—— Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: T— W 1W 2 W . uswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung cher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Fir beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ver Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 5 Ausgewühlte Werke von Frau m. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. * ———————— Stuttgart. Franch'ſche Verlagshandlung. 1864. Der kechte. Erzählung von Marie Sophie Schwartz. Aus den 5 Dr. C. Püchele. Erſt er Band. 8 Btuttgart. Franth'ſche Verlagshandlung. — 1664. Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Das Erbe. Die Stadt as iſt, wie Jedermann weiß, von hohen Bergen und tiefen Thälern umgeben. Man gelangt zu derſelben durch dichte Waldungen, ohne mehre Meilen weit auf eine einzige menſchliche Woh⸗ nung zu ſtoßen. In dieſer Gegend unſeres theuren Vaterlandes ſpielen die Ereigniſſe aus dem etſten Theile vorliegen⸗ der Erzählung. Während der ſchwediſche Adel reich und mächtig war, hatte auch die Provinz, worin die ebengenannte Stadt liegt, ſich des BVeſitzes einiger Magnaten von großer Bedeutung zu rühmen gehabt. Jetzt dagegen war die Rolle der ariſtokratiſchen Familien ausgeſpielt, deren Vermögen durchgebracht, und ihre Stammgüter hatten großentheils Bauern eingethan. Einige Meilen von der Stadt as, au einem ungewöhnlich großen Binnenſee, welchen wir hier Langſiö nennen wollen, lag der alte Herrenſitz Bir⸗ gersborg.. In frühern Tagen hatte er einem auf ſeine Ahnen ſehr ſtolzen Geſchlecht zugehört, welches aber jetzt erloſchen war. Nachdem der letzte Sprößling ge 6 ben und deſſen Wappenſchild über ſeinem Grabe zer⸗ brochen war, kam das Gut zum Verkauf und ging in den Beſitz eines reichen Bauern über. Einige Jahrzehnte verblieb Birgersborg in den Händen dieſes ſeines Eigenthümers; aber nach ſeinem Tode wurde es wieder verkauft und fiel damit noch einmal einem Edelherrn zu. Der neue Beſitzer war ein Mann, von deſſen frühern Lebensſchickſalen man nur ſo viel erfahren hatte, daß er der Sohn eines armen Adeligen war, welcher in ſeinen Jünglingsjahren ſich nach Amerika begeben hatte, um daſelbſt ſein Glück zu machen. Bengt Falkenſtern war ſomit in der neuen Welt geboren und erzogen worden, welche er jedoch in einem Alter von achtundzwanzig Jahren verließ, um ſich in der Heimath ſeines Vaters niederzulaſſen. Er hatte eine junge Frau und zwei zarte Kinder ſammt einem Mulatten Names Walter Yactes nach Schweden mitgebracht. Einige Wochen nach der Ankunft der Falken⸗ ſtern'ſchen Familie zu Birgersborg langte auch eine ältere Frau, eine Wittwe Oerner, verwandt mit Bengt, aſelbſt an. Sie wurde als Hausverwalterin eingeführt, denn die Gattin des reichen Mannes war mit Sprache und WVerhältniſſen in Schweden allzu unbekannt, um dieſes Anmt zu übernehmen, ſelbſt wenn ihr Vermögen nicht von der Art geweſen wäre, daß ſie einer ſolchen Sorge ſich überhoben betrachten konnte. ehn Jahre vergingen, als der Tod dieſes Haus heimſuchte, wo man ſich für Geld Alles, mit Aus⸗ ahme der Geſundheit, verſchaffen konnte, alkenſterns Gattin, welche an einer langen Zehr⸗ krankheit litt, ſtarb dahin, und im Laufe der dar⸗ — — ½— 7 auf ſolgenden zwei Jahre verlor er auch ſeine zwei Kinder. Mit vierzig Jahren ſtand der reiche Mann ganz einſam im Leben da, ohne Familie, Beſitzer eines enormen Vermögens, aber jedes Weſens beraubt, welches den Genuß deſſelben mit ihm theilen konnte. Nach dem Tod ſeiner Kinder verlebte er zwei Jahre in tiefſter Trauer, ohne irgend eine Art von Zerſtreuung zu ſuchen; aber mit Ablauf dieſes Zeit⸗ taums erwachte er plötzlich aus dieſer düſtern Gleich⸗ gültigkeit, welcher er ſich hingegeben hatte, und unter⸗ nahm ganz unerwartet eine Reiſe nach der Hauptſtadt. Drei Monate war er fort. Eines Morgens, um die Mitte des Maimonats, kehrte endlich der Beſitzer nach Birgersborg zurück, aber zu Frau Herners, oder wie man ſie in der Familie nannte, zu Tante Katharina's unausſprech⸗ lichem Erſtaunen nicht allein. Seinem Reiſewagen folgten noch zwei andere, worin drei Frauen, vier Kinder und zwei Domeſtiken ſaßen. Die älteſte der Damen, eine Frau mit ſchlauen, braunen Augen, welche niemals ſtill ſtanden oder ſtetig auf einen Gegenſtand ſich hefteten, war Beate von Stral, die Gaitin eines Kammerjunkers und leibliche Couſine Falkenſterns. Sie war Mutter eines Knaben von ſechs bis acht Jahren. Die welche zur Linken von Frau von Stral ſaß, war ihre Schweſter, Madame Braun, mit einem Seekapitän verheirathet und Mutter von einem Kna⸗ ben, der um ein paar Jahre jünger war, als Allon von Stral. Wadame Braun, obſchon beträchtlich jünger als ihre Schweſter, ſah doch ſo alt aus wie dieſe. Ihr Angeſicht war bleich, das Auge matt, und Alles an ihr trug ein auffallendes Gepräge von Erſchlaffung. Rücklings im Wagen ſaßen die Dienerinnen der beiden Frauen, mit den Knaben auf ihren Knieen. In dem dritten und letzten Wagen, einer vier⸗ ſitzigen Droſchke, befand ſich eine junge ſchöne Dame, Wittwe des Bruders der Frau von Stral und Ma⸗ dame Braun. Anna Falkenſterns ſchöne Züge redeten von Her⸗ zensgüte und Geiſtesfriſche. Wittwe ſeit vier Jahren, nachdem ſie blos zwei Jahre verheirathet geweſen, hatte die junge Frau frühzeitig das Mißgeſchick zu ſchmecken bekommen, da ihr Mann, ein Seeoffizier, bei ſeinem Tode ein ſo unbedeutendes Vermögen hinterließ, daß es für ihren und ihrer Kinder Unter⸗ halt nicht ausreichte. Das älteſte davon war beim Ableben ſeines Vaters etwas über ein Jahr, das jüngſte erſt ein paar Wochen alt. Anna verlor jedoch bei dieſem traurigen Schlage nicht den Muth, ſondern begann ſogleich mit Energie für die Ihrigen zu arbeiten, ſo daß ſie von dem Er⸗ trag ihres Fleißes und dem kleinen väterlichen Erbe ihr Auskommen hatte, ohne zur Unterſtützung der Verwandtſchaft ihre Zuflucht nehmen zu müſſen, An ihrer Seite in der Droſchke ſaßen ihre beiden Kinder, ein Knabe von fünf und ein Mädchen von vier Jahren. Der Wagen der Frau von Stral und Madame Braun, welcher zunächſt hinter dem von Falkenſtern kam, hielt jetzt an der Treppe, und die beiden Mägde ſprangen heraus, um Schachteln, Reiſetaſchen, Kinder ſ w. aus dem Wagen zu holen und alles dieß in —— 9 die Zimmer hinaufzuſchaffen, wo deren Gebieterinnen ihre Wohnung aufſchlagen ſollten. Dieß war jedoch keine ſo leichte Sache, denn Tante Katharina, welche auf der Treppe, mit Wälter an der Seite, ſtand, machte nicht im Geringſten Miene, ihnen nachzuweiſen, wo dieſe Zimmer gelegen waren. Walter ſtarrte die Geſellſchaft an und dachte: „Wird denn dieſe ganze Sippſchaft wirklich ſich hier einquartieren?“ Hinter Tante Katharina und dem Mulatten wurden verſchiedene Köpfe des Dienſtperſonals ſicht⸗ bar, welches die angelangte Karavane mit großer Ver⸗ wunderung in Augenſchein nahm. Niemand rührte ſich von der Stelle, als Kapitän Falkenſtern den Befehl gab, die beiden Mägde nach den Gaſtzimmern zu weiſen. Der Kapitän wurde 6 ungeduldig und wiederholte ſein Gebot mit Hef⸗ tigkeit. „Walter, ſorge ſogleich dafür, daß dieſe Sachen in die Gaſtzimmer hinauf gebracht werden.“ „Ja, Herr Kapitän, das würde ich mit Vergnü⸗ gen thun,“— antwortete dieſer—„wenn ich nur wüßte, wo dieſelben gelegen ſind. Wir haben ſeit vier Jahren keine Gäſte empfangen und „Die Zimmer ſind nicht in Ordnung,“ fiel Fal⸗ kenſtern ein.„Nun, in dieſem Fall kann wohl die Wohnung im obern Stock benutzt werden.“ „Die Zimmer der gnädigen Frau ſelig!“— rief Walter und verdrehte ſeine großen ſchwarzen Augen, als ob er es für eine Entweihung hielte, wenn Je⸗ mand hier ſeinen Aufenthalt nehmen wollte. Aber ohne einen weitern Befehl von dem Herrſcher des Hauſes abzuwarten, wandte er ſich zu ein paar Die⸗ 3. ————— nern, welche hinter ihm ſtanden, und gebot ihnen, das Gepäck der Reiſenden hinaufzutragen; dann war er mit einem Sprunge unten im Hofe und außer Sicht. Inzwiſchen waren die drei Frauen damit be⸗ ſchäftigt geweſen, eine ganze Maſſe von Kleinigkeiten aus den Fuhrwerken herauszuſchaffen, und dadurch ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ſie gar nicht be⸗ merkten, was zwiſchen dem Kapitän und dem Mulatten vorging. Frau von Strals Sohn, der älteſte der heran⸗ wachſenden Geſellſchaft, ſprang, froh, aus dem Wagen gekommen zu ſeyn, im vollen Galopp im Hofe herum, und als die Frau Mama nunmehr gerichtet war, ſich in das Wohnhaus zu begeben, rief ſie vergeblich nach hn Um das Gehorchen war es ihm nicht ſo ſehr zu thun. Falkenſtern hatte einige Worte mit Tante Katha⸗ rina geſprochen, wodurch dieſelbe veranlaßt wurde, ſich in den Saal zu begeben; dann wandte er ſich zu Frau Beate und ſagte: „Wenn Du mir zu Willen ſeyn willſt, ſo laß' den Knaben gehen und nimm meinen Arm, damit ich Dich Tante Katharina Oerner vorſtellen kann. Da Du dieſe unſere Verwandte noch nie geſehen haſt, ſo dürfte es Dir angenehm ſeyn, deren Bekanntſchaft zu machen. Sie iſt ſo gut geweſen und hat die Führung meines Haushalts übernommen. ſammen, nahm den Arm ihres Couſins und ließ ſich in den Saal führen, wo Tante Katharina die ange⸗ langten Gäſte empfing. Beate die Gattin eines Mannes, welcher ein von vor ſeinen Namen ſchrieb, wurde insgemein „gnädige Frau“ titulirt und war auch im Ganzen 3 Beate von Stral kniff den Mund ein wenig zu⸗ — 11 ſehr geneigt, ſich gnädig gegen alle, welche mit ihr in Berührung kamen, zu zeigen. Ihr Gruß gegenüber von Tante Jatharina war deßhalb auch ungemein herablaſſend. Sie ſagte der Alten allerdings eine ganze Menge verbindlicher Sachen über die vielen Beſchwerden, welche ſie ihr verurſachen würden; aber dieß that ſie in einem Ton, als ob ſie in ihrem Innern dächte, Tante Katharina müſſe ſich davon ſehr geſchmeichelt fühlen. Mathilde Braun ſah müde aus, reichte Katharina freundlich die Hand und äußerte den Wunſch, ſich ſogleich in ihre Zimmer zu begeben, um nach der be⸗ und langen Reiſe ein wenig der Ruhe zu pflegen. Anna Falkenſtern grüßte heiter und erklärte lachend, ſie und ihre beiden Kinder mit einander würden ſicher⸗ lich die beſtehende Hausordnung völlig umkehren:— eine Weiſſagung, welche Tante Katharina, ihrer Miene ₰ nach zu urtheilen, für ganz wahrſcheinlich erachtete. Anna drückte hierauf, gleich ihrer Schwägerin, das Verlangen aus, ſich in ihre Zimmer zurückzu⸗ ziehen, da ihre Kinder müde und ſchläfrig wären, nachdem man am Morgen vier volle Meilen zurück⸗ gelegt hätte. Die„gnädige Frau“ ſah über das voreilige We⸗ ſen ihrer Schweſter und Schwägerin ungemein miß⸗ vergnügt aus und bemerkte, man ſollte ſich doch wohl vorher Zeit nehmen zu grüßen, ehe man über Müdig⸗ keit zu klagen und nach ſeinen Zimmern zu kreiſchen anin ante Katharina unterbrach jedoch die moraliſchen Vorlefungen dadurch, daß ſie Mathilde, Anna und den Kinder nach der Wohnung im obern Stockwerk ührte. 12 Beate war, nachdem die Andern ſich entfernt hatten, im Zimmer zurückgeblieben, um ihre Miß⸗ billigung gegen ihren Couſin auszuſprechen. Falkenſtern hörte ſie ſchweigend an, und als der junge Allon hereingeſtürzt kam, um ſeine Mama auf⸗ zuſuchen, bat ſie der Kapitän, ſich nicht weiter zu geniren, ſondern ein wenig Ruhe zu genießen, damit er das Vergnügen haben könnte, ſie um eilf Uhr beim Frühſtück zu ſehen.. Sofort blieb Falkenſtern allein, warf ſich auf einen Stuhl, während er dachte: „Beate hat hereits angefangen, für ihr Intereſſe zu arbeiten.“ Ein Zug von Hohn kam um ſeine Lippen zum WVorſchein, indem er fortfuhr: „Sie iſt habgierig, ſie will ſich hier einquartieren, um wo möglich für ſich und ihr Kind allein mein ganzes Vermögen einzuholen. Das gefällt mir an ihr. Es wird mir wirklich einige Zerſtreuung gewäh⸗ ren, zu ſehen, wie dieſe drei Frauen Alles thun werden, um einander zu ſchaden. Das Geld iſt des Teufels beſter Bundesgenoſſe. Damit verſucht er den Menſchen zur Sünde. Tugend, Ehre und Moral ſter⸗ ben beim Klang des Goldes dahin. Falkenſterns Gedankengang wurde durch Walter unterbrochen, welcher ſeinen ſchwarzwolligen Kopf zur Thüre hereinſtreckte, und als er ſeinen Herrn allein fand, mit dem Körper nachfolgte, worauf er ſich dem Kapitän mit großer Geſchwindigkeit näherte. „Herr Kapitän, iſt es wirklich Ihre Willensmeinung, daß dieſe ganze Sippſchaft da in den Gemächern der ſeligen Frau wohnen ſoll?“ fragte er und ſah ſeinen Herrn mit Augen an, welche doppelt ſo groß wie ge⸗ wöhnlich waren. 13 Falkenſtern runzelte die Stirn und erhob ſich. „Nimm deine Worte in Acht: dieſe Damen ſind meine Couſinen. Ich rathe Dir, mit Achtung von ihnen zu ſprechen. Verſtehſt Du?“ „Ganz wohl, Herr Kapitän; aber ich wollte nur wiſſen, ob ſie in den Gemächern wohnen ſollten, welche ihr gehört haben. Ich will. 4 „Daß Du ſchweigſt“, rief Falkenſtern.„Meine Couſinen und ihre Kinder ſollen den Sommer über die Wohnung meiner verſtorbenen Frau einnehmen.“ Dann fuhr er, ſeine Hand auf Walters Schulter legend, in verändertem Tone fort: „Dieſe Wohnung ſoll nicht länger öde und leer ſtehen. Ich beabſichtige hinfort, Leute um mich zu haben, um des Gedankens an das, was geweſen mich zu entſchlagen, und ich geſtatte Niemand, 1 an das zu erinnern, was einer vergangenen Zeit/an⸗ gehört.“ Kapitän verließ den Saal und begab ſich in ſeine eigenen Zimmer, welche auf der andern Seite des Hausflurs ſich befanden. Walter ſah ihm nach, rieb ſich die Stirne und murmelte: „Ah ſo, auf dieſe Weiſe ſollen wir alle die Ver⸗ gangenheit vergeſſen! Mag ſeyn; aber das iſt ſicher, holen mich ſo viele Teufel als laufen, fliegen und fahren, eine ſo leichte Sache iſt es nicht. Das Ge⸗ wiſſen läßt ſich nicht beſtechen; aber das geht mich Nichts an.“ Und mit dieſem Schlußſatz war er aus dem Zimmer. Es war indeſſen nicht der Wille des Schickſals, daß der Beſitzer von Birgersborg dieſen Tag in Frie⸗ den bleiben ſollte; denn er war kaum innerhalb ſeiner 14 vier Wände angelangt, als Tante Katharina die Thüre öffnete und hinter ihm eintrat. Die Alte ſah ziemlich erhitzt aus. Sie ging mit haſtigen Schritten auf Falkenſtern zu und fagte: „Es wundert mich im höchſten Grade, daß ich nicht zuvor mit einem einzigen Wort davon in Kennt⸗ niß geſetzt worden bin„. „Daß ich Gäſte mitbringen werde“, unter⸗ brach ſie Falkenſtern kurz.—„Ich dagegen hatte ge⸗ glaubt, ein Haus wie das meinige, werde in ſo gu⸗ ter Ordnung ſeyn, daß man daſelbſt zu jeder beliebi⸗ gen Zeit Gäſte werde empfangen können; aber nun finde ich, daß dem nicht ſo iſt. Dieß wundert mich. Der Fehler liegt nicht an mir, ſondern an denen, die Sache in ihrer Hand haben. Somit iſt es das Beſte, daß wir nicht mehr davon reden. Hat die Tante mir ſonſt noch Etwas zu ſagen?“ Tante Katharina ſchluckte einigemale, um die zor⸗ nigen Worte hinabzubringen, welche ihr auf den Lippen ſchwebten. Sie legte die Hände zuſammen, und ihre beiden Daumen ſchnurrten mit unglaublicher Geſchwin⸗ digkeit um einander herum, während ſie in abgebro⸗ chenem Tone ſagte: „Die Wohnung da oben reicht für die Frauen nicht aus. Es wird wohl das Beſte ſeyn, wenn ſie unten im Flügel die Räumlichkeiten beziehen, welche früher als Gaſtzimmer benutzt wurden.“ en Sie denn mehr, als zwei Zimmer jede? 3 „Frau v. Stral kann unmöglich mit weniger als drei oder vier Zimmern ſich behelfen. Frau Braun kann um ihrer ſchwachen Geſundheit willen nicht in zwei eingezwängt werden; auch ſie bedarf mindeſtens drei Zimmer,“ „Bravo! Meine Couſinen wollen ſomit ihrer Schwägerin nichts übrig laſſen.“ Falkenſtern lachte auf eine eigenthümlich kalte und durchdringende Weiſe,, die einen unbehaglichen hervorbrachte. Darauf nahm er wieder das ort: „Wollen Sie, Tante, ſo gut ſeyn und auf das hören, was ich Ihnen zu ſagen habe. Die Frauen müſſen ſich mit zwei Zimmern jede begnügen. Ich will, daß ſie im obern Stockwerk wohnen und nicht im Flügelgebäude. Grüßen ſie dieſelben von mir und ſagen Sie ihnen das. Sie werden ſehen, Tante, daß gegen das, was ich wünſche und beſchließe, keine Oppoſition erhoben wird. Ferner laſſen Sie, wäh⸗ rend wir frühſtücken, oben in den Zimmern Alles in Ordnung bringen. Anna Falkenſtern ſoll das Schlaf⸗ zimmer meiner ſeligen Frau haben, und ſollte Beate Einwendung dagegen erheben, ſo erklären Sie blos, daß ich ſelbſt die Anweiſung zu dieſem Arrangement gegeben habe. Und nun wünſche ich von der Sache nichts weiter hören zu müſſen. Sehen Sie zu, daß Alles nach dem Frühſtück in Ordnung iſt. Meine Couſinen werden den Sommer über als Gäſte hier bleiben. Sie werden mit der Haushälterin Ihre An⸗ ordnungen darnach treffen. Ich werde wahrſcheinlich, ſo lang dieſelben hier verweilen, noch weitere Beſuche hier erhalten, und deßhalb treffen morgen Handwerker ein, welche die übrigen Zimmer eine Treppe oben in Stand ſetzen ſollen. Unterrichten Sie Walter davon.“ WMit dieſen Worten ging Falkenſtern in ſein Ka⸗ binet, verſchloß die Thüre hinter ſich und ließ Tante Katharina mit dem Beſcheid, den ſie empfangen hatte, ſtehen. Die Alte nickte gegen die Thüre hin, als ob dieſe 16 Herr ſelbſt wäre, und wiederholte in Falkenſterns on: „Und nun wünſche ich von der Sache nichts wei⸗ ter zu hören. O, das ſoll dennoch geſchehen, du ein⸗ gefleiſchter Egoiſt! Du darſſt ſicher ſeyn, daß Du noch genug von den Fremden hier zu hören und zu fühlen bekommſt. Das Schickſal wird wohl einmal deine Berechnungen durchkreuzen, mein lieber Bengt. Ich wünſche nur, die Frauen mögen Dich ſo traktiren, daß Du von dem Unbehagen, das ich empfinde, auch deinen Theil bekommſt und mit tragen mußt. Dieſe Damen da ſtrecken wohl die Hand nach dem goldenen Kalb aus, kann ich mir denken, aber wahrlich, ſie ſollen für ihre Mühe nicht viel bekommen, das ſage ich, Katharina Herner. Ich ſchätze es mir zur Ehre, ebenſo ſchlau zu ſeyn, wie ſieben Närrinnen von der Sorte der kleinen„Gnädigen“. Tante Katharina drehte ſich raſch um und ging ebenſo ſchnell fort, wie ſie gekommen war. II. Beim Frühſtück fanden ſich die drei Frauen ein. Beate war ausgezeichnet gut gekleidet und hatte eine höhere Farbe als gewöhnlich. Sie war eitel Liebenswürdigkeit in ihrem Benehmen, ſagte Couſin Bengt tauſend kleine Artigkeiten und bat ihn, vor allen Dingen ihr nicht böſe zu ſeyn, daß ſie von drei Zimmern für ihren Bedarf geſprochen habe. Sie ſey gewiß die Erſte, ſich einzuſchränken, ſofern nur darin ihre Freude beſtehe, ſich als ſeinen Gaſt zu wiſſen. Dann ſprach ſie weiter von ihrer Anhänglichkeit an den Sohn ihres Oheims, ſo daß ſie ſelbſt davon ge⸗ rührt wurde. Mathilde ſeufzte und gedachte nur mit einigen Worten ihrer Kränklichkeit. Mit einem Blick zum Himmel fügte ſie dann hinzu, welche Gnade es von Gott ſei, daß er ihr vergönne, in dieſem ſchönen Bir⸗ gersborg zu weilen, und für die kurze Zeit, die ſie noch zu leben habe, ein wenig Kräfte zu ſammeln u. ſ. w. Bengt Falkenſtern gab auf alle dieſe Aeußerungen keine Antwort. Seine ſtrengen Augen hefteten ſich während des ganzen Frühſtücks auf Niemand anders als auf Anna. Reden war Etwas, womit er ſeiner Anſicht nach, ſich nicht zu beſchweren brauchte; er über⸗ ließ einer jeden der Anweſenden, ſich mit Schweigen oder Sprechen zu unterhalten, wie es ihnen beliebte. Ein paarmal, als Tante Beate ihm eine ganze Maſſe Schmeicheleien über ſeine Güte u. ſ. w. ſagte, nickte er artig mit dem Kopf und lächelte; aber ob dieſes Lächeln Befriedigung oder Ironie ausdrückte, war ſchwer zu entſcheiden. 3 Tante Katharina ließ ſich nicht ſehen, und die Einzige, welche nach ihr fragte, war Anna. Nach beendetem Frühſtück näherte ſich Falkenſtern der Thüre, nachdem er ſich gegen die Damen verbeugt und ſie aufgefordert hatte, ganz ſo zu thun, als ob ſie zu Hauſe wären. Er legte die Hand auf das Schloß, drehte aber in demſelben Augenblick den Kopf noch ein wenig um und ſagte:. „Erlaube mir, beſte Anna, einige Worte mit Dir ellein zu reden.“ Anna ging zu ihm hin. Willſt Du nicht deinen Hut nehmen und mich hegleiten, ſo können wir auf unſerer Promenade es bmachen.“ Schwartz, Der Rechte. I. 2 — kapitäns ſeyn, welche von dem, was ihr Mann ver⸗ Falkenſterns ſeyn könnteſt.“ „Liebe Beate, Du machſt da ſo entſezlich viel 18 Mit dieſen Worten ging er hinaus. Einige Minuten ſpäter fand Anna, nachdem ſie ihren Hut geholt hatte, ihn auf der Treppe ſtehend und ſeine Cigarre rauchend, während er ſie erwartete. „Nun, was hältſt Du davon, Mathilde“, brach Beate aus, als ſie ſich mit ihrer Schweſter allein im Saale befand.—„Haſt Du ſein Benehmen auf der ganzen Reiſe mitanſehen können, ohne Dich mit Recht darüber zu ärgern. Wie unhöflich iſt er nicht gegen uns, ſeine leiblichen Couſinen, und wie zuvorkommend gegen Anna geweſen. Und ſie ſodann, die liſtige und intriguante Anna, wie ſpielt ſie nicht ihre Rolle als gleichgiltige und anſpruchsloſe Frau, ſich ſelbſt auf⸗ opfernde Mutter. Alles, nur um dieſen ungeſchliffe⸗ nen Burſchen aus Amerika für ſich einzunehmen.“ Mathilde lehnte ſich in ihren Seſſel zurück, ſchloß die Augen und blieb ſtumm. 6 „Bu ſchweigſt“, fuhr Beate fort;„Du ſiehſt ſo⸗ mit die Gefahr nicht ein, welche wir und unſere Kin⸗ der laufen. Du begreifſt nicht, daß es Anna's Ab⸗ ſicht iſt, in den Beſitz von dem Vermögen unſeres Couſins zu gelangen?“ „Und wenn dem ſo wäre“, fiel Mathilde ein, „was willſt Du, daß ich thun ſoll? Ich bin nach dieſer anſtrengenden Reiſe ſo ſchwach, daß ich kaum Athem holen, viel weniger denken kann.“ „Aber das kannſt Du, die Frau eines armen See⸗ dient, wohl ſo lang er lebt, mit knapper Noth ſich durchbringen mag, aber, ſobald er wegſtirbt, für ſich und ihre Kinder Nichts hat. Es wäre doch viel beſſer, wenn Du ſtatt deſſen die einzige Erbin des reichen —— Lärm um Richts. Unſer Couſin iſt noch ein junger Mann, erſt vierzig Jahre alt; er wird ohne Zweifel wieder heirathen. Auch habe ich gleich gedacht, daß es recht dumm von uns war, die Einladung in dieſes abgelegene Birgersdorf anzunehmen. Die ganze Reiſe nützt uns doch zu Nichts.“ 3„Nun, das ſollſt Bu erſt ſehen. Vor allen Dingen darf er nicht wieder heirathen!“ rief Beate.„Du und ich, wir würden dadurch um das Erbe beſtohlen, worauf wir ſammt unſern Kindern ſonſt rechnen können. — Nein, Mathilde, erwache aus deiner Gleichgiltig⸗ keit, mache gemeinſchaftliche Sache mit mir, und es wird uns beſtimmt gelingen. Folge mir in unſer Zimmer, ſo will ich Dir meine Gedanken von der Sache mittheilen.“ Mit einer Langſamkeit, welche für Beate äußerſt verdrießlich war, ſtand Mathilde auf und folgte ihr. Während die Thüre hinter ihnen ſich ſchloß, öff⸗ nete ſich die auf der rechten Seite des Saales, und Walter Yactes ſteckte den Kopf herein und warf einen ſpähenden Blick rings im Zimmer herum. Die ſchwar⸗ jen Augen des Mulatten funkelten, und als er ſich überzeugt hatte, daß Niemand da war, trat er uner⸗ chrocken ein. „Ah ſol, ſprach er bei ſich ſelbſt,„erſt vier Stunden ſind es, daß die Damen hieher kamen, und⸗ bereits iſt die Intrigue in vollem Gang, um den ſo Järtlich geliebten Couſin“ zu beerben⸗ Nun, ich nerke, daß ſie ganz daſſelbe Blut in ihren Adern haben, wie derjenige, deſſen Erbinnen ſie zu werden gedenken. Walter ſchüttelte ſich, während er hinzuſetzte: „Ein eigennütziges Blut, bei meiner Seele, wel⸗ hes vor Nichts zurückſchaudert, wenn es ſich um Geld „7 ⸗ 20 handelt. Mittlerweile aber, wie die Sache nun ſteht, will ich durchaus nicht, daß die kleine ſchwarzäugige Vettel für die Kohlen, die ſie brennt, Etwas davon⸗ trägt.“ Er trat an eines der offenen Fenſter und fuhr, während er auf den zu ſeinen Füßen liegenden Gar⸗ ten blickte, in Gedanken alſo fort: „Laß nun ſehen, Walter, auf welche Seite Du dich zu ſtellen haſt; auf die der beiden Schweſtern ge⸗ wiß nicht, ſo viel iſt ausgemacht.“ Jetzt wurde er Falkenſtern und Anna gewahr, welche langſam durch eine der Alleen hinab nach dem See wandelten. „Wie wäre es, wenn ich die hübſche Frau da unter meinen Schutz nähme?— Das wäre der„Gnä⸗ digen“ und ihrem Teufelsbraten, dem Jungen, ein Strich durch die Rechnung gemacht. Abgethan alſo, und wenn nicht der Fürſt der Hölle ſelbſt los iſt, ſo ſollen die Gnädige und ihre Gans von Schweſter mit langen Naſen abziehen“ Walter rieb ſich die Hände vor Vergnügen und ſetzte, nachdem er ſich auf dem Abſatz umgedreht und eine Priſe Taback genommen hatte, hinzu: „Es iſt ſchon manches liebe Jahr her, daß man eine Intrigue zu ſchmieden oder irgend Etwas, das dem elenden Leben Zerſtreuung und Würze verlieh, abzukarten hatte. Ich und mein Freund Falkenſtern⸗ wir ſind reich geworden, wir haben auf unſern Gü⸗ tern gewohnt, den Boden angebaut, den Verluſt von Frau und Kindern betrauert, ſo daß wir darüber hätten närriſch werden können und nahe daran waren, von einem Leben, das ſo ſtill wie ein Bächlein dahin floß, den Spleen zu bekommen; aber jetzt, jetzt iſt es mit der Einförmigkeit zu Ende.“ 21 Walter machte einen Luftſprung und brach dabei in ein ſolches Gelächter aus, daß das ganze Gebiß weißer Zähne ſichtbar wurde⸗ „Jetzt gibt es hier Intriguen, Kabalen, Skandale, alumnien und Chikanen, Alles um des Geldes wil⸗ len. Gut, das paßt gerade in meinen Kram. Ich be⸗ komme ſomit einmal Etwas zu thun, was mir Nutzen und Vergnügen ſchaffen kann.“ Abermals ſchlug der leichtfüßige Mulatte eine Pirouette, wurde jedoch mitten in derſelben unter⸗ brochen, denn die Thüre ging auf und hereintrat im Sturmſchritt Tante Katharina. Sie ſuchte Walter und konnte nicht begreifen, was er dachte, daß er die Diener nicht mit ſich ge⸗ nommen und die Zimmer oben, wie der Kapitän ge⸗ boten, während des Frühſtücks in Ordnung gebracht hatte. Jetzt war ſie, Tante Katharina, genöthigt ge⸗ weſen, die Frauen zu bitten, mit dem jungen Volk in den Pavillon hinunterzugehen, während ſie gleichzeitig, ihrer Ausſage nach, wie toll herumſprang, um Wal⸗ ter zu ſuchen, der niemals that, was man von ihm haben wollte, ſondern beſtändig mit Horchen und Spioniren die Zeit vergeudete, um von Allem, was gethan und geſprochen wurde, ſich Kunde zu verſchaffen. Tante Katharina war mit einem ſolchen Wort⸗ ſchwall über Walter hereingefallen, daß er gegen ſeine Gewohnheit ganz ſtumm daſtand und das Ende des⸗ ſelben abwartete. Als ſie bei den Worten„um von Allem, was gethan und geſprochen wurde, ſich Kunde zu verſchaffen“ Athem holte, fiel Walter lachend ein: „Aber, liebe Tante, das iſt es ja eben, was zu meinem Handwerk gehört. Alles ſehen und auszu⸗ kundſchaften, um von dem, was ich weiß, Ihnen Mit⸗ theilung zu machen, iſt mein eigentliches Geſchäft, das Andere insgeſammt nur Nebenſache. Kommen Sie nun mit mir, und Sie ſollen erfahren, wer unſern Freund Falkenſtern beerben will, und wer der Glück⸗ liche ſein wird.“ Mit dieſen Worten faßte er Tante Katharina am Arm und führte ſie trotz alles Sträubens und Brummens aus dem Zimmer. Während nun Walter der Tante Katharina er⸗ zählt, was ihm zu Ohren gekommen war u. ſ. w., wollen wir über Birgersborg und deſſen Bewohner eine etwas nähere Aufklärung geben. Wir fangen mit dem Beſitzer an. Bengt Falkenſtern war ein großer, ſtark gebauter Mann, mit Schultern und Bruſt wie ein Herkules. Sein Kopf ſaß auf einem etwas kurzen Halſe und hatte in der Haltung, Art und Weiſe, wie er ihn trug, etwas Gebietendes. Die Geſichtszüge zeigten, obwohl regelmäßig und ſchön, dennoch einen ſo harten Ausdruck, daß ſie ein Gefühl von Furcht eirflößten. Seine Augen, groß, rund und von unbeſtimmt grauer Farbe, erſchienen kalt, wachſam, zuweilen durchdringend, zuweilen bei⸗ nahe wild, wenn Blitze heftiger Leidenſchaften aus denſelben hervorſchoßen. Die breite Stirne hatte wirklich einen intelligen⸗ ten Charakter; aber es war die Intelligenz des Fuoß ſten, welcher ſich weder durch Herzensgüte, noch durch poetiſchen Schwung leiten ließ. 6 8 So war Bengt Falkenſterns Aeußeres. 4 Sbwohl zweiundvierzig Jahre alt, ſah er doch viel jünger aus, und Niemand' hätte ihm weiter als vier⸗ bis fünfunddreißig geſchätzt. Nun noch einige Worte darüber, wie er ſich gegen ſeine nächſte Umgebung benahm. 23 Er war ein ſtrenger und despotiſcher Herr, aber viel gerechter und freigebiger, als ſolche in der Regel zu ſeyn pflegen. Gebieteriſch und unbeugſam, konn⸗ ten auf ihn weder Bitten noch Thränen einwirken, wenn er einmal Etwas beſchloſſen hatte. Jedes Ver⸗ ſehen wurde unnachſichtlich beſtraft. Wollte er Etwas, ſo mußte es geſchehen, ohne Rückſicht darauf, ob er hiebei Andern ein Unrecht that. Er kannte blos ein Geſetz, die Durchführung ſeines Willens. In der Eigenſchaft eines Gatten und Vaters wich er nur ſehr unbedeutend von dem ab, was er als Hausherr war. Er hatte ſeine Frau heſtig und leidenſchaftlich geliebt, aber mit einer Liebe, welche deren Gegenſtand unglücklich macht. Sie erhob An⸗ ſpruch auf alle möglichen Opfer von Zärtlichkeit, konnte niemals genügende Gegenliebe erhalten, war unbe⸗ grenzt in ihren Anforderungen, aber unvermögend, ſelbſt Etwas von dem zu geben, was ſie ihrerſeits begehrte. Mißtrauiſch, unzufrieden, ſtreng und eiferſüchtig, fühlte er in ſeinem eigenen Herzen Nichts von der Befriedigung oder Glückſeligkeit, welche die Liebe ver⸗ breitet, und konnte fomit auch für diejenige, welcher ſeine Neigung gewidmet war, Richts als Leiden ſchaffen. Seine Kinder waren ihm theuer, darum weil ſie die ſeinigen waren, aber er beneidete ſie beſtändig um die Zärtlichkeit, welche ihnen die Mutter ſchenkte. Er konnte es nicht mit anſehen, daß ſie Liebkoſungen an dieſelben verſchwendete, auf welche ſeiner Meinung nach Niemand außer ihm ein Recht hatte. Die Kin⸗ der wurden ſomit von ihm in ſeine Nebenbuhler ver⸗ wandelt. Er heiſchte von ihnen blinden Gehorſam, blinde Liebe, und blindes Vertrauen. Vielleicht wäre ihm gelungen, zueignen, hätte er nicht vo alter an durch die auf die Anhänglichkeit Zärtlichkeit verſcheucht. Scenen, eine erheuchelte Liebe ohne alles von der Furcht diktirten Gehorſam genährt, welcher nur ſcheinbar war und einem hohen Grade von Ver⸗ ſtellung Spielraum gewährte. Dieſes Verhältniß wäre für die der Tod ſie aus einem ihnen durch den Vater ſch Nach dem Tod war Falkenſterns ſchon zuvor verſ n; aber durch auch düſter geworde leuchtete eine gründliche Verachtun ein ironiſcher Spott über deren S Er glaubte nicht an Tugend als eine Chimäre, ſchaftlichen Leben war er kein r einmal daran Theil, ſo war rig anſchlug. Von dem geſell Freund; nahm er abe n ihrem zarteſten Lebens⸗ welche ſeine Eiferſucht der Mutter hervorrief, deren Run hatte er bei ihnen nur ſpätere Entwicklung der beiden Kinder ſehr unheilvoll geweſen, wenn nicht Leben abgerufen hätte, welches on ganz verbittert ward. ſeiner Gattin und ſeiner Kinder chloſſene Gemüthsart ſich dieß alles an⸗ Vertrauen, einen„ dieſe Düſterheit g der Menſchheit chwächen hindurch. das Gute und betrachtete die deren Werth er ſehr nied⸗ er trotz ſeines verſchloſſenen Weſens eine ganz ange⸗ nehme Perſönlichkeit. Die einzigen M welche ihn nicht ſehr zu fürchten ausſprachen, waren Yactes. Der letztere hatte dem Ausbruch ſeines denken, denſelben zu Wahr iſt, daß enſchen in Falkenſterns Hauſe, ſchienen und zuwei⸗ len einen dem ſeinigen zuwiderlaufenden Gedanken Tante Katharina und Walter nicht die mindeſte Scheu vor Zornes und trug gar kein Zeiten zu reizen. WPalter ſeinem Herrn die größte Be — Falkenſtern ſpielte, war ganz ſeltſamer Natur. Treue und Anhänglichkeit erwies, daß er ſelten in Streit mit ihm gerieth; aber nicht minder gewiß, daß der Mulatte, wenn es die Umſtände gerade mit ſich brach⸗ ten, eine große Kühnheit an den Tag legte, ihm manche bittere Wahrheiten ſagte, wobei man nur darüber er⸗ ſtaunen mußte, daß dieſer häusliche Deſpot ſeinen dunkelfarbigen dienenden Geiſt nicht ſofort zur Thüre hinauswarf. Walter war ſeit ſeinem vierzehnten Jahre Bengts Leibeigener geweſen. Er war damals von dem reichen Mann auf einem Scelavenmarkt gekauft worden. Einige Jahre ſpäter ſchenkte ihm Bengt bei vor⸗ kommender Veranlaſſung die Freiheit und ließ ihm die Wahl, ihm entweder nach Schweden zu folgen, oder in Amerika zu bleiben. Walter entſchied ſich für das Erſte. Auf Falkenſterns Koſten hatte Walter eine Er⸗ ziehung und Ausbildung erhalten, welche weit über die Lage eines Dieners hinausging, und dieß be⸗ wirkte, daß er, früher nur eine Art Laufburſche, zu⸗ erſt zum Kammerdiener und dann zum Sekretär be⸗ fördert wurde. Als Bengt in Birgersborg ankam, wurden ihm gewiſſermaßen die Funktionen eines Intendanten über⸗ tragen, und vermöge derſelben lag ihm ob, über Alles ſowohl in als außer dem Hauſe zu wachen. Inſpektor, Schreiber und das geſammte Dienſt⸗ perſonal hegte vor dem Mulatten ebenſo viel Furcht wie vor dem Gebieter des Hauſes; denn Jedermann wußte, daß wenn jener Etwas gegen ihn zu bemerken hatte, es nicht lange anſtand, bis Falkenſtern ihm ſeinen Abſchied ankündigte.. Die Rolle, welche Walter zu Lebzeiten vor Frau 26 Ees ſchien, als ob er gegenüber von ihr eine gründliche Abneigung und zugleich eine grenzenloſe Hingebung empfände. Wandte ſie ſich an ihn, um Etwas zu erhalten, deſſen ſie auf andere Weiſe nicht theilhaftig werden konnte, ſo hätte er Leib und Leben gewagt, um ihr das Gewünſchte zu verſchaffen. Alles was ihr Wohlgefallen erregte, mochten es nun Blumen oder irgend welche Annehmlichkeiten und Verſchöne⸗ rungsmittel des Lebens ſein, das beſorgte er für ſie und konnte, um ihr die geringſte und unbedeutendſte Ueberraſchung zu bereiten, ſich unglaublichen Mühen und Anſtrengungen unterwerfen. Und dennoch war gerade er der böſe Geiſt, welcher Falkenſterns Eiferſucht anblies, deſſen Zweifel an der Zuneigung ſeiner Frau weckte und der armen Frau jene häusliche Hölle ſchuf. Bei dem Tode von Madame Falkenſtern legte Walter faſt ebenſo tiefe Trauer an den Tag, wie ihr Mann ſelbſt, und umfaßte hernach die überlebenden Kinder mit einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit. Der Tod entriß ihm jedoch eines nach dem andern, und in den erſten Monaten nach dem Hinſcheiden des letzten Kindes war Walter umhergegangen, als hätte er den Verſtand verloren. So viel von dem Mulatten, welcher in unſerer Erzählung eine nicht unbedeutende Rolle ſpielen wird. Nun zu Tante Katharina. 2 Sie war eine Couſine von Bengts Vater. Kaum ſechszehn Jahre alt, verheirathete ſie ſich mit einem armen Landprediger und verlebte an ſeiner Seite ein glückliches, thätiges und ſtilles Leben. In einem Alter von etlichen dreißig Jahren wurde ſie Wittwe, und da ſie von ihrem Manne nichts als Schulden erbte, ſo ſuchte und erhielt ſie auch einen Platz bei einer reichen 27 und vornehmen Familie, wo ſie auf dem Landgute die Leitung der innern Oekonomie übernehmen ſollte. Als Bengt Falkenſtern in Schweden ankam, war Tante Katharina die einzige Verwandte, die ihn auf⸗ ſuchte. Er bot ihr die Stelle einer Haushällerin zu Birgersborg an und ſicherte ihr eine Leibrente für ihr Alter zu. Tante Katharina nahm dieſes Erbieten an, aber unter dem ausdrücklichen Vorbehalte, daß wenn es ihr nicht gefiele und man ihr nicht begegnete, wie ſie es gewohnt wäre, ſie ihren Poſten, jedoch mit Beibe⸗ haltung der beſtimmten Leibrente, ſogleich wieder auf⸗ geben dürfte. Tante Katharina gehörte zu der Zahl der Frauen, von welchen man ſagen konnte, daß ſie mit dem Her⸗ zen einer Frau und dem Charakter eines Mannes begabt ſeien. Sie war gottesfürchtig und gut, aber zugleich unerſchrocken, ſelbſtſtändig und feſt.— Sie konnte ein gebrochenes Bein ſehen, ohne Thränen zu vergießen, aber ſie konnte es nicht ſehen, ohne alles it zur Linderung der Schmerzen des Leidenden zu thun. Ihr Benehmen und ihr äußerer Menſch hatten et⸗ was im höchſten Grade Männliches. Die Alte brummte und ſchalt aus Herzens Grund über die geringſte Un⸗ ordnung, und alle Diener ſtanden kerzengerade vor ihr. Klug und erfahren in Allem, was einen größern Landhaushalt betraf, wußte ſie Ordnung und ſtrenge Disciplin zu halten. Aber bei aller Strenge war ſie doch unermüd⸗ lich, wenn ſie etwas Gutes thun konnte. Sie wachte auch über die Gottesfurcht derer, welche unter ihrer Aufſicht ſtanden, und vermochte über die Verpflich⸗ tung, ſich vor Sünde zu bewahren, ebenſo kräftige und zu Herzen gehende Worte zu ſprechen, wie ſie das Tadelnswerthe und Verderbliche von Unordnng jeder Art in und außer dem Hauſe nachzuweiſen im Stande war. Daß ſie für Bengt eine unentbehrliche Perſon werden mußte, mit deren Selbſtſtändigkeit er bald Bekanntſchaft zu machen Anlaß fand, verſteht ſich von ſelbſt; und daß ſie eben darum von ſeiner Herrſucht unabhängiger als Jedermann blieb, iſt nicht minder natürlich, da Falkenſtern ſchon nach einigen Wochen zu der Erkenntniß kam, daß er niemals Jemand fin⸗ den könnte, der Tante Katharina, wenn ſie von ihrem Platz abträte, zu erſetzen vermöchte. Der eigene Vortheil bewirkte alſo, daß er gegen ſie nicht denſelben Ton, wie gegen die Andern annahm, ſondern ihr eine gewiſſe Aufmerkſamkeit bezeigte, Et⸗ was, worauf Tante Katharina auch Anſpruch machte. Sie dagegen ließ Bengt ſeinen Weg gehen, während ſie den ihrigen ging, indem ſie zugleich ſo viel als möglich es verneied, mit ihm in Kolliſion zu kommen. Das Einzige, was Tante Katharina nicht ſtill⸗ ſchweigend mitanſehen konnte, war deſſen Benehmen gegen ſeine junge leidende Gattin, welche von der Alten mit mütterlicher Zärtlichkeit umfaßt wurde; allein da die kluge Frau entdeckte, daß Alles, was ſie, um Bengt zur Vernunft zu bringen, ſagte, keine andere Folge, als eine Erſchwerung der Lage von jener hatte, ſo faßte ſie den Entſchluß, zu ſchweigen, und arbeitete in der Stille darauf hin, nach ihrem Maaße das traurige Leben der Unglücklichen zu mil⸗ dern und zu verſüßen. 5 Sie wurde Frau Falkenſterns Freundin, Ver⸗ traute und Tröſterin. * 29 Bwiſchen Tante Katharina und Walter hatte es in den zwei erſten Jahren einen beſtändigen Krieg gegeben. Der Mulatte und ſie ſchienen gleich bei Frau Oerners Eintritt in das Haus den gründlichſten Widerwillen gegen einander gefaßt zu haben, und gewiß hätte Walter ſo lang intriguirt, bis Tante Katharina einpackte und ihres Wegs ging, wenn nicht bei ihm eine Sinnesänderung gegen ſie eingetreten wäre. Den zweiten Sommer, da Walter in Schweden ſich befand, erkrankte derſelbe an den Blattern. Keiner von den Dienſtboten wollte ſich zu ſeiner Pflege her⸗ geben, und Falkenſtern ſelbſt hatte bereits beſchloſſen, ihn aus Furcht vor Anſteckung in das Krankenhaus der Stadt bringen zu laſſen. Aber ſiehe, Tante Katha⸗ rina lehnte ſich dagegen auf, indem ſie erklärte, es wäre eine unchriſtliche Handlung, einen ſo kranken Menſchen wie Walter mehre Meilen weit fortzuſchlep⸗ pen. Sie nahm ſich auch vor, dergleichen gar nicht zuzugeben, ſondern verſicherte, wenn Niemand ſeine Pflege übernehmen wollte, ſo werde ſie es thun. Und dabei blieb es. „ Tante Katharina widmete ſich ihm, wie wenn er ihr Sohn geweſen wäre, und zwar trotz dem, daß ſie ſein„braunes Fell,“ wie ſie ſich auszudrücken pflegte, nicht leiden konnte. Walter, ein wirklicher Typus der gemiſchten Race, mit allen Fehlern und Tugenden derſelben, wurde bei ſeiner Geneſung von dem wärmſten Dank⸗ gefühl ergriffen, und von der Zeit an gab er Tante Katharina beſtändige Beweiſe ſeiner Ergebenheit, ob⸗ ſchon es ihr, ſobald er nicht mehr krank war, ſo ſchwer wie vordem fiel, ſich mit ſeiner Hautfarbe und ſeinen verſchmizten Augen zu verſöhnen. 30 Tante Katharina's äußere Erſcheinung ſtand in vollkommener Harmonie mit ihrem Herzen und ihrem Charakter. Sie war eine hochgewachſene Frau, und ihrer Statur entſprach auch eine gewiſſe Wohlbeleibt⸗ heit. Sie hatte einen großen Kopf, welchen ſie mit vieler Selbſtſtändigkeit zu tragen wußte. Ihre Hände waren breit, ſtark, aber blendend weiß. De Haar taſtanienbraun, ſeidenweich und glänzend, wer von der gewölbten Stirne glatt zurückgekämmt. Die großen, dunkelbraunen Augen, welche tief in ihren Höhlen lagen, hatten einen klugen, etwas ſcharfen, aber wohl⸗ wollenden Ausdruck. Die allzulange Naſe zeigte eine ebenſo beſtimmte Krümmung, wie ihr Charakter Un⸗ beugſamkeit. Der etwas breite Mund, mit ſeinen friſchen und vollen Lippen, verrieth ein ſolches Maaß von Entſchloſſenheit, daß man ihn gern von einem ordentlichen Schnurrbart beſchattet geſehen hätte. Obwohl etliche fünfzig Jahre alt, hatte ſie noch einziges graues Haar und keine einzige Zahn⸗ ücke. Ihr Anzug beſtand immerdar aus einem Kleid von dunklem Zeug, mit blanken Knöpfen, einem weißen umgeſchlagenen Halskragen und einer ſchwarzen Schürze. An einem in dem Gürtel ſteckenden Hacken hing ein großer Schlüſſelbund und dicht daneben ein Band mit einer Scheere. Die große Schürze war mit ein paar mächtigen Taſchen verſehen, woran die eine zur Aufbewahrung von Nastuch und Tabaksdoſe, die an⸗ dere von Strickſtrumpf und einem kleinen Futteral mit Fingerhut, Rähnadeln und Federmeſſer diente. Eine Haube trug Tante Katharina niemals, ſon⸗ dern das reiche Haar lag in einer breiten Flechte gleich einer Krone um den Kopf herum. Che wir das Portrait von Tante Katharina aus 31 der Hand laſſen, müſſen wir noch beifügeu, daß die⸗ ſelbe, wenn ſie ungeduldig war und es doch nicht zu erkennen geben wollte, ihre Hände zuſammenlegte und die Daumen mit einem der Zu⸗ oder Abnahme ihrer Ungeduld entſprechenden Geſchwindigkeit ſich von einander drehen ließ. Wor ſie dagegen böſe und kleidete ſie ihre Ge⸗ fühle Worte, um einen begangenen Fehler oder eine ihr mißfällige That vorzudemonſtriren, ſo ergriff ſie die an dem Bande hängende Scheere und manöv⸗ rirte und fuhr damit herum, als ob dieß ihren Wor⸗ ten mehr Nachdruck geben ſollte. War ſie über irgend eine Dreiſtigkeit ernſtlich erzürnt oder ſonſt lebhaft überraſcht, ſo fuhr ſie mit beiden Händen in ihre Schurztaſchen. Fühlte ſie Theilnahme bei Etwas und wollte ihre Rührung verbergen, ſo nahm ſie Priſe um Priſe, und ſobald eine der Mägde nach einem begangenen Fehler Abbitte that und Tante Katharina dabei ihre Schnupftabaksdoſe hervorzog, ſo wußte die Schuldige, daß ſie ſich hatte beſänftigen laſſen. Nach dieſer etwas weitläufigen Schilderung der Bewohner von Birgersborg wollen wir auch ein paar Worte über das alle Schloß ſagen, wie die Bauern insgemein das Herrenhaus benannten. In welchem Jahrhundert Birgersborg aufgeführt worden, vermögen wir nicht anzugeben, aber daß es ſehr alt war, das iſt gewiß. Es war in Hufeiſenform erbaut; die Fagade ſelbſt war drei Stockwerke hoch, während die beiden davon aus⸗ ſpringenden Flügel, das Erdgeſchoß abgerechnet, nur einen Stock hatten. An den Enden der letztern hatten ſich in früherer Zeit Thürme erhoben, aber ſie waren abgebrochen worden, und ein hohes Eiſengitter mit ein paar großen Thoren lief von einer Ecke zur andern und ſchloß den innern Hof vollſtändig ab. Der rechte Flügel, welcher ehemals wahrſcheinlich als Aufbewahrungsort von Rüſtzeug, Waffen, Tro⸗ phäen, Fahnen und dergl. gedient hatte, war von Falkenſterns Vorgänger in ein Getreidemagazin ver⸗ wandelt worden, und hiezu wurde er auch noch jetzt benützt. In dem linken Flügel dagegen hatte die Familie des Landmanns jhre Wohnung aufgeſchlagen, wäh⸗ rend das Hauptgebäude ſelbſt leer ſtehen blieb. In dem großen Saale des Erdgeſchoßes waren früher Webſtühle und dergleichen aufgeſtellt geweſen, da die ſleißigen Bauersfrauen hier ſaßen und zu weben pflegten. In den ührigen Räumlichkeiten hatte man Ackergeräthſchaften und Aehnliches verwahrt. Da ſich die Gebäude bei vierzig Jahren in den Hän⸗ den von Leuten, welche für deren Unterhaltung Nichts thaten, befunden hatten, ſo war es natürlich, daß ſie in Verfall geriethen. 5 Das Erſte, was Falkenſtern vornahm, war alſo eine Reparatur. Dieſe erſtreckte ſich jedoch nicht wei⸗ ter, als auf das Erdgeſchoß im Hauptgebäude, und ſechs Zimmer im erſten Stock. Der linke Flügel wurde zu Gaſt⸗ und Domeſtikenzimmern eingerichtet und hatte einer Reparatur nicht bedurft, da er ſich noch in gutem Zuſtande befand. Falkenſtern hatte nach Inſtandſetzung der oben erwähnten Räumlichkeiten es nicht der Mühe werth gehalten, die Reparatur auf die obern Stockwerke oder auch nur auf die ganze erſte Etage zu erſtrecken; Haus, mit Ausnahme davon⸗ daß ſomit war das alle zerbrochenen Fenſter durch neue erſetzt wurden „. ——. 33 ſe n traurigen, herabgekommenen Zuſtand ver⸗ ieben. Auf Hof, Garten und Park dagegen wurden außerordentliche Summen verwendet; indeſſen gab Bengt in Folge einer unbegreiflichen Caprice nicht zu, daß man Durchhau oder Lichtung anbrachte, um auf ſolche Weiſe dem Platz um das Schloß ein helleres und freieres Ausſehen zu geben. Die hundertjährigen Bäume bildeten ein un⸗ durchdringliches Laubgewölbe und verwehrten ſomit der Sonne und. dem wirklichen Tageslicht den Zutritt in die meiſten Zimmer, welche dadurch einen düſtern Charakter bekamen. Vergebens hatten Inſpektor und Gärtner, Fal⸗ kenſterns Gattin, Walter und Tante Katharina ihm vorgeſtellt, der Park, der Garten und Hof würden an Schönheit gewinnen, wenn man hier und da einige fällen ließe. Falkenſtern wollte nichts davon ören. Die dem Garten zugekehrte Fagade des Hauſes bildete den einzigen Theil davon, der nicht buchſtäblich in Laub gehüllt war. Die auf dem frühern Wallgraben angelegte Terraſſe war von Falkenſtern in ein förmliches Reich der Flora verwandelt worden. Hier prangten die ſeltenſten Blumen und Gewächſe, und man würde von dieſem Punkte aus eine wirklich ſchöne Ausſicht über den See gehabt haben, wenn nicht der Garten mit ſeinen alten, hohen und dichten Bäumen eine Vor⸗ mauer aufgeworfen hätte, an welcher das Auge Halt machen mußte. Am Ende des Gartens, auf einer großen, freien und offenen Fläche am Ufer war ein ſchöner und moderner Pavillon errichtet worden, und hier pflegte Schwartz, Der Rechte. I. 34 Falkenſtern mit Gattin und Kindern den größern Theil des Sommers zuzubringen. Die Lage dieſes Pavillons und die Ausſicht von hier war unbeſchreiblich ſchön. In der Nähe deſſelben waren nicht minder Grotten, Brücken, Zelte ange⸗ bracht, und überhaupt Alles, was die Kunſt vermochte, beigezogen worden, um dieſen Punkt möglichſt zu ver⸗ ſchönern. Hier hatte vielleicht der herrſchſüchtige Beſitzer von Birgersborg ſeine wilden Leidenſchaften von der Zärtlichkeit einer Gattin in den Schlaf wiegen laſſen und auf kurze Augenblicke die Seeligkeit, zu lieben und geliebt zu werden, geſchmeckt. Doch dieß war Et⸗ was, das nur Gott und er ſelbſt wußten. Diefer Ort, welcher zu Lebzeiten ſeiner Gattin ſein Lieblingsaufenthalt geweſen, war hernach von ihm ganz verlaſſen worden, und er hatte ihn von da an nicht ein einziges Mal mehr beſucht; aber Walter pflegte ihn wie eine heilige Erinnerung. Wir wenden uns inzwiſchen hievon ab, um Et⸗ was über das Innere von Birgersborg zu ſagen. Die ſechs Zimmer im erſten Stock, welche Fal⸗ kenſtern für ſeine Gattin hatte einrichten laſſen, waren mit allem modernen Lurus und Comfort, den man um Geld verſchaffen kann, möblirt und ausgeſtattet worden. Dieſe kleine Wohnung beſaß äuch etwas Bezau⸗ berndes und Feenhaftes; ſo geſchmackvoll, ſo elegant und anziehend ſah es dort aus. Man glaubte, dieſe mit hellfarbiger Seide bekleideten Wände hätten un⸗ möglich andere Gäſte als Freude und Glück beher⸗ bergen könnnen, und dennoch waren ſie daraus ver⸗ bannt geweſen. Nach dem Tode ſeiner Gattin betrat Falkenſte 35 niemehr dieſe Räume, wo das einzige Weſen, das er geliebt, ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht hatte. Tante Katharina war indeſſen darauf bedacht, mit derſelben Sorgfalt, welche Walter dem Pavillon und deſſen Umgebung widmete, die öde Wohnung in demſelben Stande zu erhalten, und noch jetzt wie zur Zeit der Herrin durch Blumenduft und Vogelgeſang zu erheitern. Bei der Inſtandſetzung der Räume im Erdgeſchoß hatte Falkenſtern vor dem Beginn der Reparatur eine Runde durch das ganze Haus gemacht und hiebei im dritten Stock eine ganze Maſſe ſtaubbedeckter Möbel gefunden, welche größtentheils ſchon halb zerfallen waren, aber ihrer Geſtalt nach entſchwundenen Jahr⸗ hunderten angehören mußten. Er wurde dadurch ein wenig überraſcht, erinnerte ſich jedoch, daß in den Kaufscontrakt wirklich alle Möbel aufgenommen wor⸗ den waren, die zum Schloß gehörten. Das alte Gerümpel wurde nun hervorgezogen, reparirt und bildete hinfort die Möblirung der Zim⸗ mer im Erdgeſchoß. Tapeten und Fenſtergardinen wurden den Möbeln angepaßt, und das Ganze erhielt nu ein möglichſt ſchwerfälliges und unbehagliches usſehen. Wenn man in das große, gewölbte Veſtibule trat, hatte man ein paar hohe Thüren von Eichenholz, welche in den Saal führten, gerade vor ſich. Zur Rechten im Veſtibule befand ſich eine Thüre, welche in Falkenſterns Privatzimmer führte; durch die zur Linken gelangte man in die ſogenannte Bibliothet. Hier ſtanden ein paar Bücherſchränke, mit Wer⸗ ken, welche ſämmtlich der neuern leichten Literatur angehörten. An der Wand hingen einige alte Por⸗ traits, welche man oben auf dem Dachboden gefunden 36 hatte. In der Mitte ſtand ein ſchwerfälliger, runder Tiſch, und rings um denſelben eine Reihe von Seſſeln, von derſelben geſchmackloſen Form und mit vergolde⸗ tem Leder überzogen. In einer Ecke befand ſich ein koſtbarer und moderner Flügel und nebenan ein No⸗ Sän von Nußbaumholz, ein wirkliches Kunſt⸗ werk. Das Gemach war ſehr hoch und hatte ein düſte⸗ res, kaltes und unbehagliches Ausſehen. Man fühlte ſich beklemmt, wenn man daſſelbe betrat, und ſehnte ſich wieder daraus fortzukommen. Wir wollen jedoch den Leſer mit Beſchreibung der großen Zahl ſonderbar möblirter Zimmer nicht ermüden, ſondern uns blos auf den Saal beſchränken, da einige nähere Angaben über denſelben für den Verlauf unſerer Erzählung von Nutzen ſeyn dürften. Derſelbe hatte fünf hohe Fenſter, der Thüre ge⸗ genüber, durch welche man von der Hausflur ein⸗ trat. Das mittlere beſtand aus zwei Glasthüren, welche auf die Terraſſe führten. Dicht neben der Thüre befand ſich der Kamin; über dem Geſimſe deſſelben hing ein Gemälde, wel⸗ ches unwillkürlich die Aufmerkſamkeit von Jedermann, der einen Blick darauf warf, feſſelte. 