4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, òʒ 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 pfangnahme und Rückgabe Dder Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rück jedem Tag 5 Pf bezahlt. den angenommen. 3. Quution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: — Mk. f 1 Monat: 1 3 ube eines geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ von mir zurückerſtattet 6 Bücher: W 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ver Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. ieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— —— Ausgewüllte Werke von Frau. 8. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. 6 Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung 1865.. Uovellen Erzählungen Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. Büchele. 3 Fünfter Band. Ftuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung . 1865. Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. — I. Ein gewiſſer Monſieur Tourlé, der Klaſſe der Kleinhändler angehörig und unter denen befindlich, welche 1789 gegen den Hof auftraten und durch den Schwur im Ballhauſe die abſolute Monarchie in Frankreich vernichteten, beſaß in der Nähe des Tem⸗ pels ein Haus. Tourlé hatte an den merkwürdigen Kämpfen den 12., 13. und 14. Juli 1789 Theil genommen und mußte mit ſeinem Leben die Einnahme der Baſtille bezahlen. Bei ſeinem Tode hinterließ er eine noch junge Wittwe ſammt einer Tochter und als Erbgut für dieſelben das oben erwähnte Haus. Tourlé's Tochter, Pauline, hatte von ihrer früheſten Kindheit an bei ihrer Großmutter väterlicher⸗ ſeits auf dem Lande gelebt, wo ſie in Einfachheit und Gottesfurcht erzogen wurde. Mutter Tourlé war eine ernſte Frau, welche ihren Gott, ihre Enkelin und ihr Bauerngut liebte. Was in der politiſchen Welt vorging, war wovon ſie keine Notiz nahm. Sie hatte ger an alle die Geſchäfte zu welch — die Kirche begab; ſonſt blieb ſie Jahr aus Jahr ein verrichten gab, und überließ es Frankreich, ſich ohne ſie zu regieren. Als die Nachricht von ihres Sohnes unerwar⸗ tetem Tod anlangte, ſchüttelte ſie den Kopf, und während ein paar Thränen über ihre Wangen rannen, ſagte ſie mit bewegter Stimme: „Was hatte er bei der Schlägerei zu thun? Beſſer, er wäre zu Hauſe geblieben; dann würde er jetzt noch leben.“ Weiteres äußerte ſie nicht über die Sache. Die Mutter von Pauline, welche nach ihres Mannes Tod das Geſchäft an ſich nahm und den kleinen Handel führte, lebte jetzt wie vorher getrennt von ihrer Tochter. Durch dieſes Arrangement waren die Eltern für Pauline fremde Perſonen geworden, welche ſie nur einmal im Jahre und auch dann nur auf ein paar Tage ſah. Mit der Großmutter dagegen hatte ſie beſtändig zuſammengelebt, ſeitdem ſie im Alter von einem Jahre aus dem elterlichen Hauſe hinweggenommen worden war, und ihr galt auch die ganze Anhänglichkeit des 1 WMuochens. Mutter Tourlé's Beſitzthum lag etwas iſolirt. Man lebte dort wie von der übrigen Welt abgeſon⸗ dert, und es geſchah höchſt ſelten, daß die Eigen⸗ thümerin einen Beſuch im Dorfe machte oder einige von den Nachbarn zu ſich einlud. Sie verließ nur zuweilen ihr Gut, und dieß war, wenn ſie ſich in * ——— ————— ———— „——— Moutin, aufwuchs. auf ihrem Hofe, von demſelben völlig in Anſpruch genommen. Dieß bewirkte, daß Pauline ohne eine Gefellſchaft ihres Alters, mit Ausnahme derjenigen von Baptiſt Baptiſt war vier Jahre älter als Pauline, und der Sohn eines Verwandten von Mutter Tourlé. Vater Moutin bekleidete gewiſſermaßen die Stelle eines Verwalters bei Mutter Tourlé. Baptiſt wurde zugleich mit Pauline auferzogen, um eines Tags, wenn dieſe das Hofgut erbte, bei ihr denſelben Platz einzunehmen, welchen deſſen Vater bei ihrer Großmutter inne hatte. Baptiſt war von ſanfter und ſtiller Gemüthsart, immer bereit, Pauline's Einfälle auszuführen und ihren Launen Genüge zu leiſten. Er hatte niemals einen andern Wunſch, als Alles ihr zu Willen zu thun. Seine Anhänglichkeit an die kleine Spielgenoſſin war unbegrenzt; ſie glich der eines Pudels. Pauline betrachtete auch Baptiſt als ihren Sclaven und mißbrauchte mit dem gewöhnlichen Unverſtand eines Kindes die Macht, welche ſie über ihn beſaß. Es war ganz ſeltſam zu ſehen, wie der große und ungewöhnlich ſtarke Jüngling ſich ganz und gar von dem kleinen Mädchen leiten ließ, das allerdings ſehr viel auf ſeinen einzigent Freund hielt, aber den hohen Grad von Anhänglchteit, welche er ihr widmete, durchaus nicht zu wittgen verſtand. So war die Zeit dahin gegangen u zu einem ſechszehnjährigen Mädchen her ſchön wie ein Frühlingstag, heiter und keck wie der Wind, nnſchuldig und rein wie der Himmel, als die 5 Nachricht von dem plötzlich erfolgten Tode ihrer Mutter wie ein„Donnerſchlag über ſie kam. Päuline weinte bitterlich, ließ ſich aber bald+ tröſten, und Mutter Tourlé bekam den Kopf voll von 3 Geſchäftsgedanken. Sie mußte nach Paris, um überall zurecht zu ſehen, daß nichts von Pauline's Erbe ver⸗ loren ging. Mutter Tourlé war nicht in der großen Stadt geweſen, ſeitdem ſie Pauline von dort abgeholt hatte. Dieſe Reiſe erſchien auch als ein höchſt merk⸗ würdiges Ereigniß. Man ſprach vierzehn Tage da⸗ von, mitten unter den großen Zurüſtungen, welche dazu gemacht wurden. Lange und mancherlei Ueber⸗ legungen wurden unter dem Dienſtperſonal in der Küche gepflogen, wer wohl den Vertrauensauftrag er⸗ halten würde, auf dieſer merkwürdigen Fahrt Frau Tourlé zu begleiten. Man diskutirte die Frage wäh⸗ rend der Mahlzeit, während der Arbeit und wenn man zur Ruhe ging. Die jungen Knechte ſahen ein⸗ ander mit ſcheelen Augen an, aus Neid darüber, daß dieſer oder jener vielleicht den Vorzug erhielte. Endlich erfuhr man, wen Mutter Tourlé mit ſich zu nehmen beabſichtigte. Es war keiner von den Knechten, ſondern Baptiſt. An ihn hatte man nicht gedacht, und es erregte ſomit großes Erſtaunen, daß ihm eine Ehre zu Theil werden ſollte, um welche die drei Knechte ſeit zwei unter einander geſtritten hatten. en 16. Juli 1792 reiste Mutter Tourlo ab, —— nachdem ſie von Pauline zärtlichen Abſchied genommen und Vater Moutin genaue Aufſicht auf dem Hofe zu halten ermahnt hatte. Mit Thränen in den Augen reichte Baptiſt Pauline die Hand, um ihr Lebewohl zu ſagen. Sein großes, freundliches Angeſicht drückte deutlich genug den tiefen Kummer aus, welchen er darüber empfand, daß er genöthigt war, von derjenigen zu ſcheiden, mit welcher er nun ſeit vierzehn Jahren täglich und ſtünd⸗ lich beiſammen geweſen war. Für Baptiſt, welcher auf dem Hofe erzogen und geboren worden, und der niemals weiter, als bis nach der Kirche gekommen war, machte dieſe Reiſe etwas ſo Unerhörtes aus, daß es dem armen Jungen vor⸗ kam, als könnte er, wenn er ſo weit fort müßte, nie⸗ mals mehr den Heimweg finden. Er nahm für völlig ausgemacht an, daß er in dieſem Leben Pauline nie mehr ſehen, daß er nie mehr einen Fuß auf die Stätte ſeiner Kindheit ſetzen würde. Als Mutter Tourlé und Baptiſt fort waren, fühlte Pauline ſich ſehr niedergeſchlagen. Sie hatte es in den erſten Tagen unendlich langweilig gefunden. Baptiſt war nicht mehr an ihrer Seite, um ihr zu helfen, wenn ſie ihre Blumen pflegte, ihre Tauben fütterte, oder ſich im Garten beſchäftigte. Sie hatte Niemand, der ihr vorlas, mit dem ſie ſchwatzen und endlich Niemand, mit dem ſie ſich zanken, den ſie ge⸗ linde plagen konnte. Pauline glaubte, ſie würde vor Langeweile ſterben. Bei einem Alter von ſechszehn Jahren es nicht aus, ſich auf die Dauer zu langweilen, ſon⸗ dern man ſucht aus der ertödtenden Stille herauszu⸗ kommen und auf dem Wind der Ereigniſſe dahin zu treiben. Genug, Pauline nahm ſich vor, ſehr lange Spa⸗ ziergänge zu machen. Sie beſchloß, das Dorf zu be⸗ ſuchen, wohin zu gehen ihr von der Großmutter ver⸗ boten war, und wohin ſie eben darum zu kommen ſich immerdar geſehnt hatte.. Jetzt, da ſie ſich ſelbſt überlaſſen war, konnte ſie unmöglich der Begierde widerſtehen, dieſen für ihre Einbildung ſo verlockenden Ort zu beſuchen und dort mit der Jugend Bekanntſchaft zu machen. Das ſchöne Mädchen wurde auch ſchon bei ſeinem erſten Beſuche im Dorfe ein Gegenſtand für die Auf⸗ merkſamkeit der jungen Leute. Genug, Pauline erlangte während der Abweſen⸗ heit der Großmutter vollkommene Gewißheit in Bezug auf einen Punkt, worüber ſie bisher in Unkunde ge⸗ weſen, nämlich daß ſie ungewöhnlich hübſch war. Auf dem Lande, oder in der Stadt, in der Hütte oder im Palaſte iſt dieß eine Entdeckung, welche die Seele mit Freude erfüllt. Pauline vergaß auch hald ihre Sehnſucht und die Abweſenden. Sie war glücklich und froh durch ihre Ausflüge nach dem Dorfe, wo ſie manche Stunde mit Bekannten zubrachte.— Die Einförmigkeit des täglichen Lebens, welche ſo oft das junge unruhige Gemüth geplagt hatte, be⸗ kam nun eine Abwechslung. Die Tage flogen wie Stunden dahin, und während ſie ſo oft in dem letzten Jahre die Zeit lang gefunden hatte, dünkte es ihr nun, als ob dieſelbe Flügel hätte.. Sie genoß ſorglos und mit vollen Zügen die Luſt, ſich als ſchön rühmen zu hören, mit der Jugend zu ſchwatzen und zu ſcherzen, an deren Tänzen und Spielen Theil zu nehmen, und achtete auf nichts, als was ihr Unterhaltung gewährte. ₰ Sie merkte ſomit nicht, daß im Dorfe ſich ein Mann befand, welchen ſie immer auf ihrem Wege traf, und welcher ihr ungewöhnlich ſchönes Angeſicht mit Blicken raubluſtiger Gier betrachtete. 2 Dieſer Mann war weder jung noch ſchön, ſon⸗ dern klein, alt und mager und von den Pocken ſo entſtellt, daß ſein Geſicht abſchreckend häßlich ausſah. Bekannt im Dorfe als der reichſte und bösartigſte ſeiner Bewohner, war er ein Mann, den alle fürchteten und mieden.. Pierre Godard gehörte zu den Perſonen, bei deren Anblick es Einem nicht wohl zu Muthe wird, und denen man möglichſt ſchnell zu entfliehen ſucht. Fand er ſich einmal ein, wenn man tanzte, um dieſer Luſtbarkeit zuzuſchauen, ſo ſchwieg die ſtürmiſche Munterkeit und das Lächeln erſtarb auf den Lippen. Man zog ſich von dem Orte zurück, wo er weilte, als fürchtete man ſich, in ſeiner NRähe zu ſein, und blickte ſcheu nach ſeinem von Neid und Bitterkeit zeu⸗ genden Angeſichte. 3 Godard war Verwalter bei einem vornehmen Mann geweſen, deſſen Vermögen in demſelben Maße zuſammenſchmolz, als das vom Verwalter ſich ver⸗ größerte. Man hatte ſomit von ſeiner Rech heit manches minder ehrenvolle Geſchichtchen zu er⸗ zählen, und dieß bewirkte, daß man ihm ganz in der Stille alles mögliche Schlechte nachſagte. Er lebte viel für ſich ſelbſt und verließ ſelten ſein Haus; es war ſomit etwas höchſt Ungewöhnliches, ihn täglich außerhalb des Bereichs davon zu finden. ₰ Die Urſache davon war, daß ein ungünſtiges Geſchick denſelben Pauline in den Weg geführt hatte. Er war von ihrer Schönheit worden und hatte für die„liebliche Roſe des Thales“, wie ſie genannt wurde, eine heftige Leidenſchaft gefaßt, welche bei ihm den Wunſch erzeugte, in den Beſitz des jungen Mädchens zu gelangen. Er war reich; warum ſollte es ihm alſo un⸗ möglich ſein, für ſein Geld ſich eine ſchöne Frau zu erkaufen. Es erſchien allerdings richtig, daß er für abſchreckend häßlich galt, daß er alt und nichts weniger als beliebt war; aber ſollte wohl eine Frau, wie Mutter Tourlé, allgemein für praktiſch und klug angeſehen, ſich an ſolchen Kleinigkeiten ſtoßen? Ganz gewiß war ſie ge⸗ neigt, nur ſeinen Reichthum in Betracht zu ziehen. Genug, Pierre Godard dachte Pauline das trau⸗ ₰ rige Schickſal zu, ſeine Frau zu werden. 1. Eines Abends in der Mitte des Auguſts kam Wit Tourlé von Paris zurück. Als ſie in die Stube trat und Pauline ſich in ihre Arme warf, drückte die alte Frau ſie an ihre Bruſt und murmelte: „Ach, Kind, es iſt recht ſchön, daß ich wieder daheim bin. Dort in Paris geſchehen ſchreckliche Dinge; Dinge, die wir uns in unſerem Thale gar nicht denken können. Gott bewahre uns vor ſolchem Volk und vor ſolchem Thun; es wird des Himmels Zorn auf unſer Haupt herniederrufen.“ 2 „Die Großmutter hat Recht“, fiel Baptiſt ein, 3 welcher daneben ſtand und wartete, bis Pauline ſich zu ihm wenden würde.„In Paris iſt es nicht gut zu ſeyn.“ „Aber deſto beſſer hier, nicht wahr, Baptiſt!“ rief Pauline und reichte ihm die Hand, welche er mit einer für ſeine Natur ſeltſamen Lobhaftigkeit in ſein große Fauſt ſchloß. Pauline wollte wiſſen, was ſie geſehen hätten und was geſchehen wäre, da ihnen Paris als eine ſolche Stätte des Entſetzens vorkäme Sie hatte i Dorfe manche wuhderlichen Sachen gehört, welche mals in Frankreich vorgingen, aber dieſe S nur gleich Mährchen geachtet, ohne irgend Gewicht auf dieſelben zu legen. Mutter Tourlé wollte kein Wort übet wovon ſie Augenzeuge geweſen war. Sie ha daran gehabt, es nur zu ſehen, und fand ſich nicht bemüßigt, demſelben noch weitere Verbreitung zu geben. Pauline ſollte Gott danken, meinte Mutter Tourlé, daß ſie mit dem Anblick oder Sena davon ver⸗ ſchont bliebe. Dieß war jedoch eine Ueberzeugung, welche Pauline ganz und gar nicht theilte. Sie hatte es gern, Erzählungen zu hören, bei denen es ſie vor Entſetzen, ſo zu ſagen, kalt überlief, und oft, wenn man im Dorfe von den Ereigniſſen zu Paris redete, war bei dem jungen Mädchen der Wunſch aufgeſtie⸗ gen, auch dort zu weilen und daran Theil zu nehmen, oder wenigſtens Zuſchauerin bei dieſen großartigen und wunderlichen Begebenheiten zu ſeyn, welche ſie jedoch im nächſten Augenblick um irgend eines mun⸗ tern Scherzes willen wieder vergaß. Ein Mädchen von ſechszehn Jahren findet ge⸗ wöhnlich mehr Freude daran, von ſeiner eigenen kleinen Perſon, als von Politik reden zu hören. Pauline vergaß die Bewegungen in Frankreich, um das ſich vorzuhalten, daß ſie ſchön war, bis irgend ein neuer Anlaß ihre Gedanken zu dem großen Drama, welches in Paris aufgeführt wurde, zurückleitete. Da ſie aus Mutter Tourlé's Worten den Schluß ziehen konnte, daß irgend ein neuer Akt geſpielt worden war, hatte ſie keine Ruhe, bevor ſie Baptiſt allein zur Hand bekam und derſelbe ihr berichtete, wovon er Zeuge geweſen war. Baptiſt erzählte auch ganz ausführlich, wenn auch nicht vollkommen wahrheitsgetreu, von der Er⸗ ſtürmung der Tuilerien, der Gefangenſetzung Lud⸗ wigs XVI. und ſeiner Familie u. ſ. w. Mit großen Augen und verwunderter Miene horchte das Mädchen. Als er ſchilderte, was er von den Leiden der königlichen Familie gehört hatte, füllten ſich Pauline's Augen mit Thränen und ſie rief: 17 „Armer König! Arme Königin!“ Pauline konnte ſeitdem mit ihren Gedanken und ihrer Einbildung von dem franzöſiſchen Könige nicht loskommen. Sie träumte von dem Kerker, wo er gefangen ſaß, und ſtellte ſich vor, daß ſie es wäre, welche den König, die Königin und die königlichen Kinder in Freiheit ſetzte. Den Tag nach Mutter Tourlé's Heimkehr, während Pauline und Baptiſt im Garten ſich befan⸗ den, und die alte Frau gerade im Begriff war, von den häuslichen Angelegenheiten, welche, wie ſie fürch⸗ ₰ tete, während ihrer Abweſenheit in einige Unordnung gerathen waren, Einſicht zu nehmen, kam eine der Mägde mit erſchrockener Miene herein und ſagte: „Vater Godard iſt draußen und will mit Ihnen ſprechen.“ „Godard!“ rief die alte Frau.„Was kann der Menſch von mir wollen?“ „Etwas Gutes gewiß nicht,“ meinte das Mäd⸗ chen;„und darum thäten Sie am beſten, wenn Sie ihn nicht annähmen.“ „Glaubſt Du? Ich bin jedoch anderer Meinung, und darum führe Du ihn nur herein. Mutter Tourlé iſt keine ſo feige Memme, daß ſie dem faulen nicht es Weiße des Auges ſehen könnte. Nach einer kleinen Pauſe trat Godard Ohne weitere Einleitung begann derſelbe, nachdem gegrüßt hatte: „Sie haben eine ſchöne Enkelin, Mutter Tourle, und ich bin um einige Worte von ihr zu reden.“ Schwartz, Novellen. V. 1— 18 „So, ſo, und zu welchem Zweck?“ fragte Mutter Tourlé. „Das werden Sie ſogleich erfahren. Sie wiſſen wahrſcheinlich nicht, daß dieſelbe in Ihrer Abweſenheit täglich im Dorfe und in Geſellſchaft der jungen Leute geweſen. Sie iſt mit den ledigen Burſchen daſelbſt zuſammengekommen und hat ſich Manches erlaubt, was ſie nicht wagte, ſo lang Sie daheim waren.“ „Hören Sie, Vater Godard, Sie lügen,“ fiel Mutter Tourlé heftig ein. „Fragen Sie das Mädchen ſelbſt. Ich, der ich höchſt ſelten unter die Leute gehe und im Allgemeinen wenig Notiz von Andern nehme, würde heutigen Tags noch von dem Daſeyn Ihrer Enkelin gar nichts wiſſen, wenn dieſelbe nicht auf ihren Wanderungen nach und von dem Dorfe an meiner geringen Wohnung vorbei gekommen wäre. Ich fragte nach, wer ſie wäre, uund als ich erfuhr, daß dieſelbe mit Ihnen verwandt ſſey, dachte ich: das Mädchen iſt ein Kind, die einzige Stütze, welche ſie hat, eine alte Frau, und dieſe ver⸗ mag ſie nicht vor dem Unheil in der Welt und vor den Gefahren, welche jetzt täglich um uns herum ſich erheben, zu ſchützen. Mutter Tourlé ſollte ſomit ihre Enkelin verheirathen.“ So werde ich auch thun, Vater Godard, aber orher muß ich einen ſolchen Mann finden, der meines achtens dem Mädchen anſteht.“ „Sie haben demnach einen ſolchen noch nicht gefunden?“ „Nein.“ „Um ſo beſſer; ich habe mich hier eingefunden, um Ihnen einen vorzuſchlagen.“ „Und der wäre?“ Mutter Tourlé ſah hiebei Godard forſchend an. „Pierre Godard.“ Die alte Frau ſchauderte. Godard fuhr fort, ohne auf ihre Bewegung Acht zu geben: „Ich bin allerdings vierzig Jahre alt und ſehr häßlich, aber der reichſte Mann in der Gegend, habe keinen ſo geringen Einfluß und darf hoffen, dieſer Tage ein bedeutendes Amt zu erhalten, das mir die Macht gewährt, diejenigen zu ſchützen, welche ich als meine Freunde betrachte, aber auch diejenigen zu ſtrafen, welche meine Widerſacher ſind. Ich kann ſowohl Ihnen als dem Mädchen in der herannahenden Zeit zu einer Stütze werden und bin ſomit keine zu verachtende Partie.“ „Und biſt auch ſo gottlos wie der Teufel ſelbſt,“ ſprach Mutter Tourlé bei ſich, während ſie mit Furcht daran dachte, daß ſie durch eine abſchlägige Antwort dieſes Ungeheuer von Häßlichkeit zu ihrem und Pauline's Feind machen würde. Die kluge alte Frau ſah ein, daß ſie Zeit ge⸗ winnen müſſe und nicht durch Kundgebung ihres ganzen Abſcheus vor der von Godard vorgeſchlagenen Verbindung ſeinen Zorn reizen dürfe. Nachdem ſie die Sache eine lange Weile überlegt hatte, fuhr ſie wieder fort: „Sie thun meiner Enkelin eine große E Vater Godard, aber das Mädchen iſt ja erſt ſ Jahre alt und ehe ſie das ſiebzehnte zurückgel 20 iſt es nicht der Mühe werth, an ſie zu denken. Kommen Sie alſo im nächſten Jahre wieder, und ich will dann ſehen, was ich Ihnen für eine Antwort geben kann.“ „Mutter Tourlé, Sie wollen um die Sache ſo herumtommen/ aber hůten Sie ſich davor. Ich kann ein braver Freund, aber auch ein gefährlicher Feind ſeyn, beſonders jetzt, da ein Wort über Leben und Tod entſcheiden mag. Ich ſage darum: das Mädchen wird mein, oder Sie und jene ſollen mir dieſe Ver⸗ ſchmähung theuer bezahlen.“ „Ich gedenke das Mädchen zu behalten, bis ſie ſiebzehn Jahre alt iſt, habe ich geſagt, und damit Punktum,“ antwortete Mutter Tourlé etwas geärgert. „In einem Jahre ſollen Sie eine beſtimmte Antwort erhalten.“ Mutter Tourlé erhob ſich und Godard folgte ihrem Beiſpiel. „It dieß Ihr letztes Wort?“ „So hören Sie auch das meinige. Ich gebe Ihnen vierzehn Tage Bedenkzeit. Schenken Sie mir nach dieſer Friſt nicht die Hand des Mädchens, ſo ſollen Sie von mir hören, und zwar auf eine furcht⸗ bare Weiſe.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Als Pauline zu ihrer Großmutter wieder in das Zimmer trat, bekam ſie zum erſten Mal in ihrem Leben änen jehr ſcharfen Verweis zu hören, und zwar 3 darum, daß dieſelbe zur Zeit ihrer Abweehe im Dorfe war. — — aber konnte ſich deſſen ungeachtet nicht enthalten, gelöst, daß dieſer Godard möglicher Weiſ Im Ausbruch ihres Zorns darüber, daß Pau⸗ line zum Nachtheil für ſich und die Großmutter Go⸗ dards Planen auf das Mädchen in die Hände gear⸗ beitet habe, ließ ſich Mutter Tourlé unter anderem vernehmen, Pauline werde ihren Ungehorſam ſelbſt noch zu büßen bekommen, da ſie ſich damit einen Teufel zum Freier auf den Hals geladen hätte, den ſie nicht ſo leicht von ſich abſchütteln könnte. Ja, Mutter Tourlé hatte eine traurige Ahnung, daß ſie ihm zum Opfer fallen würden. III. Pauline brachte die ganze Nacht mit Gedanken au die Worte der Mutter und an den häßlichen, ab⸗ ſcheulichen Godard zu. Sie wollte ſeine Frau durchaus nicht werden, eine gewiſſe Freude bei der Vorſtellung zu empfinden, daß jetzt wenigſtens etwas Außerordentliches geſchehen war. Sie ſollte genöthigt werden, für ihre Freiheit zu kämpfen, und dieß ſagte ihr ganz beſonders zu. Dieſe kindiſchen Ideen wurden jedoch hin wieder von einer unbeſtimmten Unruhe darü Großmutter ein wirkliches Leid anthun könnte Beſorgniß verbannte Pauline jedoch ſogleich ſie bei ſich ſelbſt ſprach:„Was kann God 7 22 Großmutter, die eine rechtſchaſſene Frau iſt, Böſes thun? Nichts.“ Die vierzehn Tage nahten ſich ihrem Ende, als eines Morgens in aller Frühe eine alte Frau vom Dorfe auf den Hof kam. Sie war nach Mutter Tourlé's abgelegener Wohnung geeilt, in der Hoff⸗ nung, Troſt in einem Unglück, von welchem ſie be⸗ troffen worden war, zu finden. Ihr Sohn war in Verhaft genommen worden. * Sie erzählte unter einer Fluth von Thränen, daß 3 man im Dorfe eben daran ſey, alle diejenigen, welche für Royaliſten angeſehen würden, oder in irgend i½ 3 einer Berührung mit den Ariſtokraten ſtünden, in ge⸗ 3 fängliche Verwahrung zu bringen. 3 Pierre Godard war zum Kommiſſär ernannt und mit dem Vollzug der Verhaftungem betraut worden, welche er mit der größten Bosheit betrieb. Der Sohn der alten Frau war eingekerkert wor⸗ den, weil er eine Zeit lang bei einem Vicomte Bris⸗ cour in Dienſte geſtanden war; aber die Alte ſelbſt glaubte, die eigentliche Urſache liege darin, daß der⸗ ſelbe gelacht habe, als Godard ſagte, er gedenke ſich mit Pauline zu verheirathen, und daß Godard eifer⸗ üchtig auf ihren Sohn ſey, weil Pauline ihn gut leiden könnte.. Mutter Tourlé hörte ſie ſchweigend an; aber dem Ausdruck ihres Angeſichts konnte man in ihrer Seele aufſtiegen, nichts weniger als und angenehmer Natur waren. n, daß die Gedanken und Empfindungen, welche Das Herz von Pauline klopfte unruhig. Sie 8 8 —— —— 23 begann jetzt das Schreckliche, was in Godards Braut⸗ werbung lag, zu begreifen. Die Gefahren, welche vor ihr auftauchten, waren von ſolcher Beſchaffenheit, daß ſie ſich keine Vorſtel⸗ lung davon machen konnte; aber bei der Schilde⸗ rung, welche die Alte von Godards Rachgier entwarf, erkannte Pauline, daß eine abſchlägige Antwort auf ſeine Freierei zu Verfolgungen führen würde. Vergeblich ſuchte ſie von der Großmutter zu er⸗ fahren, wie viel Bedenkzeit ihr Godard gegeben hätte. Die Alte wies alle ihre Fragen mit der Antwort ab: „Damit haſt Du ſicherlich nichts zu thun. Wenn der Tag kommt, ſo werde ich ihm wohl Antwort geben, das verſpreche ich. Am vierzehnten Tage des Morgens gab Mutter Tourlé Baptiſt Befehl, Pauline zu dem Paſtor zu begleiten, welchem das junge Mädchen einen Brief von Mutter Tourlé überbringen ſollte. Bei Pauline ſtieg jetzt die Beſorgniß auf, daß der Tag gekommen wäre, wo Godard ſich einfinden würde, um ſeine Antwort zu holen, und daß Mutter Tourlé ſie und Baptiſt aus dieſem Grunde fortſchicke. Dieß hatte zur Folge, daß ſie die Großmutter nicht verlaſſen wollte. Aber all ihr Wiederſtand diente zu nichts. Mutter Tourlés Antwort lautete: S „Du begleiteſt Baptiſt.“ Da ſie trotz Bitten und Thränen gehorchen mußte, beſchloß das junge Mädchen, ſobald ſie ei Stück weit von Hauſe entfernt wäre, vom Wa abzuſteigen und zu der Großmutter zurückzukehr um ſich zu überzeugen, ob Godard ſich einfinden 24 Als ſie den Hof aus dem Geſicht hatten, be⸗ gann Pauline mit Baptiſt zu unterhandeln. Sie begehrte, er ſolle allein nach dem Pfarrhauſe fahren und ſie ausſteigen laſſen. Baptiſt, welcher großen Reſpekt vor Mutter Tourlé hatte, glaubte nicht darauf eingehen zu kön⸗ nen; aber da Pauline zu weinen begann, war es mit ſeiner Standhaftigkeit aus. Wie es auch mit ihm ſelbſt und Mutter Tour⸗ lé's Zorn gehen mochte, er unterwarf ſich eher dem handgreiflichen Ausdruck deſſelben, als daß er in Pauline's Augen Thränen ſehen konnte. Das Pferd hielt alſo ſtill, und Pauline ſprang herab, worauf ſie mit ſchnellen Schritten dahin zu⸗ rückkehrte, woher ſie gekommen war. Möglich, daß Baptiſt nicht zu übérreden geweſen wäre, wenn er die geringſte Ahnung von Godards Bewerbung gehabt hätte. Nun glaubte der gutmüthige Burſche, Pauline wolle, durch die Neuigkeiten aus dem Dorfe beunruhigt, ſich nicht von Mutter Tourlé trennen. Pauline flog mehr, als ſie ging. Während ſie über ein Ackerfeld hinweg eilte, erblickte ſie in einem anſtoßenden Gehölze einige bewaffnete Männer, welche ſich dort gelagert hatten, wie es ſchien, um darauf Acht zu geben, was bei Mutter Tourlé vorging. Das Herz des armen Mädchens wurde mit Angſt erfüllt. und ſie verdoppelte ihre Schritte. Bald ſtand ſie auf der Hausflur. Sie öffnete ganz vor⸗ ichtig die Stubenthüre, blieb aber einen Augenblick 3 der Schwelle ſtehen. 25 Drinnen befanden ſich Mutter Tourlé und Godard. Letzterer äußerte: „Sie ſind alſo feſt entſchloſſen, mir das Mädchen nicht zur Frau zu geben?“* „Allerdings,“ antwortete Mutter Tourlé. „Haben Sie es auch reiflich überlegt? Merken Sie wohl, was ich Ihnen ſage. Sie haben zu wählen, entweder bekomme ich Pauline, oder verliert Pauline Sie.“ „Ich habe meine Wahl bereits getroffen. Ich bin eine alte Frau, und wie ich mein Leben ende, kann gleichgiltig ſeyn; meine Tage ſind auf alle Fälle gezählt; aber die Zukunft meines Enkelkindes dem Unglück und Elend an Ihrer Seite zu weihen, das vermag ich nicht über mich.“ „In dieſem Fall haben Sie die Folgen ſich sſelbſt zuzuſchreiben. Sie haben große Anhänglichkeit für die Familie Lamballe. Sie glauben vielleicht, ich wiſſe nicht, daß Sie und Ihr Mann in den Dienſten jenes Hauſes geſtanden ſind; daß Sie dieſen Hof von jener als Lohn für treue Pflichterfüllung erhalten haben, und daß ſich noch verſchiedene Kleinodien in Ihrem Beſitze finden, welche für Ihre Verbindung mit dem verhaßten Geſchlecht Zeugniß geben. Sie werden alſo dafür zu büßen haben, daß Sie den Ariſtokraten ergeben ſind, wofern Sie nicht Ihr Wort zurücknehmen.“ „Ich habe Ihnen geſagt, was bei mir beſchloſſen iſt, antwortete Mutter Tourlé,„und Sie können handeln, wie Ihnen gut dünkt.“ „Dann thun Sie am klügſten, Ihre Rechnu mit dieſer Welt abzuſchließen; denn 3 meine Leute zu rufen.“ 26 Godard drehte ſich auf dem Abſatze um, machte aber plötzlich Halt, denn Pauline ſtand vor ihm. Die Wangen des jungen Mädchens waren weiß wie Schnee, aber ihr Ausſehen entſchloſſen. Sie heftete ihre großen, dunkeln Augen auf den häßlichen Mann und ſagte: „Bürger Godard, Sie ſollen meine Großmutter nicht gefangen nehmen; Sie ſollen ihr kein Leid zu⸗ fügen, ſondern ſich zu deren Beſchützer machen; und wenn Sie das verſprechen, ſo werde ich Ihre Frau. Hier iſt meine Hand, ich Hebe ſie Ihnen aus freiem Willen.“ Mutter Tourlé öffnete den Mund, um gegen die Handlungsweiſe von Pauline Verwahrung einzu⸗ legen; aber das Mädchen legte derſelben ihre kleine Hand auf die Lippen und flüſterte: „Großmutter, wenn Du mich liebſt, ſo ſagſt Du kein Wort. Ich will Godard heirathen.“ Ein paar Tage darauf ſollte der Ehekontrakt zwiſchen Pierre Godard und Pauline Tourlé unter⸗ zeichnet werden. Es gibt Erfolge hier im Leben, welche gewöhn⸗ lich Unheil mit ſich bringen. So auch mit Godard. Das Glück, welches er ſich durch das von Pauline für ihre Großmutter gebrachte Opfer erzwungen hatte, konnte nicht von langer Dauer ſeyn. Es gab zwei Menſchen, welche ſich unmöglich mit dem Gedanken, daß Pauline, ſo jung, ſo gut, ihre Tage an Godard's Seite dahin ſchleppen ſollte, verſöhnen konnten. Dieſe beiden waren Mutter Tourlé und Baptiſt. Der letztere hatte bei der Heimkehr vom Pfarr⸗ hauſe, als er erfuhr, was geſchehen war, ſich ſo be⸗ nommen, daß Mutter Tourlé glaubte, er ſey närriſch geworden. Er weinte, wie ein Kind, drohte Godard, Pau⸗ line und ſich ſelbſt das Leben zu nehmen, und ge⸗ berdete ſich ſo wild, daß man ſich genöthigt ſah, ihn einzuſchließen, um einer Gewaltthat zuvorzukommen. Nach dem erſten heftigen Ausbruch ſeines Schmerzes war er allmälig ruhiger geworden, aber es lag etwas wie Verzweiflung in dieſer Ruhe. Den Tag, bevor der Ehekontrakt unterzeichnet werden ſollte, rief Mutter Tourlé Baptiſt zu ſich herein und hatte folgendes kurze Geſpräch mit ihm: „Du haſt eben ſolches Mißfallen an der Ver⸗ bindung zwiſchen Pauline und Godard, wie ich, ſcheint mir.“ „Ganz und gar.“ „Du begreifſt wohl, ſo einfältig Du ſonſt biſt, daß Pauline ſehr unglücklich wird?“ „Ja, ſehr.“ „Willſt Du dazu helfen, ſie zu retten?“ „Wenn ich kann.“ „Im Fall Du es nicht könnteſt, würde ich auch kein Wort darüber mit dir verlieren. Nun brauchſt Du blos in die nächſte Stadt zu reiſen und dieſes Schreiben in die Hände des Maire zu übergeben.“ Mit dieſen Worten reichte ihm Mutter Tourlé einen Brief. „Du haſt,“ ſetzte ſie hinzu,„einen Tag für dich, um hin und her zu kommen. Um eilf Uhr morgen wird der Kontrakt unterſchrieben, und hernach führt 28 Godard ſeine Frau mit ſich nach Hauſe. Ich hoffe jedoch, daß er in Folge dieſes Briefs von Perſonen empfangen werden ſoll, welche ihn auf immer von meiner armen Pauline trennen. Haſt Du mich ver⸗ ſtanden?“ „Ich habe verſtanden, daß dieſer Brief ſo ſchnell als möglich in die Hände des Maire kommen, und daß ich morgen vor Sonnenaufgang wieder zurück ſeyn ſoll.“ „Aber Niemand hier auf dem Hofe darf Kunde von deiner Reiſe erhalten.“ „Gut.“ Baptit nahm ein Pferd aus dem Stoll und machte ſich in aller Stille auf den Weg. IW. Er war ganz richtig am folgenden Morgen zurück, konnte aber unmöglich dazu gebracht werden, bei der Unterzeichnung des Ehekontrakts gegenwärtig zu ſeyn. Stolz wie ein Eroberer, welcher nach einem ge⸗ wonnenen Siege heimkehrt, führte Godard ſeine junge, bleiche Frau durch das Dorf und ſeinem Hauſe zu. Die Dorfbewohner folgten ihm mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdruck in ihren Blicken. Einer oder der Andere rief dem Bräutigam zu: „Glück zu, Vater Godard, wenn Sie heimkom⸗ men, wartet Ihrer eine große Ueberraſchung; ſehen Sie zu, daß dieſelbe Sie nicht den Kopf koſtet!“ „— 29 Ob Godard dieſen Zuruf hörte, laſſen wir dahin⸗ geſtellt; ſo viel iſt gewiß, daß er keine Aenderung in ſeinem Ausſehen hervorzubringen vermochte. Endlich war man vor dem Hauſe des Bräuti⸗ gams. Das Gemälde, welches ſich hier darſtellte, brachte ihn zum Zittern. Die Wohnung war von Leuten und Gensdarmen angefüllt. Man war im Begriff, ſeine Papiere zu durchſuchen, und er ſelbſt wurde, gerade da er über ſeine eigene Schwelle treten wollte, in Verhaft ge⸗ nommen. Er, der Mann, welcher mit ſo vieler Gehäſſigkeit Andere denuncirt und mit der größten Unbarmher⸗ zigkeit den Familienvater von ſeinem Heimweſen, den. Sohn von der Mutter, den Liebenden von der Ge⸗ liebten hinweggeriſſen hatte, um ſie dem blutdürſtigen Richter zu überantworten, deſſen einziges Urtheil auf die Guillotine lautete, wurde jetzt, als überwieſen, daß er mit conſpirirenden Emigranten einen heimlichen Briefwechſel unterhalten hatte, in den Kerker hinweg⸗ geſchleppt. Godard war bei dem Ausbruch der Revolution einer von den Erſten geweſen, welche ſich den Män⸗ nern des Umſturzes angeſchloſſen hatten, aber einzig und allein um ohne Verdacht der Gegenpartei Dienſte leiſten und den Briefwechſel zwiſchen den Emigranten und Royaliſten fördern zu können. Mutter Tourlé, die in der angſtvollen Verzweif⸗ lung, welche ihr Herz erfüllte, ſeitdem Pauline ſi für ihre Rettung aufzuopfern beſchloſſen hatte, 30 einem Mittel ſuchte, um ihr Enkelkind Godards Händen zu entreißen— war es plötzlich eingefallen, daß ſie einmal bei einem Gang auf die Poſt Godard geſehen hatte, wie er, den Hut tief in die Stirne gedrückt und den Rockkragen hinaufgeſchlagen, dort einen Brief mit der Adreſſe an den Marquis*** abgab. Bei dieſer Erinnerung ſtieg in der alten Frau das Verlangen auf, ſich zu rächen. Sie gab Godard als eine gefährliche Perſon an, weil er mit den Ari⸗ ſtokraten in Correſpondenz ſtände. In damaliger Zeit bedurfte es nichts weiter, als eines Stücks von einem Briefe, eines Portraits oder der geringſten Kleinigkeit, um Verdacht zu wecken und den Unſchuldigſten auf das Schaffot zu bringen. Wie viel ſchneller mußte alſo derjenige expedirt werden, welcher darüber betroffen wurde, daß er ein falſches Spiel getrieben und unter dem Schein eines warmen Anhängers der neuen Ideen eine denſelben feindliche Correſpondenz geführt und ſich an den royaliſtiſchen Intriguen theilhaftig gemacht hatte. Die Briefe, welche man bei Goderd fand, gaben Zeugniß dafür. Der Proceß gegen ihn dauerte auch nicht ſehr lang. Ein paar Tage nachdem Pauline ihren Ehe⸗ kontrakt unterzeichnet, hatte die Guillotine ſie zur Wittwe gemacht. Einige Monate ſpäter raffte der Tod auch die alte Großmutter hinweg. Sie ſtarb in Folge aller, der Seelenerſchütterungen, von welche ſie in der letzten Zeit heimgeſucht worden war, und welche ihr ein hef⸗ * . ———— 31 tiges Nervenfieber zuzogen, das ihrem Leben ein Ende machte. Pauline war ſomit Wittwe in einem Alter von ſechszehn Jahren und dazu Beſitzerin eines ſehr ſchönen Vermögens mit voller Freiheit in ihrem Thun und Laſſen. Es kam ihr unmöglich vor, in dieſem Hauſe zu bleiben, wo Alles ſie an die geliebte Todte erinnerte. Sie beſchloß alſo den kleinen Ho und ſich nach Puti tödtet, und nach einem Ort wie Paris mich wenden, wo die äußern Ereigniſſe von der Art ſind, daß ſie mir Vergeſſenheit meines Kummers bringen können.“ „Aber dieſe äußern Ereigniſſe werden dich ver⸗ ſchlingen,“ fiel Baptiſt ein. „Mag es auch ſein; beſſer als hier vor unge⸗ ſtillter Sehnſucht ſterben. Ich ſtehe ja ganz allein in der Welt. Es gibt Niemand, der auf meinem Grabe n wird, im Fall ich umkäme; alſo ich will nach aris.“ „Pauline, wie kannſt Du ſagen, Du habeſt Nie⸗ mand der ſich um dich grämt?“ fragte Baptiſt, indem er die Freundin ſeiner Kindheit traurig anſah. „„Därum, weil es ſo iſt,“ antwortete ſie gleich 32 „Glaubſt Du denn nicht, daß.. daß. ich dich beweinen würde?“ fuhr Baptiſt fort. „O ja; aber Du würdeſt dich wohl tröſten.“ „Nein, das thäte ich nicht; ich würde ſterben, wenn Du ſtürbeſt, ſo innig und ſo von ganzem Her⸗ zen liebe ich dich!“ rief der ſonſt ſo blöde Jüngling, von ſeinen Gefühlen überwältigt. 5 thut mir leid, Baptiſt, denn ich hänge an dir; beſſer alſo, wir ſcheiden.“ n folgende Scene war eine der gewöhn⸗ lichen, wo ein Jüngling zur Antwort auf ſein zärt⸗ liches Bekenntniß Gleichgültigkeit erhält. Baptiſt ſprach Worte aus, worüber er bei ruhigerer Stimmnng ſelbſt in Erſtaunen gerathen wäre. Er redete davon, wie theuer ihm Pauline wäre, wie er ſie immerdar geliebt hätte und wie er getrennt von ihr nicht leben könnte u. a. m. Das Reſultat lief darauf hinaus, daß er, und wenn ſie an's Ende der Welt reiste, ihr wie der Hund ſeinem Herrn folgen würde; nicht um für ſich einige Zärtlichkeit zu erzwingen, ſondern einzig und allein über ſie zu wachen, ſie im Augenblick der Gefahr zu beſchützen und zu ſterben, wenn er nicht im Stande wäre, das Unglück von ihr abzuwenden. Es lag etwas Rührendes, Uneigennütziges, Sich⸗ ſelbſtaufopferndes in ſeiner Hingebung. Pauline reichte ihm die Hand und ſagte mit bewegter Stimme: „So folge mir, guter Baptiſt; aber rechne nicht datauf, daß ich ſofort deine Anhänglichkeit durch die Gabe meiner Liebe belohnen werde. Dazu wird es niemals kommen.“ 33 „Ich begehre das auch nicht, habe niemals da⸗ rauf gehofft,“ antwortete Baptiſt;„ich habe nur ge⸗ wünſcht, dein Freund zu ſein, in deiner Nähe zu leben und mit dir Sorgen und Prüfungen zu theilen, im Fall ſolche dich treffen ſollten. Die Freude magſt Du wohl für dich behalten.