0 „ 8——— 2—— S Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 0 von Gduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ren⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher. 4 Bücher: 6 Bücher: euf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3 5 „ 5„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene unv defecte Bücher(namenklich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— ——.———— 6 M —— Ausgewühlte Merke von Frau M.§. Schwartz. — Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. 6 Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Der kechte. Erzählung von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. Büchele. Dritter Band. Ftuttgart. Frankh'ſche Verlagshandlung. 1864. Druck von Gebr. Mäntler in Stultgart. nehen—,————————— —, VIII. Am folgenden Tage kamen einige von Allon's Freunden an, und gegen Abend die übrigen Gäſte von Stockholm. Mittſommer verging ohne etwas Bemerkens⸗ werthes. Allon's Beobachtungen in Bezug auf Stephan erlitten eine bedeutende Unterbrechung durch den Ge⸗ nuß, den er ſeinerſeits dabei fand, Amy ſeine Huldi⸗ gungen darzubringen und Stephan den Platz an ihrer Seite ſtreitig zu machen. Das Einzige, was er zu beachten Zeit fand, war, daß Gurli's Benehmen gegen Mathilde Braun ſich von dem gegen ihre übrigen Gäſte in keiner Weiſe unterſchied. Der Mangel an Herzlichkeit, welcher im Allge⸗ meinen Gurli's Umgangston charakteriſirte, gab ſich auch in ihrem Betragen gegen Mathilde zu erkennen und ſchien zu beweiſen, daß ſie dieſelbe ebenſo wie die endern, das heißt als Fremde, obſchon es Ver⸗ wandte waren, betrachtete. Gurli war aber trotz dieſes Mangels eine ſehr angenehme Wirthin. Sie war die ſchönſte von allen in Birgersborg verſammelten Damen, und dabei heiter, witzig und unterhaltend— wenn ſie es ſeyn wollte. Seit ihrer Verheirathung befliß ſie ſich in ihren Manieren einer größern Artigkeit, als früher; gleich⸗ wohl behielt ſie ihre alte Ungezwungenheit bei, welche zuweilen bald einen Anſtrich von Eigenmächtigkeit, bald von Uebermuth annahm. Gegen Allon war ſie fortwährend eitel Kälte, aber dafür auch nachgiebiger gegen ſeine Wünſche, als vordem, und ſuchte mit wirklich feinem Takt den⸗ ſelben entgegenzukommen, ehe ſie ausgeſprochen wurden. Man ſah, daß ihr ernſtlich daran lag, ihrem Gatten alle die äußere Aufmerkſamkeit zu erweiſen, auf welche er Anſpruch machen konnte. Auch Madame Teverino und deren Tochter be⸗ handelte ſie wie die übrigen Gäſte; ſie konnte ſogar mit ihnen ſich in eine längere Unterhaltung als mit Jemand anders einlaſſen, ſo daß man ſich über das Intereſſe, welches Gurli denſelben bezeigte, nur ver⸗ wunderte. Nach der allgemeinen Anſicht hätte ſie gegen Per⸗ ſonen, welche ihren Rechten allzu nahe zu treten ſchienen, am allerwenigſten artig ſeyn ſollen. Die in Birgersborg als Gäſte anweſenden älteren Frauen bemerkten unter einander: „Unbegreiflich, daß Gurli nicht ſieht, wie bezaubert ihr Mann von Signora Teverino iſt. Ihr Benehmen erſcheint ſehr ſonderbar. Kann ſie ſo blind ſeyn, daß ſie nicht wahrnimmt, wie er ganz und gar in dem Netz der Sängerin gefangen iſt? Man muß ihre Auf⸗ merkſamkéit darauf lenken. Es iſt recht empörend, daß ihr Niemand die Augen öffnen will.“ — — †— — 1.—————— — Und nun beſchloß eine jede für ſich ſelbſt, Gurli auf eine feine Weiſe zu verſtehen zu geben, daß ſie betrogen würde; aber das Reſultat war, daß man mit Gurli unmöglich ſo weit kommen konnte. Sobald man das Geſpräch nur ihren Mann bringen wollte, nahm ſie eine ſo vornehme Miene an, daß demjenigen, welcher darauf zu reden kam, alle Luſt verging, dieſes Thema zu verfolgen. Die Herren dagegen äußerten unter einander: „Iſt Herr von Stral ein Narr, daß er ſich von der ſchwar zen Nachtigall dermaßen bethören läßt, während er eine ſo ſchöne und pikante Frau hat? Wenn man ſo ſieht, wie viel er ſich immer mit der Teverino zu ſchaffen macht, ſo wird man wirklich von dem lebhöfteſten Verlangen ergriffen, bei der betro⸗ genen und verlaſſenen Frau den Liebenswürdigen zu machen. Wenn nun aber einer der Herren ſich beikommen ließ, Gurli einige ſeiner Fadaiſen zuzuf lüſtern, ſo be⸗ gegnete er einem ſo höhniſchen Lächeln auf ihren Lippen und bekam ſo unbarmherzige Sarkasmen zur Antwort, daß er alle Luſt verlor, den Tröſter zu ſpielen. Gurli faßte ihre Stellung ganz richtig auf, und es entging ihr nicht, daß ſie ein Gegenſtand des Mit⸗ leids war. Sie hatte darum feſt beſchloſſen, jede Aeußerung deſſelben, unter welcher Form es auch auftreten möchte, zurückzuweiſen. Sie verdoppelte die Aufmerkſamkeit gegen ihren Mann und legte ein erhöhtes Intereſſe für die Teverinos an den Tag. So verging einige Zeit. Allon, der von Amy nicht ſo viel Aufmerkſamkeit empfing, um ſich dadurch geſchmeichelt zu fühlen, be⸗ gann Gurli wieder größere Beachtung zu ſchenken, in 8 der Hoffnung, irgend Etwas zu entdecken, das zu einer Scene führen könnte, wobei er eine erwünſchte Gele⸗ genheit fände, all der Unzufriedenheit, welche ſchon längere Zeit in ihm ſich angeſammelt hatte, Luft zu machen. Zwei ganze Tage folgte er Gurli mit ſeinen Blicken, während er nichtsdeſtoweniger fortfuhr, mit Stephan um das mindeſte Lächeln von Amy zu buhlen. Er gewahrte aber nicht das geringſte Zeichen, was auf ein geheimes Einverſtändniß zwiſchen Gurli und Stephan hätte ſchließen laſſen, oder den von ſeiner Mutter oder Grünlund erweckten Argwohn zu beſtärken vermochte. Gurli war, wenn ſie ſich unter ihren Gäſten be⸗ fand, ſo heiter und unbekümmert, daß es Allon ordent⸗ lich erbitterte. Sie hätte ſich über die Artigkeit, welche er Amy erwies, zum Mindeſten beunruhigen ſollen; aber nein, ſie ſchien gar nicht darauf zu achten. Daß ſie dieß gleichwohl that, zeigte ſich, wenn ſie allein waren; denn da lag ſo viel Zurückhaltung in Gurli's Worten, Mienen und ihrem ganzen Benehmen, daß Allon dadurch geärgert wurde. Er wünſchte ſogar, daß ſie irgend ein Intereſſe an Stephan ver⸗ rathen möchte, nur um eine Urſache zu finden, einen Eheſtandszank herbeizuführen. Allon erkannte bei ſich ſelbſt, daß er einen un⸗ rechten Weg betreten, daß er ſich vieler ſchwerer Miſſe⸗ thaten gegen ſeine Frau ſchuldig gemacht hatte, und darum wollte er bei ihr ſolche Fehler finden, welche ihm zur Entſchuldigung dienen oder wenigſtens ein ſcheinbares Recht, über dieſes oder jenes Klage zu führen, an die Hand geben konnten. So ſtanden die Dinge, als ein Theil der Geſell⸗ ſchaft, beſtehend aus Amy, Gurli, Stephan, Allön, Lieutenant D. und ſeiner Schweſter, eines Tags auf der Terraſſe ſaß. Stephan war gegen ſeine Gewohnheit heute nicht beſtändig dazwiſchen getreten, wenn Allon ſich Amy näherte, ſondern hatte ſich öſter und länger mit Gurli unterhalten. Er ſprach jetzt über die Lage von Birgersborg, deſſen Alter u. a. m., und Gurli behauptete, der Platz, wo ſie eben jetzt ſich befänden, beſchattet von den hohen hundertjährigen Linden, ſey der ſchönſte auf dem ganzen Beſitzthum. „Als ich Birgersborg erbte,“ ſagte ſie,„hat man mich zu überreden geſucht, je den dritten Baum in der Umgebung des Wohnhauſes fällen zu laſſen; aber mir dünkt, die Schönheit des Orts würde verſchwinden, wenn man dieſer alten Steinmaſſe die dunkle und myſtiſche Beleuchtung entzöge, welche gebrochen von dem dichten Laubwerk auf dieſelbe fällt. Die ganze Terraſſe würde die Kühle und den Schatten verlieren, welche ſie jetzt von den verwachſenen Laubkronen erhält. Die Durchhaue, welche nöthig waren, um eine freiere Ausſicht zu ſchaffen, ließ ſchon mein Stiefvater vor⸗ nehmen, und jetzt würde es mir wirklich ſehr leid thun, wenn eine der Linden abſtürbe oder von ihrem Platz entfernt würde.“ Lieutenant D. und ſeine Schweſter theilten Gurli's Anſicht. Amy, welche Stephan, während er mit Gurli ſich unterhielt, finſtern Blicks gefolgt war, ſchwieg eine Weile; nachdem jedoch alle Anweſenden ihre Meinung über die Bäume geäußert hatten, bemerkte ſie: „Ich kann, gnädige Frau, mit Ihnen nicht ganz übereinſtimmen. Wäre Birgersborg mein, ſo ließe ich alle dieſe alten, für die Strahlen der Sonne 10 undurchdringlichen Bäume, welche dieſe blumenge⸗ ſchmückte Terraſſe in ein düſteres Laubgewölbe ver⸗ wandeln, niederhauen. Ich ließe blos die beiden an der Treppe ſtehenden Linden ſtehen; alle andern müß⸗ ten fort. Dann könnten Sonne und Licht auf dieſen Platz herniederſtrömen; und auch in die dunkeln Ge⸗ mächer eindringen.“ „Es iſt ein Glück für meine alten lieben Bäume, Signora, daß Sie nicht Eigenthümerin von Birgers⸗ borg ſind,“ fiel Gurli lachend ein;—„denn Sie wür⸗ den dieſelben ſogleich zum Tode verurtheilen.“ „Ja, ohne alle Schonung. Der Schatten, welcher dieſen Ort umgibt, quält mich. Es wird mir übel zu Muth und ich fühle mich beklemmt. So auch mit dem Park; man kann in demſelben keinen Spazier⸗ gang machen, ohne in üble Laune zu gerathen.“ „Da hört man, daß Sie ſich auf unſere nordi⸗ ſchen Schönheiten nicht verſtehen,“ fiel Stephan ein und brachte das Geſpräch auf Italien, wo lauter lachende Gemälde dem Auge ſchmeicheln. Stephan verſtand der Converſation eine ſolche Richtung zu geben, daß Amy trotz wiederholter Ver⸗ ſuche dieſelbe nicht mehr auf den Gegenſtand, von welchem ſie ausgegangen war, zurückzuführen ver⸗ mochte. Eine Weile hernach kamen die übrigen Gäſte gleichfalls auf die Terraſſe. Die Herren nahmen in Gurli's Nähe Platz. Es wurden lebhafte, mehr oder minder wichtige Scherz⸗ reden gewechſelt, deren Seele Gurli war, und an welchen Stephan mit ſcheinbarem Vergnügen ſich be⸗ theiligte. Amy's Augen waren an den letztern gefeſſelt, welcher neben ſeiner Couſine ſich niedergelaſſen hatte. 11 Die junge Italienerin ſaß auf der entgegengeſetzten Seite der Terraſſe ganz allein, ohne daß ſie in den Wortſtreit, welcher von der um Gurli verſammelten Gruppe geführt wurde, ſich miſchen wollte oder konnte. Allon näherte ſich Amy. „So wie Birgersborg jetzt iſt, mißfällt es Ihnen demnach ſehr?“ begann derſelbe. „Ja, dieſe Laubmaſſe, welche es umgibt, verſetzt mich in ſchlechte Laune,“ erwiderte Amy.„Das Lächeln auf meinen Lippen erſtirbt und die Freude in meiner Seele verſchwindet, wenn ich genöthigt bin, im Halbdunkel zu leben. Ich glaube daher, ich würde am klügſten thun, wenn ich ſo bald als möglich von hier abreiste. Ich fürchte wirklich, daß ich außerdem in unüberwindlichen Trübſinn verfalle.“ „Sie ſcherzen wohl, Signora,“ rief Allon.„Sie können nicht die Abſicht haben, uns zu verlaſſen.“ „Was wollen Sie? Ich fühle mich unbehaglich an dieſem düſtern Orte. Finſtere Gedanken und Empfindungen wirken nachtheilig auf Stimme und Ausſehen. Ich reiſe.“ „Aber Sie haben verſprochen, den Sommer hier zuzubringen; den Aufenthalt auf dem Lande dadurch in ein Paradies zu verwandeln, daß Sie uns durch Ihre Töne ebenſo bezaubern, wie durch Ihre Heiterkeit entzücken und durch die Anmuth Ihres Weſens hin⸗ reißen und feſſeln.“ „Dann habe ich Etwas verſprochen, das ich nicht halten kann. Sie haben noch nicht einen Ton von mir gehört, ſeitdem ich hier bin.“ „Das iſt wahr, Sie ſind bis jetzt unbeweglich geblieben.“ „Aus dem einfachen Grunde, weil ich, wenn man mich zwänge, unter dem Schatten dieſer Bäume zu ſingen, nur einen geiſtlichen Geſang anſtimmen könnte. Sie haben von mir weder Scherz noch Lachen ver⸗ nommen.“ „Nein, es ſieht wirklich aus, als ob die Freude ſeit Ihrer Ankunft hier von Ihnen gewichen wäre.“ „So iſt es auch, und darum muß ich fort.“ Amy's ſchwarze Augen blickten bekümmert vor ſich hin. „Durch welches Mittel würde es wohl gelingen, die Freude in Ihre Seele zurückuführen?“ flüſterte Allon, indem er ſich neben ihr niederließ. Eben jetzt lachte Stephan und ſchien von dem, was Gurli ſagte, ſo lebhaft intereſſirt, daß es ausſah, als hätte er Alles außer ihr vergeſſen. „Nennen Sie mir Etwas, das Sie beſtimmen kann, von Ihrem Vorhaben, Birgersborg zu verlaſſen und uns Ihrer Gegenwart zu berauben, wieder abzu⸗ ſtehen,“ fuhr Allon fort.„Sagen Sie mir, was Sie wünſchen.“ „Wenn ich es auch ſagte,“ antwortete Amy, deren ganzes Angeſicht bei Stephan's erhöhter Lebhaftigkeit vor Eiferſucht erglühte,—„was mehr? Sie würden, mein Herr, doch nicht den Muth haben, meinen Wunſch zu erfüllen, und weßhalb ſollten Sie es auch?“ Amy heftete ihren Blick auf Allon. „Darum, weil ich Sie bewundere,“ flüſterte dieſer wie von einem Schwindel ergriffen und in der Hoff⸗ nung nunmehr einen für ſeine Eitelkeit ſchmeichekhaf⸗ ten Sieg zu erringen.—„Sie wiſſen, daß ich dieß von dem erſten Augenblick an, da ich den Laut Ihrer Stimme hörte, gethan habe. Wenn Sie ſingen, ver⸗ geſſe ich Alles außer Ihnen. Die Erinnerung an Ihren Geſang hat mich beſtändig begleitet und meine Seele mit der Sehnſucht, ihn immer von Neuem zu hören, erfüllt. Kann ich deßhalb auf irgend eine Weiſe ein Unbehagen beſeitigen, oder Ihren Aufent⸗ halt hier angenehmer machen, ſo befehlen Sie, und bei meiner Ehre, liegt es im Bereiche der Möglichkeit, ſ0 „So werden Sie es doch nicht thun, wofern Sie damit Ihrer Frau zu mißfallen fürchten,“ unterbrach ihn Amy mit einer Blume ſpielend. Amy lächelte, lächelte auf eine eigenthümliche, ironiſch mitleidige Weiſe, während ſie ganz gleichgiltig hinzuſetzte: „Wenn man Sie hört, Herr von Stral, ſo möchte man zu glauben verſucht ſeyn, Sie hätten ſich eine Frau genommen, und nicht Ihre Frau ſich einen Mann. Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß wir Alle zu Birgersborg Gäſte bei ihr, nicht bei Ihnen ſind. Wenn ich alſo ſagte: Befreien Sie mich von dieſen Linden, welche mit ihrem Schatten Alles verdüſtern; machen Sie dieſen Platz lichter und lächelnder, ſo würde Ihre Antwort lauten: Das ſind die Bäume meiner Frau, ſie liebt dieſelben und ich wage nicht, ſie niederhauen zu laſſen.“ „Iſt das Ihre Ueberzeugung?“ „Ja, vollkommen.“ „Antworten Sie mir nun auf eine Frage, Signora; wenn die Bäume von dieſer Terraſſe verſchwunden ſind, würde das Lächeln auf Ihre Lippen wiederkehren? Würden dann dieſe Säle von Ihrem Geſang wider⸗ hallen? Würden Sie dann demjenigen, welcher ſie Ihnen geopfert hat, freundlich geneigt ſeyn?“ „Id. „Ihre Hand darauf, daß Sie ſingen.“ „Hier haben Sie dieſelbe; aber wozu dient es? Wofern nicht die Erde die alten Bäume verſchlingt, Schwartz, Der Rechte. III. 14 werden ſie wohl ſtehen bleiben, wie dunkle Schatten auf einem lichten Gemälde; und würde mein Gefühl für Sie nicht eher freundlich, mein Geſang nicht eher ertönen, dann geſchähe es wohl niemals.“ „In dieſem Fall muß die Erde ſie verſchlingen,“ antwortete Allon. Auf ſeiner Stirne brannte eine hohe Röthe, welche durch zwei gereizte Empfindungen hervorgerufen wur⸗ den. Für's Erſte war ſein Selbſtgefühl durch Amy's Aeußerungen verwundet worden, als ſie ihm zu ver⸗ ſtehen gab, daß ſie ihn geradezu als einen Jemand betrachtete, welcher der Mann ſeiner Frau genannt wird, daß heißt, welcher gegenüber von der Frau, die ihn geheirathet hat, ſo viel als ein Null gilt. Für's Zweite empfand er ein heftiges Verlangen, endlich als Sieger aus dem Wettkampf hervorzugehen, welcher ſeiner Meinung nach zwiſchen ihm und Stephan um Amy's Gunſt ſtattfand. Am Abend, als die beiden Gatten allein waren, ließ Allon ſich einige ſpitzige Worte entſchlüpfen. Er war in der allerſchlechteſten Laune von der Welt; aber deſſen ungeachtet bot ſich die erwünſchte Gelegenheit, loszubrechen, nicht dar, weil Gurli ſeine beſinnungs⸗ loſen Ausfälle unbeantwortet ließ. K. Am nächſten Tage wollte die ganze Geſellſchaft einen größeren Ausflug nach einem Orte machen, welcher eine hiſtoriſche Bedeutung hatte und einige Meilen von Birgersborg entfernt kag. Der Eigenthümer dieſer merkwürdigen Ruine war 15 ein Kapitän., zu welchem ſämmtliche Perſonen auf einige Tage eingeladen waren.. Allon zeigte auf der ganzen Reiſe und während des Aufenthalts bei Kapitän 4. eine in die Augen fallende Gleichgiltigkeit gegen Gurli, behandelte ſie mit einer gewiſſen Ueberlegenheit, als ob er Jeder⸗ mann ſehen laſſen wollte, daß er ſich ſeiner reichen Frau gegenüber nicht zu geniren brauche, ſondern ſich benehmen könne, wie es ihm beliebe. Dieß war Etwas, das er ſich bisher nie erlaubt hatte. Gurli wunderte ſich anfangs darüber, und es ſah aus, als ob ſie in ihrem Innern dieſes Betragen lächerlich fände; aber da es die ganze Zeit fort⸗ dauerte, ſo nahm ſich Gurli vor, jeden Verſuch Al⸗ lons, ſie en bagatelle zu behandeln, mit Scherz zurück⸗ zuweiſen. Madame Teverino, welche an dergleichen Erkur⸗ ſionen niemals Theil nahm, war allein zu Hauſe geblieben, und Amy erſchien gegen Allon weit freund⸗ licher, als ſie ſonſt zu ſeyn pflegte. Sie munterte ihn gleichſam in ſeinem unehrenhaften Benehmen gegen Gurli auf, denn je gleichgültiger er in dieſer Hinſicht ſich zeigte, deſto liebenswürdiger wurde Amy. Stephan, welcher ſich vollkommen neutral gehal⸗ ten und bisher nur ein Ziel, nämlich jedes tétetéte zwiſchen der Sängerin und Allon zu ſtören, ſo lang man bei Kapitän. verweilte, verfolgt hatte, war unge⸗ wöhnlich ernſt. Seine Augen ſchoßen Blitze des Zorns, wenn Allon ſich erlaubte, Gurli anzuſchnauzen. Eines Abends bat man Amy, zu ſingen. Sie wies alle an ſie geſtellten Bitten mit der Erklärung ab, ſie habe ein Gelübde gethan, nicht eher zu ſingen, als bis ein gewiſſer Wunſch von ihr in Erfüllung gegangen wäre. Indem ſie dieß ſagte, ſah ſie Allon an und lächelte. Etwas ſpäter, an demſelben Abend, nach dem Souper, kam Stephan auf ſie zu, während ſie bei Allon ſtand und mit ihm ſcherzte. „Ich hoffe, Signora,“ äußerte Stephan,„daß Sie ſich der übrigen Geſellſchaft, welche eben einen Spa⸗ ziergang in den Wald hinaufmacht, anſchließen wer⸗ den. Waohrſcheinlich iſt es Ihnen entgangen, daß man gerade im Begriff iſt, aufzubrechen.“ „O ja, die Signora hat dieß wohl bemerkt,“ fiel Allon ein und ſchlenderte ſeinem Couſin einen zorni⸗ gen Blick zu,„aber dieſe Promenade iſt etwas lang, und die Signora zieht es deßhalb vor, daheim zu bleiben.“ „Da kann ich verſichern, daß Du dich irrſt,“ ent⸗ gegnete Stephan und ſah Allon feſt in's Geſicht.— zehn Arm, Signora,“ ſetzte er, zu Amy gewen⸗ et, hinzu. Amy nahm ſchweigend Stephans Arm und ſie zogen ab, um die Andern einzuholen, Allon blieb ſtehen und ſchaute ihnen nach. Einen Moment war er unentſchloſſen, ob er ihnen folgen, oder zurückbleiben ſollte, als plötzlich einer ſeiner Freunde ihm mit den Worten auf die Schulter klopfte „Zum Teufel, Stral, biſt Du rein verrückt oder was denkſt Du dazu, auf ſo offenkundige Weiſe deine Verzückung für Manſell Teverino an den Tag zu legen? Sängerinnen und Schauſpielerinnen bringt man ſeine Verehrung nur bei Lampenlicht dar, aber nicht, wenn die Sonne ſo hell wie jetzt ſcheint; das heißt insgeheim, und nicht vor Jedermanns Augen. Dein Benehmen gereicht deinen Güſten zum Aerger⸗ niß, und ich wünſche dich als dein Freund zu warnen.“ 1 Wir verlaſſen Allon und ſeinen Freund, deſſen Warnungen wahrſcheinlich den in ſolchen Fällen ge⸗ wöhnlichen Erfolg hatten, ſo viel als Nichts zu nützen, und wollen uns nach Stephan und Amy umſehen. Sie waren ſchweigend neben einander hingewan⸗ dert, bis ſie zu dem Waldweg gelangten, wo ſie die übrige Geſellſchaft eine Strecke weit vor ſich hatten und ſich ſofort in genügendem Abſtand hielten, ſo daß, was ſie mit einander ſprachen, von den Andern nicht behorcht werden konnte. Stephan brach zuerſt das Stillſchweigen. „Es ſind jetzt zwei Wochen, daß wir, Sie und ich, in dem Hauſe meiner Couſine faſt täglich beiſam⸗ men ſind, und ich ſomit Gelegenheit gehabt habe, Sie zu beobachten. Der Augenblick dürfte alſo jetzt ge⸗ kommen ſeyn, um unverholen mit Ihnen zu ſprechen. Amy, Sie ſpielen eine ſchlechte Rolle. Nehmen Sie ſich in Acht, denn es kann dieß Kummer und Elend für Andere, und bittere Reue für Sie ſelbſt hervor⸗ bringen.“ Ich ſpiele die Rolle, die mir beliebt, Signor,“ ſiel Amy ein,„ohne mich durch irgend Jemand davon abhalten zu laſſen. Rufe ich Kummer und Elend hervor, wohlan, ſo gebe ich Andern nur einen Theil von dem zurück, was mir zum Looſe beſchieden iſt. Was habe ich wohl zu verlieren? Nichts.— Was ich einmal zu gewinnen wünſchte, darauf darf ich, wie Sie mich gelehrt haben, nicht mehr hoffen, und wa⸗ rum ſollte ich deßhalb ganz ruhig mitanſehen, wie Andere eine Glückſeligkeit genießen, welche mir nie⸗ mals zu Theil werden kann.“ Amy's Augen blitzten, ihre Bruſt hob ſich un⸗ ruhig, ihr ganzes Weſen ſchien von Zorn durchglüht. „Sie ſind aufgeregt, Amy,“ fuhr Stephan kalt 19 Sie, da wir dort zuſammentrafen, mir verſprochen, dasſelbe einzuſtellen. Sie haben mit der ganzen Bos⸗ heit einer herzloſen Frau allmälig dieſen ſchwachen Ehemann verleitet, ſeiner Gattin eine offene Gering⸗ ſchätzung zu beweiſen, und zum Lohn dafür ihm ein holdes Lächeln geſchenkt. Ich frage Sie, können Sie nach allem dieſem irgend ein Mitleid von mir be⸗ gehren?“ „Wer hat mich boshaft, haßvoll und rachgierig ge⸗ macht?“ fiel Amy ein.„Sagen Sie, weſſen Fehler iſt es, wenn ich dieſe Frau verabſcheue?“ „Haben Sie die Güte, ruhig zu ſprechen,“ unter⸗ brach ſie Stephan,„denn ſonſt iſt es eine Unmöglich⸗ keit für uns, dieſes Geſpräch fortzuſetzen.— Man rechtfertigt ſich ſchlecht damit, daß man einem andern den Fehler zuſchieben will. Hier handelt es ſich üb⸗ rigens nur darum, daß Sie die Rolle, welche Sie bis⸗ her geſpielt haben, aufgeben müſſen. Wenn Sie Herrn von Stral auf die geringſte Weiſe aufmuntern, ſo daß er ſeiner Gattin wiederum ſo begegnet, wie er es in den letzten Tagen gethan hat, dann, Amy, ha⸗ ben Sie mir den Beweis geliefert, daß meine Achtung und Freundſchaft Ihnen von keinem Werth ſind. Dann iſt die Reihe an mir, Sie zu lehren, wie die Frau, die man verachtet, zu behandeln iſt.“ Stephan ſchwieg. Die Thränen, welche an Amy's Augenwimpern hingen, floßen über die Wangen hedab. Sie preßte die Lippen zuſammen, um den innern Schmerz zu be⸗ zwingen. Nach einer kurzen Pauſe nahm Stephan wieder das Wort: „Stral ſoll irgend einen Wunſch von Ihnen er⸗ füllen; iſt dem nicht ſo? Sie haben ihm zur Beloh⸗ —————— 20 nung verſprochen, erſt nachdem er Wort gehalten hat, ſich zum Singen überreden zu laſſen. Ich weiß nicht, um was es ſich handelt, aber ich ahné, daß es auf irgend eine neue Verrätherei gegen Gurli abzielt. Sie werden den ausgeſprochenen Wunſch zurücknehmen; denn mit dem erſten Ton, den Sie zu Birgersborg ſingen, haben Sie mich in Ihren Feind verwandelt.“ Amy neigte das Haupt noch tiefer. Stephan beſchleunigte ſeine Schritte, und in Kur⸗ zem befand er ſich mitten unter der erſtaunten Geſell⸗ ſchaft, welche bereits alle möglichen Betrachtungen über das anſtößige Benehmen von Allon und Amy, daß ſie ſich den übrigen Spaziergängern nicht ange⸗ ſchloſſen hatten, unter ſich anſtellten. X. Am nächſten Morgen verabſchiedete ſich Stephan von Kapitän A.; er mußte unbedingt eine Reiſe nach Breddal machen und konnte nicht länger bleiben. Doch ſprach er die Hoffnung aus, gleichzeitig mit den An⸗ dern, welche noch ein paar Tage bei dem Kapitän blieben, in Birgersborg einzutreffen. Der gaſtfreie Wirth arrangirte eine pikante Luſt⸗ partie nach der andern. Amy hatte nach der Unterredung mit Stephan ſich in ihrem Benehmen gegen Allon völlig verändert. Sie wies ſeine zudringliche Aufmerkſamkeit mit ſo wenig Zartgefühl zurück, daß er mehr als einmal ein unwiderſtehliches Verlangen empfand, die Kälte, welche ſie ihm bewies, und welche er ganz richtig Stephans 21 Einfluß zuſchrieb, auf die eine odere andere Art zu beſiegen. Jeder Widerſtand reizt an. Allon's Intereſſe für Amy war in Wirklichkeit niemals ſehr groß geweſen; nun aber wurde es durch ihr verändertes Benehmen in hohem Grade geſteigert. Endlich, nachdem man eine ganze Woche bei dem Kapitän X. zu Gaſte geweſen, trat man die Rückreiſe nach Birgersborg an. Als man in die bereitſtehenden Wagen ſteigen ſollte, hatte Allon hin und herzuſpringen, hier der einen, dort der andern Dame zu helfen, ſo daß man nicht recht wußte, wo man ihn eigentlich zu ſuchen hatte. Außerdem dachte in dieſem Augenblick Jeder an ſich ſelbſt. Gurli und Allon ſollten mit einander, wie aus⸗ gemacht worden, in einer zweiſitzigen Droſchke fahren; aber als Gurli eingeſtiegen war, ergab ſich, daß ſie Fräulein D. mitnehmen mußte, weil dieſelbe das Rück⸗ wärtsfahren nicht ertragen konnte. Der Wagen ſetzte ſich in Bewegung. Gurli, welche erwartet hatte, Allon werde auf dem Bock Platz nehmen, ſchaute rings um ſich, um nach ihm zu ſehen; aber in dieſem Augenblick rief Allon dem Kutſcher zu:„Vorwärts!“ Jetzt gewahrte Gurli ihren Mann und Amy in dem kleinen Jagdwagen. Bei dieſem neuen Beweiſe von Verachtung des Anſtandes und Beiſeiteſetzung jeder Rückſicht gegen ſie war Gurli einer Ohnmacht nahe. Sie lehnte ſich in die Ecke der Droſchke zurück und hörte nicht auf das, was Fräulein D. jagte. Als man in Birgersborg ankam, begab ſich ße dermann auf ſein Zinimer, um ein wenig auszuruhen und Toilette zu machen. Am Abend wollte man ſich, wie gewöhnlich, auf der Terraſſe oder in der Villa verſammeln. Gurli, deren. ganzes Innere in Aufruhr war, eilte gleichfalls hinauf in ihr Zimmer, um allein mit ſich ſelbſt den Sturm, der ſie ergriffen hatte, zu be⸗ ſchwichtigen und ſich ſo in den Stand zu ſetzen, am Abend die Honneurs zu machen. Die Fenſter in Gurli's Wohnung gewährten nur die Ausſicht nach der Hrangerie und dem Walde. Sie ſetzte ſich an eines derſelben, ſchaute hinaus uud verſank in Gedanken, die nichts weniger als angenehm ſeyn mochten. Allon war der erſte von der Geſellſchaft, welcher ſich auf der Terraſſe einfand. Stephan war noch in Birgersborg. Etwas, wo⸗ von ſich Amy bei ihrer Ankunft ſogleich unterrichtete. Etwas ſpäter als Allon trat Amy in den Soal im Erdgeſchoß; von einem an Schrecken grenzenden Erſtaunen betroffen, blieb ſie ſtehen vor dem blenden⸗ den Tageslicht, weiches in das Zimmer einſtrömte. „Die Bäume!“ rief ſie und eilte auf die Terraſſe. Die alten Linden, mit Ausnahme der zwei an der Treppe, waren fort. „Was haben Sie gethan, Herr von Stral?“ rief Amy voll Beſtürzung und wandte ſich zu Allon. Sie hatte auf dem Heimweg von Kapitän A. gegen Allon erklärt, daß er dem, was ſie in Bezug auf das düſtere Ausſehen in Birgersborg geſagt, durch⸗ aus kein Gewicht beilegen ſollte. „Ich ſagte Ihnen ja, die Bäume ſollten verſchwin⸗ den, da Sie es einmal wünſchten,“ erwiederte Allon und küßte Amy die Hand, indem er hinzuſetzte: „Habe ich Ihnen nun bewieſen, welchen hohen Werth Ihr Geſang, Ihr Lächeln und Ihr Frohſinn 3 für mich hat? Es bleibt jetzt nur noch übrig, daß Sie Ihr Verſprechen gegen mich einlöſen.“ „Und Ihre Frau?“ ſtammelte Amy, welche mit innerlichem Schrecken an Stephan dachte. Allon zuckte leicht die Achſeln und ſagte gleich⸗ giltig: „Sie iſt meine Frau und muß ſich ſomit in“ dus fügen, was ich zu thun für gut finde. Laſſen Sie uns nicht von ihr reden, ſondern von Ihnen und Ihrem Verſprechen zu ſingen. Die heitern Töne Ihrer Stimme ſollen verkündigen, daß dieſes düſtere Ge⸗ bäude hinfort eine Behauſung der Freude ſeyn wird.“ „Ja, Signora, Sie dürſen ſich nicht länger wei⸗ gern, uns Ihren Geſang hören zu laſſen,“ ertönte eine unnatürlich helle Stimme von der Thüre des Saales. Allon und Amy drehten ſich um. Eurli ſtand auf der Schwelle. Sie war ſo bleich, daß ihr Antlitz beinahe wie durchſichtig erſchien; aber ſie trug ihr blondgelocktes Haupt ſo hoch, daß ſie in dieſem Augenblick größer als ſonſt ausſah. Ihr Auge weilte nicht auf Allon, ſondern auf Amy; es erglänzte in wunderbarer Weiſe, wie der Stern erglänzt, wenn er auf den Trug und die Ried⸗ rigkeit der Erde niederſchaut. Amy ſenkte unwillkürlich die ihrigen vor der Frau, welcher ſie in dieſen letzten Tagen ſo manchen Stich verſetzt hatte. Burli wandte ſich in den Saal hinein, indem ſie hinzufügte: „Da kommen unſere übrigen Gäſte... Was halten die Herrſchaften von der Veränderung hier auf der Terraſſe, welche wir, mein Mann und ich, treffen ließen? Hat der Platz nicht dadurch gewonnen? Be⸗ 2 merken Sie, wie heiter und ſchön das ganze untere Stockwerk geworden iſt?“ „Wie ſchade, daß die ſchönen Bäume gefällt worden ſind!“ riejen Mathilde Braun und einige der älteren Perſonen. Die jungen Leute ſchwiegen und dachten, daß Birgersborg dadurch bedeutend verloren hätte. Einige der Herren jedoch, welche ſtets derſelben Meinung wie Gurli waren, verſicherten, man hätte auf keine glücklichere Idee gerathen können. Lieutenant D. fagte Nichts, warf aber auf Allon einen beinahe verächtlichen Blick, der indeſſen von demſelben nicht bemerkt wurde. Allon hatte für jetzt nur einen Gedanken, nämlich den, Amy ſingen zu hören. Jachdem Amy ſich verſichert hatte, daß der Be⸗ zirksrichter Braun noch nicht angekommen war, ſetzte ſie ſich an das Piano. Nach einigem Präludiren ließ ſie ihren Geſang ertönen. Es war eine Stimme, welche auf die wunder⸗ barſte Weiſe anſprach. So mußte ein Geiſt der Hölle ſingen, wenn er die Sterblichen verſucht, Gott und das Recht zu vergeſſen. Das Piano hatte ſeinen Platz der Thüre gegen“ über, welche in den Saal hinausführte. Amy ſaß mit dem Rücken gegen die Wand ge⸗ ee und hatte ſomit die genannte Thüre gerade vor ſich. Sie hatte die Hälfte der begonnenen Arie ge⸗. ſungen, als ſie die Augen von den Noten erhob und gerade vor ſich hinblickte. Die geöffneten Lippen, auf welchen die Töne ſchwebten, ſchioßen ſich plötzlich, die mit Purpurgluth 25 bedeckten Wangen erbleichten, die über die Taſten ei⸗ lenden Finger hielten ſtill. Unter der Thüre, die Augen auf ſie geheftet, ſtand Stephan. Er ſah aus wie der Engel der Gerechtigkeit mit dem gezückten Schwerte. Amy fuhr vom Inſtrumente auf, ſtrich ſich mit der Hand über die Stirne und ſtammelte Etwas von plötzlichem Unwohlſeyn. 3 Man eilte herbei. Allon warf einen Blick in den Saal hinaus, aber Niemand war zu ſehen. Stephan war wieder verſchwunden, ohne daß Jemand außer Amy und Gurli ihn bemerkt hatte. Nachdem man von Rechts und Links mit Waſſer, Riechſalz und Fau-de Cologne herbeigekommeu war, erholte ſich Amy wieder. Sie fühlte ſich beſſer, aber dennoch war es ihr unmöglich, wieder zu ſingen. Eine halbe Stunde hernach trat Stephan ein und begrüßte die übrige Geſellſchaft. Nachdem er einige ſcherzhafte Worte gegen Gurli geäußert, ſich nach dem Befinden ſeiner Mutter er⸗ kundigt und ſeine Verwunderung darüber zu erkennen gegeben hatte, daß unter ſo vielen muſikaliſchen Per⸗ ſonen ſich nicht eine befand, welche der Geſellſchaft Ctwas vorſpielte, näherte er ſich Allon, welcher in düſterer Stimmung an einem Fenſter ſtand und hin⸗ ausſchaute. „Als ich vorhin hier anlangte, hätte ich Birgers⸗ borg beinahe nicht wieder erkannt, ſo verändert kam es mir vor,“ ſagte Stephan.„Ich war ganz erſtaunt über die Eilfertigkett, womit Du den Wünſchen dei⸗ ner Frau entgegenkamſt, indem Du die alten Bäume auf der Terraſſe niederhauen ließeſt. Man kann wahr⸗ haſtig kein liebenswürdigerer Ehegatte ſeyn.“ 26 „Es freut mich, daß Du ſo dentſt,“ antwortete Allon und fah ſeinen Couſin mit einem Blick an, der nur zu viel von der Feindſchaft errieth, welche zwiſchen ihnen in den Kinderjahren geherrſcht hatte. „Ich weiß, daß Du immerdar auf mein Urtheil einigen Werth gelegt haſt,“ ſetzte Stephan lächelnd hinzu. Er entfernte ſich einige Schritte von Allon, drehte ſich aber wieder um und ſagte: „Ach, ich hätte beinahe vergeſſen, dich von Grün⸗ lund zu grüßen. Ich brachte ein paar Stunden bei dem Comminiſter zu, und er erzählte mir, er habe während der Zeit, da ihr nicht hier geweſen, eine ſehr angenehme Bekanntſchaft an Madame Teyerino ge⸗ macht. Er wunderte ſich darüber, daß er dich ſo lang nicht bei ſich geſehen, und ſchien beunruhigt deßhalb, daß Du ihn ſo ganz vergeſſen habeſt.“ Stephan warf, indem er dieß ſagte, Allon einen langen, ganz beſondern Blick zu, drehte ſich auf dem Abſatz herum und näherte ſich Amy. „Ich hoffe, daß Ihr plötzliches Unwohlſein vor⸗ über iſt,“ äußerte er in artigem Ton,„und daß Sie ſich jetzt vollkommen wohl beſinden.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete ſie, ohne das Auge zu erheben. „Das freut mich,“ fuhr Stephan fort,„aber es ſollte Sie lehren, der Vorſchrift des Arztes, welcher Ihnen das Singen verboten hat, nicht Trotz zu bieten. Welche Unbeſonnenheit, ſeinen Rath zu vergeſſen!“ „Iſt der Signora das Singen verboten?“ fiel der Kammerjunker F. ein, von Allon's Freunden einer, welcher ſich gern das Anſehen geben wollte, als wäre er in die ausländiſche Sängerin heftig verliebt. „Die Frage wurde direkt an Amy geſtellt. W Stephan ſah dieſelbe an, als wäre er ebenſo bei der Antwort intereſſirt, wie der Kammerjunker. „Es iſt mir wirklich das Singen auf einige Zeit verboten worden,“ entgegnete Amy nach einem augen⸗ blicklichen Zögern. „Und Sie haben es dennoch gethan? Ach, mein Gott, welche Unvorſichtigkeit!“ brach der Kammerjunker aus und gerieth in förmliche Eytaſe aus purem Schrecken über Amy's Unwohlſeyn, die Gefahr, welche ihre Stimme, ihr Leben u. ſ. w. be⸗ rohte. Stephan ergötzte ſich augenſcheinlich an der De⸗ klamation des jungen Mannes, und zwar in ebenſo en Grade, als Amy dadurch gequält zu werden ien. Endlich ſchnitt ſie dieſelbe mit den Worten ab: „Ich verſichere Sie, mein Herr, daß ich nicht mehr ſingen werde, ſo lang es mir verboten iſt.“ Amy erhob ſich von ihrem Platz. Stephan folgte ihrem Beiſpiel. „Signora, Sie bedürfen ein wenig der friſchen Luft,“ ſagte er.„Wollen Sie nicht in meiner Geſell⸗ ſchaft die Veränderung auf der Terraſſe betrachten? Belieben Sie meinen Arm zu nehmen.“ Schweigend nahm Amy denſelben. Sie ſchien zu frieren und hüllte ſich dichter in die Mantille. Ein leichtes Zittern ging durch ihre Glieder. Sie ſtanden nun auf der Terraſſe. Stephan ließ ihren Arm los, warf einen Blick um ſich und äußerte: „Sie wollen mich alſo zum Feinde haben?“ Amy ſetzte ſich mit einer Geberde der Ermüdung, als ob ſie ſich nicht aufrecht zu halten vermöchte. „Sie haben erreicht, was Sie wünſchten; doch, ich habe Unrecht, es kann Alles noch geſühnt werden. Reiſen Sie, reiſen Sie, bevor die Sonne das nächſte Nal untergeht und mit ihren Abendſtrahlen dieſen Platz beleuchtet, ein trauriges Denkmal Ihrer Grau⸗ ſamkeit gegen eine Frau, welche Ihnen niemals Etwas zu Leide gethan hat.— Wenn Sie morgen um dieſe Zeit fort ſind, werde ich vergeſſen, daß ich Amy von einer andern Seite kennen gelernt habe, als damals, wo ſie eine ſolche“— er brach eine Blume—„mir in's Knopfloch ſteckte und mich ihrer Zuneigung ver⸗ ſicherte. Bleiben Sie dagegen hier, wo Sie bereits Anlaß zu ſo großer Unruhe und Verwirrung gegeben, ſo haben Sie mich ewig zum bitterſten Feinde.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ Stephan die Terraſſe. Amy blieb noch einige Minuten wie zermalmt ſitzen; dann ſprang ſie auf und murmelte: „Jo, ich muß fort von hier.— Der Anblick dieſer Frau verwondelt meine Seele in einen Abgrund böſer Gedanken und Gefühle. Wenn ich ihn an ihrer Seite ſehe, und ſie ſo ſchön, ſo ungewöhnlich und ſo reich begabt, ſo erſcheint es mir nicht anders möglich, als daß er ſie liebe, und mein ganzes Weſen wird von einem grenzenloſen Haß erfüllt, für deſſen Befrie⸗ digung ich mein zeitliches und ewiges Heil auf das Spiel ſetzen tönnie Amy eilte auf ihr Zimmer. Sie empfand das Bedürfniß, allein zu ſeyn; ſie wollte der Nothwen⸗ digkeit entgehen, eine Rolle zu ſpielen und zu lächeln, während ſie ſich niedergedrückt und zermalmt fühlte. Sie wünſchte ſich ſelbſt entfliehen zu können. Es war Nacht. In dem großen Gebäude zu Birgersborg wachte oder ſchlief man, jeder nach ſeinem Geſchmack, denn die Anweſenden hatten einander gute Nacht geſagt und ſich auf ihre Zimmer begeben. Gurli, welche ihren ganzen Stolz hatte aufbieten müſſen, um den Schmerz, welchen ſie beim Anblick der Zerſtörung auf der Terraſſe empfand, zu beherr⸗ ſchen, hielt es nun an der Zeit, dem Beſtreben ihres Mannes, ihre Eiferſucht zu reizen, eine Grenze zu ſetzen. Sie wollte ihm ſagen, es ſey nicht ihre Abſicht, es länger zu dulden, daß er ſie beide durch ſein Be⸗ tragen dem Skandale preisgebe. Entweder müſſe Madame Teverino mit ihrer Tochter Birgersborg ver⸗ oder ſehe ſie, Gurli, ſich gezwungen, dieß zu thun. Feſt entſchloſſen, ihre Meinung gegen ihn auszu⸗ ſprechen, ſobald ſich die Geſellſchaft zurückgezogen hätte, begab ſich Gurli in Allon's Zimmer. Sie fand ihn in ſeinem Arbeitskabinet mit Schreiben beſchäftigt. Bei ihrem Eintritt ſchaute Allon auf, runzelte die Stirne und ſagte in ſtrengem Ton: „Warum haſt Du dich nicht niedergelegt? Ich habe einige dringende Briefe zu ſchreiben und wünſche in Ruhe gelaſſen zu werden.“ So dringend deine Briefe ſeyn mögen, können ſie doch nicht dringender ſeyn, als was ich dir zu ſagen habe, und deßhalb, lieber Allon, bitte ich dich, Schwartz, Der Rechte. III. 3 . 30 die Feder wegzulegen. Wir müſſen uns gegenſeitig erklären.“ „So ſcheint es dir, und darum glaubſt Du, es müſſe geſchehen,“ fiel Allon heftig ein und ſprang auf; „aber ich kann nicht begreifen, warum ich mich be⸗ ſtändig von dir tyranniſiren laſſen ſoll. Nun will ich Frieden haben, und werde es aush, und ſollte ich dich bis zur Thüre begleiten müſſen, um deiner los zu werden.“ Der ungeduldige Chemann hatte Gurli's Hand ergriffen, in der deutlichen Abſicht, dieſelbe hinauszu⸗ führen; aber Gurli zog ſie zurück. „Allon!“ war Alles, was ſie ſagte. Der Ton und Blick, womit dieſes einzige Wort bekräftigt wurde, weckte Allon zur Beſinnung. Er warf ſich auf einen Sopha und äußerte mißvergnügt, aber bedeutend ruhiger: „Nun, da es einmal eine Vorleſung geben ſoll, welche die Beſchwerde über die niedergehauenen Bäume zum Inhalt hat, ſo mag es gleich geſchehen. Ich bin bereit, zu hören, was Du zu ſagen haſt, wenn nur meine, Zeit nicht allzu lang in Anſpruch genommen wird. „Ich habe noch keine Vorleſung gehalten,“ ant⸗ wortete Gurli ſtolz,„und komme auch nicht, um es jetzt zu thun.— Ungeachtet ich deine Handlungsweiſe, zum Mindeſten geſagt, unedel finde, bin ich doch nicht hier, um dich deßhalb zur Rede zu ſtellen.“ „Nicht— nun, das iſt ſehr erbaulich zu hören, beſonders da Du es ſchwerlich thun könnteſt, nachdem 6 ich jetzt Herr in meinem Hauſe bin; oder haſt Du das vielleicht vergeſſen?“ Walters Prophezeiung fiel Gurli ein. Sie dachte beinahe mit Entſetzen daran, daß ſie ſo ſchnell in Er⸗ füllung gegangen war. 2 „Ich habe Nichts vergeſſen,“ erwiderte Gurli, „und darum habe ich auch nicht die Abſicht, von Etwas zu reden, was geſchehen kann, ſondern von dem, was anders werden muß.“ „Und was wäre dieß, wenn ich fragen darf? Etwa die Zurücknahme des Papiers, welches Du mir vor einigen Tagen zugeſtellt haſt?“ „Du irrſt dich. Was ich dir mitzutheilen habe, betrifft die Teverinos. Morgen beabſichtige ich, Ma⸗ dame Teverino zu ſagen, es ſey mein Wunſch, daß ſie mit ihrer Tochter unſer Haus verlaſſe. Ich wollte dich zum Voraus von dieſer Maßregel unterrichten, damit Du mich nicht beſchuldigſt, als ob ich hinter deinem Rücken handelte.“ Gurli wandte ſich nun ſelbſt nach der Thüre. „Dieſe Maßregel wirſt Du nicht in Ausführung bringen,“ rief Allon,„wenn Du nicht einen öffentlichen Skandal herbeiführen willſt.— Madame Teverino und ihre Tochter ſind meine Gäſte; und wenn Du ſie gehen heißeſt, ſo weiſe ich den Verwandten deiner Mutter die Thüre. Ja, bei meiner Ehre, ich ſchicke Tante Mathilde und alle deine Gäſte fort, wenn Du unterſtehſt, Madame Teverino ein einziges Wort zu ſagen.“ 3. Gurli drehte ſich noch einmal um und betrachtete Allon. Ihr von Natur heftiges Temperament ſchien in Flammen auflodern zu wollen; aber noch behielt ſie hinreichende Beſinnung, um auf das Schloß zu drücken und zur Thüre hinauszueilen, damit ſie nicht im nächſten Augenblick ihre Heftigkeit zu bereuen hätte. Als Gurli von Allon ſich entfernte, begab ſie ſich nicht auf ihr eigenes Zimmer, ſondern ſchlich ſtill und haſtig die Treppe hinunter, über den Vorplatz und fort nach dem Kirchhof. Gurli eilte durch den Wald, als ob ſie von den Furien gejagt würde. Es ſah aus, als ob ſie allen den Martern entfliehen wollte, welche ihre Bruſt erfüllten, um wo möglich an ihrer Mutter Grabe den Frieden und die Seelenſtärke, deren ſie jetzt entbehrte, wieder zu finden. Ohne ſich nur Zeit zum Athemholen zu nehmen, ſtürzte ſie vorwärts und hielt erſt an, als ſie vor der niedrigen Kirchhofmauer ſtand. Sie drückte einen Augenblick ihre beiden Hände auf die Bruſt, als ob ſie den Schlag ihres Herzens ſtillen wollte, und trat ſo mitten unter die Gräber. An der Ruheſtätte ihrer Mutter angekommen, ſchlang Gurli ihre Arme um das Marmorkreuz, drückte ihr Geſicht an daſſelbe, während die heißen Thränen über ihre Wangen floſſen. Eine lange, lange Weile blieb ſie unbeweglich. Endlich ſchlüpften über die zitternden Lippen unzu⸗ ſammenhängende Worte: Sie murmelte: „Mutter, Mutter, gib mir deine ſtille Ergebung; lehre mich, wie ich ſeyn ſoll; erleuchte mich mit deinem Geiſte, damit mein Herz nicht ſterbe in dieſem Kampfe, und meine Seele nicht verbittert, mein Sinn nicht verhärtet werde. Sage mir, von wem ſoll ich Geduld, Verträglichkeit, Nachſicht und Milde lernen?“ „Von Chriſto!“ ließ ſich eine Stimme ganz in ihrer Nähe vernehmen. Gurli's Schluchzen hörte auf, aber ohne daß ſie ihre Stellung veränderte oder zu dem aufſchante, wel⸗ 33 cher dieſe ernſte Weiſung ausgeſprochen hatte, die einen ſo wunderbaren Widerhall in ihrem Innern fand. „Fliehe zu Gott, anſtatt zu einem Grab,“ begann dieſelbe Stimme wieder,„und Du wirſt alle die See⸗ lenſtärke ſinden, welche Du vergeblich am Fuße dieſes Kreuzes ſuchſt. Es gibt blos eine Quelle, woraus der Menſch wirklich Muth ſchöpfen kann, und dieſe Quelle iſt die Religion; nur einen Weg, welchen wir gehen können, um das Gute und Rechte zu finden, und dieß iſt der, welchen uns Chriſtus zu wandeln gelehrt hat.“ Die Stimme hatte mit jenem zu Herzen gehen⸗ den Ton geſprochen, welchen nur eine tiefe, feſte und heilige Ueberzeugung zu verleihen pflegt. Die feierlichen, an dieſem Orte und in dieſem Augenblicke ausgeſprochenen Worte hatten etwas wahr⸗ haft Ergreifendes. Als ſie verſtummten, erbebte Gurli's Herz: aber noch rührte ſie ſich nicht von der Stelle. Das Geräuſch von Schritten, wie wenn Jemand ſich entfernte, gelangte an ihr Ohr: es verlor ſich allmälig, und wiederum wurde es ſtill um die auf den Knieen liegende junge Frau. Die Arme, welche das Kreuz umfaßt hatten, ließen von demſelben los. Sie erhob ſich, blieb lang neben dem Grabe ſtehen, ſchaute zu dem Nachthimmel auf, flüſterte noch einmal ihrer Mutter Namen und ſchickte zum erſten Mal in ihrem Leben ein inniges Gebet direkt zu Gott empor. Als ſie langſam nach Hauſe zurückkehrte, hatte ſich eine ſtille Ruhe über ihr Angeſicht verbreitet, XII. Jetzt eine kleine Erklärung über den Vorfall auf dem Kirchhofe. Während der kurzen, aber heftigen Unterredung zwiſchen Gurli und Allon hatten ſie nicht darauf ge⸗ achtet, daß das Fenſter in des letzteren Kabinet, wo ſie ſich befanden, offen ſtand. Daſſelbe ging auf die Terraſſe, und jedes Wort, welches zwiſchen den beiden Gatten geſprochen wurde, konnte man alſo daſelbſt hören. Obwohl es ſchon ziemlich ſpät an der Zeit war, fanden ſich doch noch zwei Perſonen auf der Terraſſe, welche daſelbſt verweilten, um die ſchöne Sommer⸗ nacht zu genießen und ihre Cigarren auszurauchen. Pieſe beiden waren Stephan und Lieutenant D. Bei den erſten Worten zwiſchen Gurli und Allon erhob ſich Stephan und bemerkte gegen den Lieute⸗ nant: „Komm, laß uns gehen; es wäre nicht ſehr zart⸗ fühlend, wenn wir uns zu Zeugen von dem machen wollten, was Frau und Mann einander zu ſagen haben.“ Dieſer theilte Stephans Anſicht. Sie ſtiegen alſo die Terraſſe hinab und machten noch einen Gang durch den Garten, wornach ſie ſich trennten und der Lieutenant ſich auf ſein Zimmer verfügte. Stephan, welcher noch gar nicht ſchläfrig war, blieb eine Weile an dem Fenſter ſeines Schlafzimmers, das auf den Hof ging, ſtehen. Er dachte an Gurli, an die Worte, welche er von 35 dem Beginn des Geſprächs zwiſchen ihr und Allon aufgefangen hatte, und überlegte bei ſich, wie und wodurch man den Mißhelligkeiten, welche bei den⸗ ſelben immer weiter um ſich griffen, ein Ziel ſetzen könnte. „Ich will morgen mit Gurli reden,“ ſprach Ste⸗ phan bei ſich;„ſie ſcheint ihre Stellung nicht klar aufgefaßt zu haben, noch weniger die Mittel, welche ſie anwenden muß, um ihres Mannes Zuneigung, von deren Verluſt ſie bedroht iſt, wieder zu gewinnen. — Ich will und werde ernſtlich mit ihr reden, und ſo, daß ſie einſehen muß, wie Recht ich dabei habe.“ In demſelben Augenblick, da er dieſen Entſchluß faßte, wurde er eine Frauengeſtalt gewahr, welche an dem Fenſter vorüber eilte. Er erkannte Gurli, und ſo plötzlich ſie auch an ihm vorüberhuſchte, glaubte er doch aus ihren haſtigen Bewegungen ſchließen zu dürfen, daß ſie heftig auf⸗ geregt war und in einem Gemüthszuſtande ſich befand, bei welchem es nicht gerathen ſchien, ſie ganz allein ſich ſelbſt zu überlaſſen. Stephan folgte alſo Gurli auf der Stelle nach. Wäre die junge Frau nicht ſo außer ſich geweſen, ſo hätte das Geräuſch ſeiner Schritte ſicherlich ihre Aufmerkſamkeit erregt und ſie vielleicht zurückgehalten. Nun war aber Gurli von ihren Gefühlen wie betäubt und flog alſo ihres Wegs dahin, gerade wie ſie in jüngeren Jahren zu thun pflegte, wenn ihr Gemüth das Gleichgewicht verloren hatte. Auf dem Kirchhof war Stephan Zeuge von dem wilden Ausbruch des Schmerzes geweſen, und als er die Worte auffing, welche über ihre Lippen ſich Bahn brachen, hatte er auf die Frage, welche ſie in ihrer Verzweiflung an den Schatten ihrer Mutter richtete, eine Antwort gegeben. Darauf war er wieder zurückgetreten, um in eini⸗ gem Abſtande und unbemerkt von Gurli darüber zu wachen, daß ſie ohne Abenteuer wieder nach Hauſe gelangte. Eine gute halbe Stunde, nachdem Gurli in ihr Zimmer getreten war, ging auch Stephan über den Hof und nach dem Flügel, wo er wohnte, ohne daß Gurli von dem Entſchluße Stephans, ihr bis hieher zu folgen, eine Ahnung gehabt hatte. Amy Teverino hatte an demſelben Abend ihrer. erklärt, daß ſie am folgenden Tage abreiſen müßte. Da Madame Teverino darauf nicht eingehen wollte, hatte Amy beftig ausgerufen: „Ich habe Braun verſprochen, von hier abzu⸗ ziehen; er hat es von mir verlangt, und wenn Mama mich nicht begleiten will, ſo gehe ich allein fort.“ „Ah ſo, er hat es verlangt,“ bemerkte Madame Teverino,„und Du gehorchſt ihm, wie ein Sclave ſeinem Herrn.“ „Ja, ſein Wort iſt mir Geſetz. Ich hänge an ihm mit Dankbarkeit, Bewunderung und— Liebe. Ich möchte ein Engel werden können, um einen Blick der Billigung aus ſeinem Auge zu verdienen, und nun, nun haſt Du, Mutter, mich beinahe in ginen Dämon verwandelt. Ich erröthe über mich ſelbſt, wenn ich ſeinem Blicke begegne, und wäre verſucht, die zu verachten und zu verabſcheuen, welche die böſen Gedanken in meiner Seele erw ecken. Alſo, wir reiſen morgen; ich will es und nun— gute Nacht.“ Amy verließ ihre Mutter und ſchloß ſich in ihrem Schlafzimmer ein. —— 2 9 Madame Teverino blieb an dem Fenſter ſitzen. Ihr Ausſehen war düſter, ihr Blick haftete an der Thür, welche ſie von ihrer Tochter trennte, und ſie ſprach bei ſich: „So nahe dem Ziele, und wieder von demſelben hinweggeriſſen zu werden. Nein, dieſe Reiſe wird nicht ſtattfinden, und ſollte ich Amy den Dolch in ihrer Her⸗ zenswunde umdrehen, irgend eine Geſchichte, wodurch ihre Eiferſucht gereizt wird, erdichten, zuſammenlügen müſſen, um ſie zum Bleiben zu beſtimmen. Madame Teverino ſtützte den Kopf in die Hand und verfank in Gedanken. Endlich ſtand ſie auf und flüſterte: „Was wage ich eigentlich? Richts; aber ich kann Alles gewinnen. Gelingt es mir, ſo wird mein Reich⸗ thum mich über alle Vergangenheit erheben; mißlingt es„ nun wohl, dann iſt die Welt groß genug für uns, ſo daß wir nicht mehr in dieſes Land zurückkeh⸗ ren brauchen.“ Sie wollte eben ihre Rollgardine herunterlaſſen und ſich zur Ruhe begeben, als ſie Gurli über den Hof und die Allee hinunter eilen ſah. Etwas erſtaunt, ihre Wirthin noch um dieſe Stunde außer dem Hauſe zu finden, ſchaute ſie der⸗ ſelben nach, wurde aber von einer wilden Freude er⸗ griffen, als ſie bald darauf eine männliche Geſtalt gewahrte, welche aus dem rechten Flügel trat und denſelben Weg wie Gurli einſchlug. Sie erkannte Stephan. „Dieß war das Schickſal mir ſchuldig,“ murmelte Madame Teverino, und ihre ſchwarzen Augen funkel⸗ ten.„Jetzt möchte ich wiſſen, wer Amy von hier eher ſortbringen ſoll, als ich es will.— O, Herr Braun, Sie haben alſo meine Behauptung, Sie ſeien in Ihre 6 38 ſchöne Couſiue verliebt, zur Wirklichkeit gemacht. Mir ſelbſt unbewußt, ſprach ich die Wahrheit, als ich Amy auf den Glauben bringen wollte, daß es ſich ſo ver⸗ hielte. Nun wollen wir ſehen, wer von uns beiden der Mächtigſte iſt, Sie oder ich.“ Sie rief alſo ihrer Tochter. „Stehe auf, Amy; und Du haſt Gelegenheit, dich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Braun und Frau von Stral zu dieſer Stunde eine nächtliche Zu⸗ ſammenkunft haben.“ Stumm wie das Grab, finſter wie die Winter⸗ nacht, bebend vor Angſt, ſaß Amy am Fenſter, um Gurli's und Stephan's Rücktehr zu erwarten. Die erſtere kangte endlich an, aber ganz allein. „Es wird wohl nicht lang anſtehen, ſo kommt auch er zum Vorſchein,“ bemertte Madame Teverino. Eine halbe Stunde verfloß, und dann näherte ſich Stephan von derſelben Richtung her wie Gurli. Amy erhob ſich von ihrem Platz mit einem Seuf⸗ zer, ſo tief, ſo voll von Qual und Zorn, daß er für ihre Abſtammung aus dem Süden Zeugniß gab. „Wir bleiben,“ ſagte ſie und kehrte in ihr Zim⸗ mer zurück. XII. Gurli ſtand am Morgen nach der eben geſchilder⸗ ten Nacht im Begriff, ſich mit Hülfe ihrer Kammer⸗ jungfer Lotta, eines jungen Mädchens, das ſie von Stockholm mitgebracht hatte, anzukleiden, als die alte Liſa, auf ihre Krücke geſtützt, eintrat. Die Alte war von einem Rervenſchlag gerührt 39 worden und konnte ſich nur mit Mühe von einem rt zum andern bewegen. „Wenn die gnädige Frau es erlaubt, ſo möchte ich einige Worte mit ihr ſprechen.“ „Iſt es etwas Beſonderes, das Du von mir haben willſt, liebe Liſa?“ fragte Gurli freundlich und konnte ſich einer gewiſſen Rührung nicht verwehren, wenn ſie bedachte, daß Liſa nunmehr das einzige treuergebene Weſen war, welches Gurli noch in ihrer Nähe hatte. „Allerdings,“ antwortete Liſa und warf einen mißtrauiſchen Blick auf das gräulich⸗bleiche, verſchloſ⸗ ſene Angeſicht der Kammerjungfer. Gurli bedeutete Lotta durch einen Wink, ſich zu entfernen. Als die Thüre ſich hinter derſelben geſchloſſen hatte, äußerte Liſa mit leiſer Stimme: „Das Ausſehen dieſer Lotta gefällt mir nicht, ich habe einen förmlichen Widerwillen gegen ſie.“ „Liebe Liſa, ſie iſt ſo ſtumm und unanſtößig wie möglich,“ erwiederte Gurli.—„Nun was wollteſt Du mir ſagen, Alte?“ ſetzte ſie dann hinzu und klopfte ihr auf die Schulter. „Ei, ich wollte blos fragen, ob es mit Wiſſen und Willen der gnädigen Frau geſchieht, daß Fiſcher⸗ Matthes aus der Hütte im Park vertrieben wird und Befehl erhalten hat, über Hals und Kopf ſich mit Kind und Kegel fortzupacken. Wenn es ſich ſo ver⸗ hält, ſo hat die gnädige Frau Unrecht daran gethan, daß ſie denſelben nicht zu Frau Herner ziehen ließ, als dieſe ihn zur Hut ihres Fiſchwaſſers zu ſich neh⸗ men wollte. Matthes hat geſtern den ganzen Tag Gelegenheit geſucht, mit Ihnen zu ſprechen, aber es war geradezu unmöglich. Der Inſpektor und das —— WVolk hat ihn fortgejagt und mit Schlägen bedroht, wenn er ſich noch einmal auf dem Herrenhofe blicken ließe. Ich ſah geſtern Abend den Jungen von Mat⸗ thes, als er hier herumſchlich, um Ihnen wo möglich noch ein paar Worte zuzuflüſtern, und da erzählte er mir Alles. Ich ſchickte den Knaben nach Hauſe mit dem Beſcheid, ſein Vater ſollte daheim bleiben, bis er davon zu hören bekäme, was die gnädige Frau beſchloſſen hätte.“ Liſa berichtete dieß alles in einem Athem und mit der ganzen Haſt, womit alte Frauen, wenn ſie in einem Zuſtande von Gereiztheit ſich befinden, ihre Worte zu ſetzen pflegen. Gurli ließ die Alte ihre Herzensmeinung von ſich geben, ohne ſie zu unterbrechen; aber an deren Stirn⸗ runzein und Kopfſchütteln bemerkte man, daß dieſe Meldung keinen ſehr angenehmen Eindruck auf ſie machte. „Gewiß waltet hier ein Mißverſtändniß vor, liebe Liſa,“ ſagte Gurli, als die Alte fertig war,„und ich will ſelbſt nach der Sache ſehen.“ Sie ſtreckte die Hand aus, um Lotta zu klingeln, aber Lifa hielt ſie zurück und ſagte: „Ich hätte noch ein Wort weiter zu ſagen. Weiß die gnädige Frau ſchon, daß die ausländiſche Frau, welche ſo ſchwarz von Geſicht iſt, eine Fromme gewor⸗ den? Sie geht faſt jeden Tag zu dem Comminiſter und hat lange Unterredungen mit demſelben.“ „Nein, das weiß ich nicht. Dieß iſt jedoch Et⸗ was, das mich Nichts angeht, liebe Liſa. Meine Gäſte mögen thun, was ihnen beliebt; aber dieß iſt nicht der Fall mit dem Inſpektor.“ Jetzt klingelte Gurli. Eine kleine Weile darauf war ſie angekleidet, 41 griff nach Hut und Mantel und ſtieg ſofort die Treppe hinab. Hier begegnete ſie Madame Teverino, welche ihren gewöhnlichen Morgenſpaziergang vorzunehmen beabſichtigte; aber nachdem einige kalte Höflichkeits⸗ bezeugungen mit Gurli ausgewechſelt worden waren, wieder umkehrte. Die Luſt war ihr, ſagte ſie, zu und ſie mußte deßhalb einen wärmeren Shawl holen. Der Anblick der Italienerin machte auf Gurli einen höchſt unangenehmen Eindruck. Der Auftritt mit ihrem Mann am vergangenen Abend drängte ſich lebhaft ihrer Erinnerung auf. Ohne das geringſte Gewicht auf das, was Ma⸗ dame Teverino äußerte, zu legen, war Gurli ihres Wegs durch den Garten fortgegangen und hatte ſich dann nach dem Park gewendet. Madame Teverino hingegen blieb, als ſie in das Veſtibule gelangt war, ſtehen und horchte auf das Geräuſch von Gurli's Schritten. Als daſſelbe verſtummt war, öffnete ſie die Thüre zu Gurli's Privatwohnung und trat in den kleinen Salon. Sie eilte durch denſelben und machte vor⸗ ſichtig die Thüre des Toilettenzimmers auf. Ihre Bewegungen waren ſo lautlos geweſen, daß Lotta, welche ſich in demſelben Gemache befand, nicht das Mindeſte von dem Eintritt einer Perſon hörte. Die Kammerjungfer ſtand vor Gurli's Schreibtiſch, deſſen Klappe ſie zur Hälſte geöffnet hatte, und war damit beſchäftigt, einen friſch erbrochenen Brief mit ausländiſchem Poſtzeichen herauszunehmen. Gerade, als ſie denſelben in ihrer Hand hielt, äußerte eine Stimme hinter ihr: „Entſchuldigen Sie, Mamſell, welche Zeit iſt es? Meine Uhr iſt ſtehen geblieben.“ Lotta fuhr zuſammen, ſchloß haſtig die Klappe wieder und drehte ſich um, indem ſie den Brief, wel⸗ chen ſie in der Hand hielt, unter der Schürze zu ver⸗ bergen ſuchte. Die gnädige Frau hat ihre Uhr mitgenommen,“ ſtammelte ſie und vergaß in ihrer Beſtürzung, na der auf dem Schreibtiſch befindlichen Stußuhr zu deuten. Ihr einziger Gedanke war, auszuforſchen, ob Madame Teverino von dem Beſuch, den Lotta den Schubfächern ihrer Gebieterin machte, Etwas bemerkt hätte; aber ebenſo leicht wäre es ihr geweſen, die grauen Steinmauern von Birgersborg nach dem zu fragen, was im Laufe der Zeit innerhalb ihres Be⸗ reichs vorgefallen, als aus dem Geſichte von Madame Teverino herauszubringen, was ſie geſehen oder nicht geſehen hätte. „Das iſt verdrießlich,“ äußerte die letztere, welche gleichfalls ihre Gründe hatte, ſich zu ſtellen, als ob ſie die Stutzuhr nicht bemerkte, und machte eine Be⸗ wegung, wie wenn ſie wieder gehen wollte. Indeſſen fiel ihr Blick noch zufällig auf den Toilettentiſch und ſie rief: „Liegt da nicht die Uhr der gnädigen Frau?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ſie darauf zu, um ſich zu vergewiſſern, wie viel es an der Zeit ſey. Lotta benutzte dieſe Gelegenheit, um den Brief in ihre Taſche zu prakticiren— eine Bewegung, welche Madame Teverino im Spiegel deutlich wahrnahm. Aber jetzt war dieſe mit den Franſen an ihrem Shawl in Gurli's Uhrkette hängen geblieben und mußte alſo Lotta zu Hilfe rufen, um nicht die Uhr ſammt allen 43 daran befindlichen Berloquen vom Tiſche herunter⸗ zureißen. Endlich war ſie los, äußerte gegen Lotta einige freundliche und ſcherzhafte Worte über die Unord⸗ nung, die ſie hier angerichtet, und ſetzte dann mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu: „Sie brauchen, Mamſell Lotta, nichts davon zu ſagen, daß ich hier geweſen; und Sie können Ihrer⸗ ſeits dann auch vollkommen darüber beruhigt ſeyn, daß ich Nichts von dem, was ich hier geſehen habe, erwähnen werde.“ Damit war Madame Teverino fort, und Lotta fühlte ſich nichts weniger als wohl bei der Sache. Sie blieb auch, als die Italienerin ſich entfernt hatte, nicht länger in dem Zimmer, ſondern eilte, nachdem ſie den Schreibtiſch wieder verſchloſſen und den Schlüſſel in das Schubfach des Toilettentiſches gelegt hatte, hinunter, um den geſtohlenen Brief, welcher Tags zuvor von Walter an Gurli eingetroffen war, zu ver⸗ ſiegeln und fortzuſchicken. XV. Während Madame Teverino und Lotta dieſe kleine Komödie unter vier Augen ſpielten, ging Gurli mit haſtigen Schritten der Fiſcherhütte zu. Ihr Ausſehen zeugte von Mißvergnügen, war aber gleichwohl ruhig. „ Es kam der jungen Frau vor, als ob ſie ſeit ihrem nächtlichen Beſuch an der Mutter Grabe zu einer klarern Auffaſſung ihrer eigenen Lage und einer 44 richtigern Auffaſſung ihrer Pflichten gelangt wäre. Unaufhörlich tönten die Worte in ihren Ohren: „Fliehe zu Gott!“ &s war als ob dieſe Worte ein Echo in ihrer Seele fänden, welches niemals verhallen ſollte. Gurli war indeſſen noch ſehr unerfahren im Leben und erkannte deſſen ganze Bedeutung nicht. Sie dieſelbe wohl, hatte aber noch keine Einſicht avon. Während ſie den Rath, welchen ſie am. Grabe empfangen, ſich in's Gedächtniß zurückrief, verſchwand die Erbitterung, die ſich beim Anblick von Madame Teverino ihrer bemächtigt hatte. Dagegen ſtellte ſich bei ihr eine gründliche Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt ein. Wenn ſie an Fiſcher⸗Matthes dachte, klagte ſie ſich an, daß ſie den von den Bauern und dem In⸗ ſpektor Verfolgten ſo lang vergeſſen und nicht ſchon viel früher ſolche Vorkehrungen getroffen hatte, um ihn außer dem Bereich ihrer Bosheit zu bringen. Daß Liſa's Erzählung auf nichts Andétes als eine neue Tücke von dem Inſpektor hindeutete, davon war Gurli vollkommen überzeugt, denn unmöglich durfte derſelbe es wagen, Matthes fortzuweiſen, ohne daß er hiezu Gurli's Erlaubniß hatte. Matthes war ja ihr Schützling. Gurli's Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Thun und Laſſen wurde um ſo größer, als ſie bei einem Rückblick auf die verfloſſene Zeit ſich ſagen mußte, ſie ſei mit ihrer eigenen Perſon ſo ſehr beſchäftigt ge⸗ weſen, daß ihr alles Andere, worauf ſie ihr Augen⸗ merk hätte richten ſollen, gleichgiltig blieb. Als ſie nach Birgersborg kam, hatte ſie den Ent⸗ ſchluß gefaßt, Grünlunds Einfluß mit allem Ernſt entgegenzuarbeiten. Sie hatte die Abſicht gehabt, ſich 4⁵ die Liebe ihrer Hinterſaßen durch Fürſorge für deren Wohlfahrt zu erwerben, anſtatt daß ſie jetzt nichts we⸗ niger als wohl gelitten ſchien; aber alle dieſe ſchönen Vorſätze waren über ihren Privatintereſſen in Vergeſſen⸗ heit gerathen. Die Schule, welche Eliſabeth eingerichtet, deren dieſe ſich eifrig angenommen hatte, ſtand verlaſſen; aber Gurli hatte auch Richts gethan, daß es anders ſeyn konnte. Ohne alſo eine Entſchuldigung für ſich ſelbſt zu finden, näherte ſich Gurli der Fiſcherhütte. Noch war ſie derſelben nicht anſichtig geworden, als ſie bereits in ſolcher Entfernung den Laut ſtrei⸗ tender Stimmen vernahm. Gurli beſchleunigte ihre Schritte und hatte bald die Wohnung des Fiſchers vor ſich. Vor derſelben ſtanden zwei Bauern, welche ſich ſcheinbar für das, was drinnen vorging, lebhaft in⸗ tereſſirten. „Was geht hier vor?“ fragte Gurli, als ſie bei ihnen anlangte. Die beiden Burſchen traten, ihre Mützen abneh⸗ mend, auf die Seite. „O, es iſt weiter Nichts, als daß der Großknecht dem Spitzbuben Matthes den Laufpaß ſchreibt, weil derſelbe nicht abmarſchirt iſt, wie ihm geboten war.“ In einem Nu war Gurli in der Hütte, wo ein ſchrecklicher Tumult ſtatt fand. Alle guten Vorſätze der Selbſtbeherrſchung und Ruhe waren hinweg, als ſie auf der Schwelle ſtand und einen großen ſtarken Bauern mit einem Knüttel gegen den gebrechlichen Matthes ausholen ſah. Der Großknecht von Birgersborg hatte gleichfalls ſeinen Stock gefaßt, um dem plumpen Bauern bei dem Loshauen auf Matthes behülflich zu ſeyn. „Was ſoll das heißen?“ rief Gurli.—„Wer wagt es, einen wehrloſen und krüppelhaften Mann in ſeiner Wohnung anzufallen?“ ſetzte ſie, vor Zorn er⸗ röthend hinzu. Der Großknecht zog ſich ſchnell bei Seite und der Bauer ließ ſeinen Prügel ſinken. Die drei Kinder von Matthes, welche aus vollem Halſe zu ſchreien angefangen hatten, als ſie ſahen, daß man ihren Vater mißhandelte, ſchwiegen jetzt. Der arme Seemann ſtand an die Wand gelehnt und wiſchte ſich das Blut vom Geſichte ab. Er hatte einen Schlag quer über die Naſe bekommen. Mit Verlaub, Euer Gnaden,“ nahm der Groß⸗ tnecht das Wort, indem er ſeine Mütze abzog; die Sache iſt ſo: der Inſpektor hat Matthes den Befeh gegeben, geſtern ſchon aufzupacken, wenn er ſich nicht hinauswerfen laſſen wollte, und jetzt hat derſelbe mich hieher geſchickt, um nachzuſehen, ob das Diebsvolk fort wäre.“ Gurli athmete heftig, wandte ſich aber, ohne gegen den Großknecht Etwas zu bemerken, zu dem Bauern, welcher Matthes geſchlagen hatte. Und Ihr, Erik, was thut Ihr hier?“ „Ach, ich wollte nur dem Großknecht behülflich ſeyn, hier auszufegen, Euer Gnaden, denn ſehen Sie, ſeitdem der elende Burſche hier iſt, habe ich bemerkt, daß mir bald dieſes bald jenes weggekommen iſt, und ich weiß gewiß, daß er ſeine Kangille von Buben in die Stadt geſchickt hat, um dort einen Löffel zu ver⸗ kaufen, welchen ich voriges Jahr um Michaelis ver⸗ loren habe. Im Uebrigen, kann ich ſagen, ſind wir nicht zu dulden geneigt, daß Euer Gnaden einen ſol⸗ 47 chen Burſchen, der wegen Diebſtahls im Arreſt geſeſſen, aufgenommen haben und unter ehrlichen Leuten, wie wir ſind, wohnen laſſen, was das anbelangt... Und der Kerl kann nicht einmal ſeinen Katechismus ordentlich, ſagt der Herr Paſtor, und weiß noch weniger von Gottes Wort, und darum verſprach ich den Leuten im Dorfe, dem Großknecht kräftige Handreichung zu leiſten, wenn er mit dem Geſindel hier Kehrab machen würde.“ „Ihr ſcheint zu vergeſſen, daß Matthes unter meinem Schutze ſteht und auf meinem Grund und Boden wohnt,“ antwortete Gurli. Dann wandte ſie ſich zu dem Großknecht und fragte: „Wie wagt es der Inſpektor, Jemand von meinen Leuten ohne meine Erlaubniß auszuweiſen?“ „Mit Verlaub, Euer Gnaden, aber der königliche Sekretär, Herr von Stral, hat geſagt, Matthes müſſe fort, und wenn er als Gebieter ſpricht, ſo müſſen wohl der Inſpektor und wir Andern gehorchen, ſollte ich meinen,“ entgegnete der Großknécht und betrachtete Gurli mit trotziger Miene. „In dieſem Fall wird Matthes fortkommen, ohne daß ihr euch darum zu kümmern braucht. Hört, was ich euch ſage, ihr habt hier Nichts zu ſchaffen, und ich werde ſelbſt anordnen, was mit ihm zu thun iſt; geht und ſagt das dem Inſpektor.“ urli redete in befehlendem Ton, und noch vor einem Monat würde ihr augenblicklich Folge geleiſtet worden ſeyn, jetzt aber war dieß nicht der Fall. Weder der Großknecht, noch der Bauer rührte ſich von der Stelle.. Die beiden Zuſchauer hatten ſich gleichfalls der Thüre genähert, und alle vier ſahen Gurli mit Augen an, welche nichts weniger als freundlich waren. 48 „Habt ihr gehört, was ich ſagte?“ fragte Gurli mit erhobener Stimme, als Keiner ſich rührte. „Ich habe Befehl, nicht eher von hier zu gehen, als bis das Geſindel fort iſt, wandte der Großknecht ein,„und ich thue auch nicht anders.