Leihbibliothet deutſcher, engliſcher Ui franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Feſe Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rück cgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S Lesepreis. Bei Rückg zbe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. e Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entg 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſp gegennahme itn welche bei deſſen Zurückgabe von rchende Summe mir zurücker ſtattet * Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Ste ägt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf Monat:— Pf. 50 Pf.— Pf. 5 ausärtige Aonnenten haben füt Hin- und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. * B Als Alrik nach Ekbaka zurückkam, begegnete er Ernſt auf der Brücke. „Woher kommſt Du?“ fragte Ernſt, nachdem die Brüder einander mit einem Handſchlag begrüßt hatten.“ „Von Wettersnäs,“ antwortete Alrik und ſah ſeinen Bruder ſcharf an. Ernſt, welcher ſonſt ſein Angeſicht vollkommen in ſeiner Gewalt hatte, vermochte es jetzt nicht zu beherrſchen, ſondern wechſelte die Farbe, und aus den tiefblauen Augen ſchoß ein ſcharfer Blitz auf den Bruder. „Du machſt alſo noch immer Beſuche daſelbſt?“ „Ja, täglich, und zuweilen mehrmals des Tages.“ „So!“ „Höre, Ernſt, warum machſt Du jedesmal, wenn ich von Wettersnäs ſpreche, ein ſo verdammt ſaures Geſicht?“ „Mache ich ein ſaures Geſicht?“ fragte Ernſt, indem er Alrik einen nicht ſehr freundlichen Blick zu⸗ warf,„Du irrſt Dich.“ „Wirklich?“ „Ja, vollkommen. Was geht es mich an, ob Du Wettersnäs beſuchſt, oder nicht?“ 6 „So denke ich auch, und dennoch leſe ich in jedem Deiner Züge unterdrückten Neid.“ „Neid, und worüber?“ rief Ernſt, indem er den Kopf emporwarf.. „Das iſt es eben, was ich mir nicht er⸗ klären kann. Vielleicht kennſt Du Frau von Saint Sue?“ „Nein, dem iſt nicht ſo.“ „Nun, dann kannſt Du auch nicht in ſie ver⸗ liebt ſein— Etwas, das ohnedieß nicht der Fall ſein könnte, da Du Deine Liebe Alfhild zugewen⸗ det haſt.“ „Und wer ſagt Dir, daß ich Alfhild liebe?“ fragte Ernſt heftig. „Meine eigenen Augen, als ich Euch beiſammen ſah, und meine Ohren, welche deutlich vernahmen, daß Du ſie bei ihrem Vornamen nannteſt, als Du von Niemand gehört zu werden glaubteſt.“ „Da haben Deine Augen und Deine Ohren Dich betrogen. Ich war einmal auf dem Wege, mich in Alfhild zu verlieben, aber jetzt denke ich ganz ein⸗ fach. daß ſie ſchön iſt und daß es mir Unterhaltung macht, mit ihr zu ſprechen, das iſt Alles.“ „Ernſt, treibſt Du nicht ein falſches Spiel mit dem Mädchen?“. „Deßhalb, weil ich in ihrer Geſellſchaft bin?“ „Nein, deßhalb, Daß Du ſie glauben läſſeſt, Du hegeſt wärmere Gefühle für ſie?“ Alrik, ich bitte Dich, überlaß Alfhild und mich uns ſelbſt. Wir beide haben eine alte Rechnung mit einander abzumachen, und dieſe will ich, ohne Einmiſchung von einem Andern, zu Ende führen.“ 7 Es lag etwas Beſtimmtes in Ernſts Stimme, als er mit Stolz ſein ſchönes Haupt emporrichtete und hinzuſetzte: „Wenn Du mich einmal eine minder ehrliche Handlung begehen ſiehſt, dann magſt Du Dich in mein Thun und Laſſen einmiſchen; bis dahin will ich für mich ſelbſt Sorge tragen.“ „Du ſiehſt wirklich verdammt impoſant aus, mein lieber Ernſt; aber, mein Junge, Du weißt ja von Alters her, daß ich mich durch dergleichen Ge⸗ bahren nicht ſchrecken laſſe. Unterlaß es darum, mir gegenüber ſo hohen Trumpf auszuſpielen. Es wäre beſſer, Du ſprächeſt ehrlich und aufrichtig mit Deinem Bruder;— aber, wie Du wrillſt, eines Tags wirſt Du doch gezwungen ſein, dieß zu thun.“ „Gezwungen?“ „Ja, gezwungen und nicht anders. Doch laß uns nicht davon reden. Wünſcheſt Du, Frau von Saint Sue vorgeſtellt zu werden?“ „Von Dir?“ fragte Ernſt, und wiederum mit einem Anflug von Reid. „Warum nicht?“ Willſt Du, oder willſt Du nicht? Ich mache Dir jetzt dieſen Vorſchlag; lehnſt Du es ab, ſo wird er niemals erneuert.“ „Gut. Ich will ſie ſehen.“ „Dein Wunſch ſoll erfüllt werden.“ II. Während das oben beſchriebene Geſpräch zwiſchen den beiden Brüdern ſtattfand, wurde ein anderes zwiſchen Clara und Alfhild geführt. 3 Die letztere hatte ſich in dem Wohnzimmer der Mädchen im obern Stockwerk von Groß⸗Wettersnäs in einen Fauteuil geworfen, Clara zu Alfhilds Füßen auf einem Schemel Platz genommen. „Was iſt das für eine Idee, daß wir in dieſem Kloſter hier wohnen und nicht mehr unſer klei⸗ nes, angenehmes Häuschen für uns allein behalten ſollen?“ fragte Alfhild in mißvergnügtem Tone. „Ach, Du ewig unzufriedenes Kind; früher klagteſt Du darüber, daß Gabriella uns von ſich abſperrte und ihre Wohlthaten uns zuwürfe, wie man einem Bettler ein Almoſen zuwirft; und jetzt“ verdrießt es Dich, daß ſie dieſes, wie Du meinteſt, unzarte Benehmen wieder gut macht. Geſtehe, meine liebe Schweſter, daß man es Dir nur ſehr ſchwer zu Dank machen kann.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo kommt es daher, daß ich ein ſtolzes Herz habe und mich niemals mit dem Gedanken befreunden kann, von Anderer Gnade leben zu müſſen. Hu! wie unerträglich iſt dieſes Leben hier; nun, wer iſt denn auf den klugen Einfall gekommen, daß wir hieher ziehen ſollen? Von Gabriella rührt er doch nicht her.“ „Von Alrik Welwort,“ antwortete Clara.„Du kannſt gar nicht glauben, wie wunderlich er zuweilen iſt, und wie wüthend unhöflich, wenn nicht Alles nach ſeinem Willen geht.“ „Ah, das glaube ich wohl, denn in dieſer Be⸗ ziehung habe ich von dem Herrn genug gehört und geſehen. Ich empfinde eine gründliche Abneigung gegen ihn.“ „Das wäre unrecht; der Mann iſt hochgeſinnt S———— — und von ungewöhnlichem Charakter, und hat einen Willen, feſt und unerſchütterlich wie ein Berg. Man bringt ihn nicht um einen Zoll weiter, als er ſelbſt will.“* „Bah! Daran glaube ich nicht. Wenn ich wollte, ſo würde ich dieſen ſtarken und unbeugſamen Mann ſchwach machen wie ein Kind.“ „Unmöglich. Er hat die abſoluteſte Antipathie gegen Dich gefaßt und ſagte mir, Deiner eigenen geradezu ins Geſicht, er könne Dich nicht eiden.“ „That er das?“ rief Alfhild, indem ſie ſich erhob und ein Blitz aus ihren dunkeln Augen zuckte. Clara ſprang gleichfalls von ihrem Sitze auf und ſagte lachend: i war eine harte Nuß zum Aufbeißen, Alf⸗ i „Nun wohl, Clara, um ſo beſſer. Ich habe jetzt mehr als je Luſt, den„hochgeſinnten und un⸗ gewöhnlichen Mann“ in meine Feſſeln zu ſchla⸗gen!“ „Welchen Zweck hätte das?“ Du biſt ja Dei⸗ nem Herzen nach an den Bruder gebunden, und wozu ſollte es dienen, dieſe zweckloſe Arbeit zu be⸗ ginnen und dieſen Starrkopf in Dich verliebt zu machen. Gelänge es Dir, ſo ſchlüge er ſowohl Dich als ſeinen Bruder todt, wenn er fände, daß dieſer ihm vorgezogen würde; im Uebrigen, Alfhild, könnte ½ Dein eigenes Herz gewiß nicht auf ſo ſchlimme Ab⸗ wege gerathen, daß es darüber Ernſt vergäße und ſich an Alrik hinge. Bedenke, wie es Dir mit Bir⸗ ger ging. Du vergaßeſt ihn um Ernſts willen.“ 10 „Gäbe Gott, daß ich Ernſt vergeſſen könnte,“ ſagte Alfhild, ihre Hände auf Clara's Schultern legend, und fuhr fort:„ich würde nichts Höheres wünſchen, als meinem Gefühl für Ernſt entfliehen zu können. Es gleicht einem brennenden und ver⸗ zehrenden Fieber, welches mich wie eine fire Idee zur Plage verfolgt, weil mir Alles ſagt, daß es nicht erwiedert wird. Ernſts Herz iſt nach einer andern Seite hin gefeſſelt, und was ihn zu mir hinzieht, iſt nur das Vergnügen, welches der Reiz meiner Perſon ihm gewährt, ſofern dieß ſeinem Schönheitsſinn ſchmeichelt. In dem Augenblick, wo dieſer Reiz lebhaft iſt, gleiten über ſeine Lippen einige Worte des Entzückens; aber in dem nächſten Monmente ſind ſeine Gedanken wieder weit, weit von mir entfernt. Und dennoch, wie ganz anders war es in London; da— da liebte er mich, da war ſeine Liebe in ſeinem ganzen Weſen zu erkennen; aber jetzt— jetzt iſt es anders. Niemals iſt ein Wort, aus des Herzens wahren und tiefen Gefühlen entſprungen, in dieſer lezten Zeit über ſeine Lippen ge⸗ gangen. Ach Clara, ſie waren recht bitter, dieſe Tage des täglichen Beiſammenſeins, da ich jeden Morgen erwartete, der begonnene Tag würde einen beſtimm⸗ ten Beweis mit ſich bringen, daß ich noch ſein Herz beſäße, und jeden Abend mich mehr und mehr über⸗ zeugt fühlte, daß er mich nicht liebte.“ Clara hatte Anfangs ihrer Schweſter mit be⸗ kümmerter Miene zugehört; aber ihre Züge nahmen, obwohl die Augen noch ihren theilnehmenden Aus⸗ druck beibehielten, allmälig ihr gewöhnliches, friſches 11 und heiteres Gepräge wieder an, und ſie ſagte unter herzlichem Lachen: „Es wäre viel beſſer, liebſte Alfhild, wenn Du, anſtatt es darauf anzulegen, den uneinnehmbaren Alrik gewinnen zu wollen, den feſten Entſchluß faß⸗ teſt, Ernſts unbeſchränkte Liebe Dir zu ſichern. Siehſt Du, mein Kind, der junge Mann iſt trotz ſeines ruhigen und etwas ſtrengen Aeußern keine Felſen⸗ natur, ſondern ein Menſchenkind, in deſſen Bruſt die Leidenſchaften ſich tummeln, und der ſich wohl in Feuer und Flammen ſetzen läßt. Herr Gott, wie wollte ich ihn verliebt machen, wenn ich das Unglück hätte, Neigung für ihn zu fühlen.“ „Du glaubſt, das ſei eine ſo leichte Sache, be⸗ ſonders wenn ſein Herz nach einer andern Seite hin gebunden iſt?“. „Ja, bei Ernſt iſt dies kein ſo ſchweres Stück Arbeit,“ meinte Clara lachend,„das kann ich Dich verſichern.“ „Und gleichwohl iſt es mir nicht gelungen.“ „Die doch ſo ſchön iſt, denkſt Du, Alfhild. Was beweist dieß, meine Liebe? Daß es an der Schön⸗ heit allein nicht genügt, ſondern daß noch etwas weiter erforderlich iſt, um liebenswürdig zu ſein.“ „So laß hören, was dazu noch erforderlich iſt?“ entgegnete Alfhild, während ihre umwölkte Miene ſich ein wenig aufhellte und ſie wieder in ihrem Fauteuil Platz nahm. 8 Clara blieb vor ihr ſtehen und fuhr mit großer Lebhaftigkeit fort: „Ich laſſe die höhern Elemente des moraliſchen 12 Werthes ganz bei Seite, denn dieſe müſſen wir für uns ſelbſt beſitzen, und im Uebrigen bin ich, wie Du weißt, kein Moralprediger. Ueber dergleichen Punkte denke ich wohl nach, rede aber nicht gern davon.“ „Ich weiß es, Clara, im Handeln biſt Du mo⸗ raliſch groß und edel, aber alles Gerede darüber iſt Dir beinahe zum Abſcheu,“ fiel Alfhild mit einem warmen Blick auf die Schweſter ein. „Lapperei, das gehört nicht hieher; die Bedin⸗ gungen der Liebenswürdigkeit ſind es, worüber wir jetzt verhandeln wollen. Fürs Erſte darf man nie⸗ mals langweilig ſein.“ „Nun, das iſt klar, das weiß wohl Jedermann.“ „Nicht ſo ganz, denn alle Verliebte ſind immer⸗ dar ſentimental. Sentimentalität iſt der Gipfel aller Langweiligkeit. Sie ſeufzt gerne, iſt weinerlich, un⸗ gemein für den Mondſchein, für Empfindelei, für Verſe und dergleichen eingenommen. Sie ſchwärmt für die Sterne am Himmel, ſchwebt auf den Wolken, ſpricht vom Frieden im Grabe und andern unange⸗ nehmen Dingen. Nun hat der Menſch, um das Un⸗ glück voll zu machen, ſich in den Kopf geſetzt, daß er nicht lieben könne, ohne ſentimental zu ſein, und auf ſolche Weiſe wurde der kleine, muthwillige, mun⸗ tere und lebensfriſche Liebesgott zu einem kränklichen, gebrechlichen Kinde gemacht, welches, anſtatt zu ſingen und zu tanzen, in Thränen ſich ergießt und auf Krücken einhergeht. Seiner Natur gemäß ſollte Herr Cupido das Leben zu einem lächelnden, ſonnenhellen Roſengarten machen; aber die Menſchen haben den Knaben ſo verkünſtelt und verunſtaltet, daß er daſ⸗ ſelbe zu einem Jammerthale von Qual und Melan⸗ 13 cholie gemacht hat. Nun frage ich Gott und die ganze Welt, ob ein Weſen, das dieſer modernen ſchwachmüthigen Empfindelei verfallen iſt, anders als langweilig ſein kann. Ich für meinen Theil habe alle Liebesleute ſo abſolut langweilig gefunden, daß ich niemals begriff, wie ein Mädchen an einem Mann, der ſich in ſie verliebt hat, Gefallen finden kann, und von ganzem Herzen es dem Herrn der Schöpfung verziehen, wenn ſie ſich bei Frauen langweilen, welche ſo gar gefühlsüberſchwenglich ſind. Ja, wenn ich an Leute denke, die in Liebe ſtecken, ſo wird mir ganz unheimlich zu Muthe.“ Clara ſeufzte tief und ſah äußerſt komiſch aus. „Du willſt alſo behaupten, daß ich eine ſo gründ⸗ lich langweiligz Figur bin?“ „Ja, das will ich allerdings,“ rief Clara lachend. „Du ſtehſt wirklich in Betreff der Liebesaffairen auf der ganzen Höhe der Verdrießlichkeit.“ „Sehr verbunden.“ „Keine Urſache zu danken. Du wirſt ſogleich Grund finden, mir Complimente zu machen.— Was Dich, Alfhild, betrifft, ſo haſt Du jederzeit eine ſtarke Neigung dazu gehabt, aus Deinen Gefühlen etwas recht Ungeheuerkiches und Grauſiges zu machen. Wenn Du alſo in Liebe befangen wareſt, zeigteſt Du Dich auch über die Maßen langweilig. Du legteſt Dir ein Tagebuch an, ſchauteſt beſtändig zum Himmel, hatteſt nur Augen und Ohren für den ſchönen Mann, nur Gedanken für das, was er ſagte, und lebteſt nur, wenn er in Deiner Nähe ſich befand. Nun läge in dieſem allem nichts Unrechtes, aber merke, jetzt kommt das Schlimmſte. In ſeiner Gegenwart ſeufzteſt Du, ſahſt ungewöhnlich überirdiſch und einfältiglich aus, oder aber ſo glühend wie ein feuerſpeiender Berg. Das Geſpräch wurde nur mit den Augen geführt, und wenn Du ein Wort ſagteſt, ſo geſchah es im⸗ merdar, ſo oft Deine Eiferſucht aufgeregt wurde, oder Du warfſt eine ſcharfe Frage auf, welche Deine Schwäche blos ſtellte; oder Du flüſterteſt Etwas davon, wie kalt und proſaiſch die Wirklichkeit wäre u. ſ. w. Du mußt wohl geſtehen, daß der beſte Mann von der Welt unter ſolchen Umſtänden Recht hat, wenn ihm ſelbſt die ſchönſte Frau unter der Sonne entleidet. Ich habe Dich ſo über alle Beſchreibung unangenehm und einförmig gefunden, daß ich Ernſt, welcher es ſo lang aushielt, mit Dir zu ſeufzen und zärtliche Blicke auszukauſchen, wirk⸗ lich bewunderte.“ „Clara, Clara, wie ſchrecklich grauſam Du biſt!“ rief Alfhild mit Augen voll Thränen. „Herr Gott, Kind, willſt Du jetzt über das wei⸗ nen, was ich ſage? Kannſt Du nicht lieber lachen? Warum allzeit das wählen, was unangenehm iſt, ſtatt deſſen, was luſtig und unterhaltend iſt?“ unglücklich iſt und noch dazu auf ſo ſchonungsloſe Weiſe verfolgt wird.“ „Bagatellen, liebe Schweſter, Du kannſt doch von mir einen Scherz ertragen.“ „Ja, aber nicht, wenn man einen ſo empfind⸗ lichen Punkt in meiner Seele berührt.“ „Ei, da haben wir es. Am Ende werden die Verliebten ſo empfindlich, daß ſie es nicht leiden „Es iſt recht leicht, luſtig zu ſein, wenn man 15 wollen, wenn man ſie anſieht, noch weniger, wenn man mit ihnen redet, ſondern daß ſie unter eine Glasglocke geſetzt werden müſſen.“ „Nimm' Dich in Acht, Clara! Eines Tags, wenn Du in Liebe verfällſt, will ich Dich daran erinnern, wie unbarmherzig Du geweſen.“. „Thue das, meine Freundin, im Fall ich ſo un⸗ glücklich ſein ſollte, an einen ſolchen Liebeskrüppel zu gerathen, der mit Leberkrankheit, Lungenſucht und Hypochondrie behaftet iſt— ein completer Siech⸗ hauskandidat.— Rein, wenn ich mich einmal ver⸗ liebe, muß Herr Amor, ſucht er mich auf, dafür ſorgen, daß er bei guter Geſundtheit und Muthe iſt, ſo wie ich will, daß er ſein ſoll, das heißt, wie der friſche Hauch der Seligkeit in dem qualm⸗ erfüllten Hain des Lebens.“ „Das iſt etwas ganz Anderes, als ein warmes und tiefes Gefühl aus dem Herzen,“ entgegnete Alf⸗ hild bitter. „Willſt Du wiſſen, wie ich einmal lieben werde?“ „Ja, das wird recht erbaulich ſein. Sicherlich iſt Deine Liebe Etwas, das Dich doppelt ſo liebens⸗ würdig macht, als Du zuvor biſt.“ „Pas ſollte jede Liebe bewirken, und ſie würde es auch, wenn ſie das wäre, wozu Gott ſie beſtimmt hat, nämlich die höchſte Freude, welche unſer Herz empfinden kann. Die Liebe ſoll die Zwillings⸗ ſchweſter der Freude ſein. Sie ſoll in ihrem eigenen Gefühl einen ſo großen Fonds von Seligkeit beſitzen, daß ſie durch ihr helles Sonnenlicht Alles in uns zum Tage macht. Sie ſoll die Kraft beſitzen, die 16 Wirklichkeit ſchön, das Leben froh und uns ſelbſt glücklich zu machen, denn ſie iſt das Höchſte und Tiefſte, was unſer Herz erfahren kann. Die Freude hin⸗ wiederum iſt des Lebens beſte Würze, wie iſt es alſo möglich, beide zu trennen? Ich kann mir eine wahnſinnige, kindiſch thörichte Liebe denken, welche Scherz und Lachen in ihrem ſteten Gefolge hat; aber ich kann jene fatale und ſentimentale Herzenspein, an welcher wir leiden, während wir lieb ſein ſollen, nicht als ein natürliches Gefühl erkennen. So zum Beiſpiel, wenn ich, wie Du, in Ernſt verliebt wäre, würde ich in ſeiner Gegenwart eitel Liebenswürdig⸗ keit ſein, weil ſein Anblick mir Freude machte. Und hätte die Natur mir auch blos eine Unze Geiſt oder Witz verliehen, ſo fühle ich, daß dieſe Unze in ſeiner Gegenwart zu einem ganzen Kapital werden ſollte womit ich unſer Zuſammenſein ſchmückte. Meine Freude, mein Glück ſollte ihm ein viel ſprechenderer Beweis meiner Liebe ſein, als alle ſchwindſüchtigen Seufzer und Blicke, und ich würde ihn nicht durch weichliche Empfindelei ermüden; dazu wäre mein Ge⸗ fühl viel zu friſch und lächelnd.“ „Das geht wohl an, wenn man weiß, daß eine Liebe erwiedert wird, daß man für das Herz, welches gegeben wird, ein anderes zurückerhält.“ „Egoismus, Alfhild, wenn Du aus Verdruß 1 darüber, keine Gegenliebe zu finden, denjenigen, wel⸗ chen Du liebſt, mit Deiner Melancholie plagſt, oder von Deinen kummervollen Blicken verfolgen läſſeſt. e i ( Sollte ich einmal hoffnungslos lieben,“— Clara war, trotz ihres Lächelns ſehr bleich geworden,— „ſo dürfte die Freude der Liebe mich doch nicht ver⸗ 17 laſſen, denn ich würde fürs Erſte mich glückichdar⸗ über ſchätzen, daß mein Herz einmal den vollen und friſchen Schlag des reinſten und höchſten Gefühls, deſſen man fähig iſt, empfunden hat; ſodann, wenn ich entdeckte, daß es niemals in überſchwenglicher Hlückſeligkeit ſein Gefühl mit demjenigen austauſchen könnte, welchen es liebte, ſo würde ich meine betro⸗ gene Hoffnung in die Umkleidung der Zufriedenheit büllen, wodurch meine getäuſchte Erwartung allen Blicken entzogen bliebe, und mein Kummer in ein muthiges Aufſuchen der Freudenſchätze ſich verwan⸗ delte, welche das Leben in ſo reichem Maaße beſitzt und zu bieten hat.— Und nun will ich meine Lie⸗ bespredigt ſchließen.“ „Noch nicht. Du haſt mir Deine Vorſchriften, liebenswürdig zu ſein, noch nicht mitgetheilt, und die Kunſt, geliebt zu werden, mich noch nicht gelehrt.“ „Dieß mag geſchehen, obwohl meine lange Rede Dir ſchon darüber hätte Aufklärung geben ſollen.“ Damit ſprang Clara auf einen der Sophas, ſchüttelte ihr ſchönes Haupt, als ob ſie damit einen unangenehmen Gedanken hätte verſcheuchen wollen, und nahm dann mit einem ſtrahlenden Lächeln wie⸗ der das Wort. „Sei niemals ſentimental, weil Du dann, wie ich vorhin ſagte, langweiligund einförmig wirſt. Halte jede Anwandlung von Eifer⸗ ſucht zurück. Das iſt ein häßliches Gefühl, wel⸗ ches jeden, der ſich demſelben hingibt, ſchlecht kleidet und nur dazu dient, den kleinen muntern Liebesgott in die Flucht zu jagen; denn obſchon ihr ihn zu einem Krüppel gemacht, will er doch ſeine Luſt ha⸗ Schwartz, Ein Opfer ber Rache. 1I. 2 18 ben.— Nimm die Freude zu deiner Bun⸗ desgenoſſin, ſuche mit deiner heitern Ge⸗ müthsart zu intereſſiren und zu beleben, und hüte Dich, daß deine Liebe nicht gleich einerglühend heißen, drückenden Luftbei denen, welche Du liebſt, jedes Gefühl ver⸗ trockne. Bedenke, daß das menſchliche Gemüth eine eigenthümliche Unruhe in ſich trägt, welche zur Folge hat, daß es aller Einförmigkeit überdrüſſig wird und an einem klaren Himmel mehr Gefallen findet, als an einem umwölkten. Unterlaß es, beſtändig von deinem Gefühl und der Pein, die es Dir verurſacht, zu reden, darüber zu klagen und darauf anzuſpielen. Verbirg deine Leiden und deine wärmſten Wünſche in deines Herzens heimlichſten Winkel und laß deine Liebe in Thaten, nicht in Worten hervortreten. Glaube mir, ſie bedarf keiner gedrechſelten Phraſen; ſie zeigt ſich auch ohne dieß, und ſollte der Mann, den Du liebſt, ſie nicht in deinem ganzen Weſen erkennen, ſo verlierſt Du nicht dabei. Gedenke, daß der Kaſten des Reichen geſchloſſen wird, aber der des Armen offen ſteht.“ „Wenn es mir aber dennoch mißlänge?“ „Nun wohl, dann nimmſt Du deine getäuſchten Hoffnungen und legſt ſie in einen roſenrothen Um⸗ ſchlag und ſiegelſt ihn zu, ſo daß Niemand ahnen kann, was darin verborgen iſt, und findeſt dann eine Freude, einen Erſatz darin, daß derjenige, den Du lieb haſt, glücklich iſt. Um ſein Leben nicht zu ver⸗ bittern, umgürteſt Du Dich mit ſo viel Freude, daß die Wunde deines Herzens weder von ihm noch je⸗ mand anders entdeckt wird, wohl eingedenk, daß wir —— 19 allezeit gegen unſere Mitmenſchen die Pflicht haben, ſo wenig langweilig als möglich zu ſein, und daß der Kummer ein Geſpenſt iſt, welches die Freude Anderer verſcheucht, weßhalb wir ihn für uns ſelbſt behalten und ganz incognito, in die Farben des Frohſinns gekleidet, durch's Leben reiſen laſſen müſſen.“ „Ach, Clara, ſo ſprichſt Du jetzt; aber wenn die Prüfungsſtunde kommt, wird deine Lebensphiloſophie dann Stand halten?“ „Ganz gewiß; denn ſie iſt durch die Erfahrung erprobt,“ antwortete Clara, halb lächelnd, halb ernſt. Darauf erhob ſie ſich ſchnell küßte Alfhild auf die Stirne und ſezte hinzu: „Gute Nacht, Herzensfreundin. Verſuche zweier⸗ lei, und das Leben wird ein ganz anderes Ausſehen für Dich gewinnen. Erſtens betrachte es ſtets von der heitern Seite; zweitens fliege nicht von einem Gegenſtand zum andern, um einem Glück nachzujagen, welches Du vor allen Dingen in Dir ſelbſt aufſuchen mußt;— und endlich denke nicht, Du heileſt eine Wunde in deinem Innern dadurch, daß Du Andern eine ſolche ſchlägſt. Gute Nacht!“ Alfhild blieb noch lang ſitzen, nachdem Clara ir ihr Zimmer gegangen war; aber aus ihrem leiden⸗ ſchaftlichen Mienenſpiel ließ ſich erkennen, daß die Worte ihrer Schweſter bereits in Vergeſſenheit ge⸗ rathen waren. 20 III. Am folgenden Tage, Morgens wenige Augen⸗ blicke nachdem Gab riella aus ihrem Zimmer in den Salon getreten war, meldete ein Diener: „Herr Welwort!“ Gabriella ſtand an einer der auf die Veranda gehenden, jetzt geöffneten Glasthüren und ſchaute nachdenklich hinüber nach Ekbaka, wandte ſich aber bei dieſem Namen ſchnell um, gerade als Alrik eintrat. „Ich war überzeugt, daß Sie dieſen Morgen hie⸗ her kommen würden,“ ſagte ſie, ihm ihre beiden Hände reichend. „Und mit Ihrer gewöhnlichen Ergebenheit mach⸗ ten Sie ſich auf die gewöhnliche Plage gefaßt.“ „Ihre Beſuche verurſachen mir keine Plage mehr,“ erwiederte Gabriella ungekünſtelt.„Wenn ich Je⸗ mands Gegenwart nicht ertragen kann, mache ich es wie geſtern.“ Daß Gabriella's Worte Alrik Vergnügen gewähr- ten, ſtand auf ſeinem Angeſicht zu leſen, obwohl er es nicht mit einem Wort zu erkennen gab. „Ich komme heute als Supplikant,“ ſagte er, zund was noch mehr iſt, Sie dürfen mir meine Bitte nicht abſchlagen.“ „Ach, mein Herr, Sie wollen mich gewiß zu Etwas beſtimmen, was mir recht zuwider iſt,“ ſiel Gabriella ein.“ „Ja, Ihnen iſt es immer zuwider, einem Ihrer 21 egoiſtiſchen Genüſſe zu entſagen und für Andere Etwas aufzuopfern.“ „Wollen Sie mir abermals wehe thun?“ „Das geſchieht immer von mir, ſo lang Sie ſchon bei dem Schatten von Etwas, das Sie über den engen Kreis, worin Sie ſich bewegen, hinaus⸗ führen kann, Ihre gewöhnliche Abneigung an den Tag legen. Laſſen Sie eine Zeit lang Ihr eigenes Ich bei Seite und leben Sie ein wenig für und durch Andere.“ „Nun wohl, was begehren Sie, daß ich thun ſoll2“ „Ich wünſche, daß ich Ihnen dieſen Abend mei⸗ nen Bruder vorſtellen darf.“ Alrik legte einen ſtarken Nachdruck auf dieſe Worte. „Herr Welwort, Sie verſprachen, als wir unſer Uebereinkommen trafen, mir den Beſuch oder die Bekanntſchaft anderer fremder Pérſonen nicht auf⸗ nöthigen zu wollen.“ „Das verſprach ich und habe es auch gehalten. Der Beweis dafür liegt eben darin, daß ich Sie bitte, Ihnen meinen Bruder vorſtellen zu dürfen. Wäre meine Abſicht geweſen, Ihnen ſeinen Beſuch aufzwingen zu wollen, ſo hätte ich denſelben geraden Wegs mitgebracht. Jetzt ſtelle ich es Ihnen frei, ob Sie mir dieſe Freude machen wollen, oder nicht.“ Alrik ſtützte ſich auf die Stullehne. Er hatte den Kopf zurückgeworfen und blickte Gabriella ruhig an. Dieſe ſchwieg einen Augenblick ſtill; hernach ſah ſie zu ihm empor und ſagte dann mit dem Tone trauriger Ergebung: „Macht es Ihnen Freude, ſo kann ich mich ja 22 nicht weigern, ohne daß ich des Egoismus beſchul⸗ digt würde, Ihren Wunſch zu erfüllen.“ „Es handelt ſich, gnädige Frau, um eine Gunſt. welche ich perſönlich von Ihnen begehre, und darum kann ich mich über Ihre Frage nicht ausſprechen. Haben Sie die Güte, vollkommen frei zu handeln. Wäre es dagegen Etwas, das mich allein anginge, ie ich meine Gedanken ſogleich ausgeſprochen aben.“ „Ihr Bruder iſt willkommen, Herr Welwort,“ antwortete Gabriella ſchnell. „Sie bringen jetzt ein großes Opfer!“ bemerkte Alrik lächelnd,„aber ſeien Sie ruhig, es iſt wahr⸗ ſcheinlich das Einzige, wozu ich Ihnen Veranlaſſung gebe. Uebrigens ſind Sie in einigen Wochen mei⸗ ner Gegenwart, meiner Theilnahme und meiner Bemühungen, Sie dem Leben und ſich ſelbſt zurück⸗ zugeben, völlig los.— Geſtehen Sie, daß Sie zu⸗ weilen ordentlichen Abſcheu vor mir haben?“ Gabriella betrachtete ihn einige Sekunden ſchwei⸗ gend. Es lag etwas Stattliches in ſeiner ganzen Haltung, in ſeiner Geſtalt und in der Art und Weiſe, wie er den Kopf trug.. Sie antwortete in mildem Tone: „Ich habe nicht einen Augenblick Unwillen gegen Sie empfunden; aber oft, ſehr oft habe ich durch Ihre Worte gelitten. Sie beſitzen das Vermögen, mich tief und ſchmerzlich zu verwunden.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Alrik, indem er mit der Hand über die Stirne fuhr. „Es hat Augenblicke gegeben, da ich wünſchte, Sie möchten mich mit mehr Schonung behandeln, —* 23 beſonders wenn ich bedachte, daß Sie mir ſagten, Sie wollen mein Freund ſein.“ „Gnädige Frau, ich habe das nicht blos geſagt, ſondern glaube auch bewieſen zu haben, daß ich es wirklich bin. Sie dagegen erklärten, daß ich nie⸗ mals etwas Anderes, als nahezu Ihr Feind werden könnte; ſagen Sie nicht ſo?“ „Nein, das nicht.“ „Haben Sie Dank!“ „Ach, Herr Welwort, Sie wiſſen nicht, wofür Sie mir danken; mein finſteres Geſchick wird vielleicht dieſen Moment in ein Unglück für Sie umgeſtalten.“ „Mag geſchehen. Das kommende Unglück kann ſ gegenwärtigen Glück nicht das Gleichgewicht ieten.“ IV. Am Nachmittag fanden ſich Clara und Alfhild im Salon ein. Gabriella begrüßte Alfhild mit einem freundlichen Willkommen und verfiel dann wieder in ihr gewöhnliches Stillſchweigen. „Ich bin heute mit Lektüre verſehen,“ bemerkte Clara und nahm in einem Fauteuil neben Gabriella Platz.„Herr Welwort überbrachte mir heute Mor⸗ gen einen ganzen Plunder von Büchern.“ „War er eben bei Dir?“ ließ Gabriella ſich vernehmen, zu deren Brauch es ſonſt nicht gehörte, eine Frage zu thun. „Er macht immerdar einen kurzen Beſuch bei ——,——— 24 mir, wenn wir ihn hier nicht treffen,“ erwiederte Clara lachend. „Was iſt das für ein Werk, welches Du da haſt?