—— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme unv Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgäbe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und —— — —— eträgt: für eitich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.—„f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Blcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6 Schadenersatz. 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T Schließ' mit der Erde Glück einen Bund, Eil', den Becher der Freude zu leeren; Du findeſt in einer ſchwachen Stundk, Daß ſie koſtenſmehr⸗ als ſie gewähren. Kullberg. Vor einigen Jahrzehnten gehörte die große, im mittlern Schweden gelegene Herrſchaft Broborg dem Oberſten Werner. Der Oberſt hatte ſeine Jugend in der Garniſon und auf dem Kriegsſchauplatz zugebracht. Er hatte ſich im finniſchen Kriege durch Kühn⸗ heit und Muth ausgezeichnet, und die Folge davon war eine ſchnelle Beförderung geweſen. Als Krieger wegen ſeiner Unerſchrockenheit be⸗ wundert, war er dagegen als Menſch um ſeiner aus⸗ ſchweifenden Lebensweiſe willen bekannt; im Frieden. ebenſo geneigt, ſich frevelhaft dem Rauſch der Lüſte und Vergnügungen hinzugeben, wie im Kriege, ſich blindlings in Gefahren zu ſtürzen. Wild und hef⸗ tig im Kampfe, war er es nicht minder, wenn eine Leidenſchaft ſich ſeiner bemächtigte. Ohne Kraft oder Willen, ſeine Begierden zu zügeln, überließ er ſich denſelben ohne Widerſtand, indem er als Regel aufſtellte: Leben iſt genießen, und Genießen iſt das rechte Leben. Als der letzte finniſche Krieg zu Ende war, kehrte der Oberſt nach ſeinem ſtattlichen Broborg zurück, bedeckt mit Narben und Ehren; ihm folgte der Ruf, ein Schrecken für die Feinde und für die Familienväter, der Erſte im Streite, der Erſte bei der Theilnahme an einer Orgie geweſen zu ſein. Er ſtand bei ſeiner Heimkehr in den beſten Tagen des Mannesalters, das heißt, er war noch nicht volle vierzig Jahre alt. Er brachte aus dem Kriege einen alten treuen — mit, welcher ſein Gefährte geweſen, ſeitdem er als Jüngling in die Armee getreten war, und in der Eigenſchaft eines Dragoners zu der Mannſchaft von Broborg gehörte. Erik Stark hatte in derſelben Schwadron wie der Oberſt gedient, und als beide vom Kriege heimkehr⸗ ten, war Stark in dem Dienſte der Krone ergraut„ und hatte als Preis ſeiner Tapferkeit eine Medaille erhalten; ſein junger Herr dagegen war Regiments⸗ chef geworden. Bei der Ankunft in der Heimath wurde der alte Dragoner von einer Frau und einer blühenden Toch⸗ ter begrüßt. Der Oberſt dagegen hatte keinen An⸗. verwandten, welcher ihn auf dem öden Schloſſe em⸗ pfing, ſondern nur die prachtvollen Gemächer öffne⸗ ten ihm ihre leeren, kalten Arme. Er empfand dieß jedoch nur wenig; denn nach⸗ dem er mit einem gnädigen Nicken ſeine im Hofe aufgeſtellten Diener begrüßt hatte, betrat er in ganz munterer Stimmung das ſtolze Wohngebäude und 3 wandte ſich zu dem Intendanten Berg, der ihn be⸗ gleitete, mit den Worten: „Wer war das hübſche Mädchen, welches den alten Stark umarmte.“ „Seine Tochter, Herr Oberſt.“ „Ah, zum Teufel, der Alte hat eine Tochter. Ich hatte ganz vergeſſen, daß er nur verheirathet war—. Es findet ſich doch noch Wein genug in meinem Keller,“ ſetzte er dann hinzu und trommelte einen Marſch auf dem Tiſche. „Ja, Herr Oberſt.“ „Gut. In ein paar Stunden kommen einige von meinen Offizieren hieher, um mit mir den Ab⸗ ſchluß des Friedens zu feiern.“ Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirne und fügte ſich haſtig emporrichtend hinzu: „Oder vielmehr, um Vergeſſenheit unſerer Schande zu ſuchen. Der Oberſt ging ein naar Mal mit verdüſterter Miene im Zimmer auf und ab, und ſchloß dann mit den Worten: „Sorgen Sie dafür, daß wir Wein und Speiſen vollauf haben.“ Er machte eine Bewegung mit der Hand, welche dem Intendanten bedeutete, daß er ſich entfernen könne. Sobald er allein war, ſetzte er ſeinen Gang im Zimmer auf und ab fort und murmelte: „O Finnland, Finnland! So biſt Du doch ver⸗ loren für uns! Es war wohl der Mühe werth, daß wir uns wie Löwen ſchlugen, wenn Verrätherei uns um den Sieg beſtehlen ſollte.“ Der Oberſt ſchlug ſich mit geballter Fauſt vor die Stirne, und eine Fluth von Verwünſchungen ergoß ſich über diejeni⸗ gen, welche Sweaborgs Fall verſchuldet hatten;— aber gerade als ob dieſe Herzensergießungen die Kraft beſeſſen hätten, ſeinen Zorn zu beſänftigen, heiterten ſich ſeine Züge wieder auf und er rief in heiterem Tone: „Bah, es verlohnt ſich nicht, daran zu denken. Ich habe meine Pflicht als Soldat gethan und mich für ſieben geſchlagen; folglich ſteht mir auch das Recht zu, des Lebens Freude jetzt zu genießen, und ſo lang es Wein und Mädchen gibt, hol' der Teufel das Nachgrübeln!“ Der Oberſt grübelte auch nicht gern, ſondern lebte friſch darauf los. Tage, Wochen, Monate ver⸗ gingen in ſtetem Saus und Braus, der nur durch den Eifer unterbrochen wurde, womit der Oberſt Carin, Starks ſchöne Tochter aufſuchte. Sie ihrerſeits wich ihres Vaters Chef und Guts⸗ herrn ſorgfältig aus. Dieſer Widerſtand reizte den an raſche Erfolge gewöhnten Sinn des Oberſts nur um ſo mehr. Plötzlich hörte das wilde Leben auf Broborg auf. Die Trinkgenoſſen wurden ſeltener eingeladen, die Karten verſchwanden, und unſer Krieger nahm ſich vor, einige Monate ſich eines ordentlichen Wandels zu befleißen und ein ſtilles Leben zu führen. Etwas über ein Jahr war verfloſſen, ſeitdem der Oberſt nach Broborg zurückgekehrt war; da reiste er eines ſchönen Morgens wieder ab. Wohin er ſeinen Weg nehmen wollte, darüber erklärte er ſich gegen Niemand; aber einige Monate ſpäter wurde ſeinen 1 — rer Gram in ſeinem Innern hauste, und daß 22 Untergebenen die Kunde, daß er ſich ins Ausland begeben hätte. Ein Johr nach dem andern kam und ging, ohne daß der Oberſt auf dem Beſitzthum ſeiner Päter ſich wieder ſehen ließ. So war ein ganzes Jahrzehent verſoffln als der Intendant einen Brief erhielt, mit dem Befehl, alle Zimmer in Ordnung zu ſetzen und modern und elegant möbliren zu laſſen, da der Oberſt im näch⸗ ſten Jahr ſeine junge Frau nach Broborg heimzu⸗ führen gedächte. Er hatte nach einem ſtürmiſchen Leben, ein Fünfziger, ſich mit einer jungen Franzö⸗ ſin verheirathet und wollte nun auf dem Grund und Boden ſeiner Väter ſich niederlaſſen. Der Sommer ſtand in ſeinem vollen Flor, als der elegante und bequeme Reiſewagen des Oberſts an einem ſchönen Juniabend auf dem Hofe von Broborg anfuhr. Auf der Treppe und im Corridor war die Die⸗ nerſchaft aufgeſtellt, und im Hofe befanden ſich alle ſeine Gutsangehörigen, welche als der Wagen vor⸗ überrollte, ihren Gutsherrn mit einem dreimaligen Hurrah begrüßten. Als der Oberſt aus dem Wagen ſtieg, ſtand auf der erſten Treppenſtufe der alte Stark in ſeine Dra⸗ goner⸗Uniform gekleidet und mit der Medaille auf der Bruſt. Da ſtand er, ein ſtraffer und rieſiger Greis, mit Silber im Haare und Narben im An⸗ geſicht; aber tiefere Furchen, als der Feind hervor⸗ gebracht, hatte die Zeit gegraben, denn man las in den Zügen des Alten, daß irgend ein bitte⸗ 10 Schmerz mit ſeiner ſcharfen Pflugſchar nicht blos im Antlitz, ſondern auch im Herzen unvertilgliche Spu⸗ ren hinterlaſſen hatte. Als er dem alten Krieger, dem Theilnehmer an. ſeinen Gefahren und Siegen, Auge in Auge gegen⸗ über ſtand, erbleichte der ſonſt ſo ſtolze und uner⸗ ſchrockene Mann. Stark ſtand da, mit der Hand an ſeinem Helme, und blickte dem Oberſt mit einem ſo grimmigen Aus⸗ druck ins Auge, als ob er einen Feind vor ſich hätte. Einen Moment blieben die beiden Krieger ſo ſtehen, der Oberſt mit der Bläſſe des Marmors in ſeiner ſtolzen Miene, und der Alte mit einer Welt voll Erbitterung in ſeinem Blick. „Guten Tag, Stark,“ ſagte endlich der Oberſt und nickte dem Veteranen zu, worauf er einer ſchö⸗ nen jungen Frau aus dem Reiſewagen half. Die junge Oberſtin hatte ein zartes Kind auf dem Arme. Als ſie an dem alten Stark vorbeikam, warf ihr dieſer einen Blick zu, der einen ſtummen⸗ aber furchtbaren Haß verkündete. Nachdem der Oberſt ſeine Gattin in das Haus geführt hatte, erſchien er wieder, um ſeine Unterge⸗ benen mit einigen kräftigen Worten zu begrüßen; darauf wandte er ſich unmittelbar zu Stark, welcher noch immer auf der erſten Treppenſtufe ſtand. „Freut mich, Dich zu ſehen, mein lieber Stark. Wie geht es Dir?“ Damit reichte er ihm die Hand. „Gut, Herr Oberſt. Ich bin allein 3 dem Wahlplatz geblieben, denn meine Frau hat das Ge⸗ wehr geſtreckt.“ 11 „Todt alſo?“ „Nun, warum faſſeſt Du nicht meine Hand, al⸗ ter Kamerade?“ „Ich weiß, daß ich mit meinem Chef rede,“ ant⸗ wortete Stark barſch und ſah dem Oberſten ſteif ins Sit„Wollte eigentlich nur den Herrn Oberſt ſehen.“ „Danke. Nun, wie ſteht es ſonſt daheim bei Dir?“ „Ich bin einſam und allein.“ „Und— und— Deine Tochter?“ Der Oberſt hatte Mühe, das Wort hervorzu⸗ bringen. Es blitzte in den tief liegenden Augen des Alten, aber er antwortete kalt: Todtl⸗ Der Oberſt zuckte zuſammen, als ob er einen Stich erhalten Es entſtand eine Pauſe; dar⸗ auf legte er ſeine Hand dem Veteranen auf die Schulter und ſprach: „Komm' morgen früh um neun Uhr zu mir!“ „Soll geſchehen, Herr Oberſt,“ erwiederte Stark und ſtellte ſich in Poſitur. „Du trinkſt doch wohl dieſen Abend mit den Andern ein Glas auf meine Geſundheit?“ ſetzte der Oberſt hinzu, indem er ſich entfernte. Stark ſah ſeinem abgehenden Chef eine Weile nach. Dann nahm er ſeinen Weg nach der Woh⸗ nung des Intendanten, wo das Volk bewirthet wurde. en er ſich dorthin begab, murmelte er bei ſich elbſt „Er fürchtet ſich ebenſo wenig vor ſeinem Ge⸗ wiſſen, als er ſich ſonſt vor den Kugeln der Ruſſen fürchtete, aber ich merkte doch, wie er erbleichte, als er das Weiße in meinen Augen ſah.“ Der Greis ſchwieg; aber eine Minute nachher ſchlüpfte das Wort: Schurke über ſeine Lippen. „Nun, Stark,“ ſprach der alte Gärtner,„Du biſt doch wohl recht erfreut, Deinen Oberſt wieder zu ſehen?“ „Gewiß, das bin ich,“ erwiederte Stark. „Sie iſt wahrhaftig ſehr ſchön, die gnädige Frau Oberſtin.“ „Er gleichfalls.“ „Ein bloßes Kind gegen den Oberſt.“ „So geht es eben. Er hat ſtets an jungen Frauen Gefallen gehabt.— Weißt Du, ob das Kind ein Knabe iſt?“ fragte Stark, indem er den Gärtner anſah. „Nein, es ſoll ein Mädchen ſein.“ „Schade.“ „Warum das?“ „Weil man nichts als Elend mit dem Weibs⸗ volk hat.“ Damit leerte Stark ſeinen Bierkrug und ging. — II. Acht Jahre waren vergangen, ſeitdem Oberſt Werner ſeine junge Gattin heimgeführt hatte; acht Jahre von Glückſeligkeit für die beiden Gatten; denn der Oberſt betete die einnehmende Frau an und ſchien nur für ſie zu leben. 13 Der einzige Kummer, den der Oberſt empfand, war der, daß er keinen Sohn hatte; aber da ſeine Gattin ſich im Beſitz ihrer kleinen Tochter glücklich fühlte, wurde das Mädchen bald auch des Oberſts Augapfel. Es gewährte in der That einen eigenthümlich entzückenden Anblick, zu ſehen, wie die junge ſchöne Frau dem beinahe ſechzigjährigen Mann eine Liebe weihte, die bei ihrer ungeſuchten Einfachheit ſich zu⸗ gleich ſo aufrichtig darſtellte, daß ſie Vertrauen und Bewunderung wecken mußte. Verfinſterte zuweilen eine Wolke, oder eine düſtere Erinnerung über ſein verfloſſenes Leben die Stirne des Oberſts, ſo war ſie alsbald an ſeiner Seite und verjagte dieſelbe durch ihren Frohſinn und ihre Zärtlichkeit. Der alte Stark war ſogleich nach der Heimkehr des Oberſts von dieſem überredet worden, ſeinen Wohnſitz in Broborg zu nehmen; und hier hatte der alte Dragoner ſeitdem gelebt und war der treue Hüter und Begleiter der kleinen Gabriella von dem Augenblick an geweſen, da das Kind ſeine erſten Schritte zu machen anfing. Zwiſchen dem Mädchen und dem Veteranen hatte ſich eine innige Freundſchaft entwickelt. Der Alte war der Günſtling und Vertraute des Kindes. Die⸗ ſes hinwiederum ſchien der Liebling des Greiſes zu ſein, obwohl er zuweilen einen ſonderbaren Blick auf daſſelbe heftete, deſſen Ausdruck zu erklären, ſehr ſchwer gehalten hätte. Oberſt Werner hatte ſeine Tochter aufwachſen laſſen, als ob es ein Knabe gewefen wäre. Nie⸗ mals hatte das Mädchen andere Kleider, als weite Hoſen und eine Bluſe getragen. Sie war bei Zeiten an ſtarke Körperbewegungen gewöhnt worden. Da ſie noch klein war, hatte der Oberſt ſie oft, wenn er ausritt, vor ſich auf den Sattel genommen, und als ſie größer wurde, kaufte er ihr ein kleines Pferd, und Stark lehrte ſie reiten. Ebenſo ertheilte er ihr ſpielend Unterricht in der Kunſt zu fechten und mit einer kleinen Büchſe nach dem Ziele zu ſchießen, während ſie gleichzeitig es dahin brachte, wie ein Junge zu marſchiren und zu exerciren. Somit beſaß die junge Erbin von Oberſt Wer⸗ ners unermeßlichem Vermögen bereits in einem Alter von neun Jahren große Fertigkeit im Tanzen, Rei⸗ ten, Schwimmen, Schießen, Exerciren, konnte einen Purzelbaum machen, durch einen Reif ſpringen und ein Rad ſchlagen; aber eine Zeile in einem Buche zu leſen, eine Feder oder eine Nadel zu halten, oder einen einzigen Akkord auf einem Inſtrumente anzu⸗ ſchlagen, oder ſonſt Etwas zu treiben, das Mäd⸗ chen ihres Altes ſonſt nicht fremd zu ſein pflegt:— davon verſtand ſie nichts, Dabei war ſie aber friſch und blühend, lebendig wie Feuer, munter und muthwillig, wie ein unge⸗ zähmtes Füllen, die Luſt ihrer Eltern und die Freude aller Untergebenen. Zudem hatte das unverdorbene Kind ein gutes Herz, welches ſie zum Liebling und Fürſprecher aller Armen machte. Oft geſchah es, daß die kleine Gabriella von ihrem Streifzug ohne Bluſe heim⸗ kehrte; und wenn die Mutter ſie deßhalb mit Sanft⸗ muth zur Rede ſtellte, ſo lautete die Antwort: 15 „Mama, ich habe ſie einem Kinde gegeben, das zerriſſene Kleider hatte.“ Die Oberſtin war ſchon, als das Mädchen ſieben Jahre zählte, Willens geweſen, eine Lehrerin für ſie anzunehmen, aber der Vater hatte mit Beſtimmtheit erklärt, ſie ſollte ihr erſtes Jahrzehnt, ohne daß ſie vom Leben etwas Anderes, als deſſen Freuden ken⸗ nen lernte, zurücklegen und mit vollen Zügen die Luſt ihres Daſeins und der unſchuldigen Kinder⸗ jahre genießen.“ In dieſem Sinn hatte ſich der Oberſt oft gegen den alten Stark geäußert, wenn er den Spielen und Uebungen des Veteranen und ſeiner Tochter zuſah, und dann hatte Stark einen ſonderbaren Blick auf den Oberſt geheftet und dazu bemerkt: „Gut geſprochen, Herr Oberſt; die Freude kann in der Zukunft Gabriella nur ſehr dürftig beſchieden ſein. Sie kann ja für den Reſt ihres Lebens zur Fahne des Kummers zu ſchwören haben.“ Eines Tags waren Stark und die kleine Gabriella ausgeritten. Der alte Dragoner erzählte von dem letzten finniſchen Kriege, und das Mädchen ließ ſein kleines Pferd im Schritte gehen, um auf Schilde⸗ rungen zu lauſchen, welche ſchon unzählige Mal ge⸗ hört worden waren, jedoch immer und immer einen neuen Reiz gewährten. Als der Alte geſchloſſen hatte, ſagte ſie: „Und als Du mit dem ſchönen Pfennig da auf der Bruſt heimkehrteſt und ihn Deinen Kindern zeig⸗ teſt, da biſt Du wohl recht erfreut geweſen?“ „Ich hatte nur ein Kind,“ antwortete Stark 16 düſter.„Ich hatte, wie der Oberſt, nur eine Tochter.“ „Und wo iſt ſie jetzt? Iſt ſie in den Krieg ge⸗ zogen, wie ich thun werde, wenn ich einmal groß bin?“ „Jo, ſie ging in den Kampf und wurde getödtet,“ ſagte der Greis mit finſterer Stimme. „Getödtet!“ wiederholte das Mädchen und ſchaute verwundert zu ſeinem alten Begleiter auf.„Armer, armer Stark, wie mißmuthig Du jetzt ausſiehſt; aber ſchau, Kamerad“— ein Schmeichelwort, deſſen ſich Gabriella gegen den Veteranen bediente—„als Deine Tochter muß ſie in tapferem Kampfe ge⸗ fallen ſein, habe ich nicht Recht? Du biſt ja Sol⸗ dat, und mußt Deine Freude daran haben, zu denken, daß Deine Tochter muthig in den Tod ge⸗ gangen iſt.“ Stark riß am Zügel und hielt ſein Pferd an, worauf er mit dumpfer Stimme erwiederte: „Nein, ſie ſtarb wie ein feiger Deſerteur, der ſeine Ehre an einen Verräther verkauft.“ „Stark, jetzt ſiehſt Du garſtig aus,“ fiel die Kleine ein;„und wie Du ſo ſchlecht von Deiner verſtorbenen Tochter redeſt! Pfui, alter Kamerade, ich glaube beſtimmt, daß dein Mädchen ſo artig und lieb war, wie Gabriella.“ Der Alte ſchwieg und ſetzte ſein Pferd wieder in Gang. „Verrätherei?“ nahm Gabriella wieder das Wort, „was heißt denn das?“ „Das heißt, wenn der Feind einen Soldaten überredet, feiger Weiſe und ohne Widerſtand ihm diint —————— —— 17 ſeine Waffen auszuliefern. Derjenige, welcher ſich ſolchergeſtalt überreden läßt, iſt ein Verräther an ſeinem Lande und an ſeiner Ehre; und der, welcher ihn dazu überredet, iſt ein Verräther an ſeinem Ge⸗ wiſſen und an ſeinem guten Namen.“ „Der Ueberredende wird wohl ſtreng beſtraft?“ „Ja, man hängt ihn ohne Urtheil und Spruch mit dem Ueberredeten auf.“ „Hu, Stark! wurde Deine Tochter gehängt?“ „Nein!“ „Und der, welcher ſie überredet hat, ihre Waffen auszuliefern, was bekam der für eine Strafe?“ „Er ſteht noch unter Gottes und meiner Rache.“ „Weißt Du, Stark, wenn Du ſo ſprichſt, ſo ſiehſt Du recht gottlos aus, und ich— „Du bekommſt Angſt,“ fiel Stark in verächt⸗ lichem Tone ein. „Ach nein, von Angſt iſt keine Rede, mein Freund,“ antwortete die kleine Amazone und ſah ganz beleidigt aus.„Sieh, da ſind wir an dem Kirchhof, und wahrhaftig, Papa iſt drinnen,“ rief zi Mädchen, während ſie von dem Waldwege ab⸗ ogen. Mit einem Sprung war ſie auf dem Boden und ſtand im nächſten Augenblick neben ihrem Vater auf dem Kirchhof. „Bomben und Granaten!“ murmelte Stark und hielt Gabriella's Pferd an.„Ich glaube, er ſteht vor Carins Grab. Stehe Du nur da, bald iſt meine Rache fertig und Dein Glück zertrümmert. Vergiß dann, wenn Du kannſt, Carin und den alten Schwartz, Ein Opfer der Rache. I. 2 18 Stark, deſſen Treue Du damit lohnteſt, daß Du ihn ſchändlich um ſein einziges Gut beſtahlſt!“ Während dieſes ſtillen Monologs war Stark vom Pferde geſtiegen und hatte es ſammt dem Gabriella's an einen Baum gebunden; da trat er gleichfalls auf den Kirchhof und nahm ſeinen Platz hinter dem Oberſt und Gabriella. Weder er noch ſie gaben darauf Acht, daß Stark ſich ihnen angeſchloſſen hatte. Der Oberſt ſtand vor einem einfachen, ſchwarzen, hölzernen Kreuze, welches nur mit dem Namen Carin bezeichnet war. Darunter ſtanden die Worte: Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. „Weſſen Grab iſt das, Papa?“ fragte Gabriella und hing ſich ihrem Vater an den Arm. „Eines jungen Mädchens, das vor ſechszehn Jahren geſtorben iſt,“ antwortete der Oberſt be⸗ kümmert „Das meiner Tochter,“ fiel Stark hinter ihnen ein. Gabriella fuhr zuſammen und drehte ſich zu Stark um. Der Oberſt blieb unbeweglich. „Komm, laß uns gehen,“ bat Gabriella und ſah zu dem Veteranen auf.„Lieber, guter Stark, ſieh das Grab nicht ſo an,“ ſetzte ſie hinzu und ſtreckte ihre Hände empor, um den älten Mann zu ſtreicheln. „Sei nicht ſo böſe auf deine arme Carin. Zürne lieber demjenigen, der ſie verleitete, dem Muthe zu entſagen, aber nicht ihr, die verleitet wurde. Siehſt Du, Stark, nicht alle können ſo tapfer ſein, wie Du und ich.“ „Du meinſt alſo, Gabriella, ich ſoll mit dem 19 Verräther ſtreng verfahren?“ fragte Stark, indem er das Kind anſah. „Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben; komm, Ka⸗ merad!“ Damit nahm Stark Gabriella auf ſeine Arme. Jetzt erſt drehte ſich der Oberſt um. Die Augen der beiden Krieger begegneten ſich, und dann ent⸗ fernte ſich der Oberſt ſchweigend. III. Am folgenden Tage ſaß Stark in ſeinem Zim⸗ mer und putzte und fegte an einer Menge Waffen, welche in Oberſt Werners Rüſtkammer gehörten. „Guten Morgen, Stark,“ ſagte der Oberſt, als er bei dem Alten eintrat,„Du willſt, wi be⸗ merke, meine Waffenſammlung wieder in Stand ſetzen, und wahrhaftig, ſie bekommt dädurch ein ganz ſtattliches Ausſehen.“ „Das darf nicht anders ſein, Herr Oberſt, be⸗ ſonders wenn man ſich bereit machen muß, daß der Tod ſeine Herausforderung zum Zweikampf ergehen läßt, und dann wäre es, der Teufel hole mich, eine Schande, wenn der alte Stark etwas unfertig zu⸗ rückließe. Beim Blitz eine ſchöne Klinge hier,“ fuhr Stark fort, einen Damaſcenerſäbel betrachtend,„nun der hat ſeiner Zeit von Ruſſenblut vollauf ge⸗ trunken.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Oberſt, indem er den Säbel in die Hand nahm und mit fin⸗ 20 ſteren Blick darauf hinzuſetzte:„Wenn ich an Finn⸗ land denke, möchte ich mir ſelbſt den Schädel ein⸗ ſchlagen, daß ich nicht demjenigen, welcher an Swea⸗ borgs Fall ſchuld war, das Herz aus der Bruſt * geriſſen habe.“ „Der Verräther hat ſeine Strafe ſchon bekom⸗ men,“ entgegnete Stark. „Und welche denn?“ „Die ſeines Gewiſſens.“ „Ein Verräther hat kein Gewiſſen.“ „Das wäre der Teufel! Aber dann hat er doch wohl etwas Anderes, das verwundbar iſt. Wenn ich uns an dem Elenden zu rächen gehabt hätte, ſo würde ich einer für ihn theuren Perſon ein ſchweres, unheilbares Leid beigebracht und dann geſprochen haben: Das iſt die Rache für Sweaborg. Hätte er dann geſehen, wie dieſe ihm ſo theure Perſon ſich vor Schmerz verzehrte, ſo wäre er genöthigt geweſen, verzweiflungsvoll an ſeine Miſſethat zu denken. Einem ehrlichen Feinde kann ich in der Raſerei das Hetz aus der Bruſt reißen, oder ihm den Kopf zerſchmettern, aber bei einem Schurken iſt das zu wenig.“ „Du kannſt Recht haben,“ entgegnete der Oberſt, indem er ſich über die Säbelklinge beugte und ſie nachdenklich betrachtete. „Das will ich meinen.“ Hier wurden ſie von Gabriella unterbrochen, welche mit einem Helm auf dem Kopfe, mit Epau⸗ letten auf den Schultern und mit Kuppel und Säbel hereingeſprungen kam. „Höre, Stark, wollen wir denn nicht zu exer⸗ . 21 ciren anfangen? Du verſprachſt mir, heute im Feuern auf Kommando mich zu unterweiſen, und ich habe darum Papa gebeten, hieher zu kommen und zuzuſehen, wie Du ſagteſt, daß ich es thun ſollte.“ „Soll geſchehen, Kamerade, ich habe nur auf Dich gewartet,“ erwiederte Stark, ging hin und nahm ein kleines Gewehr von der Wand, welches er Gabriella mit den Worten überreichte: „Ich habe es blank geputzt, ſo daß es einem Krieger gut anſteht.“ Der Oberſt, welcher mit Vergnügen die kriegeri⸗ ſchen Spiele ſeiner Tochter betrachtete, ſetzte ſich auf einen Stuhl und ſagte: „Biſt Du gewiß, daß das Gewehr nicht gela⸗ den iſt?“ „Vollkommen.“ „Nun, beim Teufel, das iſt ein tüchtiger⸗ Lauf. Wo haſt Du es herbekommen? 1 „Von der Rüſtkammer.“ „Nun, ſo ſei doch ſtill, Papa,“ rief Gabriella ungeduldig. „Angetreten, Kamerad!“ kommandirte Stark. „Gib jetzt Acht. Ich bin zu gleicher Zeit Feind und Befehlshaber. Wenn ich rufe: Fällts Gewehr! ſo legſt Du augenblicklich an und zielſt auf den. zweiten Knopf links auf meinen Rock. Komman⸗ dire ich: Feuer!, ſo drückſt Du auf den Hahnen, ſo daß das Zündhütchen knallt.“ Die Kleine ſtellte ſich in Poſitur; Stark ließ ſie ſchultern u. ſ. w., dann kommandirte er: Fällt's Gewehr. 22 Sie mußte dies einigemal wiederholen, da er behauptete, ſie ziele ſchief. Endlich rief er: „Feuer!“ Gabriella drückte ab, es ging los, aber es war nicht der Knall eines Zündhütchens, ſondern eines ſtarken Schuſſes. Ein Ruf des Oberſts— das Wort: Carins Rache und Starks Fall waren die unmittelbare und augenblickliche Folge der Erploſion. Das Kind ſtand einige Sekunden unbeweglich, vom Pulverdampf umgeben, da und ſtarrte vor ſich hin; dann ſtürzte es auf den alten Dragoner zu, fiel aber mit einem durchdringenden Schrei rückwärts zu Boden, als es ihn todt in ſeinem Blute ſchwim⸗ mend daliegen ſah. IV. Drei Tage nach dem beklagenswerthen Ereigniß wurde der alte Stark begraben. Er war, wie es allgemein hieß, beim Putzen der Woffenſammlung des Oberſts unglücklicherweiſe mit einem geladenen Gewehr ſo unvorſichtig umge⸗ gangen, daß er ſich ſelbſt in die Bruſt ſchoß. Die kleine Gabriella, welche bei dem Vorfall zugegen geweſen, hatte davon einen ſolchen Schrecken bekommen, daß eine heftige Hirnentzündung daraus entſtand. Wie es mit Starks Tod in Wirklichkeit zugegan⸗ gen war, das hatte der Oberſt für ſich behalten, damit nicht ſein unglückliches und unſchuldiges Kind. 1 3 23 ſein Leben lang das Brandmal an ſich trüge, als hätte es, wenn auch unfreiwillig, einen Mord auf ſeinem Gewiſſen. So ſehr er von dem ſchrecklichen Ereigniß niedergebeugt war, ſuchte er doch ſeine Toch⸗ ter vor einem ſo traurigen Rufe zu ſchützen. Die Oberſtin hatte bei der Nachricht von dem Unglück mit Stark und bei dem Anblick ihres Kin⸗ des, das man bewußtlos herbeibrachte, vor Schrecken einen Blutſturz bekommen, und einige Tage nach Starks Beerdigung lag auch ſie im Sarge. Unter dem Gewicht dieſer Schläge, die er als eine Strafe Gottes betrachtete, völlig vernichtet, ſaß der Oberſt, ein leibhaftes Bild ſtummer Verzweiflung, an dem Krankenbette ſeiner kleinen Tochter und fürch⸗ tete jeden Augenblick, auch ſie würde ihm entriſſen werden. Den Tag vor dem Begräbniß der Oberſtin fuhr eine Chaiſe im Hofe von Broborg vor, und aus der⸗ ſelben ſprang ein hochgewachſener, ſchlanker Jüngling von vortheilhaftem und energiſchem Ausſehen. Er fragte nach dem Oberſt und wurde, als er ſeinen Namen nannte, in ein vot dem Krankenzim⸗ mer der kleinen Gabriella gelegenes Kabinet geführt; dort traf er den Oberſt. Auf der Stirne des früher ſo ſtolzen und über⸗ müthigen Mannes ſtand jetzt mit unauslöſchlichen Zügen ein tiefer, überwältigender Gram geſchrieben. „Sind Sie Birger Ek, des alten Starks Toch⸗ terſohn?“ fragte der Oberſt den eintretenden Jüngling. „Ja, Herr Oberſt,“ antwortete Birger ſich ver⸗ beugend. „Durch meinen Brief wiſſen Sie, daß Ihr Groß⸗ 24 vater in Folge eines Unglücksfalls mit Tod abge⸗ gangen iſt.“ Birger verbeugte ſich abermals zum Zeichen der B ejahung. Der Oberſt ſtrich ſich mit der Hand über die Stirne und fuhr dann fort: „Setzen Sie ſich, denn was ich Ihnen zu ſagen habe, müſſen Sie mit Aufmertſamkeit anhören. Be⸗ antworten Sie mir zuerſt die Frage: was wiſſen Sie von Ihren Eltern, und wer hat Sie erzogen?“ „Mein Vater war, wie man mir ſagte, Soldat geweſen und hieß Ek, aber er wie meine Mutter ſtarben, als ich erſt einige Monate alt war; da nahm mich meines Großvaters verheirathete Schwe⸗ ſter, die Paſtorin Welwort, als ihr eigenes Kind an und ließ mich mit ihren Söhnen erziehen.“ „Man hat alſo geſagt, Ihre Mutter ſei mit dem Soldaten Ek verheirathet geweſen?“ Der Oberſt ſtützte den Kopf auf die Hand und ſchaute bekümmert vor ſich hin. „ a.“ „So verhielt es ſich in Wirklichkeit nicht; Carin Stark war niemals verheirathet.— Ich bin ihres Sohnes Vater,“ ſprach der Oberſt, indem er einen tiefen Seufzer ausſtieß, und ſetzte, Birger die Hand reichend, hinzu:„ich habe eine ſchwere Sünde gegen deine Mutter zu ſühnen und will dieſelbe, ſo weit es in meinem Vermögen ſteht, dadurch wieder gut mehr Birger Ek, ſondern Birger Werner und ſollſt, machen, daß ich ihren Sohn adoptire. Du biſt nicht wenn Gott meine Tochter am Leben erhält, meine Hinterlaſſenſchaft mit ihr theilen. Sollte der Tod 25 auch ſie von meiner Seite reißen, ſo biſt Du mein einziger Erbe.“ Birger hatte die Hand des Oberſts gefaßt und ſtarrte ihn an, als ob er zu träumen glaubte. Als der Oberſt ſchwieg, vermochte der Jüngling nicht ein Wort hervorzubringen, ſondern drückte nur die Hand des Vaters an ſeine Lippen. Der Oberſt erhob ſich und ſetzte in düſterem Tone hinzu: „Bis auf Weiteres bleibſt Du in Broborg. Mor⸗ gen wird meine Frau begraben, und vielleicht hat der Tod bis dahin mir auch meine Tochter ge⸗ raubt.“ Mit dieſen Worten trat der Oberſt in das Kran⸗ kenzimmer und winkte Birger, ihm zu folgen. Die kleine Gabriella war in heftigen Fieberwahn⸗ ſinn verfallen und rief während deſſelben unaufhör⸗ lich:„ein Schuß— Blut“ und„Stark“, indem ſie jedes dieſer Worte mit einem Schrei wilder Ver⸗ zweiflung begleitete. Es war in der That etwas Unheimliches, das arme Kind zu ſehen; und der An⸗ blick deſſelben machte auf Birger einen peinlichen Eindruck. Der Jüngling verweilte einige Monate in Bro⸗ borg; inzwiſchen erholte ſich Gabriella langſam und allmälig; aber es war nur ein körperliches Geneſen; denn über ihrer Seele lag ein Nebel von Trauer, der beinahe wie Geiſtesſtörung ausſah. Gegen Ende des Sommers trat der Oberſt mit ſeiner gemüthskranken Tochter eine Reiſe ins Aus⸗ land an, um nach ſchwediſchem Brauch die Hülfe auswärtiger Aerzte zu ſuchen. 26 Birger ſollte auf die Akademie zurückkehren, um dort als des reichen Oberſt Werners Sohn die Stu⸗ dien fortzuſetzen, welche er mit ſo vielem Erfolg als der arme Birger Ek begonnen hatte. W. Auf der Reiſe nach Upſala hielt ſich Birger ein paar Tage in Stockholm auf. Es war ein ſchöner ſommerlicher Abend zu Ende Septembers. An der Regierungsſtraße wurde ein großes Gebäude aufgeführt, und die dabei beſchäf⸗ tigten Maurer ſtanden eben im Begriff, ſich vom Platze zu entfernen, als Birger ſich einem von ihnen näherte und fragte: „Arbeitet nicht der junge Welwort hier?“ „Allerdings; der Herr trifft ihn drinnen auf dem Hofe,“ antwortete einer der Arbeiter. Birger folgte der gegebenen Weiſung. In einer blauen Bluſe und weißen Beinkleidern, eine Maurerſchürze vorgebunden, eine kleine Mütze ſchief auf das braune Haar geſetzt, ſtund hier ein junger Burſche von ſechszehn Jahren, groß und ſchlank von Wuchs, und ſprach mit einem ältern Herrn. Als er Birger gewahrte, verabſchiedete er ſich ſchnell und ging ihm entgegen. Die beiden Jünglinge wechſelten einen Handſchlag, der junge Maurer Birgers Arm nahm und agte: „Nun wahrhaftig, das freut mich, daß Du mich aufgeſucht haſt. Nun wollen wir es uns im Ge⸗ 27 nuß des Wiederſehens recht wohl ſein laſſen.