“ „Und ich kann ſagen, doß ich alch nicht eher weiche, als bis ſie fort ſind. Wir wollen ſolches Volk nicht in der Gemeinde haben, und packen ſie nicht ſogleich auf, ſo gehe ich hinab in's Dorf und bringe die ganze Einwohnerſchaft mit, um ſie fortzujagen, kann ich Ew. Gnaden erklären. Wir ſind ehrliche Bauern, welche Gott fürchten, und wollen nicht Leute unter uns haben, die das nicht thun; das brauchen wir nicht zu dulden. Wenn Euer Gnaden Dieben und gottloſen Menſchen Ihre Huld angedeihen laſſen und Nichts nach denen fragen, welche ſich und die Ihrigen ehrlich ernähren, ſo geht das uns Nichts an; wir wollen aber von ſolchem Pack Nichts wiſſen, und darum muß Matthes ſogleich fort von hier, das ſage ich, Erik Ersſon. Wir haben ihn lang genug geduldet und thun es nicht länger.“ Erik hatte ſeine Mütze wieder aufgeſetzt. Er ſaß auf ſeinem eigenen Grund und Boden und glaubte ſich vor Niemand bücken zu müſſen, beſonders da jetzt mehre Köpfe vor der Hütte ſich zeigten und er einige ſeiner Rachbarn aus dem Dorſe erkannte, welche her⸗ beigekommen waren, um zu ihrem Vergnügen mit anzuſehen, wie der„Diebs⸗Matthes“ hinausgeworfen wurde. Erik wußte, daß er jetzt Leute hinter ſich hatte, welche ſeine Behauptung unterſtützen würden, und ſo war es auch. Als er ſchwieg, traten die übrigen Bauern auch herein, und im Augenblick war Gurli, welche eine — 49 Antwort geben wollte, überſchrieen. Man begnügte ſich nicht damit, Matthes auf alle mögliche Weiſe zu ſchimpfen, ſondern ein und das andere Wort fiel auch gegen diejenige, welche ihn beſchützte. Man forderte irotzig, daß Matthes auf der Stelle fort müſſe. Er hatte Alle beſtohlen, obwohl ſie nicht genau angeben konnten, was er ihnen genommen; und überdies ging er niemals zu dem Paſtor, obwohl derſelbe ſo gütig geweſen war und ihm angeboten hatte, ihn in Gottes Wort zu unterrichten, ſo daß er ſich wieder zum Guten wenden könnte. Die Bauern drängten ſich dicht um Gurli herum, als ob ſie die Abſicht hätten, ſie handgreiflich zu zwingen, daß ſie den Platz verließe. Gurli war auf's Aeußerſte gereizt. Sie dachte nicht daran, daß ſie allein war, an einem abgelegenen Orte und von rohen Bauern umgeben, welche zuſam⸗ men hielten und gewiß, was auch geſchehen mochte, niemals gegen einander Zeugniß ablegten. Sie vergaß, daß ſie von ihren frühſten Jahren an weder bei den Bauern noch bei den Dienſtleuten beliebt geweſen wat, weil ſie ſich ſtets als ein unar⸗ tiges, ſtörriſches und boshaftes Kind gegen ſie gezeigt hatte, welches ſich zu ſeinem Vergnügen und nach der Eingebung ſeiner Launen alles Mögliche erlaubte und, was das Allerſchlimmſte war, die Bauersleute, wenn ſie ihr begegneten, niemals grüßte. Als junges Mädchen hatten ſie in ihr nur ein hochmüthiges und unfreundliches Weſen geſehen, welches niemals mit Jemand ſprach, und als Gutsherrin hatte ſie nicht einen einzigen Zug von wirklicher Theilnahme an der Wohlfahrt des Volkes an den Tag gelegt. Sie war von Allen gefürchtet, von Niemand geliebt. 5 0 Alles dieß vergaß Gurli, deßgleichen, daß Grün⸗ lund in dem letzten Jahre Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, gethan hatte, um ſie in einem ſo ungünſtigen Lichte darzuſtellen, daß die Bauern eine gründliche Abneigung gegen ſie faſſen mußten. Nun bot ſich derſelben eine erwünſchte Gelegen⸗ heit zum Ausbruche. Jedermann weiß, daß das ge⸗ meine Volk, ſobald es einmal gegen eine Perſon auf⸗ gereizt iſt, beſonders wenn dieſelbe dem ſogenannten vornehmen Stande angehört, ebenſo unbeſonnen und gewaltthätig auftritt, als es ſonſt langmüthig ſich zeigt. Es iſt ungewiß, wie der Ausgang geweſen wäre, wenn Gurli die Worte, welche ihr auf den Lippen ſchwebten, wirklich ausgeſprochen hätte. Sie wurde jedoch daran von Allon gehindert, welcher in Beglei⸗ tung von Stephan mitten unter den Haufen der Bauern trat. Allon ſah ganz ergrimmt aus und war feuerroth im Geſicht. Er hatte die Drohungen der Bauern gegen Gurli gehört und fand es im höchſten Grad unverſchämt von dieſen Menſchen, daß ſie alſo mit der Gemahlin des königlichen Sekretärs von Stral zu reden wagten. Er empfand eine unwiderſtehliche Luſt, ſie mit ſeinem ſpaniſchen Rohr auszuklopfen und damit dem Zorne Luft zu machen, welcher aus Anlaß eines Geſprächs in ihm kochte, das zwiſchen ihm und Stephan auf dem Wege nach der Fiſcherhütte ſtattge⸗ funden und Grünlund zum Gegenſtand gehabt hatte. Es war ihm nämlich von Stephan erklärt worden, er müſſe gegen den Prieſter auftreten und nicht, wie er bisher gethan, mit dem ſcheinheiligen Heuchler ge⸗ meinſame Sache machen. ₰ Die Veranlaſſung zu Stephans Aeußerungen — kam ebenfalls von Matthes her. Von Liſa hatte Stephan gehört, daß der Fiſcher aus der Hütte ver⸗ trieben werden ſollte, und deßhalb Allon aufgeſucht und beſtimmt, mit hieher zu gehen. Als die Bauern Allon und den Bezirksrichter erblickten, verſtummte das laute Murren ſogleich, und ſie nahmen ihre Mützen ab. Allon trat mitten unter ſie, indem er mit Hef⸗ tigkeit ſeinen Stock ſchwang. „Wie kommt ihr hieher und wie wagt ihr es, mit meiner Gemahlin in dieſem Tone zu ſprechen? Habt ihr über Etwas zu klagen, ſo wißt ihr, daß ich im Herrenhofe zu treffen bin; hier habt ihr Richts zu thun!“ Die Bauern zogen ſich ganz beſchämt gegen die Thüre zurück, die Augen nicht auf Allon geheftet, ſondern auf den, welchen ſie in Wirklichkeit fürchteten, den Bezirksrichter Stephan Braun. Dieſer hatte bis jetzt noch kein Wort geſprochen. Als Allon ſchwieg, begann Stephan, indem er Erik Ersſon ſcharf in's Auge faßte: „Es ſieht aus, als ob Ihr, Erik, auf den Grund von Hausfriedensbruch zur Verantwortung gezogen werden müßt. Ihr habt Matthes in ſeiner eigenen Wohnung geſchlagen. Das kann Euch übel zu ſtehen kommen.“ Stephan deutete auf Matthes, deſſen Geſicht die Spuren des von Erik erhaltenen Schlages zeigte. „Und ihr Andern,“ ſetzte er hinzu,„habt ihr euch wieder durch Erik Ersſon zu Dingen aufhetzen laſſen, deren ihr euch ſchämen ſolltet?“ Mit Verlaub, Herr Richter, blos der Großknecht vom Herrenhofe hat Matthes geſchlagen,“ fiel Erik ein;„wir Andern haben ihn nicht berührt.“ „Und doch iſt dein Stock mit Blut befleckt,“ rief Stephan,„und es ſind zwei Zeugen da, welche be⸗ weiſen können, daß gerade Du die Schläge ausgetheilt haſt. Matthes kann bei der nächſten Gerichtsſitzung ſeine Klage anhängig machen, wenn er will.“ Stephan mächte eine Bewegung mit der Hond, und die Bauern ſchlichen ſich davon. Während ſie ſich entfernten, ſchrie ihnen Allon nach, er werde ſie lehren, was es koſte, an ſeine Leute gewaltthätige Hand zu legen u. ſ. w. Die Hütte war nun leer. Der Großknecht hatte ſich mit den Andern fort⸗ geſchlichen, um dem Inſpektor zu rapportiren, was geſchehen war. Stephan wandte ſich nun zu Allon und Gurli und bat ſie, ihn mit Matthes allein zu laſſen. Dieſer näherte ſich jedoch Gurli, um ihr einige Worte zu ſagen; aber Stephan hinderte ihn daran. „In ein paar Stunden kannſt Du in den Herren⸗ hof hinaufgehen und mit der gnädigen Frau ſprechen; jetzt iſt dazu keine ſchickliche Zeit, denn zuerſt haben wir ein Wort mit einander zu reden.“ Gurli verließ die Hütte. Sie wollte vor Matthes keine Frage an Allon ſtellen Und konnte jenem kein Wort zum Troſte für das erlittene Unrecht ſagen, bevor ſie ſich vergewiſſert hatte, wie weit wirklich die Befehle Allons in Bezug auf Matthes gegangen wären. 4 Allon folgte ihr. Er war ebenfalls froh, jeder weitern Erklärung in Gegenwart von Matthes über⸗ hoben zu ſeyn.. eng Zeit gingen ſie ſchweigend neben einan⸗ er hin. Allon war es wohl erinnerlich, daß er am Abend zuvor ſich gegen Gurli verfehlt hatte, und dieſes Be⸗ wußtſeyn nährte in ihm eine gewiſſe Reizbarkeit, aber auch den Wunſch, Gurli möchte ſich ihrerſeits eines gleichen Verſehens gegen ihn ſchuldig machen. Als Gurli immer noch ſchwieg, begann Allon mit ſeinem Stock die herniederhängenden Blätter an den Bäumen zur Seite des Wegs abzuſchlagen, aber nach⸗ dem er ſich eine Weile damit unterhalten hatte, begann er, außer Standes, ſich länger zurückzuhalten: „Darf ich vielleicht wiſſen, warum ich dich mitten unter den Bauern drunten in der Fiſcherhütte getroffen habe? Von dir, liebe Gurli, kann man mit Recht ſagen, daß Du überall biſt, wo Du nicht ſein ſollſt, aber immer da fehlſt, wo man dich finden ſollte.“ „Möglich, daß Du im Allgemeinen Recht haſt; ich bin nicht geneigt, dir zu widerſprechen,“ erwiederte Gurli;„aber dießmal war wirklich mein Platz bei dem armen mißhandelten Mann, welchen ich zu mei⸗ nen Untergebenen rechne.“ „Zu deinen Untergebenen? Du ſprichſt noch immer gern in der erſten Perſon des Singularis, wenn es ſich um das Eigenthumsrecht handelt.“ „Erlaube, lieber Allon, daß ich deine Frage be⸗ antworte, ehe wir wieder auf den abgenutzten Streit⸗ punkt über Mein und Dein kommen; einen Streit⸗ ſunt: der doch jetzt, wie mir ſcheint, erledigt ſeyn ollte. „Deßhalb weil Du mir die Verwaltung von Birgersborg übertragen haſt.“ „Allerdings,“ entgegnete Gurli, und warf ihrem Mann einen ſtolzen Blick zü. „Es reut dich vielleicht ſchon?“ „Allon, willſt Du nicht lieber hören, warum ich „. mich in der Hütte von Matthes befand?“ unterbrach ihn Gurli kurz. „Ich hätte wohl zu fragen unterlaſſen, wenn ich es nicht wiſſen wollte.“ Allon biß in den Stocktnopf. Er würde dieſen Augenblick gern auf das ganze Verwaltungsrecht ver⸗ zichtet haben, wenn Gurli in ihrer gereizten Stim⸗ mung ſich auf irgend eine Weiſe gegen ihn vergeſſen hätte. „Meine Anweſenheit bei Matthes,“ nahm Gurli wieder das Wort,„hatte ihren Grund darin, daß man mir ſagte, der Inſpektor hege die Abſicht, ihn fortzu⸗ jagen.“ Allon ſchwieg. Wiederum gingen ſie eine Weile neben einander hin. Dießmal unterbrach Gurli das Stillſchweigen. „Geſchah es auf deinen Befehl, daß der Inſpektor dieſe Maßregel gegen Matthes ergriff?“ fragte ſie. Ja wohl. Die ganze Gemeinde iſt mißvergnügt darüber, daß der Gauner ſich hier aufhält, und da er weder als Knecht noch als Köthner hier eine Stätte hat, ſondern nur von dir die Erlaubniß er⸗ hielt, in jener Hütte ſich einzuquartieren, ſo glaube ich nicht länger dulden zu dürfen, daß ein übelberüch⸗ tigter Burſche auf dem Grund und Boden von Bir⸗ gersborg weile.“ „Aber dieſer Burſche iſt mein Schützling,“ rief Gurli,„und darf ſomit nicht ohne mein Wiſſen von hier ausgewieſen werden. Ich habe verſprochen, ſeine Kinder zu erziehen und vor Elend zu ſichern, und konnte nicht vorausſetzen, mein Gatte würde die Ach⸗ tung vor mir dermaßen mit Füßen treten, daß er, ohne mir ein Wort davon zu ſagen, Leute, denen ich meinen Schutz angedeihen ließ, fortjagte.“ „Was für eine milde und wahrhaft weibliche Gattin Du biſt, liebe Gurli,“ fiel Allon ein, erfreut darüber, daß Gurli ſich ereifert hatte.„Man merkt es wohl, daß Du noch immer mit deinem erſten Die⸗ ner und nicht mit deinem Mann zu reden glaubſt. Aber es iſt wahr, ich bin ja im Ganzen Nichts als der Intendant, dem Du die Verwaltung von Birgers⸗ borg übertragen haſt, während Du mich von all deinem übrigen Beſitzthum ausſchließeſt. Du mußt darum entſchuldigen, daß ich von dieſem meinem Rechte auf Birgersborg ganz unbeſchränkten Gebrauch mache. Somit ſoll dein Schutzbefohlener, der ehemalige Sträf⸗ ling Matthes, fort, das iſt mein Wille, auch wenn Stephan, dein brüderlicher Freund, zehnmal dagegen Einſprache erhöbe. Ueberdieß will ich dich davon in Kenntniß ſetzen, daß Liſa nicht länger auf dem Her⸗ renhofe bleiben und mit Rapporten hin und herlaufen darf. Sie hat ihre Leibrente und mag ſich aufhaten, wo ihr beliebt, nur nicht in meinem Hauſe. Ich will ſolche Phyſiognomien, die ich nicht leiden kann, fern von mir halten. Du kannſt dir und Stephan andere Kolporteure beiſchaffen; aber ich will das alte Weib hier nicht länger ſehen.“ Gurli hatte, während Allon in ſolchen Reden ſich erging, die Gewalt über ihr Inneres wieder völlig gewonnen. Als er endlich ſchwieg, blieb auch ſie ſtumm. Er hatte ſich auf eine heftige Antwort, auf einen Ausbruch, einen Proteſt gefaßt gemacht; aber Nichts von dieſem Allem erfolgte. Als Gurli noch immer kein Wort ſprach, ſah Allon ſie an. Sie wandelte dahin und ſah vor ſich nieder. Ihr Geſicht war ſo kalt und ſo ſchön, daß Allons Herz heftig zu ſchlagen anfing. Er ſchanderte gewiſſermaßen bei dem Gedanken, daß er vielleicht in 56 den letztverfloſſenen Wochen alle die Anhänglichkeit verſcherzt hatte, womit ihm dieſe Frau zugethan war, deren Schönheit er noch jetzt, nach dreijähriger Ehe, anbetete. Eine Stimme in ſeinem Innern flüſterte ihm warnend zu: „Geh' nicht weiter, ſpanne den Bogen nicht zu ſtraff; denn wenn er bricht, ſo wirſt Du den Schaden nie wieder gut machen können. Eine andere Stimme dagegen rief: „Gehe es, wie es will, ich muß einen andern Ausdruck in ihrem Angeſicht ſehen.“ Dieſer Eingebung folgend, begann er nach einer Weile wieder: „Nun, haſt Du den Beſchluß ausgeführt, von welchem Du mir geſtern Mittheilung machteſt, alſo Madame Teverino und ihre Tochter aufgefordert, von hier abzureiſen?“ Gurli drehte den Kopf ein wenig zur Seite und antwortete mit ihrer klaren, eiskalten Stimme: „Nein, ich wollte weder mich ärgerlichen Nach⸗ reden ausſetzen, noch dich zu Handlungen treiben, welche uns beide kompromittiren würden. Madame Teverino mit ihrer Tochter mag bleiben, bis es ihr ſelbſt ab⸗ zureiſen beliebt. Du haſt erklärt, daß ſie deine Gäſte ſind; ich werde das nicht vergeſſen.“ „Und Du rechneſt darauf, daß ich die gleiche Aufmerkſamkeit gegen die, welche Du die Deinigen nennſt, beobachten werde?“ fiel Allon ein. „Nein, ich rechne auf gar Nichts mehr.“ DBie beiden Gatten traten in den Garten. Allon's Gereiztheit hatte eine andere Form angenommen. Er wünſchte, daß Gurli irgend Etwas äußern möchte, 57 vi entweder Schmerz oder Zärtlichkeit zu erkennen gäbe. Es waren ja erſt einige Wochen, daß ſie ſich ſo herzlich gegen ihn gezeigt hatte. Seine Gedanken weil⸗ ten bei den paar friedlichen und heitern Tagen, welche gefolgt waren, nachdem ſie ihm die Heimath ihrer Kindheit zur alleinigen Verwaltung überlaſſen hatte. Er fragte ſich, als Gurli, ſchön aber ohne alle Wärme in ihrem Antlitz, an ihm vorbei durch das Gitterthor ging, welches er ihr öffnete, ob es möglich wäre, daß er in dieſer kurzen Zeit die Zuneigung, die er da⸗ mals beſaß, verloren hatte. „Beſaß,“ wiederholte er in Gedanken;„beſaß ich ſie wirklich, oder war ſie nur geſpielt? War es nicht, wie Grünlund behauptete, eine Maske, hinter welcher ſie verſchiedene andere Gefühle verbergen wollte? Sie wünſchte, daß dieſe Teverino's nicht in Stephans Nähe kommen ſollten, und wollte mit ihrer Nachgiebigkeit und ihrem zuvorkommenden Weſen mich nur beſtimmen, die bereits ergangene Einladung zu widerrufen.“ Allon ging hinter ſeiner Frau her und fuhr in Gedanken fort: „Aber wenn, wenn ihr Herz wirklich mir gehörte, wenn ich mich von falſchen Vorausſetzungen irre füh⸗ ren ließ, dann habe ich vielleicht auf immer ihre Zärt⸗ lichkeit eingebüßt.“ Er war wieder an Gurli's Seite. Er betrachtete dieſe originelle Phyſiognomie im Profil und erkannte bei ſich, daß Gurli's Bild, ſo bethört er auch durch Andere werden könnte, dennoch ihm durch das ganze Leben folgen würde. „Willſt Du nicht meinen Arm nehmen?“ fragte er in verändertem Ton.„Es wäre mir lieb, wenn Du mir in den Pavillon hinab folgteſt. Es ſind mehre Wochen, daß wir nicht unter vier Augen mit einander geſprochen, und doch hätte zwiſchen dir und mir längſt eine Erklärung ſtattfinden ſollen.“ „Eine Erklärung?“ wiederholte Gurli und ſah ihn an, ohne den dargebotenen Arm anzunehmen;— „und worüber?“ ſetzte ſie hinzu. „Gurli!“ rief Allon heftig,„liegt die Schuld wirklich nur an mir, daß das Verhältniß zwiſchen uns ſo wie jetzt iſt?“ Gurli's verwundetes Selbſtgefühl hätte vielleicht mit Ja geantwortet; aber plötzlich glaubte ſie wieder die Stimme an der Mutter Grabe zu hören, welche auf ihre angſtvolle Frage, von wem ſie Ergebung lernen ſollte, ihr zugerufen hatte: „Von Cyriſto!“ Der Stolz wurde bei dieſer Erinnerung zum Schweigen gebracht. Sie nahm Allon's Arm und folgte ihm zum Pavillon.. Während ſie den kurzen Weg zurücklegten, ſuchte CGurli die Bitterkeit zu bewältigen, welche der Schmerz in ihrem Herzen zurückgelaſſen hatte; ſuchte mittelſt ihres Verſtandes und beſſeren Gefühles über die ſtör⸗ riſche Gemüthsart und das unbezähmbare Verlangen, jede Erklärung mit Kälte zurückzuweiſen, den Sieg davonzutragen. Sie wollte verſöhnlicher und nach⸗ giebiger ſeyn, als ſie bisher geweſen war. Es galt einen kurzen und heftigen Kampf im Innern der jungen Frau und der Sieg war noch Fanz unentſchieden, als Gurli in dem kleinen Salon ſtehen blieb und Allon ſchnell die Runde durch die übrigen Zimmer machte, um ſich zu überzeugen, daß ſonſt Niemand da war. Als er wieder in den Salon kam, ſaß Gurli auf 59 einem Sopha, den Kopf zurückgelehnt und das Ange⸗ ſicht emporgerichtet. Die auf dem ganzen Wege eiskalten Züge waren jetzt nichts weniger als ruhig. Gurli's Ausſehen gab zu erkennen, daß ſie in aufgeregtem Zuſtande ſich be⸗ fand. Hätte ſie zu der Zahl der Frauen gehört, welche bei jeder Veranlaſſung Thränen weinen können, ſo würde er ſie gewiß in Thränen gebadet angetroffen haben; aber Gurli ließ ſolche nur, wenn ſie allein war, zum Ausbruch kommen. Der Anblick ihrer Aufregung erzeugte in Allon's Herzen ein Gefühl der Freude. Er dachte: „Sie iſt zornig oder betrübt. Nun wohl— Alles kann noch immer gut werden.“ Allon hatte jetzt den beſten Vorſatz. Er wollte um jeden Preis, daß Gurli ihm noch einmal zulächelte. Er hätte Amy Teverino bis an's Ende der Welt ſchicken, er hätte verſprechen können, niemals mehr einen Fuß über Grünlunds Schwelle zu ſetzen, oder auf die bösartigen Reden ſeiner Mutter zu hören, wenn Gurli nur einen Augenblick heiter und freundlich geweſen wäre. Allon trat auf Gurli zu. Er war ſelbſt beinahe ſo aufgeregt wie ſie, und äußerte, indem er ſich alle Mühe gab, mit Ruhe zu reden: „Wochen ſind verfloſſen, Gurli, in welchen Du mir eine unnatürliche Kälte bewieſen haſt, und zwar, ohne mir zu ſagen, was dieſelbe hervorgerufen hat. Du weißt, wie ſehr, wie wahnſinnig ich dich liebe, Pü weißt. „Allön, wozu dieſe Worte; ich bitte dich, ver⸗ ſchone uns beide mit Verſicherungen einer Zärtlichkeit, an welche ich nicht mehr glaube,“ unterbrach ihn Gurli 60 und erhob ſich haſtig aus ihrer rückwärts gebeugten Haltung. „Wie, Gurli, Du zweifelſt ſomit an meiner Liebe, „An der Wirklichkeit derſelben, ja,“ fiel Gurli ein. Alle guten Vorſätze waren entflohen. Sie hatte blos noch Gefühl für das, was ſie gelitten, für die bittere Kränkung, die ſie empfunden. „Du haſt ſelbſt den Zweifel an deiner Beſtän⸗ digkeit bei mir erwecken wollen, Du haſt gewünſcht, mich zu allen Qualen der Eiferſucht zu verurtheilen. Letzteres iſt dir mißlungen; aber dahin haſt Du es gebracht, daß Du mich alles Glaubens an dich be⸗ raubteſt. Du haſt mir die Haltloſigkeit deiner Liebe, deinen völligen Mangel an Herz bewieſen. Du haſt in dieſen paar Wochen mir Alles genommen, ſogar die Hoffnung, noch einen Schatten von Frieden und Glück an deiner Seite zu finden.“ „Und wodurch habe ich dieſes Alles geraubt?“ „Und das fragſt Du mich?“ rief Gurli und ſprang auf, ſetzte ſich aber ſogleich wieder. Die Hände auf die Bruſt drückend, fügte ſie mit Anſtrengung hinzu:„Durch die Gleichgittigkeit, welche Du bei Allem bewieſen, was mich verletzen und demüthigen konnte. Doch, wozu davon reden; das Vertrauen iſt vernichtet, und es bleibt nur noch übrig, die Trümmer unſeres zerſtörten Glückes vor den Blicken der Menge zu verbergen. „Du irrſt dich, Gurli,“ ſagte Allon, indem er neben ihr Platz nahm und ſeinen Arm um Gurli's Hüfte legte.„Unſer Glück iſt nicht zerſtört; Alles kann wiederum werden, wie es war.“. Gurli's erſter Gedanke war, ſich von dem Arme, 61 welcher ſie umſchlungen hielt, loszumachen; aber ſie beſann ſich und blieb ruhig ſitzen. „Es kann niemals werden, wie es war,“ flüſterte Gurli und wandte den Kopf ab. „Sey zärtlich, ſey liebevoll, laß mich ſehen, daß Du mich allein, ausſchließlich liebſt, und Frieden und Glückſeligkeit werden wiederum erblühen,“ verſicherte Allon.—„Was geſchah, Gurli, iſt ja Alles nur eine Folge des Mangels an Zärtlichkeit, welchen ich bei dir zu finden glaubte, und... Allon ſchwieg; er wollte nicht ausſprechen, was er dachte, nämlich daß die beſtändig wiederkehrende Vorſtellung, Gurli's Herz ſei an Stephan gefeſſelt, einwirkte. Er holte tief Athem und ſetzte hinzu: „Und meiner fixen Idee, auf die eine oder andere Weiſe die Wärme, welche ich bei dir vermiſſe, zu erzwingen.“ „Und wenn dir dieß gelänge, ſo würdeſt Du es wie ein unzufriedenes Kind wieder von dir werfen,“ fiel Gurli ein.„Alles, was ich gethan habe, um dir die Aufrichtigkeit meiner Zuneigung zu beweiſen, hat zu Nichts gedient. Du haſt zum Lohn dafür deine Verſprechungen gebrochen, mit meinen heiligſten Ge⸗ fühlen geſpielt, deinen und meinen Ruf erniedrigenden Vermuthungen preisgegeben, gegen meinen Willen als Gaſt eine Perſon empfangen und zurückgehalten, welcher Du vor der ganzen Welt deine Huldigungen darbringſt, und deren Launen Du auf meine Koſten Genüge leiſteſt. Nachdem ich, um deinen Wünſchen entgegenzukommen, mich von denen getrennt habe, welche mir zugethan waren, haſt Du dich nicht zufriedener oder glücklicher gezeigt, ſondern ſuchſt nun aus meiner Nähe auch diejenigen zu vertreiben, welche ich unter meinen Schwartz, Der Rechte. III. 5 Schutz genommen. Du verbannſt aus unſerem Hauſe ogar die Dienerin, welche mich in meiner Kindheit gepflegt hat. Und nachdem dieß Alles geſchehen, be⸗ gehrſt Du, daß ich dich mehr, inniger lieben ſoll, als ich bisher gethan habe, begehrſt, daß ich noch an deine Liebe glauben ſolt, während alle deine Handlungen ſie verläugnen. Rein, Allon, gäbe ich dir auch mein Leben, Du würdeſt auf meinem Grabe noch meine ewige Seligkeit fordern., Wir wollen den Leſer nicht mit Wiederholung alles deſſen, was Allon vorbrachte, ermüden. Seine Worte waren glühend, ſeine Bitten, ſeine Schilderungen, wie viel er ſelbſt in dieſer letzten Zeit gelitten hätte, rührend. Gurli war jung, hing noch mit großer Zuneigung an Allon. Sie wurde, obwohl gegen ihren Willen, von ſeinen Worten ergriffen. Die Erfahrung, welche ihr den Mangel an Feſtigkeit in ſeinem Charakter ſo nahe legte, war allerdings ſehr trauriger Natur, aber doch keineswegs von der Art, doß ſie ſich nicht noch einmal durch ſeine Verſprechungen bethören ließ. Ein vollkommenes Mißtrauen iſt der letzte harte Schlag, welcher eine Frau treffen kann. Allon war⸗ auch da er ihr Zuſammenleben durch verletzende An⸗ klagen verbitterte, doch immer wieder darauf zurück⸗ gekommen, daß Alles aus dem Uebermaße ſeiner Liebe entſpränge. Genug, Gurli's Kälte ſchmolz hinweg. Wenn auch ihre Vernunft ihr ſagte, daß ſie ſeinen Verſiche⸗ rungen keinen Glauben beimeſſen dürſe, flüſterte ihr Herz doch das Gegentheil. Sie wollte noch einmal ihrer Seele die Hoffnung ſchmeicheln laſſen, noch einmal nach der entfliehenden Glückſeligkeit haſchen, ehe die⸗ ſelbe für immer auf und davon ginge. 63 Als die beiden Gatten den Pavillon verließen, ſtrahlte Allon von Zufriedenheit. Er hatte Gurli's Zurückhaltung und Zweifel beſiegt. Auch Gurli's Angeſicht gab Zeugniß davon, daß ſie wieder unter dem Einfluß von Illuſionen der Hoffnung ſtand. Im Wohnhauſe angelangt, kam man ihnen mit der Nachricht entgegen, daß Signora Teverino plötzlich erkrankt wäre, daß man einen Boten nach dem Arzt geſandt hätte, und dieſer ſich nun bei ihr befände. Gurli eilte ſogleich hinweg, um ſich von deren Befinden zu unterrichten. Allon zeigte vollkommene Gleichgiltigkeit. Amy Teverino's Unpäßlichkeit war durchaus nicht gefährlicher Natur; ſie hatte nur einen Anfall von Bruſtkrampf bekommen. Der Doktor hoffte, ſie würde ſchon in ein paar Tagen wieder hergeſtellt ſeyn. Gurli theilte die Erklärung des Arztes ihrem Gatten mit, worauf man ſich in den Speiſeſaal begab. XV. Das Mittagsmahl war ungewöhnlich lebhaft. Ein Jeder der Gäſte ſchien von der heitern Gemüths⸗ ſtimmung des Wirths und der Wirthin wie angeſteckt zu ſeyn. Man fühlte ſich gewiſſermaßen leichter, daß man von der Gegenwart der beiden Ausländerinnen befreit war, und dieß ging auch ſehr natürlich zu, denn in Folge von Amy's Abweſenheit ſah man ſich auch der Mühe überhoben, Beobachtungen anzuſtellen, Anmerkungen zu machen und Schlüſſe zu ziehen. Stephan war der Einzige, welcher ſich ſchweigend verhielt. Er, welcher ſonſt durch ſeine oft beißenden, 64 aber ſtets witzigen Scherzreden die Uebrigen belebte, ſah jetzt aus, als ob er minder gut aufgelegt wäre. Als man nach der Mahlzeit ſich in den Salon begab, näherte er ſich Gurli und ſagte: „Erlaube mir, einige Worte mit dir zu reden.“ Er winkte zugleich Allon und alle drei traten in das anſtoßende Kabinet. Ich wollte Gurli blos davon in Kenntniß ſetzen, / 6 daß ich für Matthes Sorge getragen habe, und daß derſelbe ſeine bisherige Wohnung verläßt.“ „Däs iſt überflüſſig,“ fiel Allon ein.„Gurli und ich, wir haben den Vorfall beſprochen, und Matthes kann immerhin wohnen bleiben. Das Ganze war ein Mißverſtändniß, welches nun beigelegt 3 „Möglich, daß ihr beide die Sache ſo behandelt; bei mir iſt das aber nicht der Fall, und darum ſoll Matthes fort. Ich bin einmal daran Schuld geweſen, daß er hieher kam, und ſo habe ich auch Vorkehrung getroffen, daß er wieder von hier entfernt wird; aber damit Gurli den armen Mann nicht als undankbar betrachte, weil er nicht vor dem Abgang aus ſeinem Häuschen hieher kam und ſeinen Empfindungen Worte lieh, hielt ich es für Pflicht, darüber Aufklärung zu geben und die Schuld davon ganz auf mich zu nehmen. Ich habe ihn ſchon in ſeine neue Wohnung zu Breddal abgeſchickt.“ „Aber, Stephan,“ fiel Gurli ein,„ich weiß nicht, warum Du damit ſo eilig geweſen biſt. Du konnteſt doch wohl ſehen, daß es meine Abſicht war, au fernerhin des Mannes mich anzunehmen, ſelbſt wenn ich mich genöthigt geſehen hätte, ihn ziehen zu laſſen. „Allerdings, beſte Gurli; aber Du hätteſt mög⸗ licher Weiſe ihn gern noch eine Zeit lang hier behal⸗ ten, um dem Volke den Beweis zu liefern, daß Du 6⁵ dir in deinem Thun nichts befehlen ließeſt, und das Reſultat wäre ſchlimm ausgefallen. Er hat einmal die ganze Gemeinde gegen ſich, er mußte alſo fort. Matthes und ſeinen Kindern wird es nicht an Brod fehlen, ſo lang ich das Leben habe.— Jetzt zu etwas Anderem. Gedenkſt Du, Allon, gegen Erik Ersſon zu Stenbyle gerichtliche Klage zu erheben?“ „Ganz gewiß,“ antwortete dieſer;„ich habe nicht im Sinne zu dulden, daß die Bauern aus dem Dorfe daherkommen und meine Leute überfallen.“ „Aber er kam ja hieher in Geſellſchaft des Groß⸗ knechtes von Birgersborg, welcher auf ſeines Herrn Befehl Matthes austreiben ſollte.“ „Mag ſeyn, aber ich habe Erik nicht aufgetragen, dabei behuͤlflich zu ſeyn; der Tölpel ſoll ſchon deß⸗ wegen zur Buße gezogen werden, weil er unhöflich gegen meine Frau war.“ „Die Unhöfllichkeit war eine Folge von des Pa⸗ ſtors Lehren,“ unterbrach ihn Stephan mit ironiſchem Lächeln.„Sollte irgend Jemand zur Verantwortung gezogen werden, ſo wäre es der Comminiſter Grün⸗ lund, und da dieß nicht angeht, ſo ſtimme ich dafür, daß Du dich mit der Sache nicht weiter befaſſeſt, ſondern nur dem Großknecht einen derben Verweis gibſt und ihn ſammt dem Inſpektor ſobald als mög⸗ lich verabſchiedeſt.“ „Ich theile Stephans Anſicht,“ bemerkte Gurli zu Allon gewendet, welcher bei dieſen Worten die Stirne runzelte und in ſcharfem Tone erwiederte: „Davon bin ich vollkommen überzeugt, aber leider bin ich abweichender Meinung. Züchtigt man die Bauern nicht für ihre Naſeweisheit, ſo ſetzt man ſich derſelben immer von Neuem aus. Erik zu Stenbyle 66 ſoll ſeine Strafe haben, und wenn ihr, Du und Stephan, noch ſo ſehr dagegen wäret. Mit dieſen Worten drehte ſich Allon auf dem Abſatze um und ging ſeines Wegs. Die freundliche Stimmung war bereits im Be⸗ griff, wieder die Flucht zu ergreifen. Ein Schneeſchauer fiel auf Gurli's Herz bei die⸗ ſem neuen Windſtoße, der durch Allon's Gemüth fuhr. Sie ließ Allon ziehen und wandte ſich mit einer Frage in Bezug auf Matthes an Stephan. Anſtatt dieſelbe zu beantworten, äußerte Stephan: „Geh' Allon nach, Gurli, und ſuche die Wolke, welche ſeine Stirne verdüſterte, wieder zu verjagen. Es muß dir leicht werden. Er war vor einer Weile noch ſo heitern Humors, zum Beweiſe, daß zwiſchen euch eine Erklärung ſtattgefunden, welche von ſo gu⸗ tem Erfolge geweſen, daß Du nicht einen kleinen Ver⸗ druß wieder Wurzel ſchlagen und zu größern Miß⸗ helligkeiten aufwachſen laſſen darfſt. Vertilge den Eindruck des erſtern, ſo kommen die letztern nicht auf. Die Schuld, Gurli, daß zwiſchen euch Disharmonie einreißt, liegt nicht immer an Allon, ſondern oft auch an dir. Vergiß ein wenig mehr dich ſelbſt und be⸗ ſchäftige dich ausſchließlich mehr mit dem Problem, deſſen Löſung— eheliches Glück heißt.“ Stephan ſchaute, während er alſo ſprach, zum Fenſter hinaus. Ohne ein Wort zu ſagen, verließ Gurli das Kabinet und eilte ihrem Manne nach. Etwas ſpäter hörte Stephan Allon's und Gurli's Stimmen im Salon, wo ſie ganz heiter ſchwatzten und lachten. Allon ſchlug vor, einen Ausflug zu machen, und zwar bis zur Tante Katharina, um die alte Frau zu überraſchen. Er wußte, daß Gurli mit Freuden die 67 Gelegenheit, dieſelbe zu begrüßen, ergreifen würde, und eben darum ſtellte er den Antrag.. Die Jugend ging voll Jubel darauf ein; und auch die ältern Perſonen, welche der unangenehmen Nöthigung, Allons geſchäftige Aufmerkſamkeit gegen Amy ſtets vor Augen zu haben, auf ſolche Weiſe überhoben wurden, gaben ſich gern dazu her, obſchon alle Ausſicht vorhanden war, daß man erſt in ſpäter Nacht wieder nach Hauſe kommen würde. Der Einzige, welcher nicht mitging, war Stephan. Er entſchuldigte ſich damit, daß er ſehr viel zu ſchrei⸗ ben hätte. Gurli dachte dabei: „Er bleibt um Amy's willen zu Hauſe.“ Allon hegte dieſelbe Ueberzeugung, aber ohne daß er darüber etwas Anderes, als einen leicht vor⸗ übergehenden Verdruß empfand. Die ganze Karavane war in kurzer Zeit gerüſtet und man brach auf. Als die Hälfte des Wegs zurückgelegt war, be⸗ merkte Gurli, welche ſich heute nur ganz kurze Zeit genommen, um zur Tafel Toilette zu machen, daß ſie ihre Uhr, welche ſie ſonſt immer zu tragen pflegte, vergeſſen hatte. Einen Augenblick war ſie darüber ärgerlich, dachte aber dann nicht weiter an die Sache. Der Beſuch bei Tante Katharina gewährte viel Vergnügen. Die Alte war lauter Freundlichkeit und bewirthete ihre Gäſte nach beſten Kräften. Allon zeigte ſich unbeſchreiblich liebenswürdig gegen Tante Katharina, welche ein paar Mal ihn und Gurli durch ihre Brille betrachtete, um ſich ordentlich zu überzeugen, wie ſie ausſahen. Zu ihrer nicht geringen Ueberraſchung erſchien 68 Gurli's Miene ſo heiter, daß ſie vergebens nach einer Spur von Kummer und Unglück ſuchte, ein Umſtand, welcher der Alten zu beſonderer Freude gereichte. Es war wirklich Nacht, als man zu Birgersborg ankam, aber die heitere Stimmung durch Nichts ge⸗ trübt worden. XVI. Am folgenden Morgen, während Gurli eben im Begriff ſtand, ſich anzukleiden, überreichte ihr Lotta ein Billet von Madame Teverino. Daſſelbe lautete: „Madame! „Aus beifolgendem Schreiben, das ich geſtern mit der Poſt erhielt, werden Sie erſehen, daß dringende Geſchäfte mich nöthigen, ohne Abſchied oder weitere Erklärung von hier abzureiſen. „Meine Tochter iſt nach dem letzten ſchweren Krampfanfall noch allzu ſchwach, als daß ich ſie mit mir nehmen könnte. Ich muß ſie daher bis auf Wei⸗ teres Ihrer Güte und Fürſorge empfehlen. „Ich hoffe, daß ich ſchon in drei Wochen wieder hier jeyn werde, um ſie abzuholen, und weiß, daß dieſelbe in keinen beſſern Händen ſeyn kann, als bei derſenigen, welche ihr ſchon einmal als guter Engel erſchien. „Unter Verſicherung meiner unvergänglichen Dank⸗ barkeit zeichne ich mit größter Hochachtung Eſter Teverino.“ . 69 In Madame Teverino's Billet lag ein Brief an ſie, der von London aus datirt war und die Unter⸗ ſchrift John Smith trug. Gurli las: „Miſtreß! „Es ſieht wirklich aus, als ob die bewußte Affaire eine für Sie günſtige Wendung nehmen ſollte. Ihre Gegenwart hieſigen Orts iſt jedoch nöthig, um die Sache zum Schluß zu bringen. Ich muß Sie daher erſuchen, ſogleich nach Empfang dieſes Briefs die Reiſe nach England anzutreten, wenn Sie anders nicht aller Ausſichten u. ſ. w. auf die Zukunft ſich berauben wollen.“ 2 Gurli blieb eine Weile nachdenklich ſtehen und ſchaute vor ſich hin. Ihre Augen fielen auf die Tags vergeſſene Uhr, welche noch auf dem Toiletten⸗ tiſch lag. St hing dieſelbe um; während ſie die Berloquen und den künſtlich gearbeiteten Schlüſſel daran be⸗ trachtete, ſprach ſie bei ſich: „Welche unverzeihliche Unvorſichtigkeit von mir, daß ich ſie zu Hauſe liegen ließ!“ Sie öffnete ihren Schreibtiſch, zog eine Schublade und nahm daſſelbe Medaillon heraus, welches ſie beim Abbruch des Kamins gefunden hatte. Eine Minute weilte ihr Blick auf dem Bilde, dann druͤckte ſie auf die Feder, um ſich zu überzeugen, daß das eingeſchloſſene Papier noch an Ort und Stelle war; und als ſie die vergelbten Umriſſe da⸗ von erkannt hatte, drückte ſie das Medaillon wieder zu, legte es in die Schublade zurück und ſchloß den Schreibtiſch, vollkommen beruhigt in Bezug auf ihre Vergeßlichkeit und die Folgen, welche dieſelbe hätte haben können, Eine Weile darauf gedachte Gurli, ſich nach Amy's Befinden zu erkundigen. Als ſie in dieſer Abſicht aus dem Zimmer trat, verließ Allon gerade u ſeinige, ſo daß ſie auf der Hausflur zuſammen⸗ trafen. Gurli, deren Ideen beim Anblick des Porträts wieder einem Gegenſtand zugeführt worden waren, welcher ſtets eine peinliche Wirkung auf ſie ausübte, erſchien nunmehr, als ſie Allon begegnete, mit unge⸗ wöhnlich ernſter Miene. Allon dagegen ſah aus, als ob er den Verſtand verloren hätte. Er kam auf Gurli zu und ſagte, indem er ſie am Arm faßte: „Warum lächelſt Du nicht? warum haſt Du nicht die lügneriſche Maske vorgenommen, um mich auf's Neue zu betrügen? Greife wenigſtens jetzt zu derſel⸗ ben, da wir zuſammen auftreten ſollen, um vor unſern Gäſten die Rollen zweier glücklicher Gatten zu ſpielen.“ Er ließ ihren Arm los und ſetzte mit einem Hohnlachen hinzu: „Man nennt mich treulos, macht mich zum Ge⸗ ſpräch unter den Leuten; aber man ſchweigt bei deiner Aufführung, weil Du die Kunſt verſtehſt, Gott und die ganze Welt zu betrügen.“ Damit eilte er die Treppe hinab. Gurli ſah ihm mit einem Blick nach, wie es wohl gegenüber von einem Menſchen geſchieht, der plötzlich mit Wahnſinn geſchlagen worden iſt. Es war noch keine Stunde, ſeitdem ſie ſich getrennt hatten, und da war er heiter und herzlich geweſen. Was konnte vorgefallen ſeyn, um eine ſolche Verände⸗ rung bei ihm hervorzubringen. Kaum vierundzwanzig Stunden waren verfloſſen, 71 ſeitdem er zu ihren Füßen die heiligſten Eide ge⸗ ſchworen, daß, wenn ſie wieder liebreich und zärtlich wäre, wie zu Anfang ihrer Ehe, er ſich niemals mehr ein verletzendes Woit, niemals eine Aeußerung oder Handlung erlauben würde, wodurch ſie gekränkt werden könnte. Nein, er wollte auf ſeinen Gemüthszuſtand Acht geben und jeden Ausbruch unziemlicher Eiferſucht oder ſchlechter Laune bemeiſtern. Und nun, nach Verfluß eines Tages, waren alle dieſe Eide und Verſicherungen vergeſſen. Er geſtattete ſich, ohne die geringſte Veranlaſſung ſchimpfliche An⸗ klagen auszuſtoßen. Gurli fühlte ſich wieder in der Seele niederge⸗ drückt und dachte: „Wie kann ich wohl auf die Zukunft an der Seite eines Mannes hoffen, welcher zügellos jedem Argwohn Raum gibt? Doch, Stephan hatte Recht; nicht mein Glück iſt es, das meine Gedanken beſchäf⸗ tigen ſoll, ſondern— das ſeinige. Gurli wurde von Amy nicht angenommen; die Magd, welche zu ihrer Bedienung beſtellt war, gab an, Mamſell Teverino habe ſich in ihrem Zimmer eingeſchloſſen. 8 XVII. Am Vormittäg kamen tin paar Familien aus der Nachbarſchaft zu W Gurli hatte Allon ſeit ihrer Begegnung auf der Hausflur bis zu dem Augenblick, da ſie ſich im Saale einfand, um die Gäſte willkommen zu heißen, nicht wieder geſehen. —— 72 Allon war artig und zuvorkommend gegen die⸗ ſelben, ſchleuderte aber ſeiner Gattin von Zeit zu Zeit grimmige Blicke zu. Am Rachmittag erſchien Amy in dem großen Solon, zu nicht geringer Ueberraſchung von Jeder⸗ mann, da ſie am Tage zuvor ſo krank geweſen war, daß man nach dem Arzt hatte ſchicken müſſen. Allerdings waren noch Spuren von Leiden in ihrem Angeſichte zu erkennen; die Wangen waren graugelb und die Augen hatten einen unnatürlichen Glanz, aber die Lippen lächelten und die Bewegungen waren lebhaft. Auf Gurli's Frage nach ihrem Befinden ant⸗ wortete ſie, die Unpäßlichkeit ſey vbrüber und ſie fühle ſich wieder vollkommen wohl. Allon eilte ſogleich auf ſie zu und ſprach in den beredteſten Ausdrücken ſeine Freude aus, ſie wieder zu ſehen. Er redete mit lauter Stimme, ſo daß alle An⸗ weſenden ihn hören konnten. Die Gäſte aus der Nachbarſchaft wechſelten be⸗ deutungsvolle Blicke, welche zu ſagen ſchienen: „Das Gerücht hat nicht übertrieben. Man ſieht ja, daß er in die ſchöne Südländerin förmlich ver⸗ Gurli behielt indeſſen ihre Faſſung bei, obſchon das Herz ihr erbebte. Sie erinnerte ſich daran, daß Allon am Tage vorher ihr bei ſeiner Ehre verſprochen hatte, niemals wieder zu einem für ihre Ehre ver⸗ letzenden Gerede Anlaß zu geben. Während ſie mit den Gäſten die Converſation fortſpann und, ohne hinzuſehen, doch bemerkte, wie Allon ſämmtliche Anweſenden um Amy's willen ver⸗ gaß und vernachläſſigte, machte Gurli alle Grade 73 von Martern durch, welchen ein verwundetes Men⸗ ſchenherz unterworfen werden kann. Stephan war nicht ſichtbar. Gurli, welche nur mit großer Anſtrengung die Gäſte ſo weit zu unterhalten vermochte, daß ſie an Allon's Benehmen nicht allzu großen Anſtoß nahmen, ſchlug eine Promenade nach dem Pavillon vor. Die Geſellſchaft brach auf, und das Drückende in Gurli's Situation trat weniger zu Tage, als man in den Garten hinauskam. Allon hatte ſich gleichfalls gezwungen geſehen, bei dieſem Aufbruch ſich von Amy zu trennen; denn Baron S. wandte einigen Fragen an ihn, welche er beantwo te, und verwickelte ihn hernach in ein langes Geſpräch über den bevorſtehen⸗ den Reichstag. Che man ſich nach dem Pavillon begab, wurde durch den Park ein Gang gemacht, und Gurli trug darauf an, denſelben bis zu der Villa auszudehnen. Man beſah und bewunderte dieſelbe, lenkte dann ſeine Schritte nach dem Pavillon, um daſelbſt auszu⸗ ruhen und einige Erfriſchungen einzunehmen, ehe man wiederum den Rückweg einſchlug. Als man in die Nähe des Pavillons kam, hörte man eine klare männliche Stimme in demſelben ſingen: „Tief im Meere, in Hallen von Diamant u. Man hielt an, um zu horchen. Der Zufall hatte es ſo gefügt, daß Gurli und Amy hiebei ganz nahe neben einander zu ſtehen kamen, worauf jedoch Gurli nicht Acht gab. Der Laut von Stephans Stimme, das Lied, welches er ſang, der Ort, wo ſie ſich befanden, Alles erinnerte Gurli an jenen Abend, da ſie vor drei 74 Jahren an derſelben Stelle den Geſang der Waſſernixe zu hören gewünſcht, und dieſen Wunſch auch alsbald erfüllt geſehen hatte. Jener ganze Abend ſtand lebhaft vor ihrer Seele und rief ihr zugleich das Geſpräch mit Stephan, als er ſie um ihren Schutz für Matthes bat, in's Ge⸗ dächtniß zurück. Seine Worte, als er ihr gute Nacht ſagte, und die Gedanken, welche damals ihrg Seele erfüllten, Alles, Alles erwachte wieder in der Erinnerung. Eine warme Röthe ühte dabei auf ihren Wangen, und einen Seu Wehmuth widmete ſie jener Zeit, welche entflo und niemals wie⸗ derkehren ſollte. Etwas wie Reue bemächtigte ſich ihrer, als ſie ſich beſann, wie eilig ſie damals ihre Freiheit und das Glück, welches ſie nicht zu ſchätzen verſtand, aber deſſen Verluſt ſie jetzt in ihrem Herzen beweinte, von ſich geworfen hatte. Amy's ſchwarze Augen weilten unverwandt auf Gurli. Sie bemerkte, wie ſie die Farbe wechſelte, und flüſterte ihr in's Ohr: „Madame, der Geſang ſcheint Sie aufzuregen. Sie müſſen Ihr Geſicht hüten, denn die Blicke Ihres Mannes folgen Ihnen.“ Amy hatte Recht. Allon verſchlang buchſtäblich ſeine Frau mit den Augen, und dieß auf eine Weiſe, welche die wahnfinnigſte Eiferſucht verrieth. Gurli rührte ſich nicht, ſondern erwiderte blos: „Ich verſichere Sie, Signora, daß mein Geſicht keinen Ausdruck annehmen kann, den ich den Blicken meines Mannes zu entziehen wünſche.“ Der Geſang verſtummte jetzt, und man trat in den Pavillon. 75 Stephan ſprang von dem Piano auf. Man bekomplimentirte ihn, die jungen Damen lächelten dem ſtattlichen Bezirksrichter, welcher eine ſo ſchöne Stimme hatte, ganz freundlich zu. Stephan antwortete in ſeiner ſcherzhaften Weiſe und fügte einige Artigkeiten hinzu, von welchen man nicht wußte, ob man ſie für Ernſt nehmen ſollte, oder ob ſie nur ironiſch gemeint waren. Sein Auge hatte indeſſen die Angekommenen überflogen und mit einem einzigen Blick Gurli, Allon ite genügt, um zu erkennen, zwiſchen den Gatten nun völlig verſchwunden, on aufgebracht, Gurli's Lächeln nervös war my unter der Herrſchaft ihrer ſchlimmen Gedanken ſtand. So bald er konnte, näherte er ſich Amy. Sie ſtand an der geöffneten Balkonthüre. „Feinde alſo!“ äußerte Stephan, indem er ſich neben ſie ſtellte und die Ausſicht betrachtete. „Ja!“ antwortete ſie. „Gut, wie es Ihnen beliebt. Es gibt alſo Krieg?“ „Auf Leben und Tod. Ich werde Ihnen zeigen, Signor, daß, ehe Sie ſich zum Angriff rüſten, ich bereits Sie geſchlagen habe. Gehen Sie hinein in die Geſellſchaft und ſagen Sie Alles von mir, was Ihnen beliebt, ich fürchte Sie nicht. Sie werden doch nicht vermögen, die Farbe des Schreckens mir in die Wangen zu treiben; wohl aber verſpreche ich Ihnen, daß es, ehe wir heute Abend uns trennen, mit Ihnen abgethan ſeyn wird.“ „Ich biete Ihnen Trotz,“ entgegnete Stephan. „Es gibt keine Hondlung in meinem Leben, welche das Tageslicht zu ſcheuen hat. Was die Art und daß das gute Einy 76 Weiſe betrifft, auf welche wir unſere Bekanntſchaſt gemacht haben, ſo ſind Sie mit der Vorausſetzung, daß ich deſſen erwähnen würde, völlig im Irrthum. Was geweſen, iſt nicht mehr; aber was iſt, gehört uns. Wenn es ſich um Ernſt handelt, benütze ich kein Spielzeug als Waffe.“ „Das glaube ich auch nicht; aber es handelt ſich darum, welche Waffe, die Ihrige oder die meinige, am gefährlichſten iſt Die klatſchſüchtigen Damen hatten inzwiſchen eine ganze Maſſe von Schlüſſen darüber gemacht, daß der junge Ehemann und ſeir in, der Bezirksrichter, beide mehr als gebühr k die Sängerin in⸗ tereſſirten, deren Verweile k von Stral's Hauſe man ganz unpaſſend fand W hrhaftig, nur eine Frau von Gurli's übermüthigem Charakter konnte ſich über das, was Andere meinten und dachten, hinweg ſetzen und ſich erlauben, eine ſolche Perſon als Gaſt aufzunehmen und ehrliche Leute zu zwingen, von dem Standal mit ihrem Manne Zeugen zu ſeyn. „Sie iſt ſo hochmüthig und eigenliebig,“ hieß es über Gurli,„doß ſie ſich gar nicht die Möglichkeit denken kann, ihr Mann dürſe es wagen, an einer Andern Gefallen zu finden; aber Hochmuth kommt vor dem Fall, und nun hat Gott ihr eine rechte Zucht⸗ ruthe auf den Hals geſchickt.“ „Es wäre recht ſonderbar,“ flüſterte die Frei⸗ herrin S. der Majorin B. zu,„wenn nicht Jemand die eigenliebige Thörin darauf aufmerkſam machte, daß ihr Mann und ihr Couſin in die Italienerin ganz vernarrt ſind. Man hat mir allerdings ſchon davon geſagt, aber ich gläube niemals etwas Schlech⸗ tes von meinen Mitmenſchen und habe nicht darauf geachtet. Jetzt kann ich indeſſen nicht mehr zweifeln, 77 ſeitdem ich mit eigenen Augen geſehen habe, wie Herr von Stral ſich benimmt. Seine Blicke auf den ezirksrichter beweiſen am beſten, wie es ſteht. Aber ich werde ſchon Mittel und Wege ausfindig machen, um Gurli die Augen zu öffnen. Ich könnte nicht ruhig leben und wiſſen, daß ein Menſch ſich ſo ſchmählich betrügen läßt.“ Nachdem man hinter dem Rücken des Wirthes und der Wirthin ſeinen Gedanken Luft gemacht und einige Erfriſchungen zu ſich genommen hatte, reiste man von Birgersborg ab, um nach Gewohnheit ſo bald als usſch⸗ man geſehen, gemeint und gedacht hatte, ſeinen Rachbarn mitzutheilen. Die Fremden waren fort, und die Bewohner von Birgersborg ſaßen auf dem Balkon, der vor dem Saale des Pavillons angebracht war. Gurli war völlig erſchöpft von der Anſtrengung, heiter zu erſcheinen, und lehnte ſich, bleich und ſtumm, in einen Arnſeſſel zurück. Mathilde Braun hatte auf einem Schaukelſtuhl latz genommen, und Stephan ſtand in einiger Ent⸗ fernung von Gurli und ſprach mit Fräulein D. Amy näherte ſich Gurli mit den Worten: „Ich fürchte, gnädige Frau, Sie ſind heute nicht recht wohl; Sie ſehen ſo blaß aus.“ „Meine Bläſſe iſt von keiner B ich befinde mich vollkommen wohl,“ lon, welcher mit dem Rücken ſtand, drehte ſich um; auch Ste edeutung, denn erwiderte Gurli. gegen ſeine Frau ephan warſ einen haſtigen 9 i anreden hörte Mit einem gewiſſen Uebermuth dachte „Sollte ſie vielleicht jetzt darauf ausgehen, mir gen zu treiben?“ 6 Blick auf Amy, als er ſie Gurl die Farbe des Schreckens in die Wan Schwartz, Der Rechte. III. 78 „Wäre ich nicht geſtern ſo krank geweſen,“ nahm Amy wieder mit gewinnendem Lächeln das Wort, „ſo hätte ich mich ſchon am Morgen nach Ihrer Ge⸗ ſundheit erkundigt, Madame; denn ich fürchtete wirk⸗ lich, Sie würden ſich vorgeſtern Nocht eine Erkältung zugezogen haben.“ „Vorgeſtern Nacht!“ Gurli's Angeſicht bedeckte ſich mit einer Purpur⸗ gluth, als ſie bei dieſen Worten ſich an die Veran⸗ laſſung zu dem nächtlichen Ausflug erinnerte. Sie erröthete bei dem Gedanken daran, daß Amy jetzt eine Wunde aufriß, welche allz friſch war, um eine ſolche Berührung von den dohh derjenigen Perſon zu ertragen, um deren willen ſie dieſelbe empfangen hatte. Stephan's Geſicht verrieth geſpannte Neugierde. Er begriff indeſſen noch nicht, wo Amy hinaus wollte. Allon's ſpähendem Blicke entging Gurli's Er⸗ röthen nicht, und er biß die Zähne über einander. „Ich bin nicht ſo empfindlich, um bei einer Som⸗ mernacht eine Erkältung zu riskiren.“ „Sie ſind vielleicht, Madame, an dergleichen Wanberungen gewöhnt,“ fuhr Amy fort;„ich aber erbebe ſchon bei der Vorſtellung, in Ihren kalten Sommernächten draußen zu ſeyn; aber Sie Nord⸗ länder, Sie haben eine große Vorliebe dafür, nicht wahr, Herr Braun?“ Amy wendete ſich bei dieſen Worten zu Stephan um und ſirirte ihn ſcharf. „Ich für meine Perſon bin ein großer Freund derſelben,“ antwortete Stephan und erwiderte nicht minder feſt ihren Blick. „Das dachte ich auch, als ich vorgeſtern Abend von meinem Fenſter aus Sie denſelben Weg ein⸗ —— 79 ſchlagen ſah, auf welchem wenige Sekunden zuvor die gnädige Frau ſich vom Hauſe entfernt hatte. Jetzt verſtand Stephan, was Amy beabſichtigte. Er trat Amy um einen Schritt näher, als dieſe ganz ruhig fortfuhr: „Man wäre zu glauben verſucht geweſen, es handle ſich um ein Rendezvous zwiſchen Madame und Ihnen, ſo ſchnell eilten Sie ihr nach, Herr Braun. — Aber vielleicht waren Sie beide es nicht, vielmehr das Ganze nur eine Täuſchung meiner Sinne,“ ſetzte ſie lachend hinzu. Amy hatte geſagt, ſie würde Stephan die Röthe des Schreckens auf die Stirne treiben; aber hierin irrte ſie ſich. Sie brachte es nur dahin, daß er vor Zorn über die wohlbedachte Bosheit in ihren Worten erbleichte. Amy erhob ſich; Gurli that daſſelbe. Sie richtete ihr ſchönes Haupt empor und ſagte ſtolz: „Ja, Signora, ich war es wirklich, die Sie vor⸗ geſtern Nacht geſehen haben. Ich ging zu meiner Mutter Grab.“ „Beſte Gurli,“ fiel Stephan ein,„ich glaube wirklich, Du nimmſt den Scherz der Signora für Ernſt. Das wundert mich; denn ſicherlich gibt es hier Niemand, der nicht einſähe, daß die eben ge⸗ äußerte Bemerkung nichts weiter, als ein wenig ge⸗ lungener Scherz ſeyn ſoll. „Allerdings, mein Herr,“ entgegnete Amy, den Kopf umdrehend;„wer ſollte nicht darüber ſcherzen, wenn er eine junge Dame und einen jungen Kavalier mitten in der Nacht hinter einander herſpringen ſieht! — Apropos, was die Nacht betrifft, Herr von Stral, ſo kommt es mir auffallend und unerklärlich vor, warum Ihre Mutter, welche geſtern hier im Ort 80 anlangte, bei dem Paſtor ſich einguartirte und nicht bei Ihnen. Einer Mutter Platz iſt immer bei ihren Kindern, und es wundert mich, daß Sie ſolches zuge⸗ geben haben. Das iſt eine Artigkeit, die Sie mög⸗ lichſt bald nachholen müſſen.“ Amy ging in den Salon, und im nächſten Augen⸗ blick hörte man ſie eine hübſche Arie ſingen, wozu ſie ſich auf dem Piano accompagnirte. XVIII. Auch dieſer Tag nahm ein Ende, und wiederum hatte man ſich gegenſeitig gute Nocht geſagt. Gurli hatte jedoch kaum ihr Zimmer betreten, als Allon hinter ihr hergeſtürzt kam. Bisher war dieſe ihre Privatwohnung noch nicht zum Schauplatz gewiſſer häuslicher Scenen auserkoren worden. Dieſe Zimmer, welche ihre Mutter bewohnt hatte, erſchienen ihr heilig, und ſie wünſchte, da wenigſtens hier keine bösartigen und zornigen Worte gewechſelt würden. Jetzt vermochte ſie es nicht mehr zu hindern, daß eben hier einer der heftigſten Auftritte in ihrem Eheſtands⸗Drama erfolgte. Wir wollen nicht Alles, was Allon vorbrachte, wiedergeben, ſondern blos mittheilen, daß er Gurli einen anonymen Brief zeigte, wonach der Schreiber deſſelben ſich für verpflichtet erachtete, ihn davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ſeine Frau und der Bezirks⸗ richter Braun bei nächtlicher Weile geheime Zuſam⸗ menkünfte hielten. Er hatte dieſen Brief erhalten, während Gurli 81 Morgens ſich ankleidete. Jetzt war die Anklage be⸗ ſtätigt worden. Amy hatte ſie geſehen, und Gurli überdieß ſelbſt zugegeben, daß ſie in der Nacht aus⸗ wärts geweſen war. Die Beſchuldigungen, welche gegen Gurli erhoben hatte, waren allerdings verletzend für dieſe geweſen, aber doch nicht in dem Grade, wie jetzt. Er erlaubte ſich die ſchimpflichſten Andeutungen, ohne irgend eine Erklärung zu verlangen oder anzuhören, behandelte ſie, als ob ſie ein verbrecheriſches Weib wäre, welchem er mit Verachtung zu begegnen das Recht hätte. Während dieſer Sturm von Beleidigungen über Gurli erging, ſah ſie aus, als ob ſie von Erz geweſen wäre, aber von Erz, das in ſeinem Innern eine Pulvermaſſe barg und jeden Augenblick in Stücke zu ſpringen drohte. Nicht ein Wort äußerte ſie, um ihn zu unter⸗ brechen, oder zur Beſinnung zu bringen. Sie ließ ſeinen Zorn ganz ungehemmt austoben und ſtand da, die Arme über die Bruſt gekreuzt, um den Augenblick zu erwarten, wo der Orkan vorüber ſeyn würde. Dieſer Zeitpunkt trat auch ein, und als Allon endlich nichts weiter mehr zu ſagen wußte, warf er ſich auf einen Sopha und rief: „Es bleibt mir beinahe Nichts übrig, als mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen.“ „Nein, es bleibt dir wirklich nichts Anderes übrig, nachdem Du dich ſelbſt und deine Frau ſo gräßlich erniedrigt haſt,“ ſagte Gurli mit dumpfer Stimme. „Erniedrigt, erniedrigt!“ rief Allon und ſprang wieder auf.„Kannſt Du tiefer erniedrigt werden, als Du es ſelbſt mit dir gethan haſt?“ „Jetzt iſt es genug,“ brach Gurli aus und faßte 362 ren Mann am Arme;„Du haſt bereits ſo viel geſagt, daß Du es niemals wieder ſühnen kannſt. Höre nun, was ich dir zu ſagen habe. In der Nacht, als Amy Teverino mich vom Hauſe hinwegeilen ſah, kam ich von dir, unglücklich und verzweifelt. Ich floh zu meiner Maiter Grab, um mich dort auszuweinen, um mir wo möglich die Kraft zu erkämpfen, das, was Du gegen mich verbrochen hatteſt, zu vergeſſen und zu verzeihen. Ich betete dort zu ihr, daß die Zuneigung zu dir nicht aus meiner Bruſt ſchwinden möchte; ich betete vergebens, denn heute haſt Du ſie getödtet. Und nun glaube, was Du willſt, es iſt mir gleichgiltig. Ich war mir ſelbſt ſchuldig, nicht dir, anzugeben, was mich von Hauſe hinweg führte. Morgen ſoll Stephan von hier fort; das iſt eine Maß⸗ regel, welche meine Ehre mir zur Pflicht macht.— Allon von Stral, als Gatten ſind wir geſchieden, auch wenn wir vor der Welt noch die Rolle derſelben fortſpielen müſſen.“*. WMit dieſen Worten war Gurli aus dem Zimmer. Allon blieb allein, allein mit einer ganzen Hölle in ſeinem Innern. Gurli's Worte:„Als Gatten ſind wir geſchieden,“ waren das Einzige, was nach allen dieſen Stürmen in ſeinem Ohre widerhallte. XIX. Auf die Nacht folgte wiederum ein Tag. Die Gäſte, welche beim Frühſtück geweſen, hatten bereits den Speiſeſaal verlaſſen; die andern tranken ihren Kaffee oder Thee auf ihren Zimmern. Gurli trat in den Saal, gerade als die Diener die letzten Ueberreſte von dem abßedeckten Tiſch hin⸗ wegtrugen. Sie blickte raſch um ſich und gewahrte Niemand, außer Stephan, welcher am Fehſter ſitzend die Zeitungen las. Gurli ging auf ihn zu.— „Wann verläſſeſt Du Birgersborg?“ fragte ſie. „Erſt in einigen Wochen,“ antwortete er mit feſter Stimme. „In dieſem Fall werde wohl ich von hier abziehen müſſen,“ ſagte Gurli und wollte ſich wieder entfernen. „Wie, Du gedenkſt dich vor deinem Mann und vor Allen, welche verſtanden oder hörten, was Amy Teverino geſtern Abend geäußert hat, ſelbſt zu einer verbrecheriſchen Frau zu ſtempeln?“ „Ich gedenke nur, nicht länger unter demſelben Dache mit einem Mann zu verweilen, um deſſen willen ich einem unverdienten Schimpf ausgeſetzt worden bin. Ich ſage dir, Stephan, Du handelſt als ein Mann ohne allen Begriff von Pflicht und Ehre, wenn Du länger hier bleibſt.“ „Möglich, daß es deine Anſicht ſo iſt; bei mir verhält es ſich anders, und darum bleibe ich hier.“ „In dieſem Fall gehe ich auf einige Wochen zu Tante Katharina.“ „Und verläſſeſt deine Gäſte?“ „Ja, es handelt ſich bei mir darum, von dem Orte wegzukommen, wo Du weilſt. Ich kann niemals den Gedanken ertragen, daß auf dich und mich Blicke geheftet werden, welche einen Zweifel an mir als einer rechtſchaffenen Frau in ſich ſchließen. Bleibe Du hier; ich reiſe. Ich kann nicht verlangen, daß Du um meines häuslichen Friedens willen auf die Geſellſchaft der Perſon verzichteſt, welche von dir geliebt 84 wird. Was hat es auch zu bedeuten, ob ſie gleich einem böſen Geiſte mein Leben vergiftet, mein Glück zerſtört und jegliche Einkracht zwiſchen mir und Allon zunichte macht. Du haſt niemals einige Anhänglichkeit an ihn oder an mich gehabt; kein Wunder alſo, wenn Du ganz und gar überſiehſt, wie viel Unheil deine und ihre Gegenwart angerichtet hat.“ „Gurli, Du weißt nicht, was Du ſagſt,“ rief Stephan und ſaßte ihre Hand.„Ich will dir auch deine Worte nicht zurechnen, ſo wenig, als ich den⸗ ſelben Einfluß auf meine Handlungsweiſe geſtatten werde.“. Stephan ließ Gurli's Hand los und trat auf die Terraſſe hinaus. Hier ſah er ſich ganz unvermuthet Auge in Auge Allon gegenüber, welcher hinter der geöffneten Glästhüre geſtanden war, um zu belauſchen, was zwiſchen Gurli und Stephan geſprochen wurde. Die beiden Couſins betrachteten einander eine Sekunde. Der alte Knabengroll leuchtete aus ihren Augen hervor, und ſeltſam genug, noch deutlicher bei Stephan, als bei Allon. Gurli war, ohne von ihres Mannes Anweſenheit auf der Terraſſe Etwas zu merken, wieder hinauf auf ihr Zimmer geeilt. „Ich habe dich dieſen Morgen ſchon geſucht, um ein paur Worte mit dir zu reden,“ äußerte Stephan, welcher zuerſt das Stillſchweigen unterbrach. „Du und ich, wir können einander wohl nicht viel zu ſagen haben,“ entgegnete Allon und wandte ſich nach der Saalthüre. „Nicht viel, das iſt wahr; aber dennoch Etwas. Laß uns deßhalb in die Bibliothek gehen.“ Allon drehte den Kopf um. „Ich wünſche jeder Erklärung auszuweichen, ſie iſt überflüſſig.— Ein teéte-téte zwiſchen dir und mir muß von beiden Seiten vermieden werden.“ Allon war der Glasthüre näher getreten; aber ehe er dieſelbe noch erreichte, ſtand Stephan vor ihm. „Was Du wünſcheſt oder nicht wünſcheſt, iſt mir— gleichgiltig; hier handelt es ſich um einige Worte, welche zwei Männer wechſeln müſſen. Ich erkläre dir alſo, daß Du mir in das Bücherzimmer folgen mußt, oder glaubſt Du ungeſtraft nach den Eingebungen deiner Laune mit der Ehre Anderer ſpielen zu können? Du kennſt mich nicht, Allon, wenn Du hoffſt, ich werde mich jetzt, wie in den Kinderjahren, mit großen Worten abſpeiſen laſſen. Wir haben deren ſchon allzu viele verloren.“ Allon betrachtete Stephan mit zornig erregter Miene. Es ſah aus, als ob er ſich auf ſeinen Couſin werfen wollte; aber nach kurzem Beſinnen ſchlug er den Weg nach der Bibliothek ein. Als ſie dort ange⸗ langt waren, ſchloß Stephan die Thüre. Das Geſpräch zwiſchen ihnen war nicht ſehr lang. Stephan hatte in kurzen und beſtimmten Worten erklärt, daß er von Birgersborg nicht abreiſe, ſo lang Amy Teverino ſich hier befände. Er ſey nicht Willens, durch eine gemeine Intrigue, welche nur angeſponnen worden, um einen Schatten auf ihn zu werfen, ſich von hier entfernen zu laſſen. Er müſſe es als einen Schimpf betrachten, daß man den Leuten zu verſtehen geben wolle, er habe mit einer verheiratheten Frau eine Zuſammenkunft gehabt, und darum werde er hier bleiben. „Wenn ich jemals eine Neigung für Gurli gehabt hätte,“ ſetzte Stephan in gleichgiltigem Tone hinzu, „ſo würde ich deren Hand zu gewinnen geſucht haben, als ſie noch über dieſelbe verfügen konnte, und wäre 86 mir von ihrem Herzen der Vorzug gegeben worden, ſo würde ich wohl in dieſem Augenblick ihr Mann ſeyn. Dieß iſt ein ſo einfacher Schluß, daß ein Blöd⸗ ſinniger denſelben zu ziehen vermöchte und einſehen müßte, wie ein wärmeres Gefühl zwiſchen uns nicht exiſtiren kann. Somit, wenn Amy abreist, verlaſſe ich Birgersborg, früher nicht; und nun habe ich Alles geſagt, was ich zu ſagen hatte.“ Allon ſtand da, die Hand auf den Tiſch geſtützt, und hörte Stephan zu, ohne ein Wort zu äußern. Dieſer hatte wieder nur von ſeiner Ehre, ſeiner Stellung und von dem, was er ſich ſelbſt ſchuldig wäre, geſprochen, ohne Gurli's mit einem Worte zu erwähnen. Als er dieß ſchließlich that, ſo geſchah es in ſo indifferentem Tone, daß er ſie nur als eine Nebenperſon in der ganzen Geſchichte zu be⸗ handeln ſchien. Schon während Allon die Unterredung zwiſchen Gurli und Stephan belauſchte, begann er in Zweifel zu ziehen, ob er nicht übereilt gehandelt hätte, da er Gurli's Verbrechen für erwieſen angenommen. Als darum Stephan ſchwieg, ſagte er: „Antworte mir ehrlich auf eine Frage: Habt ihr, Du und Gurli, einander Mittwoch Nacht getroffen?“ „Ja,“ erwiderte Stephan ruhig. llon wurde dunkelroth, ſeine Hand ballte ſich krampfhaft und er trat Stephan einen Schritt näher. „Und Du willſt, daß ich.. 1. „Daß Du wie ein vernünftiger Menſch redeſt und dich benimmſt,“ fiel Stephan ein;„ja, das will ich.“ „Ich rede und benehme mich, wie es mir in meinem Hauſe beliebt,“ rief Allon;„und nun habe — — 87 ich genug gehört, um zuwiſſen, wie ich handeln muß, um mich zu befreien—“ „Von deinem eigenen Wahnwitz,“ unterbrach ihn Stephan, dießmal mit einer höhern Farbe auf der Stirne. „Willſt Du mich ausreden laſſen, ehe Du dir erlaubſt, Beleidigungen gegen mich auszuſtoßen?“ „Ich will Nichts hören,“ rief Allon. „Aber ich ſage dir, Du ſollſt, und wenn wir im nächſten Augenblick einander eine Kugel durch den Kopf ſchießen müßten, um dieſer lumpigen Komödie einen würdigen Schluß zu machen.“ Ohne Allon Zeit zu einer weiteren Aeußerung zu laſſen, erklärte Stephan mit einigen Worten, wie er und Gurli auf dem Kirchhofe zuſammengetroffen nn Nachdem er dieß gethan hatte, entfernte er ſich. Als er fort war, ſank Allon auf einen Stuhl und drückte die Hände vor die Stirne, indem er murmelte: „Habe ich denn nicht einen redlichen und auf⸗ richtigen Freund, der mir darüber Aufklärung ver⸗ ſchaffen kann, ob ich abſcheulich ungerecht bin, oder ob ſie wirklich treulos iſt!“ Das Geräuſch eines Wagens, welcher auf dem Hofe vorfuhr, riß ihn aus ſeinem Nachſinnen. Er erinnerte ſich nun, daß Gurli gegen Stephan erklärt hatte, ſie werde ſich zu Tante Katharina begeben. Nein, und tauſendmal nein, ſie durfte nicht fort. Er mußte mit ihr reden; ſich überzeugen, daß ſie ihn nicht betrogen hatte. Allon riß die Thüre auf und eilte hinaus; aber in demſelben Augenblick, da er in das Veſtibule trat, fuhr Gurli's kleines Coupé zum Hofe hinaus, und 88 einige von Allon's Freunden, welche als Gäſte zu Birgersborg weilten, kamen ihm entgegen. Der königliche Sekretär Stiernberg rief, als er Allon erblickte: „Bei meiner Ehre, Stral, nie habe ich ein ſo ſchönes Weib geſehen, wie deine Frau. Sie kann mit ihrem zauberiſchen Reize und ihrer Originalität Einen wahrhaftig zum Narren machen. Wäre ich ihr Mann, ich würde mich für den Glücklichſten von allen Sterb⸗ lichen halten.“ „Und ich,“ fiel Lieutenant Stormfeldt ein,„könnte mich unmöglich von ein paar ſchwarzen Augen ver⸗ führen laſſen, wenn der Herr des Himmels ſo gnädig geweſen wäre und eine ſchöne blondlockige Frau, welche noch dazu Millionen beſitzt, mir beſchert hiue „Was ſollen wir nun anfangen, da die Königin dieſer Stätte abgegangen iſt?“ fragte ein Anderer.— „Apropos, deine Frau war ſo bleich, als ſie hinweg⸗ fuhr, daß ſie mich beinahe erſchreckte. Sie ſah aus wie ein Marmorbild.“ Man plauderte noch eine Weile über Gurli hin und her und verſetzte Allon einige ſarkaſtiſche Hiebe bezüglich ſeiner Schwäche für ſchwarze Augen u. ſ. w. Endlich rückte Stormfeldt— ein ſehr liebenswürdiger junger Mann, nur mit dem einzigen Fehler, daß er ein Spieler war— mit dem Vorſchlag heraus, in ſein Zimmer zu gehen und eine Partie Whiſt zu machen. Allon hatte keine Luſt dazu, aber Stormfeldt be⸗ ſtand darauf, daß er ihnen Geſellſchaft leiſte; er müſſe den vierten Mann machen und dürfe nicht vergeſſen, was ihm als artigem Wirthe zukäme, ſo lang ſeine Frau vom Hauſe abweſend wäre. Ja, Stormfeldt wollte ihn ſogar in ſeiner Nähe behalten, damit er nicht auf unrechte Wege gerathe, wozu ihn ein ge⸗ — —— 89 dem Süden entſtammendes Kind wohl verleiten möchte. Um dem Spott ſeiner Freunde zu entgehen, gab Allon nach; aber das Blut brannte ihm in den Adern. Sie waren kaum in Stormfeldts Zimmer ange⸗ kommen und hatten am Spieltiſche Platz genommen, als Stephan gleichfalls eintrat. Als Stormfeldt förmlich im Zuge ſich befand und der erſte Robber zu Ende war, erbot ſich Stephan, Allons Karten zu übernehmen, und dieſer verließ un⸗ verweilt den Spieltiſch und die Spielenden. Eine Stunde lang blieb Stephan ſitzen; aber als Lieutenant D. anlangte, verſicherte Stephan, daß er nicht länger bleiben könne, und D. nahm ſeinen Platz ein. Stephan entfernte ſich und nahm ſeinen Weg nach dem großen Gebäude. Eine neue Opernmelodie pfei⸗ fend, trat er in den Saal, wo die Dienerſchaft eben daran war, die Mittagstafel zu decken. „Iſt Herr von Stral auf ſeinem Zimmer?“ fragte er. „Nein, er iſt fortgefahren,“ antwortete man ihm, „und erſt bis Mittag wieder zu erwarten.“ „Hat Mamſell Teverino ſich ſchon ſehen laſſen?“ fragte Stephan weiter. „Nein,“ lautete die Antwort. Inzwiſchen war Allon nach Helenenlund gefahren. Die Pferde liefen, daß die Funken davon ſprüh⸗ ten, und dennoch wurde der Kutſcher in Einem fort ermahnt, noch ſchneller zu fahren. 90 Allon wollte raſch an Ort und Stelle ſeyn; er wollte Gurli ſprechen, wollte— ja, er wußte ſelbſt nicht, was er wollte, oder was er zu unternehmen im Sinne hatte; er wußte blos, daß er ſobald als mög⸗ lich in Helenenlund zu ſeyn wünſchte. Vor zwei Tagen hatte er denſelben Weg gemacht, aber in wie ganz anderer Stimmung. Wie glücklich hatte er ſich damals nicht gefühlt! Endlich machten die ſchäumenden und an allen Muskeln zitternden Pferde im Hofe von Helenenlund mit Allons Wagen Halt, und in der nächſten Sekunde ſprang dieſer heraus. Eine Magd kam mit einem Knicks auf ihn zu. „Iſt meine Frau hier?“ fragte er?“ „Ei mein Gott, ja, die gnädige Frau iſt da; drinnen im Gaſtzimmer; aber meine Herrſchaft iſt in die Milchkammer hinabgegangen. Soll ich melden, daß Sie hier ſind, Herr von Stral?“ Die Magd eilte über den Hof hinweg, und Allon nahm ſeinen Weg nach dem Gaſtzimmer, wo Gurli auf einem Sopha ſaß, ſich in eine Ecke lehnend und dem Ausſehen nach ſehr unwohl. Bei Allons Eintritt fuhr ſie zuſammen und wech⸗ ſelte die Farbe. „Ich bin hieher gekommen,“ äußerte Allon,„um dich zu fragen, ob es Brauch iſt, daß eine Frau, ohne ihrem Mann ein Wort zu ſagen, von ihm weggeht und Haus und Gäſte verläßt?