3 Es ſtellte einen Unterarm und eine Hand dar, deren Finger, mit Ausnahme des Zeigefingers, ein⸗ gebogen waren. Jener dagegen deutete auf einige Goldmünzen, welché auf einer Felſenklippe lagen, die von den ſchäumenden Wogen und der kochenden Bran⸗ dung eines ſtürmiſchen Meeres umgeben war. Der immel, welcher ſich darüber wölbte, erſchien v l finſterer Wolken. Die Möbel im Saale beſtanden aus braun geſtrichenen Stühlen mit hohen Lehnen und ſchw — 37 Lederüberzügen. In den vier Ecken ſtanden kleine, gleichfalls mit Leder bekleidete Sophas. Die Wände i in Hel gemalt und ſahen wie von Eichen⸗ olz aus. Vor den kleinen Eckſophas ſtanden runde Tiſche, und mitten im Gemach einer, der ſicherlich aus datirte, da man noch Meth aus Hörnern rank. Eine Wanduhr in vergoldetem und nach chineſi⸗ ſchem Styl bemaltem Gehäuſe ſtand auf der andern Seite vom Kamin und verkündete mit feierlichem Tik⸗ tak und dumpfem Schlag den Lauf der Zeit. Und nun wollen wir blos noch hinzufügen, daß Tante Katharina im linken Flügel wohnte, um das Küchendepartement überwachen zu können. Walter, welcher es liebte, die Sonnenſtrahlen und das Tageslicht zu ſehen, hatte ſich auf eigene Rech⸗ nung ein Zimmer im dritten Stock einrichten laſſen. Hier lebte er ganz allein„umgeben von den großen, öden Gemächern, wo Holzwürmer, Spinnen und eine oder die andere Ratte ſeine Nachbarn ausmachten. Im ganzen Hauptgebäude wohnte ſomit, ſeitdem Falkenſtern Wittwer geworden war, Niemand außer Sen ſelbſt in dem Erdgeſchoß und Walter unter dem Vache. Nun aber war es anders geworden. Die ange⸗ langten Gäſte ſollten einen Theil des erſten Stock⸗ werks bevölkern, und der alte Herrenſitz noch einmal der Schauplatz von Leben und Bewegung werden. Alle Zimmer ſollten in modernes Gewand gekleidet werden. Nachdem ſie über ein halbes Jahrhundert öde geſtanden waren, ſollten ſich ihre Thüren wieder für Gaſtgebote und muntere Geſellſchaften öffnen. 38 Aber was mochte die Urſache dieſer ganzen Um⸗ wälzung ſeyn? So lang ſeine Frau lebte, hatte Falkenſtern nie⸗ mals davon geſprochen, ſeine Couſinen aufzuſuchen, nicht einmal die Briefe, die ſie an ihn ſchrieben, be⸗ antwortet, und war ſcheinbar entſchloſſen geweſen, mit„ Niemand von ſeiner Verwandtſchaft, außer Tante Kä⸗ tharina, ſich in Berührung zu ſetzen; und nun, nun war er ſelbſt ausgezogen, um ſie zu holen, und hatte ſie eingeladen, den Sommer in Birgersborg zuzu⸗ bringen. Tante Katharina zerbrach ſich faſt den Kopf dar⸗ über, was dieß bedeuten ſollte, konnte aber die Lö⸗ ſung des Räthſels nicht finden. Und nun wollen wir Anna und Falkenſtern auf⸗ ſuchen, um zu vernehmen, was er ihr zu ſagen hatte. 3 IMI. * Anna fand ihn, wie wir oben erwähnt haben, auf der Treppe ſtehend und ſie erwartend. „Sei ſo gut und nimm meinen Arm“, ſagte Bengt, als er ſie gewahrte, worauf ſie miteinander über den Hof wanderten und, durch das eiſerne Gitter⸗ thor getreten, um den rechten Flügel bogen, um na einer der breiteſten Alleen des Gartens ihren Weg zu nehmen. ohne die Be⸗ Falkenſtern ging ſchweigend einher, merkungen, welche Anna über das ältliche Ausſehen des Schloſſes machte, zu beantworten. Da ſie nicht im Mindeſten in ihren Bemühunge ein Geſpräch einzuleiten, unterſtützt wurde, ſo ver⸗ — 39 ſtummte ſie zuletzt gleichfalls und trat ſchweigend in den Garten. Ein friſcher Frühlingswind wehte vom See her und zog ſpielend an ihnen vorüber. „So, ſo, Du glaubſt Birgersborg gleiche einem Geſpenſt aus dem Mittelalter—“ begann auf einmal Falkenſtern, als ob er aus ſeinen Gedanken erwache, und zur Antwort auf das, was Anna ſchon vor einer langen Weile geäußert hatte.—„Du kannſt Recht haben, und woüte ich meiner Neigung folgen, ſo riße ich dieſen ganzen Steinklumpen bis auf die letzte Spur nieder und baute mir eine neue und geſchmackvollere Wohnung. Aber das würde allzuviel koſten, und deß⸗ halb bleibt das„Geſpenſt“ ſtehen.“ e allzuviel koſten“, wiederholte Anna lä⸗ elnd. „Ja, gewiß; oder hältſt Du mich vielleicht für ſo reich, daß ich um einer Laune willen die Thaler zu Tauſenden wegwerfen könnte?“ Falkenſtern heftete ſeine ſcharfen Augen auf Anna, als ob er in ihrem Herzen leſen wollte. „Ich halte Dich für ſo reich, daß Du für die Verſchönerung deines Gutes jede beliebige Summe aufopfern könnteſt, wenn Du irgend Luſt dazu hätteſt,“ ewiederte Anna. „Und für wen follte ich denn ein neues Haus aufbauen? Für meine Erben vielleicht?“ „Für wen ſparſt Du denn dein Geld? Du ſagteſt ja ſo eben: wollte ich meiner Neigung folgen, ſo riße ich dieſes Haus nieder und baute mir ein an⸗ deres. Wohlan, ich antworte: folge deiner Neigung und kümmere Dich nichts darum, was es koſtet.“ 2 „Der reichſte Mann kann ſich durch Bauen rui⸗ S niren, und das Reſultat von einer Nachgiebigkeit ge⸗ 40⁰ gen dieſe meine Neigung möchte dann ſeyn, daß meine Erben, wenn ich mit Tod abginge, nicht die Hälfte von dem mehr fänden, was ich jetzt beſiße.“ „Nun, und dann“, rief Anna lachend,—„ſie müßten ſich ja wohl zufrieden geben, wenn ſie au gar nichts mehr fänden. Das Vermögen gehört ja Dir und nicht ihnen. Willſt Du es verthun, ſo haſt Du volles Recht dazu.“ „Auch wenn ich deinen Kindern kein Erbe hin⸗ terließ?“ fiel Falkenſtern ironiſch ein. Anna ſoh ihn mit einer Miene an, als ob er nach ihrer Vorſtellung etwas recht Einfältiges geſagt hätte; aber da ſie ſein ſpöttiſches Lächeln gewahr wurde, ſetzte ſie haſtig hinzu: „Ich habe nicht einen Augenblick an's Erben ge⸗ dacht, das kann ich Dich verſichern.“ „Um ſo beſſer. Ich beſitze ſomit deine Zuſtim⸗ mung, mich zu ruiniren. Wir wollen alſo nicht mehr davon reden. Nun zu dem, was ich Dir ſagen wollte. Du nahmſt keine Dienerin mit und haſt doch zwei Kinder. Warum dieſe Einrichtung?“ „Dieß kommt einzig daher, daß ich gar keine Magd habe, ſondern nur ein Laufmädchen“, entgeg⸗ nete Anna. „So, ſo, das heißt mit andern Worten.... „Daß ich keine bedarf“, fiel Anna lebhaft ein, wäh⸗ rend das Blut ihre Wangen wie mit Purpur überzog. Es trat eine Pauſe ein. Falkenſtern unterbrach dieſelbe, indem er in ſcherz⸗ haftem Tone äußerte: „Es iſt mir ſchon in den erſten Stunden deines Beſuches gelungen, Dich zu ärgern. Das freut mich, obſchon es den Anſchein hat, als brauchſt Du nicht gerade viel dazu, um böſe zu werden.“ 41 „O nein, das iſt wahr“, verſicherte Anna. „Ebenſo fällt es Dir nicht ſchwer, deine Fehler zu erkennen, merke ich. Laß uns jedoch für den Augen⸗ blick Frieden ſchließen und erzeige mir die Gefällig⸗ keit, einen Vorſchlag anzuhören, welchen ich Dir zu machen wünſche. In meinem Hauſe wohnt eine Frau, welche die Pflegerin meiner Kinder geweſen iſt. Ich wünſchte, daß Du ſie während des hieſigen Aufent⸗ haltes zu deiner beſonderen Bedienung nähmeſt.“ „So dankbar ich Dir für dein Anerbieten bin, muß ich doch.... „Du nimmſt es an“, unterbrach Falkenſtern ſie urz. „Es wäre Verſtellung, es abzulehnen. Im Ueb⸗ rigen, da ihr, Du und meine Couſinen, den Sommer hier zuzubringen verſprochen habt, ſo hoffe ich die Geſell⸗ ſchaft meiner Gäſte zu genießen: etwas, das mir un⸗ möglich wäre, wenn eine davon ihren Kindern ab⸗ warten wollte. Ich vermuthe, Du ſiehſt ein, daß ich Recht habe.“ Anna fühlte ſich durch Falkenſterns Art und Weiſe gereizt, konnte indeſſen das Anerbieten nicht ablehnen und antwortete darum halb ſcherzhaft, halb verdrießlich: „Obwohl ich nicht daran gewöhnt bin, mir von Andern Geſetze vorſchreiben zu laſſen, ſo muß ich doch wohl als dein Gaſt mich deinem Willen unterwerfen. Ich fürchte, meinen minder fügſamen Kindern dürfte es etwas ſchwerer fallen, ſich darnach zu bequemen. Sie ſind an keine andere Pflege, als die meinige ge⸗ wöhnt.“ „O, das wird ſich ſchon machen laſſen; übrigens haſt Du doch gewiß deine Kinder zum Gehorſam ge⸗ gen ihre Mutter erzogen.“ 42 „Nicht ſonderlich“, erwiederte Anna lachend.„Sie empören ſich, gleich ihrer Mutter, gegen allen Zwang.“ „Das heißt, ſie ſind verzogen.“ „Ganz und gar; und mit dieſem Bekenntniß habe ich es auch Dir unmöglich gemacht, Dich in Bezug auf meine Perſon und auf ſie Illuſionen hinzugeben. Im Fall Du alſo nach einigen Wochen unſerer müde wirſt, ſo iſt das keine Ueberraſchung für uns. Alles, um was ich Dich bitte, iſt, daß Du niemals herkommſt und mir ſagſt: beſte Anna, erlaube mir, zu bemerken, daß Du gar nicht im Stande biſt, deine Kinder zu erziehen. Du ſollteſt ſie ſo und ſo behandeln u.ſ. w.“ „Und wenn ich das thäte, was wäre die Folge?“ „Ich nähme meine beiden Kinder zu mir und ginge meines Weges.“ „Ohne meine Worte auf Dich einwirken zu laſſen?“ „Ja, ohne daß ſie eine andere Wirkung hervor⸗ brächten, als mich zu ärgern.“ „Ich darf mich demnach wohl hüten, mich in deine Erziehungsmethode einzumiſchen, merke ich.“ Sie waren jetzt bei dem Pavillon angekommen. „Hier bin ich ſeit dem Tode meiner Frau nicht mehr geweſen“, ſprach er, und ein Zug von Kummer beſchattete ſeine Stirne. Anna ſah ſich um. Sie wollte Etwas ſagen, aber in dieſem Augenblick ließen ſich Stimmen von der Veranda des Pavillons vernehmen, und ſiehe, da ſaßen Beate und Mathilde. Bei ihrem Anblick machte Falkenſtern eine un⸗ geduldige Bewegung mit dem Kopfe, verabſchiedete ſich von Anna und überließ ſie der Geſellſchaft ihrer Schwägerinnen. 43 Kach dieſer Unterredung mit Anna ſchien Falken⸗ ſtern ganz umgewandelt. Er hatte während ſeines Aufenthaltes in der Hauptſtadt und auf der Reiſe nach Birgersborg ſich für die junge und ſchöne Frau inter⸗ eſſirt. Jetzt dagegen widmete er ihr ſo viel als gar keine Aufmerkſamkeit. Als ſie nach ihrer Trennung am Pavillon ſich beim Mittagstiſch um vier Uhr wieder trafen, war ſein Gruß kälter als vorher. Während der Mahlzeit unterhielt er ſich aus⸗ ſchließlich mit Beate, welche nach ihrer Gewohnheit ſorgfältig gekleidet war und recht nett ausſah. Alles, was Falkenſtern ſagte, fand die„gnädige Frau“ treffend, und ſie wußte ihm ihren Beifall auf eine ſo feine Art zu erkennen zu geben, daß er un⸗ willkürlich ſich dadurch geſchmeichelt fühlte. Beate ſprach gut und konnte eine Converſation über die all⸗ ien Gegenſtände in ganz angenehmem Tone ühren. Als Walter ſeinen Platz an demſelben Tiſch wie ſie einnahm, wurde Beate dunkelroth vor Aerger: aber die kluge Frau hütete ſich wohl, ihren Hochmuth an's Licht treten zu laſſen, oder ein einziges Wort des Mißvergnügens zu äußern. Sie hatte ſich bereits ge⸗ merkt, daß Walter einen großen Einfluß auf ſeinen Herrn beſaß, und ging deßhalb ſo weit, daß ſie unter dem Eſſen mit einem unbeſchreiblichen Lächeln und mit freundlicher Stimme ein paarmal ihn anredete. Sie hatte beſchloſſen, den Mulatten zu gewinnen, weßhalb 44 ihr ganzes Weſen, jedes ihrer Worte eitel Verbind⸗ lichkeit athmete. Daß Tante Katharina eine nicht unbedeutende Rolle im Hauſe ſpielte, wußte ſie gleichfalls und er⸗ achtete es darum als das Räthlichſte, ihr Benehmen gegen dieſelbe zu ändern. An die Stelle der herablaſſenden Freundlichkeit, welche ſie bei ihrer Ankunft gegen die alte Verwandte bezeigt hatte, trat jetzt ein äußerſt zuvorkommendes Weſen. Man konnte nicht liebenswürdiger ſeyn; und dieſe Liebenswürdigkeit fiel um ſo mehr in die Augen, als Anna und Mathilde ungewöhnlich ſchweigſam waren. Die Erſtere ſah etwas mißvergnügt aus und erlaubte ſich ein paarmal Falkenſtern zu widerſprechen. Ma⸗ thilde Braun konnte ſich nur mit Mühe der Thränen enthalten. Die Urſache dieſer Verſtimmung kam von den Anordnungen her, welche Falkenſtern durch Tante Ka⸗ tharina denſelben hatte mittheilen laſſen. Er wünſchte nämlich, daß die Kinder zeitiger eſſen ſollten, als die Mutter. Er wollte ſie beim Mahle nicht ſehen und im Allgemeinen durch ihren Anblick ſo wenig als möglich beſchwert werden. Des Nachmittags, behielt er ſich vor, ſollten die Kinder weder im Garten noch in der Nähe des Wohnhauſes ſpielen, ſondern ent⸗ weder auf ihren Zimmern bleiben, oder mit ihren Wärterinnen im Park und wo es ihnen ſonſt beliebte, ſich hekumtreiben. Falkenſtern ſtellte außerdem für jeden Nachmittag einen Wagen zur Verfügung für die Kinder mit ihren Wärterinnen, nur um während dieſer Stunden jeder Berührung mit ihnen zu entgehen. Beate hatte Tante Katharina mit feſt zuſammen⸗ * gepreßten Lippen angehört, aber ohne ein einziges Wort über dieſes Arrangement zu äußern. Mathilde begann zu weinen, und es dünkte ihr barbariſch, ſie mehrere Stunden lang von dem armen kleinen Stephan zu trennen. Sie bereute ihre Reiſe hieher und hatte ein Vorgefühl, daß ſie ſchon von dem bloßen Gedanken einer ſolchen Verletzung ihres Mutterherzens krank werden würde. Anna unterbrach ihre Klagen darüber, daß die Kinder nicht an dem⸗ ſelben Tiſch mit ihren Müttern eſſen ſollten, kurz durch die Bemerkung: „Liebe Mathilde, es iſt doch einerlei, ob die Kin⸗ der zugleich mit uns eſſen, wenn ſie nur ſatt werden. Ich finde es viel klüger, daß ſie in dieſem Fall ihre alten Gewohnheiten beibehalten. Was dagegen den Umſtand anbetrifft, daß ſie von ihren Müttern ge⸗ trennt und ganz und gar der Obhut der Mägde über⸗ laſſen werden ſollen, ſo will ich doch ſehen, wer mich zwingen kann, den ganzen Nachmittag den Anblick derſel⸗ ben mir zu verſagen. Daraus wird ganz und gar nichts.“ „Haſt Du wirklich die Abſicht, unhöflich und un⸗ dankbar zu ſeyn, daß Du wirklich auf die Wünſche von dem, deſſen Gaſt Du biſt, einzugehen, Dich wei⸗ gerſt?“ fiel Beate ein. „Sage lieber, daß ich viel zu ſelbſtſtändig bin, um mir auf ſolche Weiſe Geſetze vorſchreiben zu laſ⸗ ſen“, entgegnete Anna. Dieſer kleine Vorfall hatte ſie jedoch in eine ge⸗ reizte Stimmung gegen Falkenſtern verſetzt, und ſie empfand den lebhafteſten Antrieb, Allem, was er ſagte, zu widerſprechen.. Nach der Mahlzeit begab man ſich in einen alt⸗ modiſch möblirten Salon, zur Rechten von dem Saal, und trank dort Kaffee. 46 Kaum war dieß geſchehen, ſo verließ Anna das Gemach, und eine Weile hernach ſah man ſie mit ihren beiden Kindern den Weg nach dem Park ein⸗ ſchlagen. Sie wollte damit ſagen, daß ſie die Anwendung ihrer Zeit und die Wahl ihrer Geſellſchaft ihrem eige⸗ nen Belieben vorbehalte. Somit überließ ſie es Beate und der weinerlichen Mathilde, ihren Wirth nach be⸗ ſtem Vermögen zu unterhalten. Vielleicht glaubte die fünfundzwanzigjährige ſchöne Frau, Falkenſtern dadurch zu ärgern; allein ſie ver⸗ rechnete ſich. Er gab auf ihre Abweſenheit gar nicht Acht; ſo ſehr war er durch das Geſpräch mit Beate in Anſpruch genommen. Am folgenden Tage erſchienen Handwerker, um die unbewohnten Zimmer des erſten Stockwerks in Stand zu ſetzen. Sie ſollten zu Prachtgemächern für den Empfang von Gäſten bei größeren Einladungen eingerichtet werden. Beate war diejenige, welche hiebei um Rath ge fragt wurde. Sie ſollte die Tapeten und Möbel aus⸗ wählen und über Alles ihre Anſicht ausſprechen. Dieſe Arbeiten wurden mit großer Eile betrie⸗ ben, denn binnen fünf Wochen ſollten die Zimmer in Ordnung ſeyn. Während dieſer fünf Wochen hatte Falkenſtern für nichts Anderes Sinn und Gedanken. Als die neuen Möbel anlangten und die Maler mit ihren Arbeiten beinahe zu Ende waren, begann Falkenſtern ſeine Aufmerkſa auf einige Anlagen im Park zu richten.— Auch hier wurde Beate gangen, und da ſie dieſelb Durchhau im Garten höchſtn hi ßerte ß othwendig wäre, um vo 47 3 der Terraſſe aus eine freiere Ausſicht über den See zu gewinnen, gab Falkenſtern ſogleich Befehl hiezu. Tante Katharine hatte mit einem bis ins Herz gehenden Verdruß mitangeſehen, wie die„kleine Gnä⸗ dige die Perſon war, welche Alles nach ihrem Wohl⸗ gefallen anordnete. Die Alte war neugierig, wie das enden würde.. „Wenn nun gar Beate's gottloſer Junge zum Univerſalerben beſtimmt würde“, dachte ſie. Das wäre für Tante Katharina nur mit großer Mühe zu verſchmerzen geweſen. Sie konnte Beate nicht leiden und ließ ſich durch die ihr bewieſene Freundlichkeit nnicht bethören. . Tante Katharina legte ſich jedoch Stillſchweigen auf. Sie miſchte ſich niemals in Etwas, das ſie ihrer Anſicht nach nichts anging, und ſprach ſelten ihre Meinung aus, es müßte denn ſeyn, daß Falkenſtern ſie direkt hinzu aufforderte. Hätte jedoch Beate mit ihtem Rath und Einfluß ſich in Tante Katharina's Bereich einzudrängen geſucht, ſo wäre dieſe auch die S Erſte geweſen, ſie von hier zurückzuweiſen. * Jetzt hielt ſich Beate innerhalb eines Gebiets, uuf welchem Tante Katharina mitzuſprechen ſich nicht bemüßigt fand, und darum ließ ſie auch die Dinge gehen wie ſie wollten. Walter verhielt ſich gleichfalls ſtill; aber nach Art der Katze, welche auf ihren Raub lauert und die geringſten Bewegungen ihres Opfers betrachtet, um 5 nächſten Augenblick ſich auf daſſelbe ſtürzen zu önnen. WAuch er kö Stral nicht leiden und hatte feſt beſchloſſen, ſie mit aller ihrer Mühe leer ausgehen ſollte. 32 Dabei war er aber zu ſchlau, um, was in ſeinem S 48 Innern vorging, merken zu laſſen. Er zeigte ſich gegen„Ihro Gnaden“ äußerſt artig, ſchmeichelte ihr, wenn ſie es hörte, und lobte ſie, wenn ſie den Rücken wendete. Während er ſomit eine Rolle ſpielte, durch welche ſich Beate ganz irre führen ließ, ſpionirte er all ihr Reden und Thun aus, fragte bei ihrer Magd herum, horchte an allen Schlüſſellöchern, ſpielte mit Allon, und erfuhr auf ſolche Art Alles, was er wünſchte. Walter hatte ſomit von Vielem Kunde erhalten, worüber Falkenſtern ganz im Dunkeln war. So wußte er, um nur Eines zu ſagen, ſogleich, daß die„Gnä⸗ dige Frau“ ihre Schwägerin niemals hatte leiden können, daß ſie immer feindſelig gegen dieſelbe ge⸗ ſinnt geweſen war, und namentlich ſeit ihres Bruders Tod ſich ſo ſchlecht gegen Anna benommen hatte, daß dieſe es ſo viel als möglich vermied, mit Beate in Berührung zu kommen. Ferner war ihm bekannt, daß Beate ſeit ihrer Ankunft zu Birgersborg Anna auf alle erdenkliche Weiſe gequält hatte, ein Umſtand, welcher dieſe be⸗ ſtimmte, in aller Stille ein paar brauchbare Zimmer im zweiten Stock aufzuſuchen und Tante Katharina zu bitten, ſie gegen dieienigen, welche ſie bis jetzt neben ihren Schwägerinnen gehabt hatte, vertauſchen zu dürfen. Tante Katharina ließ derſelben ihren Willen. Anna hatte ſie zugleich erſucht, von dieſem Um⸗ zug Falkenſtern keine Mittheilung zu machen., Walter hatte ferner ſich Kenntniß davon ver⸗ ſchafft, daß Frau v. Stral's Gatte ſo gut wie rui⸗ nirt, daß es mit Kapitän Braun gelegenheiten in Folge von Darlehen und Bürgſchaften ſehr ſchlimm 49 beſtellt war, und daß es bei ſeiner Heimkehr für ihn ſchwer halten würde, ſich herauszureißen. Ueberdieß hatte er ausgeſpürt, daß Beate's wohl⸗ erzogener und gehorſamer Sohn, wie Falkenſtern im⸗ mer zu ſagen pflegte, wenn man auf Allon zu ſprechen kam, ein förmlicher Plagegeiſt für die andern Kinder war; daß die Frau Mama ſelbſt nur durch Beſtechun⸗ gen ihre Macht über den jungen Herrn behauptete, und daß ſie nach beſtem Vermögen ihm klar zu ma⸗ chen ſuchte, er müſſe ſich Mühe geben, vor Onkel Falkenſterns Augen als ein recht artiges Kind dazu⸗ tehen, weil er dann eines Tags Beſitzer von Bir⸗ gersborg werden könnte. Deßhalb wurden auch dem Knaben tauſend kleine Künſte eingelehrt, womit er bei ſeinem reichen Verwandten ſich angenehm machen önnte. Allon v. Stral war auch das einzige von den Kindern, welches ſich rühmen konnte, daß Falkenſtern ihm zuweilen auf den Kopf tätſchelte, einige freund⸗ liche Worte ſagte, oder die Erlaubniß gab, auf klei⸗ neren Spaziergängen ihn zu begleiten. Unter ihren anderen Eigenſchaften beſaß Beate auch in hohem Grade die Fähigkeit, während ſie ſich lobend über eine Perſon ausließ, zugleich deren Feh⸗ ler ans Licht zu ziehen und dadurch deren Charakter viel mehr herabzuſetzen, als es für den, welcher blos auf das Verleumden ausgeht, möglich iſt. Sie pflegte zum Beiſpiel gegen Falkenſtern zu äußern: „Ich kenne Niemand, der ein beſſeres Herz und ein ſanfteres Gemüth hat, als Mathilde, und wahr⸗ ſcheinlich iſt es dieſe gewinnende Güte, welche verurſacht, aß ſie ſich vollkommen von Andern leiten läßt und daß man im Grunde von ihr nicht ſagen kann, ſie habe Schwartz, Der Rechte. I. 4 50 einen eigenen Charakter. Das arme Kind, ſie iſt ſo unpraktiſch, ſo völlig willenlos, daß ſie unter dem Einfluß gottloſer Menſchen ſelbſt gottlos werden müßte. Ihr Mann, ein eigennütziger und berechnender Menſch, hat demoraliſirend auf ſie eingewirkt, und ich lebe in einer beſtändigen Angſt, er möchte ſie am Ende zu Handlungen verleiten, welche Ehre und Rechtsgefühl mißbilligen müſſen.“ Ueber Anna hieß es: „Sie iſt ſo ſchön, ſo heiter und ſo ſelbſtſtändig, daß man an ihr ſelbſt gegen ſeine Vernunft und Ue⸗ berzeugung Gefallen finden muß.— Mein Bruder war nicht ſehr glücklich in ſeiner kurzen Che, und es ging ihm gut, daß er ſtarb.“ Dann ſeufzte Beate und ſetzte hinzu: „Aber es iſt nicht der Mühe werth, daran zu denken. Anna kann allerdings für ihre wandelbare Gemüthsart nicht, obwohl man ſagen kann, daß ſie dadurch ihren Mann ins Grab gebracht hat.“ Das Sonderbare vei ſolchen Gelegenheiten war, daß Falkenſtern niemals, wenn von Anna die Rede war, auf das Thema ſelbſt einging; wohl aber, wenn Mathilde auf das Tapet kam, das Geſpräch fort⸗ ſpann. Z Auch darüber war in den verfloſſenen Wochen Walter ins Klare gekommen und beſchäftigte ſich nun damit, ſeinen Angriffsplan zu entwerfen. Die Handwerker waren inzwiſchen mit ihrer Ar⸗ beit fertig geworden, und Beate wurde von Neuem in volle Thätigkeit geſetzt, um mit Hülfe der Diener⸗ ſchaft die neuen Wohnungen zu möbliren und in ge⸗ hörigen Stand zu ſetzen. Sie entwickelte dabei ſo viel Geſchmack und Gewandtheit, daß ſie die Kom⸗ plimente, welche Falkenſtern ihr machte, vollkommen Wiederſehen des geliebten Vaters, allerdings in etwas 51 verdiente. Seine Theilnahme für ſie und Allon war auch, wie man ſehen konnte, in den letzten Tagen ſtets im Wachsthum begriffen. Mathilde und Anna dagegen ſchienen für ihn gar nicht zu exiſtiren. Er begrüßte ſie bei der Mahl⸗ zeit, äußerte einige kalte, nichtsſagende Worte, oder ließ ſich auch in einen Streit mit Anna ein, wenn dieſe ſich zuweilen in das Geſpräch miſchte. inige Tage vor Mitſammer trafen der Kammer⸗ junker v. Stral und ſein Bruder, Lieutenant v. Stral, ein. Dieſer war ein junger, eleganter Mann, welcher von Falkenſtern zugleich mit Beate's Gemahl die Ein⸗ ladung erhalten hatte, die Johannisfeiertage als Gaſt in Birgersborg zuzubringen. Es war ſchön, Beate's Freude bei der Ankunft ihres Mannes und die Zärtlichkeit, womit ſie ihn em⸗ pfing, anzuſehen. Ihr Blick erglänzte von Glückſelig⸗ keit, als ſie ihren Mann betrachtete, wie er ſeinen Sohn in die Arme ſchloß. Allon drückte ſeine kindliche Freude über das gewählten Redensarten aus; dieß war aber auch Alles, was man etwa daran rügen konnte. Walter ſtand wie eine Bildſäule in der Ecke des Saales und beobachtete diefe maleriſche Scene; der Mulatte war indeß vandaliſch genug, ſich davon nicht ie zu laſſen, ſondern ſprach mit einigem Grinſen ei ſich: „Jetzt gilt es, die Ohren zu ſpitzen, um heraus⸗ juhetenien⸗ wie das eheliche téte àtéte ſich ge⸗ altet.“ Tante Katharina's Daumen drehten ſich mit zu⸗ nehmender Geſchwindigkeit um einander herum. S ärgerte ſich gründlich darüber, daß Falkenſtern„de Narr, dem Schauſpiel, das man zur Täuſchung für ihn aufführte,“ mit ſo ſichtlichem Intereſſe ſich zu⸗ wendete. Das erſte, was der Lieutenant that, nachdem er den Wirth begrüßt hatte, war, ſich Anna zu nähern. Es bedurfte keines ſonderlichen Scharfſinns, um ſo⸗ gleich zu bemerken, daß er blos in der Hoffnung, ſie zu treffen, nach Birgersborg ſich begeben hatte. Inwieweit Falkenſtern dieß gewahrte, iſt ungewiß. Seinè Aufmerkſamkeit war ausſchließlich Beate und ihrem Mann zugekehrt. Die Herren waren etwas ſpät am Abend ange⸗ kommen, ſo daß man, nachdem ein leckeres Souper eingenommen war, ſich trennte. Der Lieutenant und der Kammerjunker hatten ihre Zimmer im linken Flügel erhalten; der Ehemann folgte aber ſeiner theuren Hälfte hinauf in ihre Ap⸗ partements, und Waiter ſchlich ſich hintendrein, um zu erlauſchen, wie weit die Zärtlichkeit, wenn ſie nun allein wären, Stich holten würde: etwas, womit es zu ſeiner großen Genugthuung nicht recht vorwärts wollte. Rachdem Alle ſich entfernt hatten, blieb Falken⸗ ſtern auf der Terraſſe zurück und rauchte ſeine Cigarre. Rings um den reichen Mann war Alles ſo fried⸗ lich. Unten im Park ertönte der Geſang der Droſſel, nur unterbrochen von dem Buchfinken, welcher ſein Weibchen lockte. Falkenſtern ſchaute gedankenvoll durch die kürz⸗ lich gebrochene Lichtung und ließ den Blick auf dem Gemälde weilen, welches vor ihm ausgebreitet h Allmälig verſtummte die Droſſel. Die Sti der Racht ſolgte auf den poetiſchen Frieden d 53 Abends; aber Falkenſtern verharrte noch immer auf ſeinem Platze. Plötzlich wurde ſeine Aufmerkſamkeit von Etwas angezogen, das zwiſchen den Bäumen in der Allee zur Linken hindurchſchimmerte. Er betrachtete den Gegenſtand mit prüfendem Blick und fand, daß es eine Frauengeſtalt war, welche mit leichtem Schritt nach dem See hinabging. „Anna,“ murmelte Falkenſtern, und erhob ſich raſch; worauf er in Eile von der Terraſſe aus den Weg nach der Allee zur Rechten einſchlug, um auf dieſe Art mit der Nachtwandlerin am See zuſammen⸗ zutreffen. Auf dem Platze vor dem Pavillon angekommen, ſah er ſie auf der kleinen, über das Waſſer hinaus⸗ gebauten Brücke ſtehen. Anna's eine Hand ruhte auf dem Geländer. Das Geſicht war von Falkenſtern abgewandt, ſo daß er deren Züge nicht unterſcheiden konnte; aber niemals war ihm ihre Geſtalt ſo plaſtiſch ſchön vorgekommen, wie er ſie jetzt ſah, da dieſelbe ic der noch am Himmel zögernden Abendröthe abhob. Falkenſtern ging vorwärts und war hart in ihrer Nähe, ehe ſie ſich umdrehte. ls ſie ſeiner gewahr wurde, ſchien ſie etwas überraſcht, und Bengt glaubte, einen Schatten des ſ rigens über das ruhige Antlitz fliegen zu ehen. „Ein herrlicher Abend,“ bemerkte Anna, ohne mit einem Wort ihre Ueberraſchung zu verrathen. „Ja, gewiß,“ erwiederte Falkenſtern und jetze ſich auf eine der Bänke, welche auf der Brücke ſtan⸗ den.„Die Luft iſt ſo mild, daß man ſich nach de Süden verſetzt glauben könnte.“ Er legte den Hut neben ſich hin und fuhr mit der Hand über die Stirne, indem er hinzuſetzte: „An einem ſo ſüßen und ſchönen Sommeraben fühlt man recht bitter die Verluſte, wovon das Herz betroffen wurde, da es ſich Alles geraubt ſah, was ihm theuer geweſen war. Die lächelnde Natur bildet dann einen ſcharfen Kontraſt zu unſerer innern Ar⸗ muth.“ „Jo, im Fall wir nicht gelernt haben, mit Er⸗ gebung unſer Geſchick zu tragen und durch Genügſam⸗ keit ihm ſo viel als möglich von ſeiner Bitterkeit zu benehmen,“ erwiederte Anna. Falkenſtern zuckte die Achſeln und hob dann, ohne auf Anna's Bemerkung eine Antwort zu geben, wieder an: 5 „Woran dachteſt Du, als ich hieher kam und Dich ſtörte?“ Wenn ich es Dir ſagte, würdeſt Du wieder die Achſein zucken und mitleidig über mich lächeln.“ „Sehr möglich, aber was macht das? An einem ſo ſchönen Abend kann man aufrichtig ſeyn, blos um des Vergnügens willen, das man davon hat.“ „Sehr wahr.. Nun wohl, ich dachte, wie ſehr ich Gott zu danken habe, daß ich mich glücklich und mit meinem Looſe zufrieden fühle.“ „Wie lang iſt es, daß dein Mann geſtorben?“ Die Stimme klang ironiſch. „Es ſind vier Jahre, daß ich Wittwe bin.“ „Und Du haſt nicht blos aufgehört, ihn zu ver miſſen, ſondern fühlſt Dich ſelbſt glücktich als Wittw „Man vermißt immer das Glück, welches me verloren hat; aber dieſe Sehnſucht darf mich ni gegen das verblenden, deſſen ich mich noch erf —— 59 „Frau von Stral,“ erwiederte dieſer mit uner⸗ ſchütterlicher Ruhe. Darauf begann er davon zu reden, wie freundlich ſie gegen Jedermann wäre, wie ſehr ſie ſich für Alles, was auf Falkenſtern und Bir⸗ gersborg Bezug hatte, intereſſirte, wie geſchickt und unermüdet ſie in Allem ſich zeigte. Sie habe ja bei en neureparirten Zimmern ſo eifrig ſich umgethan, als ob dieſelben für ihre eigene Perſon in Stand ge⸗ ſetzt worden wären. Ihre Freundlichkeit gegen den Kapitän leuchte aus ihrem ganzen Thun hervor, wäh⸗ rend die Schweſter und die Schwägerin nur an ihre Kränklichkeit, oder an ihre Kinder dächten. Dieſe er⸗ weiſen ja dem Kapitän nicht die geringſte Theilnahme und legen für Alles, was um ſie her vorginge, nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit an den Tag. Walter fand ſofort Frau Falkenſtern unerträglich und ſo egoiſtiſch, daß ſie für nichts Anderes Sinn hätte, als wie ſie ihre Kinder die Landluft recht ge⸗ nießen laſſen und behaglich an ihrer Stickerei fortar⸗ beiten könnte. „Stickerei?“ fiel Falkenſtern ein.—„Ich habe ſie niemals ſticken ſehen.“ „Das glaube ich auch,“ rief der Mulatte mit einem verächtlichen Achſelzucken.„Sie wird doch wohl ſo viel Vorſicht haben, um ſich nicht vor des Hernt Kapitäns Naſe hinzuſetzen und an dem Kram da h zunähen, wofür ſie Bezahlung erhält. Sie die Königin ſticken, ſagte die gnädige Frau, nganz derſelben Meinung wie dieſe, daß Falkenſtern jetzt, wo das Leben hier ſie nichts koſtet, ſuchen ſollte, ſich dem Herrn Kapitän angenehm zu machen, anſtatt die Zeit zu einem Geldverdienſt zu benützen und ſomit aus ihrem hieſigen Aufenthalte einen doppelten Gewinn zu ziehen. „So, ſo, das iſt alſo deine und Frau von Strals Meinung. Das will mit andern Worten ſagen, daß ihr euch ganz einfach das Vergnügen macht, Frau Falkenſtern zu verleumden.“ Der Kapitän ſtand auf und ſetzte, dem Mulatten. die Hand auf die Schulter legend, hinzu; „Ich rathe Dir, mein lieber Walter, daß Du Dich darauf beſchränkſt, Frau von Stral anzuhören, aber nicht deren Sekundanten zu machen. Komm' morgen vor dem Frühſtück zu mir, ich habe einige Worte in Bezug auf die Einladung zum Johannistag mit Dir zu reden.“ Falkenſtern begann nun, auf der Teraſſe hin und her zu gehen. Walter wünſchte ſeinem Herrn gute Nacht, während er mit heimlicher Schadenfreude bei ſich ſelbſt ſprach: „Es iſt ganz nach meiner Berechnung gegangen, und er hat an der Angel, welche ich ihm ſo geſchickt legte, angebiſſen.“ Wir fürchten indeſſen, daß Walter jetzt Angeln auswarf, welche überflüßig waren. * VI. Tante Katharina hielt große Berathung mit der Haushälterin und Köchin, als di Thüre zu ihrem innern Zimmer aufging und der Kapitän eintrat. Es war etwas ſo durchaus Ungewöhnliches, einen Beſuch von ihm zu empfangen daß Tante Katharina augenblickich von ihrem S ch erhob und nach ihrem großen Schlüſſelbund griff: ein Zeichen, daß die Alte völlig verblüfft war. S 5 61 „Kann ich mit Dir ſprechen, Tante?“ fragte Fal⸗ kenſtern. Kaum waren dieſe Worte über ſeine Lippen ge⸗ kommen, ſo verſchwanden auch Haushälterin und Köchin. „Nun, was iſt denn los?“ fragte Tante Katha⸗ rina, als ſie allein waren.„Iſt Etwas nicht richtig?“ „Das will ich nicht behaupten,“ erwiederte Fal⸗ kenſtern lächelnd;„aber ich wünſchte der Tante, vor dem Frühſtück noch, die Liſte der Gäſte einzuhändigen, welche ich auf den Johannistag erwarte. Alle, vor enen ein Kreuz ſteht, werden ein paar Tage hier verweilen.“ Tante Katharina brachte den Schlüſſelbund wie⸗ er an ſeinen Ort im Gürtel und ſtreckte die Hand nach der Liſte aus, indem ſie auf den Kapitän einen langen Blick heftete, als wolite ſie erforſchen, warum er ſelbſt damit zu ihr käme. „Der Kammerjunker hat das Zimmer neben dem Lieutenant bekommen?“ fragte er gleichgültig. „Ja, wenigſtens iſt es für ihn eingerichtet,“ ant⸗ wortete Tante Katharina;„aber ſeine Frau hat ge⸗ wünſcht, daß er während ſeines hieſigen Aufenthalts bei ihr wohne, und das finde ich ganz natürlich.“ „Gewiß, aber dann ſind zwei Zimmer allerdings zu wenig für ſie. Sie werden alſo Mathilde in dieſem Fall in den Flügel hinunterziehen laſſen. Jetzt griff Tante Katharina abermals nach dem Schlüſſelbund, denn ſie war in nicht geringe Verlegen⸗ heit gerathen. Sie hatte ja Anna auf ihr Begehren und ohne Falkenſtern davon zu unterrichten, zwei Treppen hoch ziehen Dieß war ein Arrange⸗ ment, das er ganz ißbilligte; aber da war nicht zu helfen; die mußte heraus. Viel⸗ 62 leicht hatte er ſchon eine Ahnung davon, ehe er nur dieſe Frage machte. „O, deſſen bedarf es nicht,“ entgegnete Tante Katharina,„Anna Falkenſtern hat zwei Zimmmer im obern Stockwerk. Ich wollte es ihr erſparen, von der boshaften Beate und ihrem ebenſo boshaften Jungen bei lebendigem Leibe aufgezehrt zu werden⸗ Ich meinte nun, es wäre überflüſſig, Dich mit ſolchen Dingen zu behelligen, und machte die Sache ab, ohne Dir etwas davon zu ſagen.“ „Hat ſich bei Dir Anna über Beate beklagt?“ „Ganz und gar nicht. Sie ſagte mir nur, ihre Kinder ſeyen ſo unartig, daß die Schwägerinnen keine Ruhe vor ihnen haben würden.“ „Nun, das iſt wohl auch wahr?“ „eineswegs. Lia ſagt vielmehr, ſie ſeyen recht brav, und ſie erzählte mir, wie Beate ſich dabei be⸗ nommen, wie ſchändlich ſie ſich gegen Anna ausgelaſſen hat, als ſie dieſelbe im Schlaſzimmer deiner Frau fand. Sie hat behauptet, Anna ſey blos in der Hoffnung hieher gekommen, Dich wegzufiſchen.“ „Nun, das lautet auch ganz wahrſcheinlich.“ Wahyrſcheinlich!“ rief Tante Katharina und er⸗ faßte ihre Scheere, mit welcher ſie ſehr nachdrücklich auf ihr Schürzenband loshämmerte, während ſie nicht ohne große Heftigteit fortfuhr: „Anna denkt daran ſo wenig als ich. Man muß ſich ordentlich ärgern, wenn man hört, daß ein alter Mann wie Du ſo eingebildet ſein kann. Mir dünkt, ſie hat bei jeder Gelegenheit bewieſen, daß ſie nicht ich fragt, ob ſie Dir gefällt oder bhängigkeit von gan⸗ Beale ungeſtört da äen möglichen Vorkheil 63 zu ziehen und ihren Sohn zu deinem Erben erklärt zu ſehen.“ Was beweist das? Nun, daß Beate wie eine kluge Mutter handelt, während Anna ſich dagegen wie eine Närrin benimmt. Wer benützt nun das Schlafzimmer meiner Frau für ſich?“ „Beate, verſteht ſich.“ Die Hand des Kapitäns fiel ſchnell und nach⸗ drücklich auf die Sophalehne herab und er rief mit großer Heftigkeit: „Ich habe Dir aber doch geſagt, Tante, daß Nie⸗ mand anders als Anna dieſes Zimmer benützen ſollte.“ Dann ging er ſchnell davon und ſchlug die Thüre hinter ſich zu. Tante Katharina nahm eine Priſe nach der an⸗ dern, während ſie ganz verwirrt murmelte: „Das muß ich lagen— das muß ich ſagen, es ſieht mir ſehr ſonderbar aus.“ Das Frühſtück war aufgetragen. In den Saal trat Beate, auf den Arm ihres Mannes geſtützt. Schwerlich konnte man ein Angeſicht ſehen, wel⸗ ches von größerer Anhänglichkeit ſprach, als das ihrige. Der Anblick deſſelben konnte den ſchlimmſten Zweifler überzeugen, daß die Glückſeligkeit der Che kein leeres Wort iſt. Falkenſtern ſtand auf der Schwelle der nach der Terraſſe führenden, gerade offenen Glasthüren und ſprach mit dem Lieutenant von Stral, als die beiden Gatten eintraten. 6 Mathilde ſaß an einem der offenen Fenſter und ſchaute mit gleichgültigem Blick zu dem klaren Som⸗ merhimmel äuf. Alle waren verſammelt, nur Anna fehlte noch. Falkenſtern dachte, während er daſtand und mit — 64 einer gewiſſen Ungeduld die Augen nach der Saal⸗ thüre richtete, durch welche er ſie eintreten zu ſehen erwartete. „Sollten meine Worte von geſtern Abend ſie er⸗ ſchreckt haben, ſo daß ſie jetzt nicht zum Frühſtück herabkommt? Unmöglich, ſie gehört nicht zu denen, die ſich ſo leicht Schrecken einjagen laſſen.“ In dieſem Augenblick ging die Thüre auf, und Anna trat ein, heiter und ſchön, wie der Himmel des Tages. Sie begrüßte Falkenſtern ganz unbefangen, reichte dem Lieutenant vertraulich die Hand, und als Tante Katharina und Walter nun auch kamen, machte man ſich an das Frühſtück. Falkenſtern widmete wie gewöhnlich ſeine Artig⸗ keit und Aufmerkſamkeit ausſchließlich Beate; aber zu ihrem großen Verdruß folgten die Augen nicht den Worten. Die letzten galten ſicherlich ihr; aber die erſten flogen hinüber zu Anna. Beate empfand ein nervöſes Zucken beim Anblick der Beharrlichkeit, womit Falkenſtern ihre Schwägerin betrachtete; und ſie war nahe daran, vor Grimm zu er⸗ ſticken, da, wie ſie bei ſich ſelbſt anerkennen mußte, Anna ſo ſchön, ſo heiter und ſo einnehmend ausſah, daß es eine wahre Freude ſein mußte, ſie anzuſchauen. Anna ihrerſeits ſchien gar nicht zu bemerken, daß ſie der Gegenſtand war, wohin Bengts Augen ſich beſtändig richteten, ſondern ſcherzte und plauderte mit dem Lieutenant von Stral. Sie lachte über ſeine Einfälle und ergötzte ſich augenſcheinlich an ſeiner Unterhaltung. Rachdem das Frühſtück zu Ende war, gingen Anna, Mathilde und der Lieutenant auf die Terraſſe hinaus und ließen ſich dort nieder. Beate blieb a einem der Saalfenſter ſtehen, während ihr Mann nd 65 der Kapitän ihre Cigarren anzündeten und ein paar orte wechſelten. Während der Kammerjunker die ſeinige in Gluth zu ſetzen bemüht war, warf er zufällig einen Blick auf ſeine Frau, und aus dem, welchen ſie ihm zurück⸗ gab, nahm er ab, daß ſie mit Falkenſtern allein zu ſein wünſchte. Er ging alſo gleichfalls zu den Andern auf die Terraſſe hinaus. „So in Gedanken verſunken, beſte Beate? was iſt es, das deine lebhafte Seele dermaßen feſſelt, daß Du Alles um Dich herum vergiſſeſt?“ „Dieſes Gemälde,“ antwortete Beate mit beweg⸗ ter Stimme und deuteke dabei auf die Bank, wo der Lieutenant und Anna ſaßen. WJa, es iſt ſehr hübſch. Beide, ſowohl Alfred von Stral als Anna, haben ein ungewöhnlich vor⸗ theilhaftes Aeußere,“ antwortete Falkenſtern, und be⸗ trachtete die Sprechenden. Beate ſchaute zu ihm auf, um zu erforſchen, welchen Eindruck ihre Worte auf ihn machen würden; aber ſie hätte ebenſowohl hoffen können, einen Felſen ich bewegen zu ſehen, als in Falkenſterns hartem, und kaltem Angeſicht eine Veränderung zu entdecken. Sie hob daher in ſanftem Tone wieder an: „Es ſollte mich unendlich freuen, wenn Anna und Alfred ſich zu einer Verlobung entſchlößen. Ich abe lang ſchon darauf hingearbeitet; denn ſo wie es jetzt geht, könnte ihr Verhältniß ihnen übles Ge⸗ rede zuziehen. Alfred hat genügendes Vermögen, um eirathen zu können, iſt verliebt und wird aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach durch Gegenliebe belohnt. Es findet ſomit kein Hinderniß ſtatt, und doch kommt es zu keiner Verlobung.“ Und der Grund?“ fragte Falkenſtern. Schwartz, Der Rechte. I. 5 66 „Wohrſcheinlich, weil.... weil. aber ich will lieber ſchweigen.“ „Du thuſt Unrecht daran,“ erwiederte Bengt und ſetzte, ihre Hand faſſend, hinzu: „Haſt Du kein Vertrauen zu mir?“ „O gewiß; aber es iſt ſo ſchmerzlich, Etwas aus⸗ ſprechen zu müſſen, das man lieber mit Stillſchweigen übergehen möchte.“ Beate ſah bei dieſen Worten ganz unglücklich aus. „Aber Du ſagſt es ja einem Freunde, auf deſſen Verſchwiegenheit Bu bauen kannſt.“ „Du haſt Recht. Ich baue unbedingt auf Dich und darum kann ich Dir auch antworten, daß Alfred fürchtet, Anna werde als ſeine Frau ihm ebenſo we⸗ nig treu ſein, wie ſie es meinem Bruder geweſen iſt. Er bebt vor ihrer Veränderlichkeit zurück. n einem ſolchen Fall darf er gar nicht an's Heirathen denken,“ fiel Falkenſtern kurz ein. „Erlaube mir, Bengt, mit Bezug darauf eine entgegengeſetzte Anſicht auszuſprechen. Ich glaube, wenn Anna ſich mit Alfred vermählte, würde ihre Unbeſtändigkeit verſchwinden. Er wird ſie dann ganz und gar beherrſchen.“ „Möglich, daß Du Recht haſt, aber ich bezweifle es vorläufig; ſolche Frauen wie Anna müſſen andere Männer als Alfred haben.“ Mit dieſen Worten trennte ſich Falkenſtern von ihr und ging auf die Terraſſe hinaus. S Seine Worte befriedigten Beate durchaus nicht. Sie faßte auch ſtehenden Fußes den Entſchluß, Anna ſollte ſchon am nächſten Tage gezwungen werden, Alfred das Jawort zu geben, welches ſie ihm ſchon ſo lang verweigert, und welchem Beate früher aus allen Kräften entgegengearbeitet hatte, weil ihr 67 mals keine Ausſichten auf ein anderes Erbe eröffnet waren, als auf das, welches ihr Schwager einmal hinterlaſſen würde. Jetzt verhielt ſich die Sache anders. Durch eine Heirath mit Alfred wurde Anna unſchädlich für Beate's ane auf den Couſin, welche ihre Schwägerin dann nicht durchkreuzen konnte. Mit dieſem Schlußſatz wandte ſie ſich vom Fenſter ab, um den Saal zu verlaſſen, fand ſich aber Walter unmittelbar gegenüber, welcher hart hinter ihr ſtand. Die gnädige Frau lächelte dem Mulatten zu, welcher ſie mit ſeinen großen, ſchwarzen Augen an⸗ mit ihr zu ſprechen wünſchte. „Wollen Sie, Herr Walter, mir nach dem Pa⸗ villon hinunter folgen?“ ſagte Beate.„Ich möchte unter Ihrem Beirath eine Ueberraſchung für den Ka⸗ pitän arrangiren.“ „Gut“, dachte Walter,„er hat dieſelbe Abſicht mit Dir, meine kleine Alte.“ aut äußerte er, es wäre für ihn eine theure ſcede Gnädigen Frau in allen Dingen behülf⸗ ich zu ſeyn.„ Sie verließen zuſammen den Saal. Falkenſtern hatte ſich Anna genähert, welche mit em Lieutenant in vollem Fahrwaſſer ſich befand. Als der Kapitän auf ſie zukam, erhob ſich Herr v. Stral nell von ſeinem Platze, indem er halb im Ernſt, halb im Scherz ſagte: „Ich ſchätze mich glücklich, meinen Platz zu ver⸗ laſſen und den Rückzug antreten zu können. Anna b i einer halben Stunde mich ſo unbarmherzig vehandelt eha„daß ich froh bin, ihren Sarkasmen zu entgehen.“ 68 Er ſchlug Mathilde und ſeinem Bruder vor, einen kleinen Spaziergang nach dem See hinunter zu ma⸗ chen, worauf alle drei die Terraſſentreppe hinabſtiegen. Anna machte eine Bewegung, in der Abſicht, ihnen zu folgen; aber Falkenſtern legte ſeine Hand auf ihren Arm und ſagte: „Laß ſie gehen und bleibe. Ich bitte darum.“ Anna nahm wieder Platz⸗ „Biſt Du böſe auf mich geweſen?“ fragte Fal⸗ kenſtern. „Durchaus nicht, und welchen Grund hätte ich auch dazu?“ „Meine Worte von geſtern Abend. Sie kamen Dir vielleicht etwas vermeſſen vor.“ „Ich ſcherze ſelbſt viel zu oft und zu gern, als daß ich ſo etwas mißverſtehen könnte.“ „Du haſt alſo, was ich ſagte, für eine Narrheit angeſehen?“ „Beſter Bengt, ich konnte wohl nicht anders, und ich dachte eben darüber nach, Dich mit gleicher Münze zu bezahlen.“ „Mit der gleichen Münze, Anna? Dann würdeſt Du mich gerade ſo bezahlen, wie ich es wünſche.“ Falkenſtern ſchloß ihre Hand in die ſeinige und ſetzte mit Nachdruck hinzu: „Ich habe nicht geſcherzt; ich habe in vollem Ernſt geſprochen.“ Die junge Frau ſtand haſtig auf; aber Falken⸗ ſtern nöthigte ſie, ſich wieder zu ſetzen, und fuhr mit unveränderter Feſtigkeit fort: E hatte ich beſchloſſen, Du ſollteſt meine Frau werden. Joch niemals bin ich von einem gefaßten Entſchluſſ Von der erſten Stunde an, da ich Dich ſah, 69 abgewichen, er mochte gut oder böſe ſeyn, und ich ge⸗ denke, es auch jetzt nicht zu thun.“ „Aber Du mußt“, ſiel Anna in ruhigem und ernſtlichem Tone ein.„Ich werde niemals ohne Liebe mich verheirathen, und ich liebe Dich nicht.— Ueber⸗ dieß— bin ich arm und Du biſt reich; ich will nicht, daß man von der Mutter meiner Kinder denken, noch weniger ſagen ſoll, ſie habe aus Eigennutz ihre Frei⸗ heit verkauft. „Ich war auf dieſe Antwort gefaßt.— Du ſagſt, Du liebeſt mich nicht— ich weiß es, und doch bin ich der einzige Mann, dem Du nunmehr dein Herz ſchenken kannſt; der einzige Mann, dem Du deine Freiheit aufopfern wirſt. Deine und meine Hand ſind ebenſo unzertrennlich wie Tod und Leben. Merke wohl, Anna, ich werde Dich nicht zwingen, ſie mir zu chenken, und dennoch wirſt Du in einer Stunde es freiwillig thun.“ „Du kennſt mich nicht“, fiel Anna ein,„wenn Du ſo redeſt, und im Uebrigen, Bengt, welche Laune hat Dir eingegeben, gerade mich zur Gattin zu wählen?“ „Mein Herz, welches Dich liebt.“ . Anna's Wangen wurden purpurroth. Es kam ibr vor, als ob das Blut ihr ſo heftig nach dem Herzen ſtrömte, daß ſie in Gefahr wäre, zu erſticken. zIch verlaſſe Dich jetzt. Lies dieſes.“ Er reichte ihr ein verſiegeltes Billet. „In einer Stunde erwarte ich Dich beim Pavil⸗ lon, um deine Antwort in Empfang zu nehmen.“ Falkenſtern ging. Anng eilte auf ihr Zimmer, um den empfangenen Brief zu leſen. Bengt begab ſich direkt nach dem Pavillon. Ge⸗ 70 rade, als er ſich demſelben näherte, hörte er Beate ihren Mann und Mathilde fragen, wo ſie Anna ge⸗ laſſen hätten. „Auf der Terraſſe, im Geſpräch mit Falkenſtern“, lautete die Antwort. in„Und Ihr ſeid fortgegangen?“ rief Ihro Gnaden itzig. Ehe Jemand darauf etwas zu erwiedern Zeit fand, trat Falkenſtern ein, und eine Viertelſtunde her⸗ nach hatten Alle, außer ihm, denſelben verlaſſen. Die Uhr vor ihm liegend, zählte Falkenſtern die Sekunden, bis die Stunde abgelaufen war. Als der Minutenzeiger auf Zwölf ſtand, wandte Falkenſtern die Augen von der Uhr ab und ſah in den Garten. Aus einer Allee kam Anng heran. Sie ging langſam, wie mit zögerndem Schritt. Falkenſterns Blicke weilten auf ihr mit einem ſonſt ganz ungewöhnlichen Ausdruck von Theilnahme. „Ich habe ſie richtis beurtheilt“, murmelte er. Fnna ſtieg die Treppe hinauf und trat in den Pavillon. Falkenſtern eilte ihr entgegen. Sie reichte ihm ſchweigend die Hand und ſah mit einem von Thränen erglänzenden Blick zu ihm auf. ſüſt Bengt führte ihre Hand an ſeine Lippen und üſterte: „Dank, Anna!“ 5* VII. Beim Mittagsmahl ſehlte Anna. Sie hutte, ohn eine Urſache anzugeben, blos ſagen laſſen, ſie wä 71 biret und würde vor Mittſommerabend nicht zurück⸗ ehren. Beate wurde über dieſe Nachricht ſo conſternirt, daß ſie mehrere Minuten keine Worte für ihre Ueber⸗ raſchung fand. Als ſie endlich ihre Mißbilligung dar⸗ über äußerte, wie Anna es über ſich vermocht habe, ohne ein Wort gegen Jemand, abzureiſen, unterbrach ſie Falkenſtern mit den Worten: „Die Schuld liegt an mir. Anna hat die Güte gehabt, in meinem Auftrag ſich nach Gothenburg zu begeben. Wäre Herr v. Stral nicht hier geweſen, ſo hätte ich vielleicht Dich erſucht, beſte Beate, meine Kommiſſion zu übernehmen; aber nun wollte ich nicht indiscret ſeyn und Dir vorſchlagen, deinen Mann zu verlaſſen. Deßhalb wandte ich mich an Anna, ob⸗ wohl ich nicht halb ſo viel Vertrauen zu ihrem Ge⸗ mack und Urtheil habe, wie zu dem deinigen. DObſchon es Beate ärgerlich war, daß Anna mit einem Auftrag von Falkenſtern betraut wurde, tröſtete ſie ſich doch bald darüber, da er ſich in ſeinem Be⸗ nehmen freundlicher als ſonſt zeigte, und vergaß jene Reiſe ganz und gar, als er ſie mit der Auszeichnung am Johannistage die Honneurs als Wirthin zu machen. Falkenſtern ließ Allon zu ſich rufen, als er und ſine Eltern auf der Terraſſe ſaßen, und ſprach zu ihm: „Mein lieber Allon, Du biſt das älteſte von den Kindern hier, ſowie das artigſte und verſtändigſte; alſo wird Dir hiemit auferlegt, den Wirth bei den Gäſten deines Alters, welche am Johannistage hie⸗ her kommen, zu machen. Laß ſehen, ob Du dich ſo benehmen kannſt, wie wenn Du der wäreſt, der eines Tages Herr auf Birgersborg werden ſoll.