“ fragte Gabriella, indem ſie die Hand nach dem Buch ausſtreckte. „Ach, etwas ganz Außerordentliches,“ antwortete Clara munter, und reichte Gabriella das Buch. Dieſe ſah nach dem Titelblatt und las: Daſſy Burns von Julie Kavanagh. „Ein Roman alſo?“ bemerkte Gabriella und gab das Buch mit völlig gleichgültiger Miene zurück. „Ja, und das von einer Frau obendrein, und eine rechte Lapperei, wie man glauben möchte; aber Herr Welwort verſicherte, es ſei in ſeiner Art ein kleines Meiſterſtück, und darum gedachte ich, es Dir vorzuleſen. „Thue es, wenn Du willſt.“ Gabriella nahm eine Arbeit, die neben ihr lag; Clara ſchlug das Buch auf, um anzufangen; aber ſie hatte nicht Zeit, nur ein Wort zu leſen, denn der Diener meldete: „Die Herren Welwort.“ Dieſe Worte wirkten elektriſch auf Alfhild, welche mit einer raſchen Bewegung ſich nach den Eintreten⸗ den umwandte. Clara ſchlug das Buch zu und Gabriella legte ihre Arbeit bei Seite. Alrik trat zuerſt ein; als aber Gabriella ſich er⸗ hob, zog er ſich ein wenig auf die Seite, ſo daß Ernſt und er neben einander zu ſtehen kamen. 25 Sie waren ungefähr bis in die Mitte des Saals gelangt, als Gabriella aufſah. Als ihre Augen auf Ernſt fielen, machte ſie ein paar heftige Schritte auf ihn zu, blieb aber plötz⸗ lich ſtehen, während ihr Angeſicht zuerſt mit einer Purpurflamme ſich übergoß, dann aber leichenblaß wurde. Auch Ernſt hatte eine unfreiwillige Bewe⸗ S um auf ſie zuzueilen, hielt aber wieder an ſich. Gabriella blieb unbeweglich ſtehen und ſtarrte ihn an. Dieſe Zeichen des Erkennens und der Ueber⸗ raſchung waren ſo heftiger Natur, ſo in die Au⸗ gen fallend, daß die drei zuſchauenden Perſonen dadurch in nicht geringe Verwunderung verſezt wurden. Alriks Augen ſchoſſen Blitze des Haſſes auf Gabriella, der Eiferſucht und des Zorns auf Ernſt. Alrik betrachtete beide mit ſtolzer und im höchſten Grade mißvergnügter Miene. Clara ihrerſeits hatte ſich gleichfalls über dieſen Auftritt betroffen gefühlt; aber bei der Bewegung, welche Gabriella's Aeußeres zu erkennen gab, richtete ſie die Augen ſogleich auf ihre Schweſter und er⸗ ſchrack beinahe über deren Geſichtsausdruck. Als ſie hierauf Alriks ſtrenge Miene gewahrte, da wurde ihre Beſorgniß noch größer und ſie dachte: „Hier ſieht es aus, als zöge ſich ein Ungewitter zuſammen, welches ſehr betrübende Folgen haben könnte, wenn es zum Ausbruch kommt; es wird darum das Beſte ſein, wenn ich mich in die Sache ——————— 26 miſche. Sollte auch Alriks grimmiger Zorn auf mich fallen, ſo muß ich mich wohl darein ergeben.“ Von dieſer lobenswerthen Eingebung geleitet, trat Clara vor, indem ſie zu Gabriella ſagte: „Da Herr Alrik Welwort zu vergeſſen ſcheint, ſeinen Bruder vorzuſtellen, ſo ſehe ich mich genöthigt, dieß zu thun, denn ſonſt wäre Gefahr, daß ihr den ganzen Tag ſo ſtehen bleiben müſſet. Beſte Gabriella, geſtatte mir alſo, die Vorſtellung ſelbſt zu über⸗ nehmen: Ingenieur Ernſt Welwort; und Sie, Herr Ingenieur, ſtehen vor Frau von Saint Sue.“ Dieſe Worte lösten den Zauber. Gabriella ſtieß einen tiefen Seufzer aus und reichte Ernſt die Hand, indem ſie ihn willkommen hieß. Ernſt faßte die dargebotene Hand und verbeugte ſich, während er, ſichtbar aufgeregt, mit ſtarker Be⸗ tonung ſagte: „Ich ſchätze mich ſehr glücklich, die Bekannt⸗ ſchaft der Frau von Saint Sue z u machen.“ Als er ſich zu Clara und Alfhild wendete, um ſie gleichfalls zu begrüßen, war ſein Angeſicht voll⸗ kommen ruhig, und nicht eine Spur der Bewegung, die ihn ergriffen hatte, mehr wahrzunehmen. Clara erwiederte ſeinen Gruß auf verbindliche Weiſe, Alfhild mit einem beinahe kalten Lächeln und einigen Worten, welche dem wechſelnden Cha⸗ rakter, den ſeine Miene zu erkennen gab, angepaßt waren. Mittlerweile näherte ſich Alrik Gabriella. Die tiefe Bläſſe war verſchwunden, und wenn er auch ſein ſtattliches Haupt noch ſtolz trug, lag doch eher 27 Bekümmerniß als Erbitterung in ſeiner Stimme, als er ſagte: „Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, die Ueber⸗ raſchung, zu finden, daß ſie meinen Bruder kennen, hat mich ſo verblüfft, daß ich außer Acht ließ, ihn vorzuſtellen— etwas, das ich doch zu thun ſchul⸗ dig war, da ich mir dieſe Gunſt von Ihnen aus⸗ gebeten. Ich hätte mich hüten ſollen, zu bemerken zu geben, daß Sie ihn früher ſchon kannten, da Sie nicht wollten, daß ich das wiſſen ſollte.“ Gabriella legte ihre Hand in die Alriks und ſah zu ihm auf, indem ſie antwortete: „Ihr Bruder war für mich ein Fremdling.“ Ihr Ton hatte einen unabweislichen Ausdruck von Wahrheit. Ganz leiſe ſetzte hinzu: „Geben Sie mir einige Augenblicke, um mich zu faſſen. Lenken Sie die Blicke dieſer Leute von mir ab; ich leide.“ Alrik ließ ihre Hand los. Er wechſelte die Farbe, antwortete aber ſanft: „Dieß war das erſte Begehren, das Sie an mich ſtellten.“ Darauf wandte er ſich zu Clara und ſagte ganz munter: „Sie, Fräulein Clara, werden ſich doch immer in meine Handlungen miſchen, treten dazwiſchen und richten Verwirrung an. Jetzt haben Sie mir meine ſo ſchön ausgedachte Scene geſtört.“ „Sie war wohl recht ſinnreich, da Herr Welwort ſie ausgedacht hat. Oder ſollte der glücklichen Idee jetzt erſt die Ehre zu Theil geworden ſein, in 28 Ihrem erfindungsreichen Gehirn geboren zu werden?“ bemerkte Alfhild. „Sie thun ſehr wohl daran, meine Gnädige, meine Erfindungsgabe, ſowie meinen Scharfſinn nicht in Zweifel zu ziehen. Im entgegengeſetzten Fall würde ich Ihnen einen ſchlagenden Beweis von die⸗ ſen meinen beiden Vorzügen gegeben haben.“ Mit dieſen Worten zog Alrik den Seſſel, worauf er ſaß, näher zu Alfhild heran. Clara hatte da⸗ gegen Ernſt eingeladen, Platz zu nehmen; ſie ſelbſt ſetzte ſich in die Mitte des kleinen Kreiſes, welcher ſich um den Sopha, worauf Gabriella ſich befand, ge⸗ bildet hatte. Dadurch, daß er ſich mit dem Seſſel, in welchen er ſich etwas nachläſſig geworfen, eine Schwenkung machte, war es ihm gelungen, die Ecke, in welcher Gabriella niedergefunken war, ganz zu verdecken, und als Clara auf dem andern Seſſel Platz nehmen wollte, faßte er denſelben und gab ihm einen ſolchen Ruck, daß die Lehne einen weiten Schirm bildete, hinter welchem Gabriella ganz und gar vor jedem Blicke verſchwunden war. „Und welcher Beweis wäre dies?“ fragte Alf⸗ hild trotzig. „Soll ich es laut ſagen, oder Ihnen nur zu⸗ flüſtern?“ fragte Alrik ſpottend und ärgerlich. „Zwiſchen Ihnen und mir gibt es kein Ge⸗ heimniß,“ entgegnete Alfhild, indem ſie Alrik einen ſtolzen Blick zuwarf. „Da haben Sie Recht; aber ich könnte ja zu⸗ fällig mittelſt meines Scharfſinns Etwas von Ihren Heimlichkeiten entdeckt haben.“ „Erlauben Sie mir, das zu bezweifeln.“ 29 „Zum Beiſpiel, daß Sie—“ Alrik hielt an, denn eine Hand faßte ihn am Arm und Clara ſagte: „Hören Sie, wie es draußen auf dem Wettern⸗ ſee bläst? Geſtehen Sie, es iſt ein ſchöner Anblick, die ſpritzenden Wogen in raſtloſer Unruhe gegen den Strand raſen und hier in ihrer unmächtigen Wuth ſich in Schaum auflöſen zu ſehen. Wenn der Himmel klar iſt und es ſtürmt wie heute, dann gefällt mir die tiefblaue Fläche des Sees.“ „Ja, es liegt etwas Wunderbares in dem Ge⸗ fühl, womit man den forteilenden Wellen folgt,“ fiel Ernſt ein. Alrik ſah Clara mit einem eigenthümlichen, hälb ironiſchen, halb ungeduldigen Blick an und ging dann auf die neue Wendung ein, welche das Ge⸗ ſpräch damit erhielt. Nachdem er ungefähr eine Stunde über dieß und jenes geplaudert und bei ſeinen Bemühungen, Clara's und Alfhilds Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, von Ernſt ſehr gut ſekundirt worden war, gab er ſeinem Seſſel wieder eine plötzliche Wendung und begann mit einer Entſchuldigung gegen Gabriella, daß er in ſeinem Eifer und gegen ſeinen Willen ihr den Rücken zugekehrt hatte, eine allgemeine Converſation und zwang auf ſolche Art Gabriella, ſich daran zu betheiligen. Clara rückte ebenfalls auf die Seite, und ſo befand ſich Ernſt gerade Gabriella gegenüber. Trotz Alfhilds Nachbarſchaft weilte ſein Auge einige Minuten lang mit einem ſo warmen und zärtlichen Ausdruck auf Frau von Saint Sue, als 30 ob er ſie dadurch hätte zwingen wollen, aufzuſchauen: Etwas, das ſie gleichwohl nicht that. Alrik war auf ſeine Reiſen zu ſprechen gekom⸗ men und wußte durch ſeine ſchimmernde und farben⸗ reiche Phantaſie ſeinen Beſchreibungen Lebens⸗Wir⸗ kung zu geben. Ernſt gehörte jedoch nicht zu denen, welche auf längere Zeit einem andern Mann die erſte Stelle in einer Geſellſchaft einräumten; deßhalb miſchte er ſich ebenfalls mit großer Zuverſichtlichkeit in das Geſpräch, lenkte es von den Reiſen auf das hiſtoriſche Gebiet, und es gelang ihm mittelſt ſeiner ungewöhnlichen Gabe, die Worte ſo zu wählen, daß ſie in ſeinem Munde beſſer als in dem von Andern lauteten, das ausſchließliche Intereſſe an das, was er ſagte, zu feſſeln und ſeinen Bruder um die Aufmerkſamkeit, die man bisher dieſem zugewendet hatte, zu beſtehlen. Gabriella beſchränkte ſich indeſſen auf die Rolle einer ſtummen Zuhörerin und lauſchte ſeiner wirk⸗ lich ſchönen Schilderung des alten republikaniſchen Griechenlands, den Kopf in die Hand geſtützt, ohne ein einziges Mal die Augen zu erheben und auf den ſchönen Erzähler zu heften, welcher ſeinerſeits den Blick nicht von ihr abwandte. Als er ſchwieg, ſchaute Gabriella auf und fragte: „Wie lang ſind Sie wieder in Schweden?“ „Ich bin vor ſieben Jahren aus Italien zurück⸗ gekehrt.“ „Reisten Sie damals direkt von Venedig ab?“ „Ja, als ich Venedig verlaſſen konnte, legte ich h. Reiſe, ohne mich unterwegs aufzuhalten, zu⸗ rü* 31 Bei Gabriella's Frage hatte Alrik ganz verwun⸗ dert ſeinen Bruder angeſehen. Alfhild bemerkte: „Sie haben uns, Herr Ingenieur, zwar Ihre Reiſen in Frankreich und Deutſchland beſchrieben, aber niemals eines Beſuchs in Italien Erwähnung gethan.“ „Das iſt möglich, daß ich davon zu ſprechen ver⸗ geſſen habe,“ antwortete Ernſt nachläſſig. „Man kann doch nicht auf Alles zu reden kom⸗ men,“ fiel Clara lachend ein und gab dem Geſpräch wieder eine andere Wendung. Eine Weile nachher ſtand Alrik auf und griff nach ſeinem Hute. Ernſt mußte ſeinem Beiſpiel fol⸗ gen, und ſie verabſchiedeten ſich. Gabriella zog ſich in ihr Zimmer zurück. Clara und Alfhild ſtiegen in den zweiten Stock hinauf. V. Lang ritten Ernſt und Alrik ſtumm neben ein⸗ ander her. Der erſtere ſah aus, als wäre er nicht ſonderlich zum Sprechen aufgelegt. Endlich brach Alrik das Stillſchweigen. „Du haſt mich getäuſcht, als Du mir ſagteſt, Frau von Saint Sue ſei Dir unbekannt,“ begann er mit einem ſtrengen Blick auf ſeinen Bruder. „Nein; ich kannte Frau von Saint Sue nicht,“ lautete Ernſts Antwort. 32 „Nicht? Du willſt alſo behaupten, ſie früher nicht geſehen zu haben?“ „Ich behaupte gar Nichts, ich ſage blos, daß Frau von Saint Sue mir unbekannt war.“ „Es geſchah heute nicht das erſte Mal, daß Du ſie ſaheſt.“ „Doch, ich habe Frau von Saint Sue zum erſten Mal geſehen.“ „Willſt Du ehrliches Spiel halten und aufrichtig antworten?“ rief Alrik und ſpornte ſein Pferd, daß es einige Sätze machte. „Ich antworte gar nicht,“ erwiederte Ernſt be⸗ ſtimmt. Wiederum trat Schweigen ein, und beide Brü⸗ der ritten eine Strecke weit in vollem Galop dahin. Endlich griff Alrik in den Zügel und hob wieder an: „Du willſt alſo nicht erklären, woher deine Ge⸗ müthsbewegung entſprang, als Du Gabriella er⸗ blickteſt?“ „Nein, jetzt nicht.“ „Warum haſt Du mich niemals davon in Kennt⸗ niß geſetzt, daß Du in Italien geweſen?“ „Weil ich nicht gern von meinem Aufenthalte daſelbſt ſpreche.“ „Ernſt, kannſt Du mir ſagen, woher es kommt, daß Du immerdar mein Vertrauen beſaßeſt, aber ich niemals das Deinige gewann?“ fuhr Alrik mit un⸗ terdrücktem Zorn fort. „Das weiß ich nicht; ich habe niemals daran gedacht. Du haſt mein Vertrauen, ſo weit ich es irgend jemand ſchenken kann. Uebrigens ſehe ich teinen rechten Grund davon ein, daß man von Allem 33 ſprechen ſoll, was man ſich vornimmt. Wir müſſen uns ſelbſt genug ſein können.“ „Du kannſt es, das weiß Gott. Du biſt Dein Leben lang ein eingefleiſchter Egoiſt geweſen, an den ich den beſten Theil meiner Zuneigung und Freund⸗ ſchaft, was Du niemals zu ſchätzen wußteſt, ver⸗ ſchwendete. Du haſt dieſe Gabe hingenommen, ohne mir Etwas dagegen zukommen zu laſſen, und ich bin ein verteufelter Narr geweſen, um nicht einzu⸗ ſehen, daß Du mit deinem zweideutigen und ſelbſt⸗ ſüchtigen Charakter mich nicht begreifen konnteſt.“ „Alrik, ſprich nicht ſo viel von meiner Selbſtſucht und der Abweſenheit derſelben bei Dir; Du dürfteſt ielleicht eines Tags recht klar einſehen, was für ein großer Egoiſt Du ſelbſt biſt.“ „Ich Egoiſt,“ rief Alrik, blutroth vor Zorn.„Wie elend und niedrig, mir einen Fehler andichten zu wollen, über welchem Du mich vergeblich zu betreten ſuchen wirſt. Nein, mein lieber Ernſt, welche mora⸗ liſche Gebrechen Du mir auch zuſchreiben magſt, ſo iſt es doch Egoismus gewiß nicht.“ „Und doch könnte ich Dir eben jetzt es beweiſen.“ Alrik ſchleuderte ſeinem Bruder einen grimmigen Blick zu, ohne jedoch eine Antwort zu geben, und ſetzte ſein Pferd wieder in vollen Galop. Ernſt ließ das ſeinige im Schritt gehen und ver⸗ ſank in Gedanken. Etwas wie ein Kampf ging in ſeinem Innern vor, und der unaufhörliche Wechſel in ſeinem Geſichtsausdruck bewies, daß dieſer Kampf heftiger Natur war, und daß bald die beſſeren, bald die ſchlimmern Gefühle die Oberhand behielten. Als er ziemlich ſpät nach Alrik zu Ekbaka an⸗ Schwartz, Ein Opfer der Rache. II. 3 34 kam und ſich nach ſeinem Bruder erkundigte, erhielt er zur Antwort, daß derſelbe kaum heimgekehrt, ſich ſogleich wieder auf den Weg gemacht habe;— wo⸗ hin, wußte man nicht. VI. Als ſich in Wettersnäs Jedermann zur Ruhe be⸗ geben hatte, erſchien eine weiße Frauengeſtalt auf der Veranda. Sie ſtieg die Treppe hinab, ſchlug den Weg nach dem Garten ein und wandte ſich ge⸗ gen das Pförtchen, welches nach dem Walde und der Bergſpitze führte. 5 Gerade als ſie das Pförtchen öffnete und hinaus⸗ treten wollte, ſtellte ſich ihr eine hochgewachſene Mannsgeſtalt entgegen. Sie zog ſich erſchrocken zu⸗ rück, aber als ſie in demſelben Momente zu ihm aufſah, rief ſie: „Ha, Sie hier, mein Herr!“ „Ja,“ antwortete Alrik in ruhigem und ernſtem Ton.„Ich bin hier, um Sie daran zu hindern, den Berg zu beſuchen und ſich dort Frinnerungen zu überlaſſen, welche Ihr Inneres verzehren und auf⸗ reiben. Dieſes traurige und zweckloſe Brüten über der Vergangenheit muß aufhören. „Muß!“ wiederholte Gabriella. „Ja, ich ſage: muß, weil ich aus Rückſicht auf Ihren Kummer noch nicht die ungeſchminkte Sprache der Wahrheit geredet habe. Nun bin ich hier, um dieß zu thun, Die Gemüthsbewegung, der Sie heute Abend zum Raub wurden, zeigte mir den ganzen Umfang der Schwäche, wovon Sie beherrſcht werden. Alles iſt ja im Stande, Sie aufzuregen. Meine Be⸗ rechnung bewährte ſich vollkommen, da ich voraus⸗ ſah, Sie würden heute Abend da hinaufgehen“— er deutete hiebei auf den Berg—„und dort in der Betrachtung der Vergangenheit, welche der Anblick meines Bruders Ihnen auf irgend eine Weiſe zu⸗ rückgerufen hatte, die Wunde Ihrer Seele wieder aufreißen. Ich habe mich darum hier eingefunden, um Sie an der beabſichtigten Wallfahrt zu hindern und ſtatt deſſen Sie zu zwingen, das was ich mir zu ſagen vorgenommen hatte, nunmehr anzuhören.“ „Mein Herr, bei unſerer Uebereinkunft war nicht mit inbegriffen, daß Sie ſich zum Herrn über meine Handlungen aufwerfen oder irgend die Vormund⸗ ſchaft über mich übernehmen ſollten,“ fiel Gabriella mit werletztem Stolze ein. „Sie ſind aufgebracht? Um ſo beſſer; aber dieß kann mich nicht abhalten, meinen Vorſatz jetzt auszu⸗ führen. Was macht es, wenn Sie mir verbieten, Sie während der Zeit zu beſuchen, welche noch von den bedungenen drei Monaten übrig iſt. Ich werde Sie heute Abend doch nicht verlaſſen, ohne das Ge⸗ bäude von Schwäche, Betrübniß und Egoismus, wel⸗ ches Sie ſo ſorgfältig aufgerichtet haben, vollſtändig zerſtört zu ſehen. Sprechen Sie mir nicht von der Uebereinkunft; ich habe das, wozu ich mich verpflich⸗ tete, nicht übertreten. Ich habe geſagt: ich will Sie dem Kummer entreißen, in welchen Sie verſunken ſind, und das iſt es eben, was ich jetzt zu thun im Begriff bin. Setzen Sie ſich alſo, Madame und hören Sie mich an. Sie kennen von meinem Cha⸗ 3 36 rakter ſo viel, um zu wiſſen, daß Sie hier, um⸗ geben von dieſer dunkeln Racht, ebenſo ſicher ſind, als wenn Sie in Geſellſchaft Ihrer Anverwandten im Salon ſäßen.“ Bei dieſen Worten faßte er Gabriella's Hand und führte ſie zu einer der Ruhebänke im Garten. Nach⸗ dem er ſie beſtimmt hatte, ſich niederzulaſſen, nahm er neben ihr Platz. Es trat eine kurze Pauſe ein; darauf nahm Al⸗ rik wieder das Wort: ſ „Ich kenne die Beſchaffenheit Ihres Kummers, obſchon Sie es nicht glauben, und finde die Art und Weiſe, wie Sie denſelben tragen, ſchwach und eines Chriſten unwürdig. „Herr Welwort, wenn Sie von demſelben Kennt⸗ niß hätten, würden Sie mich nicht ſo ſtreng beur⸗ theilen,“ „Doch gerade deßhalb, und Sie müſſen mich an⸗ hören, ohne ſich durch meine Worte verwundet zu fühlen. Laſſen Sie dieſelben vielmehr zu Ihrem Verſtand und Herzen dringen und die Wirkung her⸗ vorrufen, daß Sie mit der Kraft eines wahren Chriſten Ihre Leiden ertragen. Es gibt ein Ereig⸗ niß in Ihrem Leben, das Ihre endloſe Gewiſſens⸗ qual hervorgebracht hat. Sind Sie wirklich der Au⸗ ſicht, durch dieſe ſtumme, müßige Verzweiflung, dieſe Abſonderung von Andern das, was Sie verbrochen zu haben glauben, fühnen zu können? Sie werden antworten:„ich entſage ja Allem, was das Leben erheitern kann, zur Buße für das, was ich gefehlt habe.“— Aber ich muß Ihnen antworten: damit fühnen Sie Nichts. Nicht durch eine paſſive Ver⸗ 37 zichtleiſtung auf das, was uns glücklich macht, beſ⸗ ſern wir unſern innern Menſchen, ſondern durch eine ſolche Einrichtung unſeres Lebens, daß wir durch eine für unſern Rächſten nützliche Exiſtenz uns mit Gott und unſern Mitmenſchen zu verſöhnen ſuchen. Es gibt keine Thränen, welche eine begangene Sünde abwaſchen, wenn ſie nicht von guten Handlungen begleitet ſind. Die Reue muß uns zur Veredlung, zur Thätigkeit in Allem anſpornen, was höhern Menſchenwerth verleihen und uns ſchließlich zu einer ſolchen Vollendung führen kann, daß wir am Rande des Grabes zu unſerem Herrn aufſchauen und fragen können:„Biſt Du zufrieden mit mir, o Gott!— iſt es mir gelungen, meine Sünden abzuwaſchen?“ — Nun frage ich Sie, was haben Sie gethan, um wieder gutzumachen, was Sie gefehlt zu haben glau⸗ ben? Nichts, müſſen Sie antworten. Sieé haben ſich hier begraben, Ihr Leben verbittert, Ihre Tage unter Thränen und Verzweiflung hingeſchleppt und ſind gegen die Welt und die Menſchen um Sie her⸗ um gleichgültig geblieben. Iſt dieß die rechte Art und Weiſe, ſich mit ſeinen Fehlern, ſeinem Unglück und ſeinem Leiden zu verſöhnen? Nein; es iſt nur ein Beweis von Schwäche, von einer abſoluten und ausſchließlichen Rückſicht auf Ihr eigenes Ich. Wer⸗ fen Sie den Gedanken an ſich ſelbſt, an den Schmerz, der Sie betroffen, an das Mißgeſchick, das Ihrem vergangenen Leben anhing, von ſich. Treten Sie in die Welt hinaus, ſehen Sie ſich nach Ihren ver⸗ wahrlosten Nebenmenſchen um, reichen Sie denſel⸗ ben eine hilfreiche Hand, tröſten Sie die Unglück⸗ lichen, trocknen Sie die Thränen der Noth und wir⸗ 38 ken Sie als ein Chriſt, öhne an etwas Anderes, als an das Gute zu denken, welches Sie mit Ihren Reichthümern und Ihrem Herzen ausrichten können. Fliehen Sie die Einſamkeit, die Ihnen ſo werth iſt, und faſſen Sie den Entſchluß, groß und edel zu handeln. Den Frieden, den Troſt, um welchen Sie jetzt vergeblich Gott anrufen, werden Sie dann fin⸗ den. Sie haben dann als ein Menſch Ihren Platz im Leben ausgefüllt und nicht einer elenden Selbſt⸗ ſucht Ihre beſten Kräfte aufgeopfert. Schwach, ja verächtlich ſchwach iſt der Menſch, welcher nicht in dem Nutzen, den er ſtiften kann, Troſt ſucht, nicht aus dem Schooße des Schmerzes in die Arme der Thätigkeit flieht, ſondern ſich maßloſen Klagen über das, was nicht mehr zu ändern iſt, hingibt.“ Alrik hielt an. Gabriella hatte das Angeſicht mit den Händen bedeckt. Sie weinte. Trotz der Dunkelheit konnte Alrik aus Ihrer ganzen Haltung abnehmen, daß ſie ſich wie zermalmt fühlte. Ein langes, ſehr langes Stillſchweigen trat ein; endlich erhob Gabriella den Kopf und reichte Alrik die Hand, indem ſie aufſtehend hinzuſetzte: „Sie haben Recht; Ihre Worte ſind mit Flam⸗ b. menſchrift in mein Herz gegraben.— Gute Nacht!. Ich danke Ihnen!“ ſchloß ſie mit bebender Stimme. Alrik faßte mit einer lebhaften Bewegung ihre Hand, ließ ſie aber ſogleich wieder los und ſagte, ohne daß ſein Ton Etwas von den mildern Gefüh⸗ len verrieth, welche in ſeinen Zügen zu leſen waren, in der Dunkelheit von Gabriella unbemerkt blieben: 39 „Gute Nacht, Frau von Saint Sue; nun iſt Ihnen der Weg unverſperrt zu dem Schauplatz Ih⸗ res Unvermögens, das Schickſal, das Ihnen aufer⸗ legt iſt, zu tragen. Ich hindere Sie nicht, Ihre Wallfahrt dahin zu unternehmen, und werde es nie mehr thun.“ „Ach, mein Herr! ſind es der vernichtenden Worte, die Sie ausgeſprochen haben, nicht genug, daß Sie noch weitere hinzuzufügen brauchen?“ „Die Wahrheit hat niemals eine vernichtende Wirkung, wenn man ſie recht verſteht. Man macht es wie der Baum, welcher ſeine ſtolze Krone beugt, aber ſie nachher wieder aufrichtet.“ Hierauf entfernte ſich Arlik. Gabriella kehrte in ihre Wohnung zurück. Lang blieb ſie am Fenſter ſtehen und ſchaute in die ſtille Nacht hinaus, die Hände zum Gebet gefaltet; dann ging ſie, die Ruhe aufzuſuchen, während ſie bei ſich dachte: „Gott hat dieſen Mann mir auf den Weg geſandt.“ VII. Der folgende Tag verging, ohne daß Alrik ſich zu Wettersnäs ſehen ließ. Gabriella hatte augenſcheinlich erwartet, daß er kommen würde, denn ſie verließ ihre Wohnung den ganzen Tag nicht. Als auch der nächſte Tag zu Ende ging, ohne daß er Etwas von ſich hören ließ, gab ſie am dritten Morgens früh Befehl, ihr Pferd 40 zu ſatteln und ritt ſofort, ihrer Gewohnheit gemäß, ganz allein davon. Während der zwei vergangenen Tage hatte Ga⸗ briella nicht ein einziges Mal ſich ihren gewöhn⸗ lichen ſchwermüthigen Träumereien überlaſſen. Am erſten Tage hatte ſie ſich lang mit ihrem Intendan⸗ ten beſprochen, dann an den Paſtor geſchrieben, ſo⸗ fort die Geſeilſchaft von Clara und Alfhild aufge⸗ ſucht und zum erſten Mal ſeit deren Ankunft in ihrem Hauſe nach deren frühern Schickſalen gefragt, nach ihren ſonſtigen Verwandten, die Gabriella nicht kannte und dgl., ſich erkundigt und eine außerordent⸗ liche Theilnahme für Alles, was ſie betraf, an den Tag gelegt. Am dritten Tage Morgens hatten die Mädchen noch nicht Zeit gehabt, ſich anzukleiden, als Clara von ihrem Fenſter aus ſie fortreiten ſah. „Nun fehlt nur noch, daß der Unhold erſcheint; der wird mich ſicherlich verſchlingen, wenn ihm zu Ohren kommt, daß Gabriella ganz allein ausgerit⸗ ten iſt,“ rief Clara mit einer Miene komiſchen Schreckens. „Hat er Dir denn aufgetragen, Gabriella zu be⸗ wachen, und iſt Herr Alrik deren Gebieter?“ fragte Alfhild höhniſch. „Hilf, Samiel!“ ſchrie Clara auf, ohne ihrer Schweſter Frage zu beantworten.„Da kommt er wirklich angeritten. Nun wird es mir ſchön ergehen.“ Clara beeilte ſich, ihre Toilette zu beendigen, und Alfhild äußerte mit zornigem Erröthen: „Weißt Du, Clara, daß die Unverſchämtheit die⸗ ſes Mannes hier im Hauſe mir unleidlich erſcheint, 41 und daß ich nicht begreife, wie Du ſein keckes und anmaßendes Benehmen ertragen kannſt? Was Ga⸗ briella betrifft, ſo...“ „Tralala, lala, liebe Schweſter, ich muß hinun⸗ ter, um mir einen Verweis geben zu laſſen.— Sieh, da haben wir ſchon Carin, welche mich vor den geſtrengen Herrn beruft,“ ſetzte ſie hinzu, als die Dienerin im Vorzimmer ſichtbar wurde. „Herr Welwort wünſcht mit Mamſell Clara zu ſprechen,“ meldete Carin. „Hier bin ich!“ antwortete Clara und tanzte durch das Zimmer und die Treppe hinab. Als ſie in den Salon trat, rief ſie Alrik ent⸗ gegen: „Ich bin verloren! Während ich eben daran war, mich anzukleiden, iſt Gabriella fortgeritten. Ich ſah es durch mein Fenſter und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als mir einfiel, Sie könnten während deren Abweſenheit hier eintreffen. Nun erwarte ich blos, daß Sie mich in Stücke reißen.“ Clara's Miene war ſo äußerſt komiſch, daß Alrik nicht umhin konnte, lächelnd zu antworten: „Ich gebe gern zu, daß Sie eine ſolche Strafe verdienten, da Sie Ihres Amtes als Geſellſchafte⸗ rin und Tröſterin der Frau von Saint Sue ſo ſchlecht warten; aber es ſoll Gnade für Recht er⸗ gehen, wenn Sie mir nur ſagen können, wohin ſie ihren Weg genommen hat.“ „Sie ritt gegen die Kirche von Wetters hin.“ „Gut!— Wie iſt ihre Gemüthsſtimmung in den letzten Tagen, da ich nicht herüberkommen konnte, geweſen?“ 42 „Ungewöhnlich theilnehmend und geſprächig.“ „Und Sie, können Sie dieſelbe noch immer nicht lieben?“ „Herr Welwort,“ erwiederte Clara ernſt,„ich hege eine aufrichtige Zuneigung zu Gabriella.“ „Das iſt Alles, was ich wünſche. Sie bedarf Ihrer Freundſchaft, wenn ich fort bin. Leben Sie wohl, Fräulein Clara.“ Er drückte ihr die Hand und war im nächſten Augenblick auf dem Wege nach der Kirche von Wetters. „Herr mein Gott, man wird noch ſehen, daß auch der da in Liebe verfällt und— ſentimental wird,“ ſprach Clara bei ſich, indem ſie des Lachens ſich nicht enthalten konnte.„Das wäre eine wahr⸗ hafte Parodie, wenn auch dieſes energiſche Angeſicht mit ſeinem männlichen Gepräge ſich weinerlich und zärtlich darſtellte. Aber dann verſichere ich ihn, daß er bei mir ſchlecht ankommt, denn ich mache be⸗ ſtimmt einen completen Narren aus ihm.“ VIII. Alrik eilte in geſtrecktem Trab davon und hätte ſein Pferd vielleicht zu Schanden geritten, wäre nicht, zum Glück für das arme Thier, Gabriella auf den Einfall gekommen, das ihrige im Schritt gehen zu laſſen, ſo daß ſie noch keinen ſehr weiten Vor⸗ ſprung hatte, ſondern Alrik ſie bald zu Geſicht bekam. Bei dem Schall der ſchnellen Hufſchläge drehte 43 Gabriella den Kopf um, und als ſie Alrik gewahr wurde, hielt ſie ihr Pferd an; in der nächſten Mi⸗ nute war er an ihrer Seite. „Ich bin heute ausgeritten, um Sie aufzuſuchen,“ ſagte Gabriella. „Das freut mich; aber wo glaubten Sie mich zu finden?“ „Bei dem Kirchenbau.“ „Dahin geht auch meine Abſicht:“ „Gut, dann können wir den Weg zuſammen machen.“ Damit ſetzte Gabriella ihr Pferd in ſchnellere Bewegung. „Da Sie mich aufzuſuchen gedachten, ſo ver⸗ muthe ich, daß Sie mir etwas Beſonderes zu ſagen haben.“ „Ganz gewiß.“ „Und dgs iſt?“ „Die Bitte an Sie, mich zu lehren, mein Leben und mein Vermögen zum Beſten Anderer anzuwen⸗ den,“ erwiederte Gabriella mit einem kindlichen Accent in ihrer Stimme und einer höhern Farbe auf ihren bleichen Wangen. In dieſem Augenblick war ſie wirklich ſchön, und ſo kam es ſelbſt Alrik vor, als er mit Wärme antwortete: „Ich danke Ihnen für dieſe Worte, die mich zugleich ſtolz und glücklich machen; denn ſie bewei⸗ ſen mir, daß ich nicht vergeblich geſprochen habe. Ich brauche Sie nichts zu lehren, ſondern blos in Kenntniß zu ſetzen, daß es bei der Gemeinde hier in hinreichender Menge Armuth und wirkliches Elend gibt, aber an den Menſchen mangelt, welche Theil⸗ 44 nahme für die Nothleidenden empfinden. Sie ſind übrigens die reichſte Perſon im Kirchſpiele.