* 3 5 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. ceih und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedein Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche hei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Fehentlic 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1——————.— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 W.— Pf. „ 5„„„ S 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung ver Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſett werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Si Ganzen verpflichtet. beſonders da S 7. Ausleihezeit. elbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird e rauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S ) 33 e e S 8 Qusgeuühlte Werte grau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandkung. 1864. ——— —— Der kechte. Erzählung Marie Sop ie Schwartz. Aus dem S von Pr. C. Büchele. Zweiter Band. Stuttgart. Frantkh'ſche Verlagshandlung. 1864. Druck von Gebr. Mäntler in Stuttgart. —,— — ———— Die reiche Frau. I. Herbſt und Winter waren über Falkenſterns Grab chitgeenen Der Hügel über demſelben war wie⸗ er grün. mit Blumen im Haar hatte ſich ein⸗ ellt. Die Glocken riefen zum Gottesdienſt. Die Anhöhe um die Kirche von Arby herum war von Leuten, größtentheils aus dem Bauernſtande beſetzt, welche in ihren Feſttagskleidern, Pſalmbücher in den Händen, andächtigen Ernſt in den Mienen, ſich anſchickten in den Tempel des Herrn zu treten, um dort die Kniee zu beugen und mit Gebet und Lobge⸗ ſängen den Freudentag zu feiern. Verſtummt waren die Glocken, und die Leute waren in den Tempel eingetreten, als ein Reiſewagen, mit Staub bedeckt und mit drei Pferden beſpännt, vor dem Eingang zum Kirchhofe anhielt. Der Diener, welcher auf dem Bock ſaß, hatte nicht Zeit herabzuſpringen und den Schlag zu öffnen, z 3 ſchon eine junge Dame aus dem Wagen üpfte. Ohne den Kopf umzudrehen, äußerte ſie gegen geſt * ihre Reiſegefährtin, eine Frau von etlichen dreißig Jahren: „Beeile Dich, Eliſabeth, wir kommen ſehr ſpät, der Gottesdienſt hat bereits angefangen.“ Eliſabeth Stewart war ſchnell an Gurli Falken⸗ ſterns Seite, und beide gingen in die Kirche hinein. Gurli ſah weder zur Rechten noch zur Einken. Sie ſchritt gerade auf die Bank zu, welche für die Bewohner von Birgersborg beſtimmt war. Während die Pſalmen geſungen und der ganze Altardienſt verrichtet wurde, ſaß Gurli auf ihrer Bank niedergebeugt, als ob ſie in Gebet verſunken wäre. Als von der Kanzel die Worte ertönten:„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes“, hob ſie den Kopf wieder empor und heftete den Blick auf den, welcher die heilige Schrift verdolmetſchen ſollte. Die Predigt war einfach und warm. Von Neuem erbrauste die Orgel. Abermals beugte die junge Frau auf ihrer Bank ſich tief zur Erde. Der Segen wurde vom Altar aus über die eti geſprochen, und der Gottesdienſt war zu FEnde. Die Kirchenbeſucher entfernten ſich, aber noch immer verharrte Gurli in derſelben demüthigen und betenden Haltung. Endlich richtete ſie ſich auf. Ihr Angeſicht war von Thränen benetzt. „Komm, laß uns gehen!“ ſagte ſie, zu Eliſabeth gewandt, und drückte ihr die Hand. Es waren acht Monate ſeit Falkenſterns Tod verfloſſen, und dieſe ganze Zeit hatte Gurli im Aus⸗ lande zugebracht. Am Tage nach der Eröffnung des Teſtaments 7 hatte ſie, ohne Jemand anders außer Walter zu ſehen oder zu ſprechen, in Begleitung von Fliſabeth Bir⸗ gersborg verlaſſen und ſich über Gothenburg nach England begeben. Nun war ſie von dieſem ihrem erſten Ausflug wieder zurückgekommen und auf der Heimreiſe nach Birgersborg begriffen. Von der Kirche begab ſich Gurli, nachdem ſie Eliſabeth aufgefordert hatte, im Wagen Platz zu neh⸗ men, ganz allein zu den Gräbern ihrer Mutter und ihres Stiefvaters, um an denſelben niederzuknieen. Lang dauerte das Gebet, das ſie hier verrichtete. Als ſie ſich von demſelben wieder erhob, war ihr An⸗ geſicht ruhig und ernſt. Einen Augenblick darauf rollte der Reiſewagen von dem Kirchhofe hinweg und Birgersborg zu⸗ Eurli ſaß ſchweigend da. Auch Eliſabeth war in Gedanken verſunken; aber nach einer Weile wandte ſie ſich zu ihrer frühern Schülerin mit den Worten: „Zweierlei Dinge gibt es in deiner Handlungs⸗ weiſe, beſte Gurli, welche ich nicht begreifen kann.“ „Nun, laß hören, welche es ſind,“ bemerkte Gurli und ſah Eliſabeth an. „Für's Erſte, warum Du ſo hartnäckig darauf beſtandeſt, daß ich, nachdem mein Amt als Lehrerin völlig aufgehört hat, gleichwohl noch bei Dir bleiben und nach Schweden zurückkehren ſollte.“ Begreifſt Du wirklich nicht, warum ich Dich bat, dieſes zu thun?“ fragte Gurli mit einem Lächeln. „Nein; wenn Du ein gewöhnliches Mädchen wäreſt, hätte ich es mir erklären können; aber iün „Iſt das unmöglich. Nimm jedoch an, ich wäre 8 ein gewöhnliches Mädchen; was würdeſt Du für die wahre Urſache gehalten haben?“ „Deine Anhänglichkeit an mich. Ich hätte dann geglaubt, Du würdeſt durch ein Band der Freund⸗ ſchaft an mich gefeſſelt, ſo daß ich für Dich unent⸗ behrlich wäre, und... „Du einen Erſatz für Alles das ausmachteſt, was der Tod mir geraubt hat, willſt Du ſagen,“ fiel Gurli ein.—„Jetzt hingegen kannſt Du dir die Möglich⸗ keit nicht denken, daß ich in meiner Bruſt für Jemand anders als für mich ſelbſt Zuneigung bergen kann.“ „Ich glaube, Gurli, daß Du dergleichen ebenſo⸗ wenig für mich, als für Jemand anders hegſt. Du biſt allzu kalt, um deine Zuneigung einem andern Gegenſtande, außer dem Grabe deiner Mutter, zu⸗ wenden zu können. Gurli warf ſich in die Wagenecke zurück, fuhr ſich mit dem Taſchentuch über das Angeſicht und ſchwieg einige Minuten. Darauf ſagte ſie lachend: „Mit andern Worten, Eliſabeth, Du hältſt mich für eine Egoiſtin. Möglich, daß ich es bin, ich weiß das ſelbſt nicht; was ich aber weiß, iſt, daß deine Worte einen ſchmerzlichen Eindruck auf mich machten. Du haſt ſeit meinem dreizehnten Jahre mich begleitet und geführt und alſo in dieſer Zeit noch nicht ver⸗ mocht, durch die rauhe Schale in mein Inneres ein⸗ zudringen, um einen Blick in das Herz zu werfen, welches Du unter deiner Obhut und Pflege hatteſt.“ „Gurli,“ fiel Eliſabeth lebhaft ein,„Du haſt dieſes Herz allzu ſorgfältig verſchloſſen, als daß ich hineinzublicken vermocht hätte. Du haſt mir blos überlaſſen, Geiſt und Verſtand bei Dir auszubilden.“ „Vielleicht iſt es Dir ſo vorgekommen; aber ich hätte geglaubt, dein Auge würde dabei nicht ſtehen — 9 bleiben. Ich habe der Ueberzeugung gelebt, Du ver⸗ ſtändeſt, daß meine Seele, obwohl kalt und verſchloſſen, doch wenigſtens ſoweit mit Gefühl ausgeſtattet ſei, um ſch mit Freundſchaft und Dankbarkeit an meine ſo reich vegabte Lehrerin zu hängen. Nun wohl, Du biſt nicht ſcharfſinnig genug geweſen, um dieß zu entdecken, und darum ſchweigen meine Lippen. Bei dem Hingang meiner Mutter iſt es mir ſchwer gefallen, mich mit Schmeichelworten oder Zärtlichkeit Jemand zu nähern. Wir wollen ſomit annehmen, es ſei nur die Macht der Gewohnheit, welche mich zu dir hinzieht. Ja, Eliſabeth, ich fühle, daß ich mich verzehren und vor Sehnſucht ſterben würde, wenn ich nicht täglich dich zu ſehen bekäme, wenn ich nicht mit dir reden, deinen Worten lauſchen und mir irgend eine nützliche Lehre daraus einthun könnte. Studien, Muſik, Malerei, jede Beſchäftigung wäre mir gleichgültig und werth⸗ los, wenn Du nicht daran Theil nähmeſt. Bildung, ultur, Menſchheit und Religion, Alles verlöre ſein Intereſſe, wenn man aus meinem intellektuellen Da⸗ ſeyn dich hinwegnähme.“ BGurli ſtreckte die Hand aus und ſetzte lächelnd hinzu: „Du biſt das belebende Prinzip in meinem Geiſte. Entreiße es mir, und ich verwandle mich in eine Blödſinnige. Haſt Du mich nun verſtanden?“ „Vollkommen,“ antwortete Eliſabeth und drückte ihr die Hand mit einer Wärme, welche zu erkennen gab, daß ſie wohl einſah, wie viel ſie ihrer ehmaligen“ Schülerin war. Gurli nahm wieder das Wort; n nn, nachdem Du dir klar gemacht haſt, daß Du das unentbehrliche Element in meinem Da⸗ ſeyn bildeſt, wird auch, wie ich hoffe, deine Freund⸗ Schwartz, Der Rechte. II. 2 ſchaft zu mir dir zuflüſtern, daß wir uns niemals trennen können.“ „Du glaubſt ſomit, daß ich Anhänglichkeit für dich empfinde?“ bemerkte Eliſabeth ſcherzend. „Ich bin vollkommen davon überzeugt.“ „Aber ich habe es dir niemals geſagt.“ „Du haſt etwas weit Beſſeres gethan, Du haſt mir deine Freundſchaft bewieſen.“ „Ich danke dir für dieſe Worte,“ erwiederte Eli⸗ ſabeth, indem ſie Gurli zunickte. „Und nun, Eliſabeth, deine Hand darauf, daß Du niemals den Gedanken in dir aufkommen läſſeſt, dich von mir zu ſcheiden, es müßte denn ſeyn, daß Du dich verheiratheſt.“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich; aber ich verſpreche dir dagegen, dich nicht zu verlaſſen, bevor Du dir einen Gatten auserwählt haſt.“ „Und wenn ich einmal mich verheirathen ſollte, bedarf ich deiner mehr als je an meiner Seite. Die großen Pflichten im Leben ſind mir noch fremd. Es gibt alſo blos zwei Dinge, welche uns ſcheiden können, nämlich der Tod oder dein Eintritt in den Eheſtand. — Deine Hand darauf, Miß Stewart.“ „Hier haſt Du ſie; jedoch unter der Bedingung, daß ich, wenn dein künftiger Mann meine Entfernung wünſcht, auf und davon gehe.“ „Das wird er niemals wünſchen.“ Es trat eine Pauſe ein. „Nun, und was iſt dann das zweite in meinem Thun, was Du nicht begreifen kannſt?“ hob Gurli wieder an. „Daß Du gerade jetzt nach Schweden zurückkehr⸗ teſt und nicht lieber, wie es ſonſt dein Wunſch war, eine Reiſe nach Frankreich und Italien unternahmeſt. 11 Warum will Gurli an einem beſtimmten Tag in Birgersborg eintreffen?“ „Ganz einfach deßhalb, weil mein Stiefvater, als er mich zu ſeiner Univerſalerbin einſetzte, mir auch noch andere Bedingungen, als nur ſein Geld zu ver⸗ ſchwenden, auferlegte. Du weißt, daß ich bei Eröff⸗ nung des Teſtaments auch ein verſiegeltes Paket empfing, welches Anordnungen enthielt, von welchen ich allein ſeinem Wunſche gemäß Kenntniß nehmen ſollte. Eine derſelben lautete dahin, daß Allon, Ste⸗ phan und ich allemal an Pfingſten in Birgersborg zufammentreffen und hier drei Sommermonate mit einander verleben ſollten, bis ich in das Alter der Volljährigkeit gelangen würde. Auch ſpäter ſollten wir noch jedes Jahr auf einige Wochen hier unſeren gemeinſchaftlichen Aufenthalt nehmen, nur mit dem Unterſchied, daß ich hiefür allemal die Zeit zu be⸗ ſtimmen hätte. In wie weit eine der Tanten bei dieſen Familienzuſammenkünften Theil nehmen ſollte, das überließ er gleichfalls mir zu entſcheiden, fügte jedoch die Beſtimmung bei, daß der Verſammlungsort ſtets Birgersborg bleiben müßte. In den beſondern, an Allon und Stephan gerichteten Schriftſtücken hat er ohne Zweifel auch ihnen ſeinen Willen in dieſer Be⸗ ziehung mitgetheilt. „Eine ſeltſame Anordnung,“ bemerkte Eliſabeth nachdenklich.„Es ſcheint auf den Wunſch hinzuweiſen, daß Du einen deiner Couſine zum Gatten wähleſt.“ „Du haſt Recht, Eliſabeth. Mein Stiefvater hat wirklich in ſeinem Schreiben an mich den Wunſch ausgeſprochen, daß ich mir einen von ſeinen Pflege⸗ ſöhnen zum Lebensgefährten nehme.“ „Legt er dir ſolches als Pflicht auf?“ „Nicht ausdrücklich, aber ſo ungefähr. Mittler⸗ weile ſollen wir dieſes und das nächſte Jahr uns auf Pfingſten in Birgersborg einfinden und den Sommer daſelbſt bleiben, um den Verſuch zu machen, einander lieben zu lernen.“ „Deutet dein Stiefvater auf einen von deinen beiden Couſinen vorzugsweiſe mit dem Wunſche hin, daß Du denſelben wählen mögeſt?“ „Ja, auf Stephan.“ „Welcher Widerſpruchsgeiſt beſeelte nicht dieſen Mann bis in den Tod hinein,“ bemerkte Fliſabeth. „Er mußte nothwendig zu ſeinen Lebzeiten bemerken, daß Stephan dir am wenigſten gefiel, und daß es dir ſchwer fallen würde, mit ihm auszukommen, wäh⸗ rend Allon dagegen ſehr hoch in deiner Gunſt zu ſtehen ſchien.“ „Ich glaube, daß er darauf nicht Acht gegeben hat, ſiel Gurli ein.—„Der Grund, warum er auf Stephan hinwies, liegt darin, daß er in dieſem einen Charakter zu ſehen glaubte, welcher mir die ſicherſte Bürgſchaft für mein künftiges Glück gewähren würde,“ ſab was denkſt Du ſelbſt davon?“ fragte Eli⸗ abeth. „Ich habe in dieſem Fall noch keine Ueberzeu⸗ gung, ich kann auch kein Urtheil über meine Couſins in Bezug auf ihren Charakter fällen, weil ich noch niemals Betrachtungen darüber angeſtellt habe. Es kommt mir jedoch vor, als ob Allon derjenige wäre, welcher mir am meiſten gefällt.“ Eliſabeth ſchwieg, und der Wagen fuhr in den Hof von Birgersborg ein. In dem Augenblick, als urli aus demſelben ſprang, bemerkte ſie noch, zu Eliſabeth gewendet: „Ich vergaß, dir zu ſagen, daß außer Stephan und Allon noch mehre Gäſte hier ſind, und d ſie 13 alle zuſammen länger in Birgersborg verweilen wer⸗ e„Du triffſt die ganze Geſellſchaft am Mittags⸗ tiſche. Jetzt war Gurli oben auf der Treppe, wo Tante Katharina und Walter ſie empfingen. Sie reichte Beiden eine Hand und äußerte in freudigem Tone: „Das beſte von Allem iſt doch, die Tante und Walter wieder zu ſehen.“ In dieſem Augenblick wurde Gurli beinahe von Felir umgerannt, welcher, obwohl alt geworden, mit aller ſeiner frühern Lebhaftigkeit, laut bellend' vor Freude, auf ſie zugeſtürzt kam. Gurli ſtreichelte den alten Freund, umarmte zu⸗ erſt Tante Katharina, dann Walter, und begab ſich ſofort, begleitet von Felir, in ihre Zimmer hinauf. Im Vorgemach wartete ihrer Liſa, welche wei⸗ nend ihr die Hände küßte, während ſie dazu flüſterte: „Das liebe Kind, das liebe Kind!“ Der ungeſchminkte Ausdruck der Anhänglichkeit von Seiten der alten Wärterin gegenüber von Gurli, welche in den Kinderjahren gegen Liſa ſo boshaft und garſtig geweſen war, rührte ſie dermaßen, daß ſie ſich beinahe verſucht fühlte, in Thränen auszubrechen. Empfindſamkeit gehörte jedoch nicht zu Gurli's Schwä⸗ chen, und deßhalb rief ſie ganz munter. „Nun, nun, Liſa, ſei lieb und ſtrafe mich nicht mit allzu großer Freundlichkeit; Du könnteſt mich ſonſt dahin bringen, daß ich über mich ſelbſt und über meine Kindheit allzu ſehr erröthen muß.“ Und damit umarmte ſie Liſa ſo nachdrücklich, daß dieſer faſt der Athem ausging. Liſa erhielt ſofort, wie ehmals, den Auftrag Gurli's Friſur zu beſorgen, und wurde in das Toilet⸗ 14 tenzimmer geſchickt, um alles Erforderliche anzuordnen. — Gurli nahm jetzt ihren Weg nach dem Salon, wo ihre Mutter ſo manches lange Jahr zugebracht hatte. Geraume Zeit verweilte ſie hier und küßte jede Kleinigkeit, welche Anna angehört hatte, gerade als ob ſie alte, liebe Freunde begrüßte. Jede Spur von Gemüthsbewegung war jedoch verſchwunden, als ſie zu Lifa eintrat, welche ſofort unter geſchwätziger Berichterſtattung über Alles, was geſchehen und vorgefallen war, das widerſpenſtige und lockige Haar genaü in derſelben Weiſe, wie Gurli es von ihrer Kindheit an zu halten gewohnt war, zu ordnen begann. Es wäre auch faſt unmöglich geweſen, damit an⸗ ders zu verfahren, denn es widerſetzte ſich beharrlich jedem Verſuch, es glatt zu ſtreichen und zu kämmen, ſondern ringelte ſich über dem Scheitel in eine Maſſe kleiner, kurzer, krauſer Locken, ganz wie bei einem Knaben, und fiel dann erſt ringsherum über Hals und Schultern herab. Liſa war nicht wenig ſtolz darauf, daß Gurli, obwohl ſie im Auslande geweſen, ſie noch für gut genug hielt, bei ihr die Stelle einer Kammerjungfer zu vertreten. II. Das Innere von Birgersborg hatte während Gurli's Abweſenheit, mit Ausnahme von Anna's chemaliger Wohnung und dem Saale im Erdgeſchoß, beinahe eine vollſtändige Reparatur erfahren. Der früher in ein Getreidemagazin umgewandelte rechte Flügel war nunmehr eingerichtet und in zwei beſondere Wohnungen abgetheilt, welche gleich ſämmt⸗ 15 lichen andern Zimmern mit allem Lurus, den der Reichthum aufzubieten vermag, möblirt erſchienen. Im Park, im Garten und auf dem Hofe hatte man einen mehrfachen Durchhau vorgenommen, ſo daß Tageslicht und Sonnenſtrahlen ungehindert in die Zimmer eindringen konnten. Mit einem Wort, Alles was Geld und Kunſt zur Verſchönerung eines Ortes beizutragen vermochten, war in Anwendung gebracht worden, um Birgersborg ein heitereres Ausſehen zu geben. Das letztere war jedoch nicht ſehr leicht, weil das alte graue, ſteinerne Gebäude in ſeinem Aeußern immerdar etwas Düſteres beibehielt. Walter, welcher damit beauftragt geweſen war, die geſammte Reparatur, Möblirung und Einrichtung des großen Gebäudes zu bewerkſtelligen, fühlte ſich wirklich ſtolz darüber, als Alles zur Ankunft der jun⸗ gen Herrin fertig war. In dem alten, unveränderten Saale ſtand die Mittagstafel gedeckt und mit Blumen geſchmückt. Aus dem anſtoßenden Salon ließen ſich die Stim⸗ men von Sprechenden vernehmen. Tante Katharina hatte ſich unter der auf die Terraſſe hinausgehenden Thüre aufgeſtellt und wartete mit ſichtbarer Ungeduld auf Gurli, weil ſie beſorgte, Speiſen möchten bei längerem Zögern zu Schaden ommen. Endlich ging die Saalthüre auf, und Eliſabeth trat, begleitet von Gurli, herein. Letztere eilte auf Tante Katharina zu und rief: Vergib, liebe, liebe Tante, daß ich mich um eine ganze Viertelſtunde verſpätet habe; aber Liſa iſt daran ſchuld. Sie hat es ganz verlernt, mit meinem unordentlichen Haare fertig zu werden, und darüber verging die Zeit.“ Che Tante Katharina ein Wort erwiedern konnte, hatte Gurli die Arme um ſie geſchlungen und ſie geküßt. „Nun, das muß ich ſagen, muß ich ſagen, das Mädchen—“, brummte die Alte, jedoch nicht ohne freundlich dabei zu lächeln. So liebreich hatte Gurli ſich niemals zuvor gegen ſie gezeigt. Sicherlich aber war dieß der erſte Kuß, darauf hätte Tante Katharina ſchwören können. Drinnen im Salon verſtummte das Geſpräch. Jedermann hatte Gurli's Stimme erkannt, und man wartete mit geſpannter Neugierde auf ihren Eintritt. Den nächſten Augenblick kam ſie zum Vorſchein, Tante Katharina an der Hand haltend. „Willkommen, Verwandte und Nachbarn!“ ſagte ſie und begrüßte alle im Salon befindlichen Perſonen mit einer einzigen Verbeugung. Darauf führte ſie Tante Katharina zu dem obern Ende des Sopha's. „Hier iſt der Platz der Tante,“ ſprach ſie.„Vor allen hier Verſammelten iſt die Tante nicht blos durch ihr Alter, ſondern auch durch ihren höhern Menſchen⸗ werth dazu berechtigt, den erſten Platz unter uns ein⸗ zunehmen.“ Die reiche Gurli Falkenſtern drückte nun die Hand der Alten an ihre Lippen, als wollte ſie damit allen ihren Gäſten den Beweis geben, wie hoch ſie die alte Frau zu ſchätzen wußte. Dann warf ſie einen Blick im Zimmer umher. Als ihre Augen auf Magiſter Blom fielen, eilte ſie auf ihn zu und begrüßte ihn mit aller der Herz⸗ lichkeit und Freude, welche ſie bei ſeinem Anblick 17 Darauf wandte ſich Gurli zu Walter und ſagte: „Ich danke Ihnen, Herr Tauſendkünſtler. Sie haben dieſes alte Neſt in eine behagliche Wohnung verwandelt. Etwas das wirklich an Zauberei grenzt. Dieſen Nachmittag wollen wir ſämmtliche Verſchöne⸗ rungen in nähern Augenſchein nehmen. Und nun zu Tiſche. Magiſter Blom, reichen Sie Tante Katha⸗ rina den Arm, und Sie, Doktor, ſind mein Kavalier.“ Mit dieſen Worten nahm Gurli den Arm des Doktors und begab ſich in den Speiſeſaal, ohne die übrigen Gäſte noch einzeln zu begrüßen. Sie hatte nicht einen Blick auf einen derſelben geworfen. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Tante Katharina nahm. an dem oberſten Ende Platz. Als die Suppe ſervirt war, ſagte Gurli zu Mathilde gewendet, welche ihr gerade gegenüber ſaß: „Es freut mich, Tante, daß Du gerade in Schwe⸗ den wareſt und ſo freundlich meine Einladung an⸗ nahmeſt, damit ich dich als meinen Gaſt begrüßen konnte. Es würde mir immer vorgekommen ſeyn, als ob nur die Hälfte von Stephan ſich hier eingefunden hätte, im Fall er nicht in Begleitung ſeiner Mutter erſchienen wäre.“ Gurli drehte den Kopf herum und erblickte Beate von Stral. „Tante Beate befindet ſich doch wohl, hoffe ich?“ ſagte ſie; aber ihr Blick war nicht mehr lächelnd, ſondern umwölkt. Dann ſetzte ſie hinzu:„Wie geht es Magiſter Grünlund? Man hat mir geſagt, er habe ſich zum Prediger ordiniren laſſen; iſt es wahr?“ „Das iſt vollkommen wahr,“ erwiderte Beate und fügte dann in ſanſtem Tone hinzu:„Dagegen kann ich nicht ſagen, daß ich mich wohl befinde. Meine 18 Geſundheit iſt in der letzten Zeit ſehr wankend ge⸗ „Wahrſcheinlich eine Folge des Kummers über meinen Stiefpater,“ fiel Gurli ein.„Wir dürfen jedoch hoffen, daß der Aufenthalt in Birgersborg der Tante wohl bekommen wird.“ Gurli wandte ſich nun zu dem Bezirksrichter O. und zu zwei jungen Männern, welche mit demſelben verwandt waren und ihn hieher begleitet hatten. Während der Mahlzeit ſprach Gurli mit Jeder⸗ mann, außer Allon und Stephan. Sie verſtand es, der Konverſation Leben einzuflößen. Die beiden Couſins nahmen an derſelben natürlich Theil, aber nicht ein einziges Mal richtete ſie an dieſelben das Wort. Man ſtand vom Tiſche auf und begab ſich auf die Terraſſe. Jetzt trat Gurli auf Stephan zu, reichte ihm die Hand und bemerkte ſcherzend: „Ich hoffe, beſter Stephan, daß wir in den drei Monaten, welche Du hier zu weilen verurtheilt biſt, Gelegenheit bekommen werden, die alten Feindſelig⸗ keiten wieder zu eröffnen.“ Stephan berührte flüchtig ihre Hand und ant⸗ wortete mit einer leichten Verbeugung: „Dieſe Hoffnung allein hat mich hieher geführt. Würde ich die entgegengeſetzte Ueberzeugung gehabt haben, ſo wäre zu befürchten geſtanden, daß ich auf den ausgeſprochenen Wunſch keine Rückſicht genommen Als Feind iſt es mir eine Freude dein Gaſt zu ſeyn. „Was für eine herrliche Ausſicht, Allon!“ fuhr Gurli fort, als hätte ſie gar nicht gehört, was Ste⸗ phan ſagte. Allon näherte ſich ihr, aber mit zögerndem Schritt. 19 „Wie, mein Couſin,“ rief Gurli, ihn anſehend, „willſt Du mit mir nicht dieſes Gemälde bewundern, woran Du dich vorigen Sommer deiner Behauptung zufolge gar nicht ſattſehen konnteſt? Hat ſich dein Geſchmack ſeitdem verändert?“ 3 „Nein, ich gehöre nicht zu denen, welche ſich ver⸗ ändern, aber ich betrachtete damals dieſe Ausſicht mit andern Augen als jetzt,“ entgegnete Allon. „Nun, ſo verſuche ſie jetzt ebenſo zu betrachten wie damals,“ fiel Gurli lächelnd ein und reichte ihm die Hand; oder ſollte dieſelbe darum minder ſchön ſeyn, weil Du ſie dir von meiner Terraſſe aus an⸗ ſchauſt?“ „Ich glaube es beinahe,“ ſagte Allon und ſchloß die dargebotene Hand in die ſeinige.—„Die Perſon, Gurli, an deren Seite es mir ein Genuß war, das Schöne zu bewundern, iſt nicht mehr vorhanden, ſon⸗ dern ich habe jetzt das reiche Fräulein Falkenſtern vor mir. Und ſie, ſie hatte nicht einmal einen Will⸗ kommsgruß mir zu ſchenken.“ „Das war ſchlecht von ihr,“ entgegnete Gurli lachend.„Ich kann dir inzwiſchen Eins ſagen, näm⸗ lich, daß ich nicht glaubte, Du wäreſt im Stanbe, um deſſenwillen, was ich jetzt mein Eigenthum nenne, einen Groll gegen mich zu hegen.“ Gurli ſtieg die Terraſſentreppe hinunter. „Groll!“ wiederholte Allon und folgte ihr.— „Glaubſt Du, Gurli, daß ich in meinem Herzen der⸗ gleichen für dich empfinden kann?“ „Was weiß ich?“ „Du weißt, daß dem nicht ſo iſt. Dein eigenes Gefühl, Gurli, muß dir ſagen, wie ich, der arme Allon, nicht ohne Schmerz daran denken kann, daß... „Ich bitte dich, halt ein und ſprich das dumme 1 20 Wort nicht aus. Laß uns ſtatt deſſen ſogleich ein Uebereinkommen treffen nämlich als Freunde und Verwandte mit einander umgehen, ohne beſtändig zu berechnen, daß das Eine reich, das Andere arm iſt. Wer kann, ſtreng genommen ſagen, welches von uns beiden am reichſten iſt? Ich, die Beſitzerin von allem dieſem Vermögen, oder Du, der Beſitzer einer glän⸗ zenden Zukunft, welche durch eigenes Verdienſt ge⸗ ſchaffen worden iſt.— Aber was iſt das? Ah, das iſt entzückend! Walter, Walter!“ rief Gurli und blieb ſtehen, um einen ſchönen und hochſteigenden Spring⸗ brunnen im Garten zu betrachten. Walter kam, und hinter ihm auch der Doktor und der Bezirksrichter ſammt den übrigen Herrn von der Geſellſchaft, mit Ausnahme Stephans. Gurli machte nun, begleitet von ihnen, zuerſt die Runde durch den Garten, wo alle neuen Anlagen in Augenſchein genommen und belobt wurden; darauf begab man ſich in den Park. Am Ende deſſelben erhob ſich auf dem Strande des See's eine kleine reizende Fiſcherhütte, und in der Nähe deſſelben befand ſich ein hübſches Boothaus mit den dazu gehörigen Räumlichkeiten zur Aufbewahrung von Fiſchereigeräthſchaften und dergleichen. Gurli erſchöpfte ſich in Lobſprüchen auf Walter, Sie war entzückt über ihre kleine Fiſcherhütte und erklärte, ſchon am folgenden Morgen ihr Glück als Fiſcherin verſuchen zu wollen. Vom Park ging es in das alte Schloß hinauf und durch alle Stockwerke. Als man die Treppe in den zweiten Stock hinauſ⸗ ſtieg, bemerkte der Doktor: „Dürfte es nicht zu anſtrengend für Sie ſeyr mein Fräulein, nach der Reiſe am heutigen Tage un nach der Promenade im Park noch eine Wanderung durch alle dieſe Gemächer und Gallerien Treppen auf und ab zu unternehmen?“ „Durchaus nicht, Herr Doktor,“ verſicherte Gurli; „ich habe noch nicht gelernt, was Ermüdung heißen will, und würde in der That die Herren Aerzte be⸗ klagen, wenn alle Menſchen ſo ſtark und geſund wie ich wären.“ IIH. Während Gurli und die Herren das Aeußere und Innere von Birgersborg in Augenſchein nahmen, blie⸗ ben Stephan und die Damen auf der Terraſſe ſitzen. Stephan hatte ſich neben Eliſabeth niedergelaſſen und mit ihr ein ſehr lebhaftes Geſpräch über England und Frankreich angeknüpft. Tante Katharina beſprach ſich mit der Frau des Doktors über verſchiedene Haushaltungsgegenſtände. Mathilde, Beate und die Frau des Bezirksrichters O. bildeten die dritte Gruppe, und da redete man mit gedämpfter Stimme von Gurli. „Meine Nichte kommt mir ſehr verändert vor,“ äußerte Beate. Was halten Sie davon, Frau H.?“ „Ich habe Fräulein Falkenſtern immer etwas ereentriſch gefunden,“ antwortetete Frau O.,„und man darf ſie gewiß nicht nach demſelben Maßſtabe wie an⸗ dere beurtheilen.“ „Ganz richtig,“ fiel Mathilde ein.„Gurli's Cha⸗ rakter iſt ſelbſtſtändig, und ſie lernt wahrſcheinlich niemals den Nutzen der Verſtellung einſehen.“ „Es ſcheint aber, als ob ſie ſehr wenig von den Forderungen der guten Lebensart begriffe,“ entgegnete. Beate;„denn wenn dieß der Fall wäre, ſo ſpränge 11 f ſie nicht ihren Gäſten davon, wie ſie gerade thut— aber es iſt wahr, ſie iſt reich und braucht ſich nicht zu geniren, am wenigſten gegenüber von Verwandten, welche kein Vermögen haben.“ Frau O. ſagte darauf Etwas, das weder eine Beſtätigung noch eine Verneinung von der Wahrheit deſſen enthielt, was„die gnädige Frau“ geäußert hatte. 8 dagegen naähm Gurli's Partei, aber ohne vfolg. Beate war es gelungen, Frau O. die Ueberzeu⸗ gung einzuflößen, daß Gurli ſich niemals dieſe un⸗ artige Aufführung gegen Perſonen, die ihr an Reich⸗ thum gleich ſtänden, erlauben würde; und als Gurli wiederum auf der Terraſſe erſchien, war Frau O. allerdings äußerſt artig, aber in ſich empfand die würdige Frau wirklich einen gewiſſen Verdruß über Gurli's Benehmen. Zugegeben muß auch werden, daß Gurli's Art und Weiſe ungemein eigenmächtig war. Sie genirte ſich vor Niemand, kam und ging, redete und ſchwieg, ohne die geringſte Rückſicht auf ihre Eigenſchaft als junges Mädchen, oder als Wirthin zu nehmen. Aber auf der andern Seite bezeigte ſie Tante Katharina einen viel höhern Grad von Aufmerkſam⸗ keit, als man von ihr erwarten konnte. In ihrem Be⸗ nehmen gegen dieſe vergaß ſie ſich niemals, obwohl ſie gegenüber von allen andern die Rückſicht, welche ſie ihren Gäſten ſchuldig war, außer Acht zu laſſen ſchien. Auch den Reſt des Abends ſetzte Stephan ſeine Unterhaltung mit Eliſabeth fort. Nicht ein einziges Mal heftete er ſeinen Blick auf Gurli, mochte ſie nu ſcherzen, oder disputiren, oder mit Entzücken irgend eine Landſchaft beſchreiben, oder auch nachdenklich auf das, was Blom redete, horchen. he ne es un nd u 23 Nach dem Souper näherte ſich Gurli Frau O. und machte derſelben in ihrer ungenirten Weiſe den Vorſchlag, die Herrſchaften ſollten nicht jetzt ſchon nach Sätterboda, dem Wohnort des Bezirksrichters, heim⸗ kehren, ſondern noch ein paar Wochen in Birgersborg bleiben— ein Anſinnen, auf welches die kluge und ökonomiſche Frau H. gerne einging. Zu Machilde ſagte Gurli: „Ich habe für die Tanten und Couſine den rechten Flügel in Ordnung bringen laſſen, und wünſche, daß alle meine Gäſte mir das Vergnügen machen, ſich hier wie zu Hauſe zu betrachten, wobei ich mir nur das Recht ausbedinge, auch meinerſeits von der mir zuſtehenden Freiheit Gebrauch machen zu dürfen.“ Dann nahm ſie Tante Katharina unter dem Arm und ſetzte hinzu: „Ich habe mir erlaubt, Tante, alle deine Sachen in den erſten Stock hinaufbringen zu laſſen. Den erſten Sommer, da mein Stiefväter ſeine Verwandten als Gäſte hier empfing, ließ er die Zimmer neben denen ſeiner verſtorbenen Frau für den Empfang von jenen einrichten. Ich habe nun meinerſeits verſchie⸗ dene Aenderungen treffen laſſen und dieſes Stockwerk in zwei Wohnungen getheilt. Die eine iſt für die Tante, die andere für Eliſabeth; und da meine eige⸗ nen Zimmer angrenzen, ſo hoffe ich durch dieſe Nach⸗ barſchaft mit der Zeit um ein Stück beſſer zu werden, als ich jetzt bin. Der linke Flügel, Tante Katharina, mag nun beherbergen, wen er will; aber das älteſte n beſte Mitglied der Familie ſoll dieß nicht mehr yn Hätte Gurli in den Kinderjahren Tante Katharina die Augen ausgekratzt, ſo würde ſie doch unbedingt mit dieſen Worten der alten Frau das Herz aus der 24 Bruſt genommen haben. Wirklich half ſich dieſe auch mit einer Priſe nach der andern und murmelte: „Das muß ich ſagen, liebes Kind, ich bin ja ordentlich verlegen; ja, das muß ich ſagen.“ w. Die Gäſte hatten ſich auf ihre Zimmer begeben. Frau Braun und Frau von Stral mit ihren Söhnen nach dem großen rechten Flügel. Die übrigen Per⸗ ſonen, die zu Beſuch waren, hatten im zweiten Stock⸗ werk ihre Wohnung erhalten. Jedermann ſtellte nun in der Einſamkeit ſeine Betrachtungen über die Ereigniſſe des Tages und über die Beſitzerin von Birgersborg an. Vor dem geöffneten Fenſter ſeines Schlafzimmers ſtehend, ſchaute Allon in die helle Frühlingsnacht hinaus. Es ſchien, als ob der junge Mann ſeine Gedanken und Eindrücke ſammeln wollte. Sein An⸗ geſicht war erhitzt; wahrſcheinlich ein Refler ſeines Innern. Er bemerkte nicht eher, daß die Thüre zwiſchen ſeinem Schlafzimmer und einem daran ſtoßenden Ge⸗ mach leiſe geöffnet wurde und ſeine Mutter eintrat, als bis dieſe mit leichter Hand ihn berührte. Ohne den Kopf umzudrehen, ſagte er: „Was will Mama?“ „Dir Gottes Frieden wünſchen, ehe wir zur Ruhe gehen,“ antwortete Beate.. „Erlaube mir, die Wahrheit davon zu bezweifeln,“ entgegnete Allon, ſich zu ſeiner Mutter umwendend, und ſetzte ungeduldig hinzu„Du weißt, Mama, daß . ich dieſe gottſeligen Redensarten verabſcheue, daß ich dadurch nicht zu täuſchen bin. Unterlaſſe alſo der⸗ 25 gleichen, wenn wir allein ſind! Was iſt eigentlich Mama's Anliegen?“ Beate biß ſich auf die Lippen. Nach kurzem Stillſchweigen nahm ſie indeſſen in vollkommen ru⸗ higem Tone das Wort: „Wie gefällt dir Gurli?“ „Ganz ſo wie voriges Jahr.“ „In dieſem Fall, mein lieber Allon, ſei auf deiner Hut; ich fürchte, Du haſt einen ſehr gefährlichen Nebenbuhler.“ „An wem?“ fragte der junge Mann mit einem gewiſſen Uebermuth. „Ich hatte Unrecht Einen zu ſagen; Du haſt deren zwei.“ „Warum nicht lieber ein Dutzend? Gurli iſt reich, ſchön und originell. Kein Wunder, wenn es viele gibt, welche derſelben ihre Huldigung zu Füßen zu legen wünſchen.“ „Beſonders verdient ſie wegen ihres Hochmuths Bewunderung,“ fiel Beate ſcharf ein, fügte aber, als Allon die Stirne runzelte, ſchnell hinzu:„Doch nicht davon wollte ich reden, ſondern von denen, welche für den Augenblick nach ihrem Golde angeln.“ „Und wer ſind dieſe?“ „Blom und Stephan.“ Allon brach in ein lautes Gelächter aus, ſprach Etwas von Geſpenſterſehen bei hellem Tage und bat die liebe Mama, ſich deßhalb nicht zu beunruhigen, ſondern zu Bette zu gehen. Beate nahm, wie es oft geſchah, an ihres Sohnes Betragen Anſtoß und wollte ihn verlaſſen; er aber hielt ſie auf und ſagte: „Wünſcht Mama wirklich eine Verbindung zwi⸗ ſchen mir und Gurli?“ Schwartz, Der Rechte. II. 3 26 „Welche Frage! Sollte ich nicht wünſchen, daß Du die Gattin der reichen Gurli Falkenſtern wirſt— der Beſitzer von Millionen?“ „Aber Gurli iſt ja ein gottloſes und verlorenes Weſen,“ fiel Allon ein. Beate ſah ihn mit einem langen Blick an und wandte ſich gegen die Thüre, indem ſie ruhig be⸗ merkte: „Ich könnte dir antworten, aber ich will es nicht. Schlafe wohl und entſage, wenn Du Luſt haſt, der Frau, welche Du zu lieben verſicherſt, und mit ihr all dem Golde, welches ſie beſitzt. Ich werde dich nicht mehr auf die Gefahren hinweiſen, welche dein Glück bedrohen. Gute Nacht!“ Beate entfernte ſich. Allon ließ ſie gehen. Die Worte der Mutter hatten jedoch, obwohl er ſie gering zu achten ſchien, die Wirkung, daß ſie ſeine Eiſerſucht erregten. Allon war verliebt, war in eine unermeßlich reiche Frau verliebt, und dieß hieß ſo viel als daß er in ihrer Perſon unwillkürlich einem gedoppelten Intereſſe, dem des Herzens und dem des Eigennutzens ſeine Huldigung darbrachte. Wir müſſen jedoch der Wahrheit gemäß aner⸗ kennen, daß Allon das letztere als Nebenſache be⸗ trachtete. Es liegt indeſſen in dem Reichthum ein eigener Reiz. Welche blendenden Bilder, welche berauſchen⸗ den Freuden können nicht daraus entſpringen, und wie verlockend muß nicht einem jungen Mann das Leben an der Seite einer reichen und geliebten Frau erſcheinen. Nichts iſt auf Erden dankbarer, als ſchlimme Ge⸗ danken und Gefühle zu erwecken. Sie bedürfen ſo wenig, um in Bewegung zu kommen. Die Perſon, welche in Erregung derſelben eine wirkliche Meiſter⸗ ſchaft beſaß, war Beate von Stral. Ohne ihres Sohnes Liebe, oder auch nur deſſen Achtung zu beſitzen, blieb ſie doch immerdar diejenige, welche auf ſein Inneres einen verderblichen Einfluß ausübte, weil ſie den ſchlimmern Menſchen in ihm aufzureizen wußte. Alles hing indeſſen für die Zu⸗ kunft davon ab, welche Herrſchaft die Liebe über ſein Fer gewann, und ob dieſelbe für dieſen Fall der acht der Mutter entgegenarbeiten konnte. Allon's Inneres war aus ſo vielen widerſtreiten⸗ den Elementen zufammengeſetzt und beruhte ſo voll⸗ ſtändig auf Inpulſen, daß man von ihm ſagen konnte, er ſey ebenſowohl für das Böſe, wie für das Gute empfänglich. Unter der Leitung Grünlunds nahm er Eindrücke von dieſem an und wurde zur Verſtellung geneigt und heuchleriſch. An der Seite Bloms lernte er das Unredliche, Falſche und Trügeriſche verabſcheuen. Seine guten Eigenſchaften kamen in Wirkſamkeit, und die böſen wurden in den Hintergrund verdrängt. War er ſich ſelbſt überlaſſen, ſo blieb es ſehr S welche Richtung ſein Charakter annehmen würde. Seine erſte ernſtliche Neigung ſollte keine unbe⸗ deutende Rolle in ſeinem Leben ſpielen. So auch die Wahl ſeiner Freunde. Waren dieſe letztern ſchlecht, und fand ſeine Liebe keine Erwiederung, ſo ſtand zu befürchten, daß er ſich ſeiner ſchlimmern Natur über⸗ ließ. Einmal auf dem Wege ſtehend, welcher zu 8 Sünde und Laſter führt, mußte es Allon ſchwerer, 1 3 5 3 ² 28 als jedem andern fallen, wieder umzuwenden, weil es ihm an Kraft und Seelenſtärke hiezu gebrach. Wäre in Beate's Bruſt wirklich ein Begriff von Recht und Unrecht, und von den Pflichten, welche ihr als Mutter oblagen, zu finden geweſen, ſie würde mit Entſetzen an die Folgen ihrer Erziehung und an die Gefahr, die Leidenſchaften in Allon's Seele aufzu⸗ reizen, gedacht haben. Nun aber hatte dieſe Frau nur eine Auffaſſung von dem Glück des Lebens, nur ein Streben, und dieß beſtand darin— ihren Sohn reich zu ſehen. Zur Etrichung dieſes Ziels ſchien ihr kein Opfer zu 8, deh Jimmern, welche von Mathilde Braun und ihrem Sohn bewohnt wurden, ſaßen beide mit⸗ einänder an einem der geöffneten Fenſter. „Nun, mein lieber Junge, wie gefällt dir Gurli? Findeſt Du ſie nach Frn Aufenthalt in England verändert?“ fragte Mathilde und ſchaute mit einem inichen Blick ihrem Sohne in das idealſchöne An⸗ geſicht. „Sie gefällt mir jetzt wo möglich noch weniger als jemals,“ erwiderte Stephan.„Zu ihren übrigen unangenehmen Eigenſchaften hat ſich jetzt noch ein gewiſſes Haſchen darnach geſellt, in einem edelmüthi⸗ gen Lichte dazuſtehen, welches demjenigen widrig er⸗ ſcheinen muß, der gleich mir Kenntniß davon hat, daß ſie ohne alles Herz iſt.“ „Du biſt hiebei ſehr ſtreng, lieber Sohn. Ich habe allerdings nicht viel von Gurli geſehen und bin zu gleicher Zeit nicht ſehr ſcharfſinnig, aber ich möchte 29 doch beſtreiten, daß ſie ohne Herz ſey. Mir iſt ſie immer als ein Weſen vorgekommen, welches durch eine falſche Stellung in den Kinderjahren eine ſchiefe Richtung bekommen, aber deſſen ungeachtet in ſeinem Innern eine Goldader beibehalten hat, welche ſich durch ihr ganzes Leben hindurchziehen wird. „Wenn Du Gurli's Reichthum meinſt, Mama, ſo bin ich ganz derſelben Anſicht,“ bemerkte Stephan lachend.„Derſelbe iſt auch von der Art, daß er wohl einen Sünder in Verſuchung führen könnte, ſich von dem Golde bezaubern zu laſſen.“ „Gott bewahre mich, Stephan, wenn Du ſo redeſt. Ich bekomme vor Schrecken ordentlich Herz⸗ klopfen,“ rief Mathilde, welche noch Etwas von ihrer frühern Gewohnheit, für kränklich gelten zu wollen, an ſich hatte.„Du mußt nicht an ſie denken.“ „Und warum nicht? Mein„Wohlthäter“ hat es mir ja zärtlich an's⸗Herz gelegt, daß ich ſeine Stief⸗ tochter zur Frau nehmen ſolite. Ein bündiger Be⸗ weis ſeiner Fürſorge für mein künftiges Glück, welche ganz der Pflege entſpricht, die er meiner Kindheit angedeihen ließ.“ Stephan äußerte ſich in ſpottendem Ton. Er ſah zum Fenſter hinaus und bemerkte die Wirkung nicht, welche ſeine Worte auf die Mutter machten. Mathilde's Angeſicht nahm einen ſchmerzlichen Ausdruck an. Es ſchien als hätte der Sohn Etwas geſagt, was ihr in der Seele wehe that. Es entſtand eine lange Pauſe. Als die Mutter nichts mehr redete, ſah Stephan nach ihr um. Ein paar große Thränen rollten über ihre Wangen herab. Der krampfhafte Zug um den Mund bewies, wie bitter ſie waren. „Wie, Mama, Du weinſt?“ rief Stephan und 30 faßte ihre Hand;„haben meine Worte dich verwun⸗ det, ſo verzeihe mir. Meine Abſicht war keine An⸗ klage gegen dich, Du Gute, ſondern eine Reflexion über den Todten.“ Er ſchloß Mathilde's Hand in die ſeinige und ſetzte mit Wärme hinzu: „Laß dieſe Thränen verſchwinden und vergieße ſie nicht über das, was ich ſagte. Es iſt mir ſehr wohl bekannt, daß weder dir noch dem Voter irgend eine Schuld an den Mißgriffen, die gegen mich begangen wurden, beizumeſſen iſt.“ „Möglich, Stephan, daß Du es weißt; aber Du haſt dir oft Worte entfallen laſſen, welche einem Tadel darüber glichen, daß wir dich Falkenſterns Händen anvertraut haben.“ „Als Knabe, als Jüngling habe ich es vielleicht mißbilligt. Jetzt nicht.“. „Ich wage nicht dir zu glauben. Du ſiehſt, daß ich jetzt betrübt bin, und willſt mir keinen Kummer machen; darum ſagſt Du ſo.“ „Mama, ich verſichere dich, daß ich dein Betra⸗ gen von dem Augenblicke an, wo das Unglück den Vater traf, verehre. Das Einzige, was noch rein und unverdorben in meinem Innern lebt, iſt die Achtung und Liebe gegen meine Eltern. Du bewieſeſt im Un⸗ glück einen Muth und eine Stärke des Gemüths, wovon Du in den Tagen des Glückes nichts zu er⸗ kennen gabeſt, und ich werde deſſen ewig gedenken. Jetzt wollen wir dieſen Gegenſtand ruhen laſſen.— Was ſagſt Du davon, wenn Gurli deine Schwieger⸗ tochter würde?“ „NRichts. Die Sache geht dich an, Stephan, nicht mich; aber ich würde ſchlecht von meinem Sohn denken, 31 im Fall er ohne Liebe und aus niedrigem Eigennutz ſie zur Frau nähme.“ Stephan erhob ſich, ſchlang die Arme um die Mutter und ſagte in leichtfertig ſcherzendem Tone: Vheirathe ich mich, ſo geſchieht es blos mit ihrem Geld, und nicht mit ihr.“ „Stephan, Stephan!“ rief Mathilde. „Nun, nun, Mütterchen, falle mir nicht in Ohn⸗ macht, ſondern achte auf ein kluges Wort deines Sohnes. Gurli hat ebenſo viele Millionen Reichs⸗ thaler als mein Vater deren Tauſende mit Mühe zu⸗ ſammengeſcharrt.— Ich bin ein junger, geiſtvoller Mann, mit einem ſchönen Aeußern, ungewöhnlichen Kenntniſſen, liebenswürdigen Geſellſchaftstalentenu. ſ. w. Zu dieſen meinen glänzenden Eigenſchaften iſt blos noch Reichthum erforderlich, um die Welt zu blenden. Welche Zukunft von Ehre und Genuß, wenn ich Herr des Falkenſtern'ſchen Vermögens würde, und Du, Mama, wie angenehm ſollteſt Du es haben!“ „Nein, ich danke, Stephan, von dieſem Reich⸗ thum will ich nichts,“ fiel Mathilde ein. „Du mußt mit mir theilen, und nun gute Nacht! die Sache iſt abgethan— ich heirathe Gurli um des Goldes willen.“ Er küßte die Mutter und begab ſich in ſein Zimmer. „Ah ſo, er iſt ſo gut und heirathet mich um des Goldes willen,“ dachte Gurli, welche auf einer Bank unter den Fenſtern dieſes Flügels ſaß und von der hohen Fliederhecke ganz verborgen wurde.—„Es war doch eine gute Idee von mir, über das, was die Herren ſo im Vertrauen mit ihren Müttern ſprachen, mich einigermaßen zu unterrichten.“ Gurli erhob ſich und ging nach dem Pavillon 32 hinab. Ihr Angeſicht war bekümmert. Sie ſetzte ſich eine Weile auf die Brücke am See und ſprach, den Kopf auf die Hand ſtützend, bei ſich: „Man behauptet, der Reichthum ſei ein Glück— ach ja; aber zuweilen iſt er auch ein Unglück, denn in ſeinem Gefolge ſtellen ſich Mißtrauen und Zweifel ein. O, daß dieſes Erbe mir niemals zugefallen wäre!“ VI. Der Wind lag noch träumend im Schooße der Blumenkelche, als am nächſten Morgen die Sonne ihre goldene Scheibe über den Horizont erhob. Ihre erſten lächelnden Strahlen fielen auf Gurli's Lockenkopf, als ſie zu der kleinen Fiſcherhütte hinab⸗ ſtieg und in das Boothaus ging. Sie war ganz allein. Nach einigen Minuten hatte ſie das Fahr⸗ zeug losgemacht und ruderte in den See hinaus. In demſelben Augenblick, da das Boot von der Landſpitze abſtieß, erſchien Stephan am Strande. Er murmelte, ihr nachblickend: „Schon draußen auf dem See! Ich hatte gehofft, ſie noch zuvor hier einzuholen.“ Er trat in die Fiſcherhütte und ſetzte ſich an das Fenſter, in der Abſicht, Gurli's Rückkehr zu erwarten. Als die Frühſtücksglocke für die Arbeiter läutete, glitt das Boot wieder um die Landſpitze herum. Gurli fuhr langſam dem Lande zu und ſtützte ſich zuweilen ganz unthätig auf das Ruder. Endlich legte ſie bei der Brücke an dem Boot⸗ hauſe an. Als ſie das Fahrzeug gerade befeſtigen wollte, griff Jemand in die Kette, und eine klang⸗ volle Stimme äußerte: „Erlaube, daß ich dir helfe.“ 33 Gurli's Wangen färbten ſich purpurroth; ihre Augen blitzten, und ſie ſagte kalt, indem ſie an das Land hüpfte: „Dieſe Artigkeit von dir, Stephan, ſetzt mich in Erſtaunen.“ „Ein ſolches Erſtaunen überraſcht mich,“ ant⸗ wortete Stephan ſcherzend.„Mir dünkt, meine lie⸗ benswürdige Couſine, das reiche Fräulein Falkenſtern ſollte nicht darüber in Verwunderung gerathen, daß ihre armen Vetter eitel Artigkeit gegen ſie ſind.“ „Somit iſt es nicht meine Perſon, ſondern mein Reichthum, dem Du deine Aufmerkſamkeit widmeſt,“ bemerkte Gurli, ihn anſehend. „Davon hatteſt Du ja geſtern Abend Gelegenheit dich zu überzeugen, als Du mein Geſpräch mit mei⸗ ner Mutter belauſchteſt,“ erwiederte Stephan lachend. „Ah, nun begreife ich dein Hierſeyn,“ rief Gurli. „Ich fürchte, dem iſt nicht ſo,“ meinte Stephan. „Damit aber kein Mißverſtändniß bei dir vorkommt, muß ich mir ausbitten, daß Du, ohnedieß wohl ent⸗ ſchloſſen, in der kleinen Fiſcherhütte hier ein wenig auszuruhen, mir einige Augenblicke vergönnſt, um dich durch eine kleine Erklärung zu zerſtreuen. Du fürchteſt doch ein téteAtéte mit mir nicht?“ „Warum ſollte ich es fürchten?“. „Was weiß ich? Du haſt vielleicht Angſt.“ Stephan lächelte auf eine Weiſe, die einen Engel hätte reizen können; wie viel mehr Gurli, welche nicht im Mindeſten engelgleich war. „Angſt!