“ 72 Der Knabe verſicherte, er würde Alles thun, was ſein„geliebter Oheim“ wünſchte, und ſeine Mama ſchlief dieſen Abend mit der feſten Ueberzeugung ein, daß ihr Sohn von Bengt Falkenſtern zu ſeinem Uni⸗ verſalerben auserſehen wäre. Beate hatte gleichwohl in der Nacht einen heil⸗ loſen Traum. Sie ſah in demſelben Anna's kleine Tochter, Gurli, zu einem großen ſchönen Mädchen herangewachſen, und Walter kam auf ſie ſelbſt, die Gnädige Frau, zugeſchritten und ſagte:„Nehmen Sie ſich in Acht, daß Fräulein Gurli Ihnen nicht das Erbe wegſchnappt.“ Das Erſte, was Beate am nächſten Morgen that, war, ſich eine Unterredung mit dem Lieutenant v. Stral zu verſchaffen. Zu nicht geringem Erſtaunen des jungen Mannes, hielt ſie ihm eine lange Rede dar⸗ über, wie ſchlimm es von ihm gethan wäre, daß er Anna nicht beſtimme, ihm ihr Jawort zu geben und ſomit es möglich zu machen, zur Verlobung zu ſchreiten. Als der Lieutenant ſich erlaubte, Beate daran zu erinnern, daß ſie bisher eben dieſer Verlobung ſtets entgegengearbeitet hätte, brach ſie in Thränen aus und verſicherte, ſie müſſe ſich von dem Schwager und der ganzen Welt mißverſtanden ſehen; es ſei von je⸗ her ihr herzlichſter Wunſch geweſen, daß die Partie zwiſchen Anna und ihm zu Stande komme u. ſ. w. Genug, der verliebte Lieutenant, welcher bisher nur aus Furcht vor einer obſchlägigen Antwort an ſich gehalten hatte, faßte jetzt in Folge von Beate's Aufklärungen über Anna's wirkliche Gefühle gegen ihn, den allerfeſteſten Glauben an ſeine eigene Un⸗ widerſtehlichkeit. Er verſprach alſo, ſobald Anna zu⸗ rückkäme, mit ſeiner Bewerbung herauszurücken und 73 Anna nicht eher loszulaſſen, als bis ſie ihm ihr Ja⸗ wort gäbe. VIII. „ Es war ſchon ſpät am Mittſommerabend, als Anna von ihrer Reiſe nach Gothenburg zurückkehrte. 6 Nachdem ſie ein paar Stunden ausgeruht hatte, verſammelte man ſich auf der Terraſſe, um den Abend en famille zu feiern. Die Kinder hatten dießmal auch die Erlaubniß erhalten, in der Nähe ihrer Mütter bleiben zu dürfen. Anna ſpielte wie ein munteres Kind mit den Kleinen, welche an ihren Späſſen und Scherzen ſich höchlich ergötzten. Jedesmal, wenn Alfred ſich ihr näherte, bat ſie ihn, mit ſeiner Geſellſchaft ſie zu ver⸗ ſchonen. Sie hatte beſchloſſen, für den Reſt des Ta⸗ ges ein Kind mit den Kindern zu ſeyn, und wollte ſich nicht ſtören laſſen. Falkenſtern ſprach die ganze Zeit mit Beate, ohne Anna irgend eine Aufmerkſamkeit zu widmen. „ Nach dem Souper überreichte er Beate und Ma⸗ thilde, jeder ein Etui und bat ſie, den Inhalt deſſel⸗ ben als ein Andenken an dieſen Abend zu bewahren. Dem Kammerjunker händigte er ein verſiegeltes Paket ein, äußerte jedoch hiebei den Wunſch, daß er es erſt auf ſeinem Zimmer eröffnen ſollte. on den vier Kindern erhielt jedes ein ſilbernes Beſteck als Geſchenk für den Johannistag. Anna allein empfing Nichts. Frau v. Stral und Mathilde öffneten ihre Etuis und wurden faſt durch den Glanz der Juwelen ge⸗ blendet, welche ihnen von ihrer Broſche entgegen⸗ ſtrahlten. Ein Ausruf der Dankbarkeit, der Bewunderung und des Entzückens folgte. Beate hatte niemals et⸗ was Schöneres und Geſchmackvolleres geſehen. Sie war über„Bengt's Güte“ bis zu Thränen gerührt und verſicherte, man ſehe es dem Schmuck an, daß er vom Ausland komme, denn in Schweden würde man niemals im Stande ſeyn, dergleichen Arbeiten zu liefern. „Du irrſt Dich“, entgegnete Falkenſtern,„die Broſchen ſind in Gothenburg gekauft und von Anna, welche zu dieſem Zwecke dahin reiste, ausgewählt worden. Ich verſtehe mich nicht auf Frauenkram und mußte darum Anna dieſe Kommiſſion aufbürden.“ Nunmehr dünkte es Beate allerdings, daß ſich Manches an den Broſchen ausſetzen ließe; ſie war je⸗ doch zu klug, etwas zu ſagen, und freute ſich inner⸗ lich, daß die Perſon, welche ſie gekauft hatte, leer ausgegangen war. Auch bemerkte ſie, daß Anna ihre getäuſchte Erwartung nur mit Mühe verberge, und daran hatte Beate ihre aufrichtige Freude. Man trennte ſich; ehe jedoch die Gnädige Frau ſich zur Ruhe begab, unterrichtete ſie ſich von dem Inhalt des Pakets, welches ihr Mann erhalten hatte. Es vlagen darin zwei verfallene Schuldſcheine, für welche ſich zugleich Kapitän Braun unterſchriftlich verbürgt hatte. So ſchmerzlich es für Beate's Hochmuth war, ſich überzeugen zu müſſen, daß Falkenſtern von den zer⸗ rütteten Vermögensumſtänden ihres Mannes Kenniniß hatte,— eine Kenntniß, welche ihm, wie ſie für ausgemacht nahm, nur von Mathilde zugekommen ſeyn konnte, ſo ſchlief ſie doch ganz glücklich bei dem Gedanken, wie 75 viel Theilnahme und Intereſſe es verrieth, daß er dieſen kleinen Theil von ihres Mannes Schulden be⸗ zahlt hatte. Die Sache war klar— ihr und Nie⸗ mand anders war es gelungen, die Gewogenheit des reichen Couſins zu erwerben, und dieß war die Ur⸗ ſache von aller ſeiner Güte. Dieſe Nacht träumte ihr, ſie ſei Gebieterin auf Birgersborg, und anſtatt mit dem Kammerjunker ver⸗ mählt zu ſeyn, die holde Gattin Falkenſterns. IX. i Die Sonne des Johannistags war ſtrahlend und mild. Anna und Falkenſtern waren dieſen Morgen die Erſten geweſen, welche ſich im Saale zum Frühſtück eingefunden hatten. Als Falkenſtern eintrat, eilte Anna, welche ſchon da war, ihm entgegen, und ſagte mit freundlichem Lächeln: „Ich fürchte ſchon, Du würdeſt vor den Andern nicht kommen, und es mir ſomit unmöglich machen, Dir zu danken.“ „Und Du biſt heiter und vergnügt nach Birgers⸗ r zurückgekehrt, Anna?“ fragte Bengt, indem er ſie forſchend betrachtete. 2 „Heiterer und vergnügter als je, ſeitdem ich Wittwe geworden.“ „Ohne das gegebene Jawort au bereuen?“ „Ohne es zu bereuen.“. Sie lächelte ihn ſo herzensgut an. Seine Lippen bewegten haſtig ihre Stirne. In — 76 der nächſten Minute ging die Thüre auf und Beate trat an ihres Mannes Arm ein. Im Laufe des Vormittags langte ein Wagen nach dem andern mit Gäſten an, und bald war das Haus voll. Falkenſtern war ein artiger und verbind⸗ licher Wirth. Beate machte die Honneurs mit einer Gewandtheit und einem Takt, welche bewieſen, daß ſie jetzt ganz in ihrem Elemente war. Tante Katharina hatte ſo viel zu überwachen, daß ſie nur auf Augenblicke unter den Gäſten ſich zeigen konnte. Sie nahm jedoch bei Tiſch den Ehrenplatz ein. Man aß, man trank, man ſchwatzte und die Stimmung war ungemein lebhaft. Selbſt Mathilde hatten ihre Kränklichkeit und Beate ihren Aerger darüber, daß Anna zur Rechten von Falkenſtern ſaß, vergeſſen. Als die Speiſen abgetragen und beim Deſſert die Gläſer mit Champagner gefüllt waren, erhob ſich Falkenſtern und bat um die Erlaubniß, einige Worte zu ſprechen. Aller Blicke richteten ſich auf ihn. Beate erwartete, er werde in dieſem edeln Ge⸗ tränke ihre Geſundheit ausbringen. Sie vergaß, daß dieß ſchon von ihm auf eine ſchmeichelhafte Weiſe ge⸗ ſchehen war. „Die Urſache“, begann Falkenſtern mit lauter und klarer Stimme,„warum ich heute meine Verwandten, Freunde und Nachbarn hier zu ſehen gewünſcht habe, liegt darin“,— ſein Auge richtete ſich bei dieſen Worten auf Beate—„daß ich meine Verlobung be⸗ kannt zu machen wünſchte.“ auf einen Augenblick. Ein Gemurmel der Ueberraſchung unterbrach ihn 77 Beate war aſchgrau geworden. Sie ſtarrte Fal⸗ kenſtern an, als ob ſie ihren Ohren nicht traute. Nachdem der Ausdruck der Ueberraſchung ſich ge⸗ legt hatte, erhob Falkenſtern ſein Glas und rief: „Auf das Wohl meiner Braut, der verwittweten Frau Anna Falkenſtern!“ Die Geſundheit wurde unter einem Sturm von Glückwünſchen getrunken. Beate war dermaßen geſchlagen, daß ſie mehrere Minuten ſich nicht einmal ſo weit faſſen konnte, um nur nach ihrem Glaſe zu greifen. Ihre funkelnden Augen ſchleuderten Anna einen Blick ſo grenzenloſen Haſſes zu, daß die junge Frau ſicherlich davor zurück⸗ gebebt wäre, wenn ſie denſelben wahrgenommen hätte; aber Anna's Aufmerkſamkeit war anderweitig in An⸗ ſpruch genommen, und ſie hatte kein Auge für ihre Schwägerin. Mathilde ſah aus, als ob ſie in eine Salzſäule verwandelt worden wäre. Tante Katharina's Beſtürzung und Erſtaunen waren ſo groß, daß ſie eine Priſe über die andere nahm und fortwährend wiederholte: Ja, das muß ich ſagen, das muß ich ſagen.“ Jetzt folgte die Geſundheit der Verlobten, welche der Probſt ausbrachte, und darauf erhob man ſich vom Tiſche. Beate hatte es nicht über ſich vermocht, ihr Glas mit den Lippen zu berühren. Man begab ſich nun in das neu eingerichtete tockwerk. Falkenſtern führte Anna am Arm. Im Salon angekommen, umarmte Tante Katha⸗ rina die junge Frau und flüſterte: „Gott ſei mit Dir, Kind; Du haſt eine ſchwere 78 * Aufgabe übernommen. Mögeſt Du niemals Veran⸗ laſſung zur Reue bekommen!“ Dann reichte ſie Falkenſtern die Hand und ſah ihn an, als wollte ſie mit ihrem Blick ihm ſagen: „Nimm Dich in Acht, daß Du nicht auch ihr Le⸗ ben und ihren Frieden zerſtöreſt, wie Du es bei der Todten gemacht haſt.“ Walter hatte Beate nicht eine Sekunde aus dem Geſicht gelaſſen. Er freute ſich förmlich an der Mar⸗ ter, welche ſie litt, als ſie, um ihre Niederlage nicht allzu ſehr merken zu laſſen, wenigſtens einige Worte an die Verlobte richten mußte. Die farbloſen Lippen zitterten, als ſie in möglichſter Kürze ihren Glückwunſch bei Falkenſtern und bei Anna anbrachte. Am folgenden Tage hatte Beate einen dringen⸗ den Brief erhalten, wodurch ſie ſich, ihrer Aeußerung nach, veranlaßt ſah, jetzt ſchon von Birgersborg zu ſcheiden; aber Falkenſtern bat ſie, ihre Reiſe nicht eher feſtzuſetzen, als bis er eine Beſprechung mit ihr un⸗ ter vier Augen, um welche er gleich ſur den Nach⸗ mittag anſuchte, gehabt hätte. Dieſe dauerte zwei Stunden. Beate war nach derſelben heiterer im Gemüthe und erklärte, ſie würde noch bis nach der Hochzeitfeier in Birgersborg blei⸗ ben. Letztere ſollte ſechs Wochen nach der Verlobung ſtattfinden. Beate hoffte insgeheim, in dieſer Zeit möglichſt viel Samen zur Zwietracht auszuſtreuen, ſo daß An⸗ na's Jinder niemals Falkenſtern's Erben würden. Eine Woche nach Johannistag waren alle Gäſte abgereist, und die gewöhnliche Ordnung trat wieder in ihre Rechte ein. 5 Anna wohnte noch immer in den verfallenen Ge⸗ mächern des zweiten Stockwerks. Ihr Weſen war 79 wie früher heiter und ſorglos. Wenn ſie auch Bea⸗ ten's Intriguen und Abneigung ahnte, ſo ſchien ſie doch wenigſtens ſich nicht davor zu fürchten, ſondern 65 ſie ihre Ränke ſchmieden, ohne darnach weiter zu ragen. Sie promenirte, ſie ritt und fuhr mit Falken⸗ ſtern. Immer war ſie heiter, immer zur Sit ihm Geſellſchaft zu leiſten, und immer freundlich; aber ſie ſuchte niemals ſeine Rähe, ſondern er war es beſtän⸗ dig, der ſie aufſuchen mußte. Tante Katharina merkte dieß und ſchüttelte den Kopf. In einem vertraulichen Augenblick ſagte ſie zu Walter: „Anna hegt keine Liebe zu Bengt, und das iſt ſchlimm; denn da kann es wohl bei ihm, wenn er ihr Mann iſt, dahin kommen, daß er ſie aus Eifer⸗ ſucht ermordet.“ „Glauben Sie das nicht“, antwortete der Mu⸗ latte.„Ihr heiterer und lebhafter Sinn kann noch den Sturm beſchwören. Die Abgeſchiedene hatte keinen ſolchen Humor, wie dieſe, und im Uebrigen— iſt er jetzt ruhiger.“ „Ganz und gar nicht, ſehen Sie ihn nur an, wenn der Lieutenant mit Anna ſpricht.“ „Ja, das iſt wahr. Er iſt in der That eifer⸗ ſüchtig auf den Jungen“, rief der Mulatte munter. „Ich glaube, das freut Sie, Walter?“ „O nein; aber nun weiß ich, daß die kleine „Gnädige“ auch bei der Hand iſt, und da wird es mir vergönnt ſeyn, auch wieder einen Zug zu thun und ihr Schach zu bieten.“ Walter rieb ſich vergnügt die Hände. Tante Katharina ſah nachſinnend vor ſich hin und griff dann nach ihrer Scheere, zum Zeichen, daß ihr Gedankengang nicht ſehr freundſchaftlicher Natur war, dann ſprach ſie mit einem finſtern Blick auf den Mulatten: „Ein Wort muß ich Walter an's Herz legen, und er mag wohl darauf achten, ſonſt hat er mich auf ewig zum Feinde. Ich ſage alſo: er mag es unter⸗ laſſen, Unheil zwiſchen Bengt und ſeiner künftigen Gattin auszuſäen, wie es, da die Andere noch am Leben war, geſchehen iſt. Er hat es jedenfalls auf ſeinem Gewiſſen, daß er mit angeholſen hat, die Arme zu Tode zu plagen; aber wage er nicht in der⸗ ſelben Weiſe auch gegen dieſe aufzutreten, ſonſt ſinge ich dem Kapitän ein Lied vor und ſage demſelben, warum Walter zu Jane's Lebzeiten den Eheteufel ge⸗ ſpielt hat.“ Tante Katharina ſchlug ſo nachdrücklich mit der Scheere auf den Tiſch, daß Walter von ſeinem Stuhle aufſprang und kohlſchwarz im Geſicht wurde. „Still, ſtill, Tante Katharina“, rief er erſchrocken. Ich gebe Ihnen meine Pand darauf, daß ich nie⸗ mals auf Anderes als Gutes gegen Anna Falkenſtern bedacht ſeyn werde.“ Tante Katharina ſchob die Hand zurück. „Ich glaube Ihm, ohne daß ich ſeine ſchwarze, garſtige Pfote zu berühren brauche, was ich, wie Ihm bekannt iſt, nicht leiden kann. Ich weiß wohl, daß Er im Guten wie im Schlechten Wort hält, obſchon Er keine Haut wie ein anderer Chriſtenmenſch bekom⸗ men hat.“ Beate war in dieſen ſechs Wochen unermüdlich in ihren Bemühungen, Anna zu ſchaden. Sie that Alles, was ſie vermochte, um böſes Blut anzuſtiften, und es gelang ihr auch, Falkenſtern zur Eiferſucht 81 gegen den Lieutenant aufzureizen, ohne daß jedoch Bengt dieſe Schwäche vor Anna verrieth. Als Alfred v. Stral nun abgereist war, ſah ſich Beate ihrer hauptſächlichſten Hülfstruppe beraubt, denn Alles, was ſie ſonſt ſagte, blieb ohne Wirkung, ob⸗ wohl ſie ganz geſchickt manövrirte. Als Anna einmal von Falkenſtern hinwegſprang, um mit ihren Kindern zu ſpielen, bemerkte Beate: „Anna wird niemals auf Erden ſo innig Jemand lieben können, wie ihre Kinder.“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt“, war die kurze Antwort, welche Falkenſtern gab. Ein anderesmal äußerte Beate mit der Theil⸗ nahme und Vertraulichkeit einer Schweſter: „Es iſt doch ein wenig unbedachtſam von einem älteren Mann, ſich mit einer jungen Frau zu ver⸗ heirathen.“ „Nicht ein wenig, ſondern ſehr“, entgegnete Fal⸗ kenſtern lächelnd. „Zwiſchen Dir und Anna beſteht ein bedeutender Unterſchied an Jahren“, fuhr Beate fort.„Sie iſt erſt vierundzwanzig..* „Und ich bin zweiundvierzig“, fiel Bengt ein. „Achtzehn Sommer alſo“, murmelte Beate nach⸗ denklich.—„Ihr Männer ſeid doch glücklich in eu⸗ en Glauben an euch ſelbſt“, ſetzte ſie wehmüthig inzu. „In wiefern?“ „Als ihr in jedem Alter noch Liebe einflößen zu können glaubt. Du zum Beiſpiel müßteſt wohl ohne dieſes Selbſtvertrauen fürchten, daß Anna Dich nur um deines Geldes willen zum Mann nähme.“ „Wenn dem ſo wäre, ſo thäte ſie recht daran. Schwartz, Der Rechte 1. 6 82 Das Geld iſt das einzige Reelle, was es im Leben gibt; die Liebe iſt nur ein Traumbild.“ Beate ſchwieg und biß ſich auf die Lippen. „ u kam jetzt vom Garten aus auf die Terraſſe erauf. Sie war etwas erhitzt und ſtrahlte von Geſund⸗ heit und Schönheit. Falkenſtern erhob ſich und ging ihr entgegen. „Wollen wir ein wenig ausreiten?“ ſagte er. „Recht gern“, antwortete Anna und entfernte ſich, um vas Reitkleid anzulegen, welches ſie als Braut⸗ geſchenk erhalten hatte. So verging die Zeit. Das Aufgebot erfolgte zum erſten⸗, zweiten⸗ und drittenmal, und ſo brach der Hochzeitstag an. Der Kammerjunker und auch Mathildens Gatte, welcher mit ſeinem Fahrzeug in Stockholm angelangt war, erſchienen in Birgersborg, um der Feſtfeier an⸗ zuwohnen. Am Morgen des Tages, wo die Trauung ſtatt⸗ finden ſollte, ließ Falkenſtern ſeinen Verwandten ſa⸗ gen, er wünſche ſie um zehn Uhr in der Bibliothek zu ſprechen. Alle, Tante Katharina miteingerechnet, fanden ſich ein, und Alle thaten dieß mit den verſchiedenſten Ver⸗ muthungen über den Zweck dieſer Berufung. Beim Eintritt in die Bibliothek trafen ſie ein paar fremde Herren. Der eine war der Ortsrichter der andere der Notar. Falkenſtern und Anna kamen zuletzt. Ohne einige einleitende Worte bat Falkenſtern den Rotar, das Dokument, welches unterzeichnet wer⸗ den ſollte, vorzuleſen. Nun nahmen Alle für ausgemacht an, den Inhalt 83 davon bilde eine Morgengabe an die Braut, wodurch ihr größere Theil des Vermögens zugeſichert würde. Gleichwohl hatte das Schickſal ein⸗ für allemal beſtimmt, daß Falkenſtern die Vermuthungen, denen un nstnc ſeiner Perſon Raum gab, Lügen ſtra⸗ en ſollte. Das Dokument enthielt einen Heirathskontrakt, worin Anna allen Anſprüchen auf Vermögensantheil und Erbrecht von ihres Gatten Seite entſagte, im Fall ſie Wittwe werden ſollte; ſtatt deſſen wurde ihr eine jährliche Leibrente von ſechshundert Reichsthalern Reichsmünze zugeſichert. Falkenſtern erhielt durch dieſe Akte, im Fall er keine Kinder bekam, das volle Recht, über ſein unge⸗ heures Vermögen nach Belieben teſtamentariſch zu verfügen. Ferner ſollte das Kapital von achttauſend Reichs⸗ thalern Reichsmünze, welches Anna's und ihrer Kin⸗ der gemeinſchaftliches Erbe nach ihres erſten Mannes Tod ansmachte, für Rechnung der Kinder angelegt werden und im Zinſe fortlaufen, bis der Knabe mün⸗ dig würde und das Mädchen in's heirathsfähige Al⸗ ter gelangte. Falkenſtern übernahm es, die Koſten für deren Erziehung zu beſtreiten. Nachdem dieſes Dokument, welches Beate wieder die verſchloſſene Thüre der Hoffnung eröffnete, vorge⸗ leſen und unterzeichnet worden war, ſchenkte Falken⸗ ſtern den Söhnen der beiden Schweſtern tauſend Reichsthaler, welche von den Eltern zum Nutzen der⸗ ſelben verwendet werden ſollten. WDie Hochzeit war glänzend, die Braut ſchön, der Bräutigam ſtattlich. Tante Katharina betete während des ganzen 84 Trauungsaktes andächtig für das künftige Glück der jungen Frau, welches nach der Anſicht der Alten ſehr unſichern Händen anvertraut war. Während des Hochzeitſouper's ereignete ſich auch ein Vorfall, welcher von ihr und und von mehren der für ein ſchlimmes Vorzeichen genommen wurde. Das Gemälde über dem Kamin fiel nämlich herunter und traf im Fall Mathilde's kleinen Stephan, ſo daß er ein Loch in den Kopf bekam. Der Knabe wurde weinend und blutend von ſei⸗ ner Mutter, welche todesbleich vor Schrecken war, hinweggeführt. Das Band, an welchem das Gemälde hing, war losgegangen, und dieß gab Veranlaſſung zu dem un⸗ angenehmen Ereigniß. S Acht hre ſind verfloſſen, ſeitdem Bengt Falken⸗ zwe eni iten Mal in den Stand der Ehe trat. Baumwipfel und pfeifen durch Hausflur, Gänge und Treppen. In dem großen Saal im Erdgeſchoß brannte ein iſt Herbſt. Die Octoberwinde heulen um die Ecken des alten Schloſſes, rauſchen durch die kahlen luſtiges Feuer, welches in der Dämmerung einen ſtarken röthlichen Schein über das Gemach verbreitete; aber anſtatt demſelben ein anheimelndes Ausſehen zu geben, erhielten die ſchweren alten Möbel in der ſchwachen Beleuchtung etwas Geſpenſtiges, und der Saal ſelbſt ſah doppelt ſo groß als gewöhnlich aus. Vor dem Kamin, auf einem Schemel, mit einem 3 85 Buch auf den Knieen, die Elnbogen auf dieſe, und das Kinn in die Hand geſtützt, ſaß ein Knabe von unge⸗ wöhnlich ſchmächtigem Körperbau. r ſchien von Wuchs klein für ſein Alter, denn ſein bleiches und mageres Antlitz hatte mehr von einem Jüngling, als von einem Kinde. Sein Blick war nicht auf das Feuer, ſondern auf das Gemälde über dem Kamin gerichtet, welches er beharrlich betrachtete. Nur von dem Schein des Kaminfeuers beleuchtet erhielt das Gemälde auch ein höchſt eigenthümliches Ausſehen. Man gewahrte Nichts von dem Felſen mit dem Golde, ſondern erblickte nur den Arm und den deutenden Finger, welcher ganz ſcharf von dem dunkeln Hintergrund ſich erhob. n dem großen Gemach, deſſen einziger Bewoh⸗ ner der Knabe war, hörte man keinen Laut, als das Geheul des Sturmes und das einförmige Ticken der anduhr. Nachdem der Knabe lange Zeit das Gemälde an⸗ geſtarrt hatte, ſchlug er die Hände vor ſein Geſicht, und ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt. In dieſem Augenblick vernahm man von einem der Seitenzimmer eine helle Kinderſtimme, welche ein luſtiges Liedchen ſang. Ei ige Wunden ſpäter wurde die Thüre zwiſchen der Bi liothek und dem Saale aufgeriſſen, und ein Mädchen trat ein. 2 „Ah, da ſitzeſt Du ja,“ rief ſie beim Anblick des naben, welcher haſtig den Kopf erhob. Das Mädchen warf ſich neben ihm auf den Bo⸗ den nieder, entriß ihm das Buch und ſagte lachend: „Lieber Stephan, Du willſt wohl ein ganzer Hei⸗ lliger werden. Du lernſt ja, daß Du immer mehr 3 zuſammenſchrumpſſt; Du biſt fromm wie ein Lamm, 86 geduldig wie ein Sclave und langweilig, wie ein 4 ſcheinheiliger Magiſter.“ Das Mädchen ſchüttelte ihr von einer ganzen Glorie lichter Locken umgebenes Haupt, ſtreckte ſich der ganzen Länge nach auf dem Boden aus, während 6 Buch hoch in die Luft hielt und immer fort⸗ redete: „Weißt Du, ich hätte gute Luſt, dieſen Theil deiner großen Gelehrſamkeit in's Feuer zu werfen, und dieſes ganze abſcheuliche Birgersborg dazu. Nun wurde das Buch zwar nicht in das Feuer, aber weit hinweg auf den Boden geworfen. Das zwölfjährige Dämchen faßte darauf heftig Stephan am Arm und rief: „Nun, warum ſchweigſt Du? Biſt Du ſtumm geworden? Warum ſagſt Du mir nicht, woran Du denkſt?“ „Liebe Gurli, laß mich im Frieden. Es kann Dir ja gleichgültig ſein, womit ſich meine Gedanken beſchäftigen.“ 4 darin haſt Du Recht; Du denkſt doch Ach ja, niemals an Etwas, das unterhaltend iſt; aber ſiehſt Du, da dieſes Unthier, der Allon, ſich in ſein Zimmer eingeſchloſſen hat und ich demnach nicht mit ihm zan⸗ ken kann, ſo mußt Du mir die Zeit vertreiben.— Vorerſt will ich alſo wiſſen, über was Du nachgegrü⸗ belt haſt, als ich herein kam.“ „Ueber das da,“ antwortete Stephan und deutete auf das Gemälde. Im Augenblick ſaß Gurli aufrecht. Sie betrach⸗ tete Stephan ein paar Minuten und begann dann wieder zu lachen. „Und je mehr Du hinſaheſt, deſto mehr haſt D. Angſt bekommen. Du biſt eine recht feige Memme. 87 „Wer hat denn geſagt, daß ich Angſt bekam?“ fragte Stephan mild. „Ich; und willſt Du, daß ich es Dir beweiſe. — Erinnerſt Du Dich noch, da wir kleine Kinder waren und zur Herbſtzeit in dieſem garſtigen Zimmer hier ſpielten, wie Du da mitten in unſeren Spielen hinzuſtehen pflegteſt und das Gemälde anſtarrteſt, bis u endlich ausriefſt: Der Arm hat ſich bewegt, der Arm hat ſich bewegt, und Du warſt ſo erſchrocken, daß es mir wirkli Spaß machte.“ „Ja, das iſt richtig. Als ich noch kleiner war, fürchtete ich mich ſehr vor dem Bilde. Es kam mir immer vor, als ſei es der Finger des Böſen, der auf das Gold deutete. Nun iſt die Furcht verſchwun⸗ en, aber es kommt noch immer vor, daß ich eine lange, lange Weile daſitzen und das Gemälde betrach⸗ ten kann, und dabei gehen mir recht wunderliche Ge⸗ danken durch den Kopf.“ „Wenn ſie recht ſchauerlich, recht grauſig ſind, ſo laß mich ſie wiſſen,“ rief Gurli und ſteckte ihren Arm in den Stephans.—„Hörſt Du, wie der Sturm heult und der Regen an die Fenſter peitſcht?“ ſetzte ſie hinzu und ſchaute ſich rings im Zimmer um.— „Das Feuer im Kamin brennt nicht mehr ſo hell. Alles ſieht hier ſo luſtig aus, und wie unterhaltend, ergötzlich wäre es, wenn Du jetzt eine rechte Geſpenſter⸗ geſchichte erzählen könnteſt.“ Gurli ſah zu Stephan mit funkelnden Augen auf. „Würdeſt Du nicht Angſt bekommen, wenn ich Dir etwas recht Schreckliches erzählte und die Salon⸗ thüre ginge in demſelben Augenblick auf und eine Geſtalt, mit einer alterthümlichen Rüſtung angethan, erſchiene auf der Schwelle?“ fragte Stephan. Eurrli ſprang auf und rief zornig: „Haſt Du jemals mich furchtſam geſehen? Fürchte ich mich vor dem boshaften Magiſter, welchen Du nicht anzuſehen wagſt? Fürchte ich mich in dieſem Krähenneſt mitten in der Nacht herumzugehen, ob⸗ wohl ihr, Du und Liſa, ſaget, es ſpucke? Fürchtete ich mich, als ich ſo ſchreckliche Schläge bekam? Fürchtete ich mich, als ich den zuckernaſigen Allon aus dem See herausfiſchte, obwohl ich dabei ſelbſt dem Ertrin⸗ ken nahe war? O nein, Du kannſt niemals ſagen, Du habeſt mich in Furcht geſehen; Du kannſt dir nichts ausdenken das mich erſchrecken könnte, wohl aber mir Etwas erzählen, wobei mich ein innerlicher Schauer anwandelt, wenn von Geſpenſtern, Kobolden und dergleichen die Rede iſt. So etwas gefällt mir. „Meine Gedanken gehen auf klügere Dinge aus,“ verſicherte Stephan.—„Ich beſchäftigte mich nicht mit dergleichen Kindereien,“ ſetzte er in einem Ton der Ueberlegenheit hinzu.„Geſpenſter und Kobolde gibt es nicht. Was ich denke, wenn ich mir das Gemälde da betrachte, das iſt beſtimmt paſſirt.“ „Weißt Du es gewiß?“ fiel Gurli ein. a „L „Wer hat es Dir geſagt?“ „Niemand; aber es hat mir von dieſem ausge⸗ ſtreckten Finger geträumt, und dieſer Traum war ge⸗ wiß eine Offenbarung.“ „Mag es ſein was es will, erzähle es nur. Aber es iſt doch keine von der Sorte Offenbarungen, wie ſie der Magiſter hat.“ „Weit entfernt. Mir träumte, ich ſäße vor dem Gemälde hier und betrachtete es, als eine weiße Ge⸗ ſtalt von der Bibliothek herauskam und ſich mir nä⸗ herte. Sie hatte ein Geſicht, welches beinahe ſo ſchwarz war wie Walters, und langes, langes Haar. 89 Sie ſah mich mit ein paar Augen, ſo groß, an.“— Ste⸗ Phan bezeichnete den Umfang derſelben mit ſeinen Fingern.—„Darauf ſtreckte die Geſtalt den Arm aus, deutete auf das Gemälde und ſagte:„Das iſt der Finger des Böſen, der mir mein Geld genommen hat. Dabei brach ſie in Thränen aus und ich wachte erſchrocken auf.“ „Wie dumm!“ rief Gurli.„Das war ein recht einfältiger Traum, und nicht im Mindeſten zum Er⸗ ſchrecken. Da denke ich an Sachen, die viel ange⸗ nehmer ſind.“ Sie ſetzte ſich wieder auf den Boden neben ihn und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Ich habe in dem Buche über die Neger, welches ich vor zwei Jahren von Walter zum Weihnachtsge⸗ ſchenke bekam, geleſen, daß es weiße Menſchen gibt, welche die ſchwarzen wegfangen und verkaufen. Ebenſo gibt es andere, welche große, große Beſitzungen haben, viel größer als Birgersborg, voll brauner und ſchwar⸗ zer Menſchen, welche von jenen zu ihrem bloßen Ver⸗ gnügen ſchrecklich ſchlimm behandelt werden, und hernach verkauft man dieſelben und bekommt viel, viel Geld. Wenn ich ihn nur ſehe, ſo denke ich an dieſes Buch, und daß er aus einem ſolchen Lande gekom⸗ men iſt, wo man Menſchen verkauft, und dann glaube ich, daß er auf ſolche Art ſo reich geworden iſt, wie Liſa von ihm behauptet. Daher kommt es wohl, daß er Nachts nicht ſchlafen kann, ſondern überall herum⸗ wandelt. Es ſicht ganz aus, wie wenn die Schatten der ſchwarzen Menſchen und ihrer Kinder ihn ver⸗ folgten. Und weißt Du, wenn ich daran denke, ſo bekomme ich Luſt, ihn recht zu ärgern.“ „Ja, und die Frau, von welcher ich träumte, war vielleicht eine von denen, welche er verkauft hat.“ 90 Die beiden Kinder ſahen zuerſt ſich und dann das Gemälde an. Es ſchien, als ob die unerſchrockene Gurli um ihren gewöhnlichen Muth gekommen wäre. In dieſem Augenblick erloſch die Flamme in dem Kamin; und nur ein ſchwacher, milder Schein fiel von der Gluth auf Stephan und Gurli. Der Sturm fuhr brüllend an dem Fenſter vor⸗ über; an der Salonthüre gab es ein Geräuſch. Stephan und Gurli drehten raſch den Kopf um. Das Feuer im Kamine flackerte noch einmal auf, ſo daß der Schein das Zimmer erhellte. Auf der Schwelle ſtund eine dunkle Geſtalt. Der Knabe ſtieß einen Schreckensruf aus und verbarg das Angeſicht in den Händen. Gurli ſtürzte auf die Thüre zu. Das flammende Feuer beleuchtete Bengt Falken⸗ ſterns hartes Angeſicht. Er kam langſam auf das Mädchen zu, packte ſie an der Schulter und rief in drohendem Ton: „So, ſo, Du machſt Dir Geſchichten über den Mann deiner Murter. Du ſteckſt in einem Komplot mit dem elenden Jungen da, um abſcheuliche Dinge über den zu erdichten, deſſen Brod Du ißeſt. Weißt Du, was das verdient?“ „Schläge, vermuthe ich,“ antwortete Gurli keck. Stephan hatte bei dem Laut von Falkenſterns Stimme ſich gleichfalls erhoben. Die letzte Flamme im Kamin erloſch und hüllte Falkenſtern und Gurli in ein ſolches Dunkel, daß Stephan nur mit Mühe ſie unterſcheiden konnte. Auf Gurli's Antwort folgte eine Pauſe, und Stephan drückte beide Hände ſeſt auf die Bruſt und mit Beben erwartete er, was kommen würde. Nach einem langen und peinlichen Stillſchweigen, 91 während deſſen Falkenſterns Hand ſo hart auf Gurli's Schulter lag, daß dieſelbe glaubte, er wolle ſie zer⸗ malmen, ließ er ſie los und ſprach in kurzem und be⸗ fehlendem Ton: „Hinauf in dein Zimmer, und wage nicht, es ohne meine Erlaubniß zu verlaſſen.“ „Ich kann nicht eher gehorchen, als bis ich meine Mutter geſehen habe;“ erwiederte Gurli trotzig. Falkenſtern ging ſchnell nach der andern Seite des Zimmers, näherte ſich dem Glockenzug und riß heftig daran. Ein Diener trat mit zwei brennenden Armleuch⸗ tern ein. „Sage dem Magiſter, er ſolle ſogleich herunter⸗ i befahl Falkenſtern und der Diener eilte inweg. Gurli faßte nun Falkenſterns eine Hand und ſagte mit vor Zorn bebender Stimme und zurückge⸗ haltenen Thränen: „Ich werde auf mein Zimmer gehen, ohne daß man den Magiſter zu berufen braucht, um mich dahin abzuführen; aber ich werde es niemals verzeihen, wenn ich dieſen Abend meine Mutter nicht ſehen darf. Es ſind zwei Tage, daß mir dieſes Glück nicht zu Theil wurde,“. „Geh!“ war Falkenſterns einzige Antwort. Einen Augenblick betrachtete der ſtarke Mann und das kleine widerſpenſtige Mädchen einander mit Blicken, deren Ausdruck ſich unmöglich beſchreiben läßt. Dar⸗ auf ſchüttelte Gurli den Kopf und nahm mit Anſtren⸗ gung wiederum das Wort: „Schlage mich, ſo viel es Dir beliebt; ich werde ſchweigend jeden Streich hinnehmen, denn das iſt Et⸗ 92 was, das nur ich empfinde; aber ſperre mich nicht von Mama ab, denn dann leidet auch ſie.“ Falkenſtern wandte ſich mit den Worten von ihr ab: „Du thuſt, wie ich befohlen habe. Der Magiſter iſt ſogleich hier, und biſt Du noch nicht aus dem Zimmer, bevor er kommt, ſo mußt Du ihm für den Reſt des Abends Geſellſchaft leiſten.“ Gurli ſtürzte hinweg. Sie war kaum zur Thüre hinaus, ſo faßte Fal⸗ kenſtern den armen Stephan am Nacken, hob ihn in die Höhe und rief mit fürchterlicher Stimme: „Bei meiner Ehre, ich will Dich lehren, zu träu⸗ men; auf ſolche Weiſe alſo liegſt Du deinen Studien ob, daß Du Geſchichten ausſpinn'ſt; das iſt dein ge⸗ prieſener Fleiß und Eifer.“ Mit dieſen Worten ſchleuderte Falkenſtern den Knaben unbarmherzig nach dem andern Ende des Zimmers, indem er hinzuſetzte: „Wollte ich nach Recht handeln, ſo zerträte ich Dich wie ein giftiges Reptil, das Einem in den Weg kommt.“ Zwei Perſonen traten von verſchiedenen Seiten in den Saal. Die eine war ein langer, hagerer, grobknochiger Mann, in ſchwarzem Rock und dito Beinkleidern. Seine Miene war fromm, aber deſſen ungeachtet ſein Ausſehen ſehr unangenehm. Er kam durch die Thüre vom Hausflur. S Pie andere war Tante Katharina, welche mit großer Heftigkeit aus der Bibliothek herbeigeeilt kam. Falkenſtern, welcher dieſer Thüre den Rücken zu⸗ gekehrt hatte, ſah nur den ſchwarzgekleideten Herrn, welcher mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung ſich ihm näherte. 3 93 „Nehmen Sie der“ Buben mit,“ ſagte Falken⸗ ſtern und deutete auf Stephan, weicher unbeweglich auf demſelben Fleck lag, wohin Falkenſtern ihn ge⸗ worfen;„er hat eine gründliche Beſtrafung verdient, und dieſe ſollen Sie an ihm vollziehen. Sie haben iet uit Ihrer Behauptung, daß er von böſem Cha⸗ rakter iſt.“ Magiſter Grünlund verbeugte ſich und ging mit lautloſem Schritt auf Stephan zu. Aber gerade, wie er den Knaben am Arm faßte, ſtürzte Tante Katha⸗ rina herbei und ſtieß den frommen Mann ſo heftig zurück, daß er beinahe rücklings zu Boden fiel. Sie rief mit förmlicher Kommandoſtimme: „Rühre Er mir den Knaben nicht an, Magiſter, das ſage ich und rathe Ihm, mit ſeinen knotigen Fin⸗ gern nicht hieher zu deuten. Das Kind hat wohl ſ genug bekommen, da es beſinnungslos hier iegt.“ Tante Katharina beugte ſich über den Knaben nieder, welcher kein Lebenszeichen von ſich gab. Sie fühlte ihm an dem Puls, an Stirne und Händen und ſetzte, bebend vor Zorn, hinzu: „Ich glaube, bei Gott, man hat ihn todt ge⸗ ſchlagen!“ Falkenſt mangelte es an dem, was man im Allgemeinen Perz nennt: dennoch zuckte er bei Tante Katharina's Worten heftig zuſammen. „Frau Herner faßt Alles viel zu ungeſtüm auf,“ e 6 Magiſter ein.„Es iſt wohl nicht ſo gar ge⸗ ährlich.“ Er wollte wieder nach Stephan greifen, aber er wurde von Neuem ſehr unſanft von Tante Katharina zurückgeſchoben. 94 „Will der Magiſter ſich in gehörigem Abſtand halten?“ rief die Alte. Falkenſtern klingelte und gebot dem Diener, nach⸗ zufragen, ob der Doktor bei der Kapitänin wäre, und in dieſem Fall ihn zu bitten, herabzukommen. „ Tante Katharina nahm inzwiſchen den Knaben in ihre Arme, trug ihn auf einen der kleinen Sophas und rieb ihm dort die Schläfe mit Kölniſch Woſſer ein, welches in ein Riechfläſchchen verſchloſſen, in ihrer Taſche niemals fehlen durfte. Falkenſtern entfernte ſich, nachdem er den Befehl zur Herbeirufung des Arztes zurückgelaſſen hatte, und auch der Magiſter fand für gut, ſich fortzuſchleichen und ſich Tante Katharina's Komplimenten, womit ihm nach Falkenſterns Abgang ſogleich aufgewartet worden wäre, zu entziehen. Als der Doktor ſich im Saale einfand, war es Tante Katharina gelungen, Stephan ins Leben zu⸗ rückzurufen. Er athmete wieder, und die alte Herner dantte Gott dafür, daß der Knabe nicht auf eine ſo beklagenswerthe Weiſe umgekommen war. Das arme Kind hatte bei dem jähen Sturz ſich den Arm verrenkt und war ohne Zweifel vor Schmerz von einer Ohnmacht befallen worden. Tante Katharina gebot, daß e gleich in ihr bei der Ein⸗ Zimmer gebracht würde. Nachdem ſi richtung des Arms gegenwärtig und freich geweſen war und dafür Sorge getragen hatte, daß er die vom Doktor verſchriebene Arznei einnahm, befahl ſie Liſa, bei dem Knaben zu bleiben, bis ſie wieder käme, un 3 begab ſich ſofort zu dem Kapitän hinauf. Falkenſtern ging unruhig in ſeinem äußern Zim⸗ mer auf und ab. Die feſt auf einander gepreßten Lippen, die zuſammengezogenen Augenbraunen, die funkelnden Augen— Alles verrieth, daß ſeine Seele von einem Sturm heimgeſucht war, der ebenſo zer⸗ ſtörend wirkte, wie derjenige, welcher um die alten Mauern ſeines Schloſſes raste. In dieſem Augenblick von ihm Nachgiebigkeit oder Einſicht zu erwarten, war ein hoffnungsloſes Beginnen. 6 Die Thüre öffnete ſich und Tante Katharina trat ed ein. Die Alte trug ihren Kopf ebenſo hoch, wie der aufgebrachte Hausherr; ihre Miene eugte von glei⸗ cher Aufregung wie die ſeinige, obwohl der Charakter ihres Zorns ein ganz verſchiedener war. Als er ſie erblickte, blieb er ſtehen. Mit finſtern Augen ſie auſend äußerte er, bevor Tante Katha⸗ rina nur den Mund öffnen konnte: „Ich muß der Tante bemerken, daß ich jetzt nicht geſtört werden will. Heute Abend würde eine Erklä⸗ rung zwiſchen uns nicht gut ablaufen.“ „Nicht gut ablaufen,“ wiederholte Tante Katha⸗ rina, glühend vor Zorn.„Nun und dann? Glaubſt Du vielleicht, daß ich mich fürchte?“ Bei dieſen Worten wurde die Scheere raſch her⸗ aufgeholt, und während ſie dieſelbe gegen die innere ſ ihrer linken Hand anſchlagen ließ, fuhr ſie ort: 2 „O, Du brauchſt keine ſolchen Augen gegen mich 96 zu machen; ich bin zu alt, um mich durch einen Blick zum Schweigen bringen zu laſſen.“ „Und ich zu alt, um nicht Herr in meinem Hauſe zu ſeyn, und jede Einmiſchung Anderer in mein Thun und Laſſen abzuwehren;“ unterbrach ſie der Kapitän. —„Verſtehſt Du, Tante, ich dulde nicht länger, daß eine alte Frau mir Geſetze vorſchreibt.“ „Es wäre beſſer, Du ließeſt dich durch deine Jahre abhalten, wie ein Tollhäusler dich aufzufüh⸗ ten,“ rief Tante Katharina;„aber da es mir niemals in den Sinn gekommen iſt, noch kommen wird, Wahn⸗ witzigen Geſetze vorzuſchreiben ſo gehen deine Anfälle von Raſerei mich nichts an, und ich beabſichtige kein Wort davon zu reden. Ich will Dir blos ſagen....“ „Ich will Nichts hören„ ſchrie Falkenſtern und ſtampfte auf den Boden. Bei dieſem unaufhaltbaren Ausbruch gegen ſie, ließ Tante Katharina ihre Scheere fahren, ſah Bengt an und wandte ſich geradeaus nach der Thüre. Die Hand auf das Schloß legend, ſagte ſie in kaltem und beſtimmtem Ton: „Ich will nur ſagen, daß entweder Magiſter Grüntund oder ich aus dem Hauſe muß. Du haſt jetzt die Wahl zwiſchen ihm und derjenigen, welche ſchon über zwanzig Jahre Dir dein Haus beſorgt hat. Ueberlege Dir das bis morgen.“ Die Thüre ging auf und Tante Katharina ver⸗ ſchwand aus dem Zimmer. Sie war kaum auf der Hausflur, ſo ertönte auch ſchon die Klingel des Kapitäns. Ein Diener ſchoß hierauf gegen die alte Herner mit ſolcher Haſt heran, daß er ſie beinahe über den Haufen gerannt hätte, um nur deſto bälder bei ſeinem Heſtrengen Herrn zu erſcheinen. phan abzuwarten, und das zwölfjährige Mädchen 97 „Rufe Walter herbei,“ befahl der Kapitän. Was zwiſchen Walter und Falkenſtern verhandelt wurde, iſt hier überflüſſig zu erwähnen. Wir wollen nur bemerken, daß der Kapitän über Verſchiedenes aufgebracht war, welches ſeiner Behauptung zufolge Walter außer Acht gelaſſen hatte. Da gab es eine Maſſe von Dingen, die verſäumt worden waren, und der Kapitän hielt ſich für ſo ſchlecht bedient, wie nur ein Menſch ſeyn konnte. Walter nahm die Sturzſee ſeines Zornes mit der größten Kaltblütigkeit auf. Es war in den letzten Jahren nichts Ungewöhn⸗ liches geweſen, daß er ſich ungerechten und plötzlichen Ausbrüchen von ſeines Herrn ſchlechter Laune aus⸗ geſetzt ſah. Merkwürdiger Weiſe ertrug Walter die⸗ ſelben mit einer Geduld, die ſeiner Gemüthsart und ſeinem Charakter ſonſt ganz fremd war. Nachdem Falkenſtern ſeinen ganzen Grimm ent⸗ laden hatte, gab er Walter Befehl, ſich für den näch⸗ ſten Vormittag bereit zu halten, ſeinen Herrn auf einer Reiſe nach der Stadt 6 zu begleiten. XII. Im zweiten Stockwerk war Gurli's Zimmer ge⸗ legen. Sie hatte hier mit ihrer Wärterin Liſa die⸗ ſelbe Wohnung inne, wie ihre Mutter vor ihrer Ver⸗ heirathung. Die Gemächer waren allerdings ſeitdem neu tape⸗ ziert worden, ſahen aber deſſen ungeachtet nichts we⸗ niger als behaglich aus. Liſa war unten bei Tante Katharina, um Ste⸗ Schwartz, Der Rechte. I. 98 befand ſich hier ohne jede andere Geſellſchaft, als Fal⸗ kenſterns großen Neufundländerhund Felix. Gurli hatte ſich in dem innern Zimmer auf den Sopha hingeworfen und blieb dort, das Angeſicht in einem der Sophakiſſen verborgen, unbeweglich liegen. Der Hund ſaß auf dem Boden, wie es ſchien in ſchweigender Verwunderung begriffen. Ob das Mädchen weinte oder nicht, war ungewiß. Es ſah aus, als ob ſie ſchlieſe, ſo ſtill lag ſie da. Eine Stunde nach der andern vergieng. Die große Pendeluhr ſchlug ſieben und dann acht, ohne daß Gurli oder Felir ihre Stellung veränderten, oder daß Jemand zu ihr heraufkam. Bei dem Schlage acht ließ ſich ein Schrit in dem äußern Zimmer, welches Liſa gehörte, vernehmen. Gurli erhob jetzt den opt und rief: „Wo biſt Du ſo lang geweſen, Liſa? Wie ſteht es mit.... Hier ſchwieg ſie plötzlich. In der Thüre ſtand nicht Liſa, ſondern Falkenſtern. Gurli war in einer Minute auf den Beinen. „Du kannſt zu deiner Mutter hinuntergehen,“ ſagte er in einem kurzen und befehlenden Ton⸗ Gurli ſtürzte auf ihn zu. Ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Sie wollte ſeine Hand faſſen, aber er zog ſie zurück und ſagte: Geh', aber nimm Dich in Acht und laß mich nicht bereuen, daß ich Dir heute Abend erlaubt habe, ihr gute Nacht zu ſagen. Ich werde deine Rückkehr hier erwarten.“ Er deutete auf die Thüre, und Gurli eilte hinaus. Felir legte ſich zu den Füßen ſeines Herrn. Falkenſtern ballte mit einer Bewegung der Raſerei die Hände und trat an das Fenſter, um in die Na hinauszuſchauen. Das Geheul des Sturmes war hier 99 oben wilder als unten. Er lehnte die Stirne an die Fenſterſcheiben und murmelte: „Ich wollte, dieſes ganze Neſt ſtürzte zuſammen und begrübe uns alle unter ſeinen Mauern. Welche Hölle iſt das Leben, das ich hier habe!“ Er blieb am Fenſter, bis Gurli wieder kam. Als das Kind mit heiterem und ſtrahlendem Blick eintrat, drehte er ſich um und fagte: „Es iſt Dir heute trotz deiner ſchlechen Auffüh⸗ rung geſtattet worden, deiner Mutter gute Racht zu wünſchen. Dieß hat ſeinen Grund darin, daß Du morgen dieſes Haus verlaſſen wirſt. Ich bringe Dich in eine Penſion in der Stadt as, um mir die Plage deines Anblicks zu erſparen. „Ich ſoll fort von hier, fort von meiner Mut⸗ ter!“ rief Gurli in einem Ton, welcher wie ein Schmer⸗ zensſchrei klang. X a.* „Das kann nicht ſeyn. O mein Gott, ſie würde wenn ſie mich nicht mehr ſähe, ihr einziges Kind.“ „Deine Mutter hat ſelbſt gewünſcht, daß Du von hier entfernt werdeſt; ſie iſt dadurch meinem Wunſche entgegengekommen.“ „Mama wünſcht, daß ich, ich ihre Gurli ganz und gar von ihr getrennt werde?— Unmöglich! Nein, nein, ſie will mich nicht fortjagen,“ rief das arme Mäd⸗ chen mit einem Ton leidenſchaftlichen Schmerzes und brach in lautes Schluchzen aus. Es lag etwas Herzzerreißendes in ihrem Weinen. Auf Falkenſtern machte es keinen Eindruck. zurli fuhr noch eine Weile zu weinen fort; dar⸗ auf ſtürzte ſie ihm zu Füßen, umfaßte ſeine Kniee 100 und begaun wieder mit einer von Schluchzen halb⸗ erſtickten Stimme: „Ich weiß, daß der Mann, welcher meine Mutter liebt, ihre arme Gurli haßt. Ach, haſſe mich doppelt, ſchlage mich, mißhandle mich jeden Tag, laß Magiſter Grünlund mich mit ſeinen Reden, daß ich in die Ver⸗ dammniß komme, plagen; ich werde geduldig Alles ertragen, ohne daß ein Seufzer verräth, was ich um meiner Mutter willen ausſtehe; aber laß mich hier bleiben. Laß mich nur eine kleine Weile jeden Tag ſie ſehen, ihre Hände küſſen, das Streicheln derſelben fühlen, und ich will alles Böſe vergeſſen, das man mir angethan hat; ich will verſuchen, den Mann meiner Mutter zu lieben und zu ſegnen.“ Falkenſtern faßte Gurli an beiden Armen, hob ſie aus ihrer knienden Lage auf und ſtellte ſie hart auf ihre Füße, indem er ſagte: „Du wirſt morgen Schlag zwölf Uhr abreiſen. Um zehn Uhr gehſt Du hinunter zu deiner Mutter; aber merke Dir jetzt, was ich ſage: wagſt Du ſie zu bitten, dableiben zu dürfen, ſo wirſt Du ſie niemals mehr zu ſehen bekommen. Benimmſt Du dich hin⸗ gegen ſo, daß ich mit Dir zufrieden bin, ſo darfſt Du auf Weihnachten kommen.“ Er ging und lockte ſeinem Hunde. „Jeſus Chriſtus— wie unglücklich bin ich!“ rief Gurli.—„Mama, Mama, wie kannſt Du dein armes Kind ſo verlaſſen!“ jammerte ſie, die Hände ringend. „Es gibt alſo Niemand in der ganzen weiten Welt, ber ſich um mich bekümmert,“ ſetzte ſie ſchluchzend inzu: „O, doch, es gibt Jemand,“ ließ ſich eine Stimme hinter Gurli vernehmen. Sie drehte ſich ſchnell um und erblickte Walters * 101 dunkelbraune Phyſiogomie; dann warf ſie ſich laut weinend ihm um den Hals. Er führte das arme Kind zu dem Sopha. „Ei, ei, Gurli, Du thuſt ja ſo jämmerlich, wie die alte Liſa,“ ſagte er, das Mädchen ſtreichelnd;„das iſt doch nicht recht, ſich gleich ſo feige zu geberden. Komm' und ſetz'Dich hieher, und ich will Dir Etwas erzählen, das Dir gleich deine gewöhnliche Munterkeit wieder gewähren ſoll.“ Bei dem Wort feig trocknete Gurli ſchnell ihre Thränen und ſchaute dem Mulatten ganz keck in ſeine ſchwarzen Augen. Geraume Zeit ſprach Walter mit Gurli, und als Liſa endlich um zehn Uhr von ihrem Poſten als Krankenwärterin abgelöst worden war und heraufkam, ſprang ihr Gurli ganz fröhlich und munter mit der Erklärung entgegen, ſie habe ſchrecklichen Hunger. Während ſie ihr kleines Abendeſſen zu ſich nahm, ſcherzte ſie mit Liſa und ſang ihr nach der Mahlzeit eines ihrer luſtigen Liedchen vor. Liſa war beinahe etwas ärgerlich darüber, daß ihr kleiner Liehling ſolcher Heiterkeit ſich überlaſſen konnte, während der arme Stephan ſo große Schmer⸗ zen auszuſtehen hatte. Aber Gurli antwortete lachend: .„Liebe Liſa, es wird noch Zeit genug zur Traurig⸗ keit ſeyn, wenn Stephan einmal ſtirbt; aber jeßt lebt er noch und ſein Arm iſt wieder eingerichtet.“ XII. Nach einer Nacht voll Sturm und Unwetter leuch⸗ tete die Oktoberſonne matt und bleich von einem wol⸗ kenfreien Himmel. Sobald die erſten Strahlen die Erde begrüßten, ſah man Falkenſtern über den Hof und nach Tante Katharina's Flügel gehen. Sein Ausſehen, ſtreng wie gewöhnlich, war jetzt ruhig, und als er in Tante Katharina's kleines Zim⸗ mer trat, erſchien ein Lächeln auf ſeinen Lippen bei dem Anblick der Alten, welche noch ſo finſter und böſe wie am Abend zuvor ausſah. „Du haſt mir, Tante, zwölf Stunden Bedenkzeit gegeben,“ begann Falkenſtern freundlich,„und ich habe mich eingefunden, Dir meine Antwort mitzutheilen.“ S0, ſo!“ erwiederte Tante Katharina, indem ſie ihre Brille aufſetzte und ihn durch dieſelbe mit einem Blick betrachtete, welcher deutlich zu erkennen gab, daß ſie ihm die Dreiſtigkeit, vor ihr mit dem Fuß auf dem Boden zu ſtampfen, noch nicht vergeſſen hatte. „Ich glaube, einen Mittelweg gefunden zu haben,“ fuhr der Kapitän fort,„bei dem wir alle uns zufrie⸗ den geben können. Du kennſt bereits meine Abſicht, Tante, Gurli in eine Penſion zu thun. Nun habe ich auch daran gedacht, Stephan fortzuſchicken.“ „Du wirſt ihn wohl zu einem Schuhmacher in die Lehre thun wollen,“ fiel Tante Katharina ein, und ihre Daumen beſchrieben einen lebhaften Kreislauf um einander herum. „Nein, ich beabſichtige, ihn zu dem Magiſter L. zu bringen, damit er unter deſſen Leitung ſich für die Univerſität vorbereite. Stephan ſteht jetzt im 3 ſechzehnten Jahre, und iſt er wirklich ein ſolches Wun⸗ derthier von Fleiß, wie die Tante behauptet, ſo muß er in längſtens zwei Jahren mit ſeinem Eramen fer⸗ tig ſein. „Und Magiſter Grünlund bleibt hier?“ 3 Tante Katharina nahm ihre Scheere und begann 103 ein Stück Papier, welches auf dem Tiſche lag, in kleine, kleine Stücke zu zerſchneiden. „Ja, er bleibt hier, bis Allon Student iſt,“ ant⸗ wortete Falkenſtern kalt. „Aber ich und der Burſche, wir können nicht unter einem Dach mit einander wohnen,“ fiel Tante Katharina beſtimmt ein.„Und obſchon Du dich ſo weit vergiſſeſt, daß Du vor mir auf den Boden ſtampfeſt, ſo iſt Dir doch vielleicht nicht aus dem Sinn gekommen, daß ich bei meinem Worte zu bleiben pflege, wenn ich Etwas geſagt habe.“ „Das weiß ich, aber nicht, daß die Tante auch haben will, Andere ſollen das Gleiche thun,“ entgeg⸗ nete Falkenſtern.„Grünlund hat mein Verſprechen, daß er vorerſt bis zum Mai bleiben ſoll. Ich bin mit ihm zufrieden. Er iſt ſchweigſam und ſtill, und ein tüchtiger Lehrer, und ich weiß nicht, warum ich ihn vor die Thüre ſetzen ſoil. Dein Mißvergnügen, Tante, hat ja ſeinen einzigen Urſprung darin, daß er ſtreng gegen Stephan geweſen iſt. Nun wohl, ich ſchicke Stephan fort. Grünlund kann ſomit nicht mehr ungerecht gegen ihn ſein. Ich ſetze überdieß voräus, daß Du nicht ſo unbillig ſein wirſt, meine arme Anna zu verlaſſen, blos weil ich mein Grünlund gegebenes Wort nicht brechen will.“ Falkenſtern hatte die Alte an ihrer ſchwachen Seite gefaßt, und dieſe war eine ſtrenge Achtung vor dem Verſprechen anderer und ihre Liebe zu Anna. Slie huſtete, nahm eine Priſe, ſchneuzte ſich und ſagte endlich ganz kurz: Um Anna's willen bleibe ich, bis Du noch einmal die Achtung vergiſſeſt, die Du mir ſchuldig biſt. Ich habe nicht im Mindeſten die Abſicht, zu dulden, daß dein Benehmen gegen mich von geſtern 104 Abend ſich erneuert. Zugleich erkläre ich, daß ſo lang der Schwarzrock im Hauſe iſt, mich Nichts ver⸗ mögen kann, an demſelben Tiſche mit ihm zu eſſen, oder in demſelben Zimmer mit ihm zu verweilen— und damit Punktum.