“ Einige Zeit darauf reisten Pauline und Baptiſt nach Paris ab; der letztere, wie er ſagte, um die Bau⸗ kunſt zu lernen. Es ging ihm alle Luſt zum Land⸗ bau ab, hieß es, und er wolle darum Maurer, und mit der Zeit Baumeiſter werden. V. Pauline kam in Paris den 19. Januar 1793 an. Sie betrat ihr elterliches, dem Tempel gegenüber gelegenes Haus zwei Tage vor der Hinrichtung von Ludwig XVI. In dieſer ihrer Wohnung ſah es noch ganz ſo aus, wie zu Lebzeiten ihrer Eltern. Sie ſtand ſeit der Mutter Tod unter der Hut einer alten Magd, welche bei jener Amme geweſen war.. Germaine begrüßte mit Freudenthränen die Tochter ihres Pflegekindes und vergaß bei deren Anblick Kum⸗ mer und Sehnſucht nach jener. Die erſten Tage wurden durch Erzählungen in Anſpruch genommen, vornehmlich von der theuren Verſtorbenen, welche Germaine dem jungen Mädchen Schwartz, Novellen. V. 3 — 34 als einen Engel anſchrieb; und hernach folgte eine Schilderung all der Gräßlichkeiten, welche in Paris vorgingen. Die Gefangenſchaft der königlichen Familie, die Jagd auf die Ariſtokraten, die September⸗Metzeleien und endlich das Todesurtheil des Königs waren die Ereigniſſe, welche die alte Magd der beſtürzten Pauline auftiſchte. Wohl waren Pauline ſchreckliche Dinge, welche daſelbſt geſchahen, zu Ohren gekommen; aber niemals hatte ſie ſich von allen dieſen Greueln eine Vorſtellung machen können. Ein Gefühl des Schreckens erfaßte ihre Seele, und es kam ihr vor, als dürfte ſie ſich gar nicht vor die Thüre ihrer Wohnung hinauswagen. Früh am Morgen des 21. Januar hatte Pauline ihren Platz am Fenſter in ihrer Stube eingenommen, um mit ängſtlichen Blicken das Gebäude des Tempels zu betrachten, welches dort ſo drohend und düſter vor ihr ſtand. Von demſelben ſollte Ludwig XVI. ſeinen letzten Gang antreten. Sie zitterte und bebte bei dem Gedanken, daß ſie nunmehr zum erſten Mal Frankreichs König und in ihm einen zum Tode verurtheilten Menſchen ſehen würde. Neugierde und Mitleiden, Entſetzen über das, was ſie gehört hatte, und Furcht vor dem, was die Zukunft noch mit ſich bringen würde, erfüllten die Bruſt von Pauline. Einige Augenblicke bereute ſie nach Paris gekommen zu ſein und die Heimath ihrer Kindheit verlaſſen zu haben; aber bald wurden dieſe Gefühle zurückgedrängt, und ihr Auge heftete ſich auf —FÜ ———— —————— 35 die ungeheure Menſchenmaſſe, welche auf der Straße hin und herwogte. Sie hielt ſich feſt an Germaine's Arm, als der Wagen, welcher Ludwig XVI. zum Schaffot führte, ſichtbar wurde, und lehnte ſich weit zum Fenſter her⸗ aus, um einen Blick auf den König in dem Momente zu erhaſchen, da der Wagen langſam vorüberfuhr. Der Ausdruck erhabener Ruhe und chriſtlicher Ergebung, den ſein Angeſicht zeigte, gab demſelben, ſo dünkte es Pauline, die Glorie eines Heiligen. Die Thränen ſtürzten aus den Augen der jungen Wittwe, und ſie ſank auf die Kniee nieder, indem ſie mit ge⸗ falteten Händen ſtammelte: „Gott Vater im Himmel, ſtehe dem Könige von Frankreich in ſeinem letzten Augenblicke bei!“ Germaine zog ſie erſchrocken vom Fenſter zurück und flüſterte: „Um's Himmels willen, laſſen Sie kein Wort, keinen Blick des Mitleids ſich entſchlüpfen, wenn Sie nicht Ludwigs Schickſal theilen wollen.“ Am Abend fand ſich Baptiſt ein, um zu erzählen, daß er bei der Hinrichtung des Königs gegenwärtig geweſen ſei. Pauline hörte ihm mit Intereſſe und Mitleiden zu. Sie wurde, als Baptiſt ſchwieg, nachdenklich und beküm⸗ mert. Der erſte Eindruck, den Paris auf ſie machte, war kein angenehmer, und es kam ihr vor, als ob eine Ahnung ihr ſagte, daß ſie ſehr merkwürdige Ereigniſſe durchzumachen haben würde. 36 VI. Jahre verfloſſen indeſſen, ohne daß dieſe Ahnung zur Wirklichkeit wurde. Pauline, die trotz der erſten traurigen Scenen, welche ſie von ihrem Fenſter aus mitangeſehen hatte, in ihrem elterlichen Hauſe verblieb, ſah die Schreckens⸗ regierung alle ihre Greuel entwickeln und auch wieder zu Ende gehen, ohne daß etwas wie eine Gefahr oder ein drohendes Abenteuer ihr aufſtieß, und zwar unge⸗ achtet ſie den Proceßverhandlungen von der Königin, den Girondiſten, Madame Roland, Charlotte Corday, Danton und andern merkwürdigen Perſonen als Zu⸗ hörerin beigewohnt hatte. Sie war in das Intereſſe für die Ereigniſſe des Tages hineingezogen worden, ohne daß ſie an den letztern in irgend einer Weiſe betheiligt, wurde. Sie zogen rauſchend an ihr vorüber, ohne daß ſie von den Schwingen des Sturms auch nur ein einziges Mal berührt worden wäre. Pauline hatte gehofft, eine romantiſche Rolle in der Tragödie ſpielen zu können, aber ſah ſich am Schluſſe derſelben noch hinter den Kouliſſen ſtehen, ohne daß ſie auch nur einmal auf die Scene gekom⸗ men war. Geblendet von den ausgezeichneten Frauen der Zeit, hatte Pauline ſich die Kenntniſſe zuzueignen ge⸗ ſucht, welche ihr noch mangelten, und ihren Verſtand ausgebildet, damit ſie eines Tags als eine zweite Ma⸗ dame Roland⸗auftreten könnte; aber während ſie da⸗ 37 rauf hinarbeitete und von der Zukunft träumte, war das große Schauſpiel geſchloſſen, und das Nachſtück der Reaction wurde nun aufgeführt. Die Hinrichtungen hörten auf. Die Angſt wegen der perſönlichen Sicherheit verſchwand. Man wagte wieder zu athmen und ſich zu rühren, ohne daß man beſorgen mußte, Leben und Sicherheit dadurch blos⸗ zuſtellen. Die Hoffnungen von Pauline, auf irgend eine bemerkenswerthe Weiſe auftreten zu können, verſchwan⸗ den, und ſie war auf die unbedeutende Stellung einer reichen, freien und ſchönen Frau beſchränkt. Sie wurde von ihren unbefriedigten Wünſchen gequält und eine Leerheit, welche durch keine ſonſtige Freude oder Zerſtreuung ausgefüllt werden konnte, bemächtigte ſich ihrer. Sie fühlte ein inneres Be⸗ dürfniß, zu lieben und geliebt zu werden. Allerdings fand ſich unter den Männern, mit welchen ſie Bekanntſchaft gemacht hatte, einer oder der andere von ganz angenehmem Weſen; aber es waren Kaufleute, Handwerker oder niedrige Beamte. Sie beſaßen nichts, was Pauline beſonders anzog, welche die zwei letzten Jahre die franzöſiſche Romanliteratut verſchlungen und ihre Einbildungskraft dadurch exaltirt hatte. Ihre Phantaſie war von Idealen erfüllt; und zu dem Gegenbilde dafür taugte weder der Spe⸗ zereikrämer M. in der rue du temple, noch der Weinhändler D. von Saint-Antoine. Dieſe Herren ſagten allerdings Pauline, daß ſie die ſchönſte Frau in Paris wäre, daß ſie dieſelbe anbeteten, und ſandten ihr Roſinen und als 38 Opfer ihrer Huldigung; aber was half das? Pauline konnte keine Sympathie für Gefühle hegen, welche hinter einem Ladentiſche entſproſſen, und ſie fand das Glück, welches ſich ihr an der Seite dieſer Herren bot, allzu trivial. Außer dieſen Verehrern hatte ſie noch ein paar, welche dem von Pauline ſo tief verachteten Handels⸗ ſtande nicht angehörten. Sie legten derſelben auch ihre Huldigungen zu Füßen; aber ungeachtet der eine vom Militär, ſchön und ritterlich war, konnte er ſich doch nicht rühmen, daß er einen tiefern Eindruck auf die junge Wittwe gemacht hatte. Er wohnte bei ihr zur Miethe, beſuchte ſie oft, wurde wohl aufgenommen, und Pauline ſcherzte gern mit ihm; aber dieß war auch Alles. Als Monſieur Philippeaux einmal in den ſenti⸗ mentalen Ton verfiel, wurde er ſogleich unterbrochen und mit der Bemerkung verabſchiedet, er möchte ſie nicht eher mehr beſuchen, als bis er ſich von der⸗ gleichen Grillen losgemacht hätte. Der Andere war Pauline's Couſin, Edmund Boisgerard, ein junger Mann, welcher alles Mög⸗ liche, Schreiber, Militär, Schriftſteller, Republikaner und Reactionär geweſen; für jetzt war er— Schauſpieler. Edmund gehörte zu der Zahl der luſtigen Bur⸗ ſchen. Leichtſinnig, wie ein ächter Pariſer, witzig und unterhaltend wie ein Franzoſe, lebte er, ohne an den morgenden Tag zu denken, für den Augenblick, liebte Abenteuer und kleine Schelmenſtücke, Duelle und 39 Liebesintriguen; dagegen fehlte ihm alle Fähigkeit, ſich mit Ernſt an irgend einen Gegenſtand zu heften. Pauline war ſeine Couſine, dazu ſchön und reich. Sie hatte einen guten Tiſch und war immer bereit, wenn er ſich in Noth befand, ihm mit einem oder dem andern Darlehen, welches niemals zurückbezahlt wurde, an die Hand zu gehen. Die natürliche Folge davon war, daß er ihr ſeine Huldigung darbrachte, daß er Pauline's beſtändiger Ritter war, und dieß ohne daß dieſelbe zu beſorgen brauchte, durch einen ſolchen vertraulichen Umgang etwa eine große Leiden⸗ ſchaft hervorzurufen. Baptiſt wußte, wie ſehr die junge Wittwe von Bewunderern und Freiern umgeben war. Er ſah, wie ſie den Freund ihrer Kindheit vergaß und ſich ſeiner nicht öfter zu erinnern ſchien, als er eben ſich bei ihr ſehen ließ, um Erkundigungen einzuziehen, wie ſie ſich befände. Er beklagte ſich nicht über dieſe Vergeßlichkeit, hielt ſich blos in gehörigem Abſtande und dachte: „Mag Pauline mich vergeſſen, ſo lang ſie glück⸗ lich iſt; ſollte ſie einmal vom Mißgeſchick heimgeſucht werden und eines Freundes bedürfen, ſo werde ich mich ſchon ihr in's Gedächtniß zurückrufen.“ Baptiſt arbeitete den ganzen Tag und kehrte dann ſtill und unbemerkt in ſeine Wohnung zurück, welche er in dem anſtoßenden Hauſe bezogen hatte. Er war ein geſchickter Maurer und hatte Arbeit vollauf. Von dem Augenblick an, da er nach Paris kam, hatte er ſich von Pauline vollkommen unab⸗ hängig gemacht. 4⁰ War die Tagesarbeit geſchloſſen, ſo las er noch ſpät bis in die Nacht hinein, indem er bei ſich ſagte: „Pauline iſt eine feine Dame geworden; es taugt nicht, daß ſie einen ſo rohen und unwiſſenden Freund hat; ich will mir einige von den Kenntniſſen, welche ſie beſitzt, anzueignen ſuchen.“ VII. Es war im Herbſte 1796. Pauline ſaß an einem der Fenſter in ihrer lleinen Stube. Sie ſchaute hinüber zu dem Tempel. Das Antlitz der jungen Frau hatte einen wehmüthigen Ausdruck. Es war einer von jenen Augenblicken, wo der Geiſt gern im Buche der Erinnerung blättert. Pau⸗ line empfand ein unwiderſtehliches Verlangen, die entſchwundenen Zeiten zu durchgehen und die ver⸗ gangenen Ereigniſſe zu prüfen. Der Anblick des Tempels erinnerte ſie an die erſten Tage ihres Aufenthalts zu Paris. Sie glaubte das milde und verklärte Angeſicht von Ludwig XVI., da er zum Schaffot geführt wurde, zu ſehen, und ihr Herz fühlte bei der Erinnerung daran daſſelbe tiefe Mitleid, von welchem ſie damals ergriffen worden war. Von dem unglücklichen Monarchen flogen ihre Gedanken zu den Ereigniſſen zurück, welche mit ihrer Che verknüpft geweſen waren. Pauline ſtellte ſich bei der Erinnerung an jenes ——— 4¹ ſo plötzich in's Leben getretene und eben ſo ſchnell verſchwundene Leid die Frage, ob ſie nicht zu etwas Höherem und Beſſerem, als dem Leben, welches ſie nun führte, berufen wäre. Es kam ihr, als ſie den Augenblick, da ſie Godard's Gattin zu werden be⸗ ſchloſſen hatte, ſich vergegenwärtigte, vor, als ob ihr Herz für große Geſinnungen und Opfer, und ihr Charakter für heroiſche Handlungen geſchaffen wäre, und doch verfloſſen ihre Tage ſo einförmig, ſo ohne alle Spur von etwas, das ihrer innern Kraft ein entſprechendes Feld zur Bethätigung eröffnete. Eine eigenthümliche Betrübniß lagerte ſich über ihrer Seele. „Ich möchte lieber dort hinter den Gittern des Tempels gefangen ſitzen,“ dachte ſie,„als hier in dieſer Stube länger weilen; denn im erſtern Fall hätte ich etwas Ungewöhnliches durchgemacht, während ich dagegen jetzt allen andern Frauen gleiche und vielleicht ſterben werde, ohne zu wiſſen, warum ich gelebt habe.“ Ihre Augen hafteten an den Fenſtern des Tem⸗ pels, und ſie fuhr vor Ueberraſchung zuſammen. Es kam ihr vor, als ob ſich etwas hinter den Gittern des Tempels rührte. Pauline hatte niemals zuvor ein lebendes Weſen an dieſem Fenſter geſehen. Es war ſomit ein Gefangener in dieſes Gemach gekommen, welches bisher leer geſtanden. Sie wandte ſich in das Zimmer zurück und rief: „Komm hieher, Germaine, und ſieh, ob ein 42 Trugbild mich höhnt, oder ob nicht an dem Fenſter gerade gegenüber Jemand ſteht.“ „Ja, es ſcheint mir auch ſo,“ antwortete Ger⸗ maine, während ſie hinüber ſchaute; aber in der nächſten Minute konnte ſie nichts mehr deutlich unter⸗ ſcheiden, denn die kurze Abenddämmerung war ent⸗ ſchwunden und die Finſterniß breitete ihren ſchwarzen Mantel über die Erde, ſo daß der Tempel nur wie ein düſteres Geſpenſt daſtand. „Das Gebäude da,“ nahm Germaine wieder das Wort, äls ſie nichts mehr unterſcheiden konnte,„iſt ja nur ein garſtiger Kerker, und wahrſcheinlich iſt wieder ein armer Gefangener da hineingekommen und hat ſeine Wohnung gerade uns gegenüber erhalten. — Ja, das muß ich ſagen, wäre ich an Ihrer Stelle, ich bliebe nicht hier wohnen, um immer ein ſolches Neſt vor Augen zu haben.“ Germaine ging, um ein Licht anzuzünden, und Pauline entfernte ſich zögernden Schrittes von dem Fenſter. In demſelben Augenblick klingelte es auf der Hausflur, und Monſieur Philippeaux trat ein. Bei ſeinem Anblick fühlte ſich Pauline wahrhaft erfreut. Sie befand ſich in gedrückter Stimmung und war es deßhalb ganz zufrieden, als ſie den artigen und muntern Officier erblickte. Er ſollte jetzt den Abend mit ihr verplaudern, und ſie konnte die Leere und Langeweile vergeſſen, wovon ſie ſo oft ge⸗ plagt wurde. „Sie hätten keine gelegenere Stunde als dieſe zu einem Beſuche bei mir wählen können!“ rief 43 Pauline.„Ich bin übler Laune und bedarf daher Jemand, der mich aufmuntert.“ „Dann muß ich mich ſogleich wieder entfernen,“ antwortete Philippeaux,„denn ich habe mich heute hier eingefunden, um in Ihrem Anblick und Ihrer Geſellſchaft zu vergeſſen, wie bitter das Schickſal oft uns Sterblichen mitſpielt.— Ach, Sie ſind glücklich, ſchöne Pauline, daß Sie von nichts Anderem wiſſen, als Ihrer Freude zu leben, und diejenigen, welche Sie anbeten, zu quälen.“ „Nein, ich bin unglücklich,“ fiel Pauline heftig ein,„oder glauben Sie, dieſes zweckloſe Leben, das ich führe, wenn ein Tag dem andern vollkommen gleich iſt, wenn nichts geſchieht oder vorfällt, was von der gewöhnlichen Ordnung abweicht, wenn meine Seele durch ihre eigene Kraft verzehrt wird, ohne etwas zu finden, woran dieſe ſich auslaſſen kann, wenn das Herz aus Mangel an einem Gegenſtand, wofür man leben kann, gleichſam ſtirbt,— glauben Sie, dieß ſey Glückſeligkeit?— Ich bin noch nicht neunzehn Jahre alt und fühle mich der Stadt Paris, des Le⸗ bens und der Menſchen müde. Ich möchte wünſchen, es böte ſich eine Gelegenheit, wo ich die Gefahr her⸗ ausfordern, mit dem Tode gerad oder ungerad um mein Leben ſpielen könnte, und ich würde dann erſt mich glücklich fühlen. Jetzt komme ich mir ſelbſt wie eine Tagfliege vor, deren Daſeyn zu nichts nütze iſt, zu Niemands Freude oder Leid dient.“ „Pauline, Sie könnten einen Menſchen beglücken, wenn Sie wollten, wenn Sie....“ „Ich bitte, fahren Sie nicht fort,“ fiel Pauline 44 ein,„Sie würden ſich nur lächerlich machen und mich zum Zorn reizen. Ich bekäme dann Grund, es zu bereuen, daß ich mit Ihnen als einem Freunde ge⸗ ſprochen habe.“ „Bewahren mich alle Heiligen davor,“ rief Phi⸗ lippeaur lächelnd;„ich will lieber an meiner Libe ſterben und ſie für mich ſelbſt behalten, als Ihnen Grund zur Reue darüber geben, daß Sie mir die Chre anthun, mich als Ihren Freund zu betrachten. Geſtatten Sie mir jedoch in dieſer Eigenſchaft zu ſa⸗ gen, daß wenn eine junge, ſchöne, reiche und unab⸗ hängige Frau dieſe Schätze nicht zu gemteßen vermag, ſondern des Lebens und der Menſchen müde zu ſeyn behauptet, dieſelbe romanhafter, als ſich gebührt, ſeyn muß. „Möglich, daß Sie Recht haben, aber dann ant⸗ worte ich: wenn ein junger, ſchöner und ritterlicher Officier, welcher die ganze Welt vor ſich offen und eine Zukunft hat, die ſeine Seele mit den Träu⸗ men des Ehrgeizes erfüllen muß, dennoch über das Schickſal klagt, ſo iſt er entweder ein Weichling oder ein Thor.“ Philippeaur betrachtete Pauline einen Moment mit einem ernſten, beinahe traurigen Blick; darauf erwiederte er: „Sie wiſſen nicht, wie ungerecht Sie jetzt ur⸗ theilen, und wer hat Ihnen überdieß geſagt, daß es nicht die Unthätigkeit, welche mich plagt, oder viel⸗ mehr die Unmacht, meinem Lande ſo wie ich wollte, zu dienen, welche zu der Aeußerung der Unzufrieden⸗ heit, die ich mir eben entſchlüpfen ließ, Anlaß ge⸗ „— —— 45⁵ geben hat? Doch wozu davon reden? Wenn Sie unter den Forderungen einer unbefriedigten Einbil⸗ dungskraft leiden, ſo leide ich dagegen an einer in⸗ nern Wuth darüber, daß ich mich in einen Narren verwandelt ſehe, der ſeine Tage an nichtige Zerſtreu⸗ ungen und Lappalien verſchwendet, während er gern die Zügel der Zeit faſſen und den Gang der Ereig⸗ niſſe lenken möchte.— Sie verſtehen nicht, was es heißt, ſein Blut vor Ungeduld und Begierde ſieden zu fühlen, und doch aus Klugheit genöthigt zu wer⸗ den, unwirkſam zu bleiben.“ Philippeaux trat an das Fenſter und ſchaute in die Dunkelheit hinaus. Pauline ſah ihm näch und dachte: „Iſt dieß wohl derſelbe Mann, der bisher nur ein Lachen auf ſeinen Lippen und witzige Einfälle auf der Zunge gehabt hat? Sollte er wirklich etwas Anderes, als ein liebenswürdiger Thor ſeyn?“ Nach einer Weile äußerte ſie: „Ich habe heute zwei Entdeckungen gemacht, welche beide mich gleich ſehr überraſchten.“ „Wirklich, und welche?“ Philippeaux drehte ſich und trat zu Pauline. „Die erſte galt dem Tempel. Er hat einen neuen Gefangenen erhalten.“ „Ah, Sie haben ihn geſehen; Sie wiſſen dann, wo ſeine Zelle gelegen iſt,“ brach Philippeaux hervor und rrgriff die Hände von Pauline. „Kennen Sie den neuen Gefangenen?“ Pauline überraſcht. 46 „Nur dem Namen nach, nicht weiter,“ ſtammelte Philippeaur verlegen und beſtürzt bei dieſer Frage, welche ihn daran erinnerte, daß er eine Unvorſich⸗ tigkeit begangen hatte. Er ſetzte darum in ſcheinbar gleichgültigem Tone hinzu: „Welches war Ihre zweite Entdeckung?“ „Aha, Monſieur Philippeaux,“ dachte Pauline, „Sie wollen die Karten verwechſeln. Sie kennen den Gefangenen, Sie intereſſiren ſich für ihn und zwar in hohem Grade, in ſehr hohem Grade; aber Sie wollen es nicht zugeſtehen. Warten Sie, mein Herr, Sie kennen mich nicht, wenn Sie glauben, Sie wer⸗ den der Nothwendigkeit entgehen, mir die Aufklärun⸗ gen, welche ich wünſche, zu geben. Sie haben ein Geheimniß und Sic glauben, ich, die ich nichts zu meiner Zerſtreuung habe, werde nicht dahinter kom⸗ men. Sie irren ſich. Ich will und werde es er⸗ fahren.“. Laut gab ſie dann zur Antwort: „Meine zweite Entdeckung betraf Sie.“ „Das heißt, Sie haben ſich endlich davon über⸗ zeugt, wie innig ich Sie liebe.“* „Ganz und gar nicht; ich habe im Gegentheil entdeckt, daß Sie mich nicht lieben. Ich hielt Sie für einen jener leichtſinnigen Thoren, welche ihr Leben da⸗ mit hinbringen, daß ſie unaufhörlich einer Frau nach der anderen ihre Huldigungen weihen, die in der Jugend an einem fortgeſetzten Beluſtigungsfieber leiden und im Mannesalter eine beſondere Liebhaberei für die Genüſſe einer guten Tafel annehmen. Jung ſind 2 ———————————— 47 ſie muntere, unterhaltende Schmetterlinge, älter ge⸗ worden nur Feinſchmecker und nichts weiter.“ „Für eine ſolche Perſönlichkeit haben Sie mich gehalten. „Ja, mein Herr, aber heute habe ich meinen Irrthum entdeckt.“ „Was bin ich nun?“ „Sie ſind ein Mann, der hinter der Maske des Leichtſinns ernſtere Plane, als ſolche, die ſich um die Eroberung eines Frauenherzens handeln, birgt; Sie träumen ſtatt deſſen von der Eroberung eines Kö⸗ nigreichs.. „Madame,“ rief Philippeaux erbleichend,„Sie wollen doch nicht behaupten, daß ich...“ „Daß Sie konſpiriren,“ fiel Pauline lachend ein;„ja, das iſt es, was Sie, wie ich argwohne, thun. Sie unterhalten ſich damit, die Rolle des Sclaven einer Frau zu ſpielen, um in ungeſtörter Ruhe an den politiſchen Intereſſen arbeiten zu können. Sie ſind äußerlich ein Anbeter der Schönen, und ins⸗ geheim Royaliſt.“ Pauline hatte ihre Augen auf das jetzt nicht mehr lächelnde ſondern farbloſe Angeſicht des jungen Officiers geheftet. „Wären Sie nicht eine Frau, ſo würden dieſe Beſchuldigungen Ihnen unbedingt das Leben koſten,“ e Philippeaux. „Das glaube ich, und dies beweit am beſten die Wahrheit meiner Worte.“ „Pauline ich machen Sie e ein Ende.“ Philippeaux warf einen ruhigen Blick im Zim⸗ mer umher. „Ich ſcherze nicht“ fuhr Pauline fort,„ich ſpreche vielmehr im Ernſt.„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß Jemand uns behorcht, und noch viel weniger, daß ich die von mir gemachte Entdeckung verrathen werde. Sie gefallen mir viel mehr als Ver⸗ ſchwörer, denn als Schmetterling.“ „Sie erlauben mir ſomit zu hoffen, daß.. „Ich ſtumm ſeyn werde wie eine Mauer. Ja, Sie können auf meine Verſchwiegenheit rechnen; aber laſſen wir dieſen Gegenſtand und ſagen Sie mir ſtatt deſſen den Namen Ihres Freundes, welcher im Tempel gefangen ſitzt.“ „Was für eine Abſicht haben Sie mit dieſen Fragen und dem Verſuche, mich unbedingt als einen Mann darſtellen zu wollen, der.... „Der aus Anhänglichkeit an das franzöſiſche Königshaus in deſſen Intereſſe arbeitet,“ fiel Pau⸗ line ein,„meine Abſicht iſt, den Namen des Gefange⸗ nen zu erfahren.“ „Und wenn Sie denſelben wiſſen, was folgt daraus?“ „Das iſt eine Frage, welche ich für den Augen⸗ blick nicht beantworten kann. Sie haben mein In⸗ tereſſe für ihn durch Ihren unfreiwilligen Ausruf er⸗ weckt, und wer weiß, wozu das führen kann. Ge⸗ nug, ich will ſeinen Namen wiſſen.“ „Sie ſollen Ihren Willen haben,“ antwortete Philippeaur, nachdem er Pauline einen Augenblick betrachtet hatte;„aber ich muß Ihnen zuvor erklären, ———— — — 49 daß er nicht mein Freund iſt; daß er nur als ein ausgezeichneter Feind durch ſeinen ungewöhnlichen Charakter meine Theilnahme geweckt hat.“ „Ah, mein Gott, ſo viele unnöthigen Worte und Verſicherungen, ganz als ob Sie mich für einen Spion des Direktoriums anſähen. Freund oder Feind, aus⸗ gezeichnet oder gewöhnlich, das gehört nicht hieher. Hier handelt es ſich nur um ſeinen Namen. Haben Sie die Güte mir dieſen zu ſagen.“ „Nun wohl, der Gefangene iſt der engliſche Commandeur Sidney Smith.“ „Ach ſo, er iſt ein Engländer.— Nun, dann kann er nicht wohl Ihr Freund ſeyn. Sein Name iſt Sidney Smith und er iſt ein ausgezeichneter Mann von ungewöhnlichem Charakter. Wollen Sie mir nicht etwas von ihm erzählen?“ Pauline legte ihre Hand dem jungen Mann auf die Schulter, und ſetzte mit einem einnehmenden Lä⸗ cheln hinzu: „Sollten Sie wirklich fürchten, mir das, was Sie von den Lebensſchickfalen des jungen Mannes wiſſen, mir zu erzählen?— Glauben Sie, ich ſey im Stande einen Mißbrauch von dem, was Sie mir anvertrauen, zu machen?— Wenn dieß der Fall iſt, ſo ſchweigen Sie; aber ſagen Sie mir dann niemals mehr, daß Sie mich lieben.“ Pauline war ſchön, war einnehmend, und Phi⸗ lippeaux verliebt. Sie hätte mit ihren ſchmeichelnden Worten ihn dahin gebracht, ſich ihr ganz und gar anzuvertrauen, Schwartz, Novellen. V. 4 50 wenn dieß ihr Wunſch geweſen wäre; denn ein jun⸗ ger Mann glaubt gewöhnlich blindlings an die Frau, der er ſeine Neigung widmet. Da es ſich nun blos darum handelte, ihr die Lebensſchickſale eines Fremden mitzutheilen, ſo wurde der Sieg um ſo leichter. „Was Sie jetzt wünſchen, kann ich mit Ver⸗ gnügen erfüllen.— Sie werden, nachdem ich Ihnen, was mir von demſelben bekannt iſt, mitgetheilt habe, einſehen, daß man ſich unwillkürlich für einen Feind intereſſiren muß, welcher ſich ſtets als tapfer und kühn ausgezeichnet hat. Sein bereits zurückgelegtes Leben hat etwas Blendendes. VII. „Sidney Smith,“ fuhr Philippeaux fort,“ iſt etwa zweiunddreißig Jahre alt, von energiſchem und vortheilhaftem Aeußern. Schon mit zwölf Jahren trat er als Midſhipman in die Dienſte der engliſchen Marine. Mit neunzehn hatte er es zum Pefehls⸗ haber einer Fregatte gebracht. Nach dem Abſchluß des Friedens lebte er eine Zeit lang im Schooße ſeiner Familie; aber im Jahr 1788, als der Krieg zwiſchen Rußland und Schweden ausbrach, trennte er ſich von dem heimathlichen Herde, um auf den Schau⸗ platz dieſer neuen Kämpfe zu eilen, und nahm Dienſte an Vord eines ſchwediſchen Kriegsſchiffes, wo er ſich als geſchickter und kühner Secoffizier auszeichnete. Nach dem Frieden von 1790 verließ er Schweden, 51 und trat als Freiwilliger in türkiſche Dienſte, wo er jedoch nur kurze Zeit blieb, da kurz hernach der Krieg zwiſchen Frankreich und England ausbrach und er auf die Nachricht davon ſich beeilte, an den Kämpfen und Siegen des Vaterlandes Theil zu nehmen. Er ließ ein kleineres Kriegsfahrzeug mit mehren in der Türkei befindlichen Seeleuten bemannen und holte die engliſche Flotte vor Toulon ein. Er bot ſeine Dienſte ſammt dem Fahrzeug an und fand bei dem Befehls⸗ haber der Flotte, Lord Hood, günſtige Aufnahme. „Ohne einen einzigen Schuß abgefeuert zu ha⸗ ben, wurde Lord Hood den 28. Auguſt 1793 Mei⸗ ſter von Frankreichs wichtigſtem Seehafen, ſah ſich aber bald darauf genöthigt, deſſen Beſitz gegen den Angriff der republikaniſchen Armee zu vertheidigen, und merkte in Kurzem, daß er ſich nicht ohne großen Verluſt aus der Affaire ziehen könnte, als Sidney Smith, um dieſem vorzubeugen, den Vorſchlag machte, die Engländer ſollten den Theil der franzöſiſchen Flotte, welche im Hafen lag, verbrennen und ſammt den Magazinen und Vorräthen den Flammen preis⸗ geben. Der Vorſchlag wurde von Lord Hood begierig aufgenommen und Sidney Smith zur Ausführung der traurigen Miſſion beordert. Der Verluſt, welchen Frankreich dadurch erlitt, war ſo bedeutend, daß die Engländer ſich der Meinung hingaben, die Franzoſen würden kaum im Stande ſeyn, die Schiffe, welche nicht zerſtört worden waren, zu bemannen; etwas worin ſie ſich jedoch irrten. Sidney Smith wurde nach der Vollendung ſeines Zerſtörungswerkes mit 52 der Meldung davon nach England geſchickt und er⸗ hielt hierauf den Oberbefehl über die Fregatte Dia⸗ mond, welche im Kanal lag. Den 27. Oktober 1794 betheiligte er ſich mit Auszeichnung an dem Kampfe mit der franzöſiſchen Fregatte la Revolutionnaire und machte ſie endlich zur Priſe. Im Lauf des verfloſſenen Jahres gab er ſich zu den kühnſten Expeditionen her, welche ſämmt⸗ lich vom Erfolg gekrönt wurden: ein Umſtand, der ihn nur um ſo verwegener machte, ſo daß er endlich zu Anfang dieſes Jahres ſeine Freiheit dabei ver⸗ ſpielte. Er unternahm es, in einem Boote eine Recognoscirung der Seine zu bewerkſtelligen, und wagte dabei einen franzöſiſchen Korſaren anzufallen, und zwang ihn auch wirklich ſich zu ergeben; er ſelbſt wurde aber hernach von den Kanonenſchaluppen und Küſtenbatterien ſo heftig angegriffen, daß er nach einem augenblicklichen verzweifelten Widerſtande zum Gefangenen gemacht wurde. „Die wahnwitzige Kühnheit des Unternehmens hatte zur Folge, daß man auf Sidney Smith den Verdacht warf, er ſtehe in Verbindung mit den⸗Roya⸗ liſten, und ſeine Recognoscirung als die That eines Spions betrachtete.— Man behandelte ihn deßhalb mit der größten Strenge, und das Direktorium wird ihn ſicherlich all das Unheil, welches er Frankreich wirklich zugefügt hat, und auch das, was er noch im Schilde führen mochte, bezahlen laſſen. „Man hatte ihn zuerſt nach Paris gebracht und in die Abtei geſetzt; von dort wurde er in den Tem⸗ — „ .—— 53 pel verſetzt, wo man ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach verſchmachten laſſen wird. 8 Pauline hatte der Erzählung mit einer Miene, welche deutlich zu erkennen gab, wie ſehr ſie ſich hie⸗ für intereſſirte, zugehört. „Aber hat England nichts gethan, um einen ſo verdienſtvollen Officier auszulöſen?“ fragte ſie, als der Erzähler ſchwieg. „Ja, man hat, obwohl vergeblich, deßhalb unter⸗ handelt. Aber das Directorium hält den Comman⸗ deur für allzu gefährlich, als daß man ihn freilaſſen möchte.“ „Aber welches Schickſal hat man ihm denn zu⸗ gedacht?“ „Was weiß ich; entweder ihn im Kerker ver⸗ kümmern zu laſſen oder dahin zu bringen, daß er in einem Anfall von Raſerei, da er hinter Schloß und Riegel ſich von aller Thätigkeit ausgeſchloſſen ſieht, an den Mauern ſeines Kerkers ſich den Kopf zer⸗ ſchmettert.— Welche Wirkung die Gefangenſchaft auf dieſen kühnen, thatendurſtigen Charakter, der ſeinen Genuß in Gefahren, Abenteuern und großen Unter⸗ nehmungen findet, ausüben wird, das läßt ſich denken.“ „Ah, mein Lieber, wie Schade, daß dieſer Mann ein Brite und Feind Frankreichs iſt; ich würde mich ſonſt durch das größte Intereſſe an ihn gefeſſelt fühlen!“ rief Pauline und brachte ſofort das Geſpräch auf andere Gegenſtände. 54 IX. Mit der ganzen fieberhaften Ungeduld der Jugend hatte ſie am folgenden Morgen ſich angekleidet und in die Wohnſtube begeben, um wo möglich einen Schatten von dem Gefangenen zu erhaſchen. Das Fenſter, wo ſie ihn am vorangegangenen Abend wahrgenommen hatte, ſtand offen, um ein wenig friſche Luft in die Zelle einzulaſſen; aber drinnen ließ ſich Riemand ſehen. Eine geraume Zeit verfloß; endlich kam Jemand an das geöffnete Fenſter vor und blieb dort ſtehen. Es war ein junger Mann von frappantem Ausſehen. Er ſchien mit vollen Zügen die Morgenluft ein⸗ zuathmen; darauf entfernte er ſich wieder, und das Fenſter wurde von einem Mann geſchloſſen, welcher wie der Gefangenwärter ausſah. Pauline nahm mit ihrer Stickerei Platz am Fenſter. Ob ſie viel arbeitete oder nicht, laſſen wir dahingeſtellt, denn ihr Blick flog unaufhörlich über die Straße zum Tempel hinüber. Im Laufe der Woche ſah ſie den Gefangenen täglich ein paar Mal, an das eiſerne Gitter gelehnt, zum Himmel emporblicken. Nicht ein einziges Mal richtete er die Augen auf ſie. 8 So verging einige Zeit. Philippeaux beſuchte ſie nicht mehr, und Pauline ging nicht aus. Sie war gleichſam an das Fenſter gekettet. —— das Lied zu Ende war, trat ſie an's Fenſter, und intereſſirte. 55 Eines Morgens, während ſie ihre Blumen ordnete, begann ſie mit klarer und friſcher Stimme die Marſeillaiſe zu ſingen. Den letzten Vers, welcher ihr beſonders gefiel, ſang ſie zweimal. Ob Pauline berechnet hatte, daß ihr Geſang ſich den Weg zu dem Gefangenen bahnen würde, wagen wir nicht zu entſcheiden; ſo viel iſt gewiß, daß er wirklich ſein Ohr traf; denn das Fenſter des Ge⸗ fangenen ſtand offen und, an das Gitter gelehnt, horchte er auf die friſche Stimme, neugierig, die Be⸗ ſitzerin davon zu ſehen. Pauline ließ nicht lang auf ſich warten. Als jetzt zum erſten Mal waren die Blicke des Gefangenen auf die Wohnung der Nachbarin gerichtet. Ihre Augen begegneten ſich. Mit etwas Ritterlichem in ſeinem ganzen Weſen machte der Mann eine artige Verbeugung vor der Frau, deren Schönheit ihn zu überraſchen ſchien. Von dem Tage an war der Gefangene ſehr oft an ſeinem Fenſter. Er betrachtete nicht mehr den ſchmalen Streifen des Himmels, der für ihn ſichtbar war, ſondern die ſchöne Frau. Es war eine Zerſtreuung im Gefängniß, und der Anblick eines ſchönen, ſeelenvollen und ein⸗ nehmenden Geſichtes, welches freundlich ihm zulächelte, wirkte wie ein Sonnenſtrahl vom Himmel, beſonders da der Ausdruck in dieſem Geſicht da chli ließ, daß ſeine Nachbarin ſich für ih 56 Jeden Morgen ſang Pauline, während ſie ihre Blumen ordnete, erhielt darauf eine Verbeugung vom dem Gefangenen und nahm hernach ihren Platz am Fenſter ein, wohl wiſſend, daß ihre Gegenwart ihm ein Vergnügen machte. Dieß war etwas, das ſie ihrerſeits unſchwer errathen konnte. So konnte es indeſſen nicht in Ewigkeit fort⸗ dauern. Pauline wollte etwas Beſſeres, als ſich von einem armen Gefangenen bewundern laſſen; ſie wollte ihm nützlich werden, oder wenigſtens ſeine Gefangenſchaft mildern. Sie grübelte noch die ganze Zeit darüber nach, wie ſie etwas Gutes für ihn thun könnte, und hatte ſogar nach Phllippeaur fragen laſſen, um mit ihm von dem Mann zu reden, der ihre ganze Seele er⸗ füllte: aber ſie erhielt zur Antwort, Philippeaur ſey verreist, und war ſomit genöthigt, auf eigene Fauſt ſich mit dem Entwurf eines Planes nach dem andern zu befaſſen. Eines Morgens, als ſie ſich dem Fenſter näherte, nachdem ſie in der Nacht einen Rettungsverſuch nach dem andern ausgedacht hatte, fand ſie den Gefangenen bereits an dem ſeinigen mit einem Papier in der Hand. Als er ſie gewahr wurde, hielt er das Papier an die Scheibe und Pauline las: „Sie ſind ſchön; aber ſagen Sie, ſind Sie auch gut??“ 8 „Dieſe Frage,“ dachte Pauline,„beweist, daß er mich um etwas zu bitten hat.“ Sie ſchrieb ein kurzes„Ja!“ und zeigte es ihm. —— W ——— 57 Der Gefangene verbeugte ſich mit einer Miene der Dankbarkeit, aber für heute erfolgte keine weitere Mittheilung. Am Abend deſſelben Tages fand ſich Phillppeaur ein, welcher mehrere Wochen nicht ſichtbar ge⸗ weſen war. „Wo haben Sie dieſe ganze Zeit geſteckt?“ rief Pauline, als ſie ihn erblickte.„Sie können gar nicht glauben, wie ſehr ich mich nach Ihnen geſehnt habe. „Sie ſind unbedachtſam, daß Sie mir ſo etwas ſagen,“ antwortete Philippeaux, ihre Hand faſſend. „Sie könnten mich auf den Gedanken bringen, daß....“ „Daß ich Ihre Geſellſchaft vermiſſe, das iſt alles,“ fiel Pauline ein;„aber aufrichtig Keſagt, deßhalb habe ich nicht nach Ihnen fragen laſſen.“ „Nicht; Sie haben demnach einen andern Grund?“ Philippeaux ließ ihre Hand mit einer Miene der Täuſchung fahren. Pauline's Angeſicht ſagte ihm nur allzu deutlich, daß er ſich keine Hoffnungen machen dürfe. „Ja, mein Herr, ich habe, ſeitdem wir das letzte Mal einander geſehen, mich für etwas zu intereſſiren angefangen, und zwar ſo lebhaft, daß das Leben mir nicht mehr unerträglich vorkommt.“ „Das heißt, Pauline, Sie ſind verliebt worden.“ „Das habe ich nicht geſagt, ſondern nur, ich in⸗ tereſſire mich für Jemand ſo ſehr, daß Sie mir helfen müſſen, ihm beizuſtehen.“ „Ich fürchte, Sie haben ſich dabei in mir ver⸗ rechnet,“ antwortete Philippeaux kalt. „Sie irren ſich, ich verrechne mich nie 58 gegnete Pauline lächelnd;“ wenn Sie den Namen wiſſen, ſo werden Sie mit Freuden die ſich darbietende Gelegenheit, ihm nützlich zu ſeyn, ergreifen.“ „Unmöglich. Ich werde niemals dem beiſtehen, der Ihr Intereſſe beſitzt.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Das iſt verdrießlich,“ bemerkte Pauline und blickte ganz gleichgültig vor ſich hin.„Ich wollte Sie um Ihre Unterſtützung bitten, um Sidney Smith Ge⸗ legenheit zur Flucht zu verſchaffen.“ „Pauline, was ſagen Sie?“ rief Philippeaux lebhaft. „Nun, das berührt Sie nicht, da Sie ja eben ſagten, Sie wollen mit dem, wofür ich mich inter⸗ eſſire, nichts zu thun haben.— Wir wollen ſomit nicht mehr davon reden; ſondern ſtatt deſſen erzählen Sie mir, wo Sie geweſen ſind.“ Philippeaur erſchien ganz verändert, und es war vergeblich für Pauline, ihn über etwas Anderes zum Reden zu bringen. Er flehte, er beſchwor ſie, ihm zu ſagen, was ſie in Bezug auf Smith für Abſichten habe. Pauline ließ ihn lange genug warten, ehe ſie dazu gebracht werden konnte, von dem britiſchen Ge⸗ fangenen zu ſprechen. Endlich ließ ſie ſich erweichen, und nun folgte ein Bericht über die Lage von dem Gemach des Gefangenen und über die Plane, welche ſie zu ſeiner Befreiung entworfen hatte. Philippeaur war im höchſten Grad von dem, was ſie ſagte, ſowie von dem Gedanken, daß Smith 59 ſeine Freiheit wieder erhalten ſollte, intereſſirt. Augen⸗ ſcheinlich legte der junge Offizier darauf großes Gewicht. Philippeaux kam nun jeden Abend wiederum und beſprach ſich oft und viel mit Pauline darüber, wie man ohne allzu großes Wagniß ſich Eintritt in das Gefängniß verſchaffen könnte. Nach Verfluß einer ganzen Woche war man in⸗ deſſen noch zu keinem Reſultat gekommen und ſtand auf demſelben Punkte wie vorher. Die Vorſchläge von Pauline waren zu unpraktiſch, und die von Phi⸗ lippeaux zu kühn. Wenn aber die Zeit dahinging, ohne daß für die Freiheit des Gefangenen etwas ausgerichtet wurde, waren dagegen die telegraphiſchen Mittheilungen ſei⸗ ner Zuneigung zu Pauline immer dreiſter geworden. Dieß war jedoch etwas, wovon Pauline dem Officier keine Mittheilung machte. Eines Abends, da derſelbe ſie beſuchte, ſagte er mit bekümmertem Ton und ohne die Augen auf die junge Frau zu richten: „Um für die Freiheit des Kommandeurs etwas thun zu können, wäre es nothwendig, ſich mit ihm in Verbindung zu ſetzen. Es iſt allerdings wahr, daß die Fenſter ſeiner Zelle den meinigen gegenüber liegen; aber was iſt das; quer über die Straße hinüber zu ſprechen, dürfte die Vorſicht nicht geſtatten, und auf eine andere Weiſe mit ihm zu kommuniciren, läßt ſich wohl ebenſo wenig bewerkſtelligen.“ Bei den letzten Worten warf Philippeaur plötz⸗ lich einen Blick auf Pauline, welche unwillkürlich die 60 Farbe wechſelte; er aber ſtellte ſich, als merkte er es nicht, uud fuhr fort: „Ich fürchte, wir müſſen uns die ſanguiniſchen Hoffnungen, daß wir etwas für den ausgezeichneten Fremdling thun können, aus dem Sinne ſchlagen. „Ah, mein Herr, Sie glauben nicht an ein Wort von dem, was Sie ſagen, ſondern wünſchen nur mir irgend eine Aeußerung zu entlocken, worauf Sie ſodann Ihre Schlußſätze bauen können,“ rief Pauline mit glühenden Wangen.„Sie verſuchen es fein an⸗ zuſtellen, aber das taugt nichts, ehrlich Spiel muß ſeyn. Alſo fort mit dem halben Vertrauen, und laſſen Sie uns aufrichtig ſprechen. Sie haben bereits her⸗ ausgebracht, daß ich mit dem⸗ Gefangenen in Verbin⸗ dung ſtehe, ſtellen ſich aber unwiſſend, um mich zum Sprechen zu bringen. Sie haben in der vergangenen Woche einen unſtatthaften Fluchtverſuch nach dem an⸗ dern aufgetiſcht, um Gelegenheit zur Ausforſchung meiner Denkart, meines Abſichten zu erhalten. Sie ſind nunmehr des Spieles müde, und es iſt Zeit, daß wir beide unſere Masken abwerfen. Ich will die erſte ſein, welche es thut. Vor allen Dingen will ich Ihnen ſagen, daß Sie ein eifriger Royaliſt und daß Sie durch politiſche Gründe an den Kommandeur gebunden ſind. Es iſt nicht der Held, das Indivi⸗ duum, welchem Sie Ihre Theilnahme zuwenden, ſon⸗ dern es iſt der Feind Ihrer Gegenpartei, dem Sie, um jenen zu ſchaden, Hülfe leiſten wollen. Sidney Smith iſt ein mächtiger Bundesgenoſſe Ihrer Partei, und Sie wünſchen deßhalb, ihn zu befreien.— Dieß ſind Ihre Motive, welche Sie auf alle Art und Weiſe 6 * 61 zu verbergen ſuchen, während Sie ſich bemühen, die meinigen auszuforſchen und wo möglich, nachdem Sie über dieſelben ſich aufgeklärt haben, mich Ihren In⸗ tereſſen dienſtbar zu machen, ohne daß ich ſelbſt davon einige Kenntniß hätte.“ „Madame, Sie thun mir Unrecht!