“ „Ach, Herr Welwort, Sie wiſſen nicht, wie fremd ich allen Verhältniſſen des Lebens geworden bin, und wie ſehr ich mich außer Stand fühle, zu handeln, ohne daß mir wenigſtens zu Anfang Je⸗ mand hilft. Mein ganzes Leben iſt eine fortgeſetzte Unthätigkeit und Iſolirung geweſen.“ „Geweſen, ja; aber es wird ſo nicht bleiben.“ „Wollen Sie mir helfen, den erſten Schritt auf der Bahn der Wohlthätigkeit zu thun?“ „Das will ich.“ „Dank!“ Hiemit trat eine Pauſe ein, während welcher Alriks Augen auf Gabriella weilten; nach einer Weile nahm letztere wieder das Wort: „Warum ſind Sie die letzten zwei Tage nicht in Wettersnäs geweſen?“ „Weil ich wünſchte, daß Sie meine Worte ganz ungeſtört überlegen und ohne weitere Einwirkung von meiner Seite Ihren Entſchluß faſſen ſollten, alſo entweder Ihr Leben fortwährend zu verträu⸗ men, oder einem nützlichen und thätigen Streben zu widmen ſich vornehmen würden.“ „Waren Sie alſo nicht überzeugt, welchen von dieſen beiden Entſchlüſſen ich faſſen würde?“ „Allerdings; ich hätte im Voraus ſagen können, Ihr Herz würde das wählen, was Ihrer würdig war. Hätte ich auch nur einen Augenblick daran gezweifelt, ſo wären Sie für mich nicht die Frau geweſen, wofür ich Sie gehalten.“ 1„ 45 Wiederum entſtand eine Pauſe. Dießmal brach Alrik das Stillſchweigen. „Geſtatten Sie, daß mein Bruder ſeinen Beſuch zu Wettersnäs erneuert?“ Gabriella wechſelte die Farbe, antwortete aber ſogleich: „Er iſt willkommen.“ Sie beugte ſich nieder und klopfte ihr Pferd auf den Hals; darauf wandte ſie ſich zu Alrik und fuhr fort: „Sie glauben, ich habe die Unwahrheit geſpro⸗ chen, als ich ſagte, ich kenne Ihren Bruder nicht.“ „Ich glaube Nichts; ich ſah Ihre Gemüthsbe⸗ wegung bei ſeinem Erſcheinen, das war Alles.“ Wiewohl Alrik ſeiner Stimme den gewöhn⸗ lichen Ausdruck der Ruhe zu gehen ſuchte, hatte die⸗ ſelbe doch etwas ſehr Kaltes. „Ich bin zu wenig mit dem Leben bekannt, zu ſehr Naturkind, um eine Unwahrheit zu ſagen,“ nahm Gabriella wieder das Wort.„Ich habe nie⸗ mals den Nutzen des Lügens mir begreiflich ge⸗ macht, deßhalb lüge ich nicht.“ S Alriks Stirne legte ſich in die ausdrucksvollen Falten, welche Mißvergnügen andeuteten. „Sie zweifeln?“ „Warum wollen wir davon reden, gnädige Frau?“ „Ich hatte erwartet, Sie würden eine Frage wegen meines ſeltſamen Benehmens an mich ſtellen.“ „Sie haben mir noch nicht die Rechte eines Freundes Ihnen gegenüber eingeräumt, folglich kann ich von Ihnen keine Erklärung verlangen; auch hätte 46 ich dieſelbe in jedem Fall unterlaſſen, weil ein Menſch nur ſelten das Recht hat, von ſeinen Freun⸗ den mehr zu fordern, als ſie ihm freiwillig zu ge⸗ ben geneigt ſind.“ „Aber geſtehen Sie, daß Sie ſich über mein Benehmen gewundert haben.“ „Das gebe ich zu.“ „Nun wohl, ich habe Ihren Bruder gekannt, aber nicht unter dem Namen Welwort.“ Es koſtete Gabriella einige Anſtrengung, dieſe Worte auszuſprechen. „Ah! Ich vermuthete ſo Etwas.“ „Wir waren viel zuſammen in Venedig. Als ich Italien verließ, war ich krank, und als ich in Frankreich wieder genas, laſen wir in den Zeitun⸗ gen, daß der Mann, für welchen ich Ihren Bruder hielt, geſtorben war.“ „Ihr gegenwärtiger Name war ihm alſo fremd?“ „Vollkommen.“ M. Eine Woche verging, während welcher Gabriella emſig und mit Intereſſe darauf bedacht war, ſich Kunde von dem zu verſchaffen, was für die Armen gethan werden konnte. Unter Mitwirkung von Alrik, dem Paſtor und Clara wurde ein ordentlicher Plan entworfen, nach welchem ſie handelte. An dem Eifer, womit ſie ſich der Wohlthätigkeit widmete, konnte man ſehen, daß ſie ſich ernſtlich vorgenommen hatte, ihrer innern Schwermuth ent⸗ 8 47 gegenzuarbeiten, ein Bemühen, welches ihr um ſo leichter fiel, da der immer ſtärkere Einfluß, wel⸗ chen Alrik über ſie gewann, zur Folge hatte, daß ſein Beifall für Gabriella zu einem Bedürfniß wurde, während dagegen ein mißbilligendes Wort von ihm eine ſtumme aber bittere Steigerung ihres Seelen⸗ ſchmerzes in ſich ſchloß.— In Folge der für Gabriella ſich ergebenden Noth⸗ wendigkeit, Alrik öfters zu Rathe zu ziehen, wurden ſeine Beſuche zu Wettersnäs häufiger und länger, und dieß brachte natürlicher Weiſe eine zunehmende Vertraulichkeit mit ſich. Er las Gabriella vor, beſprach ſich mit ihr über Dinge, welche ihr bisher fremd geblieben waren, und führte ſie auf ſolche Art allmälig in die Intereſſen des wirklichen Lebens ein. Ernſt war einige Mal zu Wettersnäs geweſen. ohne daß er ſich jedoch Gabriella zu nähern geſucht hatte. Er ſchien durch ſtille Beobachtung ſich ihre und Alriks Stellung zu einander klar machen und beurtheilen zu wollen. Bei dieſen Gelegenheiten war es ihm bei ſeiner ungewöhnlichen Gabe, durch ſein Geſpräch und ſeine Bildung Intereſſe zu erregen, immerdar gelungen, die Theilnahme der Anweſenden auf ſich zu ziehen, und wenn er voll Lebhaftigkeit und Wärme ſprach, hatten ſich Gabriella's Augen mit einem gleichmäßig bekümmerten und freundlichen Ausdruck ihm zuge⸗ wendet. Eines Abends, als er zu Wettersnäs war, bat ihn Alfhild, zu ſingen. Arrik ſchleuderte der Bittenden einen zornigen 48 Blick zu, welcher jedoch keine Wirkung hatte, als ſ nur noch dringender auf ihrem Wunſche be⸗ tand. „Geſtehe, Gabriella,“ rief Alfhild, als Ernſt ſich weigerte, ihr Begehren zu erfüllen,„daß der Herr Ingenieur nicht ſehr artig iſt, indem er des Ver⸗ gnügens, ihn zu hören, uns berauben will, um ſo mehr, da wir ſchon Gelegenheit gehabt haben, zu der Zeit, da er auf dem Wetternſee für Dich ſang, ſeine ungewöhnlich ſchöne Stimme zu beurtheilen. „Damals, Fräulein Alfhild, ſang ich zur Erin⸗ nerung, fiel Ernſt ein und ſah Gabriella an.„Es gab eine Zeit, wo ich auch ſang, um Andern eine Unterhaltung zu gewähren; zwiſchen jener Zeit und der jetzigen ſind aber allzu viele Schatten über meine Seele gezogen, als daß ich mit meinem Geſang jene düſtere Vergangenheit mir vergegenwärtigen möchte, welche mich verfolgt, ohne daß ich ſie zurückzurufen brauche. Ernſts Blick hatte einen wehmüthigen Ausdruck. Seine und Gabriella's Augen begegneten ſich, und an der tiefen Bläſſe, welche über Gabriella's Wan⸗ gen zog, konnte man ſehen, daß ſie verſtand, von welchen Schatten Ernſt redete. Alfhild, welche durch ſeine Weigerung nur noch mehr gereizt wurde und mit dem bittern Verdruß der Eiferſucht erkannte, daß Ernſt Gabriella auf eine Weiſe betrachtete, welche verrieth, daß ſie es war, an die er ſeine Worte richtete, fühlte ſich nicht geneigt, den Gegenſtand ihrer Liebe ſo wohlfeilen Kaufs aufzugeben, ſondern empfand ein wirkliches Bedürfniß, ihn eine Weile zu plagen. Jetzt, da ſie 49 aus ſeinem Ton und Blick das Mittel dazu ausfindig gemacht hatte, wurde es auch zu einem Genuß für ſie, ihren Angriff auf den kranken Punkt zu richten. „Das lautet, als ob Gabriella die Erinnerung des Herrn Ingenieur ausmachte, da jene Geſänge ſich immerdar vor Wettersnäs vernehmen ließen,“ be⸗ merkte Alfhild. „Fräulein Wolf erinnert ſich vielleicht, daß ich ſagte, mein Singen habe Niemand gegolten,“ ent⸗ gegnete Ernſt, indem ſeine Augen von Gabriella zu Alfhild hinüberflogen. Das tiefe Blau derſelben hatte ſich beinahe in Schwarz verwandelt, und ihr Ausdruck war ſo finſter geworden, daß Alfhild bei einem Funken von Beſonnenheit hätte einſehen müſ⸗ ſen, es ſei hohe Zeit, das Geſpräch abzubre⸗ chen. Aber Alfhild folgte nur den Eingebungen ihrer Eiferſucht, und darum hob ſie mit einem gezwungenen Lachen, zu Gabriella gewendet, wie⸗ der an: „Bitte Du den Herrn Ingenieur, meinen Wunſch zu erfüllen. Ganz gewiß wird er das Begehren der reichen Frau von Saint Sue nicht ebenſo un⸗ artig abweiſen, wie er mit dem meinigen gethan hat.“ „Und bäte mich der König, ſo würde ich mich weigern,“ antwortete Ernſt mit Beſtimmtheit.„Und nun, Fräulein Alfhild, hoffe ich, Sie werden Frau von Saint Sue mit weitern Bittten verſchonen, an einen ſo unbedeutenden Gegenſtand, wie dieſen, ihre Worte zu verſchwenden.“ Alfhild ſtund auf und verließ das Zimmer. Ein peinliches Stillſchweigen erfolgte, und da Schwartz, Ein Opfer der Rache. II. 4 50 Clara nicht zugegen war, ſo hatte Niemand Luſt das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand zu lenken. Alrik machte ein grimmiges Geſicht; Gabriella's Ausſehen war leidend, und Ernſt war bleich ge⸗ worden. Er ging auf die Veranda hinaus, und nach einer Weile erhob ſich Gabriella und folgte ihm. Bei dieſer Bewegung fuhr es über Alriks Ge⸗ ſicht, wie eine Gewitterwolke; er rührte ſich aber nicht von der Stelle. „Warum weigerten Sie ſich zu ſingen?“ fragte Gabriella, als ſie neben Ernſt ſtand. Ihre Stimme war unſicher und zitternd. Er wandte ſich zu ihr um und betrachtete die junge Frau einen Augenblick ſchweigend; darauf erwiederte er langſam und in bekümmertem Ton: „Deßhalb, weil mein Geſang bei Ihnen und bei mir eine ſchmerzliche Erinnerung mit ſich bringt.“ „Aber Sie ſangen doch vor einiger Zeit jeden Abend in der Nähe von Wettersnäs. „Das iſt wahr! Ich ſang da für Diejenige, von der ich wünſchte, daß ſie meiner gedenken möchte. Noch mehr, ich glaubte, mein Geſang beſäße noch dieſelbe Kraft, wie ehedem, deren traurige Gedanken zu verſcheuchen. Man ſagte mir jedoch das Gegen⸗ theil, und dies bewies, daß.. Ernſt hielt an. — „Daß die Erinnerung an Corſin Ihrem Geſang folgte,“ flüſterte Gabriella. „Sie haben Recht. Ich lebte in der falſchen Einbildung, daß Sie mit der Urſache ſeines Todes unbekannt wären, und obwohl jeder Ton in meinem Geſang ſeinen Schatten heraufbeſchwor und mich als ſeinen Mörder anklagte, ſang ich doch für Sie, in der Ueberzeugung, daß dieſe Melodien Ihren Schmerz beſchwichtigen würden. Als mein Bruder mir von dem ſchmerzlichen Eindruck ſagte, der dadurch bei Ihnen hervorgebracht wurde, da verſtand ich Alles und ich ſinge nie mehr. Die Erinnerung, einen Menſchen ums Leben gebracht zu haben, iſt ſo bit⸗ ter, die Reue ſo qualvoll daß man mit dem, was einen ſo gräßlichen Gedanken zurückführt, ſein In⸗ neres nicht zu zerfleiſchen braucht, um die Wunde wieder zum Bluten zu bringen.“ „Auch Sie, ſelbſt Sie leiden unter dieſer Er— innerung?“ „Gnädige Frau, glauben Sie mir, der Schmerz iſt, auch wenn wir ihn verbergen, darum nicht min⸗ der tief und ernſt. Nicht der Kummer, welcher vor aller Blicken offen da liegt, geht am tiefſten. Ich habe einen verſchloſſenen Charakter und verabſcheue es, Andere in das einzuweihen, was in meinem In⸗ nern vorgeht.“ „Ach, Herr Welwort, wie ſehr müſſen Sie nicht das Schickſal verwünſchen, welches mich auf Ihren Weg führte; denn durch mich, um meiner Schuld willen leiden Sie dieß Alles“ fuhr Gabriella fort, indem ſie mit einem Blick voll Qual zu ihm aufſah. „Ich mein Schickſal verwünſchen, darum daß ich Sie kennen lernte?“ rief Ernſt, und dabei verweilte ſein Blick mit ſo warmem, glühendem Ausdruck auf ihr, daß ſie ihrerſeits die Augen niederſchlug. Ach, gnädige Frau, dieß iſt vielmehr das Einzige, wofür ich dem Schickſal zu ewiger Dankbarkeit üct⸗ * bin. Sie konnten Nichts dafür, daß wir, Corſin und ich, uns blindlings von zügelloſer Eiferſucht regieren ließen. Ich leide nicht durch Sie, ſondern durch meine elende Schwäche, die mir meine Leidenſchaf⸗ ten zu beherrſchen unmöglich machte. Jede Nach⸗ giebigkeit gegen dieſelben führt zu Reue und Schmerz für ſich und Andere.“ Hier wurde das Geſpräch durch einen Diener unterbrochen, welcher meldete: „Der Diſtriktsrichter Werner.“ Dieſe Worte riefen einen plötzlichen Wechſel der Farbe auf Gabriella's Wangen hervor. Sie drückte die Hand ſeſt aufs Herz und ging dem Ein⸗ tretenden entgegen, indem ſie demſelben mit einem Ausdruck von Herzlichkeit, Scheu und Schmerz die Hand reichte. Als der Diſtriktsrichter Werner Gabriella begrüßt hatte, wandte er ſich zu Alrik und Ernſt um und rief mit einem Ausdruck froher Ueberraſchung: „Bei meiner Ehre, ich glaube, das ſind ja die Welworts!“ Mit dieſen Worten ſchüttelte er beiden Pflege⸗ brüdern herzlich die Hand. „Ein ganzes Jahrzehent iſt vergangen, ſeitdem wir einander zum letzten Mal ſahen,“ bemerkte Alrik. „Aber, wie ich hoffe, hat es nicht die Macht gehabt, unſerer alten Freundſchaft Abbruch zu thun.“ „Ihr kann die Zeit Nichts anhaben,“ verſicherte Ernſt mehr artig, als herzlich. Birger Werner wandte ſich nun zu Gabriella. „Es iſt mir unbeſchreiblich lieb, zu ſehen, daß ihr, Du und meine Pflegebrüder, mit einander be⸗ —— — 53 kannt ſeid. Wir ſind zuſammen aufgewachſen und haben manchen bittern Kampf in unſerer erſten Ju⸗ gend gemeinſam durchgekämpft.“ Hierauf ſetzte ſich der Diſtriktsrichter zu Ga⸗ briella, faßte ihre beiden Hände, ſchloß ſie feſt in die ſeinigen, während er mit einem innigen Blick hin⸗ zuſetzte: „Und meine kleine geliebte Schweſter befindet ſich jetzt geſunder an Herz und Seele, als ehedem?“ „Ja, Birger, ich habe gelernt, daß es feig iſt, ſich unter den Schmerz zu beugen,“ flüſterte Gabriella demüthig. „Sie ſind alſo Gabriella Werner?“ fiel Alrik ein; „ſo hat mich denn meine Ahnung nicht betrogen.“ „Haſt Du das nicht vorher gewußt?“ „Eine dunkle Erinnerung aus meiner früheſten Jugend hat mich auf dieſen Glauben gebracht, aber ich wollte niemals eine Frage deßhalb ſtellen. Ich habe nur ein einziges Mal die Tochter von Oberſt Werner geſehen; aber damals war ſie ein Kind, voll Frohſinn, Leben und Feuer und ſo ungleich dem Bilde, welches ich in Frau von Saint Sue wiederfand, d „Sie ſchwerlich glauben konnten, das muntere Kind und die verweinte Frau ſeien ein und daſſelbe Weſen,“ ergänzte Gabriella. „Ich geſtehe es; aber,“ fügte er bei, indem er ſeinen Hut ergriff„Ernſt und ich, wir müſſen nun die Herrſchaften verlaſſen. Ein Geſchwiſterpaar, das ſich ſo lang nicht geſehen, hat gewiß ſich Vieles zu ſagen, und darum wollen wir uns empfehlen.“ Beide verabſchiedeten ſich. 3 54 Gabriella lud ſie auf den folgenden Tag zum Diner mit ihrem Bruder ein. X. Tags darauf ritt, ehe noch Jemand in Wetters⸗ näs aufgeſtanden war, Alrik in den Hof ein. Nach⸗ dem er ſich eine Weile ungeduldig umgeſchaut hatte, bekam er endlich das Kammermädchen der Fräulein Wolf zu Geſicht und übergab ihr ein Billet mit dem Befehl, es ſogleich Mamſell Clara zu übergeben und auf Antwort zu warten⸗ Jungfer Carin trippelte zu Clara hinauf, welche gerade das Bett verlaſſen hatte. Alfhild ſchlief noch. „Hier iſt ein Billet von dem Herrn Architekten,“ ſagte Carin und lächelte geheimnißvoll.„Er will Antwort haben,“ ſetzte ſie hinzu und blickte Clara forſchend an. Dieſe gab vermöge ihres offenen und argloſen Charakters gar nicht darauf Acht, daß die Zofe höchſt zweideutige Blicke auf ſie heftete; ſie erbrach das Billet und las die wenigen Zeilen, welche darin enthalten waren und folgendermaßen lauteten: „Ich muß ſogleich mit Ihnen ſprechen, be⸗ vor Jemand erwacht; deßhalb erwarte ich Sie im Garten; aber halten Sie ſich nicht lang mit einer unnöthigen Toilette auf. Sie kön⸗ nen für dieſes Mal den Gedanken an Ihr Aeußeres fahren laſſen; ich werde in keinem Fall darauf achten. Alrik Welwort.“ 55 Er bleibt ſich immerdar gleich,“ dachte Clara und konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. Als ſie das Billet wieder zuſammenlegte, ſagte Carin; „Was ſoll ich dem Herrn Architekten zur Ant⸗ wort geben?“ „Gar nichts; hilf mir nur, meinen Morgenrock anzuziehen.“ Nach fünf Minuten war Clara fertig und unten im Garten, wo Alrik ihr entgegenkam. „Man kann ſagen, daß Sie mir wahre Ordres zukommen laſſen, und dieß ohne daß mir die Mög⸗ lichkeit bleibt, der Befolgung derſelben mich zu ent⸗ ziehen,“ bemerkte Clara lachend. „Sie haben mir ja zu gehorchen verſprochen und müſſen demnach Wort halten, wenn Sie nicht wollen, daß ich die Zuſage einer Frau ſehr gering anſchlage und als ein werthloſes Ding betrachte. Indeſſen wollen wir jetzt, wenn Sie erlauben, Ihre inter⸗ eſſante Perſon bei Seite laſſen und zu der Ur⸗ ſache übergehen, warum ich hier bin und Sie ſo nolens volens in Ihrem Morgenſchlummer ſtörte.“ Alrik ſetzte ſich neben Clara auf eine Bank und fragte, ſich vertraulich zu ihr neigend: „Wiſſen Sie, daß der Diſtriktsrichter Werner geſtern Abend, als Sie fort waren, hier angekommen i a „Birger Werner?“ „Allerdings, Birger Werner.“ „Gabriella's Bruder?“ „Nun, mein Gott, liegt denn etwas ſo Schreck⸗ liches darin; oder was fehlt Ihnen, Fräulein Clara?“ „Sie haben Recht, ich bin eine Närrin,“ ſagte 56 Clara, fuhr ſich mit der Hand über das Angeſicht und ſetzte hinzu: „Ich war ſo überraſcht, zu hören, er ſei hier, daß„ „Daß Sie gänzlich aus dem Concept kamen,“ fiel Alrik ſpöttiſch ein.„Ei, ei! dießmal ging es nicht friſch darauf los, Ihrem NRächſten Sand in die Augen zu ſtreuen.“ „Ja, wie Sie ſagen, es wollte nicht recht gehen; das iſt aber einerlei; fahren Sie aber nur fort, denn die Hauptſache iſt— daß der Mann ſich hier in Wettersnäs befindet. Aber was haben Sie, oder was habe ich mit der Sache zu thun?“ „Ich wünſche, daß Sie während der erſten Tage ſeines hieſigen Aufenthaltes Frau von Saint Sue nicht verlaſſen und nicht von ihrer Seite weichen, denn die Begegnung mit ihrem Bruder ſcheint in deren Seele wieder einige traurige Erinnerungen geweckt zu haben, welche Sie durch Ihre Geſellſchaft zu zerſtreuen ſuchen ſollen. Ueberdieß ſind Sie un⸗ entbehrlich, um alle die Sottiſen wieder gut zu machen, welche Ihre Schweſter aus Eiferſucht be⸗ geht. Sie, mit Ihrem leichten Sinn, beſitzen die entzückende Gabe, alles Unangenehme aus dem Ge⸗ ſpräch fern zu halten und einen Geiſt des Friedens in Ihrer Umgebung zu verbreiten. Ich kann mich alſo wohl darauf verlaſſen, daß Sie Alles thun werden, um Frau von Saint Sue zu zerſtreuen.“ „Davon dürfen Sie ſtets überzeugt ſein; dieſe ganze Aufforderung war demnach überflüſſig, und ſebe nicht ein, warum Sie dieſelbe jetzt ergehen ießen.“ ——————— 57 „Sie brauchen Nichts einzuſehen; thun Sie nur, was ich von Ihnen begehre; dieß iſt ja unſerem Uebereinkommen gemäß.“ „Kein aber. Wollen Sie, was Sie verſprochen haben, halten oder nicht?“ fragte Alrik und machte ein grimmiges Geſicht. „Wiſſen Sie was, Herr Welwort? Sie ſind ein rechter Barbar in Ihrer Art und Weiſe,“ brach Clara halb lachend, halb ärgerlich los. „Um ſo beſſer; ich habe es auch nicht darauf angelegt, angenehm zu ſein. Kann ich eine Antwort bekommen?“ „Sie ſehen aus, als ob Sie mir dieſelbe aus dem Herzen reißen wollten.“ „Wiſſen Sie was, Fräulein Clara,“ rief jetzt Alrik ſeinerſeits,„Sie können die Geduld eines En⸗ gels auf die Probe ſtellen!“ „Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie irgend eine Aehnlichkeit mit dieſen himmliſchen Weſen haben?“ „Beliebt es Ihnen, eine Antwort zu geben?“ „Natürlich, dieſen Ihren Wunſch habe ich ja ſchon erfüllt, was Ihnen auch einleuchtend geworden wäre, wenn Sie darauf Acht gegeben hätten; aber Ihre Heftigkeit bewirkt, daß Sie weder ſehen noch hören. Im Uebrigen haben Sie einmal die Zu⸗ ſage von mir, und es iſt nicht meine Sache, das, wozu ich mich anheiſchig machte, unerfüllt zu laſſen.“ Mit dieſen Worten ſtand Clara auf und ſetzte, ſich tief verbeugend, hinzu: 3 „Damit Sie indeſſen meine Meinung richtig Der- 58 ſtehen, habe ich die Ehre, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ich mich aufs Pünktlichſte nach den von Ihnen gegebenen Inſtructionen richten werde.“ Alrik ſchleuderte ihr einen zornigen Blick zu, konnte ſich aber deſſen ungeachtet eines Lächelns nicht enthalten, denn Clara ſah äußerſt komiſch aus. Er murmelte: „Sie ſind wirklich ein unverbeſſerliches Kind.“ „Merkwürdig, was wir für gleiche Gedanken von einander haben,“ ſagte Clara, indem ſie wieder Platz nahm.„Haben Sie mir noch etwas Weiteres zu befehlen?“ „Nein, ich ziehe mich ſogleich zurück, um nicht die koſtbare Zeit, welche Sie der Beſorgung Ihrer Toilette zu widmen beabſichtigen, noch länger in Anſpruch zu nehmen.“ 3 „Sie ſind allzu gütig und rückſichtsvoll.“ Alrik war im Begriff zu gehen; Clara aber hielt ihn zurück, indem ſie laut lachend ſagte: „Verweilen Sie noch einen Augenblick, ich bitte.“ Dabei ſah ſie ſo munter aus, daß ihr ſchelmi⸗ ſcher Blick den Aerger, den ihr Lachen erregt hatte, nur noch ſteigerte. „Iſt es der Poſſen noch nicht genug?“ fragte er kalt. „Mein Herr,“ fuhr Clara mit gravitätiſcher Miene fort,„was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt von großer Wichtigkeit und berührt die Ehre einer Frau.“* „Dann handelt es ſich wohl um eine elende Klatſcherei, womit Sie mir aufzuwarten gedenken; —— 4 3 * * 59 etwas recht Armſeliges!“ enigegnete Alrik, indem er, den Kopf emporwerfend, wieder Platz nahm. „Es handelt ſich um Nichts mehr und Nichts weniger, als daß die klugen Leute im Orte Sie und mich für ein Liebespaar halten.“ Dabei lachte Clara überlaut und ſo herzlich, daß Alrik einſtimmen mußte. „Nun iſt es nicht ſo, wie ich ſagte, etwas recht Armſeliges?“ „Nun ſo gar arg iſt es doch nicht. Denken Sie nur, wie romantiſch man die Sache auszuſtaffiren wußte. Sie haben, von heftiger Liebe zu Ihrer ergebenſten Dienerin getrieben, die nach Einſamkeit trachtende Frau von Saint Sue gezwungen, Ihnen und Ihrem Bruder ihr Haus zu öffnen, und ihr zugleich um des Scheines willen die Verpflichtung auferlegt, uns beiden auf unſern Ausflügen Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. Nun wartet man nur noch auf unſere Verlobung, und ich gedachte Sie eben zu fra⸗ gen, wann dieſelbe ſtattfinden ſoll.“ Clara ſah Alrik mit einer Miene an, welche unwillkürlich ſeine ſchlechte Laune verſcheuchte, und er gab ſcherzend zur Antwort: „Wann es Ihnen beliebt, meine angebetete Clara.“ „Sie ſollen eine Woche Bedenkzeit haben; aber hüten Sie ſich vor einem Nein!“ erwiederte Clara. Sie hielt plötzlich an, denn es lie der Laut von Schritten hören, und ſie erhob ſich ſchnell mit den Worten: „Leben Sie wohl, in einem günſtigeren Augen⸗ blick wollen wir den Gegenſtand wieder aufnehmen. 60 Sie reichte Alrik die Hand, welche dieſer herz⸗ lich drückte. „Ich danke Ihnen, Mamſell Clara, Sie ſind eine prächtige Frau.“ Und damit küßte er die kleine Hand, deren Eigenthümerin in einem andern Gang als demjenigen, von wo die Schritte zu hören waren, verſchwand. Alrik, welcher ſich wieder nach dem Hofe wandte, war noch nicht weit gegangen, als er dem Diſtrikts⸗ richter begegnete. „Guten Morgen, mein lieber Alrit; ich ſah Dich in den Hof einreiten und nahm für ausgemacht an, daß dieſer Beſuch deinem Jugendfreunde und Pflege⸗ bruder gelte; aber, wie ich bemerke, habe ich mich getäuſcht,“ ſetzte Birger lächelnd hinzu,„denn ich ſah eine Frau in einem der Seitengänge verſchwinden. Wer war die Schöne? Doch nicht meine Schweſter; dazu erſchien ſie zu groß.“ „Es war Clara Wolf,“ antwortete Alrik, indem er den Diſtriktsrichter ſcharf anſah, welcher bei die⸗ ſem Namen unwillkürlich zuſammenfuhr. „Clara Wolf!“ wiederholte er.„Iſt ſie hier?“ „Ja— weißt Du denn nicht, daß ſie bei dei⸗ ner Schweſter wohnt?“ I wußte wohl, daß Gabriella es übernom⸗ für die Zukunft der Fräulein Wolf zu er nicht, daß eine von ihnen im Hauſe hre Schweſter, Alfhild, wo iſt dieſe?“ zleider Gottes, hätte ich beinahe ge⸗ ſagt, den die kann ich nicht ſonderlich leiden.“ „Nicht!— Sie iſt doch ſo ſchön!“ rief Birger, 61 während es wie ein Blitz aus ſeinen tiefliegenden Augen zuckte. „Ein Glück für ſie,“ bemerkte Alrik;„dieß ſoll mich jedoch nicht abhalten, auf der Stelle mich zu meinem Kirchenbau zu begeben.“ „Gut, da reite ich mit.“ Eine Weile darauf galopirten ſie auf dem Wege, der zur Kirche von Wetters führte, dahin. „Oft und viel habe ich während der zehn Jahre, da wir nun von einander getrennt ſind, mich darnach geſehnt, mich recht vertraulich gegen Dich ausſpre⸗ chen zu können, wie es in unſern Jünglingsjahren geſchah, da es keinen Gedanken gab, den wir ein⸗ ander nicht mittheilten,“ nahm der Diſtriktsrichter das Wort: „Wir ſind nun Männer geworden; aber darum können wir den frühern Gewohnheiten immerhin getreu bleiben.“ „Wahr. Laß uns alſo ein wenig von Neuem und Altem ſprechen.“ „Ich bin dabei.“ „Gut. Sage mir, wie biſt Du mit Gabriella bekannt geworden?“ Alrik erzählte, wie es gegangen war, und Bir⸗ ger hörte ihm mit geſpanntem Intereſſe zu. Als Alrik geſchloſſen hatte, entſtand eine Puſe während welcher der Diſtriktsrichter in tiefe ken verſunken ſchien. Endlich bemerkte er. „Sollte es gar kein Mittel geben, welches ſie der ſtummen Schwermuth, in welcher ihr ganzes Leben verfloſſen iſt, zu entreißen vermöchte?“ Gedan⸗ 4 62 * „Vielleicht, wenn man die Urſache davon wüßte.“ „Der Oberſt erklärte zu ſeinen Lebzeiten, dieſelbe rühre von dem Schrecken her, der ſie bei dem Tode meines Großvaters befallen hätte. Einige ſpäter dazu kommende Unglücksfälle haben weſentlich dazu beigetragen, dieſe ſchon in den Kinderjahren entſtan⸗ dene Gemüthskrankheit zu ſteigern. Ihre Ehe und der Tod des Oberſts ſelbſt waren vollends dazu ge⸗ eignet, der unglücklichen, von ihr gefaßten Idee, daß ein unſeliges Verhängniß auf ihrem Leben laſte, Nahrung zu geben.“ „Waren mit dem Tode des Oberſts und ihrer Verehlichung irgend welche beſondere Umſtände ver⸗ knüpft?“ „Man kann ſagen, daß ſie mit einander in Zu⸗ ſammenhang ſtanden. Der Oberſt kam auf dem Wege von der Kirche, wo der Prieſter über Gabriella und Herrn von Saint Sue den Segen geſprochen hatte, ums Leben. Gerade als er in den Wagen ſtieg, wurden die Pferde ſcheu und gingen durch. An der erſten Straßenecke ſtürzte der Wagen in Trüm⸗ mer, und dem Oberſt wurde der Kopf zerſchmettert.“ „Biſt Du damals in Paris geweſen?“ .„Ja, ich wollte mit meinem Vater fahren, fand aber nicht Zeit, in den Wagen zu ſteigen. Bedenkt man, daß Gabriella ein Jahr zuvor, als ihr Herz im Begriff war, zur Liebe zu erwachen, durch ein unglückliches Duell von dem Gegenſtand getrennt wurde, welcher in ihrem Innern ein neues Leben anzuregen vermocht hätte, ſo ſieht es wirklich aus, als ob der Zufall ihr Recht geben wollte, wenn ſie dem Unglück verfallen zu ſein behauptet.“ 63 „Liebte ſie den Mann nicht, mit welchem ſie ſich vermählte?“ „Nein; Herr von Saint Sue hatte als Jüng⸗ ling das Unglück, bei einem Scheibenſchießen den Zeiger zu tödten. Nach dieſem traurigen Vorfall begab er ſich nach Algier, kämpfte dort wie ein Löwe und mit einer Tollkühnheit, welche den Be⸗ weis gab, daß er den Tod ſuchte. Nachdem er einen Arm und das rechte Bein verloren hatte, kehrte er in einem Alter von dreißig Jahren, ein Invalide ohne Vermögen, aber mit dem Orden der Ehren⸗ legion geſchmückt, in das Vaterland zurück. Saint Sue war ein Schweſterſohn von Gabriella's Mut⸗ ter. Als der Oberſt von Venedig abreiste, wandte er ſich nach Paris. Der junge, düſtere Invalide ſah hier Gabriella und faßte eine innige Freund⸗ ſchaft für ſie, ohne daß Etwas von einem Anſpruch der Liebe ſich darein gemiſcht hätte. Gabriella aber faßte bei der Erzählung von ſeinem Unglück ein ſo lebhaftes Intereſſe für ihn, daß er bald ein aus⸗ ſchließlicher Gegenſtand ihrer Theilnahme wurde, beſonders da er in Folge der erhaltenen Bleſſuren viel kränklich war. Einziger Sohn einer mittelloſen Mutter— denn Herrn von Saint Sue's Vater hatte das ihm von ſeiner Frau zugebrachte Vermögen verſchwendet— machte er ſeiner Mutter ganzen Reichthum aus. Gabriella brachte einen vollen Winter bei Frau von Saint Sue zu, ſaß bei ihrem Sohn und las ihm vor, denn er war in Folge einer wieder aufgebrochenen Wunde an das Lager gefeſſelt. Gegen das Frühjahr erkrankte Frau von Saint Sue und ſtarb. Auf ihrem Todtenbette war ſie in gro⸗ 64 ßer Unruhe wegen des armen Krüppels und ſprach eines Abends gegenüber von Gabriella ihre Be⸗ ſorgniſſe aus.