“ Tante Katharina rückte ihre Brille zurecht und ſetzte in noch ſchärferem Tone hinzu: „Stephan iſt von Dir ſo gut behandelt worden, daß er mindeſtens vor ein paar Wochen die Reiſe zu dem Magiſter L. nicht unternehmen kann. So lang er noch in Birgersborg verweilt, bleibt er bei mir. Der ſchwarze Halunke ſoll nicht mehr ſeine giftigen Augen auf den Knaben heften, wenn er ſie noch im Kopfe behalten will, und ſomit, mein lieber Bengt, iſt unſer Geſpräch zu Ende. Geh' Du nun hinauf und frühſtücke mit deinem Favoriten. Laß' Dir von ihm weiß machen, daß ich, Walter und deine Gattin an Nichts denken, als Dich zu beerben. Glück zu! Traueſt Du den ſüßen Worten, ſo wirſt Du in die Schlinge gelockt; aber ſo wie man ſich die Suppe einbrockt, ſo hat man ſie. Der, welcher Allen miß⸗ traut, wird am Ende ſelbſt zum Narren gehalten.“ Die Alte ging, nachdem ſie alſo geſprochen, hin⸗ ein zu Stephan, und Falkenſtern begab ſich wieder auf ſein Zimmer, augenſcheinlich in ſchlimmerer Stim⸗ mung, als da er hieher gekommen war. Beim Frühſtand war Niemand weiter gegenwär⸗ tig, als der Hausherr, der Magiſter und Allon von Stral, ein Jüngling von achtzehn Jahren. Falkenſtern war ſchweigſam, beantwortete die ehr⸗ furchtsvollen Erkundigungen des Magiſters nach dem Befinden der Frau Kapitänin ganz kurz und ſah Allon gar nicht an, ſondern fiel ihm ſogleich in die Rede, ſobald er nur den Mund öffnete. 105 Lehrer und Schüler wechſelten hiebei einen be⸗ deutungsvollen Blick und verzehrten dann ſchweigend ihr Frühſtück. Schlag zwölf Uhr fuhr des Kapitäns bedeckter Reiſewagen im Hofe vor. Einige Minuten ſpäter rollte er mit ihm, Gurli und Walter davon. In den Jahren, welche verfloßen ſind, ſeitdem Falkenſtern und Anna das Schickſal vereinigte, geſchah Eines und das Andere, was wir mit einigen Worten berühren müſſen. Die erſten zwei Jahre von Falkenſtern's Ehe waren ruhig und glücklich geweſen. Anna's heitere, unerſchrockene und offene Gemüthsart paßte vollkom⸗ men zu ſeinem ſchwerfälligen und mißtrauiſchen Cha⸗ rakter. Sie wußte ſeine Düſterheit wegzuſcherzen, den Ausbrüchen ſeiner Eiferſucht und ſeines Zornes keck zu begegnen, den Sturm zu beſchwören und dennoch nicht nachzugeben, wenn ſeine Anſprüche an ihre Zu⸗ neigung ſich in das Gebiet derjenigen eindrängte, weiche ſie für ihre Kinder empfand. Auf der andern Seite räumte ſie auch dieſen nie⸗ mals einen Vorzug ein, welcher als eine Beeinträch⸗ tigung der Zärtlichkeit, welche ſie ihrem Gatten ſchul⸗ dig war, angeſehen werden konnte. Falkenſtern's eigenes Gemüth wurde im Laufe dieſer zwei Jahre ruhiger und gleichmäßiger. Er liebte Anna von Tag zu Tag mehr. Er zeigte ſich immer freundlicher gegen ihre Kinder, und es ſah wirklich aus, als ob es Anna gelungen wäre, das ſchwere Problem zu löſen, dieſen mürriſchen und an⸗ 106 ſ Charakter Gelaſſenheit und Zufriedenheit zu lehren. Tante Katharina dankte Gott dafür, daß Anna's Zuſammenleben mit Falkenſtern heller und friedlicher zu werden verſprach, als dasjenige Jane's geweſen. Im dritten Jahr nach ihrer Verheirathung erhielt Annd einen Brief von Beate, worin dieſe ihr mit großem Schmerz, aber zugleich mit einer gewiſſen Re⸗ ſignation Anzeige von dem Unglück machte, welches nicht blos den Herrn von Stral, ſondern auch ihren Schwager, den Kapitän Braun betroffen hatte. Sie waren beide vollſtändig ruinirt. Herr von Stral hatte ſich für inſolvent. erklären müſſen, und Kapitän Braun war in ſeinen Fall hineingezogen worden. Beate wandte ſich nun an Anna, nicht um für ſich ſelbſt Hülfe zu begehren, ſondern um Falkenſtern durch deren Vermittlung zu beſtimmen, Braun ſeine hülfreiche Hand zu leiſten. Dieſer hatte nämlich be⸗ ſchloſſen, da ſein Kredit zerſtört war, nach Amerika auszuwandern und dort ſich eine neue Laufbahn zu eröffnen. Beate ſchloß ihren Brief mit einigen Aeußerun⸗ gen über ihre Schweſter, welche bisher niemals einige Energie an den Tag gelegt hatte, nunmehr aber, bei dieſem Unglück, einen Beweis davon gab, indem ſie den Entſchluß faßte, ihrem Mann zu folgen. Was aus ihr und ihren Kindern werden ſollte, wußte Beate ſelbſt nicht. Von Stral war um ſeinen Dienſt gekommen, in Folge der Entdeckung, daß er ſich ein Deficit hatte zu Schulden kommen laſſen, und ſomit ohne alle Ausſicht, für ſich und die Seinigen zu ſorgen. Doch von ſich wollte ſie nicht reden, ſon⸗ dern vertraute ihre Zukunft der Hand des Herrn an⸗ 107 Anna's gutes Herz fam nun in volle Bewegung. Vergeſſen war alles erlittene Unrecht, vergeſſen jeder Zug von Falſchheit und Unfreundlichkeit, welche Anna von Seiten Beate's erfahren hatte. Sie dachte nur daran, daß Beate in Noth war, und ſäumte nicht, bei Falkenſtern Fürbitte für ſie einzulegen. Anfänglich wollte er ſich für ſeine beiden Cou⸗ ſinen zu Nichts hergeben, ſondern antwortete, er habe ſchon mehr als genügend für Leute gethan, die ſich durch ihre Eitelkeit ruinirt hätten. Alles, was Anna auswirken konnte, war, daß er Braun Reiſegeld ſchickte, deren Sohn aufzunehmen und zu erziehen ſich erbot, und daß ſeine Gattin Beate einladen durfte, mit ihrem Sohn Allon den Sommer in Birgersborg zuzubringen. Falkenſtern wollte ferner ſich für den jungen Menſchen in Zukunft thun ließe. Gegen Mittſommerzeit kam Beate und brachte den neunjährigen Stephan ihrer Schweſter und ihren eilf⸗ jährigen Allon mit. Mathilde hatte an Tante Katharina geſchrieben und ſie gebeten, über ihren Sohn zu wachen und ihm einigen Erſatz für den Verluſt der Eltern zu geben: etwas, das ſie von Anna, die ſelbſt Kinder hatte, nicht erwarten zu dürfen glaubte. Tante Katharina legte den Brief, nachdem ſie ihn geleſen, mit dem feſten Vorſatz zuſammen, ſo lang ſie lebte, dem Knaben Stütze und Schirm in den Stürmen des Lebens zu ſeyn, bis er ſich ſelbſt ſchützen könnte. Beate zeigte ſich bei ihrer Ankunft zu Birgers⸗ borg ganz verändert. Sie war ſchweigſam und be⸗ kümmert. Jedem Gedanken an Intrigue ſchien ſie völlig entſagt zu haben und mit ſtiller Ergebung ihr Unglück zu ertragen. Ihr Allon war jetzt ein großer, ſchöner Knabe, welcher ſich gut zu benehmen wußte. Stephan war bleich, ſchweigſam und ſchüchtern. Beate war kaum eine Woche zu Birgersborg ge⸗ weſen, als ein Unglücksfall ſich ereignete, welcher auf Anna's garzes übriges Leben einwirken ſollte. Am Tage vor dem Johannisfeſte hatten nämlich Anna's Knabe, jetzt acht Jahre alt, Stephan und Al⸗ lon, ohne Erlaubniß der Eltern, ſich auf den See hinaus begeben, um zu fiſchen. Während ſie damit beſchäftigt waren, erhob ſich ein ſtarker Wind; die Knaben verſtanden das Boot nicht zu regieren und geriethen in ſolchen Schrecken, daß ſie von den Ru⸗ dern zum Steuer und vom Steuer zu den Rudern ſprangen. Unter dieſen von der Angſt diktirten Be⸗ wegungen ſchlug das Boot an, und die drei jungen Herren fielen kopfüber in den See. Allon, der Einzige, welcher ſchwimmen konnte, hielt ſich oben und ſuchte auch den Andern zu helfen; aber ſicherlich wären Alle zu Grunde gegangen, wenn man nicht rechtzeitig Hülfe gebracht hätte. Es gelang noch, Stephan zu erfaſſen, da er eben im Begriff war, unterzuſinken; aber Anna's Sohn war ſchon todt, als man ſeiner habhaft wurde. Die Empfindung der Mutter, als man ihr todtes Kind heimbrachte, läßt ſich eher denken, als beſchreiben. Anna, welche früher mit ſo großer Seelenſtärke Sorgen und Widerwärtigkeiten ertragen hatte, wurde durch dieſes unglückliche Ereigniß gänzlich vernichtet. Nichts vermochte ſie zu tröſten Anfänglich zeigte Falkenſtern große Nachſicht mit ihrem Schmerz; aber allmählig veränderte ſich ſein— Benehmen. Die Trauer der Mutter über das ver⸗ lorene Kind erweckte ſeine Eiferſucht. 109 Was war er wohl für ſie, wenn ſie ſich dem Schmerz über den Knaben ſo ganz hingeben konnte? Seine Zärtlichkeit verwandelte ſich bei dieſem Gedanken in Bitterkeit; an die Stelle des Friedens, der bisher geherrſcht hatte, traten ſtürmiſche Auftritte. Anna's kleine Tochter Gurli wurde ihm verhaßt, und in kurzer Zeit erfolgte ein Dacapo von allem dem häußlichen Elend, womit ſeine erſte Ehe bezeichnet geweſen war. Er zeigte ſich ſelbſt gegen Walter argwöhniſch und gerieth in Raſerei, wenn dieſer ihm zu beweiſen ſuchte, wie ſchlecht er gegen die in Kummer verſunkene Anna handelte, welche durch den Verluſt ihres Kindes ſchon ſo unglücklich war. Rühmte Tante Katharina Stephan, welcher in der That ein ungewöhnlich ſtilles und friedſames Kind war, oder liebkoste und ſtreichelte ihn Anna mit einem wehmüthigen Lächeln, während ſie dabei an ihren todten Liebling dachte, ſo wurde er böſe und ſtieß oft Worte aus, welche bewieſen, daß ſein Vertrauen zu ſeiner Gattin und Tante Katharina's Uneigennützigkeit gleichfalls ins Wanken gerathen war. Bei Allen und in Allem ſah er Berechnung. Der Widerwille gegen Gurli wuchs ſtündlich und fand zu Anfang des Herbſtes eine erwünſchte Gelegen⸗ heit, in ſeiner ganzen Stärke auszubrechen. „ Gurli hatte nämlich ein Buch verdorben, welches Allon gehörte. Der Knabe war troſtlos darüber und drohte bei Onkel Falkenſtern Klage zu führen. Gurli antworkete, er könne dieß immer thun, ſie fürchte ſich nicht. Unbemerkt von den Kindern hatte Falkenſtern deren Streit angehört und war Zeuge, wie Stephan in Gurli drang, Allon um Verzeihung zu bitten, da⸗ mit kein Verdruß dadurch entſtände. 110 Gurli weigerte ſich, indem ſie verſicherte, Papa werde ſie nicht ſchlagen, er habe dieß noch nie gethan. Sie habe bis jetzt noch nie Schläge bekommen, ſagte ſie, dieß werde auch nie geſchehen, und erklärte ihren Eutſchluß, jetzt zur Mama zu gehen. Eben da ſie dieſen Vorſatz ausführen wollte, ſtand Falkenſtern vor ihr. Er befahl Gurli, ſogleich Allon um Entſchuldigung zu bitten. Der Ton war hart, und das launenhafte Kind fühlte ſich dadurch gereizt und weigerte ſich, Gehorſam zu leiſten, und die Folge war eine gründliche Tracht Prügel, mit dem 6 Zuſatz, ſie würde noch mehr bekommen, wenn ſie nicht um Verzeihung bäte. Sie unterdrückte ihre Thränen, erſtickte jeden Ausdruck des Schmerzes und blieb un⸗ beweglich, ohne dem Gebot nachzukommen. Sie wurde abermals gezüchtigt, weigerte ſich jedoch beharrlich, zu thun, was man von ihr begehrte; und zum dritten⸗ mal wurde die Ruthe in Anwendung gebracht. Als Falkenſtern zum drittenmal Gurli losließ, und dieſe vor Schmerz ganz außer ſich zu ſeyn ſchien, ſtand Anna vor ihm. Bleich wie der Tod, betrachtete die junge Frau ihren Mann mit einem langen Blick; dann nahm ſie das Mädchen an der Hond, führte ſie zu Allon und ſagte mit bebender Stimme: „Bitte Allon um Verzeihung!“ Gurli gehorchte. Die Mutter und ſie verließen hierauf den Saal. Den ganzen Tag blieb Anna mit ihrer kleinen Tochter, welche ſo viele Schläge erhalten hatte, daß ſie es gewiß ihr Leben lang nicht vergaß, in ihrem Zim⸗ mer eingeſchloſſen. In der Racht wurde Falkenſtern geweckt. Seine Frau hatte einen Schlaganfall bekommen. 8 111 Es wurde nach dem Arzt geſchickt. Anna's Leben ſchwebte in großer Gefahr. Mehrere Tage lang ſchien der Ausgang ungewiß, und als die Beſorgniß für das Leben verſchwunden war, zeigte ſich, daß die junge Frau das ſchreckliche Geſchick betroffen hatte, gelähmt und des Gebrauchs ihrer Beine für immer beraubt zu ſeyn. Falkenſtern's ganze Zärtlichkeit kehrte wieder. Er umgab ſie mit Allem, was ſie erfreuen, erheitern und tröſten konnte; und als ſie eines Tages ihn bat, ihr zu verſprechen, niemals mehr eine Züchtigung über Gurli zu verhängen, ſondern zuvor Anna das Urtheil fällen zu laſſen, gelobte er ihr daſſelbe, um ihr Ge⸗ müth zu beruhigen. Weniger als je konnte aber Falkenſtern jetzt Gurli leiden. Er betrachtete das Mädchen als die Urſache von ihrer Mutter Unglück, und bald bemerkte Anna's wachſames Auge die Abneigung, welche er vor ihr zu verbergen ſuchte. Da Anna in ihrem jetzigen hülfloſen Zuſtande wahrnahm, daß Falkenſtern's Blicke ſich verfinſterten, wenn Gurli zugleich mit ihm ſich bei ihr befand, ſo ließ ſie das Mädchen nur dann zu ſich kommen, wenn er nicht gegenwärtig war. Beate und Allon blieben den ganzen Winter in Birgersborg. Herr v. Stral war nach Schonen ge⸗ reist und weilte dort bei einem Verwandten. Die Gnädige Frau hatte ſich durch die Zärtlich⸗ keit, womit ſie Anna abwartete, zu Birgersborg un⸗ entbehrlich gemacht. Mit dem neuen Jahr langte Magiſter Grünlund an, der mütterlicherſeits mit Beate verwandt und von ihr als Hauslehrer für Steph empfohlen worden war. Allon erhielt natürlich Hleichfalls Unterricht von 112 dem angenommenen Lehrer, und auf Falkenſtern's Be⸗ fehl ſollte dieß von Gurli nicht minder geſchehen. Grünlund bewies im erſten halben Jahr große Unparteilichkeit in der Behandlung der Kinder. All⸗ mälig aber entdeckte er ſeiner Ausſage nach Unruhe erweckende Charakterzüge bei Stephan. Der ſchweigſame und ſtille Knabe, emſig wie eine Ameiſe, geduldig wie ein Lamm, wurde ein Gegen⸗ ſtand der Verfolgungen des Informators. Ein hal⸗ bes Jahr nach der Ankunft des neuen Lehrers ſtellte ſich deutlich heraus, daß auch Falkenſtern den Kna⸗ ben mit Mißtrauen betrachtete. War irgend etwas nicht zur Stelle,— ſogleich wurde Stephan beſchuldigt, es weggenommen zu ha⸗ ben, und oft erhielt Magiſter Grünlund den Auftrag, ihn abzuſtrafen, was nicht auf eine ſehr chriſtliche Weiſe geſchah, obgleich der Magiſter ein im höchſten Grade gottesfürchtiger Mann war, welcher Alles, was er begann, in Chriſti Namen that. Die Folge dieſer Strenge war, daß Tante Ka⸗ tharina und Grünlund ein paar feindliche Mächte bil⸗ deten, und wenn die Alte auftrat, mußte der Magiſter immerdar weichen, während er ganz fromm ſeine Miß⸗ über Frau Herner's gottloſe Heftigkeit aus⸗ prach. So vergingen zwei Jahre. Falkenſtern's Gemüthsart war düſterer und arg⸗ wöhniſcher geworden. Es kam allerdings niemals ge⸗ gen Anna zum Ausbruch, aber ſeine finſter umwölkte Stirne, ſein deutlich ausgeſprochenes Mißvergnügen⸗ ſo oft Anna für Stephan oder Gurli in's Mittel zu treten ſuchte, bewies ihr, daß ſeine Abneigung gegen dieſe beiden Weſen bei n bis auf den Grund ging. Je mehr Gurli und Stephan in ſeiner Gunſt 113 ſanken, deſto mehr ſtieg Allon in derſelben, und dieß, ohne daß Beate ſcheinbar auf irgend eine Weiſe deſſen Aufmerkſamkeit auf denſelben zu richten, oder von ſeinen guten Eigenſchaften zu reden ſuchte. Beate hatte für Nichts Sinn als für Anna. Tag für Tag brachte ſie in dieſen zwei Jahren bei der armen Lahmen zu und verließ ſie nur, wenn Falkenſtern bei ſeiner Gattin ſaß. Sie machte es Gurli möglich, bei ihrer Mutter zu ſeyn, ſobald Falkenſtern abweſend war, und zeigte ſich mild und nachſichtig gegen das kleine Mädchen, welches in der That ein ganz unlenkſames Kind war und blieb, ſeitdem es der beſtändigen Aufſicht der Mutter entbehren mußte. Tante Katharina war vielleicht die einzige, deren Vorurtheile gegen Beate nicht recht ſich geben wollten; aber ſie konnte nicht leugnen, daß Beate durch das Unglück beſſer geworden war. Die Alte würde auch ſicherlich ihre Abneigung gegen die„Gnädige“ ganz überwunden haben, wenn dieſelbe nicht den„Schwarz⸗ rock“, wie ſie den Magiſter Grünlund zu nennen pflegte, ins Haus geſchafft hätte. Auch mußte Tante Katharina zugeſtehen, daß Allon ein ganz artiger Knabe war, welcher ſowohl durch ſein Aeußeres wie durch ſein Benehmen den Porzus, welchen Falkenſtern ihm angedeihen ließ, recht⸗ ertigte. Aber dieſer Vorzug fand auf Stephans Koſten ſtatt, und dieß war Etwas, das die alte Herner dem agiſter oder Allon nie verzeihen konnte. Die Folge war eine entſchiedene Abneigung gegen Allon, welche niemals bei Tante Katharina entſtanden ſeyn würde, wenn Falkenſtern ſich gegenüber von den Kindern unparteiiſch benommen hätte. Schwartz, Der Rechte. I. 8 114 Seit Falkenſtern Anna das Verſprechen gegeben, niemals über Gurli ohne der Mutter Urtheilsſpruch eine Züchtigung zu verhängen, hatte mit dem Wachs⸗ thum des Mädchens auch ihr Charakter eine höchſt unvortheilhafte Richtung angenommen, Falkenſtern ſprach nie ein freundliches Wort mit ihr, ſondern ſchnauzte ſie beſtändig an und wurde ver⸗ ſtimmt, wenn er ſie bei ihrer Mutter traf. Gurli ihrerſeits, welche an der Letzteren mit aller Hingebung, deren nur ein Kind fähig iſt, hing, be⸗ trachtete den Stiefvater als denjenigen, der zwiſchen der Mutter und ihr ſtand. Sie war hierüber allerdings nicht recht im Kla⸗ ren; aber ſie fühlte, daß er gegen die Zärtlichkeit, wozu ſie von Ratur ein Recht hatte, feindlich geſinnt war, und bildete ſich ein, er ſey an der Kranktheit ihrer Mutter ſchuld. Ueberdieß konnte Gurli die Schläge, die ſie be⸗ kommen hatte, nicht vergeſſen, und das Herz des Kin⸗ des war und blieb erbittert gegen den Stiefvater. Wenn Falkenſtern ihr etwas verbot, ſo fühlte ſie eine glühende Luſt, das Verbotene um ſo mehr zu thun. Wenn er ihr einen Ungehorſam oder einen be⸗ gangenen Fehler verwies, ſo wurde ſie trotzig; das Einzige, wodurch man ſie beugen konnte, war, daß ſie an dieſem Tag ihre Mutter nicht ſehen durfte. Dieſe Strafe wurde jedoch anfänglich ſeltener an⸗ gewendet, weil die Unruhe darüber, daß ſie Gurli nicht zu ſehen bekam, den Zuſtand der Mutter nur verſchlimmerte. Falkenſtern liebte die arme Lahme mehr als je und fürchtete allzu ſehr, ſie durch den Tod zu verlie⸗ ren, als daß er nicht Alles zu beſeitigen ſuchte, was ihr nachtheilig werden konnte. 115 WMan griff deßhalb zu einer andern Strafe, und dieſe beſtund darin, daß ihr Stiefvater, wenn Gurli in ihrem kindiſchen Unverſtand ihm Trotz bot, den Magiſter Grünlund rufen ließ, und dieſer ſofort Befehl erhielt, das Mädchen auf ihr Zimmer zu führen, wo ſe mußte, bis Falkenſtern wieder nach ihr ickte. Dieſe Strafe war faſt ebenſo ſchwer, wie die Ent⸗ ziehung der Erlaubniß, ihre Mutter zu ſehen, denn Grünlund leiſtete bei dergleichen Veranlaſſungen Gurli immer Geſellſchaft und erbaute ſie durch lange Reden darüber, was ſie für ein ſündhaftes, verlorenes Weſen wäre, wie ſie und ihre Mutter auf dem breiten Wege des Verderbens wandelten, der zur Verdammniß führe, und wie es hohe Zeit für Gurli wäre, umzukehren und ſich zu beſſern. Von der Liebe Gottes ſprach er niemals, ſondern nur von der Strenge, womit er die Sünder ſtrafte, und wenn er des Unglücks ihrer Mutter erwähnte, geſchah dieß in Redensarten, welche das Kind quäl⸗ ten und zugleich aufreizten, und ſo kam es nicht ſelten vor, daß Gurli im Zorne gegen den Magiſter und ihren Stiefvater ausfuhr und ganz dreiſt erklärte, ſie ſeyen ſolche Böſewichte, daß wenn Gott an ihnen Ge⸗ hätte, ſie nicht auch von ihm geliebt ſeyn wolle. Genug, die minder guten Eigenſchaften des Mäd⸗ chens fanden reichliche Nahrung. Sie wurde auch zu einem förmlichen Plagegeiſt für ihre beiden Couſins, die Domeſtiken und alle Hausbewohner, mit Ausnahme von Walter und ihrer Mutter. Der erſtere hatte für das wilde und heftige Kind eine wahrhaft väterliche Zuneigung gefaßt, und als Tante Katharina einmal im Aerger über die Unan⸗ 116 nehmlichkeiten, zu welchen Gurli Veranlaſſung gab, ganz bedenklich äußerte:„Gott bewahre mich, was die Kleine für ein garſtiges Kind iſt; da lobe ich mir Stephan!“ wurde Walter zum erſten Mal ernſtlich böſe auf Tante Katharina. Beate weilte bereits zwei volle Jahre in Birgers⸗ borg, und Gott allein weiß, ob ſie jemals den ihr ſo⸗ mit faſt zur Heimath gewordenen Ort verlaſſen hätte, wenn nicht ein ganz beſonderer Vorfall zu ihrer Ent⸗ fernung Anlaß gegeben hätte. Falkenſtern hatte wirklich ſo großes Vertrauen zu Beate gefaßt, daß er in manchen Dingen ſie um Rath fragte, und hauptſächlich deßhalb, weil ſie ſo zärtlich gegen Anna war. Der zweite Sommer von Beate's Beſuch bei ih⸗ rem Couſin nahte ſeinem Ende. Es war ein ſchöner Auguſtabend. Gurli war herumgeſprungen und hatte alle Rabatten auf der Terraſſe zuſammengetreten. Falkenſtern, im höchſten Grade darüber aufgebracht, hatte zur Strafe dafür das kleine Fräulein auf ihr Zimmer geſchickt. Sie hu⸗ am Abend ihrer Mutter nicht gute Nacht ſagen ürfen. Eben da Gurli mit Widerwillen und zornfunkeln⸗ den Augen dieſem Gebot nachzukommen im Begriff war, trat Beate in den Saal und ſagte, ſich zu dem Mädchen wendend, freundlich: „Geh' und bitte Papa um Verzeihung; dann wird er Dir den begangenen Fehler nachſehen, und ſo be⸗ trübſt Du dann Mama nicht.“ „Nicht ich betrübe Mama, ſondern Papa thut es, und wenn ich boshaft bin, ſo hat er mich ſo ge⸗ macht, gerade wie er auch Mama krank gemacht hat.“ Falkenſterns Zorn loderte auf, und ſeines Ver⸗ ſprechens uneingedenk, ſprang er auf das Mädchen zu und faßte es an der Schulter. Das achtjährige Kind ſah ihm unerſchrocken ins Geſicht, und dieſer Blick jagte ihm ſolchen Grimm ein, daß Beate wirklich befürchtete, er werde auf der tee ſich zu einer Mißhandlung Gurli's fortreißen aſſen. Aber in dieſem wirklich furchtbaren Augenblick faßte Jemand ihn am Arm und flüſterte ihm ein paar Worte in die Ohren. Es war Walter. Falkenſtern ſchleuderte Gurli von ſich und ſagte in dumpfem Ton: „Auf dein Zimmer!“ In der nächſten Minute führte Walter ſie aus dem Saale, und Falkenſtern trat an die Glasthüre, vergeſſend, daß Beate noch hier war, bis ihre Hand berührte und ſie mit ſanfter Stimme ihn an⸗ redete: „Beruhige Dich, Bengt, und laß deine Frau nicht wiſſen, was vorgefallen iſt. Du begreifſt wohl, daß Jemand anders als Anna dem Mädchen den Gedanken beigebracht hat, Du wäreſt an dem Siech⸗ thum ihrer Mutter ſchuld. Ich kann Dich verſichern, daß Anna ſich niemals beklagt hat.“ DO, du arme Anna„die du ſo hilflos in deinem Zimmer dalageſt, ohne eine Ahnung davon, daß die⸗ lenige, welche ſich ſo freundlich gegen dich erzeigte, nun auch moraliſch dich zu plündern ſuchte, indem ſie darauf ausging, die deinem Frieden ſo feindlichen lemente in deines Gatten Bruſt zu wecken. Beate hatte ihre Worte ſo gut geſetzt, daß ſie in Falkenſterns mißtrauiſcher Seele für kommende 118 Zeiten Frucht tragen mußten. Da er auf ihre Aeuße⸗ rung keine Antwort gab, ſo fuhr ſie fort: „Daß Gurli ſo bösartig iſt, dürfte mit allem Rechte Walter zur Laſt gelegt werden. Er verderbt ſie und flattirt ihr auf alle mögliche Weiſe, und es liegt ja vollkommen in ſeinem Intereſſe, bei der künf⸗ tigen Erbin dieſes Verfahren einzuhalten. Zugleich zeugen Walters Gefühle für Gurli's Mutter von allzu großer Ergebenheit, als daß nicht Etwas davon auch auf die Tochter übergehen ſollte.“ „Walter ergeben gegen meine Frau?“ fiel Falken⸗ ſtern ein.—„Ich habe niemals bemerkt, daß er be⸗ ſondere Theilnahme für ſie empfindet.“ „Nicht?— Da biſt Du nicht ſehr ſcharfſinnig. Jedermann muß doch ſehen, daß ſeine Anhänglichkeit an Dich bei Weitem nicht ſo groß iſt, wie die, welche er für deine Frau empfindet. Ratürlich iſt ſein Ge⸗ fühl in Folge ſeiner untergeordneten Stellung ſo ehr⸗ erbietig als möglich; aber hätte das Schickſal Dich und Walter auf gleichen Standpunkt im Leben geſtellt, ſo würde er gewiß, als Anna Wittwe war, es zwei⸗ felhaft gemacht haben, auf welchen von euch beiden ihre Wahl gefallen wäre. Er iſt ein ſchöner Mann und zehn Jahre jünger als Du. Nun war er dein Intendant, dein Sekretär, oder richtiger geſagt, dein erſter Diener, welcher ganz wohl einſah, daß er, einſt dein Sclave, ſeine Blicke nicht zu der Wittwe deines Couſins erheben durfte. Er blieb daher der ergebenſte aller ergebenen Diener, ia ein wahrer Freund, welcher aus allen Kräften darauf hinarbeitet, ihr und Gur⸗ li's Glück für die Zukunft zu befördern. Ich finde dieß ſo natürlich, daß ich mich nur über die gute Tante Katharina ärgern kann, welche ihrerſeits es 119 dahin treiben will, daß Stephan von Dir zum Erben eingeſetzt werden ſoll. „Ich hoffe, daß Niemand an das Erben denkt, ſo lang ich noch am Leben bin,“ fiel Falkenſtern kalt ein, indem er Beate mit durchbohrenden Augen be⸗ trachtete. Sie zuckte die Achſeln und ſagte ſeufzend: „Es iſt das Unglück des Geldes und Reichthums, andere in Verſuchung zu führen. Von ganzer Seele beklage ich darum Jedermann, der im Beſitz eines zu vererbenden Vermögens iſt. Alle Ergebenheit, welche an eine reiche Perſon verſchwendet wird, iſt gewöhn⸗ lich nichts Anderes, als eine falſche Münze, welche auf der Rückſeite das Gepräge des Eigennutzes trägt.“ Falkenſtern runzelte die Stirne und erwiederte urz: „Und das ſagſt Du mir?— Willſt Du den Zweifel in mir erwecken, daß das kleine Scherflein Freundſchaft, welches mir zugeworfen wird, nichts als Eigennutz ſey. Du nimmſt doch wohl deine und deines Sohnes Ergebenheit hievon aus.“ „Keineswegs; Du haſt uns zuviel Gutes gethan, als daß Du uns für uneigennützig anſehen könnteſt. Ich bin weit entfernt zu behaupten, daß Anna Dich nicht lieb habe; aber das hindert ihren Verſtand nicht, zu wünſchen, daß Gurli diejenige ſey, welche Dich einmal beerben wird. Ich glaube auch ſteif und feſt, daß Tante Katharina Intereſſe für dein Haus hat; aber das kann ſie nicht abhalten, Stephan einmal als Herrn von Birgersborg u. ſ. w. ſehen zu wollen.— Walter ſeinerſeits kann nicht anders als Dir anhäng⸗ lich ſeyn; Du machſt ja ſeine ganze Cxiſtenz aus. Wenn er für Gurli's Zukunft arbeitet und ſie zu einem Naturkind zu machen ſucht, auf deſſen Uneigen⸗ 120 nützigkeit Du in Zukunft bauen kannſt, ſo thut er nur, was recht iſt; denn Niemand hat wohl ein Näherrecht auf den Beſitz deiner Güter, als die Toch⸗ ter von deiner Frau.— Doch, laſſen wir das. Ich verplaudere da die Zeit, anſtatt zu der armen Anna hinaufzugehen, welche dieſen Abend ihrer einzigen Freude beraubt iſt, nämlich der, ihr Kind zu ſehen. Ach, Bengt, wenn Du wüßteſt, wie unglücklich Anna iſt, wenn ihr dieß verweigert wird, mag ſie auch aus Rückſicht für Dich ſchweigen, ſo würdeſt Du nicht den WMuth haben, ihr den Anblick dieſes kleinen Weſens zu entziehen, das ihr Alles iſt.“ Beate wandte ſich zur Thüre. Vor ihr auf der Schwelle ſtand Walter. Was in den Augen des Mulatten, als er die⸗ ſelben auf die gnädige Frau heftete, dieſer zu erkennen gab, daß er, hier ſtehend, Alles, was ſie ſagte, mit angehört hatte, können wir nicht erklären; aber ſo viel iſt gewiß,— Beate verſtand, daß dem ſo war. Walter trat auf die Seite, nicht mit dem ge⸗ wöhnlichen Lächeln, ſondern mit einer Miene, welche zu ſagen ſchien: 4. „Jetzt iſt die Reihe an mir.“ Jann ließ er ſie vorüber, ging auf Falkenſtern zu und äußerte in beſtimmtem Tone: Ich wünſche mit dem Herrn Kapitän zu reden.“ Beate war eine Minute vor der Thüre ſtehen geblieben und hatte mit einem Gefühl der Furcht dieſe Worte noch erhaſcht. Ohne Walter eine Antwört zu geben, nahm Fal⸗ kenſtern ſeinen Weg nach ſeinen Privatgemächern. Als der letztere ſeinen Herrn verließ, war ſein Ausſehen dunkler als gewöhnlich und ſeine Augen ſprühten Feuer. Es war, als ob eine Schlacht ge⸗ liefert worden wäre. 121 Früh am folgenden Morgen, nach einem kurzen S Abſchied von Anna, reiste Falkenſtern ab und kehrte erſt nach drei vollen Wochen zurück. Während dieſer Zeit konnte Gurli Tage lang bei ihrer Mutter ſeyn, und das lebhafte, muthwillige Mädchen vergaß Springen und Spielen und wich nicht von ihrer Seite. Auch in ihrer ſonſtigen Aufführung war Gurli ſo willfährig und ſittſam, ſo ängſtlich, ihre Mutter zu betrüben, daß Anna nicht begriff, wie das Mädchen ſich ſonſt ſo garſtig machen könnte. Das Erſte, was Falkenſtern bei ſeiner Ankunft that, war, daß er, anſtatt zu Anna hinaufzueilen, durch einen Diener Beate zu ſich rufen ließ. Als ſie ſich in ſeinem Zimmer einfand, machte er ihr die Mittheilung, daß Herr v. Stral von ihm eine Anſtellung auf einem ihm zugehörigen Hüttenwerk in Südermannland erhalten habe, und daß er wünſche, Beate möchte ſogleich ihre Reiſe antreten, um dort mit ihrem Mann ſich zu vereinigen. Allon ſollte bis auf Weiteres zu Birgersborg bleiben, da Falkenſtern ſich auch fernerhin ſeiner Er⸗ ziehung annehmen wolle. Bleibe er mit demſelben zufrieden, ſo werde er für ſeine Zukunft Sorge tragen. Eeinige Tage ſpäter reiste Beate ab, vollkommen überzeugt, daß ſie dem„verabſcheuungswürdigen Mu⸗ latten“ dieſe Anordnung zu verdanken habe. Seitdem vergingen vier Jahre. Frau v. Stral hatte ſich im Laufe dieſer Zeit nicht ein einziges Mal zu Birgersborg ſehen laſſen. So oft ſie in einem ihrer Briefe zu erkennen gab, ſie wünſche ihren Sohn zu beſuchen, ſchickte Falkenſtern denſelben auf einige Tage ſeinen Eltern und ließ ihnen 122 ſagen, er halte es für beſſer, wenn ſie keine koſtſpieli⸗ gen Reiſen unternehmen. Auch nach Beate's Entfernung ſtellte ſich bei Falkenſtern durchaus keine Sympathie für Stephan und Gurli ein, ſondern Allon blieb fortwährend ſein Günſtling. Gegen Anna war Bengt oft kalt, zuweilen bitter, immer argwöhniſch, aber niemals gewaltthätig und hart. Ihr gelähmter Zuſtand, ihre geduldige Sinnes⸗ art, und das Vermögen, die Elaſticität ihres Geiſtes zu bewahren:— dieß Alles bewirkte, daß Falkenſtern's Gefühl für ſie das ſtärkſte und edelſte blieb, das in ſeiner Bruſt jemals Raum gefunden hatte; aber Beate's giftige Worte, daß Anna ihr Kind am höchſten liebe, daß Gurli Anna's einzige Freude ſey, daß Anna ſtill⸗ ſchweigend leide, übten auf Falkenſtern die Wirkung, daß ſelbſt in ſeiner Zärtlichkeit etwas Bitteres lag, welches ihr alle Wärme entzog und einen peinlichen Eindruck auf Anna machte. Er argwöhnte hinter der Herzlichkeit ſeiner Gattin und hinter allen ihren Handlungen eine Berechnung zum Vortheil ihres Kindes, und ließ Anna oft auf ſehr ſchmerzliche Weiſe empfinden, daß das Giſt des Zweifels tief um ſich gegriffen hatte und einen ſtets zunehmenden Groll gegen Gurli darin begründete. Um der Möglichkeit, daß ihre Tochter in ihrem Stiefvater zuletzt ihren bitterſten Feind ſehe, entgegen⸗ zuwirken, that Anna ſich die ſtärtſte Gewalt an, die es für ein Mutterherz geben kann, das heißt, ſie ſah das Mädchen nur höchſt ſelten. Das Opfer, welches die Mutter ihrem Gatten brachte, gereichte jedoch, wie wir geſehen haben, dem Kinde nur zum Schaden; denn Gurli glich dem Un⸗ 123 kraut, welches, ſobald man Einhalt thut, fort⸗ wächst, während es von Einigen mit Füßen getreten, von den Meiſten mit Verdruß betrachtet wird. Auch gab es im ganzen Hauſe nicht Viele, welche Gurli beſonders hold waren. Sie zeigte ſich läßig und ungelehrig bei den Lektionen, reizbar und über⸗ müthig gegen die Couſins, gebieteriſch gegen die Die⸗ ner, ungehorſam gegen Tante Katharina und geneigt, der Alten gerade in's Geſicht zu lachen, wenn dieſe ſie gute Sitten und Gottesfurcht lehren wollte. Einzige, deſſen Worten ſie gehorchte, war alter. Von ihm lernte ſie am Abend, was ſie von Grün⸗ lund niemals gelernt haben würde. Walter, welcher nach Beate's Aufenthalt zu Bir⸗ gersborg niemals vermocht werden konnte, einen Fuß über Anna's Schwelle zu ſetzen, hatte gleichwohl eines Tages, da Falkenſtern verreist war, durch Tante Ka⸗ tharina ihr einen Brief übergeben laſſen. Der Mulatte ſuchte darin dem Mutterherzen kar zu machen, daß es höchſt nothwendig wäre, Gurli in eine Penſion zu ſchicken und unter ordentliche Leitung zu bringen. Nach Falkenſtern's Heimkehr machte Anna ihm den Vorſchlag, das Mädchen in ein Inſtitut zu bringen. Falkenſtern wurde dadurch ſehr überraſcht, und machte Anna nun die Mittheilung, er habe ſchon längſt dieß zu thun gewünſcht und ſey auch deßhalb nach der Stadt as gereist, um zu hören, ob in der Penſion von Madame D. ein Platz für ſie offen wäre. Er habe jedoch, aus Furcht, Anna zu betrüben, davon nicht reden wollen; es freue ihn jetzt um ſo mehr, daß ihre Wünſche ſich begegnen.. Er bat jedoch Anna um ihre Zuſtimmung dazu, 124 daß Gurli durch Niemand onders, als ihn ſelbſt von dieſer Veränderung in ihrem Schickſal, und erſt am Abend vor ihrer Abreiſe Kunde erhalte. Falkenſtern war eben auf dem Wege geweſen, Gurli aufzuſuchen und davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ſie am folgenden Tage die Heimath verlaſſen müſſe, als er bei ſeinem Eintritt in den Saal Zeuge von dem Geſpräch der beiden Kinder wurde. Was darauf folgte, wiſſen wir. — 77 In deifelben Stockwerke, wo Falkenſtern's erſte Frau lebte und ſtarb, hatte auch Anna ihre Wohnung. Das Rollen der Wagenräder war verhallt, und daraus erkannte die arme kranke Frau, daß ihre Tochter ſie verlaſſen hatte. Gott allein wußte, wann und wie das arme Kind wiederkehren würde, oder ob Anna je noch einmal das liebe Angeſicht zu ſehen bekommen ſollte, um durch ihre Liebkoſungen alle die unbändigen Gefühle, welche ſich in des Kindes Bruſt durchkreuzten, zu beſchwichtigen. Anna hatte, ohne eine Thräne zu vergießen, Gurli geküßt und ihr ein letztes Lebewohl geſagt, aber als ſie das Mädchen an ihre Bruſt ſchloß, glaubte ſie, das Herz müſſe ihr brechen, und als Gurli durch die Thüre verſchwand, war es, als ob ſie Anna's noch übriges Leben mit ſich genommen hätte. Als der Wagen fortgeroilt und Alles wieder ſtill geworden war, da erſt konnte Anna des Weinens ſich nicht mehr erwehren. Heiße Thränen ſtrömten über 125⁵ ihre Wangen. Sie weinte leiſe und bitter mit krampf⸗ haft gefalteten Händen. Anna war für den Augenblick allein in dem klei⸗ nen Salon, wohin ſie des Morgens getragen wurde, um entweder auf dem Sopha liegend, oder ſitzend und von Kiſſen umgeben, die Zeit mit Leſen oder irgend einer Handarbeit zuzubringen und ſo den Tag verſchwinden und den Abend einbrechen zu ſehen, um dann wieder in ihr Schlafzimmer getragen zu werden und den Sopha gegen das Bett zu vertauſchen. Hätte Anna einen minder muthigen und ſtarken Sinn, eine minder lebendige und warme Gottesfurcht gehabt, ſo würde dieſe traurige Exiſtenz ihre Seelen⸗ ſtärte vernichtet haben. Nun aber trug ſie ihr Schick⸗ ſal mit ſolcher Ergebung und ſolcher Geduld, daß man ſie bewundern mußte. Wäre Falkenſtern geblieben, wie er in den erſten zwei Jahren ihrer Ehe geweſen, und wäre ſie nicht von der Unruhe über Gurli's Stellung gegenüber von dem Stiefvater gequält worden, ſo hätte ſich auch Anna gewiß in Bezug auf ihre Gemüthsſtimmung nicht geändert, ſondern durch ihre lebensfriſche Welt⸗ anſchauung ſelbſt Andere vermocht, ihr Unglück zu vergeſſen. Nun aber bewirkte die Angſt, Falkenſtern möchte Grund zum Mißvergnügen bekommen, daß ſie ſelten Ruhe hatte. Dieß machte einen ſtötenden Eindruck auf ihre Geſundheit und rief unaufhörliche Nebenge⸗ brechen hervor, welche ihre Seelen⸗ und Körperkräfte verzehrten. Geräuſchlos öffnete ſich die Thüre und herein zu der weinenden Mutter trat Tante Katharina. ch dachte mir doch, daß Du daliegen und wei⸗ nen würdeſt,— armes Kind;— aber nun will ich 126 hoffen, daß Du verſtändig biſt, Anna, und unterläſſeſt, über Etwas zu weinen, das dem Mädchen zum Nutzen gereichen muß.“ Tante Katharina ſetzte ſich und nahm eine Priſe nach der andern. Anna reichte ihr die Hand mit freundlichem Lä⸗ cheln und ſagte: „Du haſt recht, Tante, Thränen helfen zu Nichts. Es iſt mir ja nun geworden, was ich ſelbſt für Anna gewünſcht und als ihr Beſtes erkannt habe.“ „Und wenn wir gethan, was recht iſt, ſo müſſen wir das Uebrige dem Herrn anheimgeben und den Ausgang in ſeine Hand legen, Amen.“ Dieſes Amen war von einer ſtarken Priſe aus der kleinen ſilbernen Doſe begleitet, welche ſofort wie⸗ der ihren Platz in der Taſche erhielt. Darauf wurde der Strickſtrumpf hervorgezogen und Tante Katharina ſchickte ſich jetzt zur Arbeit an. „Obſchon ich gehandelt zu haben glaubte, wie meine Pjlicht mir gebot“, nahm Anna wieder das „ſo gibt es doch noch Etwas, das mir Sorge macht.“ „Und das iſt?“ fragte Tante Katharina, indem ſie ihre Brille aufſetzte. „Daß ich Gurli fremden Menſchenhänden über⸗ laſſen habe.“ „Da muß ich doch ſagen, da muß ich doch ſa⸗ en“, brummte die Alte und ſtrickte, ohne auf ihre Arbeit zu ſehen, fleißig fort.—„Du kannſt ja dein Zimmer nicht verlaſſen, Du mußt Dich alſo ihm an⸗ vertrauen, ſo viel ich weiß. Nun iſt er allerdings ein ſchlimmes Stück von einem Mann, aber „Tante“, bat Anna. „Ei ja, laß mich nur ausreden. Von dem, was 127 ich ſage, ſtirbt er nicht, alſo wiederhole ich, obwohl er ſchlimmer iſt, als die Sünde ſelbſt, ſo weiß ich doch beſtimmt, daß er das Mädchen in keine andere, als gute Hände übergeben hat. Wenn nicht aus Gewiſſen⸗ aftigkeit, Gott bewahre, ſo doch aus Ehrgefühl.“ „Davon bin ich ebenſo feſt überzeugt, als ich weiß, daß Falkenſtern in Allem, was er verſprochen hat, Wort hält; aber doch.. 4 Anna ſchwieg. Tante Katharina richtete auf ſie ein paar Augen, welche ſo ſcharf durch die Brille ſahen, als ob ſie Anna in's Herz dringen wollten. „Nun, heraus mit der Sprache“, fiel Tante Ka⸗ tharina ein, als Anna anhielt. „Ach gute, gute Tante“, fuhr Anna fort, indem ſie ihren Arm der Alten um den etwas ſteifen Hals legte;„ich dachte nur, wenn ich eine Freundin beſäße, ſo würde ich dieſe bitten, nach der Stadt„as z fahren und Madame D. zu beſuchen. Das Auge einer Frau ſieht bei der Beurtheilung einer Erzieherin beſſer, als das eines Mannes. Der Inſtinkt ſagt ito ob ſie eine Perſon mit oder ohne Herz vor ich hat.“ „Papperlapapp! Der Inſtinkt ſagt Nichts, das hat ſich gerade an Dir bewieſen, die Du ſo dankbar und gerührt für Beate's Liebe zu Dir geweſen biſt. Eine ſaubere Liebe, bei Gott!“ Nun warf Tante Katharina den Strickſtrumpf weit von ſich, legte ihre Hände zuſammen und ließ die Daumen den beliebten Ringeltanz machen. „Ich, die ich nie etwas Anderem als meinem Verſtand folge, habe mich niemals durch die ſüße Freundlichkeit täuſchen laſſen. Ich ſah noch die Klauen, welche unter der Sammettatze hervorragten. Doch das 128 war es nicht, wovon wir reden wollten, ſondern daß Du keine Freundin habeſt und darum auch Niemand um jenen Dienſt bitten könnteſt. Ich muß ſagen, ich muß ſagen, liebe Anna, Du biſt allerdings ſehr übel daran, daß Du nicht eine einzige Freundin haſt.“ Der Strickſtrumpf wurde wieder zu Gnaden an⸗ genommen, und Anna legte ihren Arm nur noch feſter um Tante Katharina's Hals, während ſie flüſterte: „Eine Freundin habe ich wohl noch, die mich nie⸗ mals im Stiche läßt, das weiß ich, aber „Aber ſie iſt zu alt, um Dir nützen zu können.“ „Du ſagſt nur ſo, Tante.“ Ilnna lächelte und ſah ihr in die Augen. „So, ſo, mach's kurz mit dieſen Kindereien.— Wenn der Hausherr mit ſeinem ſchwarzbraunen Be⸗ gleiter heimkommt, und der Letztere iſt ein beſſerer Chriſt als der Schwarzrock, ſo reiſe ich nach as und ſuche die geſegnete unbändige Kleine und ihre Pen⸗ ſionsfrau auf, und damit Punktum. Nun reden wir kein Wort mehr von der Sache.“ Anna's einzige Antwort war, daß ſie einen warmen Kuß auf Tante Katharina's volle Wangen drückte.. Liſa trat nun ein und fragte, ob die Frau Ka⸗ pitänin wünſche, daß der Magiſter ihr vorleſe. Falkenſtern hatte nämlich den Magiſter aufgefor⸗ dert, er ſolle damit zur Zeit ſeiner Abweſenheit an den Nachmittagen ſeiner Frau einige Zerſtreuung be⸗ reiten. „Ich hoffe doch nicht, daß Du dich der Qual unterwirſſt, dieſe Nachteule hören zu müſſen“, rief Tante Katharina. „Mein Mann hat es gewünſcht“, antwortete * „Das heißt, wenn er wünſchte, Du ſolleſt auf den Händen gehen, ſo Anna legte Tante Katharina die Hand auf den Mund und gebot Liſa, dem Magiſter zu ſagen, er ſey willkommen. Als Magiſter Grünlund durch die eine Thüre eintrat, ging die alte Oerner kerzengerade und ohne den frommen Mann eines Blickes zu würdigen, durch die andere ab, um auf ſolche Weiſe wenigſtens ihm ihre Abneigung an den Tag zu legen. XVI. Vierzehn Tage nach ſeiner Abreiſe kehrte Falken⸗ ſtern wieder nach Birgersborg zurück, und dieß in einer Stimmung, daß weder Tante Katharina noch Anna ſeit den erſten Tagen ſeiner Che ihn ſo freundlich und heiter geſehen hatten. Er war zärtlicher als je gegen die arme Kranke, ſprach freundlich und ausführlich mit ihr über Gurli, wie das Mädchen es in der Penſion haben würde, und wie er hoffe, daß dieſelbe unter der Leitung einet ſo klugen und milden Frau, wie Madame D., ſich ſehr zu ihrem Vortheil verändern würde. Anna dürfe alſo mit Grund hoffen, in Zukunft Freude an ihrer Tochter zu erleben. Einige Tage nach Falkenſtern's Heimkehr beglei⸗ tete Tante Katharina Stephan bis nach as, das er er auf ſeiner Reiſe zu Magiſter L. paſſiren mußte. Sie blieb eine Woche aus und kam mit einem heitern Briefe und Grüßen von Gurli nach Hauſe. Schwartz, Der Rechte. I. 9 4³⁰ Tante Katharina ſprach ſich ſehr befriedigt über Madame D., aber noch mehr über deren Tochter aus, welche in der Penſion der Mutter Lehrerin war. Die Alte verſicherte, Tante Katharina könne vollkommen ruhig und zufrieden ſeyn. Der Hitober neigte ſich zu Ende. Falkenſtern war die ganze Zeit ungewöhnlich mild und ſanftmüthig geweſen, als eines Morgens die Poſt einen Brief von Gurli mitbrachte. Die Poſttaſche wurde immer geöffnet, während Falkenſtern mit dem Magiſter und den Uebrigen am Frühſtück ſaß. So auch jetzt; und da er einen Brie mit dem Poſtſtempel von*as und der Adreſſe an Anna ſäh, ſchickte er ihn ſogleich zu ihr hinauf. „Hat der Herr Kapitän nicht früher ſchon von Gurli Rachrichten mit der Poſt bekommen?“ fragte Magiſter Grünlund, ſeiner Gewohnheit zufolge, die Perſon anzuſehen, mit welcher er ſprach, un zerbröckelte dabei ein Stückchen Brod zwiſchen den Fingern.. „Nein, aber ſch vermuthe, daß meine Frau eben einen Brief von ihr empfieng“, antwortete der Kapitän. Das iſt wahr, Frau Herner brachte den erſten Brief mit“, begann der Magiſter wieder.„Ich möchte nur wiſſen, ob Gurli zufrieden iſt. Madame D. iſt ja wohl eine ſtrenge Frau, wie man mir geſagt hat. Walter hatte bei der Frage des Magiſters die Augen auf ihn gerichtet und dachte: „Hinter dieſer Frage ſteckt gewiß eine Teufelei; aber man hütet ſich, etwas zu ſagen.“ betrachten, welcher jetzt Er fuhr fort Grünlund zu ſeine niedergeſ Falkenſtern, dann auf Walter einen lauernden li chlagenen Augen erhob und zuerſt au richtete. Als deſſen Augen den ſeinigen begegneten, — —— 131 ſah Grünlund ſogleich hinweg und äußerte im ſanft⸗ müthigſten Tone: „Ich wünſche von ganzem Herzen, daß Gurli nicht die Frau Kapitänin mit Klagen über ſtrenge Behand⸗ lung beunruhige. Das wäre eine große Sünde.“ Auf dieſe Bemerkung erhielt er keine Antwort; aber die Stirne des Hausherrn legte ſich in Falten, und er verließ den Saal vor den Andern und ging zu ſeiner Frau hinauf. nna las gerade Gurli's Brief. Bei Falken⸗ ſtern's Anblick erröthete ſie lebhaft und zerknitterte den Brief in den Händen. „Was ſchreibt Gurli?“ fragte Falkenſtern, welcher ſehr wohl merkte, daß Anna erregt und verlegen ausſah. Ihr Brie iſt ſo ſtammelte nna. „Ich wünſche ihn zu leſen“, ſagte Bengt. Anna reichte ihm die eine Hand, indem ſie mit bittendem Tone ſagte: „Guter, guter Bengt, verſchone mich damit, Dir dieſen unverſtändigen Brief zu zeigen. Laß mich zu⸗ erſt an das Mädchen ſchreiben und mich erkundigen, wer ihr den Inhalt davon diktirte.“ Falkenſtern ſchob ihre Hand zurück. „Anna, ich will den Brief ſehen.“ Bei dieſer Antwort riß Anna, ehe es Falkenſtern verhindern konnte, den Brief in Stücken. Mit einer Bewegung heftigen Zornes ergriff er ihre Hände und rief: „Was wagſt Du zu thun? Du haſt alſo Ge⸗ heimniſſe vor deinem Mann? Du erdreiſteſt dich, mir Trotz zu bieten und dieſes Kind, das ich verab⸗ cheue, meinem Zorn zu entziehen. Glaube jedoch 132 Ficht, daß Du mit dieſen Kunſtgriffen deine Abſicht erreichſt und ſie zu meiner Erbin machen kannſt. Cher laſſe ich Alles, was mein eigen iſt, in Flammen auf⸗ gehen, oder gebe es dem nachſten beſten Bettler, ols daß ein einziger Schilling davon dieſem Kinde zu gut kommen ſoll. Haſt Du in der niedrigen Berechnung, deinen Kindern mein Vermögen zuzuwenden, mich ge⸗ heirathet, ſo biſt Du gewaltig betrogen. Du haſt mir dann dein Leben für Richts verkauft.“ Falkenſtern hatte, was ihm bisher nie außer Acht gekommen war, Anno's Körperſchwäche vergeſſen. Er ſollte jedoch auf eine bittere Weiſe daran erinnert wer⸗ den; denn als er die letzten Worte ausſprach, verzerrte ſich Anna's Geſicht, der Mund verzog ſich gräßlich, die Lippen wurden blau, und heftige Zuckungen er⸗ ſchütterten ihren ganzen Körper. Sie hatte einen neuen Schlaganfall bekommen. Run erfolgte ein fürchterlicher Aufruhr. Durch einen Eilboten wurde der Arzt herbeigerufen und er⸗ ſchien auch ſogleich. In der nächſten Zeit und ſo lang der Ausgang noch ungewiß erſchien, wachte Falkenſtern Tag und Nacht an Anna's Lager. Sein ganzes Aeußere ver⸗ änderte ſich; in dieſen wenigen Tagen war er um zehn Jahre älter geworden. Das ſchreckliche Bewußtſeyn, daß wenn ſie ſtarb, er die Schuld davon trug, wirkte bei dieſem Mann, der nie ein Weſen ſo innig wie Anna geliebt hatte, gleich einem förmlichen Fluch und hatte verheerendere Folgen, als Alles, was er bis jetzt erlebt hatte. Anna ſtarb jedoch nicht, ſondern kehrte zu ihrem kümmerlichen Leben zurück, aber mit völlig veränder⸗ ter Gemüthsſtimmung. Die Flaſticität des Geiſtes,— womit ſie bisher ihre Leiden ertragen hatte, war ver⸗ —,— ſchwunden, und über der Seele der unglücklichen Frau lagerte ſich eine eiskalte Verſchloſſenheit. Sie zeigte ſich gleich geduldig, gleich ergeben, aber es war eine Geduld und eine Ergebenheit, welche der Stille des Todes glich. Als Anna ſo weit wieder hergeſtellt war, als dieß überhaupt bei ihr geſchehen konnte, und wieder im Salon auf dem Sopha lag, bat Falkenſtern ſie auf den Knieen um Verzeihung für den Ausbruch ſeiner Heftigkeit und für die Leiden, welche derſelbe ihr ver⸗ urſacht hatte. Sie antwortete mit kalter Freundlichkeit, aber ohne das liebevolle Lächeln, welches ſonſt ihre Züge erhellte. Wenn Falkenſtern nicht mit ihr ſprach, konnte ſie Stunden lang ſchweigend daliegen und mit ſo gleich gültiger Miene vor ſich hinſtarren, daß es ausſah, a ob ihr alles Intereſſe für die Außenwelt abhanden ge⸗ kommen wäre. Suchte Falkenſtern ein Geſpräch einzuleiten, ſo beſchränkte ſich der Antheil, welchen Anna daran nahm, auf einſylbige Worte; wollte er ihre Anſicht über Et⸗ was, das gethan werden ſollte, einholen, ſo hatte ſie keine ſolche, und nannte er Gurli, ſo ſchwieg Anna hartnäckig. Sobald ſie wieder die Feder führen konnte, ſchrieb ſie einen langen, ernſten Brief an Gurli, aber ſchickte denſelben ab, ohne auch nur Miene zu machen, den⸗ ſelben ihrem Manne zu zeigen. Mit Gurli's Antwort verfuhr ſie jedoch ganz an⸗ ders. Sobald ſie den Brief der Tochter erbrochen hatte, und ehe ſie noch einen Blick hineinwarf, reichte ſie ihn Falkenſtern zum Leſen, obwohl dieſe Briefe von einem 134 Inhalt waren, daß ſie ihn unbedingt gegen Gurli er⸗ bittern mußten. Das Mädchen ſprach von dem Stiefvater mit einer Bitterkeit, welche Anna nicht begreifen konnte, da ſie in jeder ihrer Antworten Gurli nicht blos Vor⸗ würfe wegen dieſer Sprache machte, ſondern ſie auch förmlich verbot. Falkenſtern erkannte bald, daß Anna's Zuneigung, ſoweit er ſie überhaupt beſeſſen hatte, für ihn dahin war, und daß ſie ihn nur noch aus Pflichtgefühl um ſich duldete. Er war jedoch nicht der Mann, welcher ſo etwas geduldig ertragen konnte, und nach Verfluß kurzer Zeit, hatte er ſein Benehmen gegen ſie und die traurigen Folgen, wovon es begleitet geweſen war, vergeſſen. 4 Die Reue, dieſes heftige aber flüchtige Gefühl, erſchwand, und er begann ſich für den Gekränkten an⸗ zuſehen. Kalte und verletzende Worte folgten auf die reuigen, und ſehr oft ließ er gegen Anna die Anklage laut werden, ſie habe von den erſten Tagen ihrer Ehe ihm nur den zweiten Platz in ihrem Herzen, den erſten ihren Kindern eingeräumt. Anna ſetzte dieſen mannigfaltigen Ausbrüchen der ereizten Gemüthsſtimmung ihres Mannes ein Grabes⸗ ſilſchweigen entgegen. Sie widerſprach ihm nicht, ſuchte ſeine Ungerechtigkeit nicht zu widerlegen, oder ſeine Zweifel zu zerſtreuen, wie ſie ſonſt gethan hatte, ſondern begnügte ſich zu ſchweigen. Dieſes Betragen erbitterte ihn dermaßen, daß eine neue Scene daraus erfolgte, und dieſe zu einer Er⸗ klärung zwiſchen beiden Gatten führte. Dieſe Erklärung dauerte ſehr lang. Als Falkenſtern nach derſelben das Zimmer ſeiner 6 135 Frau verließ, war er bleichgelb und ſein Geſicht ſah aus, als ob es verſteinert wäre. Einige Augenblicke darauf trat Tante Katharina bei Anna ein, und die Alte bemerkte Spuren von Thränen auf ihren bleichen Wangen.