“ „Wenn ſie ſo tief beleidigt worden iſt, wie ich, ſo thut ſie das,“ entgegnete Gurli. „Du ſcheinſt Eins zu vergeſſen, daß ich dein Mann bin und als ſolcher auch einiges Recht über dich habe.“ „Sprich nicht von Rechten, welche Du verwirkt 9 haſt,“ rief Gurli.„Für uns beide wäre es am beſten, S wir an den entgegengeſetzten Punkten der Erde ebten.“ „Was das Beſte oder Schlimmſte iſt, kommt hier nicht in Betracht, ſondern was mein Wille iſt, und dieſer geht dahin, daß Du mir auf der Stelle zurück nach Birgersborg folgeſt.“ „Allon, ich bin hieher gereist, um einer Häus⸗ lichkeit zu entfliehen, welche für mich eine Plage iſt, und ich gehe nicht von hier ab, mag mir befehlen, wer da will.“ Mit dieſen Worten verließ Gurli das Zimmer. Im Saale fand ſie Tante Katharina. Dieſe war kurz nach Allon hier eingetreten und hatte noch die letzten Worte, welche zwiſchen Mann und Frau ge⸗ wechſelt worden, vernommen. „Hm, hm,“ brummte Tante Katharina, indem ſie Gurli einen ſcharfen Blick zuwarf und die Thüre zum Gaſtzimmer ſchloß.—„Ich fürchte, daß es nicht iſt, wie es ſeyn ſollte.“ Damit faßte ſie Gurli am Arme und führte ſie in das Schlafzimmer, welches auf der andern Seite des Saales lag. „Ich fange an zu argwohnen, daß Du, liebe Gurli, noch ſo unbändig und ſtarrköpfig biſt, wie ehe⸗ mals,“ nahm die Alte das Wort, als ſie hier ange⸗ langt waren.„Das taugt Nichts, und das Recht iſt jetzt nicht auf deiner Seite. Dein Mann iſt hieher gekommen, um dich zu holen, er wünſcht deine An⸗ weſenheit in dem Hauſe, welches Du ohne ſein Wiſ⸗ ſen verlaſſen haſt, und deine Schuldigkeit iſt, dich in ſeinen Willen zu fügen. Bedenke, daß Du ihn ſelbſt zu deinem Herrn und Begleiter durch das Leben ge⸗ wählt haſt.“ 92 Die Bruſt der jungen Frau hob ſich mächtig. Ihrem ſtolzen Sinne fiel es ſchwer, die Demüthigung, welche in dieſen Worten lag, zu faſſen. Sie war ja ſo tief gekränkt worden; ſollte ſie ſich nun vor dem⸗ jenigen beugen, welcher ſie mit Füßen getreten hatte? Tante Katharina bemerkte, daß Gurli's Stolz ge⸗ gen ihre Worte ſich empörte, und ſie richtete ihre ilugen und ernſten Augen auf Gurli, indem ſie in ſtrengem Tone beifügte: „Du biſt eine ſchlechte Chriſtin, Kind, und ver⸗ geblich wirſt Du Ruhe und Zufriedenheit in dir zu finden hoffen, wenn Du nicht Verträglichkeit lernſt. Stolz und Hochmuth kommen vor dem Fall, kann ich dir ſagen, und der, welcher nicht mit liebevollem und ergebenem Herzen ſeine Pflichten lernen will, der leidet nur, was recht iſt. Du haſt allzu viel dich ſelbſt, und zu wenig deinen Herrn und Gott angebetet, und ſo kannſt Du nicht anders als vom Mißgeſchick nie⸗ dergedrückt werden. Der, welcher ſich nicht vor dem allweiſen Zuchtmeiſter beugt, dem wird viel Böſes widerfahren. Du haſt deinem Mann Treue, Liebe und Unterwürfigkeit verſprochen— ſiehe zu, daß Du nicht allen dieſen Verſprechungen untreu wirſt. Nun habe ich dir nichts weiter zu ſagen und will darum deinen Mann begrüßen. In einer halben Stunde eſſen wir zu Mittag.“ Die Alte ging. Gurli war allein. Sie wiederholte mit ſchmerz⸗ licher Empfindung:„Siehe zu, daß Du nicht allen dieſen Verſprechungen untren wirſt.—„Ja, ich bin eine ſchlechte Chriſtin, aber wie ſoll ich lernen, anders zu werden. Kränkungen und Ungerechtigkeiten, Trug und Falſchheit haben mein Herz von den Kinderjahren an verbittert und mich auch ſpäter ſo treulich begleitet, 93 daß ſich darin kein Raum für Etwas wie Milde und Verſöhnlichkeit findet. Noch vor zwei Tagen,“ fuhr ſie in Gedanken, den Kopf auf die Hände ſtützend, fort, war es anders, da ging ich von Mama's Grab hinweg, da hoffte ich, zu Gott zu fliehen und von Chriſto die Tugenden zu lernen, welche ich ſo gern mir aneignen möchte, aber nun— nun— kommt es mir unmöglich vor.“ Gurli drückte das Geſicht noch tiefer in die Hände. Sie weinte nicht, aber ſie fühlte ſich höchſt unglücklich. Nach einer halben Stunde ging die Thüre von Neuem auf, und Tante Katharina ſteckte den Kopf mit den Worten herein: „Das Mittagsmahl iſt auf dem Tiſche, komm heraus und iß.“ Eurli ſtrich mit den Händen über die widerſpen⸗ ſtigen Locken und trat dann in den Saal. Allon ſtand mit düſterem Gemüthe vor ihr. Tante Katharina ſprach von den Felderzeugniſſen, von ihrem Federvieh, von Henne und Truthahn, von dem Stand ihres Gartens u. dgl.; ſie hatte ſo viel zu erzählen, daß unter ihrem Geplauder das ganze Mittageſſen vorüberging. Als man vom Tiſche aufſtand, gab Allon Befehl zum Einſpannen; darauf näherte er ſich Gurli, feſt entſchloſſen, auch wenn es in Tante Katharina's Ge⸗ genwart eine Scene geben ſollte, Gurli zu zwingen, mit ihm heimzukehren. Du wirſt mich wohl nach Hauſe begleiten?“ Die Worte konnten als Frage genommen werden, aber der Ton gab ihnen das Gepräge eines Befehls“ 2 Tante Katharina ſah, daß Gurli ſich entfärbte. Sowohl ſie als Allon waren auf ein Nein gefaßt, aber ſie täuſchten ſich. Schwartz, Der Rechte. III. 94 Gurli antwortete: „Ja, ich gehe mit.“ Eine halbe Stunde nachher rollte Gurli's Coupé mit ihr und Allon von Helenenlund ab. Sie ſaßen jedes in eine Ecke des Wagens zurück⸗ gelehnt. Vor ihrer Erinnerung ſtieg der Tag auf, wo Allon Gurli nach Erikstorp nachgereiſt war und ſie von dort zurückgeholt hatte. Welche Folgen waren an jenes Ereigniß geknüpft geweſen. Es hatte Anlaß dazu gegeben, daß Gurli ihre Verlobung und damit auch ihre Heirath be⸗ ſchleunigte. „Ich hätte ihren Gefühlen Zeit geben ſollen, tiefere Wurzel zu ſchlagen und zu reifen, ehe ich mit meiner Ungeduld auf unſere ſchleunige Vereinigung hinarbeitete. Dann wäre mir das Loos erſpart ge⸗ weſen, mich von dieſen Zweifeln verzehren zu laſſen, welche jetzt mein Leben zu einer Hölle machen,“ dachte Allon. „Ich hätte mir Zeit nehmen ſollen, ſeinen Cha⸗ rakter zu prüfen und mein eigenes Herz zu erforſchen, ehe ich mein Leben in ſeine Hände übergab. Dann würde ich mir nicht ein Schickſal geſchaffen haben, das ich jetzt richtig aufzufaſſen und zu tragen außer Stand bin,“ dachte Gurli. Nicht ein Wort wurde ßwiſchen ihnen auf dem ganzen Heimwege gewechſelt. Gurli fürchtete ein Geſpräch voll Bitterkeit und darum ſchwieg ſie. Allon ſtand unter dem Einfluß ſo widerſtreitender Gefühle, daß er durchaus keine Luſt verſpürte, das Stillſchweigen zu brechen. Um ſechs Uhr Abends hielt der Wagen auf dem Hoſ von Birgersborg. Allon reichte ſeiner Frau die and mit den Worten: 6— „ — — — „Ich erwarte, daß Du nach einer Weile im Salon zu ſehen ſeyn wirſt.“ „Du ſollſt nicht vergebens zu warten haben,“ erwiderte Gurli. Wie Gurli die Zeit anwandte, welche ſie auf ihrem Zimmer verblieb, iſt ihr Geheimniß. Als ſie in der Mitte ihrer Gäſte erſchien, hatte ihr Antlitz einen mildern Ausdruck, als ſonſt. Allon ſtand an einem der Fenſter und trommelte ungeduldig auf dem Rahmen deſſelben. Schon ſeit einer halben Stunde wartete er auf Gurli und fühlte ſich gereizt, daß ſie ſo lang verzog. Bei dem Laut ihrer Stimme drehte er ſich haſtig um und ſah ſie an, um herauszubringen, was für eine Miene ſie zeige. Allon wußte, daß er vor Ablauf des Abends die Langmuth ſeiner Frau noch einmal auf die Probe ſtellen würde, und wollte ſich überzeugen, ob ihr Aus⸗ ſehen auf Verträglichkeit deutete. 6 . Herren wetteiferten in Artigkeiten gegen urli. Der königliche Sekretär Stjernberg war von dem Spiel und dem Unglück, das er dabei gehabt hatte, noch etwas erhitzt und verſicherte, Birgersborgs guter Genius ſey entflohen, als Gurli ſich entfernt habe. Amy ſaß ſchweigend und nachdenklich an einem der Fenſter. Die jungen Leute ſprachen ganz freimüthig den Wunſch zu tanzen aus, denn es war ja ſo regneriſch 96 daß man nicht in's Freie hinaus konnte, und Lieu⸗ tenant D. wurde als Geſandter an Gurli abgeordnet, um deren Erlaubniß auszuwirken. Während dieſe Verhandlungen ſtattfanden, hatte Stephan ſich Amy genähert, welche gleichgiltig mit einer ſeltenen dunkeln Moosroſe ſpielte, die ſie einige Augenblicke zuvor von Allon erhalten hatte. Signora, verderben Sie nicht die ſchöne Roſe,“ ſagte Stephan ſcherzend, indem er die Blume am Stiel faßte,„ſondern geben Sie dieſelbe lieber mir, oder verbergen ſie, im Fall die Roſe von einer theuern Perſon iſt.“ „Es iſt wirklich eine Gabe, die ich eben bekom⸗ men habe,“ antwortete Amy und reichte Stephan die Blume,„aber dieß iſt durchaus kein Grund, der mich abhalten könnte, ſie Ihnen zu geben. Ich ſehe durchaus kein Hinderniß, warum Sie nicht in Ihrem Knopfloch eine Roſe tragen könnten, welche Frau von Stral's Mann mir verehrt hat.“ „Nicht das mindeſte. Allon von Stral's Gabe ziert beſſer mein Knopfloch, als Ihre Hand, und darum, ſchöne Signora, ſoll ſie ihren Platz hier ein⸗ nehmen. Das iſt die dritte Blume, welche ich von Ihnen erhalten habe, aber von wie ungleicher Be⸗ deutung ſind ſie nicht alle geweſen!“ „Dann erſchienen dieſelben wenigſtens nicht ſo einförmig, wie Sie, Signor!“ rief Amy ungeduldig. „Möglich; aber geſtatten Sie mir deſſen unge⸗ achtet, daß wir ein wenig bei den drei Blumen ver⸗ weilen. Man kann von ihnen ſagen, daß ſie gewiſſer⸗ maßen den Aufzug zu den verſchiedenen Perioden unſerer Bekanntſchaft bilden. Die erſte, welche ich trug, ſchenkten Sie mir; ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, bei welcher Veranlaſſung. Sie wiſſen ſelbſt 97 am beſten, wann ich ſie erhielt. Ich will Sie nur an die Worte erinnern, welche Sie dei Ueberreichung derſelben äußerten. Sie ſagten:„Wenn mein Leben eine Gwigkeit wäre, und ich Ihnen jede Stunde davon widmete, würde es doch nicht ausreichen, die Schuld zu bezahlen, in der ich bei Ihnen ſtehe. Forderten. Sie eines Tags mein Leben zur Vergeltung, ſo wür⸗ den Sie nur begehren, was Ihnen zugehört, und dennoch kann ich Ihnen in dieſem Augenblick nichts Anderes geben, als— dieſe Blume.“— Signora, ich nahm die Blume und ich bewahrte Ihre Worte in meinem Gedächtniß. Sie widerhallen dieſen Abend in meiner Seele.“ Stephan ſchwieg. Ein nervöſes Zittern ging durch Amy's Körper. Sie öffnete das Fenſter und lehnte ſich hinaus. Stephan nahm wieder das Wort: „Bedenken Sie, Signora, wenn ich nun die Er⸗ füllung Ihres Verſprechens begehrte, was würden Sie mir dann antworten?“ „Ich gäbe Ihnen mein Leben,“ rief Amy. „Bah! leere Worte, die Sie da ausſprechen; denn Sie wiſſen wohl, daß ich niemals ein ſolches Opfer verlange... Nunmehr, Signora, fordere ich Nichts von Ihnen. Vor Kurzem bat ich Sie, ich weiß nicht mehr um was— ich habe es vergeſſen, aber ich erinnere mich, daß Sie meine Bitte nicht erfüllten.“. „Wollen Sie vielleicht, daß ich Ihnen in's Ge⸗ dächtniß zurückrufe, was es war?“ fragte Amy glühend vor Zorn bei dem Gedanken, daß Stephan von ihr verlangt hatte, ſie ſollte von Birgersborg abreiſen. „Das iſt nicht nöthig,“ verſicherte Stephan.„Es gehört auf alle Fälle nicht zur Geſchichte der Blumen., 98 Die der erſten haben wir bereits berührt; wir gehen ſomit auf die andere über. Ich brach ſie aus Ihrem Bouquet an dem Verlobungstage meiner Kouſine, als ich zum erſten Mal entdeckte, doß Sie den Fuß auf einen Weg ſetzten, welcher Sie von dem, was recht it abführen mußte.— Die dritte, Signora, iſt ieſe. Stephan's Stimme veränderte ſich. Obwohl das Geſich ſeinen lächelnden Ausdruck beibehielt, nahm doch ſein Ton Etwas von ſtrengem Ernſte an, als er fortfuhr: „Gleich wie Sie an Ihre erſte Gabe ein Ver⸗ ſprechen knüpften, ſo habe ich es bei Empfang dieſer letzten gethan; aber mit dem Unterſchied, daß während Ihre Worte nur Phraſen ohne alle Bedeutung waren, die meinigen unerſchütterlich wie ein Fels bleiben. Wollen Sie wiſſen, was ich mir ſelbſt und Ihnen verſprochen habe?“ „O ja, warum nicht?“ „Ich habe verſprochen, daß ich niemals den Schimpf, welchen Sie geſtern einer unſchuldigen Frau anthaten, vergeſſen und vergeben werde. Sie haben aus einem treuen Freunde einen unverſöhnlichen Feind gemacht. Sie haben die Achtung und Anhänglichkeit in Geringſchätzung und Abſcheu verwandelt. Die holde Erinnerung der Vergangenheit iſt erbleicht vor den Schatten der Gegenwart. Sie können zufrieden ſeyn, Signora, Sie haben erreicht, was Sie wollten. Stephan erhob ſich von dem Stuhl und ſetzte hinzu: „Die Blätter dieſer Roſe werden verwelken und zu Staub werden, aber die Erinnerung an Ihr Be⸗ nehmen geſtern Abend wird mir unaufhörlich zurufen, daß Amy Teverino ein ebenſo ſchlechtes Herz als 99 eine entzückende Stimme hat, und daß die Bewunde⸗ rung, welche ſie durch die letzte erweckt, vor dem Wi⸗ derwillen verſchwindet, welcher durch das erſtere her⸗ vorgerufen wird.“ Stephan entfernte ſich. Amy's Bruſt hob ſich von einem tiefen Seußzer. Sie ſah ihm mit einem Blick nach, in welchem ſich alle die Gefühle, welche ihr Inneres erfüllten, getreu⸗ lich abſpiegelten. Während Stephan dieſe Unterredung mit der Signora hatte, war den Tanzluſtigen von Gurli die Erlaubniß ertheilt worden, ſich herumzuſchwenken, ſo viel ihnen beliebte, und die Töne eines luſtigen Wal⸗ zers ſchlugen an ihr Ohr. Die fröhliche Muſik kam Amy wie ein bitterer Hohn auf allen den Schmerz vor, welchen ſie empfand. Sie hätte in eine wilde Klage, in eine Verwünſchung gegen das Schickſal ausbrechen mögen; doch blieb ſie unbeweglich wie eine Statue ſitzen und horchte auf die Töne der Tanzmuſik. Verachtung, Abſcheu und Feindſchaft, zum Tauſch für die Liebe, die ſie zu ihm hegte— das war zu viel. Amy glaubte, die Erde müßte den Mann ver⸗ ſchlingen, welcher ihr dieſe Gefühle eingeflößt hatte und hernach nicht einen Schimmer von Zärtlichkeit blicken ließ, um damit ihre Hingebung zu vergelten. Während Amy in ſolchen Gedanken ſich erging, war in einem kleinen Nebenzimmer ein Spiel für die Herren arrangirt worden, und Allon, welcher an die⸗ ſem Abend durchaus keine Luſt verſpürte, den Damen Geſellſchaft zu leiſten, hatte ſich ohne Schwierigkeit überreden laſſen, daran Theil zu nehmen. Die älteren Damen waren gleichfalls der Meinung, das Wetter 100 ſey von der Art, daß eine kleine Partie Nichts ſcha⸗ den könnte, und ſomit vereinigten ſie ſich zu einem beſcheidenen Boſton. Mathilde ſtickte und Madame D. las ihr allerlei Keuigkeiten aus den letztangekommenen Zeitungen vor. Gurli hatte ſich, als die Geſellſchaft in ſolcher Unterhaltung begriffen war, in ein kleines Kabinet, welches an das nunmehrige Spielzimmer ſtieß, zurück⸗ gezogen. Das Fenſter in dieſem Kabinet ging auf die Ter⸗ raſſe hinaus. Sie öffnete es und ſu hier gänzlich verborgen in der tiefen Niſche hinter den ſchweren Seidengardinen. Gurli dünkte es, als ob ſie an dem nunmehr verfloſſenen Tage ſo viel erlebt hätte, daß weder Zeit noch Umſtände die Erinnerung daran verwiſchen könnten. In aufgeregter Gemüthsſtimmung war ſie zu Tante Katharina gereiſt. Sie hatte ſich dabei einge⸗ bildet, es würde Monate bedürfen, bis ſie ſich be⸗ ſtimmen ließe, in ihre Häuslichkeit zurückzukehren, und nun, nach Verfluß weniger Stunden, ſaß ſie wieder hier. War es eine Handlung der Inconſequenz in Gurli's Charakter?— Nein, das Gefühl erlittener Kränkung war in dieſem Augenblick noch ebenſo tief wie zur Zeit ihres Abgangs; aber eine andere Stimme machte ſich jetzt in Gurli's Innerem hörbar, und dieſe erſchien als ein Echo von Tante Katharina's Worten. Gurli kam es vor, als befände ſie ſich auf einem ſchmalen, über einen Abgrund gelegten Stege und wäre jetzt, nachdem ſie einige Schritte gemacht hatte, erſchrocken bei dem Gedanken an die Möglichkeit, das ——— — 101. Gleichgewicht zu verlieren, ſtehen geblieben. Sie wußte nicht, auf welche Weiſe ſie dieſes Gleichgewicht zu er⸗ halten, oder über den tiefen Schlund, der unter ihren Füßen gähnte, hinwegzukommen vermöchte. Die Un⸗ beugſamkeit ihres Gemüths flüſterte ihr zu: „Warum ſolche Anſtrengung, um unter ängſtlichem Hin⸗ und Herſchwanken an der Seite eines Mannes dich hinzuſchleppen, welcher dich unaufhörlich beleidi⸗ gen wird, welcher keinen Begriff von der Reinheit deines Charakters, von dem Werthe deiner Zuneigung hat, welcher beide vor dir ſelbſt und vor Andern in den Staub niederzieht?“ 2 Das von Tante Katharina geweckte Pflichtgefühl flüſterte dagegen: „Haſt Du ſo wenig wirkliche Seelenſtärke, daß Du ſchon den Muth verlierſt? Liegt nicht ein Genuß darin, mit aufrechtem Haupte ſein Schickſal auf ſich zu nehmen und es ſo erträglich als möglich zu ma⸗ chen? Vielleicht wenn Du dein Inneres und dein Thun und Laſſen genau erforſchteſt, würdeſt Du bei dir ſelbſt den Fehler finden, welcher das Unheil her⸗ vorgerufen hat.“ Die Ungeduld und Unverträglichkeit riefen laut: „Mag ſeyn; aber ich bin für den Druck nicht ge⸗ ſchaffen, habe ihn nicht verdient und will mich dem⸗ ſelben nicht unterwerfen.“ „Du biſt eine ſchlechte Chriſtin!“ ertönte wieder Tante Katharina's Stimme, und Gurli ſtützte ganz niedergeſchlagen den Kopf in die Hand. Sie hätte gern Jahre ihres Lebens dafür gege⸗ ben, Eliſabeth an ihrer Seite zu haben, welche im Stande geweſen wäre, mit ihrem klaren und mitunter auch kalten Verſtande ihr den Weg zu weiſen, den ſie 102 einſchlagen müßte, um als eine kluge Frau das Rechte herauszufinden. Ein Seußzer entſchlüpfte unwillkürlich ihren Lip⸗ pen bei dem Gedanken, daß ſie immerdar und in allen kritiſchen Lebensverhältniſſen ohne ein Herz dageſtan⸗ den, zu welchem ſie ihre Zuflucht hätte nehmen kön⸗ nen, um Troſt und Muth ſich zu holen. „Es ſieht aus, als ob der Regen auch mit Son⸗ nenuntergang nicht aufhören wollte,“ äußerte Stephan und trat in das Kabinet. Er ſchritt vor und ſetzte ſich dabei auf einen Stuhl Gurli gegenüber, welche dabei eine Bewegung machte, um aufzuſtehen. „Bleib' ſitzen, Gurli, ich habe dir Etwas zu ſagen,“ bemerkte Stephan und hielt ſie zurück.„Deine Scheu, mit mir zu ſprechen, kann mehr Argwohn erregen, als wenn Du dich ganz ruhig auf deinem Platze verhältſt. Es muß doch einmal geſchehen, daß wir uns gegenſeitig erklären.“ Stephan hatte Gurli's Hand gefaßt, indem er ſie am Gehen hinderte; als ſie ihren Platz wieder ein⸗ genommen hatte, ließ er dieſelbe los und fuhr, die Stirne an den Fenſterpoſten lehnend, ohne Gurli anzuſehen, fort: „Es iſt ſeltſam, daß in dem Gehirne der Men⸗ ſchen etwas ſo Wahnwitziges auftauchen konnte, wie die Einbildung, welche ſich zweier Perſonen hier be⸗ mächtigt hat, nämlich daß wir, Du und ich irgend zärtlichere Intereſſen für einander hegen.— So lang ich zurückdenken kann, ſind wir nicht ſehr gute Freunde geweſen und beinahe immer auf einem feindlichen Fuße zu einander geſtanden.“ Stephan hielt einen Augenblick an, nahm aber, Eiferſucht auf mich, die ich von deiner Theilnahme, 103 nachdem er vergebens auf eine Gegenbemerkung von Gurli gewartet hatte, wieder das Wort: „Hätten wir einander geliebt, ſo wären wir viel⸗ leicht ein Paar, da es auch in deines Stiefvaters Willen lag, daß wir ein ſolches werden ſollten. Ich kann darum nicht begreifen, wie dieſer verrückte Arg⸗ wohn deinem Mann in den Kopf gekommen iſt.“ „Aber ich kann es,“ erwiderte Gurli. Jetzt ſah Stephan ſie an. Beide ſchwiegen. „Seine Mutter und Grünlund haben natürlicher Weiſe ihm denſelben beigebracht,“ hob Stephan wieder an. „Dieſe haben allerdings ſeinen Zweifel an meiner Zuneigung geweckt,“ fiel Gurli ein,„aber ſie ſind es nicht, welche mich in ſeinen Augen gebrandmarkt, welche vor ihm und meinen Gäſten die ſchimpfliche Beſchuldigung ausgeſprochen haben, daß ich nächtlicher Weile mit dir zuſammengekommen ſey. Du ſcheinſt vergeſſen zu haben, von wem dieſe ehrenrührige In⸗ ſinuation ausging.“ „Von derſelben Frau, vor deren feindſeliger Ge⸗ ſinnung ich einmal dich gewarnt habe. Doch warum davon reden? Amy Teverino iſt in dieſem Fall viel⸗ leicht mehr zu entſchuldigen, als es ſcheinen mag.“ „Du ſagſt ſo, weil ſie zu ihrer bisherigen Hand⸗ lungsweiſe durch die Liebe zu dir angetrieben wurde,“ unterbrach ihn Gurli heftig.—„Ob ſie dabei meine Chre mit Füßen tritt, einen unvertilgbaren Schatten auf mein Leben wirft, das Band der Zuneigung zwi⸗ ſchen mir und meinem Mann zerreißt, mich des Glau⸗ bens an meinen Gatten, ihn der Achtung vor mir beraubt— alles das, Stephan, iſt in deinen Augen ein Nichts, weil ſie es aus Eiferſucht thut— aus ⸗ 104 deiner Freundſchaft oder Rückſicht nicht ſo viel beſitze, daß Du ihr Einhalt gethan hätteſt, ehe ſie ſo weit ging, wie es geſtern geſchehen iſt. Ach, Stephan, dein alter Haß und deine alte Abneigung gegen mich verläugnen ſich ſomit nicht!“ Gurli ſtand hoch aufgerichtet da. Stephan faßte ihre Hände und ſchloß ſie in die ſete ohne auf dieſe Anklage eine Antwort zu geben. „Laß Amy und mich,“ ſagte er.„Hätte ich ein Herz zu vergeben, ſo würde ich es ihr ſchenken, trotz aller ihrer Fehler. Ich hätte dann zum Austauſch eines bekommen, welches mir völlig ergeben geweſen wäre. Jetzt, Gurli, hat ſie vermöge ihres Charakters nicht begreifen können, daß es einen Mann gebe, der nicht an irgend einer Frau hänge, und deine Schön⸗ heit hat ſie mißleitet, als ſie nach derjenigen forſchte, welche wohl der Gegenſtand meiner Liebe wäre.“ „Und darum, darum habe ich Monate lang Alles ertragen müſſen, was über mich ergangen iſt.“ „Einen Augenblick, Gurli, ehe Du dich wiederum ereiferſt. Haſt Du jemals deinen Blick in dich ſelbſt hineingekehrt, wenn eine Prüfung nach der andern, eine Widerwärtigkeit nach der andern dich traf? J fürchte, Du ſuchteſt nur den Fehler an Andern und hatteſt nur Sinn für das Böſe, welches dein Mann dir anthat, ohne nachzuforſchen, ob die Urſache davon nicht von dir ausgegangen.“ Stephan erhob ſich von ſeinem Platze, indem er hinzuſetzte: „Der Freund, welchen Du dir auf dem Grabe deiner Mutter gewählt haſt, iſt ſtumm geweſen; er hat dir keinen freundlichen Rath, wie Du handeln ſollteſt, zuflüſtern können. Die Erfahrung hat dir 05 105 zugleich geſagt, daß Du nicht einmal am Fuße des Kreuzes über ihrer Ruheſtätte vor Verleumdung ge⸗ ſichert biſt. Fliehe deßhalb zu dem beſten Freunde, den wir haben, zu dem Vater dort oben. Suche bei ihm Muth und Stärke zu holen, und Du wirſt dann auch finden, was Du ſuchſt. Dieß iſt ein Rath von dem Stephan, welcher niemals dir eine Theilnahme oder Freundſchaft erwieſen, ſondern deine Ehre, deinen Frieden und dein eheliches Glück geopfert hat, um ſich von einer Frau lieben zu laſſen, welche dich haßt; es iſt, bedenke es wohl, Gurli, ein Rath, welchen deine Mutter dir geben würde, wenn ſie vom Himmel her⸗ niederſteigen könnte. Damit verließ er Gurli. Er war im Begriff, ſich nach dem Salon zu wenden, blieb aber einen Augenblick ſtehen, ehe er über die Schwelle ging. Auf derſelben ſtand Amy. Sie hatte ſich hieher geſchlichen, um zu horchen. Ohne ein Wort zu ſagen, bot Stephan ihr den Arm, und ſie traten gerade in demſelben Moment heraus, wo einer von den Dienern zu Gurli hinein wollte. „Ich reiſe ſchon in zwei Tagen von hier ab,“ flüſterte Amy Stephan zu. „Ihre Gnaden, die verwittwete Frau von Stral,“ meldete der Diener. „Sie reiſen, Amy,“ entgegnete Stephan,„nach⸗ dem Sie ſo viel Unheil angerichtet haben, daß es nicht mehr gut zu machen iſt. Sie ſind ſchuld daran, daß meiner Coufine Schwiegermutter unter dieſes Dach tritt. Jetzt erſt entfernen Sie ſich, da Sie wiſſen, daß Sie Gurli in der Macht ihrer bitterſten Feindin zurücklaſſen. Sie ſind in der Bosheit weiter gegangen, als Ihnen jemals verziehen werden kann.“ 106 Stephan führte Amy zu einem der Sophas. Er ſelbſt beabſichtigte in das Spielzimmer zu gehen, blieb aber noch ſtehen, um Zeuge davon zu ſeyn, wie Gurli ihre Schwiegermutter begrüßen würde. Auf die Meldung des Dieners hatte ſie geant⸗ wortet: „Benachrichtige Herrn von Stral davon!“ Hernach vergingen einige Sekunden, und dann erſchien Gurli in dem Salon. Sie trat auf Ma⸗ thilde zu. „Willſt Du mich nicht begleiten, Tante, um Allon's Mutter zu empfangen?“ fragte ſie. „Beate,“ rief Mathilde und ſchien vor Beſtürzung in Ohnmacht fallen zu wollen, faßte ſich aber wieder und folgte Gurli. Als ſie an die Thüre kamen, welche zum Saale hinausführte, erhob Gurli ihr ſchönes Haupt und warf Stephan einen Blick zu. Eine Weile hernach trat Beate zum Erſtaunen von Allen, welche davon munkeln gehört hatten, daß das Verhältniß zwiſchen Söhnerin und Schwieger⸗ mutter nicht zum beſten wäre, auf Gurli's Arm ge⸗ ſtützt, herein. Beate erging ſich in höchſt pathetiſchen Dekla⸗ mationen. Sie war in Thränen ausgebrochen, als ſie Gurli's anſichtig wurde, und hatte ſie gebeten, der alten Mißhelligkeiten zu vergeſſen und ihr nicht übel zu deuten, daß ſie ſich jetzt auf ihres Sohnes ausdrückliche Einladung zu Birgersborg einfände, obwohl Gurli ihr hieher zu kommen verboten hätte. Kalt und ſtumm, mit vor Zorn ſchwellenden Adern hatte Gurli dieſen ganzen Redeerguß angehört; als Beate aber am Schluß deſſelben„die geliebte Gattin ihres Sohnes“ umarmen wollte, trat Gurli 8 107 etwas bei Seite und bot ihr den Arm mit den Worten: „Erlaube mir, Tante, dich in den Salon zu führen.“ Ohne eine weitere Kundgebung abzuwarten, be⸗ werkſtelligte Gurli dieſes Vorhaben und trat mit Beate in dem Augenblick ein, als Allon aus dem Nebenzimmer kam, um ſeine Mutter zu empfangen. Als derſelbe ſeine Mutter an Gurli's Arm erblickte, empfand er Etwas wie Reue darüber, daß er ſo unbedachtſam der Eingebung von Amy Folge geleiſtet und trotz der mit Gurli bei ihrer Vermählung geſchloſſenen Uebereinkunft Beate in dieſes Haus ein⸗ geladen hatte, wo deren Einfluß ſchon die Urſache zu ſo viel Zwietracht geweſen war. Allon's Gruß gegenüber ſeiner Mutter zeugte deßhalb nicht im Mindeſten von kindlicher Zärtlichkeit. Er hatte noch nicht den Muth gehabt, dem Blick ſeiner Gattin zu begegnen. Nachdem die Begrüßung vorüber war, ſah er ſie an. Gurli's Augen waren auf ihn mit demſelben Ausdruck geheftet, wie damals, als die Bäume auf der Terraſſe gefällt worden. Es lag eine ganze An⸗ klage in dieſem Blick. Allon verließ haſtig den Salon und kehrte wieder in das Spielzimmer zurück. Gurli hatte zu Anfang geglaubt, Beate käme nur auf einen kurzen Beſuch, aber die würdige Frau unterrichtete ſie bald und mit einer nicht unmerklichen Schadenfreude, daß der liebe Sohn ſie eingeladen, den Reſt des Sommers in Birgersborg zuzubringen, anſtatt, wie es ihre Abſicht geweſen, ſich bei Grün⸗ lund einzuquartiren. „Natürlich ziehe ich es vor, bei meinen Kindern 108 zu bleiben,“ bemerkte Beate,„und ich bin überzeugt, beſte Gurli, daß die alten Mißverſtändniſſe für immer abgethan ſind.“ Gurli ſchwieg und dachte: 2 „Walter, Walter, wie Recht hatteſt Du in Allem, was Du vorausgeſagt haſt!“ * XXII. Am folgenden Morgen hatte Amy in einem kleinen Billet Allon um eine Privatunterredung erſucht. Der Ehemann fand ſich ganz pünktlich bei dem Rendezvous im Pavillon ein. Amy's erſte Worte zerſtörten vollſtändig alle Illuſionen, welche ſich Allon in Bezug auf dieſe Zu⸗ ſammenkunft gemacht hatte; denn ſie ſetzte ihn ſogleich davon in Kenntniß, daß ſie am nächſten Tage Bir⸗ gersborg zu verlaſſen beabſichtige. Sie wollte jedoch, äußerte ſie weiter, nicht abreiſen, ohne vorher das Unheil, das ſie vielleicht durch ihre Unbedachtſamkeit angerichtet hatte, wieder gut gemacht zu haben. Sie erklärte alſo, ſie habe nur aus Scherz zu verſtehen gegeben, daß eine Zuſammenkunft zwiſchen Gurli und Stephan ſtattgefunden. Sie, Amy, wiſſe beſſer, als irgend Jemand, daß Alles, was in dieſem Fall von ihr geſagt worden, der Wahrheit ganz und gar widerſtreite. Jetzt, da ſie von dem Orte ſcheide, wo ſie ſo viele Gaſtfreundſchaft genoſſen, wolle ſie nicht den Samen der Feindſchaft zwiſchen den Gatten zurücklaſſen, ſondern lieber bekennen, daß ſie aus unüberlegter Bosheit gehandelt habe, um Gurli zu 109 ſchaden und Zwietracht zwiſchen ihr und ihrem Mann anzuſtiften. Allon hörte Amy mit einem Gefühl verwundeten Stolzes zu, indem er ſich ſagen mußte, daß eine fremde Frau ſich für verpflichtet erachtete, ſeine Gattin vor ihm zu rechtfertigen. Zu gleicher Zeit litt ſeine Eitelkeit dabei, ſofern Amy nicht ein einziges Mal darauf hingedeutet hatte, ihr Benehmen ſei von Eifer⸗ ſucht auf Gurli, daß dieſe ſo glücklich war, ihn zum Mann zu haben, diktirt worden. Was mochte alſo der Grund zu ihrer Bosheit geweſen ſeyn?“ fragte Allon ſich ſelbſt. War es Etwas, das in Bezug zu Stephan ſtand, ſo bewies dies ja eben, daß zwiſchen ſeiner Frau und Stephan ein zärtliches Verhältniß ſtattfinden mußte. Amy, welche während ihrer Erklärung Allon's Geſicht genau beobachtete, las darin eine Unzufrieden⸗ heit, die ihr ganz unerwartet kam. Die Gewohnheit, mit Männern umzugehen und ſie von der mindeſt vortheilhaften Seite kennen zu lernen, hatte Amy zu jenem Scharfblick verholfen, welchen Frauen, auch ohne eigentlich überlegenen Verſtand, ſich anzueignen vermögen. Sie ſchloß alſo ganz richtig auf das, was in Allon's unruhigem Ge⸗ hirne vorging. Jetzt, da ſie verſichert war, daß Stephan Gurli nicht liebte, hatte ſie auch kein Intereſſe mehr dabei, der letztern zu ſchaden. Sie hielt es darum für das Klügſte, das, was ſie geſagt hatte, mit einer Redensart zu ſchließen, welche ſich nach Belieben deuten ließ, und dadurch Allon's Eitelkeit zufrieden zu ſtellen. „Nach dieſer für mich demüthigenden Erklärung,“ ſetzte Amy alſo hinzu,„bitte ich, ohne Groll an eine Schwartz, Der Rechte. II. 8 110⁰ Perſon zu denken, welche die Erinnerung an Sie ſtets in ihrer Seele bewahren wird.“ Amy war Schauſpielerin. Ihre fügſame Miene wußte ſie alſo mit Leichtigkeit zu accomodiren und erzielte damit die beabſichtigte Wirkung. „Man kann nicht mit Groll an Sie denken,“ ver⸗ ſicherte Allon artig;„wenn Sie aber wirklich einiges Wohlwollen für mich haben, ſo erfüllen Sie mir eine einzige Bitte.“ Allon faßte Amy's Hand. „Wenn es, Herr von Stral, in meinem Vermö⸗ gen ſteht, ſo „Sie haben bei Ihrer edelherzigen Erklärung miteinfließen laſſen, daß Sie Neid auf meine Frau empfanden, und daß dieſer Sie zu Handlungen ver⸗ leitete, welche Sie nun mißbilligen. Wer erweckte dieſen Neid gegen dieſelbe bei Ihnen?“ Amy zog ihre Hand zurück, erhob ſich haſtig und ſtammelte mit gut geſpielter Verlegenheit: „Ach, mein Herr, ich hoffte, Sie würden mich mit ſolchen Fragen verſchonen. Meine Entfernung von hier hätte Ihnen alles ſagen ſollen.“ Amy eilte aus dem Povillon hinweg und Allon gab ihren Worten und ihrem Benehmen die für ſeine Eigenliebe ſchmeichelhafte Deutung. Vergebens ſuchte er den Reſt des Tages mit ihr noch einmal zuſammenzutreffen. Allon wußte eigent⸗ lich nicht, warum er es wünſchte, aber es kam ihm vor, als ob er ihr noch ſehr viel zu ſagen gehabt hätte. Am nächſten Tage um zwölf Uhr wollte Amy abreiſen. Allon hatte beſchloſſen, ſie zu Pferd eine Strecke weit zu begleiten. Zwiſchen ihm und Gurli wurde kein Wort ge⸗ — 111 wechſelt. Er hatte ganz Anderes zu thun, als an ſeine Frau zu denken. Seiner Mutter wich er ebenſo ſorgfältig aus, und Mathilde mit ihrem guten Herzen hielt ſich deß⸗ halb für verpflichtet, ihrer Schweſter Beate Geſellſchaft zu leiſten. Gurli war mit Briefſchreiben beſchäftigt. Am Abend unternahmen die meiſten Gäſte einen Spaziergang. Allon, Stephan und die drei ſpielenden Herrn betheiligten ſich nicht dabei, weil Stjernberg wieder Karten zum Vorſchein brachte und Allon ſo⸗ gleich von der Partie war, ohne erſt dazu auf eine Einladung zu warten. Stephan hatte ſich erboten, bei dem Spiele den vierten Mann zu machen, damit, wie er ſagte, Allon, im Fall derſelbe keine Luſt mehr hätte, ſich davon los⸗ machen könnte; aber heute Abend fühlte ſich Allon ganz dazu aufgelegt. Einer der Herren, welcher allerdings ein eifriger Spieler, aber nicht ſehr bei Kaſſe war, ſchlug Stephan vor, mit ihm abzuwechſeln, was dieſer nun, nachdem ich einmal erboten hatte, nicht wohl ablehnen onnte. Es wurde hitzig geſpielt. Allon war vom Glück ſehr begünſtigt und gerieth dabei in ſolche Aufregung, daß er alles Andere vergaß. Stephan, kaltblütig wie immer, gewann und ver⸗ lor wechſelsweiſe. Der Abend war ungewöhnlich ſchön. Die Spaziergänger hatten eine lange Wander⸗ rung gemacht, und als ſie etwas ermüdet heimkehrten, ließen ſie ſich in der ſchönen Villa im Park nieder, wo auf Gurli's Befehl das Souper ſervirt wurde. Beate, welche die Villa noch nicht geſehen hatte, 112 fand dieſelbe ganz bezaubernd und ſprach dieß auch gegen Gurli aus. Dieſe blieb indeſſen nicht hier; ſie mußte in das Schloß hinauf, um einige Befehle zu geben. Mög⸗ lich, daß ſie ſehen wollte, was ihr Mann trieb, ob er vielleicht bei Amy ſich befände, da die Sängerin ſich den übrigen Damen nicht angeſchloſſen hatte. Genug, ſie ging hinauf nach dem Hauptgebäude und nahm den Weg über die Terraſſe, wo ſie Amy ganz allein und dem Anſchein nach in tiefe Gedanken verſunken ſitzen ſah. Gurli dachte vorbeizueilen und ſomit einem téte⸗ ätéte auszuweichen. Amy hielt ſie aber zurück. „Ein paar Worte, Madame, wenn Sie erlauben,“ ſagte ſie. Gurli blieb ſtehen. „Ich reiſe morgen ab,“ begann Amy,„und ich möchte gern von hier ſcheiden, ohne die Ueberzeugung mitnehmen„zu müſſen, daß Sie mich verabſcheuen, Sß „Signora,“ fiel ihr Gurli in's Wort,„ich lerne nachgerade diejenigen nicht zu verabſcheuen, welche mir Unrecht gethan haben. Wenn mein Herz erſt die Verſöhnungslehre ſich völlig zu eigen gemacht hat, dann werde ich auch vergeſſen und vergeben, was Sie ahnt verbrochen haben; für jetzt kann ich es noch nicht.“ Gurli eilte von ihr hinweg und wandte ſich nach dem Saale. Amy's dunkle Augen folgten ihr, aber nicht mehr ſo wild, wie in dem Momente, da ſie ihr Wort an Gurli gerichtet hatte. Die junge Frau ging durch. beide Salons und hi erſt auf der Schwelle des kleinen Nebenzimmers tehen. 113 Das Schauſpiel, welches ſich hier darbot, war wohl von der Art, daß es ihre Schritte hemmen konnte. Man hatte das Whiſt aufgegeben und war nun im Landsknecht begriffen. Der Tiſch war voll Bank⸗ noten von größerem oder geringerem Werth. Stzjern⸗ berg war zufällig Bankier und Allon parirte. Das Angeſicht der beider Spieler verdiente wirk⸗ lich ſtudirt zu werden. Man konnte darin die Ge⸗ ſchichte des Spielers leſen. Allon war Anfänger, der von dem Reiz der Neu⸗ heit und dem Pikanten der Situation völlig beherrſcht wurde und dabei weder an Gewinn noch Verluſt dachte. Stjernberg's Augen dagegen funkelten vor Ge⸗ winnſucht. Sein ganzes Ausſehen bewies, daß er ſich ſeiner Hauptleidenſchaft hingab; man ſah in ihm den Spieler von Profeſſion, welcher oft genug auf eine einzige Karte ſeine Eriſtenz ſetzte und mit ganzer Seele in dem Spiele lebte. Hinter dem königlichen Sekretär Stjernberg, die Hand auf die Stuhllehne geſtützt, ſtand Stephan. Er war der ruhige, ernſte Zuſchauer. Der erſte klare Eindruck, deſſen ſich Gurli bewußt wurde, war: „O mein Gott, wenn Allon auch Spieler würde!“ Bei dieſem Gedanken trat ſie dem Spieltiſche um einige Schritte näher. Die bei dem Spiele In⸗ tereſſirten gewahrten ſie nicht; aber Stephan's Auf⸗ merkfamkeit richtete ſich ſogleich auf Gurli. Er ging ihr entgegen und flüſterte ihr im Bor⸗ beigehen zu: „Sei auf deiner Hut, Gurli, und laß kein über⸗ eiltes Wort über deine Lippen gehen. Allon's Stim⸗ 114 mung iſt nicht von der Art, daß er Anmerkungen ſich gefallen läßt.“ Mit dieſen Worten verließ Stephan das Zimmer. Gurli blieb wieder einige Sekunden ſtehen. Dünſte von Punſch und Cigarrenrauch umgaben ſie. Stephan's Warnung hallte in ihrer Seele nach. Allon war, das ſah ſie wohl, jetzt ſo erhitzt, daß es für ſie wohl am beſten ſein mochte, ſich zu entfernen. Aber gehen und ihren Mann bei einem Hazard⸗ ſpiele laſſen— unmöglich! Es war einer von jenen Augenblicken im Leben, wo man nicht weiß, was am beſten und klügſten zu thun iſt. Für Gurli ſollte es ſich jetzt zeigen, ob ſie die Grundſätze, welche ſie am S Abend ſich zur Vorſchrift gemacht hatte, in Anwendung zu bringen im Stande war. Einige Augenblicke zögerte ſie noch wie unſchlüſſig; darauf ging ſie an den Tiſch hin und ſagte in einem Tone, welcher ganz ruhig klang: „Wollen die Herren nicht in die Villa hinunter⸗ kommen; wir werden dort das Souper einnehmen, und ich habe den beſondern Auftrag, dem Herrn Secre⸗ tär Stjernberg zu ſagen, daß die jungen Leute ihn ſehr vermiſſen.“ Bei dem Laute von Gurli's Stimme warf Stjern⸗ berg, welcher ſeinem ganzen äußern Weſen nach ein vollkommener Gentleman war, die Karten weg und ſprang vom Stuhle auf. Er hoffte durch dieſes Ma⸗ növer Gurli zu verbergen, von welcher Beſchaffenheit ihr Spiel geweſen war, und wollte ſich von der ſchö⸗ nen Wirthin des Hauſes nicht beim Landsknechtſpiel mit ihrem Manne überraſchen laſſen⸗ Auch Allon erhob ſich und ſah ſeine Frau mit einiger Beſtürzung an. Gurli wandte ſich zu ihm.. „Da das Spiel nun aus iſt,“ ſagte ſie,„ſo ninmſt Du wohl die Herren mit dir und kommſt zu uns hinab.“ „Wir ſind ſogleich fertig,“ verſicherte Stjernberg; „mit Erlaubniß der gnädigen Frau wollen wir nur noch die Spielrechnung liquidiren und dann. „Darf ich wohl auf den Arm des Herrn Sekre⸗ tärs rechnen,“ ſchloß Gurli und ging in den Salon hinaus. Sie warf ſich dort auf einen der Sopha's und murmelte, die Hände feſt auf die Bruſt gedrückt: „Alle die Fehler, welche ich am ſtrengſten ver⸗ dammt habe, ſoll ich alſo bei ihm wiederfinden! Wie ſoll ich lernen, meinen Abſcheu zu verbergen, verträg⸗ lich und geduldig zu werden, wenn mein Blut vor Entrüſtung kocht und das Herz mir vor Leid an⸗ ſchwillt!“ Der Laut von Stimmen bewog ſie, wieder einer ſcheinbaren Ruhe ſich zu befleißen, und jetzt kam Stjernberg, um ſie an ſeinem Arme zur Villa hinun⸗ ter zu geleiten. Auf dem Wege dahin redete ſie von dem Spiele als Geſellſchaftsunterhaltung und von dem Spiele als Leidenſchaft, aber ſie ſprach— mit einem Spieler. Alſo weggeworfene Worte. Allon hatte Amy den Arm geboten. Während des Soupers hörte Gurli ihren Mann mit leiſer Stimme zu Amy ſagen: „Da Sie den ganzen Tag nach unſerer Unterre⸗ dung ſich nicht mehr ſehen ließen, ſo blieb mir Nichts übrig, als am Spieltiſche wo möglich Vergeſſenheit dafür zu ſuchen, daß Sie mich des Glücks berarhten, Sie zu ſehen.“ „Sollte es möglich ſeyn,“ dachte Gurli,„daß Allon wirklich ein zärtliches Gefühl für ſie hegt?.. Nein, ich will nicht ſo ſchlecht von ihm denken. Es würde mein Gemüth nur noch mehr verbittern.“ Als man ſpät am Abend ſich trennte, fing Gurli wieder einige Worte auf, welche Allon Amy zu⸗ flüſterte. „Nichts in der Welt ſoll mich abhalten, Sie zu begleiten,“ ſagte er.„Dieſen dürftigen Troſt werden Sie mir wohl vergönnen.“ Am Morgen darauf, noch ehe Einer der Bewohner von Birgersborg aufgeſtanden war, ſah man einen leichten Reiſewagen am Parke halten. Der Wagen gehörte Stephan Braun. In denſelben ſtieg eine Dame, welche er durch den Park geleitet hatte, und welcher er nun in den Wagen half. Als ſie darin Platz genommen hatte, reichte ſie Stephan die Hand zum Abſchied. „Nehmen Sie die Verſicherung zurück, welche Sie bei der letzten Blume ausgeſprochen haben,“ bat ſie in aufgeregtem Tone. „Signora,“ antwortete Stephan kalt,„die Ver⸗ ſicherung kannn nicht zurückgenommen werden. Das Einzige, was ich ſagen kann, iſt, daß ich morgen von hier abreiſe. Und nun— leben Sie wohl!“ Stephan trat auf die Seite, ohne die dargebotene Hand zu faſſen. „Iſt das Alles— Alles was Sie mir zu ſagen haben?“ „Ja, Alles.“ „Fort!“ rief Amy, und dahin rollte der Wagen auf der Straße nach Gothenburg, . XXIII. Den Tag darauf verließ Stephan mit ſeiner Mutter Birgersborg und begab ſich nach Breddal. Beate war nach der Wohnung des Comminiſters gefahren, um ihr Gepäck von dort zu holen. Gurli war in Begleitung von den Fräulein D. und dem Lieutenant, deren Bruder, auf einem Spa⸗ ziergang begriffen. Als ſie am Abend davon zurückkehrte, begegnete ſie Allon, welcher im Povillon geweſen war und ſie geſucht hatte. Er kam auf ſeine Frau mit nicht ſehr freundlicher Miene zu und ſagte ziemlich barſch: „Ich habe dich ſchon lang vergebens geſucht, um einige Worte mit dir zu reden.— Willſt Du vielleicht, daß es hier geſchieht?“ ſetzte er, auf die Villa deu⸗ tend, hinzu. „Wie dir beliebt,“ antwortete ſie und nahm ſei⸗ nen Arm, den er ihr mit der ganzen Gleichgültigkeit eines Ehemanns bot. Die Fräulein D. mit dem Lieutenant gingen auf die Terraſſe hinauf. „Herr von Stral befindet ſich, ſeitdem die Italie⸗ nerin fort iſt, in ungemein ſchlechter Stimmung,“ äußerte eines der Fräulein. „Mir dünkt, er iſt die ganze Zeit her wahrhaft abſcheulich geweſen,“ bemerkte der Lieutenant. 118 „Aber er kann doch zuweilen ſehr liebenswürdig ſeyn,“ ſagte die andere Schweſter. „Möglich, obwohl ich Nichts davon bemerkt habe,“ antwortete der Lieutenant. Allon und Gurli traten in die Villa. Es war zwiſchen ihnen, ſeitdem er ſie von Tante Katharina abgeholt hatte, noch kein Wort unter vier Augen ge⸗ wechſelt worden. „Ich möchte wiſſen, was das für Intriguen ſind, welche zwiſchen dir und Walter angezettelt worden,“ begann Allon im Zimmer auf und abgehend. „Als dein Mann dünfte ich vielleicht das Recht haben, auch davon in Kenntniß geſetzt zu werden.“ „Walter und ich, wir zetteln keine Intriguen an,“ erwiederte Gurli. Sie war mit dem feſten Entſchluß hieher gekommen, die größte Probe von Verträglich⸗ keit und Geduld abzulegen. 4 „Nicht; nun, es verſtand ſich von ſelbſt, daß Du eine ſolche Antwort geben würdeſt, denn mit der Wahrheit nimmſt Du es nicht ſo genau. Willſt Du nun vielleicht eine andere Frage beantworten: Iſt es wahr, daß Du kurz vor unſerer Verlobung Stephan einen Heirathsantrag machteſt? „Ja, das iſt wahr,“ erwiederte Gurli. „Und warum iſt er dann nicht dein Mann ge⸗ worden?“ „Aus dem einfachen Grunde, weil er mich nicht haben wollte.“ „Und da gabſt Du mir die Hand, welche er ver⸗ ſchmähte. Du nahmſt mich, weil Du ihn nicht be⸗ kommen konnteſt.“ Allon!“ rief Gurli mit blitzenden Augen. Sie war auf dem Wege, die gefaßten Vorſätze zu ver⸗ geſſen, aber beſann ſich ſogleich und ſetzte hinzu: 119 „Ich bot mich Stephan als Bengt Falkenſtern's Erbin an, da mein Stiefvater in einer beſondern Willensverfügung mir das Gebot auferlegte, im Fall Stephan's Herz ſich mir zuwenden würde, mit Auf⸗ opferung meiner perſönlichen Wünſche ihn zum Mann zu nehmen. Ich erachtete es deßhalb für meine Pflicht, mich von ſeiner Geſinnung in dieſem Fall zu verge⸗ wiſſern, ehe„ Gurli ſchwieg. „Du mich zum Mann nahmſt, willſt Du ſagen. Und Du meinſt, ich ſoll wirklich an dieſe Hiſtorie glauben,“ rief Allon, indem er ſich mit der Hand durch die Haare fuhr und wieder einen Gang durch das Zimmer machte.—„Es iſt ein wahres Glück,“ murmelte er,„daß ich darüber nicht ſchon den Ver⸗ ſtand verloren habe.“ Gurli näherte ſich ihm. Etwas wie Mitleid regte ſich in ihrer Bruſt, und ſie dachte: „Allon's herzloſe, unverſtändige Muiter könnte wirklich mit ihren infamen Ränken ihn zum Wahn⸗ ſinn treiben.“ Laut äußerte ſie: „Allon, ich will dir den beſondern Artikel im Teſtamente meines Stiefvaters zeigen, obwohl mir dieß eigentlich nicht geſtattet iſt, und Du wirſt daraus erſehen, daß ich nur in Uebereinſtimmung damit ge⸗ handelt habe. Iſt übrigens wohl Etwas in meinem Benehmen, das dich zu dem Zweifel und Argwohn berechtigt, welchem Du Raum gibſt? Deine Vernunft muß dir mit Nein antworten. Prüfe ſelbſt unſer Ver⸗ hältniß und urtheile nach der eigenen Erfahrung, und nicht nach den Einflüſterungen derer, welche ein In⸗ tereſſe daran haben, Hader und Zwietracht zwiſchen 120 uns auszuſäen. Du wirſt dann auch finden, daß Du ohne alle Urſache unſer Leben vergiftet haſt.“ Allon hörte Gurli an, ohne ſie zu unterbrechen. Als ſie ſchwieg, äußerte er: „Warum aber, wenn auf deiner Seite keine Nei⸗ gung zu Stephan ſtatt fand, dieſes Beſtreben, ihm das Falkenſtern'ſche Vermögen zuzuwenden?“ „Ihm!“ rief Gurli erſtaunt. „Willſt Du auch das beſtreiten? Nun wohl, er⸗ kläre mir den Inhalt dieſes Briefs, welchen Du aus Unvorſichtigkeit verloren haſt.“ Er reichte Gurli einen Brief von Walter, den⸗ ſelben, welchen Lotta aus dem Schreibtiſche entwendet atte. Gurli fühlte, daß es mit ihrer Selbſtbeherrſchung faſt zu Ende war, als ſie dieſen Brief in ihres Mannes Händen fand. Sie wußte, daß ſie ihn nicht verloren hatte. Wie war er alſo in Allon's Beſitz gelangt? Es war demnach Jemand vorhanden, der in ihren Papieren Umſchau hielt. Sie bewältigte jedoch bald wieder ihre Aufregung und ſagte, ohne Allon weiter zu fragen, wie er zu dem Briefe gekommen wäre: „Was ſteht in demſelben, worüber Du nähere Erklärung haben willſt?“ „Es handelt ſich um den ganzen Inhalt. Wün⸗ ſcheſt Du vielleicht, daß ich ihn dir vorleſe?“ Allon ſchlug das Schreiben aus einander und las: „Hochedle Frau! „Ihrem beſtimmten Willen gemäß beeile ich mich, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ich glücklich in London angekummen bin. Ich habe allerdings noch nichts von Wichtigkeit mitzutheilen, hege aber dennoch . 121. die Hoffnung, 1 es mir mit dem von Ihnen erhal⸗ tenen Auftrag gelingen wird. „Ich fühle indeſſen immer noch eine entſchiedene Abneigung, derjenige zu ſeyn, durch deſſen Vermitt⸗ lung das Beſitzthum meines verſtorbenen Herrn in andere Hände, als die Ihrigen übergehen ſoll. Doch, ich habe einen heiligen Eid geſchworen, mit aller Kraft darauf hinzuarbeiten, daß es in die rechten Hände kommen ſoll, und ich werde mein Wort halten. „Iſt von Ihrem Stiefvater ein Unrecht begangen worden, welches Sie wieder gut machen wollten, ſo darf Niemand bereitwilliger ſeyn, hiezu beizutragen, als der, welcher ihm ſo treu gedient hat. Meine Beſorgniß geht nur dahin, die Achtung, welche Sie vor dem Recht haben, möchte Sie Ihr häusliches Glück koſten. Schwerlich werden die Anverwandten Ihres Gemahls es nicht nach ihrem Geſchmack finden, daß Sie deren Berechnungen ſo vollkommen täuſchen, be⸗ ſonders wenn man an alle die Leiden zurückdenkt, von welchen dieſe Berechnungen für die eine und an⸗ dere Perſon begleitet waren. „Was man aber auch von der Sache halten mag, haben Sie gleichwohl das geſetzliche Recht auf das Vermögen, ſelbſt wenn es einem andern gehören ſollte. Ihr Verfahren entſpricht daher der ſtrengſten Vorſchrift des Gewiſſens. ⸗ Hier folgte ein Rechenſchaftsbericht über den Stand der Geſchäfte und der Brief ſchloß mit folgenden Worten: „Ich habe, wie Sie mir anbefohlen, an den Be⸗ zirksrichter geſchrieben. Er muß meinen Brief zu der⸗ ſelben Zeit erhalten, da dieſer an Sie gelangen wird. 122 „Das nächſte Mal werde ich Ihnen beſtimmter ſagen können, wie die Sachen ſtehen. Ich habe bis dahin mit dem Advokaten geſprochen. Ich hoffe je⸗ doch, daß Sie vor dieſer Zeit noch mit einigen Zeilen erfreuen Ihren getreuen und ergebenen Diener Walter Yactes.“ In einen Fauteuil niedergeſunken, ließ Gurli ihren Mann den Brief bis zum Schluß leſen. Sie dachte nicht an deſſen Inhalt, ſondern nur, wie es möglich wäre, hieraus Schlüſſe zu ziehen, welche zu der Ver⸗ muthung führen könnten, daß ſie im Sinne habe, Stephan das fragliche Vermögen zuzuwenden. Daß Allon nicht hierauf gekommen war, das ſtand Gurli klar vor Augen. Wer ihm in den Kopf geſetzt hatte, daß der Brief ſich auf Allon beziehe, das glaubte Gurli mit Leichtigkeit errathen zu können; aber nicht, wie dieſes Schreiben in Beate's Hände gelangt war. „Nun, wo ſteht denn, daß ich eine Schwäche für Stephan habe?“ fragte Gurli, als ihr Mann ſchwieg. „Wo es ſteht?“ rief er,„und das fragſt Du? Geht es nicht aus deinem Arrangement hervor, daß durch Walter auf die eine oder andere geſchickte Weiſe nicht blos das ganze Falkenſtern'ſche Vermögen, ſon⸗ dern auch der Genuß der Renten davon Stephan in 1 die Hände geſpielt werden ſoll? Von wem iſt denn 1 wohl in dem Briefe die Rede? Natürlich von dem Herrn Bezirksrichter Braun, welcher das Unrecht er⸗ litten hat, daß ihm das Erbe nicht zufiel, und nun⸗ mehr dafür ſchadlos gehalten werden ſoll.— Da er deine Hand nicht haben wollte, ſo ſoll er deinem Wunſche nach wenigſtens die Millionen bekommen, von welchen jene begleitet geweſen wäre.“ 123 „Allon, biſt Du wirklich noch im vollen Beſitz deines Verſtandes?“ rief Gurli.„Wie iſt es mög⸗ lich, ſolchen blödſinnigen Vermuthungen Raum zu geben! Ich hätte ja vor der Trauung Stephan all mein Eigenthum ſchenken können, wenn dieß meine Abſicht geweſen wäre.“ „Aber der Brief, der Brief hier, da ſteht doch drinnen, daß Du es abzutreten im Sinne haſt.“ „Das iſt wahr; aber nicht an Stephan, das kann ich dir heilig verſichern. Ich werde dir einmal die Sache erklären, aber jetzt iſt es nicht möglich, weil ſie meinen verſtorbenen Stiefvater angeht, und ich habe mir am Grabe meiner Mutter gelobt, ſo lang dieſes Geheimniß nicht entdeckt und aufgeklärt iſt, mit Niemand als mit Walter ein Wort darüber zu reden. Dieß, Allon, von Walters Brief. Jetzt will ich blos noch die heilige Verſicherung beifügen, daß in meiner Seele kein Gedanke, kein Gefühl lebt, womit dir oder meiner Pflicht zu nahe getreten würde.“ „Unendlich verbunden für dieſe Verſicherung, welche dich jedoch nicht hindert, ein Geheimniß vor deinem Mann zu haben,“ fiel Allon ein, welcher durch⸗ aus keine Vernunft annehmen wollte. „Das Geheimniß iſt nicht mein, berührt nicht mich, und iſt Etwas, worüber ich zu verfügen kein Recht habe,“ antwortete Gurli und zog ſich kalt zurück, da Allon von ihren aufrichtigen Verſicherungen keine Notiz nehmen wollte. „So! Aber Du verfügſt doch über Anderes, was dir gleichfalls nicht gehört,“ entgegnete Allon. „Worüber denn?“ „Das will ich dir ſogleich ſagen,“ fuhr Allon fort, indem er einige Ruhe zu bewahren ſuchte.— „Gurli, wenn ich glauben ſoll, daß Du aus wirklicher 124 Neigung, und nicht aus Verdruß, dich von Stephan verſchmäht zu ſehen, mir deine Hand gereicht haſt, ſo darf ich nicht wie jetzt von dem Vermögen ausge⸗ ſchloſſen ſeyn, worüber ich als dein Mann zu diſpo⸗ niren berechtigt bin. So lang Du mir daſſelbe vor⸗ enthältſt, werde ich niemals, merke dir, niemals anders glauben, als daß man die Wahrheit geſprochen, wenn man mir ſagte, dein Herz ſey Stephan jetzt wie ehemals zugethan.“ „In dieſem Falle ſind wir beide zu beklagen, Allon, denn weder dir noch mir wird jemals die Herrſchaft über dieſen Reichthum zufallen. Glaube meinen beſtimmten Worten, wenn ich dir erkläre, daß der Genuß davon weder auf dich noch auf mich jemals übergeht, und ſollte mein Leben dadurch auch namenlos unglücklich werden.“ „Gut, ich werde das im Gedächtniß behalten, ſowie daß Du, ſchon ehe wir verlobt waren, mit Stephan Zuſammenkünfte auf dem Kirchhofe hatteſt. Ich habe ſelbſt einmal dich dort getroffen. Es iſt nur verwundeter Egoismus, nicht Neigung, nicht Liebe, was dich zu meiner Gattin machte, und dieß iſt auch die Urſache, daß es dir ſo ſehr darum zu thun war, mich aller ökonomiſchen Vortheile unſerer Ehe zu be⸗ rauben.“ Allon verließ Gurli und ging hinaus auf den Balkon. Als er wieder in den Salon trat, um das Geſpräch von Neuem aufzunehmen, war Gurli fort, und ſtatt ihrer ſtand ſeine Mutter da. „Nun, mein Sohn, war es eine gottloſe Erdich⸗ tung von min, daß Gurli Stephan ihre Hand ange⸗ boten hat?“ „Mama,“ brach Allon heftig aus,„wenn ich wirklich von Gurli betrogen worden bin, ſo wäre es 125 beſſer geweſen, mich in Unkunde davon zu laſſen, als nunmehr alle dieſe Zweifel in meiner Seele zu erwecken, welche einen elenden, unglücklichen Menſchen aus mir machen müſſen. Sage mir, was iſt deine Abſicht, Mama? Doch nicht etwa die Beförderung meines Glücks, worauf Du ausgehſt?“ „Meine Abſicht iſt, dich von einem Zauber zu erlöſen, welcher dich zu ihrem Sklaven macht, anſtatt daß Du ihr Herrſcher ſeyn ſollteſt. Siehſt Du nicht ein, wie unwürdig ſie deiner Liebe iſt, und wie Du dich in Aller Augen zu einer Null herabwürdigſt, wenn Du dieſelbe an eine Frau verſchwendeſt, welche dich wie eine Gliederpuppe behandelt? Wirſt Du niemals die Kraft erlangen, ſie zu bezwingen und ſchließlich dich zum Herrn über die Kapitalien zu machen, um welche ſie dich treuloſer Weiſe beſtohlen hat? Du biſt von Bengt Falkenſtern einmal zu ſeinem Erben beſtimmt worden, aber die Intriguen von Gurli, Tante Katharina, Eliſabeth und Walter haben es hintertrieben. Wohlan, nimm wieder, was dir zugehört, und dieß mit dem Machtſpruch eines Mannes, welcher ſeine Rechte kennt. Laß dich nicht durch deine S für ſie als Frau daran hindern, ein Mann zu ſeyn.“ „Vermögen, Vermögen!“ rief Allon,„nichts als Vermögen, und doch iſt es etwas ganz Anderes, worüber ich Gewißheit haben will; ich wünſche zu wiſſen, ob ihr Herz mir gehört.“ „Du kannſt nicht haben, was niemals dein eigen geweſen,“ entgegnete Beate ſchonungslos;„richte deinen Sinn nicht darauf, ſondern denké cher an das, wovon Du dir wirklich den Beſitz verſchaffen kannſt.“ Allon ſtützte den Kopf in die Hände und Beate fuhr in ihrem Zureden fort. Sie wußte die Macht Schwartz, Der Rechte, III. 4 9 126 des Geldes und Reichthums mit höchſt verführeriſchen Farben zu ſchildern und Allon's Eitelkeit zu ſchmei⸗ cheln, während ſie gleichzeitig ſeine Eigenliebe ver⸗ wundete. Sie ſetzte ſeinen Eigennutz in Bewegung und ſtachelte ſeinen Egoismus auf, ſo daß alle die Gefühle, welche zu Gurli's Vortheil ſprachen, zum Schweigen gebracht wurden. F Beate hatte in den wenigen Tagen, die ſie bis jetzt im Hauſe ihres Sohnes war, die Zeit benützt und eine ſehr große Gewalt über ihren Sohn ge⸗ wonnen, größer noch, als ihr jemals ſeit ſeinen Jüng⸗ lingsjahren eigen geweſen. Den Reſt des Abends bis ſpät in die Nacht brachte Allon im Spiele mit Stjernberg zu. XXIV. Tage, Wochen, zuletzt Monate verfloſſen, ohne daß das Verhältniß zwiſchen beiden Gatten ſich auf irgend eine Weiſe beſſer geſtaltet hätte. Gurli fuchte allerdings nicht, ſich ihrem Mann zu nähern oder durch Liebe dem verderblichen Einfluß der Mutter entgegenzuwirken; aber ſie wich mit be⸗ wundernswürdiger Conſequenz Allem aus, was zu peinlichen Auftritten Veranlaſſung geben konnte. Wenn dieſelben deſſen ungeachtet oft und viel ſtattfanden und Allon fortwährend die verletzendſten„ Vorwürfe gegen Gurli ausſtieß, ſo behielt ſie eine unerſchütterliche äußerliche Ruhe bei, blieb aber nach dergieichen Auftritten dieſelbe aufmerkſame Gattin, wie ſie ſich einmal vorgenommen hatte. Sie widerſetzte ſich niemals Allons Wünſchen, bekam er aber einmal 127 einen Anfall von Zärtlichkeit und Reue, ſo blieb ſie gefühllos dafür, und es gelang ihm nicht mehr, einen Schimmer von Herzlichkeit der Gattin zu entlocken, welcher er einen Augenblick darauf mit einer Art von Genuß eine neue Kränkung anthun konnte. Gegen Beate war und blieb Gurli wie früher. Keine Verfolgung, keine Bosheit von Seiten der Schwie⸗ germutter vermochte ihr Benehmen zu ändern. Als Allon einmal, von ſeiner Mutter aufgehetzt, Gurli den Mangel an Achtung und Freundlichkeit, welchen ſie gegen ſeine Mutter an den Tag legte, zum Vorwurf machte, antwortete ſie: „Frau von Stral weilt hier dem zwiſchen dir und mir geſchloſſenen Uebereinkommen zuwider, und wenn ich dieß paſſiren laſſe, ſo habe ich Alles gethan, was ſie von mir erwarten kann.“ Kurz nachdem Beate auf Birgersborg ſich ein⸗ logirt hatte, waren die mit Gurli's Mutter weitläufig verwandten Familien abgezogen. Die Urſache zu ihrer Entfernung war Beate geweſen. Sie hatte auf eine ſehr beißende Art ſich darüber ausgelaſſen, wie vor⸗ theilhaft es wäre, reiche Verwandten zu haben, bei welchen man den ganzen Sommer ohne eigene Un⸗ koſten zubringen könnte u. ſ. w. Gegen die Kameraden ihres Sohnes war Beate lauter Liebenswürdigkeit. Sie hatte ihre gottſeligen Redensarten, welche bei denſelben, wie ſie wohl wußte, nicht anſchlagen konnten, gänzlich abgelegt, und war nun ſo aimable, wie in jüngeren Jahren. Sie be⸗ komplimentirte den königlichen Sekretär Stjernberg darüber, daß er die Kunſt verſtand, Allon zu unter⸗ halten und zu zerſtreuen; ſie ſagte dem Lieutenant Stormfeldt die ſchmeichelhafteſten Artigkeiten und ver⸗ — 128 ſicherte, Allon hätte keine glücklichere Wahl von Freun⸗ den treffen können, als die er an ihnen gefunden. Mit dem jungen Baron S., deſſen einziger Reich⸗ thum ſein freiherrlicher Titel war, ſprach die kluge Frau von allen den ausgezeichneten Männern, die es in ſeiner Familie gegeben hatte. In Gegenwart der iungen Männer war ſie überdieß die Freundlichkeit und Sanftmuth ſelbſt gegen Gurli, welche zur Ant⸗ wort darauf ihr die auffälligſte Kälte bewies. Die jungen Herren waren allerdings ſammt und ſonders von Gurli's Schönheit eingenommen, fanden dieſelbe aber nunmehr, nachdem die übrigen jungen Damen abgereiſt waren, ſteif und unzugänglich, beſon⸗ ders da ſie ſich hin und wieder ganz freimüthig gegen das Spiel und vornehmlich gegen die Leidenſchaft des Spiels ausſprach. Allons Mutter intereſſirte ſich hingegen dafür. Wenn des Abends geſpielt wurde, erkundigte ſie ſich immerdar, wie das Spiel gegangen, wer vom Glück begünſtigt worden wäre u. ſ. w. Man konnte nicht angenehmer ſein, als ſie. Dauerte das Spiel bis weit in die Nacht hinein, ſo zeigte ſich dagegen Gurli am nächſten Morgen ſtol⸗ zer und abgemeſſener als ſonſt gegen ihres Mannes Freunde. Es war ſogar geſchehen, daß ſie gegen Stjernberg unter vier Augen ihr Mißfallen ausge⸗ ſprochen und ihm erklärt hatte, ſie könnte es ihm nie wenn er aus Allon einen Spieler machen würde. Die ſchönſten Lippen werden häßlich, wenn ſie ein Verdammungsurtheil über eine vorherrſchende Lei⸗ denſchaft ausſprechen. Gurli wurde alſo bald in den Augen der jungen Spieler Alles, nur nicht liebens⸗ würdig, und es kam ſehr oft vor, daß ſie gegen Allon 129 Aeußerungen fallen ließen wie: Gurli ließe ſehr gern die Qualität einer reichen Frau durchſcheinen. Stiernberg ſagte ſogar zu ihm: „Deine Frau, lieber Stral, iſt verteufelt lang⸗ weilig geworden. Sie ſcheint vollkommen Luſt zu haben, dich unter die Zuchtruthe zu nehmen. Dir iſt beſtimmt, unter den Pantoffel zu kommen, mein armer Bruder. Von Beate dagegen hieß es: „Man kann keine charmantere Mutter haben, als Du. Das iſt eine Frau, welche ihre Stellung aufzu⸗ faſſen verſteht. Schade, daß ſich deine Frau kein Erempel an ihr nimmt.“ Beate hatte wirklich ihre Stellung in des Soh⸗ nes Hauſe ſo ſchlau zu nehmen gewußt, daß ſie ſich unbedingt immer größere Gewalt anmaßen konnte, Waren Fremde da, ſo ließ ſie immer ihrer Schwieger⸗ tochter den Vortritt, welchen ſie als Frau des Hauſes beanſpruchen konnte: noch mehr, ſie geſtattete ſich nie⸗ mals eine unfreundliche Aeußerung gegen dieſelbe. Nur bei Allon fand ſie es nöthig, ein zunehmendes Mißvergnügen und Mißtrauen zu unterhalten, ſo daß die Entfernung zwiſchen ihm und Gurli immer größer und größer wurde. Die würdige Frau ſprach im Vertrauen zu ihrem Seelenfreund, dem Comminiſter Grünlund: „Es wird mir zuletzt doch glücken, es ſo weit zu bringen, daß meiner lieben Schwiegertochter nichts Anderes übrig bleibt, als durch Aufhebung des Ehe⸗ kontrakts ſich häuslichen Frieden zu erkaufen. Ge⸗ müther, wie dasjenige Gurli's ſind gewöhnlich unbeug⸗ ſam im Glück, fallen aber unter dem Mißgeſchick. Das zeigt ſich bereits. Daß ſie ſo paſſiv und nach⸗ giebig wie jetzt iſt, hätte man niemals für möglich 130 gehalten. Bemerke wohl, ſie hat mir meinen Aufent⸗ halt zu Birgersborg noch mit keinem Wort vorgehal⸗ ten, was ſie gewiß nicht unterlaſſen haben würde, wenn ihr harter Sinn nicht gebrochen wäre. Sie hofft durch Nachgiebigkeit die verlorne Gewalt über Allon wieder zu gewinnen; aber ſo wahr ich Beate von Stral, geborne Falkenſtern heiße, das ſoll ihr nicht gelingen. Der Prieſter, welcher ſich immer dagegen erklärt hatte, daß Beate vor Aufhebung des Ehekontrakts zwiſchen den beiden Gatten nach Birgersborg über⸗ ſiedle, ſchüttelte den Kopf, verdrehte die Augen und verſicherte, daß Beate Alles verdorben habe. Rein, ſie hätte ganz anders zu Werke gehen ſollen. Sie hätte ihn, Grünlund, die Sache betreiben laſſen und, ehe ein weſentlicher Vortheil errungen war, die Gatten nicht trennen ſollen. Allon hatte alle die Vortheile, die ihm jetzt zuſtanden, vor Beate's Auf⸗ treten erlangt: aber nicht ein einziger, meinte Grün⸗ lund, ſey dazu gekommen, ſeitdem Beate in ihres Sohnes Hauſe ſich niedergelaſſen hätte. Und wenn er, der Comminiſter, Gurli recht kenne, ſo werde es Allon auch niemals weiter bringen. Dieſe verſchiedenen Anſichten bewirkten, daß Beate und Grünlund nicht recht einig waren. Grünlund, welcher jetzt mehr als je daran zwei⸗ felte, daß Allon in den Beſitz des Falkenſtern'ſchen Vermögens gelangen würde, machte ſich fertig, aus der Gegenwart allen möglichen Nutzen zu ziehen, da er vorauserkannte, daß die Zukunft keinen Gewinn mehr hoffen ließe, da Allon die Mittel, über welche er verfügen konnte, bald verſpielt haben und dann von Gurli Nichts weiter erhalten würde. „Nein,“ dachte Grünlund,„hätte ich freie Hand 131 bekommen, ſo wäre es anders gegangen; es wäre mir durch Allons Eiferſucht auf Stephan gelungen, Gurli dahin zu bringen, daß ſie aus Stolz und zum Be⸗ weiſe ihrer Unſchuld ihrem Manne allen den Reich⸗ thum, welchen ſie ſo gering achtet, hingeworfen hätte. Nun iſt die ganze Affaire verdorben. Es bleibt nur noch übrig, das Eiſen zu ſchmieden, ſo lang es warm iſt und den möglichſt großen Gewinn davon zu tra⸗ gen. Wenn alle Hülfsquellen des einfältigen Sohnes, der in ſeiner Verſchwendung von der noch einfältigern Mutter unterſtützt wird, erſchöpft ſind, dann mögen die Beiden ſich ſelbſt zu helfen ſuchen, wie es ihnen beliebt. Grünlund raiſonnirte ſehr richtig visà vis von Gurli: Unter gewöhnlichen Verhältniſſen hätte Allon ganz leicht durch einen Angriff auf ihren Stolz ſie zu beſtimmen vermocht, das Dokument zu vernichten, wel⸗ ches ihren Mann von dem Genuß des Reichthums ausſchloß;— jetzt hätte Allon ſie niemals dazu ge⸗ bracht, nachdem Beate gegen die geſchloſſene Ueberein⸗ kunft hieher gezogen war. Nach dem jetzigen Stand der Dinge konnte Nichts, weder Liſt noch Grauſamkeit, Gurli zwingen, einen einzigen Schilling von dem Vermögen anzurühren, welches ſie nicht als ihr Eigenthum anſah. Aber kehren wir zu Gurli zurück. Sie merkte ſehr bald, daß das Entzücken der jungen Spieler ſich in gezwungene Artigkeit verwan⸗ delt hatte, und erkannte, daß ſie jetzt nur von Men⸗ ſchen umgeben war, welche ſie mit mehr oder minder un⸗ freundlichen Augen betrachteten. Nicht ein ergebenes Weſen fand ſich in ihrer Nähe, denn auch die alte Liſe war nach Allons Wunſch von Birgersborg ent⸗ fernt worden. Gurli hatte nicht gewollt, daß die . 