„Wer ſoll ihn nun pflegen und ſein Leben ihm weihen, wenn ich nicht mehr bin, wer ihn mit ſeinem Schickſal und ſeinen niemals endenden Gewiſſensqualen verſöhnen?“ hatte ſie ge⸗ ſagt. Gabriella faßte ihre Hand und antwortete: „Ich will es thun; denn dadurch wird mein Leben „ Jemand nützlich.“ „Gabriella war reich, Saint Sue arm. Sie war jung und ſchön, er ein entſtellter Krüppel; ſie war geſund, er ſeiner Geſundheit ganz verluſtig. An dem Krankenlager der Mutter verlobten ſich dieſe beiden Weſen, welche nichts als ihren Kummer mit einan⸗ der gemeinſam hatten, und ehe noch die Mutter ſtarb, vereinigten ſie ihr Geſchick, ein Act, der mit dem Tode des Oberſts ſchloß.“ Birger ſchwieg. „Eine ſeltſame Fügung des Schickſals.“ „Ja, es lag ein hoher Grad von Edelmuth und Selbſtaufopferung in dieſem Schritt Gabriella's, als ſie ſich verurtheilte, auf Lebenszeit die Krankenwär⸗ terin eines armen, dürftigen Invaliden zu werden. In einem Augenblick, wo man eine ſolche Handlung vollbrachte, noch von einem ſo furchtbaren Schlage, wie das unglückſelige Ende des Vaters, getroffen zu werden, war mehr als hart. Ich glaubte auch, daß es nun mit dem Leben und Verſtande des armen Kindes aus ſei; aber nein, nach einigen Monaten kehrte ſie zu dem klaren Bewußtſein ihrer neuen Pflichten zurück und begann nun mit beiſpielloſer Geduld und Zärtlichkeit ihren Mann zu pflegen, der 65 ſein Schmerzenslager niemals verließ. Zwei Jahre vergingen ſo, als ein Oheim von Saint Sue ſtarb und ihm ein fürſtliches Vermögen hinterließ. Einige Wochen darauf ging auch Saint Sue mit Tod ab und ſetzte ſeine Gattin zur alleinigen Erbin ein. Gabriella ließ ſich damals in einem ihrer Briefe an mich folgendermaßen vernehmen: „Du ſiehſt, Gott wollte nicht, daß ich des arm⸗ ſeligen Troſtes theilhaftig werden ſollte, indem ich dem armen Saint Sue meine Pflege widmete, da⸗ durch das befriedigende Bewußtſein zu gewinnen, daß mir kein anderer Lohn, als einem unglücklichen Leidenden ſeine letzten Stunden verſüßt zu haben, zugefallen wäre. Nein, ich ſollte dadurch niederge⸗ beugt werden, daß mein Thun mir ein fürſtliches Vermögen einbrachte.“ „Ein Jahr, nachdem ſie Wittwe geworden war, kehrte ſie nach Schweden zurück und ließ ſich hier in Wettersnäs nieder, welches der Oberſt hatte bauen laſſen, um daſelbſt nach einem ſo vieljährigen Auf⸗ enthalt im Auslande ſelbſt ſeinen Wohnſitz zu nehmen.“ „Aber wie kommt es, daß ſie ſchon vier Jahre hier weilt, ohne von Dir einen Beſuch erhalten zu haben?“ fragte Alrik. „Das will ich Dir ſogleich erkläen. Ich empfing ſie bei ihrer Ankunft in Schweden am Dampfſchiffe; und während ſie ſich nach ihrem brieflich ausgeſpro⸗ chenen Wunſche direct an BVord eines Kanalbvotes begab, bat ſie mich, ſie nicht eher zu beſuchen, als bis ſie mich rufen ließe.“ „Hat ſie das nun gethan?“ „Nein. Ich bin aber zum Richter in dieſem Schwartz, Ein Opfer der Rache 11. 5 66 Bezirk ernannt worden, und da war wohl Nichts natürlicher, als daß ich von Anfang mein Zelt bei meiner Schweſter aufſchlug. Das Unerklärlichſte iſt, daß Gabriella, ſeitdem ſie Kunde erhielt, ich ſei Starks Enkel, ſich gleichſam fürchtet, mit ihrem ein⸗ zigen Bruder beiſammen zu ſein. Zuerſt hegte ſie eine ſtille und zärtliche Neigung zu mir; noch mehr, ich vermochte es, auf längere Zeit ihren Kummer zu zerſtreuen und zu verſcheuchen. Iſt es das Be⸗ wußtſein, daß ich mit dem armen alten Mann, deſſen Tod ſo ſchmerzliche Folgen für ſie hatte, verwandt bin, was dieſe Scheu bei ihr nährt? Oder kommt es daher, daß ich nicht das Kind ihrer Mutter bin? — Das ſind Fragen, die ich mir oft vorgelegt habe.“ Birger ſchwieg. Alrik verſank in Gedanken. Endlich wandte er ſich zu dem Diſtriktsrichter und ſagte: „Wer war es, der in Gabriella's Herzen den erſten Funken der Liebe weckte?“ „Der in Venedig verſtorbene Graf Stalsvärd, mit welchem Ernſt ſeine Reiſe durch Europa machte. „Ach!“ rief Alrik. Wieder trat eine Pauſe ein. „Graf Stalsvärd und Monſieur Corſin, Ga⸗ briella's Couſin, geriethen wohl in Folge von Eifer⸗ ſucht in Streit mit einander; die Folge war ein Duell, welches damit endete, daß Corſin auf dem Platze blieb, und Stalsvärd ſo ſchwer verwundet wurde, daß er einige Wochen hernach mit Tod abging.“ „Seltſam,“ murmelte Alrik.„Haſt Du Ernſt in Venedig getroffen?“ „Nein. Mein Aufenthalt daſelbſt dauerte nur 67 zwei Tage, weil ich nach dem traurigen Ende Corſins meinen Vater und Gabriella, welche als⸗ bald Venedig verließen, begleitete.“ „Haſt Du den Grafen Stalsvärd geſehen 2“ „Keineswegs; unſere ſchnelle Abreiſe und ſein beklagenswerther Zuſtand nach dem Zweikampf ge⸗ ſtatteten nicht, ihm einen Beſuch zu machen.“ Sie waren nun bei dem Kirchenbau angelangt. XI. Bei ihrer Rückkehr nach Wettersnäs gingen die Herren in Birgers Zimmer hinauf, ehe ſie ſich beim Mittagsmahl einfanden. Als ſie in den Speiſeſaal traten, fanden ſie die Fräulein Wolf, Gabriella und Ernſt daſelbſt. Der letztere ſtand an einem Fenſter des Saales und ſprach mit Alfhild, welche den Eintretenden den Rücken zukehrte. Erſt als Birger und Alrik Ga⸗ briella begrüßten, wandte ſie ſich um. Ihre Augen flammten auf, als ſie nach Verlauf von acht Jahren wieder mit Birger zuſammentraf. Mit einem angenehmen Lächeln reichte ſie ihm die Hand und ſagte: „Es iſt lang her, daß wir einander nicht geſehen haben.“ Birger verbeugte ſich, ohne die dargebotene Hand zu faſſen. „Ja, ich glaube wirklich, es ſind mehrere Jahre vergangen,“ erwiederte er. Alfhild wurde purpurroth, Birger wich auf die 68 Seite, und Alrik ſtand vor ihr. Er faßte mit einem eigenthümlichen Lächeln die Hand, welche ſie Birger gereicht hatte. „Hätte mein Freund Werner nicht unterlaſſen, dieſe bezaubernde Hand in die ſeine zu ſchließen,“ bemerkte Alrik,„ſo hätte ich jetzt nicht das Glück gehabt, dieß ſelbſt zu thun. Sie ſind niemals ſo gnädig geweſen, mich einer ſolchen Gunſt zu wür⸗ digen.“ Maßloſe Kühnheit! Der unverbeſſerliche Alrik führte Alfhilds Hand ganz ungenirt an ſeine Lippen. „Sie haben das Glück, eine viel ſchönere Hand, als die meinige, in Ihre Hände zu ſchließen, und müſſen damit zufrieden ſein, um ſo mehr, da deren Beſitze⸗ rin mit dem geſegnet iſt, was mir abgeht...“ „Servirt!“ ertönte es aus dem Speiſeſaal, und ehe Alrik ſich umdrehen konnte, hatte Ernſt ſeinen Arm Gabriella geboten. Birger geleitete Clara, und Alrik und Alfhild waren alſo noch allein übrig. „Belieben Sie meinen Arm zu nehmen, da mein Bruder mich des Glückes beraubt hat, die Wirthin zu geleiten.“ Mit einer ſtolzen Verbeugung ihres ſchönen Haupts legte Alfhild ihre Hand auf Alriks Arm. „Es wäre von Ihrem Bruder recht undankbar geweſen, ſich nicht zum Cavalier der Dame zu ma⸗ chen, welche ihm ihr Herz geſchenkt hat.“ Ein plötzliches Zucken der Augenbrauen, ein drohender Blick aus den hellblauen Augen und eine tödtliche Bläſſe auf der hohen Stirne gaben zu er⸗ kennen, daß Alfhilds Worte die rechte Stelle ge 69 troffen hatten, und ſo ſetzte ſie mit einem bezau⸗ bernden Lächeln hinzu: „Man kann Gabriella's Wohlgefallen an Ernſt eine Jugendneigung nennen. Eine ſolche iſt immer⸗ dar am beſtändigſten. Sie wiſſen doch, daß Ihr Bruder und ſie alte Bekannte ſind.“ „Hat mein Bruder Ihnen ſeine Liebe zu Frau von Saint Sue anvertraut?“ fragte Alrik. Nun wäre es an Alfhild geweſen, die Farbe zu wechſeln, aber ſie antwortete lächelnd: „Nicht gerade; aber dennoch weiß ich biß „Frau von Saint Sue an meinem Bruder hängt, wollen Sie ſagen. Ich weiß daſſelbe, nämlich, daß es ſo geweſen iſt.“ „Was nicht iſt, war auch nicht,“ ſagt ein Schrift⸗ ſteller. „Sie ſind wirklich eine liebenswürdige Dame,“ antwortete Alrik mit einer Verbeugung, und man nahm Platz an der Tafel, wo Arrik ſich rechts zu Gabriella's Seite niederließ. Birger und Ernſt thaten Alles, um das Mittags⸗ mahl ſo lebhaft als möglich zu machen. Alrik redete nicht, ſah ſtolz und kalt aus und warf von Zeit zu Zeit ſeinem Bruder einen Blick zu, der nicht von ſehr ſanfter Natur war. Gabriella war ſchweigſamer, als ſie in der letz⸗ ten Zeit zu ſein pflegte. Das Eſſen ging vorüber, ohne daß man die ſichtbare Verſtimmung beachtete, in welche Alrik verſunken war. Alfhild kokettirte mit Birger aus Herzensgrund, aber er ſchenkte ihr keine ſonderliche Aufmerkſamkeit. 70 Mittag war vorüber. Gabriella hatte ſich in die Veranda geſetzt, die Andern ſtreiften im Garten herum. Alrik trennte ſich jedoch bald von ihnen und kehrte zu Gabriella zurück. Mit dem Kopf an einen Pfeiler gelehnt, war ſie den Luſtwandelnden mit den Augen gefolgt. Als Alrik vor ihr ſtand, ſagte ſie: „Sie waren heute ſo ſtill. Sind Sie mißver⸗ gnügt oder unzufrieden mit mir?“ Alrik nahm neben ihr Platz. „Ueber Sie kann ich niemals mißvergnügt ſein.“ „So iſt Ihnen etwas Unangenehmes wider⸗ fahren?“ „Und wäre dem ſo, wen intereſſirte es wohl?“ „Mich!“ „Sie, gnädige Frau?— Unmöglich! Sie haben ja einmal erklärt, daß Sie niemals Freundſchaft für mich hegen könnten.“ „Das war ein vermeſſenes Wort, und Gott hat mich dadurch geſtraft, daß er mir Ihre Freundſchaft unentbehrlich machte.“ „Ja, Sie wollen mich als Freund behalten, und das bleibe ich auch bis zu meinem Tod, aber Ihre Freundſchaft wollen Sie mir nicht geben.“ „Ich kann nicht geben, was Sie ſchon beſitzen.“ „Es iſt nur Güte, daß Sie ſo ſagen.“ „Sie ſind heute recht ſonderbar; ich erkenne Sie nicht wieder. Was iſt es, das dieſe Veränderung bei Ihnen hervorgebracht hat?“ „Ich war düſter geſtimmt; jetzt bin ich es nicht mehr. Es war ein Augenblick von Egoismus. Ich wünſchte an meines Bruders Stelle zu ſein.“ ——— 71 Gabriella wechſelte die Farbe und ſchwieg. Alrik fuhr mit der Hand über die Stirne— Es trat eine Pauſe ein. „Sie ſind ſelbſt heute ſehr ſtill geweſen,“ nahm Alrik endlich wieder das Wort. „Und dieß werde ich trotz aller meiner Anſtren⸗ gungen bleiben, ſo lang Birger hier verweilt. Bir⸗ gers Gegenwart iſt eine lebendige Anklage für mich, und die ſchrecklichen Erinnerungen der Vergangen⸗ heit tauchen mit martervoller Klarheit wieder vor mir auf. Ach! Sie wiſſen nicht...“ „Ich weiß, daß Birger der Enkel von Stark iſt, und Gabriella Werner ſich als die Mörderin des alten Stark betrachtet,“ fiel Alrik ernſt ein.. Gabriella ſprang auf, faßte mit verzweiflungs⸗ vollem Schmerz Alriks Arm und ſtieß einen Angſt⸗ ſchrei aus, als ob ſeine Worte ſie ins Herz getrof⸗ fen hätten. Sie ſchaute ihn mit einer Miene an, als ob eine furchtbare Erſcheinung vor ihr erſtan⸗ den wäre.. Alrik faßte ſie ſanft um den Leib und zog ſie wieder auf ihren Sitz nieder. „Gabriella Werner hielt ſich für diejenige, welche dem alten Stark die Todeswunde beibrachte, aber ſie irrte ſich. Sie iſt vollkommen unſchuldig!“ Alrik ſprach dieſe Worte ruhig und beſtimmt aus. Gabriella zitterte am ganzen Körper. Alrik ergriff ihre beiden Hände und ſchloß ſie in die ſeinigen, während er mit unbeſchreiblich ſanftem Tone fortfuhr: „Will Gabriella von Saint Sue eine Erzählung anhören, welche die unſchuldige Gabriella Werner betrifft?— Ach! gnädige Frau, nicht dieſer angſt⸗ volle Blick, nicht dieſer beinahe wahnſinnige Schmerz darf in Ihrem Angeſichte zum Vorſchein kommen, ſondern Sie ſollen mit vollkommener Ruhe meine Worte vernehmen.— Verſprechen Sie mir das,“ ſetzte er mit etwas ſo Warmem in ſeinem Tone bei, daß ſeine Worte in ihr Herz drangen. Gabriella vermochte nicht zu reden, ſondern neigte nur bejahend das Haupt. „Auch dieſe ſtumme Unterwerfung will ich nicht haben; weinen Sie, weinen Sie viel; aber dann werden Sie ruhig. Ich will Sie verlaſſen, damit meine Gegenwart Ihren Gefühlen keinen Zwang anthut, und erſt morgen dieſes Geſpräch wieder aufnehmen.“ Alrik erhob ſich, um zu gehen; aber Gabriella hielt ihn mit den Worten zurück:— „Bleiben Sie.“ Er ſetzte ſich wieder.. Einige Thränen rannen über die Wangen der jungen Frau, und ſie flüſterte: „Reden Sie mit mir; dann wird es mir beſſer.“ „Gebe Gott, daß die Wahrheit meiner Worte ſo tief in Ihr Herz dringt, um dieſe ſtummen und dü⸗ ſtern Schatten zu verſcheuchen, welche nicht aus Ihrer Seele weichen wollen.“ „Können Sie dieß glauben, da Ihnen bekannt iſt, daß mein Leben mit Blut beflekt ward?“ flüſterte Gabriella. „Das kann ich allerdings, eben darum, weil ich die Natur Ihres Kummers kenne und folglich weiß, daß es mehr ein düſterer Traum, als Wirklichkeit iſt.“ „Traum!“ rief Gabriella und fuhr mit beiden 73 Händen nach dem Kopfe.„Ach! Sie kennen die ſchreck⸗ liche Wahrheit nicht ganz. Sie wiſſen nicht, daß mein Vater ſich auf eine ſchreckliche Weiſe an Stark verſündigt hat, und daß der ſchwer beleidigte alte Mann deſſen ungeachtet wie ein Vater für mich war. Sie wiſſen nicht, daß ich, die Tochter des Mannes, der ihn um die ſeinige beſtahl— daß ich es war, welche den Schuß abfeuerte, der ihm den Tod brachte.“ Sie verbarg ihr Angeſicht in den Händen. „Ja, ich weiß dieß Alles und noch viel mehr. Sie feuerten den Schuß ab, aber Stark ſelbſt hatte die Flinte geladen. Er wollte Sie zur Mörderin machen, um ſeine gekränkte Ehre an Ihrem Vater zu rächen.“ „Was ſagen Sie?“ rief Gabriella.„Nein, nim⸗ mermehr, es kann nicht ſo ſein, es kann nicht ſo ſein, das wäre ſchrecklich!“ „Es iſt ſo,“ erwiederte Alrik feſt,„und wenn Sie mir nicht glauben, will ich Ihnen den Beweis davon geben.“ „Sie!“ „Ja, eben ich!“ „Wie kann ich das Alles wiſſen, wollen Sie fragen. Das iſt ganz einfach. Der alte Erik Stark war, wie Sie vielleicht wiſſen, der älteſte Sohn eines armen Küſters, welcher neun Kinder hatte. Meine Mutter war dagegen das jüngſte der Geſchwiſter. Erik, von unbändiger Gemüthsart, keck und verwegen, wurde aus eigenem Antrieb Dragoner. Meine Mut⸗ ter, ſechszehn Jahre jünger als er, reichte kaum 74 herangewachſen, meinem Vater, welcher damals Ad⸗ junkt war, ihre Hand. Die andern Geſchwiſter zer⸗ ſtreuten ſich in der Welt und ſtarben nach der Hand. Als das Unglück mit Carin, des alten Starks Toch⸗ ter, vorfiel, kam er zu meiner Mutter und erzählte ihr von der Schmach und Schande, welche der Oberſt über ihn gebracht hätte. Er war damals ſo erbit⸗ tert und haßerfüllt, ſowohl gegen ſeinen Chef, als gegen die in Kummer verſunkene Tochter, daß meine Mutter fürchtete, er würde beiden ein Leid zufügen. Sie begleitete ihn deßhalb nach Broborg und es gelang ihr, durch Thränen und Bitten ſo viel zu erreichen, daß er ſeiner Tochter nicht fluchte. Darauf nahm meine Mutter Carin mit ſich, und dieſe blieb in ihrem Hauſe, bis ſie ihrem Kinde das Leben ge⸗ ben ſollte, wo ſie dann nach der nächſten Stadt reiste. Meine Mutter war damals erſt zwei Jahre verheirathet, und ich kam faſt gleichzeitig mit Carins Kinde zur Welt, deſſen Geburt der Mutter das Le⸗ ben koſtete. Meine Eltern nahmen das Kind an und meine Mutter erzog es mit dem ihrigen. Stark ſandte dem Oberſt das Geld zurück, welches dieſer Carin bei ihrer Abreiſe auf Rechnung des noch un⸗ gebornen Kindes geſchenkt hatte. Birger und ich wuchſen zuſammen wie Zwillingsbrüder auf. Die Zeit verging, mein Vater ſtarb, und wir drei Kna⸗ ben mußten mit aller Kraft arbeiten, damit es mei⸗ ner Mutter nicht allzu ſchwer würde, die Koſten unſeres Unterhaltes aufzutreiben. Ich gab das Studiren auf, griff zur Maurerkelle, verſchaffte mir auf dieſe Weiſe mein Brod und brach mir meine Bahn ſelbſt. Birger, von feſtem und ſtolzem Cha⸗ rakter, gab Lektionen und ließ ſich's ſauer werden, um ſich nicht von meiner Mutter unterhalten laſſen zu müſſen.“ „Und Ernſt?“ fragte Gabriella mit einer feinen Röthe auf den Wangen. „Er ſtudirte fleißig und lebte kärglich. Genug, Birger war ſechszehn Jahre alt geworden, als er die Aufforderung erhielt, ſich bei dem Oberſt einzu⸗ finden, und ich zu meiner Mutter gerufen wurde. Wir folgten beide dem Gebot. Ich fand meine Mut⸗ ter tief betrübt. Sie erzählte mir nun, daß der alte Stark todt ſei, wen Birger zum Vater habe u. ſ. w., lauter Dinge, von denen ich bis jetzt noch Nichts gewußt hatte. Darauf reichte ſie mir einen Brief von dem Verſtorbenen, welchen er am Tag vor ſeinem Tod an ſie geſchrieben hatte. Der Inhalt deſſelben war ungefähr folgender: „Liebe Schweſter! „Sechszehn Jahre lang habe ich nur einen Ge⸗ danken, ein Lebensziel gehabt, meine Rache. Jetzt hat die Stunde geſchlagen, und die Strafe iſt reif. Wenn Du dieſe Zeilen lieſeſt, bin ich todt. Gott ſegne Dich, Anna, dafür, was Du an dem von Carin hinterlaſſenen Kind der Schande gethan haſt. Mein Erbe für den Knaben befindet ſich in dem bei⸗ liegenden Paket. Er ſoll damit lernen, den Urheber ſeiner Tage und deſſen Nachkommenſchaft zu haſſen. „Wenn Du hörſt, daß ich durch einen unglück⸗ lichen Zufall umgekommen ſei, ſo kügt man; denn, merke wohl, ich werde durch die Hand der Tochter des Schurken, welcher mich einmal um meine Ehre beſtahl, ſterben. 76 „Als er nach Broborg mit ſeiner jungen, ſchönen Gattin zurückkehrte, trug dieſe ein lächelndes Kind auf ihren Armen. Ich war damals durch ihn ſowohl meines Weibes als meines Kindes beraubt, denn, wie Du weißt, ſtarb meine arme Frau aus Kummer über unſere Carin. Ich ſchwur ihm nun eine ſchreck⸗ liche Rache. Ich ſchwur, ſeine Gattin und ſein Kind ſollten ſeine Schuld entgelten, und jetzt ſtehe ich am Ziele der Erfüllung meines Eides.— Siehſt Du, Schweſter, wenn ich den Buben vor die Stirne ge⸗ ſchoſſen hätte, ſo wäre die Strafe viel zu wenig ge⸗ weſen, da er den Tod nicht fürchtet. „Er liebt jedoch ſein Kind bis zur Abgötterei, und dieſes Kind werde ich zu meinem Mörder machen. Wenn es mit Blut beſprizt vor meinem Leichnam zurückbebt, ſo nehme ich den Seelenfrieden des Mäd⸗ chens mit mir ins Grab. Des alten Starks blutiger Schatten wird ihr durch die Tage der Kindheit fol⸗ gen, in der Jugend zur Seite ſtehen und ſelbſt das Alter verbittern, ohne daß Vater oder Mutter im Stande ſind, ihr die Ruhe zurückzuerkaufen. Dann, Schweſter, bin ich mit Carin gerächt. Gott ſei mit Dir und euch allen; dieß wünſcht dein Bruder Erik Stark.“ „Meine Mutter wollte von mir einen Rath haben, wie ſie in Bezug auf den Brief, welchen der bis zu ſeinem Tod mit Haß erfüllte Mann an Birger ge⸗ ſchrieben hatte, handeln ſollte. Ich bat ſie, denſelben zu vernichten, was auch geſchah.“ Gabriella ſaß vollkommen unbeweglich da; nur an dem unruhigen Wogen ihrer Bruſt ließ ſich 77 erkennen, daß ein heftiger Kampf in ihrem Innern vorging. Arrik betrachtete ſie eine Weile ſtillſchweigend. Ueber die hochgewölbte Stirne ſtrich eine Wolke nach der andern, und verſchwand ebenſo ſchnell wie⸗ der. Endlich beugte er ſich raſch zu ihr nieder mit den Worten: „Nun, iſt Gabriella Werner wirklich Starks Mörderin?“ Gabriella ſchaute zu ihm mit einem Blick empor, ſo wunderbar klar und mild, daß er einem Hoffnungs⸗ ſtrahle glich. „Oder iſt ſie nicht vielmehr,“ fuhr Alrik fort,„ein unſchuldiges Opfer einer verabſcheuenswerthen Rache? Iſt es wirklich die Schuld des harmloſen Kindes, daß es die Flinte abſchoß, welche der Haß ihm in die Hand gab, oder nicht ganz und gar deſſen, wel⸗ cher grauſam genug war, ein Herz, das nichts Böſes ahnte, das vertrauensvoll an ihm hing, das ihn lieben gelernt hatte, zu endloſer Qual verurtheilen zu wol⸗ len? Ach! Gnädige Frau, nicht wegen eines Ver⸗ gehens von Ihrer Seite haben Sie Gnade zu erfle⸗ hen, wohl aber für den alten Mann, welcher Ihr junges Leben auf ſolche Weiſe verbittert hat, Für⸗ bitte einzulegen. Sie ſind ſchuldlos und rein, wie das Gewand, das Sie tragen, Bemühen Sie ſich, Stark zu verzeihen, welcher ſich in ſeiner Feindſelig⸗ keit ſo ſchrecklich gegen Sie verſündigt hat.“ „Verzeihen,— ich!“ flüſterte Gabriella.„Ach! ich ſchätze mich glücklich, wenn ich wirklich Etwas zu verzeihen habe. Ich fühle nur Eines: daß ich in dieſem Augenblick Ihnen und Gott danken muß, der 78 mich von dieſer ewig, ewig wiederkehrenden Marter erlöst hat.“ Gabriella ſank auf die Kniee nieder. Sie drückte die Stirne in die gefalteten Hände, und zum erſten Mal flüſterten ihre Lippen ein Dankgebet zu dem, welchen ſie ſo oft und viel in wilder Verzweiflung um Erbarmen angerufen hatte. Als ſie den Kopf wieder erhob und aufſtand, ruhte ein Ausdruck von Frieden auf dem feinen Antlitz. Sie reichte Alrik die Hand mit den Worten: „Gott lohne es Ihnen.“ „In dieſem Augenblick bin ich reichlich belohnt,“ antwortete Alrik.„Nun kann ich ruhig ſterben; denn ich habe innern Frieden in Ihrem Blicke ge⸗ leſen.“ Das Geräuſch von nahenden Schritten unter⸗ brach ihn. Er ließ Gabriella's Hand los und drehte den Kopf nach der Richtung, von wo die Schritte kamen. Es war Ernſt. Ueber Gabriella's Angeſicht flog eine Wolke des Schmerzes, und ſie murmelte: „Ich hatte ihn vergeſſen.“ „Aber er hat Sie nicht vergeſſen, wie Sie ſehen;“ fiel Alrik beinahe heftig ein.„Ich will kein Hinderniß für Ihr Zuſammentreffen ſein.“ Er ſtand auf. „Bleiben Sie,“ bat Gabriella.„Wollen Sie mich wirklich verlaſſen, nachdem Sie mir die Hoff⸗ nung auf das Leben wieder geſchenkt haben?“ „Auch ich bin zuweilen ein ſchwacher Sterblicher, — 79 laſſen Sie mich alſo gehen,“ bat Alrik und ent⸗ fernte ſich. Gabrielia nahm ihren Weg nach dem Salon. XII. Als Ernſt in den Salon trat, war derſelbe leer. Er warf ſich auf einen der Sophas. Ueber den ſchönen Zügen lagerte ſich ein Schatten nach dem andern. Er blieb jedoch nicht lang allein, denn im nächſten Augenblick fanden ſich die Uebrigen ſammt Alrik wieder ein; und kurz hernach erſchien auch Gabriella. Ernſt blieb unbeweglich ſitzen, ohne eine der an⸗ weſenden Perſonen zu beachten. Alfhild widmete ihre ganze Aufmerkſamkeit Bir⸗ ger; dieſer aber ſchien ganz und gar gleichgültig gegen die Bemühungen ſeiner ſchönen Couſine. Viel⸗ leicht merkte er, daß ihr Lächeln und ihre Liebens⸗ würdigkeit nur darauf hinzielten, Ernſt's Eiferſucht zu wecken. Dieſes Bewußtſein ſtählte ihn gegen die Gefahr, welche ihr Benehmen mit ſich brachte. Sobald Gabriella wieder in den Salon trat, ſetzte ſich Ernſt neben ſie und begann von ſeinen Reiſen zu reden. Alrik, welcher in einem lebhaften Geſpräch mit Clara hegriffen war, folgte mit geſpanntem Intereſſe jeder Bewegung von Gäbriella, und obwohl ſeine Lippen zu ſcherzen fortfuhren, nahmen doch ſeine Augen einen ſo ernſten und ſtrengen Ausdruck an, 80 daß Clara mitten in einem Satze abbrach und lachend bemerkte: „Sie ſpielen zwei Rollen, Herr Welwort, und was noch ſchlimmer iſt, Sie ſpielen beide ſchlecht.“ „Wirklich! Wenn dem ſo iſt, ſo liegt nichts Schlimmes darin, es kann nicht Jedermann ein guter Schauſpieler ſein. Erlauben Sie mir die Frage, was ſpiele ich eigentlich für eine Rolle?“ „Gegen mich ſpielen Sie den Scherzhaften, damit weder ich noch ein Anderer merken ſoll, daß Sie aufgebracht ſind. Ich könnte einen andern Ausdruck gebrauchen, aber ich will nicht. Sie ſpielen den Gleichgültigen gegen das, was um Sie herum vor⸗ geht, obgleich Ihre ganze Seele— gleichviel wo iſt. Bei allem dieſem haben Sie aber Ihr Geſicht durch⸗ aus nicht in Ihrer Gewalt, ſöndern Sie ſprechen munter und werfen mir dabei Blicke zu, als ob Sie mich ermorden wollten.“ „Fräulein Clara, ſagen Sie mir aufrichtig: liebt mein Bruder Ihre Schweſter?“ „Was glauben Sie ſelbſt?“ erwiederte Clara faſt bekümmert und heftete ihre Augen auf Ernſt, welcher gerade in dieſem Augenblick durch ſeine Un⸗ terredung mit Gabriella lebhaft erregt zu ſein ſchien. „Es iſt nicht die Rede davon, was ich glaube, ſondern ob er ihr von Liebe geſprochen hat.“ „Herr Welwort, einmal glaubte er ſie zu lieben; aber da verſcherzte Alfhild, was ſie beſaß. Armes Kind! Sie wird das, was ihr damals verloren ging, nie wiederfinden.“ Clara wandte die Augen auf ihre Schweſter und erſchrack beinahe über den Ausdruck des Haſſes, — 81 welchen Alfhilds Angeſicht verrieth, wenn ſie auf Ernſt und Gabriella blickte. Etwas ſpäter, als Ernſt allein an einem der Salonfenſter ſtand, näherte ſich ihm Alfhild und bemerkte: „Sie ſehen ungewöhnlich heiter aus. „Ich habe heute Abend durchaus keinen Grund, betrübt zu ſein,“ entgegnete Ernſt gleichgültig. „Dünkt Ihnen nicht, daß Birger Werner ein ſtattlicher Mann iſt?“ fuhr Alhild fort, inbem ſie an einer Blume roch, welche ſie in der Hand hielt. „Sehr ſtattlich. Ich habe mich heute mehrmals ſchon darüber verwundert, daß Sie ihn nicht hei⸗ ratheten. Der Tag der Verlobung war ja ſchon angeſetzt. Ich glaube, daß...“ Ernſt ſtockte und ſah Alfhild mit einem kalten Blick an. „Was?“ fragte Alfhild, während ein nervöſes Zittern durch ihren ganzen Körper lief. „Daß er ein Mann iſt, der ganz für Sie paßt.“ Alfhild zuckte zuſammen, als ob ſie mit einem glühenden Eiſen berührt worden wäre. „Sie haben es vielleicht gewünſcht?“ fragte ſie mit unſicherer Stimme, obwohl ſie ſich bemühte, in dieſelbe ſo viel Ruhe als möglich hineinzulegen. „Ja, bei Gott. Beſſern Händen könnten Sie Ihre Zukunft nicht anvertrauen.“ „Ernſt, iſt das ein Poſſenſpiel?“ ſtammelte ſie. „Poſſenſpiel! Nein, bei meiner Ehre! Warum ſollte ich ein Spiel treiben? Zu der Zeit, als mein junges Herz ſich mit wirklicher Zärtlichkeit an Sie hing, und Sie erklärten, daß deſſen Gefühle Er⸗ Schwartz, Ein Opfer der Rache. U. 6 82 wiederung fänden, beſaßen Sie dennoch nicht den Muth, dem reichen Birger Werner zu entſagen, ob⸗ wohl ich Ihnen damals mein ganzes Leben bot.“ „Aber, Ernſt, Sie wußten ja, daß mein Vater...“ „Ich weiß, daß wir nicht allein ſind; laſſen Sie uns alſo von dieſem Thema abbrechen.“ „Noch ein Wort,“ bat Alfhild. „Zwei, wenn es Ihnen angenehm iſt,“ erwiederte Ernſt mit einem verbindlichen Lächeln. „Lieben Sie Gabriella?