“ rief ſie heftig,„und warum das?“ „Du möchteſt Allons Eiferſucht erwecken und....“ Ich bitte dich, mein Couſin, mache dem Scherz ein Ende. Gurli ging auf die Fiſcherhütte zu und trat 34 hinein. Dort warf ſie ſich auf einen der Rohrſtühle und ſetzte, auf den andern deutend, hinzu: „Willſt Du mir hier Geſellſchaft leiſten und unter dieſem niedrigen Dach ganz allein mit mir Kaffee trinken, ſo iſt es mir recht. Dort kommt Liſa mit dem göttlichen Trank; aber ich bedinge mir aus, daß Du ſo wenig langweilig biſt als möglich.“ „Ich will es verſuchen, aber was werden die Leute denken, wenn man erfährt, daß wir ſo hier unter vier Augen Kaffee getrunken haben, und dazu, während in Birgersborg noch Alles ſchlief.“ „Die Leute mögen denken, daß es ſo ein Einfall von mir iſt,“ erwiederte Gurli gleichgültig.„Ich bin überdieß reich genug, um ohne Furcht vor Tadel zu thun was mir beliebt. „Aber dießmal, Gurli, thuſt Du, was mir 2 Ich habe dieſes téteAtéte gewünſcht, nicht u.“ „Hätte ich hier nicht ausruhen wollen, ſo wäre daraus nichts geworden.“ „Durchaus nicht, Du wäreſt gezwungen worden, meinen Willen zu thun.“ „Stephan!“ rief Gurli heftig. Liſa trat ein, trug den Kaffee auf und wurde dann verabſchiedet. Man nahm ſchweigend ſeinen Mokka. Als der aromatiſche Trank genoſſen war, äußerte Gurli: „Nun, wie lang ſoll ich noch warten, ehe ich zu hören bekomme, was Du zu erzählen haſt?“ „Erlaubſt Du, daß ich rauche?“ war Stephans Antwort, und als Gärli nickte, zündete er eine Cigarre an und begann, nachdem er ein paar Züge gethan hatte, ſcherzend: „Geſtehe, Gurli, daß Du geſtern mit der feſten 5 Ueberzeugung einſchliefeſt, eines Tages Gelegenheit zu erhalten, mir einen Korb zu geben.“ „Und wenn dem ſo wäre, was folgt daraus?“ „Daß Du dich verrechnet haſt.— Als ich geſtern Abend bei meiner Mutter eintrat, bemerkte ich, daß Du dich von der Bank hinter die Fliederhecke ſchlicheſt. Ich wollte mich auf Koſten deiner Neugierde be⸗ luſtigen, denn ich hatte beſchloſſen, heute noch vor allen Andern ein Geſpräch mit dir zu ſuchen. Nach n gehen wir auf das Thema ſelbſt über. „Gut, ich fühle ein lebhaftes Intereſſe, zu er⸗ fahren, um was es ſich handelt.“ „Um den ſchriftlich ausgeſprochenen Willen des Oheims, aus dir und mir ein Paar zu machen,“ fiel Stephan ein und betrachtete Gurli mit feſtem Blick. Sie begegnete demſelben mit einem kalten und ſtolzen Ausdruck in dem ihrigen. Stephan fuhr fort:. „Er wünſchte eine Verbindung zwiſchen uns. Warum, das weißt Du vielleicht.“ „Nein, Couſin, der Grund hievon iſt mir völlig unbekannt.“ „In dieſem Fall halte ich es für überflüſſig, dir denſelben mitzutheilen, beſonders da dieſe Verbindung — unmöglich iſt.“ Gurli nickte bejahend mit dem Kopfe. „Wären wir beide durch irgend eine wirkliche Zärtlichkeit oder ein tieferes Gefühl von Dankbarkeit an den Verſtorbenen geknüpft, ſo würden wir ſeinen letzten Wunſch als eine heilige Pflicht betrachten; nun aber können wir kein beſonderes Gewicht darauf legen. Du darfſt deßhalb nicht in mir einen Mann ſehen, welcher nach Birgersborg gekommen iſt, um mit Allon 36 um den Preis deiner Hand zu ringen, ſondern einzig und allein einen ſolchen, der ſich hier aufhält, um wenigſtens in dieſer Beziehung den Willen deines Stiefvaters zu erfüllen. Dieſe Steuer der Achtung bin ich ihm ſchuldig, da ich in anderer Beziehung ſeinen Wünſchen nicht entgegenzukommen vermag. Du und ich, Gurli, wir ſind weiter nichts als ein paar Verwandte, welche, die eine in ihrer Eigenſchaft als Wirthin, der andere als Gaſt, mit einander ſo axtig als möglich umgehen und allen Colliſionen ausweichen. Etwas Weiteres können wir einander zu ſeyn nicht wünſchen.“ „Iſt dieß Alles, was Du mir zu ſagen haſt? In dieſem Fall, mein lieber Stephan, biſt Du nicht glücklicher, als zur Zeit unſerer Kindheit. Du hatteſt damals eine beſtimmte Anlage zum Langweiligen, und dieſer Fehler ſcheint dir noch anzukleben. „Findeſt Du es ſo langweilig, daß ich dich nicht zur Frau nehmen will?“ rief Stephan munter. „Ich würde es noch langweiliger gefunden haben, wenn Du den entgegengeſetzten Wunſch gehegt hätteſt,“ verſicherte Gurli,—„aber wenn ein Mann wie Tu einer Dame dergleichen Sottiſen⸗ ſagt, wie daß Du nicht daran denkeſt, ſich in ſie zu verlieben, ſo muß er auch das Vermögen beſitzen, es auf eine witzige und pikante Weiſe zu ſagen, ſonſt könnte man leicht auf die Idee gerathen, daß deine Lippen Etwas aus⸗ ſprechen, woran dein Herz nicht denkt. Du haſt unſtreitig den Fehler begangen, in das Fade zu ver⸗ fallen; laß ſehen, ob Du aus der Strömung der Langweiligkeit dir wieder heraushelfen kannſt. Da haben wir Allon.— Der arme Junge ſieht aus, als ob er nicht in guter Laune wäre, da er dich und mich beiſammen trifft,“ ſetzte Gurli lachend hinzu. 37 „Um ſo beſſer. Die Liebe, ſchöne Gurli, gewinnt an Stärke, wenn ſie durch die Eiferſucht angeſpornt wird,“ erwiderte Stephan und küßte dabei Gurli's Hand. Allon's Augen fielen in dieſem Augenblick auf die offene Thüre der Fiſcherhütte. Er wurde aſchenbleich, als er Stephan Gurli's Hand an ſeine Lippen führen ſah, und vermochte nur mit Mühe ſeinen Verdruß zu verbergen, als er zu ihnen trat. Gurli rief ihm entgegen: „Stephan behauptet, Du müſſeſt ihn beneiden, daß er mit mir Kaffee trinken durfte; was deniſt Du ſelbſt davon?“ „Ich theile Stephans Ueberzeugung,“ antwortete Allon mit einiger Anſtrengung, behielt aber dennoch ſeine Faſſung bei, obwohl Siephan ziemlich unbarm⸗ herzig ſich auf ſeine Koſten zu beluſtigen begann. Gurli lachte über Allon's unterdrückten Zorn und Stephan's Scherzreden. Endlich nahm ſie Allon's Arm mit den Worten: „Nun, mein beſter Allon, wird es, glaube ich, Zeit ſeyn, Stephan zu verlaſſen. Er könnte ſonſt allen ſeinen Witz an dich verſchwenden, ohne daß Du, der Du um den Kaffee gekommen biſt, ihm mit einem einzigen darauf zu antworten im Stande wäreſt. Es wird beſſer ſeyn, wenn Stephan ſeine Angriffe ſpart, bis Du ein gutes Frühſtück zu dir genommen haſt; man iſt immer einfältig, ſo lang man nicht gefrüh⸗ ſtückt hat.“ Eurli und Allon entfernten ſich. Stephan trällerte einen Marſch und ſah ihnen mit einem Lächeln auf den Lippen nach, als dächte er: „Gleich und Gleich geſellt ſich gern.“ 38 VII. Eifriger als je machte Allon jetzt Gurli den Hof. it jedem Tag wurde ſein Benehmen eindringlicher, der Ausdruck ſeiner Blicke ſprechender, und die jungen Herren O., welche gleichfalls alles Mögliche thaten, um das Wohlgefallen der reichen Frau zu erringen, ſahen Allon von Stral, der ihnen in jeder Hinſicht ſo überlegen war, mit ſcheelen Augen an. Ihr einziger Troſt war, daß Gurli ihn vor den andern Kavalieren nicht auszeichnete. Sie war launenhaft gegen alle, hatte die aller⸗ bizarrſten Ideen, war heiter oder unfreundlich, ganz wie es ihr gefiel, that aber nicht das Mindeſte, um Andern zu gefallen. Sie ſchwärmte für eine Sonntagsſchule, wo die Bauernkinder die erſten Elemente von Kenntniſſen ſich einthun könnten; und ließ eine ſolche nach engliſchem Muſter für die Hinterſaßen von Birgersborg einrichten. Eine Woche dachte ſie an weiter nichts, als an dieſe Schule; eine andere verfiel ſie darauf, die Zim⸗ mer zu dekoriren, Gäſte einzuladen, Muſik und Tanz zu peranſtalten; die dritte rauchte ſie Cigaretten, ritt und jagte, ohne nur mit einem Gedanken dabei zu verweilen, wie ihre Gäſte ſich unterhalten mochten. Heute lud ſie dieſen, morgen jenen von den Nach⸗ barn ein, war beſtändig von Kavalieren umgeben, welche ihre Gewogenheit zu gewinnen ſuchten, und man konnte deutlich ſehen, daß ſie noch vor dem Herbſt Gelegenheit bekommen würde, mehre Körbe auszutheilen. Selbſt umgab ſie ſich beſtändig mit jungen, hüb⸗ ſchen Mädchen und erzeigte beſonders den Töchtern des Probſtes viele Freundlichkeit. 39 Sie wollte Geſellſchafterinnen von ihrem Alter haben, liebte die Schönheit und konnte im Kreiſe der Jugend die heiterſte und muthwilligſte von Allen ſeyn. Aber weit entfernt, ſich ſtets als ein gedankenloſes Kind zu zeigen, konnte ſie den nächſten Augenblick ſich in eine kluge Frau verwandeln, welche vom Land⸗ bau ſprach, oder ſich mit dem von Stockholm verſchrie⸗ benen Baumeiſter, Herrn Almrot, in Plane und Be⸗ rechnungen zu einem Gebäude vertiefen, welches ſie mitten im Park aufführen zu laſſen beabſichtigte. Sie beſchäftigte ſich mit Allem, ließ ſich aber von Nichts feſſeln, ſondern ſprang von Einem zum An⸗ dern über. Mittſommer nahte. Viele Gäſte kamen nach Bir⸗ gersborg. Große Luſtbarkeiten wurden veranſtaltet. Alles was jung in der Gegend war, verſammelte ſich daſelbſt. Ein Maibaum ſollte verziert und auf einer großen Wieſe errichtet werden. Alle Gutsunterthanen jollten einen Tanz um denſelben halten und bewirthet werden. Tante Katharina hatte, obſchon zwei Hausjungfern unter ihr Kommando geſtelit waren, ungemein viel zu denken, und Walter, der jedesmalige Feſtordner, war vom frühen Morgen bis ſpät am Abend beſchäftigt. Allon hatte im Laufe dieſer Wochen alle die Martern durchlebt, welche von der Liebe unzertrennlich ſind, ſo lang Hoffnung und Furcht unaufhörlich wech⸗ ſein. Ob er litt oder wie viel er litt, das war Etwas, wovon Gurli keine Notiz nahm. Sie legte auch auf ſein bekümmertes Ausſehen nur inſofern Gewicht, als ſie ihn unerträglich fand, und ehe er ſo vor Gurli erſcheinen wollte, machte er die übermenſchlichſten Anſtrengungen, um zu verber⸗ gen, was in ihm vorging, und heiter zu erſcheinen. N „ Er gewann auch damit viel mehr Achtung von ihr, als der Fall geweſen wäre, wenn er anders ge⸗ handelt hätte. Allon war ernſtlich verliebt, ſo daß er ſich Allem unterworfen hätte, nur um ihr nicht zu mißfallen. Sah oder verſtand Gurli, daß ſie ſein Herz ſo ganz und gar beſaß? Wir fürchten, daß dem ſicht ſo war; aber wir wiſſen, daß ſie trotz ihrer ſcheinbaren Kälte doch ſeine warme Ergebenheit nicht gleichgültig betruchtete. Wo gäbe es wohl eine Frau von zwanzig Jahren, welche für die Liebe eines jungen Mannes unempfind⸗ lich bliebe? Gurli bewies auch Allon bei einzelnen Gelegen⸗ heiten eine Freundlichkeit, welche ihn entzückte, ſein Inneres mit lauter freundlichen Bildern erfüllte und ihn in die ſchönſten Träume von einer glücklichen Zukunft einwiegte. Leider aber folgten auf dieſe Augenblicke wieder andere, welche ihn beinahe in Verzweiflung ſtürzten. Heffnete er die Lippen, um mit einem einzigen Wort von ſeinen Gefühlen zu ſprechen, ſo unterbrach ihn Gurli kurzweg und nahm einen kalten, ſpottenden Ton an. Am Tage vor Mittſommer war der Himmel um⸗ wölkt und die Luft ſchwül. Alles deutete den Aus⸗ bruch eines Gewitters an. Den Nachmittag verbrachte man in dem großen Salon des Erdgeſchoßes. Die jungen Leute waren damit beſchäftigt, Eier anzumalen und lange Reihen von Halmen und buntem Papier an Fäden zu reihen, womit der Maibaum verziert werden ſollte. Gurli war den ganzen Tag ſehr munter geweſen und hatte bei Allem mitgeholfen. Man lachte, man 41 2 ſcherzte, und es herrſchte allgemeine Freude unter den jungen Leuten. Eben da die Munterkeit den höchſten Grad erreicht hatte, verſchwand Gurli. Sie war den Tag über freundlicher als ſonſt gegen Allon geweſen, und er fühlte ſich in Folge davon ganz glücklich. „Wo iſt Gurli hingegangen?“ fragte Allon, wel⸗ cher ſie zuerſt vermißte. „Sie hat ſich auf ihr Zimmer begeben,“ ant⸗ wortete Walter, welcher an einem der kleinen runden Tiſche ſaß und eine Liſte aufſetzte. Das muntere Geplauder dauerte fort, und bald vergaßen die jungen Mädchen, daß ihre Wirthin nicht bei ihnen war, und thaten ihr Möglichſtes, um es auch den Herren in Vergeſſenheit zu bringen. Stephan, welcher im Allgemeinen ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit des Probſtes jüngſter Tochter, einem ſchönen, blauäugigen Mädchen von ſiebzehn Jahren, widmete, war in einem ſo eifrigen Geſpräch mit ihr begriffen, daß er gar nicht Acht gegeben zu haben ſchien, ob urli zugegen wäre oder nicht. Der Tag neigte ſich zum Abend. Der wolken⸗ bedeckte Himmel wurde immer finſterer und drohender. Plötzlich kam ein heftiger Orkan mit ſolcher Ge⸗ walt herangerauſcht, daß er die Fenſterhaken ausriß und das Fenſter gegen die Wand ſchleuderte. Ein Blitz fuhr ziſchend durch die Luft, und darauf folgte ein Donnerſchlag, welcher das ganze Gebäude bis auf den Grund erſchütterte.. Das Lachen erſtarb auf den Lippen der jungen Leute, die eben noch ſo ſtrahlenden Augen blickten erſchrocken nach den Fenſtern, und mehr als ein Roſen⸗ mund ſeufzte: „Herr Gott, ein ſo ſchreckliches Wetter!“ Schwartz, Der Rechte. II. 4 42 Der Aufruhr der Elemente jagt den gewöhnlichen Menſchenkindern ſtets Schrecken ein. „Ja, das Wetter ſieht in der That bedenklich aus,“ bemerkte Stephan und ſtand auf.—„Es wird wohl eine gute Weile dauern,“ ſetzte er hinzu und verließ das Zimmer. VIII. Die Blitze kreuzten ſich und der eine Donnerſchlag war noch nicht verhallt, als auch ſchon ein anderer erfolgte; der Regen goß in Strömen vom Himmel und überſchwemmte die Landſtraßen. Ruhig erhob die kleine Dorfkirche ihren Thurm zum Firmament, unbeweglich und feierlich mitten im Gewitter. Kurz ehe der Orkan ausbrach, war eine junge Frau auf dem Hirchhofe erſchienen und auf ein Grab zugegangen, an deſſen Fuße ſie ſich niederſetzte. Den Arm um ein Kreuz legend, ſtützte ſie den Kopf auf die Hand und blieb ſo ſitzen, bis der Orkan mit ſeinem Begleiter, dem Blitz, ſie erweckte. Sie erhob ſich raſch und fand, einen Blick um ſich werfend, es am räthlichſten, ſich unter das Portal der Kirche zurückzuziehen und Schutz gegen den heftigen Regen zu ſuchen. Gleichwohl wandte ſie ſich erſt noch einmal zu dem Grabe, drückte ihre Lippen auf den kalten Marmor und flüſterte: „Geliebte Mutter, zum erſten Mal bricht ein Unwetter über deiner Tochter Haupt aus, während ſie bei dir iſt!“ S Sie entfernte ſich ein paar Schritte von dem Grabe, wurde aber plötzlich wie von einer unſichtbaren 43 Hand zu Boden geſchlagen. Vor den Augen war es ihr, als ob der ganze Luftraum aus einem einzigen Feuermeer beſtände. Ein furchtbares Krachen ſchlug an ihr Ohr und raubte ihr auf einige Minuten Geſicht und Gehör. Der Regen ſtürzte herab, der Donner rollte, der Blitz leuchtete; aber ſie blieb betäubt und wie ge⸗ lähmt liegen. Als ſie einer Bewegung wieder mächtig war, bedurfte ſie gleichwohl einer geraumen Weile, ehe ſie ſich aufrichten konnte. Endlich ſtand ſie aufrecht. Ihr erſter Blick fiel auf das Grab, welches ſie eben verlaſſen hatte. Eein durchdringender Schmerzensſchrei entſchlüpfte ihrer Bruſt, und ſie ſprang auf daſſelbe zu. Das Marmorkreuz und die ſchöne Cypreſſe, welche über daſſelbe ihren Schatten warf, war zerſplittert. Der Blitz hatte eingeſchlagen und das Kreuz, welches ſo manches Jahr an Anna's Grab Wache geſtanden, und an deſſen Fuß die überlebende Tochter ſo oft und viel gebetet und geweint hatte, in Trümmer ver⸗ wandelt. Ohne ſich um Gewitter oder Regen zu beküm⸗ mern, hatte Gurli unter dem wildeſten Schluchzen ſich neben dem zerſtörten Denkmal niedergeworfen. Sie fühlte nicht, daß der Regen auf ſie niederſtrömte, denn ihre Thränen floſſen faſt ebenſo reichlich. „Gurli!“ ertönte plötzlich eine ängſtliche Stimme. Es faßte ſie Jemand um den Leib, und die Stimme fuhr fort: „Was iſt es? Um Gottes willen, was iſt ge⸗ ſchehen?“ Gurli's Schluchzen verſtummte. Sie ließ ſich 44 von dem Arm, welcher ſie umſchlungen hatte, aufheben, als ob ſie zu jedem Widerſtand unvermögend wäre. Als ſie wieder vor dem Grabhügel ſtand und ihr Blick auf das zerſchmetterte Kreuz fiel, brach das zurückgehaltene Schluchzen von Neuem aus. „Meiner Mutter Grab iſt zerſtört,“ ſtammelte ſie. „O Gott, das Einzige, was ich noch zu lieben hatte, iſt mir geraubt!“ Sie verbarg das Angeſicht in den Händen. Es gibt einen Accent des Schmerzes, welcher mehr Eindruck auf die Seele macht, als die lebhafteſte Schilderung deſſelben. So auch jetzt. Der Ton von Gurli's Stimme ſagte mehr, als ihre Worte, und ſchien ſelbſt den Arm, der ſie unter⸗ ſtützte, zum Ziitern zu bringen. „Gurli, deiner Mutter Geiſt umſchwebt dich ebenſo liebevoll, obſchon der Blitz das kalte Marmordenkmal ihrem Grabe zerſtört hat.— Komm, laß uns gehen.“ Gurli erhob das Angeſicht aus den Händen. „Stephan,“ ſagte ſie mit bitterem Schmerz, „beſſer wäre es geweſen, der Blitz hätte mich getödtet, als meinem Herzen dieſes Kreuz geraubt, zu deſſen„ Fuß ich gewöhnlich floh, um Ruhe und Frieden zu finden.“ Abermals brach ſie in Thränen aus. Stephan ſprach ihr mild und tröſtend zu; nach langem Bemühen glückte es ihm, die Aufregung ihres Gemüthes etwas zu beſchwichtigen, und er vermochte ſie endlich, nach Birgersborg zurückzukehren. Der Regen hatte aufgehört, das Gewölke ſich zerſtreut, und als Gurli in den Hof des alten Schloſſes trat, fielen einige lächelnde Sonnenſtrahlen auf ihr Haupt. 4⁵ Stephan ergriff ihre Hand und ſprach in herz⸗ lichem Tone: „Siehſt Du, Gurli, nun lächelt die Sonne dir zu und ſcheint dich lehren zu wollen, daß auf Kummer und Schmerz die Freude folgt. Es hängt nur von uns ſelbſt ab, ob wir unſere Leiden ſo tragen, daß ſie uns niemals des Vertrauens auf die Zukunft be⸗ rauben. Wir müſſen bei dem Ausbruch jedes Unge⸗ witters aufrecht ſtehen, wie die Eiche, und werden dann, wenn es vorüber iſt, von dem Engel des Troſtes geliebkost und von der Sonne der Hoffnung beſchienen. Betrachte die große Eiche hier, ihr Gruͤn iſt noch friſcher, als vor dem Regen.“ „Dank!“ war Gurli's einzige Antwort. Im nächſten Augenblick vetſchwand ſie oben auf der Treppe, welche nach ihrem Zimmer führte. Stephan begab ſich nach dem Flügel, wo er ſeine Wohnung hatte, um die naſſen Kleider gegen trockene zu vertauſchen.. Als er wieder in den Salon trat, fand er Gurli bereits dort in einem grauſchwarzen Hauskleide. Sie lachte und ſcherzte nicht, wie ſie vor dem Beſuch des Kirchhofs gethan hatte. Man bemerkte ſogar noch die Spuren von Thränen; aber ſie erſchien ruhig und ihr Ausſehen war von der Art, daß es Niemand einfiel, ſie zu fragen, was geſchehen wäre. Gurli ſprach ungewöhnlich liebreich mit Mathilde. Sobald das Souper vorüber war, begab ſie ſich auf ihr Zimmer. IX. Am nächſten Morgen, dem Mittſommer⸗ oder Johannisfeiertage, fehlte Gurli beim Frühſtück. 46 Dieß war indeſſen nichts Ungewöhnliches. Sie erſchien nur ſelten bei demſelben. Auch Stephan war ſic ſichtbar, etwas, das früher bei ihm nicht ge⸗ ehen. ½ Du, wo Stephan iſt?“ fragte Beate ihren ohn. „Ich habe mir nicht zu Aufgabe gemacht, ſein Hüter zu ſeyn,“ ſchnauzte Allon ſeine Mutter an und wandte ihr den Rücken. Man frühſtückte. Alle erſchienen heiter und froh. Das Wetter war herrlich, und man verſprach ſich großes Vergnügen von dem Maibaum und dem Tanze. Für die Jugend macht der Tanz eine wirkliche Glückſeligkeit aus. Allon's ſchönes Angeſicht blieb gleichwohl umwölkt. Er entfernte ſich bald aus dem Speiſeſaal, und ob⸗ wohl er es über ſich genommen hatte, die Errichtung des Maibaums zu leiten, ſo ließ er doch Alles im Stich, um nach Stephan ſich umzuſchauen und Kunde einzuziehen, ob er möglicher Weiſe in Gurli's Geſell⸗ ſchaft ſeyn könnte. Als er an das vom Hofe aus führende eiſerne Gitterthor kam, begegnete er Liſa und fragte ſie, wo er Gurli finden könnte. Sie wird wohl auf den Kirchhof gegangen ſeyn,“ antwortete Liſa. Allon nahm ſeinen Weg dorthin. Auf Anna's Grabhügel, von welchem die Trüm⸗ mer des zerſtörten Kreuzes weggeſchafft worden waren, ſaß Gurli, und an ihrer Seite Stephan. Allon blieb bei dieſem Anblick ſtehen, als ob er in eine Salzſäule verwandelt worden wäre. Stephan hielt Gurli's Hand in der ſeinigen, ſtützte ſeinen Kopf auf die andere, ſo daß dadurc 47 Stirne und Augen bedeckt waren, und hörte auf das, was Gurli gegen ihn äußerte. Mit einer Stimme, welche, obwohl bebend, unge⸗ mein klar lautete, bemerkte ſie: „Du kannſt meinen Kummer über die Zerſtörung des Kreuzes nicht begreifen, ſagſt Du. Nun wohl, Stephan, es wird dir vielleicht doch einleuchten, wenn ich dir ſage, daß es meine Kirche war, mein Altar, an welchem ich die Kniee beugte und zu ihr betete, deren Geiſt, wie mir dünkte, dieſen Platz umſchwebte. — Wenn Andere dorthin gingen“— ſie deutete auf die Kirche—„um ihr Gebet zu verrichten, ging ich hieher, zu dem Kreuz auf meiner Mutter Grabe. Wenn Andere zu einem theuren Freunde ihre Zuflucht nahmen, um ihre Freude oder ihren Schmerz in ſeinen Buſen auszugießen, wanderte ich hieher, ſchlang die Arme um das kalte Marmorkreuz, lehnte meine Stirne an den ſchweigenden Stein und flüſterte ihm meine Gedanken und Empfindungen zu.— Ach, Stephan, dieſes einfache weiße Kreuz war für mich das Liebſte und Foſtbarſte, was ich beſaß. Für daſſelbe hätte ich gern allen meinen Reichthum geopfert. Seit dem Tode meiner Mutter war es mir ſo heilig und theuer geblieben, daß ich mich darnach ſehnte, als ich in fremdem Lande war, und mir einbildete, ſo einſam und verlaſſen dazuſtehen, wenn ich lange nicht meine Kniee am Fuß deſſelben beugen konnte. Es war ein Glied zwiſchen mir und dem Himmel. Es war der ſtumme Zeuge aller meiner Reue über meine Fehler, aller meiner edelſten und beſten Vorſätze; mit einem Wort, mein einziger Vertrauter. Und nun iſt das Beſte zerſtört, vernichtet.— Wohin ſoll ich nun fliehen, wenn die Seele an ihrer Armuth leidet, wenn das 48 Herz ſich nach Labung ſehnt, wenn es hier zu voll wird, und ich das Bedürfniß fühle, aufzuathmen.“ Gurli ſchwieg und Allon ſtand vor ihr und Stephan. Allon war unter dem Eindruck der Eiferſucht, welche er empfand, als ſie mit Stephan redete, her⸗ beigeſtürzt. Ueberraſcht von ſeiner plötzlichen Erſcheinung, erhoben ſich Gurli und Stephan. „Man wundert ſich über deine Abweſenheit dieſen Morgen,“ ſagte Allon heftig und ohne zu grüßen. Er ſah ſehr aufgeregt aus.. Das Weiche, Milde und Kummervolle in Gukli's Weſen verſchwand. Sie betrachtete Allon mit einem zornigen Blick und ſagte in hochfahrendem Ton: „Nun, was dann? Soll ich etwa neine Gäſte um Erlaubniß fragen, wenn ich meiner⸗ Mutter Grab beſuchen will?“ 8 „Gewiß nicht,“ fiel Allon ein,„aber es muß doch Jedermann in hohem Grade auffallen, daß Du in Stephan's Geſellſchaft dahin wallfahrteſt.“ Allon war ſo ganz außer ſich und der Herrſchaft über ſich ſelbſt beraubt, daß er vergaß, was die Klugheit gebot. „Im Fall man ſich auch darüber wundern ſollte, frage ich doch nichts darnach.— Ich gehe, mit wen ich will, ohne Jemand zu erlauben, verſtehſt Du, ſich. darein zu miſchen.“ Gurli ging an Allon vorüber und verließ den Kirchhof, indem ſie hinzuſetzte: „Ich hätte von dir erwartet, Allon, Du hegeſt ſo viel Achtung vor meiner Mutter Andenken, daß Du dir einen Ausbruch übler Laune in der Nähe ihres Grabs nicht zu Schulden kommen ließeſt.“ 49 So verblendet von Eiferſucht Allon auch war, ſo empfand er doch lebhafte Reue über ſein Beneh⸗ men. Er eilte Gurli nach und ſtammelte: „Gurli, aus Gnaden, vergib mir meine Ueber⸗ eilung! Ich bitte dich darum bei dem Andenken deiner Mutter!“ Armer Allon! Schlimmer hätte er ſeine Worte nicht wählen können. Bei der Appellation an ihrer Mutter Gedächtniß trat vor ihre Seele die Erinnerung an Allons Mordbrennerei und falſche Anklage. Sie drehte ſich herum und ſagte bitter: „Rufe nicht den Schatten meiner Mutter an, Du, der ihr einmal einen ſo großen Schmerz bereitetei Ich könnte mich ſonſt verſucht fühlen, dich um des Böſen willen, welches Du damals gethan, zu haſſen.“ Stephan war auf dem Kirchhof ſtehen geblieben und ſchaute ihnen nach. Er vernahm noch Allons Bitte und Gurli's Antwort und dachte: „Wie ſchrecklich wirken nicht die Erinnerungen unſerer Kindheit auf unſer ſpäteres Leben ein, und wie wird daſſelbe nicht durch das Unrecht verbittert, welches wir vor Jahren erlitten haben! Dieſer Reich⸗ thum, welch ein Dämon iſt er für uns drei geweſen! Wie hat nicht die Gier darnach gleich einem böſen Geiſt unſer Herz erbittert!“ Stephan warf einen Blick auf den mit Blumen geſchmückten Raſen, unter welchem Anna's ſterbliche Hülle ruhte, und fuhr fort: „Deine Tochter, arme Frau, was iſt aus ihr ge⸗ worden? Eine Miſchung von Kräften, vor welchen man bange hat. Eben da ſie hier ſaß und von ihrer Liebe zu deinem Grabe redete, wie mild lautete da nicht ihre Stimme, wie einfach und ergreifend waren nicht ihre Worte, und doch— doch konnte ſie in der 50 6 nächſten Minute aufgereizt und übermüthig, unbarm⸗ herzig in ihrem Zorn werden, mit der Angſt eines Andern ſpielen, ſeinen Schmerz verſpotten und nur Gefühl für ſich ſelbſt haben.“ Er verließ den Kirchhof. Allon hatte Gurli auf dem ganzen Weg die beſten Worte gegeben und um Verzeihung gebettelt; aber je mehr er flehte, deſto übellauniger ſchien ſie zu werden. Als ſie nach Hauſe kamen, war ſie ſo aufgebracht, wie Allon, ſeitdem ſie älter geworden, noch nie ge⸗ ſehen hatte. Mittſommertag begann ſomit ohne ſehr erfreuliche Ausſichten für Allon, welcher wirklich unter Gurli's Benehmen litt. Er ſagte auch, als ſie ſich trennten: „Du ahnſt nicht, Gurli, wie weh Du mir thuſt. Mögeſt Du niemals Grund finden, deine Härte zu bereuen.“ Gurli ſah ihn an. Sein Blick ſagte mehr, als ſeine Lippen. Es lag Etwas darin, das faſt wie Ahnung ſich deuten ließ, daß Gurli vielleicht in der Ztſt einmal vergeblich eine Bitte an ihn ſtellen würde. Der Vormittag wurde durch allerlei Zurüſtungen in Anſpruch genommen. Allon hatte einen der Herren H. erſucht, ſein Amt als Feſtordner zu übernehmen, und ſich dann in ſein Zimmer eingeſchloſſen. Er wurde vor dem Abend nicht ſichtbar, und auch da ließ er ſich nur durch Bloms Zureden be⸗ ſtimmen, auf den Tanzplatz hinabzugehen. Er fand den Tanz in vollem Gang und Gurli mitten in den Wirbel deſſelben hineingeriſſen. Heiter und muthwillig, als ob ſie niemals einen ernf e gehabt hätte, überließ ſie ſich der Luſt des anzes. ———— —— Allon empfand einen heftigen Schmerz bei ihrem Anblick. Gurli ſah aus, wie die übermüthige Freude in eigener Perſon, und war ſo ſchön, daß Allon ſie niemäls ſchöner gefunden zu haben glaubte. Deſto bitterer wurde für ihn die Vorſtellung, daß er gar nichts für ſie zu ſeyn ſchien. Alllon hätte gewünſcht, den ſtattlichen Lieutenant Brinker, einen Gutsbeſitzer aus der Nachbarſchaft von Birgersborg und unverheirathet, welcher eben mit Gurli im Tanze herumſchwenkte, in Stücke reißen zu können. Noch niemals hatte er vor dem ſchönen Marsſohn einen ſolchen Abſcheu empfunden, wie in dieſem Augenblick. Der Himmel allein weiß, was er ſich für Thor⸗ heiten erlaubt hätte, wenn der Walzer nicht zu Ende gegangen und Gurli zu ihm herangekommen wäre, um ihm mit ihrem einnehmendſten Lächeln zu ſagen: „Ich fürchte, ich bin heute nicht ſehr artig gegen dich geweſen, lieber, lieber Allon, aber wir thäten am beſten, das Unbehagen des Vormittags zu ver⸗ geſſen. Meinſt Du nicht auch?“ „ Wäre Gurli gefallſüchtig geweſen, ſo hätte ſie ihrem Angeſicht keinen ſchöneren Ausdruck zu geben vermocht, als es jetzt geſchah. Sie hätte es nicht beſſer anſtellen können, die böſen Mächte, wovon Allon beherrſcht wurde, zu beſchwören, als ſie jetzt that. Sein Ausſehen veränderte ſich. Unter dem Son⸗ nenſchein ihres freundlichen Blicks verſchwanden die Schatten von ſeiner Stirne. Gurli war den ganzen Abend freundlich und in⸗ tereſſirte ſich für Niemand als ihn. Sie tanzte mit llon, ging mit ihm auf und ab und zeigte zum erſten Mol ganz unverholen, daß wenn ſie einem von ihren Courmachern wirklich einen Vorzug gab, dieß ihr Couſin war. Glück und Unglück wechſeln leicht in der Seele des Verliebten. Ein Nichts ſchafft eine ganze Welt von Leiden, und eben ſo wenig gehört dazu, um die Freude in's Daſeyn zu rufen. Dieß bewies Allon, welcher aus dem Wirrſal des bitterſten Zweifels plötzlich in den Luſtgarten der Hoffnung verſetzt worden war. Ein einziges Mal den ganzen Abend redete Gurli mit Stephan. „Warum tanzeſt Du nicht?“ fragte ſie. „Weil ich den Tanz verabſcheue. Ich finde ihn ebenſo lächerlich als infernaliſch. Dieſes geiſtesarme Hüpfen und Schwenken nach den Tönen der Muſik kommt mir tollhäusleriſch vor.“ „Sage lieber, daß Du einen Widerwillen dagegen haſt, weil Du es ſelbſt nicht kannſt,“ fiel Gurli ein. „Man verabſcheut gewöhnlich das, wozu man keine Geſchicklichkeit hat.“ „Möglich,“ antwortete Stephan kalt. Eine Weile hernach ſah Gurli ihn mit des Probſtes jüngſter Tochter walzen, und zu ihrem großen Erſtaunen walzte er recht gut; aber er tanzte nur dieſe einzige Tour. Er hatte damit bewieſen, daß er in der Kunſt, eine Dame zu führen, ſo ſehr er dieſe Kunſt auch verabſcheute, nicht ungeſchickt war. 3 Mittſommertag ging vorüber und die Gäſte zu Birgersborg hatten eine Ausfahrt auf dem See ge⸗ macht. Gurli nahm nicht daran Theil, ſondern blieb zu Hauſe. Sie ſaß auf der Terraſſe mit Allon, welcher 53 ſie um eine Unterredung gebeten hatte, ſein Schickſal damit zur Entſcheidung zu bringen. Gurli war ihm jedoch zuvorgekommen, denn ehe er ein Wort über ſeine Lippen brachte, äußerte ſie: „Was Du auch für einen Grund haben magſt, dieſe Unterredung von mir zu begehren, ſo bitte ich dich, mir nichts davon zu ſagen. Jede Erklärung zwiſchen dir und mir wäre jetzt nicht am Platze. Ich will kein Vertrauen entgegennehmen, von dem ich nicht weiß, ob ich es erwiedern kann. Laß es dir genug ſeyn, zu wiſſen, daß Du derjenige biſt, in deſſen Geſellſchaft ich mich am wohlſten befinde, wenn Du heiter bleibſt und dich vor jedem Ausbruch ſchlechter Laune bewahrſt. Wir ſind jung, würden alſo zur Unzeit uns die Gegenwart verbittern, wenn Hoffnung und Zukunft uns gehören.“ „Hoffnung, Gurli?“ wiederholte Allon und ſah urli an. „Ja, ich nehme dieſes mein Wort nicht zurück.“ „Es enthält gar viel.“ „Und wenig,“ entgegnete Gurli erröthend,— „mein Alles, was ich dir für den Augenblick geben kann. Und nun wirſt Du mir verſprechen, während unſeres kurzen Beiſammenſeyns dieſes Jahr den Ge⸗ genſtand nicht wieder aufzunehmen oder den Gang der Ereigniſſe beſchleunigen zu wollen.“ Sie ſtreckte die Hand aus. „Du begehrſt beinahe das Unmögliche.“ „Sieh her, Allon,“ nahm Gurli wieder das Wort, „betrachte die Pflanze da in der Rabatte. Sie wird eines Tags aufwachſen und eine prächtige Blume werden. Die Hoffnung darauf iſt die Freude des Gärtners. Er begießt und pflegt ſie und wartet, bis ſie ordentlich Wurzel getrieben hat, Knoſpen treibt und endlich zu blühen beginnt. Er nimmt den Stock nicht heraus, um zu ſehen, wie das zugeht, unterſucht nicht deſſen Knoſpen, um herauszubringen, ob ſie wirk⸗ lich zur Blüthe gelangen wird, ſondern er wartet ge⸗ duldig, bis ſie ſich ſelbſt entwickelt, und dann pflückt er die Blume, ſteckt ſie an ſeine Bruſt und iſt belohnt für ſeine Mühe. Eine entgegengeſetzte Handlungsweiſe würde das Wachsthum getödtet haben, ſo lang die Pflanze noch zart war.“ „Du biſt ein recht ſonderbares Mädchen,“ ſtam⸗ melte Allon und reichte ihr die Hand;—„deine Macht über mich iſt ſo groß, daß Du mich zu Allem bringen kannſt, was Du nur willſt, wenn Du mich nur hoffen läſſeſt.“ . „Eine ſolche Macht will ich nicht über dich be⸗ ſitzen!“ rief Gurli haſtig.„Das Bewußtſeyn davon würde niederſchlagend auf meine Seele wirken. Für meine Perſon frei und ſelbſtſtändig in allen Gedanken und Gefühlen, kann ich nur das ſchätzen, was frei und unabhängig iſt.— Doch, wir wollen nicht weiter davon reden. Du verſprichſt alſo, nicht eher auf dieſen Gegenſtand zurückzukommen, als bis ein Jahr vorüber iſt und wir abermals eine Zeit lang hier verweilt haben.“ „Wird dann die Pflanze zur Blume ausgeſchlagen haben?“ fragte Allon und küßte Gurli die Hand. „Frage den Boden dort, ob er weiß, wozu die. Pflanze ſich entwickeln wird. Er wird dir antworten: Rein; denn Sonne, Regen, Luft entſcheiden über den Erfolg. Eine einzige Froſtnacht kann Tod und Ver⸗ derben mit ſich bringen.“ „Ich werde deſſen eingedenk ſeyn,“ verſicherte Allon, indem er von Neuem ihre Hand küßte. 55 Später am Vormittag wandelten Eliſabeth und Gurli in den Alleen des Gartens auf und ab. „Du haſt ein gefährliches Spiel vor, Gurli,“ bemerkte Eliſabeth.„Du ſcheinſt ganz und gar nicht begreifen zu wollen, daß Allon in allem Ernſt an dich gefeſſelt iſt, ſondern glaubſt, daß Alles gewonnen ſey, pen Du einer beſtimmten Erklärung ausweichen annſt.“ „Du beurtheilſt mich unrecht, Eliſabeth,“ entgeg⸗ nete Gurli.„Ich ſpiele nicht mit Allon, ich glaube, daß ſeine Neigung zu mir ernſter Natur iſt, aber ich bin meines eigenen Herzens noch nicht gewiß. Seit⸗ dem wir, Allon und ich, vor drei Jahren einander wieder ſahen, iſt mein Gefühl für ihn dunkel und unklar, wie mein ganzes Innere geweſen. In den Kinderjahren flößte er mir Abſcheu ein. Mit dieſer Empfindung trennten wir uns. In einem Alter von ſiebzehn Jahren trafen wir uns wiederum, nachdem wir einander vier Jahre lang nicht geſehen hatten. Ich erkannte den Feind meiner Kindheit nicht mehr, ſondern hatte nun einen jungen Mann vor mir, deſſen Geſellſchaft mir behagte, mich unterhielt und inter⸗ eſſirte. Ja, ich glaube, es hätte ſich bald dieſelbe lebhafte Zuneigung für ihn meiner bemächtigt, wie es ſeinerſeits der Fall iſt, wenn nicht—“ „Was?“ „Wenn nicht meine Erinnerung an die Kindheit noch da geweſen wäre. Einen Tag, oder richtiger eine Stunde lang kommt es mir vor, als könnte ich Allon ſehr lieb haben, ja, als thäte ich das— in der andern aber, bei dem geringſten Ausdruck von Zärtlichkeit oder ſonſt etwas, was mir die Vergangenheit in's Gedächtniß zurückruft, wird mein Herz kalt und bitter. Seine Liebe erſcheint mir haſſenswerth, und ich wünſche, weit weg zu ſeyn; und dann dünkt mir, als ſähe ich das Unglück hinter dieſer Liebe mich angrinſen. Wenn ich dann bei ſolchen Anfällen ihn betrübt und gequält habe, wird meine Seele von Reue und der Beſorgniß erfaßt, ſeine Neigung zu verlieren, und dann— dann, Eliſabeth, iſt es, als ob ich ihn zu lieben glaubte, und ſo, bis er von Neuem mit irgend einer Hindeu⸗ tung auf ſeine Gefühle meine Beſorgniß vor einer entſcheidenden Erklärung erweckt. Was kann ich wohl unter ſolchen Verhältniſſen anders thun, als der Gefahr, welche ich fürchte, entfliehen, bis ich meiner eigenen Gefühle ſicher bin?“ „Aber inzwiſchen hofft er.— Haſt Du bedacht, was aus Allon werden könnte, wenn er eines Tages ſich in ſeiner Hoffnung getäuſcht fände?“. „Nein, liebe Eliſabeth; ich habe ja wahrhaftig vollauf damit zu thun, daß ich bedenke, was aus mir ſelbſt werden ſoll, um der Beſchäftigung meiner Seele mit den Gedanken an Andere zu entſchlüpfen. Laß uns nicht mehr davon reden. Wenn wir im Herbſt Birgersborg den Rücken kehren, wollen wir den Ge⸗ genſtand wieder aufnehmen.“ X. Es ereignete ſich weiter nichts Bemerkenswerthes, und die Tage verliefen ſich in ihrem gleichmäßigen Gang. Man hatte zu Birgersborg nur eine Aufgabe, dieſelben ſich ſo angenehm als möglich zu machen und ſich die Zeit mit allen denkbaren Zerſtreuungen zu verkürzen. Es war ja hier ein unermeßlich reiches Mädche vorhanden, und die jungen Männer wetteiferten mi einander, ihr zu gefallen und ſie zu unterhalten, um wo möglich ihre Hand und, was noch mehr war, ihr Vermögen zu gewinnen. Stephan war der Einzige, welcher an dieſem Wettkampf nicht Theil nahm. Er und Gurli blieben gleichſam Fremdlinge für einander. Es ſchien, als ob ſie die Vertraulichkeit, welche nach der Zerſtörung von Anna's Grabmal zwiſchen ihnen entſtanden war, vergeſſen hätten. Stephan behielt in ſeinem Benehmen gegen Gurli etwas Sarkaſtiſches und oft genug ſchonungslos Spot⸗ tendes bei, wenn er von ihren bizarren Launen, ihrem Egoismus oder ihren ſonſtigen Fehlern ſprach. Gurli ihrerſeits war weniger empfindlich gegen ihn, als gegen ſonſt Jemand, und wenn ſie auch einmal ſeine Ausfälle mit all dem derben Uebermuth, welcher ſie auszeichnete, zurückſchlug, ſo geſchah dieß doch nur ſehr ſelten. Sie wich im Allgemeinen ſedem Streit mit ihm aus, da ſie ſich vollkommen bewußt war, daß Stephan dabei immerdar Sieger blieb. Gegen Beate war ſie eiskalt und wechſelte nie⸗ mals mit ihr ein anderes Wort, als welches die dürf⸗ tigſte Höflichkeit ihr abnöthigte. Es geſchah dagegen ſehr oft, daß ſie mit verletzender Geringſchätzung Beate's ſalbungsvollen Redensarten, wenn dieſelbe Gottes Schutz anflehte oder von chriſtlicher Ergebung und dergleichen redete, ſich entzog. Gegen Mathilde benahm ſich Gurli auf eine ſehr freundliche Weiſe, obwohl ſie jede vertrauliche An⸗ näherung, wenn jene ſich etwa dazu verſucht fühlte, auf eine ſehr beſtimmte Art zurückwies. Jedoch bekam ſie hiezu faſt nie Veranlaſſung. Gegen Ende Auguſts, als alle fremden Gäſte ſich verabſchiedet hatten und nur noch die Verwandten Schwartz, Der Rechte. II. 5 „ und Blom da waren, verſammelte man ſich gewöhn⸗ lich beim Frühſtück und wartete nur auf Tante Ka⸗ tharina, um damit zu beginnen. Endlich trat die Alte ein. Sie hielt einen Brief n Hand, welchen ſie Blom mit den Worten über⸗ reichte: „Gurli erſuchte mich, als ſie dieſen Morgen ab⸗ reiste, dieß dem Herrn Magiſter zu überreichen; zu⸗ gleich erhielt ich den Auftrag, Ihnen allen deren Ab⸗ ſchiedsgruß zu vermelden und Sie zu bitten, ſo lang es Ihnen beliebte, hier zu bleiben. Sie hoffe indeſſen, ſetzte dieſelbe hinzu, Sie geſund und froh im nächſten Mai wieder zu ſehen.“ Beate erhob den Blick zur Decke und ſprach einen frommen Wunſch für Gurli's Wohlergehen aus. Sie bat den Höchſten, er möge ſie ihr übermüthiges Be⸗ nehmen gegen ihre Freunde, welche ſie ſo ohne allen Abſchied verlaſſen hätte, nicht bereuen laſſen. Mathilde meinte, da gebe es nichts zu bereuen; und Tante Katharina ließ die Daumen ihre Kreis⸗ bewegung machen, indem ſie in ſcharfem Ton erklärte, unſer Herrgott könne es unmöglich als eine Sünde anrechnen, wenn man zum Abſchied nicht weine und einander Judasküſſe gebe, ſondern lieber ohne der⸗ gleichen Ceremonien ſich trenne. Nachdem ſie dieß geſagt hatte, fuhr ſie mit der Hand in eine ihrer Taſchen und fiſchte einen Brief heraus. „Beinahe hätte ich den Fetzen hier vergeſſen,“ ſagte ſie und übergab Allon ein kleines Billet. Ein paar Tage hernach waren Beate und Allon von Birgersborg fort. Mathilde, Stephan und Blom blieben noch. Es war eine Woche, nachdem Gurli ihren ſtolzen 59 Herrſchaftsſitz verlaſſen hatte, als deſſen eigentlicher Gebieter jetzt Walter angeſehen werden konnke. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Walter war am Morgen nach der Stadt gereist. Blom und Stephan wanderten, nachdem das Mittagsmahl abge⸗ macht war, in dem alten Saale auf und ab und ſprachen von wiſſenſchaftlichen Gegenſtänden. Mathilde Braun leiſtete Tante Katharina in dem Zimmer der Alten Geſellſchaft. Gegen Abend hörte der Regen auf und Blom ſchlug Stephan vor, einen Spazierritt zu machen; dieſer hatte jedoch keine Luſt hiezu und blieb ſomit allein im Saale. Er warf ſich auf einen der Eckſophas und ver⸗ tiefte ſich in die Lektüre einer juridiſchen Arbeit. Die Dämmerung brach ein. Er legte das Buch bei Seite, heftete, ſich in voller Länge ausſtreckend, den Blick auf das Gemälde über dem Kamin und verſank in Gedanken. 8 Eine Bewegung an der auf die Terraſſe führen⸗ den und gerade offen ſtehenden Glasthüre veranlaßte ihn, dorthin zu ſehen. Auf der Schwelle ſtand eine Frauengeſtalt. Sie ſchaute im Zimmer umher, um zu entdecken, ob ein lebendes Weſen ſich hier befände. Darauf ſchritt ſie auf den Sopha zu, wo Stephan ſich niedergelaſſen hatte. Ihr Geſicht war dem jungen Rechtskandidaten zugewendet. Ein einziges Mal früher hatte er dieſes Geſicht vor die Augen bekommen; aber dieſe dunkeln Züge waren ſeinem Gedächtniß wie eingegraben. Stephan ſtand auch ſogleich auf. 60 Bei dieſer Bewegung des jungen Mannes machte die Frau Halt. „Ich wünſche mit Fräulein Falkenſtern zu ſpre⸗ chen, jagte ſie in gebrochenem Schwediſch. 6„Sie iſt abgereist,“ antwortete Stephan und trat ihr näher.—„Was wollen Sie von Fräulein Fal⸗ kenſtern?“ ſetzte er hinzu. Die Frau ſah ihn mit ihren großen ſchwarzen Augen an, welche in dem Halbdunkel, das ſie umgab, ein Paar glühenden Kohlen glichen. „Ich habe eine Rechnung mit ihr abzumachen,“ murmelte ſie und wandte ſich von Stephan ab, um auf demſelben Weg, auf welchem ſie gekommen war, wieder abzugehen. Stephan ſtellte ſich ihr entgegen und bemerkte in engliſcher Sprache, welche ihr, wie er ganz wohl berechnete, geläufiger ſeyn mußte, als die ſchwediſche: „Das iſt das zweite Mal, daß Sie hier auftreten. Was ſuchen Sie?“ „Das zweite Mal,“ wiederholte die dunkle Ge⸗ ſtalt,—„ja, aber beidemal bin ich zu ſpät gekom⸗ men. Das nächſte Mal ſoll dieß nicht geſchehen.“ „Sie antworten nicht auf meine Frage, was Sie hier ſuchen.“ „Gerechtigkeit oder Rache.“ „Wofür?“ Die Frau ſtreckte die Hand aus und murmelte: „Ich will das wieder haben, was man mir ge⸗ raubt hat. Ich will Gold haben, um mein Kind loszukaufen. Ich will Rache haben für das, was ich gelitten.“ An wem wollen Sie ſich rächen?“ „An dem, welcher jetzt dieſes Gold beſitzt.“ „Wer ſind Sie denn?“ 61 Sie ſah ihn an, ſtieß einen tiefen, dumpfen Seufzer aus und murmelte: „Wenn ich wieder komme, werde ich das ſagen.“ Sie glitt ſchnell an Stephan vorüber, und ehe dieſer ſich ihr nur in den Weg ſtellen konnte, war ſie draußen auf der Terraſſe. Stephan wollte ihr nacheilen, aber er ſtolperte über Etwas, das auf dem Boden lag und fiel der ganzen Länge nach hin. Als er ſich wieder auf den Beinen befand, war die Frau verſchwunden. Er beugte ſich nieder, um zu ſehen, was ſeinen Fall verurſacht hatte, und faßte einen Frauenmantel von feinem, leichtem Gewebe. Wahrſcheinlich hatte die Unbekannte denſelben getragen, als ſie eintrat, aber in dem Augenblick, da ſie an Stephan vorbeiglitt, aus Verſehen oder ab⸗ ſichtlich fallen laſſen. ie dem nun ſeyn mochte, ſie war entkommen und hatte den Mamtel im Stich gelaſſen. Den Tag darauf reisten Stephan, Mathilde und lom von Birgersborg ab. Vor ſeiner Abreiſe hatte Stephan an Gurli einige Zeilen folgenden Inhalts geſchrieben: „Dieſelbe Mulattin, welche an Onkel Falkenſterns Sterbebette auftrat, hat ſich in Birgersborg wieder ſehen laſſen. Sie ſuchte dich. Zu welchem Zwecke, weiß ich nicht, denn ihre Worte waren ſinnverwirrender Art. Sie ſagte, ſie würde wieder kommen, um Rache und Gerechtigkeit zu fordern. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, dich hievon in Kenntniß zu ſetzen. Freundlich zc. B * Stephan.“ † Dieſer Brief traf Gurli gerade, als ſie von Stockholm abgehen wollte, um. über Deutſchland die Reiſe nach Frankreich und Italien fortzuſetzen. XI. Vor dem Pfingſtfeſte des folgenden Jahrs herrſchte große Geſchäftigkeit zu Birgersborg, um für die An⸗ kunft von Gurli und ihren Gäſten Alles in Ordnung zu bringen. Tante Katharina führte das Kommando und die Herrſchaft über die weibliche Bevölkerung, Walter üͤber die männliche. Es war das Jahr, in welchem Gurli mündig werden ſollte. Sie war die erſte Perſon, welche zu Birgersborg eintraf, aber in ſichtbar aufgeregter Gemüthsſtimmung. Pas Wetter war regneriſch, als ſie anlangte, und ſie hatte nicht, wie das Jahr zuvor, ihren Weg an der Kirche vorüber genommen, ſondern direkt am Hauſe anfahren laſſen. Schweigend drückte ſie Tante Katharina die Hand zum Gruße, forderte Walter durch einen Wink auf, ihr zu folgen, und ſchloß ſich mit ihm ſogleich nach der Ankunſt in ihrem Kabinet ein. „Ich muß ſagen, ich muß ſagen. was iſt denn da wieder los?“ fragte Tante Katharina, zu Eliſabeth gewendet,„daß Gurli ſo im Sturm an mir vorüber eilt, ohne nur ein Wort zu ſprechen?