— Du genirſt Dich doch nicht, mit einem Maurer Arm in Arm zu gehen?“ ſetzte er lachend hinzu. „Was iſt das für ein Geſchwätz, Alrik?“ „Ei, Du biſt jetzt Oberſt Werners Sohn, mein lieber Birger, und das klingt ganz anders, als da Du noch der Sprößling des Soldaten Ek hießeſt. Wäre es da zu verwundern, wenn es Dich unange⸗ nehm berührte, mit einem ſolchen Kameraden wie ich auf der Straße herumzugehen? Aber was fehlt Dir? Du ſiehſt meiner Seele aus, als ob Du alle Courage verloren hätteſt, ſeitdem Du eines ſo rei⸗ chen Mannes Kind geworden biſt?“ „So verhält es ſich auch, lieber Alrik. Früher war ich arm, das iſt wahr, aber ich durfte glauben, wenn auch von geringer, doch ehrlicher Herkunft zu ſein. Jetzt ſchäme ich mich darüber, daß ich des reichen Oberſts unehlicher Sohn bin.“ „Aber er hat Dich adoptirt und Dir ſeinen Na⸗ men gegeben.“ „Meine Mutter war aber doch nicht ſeine Ehe⸗ rau.“ „Bah! Wozu dient es, darüber nachzugrübeln? Was hat es zu bedeuten, was Vater oder Mutter war, wenn man nur wie Du ein hübſcher und präch⸗ tiger Junge iſt?“. „So ſagſt Du, denn Du haſt ehrliche und ach⸗ tungswerthe Eltern,“ erwiederte Birger, indem er bekuͤmmert vor ſich hinſchaute. „Laß' uns nicht weiter von der Sache reden, ſon⸗ dern erzähle mir Etwas von Deiner Schweſter, dem kleinen Wildfang, den ich vergangenes Jahr ſah, als 28 ich mit meiner Mutter auf Beſuch bei Deinem Groß⸗ vater war.“ „Meinem Großvater,“ rief Birger;„jetzt verſtehe ich, warum der alte Mann mich niemals ſehen wollte. Ich war ja ein lebender Zeuge von ſeiner Tochter Schande.“ „Ach was, Birger, hör' auf mit dergleichen Litaneien und ſag' mir Etwas von Deiner kleinen Schweſter.“ „Von ihr iſt nicht viel zu ſagen. Sie iſt ge⸗ müthskrank.“ blieb ſtehen und ſtarrte Birger an; darauf rief er: „Unmöglich! Das fröhliche, wilde Kind, welches ſo flink, friſch und blühend ausſah?“ „Iſt jetzt ein kleines bleiches, ſchwaches und ge⸗ müthskrankes Mädchen.“ Die beiden Jünglinge gingen eine Weile ſchwei⸗ gend neben einander her. „Was hat dieſe plötzliche Veränderung hervorge⸗ bracht?“ fragte endlich Alrik wieder. „Der unglückliche Vorfall, welcher meinem Groß⸗ vater das Leben koſtete. Gabriella war dabei gegen⸗ wärtig und erſchrak dermaßen, daß ſie eine Gehirn⸗ entzündung davon bekam.“ „Das war ſehr betrübt; aber wer kann für Un⸗ glück? Darum fort mit allen traurigen Gedanken! wir nach dem Hopfengarten, um Muſik zu ören.“ VI. Zwei Tage darauf ſetzte Birger ſeine Reiſe nach Upſala fort. Alrik, welcher Baumeiſter oder Archi⸗ tekt werden wollte, blieb in Stockholm, um ſeine Lehrjahre zu beſchließen. Ehe wir weiter gehen, wollen wir nach üblicher Weiſe erſt eine kleine Aufklärung darüber geben, weß Geiſtes Kind Alrik war und in welchem Ver⸗ hältniß er zu Birger ſtand. Alrik war der älteſte Sohn von Paſtor Welwort in der Gemeinde Wetters. Der Paſtor ſelbſt war vor ſechs Jahren geſtorben und hatte bei ſeinem Hingang eine Wittwe mit zwei Söhnen hinter⸗ laſſen. Alrik war damals zehn, der jüngere Bruder Ernſt neun Jahre alt. Von dem Ueberſchuß aus dem ſogenannten Gna⸗ denjahr und dem Erlös aus ihrem Hauſe kaufte die Paſtorin ein Gütchen Namens Ekbaka unweit Wetters. Hieher zog ſie mit ihres Mannes Schweſter, ihren beiden Söhnen und ihrem Pflegeſohn Birger, wel⸗ cher in gleichem Alter mit Alrik ſtand und von Frau Welwort bei Carin Starks Tod als eigenes Kind angenommen worden war. Unter tauſend Kümmer⸗ niſſen und Entbehrungen gelang es ihr, die drei Knaben zur Schule anzuhalten. Alrit, von heftiger, lebhafter und ercentriſcher Gemüthsart, war, obwohl an Herz und Geiſt reich 30 begabt, gerade ſo ein Kind, das bei einer Mutter Unruhe und Beſorgniß wegen der Zukunft erregen mußte. Sein ſelbſtſtändiger und ſtolzer Charakter, ſein kecker und unbeugſamer Sinn bewirkte, daß er die Freiheit über Alles liebte und jede Feſſel, die man ihm anlegen wollte, mit Abſcheu betrachtete. Sein Bruder dagegen war ſtill, ſchweigſam und verſchloſſen. Als Birger in einem Alter von fünfzehn Jahren ſich durch Stundengeben Etwas zu den Koſten ſeiner Erziehung beizutragen bemühte, erwachte bei Alrik der Gedanke, daß er ſeiner Mutter, bei deren großen Sorgen nicht länger noch die Laſt ſeines Unterhalts aufbürden dürfe. Er wollte ſelbſt ſeine Erziehung vollenden und ſich eine eigene Exiſtenz ſchaffen. Kaum war dieſe Idee in dem Gehirn des Jüng⸗ lings aufgetaucht, ſo ſchritt er auch zu deren Aus⸗ führung. Er begab ſich zu Fuß von Upſala nach Stockholm und begann dort als Maurerlehrling zu arbeiten. Seine Abſicht war, wie bereits erwähnt, Architekt zu werden. Sein Bruder Ernſt ſetzte dagegen ſeine Schul⸗ ſtudien fort, lernte fleißig und lebte ſparſam. Er hatte ſich vorgenommen, Feldmeſſer zu werden. So war die Zeit vergangen, bis Birger zum Oberſt berufen wurde und ſofort deſſen Adoption erfolgte; und auf der Rückreiſe nach Upſala geſchah es, daß beide Brüder zuſammentrafen, um ſich hernach wieder zu trennen, und zwar auf längere Zeit, als beide berechnet hatten. Einige Wochen nach Birgers Beſuch in der Haupt⸗ ſtadt reiste Alrik, und zwar eines Kirchenbauweſens 31 halber, nach einem Landort. Erſt ein Jahr darauf kehrte er nach Stockholm zurück, folgte aber, nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen dem Architekten Profeſſor L. in der Eigenſchaft eines Zeichners nach Berlin, und dort laſſen wir ihn bis auf Weiteres, um in ſpäterer Zeit mit unſerem Helden wieder zu⸗ ſammenzutreffen. V Sechs Jahre waren ſeit des alten Starks Tod vergangen. Der Oberſt und ſeine Tochter verweilten noch im⸗ mer im Ausland. Birger hatte dieſe Zeit zwiſchen emſigen Studien und kurzen Beſuchen bei ſeiner Pflegemutter, der Paſtorin Welwort, getheilt. Er war jetzt Notar beim Hofgericht. Einige Tage vor Sommers Mitte, als Birger während der Ferien zu Ekbaka, oder wie er es nannte, daheim ſich aufhielt, langte ein Brief von dem Oberſt an, worin der Wunſch ausgedrückt war, Birger ſollte auf längere Zeit zu einer Reiſe ins Ausland um Urlaub einkommen, ſofort unverweilt dieſelbe antre⸗ ten und mit dem Oberſt, der ſich gerade in Berlin⸗ aufhielt, zuſammentreffen. Einen Monat ſpäter ſahen ſich Vater und Sohn wieder, Birger aber hatte den Oberſt beinahe nicht erkannt, ſo groß war die Veränderung, welche mit ihm vorgegangen. Das duntelbraune Haar war ſchneeweiß, die unglücklich zu machen, als deine Mutter geworden iſt 32 ſtattliche Haltung gekrümmt, und das ſcharfe Auge matt und düſter geworden. Er hatte ſich in einen Greis verwandelt. „Ich wünſche,“ äußerte der Oberſt gegen ſeinen Sohn,„daß Du ein paar Jahre in Europa herum⸗ reiſeſt. Willſt Du als Juriſt etwas Anderes, als einer von jenen Dutzendſchreibern werden, welche die Gerichtslokale bevölkern, ſo mußt Du Dir genügende Kunde von der Geſetzgebung jedes Landes verſchaffen und zugleich möglichſt viel Menſchenkenntniß Dir einzuthun ſuchen. Beides erlangt man durch Reiſen. Ein Richter muß vor allen Dingen ein aufgeklärter Mann ſein und vollkommene Herrſchaft über ſeine Leidenſchaften ſich erworben haben. Vermagſt Du dein eigenes Herz nicht zu regieren, dann darſſt Du Dich nicht auf den Richterſtuhl ſetzen und über Andere ein Urtheil fällen. Im Uebrigen,“ ſetzte der Oberſt hinzu, indem er ſich mit der Hand über die Stirne fuhr,„wäre es wünſchenswerth, wenn jeder junge Mann lernte, daß zügelloſe Nachgiebigkeit ge⸗ gen unſere Begierden zu großem Unheil führt, daß wir oft die Verirrung des Augenblicks mit dem Ver⸗ luſt unſeres innern Friedens bezahlen müſſen. Doch das ginge noch an, wenn wir nur ſelbſt darunter zu leiden hätten; aber es gibt noch etwas Schlim⸗ meres, und das iſt, daß unſere Fehler auch zu dem Unglück und dem Leiden derer, die wir lieben, den Grund legen. Bedenke darum, wenn die Verſuchung Dich vom Pfade des Rechts hinweglocken will, daß Du ſelbſt ein Kind der Verirrung biſt, und laß Dich dadurch abhalten, deinerſeits andere Frauen 33 8 Hier trat eine Stille ein, welche Birger durch eine Erkundigung nach Gabriella unterbrach. „Willſt Du ſie ſehen?“ fragte der Oberſt, anſtatt darauf unmittelbar zu antworten. „Ja, es würde mich freuen, denn aus deinem Briefe, Papa, habe ich erſehen, daß ſie geſund iſt.“ „Geſund!“ wiederholte der Oberſt mit einem bittern Lächeln.„Das arme Mädchen, ſie wird nie⸗ mals wiederum werden, was ſie einſt geweſen, ein geſundes, fröhliches und blühendes Kind.“ Er öffnete die Thüre und rief Gabriella.. Nach einigen Augenblicken trat ein kleines ſchlan⸗ kes Mädchen ein. Der Gang war langſam, und ihren Bewegungen fehlte es an allem Gepräge ju⸗ gendlicher Lebhaftigkeit. Sie ging auf ihren Vater zu, ohne auf Birger zu achten, welcher mit Aufmerk⸗ ſamkeit das ſechszehnjährige Kind betrachtete. „Du haſt mich gerufen, Papa, was willſt Du?“ Ihre Stimme war ſchwach und hatte einen ei⸗ genthümlich wehmüthigen Konfall. „Ich wünſche, daß Du deinen Bruder Birger begrüßeſt, antwortete der Oberſt, ſeiner Tochter goldgelbe Locken ſtreichelnd;„Du haſt ja das Ver⸗ langen ausgeſprochen, ihn zu ſehen.“ „Allerdings“, erwiederte Gabriella indem ſie mit einem Ausdruck der Ermüdung ihren Kopf an des Vaters Schulter lehnte und ihren Arm um ſeinen Hals legte. „Drehe Dich um, ſo haſt Du ihn vor Dir,“ ſagte der Oberſt, ihren Kopf emporhebend. „Er iſt hier!“ rief Gabriella und wandte ſich zu Birger um. Schwartz, Ein Opfer der Rache. I. 3 * 34 Der junge Mann war mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit allen ihren Bewegungen gefolgt, und ein Ausdruck inniger Theilnahme weilte auf den ſchönen und ehrlichen Zügen; als aber Gabriella ihr feines, bekümmertes Antlitz ihm zukehrte und ein paar milde blaue Augen, denen es an allem Glanz gebrach, auf ihn heftete, da gaben ſich in der Miene des Bru⸗ ders die Zeichen wirklichen Schmerzes zu erkennen. Der Oberſt, welcher den beinahe peinlichen Ein⸗ druck bemerkte, den ſie auf Birger hervorbrachte, ſtieß einen Seufzer aus und ſagte:„ „Das, Birger, iſt deine Schweſter, bei welcher Du einmal Vatersſtelle vertreten ſollſt.“ „Du biſt alſo Birger,“ fiel Gabriella ein und reichte ihm beide Hände. Birger faßte dieſelben mit Heftigkeit, zog ſie dann in ſeine Arme und ſprach mit jugendlicher Lebhaftigkeit und Wärme. „Ach! ich will Dir beides, Vater und Bruder ſein, armes, armes Kind; und nicht wahr, Gabriella, Du wirſt mich recht herzlich lieb haben.“ Das Mädchen legte den Arm um ſeinen Hals, lehnte den Kopf an denjenigen des Bruders und flüſterte: „Gabriella darf Niemand lieb häben.“ In dieſem Moment fielen ihre Augen auf Bir⸗ gers Weſte mit breiten, purpurrothen Sammeträn⸗ dern; ſie ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und rief: „Blut, Blut!“ Dann fiel ſie beſinnungslos in Birgers Arme. Während ſie noch in Ohnmacht lag, bat der Oberſt ſeinen Sohn, die Weſte zu wechſeln, dam 35 nicht die rothen Ränder ihr wiederum das Andenken an Starks blutigen Leichnam zurückrufen möchten. Birger blieb noch einige Zeit bei ſeinen Ver⸗ wandten. Ganze Tage beſchäftigte er ſich mit Ga⸗ briella und ſuchte dadurch, daß er ihrem Gedanken⸗ gang folgte, ſie zu zerſtreuen und Etwas ausfindig zu machen, was das Intereſſe des armen Kindes erregen konnte. Eines Tags äußerte er gegen den Oberſt: „Haſt Du niemals verſucht, Papa, was Arbeit und Erwerbung von Kenntniſſen zur Verminderung von Gabriella's Melancholie vermögen könnten?“ „Zur Zeit des unglücklichen Ereigniſſes mit Stark konnte ſie weder leſen noch ſchreiben; aber ſobald ſie den Gebrauch ihres Verſtandes wieder erlangte, hielt ich ihr Lehrerinnen für alle Fächer, worin ſich zu unterrichten den Frauen Noth thut. Sie lernte, was man ihr vorgab, aber mit derſelben Theilnahm⸗ loſigkeit, womit ſie alles Andere angreift. Sie wi⸗ derſetzt ſich niemals dem Willen Anderer, ſondern hält ſich im Allgemeinen vollkommen paſſiv. Es geſchieht dieß aber in einer Art und Weiſe, woraus deutlich hervorgeht, daß ſie ſich einem unangenehmen wang unterwirft. Als ich nun nach drei Jahren ſah, daß ſie müde, gleichgültig und ganz mechaniſch ihre Lectionen betrieb, da ſtellte ich dieſelben ein, um das arme Kind nicht unnöthiger Weiſe zu quälen.“ „Würdeſt Du mir nicht erlauben, Papa, daß ich, ſo lang wir beiſammen ſind, mich gewiſſermaßen zur Zerſtreuung mit Gabriella's Unterricht befaſſe? Ich glaube wirklich, daß es mir gelingen ſoll, einiges Intereſſe bei ihr für das Lernen zu erwecken.“ 3* „Verſuche es,“ antwortete der Oberſt. Birger begann nun an Gabriella's intellectueller Erziehung zu arbeiten, und zwar auf eine ganz an⸗ dere Weife, als dieß gewöhnlich geſchieht. Er machte Spaziergänge auf das Land mit ihr, ſprach von der Natur, und er war in der That ſo glücklich, einen Augenblick von Aufmerkſamkeit, oder einen Schim⸗ mer von Wißbegierde ihr abzugewinnen. Aber leider war es eben nur ein Augenblick, und Nichts regte ſich von einem durchgreifenden und leb⸗ haften Verlangen, ſich der träumeriſchen Bekümmer⸗ niß, in welche ſie verſunken war, zu entziehen. Nach Verfluß einiger Wochen hatte jedoch Bir⸗ ger bei ſeinen Bemühungen es ſo weit gebracht, doß Gabriella mit einem Schein von Vergnügen einige Volksweiſen ſpielte und ſang, mit Intereſſe auf das hörte, was er ihr vorlas oder mündlich mittheilte. Ja es konnte wohl geſchehen, daß ſie kam und ihn bat, mit ihr zu leſen oder zu ſingen. „So waren zwei Monate vergangen, und Birger ſah mit inniger Zufriedenheit, daß die beinahe ſeelen⸗ loſen, bekümmerten Züge ein Gepräge von Leben erhalten hatten. Zuweilen traf es ſi wohl auch, daß ſie durch ein mattes Lächeln erhellt wurden. Täglich mit dieſem ſanften, kummervollen Kinde zuſammen zu leben, ohne es zu lieben, war unmög⸗ lich. Auch hatte Birger mit ſeinem vollen, warmen und geſunden Herzen ſich feſt an ſeine junge Schwe⸗ ſter angeſchloſſen. Die befriedigenden Reſultate, wo⸗ von ſeine Bemühungen, die Schwermuth, welche wie ein ſchwarzer Schleier ihre Seele umhüllte, zu ver⸗ ſcheuchen, begleitet waren, erfreuten ihn dermaßen, daß 37 jeder Schimmer von Theilnahme oder Geiſtesthätig⸗ keit, welchen Gabriella zu erkennen gab, ihn glücklich machte. Birger gedachte eben bei dem Oberſt, welcher den Winter in IFtalien zubringen wollte, um die Erlaub⸗ niß anzuſuchen, ihn dorthin begleiten zu dürfen, in⸗ dem er nicht zweifelte, durch ein längeres Zuſammen⸗ leben mit Gabriella ſie völlig dem unſeligen Gemüths⸗ zuſtande, worin ſie befangen war, entreißen zu kön⸗ nen, als ein unvorhergeſehenes Ereigniß dieſen Plan Birgers ganz und gar vereiteln ſolite. Eines ſchönen Abends zu Ende des Sommers machten Birger und Gabriella einen Spaziergang un⸗ ter den Linden. Birger erzählte ihr einige geſchicht⸗ liche Anekdoten von Erik XIV., als Gabriella plötz⸗ lich mit einer Frage einfiel. „Warum war Frik ſo unglücklich in Allem, was er unternahm?“ „Darum, weil er ſich nicht von der Vernunft, ſondern von ſeinen Launen und Einfällen leiten ließ,“ antwortete Birger, ganz betroffen darüber, daß Ga⸗ briella eine ſolche Frage aufwarf. „Nein, das glaube ich nicht,“ entgegnete Ga⸗ briella, gedankenvoll vor ſich hinſehend. „Nun, ſo laß' hören, was Du als Urſache be⸗ trachteſt,“ erwiederte Birger, wahrhaft neugierig auf Gabriella's Antwort, denn ſie ſprach im Allgemeinen höchſt wenig; und in der Nähe einer Bank ange⸗ langt, fügte er hinzu: „Setz' Dich hier nieder.“ Das junge Mädchen that, wie er geſagt, und zeichnete mit dem Sonnenſchirm Figuren in den Sand. Es ſah aus, als ob ſie die Frage vergeſſen hätte, weshalb Birger wiederholte: „Nun, warum glaubſt Du, daß Erik unglücklich war?“ „Ja, ſiehſt Du, Birger,“ begant Gabriella mit einem eigenthümlich zögernden Ton und träumeri⸗ ſchem Blick,„als ich franzöſiſch lernte, las ich ein⸗ mal ein Mährchen, das Einzige von allem Geleſe⸗ nen, das mir in der Erinnerung geblieben iſt. Es handelte von einer Prinzeſſin, welche dem Unglück anheimgefallen war. Alles, was ſie unternahm, ging ſchlecht; Alle, welche ſie lieb hatten, wurden unglück⸗ lich, und Alles, was ſie anrührte— Blumen, Pflan⸗ zen und Thiere— verfielen dem Verderben. Alle Klei⸗ der, die ſie anzog, nahmen eine häßliche Form an, und Alle vermeintliche Freude wurde in Kummer für Andere und für ſie ſelbſt verwandelt. Sie ſtand unter dem Zauber des Unglücks. Ein ſolches Un⸗ glückskind war gewiß Erik und Gabriella ſchwieg. Eine Wolke lagerte ſich auf ihrem Angeſicht. „Warum brichſt Du ab?“ fragte Birger, ganz überraſcht, daß ſeine Schweſter mit ſo vielem Intereſſe ein Mährchen zurückdenken und davon reden onnte. flüſterte: „Ich bin auch ſo ein verzaubertes Kind, und da⸗ rum habe ich das Mährchen nicht vergeſſen. Du wirſt erfahren, daß Allen, die mich lieb haben, ein Unglück widerfährt, daß Alles, was ich berühre, eine häßliche Form annimmt, oder zu irgend etwas Gabriella legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ————— — 39 Schlimmem führt. Ja, ja, ich bin ganz und gar ein Kind des Unglücks, und deßhalb folgt Dir, ſo lang Du bei mir biſt, immerdar das Unglück.“ Birger öffnete den Mund, um Gabriella zu wi⸗ derlegen, wurde aber durch einen Ausruf und die Worte unterbrochen: „Nehmt euch in Acht vor dem ſcheu gewordenen Pferde!“ Birger erhob ſich, wurde aber im nächſten Au⸗ genblick zu Boden geworfen, und ein heftiger, unleid⸗ licher Schmerz am Kopfe beraubte ihn der Beſin⸗ nung, gerade als ein Schrei der Verzweiflung aus Gabriella's Munde an ſein Ohr ſchlug. VIII. Mehrere Tage lang ſchwebte Birger in wirklicher Lebensgefahr. Er war von dem ſcheu gewordenen Pferde zu Boden geworfen worden und hatte dabei eine ſchwere Wunde am Kopf erhalten. Gabriella war wieder, als ſie ihren Bruder be⸗ ſinnungslos und blutend daliegen ſah, in jene wilde Verzweiflung verfallen, welche zuweilen an Geiſtes⸗ ſtörung grenzte und mehrere Tage anhielt. Als an deren Stelle wieder die gewöhnliche dumpfe Melancholie trat, befand ſich Birger ſo weit auf dem Weg der Beſſerung, daß alle Gefahr für ſein Leben beſeitigt war, und Gabriella ſaß nun an Krankenbette, aber bleicher und bekümmerter als je. Sie ſprach nicht eher, als bis der Bruder ſie an⸗ 40 „ redete, und auch da waren die Antworten einſylbig; aber ſie konnte Stunden lang bei ihm ſitzen und ſeine Hand ſtreicheln oder ihre Stirne darauf legen. Eines Tags blickte ſie haſtig zu ihm auf und ſagte leiſe: „Das war meine Schuld.“ „Aber, geliebtes Schweſterchen, für Unglücksfälle kannſt Du nicht.“ „Doch, Birger, ich habe Dir ja geſagt, daß ich dem Unglück verfallen bin,“ flüſterte ſie und verbarg das Angeſicht in den Händen. Vergeblich ſuchte Birger ihr die Unrichtigkeit einer ſolchen Idee darzuthun und den Vorfall mit dem Pferde auf eine natürliche Weiſe zu erklären. Sie ſchüttelte blos den Kopf und antwortete: „Es iſt nicht ſo, wie Du ſagſt, ſondern ich bin es, die das Unglück mit ſich bringt. Ich bin die Urheberin alles Unheils. Aber ſprich nicht davon, Papa würde ſonſt noch verſtimmter werden, als er bereits iſt.“ „Wenn Du heiter würdeſt, verſchwände ſein Kum⸗ mer,“ wendete Birger ein. „Ich heiter?“ entgegnete Gabriella kopfſchüttelnd. —„Wer unter dem Zauber des Unglücks ſteht, kann nicht heiter ſein; denn da gibt es immer etwas Schreckliches, woran er zu denken hat.— Da ſitzt es,“ fügte ſie hinzu und legte die Hand an die Stirne „Was iſt es denn, das hier ſitzt?“ fragte Birger. „Die Erinnerung an Blut und all das Böſe, das ich gethan habe.“ „Kind, Du haſt niemals etwas Böſes gethan.“ 4 „Ich nichts Böſes gethan!“ rief Gabriella und heftete einen verzweifelten Blick auf Birger. Dann ließ ſie den Kopf ſinken und weinte, ohne daß Bir⸗ ger ihr ein einziges Wort entlocken konnte, oder ſie zu tröſten vermochte. Ein paar Wochen ſpäter ſaßen der Oberſt und ſein Sohn beiſammen. Sie redeten von Gabriella. Birger äußerte: „Aber was iſt eigentlich der Grund, daß ihre Phantaſie auf alle dieſe finſtere Einbildungen geräth, welche ihre junge Seele beherrſchen? Unmöglich kann es einzig und allein der Schrecken ſein.“ „Wahrſcheinlich iſt es eine daraus entſtandene fire Idee,“ antwortete der Oberſt düſter.„Denn als der alte Stark, dein Großvater, das Unglück hatte, ſich mit der Feuerwaffe ſelbſt zu tödten, war, wie Du weißt, Gabriella im Zimmer, und was noch ſchlimmer, es geſchah gerade bei Unterſuchung des Schloſſes von einem kleinen Gewehr, welches Ga⸗ briella gehörte und von dem Alten Tags zuvor ge⸗ laden worden war, um das Mädchen damit nach der Scheibe ſchießen zu laſſen. Als Gabriella nach der Gehirnentzündung in eine Art von Irrſinn verfiel, glaubte ſie mitunter, ſie habe deinen Großvater er⸗ ſchoſſen, und....“ Hier wurde der Oberſt von Gabriella unterbro⸗ chen, welche von Beiden unbemerkt in das Zimmer getreten war. Sie trat auf Birger zu, legte ihre Hände auf ſeine Schultern und ſagte, indem ſie ihre bekümmerten Augen auf ihn heftete: „Du biſt alſo der Sohn von Starks Tochter?“ „Ja,“ antwortete Birger mit einer dunkeln Röthe 42* auf der ſtolzen Stirne, denn wiederum erhob ſich vor ſeiner Seele die Erinnerung daran, daß er ein Kind der Schande war. „Meines Vaters Sohn, Carins Sohn. Stark's Tochterſohn und mein... Brüder!„ Indem ſie mit einem Schrei der Verzweiflung dieſe Worte ausſtieß, ſtürzte ſie aus dem Zimmer. Birger wollte ihr folgen, aber der Oberſt hielt ihn durch das Gebot zurück: „Bleibe!“ Dann ging der tiefbetrübte und hart geſtrafte Vater ſelbſt zu ſeiner Tochter hinein. Eine Woche verfloß, während welcher Birger Ga⸗ priella nicht zu ſehen bekam. Eines Tags forderte der Oberſt ihn auf, ſeine Reiſe nach England anzu⸗ treten und eine koſtbare, für ſeine Zukunft gewinn⸗ reiche Zeit nicht durch längeres Verweilen in Berlin zu vergeuden. Vergeblich machte Birger einige Sinnente der Oberſt ſprach ſeinen Willen aus, und der Sohn mußte gehorchen. Ohne Gabriella, welche er von ganzem Herzen liebgewonnen hatte, noch einmal zu ſehen, reiste Birger von Berlin ab. Das traurige Bild des ebenſo geliebten, als unglücklichen Kindes verweilte wie eine wehmüthige Erinnerung vor ſeiner Seele. IX. Wenige Wochen nach Birgers Abreiſe von Ber⸗ lin verließ auch Oberſt Werner mit ſeiner Tochter Preußen und ſchlug den Weg nach Frankreich ein. 43 Der Oberſt hatte auf Anrathen des Arztes ſeinen Plan geändert und anſtatt nach Italien zu reiſen und auf einer ländlichen Villa ſeinen Aufenthalt zu nehmen, gedachte er nunmehr, jenem Rathe zufolge Gabriella in das Geſellſchaftsleben einzuführen. Gabriella's Mutter, welche aus einer angeſehenen franzöſiſchen Adelsfamilie ſtammte, hatte ihrer Toch⸗ ter eine ziemlich beträchtige Verwandtſchaft in dem entzückenden und brillanten Paris als Erbtheil hin⸗ terlaſſen. In den Kreis dieſer Verwandten und mitten in den Schoos der Freude wollte der Oberſt ſeine ſechs⸗ zehnjährige Tochter einführen, welche mit ihrem an⸗ ziehenden Aeußern und ihres Vaters großem Ver⸗ mögen darauf rechnen durfte, von den Verwandten ihrer Mutter gut aufgenommen zu werden, wie es auch wirklich der Fall war. Die Luſtbarkeiten zu Paris waren in vollem Gangt man ſchien nur zu leben, um ſich zu ergötzen und ſein Geld zu verſchleudern. Bei dem Vicomte von Parrue, einem von Ga⸗ briella's Couſins mütterlicherſeits, gab es einen glänzenden Ball, und Oberſt Werner mit ſeiner Toch⸗ ter war auch daſelbſt. Jetzt wie immer, wenn ſie in Geſellſchaft war, ſaß Gabriella ſchweigſam in dem verborgenſten Winkel des Salons. An ihrer matten und gleich⸗ gültigen Miene ließ ſich erkennen, daß dieſe Luſt, dieſe Pracht, dieſe Menſchenmaſſe, welche ſie umgab, Ge⸗ genſtände waren, bei welchen nicht einmal ihr Blick verweilen konnte.. Der Oberſt hatte, als er ſie zum erſten Mal in 44 eino größere Geſellſchaft oder zu einem glänzenden Feſt führte, geglaubt, ſie würde zum Mindeſten ſich durch die hier herrſchende Luſt überraſcht fühlen, und dieſe müßte immerhin den Reiz der Neuheit für ſie beſitzen und ſomit im Stande ſein, ihre Gedanken auf Augenblicke von dem ewigen kummervollen Kreis⸗ 8 lauf, den ſie angenommen hatten, hinwegzureißen. Er erkannte jedoch mit wahrer Angſt, daß ſie nicht die Macht hatte, nur auf eine Sekunde die beküm⸗ merte Miene zu beleben oder aufzuklären. Forderte man ſie zu einem Tanze auf, ſo tanzte ſie, aber mit derſelben paſſiven Gleichgültigkeit, womit ſie Alles that, was man von ihr begehrte. Am oben erwähnten Abend hatte ſie ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen, wo ſie hinter den wallen⸗ den Gardinen halb verborgen ſaß. Ihr Blick folgte mit dem Ausdruck der Zerſtreutheit den Tanzenden, und es war erſichtlich, daß dieſelben an ihr vorüber⸗ ſchwebten, ohne deren Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Plötzlich fuhr ſie bei dem Laute zweier Stimmen, welche ſich in ihrer Nähe vernehmen ließen, zuſam⸗ men. Gewiß wäre der Laut von Stimmen nicht im Stande geweſen, ſie aus der Träumerei, worein ſie verſunken war, zu reißen, hätten ſie nicht in einer ihr von Kindheit an ſo wohlbekannten Sprache ge⸗ redet; einer Sprache, von welcher ſie jetzt ſehr ſelten ſelbſt Gebrauch machte oder machen hörte, nämlich Schwediſch. Sie lauſchte dieſen Worten, welche für ihr Ohr ſo angenehm, und doch ſo ſchmerzlich ertönten. „Was in Gottes Namen haſt Du nur gedacht, . 45 daß Du mich als Deinen Bruder vorſtellteſt?“ äußerte eine ſchöne, klangvolle Stimme.. „Still, mein lieber Ernſt, Du haſt mir das Ver⸗ ſprechen gegeben, auf unſerer Reiſe Dich in meinen Willen zu fügen, und ich meinerſeits habe Dir ge⸗ lobt, deine Reiſe ſollte in jeder Hinſicht lehrreich für Dich werden. Darum biſt Du mein Bruder, und in dieſer Eigenſchaft ſtehen Dir alle Salons offen.“ „Mag ſein, mein lieber Graf. Aber wer iſt die traurige Geſtalt, welche uns gerade gegenüber ſteht und hieher ſtarrt? Ich glaube, wir ſind es, die er betrachtet.“ „Ganz und gar nicht. Es iſt Jemand, der hier im Fenſter hinter den Gardinen ſitzt“ antwortete derjenige, welchen er als Grafen betitelte, lachend. „Vermuthlich eine Franzöſin, die damit kokettirt, daß ſie ſich hier verſteckt. Der düſtere Herr iſt Mon⸗ ſieur Corſin, ein Couſin von unſerem Wirthe.“ „Komm', laß uns vorbeigehen, um zu ſehen, ob Jemand in der Fenſterniſche ſitzt.“ Gabriella hatte mehr auf den Laut der Worte ſelbſt, als auf den Inhalt des Geſprächs gehört, und es ſiel ihr alſo gar nicht ein, daß es ſich um ihre Perſon handelte, und daß Monſieur Corſin's Auf⸗ merkſamkeit ihr galt. Louis Corſin war auch ein Couſin von Gabriella, und obwohl ſie oft mit ihm zuſammentraf, war ſie doch ſo vollkommen fremd in der Außenwelt, daß ſie es nicht einmal begriff, oder ſich denken konnte, wie irgend ein Mann ihr ſeine Aufmerktamkeit widmen ſollte. Die Liebe war für das in ſeine trüben Phan⸗ lich vortheilhaftem Ausſehen und höchſt einnehmen⸗ 46 taſien verſunkene ſechszehnjährige Kind etwas ſelbſt dem Namen nach Unbekanntes. Allen Andern war jedoch nicht entgangen, daß Louis Corſin ſchon bei der erſten Begegnung mit Gabriella ein lebhaftes Intereſſe für ſie gefaßt hatte. Doch kehren wir zu dem Ball zurück. Die beiden Schweden gingen langſam am Fenſter vorbei. Der Eine von Ihnen blieb gerade vor dem⸗ ſelben ſtehen und ließ ſich in ein Geſpräch mit dem Vicomte von Parrue ein, während ſein Auge auf Gabriella gerichtet war, welche er auf den erſten Blick entdeckt hatte. Der wehmüthige Blick des jungen Mädchens haf⸗ tete unwillkührlich auf demſelben, und zum erſten Mal in ihrem Leben dachte ſie: „Wie ſchön er iſt!“ „Ein wundervares Antlitz, das!“ ſprach der junge Mann ſeinerſeits im Stillen und betrachtete Ga⸗ briella.„Wäre es möglich, daß ſie eine Franzö⸗ ſin iſt?“ Dann wandte er ſich an den Vicomte und fragte ihn, wer Gabriella wäre. „Mademoiſelle Werner, Ihre Landsmännin und meine Couſine,“ lautete die Antwort.„Wünſchen Sie ihr vorgeſtellt zu werden?“ „Ja wohl!“ Im nächſten Augenblick hatte Vicomte von Parrue den Grafen Stralsvärd Gabriella vorgeſtellt. Der Graf war ein junger Mann von ungewöhn⸗ den Manieren, mit allen Eigenſchaften begabt, 2 anziehen und Gefallen erregen können 47 Obwohl Gabriella ſchüchtern und verſchloſſen war, gelang es dem jungen Grafen dennoch, ihr einzelne Worte zu entlocken. „Tanzen Sie nicht?“ fragte er. „Nicht gern.“ „So jung, und keine Freundin vom Tanzen,“ antwortete der Graf,* mit Verwunderung be⸗ trachtend. Gabriella ſchwieg. „Entſchuldigen Sie, hebe Couſine, wenn Sie die⸗ ſen Walzer noch frei haben, ſo ſchenken Sie mir denſelben,“ ſprach eine tiefe Baßſtimme hinter Ga⸗ briella. Sie fuhr zuſamni und drehte ſich um. Der Graf ſchaute auf. Vor ihnen ſtand Monſieur Corſin. Seine ſchwar⸗ zen Augen weilten mit einem eigenthümlich düſtern und finſtern Ausdruck auf dem jungen Schweden. Ohne eine Antwort zu geben, erhob ſich Gabriella . mit einer matten Miene ihrem Couſin die an Der Graf beharrte an ſeinem Platze und ſah ihnen nach, während er dachte: „Was iſt an dieſem Mädchen, das eine ſo feſ⸗ ſelnde Wirkung auf mich ausübi? Es iſt etwas WMyſtiſches, das zur Phantaſie ſpricht. Wunderbar! Ich bin noch mit keiner Frau zuſammengetroffen welche einen ſo ſeltſamen und plötzlichen Eindruck auf mich gemacht hat.