“ An Alfhilds ganzem Ausſehen ließ ſich abneh⸗ men, daß ſie ſeine Antwort mit Seelenangſt erwartete. Ernſt betrachtete ſie mit kaltem Blick und ſagte: „ Hierauf entfernte er ſich. Alfhild ſank auf einen Stuhl am Fenſter nieder. Ein Moment grenzenloſen Schmerzes erfolgte. Es war ein qualvoll erſchütternder Schlag, der ſie gleich⸗ ſam betäubte. Sie hätte laut aufſchreien, in wildes Schluchzen ausbrechen mögen, aber ſie konnte nicht; es war, als ob dieſe Qual ihre geſammten Kräfte ſo gelähmt hätte, daß ſie nicht einmal zu weinen vermochte. Eine lange Weile ſaß ſie wie vernichtet da. Darauf erwachte Bitterkeit, Eiferſucht und Rach⸗ gier mit der ganzen, dieſen Furien eigenthümlichen verwunden. Sie wollte Linderung für ihren eigenen Schmerz in dem finden, welchen ſie über die Men⸗ ſchen verhängte, die ihr ſo viel Leides angethan hat⸗ ten. Sie wollte Ernſt in derſelben Eiferſucht, die jetzt ihr Inneres zerriß, ſich verzehren, ſie wollte Stärke. Sie wollte nun ihrerſeits peinigen und —— — 83 Gabriella in der Verzweiflung darüber, daß ſie nicht geliebt wurde, die Hände ringen ſehen. So dachte Alfhild, von der falſchen Vorausſetzung ausgehend, daß ſie in den Leiden jener einen heilen— den Balſam für die Wunde des eigenen Herzens finden würde. Sicher gibt es kein Gefühl, das unſer Inneres ſo verſchlimmert, wie die Eiferſucht. Sie erweckt alle niedrigen Gefühle in uns, erſtickt die edlern und macht unſer Herz egoiſtiſch. Zuweilen iſt es, als ob ein böſer Geiſt auf der Lauer ſtände, um die ſchlimmen Wünſche zu unter⸗ ſtützen. So war es auch jetzt. Als Alfhild, während ſie über ihren Racheplanen brütete, ihre Augen auf Gabriella richtete, mit dem Verlangen, ausfindig zu machen, wo ſie derſelben wehe thun könnte, fing ſie einen Blick Gabriella's auf, der eben Alrik ſich zuwandte. Es lag Etwas in demſelben, das Alfhild bewog, vor Schadenfreude beinahe aufzujauchzen. Sie dachte: „Dich werde ich mir bis zuletzt aufbewahren; aber ich weiß nun, wo ich Dich treffen kann.“ Ihre Augen flogen zu Ernſt hinüber, wel⸗ cher bei Clara ſtand und mit ihr redete. Hernach betrachtete ſie wechſelsweiſe Gabriella und Alrik. „Er iſt eiferſüchtig, dachte Alfhild.„Ha! Ernſt. Du ſollſt theuer dafüt bezählen, daß Du mit mir geſpielt haſt.“. Damit erhob ſie und Ernſt. „Sieh nur Gabriella an,“ begann ſie gegen Clara mit gleichgültiger Stimme,„wie ſie trat zu ihrer Schweſter 84 dieſen Augenblick iſt. An ihr bewahrheitet ſich die Behauptung, daß Liebe verſchönert. Ihr Geſicht hat, wenn ſie Alrik Welwort betrachtet, einen wun⸗ derbar warmen Ausdruck.“ Alfhild beſaß die allen Frauen gemeinſame Eigenſchaft, zu ſehen, ohne die Augen auf eine Per⸗ ſon zu richten, und ſie bemerkte darum auch jetzt, was Clara entging, nämlich, daß Ernſt's Geſicht in unwillkürlichem Schmerz ſich zuſammenzog. „Es liegt in Alriks Erſcheinung etwas unge⸗ mein Stattliches und Männliches,“ entgegnete Clara, welche keine Ahnung von der Schlinge hatte, die ihr Alfhild legte.„Ich habe gewünſcht, Gabriella's Herz möchte ſich ihm zuwenden. Er mit ſeinem energiſchen Charakter, ſeiner lebhaften, friſchen Sin⸗ nesart wäre ganz und gar dazu geeignet, ſie von der Schwermuth, welche auf ihrer Seele laſtet, zu befreien.“ „Daran haſt Du vollkommen Recht,“ beſtätigte Alfhild. Sie merkte, daß Ernſt bei Clara's Worten erbleichte, obwohl er in ſeinem gewöhnlichen Ton einfiel. „Es iſt merkwürdig, Paſſion haben, einander Beiſpiel hat man hi meinen Bruder auch „Und nun denke aufreißen wird, wenn ein Paar werden,“ ſagt * Clara kam es jetzt vor, ſonderbar lautete. verheirathen. So zum ts Fräulein Clara und mengegeben.“ wie man die Augen uder und Gabriella d und lachte. ob ihr Lachen ziemlich — as die Frauen für eine 85 „Das geſchieht niemals,“ antwortete Ernſt mit Beſtimmtheit. „Gedenken Sie etwa, gegen das Aufgebot Ein⸗ ſprache zu erheben?“ fragte Alfhild, indem ſie Ernſt ſpöttiſch anſah. „Nein, aber ich glaube, daß Frau von Saint Sue, wenn ſie ſich vermählt, nur der Liebe Gehör ibt.“ „Da bin ich vollkommen Ihrer Anſicht, und deshalb wird Ihr Bruder ſicherlich Herr zu Wet⸗ tersnäs.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Alfhild. In Ernſt's Bruſt hatte ſie alle andern Gefühle, nur nicht die der Milde und Ruhe erweckt. XIII. Am folgenden Tage, Nachmittags, war Birger weggefahren, um Beſuche bei einigen Notabilitäten der Gegend zu machen. Alrik mußte einer Sitzung anwohnen, welche wegen des Kirchenbaues bei dem Paſtor ſtattfand, und die Fräulein Wolf wurden ſchon am Morgen zu Tante Bertha in Ekbaka ein⸗ geladen, ſo daß Gabriella ganz allein war. Ernſt hatte am Abend zuvor Gabriella um ein Geſpräch unter vier Augen gebeten. Mit vollkom⸗ mener Ruhe erwartete ſie ſeinen Beſuch. In ihrem ganzen Aeußern lag etwas Friedvolles. B Als man Ernſt anmeldete, ging ſie ihm mit ein⸗ facher Würde entgegen und reichte ihm freundlich die Hand. „ 86 „Sie haben mit mir zu ſprechen gewünſcht,“ nahm ſie das Wort.„Zwiſchen unſerem letzten Zwiegeſpräch und dem jetzigen liegen acht Jahre.“ War es wirklich Gabriella, welche ſo redete? Gewiß hätte ſelbſt Alrik der Verwunderung ſich nicht erwehren können, wenn es ihm möglich geweſen wäre, ſie zu ſehen und zu hören. Auf Ernſt machte ihre veränderte Art und Weiſe einen überraſchenden Eindruck. Er betrachtete ſie eine Weile mit Erſtaunen. Dann zog er ſeinen Stuhl etwas näher zu dem Sopha, worauf ſie Platz genommen hatte, und begann: „Ja, es ſind acht Jahre, ſeitdem ich auf der Treppe des Balkons in Venedig Ihnen Lebewohl ſagte. Ich ahnte damals nicht, daß die Blume, welche Sie mir gaben, in acht Jahren das Einzige ſein würde, was mir von den Hoffnungen, die ich hegte, bleiben ſollte.“ Ernſt ſah dabei mit bekümmerter und nachdenk⸗ licher Miene vor ſich hin. k „Verzeihen Sie,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „daß dieſe Erinnerungen auf mich einen eigenthüm⸗ lichen, ſchmerzhaften Eindruck machen. Meine Abſicht war nicht, Sie dadurch aufzuregen, ſondern ich er⸗ achtete mich für verpflichtet, Ihnen und mir ſelbſt über die Ereigniſſe, welche hernach folgten, Rechen⸗ ſchaft zu geben. Geſtatten Sie mir darum, daß ich ein wenig in der Zeit zurückgehe. Wollen Sie mich mit Geduld anhören?“ Gabriella neigte bejahend das Haupt. „Ich war ein ſtiller, arbeitſamer Jüngling, un⸗ bekannt mit den Stürmen und Leidenſchaften des 87 Lebens, als der Zufall es fügte, daß ich mit dem jungen Grafen Stalsvärd eine Bekanntſchaft wieder anknüpfte, zu welcher in unſern Schuljahren der Grund gelegt worden war. Der Graf faßte eine ſolche Zuneigung zu mir, daß meine Geſellſchaft ihm unentbehrlich wurde. Als er eine längere Reiſe ins Ausland unternahm, machte er mir den Vorſchlag, ich ſollte ihn auf ſeine Koſten begleiten. Ich war damals einundzwanzig Jahre alt, und ein ſolches Anerbieten war allzu verlockend, als daß ich es von der Hand weiſen konnte. Unſere Reiſe ging zuerſt nach Paris. Der Graf ſtellte mich überall als ſeinen jüngern Bruder vor und führte mich auf ſolche Weiſe in den vornehmſten Salons ein. Dort war es, daß ich Sie zum erſten Mal ſah.“ Er hielt einen Augenblick an. „Bis dahin hatte noch niemals eine Frau zärt⸗ lichere Gefühle in mir erregt. Ich hatte meine Auf⸗ merkſamkeit kaum irgend einer zugewendet, aber oft mir ein Weſen geträumt, an dem meine Phantaſie ſich feſt halten könnte. Bei jenem glänzenden Feſte, da ich Sie unter einer Schaar von ſchönen und be⸗ zaubernden Frauen ſah, waren Sie vielleicht die mindeſt ſchöne, aber dennoch machte ihre traurig⸗ träumeriſche Miene einen lebhaften Eindruck auf mich. Das Schwärmeriſche und Schmerzliche in Ihrem Blick, die vollkommene Bewußtloſigkeit des einnehmenden Reizes Ihrer jugendlichen Perſon, Ihr völliger Verzicht darauf, Andern zu gefallen, und die beinahe fabelhafte Einfachheit in Ihrem An⸗ zug und äußern Auftreten, Alles war dazu geeignet, ſeltſam und beinahe zauberiſch auf mich zu wirken. 88 Schon bei unſerem erſten Zuſammentreffen, kann ich ſagen, hatte das Schickſal beſchloſſen, daß Sie einen mächtigen Einfluß auf mich gewinnen ſollten. Ihr Erſcheinen war wie eine Offenbarung, denn Sie verſchwanden gleich darauf aus der Geſellſchaft. Die Luſtbarkeiten ſammt dem darauf folgenden Taumel bewirkten, daß Ihr Bild allmälig erbleichte. In Privatangelegenheiten reiste ich hinüber nach Eng⸗ land, um mich dort mit Gegenſtänden, die zu meinem Beruf gehörten, bekannt zu machen. Während der Zeit, da ich mich in London aufhielt, wurde ich der Anziehungskraft eines jungen Mädchens von ſeltener Schönheit ausgeſetzt. Vielleicht hätte ich Sie gänz⸗ lich vergeſſen, wenn jene Frau meiner Achtung und Zuneigung werth geweſen wäre. Sie war es nicht, und ich verließ London mit einem Gefühl von Ver⸗ achtung und Bitterkeit im Herzen. Ich ſchlug nun mit dem Grafen den Weg nach Italien ein. Auch hier blieb er ſeiner Idee getreu, mich als ſeinen Bruder vorzuſtellen. In Venedig traf ich wieder mit Ihnen zuſammen. Ich ſah Sie drei Monate lang täglich, ohne nur mit einem Blick anzudeuten, wie ſehr mein Herz an Sie gefeſſelt war. Sie erſchienen mir theuer und heilig. Wie hoch ich Sie liebte, wird Ihnen ſchwer werden je zu verſtehen. So kam der Abend, wo ich, von des Augenblickes wunderbarem Zauber ergriffen, Ihnen kund that, was mein Herz fühlte, wo ich in Ihrem Angeſicht las, daß Sie bis zu einem gewiſſen Grade meine Empfindungen theilten. Niemals, Gabriella, werde ich die Regung reiner und wirklicher Freude ver⸗ geſſen, welche damals mein Herz erfüllte. Niemals — 89 werde ich jenen Augenblick aus meinem Herzen ver⸗ tilgen können.“ Ernſt ſtützte den Kopf auf die Hand und ſchwieg eine Weile. „Als ich, nach dem Abſchied von Ihnen, von Ihrem Couſin beſchimpft und in die Nothwendigkeit, mich mit ihm zu ſchlagen, verſetzt wurde, fühlte ich wirklich Abſcheu vor dem Duell. Ich verſuchte da⸗ rum durch Lord D. die Sache beizulegen; aber es war vergeblich: ich mußte mich dazu entſchließen. Den unglücklichen Ausgang des Duells kennen Sie. Corſin wurde todt, ich gefährlich verwundet vom Kampfplatze hinweggetragen. Während ich zwiſchen Leben und Tod ſchwebte und allmälig meiner Ge⸗ neſung entgegenging, war Stalsvärd am Gehirn⸗ fieber erkrankt und geſtorben. Sie waren ver⸗ ſchwunden, und mit Ihnen der ſchöne Traum meiner Liebe dahin. Mein Gemüth war mit der blutigen Erinnerung von dem Zweikampf belaſtet. Geſund an Herz und Seele, hatte jch meine Reiſe angetreten; des Friedens und der Hoffnung beraubt, kehrte ich zurück. Ihr Bild war mit unauslöſchlichen Zügen meinem Gedächtniß eingegraben und damit verwach⸗ ſen. Ich ſuchte Gedanken und Phaktaſie eine andere Richtung zu geben; umſonſt. So verfloß die Zeit, bis Frau von Saint Sue ſich zu Wettersnäs nieder⸗ ließ. Die myſtiſche Nachbarin hatte von Anfang für mich etwas zauberiſch Feſſelndes, aber dennoch ſuchte ich mit ihr nicht in Berührung zu kommen. Einmal trieb mich meine Neugierde, einen Beſuch zu machen; aber da ich von dem Intendanten ab⸗ gewieſen wurde, fühlte ich mich darüber beinahe 90 erfreut. Doch ich ſollte bald in der geheimnißvollen und die Einſamkeit liebenden Frau Gabriella wieder erkennen, obwohl ich Sie nur aus der Ferne erblickte. Dieſe Entdeckung wurde mir theuer, und ſo heilig liebte ich Sie, daß es mir, auch nachdem ich die Gewißheit, Sie ſeien Gabriella, erhalten hatte, nicht einfiel, Ihren Frieden ſtören zu wollen. Ich wußte ja, daß mein Anblick Ihrer Seele eine betrübende EFrinnerung zurückführen würde. Ich war zufrieden und empfand eine eigenthümlich ſüße und weh⸗ müthige Genugthuung in dem Bewußtſein, mich in ſolcher Nähe von Ihnen zu befinden, ohne daß ich etwas mehr wünſchte. Des Abends ſang ich draußen auf dem Wetternſee und bildete mir zuweilen ein, ich ſei in Venedig, und Gabriella lehne ſich über den Balkon und höre auf meine Lieder. Zuweilen ſchmeichelte ich mir mit der Illuſion, Sie würden in dem Geſang mich wieder erkennen und, wie ehedem, mit Wohlgefallen meinen Worten lauſchen. Meines Bruders Auftreten ſtörte auf eine peinliche Weiſe meinen Frieden und mein dürftiges Glück. In mei⸗ nem Innern erwachte Neid und Eiferſucht. Ich fühlte mich erbittert und begab mich zu dem Major nach Acker, um dieſe Empfindungen wo möglich zu bezwingen. Bei meiner Rückkehr machte mein Bru⸗ der mir den Vorſchlag, mich Ihnen vorzuſtellen. Ich hatte Sie nun wirklich wiedergefunden...“ Ernſt verbeugte ſich und ſetzte, Gabriella's Hand ergreifend, mit tiefem Gefühl hinzu: „Sagen Sie mir, Gabriella, iſt noch Etwas von dem Gefühle, welches einmal bei Ihnen für mich zu dämmern begann, übrig geblieben?“ 91 „Herr Welwort,“ antwortete Gabriella ruhig, „es gab wirklich eine Zeit, da mein junges Herz Sie zu lieben angefangen hatte. Aber Corſin's Tod verwandelte mich in die Urheberin jenes traurigen Freigniſſes, ſo daß unter der Laſt der Anklagen, welche mein krankes Gewiſſen gegen mich erhob, meine Liebe erſtarb. Das, was einmal todt iſt, kann nicht wieder zum Leben erwachen. Zwiſchen Ihnen und mir liegt die blutige Erinnerung an Corſin, und jede andere als freundſchaftliche An⸗ näherung von meiner Seite wäre unmöglich. Hoffen eSie darum nicht auf mich; ich kann Ihnen niemals den Platz wieder einräumen, welchen Sie einmal in meinem Herzen einzunehmen im Begriff waren.“ „Gabriella, das kann nicht ſein. Sie können denjenigen, welcher Sie ſo treu und heilig geliebt hat, nicht zu einer vollkommenen Hoffnungsloſigkeit verurtheilen. Sagen Sie, ich flehe darum,“ fuhr Ernſt fort, indem er das Knie beugte,„daß die Zärtlich⸗ keit, welche Sie einmal für mich fühlten, wieder er⸗ wachen kann, Ol ich bitte ja blos um einen Schim⸗ mer von Hoffnung.“ „Den ich Ihnen aber nicht geben kann,“ er⸗ wriederte Gabriella ſanft.„Stehen Sie auf und ſuchen Sie das Vergangene zu vergeſſen. Ihre Freundin, Ihre Schweſter will ich immer ſein; aber mehr zu werden, iſt mir unmöglich. Das Geräuſch von Schritten, welche von der Veranda herkamen, zwang Ernſt, aufzuſtehen. Im nächſten Augenblick trat Alrik ein. „Guten Abend, gnädige Frau,“ ſagte Alriti „entſchuldigen Sie, daß ich mir die alte Frei eit 92 nahm, durch den Garten zu gehen; ich ahnte nicht, daß ich Sie ſtören würde.“ „Sie ſtören mich niemals,“ erwiederte Gabriella und ſah ihm mit ſo offenem Blick ins Angeſicht, daß die Wolke von ſeiner Stirne verſchwand, als er ihrem Auge begegnete.—„Es macht mir ſtets Freude, Sie zu ſehen,“ ſetzte ſie hinzu. Alrik äußerte einige kalte, nichtsſagende Worte, worauf die Erklärung folgte, er ſei eigentlich nur herübergekommen, um ſeinen Bruder abzuholen, da mehrere Gäſte in Ekbaka angekommen wären. Einige Augenblicke nachher entfernten ſich beide Brüder. XIV. Während Ernſt und Gabriella die oben beſchrie⸗ bene Unterredung hielten, hatten ſich bei Tante Bertha die Frauen des Ortes verſammelt, um Kaffee zu trinken und ſich die NReuigkeiten des Tages zu erzählen, Auch auf dem Lande herrſcht die Gewohnheit, einander mit ſo viel Skandal aufzuwarten, als man nur aufzutreiben vermag. Was Tante Bertha für ihre Perſon betraf, ſo ſtand ſie zwar nicht in ſonderlichem Anſehen bei dem Klatſchcollegium des Ortes, darum weil ſie zu einſilbig war und wenig Luſt bezeigte, ihren Nächſten um ſeine Ehre zu beſtehlen; dagegen beſaß ſie in den Augen ihrer Nachbarinnen zwei andere große Vorzüge. 5 Fürs Erſte hatte ſie unverheirathete und ſchöne — —— 93 Neffen, wirkliche Eheſtandscandidaten, und fürs Zweite wohnte ſie der geheimnißvollen und deßhalb ſo in⸗ Beſitzerin von Wettersnäs gerade gegen⸗ über. Alle Frauen, welche unverheirathete Töchter hatten, die in den Stand der Ehe zu treten wünſchten, überhäuften Tante Bertha mit Artigkeiten und Com⸗ plimenten. Jetzt, wo ſie auch Alrik daheim hatte, wurde es noch ſchlimmer, denn Ekbaka beſaß jetzt zwei Hoffnungen anſtatt einer. Gelang es nicht, Ernſt zu erobern, ſo konnte man ja mit dem Archi⸗ tekten glücklicher ſein, Genug, wenn die alte Bertha eine Einladung ergehen ließ, ſo war darauf zu rechnen, daß man insgeſammt ſich einfand, und was ſpeciell die gegen⸗ wärtige betraf, ſo war ſie mit wirklichem Entzücken entgegengenommen worden. Man ſollte ja Gelegenheit finden, zwei Bekannt⸗ ſchaften zu machen, nämlich die des allzu unſicht⸗ baren Architekten, und die des neuen Richters, wel⸗ cher erſt kürzlich angelangt war. Die Beſſerunterrichteten des Orts hatten bereits Kenntniß davon, daß der Diſtriktsrichter derſelbe Birger war, welcher bei dem ſeligen Paſtor ſeine Er⸗ ziehung genoſſen hatte. Es war alſo ein ganz natürlicher Schluß, daß man in Folge der Einladung nach Ekbaka die Bekannt⸗ ſchaft dieſer beiden Herrn machen würde. Ueberdieß konnte man vielleicht ein wenig herausbringen, in welchem Verhältniß die Dame von Wettersnäs zu dem neuen Richter ſtand; weßhalb er dort, anſtatt 94 an irgend einem andern Orte, ſeine Wohnung auf⸗ geſchlagen hatte u. a. m. Genug, Frauen, Mädchen und alte unverheirathete Damen, die Nichts mehr zu hoffen hatten, fanden ſich auf die Einladung von Ekbaka ein, in ihrer beſten Toilette und mit den glänzendſten Erwartungen, beides, Vergnügen und Nutzen, bei ihrem dortigen Beſuch davonzutragen. Man ſollte jetzt erfahren wie es mit Alriks Beſuchen zu Wettersnäs ſich ver⸗ hielt, ob er wirklich in Clara verliebt war; ob etwas Wahres daran war, daß der neue Richter ſich mit Frau von Saint Sue verheirathen würde, und ob es Grund hätte, daß Ernſt mit Alfhild verlobt ſein ſollte. Von dieſem Allen wollte man ſich nun mit eige⸗ nen Augen überzeugen. Die achtzehnjährigen Mädchen meinten, Clara und Alfhild ſtänden bereits in einem hübſchen Alter, und die Herren Welwort würden zu geſcheidt ſein, um Frauen zu nehmen, die ſchon bei Jahren wären. Mit achtzehn Jahren ſieht man ſechsundzwanzig und ſiebenundzwanzig ſtets für ein hohes Alter an. In dem geputzten kleinen Zimmer mit ſeinen perl⸗ farbigen Möbeln, den ſelbſtgewobenen, roth und weiß⸗ baumwollenen Ueberzügen, ſaß Tante Bertha, eine zierliche weiße Haube auf dem Kopf und mit einem dunkelgrauen Kleide angethan. An dem ſchelmiſchen Lächeln, das ihren Mund umſpielte, konnte man ſehen, daß die Alte ſich zum Voraus an der Ent⸗ täuſchung ihrer erwarteten Gaſte, wenn dieſelben ſie ganz allein fänden, im Stillen ergötzte. ————— d 95 Die erſten, welche anlangten, waren Alfhild und Clara. „Herr Gott, liebe Tante,“ rief Clara, als ſie gegrüßt hatte,„wie ſchalkhaft Du ausſiehſt. Ich kann ſchon zum Voraus darauf wetten, daß Du den Nachbarinnen einen Streich zu ſpielen gedenkſt.“ „Ja, ja, ſo iſt es,“ antwortete die Alte und lächelte freundlich.„Du darfſt glauben, Clara, daß Tante Bertha, ſeitdem ſie heirathsfähige Neffen hat, eine bedeutende Perſon iſt. Ihr werdet ſehen, wie ausſtaffirt ſie ſich hier einfinden, mit lächelnder Miene mich umarmen und mir ihre Freude darüber, nach Ekbaka zu kommen, bezeugen werden, bis ich ihnen eröffne, daß ſie ſich heute mit mir allein begnügen müſſen.— Nach dieſer Mittheilung wird es hier nichts weniger als unterhaltend werden.“ „Das will ſagen, daß wir auch darauf verzichten müſſen, die Herren zu treffen? Böſe Tante, begreifſt Du, was es heißt, mich ſo anzuführen und mich mein hellblaues Bardgekleid anziehen zu laſſen? Da⸗ zu wäre es in Ewigkeit nicht gekommen, wenn ich nicht gehofft hätte, damit einigen Eindruck auf den jungen Alrik machen zu können.“ „Liebes Kind, der Junge iſt in der Brandver⸗ ſicherung.“ „Alles, was gegen Feuersgefahr verſichert iſt, brennt um ſo leichter. Aber ſieh, da haben wir die Oberſtin G. mit ihren ſieben, ſage ſieben Töchtern.“ Gara ſetzte ſich an eines der Fenſter, wo Alfhild bereits Platz genommen hatte. Von hier aus ſah man den ſtolzen und pracht⸗ vollen Bau von Wettersnäs. 96 Alfhild war durch Bertha's Worte verſtimmt worden, und ihr ganzes Ausſehen erhielt dadurch etwas ungemein Steifes. Als alle Gäſte angekommen waren, konnte die Oberſtin mit ihren ſieben Töchtern es unmöglich länger aushalten, ſondern fragte, zu Bertha gewendet: „Wie befinden ſich denn deine Reffen, meine liebe Bertha.“ „O, ich danke, ganz vortrefflich,“ antwortete Bertha und ſah Clara mit bedeutungsvoller Miene an. „Es war wohl eine große Freude für Dich, den Architekten wieder zu ſehen,“ fuhr die Oberſtin fort. „Allerdings.“ „Ich habe ihn ſeit dem Begräbniß der ſeligen Paſtorin nicht mehr geſehen. Dabei ſeufzte die Oberſtin und nahm eine ſehr feierliche Miene an. „Er iſt ſeit dieſer Zeit nicht mehr zu Hauſe geweſen.“ „Wir hatten gehofft, er würde uns einen Beſuch machen, aber wiewohl er beinahe ſchon drei Monate hier iſt, haben wir ihn doch noch nicht zu Geſicht bekommen, was mich um ſo mehr ſchmerzt, da ich immerdar auf die beiden jungen Welwort viel ge⸗ halten habe. Aber die alten Freunde werden über den neuen vergeſſen.“ „Malin und Herr Welwort haben ja zuſammen geſpielt,“ fiel die jüngſte der ſieben Schweſtern ein. Malin war die älteſte. „Ja,“ antwortete Tante Bertha.„Herr Gott, wie die Zeit vergeht. Da muß Malin ſo vierund⸗ dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt ſein.“ Schwartz, Ein Opfer der Rache. 1I. 97 Malin, welche nur für etliche zwanzig Jahre alt angeſehen werden wollte, wurde glühend roth und warf der Schweſter und Tante Bertha einen grim⸗ migen Blick zu. Alle Nachbarinnen kannten Malins Schwäche und warfen ſich darum begierig auf dieſes Thema. Eine Zeit lang drehte ſich das Geſpräch um das Alter und die Mühe, welche es manche Leute koſtete, ſich in das Altwerden zu finden u. ſ. w. Nachdem man in lauter Menſchenfreundlichkeit Malin eine Zeit lang von Herzensgrund gequält hatte, unterbrach die Oberſtin den Redefluß durch die direkte Frage: „Werden wir nicht das Vergnügen haben, deine Neffen zu ſehen?“ Das war Etwas, das allgemeines Intereſſe hatte, und man ſchwieg deßhalb, um die Antwort zu hören. „Nein, ich fürchte wirklich, daß ſie nicht nach Hauſe kommen, Die Wahrheit zu ſagen, ließ ich gerade die Einladung auf den heutigen Tag ergehen, weil ich wußte, daß ſie fort waren. Wir ſind da⸗ rum völlig ungenirt und können ganz nach Gefallen über uns verfügen. Tante Bertha war nahe daran, über die Wirkung, welche ihre Worte hervorbrachten, laut aufzulachen. Clara mußte nieſen, um ihre unwiderſtehliche Luſt zum Lachen zu verbergen, ſo augenblicklich war der Eindruck auf den Geſichtern der Anweſenden. Weit entfernt, lächelnd und froh zu ſein, wurden ſie jetzt verdroſſen und lang.... Die getäuſchte Er⸗ wartung ſtand mit großen Buchſtaben in jedem Zug zi efen 98 Die Wirkung von Bertha's Worten war von der Art, daß es mehrerer Minuten bedurfte, ehe die Geſellſchaft ſich ſo weit gefaßt hatte, daß Einige der⸗ ſelben wieder eine Sylbe hervorbringen konnten. Gott weiß, was daraus geworden wäre, wenn nicht Malin, die Tochter der Oberſtin, welche an einem Fenſter ſaß, plötzlich ausgerufen hätte: „Iſt das nicht der Herr Ingenieur, welcher durch den Garten nach der Brücke hinuntergeht?“ Alle Mädchen ſtürzten an die Fenſter, um ſich von etwas ſo Unerhörtem zu überzeugen, daß Ernſt bei ihrer Ankunft daheim geweſen und vor ſeinem Ausgang nicht hereingekommen war, um ſie wenig⸗ ſtens zu begrüßen. Bieß war eine ſo große Un⸗ höflichteit, daß.... ſie den Scheiterhaufen verdiente. Alfhild hatte auch hinausgeſehen.— Ja, es war wirklich Ernſt, welcher auf einem der Seiten⸗ gänge den Weg nach der Brücke nahm, wo er in ein Boot ſtieg, deſſen Ruder er ſelbſt ergriff, um die Richtung nach Wettersnäs einzuſchlagen. Es iſt ungewiß, was für pikante Dinge Tante Bertha zu hören bekommen haben würde, wenn nicht ein unvorhergeſehenes Ereigniß die Gedanken auf eine andere Bahn geleitet hätte. Das Ereigniß beſtand darin, daß zwei Perſonen in das Zimmer traten. Die Mädchen wandten ſich bei dem Geräuſch männ⸗ licher Schritte plötzlich um, und die Frauen erhoben ſich ſammt und ſonders zum Gruße. „Herr mein Gott, Jungen, ſeid ihr es? Und ich habe für ausgemacht angenommen, ihr würdet den ganzen Tag ausbleiben,“ ſagte Tante Bertha. 99 „Wie wäre dieß möglich, da wir erfuhren, daß Tante Beſuch hatte?“ erwiederte Alrik und küßte der Alten die Hand, worauf dieſe ihn und Birger den⸗ jenigen von der Geſellſchaft, die ſie noch nicht kann⸗ ten, vorſtellte. Ernſt, das Boot und Wettersnäs waren vergeſſen, und die allgemeine Aufmerkſamkeit auf die beiden ſtattlichen Cavaliere gerichtet, welche von allen Seiten, beſonders durch die ältern Frauen, denen ſie noch aus den Kinderjahren her bekannt waren, beſtürmt wurden. Dennoch gab es eine Perſon in der Geſellſchaft, welche ſich durch die Eintretenden nicht ſtören ließ, ſondern mit geſpannter Theilnahme Ernſt auf ſeiner Fahrt über die Bucht folgte. Hätte Jemand in Alfhilds Augen ſehen können, als ſie wie feſtgebannt an dem kleinen Fahrzeuge hingen, ſo würde er darin eine ganze Welt von Verzweiflung und Schmerz ge⸗ leſen haben. Es waren Gefühle von allzu qual⸗ voller Natur, als daß ſie durch Thränen gelindert werden konnten. Sie ſaß unbeweglich da, wie eine Bildſäule, das Kinn auf die Hand geſtützt. Für den, welcher den Ausdruck ihres Blickes nicht ſehen konnte, hatte ihre ganze Haltung etwas Nachläſſiges. Wenn wir Sterblichen richtig beurtheilen wollen, was ſich Gutes oder Schlimmes in uns findet, ſo muß es in den Momenten geſchehen, wo wir von Eiferſucht oder Mifgunſt beherrſcht werden. Mitleid, Freundſchaft, Rechtsgefühl, Güte und Menſchlichkeit verſchwinden und machen der Rachgier, Schadenfreude und dem Haſſe Platz. Glücklich der, welcher dann genügende Selbſtbeherrſchung und Macht über ſein 73 100 Inneres beſizt, um in der Stille mit ſich ſelbſt dieſe Augenblicke durchleben zu können, ohne ſich nicht zu Handlungen verleiten zu laſſen, welche Kummer für Andere und Reue für den, welcher ſie begeht, mit ſich bringen. Ein Leiden, größer und verzweifelter als das⸗ jenige, welches die Eiferſucht erzeugt, kann ſchwerlich in einer menſchlichen Bruſt ſtatt finden. Es iſt dieſer wilde und namenloſe Schmerz, wel⸗ cher einen an Raſerei grenzenden Zorn gegen deſſen Urheber und gegen alle diejenigen erweckt, welche in Berührung mit ihm ſtehen. Man grollt jedem WVeſen, welches glücklich iſt, und möchte unter der Laſt ſeiner eigenen Qual ſich ſelbſt und Andere zer⸗ malmen. Wie beklagenswerth iſt nicht der Menſch, welcher einer ſolchen Seelenpein anheimfällt, und wie ſehr hat er von Glück zu ſagen, wenn er ſolche moraliſche und religiöſe Grundſätze beſitzt, daß er nicht in das Verderben ſtürzt. Wie Alfhild aus dieſem Kampfe hervorgehen würde, war ganz ungewiß. Ihr Charakter hatte zu viel egoiſtiſche Elemente in ſich, als daß ſie durch ſich ſelbſt und ohne kräftige Unterſtützung eines ſtär⸗ keren Geiſtes, als ihr eigener war, ihre ſchlimmen Begierden zu beſiegen vermochte. Als Alrik alle Fragen beantwortet und aus Ar⸗ tigkeit mit denen, welche alte Bekannte waren, einige öflichkeitsphraſen ausgetauſcht hatte, näherte er ſich Clara, welche an demſelben Fenſter wie Alfhild ſaß. Er nahm einen Stuhl, ſetzte ſich neben ſie und ſagte, ——* . , 101 indem er ſich ganz vertraulich auf die Lehne des ihrigen ſtüzte: „Ich habe mich mit Fleiß von meinen Bauge⸗ ſchäften losgemacht und bin hieher gekommen, um der Klatſchſucht einigen Stoff zur Unterhaltung zu geben. Wir beide, Sie und ich, müſſen uns ſo ſtellen, daß die Leute hier mit der vollen Ueberzeu⸗ gung, wir gedenken demnächſt unſere zu feiern, ſich nach Hauſe begeben. „Sehr verbunden, daß Sie mich zum Gegenſtand des Geredes im Ort machen wollen, und wenn dann aus unſerer Verlobung Nichts wird, ſo ſtehe ich be⸗ ſchämt da.“ „Fürchten Sie ſich vor dem Gerüchte?“ „Ja, eine Frau darf damit nicht ſpielen.“ „Vielleicht haben Sie recht,“ antwortete Alrik, während ſich eine Wolke auf ſeiner Stirne lagerte. Meine Verachtung gegenüber von dem Geſchwätz des Volkes, meine Freude daran, dem Tadel zu trotzen, könnte Ihnen ſchädlich werden. Ich muß Sie alſo wohl verlaſſen.