“ „Gurli's Gemüthsſtimmung iſt in den letzten Tagen ſehr ungleich und ſeltſamer Art geweſen,“ erwiderte Fliſabeth. Am Morgen nach Gutlis Heimkehr hatte Tante 63 Katharina ſich noch nicht völlig angekleidet, als Gurli in deren Zimmer trat. Das junge Mädchen war jetzt heiter und blühend. Sie brachte eine Menge ſchöner Geſchenke für die Alte mit, ſcherzte über ihre Unhöflichkeit am voran⸗ gegangenen Abend und verſprach, ſie den Sommer über wieder gut zu machen. In Gurli's ganzer Art und Weiſe fand ſich nichts, was auf üble Laune deutete. Nachdem Gurli eine Weile mit Tante Katharina geplaudert hatte, ſchickte ſie ſich zu einem Spazier⸗ gang an. Sie hatte der Alten erzählt, ſie habe aus Italien ein ſchönes Denkmal für ihrer Mutter Grab anſtatt deſſen, welches im vorigen Jahr durch den Blitz zer⸗ ſtört worden war, mitgebracht. Tante Katharina lächelte gutmüthig, aber mit etwas ſchlauer Miene, während ſie der Erzählung davon zuhörte.. Wer Gurli eben mit der Alten noch ſcherzen ge⸗ ſehen, hätte ſie kaum wieder erkannt, als ſie mit ge⸗ ſenktem Kopfe auf dem kleinen Waldweg der Kirche zuwanderte. Sie trat auf den Kirchhof, den Blick niederge⸗ ſchlagen, und ſtand in Gedanken verſunken an der Mutier Grabhügel, ohne nur ein einziges Mal das Auge von dem Boden erhoben zu haben. Es war, als ob ſie davor zurückbebte, die leere Stätte anzu⸗ ſehen, wo das weiße Kreuz geſtanden war. 2 Sie ſeufzte und ſah endlich auf; aber in dem⸗ ſelben Augenblick entſchlüpfte ihr ein Ausdruck der Ueberraſchung und Freude. 1* Da ſtand das alte Kreuz, das liebe, ſtumme, ganz wie es hier von jeher geſtanden. 64 Tante Katharina war eben im Begriff, der Haus⸗ jungfer einige Befehle in Bezug auf das Mittagsmahl zu geben, als die Thüre zu ihrem Zimmer heftig auf⸗ geriſſen wurde und Gurli, lebhaft und erhitzt von dem raſchen Gang, mit dem Rufe eintrat: „Tante, wer hat das Kreuz auf Mama's Grabe aufgerichtet?“ ⸗ „Stephan, natürlich,“ antwortete Tante Ka⸗ tharina. Die Mamſell entfernte ſich. „Stephan,“ murmelte Gurli und warf ſich auf den Sopha.—„Und warum?“ „Ich muß ſagen, meine Liebe, das iſt eine ſelt⸗ ſame Frage, ja, ich muß ſagen.“ „Das iſt nicht ſeltſam,“ erwiderte Gurli heftig. „Mir lag es ob, nicht ihm....“ „Deiner Mutter Grabſtein wieder aufzurichten.— Allerdings, aber vermuthlich wünſchte Stephan, auf dieſe Weiſe der armen Todten ſeinen Dank für die ihm bei Leböeiten erwieſene Freundlichkeit darzuthun, und vielleicht gedachte er auch, dir eine Freude zu machen.— Du mußt wiſſen, daß es ihn viele Mühe gekoſtet hat, das Kreuz ſo fertigen zu laſſen, daß alle die größeren Stücke von dem alten wieder zu ver⸗ wenden waren. So wie es jetzt aus dem alten und neuen Marmor zuſammengeſetzt iſt, koſtet es doppelt ſo viel wie ein neues; aber Stephan war eigenſinnig und wollte es ſo haben, ſo dumm es mir auch vorkam.“ „Ah ſo, es ſind Stücke von dem alten Kreuze dabei,“ ſtammelte Gurli und verließ ebenſo ſchnell das Zimmer, wie ſie gekommen war, um noch einmal nach dem Kirchhof ſich zu wenden. 65 Die Mittagstafel war gedeckt, als ſie zurückkehrte. Während des Eſſens war ſie gut aufgeräumt. Nach Tiſch ließ ſich Gurli auf der Terraſſe nieder. Eliſabeth nahm ihren Hut und begab ſich in die voriges Jahr errichtete Schule, als deren Gründerin ſie in Wirklichkeit ſich ſelbſt betrachten konnte, und für welche ſie ſich ſehr intereſſirte. Tante Katharina hatte noch viel für den Feſttag zu richten, und ſo blieb denn Gurli allein, Den Kopf auf die Hand geſtützt, betrachtete ſie das Gemälde vor ſich, aber nicht mit einem Blick der Zufriedenheit, fondern mit einem Gefühl der Unruhe. Es ſchien, als ob der Gedanke nicht dem Auge folgte, ſondern eine andere Richtung nähme. Endlich ſtand ſie auf, ſchüttelte den Kopf und murmelte: „Es iſt vergeblich, zu grübeln. Ich vermag doch niemals dieſes Geheimniß zu durchdringen. Es hilft nichts, ſich den Kopf darüber zu zerbrechen.“ EGurli kehrte in den Saal zurück und näherte ſich dem Bilde über dem Kamin. Sie rief ſich Alles in's Gedächtniß zurück, was Stephan in den Kinderjahren davon geſagt, und welchen ergreifenden Eindruck es auf ihn damals, ſeinen Worten nach, gemacht hatte. „Ich begreife wahrhaftig nicht, beſte Gurli, warum Du das Gemälde hier hängen läſſeſt,“ äußerte eine Stimme hinter ihr. „Stephan!“ rief Gurli und drehte ſich um.— „Du hier— ſchon!“ ſetzte ſie hinzu. „Schon!“ wiederholte er.„Das iſt eine eigen⸗ thümliche Art, einen Gaſt willkommen zu heißen. Ich will jedoch, ſchöne Couſine, dich durch die Erklärung beruhigen, daß ich erſt in ein paar Wochen mich als 66 Gaſt hier einquartiren werde. Ich bin für jetzt hier in der Gegend dem Bezirksrichter O. als Amtsgehülfe beigegeben, und erſt wenn die Gerichtsſitzungen ge⸗ ſchloſſen ſind, komme ich und ſchlage meine Wohnung in Birgersborg auf. Ich habe indeſſen, wie Du ſiehſt, mir erlaubt, dir einen Beſuch zu machen, um dich in deiner ſtolzen Burg willkommen zu heißen.“ Stephan führte Gurli's Hand auf ritterliche, jedoch ſcherzhafte Weiſe an ſeine Lippen. „Empfange meinen Dank,“ ſagte Gurli.„Ich bin ſo wenig daran gewöhnt, meine Erkenntlichkeit in Worte zu kleiden, daß Du mir verzeihen mußt, wenn der Ausdruck derſelben ſich auf ein einfaches„ich danke“ beſchränkt.“ „Wofür? Vielleicht für das zuſammengeflickte Kreuz?“ „Allerdings. Es war ſo freundlich von dir, mir dieſe liebe, liebe Ueberraſchung zu bereiten.“ „Ich fürchte, Gurli, daß Du mehr in dieſe Hand⸗ lung legſt, als ihr wirklich zukommt. Ich ſuchte nicht, damit dich zu überraſchen, ſondern nur, ſo gut es ſich thun ließ, dir einen neuen Freund, aus den alten Stücken zuſammengeſetzt, zu verſchaffen, wobei ich recht wohl einſah, daß es, da Du dir einmal einen ſolchen von Stein erwählt hatteſt, vom Schickſal eine Grau⸗ ſamkeit wäre, dich denſelben nicht behalten zu laſſen.“ Dieſe kalten, ſarkaſtiſchen Worte machten einen peinlichen Eindruck auf Gurli, beſonders da ſie ſich auf einen Gegenſtand bezogen, welcher ihrem Herzen ſo heilig erſchien. Es war ihr bei der Erzählung, daß Stephan dieſes Kreuz errichtet und Stücke von dem alten hineingeflickt hatte, ſo froh zu Muth geweſen, weil ſie darin den Beweis, wie wohl er ſie verſtände, zu ſehen glaubte. —— — 67 Gurli ſchlug auch ſchweigend den Weg nach der Terraſſe ein. Stephan folgte ihr, indem er eine Menge Fragen über ihre Reiſe u. a. m. machte. Gurli's Antworten waren kurz. Plötzlich unter⸗ brach ſie das etwäs träge Geſpräch mit den Worten: „Du ſchriebſt mir ſogleich nach meiner Abreiſe, Du habeſt die dunkelfarbige Frau wieder geſehen⸗ Haſt Du ſeitdem etwas von ihr gehört?“ „Nein,“ entgegnete Stephan, die Stirne runzelnd. „Was meinteſt Du mit der Warnung, welche Du mir in deinem Briefe gegeben haſt?“ „Nichts weiter, als daß ſie Worte ſich entfallen ließ, woraus hervorging, ſie halte ſich in gewiſſen Rechten verletzt. Ich habe jedoch die Ueberzeugung, daß ſie nicht ganz bei Verſtand war.“ „Ich bin derfelben Anſicht,“ ſagte Gurli. Stephan ſah ſie an. „Aus welchem Grunde hegſt Du eine ſolche Ver⸗ muthung?“ „Auch ich habe ſie wieder geſehen? Als wir bei der Ankunft zu Gothenburg in unſere Wohnung traten, ſtellte ich mich eine Weile an ein Fenſter, um die Bewegung auf der Straße zu betrachten. Zwei Frauen gingen langſam vorüber. Die eine ſah zu meinem“ Fenſter empor, und ich erkannte daſſelbe Angeſicht, welches ich an meines Stiefvaters Sterbebette erblickt hatte. Ohne eine Sekunde zu zögern, ſetzte ich meinen Hut auf, warf einen Shawl über und eilte hinab. Es gelang mir wirklich, ſie einzuholen, und indem ich die dunkelfarbige Frau berührte, ſagte ich auf engliſch: „Sie haben mich geſucht, mein Name iſt Falkenſtern. Was wünſchen Sie von mir?“— Sie heftete ihre ſchwarzen Augen auf mich und murmelte:„Falkenſtern iſt todt.“— Darauf faßte ſie den Arm ihrer Beglei⸗ 68 terin und wollte ſich entfernen. Da ich ihnen deſſen ungeachtet folgte, ſagte die letzterwähnte freundlich zu mir:„Verlaſſen Sie uns. Ihre Nähe würde nur einen Anfall zur Folge haben.“— Und mit dieſen Worten eilten ſie davon. Ich ging ihnen in einiger Entfernung nach. Sie traten in ein Logirhaus für Fremde. Die dunkelfarbige Frau war voran. Ich näherte mich noch einmal ihrer Begleiterin und erſuchte ſie um eine Unterredung.—„Ich werde mich bei Ihnen einfinden, wenn Sie⸗ mir Ihre Adreſſe geben,“ antwortete ſie.— In einigen Worten theilte ich ihr dieſelbe mit, worauf ich in meine Wohnung zurückkehrte.“ „Eine Stunde darauf erhielt ich einen Brief un⸗ gefähr folgenden Inhalts: „Ich kann die Perſon, deren Wärterin ich bin, nicht verlaſſen, und bitte Sie, dieſelbe nicht zu be⸗ ſuchen, ſie iſt ſehr krank.“ „Sogleich begab ich mich in jenes Haus, in welches ſie hineingegangen waren, und ſtellte Erkundigungen an, erhielt aber zur Antwort, daß ſie ihre Wohnung verlaſſen hätten. Wohin ſie ſich begeben, wußte man nicht. Ich forſchte zwei Tage lang nach ihnen, aber vergebens. Am dritten erfuhr ich, daß eine Mu⸗ lattin, begleitet von einer weißen Frau, ſich an Bord eines Fahrzeugs, welches nach England ging, einge⸗ ſchifft hätte. Ich ſchrieb nach London und bat meinen Bankier daſelbſt, alles Mögliche zu thun, um die bei⸗ den von mir beſchriebenen Paſſagiere aus Schweden auszukundſchaften. Ich gab ihm ein vollſtändiges Signalement derſelben.“ EGurli ſchwieg. Stephan hatte ihr mit nachdenklicher Miene zu gehört. 69 „Du haſt Unrecht gethan, daß Du ſie verließeſt, ehe es dir gelungen war, einige Aufklärungen zu erhalten,“ bemerkte er. „Das Gleiche habe ich mir ſelbſt geſagt, und ich fühlte mich ſehr niedergeſchlagen bei dem Gedanken, ſie in ſolcher Nähe gehabt und doch aus dem Geſicht verloren zu haben. Bei meiner Ankunft hier redete ich mit Walter. Ich ſuchte auf alle mögliche Weiſe ihn zu beſtimmen, mir zu ſagen, ob mein Stiefvater in Beziehung zu einer Mulattenfamilie geſtanden wäre; er aber verſicherte mich, daß es ſich nicht ſo verhielte, ſondern er ſehe die Frau, welche an Bengt Falken⸗ ſterns Sterbebette aufgetreten, für eine freigegebene oder losgekaufte Sclavin von einer der Plantagen an, welche mein Stiefvater von ſeinem Vater geerbt hätte. Walter ſprach zugleich die Vermuthung aus, ſie ſei ihres Verſtandes beraubt, und verſicherte mich, mein. Stiefvater könnte unmöglich beſchuldigt werden, ſein großes Vermögen auf eine unrechte Weiſe erlangt zu haben, da es durch Erbſchaft von ſeinem Vater an ihn gelangt wäre.“—„Iſt irgend eine ungerechte Handlung begangen worden,“ ſeßte Walter hinzu,„ſo fällt ſie Bengt Falkenſterns Vater zur Laſt, aber dieß vorausgeſetzt, hätten die Folgen davon nicht ſo lang auf ſich warten laſſen, bis Bengt geſtorben war. Lag ein geſetzlicher Anſpruch auf dieſen Reichthum vor, ſo ſeien Sie verſichert, man würde nicht Falkenſtern vierzig Jahre im ungeſtörten Genuß davon gelaſſen haben.“ „Und Walter hat Recht,“ fiel Stephan ein.„Ich theile in der That ſeine Anſicht. Die Frau, welche hier auftrat, iſt gewiß nicht recht bei Sinnen. Es verlohnt ſich ſomit nicht der Mühe, ein weiteres Wort über ſie zu verlieren.“ „Möglich, und dennoch regt ſich Etwas in meinem 7⁰ Innern, das mir unaufhörlich zuruft: ſei auf deiner Hut. Du haſt kein Recht, dieſes Gold zu verſchwenden.“ „Beſte Gurli, achte nicht auf die Stimme der Phantaſie, ſie kann ein Sandkorn zu einem Berge machen. Wenn du nicht Licht in die Sache zu bringen vermagſt, ſo höre jedenfalls auf, darüber nachzu⸗ grübeln.“ Stephan ſtand auf und ſetzte hinzu: „Um alle peinlichen Gedanken zu zerſtreuen, ſchlage ich eine Promenade vor. Willſt Du nicht einen Gang durch den Park machen? der Abend iſt ſo herrlich.“ Er bot Gurli den Arm. „Wann kommt Allon?“ fragte er, als ſie durch den Garten wanderten. Stephan hatte Gurli nicht gerade ins Geſicht geſehen, als er dieß ſagte, aber deſſen ungeachtet be⸗ merkte er, daß ihre Wangen ſich purpurroth färbten, als ſie antwortete: „Am Pfingſtabend.“ „Nicht bälder? das iſt ja erſt in vierzehn Tagen. Wo trenntet ihr euch? Aus ſeinem Briefe habe ich erfahren, daß ihr in Paris zuſammengetroffen ſeyd?“ „Wir machten die Reiſe von Paris aus zuſam⸗ men, ſchieden aber in Berlin.“ „Fürchteſt Du nicht, es in Birgersborg dieſe zwei Wochen langweilig zu finden, da Du hier ohne Geſellſchaft verweilen mußt? Auf dem Lande iſt es unerträglich einförmig, wenn man nicht Leute um ſich ſammeln kann.“ „Ich bin nicht dieſer Anſicht. Dieſe zwei Wochen ſollen mir ſehr angenehm werden. Ich fühle ein großes Bedürfniß, mit mir ſelbſt allein zu ſeyn.“ „Das heißt ſo viel als Du wünſcheſt, daß ich meinen Beſuch in dieſer deiner Einſamkeit nicht er⸗ —— S 71 neuern möge. Ich fürchte jedoch, daß ich in dieſem Fall deinem Wunſche nicht ſonderlich Rechnung tragen, ſondern ſo oft es meine Zeit geſtattet, hieher kommen werde. Ich fühle gleichfalls das Bedürfniß, mich hin und wieder durch ein Geſpräch mit Miß Stewart zu erquicken.— Apropos, Blom hat geſchrieben, daß er erſt zu Ende Juni's hier zu erwarten ſeyn würde. Es iſt dir wohl bekannt, daß meine Mutter ſich mei⸗ nem Vater auf ſeiner letzten Fahrt über den Aklan⸗ tiſchen Ocean angeſchloſſen hat. Sie wollte mit ihm dieſen letzten Kampf gegen Gefahren theilen, ehe ſie ſich im Vaterlande zur Ruhe ſetzten.“ „Die Tante hat mir davon geſchrieben,“ antwor⸗ tete Gurli. Stephan ſah, daß ihr Geſicht dabei wieder eine höhere Farbe annahm. Dießmal war die Urſache ſchwerer zu erklären. Auch fragte er: „Warum errötheſt Du?“ „Ich dachte an den Inhalt ron Tante Mathilde's Brief, und da ich keineswegs im Sinne habe, dir weiteres daraus mitzutheilen, ſo wollen wir von etwas Anderem reden.“ „Wie dir beliebt.— Du weißt, daß Grünlund wahrſcheinlich zum Comminiſter hier in der Gemeinde ernannt wird.“ „Du ſcherzeſt wohl, Stephan,“ rief Gurli, und die rothe Farbe ihres Angeſichts ging jetzt in auf⸗ fallende Bläſſe über. „Ganz und gar nicht. Seine Wahl iſt mit großer Eilfertigkeit betrieben worden, als fürchtete man, daß ſie nicht zeitig genug vor ſich gehen würde, ehe Du zur Volljährigkeit gelangteſt. Nun iſt es geſchehen, und man wartet nur noch auf die Beſtätigung.“ „Die Nähe dieſes Menſchen erregt mir Furcht.“ 72 „Du— und Angſt!“ rief Stephan lächelnd.„So weit ich mich erinnere, iſt dieſes Gefühl dir ſonſt fremd geweſen.“ „Ich ſagte nicht, daß ich Angſt habe, aber es iſt mir, als fühle ich zum voraus, daß er als Geiſtlicher vieles Unheil anrichten wird, und es wäre mir lieb geweſen, wenn ich es nicht hätte mitanſehen dürfen.“ Gurli und Stephan geriethen nun in eine ernſte Verhandlung über die verderblichen Folgen davon, daß einem Mann wie Grünlund ein prieſterliches Amt übertragen würde; aber plötzlich unterbrach Stephan dieſe Piscuſſion mit einem beißenden Scherz über Bigotterie und Heuchelei. Gurli äußerte einige Bemerkungen über Religio⸗ ſität in England und fand dieſelbe von der Art, daß ſie den Wunſch ausſprach, es möchte ein jedes Volk hiede Land in dieſer Beziehung dem engliſchen gleichen. Zur Antwort darauf erlaubte ſich Stephan einen unbarmherzigen Ausfall auf das engliſche Sektenweſen und deutete ſarkaſtiſcher Weiſe auf die Wahrſchein⸗ lichkeit hin, daß Gurli von pietiſtiſchen Ideen ange⸗ ſteckt worden wäre. Sogleich entſpann ſich ein hitziger Streit darüber, und als ſie zu Hauſe anlangten, war Gurli noch in lebhafter Aufregung davon begriffen. XII. Stephan hielt Wort. Er kam ſehr oft nach Bir⸗ gersborg und brachte die meiſten Abende in Geſell⸗ ſchaft von Eliſabeth, Gurli und Tante Katharina zu. Für die erſtgenannte legte er großes Intereſſe an den —— — 73 Tag und zeigte ſich ſtets beſonders lebhaft, wenn er mit derſelben in ein Geſpräch gerieth. Gurli und er dagegen fingen immer Streit mit einander an. Es herrſchte bei ihm ein entſchiedenes Verlangen vor, gegen Alles, was Gurli ſagte, ſeinen Tadel oder Widerſpruch zu richten. Er that dieß mit jener Ueberlegenheit des Tones, welche bewies, daß er das eigene Urtheil für unfehlbar anſah und gegen deſſen Ausſpruch keine Appellation geſtattete. ꝙꝙ Tante Katharina konnte zuweilen, wenn ſie, an ihrem Strumpfe ſtrickend, ſeinen ſcharfen Tadel mit anhörte, von ihrer Arbeit aufſchauen und losbrechen: „Das muß ich fagen, ich hätte niemals geglaubt, daß der fromme, geſittete und beſcheidene Knabe eine ſo boshafte Zunge bekommen würde, wie Du nun haſt, mein lieber Stephan!“ Dieſen Ausruf beantwortete der junge Herr mit einem Gelächter. Gurli fand aber deſſen ungeuchtet in der Geſell⸗ ſchaft ihres Couſins großes Vergnügen und ergab ſich darein, daß er ſie meiſtens zur Zielſcheibe ſeiner Sar⸗ kasmen wählte. Endlich brach der Pfingſtabend an. Gurli hatte ſeit dem Tode ihres Stiefvaters ſelten ſich anders als ſchwarz gekleidet. Jetzt zum erſten Mal trug ſie ein farbiges Gewand. Im Allgemeinen hatte Gurli den Fehler, daß ſie ſich aus ihrer Toilette nicht allzu viel machte, ſondern dem Satze huldigte: Je einfacher, deſto beſſer. Heute ſchien es jedoch, als hätte ſie mehr als gewöhnlich daran gedacht und eine Sorgfalt darauf verwendet, welche zu erkennen gab, daß ſie recht ſchön zu ſeyn wünſchte. Stephan hatte ſchon den Tag zuvor ſeine rich⸗ Schwartz, Der Rechte. II. 6 74 terlichen Geſchäfte beendigt und ſeine Zimmer im rechten Flügel bezogen. Er ſaß auf dem Hofe unter den Linden und las, als Gurli ſich ihm näherte. „Wie ſchade, Gurki, daß Du nicht weiblich genug biſt, um allzeit die gehörige Sorgfalt auf deine Klei⸗ dung zu verwenden!“ rief Stephan.„Ich weiß nichts Widrigeres, als ein Frauenzimmer, welches ſein Aeußeres vernachläſſigt. Durch Zierlichkeit, Geſchmack und Eleganz wird die häßlichſte Frau angenehm, und durch den Mangel daran die ſchönſte unangenehm. Heute zum Beiſpiel biſt Du wirklich einnehmend.“ „Ja, zum erſten Mal.“ Eurli wurde purpurroth, antwortete aber lachend: „Du willſt doch nicht behaupten, Du habeſt zum erſten Mal bemerkt, daß ich ſchön bin.“ „Das nicht, denn das Unglück bei dir iſt gerade, daß Du niemals ganz häßlich werden kannſt,“ ant⸗ wortete Stephan,„aber deine Schönheit hat mir immer mißfallen, weil ihr der Reiz des Liebenswür⸗ digen abging.“ „Du verwöhnſt mich wenigſtens nicht durch Ar⸗ tigkeiten.“ „Und warum ſollte ich das thun? Ich ſuche dir nicht zu gefallen. So— wirſt Du böſe auf mich, eh bien, ich unterwerfe mich meinem Schickſal, ohne dadurch zu leiden; aber nun zu etwas Anderem: Wie kommt es, daß Du heute dich ſo einnehmend ge⸗ macht haſt?“ „Welche ſeltſame Frage; ich erwarte ja Gäſte,“ erwiderte Gurli, griff nach ihrer Lorgnette und ſchaute die Allee hinab. 5 „Alſo um Tante Beate's willen haſt Du das blaue Kleid angezogen? Ihretwegen hätteſt Du dir nicht ſo viele Mühe geben dürfen; ſie ſieht dich doch in goldenem Schmuck.“ Ein Wagen wurde in der Allee ſichtbar. Gurli ließ Stephans Ausfall unbeantwortet und ſagte nur: „Da haben wir Allon.“ 5 Im Ausdruck ihrer Stimme lag die Erklärung für die heutige Toilette. Eiskalt war Gurli's Gruß gegenüber von Beate, um ſo viel wärmer der Blick, womit ſie Allon die Hand reichte und ſagte: „Willkommen, lieber, lieber Allon. Dank für unſer letztes Zuſammenſeyn!“ „Alles iſt zwiſchen ihnen erklärt,“ dachte Stephan und geleitete Tante Beate ganz ritterlich in ihr Zimmer. Der Pfingſtabend verging angenehm. Frau von Stral trennte ſich ſchon um ſechs Uhr von der Geſell⸗ ſchafſt, um den Eintritt des Sabbats mit Gebet und Leſen der heiligen Schrift zu feiern. Sie machte Tante Katharina die Mittheitung, daß ſie ſich das Abendeſſen abgewöhnt hätte, und bat ganz demüthig, die Tante möchte die Güte haben und ihr um neun Uhr eine Taſſe Thee hinabſchicken. Darauf näherte ſie ſich Gurli, um ſie auf die Stirne zu küſſen; aber dieſe zog ſich kalt zurück, und Beate mußte ſich mit Anbringung eines kurzen Segens⸗ ſpruches begnügen. Als ſie fort war, machte man einen Spaziergang nach dem Pavillon hinunter, und da Gurli die Mei⸗ nung äußerte, es würde ſehr angenehm ſeyn, das ouper auf der Veranda einzunehmen, gab Tante Katharina Befehl hiezu. v 76 Allon war heiter, war glücklich und ſah ſo hübſch aus, daß es dem Auge wohl that, ihn anzuſehen. Wenn ein Menſch mit allen roſenfarbigen Illu⸗ ſionen der erſten Liebe ſich dieſem Gefühl hingibt und auf Gegenliebe hofft, da leihen die Geſichtszüge von dem Herzen einen eigenthümlichen Widerſchein der Glüchſeligkeit, welcher ſelbſt das gewöhnlichſte Antlitz ſchön macht. Die Zeit zwiſchen Pfingſten und Mittſommer war dieſes Jahr ganz kurz und wurde nur von Luſtbar⸗ keiten in Anſpruch genommen. Alle weither gekom⸗ menen Gäſte waren eingeladen worden, über Johannis⸗ feiertag zu bleiben. Man konnte es auch nirgends angenehmer haben, als dieſes Jahr zu Birgersborg. Gurli war zuvor⸗ kommender gegen ihre Gäſte, als das vergangene Jahr, und obwohl noch völlig ungenirt, wenn es ſich um Befriedigung ihrer Launen handelte, legte ſie ſich den⸗ mehr Zwang an, als man von ihr erwarten onnte. Gegen Allon war ſie eitel Liebenswürdigkeit; aber deſſen ungeachtet war er noch mit keiner ent⸗ ſcheidenden Erklärung herausgerückt, ſondern hielt ge⸗ wiſſenhaft ſein Verſprechen. Es war ihm nicht ganz klar, ob die Freundlichkeit, welche ſie ihm bezeigte, etwas mehr als ſchweſterliche Zuneigung in ſich ſchloß. Ueberdieß war Gurli ſo ſehr von ihren Gäſten in Anſpruch genommen, daß ſie keinen Augenblick zu vertraulichen Mittheilungen übrig hatte. Mittſommertag wurde von Gurli mit großer Frei⸗ gebigkeit gefeiert. Es fand ſich keine Hütte noch ſo arm und elend in der Gemeinde, wohin nicht ihre verſchwenderiſche Mildthätigkeit den Weg gefunden hätte. Sie wollte, daß Jedermann freudig und ohne Sorge für zeitliche Bedürfniſſe gleichfalls denſelben begehen ſollte. Sie ſelbſt war heiter wie ein Kind. Die Woche darauf waren die meiſten Gäſte wieder abgereist. Es blieben indeſſen noch ein paar Fami⸗ lien mit Söhnen und Töchtern, entfernte Verwandte von Gurli's Mutter, welche ſie für den ganzen Sommer eingeladen hatte. Es war der letzte Tag im Juni. Gurli war früh am Morgen mit Walter ausgeritten, um das Hüttenwerk zu beſuchen, welches ſie ein paar Meilen von Birgersborg beſaß. Der Abend war weit vorgeſchritten und die Sonne untergegangen, als Walter ganz allein in den Hof ritt und vom Pferde ſprang. 8 „Wo haben Sie Gurli gelaſſen, Herr Walter?“ fragte Stephan, welcher unter einer der Linden ſaß. „Wir trennten uns um Kreuzweg im Walde,“ antwortete Walter.„Das Fräulein beabſichtigte, durch den Birkenhag zu reiten und auf den Strand am See herauszukommen.“ Eine Weile hernach ging Stephan in den Park hinab, und dem Ufer des See's folgend, gelangte er in die Nähe des Birkenhags. An der Fiſcherhütte angekommen, blieb er ſtehen und horchte; aber alles war ſtill und ſtumm, und nicht ein Laut ſtörte den Frieden des Abends. Plötzlich ließen ſich Stimmen in der Ferne ver⸗ nehmen. Sie kamen näher. Stephan konnte ſie unterſcheiden. Die eine war ihm wohl bekannt; ſie gehörte Allon an; aber die andern waren ihm fremd, und was noch mehr war, ſie redeten eine fremde Sprache. „Ich ſchätze mich allzu glücklich, Madame,“ äußerte Allon franzöſiſch,„daß ich Ihnen den unbedeutenden 3 78 Dienſt leiſten konnte, Ihre Pferde anzuhalten, und es freut mich, zu hören, daß Sie und Ihre junge Be⸗ gleiterin keinen Schaden gelitten haben. Was konnte ſeyn, daß Ihre Pferde ſcheu geworden in „Das Unglück kam ſicher davon her, daß ein Pferd ohne Reiter, aber geſattelt aus dem Walde her⸗ vorſtürzte.— Und nun, mein Herr, wollen Sie die Güte haben, mir zu ſagen, ob es noch weit zu dem Hauſe von Fräulein Falkenſtern iſt.“ Allon ſagte Etwas wie daß ſie nur noch einige Schritte bis dahin zu machen hätten. Stephan zog ſich in dem Augenblick, als die Sprechenden vorüberkommen mußten, hinter die Fiſcher⸗ hütte zurück, damit ſie ihn nicht bemerken möchten. Er konnte ſie ſomit nur von hinten ſehen. Es wären elegant gekleidete Damen. Sobald ſie verſchwunden waren, eilte Stephan auf dem Wege, wo ſie hergekommen, vorwärts und bis zum Rande des Birkenhags. Der Weg war zu beiden Seiten von einem tiefen Graben eingeſchloſſen. In demſelben Augenblick, als Stephan in den Wald einbiegen wollte, fiel ſein Auge auf Etwas, das in dem Graben lag. Er blieb ſtehen und rief unwillkürlich: Mein Gott, Gurli!“ Er ſprang in denſelben hinab und hob ſie auf. Sie athmete, vermochte aber nicht ſich zu rühren. Die Augen waren geſchloſſen. Blut rann aus einer Wunde am Kopf und färbte die blonden Locken. Ohne einen Augenblick ſich zu beſinnen, nahm Stephan ſie in ſeine Arme, hob ſie aus dem Graben heraus und trug ſie in die Fiſcherhütte. 2 9 Während der kurzen Wanderung entſchlüpfte Gurli ein gualvoller Seufzer, ſo wie ihn der phyſiſche Schmerz einem Zuſtande halber Bewußtloſigkeit auszupreſſen pflegt. gn der Hütte angekommen, gelang es Stephan, ſie zu vollkommener Beſinnung zu bringen und das Blut zu ſtillen. Als Gurli wieder zu ſich gekommen war, begann ſie heftig zu weinen. „Um Gottes willen, was iſt geſchehen?“ fragte Stephan unruhig. „Nichts; mein Pferd iſt ſcheu geworden,“ ſtam⸗ melte Gurli, ihre Thränen abtrocknend.—„Haſt Du meine neu angekommenen Gäſte ſchon geſehen?“ ſetzte ſie hinzu. „Ja, Allon hat ſie nach dem Hauſe geleitet; aber es iſt jetzt nicht Zeit, an ſie zu denken, ſondern daran, daß dir die nöthige Pflege zu Thekl wird.“. Gurli erhob ſich mit einiger Anſtrengung und agte: „Gib mir deinen Arm und führe mich zum Pa⸗ i Ich will nicht, daß Du Jemand zum Beiſtand rufeſt. Schweigend gehorchte Stephan dieſer Aufforderung. Mit großer Mühe legte ſie den kurzen Weg zwiſchen der Fiſcherhütte und dem Pavillon zurück. Als Gurli die Treppe zu dem letzteren hinauf⸗ ſtieg, äußerte ſie mit mattem Lächeln: „Das iſt das zweite Mal in meinem Leben, daß ich ſo hilflos bin, durch körperliche Schmerzen mir das Bewußtſeyn rauben zu laſſen. Ich will nicht, daß man von dieſem Vorfall Kenntniß bekomme, ſondern bitte dich, darüber zu ſchweigen und mir Liſa hieher zu ſchicken.“ * . 80 Stephan entfernte ſich, ohne zu antworten. Ein paar Tage verfloſſen, in deren Verlaufe Gurli ſich nicht ſehen ließ, obwohl ſo unvermuthet Gäſte angekommen waren und ſie zu treffen erwarteten. Sie ſeyen eingeladen worden, in Birgersborg ihr Abſteigquartier zu nehmen, ſagten ſie. Man entſchuldigte Gürli's Abweſenheit mit dem Vorgeben, daß ſie auf dem Hüttenwerke Erikstorp ſich te und vor Sonntag nicht zurückkommen würde. Allon und Eliſabeth ſollten die Honneurs des Hauſes machen, wurden aber dieſer Verpflichtung ent⸗ bunden, da die beiden fremden Damen erklärten, ſie hätten die Abſicht, in ihrem Zimmer zu bleiben, bis die Wirthin heimkehren würde. Stephan und Blom waren den Tag nach der Ankunft der neuen Gäſte nach*as gefahren. Der arme Allon ſtand in dieſen Tagen alle mög⸗ lichen Martern der Eiſerſucht, die von ſeiner Mutter angefacht worden war, aus. Beate war es nämlich gelungen, ihm die Ueber⸗ zeugung beizubringen, daß Stephan und Blom nicht nach*as gereist wären, ſondern ſich nach Erikstorp begeben hätten. Am Abend des nächſten Tages konnte Allon ſich nicht länger beherrſchen, ſondern ritt nach Erikstorp, um ſich von der Wahrheit deſſen, was Beate behauptete, Ueberzeugung zu verſchaffen. Der Troſt, welchen er damit gewann, war nur eine Zugabe zu ſeiner Unruhe; denn man ſagte ihm, Gurli hätte ſich gar nicht mehr auf dem Hüttenwerke ſehen laſſen, ſeitdem ſie mit Walter zu einem kurzen Beſuch da geweſen wäre. Wie Allon heimkam, wußte er ſelbſt nicht. Wäre ——— 7 81 es nicht mitten in der Nacht geſchehen, hätte er gewiß ſeine traurigen Entdeckungen der Mutter anwertraut. Allon fühlte ſich zu dergleichen kindlichen Ver⸗ trauensäußerungen niemals mehr verſucht, als wenn ſein Gemüth von ſchlimmen Leidenſchaften beherrſcht war. Er wußte dann, daß er ſtets von einer Perſon verſtanden wurde, welche der Kunſt mächtig war, die⸗ ſelben noch anzuregen und zur Erreichung der eigenen Zwecke zu benützen. Schlafen konnte er nicht, ſondern wandelte die ganze Nacht in ſeinem Zimmer auf und ab. Früh am nächſten Morgen wollte er zu Walter hinauf, um von dieſem zu erfahren, wohin Gurli gereist wäre; aber ſie begegnete ihm ſelbſt auf der Treppe. Sie war ungewöhnlich blaß. „Wann biſt Du von Erikstorp gekommen?“ fragte Allon heftig und ohne zu grüßen. „Vor zwei Tagen. Ich bin ſeitdem unwohl ge⸗ weſen und habe mich deßhalb auf meinem Zimmer gehalten. Dieß mag dir genügen, und nun keine weiteren Fragen oder Scenen. Ich bin nicht in der Stimmung, an dergleichen Gefallen zu finden. Ver⸗ ſtehſt Du? Gurli's Augen hatten einen Ausdruck der, wie Allon wohl wußte, nichts Gutes bedeutete; deſſen un⸗ geachtet konnte er ſich nicht enthalten, zu fragen: ſe Du, wohin Blom und Stephan gegangen ind?“ „Ich habe Dir ja ſchon geſagt, daß ich unpäß⸗ lich war. Haſt Du es nicht gehört? Wie kann ich alſo darüber Auskunft geben? Das iſt ein Ding, womit ich mich ſelbſt in geſunden Tagen nicht befaſſe.“ „Gurli, Du biſt böſe; Du kommſt mir verändert vor.“ ———— „Möglich. Dein Benehmen und dein Ausfragen mißfällt mir. Dieſes Forſchen und Spioniren iſt mir zum Abſcheu. Nimm dich in Acht, Allon, daß Du nicht Grünlund ähnlich wirſt.“ Eurli ging an ihm vorüber. Er wollte ihr folgen, aber ſie wies ihn kurz zurück. So hatte Gurli ſich gegen ihn im vorigen Jahre nicht gezeigt. Im Laufe des Vormittags beſuchte Gurli ihre Gäſte. Zum Diner fanden ſie ſich im Speiſeſaal ein. Blom und Stephan waren noch nicht zurückgekehrt. Gurli ſtellte ihren Verwandten Madame Teverino und deren Fräulein Tochter vor, indem ſie beifügte, daß ſie deren Bekanntſchaft in Paris gemacht hätte und ſich nun glücklich ſchätze, ſie in ihrem eigenen Hauſe zu empfangen und denſelben die genußreichen Augenblicke, welche ſie ihnen verdanke, einigermaßen zu vergelten. Madame Teverino war von ſo dunkler Geſichts⸗ farbe, daß man ſich verſucht fühlte, ſie für eine Mu⸗ latin zu halten, obwohl Geſichtsform und Züge euro⸗ päiſcher Art waren. Ihre Tochter Amy war höchſtens achtzehn oder neunzehn Jahre alt, hatte einen hellern Teint als die Mutter und ein paar ſchwarze lebhafte Augen. Ihre Bewegungen waren angenehm und weich, die Stimme melodiſch, das Lächeln einnehmend. Madame Teverino und Walter warfen ſich gegen⸗ ſeitig verſtohlene Blicke zu, welche nichts weniger als freundlich waren. Sie ſchienen den Anblick von ein⸗ ander nicht ſonderlich ertragen zu können. Gurli war gegen dieſe Gäſte artiger und auf- merkſamer, als ſie ſich gegen einen det übrigen ge⸗ zeigt hatte. 3 0 Eine Woche verging, ohne daß Stephan und Blom zurückkehrten, und während dieſer Zeit waren die Fremdlinge allmälig etwas heimiſch zu Birgersborg geworden. XII. Eines Abends, als Jedermann zur Ruhe ge⸗ gangen war, kamen endlich Blom und Stephan nach Hauſe. Sie hielten ſich eine Weile auf der Teraſſe auf, um die ſchöne Sommernacht noch zu genießen; dann trennten ſie ſich, indem Stephan behauptete, ſie müßten nun den Geiſtern der Finſterniß Platz machen, welche ihre Wanderung durch den Garten antreten würden. Sie hatten ſich auch kaum entfernt, als eine Geſtalt hinter einer der Hecken hervortrat. Es war Madame Teverino. Sie warf einen ſpähenden Blick rings um ſich her und blieb einige Minuten horchend ſtehend, als ob ſie ſich überzeugen wollte, daß Niemand ſich in der Nähe befand. Darauf wondte ſie ſich zu einer Bank und ſagte auf engliſch: „Komm hervor Amy; ſie ſind fort.“ Amy wurde nun auch ſichtbar. Ihr Angeſicht erſchien in dieſem Halbdunkel durch eine Wolke von Mißvergnügen, die darüber weilte, noch tiefer gefärbt als das der Mutter. „Kann ich vielleicht erfahren, warum wir des Nachts ſo herumſchleichen, horchen und ſpioniren, an⸗ ſtatt der Ruhe zu pflegen?“ fragte das junge Mäd⸗ chen und warf ſich auf eine Bank. Sie ſprach engliſch, wie wenn dieß ihre Mutter⸗ ſprache geweſen wäre. 84 „Wenn Du dieß nach deinem Geſchmack findeſt, Mama,“ fuhr ſie fort,„ſo kann ich doch nicht be⸗ greifen, warum auch ich es thun muß. Mir iſt es behaglicher, in Ruhe zu ſchlafen, als die Rachtwand⸗ lerin zu ſpielen.“ „Amy,“ fiel die Mutter ein,„haſt Du vergeſſen, weßhalb wir hier ſind?“ „Um einem Phantaſiegebilde nachzujagen, das Du dir geſchaffen haſt, Mama,“ antwortete Amy höhniſch. „Einem Phantaſiegebilde! Nimm dich in Acht, ſo zu reden. Du weißt, daß es ein ſolches nicht iſt, ſondern eine Wirklichkeit. Zur Erreichung deſſen, wor⸗ nach ich ſtrebe, muß ich alle möglichen Mittel an⸗ wenden. Dieſe Papiere, welche meinem Mann ge⸗ hörten und welche ich ſuche, müſſen ſich hier finden. Ich muß ſie haben, ſollte ich auch das ganze Haus umkehren; jede Seele ausſpioniren. Ich habe ja dieſe elende Sprache nur zu dieſem Zweck gelernt, und Lw in meinem Innern ſagt mir, daß ich dadurch zum Ziele gelangen werde.“ Die Tochter ſtieß ein kurzes ſchneidendes Gelächter aus. „Es iſt mir unbegreiflich, wie Du dich gegen die Ueberzeugung ſträuben kannſt, daß dieſe Papiere ver⸗ nichtet ſind, und daß Du ſie niemals mehr finden wirſt. Doch, das iſt deine Sache; ich werde mich nicht darein miſchen; thue für deine fire Idee, was dir beliebt, aber laß mich wenigſtens in Frieden.“ „Du willſt alſo nicht....“ „Des Schlafes und der Ruhe mich berauben laſſen, nein, wenn ich ſchlafe, vergeſſe ich. Und dieſes Vergeſſen iſt mein Glück.“* — — „Die Aufopferung dieſes Glücks kann dir noch ein größeres ſchenken.“ „Nun wohl, wenn Du das größere für mich ge⸗ funden haſt, ſo reiße ich mich aus den Armen des Schlafes; aber bis dahin beraube mich nicht meiner Wonne, um einem Schatten nachzujagen.“ Amy's Ton war troſtlos. „O meine Tochter,“ rief die Mutter und warf ſich vor ihr auf die Kniee;„Du mußt glücklich, geehrt und reich werden, und ſolite ich gezwungen werden, den Himmel mit Gewalt für dich herunterzuholen. O mein Kind, mein Kind.“ Sie bedeckte die Hände des jungen Mädchens mit Thränen und Küſſen, bis dieſelbe halb ungeduldig dieſem Thun ein Ende machte: „Stehe auf, Mutter, ich verabſcheue dieſe Scenen von Weinen und Klagen. Ich habe genug davon geſehen, um derſelben müde zu werden.“ Die Mutter erhob ſich ſchnell Lund Amy ſetzte inzu: „Haſt Du Etwas in dieſen Tagen eihtct, Mama?“ „Nein, aber ich werde mich dem Mulatten nähern, obwohl ich ihn fürchte.— Still, Amy, haſt Du nicht Etwas gehört?“ Amy wandte den Kopf ein wenig auf die Seite und horchte. Dann ſtand ſie auf und ſagte: „Es war eine Katze oder eine Ratte; ein menſch⸗ licher Schritt war es nicht.“ „Gut. Dein Ohr, Amy, iſt zuverläſſiger als das meinige, und deßhalb... „Brauchſt Du es, um auf den geringſten Laut zu horchen, wenn Du ausſpionirſt, was geſprochen wird— ein Benehmen, welches ich einer Frau gegen⸗ über, welcher wir zur Dankbarkeit verpflichtet ſind, verabſcheuenswerth finde.“ „Amy, ſprich nicht von Dankbarkeit, wenn Du ſie nennſt!“ rief die Mutter. Amy ging auf die in den Saal führende Glas⸗ thüre zu und öffnete dieſelbe leiſe, ohne dem Ausruf der Mutter irgend eine Wirkung auf ſich einzuräumen. Sie gingen beide in den Saal hinein und nah⸗ men von da den Weg nach ihrem Zimmer in dem zweiten Stockwerk. Hinter der Hecke gegenüber von der, welche den beiden Frauen zum Verſteck gedient hatte, ſprang Walter hervor, ſobald ſie fort waren. Seine Augen funkelten und er murmelte: „Ich habe mich alſo nicht getäuſcht. Mein alter Spürſinn verleugnet ſich nicht, wenn es einen Feind zu wittern gibt. Welche Gäſte hat das gedankenloſe Kind unter ſein Dach geführt. Ja, ſie lauern auf eine Gelegenheit, um ihr Schaden anthun zu können; aber welchen? Das muß ich herausbringen. Es ſoll ihnen jedoch nicht gelingen; denn noch lebt Walter, um zu wachen. Du hatteſt Recht, du ſchlaues Weib, den Mulatten zu fürchten. Eine Annäherung zwiſchen uns wird zu einem Streit auf Leben und Tod führen — und ohne einen Sieg für dich.“ XIII. Am Morgen darauf ſtand Gurli vor dem Ge⸗ mälde über dem Kamin im Saale, als Stephan eintrat. „Wie!“ rief er aus,„ich glaube, daß Du nun deinerſeits dieſen geheimnißvollen Finger zu betzgchten anfängſt? Ich kann nicht begreifen, warum Du pieſes Zimmer hier mit dem garſtigen Bilde ſo ganz in 87 ſeiner alten Geſtalt gelaſſen haſt. Hätte der Zufall mich zum Herrn von Birgersborg gemacht, ſo wäre meine erſte Sorge geweſen, das Gemälde zu verbrennen, den Kamin niederzureißen und dieſen düſtern Saal in einen hellen und heitern Tempel für den Genuß der Tafelfreuden zu verwandeln. Jetzt verliert man beinahe den Appetit, wenn man hier eintritt, ſo dick iſt die Luft und ſo peinlich der Eindruck. Wie kann man dergleichen unbehagliche Erinnerungen feſtzuhalten — ſuchen?“ „Es gibt andere Erinnerungen, bei welchen es mir noch viel unbegreiflicher vorkommt, daß, man ſo feſt daran hängen kann,“ erwiederte Gurli. „Wirklich? Die unangenehmen ſind deſſen wohl am wenigſten werth.“ „Allerdings, aber die unverſöhnlichen verdienen es doch wohl noch in geringerem Grade.“ „Mag ſeyn; aber wir kommen von unſerem Ge⸗ genſtande ab. Warum haſt Du den Saal unverändert gelaſſen?“ „Um jedesmal, wenn ich denſelben betrete, mir in's Gedächtniß zurückzurufen, daß die Unart, der Uebermuth und die Bosheit, welche ich mir als ein unverſtändiges Kind zu Schulden kommen ließ, dich mir zum Feindefür das ganze Leben machten.“ „Wer hat behauptet, daß ich dein Feind ſey?“ „Du ſelbſt, als ich dir meine Hand zur Freund⸗ ſchaft bot.“ „Daß ich das gethan, iſt mir ganz entfallen,“ ſagte Stephan nachläſſig.„Möglich, daß ich auch alles Bittere aus meiner Kindheit vergeſſen könnte, wenn Zimmer mich nicht immer daran mahnte.“ „Und wir könnten Freunde werden,“ fuhr Gurli ganz munter heraus. StäicSce 88 „Zwiſchen Feind und Freund iſt ein ſo großer Abſtand, daß man nicht ſo leicht von dem einen zum andern überzugehen vermag. Uebrigens iſt ja der einzige Freund des reichen Fräuleins Falkenſtern ein Marmorkreuz.“ Er drehte ſich auf dem Abſatze um und fügte hinzu: „Ich bin den ganzen Morgen hergegangen und habe von der jungen Jtalienerin phantaſirt, von wel⸗ cher Allon geredet hat. Wir wollen nun ſehen, ob ich ſo glücklich bin, mein Herz im Ernſte zu verlieren. Verliebt hin ich ſchon dutzendmal geweſen, aber es hat nur vierundzwanzig Stunden lang gedauert.“ Er ging auf die Teraſſe hinaus. Eine Weile darauf kam auch Gurli nach. „Ah ſo, dein Herz iſt noch frei,“ nahm ſie wieder 6„ ſcherzend das Wort.„Es iſt gut, daß Du mich da⸗ rüber aufklärteſt. Das hat mir einen Gedanken ein⸗ gegeben.“„ „Welchen, wenn ich fragen darf?“ Stephan hatte ſich auf eine Bank geſetzt und betrachtete Gurli, den Arm auf einen der kleinen Tiſche geſtützt. „Den Gedanken, dir einen Heirathsantrag zu machen,“ antwortete ſie ungenirt. Eine dunkle Flamme flog über Stephans Stirne, und er bedeckte ſie mit der Hand. Gurli fuhr, ohne ihm Zeit zur Antwort zu laſſen, rt „Du liebſt Lurus, Wohlleben und allen mög⸗ lichen Comfort. Du haſt Geiſt und ausgezeichnete Kenntniſſe. Ich bin reich, ohne mein Glück zu ſchätzen, und darum mache ich dir, der Du auf Vert ögen einen Werth ſeteſt, den Vorſchlag, einen Tauſch einzu⸗ gehen. Du erhältſt meinen Reichthum, ich deinen Namen, und auf dieſe Weiſe kommen wir den Wün⸗ ſchen des Verſtorbenen nach. Du haſt nicht um die reiche Frau gefreit, nicht ihr Herz zu gewinnen geſucht — Etwas, das dein Stolz dir verbot; aber ſie hat dagegen dir ihre Hand angeboten und wird ihrerſeits ſich glücklich ſchätzen, wenn ſie nicht mehr das reiche Fräulein Falkenſtern iſt. Nun, Stephan, welche Antwort gibſt Du mir?“ Stephans Angeſicht war von ſeiner Hand bei⸗ nahe gänzlich bedeckt. Gurli konnte unmöglich darin welchen Eindruck ihre Worte auf ihn gemacht atten. Ohne ſeine Stellung zu verändern entgegnete er: „Dein Vorſchlag, Gurli, kommt mir höchſt ſeltſam or, und um deiner ſelbſt willen vermuthe ich, daß es nur ein Scherz iſt. „Nein, ich ſcherze nicht, ich habe niemals ernſt⸗ hafter geſprochen.“ „In dieſem Fall mußt Du einen ſehr geringen Begriff von meiner Ehre haben; und Du konnteſt wohl nicht einen Augenblick bezweifeln, welche Ant⸗ wort ich dir geben würde. „Hätte ich es zum voraus gewußt, ſo würde ich wohl nicht die Frage an dich geſtellt haben.“ Stephan zog nun die Hand, unter welcher ſein Sit verborgen geweſen, hinweg und wandte daſſelbe Gurli zu. Sein Ausſehen war nicht ſo ruhig wie gewöhn⸗ lich. Die Wangen zeigten ein lebhafteres Roth. „Wofür willſt Du, daß ich die Frau anſehen ſoll, welche den einen ihrer Couſins liebt und von ihm wieder geliebt wird, aber dem andern ihre Hand bietet?“ fragte Stephan. Schwartz, Der Rechte. II. 90 „Wie dir beliebt. Du kannſt ja annehmen, daß ſie denjenigen, dem ſie ihre Hand und ihren Reichthum anbot, dazu durch den Willen deſſen berechtigt glaubt, welchem ſie den letztern zu verdanken hat, und daß ſie gewiſſermaßen als eine Pflicht gegen den be⸗ trachte.. „Welchen ſie liebt,“ fiel Stephan ein, und ein bitteres Hohnlächeln kräuſelte ſeine Lippen.„Sie konnte ſomit ſich die Möglichkeit denken, dem ihre Hand zu reichen, welchem ſie ihr Herz nicht ſchenkte.“ „Ja, das hätte ſie gekonnt, um eine Pflicht zu erfüllen,“ entgegnete Gurli. „Eine ſchöne Phraſe, um eine häßliche That dar⸗ unter zu verbergen. Doch baß geht dich allein an. Ich bin nicht dein Richter; aber ſage mir, welche Achtung könnteſt Du vor dem Manne haben, welh eine reiche Frau heirathete, ungeachtet er wußte, d ſie einen andern liebte?“ „Ich bin nicht ſein Richter,“ antwortete Gurli, Stephan's Worte wiederholend.„Ich habe den Vor⸗ ſchlag gemacht, weil ich mich hiezu verpflichtet ſah, und kann ſomit keine Reſolution darüber geben.“ „Dann will ich es thun,“ erwiederte Stephan indem er ſich erhob.„Im Fall ich das von dir ge⸗ machte Anerbieten annähme, wäre ich ein Mann ohne Chre, ſo feil, daß ich alle Selbſtachtung ver⸗ wirkt und mich unwürdig gemacht hätte, einmal als ein rechtſchaffener Richter das Geſetz zu handhaben. Der welcher aus niedriger Gewinnſucht ſeine Freiheit verkauft, der wird auch eines Tags, wenn es gilt, mit ſeinem Gewiſſen Handel treiben.“ „In Ueberſetzung will das heißen, daß Du dem reichen Fräulein Falkenſtern einen Korb gegeben haſt. Komm nun und ſage, daß ſie ſich für ihr Gold Alles 103 gräßlichen Elend getrieben, dein Gold begehrte,“ fiel Stephan ein.„Komm' nun, daß ich dich heimbegleiten kann. Schluchzen und Klagen können Felir das Leben nicht wieder ſchenken, welches er in deinem Dienſte und als dein Genoſſe auf den Nachtwanderungen, die die Du ſo gern machteſt, verloren hat. Mir dünkt, es wäre beſſer, Du würdeſt den Heimweg antreten, an⸗ ſtatt bei dem lebloſen Körper des Hundes zu ver⸗ weilen.“ Gurli erhob ſich. Stephans kalte, harte Worte thaten ihrem betrübten Herzen weh, und ohne darauf Etwas zu erwiedern, folgte ſie ihm ſchweigend nach Birgersborg. Als ſie über den Hof gingen, gab es zwei Augen, welche dieſelben um dieſe Zeit mit einander heimkehren ſahen, und dieſe waren— Beate's. Am folgenden Morgen fügte ſie dem Briefe an S eine Nachſchriſt bei; ſie lautete folgender⸗ maßen: „Wie verderbt die Welt iſt, kannſt Du ſelbſt be⸗ urtheilen, wenn ich dir ſage, daß Gurli heute Nocht ungefähr um ein Uhr von einer Promenade bei Mond⸗ ſchein heimkehrte. „Ich war eben mit dem Briefe an dich fertig und beabſichtigte, mich zur Ruhe zu begeben, als ich Gurli und Stephan heimkommen ſah. Und dieß, mein Bruder, geſchieht an demſelben Tage, da ſie Al⸗ lon das Verſprechen ihrer Liebe und ihrer Hand ge⸗ geben hat. Ich habe mich ſomit nicht betrogen, als ich in dieſem Stephan einen Feind von meines Allon Glück erblickte. Wie können wir eine Verbindung zwiſchen Gurli und Allon beſchleunigen, damit nicht meinem Sohne zum zweiten Mal ein Vermögen verloren geht, welches keinem Andern als ihm gebührt? „Welchen Gebrauch habe ich deiner Anſicht nach von dieſer Entdeckung zu machen? Soll ich darüber ſchweigen, bis Gurli Allon's Frau geworden iſt, oder ſogleich ſagen, was ich geſehen habe? Kläre mich dar⸗ über auf, wie ich es mächen ſoll, um recht zu handeln. Die Obige.