132 Pflegerin ihrer Kindheit der Gefahr, ſich von dem Hausherrn ausweiſen zu laſſen, ausgeſetzt würde, und es darum vorgezogen in eigener Perſon ſie auf eine freundliche Weiſe zu entfernen. Sie hatte ſomit Niemand, welcher freundlich gegen ſie geſinnt war; denn ſelbſt die Dienerſchaft, welche beinahe ſämmtlich in Grünlunds Schafſtall gehörte, zeigte ſich ihr abhold. Es kam auch kein Brief mehr von Walter. Tante Katharina hatte eine Reiſe zu einem armen, kranken Verwandten angetreten, und Stephan hatte, ſeitdem er mit ſeiner Mutter von Birgersborg abgezogen war, daſelbſt Nichts mehr von ſich ſehen und hören laſſen. Es war, als ob Alles ſie vergeſſen hätte. Gurli war, nqchdem ſie ihre Stellung überdacht hatte, zu dem Reſultat gelangt, daß ſie ſich eine Wirk⸗ ſamkeit ſuchen müſſe, wodurch ihre Seele Beſchäfti⸗ gung erhielte. Die von ihr verſäumte Schule wurde der erſte Gegenſtand ihrer Aufmertſamkeit. Sie fand dieſelbe verlaſſen und leer. Die Hinterſaſſen auf ihrem Grund und Boden ſchickten die Kinder nicht hin, weil ſie die⸗ ſelben nicht verderben laſſen wollten. Der Paſtor hatte geſagt, daß Alles, was ſie dort lernten, im Widerſtreit mit der wahren Gottesfurcht ſtände. Das Krankenhaus, welches Gurli unter Eliſabeths Beiſtand errichtet hatte, ſtand gleichfalls verödet da; ein einziger armer Teufel befand ſich dort. Die Guts⸗ unterthanen wollten lieber daheim im Elende ſterben, als hieher kommen und einer guten Pflege theilhaftig werden. Im erſten Fall hielten ſie ſich wenigſtens verſichert, daß ihre Seelen in den Himmel kamen, etwas, deſſen man im letztern nicht gewiß war; denn der Paſtor hatte ja geſagt, diejenigen, welche — 133 dieſes Krankenhaus benützten, würden der ewigen Selig⸗ keit verluſtig gehen, da jenes nicht zu des Herrn Ehre erbaut wäre und nicht unter ſeinem Schutze ſtände. Dieſes Alles und noch viel mehr bekam Gurli von den Vorſteherinnen der Schule und des Kranken⸗ hauſes zu hören. Nun ſetzte ſie auch ihren Vorſatz, Grünlund ent⸗ gegenzuarbeiten, ins Werk. Sie begann damit, rings unter ihren Unterthanen herumzugehen, ſich von deren Umſtänden, Lebensverhältniſſen u. dgl. zu unterrichten. Sie ſuchte deren Vertrauen durch die Güte und Theilnahme, welche ſie ihnen bewies, zu erwecken. Aber ſie ſtieß überall auf Mißtrauen und ſcheues Weſen. Man betrachtete dieſelbe als eine Perſon, die zu fürch⸗ ten war. Manches Mal geſchah es, daß Gurli niederge⸗ ſchlagen über ihre vergeblichen Bemühungen nach Hauſe zurückkehrte; aber dann ſchloß ſie ſich in ihr Zimmer ein und erforſchte mittelſt einer gründlichen Prüfung ihres Thuns und der Beweggründe, von welchen ſie dabei geleitet wurde, ob die Urſache des Unheils in ihr ſelbſt läge.. Gurli hatte beſchloſſen, eine gute Frau, eine wahre Chriſtin zu werden, und ſo viel Gutes, als möglich wäre, zu wirken; darum ließ ſie ſich auch durch Schwie⸗ rigkeiten nicht abſchrecken. Noch nie iſt ein ernſter und guter Vorſatz zu nichte geworden, ohne eine Frucht mit ſich zu bringen: ſo geſchah es auch mit Gurli's Bemühen für die Unterweiſung und beſſere Stellung der Armen. Da dieſe ſahen, daß ſie unaufhörlich wiederkam, daß ſie immerdar zu helfen und zu unterſtützen, zu tröſten und zu unterweiſen gleich bereit war, begann 134 das dem Landvolke ſo gewöhnliche Mißtrauen all⸗ mälig zu ſchwinden. Man ſprach unverholener mit Gurli von ſeinen Kümmerniſſen und Sorgen. Die Hülfe, welche von der vornehmen Beſchützerin kam, wurde nicht mehr mit einer Beimiſchung von Furcht betrachtet. Genug, als der Sommer ſich zu Ende neigte, hatte Gurli wirklich einen Theil der Abneigung, welche man ihr ſonſt zeigte, überwunden. Es war ihr ſogar gelungen, ein paar Köthner dahin zu bringen, daß ſie ihre Kinder in die Schule ſchickten. Wenn Gurli nach dieſen Siegen heimkehrte, fühlte ſie ſich zufriedener mit ihrem Tagwerk und verſöhnt mit ihren häuslichen Verhältniſſen. Lang ſollte ſie ſich jedoch auch dieſer Genugthuung nicht zu erfreuen haben, denn ſie arbeitete in einer Richtung, welche der von Grünlund direct entgegen⸗ geſetzt war. Sie ſuchte wider den Aberglauben zu wirten und Aufklärung zu befördern. Jener bedurfte der Finſterniß und Unwiſſenheit, um die Sinne zu beherrſchen und im Namen des Glaubens ſich zum Herrn über Gedanken und Ueberzeugung zu machen. Jeder Eintrag, den ihm ſomit Gurli that, mußte von Seiten des Prieſters auf einen heftigen Wider⸗ ſtand ſtoßen, denn es war Etwas, wodurch ſeine Macht bedroht wurde. Kam Gurli's Schule in Gang und gelang es ihr, durch das Leſen nühlicher und wahrhaft religiöſer Bücher den Verſtand auszubilden, ſo mußten die Opfer auf dem Altar ſeines Eigennutzes dürftiger und ſeine Gewalt beſchränkter werden. Erſt ein Monat war vergangen, ſeitdem Gurli ſich an's Werk gemacht hatte, im Namen der Vernunft, der Aufklärung und des wahren Chriſtenthums Grün⸗ lunds drückendem Einfluß entgegenzuarbeiten, und ſchon war es ihr ſoweit gelungen, daß mehre der Köthner ohne vorhergegangenen Befehl und Machtſpruch den Worten derſelben Folge leiſteten. Grünlund erſchrack bei dem Gedanken, wohin das führen könnte, und beſchloß, mit einem Mal der Sache ein Ende zu machen. Eines Morgens— es war um die Mitte Sep⸗ tembers, erhielt Allon ein Billet von dem Comminiſter. Es lautete folgendermaßen: „Geliebter Sohn! „Siehe zu, daß deine Frau auf ihren ſogenann⸗ ten Wohlthätigkeitsfahrten nicht ihre und deine Ehre auf das Spiel ſetzt. „Es ſcheint, Du vergiſſeſt am Spieltiſche, auf das Acht zu geben, was um dich herum vorgeht, ſonſt hätteſt Du ganz gewiß es höchſt ſonderbar gefunden, daß Gurli jeden Tag ihr Haus, zu Fuß oder zu Pferd, immer ganz allein verläßt. Es würde dich ferner verwundert haben, daß der Bezirksrichter, der vollkommene Stephan Braun, nicht ein einziges Mal in zwei ganzen Monaten euch beſucht hat, obwohl er ſo nahe bei Birgersborg wohnt. Dieſes Benehmen iſt doch höchſt bemerkenswerth. „Wären die Verhältniſſe ſo wie ſie ſeyn ſollten, dürfte es dann wohl wahrſcheinlich ſeyn, daß ein ſo naher Verwandter und Nachbar es ſo ganz verſäumen ſollte, hin und wieder, wenn auch nur des Scheines wegen, einen Beſuch zu machen? „Deiném Couſin wird es deſſen ungeachtet nicht an Gelegenheit fehlen, mit der Perſon zuſammenzutreffen, welcher er zu begegnen wünſcht; denn er macht ſeinen Ausritt oder Spaziergang genau zu derſelben Zeit, 136 wie die gnädige Frau zu Birgersborg, und auch nach derſelben Gegend hin. „Hüte dich, deine Karten ſo zu ſpielen, daß Du eines Tages zu deinem Erſtaunen finden mußt, Du habeſt dabei mehr verloren, als Du jemals wieder gewinnen kannſt. „Noch Etwas, mein Sohn; laß dich nicht allzu ſehr von deiner Mutter leiten; mir ſcheint es, als ob ſie mehr und mehr dich dem Ziele entrückte, welches ſie vor Augen haben ſollte, und welches kein anderes als wahre und chriſtliche Eintracht zwiſchen dir und deiner Gattin iſt. „Da ich niemals Anlaß zum Verdruß geben will, ſo werde ich euch auch nicht beſuchen, denn ich weiß, daß Gurli dieß übel aufnehmen würde. Ich verzeihe ihr die Abneigung, die ſie gegen mich hegt, und ſchließe ſie in meine Gebete ein. „Iſt es dir möglich, ſo komm' heute in meine Wohnung. Ich kann dir da Manches ſagen, was zu deinem und Anderer Nutzen gereichen kann. Dein ergebener Bruder u. ſ. w Nach Durchleſung dieſes Briefs ſuchte Allon in dem Chaos beſtändigen Mißvergnügens und Ufffrie⸗ friedens, welches ſein Inneres erfüllte, ſich das klar zu machen, was geſchehen war, und da ſiel es ihm . wirklich ein, daß Gurli den größten Theil der Vor⸗ mittage nicht ſichtbar war. Er hatte ja ſelbſt geſehen, E ſie zu Fuß oder zu Pferde ſich von Haus ent⸗ ernte. Was konnten wohl dieſe regelmäßigen Ausflüge anderes bedeuten, als, wie Grünlund merken ließ, eine Intrigue gegen ihn, den armen unglücklichen Ehemann, ihn, der von Anfang an betrogen wor⸗ den war. — 137 Allon, welcher einen ganzen Monat ſeinen Fuß nicht auf die Schwelle von dem Zimmer ſeiner Frau geſetzt hatte, beſchloß dennoch, ſie mit einem Beſuche zu erfreuen. Als er dort eintrat, ſagte ihm die Kammerjung⸗ fer, die gnädige Frau wäre eben hinuntergegangen. Allon ſtieg alſo gleichfalls die Treppe hinunter, blieb aber im Veſtibule ſtehen. Ein Stallknecht kam eben mit Gurli's Reitpferd heran. „Wer hat dir Befehl gegeben, das Pferd vorzu⸗ führen?“ fragte er. „Die gnädige Frau,“ war die Antwort. „Zurück mit demſelben,“ ſchrie Allon,„und ſage zugleich dem Kutſcher, daß hinfort ohne mein aus⸗ drückliches Geheiß kein Pferd aus dem Stall gebracht werden ſoll.“ Der Stallknecht zauderte einen Augenblick, denn Gurli kam gerade im Reitkleide die Treppe herunter. „Haſt Du nicht gehört, was der Herr von Stral befohlen hat?“ bemerkte Gurli gegen den Diener, in⸗ dem ſie die Treppe vollends herabkam;„ich reite heute nicht aus.“ Sie legte die Schleppe des Kleides über den Arm und ging mit leichtem Schritt auf das Gitter⸗ thor zu, welches in die Allee führte. Der Stallknecht zog mit dem Pferde ab. „Da Du vom Reiten heute abſtehſt, ſo ſollteſt Du daſſelbe auch mit dem Spaziergang thun,“ äußerte Allon, welcher Gurli vor dem Thore einholte.—„Ich will nicht, daß meine Frau gleich einer Landſtreicherin herumſtreift,“ ſetzte er hinzu, als ſie zur Antwort auf ſeine vorangegangenen Worte ihn nur fragend anſah. „Nimm deßhalb meinen Arm und kehre auf dein Zimmer zurück.“ 138 Gurli ſchwieg; aber anſtatt chren Weg fortzu⸗ ſetzen, drehte ſie ſich haſtig um und eilte in das Haus hinauf, ohne ihres Mannes Arm anzunehmen. Allon folgte ihr. Als ſie ſich in Gurli's Salon befanden, ſprach er: „Ich habe dir nicht viele Worte zu ſagen, ſon⸗ dern aur ſo viel, daß ich dir beſtimmt verbiete, einen Spaziergang anders als in meiner Geſellſchaft zu machen. Wenn man ſo unglücklich iſt, eine Frau zur Gattin zu haben, welche in einen Andern verliebt iſt, ſo hat man auch das Recht, zu verhindern, daß ſie Anlaß zu Skandal gibt. Wofern Du dich alſo nicht der Gefahr ausſetzen willſt, daß ich dir laut vor Andern erkläre, was ich jetzt ſage, ſo laß es bleiben, ohne mich auszureiten oder auszufahren.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, ging er ſeines Wegs, und Gurli dachte: V ſchrecklich erfüllt ſich, was Walter prophe⸗ zeit hat!“ Sie nahm den Hut ab, ſchüttelte ihren Locken⸗ kopf und ſetzte hinzu: „Fort mit allen weichlichen Klagen, ich habe mir ſelbſt mein Schickſal geſchaffen, und es gilt jetzt, das⸗ ſelbe mit ſtarker Seele zu tragen.“ Beim Mittagsmahle äußerte Beate in einigen ſüßen Worten ihr Befremden darüber, daß ſie heute nicht ausgeritten ſei und den ganzen Vormittag nicht einen Spaziergang gemacht habe.“ Gurli erwiederte gleichgiltig: „Du weißt, Tante“— ſie brachte es nicht über ſich, Beate anders zu nennen—„von Alters her, daß ich launenhafter Natur bin, und es verlohnt ſich alſo nicht der Mühe, darnach zu fragen, warum ich 139 ſo oder anders thue. Ich könnte eine ſolche Erkun⸗ digung doch nicht beantworten.“ Am folgenden Tage beehrte Allon ſeine Gattin abermals mit einem Beſuche. Er war am vorange⸗ gangenen Abend bei dem Comminiſter geweſen, hatte alſo ſeinen gewöhnlichen Platz am Spieltiſche nicht eingenommen. Sein Benehmen gegen Gurli war dießmal min⸗ der brutal, als es immer in der letzten Zeit geweſen. Er theilte ihr in ziemlich artigem Tone mit, daß er verſchiedene Arrangements getroffen hätte, womit er ihren Wünſchen entgegenzukommen hoffte. Er wüßte, daß ſie großes Intereſſe für die von ihr errichtete Schule habe, und deßwegen ſei dieſelbe von ihm unter Grünlunds Aufſicht geſtellt und ihm Vollmacht ertheilt worden, jene wie das Krankenhaus zu überwachen und die für dieſe Zwecke ausgeſetzten Geldmittel zum Be⸗ ſten derſelben zu verwenden. Es fiel Gurli ſchwer, dieſen neuen Beweis der Bosheit von ihres Mannes Seite zu ertragen. Sie that ſich die größte Gewalt an, ihre Empfindungen vor ihm zu verbergen. „Haſt Du ſonſt noch Etwas zu ſagen?“ war ihre einzige Antwort. „Ja, ich wünſchte dir mitzutheilen, daß meine Mutter heute in die Villa überſiedelt. Wie Du weißt, verlaſſen wir Birgersborg in einer Woche, da der Dienſt mich nach der Hauptſtadt ruft. Mama bleibt den Winter über hier, will aber nicht in dem alten Schloſſe wohnen bleiben, und deßhalb habe ich ihr deine Villa überlaſſen.“ Die Adern ſchwollen auf Gurli's Stirne, aber ſie ſchwieg. „Es iſt meine Abſicht geweſen, ſie ſo zu ſtellen, 140 daß ſie ihre eigene Haushaltung hat und für ſich leben kann. Wie dir bekannt, habe ich niemals an dem Gebäude ſonderliches Wohlgefallen gehabt, inſonder⸗ heit iſt es mir zuwider geworden, ſeitdem Du in letz⸗ ter Zeit es ſo oft zu deinem Aufenthalt gewählt haſt. Du wirſt wohl Nichts gegen dieſe meine Anordnung einzuwenden haben?“ „Hätte ich auch dergleichen, ſo könnte mir doch nicht mehr einfallen, damit aufzutreten,“ erwiederte Gurli kalt. Allon fühlte ſich durch dieſe Antwort von einer Frau, welcher er eine moraliſche Marter nach der an⸗ dern bereitete, ein wenig inkommodirt. Er war in ſei⸗ nem Innern beſchämt und würde es gern geſehen haben, wenn Gurli ihr Mißvergnügen zu erkennen ge⸗ geben hätte. Nach einer Pauſe nahm er wieder das Wort: „Du biſt ſomit bereit, in einer Woche mit mir nach Stockholm zurückzukehren?“ „Nein, das bin ich nicht,“ ſiel Gurli ein,„wohl aber Birgersborg zu verlaſſen, wo ich unter keiner Bedingung mehr zu bleiben gedenke, da deine Mutter ſich hier häuslich niederlaſſen wird. Ich habe nun⸗ mehr zwei Monate unter demſelben Dache mit ihr ge⸗ lebt, will es aber nicht länger thun. Daß es bisher von mir geſchehen, haſt Du blos meiner Nachſicht ge⸗ gen dich zu danken. Ich wollte nicht vor deinen Gäſten das traurige Verhältniß, welches zwiſchen dei⸗ ner Frau und deiner Mutter beſteht, an den Tag bringen. Ich habe überdieß inzwiſchen unſere wahre gegenſeitige Stellung in ihrem rechten Lichte zu er⸗ kennen gelernt und möchte dir alſo den Antrag machen, daß wir hinfort getrennt leben. Unſern Gefühlen nach ſind wir es ſchon; wozu dient es alſo, uns neben 141 einander ſo hinzuſchleppen? Mein Vorſchlag lautet alſo: Du reiſeſt nach Stockholm, wohin dein Dienſt dich ruft; ich begebe mich nach England, wo ich mich niederlaſſen und ſtill und eingezogen leben will. Du wirſt wie bisher über Birgersborg und deſſen Ein⸗ künfte disponiren, und ich behalte mir nur einen Theil davon für meinen Unterhalt vor. Auf ſolche Weiſe, glaube ich, werden wir, jedes für ſich, am beſten berathen ſeyn, denn wie dieſen letzten Sommer kann und darf es fernerhin nicht mehr gehen.“ Allon ſtand wie vom Schlage gerührt da. Darauf hatte er ſich nicht gefaßt geiacht. Wohl hatte Grün⸗ lund am geſtrigen Abend geſagt: „Es iſt mir beſtändig bang davor geweſen, Beate's Anweſenheit in deinem Hauſe werde zur Folge haben, daß Gurli von dir fortzieht und den Vorſchlag macht, von Tiſch und Bett getrennt zu leben. Das iſt aber, mein lieber Allon, Etwas, worauf Du niemals ein⸗ gehen darfſt, denn damit wären alle Hoffnungen für die Zukunft dahin.“ Dieſe Aeußerung Grünlunds hatte Allon damit beantwortet, Gurli nähme viel zu große Rückſicht auf. die Stimme der öffentlichen Meinung, als daß ſie ſich zu einem ſolchen Schritt entſchließen würde. Die Scene, welche auf Gurli's Erklärung folgte, glich ganz den andern, womit er ihr ſchon früher aufgewartet hatte: Verzweiflung, Reue, Anklagen, Schilderungen ſeiner Leiden u. ſ. w. Nachdem er alle dieſe Angriffswaffen verbraucht hatte, ohne den Entſchluß ſeiner Gattin erſchüttern zu können, erklärte er ihr endlich ganz keck, in eine ſolche Trennung werde er niemals willigen; Gurli müſſe, im Fall ſie darauf beſtände, ſich an das Conſiſtorium wenden, und da ſie Nichts habe, womit ſie ihren Schwartz, Der Rechte. III. 10 142 Antrag auf eine ſolche Scheidung rechtskräftig zu be⸗ gründen im Stande wäre, ſo müſſe ſie bei ihm bleiben. Eine Woche darauf reiste auch Gurli mit Allon von Birgersborg nach Stockholm ab. n der erſten Zeit nach ihrer Ankunft in der Hauptſtadt geſtaltete ſich auch das Verhältniß zwiſchen ihnen etwas beſſer. Beate war bei deren Abreiſe in die von Gurli erbaute und mit ſo vieler Pracht eingerichtete Villa gezogen. Grünlund war Inſpektor und Kaſſier für Schule und Armenkaſſe. XXV. Eine Zeit von zwei Jahren iſt vergangen und hat für Allon und Gurli ſehr große Veränderungen mit ſich gebracht. Ein paar Monate nach deren Ankunft in Stock⸗ holm wurde ein Erbſchafts⸗Prozeß gegen Gurli von einer Tochter Bengt Falkenſtern's, welche das Ver⸗ mögen deſſelben beanſpruchte, anhängig gemacht. Dieſe Tochter war— Madame Teverino. Durch die von ihr vorgelegten Papiere wurde nachgewieſen, daß Bengt Falkenſtern vor ſeiner erſten Ehe mit einer losgekauften Sklavin Namens Eſter Warthslow verheirathet geweſen, und daß dieſelbe ihm eine Tochter geboren hatte. Eſters Tochter von Falkenſtern war Madame Teverino. Eſter war, ſo lautete die Ausſage, kurz nach der Geburt ihrer Tochter mit ihrem Kinde verſchwunden, — 143 und Bengt hatte nach vergeblichem Aufſuchen derſelben ſich mit Jane verehelicht und ſeinen Wohnſitz in Schweden genommen. Eſter's Schickſal war inzwiſchen ſehr kummervoll geweſen. Bengt's Vater, ſehr aufgebracht darüber, daß ſein Sohn eine losgekaufte Sclavin zur Frau genommen, hatte nämlich Eſter entführen und nach einer von ſei⸗ nen im Süden gelegenen Plantagen bringen laſſen, welche unmittelbar hernach verkauft wurde. Eſter ging damit in den Beſitz des neuen Eigenthümers über. Es war ihr jedoch gelungen, die Aufmerkſamkeit des neuen Herrn auf ſich zu ziehen und durch Er⸗ zählung ihres unglücklichen Schickſals ſein Mitleid zu erwecken, ſo daß er ihr und ihrer Tochter, als die letztere fünfzehn Jahre alt war, die Freiheit ſchenkte. Begabt mit ungewöhnlichen muſikaliſchen Anla⸗ gen, wurde die Tochter von einem italieniſchen Muſiker angenommen, deſſen Sohn ſich ſpäter mit ihr verheira⸗ thete. Sie machte nun mit demſelben eine Kunſtreiſe durch Europa, während deren Mutter ihren Mann wieder aufzufinden ſuchte, um ihre Anſprüche geltend zu machen. Madame Teverino hatte jedoch, ſo lange ihre Mutter lebte, von dieſen Verhältniſſen keine Kunde erhalten, ſondern es war derſelben blos anver⸗ traut worden, daß ſie eine Perſon ſuche, durch welche das Glück ihrer Tochter begründet werden könnte. Wie weit die Nachforſchungen ihrer Mutter gelungen waren, wußte Madame Teverino nicht anzugeben; denn als die Mutter vor einigen Monaten mit Tod abging, war Madame Teverino gerade noch zu rechter Zeit bei ihr eingetroffen, um deren letzten Seufzer aufzuneh⸗ men und ein Packet zu empfangen, welches Trau⸗ 144 und Taufſchein ſammt verſchiedenen Briefen enthielt, durch welche ihre Anſprüche auf das Falkenſtern'ſche Vermögen bekräftigt wurden. Gegen dieſe Angabe vor Gericht wurde von Gurli der Einwurf erhoben, daß ſie ſowohl den Trau⸗ als den Taufſchein in ihren eigenen Händen habe, und ſomit die vorgelegten Papiete gefälſcht ſeyen. Gurli behauptete ferner, daß ſie jene Dokumente in einem Medaillon eingeſchloſſen gefunden habe, welches unter dem Kamin im Saale zu Birgersborg eingemauert gelegen habe. Der gerichtliche Spruch wurde bis zum folgenden Tage verſchoben; aber da Gurli aus dem Medaillon die alten Dokumente herausnehmen wollte, fand ſie zu ihrer Beſtürzung ſtatt derſelben nur zwei Abſchrif⸗ ten. Die Originale waren ganz richtig diejenigen, welche Madame Teverino vorwies. Da Gurli den Beweis für einen verübten Dieb⸗ ſtahl oder Betrug nicht beizubringen vermochte, ſo ſchloß der Proceß damit, daß Madame Teverino das ganze Falkenſternſche Vermögen gerichtlich zuerkannt wurde. Nachdem der Spruch ſomit gefällt war, legte Madame Teverino ſo große Achtung vor ihres Vaters Gedächtniß an den Tag, daß ſie ſich enthielt, an den von ihm getroffenen Verfügungen und zu Gunſten von Walter, Frau Herner und der alten Liſe ausgeſetzten Penſionen etwas zu ändern. Jo, ſie verlangte nicht einmal Erſatz für das, was Gurli während der zwei Jahre vor ihrer Verheirathung von den Zinſen ver⸗ draucht hatte, ſondern erbot ſich Gurli zum Beweis ihres Dankes für deren Gewiſſenhaftigkeit eine Leib⸗ rente auszuſetzen, da nunmehr das ganze Vermögen der letzteren auf Birgersborg beſchräntt war. 14⁵ Natürlicher Weiſe lehnte Gurli dieſen Edelmuth ab, indem ſie verſicherte, daß ſie noch reich genug wäre und von dem, was einem andern zukäme, Nichts haben wollte. 5 So lang der Proceß gedauert hatte, war Allon wie von Sinnen geweſen. Er konnte den Gedanken gar nicht faſſen, daß man Gurli das Eigenthumsrecht auf jene Millionen ſtreitig machen wollte, nach denen er ſo ſehr gedürſtet hatte. Mit der endlichen Fällung des Spruches war auch der letzte Funken der. Zärtlichkeit für Gurli er⸗ loſchen. Er hatte nun Nichts mehr von ihr zu ge⸗ winnen. Alle ökonomiſchen Vortheile, deren er theil⸗ haftig werden konnte, waren bereits in ſeinem Beſitze. Anſtatt aber nach dieſen veränderten Ausſichten hauszuhalten und wie ein kluger Mann zu leben, ließ er ſich zu wahnwitziger Verſchwendung hinreißen. Er ſpielte hoch und machte allen nur erdenklichen Aufwand, um vor ſeinen Freunden und Bekannten ſich den Schein zu geben, als wäre er ſo unermeßlich reich, daß der Verluſt von dieſen Millionen für ihn Nichts ausmache. So verbrauchte er auch in wenigen Monaten die ganze Jahreseinnahme von Birgersborg. Gurli dachte nach dem Ausgang des Proceſſes kaum einmal an ſich ſelbſt oder ihren Mann, ſondern machte ſich unaufhörlich Vorwürfe darüber, daß ſie die Dokumente nicht ſorgfältig genug verwahrt und ſomit Madame Teverino es möglich gemacht habe, ſich den Beſitz des Erbguts zu verſchaffen, zu welchem ſie nach Gurli's Anſicht keineswegs berechtigt war. Sie hatte mehrmals an Walter geſchrieben, aber keine Antwort erhalten. Von ihrer Angſt getrieben, wandte ſie ſich zuletzt 146 an Stephan und theilte ihm Alles mit, was die Erb⸗ ſchaftsangelegenheit betraf. Stephan's Antwort beſtand darin, daß er ſelbſt plöblich in der Hauptſtadt auftrat und Eurli einen Beſuch machte. Er wollte eine Reiſe nach England unternehmen und verſprach, während ſeines Aufent⸗ haltes daſelbſt nach Walter zu fahnden und kalle Schritte zu thun, welche von Nöthen wären, um Licht in der Sache zu bekommen. Auch er zweifelte daran, daß Madame Teverino Falkenſterns Tochter ſey. „Alles was ich zur Auffindung des rechten Erben beitragen kann“, ſagte Stephan zu Gurli,„das ſoll geſchehen. Daß Madame Teverino nicht iſt, was ſie zu ſeyn behauptet, ſoll, hoffe ich, leicht zu beweiſen ſeyn, wenn ich von England zurückkehre.“ Mit dieſem Verſprechen reiſte Stephan ab. Die, welche mehr als irgend Jemand von dem Verluſt des Proceſſes ſich getroffen fanden, waren Beate und Grünlund. Die Erſtere bedurfte lange Zeit, um ſich zu faſſen, und der Letztere lauerte nur darauf, mit Madame Teverino die Bekanntſchaft wie⸗ der anzuknüpfen, welche der ſchlaue Prieſter bei deren jüngſten Aufenthalt zu Birgersborg eingeleitet hatte. Nun konnte er in ihr eine Bundesgenoſſin gegen Gurli und eine würdige Helferin bei ſeinen Intriguen finden. Rach ſeiner Berechnung war Allon immerhin noch ein ſehr vermöglicher Mann; aber da der Herr Com⸗ miniſter fand, daß er unmöglich in den Beſitz von Mil⸗ lionen, ſelbſt auf den Fall von Gurli's Tod, gelangen konnte, ſo entſagte er allem Intereſſe an dem früheren Schüler, und ſeine Ränke waren nun gegen Madame Teverino gerichtet. Die Briefe von ihm an Allon 147 blieben aus. Auch Beate ließ Nichts von ſich hören, denn ſie entwarf gleichfalls Plane für die Zukunft. Allon bemerkte weder, daß die früher ſo lebhafte Correſpondenz mit einem Male aufgehört hatte, noch bekümmerte er ſich ſonſt um Etwas, das vorging, ſo vollkommen hatte er ſich dem Reize der Genußſucht hingegeben. Sein Leben war ein einziger Rauſch, aus welchem er nicht einen Augenblick erweckt ſeyn wollte. Seiner Frau wich er ſo viel als möglich aus und trat nur dann in Berührung mit ihr, wenn er derſelben als Wirthin bedurfte. Nach Stephan's Abreiſe war Gurli in Bezug auf die Erbſchaftsangelegenheit etwas ruhiger, wurde aber dagegen von Schrecken befallen, als ſie bemerkte, wie Allon mit aller Kraft auf ihren gemeinſchaftlichen Ruin hinarbeitete. Sie ſuchte, wiewohl vergebens, durch freundliche Vorſtellungen ihn zurückzuhalten. Die Antwort war von der Art, daß ſie die Luſt zu neuen Verſuchen verlor. „Ich kann ihn nicht zurückhalten,“ dachte Gurli, „und wo Nichts mehr hilſt, da bleibt mir nur übrig, mich zu unterwerſen.“ Beinahe ein Jahr war ſo vergangen. Der zweite Winter nahte ſich ſeinem Ende. Gurli und Allon wollten künftigen Sommer eine Reiſe in ein ausländiſches Bad machen, denn die Ge⸗ ſundheit des Letzteren war durch ſeine zügelloſe Le⸗ bensweiſe ziemlich mitgenommen. Nach Baden⸗Baden oder nach Homburg, hieß es, wollte man ſich begeben. Von Stephan hatte Gurli einen einzigen Brief erhalten, worin er ihr anzeigte, daß er Walter getrof⸗ fen hätte. Nicht ein Wort ſchrieb Stephan in Bezug auf den verlorenen Proceß, ſondern ſchloß ſeinen Brief 148 mit der Bemerkung, daß er ſeine Rückkehr nach Schwe⸗ den noch nicht beſtimmen könne. Sobald er im Stande wäre, ihr irgend eine Mittheilung zu machen, ſollte ſie von ihm oder Walter hören. Es wurde Frühling. Die Dampfboote waren in vollem Gang. Eines Tags las Gurli in den Zeitungen, daß Madame Teverino mit ihrer Tochter vom Ausland in Stockholm angekommen ſey. Ein paar Tage darauf kleidete ſich Allon wie zu einem feſtlichen Souper an und äußerte gegen Gurli, als er durch den Saal ging: „Ich bin zu einem Junggeſellenſchmaus einge⸗ laden; Du kannſt, bevor ich abgehe, in's Concert fahren.“ Als Gurli am Abend in ihres Mannes Zimmer kam, fand ſie auf ſeinem Tiſche ein Billet von Ma⸗ dame Teverino, worin Allon eingeladen wurde, ſich bei ihr einzufinden. Sie wünſchte ihn als Gaſt in ihrem neueingerichteten Hauſe zu Stockholm zu be⸗ grüßen. Gurli's Empfindungen beim Durchleſen deſſelben laſſen ſich unmöglich beſchreiben. Sie konnte ſich nichts Verletzenderes denken, als daß ihr Mann eine Bekanntſchaft mit dieſen Teverino's anknüpfte, da er doch wußte, wie ſtarke Gründe Gurli hatte, daran zu zweifeln, daß ſie auf rechtmäßige Weiſe in den Beſitz der wichtigen Papiere, wodurch ſie ſich das Falken⸗ ſtern'ſche Erbe verſchafften, gelangt ſeyen. Allon wurde von dieſem Tage an noch kaltſinniger gegen Gurli und behandelte ſie oft mit einer ſolchen Gleichgültigkeit, daß es ausſah, als ob ſein größtes Vergnügen darin beſtände, an den Tag zu legen, wie gar Nichts ſie nunmehr für ihn wäre. 149 Gurli behielt jedoch ihre äußere Ruhe bei, aber augenſcheinlich ſpannte Allon den Bogen ſo ſehr an, daß er brechen mußte und Gurli in die Nothwendig⸗ keit verſetzt werden ſollte, noch einmal energiſch in ihr beiderſeitiges Schickſal einzugreifen, obwohl ſie bei ſich ſelbſt noch nicht recht damit im Reinen war, auf welche Weiſe es geſchehen ſollte. Einen Scandal wollte ſie nicht hervorrufen, aber ſie fühlte, daß es für die Länge nicht ſo wie bisher fortgehen konnte. Allon erhielt durch die Ankunft der Teverino's einen neuen Anlaß zu Ausgaben. Er mußte— dieß war abſolut nothwendig— als ein reicher Mann vor dieſen Frauen auftreten, welche nun ſelbſt Eigenthü⸗ merinnen eines unermeßlichen Vermögens waren. Im Theater, auf Promenaden, überall war er an Amy Teverino's Seite. Niemals wurde Gurli's Name zwiſchen ihm und Madame Teverino genannt, und wenn Amy einmal eine auf ſie bezügliche Frage machte, ſo ſuchte Allon ſogleich das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand zu bringen. Aus dem Taumel der Luſtbarkeiten und Zerſtreu⸗ ungen wurde Allon jedoch plötzlich durch einen Brief, von ſeiner Mutter geweckt, worin ſie ihn unterrichtete, daß der Inſpektor, derſelbe Mann, welchen Gurli hatte verabſchieden wollen, auf und davon gegangen ſey und die ganze Kaſſe mitgenommen habe. Sie fügte bei, Allons Gegenwart ſei im höchſten Grade nothwendig, da die vollſtändigſte Verwirrung in den ökonomiſchen Angelegenheiten herrſche. Jedermann be⸗ nütze die Flucht des Inſpektors, um ſo viel möglich noch für ſich ſelbſt daraus Vortheil zu ziehen. Allon und Gurli reisten ſogleich ab. Der Gedanke, möglicher Weiſe in Geldverlegen⸗ heit zu gerathen, nachdem er fünf Jahre lang als 150 Kapitaliſt gelebt hatte, weckte Allon's Egoismus und er verließ Amy, ſo ſchwer es ihm fiel, um ſich vor den Folgen von dem Schurkenſtreiche ſeines Inſpektors zu retten. Madame Teverino hatte ihm jedoch beim Ab⸗ ſchied zugeflüſtert, ſie und ihre Tochter würden in Kurzem in die Gegend von Birgersborg kommen, da es ihre Abſicht wäre, den Sommer in Erikstorp zu⸗ zubringen. Die Reiſe ging wie auf den Flügeln des Sturmes. Als das Dampfbvot in Gothenburg landete, ſtanden ſchon Wagen und Roſſe bereit; man ſtieg ſogleich ein, um die Reiſe wieder in geſtrecktem Galopp fortzuſetzen. XXVI. Auf dem Wege zwiſchen Gothenburg und Birgers⸗ borg lag Breddal, am Fuße einer ſteilen Anhöhe und ſo gut wie an der Landſtraße. Gurli und Allon hatten auf der ganzen Fahrt von Gothenburg her nicht ein Wort gewechſelt und waren nunmehr auf dem Hügel angelangt, an deſſen vor ihnen befindlichem Abhang Breddal gelagert war. Gurli befahl dem Kutſcher langſam zu fahren, damit kein Unglück geſchehe, aber Allon war wie ge⸗ wöhnlich entgegengeſetzter Anſicht und befahl in ſeinem Eifer, die Pferde noch mehr anzutreiben. Als ſie das Gut im Thale zu Geſicht bekamen, wandte ſich Allon zu Gurli mit den Worten: „Es iſt wohl möglich, daß Stephan ſich jetzt nicht mehr für zu gut hält, um die Erbin der Falken⸗ ſternſchen Reichthümer zu werben. Du weißt vielleicht 151 nicht, daß er an demſelben Tage, da wir von Stock⸗ holm abreisten, dort anlangte.“ „Ich weiß in der That Nichts davon,“ antwortete Gurli und dachte daran, wie gern ſie mit Stephan noch zuſammengetroffen wäre, um Etwas von Walter zu hören. „Hat er dich nicht in einem ſeiner Briefe davon unterrichtet?“ fragte Allon. Allon ſah ſeine Frau an und lachte verächtlich, während der Wagen mit unglaublicher Geſchwindig⸗ keit den Hügel hinabrollte. Einige Minuten— und der Wagen lag unge⸗ ſtürzt und halb zerſchmettert am Fuß des Abhangs. Allon kam mit einer unbedeutenden Quetſchung davon; aber Gurli lag beſinnungslos da. Sie war am Kopfe ſchwer verletzt. Die nächſte menſchliche Wohnung war Breddal. Gurli wurde auch dorthin getragen, und Mathilde Braun übernahm die Pflege derſelben. Allon ſchien über Gurli's Zuſtand untröſtlich und klagte ſich ſelbſt als die Urſache davon an. Mathilde ſchickte ſogleich nach dem Doctor. Als dieſer endlich ankam, fand er Gurli's Wunde von ſo gefährlicher Natur, daß die Folgen davon mehr als bedenklich erſchienen. Die ganze Nacht und auch die folgende wachte Allon an Gurli's Bette. Er vergaß ſogar den Zweck der ſo ſehr beſchleunigten Reiſe aus Angſt über ſie. Seine erlöſchende Liebe ſchien wieder aufzuflammen, als er den Gegenſtand derſelben zu verlieren fürchtete. Ein Bote von Birgersborg zwang ihn jedoch am dritten Tage, dahin abzureiſen. Er war ganz ver⸗ zweifelt darüber, ſeine Frau verlaſſen zu müſſen, welche völlig bewußtlos in ſchwerem Fieber dalag. 2 Mathilde's Thränen floßen aus Theilnahme an Allon's Schmerz. „Man mag ſagen was man will,“ dachte ſie,„er hält doch ſehr viel auf Gurli.“ Allon wollte am Abend wieder zurückkehren, um die Nacht bei Gurli zu wachen. Eine Stunde nach Allon's Abreiſe fuhr Tante Katharina's einſpänniges Wägelchen in den Hof von Breddal ein. Mathilde hatte noch an demſelben Tage, da das Unglück geſchehen war, die Alte davon ſchriftlich in Kenntniß geſetzt, mit dem Beifügen, daß wenig Hoff⸗ nung, Gurli zu retten, vorhanden ſey. Tante Katharina ſah ziemlich mürriſch aus, als ſie in das Zimmer trat und Mathilde ihr weinend entgegen kam. Mit lautem Schluchzen wollte Mathilde ihr ge⸗ rade erzählen, wie ſehr Allon zu bedauern wäre, aber Tante Katharina ſchob ſie bei Seite und ſagte kurz angebunden: „Solche Dummheiten, umzuwerfen und ſich bei⸗ nahe den Tod dabei holen; will Nichts von dieſem Schnickſchnack von Kummer und Thränen hören, das muß ich ſagen. Ich bin hieher gekommen, um das Kind zu pflegen, denn dazu kaugſt Du auf alle Fälle gar nicht.“ „Allon hat ſelbſt bei Gurli gewacht und Niemand ſonſt erlaubt, ſie zu pflegen, obwohl ich nicht von ihrer Seite gewichen bin,“ fiel Mathilde ein, ganz erſchrocken darüber, daß man ſo ſchlecht von ihr denken konnte, als ob ſie nicht einmal im Stande wäre, einem Kranken abzuwarten. „Ah ſo, der gnädige Herr hat zwei Nächte ge⸗ wacht; na, na, das kann er wohl noch aushalten, 153 das muß ich ſagen; aber jetzt iſt des Geſchwätzes genug. Führe mich zu dem lieben böſen Mädchen hinein, welches einem Menſchen noch nie etwas An⸗ deres, als Verdruß und Unruhe gemacht hat. Tante Katharina wurde nun Gurli's beſtändige Wärterin. Sie erhielt allerdings Beiſtand von Ma⸗ thilde, welche mit unermüdeter Geduld ſich den ſcharfen Zurechtweiſungen der Alten unterwarf, wenn ſie im Mindeſten irgend eine nervöſe Aufregung zu zeigen wagte. Allon kam nicht mehr an demſelben Tage, wie er verſprochen hatte, ſondern fand ſich erſt am folgenden ein, und auch da blieb er nur ſo lang, um ſich von Gurli's Zuſtande zu unterrichten. Dieſer war noch immer äußerſt bedenklich, aber Allon kehrte, durch Geſchäfte gezwungen, deſſen unge⸗ achtet nach Birgersborg zurück. Am Vormittag erſchien Beate, um mit Thränen in den Augen und Worten der Theilnahme auf den Lippen ihren Schmerz über das traurige Ereigniß zu ergießen und Gurli zu ſehen, wurde aber von Tante Katharina ganz unbarmherzig abgewieſen. Die Alte fragte Beate, ob ſie ihre Ungeduld nicht bezähmen und warten könnte, bis Gurli ihren letzten Seufzer ausgeſtoßen hätte, oder ob ihre Ab⸗ ſicht wäre, den Tod ihrer Schwiegertochter zu be⸗ ſchleunigen. Als Beate nach einem ſolchen Empfang von Tante Katharina nach Birgersborg zurückkehrte, fand ſie Allon in niedergeſchlagener und unruhiger Stim⸗ mung. Er fragte lebhaft nach Gurli. Beate ſuchte ihn zu beruhigen, und als er am Abend ſich nach Breddal begeben wollte, rieth ſie ihm davon ab und ſagte: 154 „Gurli kann keine beſſere Pflege finden, als von der groben Tante Katharina, welche zur Krankenwär⸗ terin geboren iſt. Du wirſt durch deine Gegenwart nur ſtörend wirken, im Fall ſie während ihres Fiebers und Deliriums auf einen Augenblick zum Bewußtſeyn kommen ſollte.— Uebrigens, mein Sohn, mußt Du — wenn ſie ſterben ſollte, deine Vernunft vorwalten laſſen. Du kannſt darin nur den Willen unſeres Herrgotts ſehen. Deine Che mit Gurli war und iſt unglücklich, und ſo wird es auch bleiben. Ihr paßt nicht für einander. Stirbt Gurli, ſo wirſt Du ſie allerdings vermiſſen, aber deſſen ungeachtet dich zu tröſten wiſſen. Sie hinterläßt weder Kinder noch Geſchwiſter. Du biſt der älteſte ihrer Couſins, und von mütterlicher Seite hat ſie ſeit dem Tode des Oheims nur ſehr entfernte Verwandte. Du biſt ſomit derjenige, welcher Birgersborg erbt. Dann, mein lieber Allon, liegt die Welt offen vor dir, Du kannſt noch einmal glücklich werden, Du kannſt zur Gattin eine Frau beiommen, welche dich liebt und Beſitzerin von Millionen iſt.“ Beate nannte keinen Namen, aber ſie hatte völlig genug geſagt, um in Allon's Bruſt Gedanken zu erwecken, welche ihn mit der Vorſtellung, Gurli zu verlieren, weſentlich verſöhnten. Seine Liebe war ausgebrannt und nur die Aſche noch übrig. Allon fuhr nach dieſer Unterredung ein paar Tage hinter einander nach Breddal, um nach ſeiner Frau zu ſehen, aber da Gurli's Zuſtand noch immer unver⸗ ändert und der Ausgang ungewiß war, ſo zog er es von da an vor, einen Boten zu ſchicken und ſich durch ihn zu erkundigen, ob eine Veränderung eingetreten wäre. 155 Er konnte von Birgersborg nicht abkommen und hatte mit dem Ordnen der Geſchäftsangelegenheiten alle Hände voll zu thun, erklärte er Mathilde eines Tags, als er zu Breddal ſich befand. In Folge des Zuredens von ſeiner Mutter hatte ſich Allon nach und nach in den Gedanken eingelebt, ſ wäet für Gurli und ihn am allerbeſten, wenn ſie türbe. Er widmete auch den Geſchäften viel größere Aufmerkſamkeit als je, um Alles in gehörige Ordnung zu bringen. Er betrachtete ſich ſchon als alleinigen Eigenthuͤmer von Birgersborg. Oft genug gingen ſeine Gedanken noch weiter, und während er ſich in Träume der Zukunft vertiefte, vergaß er, daß Gurli noch lebte, und wenn er ſich auch erinnerte, daß ſie ſich noch unter der Zahl der Lebenden befand, dachte er: „Am beſten wäre es, wenn ihre Qualen bald zu Ende gingen.“ So weit hatte Beate es bei dem ſchwachen, ausſchweifenden Sohne gebracht, daß er in ſeines Herzens Tiefe die Frau, welche er ſo viele Jahre ge⸗ liebt und an welcher er rechtlicher Weiſe Nichts aus⸗ zuſetzen hatte, aus dem Leben hinauswünſchte. Endlich gelangte Gurli wieder zum Bewußtſeyn, war aber ſo empfindlich, daß die mindeſte Unvor⸗ ſichtigkeit eine abſolute Gefahr für ihr Leben zur Folge haben mußte. Der erſte Name, welchen ſie ausſprach, als ſie wieder ihrer Sinne mächtig wurde, war der Allon's, der erſte Wunſch, welchen ſie zu erkennen gab, war ihn zu ſehen. Ein Eilbote wurde ſogleich nach Birgersborg ab⸗ gefertigt; aber der königliche Sekretär war nicht zu 156 Hauſe, ſondern nach Erikstorp zu Madame Teverino, welche kürzlich ſich dort eingefunden hatte, gefahren. Mit dieſer Antwort kehrte der Bote zurück; aber man hütete ſich wohl, Gurli hievon Etwas mitzu⸗ theilen. Erſt am nächſten Vormittag erſchien Allon, aber jetzt lag Gurli in einem leichten Schlummer, und man fand nicht für gut, ſie zu wecken. Der Doctor erklärte, daß er nun das Beſte hoffe, und wollte Allon überreden, bis zu ihrem Erwachen zu bleiben, damit ſie ihren Mann ſehen könnte, aber Allon's Geſchäfte erlaubten ihm keinen längeren Auf⸗ enthalt. Er wollte gegen Abend wieder kommen. Er kam jedoch nicht, und Gurli ſprach auch nicht weiter von ihrem Wunſche, ihn zu ſehen. Als er einige Tage darauf nach Breddal kam, hatte ſich das Fieber wieder verſchlimmert. Gurli war jedoch bei völliger Beſinnung. Als man ſie fragte, ob Allon hereinkommen dürfe, nickte ſie mit dem Kopfe. Als Allon vor das Bett ſeiner Frau trat, ſah ſie ihn eine Minute ſchweigend an und reichte ihm die andn Sie war jedoch nicht im Stande, auf die von ertünſtelter Theilnahme diktirten Fragen, welche er an ſie ſtellte, eine Antwort zu geben. XXVII. Gurli kehrte allmählig zum Leben zurück. Sie genaß nur langſam, und die geringſte Bewegung des Körpers verurſachte ihr ſolchen Schmerz, daß ſie wahr⸗ ſcheinlich Wochen und Monate in Breddal bleiben 157 mußte, ehe ſie ſo weit hergeſtellt war, um ſie nach Birgersborg bringen zu können. Schon in der zweiten Woche von Gurli's Krank⸗ heit, während die Wunde am Kopfe noch ſchwer ent⸗ zündet war, hatte Stephan nach anderthalbjähriger Abweſenheit die Heimath und das Haus ſeiner Mutter wieder betreten. Durch einen Brief derſelben von dem Unfall, der Gurli betroffen, unterrichtet, machte er ſich darauf gefaßt, ſie im Sterben zu treffen. Als es mit ihr beſſer wurde, ſuchte er ſich durch Tante Katharina Kenntniß davon zu verſchaffen, ob die Kranke einen Wunſch hätte, oder ob man ſie mit Etwas erfreuen könnte, und dann war er jeder Zeit darauf bedacht, daß ihr Begehren erfüllt wurde. Alle die zarte Sorgfalt, welche Gurli von Allon zu erwarten gehabt hätte, woran aber dieſer es gänz⸗ lich fehlen ließ, wurde ihr von Stephan zu Theil, und dieß, ohne daß er einmal ſeinen Fuß über die Schwelle des Krankenzimmers ſetzte. Allon's Beſuche in Breddal wurden immer kürzer und ſeltener. Er war ſo ſehr beſchäftigt, es gab ſo viel Wirrwar und Verdruß in Folge davon, daß der Inſpektor durchgegangen, daß er bei Verwaltung des Gutes auf ſo ſchamlöſe Weiſe verfahren war. Ueberdieß, meinte er, war Gurli auch ſo ſchwäch⸗ lich, daß er durch ſeine Gegenwart ihre Ruhe nicht ſtören wollte. Niemals äußerte Gurli ein Wort über das, was ſie empfand, wenn Allon, kaum bei ihr eingetreten, ſchon wieder ungeduldig darauf zu denken ſchien, wie er wegkommen könnte. Sie bat ihn niemals länger zu bleiben, aber wenn er fort war, meinte Tante Ka⸗ tharina etwas wie eine Thräne in Gurli's Aug Schwartz, Der Rechte. II. 11 158 glänzen zu ſehen, doch geſtattete die Kranke niemals Hben über die bleichen abgezehrten Wangen herab⸗ zurollen. Die ſchweren Körperleiden hatten Gurli's Aus⸗ ſehen bedeutend verändert, und da Allon bei ihr jetzt die Schönheit vermißte, welche ſonſt über ihn eine ſo große Gewalt ausgeübt hatte, wurde es ihm eine wirkliche Plage, ſie zu ſehen. Während ihrer langſamen Geneſung war Gurli in ſeinen Augen nichts Anderes, als eine beſchwerliche Bürde, welche ihn von Reichthum, Unabhängigkeit und Glück trennte. Je ſeltener Allon's Beſuche zu Breddal waren, deſto öfter fand er ſich zu Erikstorp ein. Man ſprach auch allgemein davon, daß Allon dort ſo oft und viel ſich aufhielt, und zum großen Aerger⸗ niß der ganzen Nachbarſchaft war es ſogar ruchbar ge⸗ worden, daß Madame Teverino mit ihrer Tochter eine Einladung nach Birgersborg erhalten hatte, während Gurli noch ſehr krank darniederlag. Wenn die Nachbarn nach ihr und ihrem Befinden ſich erkundigten, antwortete Allon: „Sie iſt beinahe wieder hergeſtellt, kann aber den Transport hieher noch nicht ertragen. Stephan hatte zweimal, als Allon ſeine Frau beſuchte, in allem Ernſte ihm erklärt, daß er wie ein Mann ohne Ehre und Gewiſſen handelte; aber die einzige Wirkung war geweſen, daß Allon ſich eine ganze Woche nicht zu Breddal ſehen ließ. Grünlund und Beate, welche früher mit ſo großer Geſchicklichkeit Allon's Eiferſucht aufgereizt hatten, ver⸗ mieden es jetzt ganz und gar, ihres Namens zu er⸗ wähnen, oder auf Etwas anzuſpielen, das den Ge⸗ danken an ſie wecken konnte. 159 Amy's liebenswürdige Eigenſchaften, ihr Reich⸗ thum, ihre Siimme u. a. m.— dieß war der Gegen⸗ ſtand, welcher von beiden abgehandelt wurde, und ſie arbeiteten wieder gemeinſchaftlich darauf hin, eine Trennung zwiſchen Allon und Gurli zu Stande zu bringen, damit ſie endlich durch eine Heirath zwiſchen ibm und Amy in den Beſitz der Kapitalien, wornach ſie ſo lang geſtrebt hatten, gelangen könnten. Die Zeit verging. Gurli konnte jetzt angekleidet auf einem Sopha liegen, und da geſchah es zuweilen, daß Stephan die Abende damit zubrachte, ihr, ſeiner Mutter und Tante Katharina, welche alle Zeit an Gurli's Seite war, vorzuleſen. Das erſte Mal, als Stephan vor Gurli erſchien, waren ihre Worte: „Lebt Walter, oder iſt er todt?“ „Ich ſchrieb dir ja, daß ich ihn getroffen hätte. Er iſt alſo noch am Leben. Sei deßhalb ruhig und mache keine weitere Fragen, bevor Du hergeſtellt biſt. Walter wird dir ſelbſt erklären, was die Urſache ſeines Schweigens geweſen; aber nicht früher, als bis es Zeit zu reden iſt.“ XXVIII. Der Sommer verging und ſtand wieder im Be⸗ griffe Abſchied zu nehmen. Gurli war ſo weit wieder hergeſtellt, daß ſie, auf Tante Katharina's Arm geſtützt, den langen Weg von dem Schlaßimmer nach dem anſtoßenden Gemach zu⸗ rücklegen konnte. Allon's Beſuche hatten in den drei letzten Wochen 160 ganz aufgehört, aber an ſeiner Stelle war Beate ein⸗ mal da geweſen, um nach Gurli zu ſehen, jedoch nicht vorgelaſſen worden, worauf alle weitern Schritte von ihrer Seite aufhörten und man ſich begnügte, ein paar mal in der Woche durch einen Boten in Breddal Er⸗ kundigung einzuziehen. Dieß war zu Ende Auguſt's. Der Doktor ſaß drinnen bei Gurli. Die Doktorin, welche dießmal mitgekommen war, um ihr Herz zu erleichtern und zu berichten, was Allon für ein Leben zu Birgersborg führte, befand ſich im Rebenzimmer bei den beiden ältern Frauen. Sie erzählte, daß es mehrmals Gaſtereien zu Birgersborg gegeben habe, daß Allon die Nächte beim Spiel, die Tage bei den Teverinos zubringe, der könig⸗ ſiche Sekretär werde ſich von Gurli ſcheiden laſſen und Amy heirathen. Tante Katharina's Daumen hatten, während ſie dieſer Erzählung zuhörte, einen verzweifelt heftigen Kreislauf beſchrieben. Hätte die Alte dem Drang ihres Herzens folgen wollen, ſo würde ſie„dem treu⸗ loſen Böſewicht“, wie ſie Allon in Gedanken nannte, eine ſehr kräftige und eremplariſche Zurechtweiſung gegeben haben. Als der Doktor und ſeine Frau abgereist waren, ging Tante Katharina zu Gurli hinein, aber fand ſie mit geſchloſſenen Augen da liegen. Ueberzeugt, daß ſie eingeſchlummert war, ſchlich ſich die Alte wieder davon und begab ſich in den Saal, um Stephan auf⸗ zuſuchen, welchen ſie auch wirklich dort fand. „Nun, haſt Du auch ſchon von dem Skandal ge⸗ zr und wie es in Birgersborg zugeht?“ brach ſie ier aus. „Ich habe bei Gott gute Luſt, hinzugehen und 161 dem ganzen Geſindel den Text zu leſen. Es hat mir ſchon lang in der Seele wehe gethan, mit anſehen zu müſſen, wie der nichtswürdige Menſch ſich gegen Gurli, das arme Geſchöpf, benahm; aber warte, ich will ihm eine Melodie vorſingen, daß er daran auf ſein Lebtag genug hat, ja, das muß ich ſagen, das muß ich ſagen.“ „Liebe, gute Tante, du darfſt auf Altweiberge⸗ ſchwätz nicht zu viel geben,“ fiel Stephan ein. „Ich muß ſagen, nennſt du es Altweibergeſchwätz, daß Allon ſich wie ein Schurke aufführt,.... daß die Abenteurerinnen, um nicht einen ſchlimmeren Namen zu gebrauchen, auf Birgersborg zu Gaſt ge⸗ weſen ſind, daß er beſtändig bei ihnen iſt, daß er ie di Tante Katharina erzählte in einem Athemzuge Alles, was ſie aus dem Munde der Doctorin ver⸗ nommen hatte, und machte dazu ihre eigenen Anmer⸗ kungen und Commentare, welche ihr die perſönliche Er⸗ fahrung über Beate's und Grünlund's Eigennuntz an die Hand gab. Stephan ſtützte die Stirne auf die Hand und börte ihr zu. Er wußte, daß Alles, was die Alte ſagte, der Wahrheit gemäß war, er wußte vielleicht noch mehr, aber er ſchwieg. Was half es auch, von dem Böſen zu reden, wenn man Nichts dagegen zu thun vermochte! „Mein Gedanke iſt alſo,“ ſchloß Tante Katharina, „daß Gurli ſich von ihrem vortrefflichen Mann ſcheiden laſſen muß.— Sie haben keine Kinder, und er mag ſich mit dem garſtigen Weibsbilde verheirathen, welches ich niemals habe leiden können. Gurli kann glücklich und in aller Ruhe auf ihrem Birgersborg leben, wenn ſie Allon und ſeine gottloſe Mutter los iſt.“ 162 „Mit ſolcher Leichtigkeit, Tante, kannſt Du eine Eheſcheidung behandeln?“ fragte Stephan. „Ja, das kann ich; viel eher, als daß ein paar Menſchenkinder in lauter Unglück zuſammen leben und Alles thun, um einander zu Grunde zu richten, mögen ſie ſich ſcheiden. Ich habe niemals geſehen, was Gutes bei einer ſolchen Ehe herauskommt, wo das Eine Alles thut, um das Andere zu plagen und zu demüthigen.“ „Und ich würde dagegen alle Achtung vor Gurli verlieren, wenn ſie auf eine Trennung der Ehe, welche ſie aus freiem Willen geſchloſſen hat, antragen könnte. Mag Allon darauf hinarbeiten, wenn er den Muth k hat, dann, iſt die Schande auf ſeiner Seite; aber „Wird dieß niemals thun,“ ſprach dieſe und trat zu Tante Katharina und Stephan in's Zimmer. „Mein Gott, Kind, was denkſt Du, dich ſo auf eigene Fauſt hieher zu begeben!“ rief Tante Katha⸗ rina und eilte auf ſie zu. „Ich glaube, es iſt Zeit, meine Kräfte zu erpro⸗ ben, denn wenn es mein Leben gälte, muß ich na Birgersborg. Ich muß dahin, um Allon's Ehre und Anſehen zu retten.“ Tante Katharina ſtand im Begriff, über einen ſolchen Unverſtand ordentlich böſe zu werden; aber Stephan unterbrach ſie und ſagte ganz ruhig: „Tante, laß mich ein paar Worte mit Gurli reden.“ Tante Katharina brummte noch allerlei über Thorheit und dergleichen und verließ das Zimmer; aber als ſie auf der Treppe war, um in den Garten hinunterzugehen, blieb ſie plötzlich ſtehen und ſagte bei ſich ſelbſt: „Ich ſehe durchaus Nichts, was mich hindern 163 ſollte, mich ſogleich nach Birgersborg zu begeben und gut ſchwediſch mit den Herrſchaften dort zu ſprechen.“ Geſagt, gethan. Die Alte ging ſelbſt in den Stall, um Befehl zum Anſpannen zu geben. Ehe man die Hand umdrehte, ſaß ſie in ihrem Wägelchen, und Brunte fuhr mit derſelben Birgersborg zu⸗ . XXIX. Nachdem Tante Katharina ſofort Gurli und Ste⸗ phan allein gelaſſen hatte, trat ein langes Still⸗ ſchweigen ein. Stephan hatte Gurli zum Sopha geführt und neben ihr auf einem Stuhle Platz genommen. Geraume Zeit ſaßen ſie in Gedanken vertieft da, als Stephan plötzlich anfing: „Haſt Du gehört, was Tante Katharina über Allon geſagt hat?“ „Ja.“ „Und was hältſt Du von dem Berichte?“ „Daß er übertrieben iſt,“ antwortete Gurli,„und deßhalb muß ich nach Birgersborg.“ „Ich bin in dieſem Fall ganz und gar deiner Anſicht; die Pflicht gebietet dir, hinzugehen. Aber wenn Du bei deiner Ankunft daſelbſt fändeſt, daß, was die Tante erzählt hat, keine Uebertreibung, ſon⸗ dern Wahrheit iſt, wie würdeſt Du die Gewißheit davon ertragen?“ „So wie ich den Bericht davon ertragen habe.“ „Aber Gurki, dieß iſt nicht genug. Die paſſive Ergebung, welche Du bisher bewieſen, iſt nicht an ihrem Platze, ſondern die Umſtände erheiſchen etwas 164 mehr; ſie erfordern kräftiges Handeln, wenn es dir gelingen ſoll, zu retten, was noch gerettet werden kann. Du haſt bisher nicht ganz klar aufgefaßt, was die Pflicht gebietet; Du haſt das rechte Mittel geſucht, aber dennoch darin fehlgegriffen. Du glaubteſt Alles gethan zu haben, wenn Du deine Herrſchſucht und deinen Stolz unterdrückteſt und dich ſchlaff unter Allon's Launen beugteſt. Du zogſt dich kalt zurück, wenn Du dich vernachläßigt ſaheſt, und da Du über die empfangene Wunde nicht klagteſt, ſo bildeteſt Du dir ein, mit chriſtlicher Geduld und Demuth zu han⸗ deln. Gurli, die chriſtliche Lehre iſt die der Liebe, und Du haſt nicht begriffen, daß Du dieſelbe gegen deinen Gatten in erſter Linie anwenden mußt. Bei allen Fehlern Allon's bin ich gleichwohl überzeugt, daß Du einen entſchiedenen Sieg über ſeinen ſchwa⸗ chen Charakter und ſeine ſchwankenden Grundſätze ge⸗ wonnen haben würdeſt, wenn Du mit Zärtlichkeit dem Unheil entgegenzuwirken geſucht hätteſt. Die erſte Auſgabe, welche Du jetzt zu löſen haſt, iſt, den be⸗ gangenen Irrthum wieder gut zu machen und mit einem wahren und lebendigen Intereſſe für deines Mannes Zukunft ihn vor ökonomiſchem Ruin zu retten. Du mußt die Geſchäfte ſelbſt in die Hand nehmen, oder ihr ſeyd verloren.“ „Ich weiß es,“ ſtammelte Gurli,„und ich habe in Hinſicht darauf längſt den Entſchluß gefaßt, im Fall mich Gott länger leben ließe, Alles zu thun, um Allon aus pekuniärer Bedrängniß herauszureißen. Aber darin liegt mein und Allon's größtes Unglück nicht; es hat tiefere Wurzeln und beſteht jetzt in ſeinem Mangel an Liebe. Er liebt mich nicht mehr. Sein Herz gehört Amy. Es iſt ja möglich, daß, wenn er ſich von mir ſcheiden würde, dieſe ihm Glück 165 brächte. Damit eröffnete ſich ihm wenigſtens die Ausſicht, in den Beſitz eines Vermögens zu gelangen, welches die Quelle ſo großen Zwieſpalts und Kum⸗ mers geweſen iſt.“ „Gurli, eine ſolche Scheidung würde, auch wenn wir annehmen, daß Amy als die rechtmäßige Eigen⸗ thümerin deſſen, was nun deren Mutter in ihrem Beſitz hat, betrachtet werde, nur Allon's mora⸗ liſchen Untergang vervollſtändigen; denn Amy Teve⸗ rino wird ihm niemals ihre Hand ſchenken.“ „Wenn dem ſo iſt, warum nimmt ſie dann ſeine Huldigung an, warum muntert ſie ihn auf und eignet ſich trügeriſcher Weiſe eine Liebe zu, welche ſie nicht erwiedern kann?“ „Nicht ſie iſt es, welche mit Allon ein Spiel treibt, ſondern ihre Mutter.“ „Stephan,“ ſagte Gurli,„Du biſt jetzt, was Du immer geweſen, parteiiſch für dieſe Frau, deren ſchlechte Handlungen Du ſtets zu vertheidigen ſuchteſt.“ „Wäre ich parteiiſch, Gurli, würde ich dann ein ganzes Jahr mich in England aufgehalten haben, um mir Aufklärung über Amy's Mutter und Beweiſe zu verſchaffen, welche zu dem Ergebniß führen müſſen, daß beide wieder in das verwandelt werden, was ſie geweſen ſind. Sprich dergleichen Kindereien nicht aus, ſondern bedenke, daß wenn meine Bruſt einige Zärt⸗ lichkeit für Amy bärge, ich niemals von Dir den Auf⸗ trag angenommen hätte, den früheren Verhältniſſen der Mutter nachzuforſchen. Jedes Wort über dieſen Gegenſtand iſt unnütz, und darum wollen wir uns mit Allon beſchäftigen. Wenn Du dich wieder kräftig genug fühlſt, um ein paar Meilen fahren zu können, ſo werde ich ſelbſt dich nach Birgersborg geleiten, völlig verſichert, daß Du als eine ſtarke und muthige 166 Frau das Werk angreifen und deinen Mann von den Verirrungen, welchen er allzu lang ſich überlaſſen hat, zurückführen wirſt.“ „Aber wird es mir wohl gelingen?“ fragte Gurli. „Verzagſt Du, ſo iſt die Sache bereits verloren. Ohne einen feſten Glauben an Gottes Beiſtand, und an den Sieg des Guten gibt es keinen Erfolg.“ „Ich habe ſo viele Feinde gegen mich,“ wandte Gurli ein. „Aber Du haſt den mächtigſten aller Freunde für dich, wenn Du nur innig ihm vertrauſt.“ „Ach, Stephan, ſo warm und lebendig meine Hoffnung und mein Glaube auch iſt, ſo kommt es mir dennoch vor, als ob.ob Allon's un⸗ glückliche Neigung für Amy wie eine unüberſteigliche Scheidewand ſich zwiſchen uns erhöbe.“ „Er liebt ſie beſtimmt nicht,“ verſicherte Stephan, „ſondern Tante Beate und Grünlund haben aus eigen⸗ nützigen Abſichten deſſen Gedanken auf Amy gerichtet und ihm die Ausſicht vorgeſpiegelt, er könne ſich ihres Goldes bemächtigen. Madame Teverino ihrerſeits ſieht und fürchtet in Dir eine Feindin und ſucht deßhalb Allon die trügeriſche Einbildung beizubringen, doß Amy's Herz heimlich ihm gehöre. Seine Eitelkeit und ſeine Gewinnſucht— dieß ſind die Gefühle, welche ihn jetzt zu Amy hinziehen.“ „Aber mein Gott, welchen Vortheil kann Madame Teverino von einer ſolchen Intrigue haben?“ „Den, daß Allon von dir getrennt wird. Sie fürchtet für den Fall, daß in der Folge ein Proceß gegen ſie eingeleitet würde, mehr von ſeinem Eigen⸗ nutz, als von deinem Rechtsgefühl. Iſt es ihr ge⸗ lungen, ſeine Intereſſen von den deinigen zu ſcheiden, ſo glaubt ſie einen Feind weniger zu haben. Sollte 167 ſie dagegen die Intereſſen Allon's mit den ihrigen vereinigen können, ſo erhält ſie in ihm, in ſeiner Mutter und Comminiſter Grünlund Bundesgenoſſen, welche der ſchwachen Frau in Behauptung ihrer Vortheile kräftig beiſtehen werden. Durch die ehelichen Zwiſtigkeiten zwiſchen Dir und Allon bezweckt ſie vorerſt deine Aufmerkſamkeit abzuleiten, ſo daß Du keine Zeit findeſt, andere Nachforſchungen anzuſtellen, bevor ſie es dahin gebracht hat, durch ihr Gold Alles zu beſeitigen und zu vernichten, wovon ihrem Beſitz⸗ recht auf das, was ſie jetzt ihr Eigenthum nennt, eine Gefahr drohen kann.“ „Und die Tochter, die Tochter gibt ſich dazu her, der Mutter in Allem beizuſtehen!“ rief Gurli. „Nein, Amy würde niemals durch Gewinnbegier ſich zu einer einzigen ſchlechten Handlung beſtimmen laſſen. Sie wird von andern Leidenſchaften beherrſcht. Wie alle heftig erregbaren Charaktere, iſt ſie dem Ein⸗ fluſſe derer unterworfen, welche die Saiten ihrer Ge⸗ fühle anzuſchlagen verſtehen. Eiferſucht, Haß und Liebe ſtehen bei ihr einander ſo nahe, daß ſie bei dem geringſten Reize gegenſeitig in einander übergehen und wechſelweiſe ihr Inneres zerreißen, dieſes Innere, das einem Vulkan gleicht, welcher mit ſeiner Lava alle die Blumen des Friedens und die milden Tugenden, die möglicher Weiſe an ſeinem Fuße entſprießen konnten, zu Grunde richtet.“ Nach einer Pauſe fragte Gurli: „Wann haſt Du Amy zum letzten Mal geſehen?“ „Geſtern.“ Ohne eine weitere Frage abzuwarten, fuhr Ste⸗ phan fort: „Allon hat einmal aufrichtig, von ganzer Seele dich geliebt, und Du haſt deinerſeits ihn frei und ohne 168 Zwang zu deinem Gatten gemacht. Es iſt alſo auch deine Schuldigkeit, zu beweiſen, daß Du den Eid, wel⸗ chen Du bei deiner Trauung geſchworen haſt, in ſeiner ganzen Bedeutung aufzufaſſen verſtehſt. Nimm niemals ſeine Fehler zu einem Grunde für dich, deine Pflich⸗ ten gegen ihn von der gleichgültigen Seite anzuſehen. Es gibt Nichts, das zu vergeſſen berechtigt, was wir gelobt haben, auch wenn Andere es gegen uns thun ſollten. In Gurli's kraftvoller Seele fanden ſeine Worte einen lebhaften Wiederhall, und dieß diente zum beſten Beweiſe, daß Stephan es vollkommen verſtand, wie man zu einem Charakter, gleich dem ihrigen, ſprechen mußte. Gurli's Körperkräfte waren noch ſchwach. Es war deßhalb erforderlich, ihre Seelenſtärke zu beleben, ohne die Gefühle allzu ſehr aufzuregen, ihre Gedanken auf das Ziel, wornach ſie ſtreben mußte, zu lenken, ohne die Leiden ihr nahe zu rücken, welchen ſie ſich dabei zu unterwerfen genöthigt wurde. Stephan erkannte ganz richtig, daß dieſelbe Gurli, welche in den Kinderjahren ſich nicht geſcheut hatte, ganz allein in Kälte und Finſterniß aus der Penſion zu ihrer Mutter zu eilen, um ſich von deren Geſund⸗ heitsumſtänden zu unterrichten, leicht als Frau die eigenen Sorgen und Prüfungen vergeſſen würde, wenn man ihr nur vor Augen hielte, daß ſie durch vollkom⸗ mene Selbſtverleugnung etwas Gutes für den Mann wirken könnte, deſſen Gattin ſie war und an den ſie durch das heilige Band der Plicht gefeſſelt wurde. Nachdem Stephan lange über dieſen Gegenſtand geſprochen hatte, ging er, um Hoffnung und Muth noch mehr bei ihr zu beleben, zu einem kurzen Bericht von dem über, was er in England in Betreff von 169 Madame Teverino zu erforſchen vermocht hatte: ein Punkt, deſſen von ihm bisher noch mit keinem Worte Erwähnung geſchehen war. Als Mathilde endlich bei ihrem Sohn und Gurli eintrat, war der Tag beſtimmt, an welchem Stephan ſeine Couſine nach Hauſe geleiten ſollte. XXX. Während Tante Katharina ihr Rößlein Brunte aus Herzensgrund forttraben ließ und Fiſcher⸗Matthes' Junge, welcher auf allen Ausfahrten den Kutſcher machte, wegen langſamen Fahrens bis zum Gitterthor von Birgersborg unaufhörlich Verweiſe erhielt, wollen wir einen Augenblick uns mit Amy beſchäftigen. Die veränderte Stellung, welche Madame Teve⸗ rino's Reichthum mit ſich führte, hatte ihr gleichwohl kein Glück gebracht. Die Tochter, um deren willen ſie in den Beſitz zu gelangen gewünſcht hatte, ſchien unglücklicher als je. Als der Erbſchaftsproceß zu Madame Teverino's Gunſten entſchieden wurde, hielt ſie ſich mit Amy in England auf. Gleich nach ſeiner Ankunft in London machte Stephan einen Beſuch bei ihr. Er hatte eine lange Unterredung mit derſelben, wobei er eine Erklärung über verſchiedene Dinge, welche mit ihrer frühern Bekanntſchaft in Zuſammen⸗ hang ſtanden, zu erhalten, nicht minder einen und den andern Aufſchluß über Madame Teverino's Mutter ſich zu verſchaffen wünſchte. 170 Einige Tage ſpäter, als Mutter und Tochter im Theater waren, beſuchte er ſie in ihrer Loge. Wäh⸗ rend ein anderer Cavalier ſich mit Madame Teverino unterhielt, äußerte Stephan gegen Amy: „Obwohl ich nicht mehr Ihr Freund bin, Sig⸗ nora, will ich doch als ehrlicher Feind Ihnen eine Warnung geben. Bauen Sie nicht auf den Reichthum, in deſſen Genuß Sie ſich jetzt befinden, denn er iſt von geringer Dauer, und machen Sie ſich darauf ge⸗ faßt, daß Sie mich eines Tages auftreten ſehen, um Ihnen denſelben entreißen zu helfen. „Mich deſſen zu berauben, was mein iſt; und durch welches Mittel?“ fragte Amy, ihn anſchauend. „Durch Lieferung des Beweiſes, daß Ihre Mut⸗ ter das, was ſie zur Zeit beſitzt, auf unrechtmäßige Art ſich verſchafft hat.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß Madame Teverino nicht Bengt Falkenſtern's Tochter iſt; daß es ihr gelungen, die ganze Welt zu betrügen, aber nicht mich und die Perſon, welcher ſie die Papiere, wodurch ſie fremdes Gut ſich aneig⸗ nete, geſtohlen hat.“ Amy machte große Augen. Sie betrachtete Ste⸗ phan mit einer Anwandlung von Schrecken. Von dieſem Abend an war Amy düſterer als zuvor. Ihr Benehmen gegen die Mutter, welches nie⸗ mals zärtlich geweſen, wurde kühler und gebieteriſcher. Man ſah das junge Mädchen niemals lächeln; Richts gewährte ihr Unterhaltung, Richts erregte ihr Wohlgefallen. Wenn die Mutter, welche ihr Kind bis zur Ab⸗ götterei liebte, ſie fragte, was ſie thun könnte, um die 171 trübe Stimmung der Tochter zu bannen, ſo erhielt ſie zur Antwort: „Verwirkliche zwei Dinge, die unmöglich ſind: erſtens verſchaffe mir die Liebe des Mannes, welchen ich liebe; und zweitens verwandle meine Mutter in eine rechtſchaffene Frau.“ Eines Abends hatte Amy mit Heftigkeit ihrer Mutter Hände ergriffen und ausgerufen: „Mama, ſieh' mir gerade in die Augen und ant⸗ worte mir: biſt Du Eſter's Tochter, oder haſt Du durch eine Betrügerei dieſes Erbe an dich gebracht? Du er⸗ bleichſt! Ah, es iſt alſo wahr. Dieſe Papiere, welche Du zu Birgersborg zu ſuchen behaupteteſt, gehörten nicht Dir zu, ſondern Du haſt ſie geſtohlen, um reich zu werden!“ Amy ſtieß die Mutter von ſich und murmelte, das Angeſicht in den Händen verbergend: „Du haſt alſo auch mich betrogen.“ Madame Teverino hatte inzwiſchen Zeit gewon⸗ nen, ſich wieder von ihrer Beſtürzung zu erholen, und ſuchte durch ihre Worte die Tochter zu beruhigen und zu überzeugen, aber ohne Erfolg. Amy ſchenkte ihren Verſicherungen keinen Glau⸗ ben und achtete nicht auf ihre Worte. Madame Teverino litt ſchwer unter dem Beneh⸗ men ihrer Tochter und der beinahe unüberwindlichen Schwermuth, welche ſich Amy's bemächtigt hatte. Dieſe lebhafte Amy, welche durch ihren Geſang und ihre Heiterkeit Tauſende von Menſchen entzückt atte, war jetzt nur in einen finſtern Schatten ihres eigenen Ich's verwandelt. Die Mutter wußte, daß ihre Tochter hoffnungs⸗ los liebte, wußte, nach der Unterredung mit Stephan, daß ſie mit allem ihrem Reichthum der Tochter das 172 Herz dieſes Mannes nicht zu erkaufen vermochte, und argwohnte nun, daß er es war, welcher Amy's Zwei⸗ fel an der ehrlichen Erlangung des Vermögens ge⸗ weckt hätte. Madame Teverino empfand deßhalb Furcht und Haß gegen Stephan Braun, welchem ſie die Zer⸗ ſtörung von ihrem und ihrer Tochter Glück ſchuld gab. Sie wußte nicht, wie ſie die Tochter aus dieſer düſtern Seelenſtimmung reißen ſollte, und ſchlug ihr endlich eine Reiſe nach Frankreich, Italien, Deutſch⸗ land oder wohin Amy ſonſt wollte, vor, erhielt aber zur Antwort: „Da bin ich ja ſchon ſo oft geweſen, daß ich nicht weiß, was ich dort machen ſoll. Das Einzige, was ich wünſche, im Fall Mama es doch wiſſen will, wäre, in Schweden zu leben und zu ſterben.“ Madame Teverino reiſte nach Schweden. Rach ihrer Ankunft daſelbſt ſchien es ſich mit Amy's Schwermuth ein wenig zu geben. Sie ſprach ſogar eines Tages den Wunſch aus, Allon von Stral zu ſehen. Sogleich erging von der Mutter eine ſchriftliche Einladung an Allon. Einige Zeit lang ſchien ſeine Geſellſchaft Amy einiges Intereſſe einzuſtößen; aber ſeltſam genug ſprach ſie meiſtens mit ihm nur vom Erbſchaftsproceſſe. Die Mutter, welche ſah, daß ſie bei ihm Unterhaltung fand, ſud Allon fleißig ein und dachte dabei: „Sollte Amy wirklich ſich inniger an Herrn von Strai anſchließen, ſo wäre damit viel gewonnen. Er könnte ſich dann von der Frau ſcheiden laſſen, welche für mich wegen der von ihr drohenden Gefahr ſtets ein Gegenſtand ber Furcht und des Abſcheu's iſt, und Amy heirathen. Unſere pekuniären Intereſſen wären dann gemeinſamer Art, und er ſieht mir ſo aus, als 173 wäre er, wenn es gilt, ſchon im Stande, ein und das andere Gewiſſensbedenken aufzuopfern. Allons ſchnelle Abreiſe von der Hauptſtadt nach Birgersborg ſchien ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung zu machen. Stephan und Amy trafen bald darauf in Stock⸗ holm zuſammen, aber ohne daß ein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt wurde, oder daß er einen Schritt that, um ſich ihr anzunähern. Eines Abends, als der Zufall ſie beim Ausgang aus dem Theater zuſammenführte, fragte ſie ihn: „Wann reiſen Sie nach Hauſe?“ „In einer Woche,“ lautete die Antwort; aber ſchon Tags darauf erhielt Stephan Nachricht von dem Unglück, welches Gurli betroffen hatte, und eilte ohne Verzug nach Breddal. Amy theilte nun der Mutter ihren Wunſch mit, den Sommer in Erikstorp zuzubringen. Dort angekommen, erfuhr ſie auch von dem Unfall Gurli's und von der Gefahr, worin deren Leben chwebte. „Wenn ſie ſtürbe,“ dachte Madame Teverino,„ſo würde Amy ganz gewiß Frau von Stral. Sie be⸗ darf eines Mannes zum Schutze, um ihren Reichthum vertheidigen zu können. Sie bedarf eines Namens und einer Stellung im Leben, um von demſelben Ge⸗ brauch machen zu können. Sie findet zugleich an Allon von Stral am meiſten Wohlgefallen, und er iſt gerade ſo ein Mann, der es mir nicht ſchwer machen wird, ihn völlig zu beherrſchen. Madame Teverino legte es alſo darauf an, Allons Intereſſe zu feſſeln. Unter dem Vorwand, ihm Zzerſtreuung zu bereiten, lud ſie ihn ſo oft als mög⸗ lich nach Erikstorp ein. Schwartz, Der Rechte. III. 12 174 Zwiſchen Beate und Madame Teverino knüpfte ſich gleichzeitig ein ſehr lebhafter Umgang an, und peide ſpielten die Rollen intimer Freundinnen. Paſtor Grünlund, welcher in der reichen Frau einen prächtigen Fiſch zu ſchuppen fand, wurde bald ein ebenſo fleißiger Gaſt zu Erikstorp⸗ Amy war nach ihrer Ankunft auf dem Lande für Allon ſehr unzugänglich und kalt. Der Vorzug, welchen ſie ihm in Stockholm zu zu erkennen gegeben hatte, war vergeſſen. Sie behan⸗ delte ihn wie alle anderen Männer, das heißt, mit der abſtoßendſten Gleichgiltigkeit. Bald erhielt ſie die Kunde, daß Stephan ſich zu Breddal befand. Auf die Nachricht davon wurde Amy wie von einem Fieber ergriffen. Immer und immer mußte ſie an Gurli denken, welche jetzt mit Stephan unter einem und demſelben Dache verweilte. Sie konnte in ſeinen Armen ſterben, ihren letzten Seufzer in ſeiner Nähe aushauchen. Ein Glück, wofür Amy gern ſich jeder Marter unterworfen hätte. „Aber dieſes Gluck iſt keines für ſie, welche ihn nicht liebt,“ flüſterte ihr tröſtend die Vernunft zu. „Ihn nicht liebt!— Liegt dieß wohl innerhalb der Grenzen der Möglichkeit!“ rief das leidenſchaftliche Herz.„Und thäte ſie auch das nicht, ſo iſt ſie doch von ſeiner Fürſorge, ſeiner Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme umgeben, während ich dahinwelke und vor Kummer darüber, daß ich ihm weniger als ein Nichts, daß ich ihm ein Gegenſtand der Verachtung bin, mich verzehre.