martern' der Angſt zerfleiſchen ſollen, wenn Dein ſtolzes Herz zum Bewußtſein ſei⸗ ner Selbſterniedrigung erwacht. Was müßteſt Du nicht erleiden, wenn es einen Vergleich mit dem Un⸗ heil aushalten ſollte das Dein Geſchlecht über die Meinigen gebracht hat!“ Er erhob ſich heftig und erbrach das Siegel. Der Brief enthielt ein Billetchen an Fräulein Smith und folgende Zeilen an Wagner: „Sie haben mir Ihre Botendienſte angetragen; folglich, beſter Doctor, beleidige ich Sie nicht mit dem Auftrag. Uebergeben Sie inliegendes Brief⸗ chen an ſeine Adreſſe, aber am Liebſten ſo daß ſie es erſt findet wenn Sie ſich entfernt haben.“ „Keine Anklagen,“ murmelte der Doctor,„um ſo beſſer“ Er ſteckte den Brief ein.„Ich kannte Dein ſchwaches Gemüth zu gut, um nicht zu wiſſen daß Du Dich an der Angel verfangen würdeſt die ich auswarf.“ Eine Viertelſtunde ſpäter rollte des Doctors Wa⸗ gen nach Ektorp. Auf dem Sopha der gerade vor Fenſter in Schuldfrieds Zimmer ſtand, lag das chen und ſah betrübten Blickes auf di Bäume, die im Winde nickten, und auf d des Sees die langſam von dem Ufer wegrollt Beide Fenſter waren offen, und die eich ten So merwinde kamen mit den Armen voll duft, und flogen in das jungfräuliche S Mädchens, um ihre friſchen Wangen zu liebkoſen. Frau Smith hatte die ganze Nacht bei de och ter zugebracht, aber am Morgen ſie verlaſſen weil Annika den Arzt erwartete und die ſcheue Wittwe keinen Fremden treffen wollte. Annika war äußerſt geſchäftig geweſen, hatte Blumen hereingebracht, die Umgebung des Sophas mit Laub geſchmückt und alles Möglich gethan um ihren kleinen Litfen nicht gar zu ſeht durch die Gefangenſchaft leiden zu laſſen. Schuldfried hinwiederum war außerordentlich zer⸗ ſtreut und achtete nicht auf die tauſenderlei Afmerk⸗ ſamkeiten wodurch die alte Dienerin ihre Ergeben⸗ heit zeigen wollte. Es ſchien klar daß Swas ſie quälte. Endlich Annika die Fräge nicht un⸗ terdrücken: „Mein Herr und Gott, liebes Kind, thut der Fuß ſo ſchrecklich weh oder was fehlt Dir denn? Es iſt gerade als hätteſt Du Deinen Kopf in einem Ameiſenhaufen liegen, ſo drehſt und verzerrſt Du 17¹ Dich, und bemerkſt gar nicht wie zierlich ich Alles für Dich hergerichtet habe. Sprich jezt, Kind, was macht Dich ſo unruhig?“ Annita klopfte Schuldfried mit ihrer hraunen, knotigen Hand auf die Wange. eſte Annika, der Schmerz im Fuß iſt es t nicht ſo beſonders weh, ſondern der euß darüber daß ich meinen guten Freund, ene, nicht treffen kann. Ich möchte ihm eeein Brie ſchreibe, aber ich weiß anſtellen ſoll. Alles das beun⸗ ruhigt mich.“ hem, ſagte Annika, konnte aber nicht eh ringen, denn jezt kam der Doctor. Wag⸗ ners Beſuch währte dießmal länger als am vorher⸗ Behenden Tag, und ſein Benehmen war weniger oni und herzlicher. Er ſprach von der Ge⸗ gend oon Finnland und dem finniſchen Volk, und es gelang ihm durch ſeine angenehmen Manieren ſo wie durch ſeine gewandten Formen Schuldfried mehr Vertrauen einzufthßen als zuvor. Als er aufſtand um ſich zu eniferſen, ſagte er: „Jezt habe ich eine ganze Stunde mit Ihnen verſchazt; aber ich mache mir kein Gewiſſen dar⸗ . aus, Sie beſzen während Ihr Fuß Sie ans Bett feſſel Zeit genug zu Betrachtungen.“ te ihn hinaus. Im Vorſaal ſagte ſie mit nem Knir: „Verzeihen Sie, Herr Doctor, aber ich⸗möchte gern eine Frage an Sie ſtellen.“ „Recht gern.“ „Wie haben Sie erfahren daß Schulbfried ſich den Fuß verrenkte?“ „Die Sache iſt ganz einfach. Ich war auf dem Heimweg begriffen, als ein junger Herr mich anrief und ſagte, das Fräulein auf Gktorp habe ſich be⸗ ſchädigt, worauf ich ſogleich hieher fuhr.“ „Ah dann war es alſo wirklich eine Fügung Go tes,“ ſagte Annika. „Oder des Teufels,“ murmelte der Doetd a er in ſeinen Wagen ſtieg. Auf dem Tiſch neben Schuldfried laz ein Buch worin ſie geleſen hatte; als der Doctor gegangen war, nahm ſie es wieder. Bei dieſer Bezung öffnete ſich das Buch von ſelbſt, und ſiehe da lag ein elegant zuſammengelegter Brief mit der Adreſſe an Fräulein Smith. Eine dunkle Röthe zog ſich über Schuldfrieds Wangen, und zornig ſchlug ſie das Buch wieder zu. In dieſem Augenblick trat Annika ein, um zu fragen ob Schuldfried Etwas be dürfe, weil ſie ſonſt gehen würde um ewas Wichti ges mit der Frau zu ſprechen. Alshas junge Mäd⸗ chen wieder allein war, öffnete ſie gahz langſam das Buch und drehte den Brief miß unentſchloſſener Miene, während ſie dachte: Voß em mag dieß ſein? Und wie iſt dieß hiehergekohen Ihr Herz ſchlug ganz ängſtlich und der Brit wurde wieder zurückgelegt. Du darſſt ihn nicht öfen die Vernunft. Was kann wohl Boſes n i fü⸗ ſterte die Neugierde. Der Brief wurde wieder vor⸗ genommen, umgedreht, beſichtigt und zulezt, ohne daß Schuldfried recht wußte wie es zugegangen, war er geöffnet. Die lebhaften und neugierigen Augen laſen Folgendes: „Als ich Sie geſtern verließ, war mein feſter 5 3 173 Entſchluß Sie nie wieder zu ſehen, weil ich mich anklagte die Urſache des geſchehenen Unglücks gewe⸗ ſen zü ſein. Noch mehr, ich ſah in dieſem Unglücks⸗ fall ein warnendes Zeichen des Schickſals, das mich gewiß auserſehen habe Ihnen einen Schmerz, einen er zu bereiten. Tieſem wollte ich dadurch zu⸗ orommen daß ich aller Berührung mit einer Dame auswich die ſchon bei unſerer erſten Bekanntſchaft von einem Leiden betroffen wurde. Troz all meiner Vorſäze erhalten Sie dieſen Brief von mir. Mein geſtriger Beſchluß iſt alſo heute umgeſtoßen worden. Doch das weiß ich ſelbſt noch nicht; ich weiß bloß daß ich mein ganzes Leben lang dankbar ſein würde, wenn ich Ihre Verzeihung für die Unannehmlichkeit eengen könnte die ich durch Aufdrängung meiner Geſelſchaſt geſtiftet habe.“ Schuldfried las dieſes Schreiben, dem alle Na⸗ mensunterſchrift fehlte, zu wiederholten Malen. Was wär an ſeinem Inhalt das ſie feſſelte und ange⸗ nehm berührte Sie wußte es ſelbſt nicht; aber alle Unruhe und Ungeduld war verſchwunden, und als Annika wieder zü ihr kam, war ſie ganz überraſcht Schuldfrieds ruhigem und freundlichem Aus⸗ ehen⸗ „Ei wie artig Hu ausſiehſt! Nun, nun, ich komme auch it ine ſdhen Botſchaft. Mama hat Jvar erlaubt nach Junta hinüber zu reiten und dem Pro⸗ feſſor zu ſagen daß Du den Fuß verrenkt haſt.“ Schuldfried machte in der Freude eine ſo heftige Bewegung, daß ihr Fuß zu ſchmerzen anfing; aber dieß verhinderte ſie nicht Annika von ganzem Her⸗ zen zu umarmen und zu drücken, die dem jungen Mädchen ſo gutmüthig entgegen lächelte. Schuldfried durfte einen Brief ſchreiben und Jvar ſchaffte ihn an Ort und Stelle. Als Frau Smith bei ihrer Tochter eintrat, ſtreckte dieſe beide Hde gegen ſie aus und ſagte mit der Lebhaftigkeit Alters: daſaß, ſchienen ihre Züge in Marmor gehahen, ſ0 leblos waren ſie. Die pergamentartigs Farbe ihres Geſichtes, das ſilberweiße Haar, die gerade Naſe und die feſt eingepreßten Lippen, Alles das ſah beinahe geſpenſterhaft aus. Ganz mechaniſch führte ſie die Nadel, ohne auch nur ein einziges Mal aufzuſchauen. Eine unausſprechliche Beklommenheit kam über Schuld⸗ frieds kaum noch ſo fröhliches Gemüth und inniges Mitleid erfüllte ihr Herz. Sie dah „Welcher Art iſt der Schmerz det ſo unauwiſch⸗ bare Furchen in meiner Mutter Sh ezogen? Wos ſind das für bittere und düſtere Grinerungen die ihre Seele in einem ewigen Kummer erhalten? O mein Gott! Welche Qual dieſes Geſicht zu be⸗ trachten und darin Leiden zu leſen die nie gemildert werden können! Gibt es denn keine Freude für ſie, die ſo gut, ſo zärtlich, ſo bewundernswürdig iſt? „Du gute geliebte Mama, daß Du ich nch Junta ſchicken ließeſt! Jezt ſchreibt mir gewiß One Aberney einige Zeilen; ach wie bin ich ſö dantbar! 3 Frau Smith lächelte in ihrer düſtern Weiſe, kälſchelte das Mädchen auf ihren Kopf und ſezte ſich ans Fenſter, ohne ein Wort zu ſagen. Sie hätte einen ſolchen Plaz daß Schuldfried ihr Geſicht im Profi ſah. Als ſie den Kopf über ihre Arbeit gebeng 175 Sie gleicht einem Märtyrer und wie ein ſolcher flößt ſie eine beinahe religiöſe Verehrung ein. Man fühlt daß der Abſtand zwiſchen ihr und uns Andern unermeßlich iſt, und eben darum wagt man ihr nicht nahe zu kommen.“ Schuldfried ſeufzte ſo tief, daß Fean Smith haſtig aufſchaute und ſie anblickte. „Was fehlt Dir, mein Kind? Haſt Du heſtige Schmerzen?“ fragte ſie. „O nein, Mama, aber es beunruhigt mich Schuldfried ſtreckte ihre Hände gegen die Mutter aus.„Komm und ſeze Dich hieher. Wenn ich Dich ſo weit von mir wegſizen ſehe, ſo kommt es mir vor als ob der Abſtand zwiſchen uns un⸗ enblich wäre.“ 3 Frau Smith ſtand auf und ſezte ſich zu ihrer Lochter Foſend ſtreichelte ſie den ſchönen Kopf, während ſie mit ihrem unbeſchreiblich wehmüthigen Lächeln ſagte:. „Der Abſtand zwiſchen Dir und mir iſt wirklich unermeßlich. Du biſt der lächelnde friſche Frühling der nichts von den Stürmen des Herbſtes weiß. Ich ſie drückte den Kopf der Tochter an ihre Bruſt ich bin der Winter. Mein Leben iſt Nacht; das Deinige dagegen iſt ein ſonniger heiterer Lenzmorgen Ach, möge es ewig ſo bleiben, möge nicht ein einziger Schatten von meinem düſtern Schickſal auf Deinen Lebenspfad fallen!“ Frau Smith küßte der Tochter Stirne. „Dein Leben, Mutter, iſt alſo ſehr unglücklich geweſen?“ Schuldfried ſah mit einem eigenthümlich fürchtenden und dennoch forſchenden Blick zu Frau 176 Smith auf. Die Züge der Mutter blieben finſter und ſie antwortete mit düſterem Tone: „Kind, ſuche niemals das verfloſſene Leben Dei⸗ ner Mutter zu erforſchen. Das wäre der Tod für mich und ein Unglück für Dich ſelbſt.“ Sie er⸗ hob ſich um von der Tochter wegzugehen, abe Schuldfried hielt ſie zurück. „Verzeih wenn ich Dich betrübte; aber Du ahnſt nicht wie mir zu Muthe wird, wenn mein Blick auf Deinem Geſichte ruht und ich bedenke daß es 0 lange ich mich erinnern kann, immer gleich traurig war; daß nie ein Lächeln des Glücks und der Be⸗ friedigung Deine Züge erheitert hat. O i liebte, theure Mutter, ich bin ja Dein Kind, läß mich jezt Deine Freundin werden, diejenige wehe die Laſt Deiner Sorgen theilt; ſie werden dann ge⸗ wiß weniger ſchwer werden.“ Schuldfried ſchlang ihre Arme um den Hals der Mutter und ſchaute mit zärtlich bittendem Blick zu ihr auf. Frau Smith ſchloß das Mädchen an ihre Bruſt und ſagte mit ungewöhnlich karer und ruhi⸗ ger Stimme: „Jo Du biſt meine Schuldfried, und eben darum will ich daß des Lebens düſtere Seiten Dit ewig fremd bleiben ſollen. Siehſt Du die Blume dort im Fenſter, wie ſchön ſie blüht, welche U ppig⸗ keit in dieſen Farben und welches heitere Grün in den Blättern die ſie umgeben! Nun wohl, die Erde, ihre Mutter, iſt gleichwohl ſchwarz, aber die Blume ſragt nicht warum ſie ein Trauerkleid trägt. Mach — Du es eben ſo. Genieße die Strahlen der Sonne den Hauch des Weſtwindes, Alles was Dein junges Gemüth erheitern und erfreuen kann; aber frage nicht warum Deiner Mutter Haar vor der Zeit er⸗ graut, ihre Wange vom Kummer gefurcht oder ihr Glück entſchwunden iſt. Dieſe Fragen würden Deinen Lebensmorgen in eine düſtere Nacht ver⸗ wandeln.“ Es lag etwas Feierliches und dennoch liebevoll Warnendes in der Stimme. Eine Pauſe entſtand, Schuldfried war in eine ſo wunderbare Stimmung gekommen, daß ſie es nicht wagte das Schweigen z unterbrechen. Frau Smith begann nach einer langen Pauſe wieder: „Wenn Dein Blick auf meinen düſtern Zügen weilt, ſo bedenke daß der Gott der die Herzen liest auch gerecht iſt, und daß er Niemandens Leben durch Kummer verzehren läßt, ohne daß der Leidende denſelben verdient hat. Laß Du Deinen unſchuldi⸗ gen Blick nicht auf meinem düſtern Geſichte ruhen, ſondern erhebe ihn zum Himmel. Welcher Art auch meine innern Leiden ſein mögen, ſo beſize ich den⸗ noch einen Reichthum, ich beſize Dich. Du biſt meine ſchöne, herrliche Blume, die ich gleich der Erde in meinem Schooße genährt und aufgezogen habe. Goltes Sonne hat mit Wohlgefallen Deine ſchuldfreie und ſündloſe Wange gekost;— und Gott 6 znc gegen mich geweſen, da ich Dich behalten urfte.“ „Mutter, wie fromm und ergebungsvoll biſt nicht Du! O wer auch einmal ſo werden könnte!“ Bei dieſen Worten zuckte Frau Smith zuſammen, blickte mit angſtvollem Beben auf die Tochter, küßte ſie ſchnell auf die Stirne und murmelte: Schwartz Schuld und Unſchuld. 1. 12 178 „Gott bewahre Dich, mein Kind, daß Du nicht ſo wirſt wie ich!“ Dann verließ ſie eilig das Zimmer. Als Jvar von Junta zurückkam, brachte er den Gruß daß der Profeſſor am Nachmittag herber kommen würde. Bei dieſer Nachricht that S fried einen lauten Freudenſchrei; aber im n Augenblick ſchaute ſie ganz ängſtlich auf Annik hätte ſie von ihr zu wiſſen gewünſcht ob es angehe daß ein Fremder nach Ektorp auf B komme. 5 „O, liebes Kind, Du begreifſt doch daß Sache veranſtaltet habe, als ich von Mama Er niß erhielt nach Junta zu ſchicken.“ „Welche Sache?“ fragte Schuldfried Alten durchaus nicht das Talent zutra danken zu errathen. „Stelle Dich nicht ſo einfältig. Ich ſehe wohl, Du biſt unruhig darüber daß Mama es übel neh⸗ men könnte wenn der Profeſſor kommit.“ 1 „Ja, das bin ich allerdings. Ich fürchte daß 4 S „Du biſt eine Närrin daß Du glauben kannſt, Annika habe nicht mehr Verſtand als ein Spaz Sei ganz ruhig, Dein lieber Profeſſor darf herein⸗ kommen; ich habe für die Sache geſorgt.“ 3 Annika ging hinaus, und Schuldfried bekam eine wahre Achtung vor dem Verſtand der Alten, einer Eigenſchaft weiche ſie bisher ganz und gar nicht bei ihr anerkannt hatte. 179 Sie konnte den Nachmittag kaum erwarten, und dann lauſchte ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf jedes Geräuſch das ſich hören ließ, bis endlich Wa⸗ gengeraſſel an ihre Ohren ſchlug. Jezt war es etwas Hartes ruhig liegen bleiben zu müſſen und dem willkommenen Gaſt nicht entgegeneilen zu dür⸗ fen. Endlich ging die Thüre auf, und mit einem Freudenruf ſtreckte ſie ihre Arme dem Eintretenden entgegen. Ein unbeſchreiblich freundliches Lächeln ſpielte guf Aberneys Lippen, als er die Wonne erblickte die aus dem Geſicht des jungen Mädchens hervor⸗ leuchtete. „Ich ſollte böſe ſein,“ ſagte er lächelnd,„und Dich tüchtig ausſchelten wegen Deiner Miſſethat. Was habe ich über das Reiten geſagt?“ Er ergriff ihre beiden Hände und drückte ſie herzlich. „Nur nicht ſchelten!“ rief Schuldfried und führte die Hände des geliebten Lehrers an ihre Lippen. „Bin ich nicht genug geſtraft daß ich nicht ausgehen, nicht herumſtreiſen und nach Junta kommen darf? Jezt bedarf ich meines Freundes der mich tröſtet. Ach Onkel, Sie wiſſen nicht wie ſehr ich Sie liebe, wie der Gedanke mich ſchmerzte Sie nicht treffen zu dürfen! Wenn Sie das wüßten, ſo würden Sié einſehen daß die Strafe welche ich erleide groß, viel zu groß iſt.“ Ein wunderſames Gefühl regte ſich in Aberneys Bruſt, als er Schuldfrieds ungekünſtelte Verſicherung ihrer Ergebenheit und Sehnſucht hörte. Er, der während ſeines ganzen Mannesalters ſo einſam da⸗ 12 180 geſtanden, beſaß jezt zwei junge warme Herzen die mit wahrer ungeheuchelter Zärtlichkeit an ihm hingen. Wie ſehr man ſich auch in Studien vertiefen mag, ſo will doch das Herz ſeine Nahrung haben, und es gibt Augenblicke wo es ſich öde empfindet ſo einſam mit all ſeiner Gelehrſamkeit dazuſtehen, ohne ein menſchliches Weſen das man liebt und von dem man geliebt wird. Auch fühlte ſich Aberney in dieſem Augenblick zufriedener und glücklicher als während ſeines ganzen Mannesalters. Gerührt drückte er einen Kuß auf Schuldfrieds Stirne und ſagte: Dank für Deine herzliche Liebe, mein Kind. Sei überzeugt daß Du in mir immer einen treuen Freund beſizen wirſt, wie auch das Schickſal ſich für uns beide geſtalten mag.“ Aberney kam jezt jeden Mittag nach Ektorp. Als Schuldfried ein wenig beſſer wurde, pflegte er ſie in den Hof hinauszutragen. Der Doctor beſuchte ſeine Patientin jeden Vor⸗ mittag und hielt ſich gewöhnlich lange auf, indem er ſich mit Schuldfried über Gegenſtände unterhielt von denen er dachte daß ſie ſich dafür intereſſiren würde. Treu wie eine Schildwache, blieb Annika während ſeines Beſuches im Zimmer ſizen. Die Alte dachte, es ſei nicht in der Ordnung daß man den Arzt allein mit dem Kinde laſſe. Wagner ſchien durch dieſe Anweſenheit ganz und gar nicht beläſtigt zu werden, ſondern that als ob ſie nicht vorhanden —————————— 181 wäre. Er brachte Schuldfried oft werthvolle Bücher mit. Bei jedem Buch das er ihr übergab erröthete ſie, beſonders wenn er mit verbindlichem Lächeln hinzufügte: „Hier iſt eine Arbeit die Sie intereſſiren muß.“ Sie war dann überzeugt einen Brief, einige Zeilen der Unruhe, der Theilnahme darin zu finden. Bei Aberneys erſtem Beſuch hatte Schuldfried ſeſt beſchloſſen ihm ihr Zuſammentreffen mit dem Fremden zu erzählen, wie auch den am Morgen empfangenen Brief zu zeigen. Aber ſo oft ſie den Mund öffnete um dieſes bemerkenswerthe Ereigniß mitzutheilen, ſtrömte ihr das Blut in die Wangen, und es wollte ihr durchaus nicht über die Zunge kommen. Als Schuldfried zwei Tage nach des Doe⸗ tors erſtem Beſuch wieder ein Billet erhielt, wurde es unruhig in ihrem Innern. Sie empfand ein großes Bedürfniß ſich Jemand anvertrauen zu dür⸗ fen, und nun beſchloß ſie Alles zuſammen der Mut⸗ ter zu erzählen. Aber als Frau Smith eintrat und Schuldfried ihre düſtern Züge erblickte, da wurde ſie von demſelben unergründlichen Gefühl der Furcht ergriffen das ſie von Kindheit an empfunden hatte. Es war ihr unmöglich zwanglos und vertraut mit der Mutter zu ſprechen. Folglich wurde die Ge⸗ ſchichte mit dem Fremden wiederum auf die Seite geſchoben, und nun entſtand etwas Anderes was ſich immer zu einem Geheimniß geſellt, nämlich daß ſie in ihrem Innern auszuklügeln anfing, es ſei ganz und gar nichts Böſes daran wenn ein Menſch ihr ſchreibe, und die Sache gehe ja Niemand an als ſie ſelbſt. Nie hatten die Mutter, Annika oder Aberney 182 es als etwas Unrechtes bezeichnet wenn ein Menſch dem andern einen Brief ſchicke. Tage hotte ja meh⸗ rere Jahre lang an Schuldfried geſchrieben und ſie an ihn; warum brauchte ſie ſich alſo darüber zu be⸗ unruhigen daß der Fremde ſich auf dieſe Weiſe um ihr Befinden erkundigen wollte? Der Schluß ihrer Betrachtungen war daß ſie ohne weitere Serupe jede Zeile las die ſie erhielt, und bald kam e6 ſo* weit daß ſie ſich darnach ſehnte, obſchon der Brief oft bloß aus folgenden Worten beſtand: „Wann wird Ihr Fuß Ihnen geſtatten einen Spaziergang zu machen? Sehen Sie, das iſt meine erſte Frage wenn ich erwache, die lezte wenn ich ein⸗ ſchlafe.