“ rief Phi lippeaux beſtürzt. „Schweigen Sie und laſſen Sie mich ausreden. Sie haben berechnet, daß ich, auf dem Lande erzogen, leicht irre zu leiten wäre und ſomit, ohne es zu merken, mich am Gängelband von Ihnen führen ließe. Sie haben Unrecht gehabt, Sie haben vergeſſen, daß ich dieſe letzten merkwürdigeu Jahre in Paris verlebte und mir indeſſen eine ſehr große Erfahrung und eine inſtinktartige Auffaſſung der Intriguen, welche aller Orten in größerem oder geringerem Maßſtabe zur Ausführung kommen, erworben habe. Fort demnach mit aller Verſtellung, wenn wir Freunde bleiben wollen. Und nun zu dem Intereſſe, das mich zu Sidney Smith hinzieht. Es läßt ſich in den Worten zuſammenfaſſen: ich liebe ihn.“ Als die junge Frau dieſelben ausgeſprochen hatte, ſchwieg ſie plötzlich, als ob ſie über den Laut davon ſelbſt erſchrocken wäre. Phili ippeaur zuckte heftig zuſammen. Sie hatten ihm einen empfindlichen Schmerz verurſacht, obwohl er darauf gefaßt war, ſie zu vernehmen. „Und nun,“ nahm Pauline nach einer Pauſe wieden das Wort;„nachdem ich Ihnen ſo viel geſagt habe, ſehen Sie wohl ein, daß es für mich nur einen Zweck gibt, und der iſt: den Mann zu der 62 mir für einen Gott gilt. Ob er den Royaliſten oder Republikanern ergeben, ob er Franzoſe oder Engländer iſt, ob er das Direktorium liebt oder haßt, das ſind mir gleichgültige Dinge. Er beſitzt mein Herz, das iſt für mich Alles.— Sie wollen einen politiſchen Freund, ich will den Mann, dem ich meine Liebe ge⸗ ſchenkt habe, in Freiheit ſetzen. Unſere Motive ſind getrennt, aber das Ziel, nach dem wir ſtreben, iſt das⸗ ſelbe. Ich biete Ihnen darum meine Hand als red⸗ liche und getreue Bundesgenoſſin.“ Philippeaux ergriff dieſelbe und ſagte in einem Tone von Achtung und Ernſt: „Nur ein erhabener Charakter kann handeln, wie Sie eben gethan. Sie haben mir ganz unbedingt Ihr Vertrauen geſchenkt, ohne vor dem Gedanken zu⸗ rückzubeben, daß ich daſſelbe aus Eiferſucht verrathen könnte.“ „Die Leute, welche konſpiriren, haben keine Zeit eiferſüchtig zu ſeyn,“ erwiederte Pauline lächelnd.“ Wenn man, wie Sie, für eine politiſche Idee lebt, ſo müſſen alle andern Intereſſen weichen.— Und nun zu unſerem Gefangenen. Warum wünſchten Sie mit ihm ſich in Kommunikation zu ſetzen?“ „Wegen der lokalen Verhältniſſe ſeines Kerkers.“ Pbilippeaur theilte nun Pauline mit, was er zu wiſſen begehrte. Es war ſpät am Abend, als er von der jungen Wittwe ſich verabſchiedete und ihr die Hand küſſend ſagte:* „Ich habe heute Abend alle Hoffnung auf Glück für meinen Theil verloren.“ „— ———————— 63 „Aber Sie haben eine ſolche für ihre politiſchen Plane gewonnen. Der Erfolg derſelben wird Ihnen für den Verluſt der Liebe einer Frau, die Sie doch niemals gewinnen konnten, Troſt gewähren,“ ant⸗ wortete Pauline. X. Das thätige, das unruhige Paris war noch nicht in Bewegung gekommen, als Pauline bereits die Fen⸗ ſter in ihrem Wohnzimmer öffnete, um die friſche Morgenluft einzuathmen und den Tempel zu betrachten. Sie hatte kaum Zeit gehabt, ſich zum Fenſter hinauszulehnen, als dasjenige, hinter velchem Sidney ſich befand, gleichfalls aufging. Er begrüßte ſeine ſchöne Nachbarin und zeigte ihr ein kleines Paket, in⸗ dem er mit der Hand eine Bewegung machte, welche bedeutete, daß er daſſelbe ihr zuzuwerfen wünſchte. Sie zog ſich alſo auf die Seite, und im nächſten Augenblick lag es mitten auf dem Boden in ihrem Zimmer. Pauline hob das Paket auf. Es war ein Pa⸗ pier, das um einen ſchweren Gegenſtand gewickelt worden. Sie löste daſſelbe ab und fand, daß es ein Schreiben enthielt, das mit einem Stein beſchwert worden war, um es deſto leichter aus dem Tempel in ihre Wohnung gelangen zu laſſen. Sie las: „Schöne, unbekannte Frau, Sie ſind der gute Genius meines traurigen Geſchicks. Sie ſind der 64 Engel, welcher mir beiſteht, um den Verluſt meiner Frei⸗ heit zu ertragen. Sagen Sie, was iſt es, das dieſe Theilnahme, die ich in Ihren Blicken leſe, hervorge⸗ bracht hat.— Iſt es Mitleid, oder iſt es Liebe? — Mitleid? Nein, das ermüdet, das hat eine Grenze; nicht ſo mit der Liebe.— Und warum ſollten Sie mich nicht lieben, da ich Sie liebe? Der Herr der Schickſale iſt mir die Genugthuung ſchuldig, mir einen hellen, freundlichen Stern in der Finſterniß meines Kerkers leuchten zu laſſen. Ich vergaß auch bei Ihrem Anblick, daß ich mit der Freiheit Alles verloren habe; und wie wäre das möglich, wenn Sie mich nicht liebten? Sie ſind meine Hoffnung, mein Troſt, meine Freude und meine Seligkeit in der Zukunft. O laſſen Sie mich durch ein Wort, ein Zeichen oder eine Geberde erfahren, was ich für Sie bin, deren Namen ich nicht einmal weiß.“ Pauline las dieſen Brief, der auf ſchlechtes Pa⸗ pier, mit einer ſchlechten Feder und in ſchlechtem Fran⸗ zöſiſch geſchrieben war, aber ohne daß ſie ſich daran ſtieß. Sie war einige Minuten lang nur eine liebende Frau, welche die erſten Zeilen der Zuneigung von dem Geliebten erhalten hatte. Alles andere, außer der Freude, die ſie empfand, war vergeſſen, und ſie drückte den Brief mit Entzücken an ihre Lippen; aber dann kehrte ſie von der Himmelfahrt, die ihre Gefühle gemacht hatten, wieder zu der Wirk⸗ lichkeit zurück. Sie ärgerte ſich beinahe darüber, daß ſie ſich glücklich ſchätzen konnte, da ſie noch nichts für das 65 Glück deſſen, der ihr Alles war, gethan hatte. Hin⸗ ter dem Gitter des Kerkers war nichts wie Freude und Wonne Ausſehendes, das ihres Herzens ſich be⸗ mächtigen konnte. Nachdem ſie ſich vollkommen wieder in die Ge⸗ genwart zurückverſetzt hatte, ſchrieb Pauline folgende Zeilen: „Sie ſind für mich ein Gefangener, den ich be⸗ freien will. Laſſen Sie mich wiſſen, was ich für Sie thun kann, und beſchreiben Sie mir Ihren Kerker. Ich und eine andere Ihnen ergebene Perſon wünſchen Kenntniß zu erhalten, ob derſelbe in irgend einer beſondern Verbindung mit dem Erdgeſchoß ſteht oder nur durch den Haupteingang damit zuſammen⸗ hängt. Ich erwarte morgen Ihre Antwort.“ Als Pauline dieſe Zeilen niedergeſchrieben hatte, wickelte ſie das Papier um den kleinen Stein und trat an das Fenſter. Nachdem ſie ſich überzeugt hatte, daß die Straße leer war, warf ſie den Brief zu dem Gefangenen hinüber, welcher, augenſcheinlich in Er⸗ wartung einer Antwort, das Fenſter offen gelaſſen hatte; denn ſobald Pauline ihr Schreiben hineinge⸗ worfen, ſchloß ſich das Fenſter wieder. Einige Zeit dauerte der Briefwechſel fort, welcher von Sidney's Seite einen ſehr zärtlichen Charakter trug. Auf demſelben Blatt, da er ſeinen Kerker beſchrieb, ſchilderte er auch ſeine Liebe, und zuweilen kam es vor, daß er ebenſo eifrig Gegenliebe zu erlangen, als ſeine Freiheit wieder zu erhalten wünſchte. Pauline's Erwiederungen dagegen ſic Schwartz, Novellen. V. 5 66 ausſchließlich um die Mittel zu ſeiner Befreiung, und alle andern Fragen über die Art ihrer Gefühle ließ ſie unbeantwortet. 2 * XI. Philippeaur und Pauline hatten jetzt, nachdem ſie von dem Gefangenen möglichſt genaue Auskunft über ſeinen Kerker erhalten, einen ſehr kühnen Plan entworfen, wozu die junge Frau die erſte Idee gab. Der Plan ging dahin, vom Keller ihres Hauſes eine Verbindung mit dem Tempel herzuſtellen und auf ſolche den Gefangenen in Freiheit zu ſetzen. Philippeaux behauptete zu wiſſen, daß ſich unter dem Tempel ein Kellergewölbe befinde, welches ſich bis in die Straße hinein erſtrecke. Es handelte ſich jetzt darum, einen Maurer auf⸗ zutreiben, auf deſſen Verſchwiegenheit man ſich ver⸗ laſſen konnte. i, Sidney Smith wurde ſo ſtreng bewacht, daß Niemand Zutritt zu ihm erhalten konnte; man mußte ſich ſomit ſelbſt einen Weg bahnen. Pauline und der junge Officier hatten eben ihren Plan fertig, konnten aber über die Schwierigkeit, einen zuverläßigen Arbeiter zu finden, nicht hinweg⸗ kommen, als Germaine eintrat und meldete: Bürger Baptiſt iſt hier, um ſich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Darf er herein kommen?“ „Ah, mein Herr,“ rief Pauline, zu Philippeaur 67 gewandt,„wir ſind gerettet. Gott ſelbſt hat Baptiſt hieher geſandt. Ich bitte, entfernen Sie ſich; morgen werden wir den Mann haben, deſſen wir bedürfen.“ Philippeaux ging und Baptiſt trat ein. Baptiſt beſuchte Pauline höchſt ſelten und war ſchon lange Zeit nicht bei ihr geweſen. Sie hielt ihm dieſe Gleichgiltigkeit vor. Er drehte verlegen ſeine Mütze zwiſchen den Händen und ſtammelte, wenn er auch für ſie ſelbſt unſichtbar geweſen ſey, ſo habe er doch ſie jeden Tag geſehen. „Ich arbeite im Tempel, wo einige Reparaturen ausgeführt werden müſſen,“ ſagte Baptiſt,„und wenn ich hin oder her ging, habe ich dich, Pauline, an einem der Fenſter hier erblickt.“ Pauline fühlte, daß ſie erröthete. „Und Du haſt dich alſo damit begnügt, mich nur ſo im Vorbeigehen zu ſchauen? Du biſt gegen früher ſehr verändert.“ „Ich nicht, Pauline; aber wohl die Verhältniſſe.“ „Das glaube ich nicht. Dein Benehmen ſtraft deine Worte Lügen.“ „Stelle mich auf die Probe, ſo wirſt Du bald erkennen, daß ich noch derſelbe bin, wie ich immer geweſen,“ verſicherte Baptiſt. „Gib wohl Acht; ich könnte auf die Idee kommen, dich beim Worte zu nehmen.“ „Ich hätte keinen höhern Wunſch.“ Baptiſt heftete ſeine großen, blauen Augen auf Pauline. „Gibſt Du mir deine Hand darauf, das zu thun, was ich wünſche?“ 68 Pauline ſtreckte Baptiſt ihre Hand hin. „Wenn es im Bereiche der Möglichkeit liegt, ſo kannſt Du ſicher ſeyn, daß ich es thue,“ ant⸗ wortete Baptiſt. Ohne weitere Einleitung theilte Pauline ihm nun den Plan mit, welchen ſie mit Philippeaur zur Befreiung von Sidney Smith entworfen hatte, und ſetzte ihm auseinander, daß derſelbe nicht ausführbur wäre, wenn Baptiſt ihnen ſeinen Beiſtand entzöge. „Was Du nun begehrſt, Pauline, iſt mehr als ich vermag,“ erwiederte Baptiſt, als Pauline ſchwieg; „alles Andere, aber dieß will und kann ich nicht thun,“ ſetzte er in ſo beſtimmter Weiſe hinzu, daß es ausſah, als wäre er feſt entſchloſſen, ſich nicht überreden zu laſſen. „Dieſelbe Antwort, Baptiſt, würdeſt Du mir auf Alles, was ich von dir verlangt hätte, gegeben haben.— Dieß beweist, daß Du mich nicht mehr liebſt.“ „Ach, Pauline, Du weißt nur allzu wohl, daß ich das immer thun werde.“ „NRein, das weiß ich ganz und gar nicht. Du haſt es mir allerdings geſagt, aber ich kann nicht daran glauben. Ich fordere mehr als Worte; ich fordere Beweiſe.“ „Jeden andern außer dem, welchen Du jetzt begehrſt, bin ich dir zu geben bereit.“ „Ich ſage: dieſen einzigen, und ich will an deine Anhänglichkeit glauben.“ Und was würde hernach folgen, wenn ich mich überreden ließe?“ 69 „Das kann ich jetzt nicht ſagen; aber was ich beſtimmt weiß, iſt, daß ich, wenn Du mir dazu be⸗ hilflich biſt, dem Gefangenen aus dem Tempel fort⸗ zuhelfen, nicht nur an deine Freundſchaft zu mir glauben, ſondern mich auch mein Leben lang als deine Schuldnerin betrachten werde. Wenn man liebt, muß man durch ungewöhnliche Thaten die Neigung ſeines Herzens beweiſen; man muß ſein Leben und ſeine Wohlfahrt auf's Spiel ſetzen können.“ „Wie Du es für den Engländer thuſt,“ fiel Baptiſt ein, und in ſeinen ſonſt ſo ſanften Augen leuchtete es wie ein Blitz auf. „Ganz richtig.“ „Pauline!“ rief er heftig. „Was beliebt?“ fragte die junge Frau lächelnd. „Du behandelſt mich auf eine herzloſe Weiſe und bauſt ſo ſehr auf meine Anhänglichkeit an dich, Sß „.. Ich glaube, ſie werde dich auch zu manchen edeln Handlungen beſtimmen. Ja, Baptiſt, das thue ich.“ „Mag ſeyn; ich bin jedoch nicht mehr als ein Menſch, und wenn ich auch in Bezug auf dich nichts, was wie Hoffnung oder Anſpruch ausſieht, beſitze, wenn ich auch nur leben will, um dein Glück und deine Freude zu befördern, ſo vermag ich doch nicht ſo viel über mich, daß ich dir dabei Hilfe leiſte, einen Mann, der von dir geliebt wird, aber der niemals dein Glück ſchaffen kann, aus der Gefangenſchaft zu befreien. Glaubſt Du wirklich, darum, weil ich mich ſchweigſam und in gewiſſer Entfernung von dir halte, 70 gebe es in meiner Bruſt keinen Raum für Gefühle wie dieſes? Glaubſt Du, daß ich unempfindlich bin für die Schmerzen, welche unwillkürlich mein Herz bei dem Gedanken erfüllen müſſen, daß dieſer Fremd⸗ ling deine Zärtlichkeit gewonnen hat, während ich nichts für dich bin?“ „Ich glaube, daß Du in Folge dieſer Entdeckung leideſt; aber ich weiß auch, daß Du das Werk, um, welches ich dich bitte, ausführen wirſt. Es iſt wahr, ich liebe den Gefangenen, ich würde für ſeine Freiheit und ſein Glück gern mein Leben opfern; aber ebenſo wahr iſt, daß ich ihn nicht befreien will, damit meine Zärtlichkeit belohnt werden möge, ſondern darum, daß ich ihn einem bittern Geſchick und den Leiden, welche mit der Gefangenſchaft verknüpft ſind, zu ent⸗ reißen wünſche.“ „Und wenn er dann frei iſt, wird er dich über⸗ reden, ihm zu folgen.“ Pauline trat vor den Spiegel, betrachtete lächelnd ihr Bild und ſagte: „Katharina I. von Rußland war nur ein Kind aus dem Volke; Madame Pompadour war die Tochter eines Pächters; warum ſollte ich nicht gleich dieſen Damen die Frau eines vornehmen Engländers werden können? Ich bin ſchön, ſehr ſchön; ich bin kühn, und wenn ich Alles wage, um den Kommandeur zu retten, ſo muß ich auch auf ſeine Liebe und Dank⸗ barkeit rechnen können.— Du haſt Recht, Baptiſt. Ich habe vorher nicht daran gedacht, daß ich durch ſeine Befreiung zu Macht und Ehre gelangen kann. Der Gewinn iſt ſo groß für mich, daß ich gern 71 etwas wagen kann, und Du, der Du nur für die Beförderung meines Glücks lebſt, Du mußt jetzt, da daſſelbe durch Befreiung des Gefangenen zu erreichen iſt, die hiezu ſich bietende Gelegenheit mit Begierde ergreifen.“ Sie drehte ſich um und trat vom Spiegel weg auf Baptiſt zu, welcher, den Kopf auf die Hände ſtützend, murmelte: „Ja, Du haſt Recht, Pauline, handelt es ſich um dein Glück, dann.... dann... bleibt mir nichts übrig, als dir Beiſtand zu leiſten. Sollte auch mein Herz dabei brechen, wenn ich an der Niederreißung der Mauern arbeite, welche ihn von der Freiheit ausſchließen, ſo werde ich deſſen unge⸗ achtet es thun, da deine Glückſeligkeit dieſes Opfer fordert.“ Pauline legte ihre kleinen Hände dem Freunde ihrer Kindheit auf die Schultern und ſprach mit tiefem Ernſte: „Siehſt Du, Baptiſt, ich habe mich in deinem Herzen nicht getäuſcht. Ich wußte, daß Du um meinetwillen bereit wäreſt, jedes mögliche Opfer zu bringen. Aber Du kennſt mich nicht, wenn Du glaubſt, daß ich aus deiner Liebe Nutzen für mich ziehen wolle.— Ich liebe dieſen Mann, das erkenne ich an; aber ich liebe ihn ſo ohne jeden Gedanken an mich ſelbſt, daß ich mit lächelnder Miene das Schaffot beſteigen könnte, wenn ich dadurch ſein Leben retten oder zu ſeiner Befreiung etwas beitragen könnte. Aber auf der andern Seite, wenn er ſagte:„Zum Lohne dafür, daß Du mir zur Freiheit verholfen haſt, dafür, daß Du mich liebſt, will ich dir mein ganzes Leben weihen. Nimm meine Hand und werde meine Gattin, ſo würde ich antworten: Ich tauge nicht zu deiner Frau, ich wünſche mir keinen Lohn für meine Anhänglichkeit; ich will blos, daß Du meiner als der Perſon gedenken mögeſt, welche dir deine Freiheit wieder gegeben hat, und welcher Du dafür ver⸗ ſchuldet biſt.“ „Aber wenn er dich liebte,“ fiel Baptiſt ein, „wenn er dich bäte, ſeine Liebe durch die deinige zu belohnen, was würdeſt Du dann zur Antwort geben?“ „Daß ich dem freien Sidney Smith eine Liebe nicht geben könnte, welche ich dem gefangenen ſchenkte. Der erſtere bedarf meiner Zärtlichkeit nicht, aber für den letztern war ſie ein Troſt und eine Hilfe im Unglück. Der Abſtand zwiſchen dem hochgebornen engliſchen Edelmann und mir iſt allzu groß, als daß ich ſeine Gattin werden möchte. Und ſchließlich iſt meine Liebe allzu excentriſch, als daß die Belohnung durch eine Meſſalliance, wie der ſtolze Ariſtokrat eine Verbindung zwiſchen ſich und mir betrachten würde, derſelben Befriedigung gewähren könnte. Alſo, Baptiſt, hilf Du nur meinem Helden zur Flucht, ohne dabei an etwas Anderes zu denken, als daß Du einem armen Gefangenen beiſtehſt und mich dadurch glück⸗ lich machſt.“ „Pauline, ich habe ja bereits geſagt, daß ich thun werde, was Du begehrſt.“ „Du willſt dich alſo der erforderlichen Arbeit unterziehen?“ 73 „Ich will? Nein, Pauline ich thue es gegen meinen Willeu. Ich thue es darum, weil ich mich beſſer dabei befinde deine Wünſche zu erfüllen, als nichts für dich zu thun. Meine Vernunft iſt gegen dich, aber mein Herz gehört dir. Du wirſt immer an mir einen Sklaven haben.“ „Und doch ſagteſt Du ſo eben, um zu thun, was ich von dir begehrte, müßteſt Du mehr als ein Menſch ſeyn.“ „Meine Lippen haben etwas dergleichen ausge⸗ ſprochen, aber meine Handlungen ſagen das Gegen⸗ theil.“ Baptiſt ſchob Pauline ganz ſachte von ſich weg und ſagte die Hand vor die Stirne legend: „Du mußt mir noch einmal den Plan, welchen Du entworfen haſt, wiederholen.“ Pauline that ſo. Baptiſt blieb eine lange Weile, den Kopf auf die Hand geſtützt, ſitzen, endlich bemerkte er: „Die Aufklärungen, welche der Gefangene über ſeinen Kerker gegeben hat, ſind ungenügend; man muß hineinzukommen ſuchen, um das Lokal kennen zu lernen.— Willſt Du für dieſen Zweck einiges Gold aufopfern, Pauline?“ „Ja.“ „Gut, dann wird es mir möglicher Weiſe ge⸗ lingen, die Gänge und Wege auszuforſchen, welche mit ſeinem Zimmer in Verbindung ſtehen. Ich kenne den Kerkermeiſter und weiß, daß er dem Gelde ſchon ſo weit zugänglich iſt, um ſich dadurch beſtimmen zu laſſen, ein Auge zuzudrücken, wenn er ſich dabei nicht allzu ſehr blosſtellt. Morgen Abend wirſt Du Weiteres von mir hören; aber ich bitte dich, Pauline, nicht weiter mit dem Gefangenen durch irgend eine Zeichenſprache in Verbindung zu treten, oder dich und ihn den Gefahren auszuſetzen, welche daraus für euch beide entſtehen können, im Fall einer von den Nachbarn gleich mir entdecken ſollte, daß ihr auf ſolche Weiſe euch mit einander unterhaltet.“ Pauline gab Baptiſt das begehrte Verſprechen, und dieſer entfernte ſich. . Pauline unterließ es von da an, ſich am Fenſter zu zeigen, und Sidney, welcher vergeblich wartete, daß ſie wie früher durch ihre Gegenwart und den Austauſch von Gedanken, geſchriebenen Notizen ſeine Gefangenſchaft erheitern würde, begann dieſe jetzt peinlicher als vorher zu finden. Zur Ungeduld darüber, ſich in ſeiner Thätigkeit gehemmt, wie ein Miſſethäter bewacht und behandelt zu ſehen, geſellte ſich jetzt die Mißlaune, welche daraus entſteht, daß man von einer heftigen Neigung bewegt wird und von dem Gegenſtand derſelben ſich ganz und gar getrennt findet. Ohne eine Erklärung über das veränderte Benehmen von Pauline irgend fordern oder erhalten zu können, klagte Sidney dieſelbe als eine flüchtige, herzloſe und abſcheuliche Kokette an, welche mit dem Frieden eines armen Gefangenen ſpielte und aus Laune ihn des einzigen Troſtes be⸗ raubte, den er in ſeiner Gefangenſchaft hatte. Er ahnte nicht, daß Pauline ſich ſelbſt das Opfer auferlegte, dem Anblick von ihm, dem Empfang ſeiner kleinen Billete u. ſ. w. zu entſagen, einzig und 75 allein, um nicht durch irgend eine Unvorſichtigkeit das Werk zu gefährden, das nun in Angriff genom⸗ men worden war und die Beendigung ſeiner Leiden zum Zweck hatte. Pauline ſelbſt litt darunter, daß ſie jetzt mit dem Mann, welchen ſie liebte, nicht mehr in Berüh⸗ rung kam; aber ſie brachte, wie geſagt, dieſes Opfer um ſeinetwillen und verbannte allen Egoismus aus ihrer Seele. XII. Der Tempel, wo der Kommandeur Sidney Smith gefangen ſaß, war eine alte, düſtere Feſte, die von den Templern erbaut worden war, jenem halb⸗ mönchiſchen Ritterorden, von welchem man ſagen konnte, daß er den Aufruhr gegen die Fürſten mit der Unterdrückung des Volkes verband und ſich darum befeſtigte Schlöſſer als Klöſter aufführte und ſich durch die vereinigten Waffen des Kreuzes und des Schwertes den Weg zur Macht bahnte. Der Tempel hatte zwei früher befeſtigte Thürme von viereckiger Geſtalt, welche in ungleicher Höhe ſich zum Himmel erhoben. Der größere von denſelben kam an Höhe dem einer Domkirche etwa gleich; der kleinere lehnte ſich an denſelben an; aber wiewohl ſie mit einander zuſam menhingen, fand ſich doch im Innern keine Gemeinſchaft zwiſchen denſelben. Jeder von ihnen hatte ſeine beſondere Treppe. Der Eingang zu dem kleinen Thurm geſchah durch eine enge und ſchiefe Thüre, und von da ge⸗ langte man zu einer Wendeltreppe, welche in die andern Stockwerke führte. War man in dem erſten Stock angekommen, ſo befand man ſich vor der Thüre zu dem Gefängniß des Kommandeurs. Dieſes beſtand in einem großen düſtern Gemache mit dunkeln Wänden. Eine alte Bettſtelle ohne Vorhänge, ein plum⸗ per Tiſch und einige gebrechliche Stühle machten das ſämmtliche Geräthe aus. Das einzige vorhandene Fenſter war in einer neun Fuß dicken Mauer ange⸗ bracht, ſo daß die Heffnung davon nach dem Gemache herein bedeutend breiter war, aber immer ſchmäler wurde, je näher man dem Fenſterbogen kam, und ſomit nur ein ſchwaches Licht und verhältnißmäßig ſehr wenig Luft einließ. Die vor demſelben einge⸗ ſetzten ſchweren Eiſengitter trugen nur zur Erhöhung von dem düſtern Ausſehen des Gebäudes bei und erinnerten den Inſaßen daran, daß er deſſen verluſtig war, was für den Menſchen das höchſte Gut aus⸗ macht— nämlich ſeiner Freiheit. Man trat in das Gemach durch eine dicke eichene Thüre, welche mit Eiſen beſchlagen und mit Bändern und Riegeln ohne Zahl verſehen war. Außer dieſer Thüre befand ſich noch eine andere daſelbſt, welche zu einem kleinern Gemache neben dem des Kommandeurs führte, wo ſein Sekretär, der zu⸗ 77 gleich mit ihm gefangen genommen worden, ein⸗ logirt war.. Das Gemach des Sekretärs, bedeutend ſchlechter ausgeſtattet, beſaß nur eine Bettſtelle und einen Tiſch. Stühle betrachtete man hier als überflüſſig, die Wände waren noch dunkler, als bei dem Kommandeur. An einer derſelben war ein Fleck zu bemerken, unbedeutend heller und weißer als die übrigen Partien. Es ſah aus, als ob ehemals hier eine Thüre geweſen, welche zugemauert worden war. Schlug man mit etwas Hartem an dieſen Theil der Wand, ſo erfolgte ein Laut, welcher hohler klang, als wenn man daſſelbe Manöver an einer andern Stelle der Wand ver⸗ ſuchte. Dieß war eine Entdeckung, welche Sidney und ſein Sekretär ſchon zu Anfang von ihrer Gefangen⸗ ſchaft gemacht hatten. Sie ließ vermuthen, daß hier eine zugemauerte Thüre war, und daß dieſelbe in früherer Zeit zu irgend einem geheimen Gang oder einer geheimen Treppe führte. Sidney hatte in ſeiner Pauline mitgetheilten Beſchreibung des Kerkers auch dieſes Umſtandes erwähnt. Das Erſte, was Baptiſt that, war, daß er das Erdgeſchoß unterſuchte, um herauszubringen, ob ſich daſelbſt nicht eine Treppe oder Thüre befände, welche mit dem Kerker des Sekretärs möglicher Weiſe in Kommunikation ſtand. Er entdeckte nichts dergleichen und begann ſchon zu fürchten, daß Philippeaur und Pauline's Annahme von einem Zuſammenhang zwi⸗ ſchen den Kellern in ihrem Hauſe und im Tempel für einen Fluchtverſuch nutzlos ſeyn würde, wenn man zu dem Lokale des Gefangenen keinen andern Ein⸗ und Ausgang„als denjenigen, wo die Wache poſtirt war, ausfindig machen könnte. Baptiſt wollte auch ſchon von einer weitern Unterſuchung des Thurmes abſtehen, als der Kerker⸗ meiſter, welcher in Folge eines Händedrucks von Baptiſt für die Art und Weiſe, wie derſelbe in den letzten Tagen arbeitete, blind geworden war, zu ihm herein kam und ihn aufforderte, an dem Gewölbe, welches zu dem Vorrathskeller hinabführte, Einiges auszubeſſern. Es war ſo baufällig, daß ein Stein nach dem andern herabſtürzte und denjenigen, welcher hindurchgehen mußte, in wirkliche Lebensgefahr ver⸗ ſetzte. Baptiſt folgte dem Gefangenwärter nach einem Kellergang, welcher an der Seite des Thurmes lag. Er hatte früher niemals dieſe Thüre wahrgenommen. Während er mit der Reparatur des Gewölbes beſchäftigt war, kam er auf die Idee, in den Keller hinunter zu gehen, um möglicher Weiſe dort einige Entdeckungen zu machen. Der Keller war groß und glich einem langen, gewölbten, unterirdiſchen Gang. Aus Mangel an Licht konnte Baptiſt indeſſen denſelben nicht näher in Augenſchein nehmen. Er glaubte jedoch das von Philippeaur beſchriebene unterirdiſche Gewölbe, welches ſich unter der Straße hinſtrecken und mit dem Keller in Pauline's Hauſe zuſammenſtoßen ſollte, nunmehr gefunden zu haben. Als Baptiſt am Abend ſich entfernte, ſagte er — 79 zu dem Gefangenwärter, indem er ihm ein Goldſtück in die Hand drückte: „Ich komme morgen in aller Frühe wieder, um meine Arbeit in dem Kellergang fertig zu machen; mein Werkzeug mag hier bleiben.“ Der Gefangenwärter ſteckte das Geld in die Taſche, nickte dem jungen Maurer zu und dachte: „Ich verſtehe dieſe Händedrücke wohl und will auch gern ein Auge zumachen, bis die Sache für meine Sicherheit gefährlich werden kann; aber warte, ich bekomme den Vogel doch, gerade wenn er aus dem Käfig hinaus will. Ich verdiene dabei ein ſchönes Stück Geld, ohne einige Gefahr zu laufen.“ Ehe noch ein anderer Arbeiter zu Paris ſein Haus verlaſſen hatte, klopfte Baptiſt bereits an die Thüre des Tempels und wurde eingelaſſen. Er ging ſogleich an ſeine Arbeit an der Kellertreppe, indem er Laterne und Licht mit ſich führte. Ohne einen Augenblick zu verlieren, eilte er den Keller zu unterſuchen. Hinter einer Menge Tonnen entdeckte er an einer Seite der Wand Spuren einer zugemauerten Oeffnung. Er begann einige Steine loszubrechen, um ſich zu überzeugen, wohin dieſelbe führe und ob ſie möglicher Weiſe mit dem Gefängniß in Zuſammenhang ſtehe. Er fand bald, daß dieſelbe ſich ſehr leicht durchbrechen ließ, und ohne große Schwierigkeit gelang es ihm, ein ſo großes Loch zu machen, daß er den Arm, die Laterne und den Kopf hineinſtecken und ſich ſomit Gewißheit verſchaffen konnte, wie es auf der andern Seite gusſah. Da fand ſich eine ſchmale Treppe, welche aufwärts führte 80 und mit dem Kerker des Kommandeurs in Zuſam⸗ menhang ſtehen mußte. Baptiſt machte nach dieſer Entdeckung das Loch wieder zu, wälzte einige leere Fäſſer an die Wand, um die loſen Steine zu verbergen, und kehrte ſofort zu ſeiner Arbeit zurück. Bei Tagesſchluß theilte er dem Kerkermeiſter mit, daß andere Arbeiten ihn hindern, am nächſten Tage zu kommen. Der Kerkermeiſter murmelte bei ſich: „Es wird wohl das Beſte ſeyn, wenn ich in der Zwiſchenzeit die Augen offen behalte; denn Gold regnet es nicht vom Himmel herab, ohne daß es Eulen im Moore gibt.“ XIII. Am nächſten Morgen, während Alles noch im Hauſe von Pauline ſchlief, ſchlich Baptiſt durch die Thüre und hinunter in den Keller, um ſeine Arbeit zu beginnen und eine Kommunikation zwiſchen dem Tempel und dem Hauſe der Wittwe zu Stande zu bringen.. Ganze Tage lang und weit in die Nacht hinein arbeitete er daran. Pauline beſuchte indeſſen ihre Bekannten, fuhr in das Theater und ſchien an nichts als an ihre Unterhaltung zu denken. 8 81 Philippeaux war auf das Land gereist, hieß es. Er ließ ſich nirgends ſehen, weder zu Paris in ſeiner Wohnung, noch im Hauſe von Pauline. Der arme Gefangene war ſomit ganz und gar ſeiner Einſamkeit überlaſſen. Zwei Wochen waren vergangen, ohne daß er nur einen Schatten von Pauline geſehen hatte. Seine Gemüthsſtimmung glich der eines gefangenen Löwen. Er war wie wahnſinnig darüber, daß er das Gitter ſeines Kerkers nicht zerbrechen konnte, und hatte zu⸗ weilen gute Luſt, ſich ſtatt deſſen den Schädel einzu⸗ ſchlagen und ſich dafür zu ſtrafen, daß er ſo ſchwach war, dem Schmerze über die Entziehung von Pau⸗ lines Anblick bei ſich Raum zu geben. War es wohl eines Mannes, wie Sidney Smith, würdig, ſich durch die Schönheit einer unbekannten Frau ſo ſehr feſſeln zu laſſen, daß ſie alle ſeine Ge⸗ danken und Gefühle in Anſpruch nahm, während ganz andere und wichtigere Intereſſen ſeine Seele be⸗ ſchäftigen ſollten? Pauline's plötzliches Verſchwinden hatte die flüch⸗ tige Neigung, welche er für ſie gefaßt, zur Leiden⸗ ſchaft geſteigert. Ihr Bild verfolgte ihn unaufhörlich, und er vermochte ſich nicht davon loszureißen. An einem trüben Decembermorgen, als er wie gewöhnlich ſich dem Fenſter näherte, aber ohne Hoſf⸗ nung, daß er heute eher als an den vorangehenden Tagen einen Schimmer von derjenigen zu ſehen be⸗ kommen würde, welche jetzt, wie man wohl ſagen konnte, eine Plage für ſeine Seele ausmachte, wäh⸗ Schwartz, Novellen. V. 6 rend ſie längere Zeit die Freude des Gefangenen ge⸗ weſen war— ſah er Pauline an ihrem Fenſter ſtehen. Sie hielt ein kleines Packet in der Hand, welches ſie ihm vorzeigte. Ihr Ausſehen war lächelnd. Sidney glaubte ſie niemals ſo ſchön wie in dieſem Augenblick geſehen zu haben. In der nächſten Minute war ſein Fenſter offen, und das Packet, welches Pauline in der Hand gehalten hatte, kam ſauſend durch das Gitter hereingeflogen und fiel zu ſeinen Fäßen nieder. Gleichzeitig war Pauline verſchwunden und Sid⸗ ney zog ſich zurück, um von dem Inhalt des Briefs ſich Kunde zu verſchaffen. Er lautete: „Machen Sie ſich darauf gefaßt, in zwei Tagen Ihr Gefängniß zu verlaſſen. Schlag zwölf Uhr in der Nacht vom dreiundzwanzigſten wird man die zu⸗ gemauerte Thüre in dem Gemache Ihres Sekretärs durchbrechen. Richten Sie bis dahin Alles zu Ihrer Flucht und enthalten Sie ſich unterdeſſen, mein Fen⸗ ſter zu betrachten. Ich habe in den letztverfloſſenen Wochen nicht gewagt, mich vor Ihnen ſehen zu laſſen, aus Furcht, Argwohn zu erregen und dadurch den Plan zu Ihrer Befreiung zu verrathen. XIV. Die für die Flucht beſtimmte Nacht brach an. Mit hochklopfendem Herzen, die Bruſt von Furcht und Beſorgniß über den Ausgang erfüllt, ſchlich Pau⸗ 83 line in den Keller hinab, von dort den Gefangenen zu erwarten, aus ſeinem Kerker und der Freiheit in die Arme zu führen. In der Rue du Temple hielt Philippeaur mit einem Wagen, um mit Smith ſogleich von Paris abzufahren. Baptiſt hatte nur noch die vermauerte Thüre in dem Gemach des Sekretärs zu durchbrechen, und dieß nahm, ſeiner Berechnung nach, nur ſehr wenig Zeit in Anſpruch. Smith harrte mit geſpannter Erwartung auf den Augenblick, da die Mauer ſich öffnen ſollte. Er horchte und vernahm, wie der behutſame Arbeiter einen Stein nach dem andern losbrach. Mitternacht war vorüber, als der erſte Stein, welcher die Oeffnung verſchloß, in dem Zimmer des Sekretärs auf den Boden rollte. Baptiſt erſchrack wider ſeinen Willen bei dem dadurch entſtandenen Geräuſche und hielt mit der Arbeit an. Sowohl er als die Gefangenen lauſchten. Sie hörten wirklich den Poſten vor der Gefängnißthüre den andern unten an der Treppe anrufen; aber auf dieſen Ruf erfolgte nichts weiter. Alles wurde wieder ſtill, und Baptiſt ergriff von Neuem ſeinen Mauerbrecher, um die Ar⸗ beit zu vollenden. Ganz ſtill wurde ein Stein nach dem andern abgelöst, aber er ſah ſich bald gezwungen, wieder aufzuhören. Auf dem Gang vor dem Gemach ließen ſich Schritte vernehmen. Der Kommandeur warnte Bap⸗ tiſt, worauf er ſelbſt in ſein Gemach eilte und ſich auf das Lager warf, um ſich ſchlafend zu ſtellen, im Fall man in den Kerker herein kommen würde. Der Sekretär ſchob ſein Bett vor die kleine Oeffnung in der Mauer und hatte eben ſeinen Platz auf demſelben eingenommen, als die Gefängnißthüre aufging und das Gemach ſich mit Soldaten und Dienſtleuten an⸗ füllte. Sidney Smith ballte die Hände in unmächtiger Wuth, als er bedachte, daß es nur noch einer Viertel⸗ ſtunde bedurft hätte, und er in Freiheit geſetzt wor⸗ den wäre. 6 Mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt und ohne von dem Verdruß, welchen er empfand, auch nur das Mindeſte merken zu laſſen, erhob er ſich und fragte was es gebe. „Der Poſten hier hat ein verdächtiges Geräuſch in Ihrem Zimmer gehört, und wir ſind da, um zu unterſuchen, woher daſſelbe gekommen iſt,“ lautete die Antwort.. Eine Unterſuchung von dem Gemach des Kom⸗ mandeurs wurde ſogleich vorgenommen. In der Zelle des Sekretärs ſtieß man bald auf die gemachte Oeffnung. Baptiſt war es inzwiſchen gelungen, in den Keller hinunterzukommen und Pauline die traurige Nachricht, daß Alles entdeckt war, zu überbringen. „Eile in deine Wohnung, damit man dich hier nicht findet,“ flüſterte Baptiſt. „Soll ich gehen und dich im Augenblick der Ge⸗ fahr verlaſſen?“ rief Pauline.„Nein, ich habe dich derſelben ausgeſetzt, und ſo wirſt Du mir auch von hier folgen.“ „Pauline,“ bat Baptiſt dringend,„wir gerathen 85 dann beide in Gefangenſchaft, und dieß wäre ein wirk⸗ liches Unglück; biſt Du frei, ſo kannſt Du möglicher⸗ weiſe mich und Philippeaux retten. Geh deßhalb, wenn dir an ſeiner und meiner Freiheit etwas ge⸗ legen iſt; ich werde deine Flucht zu decken wiſſen.“ Bei dieſen Worten gab Pauline nach und eilte hinweg. In der nächſten Minute traten Soldaten in den Keller, um ſich der Perſon von dem zu verſichern, welcher dem Gefangenen zur Flucht hatte verhelfen wollen, und hier fanden ſie Baptiſt, welcher ſich den Schein gab, als ob er zu entkommen ſuchte, und als dieß nicht gelingen wollte, ſich zur Wehr ſetzte und durch das Handgemenge ſie ſo lang aufhielt, bis Pau⸗ line in Sicherheit ſein mochte; dann ließ er ſich ge⸗ fangen nehmen. Durch dieſes Benehmen hatte er auch wirklich ſo viel gewonnen, daß Pauline's Rückzug gedeckt wurde. Die junge Frau eilte, ſo ſchnell ſie vermochte, ihres Wegs, um Philippeaux noch warnen zu können. XV. Kaum war Pauline, nachdem dieß geſchehen, wieder in ihre Wohnung hinaufgekommen, als mit Heftigkeit an die Thüre gepoltert wurde. Mit der größten Eile warf ſie ihre Kleider von ſich, ſo daß Germaine ſie im Bette liegend fand, als . — ſie hereingeſtürzt kam, um ihrer Gebieterin die Mit⸗ theilung zu machen, daß man im Namen des Geſetzes Eintritt in das Haus begehre. Mit vollkommen ruhiger Stimme gab Pauline ſofort Germaine den Befehl zu öffnen, und ſie ſelbſt warf ſich in einen Morgenrock, um die Perſonen zu empfangen, welche ſich um dieſe Zeit in ihrer Woh⸗ nung einfanden. Pauline ſpielte die Beſtürzte ſo gut, daß die Policeiofficianten ſich dadurch täuſchen ließen und wegen der verurſachten Störung ſich entſchuldigten; ihre Pflicht erfordere, ſetzten ſie hinzu, dieſes Haus zu durchſuchen, weil man von deſſen Keller aus einem der Gefangenen Gelegenheit zur Flucht hätte verſchaffen wollen. Pauline bat ſie, in dieſem Fall ihre Schuldigkeit zu thun, und wußte bei der Nachricht, daß dieſe Flucht durch ihren Keller hatte vor ſich gehen ſollen, eine ſolche Miene des Schreckens anzunehmen, daß man nicht im Mindeſten dem Verdachte Raum gab, ſie habe von dem, was geſchehen, irgend eine Kunde gehabt. Genug, als die Policeiofficianten Pauline ver⸗ ließen, erſchienen ſie vollkommen überzeugt, daß ſie für ihre Perſon von jeder Theilnahme an dem Flucht⸗ verſuch frei wäre. Das Verhör von Baptiſt beſtärkte ſie in dieſer Ueberzeugung, weil er von vorn herein erklärte, er habe keinen andern Mitſchuldigen, als den Komman⸗ deur ſelbſt, mit welchem er während ſeiner Arbeit im Tempel in Berührung gekommen ſei. Der Engländer hatte geſagt, wenn Baptiſt ihm eine Gelegenheit zur * 87 Flucht verſchaffen könnte, ſo würde er eine reichliche Belohnung erhalten. Auf die Frage, wie Baptiſt ſich mit dem Gefangenen hätte in Kommunikation ſetzen können, gab er zur Antwort, dieß ſei geſchehen, ſo lang der Kommandenr ſeinen Gang im Garten ge⸗ macht habe. Dieſer Angabe Baptiſts wurde von Sidney nicht widerſprochen, weil derſelbe bei allen Fragen, die man an ihn ſtellte, antwortete, er ſey nicht geneigt, irgend welche Aufklärungen zu geben. Pauline gelang es durch Schlauheit und Scharf⸗ ſinn, ſich Kunde von dem Schickſal, das Sidney be⸗ troffen hatte, zu perſchaffen. Derſelbe war aus ſeinem bisherigen Lokale eine Treppe weiter hinauf in den dritten Stock gebracht worden und ſtand dort unter ſtrenger Bewachung. Sein Sekretär durfte ſein Ge⸗ fängniß nicht mehr theilen. Weiter wußte Pauline dahinter zu kommen, was Baptiſts wartete. Er ſaß gleichfalls gefangen und es ieß, man würde ſtreng mit ihm verfahren, um gerauszubringen, ob er keine Mitſchuldigen habe, und zugleich für Andere ein abſchreckendes Beiſpiel zu ſtatuiren, damit ſie ſich nicht durch den Verſuch, einem der gefährlichſten Feinde Frankreichs zur Flucht zu verhelfen, zum Verrath am Vaterland verleiten ließen. Pauline's erſte Maßregel ging nun dahin, für den armen Baptiſt etwas zu thun. Sie überlegte nicht lang, wie ſie es anzuſtellen hatte, ſondern faßte ſchnell ihren Entſchluß. Sie wollte den mächtigſten Mann des Direk⸗ toriums, Paul Frangois Jean Nicolas de Barras, beſuchen und auf ihn ſo weit einzuwirken ſuchen, daß Baptiſt glimpflich behandelt würde. Wos ſie ihm ſagen wollte, wußte ſie ſelbſt noch nicht, aber als ſie in den Wagen ſtieg, welcher ſie zu Barras bringen ſollte, war ſie feſt entſchloſſen, nicht eher nach Hauſe zurückzukehren, als bis es ihr gelungen wäre, die drohendſte Gefahr von Baptiſt abzuwenden. Barras war, wie Jedermann weiß, dürch ſeine Ritterlichkeit gegen Damen und ſeine Schwäche für die Schönheit bekannt. 