“ Mit dem ganzen Ungeſtüm ihres Geburtslandes, ihres Blutes überließ ſich Amy der bittern Schelſucht, welche dadurch erweckt wurde. Sie wäre gern die 175 geringſte von Stephans Dienerinnen geweſen, nur um täglich ihn ſehen zu können, und darum wurde ſie jetzt von der wildeſten Begier ergriffen, ſich an Gurli um eines Glückes willen zu rächen, um welches Amy ſie beneidete. „Warum ſoll ſie nicht leiden, was ich leide?“ dachte Amy.—„Ja, ſo muß es ſeyn,“ ſetzte ſie hinzu. „So lang ſie in ſeiner Nähe lebt, ſoll ſie von dem nagenden Gedanken zerfleiſcht werden, daß ihr Mann ſie um meinetwillen vergißt. Wir gleichen damit unſere Rechnung aus.“. Amy wurde wieder freundlicher gegen Allon, und von Madame Teverino geſchmeichelt und gehätſchelt, be⸗ durfte es bei ihm keiner großen Zuvorkommenheit ſeitens ihrer Tochter, um ſeiner Pflichten gegen Gurli gänzlich zu vergeſſen und ſich ſeinen Träumen von Gold und luſtigen Tagen zu überlaſſen. Es war ihm wirklich gelungen, ſich ſelbſt zu über⸗ reden, daß er bis über die Ohren in Amy verliebt ſey; aber wir fürchten gleichwohl, er würde, wenn er tiefer auf den Grund ſeines Herzens gegangen wäre, auch gefunden haben, daß nicht ſowohl ihre Perſon, als ihre Millionen die größte Anziehungskraft auf ihn ausübten. Dieſe waren nunmehr für ihn verlockender als je, da ſeine eigenen Geldangelegenheiten in ſolche Ver⸗ wirrung gerathen waren, daß es eines ganz anderen Charakters als des ſeinigen bedurfte, um ſie wieder auf einen geordneten Fuß zu bringen und einer un⸗ heilbaren Verwicklung vorzubeugen. Als es mit Gurli beſſer wurde und die Gefahr für ihr Leben verſchwunden war, ſchlug es bei Amy wieder um und ſie verfiel wieder in eine ſolche Schwer⸗ muth, daß es unmöglich war, ſie derſelben zu entreißen. 176 In demſelben Maße als Gurli genaß, wuchs Amy's Kälte gegen Allon, aber dieſe Kälte hatte die⸗ ſelbe Wirkung, wie Hel auf's Feuer. Allon wurde nur noch zudringlicher. Amy's Bitterkeit gegen ihre Mutter nahm gleich⸗ falls zu. Auch Beate, welche gegen ſie die Artigkeit ſelbſt war, wurde von ihr mit einer ſo unverſtellten Verachtung behandelt, daß Madame Teverino darüber erſchrack. Nicht minder begegnete das Mädchen dem Commi⸗ niſter Grünlund, welcher jetzt der dienſtwilligſte Freund Mutter war, mit einer verletzenden Gleichgil⸗ tigkeit. Wagte Madame Teverino ein Wort zu ſagen oder eine Anmerkung zu machen, ſo brach Amy in hef⸗ tige Vorwüfe und Anklagen aus und ſchloß ſich dann in ihr Zimmer ein. Noch nie war das Leben Madame Teverino ſo bitter vorgekommen, als ſeitdem ſie in den Beſitz von Geld und Gut gelangt war. Sie hatte ſich eine voll⸗ kommene Unabhängigkeit als Eins und Alles, als den wahren Grund zum Lebensglück gedacht: aber bis jetzt war ihr Geld nur eine Quelle der bitterſten für An⸗ dere unſichtbaren Leiden geweſen. Es war der reichen Frau, als wandelte ſie auf einem Vulkan, welcher, wie ſie fürchtete, jeden Augen⸗ blick durch eine Eruption das, was ſie gewonnen hatte, wieder zerſtören konnte. Alles verurſachte ihr Sorge und Angſt, weder ſchlafend nach wachend fand ſie einige Ruhe. Sie grämte ſich um ihre Tochter und litt mehr als früher durch den Mangel an Liebe von ihrer Seite. Hätte Amy, um deren willen ſie hauptſächlich die⸗ ſen Schätzen nachgejagt, ſich damit einen Genuß ver⸗ ſchafft, ein Lächeln des Glücks oder Stolzes aus ihren Augen geſtrahlt, ſo wäre Alles recht geweſen und Madame Teverino würde gern ihr Leben zu ewi⸗ ger Unruhe verurtheilt haben: nun aber, nun war Alles, was ſie erduldete, vergeblich. So ſtanden die Dinge als Tante Katharina über Kopf undHals beſchloß, ſich nach Birgersborg zu begeben. XXXI. Es war einer von jenen Auguſtnachmittagen, wo die Natur mit Sonnenſchein, Wärme, Weſtwinden und Blumenduft ſo recht verſchwenderiſch iſt. Tante Katharina hatte ſeit dem Abzug von Bir⸗ gersborg dieſe ihre frühere Heimath nicht mehr be⸗ ſucht. Sie ſtieß darum einen tiefen Seufzer aus, als ſie nach dem Abſteigen bei dem Stalle auf das große Gebäude zumarſchirte. Sie dachte: „Wenn Gurli anſtatt des erbärmlichen Narren, den ſie genommen, den Rechten gewählt hätte, ſo würde es jetzt ganz anders ausſehen. Im Veſtibule ſtieß ſie auf einen„livreebekleideten, Flegel“, einen Neuling, welcher die Alte vom Kopf bis zu den Füßen muſterte und naſeweis fragte, wen ſie ſuche. „Natürlich deinen Herrn, Du Tölpel,“ entgegnete Tante Katharina barſch,„und da ich eine Verwandte von ihm bin, ſo brauchſt Du mich nicht anzumelden, ſondern mir blos zu ſagen, wo er zu finden iſt.“ „Der königliche Sekretär hat befohlen, Niemand unangemeldet bei ihm vorzulaſſen.“ „Nun ſo geh' und ſage deinem Herrn, daß Frau 178 Herner mit ihm zu ſprechen wünſche. Ich will einſt⸗ weilen hier warten.“ Und damit trat Tante Katharina ganz ungenirt in den Saal. „Weißt Du, ob Frau von Stral daheim iſt?“ fragte ſie den Diener noch, auf der Schwelle ſich um⸗ drehend. „Nein, ſie iſt mit Madame Teverino zu dem Paſtor gefahren,“ lautete die Antwort. „Gut, ſo beeile dich, deinen Auftrag auszurichten.“ „Das iſt ja ein wahrer Grenadier von einem alten Weibe,“ dachte der Diener und ſtieg ganz gemächlich die Treppe hinauf. „Ich muß ſagen, ich muß ſagen; da ſind ja alle Bäume niedergeriſſen worden, da ſind....“, plötz⸗ lich verſtummte die Alte. Draußen auf der Teraſſe ließen ſich Stimmen vernehmen. Sie trat vor, nicht bis zu der Glasthür, ſondern nur zu einem Feſter, um zu ſehen, wer die Sprechenden wären. Dort ſaßen Amy und Allon; die erſtere mit einem Ausdruck höhniſcher Verachtung im Angeſicht. Sie war es, welche eben das Wort führte. Nachdem ich Ihnen nun gezeigt habe, wofür Sie mich anſehen müſſen, da Sie es wagen, ſich einer ſolchen Sprache gegen mich zu be⸗ dienen, ſo will ich Ihnen nun ſagen, was Sie ſelbſt ſind.“ „Ich bitte, geſtatten Sie mir noch zuvor ein paar Worte,“ fiel Allon ein. „Ich habe Sie bis zum Ende reden laſſen, nun will ich Nichts weiter hören. Sie müſſen darum auf meine Worte horchen.— Man muß entweder ein ehrloſer Wicht, oder ein Blödſinniger ſeyn, um nur 179 einen Augenblick vorauszuſetzen, daß eine Frau etwas Anderes als Verachtung oder Eckel vor einem Mann fühlen kann, welcher, während ſeine Gattin auf dem Schmerzenslager ausgeſtreckt iſt, einer andern Frau den Hof macht und fremden Perſonen die Pflege der⸗ jenigen überläßt, an deren Seite pflichtgemäß er ſeyn ſollte. Merken Sie wohl, mein Herr, daß ich ſchon von dem Augenblick an, wo Sie als Bräutigam den Verliebten gegen mich ſpielten, Sie verachtet habe. Wie viel mehr muß ich es jetzt nicht thun. Sie ſind ſo tief in meinen Augen geſunken, daß nicht einmal meine Verachtung zu Ihnen hinabſteigen kann. Möge dieß Ihnen zu wiſſen genügen.“ „Amy!“ rief Allon und ſprang wie wahnſinnig auf. „Guten Abend!“ ſagte Tante Katharina, indem ſie auf die Terraſſe hinaus trat. Allon drehte ſich raſch um und fuhr bei dem Anblick der Alten ein paar Schritte zurück, als ob er ein Geſpenſt erblickte. Amy brach in ein lautes Gelächter aus, ein ſo ſpöttiſches Gelächter, daß es aus dem Munde der böſen Geiſter im Freiſchützen zu kommen ſchien. Die junge Frau erhob ſich von ihrem Platze und ſagte, indem ſie im Vorbeigehen Tante Katharina be⸗ grüßte: „Ich entferne mich, vollkommen überzeugt, daß Frau Herner den königlichen Sekretär zur Beſinnung bringen wird. Von der großen Hitze hat er den Sonnenſtich bekommen.“ Sie drehte noch ein wenig den Kopf herum und ſetzte, zu Allon gewendet, hinzu: PBon soir, Monsieur; melden Sie meiner Mut⸗ ter, daß ich heimgefahren bin, und bemühen Sie ſich 180 nicht mehr mit einem Beſuche zu Erikstorp. Ich wäre untröſtlich, wenn Sie durch Ihr Verweilen daſelbſt die vielen Geſchäfte verſäumten, welche Sie hier zu beſorgen haben.“ Wiederum lachte Amy auf eine für Allon ſata⸗ niſche Weiſe. „Ah ſo, Du freieſt um eine Andere, bevor Du von deiner Frau geſchieden biſt; ich muß ſagen, das hat große Eile,“ begann Tante Katharina, als ſie allein waren. Allon unterbrach ſie kurz und erklärte, daß er Niemand geſtatte, ſich in ſein Thun und Laſſen ein⸗ zumiſchen. Dann ſetzte er in heftigen Worten hinzu, das Beſte wäre, Tante Katharina ginge wieder hin, woher ſie gekommen, wenn ſie etwa die Abſicht hätte, ihm eine Predigt zu halten. Tante Katharina ſchwieg und ließ ihn ausreden; aber als Allon bei den letzten Worten ſich der Thüre i ſtellte ſich die Alte vor dieſelbe und hielt ihn zurück. „Willſt Du, oder willſt Du nicht, daß Gurli erfahre, was hier vorgefallen? Willſt Du, oder willſt Du nicht, daß ich vor allen deinen Kameraden von dem Schauſpiele, welches ich eben mit angeſehen, und von der gründlichen Verachtung erzähle, womit Du von der ehemaligen Sängerin behandelt worden biſt? Im Fall Du nicht wünſcheſt, daß ich dich zum Geſpötte der ganzen Nachbarſchaft mache, ſo bleibſt Du und hörſt, was ich dir zu berichten habe.— Ja, das muß ich ſagen, Du kannſt dir doch nicht ein⸗ bilden, ich, Katharina Oerner, werde mich mit ein paar unverſchämten Worten von einem ſolchen Hahne wie Du abſchrecken laſſen? O nein, ich habe Schnabel und Klauen, um mich zu vertheidigen, wenn es gilt, — 181 und ich habe beſchloſſen, ein vernünftiges Wort mit dir zu reden. Du wirſt dich alſo dazu bequemen müſſen, mich anzuhören.“ Allon fand dieß auch am räthlichſten, ſo wenig er ſich dazu aufgelegt fühlte. Er empfand große Luſt, der verhaßten Tante Katharina auf immer den Mund zu ſchließen, ſo wüthend war er bei dem Gedanken, daß ſie Zeuge davon geweſen, wie Amy ihn zugerichtet hatte; und dennoch ſah er ſich genöthigt, ſich in den Willen der Alten zu fügen. „Da Du in Gurli's Auftrag gekommen biſt, Tante,“ erwiderte er endlich auf Katharina's Worte, „um an ihrer Stelle, weil ſie ſelbſt hiezu außer Stande iſt, mich zu peinigen, ſo wird es am beſten ſeyn, wir handeln das, was geſagt werden ſoll, an einem andern Orte, als hier, ab. Willſt Du mit mir in die Bibliothek treten?“ Dort angekommen, warf ſich Allon auf einen Stuhl, kreuzte die Arme über der Bruſt, um mit Reſignation zu erwarten, was da kommen ſollte. Tante Katharina nahm einen Stuhl und ſetzte ſich ihm gegenüber. Die Arme auf den Tiſch geſtützt, betrachtete ſie den jungen Ehemann durch ihre Brille. Dann begann ſie mit ernſter Stimme ihre Er⸗ zählung. Sie ging weit in die Kinderjahre der beiden Couſins und Gurli's zurück. Sie ſprach ohne alle Bitterkeit. Sie entrollte blos ein Gemälde nach dem andern und hielt ihm die Vergangenheit klar vor Augen. Allon war ſomit gezwungen, in den Spiegel der Wahrheit zu blicken und da ſich ſelbſt, ſeine Mutter, Grünlund und Gurli in dem rechten Lichte zu ſehen⸗ 182 Nicht blos die Handlungen, ſondern auch die Beweg⸗ gründe zog die Alte mit furchtbarer Treue hervor. Sie ſchilderte die drei letzten Jahre ſeiner Ehe, als ob ſie Zeuge geweſen wäre, wie er Schritt vor Schritt ſich von einer ſchlechten Handlung zur andern hatte verleiten laſſen und dadurch Glauben, Ehre, Pflicht und Gewiſſen verrieth. Bei jeder andern Gelegenheit würde dieſes Vor⸗ rücken ſeiner Fehler und Irrthümer keinen Eindruck auf ihn gemacht, ſondern nur ſeinen Zorn erweckt haben; aber nun nach der Niederlage, welche er eben erlitten, und welche ihn der Hoffnungen beraubte, womit er ſich in der letzten Zeit geſchmeichelt hatte — nun fühlte er ſich ganz niedergeſchlagen. Das, was lebhafter als alles Andere auf ihn wirkte, war die Schilderung ſeines Lebens, für den Fall, daß Gurli und er geſchieden würden, oder daß ſie ihn ohne Beiſtand ſeinen ökonomiſchen Bedräng⸗ niſſen überließe. Allon hatte ſchon im erſten Jahr ſeiner Ehe die zwanzigtauſend Reichsthaler, welche ihm zugefallen waren, verſchwendet und in den Jahren, da er die Einkünfte von Birgersborg verwaltete, doppelt ſo viel verbraucht, als dieſe betrugen. Wenn er ſomit von Gurli geſchieden wurde, ſo ſah er auch von dieſem Augenblick an ſeinen völligen Ruin hereinbrechen. Deutlich und klar erkannte Allon, daß, ſeitdem die Hoffnung, Amy zu bekommen, verſchwunden war, ſeine einzige Rettung auf Gurli beruhte, ſelbſt wenn ſie ihn kraft des Rechtes, welches ihr der Ehekontrakt einräumte, von der Verwaltung des Gutes wieder ausſchloß. Wir wollen nicht behaupten, daß Tante Katha⸗ rina's Worte irgend eines von Allon's beſſeren Ge⸗ 6 -„—— 183 fühlen zu afficiren vermochten. Dieſe waren in den letztverfloſſenen Jahren durch die ſchlimmeren, welche ſeine Mutter ſo eifrig in Bewegung geſetzt hatte, ſo erſtickt worden, daß ſie ſich nicht leicht wieder beleben ließen, beſonders da Allon's Innere nicht ſehr reich ausgeſtattet war. Tante Katharina war es nur gelungen, ſeine egoiſtiſchen Intereſſen zu wecken. Als ſie mit der Schilderung ſeines Thuns fertig war und aufſtand, um ſich zu entfernen, fühlte Allon, daß das Einzige, was ihm übrig blieb, eine Verſöh⸗ nung mit Gurli war. Demgemäß äußerte er: „Deine Worte, Tante, laſſen mich hoffen, daß es nicht deine Abſicht iſt, den Riß zwiſchen mir und meiner Frau noch mehr zu erweitern, indem Du ihr erzählſt, wie ich, gleich den meiſten Männern, ſchwach genug geweſen bin, mich bethören zu laſſen von.. „Von Madame Teverino's Gold,“ fiel die Alte ein—„demſelben Golde, in deſſen Beſitz Du durch die Heirath mit Gurli kommen wollteſt. O nein, ich werde ſchweigen, wenigſtens bis auf Weiteres; aber ſtelle meine Geduld durch eine ſchlechte Handlungs⸗ weiſe gegen deine Frau nicht auf eine zu harte Probe, das ſage ich dir.“ Allon ſah ein, daß Tante Katharina ihm eine gefährliche Feindin werden könnte; deßwegen ſprach er ſich nun ungefähr dahin aus, er wiſſe ihre Freund⸗ ſchaft und gute Abſicht vollkommen zu ſchätzen, wenn ſie auch in der Beurtheilung ſeiner Handlungsweiſe allzu ſtreng wäre, und er werde dieſen neuen Beweis ihres Wohlwollens niemals vergeſſen. „Wohlwollen und Freundſchaft habe ich für dich 184 und deine Mutter niemals gehegt und werde der⸗ gleichen auch nie hegen,“ unterbrach ihn die Alte kurz. „Eben ſo wenig laſſe ich mich durch deine feinen Worte täuſchen. Ich weiß, daß Du in deinem Innern mich an's Ende der Welt wünſcheſt; aber Du fürchteſt mich und darum verlegſt Du dich auf ſchöne Redens⸗ arten. Nun lebe wohl!— Ich werde bald wieder von mir hören laſſen.“ XXXII. Kurz nachdem Tante Katharina Birgersborg ver⸗ laſſen hatte, kehrten die„gnädige Frau“ und Madame Teverino zurück. Sie fanden Allon in der Bibliothek, wo er auf demſelben Platze, ſeitdem Tante Katharina ſich ent⸗ fernt hatte, ſitzen geblieben war und ſeine gegenwär⸗ tige Lage überdachte. Er fühlte ſich erbittert auf die ganze Welt und haßte die ganze Menſchheit— ſeine Mutter, daß ſie ſein Glück zerſtört; Grünlund, daß er auf ſo geſchickte Weiſe ihr Beiſtand hiezu geleiſtet; Gurli, daß ſie ſeine Erwartungen getäuſcht hatte, und Madame Teverino, daß ſie Beſitzerin des Vermögens war, welches wie ein Fluch ſein Daſeyn vergiftete. Als er Madame Teverino zu Geſicht bekam, fühlte er ſich im höchſten Grade durch den Gedanken an die Behandlung, welche ihm von Seiten ihrer Tochter widerfahren war, aufgereizt. Wie ein Blitz ſchoß ihm eine Aeußerung Gurli's über den Erbſchafts⸗ proceß durch den Kopf.„NRicht dieſes Vermögen,“ hatte ſie geſagt,„wünſche ich zu vertheidigen, ich be⸗ 185 trachte es nicht als mir gehörig, ſondern ich will nur verhindern, daß es durch eine kecke Betrügerei in die unrechten Hände komme. Madame Teverino hat ihrer Mutter Trauſchein nicht auf die von ihr angegebene Weiſe erlangt, ſondern mir geſtohlen. Ich bin voll⸗ kommen überzeugt, daß dieſe Frau nicht Bengt Falken⸗ ſterns Tochter iſt.“ Allon, welcher bisher dieſe Worte beinahe ver⸗ geſſen hatte, rief ſich jetzt dieſelben mit einer gewiſſen Schadenfreude in's Gedächtniß zurück, indem er hoffte, möglicher Weiſe eines Tages an Amy dadurch Rache nehmen zu können, daß er ſie des Reichthums be⸗ von welchem er ſich ganz und gar ausgeſchloſ⸗ ſen ſah. Er beantwortete auch Madame Teverino's ver⸗ bindlichen Gruß ganz kalt und ſprach bei ſich: „Ich wünſche Nichts lebhafter, als den Beweis vorbringen zu können, daß Du eine Betrügerin biſt, und es wäre für mich ein wahrer Genuß, dich und deine Tochter wieder zu herumziehenden Sängerinnen zu machen.“ Sowohl Beate als Madame Teverino merkten ſein verändertes Benehmen. Allon, die perſonificirte Artigkeit, war jetzt ſo nothdürftig höflich, daß Madame Teverino darüber wirklich erſtaunte. Als die beiden Intriguantinnen allein waren, ſahen ſie einander einige Augenblicke an; dann brach Beate in die Worte aus: „Was hat ſich während unſerer Abweſenheit hier zugetragen? „Irgend etwas iſt geſchehen, ſo viel iſt klar,“ fiel Madame Teverino ein. Sie dachte dabei mit Beſorgniß an ihr Vermö⸗ 186 gen, welches ſie beſtändig von irgend einer Gefahr bedroht zu ſehen fürchtete. Sie verabſchiedete ſich von Beate und fuhr ſo⸗ gleich nach Hauſe, um wo möglich von Amy über das, was zwiſchen ihr und Allon paſſirt war, Aufklärung zu erhalten. Beate ihrerſeits ſtellte an den Diener einige Fra⸗ gen und erfuhr dabei, daß Frau Herner auf Beſuch dageweſen war. Madame Teverino erhielt von ihrer Tochter kei⸗ nerlei Aufſchluß. Sie fand Aniy bei ihrer Heimkehr mit dem Füt⸗ tern ihrer Kanarienvögel beſchäftigt. Auf der Mutter Erkundigung gab ſie zur Ant⸗ wort: „Was weiß ich, warum Herr von Stral übler Laune iſt; das kümmert mich auch ganz und gar nicht. Der unerträgliche Narr iſt ſo langweilig, daß ich hinfort Nichts mehr mit ihm zu thun haben mag.“ Die Mutter öffnete den Mund, um noch eine Frage zu machen; da rief Amy ungeduldig: „Kann ich gar nicht in Frieden leben, oder muß ich mich in mein Zimmer einſchließen, um unge⸗ ſchoren zu bleiben?“ Ein heftiger Huſten erfolgte, was immer der Foll war, wenn Amy gereizt wurde. Madame Teverino ſchwieg, ſchickte nach Zucker⸗ waſſer und warf einen ängſtlichen Blick auf die Tochter. Beate hatte mittlerweile bei ſich ſelbſt überlegt, ob ſie Allon wiſſen laſſen, daß ſie Kenntniß von Tante Katharina's Beſuch habe, oder ſich ganz unkun⸗ dig ſtellen ſollte. Sie entſchied ſich für das Erſtere und ging hinauf zu ihm. „Nun, lieber Allon, wie ſteht es mit Gurli? Doch nicht etwa ſchlimmer, weil Tante Katharina hier geweſen iſt?“ fragte Beate, ohne ſcheinbar die Bewe⸗ gung von Ungeduld, welche der Sohn bei ihrem An⸗ blick machte, zu bemerken. „Ich vermuthe, daß ſie ſich fortwährend auf dem Wege der Beſſerung befindet,“ antwortete Allon. vermutheſt, weißt es alſo nicht gewiß?“ „Nein.“ „Nun, was wollte in dieſem Fall die alte Herner?“ „Mit mir reden.“ „Wirklich. Nun, das muß wohl etwas ſehr Erbauliches geweſen ſeyn. Es wundert mich nur, daß Du in deinem Hauſe eine Perſon empfängſt, von welcher deine Mutter abgewieſen worden iſt, als ſie ſich nach dem Befinden deiner Frau erkundigen wollte. Du biſt wahrhaftig über alle Maßen charakterlos, S biſt „Mach's kurz,“ rief Allon;„wenn ich charakterlos bin, Mama, ſo haſt nur Du dich deßhalb anzuklagen, da Du mich hiezu gemacht haſt; aber ich bin es doch nicht bis zu dem Grade, daß ich mir vorſchreiben laſſe, wen ich in meinem Hauſe empfangen ſoll, oder nicht.“ Allon ging in das nächſte Zimmer und ſchlug die Thüre hinter ſich zu. XXXIII. Den Tag darauf war der Himmel ebenſo umwölkt, als er am Abend vorher klar geweſen war. 188 Allon brachte den ganzen Vormittag eingeſchloſſen in ſeinem Zimmer zu. Er ſchrieb an Gurli. Nach einer ſchlafloſen Nacht beſchloß er, durch eine ſchriftliche Erklärung über die geringe Theilnahme, welche er bei Gurli's Krankheit an den Tag gelegt hatte, den erſten Schritt zu einer Annäherung zwiſchen ihnen zu thun. Er hatte ſchon mehrere Briefe angefangen, aber ſie wieder weggeworfen. Die Wahrheit geſtehen und ſeine Fehler offen bekennen wollte er nicht; ebenſo wenig zugeben, daß er Unrecht hatte, und doch vermochte er einen nur halbwegs annehmbaren Grund für ſein Benehmen nicht aufzufinden. Hätte Allon Seelenſtärke genug gehabt, um ehrlich ſeine Verirrungen einzugeſtehen, ſo wäre nicht ſo viel häusliches Elend entſtanden; es hätte ſich dann etwas Wahres und Zuverläſſiges in ihm gefunden, worauf zu bauen geweſen wäre; aber ſo erſchien der Grund ſeines Charakters durch und durch ſchlecht. Es hatte ein Uhr Mittags geſchlagen, und noch war kein Brief fertig. Beate war in völliger Beſtürzung über das Be⸗ nehmen ihres Sohnes zu Grünlund gefahren, um mit ihm Raths zu pflegen und eine Reihe von Vermu⸗ thungen aufzuſtellen⸗ Derſelbe livreebekleidete Schlingel, welcher Tante Katharina empfangen hatte, lag jetzt auf einem der Ruhebänke im Hoſe ausgeſtreckt und betrachtete, eine Cigarre rauchend, die Baumblätter, welche der Wind über ſeinem Haupte in ununterbrochene Bewegung ſetzte. In dieſer nützlichen Beſchäftigung wurde er jedoch durch einen Wagen geſtört, welcher die Allee herauffuhr. 189 Mit einem unzufriedenen Gemurmel darüber daß man doch keine leibliche Ruhe habe, erhob ſich der Herr Lakai und blinzelte nach dem herankommenden Wagen, welcher am Gitterthore Halt machte. Er rührte ſich jedoch nicht vom Fleck, um daſſelbe zu öffnen, ſondern der Kutſcher mußte abſteigen und dieß ſelbſt verrichten. Ein ſchlanker, hochgewachſener Herr ſaß auf dem Bock. Als der Wagen in den Hof einfuhr, fand der Diener für gut, ſich nach dem Schloßgebäude zu be⸗ geben, um von der oberſten Stufe der Freitreppe herab die Fremden in Augenſchein zu nehmen, tau⸗ melte aber jählings zurück, ſo groß war ſeine Be⸗ k bei dem Blick, welchen er in den Wagen warf. Da ſaß jc die junge gnädige Frau, bleich und einem Schatten ihres eigenen Ichs gieichend. Er vergaß, die betreßte Mütze abzunehmen und den Kutſchenſchlag zu öffnen, und rannte ſtatt deſſen in das Haus hinauf, ſtürzte in das Zimmer ſeines Herrn, welcher mit einem Fluch über ihn her⸗ fuhr, daß er auf eine ſo unſchickliche Weiſe ſeinen Eintritt bewerkſtelligte. „Die junge gnädige Frau!“ ſtammelte der Diener zu ſeiner Entſchuldigung. „Biſt Du von Sinnen, Kerl? Was ſagſt Du da!“ ſchrie Allon. „Die junge gnädige Frau iſt da. Der Wagen hielt gerade an, und ich wollte...“ Allon ſchob den Diener zur Seite und war mit einigen Sprüngen auf der Treppe. „Iſt es möglich, daß Gurli aus eigenem Antrieb hieher kommt?“ dachte er. Schwartz, Der Rechte. II. 13 190 Im Veſtibule angelangt, erblickte er Stephan, welcher eben Gurli aus dem Wagen hob. Nach Gurli ſtieg Tante Katharina aus. „Gurli!“ rief Allon und eilte auf ſie zu. Sie reichte ihm ſchweigend die Hand; dann trug Stephan ſie in das Zimmer hinauf, wo ihre Mutter ſo manches Jahr ihres kummervollen Lebens hinge⸗ bracht hatte. Als Allon nachfolgte, legte Tante Katharina ihre Hand auf ſeine Schulter und flüſterte: „Keine Scenen, keine Auftritte, welche ſie auf⸗ regen könnten, bedenke das. So lang ſie noch der Pflege bedarf, bleibe ich hier, und ich muß dir gleich ſagen, daß Beate ihre Naſe nicht in Gurli's Zimmer hineinſtreckt, wofern Du willſt, daß dieſe hier bleibe.“ Allon gab keine Antwort. Er dünkte ſich in die fatalſte Lage verſetzt, worin nur ein Sterblicher ge⸗ rathen konnte; und doch kam es ihm wieder wie eine Schickung des Himmels vor, daß Gurli nach Birgers⸗ borg zurückgekehrt war und ihm ſomit einen Brief an ſie erſpart hatte. XXXIV. Die Begrüßung, welche die beiden Ehegatten wechſelten, war ſehr kurz; denn der Doktor, welcher Gurli begieitet hatte, fand ſich in demſelben Augen⸗ blic ein, als Allon herbei kam, um ſie willkommen zu heißen. Der Arzt bat Jedermann, außer Tante Katharina, ſich zu entfernen. 191 Frau von Stral bedarf nach der langen Fahrt der Ruhe,“ erklärte er. Stephan und Allon gingen mit einander hinaus. „Laß uns in dein Zimmer treten,“ bemerkte Stephan;„ich habe dir ein paar Worte zu ſagen, ehe ich nach Breddal zurückkehre.“ Sie nahmen den Weg dort hin. „Gurli befindet ſich jetzt unter demſelben Dach mit dir,“ begann Stephan⸗ daſelbſt ohne alle weitere Vorbereitung;„aber nicht mehr ſtark und geſund, wie ehedem, ſondern krank und ſchwach; es geht alſo nicht an, daß Du ein Dakapo von Auftritten zum Beſten gibſt, welche früher hier ſtattgefunden haben, als Du und deine Mutter ihr Möglichſtes thaten, Gurli das Leben recht fauer zu machen.“ „Höre, Stephan, ich laſſe nicht... „O ja, Du wirſt mich ſchon ausreden laſſen,“ fuhr Stephan fort.„Was ich dir zu ſagen habe, be⸗ trifft euer beider Wohl. Ich habe bisher geſchwiegen und mich nicht in dein Thun und Laſſen gemiſcht; ich habe dich nur einmal an das Verſprechen erinnert, welches Du mir an deinem Verlobungstage gegeben. Die Urſache zu meinem Stillſchweigen iſt deine ebenſo einfältige als unmotivirte Eiferſucht geweſen. Jedes von mir ausgehende Eingreifen in deine Verhältniſſe hätte derſelben nur Nahrung gegeben, und darum blieb ich ein ſtummer Zuſchauer von dem, was vor⸗ ging. Jetzt iſt es anders. Du kannſt nicht eiferſüchtig Shie Frau ſeyn, von welcher Du dich ſcheiden willſt. „Habe ich das gewünſcht?“ rief Allon. Ja, und der Beweis davon iſt hier.“ Stephan zeigte ihm zwei Briefe. 192 Allon mußte ſie als die ſeinigen anerkennen. Er hatte ſie vor einigen Tagen an Amy geſchrieben. Stephan hielt ſie empor und ſetzte hinzu: Bei dieſen Zeugniſſen gegen dich wird es dir ſehr ſchwer fallen, Gurli zu überreden, Etwas zu thun, um dir aus der pekuniären Verlegenheit, worein Du gerathen biſt, zu helfen. Sie wird ſicherlich dich deinem Schickſal überlaſſen, wenn ſie den Beweis erhält, was für ein elender Wicht Du biſt.“ „Welche niedrige Verrätherei!“ murmelte Allon. „Von einer Verrätherei gegen einen verheiratheten Mann, welcher mit einer andern Frau als ſeiner attin von Liebe ſpricht, kann nicht die Rede ſeyn. Gegen ihn braucht man keine zarten Rückſichten zu beobachten. Doch nicht um dir eine moraliſche Vor⸗ leſung zu halten, habe ich mich eingefunden, ſondern um dir die Bedingungen anzugeben, unter welchen ich davon abſtehe, dieſe Briefe in Gurli's Hände ge⸗ langen zu laſſen. Meine Bedingungen ſind: Du ent⸗ fernſt erſtens ſogleich deine Mutter. Sie muß fort, nicht blos aus deinem Hauſe, ſondern auch aus der Gegend; und Du behandelſt zweitens deine Frau mit all der Schonung und Rückſicht, welche ihre ſchwache Geſundheit erheiſcht. Das iſt es, was ich fordere. Du wirſt mir dein Ehrenwort darauf geben und das⸗ ſelbe beſſer halten, als es mit deinem Verſprechen geſchehen.“ „Das iſt überflüſſig,“ entgegnete Allon.„Schon geſtern habe ich beſchloſſen, meine Mutter abreiſen zu laſſen, und ich werde wohl kaum darauf zu ſchwören brauchen, daß ich nicht den Henker meiner eigenen Frau machen werde.“ „Du biſt es früher ſchon einmal geweſen, und 193 bei deinem Charakter kannſt Du es leicht von Neuem werden.“ „In dieſem Fall kannſt Du von den Briefen Gebrauch machen. Ich gebe kein Verſprechen.“ „Gut alſo; ich glaube dir eher, wenn Du nichts verſprichſt,“ ſagte Stephan, und damit ſchieden die Couſins. XXRV. Beate reiste ein paar Tage darauf von Birgers⸗ borg ab. Allon begleitete ſie bis nach Gothenburg. Die gnädige Frau war nahe daran, vor Bosheit zu erſticken, als ſie ſich nicht allein von Birgersborg, wo ſie jetzt ſchon beinahe zwei Jahre reſidirt hatte, trennen mußte, ſondern auch von den Intriguen, zu welchen ſie in Compagnie mit Grünlund und Madame Teverino einen ſo prächtigen Aufzug gemacht hatte, die Hand abzuziehen genöthigt wurde. Wäre Beate's Haß gegen Gurli noch einer Stei⸗ gerung fähig geweſen, ſo würde dieſe jetzt ſicherlich erfolgt ſeyn. Sie that ſich auch ſelbſt das Gelübde, nicht eher zu ruhen, als bis Allon von Gurli ge⸗ ſchieden und mit Amy verheirathet wäre. Auf der Heimfahrt von Gothenburg nahm Allon den Weg über Erikstorp. Er wollte Amy aufſuchen, um ihr zu ſagen, wie ſchlecht ſie ſeiner Meinung nach an ihm gehandelt habe. Er beabſichtigte ihr zu erklären, daß wenn ſie ihn verachte, er ſie nun mit derſelben Münze bezahle. Er empfand ein unwiderſtehliches Bedürfniß, dem ganzen Zorn, von welchem er ergriffen worden war, 194 als er ſeine Briefe an Amy in Stephan's Händen ſah, nunmehr Worte zu geben; aber das Schickſal hatte beſchloſſen, daß er dieſes Mal keine Veranlaſſung hiezu bekommen ſollte; denn bei der Ankunft zu Erikstorp erhielt er die Nachricht, daß Madame Te⸗ verino mit ihrer Tochter ſchon Tags zuvor abgereist wäre. In Birgersborg angekommen, gab er vor, er habe ſich den Fuß verrenkt, um dadurch eines Beſuchs bei Gurli überhoben zu werden, und hielt ſich ſomit auf ſeinem Zimmer. Er wollte bis auf Weiteres einer Begegnung mit ihr ausweichen; aber ſobald Gurli von dem angeb⸗ lichen Unfall unterrichtet wurde, fand ſie ſich bei ihrem Mann ein, um ſich zu überzeugen, daß es nicht ſo ſchlimm mit der Sache ſtände. So mild, ſo theilnehmend, ſo freundlich, wie Gurli jetzt ſich zeigte, hatte Allon ſie niemals geſehen; aber dieſe Freundlichkeit verfehlte aller Wirkung; denn die Wangen waren bleich und abgezehrt, und ihr ganzes Aeußere ſo verändert, daß Allon ſie geradezu häßlich fand. Er konnte die nicht lieben, welche nicht mehr ſchön war. Gurli's Herzlichkeit wurde ihm darum nur beſchwerlich. Er ließ ſich nicht im Min⸗ deſten dadurch rühren. So vergingen zwei Wochen. Allon hatte unterdeſſen ſich eines Mahnbriefs nach dem andern zu erfreuen gehabt, und die Be⸗ kümmerniß, wie er ſich retten könnte, wurde mit jedem Tage größer. Der neue Inſpektor brauchte Geld. Allon konnte ſolches unmöglich anſchaffen. Es gab nur ein Mittel, ſich aus dieſer Drangſal zu helfen, und dieß war, ein Anlehen auf Birgers⸗ 195 borg aufzunehmen, wie ſolches Allon von dem Bür⸗ germeiſter D., dem alten Geſchäftsagenten des Fal⸗ kenſtern'ſchen Hauſes, angerathen wurde. Anlehen konnte aber nur Gurli ſelbſt machen. Während der Bürgermeiſter, welcher am Morgen zu Birgersborg angelangt war, bei Allon verweilte, hatte der Inſpektor ſich bei Gurli eingefunden, um ihr davon zu machen, wie die Sache ſtände. Der Sommer war vergangen, ohne daß Allon irgend entſchiedene Maßregeln zur Anſchaffung von Mitteln für den Betrieb des Gutes ergriffen hätte, und deßhalb wandte ſich jetzt der Inſpektor an Gurli, da er in Erfahrung gebracht hatte, daß daſſelbe kraft des Chevertrags Gurli's ausſchließliches Eigenthum wäre. Während Allon dem Bürgermeiſter die ökonomiſche Lage auseinander ſetzte, ſtattete der Inſpektor ſeiner⸗ ſeits Gurli einen vollſtändigen Bericht darüber ab. Die Großhändler, an welche der Ertrag der Johresernte abgeliefert wurde, hatten denſelben als Abſchlagszahlung auf die Allon vorgeſchoſſenen Geld⸗ ſummen ſich angeeignet, ſo daß man alſo dafür keine Einnahme erzieite. Ein Theil der Dienſtleute hatte noch rückſtändigen Lohn zu fordern und weigerte ſich, weiter zu arbeiten, ehe ſie Bezahlung erhielten u. ſ. w. u. ſ. w. Gurli, welche ſich noch allzu ſchwach gefühlt hatte, um von Geſchäftsangelegenheiten Notiz zu nehmen, vergaß bei Anhörung des Inſpektors ihrer gebrochenen Geſundheit, um mit ganzer Seele auf die ihr gemachte Schilderung einzugehen. Sie hatte allerdings ſich auf Unordnungen und 196 Mißſtände gefaßt gemacht, aber nicht einmal an die Möglichkeit gedacht, daß dieſe ſo groß wären, da die jährlichen Einkünfte von Birgersborg ſich auf mehr als fünfzigtauſend Reichsthaler beliefen. Als der Inſpektor von den ökonomiſchen Ver⸗ hältniſſen zur Darlegung der moraliſchen Zuſtände unter dem Volk überging, fiel dieſe noch trauriger aus. Die Hinterſaßen waren arm, faul, gleichgiltig und unzuverläſſig. Sie beträchteten Birgersborg als einen gottver⸗ laſſenen Ort, die Beſitzerin davon als ein verlorenes Geſchöpf und ſich ſelbſt als Auserkorene des Himmel⸗ reichs, darum, weil ſie früh und ſpät Pſalmen ſangen und beteten. Die Verarmung war allgemein; Trägheit und vollkommene Arbeitsſcheu herrſchten bei den meiſten; denn ſie hofften, Gott werde ihnen ſchon aus ihrer Noth helfen, wenn ſie nur fleißig zu ihm beteten, ohne daß ſie ſelbſt ſonſt etwas zu thun brauchten. Gurli ſtützte ihre bleiche Stirne auf die Hand und klagte ſich ſelbſt an, daß ſie ihre Pflichten gegen alle dieſe Menſchen, weiche von ihr abhängig waxen, nicht gehörig erfüllt hatte. „Wie werde ich einmal Rechenſchaft vor Gott ablegen können!“ lautete die Stimme ihres Gewiſſens. Sie entließ den Inſpektor, einen klugen und ver⸗ ſtändigen Mann, und verſprach ihm, ſobald als mög⸗ lich dem Uebel abzuhelfen. Darauf begab ſie ſich zu Allon. 2 Als Gurli bei ihm ankam, ging er eben in großer Erregung in ſeinem Arbeitszimmer auf und ab. „Ich hatte mir vorgenommen,“ begann Gurli, „mit der Beſprechung von Geſchäftsſachen ſo lang zu warten, bis meine Geſundheit vollkommen hetgeſteht 197 wäre; da ich indeſſen von dem Inſpektor eine voll⸗ ſtändige Schilderung unſerer ökonomiſchen Lage erhal⸗ ten habe, ſo finde ich, daß mit jedem Tage Aufſchub unſere Verlegenheit ſich nur noch erhöhen würde, und darum ſind wir gezwungen, ſogleich auf Mittel und Wege zu denken, um dem Uebel vorzubeugen, anſtatt es zu verſchlimmern. Ich muß dir alſo ſagen, lieber Allon, daß ich es für unſer beider Zukunft am beſten erachte, wenn ich die Vollmacht zurücknehme, mittelſt welcher ich die Verwaltung von Birgersborg auf dich übertragen habe.“ „Was ſoll das bedeuten?“ „Nichts weiter, mein Freuud, als daß Du nicht daran gewöhnt biſt, ein großes Landgut zu bewirth⸗ ſchaften, daß unſere ökonomiſche Stellung in großer Gefahr iſt und dieſe gerettet werden muß.“ Gurli ſetzte nun Allon auseinander, wie ſie ein ſolches Arrangement zu treffen gedenke, daß eine ge⸗ wiſſe Summe für ihre perſönlichen Ausgaben feſtge⸗ geſtellt werden und Allon hierüber natürlicherweiſe das Verfügungsrecht zuſtehen; daß ferner ein gewiſſer Theil von dem Gutsertrag zur Bezahlung von Allons Schulden und zur Deckung von dem Deſicit, welches durch die Unredlichkeit des früheren Verwalters ent⸗ ſtanden wäre, beſtimmt; und daß endlich ein weiterer Theil zum Beſten der Hinterſaßen von Birgersborg verwendet werden ſollte. Gurli ſprach gelaſſen, aber zugleich mit einer ſolchen Beſtimmtheit, daß ſie es für ausgemacht an⸗ zunehmen ſchien, Allon werde keinen Augenblick zögern, auf ihren Vorſchlag einzugehen. Aber darin irrte ſie ſich. Er war einmal von ihr mit der Verwaltung von 198 Birgersborg beauftragt und wollte ſomit nicht gut⸗ willig darauf Verzicht leiſten. Gurli erklärte ihm, in ſolchem Fall wäre ſie nicht geneigt, ein Anlehen auf Birgersborg aufzunehmen, oder ſich in eine Bürgſchaft dafür einzulaſſen. Allon wurde zornig, ſtieß verletzende Worte aus, aber ohne daß dieſelben irgend eine Wirkung auf Gurli hervorbrachten. Ihre Antwort war ſanft und ernſt, aber ſie blieb unabänderlich bei ihrem Entſchluß, und Allons Aus⸗ fälle halfen zu nichts. Gurli ließ ſich bei ihrer beſtimmten Weigerung, ein Anlehen aufzunehmen, ſo lang Allon Verwalter der Gutseinkünfte wäre, nicht einmal durch Hinwei⸗ ſung darauf, in welcher erniedrigenden und abhängi⸗ gen Stellung als Mann er ſich befinden würde, irre machen; und endlich, als Allon der beſtändigen Mah⸗ nungen und all der Drangſale müde, einſah, daß ihm keine andere Wahl bliebe, beſchloß er, aus der Noth eine Tugend zu machen und ſich in Gurli's Willen zu fügen. In ſeiner Erbitterung legte er ſich aber heimlich den Schwur ab, ſie dafür bezahlen zu laſſen, ſobald ſie ſchriftlich einmal ſich verbindlich gemacht hätte, ſeine gegenwärtigen Schulden zu übernehmen, was Gurli zu thun verſprach, wenn er erſt die frühere Vollmacht in ihre Hände zurückgegeben hätte. SSchon am folgenden Tag ſchickte Gurli einen Boten an den Bürgermeiſter H. und ließ ihn um einen Beſuch bitten. Mit einer Energie und Klugheit, welche man ihr nicht zugetraut hätte, griff Gurli das Werk an, um unter dem Beiſtand von O. wieder Ordnung in die Geſchäftsangelegenheiten zu bringen. „ 199 Die Thätigkeit, in welche ſie ſo plötzlich verſetzt wurde, übte einen wohlthätigen Einfluß auf Gurli's Geſundheit; denn die bleichen Wangen bekamen wieber eine lebhaftere Farbe und die Augen etwas von ihrem früheren Glanze. XXXVI. Gurli hatte in den Tagen ſtummer Qual, da ſie vergeſſen und verlaſſen von ihrem Mann dalag, ihr Herz erforſcht die Beweggründe ihres Thuns geprüft und demüthig vor Gott und ſich ſelbſt bekannt, daß ſie kein glücklicheres Loos verdiente, als welches ihr zu Theil geworden war. Was ſie in jüngern Jahren nicht faſſen gewollt, ct ſie jetzt in den Stunden des Schmerzes verſtehen gelernt. Die moraliſche Entwicklung ihres Innern zu einem höhern und edlern Streben, als der Glaube an die eigene Kraft eingibt, hatte Gurli der Selbſtſucht, worin ſie bisher befangen geweſen, entrückt. Je deut⸗ licher das Bild des göttlichen Ideales vor Gurli's Seele trat, deſto klarer wurde ihr auch, wie und auf welche Weiſe ſie den Gott anbeten mußte, vor welchem ſie an dem großen Gerichtstage von dem, was er ihr Betrieb anvertraut hatte, Rechenſchaft ablegen ollte. „Das Bewußtſein davon lehrte ſie auch, daß ſie nicht in zweckloſer Trauer über den Mangel an eigenem Glück ihr Leben verſtreichen laſſen dürfte, ſondern arbeiten müſſe, v das, was ſie gefehlt hatte, wieder gut zu machen, und darum ſuchte ſie auch nach einer 200 nützlichen Thätigkeit, wodurch ſie der Leiden, welche ſie ſich zugezogen, vergeſſen könnte. Da Gurli, ungeachtet der bedenklichen Miene des Doktors ſich ſelbſt als geneſen betrachtete, hielt Tante Katharina ihre Anweſenheit für überflüſſig und ſagte ihr darum Lebewohl. Gurli bat die Alte nicht, zu bleiben. Sie wußte, daß dieß vergeblich wäre; auch erkannte ſie wohl, daß ihre Gegenwart für Allon eine Plage ſei; aber ſie erſuchte dieſelbe, bei den Hinterſaßen von Birgersborg, welche bisher eine Unterſtützung von der Gutsherr⸗ ſchaft genoſſen hatten, herumzufahren und ſich zu er⸗ kundigen, ob ſie von Grünlund aus den Mitteln, die ihm zur Verwaltung geſtellt waren, das Ihrige er⸗ halten hätten. Gurli ſelbſt konnte noch keine weitern Ausflüge unternehmen und betrachtete überdieß Tante Katha⸗ rina, welche von alten Zeiten her bei dem Volke be⸗ liebt und geehrt war, als die paſſendſte Perſon, um über Lage und Verhältniſſe der Leute ſich die gehörige Kunde zu verſchaffen. In kurzer Zeit hatte auch Tante Katharina mehrere nicht ſehr ehrenhafte Beweiſe zuſammengebracht, wie der fromme Paſtor im Namen Gottes die Armen be⸗ ſtohlen und die Unterſtützungen, welche dem Kranken⸗ hauſe und der Schule zufließen ſollten, in ſeine eigene Taſche geſteckt hatte. Nachdem es Gurli gelungen war, dieß mit Zahlen darzuthun, hielt ſie ſich für ſtark genug, um Grün⸗ lund ihres Herzens Meinung ins Geſicht zu ſagen. Gurli's erſte Ausfahrt galt daher dem Com⸗ miniſter. Wir erachten es für unnöthig, im Einzelnen mit⸗ 201 zutheilen, was zwiſchen Lehrer und Schülerin von ehemals vorging. Ohne Aerger, aber auf eine ſehr beſtimmte Weiſe hatte Gurli ihm ihre Meinung geſagt. Grünlund beantwortete ihre Anklagen mit einer gottſeliaen Herzensergießung über die Ungerechtigkeit, deren Opfer er wäre; aber Gurli unterbrach ihn kurz mit der Erklärung, wenn ſie eigentlich ſtreng und nach Pflicht handeln wollte, ſo müßte ſie ſeine Schelmen⸗ ſtücke an die Oeffentlichkeit bringen, denn ihrer An⸗ ſicht nach habe er ſchon längſt das Recht verwirkt, das Amt, in welchem er ſtehe, zu bekleiden. Sie riethe ihm daher, ihr nicht imponiren zu wollen, ſondern hinfort ſein Benehmen zu ändern und nicht durch ſeine Bosheit das Volk zu verderben. Wenn er da⸗ mit fortführe, ſo würde ſie ihn wegen der unredlichen Verwaltung der Armenkaſſe zur Rechenſchaft ziehen. Gurli redete die ungeſchmeichelte Sprache der Wahrheit und entfernte ſich mit der Verſicherung, ſie werde ein wachſames Auge auf ihn haben. Als Gurli von ihrem Beſuche in der Wohnung des Comminiſters heimkehrte, überreichte man ihr ein Billet von Allon, begleitet von der Meldung, daß der Königliche Sekretär abgereist ſei. Etwas überraſcht öffnete Gurli daſſelbe und las wie folgt: „Meine liebe Gurli! „Ich hoffe, Du haſt gleich mir unſer Zuſammen⸗ leben in den letzten Wochen ſo unangenehm gefunden, daß eine Verlängerung deſſelben unſere Gemüther nur noch mehr erbittern würde. Ich habe darum auch meinen Entſchluß gefaßt und reiſe nach Stockholm, wohin der Dienſt mich ruft, und vermuthe, daß Du, nunmehr von Geſchäftsangelegenheiten ſo ſehr in An⸗ 202 ſpruch genommen, es vorziehſt, in Birgersborg zu bleiben. 2 „Durch dieſes Arrangement entgehen wir dem Unbehagen, zuſammenleben zu müſſen, und weichen zugleich dem Skandal einer Scheidung aus. „Du glaubſt möglicher Weiſe, daß ich mich durch deine verſtellte Frenichei habe täuſchen laſſen; aber Du irrſt dich; ich habe hinter der ſchönen Maske erkannt, daß es dir im Herzen ebenſo ſchwer fällt, meinen Anblick zu ertragen, als dieß auch meinerſeits gegenüber von dir der Fall iſt. Die Nothwendigkeit zwingt uns, vor der Welt noch als Gatten zu erſchei⸗ nen; aber wir wollen uns durch dieſen Zwang ſo wenig als möglich inkommodiren laſſen. S llon.“ Nach Durchleſung des Briefs fühlte ſich Gurli bei dieſem neuen Beweiſe von Allon's Treuloſigkeit einen Augenblick wie vernichtet. Sie hatte nach dem Geſpräch mit Stephan auf eine Wiedervereinigung zwiſchen Allon und ihr zu hoffen angefangen; und nun, nun kam dieſer Brief, um ihre Hoffnung gänz⸗ lich zu zerſtören. Nachdem Gurli ſich von dem ſchmerzlichen Schlage einigermaßen erholt hatte, dachte ſie: „Wohlan, mag er haben, was er wünſcht. Ich bleibe hier und wache über ſeinen und den Intereſſen derer, welche mir untergeben ſind.“ Die Urſache von Allon's haſtigem Aufbruch wa⸗ ren zwei Briefe geweſen, welche er Tags uvor erhal⸗ ten hatte. Der eine war von Madame Teverino, der andere von ſeiner Mutter. Madame Teverino ſprach ihr Bedauern aus, daß es ihr nicht vergönnt geweſen wäre, vor ihrer Abreiſe von Erikstorp Allon noch zu ſprechen und ihn von 203 dem äußerſt bedenklichen Geſundheitszuſtande Amy's in Kenntniß zu ſetzen. Sie erſuchte ihn, ſobald als möglich nach Stockholm zu kommen, da ſie ihm eine wichtige Mittheilung zu machen hätte. Ihr Schreiben ſchloß mit den Worten: „Ich kann vielleicht Aufklärung über Vieles ge⸗ ben, was zu wiſſen Ihnen von Nutzen ſein dürfte, indem ich Ihnen beweiſe, daß Ihre Frau im Einver⸗ ſtändniß mit dem Bezirksrichter Braun auf unwürdige Weiſe eine meiner Tochter erwieſene Artigkeit be⸗ nützt hat, um Sie dahin zu bringen, auf Alles, was man wünſchte, einzugehen, und Sie in Ab⸗ hängigkeit von ihr zu verſetzen. Meine arme Amy hat um dieſer Intriguen willen die bitterſten Leiden ausgeſtanden.“ Beate's Brief war kurz, aber inhaltreich. Er lautete: „Mein lieber Allon!“ „Obwohl dein charakterloſes Benehmen mein Herz für dein Wohl oder Wehe erkälten ſollte, iſt doch meine mütterliche Liebe ſo groß, daß ich noch einmal dir einen Rath geben will. Reiſe, ſobald Du Ma⸗ dame Teverinos Brief in Händen haſt, nach Stock⸗ holm, Du wirſt dafelbſt Kenntniß von Dingen er⸗ halten, welche ſicherlich, wofern Du als ein kluger ann Nutzen daraus zu ziehen weißt, deiner Stel⸗ lung im Leben eine veränderte Geſtalt geben werden. Gehorche dieſer Ermahnung von deiner immerdar dich zärtlich liebenden Mutter.“ Allon, welcher ſeine Verhältniſſe zu Gurli im höchſten Grade unbehaglich fand, ſeitdem er von ſeiner Stelle als Herrſcher zu Birgersborg hatte abdanken müſſen, ergriff mit Begierde die Ausſicht, Gurli auf 204 einer trügeriſchen Handlung gegen ihn betreten zu können. Die Erbitterung gegen Madame Teverino und Amy war auf einmal verſchwunden, und er ſuchte nun zwiſchen den Zeilen des erſten Briefs eine ſeiner Eitelkeit ſchmeichelnde Erklärung der Handlungsweiſe der letztern herauszuleſen; denn er betrachtete dieſelbe als das Ergebniß einer von Stephan und Gurli an⸗ geſponnenen Intrigue. Genug, dieſe Briefe gaben Allon eine erſehnte Veranlaſſung, unverzüglich Birgersborg zu verlaſſen und ſich nach Stockholm zu begeben, etwas, das jetzt ganz nach ſeinem Geſchmack war, nachdem Gurli die Bezahlung ſeiner Gläubiger auf ſich genommen hatte, und ihm wieder die Ausſicht eröffnet war, ein frohes Leben zu führen und neue Schulden zu machen, für deren Bezahlung Gurli ſpäterhin wieder beſorgt zu ſein das Vergnügen haben ſollte. XXXKVII. Zwei Tage nach Allon's Abreiſe fand ſich Ste⸗ phan zu Birgersborg ein. Er kam, um Gurli einen Brief zu bringen, welchen Walter an ihn geſchrieben hatte und ſeinem Inhalt nach auch Gurli mitgetheilt wiſſen wollte, da er, wie es darin hieß, es immer noch für das Räthlichſte erachtete, nicht direkt an die⸗ ſelbe zu ſchreiben. Während Stephan das Schreiben vorlas und er wie Gurli ihre Aufmerkſamkeit demſelben zuwandten, pemerkten ſie nicht, daß Jemand den Kopf durch den Thürvorhang hereinſteckte und ſogleich wieder zurück⸗ 205 zog— eine Bewegung, die ungemein ſchnell vor ſich ging, aber dem Lauſcher es doch zu ſehen möglich machte, ob Stephan, nachdem er mit dem Vorleſen fertig war, den Brief behielt, oder Gurli übergab. Als Stephan eine Weile von Walter und deſſen Planen geſprochen hatte, ging er auf Gurli's Privat⸗ leben über. „Man ſagte mir, als ich hierher kam, Allon ſei abgereist; wohin hat er ſich denn begeben?“ „Nach Stockholm, wohin ſein Dienſt ihn rief,“ erwiederte Gurli in einem Tone, welcher zu erkennen gab, daß ſie mit weitern Fragen verſchont zu werden wünſchte. Stephan verſtand ſie und verabſchiedete ſich kurz darauf mit den Worten: „Ich reiſe morgen nach der Hauptſtadt, denn ich habe Walter verſprochen, ihm mit jeglichem Rathe, den ein Juriſt geben kann, beizuſtehen und zur Auf⸗ deckung des verübten Betrugs behülflich zu jein. Er muß, wie Du aus dem Briefe vernommen haſt, in einigen Wochen zu Stockholm eintreffen.“ „Als Gurli beim Abſchied Stephan die Hand reichte, bemerkte ſie: „Ich gäbe weiß nicht was darum, wenn man den rechten Erben auffände.“ Sobald Stephan fort war, eilte Lotta zu dem Comminiſter, um Grünlund mitzutheilen, was ſie hin⸗ ter dem Thürvorhang von Walters Brief und von der Unterredung zwiſchen dem Bezirksrichter und der gnädigen Frau aufgeſchnappt hatte. Am Tage darauf trat der Prieſter eine Reiſe an, man wußte noch nicht wohin. Wieder vergingen ein paar Wochen. Gurli fuhr fort, in nützlichem Wirken und Schaf⸗ Schwartz, Der Rechte. MI. 14 206 fen zum Beſten anderer Vergeſſenheit ihrer eigenen Leiden zu ſuchen. Eines Morgens, als ſie erwachte— es war etwas über vierzehn Tage ſeit Allon's Abreiſe— übergab man ihr einen Brief mit dem Poſtſtempel Gothenburg. Sie betrachtete die Adreſſe. Dieſelbe war von Walter geſchrieben, aber mit unſicherer und zittern⸗ der Hand. Gurli erbrach das Couvert. „Mein Gott, wenn ihm Etwas geſchehen wäre, dachte ſie. Der Inhalt lautete: „Meine theure Gebieterin! „Schwer krank bin ich hier angelangt, und das Schlimmſte befürchtend, flehe ich Sie an, unverzüglich hicher nach Gothenburg zu kommen, damit ich, im Fall meine Krankheit einen tödtlichen Verlauf nehmen ſollte, Ihnen die wichtigen Enideckungen mittheilen kann, welche von mir gemacht worden ſind und Alles noch zu einem guten Ende führen können. Ihr ergebener Diener Walter Yactes.“ Gurli gab ſogleich Befehl, zu ihrer Abreiſe Vor⸗ kehrungen zu treffen. Die unſichere und zitternde Handſchrift bewies nur allzu deutlich, daß Walter ſehr krank war. Sie ließ den Inſpektor rufen, ertheilte ihm Ver⸗ haltungsbefehle, im Fall ſie länger ausbleiben würde, als ſich jetzt vorausſehen ließe, und ſagte ihm, er ſollte ſich, wenn er während ihrer Abweſenheit irgend etwas benöthigt wäre, an den Bürgermeiſter O. wenden. Darauf reiste ſie ab. 3 Als der Diener den Kutſchenſchlag gerade ſchloß ² 207 und neben dem Kutſcher ſeinen Platz nehmen wollte, eilte Fiſcher⸗Matthes ſo ſchnell, als es für einen hin⸗ kenden Mann möglich war, herbei. Es iſt jedoch un⸗ gewiß, ob er noch an den Wagen vor deſſen Abfahrt angelangt wäre, wenn Gurli ihn nicht geſehen hätte. Sie gebot alſo dem Kutſcher, noch einen Augenblick zu warten. „Nun, wie ſteht es mit dir, lieber Matthes?“ fragte Gurli, als er am Wagen ſtand.„Es iſt ſchon lang her, daß ich dich nicht geſehen habe, aber ich weiß von dem Bezirksrichter, daß es dir gut geht.— Wünſcheſt Du etwa mit mir zu ſprechen, da Tu ſo eilig haſt?“ ſetzte ſie freundlich hinzu. Matthes holte tief Athem. „Ich wollte Euer Gnaden um Etwas bitten,“ ſtammelte er. „Nun, laß hören. Kann ich deine Bitte erfüllen, ſo ſoll es geſchehen.“ „Ja, ſehen Sie, ich hörte unterwegs, daß Euer Gnaden nach Gothenburg reiſen werden, und da wollte ich Sie um Erlaubniß bitten, daß ich mich auf den Bock ſetzen und mitfahren darf,“ ſagte Matthes, in⸗ dem er ſeinen blanken Hut zwiſchen den Händen drehte. „Gern. Haſt Du Etwas in Gothenburg zu thun?“ „Ja, ja, und es iſt mir viel daran gelegen, hinzukommen.“ „In dieſem Fall mag Franz zu Hauſe bleiben, und Du kannſt neben Bergſtröm Platz nehmen,“ be⸗ jahl Gurli, zu dem Diener gewendet. Sobald Matthes auf ſeinem erhöhten Sitze an⸗ gelangt war, fuhr der Wagen ab. Spät am Abend rollte er in die ebenen Straßen von Gothenburg hinein. Gurli ließ nach dem Hauſe fahren, wo ſie ge⸗ 208 wöhnlich ihr Quartier nahm. Es war bereits finſter. Der Wagen hielt an dem Thore, wo ein Mann ſtand und wartete. Er kam auf Gurli zu und fragte auf Engliſch: „Miſtreß von Stral?“ „Die bin ich,“ antwortete Gurli. „Ich ſoll Miſtreß erſuchen, mit mir in den Hafen hinabzufahren. Herr Yactes iſt am Bord des Was⸗ hington, wo er ſehr krank darniederliegt. Gurli forderte den Mann auf, den Platz von Matthes auf dem Bock einzunehmen; dann fuhr der Wagen mit großer Eile nach dem bezeichneten Orte. Man befand ſich am Schluſſe Oktobers. Der Abend war ziemlich ſtürmiſch und ein ſchwerer, feuch⸗ ter Nebel hing gleich einer düſtern Trauerwolke über der Erde. Der Theil des Hafens, wo der Washingkon lag, war ganz öde. Ein paar matte und von dickem NRebel umhüllte Laternen trugen äußerſt wenig zur Beleuch⸗ tung des Kai's bei, und man mußte mit der Lage der Schiffe ſehr genau bekannt ſein, um das eine von dem andern zu unterſcheiden.. Curli's Führer fand jedoch dasjenige, wohin er ſie bringen ſollte, ohne Schwierigkeit, und nachdem er durch einen Ruf dem auf dem Washington wartenden Matroſen ſeine Ankunft zu erkennen gegeben hatte, wurde ein Licht ſichtbar und er führte Gurli an Bord. Mehrere Minuten waren verfloſſen ſeitdem Gurli ihren Wagen verlaſſen hatte; da ſtieg der Kapitän des Washington an's Land und theilte dem Kutſcher in gebrochenem Schwediſch mit, ſeine Herrin laſſe ihm ſagen, er ſolle nach ihrem Logis fahren und dort weitere Ordre abwarten. 4 Froh, hier wegzukommen und nicht in Nebel, —. 209 Finſterniß und Sturm auf ſeine Gebieterin warten zu müſſen, ließ Bergſtröm ſich dieß nicht zweimal ſagen, ſondern verſetzte den Pferden einen Hieb mit der Peitſche und fuhr vom Hafen ab. In demſelben Augenblick, als der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, ſtieg Jemand vom Hinterſitz herab und ſchlich ſich nach der Laufplanke, auf welcher der Kapitän ſtehen blieb, bis das Rollen der Wagenräder in der Ferne verhallte. Eine Stunde ſpäter lichtete das Schiff die Anker und glitt langſam aus dem Hafen hinaus; ſtill und lautlos wie ein Geſpenſt fuhr es auf der ſchwarzen unruhigen Waſſerfläche dahin. Am folgenden Morgen wurde dem Kutſcher, wel⸗ cher Gurli nach Gothenburg gebracht hatte, ein Brief mit der Adreſſe an den Inſpektor eingehändigt und ihm zugleich im Namen der gnädigen Frau aufge⸗ geben, nach Birgersborg heimzufahren und das Schrei⸗ ben dem Inſpektor zu überliefern. XXXVIII. Allon's erſter Beſuch, nachdem er in Stockholm angekommen war, galt Madame Teverino. Er wurde von der würdigen Frau wie eine Er⸗ ſcheinung aus einer beſſern Welt empfangen. Sie vergoß Thränen der Freude, ſprach von ihrer Freund⸗ ſchaft für Allon und ſeine Mutter und machte ihm in Folge ihres Wortſchwalls unmöglich, nur einen Buchſtaben über ſeine Lippen zu bringen. Endlich gelang es ihm jedoch, ſeinen Wunſch, daß er Amy zu ſehen bekäme, auszuſprechen. 210 Madame Teverino's Miene veränderte ſich. Die erkünſtelte Rührung, welche ſie bei Allon's Ankunft gezeigt hatte, wich einem Ausdruck ſo tiefen Kummers, daß Allon merkte, er habe einen ſchmerz⸗ lichen Punkt in ihrer Seele berührt. „Amy iſt krank,“ antwortete Madame Teverino. „Sie hat ſeit unſerer Ankunft in Stockholm ihr Zim⸗ mer gar nicht, und nur auf Augenblicke ihr Bett ver⸗ laſſen. Sie können dieſelbe nicht eher ſehen, als bis es wieder mit ihr beſſer geht, denn ſie darf Niemand empfangen. Ich will Ihnen inzwiſchen erklären, wie die Briefe an Amy inzwiſchen in die Hände des Be⸗ zirksrichters gekommen ſind, und warum Amy bei Ihrem letzten Zuſammentreffen mit derſelben ſo un⸗ freundlich gegen Sie geweſen. Alles iſt das Werk von Ihrer Frau und von Braun.“ Madame Teverino tiſchte nun Allon eine lange und rührende Hiſtorie auf, wie ſie und ihre Tochter während einer unglücklichen Periode in ihrem ver⸗ floſſenen Leben die Bekanntſchaft mit Stephan gemacht, und wie er ihnen damals einen Dienſt geleiſtet hätte, über welchen ſie ſich aus Schonung für ihren ver⸗ ſtorbenen Mann in keine nähere Erklärung einlaſſen wolle. Genug, eine Wirkung dieſes Dienſtes war ge⸗ weſen, daß Stephan eine gewiſſe Gewalt über Amy erlangte, da dieſelbe eine Verpflichtung der Dankbar⸗ keit gegen ihn zu haben glaubte. Mit den Briefen verhielt es ſich folgendermaßen: Am Tage vor Amy's letzter Anweſenheit in Bir⸗ gersborg hatte Stephan, während Madame Teverino und Beate mit einander ausgefahren waren, Amy in Erikstorp einen Beſuch gemacht. Er hatte durch Bitten und Drohungen Amy das Verſprechen abgenöthigt, jeden Umgang mit Allon abzubrechen, welcher, wie 211 Stephan behauptete, Amy nur deßhalb ſeine Huldi⸗ gung darbrachte, um vor der Welt damit prahlen zu tönnen, daß ſie ihm den Vorzug vor Andern gäbe. Genug, Stephan war es gelungen, Amy ſo auf⸗ zureizen, daß ſie im Zorn und um ſich an Allon zu rächen, welcher nach Stephan's Verſicherung die Artig⸗ keit der Mutter und die Freundlichkeit der Tochter dazu benützte, um hinter ihrem Rücken über ſie zu lachen, demſelben die Briefe gab, welche Allon an ſie ge⸗ ſchrieben hatte. . Am Tage darauf begleitete Amy ihre Mutter nach Birgersborg, um Allon bei dieſer Gelegenheit den Beweis zu liefern, daß ſie ihn wegen ſeines per⸗ ſiden Benehmens gegen ſie verachte. Allon wußte ja ſelbſt, was damals zwiſchen ihnen vorgefallen war. Dieſer Auftritt hatte indeſſen zur Folge gehabt, daß Amy erkrankte, und zwar ſo bedenklich, daß Ma⸗ dame Teverino über Hals und Kopf nach Stockholm reiſen mußte, um ärztliche Hülfe zu ſuchen. Durch einen Brief von Paſtor Grünlund hatte Madame Teverino erfahren, was ſich in Birgersborg zugetragen. Gurli's Rückkehr dahin, Stephan's Auf⸗ treten daſelbſt, und die Maßregeln, welche in ökono⸗ miſcher Beziehung ergriffen worden waren. Mit dieſen Mittheilungen glaubte Madame Te⸗ verino die Erklärung von Stephan's Benehmen und von der Aufhetzung Amy's gegen Allon gegeben zu haben. Madame Taverino's Worte verſöhnten Allon völlig mit der erlittenen Niederlage. Es kam den⸗ ſelben auch ein gewiſſer Grad von Wahrheit zu, ob⸗ ſchon ſie dieſelbe entſtellte und in ihrem Intereſſe benutzte. So zum Beiſpiel ſtimmte es mit dem wirklichen Sachverhalt völlig überein, daß Stephan an dem 212 Tage, bevor Amy die zärtliche Flamme Allon's mit ſo großer Verachtung gedämpft hatte, in Erikstorp ge⸗ weſen, und daß eine Unterredung zwiſchen ihnen und Amy vorgefallen war. Er hatte bei dieſem Geſpräch ihr gezeigt, daß ſie abermals von ihren ſchlimmen Eingebungen geleitet, ſich böſen Gerüchten ausgeſetzt, und was noch ärger war, eine kranke und leidende Frau der Sorgfalt und liebevollen Pflege ihres Mannes beraubt habe. Amy's einzige Antwort auf die Schilderung des von ihr an⸗ gerichteten Unheils war geweſen, daß ſie ihm Allons Briefe mit den Worten zuſtellte: „Können Sie dieſe Briefe auf irgend eine Weiſe zum Beſten der Perſon, welche Ihrer Anſicht nach ſo tief von mir gekränkt wurde, benützen, ſo thun Sie es, ich werde von morgen an jeden Umgang mit Herrn von Stral abbrechen, denn ſein Anblick iſt mir un⸗ leidlich genug. Alles, was ich nunmehr noch wünſche, iſt, daß Sie mich nicht haſſen, und daß ich vor meinem Tode das Vermögen, in deſſen Beſitz, wie Sie ſagen, meine Mutter auf ungerechte Weiſe gelangt iſt, in den Händen des rechtmäßigen Eigenthümers ſehe. Ihr Haß und der Gedanke, daß ich die Früchte eines Betrugs genieße, haben mein Leben verkümmert und mich einem frühen Grabe zugeführt.“ „Amy, ich haſſe Sie nicht,“ hatte Stephan ge⸗ antwortet;„aber ich bin nicht mehr Ihr Freund und muß früher oder ſpäter gegen Ihre Mutter auftreten.“ „An dem Tage, da es Ihnen gelingt, mich arm zu machen, wird auch der Friede in meiner Seele und die Dankbarkeit in mein Herz wieder einkehren.— Doch ſeyen Sie des mir in London gegebenen Ver⸗ ſprechens eingedenk, meine Mutter nicht unglücklich zu machen.“ 2¹3 „Ich werde mein Wort halten.“ Madame Teverino, welche von dem Diener er⸗ fahren hatte, daß Stephan zu Erikstorp geweſen, hatte nach der Scene zu Birgersborg den ganz richtigen Schluß gezogen, daß auch durch ihn Amy in ihrer Abneigung gegen Allon beſtärkt worden wäre. Amy hatte überdieß, als ſie ihren Wunſch, Erikstorp zu verlaſſen, ausſprach, der Mutter zugleich bekannt, welche Behandlung Allon von ihr zu Theil geworden wäre, und wie derſelbe unmöglich in Folge davon ſeinen Umgang mit ihnen fortſetzen könnte. Nicht minder hatte ſie ihr ganz ehrlich zu wiſſen gethan, daß ſie Stephan ein paar Briefe Allons ge⸗ geben, und ſie gebeten, von allen Anträgen in Bezug auf Allon abzuſtehen. Als Amy die Reiſe nach Stockholm antrat, war ſie wirklich ſo krank, daß Madame Teverino in dieſer Lage Alles über der Furcht vergaß, das Kind zu ver⸗ lieren, welches ſie bis zur Abgötterei liebte. Nach der Ankunft in der Hauptſtadt wurde es mit Amy etwas beſſer, aber die Aerzte verboten der⸗ ſelben, ihr Zimmer während der kalten Jahreszeit zu verlaſſen, und empfahlen ihr die größte Ruhe. Die Mutter, welche von der eigentlichen Krankheit Amy's und von deren unheilbarem Verlaufe keine Ahnung hatte, nahm mit der ſcheinbaren Beſſerung Allons auch ihre hinterliſtigen Plane wieder auf. Das Erſte, was ſie that, war, daß ſie ſich mit Allon zu verſöhnen ſuchte, weil ſie mehr als alles Andere ihn zum Feinde zu haben fürchtete, und weil er als Gurli's Gatte in Zukunft doch vielleicht noch gemeinſame Sache mit ſeiner Frau machen konnte. Sie benützte alſo das, was ſie von Stephan's Unterredung mit ihrer Tochter wußte, ſo weit, um in 2¹4 Allon's Augen Amy rein zu waſchen und die ganze Schuld auf Stephan und Gurli zu wälzen. Nachdem nun Allon ſich von Madame Teverino völlig hatte dupiren laſſen, war es für Beate ein Leichtes, ihn zu überzeugen, daß Amy mit ganzer Seele an ihn gefeſſelt, und deren Krankheit nur eine Folge des Kummers, bei dem Bewußtſein, einen be⸗ reits verheiratheten Mann zu lieben, wäre. Allön berechnete, während er dieß hörte, ausſchließ⸗ lich die ökonomiſchen Vortheile und die Unabhängig⸗ keit, welche eine Verbindung mit Amy, im Fall eine ſolche zu Stande käme, im Gefolge haben mußte. Gedanken an eine Eheſcheidung tauchten wiederum in ſeinem Gehirne auf, und dieß um ſo lebhafter, als ein Schatten von Zärtlichkeit mehr ihn zu Gurli hinzog. Zwei Wochen lang überlegte Allon hin und her, auf welche Weiſe er ohne öffentlichen Skandal ſeine Ehe löſen könnte, als er einen Brief von Gurli erhielt. In demſelben meldete ſie ihm, daß ſie eine Reiſe ins Ausland unternommen habe und etwas über ein Jahr auszubleiben beabſichtige. Sie machte Allon 3 den Vorſchlag, ihre Abweſenheit zu einer Scheidung zu benützen, da ſie nach ſeiner Entfernung von Bir⸗ gersborg hierin das Beſte ſähe, was für ſie beide ge⸗ ſchehen könnte. Allon eilte mit Gurli's Brief zu ſeiner Mutter. Beate, welche von Madame Teverino ſich voll⸗ kommen hatte überzeugen laſſen, daß Allon, ſobald er von Gurli geſchieden wäre, Amy's Hand erhal⸗ ten würde, benützte dieſe Gelegenheit, um ihn in ſeiner Abſicht, dieſen entſcheidenden Schritt, den Gurli ſelbſt wünſchte, zu thun— noch mehr zu beſtärken. Nach dieſer Berathſchlagung mit der Mutter wurde beſchloſſen, daß Allon ſeine Gattin in öffent⸗ lichen Blättern zur Rückkehr auffordern ſollte. Nach Verfluß eines Jahres war er dann eines Bandes ledig, deſſen Knüpfung er einmal mit ſo großem Eifer angeſtrebt hatte. Beate, verſchlagener als ihr Sohn und von Grün⸗ lund ermahnt, Allon nicht eher zur Scheidung ſchrei⸗ ten zu laſſen, als bis ihm ein entſchiedener Vortheil von Madame Teverino zugeſichert wäre, nahm ſich nunmehr vor, mit dieſer von der Sache zu ſprechen. Es wurde bei der reichen Südländerin alſo ein Beſuch gemacht. Nachdem Beate von der Möglichkeit, daß Allon wohl ſich zu einer Scheidung entſchließen würde, ge⸗ ſprochen hatte, fuhr ſie fort: „Nicht wahr, Madame, es wäre Ihnen ganz recht, wenn Sie in den Zeitungen zu leſen bekämen, daß mein Sohn ſeine Frau gerichtlich vorladen läßt.“ „O ja, es läge dann im Bereiche der Möglich⸗ keit, daß meine Tochter ihre Geſundheit erlangen würde,“ antwortete Madame Teverino. „Aber bevor ich als eine kluge und unſichtige Mutter zu einem ſolchen Schritt anrathen kann,“ ſprach Beate weiter,„iſt eine Garantie dafür erforderlich, daß Allon nicht der ökonomiſchen Vortheile, deren er jetzt genießt, beraubt wird, ſondern deſſen ſicher iſt, was er im unglücklichſten Fall zum Tauſche dafür erhalten kann. Laſſen Sie uns aufrichtig mit einan⸗ der ſprechen. Sie wünſchen, daß Gurli von ihrem ann geſchieden werde; warum, darnach will ich nicht forſchen, ſo wenig als ich es bisher gethan hahn Sie ſind reich, Sie können ſomit für Ihre Launen opfern, ſo viel Ihnen beliebt. Stellen Sie alſo mei⸗ nem Sohn eine Schrift aus, worin Sie ihm ein jährliches Einkommen zuſichern, welches demjenigen entſpricht, das ihm Gurli aus dem Ertrag von Bir⸗ gersborg für ſeine Privatausgaben ausgeſetzt hat. Ihr Gewinn dabei iſt, daß Sie Allon's Intereſſe an das Ihrige feſſeln, auch wenn in Folge irgend eines unvorhergeſehenen Ereigniſſes aus einer Heirath zwi⸗ ſchen ihm und Ihrer Tochter Nichts würde. Nur auf dieſe Bedingungen hin unterſtütze ich Ihren Wunſch, Gurli ihrer geſetzlichen Stütze und des Hüters ihrer ökonomiſchen Intereſſen beraubt zu ſehen, insbeſondere da Gurli gegen Allon Dinge geäußert hat, welche ihn, wofern er dieſelben ſich genauer überlegte, leicht in einen Feind von Ihnen verwandeln könnten. Es gibt nur ein ſicheres Mittel, einen Menſchen unauflöslich an den andern zu feſſeln, und dieſes Mittel iſt— der eigene Vortheil. Machen Sie meines Soh⸗ nes Vortheil von Ihrer Perſon abhängig, und Sie in ihm immerdar einen treuen Bundesgenoſſen aben. Madame Teverino's dunkle Augen weilten auf Beate, wie wenn ſie zu erforſchen wuͤnſchte, ob das ränkevolle Weib irgend einen Zweifel darüber hege, daß ſie auf das Vermögen, in deſſen Beſitz ſie ſich zur Zeit befand, ein geſetzliches Recht habe. Beate hatte mit ihrer gewöhnlichen Schlauheit geſprochen und ihre Worte ganz in Einklang mit den Folgerungen gebracht, zu welchen ſie Madame Teverino gegenüber gelangt war. „Sie muß einen geheimen Grund haben, Gurli zu fürchten,“ hatte Beate bei ſich geſagt,„ſonſt würde e nicht mit ſolchem Eifer auf eine Trennung zwiſchen 217 ihr und Allon hinarbeiten. Ich will daraus Nutzen ziehen, um Rache an Gurli zu nehmen und alle Vor⸗ theile zu gewinnen, welche Allon aus einer Auflöſung ſeiner Che erwachſen können. Sollte Amy ſterben oder Allon ihre Hand verweigern, ſo muß er und ebenſo ich eines vollkommenen Schadenerſatzes für das, was wir durch einen Bruch mit Gurli verlieren, gewiß ſeyn.“ Nach einer angenblicklichen Ueberlegung äußerte Madame Teverino mit feinem Lächeln: „Sie kommen, gnädige Frau, meinem Antrage zuvor. Eben gedachte ich dem königlichen Sekretär einen ſolchen Vorſchlag zu machen, da ich wohl weiß, daß die Freundſchaft, welche den Eigennutz zur Grund⸗ lage hat, die beſtändigſte iſt. Ich werde daher in einigen Tagen, gnädige Frau, Ihnen ein Dokument zuſtellen, wodurch Ihr Sohn, ſobald er von ſeiner Frau getrennt iſt, aus meiner Hand ein ebenſo großes Jahreseinkommen beziehen wird, als er zur Zeit von jener genießt. Ich werde auch eine Penſion für ſeine in allen Stücken ſo ausgezeichnete Mutter beifügen.