“ XVI. Am Morgen fand Allon auf ſeinem Nachttiſch beim Erwachen ein Billet folgenden Inhalts: „Ich bedarf auf ein paar Tage der Einſamkeit und reiſe deßhalb nach Erikstorp. Ich wünſche dort in ungeſtörter Ruhe zu bleiben und erſuche dich, ſo lange ich abweſend bin, meine Stelle bei meinen Gä⸗ ſten zu erſetzen. Mache mit ihnen einen Ausflug nach Ein ſolcher wird ſie gewiß intereſſiren. Suche mich nicht auf; dieß würde mir mißfallen, denn ich will allein und der Nothwendigkeit, Jemand zu ſehen, überhoben ſein. Lebe wohl! urli Allon betrachtete das Billet, als ob er den In⸗ halt deſſelben nicht verſtände. War dieß ein Schrei⸗ ben, wie er es von der Frau, die er liebte und welche geſtern ihm Hand und Herz gelobt hatte, erwarten konnte? Sollte er ſo mit ſich ſprechen laſſen, nachdem ſie mit erröthenden Wangen der Schilderung ſeiner Zärtlichkeit gelauſcht hatte? Armer Allon! Es war wirklich ein bitterer Augen⸗ blick. Er fühlte den ganzen Unterſchied zwiſchen ihrer und ſeiner Liebe und empfand etwas wie Erniedri⸗ 105 gung, wenn er ſich ins Gedächtniß zurückrief, daß ſie reich und er arm war. Würde Gurli ihn wohl ſo behandelt haben, wenn das Verhältniß umgekehrt geweſen wäre? Nein. Das Bewußtſein, alle materiellen Vortheile auf ihrer Seite zu haben, brachte ihr die Meinung bei, ſie könne ſich Alles für Gold erkaufen, ſelbſt einen Mann, und die Folge davon war, daß ſie ſich dieſe Rückſichtsloſigkeit in ihrem Benehmen geſtattete. „Liebte ſie, wie ich ſie liebe,“ dachte Allon,„ſo vergäße ſie den Unterſchied der Vermögensverhältniſſe zwiſchen uns. Doch Gurli kennt mich nicht, wenn ſie glaubt, ich denke mich behandeln zu laſſen, als ob ſie meine Liebe gekauft hätte. Ich kann derfelben ihr Verſprechen zurückgeben, aber ich ertrage es nicht, daß ſie mich als einen Sklaven ihrer Launen anſieht.“ In ſeinem Innerſten verwundet, fühlte ſich Allon ſo aufgeregt, daß er, weit entfernt, ſich nach Gurli's Willen zu richten, vielmehr demſelben Trotz zu hieten beſchloß. Er gab alſo Befehl, ein paar Pferde einzu⸗ ſpannen, und fuhr, ohne zuvor ein Frühſtück einzuneh⸗ men, nach Erikstorp. Er hatte zur Abſicht, ſeine Gedanken frei auszu⸗ ſprechen und Gurli zu beweiſen, daß er ſeine Liebe für allzu heilig hielt, um ſie auf ſolche Weiſe behan⸗ deln zu laſſen. In Erikstorp angekommen, ſah er Eliſabeth auf der Treppe vor dem Hauſe ſtehen. Allon war mit einem Sprung aus dem Wagen und an ihrer Seite. „Wo iſt Gurli, Miß Stewart?“ ſagte er,„ich wünſchte ſogleich ſie zu ſprechen.“ „Beſter Herr Sekretär, ſie hat Ihnen ja die Mit⸗ theilung gemacht, daß es ihr Wunſch wäre, hier allein Schwartz, Der Rechte. I. 8 zu bleiben. Als Freundin von Beiden bitte ich Sie, reiſen Sie nach Birgersborg zurück, ehe dieſelbe Kunde von Ihrer Anweſenheit erhält. Sie iſt heute in ſehr reizbarer Stimmung, duldet keinen Widerſpruch und würde ſicherlich Ihre Ankunft übel aufnehmen.— Es würde zu einer unangenehmen Scene führen.“ „Sehr möglich,“ erwiederte Allon,„aber ich muß es mir ſchon gefallen laſſen. Ich bin heute auch nicht in der Laune, mit mir ſpielen zu laſſen. Gurli dürfte wirklich dießmal gezwungen ſein, ſich nach etwas An⸗ derem, als nach ihrem eigenen Willen zu bequemen.“ „Heute wäre es aber grauſam, ſie noch mehr zu betrüben und aufzuregen. Sie leidet ſehr.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer,“ entgegnete Allon bitter, indem er die Lippen zuſammenpreßte.“— Wel⸗ ches Unglück hat ſie denn betroffen?“ „Felix iſt todt.“ „Alſo um ihn zu beweinen, entflieht ſie mir?“ „Sie wiſſen, wie ſehr ſie an dem treuen Thiere hing,“ fiel Eliſabeth freundlich ein.„Laſſen Sie darum Gurli in Frieden. Morgen kommt ſie ſchon nach Birgersborg zurück.“ „Miß Stewart, ich kann Ihr Begehren nicht er⸗ füllen“ antwortete Allon.„Ich muß jetzt, jetzt Gurli ſprechen, und ich geſtehe aufrichtig, daß ich für deren Kummer über einen Hund keine Sympathie habe.— Wollen Sie darum die Güte haben und mir ſagen, wo ich meine Coufine treffen kann.“ Eliſabeth zog ſich auf die Seite, um mit dieſer Bewegung Allon zu erkennen zu geben, daß es ihm frei ſtehe, Gurli aufzuſuchen. Er verſtand ſie, wandte ſich nach dem Saale, ſchritt durch denſelben und durch ein paar weitere Zimmer zur Rechten und ſah ſich vor der Thüre zu einem Kabi⸗ 107 net, wo Gurli, wie er wußte, gern verweilte, wenn ſie zu Erikstorp ſich befand. Er legte die Hand auf das Schloß; die Thüre ging auf. Am Fenſter, derſelben gegenüber, ſaß Gurli. Sie hatte den Kopf auf die Hand geſtützt, und ihre ganze Haltung zeugte von NRiedergeſchlagenheit. Sie hörte nicht, wie Allon eintrat. Er hielt an und blieb ſtehen, um ſie zu betrach⸗ ten; dann that er entſchloſſen ein paar Schritte vor⸗ wärts. Bei dem Geräuſche davon drehte Gurli den Kopf um. Eine Flamme des Zorns, der Ueberraſchung oder Gott weiß, was es war, flog über ihre Wangen. „Allon!“ rief ſie. „Jo, Allon, den Du mit Füßen trittſt, den Du von dir jagſt, wenn er dir beſchwerlich iſt!“ rief Al⸗ lon heftig.„Gurli, Gurli, was ſoll ich von dir den⸗ ken? Geſtern um dieſe Zeit ſagteſt Du, ich ſey dei⸗ nem Herzen theuer, Du gabſt mir das feierliche Ver⸗ ſprechen, Du nahmſt meine Liebe an und verpflichteteſt dich, ſie zu erwiedern, und heute behandelſt Du mich als einen Gegenſtand, wornach Du nicht fragſt, als Etwas, dem Du ausweichſt, weil es dir beſchwerlich iſt. Du glaubſt mein Herz darum zertreten zu können, weil ich arm an Gold bin; aber Gurli, Du irrſt dich, dieſes Herz iſt zu ſtolz, um dergleichen zu ertragen. Wäreſt Du in Lumpen gehüllt, ich hingegen der reichſte Mann von der Welt, könnte ich doch nie anders als dich verehren und anbeten. Meine Liebe hätte dich reich und mächtig gemacht.— Jetzt— will ich dein Gold nicht haben, da dein Herz ſo arm iſt. Ich gebe dir alle deine Verſprechungen zurück, da Du deine Liebe mir nicht ſchenken kannſt. Ich würde als der geringſte, der ärmſte Menſch glücklich geweſen ſein, wäre deine ſo groß wie die meinige geweſen. So „Mußt Du,“ unterbrach ihn Gurli,„nicht mit Zorn, ſondern mit Ruhe ſchließen.“ „Und warum ſollte ich es?“ rief Allon und faßte ihre Hand.„Glaubſt Du mit deinen Schätzen das Recht erkauft zu haben, über mich zu gebieten? Hältſt Du vielleicht mein Herz für einen Handelsartikel, mit dem Du nach Belieben verfahren kannſt?“ „Ich halte dich für ſehr aufgeregt, mein armer Allon,“ erwiederte Gurli mit kalter Stimme,„ſonſt würdeſt Du dir nicht dieſen Ausbruch ohne alle Ver⸗ anlaſſung geſtattet haben.“ „Ohne alle Veranlaſſung?“ fiel Allon bitter ein; „haſt Du vergeſſen, wie dein Brief geſchrieben war?“ „Gewiß nicht; was ich da ſchrieb, fühlte ich auch. Höre mich an, Allon, und bemühe dich, einige Tropfen Beſonnenheit in deine Seele zu träufeln. Vielleicht komme ich nie mehr in die Stimmung, dergleichen An⸗ klagen zu dulden oder mit vollkommener Ruhe zu be⸗ antworten. Meine Gemüthsart iſt im Allgemeinen nicht geduldig. Vergiß darum einen Augenblick mein Billet und den Verdruß, welchen es hervorbrachte, und ſe dich hieher an meine Seite, ſo will ich mich er⸗ ären.“ „Gurli, es iſt nicht Verdruß, was ich fühle, ſon⸗ dern Schmerz und Verzweiflung,“ fiel Allon ein. „Wir wollen nicht um Worte ſtreiten, ſondern uns an die Sache halten,“ entgegnete Gurli, dießmal nicht ohne einen Anſtrich von Ungeduld.„Du betrach⸗ teſt meine Reiſe hieher als etwas für dich Verletzen⸗ des, als ein Spiel mit deinen Empfindungen und als einen Beweis von Mangel an Zuneigung auf meiner 109 Seite; denn dieß iſt wohl der Hauptinhalt aller der Worte, welche Du dir entfallen ließeſt. Sieh hier meine Antwort. Ich fuhr hieher, um in der Einſam⸗ keit den einzigen Freund meiner Kind⸗ heit zu beweinen, Felir! Er, welcher mich liebte, da Andere mich haßten, er, welcher um Hülfe rief, als ich, ein einſames und verzweifeltes Kind, vor Kälte und Ermüdung an dem Thore von meines Stiefvaters Wohnung niedergeſunken war. Genug, ich wollte nicht mit meiner Trauer dich plagen, nicht in deiner Nähe an die Zeit zurückdenken, da wir, Du und ich, un⸗ freundliche und bittere Gefühle gegen einander hegten. Ich, die ich von dir ſo gering geachtet werde, daß Du glaubſt, ich habe meiner Anſicht nach dein Herz ge⸗ kauft, um nach Eingebung der Laune es behandeln zu können— ich wollte nicht mit dieſen unbehaglichen Er⸗ innerungen aus den Kinderjahren, welche Felir jetzt hervorgerufen hat, den erſten Tag entweihen, welcher graute, ſeitdem wir unſere Gelübde ausgetauſcht haben; floh ich hieher. Ich empfand das Bedürfniß, alles Chemalige zu vergeſſen zu ſuchen, ehe ich dich wie⸗ derſah. Ich fühlte, daß der Anblick deiner Mutter ge⸗ rade heute mir das Gemüth verbittert hätte.— Das ſind meine Beweggründe. Beweiſen dieſelben einen Mangel an Achtung für deine Empfindungen, ſo habe ich Unrecht gehabt, und Du biſt im Rechte.“ Gurli's Züge hatten einen milden und bekümmer⸗ n Ausdruck angenommen, und ſie ſetzte beinahe weich inzu: „Du klagſt jetzt ſchon über geringe Zärtlichkeit von meiner Seite. Allon, deine lage kann möglicher Weiſe gerecht ſein. Mein Herz iſt vielleicht nicht der⸗ ſelben Wärme fähig, wie das Deinige, darüber kann ich mit dir nicht ſtreiten. Aber vergiß niemals, daß — — 110 ich geſtern dir ſagte, ich wiſſe ſelbſt nicht, ob meine Zuneigung zu dir den Namen der Liebe oder Freund⸗ ſchaft verdiene. Ich habe bloß Eines klar vor mir, und dieß iſt, daß Du mir theuer biſt, daß ich mich der Hoffnung freue, dein Glück bereiten zu können. Und nun, Allon, entſcheide ſelbſt, ob dir dieß genug ſein kann.“ Gurli warf ſtolz den Kopf zurück und fuhr fort: „Du haſt über meinen Reichthum geklagt, Du betrachteſt ihn als ein Unglück. Dieß iſt eine Klage, welche Du niemals zu wiederholen Grund haben ſollſt. Ich beabſichtige dir die Qual zu erſparen, durch mich in den Beſitz der Millionen zu gelangen, welche die Urſache waren, daß deine Mutter mir Glück und Frie⸗ den raubte. An dem Tage, da unſere Geſchicke ver⸗ einigt werden, gedenke ich die Verfügung zu treffen, daß mein Gatte, der Sohn Beate's von Stral, keinen Antheil an dem Falkenſtern'ſchen Vermögen erhält.“ Gurli's Blick heftete ſich auf Allon. Er fah mehr überraſcht als beſtürzt aus. So viel von Geſchäften,“ fuhr ſie fort.—„Nun zu deiner und meiner künftigen Stellung. Dein Be⸗ nehmen von heute ſollte mich abſchrecken, auf der Bahn, die ich betreten habe, weiter zu gehen. Ich bin nicht deine Braut, viel weniger deine Frau, und dennoch nimmſt Du dir die Freiheit, um eines Nichts willen den Beleidigten zu ſpielen. Du glaubſt ſchon das Recht zu beſitzen, in mein Thun einzugreifen, dich zum Richter über daſſelbe aufzuwerfen und nicht zu dulden, daß ich mich meiner Freiheit bediene. Wenn Du ſchon vor der Hochzeit und Trauung ſo handeln kannſt, wie wirſt Du dich erſt hernach benehmen?“ „Gurli!“ rief Allon,„ich werde niemals anders handeln, als jetzt. Da Du mir dein Verſprechen ge⸗ * —— 111 geben haſt, ſo biſt Du meine Braut und gehörſt mir allein an; ich muß ſomit wohl das Recht haben, wenn Du vor mir fliehſt, die Frage: warum? aufzuwerfen. Du vermagſt das nicht in Abrede zu ziehen, und könnteſt Du einen Blick in mein Herz werfen, ſo.... „Sprich nicht mehr von deiner Liebe; Worte ver⸗ klingen und laſſen Nichts in meiner Seele zurück, nicht einmal ein Echo; die That allein gilt vor mir und dieſe ſpricht nicht zu deinem Vortheil; ſie beweist Zweifel. Liebe ohne Glauben iſt ein Phantaſiegebilde ohne Wirklichkeit; Liebe ohne Nachſicht und Verträg⸗ lichkeit iſt ein Körper ohne Herz. Liebſt Du wahr und aufrichtig, ſo mußt Du an mich glauben; liebſt Du ohne Selbſtſucht, ſo mußt Du überſehen und ver⸗ zeihen, im Fall ich nicht allezeit deinen Hoffnungen entſpreche. Mein Herz, Allon, iſt nicht von Wachs, es iſt von einem harten Stoff; mein Sinn iſt frei und duldet keinen Zwang, mein Charakter iſt unbeugſam. Ich könnte möglicher Weiſe etwas beſſer geworden ſeyn, als ich bin, aber auch weit ſchlimmer. Nimm dich in Acht, den ſchlimmeren Menſchen in mir zu reiʒ zen. Und nun kehre nach Birgersborg zurück.“ „Viel von dem, was Du ſagſt, ſchließt etwas Wahres in ſich und ich werde mich bemühen, deiner Worte eingedenk zu bleiben,“ entgegnete Allon in ru⸗ higem und ernſtem Ton.„Du forderſt mich auf, nach Birgersborg zurückzukehren, Gurli, Du ſagteſt ſo eben: mit Werken, nicht mit Worten beweist man ſeine Liebe. Ich flehe dich an, mache dieſen Satz zur That, indem Du ſo handelſt, daß deine Neigung zu mir daraus hervorleuchtet. Was ich begehre, iſt ſo wenig; begleite mich nach Birgersborg oder geſtatte mir, hier zu bleiben.“ 6 Gurli ſah ihn mit einem Blick an, welcher deut⸗ lich ſagte: Haſt Du mich nicht verſtanden?“ Nach einem augenblicklichen Beſinnen erwiederte ſie „Wir reiſen in einer Stunde. Gib Befehl dazu.“ Gurli wandte ſich von ihm mit einer heftigen Be⸗ wegung ab, welche den Wunſch ausdrückte, daß er ſie verlaſſen möchte. Eine Stunde ſpäter rollte der Wagen mit Allon, Eliſabeth und Gurli nach Birgersborg. Niemand ſprach unterwegs. Gurli ſah aus, als ob ſie von der reizbarſten Gemüthsſtimmung beherrſ cht würde, obwohl ihre Lippen ſchwiegen. Allon's Angeſicht wechſelte unaufhörlich die Farbe. Seine Augen waren unverwandt auf Gurli geheftet. Eliſabeth dachte: „Allon wird niemals Gurli verſtehen lernen.“ XVII. Gurli ſtieg am Park aus, da ſie nicht bis zum Hauſe fahren wollte. So folgten auch Eliſabeth und Allon ihrem Beiſpiel. 2„Willſt Du nicht meinen Arm nehmen, Gurli?“ fragte Allon. „Warum nicht? Er ſoll ja meine Stütze im Leben werden,“ antwortete ſie lächelnd. „Soll!“ rief Allon und beugte ſich zu ihr nieder. „Dieß lautet ja wie Zwang.“ „Gewiß. Und wann wären wir Sterbliche wohl einem größeren unterworfen als demjenigen, welchen unſer Herz uns auferlegt.“ „Findeſt Du dieſe Sklaverei drückend?“ 113 8 „Allon, wir haben genugſam über dieſen Gegen⸗ ſtand geſprochen. Daß ich die Sklavin meiner Zu⸗ neigung zu dir bin, beweist meine Anweſenheit hier in dieſem Augenblick, wo ich an einem ganz andern Ort zu ſeyn gedachte.“ Allon küßte Gurli's Hand und ſagte eine jener Phraſen, deren ſich alle Verliebte bedienen. Dieſe an ſich immerdar platten Verſicherungen eines Glücks, welches höchſt ſelten ſich verwirklicht, und einer Treue, welche ebenſo ſelten Stand hält, ſiter Gurli. Sie ſchnitt auch Allons Aeußerungen urz ab. Als ſie in den Garten traten, war die üble Laune wieder bei ihnen eingekehrt. Allon war ver⸗ ſtimmt über Gurli's Art und Weiſe, ihm den Mund zu ſchließen;— Gurli ärgerte ſich darüber, daß er nicht begreifen konnte, wie dieſes Gerede von dem, was er fühlte, ihr mißliebig wurde. Als ſie ſich ganz nahe bei der Terraſſe befanden, hörten ſie muntere Stimmen, welche in einem Ge⸗ ſpräch mit einander begriffen waren. Gurli unter⸗ ſchied Stephan's Stimme, welcher in fließendem Ita⸗ lieniſch eine lebhafte Converſation führte. Sie hörte ihn ſagen: „Ich bitte um Gnade, hören Sie auf mit dieſen tauſend Anklagen. Sie ſehen ja, daß es mir ganz ſchwindelt und ich allen Muth verliere, mich zu ver⸗ theidigen.“ „Was mir beweist, daß Sie ſich von der Wahr⸗ heit getroffen fühlen. Sie ſind, Signor, der Flüch⸗ tigſte aller Fluͤchtigen, der Gefährlichſte aller Gefähr⸗ lichen und der Treuloſeſte aller Treuloſen.“ „Da hört man, Signora, daß Sie eine Süd⸗ länderin ſind und an Superlativen Gefallen finden, 114 ſonſt würden Sie leicht zu dem ganz einfachen Schluß gelangt ſeyn, daß ich unmöglich auf ein Zuſammentreffen mit Ihnen, hier im Hauſe meiner Couſine rechnen konnte.“ Gurli war etwas bleich geworden, als ſie, ſich auf Allons Arm ſtützend, zur Terraſſe emporſtieg, ohne darauf zu achten, daß Allons Blicke feſt an ihrem Angeſicht hingen. Allon bemerkte die Bewegung, welche mit Gurli bei dem Laute von Stephan's Stimme vorging; aber mit den Ereigniſſen der vorangegangenen Nacht völlig unbekannt, vermochte er dieſe Bewegung nicht anders zu deuten, als daß ſie eine Urſache hätte, welche ihm ein Recht zur Eiferſucht geben mußte. Er fand jedoch keine Gelegenheit, für ſeine Hin⸗ gebung an jeden Eindruck auch nur den Beweis zu liefern, denn Gurli ging haſtig über die Terraſſe, be⸗ grüßte im Vorbeigehen Amy Teverino und Stephan i eilte auf ihr Zimmer, wo ſie den ganzen Tag ieb. Am Abend empfing Allon einen Brief von Gurli folgenden Inhalts: „Allon! „Es kommt mir vor, als wäre mein ganzes Innere eine verworrene und unleſerliche Schrift, aus ſo vielen verſchiedenen Sprachen zuſammen⸗ geſetzt, daß es wohl niemals gelingen wird, den Inhalt derſelben zu deuten. Am wenigſten vermag ich es ſelbſt. Ich fühle dunkel, daß ich das Rechte und Wahre im Leben finden ſollte, aber eine Stütze haben muß. Wer könnte dieß wohl beſſer ſeyn, als der Mann, welchen ich zu meinem Gatten gewählt abe? „Du liebſt mich ſehr.— Ich glaube es. 8 — — 11⁵ Die Liebe iſt die Löſung von des Lebens Räthſel, ſagt man. Der welcher von ganzer Seele liebt, hat ſomit das große Geheimniß des Lebens gefunden. „Du, Allon, wirſt durch deine Liebe auch mich lehren, es zu finden. S „Doch, ich bin nicht wie Andere, kann nicht denken und fühlen wie ſie, und darum wäre es vergeblich, durch Worte mich das Verſtändniß des Wahren und Schönen lehren zu wollen. Worte verklingen, Gefühle verbleichen, wenn man ſie ſchil⸗ dern will. „Erſt zweimal iſt die Sonne untergegangen, ſeitdem Du zum erſten Mal die Sprache der Liebe zu mir redeteſt, und dennoch bin ich dieſer Sprache ſchon müde. Sie findet keinen Wiederhall in mei⸗ nem Herzen. Ich werde Eis, während deine Worte Gluth ſind, ich friere, während Du brennſt, und ich will vor dir fliehen, während Du eine Antwort auf deine Rede verlangſt. „Ein Beweis von Mangel an Zärtlichkeit wirſt Du ausrufen.— Nein, Allon, ich glaube das nicht; denn wenn deine Lippen ſchweigen und mein Auge dem deinigen, welches ſpricht, begegnet, dann bin ich glücklich, dann fühle ich, wie lieb Du mir biſt, wie viel ich für dich und dein Glück opfern könnte. „Einmal verglich ich meine Liebe mit einer Pflanze; laß mich das Bild weiter verfolgen. Es gibt Gewächſe, welche im Schatten, am Fuße eines Felſen, wohin kein Sonnenſtrahl ſich verirrt, empor⸗ ſproſſen und blühen. Meine Neigung zu dir gleicht einem von dieſen Gewächſen; ſie iſt einem magern Boden ohne erwärmende Luft entſproſſen. „Wie die Blume an des Berges Fuß verwelkt, 1. S * 116 wenn Du ſie in den Sonnenſchein verpflanzen wollteſt, ebenſo würde es mit meiner Neigung er⸗ gehen. Deine glühenden und leidenſchaftlichen Worte paſſen nicht für meine Seele. Sie ſind allzu brennende Strahlen für mein Herz, welches dar⸗ unter abſterben würde. „Allon, liebe mich darum, ohne davon zu reden. Eines Tags, wenn meine Neigung zu einem großen Baum herangewachſen iſt und Sturm und Sonnen⸗ ſchein Trotz bietet, dann werden deine Worte für mich paſſen, aber jetzt nicht. Ich wünſche, daß deine Zärtlichkeit gegen mich ſtumm und unerſchüt⸗ terlich ſey, wie der Fels, an deſſen Fuß die meinige aufgewachſen iſt. „Geſtern ſagte ich, daß wir erſt in einem Jahr die Ringe wechſeln wollten. „Mein Freund, heute ſage ich: reiſe morgen in die Stadt und beſtelle ſie. Wenn Du wieder zurückkehrſt, wollen wir als Verlobte vor der Welt auftreten. „Biſt Du zufrieden, Allon? Ich weiß nicht, wie es kommt; aber ich fühle ein Bedürfniß, zu denken, daß ich damit deinen Wünſchen entgegen⸗ gekommen bin. Fliſabeth und ich, wir trinken morgen unſern Kaffee unten im Pavillon. Komm und ſage mir Lebewohl, ehe Du abreiſeſt. Dieß wünſcht Gurli.“ Als Allon mit dem Leſen dieſer Zeilen fertig war, ſprang er auf und rief laut: „Iſt das Wirklichkeit oder ein Traum? O, Gurli, Gurli, wie werde ich dir das Glück vergelten können, —— — 117 welches Du mir in dieſem Augenblicke ſchenkſt! Mein ganzes Leben wird nicht ausreichen, es dir zu lohnen! „Das wäre viel!“ bemerkte Beate in das Zimmer ihres Sohnes tretend. Allon's Angeſicht verfinſterte ſich, und er fragte ur 3: „Was ſuchſt Du, Mama?“ „Dich, mein Sohn. Ich will dir eine gute Nacht wünſchen,“ erwiederte Beate und drückte die Lippen auf Allon's Stirne. „Du biſt jetzt glücklich,“ ſetzte ſie hinzu.„Mein Platz iſt ſomit nicht an deiner Seite, denn im Sonnen⸗ ſchein des Glücks vergißt man die, welche im Schatten des Kummers leben; ſollte aber der Tag erſcheinen, wo die Freude dir untreu wird, und dein Himmel ſich in eine Hölle verwandelt, dann komm zu mir. Meine Arme ſtehen dir allzeit offen. Nun, gute Nacht! Möge Gott dich in ſeinen Schutz nehmen, damit Du nicht aus dem Irrthum erwacheſt, wovon Du jetzt be⸗ thört wirſt.“ Beate faltete die Hände, erhob die Augen zum Himmel und verließ langſam das Zimmer. Einen Augenblick ſah Allon ihr nach. Das Auftreten der Mutter war wie ein dunkler Schatten das ſonnenbeſchienene Gemälde ſeiner Glückſeligkeit gefallen. Ihre Worte verhallten gleich einer unheilvollen Weiſſagung in ſeinem Innern, doch nur auf einen kurzen Augenblick, denn wie lang blei⸗ ben wohl dergleichen Eindrücke in der Seele eines verliebten jungen Mannes, welcher von ſeiner Aus⸗ erwählten das Verſprechen ihrer Hand erhalten hat! Allon verbannte daher auch dieſen peinlichen Ein⸗ druck und vergaß ihn vollſtändig, als er noch einmal Gurli's Brief durchlas, in welchem er ſo viel Zart⸗ 118 ſinn, Vertrauen und ſchüchterne weibliche Hingebung fand, daß er ſich ihn nicht anders wünſchen zu können glaubte. Er überſah dabei, wie der Geiſt ſelbſt, welcher aus denſelen redete, nur allzu deutlich verrieth, daß 1 Gurli ihm nicht mit eigentlicher Liebe zugethan war. Hätte Allon ruhiger und ernſter ſich in Gurli's Gemüthsart und Charakter hineingedacht, ſo würde dieſer Brief ihn ſicherlich beunruhigt haben. Jetzt erblickte er darin nur, was er ſelbſt wünſchte, und fühlte ſich ſtolz, wenn er bedachte, daß ſie, Gurli, welche ſonſt ſo viel Zuverſicht auf ihre eigene n beſaß, jetzt zu u as ihrer einzigen Stütze im Leben, ihre Zuflucht nahm. Wie angenehm ſchmeichelte dieß nicht ſeiner Eigen⸗ li be und ließ ihn ganz vergeſſen, daß ſie ſich der ſhr der Liebe von ſeinen Lippen ſchon müde fühlte Allon ſchief Se Racht glücklich wie ein Sieger, wece eine Welt erobert hat. mn. 3 Als Allon am folgenden Vormittag nach burg abgereist war, ließ Gurli aus de Architekten herbeiruſen und bedeutete den Kamin im Saale abbrechen und de letteren völlig austapezieren zu laſſen, und zwar ſölkte Fieß alles im Laufe von einer, höchſtens zwei Wochen ge⸗ ſchehen ſeyn. Der Baumeiſter, ein junger, eleganter Mann, machte ganz artig einige Einwendungen, aber Gurli S2 unterbrach ihn kurz mit den Worten: „Es mag koſten, was es will, wenn ich nur in „——— — p — 119 vierzehn Tagen das Zimmer in einer andern Geſtalt, hell und prachtvoll, zu ſehen bekomme. Ich habe von Gothenburg neue Möbel verſchrieben und bin ver⸗ ſichert, daß der Ausdruck„unmöglich⸗ ſich in dem Wotletbuch des Herrn Baumeiſters nicht findet.“ Der junge Mann verbeugte ſich und erklärte, er würde das Unmögliche, da das Fräulein es ſo wünſche, möglich zu machen ſuchen. Wenn man eine junge, ungewöhnlich ſchöne und unermeßlich reiche Frau vor ſich hat, kann man ihr nicht widerſprechen. Eine Stunde hernach war man in voller keit mit dem Abbruche des Kamins. Gurli ſaß auf der Terraſſe und folgte mit einem gewiſſen Intereſſe der Arbeit. Das Gemälde, welches über dem Kamin ſich befunden hatte, lehnte neben ihr auf der Bank. 8 Als der erſte Stein fiel, kam Walter zu Gurli heraus und rief mit großer Heftigkeit: „Um Gotteswillen, Fräulein Gurli, laſſen Sie den Kamin nicht niederreißen; Sie wiſſen nicht was Sie thun!“ „Ei, beſter Walter, das weiß ich ganz gewiß. ch beabſichtigerden. Saal in ein ſchönes Zimmer mit oßen prüchtigen Hefen und hellen Tapeten ver⸗ laſſen, antwortete Gurli. PBekleiden Sie die Wände, womit Sie wollen, aber laſſen Sie den Kamin unberührt.“ „Und warum?“ 4 „Weil der Kapitän zu ſeinen Lebzeiten großes Gewicht darauf gelegt hat, daß er nicht zerſtört wer⸗ den ſollte.“ 4 „Gewicht darauf gelegt hat?“ wiederholte Gurli, indem ſie Walter aufmerkſam betrachtete.—„Verbirgt Thätig⸗ 120 denn der Kamin da ein Geheimniß? Vielleicht kann ich die Löſung eines Räthſels finden, welches der Ver⸗ ſtorbene mit ſich in das Grab nahm.“ Sie wandte ſich nun nach dem Saale und rief den Arbeitern zu: „Ich wünſche, daß es raſch mit dem Werke vor⸗ wärts gehe.“ „Sie wollen alſo, Fräulein Gurli, nicht auf die Bitte Ihres alten Freundes hören?“ fragte Walter. „Dießmal nicht, mein lieber, lieber Walter. Du haſt zu viel geſagt, als daß ich es thun könnte. Gib einen andern Grund an als den vorgebrachten, und ich werde ihn möglichſt in Erwägung ziehen.“ „Ich habe keinen andern.“ „Dann kann ich darauf keine Rücſicht nehmen,“ antwortete Gurli. „Fräulein Gurli,“ fuhr Walter fort, ihre Hand faſſend,„ich beſchwöre Sie bei dem Andenken Ihrer Mutter, von der Zerſtörung des Kamins abzuſtehen!“ „Walter, nenne den Namen meiner Mutter nicht in Zuſammenhang hiemit!“ rief Gurli.„So lang ich zurückzudenken vermag, habe ich dieſem Kamin und Gemälde eine düſtere Bedeutung beigelegt. Ich ſage düſter“, um nicht ein ſchwereres Wort zu gebrauchen. Dieſer ganze Reichthum iſt mir als Etwas vorge⸗ kommen, zu deſſen Beſitz Bengt Falkenſtern auf un⸗ rechte Weiſe gelangt iſt. Seit dem Erſcheinen jener Frau hat dieſe Ahnung ſich in mir nur befeſtigt. Ich glaubte beſtändig den ſchleichenden Schritt eines heim⸗ lichen Feindes auf meinen Ferſen zu hören, welcher dafür Rache nehmen will, daß ich jetzt Etwas inne⸗ habe, das der Todte durch Teſtament zu vererben niemals das Recht beſaß.— Vielleicht werden dieſe — 121 Gedanken verſchwinden, wenn ich das Gemälde und den Kamin nicht mehr vor mir ſehe.“ „Noch ein Wort,“ ſprach Walter ernſt;„möge Gurli Falkenſtern niemals vergeſſen, daß die Ehre des Gatten von ihrer Mutter ihre eigene Ehre iſt. Kränkt ſie die erſte, ſo leidet auch ihre eigene darunter, und Schmach und Schande wird auf das Andenken des Todten geworfen.“ Der Mulatte und Gurli ſahen einander an. Das Antlitz des jungen Mädchens gewann einen mildern Ausdruck. Das Gebieteriſche verſchwand, und ſie reichte Walter die Hand mit den Worten: „Ich werde dir das niemals vergeſſen, du treuer Wächter von deines Herrn Ehre.“ Die Maurer arbeiteten friſch darauf los, als Gurli und Walter in den Saal traten. Sie blieben dort ſtehen, um mit gleich lebhaftem, wiewohl ver⸗ ſchiedenem Intereſſe der Arbeit zu folgen.. Als die Glocke zum Mittagsmahl läutete, war der Kamin abgebrochen, ohne daß man Etwas einge⸗ mauert gefunden hätte. EGurli ſcherzte mit Walter darüber, daß kein Ge⸗ heimniß dahinter geborgen war, und begab ſich in den Pavillon hinab, wo man während der Reparatur des Saales das Diner einnehmen wollte. Am Nachmittag hatte Jedermann ſein beſonderes Geſchäft, ſo daß man ſich nach dem Kaffee trennte. Gurli ließ das Gemälde in den Pavillon hinab⸗ ſuhen und in das daſelbſt befindliche kleine Kabinet ellen. „ Die Nacht brach ein. Gurli ſaß oben in dem kleinen Salon an dem offenen Fenſter und beſprach ſich mit Eliſabeth, oder hörte vielmehr auf das, was dieſe ſagte. Schwartz, Der Rechte. II. 9 Sie redete mit tiefem Ernſt von dem Schritt, den Gurli gethan, indem ſie die Verlobung beſchleu⸗ nigt hatte, was ihr von Gurli anvertraut worden war. Gurli hörte Eliſabeth ſchweigend zu. Es lag Wahrheit in Allem, was ihre ehemalige Lehrerin äußerte. Jedes Wort ſprach zu ihrem Verſtand, und dennoch fühlte ſie, daß dieſes beſonnene und kluge Raiſonnement nicht mächtig genug war, eine Aende⸗ rung in ihrem Entſchluſſe hervorzubringen, pder das Dunkel aufzuhellen, das ihr Inneres unſchattete. Zum erſten Mal vermißte Gurli die Wärme der Seele in Eliſabeths Worten, und es dünkte ihr, dieſes Philoſophiren über die Geheimniſſe des Herzens falle wie ein Nachtfroſt auf ihr Inneres. Es lag daher eine gewiſſe Wehmuth in Gurli's Miene, als ſie in die Nacht hinausſchaute. Rings herum herrſchte eine grabähnliche Stille. Wir laſſen die ehemalige Schülerin bei ihrer Gouvernante, um zu ſehen, ob alle Andern in dem großen Hauſe ſchliefen. Es hatte zwei Uhr nach Mitternacht geſchlagen, als die Thüre zu dem Saale im untern Stockwerk aufging und Madame Teverino mit lautloſem Schritt hereinſchlich. Sie ging auf den leeren Platz zu, wo das Kamin geſtanden war, unterſuchte jeden Stein in der Wand, chaute in jede Fuge, und da dieſe Nachforſchung zu keinem Reſultat führte, betrachtete ſie die Steinplatten des Bodens unter dem ehemaligen Kamin. Sie ſchob das Geröll hinweg und keuchtete auf jeden der Steine. Endlich haftete ihr Blick auf zwei, welche neuer ausſahen, als die andern. Sie ergriff eine Spitzhacke und begann ſehr be⸗ „hutſam die Steine auszubrechen. 123 Sie ſaßen nicht ſehr feſt, ſondern lockerten ſich bald, ſo daß ſie dieſelben herausheben konnte. Als dieß gelungen war, ſchaute ſie in die Oeff⸗ nung hinein, und ſiehe, da kam ein dunkler Gegen⸗ ſtand zum Vorſchein. Sie brach noch einen Stein heraus, und nach einigen Minuten hatte ſie ein kleines, längliches Käſt⸗ chen aus dem Loch hervorgenommen. ih murmelte ſie,„habe ich gefunden, was ich ſuchte!“ Sie richtete ſich auf und betrachtete ihren Fund. Das Käſtchen war nicht ſehr gut zuſammengefügt; Madame Teverino öffnete es alſo mit leichter Mühe und hielt nun in ihrer Hand ein kleines koſtbares Etui von Schildpatt mit Silberverzierungen. Beim Anblick deſſelben entſchlüpfte ihr ein Ausruf der Freude, welcher, obwohl ſogleich erſtickt, im Saale nachhallte, ſo daß es ihr dünkte, ſie höre denſelben hinter ſich wiederholen. Sie wandte ſich erſchrocken um und ergriff das Licht, welches von ihr bei Seite geſtellt worden war, aber bei dieſer Gelegenheit erloſch. Ein Hohngelächter ließ ſich ganz an ihrer Seite vernehmen. Eeine Hand, welche Madame Teverino kalt wie die des Todes vorkam, faßte diejenige ihrer Hände, worin ſie das Etui hielt, und zwar mit ſolcher Kraft, daß der Schmerz ſie zwang, ihren Fund fahren zu aſſen.. Sie begann laut um Hülfe zu rufen und hörte dann wieder daſſelbe Hohngelächter. Das Geſchrei bahnte ſich in der Stille der Nacht einen Weg bis zu Gurli und Eliſabeth. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ſprang Gurli mit einem — 124 Licht in der Hand die Treppe hinab. Fliſabeth läu⸗ tete zuerſt an dem Glockenzug und eilte dann Gurli nach. Sie fanden Madame Teverino, mit Geröll und Staub bedeckt, in ſolcher Aufregung und Beängſtigung, daß ſie von der Urſache ihrer Anweſenheit in dem Saale und von der Veranlaſſung zu dem Schrecken, den ſie gehabt, keinen rechten Beſcheid zu geben ver⸗ mochte. Sie war— Gokt weiß wo— geweſen— Gott weiß wie— in den Saal gekommen— Gott weiß von wem— zu Boden geworfen worden. Eliſabeth ſuchte ſie zu beruhigen, Gurli dagegen ſchien ſich nicht im Mindeſten um ihren aufgeregten Zuſtand oder den Grund davon zu bekümmern, ſon⸗ dern hatte den Blick auf die Heffnung im Fußboden, wo der Kamin geſtanden, geheftet. Ihr Auge war unwillkürlich darauf gefallen. „Beſte Eliſabeth, begleite Madame auf ihr Zim⸗ mer,“ ſagte ſie. Eliſabeth that, wie Gurli wünſchte, und dieſe trat nun zu dem Loch im Boden. Sie leuchtete hinein und taſtete mit der Hand darin herum, um ſich zu überzeugen, ob es leer ſey. Als ſie die Hand wieder herauszog, hielt ſie ein kleines Paket in der Hand. Der Umſchlag war vor Alter vergilbt und ſo vielfach übereinander gelegt, daß Gurli einen Augen⸗ blick glaubte, er enthalte nichts als Papier; aber zuletzt kam ein kleineres Etui von rothem Maroquin heraus. Darin befand ſich ein Medaillon, einen jungen Mann mit blonden Haaren und ſchönen Geſichtszügen vorſtellend. 5 125 Auf der Rückſeite des Medaillons, das von Gold war, ſtand der Name Falkenſtern eingravirt. Gurli betrachtete den blondlockigen Kopf, die großen blauen Augen, und ſprach dann bei ſich ſelbſt: „Unmöglich kann er in jüngern Jahren ſo aus⸗ geſehen haben.“ XIX. Am folgenden Tag trat Gurli zu Walter in ſein Zimmer. Das Geſicht des Mulatten hatte einen ungewöhn⸗ lich heitern Ausdruck, ganz verſchieden von dem, wel⸗ chen es am Tage zuvor getragen. „Kannſt Du mir erklären, worüber Madame Teverino vorige Nacht ſo in Schrecken gerathen iſt?“ fragte Gurli. „Nein, Fräulein, das vermag ich nicht,“ antwor⸗ tete der Mulatte lächelnd. „Du weißt wohl gar nicht, daß ſie üborhaupt in Schrecken geſetzt worden iſt?“ „Man hat mir davon erzählt.“ „Und Du kannſt dir die Urſache dazu nicht denken?“ „Nein, wenn es nicht der Geiſt auf Birgersborg war, welcher obdachlos geworden, ſeitdem man den Kamin abgebrochen hat, und nun im Aerger darüber der Abendländerin einen Schabernack ſpielt, daß ſie ſo nächtlicher Weiſe im Hauſe herumläuft.“ „Nicht übel, und wir nehmen an, daß Du recht gerathen haſt; aber kannſt Du mir Aufklärung darü⸗ ber geben, was dieſes Käſtchen enthielt?“ fragte Gurli und zog unter ihrem Shawl die Bruchſtücke des Käſt⸗ 126 chens hervor, in welchem das Etui von Schildpatt eingeſchloſſen geweſen. „Cigarren, wie es ſcheint,“ ſagte der Mulatte lächelnd. „Und dieſe Cigarren hat man unter dem Kamin eingemauert? Die müſſen von ganz merkwürdiger Sorte geweſen ſeyn, beſonders wenn man auf die Vermuthung kommt, daß Madame Teverino ſich den Beſitz davon verſchaffen wollte, aber dabei mit dem Kobold in Berührung kam.“. „Beſtes Fräulein, Ihr Kombinationsvermögen iſt größer, als man glauben ſollte. Sie haben eine er⸗ ſtaunliche Gewandtheit in Bildung von Schlüſſen. So, ſo, das Käſtchen iſt eingemauert geweſen?“ Walter betrachtete es mit neugieriger Miene, als wollte er ſich von der Wahrheit deſſen, was Gurli ſagte, überzeugen. Gurli runzelte die Augenbrauen. Sie begann die Geduld zu verlieren. „Nun, und das— weißt Du vielleicht, weſſen Bild es iſt?“ rief Gurli und hielt ihm plötzlich das gefundene Medaillon entgegen. Der Mulatte ſtieß aufſpringend einen Angſtſchrei aus; dann taumelte er einige Schritte zurück, verbarg das Geſicht in den Händen und brach in lautes Wei⸗ nen aus. Es lag in dieſem Erguß ſeines Schmerzes etwas ſo Ergreifendes, daß Gurli bei dieſem Anblick wie vom Donner gerührt daſtand. Walter erhob den Kopf wieder, ſtieß Gurli's Hand, welche das Medaillon noch hielt, zurück und ſagte in kurzem bittern Ton: „Wenn Sie wüßten, welche ſchrecklichen Erinne⸗ rungen dieſes Bild bei mir hervorruft, ſo würden Sie 127 ſich ſelbſt der Grauſamkeit anklagen, daß Sie die Urſache dazu geweſen ſind.“ „Möglich, Walter, und dein Schmerz hat mir bereits zu erkennen gegeben, daß ich, ohne es zu wiffen, eine blutende Wunde in deiner Seele aufge⸗ riſſen habe; aber mein Verlangen nach Licht in dieſem Dunkel, welches das vergangene Leben meines Stief⸗ vaters umgiebt, dient mir zur Entſchuldigung.— Sage mir nun, weſſen Porträt iſt das?“ „Des Henkers meiner Mutter und Schweſter,“ murmelte Walter.—„Und nun, Gurli Falkenſtern, fort mit dieſem Bilde, oder ich zermalme es unter neinen Füßen.“ Walters Augen funkelten. j. Gurli verbarg das Medaillon. Walter faßte ihre Hand und ſetzte, indem er Gurli nach der Thüre führte, hinzu: „In einer Stunde bin ich bei Ihnen, um eine Erklärung zu geben.— Bewilligen Sie mir dieſe Friſt, damit ich ungeſtört den Sturm in meinem Innern wieder beſchwichtigen kann.“ XX. Eine Stunde ſpäter trat Walter in Gurli's Zim⸗ mer. Das Angeſicht des Mulatten ſah gelber, ſein Auge ſchwärzer als gewöhnlich aus. „Sie haben, Fräulein Gurli, zu erfahren ge⸗ wünſcht, weſſen Porträt es ſey, das Sie gefunden haben, und ich bin nun bereit, Ihrem Wunſche nach⸗ zukommen. Ihr Urgroßvater hatte Zwillinßsſöhne, welche nach dem Tode deſſelben kein anderes Erbe beſaßen, als einen ſchlauen Kopf und einen ſtarken Arm. Mit vierzehn Jahren gingen ſie zur See und * 128 brachten ſo zehn Jahre zu. Der Erſtgeborne, Anton, gab dann das Seemannshandwerk auf und kaufte ſich ein Stück Land in den Sclavenſtaaten Amerika's. Ein paar Jahre darauf verheirathete er ſich mit der einzigen Tochter eines ſehr reichen Plantagenbeſitzers. Einige Zeit nachher ſtarb der Schwiegervater, und An⸗ ton wurde nun ver Erbe ſeines Vermögens. Aus ſeiner Ehe hatte er einen einzigen Sohn, Ihren Stiefvater Bengt.— Während ſich Antons Schick⸗ ſal auf ſolche Art geſtaltete, war der Bruder, Frede⸗ rik, Seemann geblieben, hatte ſich in Schweden ver⸗ heirathet und war Vater vonvier Kindern geworden. Der älteſte davon war ein Sohn Namens Gunnar, die andern drei Beate, Mathilde und Ihr Vater. Ihr Großvater hatte ſein eigenes Schiff und fuhr damit nach Amerika.— Als GEunnar zehn Jahre alt war, nahm er ihn dahin mit ſich. Die beiden Zwillings⸗ brüder trafen ſich nun, während Frederik ſich im Lande aufhielt, und Anton, welcher unermeßlich reich war, erbot ſich, Gunnar zu ſich zu nehmen und für deſſen Erziehung zu ſorgen.— Frederik, welcher allerdings ein gutes Einkommen beſaß, aber kein Vermögen er⸗ worben hatte und mit vielen Kindern geſegnet war, nahm den Vorſchlag an, und Gunnar blieb in Ame⸗ rika bei Anton zurück. „Gunnar war ein ſchöner Knabe, lebhaft und fleißig. Er verſtand die Kunſt, ſich bei ſeinem Oheim einzuſchmeicheln und ſich zum Sclaven ſeiner deſpo⸗ tiſchen Gemüthsart zu machen.— Etwas, das Bengt viel ſchwerer fiel, weßhalb es zwiſchen ihm und dem Vater ſehr oft zu harten Reibungen kam. Als Gunnar herangewachſen war, galt er für den erklärten Günſt⸗ ling des Oheims, und man konnte ſagen, daß er das 129 per deſſelben ganz von Bengt abwendig gemacht hatte.— „Mit einundzwanzig Jahren überließ Anton dem Neffen die Verwaltung ſeiner größten Plantage, und ſchickte ſeinen Sohn auf eine kleinere, entfernter gelegene. Meine Mutter war Sclavin auf der Plantage, welche Gunnar verwaltete. Sie hatte zwei Kinder, wo⸗ von ich das ältere, meine Schweſter das jüngere war. Gunnar verwaltete ſein Amt als Plantagenaufſeher auf eine höchſt thätige Weiſe. Er war ſtreng und ließ niemals einen Fehler ungeſtraft; aber er behan⸗ delte die Sclaven, als wären ſie eine Herde Zug⸗ thiere, welche, um immer zur Arbeit tauglich zu ſeyn, gut gefüttert, aber auch bei dem geringſten Verſehen gezüchtigt werden mußten. Meine Mutter verſtand die Hauswirthſchaſt, und er benahm ſich ganz gut gegen ſie; gegen mich aber faßte er vom erſten Augenblick an einen entſchiedenen Widerwillen, obwohl ich da⸗ mals noch ein Kind war. So waren denn auch meine Kinderjahre eine fortgeſetzte Kette von Leiden. Ich bekam beinahe täglich Schläge. Meiner Schweſter da⸗ gegen, einem ſanften und ſchönen Mädchen, erwies er ſich beſonders geneigt. Er lehrte ſie ſelbſt leſen und ſchreiben und ſchenkte ihr allerlei ſchöne Sachen, und wenn er nach der Mahlzeit der Ruhe pflegte, mußte ſie ihm etwas vortanzen oder vorſingen. „So vergingen drei Jahre.— Ich war vierzehn, meine Schweſter dreizehn Jahre alt, als eines Tags Ihr Stiefvater auf der Plantage erſchien. Sein Aus⸗ ſehen war kalt und hart, aber imponirend. Er war ein ſtattlicher junger Herr. Er befand ſich ſeit einigen Tagen auf unſerer Plantage, als Maſſa Gunnar nach der Mahlzeit meine Schweſter Eſther rufen ließ. Sie ſollte ihm und ſeinem Gaſte vortanzen. Eſther, welche 130 auf Maſſa Gunnar ſehr viel hielt, ſchickte ſich an, dem Rufe Folge zu leiſten, als ich, von dem Verlan⸗ gen ergriffen, Maſſa eines Vergnügens zu berauben, Eſther in einen Schuppen einſperrte.— Es kam ein zweiter Bote, aber jene war nirgends zu finden. Man rief und ſuchte, aber vergebens. Ich wurde nun her⸗ beigeholt, und nachdem ich erſt einige Hiebe mit der Reitgerte erhalten, befahl man mir, ſogleich meine Schweſter zur Stelle zu ſchaffen. „Mittlerweile war meine Mutter, welche in einer der Regerhütten geweſen, gleichfalls in das Herren⸗ haus gekommen. Sie erhieit gleichfalls unter der An⸗ drohung, ſie ſollte die Peitſche zu ſchmecken bekommen, den Befehl, nach Eſther zu ſchauen.— Als ich dieß hörte, ließ ich Eſther heraus. Sie hatte viel geweint und begab ſich nun zu Maſſa hinauf, welcher ganz wüthend war. Er, der ihr niemals ein unfreund⸗ liches oder böſes Wort geſagt hatte, kam nun dem armen Kinde mit der Reitgerte entgegen und verſetzte ihr einen Hieb über das Geſicht.— Mein Blut be⸗ gann bei dieſem Anblick zu ſieden. Ich vergaß jeden Gedanken an mich ſelbſt und fühlte blos Raſerei da⸗ rüber, daß er Eſther ſchlug. Ich warf mich ihm in den Arm, als er denſelben erhoh, um ihr noch einen Schlag zu geben, und rief:„Sie iſt unſchuldig, ich habe ſie eingeſperrt.“— Die Folge davon war, daß ich zur Peitſchenſtrafe verurtheilt wurde. Ich will Sie mit der Beſchreibung einer ſolchen Strafe ver⸗ ſchonen. Eben als ich zerfleiſcht und blutend die Be⸗ ſinnung verlor, hörte ich einen durchdringenden Schrei und glaubte in dieſem Augenblick, wo es mir war, als ob ich ſterben würde, meiner Mutter Stimme zu erkennen. „Als ich wieder zur Beſinnung erwachte, ſtand 131 Bengt Falkenſtern an meiner Seite. Ein altes Neger⸗ weib war meine Pflegerin. Sobald ich den Gebrauch meiner Sinne wieder erlangt hatte, unterrichtete mich Bengt, daß ich hinfort ihm gehörte, da er mich ſeinem Vater abgekauft hätte. Ich bat nun dringend, meine Mutter ſehen zu dürfen, denn der Angſtſchrei, den ich gehört hatte, als der Schmerz mir die Beſinnung raubte, wiederhallte noch in meinem Innern.— Maſſa Bengt antwortete mir, dieß wäre nicht möglich, tät⸗ ſchelte mich auf den Kopf und entfernte ſich— Als er fort war, erzählte mir die Negerin, meine Mutter ſei auf die Nachricht, ich ſollte mit der Sclavenpeitſche Bekanntſchaft machen, zu Maſſa Gunnar geeilt und habe um Gnade gefleht, ſei aber mit Härte abgewie⸗ ſen worden. Gleich einer Wahnſinnigen habe ſie nun ihren Weg nach dem Strafplatz genommen und, als ſie das Blut von meinem Körper ſtrömen geſehen, ſei ſie mit einem durchdringenden Angſtſchrei zu Bo⸗ den geſtürzt.— Als man ſie aufhob, war ſie todt. „Sobald meine Wunden geheilt waren, reiste ich mit meinem Herrn ab, nach einem bittern Abſchied von Eſther, welche ich nun wehrlos in den Händen ihres grauſamen Herrn zurücklaſſen mußte.— Drei Jahre hernach machte mein Herr wieder einen Beſuch dei Gunnar. Bei unſerer Ankunft unterrichtete man uns, er ſei verreist. Ich fragte nach Eſther.— Die war verſchwunden. Man glaubte, ſie habe ſich er⸗ tränkt; denn eines Abends, einige Tage vor Gunnars Abreiſe, hatte man ſie vermißt, und ſie war nicht wieder auſzufinden geweſen, ungeachtet ihr Herr die genaueſten Nachforſchungen anſtellen ließ. Alles was man fand, waren einige Fetzen von ihrem Unterröck⸗ chen an einem Dorngebüſch zur Seite des Stroms. Als Grund dieſes verzweifelten Schritts von Eſther 132 e man Gunnars allzu lebhaftes Intereſſe ür ſie. „Wir reisten ab, ohne den Frevler getroffen zu haben, wofür ich der Vorſehung mein Leben lang dankte, denn ſonſt hätte ich ſicherlich ihn meiner Schwe⸗ ſter und meiner Mutter Tod mit ſeinem Leben ent⸗ gelten laſſen. „Ein Jahr darauf ſtarb Anton Falkenſtern und beinahe zu gleicher Zeit mit ihm auch Gunnar.— Ihr Stiefvater wurde Beſitzer von dem ganzen Ver⸗ mögen und verheirathete ſich mit einer Kreolin. Zwei Jahre ſpäter ließ er alle ſeine Plantagen verkaufen und ſiedelte nach Schweden über.“ Walter ſchwieg. Gurli ſaß lang in Gedanken verſunken da. „Aber warum iſt dieſes Porträt unter dem Ka⸗ min eingemauert worden?“ fragte ſie endlich. „Darüber kann ich keine Auskunft geben,“ ant⸗ wortete Walter.„Ich weiß nur, daß der Kapitän den Wunſch ausſprach, man ſollte dieſen Kamin niemals abbrechen.“ „Noch eins,“ nahm Gurli wieder das Wort; „was enthielt das Käſtchen, welches ich dir gezeigt habe? Du weißt es. Läugne es nicht; denn Du biſt es geweſen, welcher Madame Teverino den Schrecken eingejagt hat, und die unſichtbare Hand, von welcher die ihrige gefaßt wurde, war ihrer eigenen Ausſage nach die deinige.“ „Das Käſtchen enthielt Briefe,“ erwiderte Walter, „und ich habe dieſelben wirklich Madame Teverino entriſſen, um ſie den Flammen zu übergeben.“ „Was war der Inhalt dieſer Brieſe?“ „Nichts von Bedeutung. Sie bezogen ſich nur 8 . 133 auf ein Liebesverhältniß, welches Bengt Falkenſterns erſte Frau vor ihrer Verheirathung gehabt hat.“ „Aber was wollte Madame Teverino damit?“ fragte Gurli weiter. „Die Frau ſucht Etwas in dieſem Hauſe,“ ant⸗ wortete Walter.„Was, habe ich noch nicht heraus⸗ bringen können; aber ich weiß, ſie glaubt, daß ihr Glück in dieſen Mauern begraben liege.