2 So wurde er auch von Pauline's Jugend und Anmuth höchlich überraſcht, als ſie bei ihm eingeführt wurde. Pauline merkte den vortheilhaften Eindruck, den ſie gemacht hatte, und dieß gab ihr Muth. Mit der ausgeſuchteſten Artigkeit redete Barras ſie an und erklärte, er würde ſich glücklich ſchätzen, wenn er auf irgend eine Weiſe ihr nützlich ſeyn könnte. Ohne weitere Einleitung ging Pauline gleich auf ihr Ziel los. Aber bei dem erſten Worte von Baptiſt Moulin änderte ſich die Miene von Barras, und er nahm ein ſehr ſtrenges Ausſehen an. Er war jedoch keiner jener Männer von felſen⸗ feſtem Charakter, welche ſich nur durch ein unerbitt⸗ liches Pflichtgefühl leiten laſſen, ſondern gehörte eher in die Klaſſe derer, welche leicht erregbaren, und wir können es wohl ſagen, leichtfertigen Gemüthes ſind. Er 89 beſtand auch die Probe nicht, wenn eine ſchöne Frau ihn um etwas anflehte. Es fand ſich bei ihm etwas im höchſten Grade Chevalereskes, und dieß bewirkte, daß, als Pauline ihn unter Thränen für den Freund ihrer Kindheit bat, Barras nicht gefühllos für ihre Bitten bleiben konnte, ſondern vorerſt es ſo zu arrangiren verſprach, daß der Prozeß gegen Baptiſt aufgeſchoben würde. Dieß war auch Alles, was er für den Augenblick thun konnte. Pauline ſah, daß ſie damit viel gewonnen hatte, und ſagte hiefür dankend ihm Lebewohl. Sie kannte jedoch den Mann nicht, welchen ſie vor ſich hatte, im Fall ſie hoffte, er würde ſie ab⸗ ziehen laſſen, ohne daß ſie ihm Erlaubniß gäbe, ſie zu beſuchen. XVI. Schon am nächſten Tage erhielt Pauline einen Beſuch von Barras, welcher eine ganze Stunde bei ihr verweilte und von ſolchen Dingen ſprach, die eine junge und ſchöne Frau intereſſiren mußten. Pauline war Franzöſin und mit einem guten Kopf begabt. Sie erkannte deutlich, welchen Werth die Huldigung, die der Direktor ihr darbrachte, für ſie haben könnte. Wenn ſie ihre Karten gut ſpielte, mußte ſie über ihn einen Einfluß gewinnen, welcher den beiden Gefangenen von Nutzen ſeyn konnte. Während ſie die Rolle einer liebenswürdigen Kokette vor Barras, welcher täglich kam, durchführte, verſchaffte ſie ſich Kenntniß davon, wer der Bäcker war, welcher das Brod in den Tempel lieferte. Eines Tags, als Sidney beim Eſſen das Brod entzweiſchnitt, fand er darin ein kleines Stückchen Papier, und erkannte, als er es aus einander wickelte, die Handſchrift ſeiner Nachbarin. Der Inhalt des kleinen Billets war folgender: „Wenn Ihr Gefängnißfenſter gegen die Straße herausliegt, ſo laſſen Sie mich es dadurch wiſſen, daß Sie wie zufällig einen Zipfel Ihres Taſchentuches oder das Ende eines Bandes da, wo Sie eingeſchloſſen ſind, daran befeſtigen.— Geben Sie morgen Acht auf Ihr Brod und ſeyen Sie vorſichtig, wenn Sie es anbtechen. Darum bittet diejenige, welche Alles für Ihre Freiheit thun wird.“ Früh am nächſten Morgen ſchlich Pauline auf den Dachboden hinauf, um die obern Stockwerke des Tempels in Augenſchein zu nehmen. X Im oberſten, unter der Plattform des Thurmes gelegenen Stock fanden ſich einige Fenſter, oder viel⸗ mehr Luftlöcher, und an einem derſelben flatterte ein ſchmales Band im Winde. Sie wußte nun, wo der Gefangene weilte, und verließ ihr Obſervatorium. Mittags erhielt Sidney in ſeinem Brode folgende Zeilen: „Wenn Sie mir etwas mitzutheilen haben, ſo werde ich morgen vor Sonnenaufgang am Fuß des Thurmes unter Ihrem Kerkerfenſter warten.— Wenn „ —.— 6 91 es Ihnen möglich, ſo laſſen Sie mich wiſſen, wie man Sie behandelt.“ Sidney durfte von Tinte, Feder und Papier keinen Gebrauch mehr machen. Er beſaß alſo kein Mittel, ſich mit der Frau in Kommunikation zu ſetzen, welche das Ziel ſeiner Gedanken ausmachte und gleich einem guten Engel geiſterhaft in ſeiner Gefangenſchaft ihn umſchwebte. Er war jedoch keiner von denen, welche ſich nicht zu rathen wiſſen. Er kritzelte mit einem Nagel einige Worte in daſſelbe kleine Billet, welches er von Pau⸗ line erhalten. Die Nacht hatte ihren dunkeln Mantel noch nicht völlig von der Erde weggezogen, als ein Junge, gleich einem Savoyarden gekleidet, auf einem Steine am Fuß des Thurmes ſaß. Er war noch nicht lang an ſeinem Platze, als etwas zu ſeinen Füßen niederfiel. Er hob den Ge⸗ genſtand auf und fand, daß es ein Papier ſey. Er ſteckte daſſelbe ſofort in die Taſche und ging, eine bekannte Melodie trillernd, hinweg, um an der Thüre von Pauline's Hauſe zu klopfen. Sie ging auf, und der Knabe mit ſeinen Schuh⸗ bürſten ſagte zu dem ſchlaftrunkenen Portier, während er an demſelben vorbei ging: „Ich bin Bürger Philippeaur Schuhputzer.“ „Schon recht,“ brummte der Portier,„aber deß⸗ wegen braucht man einen armen Menſchen nicht ſo früh im Schlafe zu ſtören.“ „Ich bin auf dieſe Zeit hieher beſtellt worden,“ erwiederte der Burſche, eilte an dem alten, halbblinden 5 Portier vorüber und die Treppe hinauf. Aber an⸗ ſtatt ſeinen Weg zwei Treppen aufwärts fortzuſetzen, blieb der Savoyarde auf der Hausflur von Pauline's Wohnung ſtehen, horchte einige Augenblicke, zog dann einen Schlüſſel aus der Taſche und öffnete die Thüre. In der kleinen Stube angekommen, warf er die Mütze auf einen Stuhl und ſich ſelbſt auf einen Sopha, wickelte das von dem Thurmfenſter herabge⸗ fallene Papier auseinander und las die hineingekritzel⸗ ten Worte: „Ich liebe Sie, aber ich habe kein Mittel, es Ihnen zu ſagen.“ Schon am Mittag fand Sidney in ſeinem Brode ein zuſammengewickeltes Blatt Papier und eine kleine Bleifeder. Auf der letztern war eingekritzelt:„morgen.“ Der Briefwechſel kam nun in vollen Gang. Jeden Morgen erſchien der Savoyarde vor dem Tempel und ging hernach ſingend in Pauline's Haus, wechſelte im Vorbeigehen einige Worte mit dem Portier und verſchwand im erſten Stock durch Pau⸗ line's Thüre. Philippeaux mußte inzwiſchen ſeine Schuhe ſelbſt putzen, und dieß in aller Stille. Der junge Officier wußte davon, daß der kleine Savoyardenſchelm in dem erſten Stockwerke blieb. Während dieſe Intrigue in der Morgenſtunde wurde eine ganz andere am Abend aus⸗ hrt. ach des Tages Arbeit und Mühen kam Barras, 93 um die Geſellſchaft der jungen Wittwe zu genießen und ihre Schönheit zu bewundern. Pauline wußte auch durch die pikanten An⸗ wandlungen ihrer Launen, ihre unterhaltenden Ein⸗ fälle und ihre Unzugänglichkeit die Neigung, welche Barras zu derſelben gefaßt hatte, zu ſteigern und zu unterhalten.— Er fand jedoch nicht lang Gefallen an einer platoniſchen Anbetung der Schönheit, und Pauline konnte eine Erklärung nicht verhindern; aber da ſie über ſeine Lippen gekommen war, ſtellte ſie ſich, als ob ſie nicht daran glaube, ſondern drang auf einen Beweis von der Wahrheit ſeiner warmen Verſiche⸗ rungen und entgegnete, ſie würde niemals irgend einem Mann ihr Herz ſchenken, als demjenigen, wel⸗ cher durch andere Beweisgründe als bloße Worte ſeine Liebe bethätigte. Barras Neigung wuchs durch den Widerſtand, auf welchen ſie ſtieß, und er ſagte ihr täglich, ſie könne von ihm jeden denkbaren Beweis verlangen, da er bereit wäre, ſich Allem zu unterwerfen, nur um ſie von der Aufrichtigkeit ſeiner Gefühle zu über⸗ zeugen; aber Pauline's Antwort war, daß ſie zwei⸗ felnd den Kopf ſchüttelte, und der verliebte Direktor fühlte ſich darüber, daß er ſeine Hoffnungen unauf⸗ hörlich vereitelt ſah, der Verzweiflung nahe. Er war von dem Gedanken, den Widerſtand von Pauline zu überwinden, ſo völlig beherrſcht, daß er nicht merkte, wie ſie ihik mit Fragen über dieß und jenes, was entweder die ihm zukommende Macht oder die Art der Freilaſſung von Kriegsgefangenen betraf, liſtiger Weiſe ausholte. Sie wollte zum Bei⸗ ſpiel wiſſen, wie eine Ordre in dem Fall, daß man einem Gefangenen die Freiheit gebe, zur Ausführung gebracht werde u. ſ. w. XvI. Eiines Abends im Mai 1798 wurde, als Barras ſie beſuchte, Paulines Aufmerkſamkeit durch einen Siegelring angezogen, welchen er an der einen Hand trug. Sie gerieth auf den Einfall, einen Abdruck davon ſehen zu wollen, während ſie darüber ſcherzte, daß Barras bei den Billeten an ſie niemals dieſes Siegels ſich bediente. 4 Sie hatte inzwiſchen Siegellack geholt und unter Aeußerungen großer Munterkeit beſtimmte ſie Barras, auf einem Bogen unbeſchriebenen Papiers einen Abdruck von dem Sigill zu machen, welchen ſie ſofort aufmerkſam prüfte und zum Gegenſtand von man⸗ cherlei Reflexionen zu machen begann. Sie faltete dabei das Papier zuſammen warf es auf den Tiſch und begann hierauf davon zu reden, daß ſie im Stande zu ſeyn glaube, aus dem Na⸗ menszug eines Menſchen deſſen Charakter zu be⸗ ſtimmen.* Dieß beſtritt Barras. Darüber entſpann ſich ein lebhafter und witziger Wortwechſel, welcher damit ſchloß, daß Pauline ſich anheiſchig machte, nach dem 95 Namenszug ihres Anbeters deſſen Charakter feſtzu⸗ ſtellen. Sie zog das eben weggeworfene Papier wieder an ſich und forderte ihn auf ſeinen Namen darauf zu ſchreiben. Barras that dieß unter der Verſicherung, daß wenn ſie etwas von ſeinem wirklichen Charakter wüßte, ſo wäre das nicht von ſeinem Namenszug herzuleiten. Nachdem derſelbe niedergeſchrieben war, prüfte ihn Pauline und begann im Tone einer Sibylle nach der Form von jedem Wort eine Eigenſchaft der Seele zu bezeichnen. Daß dieß zu großer Heiterkeit führte und Pauline ein weites Feld zur Uebung ihres Witzes eröffnete, verſteht ſich von ſelbſt. Barras ging dieſen Abend bethörter als jemals von ihr hinweg. Als er fort war, warf Pauline ſich in ihren Sopha zurück und rief in einem Tone des Schmer⸗ zes laut: „O mein Gott! Wie verhaßt iſt mir nicht die Rolle, welche ich mir auferlegt habe! Wie eckelt mich das Le an, und wie unglücklich bin ich!“ ie verbarg das Angeſicht in den Händen und brach in Thränen aus. Dieſer Erguß der Betrübniß dauerte indeſſen nicht lang; denn in der nächſten Minute ſprang ſie auf und fuhr mit wieder gewon⸗ nener Energie fort:* Weg mit allen Gedanken an mein eigenes Ich, und nun zum Werke.— Gott hat mich nur darum lieben laſſen, damit ich zu einem Mittel würde, dieſen Mann aus der Gefangenſchaft zu befreien. Nicht an mich, ſondern an ihn muß ich denken.“ Sie ſchickte ſogleich zu Philippeaur hinauf und ließ ihn bitten, zu ihr zu kommen. „Morgen wird der Gefangene in Freiheit geſetzt werden,“ ſagte Pauline zu ihm.„Wie und auf welche Weiſe, iſt etwas, das Sie jetzt erfahren ſollen. Der Savoyardenknabe hat morgen ſeine Rolle zu ſpielen aufgehört, und Sie werden dann in dem Intriguenſtück, das wir gemeinſchaftlich aufführen, die Ihrige übernehmen. Das Spiel iſt hoch, und es kommt darauf an, ob Sie es wagen wollen.“ Alles für die Freiheit des Gefangenen; Sie wiſſen nicht, wie viel er für mich iſt.“ „Nicht mehr als für mich,“ fiel Pauline ein. „Sie werden heute Abend Alles zu der lang anbe⸗ raumten Flucht in Ordnung bringen. Morgen Mittag wird ſich mein Couſin Edmund Bvoisgerard, welcher auch eine Rolle in dem Schlußakte des Stücks übernommen hat, bei Ihnen einſtellen. Sie werden in ihm einen General und Inhaber einer mit Barras“ Namen und Sigill verſehenen Ordre finden. Dieſe Ordre enthält Sidney Smiths Freilaſſung. General Boisgerard wird von Ihnen zum Tempel begleitet, und wenn der Gefangene auf Barras Befehl aus⸗ geliefert wird, werden Sie, Boisgerard und er ſchleu⸗ nigſt von Paris abgehen und den vorgeſchriebenen Weg zur Entfernung aus Frankreich einſchlagen. Sie werden Alles ſo richten, daß man Sie nicht einholen kann, im Fall man Sie verfolgen würde.“ 97 „Uns verfolgen, wenn der Kommandeur auf eine Ordre von Barras frei wird!“ rief verwundert Philippeaux. „Hier iſt die Ordre von Barras.“ Auf dem Papier fand ſich nur der Name und das Sigill des Direktors. Der Papierbogen war ſo zuſammengelegt, daß, als Barras ſeinen Namen darauf ſchrieb, derſelbe gerade über das Sigill zu ſtehen kam. „Aber ich begreife nichts von all dem,“ ſagte Philippeaux. „Sie brauchen auch nichts zu begreifen, ſondern nur nach meiner Inſtruktion zu handeln. Als Be⸗ gleiter des Generals treten Sie im Tempel mit all der Sicherheit auf, welche ſich für Perſonen ziemt, welche im Namen des Direktoriums kommen; aber ſind Sie einmal zum Thore des Tempels hinaus, ſo müſſen Sie ſich all der Behendigkeit und Vorſicht befleißen, welche für Flüchtlinge, die ſich nicht einholen laſſen wollen, von Nöthen iſt.— Und nun keben Sie wohl. Ich werde morgen Ihnen einen Brief zuſenden, welcher für den Gefangenen beſtimmt iſt.“ Pauline reichte ihm die Hand zum Abſchied. Philippeaur faßte ſie mit den Worten: „Und wo mit Ihnen zuſammentreffen?“ „Wo,“ wiederholte Pauline mit einem traurigen Lächeln,„das weiß nur der Höchſte.— Nun ein Wort zum Schluß. Sie werden mir bei Ihrer Ehre geloben, niemals Sidney Smith den Namen der Frau, welche ihn befreit hat, wiſſen zu laſſen.“ Schwartz, Novellen. V. 7 98 „Ich gelobe es,“ ſtammelte Philippeaux gerührt. „Ich danke, und nun leben Sie wohl, Gott be⸗ ſchütze Sie!“ Pauline zog haſtig ihre Hand zurück und eilte aus dem Zimmer. XVIII. Um die gewöhnliche Zeit Morgens ſaß der Sa⸗ voyarde unten am Tempel. Er ſang mit klarer und deutlicher Stimme ein Lied, deſſen Refrain das Wort „Liberté“ bildete. Als der Geſang zu Ende war, fiel ein kleines zuſammengefaltetes Papier zu ſeinen Füßen nieder. Er raffte es auf ünd ging damit wie gewöhnlich in Pauline's Haus. Als er ſich in der Stube befand, las er: „Sie haben mir in Ihrem letzten Schreiben ge⸗ ſagt, daß ich heute meine Freiheit wieder erlangen ſollte. Ich glaube daran und danke Ihnen; aber ſo theuer und werth mir dieſe Gabe iſt, doppelt theuer, weil Sie von Ihnen kommt, werde ich ſie doch nicht annehmen, wenn dieſelbe nicht von der Gabe Ihrer Liebe begleitet iſt. Sie ſind die ſchönſte, die anbe⸗ tungswürdigſte Frau, welche ich je getroffen habe, Sie ſind meine erſte, meine einzige Liebe. Bis zu dem Tage, da ich Sie ſah, bin ich nur ehrgeizig ge⸗ weſen und habe große Handlungen, außerordentliche Thaten geliebt; aber ſeitdem ich Sie ſah, habe ich vergeſſen, für all dieſes zu ſchwärmen; ich ſchwärme — Diener Barras überbringen zu laſſen. 99 für Sie. Wenn Sie darum die Thore des Gefäng⸗ niſſes öffnen und dabei ſagen:„Du biſt frei, aber unſere Wege trennen ſich jetzt, ſo wird meine Ant⸗ wort lauten: jich kehre in mein Gefängniß zurück.“ Eher ſterbe ich als Gefangener, als daß ich frei lebe, ohne Sie zu ſehen oder von Ihnen zu hören. Ich habe Sie ſo lang geliebt, ſo ſehr geliebt, wie nur mein ercentriſches Herz lieben kann, ſo daß ich alles Andere, nur nicht eine Trennung von Ihnen ertrage. „Leben Sie wohl, bis ich im Zuſtande der Frei⸗ heit Ihnen Alles ſagen kann, was mein Herz fühlt, und von Ihren Lippen hören darf, was Sie bis jetzt ſo hartnäckig verſchwiegen haben, daß Ihr Herz einzig angehört Sidney Smith.“ Der Savoyarde, welcher, wie wir wiſſen, Nie⸗ mand anders als Pauline war, bedeckte den Brief mit Küſſen und Thränen. Sie weinte lang, während ſie, die ihr ſo koſtbaren und heiligen Zeilen an ihr Herz drückend, flüſterte: „So geliebt zu werden und ſo innig lieben, wie ich, und doch ſich ſelbſt zur Entſagung verur⸗ theilen, das iſt bitterer als der Tod, und doch muß es ſo ſeyn.“ Als Germaine ein paar Stunden hernach zu ihrer jungen Gebieterin mit dem Kaffee eintrat, fand ſie dieſelbe am Schreibtiſch ſitzend. Sie übergab Ger⸗ maine einen Brief mit dem Befehl, ihn durch einen Der Brief lautete: 100 „Sie haben oft geſagt, Sie ſeien bereit, mir jedes Opfer zu bringen, nur um mich von der Auf⸗ richtigkeit Ihrer Liebe überzeugen zu können. Ich habe bis dieſen Augenblick Sie nicht auf die Probe ſtellen wollen, aber heute bin ich entſchloſſen, es zu thun. Beſuchen Sie mich um Mittag, und ich werde Ihnen ſagen, was ich fordere.“ Um Mittag fand ſich Barras ein. Pauline war mit der größten Sorgfalt gekleidet. Ihr Angeſicht hatte allerdings einen wehmüthigen Ausdruck; aber dieß gab demſelben nur einen neuen Reiz. Barras beſchwor ſie, ihm ohne Aufſchub zu ſagen, auf welche Weiſe es ihm endlich gelingen würde, ihre Zweifel zu heben. Pauline's Antwort lautete, das Einzige, wodurch er dieſen Zweck erreichen könnte, ſey die Entlaſſung Baptiſts aus dem Gefängniß. Der arme Burſche wäre jetzt vom Dezember bis zum Mai im Kerker geſeſſen und hätte ſomit genügend für ſein Vergehen gebüßt. „Erſt dann,“ ſetzte Pauline mit entzückendem Lächeln hinzu,„werde ich glücklich zu ſeyn wagen.“ Barras verſprach, daß er noch dieſen Tag ſeine Freiheit erhalten ſollte, knüpfte aber die Bedingung daran, daß Baptiſt ſogleich Paris verlaſſen und ſich nach ſeinem Heimathort begeben müßte. Was wird mir zum Lohn, wenn ich Ihnen dieſen Beweis meiner blinden Ergebenheit geliefert habe?“ fragte Barras. „Morgen ſollen Sie es erfahren,“ antwortete — 101 Pauline.—„Wenn Baptiſt frei— iſt, werde ich Ihnen meinen Dank abſtatten,“ ſetzte ſie hinzu und lächelte den entzückten Direktor, welcher ſich verabſchiedete, freundlich an. XIX. Während Pauline mit Barras über Baptiſt's Freiheit verhandelte, hatte ein in Generalsuniform gekleideter Mann in Begleitung eines Adjutanten ſich im Tempel eingefunden. Er wies eine von Barras unterzeichnete Ordre vor, wornach der Kommandeur Sidney Smith und ſein Mitgefangener in Freiheit geſetzt und berechtigt wurden, ſogleich das Gefängniß zu verlaſſen. Die Ordre wurde geprüft und in aller Form von Barras unterzeichnet und mit ſeinem Si⸗ gill verſehen befunden. Die Gefangenen wurden ſogleich in Freiheit ge⸗ ſetzt und ſtiegen, von den beiden Offizieren begleitet, in den Wagen, welcher vor dem Tempel wartete. Philippeaur hatte bei dem erſten Zuſammen⸗ treffen mit Smith ihm ein Billet mit den Worten eingehändigt: Von ihr.“ E 6 Wagen rollte fort und Sidney erbrach den rief. „Wenn Sie dieſe Zeilen empfangen, ſind Sie frei,“ ſchrieb Pauline,„und zwar durch mich. Ich bin glücklich bei dem Gedanken daran. Ich liebe Sie. —— 102 Leben Sie wohl; in England werden Sie weiter hören von Pauline.“ „Sie iſt ſomit nach England gereist!“ rief Sid⸗ ney und wandte ſich zu Philippeaux. „Ich vermuthe es,“ antwortete dieſer. Smith ſagte nichts weiter. Der als General verkleidete Edmund Boisgerard brach in ein herzliches Gelächter darüber aus, daß er ſeine Rolle als General ſehr gut geſpielt haben müßte, da Niemand einen Verdacht gegen ihn geſchöpft hatte. In England angekommen, empfing Sidney einen Brief aus Frankreich. Er war von Pauline und enthielt folgende Zeilen: „Unſere Wege ſind nun geſchieden. Meine Liebe zu Ihnen war größer als meine eigene Glückſeligkeit, darum auch Ihre Freiheit Alles, was ich zu er⸗ langen wünſchte. „Wenn Sie dieſen Brief erhalten, habe ich mein Schickſal auf immer mit dem eines andern Mannes vereint. Zwiſchen Ihnen und mir ſtehen hinfort Pflichten gegen den Gatten, welchen ich gewählt habe. „Sie ſind zu großen Thaten geboren und wer⸗ den bald die Frau vergeſſen, welche bis zu ihrem Tode Sie lieben wird, wie der Dichter ſein Ideal liebt, und für Sie beten wird, wie die Mutter für ihr Kind. In dieſem Leben ſehen Sie nicht mehr Pauline.“ —,— 103 XX. Zwei Stunden, nachdem Barras ſich von Pau⸗ line entfernt hatte, trat Baptiſt bei ihr ein. Er war nun frei, aber dieſe Freiheit war theuer erkauft, denn er durfte ſich nicht mehr in Paris auf⸗ halten, ſondern mußte ſogleich fort von da. Pauline warf ſich bei ſeinem Anblick ihm in die Arme und brach in Thränen aus, aber einen Au⸗ genblick darauf ließ ſie ihn los und rief: „Du wirſt vor drei Tagen Paris nicht verlaſſen. — Ich werde dich hier in meiner Wohnung bis da⸗ hin verborgen halten.“ Sie führte ihn in ein abgelegenes Kabinet und erzählte ihm unterwegs, daß das Direktorium Sidney Smith die Freiheit gegeben habe. Darauf entfernte ſie ſich und überließ Baptiſt allen den für ſein Herz ſchmerzlichen Gedanken, welche dieſe Mittheilung bei ihm hervorrufen mußte. Bleich wie ein Stern der Nacht, erwartete Pau⸗ line den Beſuch von Barras. Es war Abend, als Barras bei ihr eintrat. Sie lächelte, als ob ſie, ihres Sieges ſich gewiß glaubte. Er eilte auf Pauline zu, machte aber bei ihrem Ausſehen plötzlich Halt. Er ſtieß einen Ruf der Ueberraſchung aus und fragte, was geſchehen, ob ſie krank oder von einem Unglück betroffen worden wäre, da ſie ihm ſo verändert erſchiene. „Wenn ich bleich bin,“ antwortete Pauline mit tiefem Ernſt,„ſo kommt es daher, daß ich heute als 104 eine Perſon vor Ihnen ſtehe, welche Ihnen viel ab⸗ zubitten hat. Ich habe ein ſchweres Bekenntniß abzu⸗ legen; aber ich will es thun, ohne irgend eine Be⸗ dingung daran zu knüpfen. Es ſoll Ihnen frei ſtehen, mich zu beſtrafen, wenn es Ihnen beliebt. Ich über⸗ laſſe mich ganz und gar Ihrem Edelmuth, wohl wiſſend, daß ich niemals das Böſe, das ich gethan, und das ich deſſen ungeachtet nicht bereue, zu ſühnen vermag.“ Pauline nöthigte Barras, Platz zu nehmen, und erzählte darauf unverholen alles, was ſie für Sid⸗ ney's Befreiung gethan. Als Pauline geſchloſſen hatte, war Barras ebenſo bleich als ſie. Er erhob ſich haſtig und rief mit Ent⸗ rüſtung: „Sie haben unwürdig gehandelt; aber glauben Sie nicht, daß ich das ungeahndet paſſiren laſſe. Ich werde den Gefangenen ſogleich nachſetzen, ich werde dieſen Baptiſt von Neuem einſperren und ihn für die von Ihnen begangene Verrätherei bezahlen laſſen.“ Er näherte ſich der Thüre. Pauline war auf⸗ geſprungen und ſagte, ihn am Arme faſſend: „Sie werden nicht im Zorn von mir ſcheiden; Sie werden den Gefangenen nicht verfolgen laſſen und ebenſo wenig an Baptiſt Rache nehmen.— Sie werden einer Frau verzeihen, welche geleitet von einem mächtigen Motiv gehandelt hat.“ Madame,“ fiel Barras ein,„Sie rechnen allzu ſehr auf Ihren Edelmuth,“ unterbrach ihn Pau⸗ line—„Ja, und das ſo unbedingt, daß ich Baptiſt hiet in meiner Wohnung zurück behicit, bis ich Ihnen 105 die ganze Wahrheit geſagt hätte. Sie wollen mich dadurch ſtrafen, daß Sie ihn der Freiheit berauben, und dennoch bin ich ebenſo überzeugt, Sie werden es nicht thun; Sie werden nach dem Kommandeur nicht fahnden und ganz Frankreich in das Geheimniß ein⸗ weihen, daß Sie, der erſte Mann des Landes, ſich von einer unbedeutenden Frau hinter's Licht führen ließen.“ Barras warf ſich in einen Fauteuil und mur⸗ melte: „Ah! Sie haben mich nicht blos beleidigt, Sie haben mich lächerlich gemacht.“ „Nein, mein Herr, ich habe Ihnen nur Gele⸗ genheit gegeben, ſich hochherzig gegen einen Feind und nachſichtig gegen eine Frau zu zeigen. Sie werden die letztere dadurch ſtrafen, daß Sie den Chekontrakt zwiſchen ihr und Baptiſt Moutin unter⸗ zeichnen.“ „Pauline!“ rief Barras, und ſeine Hand ſank ſchwer auf die Lehne des Fauteuils nieder;„Sie haben alſo ein Spiel mit mir getrieben? Das war der Mann, den Sie liebten?“ „Nein, der, welchen ich von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebe, der iſt jetzt auf dem Wege nach England.— Unſere Wege werden ſich hinfort nicht mehr begegnen.“ Pauline ſprach dieſe Worte mit einer Stimme aus, die vor Bewegung zitterte und deutlich ver⸗ rieth, welcher tiefe Schmerz ihre Bruſt durchdrang. Barras ſchaute ſie mit einem Blick des Erſtau⸗ 106 nens an. In dem Auge von Pauline ſchimmerte eine Thräne, und ſie fuhr fort: „Sollte ich mich in Ihnen verrechnet haben, als ich Sie für ebenſo hochherzig hielt, wie ich ſelbſt geweſen?— Sie haben mich eine kurze Zeit geliebt, das iſt wahr; aber meine Liebe konnten Sie nicht erhalten, die gehört ihm, welcher fort iſt. Werden Sie wohl auf mich zürnen, daß ich den Mann be⸗ freien wollte, den ich liebte, da ich eben damit mich zu ewiger Entſagung verurtheilte?— Nein, Sie können nicht ſo erbittert auf mich ſeyn. O! laſſen Sie mich Paris verlaſſen und in mein Heimathdorf die Erinnerung an Sie mitnehmen, als an den Mann, welcher in gerechtem Zorn Kummer und Elend über mein Haupt bringen konnte, aber es vorzog, eine unglückliche Frau ſo glücklich zu machen, als ſie es noch zu werden vermag.“ Pauline war auf die Kniee geſunken, hatte eine von Barras Händen gefaßt und ſchaute zu ihm mit bittender Miene empor. Ein paar Minuten betrachtete Barras dieſelbe. Er glaubte ſie niemals inniger als in dieſem Mo⸗ mente geliebt, ſie niemals ſchöner als eben jetzt ge⸗ funden zu haben, da er alle Hoffnung verloren, ſie die ſeinige zu nennen. Ein augenblicklicher innerer Kampf erhob ſich in ſeiner Bruſt. Dann beugte er ſich zu ihr nieder und hob ſie mit den Worten auf: „Der Direktor Barras wird die Ordre, welche Sie in ſeinem Namen geſchrieben haben, gelten laſſen; 107 der Mann Barras wird morgen Ihren Kontrakt unterzeichnen und auf ſolche Weiſe für den Schmerz Rache nehmen, welchen Sie ihm zugefügt haben.“ Er berührte die Stirne von Pauline mit ſeinen Lippen und verließ haſtig das Zimmer. XXl. Eine Stunde war nach der eben erwähnten Scene verfloſſen, als Pauline zu Baptiſt eintrat. „Morgen, Baptiſt,“ ſprach ſie mit einem weh⸗ müthigen Lächeln,„beabſichtige ich zum zweiten Mal mein Geſchick mit dem eines Mannes zu vereinen, und Du wirſt beim Unterſchreiben des Ehekontrakts ſeyn; deßwegen habe ich dich zurückbehalten.“ Baptiſt wurde zuerſt dunkelroth, dann todesbleich; endlich ſagte er mit Anſtrengung: „Ja, dieſes Mal werde ich nicht umhin können, einen der Zeugen zu machen, weil ich weiß, daß es dein Glück iſt, welches ich beſiegeln ſoll.“ „Biſt Du deſſen gewiß?“ „Ich glaube es zu ſeyn; Du kannſt jetzt un⸗ möglich dich mit einem Andern verheirathen, als mit ihm, den Du liebſt und der nun frei iſt.“ „Du meinſt den Kommandeur Sidney Smith,“ ſagte Pauline. „Ja, welcher Andere könnte es ſonſt ſeyn?“ „Einer, der mich von den Kinderjahren an lieb gehabt, der ſein Leben und ſeine Freiheit auf das 108 Spiel geſetzt hat, um demjenigen, welchen ich liebte, Beiſtand zu leiſten, Einer, der immerdar bereit ge⸗ weſen iſt, ſich für mich aufzuopfern, ich meine Bap⸗ tiſt Moutin.“ „Pauline!“ rief Baptiſt,„was ſagſt Du da?“ „Daß morgen dein und mein Heirathsantra unterzeichnet wird.— Ich konnte und wollte ſeine Frau nicht werden; welche beſſere Wahl hätte ich dann treffen können, als die von dir?“ Pauline reichte Vaptiſt die Hand. Am folgenden Tage wurde deren Ehekontrakt unterzeichnet. Barras war einer der Zeugen. Zwei Tage hernach verließen die Neuvermählten Paris, um nach ihrem Heimathort zurückzukehren. . Nn Sechszehn Jahre waren in der Zeiten Grab ver⸗ ſchwunden. Die Maiſonne hatte die Pariſer in den 5 Wald von Boulogne gelockt. Eine Equipage eilte„ nach der andern dahin, und ſtattliche Reiter flogen an den Fahrenden und Promenirenden vorüber. Unter den unzähligen Wägen war es insbeſon⸗ dere einer, welcher die Aufmerkſamkeit der vornehmen und reichen Müßiggänger anzog, ſowohl wegen der modernen und eleganten Form derſelben, als wegen der ungewöhnlich ſchönen Pferde. In dem Wagen ſaß eine bleiche und ſchöne Frau, 4₰— L 109 koſtbar, obwohl einfach gekleidet, aber Riemand in der eleganten Welt bekannt. Seit einer Woche machte ſie täglich eine Prome⸗ nade in dem Boulogner Walde, und dieß mit einer Miene, als ob Alles, was um ſie herum vorging, ihr gleichgültig wäre. Auch an dem obenerwähnten Tage ſchaute ſie ohne alles Intereſſe auf dieſe Menſchen, welche mit den Augen ihrer Equipage folgten und ſich dann ge⸗ genſeitig fragten: „Wer kann ſie eigentlich ſeyn?“ Ein Mann von etlichen vierzig Jahren kam ganz langſam gegen die ſchöne Unbekannte herange⸗ ritten. Er hatte ſchon in einiger Entfernung ſeine Aufmerkſamkeit auf die ungemein ſchönen Pferde ge⸗ richtet und ſie mit Wohlgefallen betrachtet. Als der Wagen näher kam, flog ſein Auge von den edeln Thieren zu der Dame hinüber. Beim Anblick von dieſem bleichen und ſchönen Angeſicht zog er die Zügel ſo haſtig an, daß das Pferd ſich bäumte und es ihm nur mit Mühe gelang, ſich im Sattel zu halten. Als er wieder des Pferdes Meiſter geworden, war der Wagen verſchwunden und die ſchöne Offenbarung hinweg. Am folgenden Tage ſah man denſelben Reiter langſam gegen die Champs Elysées hinreiten, wäh⸗ rend er alle an ihm vorüberfahrenden Wägen genau muſterte. Endlich bekam er die elegante Equipage zu Geſicht. Er hielt ſein Pferd an und wartete, bis ſie in ſeiner Nähe angekommen war; dann ritt er gerade 110 auf ſie hinzu und zwang ſomit den Kutſcher, die Pferde anzuhalten. Der Reiter nahm den Hut ab und ſagte: „Sie kennen mich ſicherlich nicht mehr?“ Das Antlitz der blaſſen Dame nahm eine leb⸗ haftere Farbe an, und ſie antwortete in ziemlich er⸗ regtem Tone: „Gewiſſe Erinnerungen erbleichen niemals, und gewiſſe Namen haben einen ſo guten Klang, daß man ſie unmöglich vergeſſen kann. Der von Sidney Smith gehört zu denſelben.“ Aber, Madame, es gibt andere, deren Namen man niemals gekannt hat, aber deren Bild uns deſſen ungeachtet durch das Leben folgt; Sie gehören zu denſelben. Meine Dankbarkeit und meine erſte Liebe war Ihnen zugewendet. In den ſechszehn Jahren, die entflohen ſind, hat das Andenken an Sie mich beſtändig begleitet. Das Schickſal war es mir zum Erſatz für das, was ich gelitten habe, ſchuldig, daß es mich Sie wieder ſehen und kennen lernen ließ.“ „Das Schickſal hat ſomit heute ſeine Schuld an Sie bezahlt, mein Herr. Wir haben einander wieder geſehen, um uns hinfort nie mehr zu ſehen. Ich verlaſſe Paris abermals, um zu meinem Mann zurückzukehren, und Sie, um Ihre Nachbarin vom Tempel an der Seite Ihrer Gattin zu vergeſſen.“ „Aber ehe dieß geſchieht, werden Sie mir erlau⸗ ben, Sie zu beſuchen, mir erlauben, Ihren Namen kennen zu lernen, um ihn den Meinigen mitzutheilen und in deren Gebete einſchließen zu laſſen.“ 1 111 „Mein Name iſt Pauline, den kennen Sie. Und nun leben Sie wohl bis morgen.“ Sie nickte mit dem Kopf und befahl dem Kutſcher, weiter zu fahren. Tags darauf erhielt Smith einen Brief, deſſen Inhalt war: „Wenn mein Andenken Ihnen theuer iſt, ſo ſuchen Sie Pauline nicht kennen zu lernen. Unſere Wege ſind ein für alle Mal geſchieden. Laſſen Sie mich blos eine Erinnerung in Ihrer Seele ſeyn, welche der Vergangenheit angehört. Möge Gott Sie beſchützen und glücklich machen. Dieß wünſcht von ganzem Herzen Pauline.“ Sidney Smith achtete ihren Wunſch und ver⸗ ließ Frankreich, ohne etwas mehr von der ſchönen Retterin zu erfahren, als daß ſie Pauline hieß. Wir können indeſſen dem Leſer Verſchiedenes mittheilen, wovon er noch keine Kunde hat. Baptiſt hatte kurz nach ſeiner Verheirathung mit Pauline beſchloſſen, in allem Ernſt die Baukunſt zu ſtudiren und etwas Beſſeres, als ein ſimpler Arbeiter zu werden. Nach einem kurzen Aufenthalt auf Mutter Tourlé's Gut reisten die Neuvermählten auch nach Deutſchland, wo Baptiſt ſich für ſeinen künftigen Beruf ausbildete. Einige Jahre verfloſſen, worauf er wirklich ein ausgezeichneter Baumeiſter wurde. Als Pauline nach einer Abweſenheit von ſechs⸗ zehn Jahren eine Reiſe nach Frankreich machte und 112 dabei kurze Zeit ſich in Paris aufhielt, traf ſie da⸗ ſelbſt mit Sidney Smith zuſammen. Baptiſt war als Hofarchitekt mit der Ausführung eines Gebäudes für den König von Preußen be⸗ ſchäftigt und konnte ſie darum nicht begleiten. Den Tag nach der Begegnung mit Sidney verließ Pauline Frankreich und kehrte nach Berlin zurück, wo ſie ihrem Mann die Urſache mittheilte, welche ſie ſo ſchnell wieder zu ihm geführt hatte. Baptiſt wurde ein ausgezeichneter Mann in ſeinem Fach, bekam Orden und Titel, welche indeſſen für ihn nur darum einen Werth hatten, daß er dieſe Auszeichnungen zu den Füßen derjenigen niederlegen konnte, welche er immerdar gleich innig liebte und an deren Seite er ſich ſo wohl fühlte. Und Pauline— ſie war glücklich dadurch, daß ſie ſein Glück ausmachte. 6 Wollen iſt Können. Schwartz, Novellen. V. 8 2 „Kannſt Du mir ſagen, Elin, warum Du dich heute ſo ſchön gemacht haſt?“ fragte der Kandidat, der Medicin, Albin Ling, der auf einem ſchwarzen Lederſopha in der Wohnung ſeines Vaters, des Zollverwalters Ling, ausgeſtreckt lag, zu ſeiner Couſine Elin, welche am Fenſter ſaß und arbeitete. „Das iſt etwas, das dich gar nichts angeht,“ antwortete Elin in nicht ſehr freundlichem Tone. „Im Gegentheil, das geht mich mehr als jeden Andern an,“ erwiederte Albin, mit ſeiner Cigarre dampfend.„Vielleicht willſt Du, ich ſoll dir ſagen, warum das rothe Kleid heute zum Vorſchein gekom⸗ men iſt, und warum deine Locken mit ſo ungewöhn⸗ licher Sorgfalt gelegt ſind, als ob Du im Sinne hätteſt, Gevatterin zu ſtehen, und dich auf einen Kuß gefaßt machteſt.“ „Ich will nichts hören und bitte, mich in Frieden zu laſſen!“ rief Elin mit einer etwas lebhaftern Röthe auf ihren achtzehnjährigen Wangen. „All dieſer Putz iſt da, weil Du für den Lieu⸗ — tenant Strale, den Du hier erwarteſt, ſchön ſeyn willſt, und... „ Und Du der allerunerträglichſte Kandidat in der ganzen Chriſtenheit biſt,“ brach Elin los und ſprang auf. „Der allerſcharfſinnigſte, willſt Du ſagen, kleine Elin,“ nahm Albin wieder das Wort und erhob ſich lachend.„Aber wozu hilft es, dir ſo viel Mühe wegen des Lieutenants zu machen, da Du doch in Ewigkeit nie eines Andern Frau, als die— meinige werden kannſt.“ „Ich deine Frau!“ rief Elin mit lautem Ge⸗ lächter;„biſt Du jetzt wieder auf die närriſche Idee gekommen? Wenn ich ſechsmal Wittwe werde, Nehm' ich dich zum ſiebten Mann,“ ſang Elin und tanzte vor dem Couſin her. „Singe und tanze, ſo viel Du willſt; es hilft voch nichts; denn ich habe geſchworen, daß Du meine Frau werden ſollſt,“ entgegnete Albin, indem er lächelnd Elin anſah. Aber Du weißt ja, daß ich nicht mit dir aus⸗ M komme, und daß ich dich gar nicht mag,“ warf Elin hitzig ein.. „Ich mag dich auch nicht ſonderlich,“ antwortete Albin, immer noch lachend. „Und doch willſt Du mich heirathen?“ „Ja, ich habe mir Eid und Schwur darauf ge⸗ geben, und wenn ich etwas will, ſo geſchieht es auch.“ „In dieſem Allem liegt nicht ein Fünkchen ge ſunder Vernunft.“ 117 „Das thut's nie in der Ehe. Ah! Du ſollteſt Kant S 4 „Herr Gott! Jetzt beginnt er mit ſeinen ver⸗ wünſchten Philoſophen!“ fiel Elin ein, nahm wieder ihren Platz am Fenſter und begann zu arbeiten. „Sprich nichts Böſes von den Philoſophen; gerade als ein ſolcher gedenke ich mich mit dir zu verheirathen.“ Albin ſtreckte ſich in voller Länge wieder auf dem Sopha aus und rauchte wie vorher. „Ich begreife nicht, was die Philoſophie mit deinen Narrheiten zu thun hat, im Fall nicht die ganze Wiſſenſchaft eine Narrheit iſt.“ „Die Höhe der Weisheit und die Höhe des Unverſtands bilden die beiden Extreme im Leben, und man behauptet, daß dieſelben ſehr oft ſich be⸗ rühren. Somit iſt, dich zu heirathen, die Höhe des Unverſtandes; deßhalb bedarf ich aber auch der Höhe der Weisheit, um mit ſtviſcher Ruhe die traurigen Folgen davon zu tragen; aber was willſt Du, daß ich thun ſoll? Sokrates nahm eine Fantippe zur Frau, und ich— nehme dich.“ „Sehr ge ſchmeichelt durch das Gleichniß,“ ant⸗ wortete Elin mit einem Anflug von Entrüſtung. „Du wirſt wohl nicht nöthig haben, in meiner Ge⸗ ſellſchaft die Rolle des Sokrates zu ſpielen; denn Strale beabſichtigt, heute den Oheim um meine Hand zu bitten.“ Jetzt ſah Elin den Couſin ganz triumphirend an. „Mein Vater wäre wohl im Stande, aus lauter ſeine Einwilligung zu dem Bunde und überdieß ſeinen Segen zu geben, im Fall der Lieu⸗ tenant heute Abend wirklich käme,“ erwiederte Albin, indem er einen Marſch auf dem Tiſch trommelte. „Aber ſieh, das iſt noch nicht ſo ganz ausgemacht,“ ſetzte er ſpöttiſch hinzu. „Ja, ſiehſt Du, es iſt ganz ausgemacht,“ ent⸗ gegnete Elin mit vor Verdruß glühenden Wangen. „Woher weißt Du das?“ forſchte Albin mit dem verletzendſten Ton von der Welt. „Hu, wie widerwärtig Du biſt! Du kannſt einen Menſchen bis auf den Tod plagen.“ „Das war eine Antwort, welche deutlich beweist, daß Du ganz und gar nicht ſicher biſt, ob dein hüb⸗ ſcher Lieutenant heute Abend ſich hier einfinden wird, um ſeine Werbung anzubringen.“ „Ich brauche vor dir nicht zu beichten.“ „Nein, beſonders da Du nichts zu beichten haſt,“ fuhr Albin in demſelben ſpottenden Tone fort.„Ach, was die Mädchen doch ſo eigenliebig ſind! Blos weil der Lieutenant mit dir getanzt hat, hieher geſprungen kam und ſeufzte, als Du ſangeſt:„Liebſt Du um der Liebe willen? O, ſo liebe mich!“— deklamirte Albin mit Pathos,„ſo glaubſt Du, er denke an's Freien. Der Mann iſt wohl kein ſolcher Narr.“ Elins Wangen wurden roth wie eine Päonie und mit einer von Entrüſtung bebenden Stimme gab ſie zu Antwort: „Aber, nun hat er ſelbſt— verſtehſt Du mich — um die Erlaubniß gebeten, bei dem Oheim um meine Hand anzuhalten, und das heute Abend. Glaubſt Du auch jetzt noch, daß er ausbleibt?“ 119 „Gott verhüte das, nachdem Du ihm dein— Ja gegeben.“— Das Wort Ja ſprach Albin in einem eigenthümlich wimmernden und ſentimentalen Tone aus;—„aber dennoch möchte ich dafür bür⸗ gen, daß der Mann nicht kommt,“ ſetzte er lachend hinzu. „Werde ich jetzt mit dem Geſchwätz von dem Lieutenant verſchont? Sonſt gehe ich und ſetze mich in das Schlafzimmer.“ Elin war ſo gründlich geärgert, daß ſie vor lauter Verdruß kaum nähen konnte. „Ich werde ſchweigen, wie eine Mauer, wofern Du nur deinen Platz behältſt, und ich ſomit das Vergnügen haben kann, deinen Lieutenant zu ſehen, im Fall er wider alles Vermuthen kommen ſollte.“ Mit dieſen Worten legte Albin die Füße auf die Sophalehne und begann zu trällern: „Und ſollteſt Du auch untreu werden, Doch bleibet meine Liebe dir.“ Elin hätte gewiß ihr ſchönſtes Kleid darum ge⸗ geben, wenn der Lieutenant eben jetzt hereingekommen wäre, ſo beleidigt fand ſie ſich durch den Geſang des Kouſins, und ſie empfand ein unwiderſtehliches Ver⸗ langen, ihrem Zorn Luft zu machen. Es that ihr wahrhaft leid, daß ſie nichts finden konnte, was den unerträglichen Plagegeiſt ärgern machte. Endlich, damit ſie nur nicht ohne Unterlaß den widerlichen Refrain ſingen hören mußte, bemerkte ſie „Nun, dich wird wohl Niemand beſchuldigen, Lebensart, viel weniger Wohlanſtand zu haben.“ „Pourquoci, mon amie?? — —— —— 2 ———— — „Glaubſt Du etwa, es ſey ſchicklich, ſo dazuliegen und ſich auf dem Sopha auszuſtrecken, wie Du thuſt? Wenn Du nicht ſchon häßlich genug wäreſt, ohne dich durch ſolche Manieren noch häßlicher zu machen, ſo würde ich nichts darüber ſagen; aber nun biſt Du ganz ſo häßlich, als es nur irgend angeht.