“ Der Graf blieb unbeweglich ſitzen und betrachtete die Tanzende, vielleicht in der Hoffnung, Monſieur Corſin würde am Schluß des Walzers ſeine Dame 48 auf ihren Platz zurückführen; aber dazu war dieſer gegen den ſchönen Schweden allzu feindſelig geſtimmt. Als der Walzer zu Ende war, und der Graf be⸗ merkte, wie Gabriella von ihrem Kavalier in eines der anſtoßenden Gemächer geführt wurde, erhob er ſich, um den Gegenſtand ſeines Intereſſes aufzu⸗ ſuchen. Er fand Gabriella neben einem hochgewachſenen und ſtattlichen Greiſe ſtehen und hörte ſie zu dieſem ſagen: „Papa, ich bin müde.“ „Willſt Du nach Hauſe fahren?“ „Ja, wenn Du nichts dagegen haſt.“ „Du biſt alſo hier nicht vergnügt?“ „Vergnügt, Papa!“ wiederholte ſie mit beküm⸗. mertem Lächeln.„Ich fühle mich ſehrunglücklich hier.“ Im nächſten Augenblick ſah der Graf ſie den Salon verlaſſen. X. Wir wollen jetzt auf eine Weile dem Oberſt und Gabriella nach ihrer Wohnung folgen. Sie waren ſpeben vaſelbſt angekommen. Der Oberſt ſaß auf einem Sopha und hatte ſeine Tochter auf die Kniee genommen. Sie hatte den Arm um ſeinen Hals geſchlungen und weinte heftig. Der alte Mann ſtreichelte mit einem unbeſchreib⸗ lich liebevollen Ausdruck im Angeſicht das lockigte Haupt des Mädchens, während er in ſanftem Tone zu ihr ſprach: 49 „Aber, warum, mein geliebtes Kind, iſt es Dir ſo zuwider, unter andern Menſchen zu ſein? Kannſt Du es nicht verſuchen, Dich für dieſe Freuden zu intereſſiren, welche zu Deinem Alter ſich ſchicken?“ —„Was iſt es, daß Dir dergleichen unmöglich macht? Sprich aufrichtig aus, was Dich quält. Du weißt ja, Gabriella, daß dein Vater nur einen Gedanken hat, nämlich Dir das Leben ſo angenehm als möglich zu machen.“ „Papa!“ rief Gabriella und ſchaute ihrem Va⸗ ter ins Angeſicht,„wie gut iſt es von Dir, daß Du keinen Abſcheu vor mir haſt.“ „Welche wunderliche Gedanken, Kind! Ich, der ich Dich ſo innig liebe und nur beklage, daß ich Dir keine Freude machen kann! Sage mir darum, was wünſcheſt Du?“ „Aber ich werde Dich betrüben.“ „Nichts kann mich tiefer betrüben, als dein Kummer.“ „Und das Bewußtſein, daß Du eine Mörderin zur Tochter haſt!“ flüſterte Gabriella unter einer Thränenfluth und verbarg ihr Antlitz an des Vaters Bruſt.„So oft Du mich anſiehſt, mußt Du den⸗ ken Mein Kind hat einen Mord begangen. Schweige, . Papa, laß mich einmal ausreden, dann werden wie⸗ der Jahre vergehen, ehe ich Dir weiter erzähle, was in meinem Innern vorgeht. Ich weiß, daß mein Anblick Dir Leiden verurſacht, daß nur deine gren⸗ zenloſe Liebe Dir die Kraft gibt, dieß zu ertragen; und anſtatt deine höchſte Freude zu ſein, bin ich dein bitterſtes Kreuz. Dieſes Bewußtſein brennt hier.“ Schwartz, Ein Opfer ber Rache. I. 4 6 Kummer von meinem Verbrechen ablenkt, von irgend 50 Sie legte die Hand auf die Stirne und fuhr dann fort: „Niemals werde ich aus meinem Leben die ſchreckliche Erinnerung, daß es mit Blut befleckt iſt, hinwegräumen können. Wenn ich Dir unter alle dieſe Menſchen folge, die ich lieb haben möchte, von welchen ich aber durch das Verbrechen, das auf mir laſtet, gleichſam ausgeſtoßen bin; wenn Freude, Tanz und Muſik mich umgeben, da ſehe ich nur ein Bild, Starks blutigen Leichnam, welcher mich gleichſam fragt, mit welchem Recht ich mich unter allen dieſen ſchuldloſen Weſen bewege, und ich höre nur einen Laut, den Knall des Schuſſes, womit ich den alten treuen Pfleger meiner Kindheit mordete.“ Gabriella weinte krampfhaft. Der Oberſt ſuchte ſie durch ſeine liebreichen Worte zu beruhigen, aber ſie unterbrach ihn: „Siehſt Du, Papa, wohin ich auch gehe, was ich vornehmen mag, im Wachen und im Scluſe. überall folgt mir Starks Schatten. Wenn ich unter andern Menſchen bin, welche in vollen Zügen das Leben genießen, da kommt es mir vor, als ob mein unſichtbarer, mein grauenvoller Verfolger darüber, erzürnt wäre. Wenn ich wieder mit Dir allein bin, fern von allen Luſtbarkeiten, nur in Geſellſchaft mit meinem Kummer, da iſt es, als ob der blutige 3 Schatten darüber erfreut wäre. Wenn ich, wie in Berlin, da Birger mir vorlas und ſich mit mir be⸗ ſchäftigte, ihn vergeſſe, ſo ſtraft er mich dadurch, daß derjenige, welcher meine Gedanken und meinen einem Unheil betroffen wird. Daher kam der Un 51 glücksfall mit Birger, um mich daran zu mahnen, daß ich kein Recht habe, an etwas Anderes, als an die Schuld, welche auf meinem Herzen laſtet, zu denken. Laß mich deßhalb einſam mit Dir und mit meiner furchtbaren Erinnerung leben. Du willſt mich durch Vergnügungen zerſtreuen. Ach! es wird unter dieſen Menſchen, welche nicht gleich mir eines Ver⸗ brechens ſchuldig ſind, nur noch ſchlimmer in mir. Ich beneide ſie wegen ihrer Reinheit von Frevel, und es kommt mir ſo kläglich vor, wenn ich daran denke, daß Alle außer mir das Recht beſitzen, fröh⸗ lich zu ſein und einander lieb zu haben. Ich bin ein Unglückskind und ſeitdem, ſeitdem möchte ich mich vor allen Blicken verbergen, denn ich weiß ja, wenn ihnen bekannt wäre, welches Verbrechen auf mir laſtet, würden ſie ſchaudernd ſich von mir los⸗ machen. Es iſt, als ob ich unaufhörlich fürchtete, ſie würden Blut an meinen Händen ſehen.“ Gabriella ahnte nicht, welche ſchreckliche Anklage jedes ihrer Worte für den Vater enthielt. Er ſaß ſchweigend da und hörte ihrer Rede zu, und unauf⸗ hörlich ließ ſich eine innere Stimme vernehmen: „Es iſt mein herzloſer Leichtſinn, welcher all die⸗ ſen Jammer hervorgerufen und auf mein unglück⸗ liches Kind gebracht hat. Ich bin die Urſache da⸗ von, daß ihr Leben einem ewigen Kummer verfallen iſt. Du haſt Dich grauſam gerächt, alter Stark, indem Du mein Kind dafür, daß ich deiner Tochter Leben zerſtörte, dem Leiden geweiht haſt.“ „Ein paar Tage hernach begab ſich der Oberſt mit ſeiner Tochter zu Monſieur Sh Eltern, 52 welche ein Landgut im ſüdlichen Frankreich be⸗ wohnten. Sie wurden von Louis Corſin begleitet. Wir verlaſſen nun den Oberſt und Gabriella, um Birger zu folgen. XI. 4 Birger Werner langte in London an, verſehen mit einem Empfehlungsſchreiben von dem Oberſt an deſſen Schwager, den ſchwediſchen Legationsſekretär Wolf. Herr Wolf galt für reich und war ein äußerſt liebenswürdiger Geſellſchafter und machte, wie man zu ſagen pflegt, ein glänzendes Häus. In ſeinen Salons verſammelten ſich geiſtvolle und ausgezeich⸗ nete Männer, und bei ihm lernte man Alles ken⸗ nen, was London von Celebritäten im Gebiet der Kunſt, Literatur und Wiſſenſchaft beſaß. Er war Wittwer und hatte zwei Töchter, welche durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit nicht wenig dazu beitrugen, ſein Haus zu einem der an⸗ genehmſten zu machen. Daß Birger als Verwandter, als reicher, mit einem vortheilhaften Aeußern ausgeſtatteter junger Mann, von dem Schwager ſeines Vaters ſehr gut aufgenommen wurde, war Etwas, das ſich von ſelbſt verſtand, und die natürliche Folge davon, daß Herr Wolf ihn einlud, während ſeines Aufenthalts in London bei ſeinen Verwandten zu logiren und deren Haus als ſein eigenes anzuſehen. 3 ————— 53 Birger ſeinerſeits, mit ſeinen zweiundzwanzig Jahren, ſeinen meiſt ſparſamen und einfachen Ge⸗ wohnheiten und bei ſeiner Unbekanntſchaft mit der großen Welt, war anfänglich wie betäubt, als er ſich kopfüber in den Wirbel der Luſt hineingewor⸗ fen ſah. Alles beſaß für ihn den Reiz der Neuheit, denn er hatte früher ſein Leben ausſchließlich der ſtreng⸗ ſten Arbeitſamkeit gewidmet und niemals Etwas den rauſchenden Vergnügungen der Welt ge⸗ oſtet. Jurisprudenz und Rechtspflege war vergeſſen. Drei Monate lang überließ er ſich ganz und gar dem Strome der Luſt, wohin er ihn führen mochte. Dieſer Rauſch, der ſich ſeiner bemächtigte, hätte für Birger gefährlich werden können, wäre er von der Natur mit einem minder ſtarken Geiſte begabt und ſeine Erziehung nicht darauf gerichtet geweſen, denſelben noch ſtärker zu machen. So wie er war, konnte er niemals ein Sclave der Genußſucht, niemals ein Kind der Thorheit oder ein gedankenloſer Luſtjäger auf der Bahn des Ver⸗ gnügens werden. Dieſes vermochte nur ſo lang ihn zu feſſeln, als es ihm neu war; aber von dem Au⸗ genblick an, wo es dieſen Reiz verlor, mußte ſeinem Geiſt die ganze Leere eines ſolchen Lebens ſich ver⸗ gegenwärtigen;— und einmal aus ſeinem Taumel erwacht, war Birger nicht der Mann, welcher ſich zum zweiten Mal von dieſen Genüſſen feſſeln ließ. Nach dreimonatlichem Aufenthalt in London kehrte er eines Abends aus einem großen Junggeſellen⸗ kreiſe bei einem reichen Engländer nach Hauſe zurück. 54 Es war ungewöhnlich luſtig hergegangen und Bir⸗ ger fühlte ſich beim Eintritt in ſeine Wohnung, wie man zu ſagen pflegt, ziemlich aufgeräumt. Er warf ſich auf ſeinen Sopha und zündete eine Cigarre an. In ſeinem erhitzten Gehirn wogte noch die Erinnerung an den luſtigen und etwas rauſchen⸗ den Mittag ſammt allen den andern Freuden, welche an dem Auge ſeines Geiſtes der Reihe nach vor⸗ überzogen. Alle dieſe Feſtgelage, an denen er Theil genom⸗ men, alle dieſe verfeinerten Orgien, denen er beige⸗ wohnt hatte, alle dieſe mit Luxus und Pracht aus⸗ geſchmückten Laſter, von denen er Zeuge geweſen war, zeigten ihm, welche unerhörten Erfahrungen er im Laufe einer ſo kurzen Zeit eingeſammelt hatte, und traten nun mit wunderbarer Klarheit vor ſeine Seele. Ich habe wirklich in dieſem Monate ſehr viel und lächelte.„Ich habe mich unterhalten, und das recht ordentlich.“ In dieſem Moment fielen ſeine Augen auf ein, ihm gegenüber hängendes Gemälde. Es war ein Portrait von Bentham*). Birgers Gedankengang hielt an und nahm eine andere Richtung. „Unterhalten,“ rief er, ſtand auf und trat auf das Portrait zu, welches er lang betrachtete.„Unter⸗ ) Engliſcher Schriftſteller, bekannt durch ſeine philanthro⸗ als Begründer des Utilitarismus oder der Nützlichkeitsphiloſophie 1717—1832. Anm. d. Ueberſ. von des Lebens Freuden genoſſen,“ dachte Birger 4 piſchen Beſtrebungen in der Reform der Geſetzgebuna, ſo wie 55 halten“ wiederholte er.„Dachteſt Du auch wohl, oer Bentham, an Unterhaltung und Vergnügen, dder Er hielt in ſeinem ſtillen Monolog an und drehte ſich auf dem Abſatze herum; aber als ob das Schickſal gewollt hätte, daß er an dieſem Abend nur auf Geſichter ſtoße, welché ihn an den Ernſt des Lebens erinnerten, fielen ſeine Augen auf ein Por⸗ trait von Washington, welches über dem Sopha hing. „Wie viel Zeit, bewundernswürdiger Washing⸗ ton, verwendeteſt Du wohl an das Vergnügen?“ fragte Birger, welcher in ſeinem von Wein exal⸗ tirten Gemüthszuſtande ſeine Gedanken in Worte kleidete. Das Portrait ſchaute gedankenvoll zu dem jun⸗ gen Mann hernieder, und das Auge ſah ſo ernſt aus, daß es Birger vorkam, als hätte es einen bei⸗ nahe vorwurfsvollen Ausdruck. Der frohe und über⸗ müthige Zug verſchwand aus Birgers Miene, und unwillkürlich regte ſich in ihm der Gedanke: „Führt die Bahn, welche ich betreten habe, wirk⸗ 66 zu männlichen Tugenden, Auszeichnung und ve Eine Stimme aus der Tiefe ſeines Herzens ant⸗ wortete: Nein, und alle jene heitern Gedanken und Gefühle, welche ſo eben ſeine Seele durchdrungen hatten, verſchwanden, und eine Frage, welch er von den Jünglingsjahren her an ſich ſelbſt geſtellt hatte, um wo möglich durch ſein Leben die Antwort dar⸗ auf zu geben, wiederhallte jetzt in ſeiner Frinnerung., die Frage nämlich: 56 „Womit beweiſeſt Du, daß Du ein geborner Mann biſt?“ „Dadurch, daß Du Dich ſelbſt beherrſcheſt, und dadurch daß Du dein Leben für die Mitwelt nutz⸗ bringend machſt,“ antwortete der jetzt nüchterne Ver⸗ ſtand. Birger ſeufzte und ließ ſich auf dem Sopha nie⸗ der. Eine ganze Stunde blieb er hier unbeweglich ſitzen und durchlief mit kalter Vernunft die Zeit, welche er in unaufhörlichem Saus und Braus ver⸗ lebt hatte. War er beſſer geworden?— Nein, dieſe ſinnenreizenden Zerſtreuungen, dieſe Freudenberau⸗ ſchungen, welche ſeiner Seele ſich bemächtigt, hatten Herz und Verſtand ohne Nahrung gelaſſen; ſtatt deſſen waren aber manche minder reine und edle Ge⸗ fühle in ihm aufgetaucht. Birger fühlte, als er den ſchönen Kopf wieder in die Höhe hob, daß eine Röthe der Scham bei der Erinnerung an die wirklich erniedrigende und geiſttödtende Lebensweiſe, die er geführt und woran er Zeit und Geld verſchwendet hatte, ſeine Stirne bedeckte. Er fuhr mit der Hand darüber und ſagte mit lauter Stimme und in feſtem Ton: „Aber jetzt iſt es auch aus. Ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich auf dieſer ſchlimmen Bahn noch einen einzigen Schritt weiter ginge. Zu Arbeit und Thätigkeit will ich zurückkehren, um nicht ſpäter einmal darüber erröthen zu müſſen, daß ich mein Leben auf eine des Mannes unwürdige Art verſchleudert habe.“ Birger hielt Wort. Er bog plötzlich von dem ————— —— 57 mit Roſen beſtreuten Pfade der Thorheit ab und warf ſich mit Eifer auf die ſteinigere Bahn der Studien und geordneten Thätigkeit. So ganz ungeſchlagen kam indeſſen Birger doch nicht von ſeinem Ausflug in das Reich der Luſt und von ſeinem Aufenthalt in dem Hauſe des Le⸗ gationsſekretärs hinweg; denn er hatte das Unglück, ſich in allem Ernſt in eine der Töchter zu verlieben. Dieſe Liebe ſollte ſeine Standhaftigkeit und ſeine beſſeren Vorſätze, ſich aus dem geſellſchaftlichen Leben zurückzuziehen, auf eine harte Probe ſtellen, denn die beiden jungen Mädchen lebten ſo recht im Mit⸗ telpunkt der Londoner Vergnügungen. Herrn Wolfs älteſte Tochter, Clara, war damals neunzehn, die jüngere, Alfhild, achtzehn Jahre alt. Begabt mit ſeltener Schönheit, ſehr gewinnenden Manieren und der vollkommenen Fähigkeit, die ihr von der Natur verliehenen Gaben zur Anwendung zu bringen, war Alfhild ganz dazu geſchaffen, alle Herzen für ſich einzunehmen. Dieß hatte in Verein mit dem früheren Zuſam⸗ menleben zur Folge, daß auch der junge Birger das ſeinige verlor. Es war ſomit ein großes und ſchwe⸗ res Opfer, als er den Entſchluß faßte, ſich von allen dieſen Luſtbarkeiten, zu welchen er bisher Alfhild begleitet hatte, zurückzuziehen; natürlich alſo auch ein ſchwerer Augenblick, als er, nachdem er eine Zeit lang ſich ernſten Beſchäftigungen gewidmet hatte, von derſelben Vorwürfe wegen ſeines Weg⸗ bleibens zu hören bekam. Eines Tags äußerte Alfhild mit ihrem verlockend⸗ ſten Lächeln: 58 Du wirſt uns doch heute Abend zu Miſtreß T. begleiten, lieber Couſin? Sie gibt einen großen Ball, zu welchem Du ſchon vor einer Woche einge⸗ laden worden biſt.“ Birger bedurfte ganzer drei Minuten, ehe er eine Antwort hervorbrachte, welche folgendermaßen lautete: „Ich glaube nicht, daß es mir möglich ſein wird, den Ball von Mrs. T. zu beſuchen.“ „Nicht! Und was ſollte Dich hindern? Vielleicht eine ältere Einladung? Wenn dem ſo iſt, ſo ſei wenigſtens ſo chriſtlich und theile Dich, daß Du den erſten Walzer nicht verfehlſt, um welchen Du mich, ſobald die Einladung eintraf, gebeten haſt.“ Birger war bei ſeinem Eifer, ſich einer unthäti⸗ gen und thörichten Lebensweiſe zu entziehen, der Walzer, den er ſo lebhaft begehrt hatte, ganz in Vergeſſenheit gekommen. Er fühlte, wie ſein Herz bei dem Gedanken daran mit verdoppelter Geſchwin⸗ digkeit zu ſchlagen begann. Darauf Verzicht leiſten konnte und wollte er nicht; er antwortete alſo: „Ich werde auf den Ball von Mrs. T. kommen, mit Dir zu tanzen; aber hernach entferne ich mich wieder.“ „Und warum nur kommen um eines einzigen armſeligen Walzers willen?“ „Weil ich denſelben mit Dir tanzen will; ſonſt hätte ich den Ball gar nicht beſucht. Ich habe den Entſchluß gefaßt, fernerhin zu arbeiten.“ „Arbeiten, und warum?“ „Ich bin ja hier, um juridiſche Studien zu machen, und nicht, um mich zu beluſtigen.“ 59 „Das kannſt Du ja am Schluß der Saiſon; jetzt habe ich darauf gerechnet, daß Du für den Reſt derſelben mein Ritter ſein werdeſt.“ „Dein Ritter bleibe ich ſtets; aber nicht mehr im Geſellſchaftsleben, denn ich habe mir das ernſt⸗ liche Gelübde gethan, für die übrige Zeit meines hieſigen Apfenthaltes keine Zeit mehr daran zu ver⸗ ſchwenden. „Aber wenn ich Dich darum bitte, ſo ſchlägſt Du Dir wohl dieſes alberne Gelübde aus dem Sinn?“ entgegnete Alfhild und ſah ihn mit ein paar Augen an, denen nicht ſo leicht zu widerſtehen war. „Hätteſt Du mich gebeten, ehe ich es ablegte, b fürchte ich, es wäre gar nie ſo weit gekommen. un „Nun, warum hältſt Du an?“ fragte Alfhild; ohne an weiteres Kokettiren zu denken; ſo überraſcht war ſie, bei einem Anbeter einmal auf Widerſtand zu ſtoßen. So Etwas war ihr bis jetzt noch nie⸗ mals vorgekommen. „Nun iſt es zu ſpät,“ ſetzte Birger beſtimmt hinzu. „Zu ſpät!“ rief Alfhild ganz verblüfft. „Ja, denn Du kannſt von mir nicht begehren, ein Gelübde zu brechen; dieß hieße ſo viel, als mich zu einer Schwachheit überreden zu wollen.“ „Es geſchähe nur, um mich zu vergewiſſern, wie groß deine Anhänglichkeit an mich iſt.“ Mit dieſen Worten trat Alfhild auf ihn zu, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte mit ihrem unwiderſtehlichſt verführeriſchen Ton: 60 „Birger, um meinetwillen ſtehe von dieſem Vor⸗ haben ab. Was wären wohl dieſe Freuden, an welchen ich ſonſt ſo viel Gefallen finde, ohne Dich?“ In dieſem Momente hätte Alfhild ſelbſt Engel in Verſuchung führen können. Auch zog unſer künftiger Geſetzgeber mit einem unendlichen Ent⸗ zücken ihre Hand an ſeine Lippen. Alfhild glaubte ihres Siegs gewiß zu ſein und ſetzte lächelnd hinzu: „Dieſes Gelübde iſt alſo abgethan, und Du ge⸗ hörſt für die Saiſon mir und der Freude an.“ „Nein, Alfhild, ſo darfſt Du die Aeußerung des Vergnügens darüber, zu hören, daß ich von Dir vermißt werde, nicht deuten. Das Bewußtſein, deinem Herzen Etwas zu ſein, macht es nur noch unmöglicher für mich, meinen Vorſatz zu brechen. Ich muß vor allen Dingen ſorgfältig auf deine Achtung bedacht ſein, und wie könnteſt Du den Mann achten, der mit Gelübden ſein Spiel treibt.“ „Thäte er das um meinetwillen, ſo würde ich daraus nur die Stärke ſeiner Anhänglichkeit er⸗ kennen,“ antwortete Alfhild in etwas ärgerlichem Tone. Sie wollte noch immer nicht glauben, daß Bir⸗ ger, was ſie von ihm verlangte, ihr abſchlagen könnte. Dieſer dagegen betrachtete Alfhilds Be⸗ nehmen nur als einen Verſuch, ihn auf die Probe zu ſtellen. Von den Kinderjahren an gewöhnt, jedes Verſprechen und jeden guten Vorſatz heilig zu achten, war er überzeugt, es verhalte ſich bei Alf⸗ hild ebenſo. Er nahm für ausgemacht an, was 61 ihm als eine weſentliche Tugend erſchien, werde ſie von demſelben Geſichtspunkte aus betrachten. Birger beging hiebei den gewöhnlichen Miß⸗ griff im Leben, ſeine eigenen Gefühle und ſeine eigene Ueberzeugung auf die Perſon überzutragen, die ihm theuer war. Er erwiederte darum: „Wenn ich jetzt nachgäbe, ſo würde ich damit meine Anhänglichkeit herabſetzen, und Du hätteſt allen Grund, mich gering zu achten.“ „Birger,“ rief Alfhild,„ich verſtehe deine feinen Worte nicht, ſondern will wiſſen, was Du höher anſchlägſt, mir zu gefallen oder einen unbe⸗ deutenden Vorſatz aufzugeben, darum wähle jetzt zwiſchen mir und deinem Gelübde.“ „Alfhild, ich habe vor Gott und meiner Ehre gelobt, während meines Aufenthalts in London nicht mehr an jenen Vergnügungen Theil zu nehmen, welche mich bereits weiter führten, als ich hätte gehen ſollen, und nun hoffe ich, daß Du nicht weiter davon reden wirſt.“ Birger war dabei ſehr ernſt geworden. „Alſo,“ brach Alfhild heftig ios,„bei der Wahl zwiſchen mir und... „Meiner Ehre gebe ich dieſer den Vorzug, weil Du den Mann nicht lieben kannſt, dem Du deine Ach⸗ tung verſagen mußt. Damit verließ Birger das Zimmer. Das junge Mädchen ſah ihm mit zornigem Blick nach. Als ſie allein war, ſtampfte ſie mit dem Fuße auf den Boden und murmelte, wäh⸗ rend Thränen des Verdruſſes ihr über die Wangen rannen. 62 „Das ſollſt Du mir büßen, daß Du mich ver⸗ gebens Dich bitten ließeſt. Hu! Wie verabſcheue ich dieſe Vernunftmaſchinen! Aber warte, Birger, Du ſollſt mir zu lieb noch mehr als ein Gelübde brechen! „Erlaube mir, daran zu zweifeln,“ ſprach eine friſche und klare Stimme hinter Alfhild. „Ah! biſt D Du es, Clara?“ „Ja, meine Freundin, ich ſelbſt, wie Du ſiehſt. Aber warum biſt Du ſo aufgebracht auf unſern Birger? Womit hat der Junge ſich gegen Dich ver⸗ ſündigt. Iſt er der Windrichtung Deiner Launen nicht gefolgt?“ Ich habe immer, wenn ich ihn dei⸗ nen demüthigen Sclaven machen ſah, gedacht: wie lang wird er es aushalten, gar keinen eigenen Willen zu haben?“ „Ach, meine Liebe, er hat es gar nicht lang ausgehalten,“ antwortete Alfhild.„Kannſt Du Dir vorſtellen, ich habe ihn vergeblich um etwas ge⸗ beten?“ „Das macht ihm Ehre. Ich fange an, Achtung für den jungen Mann zu empfinden,“ erwiederte Clara mit komiſch⸗gravitätiſchem Ernſt. 3 finde es abſcheulich.“ „Die Anſichten ſind ſo verſchieden in der Welt; aber Eins kann ich Dir ſagen, mein ſchönes Kind, daß Birger Manns genug iſt, um auch noch ein⸗ mal zu dem, was Du von ihm begehrſt, Nein zu ſagen.“ „Das wäre niederträchtig. Er hat es ja früher nicht gethan.“ kommt daher, daß er früher nur von Dir 63 war; und jetzt liebt er er Dich in vollem rnſt.“ „Und der Beweis ſeiner Liebe ſoll ſein, daß er mir entgegenhandelt? Eine herrliche Art und Weiſe, an den Tag zu legen, daß man geliebt wird.“ „Liebes Kind, er will jetzt dein Herz und deine Achtung gewinnen, darum läßt er ſich nicht zu Etwas rei was in deinen Augen ihn herabſetzen ann.“ „Bah! Ich hätte gute Luſt, ihm zu beweiſen, was für ein ſchwaches Spielzeug er in meiner Hand werden kann.“ „Nimm Dich vor einem ſolchen Verſuch in Acht, denn er könnte Dich mehr koſten, als Dir lieb iſt. Im Uebrigen wird derjenige, welcher mit andern e ſpielt, gar häufig ſeinerſeits zum Spielzeug ür ſie.“ XII. Den Tag darauf war der erwähnte Ball. Einige Augenblicke, ehe der erſte Walzer begann, fand ſich Birger ein. Alfhild war, als ſie auf den Ball fuhr, feſt entſchloſſen, den Tanz ihm zu ver⸗ ſagen; aber als ſie ihn mit dem ſchönen, friſchen Lächeln, hinter welchem ein feſter und unbeugſamer Charakter hervorleuchtete, vor ſich ſtehen ſah, erkannte ſie deutlich, daß, wenn ſie jetzt der Eingebung ihrer Laune folge, ſie niemals die Herrſchaft über ſein 64 Herz gewinnen oder ihn zum Sclaven ihres Wil⸗ lens machen könnte; und darum walzte ſie mit ihm. Nach dem Ball verfloß eine lange Zeit, in deren Lauf Birger höchſt ſelten und nur, wenn er nicht ausweichen konnte, im geſellſchaftlichen Leben ſich ſehen ließ. Mußte aber Alfhild ihn hier vermiſſen, ſo fand er daheim ſich immerdar an ihrer Seite, und das Ende davon war, daß er eines ſchönen Tags ſie darum bat, über ſeine Zukunft zu ent⸗ ſcheiden. Wäre Birger weniger verliebt und mehr erfah⸗ ren geweſen, ſo hätte er in Alfhilds Zögern, eine Antwort zu geben, eine ſchlimme Vorbedeutung er⸗ kannt. Nun erblickte er darin blos Verſchämtheit, und als ſie ihm endlich die Verſicherung ihrer Liebe gab, eilte Birger jubelnd hinweg, um von dem Le⸗ gationsſekretär ihre Hand zu begehren. Dieſer gab auch ſeine Zuſtimmung, fügte aber als Bedingung bei, daß von dem Verlöbniß nicht eher Etwas verlauten dürfe, als bis Birger ſeines Vaters Erlaubniß zu ſeiner Verbindung mit Alfhild eingeholt hätte. Birger ſchrieb ſogleich, aber da er während des Freudentaumels, worin ſein Leben verging, nur läſſig in der Correſpondenz geweſen war, hatte er lange Zeit keinen Brief erhalten, und befand ſich deßhalb auch in Unkunde darüber, daß der Oberſt Paris verlaſſen hatte. Nun folgten einige Wochen, in denen man auf die Antwort des Oberſts wartete, um ſodann die Verlobung öffentlich bekannt zu machen. Dieſe Wochen widmete Birger einer ernſten Ar⸗ 3 . 65 „ beit. Es war, als ob ſeine Liebe zu Alfhild, nach⸗ dem derſelben eine beſtimmte Zukunft geſichert war, ihn noch mehr anſpornte, ſich mit Eifer ſeinen Stu⸗ dien hinzugeben, und ihm den Geſchmack an jenen eiteln Zerſtreuungen, woran er ſo viel Zeit und Geld verſchwendet hatte, benähme. Anfänglich ſuchte Alfhild ihn zu beſtimmen, ſich, von dem Tummelplatz der Luſt nicht völlig zurückzu⸗ ziehen; ganz plötzlich aber hörte ſie mit ihren frucht⸗ loſen Bemühungen auf, und es geſchah höchſt ſelten, daß ſie ihn einmal überredete, ſie auf einige Au⸗ genblicke zu einem Ball oder einer Soirée zu be⸗ gleiten. Birger ſah in dieſem veränderten Benehmen nur einen Beweis davon, daß ſie die Motive, welche ihm ſeine Handlungsweiſe diktirten, zu achten ge⸗ lernt hatte, und Alfhild ſtieg in ſeiner Schätzung. Redlich, warmherzig und treugeſinnt, argwohnte Bir⸗ ger nicht, daß Alfhild aus andern, als edeln Be⸗ weggründen handeln könnte. Endlich nach Verlauf von ſechs Wochen erhielt Birger eine Antwort von dem Oberſt, welcher, als ſeines Sohnes Brief eintraf, bereits Paris verlaſſen hatte, ſo daß alſo auch der Brief viel ſpäter an ſeine Adreſſe gelangt war. Der Oberſt erklärte, er habe nichts gegen die Verlobung einzutvenden, und ſtellte nur die Bedin⸗ güng, daß Birger ſich dadurch nicht abhalten laſſe, die für ſeine künftige Laufbahn wichtige und lehr⸗ reiche Reiſe durch Frankreich und Deutſchland zu machen. Er ſchärfte ihm ausdrücklich ein, ſich nicht länger in London zu verweilen, als für ſeine juti Schwartz, Ein Opfer ber Rache. 1. 5 66 diſchen Studien nothwendig wäre, und ſchloß mit den Worten: je ſchneller Du Dir Kenntniſſe ſam⸗ melſt, deſto früher kannſt Du damit Nutzen ſtiften und daran denken, Dir einen eigenen Herd zu gründen.“ Eine Woche nach der Ankunft des Briefs ſollte die Verlobung gefeiert werden. Den Tag, bevor unſer junges Paar die Ringe wechſeln und der Welt von dem Austauſch des Ge⸗ lübdes der Treue Mittheilung machen ſollte, finden wir in einem kleinen Kabinet Alfhild und Clara beiſammen. Alfhild ſaß in eine Sophaecke zurückgelehnt. Ihr Angeſicht trug Spuren von Thränen. Clara ar⸗ beitete eifrig an einer Stickerei. „Aber, mein Gott, Alfhild, warum haſt Du ſeit einer ganzen Stunde nichts Anderes gethan, als geweint?“ fragte endlich Clara, indem ſie ihre Schweſter mit einem liebevollen und zärtlichen Blick anſah. „Darum, weil ich unglücklich bin,“ antwortete Alfhild, richtete ſich aus der Sophaecke auf und ſtützte den Kopf auf die Hand. „Unglücklich, Du?“ „Ja, eben ich, die ich morgen mich verloben ſoll.“ „Mit dem Mann, den Du liebſt und den Du allen Grund hochzuachten haſt.“ „Wahr,— auch denke ich nicht daran, mein Wort zu brechen. Ich mache eine in jeder Hinſicht glän⸗ zende Partie.“ Es entſtand eine Pauſe, während welcher clu 67 aufmerkſam ihre Schweſter betrachtete. Plötzlich nahm ſie wieder das Wort. „Sage mir Eins: warum hat Herr Welwort nie einen Beſuch hier machen wollen? Papa hat ihn doch mehrmals eingeladen.“ „Er hat vielleicht kein ſonderliches Wohlgefallen am Geſellſchaftsleben,“ antwortete Alfhild erröthend. „Nicht,— und doch beſucht er alle Luſtbarkeiten, wo wir ſind.“ „Aber, mein Gott, Clara, warum ſtellſt Du der⸗ gleichen Fragen an mich? Ich bin nicht in ſein Vertrauen eingeweiht;“ erwiederte Alfhild in einem Tone, dem die Ungeduld leicht anzumerken war. „Deßhalb, weil— weil ich glaube, Du ließeſt Dich durch ſein ungewöhnlich ſchönes Aeußere und ſeine verführeriſchen Manieren blenden.— Es ſind jetzt über drei Monate, daß wir beinahe täglich mit dem jungen Schweden zuſammentreffen, und dieſe ganze Zeit hindurch haſt Du nicht ein einziges Mal ſeines Namens vor Birger erwähnt und Dich in Deinem Benehmen gegen den letztern ſehr verändert.“ „Liebe Clara, Du haſt ja auch nicht von ihm geſprochen.“ „Das iſt wahr; aber ich habe meine Gründe gehabt.“ „Und was waren dieſe?“ Folgende: fürs Erſte wollte ich ſehen, wie Du handeln würdeſt, und fürs Zweite machte er Anfangs durch ſein ungewöhnlich vortheilhaftes Aeußere einen ſo lebhaften Eindruck auf mich, daß ich nicht gern von ihm redete. Ich wollte meine Verzückung ſich erſt legen laſſen, ehe ich Welwort zum Se 68 eines Geſprächs machte.— Du biſt dagegen durch Deine Bewunderung für den Mann ſo betäubt, daß Du beinahe Deinen Bräutigam, das will ſagen, Deine erſte Liebe vergeſſen haſt. Siehſt Du, Kind, das iſt mehr, als ſich wohl rechtfertigen läßt. Wie iſt es möglich, ſeine Gefühle ſo zu wechſeln, wie Du anſcheinend gethan haſt? Von dem Augenblick an, da Du den jungen Welwort ſaheſt, wurde Birger eine Nebenperſon, deren Du Dich nur erinnerteſt, wenn er Dir vor's Geſicht kam, und dennoch iſt Deine Liebe zu ihm noch nicht ſo alt, daß ſie ſchon ausge⸗ brannt haben ſollte.“ „Beſonders, wenn ſie überhaupt niemals ge⸗ brannt hat.“ „Alfhild!“ rief Clara aufſehend,„was ſoll das bedeuten?“ „Die Wahrheit Clara. Ich habe Birger niemals geliebt.“ „Du haſt ihn nicht geliebt?“ „Nein.“ „Aber warum haſt Du dann geſagt, daß Du ihn liebteſt? Warum haſt Du Dich ſo benommen, daß er und Jedermann daran zu glauben Veranlaſſung nahm? Und endlich, warum haſt Du ihm Deine Liebe und Treue gelobt?“ „Darum weil er mir unter allen Männern, welche mir ihre Huldigung darbrachten, am meiſten gefiel, und weil ich ihn wirklich gut leiden zu können glaubte. Sodann reizte es mich, daß ich nicht alle die Macht, die ich mir zutraute, über ihn beſaß, und ſeine Wi⸗ derſetzlichkeit, meinem Wunſche nicht zu willfahren ſondern trotz meiner Bitten einem gefaßten Vorſatze „ 69 getreu zu bleiben, verurſachte mir ſolchen Aerger, daß ich um jeden Preis Herrin über ſein Herz werden wollte, und endlich....“ „Nun, warum ſchweigſt Du?“ „Weil der letzte Beweggrund mir beinahe nie⸗ drig vorkommt. Mir dünkt, ich ſchäme mich ſelbſt darüber.