“ Oder auch ein andermal:„Ich möchte wiſſen ob Sie ſehr böſe auf mich ſind.“ Oder:„Werden Sie mir ein Paar Zeilen von Ihrer Hand in einem der Bücher laſſen die hieher zurücktehren?“ So inhaltslos dieſe Billete waren, ſo las Schuld⸗ fried ſie doch unzählige Male. Es war ein uner⸗ klärlicher Zauber der die Einbildungskraft des jun⸗ gen Mädchens auf eine eigenthümlich hinreißende Art feſſelte und verführte. Deßungeachtet hatte ſie ſich keinen Augenblick verſucht gefühlt eine Antwort zu ſchicken. In Folge ihrer höchſt eigenthümlichen Erziehung und gänzlichen Unkenntniß der Geſeze der Convenienz würde ſie, wenn ſie Luſt gehabt hätte die Briefe zu beantworten, es auch gethan haben ohne etwas Tadelnswerthes daran zu finden⸗ Jezt ſchien es ihr als würde ſie den Zauber dieſer ſchrift⸗ lichen Mittheilungen gänzlich zerſtören, wenn ſie ſelbſt 183 einen einzigen Buchſtaben als Antwort ſchriebe. So waren zwei Wochen vergangen. Vormittags der Beſuch des Doctors mit beifolgenden Billeten die ſich immer irgendwo fanden, wenn er ſie verlaſſen hatte; Nachmittags Aberney und Lectionen; Abends Geſang oder Geſpräch bis acht Uhr, wo Aberney ſeine Schülerin, wie er Schuldfried nannte, verließ. In der dritten Woche ſagte der Doctor, ſeine Patientin könne, auf Annikas Arm und einen Stock geſtüzt, einen Gang verſuchen. Als Aberney an dieſem Tage kam, fand er Schuldfried im Hofe ſizend. „Jezt, mein lieber guter Freund, darf ich zu gehen anfangen,“ rief ſie ihm entgegen.„Ach geben Sie mir Ihren Arm, Onkel, und laſſen Sie uns über das Thor hinaus am Birkenhain ſpazieren gehen.“ Lachend und vergnügt wie ein Vogel der aus dem Käſig entkommen iſt, ging Schuldfried, auf Aberneys Arm geſtüzt, zum Thore hinaus. Er wandelte ſo langſam mit ihr, daß ſie zulezt mit hei⸗ terer Ungeduld ſagte: „Ach das iſt ja ein wahrer Schildkrötenſchritt, wir müſſen etwas raſcher gehen.“ „Allerdings, aber dann könnte der Fuß wieder wehe thun. Wer die Freuden des Lebens genießen will, muß es mit Maß thun, ſonſt wird man bankrott.“ „Dann werden Sie gewiß niemals bankrott, Onkel,“ meinte Schuldfried. „Nein, und zwar aus zwei Gründen.“ Aberney ſah nachdenklich aus. —— 184 „Laſſen Sie hören.“ „Erſtens weil ich ſo wenig Freuden genoſſen habe, und zweitens weil man um ſo ſparſamer wird je weniger man zu vergeuden hat.“ Schuldfried betrachtete ihn. Sie gingen ſchwei⸗ gend den Hügel hinan. Als er ihr geholfen Plaz zu nehmen, und ſich ſelbſt ein Stück weg von ihr ins Gras geſtreckt hatte, ſagte ſie: 5 „Haben auch Sie Kummer gehabt, mein Freund?“ „Das Vergangene liegt hinter uns, und ich ſehe nicht gerne zurück, ſondern vorwärts,“ antwortete Aberney mit einem ſo entſchieden abweiſenden Tone, daß Schuldfried ein wenig erſchrack. Höchſt ſelten gebrauchte der Profeſſor dieſen kalten Ton gegen ſie. Eine lange Pauſe entſtand; Aberneys Augen folgten den leichten, hineilenden Wolken welche der Wind über den Himmel jagte. Schuldfrieds Blick weilte auf ihm. Sie dachte: „Wie ſonderbar iſt nicht der Menſch! Sein Ge⸗ ſicht gleicht einem Büchereinband, worauf man den Titel liest, aber ganz und gar nicht den Inhalt. Ob dieſer heiter oder ernſt iſt, gibt der Unſchlag nicht zu erkennen. Ich möchte gar zu gerne einen Blick in die Seele meiner Mutter und méines Freun⸗ des werfen.“ In dieſem Augenblick wandte ſich Aberney zu ihr und ſagte mit einem freundlichen Lächeln: „Warum biſt Du ſo ſtill, mein fröhliches Kind?“ „Ich dachte an meine Mutter, und an Sie, Onkel.“ „Und was dachteſt Du?“ „Das wage ich nicht zu ſagen.“ —— 185 „Fürchteſt Du mich?“ Er reichte ihr die Hond. Schuldfried legte die ihrige hinein. der Ausdruck in Ihrer Stimme erſchreckte mich.“ „So vergiß ihn und ſage mir was Du dachteſt.“ „Ihre Antwort erinnerte mich daß ich im Gan⸗ zen doch ſehr einſam in der Welt daſtehe.“ „Du? Du beſizeſt doch eine Mutter, einen Freund und einen Jugendeameraden, die Dich alle drei lieben.“ „Meine Mutter und mein Freund ſind beide Fremde für mich, wenn es ſich um ſie ſelbſt han⸗ delt. Du haſt eugſchieden Unrecht. 2 Spagen Sie das nicht, ſondern denken Sie ein wenig nach. Iſt es auch ſchon vorgekommen daß Sie mit mir von ſich ſelbſt geſprochen haben?“ „Und warum ſollte ich das thun?“ Aberneys Züge wurden wieder ernſter.„Du biſt noch ganz jung. Dein Herz und Dein Gemüth kennen die Schaitenſeiten des Lebens nur aus den Schilde⸗ rungen die Du davon geleſen haſt. Du biſt glück⸗ lich ſo lange dieſer Zuſtand währt. Mein Leben bietet nichts Lehrreiches für ein Mädchen und kaum etwas für einen Jungen. Merke, nur Kinder und alte Leute fühlen das Bedürfniß von der Vergan⸗ genheit zu erzählen. Ein Mann genügt ſich ſelbſt in Allem was ihn allein betrifft! Wir müſſen übri⸗ gens nie wünſchen in das Leben Anderer einzudrin⸗ gen, weil dieß ein Gebiet iſt das lediglich dem In⸗ dividuum allein gehört.“ Wiederum entſtand eine Pauſe. Sii 186 Haond blieb geſchloſſen in der Hand Aberneys, ohne daß ſie oder er darauf zu achten ſchien. Schuldfried brach das Schweigen. „Sie ſagen daß wir nie in das Leben Anderer einzudringen ſuchen ſollen. Vielleicht haben Sie Recht, und gleichwohl erſcheint es mir unausführbar. Wie tönnen Sie, mein Freund, eine ſolche Beſchaffenheit des Herzens verlangen, daß es gleichgiltig den Aus druck von Schmerz auf einem Geſichte ſehen kann, ohne die leidende Perſon tröſten zu wollen? Wenn dieß unſern Mitmenſchen im Allgemeinen gilt, wie viel mehr alſo denjenigen die wir lieben! Ach, On⸗ kel, Sie wiſſen nicht was es heißt, von Kindheit auf Kummer und Verzweiflung in den Zügen einer geliebten Perſon zu leſen, und dennoch wie eie Fremde daſtehen zu müſſen und die Kümerniſſe nicht theilen zu dürfen!“ „Mein Kind, Du denkſt jezt an Deine Mutter,“ ſagte Aberney. „Ja.“ „Sage mir, Schuldfried, warum ſprichſt Du ſo ſelten von ihr mit mir? Schon als Kind vermiedeſt Du es von dieſer für Dein Herz theuren Perſon zu ſprechen, und wenn es je einmal geſchäh, ſo war es ſtets flüchtig und kurz. Ich wollte keine Fragen an Dich machen, weil.. „Weil Sie in die Geheimniſſe Anderer nicht ein⸗ dringen wollten.“ Schuldfried lächelte wehmüthig⸗ „Und gleichwohl habe ich manchmal gewünſcht daß Sie es thäten. Es war mir zuweilen als ob die Unruhe die mich quält verſchwunden wäre, wenn ich Ihnen die Urſache hätte erzählen dürfen.“ 187 „Aber, mein Kind, es ſtand Dir ja immer frei mir Dein Herz zu öffnen.“ Aberney ſtreichelte ßenz väterlich die tleine Hand die er in der ſeinigen hielt „Nein, es war mir unmöglich ohne Veranlaſſung von meiner Mutter zu ſprechen. Ueberdieß... „Nun, warum unterbrichſt Du Dich?“ Ueberdieß dachte ich daß mein Freund, wenn r mich nur halb ſo lieb hätte wie ich ihn, mehr on ſich ſelbſt reden würde.“ Du bezweifelſt alſo daß ich Dich liebe?“ Nein, das nicht gerade, aber Sie lieben nicht arm wie ich. Sie ſind wie ein Voter, ein ehrer, ein Freund; aber ich bin Ihnen nicht ſo eine Tochter. u biſt noch zu ſehr Kind, Schuldfried, um zu begreifen daß eines Vaters Ergebenheit ſich nicht auf dieſelbe Art äußert wie die einer Tochter. Sonſt würdeſt Du ſchon br3. eingeſehen haben daß ich Dich ſo herzlich likbe, wie wenn Du mein eigenes Kind wäreſt. Aber laſſen wir das; ich ſpreche nicht gern von meinen Gefühlen.“ Er ſtreichelte wieder die kleine Hand.„Aber ich höre Dich gerne Deine Gedanken und Eindrücke erzählen. Wenn ich nicht früher den Wunſch ausſprach daß Du von Deiner Mutter ſprechen mögeſt, ſo geſchah dieß aus dem einfachen Grunde weil ich erwartete, Du würdeſt es thun.“ Aberney und Schuldfried hatten keine Ahnung davon daß ſie von zwei Perſonen beſpäht wurden, die indeß ſo weit vonihnen entfernt waren daß ſie nichts von dem Geſpräch hören konnten. Die eine 188 war Frau Smith. Als die Tochter, auf Aberneys Arm geſtüzt, das Haus verließ und ſich nach der Laube begab, hatte ſie ſich ganz unbemerkt an der Hecke hin und zu einer Bank geſchlichen, hinter wel⸗ cher ſie durch das Laub hindurch ſie und ihren vä⸗ terlichen Freund ſehen konnte. Frau Smiths Augen hatten ſich gleichſam in Aberneys Züge eingebohrt, und einmal ums andere hob ein ſchwerer qualvoller Seufzer ihre Brüſt, Der zweite Beobachter war Niemand anders als Conſtantin. Er lag hinter einem Wachholderbuſch auf der andern Seite des Weges, von wo aus man den Hof von Ektorp und auch den Hügel ſehen konnte wo Schuldfried jezt ſaß. Man konnte ſagen⸗ in den Zügen des jungen Mannes ſei, vom Augen blick an wo Aberney die Hand Schuldfrieds faßte eine ſolche Veränderung vorgegangen, daß man bei dem wilden Ausdruck in ſeinem Blick Mähe gehabt hätte ihn wieder zu erkennen. Als Aberneh, der ſein Geſicht von ihm abgewandt hatte, Schuldfried ſtreichelte, ballte Conſtantin krampfhaft ſeine Fäuſte und biß ſeine Zähne ſo heftig zuſammen, daß einige Blutstropfen auf den Lippen ſichtbar wurden. Schuldfried fuhr fort: „So lange ich mich erinnern kann, habe ich, bevor ich Sie und Tage kennen lernte, nur zwei Menſchen geliebt, meine Mutter und Annika. Mein Gefühl für die erſtere hat auf einem ſo hohen Grad von Verehrung beruht, daß ich es nie wagte mich ihr mit vollem Vertrauen zu nähern; ja ich weiß kaum daß ich mich in ihrer Anweſenheit erdreiſtet habe zu lachen oder mir irgend einen Ausdr der 189 Freude zu geſtatten. Wenn ich als Kind ganz mun⸗ ter ein Liedchen ſang, tanzte oder ſpielte, und meine Mutter kam, ſo verſtummte ich augenblicklich; meine Freude verſchwand.“ „War Deine Mutter ſtreng?“ fragte Aberney. „Nein weit entfernt, ſie hat mir nie ein böſes Wort geſagt. Ich kann mich nicht erinnern daß ich je von ihr einen Zank erhalten hätte; ſie war immer ſehr gut, zärtlich und freundlich.“ id dennoch dieſe Furcht?“ Die Urſache dürfte in ihrem düſtern, ver⸗ ſchloſſenen und melancholiſchen Character liegen. Als ich noch ganz klein war, ſprach ſie höchſt ſeiten, we⸗ der zu mir noch zu Annika. Sie pflegte mich dann f ihren Schooß zu nehmen, heftig an ihr Herz zu drucken und hernach in ein wildes Weinen aus⸗ zubrechen das ſo gewaltſam wurde daß Annika ich gewöhulich von ihr trennte; und dann geſchah e däß ich ſie mehrere Tage lang nicht ſah. Wenn ſe ſich wieder zeigte, ſo war ſie ſtill und düſter, liebkoste mich mit einer Miene verzweifelten Schmer⸗ ze und dann verbrachte ſie einige Tage bei ſtren⸗ ger rbeit bis ein neuer Ausbruch von Kummer erfolgte und hernach war ſie wieder mehrere Tage unſichtbar Dieſe Anwandlungen von wilden Zärt⸗ lichteitsbezeugungen und heftigem Schmerz beun⸗ ruhigten und erſchreckten mich. Ich liebte, aber fürch⸗ tete ſie. Mein heiterer Sinn ſcheute ſich vor ihrem Kummer, weil ich ihn weder begriff noch theilen durfte. Wenn ich fragte: Mama, warum weinſt Du? ſo wurde ihr inneres Leiden noch größer und ſie eilte von mir weg. Annika ſagte dann immer: 190 Liebes Kind, Du darfſt Mama nichts fragen. Als ich heranwuchs, wurden die heſtigen Ausbrüche ſel⸗ tener, und als das Schickſal Sie und mich zuſam⸗ menführte, hatten ſie gänzlich aufgehört. Die Thrä⸗ nenquelle ſchien erſchöpft zu ſein, ohne daß der Kummer ſich gemildert hatte, und ich glaibe daß der ſtumme und düſtere Schmerz meinet Mutter mich noch mehr erſchreckte, während der Eifet womit ſie für meine Erziehung ſorgte und mich Go und meine Mitmenſchen lieben lehrte, meine Leb no erhöhte. Frei und ohne alle Bande durfte i wachſen, und meine Unterrichtsſtunden w einzigen worüber ich nicht nach eigenem Bee verfügte. Annika verhätſchelte mich einerſeits und ſuchte andererſeits meine oft übermüthigen lungen im Zaume zu halten, aber ohne daß ih mich um ihr Gerede viel bekümmerte. Sie w meine Vertraute, weil ſie brummte wen i n Ausflüge machte, und obſchon ich mih i Mindeſten darum bekümmerte, ſo fanß nicht angenehm. Mit meiner Mutts ich beinahe nie zu reden, außer wenn ich and i manchmal in Unfrieden kamen.“ „Aber warum wagteſt Du nicht mit Heiner Mutter zu reden? Mißfiel es ihr?“ „Ich weiß nicht, denn ſie antwortete mit inner freundlich und mild. Aber es war mir immer ols ſtände ſie ſo hoch über mir daß ich ſie mit meinen kleinen Freuden und Leiden nicht beläſtigen wollté Sie war und iſt noch jezt in meinen Augen eine Heilige. Schon oft habe ich ſie in Gedanken wie ein höheres Weſen angeredet. Im vorigen Jahre, . . 3 * 191 als ich zur Beichte ging, ſagte ich es zu ihr. Aber da erſchrack ſie dermaßen darüber daß ſie ſich vor mir auf die Kniee warf und unter heftigem Schluch⸗ zen rief;„O mein Kind, wie ſoll ich es wagen Dei⸗ nen Blicken zu begegnen, nachdem ich Dich ſo ſchrecklich getäuſcht habe?. Seitdem kommt manch⸗ mal eine qualvolle Unruhe über mich, und ich meine ein undankbares Kind zu ſein, weil ich das Ver⸗ trauen meiner Mutter nicht ſuche, ſondern mich freier und heiterer fühle wenn ich nicht bei ihr bin. Ach, Sie wiſſen nicht wie ergebungsvoll ſie iſt. O ich wollte viel darum geben wenn ich das Recht hätte ſie zu tröſten; die Vertraute ihres Kummers zu werden.“ Schuldfried verſtummte. „Dank, mein Kind, für Deine Mittheilung,“ ſagte Aberney:„aber laß alle Unruhe ſchwinden. Denke ſo Meine Mutter hat das Theuerſte was ſie beſaß durch irgend ein Unglück verloren, und dieß iſt die Wunde woran ihr Herz blutet. Jede Berührung derſelben verurſacht ihr ein großes Lei⸗ den. Laß ſie deßhalb ihren Kummer für ſich be⸗ halten; er kann nur dadurch gemildert werden daß Du nicht davon ſprichſt.“ „Ach ſagen Sie mir das noch einmal, damit ich mich nicht darum anklagen muß daß ich Nichts zur Milderung dieſes Kummers beitrage.“ „Du kannſt gegen ein ſolches Seelenleiden Nichts ausrichten. Das Einzige was in Deiner Macht ſteht, iſt daß Du ſie in Frieden und Freude einen Strahl von Troſt ſehen läſſeſt. Und jezt wollen wir Nichts mehr von dieſem Gegenſtand ſprechen. Sieh, welch ein herrlicher Abend! Höre wie die Vögel ihr Abendlied an die untergehende Sonne ſingen! Und Du mußt dankbar ſein gegen Gott.“ ₰ Aberney hatte dadurch daß er Schuldfrieds Auf⸗ merkſamkeit auf den ſchönen Abend lenkte, ihre Ge⸗ danken gänzlich von dem Gegenſtande abgeführt wovon ſie ſo eben ſprachen. Er ſtellte Betrachtun⸗ gen an über die Poeſie die wir auch in der Materie wiederfinden. Es lag etwas ſo Tiefes in ſeinen Worten daß ſeine Zuhörerin ſtaunte und ſich zugleich hingeriſſen fühlte. Er verſtand es durch geniale Ideen zu blenden und ſie zugleich— durch die Einfach⸗ heit ſeines Vortrags klar zu machen, ſo daß jeder denkende und fühlende Menſch ſie begriff. Er ſprach lange davon, wie nothwendig es für unſern vor⸗ wärts ſtrebenden Geiſt ſei in Allem das Ideal von Vollkommenheit zu ſuchen, damit wir ſelbſt ihm nahen können. Als die Sonne hinter dem Wald verſchwunden war, erhob ſich Aberney mit den Worten„FJezt will ich Dich hinein begleiten und mich dann nach Hauſe begeben.“ Einige Augenblicke darauf rollte des Profeſſors Wagen fort, und in demſelben Augenblick meinte Schuldfried die Hufſchläge eines vorbeikommenden Pferdes zu vernehmen; ſie ſaß am offenen Fenſter und wandte ihren Kopf um zu ſehen ob ſie recht hörte. Auf dem Waldweg der an Ektorp vorbei⸗ führte, galoppirte wirklich ein Reiter. Schuldfried erkannte den weißen Springer, und es wurde ihr nicht ſchwer den Mann zu errathen. Bei dieſer Entdeckung brannte eine lebhaftere Farbe auf ihren 103 Wangen und ihr Herz ſchlug ſchneller. Warum? Dos wußte ſie ſelbſe nicht 6 Die Sommernacht war ſo weit vorangeſchritten, daß man auf Kronbrück im großen Salon die Lich⸗ ter anzündete. Das prächtig beleuchtete Zimmer war leer; nur Dr. Wagner ſtreckte ſich ganz gemäch⸗ lich in einem der Fauteuils, rauchte ſeine Pfeife und las in einem Buch. Außen auf dem Balcon ſtand Conſtantin über die Bruſtwehr hingelehnt. Er ſchaute in die halbdunkle Sommernacht hinaus, als hätte er gehofft daß ihre milden koſenden Winde den Auf⸗ ruhr in ſeinem Innern beſchwichtigen oder das ſie⸗ dende Blut kühlen ſollten. Endlich als er lange unbeweglich dageſtanden, ging er in den Salon hinein. Beim Getöne ſeiner Tritte ſah der Doctor von ſeinem Buche auf, las aber ſogleich weiter. Conſtantin ging im Zimmer auf und ob. „Wiſſen Sie, Doctor, was für Leute Ektorp beſuchen?“ Seit Wagners erſtem Beſuch bei Schuldfried hatte Conſtantin nicht von den Leuten auf dem Hof der Wittwe geſprochen. Der Doctor unterrichtete ibn, ſo oft er heimkam, von Schuldfrieds Befinden und fügte auch das eine oder andere Wort über ihre Liebenswürdigkeit und ſeltenen Talente hinzu. Vonſtantin hörte es an ohne ihn zu unterbrechen oder aufzumuntern. Wenn er fertig war, begann er junge Mann gewöhnlich von andern Dingen zu reden. Die Briefe an Schuldfried ſchickte er dem Doetor jedesmal vor ſeiner Abfahrt zu. Es ſchien Schwartz, Schuld und Unſchuld. 1. 