“ „So ſagſt Du, Elin, ich bin häßlich? Gott verzeihe mir die Sünde, daß ich eine ſolche Aeußerung von dir höre!“ rief Albin und nahm eine ſitzende Stellung an.„Darf ich wohl wiſſen, was ſich an meiner Perſon findet, das ein ſolches Prädikat ver⸗ dient?“ „Du biſt häßlich vom Scheitel bis zur Zehe,“ antwortete ſie, ohne ihn anzuſehen. „Das iſt eine allzu generelle Antwort.“ Albin ſtand auf und näherte ſich Elin. „Laß uns,“ ſagte er,„die Sache näher betrachten.“ „Iſt nicht nöthig, denn ich kenne deine ganze werthe Perſon auswendig.“ „Das Gedächtniß täuſcht manchmal; darum wollen wir auf eine Weile annehmen, daß ich ein Gemälde oder ſonſt ein lebloſes Ding ſey.“ „O ja, wenn Du für ein Ding paſſiren willſt und nicht für einen Menſchen, ſo bin ich damit ein⸗ verſtanden.“ „Wie Du willſt, meine kleine Frau.“ „Wenn Du das noch einmal ſagſt, ſo.. „So kannſt Du nichts dafür, die Sache iſt klar; aber laſſen wir das und kehren zu meinem Aeußeren zurück. Um damit anzufangen: iſt mein Haar häß⸗ lich?“ 121 „Ja, es iſt weiß; und dieſe Farbe kann wohl auf die Benennung ſchön keinen Anſpruch machen.“ „Welche barbariſche Ausdrücke Du haſt! Du ſollteſt eine Abhandlung über die Wohlredenheit leſen. Ich habe blonde Locken.“ „Dann mußt Du beſtändig im Regenwetter da⸗ mit geſtanden ſeyn; denn ſie ſind jetzt etwas rauh und ſtruppig.“ „Mit dem Regenwetter mag es gelten; aber die blonden Locken bleiben doch.“ „In deiner Phantaſie; aber in der Wirklichkeit heißt es: lichtes, ſtraffes Haar und...“ „Und eine hohe, weiße Stirne.“ „O ja, hoch iſt ſie genug, auch weiß genug, aber das beweist noch nicht, daß ſie Verſtand birgt.“ „Die Phrenologen behaupten es indeſſen. Nun kommen wir an die Augen.“ „Die ſind blau, ſchläfrig und langweilig.“ Albin begann ſo herzlich zu lachen, daß Elin Geſellſchaft leiſten mußte. Aber als ſie zu gleicher Zeit den Kouſin anſah, konnte ſie nicht umhin zu denken: „Die Augen da ſind alles nur nicht ſchläfrig und langweilig;“— aber dieß verſchwieg ſie natürlich. „Das Portrait wird meiner Seele nicht übel, wenn es vollendet iſt.— Wir gehen zur Naſe über.“ „Von der iſt gar nichts zu ſagen: die iſt ganz trivial.“ „Das heißt mit andern Worten: ſie iſt unta⸗ delhaft und der Mund poetiſch.“ „Nein, der hat einen rothen Schnurrbart, eine boshafte Zunge und ein widriges Lächeln,“ ſetzte Elin mit großer Lebhaftigkeit hinzu. „Wer hat einen ſolchen Mund?“ ertönte die Stimme einer ältern Frau hinter den jungen Leuten, welche die Eintretende nicht bemerkt hatten. „Albin, ſüße Tante,“ antwortete Elin lächelnd. „Gott bewahre, wie Du da redeſt, Kind; mein Junge ſpllte einen ſolchen Mund haben; mir dünkt, er iſt recht hübſch mit ſeinen weißen Zähnen,“ ent⸗ gegnete die Mutter, indem ſie ihrem langen Herrn Sohn auf die Wangen klopfte. Frau Ling ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl vor einen altväteriſchen Nähtiſch, und Albin warf ſich in eine der Sophaecken. Zollverwalter Ling war Beamter in der Stadt, und die Ereigniſſe, welche wir zu ſchildern im Begriff ſind, tragen ſich in der erwähnten Stadt im Herbſte zu. Liebe Elin, Du haſt dich heute ſo ſchön geklei⸗ det,“ ſagte Frau Ling und betrachtete die mehr als hübſche Elin durch die Brille. „Ich wußte ja, daß Tante Stal und Dahl mit den Mädchen kommen würden,“ antwortete Elin er⸗ röthend und etwas verlegen, beſonders da ſie mit innerm Verdruß merkte, daß Albin ſie mit dem ihm eigenen, ärgerlich ſpottenden Blick betrachtete. „Deßhalb brauchſt Du dir niemals ſo viele Mühe zu machen,“ bemerkte Frau Ling lächelnd. „Aber die Damen können ja zufälliger Weiſe ihre Söhne bei ſich haben,“ ſcherzte Albin,„und das gibt doch alsbald einen Grund ab, ſchön zu ſeyn.“ * „Herr Gott! Tante, willſt Du nicht Albin ſagen, „ . 123 daß er aufhört, mich immer zu reizen, er thut den ganzen Tag nichts Anderes.“ „Das kann ich ihm allerdings ſagen, aber was hilft es wohl,“ antwortete Frau Ling.„Er iſt ein verzogenes Kind wie Du.“ „Ja, Gott ſey's geklagt!“ ſeufzte Elin. „Gleich und gleich geſellt ſich gern, ſiehſt Du, Elin, darum....“ „Darum ende ich damit, daß ich dich nicht lei⸗ den kann.“ „Das iſt der kürzeſte Weg, geliebt zu werden; — aber da ſchoß Tante Dahls Wetterhaube am Fenſter vorüber; alſo auf vom Sopha, Herr Kandi⸗ dat,“ fügte Albin hinzu, warf die Cigarre weg und ſetzte ſich zu Elin. Frau Dahl trat ein und kurz nach ihr die Ma⸗ jorin Stal mit ihren Töchtern. Nachdem die Mäntel abgenommen und die Grüße ausgetauſcht waren, ließen ſich die drei Matronen in Frau Ling's Geſellſchafts⸗ zimmer vor einem zierlichen Kaffeetiſch nieder. Elin mußte nun ihren Platz verlaſſen und ſich zu den Gäſten ſetzen. Albin, welcher nicht geneigt ſchien zu bleiben, begab ſich zu ſeinem Vater. Während er die Treppe hinaufſtieg, ſprach er bei ſich: „Es wäre doch verteufelt ärgerlich, wenn der Stutzer von Lientenant mir meine kleine hübſche Roſe wegſchnappte. Das würde mir gerade in's Herz gehen, aber mit einem feſten Willen überwindet man alle Schwierigkeiten; und ich habe mir ſo feſt vorge⸗ nommen, Elin mein zu nennen, daß ich auch mit Gottes Hülfe und auf eine ehrliche Weiſe zum Ziel gelangen werde, denn wollen iſt können. Sie, mit ihrem warmen und reichen Herzen, ſollte die Frau von dem ruinirten und blaſirten Flittermenſchen werden? Nein, daraus wird in Ewigkeit nichts.“ Jetzt ſtand Albin vor ſeines Vaters Thüre und öffnete ſofort dieſelbe. An ſeinem Schreibtiſch ſaß der Zollverwalter, ein langer, magerer Mann von etlichen fünfzig Jahren, von ruhigem, phlegmatiſchem Ausſehen. Er ſah auf und nickte dem Sohn zu. „Gibt es bei dir gerade viel zu thun, Papa?“ fragte Albin. „Nein, haſt Du mir etwas zu ſagen?“ „Nichts ſonderliches; aber Mama hat eine Kaffee⸗ viſite, und deßhalb kam ich herauf, für den Fall, daß meine Gegenwart dich nicht inkommodirt.“ Albin ſetzte ſich auf den Sopha, nahm eine Ci⸗ garre und begann zu rauchen. „Ah ſo, Mama hat Gäſte,“ ſagte der Zollver⸗ walter und legte Brille und Feder bei Seite. „Und während ſie da unten plaudern, habe ich Luſt, hier oben daſſelbe zu thun,“ fuhr Albin fort. „Laß hören, was Du für Neuigkeiten aufgefiſcht 8 haſt.“ 125 „Papa erhält einen Beſuch von Lieutenant Strale.“ „Das iſt ja nichts Ungewöhnliches; aber mir und meinem Zimmer wird wohl der Beſuch nicht gelten,“ meinte der Zollverwalter lächelnd. „Ja, heute Abend wird es wirklich ſo ſeyn, denn er kommt, um bei Papa in der Eigenſchaft als Elin's Oheim und Vormünder um deren Hand an⸗ zuhalten.“„ „So, ſo, aber da hat im Grunde Elin ſelbſt zu entſcheiden, ob ſie ihn nehmen will. Mir gefällt er nicht ſonderlich, denn es iſt wohl nur des Mädchens Geld, welches den Schelm anlockt. Doch, will das Mädchen ihn beſtimmt haben, ſo ſteht mir nicht das Recht zu, mich zu widerſetzen. „Das iſt klar; aber wenn ich mich nicht ſehr täuſche, ſo hat er, was Elin's Zuſtimmung betrifft, das Spiel gewonnen; doch jetzt kommt ein anderer Punkt.“ „Und der iſt, daß Du das Mädchen ſelbſt haben möchteſt.“ „Davon handelt es ſich jetzt nicht,“ erwiederte Albin heftig;„ich betrage mich doch wohl nicht ſo, als ob ich verliebt wäre.“ „Nein, das weiß Gott; aber Du haſt deine Eigenheiten, und vielleicht verbirgſt Du hinter deinem herausfordernden Auftreten gegen Elin ganz andere Gefühle. Ich meines Theils würde großes Gefallen daran finden, wenn ich dich mit der Tochter meines verſtorbenen Bruders verheirathet ſähe.“ „Laß uns dieß meinem Schickſal anheimgeben; wünſchte ich Elin zur Frau zu haben, ſo würde ſie es auch werden. Wir wollen zu dem Lieutenant und der Frage übergehen: kann Elin mit dem Narren glücklich werden?“ „Das iſt vielleicht etwas zweifelhaft. „Dann iſt es auch deine Pflicht, Papa, daß Du, ſo viel von dir abhängt, eine ſolche Verbindung zu hindern verſuchſt.“ „Es war meines Bruders ausdrücklicher Wille auf ſeinem Sterbebette, daß das Mädchen bei der Wahl eines Gatten vollkommen freie Hand haben ſollte.“ „Es iſt auch durchaus nicht meine Anſicht, Pa⸗ pa, daß Du Elin auf irgend eine Weiſe zwingen ſollſt; mir dünkt blos, Du möchteſt die Heirath vor einem oder zwei Jahren nicht zulaffen.“ „Der Vorſchlag iſt nicht ſo uneben, und ich will mir denſelben überlegen.“ Der Zollverwalter nahm eine Priſe. Jetzt knarrten Schritte auf der Treppe; im näch⸗ ſten Augenblick ging die Thüre auf, und Lieutenant Strale trat ein. Albin verließ das Zimmer, nahm ſeine Mütze und ging hinaus in den ſchwülen Herbſtabend; aber als des Mondes Strahlen auf das ſonſt ſo heitere Angeſicht des jungen Kandidaten fielen, war daſſelbe ungewöhnlich bleich und ernſt. * 127 III. Der Theekeſſel ſtand ſiedend auf dem gedeckten Tiſche in der Wohnſtube, und Elin war an demſelben beſchäftigt, als Albin daſelbſt wieder eintrat. Er warf Mütze und Burnus von ſich und trat auf ſeine Kouſine mit den Worten zu: „Iſt Papa hier unten geweſen?“ Der Ton, womit dieſe Worte geſprochen wurden, hatte nichts von dem gewöhnlichen ſcherzenden und ſpottendem Ausdruck; denn er lautete ſo rauh, daß Elin zu ihm aufſchaute und mit einem nicht geringen Grad von Erſtaunen wahrnahm, wie blaß er ausfah. „Nein, aber er wird ſogleich kommen, und....“ „Und in ſeiner Begleitung Lieutenant Strale, willſt Du ſagen,“ ſetzte Albin hinzu, während ſeine Miene noch immer ihren herben Charakter beibehielt. „Allerdings; er hat ſich dennoch eingefunden, obwohl Du auf das Gegentheil ſchwören wollteſt,“ entgegnete Elin mit vergnügtem Lächeln. „Wäre es auf mich angekommen, ſo hätte er noch lang ausbleiben können.“ Albin ſeufzte. „Ich glaube, Du biſt krank aus bloßem Verdruß darüber, daß Du Unrecht hatteſt,“ bemerkte Elin lachend. „Und wenn dem ſo wäre?“ „Dann würde ich dir eine Taſſe Thee geben und dich bitten, deine Vernunft gefangen zu nehmen.“ 3 128 Mit dieſen Worten bot Elin ihm eine Taſſe von dem rauchendem Getränke. „Der Zorn macht Einem warm,“ ſagte Albin und ſuchte den alten, ſcherzenden Ton wieder anzu⸗ ſtimmen,„und darum trinke ich kaltes Waſſer.“ Er leerte haſtig ein Glas; darauf ließ er ſich an dem Piano nieder und begann einige Phantaſien zu ſpielen. „Ach, wenn Du ſingen könnteſt, ſo hätte man doch eine Freude von dir; aber jetzt, ſeitdem Du zu ſtudiren angefangen, habe ich noch nicht ein einziges Lied von dir gehört. Der Oheim behauptet, Du ha⸗ beſt die Stimme verloren, als dieſelbe ſich brach; das wäre Schade,“ äußerte Elin, welche mit einigem Herz⸗ klopfen hörte, daß man aus dem Zimmer des Zoll⸗ verwalters herabkam. „Du mußt dich damit begnügen, ein Duett mit deinem Lieutenant zu zwitſchern,“ meinte Albin und ſpielte einen Studentenmarſch. Bei ſich ſelbſt dachte er: „Ich habe gute Luſt, den eingebildeten Narren heute Abend zum Singen zu verleiten.“ Jetzt trat der Zollverwalter mit dem Lieutenant in das Zimmer. Der letztere war einer von den allergewöhnlich⸗ ſten Lieutenants, welcher ein Paar blaue Augen, ein ſchönes Geſicht und einen mit Hülfe des Schneiders tadellos gewordenen Wuchs von der Natur zu ſeinem Looſe erhalten hatte. Er erfreute ſich immer des modernſten Schnittes an ſeinen Weſten und Röcken, bewegte ſich mit Leichtigkeit, tanzte wie ein Gott, wenn anders die Götter ſich zum Tanzen herabließen. * 129 Er ſpielte Karten mit ausgezeichneter Geſchicklichkeit, machte mit Erfolg dem ſchönen Geſchlechte den Hof, ſang— ſeiner eigenen Meinung nach— meiſterhaft und wußte mit Leichtigkeit und Anmuth eine Con⸗ verſation zu führen; hätte man aber genauer ſeinen Menſchenwerth unterſuchen wollen, ſo würde man ihn beinahe einer ſchönen Schale ohne Kern ähnlich gefunden haben; denn leer war ſein Kopf an allen edlern Gedanken, leer ſein Herz an wirklichem Gefühl. Auf Erden hatte er nur drei Dinge geliebt: ſich ſelbſt, ein Leben in Saus und Braus und Geld als ein Mittel, ſich alle möglichen Genüſſe zu ver⸗ ſchaffen. Etwas von moräliſchem Werth fand ſich nicht in dieſer in Uniform ſteckenden Bruſt. Als der Lieutenant gegrüßt und einige ſprechende Blicke mit Elin, welche erröthend vor ſich nieder ſah, ausgetauſcht hatte, begann er mit den Damen ſich zu unterhalten, und wo es junge Mädchen gab, da war unſer Lieutenant ganz munter. Albin ſchlug Muſik vor, und während eine von den jungen Damen eine ſchwere Arie ſang, fand der Lieutenant Gelegenheit, Elin mitzutheilen, daß der Zollverwalter ſeine Einwilligung zu der Heirath ge⸗ geben hatte; dieſelbe dürfte aber vor einem oder zwei Jahren nicht ſtattfinden. „Dieſer Aufſchub, meine angebetete Elin, bringt mich zur Verzweiflung,“ äußerte der Lieutenant mit einer der Veranlaſfung gut angepaßten Beküm⸗ merniß. „O, wir ſind ja beide jung und können wohl Schwartz, Novellen. V. 9 — 130 warten,“ erwiederte Elin, welche in der That den Lieutenant mehr zu lieben ſich einbildete, als es wirklich der Fall war: etwas, das ſo oft bei jungen Mädchen eintrifft, wenn deren Eitelkeit geſchmeichelt wird und ſie ſich als den Gegenſtand einer großen Leidenſchaft betrachten. Wo gibt es ein Mädchen, welches nicht mehr oder minder auf die Huldigung, die man ihr dar⸗ bringt, einen Werth legt, und Elin machte hierin keine Ausnahme. Sie hatte ſich über die Aufmerk⸗ ſamkeit des ſchönen, muntern und allgemein beliebten Lieutenants ſo unbeſchreiblich vergnügt gefunden, daß ſie, als er ſeinen Artigkeiten eine wärmere Färbung zu geben anfing, denſelben von ganzem Herzen zu lieben glaubte. Nicht einen Augenblick prüfte Elin ihr Inneres oder ſuchte ſich Rechenſchaft zu geben, woher ihr Intereſſe für den jungen Mann entſprang. Sie nahm für ausgemacht an, daß es ſeinen Grund in der Liebe hatte; aber würde ſie in einer ruhigen Stunde ſich genugſam geprüft haben, ſo wäre ſie auch zu dem Reſultat gelangt, daß die Quelle von Allem in der Eitelkeit lag, welche ihr zuflüſterte: er iſt der ſchönſte, der beliebteſte Kavalier in unſerer Stadt und er widmet mir ſein Herz und ſeine Liebe, obwohl ſo viele andere Mädchen vergeblich Alles thun, um ihn an ſich zu ziehen. Er tanzt immer den erſten Walzer mit mir u. ſ. w. u. ſ. w.„Und endlich, denke dir, wie ſtattlich es ſich ausnehmen würde, ihn zu ſeinem Mann zu haben und„Euer Gnaden“ zu heißen. 3 131 Aber kehren wir zu Albin und dem Lieutenant zurück. Als unſer Kandidat meinte, der Lieutenant Het jetzt lang genug mit ſeiner ſchönen Couſine geflüſtert, ſo äußerte er: „Von Seiten der verſammelten Damen wage ich den Herrn Lieutenant zu bitten, uns mit ein wenig Muſik zu erfreuen.“ Gewiß dünkte es Elin, als ob Albin ganz ab⸗ ſcheulich dabei ausſehe, und ſie wünſchte in ihrem Sinn, daß ihr Alfred(der Lieutenant) deſſen Begehren nicht nachkommen möchte, weil es von allen ſeinen liebenswürdigen Eigenſchaften die mindeſt hervorragende war; aber Alfred ſelbſt hatte einen entgegengeſetzten Begriff von ſeinen muſikaliſchen Talenten und ließ ſich darum nicht lang bitten. Er ſang mit vieler Prätention einige an ſich recht hübſche Piecen. Der Lieutenant war in Stock⸗ holm geweſen, hatte vor Günther geſungen und glaubte darum hoch über jedem Tadel von Klein⸗ ſtädtern zu ſtehen, obwohl ſeine Stimme ſehr mittel— mäßig war und ſeine muſikaliſche Auffaſſung nur nach der Mode ſich richtete. Nachdem er und Elin ein Duett ausgeführt hatten, ſtand er von dem Inſtrument auf zufrieden mit ſich ſelbſt und ſeinem Geſang, und ging hinweg, um ſich bei Frau Ling niederzulaſſen. „Er ſingt wie ein Engel, dein Adonis,“ flüſterte Albin ganz ſpöttiſch Elin zu.„Es war ſo reulich ſchön, daß ich wirklich gerührt wurde.“ „Kritiſiren iſt leicht,“ antwortete Gin, ihren 132 Couſin kaum anſehend, während ihre Wangen purpur⸗ roth ſich färbten. „Und die Kunſt ſchwer,“ willſt Du hinzuſetzen. „Ja, die Kunſt zu ſingen iſt wohl noch ein unge⸗ löstes Problem für deine Flamme.“ Albin lachte, aber ſo beleidigend, daß Elin bei dem Gedanken an das lächerliche Pathos, womit Alfred geſungen, hätte weinen mögen. „Weine darum nicht, liebe Elin,“ fügte Albin tröſtend bei;„jeder Vogel ſingt, wie ihm der Schnabel gewachſen iſt, und..“ „So iſt es auch bei dir,“ fiel Elin hitzg ein. „Dein Schnabel iſt der widrigſte von allen, die ich kenne.“ Und damit wandte ſich Elin von ihm ab. „Es wäre verteufelt, wenn ich den Rarren nicht aus dem Felde ſchlagen könnte,“ dachte Albin und ſetzte ſich an das Piano. Während drinnen im Geſellſchaftszimmer das Geſpräch in lebhaftem Gange war, ſchlug Albin die erſten Akkorde an und begann mit klarer und voller Stimme und zugleich ſo rein melodiſch und ſo friſch zu ſingen, daß alle die ſchwatzenden Zungen ver⸗ ſtummten. Er ſang„des Nordländers Heimweh“. Elin horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Der Lieutenant ſtrich ſeinen Schnurrbart und flüſterte etwas von mangelnder Methode, von noch unent⸗ wickelter Stimme und dergleichen mehr; aber von all dem hörte Elin nicht ein Wort, ſo eingenommen war ſie von dem Geſang. Als er zu Ende war, verabſchiedete ſich der 133 Lieutenant, obwohl Frau Ling ihn zu bleiben bat. Er war eingeladen und konnte darum, ſo ſehr er es auch wünſchte, nicht bleiben. W. Lieutenant Alfred Strale wanderte langſam von dem Hauſe des Zollverwalters nach dem Marktplatze, wo ſeine Tante, die Oberſtin Deen, wohnte. Während er dieſen Weg zurücklegte, nahmen ſeine Gedanken ungefähr folgenden Verlauf an: „Elin's Vermögen muß ſich auf ſechzigtauſend Reichsthaler Banko belaufen, ohne das kleine Gut Ahlrik. Es iſt gerade kein großes Vermögen, aber, Gott ſey's geklagt, ich werde wohl kein beſſeres Geſchäft machen können. Die Verwandtſchaft iſt allerdings langweilig und das Mädchen ſelbſt ungemein bürger⸗ lich in ihrem Benehmen; doch das hat nicht ſo viel zu Pedeuten, da ich mich doch, wenn meine Schulden bezahlt ſind, auf dem Lande niederzulaſſen beabſichtige. Die Sache iſt ſomit abgemacht, und ich muß ſchon heute Abend mit Julie brechen; denn was ſoll ich mit nur fünfzehntauſend Reichsthalern anfangen, wenn ich beinahe zehntauſend ſchuldig bin.“— Der Lieutenant ſeufzte.—„Es iſt dennoch ſchade; denn Julie iſt von Geburt und ein charmantes Mädchen, auf welche ich wirklich viel halte.“— Wieder ein Seufzer.—„Was wird das für einen ſataniſchen Auftritt geben!“ ſchloß der Lieutenant, welcher jetzt 134 vor dem Hauſe der Obriſtin ſtand. Mit einem aber⸗ maligen tiefen Seufzer öffnete er die Thüre und ſtieg die Treppe hinauf. In einem kleinen Gemache bei der Oberſtin Deen, etwas altmodiſch möblirt, aber ſo ſauber, ſo geordnet, ſo duftig, daß man glauben mochte, es dürfte ſich kein Stäubchen hier herein wagen, ſaß ein junges Mädchen auf einem kleinen Sopha vor einem Tiſch, auf welchem eine Lampe ſtand. Die junge Dame trug ein ſchwarzſeidenes Kleid, das hoch an den Hals hinaufging und um die Hüfte mit einem ſchwarzen Gürtel zuſammengebalten wurde. Ihr ganzes Aeußere verrieth etwas ungemein Ernſtes, Keuſches, und der gerade, ſchlanke Wuchs, die etwas ſteife und ſtolze Haltung erzeugten im Verein damit ein gewiſſes Gepräge von Strenge. Als die Thüre aufging und der Lieutenant eintrat, erhob ſie den über ein Buch niedergebeugten Kopf und wandte ihm ein Antlitz zu, deſſen Züge etwas Edles hatten und an jene alten Portraits von Ritterdamen erinnerten, die man noch ſo oft zu ſehen bekommt. Die großen tiefblauen Augen verliehen ihr einen zugleich milden und ernſten Ausdruck, und die ovale, feine Geſichtsform gab dieſen Zügen etwas Vollendetes. „Guten Abend, Alfred!“ ſagte ſie mit einer klangvollen und reinen Stimme und reichte dem Ein⸗ tretenden die Hand;—„Du kommſt recht ſpät,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu. Alfred führte ihre Hand an ſeine Lippen und ſtammelte etwas von Verhinderung u. ſ. w. „Iſt die Tante fort?“ fragte er. 135 „Sie iſt nur auf eine Weile zu meinem Bruder gegangen, aber ſie kommt gleich wieder heim. Du bleibſt doch wohl heute Abend bei uns?“ „Ja, beſte Julie.“ Der Lieutenant ſetzte ſich und ſah etwas ver⸗ legen aus. Eine Weile redeten er und Julie von gleichgültigen Dingen. Endlich ſagte er ohne weitere Einleitung: „Ich bin eigentlich hieher gekommen, um vor dir, meiner Jugendfreundin ein Bekenntniß abzulegen, und wenn das geſchehen, habe ich nur auf deine Nachſicht zu rechnen, um Verzeihung zu erhalten.“ „Es iſt alſo eine ſchwere Sünde, welche Du begangen haſt,“ erwiederte Julie mit einem milden Lächeln. „Ja, ich fürchte es,“ ſeufzte Alfred ganz auf⸗ richtig, denn unwillkührllch drängte ſich ihm der Ge⸗ danke auf, wie falſch er gegen Julie, ſeine Kouſine und die Freundin ſeiner Kindheit gehandelt hatte. In grellen Farben ſtand vor ihm das Trügeriſche ſeines ganzen Benehmens: er hatte nämlich, während er bereits um Elin freite, noch immer von ſeiner Liebe und ſeinen künftigen Hoffnungen mit Julie ge⸗ ſprochen. Schon als Alfred noch Kadet war, hatte man Julie und ihn unter der Verwandtſchaft für ein künf⸗ tiges Paar angeſehen, aber da ſie nur ein ſehr ge⸗ ringes Beſitzthum hatte und ihr ganzes Vermögen von väterlicher und mütterlicher Seite her blos auf 5 fünfzehn tauſend Reichsthaler ſich belief, ſo hatte keine 6 Verlobung ſtatt gefunden, ſondern die Oberſtin hatte 6 136 beſchloſſen, noch einige Jahre dahin gehen zu laſſen, ohne die Welt in die Plane einzuweihen, welche ſie und die jungen Leute hegten. Sie beabſichtigte in⸗ zwiſchen ein Gut zu kaufen, groß genug für ſie, um ſich daſelbſt häußlich niederzulaſſen und ein bequemes, ihrem Stande angemeſſenes, wenn auch eingezogenes Leben führen zu können. Sie hielt beide, Julie und Alfred, noch für zu jung und wollte überdieß ſehen, ob die Neigung, welche ihr Brudersſohn zu ihrer Tochter hegte, auch von Beſtand wäre. Die Oberſtin war eine kluge und verſtändige Frau, welche ſich nie⸗ mals übereilte und deßhalb einen wirklich paniſchen Schrecken davor hatte, das Volk in ihre Familienan⸗ gelegenheiten blicken zu laſſen. Darum wollte ſie auch von keiner Verlobung etwas wiſſen, weil für den Fall, daß eines Tags ein Bruch erfolgte, die ganze Stadt davon reden würde, was die Oberſtin nicht leiden konnte. Nach dieſer kurzen Auseinanderſetzung kehren wir zu Julie und Alfred zurück. Nun laß hören; je größer dein Fehler iſt, deſto größer wird auch mein Verdienſt, wenn ich dir ver⸗ gebe.“ Es lag etwas Zuverſichtliches und Einfaches in der Antwort von Julie. „Du könnteſt mir ſomit verzeihen, was ich auch gegen dich verbrochen hätte?“ fragte Alfred zu Boden ſchauend; es war als ob er ein inneres Bedürfniß fühlte, die peinliche Mittheilung aufzuſchieben, und doch mußte er ſich beeilen, damit fertig zu werden, ehe die Oberſtin heimkehrte. 6 137 „Ja ganz gewiß könnte ich dir verzeihen, was Du auch gegen mich gefehlt hätteſt. Nur ehrloſe und ſchlechte Handlungen ſind es, welche keine Vergebung zulaſſen, und eine ſolche, weiß ich, kannſt Du nicht begehen. Ach, Alfred, wenn man ſo viel auf einen Menſchen hält, wie ich auf dich, ſo wird man ſehr nachſichtig.“ In Julie's Ton lag etwas ſo Herzenswarmes und Wahres, daß es dem Lieutenant war, als dringe ihm jedes Wort gleich einem Dolche in's Herz. „Nun wohl, meine gute Julie, zeige alſo Nach⸗ ſicht gegen mich. Ihr beide, Du und die Tante, haltet mich für einen Menſchen, welcher Muth und Ergebung genug hatte, um in ſeiner Lebensweiſe nicht über ſeine Mittel hinauszugehen; iſt dem nicht ſo?“ Alfred glaubte noch nie in einer peinlichern Lage ſich befunden zu haben; denn Julie's Worte: „nur ehrloſe und ſchlechte Handlungen laſſen keine Vergebung zu,“ klangen in ſeiner Seele nach. „Ich bin vollkommen überzeugt, daß Du dieſen Muth, dieſes ſtarke Ehrgefühl hatteſt; im andern Fall würdeſt Du unſere beiderſeitige Zukunft auf's Spiel geſetzt haben.“ Jedes Wort ſiel wie eine glühende Kohle auf Alfred's Herz. „Julie, ich habe dieſen Muth nicht gehabt; ich konnte gleich andern meiner Kameraden der Verſuchung S nicht widerſtehen, das Leben zu genießen und „Und vergaßeſt meiner um werthloſer Genüſſe willen?“ ℳ 138 Es lag mehr Bekümmerniß als Strenge in Julie's Ton. „Nein, Julie, nein; aber ich bin Menſch geweſen und habe kein Eremitenleben führen können. Ach! wenn man einem Kreiſe angehört, wo Alles auf den Schein berechnet iſt, wenn man einen wohlklingenden Namen hat, dann hält es allzu ſchwer, arm zu ſeyn, und es wird zu einer Unmöglichkeit, Schulden auszu⸗ weichen.“ Alfred hielt an. Er bot alle ſeine Kraft auf, um ſein leichtſinniges und verſchwenderiſches Leben in ein ſchönes Licht zu ſtellen. Er wollte ſich die Achtung der Frau erhalten, welche er um. ihre Liebe beſtohlen hatte, deren Anhänglichkeit er für Geld aufopferte. „Möglicher Weiſe haſt Du Recht; aber ich fühle, daß ich eher mich jeder Entſagung unterwerfen, als der Hoffnung berauben könnte, eines Tags deine Frau zu werden;— doch es iſt wohl nicht ſo ge⸗ fährlich?“ ſetzte Julie mit einem unruhigen Blick hinzu. „Ja, geliebte Julie, meine Schulden ſind ſo groß, daß.. „Daß Du noch geſtern von unſerer Verbindung mit mir reden konnteſt.“ 1 Julie war ſehr bleich, aber ſie erhob ihr Haupt mit einer ſo edeln Würde, daß Alfred deren ernſten Blick nicht aushalten konnte, ſondern die Augen niederſchlug und ſagte: „Ich habe lange Zeit mit Schmerz an meine unglückliche Lage gedacht; aber wenn ich dich ſah, 1 habe ich Alles vergeſſen außer dem Glück, noch einmal 3 139 mich in jene meiner Seele ſo ſüßen Träume, die mir zum Bedürfniß geworden waren, einzuwiegen; aber heute fand ich, daß die Ehre es erforderte, dich über mein Unglück aufzuklären.“ „Dieſe Forderung der Ehre kommt etwas ſpät.“ Julie holte tief Athem und ſetzte dann hinzu: „Nun, Alfred, was haſt Du mir zu ſagen?“ Sie ſprach dieſe Worte mit ſichtbarer Anſtren⸗ gung aus. „Wir müſſen einander entſagen, und ich kann dir mein Leben nicht mehr anbieten.“ Alfred ſtieß dieſe Worte in ſehr beeiltem Tone heraus. Ueber Julie's Angeſicht zog zuerſt eine Purpur⸗ wolke; hernach fiel ein völliger Schneeduft darauf, und ſie erhob ſich langſam. „Wir entſagen einander nicht,“ ſprach ſie,„weil wir einander nicht mehr lieben;— deine Handlungs⸗ weiſe zeugt von deinem Mangel an Liebe; ſie hat in meinem Herzen jeden Schimmer dieſes Gefühls ausgelöſcht. Du kannſt mir nicht mehr dein Leben bieten, und ich würde mich ſelbſt verachten, wenn der Verluſt von dir mich auch nur einen Seufzer koſtete.“ Julie ging auf die Thüre zu. „Ein Wort, nur ein einziges Wort zum Beweiſe, daß Du auf den Freund deiner Kindheit nicht zürnſt!“ bat Alfred mit aufrichtiger Bewegung und näherte ſich Julie. „Zürnen!“ rief Julie, indem ſie einen Blick unbeſchreiblicher Verachtung, gemiſcht mit bitterem 140 Schmerz, auf ihn heftete.„Nein, ich zürne⸗ nicht dazu haſt Du mich zu tief verwundet.“ „O, meine gute, geliebte Julie, ſage, daß Du verzeiheſt.“ Alfred war wirklich lebhaft erregt. „Verzeihen?— Alfred— nein. Es gibt zwei Dinge, welche ich nicht verzeihen kann: das, was ehrlos und was ſchlecht iſt. Sprich, wie findeſt Du, daß Du gegen mich handelteſt: Du haſt in der letzten Stunde mir noch eine Liebe geheuchelt, welche deine kalten, abgemeſſenen Worte heute Abend mir als eine Unwahrheit dargethan haben.“ Julie verſchwand durch die Thüre. Wäre ſie in Thränen, in Bitten ausgebrochen, es hätte Alfred minder gequält; aber dieſe feierliche Ruhe, dieſe zermalmende Verachtung ſchloß ſo viel Demüthigung in ſich, daß unſer Lieutenant ein wirk⸗ liches und tiefes Leid empfand, als er die Treppe hinab und auf die Straße hinaus ſtürzte. V. Am folgenden Tage ſaß Elin auf ihrem alten Platze am Fenſter in der Wohnſtube und arbeitete. Albin lag nach ſeiner Gewohnheit auf dem Sopha ausgeſtreckt, mit einer Zeitung in der Hand. Um das Leſen ſchien es ihm jedoch nicht zu thun. „Nun, liebe Elin, wann wird denn die Ver⸗ lobung ſeyn?“ fragte Albin.„Ich ſehne mich ordent⸗ 141 lich nach dem Tage; denn ich kann wohl dabei lernen, wie ich mich einmal als Bräutigam benehmen muß, wenn wir, Du und ich, ſo weit kommen.“ „Höre, Albin, willſt Du wirklich behaupten, daß Du bei Sinnen ſeyeſt?“ fragte Elin lachend. Sie war heute etwas freundlicher gegen den Coufin ge⸗ ſtimmt. „Das will ich durchaus nicht behaupten, ſondern beweiſen, wenn es nöthig iſt; aber ich bekomme keine Antwort in Bezug auf die Verlobung.“ „Da mußt Du den Onkel fragen, nicht mich,“ erwiederte Elin, eifrig fortnähend.„Beweiſe nun, daß Du bei Sinnen biſt.“ „Recht gern, wenn ich erſt wiſſen darf, worin ich närriſch bin; mit dir wenigſtens nicht.“ „Es ſieht dennoch ſo aus.“ Elin ſah lächelnd ihn an. „Keine Sottiſen, ma chère, ſondern geantwortet: woher' weißt Du, daß ich nicht bei Sinnen bin?“ fragte Albin mit komiſchem Ernſt. „Daher, daß Du von meinem Bräutigam lernen willſt, wie Du dich zu benehmen haſt, wenn Du der Bräutigam von mir wirſt. Herr Gott, hilf dazu, dieß zu begreifen!“ betete Elin in ſcherzhaftem Tone. „Meine liebe Couſine, dein charmanter Lieutenant kann vor Gram darüber ſterben, daß er dich heirathen muß und darum gezwungen wurde, ſeine wirkliche Herzensflamme aufzugeben, und dann wirſt Du Wittwe, und dann werde ich ja dein Bräutigam, und dann weiß ich, wie ich mich zu kenneß habe, d bann„ „Und dann, wie nun? Du biſt unerträglich.“ „Du wirſt noch ganz anders denken, wenn wir ſo weit kommen, und das geſchieht, deſſen kannſt Du ſicher ſeyn, wenn ich auf's Freien ausgehe und mich verheirathe, zuerſt mit der Angebeteten deines Anbe⸗ ters, und hernach mit dir.“ „Darf ich wohl wiſſen, wen Du mit der Ange⸗ beteten meines Anbeters meinſt?“ Elin war ein wenig roth geworden. „Ich glaube meiner Seele, Du biſt eiferſüchtig auf deinen Goldjungen.“ Albin ſtützte ſich auf den Ellbogen. „Ganz und gar nicht; denn ich weiß nur allzu wohl, daß er mich wirklich liebt, und keine andere,“ entgegnete Elin heftig. „Weißt Du?“ Jetzt ſah Albin ſo ſpöttiſch Elin an, daß ſie wünſchte, das Innere vom Herzen des Lieutenants nach außen kehren zu können, nur um den Couſin darin leſen zu laſſen, wie innig ſie geliebt war. „Nein, liebe Elin, Du weißt gar nichts,“ nahm Albin wieder das Wort;„aber meinetwegen kannſt Du immer blinde Kuh ſpielen—“ und nun nahm er ſeine vorige Lage wieder ein, ergriff die Zeitung und begann zu leſen. Geraume Zeit ſaß Elin da und ſchwieg. In ihrer Bruſt ſtritten ſich Neugierde und verwundete Eitelkeit; endlich trug die erſtere den Sieg davon, und ſie äußerte: „Weißt Du etwas, was mir zur Kenntniß 143 kommen ſollte, ſo iſt es deine Pflicht, es mir zu ſagen.“ „Ich ſollte Pflichten gegen dich haben? Unmög⸗ lich?“ entgegnete Albin lachend. „Sey nur ein einziges Mal ordentlich und rede verſtändig.“ „Unter zwei Bedingungen,“ antwortete Albin und ſprang vom Sopha auf. „Und die ſind?“ „Daß Du für ausgemacht annimmſt, meine Worte entſpringen nicht aus dem Verlangen, deinem Auserkornen zu ſchaden.“ „Das verſpreche ich, denn ſo gern Du mich auch zur Frau haben möchteſt, iſt deine Liebe doch wohl nicht ſo ſtark, daß ſie Eiferſucht erzeugt,“ meinte Elin lächelnd. „O nein, meine Liebe gleicht dem kalten Waſſer und hat keine Krankheiten zur Folge.“ „Nun, deine andere Bedingung?“ „Daß Du deine Verlobung erſt in zwei Mo⸗ naten feierſt.“ „Abgeſchlagen,“ antwortete Eliſe mit Beſtimmtheit. „Laß uns kapituliren.“ „Mag ſeyn.“ „Im Fall Du meine Mittheilungen von deinem Ritter ſo beſchaffen findeſt, daß ſie eine nähere Prü⸗ fung deiner eigenen Gefühle und ſeines Charakters rathſam erſcheinen laſſen, ſo ſchiebſt Du deine Ver⸗ lobung zwei Monate auf.“ „Aber warum?“ —— 144 „Weil Du auf dem Wege biſt, eine Dummheit zu begehen.— Nun, willigſt Du in mein Begehren?“ „Im Fall ich finden ſollte, daß Du mit der Be⸗ hauptung, ich habe dumm gehandelt, Recht hatteſt, ſo werde ich ſehen, was in der Sache zu thun iſt,“ ant⸗ wortete Elin lächelnd.„Laß nun hören, was Du auf dem Herzen haſt.“ „Auf dem Herzen habe ich nichts und darum ſchweige ich ſtill.“ „Aber Du haſt verſprochen, mir zu ſagen, was Du in Bezug auf die„Angebetete“ wüßteſt.“ Eine leichte Röthe glitt über Elin's Wangen, als ſie hinzuſetzte:„Lege auf eine Weile deine Neckerei bei Seite und laß uns ernſtlich reden.“ Dabei ſchaute Elin ihren Couſin mit mildem Blicke an. „Auf wie lange?“ fragte Albin und betrachtete ſie mit einer warmen Theilnahme. „Auf eine halbe Stunde, mehr begehre ich nicht. Sprich alſo mit mir, als wäre ich deine.. „Frau?“ „Nein, deine Schweſter.“ „Ich verſpreche es,“ antwortete Albin und ſah nach der Zeit.„Es iſt jetzt halb eilf; ſomit bin ich dein Bruder bis eilf Uhr.“ „Du gibſt mir dein Ehrenwort, unverholen und aufrichtig zu reden.“ „Ja, auf Ehre und Gewiſſen.“ „Ich danke dir! was wollteſt Du damit ſagen, daß Alfred eine andere Herzensflamme habe?“ 145⁵ Elin ſah auf ihre Arbeit nieder und nähte. Albin ſetzte ſich auf einen Stuhl ihr gegenüber. „Elin, meine feſte und volle Ueberzeugung iſt, daß Strale ſich mit dir wegen deiner Sechszigtau⸗ ſend und um Ahlviks willen verheirathet, aber daß ſein Herz, im Fall er eines hat, an Julie Deen ge⸗ gefeſſelt iſt, und dieß von ſeinen Kinderjahren her. Darum dünkt mir, Elin, daß Du dich nicht über⸗ eilen darſſt, ſondern dein eigenes Gefühl und die Beweggründe, von welchen Strale geleitet wird, er⸗ forſchen mußt.“ Albin hielt an, und Elin bückte ſich noch tiefer, ohne eine Antwort zu geben. „Daß er an Julie und ſie an ihn gefeſſelt war, läßt ſich mit vollem Grunde annehmen, wenn man bedenkt, daß er ſeit mehreren Jahren her auf dem ver⸗ traulichſten Fuße mit dem Deen'ſchen Hauſe ſtand, obwohl die Oberſtin ſonſt mit pedantiſcher Strenge ihre übrigen Neffen ſich ferne hält. Ueberdieß lag in dem Benehmen der ſonſt ſtolzen Julie gegenüber von Strale etwas, das deutlich verrieth, daß ſie für den Couſin viel wärmere Gefühle hegte, als Du für mich.“ „Möglicher Weiſe freundſchaftlichere,“ fiel Elin ein;„aber Du haſt beſtimmt Unrecht, wenn Du glaubſt, daß etwas Anderes als Freundſchaft zwiſchen ihnen beſtand. Alfred hat ſelbſt mit mir von ſeiner Anhänglichkeit für Julie geſprochen, und das in einem ſo brüderlichen Tone, daß man über die Gebühr arg⸗ wöhniſch ſein müßte, wenn man darunter etwas mehr als Freundſchaft entdecken wollte.“ Schwartz, Novellen. V. 146 Jetzt ſah Elin ruhig und ernſt ihren Couſin an. „Du biſt ſomit überzeugt, daß er um dich nur aus Neigung und nicht aus Berechnung gefreit hat?“ be⸗ gann Albin wieder nach einer Pauſe. „Wie kannſt Du eine ſolche Frage machen?— Wäre ich nicht überzeugt, daß Alfred mich wirklich liebt, ſo wurde ich ihn wohl nicht zum Manne neh⸗ men. Er hat nicht einen einzigen Augenblick von meinem Vermögen geredet. Oder hälſt Du es wohl für ſo ganz unmöglich, daß Jemand mir wirklich zu⸗ gethan iſt?“ ſetzte Elin mild lächelnd hinzu. Albin bückte ſich und griff nach einem Faden⸗ knäuel, während er antwortete: „Gewiß nicht; aber Strale iſt ein Mann, wel⸗ cher niemals das, was bei dir geliebt zu werden ver⸗ dient, zu begreifen oder zu ſchätzen vermag, er iſt ein kalter Egoiſt.“ „Worauf gründeſt Du einen ſolchen Schlußſatz?“ fragte Elin mit unruhig Kopfendem Herzen. „Auf ſein ganzes verfloſſenes Leben,“ entgeg⸗ nete Albin aufſehend und heftete einen ernſten Blick auf Elin, während er fortfuhr:„Bedenke, Elin, daß Du dich nicht auf einen Ball vorbereiteſt, ſondern auf einen der wichtigſten Schritte im Leben, auf einen Schritt, welcher nie mehr zurückgethan werden kann; und frage dein eigenes Herz in einem unbewachten Augenblick, ob Du wirklich ihn liebſt, oder ob Du nicht eher von der Eitelkeit dich leiten läſſeſt. Glaube mir! Ich rede jetzt zu dir, wie wenn Du meine Schweſter wäreſt, deren Glück mir warm am Herzen liegt.“ 147 Albin ſah Elin jetzt mit einem herzlichen und treuen Blick an, daß ſie dachte: „Ich hätte wahrhaftig Unrecht, wenn ich ſagen wollte, Albin ſey häßlich. Einen ſo guten und ſee⸗ lenvollen Ausdruck habe ich noch nie in Alfreds Au⸗ gen geſehen.“ „Nun, Elin,“ begann Albin wieder,„willſt Du nicht die zwei Monate, welche ich dir vorgeſchlagen habe, dazu benutzen, dein Inneres zü prüfen, bevor Du ihn vor der Welt als deinen künftigen Mann auftreten läſſeſt?— Sey verſichert, Elin, Du wirſt eines Tags finden, daß mein Rath aus wirklicher Freundſchaft entſprungen iſt.“ Elin erröthtete und ſah auf ihre Arbeit nieder, während ſie beinahe flüſternd ſagte: „Haſt Du Freundſchaft für mich?“ „Elin, das habe ich,“ erwiederte Albin und ſetzte, ihre Hand faſſend in einem Tone wirklicher Rührung hinzu:„Haſt Du in der That einen Augenblick daran zweifeln können?“ „Ja,“ antwortete Elin und ſah auf. Ihre Au⸗ gen begegneten ſich, aber Albin ließ ihre Hand los, wandte haſtig den Kopf weg und fragte: „Nun, was gibſt Du mir zur Antwort auf mein Begehren, deine Verlobung aufzuſchieben.“ „Ich will auf eigene Hand mein Herz prüfen und mir, was Du geſagt haſt, überlegen, und hernach erſt in einem Monat meinen Verlobungstag beſtim⸗ men.“ Elin nähte eifrig fort, während ſie dieſe Worte ausſprach. —— 148 „Ich danke!“ Albin erhob ſich, ſah wieder auf ſeine Uhr und ſagte in ſeinem gewöhnlichen, muntern Tone: „Jetzt iſt's Eilf und die halbe Stunde vorüber. Ich habe auf Ehre die Zeit nicht ſchlecht angewendet, welche mich in den Stand ſetzt, einen ganzen Monat zu freien und mich geliebt zu machen; denn jetzt be⸗ greifſt Du wohl, deutlich, daß es dir vom Schickſal beſchieden iſt, ſeine Tantippe zu werden.