* Falkenſtern ſchloß ſich in ſeinem Zimmer ein und verließ es eine ganze Woche nicht. Die einzigen Per⸗ ſonen, welche Zutritt zu ihm erhielten, waren Walter und Otto, einer der Domeſtiken, welcher ſpeziell den Dienſt bei ſeiner Perſon hatte. ² Anna äußerte weder eine Frage über ihren Mann, noch ein Zeichen der Verwunderung über ſein Aus⸗ bleiben, ſondern ſchien vollkommen darauf vorbereitet zu ſeyn, daß er ſie nicht beſuchte. Eine Woche verging. Man hatte noch einige Tage bis Weihnachten. Es war ein kalter und ſtürmiſcher vezenberabeh als Falkenſtern nach Tante Katharina ſchickte, um ei⸗ nige Worte mit ihr zu ſprechen. „Ich reiſe ab“, ſagte er kurz,„um mich zu über⸗ zeugen, wie Stral ſein Amt zu Ekenäs verwaltet; und da ich erſt nach Weihnachten wieder heimkehre, ſo iſt es mein Wunſch, daß Du Vorkehrungen triffſt, Gurli über die Feiertage hieher kommen zu laſſen, und wenn das Dreikönigsfeſt vorüber iſt, nach as zurückzu⸗ ſchicken. Stephan kann auch ſeine Weihnachten hier zubringen. Ich nehme natürlich Allon mit mir, damit er ſeine Eltern begrüßen kann. Wir reiſen in zwei Tagen. Gurli und Stephan können ſomit den Tag nach unſerem Abgang hier eintreffen, wenn die Tante ſo gut ſeyn und ſich mit deren Hierherberufung be⸗ ſaſſen will.“ „Und wie iſt es mit dem Magiſter“, fiel Tante 136 Katharina ein;„ich dächte, den ſollteſt Du auch mit⸗ nehmen.“ „Nein, er kann hier bleiben, braucht ſich aber mit den Kindern, da ſie nur auf Beſuch kommen, nicht abzugeben.“ „Ich will es ihm recht gemüthlich machen“, dachte Tante Katharina und verabſchiedete ſich kurz darauf von Falkenſtern. XVII. Es war windig und ſo kalt, daß es der Haut wehe that. Ein feiner und ſcharfer Schnee wirbelte n ganzen Tag durch die Luft und bildete gegen end einen ſo undurchdringlichen Nebel, daß man nur mit größter Schwierigkeit in Birgersborg aus⸗ und einzugehen vermochte. Als die alte Herner aus Falkenſtern's Zimmer in die von einer Lampe ſchwach erleuchtete Vorhalle trat, murmelte ſie, auf das Toben des Windes horchend: „Ein rechtes Herrgottswetter! Wehe den Armen, die in dieſer Kälte draußen auf der Straße ſind!“ In dieſem Augenblick vernahm ſie ein leiſes Scharren an der Thüre der Vorhalle. Tante Katha⸗ rinaöffnete und hereinſtürzte Falkenſtern's großer Neu⸗ fundländerhund und begann unruhig an ſeines Herrn Thüre zu kratzen. Tante Katharina, welche das ſtattliche und treue Thier nicht recht leiden konnte, weil er ihre Lieblings⸗ katze todtgebiſſen hatte, öffnete Falkenſtern's Thüre, indem ſie zu dem Hund ſagte: 137 „So, geh' zu deinem Herrn hinein; ihr paßt ganz zu einander.“ 3 Der Hund ſprang auch mit lautem Gewinſel hin⸗ ein, und Tante Katharina nahm ihren Weg nach der breiten Treppe. Sie gieng jedoch nicht zu Anna, ſondern ſtieg neite mit einem Licht in der Hand, die zweite Treppe hinauf. In dieſem Stockwerk waren außer den Zimmern von Gurli und Liſa noch drei weitere für Allon, Stephan und deren Lehrer eingerichtet worden. Jetzt waren ſie, da Stephan abgegangen, von Allon und dem Magiſter allein bewohnt. Zwiſchen dieſen Zim⸗ mern und denen, die Gurli gehört hatten, lagen meh⸗ rere große, verfallene Säle, an deren Wänden die Tapeteneinfaſſungen in Fetzen herunterhingen, während der Sturm das alte Schloß erſchütterte, fuh der Wind mit Klagegeſtöhn durch die ſeeren Räum⸗ lichkeiten. „Es iſt doch etwas Garſtiges um dieſes alte Neſt hier, und wird mit jedem Jahre ſchlimmer“, dachte Tante Katharina, während ſie von der Vorhalle ſich in das zweite Stockwerk begab, um von da noch eine Treppe höher hinaufzuſteigen. Ein kalter, ſcharfer Luftſtrom kam ihr entgegen und löſchte das Licht aus. In dieſem Augenblick er⸗ hob Felir ein wildes Geheul, welches bis zu ihr her⸗ aufdrang und faſt wie ein Jammerſchrei lautete. Ringsherum war es ſtockfinſter; und als ſie ihre Wanderung fortſetzen wollte, faßte eine kalte Hand eine der ihrigen. Eine minder beherzte würde um Hülfe ge⸗ rufen haben; aber Tante atharina glaubte nicht an 138 Geſpenſter oder Kobolde und fürchtete ſich ſomit auch nicht ſonderlich. Sie blieb ſtehen und rief in barſchem Tone: Wer da?“ „Still, ſtill, Tante Katharina“, flüſterte eine Stimme, in welcher die Alte diejenige Walter's er⸗ een„Wollen Sie zu mir herauf, ſo gehen Sie eiſe.“ Mit dieſen Worten drückte die kalte Hand die ihrige feſter, und ſchweigend ſtiegen ſie die Treppe hinauf. Falkenſtern hatte ſich, ſo lang er mit⸗ Tante Ka⸗ tharina ſprach, in eine Sophaecke in ſeinem äußern Zimmer zurückgelegt, und war auch, als dieſelbe ihn verließ, ſo ſitzen geblieben. Er wurde jedoch ſogleich geſtört, als die Thüre aufging und Felix winſelnd auf einen Herrn zuſprang, und ihn zuerſt mit den Zähnen am Rockkragen, dann an dem einen Arme faßte und zog, als ob er ihn zu dem Zimmer hinauszwingen W ollte. Falkenſtern ſuchte ſich loszumachen; aber da faßte ihn der Hund nur noch feſter und wimmerte unruhi⸗ ger, während er ſeinen Herrn zugleich nach der Thüre hin zog. „Marſch, laß los, Felir“, ſagte Falkenſtern un⸗ geduldig. Dieß half nichts. Er ſtieß mit dem Fuß nach dem Hunde; aber ſelbſt der Schmerz, den er ihm da⸗ durch verurſachte, vermochte Felir, der ſonſt ſehr ge⸗ horſam war, nicht, ihn loszulaſſen. Dieß erregte Fal⸗ kenſtern's Erſtaunen, und er ſtand endlich auf und folgte dem Hunde, indem ex murmelte: „Was zum Teufel hat denn der Hund?“ N Dieſer zog ihn hinaus und fort vis zur Haus⸗ 139 thüre und ſcharrte an derſelben, ohne ihn jedoch los⸗ zulaſſen. Falkenſtern öffnete. Der Sturm trieb ihnen den Schnee entgegen. Deſſenungeachtet führte Felix ſeinen Herrn die Stufen hinab und in den Hof. Hier ließ er ihn los und ſpren laut winſelnd und bellend auf das Gitter⸗ thor zu. Falkenſtern folgte ihm, da er deutlich einſah, daß er dort den Gegenſtand finden würde, zu welchem ihn der Hund führen wollte. An dem Gitter angelangt, ſah er den Hund neben etwas Dunklem ſtehen, das auf dem Schnee lag und von dem leiſe winſelnden Felix geleckt wurde. Falkenſtern beugte ſich nieder. Es war ein Kind, welches dem Anſchein nach das Bewußtſein völlig ver⸗ loren hatte. Bengt nahm das arme Weſen in ſeine Arme und trug es auf ſein Zimmer hinauf, während Felix nun fröhlich bellend neben ſeinem Herrn herſprang. Warum Falkenſtern ſeine Bürde nicht in den linken Flügel trug, wo er bei dem weiblichen Dienſt⸗ perſonal Hülfe zu finden gewiß war, kam daher, daß er dieſen Vorfall nicht durch die Unbedachtſamkeit der Mägde zu Anna gelangen laſſen, und ihr dadurch, wenn im ſchlimmſten Fall das Kind todt wäre, Un⸗ ruhe machen wollte. Genug, er trug es in ſein Zimmer hinauf. Nach⸗ dem er es auf den Sopha in dem innern Zimmer gelegt hatte, gedachte er eben zu klingeln und nach Tante Katharina zu ſchicken; aber da heftete er ſeine Augen auf des Kindes bleiches Angeſicht, und ſchau⸗ dernd fuhr er einige Schritte zurück, denn das Weſen, das er auf ſeinen Armen getragen, war Niemand an⸗ ders als— Gurli. XVIII. 5 Walters geräumiges, im dritten Stockwerk ge⸗ eegenes Zimmer war von dem Feuer in dem Kachel⸗ ofen erhellt, als Tante Katharina, mit ihrem ausge⸗ löſchten Licht in der Hand, von Walter dort einge⸗ führt wurde. „Nun, liebe Tante Katharina,“ ſagte der Mulatte munter,„können Sie ſich ſetzen und ſich wieder auf⸗ wärmen. Es iſt ein ſehr ſeltener Beſuch, das. Laſſen Sie nun hören, was Sie hiezu bewogen hat. „Das wird Er zu ſeiner Zeit erfahren; aber zu⸗ erſt will ich Rechenſchaft darüber haben, warum Er ein Hauſe herumſchleicht und ehrlichen Leuten das Licht usbläst. Wäre ich ein furchtſames Ding.. „So hätte Tante Katharina zu kuſchen ange⸗ fangen, oder wäre in Ohnmacht gefallen,“ warf Wal⸗ ter lachend ein. Dabei machte er einen Satz nach dem andern, zum Zeichen, daß er höchſt aufgeräumt war. „Hör' Er auf, Walter!“ rief Tante Katharina, indem ſie das Licht wegſetzte und die Hände zuſam⸗ menlegte, worauf die Daumen ihren gewöhnlichen Kreislauf begannen;—„ich kann dieſe Luftſprünge nicht leiden, das weiß Er, ſondern nur rein heraus⸗ geſprochen. Wenn man ſo ſchwarz ausſieht, wie er, ſo muß man auf der Hut ſein, ſich wie ein Affe zu geberden, denn da kann kein Chriſtenmenſch glauben, daß Er etwas Anderes, als ſo ein garſtiges Thier iſt. Antworte Er nun, warum hat Er mir mein Licht aus⸗ geblaſen?“ „Ich fürchtete, der Schwarzkittel möchte unver⸗ 141 muthet ſeine Thüre öffnen und mich zu ſehen bekom⸗ men. Es iſt mir jetzt endlich gelungen, ihm einen Streich zu ſpielen, worauf ich ſeit vier Jahren g wartet habe. Ich hoffe, dieß wird nun gar zur Fol haben, daß er vor die Thüre geſetzt wird.“ vollen Bewegung des Fußes und fuhr dann fort: „Und wenn der Teufel ſeinen ganzen Anha aus der Hölle ſchickte, ſo würde es ihm doch nicht glücken, Walter Yactes zu überliſten. Ich gleiche mehr der Katze als dem Affen; ich nicke zu Zeiten ein; ich ſtelle mich freundlich gegen Jedermann und ſchlafe mit halboffenen Augen, bis ich mit Sicherheit auf meine Beute mich werfen kann. Jetzt, jetzt endlich habe ich den Elenden in meinen Klauen und werde ſn nicht ein Stückchen von ſeinem Schaafskleide ganz aſſen.“ Walter drehte ſich mehrmals auf den Ferſen un und rieb ſich die Hände. „Spricht Er von Grünlund?“ fragte Tante Ka⸗ tharina und nahm eine Priſe. „Ja, ja,“ antwortete Walter, zog einen Stuhl dicht zu Tante Katharina heran und fuhr fort: Wenn Sie Zeit haben, hier zu bleiben, ſo will ich Ihnen im Vertrauen Eines und das Andere er⸗ zählen, Tante Katharina.“ „Rede Er nur ſchnell und ohne alle Umſchweife.“ „Ich will es verſuchen, und darum überſpringe ich den Anlaß, der mich, als der erſte Brief von Gurli mit der Poſt ankam, auf den Glauben brachte, daß Grünlund Kenntniß von deſſen Inhalt hätte⸗ zenug, ich ſchlich dem Kapitän, als er zu ſeiner Frau inaufging, nach, um aufzufangen, was geſprochen wurde, und war ſomit Zuhoörer bei dem ganzen Auf⸗ . 142 tritt. Daß Gurli, nachdem ſie mir das Verſprechen gegeben hatte, niemals an ihre Mutter Etwas zu ſchreiben, das nicht auch ihr Stieſvater leſen könnte, es nun dennoch thun ſollte, erſchien mir unbegreiflich. Ich ſchrieb auch ſogleich an ſie und fragte, was ihr Brief an die Mutter enthalten hätte. Ich ſandte mein Schreiben mit der Getreideſuhr, welche nach as abging und erhielt mit derſelben Gelegenheit auch die Antwort, ſie habe nur von der Penſion und davon, daß alle gegen ſie gut und freundlich wären, geſprochen. Ich argwöhnte nun, daß von dem ſchwarz⸗ berockten Freund der„gnänigen Frau“ irgend ein ſataniſcher Streich zur Ausführung gekommen ſey, nachdem er vier Jahre lang auf ſo fromme un chriſtliche Weiſe ſeine Intriguen anzuſpinnen gewußt hatte. Die Fädchen davon waren bisher ſo fein ge⸗ weſen, daß es nicht ein einziges Mal gelang, einen derſelben mit Beweiſeskraft zu faſſen, ſo beharrlich ich auch wachte und ſpionirte. Gurli's Erklärung lenkte jedoch meinen Argwohn auf das Poſtfelleiſen. Bei ver nächſten Poſt, die von ihr einlief, nahm der Kapi⸗ tän in meiner Gegenwart den Brief aus dem Fell⸗ eiſen. Da Niemand außer ihm und dem Poſtmeiſter den Schlüſſel dazu hatte, konnte eine Unterſchlagung nicht wohl ſtattfinden, und gleichwohl war ich deſſen verſichert.“ Hier wurde Walter von Jemand unterbrochen, der mit Heſtigkeit die Thüre aufriß. Ein Kopf ſteckte ſich herein, und Falkenſterns Diener rief mit Eile: „Der Herr Kapitän will ſogleich mit Herrn Wal⸗ ter und Frau Oerner ſprechen.“ Es wurde dem Rufe Folge geleiſtet. Als Tante Katharina und Walter in das äußere Zimmer Falkenſterns traten, fanden ſie die Thüre zu 143 dem innern verſchloſſen. Er kam ihnen jedoch ſogleich entgegen, aber mit ſo verſtörtem Ausſehen, daß ſie beinahe erſchracken. „Schließt zu,“ befahl er und winkte Tante La⸗ tharina hereinzukommen. „Was iſt denn da wieder los?“ dachte Walter, während er die Thüre ſchloß und dann jenen folgte. Auf dem Sopha lag ein Mädchen, deſſen Kleider mit Schnee bedeckt waren, und über ſie gebeugt ſtand Falkenſtern und rieb des Kindes Schläfe und Hand⸗ gelenke. Bei dem erſten Blick auf ihr lockiges Haupt rie⸗ fen Walter und Tante Katharina in einem Athem: „Gurli! Gott Vater, was hat das zu bedeuten? Iſt ſie todt?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Falkenſtern kurz. „Thut Alles, was ihr könnet, um ſie ins Leben zurückzurufen, aber keine Fragen und keinen Lärm!“ XM. Der dumpfe Schlag der Saaluhr verkündete die Mitternachtsſtunde. Alles war ſtill auf Birgersborg. Im innern Zimmer des Kapitäns lag Gurli, nun in tiefen Schlaf verſunken und an ihrer Seite ſaß Katharina, während ſie einmal über das andere bei ſich wiederholte: „Nun, das muß ich ſagen, das muß ich ſagen; das Mädchen, das Mädchen!“ In dem Kabinet vor ſeinem Schreibtiſch finden wir Falkenſtern ſelbſt, den Kopf auf die Hand ſtützend und ein Papier leſend, das er vor ſich hatte. 5 144 Es war ein Brief von Magiſter Grünlund an Beate von Stral. „„Meine hochgeehrte Couſine und Schweſter in Chriſto!“ „Indem ich den Segen des Höchſten auf Dich und die Deinigen herniederrufe, beginne ich dieſes Schreiben an Dich, welches, wie ich weiß, im Geiſte des wahren Glaubens wirken wird. „Du klagſt darüber, daß ich ſo lang von mir Nichts habe hören laſſen. Meine Schweſter, deine Klage verräth eine Ungeduld, welche mit der Lang⸗ muth unvereinbar iſt, die Du bei allen Gelegen⸗ heiten beweiſen und an den Tag legen mußt, nach⸗ dem Du den rechten Weg, der zum Lichte führt, betreten haſt. „Du hätteſt einſehen ſollen, daß, wenn ich ſchwieg, ich Nichts zu ſagen hatte. Thorheiten zu reden, iſt nicht nach meinem Sinn. Ich habe mir die Worte zum Wahlſpruch gemacht: Beſſer ſchwei⸗ gen, als übel reden. „Die Umſtände erfordern aber jetzt, daß ich das Band meiner Zunge löſe und Dir von Ver⸗ ſchiedenem, was in dieſem Hauſe der Sünde und ſich zugetragen hat, Mittheilung mache. „Ich lebe hier einzig und allein aus chriſtlicher Liebe, denn ich weiß, daß der, welcher mit Sündern umgeht, ſelbſt in Sünde verfallen kann; aber ich bin ſtark in der Prüfung und laſſe mich nicht mit Sünde beflecken. Ich weiß, daß ich auch hier zu Gottes Ehre wirken kann, und dieß hält meinen Muth in der Schmerzenszeit aufrecht, wo ich nichts 145 als ein gottloſes und ſündiges Leben derer, welche mich umgeben, ſehe. „Aber genug davon. Nunmehr zu dem, ng5 ich für das Gute zu wirken vermochte. ₰ „Schon zu Anfang des Oktobers— wir ſchrä⸗ ben heute den zwanzigſten Dezember— gelang es mir, den von mir ſchon lang entworfenen Plan auszuführen, nämlich deinen gottloſen Freund auf den Gedanken zu bringen, daß das Mäbchen Gurli unter die Leitung einer chriſtlichen Erzieherin kom⸗ men müſſe. Um ſie ſomit auf den Pfad des Rechts — und Andern aus dem Wege zu bringen, welche beſſer als ſie das mit Sünde erworbene Vermögen dieſes Mannes zu Gottes Ehre einſt anzuwenden wiſſen, habe ich durch meine Worte bei dem Mäd⸗ chen die Abneigung, welche der Stiefvater ihr ein⸗ flößte, angeblaſen und genährt. Ich hatte auch, ohne direkt gegen das Mädchen zu ſprechen, Falken⸗ ſterns Widerwillen gegen ſie dermaßen geſteigert, daß er, als ich planmäßig ihm die Nothwendigkeit von Gurli's Entfernung vorſtellte, mit Begierde dieſen Vorſchlag ergriff. „Er reiste nach*a8. „Ich empfahl ihm Frau Grääs, als die nach meiner Anſicht paſſendſte Erzieherin für Gurli; aber ich war vollkommen überzeugt, daß er ſich nicht an ſie wenden würde, eben darum, weil ich ihre Penſion vorſchlug. Er thut immer das Gegentheil von dem, was ſeine Umgebung wünſcht. „Der Argwohn, daß ich das Mädchen bei Frau Grääs haben möchte, veranlaßte ihn zu Frau D. jutgehen⸗ ganz wie ich es gewünſcht und berechnet atte.— Schwartz, Der Rechte. I. 10 146 Bei dieſer Stelle des Briefs ſprang Falkenſtern heftig vom Stuhl auf und ging mehrmals im Zimmer auf und ab, augenſcheinlich darüber aufgebracht, ſich nicht blos überliſtet, ſondern, was noch ſchlimmer war, als Spielball für die Plane dieſes einfältigen und frommen Burſchen benützt zu ſehen. Für einen ränkevollen und mißtrauiſchen Men⸗ ſchen iſt es im höchſten Grade ärgerlich, entdecken zu müſſen, daß er als Werkzeug von denen, welche er ſelbſt zu dieſem Zweck zu gebrauchen ſich einbildet, behandelt worden iſt. Nach einer kurzen und heftigen Promenade ſetzte er ſich wieder an den Schreibtiſch und fuhr in ſeiner Lektüre fort. „Du weißt, daß Frau D. eine der Unſrigen iſt. Ich war ſo gewiß, Falkenſtern würde nicht zu Frau Grääs gehen, daß ich an Frau D. ſchrieb, ſie auf die Möglichkeit, Gurli unter ihre Leitung zu bekommen, vorbereitete und unterrichtete, wie ſie Anfrage wegen eines Platzes für das ädchen entgegennehmen und beantworten ſollte. „Genug, es wurde zwiſchen ihr und Falken⸗ ſtern abgemacht, daß Gurli dorthin ſollte. „Ich fürchte jedoch, daß die Sache niemals durchgegangen wäre, wenn nicht die Mutter gleich⸗ zeitig, und ohne daß ich mir das zum Verdienſt an⸗ rechnen kann, ſich in den Kopf geſetzt hätte, daß ihre Tochter fort müßte. „Meine theure Schweſter, dieſer Mann, der als ein wahrer Sündenpfuhl zu betrachten, iſt mit den erniedrigenden Banden irdiſcher Liebe ſo feſt an dieſe von Gottes Gerechtigkeit geſchlagene Frau, welche ſeine Gattin iſt, gefeſſelt, daß er nie⸗ mals, und gälte es das ewige Heil des Mädchens, 147 es über ſich vermocht hätte, Gurli in einem chriſt⸗ lichen Hauſe unterzubringen, im Fall deren Mutter nicht ihre Einwilligung hiezu gegeben haben würde. „Wir müſſen ſomit annehmen, daß Gott in ſeiner Gnade der Mutter in ihre ſo verirrte Seele dieſen Gedanken, obſchon ihr Inneres noch nicht erweckt iſt, eingegeben hat. „Ich hege jedoch nunmehr die feſte Hoffnung, eines Tags, nachdem dieſes Mädchen fort iſt, Anna auf den Weg der Seeligkeit führen zu können. „Eine Woche nach Falkenſterns Beſuch in*as verließ Gurli Birgersborg. Um ihres eigenen Hei⸗ les willen gelobte ich mir, daß ſie, im Fall mir Leben und Kraft zu wirken bliebe, nicht mehr hie⸗ her zurückkehren ſollte, ſo lang ihre Mutter noch auf Erden wäre, und ſpäter noch viel weniger. „Ich gab Frau D. einige ſchriftliche Rath⸗ ſchläge, welche ſämmtlich auf die geiſtige Errettung des Kindes Bezug hatten. Meine Aufgabe hier auf Erden iſt, ſo viel Seelen als möglich aus den Schlingen der Sünde und des Böſen zu retten. „Nun iſt es klar, daß Gurli gewiß auf dem Weg des Verderbens wandeln würde, wenn Falken⸗ ſtern ſie zu ſeiner Erbin einſetzte. Auch habe ich nur, um zu ihrer und Anderer Errettung und zu Gottes Ehre zu wirken, mich bei dieſer Erb⸗ ſchaftsangelegenheit betheiligt. „Nur derjenige darf in den Beſitz von Reich⸗ thum gelangen, welcher in dem einzigen ſeligmachen⸗ den Glauben erzogen iſt. „Allon hat von mir eine ſolche Erziehung er⸗ halten. Er beſitzt jene kindliche Einfalt, jene Schüch⸗ ternheit des Gedankens, welche dahin führt, daß man glaubt, ohne zu forſchen; er iſt auch mit dem 148 Böſen dieſer Welt völlig unbekannt. Ja, geliebte Schweſter, danke Gott dafür, daß deinem Sohn bei der Geburt glänzende Geiſtesgaben verſagt worden ſind, und daß er in den Augen gewöhnlicher Men⸗ ſchen für beſchränkt in ſeinem Urtheil gelten kann. Hiedurch iſt er gerade tauglich, eines Tags zum Siege der Lehre unſeres Herrn und Erlöſers auf Erden zu wirken. „Kehren wir indeſſen zu jenen weltlichen Din⸗ gen zurück, womit ich mich befaßt habe. „Ich hatte alſo den Beſchluß gefaßt, daß Gurli bei Frau D. bleiben ſollte und hoffte auch, in Uebereinſtimmung damit zu handeln. „Ehe ich jedoch weiter von ihr rede, will ich einige Worte über den andern Erbprätendenten— Stephan erwähnen. „Du weißt, daß ſeine Mutter, ehe ſie noch un⸗ verheirathet war, ſich ſchwer an mir vergangen hat, indem ſie dem Seemann vor mir den Vorzug gab. Ich habe es ihr jedoch verziehen und mit wahrhaft chriſtlicher Liebe mich der Aufgabe unterzogen, ihren Sohn auf die Bahn des Wiſſens und der Religion zu leiten. Ich fand jedoch, daß der Saame, den ich ausſtreute, nicht die Früchte trug, welche ich wünſchte, und merkte bald, daß dieſes ſtille, wiß⸗ begierige Kind mit der Zeit zu einem Gott und ſeiner heiligen Lehre feindlich geſinnten Mann heran⸗ wachſen würde. „Der Knabe beſitzt, wie ich Dir oft geſagt habe, einen ungewöhnlich guten Kopf, eine Alles ver⸗ ſchlingende Wißbegierde; aber gerade dieſe letztere iſt ſchädlich und verderblich. Fängt der Menſch an, forſchen, unterſuchen und das, was einzig und 149 allein ohne Prüfung geglaubt werden ſoll, unter⸗ ſuchen zu wollen, ſo iſt er verloren in Cwigkeit. „Wenn ich mit Stephan von dem Glauben redete, wollte er, daß die Werke die erſte Stelle einnehmen ſollten, und da auf ſolche Art der Jünger ſich wider den Meiſter ſetzte, ſo wurde es Pflicht für mich, als einen von Chriſti wärmſten Nach⸗ folgern, dagegen zu arbeiten, daß der zeitliche Reich⸗ thum in Hände fallen ſollte, welche ihn nur zu Förderung fündiger Kenntniſſe anwenden würden. „Durch die Beſſerungsſchule der Widerwärtig⸗ keit und durch das Läuterungsfeuer des auf ihm laſtenden Drucks mußte der Sinn dieſes Kindes niedergedrückt und gedemüthigt werden. 4ch beſchloß zugleich, dieſe treuloſe Handlung der Mutter gegen mich dadurch zu lohnen, daß ich zu ihres Sohnes ewiger Errettung wirkte und ihm alle weltlichen Vortheile völlig entrückte. „Strenge war hier nöthig. „Ich betete zu Gott um Vergebung dafür, daß ich zu ſolchen Mitteln zu greifen genöthigt war: aber der Herr ſelbſt ſendet uns ſeine Züchtigung, um unſern Sinn zu wecken, und ich wurde ſtreng. „Es iſt überflüſſig, Dir zu ſagen, wie ich zu Werke ging. Du verſtehſt ſchon, daß Falkenſtern mitwirken mußte, wenn meine Strenge den Nutzen ſollte, auf welchen ich mir dabei Rechnung machte. „Ich hatte jedoch einen harten Kampf mit der alten Hausverwalterin zu beſtehen, welche hier lebt, und deren Einfluß wo möglich zu mindern ich zu⸗ erſt mich gezwungen ſah. „Dieſes hoffe ich auch gethan zu haben, und nachdem ſie vier Jahre in Bezug auf Stephan mir 150 als Widerſacherin gegenüber geſtanden, bin ich nun ſiegreich aus dem Streit hervorgegangen— der Knabe iſt in Magiſter L.8 Erziehungsinſtitut für künftige Studenten geſchickt worden. „Dieß war allerdings Etwas, das ich nicht für ihn gewünſcht hatte; aber in dieſer Hinſicht folgte Falkenſtern keiner Andeutung, ſondern ließ ſich ganz von ſeinem eigenen Gutdünken leiten. „Alles war ſomit nach meinen Wünſchen ge⸗ gangen. Gurli und Stephan waren entfernt, das Feld ſrei und alle Ausſichte für den frommen und wahrhaft chriſtlich geſinnten Allon vorhanden, zum Univerſalerben ernannt zu werden, als zwei un⸗ vorhergeſehene Ereigniſſe eintraten, welche beinahe Alles wieder zunichte gemacht hätten. „Das erſte war, daß die alte Oerner, dieſe Dienerin im Tempel des Böſen, mit Stephan ging, als er zu Magiſter L. abreiste. Sie wollte ihn bis was begleiten. Ich merkte wohl, daß ſie dieſe Reiſe nur unternahm, um Gurli zu ſehen. „Sie war über eine Woche abweſend und brachte bei ihrer Rückkehr Briefe und Grüße mit. „Ich hatte befürchtet, Tante Katharina möchte Etwas gegen Frau D. anzumerken haben, aber zu meiner Ueberraſchung war dem nicht ſo. Ich wurde ſomit ruhig und begann bereits daran zu denken, daß das gute und zärtliche Verhältniß zwiſchen den beiden Gatten, welches ſeit Gurli's Entfernung ſtattfand, nicht fortdauern dürfe, wenn ich Anna's Seele von dem ewigen Tod erretten wollte. Dieſe Einigkeit und Liebe war ein Abgrund, in welchen ſie ſtürzen mußte, im Fall es mir nicht gelang, ſie. davon zu erretten. „Ich muß Dir hiebei bemerken, daß ich mir 151 einen Schlüſſel zum Poſtfelleiſen verſchafft habe, weil ich es für ganz überflüſſig erachtete, Falken⸗ ſtern immer wiſſen zu laſſen, ob ich Briefe ſchriebe oder nicht. Ich öffne deßhalb das Brieffelleiſen ſtets, ehe es zum Frühſtück hineinkommt, und nehme heraus, was für mich iſt. „Eines Tags fand ich darin einen Brief mit dem Poſtſtempel von**as und der Adreſſe an Anna. „Gurli's Brief wäre für unſere Plane ſehr ſchädlich geweſen, im Fall derſelbe in die Hände ihrer Mutter oder ihres Stiefvaters fiel. Das Mädchen hatte ihn unter dem Einfluß der Alles verzehrenden Liebe, welche ſie für ihre Mutter hegt und wodurch ſie von Gott geſchieden wird, geſchric⸗ ben. Sie bat darin die Mutter, ihr recht lange und freundliche Briefe zu ſchreiben, und ging in der Ver⸗ ſtellung ſo weit, daß ſie ihr erklärte, ſie bereue ihre Halsſtarrigkeit gegen ihren Stiefvater von Herzen. „Nachdem ich mit Gott und meinem Gewiſſen zu Rathe gegangen war, ſchrieb ich einen andern, paſſendern Brief, legte denſelben in das Couvert von dem ihrigen und wußte ihn am folgenden Poſt⸗ tag in das Felleiſen hineinzuprakticiren. „Die Wirkung davon war indeſſen eine ganz andere, als ich berechnet hatte, und es fehlte nicht 6 ſo hätte ſie auf einmal Gurli zur Erbin ge⸗ macht. „Anng erlitt nämlich nach dem Auftritt zwiſchen ihr und ihrem Mann einen Schlaganfall. Wäre ſie geſtorben, ohne daß ich Gelegenheit gefunden hätte, ſie auf den Gnadenweg zu führen, ſo würde dieſer ſündige Tod das Unglück mit ſich gebracht haben, daß Falkenſtern in der Reue darüber, an 152 demſelben ſchuldig zu ſeyn, ſein ganzes Beſitz thum, um auf ſolche Weiſe ſein gräßliches Ver⸗ brechen zu ſühnen, Gurli vermacht hätte. „Ein ſolches Unglück hat uns Gott jedoch in ſeiner großen Gnade und Barmherzigkeit erſpart. Anna erholte ſich, aber die Krankheit hatte ihr Herz von ihrem Mann abgewendet, und ich werde noch dafür ſorgen, daß es ſich niemals mehr zu ihm, ſondern zu Gott kehrt. „Zwiſchen den beiden Cheleuten hat ein Bruch ſtattgefunden. Worin er eigentlich beſteht, habe ich nicht herausbringen können. Ich weiß nur, daß Falkenſtern eine ganze Woche lang ſein Zimmer nicht verlaſſen hat und nicht bei ihr geweſen iſt. „Ich argwohne jedoch, daß er ſie eigennütziger Abſichten beſchuldigte, und wenn er dieſes that, ſo hat er Anna's ſtolzen Sinn unheilbar verwundet, und es wird ihm niemals gelingen, ſie zu verſöh⸗ nen und die ungerechte Beſchuldigung vergeſſen zu machen.. „Die ganze Zeit her habe ich das Poſtfelleiſen im Auge behalten, und Gurli's Briefe wurden mit ausgetauſcht, welche ich für paſſender er⸗ achtete. „Durch Frau D. ließ ich Gurli in Kenntniß ſetzen, daß ihre Mutter beſchloſſen hätte, ihr nicht eher zu ſchreiben, als bis ſie ſähe, daß ſie den Weg betreten, den ein guter Chriſt wandeln muß, und daß ſie ſich ebenſo demüthig und fromm vor Gott bezeige, als ſie bisher ſtarrſinnig und trotzig geweſen. „Alles ging, meine theure Schweſter, nach Wunſch. Frau D. theilte mir mit, daß Gurli's— 153 Sinn wirklich gebeugt erſcheine, und es ihr vor⸗ komme, als ob ihr Herz erweckt worden ſey. Sie war ſanft wie ein Lamm, zeigte ſich niemals wider⸗ ſpenſtig, niemals ausgelaſſen oder munter, ſondern in einen Kummer verſenkt, auf welchen die Reue und das Bedürfniß, zu Gott zu fliehen, nothwen⸗ dig folgen mußte. „Soweit waren meine Beſtrebungen gelungen; aber der Böſe, welcher immer mit denen, die dem Herrn dienen, im Streite liegt, ließ uns nicht lang im Frieden leben und unſeres Erfolges froh wer⸗ den, ſondern über unſerem Haupte eine drohende Wolke aufſteigen, welche möglicher Weiſe vorüber⸗ ziehen, aber ebenſo leicht ſich in Sturm und Un⸗ wetter entladen kann, wodurch alle die ſchönen Siege, die wir jetzt davongetragen haben, wieder vernichtet werden. „Der leidige Verſucher hat zu ſeinem Werk⸗ zeuge einen von ihm bezeichneten Diener benützt. Ich meine den Mulatten, der hier im Hauſe weilt. „Dieſes einer verworfenen Menſchenrace ange⸗ hörige Geſchöpf, welches ich immer als vollkommen unſchädlich betrachtete, obwohl Du mich vor ihm ewarnt und mir ihn als den Urheber deiner von ier erfolgten Ausweiſung bezeichnet haſt, eine Ueberzeugung, die ich niemals theilte— hat ſich gegen mich und Allon ſtets freundlich geſinnt er⸗ wieſen, mir alle möglichen Dienſte geleiſtet und be Dinge und Verhältniße mefne Anſichten getheilt. „Ich habe ihn gleichfalls mit der Verträglich⸗ keit eines wahren Chriſten behandelt, obwohl ich, um Dir zu gehorchen, den Samen des Mißtrauens gegen ihn, welchen Du ſo geſchickt in Falkenſterns allen ſchlimmen Neigungen offene Seele ausgeſtreut haſt, mir zu Nutzen machte. Ich hielt auf ſolche Weiſe den Mulatten von Anna entfernt. Dieß ge⸗ ſchah nur deßhalb, weil ich nicht wollte, daß er auf eine andere als indirekte Weiſe meinen guten Abſichten entgegenwirkte. „Alle die Jahre, die ich nun hier geweſen, habe ich nicht einen Augenblick Walter im Verdacht gehabt, daß ei irgend mit gottloſen Planen um⸗ gehe. Der geſtrige Tag ſollte mich von dem Gegen⸗ theil überzeugen. „Es war eine Viertelſtunde vor dem Frühſtück, und obgleich Falkenſtern ſchon zehn Tage bei dem⸗ ſelben nicht erſchienen war, begab ich mich wie ge⸗ wöhnlich vor den andern in den Saal hinunter, denn Gurli's Briefe wurden immer häufiger und ängſtlicher als zuvor. Sie war in Verzweiflung darüber, daß die Mutter nicht ſchrieb. Es konnte gefährlich werden, wenn das Schreiben des Mäd⸗ chens in andere Hände als die meinigen gerieth. „Kein Menſch war im Saale zu ſehen. Auf dem Tiſche lag das Poſtfelleiſen; ich beeile mich, daſſelbe zu öffnen, nehme einen Brief von Gurli, der ſich darin befand, heraus und ſchließe wieder zu. „Ich hatte Gurli's Brief neben mich auf den Tiſch gelegt. Aber als ich ihn wegnehmen wollte, lag eine gelbbraune Hand darauf. „Etwas überraſcht drehte ich mich um und ſehe mich Auge in Auge dem Mulatten gegenüber, welcher mich auf eine garſtige Weiſe angrinste. „Was will Herr Walter mit dieſem Briefe?“ fragte ich ſanftmüthig. 15⁵ „Ihn der Perſon übergeben, deren Namen darauf geſchrieben ſteht.“ „Das war auch meine Abſicht,“ antwortete ich und wollte den Brief an mich nehmen; aber er ſteckte ihn in ſeine Bruſttaſche, indem er mit wid⸗ rigem Lachen bemerkte: „Ich will dem Herrn Magiſter dieſe Mühe er⸗ ſparen.“ „Und damit war er weg. „Ich begab mich auf mein Zimmer, um nach einem andächtigen Gebet in Erwägung zu ziehen, welches die Folgen davon ſeyn könnten. „Indeſſen habe ich bis jetzt noch keine Wir⸗ kung davon erfahren. „Heute morgen rapportirte mir Falkenſterns Diener Otto, der ein akter Bekannter iſt und von mir zur Erkenntniß des wahrhaft heilbringenden Glaubens angeleitet wurde, er wiſſe mit ziemlicher Sicherheit, daß ſein Herr nach dem Hüttenwerk Ekenäs zu reiſen beabſichtige. Eine Weile ſpäter wurde Allon zu dem Kapitän gerufen, welcher ihm ankündigte, er ſolle ſich bereit halten, den dreiund⸗ zwanzigſten Dezember, das heißt in zwei Tagen nach Hauſe zu reiſen. „„Dieſer Brief geht morgen ab. Du erhälſt ihn alſo einen Tag, bevor ſie ankommen, und biſt daher in Folge meiner Vorſicht auf den Beſuch vor⸗ bereitet. „Siehe nun zu, daß Du keine Uebereilung be⸗ gehſt, ſondern andächtig, ehe Du Etwas unter⸗ nimmſt, zu unſerem Vater im Himmel beteſt, damit Du zum Beſten des Herrn und deines Kindes wir⸗ S kannſt. Dadurch gewinnſt Du ſeinen heiligen Schutz. 156 „Indem ich Dich in denſelben empfehle, ver⸗ bleibe ich immerdar dein wahrhaft ergebener Birgersborg, d. 20. Dech. 18.. Bruder in Chriſto Anton Grünlund.“ Nachſchrift:„Ich hoffe, während Falkenſtern ab⸗ weſend iſt, viel Gutes wirken zu können, um Gele⸗ genheit zu finden, dem Unheil entgegenzuarbeiten, welches der Mulatte durch das Auffangen des Brie⸗ fes vielleicht angerichtet hat.“ XX. Als Falkenſtern mit dem Leſen dieſes erbauli⸗ chen Briefes fertig war, legte er ſeine geballte Fauſt darauf. „Bengt Folkenſtern iſt ſomit der Narr dieſes gottſeligen Heuchlers geweſen, welchen er für einen einfältigen Wicht angeſehen hat; aber das, das ſollen ſie mir theuer bezahlen. Ja, jede Thräne, welche Anna vergoßen hat, jedes Wort des Unrechts, das meinen Lippen gegen ſie entſchlüpft iſt, ſoll Beate entgelten. Ich betrogen— ich, der ich mich für ſo wachſam, für ſo ſchlau hielt und gegen jede Betrü⸗ gerei durch meinen Argwohn geſchütt glaubte; und nun hat ſie ſich gerade dieſes Mannes bedient, um mich hinter's Licht zu führen.“ Er ging heftig einige Mal im Zimmer auf und ab und blieb dann vor dem Portrait eines älteren Mannes mit ſcharfen und harten Geſichtszügen ſtehen. „Welche Hölle hat nicht dein Gold geſchaffen,“ ſprach er dumpf,„und dennoch gab es eine Zeit, wo 157 ich es nicht zu theuer mit dem Verluſt meines Seelen⸗ friedens erkauft zu haben glaubte.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre zu dem innern Zimmer, und Tante Katharina's Kopf er⸗ ſchien unter derſelben. Er winkte ihr, hereinzukommen. XXI. Am nächſten Morgen ſchien die Sonne klar auf die Windwehen herab, welche die Gegend um Birgersborg herum bedeckten. Im Kamin des Saales brannte ein großes Feuer, vor welchem Magiſter Grünlund ſtand und ſich die Hände wärmte, während Allon auf einem Stuhl ſaß, die Füße gegen das Feuer hielt und hin und wie⸗ der begehrliche Blicke auf den Frühſtückstiſch warf. Allon war ein großer ſchlanker Junge von ſieb⸗ zehn Jahren, mit ſchönen Geſichtszügen und lebhaften Augen. Der Ausdruck derſelben ſchien in offenbarem Widerſpruch mit ſeinem angenommenen ſanftmüthigen Weſen zu ſtehen. Wenn man dieſen ſchönen Lockenkopf, dieſe be⸗ weglichen Züge, dieſe lebhaften Augen ſah, hätte man erwarten ſollen, der Beſitzer davon ſey ein munterer, übermüthiger Jüngling, voll friſcher Luſt und knaben⸗ hafter Streiche, aber ſtatt deſſen war Allon ſtill, fried⸗ fertig, religiös und äußerſt ſittſam. Man fand es ſchwer, Grüniunds Behauptung, daß Allon einfältig wie ein Kind und im Allgemeinen mit einem ſchwachen Verſtand begabt ſey, Glauben zu ſchenken. Lehrer und Schüler beobachteten beide Still⸗ ſchweigen; der erſtere ſah gedankenvoll aus, der letztere hegte für den Augenblick nur einen Wunſch, und die⸗ ſer war, das Frühſtück einzunehmen. Endlich ſchlug die Uhr eilf, die gewöhnliche Zeit zum Morgenimbiß. Jetzt traten Tante Katharina, Walter und der Diener, welcher ſerviren ſollte, herein. Es war zum erſten Mal, ſeitdem Stephan aus dem Hauſe gekommen, daß Tante Katharina bei einer Mahlzeit ſich ſehen ließ. „Ach wie angenehm, daß wir Frau Herner wie⸗ der zu ſehen bekommen,“ ſprach Magiſter Grünlund mit demüthiger Stimme und dito Verbeugung, wäh⸗ rend er auf die Alte ein paar lauernde Augen heftete. „Ich möchte nur wiſſen,“ ſprach er bei ſich,„ob das Auftreten derſelben mit Gurli's Brief zuſammenhängt. Jetzt gilt es auf ſeiner Hut zu ſeyn.“ Allon ging bei Tante Katharina's Anblick ihr ſo⸗ fort entgegen und äußerte ſeinerſeits: „Ja, es thut dem Auge wohl, daß es unſere gute Tante zu ſehen bekommt.“ 92h Er verbeugte ſich mit derſelben Demuth wie ſein ehrer. „Ich will Dir einen guten Rath geben, mein Junge,“ erwiederte Tante Katharina etwas ſcharf;„Du mußt niemals ſagen, Du findeſt Freude an Etwas, das Dir im Innern zuwider iſt; ſonſt könnte es ge⸗ ſchehen, daß ein Ding, worüber Du dich freueſt, ſich in Leid verwandelt.“ Allon erröthete, vergaß aber bald ſeinen Verdruß über dem Wohlbehagen, ſeinen Hunger zu ſtillen, und aß mit gutem Appetit, etwas das bei ſeinem gottſe⸗ ligen Lehrer nicht der Fall war. Dieſer ſchielte bald auf Walter, bald auf Tante Katharina hinüber. 159 Mitten unter dem Frühſtück kam ein Diener herein, um das Poſtfelleiſen mit den abgehenden Briefen zu holen, erhielt aber von Walter zur Antwort, daſſelbe befinde ſich drinnen bei dem Kapitän. Man ſtand vom Tiſch auf. Grünlund verbeugte ſich abermals vor Tante Katharina und wollte mit einem frommen Blick gen Himmel den Saal verlaſſen, als die alte Oerner in bar⸗ ſchem Ton gegen ihn äußerte: „Hier iſt ein Billet von dem Herrn Kapitän für den Magiſter.“ Sie reichte ihm daſſelbe, drehte ſich zu Allon um, übergab ihm ein gleiches und marſchirte dann hinweg. Walter trat auf Grünlund zu und flüſterte ihm mit einem freundlichen Grinſen in's Ohr: „Die Affaire mit dem Briefe bleibt zwiſchen uns; ich lege zu hohen Werth auf ein wahrhaft chriſtliches Gemüth, als daß ich im Mindeſten einem Mann ſcha⸗ den möchte, welcher gleich Ihnen ſo eifrig daran ar⸗ beitet, die Seelen zu Gott zu führen. Darum, Herr Magiſter, nehmen Sie Gurli's Brief zurück und ma⸗ chen Sie einen würdigen Gebrauch davon.“ Walter übergab ihm Gurli's Brief mit einer ſo einſchmeichelnden Miene, daß Grünlund ſich beinahe dadurch hätte täuſchen laſſen, wenn nicht in den Au⸗ gen des Mulatten etwas Spöttiſches gelegen wäre, das ſich in Widerſtreit hiemit befand. Irzwiſchen hatte Allon das kleine überſchriebene Blatt Papier, welches er von Tante Katharina erhal⸗ ten, geöffnet; und als Walter durch die Thüre ver⸗ ſchwand, rief der Jüngling ungeduldig: „Was ſoll das bedeuten? die Reiſe iſt wieder abbeſtellt. Ich darf über Weihnachten nicht heim, ſondern ſoll hier bleiben und vor Langweile vergehen.“ 160 „Komm' mein Sohn, und vergiß nicht, daß eine heftige Sinnesart einem Chriſten ſchlecht anſteht. Du begehſt eine Sünde, wenn Du dich ereiferſt.“ Grünlund führte Allon mit ſich hinauf in ſein Zimmer und erbrach erſt hier den von Falkenſtern erhaltenen Brief. Herr Magiſter! „Da ich durch Unpäßlichkeit verhindert bin, die beabſichtigte Reiſe zu meiner Couſine in Ausfüh⸗ rung zu bringen, ſo muß ich Ihnen die Mühe aufbürden, ſich an meiner Stelle dahinzubege⸗ ben und Beate ein Dokument zu überbringen, wel⸗ ches meinem Wunſche zufolge von ihr unterzeichnet und von Ihnen atteſtirt werden ſoll. „Da ich nicht ſelbſt reiſen kann, ſo halte ich es auch bei Allon für überflüſſig. Er iſt ja bis jeßzt alle Weihnachten bei ſeinen Eltern daheim ge⸗ weſen und kann dießmal wohl bei ſeinem Pflege⸗ vater bleiben. „In zwei Stunden ſteht der Wagen bereit, und ich erſuche den Herrn Mogiſter, ſich bis dahin fer⸗ tig zu machen. Ich werde Ihnen bei der Abreiſe das Paket mit dem Dokumente zuſtellen laſſen. „Grüßen Sie die Couſine und deren Mann von „Bengt Falkenſtern.“ Der Magiſter mußte dieſe Zeilen mehrmals durchleſen, ehe er ſich klar machen konnte, daß er ab⸗ reiſen ſollte. Und dennoch ſtand es hier in ſo deut⸗ lichen Worten; aber dieſe Fahrt vereitelte alle ſeine Plane und Berechnungen ſo vollkommen, daß er nur mit Mühe daran glauben konnte. Er wollte den Hauptſchauplatz für ſeine Intri⸗ — 161 guen nicht verlaſſen, weil er mit Grund befürchtete, man würde in ſeiner Abweſenheit denſelben entgegen⸗ arbeiten— und dennoch mußte er ſich fügen. „Nun, was ſchreibt der Onkel? Was iſt der Grund daß ich hier in dieſem Eulenneſt bleiben ſoll?“ rie Allon mit einem Ton von Zorn und Ungeduld, wel⸗ cher mit ſeiner gewöhnlichen Sanftmuth und Ergebung ſcharf kontraſtirte. Grünlund fand auch, daß ein ſolches Benehmen eine beſondere Zurechtweiſung verdiente. Der fromme Mann nahm hiebei die Gelegenheit wahr, im Namen der Moral und Religion ſeinem eigenen inwohnenden Grimm Luft zu machen. Zwei Stunden hernach rollte der Wagen mit dem Herrn Magiſter davon. Als Grünlund reiſefertig herabkam, überreichte ihm Walter ein verſiegeltes Paket von dem Kapitän. Auf die Frage des Magiſters, ob er Kapitän Falkenſtern nicht Lebewohl ſagen könnte, erhielt er eine verneinende Antwort, und im nächſten Augenblick hatte er Birgersborg hinier ſich. XXII. „ Neben Gurli, welche noch auf dem Sopha in ihres Stiefvaters innerem Zimmer lag, ſaß Walter, ihre beiden Hände in den ſeinigen ſeii⸗ während das Mädchen mit leiſer Stimme, ſo daß es Falken⸗ ſtern nicht hören konnte, erzählte, was ſeit der Zeit, da ſie die Heimath verlaſſen hatte, geſchehen war, und wie es kam, daß ſie auf eine ſo auffallende Weiſe ſich wieder zu Hauſe einfand. Schwartz, Der n 11 162 In den erſten Wochen ihres Aufenthalts bei Frau D. war dieſe ganz freundlich geweſen, obwohl ſie Stundenlang Gurli vorpredigen konnte, daß ſie mehr als bisher an Gott denken ſollte. Gurli war jedoch in der Seele betrübt darüber, daß man ſie von ihrer Mutter getrennt hatte, und blieb gefühllos für Alles, was um ſie herum vorging. Sie hatte nur einen Gedanken, und dieſer war, einen Brief von ihrer Mutter zu erhalten. Tante Katharina brachte bei ihrer Ankunft in as einen ſolchen mit, und während der Tage, da die Alte bei ihr verweilte, war Gurli ruhiger und minder verzweifelt; aber als Frau Oerner abreiste, wurde das Mädchen wieder von ſchwerem Heimweh befallen. Die Arbeit wurde Gurli verhaßt, und in ihrem kindlichen Unverſtand, ihrer Halsſtarrigkeit war ſie durch Nichts zum Fleiße zu bewegen. Frau D., welche ſie nun nicht mehr mit Milde, ſondern mit gründlicher Strenge behandelte, machte dadurch das Uebel nur noch ärger, und wenn ſie Gurli gebot, ihre Gedanken und ihr Herz zu Gott zu wen⸗ den, meinte das Mädchen, ſie könne den Gott nicht ſee der die Trennung von ihrer Mutter zugelaſſen ätte. Wenn Frau D. Gurli's Anhänglichkeit an ihre Mutter für eine Sünde erklärte, weil ſie dadurch ab⸗ gehalten würde, Gott über Alles zu lieben, wurde Gurli noch abgeneigter, ſich tröſten zu laſſen; und obwohl ſie aus Furcht, auf Weihnachten ſonſt nicht heimkommen zu dürfen, ſich ſtill verhielt, verſank ſie in eine ſo üeſe Niedergeſchlagenheit, daß dadurch die Unruhe ihrer Erzieherin hätte erweckt werden ſollen. Frau D. gehörte indeſſen nicht zu den Perſonen, welche den Leiden Anderer einen Einfluß auf ihr Herz 163 geſtatten. Sie that, anſtatt dem anvertrauten Kinde die Trennung von der Heimath auf irgend eine Art weniger bitter zu machen, vielmehr das Gegentheil.. So ſtand es mit Gurli's Gemüthsſtimmung, als Frau D. ihr erklärte, ſie würde keinen Brief von ihrer Mutter erhalten, bevor ſie ihren Sinn ganz umge⸗ wandt und gebeugt hätte. Bei dieſem Gruß von der Mutter wandelte Gurli ſolche Verzweiflung an, daß ſie gern hätte ſterben wollen. Der wilde Ausbruch ihres Schmerzes zog ihr nun eine wirklich harte Behandlung zu. Vergeblich ſchrieb Gurli und flehte bei der Mut⸗ ter nur um zwei Zeilen von ihrer Hand; vergeblich ſchrieb ſie an Walter, an Tante Katharina, ja ſogar an Allon, keine Antwort. Weihnachten nahte heran, und mit Zittern wartete Gurli darauf, Etwas von Birgersborg zu hören. Eines Abends, als ihre Unruhe den höchſten Grad erreicht hatte, äußerte ſie ſich gegen eine ihrer Mitſchü⸗ lerinnen, als ſie ſich zu Bette begeben ſollte, wenn ſie nicht über die Feiertage nach Hauſe dürfe, ſo ſtürze ſie ſich in den Fluß. Gurli's jetzt ſo übervolles Herz e ſie zum erſten Mal, ihrem Kummer Worte zu geben. Die Kamerädin hatte zur Antwort gegeben, Gurli müßte ſich ſolcher Gedanken und Reden enthalten, da ſie aller Wahrſcheinlichtet nach keine Erlaubniß zum Beſuche daheim erhalten würde. Sie, Gurli's Ver⸗ traute, hatte nämlich Frau D. zu einer der Lehrerinnen ſagen gehört, daß ſie denſelben zu verwehren beab⸗ ſichtige, weil die Mutter des Mädchens von einer chweren Krankheit befallen wäre. Nach dieſer Mittheilung ſchlief ihre Kamerädin ein; aber Gurli konnte kein Auge ſchließen. 164 Ihre Phantaſie malte ihr die Mutter todt oder wenigſtens ſterbend vor. „Ich muß heim“, ſtammelte Gurli bei ſich ſelbſt und rang die Hände. Die Stunden verfloßen unter quälender Angſt, aber als der Morgen nahte, war Gurli's Entſchluß gefaßt. Sie ſtand auf, kleidete ſich an, warf ihren Man⸗ tel um, ſetzte ihre Wetterhaube auf und ſchlich ſich aus dem Zimmer und aus dem Hauſe, wo ſie ſo viel gelitten hatte. Ohne daß Jemand darüber aufwachte, gelangte ſie auf die Straße. 5 So finſter es noch war und ſo wenig ſie ſich in wras noch umgeſehen hatte, kannte Gurli doch den Weg, auf welchem ſie in die Stadt gekommen war, denn ſo oft ſie ausgehen durfte, ſchlug ſie ſtets die Richtung ein, nach welcher hin die Heimath gelegen war. Als der Tag anbrach, fand er Gurli auf der Straße, welche von as nach Birgersborg führt. Sie ging ſehr ſchnell, aus Furcht, verfolgt zu werden. Eine Strecke von der Stadt traf ſie auf einen Bauern. Der Mann betrachtete das Mädchen und erbot ſich, ſie ein Stück weit mit ſich fahren zu laſſen. Er verwunderte ſich nicht wenig, wie ein p feines Mamſellchen ſo frühe am Morgen ſchon draußen war und im Schnee und Sturm auf der Straße fort⸗ wanderte. ₰ Es war von as nach Birgersborg zwei Mei⸗ len. Gurli hatte über eine Meile fahren dürfen und ſofort den Reſt des Weges in dem ſchweren Unwetter zu Fuß zurückgelegt. Durch und durch erfroren und halb verhungert war ſie in der Dämmerung bei der langen Allee an⸗ gelangt, welche von der Landſtraße nach Birgersborg 165 hinaufführte, als Ermüdung, Hunger, Kälte und See⸗ lenangſt das arme Kind ſo ſehr überwältigten, daß ſie nicht weiter gehen konnte. Sie ſetzte ſich einen Augen⸗ blick auf einen Baumſtumpf. Ein Schwindel bemäch⸗ tigte ſich ihres Gehirns, und ſie glaubte zu Boden ſtürzen zu müſſen. Da traf ihr Ohr das Gebell eines Hundes. Ihr Herz ſchlug mit erneuter Kraft. Sie hatte Felir er⸗ kannt und begann, ſo laut ſie vermochte, ihren guten Freund und Spieikameraden zu rufen. Wahrſcheinlich führte der Wind den Laut ihrer Stimme dem wachſamen Thiere zu, denn nach einigen Minuten kam er zu ihr herangeſtürzt und bezeugte ihr ſeine Freude dadurch, daß er an ihr emporſprang und ſomit das kraftloſe Kind beinahe zu Boden warf. Thränen rollten ihr beim Anblick der Freundlich⸗ keit des Hundes über die Wangen. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals, und es kam ihr vor, als ob ſie ihre eben noch erſchöpften Kräfte vollkommen wie⸗ der erlangt hätte. Ihre ganze Willenskraft aufbietend, erhob ſie ſich und ſeßte, begleitet von Felir, der mun⸗ ter um ſie herumſprang, ihre Wanderung bis zum Schloſſe fort. Sie kam jedoch nicht weiter als bis an das Git⸗ terthor. Dort wurde ſie wieder von einem ſolchen Ftel erfaßt, daß ſie nieberſank und die Beſinnung verlor. Walter ſtieß während Gurli's Erzählung einen Ausruf des Zornes nach dem andern aus. Als ſie ſchloß, da rollten ein paar große Thränen über die angen des Mulatten. Er nahm ihre kleinen Hände, bedeckte ſie mit Küſſen und rief: „Gurli, armes Kind; ich will mir eher die rechte Hand abhauen laſſen, als zugeben, daß Du noch ein⸗ 166 mal deine Mutter und deine Heimath verläſſeſt. Ich Elender, der ich dazu anrathen konnte, daß man Dich fortſchicken ſollte. Ach, ich werde mir das niemals vergeben.“ Das kleine Mädchen legte die Arme um ſeinen Hals, drückte ſeine Lippen auf deſſen dunkle Wangen und nannte ihn ihren lieben, ihren beſten Freund.* XXIII. Im Erdgeſchoß des Herrſchaftshauſes auf dem ſchönen und in modernem Geſchmack angelegten Hütten⸗ werk Ekenäs, ſaß Beate v. Stral in ihrem Privat⸗ kabinet und ſtudirte Magiſter Grünlund's Brief, den⸗ welchen Falkenſtern einige Tage vorher geleſen atte. Die Winterſonne ſchien in das kleine ſchöne Zimmer, welches etwas ſehr Anheimelndes hatte; und dennoch ſah die Bewohnerin aus, als ob ſie alles Andere wäre, nur nicht heiter und zufrieden. Als ſie mit dem Leſen der langen Epiſtel fertig war, legte ſie dieſelbe wieder zuſammen und murmelte:. „Ich fürchte, daß die Affaire mit Gurli's Brief unbetechenbare Verdrießlichkeiten über uns bringen wird. Eine große Dummheit von Grünlund war es, ſo unvorſichtig zu handeln, aber jetzt iſt es nicht Zeit, daran zu denken. Falkenſtern kommt hieher. Man muß nun zuſehen, daß Alles für die zugedachte Ueber⸗ raſchung in gehöriger Ordnung iſt, und er keinen Grund, etwas auszuſetzen, findet. Ach, mein Gott, ſo viele Mühe und Unannehmlichkeit hat man, um —— ———— 167 in den Beſitz eines Erbes zu gelangen, welches auf alle Fälle rechtmäßiger Weiſe mir oder meinem Sohn zufallen muß.“ Die gnädige Frau erhob ſich und klingelte, gab darauf einige Befehle und ſetzte hinzu, man ſolle den Kammerjunker, ſobald er nach Hauſe komme, zu ihr ſchicken. Es war am Tage vor Weihnachten. Beate hatte kaum ihre Beſehle ertheilt, ſo ließ ſich Schellengeläute auf dem Hoſe vernehmen. Sie ſprang an's Fenſter. Ein bedeckter Schlitten fuhr vor und hielt an der Hausthüre. „Ach, mein Gott, das iſt ja Falkenſtern's Equi⸗ page“, rief Beate und eilte zu dem Spiegel, um Haar und Haube zu ordnen.„Einen ganzen Tag, ehe man ihn erwartete. Was konnte die Urſache da⸗ von ſeyn? Ich weiß nicht, wie es kommt, aber Alles beunruhigt mich. Es iſt, als ob ich beſtändig einem Unglück entgegenſähe.“ Nun ging die Saalthüre auf. Beate eilte hin⸗ aus, um ihren Sohn willkommen zu heißen und die Ueberraſchte zu ſpielen, blieb aber auf halbem Wege wie verſteinert ſtehen. Vor ſich erblickte ſie nicht den wirklich erſehnten Allon, und ebenſo wenig den gefürchteten Couſin, ſon⸗ dern— Magiſter Grünlund. Wir übergehen alle Ausdrücke des Erſtaunens, die Erklärung des Magiſters, Beate's Verdruß bei der Mittheilung, daß ihr Sohn gar nicht kommen würde u. ſ. w., und gehen zu dem Augenblick über, da 4 Paket, welches Grünlund mitbrachte, erbrochen wurde.. Die Beſchaffenheit des Dokuments, welches unter 168 dem an Beate adreſſirten Couvert ſich befand, erweckte ihr lebhafteſtes Intereſſe, und ſie zögerte deßhalb nicht einen Augenblick, ſich von dem Inhalt deſſelben Kunde zu verſchaffen. Beate entfaltete zuerſt den Brief, welcher um das Dokument geſchlagen war. „Liebe Couſine!