13 194 klar daß Conſtantin abſichtlich einem Geſpräche über ſie auswich. Auch wunderte ſich Wagner daß er jezt ſo direct mit einer Frage herausrückte die auf ſie Bezug hatte. Wagner antwortete ſogleich, ohne das Buch wegzulegen, als ob es ſich um die gleich⸗ giltigſte Sache von der Welt handelte: „Außer mir und Profeſſor Aberney ſoll Niemand dieſen einſamen Ort beſuchen.“ 3 „So, dann ſind Sie ſehr ſchlecht unterrichtet.“ „Wirklich? Ich möchte gleichwohl das Gegen⸗ theil glauben.“ „Jeden Nachmittag kommt auf Beſuch ein ſtatt⸗ licher Mann in den beſten Jahren. Er verbringt den ganzen Abend bei Ihrer Patientin. Wiſſen Sie wer das iſt?“ „Profeſſor Aberney.“ „Ich ſage Ihnen ja daß es ein Mann in beſten Jahren iſt und ganz und gar kein; reis.“ „Entſchuldigen Sie,“ fiel der Doctor lächelnd ein.„Ich habe nie behauptet daß der Profeſſor ein Greis ſei.“ „Aber er iſt doch wohl ein guter Fünfziger?“ „Ganz und gar nicht; er iſt höchſtens etliche und vierzig alt.“ „Derjenige von dem ich rede, iſt jedoch jünger rief Conſtantin ungeduldig. „Er ſieht jünger aus als er iſt. Ich kann Sieß verſichern daß der Mann den Sie meinen kein Am derer iſt als Profeſſor Aberney.“ „Er ſcheint auf einem ſehr vertraulichen Fuß mi Ihrer Patientin zu ſtehen?“ 195 „Ja, ſie hegt eine unbedingte Ergebenheit ge⸗ gen ihn.“ Bei dieſen Worten des Doctors ſchwollen die Adern auf Conſtantins Stirne. Er drehte ſich auf dem Abſaz und ging einige Mole auf und ab. Der Doctor begann ſeine Lectüre wieder; dann folgte er dem Baron mit einem eigenthümlichen langen Blicke. 3 „Sie ſagten mir einmal,“ fuhr Conſtantin nach einigen Gängen fort,„von dieſem Profeſſor; was war es?“. „Ich kann mich nicht erinnern was es ſein mochte, außer daß er für keinen Freund Rußlands gilt. Seit einigen Jahren halten die ruſſiſchen Be⸗ hörden ein Auge auf ihn. Sie hielten ihn im Ver⸗ dacht politiſcher Intriguen.“ 6„Ja, ja, ich erinnere mich jezt auf Alles. Er geht alſo bei der menſchenſcheuen Wittwe aus und ein“ „Nicht bei der Mutter, aber bei der Tochter, oder vielmehr die Tochter geht bei dem Profeſſor aus und ein. Er war und iſt ihr Lehrer. Vielleicht wird er eines Tags noch etwas mehr.“ „Was meinen Sie?“ „Ich meine daß Nichts ihn verhindert um die Hand ſeiner liebenswürdigen Schülerin anzuhalten; er wäre nicht der Erſte der ſich eine Frau erzogen hätte.“ „Sie wollen meine Eiferſucht gegen den Mann reizen, ſagte Conſtantin mit gedämpfter Stimme. Ihre Eiferſucht? Wie iſt das möglich? Das Mädchen iſt Ihnen ja gleichgiltig.“ 196 „Sie wiſſen das Gegentheil.“ „Ganz und gar nicht.“ „Still, dieſe Fuchsſchwänzerei da hilft Sie nichts, Sie ärgern mich nur damit, denn Sie wiſſen daß das Mädchen mich intereſſirt⸗ 2 „Nun wohl, Baron, ſo ſage ich: Wenn es ſo ſteht, nehmen Sie ſich in Acht. Profeſſor Aberney ſteht hoch in der Achtung des ſchönen Kindes. Er verabſcheut übrigens ſchon den Namen Ruſſe.“ „Das thut auch ſie,“ dachte Conſtantin. „Es wird Ihnen nie gelingen einen Einfluß auf das Herz des Mädchens zu gewinnen, ſo konge der Profeſſor ihr zur Seite ſteht. Er hinwiederum wird Ihnen ganz ſicherlich nicht erlauben ihm ein Kleinod zu nehmen das er entweder ſelbſt zu beſizen wünſcht oder ſeinem Pflegeſohn beſtimmt hat.“ „Warum folgte ich doch nicht meiner Eingebung weit von dieſem Mädchen hinwegzureiſen, von dem ich ſchon beim erſten Zuſammentreffen fühlte daß es für meine Ruhe gefährlich werden ſollte?“ „Dieſes Mittel bleibt Ihnen noch immer und kann jeden Augenblick ins Werk geſezt werden.“ Der Doctor las weiter, und eine Viertelſtunde verfloß ehe ein Wort gewechſelt wurde. ⸗ „Sie müſſen es auf irgend eine Art einrichten daß ich Eintritt im Hauſe bekomme,“ ſagte Con⸗ ſtantin. „Das iſt unmöglich; doch beſizen Sie ein Mittel, nämlich wenn Sie Ihren Verwalter hinüberſchicken und ſagen laſſen daß Sie die Erneuerung des Pach⸗ tes ſelbſt abmachen wollen.“ 199 ie noch Ihr Bruder iſt, an Ihrer Seite zu er⸗ icken. „Glauben Sie nicht daß ich dieſen Mann um ſein Glück beneide. Um zu beneiden, müßte ich Sie lieben und dazu kenne ich Sie noch zu wenig. Aber es hat mich glücklich gemacht Sie frei wie einen Vogel denken zu dürfen, und es quält mich wenn man ſagt: Dieſer Mann iſt zu ihrem Gatten pe— ſtimmt. „Wollen Sie wiſſen warum? Unſere kurze Be⸗ kanntſchaft iſt ſo eigenthümlich und Ihr ganzes Be⸗ nehmen ſo verſchieden von der Art und Weiſe aller andern Weiber, daß Sie mir wie eine Roſe vor⸗ kamen die mitten in einem Wald, unbekannt mit den Blumenbeeten des Gartens, dem Gekoſe der Schmetterlinge und dem Zwang der Spaliere, auf⸗ gewachſen iſt. Sie waren ein Naturkind, unerfah⸗ ren in allem Böſen der Welt, in ihren ſchiefen Be⸗ griffen und ihren lächerlichen Vorurtheilen, dagegen mit einem ausgebildeten Verſtand, einem unſchul⸗ digen Herzen und einém poetiſchen Gemüthe geſchmückt. Genug, Sie waren nach meiner Auffaſſung eine Vereinigung von Natur, Wohrheit und Bildung mit dem frohen und offenen Character eines Kindes. Es lag für mich etwas Bezauberndes darin Sie ſo zu denken. Ich hatte keinen höhern Wunſch als die⸗ ſes ſchöne Traumbild behalten zu dürfen. Da kam Ihr Geſellſchafter und verdunkelte das freundliche Gemälde wie ein finſterer Schatten. „Geſtern ſagte mant ſie iſt zur Braut des Pro⸗ feſſors Aberney beſtimmt. Nun wohl, was kann ich dagegen einzuwenden haben? Nichts. Aber Sie 200 waren nicht mehr mein holdes Traumbild, ſondern ein Weib das ſich verheirathen wird. „Was will ich wohl? Ich will von Ihnen Be⸗ ſtätigung oder Abläugnung dieſes Gerüchtes er⸗ halten. Vier Worte ſind Alles was ich von Ihnen begehre, und dieß iſt ja ſehr wenig, beſonders da Sie damit meinem unruhigen Innern Frieden ſchen⸗ ken können. Es wäre eine Grauſamkeit ſie mir zu verweigern. Wie die Antwort ausfallen mag, ſo werde ich ſtets in ehrerbietiger Entfernung bleiben. Aber ſollten Sie auf Ihrem Stillſchweigen beharren, ſo könnte es geſchehen daß ich mich Ihnen auf die eine oder andere Art im Hauſe Ihrer Mutter nä⸗ herte. Ich bin leider ein eigenthümliches Gemiſch von Gutem und Böſem. Reizen Sie das Leztere nicht durch eine Weigerung, ich bitte daru Schicken Sie morgen Don Carlos zurück und Si gewünſchten Worte hinein. „Geſtern fühlte ich mich mehrere Male verſucht Ihrer Mutter eine Viſite zu machen; aber die Furcht Ihnen zu mißfallen hielt mich davon ab. Würde ich dadurch wirklich Ihren Unwillen erweckt haben? Das iſt eine Frage die Ihnen hochachtungsvoll vor⸗ legt Lot.h ar.“ Es war das erſte Mal daß er einen Namen unter den Brief ſezte. Auch blickte Schuldfried ihn an, als ob es ihr ſchwer würde ihre Augen davon abzuwenden. Ihr erſter Gedanke war: „Ich ſollte das meinem guten Freund zeigen und ihn fragen ob ich antworten ſoll.“ Sie begann recht herzlich zu lachen, wenn ſie ſich erinnerte daß daſtand, ſie ſolle Aberneys Gattin werden, und ſie 201 beſchloß ihrem Freunde kein Wort zu ſagen, ſondern ganz einfach die vorgelegte Frage zu beantworten. Fünfzehn Federn wurden geſchnitten, probirt und untauglich gefunden. Die ſechszehnte endlich wurde für gut genug um zu ſchreiben angeſehen; aber jezt ent⸗ ſtand ein entſezliches Kopfzerbrechen, ob ſie die Frage mit vier Worten erledigen oder ob ſie ſich nicht viel⸗ mehr etwas ausführlicher ausdrücken folle. Der Brief enthielt ja am Schluß noch eine andere Frage die beantwortet werden mußte. Genug, nachdem ſie ihren eigenen Namen auf einen ganzen Bogen Papier geſchrieben, um ſich recht zu überzeugen daß die Feder gut ging, verzeichnete ſie folgende Zeilen: „Man kann ſeinen Lehrer ſehr, ſehr lieb haben ohne daß man ihn darum zu heirathen braucht. Profeſſor Aberney hat ganz und gar keine Luſt ein unwiſſendes Kind zur Frau zu nehmen. Es würde mich ſehr verdrießen wenn Sie einen Beſuch in Ek⸗ torp machten. Meine Mutter empfängt niemals einen Fremden. „Leben Sie wohl und haben Sie Dank für all Ihre Theilnahme.“ Schuldfried las ihre Antwort ein Duzendmal durch, ehe ſie das Billetchen zuſammenlegte, mit Mundlack ſchloß und darauf ſchrieb: Monsieur Lo⸗ thar, worauf es in Don Carlos gelegt wurde. Nachmittags kam Aberney nicht; er hatte Schuld⸗ fried mit einigen Worten angezeigt daß er auf ein Paar Tage nach Abo reiſe. Am Morgen als der Doctor Schuldfried be⸗ ſuchte, war ſie unausſprechlich verlegen, und als ſie ihm beim Abſchied das Buch reichte, konnte ſie nicht 202 aufſchauen. Er nahm es ohne eine Muskel in ſei⸗ nem Geſichte zu verziehen oder ſeine Verwunderung darüber auszudrücken daß es ſo ſchnell durchgeleſen worden. Als Wagners Chaiſe im Hofe von Kronbrück unter dem Flügel des Doctors anhielt, traf er dort einen Bedienten, der ihn erſuchte ſogleich zum Ba⸗ ron heraufzukommen, was er auch that. Bei ſeinem Eintritt in den Salon rief Conſtantin oder Lothar, wie wir unſern Helden in Zukunft nennen werden, ihm entgegen: „Haben Sie das Buch zurück?“ „Ja.“ Der Doctor machte eine höfliche Ver⸗ beugung und übergab es. Lothar nahm oder ent⸗ riß es ihm vielmehr mit den Worten „Sie eſſen wohl heute mit uns zu Mittag?“ „Ich werde die Ehre haben.“ Ob Lothar die Antwort hörte oder nicht, iſt un⸗ gewiß, denn er hatte bereits das Zimmer verlaſſen. „Meine Auffaſſung war alſo vollkommen richtig,“ dachte der Doctor.„Schon beim erſten Zuſammen⸗ treffen mit dem jungen Mädchen verliehte er ſich, obſchon er damals Bedenken trug ſie zu ſeinem Opfer zu machen. Pah! Dergleichen Scrupel hegt ein Ruſſe nicht länger als vierundzwanzig Stunden; aber dießmal dürften ſeine Wünſche auf einen leb⸗ haften Widerſtand ſtoßen, Und wenn ich meine Car⸗ ten recht zu miſchen verſtehe, wird ſeine Leidenſchaft ihn. nur zu einer ſchlechten Handlung nach der an⸗ dern verleiten, und dann— dann— nun, nun, du 203 ſtolzer, übermüthiger Canitz, dann dürfteſt du mir eines Tags entgelten was deine Familie verbro⸗ chen hat.“ Während der Haß im Innern des Doctors den Dictator ſpielte, führte in Lothars Bruſt ein ganz entgegengeſeztes Gefühl das Wort. In ſein Cabi⸗ net eingeſchloſſen, öffnete er haſtig das Buch und nahm den Brief heraus. Er betrachtete das zuſam⸗ mengelegte Papierchen, deſſen Inhalt im Stande ſein ſollte den Eigenthümer von Millionen ſchwer zu verlezen oder hoch zu erfreuen. So unbedeutend es von außen war, ſo ſollte es die Mittel haben ihm ein Leid zuzufügen wovon all ſein Geld ihn nicht freikaufen konnte, oder ihm eine Freude zu ſchenken die er ſich nicht dafür anzuſchaffen vermochte. Wel⸗ eifliche Räthſel iſt nicht das Leben! Der allen Ueberfluß und materiellen Wohl⸗ hr häufig arm an wahrem Glücke. har das Billet lange betrachtet, er⸗ it ängſtlicher Ungeduld überlas er Zeilen. Wie unendlich wenig, und doch wie viel enthielten ſie nicht! Bei ſeiner innern Heftigkeit und Lebhaftigkeit wechſelten ie ſehr ſchnell, obſchon ſeine ruſſiſche Erz ng ih äußerlich verſchloſſen machte. Die Gewohnheit jeden unbedachten Ausbruch zurück⸗ zuhalten war ihm zur zweiten Natur geworden, ſo daß er ſich nur ſelten jene ſtürmiſchen Ergießungen des Zornes oder der Freude erlaubte, die ſonſt mit ſeinem Character übereingeſtimmt hätten und ihn als Jüngling kennzeichneten. Bei Tiſch Wat er goßerordentlich lebhaft und 204 ſcherzte mit ſeinen Genoſſen, den beiden jungen Ruſ⸗ ſen und dem Doctor. Ueber des Lezteren glatte und lächelnde Phyſiognomie zog ein leichter Schätten, als ſein Blick auf Lothars freudeſtrahlendes Ge⸗ ſicht fiel. Nach der Tafel trennte man ſich. Die beiden ruſſiſchen Edelleute wollten auf die Jagd um ihrer Lieblingsleidenſchaft nachzugehen, und Lothar ſtieg wie gewöhnlich zu Pferde um einen Spazierritt zu machen. Das ſchöne ſchneeweiße Thier war jezt drei Wochen lang täglich denſelben Weg gegangen, ſo daß es von ſelbſt den Waldpfad einſchlug der nach Ektorp führte. Ein Stück vom Hofe hinweg ſprang Lothar aus dem Sattel und band das Pferd an einen Baum, worauf er durch den Wald nach ſeinem gewöhnlichen Beobachtungsplaze zu⸗ ſteuerte. Er gelangte indeſſen nicht dah als er an der ſchmalen und ſtarkgekrün Alee die nach Ektorp führte vorbeiwollte, ſah eine erſon mit langſamen und behutſamen Schritten einen Stock geſtüzt, dieſelbe herabkommen Gr blieb ſtehen. Er hatte den Gegenſtand ſeines lebhaften Intereſſes wieder erkannt. Schuldfried ſchaute auf und machte ebenfalls Halt; den obſchon ſig noch be⸗ deutend von einander entferit wären, erkannte ſie doch den Fremden. Nach dieſet Bewegung von ihrer Seite war zu vermuthen daß Lothar wie ein ungedul⸗ diger Liebhaber hervorſtürzen würde; aber ſtatt deſſen blieb er regungslos ſtehen, als wollte er Schuldfried damit anzeigen daß er es kediglich ihr ſelbſt freiſtelle ſich zu nähern oder von ihm zu entfernen. Nachdem ſie ein Paar Secunden ſtill geſtanden, ſezte ſie ihren 205 Weg fort und kam ihm alſo entgegen. Bei dieſer Bewegung von ihrer Seite näherte er ſich haſtigen Schrittes. Als er vor ihr ſtand, nahm er ehrerbie⸗ tig die Müze ab und ſagte: „Ich danke Ihnen daß Sie ſich bei meinem Anblick nicht umwandten. Sie hätten dadurch zu erkennen gegeben daß Sie ein Zuſammentreffen mit mir nicht wünſchen.“ „Ich habe den ganzen Tag gewünſcht, das Schickſal möchte unfere Wege einmal zuſammen⸗ führen,“ antwortete Schuldfried lächelnd und mit einer warmen Farbe auf ihren ſiebzehnjährigen Wangen.„Um dem Schickſal die Erfüllung meines Wunſches wo möglich zu erleichtern, habe ich mich heute zum erſten Mal auf eigene Fauſt hinausbe⸗ geben.“ De nſtelte Ton womit dieß geſagt wurde, brachte Lo wirkliche Verlegenheit. Der für 5 3 3 abſichtigt. ſeine Eigenliebe ſchmeichelhafte Umſtand daß ſie ihn wünſchte, ging dadurch ganz verloren.⸗ ja davon wie von der natürlichſten Sache in der Welt, ganz in demſelben Ton als hätte es ſich um einen Schulcameraden oder einen alten Be⸗ kannten gehandelt. „Und gleichwohl blieben Sie bei meinem An⸗ üc ganz zweifelhaft ſtehen,“ verſezte Lothar, der nicht recht wußte was er ſagen ſollte. „Das war ſehr natürlich. Wir ſind im Ganzen einander ſo unbekannt daß ich mich eben darüber beſann...“ Schuldfried hielt inne und lächelte wie ein Kind, wenn e s etwas Schalkhaftes zu ſagen be⸗ 206 „Ueber was? Ob Sie heute gut gegen mich ge⸗ weſen ſeien?“ „O nein, ob ich nicht böſe auf Sie ſein ſollte!“ „Auf mich? Und warum?“ „Weil Sie mich mit Ihren Briefen in Verlegen⸗ heit brachten.“ „Das verſtehe ich nicht. Wollen Sie nicht mei⸗ nen Arm nehmen?“ Schuldfried ſah ihn an, ſchüttelte dann lachend ihren ſchönen Kopf und antwortete: „Ein finniſches Mädchen kann ſich nicht auf einen Offizier ſtüzen. Das wäre eine feindliche Hilfe „Halten Sie mich alſo für einen Feind?“ Lothar betrachtete dieſe bezaubernden Züge mit einem Blick der wenigſtens bewies daß ſeinz Gefühle nicht; feindſelig waren. „Ganz gewiß, alle Ruſſen ſind meine Feinde.“ „Laſſen Sie mich glauben daß Sie ſcherzen. Es würde mir wirklich Leid thun wenn Sie im Ernſt ſprächen. Ja, ich wage ſogar zu behaupten daß S heute das Gegentheil bewieſen haben.“ „Wodurch?“ „Durch Ihre Eüte womit Sie. „Ihren Brief beantworteten?“ „Ganz richtig. Sie haben dadurch eine gute Handlung verrichtet und gezeigt daß ein finniſches Mädchen auch Barmherzigkeit gegen einen Feind üben kann.“ „Das iſt etwas was wir Alle thun könnten, der Ruſſe aber ſelten thut.“ 207 5„Bitte um Verzeihung. Laſſen Sie uns von dieſem Gegenſtand abgehen.“ Schuldfried blieb bei einem geſchlagenen Baum⸗ ſtamm ſtehen, der gerade an der Ecke des Weges lag wo man von der Allee in den Wald abbog. Sie ſezte ſich darauf und ſagte mit einem freund⸗ ichen Blick, indem ſie Lothar die Hand reichte: „Entſchuldigen Sie mich wenn ich Sie verlezt d habe, und rechnen Sie nicht ſo genau mit meiner Aufrichtigkeit. Ich ſage was ich denke, ohne Abſicht damit etwas Böſes zu thun.“ e„Was könnten Sie Böſes thun ohne daß man es beim Klange Ihrer Stimme vergäße?“ Lothar drückte die dargebotene Hand ganz leicht und ließ ſie ſogleich los. „Sie ſagten Sie hätten mich zu treffen ge⸗ wünſcht?“ fuhr er fort.„Welchem Umſtand habe ich dieſes Glück zuzuſchreiben?“ „Erſtens wünſchte ich wirklich ſchon lange Ihnen Etwas zu ſagen, und zweitens war es— Neu⸗ gierde.“ 6. „Neugierde?“ „Ja gewiß. Wir haben uns ein einziges Mal getroffen, und ſeitdem haben Sie mir beinahe dreis Wochen lang täglich einige Zeilen geſchickt. Ich ſollte wohl meinen daß dieß Neugierde erwecken könnte. Genug, ich wünſchte noch einmal den zu ſehen der ſo beharrlich in Briefen zu mir prach.“ 3 „Es iſt das zweite Mal daß Sie ſagen: noch einmal. Soll das hedeuten daß Sie mich dann los zu ſein wünſchen? — — 208 „Daran habe ich nicht gedacht; aber ich wollte Ihnen ſagen daß... daß...“ Schuldfried errö⸗ thete. Lothars Einbildung ſchrieb ſich dieſe Röthe u gut. „Bitte, ſprechen Sie. Jeder Wunſch von Ihnen iſt mir Geſez.“ „Nun wohl, dann wünſche ich daß Sie nicht mehr ſchreiben.“ „Mißfällt es Ihnen?“ Lothars tiefliegende Augen 6 erweiterten ſich auf eine eigenthümliche Weiſe als er ſie fixirte. Er verſuchte eine Spur von Verlegen⸗ heit bei dieſer Frage zu entdecken, aber ganz ver⸗ gebens. Schuldfried ſah höchſt unbefangen zu ihm auf, als ſie antwortete: „Das nicht. Die Briefe haben mich unterhalten, aber die Art ihrer Zuſendung hat mich beläſtigt. Ueberdieß haben Sie jezt alle Illuſionen zerſtört, da Sie mich zum Antworten vermochten. Deßhalb“— Schuldfried hing ihr Köpfchen ein wenig ſchief und fügte mit einem freundlichen Blicke hinzu—„ſollen Sie nicht mehr ſchreiben. Ich will es nicht.“ „Seien Sie überzeugt daß ich gehorchen werde.“ „Dank!“ „Aber jezt müſſen Sie ſich edelmüthig zeigen.“ „Laſſen Sie hören.