“ Elin ſah ihn ganz erſtaunt an. Der Uebergang von dem bisherigen herzlichen Ernſt zu dieſem ſpot⸗ tenden Scherze war ſo plötzlich, daß er ihr ein eigen⸗ thümlich peinliches Gefühl verurſachte. „Herr Gott, Albin, wie kannſt Du, nachdem wir eben noch ſo freundlich und ernſthaft geſprochen haben, ſolche Poſſen treiben?“ „Der Scherz iſt die Würze des Lebens, meine ſüße Elin, und Du weißt im Innerſten deines Her⸗ zens wohl, daß ich dich heirathe, darum weil Du ein⸗ mal geſagt haſt: Der letzte in der Welt, den ich zum Mann haben möchte, biſt Du.— Im Verdruß über dieſe deine Worte ſchwur ich mir zu, daß Du mein Weibchen werden ſollteſt.“ „Lieber Albin, verſchone mich mit ſolchen Dumm⸗ heiten,“ rief Elin, die ſich ganz mißvergnügt darüber fühlte, daß Albin ſcherzen konnte. „Im Gegentheil, wir werden von nichts Ande⸗ rem dieſen Monat reden, welchen Du dazu anwenden ſollſt, deines Herzens Tiefen zu erforſchen.“ „Wenn Du das thuſt, ſo nehme ich mein Wort zurück und verlobe mich morgen. 149 „Hat keine Gefahr; Du pflegſt im Guten wie im Schlimmen deinem Wort getren zu bleiben.— Uebrigens, liebe Elin, weißt Du nicht, ob die holde Hälfte von dir ſo raſende Eile mit der Verlobung hat; mir ahnt, daß er nichts gegen deren Aufſchub einzuwenden haben wird.“ Mit dieſen Worten ſtreckte ſich Albin wieder auf dem Sopha aus.. „Albin, ich werde wirklich n wenn Du ſo redeſt,“ ſprach Elin mit glühenden Wangen. „Hilf, Samiel! Da haben wir ihn!“ rief Albin und deutete auf die Straße.„Potz Wetter, kommt er nicht hieher, und das am hellen Vormittag! Denke, wenn er einen kleinen Korb in der Taſche trüge, den er hier abzugeben hat!“ Nun ging die Thüre auf und unſer Lieutenant ſtand da, ſo elegant und ſo ſchön, daß Elin ihr Herz ſchneller als gewöhnlich klopfen fühlte. Lieber Albin, Du ſiehſt ſo unrettbar flegelhaft aus, in Vergleichung mit dem charmanten Lieutenant, welcher ſich mit ſo vieler Leichtigkeit und Anmuth bewegte, daß er für ein achtzehnjähriges Herz ganz unwiderſtehlich wurde. „Iſt der Herr Zollverwalter zu Hauſe?“ fragte er zu Albin gewendet. „Mein Vater iſt auf ſeinem Arbeitszimmer, im Fall der Herr Lieutenant ihn zu ſprechen wünſcht. „Ich hoffe auch Frau Ling zu treffen. Ich komme eigentlich, um einen Abſchiedsbeſuch zu machen, weil eine Reiſe in dienſtlichen Angelegenheiten mich nöthigt, auf ein paar Wochen— zu verlaſſen.“ Jetzt heftete unſer Lieutenant einen ſehr krauri⸗ . 150 gen Blick auf Elin, indem er ſich ihr näherte und mit gut geſpielter Bewegung ſagte: „Unſere Pflichten zwingen uns manchmal zu Entſagungen, welchen unſer Herz nur mit Murren ſich unterwirft. Ich bin jedoch ſehr froh, daß ich die holde Gewißheit mit mir nehme, daß meine liebſten Hoffnungen eines Tages verwirklicht werden ſollen, und, nicht we theure Elin, wenn ich zurückkehre, werden Sie geſtatten, daß ich vor der Welt als der Glückliche auftreten darf, welchem Sie Ihr Herz und Ihre Treue geſchenkt haben? Dieſer Augenblick wird für mich der ſtolzeſte und wonnigſte ſeyn.“ Er führte Elin's Hand an ſeine Lippen. Frau Ling's Eintritt verkürzte um ein Bedeu⸗ tendes den Beſuch des Lieutenants, und nachdem er auch gegen ſie eine ganze Maſſe verbindlicher Worte geäußert hatte, nahm er Abſchied und ging. „Er iſt ein unbeſchreiblich angenehmer junger Mann, und Du wirſt mehr als glücklich mit ihm, liebe Elin,“ ſagte Frau Ling, welche gleich der Mehr⸗ zahl älterer Frauen die Menſchen nach der Huldigung, welche ſie ihrer Eitelkeit darbrachten, beurtheilte. „Ach, ja, er iſt unbegreiflich ſüß,“ liſpelte Albin in ſentimentalem Tone;„und wie er ſo lieb und ſchön redet, daß ich beinahe zu glauben verſucht bin, er lerne ſeine Lectionen auswendig. Mir wurde ganz weich um's Herz, ich ſchmolz wie Wachs dahin. Ha, ha,“ ſeufzte Albin und ſah ſo gerührt aus, daß Elin nahe daran war, in ein Gelächter auszubrechen, wenn nicht Frau Ling mit großem Mißvergnügen geäußert hätte: „Mein lieber Albin, ich finde deine Aufführung im höchſten Grade unpaſſend, und möchte wünſchen, daß Du dir den Lieutenant Strale zum Muſter nähmeſt; ſo wüßteſt Du dich wenigſtens zu benehmen, wie es einem Mann von Welt anſteht.“ „Das iſt richtig, daß der Burſche ein Mann von Welt iſt; aber ob er auch ein Mann von Werth iſt, das mag wohl ein noch unenthülltes Geheimniß ſeyn, liebe Mama.“ 5 „Ich fürchte, Du biſt weder das Eine noch das Andere,“ ſagte Frau Ling, nahi ihren Schlüſſelbund und ging hinaus, im höchſten Grade ärgerlich auf ihren Sohn, daß er ſich über den angenehmen Lieu⸗ tenant luſtig machte. „Die Reiſe kam ja ganz verteufelt plötzlich!“ meinte Albin, als er und Elin wieder allein waren. „Albin, jetzt bitte ich dich, laß die Poſſen bleiben; ich bin ohne dieß ſchon verdrießlich genug.“ Elin's Augen ſtanden voll Thränen. „Elin, Elin, ſollteſt Du wirklich ihn lieben!“ rief Albin, faßte die Hände ſeiner Couſine, drückte ſie heftig und ſah ihr mit einem Ausdruck bittern Schmerzes in's Geſicht.„O, dann weiß ich nicht, was ich thun ſoll!“ rief er, ließ ſie los und ſtürzte hinaus. Elin ſaß ganz verblüfft da und ſah dem Cou⸗ ſin nach. In ihrem Innern begann es etwas wun⸗ derlich auszuſehen, und es war dem jungen Mädchen im Augenblick unmöglich, von ihren Empfindungen ſich Rechenſchaft zu geben. Was bedeutete wohl Albin's Gemüthserregung und ſein Ausruf; liebte er ſie? Unmöglich! Elin dachte mit einem gewiſſen Schmerz daran, wie er ſtets nur darauf bedacht geweſen, ſie zu reizen und zu ärgern, und ſie ver⸗ warf ſogleich dieſe Vorſtellung. Was hatte es im Uebrigen auch zu bedeuten, ob Albin ſie liebte? Sie war ja mit ganzer Seele an Alfred gefeſſelt; aber wie dem nun ſeyn mochte, konnte Elin doch nicht unterlaſſen, an Albin zu denken; und Gott weiß, ob ſie nicht in der Tiefe ihres Herzens, in dem heim⸗ lichſten Winkel davon wünſchte, daß Albin etwas mehr auf ſie gehalten hätte und weniger oft nur freundlich und herzlich geweſen wäre. Ueberdieß konnte Elin nicht leugnen, daß, ſo ſehr auch Albin ihr zum Aer⸗ ger Anlaß gab, ſie ſich doch ſo ſehr gut bei ihm un⸗ terhielt, obwohl er natürlich auf keinerlei Weiſe mit dem ſtattlichen, eleganten und artigen Lieutenant, welcher ſowohl ſchön als liebenswürdig war, ſich ver⸗ gleichen ließ. Doch würde Elin von Herzen gewünſcht haben, bei dieſem eine odet die andere von Albinſs Eigenſchaften, welche ihr ganz beſonders gefielen, wieder zu finden. Bei dieſem Gedanken glaubte jedoch Elin ihrem * 153 künftigen Bräutigam wahrhaft zu nahe getreten zu ſeyn. Um allen dieſen ſich durchkreuzenden Vorſtel⸗ lungen zu entgehen, ſetzte ſie ſich an das Piano und begann eine halsbrechende Sonate von Spohr zu ſpielen. In ſeinem Zimmer wanderte Albin mit haſtigen Schritten auf und ab; während er durch Bewegung ſeine Gefühle in's Gleichgewicht zu bringen ſucht, wollen wir über die Urſache ſeines ſeltſamen Beneh⸗ mens einige nähere Aufſchlüſſe geben. Als der Großhändler Ling, Elin's Vater, ſtarb, hinterließ er zwei Kinder, einen Sohn von fünfzehn und eine Tochter von vierzehn Jahren. Der Zoll⸗ verwalter, welcher Vormünder der vater- und mutter⸗ loſen Kinder wurde, nahm Elin in ſein Haus. Der Knabe Hjalmar fand in Carlberg Aufnahme und ſollte Militär werden. Albin war damals neunzehn Jahre alt und lam während der Ferien in tägliche Berührung mit Elin. Zwei Jahre vergingen auf ſolche Weiſe, und unſer junger Student fand mit einundzwanzig Jähren ſo ungemeines Wohlgefallen an ſeiner jungen Couſine, daß er darüber Studien und alles Andere vergaß. Er ſeufzte, ſchwärmte im Mondſchein, machte Verſe und beging eine Menge Thorheiten, welche nur bei einem verliebten Studenten vorkommen können. Aber nun begab es ſich, daß unſer Liebhaber nichts weniger als ſchön war, und in der Eigenſchaft eines Verliebten wurde er furchtbar langweilig. Seine frohe Laune hatte jener weichlich Hägelnden Empfind⸗ ſamkeit weichen müſſen, welche oft genug die erſten Symptome der Liebe kennzeichnet. Elin dagegen war ein entzückendes Mädchen, von den Kinderjahren her gewöhnt, ſich als geſcheit und liebenswürdig preiſen zu hören. So fand ſie, kurz geſagt, den Couſin lächerlich, ſpottete über ſeine Liebe, machte ſich luſtig über ſeine Traurigkeit und behandelte ihn als Spielball für ihre ſechszehnjährigen Launen, deren es weder wenige noch geringe waren; denn ihr Vermögen hatte zur Folge, daß ſie ſchon frühzeitig von Freiern, die auf Geld ausgingen, zum Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit gemacht wurde. Eines Tags hatte unſer Student es nicht an Seufzern und zärtlichen Blicken bewenden laſſen können, ſondern plötzlich angefangen, Elin von den Empfin⸗ dungen ſeines Herzens vorzureden. Das junge Mädchen lachte zuerſt ganz närriſch, dann ſprang ſie nach einem Spiegel und hielt ihn Albin vor. „Kannſt Du einen Augenblick dir einbilden,“ ſagte ſie,„daß ich einen Mann, der ſo wie Du ausſieht, haben will?“ Albin, an dem empfindlichſten Punkt in ſeinem Herzen verwundet, hatte mit Anſtrengung ſie gefragt: „Iſt dieß deine einzige Antwort?“ „Ja, der letzte in der Welt, den ich zum Mann haben möchte, biſt Du. Vergiß das nicht, wenn Du hinfort mit irgend einer zärtlichen Erklärung heraus⸗ zurücken beginnſt.“ 3 Albin verließ das Zimmer, aber über ſeine Lippen kam kein Wort von Liebe mehr. Drei Tage „ 155 darauf reiste er nach der Univerſität ab, um ſeinen Kurs daſelbſt zu vollenden. Beim Frühſtück vor der Abreiſe äußerte er gegen ſeine Eltern: „Ich komme jetzt nicht wieder, bevor ich meine Studien auf der Univerſität und am Caroliniſchen Inſtitut geſchloſſen habe.“ „Liebes Kind, ſo lang willſt Du nicht heimkom⸗ men, das wäre ja ſchrecklich!“ rief Frau Ling ganz beſtürzt. „Die Zeit wird nicht ſo lang werden; denn ich habe mir vorgenommen, daß es nicht länger als anderthalb Jahre anſtehen ſoll.“ „So kannſt Du jetzt wohl ſagen, mein Junge; aber vom Wort zum Werk iſt's noch ein weiter Weg, und ich will zufrieden ſeyn, wenn Du das gewünſchte Ziel in doppelt ſo viel Zeit, als Du angegeben haſt, erreichſt,“ meinte der Vater.„Bis jetzt haſt Du dich gerade nicht ſehr vorgearbeitet.“ „Darin haſt Du Recht, Papa; aber früher habe ich meinen Willen nicht geltend gemacht, jetzt dagegen will ich, und dann wird es auch geſchehen; denn Wollen iſt Können.“ Damit reiste Albin ab. Niemand außer ihm ſelbſt glaubte an die Kraft ſeines Willens, und Nie⸗ mand außer ihm wußte, daß er ſich gleichfalls vor⸗ geſetzt hatte, Elin ſollte ihn lieben und mit der Zeit ſeine Frau werden. Der Hauptzug in Albin's Charakter war ein gutes, warmes und redliches Herz, ein lebensfriſches Bemüth und eine unbeugſame Beharrlichleit. Wenn 156 er etwas wollte, mußte es geſchehen, wenn nicht in dieſem, ſo doch im nächſten Jahr. Albin hielt Wort. Anderthalb Jahre ſpäter kehrte er als Kandidat in das elterliche Haus zurück. Aber welche Veränderung war nicht in ſeinem Benehmen gegen Elin vorgegangen! Vergeblich ſpähte ſie nach irgend einem Anzeichen, daß er ſie noch liebe. Es fand ſich keine Spur davon vor; im Gegentheil, er zeigte ſich übelwollend, herausfordernd, verletzend gegen ſie und hatte immer ſehr viel an ihr auszu⸗ ſetzen. Er hielt Elin in ſcharfen Zügen ihre Fehler vor und ſpottete ganz unbarmherzig darüber. Daß er der Meinung ſey, ſie beſitze irgend eine gute Eigenſchaft, davon war nichts zu merken. Oft ſcherzte er in ſo munterem Tone über ſeine frühere„Herz⸗ entzündung“, wie er ſeine Neigung zu Elin nannte, daß ſie zu glauben begann, Alles zuſammen von Anfang bis zu Ende ſey nur ein eitles Spiel geweſen, beſonders da er beſtändig unter ſeinen Neckereien verſicherte, daß ſie am Ende doch ſeine kleine Frau würde. So war ein halbes Jahr verfloſſen, und Elin, welche vor Albin's Rückkehr eine unendliche Leiden⸗ ſchaft für den Lieutenant zu nähren glaubte, betraf ſich nun darüber, daß ſie in Gedanken mit dem widerwärtigen Couſin ſich eben ſo viel wie mit dem ſchönen und weit romanhaftern Lieutenant beſchäftigte. Sie konnte ſelbſt nicht begreifen, woher dieß kam, da ſie ſich ſo gründlich über Albin geäxgert fand. Wie dem nun ſeyn mochte, ihre Gedanken weilten gern bei dieſem oder jenem ſchönen Zug von ihm, und dann ſeufzte Elin: „Herr Gott, wenn Albin ſo poetiſch und liebens⸗ würdig wie Alfred wäre, da könnte ich ihn wohl lieb haben; nun iſt er aber ſo unerträglich trivial;“ aber bei dieſem Schlußſatz ſtellte ſich die Erinnerung ein, flüſterte ihr zu, wie er mit wirklicher Wärme und hinreißendem Ausdruck verſchiedene ſchöne Poeſien unſerer größern Dichter vorgetragen hatte, und gab ihr bei der Behauptung, Albin ſey trivial, Unrecht. So war Elin's Gemüthsſtimmung, als Strale, der ſchöne, allgemein beliebte Strale freite, und Elin, welche keine Mühe geſpart hatte, um ſich zu über⸗ reden, daß ihr ganzes künftiges Glück darauf beruhe, des Lieutenants Gattin zu werden, glaubte ſich nun auf dem Gipfel der Glückſeligkeit angekommen. Allerdings ſpottete Albin über ihren Affred, aber ſo ſehr dieß Elin auch ärgerte, konnte ſie doch nicht umhin, an ihn zu denken, und die Folge war, daß ſie ſich innerlich mit Albin nicht minder, als mit dem Lieutenant ſelbſt zu thun machte. Elin war inzwiſchen ſehr im Irrthum, wenn ſie glaubte, daß Albin's Liebe erloſchen wäre. In einer Seele, ſo feſt wie die ſeinige, wechſeln die Ein⸗ drucke nicht ſo leicht. Er liebte Elin mit der ganzen Wärme ſeines Herzens und hatte nicht einen Augen⸗ blick die Hoffnung aufgegeben, ſich ihre Liebe zu er⸗ werben. Das Einzige, was ihn zuweilen quälte, war die Vorſtellung, es möchte vielleicht dem Lieutenant gelingen, ſich tiefer in Elins Herz einzuſchleichen, als er zu glauben geneigt war. Aber in einer ſo lebhaf⸗ 158 ten Seele wie die ihrige, mußte wohl die Liebe ſich auf eine ausdrucksvollere Weiſe offenbaren. Auf dieſe Ueberzeuguug baute Albin ſeine Hoff⸗ nung. Er hatte ſich a er zugleich ernſtlich vorgeſetzt, keine andere als ſtreng ehrliche Mittel zur Erreichung ſeiner Wünſche anzuwenden.„Mit einem feſten Willen und Gottes Hilfe gelangt man beſtimmt zu dem ge⸗ ſuchten Ziele,“ pflegte Albin zu ſagen.„Es ſind nur ſchwache und wankelmüthige Seelen, welche ihre Wünſche niemals erfüllt ſehen,“ ſetzte er hinzu. Wol⸗ len iſt Können, war ſein Wahlſpruch ſchon in ſei— nen jüngern Jahren, und wir werden ſehen, ob ſein Wille ihm in Elin's Herzen vorwärts zu helfen und den Lieutenant daraus zu verdrängen vermag. VII. Am Tage nach der Abreiſe des Lieutenants von — ſaßen die Oberſtin und Julie in dem kleinen, blumenduftenden Kabinet. Auf dem Angeſichte des jungen Mädchens weilte eine tiefere Bläſſe als gewöhn⸗ lich, aber auf der glatten Stirne erſchien keine Wolke, in den milden, ernſten Augen kein Schatten. Eine ruhige, ſtumme Hülle hatte ſich um ein gebrochenes Herz gelegt. Daß dieſe Saiten, die von Kindheit auf ſo ſchön, ſo voll Liebe, Zuverſicht und Hoffnung ge⸗ klungen hatten, jetzt geſprungen waren und ihre ver⸗ heißungsvollen Träume mitgenommen und nur eine ſchreckliche Leere, einen grenzenloſen Schmerz hinter⸗ . laſſen hatten, das wußte Niemand außer Gott und ihr ſelbſt, denn über die ſtolzen Lippen bahnte ſich kein Seufzer einen Weg; keine Klage, keine Thräne milderte den ſchmerzlichen Eindruck, welchen Julie bei der Gewißheit empfand, daß der ſo theure, ſo innig geliebte Jugendfreund, mit deſſen Bild ſie jede Freude verkettet, an deſſen Seite ſie ſo manchmal geſchwärmt hatte, aller dieſer Schätze von Zärtlichkeit, die ſie an ihn verſchwendet, unwürdig war; daß er mit dem kälteſten Egoismus ihr Herz und ihre Zukunft auf⸗ geopfert hatte, während er ſie fortwährend mit ſeinen Verſicherungen einer Liebe, welche er nicht mehr em⸗ pfand, einſchläferte. „Wahrhaftig, ich begreife dich nicht, Julie,“ ſprach die Oberſtin heftig,„dein Benehmen iſt mir ein Räthſel, und ich hätte nicht erwartet, daß Du ſo eigenmächtig, wie es nun geſchehen, handeln würdeſt. Mir dünkt in der That, ich hätte als Mutter davon unterrichtet werden ſollen, bevor Du ſo Knall und Fall trotz meiner ſo lang genährten Wünſche mit Alfred bracheſt. Kannſt Du mir einen einzigen verſtändigen Grund dafür angeben?“ „Geliebte Mama, ich habe ſchon vor mehreren Monaten Alfred geſagt, ich wünſche unverheirathet zu bleiben, ich empfinde ein widerſtrebendes Gefühl bei dem Gedanken an eine Vereinigung unſeres Schickſals. Daß ich mich vorgeſtern Abend erſt beſtimmt erklärte, kam daher, daß wir uns da allein trafen.“ Julie äußerte dieſe Worte mit ruhiger, gelaſſener Stimme, während ſie ununterbrochen fortnähte. „Aber warum haſt Du ſo heimlich gehandelt? Warum bin ich nicht in deine Plane eingeweiht worden?“ „Darum, gute, geliebte Mama, weil ich wußte, Du würdeſt mich zu einer entgegengeſetzten Hand⸗ lungsweiſe zu überreden ſuchen, ja vielleicht zwingen. Ach! Mama, vergib mir, wenn ich dir einen Kum⸗ mer mache; aber nun kann ich bei dir bis zu meinem Tode bleiben, und dieß iſt Alles, was ich auf dieſer Welt zu wünſchen habe.“ Julie beugte ſich nieder und drückte ihre Lippen auf der Mutter Hand. „Du haſt mir wirklich dadurch, daß Du meine liebſte Hoffnung zerſtörteſt, viel, viel Verdruß gemacht,“ bemerkte die Oberſtin ſeufzend.—„Und der arme Alfred, wie unglücklich muß der nicht ſeyn, da er über Hals und Kopf, ohne ſich von mir zu verab⸗ ſchieden, die Stadt verlaſſen hat. Gott verhüte, daß er in ſeiner Verzweiflung ſich ein Leid anthut.“ „O nein, beſte Mama, er tröſtet ſich wohl,“ verſicherte Julie, und dabei glitt ein flüchtiger Schatten unnennbaren Schmerzes über ihr Angeſicht. „So ſagſt Du mit deinem eiskalten Herzen; aber ich kenne Alfred, ich ſah, wie innig er dich liebt, und habe meine Gedanken für mich. Gott laſſe meine Ahnungen nicht in Erfüllung gehen!“ Die Oberſtin ſeufzte, Julie nähte und ſchwieg. Ein Dienſtbote meldete, die Majorin Stal mit ihren Töchtern wünſche einen Beſuch abzuſtatten, Vor dem gemüthlichen Theetiſche finden wir eine Stunde hernach die Gäſte. Die Majorin Stal war eine von den beſtverſehenen Chroniken der Stadt. Gab 161 es irgend einen Skandal, ſo wußte ſie davon aus erſter Hand; lebten zwei Eheleute ſchlecht miteinander, ſo war unſere Majorin mit deren häuslichen Stür⸗ men vertraut. Von allen neuen Verbindungen beſaß ſie Kenntniß. Kaum hatte ein Mädchen ſein ſchüch⸗ ternes Ja gegen den Liebhaber geflüſtert und der Papa ſeine Zuſtimmung geſchenkt, ſo war die Majorin der Sache ſchon auf dem Grund, che noch die Ver⸗ lobung veröffentlicht worden⸗ Mit einem Wort ſie wußte Alles. An ſie wandte ſich Jedermann, der über die Angelegenheiten ſeines NRächſten Aufklärung haben wollte. Während ſie nun an der rauchenden Theetaſſe nippte und die vortrefflichen Bretzeln pries, äußerte ſie: „Nun, Frau Oberſtin, Sie wiſſen wohl von der Verlobung, welche in einigen Tagen ſtattfinden ſoll.“ „Von Caroline Sveden, meinen Sie, Frau Majorin?“ „O nein; aber vielleicht hat der Lieutenant noch nichts davon erwähnt. Ich war übrigens an dem⸗ ſelben Tage dort, da er um das Mädchen anhielt.“ „Von wem ſprechen ſie, Frau Majorin?“ Auf dem Angeſicht der Oberſtin brannte eine hohe Röthe. Julie's Hand zitterte ſo, daß ſie kaum die Nadel zu führen vermochte. „Von Lieutenant Strale's Bewerbung um Elin Ling natürlich. Ich glaubte, er habe davon erzählt, denn er ging, wenn ich mich nicht ſehr täuſche, von dem Zollverwalter hieher.“ „Da ſind Sie gewiß falſch berichtet worden, Frau Schwartz, Novellen. V. Majorin,“ ſagte die Oberſtin mit beinahe ſcharfer Stimme und betrachtete die Tochter, welche da ſaß, ſo bleich, ſo kalt wie eine Marmorſtatue, die durch irgend eine unſichtbaren Macht von einem nervöſen Froſt geſchüttelt wurde. „Gewiß nicht. Ich war denſelben Tag von Frau Ling zum Kaffee gebeten. Um die Theeſtunde kamen der Lieutenant und der Zollverwalter herunter. Wäh⸗ rend Emerentia ſang, hörte ich den Lieutenant Elin zuftüſtern: Meine Angebetete, dein Oheim hat unſere Verbindung auf zwei Jahre hinausgeſchoben.“ „Sie haben beſtimmt unrecht gehört, Frau Ma⸗ jorin,“ fiel die Oberſtin etwas heftig ein. „O nein, ich habe gottlob ſehr gute Ohren, und außerdem fragte ich den Zollverwalter, ob der Lieute⸗ nant nicht ſeine Gedanken auf Elin gerichtet hätte.“ „Nun, was antwortete er?“ Die Oberſtin war blutroth im Geſicht. „Er erzählte, der Lieutenant ſey gerade oben bei ihm geweſen und habe Elins Hand begehrt und die Sache könne für abgemacht gelten, ſofern Elin ſelbſt keine Einwendung dagegen habe.“ „Das thut ſie gewiß nicht,“ fiel Mamſell Eme⸗ rentia Stal ein.„Elin vertraute mir, ſie habe den Lieutenant ſehr gern, und ihre Verlobung werde in Kurzem gefeiert werden.“ „Nun, ſie hat auch von Herzens Grund darauf hingearbeitet, ihn zu bekommen,“ meinte Mamſell Malvina Stal, ein Mädchen von unbeſtimmtem Alter, welche darauf Anſpruch machte, noch ſehr jung und ausgezeichnet ſchön zu ſeyn, aber zu gleicher Zeit einen 163 unvertilgbaren Neid gegen alle jungen, ſchönen, lie⸗ benswürdigen Mädchen hegte, welche ſich zu verhei⸗ rathen im Begriffe ſtanden. Malvina hatte ſowohl für junge wie für alte Eheſtandscandidaten geſeufzt, war ſo oft verliebt geweſen, daß ſie die Gegenſtände ihrer Neigung nicht mehr zählen konnte, und zwar ſtets ohne Erfolg, weil man niemals von einem Freier reden gehört hatte. Jetzt ſtand ſie in dem Alter, da eine Frauenperſon, die ſich verheirathen will, lieber ſterben, als die Jahreszahl, wo ſie geboren war, an⸗ geben würde. „Uebrigens kann man wohl annehmen,“ ſetzte Malvina mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu,„daß Elin ihr Leben lang unverheirathet geblieben wäre, wenn ſie nicht Geld hätte, wodurch ſo Vieles zugedeckt wird. Sie iſt weder ſchön, noch jung und liebenswürdig.“ „Darin hat Mamſell Stal Unrecht,“ ſagte Julie mit einer ſo unnatürlich ruhigen und klangvollen Stimme, daß ſie einen ganz eigenthümlichen Ausdruck erhielt.„Elin Ling iſt ein ſchönes, gutes und einneh⸗ mendes Mädchen, welches gewiß einen Mann bekom⸗ men hätte, auch wenn ſie noch ſo arm geweſen wäre. — Ueberdieß glaube ich nicht, daß Alfred um des Geldes willen heirathet.“ „Ah, er iſt doch wohl kein Millionär, der den Reichthum verachten kann,“ meinte Malvina mit etwas höhniſchem Kopfſchütteln.⸗ Die Oberſtin ſtrickte ſo eifrig, daß ſie eine Maſ ſche nach der andern fallen ließ. „Aber es iſt doch merkwürdig, daß er hier vovn der Sache nichts erzählt hat, da er doch wie das Kind im Hauſe iſt,“ ließ ſich jetzt die Majorin mit einem eigenthümlichen, lauernden Blick auf die Oberſtin ver⸗ nehmen. „Ich war nicht daheim, als Alfred uns am Mittwoch beſuchte,“ antwortete die letztere und wechſelte den Gegenſtand des Geſprächs. Nachdem man ein leichtes Abendeſſen zu ſich ge⸗ nommen hatte, verabſchiedeten ſich die Gäſte. Mutter und Tochter blieben allein. VIII. „Julie, nicht von dir, ſondern von ihm iſt die Verbindung zwiſchen euch abgebrochen worden,“ ſagte die Oberſtin mit bewegter Stimme und heftete ihre Augen auf die Tochter. Julie hatte ſo grenzenlos gelitten, ſich ſo über⸗ natürlich angeſtrengt, um den äußern Schein von Ruhe beizubehalten, während die wahnſinnigſte Qual ihr das Herz zerriß, daß ihre Kräfte nunmehr erſchöpft waren. Sie faßte die Hände der Oberſtin und richtete einen Blick auf ſie, ſo martervoll, daß die Mutter ſchauderte. „Erbarmen, Mama,“ flüſterte ſie,„ſprich kein W i vermag Mehr konnte Julie nicht ſagen; ſie fuhr mit den Händen nach der Bruſt und taumelte. Die Oberſtin fing Julie in ihre Arme auf und führte ſie zum Sopha. Es wurde nach einem Arzte öffnete. Tags darauf ſaß Julie wieder bleich und äußer⸗ lich kalt an ihrem gewöhnlichen Platze und arbeitete. Nicht ein Wort wurde zwiſchen der Oberſtin und ihrer Tochter über Alfred gewechſelt. Es war, als ob die Mutter ſelbſt lebhaft die Wunde fühle, woran der Tochter Herz blutete, und wiſſe, daß jedes Wort von dem, welcher ihr dieſelbe geſchlagen hatte, nur deren Schmerz vermehrte. Darum blieben die Lippen der Oberſtin geſchloſſen, und ſie verdoppelte nur ihre Zärt⸗ lichkeit gegen Julie. HX. Einige Tage ſpäter ſaßen Frau Ling und Elin Abends beiſammen und arbeiteten an dem Tiſche in der Wohnſtube. Albin hatte ſeinen Platz in der Sophaecke, wo er gemächlich rauchte. „Wenn ich eine Frau, vornehmlich Elin, ſehe, welche näht, denke ich unwillkürlich an eine Nähma⸗ ſchine,“ ſagte Albin;„der ganze Menſch, im Fall man die Frau zum e echt rechnen kann, gleicht dann einer mechaniſchen Puppe.“ „Und wenn ich dich ſehe, dann denke ich immer an eine Verdauungsmaſchine,“ entgegnete Elin lachend, „denn Du thuſt niemals etwas Anderes als eſſen, rauchen oder Sottiſen ſagen. Du gleicht dem S geſchickt, der dem bewußtloſen Mädchen eine Ader— ling, welcher nicht ſäet und nicht erntet, aber doch lebt.“ „So, ſo Albin, jetzt haſt Du's wieder bekommen, dafür, daß Du behaupten wollteſt, eine Frau ſey eigent⸗ lich kein Menſch, etwas, das Du ſicherlich in Gegen⸗ wart deiner Mutter hätteſt verſchweigen ſollen,“ meinte Frau Ling. „Einen gegen Einen und Zwei gegen den Teu⸗ fel,“ ſcherzte Albin;„aber ich will mich zu rechtfertigen ſuchen. Fürs Erſte muß ich den Aufſchluß geben, daß Ariſtoteles die Frau durchaus nicht zu demſelben Geſchlechte wie den Mann rechnen will und wirklich die Frage aufwarf, ob ſie auf den Namen eines Men⸗ ſchen Anſpruch machen könnte.“ „Und Du denkſt natürlich ganz wie der griechiſche Perückenſtock?“ fiel Elin ein. „Ich citire blos eine ausgezeichnete Autorität,“ antwortete Albin lachend,„und laſſe meine eigenen Gedanken bei Seite. Was deine Behauptung betrifft, Elin, ich gleiche einem Sperling, ſo dünkt mir, die Vergleichung paſſe beſſer auf deinen lieblichen Alfred und gewiſſermaßen auf das ganze Soldatenvolk. Sie picken die Mädchen hinweg, wie der Sperling die Aehren von den Feldern; wir aber ſtudiren, wir gleichen den bedachtſamen Thieren, wir ſammeln Win⸗ tervorräthe.“ „Ja, Du ſammelſt allerdings, Du!“ rief Elin mit einer ſehr beleidigten Miene. „Ich ſammle Kenntniſſe, während dein Adonis — Schulden auſammelt.“ „Lieber Albin, verſchone mich mit deinen Ausfüllen 167 gegen Strale,“ unterbrach ihn Frau Ling mit einiger Strenge. „Ach! Wie glücklich iſt er, der Lieutenant, der bei Alt und Jung ſo beliebt iſt. Ich ſchweige ſtill und denke an ſeine— Gläubiger und möchte wiſſen, ob ſie auch ſeine liebenswürdigen Eigenſchaften zu ſchätzen wiſſen.“ Jetzt ging die Thüre auf, und unſere ehren⸗ werthe Majorin trat ein, begleitet von ihrem Anhang, der Tochter Malvina. Albin grüßte und ſagte ſofort Malvina in einem Athemzuge ſo viele Artigkeiten, daß ſie ſeiner Denkart und künſtigen Plane vollkommen ſicher ſeyn zu dürfen glaubte. Vor ihrer lebhaften Phantaſie ſtand ſie bereits ſelbſt mit dem Kranze in den dunkeln Locken und ihr Herz ſchlug ungeſtüm bei dem Gedanken an den glückſeligen Brautſtuhl, nach dem ſie ihr Leben lang mit ſolcher Sehnſucht hingeſtrebt hatte. Die Maforin begann ſofort über ſämmtliche Stadtneuigkeiten Bericht zu erſtatten. Malvina ſuchte alle jungen und ſchönen Mädchen Albin möglichſt ſchwarz zu malen. „Ich bin letzthin Abends bei der Oberſtin Deen geweſen,“ ſagte die Majorin unter Anderem,„und was hältſt Du davon, liebe Ling, Lieutenant Strale hat dort ſeiner Bewerbung um Elin nicht mit einem Worte erwähnt. Die Alte ſah aus, als ob ſie der Schlag treffen ſollte, als ich darauf zu ſprechen kam.“ „Ja, und das Fräulein auch,“ fiel Malvina ein, „ſie wurde todesblaß und ihre Hand zitterte dermaßen, daß ſie kaum die Radel halten konnte, obwohl ſie ſchon 168 aus Stolz, weiß Gott, gute Miene hätte machen ſol⸗ len; aber es iſt ihr wohl allzu ſehr zu Herzen gegan⸗ gen, denn man mußte den Doktor holen und ihr zur Ader laſſen.“ „Ei, mein Himmel, Malvina, woher weißt Du das,“ fragte die Majorin. „Ja, die Magd dort erzählte Blomgren's Carin von des Fräuleins Unwohlſeyn, und dieſe ſagte es wieder unſerer Chriſtine, und von der habe ich es.“ Elin war etwas bleich geworden, ſagte aber keine Silbe. Albin ſchwieg gleichfalls, aber Fran Ling fragte: „Warum ſollte Fräulein Julie darüber, daß Strale um Elin angehalten hat, krank werden?“ „Das iſt ſehr einfach,“ nahm Malvina wieder das Wort;„ſie hat ja mehre Jahre Alles gethan, um ihren Couſin zum Mann zu bekommen; zu einem andern wird es wohl ſchwerlich reichen; und der Lieu⸗ tenant konnte ſie nicht heirathen, dä er ohne Vermögen iſt. O nein, er wußte etwas beſſeres und. „Da ſind Sie, Mamſell Stal, gewiß im Irr⸗ thum,“ unterbrach ſie Albin in ernſtem, beinahe ſcharfem Tone.„Fräulein Julie hat niemals zärt⸗ lichere Gefühle für ihren Couſin gehegt, das weiß ich beſtimmt; und ihr Unwohlſein trat nicht in Folge der Erzählung von Strale's Freierei ein, ſondern entſprang aus einem organiſchen Herzfehler, an dem ſie leidet, das weiß ich von dem Arzte. Im Uebrigen iſt Fräulein Deen eine Dame, welche niemals zum Gegenſtand des Tadels oder der Vermuthungen ge⸗ 169 macht werden ſollte, denn ſie ſteht unendlich hoch über jeder andern Frau.“ Malvina wurde blutroth. Die Haube der Ma⸗ jorin wackelte auf dem Kopf, und mit einer hohen Diskantſtimme bemerkte die letztere: „Es iſt wohl nur ihr Hochmuth, der ſie ſo aus⸗ gezeichnet macht; oder kann der Herr Kandidat wohl ſagen, worin die Eigenſchaften beſtehen, welche der⸗ ſelben eine ſolche Ueberlegenheit verſchaffen?“ Gklin ſah ihren Couſin an. Sein Geſicht hatte eine lebhaftere Farbe als gewöhnlich, und in ſeinen Augen lag ein wirklich edler Ausdruck, als er zur Antwort gab: „Das größte und erſte Verdienſt von Julie Deen beſteht darin, daß ſie— Frau iſt. Sie er⸗ niedrigt ſich niemals zu einer Handlung, welche ſie in dieſer Eigenſchaft entwürdigen könnte, und gibt niemals ihre Zunge dazu her, ihres Nächſten Fehler auszupoſaunen. Sie iſt nicht hochmüthig, ſie fühlt nur ihren moraliſchen Werth und läßt ſich niemals zu einem vertraulichen Umgang mit Menſchen herab, welche ſie nicht hochachten kann.“ Albin ſtand auf und verließ das Zimmer. Die Majorin und Malvina marſchirten bald darauf ab, äußerſt mißvergnügt über die ganze Ling“ ſche Familie. Am folgenden Tage erzählten ſie für gewiß, Albin ſey in Julie verliebt, und machten noch manche minder gewiſſenhafte Schlußſäte hinzu. ——————— X. Am Abend, als man bei dem Zollverwalter ge⸗ ſpeist hatte, trat Elin zu Albin, der am Fenſter ſtand und auf einer Scheibe trommelte. Sie legte ihre Hand auf ſeine Schulter. „Ich danke dir, Albin,“ ſagte ſie,„für die wirklich edelmüthige Art und Weiſe, wie Du Mal⸗ vina's Bosheiten ein Ende gemacht haſt.“ Albin betrachtete Elin mit einem warmen Blick und antwortete dann: Glin, was ich ſagte, war meine Ueberzeugung und verdient keinen Dank. Julie Deen iſt wirklich ein ſeltenes Mädchen.“ „Aber, Albin, Du äußerteſt ſelbſt, daß... „Daß ich glaube, Strale und ſie lieben einander.“ „Ja, und nun beſtritteſt Du es.“ „Darum weil ich lieber mein Herzblut geben, als mitanhören wollte, daß man ſie zum Gegenſtand ſolcher Vermuthungen macht, welche, wenn ſie Julie zu Ohren kämen, dieſe edle und erhabene Seele tödt⸗ lich verwunden würden.“ „Du bewunderſt ſie.“ Elins Stimme hatte einen eigenthümlichen Accent. „Ich bewundere ſie, Elin, als die vollkommenſte Frau, die ich kenne.“ „Wie lang iſt das her?“ „Seitdem ich einen Sommer mit ihr bei Lieute⸗ nant Deen auf Szjövik zubrachte.“ Elin empfand ein eigenes, unbehagliches Gefühl ————— bei dieſer Aeußerung Albins, und unwillkürlich trat Julie vor ihre Seele. Ueberdieß ſtieg zum erſten Mal der Gedanke in ihr auf, Strale ſey es bei ſeiner Bewerbung möglicher Weiſe um Geld zu thun ge⸗ weſen, und ſie konnte des peinlichen Eindrucks, wel⸗ chen dieſe Vorſtellungen hervorbrachten, nicht los werden. Elin ſchlief dieſe Nacht minder ruhig als ſonſt. XI. Die vierzehn Tage waren zu Ende und man erwartete den Lieutenant wieder zurück; aber in Elin's Seele war ein ganzes Heer unruhiger Gedanken auf⸗ geſtanden. Das heitere, muthwillige, etwas eitle Mädchen hatte mit allem Ernſt ſeine gegenwärtige Lage und den Schritt, den es zu thun im Begriff ſtund, zu überlegen angefangen; aber bei dieſen Ge⸗ danken erwachte auch das Bewußtſeyn, daß ſie Alfred bereits ihr Wort gegeben, daß Ehre ebenſo wie ihr Herz ſie an denſelben band. Noch glaubte Elin an ihre Liebe; denn wäre ſie gezwungen worden, über ihren eigenen Leichtſinn zu erröthen, ſo hätte ſie auch in demſelben Augenblick zugeben müſſen, daß ſie von Eitelkeit ſich leiten ge⸗ laſſen. In einem Sopha auf ihrem Zimmer zurückge⸗ lehnt, ſaß Elin da und ſuchte ernſtlich von ihren Ge⸗ fühlen ſich Rechenſchaft zu geben und den Weg ſich vorzuzeichnen, den ſie einſchlagen mußte Pflicht und Gewiſſen zu handeln. ² Während das junge Mädchen darüber nachſann, auf eigene Hand ihrem Innern eine mit ihren beſſern Gefühlen übereinſtimmende Richtung zu geben, ging die Thüre auf, und Albin's Kopf wurde ſichtbar. „Iſt es erlaubt, mit Euer Gnaden etwas zu ſprechen?“ fragte er. Elin fuhr zuſammen und erröthete leicht, ſie wußte nicht warum; aber Albin wartete ihre Geneh⸗ migung nicht ab, ſondern trat ganz dreiſt ein. „Ich habe zwei wonneyvolle Botſchaften mitzu⸗ theilen.“ „Und dieſe lauten?“ „Deines Glückes verkörpertes Sinnbild iſt zu⸗ rückgekehrt; der Adonis der Stadt iſt wieder bei uns angekommen; Strale iſt hier.“ „Woher weißt Du das?“ „Siehſt Du mir nicht an, wie glückſelig ich bin? hahe ihn getroffen und kann noch weiter die er⸗ freuliche Nachricht bringen, daß Hjalmar auch ange⸗ langt iſt und unten in der Wohnſtube bei Mama ſich befindet, welche mich zu dir heraufgeſchickt hat 3 „Ach! Hjalmar iſt hier!“ rief Elin, ſprang auf und eilte zur Thüre hinaus. Albin zögerte noch eine Weile, während folgende Gedanken ihm durch den Kopf gingen: „Das iſt ein deutlicher Beweis, daß Elin den ieutenant nicht liebt; denn ſonſt wäre ſie bei der Nachricht von ſeiner Wiederkehr mindeſtens ebenſo er⸗ „um nach 173 freut geweſen, wie bei der des Bruders. Ihre Freude erſchien ſo wahr, ſo vollkommen vom Herzen aus⸗ gehend, als Hjalmars Name genannt wurde; ſo würde ſie auch ausgeſehen haben, wenn ſie den Soldaten⸗ ſtutzer wirklich lieb hätte. XII. Am Abend deſſelben Tages finden wir Elin's Bruder, den neugebackenen Lieutenant Ling, Strale, Albin und den Zollverwalter in dem gewöhnlichen Geſellſchaftszimmer mit einander im Geſpräch be⸗ griffen. „Meine innig geliebte Elin,“ flüſterte der Lieu⸗ tenant dem jungen Mädchen zu, während er an ihrer Seite, in einiger Entfernung von den übrigen ſaß; „dein Oheim hat geſagt, die Zeit zu unſerer Verlo⸗ bung hänge ganz und gar von dir ab; willſt Du nun nicht den Tag beſtimmen, wo ich an deiner Hand den Ring ſehen darf, welcher mich meines künf⸗ tigen Glücks und deiner Liebe verſichert?“ Elin heftete ihre Augen auf den Liebhaber, ließ aber dann den Blick zu Albin hinüberſchweifen, wel⸗ cher mit ihrem Bruder plauderte. Noch war ihr Alfred viel ſchöner und liebenswürdiger. Ach! ja, ganz gewiß mußte ſie mit ihm glücklich werden; aber Albin hatte ihr Verſprechen, daß die Verlobung nicht vor Ablauf des Monats ſtattfinden ſollte, und noch waren zwei Wochen davon übrig. ₰ 174 „Ich habe gedacht, unſere Verlobung ſollte den erſten November gefeiert werden,“ antwortete Elin und ſah erröthend Alfred an; ſie erwartete, er würde ſie zu überreden ſuchen, die Zeit zu verkürzen; aber zu ihrem großen Erſtaunen äußerte er blos: „Ich danke, mein Engel! Jetzt bin ich ruhig.“ „Sage mir etwas aufrichtig, Alfred,“ begann jetzt Elin wieder, und ihr Auge war beinahe mit flehendem Ausdruck auf den Lieutenant gerichtet;„hat niemals ein anderes Gefühl als wirkliche Liebe dich beſtimmt, meine Hand zu begehren? O, ſey aufrich⸗ tig! Es würde mir einen unausſprechlichen Schmerz verurſachen, wenn ich eines Tags entdeckte, daß Du von andern Beweggründen geleitet worden wäreſt.“ Der Lieutenant ſah ſich von dem Direkten und Naiven, was in dieſer Frage lag, beinahe überrum⸗ pelt; aber er war allzu ſehr Weltmann, um ſich da⸗ durch außer Faſſung bringen zu laſſen. Er erhob ſich mit einer Bewegung verwundeter Würde und antwortete: „Elin, deine Frage iſt ſo kränkend, daß ich kaum. weiß, wie ich dieſelbe auffaſſen ſoll. Du zweifelſt an meiner Liebe,“— jetzt nahm das Geſicht des Lieute⸗ 7 nants einen traurigen Charakter an, der Elin imn Herzen weh that—„darum, daß ich unglücklicher Weiſe nicht reich bin, darum, 51 „Verzeihe, verzeihe,“ ſtammelte Elin;„aber man hat— man hat 4 Elin ſchwieg. „Man hat mich verleumdet!“ Der Lieutenant war ein ausgezeichneter Schau⸗ 175 ſpieler und bekam nun ein wirklich tragiſches Aus⸗ ſehen. „D nein, man hat geſagt, Du liebeſt Julie Deen.“ Elin ſah wieder auf. So geſchickt der Lieutenant ſeine Rolle zu ſpielen verſtand, konnte er doch nicht verhindern, daß ſein Geſicht bei Julies Namen blut⸗ roth wurde; doch, wie geſagt, als Mann von Welt wußte er ſelbſt ſeine Bewegung zum Vortheil zu deuten, indem er ſagte: „Ich kann nicht ohne eine Regung von Zorn anhören, wie man meiner wahrhaft brüderlichen An⸗ hänglichkeit an Julie ein falſches und unrichtiges Gepräge aufdrücken will; aber, Elin, wie kann ich wohl auf Vertrauen von deiner Seite und auf Glück hoffen, wenn Du Allem, was die Verleumdung von mir ausſagt, Glauben ſchenkſt?