“ Alrik war im Begriff, ſich zurückzuziehen. „Ei, jetzt gehen Sie von einem Extrem zum an⸗ dern über. Wenn ich auch nicht vor allen dieſen Menſchen als Ihre Flamme daſtehen will, ſo können wir doch wohl als gute Freunde und getreue Nach⸗ barn mit einander plaudern.“ „Das kann geſchehen,“ erwiederte Arik, indem er wieder Platz nahm. Die Wolke auf ſeiner Stirne war verſchwunden, und mit ſeinem muthwillig heitern Lächeln ſezte er hinzu: dorſichtig Sie 2 mit mir ſprechen mögen, ſo. 102 Wird man doch Vermuthungen über uns aus⸗ ſprechen. Nun wohl, das iſt etwas, wogegen wir uns in der Welt nicht zu ſchützen vermögen; aber ganz anders verhält es ſich, wenn wir gefliſſentlich zum Geſchwätz Anlaß geben.“ „Sie ſprechen wie die Göttin der Weisheit; aber wie kommt es, daß Sie heute das Leben von einem ſo verſtändigen Geſichtspunkt aus betrachten? Sie halten doch ſonſt nicht ſo viel auf das Ernſte.“ „Und heute wo möglich noch weniger als ſonſt, aber das hindert mich nicht, den Rückzug anzutreten, wenn Sie wollen, daß ich mich zur Zielſcheibe für die Tadelſucht dieſer Leute hergeben ſoll. Wiſſen Sie was, Herr Welwort, ich glaube im Uebrigen. daß wir zu einem rechten Paar ganz wohl paſſen würden.“ „Wirklich! Nun, da ſehe ich kein Hinderniß, warum wir nicht ein ſolches werden ſollten.“ „So? Das läßt ſich ja ſehr gut an, aber es hat Etwas gegen ſich.“ „Und das iſt?“ „Rathen Sie,“ erwiederte Clara, indem ſie ihn ſchalkhaft anſah. „Das laſſe ich wohl bleiben. Sie müſſen mir dazu helfen.“ „Nun wohl, es findet ein großes, unüberwind⸗ liches Hinderniß ſtatt.“ „Laſſen Sie hören, worin es beſteht.“ „Darin, daß wir einander nicht lieben können.“ „Und warum können wir es nicht? Ich ſehe wahrhaftig nicht ein, was uns hindert.“ „Unſer eigenes Herz.“ 103 „Ei, ei! Das wird bedenklich; aber was hat unſer Herz damit zu thun?“ „Alles Mögliche!“ „Ich glaube, Sie widerſprechen ſich, wenn Sie die Schuld unſerem Herzen beimeſſen.“ „Wo ſoll ich ſie denn ſuchen?“ fragte Clara lachend. „In der Liebe tauſcht man die Herzen aus.“ „So behauptet man.“ „Wenigſtens ſchenkt man dem das Herz, welchen man liebt.“ „Die Romanſchreiber ſagen ſo.“ „Und dieſen müſſen wir glauben.“ „Wenn es ſich um Liebe handelt?“ „Das verſteht ſich.“ „Mag ſein. Wir glauben alſo, daß wir das Herz verſchenken, wenn mir lieben?“ „Gewiß; aber was folgt?“ „Daß wir ein Herz haben müſſen, um es ver⸗ ſchenken zu können.“ „Sie ſind ſtark in der Logik.“ „Aber Sie wollen doch nicht behaupten, daß wir herzlos ſind?“ fragte Clara munter. „Ich behaupte gar Nichts; ich glaube blos, daß wir, was das Herz betrifft, einander Nichts zu geben haben.“ „Ganz deſſelben Glaubens bin ich.“ Alfhild war während dieſes Geſprächs unbeweg⸗ lich dageſeſſen und hatte nicht einmal den Kopf um⸗ gedreht. Sie hatte Alriks Stimme recht wohl ge⸗ hört und erkannt, war aber von ihren ſtürmiſchen Gefühlen allzu ſehr aufgeregt und in Anſpruch ge⸗ 104 3. nommen, um auf das, was geredet wurde, Acht zu geben. Lang hatte ſie den innern Aufruhr ſo weit zu bemeiſtern geſucht, daß ſie mit Alrik wenigſtens ſprechen könnte. Seine heitere Stimme lautete ſo verletzend in ihren Ohren, die Stimme des Man⸗ nes, den ſie aus Inſtinkt verabſcheute. Endlich gelang es ihr wirklich, ſo viel Gewalt über ſich zu gewinnen, daß ſie das Geſicht gegen Alrik herum⸗ wandte und mit ſcheinbarer Ruhe bemerkte: „Ich glaube, Clara und Herr Welwort ſtehen im Begriff zu beichten.“ „Wir collationiren blos,“ erwiederte Airik 9 hätte mir nicht geſchmeichelt, daß Sie ſich herablaſſen würden, dem, was wir ſprachen, einige Aufmerkſam⸗ keit zu ſchenken,“ ſetzte er in ſeinem herausfordern⸗ den Tone hinzu. „Daran haben Sie Recht; ich hörte nur einzelne Worte; meine Aufmerkſamkeit war auf etwas An⸗ deres gerichtet.“ „Auf die Herbſtroſen im Garten, auf die ver⸗ gelbten Birken im Haine und auf die klaren Gewäſſer 1 des Wetternſee's, lauter Gegenſtände von größerer Wichtigkeit, als zwei plaudernde und lachende Men⸗ ſchenkinder.“ Dabei klang Alriks Stimme ſo ſpöttiſch, daß ſie einen Engel reizen konnte; wie viel mehr ein Ge⸗ müth, das um alles Gleichgewicht gekommen war. Alfhild erröthete auch wie eine Mohnroſe, wäh⸗ rend ſie antwortete: „Sie irren ſich; es waren nicht die Blumen, nicht das Laub der Bäume, nicht die Wellen des „ See's, welche meinen Blick feſſelten, ſondern ein Boot mit ſeinem Ruderer.“ „Der Glückliche!“ „Ja, ich vermuthe, daß er ſich glücklich fühlte, denn die Fahrt hatte zum Zweck, mit ſeiner Herzens⸗ dame zuſammenzutreffen.“ „Wirklich; aber wie konnten Sie wiſſen, daß ſein Ausflug einer Liebesaffaire galt? Unſere Bauers⸗ leute pflegen ſich nicht am hellen lichten Tag mit dergleichen Dingen zu befaſſen. Ich fürchte, Sie haben dem Ruderer zu viel von Ihrer eigenen Phan⸗ taſie zugelegt.“ „Glauben Sie? Wenn aber der Ruderer kein Mann war, der dem gemeinen Volke angehörte, und wenn die Fahrt nach Wettersnäs ging, was würden Sie dann von der Sache denken, beſonders wenn Sie ſich umſehen und bedenken wollen, wer hier in Ekbaka fehlt?“ Alfhilds tiefſchwarze Augen ruhten mit einem Ausdruck wilder Schadenfreude auf Alriks jetzt blei⸗ . chem Angeſicht. In demſelben Momente ſah Alrik auf und be⸗ gegnete ihrem Blick. Eine Zornesflamme bedeckte ſeine Wangen, und man konnte aus der Art und Weiſe, wie er den Kopf zurückwarf, abnehmen, daß Alfhild eine ſcharfe Antwort erhalten würde. „Erlauben Sie mir, daran zu zweifeln,“ entgeg⸗ nete Alrik und verſuchte zu lächeln.„Mein Bruder kann unmöglich Ekbaka verlaſſen, wenn Sie hier erwartet wurden. Ich traue Ihnen über die, welche Sie einmal an ſich gezogen Men eine grö⸗ ßere zu.“ 106 Damit ſtand Alrik auf und verließ einige Au⸗ genblicke ſpäter das Zimmer. Birger, vollkommen daran gewöhnt, mit Men⸗ ſchen jedes Schlags umzugehen, und Herr über ſich ſelbſt, wußte ſeine Aufmerkſamkeit auf die ganze Geſellſchaft ſo zu vertheilen, daß Niemand davon ſich ignorirt fühlte. Selbſt mit den Fräulein Wolf re⸗ dete er, und dieß ſo ungenirt und ungezwungen, daß auch das ſchärfſte Auge nicht zu entdecken vermochte, es ſei ihm eine derſelben mehr als eine bloße Ver⸗ wandte geweſen. Alle indirecten, auf Gabriella be⸗ züglichen Fragen, welche die ältern Frauen ſtellen zu dürfen glaubten, beantwortete er auf eine ſolche Art, daß diejenigen, von welchen ſie ausgingen, gerade ſo viel als zuvor wußten. „Birger hat in der That ein männliches Aeußere und auffallend angenehme Manieren,“ bemerkte Clara gegen Alfhild. „O ja,“ erwiederte die letztere und ſchaute wieder zum Fenſter hinaus. Wen ſah ſie? Alrik, welcher eben in einem Boot von Ekbaka abſtieß und mit ſolcher Eilfertigkeit nach Wetters⸗ näs hinüberruderte, daß es buchſtäblich um die Ru⸗ der herum brauste und ſchäumte. Eine Stunde darauf trat er zugleich mit Ernſt wieder in das Zimmer zu Ekbaka. Sein Ausſehen war, was man erhitzt nennt. Ernſt dagegen war bleich, kalt und düſter. Mit ſeiner gewöhnlichen Geſchicklichkeit, das was in ſeinem Innern vorging, zu verheimlichen, that Ernſt auch jetzt alles Mögliche, dem äußern Anſchein 107 nach ſich vollkommen gleich zu bleiben, und es wäre ihm auch gelungen, wenn nicht die außerordentliche Bläſſe und die Wolke auf ſeiner Stirne unverändert geblieben wären. Alrik ſchlug ein Spiel vor und wurde bald die Seele davon. Er war überall voran und gab dabei eine wilde Fröhlichkeit zu erkennen, und Clara dachte, als ſie ihn in ſolcher Exaltation ſah: „Gott helfe mir bei dem Menſchen; mit dem iſt es gewiß nicht ganz richtig. Jetzt treibt er es ſo arg, um durch eine zügelloſe Munterkeit ſeinem Grimm Luft zu machen. Bei ſolcher Stimmung wäre er im Stande, eine Thorheit zu begehen. Ich habe Luſt zu verſuchen, ihn ein wenig zur Vernunft zu bringen.“ Alfhild dachte: „Ha! ſtolzer Alrik, jetzt empfindeſt Du, was ich fühle, und Du, treuloſer Ernſt, in deinem ganzen Weſen leſe ich, daß Du verſchmäht biſt. Erdulde jetzt alle die Qual, welche Du mir verurſacht haſt, und ich werde gerächt ſein.“ Während Alfhild ſich in ſolchen Träumereien erging, ſpielte man das„Paarwechſeln“. Birger kam und führte ſie von ihrem Platze weg. Wäh⸗ rend ſie nach der andern Seite des Zimmers hin⸗ übertanzten, flüſterte er mit ernſter Stimme ihr zu. „Geben Sie auf Ihr Geſicht Acht; es verdol⸗ metſcht nur allzu getreu, was Sie denken und fühlen.“ In demſelben Augenblick nahm Clara auch Alrik von ſeinem Platz hinweg, und bemerkte dabei lächelnd: 108 „Ich glaubte, es ſeien nur die Frauen, welche mit hyſteriſcher Munterkeit ihrem Schmerz und Zorn Luft zu machen ſuchen; nun finde ich, daß auch die Männer ein ſolches Auskunftsmittel nicht verſchmä⸗ hen. Das iſt eine große Schwäche, habe ich nicht Recht?“ „Ich weiß und verſtehe nicht, was Sie meinen.“ „Nicht? Erlauben Sie mir, daran zu zweifeln. Erinnern Sie ſich deſſen, was ein großer Schrift⸗ ſteller ſagt: Gewalt über Kummer, Freude, Schmerz und Zorn geziemt dem Mann.“ In demſelben Augenblick wurde Clara ihrem Ca⸗ valier wieder entführt.. „Sie hat Recht,“ ſprach Alrik bei ſich ſelbſt. „Ich habe mich gegen die Schwachheit, einem hef⸗ tigen Kummer nachzugeben, mit ſolcher Strenge aus⸗ geſprochen, und kann jetzt meine eigenen Gefühle nicht im Zaum halten. Wir ſind ſtark in Worten und ſchwach im Thun; aber ich will auch im Thun ſtark ſein, und werde es ſein.“ Endlich kam das Souper und hernach der Aufbruch. Während die Wagen vorfuhren und man die fernſt⸗ wohnenden Familien zuerſt abziehen ließ, ſtanden Ernſt und Alrik an einem der Fenſter im Saale. Clara war mitten unter dem Haufen der Ab⸗ ſchiednehmenden und legte bei Shawls und Man⸗ tillen hilfreiche Hand an. Birger und Alrik waren auch auf dieſelbe Weiſe beſchäftigt. „Sie müſſen wohl ſelbſt einſehen, Alfhild, daß hier nicht der rechte Ort zu einer Erklärung iſt,“ äußerte Ernſt in kaltem Ton. „ 109 „Und warum nicht?“ „Darum weil wir von fremden Perſonen, die uns ſpähend beobachten, umgeben ſind.“ „Was frage ich darnach?“ „Aber ich thue es. Sie ſollen nicht ſagen kön⸗ nen, daß ich Ihren Ruf unvorſichtig dem Gerede der Leute preisgebe; darum laſſen Sie mich gehen und den Damen helfen.“ „Sie ſprechen von meinem Rufe, während Sie mein Herz getödtet haben,“ ſagte Alfhild leiden⸗ ſchaftlich. „Dieſes Herz iſt von Ihnen ſelbſt, nicht von mir getödtet worden.“ Damit wollte ſich Ernſt entfernen. 8 „Bleiben Sie,“ rief Alfhild mit gedämpfter Stimme. „Wollen Sie vielleicht läugnen, Ernſt, daß Sie zu Wettersnäs geweſen ſind, ſo wiſſen Sie, daß ich Sie dorthin fahren ſah.“ „Ich habe niemals die Abſicht gehabt, es zu läugnen, ich habe niemals daran gedacht, es ver⸗ heimlichen zu wollen, ſo wenig, als ich meine Liebe zu Gabriella Saint Sue in Abrede gezogen habe.“ Nachdem er dieſes geſagt hatte, verließ er Alf⸗ hild und half der Oberſtin bei ihrem Mantel, äu⸗ ßerte gegen Malin ein paar artige Worte über ihre ſchönen Hände, und verſicherte die jüngſte, daß er niemals Jemand mit ſchönern Augen geſehen habe 1 ſ. w. Alfhild ſah und hörte ihn. Das Blut brannte wie Feuer in ihren Adern; es ſauste ihr in den Ohren, und in ihrem Gedächtniß durchging ſie alle 110 die Augenblicke, da er ihr ſeine Bewunderung ihrer Schönheit zugeflüſtert hatte; aber die Erinnerung, dieſes unbeſtechliche Geſpenſt, ſagte ihr auch, daß nicht ein einziges Mal ſeit der Zeit, da er ihr in London ſeine Liebe erklärt hatte, ein Wort der Zu⸗ neigung wieder über ſeine Lippen gekommen war.— Ach! ſie war es, welche ſeine Aufmerkſamkeit und Artigkeit für einen Beweis genommen hatte, daß ſeine Gefühle dieſelben geblieben ſeien. Alfhild hätte bei dieſer Frinnerung ſich das Herz in tauſend Stücke reißen mögen, und dennoch, dennoch glaubte ſie ihrerſeits die Betrogene zu ſein. XV. In Ekbaka war es wieder leer. Tante Bertha hatte ſich zur Ruhe begeben, und Alles im Hauſe war ihrem Beiſpiele gefolgt. Unten am Strande gingen im September⸗Mond⸗ ſchein die beiden Brüder auf und ab. Ernſt's Stirne war blaß und düſter, und er ſchien ſichtbar entſchloſſen, das Stillſchweigen nicht zu brechen. Alriks Ausſehen zeugte von lebhaften und auf⸗ geregten Gefühlen. Er hatte den Kopf zurückge⸗ worfen und die bleichen Strahlen des Mondes fielen auf das verſtörte Antlitz. Er kämpfte augenſchein⸗ lich mit der Unruhe in ſeinem Innern, ſo daß er nicht mit Gelaſſenheit ſprechen konnte. Lang waren ſie ſo hin und hergewandelt; endlich wandte ſich Alrik an den Bruder mit der Frage: 111 „Wo haſt Du Gabriella's Bekanntſchaft gemacht?“ „In Venedig.“ „Haſt Du ſeitdem ſie ſtets geliebt?“ „Alrik! das ſind Fragen, die ich nicht beantwor⸗ ten mag. Sie berühren mein Inneres, und dieß will ich für mich ſelbſt behalten.— Uebrigens, was verſchlägt es Dir? Du haſt ja einmal, als Du von deinem erſten Beſuch zu Wettersnäs redeteſt, geſagt: Ich hahe von dieſer Frau Nichts zu ge⸗ winnen, denn ich will ihr dienen ohne jeglichen Ge⸗ danken an einen Lohn.“ „Das habe ich geſagt und das gedenke ich zu halten.“ „Warum biſt Du dann eiferſüchtig?“ entgegnete Ernſt, indem er ſeinen Bruder mit düſterer Ruhe betrachtete. „Ernſt!“ rief Alrik und blieb ſtehen. Die Adern ſchwollen ihm auf der Stirne, und ſeine Augen blitzten. Auch Ernſt blieb ſtehen, aber er fuhr mit der⸗ ſelben düſtern Ruhe fort: „Wäreſt Du nicht eiferſüchtig, warum würden dann meine Beſuche zu Wettersnäs deinen Zorn er⸗ regen? Warum würdeſt Du dann ſo hartnäckig die Beſchaffenheit meiner Gefühle für Frau von Saint Sue auszuforſchen ſuchen? Habe ich ein einziges Mal nach den deinigen gefragt? Sollteſt Du, mit dem feſten Vorſatz auftretend, in ihr nur eine Unglück⸗ liche zu ſehen, welche Du mit dem Leben verſöhnen wollteſt, für ſie nicht allein jene unglücklichen Ge⸗ fühle gefaßt haben, von denen Du ſelbſt Dich los⸗ ſagſt, ſondern ſogar eiferſüchtig alle bewachen, welche ——— 112 ihr nahe kommen, dann, Alrik, wäreſt Du nicht beſſer als jeder andere Mann auch.“ Ernſt ſchritt wieder vorwärts, und Alrik folgte ihm ſchweigend. Geraume Zeit gingen ſie, ihre Eigarren rauchend, neben einander her; wiederum brach Alrik das Stillſchweigen, aber dieſes Mal war auch er vollkommen ruhig.“ „Ich danke Dir für deine Worte! Sie enthiel⸗ ten eine ſcharfe Wahrheit. Du haſt Recht; ich war wirklich im Begriff, die beſchränkte Rolle, welche ich mir ſelbſt zugetheilt hatte, zu vergeſſen; aber ſei verſichert, daß mir dieß nicht ſo leicht paſſiren ſoll. Du ſagſt, ich ſei eiferſüchtig; möglicher Weiſe haſt Du Recht; aber dieß iſt Etwas, das ich immerdar bin, wenn es ſich um Perſonen handelt, für welche ich mich intereſſire. Ich will allein Herr über deren Schickſal ſein. Mein Streben war, mich über die Menge zu erheben, moraliſch höher als Andere zu ſtehen und in dieſem Gefühl ſtolz ſein zu dürfen.“ „Aber Du haſt, wie alle eigenliebigen Leute, über Andern zu ſtehen geglaubt, ehe Du deine eige⸗ nen Kräfte erprobteſt; Du haſt Dich für berechtigt gehalten, Andere zu verachten. ehe Du unterſuchteſt, ob deine Stärke von der Art ſei, daß ſie die hohe Meinung, welche Du ſelbſt davon haſt, auch verdiene. Wir haben kein Recht, über die Schwächen Anderer den Stab zu brechen, ehe wir geſehen, daß wir ſelbſt als Sieger aus der Verſuchung hervorgingen.“ Auf Alriks Angeſicht las man, daß er ſich von dem Bruder verlezt fühlte, den er immer im Ver⸗ gleich mit ſich für ſchwach gehalten, und der ihm nun eine Schwachheit, eine Abweichung von dem 113 Wege, den er ſich ſelbſt vorgezeichnet hatte, ſchuld ab. Ahnte Ernſt dieſe Gedanken, oder war es die Erinnerung an ihre Jugend, wo Alrik ſo oft ihm ſeinen ſchwachen Charakter zum Vorwurf gemacht und durch ſeinen Uebermuth ihn gedemüthigt hatte, was Ernſt jetzt bewog, nach einer Pauſe wieder das Wort zu nehmen? „Hft haſt Du mir vorgerückt, daß ich keine Cha⸗ rakterſtärke beſitze, daß ich niedrigen Verſuchungen nachgebe u. ſ. w. Wahr iſt es, daß die Schönheit uuf meine Sinne und mein Blut einen großen Ein⸗ fluß ausübte; aber ich weiß auch dagegen, daß ich das einzige Mal, da ich wirklich geliebt habe, voll⸗ mmen Herr über meine Gefühle geblieben bin. Noch hat keine Verſuchung vermocht, mich von dem, as die Ehre gebietet, abwendig zu machen. Doch 1 dieß gilt nur von der Vergangenheit; denn ich weiß nicht, welche Verſuchungen die Zukunft mit ſich brin⸗ gen kann, und wie ich dieſelben beſtehen werde.“ Er ſtrich mit der Hand über die Stirne und fuhr dann fort: „Einmal hatte ich das Mädchen, welches ich an⸗ betete, allein in einem Boote, und ich rührte ſie kaum an, obwohl jeder Schlag meines Herzens von ſtürmiſcher Leidenſchaft Zeugniß gab. Seitdem haben Sorge und Mißgeſchick mich betroffen, aber ich ließ mich niemals dadurch völlig niederſchlagen oder ver⸗ leiten, mit ercentriſchen Gefühlsausbrüchen Andere zu behelligen. Meine innern Stürme habe ich für mich ſelbſt behalten, und die ſollen nicht der Welt preisgegeben werden. Schwartz, Ein Opfer der Rache I. 8 1 1 114 „Wie von mir geſchieht, willſt Du ſagen,“ fiel Alrik ein. „Ja! Du biſt ſo ſtolz, ſo eigenliebig, ſo über⸗ müthig in deinem Glauben an Dich ſelbſt und haſt doch keine Macht über deine ausbrechenden Gefühle! Was iſt es eigentlich, worauf Du ſtolz biſt?“ „Auf das Bewußtſein, niemals unrecht, oder aus egoiſtiſchen Beweggründen gehandelt zu haben.“ „Biſt Du überzeugt, nicht ein ebenſo großer Egoiſt wie Andere zu ſeiu?“ „Vollkommen!“ „Glückliche Selbſttäuſchung!“ bemerkte Ernſt kalt. „Nun wohl, beweiſe mir, wenn Du kannſt, daß ich Egoiſt bin,“ rief Alrik heftig.„Wenn Du mich deſſen überführen könnteſt, ſo wäre ich in der That ein Elender, ein....“ „Halt ein! Laß deine Phantaſie nicht mit deiner Vernunft davonlaufen, ſondern lege der erſtern den Zügel an und ſteure deiner Heftigkeit, denn ſonſt iſt es vergeblich, mit einander zu reden.“ „Du willſt, daß man Fiſchblut haben ſoll, ob⸗ wohl Du mich in einen Schurken, einen elenden Sclaven niedriger und egoiſtiſcher Begierden um⸗ wandelſt, und zwar, ungeachtet ich fühle, daß ich jeden Tropfen meines Blutes für diejenigen, welche ich liebe, hingeben würde. Dieſes unaufhörliche Herabſetzen alles deſſen, was ich Edles an mir habe, muß nothwendig die Seele in Aufruhr verſetzen und einen gerechten Zorn hervorrufen.“ Wiederum entſtand eine Pauſe, und auch dieß⸗ mal wurde ſie von Alrik unterbrochen. „Nun, womit beweiſeſt Du meinen Egoismus?“ 115 „Damit, daß Du vor Allen und über Allen ſtehen willſt. Dein Ich duldet kein Du neben ſich. Selbſt dein Edelmuth iſt oft reiner Egoismus, denn Du willſt damit zeigen, daß kein Anderer eine ſo hoch⸗ herzige Handlung, wie Du, zu vollbringen im Stande iſt, und Du geſtatteſt Niemand, die Mühe mit Dir zu theilen, weil Du die Ehre allein haben willſt. Wenn Du gezwungen biſt, dich der Beihülfe eines Andern zu bedienen, ſo muß dieſer Dir ganz und gar unterthänig ſein, in Allem deinen Befehlen blind⸗ lings gehorchen und nur nach deinem Willen thun. Dieſer ganz abſolute Zug deines Chrakters beruht auf einem egoiſtiſchen Grunde.“ „Möglich, aber ich glaube es nicht. Stelle mich auf die Probe, begehre von mir ein Opfer, welches dein Glück ausmachen kann.“ „Sei ruhig; mein Glück oder Unglück durch ein Opfer zu erzielen, iſt an mir ſelbſt; aber wenn ich geſtern— heute kann es nicht mehr in Frage kom⸗ men— geſagt hätte: Alrik, ſtehe von deinen Be⸗ ſuchen zu Wettersnäs ab, mein Glück erheiſcht es, was würdeſt Du geantwortet haben?“ „Daß ich es gern gethan hätte, wenn ich nicht eben jetzt mich für Frau von Saint Sue's morali⸗ ſche Geneſung unentbehrlich hielte.“ „Bah! Es gibt keinen unentbehrlichen Menſchen, ſagt Méry, und ich wiederhole es.— Gute Racht, mein Bruder; deine Zärtlichkeit für Frau von Saint Sue wäre jedenfalls die richtige Urſache deiner Wei⸗ gerung geweſen.“ Ernſt wollte gehen. Alrik hielt ihn zurück, indem er ſagte: 8* 116 „Ernſt, ich bitte Dich in dieſem Augenblick bei unſerer brüderlichen Freundſchaft, ſage mir, liebſt Du Gabriella?“ Alrik hatte ſeine Hand auf die Schulter des Bruders gelegt und ſah ihm gerade in die Augen. „Ja!“ antwortete Ernſt. „Nun wohl, Du haſt mir Egoismus ſchuld ge⸗ geben; ich will Dir beweiſen, daß Du Unrecht haſt. Morgen will ich ihr ſagen, wie innig, wie treu Du ſie liebſt, und daß ſie dein Glück in ihren Händen trägt. Mit kurzen Worten: ich, der egoiſtiſche Alrik, welcher ſeinem Vorſatze, nur ihr Seelenarzt zu ſein, untreu geworden iſt und ſtatt deſſen dar⸗ nach trachtet, weil er ſie liebt, auch ihr Herz zu gewinnen, ich will aller Hoffnung entſagen und nur deine Sache führen. Bin ich dann auch ein Egoiſt?“ „Das wäre eine thörichte Probe, welche Du, wie ich überzeugt bin, nicht beſtehen würdeſt; und wenn es auch geſchähe, möchte ich mein Glück doch nicht um einen ſolchen Preis erkaufen.“ „Du bezweifelſt alſo meine Seelenſtärke?“ „Ja, in dieſem Fall, denn es iſt immerhin mög⸗ lich, daß Gabriella ihre Zuneigung Dir geſchenkt hat. Sei verſichert, deine Seelenſtärke würde zum Wanken gebracht, wenn Du dieß bemerkteſt; dieß, Alrik, wäre natürlich. Ich fühle, daß ich aus einer ſolchen Prüfung nicht als Sieger hervorgehen würde.“ „Aber ich, ich werde es; ſelbſt wenn ſie mich liebt, ſo will ich Dir beweiſen, daß ich meinem eige⸗ nen Glück entſagen kann, um das deinige zu be⸗ gründen.“ „Wiederum Egoismus, Es wäre nicht mein 117 Glück, wofür Du arbeiteteſt, ſondern dein eigener Stolz, den Du befriedigen wollteſt. Für das ſtolze Bewußtſein, mich überzeugen zu können, daß Du eines ſolchen Opfers fähig wäreſt, ließeſt Du in ei⸗ nem ſolchen Fall ſelbſt Gabriella's Glück in Trüm⸗ mer gehen. Nein, Alrik, begnüge Dich gleich mir, ſchlecht und recht ein Menſch, mit den Fehlern und Schwachheiten eines ſolchen zu ſein.“ Ernſt entfernte ſich, und Alrik rief ihm nach: „Der morgende Tag wird es ausweiſen.“ Alrik blieb in dem hellen Mondſchein ſtehen und ſchaute zu dem tiefblauen Himmel empor. Woran dachte der junge, kräftige Mann? An die Worte des Bruders. Sie waren ſtreng, jedoch wahr geweſen. Es kam ihm vor, als ob ſie ein helles Licht über ſein Inneres verbreitet hätten, ſo daß er dabei einzuſehen begann, mit wie viel Selbſtüberſchätzung er behaftet war. Noch kannte er indeſſen nicht die ganze Wahr⸗ heit davon; die Erfahrung ſollte ihm dieß erſt zeigen. XVI. Am folgenden Nachmittag galopirte Alrik in den Hof von Wettersnäs hinein. Unmittelbar darauf wurde er in den untern Salon gewieſen, wo er Gabriella fand. „Ah, Herr Welwort,“ ſagte Gabriella und ging ihm mit einem milden Lächeln entgegen;„ich glaubte, Sie wären ſammt Birger in dem Paſtorhauſe bei 118 dem großen Diner, welches dort den Herren des Orts gegeben wird.“ „Heute!— Unmöglich! Konnten Sie dieß glau⸗ ben?“ antwortete Alrik, indem er Gabriella's Hand in der ſeinigen behielt, und ſetzte dann hinzu:„Sie ſind wohl ungemein froh, daß heute Abend Ihre Plage zu Ende geht?“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ Gabriella ſetzte ſich auf einen kleinen Sopha, der Glasthüre gegenüber. Alrik nahm an ihrer Seite Platz. „Heute iſt der Schluß der drei Monate, welche ich mir ausbedungen habe, um Sie plagen zu dürfen. Sie haben wohl meinen Charakter ſo weit verſtan⸗ den, um einzuſehen, daß ich mich nicht des trauri⸗ gen Vergnügens berauben wollte, mir von Ihnen Lebewohl ſagen zu laſſen.— Ich werde nun meine Beſuche einſtellen, zufrieden mit der Veränderung in Ihrem Seelenzuſtande, welche ich zu bewerkſtelligen ſo glücklich geweſen bin, und Sie von der Unan⸗ nehmlichkeit befreien, länger eine Perſon ſehen zu müſſen, welche Ihnen ſo viel Verdruß bereitet hat. Ich verlaſſe Sie von Ihrer Seelenkrankheit beinahe gänzlich hergeſtellt. Nunmehr weiß ich, daß Sie niemals wieder in eine unthätige Betrübniß zurück⸗ fallen werden.“ Er ſchwieg. Gabriella ſah ihm mit einem Blick ins Geſicht, welcher Erſtaunen und Unruhe verrieth. „Ich hatte unſer Uebereinkommen und den Um⸗ ſtand, daß Ihre Freundſchaft für mich auf eine ge wiſſe Zeit beſchränkt war, ganz vergeſſen. Sie ſa⸗ gen, Sie wollen mich von einer Plage befreien. 119 Mein Herr, Sie wiſſen doch, daß Ihre Gegenwart für mich zu einem Bedürfniß geworden iſt.“ „Wie iſt das möglich? Sie haben von mir nur eine harte Sprache zu hören bekommen. Ich habe Nichts gethan, um meinen Umgang Ihnen ange⸗ nehm zu machen, und darum bin ich darauf gefaßt, daß Sie mich ohne einen Schein von Bedauern meine Beſuche zu Wettersnäs einſtellen ſehen.“ „Sie können ſo nicht denken, denn Sie haben ſchon ſeit langer Zeit die entgegengeſetzte Ueberzeu⸗ gung gewonnen; ſollten Sie aber wirklich einen ſolchen Gedanken hegen, ſo haben Sie ſich grauſam getäuſcht. Sie ſind und bleiben ein Freund, deſſen Nähe mir theuer iſt.“ „Ach, gnädige Frau, Sie wollen zum Beweiſe, daß Sie nicht egoiſtiſch geſinnt ſeien, es ſich auch fernerhin gefallen laſſen, mich zu ſehen, gerade wie Sie thaten, als ich Sie bat, meinen Bruder zu empfangen; aber dieß iſt eine Gunſt, auf welche ich verzichte.“ „Wozu dieſe Worte?“ ſagte Gabriella ungekün⸗ ſtelt;„Sie kennen mich genugſam, um zu wiſſen, daß wenn ich keine Freundſchaft für Sie hegte, ich es auch nicht ſagen würde. Herr Welwort, vergeſ⸗ ſen Sie darum, daß Sie für Ihre Theilnahme und Ergebenheit eine gewiſſe Zeit beſtimmten, und ver⸗ ſuchen Sie, ſich für Gabriella von Saint Sue ohne jeglichen Gedanken an die Zukunft zu intereſſiren.“ Alrik führte die kleine Hand an ſeine Lippen und ſagte mit Wärme: „Ich danke!“ Dann ließ er ſie plötzlich wieder los, als ob er 120 ſich erinnerte, daß in dieſer Bewegung etwas Un⸗ rechtes läge. „Und nun, Herr Welwort, werden Sie fortfah⸗ ren, mir guten Rath zu ertheilen; lehren Sie mich, ſo viel Gutes, als in meinen Kräften ſteht, zu thun. Ich verſpreche Ihnen, mit Achtung und Ver⸗ trauen mich nach Ihren Vorſchriften zu richten.“ „Gnädige Frau, als ich mit Gewalt Ihnen meine Theilnahme aufzwang, hatte ich feſt beſchloſ⸗ ſen, nicht einen Tag über die bedungene Zeit hinaus mit meinen Beſuchen fortzufahren. Ich weiche nicht gern von einem Vorſatz ab, beſonders nicht, wenn er von ſolcher Natur iſt, denn Sie könnten ſonſt mit Recht denken, ich hätte nur deßhalb eine begrenzte Zeit aufgeſtellt, um Ihren Widerwillen zu überwinden und mir ſomit die Möglichkeit zu verſchaffen, auch ſpä⸗ terhin Ihr Freund zu bleiben. Dieß würde aber ein Sonderintereſſe in ſich ſchließen, und eine ſolche Vor⸗ ausſetzung wäre höchſt verletzend für mich, ſofern ich nur von einer uneigennützigen Theilnahme für Sie geleitet worden bin. Ich muß ſomit von Ih⸗ nen ſcheiden. Bewahren Sie darum in Ihrem Her⸗ zen die Erinnerung an mich, als an eine Perſon, die nur einen Wunſch hegte, nämlich Sie dem Le⸗ ben wiederzuſchenken.“ „Ach! mein Herr, Sie ſind grauſam!“ rief Ga⸗ briella mit bebender Stimme. „Grauſam, ſagen Sie! Wenn das ſo iſt, ſo glauben Sie, daß ich es gewiß gegen mich ſelbſt bin. Doch ich wollte nicht von mir reden, ſondern von Ihnen. Erlauben ſie mir darum, dieſe letzten Stunden unſerer kurzen Bekanntſchaft zu benützen, um Ihnen zu zeigen, wie Sie ſelbſt das Glück finden und auch einem Andern ſchenken können. Sie wol⸗ len ja meinen Worten aufmerkſam zuhören.