“ Beate und Madame Teverino ſagten einander ſofort noch tauſend ſchöne Dinge; dann verabſchiedete ſich die Erſtere. Einige Tage nachher wurden Beate die gewünſch⸗ ten Dokumente überſandt, und dieſe waren in einer Weiſe abgefaßt, daß Allon's Eigennutz ihn unwill⸗ kürlich zu Madame Teverino's eifrigſtem Diener machen mußte. WMan kann ſomit ſagen, daß Beate buchſtäblich ſich und ihren Sohn für ihre ſchlechte Handlungsweiſe gegen Gurli bezahlen ließ. Nachdem die Sache ſo weit abgemacht war, ließ der königliche Sekretär Allon von Stral ſeine Gattin A8 in der Staatszeitung förmlich zur Heimkehr auf⸗ fordern. Als dieſe Aufforderung allgemein bekannt wurde, erregte ſie ebenſo viel Erſtaunen als Mißbilligung, weil man wohl wußte, daß er erſt fünf Jahre mit ihr verheirathet war. Man redete in allen Geſellſchaftskreiſen davon, und Jedermann machte ſeine Schlüſſe. Die Meiſten nahmen für abgemacht an, daß Allon's Liebe zu Amy Teverino die Urſache zur Trennung der Ehe zwiſchen ihm und Gurli wäre. Während man auf ſolche Art privatim und öffentlich von Amy als Cheſtörerin ſprach und ſie und Allon verurtheilte, wurde ſie von den Aerzten fortwährend in ihrem Zimmer gefangen gehalten, womit ſie ſelbſt völlig zufrieden zu ſeyn ſchien. Sie empfing keine andern Beſuche, als die der Doktoren, und ſelbſt die Gegenwart ihrer Mutter wurde ihr läſtig, ſobald dieſeibe einmal länger als gewöhnlich bei ihr verweilte. Die einzige Perſon, deren Nähe Amy nicht be⸗ ſchwerte, war ein junges armes Mädchen, welches ſie als Vorleſerin angenommen hatte. Dieſe unterzog ſich ihrem Amte, wie Amy es wünſchte, oder blieb auch ſchweigend über ihrer Arbeit ſitzen, ſobald jene rg⸗ ſich ihren ſchmerzlichen Träumen zu über⸗ aſſen. Amy war ſomit deſſen unkundig, was außerhalb ihres Zimmers vorging, und hatte keine Ahnung davon, daß ſie unter dem Volke zum Gegenſtand des bitterſten Tadels gemacht wurde. Allon ſeinerſeits ließ ſich von Madame Teverino immer in neue Hoffnungen einwiegen und fand die von ihr gegebene Erklärung, daß er ihre Tochter nicht 219 eher beſuchen dürfte, als bis er von Gurli geſchieden wäre, ganz in der Ordnung. Würde er anders han⸗ deln, ſo hieße dieß den umlaufenden Gerüchten Nah⸗ rung geben. Er mußte ſich alſo darein fügen und Amy fern bleiben, wenn er ſie nicht ohne Rettung compromittiren wollte. XXXIX. Ein Monat war vergangen, ſeitdem Gurli Bir⸗ gersborg verlaſſen hatte, als Stephan, welcher ſich noch immer in Stockholm aufhielt, zu Ende Novem⸗ bers Walter in ſein Zimmer treten ſah. Der Mulatte war ſehr gealtert. Das ſchwarze, glänzende Haar erſchien graugeſprenkelt und die dunkle Hautfarbe war noch dunkler geworden. Das Feuer der Augen und die Beweglichkeit der Glieder hatte ſich indeſſen nicht vermindert, und man konnte daraus ſchließen, daß er an der Spannkraft ſeiner Seele Nichts verloren. „Endlich,“ rief Stephan, indem er Walter die Hand ſchütteite.„Schon ſeit mehren Wochen habe ich Sie erwartet. Wie kommt es, daß Sie ſo lang ausgeblieben ſind?“ „Widrige Winde und widrige Ereigniſſe haben den Aufſchub verurſacht,“ antwortete Walter und ließ dabei ſeine weißen Zähne ſehen, welche trotz der ergrauenden Haare noch ebenſo geſund nnd kräftig waren, wie ehedem.„Ich habe jetzt über zwei Jahre daran gearbeitet, die Perſon zu finden, welche ich ſuchte, bin aber dabei beſtändig auf neue Schwierig⸗ keiten geſtoßen. Zuletzt war ich ſehr nahe daran, 220 durch Schiffbruch alle die Vortheile zu verlieren, welche ich unter ſo großen Schwierigkeiten mir ver⸗ ſchafft hatte.“ „Aber Sie verloren dieſelben nicht?“ „Mein Glücksſtern rettete ſie und mich,“ ſagte Walter, indem er ſich niederſetzte, und fuhr dann fort:„Che ich von dem ſpreche, was ich mitzutheilen habe, müſſen Sie mir ſagen, wie es mit ihr ſteht. Ihr letztes Schreiben enthielt ſo beſorgliche Dinge, daß dadurch meine Hieherreiſe beſchleunigt und meine Unruhe in Bezug auf ſie, die mir ſo theuer iſt, als ob ſie mein eigenes Kind wäre, lebhaft erregt wurde. Sie ſchrieben, Gurli ſey krank und ihre Che unglück⸗ lich. Wie geht es jetzt? Hat Gurli Leben und Ge⸗ ſundheit wieder erlangt, und wie ſteht es jetzt mit ihrem Geſchick?“ „Gurli iſt jetzt wieder vollkommen geſund,“ ant⸗ wortete Stephan,„und ſie trug ihr Schickſal anfänglich, wie eine ſtarke und edle Frau das Unglück tragen muß; aber in Folge eines ganz unerklärlichen Wind⸗ ſtoßes in ihrer Gemüthsſtimmung hat ſie plötzlich ihr Benehmen geändert und das Vaterland verlaſſen, um ihrem eigenen Wunſche gemäß eine Löſung der Ehe. mit Allon herbeizuführen.“ „Wirklich? Dann muß ſie von ihm tief gekränkt worden ſeyn,“ bemerkte Walter, indem er Stephan forſchend in's Angeſicht ſchaute. Dieſer ſaß, den Kopf auf die Hand ſtützend, da. „Allerdings, aber ſie hatte doch einmal beſchloſſen, das an ihr begangene Unrecht zu vergeben und zu vergeſſen, und ſich das Gelübde gethan, fernerhin für Allon's Zukunft und eine Wiedervereinigung zwi⸗ ſchen ihnen zu leben und zu wirken und gleichzeitig auf eine vollkommene Ordnung der ökonomiſchen An⸗ gelegenheiten hinzuarbeiten.“ „Und ihren guten Vorſätzen zuwider iſt ſie hin⸗ weggereist!“ rief Walter, die Stirne runzelnd. Dann ſetzte er hinzu:„Entweder iſt mit Gurlis Charakter eine bedeutende Aenderung vorgegangen, oder liegt darunter irgend ein Geheimniß begraben.“ „So iſt es auch mir vorgekommen,“ bemerkte Stephan. Er erzählte hierauf Walter in der Kürze, was ſeit deſſen Abreiſe vorgefallen war. Einiges davon hatte Stephan ihm ſchon bei ſeinem letzten Aufenthalt in England mitgetheilt, aber den größern Theil davon verſchwiegen. Die Arme über der Bruſt gekreuzt, hörte Walter zu. Als Stephan fertig war, begann der Mulatte im Zimmer auf⸗ und abzugehen, ohne eine Zeit lang nur 3 Wort zu äußern. Endlich blieb er ſtehen und agte: „Hier ſind Teufeleien vorgegangen. Ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn nicht Madame Teverino ihre Finger dabei im Spiele hätte. Ich glaube ihre Hand durchſcheinen zu ſehen. Sind Sie ſeit Gurli's Abreiſe ju Birgersborg geweſen, oder haben Sie genauere Kenntniß von den nähern Umſtänden vor deren Ab⸗ reiſe ſich zu verſchaffen geſucht?“ „Ich habe ſowohl an den Inſpektor, als an den Bürgermeiſter O. geſchrieben. Beide haben von Gurli Inſtruktionen für die Dauer von deren Abweſenheit echalten. Der Inſpektor theilte mir mit, Gurli habe an demſelben Tag, da ſie Birgersborg verließ, einen Brief von Gothenburg erhalten. Nach Durchleſung deſſelben ſei alsbald der Befehl zur Abreiſe gegeben worden, und zufolge ihrer Aeußerungen gegenüber von Schwartz, Der Rechte. IM. 15 222 ihm habe ſie ihn darauf vorbereiten wollen, daß ſie nicht ſobald zurückkehren würde.— Außerdem hat ſie an Tante Katharina geſchrieben und ſie von ihrem Entſchluß, ſich von Allon ſcheiden zu laſſen, in Kennt⸗ niß geſetzt. Das einzig Auffallende dabei iſt nur, daß Fiſcher⸗Matthes, welcher in dem Augenblick, da Gurli abreiſen wollte, um Erlaubniß nach Gothenburg mitzufahren angeſucht hatte, weder in der genannten Stadt zu ſehen geweſen, noch nach Hauſe zutückgekehrt iſt. Ich habe in den Zeitungen ihm nachſpüren laſſen, aber der Mann iſt ſpurlos verſchwunden.“ Wiederum verſank Walter in Gedanken. „Weiß man, mit welchem Schiffe Gurli von Gothenburg abgereist iſt?“ fragte er wieder nach einer Pauſe. „Mit dem Washington, der nach Amerika be⸗ ſtimmt war. In dem Briefe an Tante Katharina gab ſie als Urſache, warum ſie an Bord eines Segelſchiffs ging, ihren Wunſch an, dem Zuſammentreffen mit irgend einem Bekannten auszuweichen.“ „Haben Sie den Brief an Frau Oerner geſehen, Herr Bezirksrichter?“ „Nein, aber ich hoffe ihn zu Geſicht zu bekom⸗ men, wenn ich auf Neujahr nach Breddal reiſe. geſtehe aufrichtig, Gurli's Benihmen hat das Urtheil, welches ich mir in letzter Zeit über ſie gebildet hatte, ſo vollſtändig über den Haufen geworfen, daß es mir widrig war, daran zu denken, viel weniger deßhalb an die Alte zu ſchreiben.“ Stephan fuhr ſich mit der Hand über die Stirne und ſetzte hinzu: „Ich hatte geglaubt, ſie habe ihre Stellung ſo richtig aufgefaßt, daß ſie niemals diejenige ſein würde, welche auf Löſung des von ihr ſelbſt geknüpften 223 Bandes antragen würde, und es verurſachte mir nicht geringen Verdruß, daß ich mich in ihr getäuſcht hatte.“ „Ja, im Fall ſie aus freiem Willen handelte,“ fiel Walter ein,„hätte ſie wirklich ihren urſprünglichen Charakter verleugnet. Sie gehört ſicherlich nicht zu der Zahl derer, welche ſich durch Schwierigkeiten ab⸗ ſchrecken laſſen, wenn ſie ein beſtimmtes Ziel erreichen wollen. Meine Ueberzeugung iſt daher, daß ſie nicht frei in ihrem Thun und Laſſen war.“ „Wer ſollte ſie gezwungen haben? Allon war ja bereits einige Wochen zuvor von Birgersborg ab⸗ gereist, un ſeine dienſtlichen Functionen anzutreten.“ „Wiſſen Sie vielleicht, Herr Bezirksrichter, wie die beiden Ehegatten ſich trennten, bevor er ſich nach Stockholm begab?“ „Nein, denn das einzige Mal, da ich mit Gurli nach Allon's Abreiſe ſprach, wich ſie einer Erklärung darüber aus. Später wandte ich mich gleichfalls nach der Hauptſtadt, um Ihre Ankunft hier abzuwarten und Allon zu beobachten.“ „Nun, wie befindet er ſich? Iſt das Verhältniß mit den Teverino's wieder angeknüpft?“ „Mit der Tochter nicht, denn dieſe iſt krank; aber mit der Mutter, welche denſelben ein paar Mal in ihrem Hauſe empfangen und außerdem häufige Zuſammenkünfte mit ihm bei Tante Beate gehabt hat.“ „Wiſſen Sie, ob Madame Teverino in der Haupt⸗ ſtadt war, als Allon dort ankam?“ fragte Walter mit nachdenklicher Miene. „Mit Ausnahme einer Woche, wo ſie in Geſchäf⸗ ten einen ſehr eiligen Beſuch zu Erikstorp machte, iſt ſie die ganze Zeit hier geweſen.“ „War ſie zu Erikstorp vor oder nach Gurli's Reiſe in's Ausland?“ 2²4 „Vor derſelben; aber wo wollen Sie mit dieſen Fragen hinaus?“ Stephan fixirte den Mulatten. Es lag Etwas in dem Geſichtsausdruck des jungen Mannes, das darauf hindeutete, daß er den Gedankengang Walters zu ahnen begann. „Ich wünſche die Ueberzeugung zu erlangen, daß ich mich in meiner Vermuthung, Madame Teverino ſei bei Gurli's Verſchwinden betheiligt, nicht betrogen habe. Jetzt bin ich deſſen gewiß. Ich reiſe ſogleich von hier zu Frau Oerner, nach Birgersborg und zu dem Bürgermeiſter O., um von den Schreiben, welche von Gurli eingegangen ſind, Einſicht zu nehmen und meine Nachforſchungen zu machen. Der Proceß gegen Madame Teverino mag einſtweilen ruhen, bis es mir gelungen iſt, mich zu vergewiſſern, ob Gurli aus freien Stücken abgereist, oder auf die Seite geſchafft worden iſt.“ „Auf die Seite geſchafft!“ rief Stephan und ſprang auf. Einen Augenblick ſahen ſie einander an; darauf ſprach Walter langſam: „Kommt Ihnen dieß ſonderbarer vor, als daß man mir eine Schlinge zu legen wußte, als ich nahe daran war, die geſuchte Spur aufzufinden? Merken Sie wohl, Madame Teverino weiß, daß ſie durch eine Betrügerei in den Beſitz der Falkenſtern'ſchen Schätze gelangt iſt. Sie weiß, daß ſie Gurli den Trau⸗ un Tauſſchein geſtohlen hat, und wird deßhalb immerdar fürchten, Gurli könnte auf irgend eine Art der Be⸗ weiſe habhaft werden, wodurch dargethan würde, daß Madame Teverino nicht Bengt Falkenſterns Tochter iſt⸗ „Dieſe Beweiſe, Walter, haben Sie jetzt, fiel Ste⸗ phan ein. 22⁵ „Ich glaube wirklich deren genug geſammelt zu haben, um einen Proceß gegen ſie einleiten zu können, ungeachtet ich nicht ſo gluͤcklich geweſen, den rechten Erben aufzufinden; aber bis ich Gurli geſehen habe, mag die Sache beruhen. Haben Madame Teverino, Beate und Allon den Plan zur Scheidung entworfen — der letztere, damit er in den Beſitz des ganzen Vermögens gelange, ſo will ich warten, bis Gurli und er geſchieden ſind, bevor ich auftrete, um Madame Teverino zur Bettierin zu machen und Frau Beate's und ihres Sohnes eigennützige Entwürfe noch einmal zu vereiteln.— Leben Sie wohl, ich reiſe ſogleich nach Birgersborg.“ XXXX. Den Tag nach dieſer Unterredung zwiſchen Ste⸗ phan und Wälter wollen wir einen Beſuch bei Amy machen. 5 Kalt und bleich fielen einige matte Strahlen der Novemberſonne durch die Fenſterſcheiben in den Salon der ehemaligen Sängerin, während ſie ſich, umgeben von all dem Lurus, welchen der Reichthum zu ſchaffen vermag, in einen Armſeſſel zurücklehnte. In geringer Entfernung von ihr hatte die Vor⸗ leſerin ihren Platz. Sie hatte eben eines von By⸗ rons Werken zur Hand. Den Kopf auf die Stuhllehne geſtützt, horchte Amy auf die Worte des großen Dichters. Ihre ſchwarzen Augen erſchienen noch größer und ſchwärzer, und der hellrothe Schimmer auf ihren dunkeln Wan⸗ 226 gen verlieh denſelben einen erhöhten Gang. Sie war wirklich ſchön in dieſem Augenblick. Während ſie mit lebhaftem Intereſſe der Vor⸗ leſerin zuhörte, wurde plötzlich die Thüre aufge⸗ riſſen, und Madame Teverino trat in das Zimmer ihrer Tochter. Sie rief auf Italieniſch: „Schicke das Mädchen fort; ich muß mit dir en. Amy forderte die Vorleſerin auf, in das Kabinet zu treten. Als ſie allein waren, warf ſich Madame Teve⸗ rino auf einen Stuhl und murmelte angſtvoll: „Walter Yactes iſt wieder angekommen. Dieſes Mannes Anweſenheit verkündet großes Unglück.“ Sie ſchwieg. Die hellrothe Farbe auf Amy's Wangen ver⸗ wondelte ſich in Purpur; ſie richtete ſich aus dem Lehnſeſſel auf. „Warum fürchteſt Du ihn, Mutter?“ fragte ſie. „Darum, weil er mich des Vermögens berauben wirh, das ich nunmehr beſitze und nach ſo vieljährigen Beimühungen an mich gebracht habe.“ „Und auf welches Du niemals ein Recht hatteſt,“ fiel Amy ein, indem ſie ſich vollends aufrecht ſetzte.— „Madame Teverino, Sie ſind nicht Falkenſterns Toch⸗ ter, Sie haben mich und die ganze Welt betrogen, als Sie ſich dafür ausgaben. Sie ſind durch einen Dieb⸗ ſtahl in den Beſitz der Papiere gelangt, welche Sie Ihrer Ausſage nach in Birgersborg verſteckt wußten.— O, Mutter, Mutter! Wie konnteſt Du ſo gegen deine Fochter handeln! Der Argwohn, daß Du eine Be⸗ trügerin biſt, welche durch Ränke und Hinterliſt ſich dieſes Goldes bemächtigte, hat mich an des Grabes 227 Rand geführt, und die Gewißheit davon wird nun den Tod bringen.— War ich nicht vorher ſchon un⸗ glücklich genug,“ ſetzte ſie leidenſchaftlich hinzu,„ohne daß Du noch dieſen Schmerz zu meinem andern Kum⸗ mer fügteſt? Litt ich nicht ſchon genug durch eine unerwiederte Liebe, ohne daß meine Mutter zur Er⸗ langung eines Reichthums, den ich verachte, ſich noch meiner unglücklichen Neigung bediente, um ihre Toch⸗ ter deren eigennützigen Intereſſen dienſtbar zu machen? Verlierſt Du, was nicht dein iſt, wirſt Du gebrand⸗ markt, ſo ſterbe ich vor Scham; und magſt Du auch ungeſtört die Frucht deiner Betrügerei genießen, ſo wird das Bewußtſein des begangenen Unrechts an meinem Leben nagen und allen Frieden aus meinem Herzen verbannen. Du wirſt eines Tags einſam mit deinem Golde daſtehen, mit Reue über deſſen Erwer⸗ bung und mit der bittern Erinnerung, daß dein Ver⸗ brechen deine Tochter in ein frühes Grab geſtürzt hat.“ Amy ſank in den Seſſel zurück. Madame Te⸗ verino war von dem ihrigen aufgeſprungen und warf ſich bei den letzten Worten der Tochter ihr zu Füßen. „Kind, Kind, haſt Du gar kein Erbarmen mit deiner Mutter, welche dich ſo geliebt, daß... „Daß ſie mich getödtet hat,“ fiel Amy ein. „Nein, meine Bruſt iſt für das Mitleid mit der verſchloſſen, welche die böſen Geiſter in mir aufgereizt und mich vor meinem eigenen Gewiſſen und in den Augen deſſen, den ich liebe, zum Gegenſtand der Ver⸗ achtung gemacht hat. O, wie viel Böſes haſt Du mich nicht durch Anfachung meiner Eiferſucht begehen laſſen! Jetzt, Mutter, hat der Tod ſeine Hand auf mein Herz gelegt. Ehe ein Jahr vergeht, iſt deine Tochter nicht mehr, und Du wirſt mit dieſen Millionen nicht vermögen, mein Leben zurückzukaufen. 2²8 Madame Teverino ſchlang die Arme um ihre Tochter, aber dieſe ſtieß ſie von ſich und fuhr fort: „Gib ihr zurück, was Du ihr geſtohlen haſt, die⸗ ſes Gold, welches mir das Leben koſtet, und ich will dir verzeihen und dich ſegnen.“ „Niemals!“ rief Madame Teverino und ſtand auf.„Hat dieſes Gold, welches ich mir nur um dei⸗ netwillen verſchaffen wollte, mir das Theuerſte, das ich im Leben habe, geraubt, ſo mag es mir nehmen, wer kann; aber ich werde das Eigenthumsrecht darauf bis aufs Aeußerſte vertheidigen.“ „Und eine Ahnung ſagt mir, daß Du deſſen un⸗ geachtet den Schatz verlieren wirſt.“ Amy faßte den Glockenſtrang und klingelte. Die Vorleſerin trat wieder ein, und die Mutter entfernte ſich. Die Stimmung von Madame Teverino wurde jedo nach Verfluß einiger Tage ruhiger, denn es wurde ihr rap⸗ portirt, daß Walter wieder ubgereist war. Bald be⸗ gann ſie ſich noch ſicherer zu fühlen, als ſie von Grün⸗ lund die Nachricht erhielt, daß Walter in der Nach⸗ barſchaft angekommen, aber kurz darauf an einem ſchweren rheumatiſchen Fieber erkrankt ſei und unver⸗ mögend, zu denken oder zu hondeln, bei Tante Ka⸗ tharina darnieder liege. XXXXI. Der Winter verging inzwiſchen, ohne da Etwas verlautete, das Madame Teverino's Unruhe hätte er⸗ regen können. Walter war durch ſeine langwierige Krankheit noch an das Bett gefeſſelt. 229 Madame Teverino wußte, daß Stephan kurz nach⸗ dem Walter zu Tante Katharina gereist war, Stock⸗ holm verlaſſen und ſich nach Breddal begeben hatte; aber da ſie Nichts weiter von ihm hörte, war ſie zufrieden, um ſo mehr, als Wochen und Monate ver⸗ gingen, und von ihrem Bundesgenoſſen Grünlund keine beſorgnißerregende Kunde einlief. Sie bereute nunmehr, daß ſie in ihrer erſten Be⸗ ſtürzung über Walters Ankunft zu Stockholm die Furcht, welche ihr der Mulatte einflößte, vor ihrer Lochtet hatte merken laſſen. „Stände Walter ein Beweis gegen mich zur Hand,“ dachte ſie,„ſo hätte er nicht ſo viel Zeit vergehen laſſen, ohne von demſelben Gebrauch zu machen; er hätte wenigſtens den obſcheulichen Stephan Braun damit i den Angriff zu beginnen. Sicher⸗ lich hat Gurli's Entfernung den Erfolg gehabt, daß ſie ſich ſtill verhalten und deren Wiederkehr abwarten, ehe man gegen mich intriguirt. Gut, da kann ich ruhig ſeyn, denn ſie kommt nicht ſo ſchnell zurück. Wäre ich nicht von dem ſchrecklichen Unglück bedroht, meine— meine Amy zu verlieren, ſo könnte ich mir's wohl ſeyn laſſen. Der Frühling erſchien. Madame Teverino wünſchte eine Reiſe in die wärmeren Länder zu unternehmen, aber Amy wider⸗ ſetzte ſich. Sie wollte Schweden nicht verlaſſen, ſon⸗ dern drang darauf, den Sommer auf einem Landhauſe in der Nähe von Stockholm am Mälar zuzubringen. Am letzten Mai ſiedelten ſie dahin über. Den Tag, nachdem ſie die Hauptſtadt verlaſſen hatten, erhielt Madame Teverino einen Brief von rünlund, worin er ihr die Mittheilung machte, daß Walter nunmehr auf dem Wege der Beſſerung ſich 230 befinde, indeſſen noch auf keinen Fuß treten könne, ſondern ſich an die freie Luft tragen laſſen müſſe. Ferner berichtete Grünlund, Stephan habe ſehr eilig zu Ende Februars die Gegend verlaſſen, ohne daß es ihm mehrere Wochen lang auszuforſchen mög⸗ lich geweſen, wohin derſelbe ſich begeben hätte. Mitt⸗ lerweile ſey ihm zur Kenntniß gekommen, daß Ste⸗ phan ſich in England befinde. Der Brief ſchloß mit den Worten: „Ich fürchte, daß der liſtige Mulatte und der ebenſo liſtige Stephan allmälig Argwohn ſchöpfen, Gurli habe nicht ſo ganz auf freiwillige Weiſe die Reiſe in's Ausland angetreten. Man hat ſich hieſigen Orts genau nach allen näheren Umſtänden bei ihrer. Abreiſe erkundigt. Was mir nicht geringe Unruhe verurſacht, iſt der Umſtand, daß Lotta, welche uns mit Auſſchlüſſen über Gurli ſo eifrig an die Hand gegangen, Birgersborg verlaſſen hat. Es iſt mir nicht gelungen, auszukundſchaften, wohin ſie ihren Weg nahm, wohl aber erfuhr ich, daß ſie vor ihrer Ent⸗ fernung in Breddal geweſen und von da weiter ge⸗ fahren iſt. „Stephan ſoll Tags zuvor eine längere Unter⸗ redung mit ihr gehabt haben. Sie weiß allerdings Nichts, aber man kann niemals berechnen, zu welchem Verdacht ihre Worte Anlaß geben können. Ich ver⸗ muthe jedoch, daß Gurli's Spur nicht ausfindig zu machen iſt, und bitte Sie, ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen, daß ſie nicht plötzlich auf dem Schauplatz auftreten kann. Alle unſere Intereſſen erheiſchen, daß ſie verſchwunden ſey und bleibe.“ Madame Teverino's Unruhe, die ſich in der letzten Zeit gelegt hatte, wurde nun wieder im höchſten 231 Grade erweckt, und der Sommer verging für ſie unter ewiger Angſt. Nimmt man hinzu, daß die Beſſerung in Amy's Geſundheit, welche nach dem Ausflug auf das Land einzutreten ſchien, bei Annäherung des Herbſtes ſich nur als eine verführeriſche Täuſchung auswies, ſo iſt leicht einzuſehen, daß Madame Teverino bei allem ihrem Reichthum nichts weniger als glücklich war. Mit Ungeduld erwartete ſie inzwiſchen den Ab⸗ lauf des Jahres von dem Zeitpunkt an, da Gurli in den öffentlichen Blättern zum Rückkehr in die Heimath aufgefordert worden war. Endlich trat der Herbſt ein, und es war nun ein Jahr vergangen, ſeitdem Gurli auf ſo unerwartete Weiſe Birgersborg verlaſſen hatte. Stephan, weicher im Ausland geweſen, war heim⸗ gekehrt, und Walter, welcher in der warmen Jahrszeit ſeine Geſundheit wieder vollſtändig erlangt hatte, ver⸗ hielt ſich ganß ſtill bei Tante Katharina. Es ſchien wirklich, als ob Madame Teverino im ungeſtörten Beſitze ihres Reichthums bleiben ſollte. In demſelben Maaße, als ihre Beſorgniſſe vor Walter und Stephan ſich verminderten, wurden ſie mit jedem Tage größer in Bezug auf Amy, welche ſicht⸗ bar ſchnell dahinwelkte. Madame Teverino wollte jedoch dem Gedanken an einen baldigen Tod ihrer Tochter keinen Raum in ihrer Seele geben, ſondern ſuchte die ſchauerliche Wirk⸗ lichkeit, welche ſie angrinste, durch trügeriſche Hoff⸗ nungen fern zu halten. Dieß war die Lage der reichen Frau, als das Gericht die Che zwiſchen Allon und Gurli für aufge⸗ löst erklärte. Den Tag, nachdem Allon ſeine Freiheit wieder . 232 erlangt hatte, ließ Stephan ſich bei Madame Teverino anmelden. Er kam, um ſie in Kenntniß davon zu ſetzen, daß Walter vollſtändig bereit und gerüſtet wäre, einen Prozeß gegen ſie zu eröffnen und den Beweis herzu⸗ ſtellen, daß ſie durchaus nicht die Perſon, wofür ſie ſich ausgebe, ſondern ganz einfach eine kecke und ver⸗ wegene Abenteurerin ſey, welche durch ſchlechte Kniffe ſich die Papiere verſchafft habe, mit deren Hülfe ſie ihre Anſprüche auf das Falkenſtern'ſche Vermögen geltend gemacht hätte. Stephan ſtellte ihr nun die Wahl, entweder frei⸗ willig und ohne Skandal auf dieſe Reichthümer Ver⸗ zicht zu leiſten, oder durch das Geſetz derſelben ver⸗ luſtig erklärt und wegen betrügeriſcher Aneignung da⸗ von zur Strafe gezogen zu werden. Er ſetzte ihr die Beweiſe auseinander, welche Walter gegen ſie zu Gebot ſtanden. Madame Teverino hörte ihn mit mehr Faſſung an, als man hätte erwarten können, und ſeine Worte ſchienen keine Wirkung auf dieſelbe zu machen. „So lang keine andere Perſon auftreten und ſich als Falkenſterns Tochter ausweiſen kann, werden Sie entſchuldigen, wenn ich mich dafür anſehe.“ „Auch wenn Walter durch Zeugen darthun kann, daß Sie Gurli Falkenſtern den Trau⸗ und Taufſchein geſtohlen haben,“ fiel Stephan ein.„Lotte, Gurli's Kammerjungfer, kann beſchwören, daß ſie geſehen, wie Sie eines Tags zwei in einem Medaillon eingeſchloſſene Papiere aus Gurli's Schreibtiſche entwendet haben.“ „Ein Zeuge genügt nicht,“ entgegnete Madame Teverino,„und wer kann übrigens beweiſen, daß die Papiere, welche ich nahm, ein Trau⸗ und ein Tauf⸗ ſchein waren.“ 233 „Mag ſeyn, daß es Ihnen gelingt, Lotte's Zeug⸗ niß zu verwerfen, glauben Sie aber, daß Sie es auch mit— Eſther thun können?“ Bei dieſem Namen zuckte Mabame Teverino zu⸗ ſammen; ihre Augen blitzten, und Stephan einen Schritt näher tretend, rief ſie: „Eſther iſt todt!“ „Daß ſie es nicht iſt, wiſſen Sie ſo gut als ich, obwohl Sie hofften, daß die Eriſtenz dieſer Unglück⸗ lichen ſich niemals aufſpüren laſſen würde. Sie irr⸗ ten ſich, Madame. Der Zufall oder das rächende Geſchick hat gewollt, daß Gurli Falkenſtern die Be⸗ freierin Eſthers würde. Wird ein Prozeß gegen Sie anhängig gemacht, dann ſind Sie ſammt Ihrem wür⸗ digen Bundesgenoſſen Grünlund verloren. Der letztere wird ſicherlich, um ſeine eigene Haut möglichſt zu retten, kein Bedenken tragen, Sie vollſtändig zu ver⸗ rathen, beſonders da Gurli und Eſther ſich hier be⸗ finden und beide gegen Sie auftreten und zeugen können.“ „Die Italienerin begann an allen Gliedern zu zittern. Es war, als ob das verbrecheriſche Weib vor dem Gemälde der Zukunft zurückſchauderte, wenn alles Böſe, das ſie verübt hatte, an den Tag käme. Stepban bemerkte den Eindruck, wilchen ſeine letzten Worte hervorgebracht hatten, und fuhr fort: „Sie haben bis morgen um dieſe Stunde Be⸗ denkzeit: ſind Sie dann nicht Willens, auf das zu orzichten, was nicht Ihr Eigenthum iſt, ſo trete ich als Walters Rechtsbeiſtand übermorgen auf, um den rozeß gegen Sie einzuleiten, welcher damit enden wird, daß Eſther endlich in den Beſitz deſſen gelangt, was mit Recht ihr zukommt. Ueberdieß beabſichtige ich, Sie zur gerichtlichen Verantwortung dafür zu 234 ziehen, daß Sie meine Couſine Gurli mit Liſt ent⸗ führen ließen und bis jetzt gefangen hielten.“ tephan ſah auf ſeine Uhr und fügte bei: „Ich gebe Ihnen, wie geſagt, vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit und laſſe Ihnen die Wahl zwi⸗ ſchen öffentlicher Schmach nebſt geſetzlicher Strafe und zwiſchen Verſchonung mit allem dieſem.“ Stephan zog ſich zurück und Madame Teverino ſank auf einen Stuhl nieder. Es kam ihr vor, als ob ſie von einem Schwindel befallen wäre. Die ſo lang gehegten Beſorgniſſe ſoll⸗ ten demnach zur Wirklichkeit werden. Sie glaubte am Rande eines Abgrundes zu ſtehen, in welchen ſie hinabzuſtürzen im Begriff war, und aus deſſen Tiefe ihr alle ihre Verbrechen entgegengrinsten. Noch war Eſther nicht aufgetreten, noch hatte ſie vierundzwanzig Stunden Zeit. Wie, wenn ſie ent⸗ floh und ſo viel Geld mitnahm, daß ſie für die Zu⸗ kunft geborgen war! Aber fliehen mit Amy, welche im Sterben lag; fliehen ohne Amy, welche ihr ſo unendlich theuer war! Unmöglich. YNachdem Madame Teverino mehre Stunden einen Kampf mit ihrem Innern beſtanden hatte, wo Furcht, Verzweiflung und Raſerei, ihren Reichthum bedroht zu ſehen, mit einander wechſelten, beſchloß ſie, Amy auf ihrem Zimmer aufzuſuchen. Was ſie wollte, wußte ſie ſelbſt nicht; ſie empfand blos ein unwiderſtehliches Verlangen, das Kind zu ſehen, um deſſen willen ſie hatte reich ſeyn wollen. „Ich will das liebe Antlitz betrachten, und her⸗ nach— hernach— meinen Entſchluß faſſen,“ ſprach ſie bei ſich.„Ehe ich ſie arm ſehe, will ich lieber auf's Aeußerſte um dieſes Geld kämpfen.“ . 235 Mit dieſem Gedauken machte ſie ſich auf den Weg zu ihrer Tochter. Amy ſaß in einem großen, tiefen Fauteuil, den Rücken gegen die Thüre gewendet, als die Mutter eintrat. Vor Amy ſtand eine alte Mulattin, deren Antlitz ausſah, als ob es von allen möglichen menſch⸗ lichen Leiden gefurcht worden wäre. Ihr Blick weilte mild und bekümmert auf Amy, während ſie in eng⸗ liſcher Sprache und mit zitternder Stimme äußerte: „Du haſt mich alſo nicht vergeſſen, Du entſinnſt dich noch meiner, die dich in deiner Kindheit gepflegt, die dich und deine Mutter geliebt hat, von welcher ich ſpäter zum Lohn für meine Zärtlichkeit ſo grauſam verrathen worden bin!“ ich verrathen,“ rief Amy und faßte ze Hände der Alten.—„O, ſprich, ſage, was meinſt u 34 Amy's Miene zeugte von der größten Angſt. „Beruhigen Sie ſich, Amy,“ fiel Stephan ein, welcher in einiger Entfernung ſtehen geblieben war und nun vortrat.„Sagen Sie mir ſtatt deſſen, ob Sie wiſſen, wer dieſe Frau iſt?“ „Ob ich es weiß,“ rief Amy, indem ſie unter Thränen die Hände der Alten an ihre Lippen drückte. „Sie iſt meine Großmutter, und man hat mir von derſelben geſagt, daß ſie todt ſey.“ „Nein, Amy, ſie iſt nicht Ihre Großmutter— ſie iſt Eſther Falkenſtern, die rechte Erbin des ehr Vermögens, welches Ihre Mutter ſich erſchwin⸗ elt hat.“ Amy ließ die Hände der Alten los und ſank wie ohnmächtig in den Seſſel zurück. Ein tiefer Schmer⸗ zensſeufzer entſchlüpfte ihr. In dieſem Augenblick ſtürzte Madame Teverino 236 auf ihre Tochter zu, welche blaß, kalt und ohne Le⸗ benszeichen vor ihr lag. „Sie haben ſie getödtet!“ ſchrie die verzweifelnde Mutter und ſchlang ihre Arme um die Tochter, welche nach einigen Augenblicken ſich wieder erholte. Die Scene, welche nun folgte, war im höchſten Grade erſchütternd. Als Amy wieder zur Beſinnung kam, ſtieß ſie ihre Mutter mit einem Ausdruck des Entſetzens von ſich, und ſagte: „Du haſt mich demnach in Allem und Allem betrogen. Dieſe war alſo nicht deine Mutter; jene Papiere, welche ſie deiner Ausſage nach dir hinter⸗ laſſen, waren geſtohlen, und mit denſelben dein ganzer Reichthum!“ Dabei packte ſie Madame Teverino feſt am Arm und ſetzte in heftigem Tone hinzu; „Warum ſagteſt Du, ſie ſey todt? Durch welche niedrige Intrigue haſt Du die Arme auf die Seite geſchafft, ſo daß ſie den ihr gebührenden Platz nicht einnehmen konnte?— Sprich, wenn Du nicht willſt, daß ich die Stunde verfluche, da Du mir das Leben geſchenkt haſt?“ Madame Teverino, durch die Worte ihrer Tochter in den empfindlichſten Gefühlen ihres Herzens ge⸗ troffen und bei dem Anblick von Eſther vollkommen vernichtet, ſank vor ihrer Tochter auf die Kniee und ſtammelte mit flehender Stimme: „Ich will dir Alles ſagen, nur ſtoß' mich nicht von dir, nur wende deine Augen nicht mit Abſcheu von mir ab. Zu dem Böſen, welches ich gethan, hat meine Liebe zu dir mich verleitet. Du wirſt die⸗ jenige, welche dich mehr als den Frieden ihrer Seele geliebt hat, nicht von dir weiſen, nicht verfluchen.“ 237 „Ich weiß nicht, was ich thun werde,“ ſagte Amy düſter,„aber ich weiß, daß ich jetzt die Wahrheit er⸗ fahren muß; hernach will ich verſuchen, dir, wenn es möglich iſt, zu vergeben.“ Sie reichte Eſther die Hand und ſetzte hinzu: „Und Du, Du ſollſt ihre Beichte hören und be⸗ zeugen, ob ſie wahr iſt. Vielleicht kannſt auch Du ihr dann vergeben.“ „Das letztere habe ich bereits gethan. Als Gott mir mein Kind wieder gab, war Alles vergeben und vergeſſen,“ antwortete Eſther. Stephan zog ſich zurück, um unbemerkt das Zim⸗ mer zu verlaſſen: aber Madame Teverino erhob ſich ſchnell und ſagte, zu ihm gewendet: .„Bleiben Sie. Der Sieg iſt Ihnen, denn Sie haben mir Alles geraubt, ſelbſt die Kraft, das zu vertheidigen, was ich beſitze. Keinem andern als Ihnen wäre es gelungen, Gurli zurückzuführen, und dieſe Zeugin“— ſie deutete damit auf Eſther—„mir vor Augen zu ſtellen und durch ſie darzuthun, daß ich nicht Falkenſterns Tochter bin. Sie mögen alſo auch das Bekenntniß anhören, welches meine Tochter von mir fordert.“ Es lag etwas Wildes und Stolzes in Madame Teverino's Blick und Geberden. Amy lehnte ihre bleiche Stirne an die Stuhl⸗ lehne, während ſie die Hand gegen Eſther ausſtreckte 5 ſie auf einen kleinen Sopha neben ſich herun⸗ erzog. Es trat eine Pauſe von einigen Minuten ein. Madame Teverino hatte ihrer Tochter gegenüber Platz genommen. Sie ſtutzte den Kopf auf die Hand und betrachtete eine Weile bald Amy bald Eſther mit Blicken von ganz verſchiedenem Ausdruck. Schwartz, Der Rechte. III. 16 238 Darauf begann ſie: „Meine Mutter hieß Nanny und war die Tochter einer Negerin und eines Mulatten, beide Sklaven von Bengt Falkenſtern.. —. Wir übergehen Madame Teverino's Erzählung, da wir in Kurzem einen voliſtändigern Bericht durch den Zu⸗ ſammenhang, welcher zwiſchen ihren und Eſthers Le⸗ bensſchickſalen ſtatt fand, erhalten werden. Die Schatten des Abends lagen über der Erde ausgebreitet, als Madame Teverino zu Ende war. Der bleiche Schimmer der Lampe fiel auf das Ange⸗ ſicht ihrer Zuhörer. Eſther ſaß finſter und unbeweglich da, die Augen auf die Erzählerin geheftet, als ob ſie beim Anhören deſſen, was ſie hier vernahm, noch einmal alle die Leiden durchlebte, welche ſie nun ausgekämpſt hatte. Stephans Angeſicht war bleich. Sein Blut wurde wie zu Eis bei der Schilderung all der Undankbar⸗ keit und moraliſchen Grauſamkeit, deren Madame Te⸗ verino ſich ſchuldig gemacht hatte. Amy war zuſammengeſunken und weinte aus der Tiefe ihres gepreßten Herzens. Madame Teverino ſaß eine Weile ſchweigend da und betrachtete ihre Tochter. Dann rief ſie angſtvoll, indem ſie die Hände derſelben ergriff und ihr von dem Geſichte wegzog: „Du weinſt, Amy, Du wirſt ſomit verzeihen; Du kannſt eine Mutter nicht verſtoßen, welche dich ſo innig liebt wie ich, auch wenn mein Leben von Verbrechen befleckt iſt.“ Amy vermochte nicht zu antworten; ſie lehnte ſich 239 an ihre Mutter an, und Thränen, welche über ihre zangen floßen, träufelten auf die Hände derſelben. Stephan trat Mutter und Tochter näher. „Amy weiß ſelbſt, zu wie viel Böſem unſere Leidenſchaften uns verleiten können,“ ſprach er,„und wird deßhalb ganz gewiß bedenken, daß dem, der viel geliebt hat, auch viel verziehen werden ſoll.“ „Nicht mich ſollſt Du um Vergebung bitten, Mutter,“ ſtammelte Amy,„ſondern ſie, die Arme, welche Du zu deinem Opſer gemacht haſt.“ Amy deutete auf Eſther. Madame Teverino rührte ſich nicht von der Stelle. Ihr Blick war haßerfüllt und düſter. „Ich kann die nicht um Vergebung bitten, welche dich zur Bettlerin macht. Wir ſind nun quitt, ſie und ich. Habe ich mich an ihr vergangen, ſo wird ſie nunmehr dich deines ganzen Reichthums berauben. ein Leiden, als eine arme, verachtete Sünderin vor meinem Kinde dazuſtehen, iſt größer, als das ihre geweſen.“ „Du kannſt nicht um Verzeihung bitten?“ ſtieß Amy hervor, indem ſie mit Anſtrengung und bitter lächelnd ſich er ob;„nun wohl, ſo kann ich es an deiner Stelle.“ Amy ſank zu Eſthers Füßen nieder. Dieſe dagegen ſah aus, als ob ſie nicht recht verſtanden hätte, was nach dem Schluß von Madame Teverino's Beichte hier vorgegangen war; ſo völlig ſchien ſie in die Er⸗ innerung an die Vergangenheit verſunken zu ſeyn. Kannſt Du meiner Mutter verzeihen?“ flüſterte Amy und bedeckte Eſthers Hände mit Küſſen. Eſther fuhr zuſammen, ſchaute eine Weile die Bittende an, beugte ſich dann zu ihr nieder, um ſie aufzuheben und verſicherte ſie, daß Alles verziehen . 240 wäre. Sie ſtreichelte mit ihrer knotigen Hand Amy's ſchwarze Haare und ſetzte hinzu: „Du biſt doch immerdar meine Amy. Um dei⸗ netwillen iſt Alles vergeſſen.“ ⸗ Amy's einzige Antwort war ein Huſtenanfall, gefolgt von einem ſo heftigen Blutſturz, daß ſie in das Bett getragen werden mußte. Es wurde nach dem Arzt geſchickt; er vermochte Nichts zu thun. Amy verließ das Bett, wohin man ſie, dieſen Abend gebracht hatte, nicht mehr. Zwei Wochen ſpäter ſtand Madame Teverino am Sarge ihrer Tochter; noch weitere zwei Wochen, und die verbrecheriſche Frau hatte Schweden verlaſſen. Eſther wurde als Falkenſterns Wittwe und Mutter ſeiner einzigen Tochter geſetzlich für die rechtmäßige Erbin des ganzen von ihm hinterlaſſenen Vermögens erkannt. Sie ſetzte dem böſen Genius ihres Lebens, Ma⸗ dame Teverino, ein Jahrgeld aus und rächte ſich ein Werk der Wohlthätigkeit für erduldete eiden. XXXXII. Zwei. Jahre ſind ſeit dieſen Ereigniſſen verfloſſen Es iſt wiederum Frühling. Der Pfingſtabend iſt angebrochen. Auf der Treppe von Birgersborg ſtand Tante Katharina, die Hände in der Schürzentaſche, und ſchaute nach der Allee hinaus, von welcher ein Reiſe⸗ wagen näher zu kommen ſchien. „Endlich iſt das liebe Kind wieder hier, und 241 zwar nach ſo vielen Trübſalen. Gott ſey Lob und Dank, daß man mit dem Geſicht von Beate's elendem Sohne verſchont bleibt, das muß ich ſagen,“ brummte Katharina für ſich hin. Der Wagen fuhr in den Hof herein und machte vor der Treppe Halt. In demſelben ſaß Gurli, und an ihrer Seite eine alte Bekannte, Eliſabeth Stewart, in tiefe Trauer gekleidet. Ihnen gegenüber hatte Walter ſeinen Platz eingenommen. Gurli ſprang aus dem Wagen und begrüßte Tante Katha ina mit aller ihrer frühern Lebhaftigkeit. Ihr Angeſicht trug jedoch nicht mehr den launen⸗ haften und übermüthigen Ausdruck, wie ehedem, und obſchon die Wangen ihre friſche Farbe und die Augen ihr vormaliges Feuer wieder erlangt hatten, lag in ihrer ganzen Erſcheinung dennoch eine Ruhe und ein gui wovon man ſonſt bei ihr Nichts wahrgenommen hatte. Man ſah, daß Gurli's Seele zu einer höhern Entwicklung gelangt war, und dieſer Umſtand verlieh ihrem Angeſicht einen größern Reiz, als der, welchen die erſte Jugendſchönheit mit ſich gebracht hatte. Als von ihrem Gatten geſchieden, trug ſie nicht mehr ſeinen Namen, ſondern ihren eigenen— Etwas, das Tante Katharina beſonders angenehm zu ſeyn ſchien, denn der Alten war es überhaupt im höchſten Grade zuwider geweſen, daß Gurli jemals den ver⸗ haßten Namen von Stral getragen hatte. ſachdem Tante Katharina Gurli's Umarmung erwidert hatte, wandte ſich die letztere gegen Eliſabeth, faßte deren Hand und ſprach lächelnd: „Du erlaubſt wohl, Tante, daß ich dir dieſe Dame vorſtelle?“ 242 „Welche Kindereien wieder, als ob ich Eliſabeth Stewart nicht kennen ſollte. Ich muß ſagen, liebes Kind, wenn ich auch alt bin, habe ich mein Gedächtniß doch nicht in dem Maße verloren, daß mir werthe Bekannte fremd geworden wären.“ „Du irrſt dich, Tante, das iſt durchans nicht Miß Stewart,“ fiel Gurli ein,„ſondern Du ſiehſt Eliſabeth Falkenſtern vor dir, Bengts einzige Tochter und die rechtmäßige Eigenthümerin aller ſeiner Schätze.“ Tante Katharina war vor lauter Beſtürzung nahe daran, umzuſinken. Sie ſtarrte bald die Eine, bald die Andere an und gerieth ſchließlich auf den Ge⸗ danken, daß es in Gurli's Kopfe nicht ganz richtig ſey, oder daß ſie ſich einen Scherz mit ihr machen wolle. Walter lächelte über die verblüffte Miene der Alten und ſetzte hinzu: „Zugleich habe ich in meiner eigenen werthen Perſon Fräulein Eliſabeth Falkenſtern's Oheim Ihnen vorzuſtellen. Was ſagen Sie dazu, Tante?“ „Ja, ich muß ſagen, es kommt mir vor, als ob ihr verrückt wäret, oder Poſſen mit mir treiben wolltet, und das finde ich höchſt unpaſſend. Wie könnte wohl Eliſabeth Stewart die Tochter von Bengt Falkenſtern ſeyn, und wie will Er, lieber Walter, mir weißmachen, Er mit ſeiner ſchwarzen, garſtigen Haut könne eine Schweſtertochter, die wie andere ehrliche Leute aus⸗ ſieht, haben? Das iſt ein ſehr ſchlechter Scherz, ein ſehr ſchlechter, das muß ich ſagen.“ Tante Katharina's Daumen waren in wirbelnder Kreisbewegung. „Es iſt kein Scherz, liebe Tante,“ fiel Gurli ernſt — ein,„ſondern Wahrheit. Du weißt, daß Falkenſterns 243 erſte Frau und Tochter zum Vorſchein gekommen ſind und das Vermögen in Beſitz nahmen, welches Ma⸗ dame Teverino durch Betrug an ſich geriſſen hatte. Nun wohl, Eſther Falkenſtern iſt vor ſechs Monaten geſtorben, nachdem ihr noch das Glück zu Theil ge⸗ worden war, ihre Tochter zu umarmen. Dieſe Toch⸗ ter, beſte Tante, iſt Eliſabeth. Wenn wir zu Mittag gegeſſen haben, wird Walter dir die ſeltſame Geſchichte in ihrem ganzen Umfang erzählen. Jetzt müſſen wir den Reiſeſtaub von uns abthun, und dann zu Tiſche. Ich ſehe, daß er ſchon auf uns wartet.“ Gurli und Eliſabeth eilten die Treppen hinauf und überließen Tante Katharina ihrem Erſtaunen. Das Mittagsmahl war vorüber, der Kaffee ge⸗ trunken, und unten im Pavillon ſaßen Tante Katha⸗ rina, Eliſabeth, Gurli und Walter. Der letztere nahm das Wort und richtete es zunächſt an Gurli. „Ich habe Gurli ſchon einmal Etwas von Bengt und Gunnar Falkenſtern erzählt. Was ich damals ſagte, war in Allem, was mich und meine Schweſter betraf, der Wahrheit gemäß, aber falſch, ſo weit es die beiden Couſins betraf, welche ich, um nicht mei⸗ nes Herrn Geheimniß zu verrathen, mit einander verwechſelte.“ „Der Sohn des alten Plantagenbeſitzers hieß Bengt, ſein Neffe, der Bruder von Beate und Ma⸗ thilde, Gunnar.“ „Ich ſagte Ihnen, daß meine Mutter, meine Schweſter und ich Gunnar zugehörten; es verhielt ſich aber nicht ſo, wir waren Bengts Eigenthum, und Gunnar kaufte mich dieſem ab. Bei Bengt blieb meine Schweſter Eſther, und aus ſeinem Hauſe ver⸗ ſchwand ſie.“ „Dieß zur Berichtigung von dem, was ich früher mitgetheilt habe; und nun zu Bengt Fal⸗ kenſtern.“ „Sie wiſſen, daß er von ſeinem Vater eine Plan⸗ tage, auf welcher er Herr und Gebieter war, zur Ver⸗ waltung erhalten hatte.“ „Kurz vor der Zeit, da meine Schweſter von dieſer Plantage verſchwand, war es zwiſchen Bengt und ſeinem Vater zu einer Mißhelligkeit gekommen, deren Urſache man nicht kannte. Man wußte nur, daß ſie in dem Jahr, da der Sohn ſich auf Reiſen befand, ihren Anfang genommen hatte.“ „Als Bengt anderthalvjshüge Abweſenheit heimkehrte und die Plantage beſuchte, welche für ſein Eigenthum galt, hielt er ſich nur ſehr kurze Zeit d da⸗ ſelbſt auf und trat von Neuem eine Reiſe an. „So vergingen zwei Jahre, als er bei einem ſeiner Beſuche auf der Plantage einen Brief von ſeinem Vater erhielt, worin derſelbe ihm mittheilte, er ſei ſchon ſeit einiger Zeit krank und wünſche, daß ſein Sohn ſich bei ihm einfinde. „Bengt beſchloß unverzüglich dem Rufe zu folgen; ehe er aber zu dem Vater aufbrach, machte er noch eine kleine Reiſe und brachte bei der Rückkehr eine junge Frau, eine Dienerin und ein einjähriges Kind mit. „Dieſe Weſen vertraute er der Obhut von Ja⸗ mes, dem erſten Plantagenaufſeher an und machte denſelben bei ſeinem eigenen Leben für ſie verantwort⸗ lich; dann begab er ſich auf den Weg nach dem Wohnort ſeines Vaters, welcher in einem der ſüdlichſten Sclavenſtaaten lag. „Auf dem Marſche traf er mit Gunnar zuſam⸗ 245 men, welcher gleichfalls von dem Alten herbeigerufen worden war. „Als die beiden Couſins ankamen, fanden ſie Bengt's Vater ſchon im Sterben. Der Sohn hatte ſomit nur die Verzeihung für den von ihm begange⸗ nen Fehltritt und einige Worte in Bezug auf den letzten Willen des Vaters zu empfangen. „Bengt trat ſogleich nach des Vaters Tod den Rückweg an, um dem vom Vater befohlnen Verkauf der Plantage, auf welcher er, Bengt, bisher die Herr⸗ ſchaft geführt hatte, vorzubeugen. „Er war jedoch erſt eine Tagreiſe vom Wohnort des Vaters entfernt, als er, von einem heftigen Un⸗ wohlſein befallen, in das nächſte Gaſthaus gebracht werden mußte. „Sobald er und Gunnar, welcher ihn begleitete, in das Zimmer traten, warf Bengt, ein Raub der grauſamſten Schmerzen, ſich auf ein Sopha. „Ich, der ich meinem Herrn gefolgt war, erhielt Befehl, ſogleich Bengt's Sckaven, Jones, nach einem Arzt zu ſchicken. „Ein paar Stunden vergingen, ehe Jones mit dem Doctor wieder kam. Bengt's Zuſtand war von der Art, daß der Arzt ihm erklärte, er habe nur noch einige Stunden zu leben. Er war von einer in der Gegend herrſchenden Epidemie befallen, welche den Streit zwiſchen Leben und Tod ſehr ſchnell, und ge⸗ wöhnlich zu Gunſten des letztern abmachte. „Nachdem er Kunde von ſeinem ſchnell herannahen⸗ den Ende erhalten hatte, verabſchiedete er den Arzt, um mit Gunnar unter vier Augen zu ſprechen. „Ich war jung, haßte Bengt von ganzer Seele und brannte vor Begierde, wo möglich aus ſeinen 26 Worten Etwas zu erhaſchen, was auf Eſther's Ver⸗ bn Bezug hätte. Genug, ich horchte an der üre. „Ich hörte, daß Bengt meinen Herrn bat, einige Papiere, welche er ihm anvertraute und woraus er ſich die Urſache zu der zwiſchen ihm und ſeinem ver⸗ ſtorbenen Vater eingetretenen Spannung erklären könnte, in Verwahrung zu nehmen. „Gunnar würde ferner daraus erſehen, in welchem Verhältniß Bengt zu den Perſonen ſtände, welche er kürzlich auf die unter ſeiner Verwaltung befindliche Plantage gebracht hätte. Zugleich gab er Gunnar ein Medaillon und ſagte: „Dieſes Bild iſt für ſie gemalt und enthält die Atteſtate, von welchen ich mich bisher, aus Furcht dieſelben zu verlieren, nicht habe trennen wollen. Du wirſt nun im Namen der Perſonen, die mir theuer ſind, von dieſen Papieren zur Wahrung ihrer Inte⸗ reſſen den entſprechenden Gebrauch machen. Verſprich mir heilig, dich von dieſen wichtigen Dokumenten nicht eher zu trennen, als bis Du ſie in die Hände der rechtmäßigen Eigenthümerin übergeben kannſt. „Gunnar verſprach es und fragte, wo die Ei⸗ genthümerin dieſes Medaillons ſammt den Brieſen wäre. „Bengt ſtammelte, Gunnar werde Namen und Adreſſe von ihr in dem kleinen Etui finden. „Hierauf bat ihn Bengt noch, unverzüglich abzu⸗ reiſen, um dem Verkauf der Plantage, welcher nach dem Befehle des Vaters zur Zeit von Bengt's Ab⸗ weſenheit von dort hätte erfolgen ſollen, vorzubeugen.“ „Dieſe letzte Aufforderung wurde ſchon mit un⸗ ſicherer Stimme gegeben, und ich werdé niemals das Erlöſchende ſeines Tones vergeſſen, als er hinzuſetzte 247 „Du wirſt jetzt über die Meinigen wachen, Du wirſt es mir beſchwören und deinen Eid halten, ob⸗ wohl Du dadurch dich ſelbſt und deine Geſchwiſter in Schweden des Erbes von mir und meinem Vater beraubſt. Wenn ſie. nicht wären. hätteſt Du... ſicher....“ Die letzten Worte erſtarben in einem Röcheln, und dann war Alles ſtill. „Eine ganze Stunde verfloß, ehe ich eine Bewe⸗ gung in dem Zimmer, wo Bengt ſeinen letzten Seuf⸗ zer ausgehaucht hatte, vernahm. Endlich ging die Thüre auf und mein Herr kam heraus. Er war bleich wie der eben Verſtorbene und blieb auf der Schwelle ſtehen. „Die Augen feſt auf mich gerichtet, ſagte er: „Kann ich vollkommen auf deine Treue bauen?“ „Bis in den Tod,“ war meine Antwort. „Gut,“ ſagte er, nahm mich am Arm, führte mich zu Bengt Falkenſtern's Bett und ſprach: „Da liegt Gunnar Falkenſtern, und hier ſteht Bengt, der Erbe all des Reichthums, welchen dieſer vor ein paar Stunden noch beſaß.— Haſt Du mich verſtanden? „Ja,“ antwortete ich, und es kam mir vor, als ob mein Herr vollkommen zu dem Beſitz dieſer Mil⸗ lionen berechtigt wäre. „Walter!“ rief Gurli aufſpringend,„Falkenſtern war ſomit ein Mann, welcher durch Betrug dieſe Mil⸗ lionen ſich aneignete. Er war alſo nicht der, für welchen er ſich ausgab.“ „Er war der Bruder von Gurli Falkernſtern's Vater, der Gatte ihrer Mutter und muß in dieſer Eigenſchaft auf Ihre Nachſicht rechnen können,“ fiel Walter ſcharf ein.—„Gurli hat überdieß,“ ſetzte er hinzu,„das Verſprechen gegeben, mich durch kein Wort 248 des Tadels und der Verachtung gegen den Todten mich das Vertrauen bereuen zu laſſen, welches ich ihr nunmehr beweiſe. „Verzeihe, beſter Freund,“ ſtammelte Gurli. ter nahm wieder das Wort. „Der Austauſch der Papiere war leicht. Die größte Schwierigkeit blieb, ſich Jones, des Sclaven von dem Verſtorbenen zu entledigen. Er war der Einzige, welcher in dieſer Gegend den Unterſchied zwiſchen den beiden Couſin's kannte. „Auf der Plantage, wo der alte Falkenſtern den Geiſt aufgegeben hatte, war Vengt zum erſten Mal eben jetzt geweſen, wo er mit Gunnar ſich eingefunden hu um ſeines Vaters letzten Seufzer zu empfangen. Gunnar uehe hatte ſie oft beſucht und wurde daſelbſt als der Sohn d Herrn betrachtet, weil er denſelben von Kindheit an, ſtatt Oheim, Vater nannte. „Jones war allerdings nach dem Arzt geſchickt worden, aber Gunnar war, als derſelbe wieder kam, bei Bengt im Zimmer, ſo daß Jones Sientlich nicht einmal recht wußte, welcher von den Couſin's krank geworden und geſtorben war. „Nach kurzer Ueberlegung ſchrieb Gunnar einige Worte an indem er Bengt's Handſchrift ſo gut uls möglich nachzumachen ſuchte, und forderte ihn auf, dem Befehl des verſtorbenen Vaters gemäß un⸗ verweilt die Plantage mit allen darauf befindlichen Sclaven, Jones mit eingeſchloſſen, zu verkaufen. „Bengt wurde unter dem Namen Gunnar be⸗ graben, und Gunnar nahm den Namen Bengt an und trat als der Sohn des reichen Falkenſtern in den Be⸗ ſitz von deſſen ganzem Vermögen ein. „Er ſchenkte mir bei dieſer Veranlaſſung die 249 Freiheit, ſammt dem Rechte, ihn zu verlaſſen, wenn ich wollte. Ich verſpürte jedoch keine Luſt dazu, weil ich meinem Herrn völlig zugethan war. „Ein Jahr darauf verheirathete er ſich mit Jone. Kurz nach der Vermählung entdeckte Gunnar, daß Jone einen Andern liebte, und verlor mit dieſer Ent⸗ deckung all ſeinen Frieden und ſein Glück. „Bei mir war dieß nicht minder der Fall, denn alle Gefühle meines Herzens waren an die Gattin mei⸗ nes Gebieters geſeſſelt. Ich liebte ſie. „Nach ſeiner Verheirathung zog Bengt nach Boſton und blieb dort ſo lang, bis deſſen Grundbeſitz verkauft und der Erlös nach England übermittelt worden war. „Gunnar hatte von dem Augenblick an, da er die Rolle des Todten annahm, den Entſchluß gefaßt, Amerika zu verlaſſen, weil er immerdar die Entdeckung fürchtete, daß er nicht der rechte Bengt Falkenſtern ſei. Nachdem die Geldangelegenheiten geordnet waren, reiste er ſogleich nach England, wo er ein Jahr ver⸗ weilte, und von da nach Schweden. „Bei ſeiner Ankunft hier waren drei Jahre ſeit dem Ableben des wirklichen Bengt verfloſſen, und doch hatte Gunnar das kleine Schildpatt⸗Etui und das Medaillon noch nicht geöffnet. „Er wollte den Inhaͤlt davon nicht wiſſen; er hatte nur Eins gewollt, und dieſes war, ſich den un⸗ geſtörten Beſitz des Vermögens zu verſchaffen. „Bei der Ankunft in Birgersborg ſagte er, wäh⸗ rend er die Zimmer im Erdgeſchoß repariren ließ, zu mir: „Ich habe geſchworen, die Papiere, welche er mir anvertraute, zu verwahren, und ich werde mein Wort halten. Ich will ſie aber hier einmauern laſſen, vor⸗ her jedoch vielleicht von ihrem Inhalt Einſicht nehmen. 250 „Es war ſpät am Abend, als er dieß gegen mich äußerte. Er hatte das Etui hervorgeholt und war eben im Begriff, es zu öffnen, als er anhielt und mich verabſchiedete. „Wahrſcheinlich brachte er die ganze Nacht mit dem Leſen der in dem Etui enthaltenen Briefe zu, denn am Morgen; da er mich rufen ließ, fand ich ihn an ſeinem Schreibtiſche ſitzend, mit dem Schildpatt⸗ Etui vor ihm. Er war aſchgrau im Angeſicht und ſah verſtört aus. „Tags darauf ſchrieb er an ſeinen Geſchäftsagen⸗ ten und trug ihm auf, ſich ein Verzeichniß aller der Sclaven und Sclavinnen, welche mit Bengts Plan⸗ tage verkauft worden waren, zu verſchaffen. Als er dieſes erhalten, gab er Befehl, eine junge Frau mit ihrem Kinde, welche ſich darunter befinden müßten, loszukaufen, bekam aber darauf die Antwort, daß der neue Plantagenbeſitzer ſie bereits ſammt mehreren an⸗ dern weiter verkauft hätte, und daß man nicht anzu⸗ geben wüßte, wohin ſie gekommen wären. „Nach Empfang dieſer Poſt ſchloß ſich Gunnar mehrere Tage in ſein Zimmer ein. Als er wieder ſichtbar wurde, ſagte er zu mir: „Wenn der Teufel Herr über die Seele eines Sünders werden will, eröffnet er ihm die Ausſicht auf Reichthum und iſt ſeines Sieges gewiß. „Einige Zeit verfloß, da ließ er über dem neu⸗ aufgeführten Kamin im Saale das Gemälde mit dem deutenden Finger, welches er beſtellt hatte, aufhängen. „Er fragte, wie es mir gefiele, und als ich ihm antwortete, daß ich den Sinn davon nicht verſtände, ſagte er mit einem düſtern Lächeln: „Die deutende Hand hat eine doppelte Beziehung; für's Erſte ſoll ſie anzeigen, daß hier Papiere ver⸗ 251 ſteckt liegen, welche die Eigenthümerin davon, im Fall ſie zu deren Beſitz gelangt, durch die Brandungen des Schickſals zu meinem Reichthum führen können. Für's Zweite kannſt Du annehmen, daß es die Hand des Satans iſt, welche auf das Gold hinzeigt, um zu Ver⸗ brechen und Grauſamkeiten ohne Zahl zu verleiten.— nn Du mich überlebſt,“ ſetzte er hinzu,„ſo geſtatte nicht, daß der Kamin abgebrochen wird, denn man kann ſagen, das unter demſelben meine Schmach ver⸗ graben liegt. „Ich hatte von dem Inhalt der Papiere, welche hier verborgen waren, durchaus keine Kenntniß und nahm für ausgemacht an, daß in denſelben nur die Beweiſe gegeben waren, welcher von beiden Couſinen geſtorben ſei. „Erſt als der Saal reparirt war und ich Ma⸗ dame Teverino das wohlbekannte Etui aus der Hand riß und mir zueignete, erfuhr ich, daß der verſtorbene Bengt Falkenſtern Frau und Kind hinterlaſſen hatte, und daß dieſe es waren, welche mein Herr des Erbes, das ihnen mit Recht gehörte, beraubt hatte. „Nun zu dieſer Frau. „Bengt Falkenſtern hatte für Eſther eines jener tiefen und ernſten Gefühle gefaßt, welche einmal in eines Mannes Bruſt erwachen müſſen. In Folge da⸗ von ſchrieb er an ſeinen Vater, daß er Eſther loszu⸗ kaufen wünſche. „Im Vorbeigehen will ich hier erwähnen, daß der alte Falkenſtern von dem Zeitpunkt an, da ſein Sohn in das Jünglingsalter getreten war, in beſtän⸗ diger Beſorgniß lebte, derſelbe möchte ſich einmal in eine Sklavin verlieben. Dieß konnte er natürlicher Weiſe nicht verhindern, aber was er eigentlich fürchtete, war, eine ſolche zur Schwiegertochter zu be⸗ kommen, und dieß erſchien ihm als eine ſolche Er⸗ niedrigung, daß er nicht ohne Zorn an die Möglichkeit eines ſolchen Falls dachte. „Als er Gunnar und Bengt je die Verwaltung einer Plantage überließ, nahm er in den Kontrakt, welchen er ſie unterſchreiben ließ, auf, daß ſie ohne Wiſſen und Willen von ihm weder einen männlichen noch weiblichen Sclaven freilaſſen oder verkaufen dürf⸗ ten. Er ſchenkte ihnen dagegen ein Halbdutzend junger Sklaven, mit welchen ſie was ſie wollten anfangen, welche ſie auf Reiſen mitnehmen könnten u. dgl. Die⸗ ſes Menſchengeſchenk ſollten ſie ſich ſelbſt unter den jüngern männlichen Sklaven auswählen, aber keiner derſelben dürfte über zwanzig Jahre alt ſeyn. Auf dieſe Weiſe war auch ich in Gunnar's Privatbeſitz übergegangen. „Kehren wir nun zu Bengt und dem Briefe zu⸗ rück, worin er ſeinen Vater um die Erlaubniß, Eſther loszukaufen, bat. „Die Antwort darauf lautete nicht blos vernei⸗ nend, ſondern der Vater beſtand auch darauf, daß Eſther ſogleich auf ſeine Plantage geſchickt würde. „Den Tag nach Empfang dieſes Briefs ließ Bengt Eſther heimlich entfernen und das Gerücht, welches bei dem Beſuche meines Herrn dort auch zu meinen Ohren gelangte, ausſprengen, nämlich, daß meine Schweſter ſich das Leben genommen habe. „Das Richtige bei der Sache war, daß Bengt ſich nach Kanada mit ihr begeben und daſelbſt hatte trauen laſſen. Als er ſeinen Vater hievon unterrich⸗ tete, drohte derſelbe, ihm die Plantage zu nehmen und ihn zu enterben: eine Drohung, welche der Alte nie in Ausführung zu bringen verſprach, ſo lang Bengts 253 Siigeni Heirath für Jedermann ein Geheimniß iebe. „Sechs Monate ſpäter brachte Bengt ſeine junge Frau nach einem kleinen Beſitzthum in der ſeiner Plantage am nächſten gelegenen Stadt, damit er von Zeit zu Zeit dieſe beſuchen könnte, ohne doch allzu lang von ſeiner Gattin ſich trennen zu müſſen. „Ein Jahr verfloß in dem reinſten Glück für die beiden Eheleute, welche allerdings oft lange Zeit von einander getrennt leben mußten, aber darum nur um ſo inniger einander liebten. „Eſther gebar ihrem Mann eine Tochter, welche in deren geheimem Wohnort von einem Prieſter ge⸗ tauft wurde. Ein Jahr darauf kam der Brief von . dem Vater, welcher meldete, daß er unwohl ſey und ſeinen Sohn zu ſprechen wünſche, da er fürchte, daß er von dem Krankenlager, auf das er geworfen wor⸗ den, nicht mehr erſtehen werde. „Bengt hoffte Alles von dieſem Beſuch bei dem Vater. Blieb derſelbe am Leben, ſo würde er ſicher⸗ lich dem Sohn die geſchloſſene Heirath verzeihen und Eſther losgeben. Starb er dagegen, ſo wurde Bengt err dieſer Plantagen, und es ſtand ihm alſo frei, zu thun, was ihm beliebte. Genug, er führte Eſther, ſeine kleine Tochter und deren treue Dienerin Nanny, eine verheirathete Sklavin, welche Amme ſeines Kindes war, nach ſeiner Plantage, damit ſie während ſeiner Abweſenheit dort ihren Aufenthalt nehmen ſollten. Er vertraute ſie der Obhut von James an und erklärte demſelben, den er ſeiner eigenen Perſon blindlings ergeben dachte, er müſſe mit ſeinem Leben für ſie einſtehen. „Eſther hatte Bengt gebeten, in der kleinen Stadt, wo ſie ſchon zwei Jahre verborgen und glücklich gelebt Schwartz, Der Rechte. II. 17 254 hatte, bleiben zu dürfen. Es war ihr vor der Rück⸗ kehr auf die Plantage innerlich bange. Aber Bengt erklärte ihr, er könnte nicht ruhig ſeyn, wenn er ſie hier ohne Schutz laſſen ſollte, während er außer aller Sorge ſeyn würde, wenn er ſie unter der Hut des treuen James wüßte. „Bengt reiste ab. „Eſther brachte die Zeit nach ſeiner Abreiſe in der größten Angſt zu. „Einige Tage waren verfloſſen, als der Befehl von bem alten Falkenſtern eintraf, die Plantage ſollte mit allen darauf befindlichen Sklaven und Sklavinnen an einen Mr. B. verkauft werden, welcher zugleich mit dem Agenten Falkenſterns am nächſtfolgenden Tage auf der Plantage anlangen würde.. „James fand ſich bei Eſther ein und unterrichtete ſie von dem Befehle, welcher von ihrem wirklichen Herrn ausgegangen wäre. Er las ihr den Brief vor, und darin ſtand, daß alle auf der Plantage be⸗ findlichen Sklaven und Sklavinnen zugleich mit dieſer in die Hand des Käufers übergehen ſollten. „Aber dieſes Geſchäft kann doch nicht vor Bengts Rückkehr in Vollzug geſetzt werden, bemerkte Eſther. „Im Gegentheil,“ fiel James mit unheilverkün⸗ dendem Lächeln ein,„es muß vorher ausgeführt wer⸗ den. Der alte Mr. Falkenſtern will auf dieſe Weiſe Sie und Ihr Kind los werden und damit Ihnen die Luſt vertreiben, die Frau des jungen Maſſa zu ſpielen. Sie ſind niemals weder frei gegeben no frei gekauft worden, gehören ſomit dem alten Herrn. „Aber, mein Gott, ich bin ja ſeines Sohnes Frau,“ rief Eſther. „Die Ehe eines freien Manns mit einer Sklavin iſt vor dem Geſetz ungültig, gab James in rohen 255 Tone zur Antwort, indem er die Maske völlig abwarf, welche er bisher zu dem Zwecke getragen hatte, um dadurch Bengt Vertrauen einzuflößen und ihn zu ver⸗ locken, Eſther auf die Plantage zurückzuführen und ſei⸗ ner Hut zu übergeben. „Der alte Falkenſtern hatte James eine ſehr große Belohnung verſprochen, wenn es ihm gelänge, Eſthers Aufenthaltsort auszukundſchaften und ſie auf die Plan⸗ tage zurückzubringen, ſo daß ſie mit den andern Skla⸗ ven losgeſchlagen werden könnte. „Ich will Sie mit der Schilderung von Eſthers Angſt verſchonen, beſonders da ſie nunmehr von Ja⸗ mes ſtreng bewacht wurde. „Zwei Tage darauf kamen Mr. B. und des alten Falkenſterns Agent. Die Plantage wurde in Augen⸗ ſchein genommen. B. war vollkommen damit einver⸗ ſtanden, den Kauf zum Abſchluß zu bringen. Dieß war gleichwohl noch nicht geſchehen, als Jones mit dem Briefe von dem vorgeblichen Bengt eintraf, wo⸗ rin James angezeigt wurde, daß er nach der letzten Verfügung des Vaters den Handel unverzüglich ab⸗ gemacht und alle Sklaven ohne Ausnahme in den Verkauf eingeſchloſſen wiſſen wolle. „Einige Tage darauf war Mr. B. Eigenthümer der ganzen Plantage und aller Seelen darauf, ſammt Bengt Falkenſterns Gattin und Kinde. „Eſthers Verzweiflung war ſo groß, daß ihr Herr darüber erbittert wurde uͤnd ſich ihrer zu entledigen beſchloß. „Meine Schweſter mit ihrem Kinde, Nanny mit ihrer kleinen Tochter Jvana, Jones und ein Halb⸗ dutzend Unglücksgefährten wurden zum Verkauf in die nächſte Stadt gebracht. „Die Unglücklichen wurden im Sklavenbazar aus⸗ 256 geſtellt. Unter den Liebhabern für die lebendige, den⸗ kende Waare befand ſich auch ein Mann von ſtolzem Ausſehen. Er beſchäftigte ſich ausſchließlich mit den beiden Kindern Eſthers und Nanny's. Nach augen⸗ blicklichem Zögern fiel ſeine Wahl auf das der Erſt⸗ genannten. „Was Eſther empfand, als man ihre Tochter ihr entreißen wollte, läßt ſich eher denken, als beſchreiben. „Mit dem Schmerz der Verzweiflung flehte ſie den ſtolzen Mann an, ſie mitzukaufen; aber vergebens. Man nahm unbarmherzig das Kind weg, Der neue hüllte es in ſeinen Mantel und ging avon. „Als er dem Verkäufer den geforderten Preis für das Kind bezahlte, ließ er etwas aus ſeinem Ta⸗ ſchenbuch fallen, was Nanny unbemerkt aufhob und, als er fort war, Eſther übergab, Es war eine Karte, worauf„Mr. John Stewart. London“ ſtand. „Dieß war ſomit aller Wahrſcheinlichkeit nach der des Mannes, welcher Eſthers Tochter gekauft atte. „Am folgenden Tage wurde Eſther, Nanny, ihre kleine Tochter und Jones an einen Plantagenbeſitzer in Süd⸗Karolina verkauft. „Eſther ſtarb nicht vor Kummer um den Verluſt ihres Kindes, ſondern ſchleppte ihr Leben unter dem Druck des Sklavenjochs dahin. „Sie bewahrte John Stewarts Karte und die Briefe, welche ihr Bengt zur Zeit ihrer jeweiligen Trennung geſchrieben hatte, getreulich auf. Sie hoffte, mittelſt dieſer Kleinodien einmal ihr Kind und au den Vater des Mädchens wiederfinden zu können. „Schweigend und fleißig bei der Arbeit, gewann ſie ſich bald das Wohlwollen ihres Herrn, und ſo⸗ 257 wohl Eſther als Nanny wurden von ihm ſehr men⸗ ſchenfreundlich behandelt. „Eſthers Zweck war, ſo viel zu arbeiten, daß ſie ſich einmal loskaufen könnte, denn Jones hatte ihr wunderliche Dinge von Bengt Falkenſtern erzählt. Er hatte ihr erzählt, er ſey auf der Lauer geſtanden, als Gunnar und Bengt allein geweſen, und habe gehört, wie einer von beiden ſagte, die Papiere, welche in einem Medaillon lägen, ſollten vor Vernichtung be⸗ wahrt werden. „Eſther ließ es ſich um ihre Freiheit ſauer wer⸗ den. Wenn ſie dieſelbe erhalten hätte, wollte ſie ſich aufmachen, ihre Tochter ſuchen, und wenn ſie dieſelbe gefunden, ſich Bengt vorſtellen und ihn auffordern, daß er der Mutter ihren Gatten, dem Kinde ſeinen Vater und Beiden den Namen, deſſen ſie beraubt worden waren, zurückgebe. „Nanny's Tochter Jvana, ſo alt wie die Eſthers, wurde inzwiſchen deren Liebling. Alle die kleinen Talente, welche Eſther durch Bengts Fürſorge ſich ver⸗ ſchafft hatte, lehrte ſie das Mädchen, und als Nanny, wie daſſelbe zehn Jahre alt war, mit Tod abging, vertrat Eſther bei Jvana Mutterſtelle. „Die Kleine zeigte frühzeitig ungewöhnliche An⸗ lage für Muſik. Wenn die Kinder des Pflanzers einen Tag etwas ſangen, konnte Jvana es den andern Tag u ten Piano der jungen Fräulein nach dem Gehör pielen. „Dieſes Talent erweckte die Aufmerkſamkeit des Pflanzers, und dem kleinen Mulattenmädchen wurde in Folge davon eine ſehr gute Behandlung und auch einiger Unterricht zu Theil. „So ſtanden die Dinge, als Eſthers Herr an einer herrſchenden Epidemie erkrankte und ſtarb. 