“ Jetzt war Alfred ſo ſchön und ſah ſo ernſt aus, daß alle Beſorgniſſe Elin's verſchwanden und ſie eine wirkliche, von Herzen kommende Regung inniger An⸗ hänglichkeit an den ſo tief gekränkten Liebhaber empfand. XIII. Die vierzehn Tage vergingen, ohne unſerem werthen Albin irgend eine ſichere Ausſicht zu eröffnen, daß er ſeinen Vorſatz, den Lieutenant aus Elins Herzen zu verdrängen, in Ausführung bringen könne. 176 Im Gegentheil, es ſah aus, als ob derſelbe darin einen immer größeren Raum einnähme. Dazu trug weſentlich die Freundſchaft bei, welche zwiſchen Strale und Elin's Bruder, Hjalmar, beſtand, einem neunzehn⸗ jährigen, muntern, lebhaften und unbedachtſamen Jüngling von warmem Herzen und etwas wandel⸗ barem, für alle Eindrücke offenen Gemüthe, zu jenen Charakteren gehörig, welche ganz und gar nach der Geſellſchaft, in welche ſie kommen, ſich geſtalten. Er war täglich mit Strale zuſammen und ſchien nur in ſeiner Nähe leben zu können. Drei Tage waren noch bis zum erſten November übrig. Albin ſaß auf ſeinem Zimmer und ſchrieb, als Hjalmar bei ihm eintrat. „Guten Morgen, Albin!“ ſagte er, warf die Mütze auf den einen Stuhl, den Mantel auf den agdern und ſich ſelbſt in eine Sophaecke. „Wo haſt Du dich herumgetrieben, daß Du zwei Nächte nicht nach Hauſe gekommen biſt?“ fragte Albin mit einem ernſten Blick auf den jungen Lieu⸗ tenant, welcher ungewöhnlich bleich war. „Weiß der Oheim davon, daß ich die zwei Nächte fort geweſen bin?“ äußerte Hjalmar, ohne Albin's Frage zu beantworten. „Nein; aber ich habe daran gedacht, ihn hierauf noch aufmerkſam zu machen. Er vertritt jetzt Vaters⸗ ſtelle bei dir und hat ſomit das Recht, auf das Leben, welches Du führſt, Acht zu geben.“ „Ich glaube, hol mich der Henker, Du willſt den Sittenprediger ſpielen; ich bin übrigens nicht in der Stimmung, auf etwas dergleichen zu hören. Du willſt mir wohl weiß machen, Du ſelbſt, ein lebens⸗ luſtiger Student, ſeyeſt ein Tugendmuſter.“ „Meine Leidenſchaften ſind immerdar meiner Vernunft und meinem Willen untergeordnet ge⸗ weſen.“ „Das iſt verdammt glücklich für dich; übrigens kam ich hieher, um dich um einen Dienſt zu bitten; doch, Du biſt in pedantiſcher Laune, und darum thue ich wohl am klügſten, zu ſchweigen,“ entgegnete Hjalmar, indem er mit ſeiner Cigarre dampfte. „Kann ich dir einen Dienſt leiſten, ſo ſprich es aus; in welcher Stimmung ich bin, hat nichts zu be⸗ deuten. Du kennſt mich hinlänglich, um zu wiſſen, daß ich niemals zu helfen abgeneigt bin.“ „Ich danke.“ Hjalmar fuhr mit der Hand über die Stirne, dann begann er wieder: „Unterlaß es, den Oheim auf mich zu hetzen, denn ich bin die drei Nächte bei Strale geweſen.“ „Nichts weiter?“ ſagte Albin lächelnd;„dann iſt der Dienſt nicht ſo groß, denn ich habe keine Luſt, mich mit Schwätzereien abzugeben; es war blos ein Schreckſchuß, mein Lieber.“ „Ah, es iſt noch etwas mehr, aber. „Nun, was machſt Du ſo viele Umſtände? Ich werde dir doch nicht ſo furchtbar erſcheinen.“ „Höre Albin, ich brauche Geld,“ rief Hjalmar und ſprang vom Sopha auf. Albin ſchwieg und betrachtete Hjalmar mit einem durchdringenden und ſcharfen Blick. Schwartz, Novellen. V. 12 178 „Du ſchweigſt, Du verweigerſt es, und doch hatte ich ſo beſtimmt auf dich gehofft.“ Hjalmar ging mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab. „Ich habe niemals Geld aufzunehmen nöthig gehabt, und dennoch betrug die Summe, welche ich von meinem Vater zum Unterhalt bezog, nicht die Hälfte von der, welche Du erhältſt. Wozu willſt Du dieſes Geld haben? Brauchſt Du ſelbſt daſſelbe, öder iſt es für einen Andern?“ „Da Du mir nicht helfen willſt, ſo iſt es auch nicht nöthig, dir eine Erklärung abzulegen,“ erwiederte Hjalmar und ging nach der Thüre. „Bleibe, Hjalmar; ich habe dir nichts abgeſchla⸗ gen, aber ich wäre ein ſchlechter Freund, wenn ich dir Geld leihen würde, ohne zu wiſſen, zu welchem Zweck Du, ein Jüngling, es bedarfſt, da Du ein mehr als genügendes Auskommen haſt. Sage mir deßhalb als Freund, wozu Du dieſes Geld wiliſt? Was haſt Du mit dem deinigen angefangen?“ „Albin, nicht ich, ſondern Strale bedarf deſſen. Ich habe nicht ſo viel, um ihm helfen zu können, ohne daß Du mir das noch Fehlende vorſtreckſt; aber Du mußt mir dein Chrenwort darauf geben, daß Du Nie⸗ mand etwas davon ſagſt.“ „Deſſen bedarf es nicht; ich pflege von Dienſten, die ich leiſten kann, nicht zu reden.— Ich will dir das Geld vorſtrecken.“ 179 XV. Am Tage vor der Verlobungsfeier trat die Ober⸗ ſtin Deen mit einem Briefe in der Hand zu Julie in's Zimmer. „Lies, Julie,“ ſagte ſie,„und ſieh, wie erbärm⸗ lich er iſt.“— Die Oberſtin war heftig aufgeregt.— „Und er bildet ſich ein, der undankbare Junge, daß ich ſeiner Verlobung beiwohnen werde! Ich würde erſticken, wenn ich dazu genöthigt würde. Nein, er und ſeine Braut mögen warten.— Hier iſt auch eine Einladung von Ling's. Julie nahm die beiden Briefe mit einem leichten, beinahe unmerklichen Zittern zur Hand. Nachdem ſie den von Strale geleſen hatte, ſagte ſie in mildem Tone: „Gute Mama, Alfreds Brief iſt ja eine deutliche Erklärung über ſeine Handlungsweiſe, und ich finde jetzt, daß er nicht wohl anders handeln konnte.“ „Du wäreſt wohl im Stande, die Einladung anzunehmen?“ fiel die Oberſtin heftig ein. „Wir beide, Mama und ich, dürfen nicht weg⸗ bleiben, wofern wir nicht wollen, daß die ganze Stadt ſich in Vermuthungen über die Plane, die wir einmal — für meine Zukunft entworfen haben, erſchöpft.— O Mama!“ ſagte Julie mit tiefer Bewegung hinzu, „das hieße meinen Schmerz noch durch eine Demüthi⸗ gung erhöhen.“ Die Oberſtin ſchwieg eine Weile, und Julie nahm wieder das Wort: „Alfred würde dadurch zu dem Glauben verleitet, wir, Mama und ich, grämen uns darüber, daß er mich zu lieben aufgehört hat, und das würde meinem Stolze eine tiefe Wunde ſchlagen.— Ueberdieß be⸗ gingen wir eine offenbare Unhöflichkeit gegen Lings und gäben ihnen dadurch mancherlei Anlaß zur Ver⸗ wunderung. Liebſt Du mich, Mama, ſo laß uns nicht die allgemeine Aufmerkſamkeit auf mein krankes Herz ziehen.“ „So mag es denn geſchehen— nur um dem Geſchwätze auszuweichen.— Und Du glaubſt Muth genug zu heſitzen.... „Elin's Verlobung beizuwohnen? Ja!— Warum ſollte ich es nicht?“ Julie ſah die Mutter mit einem ſo ergebenen und ruhigen Blick an, daß dieſe kein Wort weiter ſagte. XV. Der Verlobungstag brach an und ging auch glücklich zu Ende. Julie war ſo ſchön, ſo ruhig, ſo liebenswürdig geweſen, daß Alfreds Bruſt mehr als einmal von. einem Seufzer voll Wehmuth ſich hob. Aber Albin, welcher genau auf ſie Acht gab, glaubte zu finden, daß die marmorweiße Bläſſe ein Leiden, das an des Herzens feinſten Fibern zehrte, verbarg. Elin hielt ſich für unbeſchreiblich glücklich, obwohl ſie ſich heimlich ärgerte, daß Albin Julie eine ſo zuvor⸗ 181 lommende Artigkeit bewies und in ſeinem ganzen Be⸗ nehmen etwas ſo Verbindliches hatte, daß es ihr vor⸗ kam, als wäre er ein ganz anderer Menſch wie ſonſt. Jetzt hatten ſich die Gäſte entfernt, und nur Albin, Elin und Hjalmar waren noch im Salon. „Nun Gott ſey Lob und Dank, daß wir bis zur Verlobung gekommen ſind,“ ſagte Albin gähnend,„und es wäre unerträglich langweilig, länger daheim zu bleiben und mit anzuſehen, wie er an die ſchönere Hälfte ſeines Ichs ſich anklammert; und darum gedenke ich, mich morgen auf die Fahrt zu machen.“ „Wohin denn?“ fragte Elin nicht ohne ein Ge⸗ fühl von Unbehagen. „Nach Upſala, um die Licentiaten⸗Würde anzu⸗ nehmen und als wohlbeſtellter Doktor zurückzukehren, mich ſofort um die Unterarztſtelle am Krankenhauſe zu bewerben und dich von der Kinderkrankheit, welche Liebesſucht genannt wird, zu kuriren.— Gute Nacht!“ „Und Du wünſcheſt mir nicht Glück? Haſt Du kein einziges Wort ſür mein Wohlergehen?“ fragte Elin. „Es iſt noch allzufrüh, dir Glück zu wünſchen; damit wollen wir noch länger warten.“ Albin nahm ſein Licht und ging. Elin wandte ſich zu Hjalmar, welcher auf dem Sopha ſaß. „Iſt Albin nicht unerträglich?“ fragte ſie. „Er iſt ein ehrlicher und braver Junge,“ ant⸗ wortete Hjalmar aufſtehend.—„Nun, wann iſt denn die Hochzeit, Elin?“ ſetzte er hinzu und faßte die Schweſter mit beiden Händen um den Leib. „In zwei Jahren.“ 182 6 „Das iſt zu lang. Wir wollen den Zeiger der Zeit etwas vorrücken, indem wir den Oheim über⸗ reden, es an einem Jahr bewenden zu laſſen.“ Und darauf walzte er mit der Schweſter rings im Zimmer herum. XVI. Wir wollen jetzt einen Blick in das Innere der handelnden Perſonen werfen. ablegte: „Nein, das halte ich nicht aus, in derſelben Stadt mit Julie zu verweilen und ſie ſehen zu müſſen, ohne daß ich ſie zu lieben das Recht habe;— und hernach dieſe ewige Komödie mit der andern, der kleinen Närrin, welche ſich geliebt glaubt und vor welcher ich unaufhörlich den Verliebten ſpielen ſoll. O Julie, Julie, Du biſt mehr als gerächt! Ich muß fort von hier, bis ich vor dem Altare meine Freiheit an dieſes alberne Mädchen abſchwören ſoll. Schon morgen ſuche ich ſchriftlich um die Erlaubniß nach, den Kommandanten anſtatt Brun's nach Stockholm zu begleiten.“ Julie warf ſich auf die Kniee vor ihrem jung⸗ fräulichen Lager und betete: „O Du milder Vater! Hilf mir, meine Schwäche zu überwinden und dieſes Bild aus meinem Herzen zu reißen, oder laß mich Ruhe und Frieden bei dir Der Lieutenant dachte, während er ſeinen Frack — ,— 183 finden! Ich vermag nicht eine Liebe zu tilgen, welche ich verachte; und ich kann nicht leben mit der Ueber⸗ zeugung, daß ich mich einer unwürdigen Schwäche ſchuldig mache, wenn ich ihn liebe, nachdem er nicht mehr meiner Achtung werth iſt.“ Sie beugte ſich nieder und weinte. Albin's Gedanken waren: „Jort muß ich, ſonſt könnte ich mich irgend einer Handlung ſchuldig machen, welche von Gewiſſen und Ehre mißbilligt wird; aber nah oder fern, ſo ſchwöre ich doch bei Gott, daß Elin mir angehören ſoll. Ich muß getrennt von ihr und mir ſelbſt über⸗ laſſen, meine Handlungsweiſe mir vorzeichnen.“ Am folgenden Morgen reiste er ab. Elins Gedankengang war ungffähr folgender: „Jetzt bin ich glücklich; denn Alfred liebt mich, und ich liebe ihn; aber gerade die Höhe meines Glücks macht mich unruhig... Wie ſchön und ſtattlich Julie iſt; wie hold und liebenswürdig. So ſchien es auch Albin, welcher den ganzen Abend ihr nicht von der Seite wich.— Herr Gott, wer eine ſo vollkommene Frau wäre, wie ſie! Nun habe ich blos Fehler; wie kann Alfred etwas auf mich halten? Albin hat immer geſagt, ich ſey dazu geſchaffen, eine antippe zu werden. Wie wird es ſo leer ſeyn, wenn Albin fort iſt! Aber ich bekümmere mich nichts um ihn. Gott ſey gelobt, wenn nur Alfred nicht reist. Ich möchte wiſſen, ob Albin der Meinung iſt, daß ich nur Fehler habe?“ Hjalmar legte ſich unter folgenden Vorſtellungen zum Schlafe nieder: — „Elin darf ſich bald mit Strale verheirathen, ſonſt weiß ich nicht, wie wir beide, er und ich, uns heraushelfen ſollen. Ach, wenn ich mündig werde, dann will ich, bei meiner Seele, friſch darauf los leben!“— Und damit ſchlief der junge Sohn des Mars ein. Und wik ſagen ihnen gute Nacht. XVII. Etwas über ein halb Jahr war vergangen. Albin hatte dieſe Zeit theils in Upſala, theils in der Hauptſtadt am Krankenhauſe zugebracht und war nun ein wohlbeſtellter Aeſculapsſohn. Er kehrte nach— zurück, um die Stelle eines Unterarztes am dortigen Krankenhauſe zu übernehmen. Alfred war nach Stockholm kommandirt worden; dort leiſtete ihm Hjalmar Geſellſchaft. Elin brachte den Winter ohne Bräutigam, Bruder und Couſin zu. Allerdings erhielt ſie jede Woche den zärtlichſten und wärmſten Brief von dem Erſtge⸗ nannten, und einen oder den andern muntern Inhalts von dem letztern, aber dieß hinderte das junge Mädchen keineswegs, es ungemein langweilig zu finden. Jetzt wurde Strale täglich erwartet; auch war ein Brief mit der Nachricht eingelaufen, daß Albin wieder heimzukehren beabſichtigte. Elin empfing die Kunde davon mit wirklicher Freude. 185 Während Frau Ling mit Ernſt die Köchin ermahnte, den Braten oder den raren Rahmkuchen nicht anbrennen zu laſſen, welche zum Empfang des Sohnes, der mit dem am Vormittage ankommenden Dampfboot erwartet wurde, beſtimmt waren, ſtand Elin vor dem Spiegel im Saale und ordnete mit einem Lächeln der Zufriedenheit ihre Locken. Während ſie von dieſer, für ein junges, ſchönes Mädchen angenehmen Beſchäftigung in Anſpruch ge⸗ nommen war, ging die Thüre auf und eine muntere Stimme erklang: „Guten Tag, meine kleine Frau! Du machſt dich wohl meinetwegen ſo ſchön?“ Elin drehte ſich haſtig um, ſprang dem Eintre⸗ tenden entgegen und rief mit unverſtellter Freude: „Ach, Albin! Willkommen, willkommen!“— Und ſie faßte ſeine Hände, indem ſie hinzuſetzte: „Du kannſt nicht glauben, wie man ſich nach dir geſehnt hat.“ „Wer? Du?“ fragte Albin und behielt die kleinen Hände in den ſeinigen. „Ja, ich und wir Alle.“ Elin ſah den Couſin ſo freundlich an, daß er unmöglich der Verſuchung widerſtehen konnte, ihre Hände an ſeine Lippen zu führen. „Ich danke, danke, Elin!“ Albin ſah ſie mit ſo treuen Augen an, daß es Elin ganz warm um's Herz wurde. 48 „Ich habe noch Jemand bei mir, den Du mit größerer Freude ſehen wirſt,“ begann Albin wieder, indem er ihre Hände fahren ließ. „Und wer iſt das?“ „Rathe!“ „Strale?“ fragte Elin erröthend. „Nein, Hjalmar hat mich von der Hauptſtadt hieher begleitet.— Nun, ich habe aus Papa's Brief erſehen, daß deine Hochzeit in drei Wochen anſtatt in einem Jahr angeſetzt iſt.— Deine Herzensflamme kommt in drei Tagen.“ „Ja, ſo iſt es beſtimmt,“ ſtammelte Elin. „Um ſo beſſer; ich werde dann Marſchall.“ Mit dieſen Worten warf ſich Albin in die ge⸗ wöhnliche Sophaecke. „Du haſt alſo den Gedanken aufgegeben, mich zur Frau zu bekommen?“ ſcherzte Elin. „O nein, Du wirſt noch Wittwe, und dann haſt Du ſo viel Verſtand bekommen, daß Du meinen Werth einſiehſt. Ich werde ſomit dein zweiter, anſtatt dein vierter Mann.“ „Ich fürchte, Du wirſt weder der eine noch der andere,“ meinte Elin lachend.—„Aber wo iſt Hjalmar?“ „Er kommt mit unſerem Gepäck nach.— Ich ſprang aus dem Dampfſchiff, ehe man noch das Lan⸗ dungsbrett auswarf, und ließ ihn im Stich. Meine Ungeduld geſtattete mir nicht zu warten.“ „Und warum warſt Du ſo ungeduldig?“ Elin ſah den Couſin ganz ſchelmiſch an, denn er hatte noch gar keine Anſtalten gemacht, die Eltern zu ſehen, nicht einmal ihren Namen erwähnt. „Um heimzukommen, Grüße auszutauſchen, Um⸗ armungen zu empfangen und hernach zur Oberſtin 187 Deen mit ein paar Briefen zu gehen,“ erwiederte Albin gleichgültig. Er warf einen Blick auf Elin und gewahrte unter dem Ausſprechen des Namens der Oberſtin eine flüchtige Röthe auf ihren Wangen. „Ich will der Tante ſagen, daß Du hier biſt,“ ſagte Elin und ſprang hinaus. „Ich müßte Elins Gemüthsart ſehr ſchlecht ken⸗ nen, wenn ich nicht aus Allem den Schluß ziehen dürfte, daß meine Actien beſſer als je ſtehen.— Aber wie ſoll ich nun meinem Willen und meiner Liebe den Erfolg ſichern, wenn mir nur drei Wochen bleiben und das Aufgebot ſchon zweimal geſchehen iſt? Wie hat mein Vater dießmal wieder durch ſein Phlegma ſich überflügeln laſſen; aber friſchen Muth! Noch iſt Elin nicht verheirathet!“ XVIII. Zwei Tage ſpäter am Abend, als Jedermann ſich zur Ruhe begeben hatte, ſaß Albin noch auf Hjal⸗ mars Zimmer. Der Letztere lag ſchon zu Bette. „Höre nun auf das, was ich ſage,“ bemerkte Albin;„ich will wiſſen, wer dich in dieſe ſaubere Geſchichte verwickelt hat, welche ohne meine Dazwiſchen⸗ kunft ſehr ſchlimm abgelaufen wäre. Merke dir wohl: ich muß und will es wiſſen. „Ich habe mein Ehrenwort darauf gegeben, es nicht zu ſagen,“ erwiederte Hjalmar. Er war ſehr bleich. „Dann mögen alle deine Schuldſcheine zu Papa marſchiren, denn ich helfe dir nicht mehr, im Fall Du mir nicht den Namen deſſen nennſt, der dich zu allen deinen Ausſchweifungen verleitet hat. Du biſt noch allzu jung und unverdorben, als daß Du auf eigene Fauſt alle dieſe Gelegenheiten hätteſt auffinden können.“ Hjalmar ſchwieg. „Hjalmar, liebſt Du Elin?“ fragte Albin wieder mit klarer, ernſter Stimme. „Ich liebe ſie, das weißt Du, Albin, und zwar von ganzer Seele.“ „Nun wohl, willſt Du, daß ſie in ihrem Bruder, dem neunzehnjährigen Jüngling, mit Entſetzen und Scham einen— Betrüger ſehen ſoll?“ „Halt, Albin, der, welcher ein ſo großes Kapital Vermögen beſitzt, wie ich, kann niemals Betrüger genannt werden. Die Schuld liegt nicht an mir, ſon⸗ dern daran, daß ich erſt in zwei Jahren zum Beſitz dieſes Vermögens gelange.“ „Schweig, Hjalmar, und ſuche nicht eine Hand⸗ lung zu entſchuldigen, welche keine Entſchuldigung zuläßt. Willſt Du, daß ich Elin ſagen ſoll, dein Bruder hat auf meinen Namen eine größere Geld⸗ ſumme aufgenommen. Er hat meinen und meines Vaters Namen gefälſcht und denſelben in den Händen eines Wucherers gelaſſen? Willſt Du, daß ich deinem Vormunde dieſe Summe abfordern und dich brand⸗ marken ſoll?— Dazu habe ich das Recht, denn ich konnte die falſchen Schuldverſchreibungen nicht einlöſen, ohne mich ſelbſt in Schulden zu ſtürzen, weil ich nie⸗ mals die Schamloſigkeit haben werde, von meinem —0 VD 189 Vater den Betrag derſelben zu begehren. Willſt Du, daß ich deinen Vorgeſetzten und Kameraden Anzeige machen ſoll, wie tief Du dich und die Uniform, welche Du trägſt, erniedrigt haſt?“ „Albin, Albin, Du kannſt, Du wirſt das nicht thun,“ rief Hjalmar und richtete ſich todesbleich auf. „Und warum kann ich es nicht? Haſt Du nicht meinen Namen beſchmutzt, zu dem verwickelten Geldhandel Anlaß gegeben, in den ich gerathen bin? Was ſollte mich zurückhalten, wenn Du nicht einmal ſo viel Ehre haſt, aufrichtig gegen Den zu ſeyn, welchen Du ſo ſchrecklich beleidigteſt 24 „Du liebſt Elin, Du kannſt deren Bruder nicht beſchimpfen,“ ſtammelte Hjalmar mit weißen Lippen. „Das iſt wahr; aber Elin wird Strale's Frau, ſie iſt für mich verloren. Sprich, wer iſt der Urheber von Allem? Dieß iſt die einzige Art und Weiſe, mich zu erweichen. „Ich kann nicht,“ keuchte Hjalmar. „Dann kann ich ebenſowenig Barmherzigkeit mit dir haben.“— Albin wandte ſich gegen die Thüre, indem er hinzuſetzte:„Du kennſt mich und weißt, daß ich im Guten wie im Böſen unbeweglich bin, wenn ich mir einmal etwas vorgenommen habe.“ „Albin,“ rief Hjalmar mit Wärme,„ich kenne dich gut genug, um zu wiſſen, Du achteſt ein Ehren⸗ wort allzu hoch, als daß Du mich zwingen wollteſt, das meinige zu brechen. Im Gegentheil, Du mußt mir deine Achtung ſchenken, da ich trotz deiner Dro⸗ hungen feſt bei dem Verſprechen bleibe, das ich einmal gegeben habe.“ 190 Albin betrachtete Hjalmar mit ernſtem Ausdruck. „Du überſchätzeſt meinen Edelmuth,“ ſagte er, „denn in dieſem Augenblick hält mein Vater mich für einen leichtſinnigen Verſchwender, und Du willſt, daß ich ſchweigen ſoll.“ „Ich überſchätze deinen Edelmuth nicht, ich weiß, daß Du dir eher die rechte Hand abhauen— als mich beſchimpfen ließeſt.“ „Das weißt Du und willſt doch nicht aufrichtig ſeyn?“ „Ich kann nicht.“ „Nun wohl, Hjalmar, ſo ſchwöre mir bei dem Andenken deiner Mutter, bei Allem, was dir noch heilig auf Erden iſt, daß Du dich niemals, verſtehſt Du, niemals irgend einer Handlung ſchuldig machen willſt, welche dich erniedrigen oder entehren kann. Schwöre mir, daß Du niemals aus Mitleid oder Schwäche dich zu etwas, das betrügeriſcher Natur iſt, hergeben willſt.“ „Ich ſchwöre dir bei dem Andenken meiner geliebten Mutter, bei Allem, was heilig in der Welt iſt,“ ſprach Hjalmar in tiefer Bewegung.„Und ſollte ich meinen Eid brechen, ſo magſt Du mich durch Vor⸗ zeigung jener Papiere, die Du in deiner Hand haſt, beſchimpfen.“ „Du haſt geſchworen, das iſt mir genug.“ Albin nahm nun einige Papiere aus der Taſche und hielt ſie an das Licht. „Jetzt biſt Du gerettet,“ fuhr er fort,„und Du verdienteſt nicht den Namen eines ehrlichen Menſchen, im Fall Du noch einmal dich vergeſſen könnteſt.— 191 Rechne auf meine Freundſchaft als auf die eines Bru⸗ ders, aber ſpiele nicht mit meinem oder eines Andern ehrlichen Namen und bedenke, daß jede ſchlechte Hand⸗ lung ihre Strafe mit ſich bringt.“ XIX. Als Albin die halbverſchloſſene Thüre zwiſchen Hjalmars und des Zollverwalters Zimmer öffnete, fuhr er ein paar Schritte zurück, faßte ſich aber ohne ein Wort zu ſagen und ohne daß Hjalmar ſeine Be⸗ ſtürzung gewahr wurde, ſchnell wieder und ging hinaus, indem er die Thüre wieder feſt zudrückte. Vor ihm mitten im Zimmer und bleich wie der Engel des Todes ſtand Elin, ein Licht in der Hand haltend.— „Mein Gott, Elin, was iſt geſchehen? Was führt dich hieher?“ fragte Albin auf ſie zugehend. Elin erhob ihre Augen zu ihm und flüſterte mit einem ſchmerzlichen Ausdruck: „Ich habe deine letzten Worte gegen Hjalmar gehört. O mein Gott, was hat Hjalmar gethan?“ Sie ließ den Kopf ſinken und weinte. Albin faßte ihre Hand und ſagte in freundlichem, herzlichem Tone: „Er hat eine Jugendthorheit begangen, und Du mußt dich ſtellen, als wüßteſt Du nichts davon, im Falle Du ihn nicht tief verwunden willſt.“ „Und Du?“ fragte Elin zu ihm aufſehend. „Ich habe eine Freundespflicht erfüllt, das iſt Alles.— Gute Nacht, Elin; ſey ruhig und vergiß, daß Du etwas gehört haſt; glaube mir, es iſt nur eine Lappalie.“ „O, wie habe ich dich verkannt!“ ſchluchzte Elin, „mein Lebenlang werde ich die Schuld, in der ich bei dir ſtehe, nicht vergelten können.“ Albin dachte:„dein Herz iſt Alles, was ich wünſche;“ aber er war ein allzu ehrlicher Burſche, um mit der Braut eines Andern von Liebe zu reden; darum begnügte er ſich damit, Elin hinauszubegleiten, während er äußerte: „Verſprich mir, Hjalmar nichts zu ſagen.“ „Ich verſpreche es,“ ſtammelte Elin, als beide auf der Hausflur ſtanden. „Wie biſt Du in Papa's Zimmer gekommen?“ fragte Albin. „Ich wollte dich rufen, um dir dieſen Brief von Julie Deen“— Glin erröthete—„zu übergeben. Er war eingeſchloſſen in einen an mich, der das Be⸗ gehren enthielt, ich möchte denſelben dir eigenhändig überliefern, ohne Jemand Anders davon etwas wiſſen zu laſſen. Erſt dieſen Abend ſollte mir endlich die Gelegenheit dazu werden.“ „Julie Deen?“ rief Albin, indem er Elin beſtürzt anſah. „Ja, warum wundert dich das?— Julie ſpricht in ihrem Briefe davon als Etwas, das Du erwarten würdeſt.“ „Ja ſo— ja— es iſt wahr. Gute Nacht, Elin.“ Albin entfernte ſich. Auf ſeinem Zimmer angekommen, las Albin folgende Zeilen, ohne den Sinn der Worte zu ver⸗ ſtehen: „Herr Doktor! „Durch einen für mich unbegreiflichen Zufall iſt Ihr Name in einen Briefwechſel, den ich mit meinem Coufin geführt habe, eingemiſcht worden; durch einen noch unerklärlichern iſt derſelbe in die Hände einer fremden Perſon gefallen, und ich bin mit der Ver⸗ öffentlichung deſſelben bedroht. Die Perſon, welche die Drohung gegen mich ergehen ließ, iſt mir völlig unbekannt; aber ich fürchte, daß ein Mißverſtändniß ſtattfindet, weßhalb ich den Herrn Doktor bitte, mor⸗ gen um zehn Uhr uns mit einem Beſuche zu beehren. Julie Deen.“ Am folgenden Morgen, Schlag zehn Uhr läutete Albin am Hauſe der Oberſtin. Ein Domeſtik öffnete und bat den Doktor, ſich zu dem Fräulein zu ver⸗ fügen. In dem oben erwähnten Kabinet ſaß Julie an ihrem gewöhnlichen Platze, als Albin eintrat,— aber ſie war ſo verändert, daß er unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Ihre Wangen zeigten eine beinahe durchſichtige Bläſſe, und ihr ganzer Körper war ſo daß ſie ein wahrhaft geiſterartiges Ausſehen atte. Julie ſtand auf und ging dem Eintretenden entgegen. Schwartz, Novellen. V. 13 „Entſchuldigen Sie, Herr Doktor,“ ſagte ſie; „aber ich fand mich veranlaßt, Sie zu beſchweren, vorerſt weil Ihr Name in einen widrigen Handel eingemiſcht worden iſt, für's Zweite, weil Sie der ein⸗ zige Mann ſind, zu welchem ich mit vollem Vertrauen meine Zuflucht zu nehmen wage.“ „Seyen Sie verſichert, gnädiges Fräulein, daß Sie in Allem auf mich rechnen lönnen,“ erwiederte Albin mit einer Verbeugung. „Kennen Sie dieſe Handſchrift?“ fragte Julie, ihm einen Brief reichend. „Sie iſt mir völlig unbekannt.“ Albin wollte den Brief zurückgeben. „Haben Sie die Güte, ihn zu leſen.“ Albin las: „Eine Perſon, mit welcher Ihr Couſin in mehr⸗ jähriger Verbindung ſtand, und welche ſein erneuertes Cheverſprechen hat, ſetzt Sie hiemit in Kenntniß davon, daß ſie zur Zeit den ganzen Briefwechſel, den Sie mit ihm führten, in Händen hat. Aus dieſem Briefe iſt zu erſehen, daß Sie die eigentliche Urſache ſind, welche ihn bisher abhielt, ſeine heiligen Verſicherungen zu erfüllen. Sollte Fräulein Deen auch fernerhin noch in den Weg treten, ſo muß man ſie darauf aufmerkſam machen, daß der Briefwechſel veröffentlicht wird, und daß Doktor Ling's Name kein genügender Schild für den Lieutenant Strale iſt.— Sollten Sie an dem hier Geſagten zweifeln, ſo folgt ein Brief von Ihrem Couſin, obwohl mit Doktor Ling's Namen unter⸗ zeichnet, woraus Sie die Ueberzeugung von der Wahr⸗ heit der Sache entnehmen können.— Morgen Abend 195 um zehn Uhr erwartet eine Perſon Ihre Antwort auf dem Kirchhofe. Es iſt eine Frau, völlig ſchwarz gekleidet.“ „Nun wohl, mein Fräulein, ich erlaube mir noch die Bitte, den mit meinem Namen unterzeichneten Brief mich ſehen zu laſſen,“ äußerte Albin. „Herr Doktor, verſprechen Sie mir zuvor bei Ihrer Ehre „Fräulein Deen, kein Verſprechen. Mein Wort muß Ihnen genügende Bürgſchaft dafür ſeyn, daß ich Ihren Couſin, Elin's Verlobten nicht beſchimpfen will. Mein Begehren, von dem Briefe Kenntniß zu erhalten, kommt einzig daher, daß ich die Handſchrift ſehen möchte. Haben Sie volles Vertrauen zu mir, Sie werden es nicht bereuen.“ „Aber ich wollte eher mich ſelbſt bloßſtellen, als Alfred ſchaden,“ bemerkte Julie ſanft. „Davon bin ich vollkommen überzeugt und flehe blos, daß Sie, mein Fräulein, daſſelbe Vertrauen zu meiner Rechtſchaffenheit haben, welche es mir unmög⸗ lich macht, Ihre Erwartungen zu hintergehen.“ Albin's ganzes Geſicht hatte einen ſo redlichen Ausdruck, daß man ſeine Worte nicht bezweifeln konnte. „Nicht ein einziges Wort gegen Elin,“ bat Julie. „Auch. das verſpreche ich.“ Nun reichte Julie den Brief dem Doktor. Er las: „Meine geliebte Aurora! „Deine letzten Worte brennen mir auf der Seele, denn ſie athmen den bitterſten Zweifel an meiner unwandelbaren Liebe. Du forderſt von mir eine be⸗ ſtimmte Antwort, wann ich mein Verſprechen erfüllen könne, durch heiligere Bande unſer Schickſal zu ver⸗ einen. Meine geliebte Aurora! wenn Du in meinem Herzen leſen könnteſt, würdeſt Du es von den eifrigſten Wünſchen in dieſer Beziehung erfüllt finden; aber leider kann ich der Stimme meines Herzens nicht folgen, ehe ich meine Studien geſchloſſen und eine feſte Stellung im Leben gewonnen habe. Glaube indeſſen ſo viel, daß ich dir ſtets treu bin und bleibe. Dein Albin Ling.“ „Ah! der Elende!“ rief Albin uns ſeine Stirne bedeckte ſich mit einer dunkeln Röthe, während er mit einer Bewegung des Zorns den Brief zerknittekte. „Herr Doktor!“ Julie ſah ihn erſchrocken an. „Seyen Sie ruhig, mein Fräulein! Es war ein unfreiwilliger Ausdruck des Zorns.— Was wünſchen Sie nun, daß ich thun ſoll?“ „Daß Sie mir die große Güte erweiſen, Herr Polior, ſich ſich Julie hielt an. „Mich an dem Ort der Zuſammenkunft heute Abend einzufinden?“ „Ja, und wo möglich die ganze leidige Affaire zu einem Schluß zu bringen, der....“ „Keine Ungelegenheit für den Lieutenant mit ſich bringt; iſt es nicht ſo?“ Albin lächelte bitter. „O, ſeyen Sie nicht böſe,“ bat Julie und faßte Albin's Hand.„Er wird bereuen, er wird ſo erkennt⸗ 197 lich ſeyn und als Elin's Gatte gewiß auf den rechten Weg zurückkehren; denn die Liebe zu ihr wird aus⸗ ſchließlich ſein Herz und ſeinen Sinn der Häuslichkeit zuwenden. Ich bin vollkommen überzeugt, daß er ſich niemals einer Handlung ſchuldig machen wird, welche ſeiner und Elin's unwürdig iſt, nachdem er einmal mit ihr vereint worden.“ Wenn aus der Miene irgend eines Menſchen die Güte und Ergebung eines Engels hervorleuchtete, ſo war dieß jetzt bei Julie's Antlitz der Fall. Albin betrachtete ſie mit einem Ausdruck inniger Bewun⸗ derung und Theilnahme. „Iſt es wohl möglich, ſo weit im Edelmuth zu gehen, wie Sie thun, mein Fräulein?“ rief Albin. „Wenn Sie ihm zu verzeihen im Stande ſind, dann kann auch ich es thun, und ich würde vor mir ſelbſt erröthen, wenn ich nicht einigermaßen das Vertrauen zu verdienen ſuchte, welches mir von der edelſten Frau, die ich kenne, bewieſen worden iſt.“ Albin führte mit tiefer Rührung Julie's Hand an ſeine Lippen. „Ach, Herr Doktor, wenn man einen Menſchen von Herzen lieb hat, ſo wird man auch ſehr nach⸗ ſichtig; es iſt kein Verdienſt dabei, es iſt Schwäche, welche vom Herzen ausgeht.“ Julie ſagte dieß mit ebenſo demüthigem als einfachem Ausdruck. „Ich entferne mich und werde zur Verhütung eines Skandals thun, was ich vermag.— Erlauben Sie mir nur noch eine Frage und verſprechen Sie mir eine vollkommen aufrichtige Antwort.“ 198 „Das verſpreche ich.“ „Glauben Sie, Fräulein, daß Elin mit einem Mann von Lieutenant Strale's Charakter glücklich zu werden vermag?“ Julie ſchwieg einen Augenblick; dann ſagte ſie mit ruhiger und ernſter Stimme: „Alfred iſt gut, Herr Doktor, und er würde vollkommen ſeinen Charakter verleugnen, im Fall er nicht ein rechtſchaffener und liebevoller Mann gegen die Frau würde, welche er aus freier Wahl ſich ge⸗ nommen hat.— Das iſt meine Ueberzeugung. Möglicher Weiſe bin ich im Irrthum; aber hätte ich einen andern Gedanken, ſo würde ich nicht mit einem Worte ſeine und Elin's Verbindung zu fördern ſuchen. Nunmehr ſehe ich dieſelbe als ſeine moraliſche und ökonomiſche Rettung an.“ „Ich danke Ihnen!“ Albin verbeugte ſich und ging. XXI. Um zehn Uhr begab ſich Albin nach dem außer⸗ halb der Stadt gelegenen Kirchhofe. Dort ange⸗ kommen, ſah unſer junger Doktor eine Frau, ganz ſchwarz gekleidet, welche daſelbſt auf und ab ging. Er ſchritt raſch auf ſie zu, überzeugt, daß er die rechte Perſon getroffen hatte, weil ſie nicht zu den ihm wohlbekannten Stadtbewohnern gehörte. Albin grüßte. 199 „ „Fräulein Deen,“ ſagte er,„hat mir aufge⸗ tragen, in ihrem Namen mit der Perſon, welche ihr den anonymen Brief geſandt hat, zu reden und ſich zu erkundigen, was man von ihr wünſcht.“ Albin betrachtete die Unbekannte mit einem ge⸗ wiſſen Gefühl von Neugierde. Es war eine etwas hochgewachſene Frau mit ſchwarzen, feurigen und leidenſchaftsvollen Augen, dunkler Geſichtsfarbe und beinahe ſchönen Zügen. Sie heftete ihre Augen auf den Doktor mit einem beinahe finſtern Ausdruck. „Mit Fräulein Deen,“ antwortete ſie,„und nicht mit Ihnen, mein Herr, wünſche ich zu ſprechen. Ihnen habe ich nichts zu ſagen.“ Sie verbeugte ſich mit einer ſtolzen Kopfbewegung wie zum Abſchied; aber Albin ließ ſich nicht ſo leicht abfertigen, wenn er ſich etwas vorgenommen hatte. Doch wollen wir vom Verlauf der Unterredung nicht Rechenſchaft geben, ſondern gleich zu den letzten Worten, die zwiſchen ihnen fielen, übergehen. Albin und die fremde Dame ſaßen auf einer Bank und hatten daſelbſt eine lange Weile mit ein⸗ ander geſprochen, ohne zu ahnen, daß ſie die ganze Zeit von vier neugierigen Augen beobachtet wurden. Jetzt ſtand Albin auf. „Madame,“ ſagte er,„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß ich ihn zur Erfüllung ſeines Verſprechens zwingen will; aber einzig und allein unter der Bedingung, daß Sie ſich hier verborgen halten und nichts unternehmen, ſondern mich handeln laſſen.“ „Aber, Herr Doktor„ 200 „Kein Aber. Sie haben zu wählen; entweder wollen Sie mit Strale verheirathet werden, oder nicht. Merken Sie wohl, Sie können nicht beweiſen, daß die Briefe von ihm geſchrieben ſind; denn die Hand⸗ ſchrift iſt verändert. Sie werden nur einen Skandal hervorrufen, ohne daß Sie dem Ziele näher kommen.“ „Ich will, bei Gott, zu dergleichen nicht Anlaß geben,“ verſicherte die Fremde;„aber er hat ſo unwürdig gegen mich gehandelt, daß....“ ihre Augen blitzten—„ich Genugthuung haben muß.“ „Und dieſe können Sie nur dadurch erhalten, daß Sie die Sache mir überlaſſen.“ „Mag ſeyn; ich gehe auf Ihren Vorſchlag ein. Ich verſpr Ihnen, mich völlig zurückzuziehen. Sie verer entſchuldigen, wenn ich Fräulein Deen's Brief zurückbehalte, bis ich den Zweck erreiche, zu welchem mir zu verhelfen Sie ſich anheiſchig ge⸗ macht haben. Er wird mir zu einem Schild gegen Verrätherei dienen.“ Dazu haben Sie das Recht, Madame. Aber hüten Sie ſich, etwas auf eigene Fauſt zur Erfüllung Ihrer Wünſche zu thun.“ „Ich gebe 2 mein Wort darauf, daß ich mich ſtill verhalten will,“ ſagte die Fremde und reichte dem Doktor die Hand. Sie wechſelten noch einige Worte, dann trennten ie ſich Als ſie ſich entfernt hatten, trat die Majorin Stal und Malwina vor. Sie hatten ſich auf dem Heimwege von einer Bekannten, welche außerhalb † der Stadt wohnte, befunden, als ſie gewahr wurden, wie der Doktor ſeinen Weg nach dem Kirchhofe nahm. — Was war nun natürlicher, als daß unſere wiß⸗ begierigen Damen ihm nachſchlichen und Zeugen eines Stelldicheins, und zwar mit einer Frau, wurden. Dieſe Entdeckung war etwas werth. Sie ergoßen ſich beide in Klagelieder über un⸗ ſere verderbten Zeiten. Die Majorin hielt es für Pflicht, Frau Ling davon zu unterrichten, was für ein leichtfertiger Schelm ihr Sohn wäre; und über⸗ dieß erſchien es als eine Gewißensſache, alle Mütter, welche junge Töchter hatten, vor einer ſo gefährlichen Perſon, wie Albin, zu warnen. Der folgende 1ne ein Sonntag. Elin und Strale ſollten zum dritten und letzten Mal auf⸗ geboten werden. Man erwartete ihn am Vormittage mit dem Dampfboot. Als die Majorin Stal zur Kirc ging, machte ſie einen kleinen Abſtecher zu Frau Ling, und da fand ſie denn Gelegenheit, in aller Eile zu erzählen, wie ſie den Doktor die halbe Nacht mit einer frem⸗ den Frau von ſehr zweideutigem Ausſehen habe ſpa⸗ zieren gehen ſehen. Elin, welche im nächſten Zimmer war, hatte auch die etwas ausgeſchmückte Geſchichte gehört, und es wandelte ſie dabei ein ſo Peinliches Gefühl an, daß ſie zu weinen begann. Frau Ling war oben Elin ſaß allein im Saale, als Albin eintrat. „Guten Morgen, ſchöne Couſine, Du weißt wohl, daß man dich und mich heute proklamirt?“ ſagte er munter; aber in demſelben Augenblick ge⸗ wahrte er Spuren von Thränen in Elin's Augen. —„Iſt dir etwas begegnet?“ „O nein; aber ich darf doch wohl ernſt geſtimmt ſeyn,“ antwortete Elin etwas ſpitzig „Biſt Du böſe auf mich?“ Albin beugte ſich nieder und ſah ihr tief in die Augen. „Warum ſollte ich böſe auf dich ſein?“ Elin idte den Kopf ab, denn ihre Augen änen. t biſt Du nicht aufrichtig.“ „Biſt Du es immer?“ „Ja, immer,“ antwortete Albin mit einem offe⸗ nen Blick. „Darf ich dich auf die Probe ſtellen?“ „Ja wohl.“ Albin zündete eine Cigarre an und begann zu rauchen. „Wo biſt Du geſtern Abend geweſen?“ Elin ſah dabei ihren Couſin an. „Bei Doktor Grön?“ „Und als Du von ihm weggingeſt?“ Abins Stirne bedecte ſich mit einer dunlen Röthe, als er lachend erwiederte: „Auf dem Kirchhofe, und da habe ich verſchiedene Entdeckungen gemacht und einen Vorſatz gefaßt.“ bei ihrem Mann, um ihm die Sache zu berichten. 203 „Warſt Du allein dort??“ Elin wurde noch bleicher bei jeder Antwort. t„Nein, meine kleine Frau, ich hatte eine Dame bei mir.— Meiner Seele, ich glaube, Du willſt mich beichten laſſen.— Nun weiter.“ „Iſt der Name dieſer Frau ein Geheimniß?“ fuhr Elin mit etwas unſicherer Stimme fort. „Ja, der iſt wirklich ein Geheiinniß.— Laß uns alſo nicht weiter von der Sache reden.“ „Wie Du willſt; aber ſo viel iſt klar bewieſen, daß deine Aufrichtigkeit die Probe ſchlecht beſtand.“ „Setze mich auf eine neue; denn meine Ehre iſt in Bezug auf den Namen der Frau verpfändet.“ „Mag ſeyn;— in wen biſt Du verliebt?“ „Das iſt eine der härteſten Proben, der ein ſündiger Menſch ausgeſetzt werden kann.“ „Aber Du haſt verſprochen, aufrichtig zu ſeyn, wenn Du nicht durch irgend eine Forderung der Ehre gebunden wäreſt.“ „Ich werde es ſeyn.— Wenn ich verliebt bin, ſo bin ich es— in dich.“ B „Biſt Du jetzt aufrichtig?“ Elin ſah ganz mißvergnügt aus. „Ja, auf Ehre und Gewiſſen, im Fall Du be⸗ haupteſt, daß ich verliebt bin.“ „Biſt Du verliebt? Jetzt kannſt Du die Frage nicht verdrehen.“ „Sage mir die Symptome, und ich werde dir antworten, ob ich von der Krankheit ergriffen bin. Einmal war ich ſehr, ja ſehr verliebt,“ ſagte 204 Albin,„aber das iſt lange, lange her— Du weißt es wohl.“ „Du biſt dir ewig, ewig gleich!“ rief Elin, welche bei dieſer Anſpielung auf die vergangene Zeit von einem Gefühl der Trauer und des Verdruſſes ergriffen wurde.. „Nun, theuerſte Elin, will ich dir ſelbſt einen Beweis meiner Aufrichtigkeit geben.“ „O, ich kenne den,“ entgegnete Elin, während ſie eine Blume zerzauste und dem Weinen nahe war. „Du mußt mich aufmerkſam anhören; denn es geht nur dich an, dich allein.“ 5 Albin ſtand auf und ſetzte ſich neben Elin. „Glaubſt Du, daß ich dein Freund bin?“ fragte „Wie könnte ich daran zweifeln nach dem, was Du für Hjalmar gethan haſt.“ Elin vergaß bei der Erinnerung daran ihren druß und empfand nur eine tiefe Erkenntlichkeit Albin. „Nun wohl, Elin, wenn ich dir jetzt ſage, daß dein Alfred ein Burſche ohne Ehre, ohne Herz und Gewiſſen iſt, glaubſt Du dann, daß ich auf ihn lüge?“ „Nein; aber ich glaube, daß Du übel berichtet biſt, antwortete Elin mit tiefem Ernſt. „Laß uns einen Augenblick annehmen, daß ich Recht habe, daß er wirklich ein ſchlechter Kerl wäre, und daß ich es dir beweiſen könnte, was würdeſt Du thun?“ „Was ich thun würde?