“ „Seltſam,“ murmelte Gurli, wieder in Gedanken verſinkend. Da es ſchien, als ob Gurli Walter nichts mehr zu ſagen hätte, ſo entfernte er ſich. Gurli nahm, als ſie allein war, das Medaillon wieder hervor und betrachtete es von allen Seiten; hiebei ſiel ihr die Dicke deſſelben nicht wenig auf. Endlich entdeckte ſie eine Art kleinen Stifts in dem Rande. Sie drückte darauf, und die Goldplatte öffnete ſich. Zu gleicher Zeit fielen zwei zuſammen⸗ gefaltete Papierſtücke heraus. Sie ſchlug das erſte aus einander, und wurde beim Leſen deſſelben ſo bleich, daß man hätte glauben ſollen, ſie ſey einer Ohnmacht nahe. XXI. Ein paar Tage vergingen, ohne daß etwas Be⸗ merkenswerthes vorfiel. Madame Teverino hielt ſich auf ihrem Zimmer und ſchützte Unpäßlichkeit vor. Amy erklärte indeſſen mit lächelnden Lippen, es ſey nichts Gefährliches dabei, ſondern die Mutter be⸗ dürfe blos der Ruhe und Einſamkeit. Allon war nunmehr ſeit vier Tagen fort, und Stephan hatte ſich in der Zwiſchenzeit auch nicht in Birgersborg ſehen laſſen. Gurli's Gäſte hatten am Morgen eine Luſtpartie unternommen und ſollten vor dem ſpäten Abend nicht zurückkehren. Sie ſelbſt und Madame Teverino waren die ein⸗ zigen, welche zu Hauſe blieben. Die letztere hielt ſich noch immer in ihrem Gemache eingeſchloſſen. Gurli brachte den ganzen Nachmittag im Pavillon mit Schreiben zu. Als ſie damit fertig war, ging ſie hinab und ſetzte ſich auf die Brücke am See. Der Himmel war düſter und die Luft ſchwül. Die Waſſerfläche lag ruhig und dunkel wie eine Stahl⸗ ſcheibe vor ihren Blicken. Die ganze Natur trug ein Gepräge der Melancholie— Etwas, das ſich auf Gurli's Angeſicht nicht abſpiegelte. Daſſelbe erſchien vielmehr heiter und von innerem Sonnenſchein erhellt. Sie rauchte ganz ſorglos ihre Cigarette. Der Laut von Schritten ließ ſich vernehmen, und ſie ſagte bei ſich: „Endlich kommt Allon wieder!“ Dabei ſah ſie mit einem Blick um, welcher deut⸗ lich zu erkennen gab, daß, wenn er es war, ſeine Rücktehr in einem Augenblick erfolgte, wo ſie ſich ernſtlich nach ihm zu ſehnen begann. Es war jedoch nicht Allon. Selten, oder richtiger geſagt niemals kommt ein Menſch zu der Zeit, wo er ſich einfinden ſollte, ſon⸗ dern immer dann, wo er beſſer weggeblieben wäre. Ehe Gurli den, welcher ſich näherte, noch mit einem Auge ſah, wußte ſie, daß es nicht Allon war; denn der, deſſen Schritt ſie vernahm, trällerte eine ſehr bekannte Melodie. „Stephan,“ murmelte Gurli und drehte den Kopf 135 um. Sie war ſeit der Nacht, da Felir ſeinen Tod fand, nicht mehr mit ihm zuſammengetroffen. Wie viel hatte ſich nicht in der kurzen Zeit von da zuge⸗ tragen! Während die Schritte näher kamen, durchlief Gurli in Gedanken die letzten Ereigniſſe und blieb einen Augenblick verwundert bei dem Geſpräche zwi⸗ ſchen Stephan und Amy ſtehen, von welchem einige Worte an ihr Ohr gelangt waren. „Ich war überzeugt, daß ich dich hier finden ſollte,“ begann Stephan—„und würde es ſehr be⸗ dauert haben, wenn ich mich verrechnet hätte,“ ſetzte er hinzu, während er bereits an Gurli's Seite ſtand. „Suchteſt Du mich?“ fragte Gurli, ohne ſich zu ihm umzuwenden. Ja, und Tante Katharina ſagte mir, Du wäreſt im Pavillon zu treffen.“ Nun, und was haſt Du mir ſo Wichtiges zu ſagen, daß es dich veranlaſſen konnte, mich aufzu⸗ ſuchen.“ „Viel, antwortete Stephan und nahm neben ihr Platz.„Aber mein Gott, Gurli,“ fügte er ſcherzend hinzu,„warum ſitzeſt Du ſo da und kehrſt mir den Rücken zu, ganz als ob Du dich in Verlegenheit be⸗ ändeſt? Ih könnte leicht auf die Idee gerathen, f äß i „Was?“ rief Gurli heftig und drehte das Geſicht zu ihm herum. „Daß Du böſe auf mich wäreſt,“ ſagte Stephan und ſah ſie an. Wie könnte ich das, da Du allezeit und bei jeder Veranlaſſung derjenige biſt, welcher— welcher — mir eine hülfreiche, um nicht zu ſagen, ſchützende Hand reicht.“ 136 „Wenn dem ſo wäre, ma belle, was bewieſe es? Nichts weiter, als daß eine Amazone doch nur eine Frau iſt, und als ſolche einer männlichen Stütze in den Gefahren des Lebens bedarf. Es hilft nichts, Cigaretten zu rauchen, zu reiten, zu jagen und nie⸗ mals eine Nähnadel zur Hand zu nehmen; Du bleibſt doch nur eine Frau und kannſt dich nicht in einen Mann verwandeln, und wenn Du dir auch alle ſeine geräuſchvollen Eigenſchaften beilegteſt.“ Dabei ergriff Stephan die Hand Gurli's, worin ſie ihre Cigarette hielt, und nahm ihr dieſelbe, indem er hinzuſetzte: „Mit oder ohne deine Erlaubniß, Gurli, beraube ich dich eines Dings, welches dich im höchſten Grade entſtellt. Du haſt allzu ſchöne Lippen, um ſie mit Tabaksrauch zu beſchmutzen.“ Er warf die Cigarette in den See. „Alſo, um mir dies zu ſagen, haſt Du mich auf⸗ geſucht?“ fragte Gurli lachend. „Nicht gerade. Ich hatte die Abſicht, dir für n Ueberraſchung zu danken, welche Du mir bereitet ha. 4 „Welche denn?“ „Den Abbruch des Kamin's und die vorzuneh⸗ mende Reparatur des Saales. Ich klage mich ſelbſt an, daß ich nicht früher dem Abſcheu, welchen ich itet vor dieſem Zimmer empfand, Worte gegeben habe. „Du glaubſt alſo.... „Daß deſſen Umwandlung eine kleine Freund⸗ lichkeit gegen den war, welcher dir deinen alten und einzigen Freund wiedergegeben hat.“ bi Stephan ſtreichelte Gurli die Hand und ſetzte inzu: 137 „Nicht wahr, Gurli, ich habe recht gerathen?“ Warum erhob ſich in dieſem Augenblick auf ein⸗ mal Amy's und Allon's Bild vor Gurli's Augen? Es hielt ſchwer, dieß zu entſcheiden. Genug, ihr Ton war kalt, als ſie antwortete: „Ich dachte wirklich nicht an dich, lieber Stephan, ſondern nur daran, daß Du mit der Behauptung Recht hatteſt, der Saal, wie er nun einmal iſt, rufe alle bittere Erinnerungen in's Leben, welche ich jetzt mehr als je zu vergeſſen wünſche.“ „Nun der Beweggrund für deine Handlungs⸗ weiſe kann ganz gleichgültig ſeyn; das Reſultat iſt, daß der Speiſeſaal behaglicher wird, und daß man es künftig hier angenehmer hat, als es bisher der Fall geweſen.“ „Ja, ich hoffe es; beſonders deinetwegen, da Du Gelegenheit haſt, die Bekanntſchaft mit Jemand, der dir von früher her gar nicht fremd iſt, zu erneuern.“ „Du meinſt Grünlund, welcher an einem der nächſten Tage hier zu erwarten iſt?“ bemerkte Stephan, ſich zurücklehnend, und ſetzte dann hinzu: „Er kommt ſicherlich auf Beſuch zu dir! welche Freude des Wiederſehens!“ „Größer als die, welche Du empfandeſt, als Du Amy Teverino wieder zu Geſicht bekameſt?“ fragte Gurli und ſchaute auf den See hinaus. „Ah!“ war Stephans einzige Antwort. Es trat eine Pauſe ein. Als er nichts weiter vernehmen ließ, wandte Gurli die Augen wieder nach ihm herum. Sie be⸗ gegneten den ſeinigen; dieſe hatten einen lächelnden Ausdruck. „Wo haſt Du dieſe Menſchen kennen gelernt?“ fragte Gurli. Schwartz, Der Rechte. II. 138 „An demſelben Orte, wo Du ihre Bekanntſchaft machteſt. Sie als Gäſte hier wiederzufinden, hat mich nicht blos überraſcht, ſondern in Erſtaunen ge⸗ ſetzt; denn als ausgezeichnete Künſtlerinnen haben dieſelben, dünkt mir, ihren Platz überall eher als auf dem Lande, wo ſie weder Gold noch Beifall ernten können.“ „Ich bezahle ſie für ihren Aufenthalt hier,“ fiel Gurli gleichgültig ein. „Wirklich; aber ſie haben ja noch nicht ein ein⸗ ziges Mal ſich hören laſſen. Welche ſeltſame Laune hat dich vermocht, auf ſolche Weiſe dein Geld weg⸗ zuwerfen, ohne daß Du irgend etwas dafür erhältſt?“ „Das werde ich dir vielleicht einmal ſagen, aber jetzt nicht. Kannſt Du mir dagegen die Urſache er⸗ klären, warum Amy Teverino's Anblick dich in ſolche Aufregung verſetzt hat?“ „Unendlich gern. Ich bin einmal ſehr verliebt in ſie geweſen,“ antwortete Stephan unbefangen. „Sie iſt ein einnehmendes Mädchen. Obwohl ſie bei weitem nicht ſo ſchön iſt wie Du, beſitzt ſie doch Etwas, das dir abgeht, die Fähigkeit, zu entzücken, zu bezaubern. Man vergißt, daß die Naſe zu platt, der Mund zu breit und das Geſicht zu braun iſt; man ſieht nur die Augen und wird ausſchließlich von der Anmuth und dem Reiz ihres Weſens be⸗ herrſcht.“ „Du wirſt beredt,“ entgegnete Gurli mit einem ſatiriſchen Lächeln,„und ich hoffe, während ihres weiteren Aufenthalts bei mir noch ſehen zu dürfen, wie dich das Verliebtſeyn kleidet.“ „Ich bin troſtlos, ma belle, daß ich dir dieſe Freude nicht hereiten kann. Du ſcheinſt überhört zu haben, daß ich ſagte: geweſen bin, was ſo viel be⸗ X 139 deutet als: ich kann unmöglich es wiederum werden. Was war, kommt nicht wieder. Nichts iſt unmöglicher, als ein erloſchenes Gefühl wieder zu entzünden. „Deine Neigungen gehören ſomit zu der flüch⸗ tigen Sorte?“ „Leider. Der Gegenſtand derſelben muß an Alles glauben, nur nicht an meine Beſtändigkeit. Das Leben der Liebe im Allgemeinen hat keine längere Dauer, als das eines Schmetterlings.— Doch nicht mit einer Abhandlung darüber wollte ich dir auf⸗ warten, ſondern ich gedachte eine Bitte an dich zu richten.“ „Du!“ rief Gurli, ihn anſehend⸗„Eine Bitte an mich?“ „Ja, ſo ſonderbar es auch erſcheinen mag; aber nicht für mich ſelbſt, ſondern für Andere komme ich zu bitten.“ „Und dieſe Andern, wer ſind ſie?“ „Der Mann, welcher dich auf der Landſtraße an⸗ fiel?— Du wirſt von deinem Ueberfluß ihm Etwas mittheilen.“ „Dem Mörder von Felix?— Nein, Stephan, der Mann hat von meiner Mildthätigkeit nichts zu erwarten. Er verurſachte mir einen allzu großen Schmerz.“ „Aber weißt Du, in welcher drückenden Noth er ſich befand? Berückſichtige das, ehe Du ihm auf ſo unchriſtliche Weiſe deinen Beiſtand verſagſt.“ „Stephan, ich will nichts von dem Elenden hören. Es gibt keine Entſchuldigung dafür, daß man ſich eines Verbrechens ſchuldig macht. Alle Hülfe, die man dergleichen Menſchen zukommen läßt, iſt nur eine neiti des Böſen. Laß uns nicht mehr davon reden.“ . — 140 „Nur noch ein paar Worte. Der Mann iſt ein invalider Matroſe, welcher durch den Verluſt ſeines Dienſtes mit Weib und Kind in's Elend gerathen. Die Noth, dieſe finſtere Verſucherin zu allem Böſen, trieb ihn in einem Augenblick der Verzweiflung an, einige Eßwaaren zu ſtehlen. Er wurde auf der That ergriffen und in's Gefängniß geworfen. Nun hat er ſeine Strafe erſtanden, aber nur, um ſein Weib Hungers ſterben zu ſehen und, gebrandmarkt und verſtoßen von ſeinen Mitmenſchen, das Brod für ſich und ſeine Kinder zu entbehren.— Gurli, es wäre eine ſchöne Gelegenheit für dich, ein edelmüthiges Werk zu thun. Laß ſie nicht vorübergehen, ohne dieſelbe zu benützen. Laß ihm und ſeinen ausgehungerten Kindern eine Unterſtützung zukommen, ein Mittel, um auf ehrliche Weiſe ſeinen Unterhalt zu erwerben, und Du haſt eine ganze Familie von der Bahn des Verderbens gerettet.“ „Wie lang wird er noch hier verweilen?“ fragte Gurli.—„Iſt er in dieſer Gemeinde geboren? Und wenn dies nicht der Fall iſt, aus welchem Grunde treibt er ſich in dieſer Gegend herum?“ „Sein jüngſtes Kind iſt erkrankt. Ein armer Köhler auf deinem Gute hat ſeit geſtern dem elenden Burſchen und ſeinen Kindern ein Obdach gegeben, daß von dem Regen geſchützt ſind, und ſein knappes Brod mit ihnen getheilt, bis Jemand anders ſich der Unglücklichen erbarmt.“ „Es wundert mich ſehr, daß einer von meinen Untergebenen ſich unterſteht, dergleichen Volk zu be⸗ herbergen,“ fiel Gurli ein;—„und ich werde dafür ſorgen, daß ſo etwas nicht mehr geſchieht.“ Gurli erhob ſich. 141 „Nein!“ „Gurli, ich werde dir dieſe abſchlägige Antwort nie vergeſſen,“ entgegnete Stephan gleichfalls auf⸗ ſtehend.—„Bedenke Gurli, daß die Verdammniß der Reichen aus ihrer Herzloſigkeit gegen die Armen ent⸗ ſpringt, und daß ein Tag kommt, wo Du mit Gram daran denken wirſt, ihnen nicht geholfen zu haben. — Ich war jedoch ein großer Thor, daß ich von dir Mitkeid erwarten konnte. Wie ſollteſt Du wohl deſſen fähig ſeyn, da Du ſchon in den Kinderjahren durch Mangel an Herz dich auszeichneteſt?“ Stephan entfernte ſich. Gurli ſah ihm nach und lächelte. Sie lächelte mit einem Ausdruck ſtolzer Befriedigung und murmelte: „Stephan, deine Worte haben mich über Vieles aufgeklärt und einen großen Theil des Nebels in meiner Seele verſcheucht. Alles das Unklare und Verworrene in meinem Innern hat eine einzige Quelle, und dieſe heißt Ungerechtigkeit; aber eines Tags werde ich den finden, der mich verſteht und richtig beurtheilt.“ Gurli dachte dabei an Allon. XXII. Stephan begab ſich direkt von Gurli zu Tante Katharina, erzählte von der Noth des armen Mannes und bat ſie, daß Etwas zur Unterſtützung von ihm und ſeinen Kindern gethan würde. Die Alte brummte und meinte ſcheltend, man habe genug armes Volk in der eigenen Gemeinde und könne nicht auch noch für fremde Leute forgen— Wäh⸗ rend ſie aber ſich alſo ausließ, gab ſie Befehl, den „ 142 kleinen einſpännigen Wagen zu richten, und wandte ſich dann hinunter in den linken Flügel. MNachdem ſie Lebensmittel, Kleidungsſtücke und einige Medikamente in den Wagen gepackt hatte, ſtieg ſ ſhi ein, ergriff die Zügel und machte ſich auf en Weg. Eine Viertelſtunde nachher ſtand ein Stallknecht vor der großen Treppe und hielt Gurli's Leibroß am Zügel. Etwas ſpäter ſaß die reiche Frau im Sattel und ritt in vollem Galopp ab, ohne ſich von Jemand begleiten zu laſſen. Eine halbe Stunde vor Birgersborg lag im Walde ein großer Meiler, welcher von einem alten der ein Stück weit davon wohnte, unterhalten wurde. Seine Hütte befand ſich auf einem erhöhten, freien Platze, und deren Umgebung bildete ein ſchlech⸗ ter Viehſtall und ein Schuppen für Brennholz. Für jetzt ſtand der Stall leer, denn deſſen Bewohner war draußen auf der Weide. Leer konnte man denſelben doch wohl nicht nen⸗ nen, denn die fromme Frau des Köhlers hatte ſeit vierundzwanzig Stunden ihn einer in Lumpen gehüll⸗ ten Bettlerfamilie, welche bisher vergeblich die Men⸗ ſchenliebe angerufen, eingeräumt. Die elende Familie war ſomit in der Wohnſtätte von des Köhlers einziger Kuh einlogirt, wo ſie we⸗ nigſtens eine Garbe reines Stroh zum Lager und Milch und Brod zur Nahrung fand. Die Frau des Köhlers war eben draußen zum Melken geweſen und wollte dem kranken Kinde des Bettlers ein wenig Milch bringen, als ſie auf halbem Wege ſtehen blieb und horchte. Sie hörte das Geräuſch eines Wagens, welcher d 143 durch den Wald rollte und näher kam. Noch einige Augenblicke, und ſie ſah Frau Herner's Fuhrwerk die kleine Anhöhe heraufkommen, auf der die Hütte ſtand. Der Weg war ungebahnt, ſo daß die Fahrt nur langſam ging. „Iſt es nicht ſo wie ich dachte“ ſprach die Alte dei ſich,„daß die gute Frau Oerner kommen würde! Sie hat eigentlich eine Ahnung davon, wenn Jemand ihrer Hülfe bedarf. Gott ſegne die Frau!“ Und einen Knicks machend näherte ſich die Köh⸗ lerin Tante Katharina, welche ihr Pferd anhielt. „Was iſt denn das wieder für eine ſaubere Ge⸗ ſchichte, die ſie mir da aßſtellt, liebe Brita!“ rief Tante Katharina in barſchem Ton.„Hat ſie nicht ſchon wieder einem Bettlerpack Herberge Ggeben? Ich i ſagen, ſie iſt doch ein unverbeſſerliches Menſchen⸗ ind.“ „Gerade wie Frau Herner“, ſtammelte Mutter Brita lächelnd und verneigte ſich abermals.„Man kann doch nicht ein Herz von Stein haben,“ ſetzte ſie hinzu;„das weiß Frau Oerner wohl, und es gibt hier grauſam viele Arme. Ich laſſe ſie auf weiteres hier wohnen. Sie deutete auf den Viehſtall.„Ich hatte gerade keinen andern Platz für ſie,“ fügte ſie gleichſam zur Entſchuldigung bei. „Beſſer wäre es geweſen, wenn ſie ſich gar nicht damit befaßt hätte, muß ich ſagen,“ ſchnauzte Tante Katharina ſie an und hob einen der Körbe aus dem kleinen Wagen heraus. „Darf ich Ihnen helfen?“ fragte Brita und wollte ihren Milcheimer wegſtellen. „Richt nöthig. Beſorge ſie nur ihren Milchbrei für den Abend und bekümmere ſie ſich nicht um mich. Geh ſie nur in ihr Haus; ich komme nach, wenn ich 144 erſt von dem Bettelvolke Notiz genommen habe, das ſie ſich auf den Hals geladen hat.“ Tante Katharina trabte auf den Stall zu. Wir bleiben auf der Schwelle ſtehen, um die Alte nicht zu ſtören. Eine geraume Zeit verging. Brita hatte ſchon mehrmals zu der Stubenthüre herausgeguckt, um zu ſehen, ob Frau Herner nicht käme; aber da es län⸗ ger und immer länger dauerte, nahm ſie ſich des Pferdes derſelben an, führte es hinter die Hütte und gab ihm etwas Gras zu freſſen. Während ſie damit beſchäftigt war, kam eine junge Dame in einem ſchönen Reitkleide langſam den Hügel herauf. Sie war gerade vor dem Stall an⸗ als ſie ſtehen blieb, weil ſie drinnen ſprechen örte. Sie lehnte ſich an das kleine Luftloch, um deut⸗ licher zu vernehmen, was man ſagte. Ihre Wangen wechſelten unaufhörlich die Farbe, während ſie daſtand und zuhörte, wie die herzensgute alte Frau zu den armen Leuten da drinnen ſprach. War es wirklich Tante Katharina's ſtrenge Stimme, welche jetzt ſo mild, ſo tröſtend ſich äußerte? Waren es ihre Lippen, welche ſo freundliche Worte zu dem in Lumpen gehüllten, in Noth verſunkenen, aus der Geſellſchaft verſtoßenen und unter der Bürde ſeines Elends erliegenden Vater redete? Gurli war nicht weich, hatte keine ſchwachen Nerven; aber ihr Herz bebte vor Rührung, während ſie daſtand, gedemüthigt vor ſich ſelbſt, lernend, wie der zu tröſten, zu erquicken und zu helſen ſucht, wel⸗ cher Gott im Herzen und Chriſti Bild vor Augen hat. X Gurli war hieher gekommen, um mit ihrem Al⸗ moſen den Bettler, für welchen Stephan ſich bei ihr 145 verwendet hatte, den Qualen des Hungers zu ent⸗ reißen; aber ſie hatte nicht einen Augenblick daran gedacht, daß dem Gefallenen, zur Verzweiflung Ge⸗ brachten und am Abgrunde des Verbrechens Stehen⸗ den nicht blos damit geholfen iſt, wenn man ihm etwas von unſerem Ueberfluß zuwirft, ſondern daß er einer freundlichen Hand bedarf, weiche ihm den Weg weist, den er einſchlagen muß, um den rechten Ret⸗ tungsort wieder zu finden⸗ Von Allem, was Gurli bisher geſehen und ge⸗ leſen, hatte nichts ſo auf ihr Gefühl eingewirkt, als die Worte, die ſie von Tante Katharina's Lippen auffing. Gurli hatte auf ihren Reiſen alle Wohlthätig⸗ keitsanſtalten in England und Frankreich beſucht, Vorleſungen über Mildthätigkeit gehört u. ſ. w., aber ohne daß Etwas davon ihr ſo in die Seele zu grei⸗ ſe im Stande geweſen wäre, wie das, was ſie jetzt örte. Sich an die morſche Holzwand lehnend, flüſterte ſie bei ſich ſelbſt: „Ich möchte ihr Herz, ihren Glauben haben, dann erſt wäre ich reich. Setzt 4 Sie hörte Jemand nahe kommen und zog ſich hinter die Ecke zurück. Es war Brita, welche ihre Verwunderung dar⸗ über, was Frau Herner ſo lang drinnen zu thun hatte, nicht länger unterdrücken konnte und alſo ein wenig hineinzublinzeln ſich entſchloß. Sie konnte jedoch dieſen Vorſatz nicht ausführen, denn Tante Katharina erſchien unter der Thüre. Sie ging auf Brita zu und gab ihr einige, Vor⸗ ſchriften über die Behandlung des kranken Kindes, welches Brita ins Haus nehmen ſollte, um demſelben 146 beſſer abwarten zu können. Aus dem Wagen wurde ein Bündel Kleider genommen für das andere Kind; und nachdem Tante Katharina in ihrem ſtrengſten Ton Brita noch einige Verhaltungsregeln gegeben hatte, ſtieg ſie in ihren Wagen mit den Worten: „Sie braucht nicht länger als bis morgen mit ihnen zu warten, dann komme ich wieder. Jetzt gute Nacht, liebe Brita. Der Herr wird es ihr gedenken, was ſie an dem armen Geſchöpfe that.“ Damit ergriff Tante Katharina die Zügel, knallte mit der Peitſche und fort rollte der Wagen⸗ Als er in den Weg nach dem Weiler eingebogen hatte, näherte ſich Brita dem Stall, ließ aber vor Beſtürzung das Bündel mit den Kleidern fallen und verneigte ſich demüthig, mit einer Miene, wie wenn ſie eine recht gefährliche Perſon vor ſich hätte, gegen welche ſie nicht höflich genug ſeyn könnte. Die, welche dieſe Bewegung hervorgerufen hatte, rar niemand onders, als Gurli. Trotz ihrer verſchwenderiſchen Freigebigkeit gegen ihre Untergebenen an allen Feſttagen, trotz ihrer Sonntagsſchule u. ſ. w. ſtand Gurli gleichwohl in dem Verdachte, daß ſie eine ſtrenge Herrſcherin ſey, und Jedermann, der von ihr abhing, hegte eine ent⸗ ſchiedene Furcht vor dem jungen Mädchen. Alle hatten davon reden gehört, was ſie für ein gottloſes Kind geweſen; Alle hielten ſie für hochfah⸗ rend, und nicht Einer erinnerte ſich ihrer in freund⸗ licher Weiſe. Sie hatte niemals die Hütten ihrer Untergebenen betreten, niemals mit ihnen geſprochen, niemals ſich davon unterrichtet, wie es ihnen ginge, oder wie In⸗ ſpektor und Verwalter ſie behandelten. Die Folge davon war, daß ſie von Niemand ge⸗ 147 liebt, von Allen gefürchtet wurde, weil ein Jeder die Beſorgniß hegte, irgend eine Anwandlung ſchlechter Laune könnte ſie beſtimmen, ihn von dem Platze, den er inne hatte, zu vertreiben. Brita's erſter Gedanke, als ſie Gurli's anſichtig wurde, war auch: „Herr mein Gott, das Fräulein! Ich bin ein verlotener Menſch, wenn ſie erfährt, daß die armen Leute unter meinem Dache ſich befinden. Jeſus, was ſoll ich beginnen, und Frau Oerner iſt ſchon ihres Wegs gefahren!“ Ihre Gedanken ſtanden deutlich genug in dem Ausdruck ihres Geſichts geſchrieben, und ſie klärten Gurli vollkommen über die falſche Stellung auf, welche ſie als Gutsherrin einnahm. Welchen Nutzen hatte ſie mit ihren Millionen geſtiftet? Unermeßliche Summen an Luſt und Laune verſchwendet, aber nichts davon zum wirklichen Wohl für die Menſchen, die von ihr abhingen, verwendet. Sie klagte darüber, daß ſie einſam daſtand und mißkannt und ungerecht beurtheilt wurde. Hatte ſie etwas gethan, um ſich geliebt zu machen? Nein. Sie hatte, nur an ſich ſelbſt denkend, das Leben genießen wollen. Sie war niemals mit ihren Gedanken über ihr eigenes Ich hinausgekommen, und daher alle dieſe Disharmonie in ihr, dieſe Unzufriedenheit, welche ſie an Nichts Genüge finden ließ und beſtändig zu dem Grabe ihrer Mutter zurückführte, als den einzigen Ort, wo ſie ſich von einem Hauche des Friedens um⸗ ſpielt fühlte. Wenn dieß Alles auch in dieſem Augenblick nicht klar vor ihrer Seele ſtand, ſo fand ſie ſich wenigſtens in ihrem Innern ſo gedemüthigt, daß ſie über ſich ſelbſt erröthete. „Erſchreckt nicht über meine Anweſenheit, Müt⸗ terchen,“ ſagte ſie freundlich zu Brita,„ſondern hebt Tante Katharina's Bündel wieder auf und folgt mir zu den armen Leuten hin, die ihr da beherbergt. Ich wünſche Etwas für ſie zu thun.“ Gurli und Brita gingen in den Stall hinein. XXIII. Der Abend war ſchon weit vorgeſchritten, als Gurli's Gäſte von der unternommenen Luſtparthie zurückkehrten. Die jungen Leute waren am Park aus dem Wagen geſtiegen, um zu Fuß durch denſelben nach dem Garten zu gelangen.. Man ſchlug den Weg am Strande hin ein, und an Gurli's kleiner, netter Fiſcherhütte traf man Stephan. Man warf ſich auf den grünen Raſen nieder, um zu plaudern. „Wo ſind Sie geweſen, Signor?“ fragte Amy mit einem Blick und einem Lächeln, um welches die anweſenden Kavaliere Stephan beneideten. „Verreist“, lautete die Antwort, und damit ent⸗ ſpann ſich eine lebhafte Converſation zwiſchen ihnen. „Was bedeutet das!“ rief der Architekt nach einer Weile;„ich höre Hufſchlag, und ſogar in dem Park.“ „Vermuthlich irgend ein Pferd, das ſich hieher verlaufen hat,“ meinte man in der Geſellſchaft. „Vielleicht haben wir das Gitterthor hinter uns offen gelaſſen,“ bemerkte Einer— Etwas, das ein Dritter ſehr wahrſcheinlich fand. Alle ſchauten nach der Gegend, von wo die Huf⸗ ſchläge herkamen. Einige Minuten vergingen; darauf ſah man eine 149 Reiterin durch den Park ſprengen, aber in ſo großem Abſtande, daß ihre Geſtalt nur halb zwiſchen den Bäumen zu erkennen war. „Wer konnte das ſein?“ fragte einer der Herren. „Fräulein Falkenſtern,“ antwortete Stephan ganz gleichgültig. „Unmöglich!“ fiel eine der jungen Damen ein; „ſie hatte ein Kind vor ſich auf dem Sattel.“ So kam es mir auch vor,“ ertönte es rechts und links von Stephan. „Und wenn nicht ſie, ſo iſt es wohl Jemand anders geweſen,“ bemerkte Stephan lächelnd, und man brach nun auf. Als Alle im Pavillon verſammelt waren, wo man, wie ſchon geſagt, während der Reparatur des Saales zu Mittag und Abend ſpeiſte, trat Gurli in vollem Reitkoſtüm und mit gerötheten Wangen zu ihnen ein. Sie war ſtrahlend ſchön und von einnehmender Heiterkeit. Artig, freundlich, zum Scherz mit ihren Gäſten geneigt, entſchuldigte ſie ſich darüber, daß ſie im Reitkleide beim Souper erſchien, indem ſie be⸗ merkte, es gehöre zu einer ihrer Eigenheiten, daß ſie ſich nicht gern umkleide. Ihre Stimmung war eben ſo munter, wie der Himmel düſter. Nach dem Souper näherte ſich ein Diener wie gewöhnlich Gurli mit Cigaretten und Zündhölzchen auf einem Präſentirteller. Sie wies ihn zurück und ſagte: „Ich rauche nicht mehr. Es iſt alſo unnöthig, mir fernérhin mit Cigaretten aufzuwarten.“ 2 Man hatte ſich auf der Veranda niedergelaſſen, 150⁰ und Gurli äußerte, als ſie gleichfalls auf derſelben erſchien: „Ein wenig Geſang würde ſich dieſen Abend gut ausnehmen. Ich möchte wünſchen, ſo auf einmal die Nixe zu hören.“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, ſo be⸗ gann Stephan mit klarer Stimme zu ſingen: „Tief im Meere, in Hallen von Diamant“ u. ſ. w. Als er ſchwieg, rief man Bravo und Dacapo; aber der Sänger blieb ſtumm, und bald hernach trennte man ſich. Gurli blieb allein ſitzen. Welcher Tag, wie reich an innern Umwälzungen! Gurli war wie betäubt von allen den Eindrücken, welche über ſie ergangen waren, und rührte ſich nicht von der Stelle, als fürchtete ſie, durch eine einzige Bewegung einen derſelben abzuſchwächen oder in ſei⸗ ner Form zu ändern.. Sie war glücklich, und doch kam es ihr vor, als ob ſie weinen möchte. Es war ſo voll und doch zu⸗ gleich ſo leer in ihr, meinte ſie. „Ein Wort der Zärtlichkeit, der Freundlichkeit würde dieſen Augenblick meiner Seele ſo gut thun!“ In demſelben Momente ſagte Jemand: „Dank, Gurli, für den heutigen Tag. Vergib mir meine ungerechten Worte. Ich werde mir ſelbſt nicht ſo bald verzeihen, daß ich ſie geäußert habe. Gute Nacht!“ Es war Stephan, welcher an der Veranda vor⸗ über ging. Er entblößte das Haupt vor ihr und verſchwand. 3 ———— 15¹ XXIV. Die Morgenſonne begrüßte Allon's Heimkehr. Gurli empfing ihn herzlich; aber beim erſten Wort von ſeiner Freude, ſie wieder zu ſehen, ſeinem Glück und ſeiner Liebe, wurde er durch die Bemerkung un⸗ terbrochen: 3 Haſt Du ſchon die Blume vergeſſen, welche am Fuß des Berges wächst?“ Allon küßte ihr die Hand und verſicherte, er würde ſich nicht mehr des Fehlers ſchuldig machen, den Frieden der Blume zu ſtören. Sobald der Saal fertig war, ſollte die Verlobung gefeiert werden; bis dahin nicht ein Wort von der Verbindung. Dieß war Gurli's beſtimmter ille. Endlich war Alles in Ordnung, und nun wurde der Tag für den Verlobungsſchmaus feſtgeſetzt. Als ſie ſich mit Allon hierüber verſtändigt hatte, e ſie ſich vor, ſeine Mutter davon in Kenntniß zu ſetzen. Sie ſchickte hinunter und ließ fragen, ob Beate ſie empfangen wollte, erhielt aber zur Antwort, die gnädige Frau ſei am Morgen abgereist, um dem neuen Comminiſter, welcher vor einigen Tagen ein⸗ getroffen, in ſeiner Wohnung einen Beſuch zu machen. Sie werde bis Mittag zurückkehren. Dieſe Nachricht war für Gurli ſehr verdrießlich; aber ſie haite nicht Zeit, über die unangenehme Noth⸗ wendigkeit; Grünlund in ihrer Nachbarſchaft zu ſehen, einige Betrachtungen anzuſtellen, denn Stephan trat in den Salvn. 152 Er hielt das Gemälde in der Hand, welches über dem Kamin gehangen war. „Du haſt dieſes hier im Pavillon aufhängen laſſen,“ ſagte er;„ich komme mit der Bitte, es mir zu ſchenken.“ „Was willſt Du damit machen?“ „Man fragt nicht, wenn es ſich um ein Geſchenk handelt. Willſt Du mir es geben oder nicht?“ ſ Gurli bedachte ſich einen Augenblick, dann ſagte ie: „Da es wahrſcheinlich das einzige Geſchenk iſt, welches Du von mir begehren wirſt, ſo nimm' es.“ „Gut, ich werde dich eines Tags daran erinnern,“ entgegnete Stephan, indem er das Gemälde bei Seite ſtellte. Dann ſetzte er hinzu: „Woher weißt Du, das dieß das Einzige iſt, was ich von dir je begehren werde?“ „Darum, weil Du, wenn ich mich recht erinnere, mich nicht für ſehr geneigt zum Geben hältſt.“ „Einige Stunden können eine Veränderung in unſern Ueberzeugungen hervorbringen, wie viel mehr einige Tage; beſonders wenn es ſich um die Auffaſ⸗ ſung von dem Charakter eines Menſchen handelt.“ „Das iſt wahr. Wir lernen oftin einigen Mi⸗ nuten das Leben in einem andern Lichte anſehen, als wir es früher betrachtet haben. Aber laſſen wir das. ſo gebe in acht Tagen einen Ball,“ ſetzte. Gurli hinzu. „Iſt dies ein Beweis deiner veränderten Welt⸗ anſicht?“ „Jo,“ erwiederte Gurli, indem ſie ihre Hand auf Stephans Arm legte, und fügte dann, zu ihm empor⸗ ſehend, hinzu: 35 ——— ——— 153 „Er wird zur Feier meiner Verlobung mit Allon gegeben.“ Stephan ſchwieg und wich einen Schritt zurück. „Gurli!“ war Alles, was er ſagte; darauf eilte er aus dem Zimmer. Gurli ſah ihm nach und murmelte: „Habe ich wirklich den Rechten gewählt?“ XXV. Gegen Mittag kehrte Beate zurück. Gurli fand ſich bei ihr ein, gerade als dieſelbe ihr Zimmer betrat. „Ei, ſieh da Gurli, Gott ſegne dich, mein theu⸗ res Kind, dafür, daß du endlich einmal deiner Tante die Freude machſt, ſie in der Wohnung zu begrüßen, welche du ihr eingeräumt haſt.“ Beate ging Gurli mit offenen Armen entgegen. „Ich bitte die Tante, uns beiden dieſe Komödie zu erſparen, welche ihr nothwendig ebenſo zuwider ſeyn muß, wie mir. Ich habe mich hier eingefunden, nicht um der Tante einen Beſuch zu machen, ſondern gegenüber von Allon's Mutter einige Worte zu äußern. Ich weiß, daß dieſelbe ihren Sohn mit dem reichen Fräulein Falkenſtern verheirathet zu ſehen wünſcht; aber ich weiß auch, doß ſie es niemals Gurli ver⸗ zeihen wird, Beſitzerin von dem Falkenſtern'ſchen Ver⸗ mögen geworden zu ſeyn. Ich bin deßhalb gekommen, die Tante zu unterrichten, daß Allon um Gurli's Hand, nicht um Falkenſtern's Vermögen angehalten hat; und nur die Gewißheit davon beſtimmte mich, in eine Vereinigung zwiſchen dem Sohn der Tante und mir zu willigen. Die Bekanntmachung von Allon's und meiner Verlobung erfolgt in acht Tagen. Schwartz, Der Rechte. M. 1 154 In einem Jahre iſt die Hochzeit. Ich wünſche jedoch, die Tante darüber aufzuklären, daß mit dem heutigen Jahr die Familienzuſammenkünfte in Birgersborg ge⸗ ſchloſſen ſind. Die Tante und ich, wir bedürfen eines weiten Zwiſchenraums für unſere Perſon. Wir kön⸗ nen niemals als Mutter und Tochter mit einander umgehen, niemals unter demſelben Dache weilen; und da die Tante mit Allon's Verlobung ihren theuerſten Wunſch in Erfüllung gehen ſieht, ſo iſt es am beſten, wenn unſere Wege unmittelbar hernach ſich trennen.“ „Mit andern Worten will das heißen, Du wünſcheſt, daß ich Birgersborg verlaſſe, ſobald die Verlobung zwiſchen dir und Allon vorüber iſt.“ „Ja,“ entgegnete Gurli, indem ſie Beate feſt ins Geſicht ſah, und ſetzte hinzu: „Ich wünſche, daß ich, ſobald von mir ernſt und feierlich Allon das Gelübde meiner Treue gegeben iſt, die Tante nicht mehr in meiner Nähe zu ſehen brauche, denn ſie erinnert mich fortwährend daran, wie viel Unglück Allon's Mutter mir einſt auf mein Leben gehäuft hat. Die Liebe zu Allon würde durch die beſtändige Wiederkehr ſo ſchmerzlicher Erinnerungen ſich in Bitterkeit verwandeln und mein Herz verhärten. Die Tante ſieht alſo ſelbſt ein, daß für Allon's Glück unſere Trennung erforderlich iſt.“ Beate fuhr mit dem Taſchentuch vor die Augen; aber Gurli ließ ihr nicht Zeit, in eine Klage auszu⸗ brechen, ſondern eilte aus dem Zimmer. Beate ballte krampfhaft die Fauſt gegen die Thüre und murmelte: „Warte, Uebermüthige, meine Zeit kommt wohl auch einmal, und dann ſollſt du mir das auf eine ſchreckliche 5 Früh am folgenden Toge nahm Gurli Allon's Arm und ſchlug ihm vor, einen Spaziergang durch den Park hinunter nach ihrer Fiſcherhütte zu machen. „Erinnerſt Du dich wohl noch unſeres Geſprächs ſ als Du mir dorthin nachritteſt?“ fragte Gurli. „Ich vergeſſe niemals etwas, das Du mir ge⸗ ſagt haſt,“ antwortete Allon. „Um ſo beſſer,“ bemerkte Gurli.„Entſinnſt Du dich noch, daß Du damals ſagteſt, Du ſäheſt meinen Reichthum als ein wirkliches Unglück an?“ „Was ich damals ſagte, denke ich noch dieſen Augenblick.“ „Das freut mich, denn ich muß dich bitten, ge⸗ treulich eingedenk zu ſeyn, daß ich dir darauf die Antwort gab, mit dem Geſchenke meiner Hand wür⸗ deſt Du keinen andern Schatz, als meine Zuneigungs erhalten. Ich will dich alſo davon in Kenntniß ſetzen, daß ich im Sinne habe, mich in eine Frau ohne eigentlichen Reichthum zu verwandeln; Du bekommſt mit mir kein Vermögen. Dieß, Allon, iſt mein be⸗ ſtimmter Entſchluß. Denke genugſam darüber nach und prüfe dein Inneres, um dir, bevor ich die Ein⸗ ladungskarten zur Verlobung abgehen laſſe, dieß recht klar zu machen, damit Du nicht in Zukunft das Gold vermiſſeſt, welches ich jetzt mein eigen nenne, und in deſſen Beſitz Du als mein Mann nicht gelangen wirſt.“ Allon's Verſicherungen waren warm und aufrich⸗ tig. Er betheuerte, daß er nicht ein einziges Mal an Gurli's Geld, ſondern ausſchließlich an den Beſitz 156 ihrer Perſon gedacht habe. Darauf allein ſey ſein Beſtreben gerichtet geweſen. Während dieſes Geſprächs waren ſie bis zu der Fiſcherhütte gelangt. Auf der Treppe ſaß ein ſtämmiger Mann in ſauberer Seemannstracht, mit dem Einziehen einer Grundſchnur beſchäftigt. An ſeiner Seite befanden ſich zwei Kinder, welche ſeine Arbeit mit nicht geringem Intereſſe betrachteten. Allon fragte Gurli, wie es käme, daß der Mann und die Kinder ſich hier befänden. „Sie haben meine Fiſcherhütte zur Wohnung er⸗ halten,“ antwortete ſie.„Er wird mein Fiſcherei⸗ geräthe und mein Fiſchwaſſer viel beſſer unter Auf⸗ ſicht halten, als ich es ſelbſt zu thun im Stande bin. Der Mann und die Kinder ſind meine erſten Schütz⸗ linge, und ich wollte ſie deßhalb dir zeigen.“ Gurli trat auf den Mörder von Felix zu, ſprach einige freundliche Worte mit ihm, fuhr ſtreichelnd den Kindern mit der Hand über den Kopf und ſagte lächelnd: „In ein paar Tagen iſt eure kleine Schweſter ſo geſund, daß ſie wieder zu euch herabkommen kann.“ Herzensgüte macht das Häßliche ſchön, das Schöne bezaubernd. Dieß hatte Allon zu bemerken Gelegenheit, während er Gurli betrachtete. Das Ei⸗ genmächtige, Launenhafte und Herrſchſüchtige in ihrer Art und Weiſe war jetzt in den Hintergrund getreten, und an deſſen Stelle etwas ſo Mildes und Weibliches getreten, daß ſie im höchſten Grad liebenswürdig erſchien. Acht Tage darauf wechſelten Allon und Gurli die Ringe, und am Abend war großer Ball. Madame Teverino, welche ſeit jener Nacht, da 157 ſie in ſolchen Schrecken gerathen war, ſich nicht mehr hatte ſehen laſſen, fand ſich auf Gurli's beſondere Einladung gleichfalls unter den Gäſten ein. Sie war koſtbar, ja prächtig gekleidet, und ihr Aeußeres, obwohl gemiſchtes Blut verrathend, zeigte ſich in beſonders vortheilhaftem Lichte. Sie war trotz einiger dreißig Jahre noch ſehr hübſch. Als ſie von Amy begleitet in den Salon trat, tam Walter ihr gerade entgegen, und zum erſten Mal, ſeitdem ſie und ihre Tochter zu Birgersborg angelangt waren, näherte ſich der Mulatte denſelben. „Es jreut mich, Signora, daß Sie wieder geneſen ſind,“ ſagte er lächelnd in italieniſcher Sprache;„das Fräulein hat mir erzählt, daß Sie vor einiger Zeit in großen Schrecken verſetzt worden ſind. War es vielleicht eines von den Geſpenſtern, welche hier um⸗ gehen, das zu dieſem Schrecken Anlaß gab?“ „Ja, Signor, es war wirklich eines derſelben,“ erwiederte Madame Teverino in nachdrücklichem Ton. „Wahrſcheinlich der ſogenannte Hausgeiſt,“ fiel Walter ein.„Es iſt immer gefährlich, mit dergleichen in Berührung zu kommen, wenn ſie es ſich zur Auf⸗ gabe gemacht haben, über den Schätzen des Hauſes zu wachen.“ Walter zog ſich mit einer Verbeugung zurück. Amy ſah ihn lächelnd und mit neugierigem an, als ob ſie an ſeinen Worten ſich ergötzt ätte. In der nächſten Minute war jedoch Walter und alles Andere vergeſſen. Das junge Mädchen richtete ihre Augen auf Stephan, weicher in einer Fenſter⸗ vertiefung neben Allon ſtand und mit ihm redete. Wie ſchön er iſt,“ dachte ſie, und daſſelbe mußte einem Jeden ſich aufdringen, der einen Blick auf ihn warf. Er trug heute ſeine ſchlanke Geſtalt mit einem ſolchen Gepräge von Energie und Stolz, daß das Weiche und Kränkliche, das zuweilen in ſeiner ganzen Körperhaltung ſich zu erkennen gäb, völlig verſchwun⸗ den war. Sein Auge ſtrahlte, und wenn auch ſeine Stirne bleicher und nachdenklicher als ſonſt erſchien, zeigten die übrigen Züge ſich um ſo lebendiger. Er und Allon begrüßten die Damen, als ſie in den angrenzenden Salon traten, wo Gurli, Eliſabeth, Tante Katharina und Beate ſich befanden. Als ſie an den beiden jungen Männern vorüber waren, nahm Stephan das abgebrochene Geſpräch wieder auf. „Du verſprichſt mir alſo, daß Du weder Grün⸗ lund noch die Tante auf deine häuslichen Verhältniſſe inirten und den Frieden daheim ſtören laſſen willſt?“ „Das verſpreche ich,“ antwortete Allon Knd reichte Stephan die Hand.„Du ſollteſt wiſſen, wie tief ich den erſteren verachte.“ „Allon, es gab eine Zeit, wo Du von Herzen haßteſt, was Du jetzt liebſt. Deine Gefühle gehen leicht von einem Ertrem zum andern über. Dein Charakter iſt ſchwach, und Du läſſeſt dich beeinfluſſen. Blom beherrſchte ihn, als Grünlund fort war, aber das hindert nicht, daß.... „Sprich nicht aus; ich bin jetzt ein Mann und kein Kind mehr. Uebrigens haſt Du hier mein Wort, meinen Handſchlag darauf, daß Grünlund nimmermehr Gewalt über mich erlangen ſoll.“ „Gut, ich bin zufrieden und will glauben, daß Du deinem Wort nicht untreu wirſt. Sollteſt 5 Du es thun, ſo werde ich dich daran erinnern.“ Stephan that einen Schritt, um in den Salon zu gehen, aber Allon hielt ihn zurück. „Eine Frage, Stephan. Es wird dich ſicherlich nicht verwundern, wenn ich zu erfahren wünſche, warum Du dich jetzt ſo lebhaft für Gurli's zukünf⸗ tiges Glück intereſſirſt. Du hegteſt doch ſonſt weder für ſie, noch für mich ſonderliche Freundſchaft. Sollte auch deine Abneigung gegen Gurli ſich in ein zärt⸗ licheres Gefühl verwandelt haben?“ „Meine Abneigung kann ebenſo wie meine Zu⸗ neigung ihren Charakter ändern,“ entgegnete Stephan kalt.„Ich habe niemals Freundſchaft für dich ge⸗ habt, das iſt wahr, noch weniger für Gurli; aber ich fühle für euch beide das Intereſſe, welches unwillkürlich denen folgt, mit welchen man zuſammen erzogen worden iſt. Ich wünſche, daß ihr glücklich werdet. Daß ich dabei vornehmlich auf Gurli Rück⸗ ſicht nehme, kommt daher, weil ſie einſam ſteht, ohne Eltern oder Verwandte, welche ſie lieben. Ueberdieß verſprach ich ihm, der die Koſten unſerer Erziehung getragen hat, über die Zukunft ſeiner Stieftochter zu wachen und als treuer Bruder ihr zur Seite zu ſtehen. Wenn ich auch für meinen Theil Gurli gehaßt hätte, würde ich doch das einem Sterbenden gegebene Ver⸗ ſprechen als eine heilige Pflicht betrachten. Nun haſt Du meine Erklärung gehört.“ Stephan ging. Allon blieb zurück und ſchaute durch das Fenſter. Er empfand ein Gefühl bittern Reides gegen Stephan. Daß Falkenſtern in ſeiner letzten Stunde Stephan anbefohlen hatte, über Gurli's Glück zu wachen, ver⸗ droß ihn. Allon war doch um zwei Jahre älter, und 160 gleichwohl hatte ihm der Verſtorbene ein ſolches Ver⸗ trauen nicht geſchenkt. Es erregte ihm ein unangenehmes Gefühl, zu denken, daß Stephan es für ſeine Pflicht hielt, darauf Acht zu geben, wie Allon ſich gegen ſeine künftige Frau benehmen würde. Alle böſen Dämonen des Menſchenherzens fingen an, ſich in ihm zu rühren und in volle Thätigkeit zu verſetzen. Es gelang ihnen für den Augenblick, ſeine Seele den beſſern Gefühlen zu verſchließen. Die Ankunft der Gäſte zog jedoch ſchnell ſeine Aufmerkſamkeit von der innern Welt ab und richtete ſie auf äußere Gegenſtände. Er verließ ſeinen Platz und trat in den blauen Salon. Der Anblick, der ſich ihm hier darbot, war jedoch nicht geeignet, ihn in beſſere Stimmung zu verſetzen. Er ſah Stephan über Gurli's Stuhl gelehnt und in eifrigem Geſpräch mit ihr begriffen. Beide lachten und ſcherzten; beide waren auffallend ſchön. Allon fühlte ſich von Eiferſucht ergriffen und ge⸗ reizt bei dem Gedanken an Stephans brüderliche Vor⸗ mundſchaft. Er zürnte auf Gurli, daß ſie lachte, war wüthend auf Stephan, daß er ſcherzte, und auf ſich ſelbſt, weil er es geduldet hatte, ſich von Stephan ein Verſprechen abfordern zu laſſen. Gurli äußerte gerade, als Allon eintrat: „So, Du behaupteſt alſo, daß lichte Farben mir im Allgemeinen beſſer ſtehen, als dunkle. Ich werde mir das merken, darauf kannſt Du dich verlaſſen.“ Allon dünkte es in dieſem Augenblick, als ob das hellrothe Kleid, welches Gurli trug, ungemein häßlich wäre und ſie förmlich entſtellte. Stephan erwiderte auf Gurli's Bemerkung: 161 „Du biſt immer ſchön, Gurli, auch wenn Du dich dunkel trägſt, aber dieß paßt nicht zu deinem Geſicht. Du haſt blonde Haare, und darum harmo⸗ niren die milden Farben mit deinem Ausſehen. Warum kleideſt Du dich niemals weiß?“ Gurli fand keine Zeit zu antworten. Der Bezirksrichter H. mit Frau, Söhnen und Töchtern trat ein. Gurli mußte ſomit als Wirthin ihre Gäſte begrüßen. Als Gurli ſich erhob, um ihnen ein paar Schritte entgegenzugehen, fielen Allon's Augen auf Amy, und er ſah in ihrem Blick gleichſam den Wiederſchein der Gefühle, welche er ſelbſt empfand. „Es findet ſich zwiſchen uns eine Sympathie,“ dachte Allon und war gewiſſermaßen erfreut darüber. Gleichzeitig begegneten ſich ihre Augen. In einem einzigen Blick kann ein ganzes Be⸗ kenntniß liegen. So war es mit dem, welchen ſie jetzt wechſelten. Allon näherte ſich Amy. Sie hatten in dem ausgetauſchten Blick einander verſtanden und wußten, daß ſie Bundesgenoſſen waren. Gerade als Allon den leeren Stuhl neben Amy einnehmen wollte, ſtand Stephan an ihrer Seite und bemerkte in ſeinem ſcherzhaften, ſpottenden Ton: „Erlaube, Allon, daß ich dieſen Platz für mich ufurpire. Du wirſt mir ihn gewiß abtreten, wenn ich dir die Verſicherung gebe, daß ich als älterer Be⸗ kannter einen Anſpruch auf Vorzug zu haben glaube. Außerdem winkt dir eben jetzt deine Braut.“ Allon ſah auf Gurli, welche mit einem einneh⸗ menden Lächeln ihm zunickte. Er war augenblicklich an ihrer Seite. Stephan ſetzte ſich Amy gegenüber. „Erlauben Sie, Signora, daß ich aus dem In⸗ halt Ihres Bouguets einen Schluß auf die Gedanken mache, womit Sie heute beſchäftigt ſind. Sie haben dieſe Blumen ſelbſt aus der Hrangerie gewählt?“ Er heftete ſeine Augen nicht auf die Blumen, ſondern auf Amy. „Sie haben recht gerathen, Signor; die Blumen ſind von mir ſelbſt gewählt, was für die Kavaliere Ihres Landes im Punkte der Artigkeit ein ſchlechtes Zeugniß gibt, da unter ſo vielen nicht einer mir ein Bouquet ſandte.“ „Sie haben Unrecht; ich ſah, wie Lieutenant D. dieſen Morgen Ihnen ein ſolches ſandte— Etwas, das er keinen Tag unterläßt.“ „Möglich; aber von ihm habe ich für mich keine Blumen erwartet.“ „Nicht?— Von Magiſter Blom vielleicht?“ fragte Stephan lächelnd. „Ah, Signor, Sie geben ſich unnöthige Mühe, es zu errathen.“ „Ich ſtimme Ihnen vollkommen bei; Muthmaßun⸗ gen ſind nichts als Wirbelwinde, welche die Wahrheit mit ſich fortnehmen. Der, welcher Etwas errathen kann, thut es nicht, ſondern hütet ſich davor. Der, welcher es nicht kann, verirrt ſich unnöthiger Weiſe, ohne die Wahrheit zu finden.“ Stephan roch an dem Bouquet und gab es dann zurück, indem er fortfuhr: „Ihr Bouquet hat mir geſagt, daß Sie Fräulein Falkenſtern ſehr ſchön finden.“ „Ihr Blick hat mir darüber Aufklärung gegeben, daß Sie ebenſo denken, Signor,“ antwortete Amy, indem ſie das Geſicht in den Blumenkelchen verbarg. „Ja, bei meiner Ehre, ſie iſt mehr als ſchön, ſie iſt entzückend.“ * 163 Es blitzte in Amy's Augen. Stephan lehnte ſich gegen ſie vor und ſetzte mit leiſer Stimme hinzu: „Seyen Sie auf Ihrer Hut. Sie können die Blumen zum Verwelken bringen.“ „Und zum Sterben,“ fiel Amy dumpf ein. „Und wenn das geſchähe, was wäre der Gewinn davon? Glauben Sie das hernach wieder finden zu können, was Sie getödtet haben? Nein, niemals.— Andere Blumen mögen Sie finden, aber nicht jene, denn was todt iſt, kann nie wieder aufleben.“ „Mag ſeyn; aber die Blumen, welche nicht für mich blühen, ſollen auch nicht für Andere blühen.“ „Ihr Bouquet kann ja Niemand anders ange⸗ hören. Sie haben es ja ſelbſt gewählt; aber wenn Sie nicht ein ewiges beſitzen, ſo liegt der Fehler an Ihnen, nicht an Jemand anders. Sie haben dann Ihre Freude in vergänglichen Blumen geſucht.— Aber Scherz bei Seite. Ich wünſche, verſtehen Sie, Any, ich ſage wünſche, während ich ein anderes Wort gebrauchen könnte, daß Sie nicht Allon von Stral's Braut mit ſolchen Blicken betrachten, wie Sie eben auf dieſelbe hefteten, als ich mit ihr ſprach. Wechſeln Sie auch nicht ſo bedeutungsvolle Blicke mit Fräulein Falkenſterns Bräutigam.