“ „Ach, meine arme Alfhild, ich fürchte, Du haſt Dich über Deine ganze Handlungsweiſe gegen Bir⸗ ger zu ſchämen, und darum wird auch der letzte der Gründe, welche Dich geleitet haben, dieſelbe nicht ſchlimmer machen.“ „Nun wohl, wenn ich einmal ſo ſchlecht bin, wie Du ſagſt, ſo magſt Du auch wiſſen, daß ich gern die reiche Frau Werner werden wollte. Es iſt uns bei⸗ den, Dir und mir, genugſam bekannt, daß wir, wenn Papa einmal ſtirbt, leider Nichts unſer eigen nen⸗ nen können.“ „Eigennutz alſo.“ „Clara, Du biſt recht unbarmherzig.“ „Willſt Du wirklich dieſem Deinem Grunde einen andern Namen geben? Sage mir nun, wie Du zu handeln beabſichtigſt? Noch kannſt Du zurücktreten und Birger ehrlich ſagen, daß Du ihn nicht liebſt.“ „Ich ſollte geſtehen, daß ich gelogen und nur mit ihm geſpielt habe?“ rief Alfhild. „Das brauchſt Du nicht zu thun, denn ich weiß es bereits,“ antwortete eine tiefe und ernſte Stimme von der Salonthüre her. Die beiden Mädchen richteten ihre Blicke dorthin. Es war Birger. Er ſtand mit hoch aufgerichtetem Haupte und ruhigem Blick da.— 70 „Ach! Birger, Du haſt gehorcht!“ brach Alf⸗ hild los. „Unfreiwillig; aber es war recht gut, daß das Schickſal mir Deine Worte zutrug, ſonſt....“ Er trat auf ſie zu und fuhr fort: „Sonſt hätte ich noch immer an die Maske der Wahrheit geglaubt, welche Deine Treuloſigkeit ver⸗ barg, und auf dieſe Art mein Leben einem Weibe, das meiner unwürdig iſt, gewidmet.“ „Unwürdig,“ wiederholte Alfhild mit erröthenden Wangen. „Ja, ich habe das Wort geſprochen und nehme es nicht zurück,“ antwortete Birger, indem er Alfhild einen Blick ſtolzer Verachtung zuwarf. „Oder welchen Namen willſt Du einem Mädchen geben, das aus Eitelkeit und Eigennutz mit einem Manne ſpielt, der ſie ernſtlich liebt. Außerdem ver⸗ liebt ſie ſich noch in der Zwiſchenzeit in einen andern Mann und empfängt von dieſem andern Briefe des Inhalts wie folgender.“ Birger zog ein zuſammengefaltetes Papier hervor und ſchlug es langſam aus einander. Alfhild wurde todesblaß. Birger las:. „Sie verloben ſich, Alfhild; begehren Sie alſo nicht, daß ich der Einladung Folge leiſten ſoll, welche Ihr Vater an mich ergehen ließ. Ich weiß nun, daß die kurze Zeit der Liebe, welche gleich einem glücklichen Traum vorüberflog, auch nur ein ſolcher war; denn würde ſie etwas Anderes geweſen ſein, ſo könnten Sie ſich nicht rerloben. Vergeben Sie, daß mein Gefühl für Sie von tieferer und ernſterer 71 Art iſt, als das Ihrige für mich; gleichwohl bin ich genugſam Thor geweſen, um an Sie zu glauben. Leben Sie wohl! In einigen Tagen ver⸗ laſſe ich London. E. W.“ Birger hatte das Briefchen mit ruhiger und kla⸗ rer Stimme geleſen. Als er zu Ende war, überreichte er es Alfhild mit den Worten: „Ich bin gekommen, um Dir dieſen verlornen Schatz zurückzugeben und zugleich zu erklären, daß ich noch dieſen Abend von London abreiſe.“ Er war im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, aber Alfhild ſprang auf, faßte ihn am Arm und rief: „Birger, willſt Du mich zum Geſpött für alle dieſe Leute machen, welche auf morgen zu unſerer Verlobung eingeladen ſind? Willſt Du ſo mit mei⸗ ner Ehre ſpielen?“ „Du haſt zu Deiner Unterhaltung mit zwei Men⸗ ſchenherzen geſpielt, und begehrſt jetzt, daß ich Nach⸗ ſicht mit Dir haben ſoll?“ entgegnete Birger mit ſtrengem Blick. „Das ſollſt Du,“ fiel Clara ernſt ein.„Du wirſt Alfhilds guten Namen und Ruf nicht zerſtören, ſondern mußt auf irgend eine für Euch beide ſchick⸗ liche Weiſe die Verlobung rückgängig machen.“ „Ich werde es ſo einzurichten ſuchen, daß die Schuld allein auf mich fällt. Biſt Du damit zufrie⸗ den, Clara?“ „Ich danke,“ war Alles, was Clara antwortete, und dabei reichte ſie ihm die Hand. „Es geſchieht nur um Clara's willen, merke Dir das, Alfhild. Mit Dir habe ich keine Nachſicht.“ 72 Damit entfernte er ſich. Alfhild preßte die Hände zuſammen und mur⸗ melte: „Dieſe Demüthigung für mich!“ XIII. Ein Jahr war vergangen, als Birger, welcher inzwiſchen ſein Leben ausſchließlich den Studien ge⸗ widmet hatte in Folge eines Briefes von dem Oberſt ſich nach Italien begab, wo Vater und Schweſter gerade verweilten. Es war ein Juni⸗Nachmittag, glühend heiß und krankhafte Sehnſucht weckend, wie Venedigs Himmel, als Birger in der italieniſchen Freiſtadt anlangte. Die Gondeln, mit ihren ſingenden Ruderern glitten über die Kanäle hin, und Marmorpaläſte ſpiegelten ſich in deren glänzendem Waſſerſpiegel. In einer bezaubernden Wohnung an einem der Kanäle fand Birger ſeine Verwandten. In einem Salon mit ſeinen auf den Balkon ge⸗ öffneten Thüren ſaß der Oberſt und las einige Zei⸗ tungen. Gabriella hatte auf einer Pompadour Platz genommen und arbeitete mechaniſch an einer Sticke⸗ rei. Neben ihr auf einem Stuhl hatte ſich Louis Corſin niedergelaſſen. Bei Birgers Eintritt ſprang Gabriella ihm auf die halbe Zimmerlänge entgegen, blieb aber plötz⸗ lich ſtehen und ſah ihn mit einem ſchüchternen und bebenden Blick an. Nachdem Birger den Oberſt begrüßt hatte, um⸗ 73 armte er Gabriella mit ſo viel aufrichtiger Herzlich⸗ keit, daß man auf ſeinem etwas ſtrengen Angeſicht deutlich leſen konnte, welche Freude es ihm machte, ſie wieder zu ſehen. Als er ſie aus den Armen ließ, nahm er das blondlockige Köpfchen zwiſchen ſeine Hände und ſagte, ihr in die Augen blickend: „Und wie ſteht es denn mit meiner kleinen Ga⸗ briella?“ „Immer gleich,“ flüſterte Gabriella und verbarg ihr Antlitz an ſeiner Bruſt. Ach ja! Sie war wirklich daſſelbe kummervolle und ſtille Weſen, wie er ſie immerdar geſehen hatte, und dennoch lag ein Etwas in der Tiefe der Augen, das leiſe anzudeuten ſchien, daß ihr Inneres zu der Ahnung, das Leben wiſſe noch von andern Gefühlen, als dem bloßen Kummer, erwacht war. So ſchien es wenigſtens Birger. Einen Augenblick ſpäter war Birger in einem lebhaften Geſpräch mit ſeinem Vater begriffen, wel⸗ chem er über ſeine Reiſen und über den Bruch ſeines Verhältniſſes mit Alfhild Bericht erſtattete. Da das Geſpräch in ſchwediſcher Sprache geführt wurde, ſo verſtand Monſieur Corſin Nichts davon; indeſſen ſchien daſſelbe ihn auch nicht ſonderlich zu intereſſiren, denn er ſaß, ohne ein Wort zu reden, an Gabriella's Seite und begnügte ſich, die Augen auf das junge Mädchen zu heften, welches zu ſeinem Platz und ſeiner Arbeit wieder zurückgekehrt war. Birger betrachtete während des Geſprächs Corſin und Gabriella. Er dachte: „Sollte möglicher Weiſe dieſer junge, düſtere Franzoſe, welcher von Gabriella ſo entzückt ſcheint, in ſchlechtem Franzöſiſch. 74 derjenige ſein, welcher ſie zum Leben und zum Be⸗ wußtſein ihrer ſelbſt und ihres Herzens erweckt hat? Nein! ſie bemerkt, wie ich glaube, nicht einmal, daß er nur da iſt. Mir gefällt dieſe traurige Figur ganz und gar nicht. Hier wurde Birgers Gedankengang durch eine klare, klangvolle Männerſtimme unterbrochen, welche eine ſchwediſche Volksweiſe unter dem Balkon ſang. Bei dem Laute dieſer wirklich bezaubernden Stimme bemerkte Birger, daß Gabriella zuſammen⸗ fuhr. Augenblicklich erhob ſie ſich und trat auf den Balkon. Corſins finſteres, unglückverkündendes Auge folgte ihr. Als der Geſang zu Ende war, hörte Birger eine ſchöne, ſonore Stimme rufen: „Wollen Sie nicht dieſen Abend eine Fahrt auf den Lagunen machen? Sehen Sie, wie die Sonne in einem Feuermeer untergeht. Darf ich mit meiner Gondel anlegen?“ „Heute Abend nicht,“ antwortete Gabriella, über das Geländer des Balkons gelehnt.„Singen Sie mir ſtatt deſſen das Schweizer Heimweh.“ „Ich bitte, fahren Sie dieſen Abend aus,“ ließ ſich die Stimme aus der Gondel von Neuem ver⸗ nehmen.„Nur eine kleine Strecke weit. Sie ſehen ja, daß Lady D. auch dabei iſt. Ich verſpreche Ih⸗ nen, die ganze Zeit kein Wort zu reden, ſondern blos zu ſingen, wenn Sie es ſo wünſchen.“ „Schließen Sie ſich uns doch auf eine Weile an, Mabemviſelle Werner,“ rief jetzt eine ältere Dame ——— „Sagen Sie nicht nein,“ bat abermals die klare 75 männliche Stimme mit einem ſo eigenthümlich war⸗ men Tonfall, daß man hörte, die Bitte kam von Herzen. „Ich will nur meine Mantille holen,“ antwortete Gabriella, und als ſie wieder in den Salon hinein⸗ trat, brannte auf den bleichen Wangen eine feine Roſengluth. Corſin, welcher weiter Nichts verſtanden, als was die Lady auf Franzöſiſch geſagt hatte, ging auf Gabriella mit den Worten zu: „Du gedenkſt alſo mit dem Grafen auszufahren?“ „Ja,“ antwortete Gabriella, nahm ihre Mantille, nickte dem Oberſt und Birger freundlich zu und ſchritt dann wieder hinaus auf den Balkon, um deſſen Treppe hinabzuſteigen. Corſin war ihr gefolgt und blieb eine Weile auf dem Balkon ſtehen, bis die Gondel ſich entfernte. Als er wieder in den Salon trat, ſagte er: „Es wundert mich, Onkel, daß Du Gabriella ge⸗ ſtatteſt, mit dem Grafen auszufahren. Mir kommt das nicht recht ſchicklich vor, aber vielleicht nehmt ihr es in Schweden mit euren Mädchen nicht ſo ge⸗ nau, wie wir in Frankreich.“ „Mein beſter Louis,“ antwortete der Oberſt et⸗ was ſcharf,„erlaube mir, daß ich ſelbſt beurtheile, wie meine Tochter und ich zu handeln haben.“ Corſin ſchleuderte dem Oberſt einen zornigen Blick zu und warf ſich auf die Pompadour, auf der Gabriella geſeſſen war. Ueber ſein düſteres Ange⸗ ſicht zogen dunkle, drohende Wolken. Birger dachte: „Dieſer Unglücksvogel da ſieht aus, als ob er über Unheil brüte.“ 76 XIV. Lady D. ſaß im Salon der Gondel, und die Gardinen waren zurückgeſchlagen. Nachdem ſie Ga⸗ briella begrüßt hatte, drückte ſie ihre Freude darüber aus, daß das junge Mädchen ihr Geſellſchaft leiſtete, und rühmte zugleich mit einigen Worten die Artig⸗ keit des Grafen, der ſie zu dieſer Gondelfahrt ein⸗ geladen hatte. Die Lady war eine korpulente Dame von etli⸗ chen fünfzig Jahren; ſie hielt viel auf Gemächlich⸗ keit und Stille, und eben darum hatte ihr das Schick⸗ ſal einen Mann gegeben, der es nie länger als höchſtens ſechs Wochen an einem und demſelben Orte aushielt. Ihre dreißigjährige Ehe war alſo eigent⸗ lich eine dreißigjährige Reiſe geweſen. Unſere ge⸗ mächlichkeitsliebende Lady wäre auch ſicherlich ſchon des Todes verblichen, wenn ſie ſich nicht in den kur⸗ zen Zwiſchenzeiten, wo man ſich da oder dort ver⸗ weilte, beinahe ununterbrochen ihrer Hauptleidenſchaft, der des Schlafes, hingegeben hätte. Während der Lord auf einem Platze war, überließ er ſeine Gattin ſich ſelbſt und brachte ſeine Tage damit zu, daß er auf eigene Fauſt in der Umgegend herumſtreifte. Unſere Lady war alſo kaum mit ihren Artig⸗ keitsphraſen gegen Gabriella zu Ende und hatte noch einige Worte über das Vergnügen, ſich auf dem Waſſerſpiegel ſchaukeln zu laſſen, deigefügt ſo be⸗ gann ſie ſich in einer Sophaecke ſo bequem als mög⸗ lich zurecht zu ſetzen. Indem ſie die Kiſſen ſo ordnete, daß ſie einer behaglichen Ruhe ſich hingeben konnte, erklärte ſie, wenn man den Genuß einer ſolchen 77 Fahrt aus dem Grunde kennen lernen wollte, müſſe man ſich mit geſchloſſenen Augen in die Welt der Träume einzuwiegen ſuchen, und wirklich war unſere achtungswerthe Lady nach Verlauf einiger Augen⸗ blicke bereits ſo tief in dieſelbe verſunken, daß die Wirklichkeit für ſie zu exiſtiren völlig aufhörte. Der junge Graf hatte augenſcheinlich auf den Moment gewartet, da die Lady in das Reich der Träume eintreten würde, denn ſeine Augen waren, ſeitdem die Gondel abgeſtoßen, ausſchließlich auf die würdige Dame gerichtet geweſen. Gabriella dagegen ſaß auf dem Sopha ihr ge⸗ genüber und ließ, den Arm auf den Rand der Gon⸗ del, den Kopf auf die Hand geſtützt, ihren Blick über den Waſſerſpiegel und das Ufer hinſchweifen. Als der ſchwere Athemzug der Lady zu erkennen gab, daß ſie eingeſchlafen war, faßte der Graf Ga⸗ briella's Hand und ſagte auf Schwediſch: „Was ſoll ich nun thun, um Sie zu zerſtreuen?“ Gabriella ließ ihre Hand in der ſeinigen, wandte ihm das Geſicht zu und erwiederte: „Singen Sie ein ſchwediſches Lied.“ Gabriella's Blick weilte auf dem jungen Mann mit einem eigenthümlichen Ausdruck, welcher die ge⸗ wöhnliche Wolke des Kummers beinahe verdrängt hätte. Das Angeſicht des Grafen ſprach von war⸗ men, beinahe heftigen Gefühlen. Es war als ob die venetianiſche Luft die Kraft beſäße, ſelbſt in der Bruſt des Nordländers die Leidenſchaft zu wecken. So ſaßen beide eine lange Weile. Der Graf ſchien gleichſam zu befürchten, mit einem Wort oder einer Bewegung den wehmüthigen, aber zärtlichen 78 Anhauch in Gabriella's Blick zu verſcheuchen. Und dennoch beſaß die kleine Hand, welche in der ſeini⸗ gen ruhte, eine wunderbare Kraft, die Schläge ſeines Herzens gleichſam zu verdoppeln. Unwillkürlich wurde ſeine Bruſt von einem Seufzer gehoben. Bei dieſem Laute zuckte Gabriella zuſammen und wollte ihm ihre Hand entziehen, aber der Graf flü⸗ ſterte, ſie feſthaltend:“ „Noch einen Augenblick laſſen Sie mich ſo träumen.“ Gabriella's Angeſicht wurde von einer dunkeln Röthe übergoſſen; ſie lächelte matt, ließ ihre Hand in der ſeinigen, wandte aber den Kopf hinweg. „Gabriella,“ fuhr der Graf leiſe fort und lehnte ſich auf das Geländer der Gondel, wie Gabriella eben gethan hatte;„iſt dieſer Abend nicht ſchön?“ „Ja, ſehr ſchön.“ „Soll ich ſingen?“ fragte der Graf weiter, indem er das junge Mädchen mit einem warmen Blick und einem Lächeln betrachtete, welches die Ueberzeugung in ſich zu ſchließen ſchien, daß er jetzt eine Frage ſtellte, welche ſie verneinend beantworten würde. „Nein, jetzt nicht. So wie eben, iſt es ſo ganz wunderbar.“ Bei dieſer einfachen und kindlich aufrichtigen Antwort nahm das Angeſicht des Grafen einen Ausdruck von Achtung an. „Seltſames und entzückendes Kind, wie ſehr wird man nicht gezwungen, Dich zu lieben.“ Dieſe Worte, mehr zu ſich ſelbſt, als zu Gabriella von ihm geſprochen, hatten gleichwohl ihr Ohr erreicht. Sie ſah ihn an und wiederholte: „Gezwungen zu lieben! Kann man denn dazu gezwungen werden?“ 79 Und dazu lächelte ſie wieder auf ihre eigenthüm⸗ liche, wehmüthige und matte Weiſe. „Man wird von ſeinem Herzen im Widerſpruch mit dem Verſtand gezwungen. Mein Herz liebt Sie und betet Sie an, aber mein Verſtand ſagt mir, daß dieſes Gefühl niemals von Ihnen getheilt wird.“ „Es darf nicht ſein,“ erwiederte ſie, und eine Wolke zog über ihr Angeſicht.„Und doch.. Gabriella ſtützte den Kopf auf die Hand. Alle die Rathſchläge, welche die Vernunft dem Grafen zugeflüſtert, alle die edeln Vorſätze, welche er gefaßt hatte, die kleine Taube nicht durch eine Schilderung ſeiner Gefühle zu erſchrecken, ſanken in Nichts zuſammen, und das jugendliche Blut, das wirklich ſtürmiſche Gefühl, welches er für Gabriella empfand, trieb ihn an, das was ſein Herz erfüllte, in warme, glühende Worte zu kleiden. Unbeweglich, das Geſicht von ihm abgewendet, lauſchte Gabriella ſeinen Worten, ohne ihre Hand zurückzuziehen, oder eine Geberde zu machen, aus welcher Verlegenheit geſprochen hätte. Das Einzige, was den Eindruck, den die Worte des Grafen verurſachten, andeutete, war die brennende Röthe auf den ſiebzehnjährigen Wangen. Als der Graf ſchwieg und die kleine Hand an ſeine Lippen führte, wandte Gabriella ihr jetzt im höchſten Grade einnehmendes Geſicht, von welchem jede Spur der Mattigkeit oder ertödtender Schwer⸗ muth verſchwunden war und ein Schimmer von Zärtlichkeit und Glück zurückſtrahlte, demſelben zu. „Gabriella,“ flüſterte der Graf, ſich näher zu dem Mädchen hinneigend,„ſage, daß Du mich liebſt.“ 80⁰ „Ich weiß es nicht,“ ſtammelte ſie mit unſchul⸗ digem Lächeln;„aber ich weiß daß Ihre Worte mich glücklich gemacht haben. Es fühlt ſich hier ſo wunderbar.“ Sie legte die Hand auf das Herz. Es lag Et⸗ was in dem ganzen Weſen dieſes Angſtkindes, das ſo ganz von Allem abwich, wodurch andere Mädchen ſich kennzeichnen; etwas ſo Reines und Unſchuldiges, daß ſie auf jeden Mann von Herz einen Eindruck machte, der gewiſſermaßen alle unedeln Gefühle verbannte. Gabriella und der Graf waren jetzt allein an dem glühenden italieniſchen Abend, denn Lady D. lag in den Banden eines ſchweren und tiefen Schla⸗ fes. Der Gondolier war, auf ſein Ruder gebückt, gleichfalls eingeſchlafen, aber dennoch hätte der Graf ſich lieber das Herz aus der Bruſt geriſſen, als mit einem Wort der Leidenſchaft die Ohren des jungen Mädchens entweiht. Eine ſo mächtige Beſchützerin beſaß Gabriella in ihrer Unſchuld und in ihrer voll⸗ kommenen Unkenntniß mit dem Leben und deſſen Schattenſeiten. Unſer Graf war durchaus kein Heiliger. Im Gegentheil. Bei jedem gewöhnlichen Mädchen oder Weibe, welches ſeine Leidenſchaft erweckte, würde er kein Bedenken getragen haben, ſich ſo viele Gunſt⸗ bezeugungen zu verſchaffen, als der Augenblick ge⸗ ſtattete; aber bei Gabriella gemahnte es ihn, als ob ſeine Liebe zu ihr ein Schild wäre, welcher zwi⸗ ſchen ihr und jedem leidenſchaftlichen Ausbruch ſtände. Er ſprach noch eine Weile von ſeiner Liebe und erhielt am Ende auf ſeine Frage, ob Gabriella eines 8¹ Tags mit ihm die Freuden und Leiden des Lebens theilen wollte, zur Antwort. „Still, ſprechen Sie nicht von der Zukunft; laſſen Sie mich heute Abend nur dem Augenblick leben. Singen Sie darum ein Lied. Ihre Stimme iſt mir ſo lieb, daß ſie die Betrübniß des Herzens heilt.“ Der Graf ſang ein paar Alpenlieder, von welchen er wußte, daß Gabriella ſie beſonders gern hörte. Der Ruderer erwachte und die Gondel kehrte im Mondſchein nach Hauſe zurück. Als der Graf Ga⸗ briella beim Ausſteigen half, fragte er: „Wann ſehe ich Sie wieder?“ „Morgen Abend.“ „Und ich ſoll bis dahin leben, ohne eine Er⸗ innerung an Sie zu beſitzen. Geben Sie mir deß⸗ halb die Blume, welche Sie an Ihrem Buſen tragen.“ „Bedarf es wirklich eines Gegenſtandes, der Sie an mich erinnert?— Ich meines Theils werde die⸗ ſen Abend und Sie niemals vergeſſen. Sie reichte ihm die Blume mit den Worten„Gute Nacht.“ Der Graf drückte die kleine Hand heftig an ſeine Lippen und ſtieg dann wieder die Treppe zu der Gondel hinab; aber gerade auf der letzten Stufe vertrat ihm eine männliche Geſtalt den Weg. „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ ſprach eine ge⸗ dämpfte Stimme auf Franzöſiſch;„ich wünſche von Ihnen die Blume zu erhalten, welche meine Couſine Ihnen beim Abſchied gegeben hat.“ „Wirklich! Und Sie glauben, daß ich ſie Ihnen geben werde?“ „Im Gegentheil, ich hoffe, Sie weigern ſich, es zu thun.“. Schwartz, Ein Opfer der Rache I. 6 82 „Das iſt, Herr Corſin, eine ſehr vernünftige Hoffnung.“ „Sie weigern ſich alſo, mir dieſelbe zu geben?“ „Ganz entſchieden.“ „Dann ſage ich Ihnen, daß Sie ein elender Ver⸗ führer ſind, welcher das Vertrauen mißbraucht, das man in ſeine Ehre ſetzt, indem man ein junges Mäd⸗ chen deſſen Händen übergibt. Sie ſind ein Schurke, und dieß mein Herr, werde ich Ihnen ſagen, wo wir uns auch begegnen.“ „Sie werden das nicht zu wiederholen brauchen, Herr Corſin. Morgen früh wird einer von meinen Freunden Sie beſuchen. Bon soir, Monsieur.“ Mit dieſen Worten nahm der Graf den Hut ab und entfernte ſich. Am nächſten Vormittag brachte man in die Woh⸗ nung des Oberſts, welche auch diejenige von Monſieur Corſin war, des letzteren Leichnam zurück. Lord D., welcher bei dem Duell Corſins Sekun⸗ dant geweſen war und an der Spitze des traurigen Zuges einherſchritt, riß heftig die Thüre des Salons auf, in welchem Gabriella, der Oberſt und Birger ſich befanden, trat, gefolgt von denen, welche den Todten trugen, ein und ſprach: „Corſin iſt in einem Duell mit dem Grafen Stralsvärd gefallen.“ Als dieſe Worte ausgeſprochen wurden, wandte ſich Gabriella, welche unter der offenen Balkonthüre ſtand und auf den Kanal hinausſchaute, haſtig um. Ihr Blick fiel auf den blutigen Leichnam, welchen man eben niederlegte— ſie ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus und ſtürzte beſinnungslos zu Boden. XV. Q Wettern! Blaues Auge. Gothlands Zier So drohend finſter und ſo licht und klar, Still wie des Himmels Wölbung über Dir, Ach! Deine Wogen lächeln wunderbar! Octavia Carlén. In der maleriſchen und wirklich wunderſchönen mgegend von*köping lag am Ufer des Wettern⸗ ſeels ein Beſitzthum, von hohen Wäldern und Ber⸗ gen begrenzt und durch die Maſſe von Bäumen und Klippen, welche es auf det Landſeite einſchloß, von der übrigen Welt wie abgeſchieden. Von fruchtba⸗ ren Feldern oder Aeckern war Nichts in der Nähe zu entdecken, vielmehr ſchien es in Folge einer Laune des Beſitzers am Ufer des Wettern mitten in einer Waldlichtung angelegt zu ſein. Das Wohnhaus war in prächtigem Styl erbaut, mit Marmor bekleidet, und glich mehr einem Schloß, als einem gewöhnlichen Landſitze. Rings um das Haus war ein Garten angelegt, worin man alles Schöne fand, was das Reich der Blumen bieten kann. Dieſes kleine Gebiet der Flora wurde nach Art eines Rahmens von einem giganti⸗ ſchen Fichtenwald umſchloſſen, welcher mit ſeinem hohen Ernſté gegen das lächelnde Blumenland ſelt⸗ ſam abſtach. Der Weg durch den ungebahnten Wald war, wie es ſchien, mit großen Koſten ag worden. — — — 84 In einiger Entfernung von dem Wohnhauſe und mehr nach der Landſtraße zu war ein Pavillon mit einigen geringern Gebäuden errichtet. Die Eigenthümerin von dieſem Waldſchloß, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, war eine ſeltſame Frau, ein ungelöstes Räthſel für diejenigen ihrer Nach⸗ barn, welche ſich einige Kunde von ihr verſchafft hatten. Sie war manches Jahr im Ausland geweſen. Zehn Jahre vor dem Zeitpunkt dieſer Periode unſe⸗ rer Erzählung war Wettersnäs angekauft worden. Man hatte durch einen Bevollmächtigten die Ge⸗ bäude aufführen und alle Anlagen machen laſſen, ſo daß vier Jahre ſpäter, als ſie in ihrer neuen Heimath anlangte, Alles fertig war. Seit dieſer Zeit hatte ſie ununterbrochen daſelbſt gewohnt, ohne bei ihren Nachbarn einen Beſuch ab⸗ zuſtatten, oder ſich ihnen auf irgend eine Weiſe zu nähern. Ob ſie jung oder alt, ſchön oder häßlich war, wußte man nur durch Ausfragen der Diener; und ein großer Theil von dieſen konnte nur höchſt un⸗ vollſtändige Aufklärungen geben, weil ſie dieſelbe nur im Vorübergehen oder ſehr flüchtig zu Geſicht bekamen. Früh am Morgen pflegte ſie ganz allein auszu⸗ reiten, und dann nahm ſie ſtets ihren Weg nach dem Seeufer, oder nach dem ungebahnteſten Theil des Waldes. Den Tag über hielt ſie ſich faſt un⸗ unterbrochen in ihrem Zimmer auf; am Abend machte ſie einen Spaziergang nach dem Strand, oder ließ ſich auf einem Berge nieder, an welchen 85 ſeufzend die Gewäſſer des See's anſchlugen. Wenn es ſtürmte und die brauſenden Wogen ſich mit Wuth am Strande brachen, konnte ſie auf dem Berge lie⸗ gen und auf das Brüllen an ſeinem Fuße horchen, bis der Tag wieder graute. Es geſchah ſogar an einem klaren und fried⸗ lichen Sommerabend, daß ſie träumend auf der Höhe deſſelben ſich vergaß, und dann fand die Morgen⸗ ſonne ſie in Thränen gebadet. Zuweilen kam es einmal vor, daß ſie langſam und wie mit ſcheuen Schritten hinunter in den üppi⸗ gen Blumengarten wanderte, welcher das prachtvolle Gebäude umgab. Bei ihrer Ankunft aus Frankreich in Schweden beſtand ihre Reiſegeſellſchaft aus zwei jungen Da⸗ t' men, einer ältern Franzöſin und einer Art von Intendanten. Dieſer letztere nahm das Beſitzthum ſogleich unter ſeine Aufſicht, und er war es, mit welchem die Dienerſchaft zu verkehren hatte. Die ſeltſame Herrſcherin über dieß alles nannte ſich Frau von Saint Sue. Sie war eine Schwe⸗ din, aber mit einem Franzoſen vermählt geweſen u als Wittwe wieder nach Schweden zurückge⸗ ehrt. Es war ein ſonniger, heiterer Juniabend. Der Wetternſee lag ſo blau und klar da, mit einer Fluth von Sonnengold über ſeinem Kryſtallbecken ausge⸗ breitet. Die Ufer glichen ein paar Armen, welche die Waſſerfläche mit ihrem Bogen umſchlangen. Seinen ſtolzen Bau mit den Marmorpfeilern und der Blumeneinfaſſung in dem klaren Gewäſſer 86 abſpiegelnd, glich Wettersnäs, dergeſtalt von der Abendſonne beleuchtet, einem von Venedigs Palä⸗ ſten, welcher durch Zauberei mitten in den finſtern und hohen nordiſchen Fichtenwald verſetzt wor⸗ den war. Auf dem See waren zwei Boote ſichtbar. Das eine war von Wettersnäs abgeſtoßen und wurde von ein paar Dienern gerudert; in demſel⸗ ben ſaßen zwei Frauengeſtalten. In dem andern, welches von dem entgegenge⸗ ſetzten Ufer kam, befanden ſich zwei junge Männer. Ein Fiſcherknabe führte das Ruder. „Nun, Ernſt,“ ſagte der eine derſelben in eigen⸗ thümlich lebhafter, haſtiger Ausdrucksweiſe,„was ſeitdem ich zum letzten Mal hier geweſen in?“ „Der Wettern iſt ſich noch immer gleich, wie Du ſiehſt, mein lieber Alrik, und hat ſich in den zehn Jahren, da Du von der Heimath fern wareſt, nicht verändert.“ „Rein, Gott ſei gelobt, er iſt wenigſtens derſelbe geblieben,“ rief Alrik, nahm den leichten Strohhut ab, ſchleuderte ihn in das Boot hinein, fuhr mit der Hand über die hohe, breite Stirne, warf ſich ſofort rückwärts auf ſeinen Sitz und ſtreckte die Arme aus, als ob er irgend Jemand umfaſſen wollte, indem er mit excentriſcher Wärme in die Worte ausbrach: „O, Du mein ſchönes, liebes und theures Va⸗ terland, wie fühle ich mich ſo glücklich, Dein Sohn zu ſein! O Schweden, Schweden, Du meine ſtolze 87 und arme Heimath, wenn ich doch an mein hoch⸗ klopfendes Herz Dich drücken könnte!“ „Immer gleich exaltirt,“ fiel Ernſt mit einem beinahe mitleidigen Lächeln ein. „Bah! Du willſt doch nicht, daß ich wie eine Fiſchmöve ſtill ſitzen ſoll, da ich wieder hier bin, hier zu Hauſe, in meinem Heimathlande, da ich mich auf dem ſtolzen, lieben Wettern ſchaukle. Ich möchte mich in dieſe Fluthen ſtürzen, um mich von ihnen umfangen zu laſſen; ich möchte gleich den Ufern ſeine ganze Fläche mit meinen Armen umſpannen.“ „Thorheiten,“ murmelte der Andere, indem er gleichfalls den Hut abnahm, während er in kaltem Ernſte mit der Hand über die Stirne und durch das Haar fuhr. „Und warum ſind es Thorheiten, daß ich mit jeder Fiber der Seele mein Vaterland liebe, daß jeder Blutstropfen ſich freut, wieder daheim zu ſein?“ rief Alrik und richtete ſich heftig empor. Wäre es vielleicht beſſer, wenn ich mit Verachtung gegen das Geburtsland und mit Hohn auf den Lippen über Alles, was ſchwediſch iſt, zurückkäme?“ „Das will ich durchaus nicht behaupten, aber das liebe Schweden hat auch ſeine Schattenſeiten.“ „Welches Land gibt es wohl, das nicht derglei⸗ chen hat? Ich, der ich ganz Europa durchreiste, habe nicht eines gefunden, welches nicht damit be⸗ haftet wäre; aber je mehr ich gereist bin, je mehr ich geſehen habe, deſto lieber wurde mir mein armes Vaterland, deſto ſtolzer fühlte ich mich, ſein Sohn zu ſein— ein Sohn des Volkes, das immetdar frei und redlich geweſen iſt und bleiben wird.“ 88 „Das wäre doch viel geſagt,“ antwortete Ernſt lächelnd,„aber man ſchweigt ſtill. Wollen wir gleich am erſten Tage, da wir nach vieljähriger Trennung wieder beiſammen ſind, mit einander ſtreiten?“ „Und was würde das ausmachen?“ ſagte Alrik lachend und warf ſich wieder in das Boot zurück. 3* „Ich geriethe in Feuer und Flammen, Du bliebſt ruhig— und nachdem wir uns gezankt und den Jungen da durch lauter Schrecken um die Beſin⸗ nung gebracht hätten, wären wir wieder ſo gute Freunde wie zuvor.— Iſt es nicht ſchön hier auf dem Wettern?“ „Ja, es iſt recht ſchön.“ „Ach, Du unvergleichliches Sauermilchfaß, der Du von Nichts Dich erwärmen oder beleben läſſeſt. ſondern ewig unter der normalen Entwicklung Dei⸗ ner Gefühle ſtehſt.“ „Was weißt Du davon, mein lieber Alrik! Be⸗ trachte jetzt den Wettern. Iſt jetzt deſſen Fläche nicht ſo ſpiegelklar, daß es Dir ſchwer fällt, zu be⸗ greifen, wie ſie jemals anders werden kann; und dennoch ſchlummern Sturm und Aufruhr in ſeiner Tiefe. So iſt es auch mit unſerer normaley Ruhe. Wir ſcheinen ruhig, ſo lang NRichts unſere Leiden⸗ ſchaften aufregt; aber laß einen Druck von außen ſie in Bewegung ſetzen, und aus iſt es mit der* . „Ich möchte doch wiſſen, was das für eine Macht ſein müßte, welche Deine Gefühle dermaßen aufre⸗ gen könnte, daß ſie Namen, Ehre und Würde von Leidenſchaften verdienen. Ich bin vollkommen über⸗ 89 zeugt, daß Deine ſtoiſche Ruhe ſich niemals verleug⸗ nen wird.“ „Aeußerlich vielleicht nicht; aber merk' Dir, Alrik, wie es in der verſchloſſenen Bruſt ausſieht, das iſt eine ganz andere Frage. Du biſt ohne Selbſtbe⸗ herrſchung: allen Deinen Eindrücken geſtatteſt Du freien Ausbruch. Exaltirt und heftig, weißt Du Deinen Gefühlen keinen Zügel anzulegen, ſondern läſſeſt Dich von einem Extrem zum andern hinreißen. Ich dagegen bin verſchloſſen und vorſichtig, nicht ſonderlich ercentriſch, und behalte darum, was ich fühle, bei mir.“ „Ja. Du biſt gerade ſo ein lichtſcheinender Bur⸗ ſche, aus dem Niemand recht klug wird.“ Ernſt ſchwieg und ſah auf das Waſſer hinaus. Er wurde des Bootes gewahr, das von Wetters⸗ näs kam. „Ach, ein Boot,“ rief er;„das kommt beſtimmt, von Wettersnäs.“ „Wettersnäs, was iſt das für ein Ort?“ fragte Alrik heftig und ſprang ſo raſch auf, daß das Fahr⸗ zeug dadurch in ſtarkes Schaukeln gerieth. „Wenn Du noch mehr dergleichen Sprünge machſt, ſo werden wir ſogleich Deinem eben ausge⸗ ſprochenen Wunſche gemäß das Vergnügen haben, uns von den Wogen des Wettern umfangen zu laſſen,“ entgegnete Ernſt. „Iſt das eine Antwort auf meine Frage?“ „Was Wettersnäs für ein Ort iſt?“ „Ja;— aber zum Teufel, ſo ſag' es mir doch.“ gerade aus, und Du ſiehſt es.“ 1“ . 