“ „Sprechen Sie nicht von Glück, wenn Sie fort ſind,“ flüſterte Gabriella. Auf Alriks Stirn flammte eine hohe Röthe; ein Strahl von Wonne blitzte aus ſeinen Augen, erloſch aber ſogleich wieder, und er nahm abermals das Wort: „Sie haben es bis jetzt als ein Verbrechen an⸗ geſehen, Jemand aufzuſuchen, welcher Ihrem Daſein Werth geben könnte, und als die Freude des Lebens Ihnen die Hand reichte und Glückſeligkeit bot, ſtießen Sie dieſelbe zurück. So haben Sie zum Bei⸗ ſpiel einmal in Ihrer Liebe zu meinem Bruder eine lächelnde Zukunft vor ſich gehabt und dieſelbe den⸗ noch von ſich gewieſen. Jetzt, gnädige Frau, bietet ſich Ihnen daſſelbe Glück. Sie werden heute von ihm mit derſelben Stärke, wie vor acht Jahren, ge⸗ liebt. Nun wohl, laſſen Sie ſich durch die Liebe mit dem Leben verſöhnen, und ſchenken Sie ihm den Lohn, welchen ſeine Treue verdient. Sie haben ihn geliebt, und müſſen es ſomit noch jetzt können, denn das war nicht, was nicht i ſt.“ „Sie haben Recht: das war nicht, was nicht iſt; hätte mein Herz Zeit gehabt, ſich vor jenem unglücklichen Duell an Ernſt zu feſſeln, dann wäre mein Gefühl zu dem geworden, was es im Begriff ſtand zu werden; aber, was nicht iſt, das iſt auch nie geweſen. Jenes wunderbare, magiſche Ge⸗ fühl, welches Ernſt erweckte, und welches gleich einer roſigen Wolke ſich zwiſchen mich und meine trauri⸗ 122 gen Erinnerungen ſtellte, verwandelte ſich bei dem Anblick von Corſins blutigem Leichnam in ein Schreckbild. Anſtatt daß meine dämmernde Liebe wie ein ſchöner, verheißungsvoller Traum in meinem Innern zurückblieb, wurde ſie zu einer blutigen, ſchaudervollen Erinnerung.“ „Und Ihr Gefühl für meinen Bruder, was iſt es jetzt?“ „Eine tiefe und innige Theilnahme an ſeinem Leid und Kummer; eine bittere Anklage, daß ich die Urſache davon bin.“ „Sie lieben ihn nicht?“ „Nein, in meinem Herzen findet ſich kein Gefühl, das es mir möglich machen könnte, Ernſt zu lieben“ „Und doch ſind Sie einmal nahe daran gewe⸗ ſen, ihn zu lieben. Sie haben für ihn jenes ſüße Gefühl gehegt, welches uns ſelbſt die traurigſte Ver⸗ gangenheit vergeſſen läßt. Nun wohl, ſollte das tägliche Beiſammenſein, die Gewißheit, daß Sie für ihn ſein ganzes Lebensglück ausmachen, nicht im Stande ſein, die Gefühle wieder zu wecken, welche Sie jetzt als todt betrachten?“ „Unmöglich! Mein Herz kann ihn nicht lieben.“ „Aber Sie hegen Theilnahme und Freundſchaft für ihn. Sie leiden bei dem Gedanken, daß er durch Sie unglücklich iſt. Sollte nicht dieſes Be⸗ wußtſein, einen Menſchen glücklich gemacht zu haben, Sie dazu vermögen, Ihr Leben Ernſt zu widmen und als ſeine Gattin ihn mit dem Kummer, wel⸗ chen er erfahren hat, zu verſöhnen? Wäre dieß nicht ein ſchönes Ziel für Ihr Beſtreben?“ „Einmal habs ich ſo gedacht, wie Sie jetzt ſpre⸗ 123 chen. Ich opferte damals mein Leben für einen Mann, deſſen Unglück und edler Charakter mir je⸗ des Opfer für ihn theuer machte. Ich konnte es damals thun, denn ich hatte außer meinem Kum⸗ mer kein anderes Intereſſe. Ich wußte, daß ich ihm vor Gott Treue und Ergebenheit geloben konnte, denn in meinem Herzen hatte damals außer dem Mitleiden mit ihm kein anderes Gefühl Raum. Und mehr noch; er forderte von mir niemals Liebe; er fühlte blos das Bedürfniß, eine Freundin, eine Wär⸗ terin und Tröſterin an ſeiner Seite zu haben. Nicht ſo mit Ernſt. Gerade darum, weil er mich liebt, wird er auch Gegenliebe von mir begehren. Das Glück, welches ich ihm durch meine Aufopferung be⸗ reiten wollte, würde ſich für uns beide in unſäg⸗ lichen Jammer verwandeln. Er würde aus Man⸗ gel an Liebe leiden; ich aus Kummer darüber, daß ich ihm eine ſolche nicht geben kann. Der Inſtinkt ſagt mir, daß das, was Sie mir jetzt rathen wollen, mit dem natürlichen Rechtsgefühk in Widerſpruch ſteht. Es müßte ein Unrecht ſein, wenn ein Menſch, ohne Liebe im Herzen, vor Gott träte und einem Andern Etwas gelobte, was nicht in ſeiner Macht ſteht; und doppelt Unrecht wäre es, wenn er es thäte, wäh⸗ rend er weiß, daß ſein Herz...“ Gabriella ſchwieg plötzlich. „Warum reden Sie nicht aus?“ fragte Alrik mit bewegter Stimme. „Einem Andern angehört,“ flüſterte Gabriella. Jetzt war es mit Alriks Selbſtbeherrſchung aus; er ſprang von ſeinem Stuhle auf und faßte Ga⸗ briella's beide Hände, indem er leidenſchaftlich ausrief: 124 „Und dieſer Andere, welchem Ihr Herz gehört? — O Gabriella, ſagen Sie, ſagen Sie, daß ich es bin! Ach, ich weiß ja, daß Sie mich lieben; ich habe es ſchon lange gewußt, aber laſſen Sie es mich von Ihren eigenen Lippen hören. Ueberzeugen Sie mein unruhiges, ſtürmiſches Herz, daß dieſer wunderbare Traum, welcher ſo oft meine Phantaſie umgaukelte, eine Wirklichkeit iſt, daß Sie mich nur zum zehnten Theil ſo innig lieben, wie ich Sie.“ „Ich habe Sie ſchon ſeit unſerem erſten Zuſam⸗ mentreffen geliebt,“ ſagte Gabriella mit einem eben ſo wonnevollen als wehmüthigen Lächeln.„Als Sie dort auf dem Berge vor mir ſtanden, waren Sie mir nicht fremd, fondern es kam mir vor, als ob ich einen Theil von mir ſelbſt wieder gefunden und erkannt hätte. Das Gefühl meines eigenen Herzens ſagte mir, daß. 4 „Sie geliebt wurden, ſo unbegrenzt, daß Sie mir mehr waren, als mein eigenes Ich.“ „Werden Sie mich jetzt auch noch verlaſſen?“ Alrik konnte nicht antworten, denn die Saalthüre ging auf, und Clara trat in Begleitung von Alf⸗ hild ein. XVII. Kaum hatten die Mädchen Alrik begrüßt, wel⸗ wer mit einem grimmigen Blick dieſen Gruß erwie⸗ derte, als Ernſt durch die offene Glasthüre von der Veranda eintrat, ohne daß Jemand ihn bemerkt hatte, als er die Treppe zu derſelben herauf geſtie⸗ gen war. t 125 Er ſah bleich, aber ruhig aus; doch ein inne⸗ res, qualvolles Leiden ſtand auf ſeiner Stirne zu leſen. Er begrüßte Gabriella mit einem Ausdruck wirklicher Achtung. Gleich darauf kam auch Birger. Bei Ernſt's Anblick flog eine dunkle Röthe über Alriks Geſicht, und in ſeinem Gedächtniß wieder⸗ hallten die Worte des Bruders: Eine ſolche Probe würdeſt Du ebenſo wenig wie ich beſtehen.“ Es war ein Augenblick bitterer Demüthigung für den auf ſeine Seelenſtärke ſo übermüthigen Alrik, wo er ſich geſtehen mußte, daß er im Grunde nicht feſter oder ſeiner Gefühle mächtiger war, als Ernſt. Vielleicht war er es noch weniger. Bei dieſer Vorausſetzung flammte Etwas wie Zorn in ihm auf. Ernſt, welcher nicht gern Andere in ſeinem Innern leſen ließ, begann ſogleich von gleichgülti⸗ gen Dingen zu reden. Eine Hochzeit, etliche Mei⸗ len von Wettersnäs, zu welcher er geladen worden war, wurde von ihm zur Einleitung für das Ge⸗ ſpräch benützt. „Iſt die Braut ſchön?“ fragte Clara. „O ja, recht hubſch“ „Hat ſie Vermögen?“ fragte Birger. „Nein, ſie iſt arm.“ „Und bekommt doch einen Mann,“ fiel Alfhild ein.„Das iſt doch in der That ſtaunenswerth.“ „Ich finde nichts Erſtaunliches daran,“ antwor⸗ tete Ernſt ganz ruhig.„Sie ſoll einen Schatz weib⸗ licher Tugend und Anmuth beſitzen, welche den Man⸗ gel an Geld in reichem Maße erſetzen.“ 126 „Ein ſolches Kapital ſcheint mir auch mehr werth, als der größte Reichthum,“ meinte Alrik. „Sind es wirklich die Herren Welwort, welche eine ſolche Behauptung aufſtellen?“ fragte Alfhild in ſcharfem Ton.. Birger betrachtete ſie mit einer Miene mißbilli⸗ genden Bedauerns über dieſe Aeußerung; Alrik wurde dunkelroth, Ernſt blieb ruhig. „Ja, wie Sie hörten, meine Gnädige,“ antwor⸗ tete Ernſt artig. „Ich hatte von den beiden Herrn eine entgegen⸗ geſetzte Anſicht,“ fuhr Alfhild fort, von Birgers Blick und Ernſt's Ton gereizt. Gabriella, den Leidenſchaften des Lebens völlig fremd, ſah Alfhild verwundert an. „Sie glaubten, wir ziehen Vermögen der Tu⸗ gend vor?“ bemerkte Alrik.. „Was Sie, Herr Architekt, betrifft, ſo habe ich zu glauben längſt aufgehört. Ihre Handlungsweiſe gibt mir Gewißheit dafür,“ entgegnete Alfhild mit blitzenden Augen und brennenden Wangen. „Unendlich verbunden,“ ſagte Alrik, nahm einen Stuhl und ſetzte ſich neben Alfhild.„Und was hat Ihnen eine ſolche Meinung von mir eingegeben?“ „Haben Sie von der armen Frau vernommen, der Mutter des jungen Burſchen, der bei dem Kirchendiebſtahl hier betheiligt war?“ fragte Alfhild. „Allerdings, aber wie gehört das hieher?“ „Sie werden mich ſogleich verſtehen. Haben Sie gehört, daß die arme, einſame Frau in Kum⸗ mer und Verzweiflung verſunken iſt?“ 127 „Ja,“ antwortete Alrik erröthend. Er ahnte, worauf Alfhild hinzielte. „Sind Sie, ein Mann, der ſich die edle Aufgabe ſtellte, die Sorge der Betrübten zu lindern, bei ihr geweſen?“ Alrik warf den Kopf mit einer ſtolzen Bewe⸗ gung zurück. Clara rief warnend: „Alfhild!“ „Laß doch mich und den Herrn Architekten unſere Rechnung abmachen,“ rief Alfhild mit einem trium⸗ phirendem Lächeln.„Ich erwarte eine Antwort von Ihnen, Herr Welwort.“ „Nein, ich bin nicht dort geweſen.“ „Wenn nun Mutter Greta zum Beiſpiel Eigen⸗ thümerin von Wettersnäs wäre und Sie hätten da⸗ von reden hören, daß dieſelbe an einem tiefen und zermalmenden Kummer litte, da würden Sie es ſicherlich zu Ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, die reiche Wittwe mit ihrem unglücklichen Geſchick zu verſöhnen. Was hingegen die arme betrifft, ſo muß dieſe ihren Kummer tragen und ſich ſelbſt trö⸗ ſten können. Iſt dem nicht ſo?“ „Wiſſen Sie was, Fräulein Wolf, Ihre Worte lauten ſehr wie eine Beleidigung,“ bemerkte Alrik mit einem ſcharfen und ſtrengen Blick auf Alfhild. „Mir kommen Sie ungerecht vor,“ fiel Ga⸗ briella ein. „Es iſt, als ob Alfhild Herrn Welwort ſein Wohlwollen gegen mich zum Vorwurf machen wollte, und das iſt nicht in der Ordnung.“ „Du irrſt Dich, Gabriella, ich will Herrn Wel⸗ wort blos beweiſen, daß er den Reichthum anbetet 128 und für den Reichen thut, was er niemals für den Armen thun würde.“ „Welchen Vortheil kann aber Herr Welwort von der Theilnahme haben, die er mir erwieſen?“ „Den, ſich eine reiche Frau zu verbinden. Dieß kann, wenn er gleich Dir jung iſt, weit führen.“ „Reich?“ wiederholte Gabriella;„bin ich reich?“ „Haſt Du wirklich vergeſſen, daß Du reich biſt, ſo ſei verſichert, daß die Herren Welwort es nicht gethan haben.“ Jetzt war es mit Clara's Geduld zu Ende, und ſie forderte in munterem Tone dazu auf, von die⸗ ſem Geſpräch abzubrechen. „Herr Gott, wie langweilig ihr ſeid! Beſter Birger, Du biſt ein Mann von Welt, bringe etwas Angenehmeres vor,“ „In Bezug auf den Reichthum?“ fragte Bir⸗ ger lächelnd.. „Was es auch ſei, wenn es nur intereſſanter iſt, als womit meine Schweſter uns aufwartet.“ „Du thuſt Unrecht daran, daß Du Alfhild nicht fortfahren läſſeſt.“ „Ei ſieh', jetzt beginnſt auch Du, langweilig zu werden. Nun, Herr Ingenieur, wollen Sie es auf ſich nehmen, dem Geſpräch eine angenehmere Rich⸗ tung zu geben?“ „Gern, wenn ich Sie zur Verbündeten bekomme.“ Ernſt zog ſeinen Stuhl zu Clara hin und zwang ſein Geſicht, ſo viel möglich, ſich aufzuklären. Alrit dagegen ſaß bleich und ſchweigend und mit einer ganzen Welt von Stürmen auf ſeiner 129 Stirne da. Gabriella betrachtete ihn mit bekümmer⸗ tem Blick. „Können Sie mir, Fräulein Clara, ſagen, was Liebe iſt?“ fragte Ernſt lächelnd. „Unmöglich,“ fiel Birger ſcherzend ein.„Clara hat niemals geliebt, und wird niemals lieben.“ „Woher weißt Du das?“ „Darum, weil Du einen viel zu heiteren und leichten Sinn haſt.“ „Muß man denn nothwendig düſter und uner⸗ träglich ſein, um von Gott Amor ſeine Aufwartung zu erhalten?“ „Wenigſtens ernſt.“ Finſter wie der Herbſthimmel, lehnte ſich gede⸗ müthigt und verletzt Alfhild in ihren Seſſel zurück. „Und Du glaubſt, ich könne kein ernſtes Gefühl haben?“ „Ja, auf fünf Minuten.“ „Das iſt eine hübſche Schilderung von dem Ge⸗ müthe eines Menſchen,“ rief Clara lachend.„Das heißt, Du hältſt mich für eine flatterhafte Närrin.“ „Das gerade nicht, aber für ein Kind der Freude, das Alles verabſcheut, was unter die Rubrik von— Ernſt zu verweiſen iſt.“ „Haben Sie dieſelbe Meinung von mir, Herr Ingenieur?“ „Nicht ſo ganz; aber laſſen Sie uns hören, was Sie von der Liebe halten. Sagen Sie mir, was begreifen Sie unter dieſem Gefühl?“ „Die höchſte Freude der Erde,“ antwortete Clara in ſo friſchem und ernſtem Ton, daß ihre Worte Schwartz, Ein Opfer der Rache. I. 9 130 gewiſſermaßen in allen Zuhörern einen Wiederhall fanden. Gabriella drehte ſich haſtig um und ſah ſie au⸗ Es lag ein eigenthümlicher Ausdruck tiefer Ueber⸗ zeugung in Clara's Angeſicht. „Oder die größte Qual,“ ſetzte Ernſt hinzu. „Nein, und tauſendmal nein. Der hat niemals recht geliebt, welcher in der Liebe ſeine größte Qual gefunden hat. Der hat als Egoiſt geliebt, um zu beſitzen und ſelbſt zu genießen, aber er hat nicht geliebt um des Glückes willen, die Liebe kennen ge⸗ lernt zu haben.“ „Die Liebe iſt der größte aller Egviſten,“ meinte Birger. „Man behauptet dieß im Allgemeinen; aber ich glaube nicht daran. So habe ich ſie nicht auf⸗ gefaßt.“ „Die Auffaſſung eines Gefühls iſt etwas gans Anderes, als die Erfahrung davon,“ fiel Ernſt ein. „Sind Sie nicht dafür, ſo theilen Sie uns Ihre Auffaſſung mit. Es iſt beſtimmt eine Theorie, welche in der Praxis nicht Stich hält.“ „Sie glauben ſo, und es mag gut ſein,“ ant⸗ wortete Clara lächelnd.„Aber Sie wiſſen doch nicht genau, ob ich mehr aus Erfahrung, oder aus Rai⸗ ſonnement ſpreche.“ „Was auch dieſer Aufſtellung zu Grunde liegen mag,“ bemerkte Birger,„ſo gereicht es uns doch zum Vergnügen, dieſelbe von Dir entwickeln zu hören.“ „Ja,“ ſiel Gabriella ein,„es liegt Etwas in 131 Clara's Worten, was die Ueberzeugung einflößt, daß ſie Wahrheit redet.“ Ernſt und Birger, ja ſo gar der, wie es ſchien, verſteinerte Alrik blickten mit Ueberraſchung auf Gabriella, ſo ungewöhnlich war es, daß ſie ſich direkt in das Geſpräch miſchte. Sie ſetzte lächelnd hinzu: „Sie verwundern ſich, daß ich mit Aufmerkſamkeit an dem, was geſprochen wird, Theil nehme; aber ich habe jetzt erſt zu fühlen angefangen, daß ich lebe. Laſſen Sie uns darum hören, was Clara über die Liebe zu ſagen hat. „Gern,“ erwiederte Clara,„meine Anſicht von der Sache iſt folgende: ich glaube, die Vorſehung habe das Vermögen zu lieben in das Menſchenherz als ein abſolutes Gegengewicht gegen alle unſere egoiſtiſchen Begierden niedergelegt; die Liebe ſei das Gefühl, welches uns über die eigenen Intereſſen erhebe und in ſeiner Natur etwas ſo Hohes, ſo Edles, ſo Reines und ſo wirklich Himmliſches be⸗ greife, daß es in ſeiner eigenen Exiſtenz ſein größtes Glück finde. In dem Vermögen, zu lieben, liegt ja das höchſte Glück; in dem Vermögen, ſich ſelbſt zu vergeſſen, der größte Genuß, und ſomit, erwiedert oder unerwiedert, nah oder fern von dem Gegen⸗ ſtand unſeres Gefühls, muß die Liebe unſere höchſte Freude und Glückſeligkeit ſein. Das Leben wird durch ſie ſchöner, wir ſelbſt werden dadurch verebelt und zur Nachſicht gegen Andere geſtimmt.“ „Dieſer meiner Auffaſſung zufolge muß die Liebe das am mindeſten egoiſtiſche Gefuͤhl in unſerem Innern ſein, und demgemäß kann ſie nicht zur größ⸗ 9* ten Qual des Lebens werden. Wenn dem ſo iſt, ſo haben wir als Egoiſten geliebt, und eine ſolche Liebe iſt nur eine falſche Münze, welche alles Werhes ermangelt.“ „Sie ſind Idealiſtin,“ rief Alrik.„Ihre ganze Auffaſſung iſt falſch und nicht naturwahr.“ „Wirklich? Sie wollen alſo den Egoismus auch als wahr und natürlich adoptiren.“ „Es iſt hier von Liebe und nicht von Egoismus die Rede.“ „Verzeihung! Es handelt ſich hier darum, ob die Liebe durch ihr eigenes oder durch das Glück des geliebten Gegenſtandes lebt.“ Eines ihrer Grundelemente iſt, für Liebe auch Liebe zu erhalten,“ fiel Birger ein.„Clara hat Recht, wenn ſie behauptet, daß in dem Erwachen und in der erſten Empfindung der Liebe ſelbſt die höchſte irdiſche Freude beſtebt; aber Clara hat Unrecht, wenn ſie bei der Liebe den Egoismus in Abrede zieht, und dies beweist am beſten, daß ſie davon keine Erfahrung hat. Ich möchte den ſehen, der mit Wahrheit auftreten und behaupten könnte, er habe geliebt, ohne auch den Wunſch gehegt zu haben, den Gegenſtand ſeiner Liebe zu beſitzen; oder der läug⸗ nen könnte, der Verluſt dieſes Gegenſtandes habe ihn nicht unſäglichen Schmerz gekoſtet. Thut er es, ſo redet er nicht die Wahrheit.“ „In dieſem Fall, glaube ich, hat Birger Recht,“ bemerkte Gabriella;„aber ich ſtimme Clara bei, wenn ſie ſagt, das Reinſte und Edelſte, was unſer Herz empfinden kann, ſei die Liebe. Vor dieſem Freuden⸗ ſchimmer erbleicht ſelbſt der Kummer, das Unglüc 133 wird vergeſſen und das Leid verſchwindet. Es iſt ein Hauch vom Himmel, welcher mit ſeiner Selig⸗ keit auf einen Augenblick ſelbſt den Schmerz um⸗ ſpielt und in Freude verwandelt.“ Es lag in dem Ton ihrer Stimme ein eigen⸗ thümliches, magiſches Beben. Alle betrachteten ſie mit Verwunderung. Als ſie ſchwieg, blickte ſie auf und begegnete Alriks hellblauen Augen, welche ſie mit einem ganz beſondern Ausdruck unbeſchreiblicher Zufriedenheit anſchauten. „Recht ſchön geſprochen, Schweſterchen,“ nehm Birger wieder das Wort,„aber wir können das Fac⸗ tum nicht wegraiſonniren, daß die Liebe auch zu einer Plage werden kann. „Tra la, la, la,“ ſang Clara,„das iſt das ewig alte Lied, welches mir ſo albern vorkommt, daß ich kaum Luſt verſpüre, auch nur eine Sylbe daran zu verſchwenden. Meine Ueberzeugung ſteht feſt, daß die Qual der Liebe, wovon man in Reim und Proſa ſo viel ſpricht, nur eine Erfindung der Civiliſation und des Romans; die Liebe dagegen, wie ſie von Gott ausgegangen, die Quelle des Guten, die Quelle iſt, woraus alles Edle, Große und Glückliche ent⸗ ſprungen; aber es verhält ſich dabei wie mit allem Guten, was die Vorſehung uns gegeben hat; ſie kann verkehrt und mißbraucht werden und je nach der Gemüthsart des Menſchen einen beſonderen Cha⸗ rakter annehmen. Dann erwachen alle die Furien, welche wir die Qual der Liebe nennen, und welche in reiner und ungeſchminkter Sprache den Namen Neid, Rachgefühl über erlittene Verſchmähung, verwundete Eigenliebe, unbefriedigte 134 Fitelkeit und getäuſchtes Verlangen er⸗ halten. Dieſes ganze Anhängſel von Fehlern gehört zu unſerer mangelhaften Natur und nicht auf Rech⸗ nung der Liebe. Wenn dieſe iſt, was ſie ſein ſoll, ſo wird ſie auch die Kraft beſitzen, unſer Inneres zu beſſern, und ſomit dazu beitragen, daß wir dieſen Fehlern entgegenarbeiten, ſie bezwingen und dadurch Gott näher kommen.“ „Es läßt ſich nicht läugnen, Clara's Auffaſſung von Liebe iſt ſchön, und es wäre gut, wenn Jeder⸗ mann ihr ſolchen Adel verleihen könnte; aber leider fürchte ich, daß Sie durch das Verſchönerungsglas der Phantaſie ſehen,“ bemerkte Ernſt. Wir Sterbliche ſind ſchwach und gewöhnlich mehr von unſerem ſchlimmern als unſerem beſſern Menſchen beherrrſcht. Der Kampf, welchen wir beſtehen müſſen, um dem reinen, edeln Elemente in uns die Oberhand zu ver⸗ ſchaffen, iſt in der Regel ſo ſchwer, daß er unſere beſten Kräfte koſtet.“ „Eine höchſt traurige Theorie, mein lieber Ernſt,“ fiel Alrik ein.„Wir müſſen wohl annehmen, daß nur der ein Menſch iſt, welcher ſich von ſeiner beſſern Natur regieren läßt.“ „So ſollte es ſein, Alrik, aber es iſt nicht ſo,“ antwortete ſein Bruder mit tiefem Ernſt.„Unſer Schickſal, was iſt es wohl anders, als unſer eigener Charakter, unſere Fehler und unſere Irrthümer?“ „Damit ſtimme ich nicht ganz überein,“ bemerkte Gabtiella in traurigem Tone,„denn es gibt ja Menſchen, welche ſchon in den Kinderjahren vom Unglück verfolgt werden, welchen der Tod Eltern und Verwandte raubt, welchen überall und in allen 135 Dingen daſſelbe Unglück entgegentritt, das gleichſam immerdar ſeine Hand über ſie ausgeſtreckt hält. Sie ſind ohne all ihr Verſchulden wahre Unglücks⸗ kinder.“ „Das möchte ich beſtreiten,“ entgegnete Ernſt; „fürs Erſte läßt ſich nicht mit Beſtimmtheit ſagen, ob nicht in dem Charakter einer ſolchen Perſon Etwas ſich findet, das dem Unglück ſeinen Urſprung gibt, oder bewirkt, daß ſie die Folgen ihrer Hand⸗ lungen und die Wirkung, welche ſie bei Andern her⸗ vorbringen können, nicht gehörig beachtet. Wir haben niemals ein Recht, das Schlimme, welches uns mit Leid und Kummer trifft, einem unvermeidlichen Schickſal zuzuſchieben, ſondern müſſen zuerſt den Fehler bei uns ſelbſt, und ſodann in widrigen Zufällen ſuchen, durch deren Zuſammenſtoß das Unglück erzeugt wird.“ „Sie glauben alſo nicht an ein beſtimmtes Ver⸗ hängniß?“ „O ja, an eines,“ erwiederte Ernſt und dabei flog unwillkürlich ſein Blick zu Alfhild hinüber, „nämlich an das, welches unſere Kraft, die ſchlim⸗ mern Regungen in uns zu unterdrücken, lähmt, ſo daß wir uns blindlings von dieſen leiten laſſen. Solche Menſchen, welche ſich zu Sclaven ihrer Lei⸗ denſchaften machen, nenne ich Unglückskinder, denn ſie tragen ihr eigenes Unglück in ſich und ſtören, was noch ſchlimmer iſt, auch den Frieden Anderer.“ Alfhild war, die Blicke auf den Boden geheftet, dageſeſſen; jetzt aber— ob es nun in Folge jenes eigenthümlichen magiſchen Einfluſſes, welcher immer⸗ dar ſich fühlbar macht, wenn Jemand uns beharr⸗ 136 lich fixirt, geſchehen mochte, oder ob ſie ſehen wollte, welchen Ausdruck Ernſts Miene hatte, wiſſen wir nicht— jetzt ſchaute ſie auf, und ihre Augen begeg⸗ neten ſich. Die ſeinigen waren kalt und ſtreng, es wurde ihr ſo weh, ſo wunderlich ums Herz. Sie wäre gern auf ihn zugeſtürzt, hätte ſeine Hände gefaßt und ihn gebeten, ihr nicht böſe zu ſein; aber ſie that es nicht; und nun gerieth ſie wieder auf den unglückſeligen Einfall, ſeine Eiferſucht zu reizen, die Gleichgültige zu ſpielen und durch ihre Aufmerkſamkeit gegen Birger ihm den Beweis zu liefern, daß ſie ſich von ſeinen Worten weder ge⸗ troffen noch verwundet fühlte. Sie richtete ſich darum haſtig auf; der anfänglich milde, demüthige und beinahe rührende Ausdruck in Alfhilds Miene, da ſie auf Ernſt geſehen, ver⸗ ſchwand; ſie erwiederte ſeinen Blick ebenfo kalt und wandte ſich dann an Birger mit der Frage: „Theilſt Du die Meinung des Herrn Ingenieur über unſer Schickſal?“ „Bis auf einen gewiſſen Grad, denn es läßt ſich nicht läugnen, daß wir gewöhnlich unſere Freu⸗ den und Leiden uns ſelbſt ſchaffen.“ „Und auch darin liegt eine Wahrheit, daß wir über unſer Leben ſelbſt entſcheiden, wenn wir uns ganz willenlos den Widerwärtigkeiten, wovon wir betroffen werden, hingeben oder ſo ſehr unter den Kummer beugen, daß wir keinen Verſuch mehr ma⸗ chen, unſerem Leben eine andere Richtung zu geben,“ ſetzte Alrik hinzu. „Gott weiß, ob dieſe Anſicht von unſerem Ge⸗ ſchic nicht noch niederſchlagender iſt, als die 137 meinige, bemerkte Gabriella traurig.„Da muß man ja mit Zittern daran denken, man habe einen ſo un⸗ glückſeligen Charakter bekommen, daß man ſich und Andern Sorgen ſchafft.“ „Nein, das nicht!“ rief Alrik lebhaft.„Man darf nicht denken, es ſei unmöglich, ſeine Fehler ab⸗ zulegen, ſondern muß unaufhörlich der Vollkommen⸗ heit nachſtreben und ſein Inneres von jedem Egois⸗ mus rein halten.“ „Gnädige Frau,“ fiel Ernſt ein, und ſein Blick weilte mit einem hohen Grad von Zärtlichkeit auf Gabriella;„dieſe Anſicht von unſerem Schickſal hat eine weſentliche gute Folge; nämlich die, daß wir unſere Handlungen genau prüfen und die Motive, wovon wir geleitet werden, zu erforſchen ſuchen. Auf dieſe Weiſe können wir unſerer Leidenſchaften Meiſter werden, und laſſen uns nicht von denſelben fortreißen, um uns ſelbſt und Andere in Leid zu ſtürzen. Unſer Leben wird eine wachſame Beachtung der Beweggründe, nach welchen wir handeln. Die unglücklichen Folgen unſeres unüberlegten und ge⸗ dankenloſen Thuns werden wirkliche Wohlthaten, ſofern ſie die Strafe für dieſelben ausmachen.“ „Ich danke Ihnen!“ flüſterte Gabriella und reichte Ernſt die Hand;„Ihre Philoſophie über unſer Schickſal iſt mir ſehr lehrreich geweſen.“ Ernſt verneigte ſich und ließ die kleine zarte Hand ſogleich wieder los, als ob er daran ſich zu verbrennen fürchtete. Clara begann nun eine eifrige Debatte mit Alrik über den Werth von Mann und Frau; und da ſie 138 hiebei alle möglichen Paradoxen ſich erlaubte, zog ſie ihn mit ganzer Seele in das Geſpräch hinein. Clara that dies in Folge ihres gewöhnlichen Verlangens, Unannehmlichkeiten abzuwenden; zudem bemerkte ſie nur allzuwohl an den aufgeſchwollenen Adern auf Alriks Stirne, daß er nicht in normaler Gemüthsſtimmung war, als Gabriella ſeinem Bruder dankte. Es gelang ihr wirklich, durch ihre bizarren Ideen ihn dermaßen zu reizen, daß ſie ſeine ganze Aufmerkſamkeit feſſelte. Gabriella lehnte ſich in die Sophaecke zurück und hörte ohne ſonderliches Intereſſe auf das in der That wenig anziehende Geſpräch ſzwiſchen Alrik und Clara. Ernſt blätterte in einem Buche. Alfhild hatte ihren Fauteuil näher an den Tiſch gezogen, und Birger war damit beſchäftigt, ihr einige Knäuel Zephyrwolle wickeln zu helfen. Sie ſprachen in gedämpftem Ton mit einander. „Du fragſt mich, warum ich ſo ſchweigſam bin,“ ſagte Birger.„Willſt Du wirklich, Alfhild, eine aufrichtige Antwort haben?“ „Gewiß, ſonſt würde ich nicht fragen,“ antwortete ſie und ſah ihn dabei mit Augen an die mehr als gefährlich waren. „Aber Du wirſt aufgebracht werden.“ „Iſt das gewöhntich der Fall bei mir?“ „Ja, ſobald man Dir die Wahrheit zu ſagen wagt.“ „Nein, Birger, wenn ſie aus deinem Munde tommt, nicht;“ und dabei ſah ſie ihn wieder an. Sie hatte bei ſich ſelbſt geſagt, ich will, daß Bir⸗ 139 ger ſich wieder in mich verliebt, um meine Rache an Ernſt nehmen zu können. „Nun wir werden ja ſehen,“ nahm jetzt Birger das Wort;„ſage mir, Alfhild, wenn Du Ernſt wirk⸗ lich liebſt, wie kannſt Du einen ſo unrichtigen Weg einſchlagen, ihm zu gefallen, wie es jetzt geſchieht? Bedenke, daß ein Mann ſelbſt der Frau, welche er liebt, es nicht verzeiht, wenn ſie ihn vor Andern demüthigt oder einen Schatten auf ſeine Ehre wirft. Wie viel ſchwerer muß es ihm dann fallen, dieſen Fehler einer Perſon, welche er nicht liebt, zu ver⸗ zeihen.“ 3 Das Blut brannte wie Feuer auf Alfhilds Wangen. Es war eine Beleidigung, welche ihr un⸗ erträglich dünkte, von Birger ſich ſagen laſſen zu müſſen, daß ſie, die ſchöne, gefeierte und verwöhnte Alfhild, von dem Manne, um deſſen willen Birger mit ihr gebrochen hatte, nicht geliebt würde. Wahr⸗ heit, Rechtsgefühl, Alles mußte wieder der verwun⸗ deten Eitelkeit weichen, und deßhalb machte ſich Alfhild, ohne zu berechnen, daß ſie ſich mit Be⸗ friedigung dieſer Leidenſchaft in demſelben Augenblick zur Verleugnung ihres eigenen Gefühles und zur Anklage des von ihr geliebten Mannes erniedrigen würde, einer groben Verfehlung ſchuldig. „Wer ſagt Dir,“ entgegnete ſie,„daß Ernſt mich nicht liebt, und daß ich ihm gefallen will?“ „Meine eigenen Augen,“ antwortete Birger ernſt. „Deine Augen haben Dich getäuſcht. Ich bin es, welche mit ihm gebrochen hat, welche fand, daß ſie einem ſeelenloſen Thoren einmal einen wirh Mann geopfert hat.