“ „Ueber den Ausdruck meiner Blicke werde ich doch zu gebieten haben, wenn auch ſonſt über nichts Anderes,“ fiel Amy heftig ein. „Nein, nicht ſo ganz. Das Gefühl in Ihrem Herzen gehört Ihnen allein; aber ſeyen Sie vorſichtig, laſſen Sie es nicht unter den Augenwimpern hervor⸗ blinzeln.“ „Das hängt von Ihnen ab,“ ſagte Amy mit leiſer, zitternder Stimme. 164 „In dieſem Fall habe ich nun geſagt, was ich wünſche. Haben Sie mich verſtanden, Amy?“ Amy ſchaute zu ihm mit einem flehenden Blick voll grenzenloſer Hingebung auf. Stephan erwiderte dieſen Blick mit der Miene eines Herrſchers gegen ſeinen Sklaven, kalt, befehlend und ohne Erbarmen. „Ich werde verſuchen, Ihren Wunſch verſtehen zu lernen,“ ſtammelte ſie tief aufathmend.—„Wie glauben Sie wohl, daß der Höchſte Sie und mich richten würde, wenn wir eben jetzt vor ſeinem Stuhle uns befänden?“ ſetzte ſie hinzu. „Wahrſcheinlich nach der Verſöhnungslehre,“ ant⸗ wortete Stephan. „Welchen Spruch würden Sie ſelbſt als Richter über den fällen, welcher ſeine Macht über einen An⸗ dern mißbraucht?“ „Wenn er ſie zum Guten gebrauchte, würde ich ihn belohnen,“ ſagte Stephan.—„Aber warum ſo feierlich ſprechen? Der Scherz iſt für Ihre Lippen, die Freude für Ihren Blick, und Sie müſſen ſtets dem Satze huldigen, daß Finſtere Gedanken ein ſchlechtes Verſchönerungsmittel ſind, während dagegen helle und lächelnde der Jugend angehören.“ „Gerade wie dergleichen Farben„ „Allon von Stral's Braut kleiden,“ fiel Ste⸗ phan ein. Er brach eine Roſenknospe aus Amy's Bouquet. ü Ermanglung von Orden werde ich dieſe in mein Knopfloch ſtecken. Sie haben wohl nicht ver⸗ geſſen, woran ich Sie damit erinnern will?“ Ein glühender Purpur färbte Amy's dunkles Antlitz. Er glich einem Sonnenſtrahl, welcher plötzlich die Nacht erhellt. In dem Auge wurde es ſo klar, 165 als ſchimmerte darin eine der Perlen, welche der Engel der Nacht in dem Kelch der Blume zurückläßt. Das junge Mädchen flüſterte: „Die Erinnerung, auf welche Sie jetzt hindeuten, wird mir in das Grab folgen und jenſeits deſſelben mir entgegenkommen, um die Ewigkeit licht zu machen und mich mit allen Leiden zu verſöhnen.“ „Ich danke,“ ſagte Stephan, ſtand auf und ent⸗ fernte ſich. Nachdem die Verlobung angekündigt und die Geſundheit des Brautpaars getrunken war, begann der Ball. Derſelbe wurde von Allon und Gurli eröffnet. „Ich tanze beinahe niemals,“ bemerkte Stephan gegen Amy, als zum erſten Walzer aufgeſpielt wurde, wenn Sie mir aber dieſen ſchenken wollen, ſo wird es mir lieb ſeyn.“ „Ich bin ſchon engagirt,“ lautete die Antwort. „Von wem?“. „Da kommt mein Kavalier.“ Amy deutete auf den Baumeiſter. Stephan näherte ſich demſelben, einem alten Univerſitätsfreunde, und nach einigem Parlamentiren trat der Architekt den Walzer an Stephan ab. In dem Augenblick, als Stephan und Amy mit den Andern zum Tanze antraten, fielen Gurli's Augen auf ſie. Ihre Miene nahm plötzlich einen kalten und ſtolzen Ausdruck an. Als der Walzer zu Ende war, ging ſie auf Ma⸗ dame Teverino zu und ſprach in einem Tone, der etwas Befehlendes hatte:. „Ich will heute Abend Geſang haben. Sie ſind wohl bereit dazu?“ „Ja, Signora,“ antwortete Madame Teverino. 166 „Alſo zwiſchen dem erſten und zweiten Theil der Tänze.“ „Und die Piecen, welche Sie mir vorige Woche notirt haben?“ „Ja.“ Gurli entfernte ſich und Madame Teverino's Blick folgte ihr mit haßerfülltem Ausdruck. Stephan näherte ſich Gurli. „Du haſt Geſang befohlen, nicht wahr?“ fragte er. „Allerdings.“ „Aber ich bitte dich, davon abzuſtehen. Kannſt Du mir an dieſem für dich ſo glücklichen Tage eine Bitte abſchlagen?“ „Ganz gewiß. Madame Teverino wurde mit ihrer Tochter von mir engagirt, mit ihrem Talente mir den Aufenthalt auf dem Lande zu erheitern. Ich habe ſie bisher noch nicht in Anſpruch genommen und bin ſo⸗ mit berechtigt, es heute zu thun.“ „Sehr wahr, und dennoch, Gurli, ſage ich: Heute Abend nicht! jeden andern Tag, jede andere Stunde, aber jetzt nicht.“ „Und der Grund?“ „Kannſt Du keine Bitte erfüllen, ohne das Mo⸗ tiv zu erfahren, von welchem ſie diktitt wurde?“ Gurli wandte ſich von ihm ab, ging haſtig auf Allon zu, nahm ſeinen Arm und war eine Minute hernach aus dem Saale. Die erſte Hälfte des Balls war vorüber:— Man ruhete aus, um Etwas ſingen zu hören. Es wurde auch ſofort ein wohleingeübtes, von Stephan arran⸗ girtes Quartett von Männerſtimmen vorgetragen. Mit dem Schluß deſſelben war auch der Geſang aus, und das Souper wurde eingenommen. Man tanzte bis Morgens zwei Uhr. 167 Die Verlobten waren jetzt allein. Allon, verliebt und eiferfüchtig, wünſchte von Gurli noch einige Worte zu vernehmen, welche in ſeiner Bruſt die Unruhe zu ſtillen vermöchten, die zwar den Tag über verbannt geweſen war, aber jetzt wieder Macht über ihn gewonnen hatte. Gurli dagegen, welche alle Liebesſcenen verab⸗ ſcheute, warf ihrem Bräutigam einen Kuß zu, ſagte ihm ſcherzend gute Nacht und war aus dem Zimmer, ehe Allon mehr Zeit fand, ſie aufzuhalten. Als Allon zur Ruhe gehen wollte, fand er auf ſeinem Nachttiſch ein kleines Billet folgenden Inhalts: „Mein lieber Allon! „Obwohl es mir heute nicht vergönnt war, dich zu ſehen und zu umarmen, mein theurer Schüler, will ich doch den Tag nicht zu Ende gehen laſſen, ohne dir meinen Segen zu ſenden, den Schutz des Herrn auf dich herabzurufen. Mögeſt Du ſo glücklich werden, als der Höchſte in ſeiner Gnade für gut findet, und ich, dein alter vergeſſener Lehrer es wünſche. „Unſere Wege, theurer, geliebter Sohn, ſind in den letzten Jahren getrennt geweſen. Dein Herz iſt durch weltliche Intereſſen und Einflüſſe von mir und dem rechten Wege abgewendet worden. Ich will je⸗ doch nicht klagen, denn dieß ſteht einem Chriſten übel an; ich will nur den Herrn preiſen und ihm lobſingen, daß er mich wiederum in deine Nähe ge⸗ führt hat und ich nun einen feſten Platz gewonnen habe, um für die Beförderung ſeiner heiligen Lehre zu leben und zu wirken. Nächſten Frühling, mein theurer Sohn, werde ich das unbedeutende Comminiſter⸗ amt, das ich erhielt, antreten, und hoffe dann, daß der Friede des Höchſten und wahre chriſtliche Eintracht 168 zwiſchen dem geringen Prediger und dem reichen Guts⸗ herrn walten mögen. Ich will auch glauben, daß dein Sinn ſich noch einmal zu Gott wenden werde, und dann, mein Sohn, ſollſt Du immer meine Arme für dich geöffnet finden. „Mein für dich und dein Wohl unvermindertes chriſtliches Intereſſe bringt es mit ſich, daß ich dich ſtets in mein Gebet eingeſchloſſen habe. Ich finde mich darum auch veranlaßt, dir ein Wort der War⸗ nung zu ſenden, damit Du nicht durch die Liſt des Böſen deines Glückes verluſtig gehen mögeſt.“ „Mein Sohn, bedenke wohl, daß die Verlobung nicht zugleich die Hochzeit iſt. Die Braut, deren Du heute ſicher zu ſeyn glaubſt, kann durch Betrug dir mor⸗ gen geraubt werden. Siehe zu, daß ſie nicht von dir geriſſen wird, und lerne dem mißtrauen, welcher ſich bei dem Verſtorbenen eingeſchmeichelt hat, ſo daß er vorzugsweiſe als derjenige bezeichnet wurde, welchem Gurli ihre Hand ſchenken ſollte. Ich ſage nicht mehr, ſondern will für dich und dein Seelenheil wachen und beten, jetzt und mmerdar, auch wenn Du ganz den⸗ jenigen vergiſſeſt, welcher ſtets verbleibt dein Bruder in Chriſto. Grünlund.“ Wenn der leidige Verſucher wirklich einen ſeiner dienſtbaren Geiſter ausgeſandt hätte, um den Funken der Eiferſucht, welchen Stephans Geſpräch mit Allon in die Seele des letztern geworfen, zu vollen Flammen anzuſachen, ſo würde es ihm nicht beſſer als Grün⸗ lund mit ſeinem Briefe gelungen ſeyn. Allon verachtete Grünlund als einen elenden und gemeinen Heuchler, als einen filzigen, habgierigen Menſchen; aber deſſen ungeachtet brachten ſein flüſterungen auf die aus dem Gleichgewichte ge etdapiaenec Schwartz, Der Rechte. II. 169 Seele Allon's eine entſchiedene Wirkung hervor. Die Urſache davon muß man in dem Umſtande ſuchen, daß wenn einmal Neid und Eifetſucht in einem Menſchen geweckt ſind, es ungemein wenig bedarf, um dieſelben noch mehr zu ſteigern. Die ungereimteſten Beſchuldigungen erſcheinen dann wahrſcheinlich, die falſcheſten Behauptungen glaub⸗ würdig, und man gibt ſich zu Allem her, was Oel in das Feuer gießt, das in uns brennt. Nimmt man hinzu, daß Allon immerdar ein großes Vertrauen auf Grünlunds ſcharfen Verſtand und ſein Vermögen, Andere zu durchſchauen, bewahrt hatte, ſo ergibt ſich, daß er leicht einer ungebührlichen Eiferſucht zum Opfer fallen mußte. Den Tag nach der Verlobung war ſeine Stirne finſter, und ſein Blick verrieth nur zu deutlich, daß ſeine Seele von ganz andern als friedlichen Gefühlen beherrſcht wurde. Es gab zwiſchen ihm und Gurli einen kleinen Zwiſt, welcher durch ihren hellfarbigen Anzug veran⸗ laßt wurde. Allon konnte helle Kleider nicht leiden. Dunkle gefielen ihm beſſer, und er äußerte den Wunſch, daß ſie ſich keiner andern bedienen möchte. Er bat ſie darum, und Gurli hätte ihm ſeinen Willen thun ſol⸗ len; aber nein, ſie unterließ es und trug bei der Mittagstafel, wo die Mehrzahl der Ballgäſte noch zugegen war, ein helles, gelbſeidenes Kleid. Allon wurde dadurch völlig verſtimmt. Gurli's Lächeln vermochte nicht, ſeine Stirne aufzuklären; er ſuchte vielmehr Amy auf. Das Erſte, was ſie äußerte, war, ihrer Anſicht nach ſtänden helle Kleider Gurli ſchlecht; aber ſie fände es natürlich, daß Gurli dergleichen trage, da 12 170 Stephan der Meinung wäre, daß dieſelben gut für ſie paſſen. Allon fühlte ſich durch Gurli's Benehmen ver⸗ letzt und hielt ſich fern von ihr. Gegen Abend reisten die Gäſte, welche über Nacht geblieben waren, ab und die Hausbewohner ſahen ſich wieder allein. Beim Frühſtück am nächſten Morgen erſchie Gurli in einem weißen Anzug. Jetzt konnte ſich Allon nicht länger beherrſchen. Gott weiß, was er ſagte; aber eine ganze Menge dummer Worte war es. Gurli wurde darüber böſe und behielt den weißen Anzug den ganzen Tag. Auch jetzt ſuchte Allon ſeinen Troſt in Amy's BGeſellſchaſt, aber ohne damit etwas Anderes, als eine Steigerung ſeiner Eiferſucht zu gewinnen. Ein paar Tage vergingen unter zunehmender Span⸗ nung; und dieſelbe führte endlich von Allon's Seite zu einem ſtürmiſchen Ausbruch. Er äußert“ für Gurli verletzende Worte, und ſie, die innerlich nicht in Abrede ziehen konnte, daß ſie ohne Rückſicht auf ihn gehandelt hatte, wurde unzu⸗ frieden mit ſich ſelbſt und mit Allon. Sie hörte ihn an, mit Bitterkeit im Herzen üͤber ihr eigenes Un⸗ vermögen, ſich nach Andern zu richten, und geärgert über ſeine Unverträglichkeit. Hätte Gurli Allon die Hand gereicht und ein einziges Wort geſagt, daß es ihr leid thäte, ihn ſchon beim Beginn ihrer Verlobung betrübt zu haben, ſo würde Allon jeden andern Einfluß, als den der Liebe, weit von ſich gewieſen haben. Nun aber behielt Gurli die Reue und Mißbilligung über ihr Betragen für ſich, ohne nur eine Sylbe zu äußern, und al 171 Allon mit ſeiner Anklage zu Ende war, eilte ſie von ihm hinweg und ließ ſich den ganzen Abend nicht mehr ſehen. Es war der Tag vor dem, da Beate von Bir⸗ gersborg abreiſen ſollte. Als Allon nach der Scene mit Gurli in ſein Zimmer hinunterging, ſah er ſeine Mutter in dem⸗ ſelben ſitzen. „Ich verlaſſe morgen Birgersborg,“ ſagte Beate. „Ja, Mama, Du haſt mich bereits davon in Kenntniß geſetzt,“ lautete die Antwort, welche in je⸗ nem ſchnautzigen, unfreundlichen Tone gegeben wurde, welchen ſchlecht erzogene Kinder gegen ihre Eltern annehmen. „Weißt Du die Urſache, warum ich ſchon jetzt mich von hier entferne?“ „Nein, ich frage niemals nach den Beweggründen von Mama's Thun und Laſſen.“ Allon warf ſich auf einen Sopha. „Gurli hat verlangt, daß ich, ſobald die Ver⸗ lobung vorüber wäre, von hier abreiſen ſollte.“ „So, ſo,“ ſagte Allon, die Zähne über einander beißend. „Um deines Glückes willen,“ fuhr Beate fort, „erfülle ich ihren Wunſch, weil ich die Unzufriedenheit deiner reichen Braut nicht erregen und ihr dadurch Veranlaſſung geben will, daß ſie mit dir bricht und ſo den Wünſchen gewiſſer Perſonen entgegenkommt. Wenn Gurli einmal deine Frau iſt, werde ich ſchon wiſſen, was mir zukommt und mich nicht aus meines Sohnes Hauſe ausweiſen laſſen.“ Allon hörte nicht auf die letzten Worte. Er hatte nur auf das geachtet, was ſeine eigene Perſon betraf. „Wer hätte denn ein Intereſſe dabei, daß die 172 eben erfolgte Verlobung wieder rückgängig gemacht würde?“ fragte er. „In erſter Linie natürlich Stephan, um von ſ Katharina, Eliſabeth und Walter NRichts zu agen.“ Allon begann mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abzugehen. „Gute Nacht, mein theurer, geliebter Sohn. Beſchleunige deine Verbindung mit Gurli ſo ſehr als möglich.“ Beate näherte ſich der Thüre. „Wann reist Mama ab?“ fragte Allon. „Um neun Uhr Vormittags. Ich fahre an der Wohnung des Comminiſters vorüber, um Grünlund abzuholen, welcher gegenwärtig hier verweilt. Wir reiſen dann zuſammen.“ „Ich werde Mama bis nach as begleiten,“ ſchloß Allon und ging in ſein Schlafzimmer. XXVII. Beate und Allon waren abgereist. Gurli wanderte nach ihrer Abfahrt hinunter zu ihren Schützlingen in der Fiſcherhütte. Sie hielt ſich eine Weile dort auf und war auf dem Rückwege be⸗ griffen, als ſie Stephan begegnete.. „Ich brauche nur zu wünſchen, dich zu treffen, ſo darf ich ſicher darauf rechnen, daß Du mir in den Weg kommſt,“ bemerkte Stephan ſcherzend. „Wirklich, dann biſt Du unter einem glücklichen rn geboren,“ antwortete Gurli in demſelben Ton. „Darum, daß ich dich treffe?“ fragte Stephan. 173 „Ach nein, ſondern darum, daß Du deine Wünſche ſo leicht in Erfüllung gehen ſiehſt; aber aus welchem Grunde ſuchteſt Du mich?“ „Um dich davon in Kenntniß zu ſetzen, daß mein Aufenthalt in Birgersborg diesmal nicht ſo lange dauern kann, als vorgeſchrieben iſt. Ich muß ſchon in zwei Tagen mit dem Bezirksrichter H. zu den Ge⸗ richtsſitzungen in Akerby abreiſen.“ „Und wann kommſt Du wieder?“ „Nächſtes Jahr, um als Marſchall bei deiner Hochzeit zu fungiren.“ „Ich rechne darauf „Aber es war etwas Anderes, weßhalb ich dich aufſuchte. Ich habe verſprochen, einen Wunſch von Madame Teverino vorzubringen.“ „Kann ſie ſich nicht direkt an mich wenden?“ fragte Gurli ſtolz. „Ja, gewiß; aber ich habe es nun einmal auf mich genommen, für ſie das Wort zu führen, und hoffe darum, daß Du mir Gehör ſchenkeſt.“ Gurli nickte zur Antwort mit dem Kopfe. „Du biſt mit ihr übereingekommen, daß ſie und ihre Tochter für eine gewiſſe Summe Geldes ſechs Wochen bei dir verweilen ſollen, um mit ihren muſi⸗ kaliſchen Talenten dir und deinen Gäſten Unterhal⸗ tung zu verſchaffen. Sie ſind nicht volle vier Wochen hier geweſen und haben ſomit kein Recht, ſchon jetzt abzureiſen; aber wegen eines vortheilhaften Engage⸗ ments für den Winter wünſchen ſie ſchon in einigen Tagen ſich zu entfernen. Madame Teverino erbietet ſich, den auf die Zeit, da ſie noch hier bleiben ſollten, fallenden Theil des Honorars zurückzubezahlen. Du haſt über⸗ dieß auf keinerlei Weiſe von deren muſikaliſchen Lei⸗ ℳ 5 ——.——„ 174 ſtungen einen Genuß gehabt, und der Verluſt iſt ſo⸗ mit nicht ſehr groß.“ „O nein, darin haſt Du vollkommen Recht, be⸗ ſonders da Du das einzige Mal, wo ich ſie zu hören begehrte, Einſprache dagegen erhobſt. Ich gehe alſo darauf ein, daß ſie ſchon jetzt abziehen, aber nurunter einer Bedingung.“ „Und dieſe iſt?“ „Daß ſie bis nächſtes Frühjahr, oder vielmehr, ſobald ich es wünſche, wieder kommen und dann einige Wochen bei mir zubringen. Ich beabſichtige bei einem erneuerten Beſuch deren muſikaliſche Talente mehr in Anſpruch zu nehmen, als es dieſes Mal geſchehen iſt.“ „Gegen dieſe Bedingung wage ich wirklich Oppo⸗ ſition zu erheben,“ fiel Stephan lebhaft ein.—„Ich bin vollkommen überzeugt, daß Madame Teverino mit Freuden ſich derſelben unterziehen würde; deſſen ungeachtet ſage ich: Gurli ſtehe davon ab, wenn Du kannſt; deine und ihre Wege führen niemals zu⸗ ſammen.“ „Ich begreife nicht, warum ich ihnen ausweichen ſoll. Wir wandeln ſo getrennte Bahnen, daß wir niemals in Kolliſion kommen können.“ „Wer weiß? Ich will dich jedoch darauf aufmerk⸗ ſam machen, daß dieſe Frauen Abneigung gegen dich he⸗ gen; aus welchem Grunde, konnte ich noch nicht her⸗ ausbringen; ich weiß blos, daß ſie gegen dich und dein Glück feindlich geſinnt ſind.“ 8 „Stephan, dieß alles weiß ich und habe es won dem erſten Augenblick an gewußt, da ich ſie ſah; und gerade darum lud ich ſie hieher ein. Ihr Haß, den ich nicht verſtehe und deſſen Urfache ich nicht ergrün⸗ den kann, ſchreibt ſich, wie ich glaube, von meinem Namen her.“ 17⁵ „Ich will und kann dieß nicht beſtreiten; aber ich bitte dich, begrüße ſie nie mehr als Gäſte unter deinem Dache.“ „Dieſes Begehren kann ich unmöglich erfüllen. Jetzt mögen ſie reiſen, da Du es ſo wünſcheſt, und ich habe kein Recht, mich zu widerſetzen, beſonders da deren Entfernung dich ſo lebhaft zu intereſſiren ſcheint und deiner Behauptung nach ihnen von Nutzen ſeyn kann; aber ich ſtelle die Bedingung, daß ſie auf nächſte Pfingſten, oder wenn ich es verlange, wieder kommen. Und nun kein Wort mehr davon, was ich geſagt habe, dabei bleibt es.“ Stephan ſchwieg einen Augenblick, nahm aber nach einer Weile wieder das Wort: „Mögeſt Du niemals bereuen, daß Du den Rath eines aufrichtigen Freundes nicht befolgt haſt.“ „Was ſagſt Du da?“ rief Gurli ſcherzend.„Iſt es wirklich ſo weit gekommen, daß Du dich meinen Freund nennſt?“ „Jo, in der That.“ „Das Glück macht uns freundlich geſtimmt,“ entgegnete Gurli heiter;„und Du, der Du dich jetzt glücklich fühlſt, Amy Teverino von hier aus das Ge⸗ leite geben zu können, biſt in aller Eile ſo wohlge⸗ ſinnt geworden, daß Du deine Feindſchaft gegen mich vergeſſen haſt, Ich bin wirklich der Signora zu Dank verpflichtet.“ „Wenn meine Freundſchaft wirklich eines Dankes werth iſt, ſo bringe ihn auf deiner Mutter Grab,“ antwortete Stephan ernſt. Der Scherz erſtarb auf Gurli's Lippen, und ſie ſetten den Weg durch den Park ſchweigend fort. Als ſie in den Garten traten, ſchlug Gurli die Richtung nach dem Pavillon ein. 176 Stephan folgte ihr ſchweigend. Als ſie die Treppe zu der Veranda hinaufſtiegen, rief Gurli: „Wir ſind ja ſchweigſam, wie die ägyptiſchen Prieſter.— Du biſt nicht im mindeſten unterhaltend als Geſellſchafter.“ Ich habe mir mit dem Gegentheil geſchmeichelt,“ antwortete Stephan,„und ich hoffe, daß Du mich nicht immer langweilig gefunden haſt.“ „Meiſtens,“ erwiederte Gurli lächelnd.„Geſtehe, daß es unverzeihlich iſt, ſeine Gedanken ſo aus⸗ ſchließlich von einer abweſenden Frau in Anſpruch nehmen laſſen, daß man diejenige vergißt, deren Ka⸗ valier man für den Augenblick iſt.“ „Zugeſtanden, beſonders wenn dieſe jung und ön iſt, wie es mit dir der Fall.“ „Und dennoch haſt Du dir eine ſolche Sünde t. „Das gebe ich nicht zu.“. „Nicht? Woran dachteſt Du denn die ganze Zeit, da Du ſchweigend an meiner Seite einhergingeſt? Kannſt Du in Abrede ziehen, daß deine Gedanken ſich mit Amy beſchäftigen?“ „Ja, das leugne ich; ſie waxen in der That ganz ausſchließlich auf dich concentrirt.“ »Bien obligée la) erwiederte Gurli lachend und machte ein Compliment. „Du glaubſt alſo, Gurli, daß mein Herz noch an Amy Teverino gefeſſelt ſey? Ich habe dir doch vor Kurzem geſagt, daß dem nicht ſo iſt.“ „Allerdings, aber deine Augen haben mir etwas ganz Anderes geſagt.“ *) Sehr verbunden. „Nun, wie Du willſt, es verlohnt ſich nicht der Mühe, darüber zu ſtreiten.— Amy Teverino iſt auf jeden Fall eine Frau, die man bewundern muß, auch wenn man ſie nicht mehr liebt.“ „Du haſt ſie ſomit geliebt?“ 3 S „Ja, vermuthlich,“ antwortete Stephan in ſeinem leichtfertigen Ton.—„Aber nun will ich dich nicht länger aufhalten, ſondern Madame Teverino benach⸗ tichtigen⸗ daß Du zu ihrer Abreiſe deine Einwilligung gi ſt.“ Stephan entfernte ſich. Um Mittag war Allon heimgekehrt, und als er mit umwölkter Stirne, mißvergnügtem Blick und eifer⸗ ſüchtigem Sinn in den Speiſeſaal trat, fand er Gurli allein dort und in einem ſchwarzſeidenen Anzuge. Sie kam ihm mit einem ſo freundlichen Geſicht entgegen, daß der Anblick davon, im Verein mit dem dunkeln Gewande alle Furien in die Flucht jagte, und als Gurli ihm ihre beiden Hände mit den Wor⸗ ten reichte:„Willkommen, Landſtreicher, Zweifler und Zankgeiſt, da vergaß Allon ſeine Eiferſucht, ſein Mißvergnügen und all den bitteren Argwohn, den ſeine Mutter in ſeiner Seele geweckt hatte, und dünkte ſich nun auf einmal alle Glückſeligkeit des Lebens gewonnen zu haben. Das Unglück bei Allon war eben dieſe Leichtig⸗ keit, womit er ſeine Gefühle wechſelte. Ein paar Tage darauf waren Stephan und Ma⸗ dame Teverino mit ihrer Tochter fort. Es gab nun nichts mehr, was Allon's Frieden ſtören konnte; und der Monat, welcher noch zu Birgersborg verfloß, war ein éinziger, ſonnenheller Tag für die Verlobten. Gurli war heiter und froh wie ein glückliches Kind. Zu Ende Auguſts verließen Gurli und Eliſabeth 178 Birgersborg, um eine kleine Reiſe nach England zu machen. Allon begleitete ſie bis nach Gothenburg. Im Oktober wollte Gurli nach Schweden zurück⸗ kehren und den Winter in Stockholm zubringen, wo ſie ſich noch nicht länger als eine oder zwei Wochen aufgehalten hatte. Minuten und Tage eilen hinweg, wenn man auf dem Wagen der Luſt einherfährt. Der Winter verſchwand auch für Gurli, wie ein einziger Schlag auf dem großen Uhrwerk der Zeit. Die ſchöne, lebhafte und originelle Frau war die Göttin des Tags. Sie war ben von Bewunderern; Huldigun⸗ gen, Lobpreiſungen und Schmeicheleien wurden ihr dargebracht, und ſicherlich hätte ſie ſich davon betau⸗ ſchen laſſen, wäre ſie nicht ſchon daran gewöhnt ge⸗ weſen. Sie hatte ſich die beiden borangehenden Win⸗ ter in den Hauptſtädten Englands und Frankreichs aufgehalten und in beiden einen Erfolg gehabt, wel⸗ chen ſie nicht allein ihrem Reichthum, ſondern auch ihrer Schönheit verdankte. Gurli war ſich auch vollkommen ihrer Macht als reiche und ſchöne Frau bewußt. Sie nahm die Hul⸗ digungen als etwas ihr Gebührendes entgegen, ohne dadurch ſich in Trunkenheit verſetzen zu laſſen. Dazu machte ſie zu große Anſprüche. Sie war im Grunde ſo ſtolz, daß ſie ſich mehr verwundert haben würde, wenn man ihr nicht gehuldigt hätte, als ſie ſich jetzt geſchmeichelt fühlte, weil man es that. Gleichwohl ſah ſie die Aufmerkſamkeit, die man ihr widmete, als Etwas an, das in erſter Linie ihrem Reichthum galt. Die natürliche Folge davon war eine gewiſſe Geringſchätzung für die Menſchen im „ 179 Allgemeinen, und daraus erwuchs ein Uebermuth, welcher ziemlich ungeſchminkt hervortrat. Der Winter war entflohen und der Frühling kam. Die Pfingſtlilien blühten von Neuem, und Gurli verließ Stockholm, um Mittſommer auf ihrem ſtolzen Birgersborg zu ſeiern und ſich auf den Tag vorzu⸗ bereiten, wo ſie den Namen Falkenſtern gegen den von Stral vertauſchen ſollte. Ein paar Tage vor ihrer Abreiſe entſtand zum erſten Mal ſeit mehreren Monaten zwiſchen ihr und Allon ein Zwiſt, dadurch hervorgerufen, daß Gurli ihm nicht geſtatten wollte, bälder als vor dem erſten Aufgebot nach Birgersborg zu kommen. Allon dagegen, mehr als je beſorgt, eine Braut zu verlieren, welcher Jedermann zu gefallen wetteiferte, konnte ſich nicht mit dem Gedanken verſöhnen, ſechs ganze Wochen von Gurli getrennt zu leben. Gurli's beſtimmter Erklärung, daß er ihr nicht folgen dürfe, daß ſie in Birgersborg allein ſeyn wolle, wurde von Allon ein ebenſo beſtimmter Proteſt ent⸗ gegengeſetzt. „ Dieß erregte Gurli's Unwillen dermaßen, daß ſie ihm erklärte, er möge ſich hüten, ſchon vor der Trau⸗ ung den Deſpoten zu ſpielen, denn dieß könnte ſie leicht veranlaſſen, mit ihm zu brechen. Dieſe in einem Ausſpruch des Zorns geſproche⸗ nen Worte waren nicht geeignet, Allon in ſeinem Innern zu beruhigen, wenn er ſich auch dadurch zur Nochgiebigkeit gezwungen ſah. Genug, Gurli reiste ab. Als dieſelbe fort war, kam Beate nach Stock⸗ holm. Sie wohnte ſonſt in einem der kleinen Stadt⸗ viertel am Mälarſee. Allon's Gemüthsſtimmung wurde durch die Gegen⸗ 180 wart ſeiner Mutter nicht ruhiger; denn ſie that alles Mögliche, um ſeine Unzufriedenheit und Aufregung zu ſteigern. An demſelben Tage, da Gurli abreiste, las man in allen Zeitungen, daß Madame Teverino mit ihrer Tochter nach Stockholm kommen würde. Die erſtere beabſichtigte, als ausgezeichnete Pianiſtin ſich hören zu laſſen, die zweite, in einigen Opern aufzutreten. Allon war durchaus nicht dazu aufgelegt, die Bekanntſchaft mit den beiden Künſtlerinnen zu erneuern, und legte alſo auf deren Ankunft kein ſonderliches Gewicht. Er verlebte zwei Wochen voll Bitterkeit und Verdruß über Gurli's Laune, ſich von ihm nicht nach Birgersborg begleiten zu laſſen. Er ſchrieb Briefe voll Klagen und Eiferſucht und ſchickte ſie regelmäßig jeden Poſttag ab, ohne daß die Antworten, welche er darauf erhielt, ihn zu beruhigen oder zufrieden zu ſtellen vermochten. Enblich, als Beate ſeine Unruhe bis auf den höchſten Grad getrieben hatte, beſchloß er, Gurli's Verbot Trotz zu bieten, die Hauptſtadt zu verlaſſen und in Birgersborg zu erſcheinen. Seine Liebe, ſeine Unfähigkeit, ohne ſie zu leben — Alles mußte ſie rühren und erweichen. Ja, er wollte reiſen. Er löste ein Billet auf das Dampfboot nach Gothenburg, packte ſeine Siebenſachen zuſammen und gedachte am folgenden Morgen Stockholm zu verlaſſen. Als Alles geordnet war, wollte er zu ſeiner Mutter ſich begeben, um ſie von ſeinem Entſchluß zu unterrichten, wurde aber durch einen Freund, welcher bei ihm eintrat, daran verhindert. „Nun, Stral, haſt Du nicht Luſt, heute Abend — 181 in das Theater zu gehen und die Damen Teverino zu hören? Die Tochter tritt, wie Du weißt, in der Norma auf, und die Mutter ſpielt in den Zwiſchen⸗ akten. Es iſt das erſte Mal, daß ſie ſich hören laſſen, und ich bin ſo glücklich, dir ein Billet anbieten zu können.“ Allon nahm den Vorſchlag an und ging in das Theater, um Norma zu hören, anſtatt daß er bei ſei⸗ ner Mutter einkehrte. Am folgenden Morgen wurden die Koffer wieder ausgepackt und die Reiſe eingeſtellt. Ein paar Wochen verfloßen, ohne daß Allon daran dachte, ſich nach Birgersborg zu begeben. Er beſuchte die Oper und war wie von einem Schwindel befallen, aus welchem nicht einmal die Un⸗ glücksprophezeiungen ſeiner Mutter ihn zu reißen vermochten. Es ſah aus, als ob ſeine wirklich tiefe und viel⸗ jährige Liebe zu Gurli auf einmal von der leiden⸗ ſchaftlichen Bewunderung, welche er Amy Teverino widmete, verdrängt worden wäre. Plötzlich wurde er jedoch aus ſeinem Wahnſinn durch einen Brief von dem Comminiſter Grünlund aufgerüttelt. Der Inhalt deſſelben lautete folgendermaßen: „Während Du dich von einer Sängerin bezau⸗ bern läſſeſt, arbeitet man hier daran, dir den Schatz zu rauben, in deſſen Beſitz zu gelangen Du ſo eifrig gewünſcht haſt. Hüte dich, den Herrn zu verſuchen, damit er nicht Gluck und Reichthum von dir nehme.“ Am Tage nach Empfang dieſes Schreibens reiste Allon über Hals und Kopf von Stockholm direkt nach Birgersborg. Der Rauſch, in dem er befangen geweſen verflogen, und Gurli's Bild ſtand von Neuem vor ſeiner Seele. Seine Liebe kehrte mit ihrer ganzen frühern Stärke zurück. Es dünkte ihm, das Dampfboot krieche wie eine Schildkröte dahin, und es dauere eine ganze Ewigkeit, ehe er das Dach von Birgersborg zu Geſicht be⸗ komme. Der Gedanke an Stephan verfolgte ihn unauf⸗ inie und er erwartete mit Beſtimmtheit, ihn zu treffen. Was er in einem ſolchen Fall ſagen oder thun ſollte, ſtand nicht recht klar vor ſeiner Seele; aber er fühlte, daß er unmöglich ſeinen Zorn zu bezwingen vermöchte. Allon ließ den Wagen am Park ſtehen und be⸗ ſchloß, ſich zu Fuß nach dem Schloß zu begeben, um ſeine Braut zu überraſchen. Er begegnete keinem Menſchen, weder in dem Park noch in dem Garten. Er ſtieg die Terraſſe hinauf; auch ſie war l Er trat durch die offene Glasthüre in den Saal. Niemand ließ ſich ſehen. Die Thüre zur Bibliothek ſtand offen. Er näherte ſich derſelben; und ſiehe da, Gurli ſaß über den Tiſch gebückt und ſchrieb.. Ihr Angeſicht hatte einen milden, beinahe be⸗ kümmerten Ausdruck. Allon betrachtete ſie einige Sekunden. Sein Herz ſchlug heftig. Nie hatte er ſo lebhaft gefühlt, daß ſie ihm theuerer als Alles auf der Weit war. „Gurli!“ ſtammelte er endlich. Sie ſah auf. Ein Lächeln voll Glauben und Hoffnung verklärte ihre Züge, und ſie ſprang ihm mit dem Ausrufe entgegen: „Allon, theurer, geliebter Allon!“ 183 Es war das erſte Mal, daß Gurli ihm das letz⸗ tere Prädikat gab; das erſte Mal, daß ſie ſich in ſeine Arme warf; und zum erſten Mal kam es Allon vor, als ob in dem Ausdruck ihres Geſichts Etwas von dem läge, was er ſelbſt fühlte. Eine lange und ſtumme Umarmung folgte auf Gurli's Ausruf. Allon war allzu erregt, als daß er ſprechen konnte. Gurli brach das Stillſchweigen, indem ſie ſich aus ſeinen Armen los machte, und äußerte, ihre Hände auf ſeine Schultern legend: „Wie bitter habe ich nicht meinen Eigenſinn be⸗ reut, von dir fort zu reiſen, wie innig habe ich nicht gewünſcht, Du möchteſt meinem Verbot Trotz bieten und nachkommen. Es iſt eine ſchmerzliche Zeit ge⸗ weſen, die ich getrennt von dem Liebling meines Herzens verlebt hatte.“ Gurli zog ihn neben ſich auf den Sopha nieder und fuhr mit ihrer Hand ſchmeichelnd über ſeine Stirne. Allon küßte ihr die Hände, ſprach von ſeiner Sehnſucht, ſeiner Beſorgniß, ihren Zorn zu erregen, wenn er zwei Wochen vor dem von ihr beſtimmten Zeitpunkt einträfe. Er redete von ſeinem Zweifel an ihrer Liebe, von der Stärke der ſeinigen u. ſ. w. Sie hörte ihn an ohne Ungeduld und ohne ihn zu unterbrechen. 7 Als Allon ſchwieg ſagte Gurli: „Wir ſind einen Monat von einander getrennt geweſen. Die erſten zwei Wochen erhielt ich mit je⸗ dem Poſttag einen Brief; die zwei letzten habe ich nur einen einzigen bekommen. Sage mir, Allon, was iſt die Urſache davon geweſen?“ 6½ Gurli's Auge ruhte auf Allon, welcher bei dieſer Frage glühend roth wurde. „Ich beabſichtigte, ſelbſt zu kommen, und darum ſchrieb ich nicht,“ antwortete er ärgerlich über die Röthe, die er nicht bezwingen konnte. „Du hatteſt es im Sinn, kamſt aber nicht, und der Grund, warum Du es nicht thateſt— willſt Du ihn mir ſagen?“ Allon ſchützte tauſend Gründe vor, ſchwieg aber von dem wirklichen. Gurli hörte ihn mit einer beinahe zweifelnden Miene an und reichte ihm einen Brief, welchen ſie aus ihrer Taſche zog, mit den Worten: „Ich hoffe für unſer beider künftiges Glück, daß was Du jetzt ſagſt, die Wahrheit iſt, denn wäre dem nicht ſo, würdeſt Du ſchlecht handeln. Lies dieß da, und Du wirſt finden, daß deine Mutter von deiner Nachläſſigkeit, mir zu ſchreiben, ganz anders denkt. Allon nahm den 2% und las: „Mein liebes Kind! „Ich wünſche dir Gottes Frieden und Segen, obſchon Du mich auf ſo ſchmerzliche Weiſe verkannt haſt. Ich habe jedoch gelernt, mich über das Un⸗ recht, das ich leide, nicht zu erzürnen, ſondern Böſes mit Gutem zu vergelten und der Freund deſſen zu ſeyn, der ſich mir als Feind bewieſen. „Du haſt mir geſagt, daß Du meiner Zärt⸗ lichkeit für dich mißtraueſt. Du magſt das thun, verirrtes Kind; eines Tags wird der Höchſte deinen Verſtand aufklären und dir zeigen, wie Unrecht Du mir gethan haſt. Ich werde inzwiſchen wie eine Mutter über dein Wohl wachen, und zum Beweiſe dafür ergreife ich die Feder, um dich vor einer 185 Gefahr zu warnen, welche deine Zukunft und dein Glück bedroht. „Du haſt dadurch, daß Du Allon zwangeſt, hier zurückzubleiben, eine große Unvorſichtigkeit be⸗ gangen. Sein Zorn und Schmerz, ſich von der⸗ jenigen, welche er anbetet, zurückgeſetzt zu ſehen, führte ihn an den Rand eines Abgrundes, welcher deine und ſeine Glückſeligkeit verſchlingen könnte. „Es hält ſich in dieſer Wohnſtätte der Sünde gegenwärtig dieſelbe Sängerin auf, welche Du ver⸗ gangenes Jahr bei dir beherbergteſt, ohne deine übrigen Gäſte über deren ſündhaftes Gewerbe auf⸗ zuklären. „Ich habe ſie nicht gehört, denn es ſtimmt mit meinen religiöſen Grundſätzen und mit der ernſten Richtung meines Lebens nicht überein, Theater zu beſuchen; aber man hat mir von derſelben und von der Macht, die ſie beſitzt, erzählt, durch den Reiz ihrer Töne Alle, die ſie hören, zu verführen und zu bezaubern. „Allon hat ſich auch von ihrem Geſang bethören laſſen, ſo daß er weder auf die Stimme der Liebe, noch der Vernunft hört, ſondern alle Abende im Theater, alle Vormittage in der Wohnung der Sirene zubringt. Man ſieht ihn auf Promenaden und überall ihr den Hof machen. „Gurli, wenn mein Sohn dir einigermaßen theuer iſt, ſo rufe ihn zu dir. Ein Wort von dir wird ihn ſogleich auf den Weg des Rechts zurückführen. „Wie auch deine Gefühle gegen mich ſeyn mögen, ſo mahnen dich Pflicht und Gewiſſen, ſo zu han⸗ deln, wie ich dich bitte. Deine mütterliche Freundin Beate von Stral.“ Schwartz, Der Rechte. II. 13 — 186 gab den Brief zurück und ſagte mit Bit⸗ terkeit: „Meine Mutter ſpielt alſo die Angeberin und drückt den unſchuldigſten Handlungen Sohnes ein Gepräge auf, das verabſcheuenswerth iſt.“ Gurli ſagte nichts, ſondern brachte das Geſpräch auf ein anderes Thema. Allon richtete an Gurli einige Fragen in Bezug auf Stephan; als er aber ſpäter ſich mit Eliſabeth unterhielt, brachte er heraus, daß Stephan ſeit Gurli's Ankunft in Birgersborg noch gar nicht da geweſen war. Was konnte alſo Grünlund wohl meinen? Am folgenden Tage ſuchte Allon ſeinen ehema⸗ ligen Lehrer auf, um ihn darüber zur Rede zu ſtellen, daß er in Gemeinſchaft mit ſeiner Mutter ſich in ſein Verhältniß zu Gurli eingemiſcht hatte. Die erſte Perſon, welche ihm in der Wohnung des Comminiſters entgegenkam, war zu Allons nicht geringer Verwunderung— ſeine Mutter. Sie war gleichzeitig mit Allons Ankunft in Bir⸗ gersborg hier angelangt.. Beim Anblick ſeiner Mutter ließ Allon ſeinem Zorn freien Lauf, wurde aber bald zum Stillſchweigen gebracht, als Beate Grünlund herbeirief und derſelbe Allon die Motive zu ſeinem und Beate's Benehmen auseinanderſetzte. Die letztere hatte, von ihrer Mutterliebe geleitet, Allon aus einer Gefahr reißen wollen, welche zum Verluſte Gurli's führen konnte, wenn er derſelben ſich länger ausſetzte. Beate hatte auch bei ihrer Menſchenkenntniß ein⸗ geſehen, daß die Erweckung von Gurli's Eiferſucht das beſte Mittel wäre, um deren Gefühle zu ſteigern, 187 denn gewöhnlich ſchätzt der Menſch das am höchſten, was er zu verlieren befürchtet. Beate fragte ihren Sohn, ob nicht ihr Brief bei Gurli die Wirkung hervorgebracht hätte, daß ſie ihm eine größere Zärtlichkeit als früher bewieſen— Etwas, das Allon nicht in Abrede ziehen konnte. Beate gewann dadurch eine größere Bedeutung in Allon's Augen, und er mußte anerkennen, daß ſeine Mutter in hohem Grade die Fähigkeit beſaß, die Saiten der Seele ſo anzuſchlagen, daß ſie gerade den Ton, welchen ſie hervorzubringen wünſchte, von ſich gaben. Grünlund ſagte, er habe in Erfahrung gebracht, Gurli gehe damit um, vor ihrer Verheirathung mit ihrem Vermögen eine ſolche Dispoſition zu treffen, daß Allon ſo gut wie Nichts mit ihr bekäme. Grünlund ſtellte dieſe Handlungsweiſe als eine ſolche dar, welche Mangel an Liebe verrathe, und darum hatte er in ſeiner Aufmerkſamkeit auf Alles, was Allon's Wohl betraf, es für ſeine Pflicht ange⸗ ſehen, ihn zu warnen.. Allon, welcher bei ſeiner Ankunft in Grünlunds Wohnung ſehr aufgebracht geweſen, hörte jetzt ſeinem ehemaligen Lehrer mit nachdenklicher Miene zu; als jedoch Grünlund davon zu reden begann, wie Allon es anzuſtellen habe, um der Möglichkeit vorzubeugen, daß Gurli ihn auf folche Weiſe eines Reichthums beraube, ohne welchen die Heirath mit ihr als ein Unglück zu betrachten wäre, da nahm Allon ſeinen Hut und ging. Er wollte nicht weiter hören; er wollte dieſen böſen Worten entfliehen, welche in ſeinem Innern Gedanken erweckten, vor denen ſein beſſerer Menſch zurückbebte. 188 Während Allon mit langſamen Schritten nach Birgersborg zurückkehrte, war ſein Inneres der Tum⸗ melplatz ſo verſchiedenartiger widerſtreitender Gefühle, daß eine wirkliche Erbitterung ſich daſelbſt feſtſetzte. Immer tönten ihm die Worte ſeiner Mutter in den Ohren; Gurli's Furcht, ihn zu verlieren, habe deren Zärtlichkeit geſteigert.— Ebenſo erging es ihm mit Grünlund's Aeußerung: Den, welchen man wirk⸗ lich liebe, ſuche man nicht eines zeitlichen oder geiſtigen Gutes zu berauben. XXVIII. Die Zeit, welche vom erſten Aufgebot bis zur Hochzeit verfloß, war ſowohl für Gurli als Allon ſo glücklich und voll von Liebesfrieden, daß ſie in deren Frinnerung ſich ſtets als Etwas erhalten mußte, das ſie mit den Prüfungen, die das Leben ihnen noch bringen mochte, zu verſöhnen geeignet war. Gurli's kräftige Gemüthsart verbannte jede krank⸗ hafte Empfindſamkeit und beſeitigte alle faden und ſentimentalen Scenen zwiſchen Allon und ihr. Sobald Gurli erfuhr, daß Beate ſich bei dem Comminiſter befand, ſchickte ſie hin und ließ dieſelbe nach Birgersborg holen, indem ſie halb ſcherzend gegen Eliſabeth bemerkte: 3 „Um Allon's willen lege ich mir die Buße auf, Tante Beate hier zu haben; aber was thut man nicht für den, welchen man lieb hat!“ „Du liebſt ihn alſo wirklich?“ fiel Fliſabeth ein. „Ja, von ganzer Seele, ſo daß ich beinahe ſelbſt 189 darüber erſchrecke, wie er mir ſo theuer geworden,“ antwortete Gurli lachend. Ehe das Aufgebot ſtatt fand, hatte Gurli eine Privatunterredung mit Allon, dem Bezirksrichter D. und ihren ehemaligen Vormündern. Sie erklärte jenem, daß er bei ſeiner Verheirathung mit ihr nicht weiter als die zwanzigtauſend Thaler erhielte, welche ihr er⸗ Vermögen ausmachten, und fragte ihn, ob er amit zufrieden ſey. Allon war zwei Wochen lang der glücklichſte aller glücklichen Bräutigame geweſen. Wenn Gurli ihn alſo gefragt hätte, ob er zufrieden wäre, ſein Leben an ihrer Seite in der kleinen Fiſcherhütte hinzubrin⸗ gen, er hätte mit Ja geantwortet. Die Reflexionen, welche Grünlunds Worte hervorgerufen hatten, waren verdunſtet, und alle Nebenintereſſen verbannt. Am Morgen, da Allon zu dem Pfarrer fahren wollte, um das Aufgebot zu beſtellen, trat er bei Gurli ein, während ſie in der Bibliothek ſaß. Seine Augen fielen auf einen Brief, der an Madame Teverino adreſſirt war. „Stehſt Du in Correſpondenz mit ihr?“ ſragte „Nicht gerade; aber ich habe ihr geſchrieben und ſie an ihr Verſprechen erinnert, auf ein paar Wochen hieher zu kommen. Ich wünſche, daß ſie durch Ge⸗ u und Muſik die Hochzeitsfeierlichkeiten verherr⸗ ichen.“ „Gurli, ich flehe dich an, ſie nicht einzuladen,“ ſagte Allon ihre Hand faſſend.„Wir ſind ja über⸗ eingekommen, unmittelbar nach der Hochzeiz eine Reiſe nach Italien zu unternehmen; was be es alſo dieſer Leute, unſere Gäſte zu zerſtreuen Beſſer, ſie kommen den nächſten Sommer hieher. Gurli, Du 190 wirſt nicht Nein ſagen, ſondern hierin thun, wie ich dich bitte, wenn Du mich anders lieb haſt.“ „Mag ſeyn; nächſtes Jahr alſo,“ ſagte Gurli und zerriß den Brief. Wiederum verfloßen drei Wochen, und darauf kam— die Hochzeit. Stephan war der eine Marſchall*), Blom der andere. Beide füllten ihre Stelle ſo aus, daß ſie nichts zu wünſchen übrig ließen. Es fand ſich jedoch unter der fröhlichen Hochzeits⸗ ſchaar eine Perſon, welche nicht einmal hinter der Maske der Verſtellung ihre fehlgeſchlagenen Hoffnun⸗ gen zu verbergen vermochte, und dieß war Beate. Es war ihr nämlich am Morgen eine Abſchrift von dem Chekontrakt zugeſtellt worden, welchen Gurli mit Allon geſchloſſen hatte, und worin es unter An⸗ derem hieß: “ Gurli Falkenſterns Gatte er⸗ hält weder ein Beſitz⸗ noch ein Nießbrauchsrecht auf das Gut Birgersborg oder auf das Vermögeh, welches ſie von Bengt Falkenſtern ererbt hat, ſo weit ſie nicht ſelbſt, auf Grund beſonderer Umſtände, ſich hiezu geneigt findet..... Den Tag vor der Hochzeit hatte Gurli eine lange Unterredung mit Walter gehabt; am andern Morgen verließ der Mulatte Birgersborg. Er ſollte nach einigen, Monaten zurückkehren; denn er beabſichtigte, noch einmal den Boden zu be⸗ ſuchen, wo ſeine Wiege geſtanden war. Tante Katharina hatte Gurli die Mittheilung ge⸗ macht, dah ſie nunmehr, da dieſelbe ſich verheirathete, nicht mehr in Birgersborg bleiben würde, ſondern *) Brautführer. 191 daß ſie ſich ein paar Meilen von da ein Häuschen gekauft hätte, wo ſie ihre Tage unter einem eigenen Dache zu beſchließen gedächte. Vergeblich hatte Gurli ſie gebeten, von dieſem Vorſatz abzuſtehen. Die Antwort der Alten lautete: „Ich würde uns beiden einen ſchlechten Dienſt erweiſen, wenn ich länger hier verweilte. Deßhalb bleibt es bei dem, was ich geſagt habe, und damit Punktum.“ Eine Woche nach der Hochzeit traten die Neu⸗ vermählten in Begleitung von Eliſabeth ihre Reiſe in's Ausland an. Gurli hatte ihrer Schwiegermutter eine ſehr be⸗ trächtliche Summe zum Unterhalt ausgeſetzt, aber zur Bedingung gemacht, daß ſie ihre Wohnung nicht zu Birgersborg aufſchlagen dürfte. Frau und Mann. 1 Drei Jahre nach Gurli's Hochzeit, eines Nach⸗ mittags zu Ende des Monats Mai ſaßen unter den Linden im Hofe von Tante Katharina's Gütchen He⸗ lenelund, ſie ſelbſt und Fliſabeth. Vor ihnen ſtand ein zierlicher Kaffeetiſch. „So iſt alſo Gurli wieder in Birgersborg,“ äußerte Tante Katharina, aus ihrer Taſſe nippend. „Nun, wie macht ſich denn Allon als Ehemann? Ich hoffe, er hat noch keinen Anlaß zu der Befürchtung gegeben, daß Gurli an ſeiner Seite mit den bitterſten Leiden des Lebens Bekanntſchaft machen werde. Im Uebrigen habe ich mich niemals mit dieſer Partie verſöhnen können. Gurli hätte eine beſſere machen können, und es ärgert mich unendlich, daß dieſe liſtige Beate doch endlich zu dem von ihr gewünſchten Ziele . gelangen ſollte.“ Tante Katharina nahm, als ſie das ſagte, einen . tüchtigen Schluck Kaffee, um ihren Verdruß hinunter⸗ zuſpülen. 194 „Ich dagegen fürchte, daß Frau von Stral ihren Zweck nicht erreicht hat,“ fiel Eliſabeth ein,„und da⸗ für wird Gurli ihr noch in der Zukunft zu bezahlen haben. Gurli hat, wie die Tante wohl weiß, durch den Ehevertrag eine ſolche Verfügung über das Fal⸗ kenſtern'ſche Vermögen getroffen, daß ihr Mann we⸗ der Zinſen noch Kapital in die Hände bekommt.“ „Man ſagte mir etwas der Art, aber ich wollte nicht daran glauben. Es iſt ſomit wahr, daß Beate's Sohn nicht Beſitzer davon iſt?“ „Vollkommen wahr.“ „Das freut mich, obwohl ich den Beweggrund zu Gurli's Handlungsweiſe nicht begreife und noch we⸗ niger mir erklären kann, wie Mutter und Sohn ſich damit verſöhnen konnten.“ „Ich befürchte, daß ſie das nicht ſo ganz thun werden. Was den letztern betrifft, ſo iſt er allzu ver⸗ liebt und eiferſüchtig, als daß er ſich Zeit nähme, an etwas Anderes, als an ſeine Liebe zu denken.“ Sher eiferſüchtig?“ fiel Tante Katharina ein. „Sehr!“ „Auf wen?“ 5 „Zu allererſt auf Stephan.“ „Das konnte ich mir denken; nun, ich muß ſagen, der Menſch bleibt ſich doch immer gleich. Neidiſch war er ſchon als Knabe, undoneidiſch iſt er als Ehe⸗ mann. Und wie nimmt denn Gurli die Sache auf?“ „Ich fürchte, nicht wie ſie ſollte. Seine Eifer⸗ ſucht reizt ſie. Wenn Allon unter dem Ausbruch der⸗ ſelben ſich gegen Gurli verfehlte, ſo können Tage dahingehen, wo ſie kalt und unfreundlich bleibt. Allon, welcher nicht lang bei einem Gedanken oder Eindruck Staten kann, wird dann untröſtlich über ihre Kälte, bereut und bettelt um Vergebung, bis er wiederum — 195* von ſeiner Eiferſucht getrieben, die Rolle des Deſpoten ſpielt, während er ſich zu deren Sclaven macht. Gurli, deren Charakter feſt, deren Sinn unbeugſam iſt, und und die einem ſo unaufhörlichen Wechſel in der Ge⸗ müthsſtimmung ihres Mannes nicht zu folgen ver⸗ mag, leidet darunter, ohne ſich doch durch vernünf⸗ tige Gründe beſtimmen zu laſſen, den Ausbrüchen ſeines Argwohns mit mehr Verträglichkeit zu begegnen.“ „Aber Stephan's und ihre Wege haben ſich doch kaum berührt.“ „Während der zwei letzten Winter haben ſie ſich in Stockholm getroffen, wo Stephan angeſtellt iſt.“ „Alſo gibt es ſchon Wolken an dem Eheſtands⸗ himmel?