90 Mehr ſagte Alrik nicht, ſondern blieb eine Weile, die Arme über die Bruſt gekreuzt, ſtehen und hef⸗ tete den Blick auf das ſchöne, romantiſch gelegene Beſitzthum. Mittlerweile glitten die Boote langſam auf ein⸗ ander zu, ohne daß Alrik darauf Acht gab. Ernſt dagegen ließ das Boot nicht aus dem Auge. Plötzlich wurde das Stillſchweigen durch einige Akkorde auf einer Guitarre unterbrochen, und un⸗ mittelbar darauf ſangen zwei klare und friſche Stim⸗ men„des Nordländers Heimweh.“ „Wie ſehnſt du dich zurück zum Heimathlaud, Mein Herz, und ſchlägſt ſo unruhvoll ꝛc.“ Den Elnbogen auf das Geländer des Bootes, den Kopf auf die Hand geſtützt, lauſchte Ernſt. Alrik war bei den erſten Tönen zuſammengefah⸗ ren, als ob er aus einem Traume erwachte; dann blieb er unbeweglich ſtehen und folgte mit den Au⸗ gen dem Boote, von wo der Geſang kam. Die Boote befanden ſich indeſſen, als ſie an einander vorüberfuhren, doch noch in ſolchem Ab⸗ ſtande, daß man das Ausſehen der Perſonen, welche darin ſaßen, nicht unterſcheiden konnten. Je weiter das Boot ſich entfernte, deſto ſchwä⸗ cher wurde der Seſangbis er endlich ganz ver⸗ ſtummte.* Mehre Minuten verfloſſen, ohne daß einer von den beiden jungen Männern ein Wort ſprach. Alrik war der Erſte, welcher das Stillſchweigen brach. „Wer waren die Sängerinnen?“ fragte er. „Die Fräulein Wolf.“ 91 „Sehr genügende Auskunft,“ bemerkte Alrik und ließ ſich wieder im Boote nieder.„Du dürfteſt Dich gefälligſt erinnern, daß ich ſeit unſerer Mutter Tod — und das ſind nun zehn Jahre, nicht hier gewe⸗ ſen bin, folglich weiß ich nicht, wie dieſer Palaſt entſtanden iſt, und ebenſo wenig, wer die Fräulein Wolf ſind; Du hingegen biſt fünf Jahre lang Land⸗ vermeſſer geweſen und mußt es demnach wiſſen.“ „Wahr,“ entgegnete Ernſt lächelnd;„und da der Palaſt und die Fräulein in naher Beziehung zu einander ſtehen, ſo muß ich Dir wohl zuerſt von jenem, und hernach das Wenige, was ich weiß, von lletztern erzähren.“ Ernſt berichtete nun, was der Leſer über die Entſtehung von Wettersnäs und deſſen Eigenthüme⸗ rin bereits weiß. Er ſchloß mit den Worten: „Die beiden jungen Mädchen ſollen Couſinen der Frau von Saint Sue ſein; durch den Tod ihrés Vaters, eines geweſenen Legationsſekretärs, geriethen ſie in ſehr dürftige Umſtände, da nächträglich noch der Konkurs gegen ihn erkannt wurde. Nun nahm die Wittwe ſie bei ſich auf, und ſie theilen jetzt mit hr den Ueberfluß, den ſie beſitzt“ 3„Sind ſie jung?“ Ernſt wechſelte ein wenig die Farbe, antwortete aber ruhig: *„Die eine iſt ſechs⸗ die andere ſiebenundzwanzig Jahre alt:“ „Wie ſehen ſie aus?“ „Gutt⸗ war die lakniſch t „Du kennſt ſie?“ 6„Ja.„ 92 „Du haſt alſo Zutritt bei der Einſiedlerin?“ „Nein; ſie empfängt niemals Fremde.“ „Das wäre der Teufel. Und wenn man ſich bei ihr vorſtellen will, wie benimmt ſie ſich da?“ „Sie läßt durch einen Diener antworten, daß ſie keinen Beſuch annimmt, und nach einer ſolchen Abweiſung fühlt man ſich eben nicht geneigt, das Experiment zu erneuern.“ „Eine liebenswürdige Frau, bei meiner Ehre. Wie ſieht ſie aus?“ „Darüber kann ich Dir keinen Aufſchluß geben. Ich habe niemals ihr Geſicht ſo deutlich geſehen, un zu können, ob ſie ſchön oder häß⸗ ich iſt.“ „Und Du wohnſt ſchon über vier Jahre in ihrer Nähe? Wahrhaftig, das ſpricht zu großem Vor⸗ theil für Deine Ruhe und Deinen Mangel an Ein⸗ bildungskraft. Das Leben dieſer Frau hat etwas ſo Romantiſ daß ich nicht eine Woche hier leben könnte, ohne zü wiſſen, wie ſie ausſieht.“ „Obwohl Du mir den Sinn für das Roman⸗ tiſche abſprichſt, kann ich Dir doch verſichern, daß Frau von Saint Sue eine wirkliche Seelenpein für mich geweſen iſt. Seit vier Jahren wohnt ſie am Ufer, meinem Heimathſitze gerade gegenüber. Ich hatte ihre ſtolze, prachtvolle und doch ſo öde Be⸗ hauſung vor meinen Augen. Ganze Tage und oft tief in die Nacht hinein bin ich dageſeſſen und habe mir das ſäulengeſchmückte Gebäude auf dem gegen⸗ überliegenden Strande betrachtet und mich in Muth⸗ maßungen über die ſeltſame Beſitzerin erſchöpft. Stunden lang bin ich verſteckt in meinem Boote 93 gelegen und habe mir ſie angeſehen, wie ſie unbeweg⸗ lich, gleich einer Statue, auf der Klippe am Strande ausgeſtreckt lag; aber ich wagte niemals mich ſo weit in ihre Nähe, um die Geſichtszüge derſelben mir deutlich machen zu können. Daß ſie noch jung iſt, das weiß ich. Vier Jahre ſtand ſie wie ein Geſpenſt, wie ein Phantom vor meiner Einbildung, von dem ich nicht los werden konnte, von dem ich mir aber auch kein deutliches Bild zu entwerfen vermochte. All das Myſtiſche, das ſie umgibt, iſt geeignet, auf eine peinliche Weiſe die Phantaſie aufzuregen, und oft habe ich gewünſcht, daß Frau von Saint Sue und ihre ſchweigſame Burg weit entfernt von mir und meiner Wirkſamkeit wäre. Sie hat meine Aufmerkſamkeit und meine Gedanken viel zu ſehr in Anſpruch genommen.“ Ernſt ſchwieg. „Haſt Du verſucht, Zutritt bei ihr zu erlan⸗ gen?“ 8 „Auch das habe ich verſucht; ah ich wurde von dem Intendanten empfangen und erhielt den Beſcheid, daß Madame außer Berührung mit ihren Nachbarn bleiben wolle.“ „Das iſt ein verteufelt ſeltſames Menſchenkind,“ rief Alrik, indem er ſich ſchnell aufrichtete, und ſetzte dann in munterem Tone hinzu: „Willſt Du wetten, daß ich in drei Tagen dieſen Eremiten im Unterröckchen geſehen und mit ihm ge⸗ ſprochen habe?“ „Was würde eine ſolche Wette nützen? Ich weiß zum Voraus, daß ich ſie gewinne.“ „Biſt Du deſſen ſo gewiß?“ 94 „Vollkommen.“ „Nun wohl, Du kennſt meine Beharrlichkeit und weißt, daß, wenn ich Etwas will, ich es auch zu Stande bringe. Ich will nun einmal dieſe Frau ſehen, und in drei Tagen werde ich ſie geſehen und geſprochen haben.“ „Sehen kannſt Du ſie ſogleich, obwohl nur auf einen gewiſſen Abſtand,“ antwortete Ernſt und deutete mit der Hand auf eine vorſpringende Klippe, welche ſie vor ſich hatten. „Rudere gerade auf die Klippe zu,“ befahl Alrik. Der Knabe ſah ihn erſtaunt und mit offenem Munde an, indem er das Ruder ruhen ließ. „Alrik, was fällt Dir ein,“ jiel Ernſt ein. „Du ſollſt nach der Landſpitze dort zurudern, hörſt Du?— Nun, warum zögerſt Du?“ „Dorthin kann ich nicht rudern; das geht nicht.“ „Du ka nicht?“ „Rein. „So kann ich es,“ rief Alrik. Mit einem Griff war der Knabe von der Ruderbank hinweggeſchoben, im nächſten Augenblick der Rock abgeworfen, dann nahm er ſelbſt das Ruder zur Hand und das Boot ſteuerte gerade auf die Landſpitze zu. Der Punkt, auf welchen Alrik jetzt zuhielt, war eine hohe Klippe, welche beinahe ſenkrecht in das Waſſer abfiel und mehrere Klafter über daſſelbe emporragte. Die Spitze derſelben bildete eine ziem⸗ lich große Plattform. Der Berg ſenkte ſich terraſſen⸗ 1 förmig nach der Landſeite hin und war mit Laub⸗ 95 und Nadelholz bewachſen. Wenn man übrigens auch um den Fuß der Klippe herumruderte, konnte man die Geſichtszüge der Perſon, welche auf der Plattform lag, nicht unterſcheiden. . Während Alrik das kleine Fahrzeug ruderte, hielt er die Augen auf den Berg gerichtet, als ob er durch ſeine Willenskraft die Sehorgane zwingen wollte, jede Linie des Angeſichts, das dort ſich dar⸗ ſtellte, zu erforſchen. Auf der äußerſten Kante der Plattform, ſo nahe am Rande des Berges, daß ein Theil der Kleidung darüber herabfiel, lag eine Frauengeſtalt ausgeſtreckt. Die beinahe durchſichtigen, üppigen Falten des Ge⸗ wandes ließen ſie wie in einer Wolke erſcheinen, welche halb über dem Berge, halb über dem Waſ⸗ ſer ſchwebte. Es ließ ſich deutlich wahrnehmen, daß ſie ſich auf den einen Elnbogen ſtützte, und der Kopf auf der Hand ruhte. Sie war ſo unbeweglich, daß man verſucht fühlte, ſie für ein lebloſes Weſen zu alten. Die letzten Strahlen der Abendſonne fielen auf ihr Haupt, und Alrik, welcher jeden Nerv ſeiner Sehorgane anſtrengte, konnte bemerken, daß ſie das Auntlitz in die Höhe gerichtet hatte, und daß ihr Haar, von der Sonne übergoſſen, einem goldenen Heiligenſchein glich. „Die ſieht doch akkurat wie ein Geſpenſt aus,“ ſagte der Fiſcherknabe, welcher zuſammengekauert im Vordertheil des Bootes ſaß.„Da liegt ſie, um die Fiſche zu verſcheuchen, denn ſieh, ich habe ge⸗ 96 hört, daß ſie mit dem Böſen im Bunde ſteht; denn ſieh— „Schweig, Du Eſel,“ gebot Alrik und hemmte damit ſeinen Redefluß. Wiederum trat eine Stille ein, und beide, Alrik Plötzlich wandte Alrik das Boot und ruderte mit raſchen und kräftigen Schlägen von der Land⸗„ ſpitze hinweg, ſtand dann auf und ſagte zu dem Knaben: „Fahre nach Hauſe!“ Pettersnäs lag in einer Bucht des Sees(wo und welche, gehört nicht hieher), ſo daß man von dort aus das am jenſeitigen Ufer liegende Keine, aber hübſche Ekbaka ſehen konnte, und dorthin ſteuer⸗ ten unſere jungen Männer ihr Fahrzeug. Auf dem Heimweg wurde kein Wort gewechſelt. Als ſie ans Land geſtiegen waren und die Allee hinaufgingen, fragte Ernſt: „Nun, Alrik, wie gefiel Dir die Erſcheinung auf. dem Berge?“ „Sie gefiel mir ganz und gar nicht. Ich dachte unaufhörlich, ſie könnte in den See ſtürzen.“ „So habe ich ſie vier Jahre lang, halb ſchwe⸗ bend über dem Waſſer, liegen ſehen und mit einem eigenthümlich wunderbaren, faſt religöſen Gefühle das ſeltſame Bild betrachtet.“ „Und Du haſt nicht den Berg in die Luft ge⸗ ſprengt oder biſt mit Gewalt in ihre Burg einge⸗ drungen, um die Gewißheit zu gewinnen, ob dieſe Frau unglücklich iſt, oder zu erfahren, warum ſie — . und Ernſt, hefteten ihre Augen auf die weiße Ge⸗ ſtalt. 15 * 97 ſo abgeſchieden lebt. Ich könnte nicht eine Nacht ſchlafen, ohne ihr Angeſicht geſchaut und darin den Ausdruck der Empfindungen, von welchen ſie be⸗ herrſcht wird, geleſen zu haben.“ „Ich kann nicht mit Sturm ihr Geheimniß er⸗ obern. Mit Gewalt in daſſelbe eindringen wollen, wäre ein Unterfangen, das, gelinde ausgedrückt, den Namen der Unverſchämtheit verdiente. Uebrigens, glieber Alrik, wirſt Du wohl noch eine und mehrere Nächte ſchlafen müſſen, ehe Du ihr Angeſicht zu ſchauen bekommſt.“ „Wir wollen ſehen. Guſtav Waſa gelang es durch Muth und Willenskraft, aus der däniſchen Gefangenſchaft zu entfliehen und den Unterdrücker vom ſchwediſchen Boden zu verjagen und ſich ſelbſt zum König zu machen.— Napoleon I. wurde durch die Macht ſeines Willens Kaiſer von Frankreich — und ich ſollte mit meinem Willen es nicht da⸗ hin bringen, das Antlitz einer Frau zu ſehen, welche mtr gegenüber wohnt, welche ſich durchaus nicht ein⸗ geſchloſſen hält, ſondern ſich außerhalb ihres Terri⸗ toriums ſehen läßt?“ Die Sonne war im Weſten zur Ruhe gegangen, und die Sommernacht breitete ihren klaren Mantel über die Natur aus. Alles um Ekbaka herum war ſo ſtill, daß der kryſtallhelle Wetternſee zu lauſchen ſchien, was die am Ufer ſtehenden Felſen ſich zu er⸗ zählen hätten. Schwartz, Ein Opfer der Rache. I. 7 98 Es war ſo ſtill, daß man den Flug einer Mücke, das Fallen eines Blattes hören konnte. Nicht das leiſeſte Rauſchen in den Bäumen, nicht das ſchwächſte Plätſchern am Strande unterbrach das Schweigen. Es war, als ob der Schöpfer ſeine Hand ausge⸗ ſtreckt und Frieden und Ruhe geboten hätte. Plötzlich vernahm man das Geräuſch einer Thüre,„ welche auf⸗ und zugemacht wurde, und unmittelbar 8 hernach einen haſtigen und raſchen Schritt auf dem Sandwege, welcher von dem Wohnhauſe zu Ekbaka nach dem Strand führte. Fs war ein Menſchenkind, welches mit ſeiner Unruhe das Schweigen in der ſtillen Natur ſtörte. Gleich darauf glitt ein Boot vom Lande ab, und raſch auf einander folgende kräftige Ruderſchläge kräuſelten die im Monde ſilberglänzende Fläche. Das Boot ſteuerte direkt auf Wettersnäs zu. Als Alrik— venn er war es— ungefähr die Hälfte des Waſſerwegs zwiſchen den beiden Beſitzun⸗ gen zurückgelegt hattte, hielt er mit dem Rudern an und ſchaute nach der Bergſpitze aus. Im Mond⸗ ſchein bemerkte er ganz deutlich, daß die weiße Ge⸗ ſtalt noch dort lag. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſie auf dem Berge war, fuhr er mit verdoppelter Kraft wieder auf Wettersnäs zu, welches tiefer in der Bucht lag. An der Brücke daſelbſt band er ſein Boot an und ſchlug dann mit keckem Schritt den Weg nach der Spitze den Berg hinauf ein. Einen Fußſteig aufzufuchen, dazu nahm er ſich nicht Zeit, ſondern bahnte ſich ſeinen Weg durch Buſch und Strauch. 3 99 Nach halbſtündigem Klettern befand er ſich auf dem Theile des Berges, der mit einem kleinen Ge⸗ hölz bewachſen war und die eine Hälfte der Platt⸗ form ausmachte. Der Theil, welcher nach dem See hin lag, war augenſcheinlich ausgerodet worden und nur mit einem weichen Raſenteppich bekleidet. Alrik, welcher ſehr ſchnell gegangen war, blieb ſtehen, als er die Spitze des Berges erreicht hatte, und ſah ſich nach einer Heffnung unter den dicht ſtehenden Bäumen um, die Perſon zu entdecken, welche er ſuchte. Er fand in Kurzem, daß ein ſchmaler, ausge⸗ hauener Pfad nach dem freien Platze führte; aber noch gewahrte er die nicht, welche er zu finden wünſchte. „Sollte ſie den Berg verlaſſen haben?“ ſprach Alrik bei ſich ſelbſt. Mit dieſem Gedanken marſchirte er auf dem ſchmalen Pfade vorwärts und befand ſich bald am Ziele ſeines nächtlichen Ausflugs. Aber bei dem erſten Schritt auf den freien Platz hinaus blieb er ſtehen, um einen Augenblick die Erſcheinung zu be⸗ trachten, die er vor ſich ſah. Eine ſchlanke Frauengeſtalt lag völlig ausge⸗ ſtreckt auf dem weichen Mooſe; das Haupt ruhte gleichfalls auf demſelben; das Angeſicht ſchaute zum Himmel empor, die Arme waren über den Kopf geworfen und die Hände gefaltet. Es ſchien, als ob ſie nach einem angſtvollen Gebet in einem Augen⸗ blicke der Verzweiflung ſich rücklings niederge⸗ 7* 100 worfen und zugleich ihren letzten Seufzer ausge⸗ haucht hätte. Ob ſie noch lebte, war ſchwer zu entſcheiden, ſo todesbleich und unbeweglich ſah ſie aus. Eine Maſſe lichter, goldener Locken, lang und wirr, umwogte das ſtarre Antlitz mit dem an den Himmel gehefteten Blick, überfluthet von den bleichen Strahlen des Mondes. Von dem Punkte aus, wo Alrik ſtand' ließ ſich keine Bewegung der Bruſt entdecken, woraus zu er⸗ kennen geweſen wäre, daß ſie noch athmete; ſon⸗ dern ſie ſchien vollkommen leblos— und doch weilte auf dieſen todtenähnlichen Zügen ein Ausdruck von entzückender Demuth und unermeßlichem Kummer. Man konnte ſie nicht ſehen, ohne ſogleich zu begreifen, daß dieſes Herz von einem gräßlichen, unnennbaren Schmerz zermalmt worden war, und man fühlte ſich bei dem Anblick davon beinahe zu Thränen gerührt. Einen ſolchen Eindruck erfuhr auch Alrik. Er war hieher gekommen, verleitet von ſeiner Neu⸗ gierde, ſeiner Einbildung und ſeinem Verlangen, über Hinderniſſe zu ſiegen, und da ſtand er nun, ſtumm und unbeweglich beim Anblick dieſer noch jungen Frau. Eine Thräne drängte ſich ihm un⸗ willkürlich ins Auge, und völlig unbewußt mur⸗ melte er: „Du Arme! Unter welchem ſchrecklichen Schmerz iſt Dein Herz gebrochen!“ Mit dieſen Worten trat er, feſt überzeugt, daß ſie beſinnungslos ſei, weiter vor und beugte ſich zu ihr nieder. 1* 1* 101 Bei dieſer Bewegung fuhr ſie haſtig zuſammen und ſprang auf. Nun aber ſtand ſie ſo nah am Rande der Klippe, daß es nur einer leichten Locke⸗ rung des Raſenſtücks, worauf ſie ſtand, bedurfte, und ſie wäre rücklings in die Wogen des Wettern⸗ ſees geſtürzt. Arrik ſchauderte und war im Augenblick an ih⸗ rer Seite, legte kühn ſeinen Arm um ihren Leib und hob ſie mitten auf die Plattform herein. In demſelben Momente wich der Raſen und ſtürzte den Berg hinab in das Waſſer. 2 „Verzeihen Sie, daß ich Ihnen Schrecken ein“ jagte,“ ſprach Alrik mit etwas unſicherer Stimme. „Vergeben Sie mir auch meine Kühnheit, daß ich Sie ſo gegen Ihren Willen von einem Punkte auf einen andern verſetzte. Meine Entſchuldigung liegt in der Gefahr, worin ich Sie ſchweben ſah, wenn das Moosſtück ſich abgelöst hätte, während Sie noch auf dem Rande ſtanden. Meine Unbedachtſamkeit, mich hieher zu drängen, hätte Ihnen das Leben und mir meinen Seelenfrieden koſten können.“ „Der letztere wäre mehr werth geweſen, als das erſtere. Wer ſagt Ihnen, daß Sie damit nicht ein gutes Werk vollbracht hätten? Nicht alle Menſchen paſſen für das Leben,“ antwortete Frau von Saint Sue mit einer eigenthümlich tonloſen Stimme. Sie ſtrich ſich mit beiden Händen das Haar zu⸗ rück und ſetzte dann hinzu: „Was führte Sie hieher?“ „Ich könnte ſagen: mein Wunſch, von dieſer Höhe aus den Wetternſee zu überſehen; aber ich 102 lüge niemals, darum geſtehe ich aufrichtig, daß es meine Neugierde war.“ „Ach, mein Herr, Sie wollen eine arme, ein⸗ ſame Frau belauern?“ „Nicht belauern— ich wollte blos die Perſon ſehen, welche durch ihre abſonderliche Lebensweiſe die Aufmerkfamkeit der ganzen Gegend auf ſich zieht. Ich wollte dieſes myſtiſche Weſen ſchauen, das noch Niemand recht zu Geſicht bekommen hat. „Mein Herr, Sie verletzen, um nicht zu ſagen, Sie beleidigen mich.“ „Die Wahrheit— ſoll ſie denn ſtets verletzen? Wenn ich mein Hierſein durch irgend einen erdich⸗ teten Grund erklärt hätte, ſo wäre ich bei Ihnen entſchuldigt geweſen, nun aber, da ich Ihnen ehr⸗ lich die Wahrheit geſtehe, fühlen Sie ſich dadurch beleidigt. Glauben Sie mir, Madame, ich achte den Kummer, der in Ihrem Angeſicht zu leſen ſteht, und würde Sie niemals auf ſolche Art geſtört ha⸗ ben, wenn ich geahnt hätte, daß ich hier oben in Ihrer Miene den Ausdruck eines Schmerzes finden würde, welcher mir ſelbſt das Herz zuſammenpreßt.“ „Und nun, nachdem Sie in meinem Angeſicht geleſen haben, werden Sie mich verlaſſen, nicht wahr?“ ſagte ſie in beinahe bittendem Tone. „Ja, für heute Abend,“ antwortete Alrik und verbeugte ſich. „Wie, mein Herr?“ rief Frau von Saint Sue, indem ſie mit einer eigenthümlichen Bewegung von Unruhe und Stolz den Kopf zurückwarf. „Morgen werde ich mich erklären.“ „Morgen? Haben Sie nicht genug übér mich 12 103 gehört, um zu wiſſen, daß ich niemals Beſuche an⸗ nehme? Ihrer Neugierde, mich zu ſehen, haben Sie nunmehr Genüge geleiſtet; aber ich bitte Sie, er⸗ ſparen Sie mir die Unannehmlichkeit, Sie noch ein⸗ mal zu Geſicht zu bekommen. Ich müßte Ihnen dann die ungaſtliche Begegnung angedeihen laſſen, welche Jedermann erfährt, der ſich mir nähern will, nämlich Ihnen meine Thüre verſchließen.““ „Und ſollten Sie mich auch zwanzigmal abwei⸗ ſen, würde ich doch zum einundzwanzigſten Male wieder kommen; ja ich würde ſo lang wiederkehren bis Sie ſich gezwungen ſähen, mich einzulaſſen.“ „Ach! mein Herr, das wäre eine unedle Ver⸗ folgung gegen ein Weſen, das im Leben nichts mehr zu eigen hat als ſeine Einſamkeit. Nein, Sie kön⸗ nen einer fremden Perſon, die Sie niemals gekränkt hat, nicht ſo großes Leid anthun, daß Sie ihr das Einzige, was ihr werth iſt, ihre vollkommene Ab⸗ ſonderung von der übrigen Welt rauben.“ Frau von Saint Sue war bei dieſen Worten Alrik einen Schritt näher getreten und faltete mit einem Ausdruck der Angſt ihre Hände. „Warum ſollten Sie dieß thun?“ ſetzte ſie hinzu. „Weil Sie unglücklich ſind,“ entgegnete Alrik, indem er gleichfalls vorwärts trat, und fuhr mit Ernſt fort: „Sie meinen, Sie ſeien mir fremd; das iſt ein Irrthum. Es iſt hier Etwas“— er legte die Hand auf die Bruſt—„das mir ſagt, daß nicht blos der Zufall und meine Neugier mir die Idee eingab, Ihre Nähe aufzuſuchen, ſondern daß es eine Fügung des Schickſals war. Als ich Sie anſcheinend leblos 7 104 daliegen ſah, da dachte ich: ſollte dieſe unglückliche Frau nicht todt ſein, ſondern noch leben, ſo will und werde ich ihr Freund ſein. Sehen Sie, Ma⸗ dame, noch niemals bin ich einem Gelübde untreu geworden, das ich mir ſelbſt oder einem andern ab⸗ gelegt habe.“ „Ich will aber keinen Freund haben,“ ſagte Frau von Saint Sue düſter.„Ich habe das Gelübde gethan, niemals einen ſolchen beſitzen zu wollen. Die Einſamkeit iſt Alles, wornach ich trachte.“ „Aber ſie iſt ſtumm und hat keinen Troſt.“ „Eben darum paßt ſie für mich. Ich flehe Sie daher an, kehren Sie dahin zurück, woher Sie ge⸗ kommen ſind, und laſſen Sie mich in dieſem Winkel der Welt ungeſtört leben und ſterben.“ „Und bäten Sie mich auf Ihren Knieen, ich könnte Ihnen nicht willfahren.“ „Sie zwingen mich alſo, mein Herr, in meinem Zimmer eingeſchloſſen zu leben?“ „Ich werde Sie niemals außerhalb Ihres Hau⸗ ſes verfolgen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“ „Ich danke.“ „Geſtatten Sie mir jetzt, Sie den Berg hinab zu begleiten.“ Er bot ihr ſeinen Arm. Sie nahm ihn ſchwei⸗ gend an, aber bevor ſie die Plattform verließen, deutete Alrik mit der Hand über den See hinüber und ſagte: „Dort liegt meine Heimath, Ekbaka. Mein Name iſt Welwort.“ Frau von Saint Sue verneigte ſich ſchweigend, 1* 105 und ſie wanderten, ohne ein Wort weiter zu ſpre⸗ chen, den Berg hinab. Am Fuß deſſelben zog ſie ihren Arm aus dem ſeinigen. Alrik nahm den Hut ab und war im Begriff, 2 zu entfernen, als ſie in bekümmertem Tone agte: „Herr Welwort, wir ſcheiden doch für immer?“ „Madame, Alrik Welwort würde, ſo wenig er Sie auch kennt, doch ſein Leben aufopfern, um Ih⸗. ren Kummer zu mindern; aber er kann diejenige, welche unglücklich iſt, nicht ſich ſelbſt überlaſſen.“ „Seltſamer Menſch, der nicht begreifen will, daß Einſamkeit mein einziges Glück iſt.“ „Eines Tags, Madame, werden Sie mir viel⸗ leicht danken, daß ich Sie nicht begreifen wollte.“ Alrik verbeugte ſich und verſchwand unter den Bäumen. Als Alrik ſich wieder im Boot befand und ſich eine Strecke weit von Wettersnäs entfernt hatte, hörte er auf zu rudern und ließ das kleine Fahr⸗ zeug liegen und nach Belieben ſich ſchaukeln, wäh⸗ rend er in Gedanken folgenden Monolog hielt: „Seltſames Spiel des Schickſals, das mich hie⸗ her und dieſer Frau in den Weg führen mußte. Wie das Loben ſich auch geſtalten mag, ſo bin ich durch meinen Willen an ſie gefeſſelt. Ich habe ein⸗ mal zu mir ſelbſt geſagt: ich will ihr Freund wer⸗ den, ſie mit dem Leben und mit dem Schickſal ver⸗ ſöhnen— und ſollte ich bei dieſem Bemühen ſelbſt . 106 unglücklich werden, will ich doch in meinen Anſtren⸗ gungen nicht eher aufhören, als bis es mir gelun⸗ gen iſt.— Was lag in dieſem Angeſicht, das mich zwang, einen ſolchen Vorſatz zu faſſen?— Sie iſt nicht ſchön, ſie kann nicht einmal hübſch genannt werden; und dennoch, als ich ſie wie todt von ih⸗ rem innern Schmerz da liegen ſah, hätte ich mit meinem eigenen Leben ihr den Frieden erkaufen mö⸗ gen. Koſte es, was es will, ſo ſoll und muß dieſer Kummer aus ihrer Seele weichen, und Friede und Freude auf dieſes Angeſicht zurückkehren. Sie ſoll ſehen, was ein guter und felſenfeſter Wille vermag. Jetzt will ich wieder deſſen Macht erproben und ſehen, ob nicht er es iſt, der uns Gewalt über unſer eigenes und das Schickſal Anderer gibt;— ob mit dieſem und ſeinem Verſtand der Mann nicht ein höheres Weſen beſitzt und beſtimmt iſt, die Welt zu regieren und umzuſchaffen.“ „Mein eigenes Schickſal habe ich bisher durch einen ernſten und unerſchütterlichen Willen geſchaf⸗ fen; warum ſollte ich nicht auch, da die Beweggründe edel ſind, das Anderer ſchaffen können? Gott, der Alles ſo weiſe und ſo herrlich geordnet, hat es auch ſo eingerichtet, daß unſere Abſichten mißlingen, wenn wir etwas Unrechtes zum Gegenſtand unſeres Wil⸗ lens wählen, oder wenn unſer Glaube an ihn und ſeinen Beiſtand die Bemühungen unſeres Willens nicht unterſtützt. Darum friſchen Muth, ich habe Ja geſagt, und ich will und werde es durchſetzen.“ Er faßte die Ruder und fuhr in kurzer Friſt über den See nach Ekbaka. Mutter getheilt. 107 XVII. Am folgenden Morgen, als die beiden Brüder in dem kleinen Speiſezimmer zuſammentrafen und von einer älteren Frau mit gutmüthigen und mil⸗ den Geſichtszügen empfangen wurden, ſprang Alrik auf ſie zu, nahm ſie in ſeine Arme, hob ſie in die Höhe und tanzte mit ihr rings herum, indem er rief: „Guten Morgen, Du gute, liebe, koſtbare Tante. Siehſt Du, nun haſt Du mich wieder hier, nachdem ich ſo weit herumgeirrt bin, und jetzt werde ich Dir eine Kirche bauen, ſo ſchön, daß Du mit Freuden dahin gehen ſollſt.“ Er ſtellte ſie wieder auf den Boden und be⸗„ deckte die kleinen quabbeligen Hände mit Küſſen. „Willkommen in der Heimath, mein Herzens⸗ junge,“ ſprach die alte Frau lächelnd.„Du hätteſt Deines Vaters bejahrte Schweſter mit Deiner Um⸗ armung beinahe erſtickt. Aber, mein Himmel, was biſt Du in den zehn Jahren, da ich Dich nicht ge⸗ ſehen habe, für ein großer und ſtattlicher Junge ge⸗ worden.“ Mamſell Bertha Welwort, eine Schweſter von Alriks verſtorbenem Vater, hatte, ſeitdem ihre Schwä⸗ gerin Wittwe geworden, die kummervollen und frohen Stunden des Lebens mit ihr durchgemacht; nicht minder das kleine Kapital, das ihr Eigenthum war, gewiſſenhaft mit ihres Bruders Kindern und deren Als die letztere ſtarb, blieb ſie 108 bei dem jüngſten ihrer Neffen und beſorgte das kleine Hausweſen ſammt dem Gütchen. „Nun, nun, liebe Tante, ich bin auch kein heu⸗ riges Häschen mehr, ich habe meine fünfunddreißig Jahre, und da muß man wohl ein rechter Kerl ſein, wenn man jemals einer wird. Aber höre, Tante Bertha, wo biſt Du denn geſtern geſteckt, daß Du nicht daheim wareſt, als ich ankam?“ „Ei, mein Herzchen, ich wußte ja nicht, daß Du vor nächſter Woche kommen würdeſt, wie Du ge⸗ ſchrieben haſt; und deßhalb war ich auswärts.“ „Auswärts, ja, das iſt mir wohl bekannt, aber wo? Sieh', davon ſagſt Du RNichts. Merke Dir wohl, daß Du ein unmündiges Kind biſt, und daß ich als Familienhaupt das Recht habe, Dich zur Rede zu ſtellen.“ „Das lautet mir ſchön,“ antwortete die Tante lachend.„Nun, da werde ich Dir wohl erzählen dürfen, wo ich geſtern ſteckte.“ „Aber rede die Wahrheit, ſonſt..“ „So habe ich mich wohl vor Dir zu fürchten?“ erwiderte die Alte lachend, indem ſie Alrik auf die Schulter klopfte und ihm dann mit der Hand über die Stirne fuhr.„So höre, ich war den ganzen Tag bei dem Paſtor und half der Poſtorin, welche noch ein ganz junges Menſchenkind iſt, ein Drellge⸗ webe aufziehen. Des Nachmittags traf ich die lie⸗ ben artigen Fräulein Wolf. Nimm Dich in Acht vor ihnen, Alrik, das ſind ein paar ſehr ſchöne Mädchen und für das Herz eines jungen Mannes gefährlich. Frage nur Deinen Bruder.“ 109 Dabei lächelte Tante Bertha ganz ſchalkhaft, während ſie ſich anſchickte, den Kaffee einzuſchenken. „Alſo haſt Du Dich ſchon verliebt, Du Schelm, und dieß ohne meine Erlaubniß,“ rief Alrik und machte ſich mit einem ganz jugendlichen Appetit über das Frühſtück her. „Die Tante bildet ſich das nur ein,“ antwortete Ernſt ruhig.„Die Mamſells Wolf ſind ein paar ausgezeichnet ſchöne und liebenswürdige Mädchen, aber ich bin doch nicht gezwungen, mich in alle ſchö⸗ nen Mädchen zu verlieben.“ „Nein, Gott bewahre, das genügt bei einer ein⸗ zigen. Aber à propos der Fräulein Wolf, was iſt's mit dieſen. Mich dünkt, Du haſt ſie ſchon geſtern genannt, Ernſt?“ „Nun, mein Lieber, es ſind ja Kouſinen von der verrückten Frau von Saint Sue, welche auf Wet⸗ tersuäs wohnt,“ antwortete die Tante.„Ernſt hat Dir doch wohl von ihr erzählt, wie ich mir vor⸗ ſtelle?“ „Ein wenig,“ lautete Alriks lakoniſche Antwort, und der heitere Geſichtsausdruck verſchwand auf ei⸗ nen Augenblick. Es war, wie wenn ein Schatten über ſeine Miene zöge.„Wie habt ihr, Du und Ernſt, ſie kennen gelernt? Frau von Saint Sue hat ja mit Niemand Umgang.“ vom Stuhle auffuhr. Wie iſt es möglich, daß ein „Nein, das weiß Gott. Sie iſt ſo leutſcheu, daß ſie nicht einmal in die Kirche geht. Das Menſchen⸗ kind hat gewiß kein gutes Gewiſſen denn—“ „Das ſagſt Du, Tante,“ unterbrach ſie Alrik, indem er die Kaffeetaſſe von ſich wegſchob und 110 Menſch ſolche Schlüſſe zieht? Warum ſoll man in Allem etwas Schlechtes ſehen?“ „Ei ſieh' doch, da erzürnſt Du Dich über Deine alte Tante ſchon in den erſten Stunden, da wir bei⸗ ſammen ſind. Du biſt doch immer derſelbe Brauſe⸗ kopf, merke ich.“ „Deßwegen ein Brauſekopf, weil ich alle falſchen und ungerechten Schlüſſe, verabſcheue? Deßhalb ein Brauſekopf, weil ich nicht mit kaltem Blute anhören kann „Daß Deine Tante hier unter uns ausſpricht, was ſie denkt. Du weißt doch genugſam, daß ich davon ſchweige, wenn wir unter fremden Leuten ju. Setz' Dich deßhalb wiederum nieder und ſei ruhig.“ „Daß Du aber auch nur denkſt, Tante, es liege bei Frau von Saint Sue ihrer Abſonderung von der Welt ein Unrecht zu Grunde.“ „Was ich denke, thut ihr keinen Schaden, mein Junge. Aber laß' uns auf ihre Couſinen zurückkom⸗ men. Als Frau von Saint Sue ſich hier niederließ, ſchrieb ſie an den Paſtor und bat ihn, ſeine Gattin möchte ſich der Fräulein Wolf annehmen und ſie bei den Nachbarn vorſtellen, ſo daß dieſelben kein ſo eingezogenes Leben zu führen brauchten, wie ſie für ihre Perſon liebte. Zugleich ließ ſie den Pavillon⸗ bau, welcher ganz abgeſondert im Park ſteht, in Stand ſetzen, und dieſen bezogen die Mädchen, zu⸗ gleich mit einer ältern Frauenperſon, einer Franzöſin, welche ſie mitgebracht hatte, ſo daß dieſelben ein von jener faſt ganz geſchiedenes Leben führten. Die Fräulein Wolf haben Umgang in der ganzen Ge⸗ 6. M 111 gend, ſehen die Nachbarn bei ſich, und ihre Lebens⸗ weiſe gleicht der von andern Leuten. Sie beſuchen täglich Frau von Saint Sue, obwohl ihr Beiſammen⸗ ſein mit dieſer immerdar ſehr kurz ſein ſoll. Sie ihrerſeits läßt es den Mädchen an Nichts fehlen, ſondern umgibt ſie mit Allem, was ſie wünſchen und zu einem behaglichen und angenehmen Leben ge⸗ ört.