“ „Sie müſſen mitunter zu dieſer Zeit hier aus⸗ ruhen. Ich kann dann, wie heute, einige Worte mit Ihnen ſprechen. Bemerken Sie wohl daß ich es Ihnen ſelbſt überlaſſe mir dieſe Freude ſo ſpärlich oder freigebig wie Sie wollen zu gewähren, wenn es nur in der kurzen Zeit die ich noch in der Ge⸗ 209 gend bleibe hie und da einmal geſchieht. Nun, be⸗ willigen Sie meine Bitte?“ „Ja ich glaube.“ „Verſprechen Sie mirs.“ „Nun wohl, ich verſpreche.“ „Dank!“ Lothar machte eine verbindliche Ver⸗ beugung. Die jungen Leutchen plauderten noch eine Weile, dann erhob ſich Schuldfried um heimzugehen. „Darf ich Sie nicht jezt auch begleiten?“ fragte Lothar.„Hat unſer kurzes Geſpräch Ihr Vorur⸗ theil gegen unſere Nation nicht in ſo weit zu mil⸗ dern vermocht daß Sie meinen Arm annehmen wollen?“ „Wie wenig kennen Sie meinen finniſchen Cha⸗ racter, wenn Sie glauben daß Zeit oder Verhält⸗ niſſe ein Vorurtheil verwiſchen könnten das ich ein⸗ mal gefaßt habe! Ich bin, wie meine Landsleute, hartnäckig ſowohl im Guten als im Böſen.“ „Sie verweigern alſo meinen Arm?“ „Ja „Sie ſind ein höchſt eigenthümliches Mädchen, mit einer Aufrichtigkeit die manchmal frappirt.“ „Im Namen dieſer Aufrichtigkeit ſage ich Ihnen jezt Lebewohl.“ ch darf Sie alſo jezt nicht begleiten?“ „Nein.“ Schuldfried erhob ſich.„Der Grund liegt darin daß ich unſere Bekanntſchaft Niemand mittheilte Warum ich es nicht gethan, weiß ich ſelbſt nicht. Ich weiß bloß daß es mir unmöglich war die Er⸗ zählung davon über die Lippen zu bringen, und Schwartz, Schuld und Unſchulv. 1. 14 210 deſſen ungeachtet habe ich mehrere Male feſt be⸗ ſchloſſen meinem Freunde davon zu ſagen.“ „Ihr Freund iſt vermuthlich ein Spielcamerad?“ „O nein, es iſt..“ Schuldfried verſtummte plözlich. Vor ihrer Erinnerung ſtand Lothars Brief worin er fragte ob Aberney ihr Gatte werden würde. „Wiederum eine Unterbrechung; vielleicht war meine Frage undelicat?“ Es blizte in Lothars; Augen. „Ach nein, aber Ihr lezter Brief iſt an der gan⸗ zen Verwirrung Schuld und hat mich jezt aus dem Concept gebracht. Mein Freund iſt Profeſſor Aber⸗ ney,“ fügte ſie mit einem gewiſſen Nochdruck hinzu. „Er war mir Vater, Lehrer und hat mir ſo viel Wohlwollen erwieſen; auch habe ich ihn ſo innig lieb.“ „Wie beneidenswerth iſt er nicht! Aber ich will Sie nicht länger aufhalten.“ Lothar nahm ſeine Müze ab und im nächſten Augenblick war er ver⸗ ſchwunden. In ſeinem Ton und Blick lag Etwas das einen unangenehmen Eindruck auf Schuldfried machte: 3 — wußte nicht recht warum, aber die Erinnerung daran beunruhigte ſie. Sie hätte ihn zurückrufen mö⸗ gen, um zu fragen ob ſie etwas Beleidigendes ge⸗ ſagt habe. Langſamen Schrittes wandelte ſie dief Allee hinab und grübelte darüber nach warum er ſie ſo plözlich verlaſſen habe. Als ſie auf den Hof kam, trat Annika ihr entgegen, die ſo eben vonf, ihrer Säuberungsarbeit im Garten zurückkehrte „Liebes Kind, wo warſt Du denn?“ fragte di⸗ — 27 „ Dienerin unruhig;„Du haſt jezt gewiß Deinen Fuß wrieder verderbt. Droben iſt ein Brief vom Pro⸗ „ feſſor. Er kam eben erſt und liegt auf Deinem e Zimmer.“ f Der Brief enthielt de Nachricht daß Aberney nach Abo gereist ſei, um dort einen Schweden zu treffen mit dem er wichtige Sachen zu beſprechen r habe. Er gedenke erſt in einigen Wochen nach Junta zurückzukommen. War Schuldfried ſchon vorher un⸗ ruhig, ſo wurde ſie es bei dieſer Nachricht noch mehr. In der Nachſchrift ſtanden jedoch folgende Zeilen die alle trüben Gedanken verſcheuchten: 8„Wenn ich nach Junta zurückkomme, bringe ich u einen Gaſt mit deſſen Wiederſehen Dir gewiß Freude macht. Ich meine Tage.“ Ihr Herz klopfte hoch vor Freude bei dem Ge⸗ 9 danken daß ſie Tage treffen ſollte, den ſie ſeit drei U Jahren nicht geſehen. Dieſe drei Wochen mußten ſchnell vergehen, und dann, wie angenehm mußte es nicht dann werden! Ihr Geſicht ſtrahlte jezt vor Wonne. Bulwer ſagt:„Die Natur hat den Thieren die in einem kalten Clima wohnen ſollen eine dicke Haut gegeben, und den Menſchen die auf ihrer Wande⸗ rung durchs Leben von Bekümmerniſſen heimgeſucht werden ſollen, hat ſie ein heiteres elaſtiſches Gemüth verliehen.“ So war es auch mit Schuldfried. In der Einſamkeit aufgewachſen, unbekannt mit den Menſchen, dem Leben, der Wirklichkeit und allem Bittern was ſie in ſich' ſchließt, war ſie ein gutes und heiteres Kind das nur aus Büchern wußte was e ſich in der Welt zutrug. Was ſie eines Per 2¹2 lich werden, wie ihr Character ſich entwickeln würde, ſollte ſich erſt zeigen wenn die Ereigniſſe die Kräfte die jezt in ihr ſchlummerten zur That weckten. Die Natur hatte ſie, die an der Seite einer düſtern und ſchwerbetrübten Mutter aufgewachſen war, mit einem friſchen und fröhlichen Gemüthe beſchenkt, das unter Geſang und heitern Spielen ſeine einſame und ab⸗ geſonderte Kindheit verlebte. Sie hatte eine leben⸗ dige ſtarke Seele und ein warmes Herz empfangen, ohne daß dieſe Eigenſchaften durch eine weichüche Träumerei oder eine ſchmachtende Sehnſucht ge⸗ trübt wurden. Ihr frühentwickelter Verſtand war durch Lectüre mehr gepflegt und gebildet worden als bei Mädchen ihres Alters ſonſt der Fall iſt, aber er war nicht in jene vorzeitige Frühreife über⸗ gegangen wodurch Seele und Herz veralten, ſondern behielt einen Anſtrich kindlicher Friſche die ſo un⸗ ſchäzbar iſt. Wie alle lebhaften Gemüther, empfing Schuldfried leicht Eindrücke die aber ſelten etwas Anderes als einen vorübergehenden Einfluß übten. Und in der gegenwärtigen Periode ihres Lebens wäre es ſchwer zu beſtimmen geweſen ob ihr Gefühl von augenblicklichen Impulſen abhängig oder ob es ſtark, tief und mächtig werden ſolle. Jezt konnte ſie von traurigen Gedanken plözlich zu fröhlichen über⸗ gehen. Ein Nichts konnte ſie betrüben, aber auch erfreuen. Der Grundton ihrer Gemüthsart war heiter und die melancholiſchen Gedanken wichen leicht vorübergehenden zerſtreuten⸗Wolken. Am folgenden Vormittag erklärte der Doctor daß der Fuß vollkommen geſund ſei; Schuldfried müſſe 213 jedoch vorſichtig ſein und dürfe ihn nicht anſtrengen. Eer fügte mit ſeinem verbindlichen Lächeln hinzu: „Meine Beſuche als Arzt ſind jezt überflüſſig, aber ich hoffe daß Sie mir erlauben werden mich 6 manchmal nach dem Befinden meiner Patientin zu eerkundigen.“ Ehe Schuldfried antwotlln konnte, verbeugte er ſich und verließ das Zimmer. Zwei Tage waren vergangen ohne daß Schuld⸗ fried den Hof oder den Garten verließ. Sie hatte den Vormittag über ſehr fleißig neben ihrer Mutter gearbeitet. Sie hatte wie gewöhnlich geleſen und überſezt. Sie hatte zwei volle Stunden geſpielt; aber als die Mutter ſie bat einige neue Lieder zu ſingen, hatte ſie geantwortet: „Ich kann heute nicht ſingen.“ Nachmittags zog ſich Frau Smith mit ihrer Ar⸗ beit in ihr Zimmer zurück, und Schuldfried dachte eine Weile daran hinabzugehen und ſich mit Weben zu beſchäftigen; aber Annika erklärte, ihr Fuß ge⸗ ſtatte es durchaus nicht an dem Webſtuhle herum⸗ zutreten. So kam es daß Schuldfried den ganzen Nachmittag damit zubrachte an den Blumenrabatten im Hof und Garten zu arbeiten, ihre vielen Blumen zu pflegen u. ſ. w. Gegen Abend flogen ihre Augen on den Blumenrabatten hinweg nach dem kleinen Waldweg den man vom Hof aus ſehen konnte; aber kein lebendiges Geſchöpf zeigte ſich da. Als Schuld⸗ fried ſpät am Abend, nachdem alle ſich gelegt hatten, am Fenſter ſaß und über die Gegend hinſchaute, 6 214 wunderte ſie ſich daß ſie zum erſten Male in ihrem Leben den Tag lang gefunden habe. Sicher war es die Sehnſucht nach Aberney die das verurſachte, aber gleichwohl war es nicht des geliebten Lehrers Bild das unaufhörlich wieder vor ihr Gedächtniß trat, ſondern die ſchönen und ſchwärmeriſchen Züge des Fremden. Der zweite Tag verging wie der erſte, und auch er erſchien Schuldfried unendlich lang, obſchon ſie jezt unbeſchreiblich viel mit ihren Tauben, Vögeln und übrigem Federvieh zu thun hatte, was Alles unter ihrer Aufſicht ſtand und jezt ſchon lange ihrer Pflege hatte entbehren müſſen. Troz alle dem wurde die Zeit lang, und was noch ſchlimmer war, Alles was ſie that kam ihr langweilig vor. Der Abend fand ſie wieder beim offenen Fenſter, den Kopf in die Hand geſtüzt. Sie wollte eben ſich ſelbſt fra⸗ gen warum ſie ſich dieſe Tage ſo hartnäckig inner⸗ halb der Thore von Ektorp gehalten und nicht hin⸗ ausgewagt hatte. Ganz gewiß darum weil der Doe⸗ tor ihr verboten hatte ſich anzuſtrengen. So weit hatte ſie es in ihrer Selbſtprüfung gebracht, als man vom Ufer her eine ſchöne Männerſtimme ein höchſt eigenthümliches Lied ſingen hörte. das ein Volkslied zu ſein ſchien, aber kein ſchwediſches oder finniſches, ſondern ein ſolches das unter einem glühen⸗ den Himmel gedichtet worden. Schuldfrieds Blick richtete ſich nach der Gegend von wo der Geſang kam, und ſie ſah einen einſamen Ruderer in einem Boot das langſam über die ſpiegelhelle Fläche der Bucht dahinglitt. „Das iſt er,“ dachte Schuldfried und ſchaute 21¹⁵ die Züge unterſcheiden zu können; aber die ganze Erſcheinung gab zu erkennen daß es keiner der um⸗ dem Boote nach. Die Entfernung war zu groß um ſo ferne nicht ſchon der wohnenden Bauern we Geſang dieß verrathen hätte. Joch als das Boot bereits hinter einer vorſtehen⸗ den Landſpize verſchwunden war, ſchlugen die ent⸗ fernten Töne an Schuldfrieds Ohr, und lange nach⸗ dem ſie verhallt waren, klangen ſie noch in ihrer Seele fort. Am folgenden Täg, als es ſich gegen Abend neigte, ging Schuldfried zum Hofthore hinaus und auf dem Waldwege fort. Kaum hatte ſie in dieſen eingebogen als Lothar mit entblößtem Haupte vor ihr ſtand. „Sie waren ſehr grauſam,“ ſagte er,„mich zu einem ſo langen Warten zu verurtheilen. Ich hatte gehofft, Ihre Güte würde zu meinem Vortheil reden.“ „Es ſind ja erſt zwei Tage ſeit wir uns trafen,“ verſezte Schuldfried lächelnd. „Erſt, ſagen Sie. Nun wohl, Ihnen, die Sie ſſich aus Furcht vor einer Begegnung mit mir nicht zum Thore hinauswagten, iſt die Zeit gewiß ſchnell orübergegangen?“ Per Ton war etwas bitter und das Auge blickte düſter auf das Mädchen. „Um die Wahrheit zu ſagen, muß ich geſtehen daß dieſe Tage mir recht lang vorgekommen ſind; ich habe dabei viel an Sie gedacht.“ Lothars Stirne erheiterte ſich. „Wie gütig Sie ſind mir das zu ſagen!“ fried ſah ihn mit einem Blicke an, der die holde Illu⸗ „Und warum ſollte ichs nicht ſagen?“ Schulds 216 ſion welche die Eigenliebe ganz augenblicklich ſchuf gänzlich verſcheuchte.„Ich wünſchte Sie zu fragen warum Sie ſo mißvergnügt ausſahen als wir das lezte Mal von einander Gewiß hätte ich Ihnen deßhalb nachgeruf Sie mich nicht ſo plözlich verlaſſen hätten öchte ich gerne wiſ⸗ ſen was Ihr veränder enehmen hervorrief.“ „Brauche ich es Ihnen wohl zu ſagen?“ „Ganz gewiß, da ich frage.“ ₰ „Und gleichwohl ſollten Sie, wenn Sie an den Gegenſtand unſeres Geſpräches denken, die Löſung des Räthſels ſelbſt finden.“ Sie ſpazierten langſam den Weg hinan. 3„Nein, ich begreife wahrhaftig nicht was Ihr i k ißvergnügen erregen konnte.“ „Mißvergnügen iſt nicht das rechte Wort, ſondern Betrübniß; ich empfand leichviel was. Da Sie die Urſache nicht errathen haben, ſo erlaſſen Sie mirs ſie zu ſagen.“ „Wie Sie belieben. gen quälen, zumal da ſcheinen.“ „Und wenn ich auch de würden Sie wohl darnach ra „Viel! Es würde mich betrüben. Ich kann es nicht ertragen daß Jemand bö f mich iſt.“ „Jemand! Aber wenn dieſer Jemand eine Ihnen ſo gleichgiltige Perſon iſt wie ich?“ „Sie ſind mir nicht gleichgiltig.“ „Nein, ich bin etwas weit Schlimmeres; ich bin „ein verhaßter Ruſſe.“ 3. will Sie nicht mit Fra⸗ ie jezt beſſer geſtimmt utheil wäre, was 217 Schuldfried blieb plözlich ſtehen und ſah ihn an, indem ſie mit ernſter Stimme ſagte: „Warum mich daxan erinnern? Ich habe es in dieſen Tagen gänzlich vergeſſen.“ „Um ſo mehr Grund für mich Sie daran zu er⸗ innern.“ Schuldfried begann wieder zu gehen und Lothar fuhr mit ruhiger und ernſter Stimme fort: „Im Fall Sie irgend Wohlwollen gegen mich hegen, ſo will ich es durchaus nicht dem Umſtand verdanken daß Sie meine gehaßte Nationalität ver⸗ geſſen. Ich ſtände ja immer in Gefahr es zu ver⸗ lieren, ſobald Sie ſich erinnerten wer ich wäre. Es würde mir ganz gehen wie jezt. Sie würden augen⸗ blicklich mißvergnügt werden, und dann iſt es beſſer, Sie ſind nie anders. Ich will mir Ihr Wohlwollen nicht erſchwindeln; dafür lege ich zu großen Werth darauf.“ Eine Pauſe entſtand. Schuldfried ging geſenk⸗ ten Blickes und Lothar betrachtete ſie aufmerkſam. Endlich wandte ſie ihr Geſicht gegen ihn und ſagte: „Es iſt wahr, ich verabſcheue die Ruſſen aus tiefſtem Herzen, und ich würde mich ſehr unglücklich fühlen wenn ich genöthigt wäre in Rußland unter dieſem Volke zu leben; aber das hindert nicht daß ſich auch unter ihnen Leute finden können mit denen man gerne umgeht und die alles Recht auf unſere Achtung beſizen.“ „Sogen Sie mir, iſt Ihr Haß gegen meine Landsleuie ein natiönaler oder hat er eine Privat⸗ urſache“ Bei dieſer Frage fixirte er ſie ſcharf. „Ich habe ihn mit der Muttermilch eingeſogen, 218 und ſo weit ich zurückdenken kann, habe ich mit dem Wort Ruſſe das Böſe bezeichnet. Als ich eilf Jahre alt war, ſollte eine kleine Privatgeſchichte da⸗ zu kommen und meinen eingewurzelten Abſcheu noch bekräftigen. Alles zuſammen hat gemacht daß ich mich wirklich ſelbſt darüber verwundere, wie ich Sie ohne allen Widerwillen ſehen und ſprechen kann.“ „Die Entdeckung daß ich Ruſſe bin, machte in⸗ deß einen ſolch unangenehmen Eindruck daß die Folge davon ein verrenkter Fuß war. Die wochenlangen Schmerzen die Sie deßhalb ausſtanden, werden mir ſtets auf dem Gewiſſen liegen. Wollen Sie ſich 85 ſezen? Vom Hügel hier ſehen wir den ſchönen See. Er bot Schuldfried die Hand um ihr zu helfen, aber ſie ſprang ganz allein über den Graben. Lothar folgte ihr, und nachdem ſie eine Weile dageſtanden und den See betrachtet hatte der durch die Heffnung im Walde ſichtbar wurde, kam das Geſpräch ſo allmählig von Finnland auf andere Ge⸗ genden welche Lothar als Marineoffizier beſucht hatte und jezt mit außerordentlich lebhaſten Farben be⸗ ſchrieb. Sie hatten ſich unte großen Baum geſezt deſſen laubiger Wipfe ſeine Blätter über ihren Häuptern ſchüttelte. Mit geſßanntem Intereſſe hörte Schuldfried auf die Schilderungen von Italien. Mit lebhaften und tühnen Farben ſprach Lothar von einem Abend in Venedig, als er auf den Lagunen fuhr, während der Gondoliere eines jener glühenden Lieder ſang welche die Völker des Südens characteriſiren. 219 „Dort lernten Sie wohl das Lied welches Sie geſtern Abend ſangen?“ fiel Schuldfried ein. Das Mädchen war wirklich geſchaffen Lothar ein wenig aus dem Concept zu bringen. Er hatte aus Zartgefühl und um ihr eine Verlegenheit zu erſpa⸗ ren, mit keinem Wort andeuten wollen daß er ſie geſehen, und jezt ſprach ſie von ſeinem Geſange ganz wie wenn ſie ihn in einer Geſellſchaft gehört hätte. Er antwortete indeß ſogleich: „Ja, es war eine der vielen Barcarolen die ich in Venedig hörte.“ „Singen Sie ſie noch einmal, damit ich den Text höre.“ „Tert und Melodie ſind italieniſch.“ „Ah, Sie meinen vielleicht, ich würde ihn nicht verſtehen?“ Schuldfried lachte.„Sie haben Unrecht, ich habe italieniſch gelernt.“ „Sie? Und von wem?“ Lothar betrachtete ſie mit Bewunderung. „Von meinem guten Freund, Onkel Aberney.“ „Er!“ Lothars Züge veränderten ſich augenblick⸗ lich und er ſagte kalt;„Gewiß ſingt der Profeſſor weit beſſer als ich, und deßhalb erlauben Sie daß ich nicht ſinge.“ Schuldfried ſah ihn an. „Jeſt ſind Sie wieder verändert.“ Lothar fuhr mit der Hand über die Stirne. „Ich wünſche daß Sie nicht bemerkten wie ſehr gewiſſe Dinge mich quälen.“ „Hat mein Wunſch daß Sie ſingen möchten Sie gequält? In dieſem Fall wollen wir nicht mehr da⸗ von reden. Ich bin ſo gewöhnt alle meine Wünſche 1 220 auszuſprechen daß Sie ſich nicht daran kehren dür⸗ fen. Ihr Geſang war ſo wunderbar ſchön daß ich ihn ſehr gerne noch einmal gehört hätte.“ „Singt Profeſſor Aberney?“ „Ob er ſingt?“ rief Schuldfried in einem Tone als hätte er eine heidniſche Frage gemacht.„Er hat eine ſo prächtige und ſtarke Stimme. Tante Sara ſagt mir, er ſei wegen ſeiner Compoſitionen † und ſeineeſanges weit und breit berühmt ge⸗ weſen.“ „Der Mann beſizt demnach alle möglichen Eigen⸗ ſchaften und Talente,“ ſagte Lothar mit einem ironiſchen Lächeln.„Wenn Sie erlauben, ſprechen wir nicht mehr von ihm.“ „Und warum? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Um ſo beſſer. Haben Sie die Frage in mei⸗ nem Briefe ſchon vergeſſen?“ Schuldfried konnte ſich bei der Erinnerung daran unmöglich eines lauten Lachens enthalten, ſo comiſch erſchien es ihr daß Jemand daran denken konnte daß Aberney, ihr väterlicher Freund, ihr Gatte wer⸗ den ſollte. Ihr ſilberhelles Lachen verſcheuchte die trüben Gedanken aus Lothars Seele. „Ihre Frage habe ich ja beantwortet, und dieß da iſt ſo über die Maßen lächerlich daß ich nicht be⸗ greife wie Sie darauf zurückkommen können⸗“ Das Geſpräch wurde bald auf Jglien zurückge⸗ führt und die Zeit entfloh ſehr ſchiell. Als die Sonne ſich hinter dem Walde verbarg, ſagte Schuld⸗ fried dem Fremden Lebewohl. 