25⁸ „Die Plantage ſollte verkauft werden; Eſther, Jwana und alle übrigen Sklaven mit. „Dieß war ein harter Schlag für die erſtere, welcher nur noch zwei Johre fehlten, bis ſie nach dem Verſprechen ihres Herrn die Freiheit erlangen ſollte. „Ein Italiener, welcher oft zu dem verſtorbenen Pflanzer in's Haus gekommen war, und Jana und deren muſikaliſchen Anlagen beſonderes Intereſſe zu⸗ gewendet hatte, kam eines Tags, nachdem gerade ent⸗ ſchieden worden war, daß alles lebende und lebloſe Eigenthum in Geld verwandelt werden ſollte, und fragte bei der Wittwe an, ob ſie ihm nicht Jvana und Eſther ablaſſen wollte. „Das Geſchäft wurde abgemacht, und einige Tage nachher waren Eſther und Jvana Eigenthum von Alonſo Teverino. „Teverino war Muſiker und hatte einen Sohn welcher um einige Jahre älter war als Jvana. Der⸗ ſelbe verlegte ſich gleichfalls auf Muſik und gedachte in Zukunft ſich damit ſein Auskommen zu verſchaffen. „Franzisco und ſein Vater theilten ſich nun in die Aufgabe, Jvana's muſikaliſche Anlagen auszu⸗ bilden und ſie zur Künſtlerin zu erziehen, währen Eſther die Führung des Haushaltes übernahm. „Von der Hoffnungsloſigkeit ihrer Lage niederge⸗ beugt, ſchloß Eſther ſich mehr und mehr an Jvana an und ſuchte in der Anhänglichkeit des Mädchens einen Troſt über den Verluſt ihrer eigenen Tochter zu finden. „Als Jvana vierzehn Jahre alt war, traten die beiden Teverino's eine Kunſtreiſe durch Amerika an und gaben Concerte. Das junge Mädchen war ge ſchickte Pianiſtin; Teverino ſelbſt ſpielte das Violonce und Franzisco die Violine. „Mit zurückgelegtem ſechszehnten Johre erhielt 25⁵9 Jwana von Teverino ihre Freiheit, unter der Be⸗ dingung, daß ſie ſeinen Sohn heirathe. „Sie reisten mehre Jahre lang in verſchiedenen Ländern umher und verdienten viel Geld, aber ohne daß Eſther mehr Hoffnung auf Freiheit erhielt. „Allerdings hatte Jvana mit ihrem Schwieger⸗ vater darüber geſprochen, daß er Eſther die Freiheit ſchenken ſollte, aber der Alte wollte von dieſen Bitten Nichts hören. „Eſther war dem Italiener um ihrer Brauchbar⸗ keit und Gewiſſenhaftigkeit willen unentbehrlich. „Nach einjähriger Ehe bekam Jvana eine Tochter. „Kurz darauf erkrankte Franzisco und lag ein ganzes Jahr da, ohne daß er ein Glied bewegen konnte. Auch im nächſtfolgenden Jahre konnte er keine Reiſe unternehmen. Ihre Erſparniſſe ſchmolzen zu⸗ ſammen. „Der alte Teverino und Jvana ſahen ſich nun genöthigt, ohne Franzisco in den näher gelegenen Städten herumzuziehen und Concerte zu geben, um wenigſtens, was zu ihrem Unterhalt nöthig war, auf⸗ zubringen. „Eſther blieb daheim, um den Kranken und deſſen Tochter, die kleine Amy, zu pflegen. „Wieder vergingen einige Jahre. „Amy wuchs heran und bekam eine ausgezeichnet ſchöne Stimme. Als das Mädchen älter wurde, be⸗ ſen Franzisco und Jvana, ſich nach Europa zu egeben. „Der alte Teverino blieb in Amerika und behielt Eſther bei ſich. „Die jungen Leute fuhren nach Frankreich. „Ein paar Jahre darauf ging der Alte mit Tod ab. Auf ſeinem Sterbebett ſchenkte er Eſther die Frei⸗ 260 heit, unter der Bedingung, doß ſie nach Frankreich reiſen, ſeinen dort weilenden Sohn aufſuchen und in ſeine Hände ein verſiegeltes Packet, eine nicht unbe⸗ deutende Geldſumme, an welcher Teverino Jahre lang für ſeine alten Tage zuſammengeſpart hatte, enthaltend, übergeben ſollte. „Eſther war endlich frei. „Sie war von dem Verſtorbenen genügend mit Reiſegeld verſehen worden und begab ſich ſogleich auf den Weg, voll Dankbarkeit gegen Gott für ihre Frei⸗ heit und die Hoffnung, ihre Tochter wieder zu finden. „In Paris fand ſie Jvana und Amy. „Eſther überlieferte Franzisco Teverino gewiſſen⸗ haft das anvertraute Packet, welches derſelbe in Em⸗ pfang nahm, ohne der Ueberbringerin für ihre Mühe ſich erkenntlich zu zeigen. Kurz nach ihrer Ankunft in Paris that Eſther einen Fall und kam ſo übel dabei weg, daß ihr Leben in Gefahr ſtand. „Während dieſer ihrer Krankheit vertraute ſie Jvana ihre Lebensgeſchichte an und bat dieſelbe, für den Fall ihres Todes die Briefe und die Karte, welche die arme Mutter während ihres traurigen Schickſals ſtets verwahrt hatte, zur Hand zu nehmen, Bengt Falkenſterns Aufenthaltsort auszuforſchen— und ihm aufzuerlegen, ſich über das Schickſal ſeiner Tochter i zu verſchaffen und für deren Zukunft zu orgen. „Jvana hörte die Erzählung mit geſpanntem In⸗ tereſſe an. „Sie dachte dabei, wie ganz anders ihr Schickſal ſich geſtalten würde, wenn ſie ein Vermögen wie das Falkenſtern'ſche beſäße. Sie bat Eſther, ihr die Briefe an ſie zu übergeben; dieſelbe gab aber zur Antwort, 261 ſo lange ſie noch athmete, wolle ſie ſich von denſelben nicht trennen. „Eſther genas, obwohl ſehr langſam. Während ihrer Krankheit wurde ſie von Amy mit der größten Zärtlichkeit gepflegt. „Jvana kam oft in Gedanken auf Eſthers Erzäh⸗ lung zurück— und erging ſich dabei in Betrachtungen über die Möglichkeit, die ſich ihr, wenn ſie wirklich Eſthers Tochter wäre, als welche ſie nach Nanny's Tod angeſehen wurde, darböte, zu großem Reichthum für ſich zu gelangen. Jetzt hingegen war ſie an einen Mann gebunden, welcher Alles, was ſie verdiente, durch Ausſchweifungen wieder vergeudete. „Sie erinnerte ſich, daß Jones, da ſie noch ein Kind war, oft geſagt hatte, Eſther ſey eines reichen Mannes Frau, und wenn Alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, würde ſie eigentlich die Gebieterin von ihnen ſeyn. „Erſt nach einjährigem Aufenthalt in Frankreich konnte ſie an eine Weiterreiſe denken; aber da fehlte es ihr an Geld, und Franzisco hatte das, welches ſie von Amerika mitgebracht, ſchon verthan. Sie mußte daher bei ihnen bleiben, um mit ihrer Arbeit ihr Brod zu verdienen, das heißt gewiſſermaßen die Magd für die Familie Teverino machen. „Sowohl Amy als Jvana waren genöthigt, durch ihre muſikaliſchen Talente ſich und auch Franzisco den Unterhalt zu verſchaffen. Der letztere führte ein höchſt unordentliches Leben. „Eines Abends, als Amy auf einem der Boule⸗ vardtheater ſang, wurde ein vornehmer Schotte von ihrer Stimme ſo gefeſſelt, daß er dem jungen Mädchen den Vorſchlag machte, nach Schottland ſich zu begeben, 262 wo er ihr ein vortheilhaftes Engagement ſichern zu können glaubte.. „Jvana konnte wegen eines Contractes, den ſie und ihr Mann abgeſchloſſen hatten, erſt nach Ablauf deſſelben Frankreich verlaſſen, und dieß ſtand immer noch einige Monate an. Mittlerweile konnte aber das verſprochene Engagement für Amy verloren gehen; deßhalb wurde beſchloſſen, Eſther ſollte Amy nach Schott⸗ land begleiten und beide ihrem wohlwollenden Be⸗ ſchützer, Lord H., welcher die Reiſekoſten übernahm, ſich anſchließen. „Man machte ſich auf den Weg. „Eſthers Herz klopfte. Von Schottland meinte ſie leicht nach England gelangen zu können. „Amy erhielt wirklich ein für die Zukunft ſehr gutes Engagement; aber ſie hatte ſich kaum einige Wochen in Edinburgh aufgehalten, ſo übte das für Amy ungewöhnlich kalte Klima einen ſo nachtheiligen Einfluß auf ſie, daß ihre Bruſt angegriffen wurde. „Erſt nach Verfluß eines halben Jahres konnte die damals fünfzehnjährige Amy zu ſingen anfangen. „Jvana langte in Edinburgh erſt an, nachdem Amy wieder hergeſtellt war, und hatte Amy's Ge⸗ neſung ganz und gar Eſthers zärtlicher Fürſorge zu danken. „Jvana und ſelbſt Franzisco erhielten durch die Empſehlung von Lord H. gleichfalls Stellen, in welchen ihre muſikaliſchen Talente ihnen ein ſorgenfreies Aus⸗ kommen verſchaffen konnten, wenn nur Franzisco ein ordentliches Leben geführt und nicht Alles, was ſie verdienten, durchgebracht hätte. „Eſther war acht Monate in Edinburgh geblieben; dann ſagte ſie Amy und Pana Lebewohl, um ſich 263 au eine Entdeckungsreiſe nach ihrem Kinde zu be⸗ geben. „Sie wandte ſich nach Londen. Sie hatte in einer Zeitung geleſen, daß das Handelshaus Stewart und Comp. ſein Comptoir daſelbſt hatte. „Unter tauſend Entbehrungen erreichte ſie dieſe große Stadt, und es gelang ihr auch, Stewart und Comp. aufzufinden, aber als ſie auf dem Comptoir vorſprach, kam ein ganz junger, eleganter Herr auf ſie zu. Er ſchien das Alter, in dem ihre Tochter jetzt ſtehen mußte, noch nicht einmal erreicht zu haben. „Eſther ſtellte indeſſen verſchiedene Fragen, um über einen John Stewart, der in Amerika geweſen, Auskunft zu erhalten, erfuhr aber Richts, was zu ihren Zwecken diente. „Der junge Geſchäftsmann hatte jedoch wenig Zeit und Muße,— und wurde zuletzt ungeduldig. als ſie ſich nicht entfernen wollte, ſo daß er ſie aus dem Hauſe weiſen ließ und Befehl gab, das närriſche Mulattenweib nicht mehr vorzulaſſen. „Niedergeſchlagen, arm und von allen Mitteln entblößt, ſetzte ſich die Unglückliche auf einen Eckſtein und verbarg das Angeſicht in den Händen. „Ihre kleine Kaſſe war erſchöpft. Sie hatte in dieſer unermeßlichen Stadt kein menſchliches Weſen, an das ſie ſich wenden konnte, und wußte nicht, wohin ſie ihren Weg nehmen ſollte, um nur ein Obdach und Nahrung für den Tag zu finden. „Die Hoffnung, welche über dreißig Jahre der armen Frau wie ein freundlicher Stern geleuchtet hatte, ſchien nun, da ſie ſich in dem Lande befand, ihre Tochter wiederzufinden hoffte, erbleicht zu ſeyn. „Der Tag ging zu Ende, die Dunkelheit war 264 eingebrochen, und noch ſaß Eſther da, ohne das ge⸗ ſenkte Haupt zu erheben. „Plötzlich wurde ſie von einer Frauenſtimme angeredet, welche in theilnehmendem Tone fragte, ob ſie krank wäre. „Eſther ſchaute auf. „Eine alte Frau ſtand vor ihr und betrachtete von jenſeits des Oceans mit freundlichem ick. „Mit wenigen Worten erklärte Eſther, ſie ſey aus Kmerika— Etwas, das aus ihrer dunkeln Ge⸗ ſichtsfarbe nur allzu deutlich zu erkennen war, und befinde ſich nun in der Hauptſtadt Englands ohne Geld, ohne Obdach, ohne Bekannte, ohne jegliche Hoffnung. „Die alte Frau forderte Eſther auf, ihr zu folgen, und gab ihr ein Nachtquartier. „Am folgenden Morgen äußerte Eſther's Be⸗ ſchützerin den Wunſch, deren Schickſale zu erfahren. Eſther erzählte ſie, aber ohne Etwas zu erwähnen, das auf ihre Heirath mit Falkenſtern, oder auf die damit zuſammenhängenden Ereigniſſe Bezug hatte. „Miſtreß Cwert war eine um ihrer Wohlcthätigkeit willen vekannte Frau. Es war ein Glück für Eſther, daß ſie dieſelbe getroffen hatte; auch ſtellte die gute Frau es ihrem Schützling frei, entweder bis auf Weiteres bei ihr zu bleiben, oder, wenn ſie das vor⸗ zu Jvana und Amy nach Edinburgh zurückzu⸗ ehren. „In letzterem Fall wollte Miſtreß Ewert ihr das Reiſegeld vorſtrecken. „Eſther, welche in der Nacht der Hoffnung, die ſie bisher nie verlaſſen hatte, wieder neuen Raum ————— 265 gab, zog es vor, in London zu bleiben und daſelbſt die Nachforſchungen nach ihrem Kinde fortzuſetzen. „Sie arbeitete fleißig an Stickereien bei Miſtreß Ewert. Dieſe verkaufte dieſelben und hob ihr das gelöste Geld auf, indem ſie ſagte: „Ich will Ihnen das zuſammenſparen, bis Sie ein kleines Kapital haben. Für Ihren Aufenthalt in meinem Hauſe brauchen Sie nicht zu arbeiten. „Eſthers Frömmigkeit und ſanfte Gemüthsart, ihr Vertrauen auf Gott und ihre Ergebung im Miß⸗ geſchick— Alles trug dazu bei, um Miſtreß Ewert eine wirkliche Zuneigung zu ihr einzuflößen. „Sie wurde bald der Gegenſtand, auf welchem ſich das Wohlwollen ihrer edelmüthigen Gönnerin con⸗ centrirte. „Eſther fragte einmal, ob Miſtreß Ewert ein Mr. John Stewart bekannt wäre. Die alte Frau vermochte ſich eines ſolchen nicht zu erinnern, ſondern wußte blos ſo viel, daß es einen James Stewart in London gab, denſelben, bei welchem Eſther geweſen. Er ſtammte aus Hampſhire und war, nach dem, was Miſtreß Ewert gehört, der Sohn eines dortigen Päch⸗ ters. Der Vater war todt und hatte nur dieſen ein⸗ zigen Sohn hinterlaſſen. „Ein Jahr verging. „Eſther hatte inzwiſchen an Jvana geſchrieben und von ihr wieder Antwort erhalten; dabei befand ſich aber nicht eine einzige Zeile von Amy, obwohl die alte, anhängliche Eſther ihr Schooßkind, von welchem ſ immer Großmutter genannt wurde, darum gebeten atte. „Eines Tags, als Eſther wie gewöhnlich in Miſtreß Cwert's Salon an ihrer Arbeit ſaß, kam ein junger Verwandter der armen Frau zu Beſuch. Es 266 war ein Brudersſohn von ihr, der längere Zeit im Ausland geweſen. Er hatte zu wiſſenſchaftlichen Zwecken eine Reiſe mit einigen andern jungen Ge⸗ lehrten gemacht. „Sie waren hoch aben im Norden, in den ſchwe⸗ diſchen Lappmarken geweſen, und er wußte viel von der Reiſe zu erzählen. „Miſtreß Ewert, welche mit großem Intereſſe ihm zuhörte, machte unaufhörliche Fragen. Endlich ſprach er davon, daß er bei der Rückkehr aus den Lappmarken eine Tour durch das mittlere und ſüd⸗ liche Schweden unternommen hatte. „Wir wurden auf unſerer kurzen Raſt in was, einer Stadt auf dem Wege nach Gothenburg, ſehr angenehm überraſcht, als wir einen Gentleman trafen, welcher engliſch ſo gut wie wir ſelbſt ſprach. Er lud uns ein, im Vorbeigehen ihm einen Beſuch auf ſeinem zwiſchen was und Gothenburg gelegenen Landſitz zu machen. Wir thaten es und brachten auch bei Mr. Falkenſtern einige ſehr angenehme Stunden zu, worauf wir unſern Marſch nach Gothenburg fortſetzten. „Falkenſtern!“ rief Eſther, welche vom Salon aus die Erzählung mit angehört hatte, und ſtürzte zu den Sprechenden herein. „Miſtreß Ewert und ihr Neffe ſahen verwundert Eſther an, welche mit gefalteten Händen und zittern⸗ den Lippen ſtammelte: „O, mein Herr, ſagen Sie mir, hieß er Bengt Falkenſtern? War er ein älterer Mann und aus Amerika gekommen? „Ja, er war aus Amerika und wohhte ſeit zwanzig bis dreißig Jahren in Schweden. Sein Vorname war in der That Bengt. Aber warum dieſe Fragen? Kennen Sie ihn? 267 „Ob ich ihn kenne!“ murmelte Eſther; dann ſetzte ſie hinzu:„Und lebte er in dem unbekannten Lande ganz allein?“ „Nein, er war verheirathet; aber wir bekamen ſeine Frau nicht zu ſehen.“ „Verheirathet! Verheirathet!“ wiederholte Eſther und ſank auf einen Stuhl nieder. „Nach einigen Augenblicken erholte ſie ſich wie⸗ der, ſtand auf, ſtammelte einige unzuſammenhängende Worte zur Entſchuldigung und verließ dann das Zimmer. „Auf alle Fragen, welche Mrs. Ewert an ſie machte, antwortete ſie nur damit, daß ſie die Hand ihrer Beſchützerin ergriff und flüſterte: „O, fragen Sie mich nicht, ich beſchwöre Sie! Der Einfluß dieſes Mannes auf mein Leben iſt das Geheimniß deſſelben. Vergeben Sie mir, wenn ich in dieſem einzigen Fall nicht aufrichtig ſeyn kann; geben Sie mir noch einmal einen Beweis Ihrer aus⸗ gezeichneten Güte, indem Sie mir die Möglichkeit eſchffen⸗ einen Brief an deſſen Frau gelangen zu laſſen.“ „Einige Zeit darauf ſchrieb Eſther an Gurli's Mutter. In dieſem Briefe erzählte ſie ihr in der Kürze ihre Lebensgeſchichte, erklärte, daß ſie für ihre eigene Perſon keine Anſprüche mehr an Falkenſtern mache, ſondern beſchwor nur deſſen nunmehrige Gat⸗ tin, Bengt zu beſtimmen, daß er ihr bei den Nach⸗ forſchungen nach ihrer Tochter Beiſtand leiſte.“ „Sie begehrte blos, ihr Kind wieder zu bekommen und deſſen Zukunft durch den Vater geſichert zu ſehen, im Fall es ihr gelingen ſollte, daſſelbe wieder zu fin⸗ den. Sie wollte dann zufrieden und ruhig in irgend einem vergeſſenen Winkel der Welt leben, ohne Je⸗ 268 mand ahnen zu laſſen, daß ſie Bengt Falkenſtern's rechtmäßige Gattin ſei. „Die Wirkung dieſes Briefes auf Ihre Mutter kennen Sie; er beſchleunigte ihr Ende. „In ihrer letzten Stunde machte Anna es Falken⸗ ſtern wahrſcheinlich zur Pflicht, Eſther's Begehren zu erfüllen und, was er gegen ſie verbrochen hatte, wieder gut zu machen. „Bengt Falkenſtern reiste auch, als Anna geſtor⸗ ben war, nach England und ließ durch das Handels⸗ haus, bei welchem er einen Theil ſeiner Kapitalien angelegt hatte, Eſther eine ſehr bedeutende Geldſumme zuſtellen. Er unternahm auch wohl ſelbſt Nachforſchun⸗ gen nach Eſther's Kind, jedoch ohne allen Erſolg, be⸗ ſonders da er ſich nicht ſehr geneigt fühlte, mit Eſther in nähere Berührung zu kommen und dadurch mög⸗ licher Weiſe ſich der Gefahr auszuſetzen, das Geheim⸗ niß, wer er eigentlich war, verrathen zu ſehen. „Er glaubte übrigens der Frau, durch welche Anna vor der Zeit ins Grab geſtürzt worden, nichts ſchuldig zu ſein. Alle ſeine Theilnahme für ſie war erloſchen, und ſeine Handlungsweiſe nur eine Folge des Ver⸗ ſprechens, welches er Anna auf ihrem Todtenbette gegeben hatte. „Die Summe, welche Eſther erhielt, wurde Mrs. Ewert von Falkenſtern's Gattin als das Einzige, was dieſelbe für ſie thun könnte, eingehändigt. Zugleich war das Verſprechen beigefügt, für Eſther's Tochter Sorge zu tragen, im Fall ſie wieder gefunden würde, jedoch unter der Bedingung, daß Eſther keine thörich⸗ ten Anſprüche mache, welche ſie nicht beweiſen könnte. „Falkenſtern's Kommiſſionär hatte ferner den Auftrag, Mrs. Ewert zu erſuchen, ſie möchte Eſther die Ueberzeugung beibringen, daß ſie nur ſich ſelbſt 269 ſchade, wenn ſie eine ihr nicht zukommende Rolle ſpielen, oder ſich für Etwas, das ſie nicht wäre, aus⸗ geben wollte. „Mrs. Cwert führte ihren Auftrag pünktlich aus, ohne eigentlich zu wiſſen, um was es ſich dabei han⸗ delte. Sie ſah nur auf das Reſultat, welches darin beſtand, daß Eſther's Zukunft durch die erhaltene Geld⸗ ſumme geſichert war, und hielt es darum für Eſther's Pflicht gegen Gott und den Geber, ſich nach des letz⸗ tern Wunſch zu richten. „Kurz nachdem Eſther auf ſolche Weiſe in eine ruhige ökonomiſche Stellung verſetzt worden war, langten die Teverino's in London an. Amy's Stimme hatte bedeutend gewonnen, und ſie wollte nun in der großen Stadt unter Beihülfe ihrer Eltern und einiger italieniſchen Künſtler ein Concert geben. Als Eſther in den Zeitungen Amy's Namen las, beeilte ſie ſich, dieſes ihrem Herzen ſo theure Weſen aufzuſuchen, an welches ſie ſich in ihrem freudloſen Leben mit ſo großer Zärtlichkeit angeſchloſſen hatte. „Wenn ſie jetzt deſſen bedürftig waren, wollte ſie ihnen helfen; im andern Fall, nachdem ſie dieſelben noch einmal geſehen, eine Reiſe durch England unter⸗ nehmen, um John Stewart ausfindig zu machen. „Als Eſther ſich in Jvana's Wohnung einfand, war dieſe allein und ſchien außerordentlich erfreut, ihre mütterliche Freundin zu treffen. „Eſther erzählte ihr von ihren fruchtloſen Nach⸗ forſchungen, von der Entdeckung, die ſie in Bezug auf Falkenſtern und deſſen Aufenthalt in Schweden ge⸗ macht, ſo wie von dem Brief, den ſie an deſſen Frau heſchrieben, und von dem Erfolg, den derſelbe gehabt hatte. Schwartz, Der Rechte. II. 18 270 „Jvana hörte aufmerkſam zu. Ihre eigene öko⸗ nomiſche Stellung war durchaus nicht beneidenswerth. „Ihr Mann war mit jedem Tage ausſchweifen⸗ der geworden und ſuchte von ſeiner Frau und Tochter den möglichſten Gewinn zu ziehen, um ſeinem Hang zum Trinken und Spielen Genüge zu leiſten. „Jvana liebte ihr Kind leidenſchaftlich. Sie hatte nur einen Gedanken, nämlich ihrer Tochter ein beſſe⸗ res Loos verſchaffen zu können, als die verderbliche Lebensweiſe des Vaters ihr bereitet hatte. Dieß war der Grund, daß ſie bei der Nachricht, Eſther befinde ſich im Beſitze eines gewiſſen Kapitals, ſich lebhaft inter⸗ eſſirt fühlte; und ſie wurde von dem Wunſche ergriffen, ſich deſſen zu bemächtigen. „Mit der Summe, worüber Eſther zu verfügen hatte, konnte Jvana, wenn ſie das Geld in die Hände bekam, zur Ausführung des längſtgefaßten Planes, ſich von Francisco zu trennen und Aniy der Tyrannei des Vaters zu entreißen, Gelegenheit erhalten. Amy wurde zu gleicher Zeit dadurch in den Stand geſetzt, weitere Studien zu machen und ihre Stimme auszu⸗ bilden, ſo daß ſich in derſelben für ſie eine Goldgrube eröffnete. „Alle dieſe Gedanken fuhren wie Blitze durch Jvana's Haupt, während ſie von ihrer Liebe zu Eſther zu reden begann, und wie glücklich ſie wäre, wenn dieſelbe wieder bei ihnen ihre Wohnung aufſchlüge, und welche Freude dieß Amy, dem armen Kinde, welche ſo viel auf ihre liebe Großmutter hielte, ma⸗ chen würde. Sie, Jwana, wollte ſich ſür das glück⸗ lichſte Weſen auf Erden holten, wenn Eſther Amy unter ihren Schutz nähme u. ſ „Gerührt von Jana's ſchönen Worten und durch ihre Liebe zu Amy beſtimmt, entſchloß ſich Eſther, ihre 271 Wohnung bei Mrs. Ewert zu verlaſſen und zu ihrer Tochter, wie ſie Jvana nannte, zu ziehen. „Jvana miethete in einem abgelegenen Theile Londons eine Wohnung für ſich, und einige Tage ſpäter ſchied Eſther von Mrs. Ewert, um ſich dort einzuquartieren. Sie verſprach, in einigen Tagen wie⸗ der zu kommen und ihre alte Freundin zu beſuchen. „Tage und Wochen verſchwanden inzwiſchen und Mrs. Cwert hörte Nichts von ihrem Schützling. Sie beſchloß, dieſelbe in der angegebenen Wohnung auf⸗ zuſuchen, erhielt aber daſelbſt die Nachricht, daß Ma⸗ dame Teverino allerdings hier gewohnt habe, aber ſchon vor etlichen Wochen weggezogen und mit ihrer Mutter nach Amerika gezogen ſei. „Das Geld, welches für Eſther's Rechnung bei einem Kaufmann in London angelegt worden, war erhoben. Sie hatte ſomit die Rückkehr in ihr Vater⸗ land angetreten, aber ohne Mrs. Ewert Lebewohl zu ſagen, was der guten Frau einigen Schmerz ver⸗ urſachte. „Dieß waren die Nachrichten, welche Mrs. Ewert erhielt. Nun aber zu dem wirklichen Schickſale Eſthers. „Jvana hatte mit ihrer natürlichen Keckheit einen Plan entworfen, wodurch ſie mit einem Mal Eſther's Geld ſich aneignen und ihrer Perſon ſich entledigen Dieſer Plan wurde auch in Wirklichkeit geſetzt. „Als Eſther am Abend in der von Jvana ge⸗ mietheten Wohnung anlangte, kam ihr dieſe mit dem Ausrufe entgegen: „Mutter, ich habe efen, wo der Mann, wel⸗ chen Du ſuchſt, ſich aufhält. Höre zu, auf welche Weiſe ich das auskundſchaftete. Mr. John Stewart, 22 welcher vor dreißig Jahren England verließ und ſich nach Amerika begäb, lebt und wohnt in Boſton. Er ließ ſich vor einigen zwanzig Jahren dort nieder, als er aus den Sclavenſtaaten kam. Unmöglich iſt es ein anderer Mann, als dieſer, welcher deine Tochter kaufte. Einer unſerer Landsleute aus Boſton, welchen ich geſtern traf, gab mir auf mein Begehren eine vollſtändige Beſchreibung von dem Mann, und dieſe ſtimmt mit derjenigen, welche ich von dir habe, voll⸗ kommen überein. „Eſther ging, ohne daran zu denken, daß in dem Herzen derjenigen, bei welcher ſie Mutterſtelle ver⸗ treten hatte, ein Trug ſich bärge, richtig! in die Schlinge. „Jvana's Intereſſe daran, daß Eſther ihre Toch⸗ ter wieder finde, war ſo aufrichtig, daß der Argwohn ſelbſt ſich hätte irre führen laſſen. „Sie übernahm es, die Sache ſo zu arrangiren, daß Eſther unverzüglich nach Amerika abgehen könnte. Nach ein paar Tagen war Alles zur Reiſe gerichtet. Jvana und Amy wollten ſie begleiten, ſo wurde ausgemacht; damit aber Teverino von dieſem Vor⸗ haben nichts merke, hielt Jwana es für das Beſte, wenn Amy bis zum Abend vor der Abfahrt bei ihrem Vater bliebe. „An dem beſtimmten Tage wurde das Geld erhoben; darauf gingen Jvana und Eſther an Bord. Früh am Morgen ſollte das Schiff abſegeln. Nach⸗ dem Eſther eine Taſſe Thee zu ſich genommen hatte, fühlte ſie ſich ſo ſchwer und ſchläfrig, daß ſie ſich ſo⸗ gleich in ihre Kajüte veßfügte und zu Bett legte. Jwana erklärte, jetzt erſt wolle ſie Amy holen. „Eſther ſchlief ein, ehe Jwana ſich noch entfernte, und erwachte erſt am andern Nachmittag, als das 273 Schiff ſchon weit in See war. Sie blickte um ſich. Jvana war nirgends zu ſehen, und bald hatte die Unglückliche die betrübende Entdeckung gemacht, daß ſie ihres Geldes, und was noch ſchlimmer, auch der Briefe, welche ſie etliche dreißig Jahre bei ſich getra⸗ gen hatte, beraubt war. „Es blieb kein Zweifel übrig; Jvana hatte auf dieſe Weiſe ſie behandelt. Eſther erinnerte ſich, daß Jvana ihr den Rath gegeben hatte, ihr Geld unter das Kopfliſſen zu legen. Von dieſer Summe fand ſie aber jetzt nur ſo viel noch übrig, als zur Beſtreitung der Reiſe nach Amerika gerade ausreichte. „Schmerz und Gram bei dieſer Entdeckung im Verein mit der großen Quantität Opium, welche ſie im Thee bekommen hatte, warfen Eſther auf das Krankenlager und zogen ihr ein heftiges Fieber mit Delirium zu. „In derſelben Nacht, da das Schiff mit Eſtber immer weiter von England ſich entfernte, hatte Jvana mit Amy gleichfalls ſich auf den Weg gemacht. „Sie entfloh ihrem Mann und begab ſich nach Italien. Amn erklärte ſie, Eſther ſei todt und habe ihr auf dem Sterbebette das Geld gegeben, das von derſelben allmälig erſpart worden ſei und nun für ihre Reiſe ihnen zugut komme. „In Italien hielt Jvana ihrer Tochter die aus⸗ gezeichnetſten Singlehrer und gab für deren Ausbildung Alles aus, was ſie S geſtohlen hatte. „Nach der Frevelthat, die ihr mit Eſther ſo gut gelungen war, ſann Jvana jetzt auf einen andern Plan, durch welchen ſie mittelſt der Eſther entwendeten Briefe den reichen Falkenſtern zur Auszahlung einer Summe nöthigen könnte, welche auf alle Fälle die Zukunft ihrer Tochter ſicher ſtellen würde. Sie wagte 274 jedoch dieſen Plan nicht ſo ſchnell in Ausführung zu bringen, aus Furcht, in allzugroßen Widerſpruch mit dem Briefe zu gerathen, welchen Eſther an die Frau deſſelben geſchrieben und worin ſie von ihrer verlor⸗ nen Tochter geſprochen hatte. „Sie berechnete mit der ganzen Herzloſigkeit des Egoismus, daß Eſther, alt und gebrechlich wie ſie war, und aller Mittel beraubt, unmöglich einen wei⸗ tern Verſuch machen könnte, um ihre Tochter aufzu⸗ finden, oder nach England zurückzukehren, ſondern ihre Tage in Amerika beſchließen würde. „Während Jvana ihre Tochter zur Sängerin erzog und Eſther's Geld verbrauchte, war dieſe, auf der ganzen Reiſe an das Krankenbett gefeſſelt, in Amerika angekommen. „Als das Schiff an der amerikaniſchen Küſte Anker warf, war Eſther ſo ſchwach, ihr Geiſt ſo ver⸗ ſtört, daß ſie das Gedächtniß ganz verloren hatte und dem Irrſinn verfallen ſchien. „Der Kapitän ließ ſie in ein Hoſpital für Gei⸗ ſteskranke bringen, wo ſie ein halbes Jahr verblieb. Als ſie allmälig ihre Geſundheit und den Gebrauch ihrer Denkkraft wieder erlangte, erinnerte ſie ſich auch deſſen wieder, was geſchehen war, und ſie fühlte die ganze Schwere ihres traurigen Geſchicks. „Sobald man ſie für vollſtändig geneſen betrach⸗ ten konnte, wurde ſie aus dem Hoſpital entlaſſen. „Sie befand ſich in der hülfloſeſten Lage. „Durch eine beſondere Fügung des Schickſals ſtieß ſie aber auf einen Mr. Low ſammt ſeiner Schwe⸗ ſter, welche, zur Sekte der Quäker gehörend, ſich für ſie intereſſirten und ihr alle mögliche Unterſtützung angedeihen ließen. „Ich wäre beim beſten Willen nicht im Stande, 275 alle die Entbehrungen und die unermüdete Arbeit zu ſchildern, welche ſich Eſther auferlegte, um noch einmal nach England zurückkehren zu können. „Mr. Low und ſeine Schweſter waren dort zu Hauſe. Sie hatten einen John Stewart gekannt, welcher ſich eine Zeit lang in Amerika aufgehalten. Jetzt war derſelbe in Mancheſter wohnhaft und trieb Han⸗ delsgeſchäfte. Sein Alter, Ausſehen, alles ließ ſchließen, daß es derſelbe Stewart war, welchen Eſther ſuchte. „Nach einem Jahre ſchwerer Arbeit hatte Eſther ſich wieder ſo viel erſpart, daß ſie ſich Mr. Low, welcher jetzt mit ſeiner Schweſter nach England reiste, anſchließen konnte. „Mit Hülfe von demſelben gelang es ihr auch, bei ihrer Ankunft in England Kunde von John Ste⸗ wart zu erhalten. „Sie begab ſich zu ihm, erkannte in dem grau⸗ haarigen Mann ſogleich dieſelbe Perſon, welche ihr vor eklichen dreißig Jahren ihr Kind weggenommen hatte. Sie ſagte ihm, ſie ſei die Mutter des kleinen Mädchens, das er gekauft hätte, und wünſche ihre wieder zu finden oder mindeſtens wieder zu ehen. „Mr. Stewart wurde Anfangs zornig und wollte die alte Närrin, wie er ſie nannte, hinauswerfen laſſen; am Ende aber ſchien er von ihren Bitten und der Schilderung der erduldeten Leiden gerührt zu werden. „Bis jetzt hatte Eſther noch vor Niemand außer ana den Ramen deſſen, welcher ihr Gatte und der Vater ihres Kindes war, genannt; jetzt aber, da ſie den Mann vor ſich hatte, welcher ihr die Tochter ent⸗ riſſen hatte und zu deren Wieder erlangung auch be⸗ 276 hülflich ſein konnte, machte ſie kein Geheimniß mehr aus demſelben. Sie erklärte ihm, wenn ſie ihre Toch⸗ ter wieder fände, würde es ihr ſicherlich gelingen, den Vater zu beſtimmen, ſie als ſein Kind anzuerkennen. „Als ſie mit ihrer Erzählung fertig war, blieb Mr. Stewart eine Weile nachdenklich ſitzen. Endlich ſagte er: „Wenn Falkenſtern das Kind, von dem Sie ſprechen, als das ſeinige anerkennt, dann ſollen Sie die Perſon ſehen, welche Sie ſuchen; aber begehren Sie es nicht früher. „Sechs Monate ſpäter erſchien Eſther zu Bir⸗ gersborg, gerade in dem Augenblick, da der vorgeb⸗ che Bengt Falkenſtern ſeinen letzten Seufzer aus⸗ auchte. „Jetzt, Gurli, werden Sie das Maaß des Schmer⸗ zes begreifen, welcher ihr jenen herzzerreißenden Schrei auspreßte. Ohne Beweis, ohne irgend ein Zeugniß, daß ſie mit dem Mann verheirathet geweſen, welcher bei ihrem Anblick den Geiſt aufgegeben hatte, ſah die Unglückliche wohl ein, daß es mit aller Hoffnung für ſie vorbei war. Sie kehrte wieder nach England zurück, begleitet von Mr. Low, welcher ihr nach Schwe⸗ den gefolgt war. „In Mancheſter angekommen, begab ſie ſich wie⸗ der zu Mr. Stewart, um unter einem Ausbruch lang gehemmter Verzweiflung ihr Kind zurückzufordern. Sie merkte, als ſie auf ſein Comptoir hereingeſtürzt kam, nicht, daß außer ihm noch Jemand da war, ſondern eilte, ohne rechts oder links zu ſchauen, vor⸗ wärts. „Während Eſther unter wildem Schmerz bald in Anklagen ſich ergoß, bald um die Gnade, ihr Kind ſehen zu dürſen, bettelte, und Stewart in höchſter Verlegenheit nichts hervorbrachte als: Das Weib iſt närriſch,— trat die in der Nähe befindliche Dame vor und rief in gut geſpielter Beſtürzung: „Mein Gott, das iſt ja die Wärterin meiner Toch⸗ ter, welche vor einigen Jahren in Wahnſinn verfiel. Wie iſt die wieder losgeworden? „Mr. Stewart, welchem Eſther wirklich wie eine Wahnſinnige vorkam, ergriff begierig die ihm von Jvana Teverino gebotene Gelegenheit, um Eſther ſich vom Halſe zu ſchaffen, und ließ dieſelbe in ein Irrenhaus bringen, wo ſie in einem Zuſtande vollkommener Gei⸗ ſtesſtörung anlangte. „Indeſſen gelang es ihr nach Verfluß eines Jahrs durch Mr. Low's Vermittlung, ihre Freiheit wieder zu erlangen. Er war ihr gleichfalls zu einer zweiten Reiſe nach Schweden behilflich, wo ſie nun Gurli auf⸗ ſuchen und dieſelbe wo möglich dazu beſtimmen wollte, ihre Tochter als Schweſter anzuerkennen und ſomit Stewart zu veranlaſſen, das ſo lang vermißte Kind der Mutter zurückzugeben. „Mr. Low hatte ſie dieſe Reiſe nicht in der Hoff⸗ nung, Etwas zu erreichen, ſondern einfach deßhalb machen laſſen, weil er ſich der Erwartung hingab, durch eine ſolche Nachgiebigkeit gegen ihre fire Idee einiges Uebergewicht über dieſelbe zu erlangen. „Eſther konnte jetzt in der That nicht mehr als ihrer Sinne mächtig oder frei von der Geiſtes⸗ ſtörung, deren Raub ſie in den letzten Jahren gewe⸗ ſen, betrachtet werden. „Wir kennen das Ergebniß dieſes ihres letzten Beſuches zu Birgersborg. „Sie traf hier nicht Gurli, ſondern blos Stephan. Bei ihrer Rückkehr nach England verlor ſie ihre ein⸗ zige Stütze, Mr. Low, und wurde nach deſſen Tod 8 von Jvana, welche damals mit ihrer Tochter in Eng⸗ land ſich aufhielt, der Obhut einer gewiſſen Mrs. Smith übergeben. „Jvana hatte mancherlei Gründe, ſich ihre Plane nicht von Eſther durchkreuzen zu laſſen, und bezahlte die Frau reichlich dafür, daß ſie die Gefangene recht gut bewache und für dieſelbe hafte. „Eſthers krankes Gemüth wurde in Folge davon noch kränker, und in dem Maße, als ſich ihr Seelen⸗ zuſtand verſchlimmerte, wurde ſie in ihrer fixen Idee nur noch mehr beſtärkt. Sie wollte wieder nach Schweden und grübelte täglich und ſtündlich darüber nach. Wirklich gelang es ihr auch eines Nachts, Mrs. Smith zu entſchlüpfen und Mr. Low's Wohnung auf⸗ zuſuchen. Dort traf ſie deſſen überlebende Schweſter und flehte ſie unter Thränen um Hülfe und Bei⸗ ſtand an. „Miß Low gab ihr zur Antwort, ſie wollte die⸗ ſelbe wieder bei ſich aufnehmen und auch ſonſt für ſie Sorge tragen; aber damit war Eſther nicht zu⸗ frieden, ſondern ſie wollte Geld zu einer Reiſe nach Schweden haben. „Am zweiten Abend, da ſie bei Miß Low ſich befand, verlangte ſie mit ſo wahnſinniger Heftigkeit Geld von ihr, daß Miß Low, welche von ihrem Bru⸗ der her den Charakter von Eſther's Gemüthskrankheit kannte, ſcheinbar auf ihre Wünſche einging und ihr eine Fünfzigpfundnote gab. Miß Low dachte dabei: „Es iſt jetzt ſpät am Abend; wenn ſie Geld hat, wird ſie ſich ruhig zu Bette begeben, und iſt ſie ein⸗ geſchlafen, ſo kann ich ihr das Geld wieder nehmen. „Eſther wurde auch nach Empfang des Geldes vollkommen ruhig. Sie betrachtete daſſelbe mit zufrie⸗ 279 dener Miene und legte ſich nieder, aber die Banknote feſt in der Hand haltend. „Am Morgen darauf war Eſther verſchwunden, trotz aller Vorſichtsmaßregeln, welche Miß Low am Abend zuvor getroffen hatte. „Sie hatte ſich mittelſt eines Seiles vom Fenſter herabgelaſſen. „Miß Low machte Meldung auf der Polizei. Man brachte bald heraus, daß ſie in derſelben Nacht, wo ſie entwichen war, ſich nach Gothenburg einge⸗ ſchifft hatte. „Jvana gab Mrs. Smith den Auftrag, ihr nach⸗ zureiſen und ſie zurückzuführen. Für den Fall des Gelingens wurde der habgierigen Frau eine große Belohnung in Ausſicht geſtellt. „Gerade in dem Augenblick, da Mrs. Smith Eſther in Gothenburg auffand, traf auch Gurli mit ihr daſelbſt zuſammen. „Seitdem war Eſther in Gewahrſam von Mrs. Smith geblieben. „Als ich meine Nachforſchungen begann und es mir gelungen war, Mrs. Smith auf die Spur zu kommen, zog ſie von London hinweg und ließ ſich an der Küſte häuslich nieder. „In dieſen abgelegenen Winkel und unter die Gewalt dieſes abſcheulichen Weibes brachte man auch Sie, Gurli, um ſich Ihrer Perſon zu verſichern und Sie dort gefangen zu halten. „Ohne die Hilfe von Matthes wäre Gurli auch gewiß noch in der Haſt dieſer Frau. Durch Matthes gelang es jedoch Stephan, nicht blos Gurli, ſondern auch Eſther zu befreien, obwohl Gurli während ihrer „ 280 Gefangenſchaft bei Mrs. Smith keine Ahnung davon gehabt hatte, daß Eſther und ſie an demſelben Orte eingeſperrt waren.“ XXXXIII. „Es bleibt mir jetzt nur noch übrig,“ fuhr Wal⸗ ter nach einer Pauſe fort,„meiner Erzählung mit Bezug auf Jvana und Amy Einiges beizufügen, wo⸗ von zwar Gurli bereits Kunde hat, Tante Katharina und Eliſabeth aber noch Nichts wiſſen. „Nachdem Jvana ihre Tochter gründliche muſika⸗ liſche Studien hatte machen laſſen, erhielt Amy ein Engagement zu Neapel. „Am Abend, da ſie zum erſten Mal auf dem Theater San Carlo auftrat, fand ſich nach dem Schluß der Oper Francisco Teverino ein, um ſeine Frau und Tochter nach ihrer Wohnung zu begleiten, wo er nun, nachdem er mit vieler Mühe ihre Spur aufgefunden hatte, gleichfalls ſein Zelt auſſchlug. „Jvana's heftige Proteſte und ihre Verſuche, die Tochter dem Vater zu entreißen, waren fruchtlos. Francisco blieb, um die Frucht von dem., was die Tochter verdiente, zu genießen und ein luſtiges Leben zu führen. „Ungeachtet des wirklich großen Gehaltes, wel⸗ chen Amy bezog, war die Folge hievon, daß die Mit⸗ tel nicht ausreichen wollten und es der Mutter und Tochter ſehr oft an dem Nothwendigſten gebrach; aber nicht genug daran, erlaubte ſich Francisco ſowohl gegen Amy als Jvana die roheſten Gewaltthätigkeiten, wenn ſie ihm kein Geld mehr zu geben hatten. 281 „So verging ein Jahr; da entwich Jvana mit Tochter von Neuem und verließ ihren Mann und eapel. „Sie begab ſich mit Amy nach Frankreich, wo ſie für ſich und ihre Tochter ein Engagement zu er⸗ halten ſuchte; aber ſie trafen in Paris, da die Sai⸗ ſon gerade vorüber war, zu einer höchſt ungünſtigen Zeit ein, ſo daß Amy keine ſolche Stellung, wie ſie es wünſchte, erhalten konnte. „Endlich kam ſie mit dem Direktor von einem der kleinen Theater dahin überein, daß ſie für eine gewiſſe Summe den Abend in ein paar Rollen auf⸗ treten ſollte. „Sie war eben in der Probe zu ihrem erſten Auftreten geweſen, als ſie auf dem Heimweg von der⸗ ſelben ihrem Vater begegnete. „Das arme Mädchen erſchrack beim Anblick deſ⸗ ſelben dermaßen, daß es ſich kaum der Thränen ent⸗ halten konnte. „Unter dem Ausbruch des heftigſten Zornes be⸗ grüßte Teverino ſeine Tochter. Er überhäufte ſie mit Vorwürfen, daß ſie ihn im Stich gelaſſen hatte. „Bei der Ankunft in ihrer Wohnung gab es na⸗ türlich eine ſtürmiſche Scene zwiſchen den beiden Gatten. „Jvana, heftig und ungeſtüm, konnte den Gedan⸗ ken nicht ertragen, ihre Tochter von Neuem der ge⸗ waltthätigen Behandlung ihres Vaters ausgeſetzt zu ſehen, und ließ ihrem Zorn freien Lauf; Francisco dagegen war nicht geneigt, Jana zu verzeihen, daß ſie ihn des Vortheils, auf Koſten der Tochter zu leben, berauben wollte. „Zwei Abende ſpäter ſang Amy zum erſten Mal vor dem Pariſer Publikum. 282 „Ihre Aufmerkſamkeit wandte ſich einem jungen Mann zu, welcher vorn im Parterre ſaß und mit ganzer Seele ihrem Geſang zu lauſchen ſchien. Sein regelmäßiges, ſchönes Angeſicht verrieth das größte Intereſſe. „Amy, welche noch niemals irgend einen Mann mit beſonderer Theilnahme betrachtet hatte, fühlte ſich von dem Fremden ſehr lebhaft angezogen, wie ſie von Anfang an ſchon durch ſein Aeußeres überraſcht wor⸗ den war. „Sie glaubte niemals ein ſchöneres Antlitz, nie⸗ mals ein paar Augen, deren Blick ſo in der Seele wohl that, geſehen zu haben. Sie ſang ſchöner als je und fand lebhaften Beifall. „Der Vorhang ſiel und Amy begab ſich in ihr Garderobezimmer, um, fortwährend in Gedanken mit dem Fremden beſchäftigt, ihr Koſtüm mit den gewöhn⸗ lichen Kleidern zu vertauſchen. „Sie hatte nicht darauf geachtet, daß ein hochge⸗ wachſener Mann, mit einem Ordensband im Knopf⸗ loch, unverwandt die Augen auf ſie gerichtet hielt. Ebenſo wenig ahnte ſie, daß ihr Vater von ſeinem Platze im Parquett den ſtattlichen Herrn gleichfalls beobachtet und ſich Kunde von ſeinem Namen zu ver⸗ ſchaffen gewußt hatte. „Teverino folgte ihm vom Theater aus und be⸗ fand ſich in deſſen Nähe, als er einem Diener den Auftrag gab, ſich Signora Teverino's Adreſſe zu ver⸗ ſchaffen. „Teverino erſparte dem Diener die Antwort, in⸗ dem er dem mit einem Orden dekorirten Herrn die gewünſchte Aufklärung gab. „Am folgenden Tage führte Teverino den Fürſten F. bei Amy ein, welche den vornehmen Mann mit 283 jener nachläſſigen Kälte empfing, wie ſie Theaterdamen, wenn ſie nicht leichtfertiger Natur ſind, gegen Männer an den Tag legen, die ihnen ihre Huldigungen darzu⸗ bringen ſich bemühen. „„Der Fürſt ließ ſich indeſſen dadurch nicht ab⸗ ſchrecken, ſondern machte Amy einen Antrag, bei deſſen Anhören Amy heftig aufſprang und dem Fürſten das Zimmer zu verlaſſen gebot. „Seine Hoheit ging; der ſchändliche Vater aber blieb zurück, ganz wüthend darüber, ſich der Geld⸗ quelle beraubt zu ſehen, welche er bei dem Fürſten ſich eröffnet hätte. Er erlaubte ſich zugleich, die Toch⸗ ter ſeinen Zorn durch die gröbſten Mißhandlungen fühlen zu laſſen. „Den Tag darauf war Amy krank und konnte eine ganze Woche nicht auftreten. „Eine andere, bekanntere Sängerin wurde unter⸗ deſſen bei demſelben Theater und unter denſelben Be⸗ dingungen angeſtellt. Amy wurde dadurch ihres bisherigen Einkommens beraubt, und zwar durch einen Vater, welcher unaufhörlich Geld bedurfte und in Raſerei gerieth, wenn er ſolches nicht erhielt. „Eines Abends, als Teverino im Rauſche heim⸗ kehrte, hatte er einen Wagen mit ſich gebracht und wollte ſeine Tochter zwingen, einzuſteigen und ihn zu begleiten. Amy weigerte ſich beſtimmt, und Jvana trat zur Vertheidigung ihres Kindes auf. „Teverino, welchem eine große Summe Geldes verſprochen worden war, wenn er Amy beſtimmen könnte, ihre abſchlägige Antwort gegen den Fürſten zurückzunehmen, ergriff das Mädchen bei den Haaren und drohte ihr, aus der Bruſttaſche einen Dolch zie⸗ hend, mit dem Tode, wenn ſie ihm nicht Gehorſam leiſtete. 284 „Jvana warf ſich mit einem Schrei des Zornes und Entſetzens auf ihren Mann; Teverino ſchleuderte ſie von ſich und brüllte Amy zu: „Du folgſt mir, oder ich bringe dich um.“ „Jvana's Geſchrei hatte indeſſen die Aufmerkſam⸗ keit der Nachbarn erregt. „In demſelben Augenblick, da Teverino mit ge⸗ zücktem Dolche ſeiner Tochter gebot, ihm zu folgen, wurde die Thüre aufgeriſſen und ein Mann kam hereingeſtürzt. Er faßte Teverino's Arm von hinten und rief: „Wie, mein Herr, Gewalt gegen eine Frau!“ „Teverino ließ von der Tochter ab und wandte ſich gegen den Eingetretenen. Es war ein ſehr junger Mann, aber von entſchloſſenem und ungewöhnlich vor⸗ theilhaftem Aeußern. „Ich bin Ihr Nachbar, mein Herr,“ ſprach der Fremde, auf eine verſchloſſene Thüre deutend.—„Mit dem beſten Willen von der Welt, nicht zu hören, was hier vorging, mußte ich nach Ihrer Art und Weiſe doch Kenntniß davon erhalten, daß Sie Geld brauchen. Sie wünſcheu durch Ihre Tochter ſich ſolches zu ver⸗ ſchaffen, nicht wahr? Ich gebe zu, daß dieß aller⸗ dings ſehr bequem, aber eines Gentlemans nicht ſehr würdig iſt. Ich will Ihnen inzwiſchen einen Vorſchlag machen: Sie bekommen von mir eine gleich große Summe, wie diejenige iſt, für welche Sie Ihr Kind aufopfern wollten; aber unter gewiſſen Bedingungen. Ein Viertel davon erhalten Sie ſogleich, das andere Viertel erheben Sie in England, und den Reſt, wenn Sie in Amerika angekommen ſind, wohin Sie am tlügſten thun ſich auf den Weg zu machen. Im Fall Sie nicht darauf eingehen, ſehe ich mich gezwungen, der Polizei Anzeige zu machen, daß Sie geſtern meinem 285 Reiſegefährten eine Börſe aus der Taſche wegprakti⸗ zirten, während er ſich im Hauſe von Madame Z. befand und dem Rouletteſpiel zuſah. Wir waren zu zwei und ſahen, wie Sie auch noch zwei andere Bör⸗ ſen aus den Taſchen von deren Eigenthümern in die Ihrige hinüberſpazieren ließen. Nun, mein Herr, wollen Sie auf meinen Vorſchlag eingehen, oder mit der Polizei Bekanntſchaft machen?“ „Teverino ſtand wie vom Donner gerührt da. Amy war auf einen Stuhl niedergeſunken und hatte das Angeſicht in den Händen verborgen. Sie glaubte vor Scham ſterben zu müſſen, als ſie die Worte des Fremden gegen ihren Vater hörte. „Dieſer Mann, welcher ſich ſo tief erniedrigt hatte, war ihr Vater. „Teverino, welcher ſich in der letzten Zeit der Aus⸗ führung verſchiedener Stückchen bewußt war, wünſchte durchaus nicht, daß die Polizei denſelben auf die Spur käme, und ging auf den gemachten Vorſchlag ein. „Den Tag darauf war er von Paris fort, und zwei Tage ſpäter fand ſich der junge Mann wieberum in Amy's Wohnung ein, um ſie davon zu unterrichten, daß er, wenn ſie es wünſchte, die Hoffnung habe, durch einen ſeiner Freunde ihr ein Engagement bei der Oper in Paris zu verſchaffen. Zugleich bat er un Frlaubriß, ihr den Marquis D. vorſtellen zu ürfen. „An demſelben Tage, da der Contract über Amy's Engagement bei der Oper unterzeichnet wurde, erſchien der Fremde des Abends wiederum, um ſich zu erkun⸗ digen, ob die Unterſchriſt erfolgt wäre. „„Amy dankte ihm mit all der Wärme, welche in ihrer Natur lag, und gab ihm eine Roſe, welche ſie von einem an ihrem Fenſter ſtehenden Stocke brach, Schwartz, Der Rechte. III. 19 286 mit der Verſicherung, daß ſie ſich für ihr ganzes Leben als ſeine Schuldnerin betrachte. „Auf ſolche Weiſe machte ſich Stephans und Amy's Bekanntſchaft. „Ihr Herz neigte ſich mit leidenſchaftlicher Zärt⸗ lichteit dem Manne zu, dem ſie ſo großen Dank ſchul⸗ dig war. „Stephan, welcher ſich damals zugleich mit Allon und Blom zu Paris aufhielt und auf Falkenſterns Koſten reiste, hatte für Teverino die ganze Summe verwendet, welche er für dieſe ſeine Reiſe erhalten, und mußte nun, um ſo lang als Allon im Ausland zu verweilen, ein Anlehen aufnehmen, welches ihm Blom verſchaffte. „Damit er aber, da nun ſeine Einkünfte jetzt ſehr beſchränkt waren, nicht ſo viel als Allon verbrauche, beſchloß er, ganz eingezogen zu leben und ſich von den Zerſtreuungen fern zu halten, an welchen die beiden Couſine bisher Theil genommen hatten. Er blieb in Paris, während Blom und Allon eine Reiſe nach Ita⸗ lien machten. Er wollte die Schuld, die er gemacht hatte, nicht vergrößern, und die Mittel, über die er jetzt verfügte, geſtatteten ihm nicht, ſie zu begleiten. „Während Blom und Allon in Italien herum⸗ ſtreiften, blieb Stephan in Fronkreichs Hauptſtadt, logirte ſich in einem Dachſtübchen ein, wo er ein ſehr einſames Leben führte und allen Bekannten auswich. Sein einziger Umgang war Madame Teverino und ihre Tochter. „Der Einfluß, welchen er auf die letztere ausübte, hätte ſehr wohlthätig werden können, wenn die Nei⸗ gung, welche Amy zu Stephan hegte, erwidert worden wäre. So ober ſollte dieſer vertrauliche Umgans 287 zwiſchen den beiden jungen Leuten im höchſten Grabe ſchädlich auf Amy einwirken. „Amy, welche liebte, ſah in ſeiner Freundſchaft und in ſeinem Wohlwollen einen Beweis dafür, daß ihr Gefühl erwidert werde, und glaubte ſeine Liebe zu beſitzen. „So vergingen zwei Monate. „Zwei Monate für Amy waren daſſelbe, was zwei Jahre für ein anderes junges Mädchen, ſo ſchnell entwickelten ſich ihre Gefühle, und da Stephan ſich gleich blieb, ohne daß eine Erklärung über ſeine Lip⸗ pen kam, begann ſie zuletzt daran zu zweifeln, daß er ſie ſo lieb hätte, wie ſie ihn. „Getrieben von ihrer Ungeduld, ihr Schickſal ent⸗ ſchieden zu ſehen, beſchloß ſie, der peinlichen Ungewiß⸗ heit dadurch ein Ende zu machen, daß ſie Stephan die Frage vorlegte, ob er ſchon geliebt habe. „Jä,“ antwortete Stephan lächelnd,„ich habe nicht nur geliebt, ſondern liebe noch.“ „Seit wann?“ fuhr Amy fort. „Das kann ich unmöglich ſagen, denn die Perſon, die ich liebe, iſt mir theuer geweſen, ſo weit ich zurück⸗ denken kann. Sie hat in meinem Herzen gewohnt, ſeitdem daſſelbe überhaupt eines zärtlichen Gefühls fähig iſt.“ „Ach, es iſt ſomit ein Mädchen in Ihrem Hei⸗ mathlande?“ „Es lag in Amy's Ton Etwas, das Stephan beinahe erſchreckte. Er ſah ihr in's Geſicht. Ihre Augen begegneten ſich, und in dieſem einen Blick las Stephan ihres Herzens Geheimniß. Es ſtand darin allzu deutlich geſchrieben, daß ſie ihn liebte. „Stephans ſtrenges Ehrgefühl ließ ihn ſogleich erkennen, wie er handeln mußte, um jeden Schimmer 288 von Ungewißheit in Bezug auf die Natur ſeiner An⸗ hänglichkeit an ſie zu vernichten. Er faßte deßhalb Amy's Hand und ſprach mit tiefem Ernſt: „Ja, Amy, ich liebe ein Mäbchen in meinen Heimathlande, liebe ſie von ganzer Seele, ſo daß eine Andere zu lieben mir unmöglich iſt. Das Einzige, was ich nunmehr geben kann, iſt meine brüderliche Zuneigung und dieſe, Amy, habe ich Ihnen gewidmet. — Unſere Wege werden bald auseinander gehen; wo dieſelben aber auch wieder zuſammentreffen mögen, werden Sie immerdar an mir einen Freund finden; aber Amy, meine Freundſchaft iſt das Einzige, was ich Ihnen geben kann.“ 8 „Kurz darauf kehrte Stephan in das Vaterland zurück und ſah Amy erſt in Birgersborg wieder.“ „Aber wie in aller Welt kam Gurli dazu,“ fiel Tante Katharina ein,„die Teverino's einzuladen,“ und wie hängt dieß eigentlich damit zuſfammen, daß Miß Stewart Falkenſterns Tochter iſt?“ „Warten Sie ein wenig, Tante, und die Sache wird dann ihre Erklärung finden,“ erwiderte Walter. —„Um mit Eliſabeth anzufangen, ſo verhält es ſich folgendermaßen: Mr. John Stewart hatte ſich mit der Tochter eines reichen Amerikaners verheirathet; er nahm die junge Frau aus der neuen Welt mit ſich nach Altengland, wo er luſtig und ſorglos die Mitgift, welche er erhalten hatte, verſchwendete. Nach einer Ehe von etlichen Jahren war ſie auch wirklich daraufge⸗ gangen, und Stewart gerieth auf den Gedanken, ſeinem Schwiegervater einen Beſuch zu machen und ſich in Amerita niederzulaſſen. Er theilte ſeiner Frau dieſen Plan mit, und es wurde ausgemacht, daß ſie Stewarts PVaterland verlaſſen und ſich dahin begeben wollten, wo die Wiege ſeiner Frau geſtanden war. 289 „Sie gingen an Bord und nahmen ihr jüngſtes und einzig am Leben befindliches Kind, ein noch nicht einjähriges Mädchen, mit. „Der Tod hatte die vier ältern Kinder hinweg⸗ gerafft und der Kummer darüber die Geſundheit der Mutter untergraben; auch hielt ſie die Beſchwerden der Reiſe nicht aus, ſondern ſtarb auf der Ueberfahrt. „Zwei Tag nach ſeiner Ankunft in Amerika ſah Stewart auch ſeine kleine Tochter ſich durch den Tod geraubt. „Der Verluſt von Frau und Kind war für den ruinirten Mann um ſo empfindlicher, als er mit ihnen alle Hoffnung verlor, von dem Schwiegervater Hülfe zu bekommen. Dieſer hatte nämlich in einem Briefe zu verſtehen gegeben, das Einzige, was ihn beſtimmen könnte, für ſeinen Tochtermann, der ſich als Verſchwen⸗ der gezeigt, Etwas zu thun, ſei die Liebe zu ſeiner Enkelin. Dieſe wollte der alte Mann ganz zu ſich nehmen und im Teſtamente zur Erbin ſeines ganzen Vermögens einſetzen. „Stewarts Lage war ſomit äußerſt bedenklich; aber als der erſte Kummer ſich gelegt hatte, begann er ſich die Sache zu überlegen und kam auf die Idee, den Verluſt ſeiner Tochter durch ein fremdes Kind zu er⸗ ſetzen und den Schwiegervater über den Tod ſeiner Enkelin in Ungewißheit zu laſſen. „Er begab ſich demgemäß in einen der Sklaven⸗ ſtaaten und auf einen Sklavenmarkt, um dort ein Kind zu kaufen. „Dieß war die ſicherſte Art und Weiſe, das Ge⸗ heimniß zu bewahren, da die Eltern des Kindes in Zukunft keine Anſprüche darauf erheben und ſomit den Betrug entdecken könnten. 290 „Er kaufte alſo Eſthers keines Mädchen und nannte ſie nach der, welche er verloren, Eliſabeth. „Der Schwiegervater, weit entfernt, den Betrug zu ahnen, nahm das Kind ſeiner verſtorbenen Tochter mit der größten Freude auf und überhäufte es mit der Zärtlichkeit, welche er für die Mutter gehegt hatte. „Er ſtreckte Stewart eine genügende Summe vor, um als Kaufmann von Neuem anzufangen, jedoch un⸗ ter der Bedingung, daß er nach England zurückkehrte. „Eliſabeth blieb bei Stewarts Schwiegervater bis zu ihrem achten Jahre, wo er ganz unvermuthet ſich wieder verheirathete. Er ſchickte nun ſeine Enkelin nach England zurück, indem er ihr eine ſehr ſchöne Summe zu ihrem jähr⸗ lichen Unterhalt anwies. „Stewart brachte das Mädchen in eine der erſten Penſionen Englands. Sie erhielt die ſorgfältigſte Er⸗ ziehung, verließ erſt in einem Alter von neunzehn Jahren die Anſtalt und kehrte zu Stewart heim. „Der Charakter des Mädchens war im höchſten Grade ſelbſtſtändig, der von Stewart dagegen deſpo⸗ tiſch, ſo daß eine Harmonie zwiſchen ihnen zur Un⸗ möglichkeit wurde. Hiezuckam, daß der frühere Ver⸗ ſchwender ein ſtrenger Haushälter geworden war, wel⸗ cher beſtändig davon ſprach, was Eliſabeth ihn koſtete, ſo daß der Aufenthalt In ſeinem Hauſe ihr nur un⸗ angenehm ſeyn konnte, beſonders da Stewart in ſei⸗ nem Benehmen gegen ſie etwas Kaltes und Fremdes hatte. „Eliſabeth machte alſo Stewart den Vorſchlag, ſie wolle ſich eine Stelle als Lehrerin in einer ange⸗ ſehenen Familie ſuchen. Im Fall er ihren Wunſch 291 erfülle, ſey ſie geneigt, das Jahrgeld, welches ſie von Amerika bezog, ihm abzutreten. „Stewart ging mit dem größten Vergnügen da⸗ rauf ein, und Eliſabeth kam in das Haus von Lord I—s, um deſſen einzige Tochter zu erziehen. Sie blieb vier Jahre in dieſer Stelle, bis die Erziehung der jungen Lady vollendet war. „Um dieſe Zeit erhielt Eliſabeth von dem Com⸗ miſſionär Falkenſterns den Auftrag, nach Schweden zu gehen und bei des reichen Mannes Stieftochter Gou⸗ vernante zu werden.“ XXXXIV. „Was nun folgt, iſt mir bekannt,“ unterbrach Tante Katharina den Mulatten in ſeiner Erzählung, „aber nun möchte ich wiſſen, wodurch Stewart zu dem Bekenntniß gebracht wurde, daß Eliſabeth nicht ſein Kind ſey?“ „Durch den eigenen Vortheil,“ antwortete Walter lachend.„Als es Stephan durch Matthes gelungen war, Gurli und zugleich mit ihr Eſther aufßzufinden, erzählte die letztere ihm ihre Lebensgeſchichte, worauf es nicht ſchwer wurde, von Stewart die Wahrheit zu erfahren und herauszubringen, daß Eliſabeth das von ihm in Amerika gekaufte Kind ſey. Stephan wußte dem habgierigen Mann die Sache ſo vorzuſtellen, daß er es für ſeinen eigenen Nutzen am dienlichſten fand, die Wahrheit zu geſtehen. Eliſabeth ſollte ihrem Pflegevater Alles zurückbezahlen, was ihre Erziehung gekoſtet hatte, und noch eine beträchtliche Summe da⸗ zufügen.“ 292 „Ach, nun iſt mir die Sache klar,“ meinte Tante Katharina, eine Priſe nehmend.—„Sagen Sie mir nun, wie Matthes es anſtellte, um außzufinden, wo⸗ hin Gurli ihren Weg genommen hatte?“ „Matthes hatte eines Abends, da er draußen an dem See war, ein Boot wahrgenommen, welches auf den Strand, wo er ſich befand, zuruderte. Es war Abenddämmerung, aber deſſen ungeachtet glaubte er in der Perſon, welche das Boot führte, Grünlund zu erkennen. Er fand es ſeltſam, daß der Prieſter ganz allein um dieſe Zeit draußen auf dem See war und ſich ſo weit von ſeiner Wohnung entfernt hatte. „Matthes beſchloß alſo, den Spion zu machen, und boch zu dieſem Zweck hinter ein paar Büſche. „Kaum hatte er ſeinen Verſteck eingenommen, als er eine Frau auf den Strand zukommen ſah. Etwas ſpäter legte Grünlunds Boot an, und jetzt überzeugte ſich Matthes vollkommen, daß es der Prieſter war. In der Frau erkannte er Madame Teverino. „Augenſcheinlich hatten ſie eine Zuſammenkunft an dieſem einſamen und abgelegenen Orte verabredet, denn ſie beſprachen ſich nunmehr lang mit einander und zwar ſo leiſe, daß Matthes nur ein paar Mal Gurli's Namen erwähnen hörte. Doch gelang es ihm, einige Worte von Madame Teverind aufzufangen. Sie lauteten; „Gelingt es uns, ſie auf dieſe Art zu einer Reiſe zu veranlaſſen, ſo iſt das Spiel gewonnen, und ſie wird unſere Plane nicht durchkreuzen. „Die Worte London, Gothenburg, Walter waren Alles, was er noch weiter vernahm. Endlich trennten ſie ſich, worauf Grünlund ſagte: „Der Brief muß ſo eingerichtet ſeyn, daß ſie von heute über acht Tage abreist.“ — —,— 293 „Allerdings.“ „Gut, wir können nun den Sieg als unſer be⸗ trachten.— Geſtehen Sie, daß ich mich durch Lotta's Rapporte Ihnen ſehr nützlich gemacht habe,“ ſetzte Grünlund hinzu und ſtieg in das Boot. „Ich hoffe Ihnen einen nicht minder wichtigen Dienſt zu leiſten, indem ich Ihre bitterſte Feindin aus dem Wege ſchaffe,“ erwiederte Madame Teverino. „Darauf entfernte ſie ſich. Der Prieſter ſtieß ſchnell vom Strande ab. „Wäre Stephan zu Breddal geweſen, ſo würde Matthes demſelben ſeinen Argwohn, daß Gurli von irgend einer Gefahr bedroht ſey, ſogleich mitgetheilt haben. Nun ober hielt er es für das Klügſte, Nie⸗ mand etwas von dem, was er gehört hatte, zu ſagen, ſondern ſich in der Nähe von Pirgersborg aufzuhal⸗ ten und es wo möglich ſo einzurichten, daß er von ſ was geſchähe, ſich Kunde zu verſchaffen ver⸗ möchte. „An dem für Gurli's Reiſe feſtgeſetzten Tage fand ſich Matthes zu Birgersborg ein, um ſich zu überzeugen, ob es wirklich zu einer ſolchen kommen würde, und als er ſah, daß ſie im Begriff ſtand, ſich nach Gothenburg zu begeben, bat er Gurli, mitfahren zu dürfen, vollkommen gewiß, ſie, wenn es gälte, ver⸗ theidigen zu können. „Als Gurli bei der Ankunft in der Stadt nach dem Hafen hinunterfuhr, ſchmuggelte Matthes ſich unvermerkt hinten auf den Wagen hinauf. „Er ſah Gurli an Bord gehen, aber da der Ka⸗ pitän des Schiffes den Kutſcher fortſchickte, ſchlich Matthes auf das Schiff, um auszuforſchen, warum Gurli auf demſelben zurückbliebe. Gleichwohl hatte er kaum noch Zeit, ſich hinter einem Haufen Tauwerk 294 zu verbergen, als der Kapitän die Anker lichten ließ und in See ſtach. 2 „Matthes ſah ein, daß er bis Tagesanbruch ir⸗ gend einen Grund für ſeine Anweſenheit an Bord auffinden mußte, ſofern er nicht Gefahr laufen wollte, an's Land geſetzt zu werden. Er mußte unbedingt es ſo anſtellen, daß er auf dem Schiffe bleiben durfte. „Er tiſchte alſo dem Kapitän eine ganz wahr⸗ ſcheinliche Geſchichte auf, er ſey in eine kleine Schlä⸗ gerei verwickelt geweſen, habe dabei ſeinem Gegner einen Meſſerſtich verſetzt und ſich hieher an Bord ge⸗ ſchlichen, um der Polizei, welche ihm nachſetzte, zu entfliehen. Er bat den Kapitän, mitfahren zu dürfen, ſoweit das Schiff auch ginge, und erklärte ſich zu allen Verrichtungen bereit, welche ſein hölzernes Bein ihm geſtatten würde. „Der Kapitän ließ ihn bleiben. Bald hatte er in Erfahrung gebracht, daß das Schiff an der Küſte von England anlegen und dann nach Amerika weiter fahren würde. An Bord deſſelben befanden ſich meh⸗ rere Paſſagiere, unter ihnen einer, welcher ſeine Ka⸗ jüte niemals verließ, aus dem einfachen Grunde, weil der Kapitän den Schlüſſel davon zu ſich geſteckt hatte Daß dieſer Paſſagier Gurli wäre, hielt Matthes für eine ausgemachte Sache, weil er alle übrigen ſelbſt geſehen hatte. „An der engliſchen Küſte angelangt, ging das Schiff an einem finſtern, regneriſchen Abend vor An⸗ ker. Alle Paſſagiere an Bord ſchliefen, aber Matthes wachte und ſpähte. Die große Schaluppe wurde klar gemacht. Matthes ſah, wie der Kapitän eine in Mäntel gehüllte Frauengeſtalt herauftrug Er brachte ſie in die Schaluppe, worauf dieſe vom Schiff abſtieß. „Ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, ließ „ 295 Matthes ſich in die Jolle hinab, welche an der andern Seite des Schiffes lag, und landete gleichzeitig mit der großen Schaluppe an der engliſchen Küſte, wiewohl in einiger Entfernung von der Stelle, wo jene ange⸗ legt hatte. „Ein Wagen wartete am Strande, und in dieſen wurde die in Mäntel gehüllte Gurli gehoben, wor⸗ auf der Kapitän, froh, von der Verantwortlichkeit be⸗ freit zu ſeyn, auf ſein Schiff zurückeilte, um ſeine Reiſe über den Ocean weiter zu verfolgen. „Als der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, ver⸗ ſuchte Matthes ſich hinten an demſelben feſtzuhalten. „Die Fahrt ging anfänglich ſehr langſam, denn auf eine gute Meile gab es keinen gebahnten Fahrweg. „Nach Verfluß von ein paar Stunden hielt er vor einem einzeln ſtehenden Hauſe. „Matthes kroch von dem Hinterſitz herab und legte ſich an dem Fuß eines Baumes nieder. „Der Wagenſchlag wurde von innen geöffnet und eine hochgewachſene, ſtämmige Frau ſtieg aus. „Sie näherte ſich der Thüre und klopfte dreimal. Nach einer Weile ging dieſelbe auf, und ein Mann kam zum Vorſchein. „Nachdem zwiſchen ihm und der Frau einige Worte gewechſelt worden waren, trat der Mann zu dem Wagen, hob die Frauengeſtalt heraus und trug ſie in das Haus hinein, worauf die Thüre wieder geſchloſſen wurde, und der Wagen abfuhr. „Matthes erhob ſich und begann zu überlegen, was zu thun wäre. „Er bereute jetzt, daß er ſeinen Verdacht Tante Katharina nicht mitgetheilt hatte. „Er brachte die Nacht in der größten Angſt zu. Ohne Geld, ohne Lokalkenntniß, ohne Bekannte, ohne . 296 ein mehr als nothdürftiges Verſtändniß der Landes⸗ ſprache, ſah er ein, daß Gurli nur einen ſchlechten Vertheidiger an ihm hätte. „Nachdem er die ganze Nacht vergeblich überlegt hatte, was er beginnen ſollte, und nachdem der Schiffs⸗ zwieback, den er bei ſich führte, verzehrt war, faßte er den Entſchluß, an der verſchloſſenen Pforte anzu⸗ klopfen, als Bettler hineinzukommen und Etwas zur Stillung ſeines Hungers zu verlangen. „Es war früh am Morgen, als er dieſen Vor⸗ ſatz in Ausführung brachte. „Die Thüre wurde endlich von einer dicken Magd mit rothem Haar und dummem Ausſehen geöffnet. „Matthes ſuchte in gebrochenem Engliſch ihr be⸗ greiflich zu machen, daß er halb verhungert ſey und Stwas zu eſſen begehre. Sie ſah ihn nur mit einem dummen Blick an und wollte die Thüre wieder ſchlie⸗ ßen, da ſie nicht verſtund, was er ſagte; aber dieß war nicht nach dem Sinn von Matthes. Che die Magd wußte, wie ihr geſchah, hatte er ſie zur Seite geſchoben und war in den Hof getreten. „Das Mädchen öffnete nun den Mund, um Hülfe zu rufen, aber Matthes ſchloß ihr denſelben mit ſei⸗ ner großen Fauſt und gebot ihr zu ſchweigen, wenn ihr das Leben lieb wäre. „Endlich gelang es ihm, ihr begreiflich zu machen, daß er Nichts wünſche, als Etwas zum Eſſen zu be⸗ kommen. „Das Mädchen eilte nun in die Küche hinauf und gab ihm von Speiſe, was ihr gerade unter die Hand kam. „Während Matthes tüchtig einhieb, ließ ſich eine ſcharfe Stimme vernehmen, welche von der Treppe herab nach Lisbeth rief. Matthes flüchtete 297 ſich in einen Winkel, flüſterte aber Lisbeth vorher zu, ich ſie von ſeiner Anweſenheit kein Wort ſagen ollte. „Das arme Mädchen folgte dem Rufe mit erſchrockener Miene, und Matthes hörte, daß man oben mit großer Heftigkeit ſprach, worauf zwei Per⸗ ſonen die Treppe herabkamen. „Matthes faßte ſeinen Knotenſtock, entſchloſſen, ſich zu vertheidigen, wenn man ihn angriffe; aber zu ſeinem großen Erſtaunen gingen ſie nach dem Hofe zu, und er erkannte dieſelbe hochgewachſene Frau, welche die Nacht zuvor aus dem Wagen geſtiegen war und nun, wie geſagt, in Begleitung eines Mannes ſich in den Hof hinaus verfügte. Lisbeth eilte in die Küche zurück, nachdem ſie die Thüre hinter jenen geſchloſſen hatte. „Sie wollte nun Matthes bewegen, ſeines Wegs zu gehen, ehe ihre Herrſchaft wiederkehre, weil ſie ſonſt Scheltworte und Schläge bekäme; aber Matthes ließ ſich dadurch nicht rühren. Er blieb unbeweglich und wich nicht aus ſeinem Winkel, ſondern ſuchte nur das Mädchen über die Möglichkeit einer Entdeckung zu beruhigen; wenn ſie ſtill ſchwiege, meinte er, wäre keine Gefahr zu beſorgen. „Drei ganze Tage blieb Matthes zum Schrecken des Mädchens ihr Gaſt, aber ohne daß er in dieſer Zeit herausbrachte, ob und wo Gurli in dieſem Hauſe verſteckt wäre. „Lisbeth wußte Nichts; ſie hatte Niemand geſehen, und wäre auch nicht im Stande geweſen, über das, was drinnen vorging, ihm einen Beſcheid zu geben, da man ſie noch nie weiter, als bis auf die Hausflur des erſten Stocks vorgelaſſen hatte. „Am vierten Abend, als Alles ſtill war, ſchlich 298 Matthes auf den Hof hinaus und begann rings um das hohe Gebäude herumzuwandern, um nach allen Fenſtern hinaufzuſchauen. „Hoch oben am Dachgeſimſe, auf der nach der See gehenden Rückſeite des Hauſes entdeckte er eine Reihe niedriger, mit Scheiben verſehener Fenſterlucken. Auf der Landſeite fanden ſich dergleichen nicht. „Die Strahlen des Mondes fielen auf die kleinen Fenſter, und es kam Matthes vor, als rühre ſich Etwas hinter einem derſelben. Er blieb unbeweglich ſtehen und richtete ſeinen Blick auf die kleine Lucke. „Es ließ ſich nicht mehr bezweifeln, daß ſich da drinnen ein lebendes Weſen befand. Es ſah aus, als ob ein paar Hände ſich vergeblich bemühten, die⸗ ſelbe zu öffnen. „Eine gute Stunde verfloß. Endlich ging das Fenſter auf, und Matthes ſah einen Kopf ſich vor⸗ beugen und herniederſchauen, wie wenn er den Abſtand von hier bis auf den Boden bemeſſen wollte. „Das Mondlicht fiel auf dieſen Kopf, und Matthes erkannte das goldlockige Haar ſeiner frühern Wohl⸗ thäterin. Ohne die Folgen von dem, was er that, zu berechnen, rief Matthes Gurli bei Namen. „Ihr Blick fiel auf den Rufenden. In haſtigem Tone erzählte ihm Gurli, daß man ſie hier gefangen halte; daß ſie ſeit ihrer Ankunft vergeblich das Fenſter zu öffnen verſucht habe, um durch daſſelbe hinaus zu kommen; erſt dieſe Nacht ſey es ihr gelungen, aber auch zu ihrem Schrecken klar geworden, daß es zu hoch liege, um ſich von hier hinabzulaſſen. Sie bat deßhalb Matthes, ſich ſogleich auf den Weg zu machen und den ſchwediſchen Konſul in der nächſten Stadt von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu ſetzen⸗ „Aber wie dahinkommen,“ ſagte Matthes,„ich habe kein Geld.“ „Verkaufe das,“ rief Gurli und warf ihm ein paar Schmuckſachen hinunter. Matthes, welcher jeden Abend ſich den Schlüſſel zum Thore zu verſchaffen gewußt hatte, eilte hinweg und begab ſich auf die Landſtraße, um den Weg nach der nächſten Stadt zu erfragen. „Ein Fuhrmann ſagte ihm, dieß ſey London. In jüngern Jahren war Matthes, als er ſich an Bord eines nach England fahrenden Schiffes befand, oft da⸗ ſelbſt geweſen. „Mit friſchem Muth begab er ſich alſo dahin; aber ein grauſames Mißgeſchick wollte, daß Matthes, da ihm das Gehen ſchwer fiel, von einem Wagen über⸗ fahren und ſo ſehr verletzt wurde, daß man ihn be⸗ ſinnungslos in ein Krankenhaus brachte. „Monate verfloſſen, ehe er ſo weit wieder herge⸗ ſtellt war, daß er mit Hülfe der Krankenwärterin einen Brief an Stephan ſchreiben konnte, worin er ihn von der Urſache ſeines Verſchwindens, ſeiner Anweſenheit in England und dem Mißgeſchick, von dem er be⸗ troffen worden war, unterrichtete. „Dieſen Brief erhielt Stephan erſt zu Ende Fe⸗ bruars. Ich lag damals krank darnieder, aber Ste⸗ phan hatte in Folge des von mir angeregten Verdach⸗ tes zu Birgersborg über die einzelnen Umſtände vor und nach Gurli's Abreiſe Erkundigungen eingezogen. „Er hatte von den Briefen an den Bürgermeiſter und an den Inſpektor die genaueſte Einſicht genom⸗ men und hatte ſich überzeugt, daß ſie nicht von Gurli's Hand herrührten, ſondern gefälſcht waren. „„Mit dieſer Gewißheit nahm er Lotta in's Ver⸗ hör und ſetzte ihr ſo hart zu, daß ſie, durch ſeine 300 Drohung, ſie in gerichtliche Unterſuchung zu ziehen, in Schrecken geſetzt, das Bekenntniß ablegte, ſie ſey von Grünlund verleitet worden, von Gurli's ganzem Thun und Treibem ihm ſtets genauen Bericht ab⸗ zuſtatten. „Stephan hatte dieß eben von ihr herausge⸗⸗ Sit als er den Brief von Matthes' Krankenwärterin erhielt. „Er ſchickte alſo Lotta in ihre Heimath, mit dem Bemerken, daß er ſie, wenn ſie auf irgend eine Weiſe ſich mit Grüniund in Berührung ſetze, als Mitſchuldige an dem Verſchwinden Gurli's vor Gericht ſtellen würde. Darauf begab er ſich nach England. „In der Nachbarſchaft hatte jedoch Niemand eine Ahnung, daß er in's Ausland gereist war, da er alle Sorge trug, daß nichts davon ruchbar wurde denn Stephan fürchtete, wenn die Kunde davon Madame Teverino oder Grünlund zu Ohren käme, würde Gurli von dem Orte, wo man ſie zur Zeit gefangen hielt, anderswohin geſchleppt werden. „Bei ſeiner Ankunft in England ſuchte Stephan vor allen Dingen Matthes auf, welcher ſich noch in dem Hoſpitale befand. „Sobald er daſſelbe verlaſſen konnte, begab ſich Stephan in ſeiner Begleitung nach dem einſamen Hauſe und klopfte dreimal an die Thüre, wie nach Matthes Bericht die hochgewachſene Frau gethan hatte, als ſie mit Gurli hier angelangt war. „Die Pforte öffnete ſich auch ſogleich und Stephan überreichte der Magd ein Blatt, welches er aus ſei⸗ be Portefeuille geriſſen und worauf er geſchrieben atte: „Ein Abgeſandter von Madame Teverino wünſcht mit Mrs. Smith zu ſprechen.“ 301 „Stephan hatte, ehe er Eingang in bem Hauſe ſuchte, ſich von dem Namen der Eigenthümerin Kennt⸗ niß verſchafft. „Nach Verfluß von einigen Minuten erſchien Mrs. Smith ſelbſt und bat ihn einzutreten. „Sie führte ihn in einen Saal im Erdgeſchoß. „Sie ſind von Madame Teverino abgeſchickt. Was hat ſie mir mitzutheilen 2“ fragte ſie. „Verſchiedenes, was Ihre Gefangene betrifft.