“ ſchrieb Falkenſtern,„aus Grün⸗ den, über die ich mich nicht weiter erklären zu müſ⸗ ſen glaube, habe ich folgende Maßregeln für gut ge⸗ funden: „Erſtens, daß Herr v. Stral mit künftigem Mai ſein Amt verläßt und von Ekenäs abzieht. „Zweitens, daß ihr euch irgendwo, außerhalb der Grenzen Schwedens, niederlaſſet, in welchem Fall ich jährlich zu eurem Unterhalt ſo viel bezahle, als Herr v. Stral gegenwärtig an baarem Gehalt von mir be⸗ zieht, aber dieß nur unter der Bedingung, daß ihr nie⸗ mals ohne meine Aufforderung einen Fuß auf ſchwe⸗ diſchen Boden ſetzet; ſobald dieß dennoch geſchieht, hört die Zahlung auf. „Beifolgendes Dokument iſt ein Kontrakt, worin ich meinerſeits mich verbindlich mache, euch eine jähr⸗ liche Rente auszubezahlen, ihr dagegen euch anheiſchig macht, Schweden zu verlaſſen. Ich habe den Kontrakt bereits in Gegenwart von Zeugen unterzeichnet und fordere nun, daß ihr daſſelbe thut. Magiſter Grün⸗ lund und der Hüttenverwalter können als Zeugen euere eigenhändige Unterſchrift beglaubigen.. „Was Allon anbetrifft, ſo werde ich auch ferner⸗ hin für ſeine Erziehung und Zukunft Sorge tragen; aber bis er das Alter der Mündigkeit erreicht, iſt mein Wille, daß er mit ſeinen Eltern nur ſchriftlich in Be⸗ rührung kommt. Jedes perſönliche Zuſammentreffen mit ihm iſt bis dahin hiemit eingeſtellt, ſofern es in — 169 ſeinem und ihrem Willen liegt, daß ich mich ſeiner wie bisher annehme. Wenn der Kontrakt unterſchrieben iſt, wird Ma⸗ giſter Grünlund denſelben mit der Poſt abgehen laſſen und in Ekenäs verbleiben, bis er in meine Hände ge⸗ langt iſt und ich ihn wieder wiſſen laſſe, ob ich damit zufrieden bin. Birgersborg den 21. Dezember 18.. Bengt Falkenſtern.“ Nachdem Beate dieſes kategoriſche und beſtimmte Schreiben geleſen hatte, blieb ſie eine lange Weile unbeweglich ſitzen. Sie und Grünlund betrachteten einander mit beſtürzten Blicken. „Was ſoll das heißen?“ brach endlich die gnä⸗ dige Frau los;„was ſagſt Du dazu? Was iſt der Sinn davon, daß er uns aus Schweden verweist, Herrn v. Stral ſeines gegenwärtigen Amtes entſetzt und alle perſönliche Berührung zwiſchen mir und mei⸗ nem Kinde verbietet?“ Grünlund legte bedachtſam den Finger an die Naſe, erhob den Blick nach oben und ſprach mit einer gewiſſen feierlichen Strenge: „Du läſſeſt dich, Schweſter, von weltlichen Din⸗ gen allzu lebhaft erregen. Als Chriſtin und Dienerin ſe Herrn mußt Du dich demüthig unter ſeine Zucht eugen.“ „Schweig', Anton“, fiel Beate heftig ein;„ich bin nicht in der Stimmung, um dein gottſeliges Ge⸗ ſchwätz anzuhören, wenn meine ganze Wohlfahrt auf dem Spiele ſteht.“ „In dieſem Fall“, ſagte Grünlund aufſtehend und die Hände faltend,„bleibt mir nur übrig, fortzugehen und für dich zu beten. Es iſt nicht zu verwundern, meine Schweſter, daß alles mögliche Unglück Dich trifft, da dein Glaube und deine Liebe ſo ſchwach ſind, wie gegenwärtiger Fall zeigt. Weib, hüte Dich, daß ich meine Hand nicht von Dir abziehe. Halt ein und gehe nicht weiter auf der Bahn der Suͤnde, welche Du einzuſchlagen im Begriff biſt, ſondern ſuche mit Faſſung und Geduld dein Unglück zu ertragen.“ Er ſchritt langſam durch das Zimmer hinweg. Beate preßte die Lippen zuſammen, drückte die Hände an die Bruſt und ſagte nach einem tiefen Athemzug: „Bleibe, Bruder, und vergib mir meine Sünde.“ Die Worte waren ſicherlich fromm, aber der Ton ſtimmte damit nicht überein. Grünlund drehte ſich langſam zu ihr herum. Mit einem zum Himmel erhobenen Blick ſprach er: bin nicht der Mann, welcher den erſten Stein auf Dich wirft; aber ich warne dich, geliebte Schweſter, deine ſündige Natur nicht überhand nehmen zu laſſen, und lege dir auf, zu wachen, zu bereuen und zu beten.“ Er ſetzte jetzt ſeinen unterbrochenen Gang nach der Thüre fort, wurde aber von Neuem durch Beate aufgehalten, welche, nachdem ſie einige Minuten mit ihren in Wallung gerathenen Gefühlen gekämpft hatte, ihm nacheilte. „Verlaß mich nicht in dieſer Prüfungsſtunde, ſondern rathe mir und halte mich aufrecht, mein Bruder.“ Herrv. Stral's Schlitten hielt jetzt vor der Haus⸗ thüre, und etwas ſpäter trat er bei ſeiner Frau und ihrem gemeinſamen Freunde ein. Es erfolgte eine lange Berathſchlagung. Anfangs wollte weder Beate noch Herr v. Stral das Dokument⸗ unterzeichnen; aber Grünlund bewies ihnen die Noth⸗ 171 wendigkeit davon, weil ſeiner Ueberzeugung nach Alles zuſammen nur eine von Falkenſtern's gewöhnlichen argwöhniſchen Grillen war, auf welche nicht einzugehen, gewagt ſeyn mochte. Beate ſprach die Beſorgniß aus, dieſe Maßregel könnte in Folge davon, daß Walter Gurli's Brief auf⸗ gefangen hatte, ergriffen worden ſeyn. ieſe Behauptung verwarf aber Grünlund ganz und gar, und obwohl er über die Verbannung, welche Falkenſtern Allon's Eltern auferlegte, keine befriedi⸗ gende Erklärung zu geben vermochte, gerieth er den⸗ noch auf eine, welche etwas Wahrſcheinliches für ſich hatte, daß nämlich Falkenſtern ſie von dem Sohn trennen wollte, um ihnen ſolchergeſtalt jeden Einfluß auf denſelben unmöglich zu machen. Das Reſultat war, daß man aus der Noth eine Tugend machte und unterſchrieb, worauf das Doku⸗ ment mit der Poſt abging. Die Weihnachtsfeiertage waren nichts weniger als froh und gemüthlich. Man brachte ſie mit lang⸗ weiligen Andachtsübungen zu. Grünlund ſchien eine Freude daran zu finden, ſeine Frömmigkeit und Gott⸗ ſeligkeit gleich einem drückenden Bleigewicht auf ſeine Freunde wirken zu laſſen. Beate, welche nach dem Unglück ihres Mannes es dem Gebot der Klugheit angemeſſen gefunden hatte, heilig zu werden, mußte nun auch mit einem Schein von Dankbarkeit und Erbauung Grünlunds düſtern und niederdrückenden Reden und Betrachtungen zuhören. Herr von Stral, deſſen Oheim, der Kammerrath von Stral, ſehr viel auf Religion hielt und außer Falkenſtern der einzige Mann war, von dem ſie einige Unterſtützung genoſſen, hatte ſich gleichfalls dieſer Co⸗ 172 terie angeſchloſſen, in welcher Grünlund eine ſehr be⸗ deutende Rolle ſpielte. Der früher ſo heitere, leichtſinnige und verſchwen⸗ deriſche Kammerjunker ſaß jetzt ganz geduldig und andächtig da und horchte auf Grünlunds Vorleſungen aus der Bibel und die dazu gegebenenen Erklärungen. Grünlund ſeinerſeits war kein Freund davon, die Sprache der Liebe und Verſöhnung zu reden; er ließ ſich vielmehr im Tone der Strafe und des Fluches aus. Er fand Gefallen daran, Schrecken und Ent⸗ ſetzen im Namen des Herrn einzuflößen, und war ganz beſonders beredt, wenn es von der ewigen Verdamm⸗ niß handelte. Am Tage vor dem Neujahr traf ein Brief von Birgersborg ein. Er war an Grünlund. Beate hatte ſelbſt in ihrer großen Ungeduld ihn ihrem Couſin hinaufgetragen, dieſer aber zögerte eine ganze Viertelſtunde, ehe er das Siegel erbrach, um, wie er ſagte, Beate Zeit zu laſſen, ihre ungebühr⸗ liche Neugier zu bezwingen und zu unterdrücken. Endlich hatte er auf ſyſtematiſche Weiſe das Cou⸗ vert aufgeſchnitten und hernach langſam den Brief aus einander geſchlagen. Dann las er mit lauter Stimme Folgendes: X „Herr Magiſter! „Von dem Inhalt dieſes Briefes dürften Sie wohl Frau Beate von Stral Mittheilung machen. Bei ihrem Eifer, für die Ehre Gottes zu wirken, werden Sie das, wie ich überzeugt bin, mit Ver⸗ gnügen thun. „Den ſchönen Zug meiner Couſine, gegen ein gewiſſes Jahrgeld nicht blos auf den Aufenthalt 173 in ihrem Vaterland, ſondern auch auf den Anblick ihres Sohnes zu verzichten, betrachte ich ausſchließ⸗ lich als eine Wirkung des höchſt wohlthätigen Ein⸗ fluſſes, welchen der Herr Magiſter auf ſie ausübt. Er hat deßwegen den Gedanken in mir erweckt, ein Mann, der es bei einer Frau dahin bringt, daß ſie das heiligſte Gefühl in ihrer Bruſt, die Mutter⸗ liebe erſtickt, müſſe auch ſein ſchönes Bekehrungs⸗ werk bei meiner Couſine vollenden und es ihr zu⸗ letzt möglich machen, alle beſſern Gefühle in ſich zu ertödten. „Ich habe auch beſchloſſen, den Herrn Magiſter nicht mehr von einer Perſon zu trennen, welche der Leitung von einem ſo guten Diener Gottes gar ſehr bedarf, und deßhalb iſt es mein Wunſch, daß der Herr Magiſter bis nächſtkommenden Mai, wo unſere geſchloſſene Uebereinkunft zu Ende geht, in kenäs verbleibe und darüber wache, daß meine Couſine Beate und ihr Mann in den von ihm ge⸗ predigten Lehren ſich vervollkommnen. „Der Gehalt, welchen der Herr Magiſter als Lehrer der Söhne meiner Couſinen bisher hat, ſoll auch fernerhin bis zum Schluß des Mo⸗ nats Mai von mir entrichtet werden. „Ich bin jetzt vollkommen überzeugt, daß des Herrn Magiſters Amt bei meiner Couſine ſich von en Nutzen als bei ihrem Sohne erweiſen wird. „Sämmtliche Habſeligkeiten des Herrn Ma⸗ giſters werden in zwei Tagen zu Ekenäs eintreffen. Grüßen Sie meine Couſine und ermahnen Sie dieſelbe in meinem Namen, fortan auf dem ſelig⸗ machenden Wege zu wandeln, welchen ſie nunmehr betreten hat, und welcher für ihre Gemüthsart, wie 174 für ihren Charakter ſicherlich der rechte iſt; davon bin ich überzeugt. Bengt Falkenſtern.“ Der fromme Mann war anfangs feuerroth, her⸗ nach gelbbleich geworden; als er nach beendigtem Leſen den Brief zuſammenlegte, ſprach er mit Salbung: „Herr, deine Wege ſind unerforſchlich. Wer wird nun wachen, beten und wirken für die geiſtige Erret⸗ tung jenes Kindes?“ „Und Allons Recht auf das Erbe,“ fiel Beate ein. Sie erhob ſich und ſetzte hinzu: „Es wäre beſſer geweſen, Du hätteſt klug und verſtändig gehandelt, anſtatt immerdar ſcheinheilig die Augen zum Himmel zu kehren. Durch dieſe dumme Unterſchlagung von Gurli's Briefen haſt Du nun Alles zerſtört. Du biſt es einzig und allein, der uns durch ſeine ſogenannte Gottſeligkeit ins Verderben ge⸗ ſtürzt hat.“ „Weib, hüte dich!“ ſagte Grünlund und erhob ſich in ſeiner ganzen Länge; und vor Beate ſich hin⸗ ſtellend, heftete er auf ſie einen ſo boshaften Blick, daß ſie ſchaudernd aus dem Zimmer eilte. XXIV. Von dem Tage an, da Magiſter Grünlund von Birgersborg abreiste, bis zum Morgen des Weih⸗ nachtsfeſtes blieb Falkenſtern auf ſeinem Zimmer. Der Doktor hatte einigemal ihn hier beſucht. Es gab ein ſchreckliches Springen und Rennen für Tante Katharina und Walter vom linken Flügel nach dem Hauptgebäude und wieder zurück. Außer —— 175 dieſen beiden Perſonen hatte Niemand von den Dome⸗ ſticken Zutritt bei Falkenſtern. Otto, ſein alter Diener war verabſchiedet und ihm bedeutet worden, Birgers⸗ borg alsbald zu verlaſſen. ie Dienerſchaft war verwundert und neugierig, fand aber keine Erklärung von der Sache und mußte am Ende ſich mit der Vermuthung begnügen, daß der Kapitän krank wäre. An demſelben Tage, da der Magiſter abreiste, wurden auch Pferde abgeſchickt, um Stephan zu holen⸗ Allon, welcher dieſe ganze Zeit ſich ſelbſt über⸗ laſſen worden war und weder von Tante Katharina in Erfahrung bringen konnte, begann ſich nach und nach unerträglich zu langweilen. Am zweiten Tag ließ er durch Liſa anfragen, ob er nicht zu Tante Anna kommen und ihr vorleſen dürfte; erhielt aber zur Antwort, ſie befinde ſich ſo ſchwach, daß ſie nicht im Stande ſey, Jemand zu empfangen. lm Morgen vor Weihnachten kam Stephan an. „ Allon, der in ſeiner Einſamkeit ſich ſo unbehag⸗ lich gefühlt hatte, begrüßte die Ankunft ſeines Cou⸗ ſins mit wirklicher Freude. Nun hatte er doch Je⸗ mand, mit dem er ſchwatzen und ſich zunken konnte. Die beiden Jünglinge frühſtückten allein im Saale. Stephan ſprach ſeine herzliche Theilnahme gegen Allon aus, daß dieſer die Feiertage nicht bei ſeinen Eltern zubringen konnte. Die Couſins unterhielten ſich ganz freundlich, ohne daß Grünlund durch ſein Dreinreden ſie gegen ein⸗ ander in Harniſch jagte. Allon fühlte auch durchaus keine Luſt, Stephan zu reizen oder zu plagen. In dem Augenblick, da ſie von dem Tiſche auf⸗ ſtanden, erſchien Tante Katharina unter der Saal⸗ thüre und rief: 176 „Die jungen Burſche ſollen zu Tante Anna hinaufkommen.“ Dem Befehl wurde alsbald Folge geleiſtet. Als ſie bei Anna eintraten, gerieth Allon in förmliche Beſtürzung bei dem Gemälde, das ſich ſei⸗ nen Blicken darbot. Anna ſaß in einem Lehnſtuhl; an ihrer Seite hatte Falkenſtern Platz genommen. Ihr Haupt ruhte an ſeiner Schulter, während ihre rechte Hand Gurli's Lockenkopf ſtreichelte. Das Mädchen lag vor ihrer Mutter auf den Knieen. Als Stephan Falkenſterns anſichtig wurde, blieb er unentſchloſſen an der Thüre ſtehen. Allon dagegen trat, ſobald er ſich geſammelt hatte, gegen Tante und Oheim vor, um ſie zu begrüßen und ihnen in dem gewöhnlichen frommen Ton„Gottes Segen und Frie⸗ den zu dem bevorſtehenden Feſte“ zu wünſchen. Darauf reichte er Gurli die Hand mit den Worten:„Will⸗ kommen daheim! Gurli!“ Dieſe nickte ihm blos zu, ohne mit einem Worte ſeinen Willkommsgruß zu erwiedern. „Nun, Stephan, willſt Du nicht auch die Tante und mich begrüßen?“ fragte Falkenſtern. Der Knabe näherte ſich, ſah aber ſo erſchrocken aus, daß Falkenſtern mit einer ungeduldigen Bewe⸗ gung den Kopf von ihm abwandte. Die Weihnachtsfeiertage waren für Anna und die jungen Leute heiterer, als ſie es ſeit vielen Jah⸗ ren geweſen. Zwiſchen ihr und ihrem Mann war am Weihnachtsmorgen, als er Gurli ihr zuführte, aller⸗ dings nicht ein Wort der Erklärung gewechſelt wor⸗ den; aber dennoch war Anna's Benehmen gegen ihn freundlich, als er ihr mit den Worten die Hand reichte: 177 „Vergiß das Vergangene; Du wirſt niemals rund haben, es zu bereuen.“ Unſtreitig lag noch eine gewiſſe Zurückhaltung in Anna's Weſen; aber auch dieſes verſchwand allmäh⸗ lig, und die Feiertage vergingen im Frieden für die arme Mutter, ohne daß ſie die mindeſte Ahnung da⸗ von hatte, in welchem Zuſtand ihr Kind in die Hei⸗ math zurückgekehrt war. Nach Verfluß des Dreikönigsfeſtes begann Tante Katharina Anſtalten zu treffen, um Stephan und Gurli wieder fortzuſchicken; aber ſtatt deſſen reiste Falkenſtern ſelbſt ab. Er ſetzte Tante Katharina blos in Kenntniß, daß dieſelben bis auf Weiteres in Bir⸗ gersborg bleiben ſollten. Erſt am Schluß des Januars kam er wieder. Während der Dauer ſeiner Abweſenheit hatte Gurli in dem ungeſtörten Genuß der Freude, bei ihrer Mut⸗ ter ſeyn zu dürfen, geſchwelgt. Anna, welche von Falkenſtern die Zuſage erhal⸗ ten hatte, daß er dem Mädchen in Bezug auf deſſen bittere Briefe kein Wort ſagen wollte, benutzte gleich⸗ falls dieſe Zeit, um auf deren Sinn und Gefühle mög⸗ lichſt einzuwirken, damit die letztern eine freundlichere Natur ihrem Stiefvater gegenüber annehmen möchten. Dieß war jedoch eine Sache, womit es Anna nicht gelingen ſollte. Gurli hörte ſie allerdings ſchweigend an; aber da die Mutter dadurch nicht völlig zufrieden geſtellt wurde, ſagte ſie eines Tags: „Gurli, mein Kind, ſieh' mich an und ſage mir, ob Du nicht hinfort verſuchen willſt, anhänglich an apa zu werden.“ „Um deinetwillen, Mama, will ich es thun,“ antwortete Gurli und ſah die Mutter an. Schwartz, Der Rechte. I. 12 S 178 „Wenn Du willſt, ſo kannſt Du es auch.“ „Nein, Mama, das iſt mir unmöglich,“ rief Gurli, ihre Mutter mit den Armen umſchlingend; „aber ich will verſuchen, mich daran zu erinnern, daß er die letzte Zeit freundlich gegen mich geweſen iſt.“ „Du verſprichſt alſo, auch deſſen zu gedenken, wenn Du wieder zu Frau D. zurückkehrſt?“ Gurli verbarg ihr Angeſicht an der Mutter Bruſt und ſagte: „Dahin kehre ich nie mehr zurück.“ „Kind, was ſagſt Du da?“ rief Anna, indem ſie den Kopf des Mädchens erhob.„Wenn wir, ich und dein Vater es wünſchen, ſo mußt Du gehorchen.“ „O ja, das verſteht ſich; aber Papa will mich nicht mehr fortſchicken, das weiß ich beſtimmt.“ Sie ſprach die Wahrheit; denn als Falkenſtern heimkam, brachte er einen jungen Mann mit ernſten und intelligenten Geſichtszügen mit. Dieſer junge Mann war ein Magiſter Blom, der als Lehrer für die beiden Jünglinge und für Gurli engagirt worden war. Falkenſtern ſprach die Ueberzeugung aus, daß Gurli unter der Leitung dieſes Lehrers größere Fort⸗ ſchritte als in Frau D—s Penſion machen würde. Anna machte in vollem Ernſt Einwendungen da⸗ gegen und beſtand darauf, daß das Mädchen unter weibliche Aufſicht kommen müßte; aber Falkenſtern ließ ſich von ſeinem einmal gefaßten Entſchluß nicht abwen⸗ dig machen, ſondern antwortete blos: „Gurli's Briefe, Anna, haben bewieſen, daß die Entfernung von Hauſe ihr nicht gut that. Loß' ſie darum hier bleiben; Du wirſt ſelbſt damit zufrieden werden.“ 179 XXV. Magiſter Blom trat ſogleich ſein Lehramt an. Eine glücklichere Wahl hätte Falkenſtern ſchwer⸗ lich treffen können. Der junge Lehrer vereinigte Gründlichkeit in Kennt⸗ niſſen mit Ernſt und Entſchiedenheit ſowie warmem Eifer in ſeinem Beruf. Er war ſehr ſtreng, nie hart, faſt nie unbarm⸗ herzig, gerecht nie parteiiſch. Er forderte Gehorſam, Fleiß und Aufmerkſamkeit. Jeden Mangel daran ſtrafte er und flößte durch dieſes alles einen ſolchen Reſpekt ein, daß es ſeinen Schülern nicht leicht ein⸗ fiel, ſich ihm zu widerſetzen. Nach Falkenſterns Wiederankunft in Birgersborg hielt ſich Gurli, ohne eine vorangegangene Aufforde⸗ rung hiezu, von ihrer Mutter Zimmer fern. Am Morgen fand ſie ſich ein, um ſie zu be⸗ grüßen, und am Abend, um ihr gute Nacht zu ſagen. In der Zwiſchenzeit ließ ſie ſich niemals ſehen, ohne gerufen worden zu ſeyn. Sie trotzte nicht mehr, ſie forderte, ſie bat nicht mehr, zu ihrer Mutter gelaſſen zu werden; ſie ſchien vollkommen zufrieden, wenn es ihr nur vergönnt war, dieſelbe auf einige Augenblicke zu ſehen. In den erſten Wochen, da Gurli bei Magiſter Blom lernte, war ſie nicht ſehr aufmerkſam und fleißig, aber allmälig zeigte ſie größeres Intereſſe für den Unterricht, und obwohl man niemals von ihr ſagen konnte, daß es ihr ſonderlich um Einſammlung von Kenntniſſen zu thun ſey, hatte ſie doch faul zu ſeyn aufgehört. 180 Gegen den Stiefvater zeigte ſie ſich gehorſamer als früher. Dieß hielt jedoch nicht ſonderlich ſchwer, venn er ſprach niemals ein Verbot gegen ſie aus und ſetzte ihrem Thun und Laſſen niemals eine Schranke. Er überließ ſie ganz und gar ſich ſelbſt. Selten redete er ſie an, niemals ſchalt er ſie aus. Die Be⸗ rührung zwiſchen ihnen beſchränkte ſich nur auf den Austauſch von Begrüßungen, welche von ſeiner Seite nur durch ein Nicken mit dem Kopfe ſich kund gaben. Ein oder das andere Mal, wenn er ausfuhr oder einen längern Spaziergang unternahm, geſchah es wohl, daß er ſagen konnte: „Gurli, geh' hinauf zu Mama, ſo lang ich ab⸗ weſend bin;“ aber dieß war auch die einzige mündliche Mittheilung zwiſchen ihnen. Magiſter Blom war ſomit derjenige, welcher die einzige Kontrole über Gurli's Thun und Treiben aus⸗ übte; dieſe erſtreckte ſich aber faſt ausſchließlich auf das, was in den Lektionsſtunden vorging, da in der Zwiſchenzeit Gurli nicht unter ſeinen Augen war, ſon⸗ dern ſich ſelbſt überlaſſen aufwuchs. Man darf indeſſen nicht glauben, daß Gurli nach ihrer Heimkehr verändert und beſſer war. Nein, eine Gemüthsart wie die ihrige erfordert ſorgfältige Pflege und Wachſamkeit, um einen Sieg über dieſelbe mög⸗ lich zu machen. Dieſe moraliſche Pflege mangelte ihr, da ſie den größten Theil des Tages getrennt von ihrer Mutter zubrachte. Wir müſſen auch zu unſerm Leidweſen bekennen⸗ daß die Lehren, welche ſie während ihrer kurzen Be⸗ ſuche bei der Mutter empfing, wieder vergeſſen waren, ſobald ſie draußen vor der Thüre ſich befand. Gur⸗ li's lebhafter Sinn und eigenwilliger Charakter hat⸗ 181 ten zur Folge, daß ſie nur auf die Stimme in ihrem eigenen Innern hörte. Einen Punkt jedoch gab es, worin ſie eine für ihre Jahre bewundernswerthe Unbeugſamkeit an den Tag legte, nämlich ſo felten als möglich mit ihrem Stiefvater zuſammenzutreffen, oder in ſeiner Gegen⸗ wart ſich Etwas zu geſtatten, das ihn zum Zorn reizen konnte. Im Uebrigen war ſie ſo muthwillig und unlenk⸗ ſam, als nur ein Kind ſeyn konnte, denn es fand ſich Niemand, der über ſie weder bei Falkenſtern, noch bei Anna Klage führte. Man wollte die letztere nicht be⸗ trüben, und dem erſtern keinen Anlaß zum Zorn geben, und ſo duldete man Gurli's Unarten. Machte zuweilen Walter den Verſuch, mit dem jungen Fräulein verſtändig zu reden, ſo entwaffnete ſie ihn durch ihre Schmeicheleien, und der Moralpre⸗ diger war damit kurz abgethan. An einem milden und ſchönen Sonntagabend zu Ende Februars unterhielten ſich die drei jungen Leute damit, daß ſie mit Schneeballen auf einander warfen. Allon und Gurli fielen Stephan an, welcher von den dreien körperlich der ſchwächſte war. Nachdem ſie ihn tüchtig mit Schnee eingepudert hatten, warfen ſie ihn in eine Windwehe hinein und deckten ihn trotz ſeiner Bitten und ſeines heftigen Huſtens ſo zu, daß er völlig begraben war und ſein Hülferuf erſtickte. „Allon und Gurli, helft ſogleich Stephan auf und befreit ihn von dem Schnee!“ befahl eine ſtrenge Stimme von der Treppe des Hauptgebäudes. Es war Blom. „Er kann ſich ſelbſt helfen,“ ſagte Gurli, zu Allon gewendet; wir brauchen, wenn wir nicht in der Lek⸗ tion ſind, dem Magiſter nicht zu gehorchen.“ 182 Allon nickte Beifall und rührte ſich nicht vom eck. „Hat Allon nicht gehört, was ich ſagte?“ fragte der Magiſter und kam zu den jungen Herrſchaften herunter. In ſeinem Herzen konnte Allon den neuen Lehrer nicht ſonderlich leiden, denn er war ſtreng in ſeinen Forderungen. Er ergriff alſo begierig die Gelegenheit, ihm Trotz zu bieten, ſchwieg und blieb ſtehen wie eine Mauer. Tante Katharina, welche von ihrem Flügel aus den Kampf mitangeſehen hatte, war indeſſen herbei⸗ geſprungen und eifrig damit beſchäftigt, Stephan von der Schneemaſſe zu befreien, welche auf ihm laſtete, während ſie zu gleicher Zeit gegen Gurli und Allon auf's Heftigſte loszog. Als Allon bei Bloms zweiter Aufforderung keine Miene machte, Gehorſam zu leiſten, fiel des Magiſters Hand ſehr nachdrücklich auf des Jünglings achtzehn⸗ jährige Wange, während er in ſtrengem Ton ſagte: „Sogleich thue, was ich befehle.“ Einige Sekunden ſah es aus, als ob Allon ſich auf ſeinen Lehrer ſtürzen und ihm den ſchimpflichen Schlag zurückgeben wollte; aber in der nächſten Mi⸗ nute war der aufbrauſende Zorn unterdrückt und er beugte ſich zu Stephan nieder, um Tante Katharina Beiſtand zu leiſten, während er zwiſchen den Zähnen murmelte: „Das ſoll mir Stephan bezahlen!“ Gurli war bei der Ohrfeige, welche Allon erhal⸗ ten hatte, laut lachend davon geſprungen. Sie eilte die Treppen hinauf und kam, naß und mit Schnee bedeckt nach der gelieferten Bataille, zu Walter her⸗ eingeſtürzt. Fl 183 Der Mulatte ſaß am Tiſch und ſchrieb. Als die Thüre ſo heftig aufgeriſſen wurde, ſprang er auf und rief erſchrocken: „Was in aller Welt gibt es denn? Iſt Feuer ausgebrochen, oder was iſt ſonſt geſchehen?“ Gurli warf ſich lachend auf den Sopha. „Hu, wie ſiehſt Du aus, lauter Schnee, ganz wie damals, als Felir dich hereinſchleppte; aber wahr⸗ haftig, da lachteſt Du nicht wie eine Närrin, ſondern ſtimmteſt ein ganz anderes Lied an.“ Bei dieſen Worten verſtummte Gurli's Gelächter. Sie ſetzte ſich aufrecht auf den Sopha. Ihre Miene war ernſt geworden. „Warum gedenkſt Du eben jetzt jenes Abends?“ fragte ſie. „Darum, weil dein äußerer Menſch, liebes Kind, daran erinnert.“ „Ach, HerrGott!“ rief Gurli und warf ſich Wal⸗ ter in den Hals;„ich bin doch recht gottlos. Ich bin ſehr garſtig gegen Stephan geweſen und habe mich dann über den Verdruß, der Allon widerfuhr, gefreut; und an jenem ſchrecklichen Abend dachte ich doch, wenn Gott mich Mama wieder ſehen ließe, wollte ich ſo ſittſam, ſo recht ſittſam werden. Magiſter Grün⸗ lund hatte wohl Recht, wenn er ſagte, ich ſey ein Kind, das auf dem Wege der Sünde wandle. Nun weinte Gurli ebenſo heftig, als ſie vorhin gelacht hatte. Walter hatte nicht Zeit, ſie zu tröſten und zu be⸗ ruhigen, denn Magiſter Blom trat ein. Etwas unſanft faßte er das Fräulein am Arme und führte es auf ſein Zimmer hinab. Allon und Stephan waren be⸗ reits dort. Der Magiſter ſchloß die Thüre und hielt Gurli 184 zuerſt eine ſehr ernſte und kurze Rede, worin er ihr vorſtellte, wie ſchlecht uud beinahe unmenſchlich es von ihr geweſen, daß ſie ſich in Gemeinſchaft mit Allon geſtattet hätte, einen ſo ſchwachen Gegner, wie Stephan, anzufallen. Die Worte waren ſo kräftig, daß die kaum getrockneten Thränen von Neuem zu rinnen begannen, und ehe Blom ſie noch dazu auffor⸗ dern konnte, ſprang Gurli auf Stephan zu und bat ihn um Verzeihung, Etwas wozu ſich Allon nur mit größten Selbſtüberwindung zu bequemen ver⸗ mochte. Nach dieſem kleinen Auftritt, welcher ausgeſpielt wurde, ohne daß der Magiſter der Einmiſchung von Falkenſtern oder ſonſt Jemand bedurfte, verfloß einige Zeit, in welcher Gurli wirklich minder wild und un⸗ lenkſam war. Sie benahm ſich achtungsvoller gegen ihren Lehrer und gab Stephan weniger Anlaß zum Verdruß. Sie half Allon nicht mehr, ihren Couſin zu reizen und zu quälen, ſondern es geſchah mitunter, daß ſie ſelbſt Stephans Partei nahm. Allon dagegen konnte unmöglich vergeſſen, daß der elende Stephan die Urſache zu der Ohrfeige ge⸗ weſen, womit er begabt worden war, und er faßte einen Groll gegen den Couſin, der ſich bei allen mög⸗ lichen Gelegenheiten Luft machte. XXVI. Der Winter ging und der Frühling kam. Stephan, welcher beſtändig Allons Knabenſtreichen ausgeſetzt war und niemals vor ihm Ruhe fand, nahm ſeine Zuflucht nach dem Pavillon, um dort ungeſtört 185 ſtudiren zu können. Dort brachte er, in Bücher ver⸗ tieft, den größern Theil ſeiner freien Stunden zu. Allerdings geſchah es, daß Gurli ihn zuweilen bis dahin verfolgte. Allon that dieß, ſo oft er unge⸗ ſtraft ſich eine Gemeinheit erlauben konnte; aber da Stephan ſich gewöhnlich in ein kleines Seitenzimmer einſchloß, ſo konnten ſie ihm nicht beikommen, und überdieß hatte Allon vollauf zu thun, um ſich ſelbſt vor allen ärgerlichen Streichen Gurli's den Rücken frei zu halten, denn er war nun zu ihrem Opfer aus⸗ erſehen worden. An einem ſehr regneriſchen Montag, da jeder Spaziergang außerhalb des auſes unmöglich war, gingen Magiſter Blom und tephan im Saale des untern Stocks auf und ab. Das Mittagsmahl war gerade zu Ende, und Falkenſtern hatte ſich ſeiner Ge⸗ wohnheit zufolge nach demſelben zu Anna hinaufbegeben. Eurli ſaß in einer Sophaecke zuſammengekauert, und Allon ſtand an einem Fenſter und ſchaute mit einer Miene hinaus, welche nichts weniger als von Zufriedenheit zeugte. Blom ſuchte Stephan den Unterſchied zwiſchen den philoſophiſchen Schulen klar zu machen. Nach Verlauf einer Stunde ſchloß die Abhand⸗ lung und er ſchickte ſich an, auf ſein Zimmer zu gehen. Stephan ergriff gleichzeitig ſeine Mütze, um ſich in den Pavillon zu begeben. Eben da beide das Zimmer verlaſſen wollten, ſagte der Magiſter zu Stephan: „Ei, da fällt mir Etwas ein: der Kapitän ſieht es nicht gern, daß Du am Abend bei Licht in dem Pavillon ſitzeſt. Er forderte mich auf, Dir zu ſagen, daß Du dort nicht länger verweilen ſolleſt, als es Tag iſt, denn Du könnteſt leicht bei dem Licht ein⸗ 186 ſchlafen und dadurch ein Unglück verurſachen. Wir wiſſen alle, wie viel er auf den Pavillon hält, ſo daß der Verluſt deſſelben ihm doppelt fühlbar würde.“ „Obwohl es durchaus keine Gefahr hat, daß ich über dem Leſen einſchlafe, ſo werde ich doch, ſobald es dunkel wird, den Pavillon verlaſſen,“ antwortete Stephan und ging hinaus. Allon drehte ſich nun im Zimmer um und blickte dem Magiſter und Stephan nach. „Hat der Onkel Stephan verboten, ein Licht in dem Pavillon zu brennen?“ fragte er Gurli. „Ja, Du haſt es doch gehört.“ „Und dennoch thut er es,“ rief Allon und faltete die Hände. „Ach, das iſt gottlos,“ deklamirte Gurli und legte ebenfalls die Hände zuſammen.„Du könnteſt dich niemals ſo ſchlecht aufführen. Du biſt ſo from⸗ men und reinen Herzens, wie Grünlund zu ſagen iee Wie hart, daß Du ihn miſſen mußt! Ha, a, ha!“ „Gurli, unterlaß' es, mich zu reizen; ich bin nicht in der Stienmung, es zu dulden.“ „Ei, das iſt recht bedauerlich, denn dein früherer Lehrer ſagte mir immerdar, der Zorn ſey ein Unrecht, und wer ſich dazu hinreißen laſſe, ein Sünder.“ ich Allon biß die Zähne über einander und wandte ich ab. „Ach, was das für ein langweiliges Wetter iſt,“ rief Gurli nach einer Weile und eilte auf Allon zu, „und wie langweilig Du gleichfalls ausſiehſt.— Be⸗ reifſt Du nicht, daß Du mich unterhalten ſollteſt,“ etzte ſie hinzu und faßte ihn am Arm,„ſonſt könnte ich Luſt bekommen, in dieſem ganzen Neſt hier Feuer einzulegen, um mich zu zerſtreuen oder zu irgend einem 187 ungewöhnlichen Ereigniß Veranlaſſung zu geben. Ah, wenn nur eine Ueberſchwemmung, oder ein Erdbeben käme, oder eine Räuberbande uns hier überfiele, ſieh“ das könnte etwas ſeyn, das... Ja, das deine Mutter das Leben koſten möchte,“ fiel Allon ein und ging ſchnell hinaus. Der Regen, welcher den ganzen Tag ſich vom Himmel ergoſſen hatte, ließ bei Sonnenuntergang nach. Die Luft klärte ſich auf und ein friſcher Wind erhob ſich, welcher die Wolken mit unglaublicher Ge⸗ ſchwindigkeit am Horizont hinjagte. Die Nacht war eingebrochen. Alles war ſtill und lautlos zu Birgersborg, denn Jedermann war nach des Tages Laſt und Mühe zur Ruhe gegangen. Gurli, welche in der letzten Zeit ſo viel in ihrem unruhigen Kopf gehabt hatte, worüber ſie in der Ein⸗— ſamkeit nachgrübelte, ſaß in ihrem Zimmer am Fen⸗ folgte den forteilenden Wolken mit ihren icken. Auch bei ihr, obwohl noch einem Kinde, war die bittere Selbſtanklage erwacht, welche ſo oft in reiferen Jahren unſere Schritte hemmt und unſerer Selbſtſucht zuruft: Wie haſt du gehandelt? Kannſt du vor Gott und mir, deinem Gewiſſen die Fehltritte, die du ge⸗ than, die Uebereilungen, die du dir erlaubt, das vor⸗ ſätzliche Unrecht, das du begangen haſt, verantworten? Bei Gurli waren dieſe Fragen nicht beſtimmt, wie bei dem erwachſenen Menſchen, welcher den Unter⸗ ſchied zwiſchen Recht und Unrecht kennt, aber dennoch außer Acht läßt. Sie empfand nur eine furchtbare innerliche Unruhe, eine unbeſtimmte Angſt, welche un⸗ aufhörlich ihr zuflüſterte: „Du biſt ein gottloſes Kind; früher oder ſpäter 188 wirſt du Kummer über deine Mutter und Strafe über dein eigenes Haupt bringen.“ Je weiter die Nacht vorſchritt, deſto größer wurde ihre Bangigkeit. Gurli wäre gern zu ihrer Mutter geeilt, um bei ihr zu weinen, und Alles, was ſie in dieſem Augenblick empfand, ihr anzuvertrauen, aber zwiſchen ihr und der Mutter ſtand der Stiefvater, und darum ſaß ſie einſam hier, niedergedrückt von dem Gedanken, daß ſie nicht war, wie ſie ſeyn ſollte, und überdieß von der einzigen Perſon fern gehalten wurde, welche ihr behülflich ſeyn konnte, es zu werden. Gurli öffnete das Fenſter, um die heißen, klop⸗ fenden Schläfe von der Luft der Mainacht abkühlen zu laſſen. Eine Fluth von Thränen, des Kindes Troſt und Zuflucht, erleichterte endlich die beklemmte Bruſt. Gurli weinte, weinte lang, den Kopf an den Fenſterpfoſten gelehnt; ſie weinte über ſich ſelbſt, über die Unmög⸗ lichkeit, ſich um des Stiefvaters willen, ſo an die Mutter anſchließen zu dürfen, wie ſie es wünſchte, über das Unreche, welches ſie erlitten zu haben glaubte, und über die Unruhe, wovon ſie jetzt gequält wurde. Wäre Gurli's Herz und Kindesſinn eine wahr⸗ haft religiöſe Richtung zu Theil geworden, ſo hätte ſie bei ihren kleinen Sorgen und Prüfungen zu unſer Aller Vater fliehen und Troſt finden können. So aber möchte man ſagen, Grünlund's Gottſeligkeit habe Gurli's religiöſe Gefühle völlig erſtickt. Seine Reden über den Herrn, den rechten Weg, den wahren Glau⸗ ben, Gottes ſtrenge und ſtrafende Hand, hatten die Wirkung gehabt, daß Gurli's Vorſtellungen von Gott mit dem Gedanken an Grünlund verkettet waren. Die Gebete, welche Anna ihre Tochter gelehrt 189 hatte und jeden Abend mit ihr las, waren für ſie eine Plage. Sie riefen ihr die Erinnerungen an den früheren bösartigen Lehrer zurück, und wenn die Mutter ihr ſagte, daß nur die, welche Gott über zu im Leben glücklich werden könnten, ſo achte ſie: „Ich will lieber unglücklich werden, als den 8 lieben, von welchem Magiſter Grünlund gere⸗ et hat.“ Anna ihrerſeits, welche ſo getrennt von ihrer Tochter lebte, ahnte nicht, daß die Abneigung des Mädchens gegen den erſten Lehrer ihre Gedanken und Gefühle Dem entfremdet hatte, deſſen Liebe und pü ihren eigenen Muth in Prüfungen aufrecht er⸗ ielt. Vielleicht ſollte einmal die Welt es über ſich nehmen, Gurli als erwachſene Frau für das zu ſtra⸗ fen, was ſie als Kind verbrochen hatte; vielleicht ſoll⸗ ten die Umſtände ſie zwingen, in Demuth und Reue ihre Zuflucht zu Dem zu nehmen, welcher unſere ein⸗ zige rechte Stärke in des Lebens ſchwerſten Schmerzen und bitterſten Sorgen iſt.— Dieß iſt indeſſen Etwas, das erſt in der Zukunft ſich ausweiſen wird Für jetzt war Gurli jedoe weit entfernt davon, zu verſtehen, wie Gott denjenigen tröſtet, der ſich auf Ihn verläßt. Sie weinte auch unaufhaltſam und nahm es für ganz ausgemacht an, daß ſie ihrer Mutter gro⸗ ßen Kummer bereiten würde. Endlich hörten die Thränen auf zu fließen, und ſie ſaß eine lange Weile ſtill da, völlig erſchöpft von der heftigen Gemüthsbewegung. Plötzlich fuhr ſie zuſammen. Ein röthlich flam⸗ mender Schein ſtieg am Himmel auf, und in der 190 nächſten Minute ſchlug eine hohe Flamme über die Gipfel der Bäume empor. Der Pavillon war in Brand gerathen. Ohne zu wiſſen, was ſie thun ſollte, begann Gurli aus Leibeskräften zu ſchreien und im Zimmer herum⸗ zuſpringen; aber ſie wurde ebenſo ſchnell wieder ſtill, als ihr einfiel, die Mutter könnte durch einen ſo ge⸗ waltigen Lärm in Schrecken geſetzt werden. Liſa war indeſſen bei Gurli's Geſchrei erwacht, und als dieſelbe fragte, was es denn gäbe, rief das Mädchen: „Es brennt!“ Darauf ſtürzte ſie hinaus, eilte zuerſt zu dem Magiſter, dann zu Walter hinauf, und ohne Athem zu holen, hinunter zu Tante Katharina. Im Augenblick war das ganze Haus auf den Beinen,— aber deſſen ungeachtet konnte der Pavillon nicht gerettet werden. Doch gelang es, der weiteren Verbreitung des Feuers und der Verwüſtung des Gar⸗ tens zu wehren. Die Strahlen der Morgenſonne fielen auf den rauchenden Aſchenhaufen, das Einzige, was vom Pa⸗ villon übrig geblieben war. Düſtern Blickes die Arme über der Bruſt gekreuzt, betra tete Falkenſtern das verödete Heilig⸗ thum, wo er die kurzen Stunden des Glücks in ſeiner erſten und auch in ſeiner zweiten Ehe verlebt hatte. Seine Stirne war umwölkt. Alles deutete darauf hin, daß er den Urheber des Unglücks zu ſtrenger Strafe ziehen würde. Als er geraume Zeit ſo dageſtanden war, wandte er ſich plötzlich zu Walter um und ſagte: „Laß ſogleich den Magiſter Blom rufen.“ Und damit ging er nach dem Hauptgebäude hin⸗ 191 auf und begab ſich in ſein Zimmer. Als er eben die Thüre ſchloß, hörte er, wie Liſa nach Gurli rief und ſie aufforderte, zu ihrer Mutter hinaufzukommen. Falkenſtern's Unterredung mit Magiſter Blom war ſehr kurz. Er wollte nur wiſſen, ob Stephan im Pavillon geweſen ſey, ob der Magiſter ihm geſagt habe, daß er kein Licht daſelbſt brennen dürfe u. ſ. w. Als er die gewünſchten Aufklärungen erhalten hatte, wurde Stephan heruntergerufen. Wir übergehen, was zwiſchen dem Richter und dem vermeintlichen Verbrecher vorging. Stephan's heilige Verſicherungen, daß er am Abend kein Licht in dem Pavillon angezündet habe, halfen nichts; Falkenſtern glaubte nicht daran, und es iſt ungewiß, zu welcher übertriebenen Strenge er durch ſeinen Zorn ſich hätte verleiten laſſen, wenn nicht Magiſter Blom, ohne gerufen zu ſeyn, dazwiſchen ge⸗ treten wäre. Stephan wurde von dem Lehrer auf ſein Zim⸗ mer geführt, und Falkenſtern rief ihm nach, er ſolle ihm nicht mehr unter die Augen kommen. Als der ſonſt ſo geduldige Jüngling mit dem Magiſter ſeinen Oheim verließ, leuchtete es nach Allem, was er erduldet hatte, wie ein Blitz in ſeinen Augen. Er wandte ſich zu Blom mit den Worten: „Ich bin unſchuldig, und wofern man das nicht anerkennt, will und kann ich nicht länger dieſes Man⸗ nes Brod eſſen.“ Blom blickte erſtaunt Stephan an, welcher ſonſt niemals ein Wort der Klage hatte fallen, oder ein Zeichen des Mißvergnügens ſich entſchlüpfen laſſen. „Sieh' mir gerade in die Augen, Stephan und antworte: haſt Du nicht Anlaß zu dem geſchehenen 192 Unglück gegeben?“ fragte der Magiſter, als ſie ſich allein in deſſen Zimmer befanden. Stephan antwortete mit Feſtigkeit: „Ich bin nicht ſchuld daran.“ „Ich dieſem Fall, mein Junge, wollen wir her⸗ auszubringen ſuchen, wer der Verbrecher iſt, damit die Wahrheit an den Tag komme.“ „Aber inzwiſchen kann ich nicht hier bleiben“, rief Stephan. Seine Augen glänzten von den Thränen des Zorns und des gekränkten Stolzes. „Du mußt. Der unſchuldig Angeklagte bleibt auf dem Platze, bis der Verbrecher gefun⸗ en iſt.“ In Anna's Zimmer war gleichfalls ein Verhör angeſtellt worden, und zwar auf Veranlaſſung von Liſa, welche erzählt hatte, Allon habe die Vermuthung ausgeſprochen, daß Gurli an der Feuersbrunſt ſchul⸗ dig ſey. nna hatte ſogleich nach Allon geſchickt und ihn gefragt, welchen Grund er zu einem ſolchen Verdacht hätte. Der Jüngling gab zur Antwort, er bedaure ſehr, daß Liſa ein Wort davon geſagt habe, was ihm in der Beſorgniß, Stephan möchte wegen der Feuers⸗ brunſt zur Verantwortung gezogen werden, entſchlüpft ſey, und bat die Tante, nicht weiter in ihn zu dringen. Allon küßte Anna die Hände; aber als Anna ihm zu ſprechen gebot, erzählte er, Gurli habe vorigen Abend erklärt, ſie fühle ſich verſucht, ganz Birgersborg in Brand zu ſtecken, nur um etwas recht Schreckliches zu erleben. Ueberdieß ſey Gurli beim Ausbruch des Feuers völlig angekleidet geweſen und habe auch zu⸗ erſt Lärm 5 193 Bei dieſer Anklage von Allon wurde Anna ſchreck⸗ lich bleich und ſchickte nach Gurli. In Allon's Gegenwart mußte Gurli die Wahr⸗ heit deſſen anerkennen, was ſie Tags zuvor geſagt hatte; deßgleichen, daß ſie, als das Feuer ausbrach, no in den Kleidern geweſen ſey und Lärm gemacht abe. und habe nicht zu Bette gehen wollen etwas, dem Anna keinen Glauben ſchenkte. Liſa wurde hereingerufen und bezeugte, ſie habe Gurli nicht dazu bringen können, ſich auszukleiden, und dieſelbe ſei noch in vollem Anzug geweſen, als ſie Liſa, um ein Uhr nach Mitternacht, durch deren Ge⸗ ſchrei aufgeweckt habe. Anna redete Gurli ernſtlich zu, die Wahrheit zu ſagen, und ſprach zugleich gegen ſie die volle Ueber⸗ zeugung aus, ſie habe in kindiſchem Frevelmuth zu dem Feuer Anlaß gegeben; zugleich gab ſie aber die Verſicherung, es ſolle ihr Alles verziehen werden, wenn ſie nur ihren Fehler eingeſtehe und den unſchuldigen Stephan nicht die Folgen davon leiden laſſe. Gurli leugnete, zuerſt unter Thränen, hernach mit Heftigkeit, und zuletzt mit einem ſolchen Ausdruck von Zorn, wie ihre Mutter noch nie an ihr wahrge⸗ nommen hatte. Darauf erhielt ſie von Anna den Befehl, ſich aus dem Zimmer zu entfernen und nicht eher vor ihr wieder ſehen zu laſſen, als bis ſie aufrichtig und reuevoll das Unheil, das ſie angerichtet habe, zu er⸗ ennen geneigt ſey. Schwartz, Der Rechte. I. 13 194 Das Mädchen ging, dießmal mit hoch aufgerich⸗ tetem Haupte und trotziger Miene. Anna bat hierauf Allon, hinunter zu eilen und Falkenſtern zu erſuchen, er möchte zu ihr herauf⸗ kommen. Sie wollte mit ihm ſprechen, ehe er Stephan wegen des Unglücks zur Rede ſtellte. Stephan hatte aber ſein Leiden ſchon durchge⸗ macht und Falkenſtern war weggeritten. Als der Arzt kurz darauf zu Birgersborg ein⸗ traf, fand er Anna in einem ſo aufgeregten und ner⸗ vöſen Zuſtande, daß er gegen Tante Katharina die Be⸗ ſorgniß äußerte, es könnte möglicherweiſe ein neuer Schlaganfall eintreten. Er gab einige Verordnungen und bat Tante Ka⸗ tharina, ſie nicht zu verlaſſen. In einer Stunde wollte er wieder kommen und dann in Birgersborg bleiben, bis Anna ruhiger geworden wäre und ihre Nervener⸗ regung ſich gelegt hätte. XXVII. Falkenſtern hatte ſeit Magiſter Grünlund's Ent⸗ fernung ſich niemals, wenn er in gereizter Stimmung ſich befand, vor Anna ſehen laſſen. Auch dießmal hatte er es vorgezogen, einen längeren Spazierritt zu machen, um Zeit zur Faſſung zu gewinnen und ſeinem Geſichte einen ſolchen Ausdruck zu geben, damit er, ohne die ſeinem Herzen ſo theure Kranke zu beunru⸗ higen, vor ihr erſcheinen könnte. Er wußte, daß ſchon der Schrecken über das Feuer ihr zugeſetzt hatte, und wollte nicht, daß die Veran⸗ laſſung dazu, oder der Antheil, der ſeiner Ueberzeu⸗ * 195 gung nach dabei auf Stephan kam, ihr noch weitere Kümmerniß verurſachen ſollte. 5 Die Mittagsſonne ſtand hoch am Himmel, als er vor dem Stall vom Pferde ſtieg, und ſich, den Weg durch den Park nehmend, nach dem Schloß begab. Er ſtieg die Terraſſentreppe hinauf und wollte durch die von hier aus in den Saal führende und offen ſtehende Glasthüre eintreten, als er durch den Laut von Gurli's Stimme aufgehalten wurde. Er zog ſich ein wenig zurück und gewahrte, einen Blick in den Saal werfend, ein höchſt eigenthümliches Gemälde. Allon ſtund kerzengerade vor dem Kamin. Vor ihm hatte ſich, um einen ganzen Kopf kleiner, Gurli aufgepflanzt, den rechten Arm ausgeſtreckt und in der Hand eine itſ haltend, deren Mündung gegen die Bruſt von Alld ie war. Wie außer ſich, rief ſie: „Wenn Du nicht ſogleich geſtehſt, daß Du es biſt, welcher den angezündet hat, ſo ſchieße ich Dich nieder. ama glaubt, daß ich es gethan, und daß ich ihr ein ſo ſchreckliches Leid zugefügt habe, und Du haſt mich deſſen beſchuldigt. Papa hat Ste⸗ phan geſchlagen und mißhandelt, und Du, Du allein biſt der Verbrecher. Ja— ich ſchieße Dich nieder, ich weiß nicht, was ich thue, wenn Du die Wahrheit nicht auf der Stelle bekennſt.“ Merkwürdig genug war: Allon, der große, ſtarke Allon, welcher mit einem einzigen Schlage Gurli hätte ſtrecken können, wurde todesbleich. Die auf ihn gerichtete Piſtole ſchien lähmend auf ſeine Gefühle zu wirken. „Nun wohl, Gurli“ ſtammelte er,„ich habe den Pavillon angezündet. Ich habe es darum gethan, 4 ℳ 5 196 weil ich euch beide, dich und Stephan haſſe und ver⸗ abſcheue. Ihr ſeyd ungottesfürchtige Weſen, und der ganze Pavillon war ein Sündenneſt, wie Onkel Grün⸗ lund immer ſagte.“ Gurli ſtieß einen wilden Schrei aus und ſchleu⸗ derte die Piſtole weit von ſich, die ſich nun entlud, ſo daß die Kugel hart an Allon's Bein vorüberfuhr; dann warf ſie ſich mit einem Sprung aufAllon, packte ihn mit ihren kleinen, aber ſtarken Händen um den Hals, als ob ſie die Abſicht hätte, ihn zu erwürgen. Allon faßte ſie kräftig um den Leib. Sie rangen einen Augenblick mit einander, und Allon rief mit halb erſtickter Stimme: „Laß mich los, oder„ 4 „Laß ihn los!“ ertönte eine Stimme, und zugleich Gurli's Hände von Allons Hals hinwegge⸗ riſſen. Blom ſtand vor ihnen und ſah größer und ge⸗ bieteriſcher aus als ſonſt. Seine klaren dunkelblauen Augen ruhten mit Strenge auf Allon. „Du haſt ſomit bekannt, daß Du ein Mordbren⸗ ner biſt“, ſprach er. „Ja, um Gurli's Piſtole auszuweichen“, antwor⸗ 3 Allon, welcher ſeine Faſſung wieder gewonnen atte. „So!“ Magiſter Blom legte ſeine Hand ſchwer auf des Jünglings Schulter und fuhr in langſamem Tone fort: „Du glaubſt alſo, es heiße Gott dienen und ihm angenehm ſhn. wenn man jeden Morgen und Abend ſeine Gebete herſagt, aber dazwiſchen ſo viel Böſes thut, als nur möglich iſt? Hoffſt Du wirklich, durch deinen Glauben Zutritt in das Himmelreich zu erlangen, wenn deine Werke nicht von der Art ſind, daß ſie demit in 197 Einklang ſtehen? Du haſt einen gefährlichen Weg be⸗ treten, Allon. Wendeſt Du nicht bei Zeiten um, ſo wirſt Du dich in's Verderben ſtürzen. Nun zu dem Böſen, das Du gethan. Du geſtehſt alſo ein, das Unglück in der Nacht angeſtellt zu haben?“ „Nein. Ich habe blos ſo geſagt, um Gurli zu entwaffnen.“ „Ah, ſo; nun, was haſt Du denn geſtern Abend nach 11 Uhr noch im Pavillon getrieben?“ „Ich bin um dieſe Zeit nicht dort geweſen.“ „Nicht? Du vergrößerſt alſo deine Schuld durch ein neues Verbrechen, indem Du es läugneſt. Aber das iſt vergeblich; zwei der Diener haben dich von dort herkommen ſehen. AMeberdieß wünſche ich zu wiſſen, auf welche Weiſe Du es erklären willſt, daß Du heute nicht dieſelben Kleider wie geſtern trägſt. ie kommt es, daß i zes Paket Zündhölzchen ſteckt? Oeffne deine Lippen, nicht, um die Wahrheit zu leugnen, ſondern einzig und allein zu einem ehrlichen Geſtändniß. Im andern Fall bin ich genöthigt, dich zur Verantwortung vor Gericht zu ſtellen. Ehe der Vormittag vergeht, wirſt Du für dein Verbrechen nicht blos bei denen, welchen Du Schaden zugefügt, ſondern auch bei deinem Cou⸗ ſin und deiner Couſine, welchen Du ſo ſchändliches Unrecht zugefügt haſt, Abbitte thun.“. lom wandte ſich darauf zu Gurli: „Du, die du in deinem wilden Sinn nahe daran wareſt, gleichfalls ein Verbrechen zu begehen, Du be⸗ Libſt dich jetzt auf dein Zimmer und bleibſt dort, bis Du Erlaubniß erhältſt, es zu verlaſſen.“ Gurli faßte Blom's Hand, küßte ſie, ohne ein Wort zu ſagen, und eilte aus dem Saal hinweg. 198 Allon folgte Blom ſchweigend und niederge⸗ ſchlagen. XXVII. Der Saal war leer. Falkenſtern trat hinein und blieb vor dem Gemälde über dem Kamin ſtehen. Seine Stirne war gefurcht, nicht von Zorn, Haß oder Argwohn, ſondern von Etwas, das dem Kum⸗ mer glich. Er ſtrich langſam die graugeſprenkelten Locken zurück und murmelte: Welcher Dämon liegt in dem Golde verborgen. Einmal glaubte ich, des Lebens höchſte Wonne heiße — Reichthum. Ich vergaß alle Bedenklichkeiten und wurde reich. Seitdem hat mich ein Fluch ver⸗ folgt und Glück, Frieden, Seligkeit und Glauben an das Gute aus meinem Herzen verſcheucht. Selbſt zu einem Nichtswürdigen geworden durch die Mittel, welche mich zum Millionär gemacht haben, ſehe i durch die Begierde nach dem Golde, welches jetzt mein iſt, eine Richtswürdigkeit nach der andern um mi herum auftauchen. Dieſer Jüngling, noch ein Kind an Jahren, haßt und verfolgt, begeht Schlechtigkeit und wird ſomit allmälig zu einem Verbrecher, einzig und allein darum, daß er ſeinen gierigen Sinn au den Beſitz meines Vermögens gerichtet hat. Seine Mutter hat ihn aus Habſucht demoraliſirt. Ha, ich fühle mich wahrhaftig verſucht, zu wünſchen, ich wäre ein armer Mann, der in Schweiß und Mühe für ſein Brod arbeitete; ich wäre dann der tiefen Verachtung gegen die Menſchheit und gegen mich ſeibſt los, welche 199 i meinem Glück und Frieden ſo feindlich im Wege ſteht.“ Tante Katharina kam in dieſem Augenblick ſehr eilfertig hereingelaufen und rief, als ſie Falkenſtern gewahr wurde: „Mit Anna geht es ſchlecht; der Doktor fürchtet einen neuen Schläganfall. Sie hat den ganzen Vor⸗ mittag nach Dir gefragt. Geh' hinauf zu ihr. Viel⸗ leicht wird ſie dann ruhiger.“ dach Während Falkenſtern die Treppe hinaufſtieg, dachte er: „Wenn ich von Anna's Leben den Fluch hinweg⸗ nehmen könnte, welcher auf mir liegt, ſo käme ich vielleicht auf die Idee, dieſes Gold zu irgend einem der Menſchheit förderlichen Zweck anzuwenden; aber nun eckelt mir vor dieſen Weſen, die man Menſchen nennt, und es iſt mir ein Genuß, meinen Reichthum in ein eben ſo großes Unglück, wie er für mich ge⸗ worden iſt, zu verwandeln.“ Einen Augenblick darauf ſtand er in ihrem Zimmer. „Bengt!“ rief ſie mit zitternder Stimme ihm entgegen,„Du haſt doch Stephan Nichts gethan. Ich bin beinahe überzeugt, daß... „Er und Gurli unſchuldig ſind,“ fiel Falkenſtern ein und legte ihr Haupt an ſeine Bruſt, indem er mit ungewöhnlich milder Stimme hinzuſetzte:„ich bin deſſen gewiß, meine geliebte Anna, und bitte deßhalb, Dich zu beruhigen. Der, welcher das Unglück ver⸗ ſchuldet hat, iſt mir bekannt.“ „Mein Gott, ich danke Dir!