221 Seitdem machte Schuldfried jeden Abend einen Spaziergang, und bald erſtreckten ſich ihre Ausflüge bis nach Junta um Tante Sara zu begrüßen, der es jezt ſchrecklich öde vorkam, da ſie nicht mehr mit ihrem lieben Neffen hadern konnte. Schuldfried wurde herzlich willkommen geheißen, und die Alte wußte nicht welche Ehre ſie ihr erweiſen ſollte. Bei allen Spaziergängen des jungen Mädchens fügte es der Zufall daß ſie mit dem Fremden zuſammentraf; und ſo oft ſie ſich trennten, hatte ſie eine neue lie⸗ benswürdige Eigenſchaft an ihm entdeckt. Allerdings kam er ihr auch manchmal unerklärlich launiſch vor; er konnte heiter ſcherzen und auf einmal wieder fin⸗ ſter und verdrießlich werden, wo er⸗dann mit einem bitteren Hohne ſprach der Schuldfried ſchmerzte. Die Ausbrüche veränderter Stimmung trafen immer ein wenn Schuldfried entweder Aberneys oder Tages Namen nannte. Sonſt war er geiſtreich und beur⸗ kundete in ſeinen Schilderungen eine poetiſche Auf⸗ faſſung. In ſeinem Benehmen war er ehrerbietig und zuweilen zurückgezogen. Man ſah deutlich daß er ſich gleichſam ſcheute ihr auf eine vertrauliche Art zu nahen. Die drei Wochen welche Aberney ausbleiben wollte, waren ſomit für Schuldfried ent⸗ flohen ohne daß ſie es bemerkte. Es war ein ſchö⸗ ner Samſtag Nachmittag im Juli, als ſie von Ektorp nach Junta gin um Tante Sara mit einigen präch⸗ tigen Erdbeerk zu überraſchen welche ſie ſelbſt ge⸗ zogen und gepflückt hatte. Wie gewöhnlich traf ſie den Fremden an der Biegung des Waldweges. „Wiſſen Sie an was ich ſo eben dachte?“ fragte ſie. 222 „Nein, aber ich hoffe daß Sie es mir ſagen.“ „Nun, daß jezt beinahe zwei Monate ſeit unſerm erſten Zuſammentreffen verſtrichen ſind, ohne daß ich weiß wie Sie heißen oder wer Sie ſind. Heute habe ich zum erſten Male daran gedacht.“ 3 „Und warum gerade heute?“ „Weil ich ganz kürzlich Annika den verhaßten des Eigenthümers von Kronbrück ausſprechen örte.“ „Verhaßten Namen, ſagten Sie?“ „Ja er iſt mir verhaßt weil er mich an einen erlittenen Schimpf erinnert. Aber laſſen Sie uns nicht davon reden. Meine Mutter und mein Seel⸗ ſorger haben mich gelehrt daß man alle Beleidigun⸗ gen verzeihen und vergeſſen müſſe; dieſe iſt jedoch von der Art daß ich Mühe habe bei dem Gedanken . „Canitz?“ ſagte Lothar mit einer eigenen Schärfe im Ton. „Ja. Genug, ſein Name erinnert mich an Ihre Bemerkung daß Sie als Gaſt in Kronbrück ſeien, und nun wußte ich noch nicht ob Sie der Gaſt des Doctors oder des Eigenthümers ſind.“ „Wollen Sie wirklich wiſſen wer ich bin?“ „Ja, ganz gewiß.“ „Aber wenn ich Sie darum bäte es bis auf ein Weiteres nicht ſagen zu müſſen, was würden Sie dann antworten?“ P „Daß ich es doch wiſſe!“ „Wirklich?“ Lothar konnte nicht verhindern daß ihm das Blut in die Wangen ſtrömte. 223 „Ich habe heute einen Beſuch vom Doctor ge⸗ habt und dieſer gab es mir zu verſtehen. „Der Doctor erzählte,“ fuhr Schuldfried fort, „daß auf Kronbrück zwei ruſſiſche Offiziere zu Gaſte ſeien. Der eine von ihnen heiße Lothar Gurtzskow. Sehen Sie, ich weiß Ihren Namen ganz genau.“ „Erinnern Sie ſich einmal wenn es nöthig ſein ſollte, daß ich es nicht bin der Ihnen dieß ge⸗ ſagt hat.“ Lothar ſagte dieß mit großem Ernſt. „O ja, ich werde es nicht vergeſſen. Sonſt habe ich in einem Buche, genannt Regeln des guten To⸗ nes, geleſen daß es unhöflich ſei ſich nicht zuerſt vorſtellen zu laſſen bevor man ein Frauenzimmer anrede.“ „Ja in Geſellſchaft, aber unſere Bekanntſchaft wurde unter Gottes freiem Himmel geſchloſſen und das verändert viel. Wenn ich die Unart beging mich Ihnen nicht ſelbſt vorzuſtellen, ſo haben Sie ganz daſſelbe gethan. Sie haben mir nie geſagt wer Sie ſind.“ „Sie wiſſen es.“ „Allerdings, aber nicht durch Sie. Gleichwohl kenne ich Ihren Taufnamen noch nicht.“ „Nun wohl, ich will artiger ſein als Sie.“ Schuldfried blieb ſtehen, machte vor dem Jüngling ein tiefes Compliment und ſagte:„Hier habe ich die Ehre Ihnen Schuldfried Smith vorzu⸗ ſtellen.“ „Schuldfried, Schuldfried,“ wiederholte Lothar, gleich als hätte dieſer Name ihn frappirt und eine qualvolle Erinnerung in ſeiner Seele erregt „Ja jezt erinnere ich mich, Sie haben wirklich dieſen W 224 eigenthümlichen Namen, der in meinen Ohren ſo wunderlich klang als ich ihn zum erſten Male hörte.“ „Und wann war das?“ „O ich hörte ihn irgend Jemand einmal rufen,“ ſagte Lothar. Dann fügte er abbrechend hinzu:„Für wen beſtimmen Sie dieſe Beeren?“ Schuldfried erzählte daß ſie dieſelben mit eigener Hand gepflanzt und jezt Tante Sara zugedacht habe. Das Geſpräch kam dadurch auf ein gleichgiltiges Gebiet und drehte ſich eine Weile um Blumen. Beim Scheideweg der nach Junta führte, blieb Lo⸗ thar ſtehen. Er warf ſich ins Gras um Schuld⸗ frieds Heimkehr abzuwarten. Die Gedanken die den jungen Mann beſchäftigten müſſen nichts weni⸗ ger als angenehm geweſen ſein, denn ein Zug tiefer Schwermuth lag auf ſeiner Stirne. Endlich erſchien Schuldfried wieder lächelnd und ſtrahlend vor Freude. Lothar ging ihr entgegen. „Wie vergnügt Sie ausſehen,“ ſagte er.„Ganz ſicher haben Sie zum Dank für Ihre Erdbeeren eine angenehme Nachricht erhalten.“ „Sie habens errathen. Morgen kommen mein Freund und Tage nach Hauſe. Ach ich bin ſo froh ſie wieder zu treffen!“ Lothar erwiderte kein Wort, ſondern ging ſchwei⸗ gend an ihrer Seite. Schuldfried, die vergebens wartete bis er Etwas ſagen würde, bemerkte endlich, als er in ſeinem Schweigen verharrte: „Sind Sie jezt wieder mißvergnügt? Geſtehen Sie daß Sie während unſeres kurzen Zuſammenſeins es immer einmal ſein müſſen.“ 225 „Ich bin nicht mißvergnügt, am allerwenigſten über Sie, aber es gibt Dinge die mich mitunter auf ſchmerzliche Gedanken führen. So z. B. denke ich, während Sie mit freudeſtrahlendem Blick von Ihrer Ergebenheit gegen Profeſſor Aberney und ſeinen Sohn ſprechen, an mich ſelbſt und meine Armuth. Ich beſize Niemand der ſich über meine Ankunft freut oder über meinen Abſchied grämt; ich habe kaum einen Hund der mir anhänglich wäre. Ich empfinde Etwas wie Neid über die Glücklichen für welche Sie Freundſchaft hegen. Auch ich möchte einen Freund beſizen.“ „Haben Sie keinen?“ fragte Schuldfried theil⸗ nehmend. „Erlauben Sie daß wir von mir abgehen; dieß iſt ein nicht ſehr intereſſanter Geſprächsſtoff. Hal⸗ ten Sie ſich nicht an die Ausdrücke von Wehmuth die ſich zuweilen auf meinen Zügen ſpiegeln, wenn ich daran erinnert werde daß Andere ſoviel für Sie ſind und ich ſo ganz und gar nichts.“ Wieder wandelten ſie ſtill neben einander. Schuld⸗ fried ſah ernſthaft aus. Als ſie zum Abhang eines Hügels kamen, ſagte Lothar: „Sezen Sie ſich hier eine Weile. Sie werden ſo ſehr von Ihren Freunden in Anſpruch genommen werden, daß ich ganz ſicher lange nicht mehr auf die Freude hoffen kann Sie zu treffen.“ Schuldfried ſezte ſich. Lothar nahm ein Stück von ihr Plaz. „In einigen Wochen muß ich dieſe Gegend ver⸗ laſſen,“ ſagte er. eSecwartz Schuld und Unſchuld. 1. 15 226 „Sie reiſen alſo nach Petersburg?“ Schuldfried that die Frage mit abgewandtem Geſichte. „Ich weiß nicht; ich weiß bloß daß ich nicht hier bleiben kann.“ „Und warum?“ „Canitz muß da reiſen.“ „Und Sie mit Ihrem Freund?“ Ja.— Sie nennen ihn meinen Freund und † 77 Sie haben Recht. Sicherlich iſt er der einzige den ich beſize.“ Lothar lächelte bitter, indem er hinzu⸗ fügte:„Aber auch ſeine Ergebenheit gegen mich iſt nicht viel werth.“ „Der Menſch liebt wohl keinen Andern als ſich ſelbſt?“ fiel Schuldfried ein. „Ich glaube Sie thun ihm Unrecht. Er liebt ß am allerwenigſten ſein eigenes Ich und iſt gleich mir ſowohl des Lebens als ſeiner ſelbſt überdrüſſig.“ „Aber erſt kürzlich noch, als wir uns trennten, † ſchienen Sie das Leben nicht mit ſo müden Augen anzuſehen.“ „Ich vergaß da das Leben über Ihnen. Wenn 1 ich an Ihrer Seite gehe und über ganz gleichgiltige Dinge mit Ihnen ſpreche, vergeſſe ich Alles über 4 der Annehmlichkeit der Stunde, und dann wünſche † ich ungeſtört dieſe kurzen Augenblicke genießen zu können welche die Sonnenſtrahlen an meinem nicht ſehr heitern Himmel ausmachen. Ich weiß dann daß das Leben auch für mich ſchön ſein könnte. Ihr Anblick iſt für mein Inneres ein Bedürfniß gewor⸗ den. Ich meine ein beſſerer Menſch zu ſein wenn ich bei Ihnen bin, wenn ich den Klang Ihrer Stimme und dei Schall Ihres Lachens höre. Wundern Sie 227 ſich nicht, wenn jeder Gegenſtand der zwiſchen Sie und mich tritt Bitterkeit in meiner Seele erregt. Sie ſind mir lieb geworden, während ich Ihnen gleichgiltig geblieben oder höchſtens ein Gegenſtand bin den Sie mit Wohlwollen behandeln, ſo lange keiner von Ihren Lieben zugegen iſt, den Sie aber bei der Begegnung mit denſelben wieder vergeſſen.“ „Ich weiß nicht ob Sie das denken was Sie jezt ſagen,“ antwortete Schuldfried;„aber ich meine Sie ſollten begreifen daß ich Freundſchaft für Sie hege, da ich gerne mit Ihnen beiſammen bin und mir Etwas fehlt wenn ich Sie nicht ſehe. Wir können ja einander doch ſagen was wir Beide glau⸗ ben und wiſſen, nömlich daß wir⸗Freunde ſind.“ Schuldfried reichte ihm mit ihrem unbeſchreiblich milden Lächeln die Hand und fügte hinzu:„Wenn Sie keinen andern Freund beſizen, ſo beſizen Sie doch an mir einen ſolchen.“ Lothar zögerte gleichſam ihre Hand zu ergreifen, that es aber doch zulezt. „Ich glaube, Sie zögern meine Hand als Freund u ergreifen?“ ſagte Schuldfried zulezt. 4„Freundſchaft zwiſchen einem Ruſſen und einer Finnin, Freundſchaft zwiſchen Ihnen und mir! Sie ſind ein 17 jähriges Mädchen, ich ein Währiger Mann.“ „Nun was wollen Sie?— Ich kann uniöglich in Ihnen einen Ruſſen erblicken, und daß wir Beide jung ſind, kann doch eine Freundſchaft zwiſchen uns nicht unmöglich machen?“ S „Beinahe,“ murmelte Lothar, fügte aber ſchn mit feſter Stimme hinzu: 228 „Wenn es mir in dieſem Augenblick unmöglich erſcheint Ihr Freund zu ſein, ſo will ich das Un⸗ mögliche möglich zu machen ſuchen. Ach Sie lächeln und ſehen mich ganz verwundert an. Sie ſind mit der Menſchennatur zu unbekannt um mich zu ver⸗ ſtehen; aber ich will Ihnen heute Etwas anver⸗ trauen was Ihnen in Zukunft beweiſen wird daß meine Ergebenheit keinem unedlen Herzen entſproßt iſt. Wenn ich heute Ihr Freundſchaftsanerbieten zögernd und mit ſcheinbarer Kälte aufnahm, ſo ge⸗ ſchah es weil ich mir ſelbſt heilig gelobte Ihr Ver⸗ trauen und Ihre Unerfahrenheit nie zu meinem Vor⸗ theil zu benüzen. Sie ahnen nicht welche Gefahr die Freundſchaft zwiſchen einem jungen Mädchen und einem jungen Manne für beide in ſich ſchließt. Wie koſtbar die Ihrige für mich iſt, kann ich Ihnen nie begreiflich machen, und gleichwohl beſize ich den Muth zu ſagen: Bedenken Sie ſich wohl; wollen Sie die freundlichen Worte zurücknehmen, ſo thun Sie es. Ich werde von Ihnen nie etwas Anderes als Wohlwollen begehren. Merken Sie ſichs; heute kann ich noch ſo handeln, morgen wäre es vielleicht — unmöglich.“ Nie hatte Schuldfried ihn ſo edel ſchön geſehen wie hn Augenblick. Sein Auge rruhte mit einem ſo ernſten und zugleich ſo zärtlichen Ausdruck auf ihr daß es ſich gleichſam in ihr Herz einbrannte Schuldfried reichte ihm beide Hände und ſagte mit jugendlicher Begeiſterung:„Sie mögen meine Freund⸗ ſchaft wollen oder nicht, ſo gehört ſie Ihnen. Sie mögen in meiner Nähe weilen oder in weite Ferne 229 reiſen, ſo werde ich doch Ihre Freundin bleiben ſo lange mein Herz ſchlägt.“ „Dank!“ ſtammelte Lothar, drückte ihre Hände und ließ ſie dann los, indem er murmelte:„Gott beſchüze Sie; Sie ſind ein Engel. Und möge er mir beiſtehen daß ich Ihnen nie einen Schmerz bereite.“ In dieſem Augenblick hörte man ein heiſeres gelles Lachen über Schuldfrieds Kopf. Sie ſprang erſchrocken auf und Lothar erblaßte, faßte ſich aber ſchnell und ſagte:„ „Es war eine Elſter die ihr Abendlied ſang.“ Sie wanderte jezt heimwärts. Während Lothar und Schuldfried zwiſchen Junta und Ektorp ſpazierten, fand auf Kronbrück ein ganz anderes töte à téte zwiſchen Doctor Wagner und dem Gutsverwalter Scheindinge ſtatt. Doctor Wag⸗ ner hatte während der mehrjährigen Abweſenheit des jungen Beſizers von Kronbrück den Auftrag gehabt als Herr daſelbſt zu reſidiren. Wagners bekannte Uneigennüzigkeit hatte ſchon zu den Zeiten des Ge⸗ nerals zur Folge gehabt daß dieſer ihm während ſeiner Abweſenheit die Herrenrolle übertrug, weil man, wie der General ſich ausdrückte, auf die Ehr⸗ lichteit eines Verwalters nie zählen durfte oder konnte, wenn man ihn ohne ein wachſames Auge ließ. Ob⸗ ſchon Lothar ſich über die Redlichteit des Verwalters nicht viele Gedanken machte, ſo hatte er doch, dem einmal ausgeſprochenen Wunſche des Generals ge⸗ mäß, Wagner den Auftrag ertheilt in ſeiner Abw 230 ſenheit der Herr zu ſein und dafür zu ſorgen daß die Untergebenen Nichts zu klagen hätten. Dieſes Geſchäft übernahm Wagner gerne und zwar aus fol⸗ genden Gründen. Er war von Natur ſtolz und herrſchſüchtig. Dieſe beiden Eigenſchaften, die er ſein ganzes Leben lang hatte unterdrücken müſſen, befan⸗ den ſich wohl dabei wenn alle Unterthanen des Guts, vom geringſten bis zum Verwalter, ihm eine Ehr⸗ furcht bezeugten als ob er der rechte Eigenthümer † wäre. Auf der andern Seite lag in dem eigenthüm⸗ ½ lichen Character dieſes Mannes eine angeborne Vor⸗ liebe zu dem Volke, ein wahres Intereſſe für ſein Wohl und ein inniger Wunſch die Stellung der un⸗ teren Claſſen erträglich machen zu können. Wagner war human, mitleidig und theilnehmend gegen ſeine Mitmenſchen, ſo weit ſeine eigenen Intereſſen und Leidenſchaften nicht dazwiſchen traten. Wenn dieſe durch Nichts aufgeregt wurden, war er ein Ehren⸗ mann in des Worts vollſter Bedeutung und wäre es ſicherlich in allen ſeinen Handlungen geblieben, ½ wenn nicht ein durchgreifender Haß gegen Rußland ½ und die Familie Canitz insbeſondere von Jugend auf eine unauslöſchliche Rachſucht in ihm genährt und alle dadurch hervorgerufenen Dämonen in Bewegung geſezt hätte. Mit einem überlegenen Verſtand, einer ½ ſcharfen Beobachtungsgabe und in Folge davon einer ſichern Auffaſſung des menſchlichen Characters, ſowie der Gemüthsart jedes Einzelnen der ihm in den Weg kam, ausgeſtattet, hatte er während ſeiner abhängi⸗ gen Stellung ſowohl ſeinen verlezten Hochmuth als ſeinen leidenſchaftlichen Haß hinter einer ergebung vollen und demüthigen Oberfläche zu verbergen ge⸗ 231 wußt. Er hatte ſich zum Vertrauten ſeines größten Feindes gemacht und bei dem General Canitz ſeine Rolle ſo geſpielt, daß dieſer ihm die Erziehung des Univerſalerben ſeiner fürſtlichen Güter übertragen hatte. Sein Einfluß auf Lothar war allmächtig geweſen, und das war er noch jezt in Allem was die äußeren Verhältniſſe betraf. Sagte der Doctor: Dieſe oder jene Veränderung muß vorgenommen werden; dieſer oder jener Pächter muß einen klei⸗ neren oder höheren Pacht bekommen, ſo antwortete Lothar immer: Das verſtehen Sie beſſer als ich, thun Sie nach Ihrem Gutdünken.— Und in all dieſen Fällen verdiente der Doctor ein unbegrenztes Vertrauen; aber leider war er nicht eben ſo gewiſ⸗ ſenhaft wenn es ſich um das Innere des jungen Mannes handelte. Während ihres Aufenthaltes auf deutſchen Uni⸗ verſitäten hatte Wagner mit einer eigenthümlichen ausſtudirten Geſchicklichkeit den Samen zu allen mög⸗ lichen Laſtern in das Herz des Jünglings auszu⸗ ſtreuen geſucht, indem er ihm die Lehre der Genüſſe predigte und ſeine von Natur romantiſchen Ideen verſpottete. In jungen Jahren liebt man vorzugs⸗ weiſe die Vergnüaungen, und da Wagner ihm ſtets ſolche zu verſchaffen wußte, ſo wurde er mehr Lo⸗ thars Freund als ſein Mentor. Es würde ihm ſicherlich auch gelungen ſein aus dem feurigen, ſchwär⸗ meriſchen und reichbegabten Jungen einen ſchlechten und ausſchweifenden Menſchen zu machen, wenn nicht ein unerklärlicher Zufall Lothar aus ſeinem blinden Vertrauen zu dem Doctor geweckt und ſtatt deſſen ein gründliches Mißtrauen gegen den frühern Gou⸗ 232 verneur in ſeine Seele ſich eingeſchlichen hätte. Dieſe Veränderung war ſo plözlich vor ſich gegangen daß der Doctor vergebens über ihre Urſachen nachgrü⸗ belte. Er wußte bloß daß Lothar ſchon am Tage nach ſeiner Mißhandlung gegen Tage und Schuld⸗ fried ſich ungleich geworden war, daß er mit Eifer vom General den Plaz auswirkte den Wagner jezt hatte, und daß er den Doctor durchaus nicht zum Begleiter nach Petersburg haben wollte.. Nach dieſer Beleuchtung der Verhältniſſe wollen wir zu dem Geſpräch zwiſchen dem Doctor und Ver⸗ walter zurückkehren. Wir finden erſteren in ſeiner reichen Bibliothek in einen Armſtuhl zurückgelehnt; vor ihm auf dem Tiſch lagen einige Rechnungen. Herr Scheindinge, ein Mann von etlichen und fünfzig Jahren, mit einem glatten ſchmunzelnden Geſichte, befand ſich ihm gegenüber auf einem Stuhl. Er ſaß auf der äußerſten Ecke, als hätte er ſich nicht recht zu ſezen gewagt, um dem allmächtigen Arzte nicht zu miß⸗ fallen der jezt ganz und gar nicht mild und verbind⸗ lich ausſah. „Ich habe Ihre Rechnungen von meinem Secre⸗ tär durchgehen laſſen,“ begann der Doctor in her⸗ bem Tone,„und finde nirgends die Kornſendung aufgezeichnet die kurz vor der Ankunft des Barons nach Abo abging.“ „Damals wurde kein Korn von Kronbrück nach Abo abgeſchickt,“ antwortete Scheindinge keck. „Nicht? Wem gehörte denn das Korn das Sie unter dieſem und jenem Datum per Fuhre abſchick⸗ ten?“ Der Doctor ſah den Verwalter ſchatf an. 233 Baron F. von Umboſum.“ „So!“ Der Doctor ſtreckte die Hand aus und nahm einen Brief der auf dem Tiſche lag. Er überreichte ihn dem Verwalter mit den Worten: „Leſen Sie mir das hier vor!“ Als Herr Scheindinge den Brief öffnete und die Unterſchrift ſah, wurde er todtenbleich. „Sie erblaſſen. Nun Herr Scheindinge, wie glauben Sie daß es mit Ihrer Verwalterſchaft ſtehe?“ „Herr Doctor, um Gottes Barmherzigkeit willen machen Sie mich nicht unglücklich!