“ Tante Bertha ſchwieg. Alrik rauchte ſeine Cigarre und trank ſeinen Kaffee. Ernſt ſtand am Fenſter und betrachtete das gegenüber liegende Gebäude auf Wettersnäs. Nach einer Pauſe nahm Tante Bertha wieder das Wort. „Ernſt und ich, wir wurden auf dieſe Weiſe durch des Paſtors Familie mit ihnen bekannt, und ſie ſind mehrmals hier geweſen, wie wir auch zu ihnen eingeladen wurden. Es ſind ein paar in jeder Beziehung liebenswürdige und dazu ſtattliche Mädchen.“ „Nun, und die Frau von Saint Sue, haſt Du dieſe niemals geſehen, Tante?“ „Ich kann weder ja noch nein ſagen, wie alle die andern Nachbarn. Ein paar Mal iſt ſie, wäh⸗ rend ich bei dem Paſtor war, an mir vorübergerit⸗ ten, aber ſo ſchnell, daß ich nicht zu erkennen ver⸗ mochte, wie ſie ausſieht; und oft habe ich ſie dort auf der Spitze des Vorgebirges liegen oder ſitzen ſehen, aber auf ſolcher Höhe, daß es ſelbſt nicht möglich war, nur ihre Geſichtszüge wahrzunehmen. Das Einzige, was ich weiß, iſt, daß ſie hellblondes Haar hat, und von den Fräulein Wolf habe ich ge⸗ 112 hört, daß ſie höchſtens ſechsundzwanzig bis ſieben⸗ undzwanzig Jahre alt iſt und ein vortheilhaftes Aeußere hat.“ Alrik erhob ſich vom Frühſtück. Ernſt ſchien in den Anblick der Wohnung von Frau von Saint Sue ſo ſehr vertieft, daß er weder hörte, noch auf Etwas Acht gab. „Du weißt doch, Tante, daß ich euch eine neue Kirche bauen ſoll,“ hob Alrik wieder an, indem er der Alten einen freundlichen Blick zuwarf.„Erin⸗ nerſt Du Dich noch, wie oft Du gewünſcht haſt, daß wir eine neue Kirche bekommen?“ „O ja, ich erinnere mich deſſen noch wohl; weißt Du, wem wir es eigentlich zu danken haben, daß wir nun eine ſolche erhalten?“ „Der Gemeinde, natürlich.“ „Liebes Kind, glaubſt Du, die Gemeinde vre ſich dazu hergegeben haben, noch in zehn Jahren die Mittel zu einem ſo koſtbaren Bau zu bewilligen? O nein, unſer vornehmſtes Gemeindeglied, der Graf***, behauptete ja, als die Frage zuerſt auf⸗ geworfen wurde, daß er keinen Mangel an unſerer alten Kirche fände, und als er ſolche Anſicht aus⸗ ſprach, da begreifſt Du wohl, daß die Andern der⸗ ſelben Meinung waren.“ „Das iſt klar. Nun, wie ging es weiter?“ „Ja, einige Zeit nachher erhielt der Paſtor Bot⸗ ſchaft von Frau von Saint Sue, daß ſie ihn zu ſprechen wünſche.. „Ja ſo, der Paſtor trifft mit ihr zuſammen.“ „Sonſt nicht öfter, als wenn ſie das Abendmahl empfangen will, oder auf Weihnachten und Johannis⸗ . 113 tag wo ſie ihm Geldgeſchenke für die Armen über⸗ gibt.“ „Nun weiter?“ „Wohl, Frau von Saint Sue erklärte alſo dem Paſtor, ſie habe ihm einen längſt überdachten Vor⸗ ſchlag zu machen, und dieſer gehe dahin, daß wenn die Gemeinde ein Viertheil der Koſten für den Bau einer neuen Kirche beiſteure, ſie ſich verbindlich ma⸗ chen wolle, die übrigen drei Viertheile der Foſten zu beſtreiten, jedoch unter der Bedingung, daß ſie ſelbſt den Riß zu dem Gebäude wählen dürfe, und daß es eine Kirche werde, welche den Namen von einem Tempel Gottes verdiene. Ueberdieß erbot ſie 3 ſich, zu dem Bau ſämmtlichen Marmor, der erfor⸗ derlich wäre, zu ſchenken, damit Alles in ſchönen Stand geſetzt würde. Du kannſt Dir leicht vorſtel⸗ len, daß ein ſolcher Vorſchlag ſogleich die Geneh⸗ migung der Gemeinde erhielt.“ „Und ich wurde bei meiner Ankunft in Schweden alsbald berufen, die neue Kirche in meiner Heimath zu erbauen.“ „Ja, der Paſtor, welcher, wie Du weißt, ſeit den Knabenjahren, da er ein älterer Kamerade von Euch war, Dir und Ernſt eine treue Freundſchaft bewahrte, hat bei Frau von Saint Sue Dich vorgeſchlagen. Ihre Antwort lautete:„Das paßt ja recht gut, daß der Sohn des frühern Kirchenhirten in ſeines Vaters Gemeinde dem Herrn einen neuen Tempel erbaut;— und däbei blieb es.“ 6 Alrit ging raſch einige Schritte auf und ab. Plötzlich rief er: 6 „Gottes Wege ſind wunderbar, aber friſchen Schwartz, Ein Opfer der Rache. I. S 114 Muth! Vorwärts, vorwärts geht meine Bahn, und ſollten alle Hinderniſſe der Welt ſich mir entgegen⸗ ſtellen, denn will man das Rechte, ſo geht man auch ſiegreich aus den Kämpfen des Lebens hervor. Nun, munterer Junge, woran denkſt Du?“ ſetzte er hinzu, indem er Ernſt auf die Schulter klopfte. Dieſer erröthete wie ein Mädchen und antwortete mit erzwungenem Lächeln: „Ich denke daran, daß ich wieder an's Meſſen Alrik runzelte die Stirne und ſagte in ungedul⸗ digem Ton: „Immer verſchloſſen und unwahr. Dieſe Ant⸗ wort iſt gewiß nicht aufrichtig geweſen.“ „Lieber Alrik, ich habe wohl das Recht, eine Antwort zu geben, wie ſie mir beliebt,“ entgegnete Ernſt mit mißvergnügter Miene, nahm ſeine Mütze und ging. „Warum ſoll er nur dieſe häßlichen Fehler ha⸗ ben?“ rief Alrik heftig.„Sie werden ihm wohl in das Grab folgen.“ „Siehſt Du, da biſt Du ſchon wieder der Brauſe⸗ kopf,“ ſagte Tante Bertha.„Von welchen häßlichen Fehlern ſprichſt Du, mein Junge? Ich meines Theils weiß eben nicht, daß Ernſt dergleichen hat.“ „Nicht! Und dieſe undurchdringliche Verſchloſ⸗ ſenheit, dieſe Unfähigkeit zu lieben und ſomit dem Freundeheden er liebt, ſein Herz zu öffnen: welchen Namen willſt Du dafür geben? Iſt es eins Tu⸗ gend, ſich ſelbſt dermaßen genug zu ſein, daß man niemals das Bedürfniß fühlt, den Bruder, den Freund in ſein Inneres blicken zu laſſen, ſondern, 11⁵5 wenn man fürchtet, daß er dieß gethan hat, ſogleich mit einer Nothlüge zur Hand zu ſein, um die Wahr⸗ heit zu verbergen? Ach! wie ſind doch die Menſchen ſo erbärmlich, und wie elend iſt es, daß man ſie lieben ſoll, ſo niedrig ſie auch ſein mögen.“ „Ei, ei, Alrik, Du machſt Dich jetzt Deines ge⸗ wöhnlichen Fehlers ſchuldig, nämlich unverträglich gegen Andere zu ſein.“ „Das heißt, ich habe alle möglichen Fehler, weil 6 eee und ehrlich ausſpreche, was ich enke.“ „Alrik, jetzt läſſeſt Du wieder Deine Eigenliebe und Deine Exaltation mit der Vernunft davon lau⸗ fen. Wenn Dir ein Fehler bei Andern anſtößig iſt, ſo frage Dich in Deinem Innern: bin ich wohl ſelbſt davon frei? Du wirſt dann nothwendiger Weiſe finden, wie zahlreich Deine eigenen Mängel ſind, und folglich Andere minder ſtreng beurtheilen. Ne⸗ ben Deinen ſtolzen und großen Tugenden ſind auch jederzeit gleich viele Gebrechen einhergegangen. Du biſt heftig, eigenliebig, unverträglich und ohne Macht über Deine aufbraufende Gemüthsart. Lege dieſe Fehler in die eine Wagſchale, und Deines Bruders Verſchloſſenheit, Zurückgezogenheit und Empfindlich⸗ keit in die andere, und ſieh dann, welche von beiden die ſchwerſte iſt.“ „Ach! Du koſtbare Tante Bertha, Du weißt im⸗ merdar den Nagel auf den Kopf zu treffen.“ 7 — 116 XVIII. Es war gegen ſechs Uhr Abends, als ein junger Mann langſamen und ſehr ruhigen Schrittes von der Gartenbrücke zu Wettersnäs durch den in ſeinem vollen Blumenſchmuck prangenden Garten auf das Wohnhaus zuwanderte. Die Fagade des Hauſes zeigte einen auf Mar⸗ morpfeilern ruhenden Balkon. Derſelbe zog ſich den Fenſtern des obern Stockwerks entlang. Den Aufgang zum Hauſe bildete eine breite Marmortreppe, welche zwiſchen den beiden mittlern Pfeilern anſtieg und zu einer unter dem Balkon angebrachten Veranda führte. Von dieſer gelangte man in das Erdgeſchoß, deſ⸗ ſen erſtes Zimmer einen großen, halbkreisförmigen Solon darſtellte. Seine Wände beſtanden aus po⸗ lirtem Marmor, die Möbel zeugten von ausgeſuchtem Geſchmack und entſprechender Pracht. Die Glasthüren, welche auf die Veranda gingen, ſtanden offen und führten die balſamiſchen Blumen⸗ düfte dieſer Wohnung des Luxus zu. Im Garten und in der Nähe des Hauſes war kein lebendes Weſen zu ſehen, und Alrik ſtieg mit erſtaunlicher Sicherheit die breiten Stufen hinauf und trat in den Salon, wo er Frau von Saint Sue, halb ſitzend, halb liegend in einem Fauteuil ausge⸗ ſtreckt fand. Ehe wir weiter gehen, wollen wir mit einigen Worten die äußere Erſcheinung unſeres Helden ſchildern. 117 Alrik war hochgewachſen und ſchlank, und hatte in der Art und Weiſe, ſeinen Körper zu tragen, bald etwas Stolzes, bald etwas Nachläſſiges. Das Haupt war kühn in die Höhe gerichtet, und es lag in dieſer Haltung etwas Gebieteriſches. Die ge⸗ bogene Naſe, der dichte, hellblonde Bart, der große, mit geſunden Zähnen beſetzte Mund, das lichtbraune Haar gaben ſeinem ganzen Ausſehen das Gepräge nordiſcher Männlichkeit. Auf das Prädikat ſchön konnte er durchaus kei⸗ nen Anſpruch machen; aber deſſen ungeachtet brachte dieſes energiſche Angeſicht durch jenes Gepräge von Manneskraft einen gewiſſen Eindruck hervor. Es waren auch nicht die Züge ſelbſt, welche die Auf⸗ Kerkſamkeit feſſelten, denn ſie beſaßen Nichts von jener Regelmäßigkeit, welche das Auge gewöhnlich frappirt, ſondern es war der Charakter der Ent⸗ ſchloſſenheit, welcher denſelben zukam. Als er in den Salon trat und Frau von Saint Sue erblickte, blieb er einen Augenblick ſtehen und betrachtete dieſelbe; auch ſie blieb ein paar Sekun⸗ den unbeweglich und heftete die Augen auf den Ein⸗ tretenden. Sicherlich, mein lieber Lehrer, denkſt Du Dir dieſe einſame Frau als eine düſtere Figur, mit Au⸗ gen ſo dunkel und finſter wie der Herbſthimmel, und ſo ſchwarz gekleidet, wie die Nacht. Aber Du haſt Gabriella von Saint Sue war eine kleine Elfin von ſchlankem, jugendlichem Wuchs, und einer Ge⸗ ſichtsfarbe, ſo weiß und fein, daß ſie mit dem Ala⸗ baſter wetteiferte; dazu kamen eine hohe Stirne und 118 ein Paar lichte Augen, deten Farbe dem Vergiß⸗ meinnicht entlehnt zu ſein chien. Der Ausdruck derſelben war das, was eigentlich einen dunkeln Schatten über dieſes von Ratur ſo helle Antlitz ver⸗ breitete. Es lag in ihnen nicht jene Düſterheit, welche erſchreckt, ſondern kin Anflug von ſo tiefem Kummer, daß man glaubte, er habe die Thränen⸗ quellen ausgetrocknet, und es ſei im Hintergrunde dieſes ſorgenvollen und milden Himmels wahrzuneh⸗ men, wie das Herz Blut weine. Die unregelmäßig geformte Naſe, der kleine, harte und ſchmerzlich geſchloſſene Mund, das feine Oval und die durchſichtige Bläſſe gaben dem ganzen We⸗ ſen etwas demüthig Leidendes, was den Gedanken an Unſchuld und Unglück nahe legte. Frau von Saint Sue hatte üppiges, goldgelbes Haar, welches in langen und natürlichen Locken Stirne, Hals und Schultern ohne allen Zwang umwogte. Sie war mit einem einfachen, ſchneeweißen Muſſelin⸗ gewand bekleidet, welches um den ſchlanken Leib durch einen Gürtel zuſammengehalten wurde. Es war weder eine Schleife noch irgend eine Verzierung zu ſehen, welche dem einfachen Anzug Etwas von mo⸗ derner Zierlichkeit verliehen hätte. Ihr einziger Putz beſtand in der vollkommenen, ſchneeigen Weiße. Nach Verfluß einiger Sekunden erhob ſich Ga⸗ briella und ſagte zu Alrik, welcher inzwiſchen näher getreten war: „Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Herr Welwort. Ich erwartete Sie.“ Alrik ließ ſich in einem Fauteuil nieder. Er war ſehr bleich geworden. Es verurſachte ihm wirk⸗ —— 119 lichen Schmerz, dieſes ſo hoffnungslos bekümmerte und doch ſo milde Antlitz zu betrachten. „Sie erwarteten mich?“ erwiederte Alrik. „Ja!“ „Ich vermuthete dagegen, Sie hätten Ihrer Die⸗ nerſchaft Befehl gegeben, mich als einen Menſchen, welcher ſich gegen Ihren Willen bei Ihnen eindrän⸗ gen wollte, abzuweiſen.“ „Und wozu würde das gedient haben? Nur um möglicher Weiſe meine Diener davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Sie ſich vorgenommen hatten, meine Einſamkeit zu ſtören. Sie hätten ſich früher oder ſpäter doch einen Weg zu mir gebahnt, darum habe ich jetzt, wie immerdar, wenn mir etwas Unangeneh⸗ mes widerfährt, mich ganz widerſtandslos darein er⸗ geben. Ich habe mich oft darüber verwundert, daß das Schickſal mich gatze vier Jahre die Zurückge⸗ zogenheit, die mir theuer iſt, genießen ließ. Sie haben mich mit Gewalt aus derſelben geriſſen, und ich beuge mich abermals unter dieſes Unglück, in⸗ dem ich Sie blos frage, was Sie von einer Frau begehren können, welche Ihr Hierſein oder Ihre An⸗ näherung niemals anders, denn als ein neues Leiden betrachten kann, das ſich zu denen geſellt, die bereits über ſie ergangen ſind.“ „Ach, gnädige Frau, Sie ſetzen durch Ihre Worte meinen Bemühungen, mich Ihnen zu nähern, einen ſchwerern Widerſtand, als ich berechnet hatte, ent⸗ gegen. Sie ſagen, meine Anweſenheit ſei für Sie ein Unglück, eine Plage, und darin liegt eine ſo ge⸗ fährliche und niederſchlagende Waffe, daß Sie mich faſt der Hoffnung beraubt hätten, in Ihre Nähe ge⸗ 120 langen zu können, wenn mein Glaube an einen Er⸗ folg minder feſt begründet wäre, als er in Wirklich⸗ keit iſt.“ „Sie irren ſich. Meine Worte ſchließen weder Widerſtand, noch Waffe in ſich; ſie enthalten blos Wahrheit;— ich kämpfe niemals gegen das Schick⸗ ſal an. Mein erſter Blick auf Sie ſagte mir, daß jeder Streit von meiner Seite fruchtlos wäre. Sie beſitzen, was mir abgeht: Spannkraft der Seele, Ausdauer, Kühnheit und einen energiſchen Willen. Aber mein Herr, betrachten Sie das Bild hier.“— Sie deutete auf eine Marmorſtatue.—„Auch hier ſtoßen Sie auf keinen Widerſtand, im Fall Sie dar⸗ auf zutreten wollen, und dennoch werden Sie ver⸗ geblich Leben darin zu finden ſuchen. So verhält es ſich auch mit mir. Ich kann nicht hindern, daß Sie ſich in meins Wohnung drängen, daß Sie mir Ihre Theilnahme, Ihre Freundſchaft aufzwingen; aber es wird Ihnen niemals gelingen, mein Inte⸗ reſſe für Ihre Bemühung, mich zu zerſtreuen, oder für Ihre Freundſchaft und Theilnahme zu wecken. Ich bitte Sie nicht mehr, damit aufzuhören, denn ich weiß, daß ich vergeblich bitten würde; aber ernſt⸗ lich und beſtimmt erkläre ich Ihnen, daß Sie nie⸗ mals mein Freund werden können oder ſollen, daß Sie es niemals dahin bringen, meinen Kummer zu mildern.“ Bei dieſen Worten ſtrich ſie mit einer eigen⸗ thümlich rührenden Bewegung ihre Locken von der Stirne zurück. „Sie ſagen, daß ich es niemals dahin bringen werde, mir Ihre Freundſchaft zu gewinnen?“ 121 „Nein.“ „Niemals Ihren Kummer zu mildern?“ „Gewiß nicht.“ „Sie ſind eine Frau und ſehen ſomit ein, wie viel Kränkendes und Verletzendes in Ihren Worten liegt. Sie haben mit dem gewöhnlichen feinen Inſtinkt ihres Geſchlechts dieſelben ſo gewählt, daß mein Stolz mich eigentlich zwingen ſollte, Sie auf der Stelle zu verlaſſen.“ „Sie ſind abermals im Irrthum; ich habe meine Worte nicht gewählt und ebenſo wenig daran gedacht, ob dieſelben verletzen können, oder nicht. Ich habe nur ausgeſprochen, was meine Uebberzeugung iſt.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo gewinnen ſie nur eine größere Macht, wehe zu thun, und dennoch, gnädige Frau, obwohl Sie mir Schmerz verurſacht haben, wird der Tag kommen, wo ich mich ſtolz darauf fühlen darf, daß ich mich nicht durch meine verwundete Ei⸗ genliebe beſtimmen ließ, von dem Vorſatz, Ihr Freund zu werden, wieder abzuſtehen. Geſtatten Sie deßhalb, daß ich mich jetzt erkläre. Ich ſuche nicht Ihre Freundſchaft, ich begehre von Ihnen weder Zu⸗ neigung noch Dankbarkeit, noch einen Gedanken von Intereſſe. Ich will gar Nichts von Ihnen haben, als möglichen Falls Ihre Achtung; und ſelbſt dieſe ſollen Sie mir nicht zu ſchenken brauchen.— Ja, es ſoll ohne allen Einfluß auf meine Handlungen ſein, wenn Sie mich ſogar haſſen und verabſcheuen; denn ich will für meine Perſon nichts Anderes gewinnen, als die Befriedigung, einſt, wenn ich auf immer von Ihnen ſcheide, ſagen zu können:„es iſt mir ge⸗ 122 lungen, dieſe Frau einem Kummer zu entreißen, der ſie verzehrte, und ſie zu lehren, daß das Leben für jeden Sterblichen Sonnenſchein, Freude und reinen Genuß birgt.“ „Mein Herz wird deſto ſtolzer ſchlagen, wenn Sie zur Vergeltung Ihren Abſcheu auf mich werfen. Dann habe ich ohne eigenes Intereſſe gehandelt und finde den größten Lohn darin, daß ich für mich ſelbſt Nichts gewonnen habe. Darum wünſche ich, gnädige Frau, daß Sie mich, wenn ich meinen Beſuch mache, empfangen und mit mir ſprechen, gleichviel worüber. Ich werde niemals mich in Ihren Kummer ein⸗ drängen; ich brauche ihn nicht zu kennen;— und wenn Sie nach einem dreimonatlichen, ſolchergeſtalt mit mir gepflogenen Umgang Ihre frühere abge⸗ ſchiedene Lebensweiſe fortzuſetzen wünſchen, ſo werde ich mich auf der Stelle zurückziehen, und Sie werden mich niemals wiederſehen. Ich bitte Sie, auf die⸗ ſen Vorſchlag einzugehen. Was riskiren Sie dabei? Drei Monate Zwang, das iſt Alles; dann find Sie meiner los.“ Gabriella hatte, während er alſo redete, ihre Augen feſt auf ihn geheftet. Als er zu Ende war, ſagte ſie: „Ich habe Ihnen ja ſchon bemerkt, Herr Wel⸗ wort, daß ich mich unter den Willen des Schickſals beuge. Ich bin allzu paſſiv, um Ihnen Widerſtand leiſten zu können; es möge darum geſchehen, wie Sie wünſchen,— aber wenn die drei Monate vor⸗ über ſind?—“ „Dann werden Sie von meinem Beſuch befreit. wenn Sie es ſo wünſchen. 123 Gabriella reichte ihm mit einem wehmüthigen Lächeln die Hand. „Ich danke Ihnen.“ „Aber ſagen Sie mir, gnädige Frau,“ begann Alrik wieber,„finden Sie es recht, ſich ſo ohne Widerſtand vom Schickſal überwinden zu laſſen? So zum Beiſpiel fügen Sie ſich jetzt ohne Gegen⸗ wehr meinem Wunſche. Glauben Sie mir, Sie thä⸗ ten beſſer daran, wenn Sie gegen das, was Ihnen Pein verurſacht, ankämpften und ſich davon loszu⸗ machen ſuchten. Unter dem Kampfe mit dem Unan⸗ genehmen würden Sie Ihren Kummer vergeſſen und in dem Streite mit dem Unglück und Leiden ſelbſt ein Heilmittel gegen den Schmerz finden, welchem Sie ſich jetzt ſo unaufhaltſam überlaſſen. Das iſt an dem Menſchen eben groß, wenn er im Ringen mit dem Kummer nicht untergeht, und Schwäche iſt es, aus Muthloſigkeit und Verzweiflung ſich geſchla⸗ gen zu geben. Kein Verluſt iſt ſo groß, daß wir ihn nicht ertragen könnten. „Verluſt!“ wiederholte Gabriella.„O doch, es gibt einen Verluſt, den wir nicht ertragen können, nämlich den Verluſt unſeres Friedens. Zu jedem Streit bedarf es der Kraft, und da wo es an dieſer mangelt— da macht man es, wie ich.“ „Wo der Wille ſich findet, gnädige Frau, da fin⸗ det ſich auch die Kraft. Bei Ihnen mindeſtens fehlt es nicht an der Kraft, ſondern nur an dem Willen.“ „Ach, mein Herr, was wiſſen Sie von meinem Innern, welche Elemente darin leben oder todt ſind?“ Eine höhere Farbe trat auf Gabriella's Wangen, als ſie im Ton des Unmuths dieſe Worte ausſprach. 124 „Ich bin heute, gnädige Frau, ſchon weit genug gekommen,“ antwortete Alrik mit innigem Blick,“ denn es iſt mir gelungen, einen Funken von Zorn hervor⸗ zurufen, der gewiß ſchon ſeit mehreren Jahren für Sie etwas Fremdes geweſen iſt. Zufrieden mit dieſem kleinen Siege will ich Sie jetzt nicht länger durch meine Gegenwart ermüden und beläſtigen.“ Alrik ſtand auf und nahm Abſchied. Gabriella blieb ſitzen und ſchaute ihm nach. Sie ſah, wie er in das Boot ſprang und vom Lande abſtieß. Eine Weile verhielt ſie ſich vollkommen unbeweg⸗ lich, als auf einmal die Stille um ſie her durch eine klare, männliche und wehmüthige Stimme, welche ein Alpenlied ſang, unterbrochen wurde. Der Geſang kam von dem See her. Bei dem Laute der erſten Töne ethob ſich Ga⸗ briella haſtig. Ein Purpurſchimmer flog über ihr Angeſicht, und mit einem ſchmerzlichen Ausdruck in jedem Zuge flüſterte ſie: „Wieder dieſes Lied— wieder dieſe Stimme, um die Wunde in meinem Herzen aufzureißen.“ Sie trat, wie von einer unſichtbaren Macht ge⸗ zwungen, auf die Veranda, wo ſie ſtehen blieb, um auf die ebenſo klaren als ſehnſuchtsvollen Töne zu horchen. Der Sänger ließ ein paar Verſe hören, dann ſchwieg er. Gabriella beharrte in derſelben unbe⸗ weglichen Stellung. Einige Augenblicke ſpäter ließ ſich ein anderes, nur noch wehmüthigeres Alpenlied vernehmen. Es war, als ob der Sänger ſich in das Herz derjenigen, 125 welche ihm zuhörte, drängen wollte, Etwas das ihm auch wirklich gelang, denn Thränen rannen nach einander über G a's Wangen herab, und ſie empfand bei jedem Ton eine unnennbare Qual, wel⸗ cher ſie zu entfliehen wünſchte und dennoch ſich zu unterwerfen genöthigt war. Gabriella war nicht die einzige Perſon, welche dem Geſang zuhörte. Alrik ließ, nachdem er ſich eine Strecke weit von Wettersnäs entfernt hatte, vom Rudern ab, ſobald er die erſten Laute des Sängers, welche aus einem unbekannten Winkel zu kommen ſchienen, ver⸗ nahm. Als das erſte Lied geſchloſſen war, mur⸗ melte er: „Ernſt!— das iſt Ernſt;— aber für wen ſingt er, und wo iſt er?“ Alrik ſah forſchend rings herum, vermochte aber ſeinen Bruder nicht zu entdecken. Jetzt begann das andere Lied: Schweizers Heimweh. „Er iſt dort am Berge,“ ſprach Alrik bei ſich ſelbſt und ruderte vorſichtig nach dem Fuße deſſelben hin, während ſeine Gedanken folgenden Verlauf nahmen. „Für wen ſingt er?— iſt es für ſie?— Und wäre dem ſo, warum gerade dieſe klagende Melodie wählen, welche unwillkürlich ihren Kummer nähren muß? Iſt es ſein eigenes Herz, welches dieſelbe 8 wählt, daun. 4 Er hörte auf zu rudern und ſetzte hinzu: Vein, ich muß zurück, um zu ſehen, welche Wir⸗ kung der Geſang hervorbringt, ob er ihren Schmerz erhöht oder ℳ 4 126 Während Alrik das Boot wendet, wollen wir einen Beſuch in dem Pavillon von Wettersnäs ab⸗ ſtatten, welcher, ſeitdem er i die Fräulein Wolf eingerichtet worden war, von ihnen den Namen Klein⸗ Wettersnäs erhalten hatte. Klein⸗Wettersnäs lag auf einer Anhöhe mitten im Park, und man ſah durch einen Aushau den Wettern⸗ ſee in der Ferne ſchimmern. Es hatte in Folge ſei⸗ ner Lage auf einer Anhöhe etwas Eigenthümliches, Freies und Heiteres, das durch die lachenden Blu⸗ menbeete mit ihren Springbrunnen noch beträchtlich erhöht wurde. In dem geſchmackvollen, blumengeſchmückten Sa⸗ lon ſaßen zwei junge Damen. Es waren die Fräulein Wolf. Die ältere, Clara, war jetzt ſiebenundzwanzig Jahre alt, hoch und gut gewachſen, mit hellkaſtanienbrau⸗ nem Haar, erhabener und ungewöhnlich breiter Stirne, ein paar lebhaften, obwohl nicht ſehr großen blauen Augen, gerader Naſe, kleinem Munde, ſo friſch wie die Geſundheit ſelbſt, im Uebrigen mit ſonnenwar⸗ mem, freudeſtrahlendem Ausdruck in ihrem beweg⸗ lichen Angeſichte. Sie war jugendlich⸗, und wenn man ſo ſagen darf, herzensſchön. Ein reiches und gutes Herz leuchtete aus jedem ihrer Züge hervor, ob ſie nun in muthwilliger Munterkeit lachte oder ernſthaft redete. Das letztere geſchah indeſſen höchſt ſelten. Ihre Bewegungen waren haſtig, voll Leben und Anmuth. Sie tanzte mehr, als ſie ging, und einige Augenblicke Stillſchweigens kamen dieſem leb⸗ haften und rührigen Weſen wie Zwang vor. 127 Die um ein Jahr jüngere Schweſter Alfhild bil⸗ dete, was das Aeußere betraf, den Gegenſatz zu Clara. Sie war auch hoch gewachſen, wie ihre Schweſter, aber von junoniſcher Geſtalt, mit glän⸗ zendem, rabenſchwarzem Haar, deſſen reiche Flechten dem Haupte zu einem wahrhaften Schmuck gereich⸗ ten. Die Stirne war von eigenthümlicher rund⸗ erhabener Form; ein Paar kühne, ſchwarze Brauen zogen ſich bogenförmig über ein Paar großen, ſam⸗ metbraunen Augen hin, welche von langen ſchwarzen Wimpern befranzt waren. Eine gerade Naſe gab dem Profil Etwas von dem griechiſchen Typus. Der Mund, mit den ſchwellenden hochrothen Lippen und den blendend weißen Zähnen, hatte einen Ausdruck von Stolz und Leidenſchaft, welchem die Gluth, die zuweilen in dem Blicke lag, durchaus nicht wider⸗ ſprach. Aber über ihr ganzes Weſen war eine ge⸗ wiſſe kalte Würde verbreitet, welche zur Folge hatte, daß man im Allgemeinen das Vorhandenſein lebhaf⸗ ter oder heftiger Gefühle bei ihr bezweifelte; ein Urtheil, zu deſſen Zurücknahme man ſich jedoch ver⸗ ſucht fühlte, wenn ſie lächelte, oder wenn men in die großen, warmen Augen ſchaute, welche von Allem, nur nicht von Kälte redeten. Clara glich dem lächelnden, ſonnenhellen Som⸗ Alfhild der dunkeln, glühenden Auguſt⸗ nacht. Wir finden Clara etwas ungezwungen in einem Fauteuil ausgeſtreckt, in ein hellfarbiges Muſſelin⸗ gewand gekleidet und damit beſchäftigt, aus den Blu⸗ welche ſie rings um ſich herum geſtreut hatte, ein Bouquet zu binden. 126 Alfhild, welche auf einem Sopha ſaß, ſchien in vollem Ernſt mit allen ihren Gedanken durch eine Stickerei, an welcher ſie arbeitete, in Anſpruch ge⸗ nommen. Sie trug ein ſchwarzſeidenes Kleid mit einer hochrothen Bruſtſchleife. „Kein Menſch auf der ganzen Erde wird behaup⸗ ten können, liebe Alfhild, daß Du eine gute Geſell⸗ ſchafterin ſeieſt. Nein, Du biſt gewiß das lang⸗ weiligſte Weſen von der Welt. Ich habe es nun eine ganze Stunde darauf angelegt, ein einziges Wort von Dir herauszubringen, aber vergebens. Du ſtickeſt und wirſt ſticken und eins, zwei, drei, vier zählen, und das kommt Dir intereſſant vor. Alfhild ſah von ihrer Stickerei auf und ſagte: „Ich war in Gedanken und darum bin ich ſo ſtill dageſeſſen.“ „Wenn ich denke, ſo geſchieht es allzeit laut,“ erwiederte Clara löchelnd. „Kannſt Du erklären, woher der Geſang kommt, den wir ſchon einige Mal gehört haben, wenn wir bei Gabriella waren, und der auf ſie einen ſo er⸗ greifenden Eindruck hervorbrachte?“ „War es das, worüber Du nachdachteſt?“ fragte Clara, ihre Schweſter mit ſchelmiſchem Blicke an⸗ ſehend. „Ja,“ antwortete Alfhild, legte ihre Stickerei nieder und heftete, das wirklich ſchöne Haupt auf die Hand ſtützend, ihre Augen auf die Schweſter. „Es liegt etwas Geheimnißvolles in Allem, was Gabriella umgibt, und dieß wirkt peinlich auf die Phantaſie ein. Die Töne jenes unſichtbaren Sängers wiederhallen unaufhörlich in meinen Ohren, obwohl 129 ich ſie nur ein paar Mal gehört habe. Sag'— doch aufrichtig, Clara, was hältſt Du von Gabriella und ihrer abſonderlichen Lebensweiſe, ſammt dem heimlichen Geſang des Abends? Es kommt mir vor, als ob auf Gabriella's verfloſſenem Leben irgend ein begangener Frevel laſtete und der un⸗ ſichtbare Sänger damit im Zuſammenhang ſtände.“ Clara erhob ſich raſch und war im Augenblick an Alfhilds Seite. Der lächelnde, fröhliche Aus⸗ druck war verſchwunden, und ein tiefer Ernſt weilte auf ihren Zügen, als ſie zur Antwort gab:* „Nein, Alfhild, auf Gabriella's unſchuldiger und ſchneeweißer Stirne laſtet kein Frevel, aus ihrem kindlich⸗frommen Blick ſpricht kein Verbrechen, ſon⸗ dern einfach ein unermeßlicher Kummer. Mir ſcheint, ihre Züge erzählen von einem ſtillen, bittern und und unverdienten Leiden.“ „Nun, und der Sänger?“ „Iſt ihr ebenſo fremd, wie uns, wiewohl ſeine Lieder eine ſchmerzliche Erinnerung bei ihr hervor⸗ rufen.“ „Möglich, daß Du Recht haſt, obgleich ich Deine Gedanken nicht theile; denn Gabriella's ganzes Le⸗ ben gleicht dem eines Menſchen, welchem die Ge⸗ wiſſensruhe fehlt, und der in ſeinem Innern keinen rieden hat.“ Mit dieſen Worten erhob ſich Alfhild, indem ſie hinzuſetzte: „Wir werden nun wohl unſern Beſuch bei ihr machen müſſen. Weißt Du, Clara, daß ich es mehr als zufrieden wäre, wenn ich ihr bekümmertes und troſtloſes Antlitz nicht mehr ſehen dürfte?“ Schwartz, Ein Opfer der Rache L. 9 130 „Wie ſonderbar! Du biſt von viel minder leb⸗ hafter und heiterer Gemüthsart, als ich, und findeſt dieß peinlich. Ich dagegen fühle mich mit einer unwiderſtehlichen Kraft zu Gabriella hingezogen. Ich möchte ſo gern mich ihr nähern.“ „Aber Du haſt die Unmöglichkeit davon wohl eingeſehen. Sie weiß durch ihr Benehmen Jeder⸗ mann in gehöriger Entfernung zu halten.“ Es lag ein Anflug von Bitterkeit in Alfhilds Ton. „Wie Du doch ſprichſt! Wer kann weniger als ſie Einen ſeine Abhängigkeit fühlen laſſen; wie viel verſchwendet ſie nicht an uns; wie ſucht ſie nicht alle unſere Wünſche zu erfüllen!“ „Das iſt wahr; aber ſie thut es, als ob ſie dächte: ihr ſollt Alles haben, was ihr wollt, da ich einmal mich mit euch herumzuſchleppen gezwungen bin, wenn ich euch nur nicht mehr zu ſehen brauche.“ „Nun biſt Du ſehr hart in Deinem Urtheile. Frinnerſt Du Dich noch ihrer Worte gegen uns, als ſie nach Papa's Tod uns eine Heimath bei ſich an⸗ bot. Alles, was ich beſitze, ſagte ſie, will ich mit euch theilen. Das Einzige, deſſen ich euch berauben muß, iſt meine eigene Perſon. Ich bin ein Weſen, das der Kummer zu ſeinem Eigenthum erkoren hat, und darum müßt ihr mir vergeben, wenn ich ein⸗ ſam mit meinem Schmerze, abgeſondert von euch und andern, lebe.“ „Biſt Du fertig, ſo wollen wir gehen,“ ſagte Alfhild abbrechend und nahm ihren Schäferhut, den ſie vor dem Spiegel aufſetzte. Darauf wandte ſie ſich zu Elara mit den Worten: 131 „Das kann ich wirklich nicht ſagen, denn ich habe niemals daran gedacht.“ „So denke daran, wenn Du ſie heute Nachmit⸗ tag ſiehſt.“ 2 „In meinen Augen gibt es Niemand, der ſo 3 ſchön iſt, wie„ Clara ſetzte ihren Hut auf, nahm das inzwiſchen fertig gewordene Bouquet und tanzte die Treppe hinab, indem ſie trillerte: „Ach, Betty, von deinem Augenpaar Eine tödtliche Wunde mir kam u. ſ. w. „Wie wer?“ fragte Alfhild lächelnd und folgte ihr. Clara wandte ſich um, ſah ſie ſchelmiſch an und fragte: „Weißt Du wirklich nicht, wer es iſt?“ „Nein, ſag' es doch;“ bat Alfhild, indem ſie ihren Arm um Clara's Hals legte und ihr mit innigem Blick in die Augen ſah. „Wie Du,“ flüſterte Clara und küßte die Schweſter. XIX. Als Clara und Alfhild auf dem am Wege lie⸗ genden großen Hofe von Wettersnäs anlangten, fragten ſie einen Diener, der auf einer Bank ſaß, wo ſeine Gebieterin wäre. „Im untern Saal,“ lautete die Antwort. Sie traten in den Saal, wo Alrik und Gabriella mit einander geſprochen hatten. 