“ murmelte Tante Katharina. „Und doch waren ſie das ganze erſte Jahr, da ſie im Auslande verweilten, ſo glücklich. Allon hatte keinen Willen, Gedanken oder Wunſch, der mit dem ihrigen im Streite ſtand. Hätte er ihr Etwas, das ſie begehrte, an den Augen abſehen können, er würde es gethan haben. Man konnte wirklich ſagen, daß er ſie auf den Händen trug. Ich habe niemals einen Chemann von ſeiner Gattin ſo entzückt, ſo ganz und gar von Liebe zu ihr beherrſcht geſehen, wie Allon. Gurli's Gefühle, minder heftig und ſtiller, concentrir⸗ ten ſich dennoch in ihrem Mann, und ſie ſchien auf ihn alle die Liebe übergetragen zu haben, welche ſie als Kind für ihre Mutter empfand. Sie waren auch in dieſen zwölf Monaten ſo glücklich, als nur zwei Menſchen ſeyn können.“ „Stand Allon in der Zwiſchenzeit mit ſeiner Mutter in Correſpondenz?“ 3 „Sehr wenig. Während unſeres ganzen Aufent⸗ halts im Auslande erhielt er nur zwei Briefe von Frau von Stral.“ „ 196 „Er iſt wohl nach ſeiner Heimkehr wieder mit ihr zuſammengetroffen?“ „Ja, ſie war auf Beſuch, wie es hieß, in Stock⸗ holm, als wir im Herbſt vor zwei Jahren nach Schweden zurückkehrten, und da ſpeiste ſie in Geſell⸗ ſchaft von Stephan und einigen anderen Perſonen zu Mittag bei Allon.“ „Und außerdem fand ſie ſich, denke ich mir, auch ſonſt mit ihrem Sohn zuſammen.“ „Vermuthlich, denn ſie hielt ſich ein paar Wo⸗ chen in der Hauptſtadt auf.“ „Und von da an datirt Allon's Veränderung?“ „Allerdings. An demſelben Tage, da er ſeine Mutter zum Dampfboot begleitete, entſtand zwiſchen ihm und Gurli der erſte eheliche Zwiſt. Die Veran⸗ laſſung dazu gab der Umſtand, daß Gurli unter an⸗ deren vor ihrer Heirath getroffenen Verfügungen Stephan's Mutter ein ebenſo großes Jahrgeld, wie der von Allon ausgeſetzt hatte. Darüber ſprach Allon mit großer Heftigkeit ſeinen Tadel aus. Gurli ant⸗ wortete ſehr beſtimmt, daß entweder ihre beiden Tan⸗ ten, oder keine derſelben ein Jahrgeld haben ſollte. Allon wurde böſe und rief in der Hitze aus: Tante Mathilde habe dieſe Freigebigkeit nur Gurli's bekann⸗ ter Schwäche für Stephan zu danken.—“ „Gurli verließ das Zimmer, ohne eine Antwort darauf zu geben. Tage vergingen, ehe Allon ein freundliches Wort von ihr erhielt. Von dieſem Augen⸗ blicke nahm der häusliche Unfriede ſeinen Anfang. Gurli wurde durch Allon's unvernünftige Eiferſucht reizbar und ungleichmäßig in ihrem Betragen. Hätte Allon ihre Gemüthsart verſtanden, ſo würde er der ſeinigen mehr Zwang angethan und eingeſehen ha⸗ ben, daß er durch Zweifel an ihrer Ehre und Ge⸗ 197 wiſſenhaftigkeit ſeine Frau tödtlich verwundete und in ihr eine gänzliche Veränderung hervorbringen mußte. Sie war nicht mehr zärtlich und liebevoll gegen ihn, ſondern zurückhaltend und fremd. „Nach Frau von Stral's erſtem Auftreten und der Begegnung mit Stephan bei den Neuvermählten folgten achtzehn Monate beſtändige Zwiſtigkeiten, hef⸗ tige Scenen und leidenſchaftliche Reue. Die Folge davon war, daß Gurli's Mitgefühl verſtummte, und deren wirklich große Anhänglichkeit an ihren Mann durch den gekränkten Stolz, welcher jetzt allein das Wort führte, in den Hintergrund gedrängt wurde. Früher eine herzliche Gattin, iſt ſie jetzt eine kalte Herrſcherin über einen widerſpenſtigen Sclaven. Je mehr Allon ſich gegen ſie verfehlte, deſto größer iſt ſeine Reue. Er ſpringt dann zu dem Erxtrem über, ein willenloſer Gegenſtand für ihre Launen zu ſeyn, um dadurch ein Vergehen zu ſühnen, welches er un⸗ aufhörlich wiederholt. „Daraus ergibt ſich der traurige Schluß, daß Eurli alles nur nicht glücklich iſt und ſelbſt Nichts thut, um es zu ſeyn. „Sie ſteht an der erſten Stufe zu dem Abgrund, den man eine unglückliche Ehe nennt, aber vergeblich wäre der Verſuch, ſie zur Erkenntniß davon zu brin⸗ gen. Allon iſt während der zwei letzten Monate un⸗ ſeres Aufenthalts in der Hauptſtadt auf die Idee gekommen, wo möglich ihre Eiferſucht zu erwecken und dadurch die Zärtlichkeit, welche er verloren zu haben glaubt, wieder zu gewinnen.“ „Ich muß ſagen, das lautet ſchlimm,“ fiel Tante Katharina ein.„Allon hat alſo die Abſicht, den Un⸗ getreuen zu ſpielen.“ „Er ſpielt ihn nicht, er iſt es ſchon, und deſſen 198 ungeachtet liebt er Gurli noch. Aber er will ſie eifer⸗ ſüchtig ſehen, und darum erniedrigt er ſich zur Un⸗ treue.“ Eliſabeth ſchwieg und Tante Katharina ließ, während ſie in Gedanken verſank, ihre Daumen eine raſche Kreisbewegung um einander beſchreiben. Nach einer Weile äußerte ſie: „Welches iſt denn die Frau, auf welche ſeinem Wunſche nach Gurli eiferſüchtig werden ſoll?“ „Signora Amy Teverino!“ „Die Abenteurerin! das muß ich ſagen, das muß ich ſagen. Nach Allem zu ſchließen, ſieht die Zukunft für Gurli dunkel aus. Ich kenne Allon und kann darum mit voller Ueberzeugung ſagen, daß wenn er ſich unter den Einfluß ſolcher Perſonen ſtellt, ſeine Liebe erlöſchen wird, und dann iſt Gurli erſt recht zu beklagen. Sein ſchlummernder Eigennutz, ſeine Eitelkeit und Genußſucht werden erwachen und als Feinde ſeiner Frau auſtreten. Er wird dann entweder ſie zwingen, ihm die Milltonen zu überlaſſen, von deren Beſitz er jetzt ausgeſchloſſen iſt, und wornach er von den Kinderjahren an trachtete, oder wegen des Verluſtes derſelben einen Haß auf ſie werfen. Glau⸗ ben Sie mir, ſollte der Tag kommen, wo Allon Gurli zu lieben aufhört, ſo wird ſie in ihm einen morali⸗ ſchen Henker ohne Herz finden. Er wird ſich von Grünlund, ſeiner Mutter und allen denen leiten laſſen, welche Gurli abgeneigt ſind, und im Verein mit ihnen alle Macht aufbieten, ſie zu plagen. Wie es dann gehen, oder wie Gurli unter ſolchen Verhältniſſen ihr Schickſal tragen wird, das weiß nur der, welcher das Menſchenherz ergründet.— Kann ihr ſtolzer Sinn ſich nicht beugen, ſo muß er brechen.“ Die Alte ſprach mit ſo feſter Ueberzeugung, daß 199 Eliſabeth ſich einen Schauer durch die Seele gehen fühlte. Sie bemerkte jedoch, um Tante Katharina wo möglich zu widerlegen: „Allon iſt zu ſchwach, zu inconſequent, um jemals ein Tyrann werden zu können. Er vermag niemals längere Zeit ein Gefühl oder eine Ueberzeugung feſt⸗ zuhalten, ſondern läßt den einen Eindruck durch den andern ablöſen. Er wird immer hald dahin, bald dorthin geriſſen, ganz nach dem Einfluß, unter wel⸗ chem er eben ſteht.“ „Sie können ſich darauf verlaſſen, Eliſabeth, daß wenn er inconſequent iſt, weder ſeine Mutter, noch Grünlund es ſind, und bekommen ſie ordentlich Ge⸗ walt über den armen Mann, ſo werden ſie ſchon die Zügel alſo halten, daß er ohne Unterbrechung auf dem Wege der Bosheit einhertrabt. Uebrigens er⸗ laube ich mir zu bemerken, daß ich allzeit ſchwankende Charaktere für das Leben und Zuſammenſein gefähr⸗ licher gefunden habe, als die feſten. Bei einem har⸗ ten und unbeugſamen Menſchen weiß man„wie es ſteht, kann berechnen, wie weit es gehen wird, und was er vorzunehmen im Stande iſt. Bei einem charakterloſen und neidiſchen hingegen gibt es keinen Maßſtab, um zu beurtheilen, weſſen er fähig iſt oder nicht. Alles beruht auf Impulſen von Andern. Allon war als Knabe und Jüngling liſtig, heuchleriſch und herzlos und aller Selbſtſtändigkeit ſo bar, daß er ſich zu einem Wertzeug in Grünlunds Hand verwan⸗ delte. Ich für meinen Theil muß ſagen, daß es mir nicht recht in den Kopf gehen will, wie aus einem ſolchen Jüngling ein braver und zuverläſſiger Mann werden kann. Ich habe mein Leben lang nie geſehen, daß ein Menſch ſeine urſprünglichen Anlagen ver⸗ leugnet.“ * — 200 Tante Katharina nahm eine gewaltige Priſe Ta⸗ bak, und Fliſabeth hatte keine Luſt, das Geſpräch fortzuſetzen. Ihr Herz barg eine allzugroße und wohl⸗ begründete Unruhe über Gurli's kuͤnftiges Glück, als daß Tante Katharina's Schlußfolgerungen ohne ein⸗ dringliche Wirkung auf ſie hätten bleiben können. Sie fing deßhalb von andern Dingen zu reden an, aber bald kehrte das Geſpräch doch wieder zu Gurli zurück. Tante Katharina fragte: „Nun, was hat denn Gurli in Bezug auf Fiſcher Matthes beſchloſſen? Sie hat doch wohl nach der Mittheilung in meinem letzten Brief eingeſehen, daß ſie unmöglich den Mann länger auf dem Grund und Boden von Birgersborg laſſen kann, ſeitdem die Prie⸗ ſterſeele die Bewohner des Kirchſpiels gegen ihn auf⸗ gehetzt hat?“ „Der Brief der Tante hat nur eine Wirkung auf Gurli gehabt, nämlich die, daß ſie ſich entſchloß, während des Sommers nach Birgersborg zu reiſen, was ſonſt nicht in ihrer Abſicht lag, da ſie ſich ge⸗ wiſſermaßen fürchtet, als verheirathet dort zu weilen. Jetzt ſah ſie ihre Gegenwart an Ort und Stelle als nothwendig an, um Böſem entgegenzuarbeiten und dem Comminiſter eine Lehre zu geben, daß er nicht das Volk gegen einen Mann, der unter ihrem Schutze ſteht, auſzuhetzen hat. Matthes ſoll bleiben, wo er wohnt, hat ſie geſagt, und wahrſcheinlich wird ſie der Tante daſſelbe ſagen, wenn wir ſie in Birgersborg zu ſehen bekommen.“ „Was das Letztere anbelangt, ſo glaube ich, wer⸗ den wir wohl es noch anſtehen laſſen. Ich könnte bei Allon ſo wenig, wie bei Bengt ſelig ſchwei⸗ gen, wenn er ſich dumm benimmt, und darum 201 bleibe ich hier. Gurli kommt wohl hieher, und dann wollen wir davon reden.“ „Sie hätte mich heute begleitet, wenn nicht...“ „Was?“ fragte die Alte, als Fliſabeth ſchwieg „Stephan bei der Tante ſich aufhielte. Obwohl Gurli im Allgemeinen keine große Rückſicht auf Allon's Eiferſucht nimmt, wollte ſie doch nicht hieher kommen, ſo lang Stephan da iſt, und dadurch eine Scene her⸗ vorrufen. Sie hat mir das allerdings nicht geſagt, aber es fiel mir nicht ſonderlich ſchwer, einen ſolchen Schluß zu machen.“ „Das muß ich ſagen, das muß ich ſagen, ich finde eine ſolche Handlungsweiſe von Gurli ganz richtig, aber ich glaube, es wäre noch beſſer, wenn ſie Stephan nicht nach Birgersborg eingeladen hätte. Er ſoll ja einige Wochen dort als Gaſt verweilen, hat er mir geſagt.“ „Ja, das geſchieht nach des Kapitäns Verord⸗ nung, daß die Couſin's jedes Jahr einige Zeit bei⸗ ſammen ſeyn ſollen, und deßhalb hat Gurli auch Stephan eingeladen, Mitſommer bei ihnen zu feiern. „Und Allon, was hat der hiezu geſagt?“ „Gar nichts, ſo viel ich weiß; er ſpionirt nur alle Handlungen Gurli's aus und bewacht ſie auf Schritt und Tritt, wahrſcheinlich, um herauszubringen, ob ſie hieher fahren wird, ſo lang Stephan da iſt. „Aber iſt Allon närriſch geworden?“ rief Tante Katharina.„Stephan und Gurli haben ſich ja nie⸗ mals vertragen. Es liegt ja nicht ein Schatten von Vernunft in ſeiner Eiferſucht; aber das iſt wahr, ein Menſch, welcher daran leidet, iſt niemals recht bei innen.— Nun, wie fand Gurli die Stimmung zu Birgersborg?“ Schwartz, Der Rechte. II. 14 202 „Nicht nach ihrem Geſchmack. Der neue Inſpek⸗ tor mißfiel ihr, ebenſo alle die neuen Diener. Dieſe ihrerſeits erweiſen ihr eine ſcheue Höflichkeit, als ob ſie ſich fürchteten. Walter und Liſa werden von ihnen mit unfreundlichen Augen betrachtet. Der In⸗ ſpektor ſoll den Winter über Konventikel gehalten haben, und... „Die ganze Geſellſchaft hat ſich dem Pietismus ergeben. Ja, ja, das wußte ich im voraus, und deßhalb habe ich Gurli geſchrieben. Seitdem der Probſt, der prächtige Mann, vorigen Sommer ſtarb, und der Comminiſter den Auftrag erhielt, bis auf Weiteres die Paſtoralgeſchäfte zu verſehen, hat Grün⸗ lund das Volk verdorben, ihnen Abneigung gegen Jedermann eingeflößt, der nicht Gott verehrt, wie er will, ihnen die Einbildung beigebracht, ihre Guts⸗ herrin ſei ein gottloſes Menſchenkind und wolle mit ihrer Sonntagsſchule die Leute vom rechten Weg ver⸗ locken und ihren Kindern Irrlehren beibringen. Dar⸗ um habe ſie ſich auch mit lauter ausländiſchem Volk umgeben, weil dieſes ihr hiezu behülflich ſeyn ſollte. Damit ſind natürlich Eliſabeth und Walter gemeint. — Ferner behauptet er, Gurli beſchütze ſolche ver⸗ lorene und gebrandmarkte Menſchen, wie den Fiſcher Matthes, weil ſie nicht auf Gottes Wegen gehen. „Was Grünlund eigentlich damit bezweckt, daß er den Fanatismus der Leute gegen Gurli aufhetzt, habe ich nicht herausbringen können, und mag der Sache auch nicht weiter nachforſchen. Aber ſo viel iſt gewiß, daß, ſo lang der Probſt lebte, der Herr Comminiſter ſich fein beſcheiden zurückhielt und mit dergleichen Teufe⸗ leien nicht herausrückte. Jetzt dagegen kann er ganz ungehindert ſo viel Böſes wirken, als Gottes 203 Namen, den er mißbraucht, im Stand iſt; aber die Strafe wird ihn eines Tags wohl erreichen, davon bin ich überzengt.“ II. Ein paar Tage nach dieſer Unterredung zwiſchen Tante Katharina und Eliſabeth wollen wir den Leſer zu Birgersborg einführen. Gurli und ihr Mann waren ungefähr ſeit einer Woche hier. In dieſer kurzen Zeit hatte zwiſchen den beiden Gatten eine eigene Spannung geherrſcht. Gurli wich konſequent jedem téte à tété mit Allon aus. Sie hatte ſo viel mit Walter, welcher eigentlich die Ver⸗ waltung von Birgersborg führte, zu reden, ſo viele Rechnungen durchzuſehen, Vorſchläge abzumachen, daß ihr keine Minute für ihren Mann übrig blieb. Eliſabeth war früh am Morgen zu der Wittwe des Probſtes aufgebrochen, um den ganzen Tag bei derſelben zu bleiben. Kurz vor ihrem Abgang empfing Gurli einen Brief von Tante Katharina, deſſen Inhalt auf die junge Frau einen ſo tiefen Eindruck machte, daß ſie ganzen Vormittag in ihrem Zimmer eingeſchloſſen ieb. Da dieſer Brief von der alten Frau auf Gurli's ferneres Thun einen bedeutenden Einfluß ausübte, ſo glauben wir den Inhalt davon mittheilen zu müſſen. Er lautete wie folgt: „Meine liebe Gurli! „Da es noch einige Zeit anſtehen dürfte, bevor wir einander ſehen, ſo will ich auf dieſem Wege dir 204 einen Willkommsgruß in die alte Heimath deiner Kindheit ſenden, zu welcher Du nunmehr nach drei⸗ jähriger Abweſenheit zurückgekehrt biſt. „Allerdings habe ich dir einen ſolchen ſchon durch Eliſabeth geſandt; aber dies hindert nicht, denſelben ſchriftlich zu erneuern, beſonders da dieſe Heimath nichts weniger als eine Stätte des Glücks und Frie⸗ dens geweſen iſt. „Unter dem Dache, da Du dich nun aufhältſt, haben zwei unglückliche Frauen vor dir gekämpft und gelitten. Die eine war deine eigene Mutter. Siche zu, liebes Kind, daß Du nicht die dritte wirſt. „Du wendeſt zur Antwort ein, daß Du nicht Macht genug beſitzeſt, das Unglück zu beſchwören, im Fall es dich aufſuchen würde. „Kind, der Menſch iſt ſeines eigenen Glückes Schmied. Von dem Allgütigen kommt nur, was gut iſt. Das Leiden ziehen ſich die Meiſten ſelbſt zu, weil wir gewöhnlich nicht darnach trachten, unſern Beruf recht zu verſtehen, ſondern im Widerſpruch damit handeln und ſomit gegen das Wahre und Rechte ſündigen. Klagen wir alſo nicht den guten Gott wegen der Leiden an, welche wir in unſerer Thorheit und Hingabe an weltliche Intereſſen uns eſchaffen haben, indem wir es uns nicht angelegen eyn ließen, dem Zwecke unſeres Daſeyns zu ent⸗ ſprechen. „Was ich eben geſagt habe, liebe Gurli, läßt ſich auch auf die Frauen anwenden, welche vor dir ihr Leben als Herrſcherinnen auf Birgersborg zuge⸗ bracht haben. „Sie haben ſich ihren Kummer ſelbſt geſchaffen, denn beide verheiratheten ſich mit deinem Stiefvater ohne Liebe. 205 „Das Motiv, welches deine Mutter zu ſeiner Gattin machte, war im Grunde edel, aber deſſen unge⸗ achtet ſchloß ihr Schwur am Altar eine Unwahrheit in ſich; denn Liebe zu geloben, während man eine ſolche nicht im Herzen trägt, iſt und bleibt ein Un⸗ recht. Man kann nicht geben, was man nicht beſitzt. „Die Folge, Gurli, war, was ſie immerdar iſt, wenn wir uns gegen das Recht verfehlen— traurig. „Deine Mutter war ein Engel. Sie that Alles, um ihr Gelübde zu erfüllen. Sie war aus Pflicht und Erkenntlichkeit eine ausgezeichnete Gattin, aber dieß reichte doch nicht aus, den Mangel an Liebe zu verhüllen, einen Mangel, welchen der Mann wohl merkte. Das Leben wurde für ſie eine lange und ſchmerzliche Sühne für den Irrthum, welchen ſie be⸗ gangen hatte. „Sie beſtand jedoch die Prüfung wie eine Heldin, ohne Klage und Murren. Ergeben und demüthig, vergaß ſie nicht einen Augenblick, daß die Pflichten der Gattin gegen den Mann allen andern vorangehen müſſen, und ſie zwang ihr Herz, der Liebe zu dir den zweiten Platz anzuweiſen. „Friede ihrer Aſche! Sie war eine Märtyrerin einer falſchen Auffaſſung von dem, was wir auf dem Altar der Dankbarkeit aufopfern können, aber gleich⸗ wohl nicht ſollen. „Und nun, mein liebes Kind, will ich dir ſagen, warum ich von deiner Mutter traurigem Looſe ge⸗ ſprochen habe. Ich will dich daran erinnern, damit Du, im Fall die Prüfung dich heimſuchen ſollte, daran gedenken mögeſt, daß Du die Urſache deiner Leiden ſtets in dir ſelbſt zu ſuchen haſt, und damit Du dein Inneres erforſcheſt, folglich die Schuld nicht auf das Schickſal oder auf einen Andern ſchiebeſt. Folge dem 206 Beiſpiel deiner Mutter und laß niemals außer Acht, daß eine Frau durch Nachgiebigkeit größere Gewalt, als durch Herrſchſucht erlangt. Der Gedanke an ſich ſelbſt muß ſtets bei ihr den zweiten Platz einnehmen. Jedes Opfer, welches nicht gegen Ehre und Gewiſſen ſtreitet, muß ſie mit freudigem Herzen ihrem Mann bringen, wenn es zu ſeinem Glück und Frieden dienen kann. Dagegen darf ſie niemals als eine gedanken⸗ und willenloſe Sklavin verſchwenderiſch ſolches hinweg⸗ werfen, wenn ſie damit nichts Gutes ausrichten kann. „Ohne Bedenken Alles opſfern iſt ebenſo ſchlimm, wie aus Stolz jedes Opfer verweigern. „Sammeln ſich Wolken an deinem Cheſtands⸗ Himmel, ſo ſuche die Urſache davon und entſerne ſie, auch wenn es dir im Herzen wehthun ſollte, und denke ſo: des 2 bens größte Freude liegt darin, Glück um ſich her zu verbreiten und die Dornen des Schmerzes von denen fern zu halten, welche uns theuer ſind. „Die wahre Liebe iſt langmüthig und geduldig. Sie iſt eine Gabe von oben, welche wir ſo pflegen ſollen, daß ſie der Abſicht des Gebers entſpricht. „Und nun, Gott ſey mit dir, mein liebes Kind. Präge dem Gedächtniß ein, was dir hiemit geſagt hat Deine Tante Katharina.“ II. Erſt beim Mittagstiſche wurde Gurli ſichtbar. Ihr Ausſehen war ernſt, und ſie blieb ſchweigſam während der ganzen Mahlzeit. Man ſtand vom Tiſche auf. Gurli wandte ſch — 207 gegen die Thüre, um ſich zu entfernen; aber in demſelben Augenblick näherte ſich ihr Allon mit den Worten: „Du biſt mir mehre Tage ſo ſorgfältig ausge⸗ wichen, daß es wirklich ausſieht, als fürchteſt Du ein Geſpräch mit deinem Mann.“ „Fürchten— davon kann keine Rede ſeyn,“ ant⸗ wortete Gurli;„aber ich habe uns beiden das Unan⸗ genehme davon erſparen wollen.“ „Du biſt allzu gütig, aber wirſt entſchuldigen, daß ich deinem Wunſche nicht entgegenkommen kann. Du mußt mich hören.“ „In dieſem Foll thun wir am beſten, zu ir hinaufzugehen,“ erwiderte Gurli und nahm ihren Weg nach Allon's Zimmer, demſelben, welches Tante Ka⸗ tharina in den letzten Jahren ihres Aufenthalts zu Birgersborg inne gehabt hatte. Gurli trat in einen ſchönen Salor wo ſie zu bleiben beabſichtigte; aber Allon faßt ihre Hand und ſagte: „Das Geſpräch, das wir mit einander haben, ſoll nicht von lauſchenden Ohren aufgefangen und deinem brüderlichen Beſchützer zugetragen werden; ich wünſche deßhalb, daß Du mir in das Kabinet folgeſt.“ Gurli ſah ihn an und zog ihre Hand zurück. „Es wird ſomit wieder eine Seene geben. Allon, Allon, Du haſt dergleichen Auftritte ſchon in ſolcher Menge herbeigeführt, daß auch die höchſte Liebe daran Schiffbruch leiden ſollte!“ „Um wie viel mehr, wenn dieſelbe in äußerſt ſpärlichem Maße vorhanden iſt,“ fiel Allon ein. Mit einer Miene der Ermüdung ließ Gurli ſich nieder. Sie ſeufzte tief; aber ſie dachte an Tante Katharina's Brief, und wollte in Uebereinſtimmung mit dem Rathe handeln, welchen die kluge und ge⸗ wiſſenhafte alte Frau ihr gegeben hatte. „Du fühlſt dich ſehr unglücklich, nicht wahr?“ nahm Allon das Wort.—„Du findeſt es keck und vermeſſen von dem Sklaven, daß er es wagt, über die Qualen zu murren, welche er auszuſtehen hat— daß er Gerechtigkeit fordert. Gurli,“ rief er zornig aus,„begreifſt Du nicht, daß ein Tag kommen mußte, wo ich es müde bin, ohne Gegenliebe dich zu lieben, wo ich von Haß und Bitterkeit über alle die Martern, die Du mir anthuſt, erfaßt werden muß? Begreifſt Du nicht, daß ich in einem Augenblick der Ver⸗ zweiflung die Herrſchaft, die Du über mich ausübſt, von mir werfen und dich lehren werde, wie grauſam Du an deinem Gatten dich vergangen haſt?“ „Allon, halt' ein,“ entgegnete Gurli in ſanft⸗ müthigem Ton,„Du weißt, daß ich dieſe ewigen Aus⸗ brüche eines unmotivirten Zornes niemals verſtehen lernen werde. Ich kann mich nicht rühren laſſen von Klagen über Unrecht, welches nur in deiner Einbildung beſteht, und darun muß dieſen Scenen ein Ende ge⸗ macht werden. Was iſt dein Wunſch? Sprich es aus ohne weitere Heftigkeit. Du kannſt doch dieſe Unter⸗ redung nicht verlangt haben, um deinen Zorn und deine Erbitterung gegen eine Perſon auszulaſſen, welche ſich keines Vergehens ſchuldig weiß. Verſuche es darum einmal, ruhig zu reden. Ich glaube, wir beide werden dabei gewinnen.“ Allon ſtand vor Gurli. Sein Blick weilte auf ihr; ſeine Bruſt hob ſich unruhig. Als ſie ſchwieg, kreuzte er die Arme über der Bruſt und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Ja, ich will ruhig reden. Du haſt ſo oft ge⸗ wünſcht, meine Wärme gegen Kälte vertauſcht zu ſehen, 209 daß es dir endlich wohl gelingen wird, mich in Eis zu verwandeln; aber in wie weit häusliches Glück daraus erblühen wird, das mag die Zukunft lehren. Zum Anfang frage ich dich: Warum biſt Du mir, ſeitdem wir Stockholm verließen, immerdar ausge⸗ wichen?“ „Weil ich mich durch dein Benehmen verletzt fühlte!“ „Wie ſo?“ fragte Allon und ſah Gurli mit jenem gereizten Ausdruck an, welchen derjenige ſich beilegt, der ſeinen Widerſacher zu einer Kriegserklärung zwingen will. „Brauche ich das zu ſagen?“ erwiderte Gurli und ſchaute ihm feſt in die Augen. „Ich bin nicht ſcharſſinnig genug, um den Grund zu errathen, welcher dich beſtimmt hat, mir aus dem Wege zu gehen.“ „Nun, wenn Du es ſo wünſcheſt, will ich es ſagen Es war ſichtbar, daß Gurli ſich Gewalt anthat, um eine äußere Kaltblütigkeit zu bwahren. „Ich habe mich verletzt gefühlt durch den Mangel an Achtung vor dem öffentlichen Anſtand, welchen Du zu erkennen gegeben, da Du vor ganz Stockholm dich in Signora Amy Teverino verliebt ſtellteſt. Ich weiß, daß die Huldigung, welche Du ihr darbrachteſt, nicht von deinem Herzen ausging, ſondern nur in deinem Wunſche, meine Eiferſucht zu erwecken, ihren Urſprung 5 hatte— Etwas, das dir niemals gelingen wird, Allon. Ebenſo gewiß, wie dieſes, iſt es aber auch, daß Alle, außer derjenigen, in deren Augen Du treulos erſcheinen wollteſt, dich als ſolchen betrachteten. Man beklagte mich als eine von ihrem Mann bereits ver⸗ geſſene und vernachläſſigte Frau, und die Menge . 21¹0 glaubte das Recht zu haben, mir ein verletzendes Mitleid zu ſchenken. Es iſt mir ſomit von dir die widrige und erniedrigende Rolle einer betrogenen Frau zugetheilt worden. Ich vermochte nicht, mich derſelben zu erwehren, denn ich konnte nicht allen dieſen Menſchen zurufen: Mein Mann iſt nicht ver⸗ liebt, ſondern ſtellt ſich nur ſo, um meine Eiferſucht zu erregen.“ „Wer ſagt dir, daß ich mich blos verliebt ge⸗ ſtellt habe?“ „Mein Glaube an dich. Du biſt nicht ſo leicht⸗ ſinnig und ſchlecht, als Du dir den Schein geben willſt. Bei allen deinen Fehlern kenne ich dich zu gut, als daß ich vorausſetzen ſollte, Du wäreſt einer ſolchen Treuloſigkeit fähig.“ Gurli's Worte brachten eine wunderbare Wirkung auf Allon hervor. Sein Ausſehen veränderte ſich. Das Gereizte darin verſchwand, und an deſſen Stelle trat ein beinahe bekümmerter Ausdruck. „Ich möchte von Herzen wünſchen, daß Du die Wahrheit ſprichſt Laber fahre fort, dieß war blos einer be welche Du zu deiner Zurückhaltung atteſt.“ *— „Der andere war, daß Du trotz meines beſtimmt ausgeſprochenen Wunſches Madame Teverino und ihre Tochter hieher einludeſt. Dadurch haſt Du einem für deine Frau und für dich ſelbſt kränkenden Gerüchte eine noch höhere Wahrſcheinlichkeit gegeben und uns beide in ein falſches Licht geſtellt. Mein Mißvergnü⸗ gen, mein Verdruß über die geringe Achtung, welche Du durch deine Handlungsweiſe gegenüber von mir an den Tag legteſt, war die erſte Urſache, warum ich dir auswich. Ich verabſcheue Scenen und Vorwürfe, und habe uns beiden die Unannehmlichkeit davon zu 211 erſparen geſucht, daß ich einem téteAtéte aus dem Wege ging.“ „Dieß war meine Gemüthsſtimmung, als wir Stockholm verließen. Doß ſie keinen freundlichern Charakter annehmen konnte, ſeitdem wir hieher ge⸗ kommen ſind, ſollteſt Du ſelbſt einſehen, wenn Du dich erinnerſt, daß Du eine Stunde darauf dich nach des Comminiſters Wohnung begabſt. Dein erſter Beſuch galt alſo Grünlund— jenem Mann, den Du ſelbſt deinen wiederholten Aeußerungen nach verachteſt, deſſen niederträchtigen Charakter Du in ſo lebhaften Farben geſchildert haſt und den Du als den gehäſſigſten Feind deiner Gattin betrachteteſt. Allon, ich frage dich auf dein Gewiſſen, wie würdeſt Du eine ſolche Handlung von mir beurtheilt haben?“ „Mein Benehmen war nur eine Repreſſalie. Du haſt Miß Stewart und Walter in deinem Hauſe be⸗ halten, ungeachtet Du weißt, daß ich ſie nicht leiden kann. Uebrigens haben, Gurli, alle meine Fehler, alle meine unrichtigen Handlungen nur einen Urſprung — deinen Mangel an Liebe zu mir, und meine ſeſte Ueberzeugung, daß die Zärtlichkeit, welche Du mir verweigerſt, einem Andern gewidmet iſt.. „Allon!“ brach Gurli heraus und ſprang auf. Ihre Augen erweiterten ſich und ſie warf ihrem Mann einen ſo ſtolzen und zornigen Blick zu, daß ihr Ausſehen an jene Scene erinnerte, da ſie mit der Piſtole in der Hand ihn zu dem Bekenntniß zwingen wollte, daß er ein Mordbrenner ſey. Einen Augenblick ſchwiegen beide; darauf nahm Gurli wieder das Wort: „Es wird wohl nothwendig ſeyn, daß ich ein für allemal die Sprache der ungeſchminkten Wahrheit mit dir rede und ſomit dem ſchimpflichen Verdachte, wel⸗ 2 212 chen Du alkzeit auf mich zu ſchleudern bereit biſt, ein Ende mache.“ Sie legte ihre Hand auf Allon's Arm und ließ ſie daſelbſt ruhen, während ſie mit tiefem Ernſte fortfuhr: „Du haſt nun mehr als zwei Jahre über meinen Mangel an Liebe geklagt; Du biſt noch weiter ge⸗ gangen— Du haſt die Beſchuldigung, daß ich einen Andern liebe, auf mich gewälzt. Allon, auf die letz⸗ tere Anklage habe ich keine andere Antwort, als daß ich mir einer ſolchen Treuloſigkeit des Herzens nicht bewußt bin. Meine Entgegnung auf den erſten Vor⸗ wurf dürfte jedoch Alles in ſich ſchließen, was ich zu ſagen habe. Bewahre deßhalb meine Worie in deinem Gedächtniß; denn wie die Zukunft ſich auch für uns geſtalten mag, ſo werde ich doch niemals wiederholen, was ich dir jetzt ſage, nämlich daß mein Herz auf's Innigſte an dich gefeſſelt war und ich nie begreifen konnte, wie der Tag ausſehen könnte, da ich aufhören würde, dich lieb zu haben. Die Stärke meiner eigenen Zuneigung hat mich gelehrt, an die Unerſchütterlichkeit der deinigen zu glauben. Wenn ich eiferſüchtig auf dich wäre, müßte meine Zärtlichkeit erkalten. Ich gehöre nicht zu der Zahl der Frauen, welche ſich für einen unwürdigen und ſchlechten Mann aufopfern. Auf den Verluſt meiner Achtung folgt unmittelbar auch der Verluſt meiner Zuneigung. Wenn ich Grund erhielte, dich zu verachten, ſo würdeſt Du auch auf⸗ hören, für mich Etwas zu ſeyn. Ich erkenne nicht an, daß die Frau aus Pflichtgefühl ſich unendlichen Leiden unterwerfen muß. Ebenſo gewiß, wie es iſt, daß ich Vertrauen zu dem Mann haben muß, dem ich meine Zuneigung ſchenken kann, ebenſo ſteht feſt, daß kein Opfer zu groß iſt, welches ich nicht mit — 2¹3 freudigem Herzen bringen könnte, ſo lang meine Liebe an dich gefeſſelt iſt. Wenn mein Weſen auch ſeinem Aeußern nach kalt, ſo iſt doch meine Freundſchaft für dich, Allon, ſo groß, daß Du niemals Jemand finden wirſt, welcher dir inniger zugethan wäre.“ Gurli ließ ihre Hand von Allon's Arm los und ſetzte, dieſelbe an ihr Herz drückend, hinzu: „Der Gott, der in meinem Herzen liest, weiß, wie lieb ich dich gehabt habe. Meine Seele kann keine ſtärkere Freundſchaft hegen, als diejenige, welche ich für dich empfinde. Ich habe bitter mein Unver⸗ mögen beweint, dir in dieſen letzten Jahren ein Glück zu bereiten; aber ich habe auch auf der andern Seite mit Entſetzen erkannt, daß wenn das Verhältniß zwi⸗ ſchen uns nicht anders wird, und wenn ich noch ein Jahr genöthigt bin, deine Handlungen zu mißbilligen und mich durch deine Kränkungen demüthigen zu laſſen, meine Zuneigung zu dir erlöſchen muß.“ „Zuneigung, Freundſchaft— das ſind die Worte, deren Du dich bedienſt, aber niemals Liebe. Du haſt dergleichen nicht für mich!“ rief Allon ungeduldig, „und doch ſordert mein Herz von dir, Gurli, was es ſelbſt dir gegeben hat.“ „Du kannſt nicht mehr fordern, als ich zu geben vermag,“ flüſterte Gurli und ſchaute zu ihm auf. Freundſchaft, innige Freundſchaft las Allon in Gurli's Blicken, aber nicht das war es, was Allon haben wollte, ſondern etwas mehr. Er ſeufßzte, wandte die Augen ab und ſagte: „Gurli, unſere Herzen reden eine ungleiche Sprache und werden niemals einander verſtehen lernen. Dein Gefühl iſt Freundſchaft geweſen, meines glühende Liebe. Das deinige kann nicht werden, was das meinige ge⸗ weſen iſt, und wir können ſomit auf kein Glück hoffen.“ A4. Von Gurli's Wangen entwich die Farbe und ſie te: „Allon hat Recht, unſere Herzen werden einander niemals verſtehen.“ „Darf ich nun wiſſen, warum Du trotz meines Wunſches Walter und Eliſabeth in deinem Hauſe be⸗ hältſt?“ begann Allon nach einer Weile wieder, indem er Gurli die Hand bot.—„Merke wohl, Gurli, ich ſage in deinem Hauſe, weil ich ſehr wohl weiß, daß Birgersborg nicht mir gehört.“ Gurli ließ die letzten Worte vorübergehen, ohne ihnen einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sie ant⸗ wortete kalt, ohne die dargereichte Hand zu faſſen: „Eliſabeth iſt mir theuer, und ich bin ihr zu Dank verpflichtet für das wenige Gute, welches ich an mir habe. An dem Tage, da ſie an meiner Seite ſehie würde ich den beſſern Theil meines Ichs ver⸗ miſſen.“* „Siehſt Du, Gurli, wie wenig ich dir bin,“ fiel Allon mißvergnügt ein.„Wäre ich, was Eliſabeth iſt, ſo würdeſt Du ihrer nicht bedürfen. Du ſprichſt immer nur davon, daß Du für mein Glück Alles opfern könneſt. Worte, Gurli, leere Worte, Du haſt für daſſelbe nicht einmal Miß Stewart aufopfern können.“ „Und wenn ich es gethan hätte, würdeſt Du dann wohl an meine Zuneigung geglaubt haben? „Mehr als jetzt.“ „Nein, Allon, Du würdeſt gedacht haben: ſie hat mir zulieb ihre alten Freunde vergeſſen; ſie kann eines Tags auch mich um eines neuen Intereſſe's wil⸗ len vergeſſen. Meine Treue gegen die wenigen, denen ich zugethan geweſen, ſollte dir zum Beweiſe dienen, daß mein Charakter beſtändig iſt; der wird ſich nie⸗ mals ungetreu, merke dir das, Allon.“ 2¹5 „Und, Du behältſt Miß Stewart im Hauſe?“ „⸗ Allon ſprang auf, faßte Gurli's Hände und rief: „Gurli, dieſe einzige Probe von Anhänglichkeit fordere ich von dir. Entferne Miß Stewart, und ich werde niemals an deiner Zärtlichkeit zweifeln. Dieſes Opfer, Gurli, kann für die Zukunft unſer Wohl be⸗ feſtigen und das Glück zurückführen, das nunmehr entflohen iſt, nachdem es das erſte Jahr unſerer Che geſchmückt hat. Darum, wenn mein Frieden und deine Ruhe dir am Herzen liegen, ſo entferne Eliſa⸗ eth.“ 3 Gurli zog ihre Hände zurück. Sie ſtand einige Augenblicke ſchweigend da und betrachtete Allon; end⸗ lich ſagte ſie: „In acht Tagen wird Eliſabeth nicht mehr zu Birgersborg ſeyn.“ Darauf eilte ſie nach der Thüre. Allon ſprang ihr nach, nahm ſie in ſeine Arme, bedeckte ſie mit Küſſen und verſicherte, daß er der glücklichſte Menſch auf Erden ſey. Jett wiſſe er, daß ſie ihn liebe, jetzt werde er niemals mehr zweifeln; ſein ganzes übriges Leben ſolle nur zum Zweck haben, ihre Wünſche zu errathen, und zum Beweiſe dafür werde er an Madame Teverino ſchreiben, ſie und ihre Tochter dürften ſich nicht bemühen, nach Birgersborg zu kommen. Er wolle dieſe Menſchen nicht ſehen, deren Gegenwart ſeiner Frau mißfiele; er verachte ſelbſt die unedeln Motive, welche ihn beſtimmt hätten, ſie gegen Gurli's Wunſch einzuladen. Gurli glich einer Bildſäule, während Allon ſie mit allen dieſen Verſicherungen überhäufte. Sie ver⸗ mochte nicht mit einem Wort, einem Lächeln ſeine Schmeicheleien zu beantworten, oder zu erkennen zu „ 216 geben, daß ſie von ſeiner Dankbarkeit gerührt, wäre. Es ſah aus, als ob das Uebermaß dabei ſo peinlich auf ſie wirkte, daß ſeine Worte allen Werth für ſie verlören. Endlich machte ſich Gurli aus ihres Mannes Um⸗ armung los. „Laß mich gehen, Allon,“ ſagte ſie;„ich bedarf der Einſamkeit.“ Sie reichte ihm die Hand, indem ſie hinzuſetzte: „Ich will wünſchen und hoffen, daß das Opfer, welches ich dir brachte, Glück und Segen mit ſich bringen möge.“ Allon küßte ihr die Hand, und Gurli entfernte ſich. * Allein geblieben, verſank Allon wieder in Ge⸗ danken. Gurli's Kälte, während er in einen ſolchen Strom von Zärtlichkeit ſich ergoß, trat ihm vor die Seele, und dabei vergaß er ihre Nachgiebigkeit gegenüber von ſeinen Wünſchen. Er wurde wiederum mißvergnügt und warf die Frage auf, ob er wirklich dafür, daß Gurli ſich von Miß Stewart trenne, auch dem Vergnügen entſagen müſſe, die Teverino's bei ſich zu ſehen. Allon ſchloß gefliſſentlich die Augen vor dem ge⸗ fährlichen Spiel, das er mit Gurli und ſeinem Frie⸗ den trieb. Er hörte nur auf die Eingebungen ſeiner Selbſtſucht und blieb taub gegen das, was die war⸗ nende Vernunft einzuwenden hatte. Nach einer Weile ſetzte er ſich nieder um zu — —— 217 ſchreiben, aber nicht an Madame Teverino, ſondern an den Comminiſter Grünlund. Der Brief lautete: „Ich kann mir das Vergnügen nicht verſagen, aus Anlaß der Niederlage, welche Sie, lieber Onkel, ſo eben erlitten haben und welche ich im höchſten Grade beklage, jetzt gleich an Sie zu ſchreiben. „Der Onkel ſagte mir vor zwei Tagen, daß ich nicht mehr Herr genug in meinem Hauſe wäre, um Gurli beſtimmen zu können, Miß Stewart den Ab⸗ ſchied zu geben.— Nun wohl, in einer Woche hat die Miß aufgehört, ein Glied unſerer Familie zu ſeyn. Dieß iſt mein Werk. „Mein hochgeehrter Verwandter dürfte alſo ein⸗ ſehen, daß ich wirklich nicht die bedeutungsloſe Null bin, deren Schein Mama und der Onkel mir aufbür⸗ den wollen. „Ich will aber noch einen andern Beweis liefern, daß es mein Wille iſt, welcher gilt. „Es iſt dem Onkel bekannt, daß Gurli meine ge⸗ ringen Auffrerkſamkeiten gegen eine gewiſſe Signora Teverino nicht gerne ſieht. Deſſen ungeachtet habe ich ſie eingeladen, den Sommer hier zuzubringen. „Noch eins? Der Onkel prophezeite, Gurli würde nicht vierundzwanzig Stunden vergehen laſſen, ehe ſie Tante Katharina beſuchte, um dort mit Stephan zu⸗ ſammenzutreffen. Gurli hat nicht eine Miene ge⸗ macht, zu der Alten zu fahren, als ſie hörte, daß es mir zuwider wäre. „Wenn ich einmal Luſt zu einem Beſuche habe, ſo werde ich mich in dem Hauſe des Herrn Commi⸗ niſter einſtellen, hoffe aber dann mit der Behauptung Schwartz, Der Rechte. M. 15 218 verſchont zu werden, Gurli habe mich nur zum Mann genommen, um einen Selaven zu haben. In Eile Allon von Stral.“ Eine Woche darauf erhielt Allon einige Zeilen von Grünlund. „Mein theurer Sohn!“ ſchrieb dieſer.„Von gan⸗ zer Seele freut es mich, daß ich Unrecht gehabt habe. Deine Gattin hat dir alſo die Rechte eines Mannes zugeſtanden; ja, ich will deinen Worten glauben, da Du ſolches verſicherſt.. „Miß Stewarts Entfernung iſt ein ſchöner Be⸗ weis von deiner Macht, beſonders da ſie eine aus⸗ Bieichnet⸗ Dame mit erhabenen Eigenſchaften der eele iſt. „Ich entſinne mich gern, daß deine Mutter mir erzählte, Miß Stewart habe Stephan niemals recht leiden können, ungeachtet dieſer einſt Alles gethan hätte, um deren Gewogenheit zu erlangen. „Apropos, was Stephan betrifft, ſo weißt Du wohl, daß er zum Richter für den hieſigen Bezirk er⸗ nannt iſt. „Daß Gurli Madame Teverino ſammt Tochter empfängt, iſt ein ſehr ſchöner Zug pon ihr unb be⸗ weist, daß ſie gern deinen Wünſchen entgegenkommt. „Man behauptet, daß einſt eine zärtlichere Ver⸗ bindung zwiſchen Signora Amy Teverino und Stephan ſtattgefunden habe. Wie weit das wahr iſt, laſſe ich dahingeſtellt ſeyn und beſchäftige mich niemals mit böſen Gerüchten; denn als ein wahrer Chriſt bemühe ich mich immerdar gut von meinem Rächſten zu denken. Fern ſei es alſo von mir, vorausſetzen zu wollen, daß Stephan bei ihrer Bereitwilligkeit, die Teverinos in Birgersborg zu empfangen, die Hand im Spiel gehabt 2¹9 habe.— Ich weiß ſo viel als gewiß, daß Gurli dieſe Teverinos nicht in ihrem Hauſe haben wollte, und man muß ihre Beweggründe hochachten, welche deut⸗ lich darauf hinzielen, eine Erneuerung des zärtlichen Verhältniſſes zwiſchen Stephan und der Italienerin zu hintertreiben. Eine ſolche Beſorgniß für den Freund ihrer Kindheit iſt auch ganz natürlich. „Du weißt wohl, daß Stephan ſeit eurer Ankunft in Birgersborg nicht bei Frau Derner ſich aufhielt, ſondern ſich zu den Gerichtsſitzungen nach F. begeben hat.— Es war indeſſen jedenfalls ſehr zartfühlend von Gurli gehandelt, daß ſie die Alte nicht beſuchte, obwohl ſie ſehr wohl wußte, daß ſie Stephan daſelbſt nicht treffen würde. Du bitteſt mich nicht zu wiederholen, daß man dich Frau von Strals Mann nennt. Ich werde es nicht mehr thun. Eine Wahrheit, welche peinlich iſt und Aerger verurſacht, muß man nicht mehr als einmal ſagen. Es iſt mir angenehm zu hören, daß Gurli dir erlaubt, Herrſcher in ihrem Hauſe zu ſeyn, ungeachtet ſie die Verwaltung ihres Beſitzthums ſich allein vorbehalten und Walter zum eigentlichen Gebieter von Birgersborg eingeſetzt hat. „Mag ſeyn, daß ich Unrecht habe; vielleicht hat ſie, ohne den Ehekontrakt aufzuheben, dir die Dispo⸗ ſition über Birgersborg überlaſſen. In dieſem Fall, mein theurer Sohn, hat ſie wahrhaft bewieſen, daß ſie dich als ihren Gatten anſieht, nicht als einen Mann betrachtet, den ſie ſich genommen. Du darfſt dann hoffen, daß ſie eines Tags die Beſtimmung ver⸗ nichtet, welche dich jetzt in ötonomiſcher Hinſicht voll⸗ kommen von ihr abhängig macht. „Lebe wohl! Ich hätte gewünſcht, in Frieden und Eintracht, in Vertrauen und chriſtlicher Liebe mit 220 dir und deiner Gattin Umgang pflegen zu können; aber ſowohl deine Mutter, als ich, wir wagen uns nicht über die Schwelle von Gurli's Heimweſen. Wäre dieß dein oder euer, ſo würde ich mit Freu⸗ den unter dieſes Dach treten; aber nun verbleibe ich dein davon entfernter aber ergebener Freund und Bruder in Chriſto Grünlund.“ Die Wirkung dieſes Briefes war ganz ſo, wie der Schreiber ſie beabſichtigt hatte. Anſtatt in Eliſabeths Entfernung einen Beweis von Gurli's Anhänglichkeit zu erkennen, betrachtete Allon ſie als Etwas, das Gurli ſelbſt begehrt, und zu deſſen Erreichung ſie nur Allon's ausgeſprochenen Wunſch benützt hatte. Eliſabeths Gegenwart erſchien Stephan unangenehm, und darum war Gurli recht froh geweſen, ſie zu verabſchieden, ehe Stephan nach Birgersborg kam. Allon's Inneres gerieth in Flammen. Er empfand die größte Erbitterung gegen Gurli bei der Vorſtel⸗ lung, daß er nur ein Spielball zur Beförderung ihrer eigenen Intriguen geweſen. Daß Gurli Tante Katharina nicht beſucht hatte, fand nun einen natürlichen Erklärungsgrund. Sie wußte, daß Stephan nicht dort war. Und endlich: Gurli's Abneigung gegen die Teverinos kam ſomit nur daher, daß ſie eiferſüchtig auf Amy war; aber nicht wegen der Aufmerkſamkeit, welche Allon derſelben bewies, ſondern wegen des Wohlgefallens, das Stephan an der Italienerin fand. Man konnte nichts Schändlicheres ſich denken, als ihr Benehmen, und er war einfältig genug ge⸗ weſen, ſich einen Augenblick dadurch bethören zu laſſen. Jetzt hatte er Alles klar vor Augen, und auch die 291 Urſache, warum Gurli nicht dulden wollte, daß er Grünlund beſuche. Sie fürchtete deſſen Scharfblick, und darum ärgerte ſie ſich darüber, daß Allon zu dem bisher verkannten Freunde ſeine Zuflucht nahm. Wie Recht hatte nicht Grünlund, wenn er ſagte, hätte Gurli die Verwaltung von Birgersborg Allon übertragen, ſo würde ſie damit bewieſen haben, daß ſie Allon die Rechte eines Gatten einräume; jetzt hingegen ſchloß ſie ihn von allen gemeinſchaftlichen ökonomiſchen Intereſſen aus. An demſelben Tage, wo Eliſabeth Stewart Bir⸗ gersborg verließ, hatte Allon dieſen Brief empfangen, und in Folge davon vertiefte er ſich in die oben erwähn⸗ ten erbaulichen Betrachtungen, ohne ſich durch ſeine eigene Erfahrung oder ſeine Kenntniß von Gurli's Charakter von dem Falſchen und Unrichtigen in ſeinen Schlußfolgerungen überführen zu laſſen. Gurli war jedoch der Schmerz erſpart worden, ſelbſt Eliſabeth um deren Entfernung zu bitten; denn Eliſabeth war Gurli mit der Erklärung zuvorgekom⸗ men, daß ſie wegen einiger Familienangelegenheiten nach England reiſen müſſe. Die wahre Urſache lag jedoch darin, daß Eliſabeth ſchon lang eingeſehen hatte, ihr Verweilen in ſeiner Nähe ſey Allon zuwider— eine Vermuthung, worin ſie, ohne daß Gurli Etwas davon wußte, in den letzten Tagen beſtärkt worden war. Der Schmerz, welchen Gurli empfand, als ſie den Reiſewagen, welcher Eliſabeth hinwegführte, verſchwin⸗ den ſah, war ſo groß und ſo heftig, daß ſie beinahe davor erſchrack. Gurli fühlte, daß ſie nicht im Stande ſeyn würde, denſelben zu beherrſchen, und zog es deß⸗ halb vor, einen Spaziergang zu machen und dadurch einer Begegnung mit Allon auszuweichen. 2¹2 Sie ging nach der Fiſcherhütte am Ende des Parks hinab. Fiſcher⸗Matthes, welcher jetzt zum erſten Mal Gelegenheit fand, mit ihr zu reden, bat ſie, ihm zu erlauben, nach Helenelund hinüberzuziehen; der In⸗ ſpektor, das Bauernvolk und ſelbſt der Vicepaſtor ſeyen alle gegen ihn und ſeine Kinder ſo feindſelig daß er kaum ſich in die Kirche wage. Die eute deuten mit Fingern auf ihn als einen ehema⸗ ligen Dieb, und auf ſeine Kinder, daß ſie einen ſolchen Vater hätten. Die Schilderung von den Verfolgungen, welche Matthes zu erdulden hatte, war von der Art, daß ſie Gurli's Zorn gegen Grünlund, als den Haupt⸗ urheber davon erweckte. Der ſcheinheilige Inſpektor hatte dem Paſtor dabei hilfreiche Hand geleiſtet und auf alle erdenkliche Weiſe das Volk gegen die Fiſcher⸗ Familie aufgereizt. Hätte Gurli klug gehandelt, ſo würde ſie Matthes geſtattet haben, abzuziehen und ſich unter Tante Ka⸗ tharina's Schutz zu ſtellen. Nun wollte ſie aber davon Richts hören. Matthes mußte bleiben, und Gurli wollte zeigen, daß ſie ſolches Unrecht nicht duldete. Sobald ſie alſo nach Hauſe kam, ließ ſie den Inſpektor rufen. Mit heſtigen Worten gab ſie ihm ihr Mißvergnügen zu erkennen und äußerte den Wunſch, daß er ſchon in zwei Wochen ſeine Stelle verlaſſe. Sie wolite nicht, daß der, welcher mit ihren Leuten zu thun habe, ein Mann ſey, der unter der Maske der Gottſeligkeit ein boshaftes Herz verberge und ſich erlaube, eine arme wehrloſe Familie zu verfolgen. Der Inſpektor erklärte in frommem, demüthigem, aber doch ſehr beſtimmtem Ton, die gnädige Frau könne ihn vor der geſetzlichen Zeit von ſeinem Poſten — nicht entfernen, da er ſich keines wirklichen Vergehens ſchuldig gemacht habe. Daß die Leute an Matthes keinen Gefallen finden, ſey nicht ſein, des Inſpektors, Fehler, und was ſein Benehmen gegen den Fiſcher betreffe, ſo habe er denſelben blos zu einem ordent⸗ lichen Lebenswandel anhalten wollen u. ſ. w. Gurli's einzige Antwort auf das, was der In⸗ ſpektor anführte, war, daß er fort müſſe, und ſie wolle ihm gern eine reichliche Umzugsentſchädigung gewähren, nur um ſeiner los zu werden. Sie beabſichtige, reines Haus in Birgersborg zu machen, ſagte ſie, und ſich von dem ganzen Anhang von Pietiſten zu befreien, welche ſich jetzt auf ihrem Grund und Boden einge⸗ niſtet haben. Sie gab dem Inſpektor vierzehn Tage Zeit, um die Vorkehrungen zu ſeinem Abzug zu treffen; dann aber wollte ſie Nichts mehr von ihm ſehen. vſcl dieſem beſtimmten Beſcheid wurde er ver⸗ abſchiedet. Als der Inſpektor Gurli verließ, begab er ſich zu Allon. Nachdem er eine halbe Stunde mit demſelben geſprochen, machte er ſich auf den Heimweg. Allon verfügte ſich zu ſeiner Frau. Als er zu ihr eintrat, ging ſie heftig im Salon auf und ab. Sie befand ſich in aufgeregter Stim⸗ mung. Als ſie Allon gewahrte, rief ſie: „Gut, daß Du kommſt; ich wollte eben zu dir, um dir von einem ärgerlichen Vorfall zu erzählen, der mir die gute Laune verdorben hat. Wirklich? Dann fandeſt Du es aber wohl mehr in der Ordnung, daß ich zu dir komme,“ entgegnete Allon.