“ rief der bebende Verwalter, indem er ſeine Hände faltete. Er hatte den Brief auf den Boden fallen laſſen. Der Doe⸗ tor bückte ſich, hob ihn auf und ſagte, indem er ihn langſam zuſammenlegte: „Sie haben alſo Ihren Herrn um hundert Ton⸗ nen Korn beſtohlen. Dieß iſt bewieſen. Ich habe Sie zweimal vor Ihren unehrlichen Kunſtgriffen ge⸗ warnt, aliein Sie ſcheinen däraus nur den Schluß gezogen zu haben daß Sie ungeſtraft fortfahren dür⸗ jen, und nicht genug damit, Sie haben jezt ange⸗ fangen Ihre Unehrlichkeit auf großem Fuße zu be⸗ treiben. Sie hätten mich gleichwohl kennen und wiſſen ſollen daß ich nicht geſonnen bin meinen Herrn noch länger durch einen Schurken Ihrer Art beſteh⸗ len zu laſſen. Die beiden vorhergehenden Mole wo Sie betreten wurden, hatten Sie es den Bitten Ihrer Frau zu verdanken daß ich Sie auf dem Plaze behielt. Ich habe dabei bloß die Vorſicht beobach⸗ tet alle Ihre Handlungen genau bewachen zu loſſen. 234 Sie kennen meine Schlauheit und hätten auf Ihrer Hut ſein ſollen.“ Jezt erfolgten Bitten und Erklärungen von Sei⸗ ten des Verwalters denen der Doctor nur eiskalte Verachtung entgegenſezte. Das Ende war daß Scheindinge eine Erklärung ausſtellen mußte, der zufolge er von ſeinem Herrn ſo und ſo viel Korn genommen habe das ihm an ſeinem Einkommen ab⸗ zuziehen ſei. Als dieß im Reinen war, ſagte der Doctor, indem er das Papier in die Taſche ſteckte: „Bis auf Weiteres will ich dem Baron NRichts ſagen, ſondern es auf Ihre Aufführung ankommen laſſen. Sie ſind inzwiſchen jezt in meiner Gewalt, und wenn Sie ſich nicht ganz unglücklich machen wollen, ſo hüten Sie ſich daß ich nicht noch einen Beweis gegen Sie bekomme.“ Scheindinge verſicherte, die Nachſicht des Doctors würde ihn in einen gewiſſenhaften und ehrlichen Menſchen verwandeln. Da ſeine Betheurungen kein Ende nehmen wollten, unterbrach ihn der Doctor ſtreng mit den Worten: „Sie brauchen Nichts zu verſichern, da ich Ihnen durchaus Nichts glaube. Ich werde Sie genau be⸗ ſpähen laſſen, und bei der geringſten Abweichung werden Sie augenblicklich aus dem Dienſte gejagt und der Juſtiz überliefert. Jezt zu etwas Anderem. Hat die Wittwe auf Ektorp ihren lezten Jahrespacht bezahlt?“ „Nein, ich erhielt vom Herrn Doctor die Wei⸗ ſung ihr Nichts zu fordern, ſondern die Ankunft des Herrn Barons abzuwarten, da der Herr Doctor für ſie zu ſprechen beabſichtigten.“ 235 „Das iſt wahr. Sie müſſen indeſſen eine Mah⸗ nung um den Pacht ergehen laſſen und fragen wann ſie ihn bezahlen könne.“ 2 „Wollen ber Herr Doctor daß ich eine Zahlungs⸗ friſt beſtimmen ſoll?“* 3 Wagner beſann ſich eine Weile. Er berechnete gleichſam was geſchehen könnte, und welcher Augen⸗ blick der paſſendſte wäre um Frau Smith ins Ge⸗ dränge zu bringen. Endlich ſagte er: 3„O nein, Sie fahren morgen hin, mahnen höf⸗ lich und erſuchen die Dame ſelbſt zu ſagen wann ſie ihre Schuld bezahlen könne. Zugleich können Sie doran erinnern doß die Zeit zur Verlängerung des Contractes ſchnell hetagrücke.“ Der Doctor verabſchiedete den Verwalter der unter demüthigen Bücklingen abzog. Als er fort war, klingelte der Doctor, und nun öffnete ſich eine kleine Tapetenthüre neben einem Bücherſchrank. Ein etwas älterer Mann als der Doctor, mit magerem und widerwärtigem Geſicht, kam zum Vorſchein. Er war ganz ſchwarz gekleidet und ging gebeugt⸗ „Was Neues aus Abo?“ fragte Wagner ohne ſich umzuwenden. Er wußte aus dem Geräuſche des Thürſchloſſes daß der magere Herr ſich im Zimmer efand. Der Doctor ſaß ſo daß er dem Eintreten⸗ den den Rücken zukehrte. Dieſer war lautlos vor⸗ angeſchritten und ſtand hinter Wagners Stuhl, als er antwortete: 6 „Sie haben heute Abo verlaſſen und ſind unter⸗ wegs hieher.“ 5 „So! Und die Correſpondenz? „Iſt abgefangen.“ „Gut! Hat man argwöhniſche Blicke auf ſie?“ „Ja. Alle Briefe ſollen fortan geöffnet werden.“ „Ohne daß man ahnt woher die Angabe kommt?“ „Ohne daß Jemand es ahnt.“ „Wie geſchah die Vertauſchung der Briefe?“ „Durch mich.“ „Dann bin ich ruhig.“ Der Doctor ſtand auf und wandte ſich zu dem magern ſchwarzgekleideten Herrn. Mit der Hand auf der Stuhllehne betrach⸗ tete er ihn, während er fortfuhr: „Ich glaube, mein lieber Worzkow, daß die Fahrt nach Abo Dich noch magerer gemacht hat als zu⸗ vor. Haſt Du ſonſt nicht ermitteln können warum dieſer Aberney ſo plözlich hinreiste?“ „Die Veranlaſſung war ein Bankrott des N.ſchen Hauſes, wo der Profeſſor Geld angelegt hat. Er verliert eine nicht unbedeutende Summe.“ „Wie viel ungefähr?“ „Sein halbes Vermögen.“ Der Doctor begann auf und ab zu gehen. Nach einer Weile ſagte er: „Halt ein ſtrenges und wachſames Auge auf den Verwalter; gehe alle ſeine Rechnungen genau durch † und ſieh zu daß er die Leute nicht ſchindet.“ 1 Herr Worzkow verbeugte ſich und glitt eben ſo ſtill wie er gekommen war hinaus. Der Doctor ſezte ſich wieder an den Liſch und begann mit großer Aufmerkſamkeit die darauf lie⸗ genden Papiere zu durchgehen. So ſaß er noch bis die Dämmerung einbrach und er ein Pferd in den Hof galoppiren hörte. Wagner erhob ſich und ging ans Fenſter. 237 „Aha? er iſt jezt daheim,“ murmelte der Doctor, ging dann ins Nebenzimmer, vertauſchte ſeinen Schlaf⸗ rock gegen einen ſchwarzen Frack, ordnete ſeine Hals⸗ krauſe und ſein Haar. Als dieß geſchehen war, be⸗ gab er ſich zu Lothar hinauf, traf ihn aber nicht im Salon. Der Bediente meldete ihm, der Baron habe ſich in ſein Cabinet eingeſchloſſen. „Hem, ſollte er bereits eine Riederlage erlitten haben?“ dachte Wagner;„das iſt nicht wohl mög⸗ lich. Das Mädchen iſt zu einſam und er zu ſchön, als daß er nicht einen vortheilhaften Eindruck auf ſie machen ſollte. Es wäre dumm wenn mein ge⸗ ſchickt ausgedachter Plan durch einen Genieſtreich des Zufalls vernichtet würde.“ Weiter kam der Doctor nicht in ei ſtillen Monolog, während deſſen er am Fenſter ſtand und hinausſah, als Lothar zu ihm heraustrat. „Ach, ſind Sie's Doctor?“ rief er;„aber warum iſt es hier finſter? Sollten Sie zufällig eine Vor⸗ liebe dafür haben in der Dämmerung zu ſchwärmen?“ Es war etwas Seltenes Lothar ſcherzen zu hö⸗ ren, und der Doctor zog daraus den ganz richtigen Schluß daß er beſonders aufgeräumt ſei. „Ich bin aus der Dämmerung herausgewachſen,“ antwortete Wagner. Lothar und der Doctor ſprachen immer franzöſiſch mit einander. „In dieſem Fall wundert es mich nicht daß Sie nicht beleuchten ließen.“ „Soll ich klingeln?“ „Ja. Sie erſparen mir dadurch eine Mühe. um aufrichtig zu ſein, ſo bin ich müde.“ Lothar warf ſich in einen Sopha.„Wiſſen Sie was, Doec⸗ tor, ich gedenke morgen nach Abo zu reiſen.“ Der Doctor wollte eben klingeln, aber bei dieſen Worten ſtellte er die Glocke wieder auf den Tiſch. „Ich glaube, Sie vergeſſen das Läuten,“ rief Lothar lachend.„Meine Reiſe ſcheint Sie dermaßen zu überraſchen daß man es durch die Finſterniß hin⸗ durch ſieht. Was finden Sie ſonſt Wunderliches daran?“ „Eigentlich nichts Wunderliches, nur kam dieſe Reiſe ſo plözlich.“ „Was wollen Sie? Ich langweile mich hier, be⸗ ſonders jezt da meine Cameraden beſchloſſen haben abzureiſen Der Behiente kam um die Kerzen anzuzünden. Lothar befahl Pfeifen und Wein. Er lag auf einem kleinen Sopha und ſang vor ſich hin. Der Doctor hatte ſich in einen Lehnſtuhl geſezt und ſah mit gleich⸗ giltiger Miene zur Decke hinauf. „An was denken Sie, mein lieber Doctor?“ fragte Lothar ganz plözlich „Ich dachte an ein Lied das ich heute hörte, ganz dieſelbe Melodie die Sie jezt vor ſich hinſan⸗ gen; aber es wurde mit einer Stimme geſungen dergleichen ich noch nie gehört habe.“ „Und wie hörten Sie es? Hier in dieſer Wüſte iſt es gar zu unglaublich daß Sie dieſe Arie ſingen hörten. Sie wurde wohl bloß in Ihrer Einbildung geſungen,“ ſcherzte Lothar. „Ganz und gar nicht. Es war ein junges Mäd⸗ chen das mich mit ſeinen wunderbar klären und melodiſchen Tönen ſo feſſelte, daß ich unbeweglich auf dem Plaze blieb. Es war eine entzückende Er⸗ ſcheinung.“ „Ich gratulire. Aber wenn es kein Geheimniß iſt, ſo möchte ich gar zu gern erfahren wer dieſe Sängerin war— ein Raturkind das auf dem Felde Garben bindet und Mozartſche Lieder ſingt, das läßt ſich nicht vereinigen.“ Das habe ich auch nicht behauptet, und doch ſiſt ſie wirklich ein Naturkind, obſchon ſie keine Gar⸗ ben bindet.“ Der Doctor lächelte auf ſeine feine Weiſe. .„Sie ſehen ſo geheimnißvoll aus, mein lieber Doctor, daß ich ganz deutlich Ihre Abſicht errathe eine Neugierde zu erwecken, was Ihnen heute nicht gelingen wird.“ „Es iſt ein vollſtändiger Irrthum daß ich ſie in Bewegung ſezen möchte. Sicherlich haben Sie, da Sie oft denſelben Weg reiten, denſelben Geſang ſchon gehört.“ „Welchen Weg meinen Sie?“ Jezt drehte Lothar den Kopf. „An Ektorp vorbei.“ „Ah!“ Lothar richtete ſich halb auf.„Wohnt Sängerin in der Nähe von da?“ ⸗ „Ja, in Ektorp.“ Jezt ſprang Lothar auf und rief lebhaft:„Wen meinen Sie?“ „Meine ehemalige Patientin. Ich glaubte Sie hätten es längſt errathen. Haben Sie denn ver⸗ geſſen daß Sie das Mädchen einſt zwingen wollten zu ſingen?“ 240 „Ah!— Ich hatte die kleine Sängerin ver⸗ geſſen über.. „Auch ich hatte die Urſache des Auftritts mit den Kindern vergeſſen, bis ich heute an dem kleinen Pachthof vorbeikam und mein Ohr von den feſſeln⸗ den Tönen getroffen wurde.“ „Und wie konnten Sie beim Vorbeifahren die⸗ ſelben auffangen?“ „Nichts einfacher als das. Ich gedachte meine ehemalige Patientin zu beſuchen, und als ich in die⸗ ſer Abſicht ans Gitterthor hinabkam, blieb ich un⸗ beweglich ſtehen, denn aus einem der offenen Fenſter des Hauſes ſcholl eine entzückend ſchöne Stimme welche die Arie der Anna aus Don Juan ſang. Sie that dieß mit jenem glühenden Ausdruck der Vernunft und Gefühl mit ſich reißt. Ich konnte unmöglich meinen Plaz verlaſſen bevor der Geſang vollendet war, und als ich Fräulein Smith traf, ſagte ich zu ihr, eine ſolche Stimme ſei für die Scene beſtimmt und... „Wie Doctor?“ rief Lothar heftig;„Sie wagten — ——-— re— es wirklich dieſem unſchuldigen Mädchen die Belei⸗ digung zu ſagen daß ſie Sängerin werden ſollte?“ „Worin beſtand die Beleidigung, Herr Baron?“ In dem bloßen Gedanken daß ſie für Geld und vor einem ganzen Publicum ſingen ſolle; ſie, dieſes einfache und reinherzige Naturkind ſoll die beſudel⸗ ten Bretter des Theaters beſteigen!“ Lothar begann auf und ab zu gehen. Der Doctor antwortete lächelnd: „Reinherzig und unverdorben ſind wir Alle eſe mal geweſen, aber Niemand bleibt es bis zu ſeinſtes 241 Tode.“ Es enſtand eine Pauſe welche der Doctor mit den Worten unterbrach: „Profeſſor Aberney, der ein ausgezeichneter Sän⸗ ger war und ein verdienſtvoller Componiſt iſt, hat die ſchöne Stimme ſeines Schüzlings ausgebildet, und es ſollte mich ſehr wundern wenn er nicht die Abſicht hätte Vortheil daraus zu ziehen. Es wäre ja Schade eine ſolche Stimme hier in Finnland zu Grabe tragen zu laſſen.“ Lothars kaum noch ſo heiteres Geſicht veränderte ſich augenblicklich. Der Doctor fuhr, ohne darauf zu achten, fort: „Aberney iſt ein über alle kleinlichen Vorurtheile erhabener Mann, und ſicherlich hat er ſchon in der Kindheit des Mädchens eingeſehen daß ſie in ihrer Stimme einen Schaz beſizt der ihr ein Vermögen verſchaffen kann. Dieß hat ihn veranlaßt ihr dieſe ſorgfältige muſicaliſche Erziehung zu geben.“ Der Doctor verſtummte. Der Bediente kam mit Pfeifen und Wein herein. füllte ſich ein Glas und leerte es auf einen u e junge Aberney ſoll auch ſehr muſicaliſch ſein, wie ich vom Paſtor gehört habe,“ fuhr der Doctor fort.„Es wird alſo ein gewaltiges Muſi⸗ ciren auf Junta abgeben, wenn Vater und Sohn ankommen.“ Er begann jezt mit beißendem Wiz von dieſen ſogenannten unſchuldigen muſicaliſchen Veranſtaltun⸗ gen zu ſprechen, wo ein junger Mann mit einem ngen Mädchen ſinge bis beide ihren Frieden und es Herzen weggeſungen haben. Dann ging er auf chwartz Schuld und Unſchuld. 1. 16 242 die Muſiklehrer für junge Mädchen über, die, wie Aberney, noch nicht alt ſeien und ſich durch ihre väterliche Sorgſamkeit in jeder Beziehung zu Halb⸗ göttern ihrer Schülerinnen machen. „Dieß iſt eine ſehr ſchlaue Manier unerfahrene Herzen zu feſſeln und eine unbedingte Herrſchaft übot dieſelben zu erwerben,“ ſagte der Doctor.„Sd z. B. bin ich vollkommen überzeugt daß Fräulein Smith von ihrem väterlichen Freund, Profeſſor Aber⸗ ney, vollſtändig beherrſcht wird, und daß er weit mehr Eiufluß auf ſie beſizt als die Mutter.“ Lothar ſchwieg und ging fortwährend auf und ab. Der Doctor hatte mit vieler Geſchicklichkeit ſeine ſchlimmeren Gefühle zu wecken und eine wilde Eifer⸗ ſucht in ſeiner Bruſt zu entzünden gewußt. Der friedliche und unausſprechlich liebliche Eindruck wel⸗ chen das Geſpräch mit Schuldfried bei ihm zurück⸗ gelaſſen hatte verſchwand, und er ſchalt ſich ſelbſt einen Narren, einen Thoren, daß er ſich nicht eifrig beſtrebt ihr Herz zu gewinnen, ſondern mit dem armſeligen Geſchenke ihrer Freundſchaft vorlieb ge⸗ nommen habe. Jezt würde dieſer Tage, dieſer frühe Jugendfreund, kommen, nebſt dem verhaßten Aberney ibn gänzlich auf die Seite drängen und ihre ganze Seele dermaßen in Anſpruch nehmen, daß er nicht einmal darauf rechnen könne den ihm bereits einge⸗ räumten Plaz behalten zu dürfen. In dieſem Augen⸗ blick wünſchte ſich Lothar die Macht des Czars um Aberney und ſeinen Pflegeſohn ſo weit fortzuſchicken, daß nicht einmal der Klang ihrer Namen und noch weniger ihre Gegenwart ihn beläſtigen könnte. mußte er ganz paſſiv zuſehen wie dieſe Herren Anies 243 fü d Mädche waren und er ſelbſt gar nichts wurde. E Wartete Wagner darauf bis Lothars unruhige Gefühle in volle Thätigkeit treten würden, oder las er den Ausdruck derſelben, während der langen Pauſe die jezt entſtand, in ſeinem Geſichte, das wiſſen wir nicht; aber gerade in dem Augenblick wo Lothar ſich die Macht wünſchte Aberney vom Gegenſtand ſeiner Sehnſucht zu entfernen, bemerkte der Doctor: „Profeſſor Aberney wird von der ruſſiſchen Re⸗ gierung mit mißtrauiſchen Augen beobachtet. Seine politiſchen Anſichten ſind nicht von der Art daß er auf ein langes Bleiben in Finnland hoffen kann.“ Bei dieſen Worten blieb Lothar plözlich ſtehen; er betrachtete Wagners Geſicht mit einem durchdrin⸗ genden Blick, während die wolkenverdüſterte Stirne ſich gleichſam aufklärte. „Wie kommen Sie jezt gerade darauf zu ſpre⸗ chen?“ fragte Lothar mit einem beſtimmten Ausdruck des Argwohns in ſeinem Tone. Ganz einfach darum weil ich heute Briefe aus Abo erhielt, worin es heißt, Aberney habe ſich durch einige unbedachte Aeußerungen die Aufmerkſamkeit der Behörden zugezogen. Ad vocem Abo, wann reiſen Sie morgen ab, Herr Baron?“ „Ich reiſe gar nicht,“ lautete die Antwort. Etwas ſpäter, als der Doctor in ſeinen Flügel hinabging, hielt er in Gedanken folgenden Monolog: s iſt jezt das zweite Mal daß ich ſeine ſchö⸗ ſäze aus ihm reiße und ihn in den Wirbel wilder Leidenſchaften ſchleudere. Wollen ſehen ob s min-nicht doch am Ende gelingt eine glänzende 244 Rache an dieſem verächtlichen Canitz auszuüben. Wenn ich nur wüßte durch wen oder durch was meine frühere Macht gebrochen und dieſes ewig wie⸗ derkehrende Mißtrauen geweckt worden iſt!“ Am folgenden Morgen begab ſich Schuldfried in aller Frühe nach Junta. Sie hatte ſich von der ganzen Tagesarbeit freigemacht um ihren guten Freund und Tage willkommen zu heißen. Frau Smith, die ſich höchſt ſelten den Wünſchen ihrer Tochter widerſezte, hatte gerne ihre Zuſtimmung ge⸗ geben. Als das junge Mädchen mit freudig klopfen⸗ dem Herzen in der Hausflur ihres Freundes und Lehrers ſtand, kam Tante Sara ihr entgegen. „Biſt⸗ Du ſchon hier, mein artiges Mädchen?“ ſagte die Alte und klopfte ſie auf die blühende Wange.„Ich wollte Dich eben durch Anders ab⸗ holen laſſen, damit Du mit uns frühſtücken ſollſt. Ach Kind, Du glaubſt nicht was Tage für ein ſtatt⸗ licher und prächtiger Burſche gewordeén iſt!“ Die Alte ſprach ein Langes und Breites davon wie ſchön ihr Günſtling ſei, wie geſchickt und wie artig, während ſie mit Schuldfrieds Beihilfe den Cafetiſch deckte. Schlag acht Uhr hörte man Tritte auf der Treppe und im Sagl. Schuldfried konnte nicht auf ihrem Plaze bleiben, ſondern ſprang Aber⸗ ney entgegen. Mit kindlicher Lebhaftigkeit warf ſie ſich in ſeine Arme und rief:, „Willkommen, willkommen wieder, mein guter, geliebter Onkel!“ „Dank, mein liebes theures Kind! Aberneys 245 Lippen berührten die Stirne des jungen Mädchens und er fügte hinzu:„Gott ſegne Dich, meine Tochter!“ Aberney und Schuldfried traten in die Hausflur hinaus. Da ſtand jezt ein junger Mann von ein⸗ undzwanzig Jahren, mit einem ſo grundehrlichen und ſo rein nordiſchen Geſichte, daß er für einen Typus des ſcandinaviſchen Volksſtamms gelten konnte. Bei ſeinem Anblick trat Schuldfried einen Schritt zurück. Als ſie Tage zum lezten Mal geſehen, war er ein achtzehnjähriger Junge, recht bengelhaft, aus Rock und Hoſen hinausgewachſen und ungekämmt. Jezt dagegen war er ein zierlicher Herr in der Uniform 3 ſchwediſchen Flotte. Schuldfried war ganz ver⸗ egen. 3 4 Tage ging ihr entgegen und ſagte mit einem Lächeln das an die Kinderjahre erinnerte: „Ei wie, Schuldfried, es ſieht aus als ob mein Anblick Dich erſchreckte? Sollteſt Du nicht, gleich mir, Dich freuen Deinen Jugendfreund wieder zu ſehen?“ Er reichte ihr die Hand. „Das thue ich allerdings, mein lieber Tage. Willkommen wieder hier,“ nickte ſie ihm zu und legte ihre Hand in die ſeinige. Dieſer Tag war ein Freudenfeſt für Junta. Aberney ließ ſeine lieben Bücher und ſeine Studien liegen um die Zeit mit den Kindern zu verplaudern. Auf ſeiner hohen und klaren Stirne fand ſich kein Woölkchen das ongedeutet hätte daß er die Hälfte ſeines Vermögens verloren. Tage ſeinerſeits konnte ch an Schulofried nicht ſatt ſehen und rief einmal ums andere: 8 246 6 „Wie ſchön Du geworden biſt, liebe Schuld⸗ ried!