9* 132 Es war gerade, in dem Augenblick, wo der un⸗ ſichtbare Troubadour ſein zweites Lied begann. Die Mädchen blieben auf der Schwelle der Veranda ſtehen, wo Gabriella, mit dem Rücken ge⸗ gen ſie gekehrt, ſich an einen der Marmorpfeiler lehnte. Alle drei blieben unbeweglich und horchten. Keine von ihnen hatte bemerkt, daß haſtigen und ſchwei⸗ genden Schrittes eine Perſon, welche offenbar die Abſicht hatte, unbemerkt ſich nähern zu können, von der abſeits liegenden Allee, welche von dem See nach dem Wohngebäude führte, herankam. Alfhild und Clara hatten beide ihren Blick nach der Seite gerichtet, von wo der Geſang erſcholl. Mit einer Bewegung ſtummer Verzweiflung faltete Gabriella die Hände und hielt ſie ſo über die Augen. Inzwiſchen hatte ſich die von ihnen unbemerkte Perſon— es war ein Mann— bis zur Veranda hergeſchlichen und um Fuße des Pfeilers, an wel⸗ chen Gabriella ſich anlehnte, Halt gemacht. Er ſchaute zu ihr mit einem Blick auf, welcher zu glei⸗ cher Zeit Theilnahme und Ungeduld verrieth. Seine Stirne legte ſich in Falten, und ſein ganzes Ange⸗ ſicht hatte jenen gedämpften Ausdruck von Zorn und Angſt, wovon der ergriffen wird, welcher eine theure Perſon durch Etwas leiden ſieht, das er nicht abwehren kann. Der Sänger wiederhote jeden Vers. Als er den letzten zum zweiten Mal anfing, war es, als ob die Marter, welche Gabriella empfand, über ihre Kräfte ginge; denn mit einem Seufzer, der einem zurückgehaltenen Klageruf ähnlich war, ſank ſie rück⸗ lings auf den Boden der Veranda nieder. 133 Ehe noch Clara und Alfhild herbeieilten, war ſie bereits von ein paar männlichen Armen aufge⸗ hoben, und eine gereizte Stimme rief: „Verdammte Gaukelei! Ich dachte mir wohl, daß es eine ſolche Wirkung haben würde.“ Alrik trug ſeine leichte Bürde in den Salon und legte ſie auf einen Sopha nieder, indem er zu Clara und Alfhild, welche er eben wahrnahm, ſagte: „Haben Sie die Güte, friſches Waſſer herbei⸗ zuſchaffen; Frau von Saint Sue iſt ohnmächtig ge⸗ worden.“ Der Ton war gebieteriſch und ungeduldig. Clara ſprang ſogleich nach Waſſer fort. Alfhild blieb un⸗ beweglich ſtehen. 5 „Löſen Sie ihr den Gürtel auf,“ ſagte er, zu Alfhild gewandt, und ſchleuderte ihr einen Blick zu, als ob er ſie damit umbringen wollte.„Sie ſehen doch, daß Frau von Saint Sue des Beiſtandes be⸗ darf; und zwar auf der Stelle,“ ſetzte er hinzu, als Alfhild nicht ſchnell that, wie er ihr geboten hatte. Im nächſten Augenblick war Clara mit Waſſer und Riechſalz da, und nach Verfluß einer halben Stunde erwachte Gabriella aus ihrer langen Ohn⸗ macht. Das Erſte, was ihren Blicken begegnete, als ſie die Augen aufſchlug war Alriks über ſie niederge⸗ beugtes, aber beinahe ſtrenges Angeſicht. Sie ſchaute ihn eine Weile an, als ob ſie ſich nicht erinnern könnte, wer er ſei. „Wie iſt es Dir Gabriella?“ fragte eine ſo friſche und theilnehmende Stimme, daß der bloße Laut davon dem Gemüth gut thun mußte. Ee 134 war Clara, welche an dem Sopha kniete und Ga⸗ briella's Schläfe mit kaltem Waſſer badete. Bei dieſer Frage erhob ſich Gabriella, indem ſie ihr Haar von der Stirne zurückſtrich. „Gut. Mir iſt alſo übel geworden?“ Ehe noch Jemand eine Antwort geben konnte, ließ ſich wiederum der Geſang vernehmen, welcher einige Augenblicke verſtummt war. Gabriella fuhr zuſammen und wurde wieder todesbleich. Alfhilds dunkle Augen weilten forſchend auf ihrer Couſine. Alrik ſchritt, ohne ein Wort zu ſagen, auf die Glasthüre zu und verſchloß dieſelbe; dann kehrte er zu Gabriella zurück, welche jetzt aufrecht auf dem Sopha ſaß, und nahm auf einem Seſſel Platz, in⸗ dem er ſagte:* „Ich bin eigentlich noch einmal gekommen, gnä⸗ dige Frau, um mit Ihnen wegen des neuen Kirchen⸗ bau's zu reden; aber Ihr Unwohlſein beſtimmt mich, die Sache auf einen andern Tag zu verſchieben.“ Dieſe Worte und der ungezwungene Ton, womit ſie ausgeſprochen wurden, hatten die von Alrik be⸗ abſichtigte Wirkung, nämlich Gabriella mit. einem Mal in die Gegenwart zurückzurufen und ſie zu erinnern, daß ſie von mehreren Perſonen umge⸗ ben war. „Ich glaube wirklich, daß ich heute Abend nicht im Stande bin, mich in eine Berathung deßhalb einzulaſſen,“ erwiederte Gabriella, ohne ſich wegen ihres Unwohlſeins zu entſchuldigen oder eine Erklä⸗ rung davon zu verſuchen. 135 Darauf wandte ſie ſich zu Clara, welche ſich auf⸗ gerichtet hatte, und zu Alfhild, welche noch neben dem Sopha ſtand, mit den Worten: „Guten Abend, Mädchen!“ Alsdann ſtellte ſie die Anweſenden einander vor. 6 Welwort; meine Couſinen, die Fräulein 0 Alrik verbeugte ſich, wie es Alfhild vorkam, etwas gleichgültig. Clara dachte: „Herr Gott, dieſer grimmige Mann iſt b Bru⸗ der von unſerem ſchönen und liebenswürdigen Ernſt.“ Sofort überreichte ſie Gabriella das mitgebrachte Bouquet mit den Worten: „Sieh' hier die erſten Früchte meiner neuen Gar⸗ tenkultur.“ „Ich danke!“ ſagte Gabriella, indem ſie das Bouquet nahm und auf den Tiſch legte. „Hier verwelken die Blumen, willſt Du ſie nicht in einer von Deinen Vaſen haben?“ „Wenn Du ſie hineinſetzen willſt.“ Wiederum ſchwieg Gabriella. Alfhild runzelte bei dieſem gleichgültigen und, wie ihr ſchien, für Clara beleidigenden Benehmen Gabriella's mit mißvergnügter und empfindlicher Miene die Stirne. Clara hingegen kehrte ſich nicht daran, ſondern ging hin und ſetzte die Blumen in eine der Vaſen. Alrik dachte, während er Frau von Saint Sue betrachtete: 6 „Sie will uns los ſein; aber dießmal ſoll ſie gezwungen werden, ſich eine Weile Zwang anzuthun. 136 Gott weiß, ich wünſchte, die Fräulein wären, wo der Pfeffer wächst, denn jetzt hätte ich gern ver⸗ nünftig mit ihr geſprochen; wenn ſie aber gehen, ſo bin ich genöthigt, daſſelbe zu thun. Die ſchwarze da ſieht in ihrer Vornehmheit aus, als ob ſie ſich zurückzuziehen beabſichtigte; aber Du kommſt nicht los, mein Püppchen.“ Kaum war Alrik mit dieſem geheimen Selbſt⸗ geſpräch zu Ende, ſo ſagte Alfhild: „Da Du Dich nicht wohl befindeſt, beſte Ga⸗ briella, ſo wird es am beſten ſein, wenn wir Dich verlaſſen.“ „O nein,“ fiel Clara lebhaft ein und wandte ſich zu ihrer Schweſter;„gerade deßhalb müſſen wir bei Gabriella bleiben;— und wäre es ſelbſt gegen deren Willen,“ ſetzte ſie lächelnd, gegen ihre Couſine gekehrt, hinzu. „Das Mädchen gofällt mir; ſie muß eine Bun⸗ desgenoſſin werden,“ dachte Alrik; dann ſagte er laut zu Clara gewendet: „Mein Bruder und meine Tante haben, glaube ich, die Ehre, mit den Herrſchaften bekannt zu ſein.“ Dieß war die Einleitung zu einem Geſpräch zwiſchen Alrik und Clara, welches ſchnell in vollen Gang kam. Bei ihrem heitern und, kurz geſagt, lebensluſtigen Sinn machte es Clara Jedermann leicht, mit ihr bekannt zu werden, und in einem Nu hatten ſie und Alrik Beſuche bei allen Nachbarn gemacht, den Wetternſee bewundert und nicht allein Alfhild, welche ſich hinter ihrer Kälte verſchanzte, ſondern auch Gabriella, welche ſeelenmüde ausſehend 137 ſich in den Sopha zurücklehnte, gezwungen, an der Unterhaltung Theil zu nehmen. 5 Die Zeit war ſchnell verfloſſen, und Clara, welche das lebhaften Gemüthern eigenthümliche Vermögen, an Alles zu denken, beſaß, meinte, es wäre doch allzu mager, von der bloßen Converſation zu leben, unterbrach das Geſpräch auf einen Augenblick und ging hin, um der Haushälterin den ungeheuerlichen Befehl zu ertheilen, ein Souper für ſie alle zu richten. Mamſell Gertrud traute kaum ihren Ohren; aber es half nichts, der Befehl war beſtimmt, und ſie mußte Hand ans Werk legen. Als Clara in den Saal zurückkehrte, hatte Alrik angefangen von ſeinen Reiſen zu erzählen, und richtete nun das Wort direct an Gabriella. Er beſchrieb ſeinen Aufenthalt in Griechenland und in den ausgegrabenen Städten Pompeji und Herkulanum mit ſo viel Leben und Poeſie, daß er Gabriella unwiderſtehlich nöthigte, auf ſeine Worte zu horchen. Ja, was noch mehr war, es gelang ihm, ihr ſolches Intereſſe einzuflößen, daß ſie ver⸗ ſchiedene Fragen an ihn ſtellte; und als das Wort: ſervirt das Geſpräch unterbrach, ſchien Gabriella ganz beſtürzt darüber, nicht nur, daß die Zeit ſo weit vorgerückt war, ſondern auch, daß ſie mit einem Fremdling ſoupiren ſollte. XX. Am folgenden Morgen, als Ernſt im Begriff war, ſich anzukleiden, trat Alrik bei ihm ein. 138 „Wo biſt Du denn geſtern geweſen?“ fragte Alrik und warf ſich auf einen Stuhl. „Ich ſtreifte in meinem Boot an den Ufern des Wetternſees herum.“ „Ja, ich weiß es, Du ſpielteſt die Rolle eines Geiſtes und ſangſt der Burgfrau dort drüben Etwas vor, ohne Dich ſehen zu laſſen. Es war ziemlich romantiſch, Deine Stimme ſo aus einem unſicht⸗ baren Winkel hervor in ihr Ohr ſich einſchmeicheln zu laſſen.“ Auf Alriks Stirne lagerten ſich bei dieſen Wor⸗ ten zwei tiefe Falten, und ſeine Augen weilten mit einem eigenthümlichen, mißvergnügten Ausdruck auf ſeinem Bruder. „Mein Geſang war für mich ſelbſt und für Nie⸗ mand anders beſtimmt,“ gab Ernſt kurz zur Ant⸗ wort. „Möglich, obſchon ich weiß, daß dem nicht ſo war; aber Eins mußt Du mir verſprechen, nämlich, dieſes romantiſche Singen einzuſtellen.“ „Warum ſoll ich mich dieſes Vergnügens be⸗ rauben? Vielleicht deßhalb, weil es Dir miß⸗ fällt?“ „Ernſt, Du verurſachſt dadurch Jemand Schmerz,“ antwortete Alrik; dann richtete er ſich haſtig auf und ſetzte hinzu:„Du darfſt in der Nachbarſchaft von Wettersnäs nicht ſingen.“ „Nicht? Wer wird mich daran hindern?“ c Einen Moment ſahen ſich die beiden Brüder mit Blicken an, die nichts weniger als freundlich waren. — 139 „Soll unſer alter Streit ſchon wieder beginnen?“ ſagte Ernſt bekümmert. „Nein, zum Teufel, mein lieber Ernſt,“ rief Alrik;„aber meine verdammte Heftigkeit verleugnet ſich niemals, und deßhalb gerathe ich, wie Du Dich wohl erinnerſt, bei dem geringſten Widerſtand in Feuer und Flammen.“ „Du verlangſt, daß Alles ſich einzig Deinem Willen fügen ſoll.“ „Und es müſſen vor ihm auch alle Hinderniſſe aus dem Wege geräumt werden, wie ich Dir ſo⸗ gleich zu beweiſen gedenke;— denn was ich will, ſtützt ſich immer auf Vernunftgründe. So zum Bei⸗ ſpiel kann ich Dir erzählen, daß ich ſchon zweimal mit Frau von Saint Sue geſprochen habe und ihr von nun an jeden Tag einen Beſuch machen werde.“ „Was ſagſt Du, Alrik?“ rief Ernſt und wandte ſich mit einer Purpurröthe auf den Wangen raſch zu dem Bruder herum. „Die Wahrheit, und ſieh, dieß iſt alſo zuge⸗ gangen.“ Alrik erzählte nun, wie er Gabriella's Bekannt⸗ ſchaft gemacht hatte, und wie ſeine beiden Beſuche am vorangegangenen Tag ausgefallen waren. Während Alrik ſprach, war die Farbe wieder von Ernſts Wangen verſchwunden und hatte einer tiefen Bläſſe Platz gemacht. Alrik bemerkte dies wohl, ſtellte ſich aber, als ſähe er es nicht. „Du begreifſt alſo, mein lieber Ernſt, daß Du, nach dem Eindruck, welchen Dein Geſang auf Frau „ 140 von Saint Sue hervorbrachte, mit demſelben auf⸗ hören mußt. „Ja,“ war die lakoniſche Antwort. Ernſt zog ſeinen Rock an und ſetzte dann hinzu: „Laß uns hinuntergehen und frühſtücken.“ Ohne ſeinem Bruder weiter einen Blick zu ſchen⸗ ken, ging er die Treppe hinunter nach dem Speiſe⸗ zimmer. „Er iſt böſe auf mich,“ dachte Alrik und folgte ihm;„aber warum? Er hat ſie ja niemals ge⸗ ſehen, kann alſo auch nicht verliebt, oder in Folge davon eiſerſüchtig ſein.“ Tante Bertha und Alrik plauderten mit einan⸗ der, aber Ernſt verhielt ſich während des ganzen Früchſtücks ſtill und ſah noch immer bleich aus. Als es beendet war, ſagte Alrik zu ſeinem Bruder: „Haſt Du Luſt, wir Geſellſchaft zu leiſten? Ich gedenke heute Nachmittag einen Beſuch bei den Fräulein Wolf zu machen.“ „O ja, warum nicht?“ „So wollen wir uns B um fünf Uhr dahin begeben.“ „Gut.“ Damit nahm Ernſt ſeine Mütze und verließ das Zimmer. „Was fehlt Ernſt?“ fragte Tante Bertha.„Er war ja heute ganz betrübt. Habt ihr Streit mit einander gehabt?“ „Nein, gewiß nicht. Glaubſt Du, Tante, daß traurig war?“ 5 „Ja wohl. Der arme Ernſt, er iſt etwas düſter — 141 und von wunderlicher Gemüthsart, und doch beſitzt er von Natur größere Vorzüge, als Du. Er iſt ſchön, mit einer ungewöhnlichen Stimme begabt und in ſeinem Benehmen liebenswürdig.“ „Aber zum Teufel, ſehr unheimlich von Gemüths⸗ art,“ meinte Alrik, während ſeine Stimme dabei einige Ungeduld verrieth. „Ganz und gar nicht. Er kann ſich außerordent⸗ lich angenehm machen und iſt immerdar gefällig und fügſam; aber ſein Mangel an Selbſtvertrauen bewirkt, daß er Alles ſchwarz anſieht und in ſeine eigenen Kräfte Zweifel ſetzt. „Er iſt jetzt, was er ſtets geweſen, Dein und aller Leute Liebling. Gut für ihn.“ Damit ſchlug Alrik ſeinen Strohhut auf den Kopf und verließ das Haus, während er dachte? „Sollte ich es ihm auch aus dem Herzen reißen, ich muß wiſſen, von welcher Art die Gefühle ſind, die bei ihm in Bewegung kamen, als ich von mei⸗ nem Beſuche auf Wettersnäs redete. XXI. Tags darauf ſaßen die beiden Fräulein Wolf in dem ſchönen Blumengarten und arbeiteten, als Mademoiſelle Lemoin ſich bei ihnen mit der Meldung einſtellte, daß die Herren Welwort anfragen ließen, ob ſie einen Beſuch abſtatten könnten. „Sie ſind willkommen,“ antwortete Clara und ſtrich ſich mit beiden Händen die Haare zurecht. Alfhild ordnete die Falten ihres ſchwarzen Klei⸗ 142 des, während ihre Wangen eine höhere Färbung annahmen. Einige Augenblicke nachher begrüßten Alrik und die beiden Mädchen, welche unter den Bäumen aßen.* Alfhild erſchien noch ſteifer und kälter als ge⸗ wöhnlich, da ſie Alriks Gruß beantwortete; hin⸗ gegen lag ein dunkler, warmer Ausdruck in ihrem Blicke, als ſie Ernſt die Hand reichte und ihn will⸗ kommen hieß. Ernſts Miene war lebhafter als ſonſt, da er neben Alfhild Platz nahm und auf eine eigen⸗ thümlich vertrauliche Weiſe mit ihr zu ſprechen be⸗ ann. Wenn man dieſe beiden jungen Leute neben einander ſah, konnte man ſich des Gedankens nicht enthalten: was für ein ſchönes Paar; denn beide waren von ungewöhnlichem, vortheilhaftem Ausſehen. Ernſt, nicht völlig ſo hoch gewachſen und ſo ſtark von Gliedern, wie ſein Bruder, beſaß den⸗ noch einen ſchönern und mehr ſymmetriſchen Kör⸗ perbau. Die Geſichtszüge waren im höchſten Grade regelmöfig, das Haar gelockt und dunkel kaſtanienbraun, die Augen groß und tiefblau, wie der Abendhimmel. Der Mund war von einem zier⸗ lichen, feinen Schnurrbart überſchattet und mit ſchnee⸗ weißen Zähnen beſetzt. Das glattraſirte, nur nach unten von einem dunkeln Bart umſäumte Kinn hatte eine eigenthümliche, kühne Krümmung, welche dem Ganzen ein entſchloſſenes und energiſches Gepräge gab, dem jedoch die anſpruchsloſe Weiſe, wie 143 ſein faſt bildſchönes Haupt trug, zu widerſprechen ien. Wenn er von Poeſie oder Muſik ſprach, war der Ausdruck ſeines Geſichts von ſolcher Art, daß er einem Apollo glich. Redete er von irgend einer männlichen Großthat, ſo blizte ſein Auge, die Adern ſeiner Stirne ſchwollen an, und man wäre zu be⸗ haupten geneigt geweſen, ſo müſſe Mars ausgeſehen haben. Mit kurzen Worten: Dieſes Angeſicht konnte den Ausdruck aller möglichen Gefühle annehmen und ſo ungleiche Charaktere wiedergeben, daß man darüber in Erſtaunen gerieth, während daſſelbe dennoch wiederum nur höchſt ſelten das errathen ließ, was in ſeinem Innern vorging. Alrik hatte in ſeiner ungenirten Weiſe neben Clara Platz genommen und begann mit ihr gerade ſo zu ſprechen, als ob ſie von zehn Jahren her Rüt einander bekannt geweſen wären. Als Alfhild und Ernſt eine Weile von ver⸗ ſchiedenen Dingen ſich unterhalten hatten ſagte ſie: „Kennen Sie, Herr Ingenieur, in der Nachbar⸗ ſchaft Jemand, der Sänger iſt?“ Alfhild heftete bei dieſen Worten ihre dunkeln Augen auf ihn, als wollte ſie keine Veränderung, die in ſeiner Miene vorging, ſich entgehen laſſen. „Auf eine Meile Abſtand wüßte ich Niemand, ich ſo benennen könnte, wenn nicht mich ebſ „Sie haben uns niemals früher geſagt, daß Sie ſingen,“ fuhr Alfhild fort und ihre Augen wurden dunkler. „Ich unterließ es deßhalb, weil ich nur ein 144 höchſt mittelmäßiger Sänger bin und viel zu wenig Talent beſitze, um es zu wagen, mich hören zu laſſen.“ „Darüber müſſen Sie Andern das Urtheil an⸗ heimgeben.“ „Wie mein Bruder ſingt, hatten die Herrſchaften geſtern Abend zu beurtheilen Gelegenheit,“ fiel Alrik ein, indem er ſich in ſeinem Geſpräch mit Clara unterbrach. Ernſt wechſelte die Farbe und Alfhild ſagte blos: „Ah!“ Darauf beugte ſie ſich auf ihre Stickerei nieder und arbeitete eine Weile ſchweigend fort. Ernſt enthauptete mit ſeinem Stöckchen ganz un⸗ barmherzig alle Narciſſen und Tulpen, welche ſich in ſeinem Bereiche fanden. Alrik nahm ſeine Unterhaltung mit Clara wieder auf und ſchien gar nicht Acht zu geben, welche Wir⸗ kung ſeine Worte hervorbrachten. Plötzlich begann Alfhild wieder, zu Ernſt auf⸗ ſehend: „Schon das erſte Mal, als ich die Alpenlieder hörte, gerieth ich auf die Vermuthung, daß Sie der unſichtbare Sänger wären.“ „Und aus welchem Grunde?“ „Weil die Lieder für Gabriella von Saint Sue geſungen wurden.“ Jetzt waren Alfhilds Augen dunkel wie die Nacht, als ſie Ernſt fixirte; aber dieſer hatte wieder voll⸗ kommene Gewalt über ſeine Miene und bemerkte in ruhigem Ton: „Dieſer Schluß ſcheint mir etwas voreilig. Fürs 145 Erſte ſang ich meine Alpenlieder nur für mich ſelbſt, und zweitens iſt Frau von Saint Sue eine mir fremde Perſon, welche ich niemals geſehen habe, dem⸗ nach wohl ſchwerlich zum Gegenſtand einer Serenade machen könnte.“ „Sie kennen dieſelbe alſo nicht? Haben ſie niemals geſehen?“ „Nein, ich habe Frau von Saint Sue niemals geſehen.“. Dieſe Worte wurden von Ernſt mit einem eigen⸗ thümlichen Nachdruck geſprochen. mide glaube ich Ihnen nicht, Ernſt,“ flüſterte ild. „Sie thun Unrecht daran, Alfhild; ich lüge nie⸗ mals; aber ich verſchweige zuweilen die Wahrheit.“ Alfhild erhob ſich und ging auf eine Gruppe Blumen zu, welche ſich in einiger Entfernung befand, und ſagte dann laut zu Ernſt: Kommen Sie, Herr Ingenieur, ich will Ihnen zei⸗ gen, wie ſchön unſere Blumenanlagen geworden ſind.“ Ernſt folgte ihr, aber mit einer Miene, welche zu erkennen gab, daß er es nur ungern that. Als ſie weit genug entfernt waren, um nicht mehr hören zu können, was Alrik ſagte, lehnte ſich dieſer in ſeinen Stuhl zurück und rief: „Gott ſei gelobt, daß Ihre Schweſter auf den glücklichen Einfall gerieth, die Blumen zu betrachten und dabei meinem Bruder den Tert zu leſen. Das wird ſie eine Weile aufhalten, und in der Zwiſchen⸗ zeit kann ich Ihnen, Fräulein Clara, die Urfache und den Zweck meines Beſuches auseinanderſetzen. Es war nicht das Verlangen, Ihre nähere Schwartz, Ein Opfer der Rache. I. 146 ſchaft zu machen, was mich zu meinem Beſuche hier veranlaßte.“ „Dieſe Erklärung iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft,“ antwortete Clara lachend. „Ich ſchmeichle niemals. Von mir können Sie ſich vielleicht daran gewöhnen, die Wahrheit zu hören, und es iſt gut, wenn Sie mich gleich zu Anfang unſerer Bekanntſchaft von dieſer Seite kennen lernen, da wir gezwungen ſind, eine Zeit lang in vertraulicher Berührung mit einander zu ſtehen.“ „Gezwungen ſind?“ wiederholte Clara, ſichtlich ergözt über Alriks etwas originelle Weiſe, ſeinen Weg zu gehen. „Ich bitte, verſuchen Sie, ſich über den gewöhn⸗ lichen Kleinigkeitsgeiſt der Frauen zu erheben und ſich nicht an die Worte, ſondern an den Grund, wor⸗ auf ſie beruhen, zu halten. Daß derſelbe ein edler iſt, darauf kann ich Ihnen mein Ehrenwort geben. Ich habe einen Plan, und Sie müſſen mir helfen, denſelben in aller Bälde auszuführen, ſo daß ich zu dem Ziele gelange, welches ich zu erreichen wünſche.“ „Ich muß Ihnen helfen?“ fragte Clara, welche ſich trotz Alriks finſterer Miene des Lachens nicht enthalten konnte. „Laſſen Sie den Scherz für jetzt, im nächſten Augenblick werde ich gern miteinſtimmen. Die Sache iſt kurz die: ich habe mich entſchloſſen, Frau von Saint Sue gegen deren Willen der Melancholie und Betrübniß, worein ſie verſunken iſt, zu entreißen, ihr am Leben wieder Intereſſe beizubringen und Hoff⸗ nung und Glauben in ihr Herz zurückzuführen. Das iſt, Fräulein Clara, keine leichte Sache; aber ich 147 habe mir vorgenommen, daß es gelingen muß, und es ſoll geſchehen, koſte es, was es wolle. Nun be⸗ darf ich gerade Ihrer als Verbündeten für dieſes Unternehmen. Wollen Sie mir beiſtehen? Ja oder Nein?“ „Natürlich Ja,“ antwortete Clara beſtimmt. „Aber dann müſſen Sie blindlings mir in Allem gehorchen, was Frau von Saint Sue betrifft, ohne zu fragen, wenn auch mein Thun Ihnen zuweilen ſonderbar erſcheinen möchte. Sie müſſen ein unbe⸗ dingtes Vertrauen auf mich ſetzen, ſonſt können wir keine Bundesgenoſſen ſein. Eines von uns muß den Kopf vorſtellen, und das Andere die Hand, welche ausführt, was der Kopf denkt. Sie werden entſchul⸗ digen, daß ich für mich die Rolle des Kopfes behalte. Wohlan, ſind Sie geneigt, auf dieſe Bedingungen hin mir behülflich zu ſein?“ „Von jedem andern Mann, der mir einen ſolchen Vorſchlag machte, würde ich, bevor ich darauf ein⸗ ginge, eine nähere Erklärung verlangen; aber es liegt Etwas in Ihnen, das mir, ohne daß ich es vor meinem Verſtand zu rechtfertigen vermag, denn ich kenne Sie nicht, Vertrauen einflößt, und darum — hier meine Hand, ich will Ihnen beiſtehen und was noch ſchlimmer iſt, Ihnen gehorchen.“ „Dank, Fräulein Wolf; Sie ſollen bei Gott, niemals Grund haben, es zu bereuen; und nun bin ich bereit, mit Ihnen den Reſt des Abends unter Scherz und Lachen hinzubringen. Erſt morgen ſollen Ihnen meine Verhaltungsvorſchriften in Bezug auf unſere gemeinſame Freundin, denn das muß ſie ſein, zugehen. 10* 148 XXII. Eine ganze Woche verging, ohne daß Alrik in Groß⸗ oder Klein⸗Wettersnäs ſich ſehen ließ. Alles hatte wieder ſeinen gewöhnlichen Gang ge⸗ nommen. Gabriella ſchien ſein Auftreten an Ort und Stelle ganz vergeſſen zu haben und überließ ſich wiederum wie zuvor ihrem Kummer und ihrer Ein⸗ ſamkeit. Clara hatte an dem Tage nach Alriks Beſuch in Klein⸗Wettersnäs ein kleines Billet folgenden In⸗ halts von ihm erhalten. „Haben Sie die Güte, in Beziehung auf Ihre gewöhnlichen Beſuche bei Frau von Saint Sue keine Veränderung eintreten zu laſſen, bis Sie Weiteres hören von Alrik Welwort.“ „Der Menſch weiß beſtimmt nicht, was er will,“ dachte Clara,“„Geſtern war er ſo eifrig und ſo gebieteriſch, und heute bittet er mich wieder unthätig zu bleiben. Nun wohl, ich habe ihm verſprochen, ihm in Allem, was Gabriella betrifft, zu gehorchen und ich werde meine Zuſage halten, wie ungereimt es auch erſcheinen mag.“ Und dabei blieb es. Eines Abends, etwas über eine Woche, ſeitdem er das letzte Mal in Wettersnäs geweſen, legte Al⸗ riks Boot an der Gartenbrücke an. Die dumpfe, ſchwüle Luft, der ſchwere, von ſchwarzem Gewölk verhüllte Himmel, das eigenthümliche ängſtliche An⸗ 149 ſchlagen der Wellen gegen den Strand, Alles deutete darauf hin, daß ein Ungewitter im Anzug war. Alrik verweilte einen Augenblick auf der Brücke und betrachtete das düſtere Firmament und den grauen, unruhigen See; dann ſchritt er langſamen Schritts auf das Gebäude zu, während er dachte: „Ich will doch ſehen, ob ich ſie treffe.“ Er ſtieg die Treppe hinauf und wollte ſich nach dem Salon wenden, als er auf einer der Bänke 5 in der Veranda eine weiße Frauengeſtalt ent⸗ eckte. Halb ſitzend, halb liegend ruhte ſie dort unbe⸗ weglich, und ohne ſeine Ankunft zu bemerken. In heiterem Tone ſagte Alrik, indem er ſich ihr näherte: „Mein guter Stern hat mich nicht betrogen, denn er ließ mich Sie zu Hauſe treffen. Ich fürchtete, Sie hätten eine Wallfahrt nach dem Berge unter⸗ nommen, von welchem ich mich bis auf Weiteres ſelbſt verbannt habe.“ Bei dem Laut ſeiner Stimme fuhr Gabriella zu⸗ ſammen und richtete ſich haſtig auf. „Ah, Sie ſind es, mein Herr; ich hatte Sie zu erwarten aufgehört und bereits zu hoffen begonnen, Sie würden von Ihren Beſuchen bei mir abſtehen.“ Alrik ſetzte ſich neben ſie und erwiederte lächelnd: „Sie hätten alſo wirklich darauf zu hoffen be⸗ gonnen; ich meinte doch, der Inſtinkt ſollte Ihnen geſagt haben, daß ich nicht zu den Leuten gehöre, welche von einem angefangenen Unternehmen, wozu ſie ſich, einmal entſchloſſen, wieder abſtehen. Ich kann 150 im Streite untergehen; aber ich werde niemals zu⸗ rückweichen.“ „So habe ich Ihren Charakter auch bei unſerem erſten Zufammentreffen aufgefa aßt; aber ich glaubte, es ſei ein Irrthum von mir geweſen.“ „Sollten Sie das wünſchen?“ Alrik betrachtete Gabriella mit dem Ausdruck, der einem zärtlichen Vater eigen iſt, wenn er ſein krankes Kind anſieht und wünſcht, daß es ihn um Etwas bitten möge, wodurch er es erfreuen kann. „Ja, mein Herr! Bedarf es für Sie wirklich dieſer Frage an mich?“ „Wenn ich jetzt ginge und ſagte:„„Leben Sie wohl, Sie ſollen mich nicht wiederſehen, würde Ih⸗ nen das Freude machen?“ „Ich glaube es.“ Auf Alriks Stirne wurden einige Falten ſicht⸗ bar; aber er fuhr mit der Hand darüber, gleichſam um den unangenehmen Eindruck zu bezwingen, und nahm dann in ruhigem Tone das Wort: „Sie würden möglicher Weiſe eine momentane Freude darüber empfinden, einer Plage nunmehr los zu ſein; aber im nächſten Augenblick wäre meine Perſon, ſo wie die eben empfundene Freude vergeſ⸗ ſen, und Sie blieben wieder Ihrem ſtummen und hoffnungsloſen Kummer verfallen. Jetzt hingegen, wo ich ganz und gar nicht daran denke, Sie von der Plage meines Beſuches zu befreien, wird dieſer gegen Ihren Willen Ihre Gedanken dem ewigen Kreislaufe, worin Sie ſich nun bewegen, entrücken, und die Pein, welche Ihnen meine Gegenwart verprſacht, legt Ihnen die Nothwendigkeit auf, auch unter etwas 151 Anderem, als Ihrem Kummer zu leiden. Je öſter dieſe Unterbrechung ſich erneuert, deſto leichter wird es dann für Ihre Seele, ſich mit andern Gegen⸗ ſtänden, als mit ſich ſelbſt zu beſchäftigen. Was hat es dann weiter zu bedeuten, wenn ich Ihnen ſchließlich verhaßt werde?“ „Wenn Sie die Art des Schmerzes verſtänden, welchen mein Herz verbirgt, ſo würden Sie nicht ſo ſprechen.“ „Bemerken Sie,“ fuhr Alrit fort und deutete auf den Wetternſee,„wie düſter dieſe Waſſerfläche ausſieht, und dennoch wird ſie vielleicht ſchon mor⸗ gen wieder ſpiegelklar und lächelnd, und dieß nach einer Nacht des Sturms und Aufruhrs. In einer Stunde haben wir das ganze Ungewitter.“ „Es ſind die erzürnten Elemente, welche ihn auf⸗ rühren, und nicht ein ihm innewohnendes, unglucs⸗ ſchwangeres Geſchick.“ „Der Wetternſee entnimmt, wie das Menſchen. herz, ſeine Stürme und Kämpfe aus dem eigenen Innern und aus den äußeren Elementen; und wie der graue Himmel eine gleich düſtere Farbe auf das Waſſer wirft, ſo ſind unſere Leiden theilweiſe ein Wiederſcheip von einem außer uns befindlichen, be⸗ trübenden uͤnd ſchmerzhaften Elemente.“ Alrik ſprach noch eine Weile in allgemeinen Aus⸗ drücken von den Widerwärtigkeiten des Lebens, ging aber dann zu verſchiedenen Ereigniſſen aus der Wirt⸗ lichkeit und Zügen von Charakterſtärke und Ausdauer im Leiden über. Er ſprach mit einer ungeſuchten Einfachheit, oft mit ſcharfen und beinahe ſtrengen Worten; aber zugleich immerdar mit einem ſo hohen 152 Grad von Unbefangenheit, daß er die Aufmerkſam⸗ keit anzog und ſeine Zuhörerin zwang, auf ſeine re⸗ gelloſen aber originellen Vorſtellungen zu horchen. Mittlerweile war das heranziehende Ungewitter mit einem wildbrüllenden Orkan ausgebrochen. Zugleich ſtand Alrik auf und ſagte: „Jetzt iſt es Zeit, daß ich mich nach Hauſe be⸗ gebe.“ „Wählen Sie nicht den Seeweg,“ ſagte Gabriella und legte ihre Hand in die ihr dargebotene. „Ja, aber mein Boot liegt an der Brücke.“ „Aber betrachten Sie den Wetternſee und be⸗ greifen Sie die Unmöglichkeit, darüber zu fahren.“ „Ja, er ſieht in der That ungnädig aus, doch was bedeutet das? Ich werde mich ſchon durch die ſchäumenden Wogen hindurchkämpfen. Mein Wille kennt das Wort: unmöglich nicht, wenn es inner⸗ halb des Bereichs der Möglichkeit liegt, alſo: leben Sie wohl.“ Alrik war im Begriff zu gehen, wurde aber von Gabriella, welche ihre Hand auf ſeinen Arm legte, zurückgehalten. In dieſem Augenblick war ihr zu ihm empor⸗ gerichtetes Angeſicht wirklich ſchön durch den Aus⸗ druck von Theilnahme und Intereſſe, welcher die blei⸗ chen Wangen färbte, als ſie zu ihm ſagte: „Ich bitte Sie, nehmen Sie einen meiner Wa⸗ gen und kehren Sie den Landweg nach Hauſe zurück, denn in Ihrem kleinen Boote und mit einem einzi⸗ gen Ruder können Sie nicht über den Wetternſee kommen.“ 153 „Doch, gnädige Frau, ich werde nach Ekbaka rudern, glauben Sie mir, ich werde es.“ „Sie werden es nicht, eben deßhalb, weil Sie ſich für mich intereſſirt haben und aus meinem unheil⸗ bringenden Hauſe kommen. Sie wiſſen nicht, daß das Unglück Alle trifft, die in meine Nähe gerathen. Vergrößern Sie darum nicht meine an ſich ſchon große Schuld durch ein weiteres Leben, das aufs Spiel geſetzt würde.“ „Gerade jetzt, gnädige Frau, muß ich fahren, und wäre der Weg doppelt ſo lang und der Sturm doppelt ſo heftig. Ich will Ihnen beweiſen, daß auf Ihnen kein unglückliches Verhängniß ſolcher Art ruht. Leben Sie wohl!“ Er machte ein paar Schritte gegen die Treppe, wurde aber wiederum durch Gabriella's zitternde Stimme aufgehalten. „Nun gut, unbeugſamer Mann, begeben Sie ſich hinaus auf das raſende Element, aber hören Sie auch meinen Entſchluß: ſollte der Sturm Ihr Fahrzeug zerſplittern oder in die Tiefe ſchleudern, ſo werde ich Ihnen folgen. Daß noch ein menſchliches Weſen um meinetwillen dem Untergang verfallen ſollte, könnte ich nicht überleben.“ Alrik faßte heftig ihre beiden Hände. „Ach gnädige Frau, Sie wiſſen nicht, wie glück⸗ lich mich dieſer Strahl von Energie und Entſchloſſen⸗ heit Ihrerſeits macht. Nun fort zum Kampfe mit dem unruhigen Sohn des Sturmes. Seien Sie überzeugt, daß ich ſiegen werde.