“ „Stephan warſ jedoch ſogleich die Maske ab und erklärte, wenn ſie ihm nicht ſogleich die Dame aus⸗ liefere, welche ſeit dem November ſich hier befände, ſo werde er die Polizei um Hülfe anſprechen und eine Hausſuchung vornehmen laſſen. „Das Reſultat der Unterhandlung war, daß Mrs. Smith ſofort Stephan in das Zimmer führte, wo Gurli in Gewahrſam gehalten wurde. „In dieſem engen niedern Raume hatte Gurli vier Monate verlebt. Es gehörte Gurli's ſtarke Kör⸗ perconſtitution und energiſcher Charakter dazu, um nicht Geſundheit und Seelenſtärke zu verlieren; be⸗ ſonders wenn man bedenkt, daß ſie kaum erſt von der Kopfwunde geheilt war, als ſie in dieſes Privatge⸗ fängniß gebracht wurde. „Gurli war allerdings bleich und abgefallen, aber deſſen ungeachtet verrieth der Ausdruck ihres Geſichts, daß ſie nicht einen Augenblick ihren Muth und das ieſt Vertrauen auf einen höheren Schutz verloren hatte. „Von dem erſten Augenblick an, da ſie am Bord des Fahrzeugs bemerkte, daß ſie das Opfer einer nie⸗ rigen Intrigue war, hatte ſie nur einen Gedanken gehabt, nämlich wie ſie ihre Freiheit wieder erlangen könnte. Schwartz, Der Rechte. III. 20 302 „Stephan war in Beſorgniß geweſen, ſie krank und ieidend zu finden, und er las darum nicht ohne Ueberraſchung in jedem ihrer Züge, daß ſie dem Miß⸗ muth und Mißtrauen keinen Platz in ihrer Seele ein⸗ geräumt hatte. „Als Gurli Stephan gewahrte, rief ſie: „Die Stimme in meinem Innern hat mich alſo nicht betrogen, als ſie mir zuflüſterte, daß Du mein Befreier ſehn würdeſt.“ „Mich aber hat meine Unruhe getäuſcht, da ich befürchtete, die gewaltſame Entziehung deiner Freiheit würde dich Geſundheit und den Frieden des Gemüths koſten,“ erwiderte Stephan und drückte Gurli's Hände. „Stephan, der Stahl bricht, aber biegt ſich nicht,“ fiel Gurli ein;„meine Seele kann zermalmt, aber nicht zu Boden gedrückt werden.“ „Ohne einen Blick auf Mrs. Smith zu werfen, ſagte Gurli, als Stephan ſie von dem Dachboden, wo ihre Wohnung gelegen, hinabführen wollte, hinzu: „Ich verlaſſe dieſen Ort nicht, bevor das Weſen, welches hier mit mir eingeſperrt war, gleichfalls ſeine Freiheit erhält. Ich weiß, daß hier eine unglücktiche Perſon leidet, denn in Nächten, wenn alles ſtill und ſtumm war, hörte ich Seufzen und Schluchzen, und ich habe mir deßhalb gelobt, nicht eher von hier zu gehen, als bis ich wüßte, wer das Geſchöpf wäre, welches nur in der Racht ſeinem Schmerz Luft zu machen ſuchte.“ „Nun erfolgte eine neue Unterhandlung zwiſchen Stephan und Mrs. Smith. Dieſe dauerte nicht ſo lang, denn die würdige Frau hatte ſchon bei ſich be⸗ ſchloſſen, ihre gegenwärtige Wohnung zu verlaſſen und dieſes Kerkermeiſteramt aufzugeben. Sie gedachte nach Frankreich überzuſiedeln, um allen weitern Folgen zu entgehen. Es koſtete deßhalb keine große Schwierig⸗ keit, ſie dahin zu bringen, daß ſie Gurli und Stephan auch in das Zimmer führte, wo ſich die Unglücksge⸗ fährtin der erſtern befand. „In einem Loche, noch kleiner, als das von Gurli, lag eine der farbigen Race angehörende Frau. „Ihr erſter Anblick überraſchte Stephan wie Gürli. eide erinnerten ſich dabei der alten Mulattenfrau, welche bei Falkenſterns Tod aufgetreten war. „Nach einigen Fragen, welche Gurli an ſie machte, wurde es ihnen zur Gewißheit, daß ſie nun die lang⸗ geſuchte— Eſther getroffen hatten „Ihre Geiſtesſtörung war vollkommen gehoben, aber ſtatt deſſen litt ſie an einer zehrenden Bruſt⸗ krankheit. „Stephan führte die beiden Befreiten nach London. „Matthes' Freude, als er Gurli wieder ſah, kannte keine Grenzen. Er bedeckte ihre Hände mit Küſſen und rief einmal über das andere: „Nun habe ich doch meinen Frevel bezahlt, als ich Ihren Hund umbrachte. Nun kann ich zufrieden zu meinen Kindern zurückkehren, denn ich habe einmal in meinem Leben etwas Gutes ausgerichtet.“ „Gurli, welche mit unerſchütterlicher Seelenſtärke der Bosheit von Mrs. Smith und dem Hoffnungs⸗ loſen ihres Aufenthalts bei dieſer Frau ſich unter⸗ worfen hatte, wurde jedoch wie vernichtet, als ſie er⸗ fuhr, daß Allon auf ihre Cheſcheidung hinarbeitete. Gurli's Entſchluß war indeſſen ſchnell gefaßt. Sie wollte nicht nach Schweden zurückkehren, bevor das Geſetz Allon von dem Bande gelöst hatte, welches ihn noch an ſie feſſelte. „Eſthers zunehmende Kränklichkeit machte es Gurli ohnedieß unmöglich, ſie zu verlaſſen; denn es ſah 304 wirklich einige Wochen lang aus, als ob Eſther ihre Freiheit nur erlangt hätte, um zu ſterben. Als es endlich ein wenig ſich mit ihr beſſerte, war ſie immer noch ſo ſchwach, daß ſie Wochen lang nicht ſprechen konnte, und es dauerte ſomit lange Zeit, ehe ſie Gurli ihre Lebensſchickſale zu erzählen vermochte.“ „Das Klügſte von Allem, was ich gehört habe, iſt, daß Gurli ſich entſchloſſen hat, die Eheſcheidung in Vollzug ſetzen zu laſſen,“ fiel Tante Katharina ein als Walter ſchwieg.„Es wäre in Cwigkeit ärgerlich geweſen, wenn ſie derſelben ein Hinderniß in Weg gelegt hätte.“ „Gott weiß,“ fiel Gurli nachdenklich ein,„ich fürchte, daß ich dießmal wie immer zu voreilig ur⸗ theilte, und meine verletzte Eigenliebe das Wort füh⸗ ren ließ, beſonders da ich jetzt weiß, daß Allon erſt nach Empfang des falſchen Briefes von mir ſich dazu entſchloß. Zu meiner Entſchuldigung muß ich jedoch anführen, daß ich argwohnte, Allon habe um meine Entführung gewußt und ſeine Zuſtimmung dazu ge⸗ geben. Jetzt dagegen bin ich überzeugt, daß dem nicht ſo iſt, und darum iſt es mir oft vorgekommen, als hätte ich Unrecht gehandelt, daß ich nicht nach Schwe⸗ den ging und von ihm jelbſt eine Erklärung forderte.“ „Larifari,“ meinte Tante Katharina ungeduldig; „es wäre dir etwa lieber, den Schelm noch einmal auf dem Halſe haben und dich von ihm ruiniren zu laſſen. O nein, es iſt ganz recht, daß Beate und er die ſ auseſſen, die ſie eingebrockt haben, das muß ich agen. Gurli unterbrach, die Stirne runzelnd, die Alte mit den Worten: „Wir wollen nicht von Allon reden, er hat ge⸗ fehlt, ich aber auch. Es wäre eine grauſame Unge⸗ rechtigkeit, die ganze Schuld von unſerer unglücklichen Ehe auf ihn zu werfen. Ich bitte dich, Tante, als um einen Freundſchaftsbeweis, kein verletzendes Ur⸗ theil über Allon zu fällen.“ „O nein, ich kann ja ſchweigen; aber ein ſchlech⸗ ter Lümmel bleibt er doch, wie er ſein Leben lang geweſen, das muß ich ſagen.“ „Amen,“ fiel Walter mit ſeinem ſchlauen Lächeln ein,„und nun, liebe Tante, bleibt mir nur noch zu erzählen übrig, wie das Schickſal Madame Teverino unſerer Gurli in den Weg führte. Das wünſchten Sie ja doch zu erfahren, Tante?“ „Allerdings, ſonſt hätte ich nicht darnach gefragt,“ erwiderte Tante Katharina, und ließ ihre Daumen tanzen, denn ſie war verdrießlich darüber, daß Gurli die Partei von dem„Schlingel“ Allon ergriff. „Damit verhält es ſich folgendermaßen,“— hob Walter wieder an;„während ihres Aufenthalts in Paris, das letzte Jahr vor ihrer Verlobung, wohnte Gurli in einem Hotel der Rue de la Paix. Am erſten Abend, nachdem ſie ſich daſelbſt einquartirt hatte, hörte ſie, im Begriff zur Ruhe zu gehen, eine ſchöne Stimme eine Arie aus einer bekannten Oper ſingen. „Betroffen davon, lauſchte Gurli auf den Geſang, der aus dem anſtoßenden Zimmer kam, und je länger ſie zuhörte, deſto mehr wurde ſie davon eingenommen. „Am folgenden Morgen erkundigte ſich Gurli, wer neben ihr wohne, und erhielt zur Antwort, es 306 ſ eine italieniſche Sängerin. Sie würd⸗ an dem⸗ ſelben Abend in der Oper auftreten. „Gurli ging in die Oper und hörte Signora Amy Teverinv. Tags darauf machte Gurli der Sängerin einen Beſuch, um ihr ein Compliment zu ſagen, und wurde dabei nicht wenig durch den Eindruck über⸗ raſcht, den ihr Name auf deren Mutter, Madame Teverino machte. „Nach einem kurzen Geſpräch über Muſik u. ſ. w. erlaubte ſich die letztere einige Fragen an Gurli über deren Familienverhältniſſe, und wünſchte ſchließlich zu wiſſen, ob ein gewiſſer Bengt Falkenſtern aus Amerika gleichfalls zu ihren Verwandten gehöre. „Gurli gab zur Antwort, ſie ſey ſeine Stieftochter, — eine Mittheilung, bei welcher Madame Teverino ſichtbar in Gedanken verfiel. „Gurli fand dieß ziemlich ſeltſam, und die natür⸗ liche Folge war, daß ſie die Urſache, warum Madame ſich für Falkenſtern intereſſirte, zu erfahren uchte. 6 Sie meinen Stiefvater gekannt?“ fragte urli. „Aus der Geſichtsfarbe von Madame Teverino ſchloß ſie, daß dieſelbe nicht aus Italien, wie ſie ſelbſt ſagte, ſondern aus Amerika ſtammte. „Ja und nein,“ erwiederte Madame Teverino auf⸗ ſtehend.—„Ich bitte,“ ſetzte ſie hinzu,„machen Sie in Bezug auf ihn keine weitere Fragen an mich; ich wäre nicht im Stande, dieſelben zu beantworten.“ „Gurli enthielt ſich derſelben von da an; aber im Verlauf der Bekanntſchaft mit Madame Teverino ließ dieſe hin und wieder Worte fallen, welche Gurli auf den Gedanken brachten, daß ſie möglicher Weiſe mit dem Verſtorbenen verwandt ſeyn könnte, und ſie in Madame Teverino die geſuchte Peſon gefunden hätte. In dieſer Vermuthung wurde ſie dadurch noch beſtärkt, daß Madame Teverino ein paar Mal von ihrer hingeſchiedenen Mutter in einer Weiſe ſprach, welche den Gedanken erregen mußte, jene Frau, welche in Birgersborg aufgetreten war, könnte Riemand an⸗ ders als Madame Teverino's Mutter geweſen ſeyn. „In Folge dieſer Vermuthungen und von der Hoffnung geleitet, etwas Licht in der Sache zu ge⸗ winnen, machte Gurli den beiden Künſtlerinnen den Antrag, den Sommer bei ihr in Birgersborg zuzu⸗ bringen. „Um jedoch einer Mißdeutung der Motive zu dieſer Einladung vorzubeugen, kleidete Gurli ihren Vorſchlag in ſolche Worte ein, als wünſchte ſie die⸗ ſelben für den Sommer nur zu dem Zweck zu enga⸗ giren, daß ſie ein paar ſo ausgezeichnete Talente zu ihrer Verfügung hätte. „Madame Teverino ſchien ſich Gurli's Anerbſeten zu überlegen. Sie wendete jedoch ein, daß ihre Toch⸗ ter unbedingt mehr verdienen würde, wenn ſie ſich nach verſchiedenen europäiſchen Hauptſtädten begäben. „Gurli begriff, daß Madame Teverino nur den Preis für ihren und Amy's Aufenthalt daſelbſt ſtei⸗ gern wollte, und ſtellte ihr darum ein ſo vortheilhaftes Offert, daß deren Eigennutz dadurch zufrieden geſtellt werden mußte. „Gurli raiſonnirte ſo: wenn ich durch ſie dem Geheimniß, das mich quält, auf die Spur komme, ſo habe ich dieſe Entdeckung damit nicht zu theuer bezahlt. „Madame Teverino bat ſich einige Tage Bedenk⸗ zeit aus, ehe ſie ihre Erklärung abgäbe. 2 „An demſelben Tage, wo dieſe erfolgen ſollte, ſäßen Gurli und Eliſabeth beiſammen und ſprachen über das genannte Arrangement, welches die Billigung der letztern nicht erhielt. Sie wünſchte aus Gurli's Mund eine Erklärung über den Grund einer ſolchen Handlungsweiſe zu vernehmen. „Es war Abend. Sie befanden ſich in einem Kabinet, aus welchem man in den Salon gelangte. Die Finſterniß hatte ſie überraſcht, ohne daß ſie darauf Acht gaben. „Gurli erzählte Eliſabeth von den Vermuthungen, denen ſie in Bezug auf Madame Teverino Raum ge⸗ geben. Sofort kam ſie auf Falkenſtern zu ſprechen⸗ „In dem Augenblick, als das Geſpräch dieſe Wendung nahm, trat Madame Teverino in den Sa⸗ lon, um Gurli die verſprochene Antwort auf ihr An⸗ erbieten zu bringen. „Bei Falkenſterns Namen blieb ſie ſtehen, um das Geſpräch zu belauſchen, was ihr um ſo leichter wurde, da Eliſabeth und Gurli engliſch ſprachen. Mit geſpanntem Intereſſe hörte ſie Gurli ſagen: „Du mußt wiſſen, beſte Eliſabeth, daß mein Stiefvater einmal während ſeiner letzten Krankheit in einem Anfall von Dilirium die Worte ausſtieß:„Wenn ſie und ihr Kind die Papiere fänden, welche ich in dieſem Eulenneſte verborgen habe, würde mein ganzer Reichthum ihnen zufallen; aber ſie werden niemols entdecken, wo der Beweis dafür, daß dieſes Vermögen ihnen gehört, zu finden iſt.“— Er ſchwieg und ich beugte mich zu ihm nieder und fragte: Von welchen Papieren ſprichſt Du, Papa?— Bei dieſen Worten ſchlug er die Augen auf, ſah mir gerade in's Geſicht und murmelte:„Weiß von keinen Papieren.“— Dann 309 drehte er ſich um und war nicht mehr zum Wort zu bringen. „Dieſe Aeußerung hat mir ſeit ſeinem Tode und dem Auftreten der dunkelfarbigen Frau ſtets in den Ohren geklungen. Ich habe ganz Birgersborg durch⸗ ſucht, um die Papiere, von welchen er geredet, zu fin⸗ den, aber vergeblich. Ich habe Walter gefragt und ihn auszuhorchen verſucht, aber ebenſo fruchtlos, und doch bin ich verſichert, daß in dem, was er im Zu⸗ ſtand der Sinnenverwirrung ſprach, Wahrheit lag. „Gurli wurde hier durch ein heftiges Nieſen im Salon unterbrochen. Es kam von Madame Teverino her, welche durch dieſen unzeitigen Anfall der Genug⸗ thuung beraubt wurde, weiter zu hören. Sie wurde annz wüthend auf ſich ſelbſt, aber faßte ſich und trat in das Kabinet. „Jetzt war es nicht blos der pekuniäre Vortheil, welcher ſie beſtimmte, auf Gurli's Anerbieten einzu⸗ gehen, ſondern auch die Ausſicht, dieſe Papiere zu finden, von welchen Eſther geſprochen hatte, und durch welche deren Tochter in den Beſitz von Falkenſtern's Vermögen gelangen konnte. „Sie verabredete mit Gurli, daß ſie und Amy im Juli ſich zu Birgersborg einfinden würden, um den Reſt des Sommers dort zuzubringen und durch ihre muſikaliſche Talente der Eigenthümerin des großen Herrſchaftsſitzes Zerſtreuung zu verſchaffen. „Gurli beabſichtigte, nachdem dieß abgemacht war, nur noch kurze Zeit in Paris zu bleiben, als ein neues Ereigniß eintrat, wodurch deren Aufenthalt da⸗ ſelbſt verlängert wurde. „Am letzten Abend, da Amy in der Oper auf⸗ trat, war Gurli auch dort gewefen, um ſie zu hören. Sie wollte eben, aus der Oper kommend, die Treppe 3₰ 310 in ihre Wohnung hinaufſteigen, als ein ſchlechtgeklei⸗ deter Mann zur Thüre hereinſtürzte und nach Sig⸗ nora Teverino fragte. Der Portier wollte ihn hinaus⸗ weiſen; er aber nannte ſich den Vater der Sängerin und begehrte unverzüglich vorgelaſſen zu werden. „Bei dieſen Worten drehte ſich Gurli um, den Mann zu betrachten. „Der Portier fühlte ſich trotz der gegebenen Er⸗ klärung ſehr geneigt, ihn zur Thüre hinauszuwerfen, und Gurli öffnete gerade den Mund, um einige Fra⸗ gen zu thun, als plötzlich die Lampe auf der Treppe erloſch, Jemand ſie am Arm faßte und mit zitternder Stimme ihr zuflüſterte: „Um Gottes willen, ſagen Sie nicht, daß Sie wiſſen, wo ich bin; es iſt mein Vater. Ich bin un⸗ glücklich, wenn er mich trifft. Sie retten mir mehr als mein Leben, wenn Sie ihn fortſchaffen. Ich will ihm gern Alles geben, was ich habe, wenn ich damit nur ſeiner Verfolgung entgehe.“ „Gurli erkannte Amy's Stimme. „Sie bat Amy, ſich zu beruhigen und verſprach, Teverino ihr vom Halſe zu ſchaffen. Sie ging alſo wieder zu dem Portier hinab, als gerade Teve⸗ rino unter der Erklärung, er müſſe zu der Sängerin auf ihr Zimmer, denſeiben mit der Fauſt auf die Seite drücken wollte. „Sie rief Teverino zu: „Wenn Sie Signora Teverino ſprechen wollen, ſo iſt dieß vor morgen nicht möglich; finden Sie ſich alſo dann wieder ein, und dieſelbe wird Sie empfan⸗ gen. Ich vermuthe, daß es die Wahrheit iſt, wenn Sie deren Vater zu ſeyn behaupten.“ „Ganz gewiß, und darum will ich mein Kind ſprechen,“ fiel Teverino ein.„Ich bin von Amerika 311 gekommen, um des Vergnügens theilhaftig zu werden, meine Tochter zu ſehen.“ „In dieſem Fall, mein Herr, folgen Sie mir,“ erwiederte Gurli ruhig. „Der Portier ließ dem Lumpenkerl freie Paſſage, und derſelbe that, wie Gurli ihm geſagt hatte. „Gurli führte denſelben in ihr Kabinet. Als ſie die Thüre hinter ihm verſchloſſen hatte, erklärte ſie ihm, Amy habe, da ſie erfahren, daß er in Poris wäre, ſchon dieſen Abend die Stadt verlaſſen, und er finde ſie alſo nicht mehr an Hrt und Stelle. Aber ſie, Gurli, habe es übernommen, ſich nach ſeiner Adreſſe zu erkundigen und ihm eine gewiſſe Geld⸗ ſumme zuzuſtellen, da Amy die Abſicht hege, ihm einen jährlichen Unterhalt auszuſetzen, im Fall er ſich ver⸗ bindlich mache, ſie nicht anßzuſuchen oder zu ver⸗ folgen. „Entblößt von dem Nothwendigſten, halb ver⸗ hungert und ohne einen. Heller in der Taſche, wurde Teverino bei dem Verſprechen von Geld ſo ſanft wie ein Lamm; und da Gurli auf das Wort die That folgen ließ und ihm eine volle Börſe einhändigte, drang er nicht weiter darauf, ſeine Tochter zu ſehen. „Er verſprach, am folgenden Tage mit ſeiner Adreſſe wiederzukommen. „In der Nacht reisten Madame Teverino und Amy von Paris nach London, und Gurli gab der letztern die Zuſage, die Sache mit Teverino ſo weit abzumachen, daß ſie von ſeinen Verfolgungen Nichts weiter zu befürchten hätte. „Am Morgen fand ſich Teverino nicht ein, ſon⸗ dern es kam ein Bote von ihm. Er war erkrankt und wünſchte ſeine Tochter zu ſprechen. „Gurli begab ſich zu dem armen Abenteurer und 312 fand denſelben in einem höchſt betrübten Zuſtande. Er war nicht mehr recht bei ſich und redete unzuſam⸗ menhängendes Zeug. Der Arzt erklärte, er habe einen Anfall von Säuferwahnſinn. „Es blieb ſomit nichts übrig, als denſelben in ein Hoſpital ſchaffen zu laſſen; was Gurli ſofort auch anordnete. „Sie verweilte auch noch ein paar Wochen länger, als ihre Abſicht geweſen war, in Paris, um zu erfah⸗ ren, ob er wieder hergeſtellt werden könnte. „Einen Monat nach ſeiner Ankunft in Frank⸗ reichs Hauptſtadt wurde er begraben und Amy war ſomit auf immer von dem böſen Genius ihres Lebens befreit. „Gurli hatte ihr ſogleich bei ſeinem Erkranken Nachricht gegeben, und auch über deſſen Tod und Be⸗ gräbniß machte ſie ihr nähere Mittheilung. „Kurz darauf verließ Gurli Frankreich. „Als ich,“ fuhr Walter nach einer augenblicklichen Pauſe fort,„Madame Teverino zu Birgersborg ſah, ſtieg bei deren Anblick die Erinnerung an eine junge Sclavin Namens Nanny, mit der ich aufgewachſen und die nur ein paar Jahre älter als Eſther war, vor meiner Seele auf. „Sobald ich ſie nur anſichtig wurde, konnte ich nicht mehr daran zweifeln, daß ſie Nanny's Tochter wäre, und ich entſann mich auch ganz wohl, daß Nanny mit einem Bengt zugehörigen Mulatten, welcher ſich durch ungewöhnliche muſikaliſche Talente anszeichnete, verheirathet war. „Ich theilte darum Gurli's Anſicht in Bezug auf Madame Teverino nicht. „Es wurde mir jedoch bald deutlich, daß dieſe Frau eine kecke Abenteurerin war, und ich beſchloß deßhalb, ſie im Auge zu behalten. „Mein Argwohn verſtärkte ſich, als ich entdeckte, daß ſie zur Nachtzeit herumſchlich, als ob ſie nach irgend Etwas ſuchte. „Es geſchah in Folge meiner Waochſamkeit, daß ich Gelegenheit bekam, mich des Etui's mit Briefen zu bemächtigen, welches unter dem Famin einge⸗ mauert war. „Durch dieſe Briefe, welche zur Vervollſtändigung derer, die ſie Eſther geſtohlen hatte, dienten, wäre es ihr gelungen, ihren Betrug auch ohne Trau⸗ und Taufſchein auszuführen, weil neben den Briefen ſich ein Schreiben darin befand, welches von Bengt's Hei⸗ rath mit Eſther handelte und einen vollſtändigen Be⸗ richt von allen mit der Trauung zuſammenhängenden Einzelheiten, ſowie den Namen und die Adreſſe des Pfarrers, der ſie kopulirt hatte, enthielt. „Ich entriß ihr dieſen koſtbaren Fund, aber es war Gurli vorbehalten, des Medaillons ſich zu ver⸗ ſichern, welches Bengt bei ſeiner Heimkehr Eſther als Geſchenk überreichen wollte, und in welches er jenes wichtige Geheimniß eingeſchloſſen hatte. „Vielleicht hätte Gurli gegenüber von Madame everino verſchiedene Unvorſichtigkeiten begangen und dem Intereſſe der Intrigunntin in die Hände gear⸗ beitet, wenn ich nicht ſo beſtimmt mit der Behauptung aufgetreten wäre, daß ſie nicht die Perſon ſei, für welche ſie ſich ausgab. „Die Reiſe, welche ich ſpäter nach Amerika machte, war nur dazu geeignet, mich in meinen Zweifeln zu beſtärken, und ich konnte aus dem Inhalt der von mir gefundenen Briefe leicht den Schluß ziehen, daß ie Frau, welche wir ſuchten, keine andere als meine 314 Schweſter war. Madame Teverino erſchien allzu dun⸗ kel von Farbe, um Eſthers und Falkenſterns Tochter ſeyn zu können, und als ich noch dazu von James, welcher zur Zeit noch lebte und ein alter Pflanzer war, den Nachweis erhielt, daß Eſther's Tochter an einen ganz andern Käufer, als an den meiner Schweſter gekommen war, wurde meine Ueberzeugung zur völ⸗ ligen Gewißheit. „James erzählte zugleich, daß Nanny mit ihrem Kinde und Eſther an eine und dieſelbe Perſon ver⸗ kauft worden ſeien. Was inzwiſchen das Verhältniß wieder verwickelter machte, war Nanny's Tod, ſo wie der Umſtand, daß Jvana allgemein für Eſther's Toch⸗ ter angeſehen wurde. Es hielt ſomit ſchwer, geſetzlich zu beweiſen, weſſen Kind Jvana eigentlich war, wo⸗ fern es nicht gelang, Eſther ſelbſt wieder außzufinden. „Es würde ihr indeſſen ſchwerlich gelungen ſeyn, ihre Betrügerei auszuführen, wenn nicht James ge⸗ ſtorben wäre. Er war der Einzige, welcher über die Verhältniſſe Aufklärung geben konnte, und durch deſſen Hingang die Nochforſchungen erſchwert wurden. Dazu kam, daß der Sohn von Mrs. Smith, welcher Madame Teverino's Agent war und den Auftrag hatte, mich während meines Verweilens in London zu beobachten und wo möglich unſchädlich zu machen, meinen Nachforſchungen wirklich auf einige Zeit ein Ziel zu ſetzen wußte. „Gerade als ich Eſther's Spur aufgefunden zu haben glaubte und ſogar von Mrs. Ewert mir bereits Kunde verſchafft hatte, geſchah es, daß ein Mann, welcher mir unbekannt geweſen, aber bisher oft in den Weg gekommen war, in demſelben Omnibus mit mir Platz nahm. Als er ſeine Börſe ziehen wollte, fehlte ſie ihm. Er machte großen Lärm. Sämmtliche 315 Paſſagiere fanden ſich dadurch verletzt und ſchlugen vor, ſich durch einen Konſtabler, der zu den Mitfah⸗ renden gehörte, zur Reinigung von einem ſo kränken⸗ den Verdacht die Taſchen viſitiren zu laſſen. Was war die Folge davon? Die verlorene Börſe fand ſich in meiner Rocktaſche. „Ich war demnach als Dieb ſo gut als auf friſcher That ertappt worden. „Man nahm ferner bei mir eine Hausſuchung vor und ſtieß da auf verſchiedene Effekten, welche ſämmtlich Mr. Smith gehörten, unter anderem auch auf eine ſilberne Doſe. Ich wurde natürlich als Dieb behandelt, brachte ziemlich lange Zeit im Gefängniß zu und ſäße wahrſcheinlich noch daſelbſt, wenn nicht Stephan in London angekommen wäre. Er erkundigte ſich ſogleich, wo ich hingekommen ſei, und erhielt in meiner ehemaligen Wohnung den Beſcheid, die Poli⸗ zei habe ſich eingeſtellt und mich als Dieb in Verhaft genommen. „Stephan beſuchte mich im Gefängniß, und einige Zeit darauf wurde ich auf freien Fuß geſetzt. „Mit verdoppeltem Eifer nahm ich die unter⸗ brochenen Nachforſchungen wieder auf, weil ich nun einſah, daß die ganze Diebſtahlsgeſchichte von Mrs. Smith für Madame Teverino angezettelt worden war. „Nicht ohne die größten Anſtrengungen gelang es mir, verſchiedene Beweisgründe zu ſammeln, daß Madame Teverino nicht Eſthers Tochter, und daß Eſther aller Wahrſcheinlichkeit nach am Leben war, obwohl ich ihren Aufenthaltsort noch nicht zu entdecken im Stande geweſen. Ich hatte ſowohl mit Mrs. Cwert als mit Miß Low Bekanntſchaft, gemacht, ich hatte mir ſelbſt das Vertrauen voß Mr. Smith, der gegen mich als Kläger aufgetreten war, erkauft 316 und kehrte in der vollen Ueberzeugung nach Schweden zurück, daß ich nunmehr einen Prozeß gegen Madame Teverino anhängig machen und vor den Augen des Gerichts in ihr nichts weiter als eine kecke Abenteu⸗ rerin ſehen laſſen konnte. Die Ereigniſſe fügten es jedoch, daß der Ausgang ſich anders geſtaltete, und das war auch gut. „Nun, beſte Tante Katharina, habe ich Alles, was ſich zugetragen hat, berichtet. Sie wiſſen bereits, daß Eſther nur noch über ein Jahr das Glück genoß, ihre Tochter und ihren Bruder wieder gefunden zu haben. Sie ſchloß ihr trauriges Leben, von beiden zärtlich gepflegt, und hauchte ihren letzten Seufzer in Eliſabeths Armen aus. Friede ihrer Aſche! Sie ruht in derſelben Gruft mit dem wirklichen Bengt Falken⸗ ſtern, jenſeits des Oceans, wohin Eliſabeth ihrer Mutter irdiſche Ueberreſte bringen ließ.“ XXXXVI. Der Maiabend war mild und die Dämmerung ſenkte ſich wie ein durchſichtiger Schleier über die Werke des Tages herab. Die Vögel zwitſcherten im Walde und lockten die Genoſſen, die noch draußen waren und zögerten, ins Neſt zurückzukehren. Die Sonne war am weſtlichen Horizonte unter⸗ gegangen, den ſie noch golden umſäumte. Bie Bewohner von Birgersborg hatten ſich auf ihre Zimmer zurückgezogen, um entweder allmälig ſich Zzur Ruhe zu begeben, oder über das, was Walter erzählt hatte, ihre Betrachtungen anzuſtellen. Gurli that Nichts dergleichen, ſondern wanderte langſam auf dem ſchmalen Waldweg dahin, welcher zu der Kirche führte. Wie vielmal und unter wie ungleichen Verhält⸗ niſſen war ſie ſchon dieſen Pfad gegangen! Die Ereigniſſe, welche ſie durchlebt hatte, zogen auch jetzt an ihrer Seele vorüber; alle die ſtürmiſchen, ſchmerzlichen, unruhigen und widerſtreitenden Gefühle, welche ſie auf dieſem Wege, der zu der Mutter Grab leitete, vorwärts getrieben hatten, um jene innere Harmonie, deren ſie ſtets entbehrte, zu ſuchen, tauch⸗ ten jetzt in der Erinnerung vor ihr auf. „Als trauernde Tochter war ſie hieher gegangen, um die geliebte Mutter zu beweinen; als junges Mädchen, ſich ſelber innerlich noch nicht klar, war ſie hieher gekommen, um Ruhe und Aufklärung darüber, wie ſie handeln ſollte, zu finden; als unglückliche und gekränkte Gattin hatte ſie hier Troſt und Seelenſtärke geſucht; als geprüfte und ergebene Frau, feſt ent⸗ ſchloſſen, muthig gegen Kümmerniſſe zu kämpfen, hatte ſie hieher gewalfahrtet, um zu beten und zu weinen; und jetzt— erſchien ſie hier als geſchiedene Frau, um demüthig zu erkennen, daß ſie viel gefehlt und viel zu fühnen hatte. Gurli's Verlobung und Ehe, ihre S idung und Alles, was damit zuſammenhing, kam ihr wie ein ſchnell vorübergehender Traum vor und ſie fragte ſich ſelbſt, ob ſie es wirklich ſey, welche in einem Alter von etlichen zwanzig Jahren das Alles durchlebt hätte und ob nicht der größere Theil von allen ihren Leiden ein Werk von ihr ſelbſt gewaſen wäre. Die Erinnerung zeigte ihr, wie theuer ſie Allon einmal geweſen, und mit Demuth mußte ſie erkennen, Schwartz, Der Rechte. III. 21 318 daß ſie ihn niemals auf dieſelbe Weiſe, wie er ſie, geliebt hatte. Am Kirchhof angelangt, blieb ſie einen Augen⸗ blick ſtehen und lehnte ſich an das Gitterthor. Es kam ihr vor, als ob Allon vor ihr ſtände, mit bleichem und zerſtörtem Ausſehen, fragend, was ſie mit ſeiner Liebe, ſeinem Glück und Seelenfrieden gethan habe. Gurli war es jetzt, als wünſchte ſie ihr Leben wieder von vorn zu beginnen, um das ſchwere Pro⸗ blem, welches in den Pflichten einer Gattin enthalten iſt, auf eine beſſere und edlere Weiſe zu löſen. Nach Verfluß von ein paar Minuten erhob ſie das geſenkte Haupt und flüſterte bei ſich ſelbſt: „Es iſt wahr, ich habe gefehlt, ich habe meinen Beruf verkannt; aber wenn ich auch Ströme von Thränen vergöße, ſie wären doch nicht im Stande, das was geſchehen iſt, zu verwiſchen; darum fort mit allen weichlichen Klagen; ich muß ein beſſeres Mittel finden, um wieder gut zu machen, was verbrochen wurde. Auf meiner Mutter Grab will ich beten, und wenn ich dort Troſt und Stärke gefunden, wird der Höchſte mich erleuchten, um ſühnen zu können, was ich gefehlt habe.“ Sie trat auf den Kirchhof und näherte ſich dem Grabe. Als ſie Halt machte, erhob ſich ſchnell Je⸗ mand, der auf dem Grabhügel geſeſſen. Es war ein Mann. Er ſtand jetzt Gurli gerade gegenüber, den Hut über die Stirne gedrückt, ſo daß es in dieſem Dunkel unmöglich war, die Züge zu unterſcheiden. Gurli war bei ſeinem Anblick ein paar Schritte zurückgewichen; aber im nächſten Momente eilte ſie auf ihn zu und ſtammelte: „Allon!“ „Ja, es iſt Allon, welche hier deine Ankunft erwarten wollte, um dir ein ewiges Lebewohl zu ſagen,“ ſprach er in ſo traurigem Tone, daß Gurli's Herz erbebte.—„Ich wußte,“ fuhr er ſort,„Du würdeſt nicht unter dem Dach von Birgersborg ſchla⸗ fen, ohne zuvor dieſe heilige Ruheſtätte zu beſuchen, und ich dachte, wenn ſich auf Erden ein Platz fände, wo Du mir deine Verzeihung nicht verſagen würdeſt, müßte es auf deiner Mutter Grab ſeyn. Ich bin deßhalb ſchon mehrere Stunden hier geſeſſen und habe deine Ankunft erwartet.— Gurli, ſchon morgen wende ich Schweden den Rücken und ziehe nach Amerika. Ich kann nicht mehr hier bleiben; ich muß fort. Aber ich konnte nicht abreiſen ohne deine Verzeihung.“ Allon ſchwieg. Gurli athmete tief auf. Sie legte die Hand auf das weiße Marmorkreuz, als ob ſie ſich daran halten wollte, und begann nach einer kurzen Pauſe: „Allon, ich habe Nichts zu verzeihen; auch ich ſehlte und habe dir ebenſo viel abzubitten, als Du mir.“ Sie bot ihm die Hand und ſetzte ſanft hinzu: „Laß' uns hier, umſchwebt von dem Geiſte mei⸗ ner Mutter, einander zur Verſöhnung die Hand rei⸗ chen, das Vergangene vergeſſen und uns trennen ohne Groll und Bitterkeit.“ Allon ergriff Gurli's Hand, ſchloß ſie in die ſei⸗ nige und murmelte: „Du weißt nicht, wie ſchwer ich mich an dir ver⸗ ſündigt habe.“ „Ich will es auch nicht wiſſen.“. „Aber Du mußt es; denn das einzige Gute, 320 das ſich noch in meiner Seele findet, iſt das Gefühl, welches mich hieher geführt hat, um vor dir zur be⸗ kennen, wie tief ich dich gekränkt habe.— Gurli,“ fuhr Allon mit erhöhter Stimme fort,„ich wußte um das Komplot von Madame Teverino, um dich aus Schweden hinwegzulocken und in England ge⸗ fangen zu halten. Ich wünſchte durch dieſes Verfah⸗ ren ohne Schwierigkeit und Aergerniß eine Scheidung von dir herbeizuführen.“ Allon ſchwieg und Gurli ſagte mit einem Anflug von Bitterkeit: „So habe ich mich alſo nicht betrogen, als ich argwohnte, Du werdeſt bei dieſem niedrigen Vorhaben betheiligt ſeyn!“ „Ach, Gurli,“ rief Allon,„der Ton deiner Stimme ſagt mir, das ſey dir zu viel, als daß es Vergebung finden könnte, und dennoch flehe ich dich darum an. Wenn Du einmal Etwas auf mich ge⸗ halten haſt, ſo verſuche mir die Leiden zu vergeben, welche ich dir durch meine Schwachheit und durch den ſchlimmen Einfluß, den ich Andern auf meine Hand⸗ lungsweiſe geſtattete, verurſacht habe. Ich bin ja hart genug geſtraft, da ich, durch die Folgen meiner Fehler zu Grunde gerichtet und zermalmt, hier, um Verzeihung bettelnd vor dir ſtehe.“ „Ja, Du haſt Recht; der Höchſte hat uns beit geſtraft,“ flüſterte Gurli; dann fügte ſie mit klarst Stimme hinzu:„Du brauchſt nicht um Verzeihung zu betteln; ich habe ſie dir ſchon gewährt und wie⸗ derhole: Alles iſt vergeſſen und vergeben; ohne Bit⸗ terkeit, ohne Groll werde ich an dich denken, und ſoll⸗ ten wir auf unſeren Wegen noch einmal uns begegnen, ſo wirſt Du an Gurli immer eine Freundin finden, welche bereit iſt, dir als demjenigen, den ſie einſt ihren Gat⸗ ten nannte, beizuſtehen.“ Allon drückte Gurli's Hand an ſeine Lippen und ſtammelte; „Dank, Du gute, Du hochherzige Gurli. Und nun fort. Hier im Leben ſehen wir uns nicht mehr.“ „Wobin nimmſt Du morgen deinen Weg?“ fragte urli. „Nach Gothenburg; von dort reiſe ich nach Amerika.“ „Wann ſegelt das Schiff ab? „Morgen Abend, wenn der Wind günſtig iſt.“ „Wie heißt das Schiff? „Washington.“ „Ah!“ Mehr ſagte Gurli nicht. „Geſtehe, Gurli; daß das Schickſal dich zu rächen übernommen hat. Ich fliehe auf demſelben Fahrzeug, welches gemiethet war, um dich aus der Heimath zu entführen; ich fliehe als ein Betrüger, der ſich an öffentlichem Gut vergriffen, ſeine Mutter ruinirt und ſeine ganze Zukunft verſpielt hat. O Gurli, welchen elenden Wicht hat man aus mir gemacht. Doch, warum davon reden. Lebe wohl, Du einziges Weſen, das ich höher als mich ſelbſt geliebt habe.“ Noch einmal drückte er Gurli's Hände an ſeine Lippen; dann verſchwand er und ließ Gurli an dem Grabe ihrer Mutter knieend zurück. XXXXVII. Eine leichte Landbriſe wehte am Pfingſttage gegen Abend. Am Bord des Washington war Alles voll 322 Leben und Bewegung. Der Kapitän bereitete ſich, die Anker zu lichten und unter Segel zu gehen. Er erwartete blos noch die Schaluppe, welche an's Land gegangen war, um die letzten Paſſagiere einzunehmen, welche mit demſelben in die neue Welt abgehen wollten. Auf der Hafenbrücke von Gothenburg ſtand ein Mann, in einen dichten Mantel gehüllt, und erwartete den Augenblick, wo die Schaluppe vom Washington anlegen würde. Der Hut war über die Augen hereingedrückt, und es ſchien, als ob er ſo viel als möglich ſich den neu⸗ ierigen Blicken zu entziehen wünſchte. Die Schaluppe hut nur noch einige Ruderſchläge zu thun, ehe der⸗ jenige, welcher hier wartete, hineinſpringen konnte, als ein Wagen im ſchnellſten Laufe am Landungsplatze anfuhr und Halt machte. Der Mann im Mantel drehte ſich haſtig, beinahe erſchrocken um und warf einen Blick auf die Equipage. Herausſprang eine ſchlanke Frauengeſtalt. Sie eilte auf den Mann zu. „Mein Gott, Gurli,“ rief er,„iſt es möglich— Du kommſt hieher, um. „Um dir ein letztes Lebewohl zu ſagen,“ fiel Gurli ein.„Ja, Allon, ich bin hieher gefahren, um dir noch einmal als Freundin die Hand zu drücken, und dieſen Brief zu übergeben. Lies ihn, wenn Du draußen auf der See biſt. Nun lebe wohl! Schreibe und laß mich wiſſen, wie das Schickſal ſich jenſeits des Oceans für dich geſtaltet, und wie Du dir eine neue Bahn zu brechen gedenkſt. Gedenke freundlich meiner!“ Gurli uͤbergab ihm einen verſiegelten Brief, drückte ihm die Hand und war im nächſten Augenblick wieder in dem Wagen, welcher ebenſo ſchnell von dem Hafen hinwegeilte, als er angekommen war. Allon ſprang in das Boot. Den Kopf auf die Hand geſtützt, ließ er ſich nach dem Schiff rudern⸗ Einige Minuten, nachdem er an Bord angelangt war, wurde der Washington durch die leichte Landbriſe von Gothenburg und aus den Bohuslän'ſchen Scheren hin⸗ weggeführt. Sobald Allon auf dem Schiff angelangt war, ſtieg er in ſeine Kajüte hinunter. Er erbrach das Siegel auf dem Briefe, und heraus fielen zuerſt ein paar Wechſel, dann eine Anweiſung auf eine jährliche Summe, welche er in New⸗York bei einem Bankier erheben konnte, und endlich ein Brief, den er mit einem Gefühl wahrer Beſchämung las, ſo viel wirk⸗ licher Edelmuth und Verzeihung alles Erlittenen ſprach aus demſelben. Eine lange Weile blieb er wie betäubt von Gurli's Güte ſitzen. Er wurde jedoch bald durch ein Klopfen an der Kajütenthüre geſtört. Che er„herein“ rufen konnte, ging dieſelbe auf, und er glaubte einer höhnenden Sinnentäuſchung verfallen zu ſeyn, als ſein Blick auf den Eintretenden fiel. „Du ſcheinſt das Zuſammentreffen mit einem alten Freund hier nicht erwartet zu haben,“ ſagte der, welcher nun vor ihm ſtand;„aber Gottes Wege ſind wunderbar.“ „Nenne Gottes Namen nicht,“ xief Allon und ſprang ganz raſend auf,„ſondern ſage lieber, daß es der Satan iſt, welcher uns auf derſelben Planke zu⸗ ſammenführte, damit mir endlich die Genugthuung zu Theil wird, an demjenigen Rache zu nehmen, wel⸗ cher mein Leben und meine Zukunft zerſtört hat.— ——— 324 Sprich, wie wagſt Du es, vor mein Angeſicht zu treten, Du ſchwarze Prieſterſeele, welche wie ein Dämon nur Böſes gewirkt hat. Wußteſt Du nicht, daß ich dich wie einen Wurm zertreten würde, wenn Du mir in die Klauen kämeſt?“ Allon packte den ſchwarzgekleideten Mann, welcher Niemand anders als Grünlund war, am Kragen. Sein ganzes Ausſehen verrieth den heftigſten Zorn; aber deſſen ungeachtet behielt Grünlund ſeine Kaltblütig⸗ keit bei. Er blickte Allon ruhig in's Geſicht und ſagte langſam: „Ein Betrüger, Spieler und Räuber anvertrauten Guts ſollte nicht in ſo hohem Ton mit dem Mann reden, welcher alle ſeine Schelmenſtücke kennt. Es könnte leicht geſchehen, daß ich, in Begleitung einiger rechtgläubigen Seelen reiſend, ihnen ſagte: Bieer Mann iſt ein ſo großer Sünder und Verbrecher, daß uns Gott ſicherlich ein Unglück widerfahren läßt, wenn er hier an Bord mit uns bleibt; das Beſte wäre, wenn wir den Kapitän beſtimmten, ihn an's Land zu ſetzen, bevor wir die Scheren verlaſſen.“ Allon ließ Grünlunds Kragen los und warf ſich wieder auf den Sopha. Grünlund fuhr fort: „Ja, ich könnte zugleich beweiſen, daß dieſer Herr Janſon“— hier deutete er auf Allon—„Niemand anders iſt, als ein gewiſſer von Stral, welcher ſein Vaterland unter einem falſchen Namen verläßt, um den Dienern der Gerechtigkeit, welche nach ihm fahnden, zu entgehen. Meine Begleiter, die fromm und reinen Herzens ſind, würden, davon bin ich überzeugt, einen ſolchen Mann nicht unter ſich haben wollen.“ Grünlund betrachtete Allon mit dem Blick der Katze, welche im Begriff iſt, ſich auf ihren Raub zu ſtürzen; dann ſielen ſeine Augen auf die beiden Wechſel, welche noch auf dem Tiſche lagen. Er hob wieder an? „Aus dieſem Allem erſiehſt Du wohl, daß es das Klügſte iſt, was Du thun kannſt, wenn Du dich als den Freund deſſen, der dir ſchaden kann, ſtellſt. Und ich bin darum auch gekommen, dir meine Freund⸗ ſchaft anzubieten“— Gruͤnlund reichte ihm die Hand —„Wäre es dir gelungen, Amy zu deiner Frau und mit ihr Falkenſterns Millionen dir zu eigen zu machen, ſo hätteſt Du mich nicht deinen böſen Genius genannt. Nein, Du hätteſt mich als den Schöpfer deines Glücks geſegnet. Du verleugneſt alſo deinen undankbaren Charakter nicht, wenn Du den Rathgeber verdammſt, weil ſein Rath nicht das gewünſchte Reſultat mit ſich gebracht hat. In guten Tagen biſt Du ſtets über⸗ müthig geweſen, im Mißgeſchick ſchlaff und bereit, die Schuld an dem, wäs Du dir ſelbſt zugezogen, auf Andere zu werfen. Dabei haſt Du aber doch kluge Berechnung genug gehabt, dein Unglück dir zu Nutzen zu machen und die Leichtgläubigkeit einer Frau aus⸗ zubeuten. Nun, nun, ſo biſt Du immerdar geweſen, und ſo wirſt Du auch wohl bleiben; aber das hindert mich nicht, mit unvermindertem Wohlwollen dir ent⸗ gegenzukommen. Gib mir alſo die Hand; wer weiß, was meine Freundſchaft für dich werth ſeyn kann, wenn wir auf fremdem Boden ankommen.“ Grünlund hielt, während er ſo redete, den Blick unverwandt auf die Wechſel und den daneben liegenden Brief von Gurli geheftet. Alllon ſtieß die ausgeſtreckte Hand zurück und ſagte: „Ich will eine Hand nicht berühren, welche von Kindheit an mich auf den Weg des Betrugs und der Falſchheit geführt hat; ich will Nichts von einer 326 Freundſchaft wiſſen, welche erheuchelt iſt und immer auf Eigennutz gegründet war; ich will im Frieden bleiben, und wenn ich davon abſtehe, das Böſe zu ſtrafen, das Du mir angethan, ſo hoffe ich damit das Recht erkauft zu haben, mit deinem Anblick verſchont zu werden. Mich kannſt Du doch nicht mehr be⸗ trügen.“ „Große Worte, ohne alle Bedeutung,“ fiel Grün⸗ lund ein und ſetzte ſich Allon gegenüber.„Du kannſt weder haſſen, noch lieben; Du biſt ein Rohr, welches im Winde hin und herſchwankt. Ein Beweis davon iſt, daß deine Mutter beſtändig auf dich eingewirkt hat, obwohl Du ſie geringſchätzteſt.“ Grünlund ſtreckte die Hand nach Gurli's Brief aus und ſetzte hinzu: „Und nun läſſeſt Du dich durch die Worte einer Frau, gegen welche Du Komplotte geſchmiedet haſt, weſen iſt. Mit einer Bewegung wirklichen Zorns ergriff Allon Grünlund's Hand und ſchrie: „Wage nicht, deine giftigen Augen auf dieſen Brief zu heften!“ Im Augenblick war der Brief in hundert Fetzen zerriſſen. Grünlund lachte auf dämoniſche Weiſe und ſagte: „Ich wollte dir die Mühe erſparen, das Ge⸗ ſchreibſel zu zerſtören. Ich hätte ſonſt zwiſchen den Zeilen zu leſen geſucht, um dir Gurli's Freude, dich aus dem Vaterland entfernt zu ſehen, daraus zu ver⸗ dolmetſchen. Du kannſt überzeugt ſeyn, daß Du ihr niemals einen größern Dienſt geleiſtet haſt, als da Du Schweden auf immer den Rücken wandteſt. Für eine geſchiedene Frau gibt es keine unangenehmere wider mich aufreizen, der immerdar dein Freund ge⸗ Erſcheinung, als die von dem ehemaligen Ehemann; und darum hat ſie ſich auch in ihrem Entzücken ſo freigebig gezeigt.“ Es trat eine Pauſe ein, während welcher Grün⸗ lund Allon's Geſicht betrachtete, um zu ſehen, welchen Eindruck ſeine Worte machten; dann begann er wie⸗ der in gleichgültigem und verändertem Tone: „Womit gedenkſt Du dir auf der Reiſe die Zeit zu vertreiben? Können wir nicht zuweilen eine Partie mit einander machen?“ Mit dieſen Worten zog er ein Kartenſpiel aus der Taſche. Sprich mit einem Spieler vom Spiel, und Du haſt ſeine ganze Aufmerkſamkeit gefangen. Grünlund hatte auch mit vollkommener Kenntniß Wi Gemüthsart und Charakter ſeine Schlinge gelegt. Er hatte zuerſt den Argwohn, daß Gurli nur in der Freude, ſeiner Gegenwart überhoben zu werden, ſich ſo edelmüthig gezeigt habe, erweckt und dadurch den Eindruck, welcher durch Gurli's Handlungsweiſe hervorgebracht worden war, verwiſcht. Selbſt Sclave ſeiner eigenſüchtigen Inſtinkte, war Allon keiner von denen, welcher länger als einen Augenblick an die erhabenen Eigenſchaften anderer Menſchen glaubte. Bei der geringſten Veranlaſſung ſuchte er ſtets einen egoiſtiſchen Beweggrund für deren Benehmen; ſo auch jetzt. Nachdem Grünlund ſomit ſeinen Zweifel an den Motiven, von welchen Gurli geleitet worden war, zur vollen Thätigkeit erweckt hatte, brachte er das Geſpräch auf die Leidenſchaft, welche in den letzten Jahren bei vorherrſchend geweſen war, nämlich auf das piel. 328 Eeeine Stunde, nachdem Grünlund die Karten zum Vorſchein gebracht hatte, ſaßen er und Allon am Spiele. XXXXVIII. Wiederum ſind zwei Jahre verfloſſen. Der Sommer nahte ſeinem Schluß. An einem ſchönen und milden Auguſtnachmittag fuhr ein Wagen nach dem andern die Allee von Birgersborg herauf, wo alle Stockwerke in feſtlichem Schmuck prangten. Auf dem Sopha im großen Salon thronte Ma⸗ thilda. Zur Rechten von ihr ſaß Tante Katharina, zur Linken Eliſabeth. Aus der Toilette der werthen Damen konnte man ſchließen, daß eine große Feier⸗ lichkeit im Anzug war. Warf man einen Blick in den Saal hinaus, ſo ſe, man ein paar Stühle ohne Lehne in der Mitte tehen. Es gab alſo eine Hochzeit, welche hier gefeiert werden ſollte, die dritte, ſeitdem Birgersborg in die Hände der Familie Falkenſtern gelangt war. Wer ſollte ſich vermählen? Erräthſt Du es nicht, mein werther Leſer? O, ganz gewiß; für den Fall aber, daß dem nicht ſo wäre, wollen wir die Erklärung beifügen, daß es die Hochzeit des Bezirksrichters Stephan Braun mit Gurli Falkenſtern war, welcher dieſe Leute beizuwohnen ge⸗ kommen waren. Wir glauben über den Bericht von dem Trauungs⸗ acte hinwegzugehen zu dürfen und beſchränken uns äuf die Angabe, daß Walter die Stelle des Brautvaters 329 vertrat und Blom, nunmehr Paſtor an der Gemeinde, ſu welcher Birgersborg gehörte, das Brautpaar kopu- irte. Ferner, daß Tante Katharina ſtrahlend vor Freude ausſah und ganz andächtig in das Amen des Prieſters einſtimmte. Mathilde weinte vor Rührung, und Eliſabeth ſandte ein ernſtes Gebet für Gurli's Glück zum Him⸗ mel empor. Das Antlitz der Braut hatte einen ſo ſchönen Ausdruck von Andacht und Dankbarkeit, daß ſie nie⸗ mals ſchöner war, ſelbſt nicht in den blühendſten Tagen ihrer erſten Jugend. Stephan's Miene verrieth, daß er nun das Glück gewonnen, das er geſucht, dem er aber niemals nach⸗ gejagt hatte. Auf ſeiner Stirne ſtand geſchrieben, daß er die ganze Wichtigkeit des Schrittes, den er gethan, kannte und als ein redlicher Mann entſchloſſen war, das Gelübde zu halten, das er i, welche durch die Schule der Leiden veredelt und gebeſſert an ſeiner Seite ſtand, vor Gott abgelegt hatte Nach hdem die Umarmungen und Glückwünſche vor⸗ über waren, theilte ſich die Geſellſchaft in verſchiedene Gruppen. Die allgemeine Stimmung war belebt; man ſchwatz te und ſcherzte von Herzensgrund. In einem kleinen Kabinet finden wir Mathilde und Tante Katharina in einem eifrigen Geſpräch be⸗ griffen, welches ſich um Ehmals und Jetzt drehte. „Was für ein ſchönes Häuschen Matthes von Gurli unten am Strande bekommen hat,“ bemerkte Mathilde. „Na, na, das war nicht mehr als recht und billig, das hat er ehrlich verdient; aber es iſt recht ſchön 2 330 und chriſtlich von Gurli gethan, daß ſie der garſtigen Beate ein Jahrgeld ausgeſetzt hat, und ſomit die böſe Krähe in ihren alten Tagen nicht Mangel leiden darf, obwohl das Menſchenkind, Gott weiß es, zur Strafe für alle Habgier, ein ſolches Loos wohl verdient hätte, das muß ich ſagen,“ meinte Tante Katharina. „Aber wenn ſie gefehlt hat, iſt ſie auch geſtraft worden,“ fiel Mathilde ein,„wenn man an den ſchreck⸗ lichen Schlag denkt, von dem ſie betroffen worden, als ſie die Nachricht erhielt, daß das Schiff, an deſſen Bord Allon die Reiſe nach Amerika machte, unterge⸗ gangen ſei und nur ein einziger Matroſe von der Mannſchaft ſich zu retten vermocht habe, während da⸗ gegen der Kapitän und ſämmtliche Paſſagiere den Tod fanden „Allerdings,“ entgegnete Tante Katharina, eine Priſe nehmend,„war das ein harter Schlag; aber ſie iſt von jeher eine ſchlechte Mutter geweſen und hat den Jungen zu dem gemacht, was er war; ſie konnte alſo nichts anders erwarten, als daß ſie dafür zu lei⸗ den haben würde.“ „Das gebe ich zu; aber gerade das Bewußtſein, daß Beate durch ihre verderblichen Rathſchläge ſein Leben zerſtört hat, muß ihren Schmerz und Kummer um ſo bitterer machen.“ „Der, welcher ſich gegen Gott, Gewiſſen und ſeinen Nebenmenſchen verſündigt, darf nur auf Elend und Kummer ſich gefaßt machen. Gut wäre es, wenn dadurch zu Reue und Beſſerung ſich leiten ieße.“ Wir wollen es hoffen,“ ſeufzte Mathilde und ſetzte dann hinzu:„Eine ſeltſame Fuͤgung des Schickſals war es doch, daß Grünlund zu gleicher Zeit mit Allon umkommen ſollte.“ 331 „Siehſt Du darin nicht den Gang der ewigen Gerechtigkeit?“ fragte Tante Katharina.„Wie viel Unheil würde der ſcheinheilige Burſche nicht noch an⸗ gerichtet haben, wenn er dort daſſelbe ſchändliche Spiel, welches er hier trieb, fortgeſetzt hätte.“ „Das iſt wahr. Immer aber weiß ich noch nicht, wer es geweſen, der alle die Schelmenſtücke, die er ſich hier als Prieſter in der Gemeinde erlaubte, an's Licht gezogen hat.“ „Das war im Grunde ich,“ antwortete Tante Katharina;„ich habe herausgebracht, wie der Prieſter ſich zum Nutzen, den Armen zum Schaden, die für letztere beſtimmten Gelder in ſeine Taſche ſchob und ihnen dafür von Selbſtverleugnung und Unterwürfig⸗ keit vorpredigte, während er ſelbſt nicht im Mindeſten daran dachte, ſich irgend etwas zu verſagen; aber daran war es noch nicht genug: er beſchwatzte die Leichtgläubigen, daß ſie ihre kleinen Erſparniſſe zu ihm hintrugen, um ſie von ihm aufbewahren zu laſſen, in der Erwartung, ſie würden in ſeiner Hand ihnen um ſo größern Segen bringen. Der Prieſter empfand jedoch keine Luſt, das, was er einmal in ſeinen Klauen hatte, wieder herauszugeben, und daher kam es, daß diejenigen, welche ihr Geld zurück haben wollten, ſich mit ſeinen Worten begnügen mußten. Auf dieſe Weiſe geriethen ein paar arme Wittwen in ſolche Noth, daß ſie zum Bettelſtab greifen mußten. Sie wagten jedoch, aus Furcht vor dem Prieſter, nicht, von der Sache zu reden, aber ich lockte zuletzt die Wahrheit aus ihnen heraus, und dann fiel es nicht ſchwer, mehre der⸗ gleichen ſchöne Züge von ihm an den Tag zu bringen. Während Gurli fort war und auf Madame Teverino's Rechnung in Gewahrſam gebracht wurde, legte ich die Sache dem Oberpolizeibeamten in die Hand. Es kam vor das Konſiſtorium, und Grünlund wurde abgeſetzt. Man hörte hernach nichts mehr von ihm, bis man aus den Zeitungen erfuhr, daß er mit den übrigen Paſſagieren an Bord des Washington ſein Leben in den Fluthen des Meeres geendet habe.“ Apropos, was Mabanie Teverino betrifft, hat — man Nichts von ihr gehört?“ fragte Mathilde weiter. „O ja, ſie hat auch ihre Strafe bekommen. Sie ſoll nämlich aus Kummer über den Tod ihrer Tochter in Irrſinn verfällen ſeyn. Eliſabeth bezahlt für ſie das Foſtgeld in einer Privatanſtalt für Geiſteskranke. Sie genießt dort alle mögliche Pflege.“ „Man muß doch zugeben, daß Birgersborg ein Ort geweſen, wo Glück und Frieden niemals erblühen konnten,“ bemerkte Mathilde,„und ich finde es ſonder⸗ bar, daß Gurli und Stephan hier ihre Wohnung auf⸗ ſchlagen wollen. Mir ſcheint, der Gedanke an ihre Kindheit und an Gurli's frühere Ehe ſollte ihnen daſſelbe entleiden. „Lauter Irrthum, liebes Kind,“ fiel Tante Katha⸗ rina ein;„für die gegenwärtigen Beſitzer kann Bir⸗ gersborg nicht mehr unheilbringend ſeyn; denn der Fluch, welcher bisher daranf gehaftet hat, iſt hinweg⸗ genommen, da Falkenſterns Vermögen in die Hände des rechtmäßigen Eigenthümers übergegangen iſt.“ „Es iſt mir dabei aber niemals recht klar ge⸗ worden, wie Anna's Bruder Falkenſtern dieſes Bir⸗ gersborg abkaufen konnte. W früher ein Unglücksvogel geweſen, welcher durch Leicht⸗ ſinn und Verſchwendung ſich, ſeine Mutter und ſelbſt ſeine Schweſter um Alles gebracht hat und die Urſache war, daß ſie als Mädchen um's Brod arbeiten mußte. Noch in jungen Jahren machte er ſich dann aus dem Pir wiſſen alle, daß er Staube, und ſein Name wurde ſpäter von Anna und ihrer Mutter nie mehr erwähnt.“ „Hm, hm, das muß ich ſagen, das muß ich ſagen, es wundert mich, daß Du von der Geſchichte Nichts weißt. Alſo iſt dir auch nicht bekannt, was Anna vermochte, Falkenſtern ihre Hand zu reichen?“ „Natürlich die Liebe.“ „Nicht ſo ganz. Wenn ſich ſolche bei ihr vorfand, ſo muß ſie erſt nach der Verlobung gekommen ſeyn. Siehſt Du, liebes Kind, die Sache hängt ſo zuſam⸗ men. Kurz vor ſeiner Reiſe in die Hauptſtadt, wo er nach euch umſchaute, erhielt er Beſuch von einem in Lumpen gehüllten Seemann. Er ſprach lang unter vier Augen mit ihm und ſchaffte ihn bann nach Gothen⸗ burg. Einige Tage hernach reiste Falkenſtern ab und kam erſt mit euch hieher zurück. Er verliebte ſich in Anna und freite um ſie; aber da ſie nichts davon hören wollte, gab er ihr einen Brief und bat ſie, den⸗ ſelben leſen zu wollen, ehe ſie eine Antwort gäbe. Der Brief war von ihrem Bruder, welcher ihr darin erzählte, er ſey als Ausreißer von dem Schiff, mit welchem er nach Norwegen geſegelt, in Gothenburg angekommen und habe dort einen alten Bekannten aufgeſucht, um mit deſſen Unterſtützung nach Stock⸗ holm gelangen zu können. Der ehemalige Freund hatte j doch keine Luſt, ihm zu helfen, ſondern ertheilte ihm den Rath, ſich an Bengt Falkenſtern zu Birgers⸗ borg, mit welchem er verwandt wäre, zu wenden. Anna's Bruder begab ſich hieher und erzählte Falken⸗ ſtern ſeine Schickſale. Falkenſtern, welcher alles Aer⸗ gerniß und Aufſehen verabſcheute, verſprach ihm zu helfen, unter der Bedingung, daß er von ſeiner Ver⸗ wandtſchaft mit Anna Falkenſtern nichts merken laſſe, und ſchickte ihn dann zurück nach Gothenburg, wohin Schwartz, Der Rechte. III. 22 334 er ſpäter ſelbſt abging, um ſich ſo viel thunlich ſeiner anzunehmen. Er fand ihn am Nervenfieber erkrankt. Falkenſtern quartierte ihn in einem Hauſe ein, wo ihm die gehörige Pflege während ſeiner Krankheit zu Theil wurde. Dann ſetzte er ſeine Reiſe nach der Haupt⸗ ſtadt fort, um die Schweſtern des Abenteurers kennen zu lernen.— Schon beim erſten Zuſammentreffen fühlte ſich Falkenſtern für Anna eingenommen, und⸗ dieß war die Urſache, warum er euch hieher einlud. Während Falkenſtern in Stockholm weilte, war Anna's Bruder wieder geneſen. Falkenſtern ließ ihn, während wir hier waren, in Buchführung und dergleichen un⸗ terrichten, damit derſelbe als Kaufmann ſein Aus⸗ kommen finden könnte. Er verſprach ihm das nöthige Geld vorzuſchießen, damit er in Amerika ſich ſeinen Weg bahnen könnte. Als Anna's Bruder im Begriff war, auf ſolche Weiſe ausgerüſtet ſich auf den Weg zu machent, ſchrieb er an Anna und bat ſie, im Fall ſich Gelegenheit ergäbe, wo möglich Falkenſtern, was er an ihrem Bruder Gutes gethan hatte, zu vergelten. — Anna wurde von Falkenſterns Benehmen gerührt und reichte ihm aus Dankbarkeit ihre Hand. Nach⸗ dem ſie ihm ihr Jawort gegeben hatte, reiste ſie nach Gothenburg, um ihren Bruder noch einmal zu ſehen. Dieſer gab ihr in dem Augenblick des Abſchieds das Verſprechen, im Foll die Summe, welche Falkenſtern ihm geſchenkt hatte, Segen brächte, ſollte all ſein Ver⸗ mögen ihren Kindern zufallen.— Er hielt getreulich Wort, und machte Gurli zur Beſitzerin von Birgers⸗ borg, welches er nach Falkenſterns Wunſch auf ihren Namen kaufte.“ „Aber warum ſprach man niemals von ihm?“ fragte Mathilde. „Aus dem einfachen Grunde, weil Falkenſtern, — als er ihm ſeine Hülfe angedeihen ließ, zur Bedingung machte, er ſollte für die übrige Familie todt ſeyn, bis er als reicher Mann in das Vaterland zurückkehren könnte, was jedoch niemals geſchah, da er im Aus⸗ lande ſtarb.“ 5 Hier wurde das Geſpräch von einigen Gäſten unterbrochen, welche in das Kabinet traten. XXXXIX. Die Hochzeitgäſte hatten ſich zerſtreut, und alles war wieder ſtill und ſchweigſam, ſowohl inner⸗ als außerhalb der Mauern von Birgersborg. Allein, draußen auf der Teraſſe ſtanden die beiden Neuvermählten Hand in Hand und blickten zu dem tiefblauen Himmel auf, von welchem tauſend Sterne auf ſie niederſchauten. Eine lange Weile waren ſie dageſtanden, ohne ein Wort zu ſprechen, als fürchteten ſie dadurch den heiligen Frieden der Nacht zu ſtören. Endlich ſagte Stephan, indem er Gurli's Hand feſter in die ſeinige ſchloß: „So biſt Du denn nach ſo mancher bittern Prü⸗ fung meine Gattin, Du, die einzige Frau, die ich je geliebt habe, und mit welcher ich gleichwohl wein Schickſal zu vereinigen für unmöglich hielt. So lang ich zurückdenken kann, habe ich dich mit der ganzen Wärme meines Herzens umfaßt; aber zugleich fürch⸗ tete ich dich mit der ganzen Kraft meines Verſtandes. „Gefürchtet!“ wiederholte Gurli und lehnte ihr Haupt an die Bruſt des Gatten. „Ja. Als Knabe warſt Du mir theurer als das 336 Tageslicht; aber zugleich warſt Du auch mein größter Plagegeiſt. Ich hing an dir, ohne zu begreifen, warum. Mein Verſtand bebte zurück vor deiner Bosheit, deiner Wildheit und deinen Launen. Du kamſt mir vor wie etwas Böſes, vor dem ich eben, weil es mir ſo über⸗ aus werth war, fliehen mußte.“ „Und als Jüngling,“ fiel Gurli ein,„wie haſt Du mich da angeſehen?“ „Als das verkörperte Bild von allen meinen Lei⸗ den. Du bezauberteſt mein Auge und mein Herz, aber Du ſcheuchteſt mich von dir durch die Wunden, die Du beſtändig meinem Stolze ſchlugeſt. Du warſt für mich eine Miſchung von ſo unheilbringenden Eigen⸗ ſchaften, daß ich die Macht, welche Du über mein Ge⸗ fühl ausübteſt, fürchtete und all meinen Willen auf⸗ bot, um ihr entgegenzuarbeiten. Ich wollte Kennt⸗ niſſe ſammeln, um mich über dich zu erheben. Ich arbeitete, um mich nach meiner äußern Erſcheinung, wie nach meinem innern Weſen zu entwickeln, um ein Mann zu werden, der im Bewußtſeyn ſeiner höhern Menſchenwürde bei deinen Angriffen lächeln und eines Tags als deiner Achtung würdig vor dich treten könnte. Deine Liebe war Etwas, wornach ich niemals ſtrebte, denn ich erkannte mit Schrecken, daß, wenn Du mir dieſelbe ſchenkteſt, alle meine Geiſteskraft ge⸗ brochen und ich in deinen Sklaven verwandelt würde.“ „Und dieß, Stephan, wollteſt Du nicht werden, und darum hielteſt Du auch als Mann an deinem feſt, dich mir nicht zu nähern?“ bemerkte urli.. „Ja, mehr als je. Falkenſtern hatte durch den Ausſpruch ſeines letzten Willens uns zuſammenzu⸗ führen geſucht. Die Erfüllung ſeines Wunſches würde dahin geführt haben, daß ich dir für einen Reichthum, ————— ——— auf welchen mein Streben niemals ſich richtete, zu Dank verpflichtet worden wäre. Du mit deinem arg⸗ wöhniſchen Gemüth hätteſt in unſerer Verbindung nichts als eine eigennützige Calculation von mir ge⸗ ſehen. Ich dagegen war zu ſtolz, um eine Liebe, die mir ſelbſt heilig war, herabzuſetzen. Ich konnte nicht einmal den Gedanken ertragen, ſolchergeſtellt dein Gatte zu werden, beſonders da ich vollkommen über⸗ zeugt war, daß Du deine Zärtlichkeit Allon geſchenkt hatteſt. Ich ſtellte mich, als ob ich nur deine Fehler ſähe, und um die wirkliche Natur meiner Gefühle zu verbergen, wurde ich bitter gegen dich. Wenn Du das Geheimniß meines Herzens argwöhnteſt, beſorgte ich, würdeſt Du die Kenntniß davon benützen, um nach Willkür deine Macht über mich zu mißbrauchen.“ „Ach, Stephan, Du hielteſt mich alſo für recht gottlos. Wie war es dann möglich, eine Perſon zu lieben, von welcher Du ſo ſchlecht dachteſt?“ „Was Du ſagſt, habe ich mir ſelbſt tauſendmal vorgehalten; aber mein Herz gab keine andere Ant⸗ wort darauf, als daß es dich liebte.“ Stephan legte ſeinen Arm um Gurli's Hüfte und fuhr fort, indem er ſie feſter an ſich drückte: „Du wirſt niemals verſtehen, wie viel Leid meine Liebe zu dir geſchaffen hat, und welchen harten Pro⸗ ben meine Standhaftigkeit unterworfen wurde, als Du mich fragteſt, ob ich dich nicht zur Frau nehmen wollte, und dennoch verrieth ich nicht, wie unendlich theuer Du meinem Herzen warſt. Ein einziges Mal hätte mein Gefühl mich beinahe fortgeriſſen, und dieß geſchah, als Du mir deine Verlobung mit Allon an⸗ zeigteſt. Ich hatte die letzten Wochen vor dem Tage, da Du dieſen wichtigen Schritt thateſt, zu zweifeln angefangen, daß Du ihn liebteſt. Ja es hatte Augen⸗ — blicke gegeben, da ich eine thörichte Einbildung mir zuflüſtern ließ, meine Liebe fände Erwiderung, obwohl Du gleich mir derſelben entgegenarbeiteteſt. Die Phan⸗ taſie hatte mit meinem Herzen ihr Spiel getrieben und mich auf den Gedanken gebracht, daß es möglich wäre, durch die Liebe dich der Veredlung entgegenzu⸗ führen. Ich hatte von dem Glück, geliebt zu werden, geträumt, und Du vernichteteſt meinen Traum und zeigteſt mir, daß ich mich betrogen habe.“ „Nein, Du hatteſt dich nicht betrogen,“ flüſterte Gurli;„auch mein Herz war von den Kinderjahren ganz bewußtlos dir zugethan. Ich dachte nicht darüber nach, ich fühlte nur einen bittern Verdruß darüber, daß Du auf mich Nichts hielteſt. Als ich, ein junges Mädchen, dich und Allon wieder ſah, empfand ich daſſelbe Mißvergnügen, dieſelbe Erbitterung, wie in den Kinderjahren, bei dem Gedanken, für dich gar Nichts zu ſein. Es kam mir wie eine Erleichterung vor, als Allon mir zeigte, daß er wenigſtens die Feh⸗ den der Kindheit vergeſſen hätte und jetzt Zuneigung zu mir empfände. Es ſchmeichelte meiner Eigenliebe, mich von ihm geliebt zu ſehen, und ich beſchloß, daß er und kein Anderer mein Herz erhalten ſollte. Ich bildete mir ſelbſt ein, meine Zärtlichkeit wäre ihm ausſchließlich zugewendet. Ich hing auch innig an Allon, darum weil ich ſah, wie theuer ich ihm war, und glaubte am Ende ſelbſt, er ſei es, den ich liebe. Deſſen ungeachtet wurde ich von einem geheimen unertlärlichen Gefühl zu dir hingezogen. Dieß erweckte oft in meiner Seele den Wunſch, Du möchteſt freund⸗ lich gegen mich ſein; aber wenn ich mich bei derglei⸗ chen Empfindungen überraſchte, ſo ſuchte ich mich zu bereden, daß es nur verwundete Eigenliebe wäre, welche dieſelben hervorrief. Indeſſen weilten mit 0 — 339 unüberwindlicher Beharrlichkeit meine Gedanken bei dir; ein beſtändiges Verlangen herrſchte in mir, das zu thun, was Du billigen, und zu vermeiden, was Du tadeln möchteſt. Mein Benehmen gegen Allon wurde dadurch unſicher. Ich fürchtete den Aus⸗ bruch ſeiner Gefühle, ich erkannte, daß die meinigen niemals dieſelbe Form, wie die von ihm, amehmen könnten, und ſcheute vor allen Aeußerungen der Zärt⸗ lichkeit von ſeiner Seite zurück. Dieſe Eigenheit in meinem Innern erkläre ich mir als eine Folge davon, daß mein Herz noch nicht entwickelt wäre. Den einen Augenblick glaubte ich für Allon's Glück leben und wirken und durch alle möglichen Opfer ſeine Liebe vergelten zu wollen; aber den andern hegte ich Ver⸗ langen, vor ihm zu fliehen und ſomit der Plage, ihn von ſeiner Liebe ſprechen zu hören, mich zu überheben. So ſah es in meinem Innern aus, als ich plöblich beſchloß, dem Unſichern in Allon's Lage dadurch ein Ende zu machen, daß ich dir meine Hand anbot.— Stephan, hätteſt Du damals mit Ja geantwortet, ich wäre ſicherlich über den wirklichen Zuſtand meines Herzens plötzlich aufgeklärt worden; aber jetzt ver⸗ wundete deine Znrückweiſung meine Eigenliebe, meine Eitelkeit und mein Herz. Unter dem Eindruck dieſer bittern Empfindungen gab ich mir von dem, was in meiner Seele ſonſt vorging, keine genaue Rechenſchaſt, ſondern reichte Allon meine Hand. Als ich dir meine Verlobung eröffnete, kam es mir einen Augenblick vor, als wäre ich nun darüber aufgeklärt, wem meine Liebe gehörte, aber im nächſten verwarf ich dieß als unmöglich. Nein, Allon war es, den mein Herz lieb hatte.— Als Allon's und mein Schickſal vereint waren, legte ich mir auf dem Grabe meiner Mutter das Verſprechen ab, ihn treu zu lieben. Das erſte 340 Jahr meiner Ehe war ſonnenhell und voll Frieden, ſo daß ich die Macht, welche Du ausübteſt, vergaß. Ich konnte nicht begreifen, daß es ein ſtärkeres Gefuhl gebe, als dasjenige, welches mich an Allon kettete. Ich ahnte noch nicht, welche harten Prüfungen meiner warteten und wie ſchlecht ich dieſelben beſtehen würde. Ich hatte auf einen unſichern Boden gebaut, als ich auf meine eigene Kraft vertraute, und ich berechnete nicht, wie ſchwer es mit fallen würde, Allon's beſtän⸗ dige Angriffe auf mein Ehrgefühl und meinen Stolz zu ertragen. Meine Leiden wurden jedoch erſt dann recht bitter, als Allon's Eiferſucht geweckt wurde und ich dadurch über die Beſchaffenheit des Gefühls, wel⸗ ches von den Kinderjahren mich zu dir hingezogen hatte, Aufklärung erhielt. Dieſe furchtbare Wahrheit trat jedoch nicht eher vor meine Seele, als bis meine Zuneigung zu Allon zu erkalten anfing und ich aus Anlaß von Tante Katharina's Worten mein Inneres gewiſſenhaft zu erforſchen begann. Nachdem ich durch mehrwöchentliche Selbſtprüfung zu dieſer ſchmerzlichen Erkenntniß gelangt war, wollte ich eine jeder Ent⸗ ſagung fähige, rechtſchaffene Frau ſein; ich beſtrebte mich, es zu werden; aber meine Bemühungen blieben ohne Erfolg, weil ich vergaß, zu dem meine Zuflucht zu nehmen, welcher allein uns im Streite aufrecht zu erhalten vermag. Du, Stephan, und Tante Katharina, ihr waret es, welche mich Demuth, Verträglichkeit und Unterwerfung lehrten. Ihr beide waret es, welche mich auf das Höchſte und Beſte hinwieſen, wornach wir ſtreben ſollen, nämlich uns des Chriſtennamens würdig zu machen, und wenn ich heute eine veredelte und gebeſſerte Frau bin, ſo iſt dieß dein und Katha⸗ rina's Werk.“ „Nein, es iſt das Werk deines eigenen Herzens,“ 341 ſiel Stephan ein.—„Ach Gurli, wir haben beide aus Stolz den rechten Weg verfehlt, und deßhalb flohen Glück und Frieden davon. Jetzt, meine theure Gattin, haben wir die ſelige Luſt geſucht und gefun⸗ den, welche aus einer reinen und heiligen Liebe er⸗ blüht. Wir dürfen deßhalb wagen, auf die Zukunft zu hoffen.“ Stephan drückte einen Kuß auf Gurli's Stirne, und die Sterne ſchauten freundlich auf die beiden Gatten nieder. L. Die Zukunft täuſchte dieſe Hoffnungen nicht, ſon⸗ dern hielt, was ſie verſprach. Birgersborg's Mauern umſchloſſen fortan ein ebenſo wahres als wirkliches Glück, wie ſie vordem Zeugen ſchweren Kummers und grauſamer Leiden geweſen. Gurli wurde für ihren Mann ſein guter Genius und für ihre Untergebenen ein heilbringender Engel, welcher mit Kraft und Eiſer an deren moraliſcher wie ökonomiſcher Wohlfahrt arbeitete. Stephan war und blieb im ganzen Bezirke als Richter geachtet und geehrt. Eliſabeth war fortwährend Gurli's beſte Freundin. Ihren großen Reichthum wandte ſie ausſchließlich zu wohlthätigen Zwecken an. Walter, welcher ſeit Falkenſtern's Tod Niemand ſo innig wie Gurli geliebt hatte, verlebte ſeine alten Tage bei ihr, gewartet und gepflegt, wie wenn er Gurli's Vater wäre. Schwartz, Der Rechte. III. 8 342 Tante Katharina, welche alle ihre irdiſchen Wünſche erfüllt ſah, nachdem ſie bei Gurli's und Stephan's Hochzeit Zeuge geweſen, verſicherte, ſie ſey jede Stunde mit Freuden zu ſterben bereit, lebte aber deſſen ungeachtet noch lang und erreichte ein ſehr hohes Alter. Bis in den Tod war ſie allen Leidenden mit unvermindertem Mitgefühl zugethan und theilte ihre Liebe zwiſchen Gott und dem Rächſten. Als ſie endlich in eine beſſere Welt einging, folgte die allgemeine Trauer der alten Frau bis in die Gruft nach. Ende des dritten Theils. ſſſſiſſii ſ 3 10 11 12 13 14 15 16 17