“ Die innige Ergebenheit die er ihr ſchon als Jüng⸗ ling ſeit ihrer erſten Bekanntſchaft gewidmet, ſchien beim Wiederſehen noch zuzunehmen und mit jeder Stunde wärmer zu werden. Nachmittags ging Aber⸗ ney auf ſein Zimmer um ſeine Pfeife zu rauchen und ein Schläfchen zu machen. Inzwiſchen ſaßen Schuldfried und Tage allein im Erker. „Haſt Du Dich in dieſen Jahren wo wir einan⸗ der nicht ſahen auch manchmal nach mir geſehnt?“ fragte Tage und ergriff Schuldfrieds Hand. „Wie kannſt Du ſo fragen? Mit jedem Früh⸗ jahr hoffte ich auf meinen Ritter. Aber vergebens; er hatte mich verlaſſen,“ antwortete Schuldfried lächelnd. „Dein Ritter bin und bleibe ich immer; aber wie ſteht es mit Dir? Biſt Du noch immer meines Herzens Dame?“ Vor Schuldfrieds Seele ſtand in dieſem Augen⸗ blick das Bild des Fremdlings. Sie wußte nicht recht warum, aber ſie meinte, ſein Blick ſei voll Traurigkeit auf ſie geheftet. „Nun Schuldfried, Du ſchweigſt?“ ₰ „Ach liebſter Tage, gewiß bin ich noch dieſelbe; Jugendfreundin; aber Alles genau betrachtet, bin ich wohl zu alt um eine mittelalterliche Jungfrau z ſpielen, wie zur Zeit als ich die Dame Deines Her zens genännt wurde.“ 2 „Du gabſt Dir dieſen Namen nicht im Spiel ſondern nach der Fehde mit Canitz wo ich das da erhielt.“ Tage ſchob die blonden Locken aus der —„— —— —— —— 247 Stirne und deutete auf eine breite Narbe.„Erin⸗ nerſt Du Dich Deines damaligen Verſprechens daß Du für das ganze Leben die Dame meines Herzens bleiben wollen?“ Schuldfried fühlte bei dieſer Erinnerung eine ge⸗ wiſſe Unruhe. Sie wurde indeß bald von Aberney befreit, der zu den jungen Leutchen heraustrat, be⸗ gleitet von Tante Sara, die ihm bei ihrem Anblick zuflüſterte: „Mein Gott, was ſie mit der Zeit für ein ſch nes Paar geworden ſind!“ Der Profeſſor wandte ſich gegen ſie und be⸗ merkte ſcharf: „Was iſt das für ein dummes Geſchwaze, Tante? Haſt Du nicht Unglück genug von vorzeitig beſchloſ⸗ ſenen Parthien geſehen?“ Am Abend als Schuldfried ſich nach Haus be⸗ geben wollte, erhielt Tage den Auftrag die Chaiſe anſpannen zu laſſen und ſie nach Ektorp zu führen. Auf dem Heimweg ſprach er von den merkwürdigſten Ereigniſſen der verfloſſenen Jahre. Schuldfried er⸗ zäblte ihm von Allem, nur nicht von ihrer Bekannt⸗ ſchaft mit dem Fremden.. Miitten in der Freude des Wiederſehens ihrer eben Freunde wurde ſie gleichwohl von einem Ge⸗ ihl der Sehnſucht überſchlichen, und ſie wünſchte othar treffen zu können. Die Erinnerung an ihre lezte Beſprechung kehrte beſtändig wieder. Sie hielt s ſelbſt für Unrecht daß ſie ſich nicht vollkommen zufrieden fühlte.. Beim Anfang der Allee ſprang Tage aus der 248 Chaiſe, reichte Schuldfried die Hand um ihr heraus⸗ zuhelfen, drückte ſie zum Abſchied und ſagte: „Darf ich Dich morgen Mittag abholen?“ „Ja ganz gewiß.“ Schuldfried nickte freundlich und entfernte ſich. Tage knallte mit der Peitſche und eilte davon, während Schuldfried ihren Weg bis zu einer kleinen Bank weiterging die am Fuß eines Baumes ſtand. Dort ſezte ſie ſich. Ein leichter Seufzer hob ihre Bruſt. Sie legte die Hände zu⸗ ſammen und dachte: „Mein Gott, wenn ich nur ihn ganz kurz zu ſehen bekäme!“ „Guten Abend!“ klang es in dieſem Augenblick hinter ihr. Sie fuhr zuſammen und wandte ſich haſtig um: da ſtand Lothar, ſo bleich und ſo traurig. „Ach wie angenehm!“ rief Schuldfried; ihr gan⸗ zes Geſicht ſpiegelte die lebhafteſte Freude zurück. Nun erheiterte ſich auch Lothars Blick und er ant⸗ wortete mit einem wehmüthigen Lächeln: „Haben Sie Dank für dieſe Worte! Ach wenn Sie wüßten wie unglücklich ich mich heute gefühlt habe!“ Er ſezte ſich an ihre Seite.„Noch ein Tag wie dieſer, und ich bin in einen wahren Dämon verwandelt.“ Er ergriff ihre Hand.„Sagen Si mir in dieſem Augenblick daß Sie wirklich ⸗Freund⸗ ſchaft für mich hegen. Ach! geſtern wollte ich ihr entſagen, und heute ſcheint mir Ihre Freundſchaft nicht einmal zu genügen. Wie Vieles kann nicht ein Tag bringen!“ Er ſchloß Schuldfrieds Hand zwiſchen die ſeinigen.„Warum muß ſich immer ſo viel Bitterkeit in unſere reinſten Freuden miſchen? ½ warum durfte ich nicht die friedlichen Eindrücke be⸗ 249 wahren die unſer leztes Geſpräch hinterließ? Jezt iſt es als ob dieſer einzige verfloſſene Tag genügt hätte um meine Ruhe zu zerſtören und eitel Stürme in meiner Seele zu wecken. Sprechen Sie daher einige freundliche Worte zu mir. Der Klang Ihrer Stimme wird gewiß mein aufgeregtes Gemüth be⸗ ruhigen.“ „Sie dürfen nicht ſo betrübt avsſehen,“ ſagte Schuldfried und ſpendete ihm einen freundlichen ſon⸗ nenwarmen Blick.„Wenn Sie mich zu treffen wünſchten, ſo müſſen Sie wie ich jezt vergnügt und heiter ſein. Auch mir war es Bedürfniß Sie wie⸗ der zu ſehen, und jezt da Gott dieſen meinen Wunſch erfüllt hat, bin ich vergnügt und glücklich.“ Sagen Sie noch einmal daß es Ihnen Freude mache! O ich bitte, ſagen Sie es noch einmal.“ „Das iſt ja überflüſſig: Sie müſſen es ſelbſt ſehen können.“ Schuldfried lächelte, wie ein Kind gegen ſeinen Spielcameraden lächelt. Aber Sie waren doch noch vergnügter als Sie Ihren Jugendfreund wieder ſahen?“ das war etwas Anderes; ach ich habe mir den ganzen Tag vorgeworfen daß ich an Sie denken konnte als ich bei meinen alten Freunden war.“ Lothar ließ Schuldfrieds Hand los und erhob ſich von der Bank, indem er voll Aufregung ſtam⸗ melte: WVelche Schmerzen Sie mir auch bereiten mögen, ſo werde ich nie vergeſſen wie glucklich Sie mich heute Abend machten. Jezt will ich Ihnen voll Dantbarkeit für Ihre Worte Lebewohl ſagen. Einſt werden Sie begreifen wie koſtbar Sie meinem Her⸗ 250 zen ſein müſſen, da ich gerade jezt Sie verlaſſe. Gute Nacht und Dank!“ Im nächſten Augenblick war er verſchwunden und Schuldfried ging langſam nach Huuſe. Ein liebliches unruhiges Gefühl erfüllte ihre Bruſt und machte ihr Herz ſchneller ſchlagen als gewöhnlich. Sie war glücklich und doch nicht glücklich. Sie empfand ein großes Bedürfniß zu ihrer Mutter zu gehen, ihr Haupt an ſie lehnen und ihr erzählen zu dürfen wie unbegreiflich ſie ſich ſelbſt vorkomme; aber als der Morgen von Neuem anbrach und Schulbfried vor der Mutter ſtand, die heute bleicher war als † gewöhnlich, da erſchien es ihr wieder unmöglich von ihren jugendfriſchen Eindrücken zu ſprechen. Frau Smith küßte ihre Tochter auf die Stirne, und es ſchien Schuldfried als ob ihre Lippen zitter⸗ ten. Das junge Mädchen ſchaute haſtig auf und umſchlang ſie, indem ſie mit bittender Stimme ſagte: „Mutter, ſprich zu mir! Heute iſt Dein Auge trauriger als gewöhnlich und Deine Lippen zittern vor Schmerz. O ſag, kann ich Nichts thun um Dein Leiden zu lindern?“ 3 „Ja, ſei immer heiter und glücklich. Dieß iſt das einzige Linderungsmittel das ſich für mich findet.“ Frau Smith küßte die Tochter wieder und Schuld⸗ fried wagte Nichts mehr zu ſagen. Nachmittags kam Tage mit dem Wagen um Schuldfried abzuholen. Einige Tage vergingen ohne daß ſie mit dem Fremden zuſammengetroffen wäre⸗ Jeden Mittag wurde ſie entweder von Aberney ſelbſt oder non Tage abgeholt und am Abend gewöhnlich von Beiden nach Ettorp begleitet. Eine erfahrene 251 Perſon würde leicht bemerkt haben daß in dieſer Art wie Aberney dem jungen Mädchen das Geleite gab eine ſorgfältige Wachſamkeit lag. Mit jedem Tag welcher verging ohne daß ſie mit dem Fremd⸗ ling zuſammentraf, wurde ſie unruhiger, beſonders da ſie einige Male einen Schimmer von dem weißen Pferde im Wald zu ſehen meinte. Zwei Wochen vergingen. Es war Sonntag. Schuldfried ſollte nit Tante Sara in bie Kirche gehen und Tage hatte ſie ſchon ganz frühe in Ektorp abgeholt. Tages Benehmen gegen die Spielgenoſſin war zugleich züärtlicher und weniger vertraulich geworden. Am Morgen war er außerordentlich abgemeſſen. Als ſie durch den Wald fuhren, bemerkte er: „Kannſt Du mir ſagen wer der junge Mann iſt der beinahe täglich durch den Wald von Ektorp rei⸗ tet?“ Seine Augen ruhten forſchend auf Schuld⸗ fried, deren Geſicht bei dieſer Frage von einer dun⸗ keln Röthe übergoſſen wurde. „Ich weiß nicht wer es iſt,“ antwortete Schuld⸗ fried verlegen. „Haſt Du ihn nie geſehen?“ „Doch.“ „Wirklich? Und Du kennſt ihn nicht weiter?“ „Doch, ich kenne ihn.“ „Du hätteſt die Wahrheit nicht gut abläugnen können, da Deine ſtarke Röthe ſie bereits zu erken⸗ nen gab. Aber wenn Du ihn kennſt, ſo weißt Du wohl wer er iſt?“ „Tage, jezt biſt Du unbeſcheiden,“ rief Schuld⸗ fried, indem ihr das Weinen in den Hals kam.„Ich augne die Wahrheit nie, und wenn ich ſage daß ich — ——— — 252 nicht wiſſe wer er iſt, ſo ſpreche ich die Wahrheit. Er hat mir ſeinen Namen nie geſagt.“ „Nicht? Ihr habt jedoch mit einander geſprochen?“ „Ja.“ Dieß war Alles was Schuldfried ant⸗ worten konnte. Die Thränen brachen unwillkür⸗ lich vor. „Warum haſt Du ein Geheimniß daraus gemacht, Schuldfried?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht; aber es ging mir gegen mein Gefühl davon zu ſprechen; lieber guter Tage, ſprich jezt nicht ſo kalt mit mir, ſondern ſei freundlich.“ Jezt begann Schuldfried laut zu weinen. Das war mehr als Tage ertragen konnte. Er beugte ſich zu ihr hinab und flüſterte: „Verzeih mir, geliebte theure Schuldfried!“ In dieſem Augenblick ließen ſich haſtige Huf⸗ ſchläge hinter ihnen vernehmen, und wie eine Winds⸗ braut ſtürmte ein weißes Pferd mit ſeinem Reiter vorüber. Er hatte ſein Geſicht von ihnen abgewandt. Schuldfrieds Herz wurde von einem eigenthümlichen Schmerz durchzuckt, als er vorbeiritt ohne ſie auch nur anzuſehen. „Das war er,“ ſagte Tage und biß die Zähne zuſammen. Er gab dem Pferd einen Klatſch und die Fahrt ging raſch von Statten. Kein Wort mehr wurde zwiſchen ihm und Schuldfried gewechſelt. Lez⸗ tere weinte, er ſchlug alle Blätter und Zweige mit der Peitſche ab, als empfände er ein unwiderſteh⸗ liches Bedürfniß ſeinen Zorn an Etwas auszulaſſen. Als ſie nach Junta kamen, wunderte ſich Sara über Schuldfrieds rothgeweinte Augen, und Aberney heftete einen kangen forſchenden Blick zuerſt auf das Mädchen und dann auf Tage, ſagte aber Nichts. Nach dem Cafe fuhr des Profeſſors Wagen vor. Tante Sara, Schuldfried und Tage ſtiegen ein. Auf der ganzen Fahrt nach der Kirche ſaß Tage ſtil und düſter da. Er ſah Schuldfried ſo wenig als möglich an. Tante Sara ſprach von den Nach⸗ barn und von einer Maſſe Neuigkeiten die ſie von Kronbrück gehört habe, wo der junge Eigenthümer, wie es allgemein heiße, den Winter über zu blei⸗ ben gedenke, während ſeine Gäſte bald abreiſen wür⸗ den. Schuldfried hörte es mit Unruhe, Tage mit gerunzelter Stirne an. „Man ſpricht ſo viel von den Sonderbarkeiten des jungen Herrn,“ ſagte Tante Sara. „Aber von wem haben Sie denn Ihre Neuig⸗ keiten, Tante?“ fiel Tage ein.„Ich ſollte meinen, die Eigenheiten dieſes Herrn können Niemand von uns intereſſiren.“ „Ei der Tauſend, mein Junge, wie hizig Du biſt! Es ſcheint mir nicht in der Ordnung zu ſein daß Du ſolche Bemerkungen machſt. Wenn es mir Freude macht von irgend einem Ereigniſſe zu ſpre⸗ chen das ich gehört habe, ſo ſteht es dem Kinde nicht zu meine Worte unintereſſant zu finden.“ Tante Sara war ſehr erzürnt. Sie ſtrich und glättete ganz verzweifelt an ihrem Kleide. Der übrige Weg wurde unter allgemeinem Schwei⸗ gen fortgeſezt. Schuldfried hätte weinen mögen, wenn ſie bedachte daß ſie dem Fremden vielleicht ein des Abſchiedes werde ſagen können. s ſie an den Kirchenhügel kamen, 154 „Verzeih mir, Schuldfried, wenn ich Dich betrübt habe; ich mag nicht in Gottes Haus treten ehe Du mir geſagt haſt daß Du nicht böſe auf mich biſt.“ Schuldfried lächelte freundlich. Sie drückte ihm herzlich die Hand und antwortete: „Ich werde drinnen im Tempel, wenn ich Got⸗ tes Wort zu hören bekomme, ſchon wieder heiter und ruhig werden.“ Aber Schuldfried täuſchte ſich. In ihre Bank niedergebeugt, betete ſie zwar innig und andächtig, aber das Gebet beſaß nicht dieſelbe beſchwichtigende Wirkung wie ſonſt, denn in ihrem Innern war und blieb es unruhig. Das Mittagsmahl auf Junta nach der Kirchen⸗ fahrt war ſchweigſam; eine allgemeine Verſtimmung herrſchte vor. Tante Sara glaubte von ihrer Würde geboten daß ſie ſich unzufrieden über Tage zeige. Ueberdieß waren mehrere verdrießliche Umſtände klei⸗ nerer Art eingetreten, ſo z. B. war der Braten an gebrannt und der Eierkuchen ſchlecht gerathen; lauter Entdeckungen welche die Alte um ihren Humor brach⸗ ten. Schuldfried war ungewöhnlich ſtill und ſah traurig aus. Tages Geſicht glich dem Herbſthimmel, ſo trübe war es. Aberney zeigte ſich außerordent lich wortkarg. Man ſah leicht daß die Gedanken des Profeſſors nicht auf ſeine Umgebung gerichtet waren, ſondern daß andere Dinge ihn in Anſpruch nahmen. Nach dem Mittageſſen nickte er Schuldfried und Tage zu mit den Worten: „Ihr müßt euch eine Weile auf eigene Fauſt zerſtreuen; ich habe etliche Notizen zu machen.“ Da⸗ mit ging er in ſein Zimmer. Tante Sara glättete mit einigen haſtigen Stri⸗ chen die Falten an ihrem Rock, nahm den Schlüſſel⸗ bund und trippelte in die Küche hinaus, um mit einer kurzen paſſenden Rede der Köchin verſtehen zu geben, welche tadelnswerthe Handlung ſie begangen habe indem ſie die Gottesgabe zerſtört. Dann be⸗ gab ſich Sara auf ihr Zimmer um ein wenig in einem religiöſen Buche zu leſen, bis ſie einnickte und die Cafeſtunde herankam.. Schuldfried ſaß im Erker und warf einem Hau⸗ ſfen ſchöner Tauben die im Hofe herum ſpazierten Erbſen zu. Tage ſtand am Thürpfoſten und betrach⸗ tete ſie mit einem traurigen Blick.- Schuldfrieds Züge hatten ſich, während ſie die Tauben fütterte, aufgeheitert, und ſie ſprach jezt zu ihnen mit einer Stimme welche anzeigte daß der Anblick ihrer Lieb⸗ linge ihrer übeln Laune bedeutend Abbruch gethan hatte. Die lezten Erbſen warf ſie ihnen mit den Worten hin: „Seht meine lieben Thierchen, jezt iſt es aus, ganz aus mit dieſer Freude hier. Flieget jezt frei und frohlich! O wer Flügel beſäße wie ihr!“ Sie wandte ſich zu Tage, reichte ihm die Hand und fragte nitt einem freundlichen Lächeln: „Was fehlt Dir, Freund? Biſt Du noch immer böſe auf mich?“ Tage ergriff die dargebotene Hand mit den Worten: „Alle Trübſeligkeit und Düſterkeit ehtweicht wenn Du lächelſt; und gleichwohl würde 256 Augenblick viel dafür geben wenn ich ganz aufrichtig mit Dir ſprechen dürfte.“ Schuldfried erhob ſich, legte ihre Hand an ſeinen Arm und ſagte: „Gewiß darfſt Du das, wer ſollte Dich hindern?“ „Du wirſt vielleicht böſe und betrübt werden.“ „Betrübt, Tage, das iſt möglich; aber böſe auf Dich, unmöglich.“ „Wir wollen ſehen. Nimm meinen Arm, dan laß uns an den Fuß des Felſen gehen und uns ſezen. Dort können wir ungeſtört ſprechen, und dort haben wir als Kinder ſo manchmal in vertrau⸗ licher Zwieſprache geſeſſen. Dieſer Plaz ſcheint mir beſonders geeignet Dich weniger ungünſtig für das zu ſtimmen was ich zu ſagen habe.“ Schuldfried nahm ſeinen Arm und ſie wandelten über den Hof hinaus, bis an eine grüne Wieſe am Fuß eines Berges der mitten im Wald hoch empor⸗ ragte. Der moosbewachſene Granitrieſe neigte ſei⸗ nen mit zwerghaften Tannen geſchmückten Scheitel ein wenig über die Grasfläche, die gleichſam von den Armen des Berges eingeſchloſſen und dadurch vor den rauhen Verheerungen der Nordwinde ge⸗ ſchüzt war. Von der Spize des Berges herab haite man eine freie und ſchöne Ausſicht auf Junta und die ganze Umgegend. Die jungen Leutchen ließen ſich auf einer gefloch⸗ tenen Weidenbank nieder, unter einer buſchigen Hän⸗ gebirke die am Fuße des Berges emporgewachſen war. „Nun, Tage,“ begann Schuldfried, als er noch 6 immer ſchwieg,„Du hatteſt ja Etwas zu ſagen. . 257 ₰ habe lange darauf gewartet daß Du anfangen ollſt.“ „Glaubſt Du daß ich Dich lieb habe?“ fragte der junge Mann. „Welche ſonderbare Frage! Wie könnte ich daran zweifeln!“ „Deſſenungeachtet haſt Du kein Vertrauen zu nir. Ich bin jezt nicht mehr wie früher der Freund mit dem Du Deine Gedanken austauſcheſt.“ „Doch, Tage, Du biſt noch immer mein Freund, das weiß ich ganz gewiß.“ „Und gleichwohl haſt Du Geheimniſſe vor mir?“ ſagte er. Schuldfried ſenkte ihr Haupt und ſchwieg. „Du kennſt dieſen Fremden ſchon lang und haſt mit mir noch nichts über ihn geſprochen.“ „Dieß kommt daher weil ich es noch mit Nie⸗ mand gethan habe.“ „Aber dieſes Benehmen ſieht Dir gar nicht gleich.“ S „Ach ja, ich weiß es, und ich kann die Urſache nicht erklären.“ Eine Pauſe entſtand. Tage kämpfte ſichtlich mit ſeiner Aufregung; endlich begann er wieder: Sage mir wie ihr einander kennen gelernt habt; willſt Du, Schuldfried?“ Gerne; ſicherlich wird es mir dann leichter ums Herz. Schuldfried legte ihre Hand in Tages Hand und erzählte jezt von ihrem erſten Zuſammentreffen mit Lothar, ſo wie von allem Uebrigen. Tages Stirne wurde immer bleicher während er Schuldfried zuhörte. Dieß war der erſte wirklich 17 Schwart, Schuld und Unſchuld. 1. 258 bittere Augenblick in ſeinem Leben. Als Schuldfried ₰ aufgehört ſuite⸗ ſagte er langſam; „Liebſt Du ihn?“ Bei dieſer ſo einfachen und für jedes andere Mädchen ſo leicht faßlichen Frage ſprang Schuldfried auf und ſtarrte ihn an, als ob er etwas recht Schrec⸗ liches ausgeſprochen hätte. „Herr mein Gott, Tage, was ſagſt Du dal“ rief ſie. „Ich frage ob Du ihn liebſt, ob er Dir ſehr⸗ ſehr theuer iſt?