„Warum ließeſt Du mir nicht deinen Wunſch zu erkennen geben? Dann würde ich, wie es einem 2²4 Untergebenen geziemt und wohl anſteht, ſogleich mich hier eingeſtellt haben.“ Gurli hatte dieſe Bitterkeit nicht von ihm erwartet, am allerwenigſten an dem Tage, da Eliſabeth abreiste. Sie ſagte Nichts, ſondern ſah ihn blos an. „Mir dünkt,“ nahm Allon wieder das Wort, „es wäre beſſer geweſen, wenn Du des Scheins wegen mich damit beauſtragt hätteſt, den Inſpektor zu ver⸗ abſchieden, anſtatt daß Du es ſelbſt gethan und damit uns beide dem Gelächter preisgegeben haſt.“ Gurli ſchwieg. Sie ſah zu ſpät ein, daß Allon Recht hatte. „Ich habe mich bisher nicht in die Verwaltung von Birgersborg oder einer andern deiner Beſitzungen gemiſcht, und würde mir auch jetzt nicht erlauben, meine Gedanken über dieſes Thema auszuſprechen, wenn ich es nicht für meine Pflicht hielte, zu verhin⸗ dern, daß Du dich zum Geſpräch hier in der Gegend machſt. Ich muß darum, wenn ich mich nicht von deinen Untergebenen auslachen laſſen ſoll, auf ein Gebiet mich wagen, welches Du dir allerdings als ausſchließlich zugehörend vorbehalten haſt. Ich trete dadurch aus der kläglichen Rolle heraus, die ich in Wirklichkeit gegenüber von einer Frau ſpiele, welche trotzdem daß ſie einen Mann hat, doch allein als Herr ſich gerirt. Dein heutiges Benehmen iſt von der Art geweſen, daß es mich vor dem Inſpektor grauſam gedemüthigt hat.“ 3 Auch jeßt erkannte Gurli bei ſich die Wahrheit von Allon's Worten. Sie ſah ein, daß ihres Mannes Stellung eine ſchiefe wäre und bleiben würde, ſo lang ſie ihm nicht die Verwaltung von Birgersborg überließe. Sie ſagte jedoch Nichts von dem, was ſie dachte, 2²⁵ und da Allon keine Antwort auf ſeine Standrede erhielt, fuhr er fort: „Obwohl Du das, was vorgffallen iſt, als Etwas zu betrachten ſcheinſt, womit ich Nichts zu thun habe, ſo wünſche ich doch, daß Du nicht mit Rückſicht auf meine Perſon— ich verlange nichts Ungereimtes— ſondern um des Geſchwätzes willen den Inſpektor bis zum Herbſt hier bleiben läſſeſt. Ich habe ihm ver⸗ ſprochen, dieß bei dir auszuwirken, und Du kannſt ja aus Achtung vor dem Einzigen, was wir gemeinſam beſitzen, unſerem Namen, ſchon zugeben, daß ich nicht wortbrüchig erſcheine.“ „Er hat ſich wohl bei dir beklagt?“ fragte Gurli. „Ja, er tonnte nicht begreifen, daß wir Frau und Mann ſind, anſtatt Mann und Frau. Er hat es für ausgemacht angenommen, daß der Herr in einem Hauſe etwas mehr zu ſagen haben muß, als eine Frau, und ſich darum an mich gewandt, um Schußz gegen die Ungerechtigkeit einer unverſtändigen Frau zu ſuchen.“ „Aber dießmal ſoll er erfahren, daß über ihn und ſeine Stelle Niemand anders zu befehlen hat, als ich!“ brach Gurli los. „Gurli,“ ſiel Allon gleichfalls heftig ein,„ich werde es dir niemals vergeben, wenn Du dir erlaubſt, deines Mannes Wort umzuſtoßen. Willſt Du wirklich laut erklären, daß ich weiter nichts bin, als ein Schild, welchen Du dir für zwanzigtauſend Reichsthaler erkauft haſt? In ſolchem Fall ſind deine ſtolzen Worte von den Opfern, deren Du fähig ſeyeſt, nicht einmal ein Aufpuß, mit welchem Du deine wirkliche Denkart be⸗ mänteln willſt, ſondern nur Seifenblaſen, welche in dem Augenblick, da ſie entſtanden, auch wieder in Nichts zerfließen.“ 226 Allon ging ſeines Wegs und ſchlug die Thüre heftig hinter ſich zu. Eine Stunde hernach ſandte Gurli ihm einen Streifen Papier, worauf die Worte ſtanden: „Setze den Inſpektor davon in Kenntniß, doß Du ihn bis zum Herbſt behalteſt; es ſey aber dein Wille, daß er um dieſe Zeit von ſeinem Poſten abtrete.“ Beim Leſen dieſer Zeilen ſtrahlte Allons Ange⸗ ſicht und er rief bei ſich ſelbſt: „Wenn Grünlund ſich geirrt hätte, wenn Gurli mir wirklich von ganzem Herzen ergeben wäre. Dann hätte ich ſchlecht gehandelt, daß ich meine Einladung an die Teverino's nicht widerrief.“ Gurli hatte nach dem Empfang von Tante Ka⸗ tharina's Brief es ſich zur Pflicht gemacht, ihres Mannes Wünſchen entgegenzukommen. Allon dagegen hatte Gurli auf den Weg gebracht, welchen man den der Aufopferung nennt, und es war leicht vorauszuſehen, daß er bei ſeinem ſchwachen Charakter und ſeinem für die Impulſe Grünlunds ſtets offenen Sinn nicht leicht zufrieden zu ſtellen ſeyn würde. Bei jeder neuen Nachgiebigkeit von Seiten ſeiner Frau, bei jedem Opfer, das ſie brachte, muß⸗ un bei ihm neue Wünſche, neue Forderungen auf⸗ eigen. Das, was nun zunächſt bevorſtand, war Walter's Entfernung und die Nöthigung Gurli's, die Verwal⸗ tung von Birgersborg und den Einkünften des Guts Allon zu übertragen. Bevor dieſe Maßregeln von Gurli zugeſtanden worden, glaubte Allon volles Recht zu haben, ihre Zuneigung und Treue in Zweifel zu ziehen. Gurli war nach der Unterredung mit Allon und 297 nach Abſendung des den Inſpektor betreffenden Billets in ihrem Zimmer eingeſchloſſen geblieben.. Allons Benehmen, ſeine bittern und verletzenden Worte, Alles diente ihr zum Beweiſe, daß ſie ihn vollkommen richtig beurtheilt hatte, wenn ſie in ſeinen glühenden Verſicherungen in Bezug auf Eliſabeths Entfernung nichts als bedeutungsloſe Phraſen ge⸗ ſehen. Dennoch ſuchte ſie ſich ſelbſt zu überreden, daß die Bitterkeit ihres Mannes nur aus ſeiner ſchiefen Stellung entſprang, und ſie faßte den Entſchluß, ihm als ihrem Gatten die Verwaltung von Birgersborg zu übergeben. Sie wollte nicht mit Allon zuſammen⸗ treffen, ehe ſie dieſen Schritt genau überlegt und ſich dafür entſchieden hätte. Gurli wollte gerade Walter rufen laſſen, um die Sache mit ihm zu beſprechen, als der Mulatte an⸗ ſ ließ, ob die gnädige Frau ihn empfangen önnte. Walter hatte einen Brief aus England mit der heutigen Poſt erhalten und wollte ihn Gurli zeigen. Als ſie denſelben geleſen hatte, faßte ſie Walters Hand und rief lebhaft: „Reiſe hin, Walter, reiſe ſogleich. Vielleicht ha⸗ ben die Nachforſchungen dieſes Mal einen glücklichern Erfolg als früher.“ „Ja, ich werde hinreiſen,“ ſagte Walter,„aber es geſchieht nur ungern. Es kommt mir vor, als ob Sie eben jetzt mich an Ihrer Seite nöthig hätten. „Und warum jetzt mehr als ſonſt, beſter Walter? Ein Freund wie Du iſt immer unentbehrlich.“ Gurli ſah ihm mit einem Blick an, welcher deut⸗ lich zu verſtehen gab, daß ſie keine nähere Erklärung für dieſes Jetzt haben wollte. 2²8 Walter war jedoch ein zu altes Mitglied der Falkenſtern'ſchen Familie, als daß er ſich durch einen Blick zurückhalten ließ, wenn er eine Wahrheit aus⸗ zuſprechen wünſchte. Er fuhr deßhalb in ernſtem Tone fort: „Gurli Falkenſtern hat einen ſchweren Mißgriff begangen, als ſie Allon von Strals Gattin wurde. Sie hat durch dieſe Verbindung Nichts gewonnen, am wenigſten Glück und Frieden, und iſt nun auf dem Weg „Still Walter!“ rief Gurli heftig.„Wenn ich einen Mißgriff begangen habe, ſo will ich doch Nie⸗ mand geſtatten, es mir zu ſagen. Bis jetzt, Walter, lag der Fehler nur in dem Arrangement, welches ich in ökonomiſcher Beziehung, theils um Tante Beate's eigennützige Berechnungen zu täuſchen, theils um die Rechte Anderer zu ſchützen, getroffen habe. Dieſen Mißgriff will ich nun dadurch wieder gut machen, daß ich Allon in Geſchäftsangelegenheiten eine natür⸗ liche Stellung mir gegenüber einräume. Dadurch wird a Dis harmonie beſeitigt und alles Schroffe ausge⸗ glichen. „Iſt das wirklich Ihre Ueberzeugung?“ rief Wal⸗ ter.„Hoffen Sie Ihr Glück dadurch erkaufen zu kön⸗ nen, daß Sie ſich wehrlos denen in die Hände liefern, welche nur auf dieſen Augenblick gelauert haben?“ „Erwäge deine Worte, Walter, wenn Du von meinem Mann redeſt.“ „Nein, ich ſpreche von ſeinen und Ihren Feinden, von Beate von Stral und Grünlund. Haben Sie den Nießbrauch von Birgersborg auf Ihren Mann übergetragen, ſo haben Sie ſich ſeibſt zu bitterer Scla⸗ verei verurtheilt; jene beiden werden Sie es auf eine ſchreckliche Weiſe entgelten laſſen, daß Sie die Falken⸗ 229 ſtern'ſchen Reichthümer geerbt haben. Glauben Sie mir, dieſelben werden Ihnen das Leben ſo verbittern, daß Sie, um ſich ein beſſeres Loos zu ſchaffen, ſchließ⸗ lich zur Aufhebung des Ehecontrakts ſich herbeilaſſen. Wenn Sie ſomit ſich ſelbſt entwaffnet haben, werden Sie erſt lernen, wie weit die menſchliche Bosheit un⸗ ter der Larve der Frömmigkeit zu gehen vermag. Ich beſchwöre Sie darum, bedenken Sie, was Sie thun. Geſtehen Sie Nichts zu, wodurch die Macht des Gel⸗ des in Ihres Mannes Hände gelangt. Sein Charak⸗ ter iſt ſchwach; der Einfluß ſeiner Mutter und des Andern größer, als Sie ahnen, und er wird unbedingt von jedem Rechte, welches Sie ihm in dieſer Hinſicht gewähren, Mißbrauch machen.“ Es lag Etwas in Walter's Ton, das Gurli Schauder einflößte. Der treue und zuverläſſige Freund von deren Kinderjahren her faßte ihre Hände und ſah ſie mit ſeinen ſchwarzen und ausdrucksvollen Au⸗ gen an, ſo flehend, als ob es ſich um ſein eigenes Leben hondelte. Gurli ſeufzte unwillkürlich. Vielleicht fühlte ſie in der Tiefe ihrer Seele, daß Walter eine Prophezeiung ausſprach. „Mein Freund,“ ſprach ſie jedoch mit Feſtigkeit, „deine Anhänglichkeit an mich macht dich ungerecht und ängſtlich. Mein Mann wird niemals gemeinſame Sache mit der Tante und dem Prieſter machen, um mir das Leben zu verbittern, davon bin ich vollkom⸗ men überzeugt. Sollte aber auch etwas ſo Ungereim⸗ tes eintreten, ſo iſt doch Gurli Falkenſtern keine von enen Frauen, auf deren Haupt man endloſe Leiden häufen kann, ohne daß ſie ſich gegen den Druck empört. Sie weiß recht gut, wie weit ſie gehen ſoll, und bis zu welcher Grenze die menſchliche Geduld ausgedehnt 230 werden kann; aber was ſie thun muß, das thut ſie auch. Wäre die Folge davon, daß ſie auch an den Rand eines Abgrunds geriethe, ſo würde ſie auch das nicht abhalten, ihre Pflicht zu thun.— Walter, meine Vernunſt, mein Rechtsgefühl und mein Herz ſagen mir, daß ich Allon frei und ſelbſtſtändig über die Einkünfte von Birgersborg disponiren laſſen muß; aber auch nichts weiter. Das übrige Vermögen be⸗ machte ich nicht als mir gehörig, ich bin nur Ver⸗ walterin davon, bis der rechte Eigenthümer gefunden iſt. Es gibt daher kein Leiden, welches mich beſtim⸗ men könnte, auch nur einen Schilling davon verloren gehen zu laſſen. Der Ehevertrag kann nicht aufge⸗ hoben werden, denn er iſt ja nur geſchloſſen, um jenes Vermögen zu ſchützen.— Und nun, Du alter Freund, nicht ein Wort weiter. Beruhige dich und reiſe ab. Wenn Du wiederkehrſt, wirſt Du finden, daß ich mein Glück nicht verſpielt habe. „Es iſt ſchon verſpielt,“ dachte Walter, aber ſagte Nichts, ſondern begann von Geſchäften zu ſprechen. V. Allon, welcher ſeit dem auf den Inſpektor bezüg⸗ lichen Geſpräch mit Gurli dieſe mit keinem Auge ge⸗ ſehen hatte, war in der Zeit, da Walter bei ihr ver⸗ weilte, nach der Wohnung des Comminiſters nen Seinem eigenen Gewiſſen redete er allerdings; vor, er mache dieſen Beſuch nur, um den Inhalt von Grünlunds Brief zu wiederlegen; aber in Wirklichkeit geſchah es, um einen oder den andern Rath von dem⸗ ſelben zu erhalten. 231 Als Gurli gegen Walter äußerte, ihr Mann würde ſich niemals erlauben, ein Complott mit Grünlund zu ſchließen, horchte Allon gerade auf einen Plan, wel⸗ chen ſein ehemaliger Lehrer aus einander ſetzte, um n dadurch zur Aufhebung des Kontraktes zu ver⸗ elfen. Wir wollen jedoch von demſelben keine weitere Rechenſchaft geben, denn die Ereigniße vereitelten Grünlunds Intriguen. Es war Abend, und die Sonne ſtand eben im Begriff, ihr Auge zu ſchließen, als Allon von ſeinem S in der Wohnung des Comminiſters zurück⸗ ehrte. Seine Stirne war finſter, ſeine Lippen zuſam⸗ mengepreßt, und ſein Inneres mißvergnügt. Je mehr er auf dem Heimweg Grünlunds Worte überdachte, deſto gehäſſiger erſchien ihm nun Gurli's Handlungsweiſe, wodurch er von einem Vermögen, welches mit Recht in Folge ſeiner Verheirathung ihm hätte zufallen ſollen, ausgeſchloſſen war. Allon vergaß, wie oſt er in dem erſten Jahr ſeiner Ehe Gurli dafür gedankt hatte, daß ſie es ihm erſparte, mit der Gabe ihrer Hand auch einen Reich⸗ thum annehmen zu müſſen, welcher nur ſeine Glück⸗ ſeligkeit vergiftet haben würde; denn in einem ſolchen Fall hätte ſie ſich von der Uneigennützigkeit ſeiner Liebe nicht überzeugen können u. ſ. w. Alle jene exaltirten Aeußerungen waren nun ver⸗ geſſen, und Allon wurde einzig von ſeinem Verlangen nach jenem Golde beherrſcht, welches ſchon in ſeiner Kindheit ihn ſo feindſelig gegen Gurli geſtimmt hatte. Niemals ſeit jener längſt vergangenen Zeit hatte Allon ſein Inneres ſo ausſchließlich mit dem Gedan⸗ ken daran beſchäftigt gefühlt. Es war ihm, als er 232 durch das Gitterthor auf den Hof von Birgersborg einritt, als müßte er am Ende, im Fall ſeine Stellung in ökonomiſcher Hinſicht nicht eine Aenderung erlitte, Gurli geradezu haſſen. Als er vom Pferde ſprang, hatte er beſchloſſen, Gurli nicht eher Ruhe zu laſſen, als bis Walter ent⸗ fernt würde und er, Allon, Herrſcher von Birgersborg wäre. Mit dieſem Entſchluß ſtieg er die Treppe hinauf, welche vom Hofe in das Veſtibule führte. Er war eben im Begriff, den Weg in ſein Zim⸗ mer zu nehmen, als die Saalthüre im Erdgeſchoß auf⸗ ging und Gurli ihm entgegentrat. Allon blieb einen Augenblick ſtehen.. „Du haſt wahrſcheinlich dein Zimmer verlaſſen, um mit mir nicht zuſammentreffen zu müſſen,“ be⸗ merkte er und wollte ſeinen Weg fortſetzen. 3 „Nein, ich habe es verlaſſen, weil ich mit dir zu reden wünſchte,“ erwiederte Gurli ruhig.„Wenn Du gerade Zeit haſt, ſo komm einen Augenblick auf die Terraſſe hinaus. Der Abend iſt ſchön und paßt zu dem, was ich dir zu ſagen habe.“ Gurli kehrte wieder in den Saal zurück, es Al⸗ lon überlaſſend, ihr zu folgen oder nicht, ganz wie es ihm beliebte. Allon blieb einen Augenblick unentſchloſſen am Fuß der Treppe ſtehen; dann murmelte er: „Mag ſeyn; ich will hören, was ſie zu ſagen hat; vielleicht erhalte ich dabei Anlaß zu erklären, daß meine gegenwärtige Stellung unerträglich iſt.“ 3 Er folgte Gurli auf die Teraſſe; dort ſtand ſie und betrachtete das Gemälde, welches vor ihr ausge⸗ breitet lag. 2³3 Gurli's Antlitz war ernſt, beinahe ſtreng. Wel⸗ ches auch die Gedanken ſeyn mochten, die ihr durch den Kopf gingen; jedenfalls ſchienen ſie nicht bei den vergangenen Tagen und bei der Zeit zu weilen, da ſie und Allon ſo oft an demſelben Orte, um dieſelbe Ausſicht zu bewundern, geſtanden waren. Jeder Zug in ſeinem Angeſicht hatte damals Zeugniß davon ge⸗ gegeben, wie eingenommen er für ihre Perſon, und nicht für den Reichthum war, in deſſen Beſitz er nun⸗ mehr mit ſo großer Sehnſucht zu kommen trachtete. Nein, Gurli warf nicht einen einzigen Blick rück⸗ wärts, hatte nicht einen einzigen Seufzer für die Träume, welche entflohen waren, ohne ſich zu ver⸗ wirklichen. Die Augen ihrer Seele waren auf die Zukunft gerichtet. Während ſie mechaniſch auf jenen Strand hinausſchaute, erforſchte ſie ihr Inneres, ob der Schritt, welchen ſie zu thun im Begriff ſtand, wirklich zu all dem Unglück, welches Walter prophe⸗ zeit hatte, führen würde. Sie ermaß gleichſam die Tiefe des Abgrunds, in welchen ſie möglicher Weiſe ſtürzen konnte, und die Kraft ihres eigenen Charakters, um ſich aus demſel⸗ ben, wenn es ſo weit käme, herauszuarbeiten. In der Tiefe des Leidens liegen zu bleiben und ſich neben den Ruinen ihres zertrümmerten Glücks zu begraben. — Dieß war Etwas, wofür Gurli, ſoweit ſie ſich kannte, nicht geſchaffen war. In dem Augenblick, als das Geräuſch von Al⸗ lons Schritten ihr Ohr erreichte, fühlte ſie, daß, wenn dieſer Mann, welcher noch vor ganz kurzer Zeit der Sclave ſeiner leidenſchaftlichen Liebe geweſen war, ſich durch die Macht des Einfluſſes in ihren Tyrannen verwandelte, ſie doch niemals zu ſeinem Opfer ſich hergeben würde. Schwartz, Der Rechte. IMI. 6 234 Burli vertraute unbedingt auf ſich ſelbſt, auf die Unerſchütterlichkeit ihres ſtarken Geiſtes und die Unbe⸗ ſtechlichkeit ihres Rechtsgefühls. 6 Arme Frau! Sie ſetzte ihre Zuverſicht allzu ſehr auf ihre eigene Stärke und allzu wenig auf die Macht deſſen, welcher den Menſchen leitet und aufrecht erhält, als daß nicht ihr ſtolzes Selbſtgefühl eine Niederlage erleiden mußte. Allon trat auf die Terraſſe hinaus. Er und Gurli waren ſeit ihrer Rückkehr nach Birgersborg noch nicht an dieſer Stelle zuſammen geweſen. Als er Gurli hier ſtehen und den See mit ſei⸗ nen lachenden Ufern betrachten ſah, tauchten unwill⸗ kürlich vor ſeiner Erinnerung alle jene unruhigen aber ſüßen Augenblicke auf, die er auf demſelben Punkte durchlebt hatte. Hier war es, wo er zum erſten Mal von Liebe und Glück an ihrer Seite geträumt hatte. Alle ge⸗ meinen und niedrigen Berechnungen waren damals aus ſeiner Seele verbannt.. Wäre Gurli damals gering und arm geweſen, würde Allon ſich doch ſtolz und glücklich gefühlt ha⸗ ben, ſie die ſeinige zu nennen, und jetzt— jetzt trat er hieher, entſchloſſen, durch ſeine bittern und ver⸗ letzenden Ausfälle ſie zu zwingen, den Reichthum, den er in ſeiner Liebesgluth verachtete, ihr abzutreten. Erſt drei Jahre waren verfloſſen, ſeitdem er mit freudigem Jubel allen Schätzen der Welt für den Be⸗ ſitz von Gurli's Hand entſagt haben würde. Allons Inneres hatte noch nicht Zeit gehabt, ſich von Grünlund's verderblichem Einfluß dermaßen be⸗ ſchmutzen zu laſſen, daß ſeine beſſern Gefühle zum Schweigen gebracht wurden. Seine Zärtlichkeit für 235 Gurli war noch allzu ſtark, als daß er nicht bei die⸗ ſen Erinnerungen und der ſich ihm aufdringenden Vergleichung von ehemals und jetzt etwas wie Schaam über die Gefühle, welche ihn ſchon geraume Zeit be⸗ herrſchten, empfunden hätte. Sein ſchlimmerer und egoiſtiſcher Menſch wurde in den Hintergrund verwie⸗ ſen und er bereute es, daß er denen, welche feindſelig gegen Gurli geſinnt waren, ein Ohr geliehen hatte. „Was habe ich ihr eigentlich mit Recht vorzu⸗ werfen?“ dachte Allon, als er an Gurli's Seite ſtand. —„Nichts. Wie glücklich waren wir nicht vor unſerer Rückkehr nach Schweden.“ Jetzt wandte Gurli das Geſicht zu ihm herum. Allon, welcher Wehmuth und Schmerz darin zu leſen erwartet hatte, fühlte ſich grauſam in dieſer Vorſtellung getäuſcht, als Gurli's Miene mit Nichts andeutete, daß„die Erinnerung als ein Phantom umging.“ Der ſtrenge Ausdruck in ihrem Blick erſtickte jede Kundgebung von Empfindſamkeit, und Allon erwar⸗ tete ihre erſten Worte mit Etwas von der Spannung, welche ein Duellant empfindet, wenn er dem Moment entgegenſieht, daß ſein Gegner den erſten Schuß thun ſoll. „Unſere letzte Unterredung, Allon,“ begann Gurli, „hat mich auf eine, ich geſtehe es, ſchmerzhafte Weiſe darüber aufgeklärt, daß dein Herz einen nicht geringen Grad von Bitterkeit gegen mich birgt. Die Worte, welche Du ausſpracheſt, werden lang in meiner Seele widerhallen und mich an die Lehre erinnern, welche ich daraus gezogen, während ſie mir zugleich zuflüſtern, daß die Tage unſeres Glücks entflohen ſind. „Gib mir deine Zärtlichkeit, gleich ſtark und warm, wie die meinige, und ſie werden zurückkehren,“ 236 fiel Allon ein, von der Macht der Erinnerung be⸗ herrſcht. „Gäbe ich dir alle die Liebe, welche ſich auf Er⸗ den ſindet, in einem einzigen Gefühle vereint, ſie würde nicht die Kraft haben, Frieden und Glückſelig⸗ keit in unſere Che zurückzuführen. Dieſe Engel ſind entflohen, ohne daß meine Geſinnung oder Handlungs⸗ weiſe gegen dich verändert wäre. Bei dem erſten Ausbruch von Klage und Zweifel deinerſeits war ich dieſelbe wie zur Zeit unſeres Aufenthaltes im Aus⸗ lande, da wir uns— ſo glücklich fühlten. Mein Herz hing bei der Rückkehr nach Schweden inniger an dir, als je. Ich weiß auch, daß mein Weſen unverſtellter wiedergab, was mein Herz fühlte. Deine Unzufrieden⸗ heit und deine Anklagen kamen ohne allen Grund von meiner Seite und bewieſen, daß es mir auch durch erhöhte Zärtlichkeit nicht gelang, mich davon frei zu halten. Vor zwei Tagen lehrteſt Du mich, Allon, die Urſache des entſtandenen Unheils verſtehen. Ich habe die Zeit, welche zwiſchen unſerer früheren Unterredung und Ler gegenwärtigen liegt, dazu benützt, um mir recht klar zu machen, daß deine Liebe zu mir an einem geringfügigen Umſtand, welcher deinen Stolz verwundet, Schiffbruch zu leiden droht.“ Gurli ſchwieg und ſchaute wieder auf den See hinaus. „Und dieſer geringfügige Umſtand?“ fiel Allon ein, welcher, ſo lang Gurli ſprach, unaufhörlich die Farbe gewechſelt hatte. Er zitterte bei dem Gedanken, daß ſie ihn durchſchaut habe. „Iſt der, daß unſere ökonomiſchen Intereſſen ge⸗ ſondert ſind,“ entgegnete Gurli, ohne ihn anzuſehen. „Du willſt mich doch nicht beſchuldigen, daß ich von niedrigem Eigennutz beherrſcht werde,“ unterbrach —,— . 237 ſie Allon mit der ganzen Heftigkeit eines Menſchen, der ſich von einer Wahrheit getroffen findet. „Ich beſchuldige dich gar nichts,“ ſagte Gurli und heſtete ihr Auge wieder auf ihren Mann. Der Blick war kalt, klar und glänzend. Es lag Licht, aber keine Wärme darin⸗ „Ich ſpreche nur eine Thatſache aus,“ fuhr ſie fort;„ich ſehe auch ein, daß Du in deiner Eigenſchaft als Mann deine Stellung falſch finden mußt. Alles, was nicht natürlich iſt, führt zum Leide, und ich will deßhalb, ſeitdem ich mir klar gemacht habe, worin das Uebel liegt, demſelben abzuhelfen ſuchen, ſo weit es in meinem Vermögen ſteht.— Che wir zu Geſchäfts⸗ angelegenheiten übergehen, wünſche ich dir jedoch einige Worte über die Beweggründe für meine Handlungs⸗ weiſe zur Zeit meiner Verheirathung zu ſagen und zu erklären, warum ich dich von dem Beſitz alles andern Vermögens, außer dem Erbe von meinen Eltern aus⸗ geſchloſſen habe.“ „Gurli, ich beſchwöre dich, fahre nicht fort. Deine Worte ſind bereits ſo bitter geweſen, daß Du den peinlichen Eindruck derſelben nicht noch durch Angabe des Grundes, warum Du ſo und nicht anders gehandelt haſt, zu ſteigern brauchſt. Ich war ja der erſte, welcher deine Maßregeln billigte. Du weißt, daß mir, als ich von meiner Liebe geleitet deine Hand begehrte, der Gedanke an deinen Reichthum nur Schmerz verurſachte.“ „Ich weiß, daß Du damals ſo dachteſt; aber ich weiß auch, daß Du jett anders denkſt. Doch, es iſt nicht der Mühe werth, davon zu reden. Du willſt meine Gründe nicht wiſſen, und doch ſcheint es mir, als ſollteſt Du dieß.“ „Brauchen ſie wohl in Worte gekleidet zu werden? 238 5 Brauchſt Du mir noch ausführlicher zu ſagen, daß Du ſchon damals eine eigennützige Berechnung in meiner Liebe argwöhnteſt und daß Du mich dafür ſtrafen wollteſt?“ „Allon,“ rief Gurli,„wenn ich Etwas der Art von dir gedacht hätte, ſo wäreſt Du niemals mein Gatte geworden. Nein, ich betrachtete dich ſo erhaben über alle niedrigen Intereſſen, daß ich deiner Mutter den Beweis zu geben wünſchte, es ſey einzig die Liebe, welche dich an mich feſſelte. Nicht deine Berechnung wollte ich vereiteln— eine ſolche habe ich dir niemals ſchuld gegeben, ſondern deine Mutter wünſchte ich zu ſtrafen, als ich nicht gleich bei unſerer Verheirathung dich in den Nießbrauch von Birgers⸗ borg einſetzte.“— „Mit dem Falkenſtern'ſchen Vermögen konnte ich nicht anders handeln, als ich that. Es war nur eine Pflicht, welche ich erfüllte, als ich dich davon ausſchloß. — Und nun, Allon, habe ich blos noch einige Worte beizufügen: „Walter reist in zwei Tagen nach England und vielleicht auch nach Amerika. Wenn er zurückkehrt, zieht er nach Eckenäs, welches ebenſo wie Erikstorp zu den Falkenſtern'ſchen Erbgütern gehört. Er iſt ſomit ſeines Poſtens hier enthoben. Wer ihm hierin folgen ſoll, darüber haſt Du allein zu entſcheiden, denn mit dieſem Papier“— Gurli reichte ihm bei dieſen Worten ein ſolches—„biſt Du es, der hinfort in Birgersborg zu befehlen hat. Du haſt das Recht, mit den Leuten und mit den Einkünften zu thun, wie dir beliebt, weil ich dich hiemit beauftrage, das Gut in Bewirthſchaftung und Verwaltung zu nehmen. Und nun, Allon, wünſche ich, daß es mir damit ge⸗ —— —— ,— — 5 239 lungen ſey, Frieden und Harmonie zwiſchen uns zu⸗ rückzuführen.“ Allon war einen Augenblick ſo überraſcht und be⸗ troffen, daß er ſich kaum zu faſſen vermochte. Alle jene Intriguen, welche Grünlund für Allon ausgeſon⸗ nen hatte, um ihm vor allen Dingen zum Beſitz von Birgersborg zu verhelfen, waren nun von Gurli ver⸗ nichtet. Einzig von ihrem eigenen Wunſch geleitet, jeden Grund zu Hader und Zwietracht zu entfernen, war Gurli ſeinen geheimſten Wünſchen entgegenge kommen. Wir übergehen, was nun folgte, weil Allon wie⸗ der durch die Inconſequenz ſeines Charakters ſich zu den größten Extremen in ſeinen Aeußerungen hinreißen ließ. Er, der auf dem Rückweg von Grünlund nicht vor dem Gedanken zurückbebte, Gurli zu beleidigen und zu verwunden, bis er ſich die Befugniß erzwänge, in Birgersborg zu befehlen, erklärte jetzt, ein Papier nicht annehmen zu wollen, welches ihm mit einem Mal Herrenrecht über das große Beſitzthum einräumte. Wie viele Worte von Liebe und Uneigennützigkeit floßen nun über ſeine Lippen; wie demüthigend war es ſeiner Ausſage nach für ihn, daß Gurli ſich der Meinung hingegeben, materielle Intereſſen könnten einen Einfluß auf ſeine Liebe haben. In ſeinem Eifer hätte er beinahe das Dokument, welches Gurli ihm eingehändigt, in Stücke geriſſen, um ihr zu zeigen, welchen geringen Werth er darauf ſetze, wäre er nicht von Gurli, welche mit unverändeter Miene dieſem Wortſchwall zuhörte, zurückgehalten worden. „Allon,“ ſagte ſie,„es handelt ſich jetzt nicht von Gefühlen, fondern von Geſchäften. In weſſen Händen ſollen wohl die unſern ſeyn, wenn nicht in den dei⸗ 240 nigen? Glaube mir, das gemeinſchaftliche materielle Intereſſe zwiſchen den Menſchen iſt etwas nicht zu Verachtendes. Laß uns darum über den Gegenſtand keine weiteren Worte verlieren. Ich fühle mich in dieſem Augenblick froher und zufriedener, als ich lange Zeit geweſen.“* Damit reichte Gurli ihm die Hand, und ein freund⸗ liches Lächeln verklärte das kalte Angeſicht. Allon bedeckte ihre Hände mit Kuͤſſen, aber Gurli geſtattete ihm nicht, ſeine Gefühle weiter in Worte zu kleiden, ſondern begann von gleichgiltigen Dingen zu reden, von den Gäſten, die eingeladen waren und zu Mittſommer ankommen ſollten. Unter andern erwartete ſie ein paar Familien, welche weitläufig mit ihrer verſtorbenen Mutter ver⸗ wandt waren. Ueberdieß hatte ſie Tante Mathilde eingeladen, welche ſeit einem Jahre Wittwe war und eben im Frühling ein Beſitzthum Namens Breddal, zwei Meilen von Birgersborg, welches von ihrem Mann ihr zum Wittwenſitz erkauft worden war, ange⸗ treten hatte. Das Wohnhaus bedurfte daſelbſt einiger Repa⸗ raturen, und deßhalb hatte die Tante Gurli gebeten, ſich als Gaſt in Birgersborg einquartiren zu dürfen, bis Alles in Ordnung wäre. Allon ſeinerſeits hatte einige Freunde und Kame⸗ raden eingeladen, ſo daß das Haus, außer den auf kürzere Zeit zu Beſuch kommenden Nachbarn von nah und fern, eine größere Anzahl länger verweilender Gäſte in ſeinen Mauern beherbergen ſollte. „Wir werden unſerer Viele ſeyn,“ äußerte Gurli, „und darunter ſo viele junge Leute, daß die Geſell⸗ ſchaft wahrſcheinlich die Teverino's nicht vermiſſen wird. Dergleichen große Talente wirken oft in einer 241 geſchloſſenen Geſellſchaft niederdrückend auf die Ueb⸗ rigen; denn wer wagt es wohl in ihrer Anweſenheit, nachdem ſie ſich einmal haben hören laſſen, noch zu ſingen oder zu ſpielen?— Apropos, Du haſt ihnen doch abgeſagt, wie Du mir verſprochen?“ „Ja, meine Geliebte, ich that es am Tage nach unſerer Unterredung,“ erwiderte Allon ganz unbefangen und dachte bei ſich: „Morgen ſoll es beſtimmt geſchehen. Madame Teverino bekommt dann meinen Brief noch ganz leicht vor ihrer Abreiſe. Ich möchte jetzt ſelbſt um keinen Preis in der Welt Amy hier haben.“ W. Am Abend, als Allon das von Gurli erhaltene Dokument in ſeinem Schreibtiſch aufbewahren wollte, gerieth zufällig Grünlunds letzter Brief ihm in die Hände. Mit einer Bewegung des Aergers wollte er ihn zerreißen, als ſeine Augen auf die Zeilen fielen: „——— Man muß Gurli's Beweggrund hoch achten, welcher offenbar kein anderer iſt, als einer Wiederanknüpfung des zärtlichen Verhältniſſes zwiſchen Stephan und der Italienerin vorzubeugen.“ Anſtatt den Brief zu zerreißen, wie es ſeine Ab⸗ ſicht geweſen, faltete er ihn wieder zuſammen und murmelte zwiſchen den Zähnen: „Wenn es wirklich wahr wäre, daß ſie ihn liebte, daß ihre Ungeneigtheit, die Teverino's hier zu ſehen, nicht aus der Sorge für meine Ehre, oder der Furcht, meine Liebe zu verlieren, ſondern aus der Eiferſucht auf Stephan entſpränge. 242 Er warf heftig die Klappe des Schreibtiſches zu und begann im Zimmer auf⸗ und abzumarſchiren, indem er in Gedanken fortfuhr: „Ich muß Gewißheit haben, ich muß mich über⸗ zeugen, ob dieſe Anklagen einigen Grund haben, oder nur von der Bosheit dictirt ſind. Ich werde Stephan ſelbſt überreden, hier in Birgersborg, während die Teverinos da ſind, ſeinen Aufenthalt zu nehmen: ich werde jeden Blick, jede Bewegung Gurli's belauern, und wehe Grünlund, wenn er ungerechter Weiſe einen Verdacht auf ſie geworfen hätte.— Somit den Te⸗ verinos nicht abgeſagt!“ Und dabei blieb es. Dieſen ganzen Tag und den darauf folgenden war Allon die Freude und Liebenswürdigkeit ſelbſt. Auch Gurli hatte ihre Heiterkeit wieder erlangt, und man wäre zu glauben verſucht geweſen, niemals habe eine Wolke ihren Eheſtandshimmel verdüſtert, wenn man ſie dieſe wenigen Tage mit einander pro⸗ meniren, fahren, reiten und ſich im Geſpräche unter⸗ halten ſah. Walter war abgereist. Den Schatten tiefer Trauer, welchen die Tren⸗ nung von ihm auf Gurli's Seele warf, verbarg ſie ſorgfältig, damit Allon Nichts davon merken ſollte. Hätte Gurli eine bekümmerte Miene gezeigt, ſo wäre, wie mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, Allon beim Anblick derſelben verſtimmt geworden und hätte einige beißende Worte, wie wenig er für ſie wäre, da ſie Jedermann beim Scheiden von ihr beweinte, trotzdem daß er ſelbſt an ihrer Seite ſich befände— nicht zurückhalten können. Beinahe eine Woche iſt ruhig verfloſſen; es ſind nur noch wenige Tage bis Mittſommer. 43 6 Gurli war den ganzen Tag mit Ertheilung von Befehlen an die Hausjungfer, die Wirthſchafterin u. ſ. w. und mit Anordnungen für den Empfang der erwar⸗ teten Gäſte beſchäftigt geweſen. Das neue Gebäude im Park war möblirt und eingerichtet worden, ſo daß es zu einer Art von Sam⸗ melplatz dienen konnte, wo man, umgeben von Blumen⸗ duft, grünenden Bäumen und bläulicher Waſſerfläche verweilen konnte, um zu muſiciren, zu leſen, zu träu⸗ men und der Converſation zu pflegen. Es war ein kleines Feenſchloß, welches Gurli hatte aufführen laſſen, ebenſo lächelnd und neu, wie das Hauptgebäude ſchwerfällig und düſter war. Allon ſeinerſeits hatte den ganzen Morgen mit dem Inſpektor und Buchhalter zu thun gehabt, welche, ſeit Waiter fort war, bei dem Hausherrn ſich einfan⸗ den, um deſſen Befehle entgegenzunehmen. Gurli griff nach ihrem Hut, um nach der Villa, wie der neue Bau genannt wurde, hinabzugehen, als Allon mit einem Brief in der Hand eintrat. „Ich kann dich von Stephan grüßen,“ ſagte er, Gurli feſt in die Augen ſehend.„Ich erhielt einen Brief von ihm. Er behauptet, nach ſeiner Heimkehr von den Gerichtsſitzungen ſo viel in Breddal zu thun zu haben, daß er ſtark bezweifelt, ob er Zeit finden wird, uns hier zu begrüßen. Er bittet darum ſchrift⸗ lich, uns einen heitern Sommer und angenehmen Aufenthalt in Birgersborg wünſchen zu dürfen.— Kommt es dir nicht ſonderbar von Stephan vor, daß er, ſo nahe bei uns, zu einer Reiſe von kaum zwei Reilen, um mit ſeinen Verwandten zuſammenzutreffen, nicht Zeit finden ſoll?“ „Nicht in Mindeſten,“ verſicherte Gurli mit der gleichgiltigſten Miene von der Welt,„Stephan hat es A4 in Birgersborg niemals recht gefallen, und wenn er nicht gezwungen iſt, wird er ſich die Unannehmlichkeit erſparen wollen, einen Ort wiederzuſehen, der ihm mißfällig iſt.— Ueberdieß hat er natürlich viel in Breddal zu thun, um für Tante Mathilde bis zum Winter Alles in Stand zu ſetzen.“ „Aber mir dünkt, Stephan hätte wohl wenigſtens Höflichkeits halber hier einen Beſuch machen können. Man iſt wirklich zu glauben verſucht, ſein Benehmen entſpringe aus irgend einem geheimen Beweggrunde.“ Allon firirte hiebei ſeine Frau. „Wenn dem auch ſo wäre, iſt dieß doch für uns etwas ganz Gleichgiltiges,“ bemerkte Gurli.„Will Stephan nicht kommen, ſo mag er wegbleiben.— Haſt Du Luſt, mich nach der Villa hinabzubegleiten?“ „Unmöglich könnte Gurli dieſe äußere Ruhe bei⸗ behalten, wenn man von Stephan redet, wäre ſie durch ein lebhafteres Intereſſe an ihn gebunden,“ dachte Allon.„Es iſt eine niedrige und falſche Beſchuldigung von Grünlund.“ Laut äußerte er⸗ „Ich will ausreiten und beabſichtige eben dich zu ⸗ ob Du nicht Luſt hätteſt, mir Geſellſchaft zu eiſten“. „Aufrichtig geſprochen, ich fühle mich nicht recht dazu aufgelegt. Ich ziehe es vor, den Abend in der Villa zuzubringen.“ „So muß ich mich alſo allein aufmachen,“ ant⸗ wortete Allon lächelnd;„und ich will dich nicht über⸗ da ich Stephan zu überrumpeln ge⸗ „So weit willſt Du?“ war Gurli's einzige Ant⸗ Allon hatte erwartet, ſie würde eine Frage ma⸗ 245 chen, war aber ganz froh, daß es nicht geſchah, denn er glaubte an dieſem Mangel an Neugierde den iütt des Kaltſinns gegen ihren Couſin zu er⸗ ennen. „Ja, da er nicht zu mir kommt, muß ich wohl nach ihm ſchauen und den Verſuch machen, ob ich ihn trotz ſeiner vielen Geſchäfte nicht überreden kann, ſich auf einige Tage frei zu machen.“ „Grüße Stephan,“ ſagte Gurli, reichte ihrem Mann die Stirne zum Kuß und nahm ihren Weg nach dem Park. VII. Mit dem Finger auf den lächelnden Lippen hatte der Sommerabend dem forteilenden Tage Lebewohl geſagt und auf einige Stunden den erledigten Thron eingenommen, um mit ſeinem Frieden und ſeiner Poeſie das Gemüth des Menſchen zu entzücken, bis die Nacht mit ihrer Mohnblüthe im Haare hervor⸗ trat, um aus ihrem dunkeln Mantel Finſterniß und Ver⸗ geſſenheit auf die Kinder der Erde herabzuſchütteln. Auf einem der Sopha's, welche auf der Terraſſe ſtanden, hatte Gurli in halb liegender Stellung ſich niedergelaſſen. Sie ſchaute an dem ſchönen Sommer⸗ abend mit einem träumeriſchen Ausdruck auf die tief⸗ blaue Waſſerfläche und deren maleriſche Ufer hinaus. Alles war ſo ſtill. Keine Woge ſchlug an dem Strand, ſondern der See lag klar und blank wie ein Spiegel da; das Laub den Bäume nickte nicht mehr von ſeinen Zwei⸗ gen den Blumen zu, welche unbeweglich auf ihren 246 Stielen ſich erhoben. Es war eine vollſtändige Ruhe in dem Reiche der Natur; ſelbſt die Schaar der Vö⸗ gel hatte zu ſingen und zu zwitſchern angehört. Man ſah Gurli an, daß ſie mit vollen Zügen den Frieden des Augenblicks genoß. Eine Stunde war ſie bereits ſo geblieben, ohne geſtört zu werden. Sie fühlte ſich ſo ruhig im Herzen. Das Rollen eines Wagens und der Hufſchlag von Pferden unterbrachen plötzlich das Stillſchweigen und trafen ihr Ohr. Eine Weile darauf hörte man ein verworrenes Gemurmel von Stimmen aus dem Saale. Gurli hatte ſich aus ihrer liegenden Haltung auf⸗ gerichtet. Sie horchte aufmerkſam auf eine der reden⸗ den Stimmen. Sie kam ihr allzu bekannt vor. Dieſelbe äußerte ganz heiter auf franzöſiſch: „Oh, mein Herr, man kann nicht artiger ſeyn, als Sie, daß Sie auf ſolche Weiſe Ihren Gäſten ent⸗ gegenkommen. Ich erkläre darum ganz offen, daß Herr von Stral der ritterlichſte aller ritterlichen Män⸗ ner iſt. Gurli erbleichte. Sie hatte ſich nicht geirrt; dieſe klangvolle und muſikaliſche Stimme war diejenige— Amy's. Ein Augenblick heftigen Schmerzes, dann ſtrömte Gurli's Blut heiß durch die Adern, und wurde dann wieder eiskalt, daß es ihr dünkte, das Herz in der Bruſt ziehe ihr zuſammen. Ihre Züge nahmen. etwas Hochmüthiges, Starres an. Sie that ein paar Schritte gegen die Thüre, welche von der Terraſſe nach dem Saale führte, blieb aber wieder ſtehen, ſchüttelte ihr lockiges Haupt und murmelte: „Nein, ich will heute Abend ihm nicht mehr be⸗ gegnen, ſie in dieſem Augenblick nicht willkommen b 247 heißen. Was mein Herz fühlt, ſoll nicht in meinem Geſicht zu leſen ſeyn. O, ich will ihnen den Triumph nicht gönnen, zu ſehen, daß ſie mich tödtlich verwun⸗ det haben!“ Sie zog ſich zur Seite, ſchlich ſich hinter eine Fliederhecke und die Terraſſentreppe hinunter; darauf nahm ſie den Weg um das Gebäude her, um von der Hofſeite unbemerkt auf ihr Zimmer zu gelangen. Nur wenige Schritte noch, und ſie hätte die Treppe erreicht, als die Saalthüre aufging und Allon auf ſie zukam. „Ah, da habe ich meine Herzgeliebte,“ rief er, einen unbefangenen Ton annehmend,—„ich wollte eben zu dir hinaufgehen, um zu melden, daß ich Gäſte mit heimgebracht habe.“ Gurli wurde von ſolchem Verdruß und Unmuth ergriffen, daß ſie erſticken zu müſſen glaubte. Aber ſie wäre lieber geſtorben, als daß ſie Allon in dieſem Augenblick hätte merken laſſen, wie gekränkt ſie ſich bei dem Gedanken fühlte, daß er ſie nicht blos mit der Verſicherung, er habe den Teverino's abgeſchrieben, förmlich betrogen, ſondern was noch mehr war, den Tag und die Stunde von deren Ankunft gewußt hatte und ihnen entgegengeritten war. Ihr Stolz ſetzte ſie auch im Verein mit ihrer Willensſtärke in den Stand, jedes Wort des Tadels oder der Mißbilligung zu unterdrücken. Mit vollkom⸗ men ruhigem Ton äußerte ſie deßhalb nach einem kurzen Stillſchweigen: „Ich hörte von der Terraſſe aus, daß Du Gäſte hatteſt, und glaubte am beſten zu thun, wenn ich ihnen zu dieſer ſpäten Stunde die Nothwendigkeit, die Wir⸗ thin zu begrüßen, erſparte. Sie haben gewiß keinen höhern Wunſch, als ſich zur Ruhe begeben zu können. 248 Das Dunkel im Veſtibule hinderte Allon, den Ausdruck in Gurli's Angeſicht zu unterſcheiden; aber der kalte Ton ſagte ihm, daß er unmöglich froh und heiter ſeyn konnte. „Du willſt ſomit die Gäſte nicht willkommen heißen?“ fragte er. „Wünſcheſt Du es?“ „Wenn dem ſo wäre, würdeſt Du meinen Wunſch erfüllen?“ Gurli gab keine Antwort, ging aber mit leichtem Schritt auf die Saalthüre zu. In der nächſten Minute war ſie eingetreten. Rit jener ebenſo nachläſſigen, als ſtolzen Haltung, welche Gurli's Weſen kennzeichnete, ging ſie auf Ma⸗ dame Teverino zu, welche ihr entgegeneilte. „Guten Abend, Madame,“ ſagte Gurli,„ich hoffe, daß Sie ſich wohl befinden und von der Reiſe nicht allzu ſehr ermüdet ſind.“ Madame Teverino hatte ſehr wohl bemerkt, daß Frau von Stral ſie nicht willkommen geheißen hatte. Sie beantwortete die etwas trockene Begrüßung mit den verbindlichſten Worten und auf die ſchmeichel⸗ hafteſte Weiſe; ſprach von ihrer Freude, noch einmal in dem göttlichen Birgersborg zu weilen u. ſ. w. Mit unterdrückter Ungeduld hörte Gurli ihre Rede an und wandte ſich darauf um, nach Amy zu ſehen.. Madame Teverino bemerkte, wie Gurli ſich rings im Zimmer umſchaute, und verſtand, daß dieß ihrer Tochter galt. Sie rief Amy, welche auf die Terraſſe hinausgegangen war. Sie kam, aber nicht allein, ſondern begleitet von Stephan. 249 Der Anblick von dieſem überraſchte Gurli. Sie beherrſchte jedoch auch jetzt ihr Gefühl. Sie begrüßte Amy und äußerte einige Worte darüber, daß ihre Reiſe von Gothenburg ſehr langſam von Statten ge⸗ gangen ſeyn müßte, da ſie nicht früher in Birgersborg angelangt wären. Darauf wandte ſie ſich zu Stephan mit den Worten: „Wir hatten nach dem, was Du an Allon ſchriebſt, bereits die Hoffnung aufgegeben, dich zu ſehen, ich vermuthe alſo, daß mein Mann dich entführt hat, da Du ſo unvermuthet uns mit deiner Gegenwart beglückſt.“ Allon hatte mit einer gewiſſen Ungeduld den Augenblick abgewartet, da Gurli ſich zu Stephan wenden würde. Der Diener brachte eben Lichter herein. Allon tonnte alſo ſeine Gattin genau im Auge behalten. Stimme, Blick, ihr ganzes Aeußere war kalt. Entſprang dieſe Kälte aus dem Verdruß darüber, daß Stephan in Geſellſchaft von Amy und ihrer Mut⸗ ter anlangte, oder war ſie ein Wiederſchein ihres Miß⸗ vergnügens über deren Ankunft?— Dieß war eine Frage, welche Allon ſich nicht zu beantworten ver⸗ mochte. „Beſte Gurli,“ erwiderte Stephan auf die Aeuße⸗ rung ſeiner Couſine,„deine Worte enthalten gerade keinen ſehr freundlichen Willkomm, und könnten mi faſt beſtimmen, wieder den Rückzug anzutreten, wenn nicht Allon mein Verſprechen hätte, vor der Hand ein paar Tage zu bleiben und dann wiederzukommen, um über Mittſommerfeſt dein Gaſt zu ſeyn.“ Schwartz, Der Rechte. I. 250 Stephan ſprach in dem alten ſcherzenden Ton. Er faßte Gurli's Hand, drückte dieſelbe an ſeine Lippen und fügte mit einem ironiſchen Lächeln hinzu: „Erlaube, ſchöne Burgfrau, daß ich als Ver⸗ wandter die Hand küſſen darf, welche ich mir zum Willkommsgruß als Gaſt gereicht zu ſehen vergeblich erwartete. Hierauf wurde ein leichtes Souper ſervirt. Gurli machte die Honneurs. Sie ſprach mit Madame Teverino über Muſik und Tagesneuigkeiten, und benahm ſich ziemlich ſo, wie ſie, ſo weit die würdige Dame ſich erinnerte, bei dem frühern Auf⸗ enthalt derſelben zu Birgersborg ihr erſchienen war. Vielleicht bemerkte die ſchlaue Frau, was Amy, da dieſe ausſchließlich von Stephan in Anſpruch ge⸗ nommen war, entging, daß nämlich hinter Gurli's Höflichkeit ein gewiſſer Stolz lag, welcher den Abſtand zwiſchen der Herrſcherin des Hauſes und der Sängerin abmaß, und daß Gurli durchaus nicht geneigt war, die beiden Ausländerinnen ſich nur um einen Zoll näher kommen zu laſſen, als da wo ſie jetzt waren. Nach dem Souper trennte man ſich. Allon war höchſt unzufrieden mit ſich ſelbſt und bereute es, daß er den Teverinos nicht abgeſchrieben hatte. Er fand ſeine Stellung unbehaglich und ärgerte ſich genug darüber, daß er Stephan veranlaßt hatte, nach Birgersborg zu kommen. Was war der Gewinn davon? Je nun, daß er mit eigenen Augen eine alte Liebesaffaire zwiſchen Amy und Stephan ſich wieder anſpinnen ſah. Darum hatte er das freundliche Ver⸗ hältniß zwiſchen ſich und Gurli geſtört, denn Gurli's . 251 gemeſſener Kaltſinn ſagte ihm, daß dem ſo war. Ueberdieß hatte er auf eine ſehr leichtſinnige Weiſe ſich und ſie dem Geſchwätz der Leute preisgegeben. Welche Geſchichten ließen ſich nicht über Amy's Beſuch in Allon's und Gurli's Hauſe machen, nach Allem, was man bereits von ihm und der Sängerin zu ſprechen pflegte. Allon brachte die Nacht unter dergleichen Be⸗ trachtungen zu, welche den beſten Beweis liefern moch⸗ ten, daß ſein Intereſſe für Amy nicht von tieferer Natur war. Zwiſchen ihm und Gurli fand keine Erklärung ſtatt. Sie hatte keine Fragen gemacht, als ſie allein waren, auch der Teverinos mit keinem Wort erwähnt, oder über deren Ankunft ihre Verwunderung geäußert, ſondern ein konſequentes Stillſchweigen in dieſem Fall beobachtet. Nur wenige Worte wurden geſprochen, dann ſag⸗ ten ſich die Eheleute gute Nacht, und dabei hatte Gurli's Ton, obwohl nicht unfreundlich, doch etwas durchdringend Kaltes. Allon fühlte ſich einen Augenblick verſucht, ohne alle Umſchweife mit einer Erklärung in Bezug auf die unerwarteten Gäſte und auf die Beweggründe, die er für ſein Benehmen gehabt hatte, hervorzurücken; bei näherem Bedenken fand er es jedoch lächerlich, daß er nicht das Recht haben ſollte, Jedermann, der ihm beliebte, einzuladen, ohne hiezu erſt die Erlaubniß ſeiner Gattin einzuholen. Genug, die Disharmonie, welche jetzt wieder ent ſtand und nur durch gegenſeitiges Vertrauen zu beſei⸗ „ tigen geweſen wäre, faßte ſtatt deſſen jetzt erſt recht Wurzel. Die beiden Gatten ſchliefen ein— Gurli mit dem Gedanken daran, daß ſie betrogen worden war, Allon mit der Erwägung der Mittel beſchäftigt, um dahinter zu kommen, ob die gegen ſeine Frau erhobenen An⸗ klagen wahr wären oder nicht. 252„ 5 Ende veszweiten Theils. 1 — ſſſiſſmm ſiſſſſſſi 9 10 11 12 13 4 15 1 17 1 . E