“ 140 Obwohl Alfhild dieſe Worte in leiſem, beinahe flüſterndem Tone ausſprach, blickte doch Ernſt in demſelben Momente auf. Ihre Augen begegneten ſich wieder, und Alfhild las in ſeinem Blick einen Ausdruck tiefer und wirklicher Verachtung. Birger lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück und trommelte auf der Lehne deſſelben einen Marſch, ohne ein Wort zu erwiedern. Jetzt trat eine Pauſe ein. Alfhild fühlte, daß ſie einen unrechten Weg be⸗ treten hatte, und die beſſern und ſchlimmern Gefühle tummelten ſich in ihrem Innern. Reue und Zorn ſammt der bis zur Verzweiflung geſteigerten Be⸗ ſorgniß, Ernſt könnte ihre Aeußerung gehört haben, bemächtigten ſich ihres Herzens. Plötzlich nahm Birger wieder das Wort: „Seltſam, daß jener große Denker doch Recht hat, wenn er behauptet, es gebe wohl Wahrheiten, aber keine Wahrheit? Glaubſt Du wirklich, Alfhild, daß eine Frau exiſtirt, welche die Wahrheit redet?“ Die Frage wurde in leiſem Tone geſtellt; deſſen ungeachtet antwortete Ernſt, ehe Alfhild noch hiezu Zeit fand: „Ja, es gitzt wirklich ſolche, welche dieß thun.“ Er ſtand auf und näherte ſich Birger, indem er hinzuſetzte: „Ich kenne deren zwei, ſo unglaublich es klingen mag.“ „Zwei?“ rief Birger lachend;„Du biſt ja ein ganzer Kapitaliſt, wenn Du ſo reiche Entdeckungen Ich kann mir nicht ſchmeicheln, ſo glücklich zu ſein.“ 141 „Nicht, und Du kennſt dennoch beide.“ Jetzt fielen Birgers Augen auf Gabriella, und erantwortete mit einem traurigen Lächeln: „Ah! Du weinſt meine arme Schweſter. Ja, ſie iſt wirklich allzu ſehr Naturkind, um lügen zu können.“ „Allerdings!“ „Nun, die Andere, wer iſt dieſe?“ „Fräulein Alfhild's Schweſter.“ Ernſt's Stimme hatte, wie es Alfhild vorkam, einen ſtrengen Ausdruck. Nachdem er dieſe Worte geſagt hatte, entfernte er ſich. Einige Stunden ſpäter brach man auf. Auf dem Heimweg äußerte Alrik gegen Ernſt: „Tante Bertha ſagte mir heute Mittag, Du habeſt im Sinn, von hier abzureiſen. Iſt es wahr?“ „Ich dachte heute morgen ſo, jetzt... „Haſt Du dich anders beſonnen?“ „Nein, jetzt habe ich es feſt beſchloſſen.“ „Und warum reiſeſt Du?“ „Darum, weil ich weiß, daß Gabriella mich nie⸗ mals lieben wird. Ich muß fort von hier. Mein Charakter, dem Anſchein nach kalt, iſt gleichwohl leidenſchaftlicher Art. Ich will nicht hier bleiben und mich in Eiferſucht verzehren, die ich am Ende doch nicht beherrſchen könnte. Ich würde mich ſelbſt als einen elenden Wicht betrachten, wenn ich ihr Leben nur im Mindeſten verbitterte. Ich habe es einmal gethan, aber es ſoll nie mehr geſchehen. Bleibe Du und mache ſie glücklich.“ „Ich!“ rief Alrik.„Haſt Du Alfhilds Worte vergeſſen? Haſt Du den Schatten von Eigennutz 142 vergeſſen, welchen ſie auf meine Anhänglichkeit an Gabriella geworfen hat?“ „Liebſt Du Gabriella, ſo mußt Du Dich nur an ihre Gefühle und an das halten, was ihr Glück in ſich ſchließt.“ „Ernſt, ich kann nicht der Mann der reichen Witiwe werden. Du ſagteſt einmal, ich ſei Egoiſt. Run wohl, in dieſem Augenblick erkläre ich Dir: dieſe Gabriella, ſo ungleich andern Frauen, ſo voll⸗ kommen frei von deren Verſtellung und Gefallſucht, ich liebe ſie mit jeder Faſer meiner Seele, mit jedem Tropfen meines Blutes; aber ich muß ihr entſagen, weil meine Ehre es fordert.“ „Hochmüthiger Egoiſt! Weißt Du, was Du da⸗ mit an den Tag legſt? Ja fürwahr, daß Du dein eigenes Ich über alles Andere, ſelbſt über deine Liebe ſetzteſt. Um eines ungerechten Verdachts wil⸗ len opferſt Du nicht blos deine eigene Liebe, ſondern ſelbſt ihr Glück, weil deine Eitelkeit und dein Stolz es nicht dulden kann, daß die Welt, dieſes leere Geſpenſt, von Dir glauben ſollte, Du habeſt nach Geld geheirathet. Geſtehe, Alrik, daß hinter deinem Hochſinn viel Kleinlichkeit liegt. Ein Mädchen, wel⸗ ches Du weder ehrſt noch achteſt, braucht blos in einer Anwandlung übler Laune eine ungerechte An⸗ klage gegen Dich zu ſchleudern, wodurch dein Stolz verwundet wird, und alsbald biſt Du bereit, Dich ſelbſt und Andere zu opfern, um dieſem gedanken⸗ loſen Weſen den Beweis zu liefern, daß Du ein Nonplusultra von Vollkommenheit biſt, woran ſie aber doch nicht glauben wird.“ —* 143 Es trat jetzt auf einige Minuten Stillſchweigen ein. Ernſt unterbrach daſſelbe mit den Worten: „Ich habe deine Unterredung mit Gabriella gehört.“ „Dann haſt Du alſo gelauſcht; Du haſt ſomit Mißtrauen in mich geſetzt?“ rief Alrik heftig. „Weder das Eine, noch das Andere. Ich wollte blos mich überzeugen, ob zu ihrem Glück Du ge⸗ hörteſt,“ antwortete Ernſt mit düſterem Blick.„Ich ahnte es. Was Dich betrifft, ſo wußte ich, daß die Unterredung ſo, wie geſchehen, ſchließen würde. Jetzt ſiehe zu, daß Du nicht aus Hochmuth dein und Ga⸗ briella's Glück von Dir ſtößeſt.“ Alrik ſchwieg, und der Reſt des Weges wurde zurückgelegt, ohne daß die Brüder noch ein Wort wechſelten. XVIII. Am folgenden Vormittag fand ſich Alrik wieder zu Wettersnäs ein. Gabriella kam ihm mit jener ſchönen und holden Miene entgegen, welche der rei⸗ nen Freude wahrer Liebe ſammt dem Bewußtſein der Gegenliebe eigenthümlich iſt. Alrik ſprang auf und faßte ihre beiden Hände, drückte ſie mit Leidenſchaft an ſeine Lippen und ſagte, indem er ſie zärtlich betrachtete: „Bleiben Sie einen Augenblick ſo. Laſſen Sie mich Ihnen ins Geſicht ſehen und dabei der Wirk⸗ lichkeit und der grauſamen Nothwendigkeit, welche uns ſcheidet, vergeſſen.“ Gabriella wurde todesbleich. 144 „Uns ſcheidet?“ wiederholte ſie.„Nein, ſo kann es nicht ſein. Wollen Sie, Alrik, mich der Hoffnung und des Glaubens berauben und in das düſtere Grab der Einſamkeit und Kümmerniß wieder zurückſtürzen „Gabriella,“ ſtammelte Alrik,„Gott allein weiß, wie innig, wie grenzenlos ich Dich liebe; aber ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich jetzt ſchwach wäre. Ich muß fort, um eines Tages wiederzukom⸗ Mache mich nicht ſchwach; ich will und muß ort.“ „Fort von Wettersnäs, von Gabriella? Nein! und tauſendmal Nein, das iſt unmöglich Ihre Ab⸗ ſicht! Sie haben nicht einmal das Recht dazu, ſagten ja, ich will und werde Ihr Freund ein.“ „Nah oder fern, ſetzte ich hinzu. Glaube mir, wenn ich bis an der Welt Ende ginge, ſo würde mein Herz mit jedem Schlag Dir gehören.“ Wiederum drückte er mit Heftigkeit Gabriella's Hände an ſeine Lippen und ſetzte hinzu: „Wo ich auch ſein möge, wird dieſes Herz Dich, Dich allein lieben.“ Einen Augenblick flammte eine dunkle Röthe auf —— Gabriella's Stirne. Sie ſchaute zu ihm auf, wäh⸗ rend ſie mit beinahe lautloſer Stimme flüſterte: „Und dennoch, dennoch reiſeſt Du, Alrik.. „Reiſeſt, ſelbſt wenn ich ſage: Leben ohne Alrik; iſt Nacht für Gabriella.“ „Du, Gabriella biſt das Leben ſelbſt für mich. Hätte Gott mich reich und Dich arm gemacht, dann würde ich auf den Knieen zu deinen Füßen um das 145⁵ Glück gebettelt haben, Dich mein zu nennen. Nun iſt es anders: Du biſt reich, ich bin arm, und darum muß ich fort, um eines Tages wiederzu⸗ kommen, wenn wir beide gleich an Reichthum ſind. Wären wir beide gleich arm, dann würde ich Dich bitten, das Wenige mit mir zu theilen; aber nun, da Du reich biſt, ich arm bin, könnteſt ſelbſt Du die Uneigennützigkeit meiner Liebe bezweifeln. Ich ſelbſt wäre argwöhniſch und würde immer ein Verkennen von deiner Seite befürchten.“ Während Alrik ſprach, war in Gabriella's An⸗ geſicht eine eigenthümliche Veränderung vorgegangen, und ein Gepräge von Entſchloſſenheit, das hier ſonſt fremd erſchien, zum Vorſchein gekommen. „Alſo, wenn ich arm wäre, dann.. „Dann ſollte keine Macht der Erde Dich von mir ſcheiden; aber Du biſt reich, Gabriella! Man hat mir dieß vorgerückt, und“— er fuhr mit der Hand über die Stirne,“ darum muß ich fort.⸗ „Auch wenn.. wenn. die Trennung für mich der Tod wäre?“ Alrik ergriff wiederum mit Heftigkeit ihre Hände, drückte ſie leidenſchaftlich an ſeine Bruſt und ließ ſie dann wieder los, indem er ſagte: „Gabriella, angebetetes Weib, ich werde wieder kommen, wenn ich reich bin. Meine Ehre, mein Stolz fordert dieß.“ Er drückte ſie an ſeine Bruſt und eilte dann aus dem Zimmer. Gabriella ſah ihm mit einem unbeſchreiblich mil⸗ den Lächeln nach und flüſterte: Schwartz, Ein Opfer der Rache. H. 10 146 „Du brauchſt nicht reich zu werden; ich will arm werden.“ XIX. Wohin Alrik ſeinen Weg nahm, das weiß Gott; nach Ekbaka wenigſtens nicht, ſondern in wildem Galopp ſprengte er in den dichten Wald hinein. Inzwiſchen ſaß Ernſt über ſeinen Schreibtiſch ge⸗ bückt und ſchrieb eifrig fort. Tante Bertha war im Begriff, ſeine Sachen einzupacken. Eine Thräne nach der andern rieſelte über ihre Wangen, und ſie jammerte im Stillen, daß der liebe Junge ſie verlaſſen ſollte. In dieſer Klage wurde ſie durch einen Diener unterbrochen, welcher von Wettersnäs kam und fragte, ob der Herr Ingenieur zu Hauſe ſei. „Allerdings, lieber Anders.“ „Hier iſt von der gnädigen Frau ein Brief, an dem ihr viel gelegen ſcheint.“ Dann geh' nur zu ihm hinauf,“ ſagte Tante Bertha, indem ſie ein wenig geärgert ausſah. Als der Bediente das Zimmer verlaſſen hatte, murmelte die Alte: „Ich kann nicht begreifen, was in die Jungen gefahren iſt, ſeitdem ſie mit der gnädigen Frau be⸗ kannt geworden ſind; es iſt, als ob dieſelbe beide behext hätte.“ Während Tante Bertha dieſen und noch einen längern Monolog hielt, ging der Bediente zu Ernſt 147 hinauf und überreichte demſelben ein kleines, ele⸗ gantes Billet. NRit fieberiſcher Heftigkeit riß Ernſt den Umſchlag ab und las folgende Zeilen: „Herr Ingenieur! „Wenn Ihre Zeit es Ihnen erlaubt, ſo kommen Sie nach Wettersnäs herüber. Ich habe eine Bitte an Sie. „Freundlich, Gabriella von Saint Sue.“ „Bekomme ich eine Antwort?“ fragte der Diener. „Melde deiner Gebieterin, daß ich kommen werde,“ antwortete Ernſt in etwas minder ruhigem Tone als gewöhnlich. Einen Augenblick darauf ließ er ſeine Chaiſe an⸗ ſpannen und eilte nach Wettersnäs. Dort angelangt, wurde er ſogleich zu Gabriella geführt, welche ihn mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit empfing. „Ich danke Ihnen, Herr Welwort, daß Sie mei⸗ nem Wunſche augenblicklich nachkommen.“ Sie forderte ihn auf, Platz zu nehmen und fuhr dann fort: „Sie ſagten mir einmal— es war vor vielen Jahren, aber die Worte ſind mir im Gedächtniß ge⸗ blieben— wenn Sie mir eine Freude bereiten oder zu meinem Glück beitragen könnten, würden Sie ſelbſt Ihr Leben zum Opfer bringen.“ „Ich erinnere mich dieſer Worte nur allzu wohl, gnädige Frau, und ich wiederhole ſie heute. Gern gäbe ich mein Leben für Ihr Glück, Ihre Freude,“ erwiederte Ernſt mit Wärme. 148 „Sie ſind mir alſo nicht böſe?“ „Ihnen böſe? Unmöglich! Bei Ihnen findet ſich ja nur Wahrheit und Unſchuld; dieſe beiden Eigenſchaften wecken nicht den Zorn. Sollte ich Ih⸗ nen darum grollen, daß Sie mich nicht lieben? Ach! gnädige Frau, Sie können Nichts dafür, wenn das Schickſal Ereigniſſe geſchaffen hat, welche von ſolcher Natur ſind, daß dieſelben Ihre Gefühle mir ent⸗„ fremdeten. Unrecht und unedel würde ich aber als Mann handeln, wenn ich, ſeitdem Sie mir dieß ge⸗ ſagt haben, dennoch von meiner Liebe redete. Wie unglücklich ich auch ſein mag, ſo würde dadurch, daß ich Ihnen das Leben mit Klagen verbitterte, mein Unglück nicht vermindert. Gewänne ich dadurch in Wirklichkeit etwas Anderes, als die Möglichkeit, Ihr Mitleid zu erwecken? Ich ſchätze Ihre Ach⸗ tung höher, und eben dayum ziehe ich mich aus Ihrer Nähe zurück.“ „Wollen Sie nicht lieber bleiben und Gabriella's Freund ſein?“ „Ihr Freund? Ja, wenn Land und Meer zwi⸗ ſchen uns liegen. Ihr Freund, hier in der Nähe? Nein! Der Mann, welcher zu der Frau, die er von ganzem Herzen liebt, ſagen wollte: Laß mich dein Freund ſein, beginge einen wirklichen Betrug, denn es wäre ein Gelübde, das er für die Länge nicht halten könnte.“ „Wenn dieſer Mann aber erfährt, daß diejenige, die er lieb hat, einen Andern liebt, wird er nicht als Freund ihr dienen und ihr Glück befördern wollen?“ „Wenn ihr Gluͤck es erheiſcht, wird er auch das „ 149 Unmögliche möglich machen.— Sie lieben alſo mei⸗ nen Bruder?“ „Ja! Es entſtand eine lange Pauſe. „Ihr Bruder reist ab,“ nahm Gabriella endlich wieder das Wort. „Und warum?“ „Weil ich reich bin, und er arm iſt.“ „Sein unbändiger Stolz verläugnet ſich niemals.“ „Ich wollte Sie deßhalb bitten, ihn noch einige Tage hier aufzuhalten, bis ich Zeit gehabt habe, das was uns trennt, aus dem Wege zu räumen.“ „Ihren Reichthum? Ach, gnädige Frau, Sie müſſen ihn recht innig lieben.“ Wiederum entſtand eine Pauſe. „Alfhild liebt Sie, Pegann Gobriella wieder. Ernſt ſchwieg. „Ich habe kurz vor Ihrer Hieherkunft mit ihr geredet und ſie hat mir erzählt, daß ſie einmal von Ihnen geliebt worden ſei.“ „Wahr; aber dieß geſchah, ehe ich Sie ſah und ehe ich Alfhild recht kannte. Nun geht es mir, wie Ihnen.— Ich kann Alfhild nicht lieben, weil ich Sie liebe. Sie können mich nicht lieben, weil Sie Alrik lieben. Laſſen Sie uns nicht mehr davon reden. Kann ich Ihnen dienen, ſo ſeien Sie über⸗ zeugt, daß ich es thue.— Wie lang wünſchen Sie, daß ich meinen Bruder aufhalten ſoll?“ „Nur eine Woche.“ Ernſt erhob ſich und ſagte:. „Ich verſpreche Ihnen, daß er vor einer Woche inn 15⁰ nicht abreiſen ſoll. Gibt es ſonſt noch Etwas, das Sie von mir wünſchen, oder womit ich Ihnen nütz⸗ lich ſein kann, ſo befehlen Sie nur über mich.“ „Nein, Sie haben damit ſchon mein Glück be⸗ reitet.“ „Und Sie werden freundlich meiner gedenken, wenn ich fort bin.“ Er küßte bewegt ihre Hand. XX. Ernſt kehrte ſehr langſam nach Hauſe zurück. Düſter waren die Gedanken, welche ihn beſchäftigten. Bei ſeiner Ankunft in Ekbaka fand er Alrik im Packen begriffen. Als er Ernſt erblickte, ſagte er: „Wir leiſten einander Geſellſchaft. Ich reiſe morgen nach der Hauptſtadt.“ 38 „Du irrſt Dich; ich kann erſt in einer Woche abreiſen,“ erwiederte Ernſt und warf ſich auf den Sopha. „Und warum?“ rief Alrik. „Weil ich erſt eine Vermeſſungsarbeit mir vom Halſe ſchaffen muß, ehe ich meines Weges gehen „Dann muß ich wohl allein abfahren.“ noch zu warten?“ „Den, daß ich nicht will.“ „Höre mich, Alrik, und beurtheile hernach deine Handlungsweiſe ſelbſt. Ich will durchaus nicht in „Und welchen Grund haſt Du, nicht eine Woche 15¹ das Einzelne eingehen, denn hier wirſt Du Dich ſtets als unfehlbar betrachten; aber ich frage Dich, ob Du das Recht haſt, ſo über Hals und Kopf und von perſönlichem Intereſſe geleitet die Arbeit, mit deren Ausführung Du beauftragt biſt, liegen zu laſſen, und dieß, ohne daß Du Dir nur Zeit nimmſt, Dich nach einem verläßlichen Mannumzuſehen, welcher an deiner Stelle die Aufgabe übernehmen kann. Iſt dieß nicht reiner und tadelnswerther Egoismus, ſo weiß ich nicht, was man mit dieſem Namen be⸗ zeichnen ſoll.“ „Wieder das alte Lied,“ rief Alrik. „Ja, bis Du aufhörſt, dein eigenes Ich überall voranzuſtellen. Deine edelſten und ſtolzeſten Hand⸗ lungen verlieren an Werth, ſo lang dieſe Schwach⸗ heit Dich beherrſcht.“ Alrik ſchwieg eine Weile, darauf ſagte er. „Du haſt Recht; ich muß hier bleiben, bis ich Jemand gefunden habe, welcher für die Zeit meiner Abweſenheit die Leitung der Arbeit übernimmt. XXl. Einige Tage lang hatten Gabriella und Birger insgeheim lange Unterredungen mit einander. Das Ausſehen der erſtern ließ darauf ſchließen, daß es ſich um Dinge handelte, welche ihre ganze Seele in Anſpruch nahmen. Clara hätte gar zu gern gewußt, was es wohl ſein konnte, und zerbrach ſich förmlich den Kopf 152 darüber, daß Alrik ſich gar nicht mehr zu Wetters⸗ näs ſehen ließ. „Etwas iſt im Werk, ſo viel iſt klar,“ dachte Clara; „aber was? Wie dumm ſich doch der grimmige Alrik benimmt! Oder was hat dieß alles zu bedeu⸗ ten? Ich muß hinüber zu Tante Bertha, um wo möglich von der Alten einen Beſcheid zu bekommen.“ Somit begab ſich Clara nach Ekbaka.* Alfhild beſchränkte ſich faſt ausſchließlich auf ihr Zimmer, gleichgültig und theilnahmlos gegen alles Andere als den Schmerz, welchen ihr die traurige nun aller Hoffnung beraubt zu ſein, ein⸗ ößte. Sie wußte, daß Ernſt abreiſen würde und auf ein paar Jahre wegzubleiben beabſichtigte. Jetzt war ihr alles und jedes gleichgültig. Was fragte ſie nach der ganzen Welt, wenn das Schickſal ihr den⸗ jenigen raubte, der ihre ganze Welt ausmachte? Sie klagte Vorſehung und Menſchen, wegen ihres Unglücks an und erſchöpfte ihre Kraft in endloſer Verzweiflung über das Geſchick. Sie vergaß, daß es einen Troſt für alle Leiden gibt, einen Arzt für alle Schmerzen, eine Hoffnung, welche niemals zu Schanden werden läßt, nämlich Gott! Der Glaube an ihn, die Ergebung in ſeinen Willen, das Ver⸗ trauen auf ſeine Güte, das ſind die Schätze, welche uns Erſatz für alles geben, was wir in dieſer Welt„ leiden und verlieren. So lang das Herz ihm ver⸗ ſchloſſen iſt, wird es niemals ſeine Leiden zu er⸗ tragen vermögen. Vielleicht ſollte der Schmerz auch Alfhild noch lehren, zu ihm ihre Zuflucht zu nehmen, welcher 153 uns den Kummer ſendet, darum weil wir das Glück nur ſchlecht ertragen würden. Vielleicht ſollte auch ſie veredelt und gebeſſert durch die Feuerprobe des Schmerzes hindurchgehen. Wenn es eine Wahrheit iſt, daß Mißgeſchick zuweilen das Gemüth verbittert, ſo iſt es doch noch eine größere Wahrheit, daß es daſſelbe beugt und veredelt. Eine Woche war beinahe ſeit Alriks und Ga⸗ briella's Unterredung vergangen. Es war ein ſon⸗ nenheller und milder Sonntagmorgen im September. Alriks und Ernſts Abreiſe von Ekbaka ſollte am nächſtfolgenden Dienſtag ſtattfinden. Alrik ſtand eben im Begriff ſich anzukleiden, als er von Gabriella folgende Zeilen erhielt. „Gabriella von Saint Sue wünſcht dieſen Vormittag Alrik Welwort ein letztes Lebewohl vor ſeiner Abreiſe zu ſagen und ſich zugleich einen Rath von dem Freunde zu erbitten,“ Eine Stunde ſpäter ſaß Alrik zu Pferde und eilte nach Wettersnäs hinüber. Obwohl er daſſelbe in vollen Galopp geſetzt hatte, dünkte es ihm doch, als bewege es ſich nur wie eine Kröte vorwärts, ſo ſehr verlangte ihn, noch einmal die holde, liebens⸗ würdige Frau zu ſehen, deren Bild mit ſeinem In⸗ nern gleichſam verwachſen war. Als er dort anlangte, und in den Salon trat, war derſelbe leer und man bat ihn zu warten. Eine gute Viertelſtunde verfloß, während welcher Alrik in ſeiner Ungeduld wohl hundertmal auf die Veranda hinausging, ſich auf einen der Seſſel nieder⸗ warf, jogleich wieder auſſtand und in den Salon zurückkehrte. 154 Endlich nach dem unermeßlichen Zeitraum von fünfzehn Minuten hörte er leichte Tritte in dem an⸗ ſtoßenden Zimmer, und den Augenblick darauf ſtand Gabriella vor ihm, erröthend wie ein junges Mäd⸗ chen. Sie reichte ihm die Hand mit den Worten: „Sie haben es mir zur Gewohnheit gemacht, Ihre Anſicht über Alles, was von einiger Wichtig⸗ iſt, einzuholen; darum müſſen Sie auch heute in einer Sache Richter ſein, über welche ich Ihr Urtheil zu vernehmen wünſche.“ Sie ſetzte ſich, und Alrik war beinahe erſtaunt über ihre lächelnde und heitere Miene und über das Sichere und Ungezwungene in ihrem ganzen Be⸗ nehmen. War ſie in dieſem Augenblick wirklich die ſchüchterne und bekümmerte Frau, die er kennen ge⸗ lernt hatte? Noch mehr, wie war es möglich, daß ſie, welche bei dem Hinweis auf die Trennung von einander einen ſo hohen Grad von Schmerz an den Tag gelegt hatte, jetzt ſo heiter und frei von jedem Schatten der Schwermuth und Bekümmerniß ſein konnte? Alriks Eigenliebe litt unter dieſer Wahrnehmung, und er dachte nicht ohne Verdruß: „Sie iſt wenigſtens ſo glücklich, was ſie liebt, ſchnell zu vergeſſen.“ Gabriella war eine Weile ſtill dageſeſſen, als ob ſie erwartete, daß Alrik zuerſt das Wort nehme, aber da er nur mit einer ſtummen Neigung des Hauptes ſeine Bereitwilligkeit, zu hören, ihr zu erkennen gab, begann ſie. „Es gab einmal eine junge Frau, welche dem Kummer, der ſie betroffen hatte, erlegen war. In 155 ihrer, durch ſchreckliche Erinnerungen verwirrten Seele hatte die Idee ſich erzeugt und Wurzel gefaßt, daß ſie zu einem Opfer des Unglücks auserſehen ſei. Sie träumte einmal, noch in zartem Alter, daß ſie von den blutigen Erinnerungen und Anklagen, welche ſie ſeit den Kinderjahren begleiteten, durch einen jungen Mann befreit würde. Es kam ihr in dem Traume vor, als ob er ſie auf den Armenlaus der Welt von Kummer, worin ſie bisher gelebt, in eine andere getragen hätte, wo Alles Licht, Friede undFreude war. Es dünkte ihr, daß bei jedem Schritt, den er mit ihr machte, die blutigen Begleiter des armen Mädchens immer weiter hinter ihr zurück⸗ blieben, bis ſie endlich ganz und gar verſchwanden. So kam er mit ihr bis zu einer Pforte, welche in eine neue Welt führte, und als ſie durch dieſelbe gegangen waren, ſetzte er ſie nieder und ſagte. „Hier gibt es keinen Kummer, keine blutigen Erinnerungen, keine Qual und keine Thränen mehr.“ „Wie nennt man dieſes Land?“ fragte das Mädchen. „Es heißt... „In dieſem Augenblick erwachte ſſie und bekam alſo den Namen nicht zu hören.“ Gabriella hielt einen Augenblick an, worauf ſie mit einem unbeſchreiblich milden Lächeln wieder das Wort nahm: „Der Traum machte einen tiefen Eindruck auf das in Kummer verſenkte Mädchen, und von dieſer Zeit an war es, als ob ſie unaufhörlich auf den Befreier wartete, welcher ſie von Kummer, Reue und Qual erlöſen und in eine neue Welt einführen 156 ſollte.— Jahre gingen und kamen; aber die bluti⸗ gen Erinnerungen wuchſen an, ſtatt ſich zu vermindern. Das Traumbild erbleichte mehr und mehr. Die Hoffnung, die dadurch geweckt worden war, erloſch. Eines Abends hatte ſie, wie gewöhnlich, ihrem Schmerz ſich überlaſſen und unter der Laſt ihrer bittern Erinnerungen ganz vernichtet ſich zu Boden geworfen. als ſie von Jemand, der ihre Hand faßte, wie ins Leben zurückgerufen wurde. Erſchrocken fuhr ſie auf und vor ihr ſtand der Befreier, von dem Traume her.“ „Gabriella!“ rief Alrik und ergriff ihre Hand. „Still! Unterbrechen Sie mich nicht. Er nahm ſie ſo zu ſagen, auf die ſtarken Arme ſeiner Seele und führte ſie Schritt für Schritt immer weiter hinweg aus dem Bereich aller der Schwäche, Küm⸗ merniß und Muthloſigkeit, welche ſie beherrſchten. Er führte ſie Gott näher und in ein ganz anderes Leben ein, als worin ſie visher ſich bewegt hatte. Als dieſes Werk von ihm vollbracht war, da ſagte er ihr Lebewohl, und in demſelben Augenblick wurde ſie ſich des Namens der Welt bewußt, welche er ihr eröffnet hatte, Es war...“ Gabriella ſchwieg. „Die Welt der Liebe!“ rief Alrik mit Wärme und beugte das Knie vor ihr. „Wahr!“ flüſterte ſie.„Aber in der Welt lebt man nicht einſam, und doch, Alrik, iſt es Ihr Wille, daß ich dieß thun ſſoll. Sie, ſo hochherzig, ſo er⸗ haben, ſo edel, Sie opfern die Frau, welche Sie lie⸗ ben, und welche nunmehr nur durch Sie lebt; und 157 warum opfern Sie dieſelbe? Darum, weil ſie veich iſt, weil möglicher Weiſe die Welt Sie beargwohnen könnte, als hätten Sie aus Eigennutz gehandelt. Sie können um Ihres Stolzes willen mich verlaſſen. Ich hätte eigentlich das Recht, Ihre Liebe zu be⸗ zweifeln, aber ich thue es nicht.“ Sie fuhr ihm mit der Hand über die Stirne, indem ſie mit unbeſchreiblicher Milde hinzuſetzte: „Der Mann liebt anders als die Frau, denn ich kann Alles für meine Liebe opfern; aber es gibt Nichts, wofür ich dieſe zum Opfer bringen würde.“ „Gabriella, unausſprechlich geliebte Gabriella, höre mich!“ „Nein, laſſen Sie mich erſt ſchließen. Vor acht Tagen haben Sie mich verſtoßen, weil ich reich war; heute, Alrik, bin ich ebenſo arm, wie eine meiner frühern Dienſtmägde. Ich habe jenes Gold von mir geworfen, welches gleich einer Scheidewand zwi⸗ ſchen Ihnen und mir ſtand. Ich habe Alles, was mein eigen war, verſchenkt. Und nun frage ich Sie, ob die Gabriella, welche Nichts mehr beſitzt, als ihre Liebe, Alriks würdig iſt.“ Beſter Leſer, Du mußt Dir mit deiner eigenen Phantaſie die nun folgende Scene ausmalen; mir fehlt es an aller Luſt, ſie zu ſchildern. Am Mittwoch reiste Ernſt allein von Ekbaka ab, wohin er nie mehr zurückkehrte. Er nahm eine An⸗ ſtellung als Ingenieur in England an und blieb daſelbſt bis zu ſeinem Tode. Sechs Wochen nach der oben angegebenen Unter⸗ führte Alrik Gabriella als ſeine Gattin nach aka. Gabriella hatte Wettersnäs und ein dazu gehö⸗ riges Kapital den Fräulein Wolf geſchenkt und über ihr übriges Vermögen zu Gunſten der Armen verfügt. Alfhild brachte ihr Leben zu Wettersnäs in voll⸗ kommener Abgeſchiedenheit von der Welt zu, ihre Verirrungen und Ernſt's Verluſt beweinend; wie es mit Clara ging, mein lieber Leſer, das wirſt Du wohl ſelbſt errathen. Schluß. Vierzig Jahre nach dem Beginn unſerer Erzäh⸗ lung, an einem ſchönen Sommertag, war der Hof des ſtattlichen Broborg mit Gutsangehörigen erfüllt, welche geputzt und, in Sonntagskleidung ſich eingefunden hatten, um ihren Grundherrn zu begrüß welcher mit ſeiner Gattin erwartet wurde. Es waren jetzt achtundzwanzig Jahre, ſeitdem Broborg auf die Ehre hatte verzichten müſſen, ſei⸗ nen Beſitzer innerhalb ſeiner Mauern zu beherbergen. Auf der Treppe und in der Vorhalle ſtand die Dienerſchaft, und an der Spitze derſelben, auf eine Krücke geſtützt, befand ſich der beinahe achtzigjährige Inſpektor, welcher den Oberſt Werner willkommen geheißen hatte, als derſelbe in der Begleitung von Stark aus dem finniſchen Kriege zurückkehrte. Einige Jahre ſpäter hatte er den Oberſt und deſ⸗ ſen junge Gemahlin empfangen. Der alte Inſpektor und ſein kräftiger Sohn wc⸗ ren ſeit der Abreiſe des Oberſts mit ſeiner gemüths⸗ 159 kranken, zehnjährigen Tochter die alleinigen Herren zu Broborg geweſen. „Ich erinnere mich noch genau, als ob es erſt von geſtern her wäre,“ ſagte der Inſpector zu ſeinem Sohn,„wie der Oberſt aus dem finniſchen Kriege heimkehrte. Er war damals gerade nicht in der heiterſten Stimmung: aber für Starks ſchöne Carin hatte er deſſen ungeachtet Augen.“ „Es geht doch recht ſonderbar in der Welt zu,“ meinte dieſer;„jetzt iſt der Sohn derſelben Carin Herr zu Broborg.“ „Nicht mehr, als recht und billig, dünkt mir. Ein tüchtiger Mann iſt unſer gegenwärtiger Guts⸗ herr, das wiſſen wir alle.“ „Da kommt der Oberlandrichter!“ rief man von der Allee her, und im nächſten Augenblick fuhren zwei Wagen in den Hof. In dem erſten ſaß Birger, nun ein Mann von beinahe vierzig Jahren, und an ſeiner Seite Clara Wolf, welche ſeit vierzehn Tagen ſeine Frau war. Die allerdings nicht mehr junge, aber doch noch blühende und lebensfriſche Clara taugte vortrefflich als Gattin für Birger; und als ſie an ſeinem Arm die Treppe hinaufſtieg, dachten alle, ſie wären ein hübſches Paar. Aus dem andern Wagen ſprang ein hochgewach⸗ ſener und kraftvoller Mann und half dann einer kleinen, ſylphidenartigen Frau und zwei blühenden Kindern gleichfalls ausſteigen. Es war der Archi⸗ teit, Profeſſor Alrik Welwort und ſeine Frau, Ga⸗ briella, mit ihren Kindern. Als Gabriella, auf ihres Mannes Arm geſtützt . . 160 und mit dem jüngſten Kind an der Hand, die Treppe zu der Behauſung ihrer Ahnen hinaufflieg, ruhte eine milde Wehmuth auf den ſonſt ſo friedlichen Zügen, und eine Thräne zitterte an ihren Augen⸗ lidern. Erinnerungen, bitter und ſüß, überwältigten ſie; als ſie aber zu ihres Gatten liebevollem Ange⸗ ſicht emporſchaute und dann ihre ſchönen Kinder be⸗ trachtete, verſchwanden die Schatten, und ihr Antlitz ſprach nur von inniger Dankbarkeit und gab zu erkennen, daß Liebe verſöhnt hatte, was durch Haß verbrochen worden war. Sie hatte dem armen Opfer einer hölliſchen Rache die Ruhe und den Frieden wie der geſchenkt, deren es ſo lang beraubt ge⸗ weſen war. Eude. ½ 10 11 12 13 4 15 n ſ 8 1 1 3