“ „Daran habe ich nie gedacht. Es macht mir Freude ihn zu ſehen und zu ſprechen; aber dieß iſt auch das Einzige was klar vor mir ſteht. Daß ich durchaus nicht die innige Ergebenheit gegen ihn hege wie gegen Dich und Onkel Aberney, iſt vollkommen ſicher. Nein, wenn man mir ſagte: Wähle ob Du den Fremden oder Tage nimmer ſehen willſt, ſo würde ich ohne Bedenken ſagen: den Fremden.“ „Gott ſei Lob und Dank!“ rief Tage, ergriff heftig ihre Hände und küßte dieſelben. In dieſem Augenblick rollte ein Stein vom Berge herab bis zu Tages und Schuldfrieds Füßen vor. Unwillkür⸗ lich richteten ſich ihre Augen hinauf; aber dr zeigte ſich Niemand. „Jezt, Du gute geliebte Schuldfrieb, min Herzens Dame, jezt bin ich ruhig und vergnügt,“ ſagte Tage und zog Schuldfried wieder auf die Vunk neben ſich. Schul frisd⸗ ihrerſeits war ganz und gar nicht ruhig und vergnügt. Die ganze Un⸗ ruhe welche ſie im Laufe des Tages empfunden 261 Tage ſprach von allem Möglichen womit er Schuld⸗ fried intereſſiren oder unterhalten zu können glaubte, und zum Lohne für ſeine ſchönen Bemühungen er⸗ hielt er ein freundliches Lächeln. Beim kleinen Weg nach Ektorp hinab hielt Tage an, und als Schuld⸗ fried herausſprang, ſagte er: „Gib mir Deine Hand und habe Dank für heute. Verzeih wenn meine Worte Dich betrübten, aber ich liebe Dich ſo herzinnig.“ Schuldfried reichte ihre Hand und nickte; dann eilte ſie weg. In der Hausflur ſaß Annika. „Was macht Mamas“ fragte Schuldfried;„iſt ſie drunten im Luſthaus?“ „Nein, mein Kind, ſie iſt auf ihr Zimmer ge⸗ gangen und hat geſagt daß ſie allein ſein wolle. Aber warum kommſt Du ſo bald nach Hauſe?“ „Ich war unruhig um Mama.“ Schuldfried be⸗ gab ſich auf ihr Stübchen. Izwiſchen fuhr Tage nach Junta zurück. Er ließ die Zügel ſchlaff hängen, und die Hand welche ſie hielt ruhte fahrläſſig auf dem Sprizleder. Er ſelbſt ſaß in tiefe Gedanken verſunken da. Er durch⸗ ging die Jahre die er und Schuldfried zuſammen als Kinder verbracht hatten. Er gedachte all der Beweiſe von Freundſchaft und Anhänglichkeit die ſie ihm als kleines Mädchen gegeben. Dann muſterte er dieſe Wochen die er zu Hauſe geweſen, ihr alzeit gleich herzliches Weſen, und kam auf den Schluß treuen Blick hatte ſie ihm nicht zugeworfen als ſie die Worte ſprach: Von einer Wahl könnte gar nicht die Rede ſein, und endlich wie gering mußte nicht ihr Intereſſe an dem Fremden ſein, da ſie nicht einmal ſeinen Namen zu erfahren geſucht hatte? Warum hatte ſie die ganze Bekanntſchaft mit ihm verſchwiegen? Das war eine Frage welche die Ver⸗ nunft in den Weg warf, aber das Herz war ſogleich fertig mit der Erklärung daß es in Folge einer gewöhn⸗ lichen Mädchenlaune geſchehen ſei. Daß ſie mit dem Fremden geſprochen hatte und auch mit ihm zuſam⸗ mengetroffen war, bewies ganz und gar keine Vor⸗ liebe für ihn, ſondern nur daß dieß eine Zerſtreuung⸗ in ihrem einförmigen Leben war, Etwas das von der gewöhnlichen Ordnung abwich. Von dieſer nach ſeinem Dafürhalten genauen Prüfung ſeiner eigenen Hefühle und des Benehmens Schuldfrieds ging er zu jenen bezaubernd ſchönen Jugendträumen über, worin man ſich die Zukunft ſo freundlich malt. Er dachte ſich Schuldfried als ſeine Gattin, und ſein Herz ſchlug beim Gedanken an das Glück das ihm dann blühen würde. Eben war er in ſeiner Ein⸗ bildung an dieſes Eden gekommen als Hufſchläge ſich vernehmen ließen. Er fuhr zuſammen und lauſchte. Es war leicht herauszuhören daß ein Rei⸗ ter herannahte; bein der Biegung des Weges zeigte ſich ein weißes Roß. Hatte Tage ſchon vorher das ſeinige nach eigenem Belieben gehen laſſen, ſo griff er jezt haſtig in die Zügel und zwang es zu einem noch langſameren Schritte. Der herannahende Rei⸗ ter ſchien derſelben Eingebung zu folgen und hielt ſein Pferd ein ſobald er Tage erblickte; auch dieſes mußte im Schritt gehen. Als ſie endlich an einander vorbei kamen, konnte man ſagen, die beiden jungen Männer haben mit dem drohenden Feuer ihrer Blicke einander zu durchbohren geſucht. „Ich hätte nicht geglaubt daß er ſo hübſch wäre,“ dachte Tage.„Dieſe Züge habe ich ſchon einmal geſehen, aber wann und wo?“ Lothar dachte: „Sie muß ihn lieben, er iſt mehr als hübſch.“ Bei dieſem Gedanken erhielt das Pferd einen hefti⸗ gen Spornſtich und das edle Thier enteilte mit ſei⸗ nem Reiter. Tages lichte und liebliche Traumbilder waren verſchwunden, die böſen Mächte der Unruhe und des Zweifels erwachten wieder in ihm, und als er in den Hof hineinfuhr, ſtand es klar vor ſeiner Seele daß er mit Aberney ſprechen und ihm ſagen müſſe 8 wie theuer Schuldfried ſeinem Herzen ſei. Während Tage den Entſchluß faßte Schuldfried von Aberney zu begehren, wie wenn dieſer über die Hand des jungen Mädchens zu verfügen hätte, war othar nach Kronbrück gejagt. War Tage unruhig und ſein Herz von Zweiſeln gequält, ſo war Lothärs Seele von den wildeſten Stürmen aufgeregt. Der 3 Unterſchied beſtand darin daß Tage vermöge ſeines Characters und ſeiner Kinderfreundſchaft mit Schuld⸗ fried die feſte Ueberzeugung hegte, ihre gegenſeitige Zärtlichkeit ſei von einer und derſelben Art. Er hatte ſeit ee Wiederſehen t cht gehalten daß ſie und er von G ſtimmt ſeien. Bei ſeinem feſten Character und ſei⸗ nem großen Selbſtgefühl war er im Allgemeinen nicht geneigt demjenigen zu mißtrauen was ihm Glück verhieß. Die Entdeckung daß Schulbfried einen jungen Mann kannte und häufige Spaziergänge mit ihm machte, hatte ihm Anfangs mißfallen, dann aber ihn eigentlich nur darum verdroſſen weil ſie ihm dieſes Ereigniß nicht anvertraut hatte. Als er mit Schuldfried darüber ſprach, hatte ein gewiſſer Grad von Eiferſucht ihn verſtimmt; aber als ſie mit ihrer natürlichen Aufrichtigkeit von der gemachten Bekannt⸗ ſchaft erzählte und erklärte daß zwiſchen Lothar und Tage keine Wahl ſtattfinden könne, ſo war der von ugend auf feſtgewurzelte Glaube an ihre Zärtlich⸗ eit wieder erwacht, und er hielt es beinahe für ganz unmöglich daß ſie umhin könne ihn zu lieben. Lothar dagegen hatte mit all ſeinen Reichthümern, ſeiner Schönheit und ſeinem Hochmuth gleichwohl während der Bekanntſchaſt mit Schuldfried nie daran gedacht daß ſie ihn lieben würde. Als ſein eigenes Gefühl ihn trieb ſich ihr Wohlwollen zu erbitten, meinte er bereits ſehr weit gegangen zu ſein, und als Schuldfried ihm freundſchaftlich die Hand reichte, fürchtete er beinahe, dieſe Freundſchaft möchte bei ihm Gedanken und Wünſche erzeugen deren Verwirk⸗ lichung unmöglich ſei. Er verabſcheute alle Men⸗ ſchen und alle Dinge die ihr in den Weg kamen, weil er gänzlich vergeſſen oder auf die Seite ge⸗ drängt zu werden fürchtete. Er wurde von wilder Eiferſucht gequält, weil er unaufhörlich ſeiner eigenen Fähigkeit zu gefallen mißtraute. Er hätte ſein Leben ſo verbringen mögen wie die Wochen wäßtend Aberneys — Abweſenheit in Abo verfloſſen waren, ohne Jemand fürchten zu müſſen und ohne daß er ſelbſt Wünſche zu hegen wagte. Hätte Lothar mehr Eigenliebe und weniger Mißtrauen beſeſſen, ſo wäre er nicht ſo un⸗ vernünftig eiferſüchtig geworden wie er jezt war. Er hätte ſich dann nicht über jede Kleinigkei eit beun⸗ ruhigt und darin unzweifelhafte Beweiſe geſehen daß er vergeſſen ſei, ſondern er hätte in tauſend unbe⸗ deutenden Dingen entdeckt daß gerade er ſelbſt einen großen Einfluß auf das Herz des jungen Mädchens beſize. Ohne durch einen Hoffnungsſtrahl ſeine EGiferſucht mildern zu laſſen, ließ er ſich davon beherr⸗ ſchen, und ein bis zur Raſerei geſteigerter Zorn er⸗ füllte ſein Inneres als er Tage in der Nähe er⸗ blickte. Seine Erbitterung wurde nicht gegen Schuld⸗ fried, ſondern gegen Tage und Aberney gerichtet. Er hätte ſein halbes Vermögen dafür gegeben, wenn er ſich damit das Recht hätte erkaufen können dieſe beiden Männer zu vernichten, die er von ganzer Seele verabſcheute. Schaumbedeckt kam das Pferd nach Kronbrück und der ſchöne Springer zitterte in allen Muskeln, als Lothar durch einen heftigen Griff in die Zügel ihn zwang augenblicklich an der Treppe ſtehen zu bleiben. Mit einem Saz war er auf dem Boden, warf die Zügel einem Bedienten zu und ſagte kurz und befehlend: „Der Doctor ſoll kommen!“ Sein Ausſehen war von der Art daß der Be⸗ diente ihn entſchieden für krank hielt. Der Doctor gehorchte dem Rufe ſo ging heftig auf Und ab. „Was fehlt Ihnen, Hers Baron? Sind S eich. Lothar unwohl?“ fragte der Doctor, als er Lothars todten⸗ blaſſes Geſicht ſah. „Ja, ich bin krank und Sie ſollen mir helfen,“ antwortete Lothar mit einem beinahe höhniſchen Aus⸗ druck.„Da Sie ſtets mit dem Teufel im Bunde ſtehen, ſo müſſen Sie wohl der Rechte ſein der mir helfen kann.“ „Sie erweiſen mir gar zu große Ehre, Herr Baron, wenn Sie glauben daß ich einen ſo mächti⸗ gen Bundesgenoſſen beſize. Ich dürfte gleichwohl auch ohne ſeinen Beiſtand zurecht kommen.“ Lothar ging fortwährend auf und ab. „Sie haben mir ein Paarmal, vermuthlich in einer recht hölliſchen Abſicht, geſagt daß dieſer Aber⸗ ney politiſch anrüchig ſei. Iſt das wahr?“ „Davon können Sie ſich überzeugen wenn Sie ſeine Papiere oder vielmehr ſeine Correſpondenz mit Beſchlag belegen laſſen.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Weil ich Aberney und ſeine Verbindungen in Schweden kenne. Ich weiß wie ſehnlich er Finn⸗ lands Wiedervereinigung mit Schweden wünſcht.“ „So, und Sie ſind überzeugt daß er eine Cor⸗ reſpondenz führt die...“ „Wenn ſie zu Tage käme, ihm im glücklichſten Fall den Befehl zuziehen würde Finnland zu ver⸗ kaſſen und nie dahin zurückzukehren.“ „Gut!“ Lothar blieb vor dem Doctor ſtehen. „Warum haben Sie ſchon vorher mehrere Male an⸗ gedeutet daß er eine politiſch verdächtige Perſon ſei?“ „Weil ich voraus ſah daß dieſe Nachricht Ihnen zu Statten kommen würde, Herr Boron. Sie ſind ein mächtiger junger Mann; es bedarf bloß einiger —— 267 5. Zeilen von Ihrer Hand an den Generalgouverneur, und Sie ſind ſowohl von Aberney als von ſeinem Sohne befreit.“ „Alſo der Schurke Wagner war es der mir ein Mittel zeigte dieſe Menſchen los zu werden.“ Er begann wieder auf und ab zu gehen„Sie hielten für meine wilden Leidenſchaften die Möglichteit offen von ihrer Nähe befreit zu werden, weil Sie dach⸗ ten daß ich früher oder ſpäter ſie verabſcheuen würde. In einem aufgeregten und beſin ungsloſen Augen⸗ lich kann ich allerdings, Ihnen ſei es gedankt, die Leute unglücklich machen. Ha, das iſt entſezlich!“ „Herr Baron, wenn Sie weniger aufgeregt und agegen ruhiger wären, ſo würden Sie nicht mit 3 Schurken gegen einen Mann um ſich werfen der ſtets Ihr Freund geweſen.“ Freund!“ rief Lothar mit Hohnlachen.„Freund! Sie der mich ſtets auf den Weg des Böſen geführt, Sie der mit einem wirklichen Talent den Teufel in meinem Blute geweckt hat!“ „Nun wohl, Herr Baron, in dieſem Fall laſſen Sie uns ſcheiden. Ich werde morgen meine Stelle als Gutsarzt aufgeben. Sie können ja einen ehr⸗ licheren Mann als ich bin dazu wählen, da ich, wie Mephiſtopheles, ein elendes Werkzeug ſchlechter Be⸗ gierden aus Ihnen ſchaffe. Sonſt glaubte ich daß ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren ſelbſt⸗ ſtändig genug wäre, um nicht einem Inſtrument zu ₰ gleichen das denjenigen Ton angibt den man an⸗ ſchlägt, aber lautlos bleibt wenn Niemand es be⸗ rührt. Ein Mann der von der Einwirkung Anderer auf ſeine Grundſäze und Handlungen ſpricht, iſt ei ———— 268 Kind und kein Mann. Ich bin jezt bereit mich zu entfernen.“ Das Geſicht des Doctors trug nicht mehr 3 glatten und geſchmeidig n Ausdruck wie gewöhnlich, ſondern es lag ein Gepräge wahren Stolzes darin. Der polniſche Arzt hatte in die eſem Augenblick etwas 5 Impoſantes. Er ging auf die Thüre zu; aber Lo⸗ char eilte ihm nach und legte die Hand au ſeine Schulter mit den Worten: .„Bleiben Sie Sie haben Recht, ein Kind, nich ein Mann läßt Andere auf ſich einwirken. Waren Sie auch mein böſer Dämon, ſo werde ich nie ver⸗ geſſen daß Sie mein Arzt waren, daß Sie einer Nation und einer noch unglülichere Familie angehören, und daß Sie gegen Andere ein Ehrenmann ſein können, wenn Sie auch gegen mich das Gegentheil bewieſen. Sie können Ihre gegene wärtige Stelle nicht aufgeben, außer um ſie gegen eine glänzendere zu vertauſchen. Sprechen Sie alſo nicht davon, aber nennen Sie ſich nicht meinen Freund; dieß iſt eine unwürdige Heuchelei die weder wo6 mir zuſteht.“ Der Doctor kehrte von der Thüre zuric und ing im Zimmer vor, indem er mit ſine gewöhn⸗ lich en verbindlichen Ton äußerte: „Wünſchen Sie mir ſonſt Etwas u ſuen Set Baron?“ „Ja, ich wünſche daß Sie mir einen Dienſt wieſen.“ Lothar verſtummte. Es war ihm wider lich fortzufahren⸗ „Und das wäre?“ ſragte der an„ eine Wei Fewartet Pat. mir ein nit. 269 3„Meiner ehemaligen Patientin auf Sttc „Ja.“ 1 ine lange Pauſe entſtund. Der Doctor hatte . offenbar vorgenommen ſie nicht zu m ben Lothar zu zwingen daß er ſeinen Wunſch ausſprech en ſollte. Dieſer warf ſich auf einen der has rief mit leider nſchaftlicher Heftigkeit: Für eine Stunde Be ſpr hung mit ihr würde gern einen Theil meines Vermögens geben.“ ann ſprang er wieder auf, trat an eines der offe⸗ n Fenſter vor und blieb lange dort ſtehen. Der boetor ſchwieg conſequent. Endlich wandte ſich Lo⸗ har langſam um und ſagte mit ſcheinbarer Ruhe: „Wollen Sie es übernehmen ſie zu bitten daß ſie Korgen in aller Frühe einen Spaziergang an den Waldweß mache?“ „Warum ſchreiben Sie ihr dieſe Bitte nicht, Herr Baron?“ 6 habe verſprochen nicht an ſie zu ſchreiben. ſ kann es alſo nicht thun. Ha, dieſes V Verſprechen mich ja ſeit zwei Wochen beinahe zum Narten 3 weil ich. 3 Sie nicht t treffen konnte. Und doch hielten Sie Verſprechen?“ wann ſahen Sie mich je mein Wort ſie, das muß ich geſtehen; aber Verſprechungen nſt ſelten Beſtand wenn das Gefühl mit ihnen im Streite liegt.“„ Sie kennen nicht, wenn Sie glauben daß die Leids nſhaſt mich zu einem Treubruch ſenkann.“ len ſehen wie es damit in Zukunf laut ſagte er: Wiſſen Sie, Herr Baron, warum Sie das Mädchen nicht treffen konnten?“ Weil ſie beſtändig von Aberney oder ſeinem Sohn beglitet war.“ „Und warum ſind dieſe ihr ſo treu gefolgt Soli ichs Ihnen ſagen?“ Lothar nickte mit dem Kopf HObſchon Ektorp in einer von Nachbarn äbge⸗ ſchiedenen Gegend liegt, ſo hat Mangel an Leuten und geſchwäzigen Zungen⸗ mand aus der Nähe hat Sie und Fräulein S peiſammen geſehen; dieß iſt Aberneys zu Ohren 3 kommen, und ſie glauben ſich verpflichtet über das Mädchen zu wachen, damit ſie nicht mit Ihnen in Berührung trete. Zumal da Doch warum brauche ich Ibnen das wahre Verhältniß zu ſagenz Sie würden doch nur glauben ich wollé den Teufel% in Ihrer Bruſt wecken, und darum ſchweige ich.“ Mit ſürchterlichem Scharfſinn verſtand es der, Pyrtor die Neugierde Lothars zu reizen; auch ſagte dieſer voll Ungeduld: Warum ſolche Rückhaltſamkeit, wenn ich Abf⸗ richtigkeit von Ihnen verlange? Sie ſtiften mit dis ſen Halbſagereien weit mehr Böſes als wenn Sie ganz offen ſprechen. Geben Sie mir welche Erkl rung Sie wollen, wenn ſie nur aus meiner Seele den teufliſch qualvollen Gedanten wegnimmt daß ſie es ſei die mir ausweicht“ Erinnern Sie ſich; Hert Baron, daß Sie ſelbſt mich aufgefordert häben zu reden.“ „Welche laige Vorhereitung „Nun wohl, Fräulein Swith iſt ſir den ju uberney zur Frau beſtimmt nd „Aber Sie ſagten mir vor einiger Zeit daß daß Profeſſ or Aberney ſie für ſich ſelbſt erzogen F habe.“ 3„Ganz richtig. Dieß war indeß bloß eine Ver⸗ zutzung von mir, wheend es dagegen Thatſache it iſt daß der junge Aberney ſeit ſeiner Kindheit an ihr hing. WVermuthlich findet die Verlobung ſtatt ehe er nach Stockholm zurückkehrt.“ . Lothars Augen funtelten; er drückte krampf fhaft 2 ſeine Hände zuſammen und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Sind Sie deſſen ſicher was Sie ſagen? Kön⸗ nen Sie die Wal rheit beweiſen?“ „Unendlich gerne,“ Der Doctor zog aus ſeiner Bruſttaſche einen Brief den er mit lächelnder Miene. Lothar überreichte, der ihn dem Arzle förmlich aus der Hand riß. 6 war vom Pfarrer des Kiprchſpiels und lautete wie folgt: Herr Bruder! So gerne ich heute Abend nach Kronbrück hinüberkäme um ein Brett mit Ihnen zu ſpielen, ſo muß ich mirs dennoch ver⸗ jagen, weil ich meinem alten Freünd Aberney ver⸗ Wrochen habe nach Ektorp hinüberz zufahren und mit Frau Smith zu ſprechen. Aberney wünſcht ſeinen Sohn mit der ſchönen Schuldfried zu verhe irathen. Wenn die Mutter dafür iſt, ſo könnte die Verlobung eher je lieber ſtattfinden. Ich bin der einzige den Frau Smith empfängt, und dorum habe da ich das Mädchen herzlich liebe, mit dem ößten Vergnügen den Auftrag ihernommen, weil mein Beichtlind ſchwerlich eins beſſere S ſen kann als mit dem jungen Pberneh. Er jeder Beziehung ein und präch üger⸗ „Wenn Sie einmal in die Pfarrei kommen, Herr Bruder, ſo vergeſſen Sie nicht bei Ihrem reblichen Freund vorzuſprechen. Iſaak Arbanius.“ Lothar blieb eine lange Weile S unbewe zic Er ſtarrte den Brief an, als hätte er ſeinen Inhölt nicht verſtehen wollen. Endlich ſagte er, gůnzlich zů 3 ſich 3 nur die Mutter iſt es von e Ale bhängt. Mon iſt alſo ihrer Einwilliguig Ha, das iſt eine heit von mi ie wi ſehen zu wollen.“ zerkitterts den Brief warf ihn auf den Baben.„Am Brſten, ich mich ſogleich nach Petersburg.“ „Mein. Geſandtſchaft nach Ektorp wird alſo überflüſſig fiel 8 Doctor mit einem Ausbruck ein b er ſich ſehr darüber freute. Lothar ſah ihn a murmelte, ſo leiſe daß der Doetot ſeine Worte nicht hörte: „Glaube nur dasjenige von deſſen Wehrhe Dich ſelbſt überzeugt haſt, lautet eine der Lehrn die ch zu befolgen ſchwur. Nun wohl, ich will it ih reden.“ „Sagten Sie Etwas, Herr Baron?“ fragte der Jä, ich wollte Sie bitten mir das Zuſammen⸗ “ Ohne die Antwor verließ er eit ſſ 4 15 16