“ ſtammelte Anna und legte den Arm um ihres Mannes Hals. Falkenſtern ſchloß ſie feſter an ſich. Es kam ihm vor, als würde ihr Körper von nervöſen Zuckungen 200 erſchüttert; aber es war blos ein heftiges Schluchzen. Anna weinte vor Freude, nachdem ſie mehre Stunden die bitterſten Schmerzen gelitten, welche in der Ueber⸗ zeugung, ihre Tochter habe wirklich das ſchreckliche Verbrechen, das ſie ihr ſchuld gab, begangen, ihren Urſprung hatten. Es war das erſte Mal in ihrem Leben, daß der Mann, welcher ihr ſo unzählige Kummerthränen aus⸗ gepreßt hatte, nun auch Veranlaſſung gab, daß ſie aus einer Empfindung der Freude zu Zließen begannen. übergehen, was weiter zwiſchen den Gatten vorfiel. Falkenſtern gelang es beſſer, als dem Doktor und ſeiner Medicin, Anna zu beruhigen, und er zeigte bei dieſer Gelegenheit ſo großes Zartgefühl, daß er ihr nicht einmal Allon als den Schuldigen nannte, ſondern das Ganze nur als eine Folge von Unvor⸗ ſichtigkeit darſtellte, weßhalb es ſich nicht der Mühe verlohne, davon zu reden. Niemals hatte ſie ihn ſo mild geſehen, und Anna fühlte ſich in dieſem Momente glücklicher und getroſter an ſeiner Seite, als ſie es jemals geweſen war. Einige Augenblicke ſpäter ging er fort, um Gurli zu holen. Zuerſt nahm er aber ſeinen Weg zu Magiſter welchen er noch mit Allons Verhör beſchäftigt an Bei dem Eintritt des Kapitäns brach er jedoch damit 4 5 6 „Ich habe ein paar Worte mit Ihnen zu ſpre⸗ chen, Herr Magiſter,“ bemerkte Falkenſtern, worauf ſie in das innere Zimmer traten. Hier unterrichtete Falkenſtern den Magiſter da⸗ von, daß er Zeuge von der Scene zwiſchen Gurli ⸗ 201 und Allon geweſen ſey, und ſprach zugleich den Wunſch aus, Blom möge Allon, jedoch nur unter der Bedin⸗ gung, daß derſelbe ſich für den Thäter erkenne und denen, welche unſchuldig durch ihn gelitten haben, Abbitte thue, die Zuſage geben, das Geſchehene mit Stillſchweigen zu übergehen. „Ich meinerſeits,“ fuhr Falkenſtern fort,„ver⸗ ſpreche Ihnen, Herr Magiſter, Stephan vollkommene Genugthuung und Schadenerſatz für das, was er heute erduldet hat, zu gewähren. Ich wünſche über⸗ dieß, daß meine Frau über Allons Betragen in Un⸗ kunde bleibe; denn ſie würde darüber nur von Neuem in Schrecken gerathen und in beſtändiger Angſt vor einer ferneren Bosheit deſſelben ſchweben: etwas, das ich meinerſeits nicht befürchte, wenn der Herr Magiſter ihn noch längere Zeit unter ſeiner Leitung hat.“ Natürlich ging Blom auf Falkenſterns Wunſch ein, und dieß um ſo gerner, da derſelbe mit ſeiner eigenen Anſicht von der Sache vollkommen überein⸗ ſtimmte. 2 Nachdem dieſes Abkommen getroffen war, holte Falkenſtern Gurli. „ Die Freude des Mädchens, als die Mutter ſie in ihre Arme ſchloß und ihr ſagte, ſie wiſſe nun„daß ihre Tochter unſchuldig ſey, läßt ſich kaum mit Wor⸗ ten ſchildern. Sie fühlte ſich ebenſo glücklich, wie ſie vorher unglücklich und gekränkt geweſen war; aber bei allem dem blieb doch jene ungerechte Anklage als eine nagende Erinnerung in ihrer Seele zurück, ohne irgend n ige Folge für ihre moraliſche Entwicklung zu haben. Es fiel dem Kinde ſchwer, zu vergeſſen, daß die Mutter ſie einer ſo ſchlechten Handlung hatte fähig halten können, und ſie betrachtete dieß als eine Folge 202 von dem Einfluß ihres Vaters. Im Innerſten ihres Herzens wurde ſie darum nach dieſem Ereigniß noch viel erbitterter gegen ihn, als ſie vorher geweſen war. Sie wich ihm aus, wie man der Peſt zu ent⸗ fliehen ſucht, und traf niemals mit ihm zuſammen, als zur Zeit des Mittagsmahls, wo es ſich nicht an⸗* ders machen ließ. Dieſes Benehmen fiel Walter und den Andern im höchſten Grade auf, da Falkenſtern gegen Gurli noch nie ſo freundlich geweſen war, wie nach der Feuersbrunſt.. Noch einen zweiten Uebelſtand brachte jenes Er⸗ eigniß mit ſich, und der war, daß Gurli weniger als je daran dachte, ihren Fehlern entgegenzuarbeiten. Als Walter ihr einmal Vorwürfe darüber machte, daß ſie nicht war, wie ſie ſeyn ſollte, gab ſie zur Antwort: „Was nützt es, wenn ich brav bin; Mama ha doch einmal mir eine wirklich ſchlechte That zugetraut. Wenn ſie das thun konnte, dann lohnt es den Ver⸗ ſuch nicht, gut und artig zu ſeyn.“ Anna dagegen, welche ihrem Kinde Unrecht ge⸗ than hatte, wunde noch nachſichtiger, und wenn Tante ½ Katharina einmal ein Wort über Gurli's minder gute Aufführung fallen ließ, ſo antwortete Anna: „Gewiß klagt man Gurli wieder ungerechter Weiſe an, wie bei dem Brand im Pavillon.“ Das Reſultat davon war, daß Gurli ſo wider⸗ ſpenſtig und ungehorſam ſein durfte, als es ihr nur beliebte. Sie ließ auch Allon bei jeder Veranlaſſung die ganze Bitterkeit und kindliche Unverſöhnlichkeit fühlen, welche ihr Herz gegen ihn empfand. 3 Walter konnte ſie nicht mehr zum Gehorſam bringen, und ſie ließ ſich durch ihn nicht abhalten, zu 203 ihrem Vergnügen Andere zu quälen. Wenn er nur den Mund öffnete, rief ſie: „Walter, Walter, ſage Nichts, ſondern laß mich glauben, daß Du wenigſtens Etwas auf mich hältſt.“ Magiſter Blom war der einzige, deſſen Stimme ſie Folge leiſtete und auf deſſen Worte ſie hörte, aber leider prägte ſie dieſelben nicht ihrem Gedächtniß ein und verſchloß ihnen ihr Herz, ſo daß ſie auf ihr moraliſches Gefühl nicht zu wirken vermochten. Da⸗ gegen bewies ſie ihm ihren Gehorſam dadurch, daß ſie ſtets fleißig und aufmerkſam war. Dieß erſchien auch als die einzige Veränderung, welche zu ihrem WVortheil bei ihr ſtatt gefunden hatte. Ein Glück war es für Anna, daß die Unarten und Streiche der Tochter ihr nicht zu Ohren kamen, und daß Falkenſtern jede Klage bei ihr über Gurli ſtreng verboten hatte, ſonſt wäre Anna's Zuſtand durch den Kummer nur noch erſchwert und verſchlim⸗ mert worden. So verlebte die arme lahme Frau den Sommer ſo friedvoll und glücklich als ſie konnte. Falkenſtern war ſo zärtlich, ſo gut gegen ſie, ſo ängſtlich in Be⸗ zug auf Alles, was ſie betrüben konnte, daß er nur für den Zweck zu leben ſchien, alle nhemelichtei ten, welche ſie bedrohen mochten, von ihr fern zu hal⸗ ten. Ex trug ſie auf die Terraſſe, in den Park hinab und brachte den größten Theil ſeiner Zeit bei ihr zu. Nächſt Anna war Stephan die Perſon, mit wel⸗ cher er ſich am meiſten beſchäftigte. Man merkte leicht, daß die Gunſt, in welcher Allon bisher geſtanden, auf Stephan übergetragen worden war. Allon dagegen hatte nach dem Verhör, welches Blom mit ihm angeſtellt, ſeine frommen Mienen, 204 ſeine gottſeligen Worte abgelegt und ein offeneres und ehen Weſen angenommen. Er war heiter und ungezwungen und ſuchte nicht mehr hinter der Maske der Frömmigkeit ſeinen lebhaften Sinn zu verbergen. Der Sommer nahte ſeinem Ende. Im Auguſt ſollten Allon und Stephan mit Magiſter Blom nach Upſala, um dort das Maturitätseramen zu erſtehen. Stephan war allerdings zwei Jahre jünger als Allon, aber an Kenntniſſen ihm vollkommen gleich und ſo⸗ mit auch ganz und gar berechtigt, mit ihm die aka⸗ demiſche Laufbahn zu betreten. Schon gegen die Mitte des Sommers hatte Blom es Falkenſtern klar zu machen verſucht, daß eine Frau ſich der Erziehung Gurli's annehmen müſſe. Falkenſtern hatte anfänglich keine Luſt, darauf einzugehen, gab aber ſchließlich doch nach und ertheilte einem Bekannten in England den Auftrag, ihm für eine Lehrerin mit den im Briefe näher bezeichneten Eigenſchaften zu ſorgen. Es ſollte nämlich eine Frau ſein von gutem Kopf, ausgezeichneten Kenntniſſen, edlem Herzen, be⸗ ſtimmtem Charafter, frei von aller„engliſchen Gott⸗ ſeligkeitsmanie,“ mit geſunden Lebensanſichten und ohne die bei Gouvernanten gewöhnliche Prüderie. Die Kommiſſion war nicht leicht. Es dauerte deßhalb auch einige Zeit, ehe eine Antwort ankam. Ein paar Wochen, ehe Blom mit den jungen Leuten die Reiſe nach der Univerſität antrat, erhielt Falkern⸗ ſtern jedoch die Nachricht, daß das gewünſchte Sub⸗ jekt gefunden ſey und um den erſten September in Gothenburg anlangen werde. Mit Freude hatte Anna vernommen, daß man 205 endlich auf ihren eifrigen Wunſch einging und für Gurli eine Lehrerin anzunehmen ſich entſchhöß Anna hatte oft dieſes ihr Verlangen ausgeſpro⸗ chen und die Nothwendigkeit davon zu beweiſen ge⸗ ſucht, aber immer von Falkenſtern zur Antwort er⸗ halten, daß er in ſeinem Hauſe keine fremden Weiber haben wolle. XXIX. Miß Eliſabeth Stewart kam auch ganz richtig zu Anfang Septembers in Birgersborg an. Sie war eine Frau von fünfundzwanzig Jahren mit großer Sicherheit und Beſtimmtheit in ihrem Be⸗ nehmen, etwas Offenem, Ungenirtem und Zugängli⸗ chem in ihrer Art und Weiſe, ſo daß man ſogleich Vertrauen zu ihr faßte. Schon in den erſten Tagen hatte ſie ſowohl Anna als Falkenſtern gewonnen und auf beide einen vor⸗ theilhaften Eindruck gemacht. Sie ſprach mit Leichtigkeit deutſch und franzöſiſch. Die letztere Sprache war diejenige, worin ſie und ihre Schülerin ſich einander verſtändlich machen ſollten. Nach Verlauf von ein paar Wochen, während welcher Miß Eliſabeth ſich in Gurli's Gemüthsart und Charakter einzuſtudiren verſucht hatte, entwarf ſie einen gewiſſen Plan, welchen ſie der Leitung derſelben ſu Grund zu legen gedachte und vorher Anna's Prü⸗ ung unterwarf. Sie beſtimmte darin gewiſſe Stun⸗ für die geiſtige, andere für die körperliche Aus⸗ ildung. Dieſer Plan war dem lebhaften und unruhigen Temperament des Mädchens ſo gut angepaßt, daß 206 ſe ihn nur mit wirklicher Genugthuung gut heißen onnte. Gurli's Lebensgewohnheiten erhielten nun eine ſyſtematiſche Ordnung. Auf einen beſtimmten Glocken⸗ ſchlag ſollte ſie aufſtehen; dann kam die Badeſtunde, ſofort eine Morgenpromenade, und hernach die Vor⸗ mittagslektionen. Miß Eliſabeth wollte, daß Gurli auch reiten, rudern und fiſchen lerne und eine Orangerie zur Wartung habe. Während der Lektionen anhaltend geiſtig beſchäf⸗ tigt, ſollte dieſelbe nach dem Wunſche ihrer Lehrerin dazwiſchen auch körperlich ſo angeſtrengt werden, daß ihr weder Zeit noch Luſt zur Ausübung eines muth⸗ willigen Streiches verblieb. Eliſabeth ritt ſelbſt wie ein Mann, lenkte mit Geſchicklichkeit ihr Zwiegeſpann und ruderte mit kräf⸗ tigem Arm ihr Boot. Sie war in der Blumenkultur vollkommen daheim. Sie wußte überdieß ohne allen Zwang Gurli für das zu intereſſiren, was ihr, der Lehrerin von Bedeutung war, und deren Aufmerkſam⸗ keit auf das Praktiſche im Leben, wie auf das Theo⸗ retiſche zu richten. Wenn ſie mit ihrer Schülerin auf einem langen Spaziergang in der Gegend herumſtreifte, ſo verſtand Elirech durch ihr Geſpräch Gurli's unruhigen Ge⸗ dankengang zu feſſeln, ihre Theilnahme für die Schön⸗ heit der Natur zu erregen und ſie zu Betrachtungen über deren Kräfte und Geſetze anzuleiten. Sprang Gurli, von einem Eichenhörnchen, einem Inſekte angezogen, oder blos ihrer Laune folgend, mitten im Geſpräch von ihr hinweg, ſo hielt Eliſa⸗ beth blos an und wartete ihre Rückkehr ab und ſetzte, ohne eine Bemerkung über Mangel an Aufmerkſam⸗ 207 keit zu machen, die Unterhaltung da fort, wo ſie ab⸗ gebrochen worden war. „FEliſabeth hatte ihre Schülerin ganz richtig beur⸗ theilt. Sie ſah ein, daß ſie, um dieſelbe lenken zu können, eine Macht zu gewinnen ſuchen müſſe, welche nicht auf blindem Gehorſam, ſondern auf einer ſiche⸗ ren Grundlage, nämlich auf Achtung und Anhänglich⸗ keit beruhe. Dieſe beiden Schätze laſſen ſich nicht mit Gewalt erobern, ſie müſſen vielmehr freiwillig ge⸗ ſchenkt werden; und ein ſolches Geſchenk war von Gurli ſchwerer, als von irgend einem andern Kinde zu erlangen. Eliſabeth machte daher ihre Geſellſchaft Gurli da⸗ durch unentbehrlich, daß ſie dieſelbe unterhielt und nie⸗ mals der Langeweile und Geſchäftloſigkeit, dieſen Ur⸗ heberinnen ſo vielen Unheils überließ. Anfangs überraſchte Eliſabeths Weſen die drei⸗ zehnjährige Gurli, und ehe dieſelbe noch Zeit gehabt, ſich von dieſem Eindruck zu erholen, hatte jene bereits ihr Intereſſe zu erregen gewußt. Der Unterricht wurde für Gurli nun eine Freude, und die langen düſtern Herbſtabende, welche ihr in Birgersborg ſtets von ſo tödtlicher Einförmigkeit ge⸗ weſen waren, gingen nun ſehr ſchnell unter einer fort⸗ währenden Beſchäftigung vorüber. Die Bewohner von Birgersborg dankten Eliſabeth in ihres Herzens Tiefe, daß man endlich der Sünden⸗ plage los war, welche Gurli bisher für Jedermann ausgemacht hatte. Ein halbes Jahr, glücklicher und hoffnungsvoller für Anna's Herz, als ſelbſt die erſten Zeiten ihrer Che, verging. Sie vergaß ihre Kränklichkeit und träumte von der Zukunft. Die Weihnachtsfeiertage gingen vorüber, ohne 208 daß die beiden Studenten Allon und Stephan nach Hauſe kamen. Blom hatte die Reiſe nach Birgers⸗ borg für überflüſſig erachtet, und Falkenſtern wünſchte gleichfalls, daß ſie zu Upſala bleiben ſollten. Stephan hatte mit großer Auszeichnung ſein Examen beſtanden, Allon die gewöhnlichen Zeugniſſe davon getragen. Wieder begannen die Bäume zu knoſpen, die Vögel ihre Triller im Walde anzuſchlagen. Die Erde zog von Neuem den blumengeſchmückten Mantel über ihre Schultern. Alles was Leben und Odem hatte, freute ſich der Annäherung des Sommers. XXX. Eines Morgens nach dem Frühſtück trug Falken⸗ ſtern Anna auf die Terraſſe hinaus, um ſie, auf einem Sopha ruhend, die milde Mailuft einathmen zu laſſen. Anna war in den letzten Tagen ungewöhnlich ſchwach geweſen, ſo daß Falkenſtern mit Angſt be⸗ merkte, wie ſie äußerlich mehr und mehr abzuzehren ſchien. Der Doktor hatte aus Beſorgniß während dieſer zunehmenden Schwäche ganze Tage in Birgersborg zugebracht, wie es immer geſchah, wenn eine Verän⸗ derung in Anna's Geſundheitsumſtänden eintrat. Der Doktor und Falkenſtern ſaßen nun draußen auf der Terraſſe bei Anna, letzterer damit beſchäftigt, das eben angekommene Poſtfelleiſen zu eröffnen. Er nahm zwei Briefe mit der Adreſſe an Anna heraus; der erſte war von einem Verwandten und ſchien ihr Freude zu machen. Sie reichte denſelben 209 ihrem Mann, um ihn zu leſen, worauf ſie den andern erbrach. Beim Leſen deſſelben trat die ſchwache Farbe, welche die Freude hervorgelockt hatte, von ihren Wangen zurück; und als ſie bis zum Schluß gekom⸗ men war, drückte ſie beide Hände an die Bruſt und ſtammelte: „Jeſus Chriſtus, erbarme dich meiner!“ 2 Ihr Angeſicht verzerrte ſich, und ſie bekam einen neuen Schlaganfall. Zwei Tage darauf war Anna nicht mehr unter der Jahl der Lebenden, Einige Stunden vor ihrem Tod hatte ſie Sprache nnd vollkommenes Bewußtſeyn wiederbekommen. Der erſte Wunſch, den ſie äußerte war, ihre Tochter zu ehen, zu welcher ſie aus der Tiefe ihres Herzens redete; und hachdem ſie ſich von ihr verabſchiedet und ſie Tante Katharina und Eliſabeths Obhut anver⸗ traut hatte, wollte ſie mit ihrem Gatten allein ſeyn. as zwiſchen ihm und ihr geſprochen wurde, weiß nur Gott. Sie ſtarb in ihres Mannes Armen. In der Zeit von Anna's Tod bis zu ihrem Be⸗ gräbniß war von Falkenſtern Nichts zu ſehen. Gurli's Betrübniß war ſo wild und gewaltſam, daß der Arzt zu Anfang die Beſorgniß hegte, ſie würde einen nachtheiligen Einfluß auf ihren Verſtand ausüben. Das arme Kind hatte jetzt das einzige Weſen verloren, an das ihre Seele mit aller Macht gefeſſelt war. Der Schmerz über dieſen Verluſt war auch ſo groß, daß Gurli dieſen Verluſt nicht überleben zu können glaubte. Sie wußte nicht, daß der Kummer ein Gift iſt, welches ſelten tödtet. Schwartz, Der Rechte. l. 3 2¹0 Früh am Morgen nach dem Begräbnißtage reiste Falkenſtern allein von Birgersborg ab. XXXI. Gurli ſtand jetzt, noch nicht vierzehn Jahre alt, einſam in ihres Stiefvaters Hauſe. Der Verluſt der Mutter hatte ſie gerade in dem Augenblick getroffen, da ihre Seelenkräfte in Folge einer klugen Leitung an einem für Gurli's moraliſche Entwicklung glück⸗ lichen Wendepunkt angekommen zu ſein ſchienen, und der Kummer konnte nun in einer ſehr ſtörenden Weiſe auf dieſe allen möglichen Ertremen zugängliche Ge⸗ müthsart einwirken und derſelben vielleicht ein ganz anderes Gepräge geben. Nach der Mutter Tod und des Stiefvaters Ab⸗ reiſe bezogen Gurli und ihre Lehrerin die Wohnung der Abgeſchiedenen. Im erſten Jahr war es nicht möglich, Gurli's Sinn und Gedanken von dem Kummer abzulenken, welcher mit wilder Heftigkeit an ihrem Innern zehrte. Sie war gefühllos für Theilnahme und Zärtlichkeit; ihr Gemüth ſchien von Schmerz ganz verhärtet. Alles um ſie herum war ihr gleichgültig. Sprach Eliſabeth davon, daß ſie durch Einſamm⸗ lung von Kenntniſſen auf Veredlung ihrer ſelbſt hin⸗ arbeiten müſſe, ſo antwortete ſie: „Wem zulieb ſoll ich nun wohl arbeiten? Meine Mutter iſt todt, und es gibt kein lebendes Weſen in der Welt, um das ich mich kümmere:“ N Allmälig mit dem Beginn des zweiten Jahrs trat die Elafticität ihrer Jugend in ihre Rechte ein. 211 Gurli erfaßte nun mit ungeduldigem Eifer Alles, was ihre Gedanken beſchäftigen konnte. Jede anhal⸗ tende Arbeit wurde ihr lieb alle heftigen und ſtar⸗ ken Körperanſtrengungen wurden wieder Etwas, wo⸗ ran ſie Gefallen fand. Es blieb aber für Eliſabeth und Tante Katha⸗ rina ein vergebliches Bemühen, irgend ein lebhafteres Intereſſe für Gott und ſein heiliges Wort bei ihr zu erwecken. Dergleichen Reden und Vorſtellungen unterbrach Gurli ſtets entweder durch bittere Ausfüälle oder da⸗ durch, daß ſie davon lief. Fliſabeth ſah auch bald ein, man müſſe ſich für den Augenblick darauf beſchränken, an der Ausbildung und Veredlung von Gurli's Verſtand zu arbeiten und es ihr dadurch möglich zu machen, daß ſie einmal ſelbſt den Weg zu Gott kennen lerne. Drei Jahre vergingen. Gurli's Kenntniſſe erweiterten ſich, ihr Körper gewann an Stärke, aber ihr Herz ſchien kalt und art. Lebhaft, heftig und ercentriſch, ging ihr bei aller Lebhaftigkeit die Seele, bei aller Eraltation der Froh⸗ ſinn der Jugend ab. enn ſie einen langen Spazierritt oder eine Promenade unternahm, ſo war es, als thäte ſie dieß einzig deßhalb, um auf ſolche Art der Unruhe in ihrem Innern zu entfliehen. „ Vei Durchführung ihrer Launen, Befriedigung ihrer Wünſche, nahm ſie niemals auf Andere Rück⸗ icht, ſo wenig als auf die Hinderniſſe, welche ſich ihr entgegenſtellten, oder die Unannehmlichteiten, welche daraus hervorgehen mochten. Sie ſchien nur ein Ge⸗ 21¹2 ſetz anzuerkennen, und das war— die Eingebung ihrer Launen. Wohl kamen manchmal Funken von Güte und Theilnahme zum Vorſchein, aber ſie glichen Stern⸗ ſchnuppen, ſo plötzlich entſtanden und verſchwanden ſie. Einen Günſtling hatte jedoch das ſeltſame Mäd⸗ chen, der niemals von ihrer Seite wich, und das war Falkenſterns zurückgelaſſener Neufundländerhund Felir: aber ſehr oft kam es vor, daß ſie auch dieſen, je nachdem ihre Stimmung war, unſanft behandelte. Falkenſtern hatte ununterbrochen die Zeit von Anna's Tod im Ausland zugebracht, und die einzige Perſon, mit welcher er in ſchriftlicher Berührung ſtand, war Walter. Gurli war dagegen in Birgersborg geblieben, wohin weder Allon noch Stephan zu Beſuch kamen. Gurli hatte jetzt ein Alter von ſiebzehn Jahren erreicht und ſollte zu ihrem erſten Abendmahlsgenuß ſich vorbereiten. Wie in dieſer für ihr Herz ſo wichtigen Zeit ihre Gemüthsſtimmung war, läßt ſich unmöglich angeben. Sie blieb ſich ſo ziemlich gleich, außer daß ſie jeden Tag, wenn ſie hei dem Geiſtlichen geweſen, ſich ganz allein zu ihrer Mutter Grabhügel begab und dort am Fuße des weißen Kreuzes, den Kopf in die Hände geſtützt, in Gedanken verſunken Stunden lang ſitzen konnte. Las Eliſabeth ihr bei der Rückkehr vom Kirch⸗ hofe aus der heiligen Schrift vor, ſo hörte ſie der⸗ ſelben ſtillſchweigend zu. Am Pfingſtfeſte ſollte ſie zugleich mit der übrigen Jugend der Gemeinde zu Gottes Tiſch gehen. Am Morgen war Gurli noch vor der Sonne auf⸗ geweſen, und als Tante Katharina in aller Frühe ß —— ——— 2¹3 nach dem Hauptgebäude ging, um mit Gurli vor deren Abgang zur Kirche noch einige ernſte Worte zu reden, begegnete ſie derſelben im Hofe. Gurli war ſehr bleich und ihr Auge geröthet. „Um's Himmels willen, Kind, wo kommſt Du denn her? fragte Tante Katharina und ſah verwun⸗ dert das Mädchen an. „Ich komme von Mama's Grabe,“ antwortete Gurli, und zum erſten Mal ſeit dem Tode ihrer Mutter reichte ſie Tante Katharina die Hand, indem ſie hinzu ſetzte:„Ich wollte Etwas von meiner Mut⸗ ter in die Kirche mitnehmen und ſo habe ich dieſes da gewählt, um es als meinen theuerſten Schmuck zu tragen.“ Sie deutete auf einen Cypreſſenzweig. Tante Katharina ſchwieg und drückte ihr die Hand. Gurli's Blick weilte auf der alten Frau, in deren Auge eine Thräne zitterte. Sie gingen ſchweigend in Gurli's Zimmer hin⸗ hinauf. Als ſie in den kleinen Salon traten, wo Anna während der langen Jahre ihres gelähmten Zuſtandes die Tage zugebracht hatte, ſtürzte Gurli, welche ſich ſonſt zu jeder Zeit hier aufhielt, vor dem Sopha in die Kniee und brach in heftiges Schluchzen aus. Sie weinte geraume Zeit, ſtund dann auf, trocknete ihre Thränen ab und wandte ſich zu Tante Katharina mit den Worten: Ich weiß, Tante, daß Du mit mir reden willſt, aber ich bitte dich, ſage mir Nichts weiter, als daß du mir nicht böſe biſt; alles Andere würde ich in dieſem Augenblick nicht verſtehen, und es könnte mir nur wehe thun. Verzeihe mir, daß ich ganz anders geweſen bin, als ich ſein ſollte, und vergiß wo mög⸗ ich meine Fehler.“ „Liebes Kind, ich muß ſagen, ich muß ſa⸗ ß gen, daß daß ich Gott bitte, dich zu ſegnen und zu behüten!“ ſtammelte Tante Katharina, völlig aus dem Concept gebracht, um⸗ armte und küßte Gurli. Ein paar große Thränen fielen aus den Augen der Alten auf des Mäd⸗ chens Stirne nieder und dieſe ſprachen mehr als Worte. Tante Katharina gehörte nicht zu denen, welche, wie man die Hand umdreht, weinen. Eine Stunde darauf fuhren Gurli, Tante Katha⸗ rina, Eliſabeth und Walter zur Kirche. Während des Gottesdienſtes ſaß Gurli mit ge⸗ ſenktem Kopfe da, ſo daß Eliſabeth unmöglich in de⸗ ren Geſichtszügen leſen konnte, was in ihrer Seele Die zu Herzen gehende Predigt war zu Ende. Der Abendmahlspſalm begann. Ein heftiges Zittern ging durch Gurli's Körper, als ſie den Kopf aufrichtete und den geſenkten Blick erhob; aber in demſelben Moment zuckte ſie zuſam⸗ men, drückte die Hände noch feſter in einander und ſtarrte vor ſich hin. Ihre Augen waren auf einen Mann gefallen, welcher, an einen Pfeiler gelehnt und halb hinter demſelben verborgen, ihr gerade gegenüber ſtand. Es war der hinterlaſſene Gatte ihrer verſtorbenen Mutter. Die heilige Handlung war vorüber. Die Eltern. der jungen Leute, welche heute zum erſten Mal daran Theil genommen hatten, näherten ſich ihren Kindern, um ſie zu ſegnen und aus dem Tempel des Herrn nach Hauſe zu geleiten. 215⁵ In dieſem Augenblick äußerte eine Gurli nur allzu wohl bekannte Stimme:* „Nimm' meinen Arm, Gurli, und folge mir.“ Ohne zu dem aufzublicken, welcher dieſe Worte ausſprach, kam Gurli der Aufforderung nach. Auf des Stiefvaters Arm geſtützt, verließ ſie die Kirche, unter neugierigen Blicken der Menge. Auf der Anhöhe von der Kirche angelangt, führte Falkenſtern Gurli zu einem kleinen, dort haltenden Reiſewagen, half ihr hinein und befahl dem Kutſcher, abzufahren, ohne daß er Tante Katharina oder Eliſa⸗ beth auch nur mit einem Kopfnicken begrüßte. Nicht ein Wort wurde zwiſchen Falkenſtern und ſeiner Stieftochter während der Heimfahrt gewechſelt. Er ſaß in eine Wagenecke zurückgelehnt und ſah gerade vor ſich hin. Es ſchien, als ob er ganz ver⸗ geſſen hätte, daß Jemand mit ihm fuhr. Gurli wagte anfangs nicht, ihre geſenkten Augen zu erheben, aus Furcht, ſeinem Blick zu begegnen; aber endlich faßte ſie Muth und ſchaute Falkenſtern in das Geſicht, dieſes Geſicht, welches in den Kinder⸗ jahren ſo wenig Anziehendes für ſie gehabt hatte. Eines ganzen Lebens Verödung war zerſtörend darüber hingezogen. Seine Haare waren mit Grau gemiſcht, ſeine Augen eingeſunken, die Stirne gefurcht, die Wangen eingefallen. Der Ausdruck war noch här⸗ ter und ſtarrer als ehedem. Ungeachtet Falkenſtern achtundfünfzig Jahre zählte, ſomit den ſechzigen nahe war, und ſein Angeſicht die⸗ ſes Alter deutlich verrieth, behielt ſein Körper die frühere kräftige Elaſticität. Weder Alter noch Leiden hatten dieſe zu beugen vermocht. Richt ein einziges Mal, ſo lang ſie dahin fuhren, 216 hatte er den Kopf bewegt, oder ſich zu Gurli umge⸗ reht. Endlich hielt der Wagen, vor der Freitreppe zu Birgersborg. Falkenſtern ſprang mit der Leichtigkeit eines Jüng⸗ lings heraus und reichte Gurli die Hand mit den Worten: „Gehe in den kleinen Salon voraus, ich komme ſogleich nach.“ Gurli flog die Treppe hinauf. Der Wagen mit Tante Katharina und den üb⸗ rigen Kirchengängern war ſo ſehr zurückgeblieben, daß eine gute Weile verging, ehe derſelbe zu erwar⸗ ten war, und ohne Zweifel hatte Falkenſtern auch darauf gerechnet, ſo daß er und Gurli noch die wenigen Worte, die ſie einander zu ſagen hatten, auswechſeln konnten. Das junge Mädchen hatte ſich kaum ihres Shawls und dergleichen entledigt, als Falkenſtern in dem kleinen Salon der Mutter ſtand. Als er eintrat, blieb er eine Minute ſtehen und warf das Auge rings im Zimmer herum, als ob er den ganzen ſchmerzlichen Eindruck, welchen der Anblick dieſes Gemachs erregte, in ſich aufnehmen wollte. Dann trat er auf Gurli zu, welche mit heftig klopfen⸗ dem Herzen auf das erſte Wort, das er ihr ſagen würde, wartete. „Deine Mutter gab mir dieſen Brief in Ver⸗ wahrung, um ihn an dem Tage, da Du zum erſten Mal zu Gottes Tiſch gingeſt, Dir zuzuſtellen,“ ſagte er;„ich verſprach ihr auf ihrem Sterbebette, denſel⸗ ben, wenn ich noch lebe, ſelbſt in deine Hände zu legen und Dir zugleich die Erklärung zu geben, daß Anna's Kind, ſo lang ich am Leben bliebe, eine vä⸗ terliche Stütze an mir haben ſollte. Birgersborg iſt 217 deine Heimath, ſo lang Bengt Falkenſtern Beſitzer davon iſt; deiner Mutter frühere Wohnung und Alles, was ihr geweſen, gehört Dir. Und damit, Gurli, iſt Alles geſagt, was zwiſchen Dir und mir geſagt werden kann.“ Falkenſtern ſprach in ſeinem gewöhnlichen kalten und ſcharfen Ton, und die Jahre ſchienen denſelben nur noch kälter und ſchärfer gemacht zu haben. Zitternd hatte Gurli den Brief in Empfang ge⸗ nommen. Als der Stiefvater ſchwieg, reichte er ihr die Hand; ſie faßte dieſelbe und ihre einzige Ant⸗ S beſtand darin, daß ſie dieſe Hand an ihre Lippen ührte.. Ihre Augen begegneten ſich. Ein paar Sekun⸗ den betrachteten ſie einander, als wollten ſie ſich aus⸗ forſchen, ob von der Abneigung, welche ſie früher gegenſeitig gehegt, noch Etwas übrig wäre. Falkenſtern ließ die Hand Gurſü's los. „Lies dieß heute Abend, wenn Du allein biſt,“ ſetzte er, auf den Brief deutend, hinzu.„In einer halben Stunde ſpeiſen wir zu Mittag, und Du wirſt dann alte Bekannte wieder ſehen.“ Er nickte mit dem Kopf und ging. Gurli ſank auf die Kniee, küßte unter Thränen der Mutter Brief und flüſterte: „Mutter, geliebte Mutter, das iſt alſo ein Gruß von Dir. O, wenn dieſer Mann auch ein Henker geweſen wäre, ſo hätte ich ihm doch Alles vergeſſen und vergeben, da er mir dieß von Dir brachte, Du ewig geliebter und ewig betrauerter Engel.“ In dem großen düſtern Saal, welcher ſich gleich geblieben war, ſtand der Mittagstiſch gedeckt. Er war mit Blumen reich geſchmückt. Tante Katharina und Walter ſtanden vor den 218 offenen Glasthüren. Die Daumen der erſteren waren in voller Bewegung, während ſie Walter einen bar⸗ ſchen Blick zuwarf. „Er wußte alſo von Allem, und war nicht ſo gut, auch nur ein Wort deßhalb zu ſagen,“ brummte die Alte. „Der Kapitän hat mir in ſeinem Brief verboten, gegen einen Seelenmenſchen über ſeine Heimkehr mei⸗ nen Schnabel aufzuthun,“ antwortete Walter, mit den Augen blinzelnd. „Von der Zahl der Seelenmenſchen hätte Er mich wohl ausnehmen können,“ meinte Tante Katharina, „denn ich bin es ja, welche dieſem ganzen Volk zu eſſen geben ſoll. Wie glaubt Er nun, daß eine arm⸗ ſelige Hühnerpaſtete, ein paar Vögel u. ſ. w. für eine ganze Reihe hinreichen ſollen? Mit einem Wort, ein Mittagsmahl auf vier Perſonen berechnet, und jetzt ſind es zehn.“ „Ich glaube doch, daß das Mahl ausgeſucht wird,“ verſicherte Walter.„Tante Katharina macht es mit den Speiſeportionen, wie der Geiſtliche mit den Dienſtjahren, das heißt, rechnet ſie doppelt. Im Uebrigen muß die Zahl von ſechs Gerichten der Qua⸗ lität derſelben zur Entſchuldigung dienen.“ „Sechs Gerichte und ſechs Gerichte,“ wiederholte Tante Katharina zornig.„Ich muß ſagen, das wird am Pfingſtfeſte und an Gurli's erſter Abendmahls⸗ feier nicht zu viel ſeyn; aber Er will einmal in Alles ſchwatzen, ſo gering und ſchlecht es dann auch aus⸗ fallen mag.“ Walter lächelte über der Alten ganz ungerecht⸗ fertigten Ausfall, denn wenn ſie auch zwölf Gerichte 1 hätte, ſo wäre es für ihn nicht zu viel ge⸗ weſen. 3 3 — ———— 2¹9 Alle weitern Bemerkungen über den Gegenſtand wurden indeſſen abgebrochen, denn Falkernſtern mit Mathilde Braun am Arm, und gefolgt von Kapitän Braun, Magiſter Blom, Allon und Stephan traten ein; einige Augenblicke darauf kamen auch Eliſabeth und Gurli. Die letztere hatte Mathilde ſeit dreizehn Jahren nicht geſehen. Gurli war damals erſt ein Kind von vier Jahren geweſen, und ſomit bei ihr die Erinnerung an die Tante gänzlich erloſchen. Erſt als Mathilde ihr ſagte, wer ſie ſei, fiel Gurli wieder ein, was ſie bei⸗ vergeſſen, nämlich daß Stephan noch Eltern hatte. Vier Jahre waren vergangen, ſeitdem Gurli und ihre beiden Couſins ſich von einander getrennt hatten. Vier Jahre in ſolchem Alter bringen große Ver⸗ änderungen hervor. Gurli fiel es wirklich ſchwer, in dem zwanzigjährigen Stephan und dem zweiund⸗ zwanzigjährigen Allon ihre früheren Widerſacher und Spielkameraden wieder zu erkennen. Stephan, welcher bei ihrem Scheiden bedeutend kleiner als Allon geweſen, hatte dieſen überholt und war nun um einen ganzen Kopf größer. Sein Haar, früher hell jetzt dunkel, umſchloß in üppigen Locken eine bleiche denkende Stirne. Die fei⸗ nen, regelmäßigen und ſchönen Geſichtszüge trugen ein eigenthümliches Gepräge von Zerſtreutheit. Die hohe, ſchlanke Geſtalt war weich und etwas gebückt, die Bewegung unbeholfen. Sein ganzes Weſen ver“ rieth eine gewiſſe Verlegenheit. Allon dagegen war ein wirklich ſchöner und ſtatt⸗ licher junger Mann. Obwohl nur von mittlerer Größe, erſchien er ausgezeichnet gut gewachſen und hatte eine edle, ungezwungene Haltung. 220 Die gebogene Naſe, die großen, blitzenden und lebhaften Augen, der ſchöne, mit einem dunkeln Schnurrbärtchen geſchmückte Mund, die blendend weißen Zähne, die friſche, von Geſundheit zeugende Geſichts⸗ farbe und das braune, üppige Haar— Alles machte ihn ſchön. Gurli's Gruß ihren Couſins gegenüber verrieth die Ueberraſchung, in welche ſie bei ihrem Anblick ge⸗ rieth, und nach deren Blicken zu urtheilen, war auch mit ihr eine weſentliche Veränderung vorgegan⸗ gen. Beide betrachteten ſie mit einer Miene der Ver⸗ wunderung. Allon ſah ſie ganz dreiſt an, Stephan wurde vor Leehet blaß und roth, als Gurli ihm die Hand reichte. Das Mittagsmahl ging ohne etwas Bemerkens⸗ werthes vorüber. Am Abend, als Alles zur Ruhe gegangen war, las Gurli mit einem Gefühl tiefer Ehrfurcht ihrer Mutter Brief. Was er enthielt, iſt hier nicht der rechte Augenblick, mitzutheilen. Mathilde wollte nur ganz kurze Zeit ſich in Schwe⸗ den aufhalten. Ihr Mann war Kapitän eines großen amerika⸗ niſchen Kauffahrteiſchiffes, welches in Stockholm lag, um ſeine Ladung zu löſchen. Braun und ſie wollten deßhalb nur eine Woche in Birgersborg verweilen, und es iſt deßhalb nicht zu verwundern, wenn die Eltern in dieſen Tagen ſich ausſchließlich mit ihrem Sohn beſchäftigten. Stephan war es gleichfalls da⸗ rum zu thun, jeden Augenblick in ihrer Nähe zuzu⸗ bringen. Die Berührung zwiſchen ihm und Gurli war ſomit Anfangs ſehr unbedeutend. Am meiſten Unterhaltung gewährte Gurli die 22¹ Anweſenheit von Magiſter Blom. Mit ihm und mit Allon unternahm ſie lange Spaziergänge zu Fuß und zu Pferd. Stunden lang konnte ſie mit geſpanntem Intereſſe Bloms immerdar lehrreichen Geſprächen zu⸗ hören und vergaß über dem Genuß daran alles Andere. Eliſabeth folgte Gurli mit Aufmerkſamkeit. Auch war dieſelbe wirklich heiterer geworden und erſchien minder kalt und unruhig. Sie lachte oft und herzlich, nicht höhniſch und ſpottend, wie ehedem. Bloms Scherze nahm ſie auf und beantwortete ſie mit einer Gewandtheit und Fertigkeit, die an ihr überraſchend und ganz neu war. Wie ſcharfſinnig Eliſabeth auch war, ſo vermochte ſie doch die wirkliche Urſache von dieſer Aenderung in Gurli's Gemüthsart nicht zu ergründen; und dieß war verzeihlich, da ſie von dem Briefe, welchen Falkenſtern derſelben von ihrer Mutter übergeben, leine Kunde hatte. Sie betrachtete deßhalb Gurli's frohere Stimmung als eine Folge des Einfluſſes, welchen Zerſtreuung und Unterbrechung ihres einförmigen Lebens mit ſich brachten. Wir können indeſſen die Aufklärung geben, daß dieſelbe einzig und allein von Anna's Brief herrührte. Falkenſtern war ſchon am zweiten Tage ſeines Aufenthalts zu Birgersborg in den während ſeiner Abweſenheit wieder neuerbauten und möblirten Pa⸗ villon gezogen. Unter den Uebrigen ließ er ſich nie⸗ mals, außer beim Mittagsmahl ſehen und lebte ſonſt völlig iſolirt. Der Einzige, welcher ihn zuweilen auf ſeinen Spaziergängen begleitete, oder zu ihm gerufen wurde, war Walter; ſonſt hielt er ſich in der neuen, jede Erinnerung an die Vergangenheit ausſchließenden. ohnung, die er ſich hatte einrichten laſſen, fern von Jedermann. . 2¹2 Allon hatte ſchon am erſten Tage ſich von Gurli angezogen gefühlt. Lebhaft, munter, unterhaltend und dreiſt genug, um durch Gurli's Worte oder bizarre Einfälle ſich nicht in Verlegenheit ſetzen zu laſſen, war er ganz dazu geſchaffen, gleichfalls einen angenehmen Eindruck hervorzubringen. Er ritt gut, war ein geſchickter Jäger und, wenn es die Umſtände erforderten, kühn und ohne Furcht— lauter Eigenſchaften, welche in den Augen eines ſieb⸗ zehnjährigen Mädchens große Verdienſte ausmachen. Gurli fand auch an ſeiner Geſellſchaft ebenſo viel Gefallen, als es in den Kinderjahren ihr Freude ge⸗ macht hatte, ſich mit ihm zu zanken. Sie ſprachen auch niemals von der Vergangen⸗ heit. Beide ſchienen die minder angenehmen, ſich daran tnüpfenden Erinnerungen ſich ganz aus dem Sinn geſchlagen zu haben. Als Braun mit ſeiner Frau abreiste, begleitete Stephan ſie bis nach Gothenburg, von wo ſie mit dem Dampfboot weiter gehen wollten; und als er nun allein zurückkehrte, empfand er wenig Neigung, an allen den Beluſtigungen, Ausfahrten, Beſuchen bei Nachbarn und kleinen Ergötzlichkeiten zu Birgersborg, welche von Allon veranſtaltet wurden, Theil zu neh⸗ men. Er zog ſich auf ſich ſelbſt zurück, aber ohne deßwegen in Frieden bleiben zu können, denn Gurli fühlte ein unwiderſtehliches Verlangen, ihn dadurch zu plagen, daß ſie ihn fortwährend in Verlegenheit ſetzte; etwas, das ganz leicht war und Gurli immerdar be⸗ ſonders ergößte, ſo daß ſie von Herzens Grund ſich auf ſeine Koſten luſtig machte. S Eines Tags ließ Falkenſtern durch einen Diener Stephan zu ſich rufen. —————————** —— „Haſt Du Luſt, einen Spaziergang in meiner Geſeliſchaft zu machen?“ fragte Falkenſtern kurz. Stephan erröthete, ſah ungemein linkiſch und ver⸗ legen aus, gab aber natürlich eine bejahende Antwort. Der eiſte Theil der Prommenade wurde unter gegenſeitigem Stillſchweigen zurückgelegt. Als ſie aber kih dem Heimweg begriffen waren, begann Falken⸗ ſtern von dem materiellen Fortſchritt zu reden; und im Laufe des Geſprächs gelang es Stephan, ſeine Blödigkeit zu überwinden, ſö daß er nicht allein daſſelbe fortzuſetzen, ſondern auch Manches, was er mit ſeinen Anſichten nicht in völliger Uebereinſtimmung fand, zu berichtigen vermochte. Falkenſtern ſah etwas er⸗ ſtaunt aus, als er hier auf einen Widerſpruch ſtieß. Als ſie ſich zu trennen im Begriff waren, fragte Falkenſtern: „Wann gedenkſt Du um einen akademiſchen Grad ich zu bewerben.“ „Nächſten Frühling,“ lautete die Antwort. on dem Tage an war es ſehr gewöhnlich, Ste⸗ phan und Falkenſtern entweder auf der Veranda des Pavillons, oder auf Spaziergängen und Ausfahrten beiſammen zu ſehen. Reiten konnte Stephan nicht, und er mußte da⸗ rüber von Gurli manchen Spott hören. Eines Tags, als ſie draußen auf der Veranda ſaßen, machte Gurli ihm den Vorſchlag, die Rollen mit einander zu vertauſchen: er ſollte ſich wie ein ädchen, ſie ſich wie ein Mann kleiden. „Gewiß kannſt Du beſſer nähen, als ich,“ ſagte urli;„ich dagegen verſtehe das Reiten und Jagen beſſer als Du.“ „Möglich,“ erwiederte Stephan lächelnd, während er ganz verlegen ſeine Studentenmütze in den Händen 224 drehte, aber ich vermuthe dennoch, daß es Dir ſchwerer fiele, bei der bevorſtehenden Promotion dich mit Ehren herauszuziehen, als es mir würde, ordentlich reiten zu lernen.“ „Ah, da höre man nur!“ rief Gurli,„wie die Schüchternheit ſo anſpruchsvoll wird. Du biſt wohl nicht im Mindeſten eigenliebig, Stephan?“ „O ja, ein wenig,“ antwortete er erröthend. „Das ſollte man doch nicht vermuthen, wenn man dich, ſo oft man nur ein Wort mit Dir ſpricht bald blaß bald roth werden und die Mütze ſo drehen ſieht, als ob Du ein Bauernjunge wäreſt.“ Stephan wechſelte wiederum die Farbe, warf einen haſtigen Blick auf Gurli und ſagte: „Was ich bin oder nicht bin, davon verlohnt ſich gar nicht der Mühe zu reden; und in deinen Augen, Gurli, hoffe ich immerdar der unbedeutende Stephan, der ich als Kind war, zu bleiben. Obſchon der Ton ruhig und ſein Ausſehen etwas befangen war, lag doch ein nicht unbedeutender Grad von Bitterkeit in ſeinen Worten. „Ah ſo, Du hofſſt es,“ erwiederte Gurli lachend; „wir wollen darauf ſehen, daß deine Hoffnung nicht zu Schanden wird.“ „Ich fürchte jedoch, daß dem ſo ſeyn wird,“ fiel Allon munter ein.„Stephan kann niemals unbe⸗ deutend bleiben. Seine Kenntniſſe und ſein guter Kopf machen dieß unmöglich, und wenn ihm auch dieſe Schätze abgingen, ſo würde ihn ſcon ſeine Stellung als tünftiger Univerſalerbe von irgersborg davor ſchützen.“ Stephan ſtand haſtig auf, warf Allon einen nicht ſehr freundlichen Blick zu und ſagte ungeduldig: „Was für ein dummes Geſchwätz!“ 22⁵ Er gedachte von der Terraſſe ſich zu entfernen, ſtolperte jedoch über Gurli's Kleid, warf den kleinen Nähtiſch um, welcher Eliſabeth auf die Kniee fiel, und ſtürzte ſelbſt kopfüber in eine Fliederhecke. Gurli und Allon lachten, aber Eliſabeth erhob ſich, um dem armen verſpotteten Stephan die Hand zu reichen und ihm, obwohl dieſe Mühe überflüſſig ſchien, aufzuhelfen. Er war ſogleich wieder auf den einen und ſchoß wie ein Pfeil die Stufen hinab, während ihm Gurli's Gelächter nachfolgte. Als er fort war, äußerte Eliſabeth ihre Mißbilli⸗ gung über Gurli's nicht ſehr zartfühlendes Benehmen und ſchadenfrohes Weſen, aber das Mädchen unter⸗ brach ſie in munterem Tone mit den Worten: „Begehren Sie doch nicht, daß ich über Etwas weine, das an ſich lächerlich iſt. Eliſabeth wollte darauf antworten, aber da trat llon als Gurli's Vertheidiger auf. Zu Ende Auguſts ſollten die jungen Männer wieder Birgersborg verlaſſen, Allon, um das Kanzlei⸗ eramen zu machen, Stephan, um zu promoviren. llon war bei dem Herannahen ſeiner Abreiſe von Gurli ſo eingenommen, wie ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren es nur ſein kann. Er hegte den glühendſten Wunſch, ſeine Gefühle in Worte und Schrift zu kleiden, wurde aber von Ausführung deſſelben dadurch abgehalten, daß Gurli ihn, ſo oft er nur ein wenig in's Sentimentale ver⸗ fiel, lächerlich zu machen ſuchte. obald er einmal davon redete, daß ſie ihm theuer ſey, wurde er ganz unbarmherzig ausgelacht, und doch gab es Augenblicke, da er ohne alle Eigen⸗ liebe ſich überzeugt hielt, Gurli theile ſeine Gefühle. Schwartz, Der Rechte. I. 15 — 2²6 Ein paar Tage vor der Abreiſe machten er und Gurli einen Spaziergang nach dem Ufer des See's. Sie waren nur von Felir begleitet. Gurli ſetzte ſich auf einen Stein, und Felix legte ſich zu ihren Füßen nieder. Es war ein ausgezeichnet ſchöner Abend. Allon fühlte ſich niedergeſchlagen bei dem Ge⸗ danken an die bevorſtehende Trennung. Er war die ganze Zeit ungewöhnlich ſtill geweſen und ſaß jetzt ſchweigend an Gurli's Seite. lötzlich drehte ſie ſich zu ihm um und ſagte: „Woran denkſt Du?“ „Daran, daß ich in einigen Tagen weit von hier weg ſein werde.“ „Daran ſeine Gedanken zu verſchwenden, iſt kaum der Mühe werth.“ „Gurli, dann bin ich der Freude beraubt, Dich zu ſehen und bei Dir zu ſein. Wenn ich doch die Ueberzeugung mitnehmen dürfte, daß Du mir nur halb ſo gut wäreſt, als ich Dir bin.“ „Ah ſo, Du willſt die Größe, Länge, Breite und das Gewicht meiner Anhänglichkeit kennen. „Gurli,“ ſagte Allon und faßte ihre Hand,„ſcherze nicht in dieſem Augenblick, ſondern antworte ernſt, hegſt Du einige Freundſchaft für mich?“ Gurli betrachtete ihn eine Sekunde ganz ernſt; darauf lächelte ſie und lockte Felix. Der Hund erhob ſich, legte ſeinen Kopf auf ihre Kniec und ſchaute ſie mit ſeinen klugen Augen an. „Felir,“ ſagte Gurli und hob den Finger in die Höhe,„haſt Du mich lieb?“ Der Hund blieb unbeweglich. Das ſunge Mädchen wandte ſich nun mit ſchal⸗ lendem Gelächter zu Allon. 227 „Hätte Felir mir geantwortet, ſo würde ich Dir auch eine Antwort gegeben haben. Du, ich und Felix wären dann dem Hirtenpaar gleich geweſen, welches auf Tante Katharina's großem Fächer gemalt iſt; nun aber ſchwieg Felir, und das Hirtengedicht kann nicht ausgeführt werden.“ Mit dieſen Worten ſprang Gurli von dem Stein auf und hüpfte auf dem Wege dahin, indem ſie mit ſtarker und klarer Stimme ſang: „Was ich gelobt, das werd'ich halten Und niemals lieben mehr als drei.“ Allon eilte ihr nach; er fühlte ſich betrübt, wagte aber nicht, das Thema wieder aufzunehmen. Eurli ſpottete über ſein Ausſehen, ſo daß Allon für gut fand, eine heitere Miene anzunehmen. Zwei Tage ſpäter reisten Stephan und Allon ab. Als Gurli ihnen Lebewohl ſagte, reichte ſie Stephan zuerſt die Hand und ſagte ſcherzend: „Glück zu, daß Du Lorbeeren ernteſt und Dir Kränze windeſt.“ Dann wandte ſie ſich zu Allon: „Ich danke Dir für dieſe kurze, fröhliche Zeit,“ ſtammelte ſie. Es glänzte etwas in ihren Augen, das einer Thräne glich. Allon hielt ihre Hand feſt in die ſeinige geſchloſſen und ſchaute ſie mit einem Blick an, der ein ganzes Bekenntniß in ſich trug. In der nächſten Minute rollte der Wagen davon, und die Thränen, welche an Gurli's Augenlidern hin⸗ gen, rannen jetzt die Wangen herunter. 228 XXXII. Wieder vergingen zwei Jahre. Das letzte davon hatten Allon und Stephan in Begleitung von Magiſter Blom auf Reiſen im Aus⸗ he zugebracht, um damit ihre Ausbildung zu vol⸗ enden. Gurli hatte ſich beinahe ununterbrochen in Bir⸗ gersborg aufgehalten, mit Ausnahme von zwei Mo⸗ naten, welche ſie auf dem Hüttenwerk Ekenäs, wohin ſie mit Eliſabeth und Walter gereist war, zubrachte. Je mehr Gurli an Alter zunahm, deſto vertrau⸗ licher wurde ihr Umgang mit Eliſabeth. Es gefiel ihr bei ihrer Lehrerin, ſie fand Vergnügen in ihrer Ge⸗ ſellſchaft, aber doch zeigte ſich in ihrer Art und Weiſe kein Schimmer von Etwas wie Freundſchaft. Die mit den Jahren ſich immer mehr ausprägende Herrſchſucht und Selbſtſtändigkeit in ihrem Charakter bewirkte, daß ſie das Bedürfniß eines Bandes der Zuneigung nicht zu fühlen ſchien. Der Stiefvater und ſie ſtanden beinahe in gar keiner Berührung mit einander. Er wohnte immer noch im Pavillon, war ſchweig⸗ ſam und düſter, redete ſelten Jemand an und äußerte weder Mißvergnügen noch Wohlbehagen. Das Einzige, was ihn erzürnte, war, wenn man ihn nicht in Frieden ließ, und wenn Gurli oder ſonſt Jemand in der Nachbarſchaft des Pavillons ihm unter die Augen kam. Gurli war dagegen im letzten Frühling auf die five Idee gerathen, ain Abend auf die unter dem Pa⸗ — 229 villon befindliche Brücke hinabzugehen und dort ſtun⸗ denlang hinzuſitzen. Falkenſtern ließ ihr durch Walter ſagen, er wünſche, daß ſie ſich einen andern Platz für ihre Abendprome⸗ naden wähle; aber deſſen ungeachtet erſchien Gurli am nächſten Abend wiederum auf der Brücke. Falkenſtern kam nun ſelbſt zu ihr. „Gurli“, ſagte er,„es ſteht Dir frei, das ganze Gebäude, den Park, den Garten und Alles, was zu Birgersborg gehört, für dein Vergnügen zu benützen; nur dieſen Fleck will ich für mich ſelbſt behalten.“ Schweigend entfernte ſich Gurli und nahm ihren Sitz auf der Terraſſe, wo Walter ſie aufſuchte. Er kam von Falkenſtern. „Können Sie mir ſagen, Gurli, warum Sie auf die Brücke hinabgegangen ſind, nachdem ich Sie ge⸗ beten habe, von dort wegzubleiben?“ fragte er. „Aus dem einzigen Grunde, weil ich es dort un⸗ terhaitend fand“, antwortete Gurli, indem ſie Felix, ihrem treuen Begleiter, über den Kopf ſtrich. „Verſprechen Sie mir, Gurli, das nicht mehr zu thun?“ „Lieber Walter, das kann ich nicht“, rief Gurli lachend.„Wenn mich morgen ein heftiges Verlangen anwandelt, dorthin zu gehen, ſo möchte ich demſelben kaum widerſtehen können.“ „Aber Sie reizen dadurch den Kapitän gegen ſich auf, und daran thun Sie nicht gut. Pflicht und ſueſ⸗ ſollten Ihnen gebieten, ihm zu Willen zu eyn!“ „Die Pflicht ſollte mir gebieten, nicht auf die Brücke am See zu gehen? Das kann ich nicht be⸗ greifen. Uebrigens, lieber Walter, habe ich es nicht 230 gern, wenn man mit mir von meiner Schuldigkeit redet. Ich will von Nichts dergleichen wiſſen.“ „Nun, wenn Sie ſich auch nicht um eine Aner⸗ kennung derſelben bekümmern, ſo ſollten Sie doch in einem Alter von neunzehn Jahren auf Ihren eigenen Vortheil denken.“ „Liegt dieſer darin, daß ich nicht dorthin gehe?“ fragte Gurli lachend. „Ganz gewiß“, erwiederte Walter, indem er ſeine ſchlauen ſchwarzen Augen auf das Mädchen heftete. Wird der Kapitän auf Sie böſe, ſo können Sie dem „ Gedanken, ſeine Erbin zu werden, für immer den Ab⸗ ſchied geben.“ Gurli ſprang auf. Ihre Wangen waren feuer⸗ roth, ihre Augen ſchleuderten Blitze, und ſie rief mit jugendlichem Uebermuth: „Und Sie glauben auch, Walter, daß ich Etwas thun werde, um meinen Stiefvater zu beerben? Nein, ich will nicht einen Schilling von ſeinem Gelde haben. Das größte Unglück, das mir begegnen könnte, wäre, ſeine Erbin zu werden. Ich will lieber mein Brod betteln, als Beſitzerin von Birgersborg zu werden.“ „Du brauchſt dich deßhalb nicht zu ereifern“, äußerte in demſelben Augenblick eine Stimme unter der Saalthüre.„Mit dieſem Unglück wirſt Du gewiß verſchont bleiben.“ Gurli blickte dorthin. Falkenſtern ſtand auf der Schwelle und betrachtete ſie mit einem Blick düſtern Hohnes. Von dieſem Abend an geſchah es oft, daß Fal⸗ kenſtern wie zufällig da oder dort Gurli in den Weg kam. Soß ſie im Park und las, ſo kam er dort hin und nahm neben ihr Platz. Das Kinn auf den Stock 231 geſtützt konnte er Stunden lang ſo daſitzen und ſchwei⸗ gend ſie betrachten. Erhob ſie ſich, um fortzugehen, ſo Hand auf ihre Schulter und ſagte: ei Gurli leiſtete dieſer Aufforderung immer Ge⸗ horſam. Ritt Gurli allein oder in Geſellſchaft von Eliſa⸗ beth aus, ſo geſchah es meiſtens, daß Falkenſtern hinter⸗ her galoppirt kam und ſchweigend an ihrer Seite ſei⸗ nen Weg fortſetzte. So war der Mai vergangen und der Juni ein⸗ getreten. Es war ein ſchöner und friedlicher Sonntags⸗ morgen. Gurli ging früh von Birgersborg ab, um ihrer Mutter Grab zu beſuchen. Sie trug am Arm einen Korb voll Blumen. Ihr Angeſicht ſtrahlte von Heiterkeit, und ſie ſchritt mit ſchnellen elaſtiſchen Schritten dahin, bis ſie zu dem Kirchhof gelangte. Am Eingang blieb ſie einen Augenblick ſtehen. Der Ausdruck in ihrem Angeſicht veränderte ſich. Ein leichter Schleier von Wehmuth breitete ſich darüber aus, und als ſie den Begräbnißplatz betrat, zeugte ihr ganzes Weſen von Andacht und Ehrfurcht. Sie ging auf das Grab zu und kniete an deſſen Fuße nieder. Ihre Arme um das ſchneeweiße Mar⸗ morkreuz legend, drückte ſie ihre Lippen darauf und flü⸗ ſterte unzuſammenhängende Worte, welche von der ganzen grenzenloſen Liebe, die ſie der Verſtorbenen noch bewahrte, Zeugniß gaben. Eine lange, lange Weile blieb ſie ſo, nicht betend zu Gott, wie Jemand gethan haben würde, der zu beten verſteht, ſondern nur zu der theuren Hingeſchiedenen redend. 8 Sie erhob ſich endlich, nachdem ſie auf dieſe 232 Weiſe ihren Gefühlen Luft gemacht hatte, und wollte eben anfangen, das Grab mit den mitgebrachten Blu⸗ men zu ſchmücken, als Falkenſtern vor ihr ſtand. Er war, als Gurli in den Kirchhof eintrat, auf dem Grabe geſeſſen, hatte ſich aber bei ihrer Annähe⸗ rung auf die Seite hinter einen Baum zurückgezogen. In jedem Zuge des düſtern Mannes ſtand zu leſen, der Kummer in ſeinem Herzen ſey von der Art, daß er keiner Blumen für das Grab bedurfte, welches Alles barg, was im Leben ihm theuer gewe⸗ ſen war. „Schmücke deiner Mutter Grab und laß uns dann von hier fortgehen.