“ Mit dieſen Worten eilte er nach der Brücke hinab. Gabriella folgte ihm langſam nach. 154 Biſt Du einmal, mein lieber Leſer, wenn es ſtürmte, am Strande geſtanden und mit ängſtlichem Blick den Anſtrengungen eines Menſchen gefolgt, wenn er mit dem aufrühreriſchen Elemente kämpfte, und Du jeden Augenblick erwarteteſt, ihn von den erzürnten Wogen verſchlungen zu ſehen?— Wenn Du das gethan, dann haſt Du einen ſchwachen Be⸗ griff von den Gefühlen, welche Gabriella's Bruſt erfüllten, als ſie mit ihren Blicken Alriks Boot auf ſeiner abenteherlichen Heimkehr folgte. Bei jeder Woge, welche brüllend gegen das kleine Fahrzeug anſtürzte, ſchloß ſie die Augen und fühlte ſich verſucht, laut aufzuſchreien, da ſie überzeugt war, dieſelbe würde das Boot und den Ruderer in ihrem Schooße begraben; aber wenn ſie die Augen wieder öffnete, fand ſie das Boot auf der Spitze der Welle, und es ſah dann aus, als ob es von ſeiner Höhe auf einmal in die Tiefe hinabgeſchleudert werden ſollte. Bei jeder Woge dieſelbe Angſt, dieſelbe Gefahr; es war die grauſamſte Tortur der Seele. Gabriella vergaß dabei Alles außer dem kleinen Fahrzeug, an welches ihr ganzes Herz, alle ihre Ge⸗ fühle gefeſſelt zu ſein ſchienen. Es kam ihr vor, als ob ſie den verwegenen Ruderer mit ganzer Seele geliebt hätte; und dennoch blieb ſie unbeweglich auf der Brücke ſtehen, wo die aufgeregten Wogen wie raſend anſchlugen und ſie mit ihrem Schaum be⸗ ſpritzten, während der heulende Sturm ihr Gebrüll akkompagnirte. Gabriella aber hörte Nichts, hatte für Nichts Sinn, als für Alrik und ſein Boot. 155 Nach einer Stunde unleidlicher Seelenſpannung hatte Alrik wirklich dem jenſeitigen Strande ſich ſo weit genähert, daß Gabriella dachte: „Noch einige Ruderſchläge und er iſt gerettet.“ In dieſem Augenblicke kam ein wüthender Wind⸗ ſtoß heran und verwandelte die ganze Fläche des Si in eine unermeßliche wirbelnde Schaum⸗ maſſe. „Der Unglückliche!“ rief Gabriella und drückte ihre Hände auf die Bruſt. Sie konnte Nichts un⸗ terſcheiden, aber durch das Geheul des Sturmes hörte ſie eine Stimme, welche rief: „Ich bin herüber!“ Der aufſpritzende Schaum legte ſich, und ſie ſah jetzt Alrik auf der Brücke vor Ekbaka ſtehen; aber das Boot war zerſplittert, und die gegen Wettersnäs heranrollenden Wogen führten die Trümmer mit ſich hinweg. Als ſie Alriks Zuruf vernahm und ihn auf dem Strande jenſeits ſtehen ſah, ſank Gabriella auf die Kniee, und eine Thränenfluth ſtellte ſich ein, ihr das Herz zu erleichtern. Sie fühlte jetzt, obſchon dunkel, daß dieſer Mann ihr theuer geworden war. Nach einigen Minuten erhob ſie ſich, ſchwenkte ihr Taſchentuch gegen den noch jenſeits weilenden Alrik und kehrte in ihre Wohnung zurück. Der Eindruck, welchem Gabriella dieſe angſtvolle Stunde unterworfen geweſen war, hatte eine voll⸗ kommene Umwandlung in ihrem Gedankengang her⸗ vorgebracht. Die ganze Nacht hindurch war ſie ge⸗ wiſſermaßen ihrer Betrübniß und Niedergeſchlagen⸗ 156 heit entrückt. Die gewöhnlich ſo hoffnungsloſe und gegen ihre ganze Umgebung ſo gleichgültige Stim⸗ mung war wie weggeblaſen, und ihre Gedanken weil⸗ ten bei Alrik mit einer Miſchung von Wehmuth und auftauchender Hoffnung. Unruhe, Furcht, Angſt, Freude, Dankbarkeit und ein anderes, ihr noch un⸗ erklärliches Gefühl hatten einander ſo ſchnell abge⸗ löst, daß ſie einen vollkommenen Aufruhr in ihrem Innern zurückließen. Im Wachen wie im Schlafen durchlebte ſie noch einmal dieſe Gemüthserſchütterun⸗ gen, und den Schluß dieſer Wiederholung bildete die innigſte Dankbarkeit und Freude, daß er gerettet worden war. Am folgenden Morgen, als ſie erwachte, ſchlug ihr Herz noch gleich unruhig. Ihr erſter Gedanke flog ihm zu. Die gewöhnlich tödtende Geiſteser⸗ ſchlaffung, welche ſie bei dem Gedanken empfand, wieder einen ganzen Tag unter der Bürde ihrer unheil⸗ baren Melancholie hinſchleppen zu müſſen, beherrſchte ſie heute nicht mehr. Sie kleidete ſich mit ungewöhnlicher Eile an. Gerade als ſie im Begriff ſtand, ihr Schlafzimmer zu verlaſſen, erſchien eine ältere dienende Perſon, mit einer Karte in der Hand, und ſagte, dieſelbe ihrer Gebieterin überreichend: „Es iſt ein junger Herr draußen, der ſich durch⸗ aus nicht abweiſen laſſen will. Er behauptet, von Euer Gnaden hieher gerufen worden zu ſein, und zwang mich, dieß abzugeben. Gabriella nahm die Karte. Sie wußte bereits, ohne die Augen darauf zu werfen, welchen Namen ſie darauf finden würde. 157 „Führe Herrn Welwort in den Salon und trage dort das Frühſtück auf,“ ſagte Gabriella. Die Magd ſtierte ihre Gebieterin ganz beſtürzt einige Sekunden an, ging aber dann, um den Befehl zu vollziehen. Frau von Saint Sue nahm ihren Weg nach dem Salon. Sie war kaum eingetreten, als die gegenüber befindliche Thüre geöffnet wurde, und Alrik lebhaften und ſchnellen Schritts ihr entgegen kam. „Gnädige Frau, vergeben Sie mir, daß ich ſchon ſo frühe Ihre Ruhe ſtöre,“ ſagte er,„aber ich mußte hieher, um mich zu überzeugen, daß Sie ſich geſtern nicht erkältet haben, und Ihnen zu beweiſen, daß ich nicht das Opfer Ihres ungluͤcklichen Verhäng⸗ niſſes geworden bin.“ „Ich danke!“ Gabriella äußerte nur dieſe zwei Worte, aber der Ton, womit ſie geſprochen wurden, und der Blick, wovon ſie begleitet waren, verrieth Nichts von jenem ſeelenloſen Gepräge, welches ihr ſonſt eigen war. Sie machte mit der Hand eine einladende Bewe⸗ gung, um Alrik Platz nehmen zu heißen, und fuhr dann fort: „Sie haben mich geſtern Abend eine gräßliche Seelenmarter durchmachen laſſen.“ „Schwere Schmerzen ſind nur durch ähnliche zu vertreiben,“ antwortete Alrik lächelnd. Jetzt erſt ſah Gabriella, daß Alrik einen Arm in der Binde trug. Schrecken malte ſich in ihrem Antlitz, als ſie zu ihm aufſah. 158 „Sie haben alſo Schaden genommen, mein Herr!“ „Ach, Frau von Saint Sue, reden Sie nicht davon. Ich möchte in dieſem Augenblick wünſchen, daß der Arm zerſchmettert, anſtatt nur verſtaucht wäre. Ich würde damit dennoch dieſen Augenblick und die Theilnahme, welche ich in Ihren Blicken leſe, und die mir zu Theil wurde, als Sie auf der Brücke knieten nicht zu theuer bezahlt haben.“ Er faßte Gabriella's Hand und führte ſie raſch an ſeine Lippen, indem er hinzuſetzte: „Ich ſagte Ihnen, als ich vom Lande abſtieß, ich würde Ihnen beweiſen, daß Sie Unrecht hätten, wenn Sie behaupteten, Alle, die mit Ihnen in Be⸗ rührung kämen, wären einem gewiſſen, unheilvollen Verhängniß verfallen. Ich wußte, daß ich ſiegreich aus dem Kampfe, der ein ſolches Ziel hatte, hervor⸗ gehen würde.“ „Aber mein Verhängniß hat ſich doch nicht ver⸗ leugnet; Ihr Fahrzeug zerſplitterte, und Sie ſelbſt würden daſſelbe Schickſal getheilt haben, wenn—“ „Wenn ich ein Schwächling ſtatt eines Mannes geweſen wär. Was beweist das? Nicht, daß ein widriges Geſchick ſich Ihnen angehängt hat, ſondern nur, daß diejenigen, welche durch den Zufall ein Opfer deſſelben wurden, der Kraft ermangelten und nicht die Stärke beſaßen, mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, ſondern ſich von denſelben überrumpeln ließen. Seien Sie überzeugt, ich werde Ihnen be⸗ weiſen, daß Sie ein Unrecht gegen die Vorſehung begehen, wenn Sie an ein beſtimmtes und unab⸗ wendbares Unglück glauben. Sie ſelbſt ſind Ihr 159 Verhängniß, dadurch daß Sie ſich einbilden, einem ſolchen verfallen zu ſein.“ „Sie wiſſen nicht, welche furchtbare Wahrheit in dieſen Worten liegt: Sie ſelbſt ſind Ihr Verhäng⸗ niß,“ flüſterte Gabriella in einem Ton, ſo kummer⸗ voll, daß er eine ganze Welt von Schmerz in ſich trug.. „Ich wünſchte, ich könnte Sie in einem Nu auf meine ſtarken Arme nehmen, Sie weit aus dieſer Einſamkeit, aus dieſen finſtern Phantaſien hinweg⸗ tragen und auf einer der ſonnenhellſten Höhen des Lebens niederſetzen, um Ihnen dort zu zeigen, wie ſchön das Daſein iſt, welche unermeßlichen Schätze zu edeln Genüſſen und wahrer Freude es beſitzt. Sie würden dann dieſe weichliche Nachgiebigkeit an Ihren Trübſinn weit von ſich werfen und mit aufwärts gerichtetem Blick durch Arbeit und durch das Be⸗ ſtreben, zu nützen, Gott und dem Lichte näher zu kommen ſuchen. Doch, was ich jetzt nicht vermag, das wird mir in den drei beſtimmten Monaten aus⸗ zuführen gelingen, deſſen dürfen Sie verſichert ſein.“ „Sie beſitzen vielleicht mit Grund einen feſten Glauben an ſich ſelbſt,“ entgegnete Gabriella mild. „Halten Sie meinen Glauben an den Erfolg deſſen, was ich will, nicht für ein ungehöriges Selbſt⸗ vertrauen, ſondern für das, was es iſt, eine feſtge⸗ wurzelte Ueberzeugung, daß, wenn man das Rechte will, man es mit Kraft wollen muß, ſofern man nämlich den Wunſch hat, daß es gelingen ſoll. Dieß iſt bei demjenigen der Fall, welcher ſich durch und Mißgeſchick nicht niederſchlagen äßt.“ 4 160 Das Frühſtück wurde hereingebracht, und gleich⸗ zeitig trat auch Clara ein. Gabriella's Stirne verfinſterte ſich ein wenig, als Clara nach vorangegangener Begrüßung erklärte: „Heute, beſte Gabriella, mußt Du ſchon geſtatten, daß ich den Tag bei Dir zubringe. Alfhild iſt nach Aker zum Beſuch bei des Majors Familie abgegan⸗ gen, und ich bin ganz allein zu Hauſe, was mir unbeſchreibbar langweilig vorkommt.“ „Ich fürchte, Clara, daß Du es hier auch nicht unterhaltender findeſt,“ erwiederte die Couſine in ihrem gleichgültigen und matten Ton. „Laß das nur meine Sorge ſein,“ bat Clara. „Aber was ſehe ich,“ ſetzte ſie hinzu, als Alrik ſei⸗ nen Hut ergriff;„ich glaube, Herr Welwort beab⸗ ſichtigt, uns und das Frühſtück im Stiche zu laſſen?“ „Ja, ich muß nach dem Platze, wo wir mit der Grundlegung zu der neuen Kirche anfangen wollen,“ antwortete Alrik, indem er auf Gabriella zutrat, um ihr Lebewohl zu ſagen. „Frühſtücken Sie zuvor mit uns,“ bat Gabriella. „Nein, gnädige Frau, ich kam hieher, um zu ver⸗ nehmen, wie Sie ſich befinden, und nicht, um zu frühſtücken.“ „Aber das Eine hindert Sie ja nicht, das Andere zu thun.“ „Ich thue niemals etwas Anderes, oder mehr, als was ich mir vorgenommen habe; alſo leben Sie wohl bis zum Abend.“ „Heute bitte ich Sie aber, an unſerem Frühſtück Theil zu nehmen,“ ſagte Gabriella. „Bitten Sie mich nicht, gnädige Frau, denn im 161 Kleinen wie im Großen bin ich unbeweglich, wenn ich mir einmal Etwas vorgeſetzt habe.“ Er verbeugte ſich, und im nächſten Augenblick hörte Gabriella den Trab eines Pferdes und ſah Alrik unverweilt davon reiten. Gabriella dachte: „Er iſt geſchaffen, um durch die Allmacht ſeines Willens Andere zu beherrſchen.“ 6 Clara dagegen ſprach bei ſich ſelbſt: „Der Menſch tritt wahrhaftig mit Sturmesge⸗ walt auf und ſcheint auf der Welt Nichts zu kennen, wovor er ſich beugt, als ſeinen eigenen Willen. Ich glaube, der Mann iſt brav, aber für meinen Theil te mir, daß ſein Wirken dem des Orkanes gleicht.“ XXIII. Wir übergehen einen Zeitraum von mehr als vier Wochen und wollen nur, was inzwiſchen ſich zugetragen hat, in der Kürze berichten. Alrik hatte in Wettersnäs tägliche, obſchon zuwei⸗ len ganz kurze Beſuche gemacht; wenn aber ſeine Zeit es erlaubte, war er auch halbe Tage daſelbſt geblieben. Theils auf dem Wege der Ueberredung, theils dadurch, daß er ſie reizte oder ſogar verwundete, hatte er Gabriella gezwungen, in ſeiner und Clara's Geſellſchaft hin und wieder einen Spazierritt nach dem Lokale des neuen Kirchenbau's, oder in die Umgegend zu machen. Schwartz, Ein Opfer der Rache. I. 11 162 Wenn Gobriella Widerſtand leiſtete, konnte Alrik unter den ſchonungsloſeſten Ausfällen behaupten, ſie lebe nur darum in ſolcher Abgeſchiedenheit, weil ſie die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihre Perſon zu ziehen wünſche. Auf dieſe Art gelang es ihm wirklich, ſie auf⸗ zubringen, und in ihrem Zorn nahm ſie dann, um den Beweis zu liefern, daß ſie nicht die Sclavin einer ſo kleinlichen Eitelkeit wäre, an verſchiedenen Ausflügen Antheil. Alrik übte auf Gabriella einen wahrhaft auffal⸗ lenden Einfluß. Zuweilen ſah es allerdings aus, als ob ſeine Angriffe ſie tief verwundeten und er⸗ müdeten; und man konnte in ſolchen Augenblicken glauben, ſeine Gegenwart wäre ihr unangenehm; aber auf der andern Seite offenbarte ſich deutlich, daß ſie ihn vermißte, wenn er nicht käm, und daß er ſie mit ſeinem ſtarken Willen und kraftvollen Cha⸗ rakter Peherrſchte. Alfhild hatte ſich bei der Familie des Majors zu Aker einquartirt, weil auf dem Beſitzthum deſſel⸗ ben die Brunnenanſtalt S* gelegen war, und der Arzt ihr dort die Kur zu trinken verordnet hatte. Clara war ſomit zu Klein⸗Wettersnäs ganz allein. Eine beſondere Laune des Schickſals hatte es ſo gefügt, daß Ernſt genau während der Kurzeit ſich nach Aker verfügen mußte, um die Vermeſſungen, die er dort vorzunehmen hatte, in Vollzug zu ſetzen. Als ein wohlgelittener junger Mann, der bei Allen gern geſehen wurde, erhielt er von dem Major die Einladung, zu Aker ſein Gaſt zu ſein, ſo lang er im Kirchſpiele Verrichtungen hätte. 163 Eine Woche nach Alfhilds Abreiſe hatte gegen Gabriella geäußert: „Wiſſen Sie, was der Grund Ihrer Vorliebe für eine abgeſonderte Lebensweiſe iſt?“ „Meine kummervollen Erinnerungen.“ „Nein, Ihr Egoismus.“ „Jetzt verwunden Sie mich wieder durch eine ungerechte Beſchuldigung,“ erwiederte Gabriella, während ſie gelinde erröthete. S werde Ihnen ſogleich beweiſen, daß ich Recht abe.“ „Ach! Sie werden mir am Ende beweiſen, daß ich ein ebenſo unglücklich gebildeter Charakter, als ein durch Leiden zermalmtes Menſchenkind bin,“ er⸗ wiederte Gabriella bekümmert. „Gnädige Frau, wenn Sie zum Beiſpiel den kalten Brand an einer Hand hätten, glauben Sie, der Arzt würde ſich hinſetzen und ſein Bedauern über Sie ausſprechen, anſtatt ſich bereit zu machen, mit ſei⸗ nen beſten Inſtrumenten das tödlich kranke Glied von ihrem Körper abzulöſen, um Ihnen dadurch Ret⸗ tung zu bringen? So thue auch ich. Meine Worte ſind die ſcharfen Inſtrumente, meine Handlungen die Operation ſelbſt. Ich bin ein geiſtiger Wundarzt.“ „Nur mit dem Unterſchiede, daß man von Ihnen ſagen kann, ſie operiren eine Leiche, denn ich bin geiſtig todt.“ „Ein vollkommener Irrthum; denn wenn Sie Recht hätten, könnten Sie nicht durch meine Worte verwundet werden. Die Todten ſind gefühllos, und Sie ſind ſowohl für Schmerz als Zorn empfänglich. Ueberdieß ſind Sie, wie ich ſo eben ſo 164 beweist, daß Ihre Seele bei vollem Le⸗ en iſt.“ „Aber inwiefern bin ich denn Egoiſtin? Welche Freude, welchen Genuß habe ich?“ „Ich könnte antworten: Sie ſind Egoiſtin deß⸗ halb, weil Sie allen Freuden und Genüſſen entſa⸗ gen, indem Sie ſich einbilden, in Ihrer Abſonde⸗ rung von Andern am glücklichſten zu ſein. Sie laſſen ſich ein prachtvolles Schloß bauen, angefüllt mit Allem, was Reichthum, Thorheit und Lurus auftreiben können, und in dieſem glänzenden Sarge begraben Sie in aller Bequemlichkeit ſich und Ihren Kummer, von der irrigen Vorſtellung geleitet, daß ſie damit das einzige Glück, welches das Leben Ihnen zu bieten hat, genießen. Iſt dieß nicht Egoismus?“ Alrik hatte ſich in ſeinem Seſſel zurückgelehnt und fixirte Gabriella. Ihre Züge nahmen einen ge⸗ miſchten Ausdruck von Bitterkeit und Schmerz an, während ſie, ohne ihn anzuſehen, beinahe mehr mit ſich ſelbſt redend, zur Antwort gab: „So ungerecht urtheilen die Menſchen, weil ſie ihre Schlüſſe nur nach dem machen, was ſich ihren Blicken darſtellt. Wie ganz anders würde unſer Urtheil ausfallen, wenn wir in das Herz derer, welche wir tadeln, einen Blick werfen könnten.“ Sie wendete dann Alrik ihr Geſicht zu und fuhr fort: „Auch Sie, Herr Welwort, urtheilen nach dem äußern Schein. Wie ſehnſüchtig hat nicht mein Herz gewünſcht, ein Weſen zu beſitzen, das ich lieben, für das ich leben könnte. Wie oft habe ich nicht in — 165 meinen düſtern Stunden die Arme ausgeſtreckt und in verzweifeltem Schmerze geklagt, daß es für mich auf der ganzen Welt kein Weſen gibt, das mich lieb hätte, das meinen Kummer theilte und milderte, an deſſen Bruſt ich weinen könnte, das ich zu lieben das Recht beſäße...“ k Sie ſchwieg; eine leichte Purpurwolke ſtieg auf ihren Wangen auf, als ſie den zärtlichen Ausdruck gewahrte, welcher in Alriks hellblauen, ehrlichen Au⸗ gen, als er ſie jetzt anſah, zu leſen war. „Nun wohl, gnädige Frau, was hat Sie gehin⸗ dert, dieſen Wunſch Ihres Herzens erfüllt zu ſehen?“ „Mein unglückliches Verhängniß,“ antwortete Gabriella düſter und erhob ſich.„Mein Verhäng⸗ niß, welches das einzige Mal in meinem Leben, da ich fühlte, daß die Liebe die Wunde der Seele hei⸗ len könnte, zwiſchen mich und die aufdämmernde Hoffnung trat, mir gebot, ihr zu entſagen, und mir zur Pflicht machte, Jedermann von mir zu entfer⸗ nen, der mir ſeine Zuneigung widmen wollte. Mein Verhängniß, welches mir befahl, Alles weit von mir zu werfen, was mir Freude machen oder Troſt ge⸗ währen könnte; mein Verhängniß endlich, welches ſo grauenvoll jeden verfolgt, der ſich gegen meinen Willen mir zu nähern ſucht. Und Sie ſagen, daß meine Abſonderung Egoismus ſei!“ Gabriella legte die Hand aufs Herz und ſetzte mit tiefer Bewegung hinzu: „Es hat dieſes Herz blutige Thränen gekoſtet; es iſt meiner nach Liebe dürſtenden Seele Gewalt angethan worden; aber ich habe, wie es ehmals 166 das ſtrenge Kloſtergeſetz vorſchrieb, dieſes Herz da⸗ zu verurtheilt, lebendig begraben zu werden.“ Sie trat an eines der geöffneten Fenſter und ſchaute zu dem klaren Sommerhimmel hinaus. Gabriella hatte mit ſo ergreifendem Gefühl ge⸗ ſprochen, daß Alrik gerührt wurde. Er blieb ſitzen und ſah ihr nach. So vergingen einige Minuten; endlich ſtand er auf, näherte ſich Gabriella und ſprach in leiſem, bittendem Tone: „Verzeihen Sie mir meine Worte um des Mo⸗ tivs willen, welches ihnen zu Grunde liegt. Eines Tages werden Sie dieſelben, ſo wie mich verſtehen.“ Gabriella wondte ſich um, und ihre Blicke be⸗ gegneten ſich. Einen Moment ſahen ſie einander in die Augen, worauf Gahriella ihm ſchweigend die Hand reichte, welche er lebhaft küßte.. Es trat eine Pauſe ein; endlich unterbrach ſie Alrik mit den Worten: „Wenn Sie mit Ihrem abgeſchiedenen Leben diejenigen, welche Ihrer bedürfen, kränkten, demüthig⸗ ten und verletzten, wenn Sie denſelben Ihre Wohl⸗ thaten zuwürfen, wie man einem Bettler einen Pfen⸗ nig zukommen läßt, allein jeden Beweis von Freund⸗ lichkeit, welcher das Drückende des Bewußtſeins, von Anderer Barmherzigkeit leben zu müſſen, mildern könnte, ihnen entzögen, würden Sie dann Ihre Cou⸗ ſinen ſo fern von ſich halten und dieſelben durch eine ſolche Abſonderung verletzen? Von ihnen und allen Nachbarn muß dieß als ein Zug von Ueber⸗ muth betrachtet werden, darum weil Sie reich und jene arm ſind.“ „Uebermuth!“ wiederholte Gabriella.„O mein — 167 S Was habe ich, um deßhalb übermüthig zu ein?“ „Ihren Reichthum.“ „Ich denke nicht öfter daran, daß ich reich bin, als wenn dieſe Erinnerung mir wehe thut.“ „Aber warum dann Ihre Couſinen nicht hier haben, ſondern ſie ſo getrennt von Ihnen leben laſſen?“ „Darum, weil ich ſie in den düſtern Kreis, der mich umgibt, in das Schickſal, welches alle trifft, welche in Berührung mit mir kommen, nicht herein⸗ ziehen kann und will.“ „Aber wenn Sie durch dieſe Ihre Handlungs⸗ weiſe ihnen das Leben verbitterten und erſchwerten?“ Gabriella ſchaute wieder zu ihm empor und ſagte nach kurzem Stillſchweigen; ſol„Sie wollen, daß ich Clara zu mir nehmen 0 „Ich will Nichts, ich wünſchte nur Ihre Gedan⸗ ken darauf zu richten, daß dieſelben Ihrer bedür⸗ fen— daß Sie ihnen gegenüber zartfühlender ſein ſollten, als gegen diejenigen, welche nicht Ihr Brod „Ich danke Ihnen!“ erwiederte Gabriella, ihm die Hand reichend, und ſetzte hinzu:„Sie beweiſen mir klar, daß der Kummer mich egoiſtiſch gemacht hat. Ach! mein Herr, Sie werden noch damit auf⸗ hören, daß Sie mich zu Ihrer Schuldnerin machen.“ „Nein, nicht zur Schuldnerin, aber wohl zur Freundin.“ Tags darauf erhielt Clara ſchon am Morgen ein kleines Billet von Gabriella, mit der Anfrage, 168 ob ſie nicht während der Dauer von Alfhilds Ab⸗ weſenheit bei ihr ſich einlogiren wollte. Von dieſem Tage an bewohnte Clara das obere Stockwerk von Wettersnäs. Als die Brunnenkur zu Ende ging und Alfhild daheim erwartet wurde, bemerkte Gabriella: „Wenn ihr es vorzieht, bei mir zu wohnen, ſo ſteht der obere Stock euch zu Dienſten.“ Alrik hatte zu Clara geſagt: „Sie müſſen bei Ihrer Couſine wohnen und ſich täglich in Berührung mit ihr ſetzen.“ Deßhalb gab Clara, obwohl ſie wußte, daß es Alfhild Mißvergnügen machen würde, zur Antwort, ſie zögen es vdr, in Groß⸗Wettersnäs zu bleiben. XXIV. Es war an einem Nachmittag zu Ende Juli's. Gabriella war den ganzen Tag unſichtbar ge⸗ weſen. Man wußte nicht, wo ſie ſich aufhielt. Schon in aller Frühe Morgens war ſie ausgegangen. Am Abend kam Alrik nach Wettersnäs herüber und fand nur Clara. „Wo iſt Frau von Saint Sue?“ fragte er. „Ich weiß es nicht. Gabriella ſoll, noch ehe ich erwachte, ausgegangen ſein, und iſt noch nicht heim⸗ gekehrt.“ „Den ganzen Tag nicht.“ „Nein; aber dieß iſt nichts Ungewöhnliches, wie mir der Intendant ſagte.“ „Sehr möglich, daß es ſich ſo verhält; aber es =————„ ———— 169 iſt doch ſeit länger als einem Monat nicht vorge⸗ kommen, und würde auch jetzt nicht ſtattgefunden haben, wenn Sie ein wahres Intereſſe für Ihre Couſine empfänden.“ Bei dieſen Worten ſah Alrik ganz grimmig aus. „Aber Sie wollen mich doch nicht für Gabriella's Thun und Laſſen verantwortlich machen?“ entgegnete Clara lächelnd. „Allerdings, ſonſt hätte ich Sie nicht zu meiner Verbündeten gewählt.“ „Wollen Sie wirklich, daß ich Gabriella auf Schritt und Tritt bewachen ſoll? Sie iſt ja ein ſelbſtſtändiges Weſen, und ich kann ihr nicht ver⸗ bieten auszugehen, am allerwenigſten, wenn ſie dieß thut, ehe ich erwache.“ „Ja, eben darin liegt der Fehler, daß Sie ſchla⸗ fen,“ rief Alrik ungeduldig. „Das iſt ſtark; Sie wollen mir alſo das Schla⸗ fen wehren!“ erwiederte Clara lachend.„Das iſt Etwas, wozu ich mich nicht verbindlich machen kann, denn ich habe einen unbegreiflich guten Schlaf.“ „Das iſt ein großes Glück für Sie; aber für Frau von Saint Sue wäre es beſſer, wenn Sie Etwas von Ihrer eigenen Bequemlichkeit aufopfern könnten.“ „Herr Welwort, Sie wählen Ihre Worte nicht ſonderlich; und wenn Jemand anders mir ſagte, was Sie eben gegen mich äußerten, ſo würde ich beſtimmt böſe.“ „Das ſteht Ihnen frei,“ fiel Alrik mit geſteiger⸗ ter Ungeduld ein,„aber geſtatten Sie mir jetzt, daß ich mich mit etwas Anderem beſchäftige, als Ihrem 170 Schlaf und Ihrem Zorn. Haben Sie ausfindig zu machen geſucht, wo Frau von Saint Sue ſich befin⸗ den kann?“ „Nein, das habe ich nicht.“ „Sie ſind alſo ganz ruhig hier verblieben, als ob Nichts vorgefallen wäre. Der Menſch iſt doch in der That ein wunderliches Thier, ohne Intereſſe für Seinesgleichen. O du ewiger Egoismus!“ Alrik ging in vollem Zorn und Unmuth auf und ab. „Hören Sie, Herr Welwort, darf ich wohl er⸗ fahren, was Sie eigentlich wollen, da ßich thun ſoll? Soll ich die Dienerſchaft ausſchicken und ein Treib⸗ jagen hinter ihr her anſtellen, da ich doch weiß, daß ſie da, wo ſie iſt, allein und ungeſtört zu ſein wünſcht?“ „Aber ich habe Ihnen ja tauſend Mal geſagt, daß ſie nicht allein ſein darf. Ihre Pflicht iſt, die⸗ ſem vorzubeugen, da ich unglücklicher Weiſe nicht jede Stunde des Tags hier ſein kann.“ „Wenn ſie aber trotz aller meiner ſchönen Be⸗ mühungen die Einſamkeit ſucht, kann ich ſie nicht mit Gewalt daran verhindern.“ „Wer redet von Gewalt? Hier handelt es ſich bloß darum, daß Sie Gabriella ſo zu intereſſiren ſuchen, um Ihre Geſellſchaft derſelben werth zu machen.“ „Das iſt leichter geſagt, als gethan.“ „Wenn Sie wirkliches Intereſſe für Ihre Ver⸗ wandte hätten, ſo würden Sie Ihre ganze Kraft aufbieten, um deren Herz an ſich zu ziehen, und das würde Ihnen auch gelingen. 171 „Haben Sie Intereſſe für Gabriella?“ „Ja, auf Ehre und Gewiſſen.“ „Iſt es Ihnen gelungen, ihr Herz an ſich zu ziehen?“ Alrik warf Clara einen ſo finſtern Blick zu, als ob er ſie wegen dieſer kecken Frage auf der Stelle ermorden wollte. Aber da Clara ihm ganz unge⸗ ſcheut gleichfalls ins Auge ſah, ging er einige Mal im Zimmer auf und ab, blieb dann vor ihr ſtehen und ſagte: „Meine Rolle iſt niemals von ſolcher Art ge⸗ weſen. Ich bin der moraliſche Arzt. Sie waren von mir beſtimmt, ein heilender Balſam für die Wunde ihrer Seele zu werden; darum habe ich we⸗ der deren Herz noch Zuneigung zu gewinnen ge⸗ ſucht; aber hätte ich das gewünſcht, ſo dürfen Sie überzeugt ſein, daß es mir auch gelungen wäre. „Demnach liegt die Schuld an mir?“ „Allein an Ihnen.“ „Nun wohl, ſo ſagen Sie mir, was ich thun ſoll, um Gabriella zu beſtimmen, daß ſie ſich eng an mich anſchließt.“ „Sie lieben,“ war Alriks Antwort. „Dazu iſt ſie mir noch zu fremd. Ich bin dank⸗ bar, innig dankbar; aber ſie lieben, das kann ich noch nicht.“ „Nicht!— und doch iſt ſie ſo unglücklich, daß der bloße Anblick derſelben das Herz rühren und es zwingen ſollte, dieſes leidende und einnehmende We⸗ ſen zu lieben. Der Egoismus macht es dem All⸗ tagsmenſchen unmöglich, einen Andern, als den zu lieben, welcher ihm Unterhaltung gewährt. Gäbe 172 Frau von Saint Sue glänzende Feſte und ſähe viel Leute und verbreitete Luſt und Freude um ſich, dann würden Sie Liebe und Bewunderung für bie⸗ ſelbe fühlen. Wiſſen Sie was, Fräulein Clara, ich finde dieß, milde geſagt, kleinlich.“ „Und ich finde Sie nicht ſehr artig,“ verſicherte Clara in einem Ton, der zwiſchen Verdruß und Scherz die Mitte hielt.„Sie wollen, daß ich auf Commando eine Perſon lieben ſoll, und weil ich ganz ehrlich ſage: ſie iſt mir noch zu fremd, nennen Sie mich kleinlich, um nicht zu ſagen, verächtlich.“ „Können Sie ſich nicht über Ihre eigene Per⸗ ſönlichkeit erheben und...“ „Sie ſo unhöflich ſein laſſen, als es Ihnen be⸗ liebt, nur um der guten Sache willen,“ fiel Clara ein und reichte ihm die Hand, indem ſie hinzuſetzte: „Ja, ſchelten Sie nur darauf los, wenn dieß Ga⸗ briella nützen kann. Ich will meinerſeits mich be⸗ mühen, ſie zu lieben.“ „Ich danke Ihnen, Fräulein Wolf; jetzt gefallen Sie mir, da Sie den Beweis liefern, daß Sie eine große Seele haben.“ Er faßte ihre beide Hände und küßte ſie. 6 dieſem Augenblick fuhr ein Wagen auf den of. Es war Alfhild, welche vom Brunnen zurück⸗ kehrte. „Beſte Mamſell Clara, führen Sie Ihre Schwe⸗ ſter auf Ihr Zimmer. Ich möchte ihr ausweichen.“ Bei dieſen Worten Alriks wechſelte Clara die Farbe und ſagte etwas ſcharf: „Seien Sie überzeugt, Herr Welwort, ſo weit — 173 es in meinen Kräften ſteht, ſollen Sie der Unan⸗ nehmlichkeit eines Zuſammentreffens mit Alfhild nicht oft ausgeſetzt werden.“ „Dafür bin ich Ihnen ſehr verbunden,“ ver⸗ ſicherte Alrik und warf ſich in einen Fauteuil. „Der Grobian,“ dachte Clara, als er das Zim⸗ mer verließ. Arrik ballte, als er allein war, ungeduldig die Hände und murmelte: „Ich möchte dieſen ganzen Marmorpalaſt in die Luft ſprengen, wenn ich dadurch Kunde bekäme, wo ſie iſt, oder wo ich ſie ſuchen ſoll.“ Dieſen Augenblick zeigte ſich ein Schatten in der Thüre. Alrik ſprang auf. Gabriella ſtand vor ihm. Sie war unnatürlich bleich und in jedem ihrer Züge gab ſich jener hoffnungsloſe und verzweifelte Schmerz zu erkennen, welcher auf Alrik das erſte Mal, da er ſie ſah, ſo ergreifend gewirkt hatte. Er näherte ſich ihr haſtig und rief: „Mein Gott, wie bleich Sie ſind! Was iſt ge⸗ ſchehen 2“ Gabriella ſtrich ſich mit der Hand über die Stirne, reichte ſie ſofort Alrik und ſprach mit ihrer tonloſen Stimme: „Sie hier! Donk! Ich hatte Sie beinahe ver⸗ geſſen.“ „Das ſehe ich wohl,“ antwortete Alrik und führte ſie zum Sopha.„Sie ſind heute wieder egoiſtiſch geweſen, und um ihres Kummers recht zu genießen, haben Sie uns in der Angſt gelaſſen.“ 174 „Keine Vorwürfe heute,“ flüſterte Gabriella und ſtützte den Kopf in die Han Ohne ein Wort zu ſügen klingelte Alrik und ge⸗ bot einem Diener, Wein und Waſſer zu bringen. Als dieſer Befehl vollzogen war, goß er Etwas da⸗ von in ein Glas und bot es Gabriella mit den Worten: „Sie ſind abgemattet, trinken Sie.“ Sie ſchob das Glas von ſich, aber Alrik faßte ihre Hand und ſagte mit bittender Stimme: „Aus Barmherzigkeit mit mir und mit Ihnen ſelbſt, trinken Sie. Ach! Sie wiſſen nicht, welche Angſt ich ausgeſtanden, ſeitdem man mir ſagte, daß Sie den ganzen Tag außer dem Hauſe zugebracht haben. Gerade heute hätte ich über Sie wachen ſollen.“ Gabriella trank das Glas mit Wein und Waſſer, welches er ihr gereicht hatte, und ſagte dann: „Ich will Ihnen keine Unruhe machen; aber dieſer Tag iſt für mich von entſetzlicher Denkwürdig⸗ keit, und ich mußte an demſelben, ganz allein mit mir, meinen Schmerz durchkämpfen.“ „Ah! Das hätte ich mir denken ſollen,“ mur⸗ melte Alrik. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen dadurch wehe gethan habe,“ fuhr Gabriella fort und reichte ihm wiederum die Hand. Alrik ſchloß ſie in die ſeinige und ſag i Herzlichkeit: „Verſprechen Sie mir, für die wenigen, v Wonaten, die ich mir vorbehalten habe, m . —————— — * 175 Wochen, keinen ſo langen, einſamen Ausflug zu unternehmen.“ „Ich verſpreche es.“ „Ich danke Ihnen.“ Mit dieſen Worten ließ er ihre Hand fahren und verabſchiedete ſich nach einigen Augenblicken, da er ſah, daß Gabriella der Ruhe bedurfte. (Ende des erſten Bandes.) —— 15 16 17 8 9 10 11 12 13 14 AM ₰ „