“ An das Marmorkreuz ſich lehnend, betrachtete er Gurli, während ſie mit zärtlicher Sorgfalt ihre Blu⸗ men und Kränze auf den Grabhügel niederlegte. Als dieß geſchehen war, wanderten ſie ſchweigend vom Kirchhofe hinweg. Sie waren eine gute Strecke gegangen, als Fal⸗ kenſtern das Stillſchweigen unterbrach. „Deine beiden Couſins, welche im letzten Jahre eine Reiſe durch Europa gemacht haben, kehren noch in dieſer Woche nach Birgersborg zurück. Sie werden mit ihren Eltern hier zuſammentreffen, deren Ankunft in einigen Tagen gleichfalls zu erwarten ſteht. Weißt Du, warum dieſe Leute hieher kommen?“ Gurli antwortete verneinend auf dieſe Frage. „Ich will es Dir ſagen. Ehe dieſe Bäume ihr Grün verlieren, ruhe ich wahrſcheinlich unter demſelben Raſen, wie deine Mutter. Dann hat uns der Tod vereint.“ Gurli blieb ſtehen und ſah ihn an. Es war ihr niemals in den Sinn gekommen, daß er krank ſey, noch weniger, daß er ſterben könnte, und 233 auch jetzt, da ihr Auge ſich auf das gelbbleiche An⸗ tlit heftete, ſchien es ihr nicht denkbar, daß dieſe ſchar⸗ ſen und glänzenden Augen erlöſchen könnten. Falkenſtern hatte gleichfalls Halt gemacht; es war als ob er ihre Gedanken erriethe. Nach einer kurzen Pauſe fuhr er fort: „Ich werde alſo ſterben und einem Andern mei⸗ nen ganzen Reichthum hinterlaſſen. Wegen Aufſetzung eines Teſtamentes habe ich meine Verwandten zu⸗ ſammenrufen laſſen; nicht um ihnen den Inhalt deſ⸗ ſelben mitzutheilen, ſondern um ſie gegenwärtig zu ſehen, wenn es unterzeichnet und beſiegelt wird.“ Er hielt einen Augenblick an und ſetzte dann die unterbrochene Wanderung fort. „Hätte zwiſchen Dir und mir ein Band des Wohlwollens ſtattgefunden“, nahm er wieder das ort,„ſo wäre es mehr als wahrſcheinlich geweſen, daß Du meine Erbin geworden wäreſt; aber ſchon von dem erſten Augenblicke meiner Ehe an, haben wir beide zwei einander feindliche Elemente ausgemacht. Ich habe Dir niemals die Zärtlichkeit verzeihen können, welche Anna für ihr Kind hegte; Du mir niemals die Liebe, welche ſie ihrem Mann ſchenkte. Du das Kind und ich der Mann, wir ſind, jedes in ſeiner Art, von einer gegenſeitigen Erbitterung beherrſcht worden.“ „Wahr“, flüſterte Gurli. „Anna bat mich auf ihrem Sterbebette, Dich zu lieben. Ich konnte das nicht verſprechen; aber ich gab ihr mein Wort, daß Du an mir eine väterliche Stütze finden ſollteſt, daß ich über deine Zukunft wachen und dich niemals unter der Abneigung, welche ich gegen dich hegte, leiden laſſen wollte. Habe ich dieſes Gelübde gehalten?“ „Ja“ ſtammelte Gurli. 234 Falkenſtern nahm ſeinen Strohhut ab und ſetzte ſich auf einen Stein am Wege. „Hätteſt Du bei meiner Heimkehr vor zwei Jah⸗ ren es über dich vermocht, dich mir zu nähern und mir den Beweis zu geben, daß Du die Eiferſucht, welche zwiſchen uns ſtattfand, vergeſſen haſt, ſo wäre Anna's Tochter mir vielleicht theuer geworden, hätte meine Trauer mildern und mich mit meinem Schmerz verſöhnen können; aber Du haſt Nichts gethan, um mich zu überzeugen, daß deiner Mutter Gatte für dich etwas Anderes war, als eine Perſon, deren Anblick Du zu entfliehen ſucheſt. Jetzt wie vor deiner Mutter Tod, bergen ſomit unſere Herzen nur Bitterkeit gegen einander. Das deinige, obwohl noch jung, iſt in die⸗ ſem Fall gleich hart, wie das meinige.“ Gurli ſchien bewegt. Falkenſtern ſah ſie feſt an und fuhr fort: „Wie hart, wie gefühllos, eigennützig und egoi⸗ ſtiſch wir Menſchen auch ſind, hat die Natur doch den Inſtinkt in uns gelegt, daß wir irgend ein Weſen haben wollen, das wir im Leben hier lieben können. Du haſt den da lieb“— er deutete mit dem Stock auf Felir—„ich mein Reitpferd.“. Ein bitteres höhniſches Lächeln kräuſelte ſeine Lippen. „Der Tod hat mich meiner Kinder und meiner Gattin betaubt, und als ich einſam und müde des Umherſchweifens in der Welt, verzehrt von Kummer heimkehrte und in die Kirche trat, wo Du zum erſten⸗ mal an Gottes Altar knieteſt, da wünſchte ich, daß Du meine Tochter wäreſt, daß Du mich wie deinen Vater lieben könnteſt. Die verfloſſenen zwei Jahre haben mir die Unmöglichkeit davon bewieſen. Du haſt Nichts gethan, um das Alter deines Stiefvaters 235 und ſeine letzten Tage zu erheitern, Du haſt ihn gleich⸗ gültig ſeinem Schickſal überlaſſen. Ich bin Dir ſo⸗ mit nichts ſchuldig. Ich habe mein Verſprechen in Bezug auf dich erfüllt, und Du haſt keinen weiteren Anſpruch an mich. Ich trete alſo einem Rechte von Dir nicht zu nahe, wenn ich in meinem Teſtamente dich von jedem Erbtheil ausſchließe.“ Nein, gewiß nicht“, Papa, fiel Gurli ein,„und ich fühle mich glücklich, in dem Bewußtſeyn, daß ich nicht zu denen gerechnet werde, welche erben wollen. Wenn mir der Gedanke immerdar widrig geweſen, daß ich von dem Gatten meiner Mutter pekuniären Vor⸗ theil ziehen ſollte, ſo wäre es mir jetzt geradezu ſchmerz⸗ lich, da ich fühle, daß es ein Gnadengeſchenk wäre, deſſen ich mich unwürdig gemacht habe. Ich danke Ihnen mein Vater, daß Sie mich davon befreiten.“ Gurli näherte ſich jetzt dem Stiefvater mit ſo demüthigem Blick, daß Falkenſtern davon überraſcht wurde. Sie ergriff ſeine Hand, drückte ſie an ihre Lippen und fuhr mit bewegler Stimme fort: „Und nun, nachdem ich nicht mehr des Eigen⸗ nutzes beſchuldigt werden kann, wenn ich mich meinem Stiefvater zu nähern ſuche, ſage ich: vergeſſen Sie, wie gottlos ich geweſen, wie ſelbſtſüchtig ich mich ge⸗ zeigt habe, und geſtatten Sie mir, durch meine Be⸗ mühungen und meine Ergebenheit meinem Vater den Reſt ſeines Lebens minder ſchwer zu machen.“ Gurli war vor Falkenſtern's Füßen in das Gras niedergeſunken; ſie ſchloß ſeine Hände in die ihrigen und blickte mit Augen voll Thränen zu ihm auf, wäh⸗ rend ſie mit zitternder Stimme hinzuſetzte: „Von dem Augenblick an, da ich meiner Mutter Brief von Papa empfing, habe ich gewünſcht, innig gewünſcht, mich dem Mann nähern zu können, welchen 236 ſie bis in den Tod liebte, und welchen ſie mir gleich⸗ falls lieb zu haben gebot; aber mein ſtolzes Herz konnte Papa nicht entgegenkommen, nicht den erſten Schritt thun— ich war hiefür zu arm, Papa zu reich. Ich verabſcheute dieſen Reichthum, elher wie mir ſchien, uns für immer trennte. Ich wurde hals⸗ ſtarrig und undankbar, um meiner ganzen Umgebung beweiſen zu können, wie wenig ich darnach fragte, bei meinem reichen Stiefvater in Gunſt zu ſtehen, gerade darum, weil ich aus Klugheit anders hätte handeln ſollen.“ „Und deßhalb Du mein Gebot und gingſt zur Brücke hinab? „Nein, deßhalb nicht“, entgegnete Gurli, während ihr die Thränen über die Wangen floßen.„Ich wünſchte dadurch Papa zu beſtimmen, daß er herauskäme, mich anredete, mir mir. Etwas ſagte, wodurch es zu einer Erklärung gelommen, wäre, die mich mei⸗ nem Vater näher gebracht hätte.“ Gurli drückte ihre Stirne auf Falkenſterns Hand. Es entſtand eine lange „Gut, ich habe Dich verſtanden,“ ſagte er.„Stehe auf und laß uns weitergehen.“ Gurli ſah haſtig in Falkenſterns Geſicht empor. Die Thränen verſchwanden und ſie drückte heftig ſeine Hand an ihr Herz. Sie ſetzten ihre Wanderung nach Birgersborg fort. „Da wir einmal von Geſchäften reden,“ begann Falkenſtern wieder,„ſo will ich Dir ſagen, daß dein väterliches Erbe, welches bei meiner erheirething mit deiner Mutter achttauſend Reichsthaler betrug, in dieſen dreizehn Jahren, da es vortheilhaft angelegt war, ſich ſo rentirt hat, daß Du bei meinem Tode durc dieſes Kapital volikommen gegen jede lnn⸗ 237 ſche Abhängigkeit geſichert wirſt. Du biſt kein reiches ädchen, aber doch immerdar im Stande, ruhig und ſorgenfrei von den Zinſen, welche dein Kapital ab⸗ wirft, zu leben.“ dafür ſtehe ich in der Schuld der Dankbar⸗ „Deiner Mutter“ unterbrach ſie Falkenſtern kurz. keit XXXIII. Vater und Tochter waren von dieſem Tage an viel beiſammen. Gliſabeth vermochte gegen Tante Katharina ihr Erſtaunen über dieſes neue freundliche Verhältniß zwiſchen Falkenſtern und Gurli kaum in Worten auszudrücken. Sie ſprachen allerdings nicht viel mit einander; aber das Wenige, was ſie ſprachen, trug nicht mehr das eiskalte Gepräge von ehedem. Walter rieb ſich die Hände und meinte, jetzt könnte es wohl nicht mehr in Zweifel kommen, wer Birgersborg erben würde; aber dann ſetzte Tante Ka⸗ tharina ihre Brille auf, ſah den Mulatten durch die⸗ ſelbe an und erkärte, daß er ſich in Bezug auf den „Erben täuſche, denn aller Wahrſcheinlichkeit nach werde Stephan derſelbe ſeyn. Zwei Tage nach Falkenſterns und Gurli's Zuſam⸗ mentreffen auf dem Kirchhofe langten Beate v. Stral, die erſt kürzlich Wittwe geworden war, und Mathilde raun mit ihrem Gatten an. Die Erſtgenannte ſollte ihren Sohn, von dem ſie ſeit ſieben Jahren getrennt geweſen, jetzt wieder ſehen. ie war ſchweigſam und einſylbig, hatte aber eine heilige Miene und dabei ein wachſames Auge auf 238 Alles, was um ſie herum vorging, obwohl ſie, was in ihrem Innern ſich regte, unter einer frommen De⸗ muth zu verbergen ſuchte. Falkenſtern hatte ſie brieflich auffordern laſſen, nach Birgersborg zu kommen, um dort mit ihrem Sohn zuſammenzutreffen. Beate begrüßte Gurli unter Thränen und äußerte einige fromme Wünſche, was die Wirkung hatte, daß Gurli die Stirne runzelte und im Stillen Tante Beate bis zum Abſcheu unerträglich fand. Mathilde war ihrer Auffaßung nach eine beſchei⸗ dene Null. Dieſes Urtheil hatte ſchon bei deren er⸗ ſtem Beſuche über Mathilde ſich gebildet. Wer ihr am meiſten gefiel, war der flinke Braun, ein ächter Seemann an Leib und Seele. Mit jubelnder Freude hieß Gurli ihren frühern Lehrer willkommen, und mit einem halb ſchelmiſchen, halb verlegenen Lächeln reichte ſie Allon die Hand. Bei Blom's und Allon's Anblick wurde Gurli ſo froh, daß ſie nicht mit einem Auge Stephan anſah, welcher zuletzt aus dem Wagen ſtieg und auch zuletzt die Treppe heraufkam, auf deren oberſter Stufe ſie ſich befand. Allon hatte Gurli mit Wärme die Hand geküßt; man ſah, daß das Intereſſe, welches er früher für ſie gefaßt hatte, durch die Entfernung nicht abgekühlt, ſondern eher an Stärke gewachſen war. Es dauerte einige Sekunden, ehe Allon ſich zur Seite zog, um Stephan Platz zu machen; aber als dieß geſchah, trat Gurli ein paar Schritte zurück, ſo frappirt war ſie von ſeiner äußern Erſcheinung. Es war nicht mehr ein Jüngling, den ſie vor ſich hatte, ſondern ein Mann von ſchlänkem und mus⸗ 239 kulöſem Körperbau, regelmäßigen Geſichtszügen, ſtol⸗ zer Haltung und vollkommen ungezwungenen Manieren. Er grüßte ſie artig, aber kalt. Gurli's Ueberraſchung war ſo augenfällig, daß ſie ein feines Lächeln auf Stephans Lippen hervor⸗ lockte, und er bemerkte: „Ich glaube, Gurli, es fällt Dir ein wenig ſchwer, mich wieder zu erkennen.“ „Ja, wahrhaftig Stephan,“ antwortete Gurli, „es ſcheint, als ob von einem Zeitpunkt zum andern, da wir einander wiederſehen, eine beſondere Metamor⸗ phoſe mit Dir vorginge.“ „Das kann ich auch von Dir ſagen. Du haſt Dich ſehr verändert, ſeitdem wir uns zum letzten Mal getroffen haben.“ „Natürlich zu meinem Vortheil,“ fiel Gurli ein, welche nun ihre unbefangene Art und Weiſe wieder gewonnen hatte. „Wenigſtens könnte ich mich unmöglich ſo weit vergeſſen, um das Gegentheil zu behaupten,“ antwor⸗ tete Stephan. Gurli erröthete und nahm Allon's dargebotenen Arm, um ſich von ihm nach der Terraſſe hinauffüh⸗ ren zu laſſen, wo Falkenſtern und ſeine Couſinen ſich befanden. Acht Tage nach Ankunft der jungen Leute wurde das Teſtament von dem Bezirksrichter aufgeſetzt und in Gegenwart von Beate, Mathilde und Bräun unter⸗ zeichnet und beſiegelt, jedoch ohne daß Jemand außer dem Bezirksrichter, welcher es abgefaßt, von deſſen Inhalt Kunde hatte. Am Nachmittag, nachdem dieſes entſcheidende Dokument unterſchrieben war, nahm der Bezirksrichter neben Mathilde Braun Platz und wünſchte ihr Glück, 240⁰ einen Sohn von ſo ungewöhnlichen und reichen Gei⸗ ſtesgaben, wie Stephan, zu beſitzen. 6 ſ preßte die Lippen auf einander und dachte ei ſich: „Sicherlich iſt Stephan der Erbe, da ſich der Mann hier bei der Mutter des künftigen Grundherrn durch Schmeicheleien beliebt zu machen ſucht. Wäre Allon dazu auserſehen, ſo würde er ſeine Artigkeiten an mich gerichtet haben.“ In dieſem Augenblick näherte ſich der Bezirks⸗ richter Beate. „Ihr Sohn, gnädige Frau, beabſichtigt die Kanz⸗ leikarriere zu betreten,“ äußerte er, neben ihr ſich niederlaſſend.„Er ſcheint ſich in jeder Hinſicht rüh⸗ men zu dürfen, ein Schooskind des Glücks zu ſeyn.“ „Ja, Gott iſt ſehr gnädig gegen ihn geweſen, da er in ſeiner Güte das Wohlwollen meines Cou⸗ ſins für ihn erweckte,“ ſprach Frau von Stral mit einem Blick zum Himmel.—„Ohne Falkenſterns Hülfe hätte Allon niemals die Erziehung und Aus⸗ vildung erhalten, die ihm nunmehr zu Theil geworden. Ich fürchte nur, daß... däß er etwas verzo⸗ gen worden iſt. Wenn es heute dem Herrn gefallen ſollte, meinen Couſin von der Erde abzurufen, ſo würde es Allon ſchwer fallen, ſich ſo plötzlich in einen armen Ertraordinarius verwandelt zu ſehen, der unter Entbehrungen für ſein tägliches Brod arbeiten muß, nachdem er bisher Alles vollauf gehabt und nie erfah⸗ ren hat, was Noth und Sparſamkeit ſagen will.“ „Ich kann Sie heilig verſichern, gnädige Frau, daß der junge Herr v. Stral niemals von einem ſol⸗ chen Schickſal betroffen wird. Das Dokument, welches heute unterzeichnet worden iſt, ſtellt ihn dagegen voll⸗ 241 kommen ſicher. Ich kann nicht anders, als Ihnen zu Ihres Sohnes Carriere Glück wünſchen.“ Der Bezirksrichter entfernte ſich. Beate ſuchte ſich ſeine Worte zu erklären. Endlich murmelte ſie bei ſich ſelbſt: „Sollte das Vermögen zwiſchen Allon und Ste⸗ phan getheilt werden?“ Ehe es aber noch Abend wurde, ging das Ge⸗ rücht unter den Leuten im Hauſe herum, das Teſta⸗ ment laute ausſchließlich zu Allon's Gunſten. Wor⸗ auf dieſes Gerücht beruhte, ließ ſich eigentlich nicht ſo genau angeben; aber der Diener des Kapitäns hatte verſichert, er habe, während er den Tiſch zurecht rückte, das Concept zum Teſtament zu ſehen bekommen, und darin ſey geſtanden, daß Allon einmal Alles zuſammen bekommen ſollte.“ XXXV. Nach dieſem merkwürdigen Tage folgten einige, in welchen Nichts Bemerkenswerthes weiter vorfiel, als daß Kapitän Braun Birgersborg wieder verließ, um ſich nach Gothenburg zu begeben, wo das ameri⸗ kaniſche Schiff, welches er führte, vor Anker lag. Er beabſichtigte, ehe daſſeibe ſegelfertig würde, noch einmal zu kommen und ſich von Mathilde zu verabſchieden, welche dießmal ihn nicht begleiten ſollte: Etwas, das ſie, ſeitdem er Schweden verlaſſen, um ſein Glück in amerikaniſchen Dienſten zu ſuchen, immer⸗ dar gethan hatte. Den Tag nach Kapitän Braun's Abreiſe war Eurli ſehr frühe am Morgen an ihrer Mutter Grab geweſen um es mit Blumen zu ſchmücken. Schwartz, Der Rechte. I. 16 242 Als ſie von da heimkehrte, nahm ſie den Weg durch den Park und ging dann hinab nach dem Seeufer. Das junge Mädchen nahm den Hut ab und ließ ſich einen Augenblick auf denſelben Stein nieder, auf welchem ſie an dem Abend, da Allon vor zwei Jahren ſie fragte, ob ſie ihm gut ſey, geſeſſen war. Der Morgenwind kräuſelte gelinde die klare Fläche des See's, ſpielte mit Gurli's Haaren, fuhr liebkoſend über ihre Wangen und küßte die Blumen, welche auf ihren Stielen nickten. Ein Ausdruck von Unruhe weilte auf ihrer be⸗ weglichen Miene. Es ſah aus, als ob ſie heute den Frieden nicht gefunden hätte, der ſonſt immer an ihrer Mutter Grab über ſie gekommen war. Als Gurli auf dem Steine Platz nahm, bemerkte ſie nicht, daß eine Strecke davon, am Fuß der großen Eiche, ein junger Mann lag. Aber wenn derſelbe auch ihrem Blick entging, ſo ſah er ſie doch ganz wohl. In dem Momente, da Gurli ſich niederſetzte, hatte er ſich erhoben. An den Stamm der Eiche ge⸗ lehnt, betrachtete er ſie, und wir benützen zugleich dieſe Gelegenheit, um einige Worte über ihr Aeußeres zu ſagen. Gurli war nicht ſehr groß, von ſchlankem, aber dabei kräftigem Körperbau. Die hochgewölbte Bruſt, die feſten und runden Arme, das blühende Kolorit ihres Angeſichtes, Alles gab eine gute Geſundheit und ſtarke Nerven zu erkennen. Sie hatte keine königliche Haltung; ebenſo wenig etwas von der Grazie einer Sylphide, ſondern einen Anſtrich von Nachläſſigkeit und Muthwillen. Sie be⸗ wegte ſich mit jener Leichtigkeit und Behendigkeit, 243 welche Diejenigen kennzeichnet, die durch beſtändige Leibesübungen ſich Gewalt über ihre Muskeln erwor⸗ ben haben. Sie hatte Nichts auffallend Edles oder Stolzes in ihrem Weſen, ſondern eher etwas von kindlichem Trotz und kindlicher Verwegenheit. Unbekümmert darum, welchen Eindruck ihr Wort oder ihr Benehmen auf Andere machte, legte ſie ſich keinen ſonderlichen Zwang auf. Sie ſchien für aus⸗ gemacht anzunehmen, daß Alles, was ſie vornahm und that, ihr auch geſtattet ſey. Dieß ſpiegelte ſich auch in ihrem ganzen Weſen ab. Gurli's Angeſicht ſtand damit in vollkommener Harmonie. Es war unregelmäßig und doch ungewöhn⸗ lich ſchön. Die Haare, hell und kraus, legten ſich in kurze Locken, welche ſich über dem Scheitel ringelten und hinter den Ohren auf den Hals niederfielen; die Stirne war hoch und voll; des Auge bläulichgrau, in allen möglichen Farben ſchimmernd, je nach den Empfindungen, die ſie anwandelten; die etwas ſtumpfe Naſe und der mehr große als kleine Mund hatten einen Ausdruck von Uebermuth, welcher jedoch beſtän⸗ apn einem ſchelmiſchen Lächeln zurückgedrängt wurde. Der Charakter in dieſem Angeſicht hatte etwas Räthſelhaftes, und dieß trug dazu bei, daß es zugleich feſſelte und intereſſirte. Der junge Mann betrachtete ſie eine lange Weile mit einem eigenthümlichen Ausdruck von Theilnahme, als ob er in dieſem unbewachten Augenblick in ihrer Seele zu leſen ſuchte; aber ohne Zweifel fand er dieß gi und ging darum mit den Worten auf ie zu: „Ein ſchöner Morgen, Gurli.“ 244 Die Angeredete drehte ſich zu ihm herum. „Ah, Stephan, das wundert mich wahrhaftig, daß Bu eiwas auf einen ſchönen Morgen hältſt“, ant⸗ wortete Gurli. Während der acht Tage, da Stephan zu Birgers⸗ borg weilte, hatten dieſe beiden Perſonen ihre Rollen gänzlich vertauſcht. Früher war es Gurli, welche ihn beſtändig reizte und zum Opfer ihrer Scherze und Sarkasmen machte; jetzt war es Stephan, welcher, wenn ſie zuſammentrafen, ſich damit unterhielt, auf eine oft ſehr ſatyriſche Weiſe mit Gurli wegen ihrer und abſonderlichen Ideen ſeinen Scherz zu treiben. Gurli ſchlug dieſe Angriffe allerdings zurück, aber mit viel größerer Mäßigung, als man von ihr hätte erwarten ſollen. „Wunderſt Du dich, daß das Schöne mich an⸗ zieht?“ entgegnete Stephan und ſetzte ſich in einiger Entfernung von ihr nieder.. „Ja, allerdings, denn erſt vor ein paar Tagen haſt Du über mich gelacht, als ich von der Schönheit des Abends entzückt war.“ „Möglich, daß ich dieß that; aber das kommt daher, daß Du in Extaſe gerietheſt. Ich begreife dieſe Ausbrüche von außerordentlichem Entzücken nicht, wel⸗ chen Du dich bei dem geringſten Gegenſtand, der dich anſpricht, ſo leicht überläſſeſt. Um in dergleichen zu verfallen, iſt weit mehr als ein paar grüne Bäume und ein Stück von einem kleinen See erforderlich. „Natürlich die Alpenketten der Schweiz. Unſer altes Schweden iſt zu ſimpel, als daß man es noch bewundern kann, wenn man in ganz Europa herum⸗ gereist iſt. „Wenn ich darauf verfiele, für Bäume, Berge 245 und grüne Auen zu ſchwärmen, ſo wären es gewiß die ſchwediſchen, welche mich dazu verleiten könnten. Ein ſchönes Naturgemälde macht im Allgemeinen den⸗ ſelben Eindruck auf mich, wie ein ſchönes Mädchen; es ſchmeichelt meinen Augen; aber ich vergeſſe es, wenn dieſes nicht mehr darauf haftet. Ich geſtatte meinen Gedanken nichr, länger als einige Momente dabei zu verweilen. „Aber wo weilen deine Gedanken denn 2“ fragte Gurli lächelnd,„wenn Du ſo hoch emporſtrebſt, daß Du die Natur und das Schönſte, was ſie aufzuweiſen hat, als unbedeutende Dinge betrachteſt?“ „Iſt es etwa die Frau, welche Du das Schönſte nennſt?“ fragte Stephan in ſpöttiſchem Ton. „Gewiß; aber deine Frage war keine Antwort auf die meinige.“ „Vergebung, beſte Gurli; aber dieß kommt da⸗ her, daß, wenn ich Dir auch ſagte, wovon meine Ge⸗ danken in Anſpruch genommen ſind, Du doch als Frau mich nicht verſtehen würdeſt.“ „Nicht?“ wiederholte Gurli, indem ſie einen ärgerlichen Blick auf Stephan warf.„Aber Du kannſt es mir immerhin ſagen, indem Du einen Augenblick aus deiner Höhe herabſteigſt und Dir einbildeſt, ich ſey deinesgleichen.“ „Das wird ſchwer halten, aber ich will es ver⸗ ſuchen,“ antwortete Stephan lachend.„Nun wohl, auch ich habe Etwas, wofür ich ſchwärme, und wovon meine Seele eingenommen iſt.“ „Und dieſes Etwas, wie heißt es?“ fiel Gurli ungeduldig ein. „Du erwarteſt, daß ich ſagen ſoll: eine Hütte und ein Herz.“ Stephan lachte, ſetzte aber ſogleich hinzu: — 246 „Ungeachtet Du rreiteſt, ſchwimmſt, kutſchirſt, Schlittſchuh läufſt, ſiſcheſt und jagſt, kurz Alles nur nicht weiblich biſt, ſo würdeſt Du doch nicht begreifen können, wie man füͤr etwas Anderes, als den kleinen blinden Knaben ſchwärmen kann. Du wirſt ſomit lächeln, wenn ich Dir ſage, daß die Gottheit, vor welcher ich die Kniee beuge,— die Göttin der Wiſſen⸗ ſchaft iſt.“ Es entſtand eine Pauſe. Gurli lachte nicht. Sie ſchwieg ſtill und ſchaute auf den See hinaus. Stephan trillerte eine Volksweiſe. „Welche Lebensbahn gedenkſt Du zu wählen?“ fragte endlich Gurli, ohne aufzuſchauen. „Ich beabſichtige in den Dienſt einer Frau zu treten, welche, als ich noch ein Kind war, ſehr un⸗ freundlich gegen mich geweſen iſt, und an welcher ich dadurch Rache zu nehmen im Sinn habe, daß ich über ihr Intereſſe wache.“ Gurli ſah ihn an. „Merke wohl, Gurli, ich ſagte einer Frau, nicht eines Kindes. Es iſt alſo nicht in deinem Dienſte. „Ich habe gar keine Luſt, gelehrte Männer mir zu Dienern zu beſtellen,“ verſicherte Gurli. „Du machſt aus der Noth eine Tugend, denn die Gelehrſamkeit gibt ſich niemals zur Sclaverei her.“ „Mag ſeyn; aber ich habe den Namen der Frau noch nicht gehört, welcher Du dein Leben zu weihen gedenkſt.“ „Sie heißt Gerechtigkeit.“ „Du gehſt alſo darauf aus, Richter zu werden?“ „Ja, uber Andere, nicht über mich ſelbſt.“ Wieder entſtand eine Pauſe. — 247 „Machſt Du vielleicht Vormittags noch einen Spazierritt?“ fragte Stephan und ſchlug mit ſeinem Stöckchen die Spißen der zarten Grashalme ab. „Warum fragſt Du darnach?“ „Ich möchte Dir vorſchlagen, dein Kavalier zu werden.“ „Du?“ rief Gurli erſtaunt. „Ja, ich. Es überraſcht dich, daß ich reite. Beſte Gurli, ich habe in England dieſe edle Kunſt gelernt, und möchte nun Gelegenheit erhalten, Dir zu beweiſen, daß deine Ueberlegenheit über mich nun⸗ mehr ſich einzig und allein auf deine Kenntniß im Nähen und Sticken beſchränkt.“ 3 Gurli ſtand auf. An der haſtigen Bewegung merkte man, daß ſie ſich gereizt fühlte. Sie gab keine Antwort, ſondern begann auf dem Fußſteige weiter zu gehen. Stephan folgte ihr. „Nun, Gurli, nimmſt Bu mich zum Kavalier an, oder fürchteſt Du, der einſt verhöhnte Stephan werde ſein Roß beſſer im Zügel führen, als Du?“ „O nein. Du kannſt mich wohl begleiten, wenn es Dir Vergnügen macht.“ „Du biſt böſe?“ „Böſe!“ wiederholte Gurli, ihn anſehend.„Wenn ich wegen aller deiner malitiöſen Worte böſe auf dich werden wollte, ſo hätte ich den ganzen Tag ſonſt Nichts zu thun. Ich kann dich verſichern, daß Du mit deinen Ausfällen meinen Zorn nicht zu erregen vermagſt.“ „Welche wunderbare Aehnlichkeit zwiſchen uns beiden!“ rief Stephan.„Als Du ein Vergnügen 6 daran fandeſt, mich lächerlich zu machen„konnte dieß niemals bei mir einen Aerger hervorbringen, und nun 248 „Und nun, da Du ein Vergnügen daran Undeſt „Dir die Wahrheit zu ſagen, wird Dir dieß gleichfalls nicht verdrießlich. Ein ſchöner Zug, Gurli, welcher uns in unſerer gegenſeitigen Achtung erhöhen Gurli drehte mit einer ungeduldigen Bewegung ihren Hut in der Hand hin und her und wandte ſich dann zu Stephan mit den Worten; „Die Erinnerungen der Kindheit haben dich bit⸗ ter und unverſöhnlich gegen mich gemacht.“ „Nein, man iſt nicht bitter und unverſöhnlich gegen eine hübſche Couſine von neunzehn Jahren,“ erwiederte Stephan artig.„Man erinnert ſich blos deſſen, was einſt vorgefallen iſt, und vergißt es nie⸗ mals.“ „Niemols!“ wiederholte Gurli. Stephans Angeſicht veränderte ſich und wurde ernſt. Er heftete ſeine Augen auf Gurli und ſagte: „Gurli, ich vergeſſe niemals meinen früheren Aufenthalt zu Sie Dein Hohn vermochte damals auf mein Thun und Treiben keine Wirkung zu üben, ſo unauslöſchlich auch der Eindruck davon geblieben iſt. Ich fuhr fort, mir Kenntniſſe zu er⸗ werben, während ich alles Andere bei Seite ſetzte. Du machteſt mich ganz unbarmherzig zum Gegenſtand deiner Spöttereien. Ich wußte ſchon damals, daß der Tag kommen würde, wo ich im Stande wäre, Dir zu beweiſen, daß Alles, was Du an einem Mann ſo hoch ſchätzeſt, untergeordnete Dinge wären. Ich wollte jedoch um einiger Lappalien willen nicht das Wichtigſte aufopfern und ließ dich darum mich aus⸗ lachen, bis ich meine Univerſitätsſtudien ehrenvoll be⸗ endigt hätte und bei mir ſelbſt zu der Einſicht ge⸗ 249 langt wäre, daß meine Kenntniſſe mich über deine Angriffe auf meine Perſon erhoben. Ich verſchwen⸗ dete die Zeit nicht damit, daß ich reiten, fechten und dgl. lernte, ehe es mir möglich gemacht wurde, dieſe unbedeutenden Dinge dem beizufügen, was von höhe⸗ rem Werthe war. Zu derſelben Zeit, da ich mir völlig bewußt wurde, was ich bin, prägte ſich mir auch unvertilgbar die Erinnerung daran ein, wie ich behandelt wurde. Ueber mein Gedächtniß, Gurli, kann niemals der Schnee der Vergeſſenheit fallen.“ „Und warum ſollte er dieß auch?“ fiel Gurli lächelnd ein.„All dieſer Spott von meiner Seite hat ja die Folge gehabt, daß Du ein vollkommener Gentleman in Weſen und Manieren, mit andern Worten, ein angenehmer Geſellſchaftsmenſch geworden biſt. Alles recht betrachtet, haſt Du meinen boshaf⸗ ten Ausfällen gegen dich Solches zu danken. Du biſt ſomit mein Schuldner.“ „Dein Schuldner, Gurli, bin ich wirklich; denn durch dich habe ich frühzeitig gelernt, mich in Bezug auf dein Geſchlecht den mindeſt möglichen Illu⸗ ſionen hinzugeben. Als ich vor zwei Jahren hier verweilte und von Dir lächerlich gemacht wurde, war mein Herz noch gut und unverdorben. Ich lebte für meine Studien, opferte ihnen Alles; aber ich war noch zu jung, um der Wirkung der Nadelſtiche zu widerſtehen, welche Du mir gabeſt. Du hatteſt damit mein Gemüth verbittert. Während meines Aufent⸗ halts im Auslande war deine Perſon allerdings für mich wie Nichts; aber dein Hohn blieb und machte mich zu dem, was ich war, einem eleganten jungen Mann, welcher ſeine Vorzüge, ſeine Ueberlegenheit und ſeine äußere Erſcheinung benützt, um ſo viele Erfolge und fo viele Zerſtreuungen als möglich ein⸗ ——— 250 zuernten, ohne darnach zu fragen, was dieſelben An⸗ dere koſten. Der Gedanke an meine Kindheit, an mein ganzes Leben, bis ich den Fuß auf fremden Boden ſetzte, war ganz dazu geeignet, aus meiner im Grunde guten Natur— einen Egviſten zu machen. Eh bien, man iſt ſo am glücklichſten und kommt, wenn man nur an ſich denkt, am weiteſten.“ Dieſe letzten Worte wurden in einem leichtſinnigen Ton ausgeſprochen. Gurli ſetzte gedankenvoll ihren Weg fort, und Stephan begann von gleichgültigen Dingen zu reden. Als ſie an das Giter kamen, welches in den Garten führte, und Stephan daſſelbe öffnete, blieb Gurli einen Augenblick ſtehen und ſagte mit milder Stimme: „Du kannſt ſomit das Vergangene nicht ver⸗ geſſen und vergeben?“ „Gurli, Du biſt jetzt ein ſo einnehmendes Mäd⸗ chen, daß es unverzeihlich wäre, wenn man dich ver⸗ geſſen wollte,“ antwortete er ſcherzend. „Stephan, ich ſpreche jetzt im Ernſt. Können wir nicht Freunde werden?“ Sie reichte ihm die Hand. „Niemals,“ antwortete er beſtimmt und ſtieß ihre Hand zurück.„Das Wort Freundſchaft zwiſchen uns wäre ein Hohn.“ Gurli ſprang durch das Gitter und eilte nach der Orangerie, wo ſie ſich eifrig mit ihren mancherlei Blumen zu ſchaffen machte. 7 —— 251 XXXV. Eine Stunde verfloß. Gurli war in die ſogenannte kleine Hrangerie hineingegangen, wo ſich lauter kleine Topfgewächſe befanden, und eben im Begriff, mit großem Intereſſe ſich einer Calla zu widmen, als ein paar mit einan⸗ der ſprechende Perſonen in die anſtoßende große Drangerie traten. Sie unterſchied deutlich Tante Beate's Stimme, welche Gurli's Namen nannte. Dieß reizte die Neugierde des jungen Mädchens, und ſie ſchlich näher, um an der zwiſchen beiden Räu⸗ men verſchloſſenen Thüre zu horchen. Frau Beate äußerte in einem Tone, welcher zu erkennen gab, daß ſie ſehr mißvergnügt war: „Ich ſage Dir, Allon, daß mir dein geſchäftiges Treiben mit Gurli gar nicht anſteht. Jetzt, nachdem es mir gelungen iſt, durch Falkenſterns Diener in Erfahrung zu bringen, daß Du der eigentliche Erbe biſt, mache ich Dir zur Pflicht, damit aufzuhören. Es war ganz klug von Dir, dem Mädchen deine Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken, ſo lang man Grund zu ver⸗ muthen hatte, daß ſie Falkenſtern beerben würde; aber jetzt läge in einer Fortſetzung derſelben nicht ein Funken geſunder Vernunft. Gurli bekommt keinen Schilling mehr, als das von ihrem Vater ihr zuſtehende Erbtheil. Ich hoffe, Du wirſt ſomit einſehen, daß Gurli niemals eine paſſende Frau für dich ſeyn kann, da Du nach deines Oheims Tod ein ungemein reicher Mann wirſt.“ „Biſt Du fertig, Mama?“ fragte Allon. 252 g „Jd. „In dieſem Fall will ich das Wo fünfundzwanzig Jahre alt, rt nehmen. Für's Erſte mußt Du dich erinnern, Mama, daß ich folglich längſt mündig und err meiner Handlungen bin; für's Zweite, daß ich urli liebe.“ „Was iſt das für ein Geſchwätz!“ rief Beate. „Ich bitte dich, Mama, höre mich an, ohne mich zu unterbrechen. Der Augenblick zu einer klärung zwiſchen uns iſt da, und obwohl kleinen Er⸗ ich wirklich gewünſcht hätte, jetzt, da wir nach ſo langjähriger Trennung zum erſten Mal wieder zuſammenzutreffen, derſelben ausweichen zu können, ſehe ich mich denno hiezu gezwungen. Ganz unverholen muß ich alſo Mama erklären, daß, wenn ich heute irgend einen Begriff von Ehre und Gewiſſen habe, Mama's noch Grünlunds Verdienſt iſt. dieß weder Ihr habt peide Alles gethan, um dieſe beſſern Gefühle in mei⸗ ner Bruſt zu morden, um mich in einen filzigen, eigennützigen Menſchen zu verwandeln, welcher, um in den Beſitz des elenden Goldes, das der Onkel hat, zu gelangen, ſich zu allen möglichen Schlechtigkeiten erniedrigt. Ich war auf dem beſten W ege, ein ſo ſcheinheiliger Betrüger wie Grünlund zu werden, als ich von ſeinem abſcheulichen Einfluß befreit wurde. Mama und er lehrten mich, zu heuch eln und zu lügen, um mich einzuſchmeicheln, zu haſſen und bei jeder Gelegenheit Stephan und Gurli zu ſchaden. Ja, es war euch gelungen, mich ſo weit um für eine gerechte, mir von zu bringen, Blom zuer⸗ daß ich, kannte Beſtrafung Rache zu nehmen, zum Mordbren⸗ ner wurde und eine falſche Anklage erho b Daß ich ward, was ich in dieſem Augenblick bin, und mein Eramen machen konnte, das habe ich einzi gund allein — — 253 Blom's ſtrengen Grundſätzen, unbeſtechlicher Redlich⸗ keit und ernſter Führung zu danken. Aber je klarer meine Begriffe von Ehre und Recht wurden, deſto ge⸗ ringer wurde meine Ehrerbietung gegen dich. Hat eine Mutter ihres Kindes Achtung verloren, ſo hat ſie auch alle Gewalt über deſſen Herz verloren. Die Stimme Mama's bei der Wahl einer Gattin iſt ſo⸗ mit ohne alle Bedeutung. Ueber meine Zukunft und mein Glück beſtimme ich ganz allein. Ich liebe Gurli nun ebenſo fehr, als ich ſie in jüngern Jahren ver⸗ abſcheut habe. Sie mag nun arm oder reich ſeyn, ſo ändert dieß in meinen Gefühlen und in meinem Be⸗ ſchluß, daß ſie meine Gattin werden ſoll, nicht das Mindeſte. Schon vor zwei Jahren, als ich nach Ver⸗ fluß langer Zeit ſie wiederſah, wandte ſich mein Ge⸗ fühl ihr ſo ernſtlich zu, daß es für mein ganzes Leben entſcheidend zu werden ſchien. Nach dieſer Erklärung wird Mama wohl begreifen, daß es ſich nicht der Mühe verlohnt, noch ein weiteres Wort in der Sache zu verlieren. Jeder Verſuch von Mama, auf mich einzuwirken, würde nur zur Folge haben, daß ich Dir noch mehr Unangenehmes, als bereits geſchehen iſt, ſehe müßte, und darum laſſen wir den Gegenſtand ruhen.“ Man hörte Etwas wie ein Schluchzen, darauf eine mehrmals von Thränen unterbrochene Klage über Allons Undankbarkeit gegen die Mutter und eine bei⸗ nahe herzzerreißende Schilderung, wie ſehr Beate ihren Sohn liebte. Für ihn und für ſeine Zukunft hatte ſie, ihrer Erklärung zufolge, Alles geopfert, und wenn ſie bei Anwendung der Mittel, deren ſie ſich bediente, auch Fehler beging, zur Sühne dafür ihr Leben hin⸗— fort Andachtsübungen gewidmet und auf alle welt⸗„. 254 lichen Freuden, die ihr noch theuer waren, Verzicht geleiſtet. Was Allon darauf erwiederte, war kalt, beinahe bitter. Man hörte, daß der Schmerz, unter welche eine Mutter litt, keinen Weg zu ſeinem Herzen fand. Den ſtrengſten Richter, der gegen den Menſchen aufſtehen kann, findet er gewöhnlich in der Perſon ſeiner Kinder, wenn dieſe einen Grund zur Anklage ihrer Eltern haben. Dieſe Erfahrung ſollte auch Beate machen. Da ihre Thränen und ihr Schmerz den Sohn nicht rührten, erwachte der Zorn in ihr, und ſie ſagte im Ausbruch deſſelben, er habe unter Bloms Leitung nur gelernt, die Liebe zu Gott und zu ihr mit Füßen zu treten.„ Allon gab eine heftige Antwort und ließ ſie dann allein. Gurli hörte Beate noch eine Weile weinen; dann wurie es ſtill, und einige Augenblicke nachher entfernte ie ſich. Rach dem Frühſtück unternahmen Gurli, Eliſa⸗ beth, Allon und Stephan einen Spazierritt. Zu Allon's großem Verdruß erklärte Gurli, daß ſie fuͤr dieſen Tag Stephan zu ihrem Kavalier ge⸗ wählt habe. Der junge Magiſter und ſie ritten alſo den beiden Andern voran. Stephan nahm ſich mit ſeiner eleganten und un⸗ gezwungenen Haltung zu Pferd ſehr gut aus. Gurli mußte bei ſich anerkennen, daß er die Zügel trotz einem alten und erprobten Reiter führte. Stephan ſprach von ſolchen Dingen, welche ſeiner Vermuthung nach für Gurli von einigem Intereſſe ſeyn mußten; aber er legte in Alles, was er ſagte, eine gewiſſe Ironie. ————— 255 Redete er mit Ernſt oder einem Schein von Wärme über das, was edel und ſchön war, ſo ſcherzte er in der nächſten Minute ganz unbarmherzig über enſeben Gegenſtand und wußte mit ſeinem ſatyri⸗ Witze Alles wieder in ein lächerliches Licht zu tellen. Gurli fühlte ſich niedergeſchlagen. Obwohl ſie durchaus nicht weichlich oder empfindſam war, ſo machte doch dieſes beharrliche und hämiſche Losziehen nicht allein gegen menſchliche Schwächen, ſondern auch gegen Alles, was wir als groß und erhaben zu bewundern gelernt haben, einen ſo peinlichen Eindruck, daß jie ſich froh und erleichtert fühlte, als der Spa⸗ zierritt zu Ende war. XXVI Allon gab nach der Unterredung mit ſeiner Mut⸗ ter immer unverholener zu erkennen, wie theuer ihm Gurli war. Sie dagegen ſchien launenhafter und oabſonderlicher zu ſeyn, als ſonſt. Den einen Tag ſah es aus, als ob ſie für Allon großes Intereſſe empfände; den andern wieder, als ob ihr ganzes Vergnügen darin beſtände, ihn durch ihre Veränder⸗ lichkeit zu plagen und zu ermüden. Sämmtliche Verſuche Allon's, es mit ihr zu einer Erklärung zu bringen, wußte ſie zu vereiteln. Jedermann bemerkte, wie Allon in allem Ernſt verliebt war, und doch war noch nicht ein Wort da⸗ von über ſeine Lippen gekommen. Er hatte keinen höhern Wunſch, als ihr dieß ſagen zu können; aber Gurli ſchien ihrerſeits feſt 256 entſchloſſen, jeder entſcheidenden Erklärung auszu⸗ weichen. Stephan blieb ſo, wie er vom Beginn ſeines Wiederauftretens ſich gezeigt hatte, und oft gingen ſeine Sarkasmen gegen Gurli ſo weit, daß Tante Katharina mit einem:„Nun, das muß ich doch ſagen, das muß ich ſagen“ eine kleine moraliſche Vorleſung einleitete, welche damit anfing und ſchloß, daß ſie ihn gar nicht mehr kenne, daß er ſich ſehr zu ſeinem Nach⸗ theil verändert habe u. ſ. w. Bei ſolchen Gelegenheiten nahm Stephan die Alte in den Arm und drehte ſie einige Mal im Kreiſe herum, indem er verſicherte, ſeine Anhänglichkeit an ſie habe ſich wenigſtens nicht verändert. Er war in ſolchen Augenblicken ſo ſchön, daß Tante Katharina bei ihrer Predigt aus dem Text kam, bis wieder eine neue Veranlafſung zur Rede ſich Sit⸗ welche ganz auf dieſelbe Weiſe unterbrochen wurde. Inzwiſchen beluſtigte man ſich zu Birgersborg ſo viel man konnte. Man beſuchte und empfing Nach⸗ barn, machte Luſtpartien, arrangirte kleine Feſte und Fahrten auf dem See, und die Freude verlieh der Zeit Schwingen. Pötlich zog ſich Gurli von allen dieſen Veran⸗ ſh zurück und nahm keinen Theil mehr ara ſtern zu, welcher unter den Andern ſich nicht mehr ſehen ließ. Sie glaubte nämlich bemerkt zu haben, daß mit ſeinem Ausſehen eine ſichtbare Veränderung vorging. Die Augen hatten ihren Glanz verloren und waren eingeſunken, die Wangen wurden noch gelber, und ungeachtet er es zu verbergen ſuchte, be⸗ » 4 n. Sie brachte mehre Stunden täglich bei Falken⸗ F— ——— —. — N merkte Gurli, daß er oft und viel nur mit Beſchwerde Athem holte. Kaum hatte Gurli dieſe Wahrnehmungen ge⸗ macht, ſo ſetzte ſie dem fröhlichen Leben, das ſie in den letzten Wochen geführt hatte, ein Ziel und brachte ganze Tage bei ihrem Stiefvater zu. Sie ließ dem Doctor ſagen, ſie fürchte der Stiefvater ſey krank; und ungeachtet Falkenſtern den Arzt bei ſeinem erſten und zweiten Beſuch kurz ab⸗ fertigte, ſo kam er dennoch wieder und drängte, ſo zu ſagen, ſeinen Rath und ſeine Verordnungen dem Kranken mit Gewalt auf. Endlich begann man allgemein zu argwöhnen, daß Falkenſtern unpäßlich ſey, weil Gurli jetzt beſtän⸗ dig bei ihm war. Der Arzt antwortete ausweichend auf alle Fragen, welche man an ihn ſtellte. Falkenſtern hatte ſich nämlich nur unter der Be⸗ dingung, daß von einem Unwohlſeyn nicht geſprochen würde, der Behandlung deſſelben unterworfen. So ging es ein paar Wochen; aber jetzt verſchlimmerte Zuſtand dermaßen, daß er das Bett hüten mußte. Die Krankheit ließ ſich jetzt nicht mehr verbergen, und bald wußten Beate und die Andern, daß Falken⸗ ſtern an einem chroniſchen Bruſtleiden darniederlag. Gurli, Walter und Tante Katharingewaren die einzigen Perſonen, welche bisher Zutrizu ſeinem Zimmer hatten; aber als die Krankheithſche ort⸗ ſchritte machte und es mit Falkenſtern immer ſchlim⸗ mer und ſchlimmer wurde, da geſtattete er, daß auch Stephan und Allon jene beim Wachen unterſtützten. Man ſtand jetzt am Schluſſe des Septembers. Gurli hatte den ganzen Tag an der Seite des Kranken zugebracht. Die Dämmerung war eingebro⸗ Schwartz, Der Rechte. I. 17 258 chen, und Stephan kam, um Walter abzulöſen, damit derſelbe einige Stunden der Ruhe pflegen tönnte. Falkenſtern ſchlummerte. Gurli ſaß auf einem Schemel zu den Füßen des Bettes; Stephan ſtreckte ſich in einem Lehnſtuhl aus. Die Dämmerung ſtand im Begriff, dem Tage die Hand zum ſchließlichen Lebewohl zu reichen, ehe die Finſterniß mit ihrem undurchdringlichen Mantel die Erde verhüllte. In dem düſtern Krankenzimmer brannte eine Nachtlampe, welche daſſelbe nur unvollkommen er⸗ hellte und die Gegenſtände nur undeutlich erken⸗ nen ließ. Stephan konnte mit Mühe Gurli's Geſichtszüge unterſcheiden, dennoch weilte ſein Blick mechaniſch auf denſelben. In dieſem Augenblick vernahm man Schritte im äußern Zimmer. Felit, welcher zu Gurli's Füßen lag, ließ ein ſchwaches Knurren vernehmen, wurde aber von Gurli ſogleich zum Schweigen gebracht; es war jedoch zu ſpät, denn Falkenſtern erwachte. Gurli ſtand auf und beugte ſich über den Kran⸗ ken, welcher in dieſem Momente ihren Arm ergriff, ſich heſtig aufrichtete und mit weit aufgeriſſenen Augen gegen die Thüre hinſtarrte. und Stephan wandten nun auch ihre Blicke orthin. Auf der Schwelle ſtand eine hochgewachſene Frauengeſtalt. Der matte Schimmer der Lampe fiel S Angeſicht, das beinahe ſo dunkel war, wie die acht. Die Frau, welche offenbar, um das Zimmer zu 259 — überſchauen, auf der Schwelle Halt gemacht hatte, äußerte nun in kaum verſtändlichem Schwediſch: „Ich wünſche den Kapitän Bengt Falkenſtern zu ſprechen.“ Bei dem Laute dieſer Stimme rief der Kranke: „Bengt Falkenſtern iſt todt.“ † Mit dieſen Worten fiel er leblos auf das Kiſſen zurück. Die Frau ſtürzte zu dem Bette vor und ſtieß einen Schrei aus, wie er nur aus der Bruſt eines Menſchen kommen kann, der ſeine letzte Hoffnung ver⸗ loren hat. Dann erfolgte ein großer Aufſtand. Der Doktor, Walter, Allon und Tante Katharina kamen hereingeſtürzt. Während allgemeine Beſtürzung herrſchte und die geſammte Aufmerkſamkeit auf den ſcheinbar lebloſen Falkenſtern gerichtet war, zog ſich die fremde Frau auf die Seite und verſchwand aus dem Zimmer. Der Doctor hatte ſeine Hand auf Falkenſterns Bruſt gelegt, und nach einer kleinen Weile ſprach er mit feierlichem Ernſt:* zEr iſt töht ꝓ „„.— Welche Ereigniſſe auch der Tag in ſeinem Schooße mit ſich bringt, ſo kommt doch die Nacht, um ihn ab⸗ zulöſen. So geſchah es auch mit dem Tage, an wel⸗ chem der Beſitzer von Birgersborg ſeine irdiſche Lauf⸗ bahn beſchloß. Jedermann hatte ſich auf die Kunde davon zu⸗ rückgezogen, um die Ruhe der Nacht zu ſuchen, oder über dieſen Todesfall nachzudenken, welcher für die * 260 meiſten Bewohner des alten Herrenſitzes von ſo großer Bedeutung war. Walter wachte ganz allein an ſeines Herrn Seite. Einſam in dem großen düſtern Saal im Erdge⸗ ſchoß, welcher von einer einzigen Lampe ſo erhellt war, daß deren Schein auf das Gemälde über dem Kamin ſiel, finden wir Gurli. Der Blick, welchen ſie auf den ausgeſtreckten Arm heftete, hatte etwas Beklemmtes. Ihr ganzes We⸗ ſen zeugte von Angſt und Schmetz. Es ſah aus, als ob ſie von dem Gemälde die Löſung des Räthſels begehrte, von welchem ſie ge⸗ quält wurde. Gurli war lange Zeit ſo dageſeſſen, als das Ge⸗ räuſch einer ſich öffnenden Thüre ſie beſtimmte, den Kopf umzuwenden. Stephan kam auf ſie zu. Ihre Augen begegneten ſich. Gurli deutete auf das Gemälde und ſagte mit leiſer Stimme: „Stephan, dein Traum— haſt Du ihn ver⸗ geſſen?“ „Nein,“ lautete die Antwort. „Wer war jene Frau, welche gleichſam kam, um ſeinen letzten Seufzer zu empfangen?“ begann Gurli wieder. „Frage das Grab, Gurli; dieſes allein vermag darauf zu antworten.“ Stephan fuhr mit der Hand über die Stirne und ſetzte hinzu: „Ich glaube noch jenen Schrei der Verzweiflung zu hören.“ „Aber wohin nahm ſie ihren Weg, wo ſie wie⸗ derfinden?“ rief Gurli und faßte Stephan am Arm. 261 Ein unheimliches Gewinſel, welches Gurli einen Schauder verurſachte, trug die Antwort hinweg. Ohne eine Sylbe zu ſprechen, eilte Gurli hinaus auf die Hausflur. Hier fand ſie Felir, wie er vor der Thüre ſeines abgeſchiedenen Herrn ſtand und einen Klagelaut nach dem andern ausſtieß. Gurli lockte das treue Thier an ſich und nahm es mit hinauf in ihr Zimmer. XXXVII. Mit Pomp und Staat wurde der reiche Bengt Falkenſtern zur Erde beſtattet und in demſelben Grabe beigeſetzt, wo ſeine Kinder und ſeine beiden Frauen ſchon vor ihm ihre Ruheſtätte gefunden hatten. Walter war von dem Tode bis zum Begräbniß ſeines Herrn wie von Schmerz betäubt geweſen. Er ſprach und deutete nicht mehr. Nach dem Begräbniß ſchien er ſich jedoch allmäh⸗ lig wieder zu faſſen. Zwar ſcherzte und lachte er nicht ſhr aber er ſprach doch mit Jedermann und war ruhig. Auf die Fragen, welche Gurli und Stephan be⸗ züglich des Auftretens der ſeltſamen Frau an ihn ſtellten, konnte oder wollte er keinen Beſcheid geben. Er erklärte wenigſtens, er ſey außer Stand, eine Auf⸗ klärung darüber zu ertheilen. Wierzehn Tage nach Falkenſtern's Tod ſollte das Teſtament nach der Inſtruktion, welche er für dieſen Fall dem Bezirksrichter, bei dem es auch in Verwah⸗ rung lag, gegeben hatte, eröffnet werden. Beate lebte während dieſer Zeit in einer wirkli⸗ 5 chen Seelenangſt, obwohl der Ton von Ueberlegenheit und Gönnerſchaft, welchen ſie gegen Jedermann an⸗ nahm, den Beweis lieferte, daß bei ihr gar kein Zwei⸗ fel obwaltete, Allon werde der Erbe ſeyn; und dieß war auch die Ueberzeugung von den Andern, ſeitdem Falkenſtern's Diener das Concept zu dem Teſtament geſehen hatte. Endlich brach der wichtige Tag an. Nach dem Willen des Teſtators ſollte ſämmtliche Einwohnerſchaft von Birgersborg ſammt Dienſtboten und Untergebenen bei Eröffnung und Verleſung des Teſtaments zugegen ſeyn. Der Räumlichkeit wegen mußte dieß alſo im Saale geſchehen. Frau v. Stral ſaß auf einem der Sopha's und hatte ihre Schweſter zur Linken und Tante Katharina zur Rechten neben ſich. Allon, Stephan, Blom und Eliſabeth nahmen den andern Eckſopha ein. S Am Fenſter gegenüber von den beiden Sopha's ſaß Gurli in tiefer Trauerkleidung und ſchaute mit zerſtreuter Miene hinaus in den leeren Raum. Die Scene, welche hier aufgeführt werden ſollte, ſchien ihr Intereſſe ſehr wenig zu feſſeln. An den Kamin gelehnt ſtand Walter und heftete ſeine Augen feſt auf Beate. Jetzt wurde das Siegel erbrochen⸗ Beate wagte kaum zu athmen. Der Diſtriktsrichter begann mit lauter und deut⸗ licher Stimme das Teſtament zu verleſen, worin Bengt Falkenſtern zum Univerſalerben ſeines ganzen Beſißz⸗ thums, mit Ausnahme' von Birgersborg, welches von ihm verkauft worden war, einſeßte— hier hielt der Bezirksrichter an und ließ einen Blick auf der Ver⸗ 263 ſammlung herumgehen— ſeine Stieftochter Gurli Falkenſtern. Ein doppelter Schmerzensruf erfolgte hierauf. Der eine ging von Beate aus, welche nahe daran war, in Ohnmacht zu fallen; der andere kam von Gurli, welche von ihrem Platze aufſprang und aus⸗ rief: „Nein, das iſt nicht möglich; dieſes Unglück hat mich nicht treffen können!“ „Mein Fräulein, Sie ſind Bengt Falkenſtern's einzige Erbin“ entgegnete der Bezirksrichter,„und mit Ausnahme einiger kleinen Legate, welche er gemacht hat, gehört Ihnen ſein ganzes Vermögen.“ Darauf fuhr er in der Verleſung des Teſtamen⸗ tes fort. ——— Tante Katharina ſollte bis zu ihrem Tod eine Penſion von tauſend Reichsthalern Reichsmünze genießen; Walter für ſeine treuen Dienſte eine Leib⸗ rente von tauſend Reichsthalern Reichsmünze, deßglei⸗ chen Liſa eine von vierhundert erhalten. Blom und Eliſabeth erhielten je fünftauſend Reichsthaler Reichs⸗ münze als Zeichen der Dankbarkeit des Verſtor⸗ benen. Was Frau v. Stral betraf, ſo war zu ihren Gunſten keine Verfügung getroffen. Frau Braun, welche durch ihres Mannes wieder⸗ verbeſſerte ökonomiſche Stellung vor jeder Noth ge⸗ ſchützt war, ſollten zum Andenken alle die Nippſachen, welche ſeine erſte Frau hinterlaſſen hatte, zufallen. Außerdem enthielt das Teſtament die Beſtimmung, daß Gurli nach zurückgelegtem einund guig * „ ſich mündig erklären laſſen und von da an die alei⸗ 264 i Herrin ihres Vermögens und ihres Thuns ſeyn ollte. „ Bis ſie dieſes Alter erreicht hatte, führten zwei von Falkenſtern ernannte Männer die Vormundſchaft. Weiter wurde Gurli ein verſiegeltes Schreiben von dem Abgeſchiedenen überreicht, welcher darin den Wunſch ausdrückte, daß außer ihr Niemand Kunde von dem Inhalt deſſelben bekomme. Auch Allon und Stephan erhielten jeder ein ſolches von der Hand des Verſtorbenen. Zulezt wurde noch ein Dokument verleſen, welches in einer Schenkungsurkunde von ihrem Oheim mütter⸗ licherſeits, der erſt vor Kurzem im Auslande mit Tod abgegangen war, beſtand. Derſelbe hatte nämlich Birgersborg von Falkenſtern unter der Bedingung er⸗ kauft, daß der letztere das Beſitzthum bis zu ſeinem Tode behalten und benützen möchte, und dabei beſtimmt, daß es, wenn er, der Oheim bis dahin nicht mehr am Leben wäre, Gurli zufallen ſollte. Sobald das Verleſen der Papiere zu Ende war, eilte Gurli, ohne nur abzuwarten, daß der Bezirks⸗ richter ſie aus der Hand legte, aus dem Saale fort und auf ihr Zimmer, wo ſie ſich einſchloß. Ende des erſten Theils. . —„—„ ſſi 4 15 16 i 7 8 b 9 10 11 12 13 1 4*— N* 16 22