“ wiederholte Glin, während eine tiefe Bläſſe ihre Wangen bedechte. 205 ißt„Ich könnte nichts Anderes thun, als ihn heirathen, nachdem er einmal mein Gelöbniß hat, nachdem wir in, faſt ſo gut wie vermählt ſind. Als Gattin würde eit ich ſeine Fehler zu beſſern ſuchen, und es würde mir es gelingen; denn er liebt mich ungeachtet ſeiner Fehler.“ „Angenommen, er thäte es nicht?“ en„Alles kannſt Du vielleicht beweiſen, aber dieß nicht, ſofern Du ihm nicht das Herz aus der Bruſt d reißen willſt!“ rief Elin mit Wärme.„Aber warum r. dergleichen unheimliche Dinge vorausſetzen, jetzt, da s unſere Verbindung ſo nahe bevorſteht, jetzt, da es Jedermanns Pflicht iſt, mir Vertrauen zu dem, an deſſen Seite ich mein Leben durchwandern ſoll, ein⸗ te zuflößen. Du, Albin, mit deinem Rechtsgefühl, kannſt gewiß nicht in meine Seele Mißtrauen gegen den, s deſſen Gattin ich unwiderruflich werden muß, pflanzen wollen.“ 6 n„Ich will nicht Mißtrauen dir beibringen, deine tueberzeugung dir nicht rauben; aber ich will und werde eine Vereinigung unmöglich machen, welche nur zum Unglück füt dich ausſchlagen muß.— Merke dir wohl, Elin, Du wirſt niefnalsz bei Gott und meiner Ehre, niemals Strale's Frau.“ Albin erhob ſich mit einer Miene der Ent⸗ ſchloſſenheit. „Und dieß ſagſt Du mir am Tage meines drit⸗ ten Aufgebots?“ Elin ſprach dieſe Worte im Tone des Vorwurfs. „Gäbe Gott, daß ich es hätte früher ſagen können.“ 5 „Aber, um Gottes willen, was haſt Du für „ 206 Gründe?“ rief Elin, indem ſie ſich, faſt an allen Gliedern zitternd, erhob. In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und Hjalmar trat in Begleitung von Strale ein. 6 X. Da ſtand der Angeklagte ſo ſchön, ſo liebevoll, ſo reizend ſeinem ganzen äußern Menſchen nach, daß bei ſeinem Anblick alle unruhigen Gedanken, von welchen die erſchrockene Elin eben bei Albin's Aeuße⸗ rungen befallen worden war, verſchwanden.— D nein, unter einer ſo angenehmen Außenſeite konnte nur ein edles Herz ſchlagen, ſo dachte Elin, und ihr Gruß wurde um Vieles herzlicher als ſonſt. Mit der Freude, Alfred wieder zu ſehen, vereinte ſich bei Elin eine Anwandlung von Gewiſſensqual bei der Vorſtellung, daß ſie in ihrem Herzen ſehr oft an ſeiner Liebe gezweifelt, daß ſie allzu viel ihre Gefühle zwiſchen ihm und Albin getheilt hatte. Sollte wohl dieſer offene und herzliche Blick eine be⸗ rechnende Seele, welche nur an Geld dachte, verbergen können? Unmöglich! In ihrer Freude und unter dem Einfluß dieſer Gefühle ſah Elin nicht, daß Hjalmar's Angeſicht jener freundliche Ausdruck, der gewöhnlich daſſelbe kenn⸗ zeichnete, abging. Jetzt ruhte über demſelben eine ſchwere Wolke. Hjalmar ſprach wenig; er warf ſich nachläßig auf einen Sopha, wo wir ihn einſtweilen laſſen wollen. 207 XXIV. Ein Billet von Julie, welches Alfred um Mittag übergeben wurde, ſchien ihn ſeiner gewöhnlichen gleich⸗ mäßigen Haltung völlig zu berauben; denn als er bei dem Zollverwalter zu Tiſch kam, war er nach⸗ denklich und ſo abweſenden Geiſtes, daß Elin dadurch verſtimmt wurde. Nach dem Mahle gab er ein Unwohlſeyn vor und entfernte ſich mit dem Ver⸗ ſprechen, am Abend wieder zu kommen. Langſam und zögernden Schrittes machte ſich Alfred auf den Weg zu der Oberſtin. Er zog noch einmal Julie's Billet hervor; es enthielt blos fol⸗ gende Worte: „Finde dich um vier Uhr dieſen Nachmittag bei uns ein;— ich wünſche mit dir zu ſprechen. Julie.“ Ein eigenes, peinliches Gefühl beſchlich Alfreds Herz, als er die Treppe hinaufſtieg und vor der Thüre zu dem wohlbekannten Kabinet ſtand. So tief geſunken Alfred auch war, konnte er doch nicht umhin, einen Blick auf ſein früheres Leben zurück⸗ zuwerfen. Er erinnerte ſich, wie er mit frohem Herzen und klopfendem Pulſe dieſelbe Treppe hinauf⸗ geſprungen und vor derſelben Thüre geſtanden war, ehe Laſter und Ausſchweifungen ſeine Seele verderbt und alle beſſern Empfindungen hinweggeſchwemmt hatten. Wie war von ihm ſein Leben angewendet worden? Wie war von ihm dieſem edeln und treuen Mädchen gelohnt worden, das ihn von Kindheit an von ganzer Seele geliebt hatte? Wie oft ſchwur er ihr nicht Liebe und Treue, und wie hielt er ſeine Eide? Er wäre gern wieder umgekehrt, ſo höchſt unbehaglich erſchien ihm eine Begegnung mit ihr, welche er einmal wirklich geliebt und hernach ſeiner elenden Luſt, ſeinen zügelloſen Leidenſchaften und ſeinen niedrigen Genüſſen aufgeopfert hatte. Mit einem tiefen Seufzer, einem Seufzer über die Vergangenheit, legte er die Hand auf das Schloß: die Thüre ging auf und er ſtand vor Julie. Alfred konnte einen Ausruf der Beſtürzung nicht zurückhalten, ſo verändert fand er ſie; aber niemals war ihm Julie ehrfurchtgebietender vorgekommen. In ihrem Blicke lag ein Ausdruck ſo reinen und edlen Stolzes, ſo hinreißender Milde, ſo himmliſchen Frie⸗ dens, daß man zu glauben verſucht war, ſie habe einen Bund mit einer beſſern Welt geſchloſſen und weile nur noch ſo lang hienieden, bis ſie irgend eine heilige Pflicht erfüllt hätte. In dieſen abgezehrten Zügen hatte Gott einen gereinigten Glauben und eine veredelte Hoffnung zurückgelaſſen, welche ſich der Welt zuwandte, wo alle Kämpfe des Herzens ihren Lohn finden. Nachdem dieſer unwillkürliche Ausdruck Alfred entſchlüpft war, ſtand er gleich einer Bildſäule vor dem Schatten der Frau, die er geliebt und deren Herz er zermalmt hatte. Er betrachtete ſein Werk mit einer Empfindung, welche ihm die Bruſt zuſam⸗ menpreßte. „Du wunderſt dich ohne Zweifel, daß ich dich hieher zu kommen bat, aber Du wirſt die Urſache 209 ſogleich erfahren,“ ſprach Julie mit klarer Stimme. „Ich könnte dich jetzt in eine peinliche Verlegenheit dadurch ſetzen, daß ich meine Briefe von dir zurück⸗ begehrte; ich thue es darum nicht, weil ich weiß, daß Du ſie nicht haſt.“ Der Lieutenant machte eine Geberde der Be⸗ ſtürzung. Julie fuhr fort: „Falle mir nicht in die Rede. Ich habe dir keine Vorwürfe zu machen in Bezug auf mich, ſon⸗ dern dir blos einige ernſte, ſchweſterliche Worte zu ſagen, eine Warnung zu geben. Glaube mir, Alfred, jede Empfindung von Groll, jedes ſelbſtſüchtige In⸗ tereſſe, jede Regung von verwundetem Stolze iſt aus meiner Seele verſchwunden, und ich wünſche nun mit dir wie die Freundin der Kindheit zu reden, welche mit ihren letzten Worten möglicher Weiſe dich noch auf Gedanken bringen kann, die würdig eines Cdel⸗ mann's, würdig eines Mannes von Ehre ſind.“ Julie hielt an. Alfred konnte ſeinen Blick nicht von ihr abwenden. Mit Ruhe und ohne alle weiteren Bemerkungen erzählte nun Julie was geſchehen war, berichtete von dem anonymen Briefe und von Albin's Zuſammen⸗ treffen mit der Unbekannten. „Warum Julie, haſt Du Albin in dieſe Sache hineingezogen?“ rief Alfred mit einem deutlichen Aus⸗ druck von Verdruß. „Darum, Alfred, weil ich dich und mich dem Haſſe einer Frau weder preisgeben konnte noch wollte. 14 Schwartz, Novellen. V. 210 Darum, weil ſie bald genug hätte erfahren können, daß Du mit Elin verlobt biſt, und weil ich fürchtete, Elin würde dich nicht mit derſelben Nachſicht, wie ich, beurtheilen; und endlich darum, weil Doktor Ling von der Frau in Kenntniß geſetzt werden konnte, daß Du ſeinen Namen zum Deckmantel für deine Thor⸗ heiten benützt haſt, und da hätte er in ſeinem Zorn dir ſchaden können.“ „Julie, Julie! Welcher Engel von Edelmuth wohnt in deinem Herzen!“ ſtammelte Alfred und ſtützte den Kopf in die Hände. Er war augenſchein⸗ lich gerührt. „Alfred! ich habe nur meine Pflicht gegen dich als Verwandte und Freundin erfüllt,“ entgegnete Julie, indem ſie auf ihn zutrat, ihre Hand auf ſeine Schulter legte und mit unbeſchreiblicher Milde hinzu⸗ ſetzte: „Aber ſollteſt Du wirklich finden, daß ich edel gehandelt habe, ſollteſt Du in der Tiefe deines Her⸗ zens erkennen, daß Du in einer Schuld bei min ſtehſt, ſo vergelte es dadurch, daß Du dein Leben und alle deine Kräfte dem Beſtreben widmeſt, Elin glücklich zu machen; bedenke, daß Du ihr nicht allein für dein häusliches Glück, ſondern auch für deine ökonomiſche Eriſtenz zu danken haſt; werde hinfort ebenſo ſtreng gegen dich ſelbſt, wie Du bisher zügellos leichtſinnig geweſen biſt. Stelle alle deine Handlungen unter den Richterſtuhl deines Rechtsgefühls und deiner Vernunft und laß die Leidenſchaft nicht allein das Wort führen. Dann, Alfred, wenn ich erfahre, daß Du wieder der ritterliche und gewiſſenhafte Alfred biſt, wie Du als „ 211 Jüngling mir vorkamſt, dann werde ich mich reichlich belohnt finden. Elin's und dein Glück iſt das mei⸗ nige. Aber ſollteſt Du meine Hoffnung täuſchen und auf das Haupt dieſes jungen, vertrauensvollen Mäd⸗ chens Kummer und Unglück häufen, dann, Alfred, bleibt mir nichts Anderes übrig, als zu ſterben, denn ich habe mich für dich verbürgt und geſagt, Du wäreſt einer ſo niedrigen Undankbarkeit nicht fähig. Nicht wahr, Du wirſt Alles für ihr Glück thun?“ Julie heftete ihre Augen mit der Güte eines Engels auf den Couſin, und über die ſchneeweißen Wangen breitete ſich ein feiner Roſenſchimmer. Alfred faßte ihre Hand und führte ſie mit tiefer Bewegung an ſeine Lippen⸗ „Julie,“ ſagte er,„Du biſt meines Lebens guter, rettender Engel, und ich wäre ein elender Wicht, wenn ich dein Vertrauen täuſchen könnte.— O, Julie, wie bitter bereue ich jetzt nicht ein Leben, welches mich des Glücks beraubt hat, dich als Gattin zu beſitzen. Jetzt will ich Alles thun, um deine Achtung wieder zu gewinnen. Ich verſpreche dir das bei meiner Ehre.“ „Ich danke dir, Alfred, ich weiß, daß Du gut biſt.“ Auf Julie's Wangen verſchwand die feine Röthe, und dieſelben nahmen wieder ihre tiefe Bläſſe an, während ſie ſagte: ud was denkſt Du zu thun, um deine Pflicht gegen die fremde Frau, welche im Beſitz meiner Briefe iſt, zu erfüllen? Auch gegen ſie haſt Du Verbindlich⸗ keiten, deren zu vergeſſen dir die Ehre verbietet.“ Ich werde ſie erfüllen.“ Alfred wurde von einem Gefühl verwundeten Stolzes bei dem Gedanken ergriffen, daß er vor Julie erröthen mußte.„Wie und wo werde ich ſie treffen?“ fragte er. „Doktor Ling wird es dir ſagen.“ * XXV. Als Strale von Julie hinwegging, war er tief gerührt. Aber je weiter er ſich entfernte, deſto mehr verſchwanden die guten Eindrücke, und ſein Egoismus gewann ſchnell wieder die entſchiedene Oberhand. Er überdachte ſeine Lage und wünſchte nur ohne des Dok⸗ tors Einmiſchung mit der Frau, welche ihm wirklich ſchaden konnte, die Sache ins Reine zu bringen. Alle ſeine ſchönen Vorſätze, alle die lebhaften Eindrücke von Julie's edler Handlungsweiſe verſchwanden vor der Stimme der Selbſtſucht. Alles kam darauf an, die Perſon, welche er fürchtete, hinter's Licht zu füh⸗ ren und zu entfernen, und zwar ohne daß der Doktor Kunde davon bekäme. Mit dieſem Vorſatz nahm er ſeinen Weg nach dem Gaſthauſe der Stadt. Er fragte, ob nicht eine fremde Frau hier wohne. Nach vielem Forſchen u mit Hülfe einiger Trinkgelder erfuhr er, daß dieſelbe auf Nr. 5 wohnte, aber niemals ausginge. Strale bat die Magd, ihn nach Rr. 5 zu fü und es ſo einzurichten, daß er eingelaſſen wü Jungfer, welche die Schlüſſel hatte, ging ihm öffnete die Thüre, und er trat ein. Wir übergehen, —, 213 was ſich dort zutrug, und finden ihn zwei Stunden ſpäter mit bedeutend hellerer Stirne wieder auf dem Wege zum Zollverwalter. Strale war jetzt in der allerliebenswürdigſten Stimmung von der Welt und hatte ſich niemals ein⸗ nehmender gezeigt; ſo ſchien es Elin und allen Andern Damen, welche zu Ling's eingeladen waren. Mamſell Malvina ſeufzte und dachte bei ſich, Gots habe doch ſehr unrecht getheilt, daß er nicht den Lieutenant auf ihr Loos habe fallen laſſen. Albin war wenig geſell⸗ ſchaftlich: er ließ ſich an einen Whiſttiſch nieder, und Hjalmar ſchien an den Sopha feſtgewachſen, wo er ein unverbrüchliches Stillſchweigen beobachtete. Elin war ſchön und heiter wie der Frühling. Einmal da den beiden Liebenden vergönnt war, unter vier Augen einige Worte zu ſprechen, ſagte Alfred: „Theuerſte Elin, ich fahre morgen mit dem Dampf⸗ boot nach K—, um perſönlich meinen Oheim, den Admiral Strale, zu unſerer Hochzeit einzuladen.“ Elin erröthete und ſtammelte etwas davon, wie leer es in ſeiner Abweſenheit ſeyn würde. „Ich bin übermorgen wieder zurück, und in einer meine Geliebte, werden wir auf immer vereint eyn.“ Der Lieutenant küßte Elin die Hand. 214 XXVI. Am Abend, als der Lieutenant ging, nahm Hjal⸗ mar ſeine Mütze. Ich begleite dich,“ ſagte er. Strale ſah etwas mißvergnügt aus, ſagte aber nichts. Auf der Straße angekommen, bemerkte Alfred: „Willſt Du mit mir reden?“ „Allerdings, ſonſt würde ich dich nicht begleitet haben.“ „Nun, ſo ſprich ſchnell, denn ich wünſche allein zu ſeyn.“ „Ah, Du mußt dich beruhigen, bis wir auf dein Zimmer kommen,“ antwortete Hjalmar und nahm Strale's Arm, obwohl dieſer durch deutliche Zeichen ſeine Ungeduld zu erkennen gab. Endlich traten die beiden Lieutenants in Strale's Zimmer. „Darf ich jetzt erfahren, was Du willſt?“ „Ganz gewiß,“ erwiederte Hjalmar, zündete ſich eine Cigarre an und warf ſich in einen Schaukelſtuhl. „Wir wollen von Geldangelegenheiten reden,“ begann Hjalmar. „Damit hat es doch wohl keine ſolche Eile?“ „Im Gegentheil. Albin hat die falſchen Schuld⸗ ſcheine eingelöſt, und Du ſiehſt wohl ein, daß er nicht etwas bezahlen muß, wovon Du den Nutzen gezogen haſt.“ Zum Teufel, wie hat er ſie bekommen? Sie waren doch erſt in zwei Monaten verfallen.“ 215 „Aber der Jude, welcher gleich dir und mir wußte, daß es nicht ganz richtig mit denſelben war, glaubte, das Geſchäftchen könnte ihm einen Gewinn bringen, und ging mit denſelben zu Albin.“ „Das iſt ein ſakramentaliſcher Schurke.— Nun, was geſchah hierauf?“ „Albin löſte ſie für den doppelten Betrag ein, wie der Jude begehrte.“ „Das war honnet gehandelt. Nun, dann iſt ja von der Sache nicht weiter zu reden. Du wirſt wohl, wenn Du mündig biſt, dem Doltor die Summe zurück⸗ bezahlen.“ „Ich ſoll ſie bezahlen?“ „Wer ſonſt? Es kann nicht anders ſeyn, da Du ſie entlehnt haſt.“ Strale ſtrich ſich den Schnurrbart vor dem Spiegel. 6 „Höre, Strale, Du ſcheinſt ein ſehr ſchlechtes Gedächtniß zu haben und willſt ſicherlich, daß ich es dir auffriſche. Für wen habe ich jenes Geld entlehnt?“ „Um mit einem Theil davon mir zu helfen, aber Du weißt ebenſo gut wie ich, daß es mir unmöglich iſt, es jetzt zu erſtatten.“ „Ich begehre das auch nicht. Ich habe ja mit aller Kraft auf deine und Elin's ſchnelle Vereinigung hingearbeitet, damit Du auf ſolche Weiſe Gelegenheit erhielteſt, deine Schulden zu bezahlen und deine Affai⸗ ren zu regeln. Ich fordere blos eine Schuldver⸗ ſchreibung von dir, daß Du nach Antritt von dem Vermögen deiner Frau die fragliche Summe Albin ausbezahlſt, und er ſomit in den Stand geſetzt wird, 216 ſeine um meinetwillen übernommene Schuldverſchreibung einzulbſen, und nicht durch unſer Thun in die Hände von Wucherern geräth. Du wirſt dich verbindlich machen, die ganze Schuld zu entrichten; hernach wollen wir beide, Du und ich, unſere Affairen abmachen.“ „Das iſt ein ganz pfiffiger Vorſchlag, mein lie⸗ ber Hjalmar, aber leider kann ich deinem Wunſche nicht nachkommen, weil ich in dieſem Fall den dop⸗ pelten Betrag von dem, was ich erhalten habe, be⸗ zahlen müßte. Es muß bei unſerem erſten Ueberein⸗ kommen bleiben, daß ich das Anlehen bezahle, und Du, was der Jude an Procenten haben will.— Haſt Du mir noch mehr zu ſagen?“ „Ich will und werde dieſer Verpflichtung nach⸗ kommen, weil ich nicht ohne Verletzung der Ehre Albin für dich und mich die ſchmutzige Wäſche reinigen laſ⸗ ſen will.“ „Eine ſchriftliche Verpflichtung gebe ich nicht von mir,“ antwortete Strale,„weil ich ohne dies ſo große Schulden habe, von denen ich mich befreien muß. Du haſt Renten, bezahle damit.“. „Nimm dich in Acht, Strale, Du könnteſt es bereuen, denn Du weißt, wie ich durch das verdammte Spiel, in welches Du mich eingeleitet haſt, in Schulden geſtürzt worden bin. Thue, was ich begehre, oder..4 „Könnte ich Luſt bekommen, deinem Vormünder zu ſagen, Du ſeyeſt ein ſo ausſchweifender Jüngling, daß ich als Verwandter darauf dringen muß, dich noch länger, als geſetzlich, unter vormundſchaftliche Pflege geſtellt zu ſehen. Dies kann ich und Elin thun, ver⸗ ſtehſt Du?“ 217 „Ah ſo, Du drohſt?“ rief Hjalmar aufſpringend, mit vor Zorn flammenden Augen.„Du wagſt mir zu drohen, nachdem ich Ehre und Alles bei Seite geſetzt habe, um dir zu helfen? Du brichſt mir dein Wort?“ „Ganz und gar nicht; ich werde die Summe bezahlen, das habe ich einmal geſagt, aber ich gehe keine Verpflichtung ein; dein Couſin mag warten, bis ich verheirathet bin.“ Hiemit lüftete Strale ſeine Mütze und wandte Hjalmar, der mit geballter Fauſt und funkelnden Augen daſtand, den Rücken. XXVII. Am folgenden Tage, als Albin mit umwölkter Stirne in das Wohnzimmer trat, ſaß Elin dort an der Arbeit mit einem ganzen Regimente von Nähe⸗ rinnen um ſich herum. „Wohin iſt Strale gereiſt?“ fragte er in ernſtem Tone. „Nach K—, um ſeinen Oheim einzuladen,“ ant⸗ wortete Elin, ihn anſehend. Albin murmelte einen Fluch zwiſchen den Zähnen, und verließ das Zimmer. Einige Augenblicke darauf trat Hjalmar ein. „Iſt Strale verreiſt?“ fragte er. „Ja, nach K—.“ 218 Hjalmar ſchleuderte ſeine Mütze hinweg mit den Worten: „Ich möchte mit dir ſprechen, Elin.“ „Lieber Hjalmar, ich habe keine Zeit.“ „Das hilft nichts, es muß ſeyn.“ Er trat in das nächſte Zimmer, nachdem ſie noch etwas von Verhindertwerden und dergleichen geredet hatte. „Ich komme, um dir zu ſagen, daß dein Ver⸗ lobter ein Schurke iſt, und daß ich als ein ehrloſer Bruder gehandelt habe, da ich dir zuredete, deine Hochzeit zu beſchleunigen,“ ſprach Hjalmar mit keuchen⸗ der Stimme. „Herr Gott, Hjalmar, biſt Du närriſch?“ rief Elin erſchrocken. „Nein, gute, geliebte Elin, ich bin nicht närriſch; aber ich ſollte es ſeyn, da ich ſo elend mich benom⸗ men habe.“ Hjalmar faßte die Hände der Schweſter und legte ſie an ſeine brennendheiße Stirne. „Elin,“ fuhr er fort,„Du weißt nicht, wie ſehr dein Bruder frevelte, wie viel er abzubitten hat.“ „Ja, Hjalmar, ich weiß es; ich habe einen Theil deiner Unterredung mit Albin gehört.“ Elin war bleich, und ein Ausdruck tiefen Ernſtes weilte über ihrem ganzen Weſen, als ſie fortfuhr: „O! Du weißt nicht, wie tief es mich geſchmerzt hat, wie mein Blick dem deinigen zu begegnen fürchtete, wie unendlich wir, meiner Anſicht nach, Albin ver⸗ pflichtet ſeyn müſſen, der ſo edelmüthig es übernahm, deine Ehre zu retten, ungeachtet ſeine Mittel nicht ———,———— 219 bedeutend ſind.— Ach! Hjalmar, das Bewußtſeyn davon muß dir an der Seele nagen.“ „Elin, weißt Du, für wen ich dieſe ſchlechten Thaten beging?— Weißt Du, wer es war, der mich in dieſen Wirbel von Luſt hineinzog und meine Ju⸗ gend, meine Freundſchaft mißbrauchte?“ „Nein, Hjalmar, ich weiß es nicht, und will es nicht wiſſen,“ antwortete Elin feſt.„Du haſt einmal dein Ehrenwort darauf gegeben, denſelben nicht zu nennen, und Du darfſt es nicht brechen.“ Elins Bruſt hob ſich unruhig. „Aber wäre es„ „Schweige!“ Elin warf den Kopf mit einer Würde zurück, welche durch ihren innern Schmerz nur noch auffal⸗ lender wurde. „Die Summe, welche Albin für Einlöſung der falſchen Schuldſcheine ausgelegt hat, wird von mir bezahlt, aber ich will nichts wiſſen. Merke wohl, Hjalmar, Du biſt es, der meine Verbindung beſchleu⸗ nigt hat, und nun gibt es keine Macht auf Erden, welche mich beſtimmen kann, zu einem Skandal Anlaß zu geben oder gegen Strale mein Wort zurückzunehmen. Werde ich unglücklich, ſo will ich verſuchen, mein Schickſal zu ertragen; niemals aber mich oder Strale dem Hohn und Gelächter preisgeben. „Du opferſt ſomit eher dein Leben, als daß Du dich dem Tadel des Volkes unterwirfſt,“ ſiel Albin ein, welcher unvermerkt in's Zimmer getreten war. „Du gehſt mit offenen Augen deinem Un nt⸗ gegen, ohne den Muth zu beſitzen, von de 220 welcher dich dahin führt abzuweichen. Sind die Men⸗ ſchen ſo viel werth? Iſt ihr Urtheil für dich mehr werth, als ein unglückliches Leben. „Nein!“ erwiederte Elin, indem ſie Albin mit einem ſo reinen und wahrhaft herzlichen Blick anſah, daß er darin eine tiefe, unerſchütterliche Ueberzeugung las.„Nein! ich opfere mich nicht der öffentlichen Meinung auf, aber ich würde dadurch, daß ich jetzt breche, dadurch, daß ich einen Skandal mache, Strale nur unheilbar ſchaden. Auf einer Verbindung mit mir beruht ſeine Zukunft, ſeine moraliſche Exiſtenz: auf ſie hofft er als ſeine einzige Rettung. Soll ich ihn der Möglichkeit berauben, ein ehrlicher Mann zu werden, von der Bahn, die er betreten hat, umzukeh⸗ ren, darum weil ich ſelbſt vielleicht minder glücklich werden kann?— Nein, Albin, Du mit deinem recht⸗ ſchaffenen ehrlichen Herzen kannſt das nicht wollen; Du kannſt mir nicht eine ſo geringe Anhänglichkeit an den, welchen ich zu meinem Gatten wählte, zu⸗ trauen. Könnte ich wohl meines Daſeyns mich irgend erfreuen, nachdem ich ihn blutenden Herzens einem kummervollen, unglücklichem Leben überlaſſen habe? Glaube mir, ich habe in der Zwiſchenzeit viel nachgedacht und Alles reiflich erwogen, bevor ich in die Beſchleunigung unſerer Heirath willigte, und ich bin nun feſt überzeugt, daß Strale, einmal mit mir verheirathet, ein ganz anderer Menſch wird, daß nichts auf Erden mich zum Rücktritt beſtimmen kann, und ſ ich mich auch in einen Abgrund ſtürzen.“ Elins ganzem Wel lag eine ie Beſtimntheit, 221 welche deutlich bewies, daß ſie von ihrem Entſchluß nicht mehr abzubringen war. „Dieſe Schätze von Hingebung und Aufopfe⸗ rung verſchwendeſt Du an ihn, während ich.... Albin hielt an und fuhr mit der Hand über die Stirne, dann ſetzte er hinzu: „Während ich mein Leben für deine Rettung gäbe.“ „Was hilft es die zu retten, welche nicht ge⸗ rettet ſeyn will,“ antwortete Elin mit einem wehmü⸗ thigen Lächeln. „Aber Du ſollſt bei Gott und Allem, was hei⸗ lig iſt, niemals die Frau des Elenden werden!“ rief Albin und verließ das Zimmer. Er begab ſich zu ſeinem Vater hinauf. Er ſuchte die Aufmerkſamkeit ſeines Vaters auf Strale's Charakter zu lenken, aber der Zollverwalter erklärte, er ſolle vor ſeiner eigenen Thüre kehren, ehe er ſich in Anderer Angelegenheiten miſche. Das Aufgebot wäre überdieß erfolgt, die Hochzeit in einer Woche angeſetzt; es ließe ſich ſomit nichts weiter in der Sache thun, und im Uebrigen hätte er, der Zollverwalter niemals etwas Schlechtes von Strale gehört und das Gleiche von ſeinem Sohne ſagen zu önnen. XXVIII. Der Hochzeittag kam. Zwiſchen Albin und Strale hatte eine Unter⸗ redung ſtattgefunden, aber ohne Eflg⸗ weil die un⸗ bekannte Dame ſpurlos verſchwunden war. Im Hotel ſagte man, ſie ſey nach Stockholm gereist, wußte es aber nicht beſtimmt, denn Niemand hatte ſie an Bord des Dampfſchiffes gehen ſehen.„ Jetzt war der beſtimmte Tag da, und mit ihm ſchien alle Hoffnung für Albin verſchwunden; aber ſeltſam genug war er an dieſem Tage ungewöhnlich heiter, obwohl er die ganze Zeit zuvor ſich ſehr düſter und nachdenklich gezeigt hatte. Am Vormittag fuhren Albin und Strale mit einander aus, um in Geſellſchaft von einigen andern Perſonen vor der Stadt draußen zu ſpeiſen. Die Majorin Stal, welche Alles ſah und Alles wußte, hatte zu ihrem nicht geringen Aerger wahr⸗ genommen, wie der Doktor früh am Morgen ſich nach dem Hafen begab, um das Dampfſchiff zu er⸗ warten und von demſelben eine Dame in Empfang zu nehmen. 223 In ihrem Zimmer vor dem einfachen Nachttiſch ließ Julie ſich ankleiden. Sie wollte Alfreds und Elins Hochzeit anwohnen. Doch hatte das ſtarke und edelmüthige Mädchen es abgelehnt, eine der Braut⸗ jungfern zu werden. Während die Haarkräuslerin die dunkeln Locken ordnete, betrachtete Julie eine Kamelia, welche ſie in der Hand hielt und welche ihr Haar ſchmücken ſollte. Alfred hatte am Morgen ihr ein Bouquet der ausgeſuchteſten Blumen zugeſandt, und unter dieſen befand ſich auch die Kamelia. Julia's Angeſicht war ſo bleich, daß es vollkommen einem Marmorbilde glich; die Lippen waren farblos und es lag etwas Unheim⸗ liches in der Abweſenheit alles deſſen, was bei einem noch lebenden Weſen an das Leben ſelbſt erinnerte. „Iſt dem Fräulein das Haar ſo recht?“ fragte die Friſeurin. „Ja,“ antwortete Julie, ohne die Augen von der Blume zu dem Spiegel zu wenden. „Darf ich die Blume einſetzen?“ „Ja wohl.“ Julie reichte ihr ganz mechaniſch die weiße Ka⸗ melia. Einige Augenblicke ſpäter ſtand Julie mit einem hellſeidenen Gewande angethan da, ein friſches Blu⸗ menbouquet an dem ſchneeweißen Buſen, welcher kalt und leblos ſchien. Als ſie ſich von dem Spiegel zu dem Mädchen umdrehte, von welchem ſie angekleidet — 224 „ worden war, konnte dieſe einen leichten Schauder nicht unterdrücken, denn über Julie's Züge hatte ſich ein ſolcher Ausdruck von Erſtarrung gelagert, daß Liſette eine Leiche und nicht ihr Fräulein zu ſehen glaubte. Bei dem Anblick ihres Schreckens glitt ein un⸗ ſäglich mildes Lächeln über Julie's Angeſicht und ſie ſagte mit einer auffallend holdſeligen Stimme: „Ich danke dir für deine Hülfe, Liſette! Sage mir nur, wenn Mama ſertig iſt.“ Sie reichte dem Mädchen die Hand. Liſette führte ſie an ihre Lippen. „Das Fräulein iſt gewiß krank,“ ſagte ſie. „Nein, mein Kind, geh nun.“ Das Mädchen ging mit einer eigenen Beklem⸗ mung im Herzen. Julie ſank langſam auf die Kniee nieder, faltete die Hände, und indem ſie die Lippen auf einen Ring drückte, welchen ſie an dem kleinen Finger trug und welchen ſie in einem Alter von zwölf Jahren von Alfred er⸗ halten hatte, flüſterte ſie: „O du milder, gnädiger Vater, ich danke dir! — Du haſt mein Flehen erhört; er wird glücklich werden, ein ehrlicher Menſch werden; ich habe jetzt genug gelebt und du haſt Erbarmen mit mir gehabt. Vater, nimm meine Seele auf!“ Julie ſtützte das Haupt auf die gefalteten Hände und blieb auf den Knieen ſo liegen. Eine halbe Stunde ſpäter trat die Oberſtin in vollem Koſtüme ein. „Julie! Julie!“ rief ſie,„was iſt das für eine Schwachheit?“ —— ——— 225 Julie rührte ſich nicht. Erſchrocken ging die Oberſtin auf die Tochter zu und rief, indem ſie ihre Hand auf deren Schulter legte: „Kind, biſt Du krank?“ Unbeweglich blieb Julie liegen; ihre Schulter war kalt. Ganz außer ſich hob die Mutter ſie mit Liſette's Beiſtand auf. Man ſchickte nach dem Doktor Ling — es war zu ſpät— Julie war todt. Die Oberſtin ließ dem Zollverwalter wieder ab⸗ ſagen, aber ohne der traurigen Urſache zu erwähnen; ſie wollte die Hochzeitfreude nicht ſtören. XXX. In dem großen Saale des Gaſthofs waren die Hochzeitgäſte verſammelt, mit Ausnahme von Albin und dem Bräutigam. Man trank Thee, man wartete, aber keine Braut und kein Bräutigam ließen ſich ſehen. In einem der Seitenzimmer befand ſich Elin, als Albin eintrat und ſein längeres Ausbleiben damit entſchuldigte, daß er an einem Krankenbett abgehalten worden wäre. „Iſt Alfred jetzt da?“ fragte Elin. „Nein; aber er wird wohl noch kommen, wenn die Wölfe ihn nicht aufgezehrt haben,“ antwortete Albin mit einem ſichtbaren Beſtreben, heiter zu er⸗ ſcheinen, was aber nicht gelang. Schwartz, Novellen. V. 226 Elin's Herz ſchlug unruhig, und ein ganzes Heer trautiger Ahnungen plagte ſie, ohne zu wiſſen, warum; aber unaufhörlich dachte ſie mit innerem Beben an Albin's Worte:„Du wirſt niemals die Frau des Elenden.“ Und als ſie ihre beſorgten Blicke auf das etwas bleiche Antlitz ihres Freundes heftete, las ſie darin hinter der Maske unbekümmerten Frohſinns eine feſte Entſchloſſenheit. Einmal fragte ſie den Bruder: „Hjalmar, weißt Du nicht, wo Alfred bleibt?“ Er antwortete mit einem lakoniſchen„Nein!“ Eine Viertelſtunde nach der andern verging; endlich ſchlug man vor, nach dem Bräutigam zu ſchicken. Dieß geſchah, aber man erhielt zur Antwort, er habe ſich ſeit dem Vormittag zu Hauſe nicht ſehen laſſen. Man ſandte zu der Oberſtin, aber der Lieu⸗ tenant war auch dort nicht geweſen. Strale's unbegreifliches Verſchwinden gab natür⸗ lich zu einer Menge Vermuthungen Anlaß, und als er noch immer ausblieb, mußten die Gäſte verab⸗ ſchiedet werden. Als die Ling ſche Familie wieder nach Hauſe kam, blieb der alte Zollverwalter völlig beſtützt ſtehen und betrachtete Elin, welche ſich auf das Sopha ge⸗ worfen hatte, wo ſie das Angeſicht in den Händen verbarg und weinte. „Mein Vater,“ nahm jetzt Albin das Wort,„der Skandal, welchen die unterbrochene Hochzeit verurſacht, dürfte größtentheils Ihnen zugeſchrieben werden; denn hätte mein Vater eine einzige Minute auf meine Worte gehört, ſie in Betracht gezogen und nicht ſo unbedacht 227 Elin dem Lieutenant an den Hals geworfen, ſo wäre ich nicht genöthigt worden, zu den äußerſten Mitteln zu greifen, um einem Unglück vorzubeugen, welches Elin's ganzes Leben vergiftet hätte; ich bin es, der Strale zu kommen verhindert.“ „Du!“ rief Elin und ſprang auf. S „Du!“ rief die Frau Ling und ſah ihren Sohn beſtürzt an. „Du!“ ſchrie der Zollverwalter und erwachte völlig aus ſeiner gewöhnlichen Trägheit. Hjalmar ſchwieg. „Ja, ich!“ antwortete Albin mit einem traurigen Lächeln. „Aber mit welchem Rechte?“ fragten alle drei. „Mit dem Rechte, welches jedem ehrlichen Mann zukommt, eine Kette niedriger Handlungen zu unter⸗ brechen,“ antwortete Albin ernſt. „Ich fordere eine nähere Erklärung,“ fiel der Zellverwalter hitzig ein;„Du haſt mich, Elin und mein ganzes Haus vor der Stadt lächerlich gemacht.“ „Hier habe ich nichts zu ſagen und ſage auch nichts, aber wenn Elin, mein Vater und Hjalmar jetzt gleich mir nach Ahlvik folgen wollen, ſo wird es dort klar werden. Mag Elin dann ſelbſt über Julie Deen's Mörder urtheilen; denn das iſt Strale.“ „Julien's Mörder! Mein Gott, was ſagſt Du? Iſt Julie todt?“ „Ja, ſeit vier Stunden; ich kam von ihrer Leiche zur Hechzeit,“ entgegnete Albin mit tiefer Rührung. „Sie ſtarb an gebrochenem Herzen, wie man ſich aus⸗ zudrücken pflegt. Sie ſtarb darum, daß ſie den elen⸗ 228 den Menſchen geliebt, ſtarb darum, daß er ſie be⸗ trogen hatte.“ Es entſtand eine unheimliche Stille. Albin fuhr mit durchdringendem Ernſte fort: „Aber dieß iſt nur eine ſeiner verbrecheriſchen Thaten.— Folge mir, und Du wirſt finden, Elin, daß der Mann, deſſen Händen Du deine Zukunft an⸗ vertrauen wollteſt, ein Burſche ohne Ehre, ein Menſch ohne Herz, mit einem Wort ein Elender iſt. Elin war ſo bleich, wie der ſchneeweiße Braut⸗ ſchmuck, den ſie trug. Sie hielt die Hand feſt auf das Herz gedrückt; aber mit wieder erkämpfter Ruhe ſagte ſie endlich: „Ich werde dir folgen.“ XXXI. Im nächſten Augenblick ſaßen Elin, Hjalmar, Albin und der Zollverwalter in Wagen des letztern und fuhren nach dem eine Meile von der Stadt ge⸗ legenen Ahlvik. Nicht ein einziges Wort wurde zwiſchen ihnen gewechſelt. In eine Ecke des Wagens gedrückt, ſaß Elin ſtill und bleich da. Der Zollverwalter nahm eine Priſe nach der andern. In Ahlvik angekommen, gebot Albin dem Kut⸗ ſcher, im Hinterhofe anzufahren. Er bat die Andern, ihm zu folgen, und man gelangte in das Gebäude, ohne die große Allee zu paſſiren, und ſomit ohne von dem Fenſter aus geſehen zu werden. Albin öffnete 229 die Salonthüre einem Schlüſſel, welchen er mit⸗ gebracht hatte, und Elin hörte Stimmen von dem anſtoßenden Kabinete. 3 „Hört einmal, ihr Lümmel, wie lang gedenkt ihr meine Geduld auf die Probe zu ſtellen?“ ließ ſich Strale dort vernehmen.“ „Bis der Herr Doktor zurückkommt,“ antwortete eine grobe Mannesſtimme.—„Der Lieutenant hat ja ſeit fünf Stunden dieſelbe Antwort bekommen,“ ſetzte er mit einem rohen Gelächter hinzu. „Zum letzten Mal ſage ich euch, wenn ihr mir zum Zollverwalter Ling folgt, ſo löſt er ſogleich die Schuldverſchreibung ein, und ihr bekommt überdies ein ehrliches Douceur.“ „Das iſt wohl möglich; aber ſehen Sie, der Doktor hat geſagt, ſein Vater bezahle keinen Schilling; er dagegen werde vor Nachts zwölf Uhr den Schuld⸗ ſchein in's Reine bringen; außerdem hat er uns eine ganz hübſche Summe verſprochen, wenn wir den Lieu⸗ tenant hier zurückhielten. Sollte der Lieutenant den mindeſten Verſuch machen, auszureißen, ſo würden wir denſelben ſogleich hinter Schloß und Riegel ſetzen. Ueberdieß hat der Lieutenant ſo oft ſchon mir etwas in die Hand zu drücken verſprochen, ohne daß ich je⸗ mals etwas Nun könnte es dießmal ebenſo gehen.— Das iſt Alles, was ich ſagen wollte.“ Elin ſah Albin mit einem Ausdruck der Miß⸗ billigung an und machte eine Bewegung; er aber hielt ſie zurück und bedeutete ihr, ſich ſtill zu halten; darauf ging er in das Kabinet und ſchoß die gardine wieder hinter ſich. 230 .„Geht in das nächſte Zimmet,“ ſagte Albin, als er eingetreten war. Darauf hörte Elin, daß drei Männer ſich entfernten. „Ich habe Ihnen nur ein Wort zu ſagen!“ rief Strale,„und das iſt, daß Doktor Ling ſich wie ein Schurke, wie ein treuloſer Wicht benommen hat.“ „Nicht ſo eilig, Lieutenant Strale,“ erwiederte Albin ruhig.„Hören Sie mich aufmerkſam au.“ „Nein, ich will und muß fort von hier.“ Elin hörte Schritte ſich dem Salon nähern; aber ſie wurden ſogleich gehemmt und Albin ſagte: „Nicht von der Stelle, ehe Sie mich gehört ha⸗ ben, oder man führt ſie in Schuldhaft. Die Hoch⸗ zeitsgäſte ſind verabſchiedet, ſo daß für heute an eine Trauung nicht zu denken iſt.— Hören Sie mich darum ruhig an, wie es ſich für einen Mann geziemt.“ „Nun wohl, was werde ich dann vernehmen?“ „Aurora Henning iſt wieder da, obgleich Sie dieſelbe auf ſehr geſchickte Weiſe von hier wegzubringen wußten; aber da ich Namen und Wohnung von ihr in Stockholm kannte, ſo gelang es mir, ſie von dem geſpielten Betrug in Kenniniß zu ſetzen und zur Rück⸗ kehr zu beſtimmen. Sie haben meinen Namen gefälſcht, ich beſitze die Beweiſe dafür, durch die Schuidſcheine, welche Sie Hjalmar ausſtellten; Sie haben Elin's Bruder zu einem ausſchweifenden, ſittenloſen Leben verführt und im Spiele demſelben ſein Geld abgenom⸗ men. Sie haben durch Ihre Treuloſigkeit Julie Deen gemordet;— ſie iſt todt.“ „Julie.. Julie.... todt!“ rief Strale mit einer vor Schmerz bebenden Stimme. —, 231 „Ja, todt— burch Sie. Die Oberſtin hat mir jetzt Alles geſagt; daß Sie ſieben Jahre heimlich mit ihr verlobt waren, daß Sie deſſen ungeachtet um Elin gefreit haben, um in den Beſitz ihres Geldes zu ge⸗ langen. Erſt nachdem Sie Elin's Jawort empfangen hatten, brachen Sie mit Julie. Sie zermalmten deren Herz, und Julie ſuchte dennoch Ihre Ehre zu retten und Ihr Glück zu fördern. Sie wußte nicht, was Sie für ein durchaus elender Menſch ſind.“ „Halt!“ ſchrie Strale und ſprang auf. „Bleiben Sie ſitzen und hören Sie mich; es iſt noch nicht zu Ende. Während Julie ſich allein von Ihnen geliebt glaubte, knüpften Sie ein zärtliches Verhältniß mit einer jungen, geachteten Wittwe an, und dieſe Verbindung ſtützte ſich auf ein Eheverſprechen. Sie haben die Vorſicht beobachtet, dieſe Großthat unter meinem Namen auszuführen; aber Sie vergaßen, daß eine eiferſüchtige Frau ſcharfſinnig und beharrlich iſt. Frau Henning ſpionirte Sie aus, ſie wollte für ſich und ihr Kind die Ehre wieder erlangen, welche Sie derſelben geraubt hatten, nachdem deren kleines Ver⸗ mögen von Ihnen durchgebracht worden war. Es ge⸗ lang ihr, zu entdecken, wo Sie waren, und ſie kam, wie Ihnen bekannt, in Ihre Wohnung zu Stockholm, wo ſie ſich der Briefe von Julie bemächtigte. Da Sie ungeachtet der Drohungen von ihr ſich weigerten, das gegebene Verſprechen zu erfüllen, reiſte ſie hieher. Sie wiſſen, wie Julie handelte. Aber welchen Ein⸗ druck machte das auf Sie?— Nun, Sie überredeten Frau Henning auf liſtige Weiſe, nach Stockholm zurück⸗ zukehren, Sie folgten ihr dorthin, während Sie vor⸗ 232 gaben, nach K— zu tuſſen, und dort ſtahlen Sie Frau Henning die von Ihnen geſchriebenen Briefe, damit dieſelbe ſich nicht Ihren Namen und die Erfül⸗ lung Ihres Verſprechens erzwingen könnte;— das iſt Ihre Art und Weiſe zu handeln; nun kommen wir zu der meinigen. Ich hatte Julie mein Ehren⸗ wort gegeben, von dem Ereigniß mit Frau Henning nichts weiter zu erwähnen, und ich ſchwieg. Aber ich ſchwur, daß Elin niemals Ihr Opfer werden ſollte — daß Sie gezwungen werden ſollten, die Frau, welche Sie um Ehre und Vermögen beſtohlen haben, zu heirathen. Dies— ſo habe ich mir vorgenommen — wird geſchehen, und noch niemals bin ich ſtill geſtanden, ehe ich an dem vorgeſetzten Ziele angekom⸗ men war. Darum trug ich Sorge dafür, daß Sie WMittags im Gaſthauſe von Stadtdienern, welche einen Verhaftsbefehl gegen Sie in Händen hatten, ergriffen wurden.“ „Sie wollen mich zwingen!“ Der Lieutenant brach in ein Hohngelächter aus. Elin hörte Albin an eine Thüre gehen, welche er öffnete. „Haben Sie die Güte, Madame, und treten Sie hier ein,“ ſagte er. „Aurora!“ rief Strale erſtaunt. „Ja, die Aurora, der Du Vermögen, Ehre und Glück geraubt haſt, die eher ſich tödten ließe, als ge⸗ ſtatten würde, daß eine andere Frau deinen Namen trüge, der mir und deinem Kinde zugehört!“ „Nun wohl, Madame,“ entgegnete Strale mit altem Spott,„verſchaffen Sie ſich doch Recht, ver⸗ 233 ſuchen Sie mich zu einer Ehe zu zwingen, welche ich niemals zu ſchließen beabſichtigte.“ „Wir wollen die Zeit nicht mit zweckloſem Wort⸗ ſtreite verſtreichen laſſen,“ ſagte Albin und ſchlug die Thürgardine zum Salon zurück, und vor den Blicken des beſtürzten Strale zeigten ſich Elin, der Zollver⸗ walter und Hjalmar. „Treten Sie hier ein, Herr Lieutenant,“ nahm Albin wieder das Wort;„es geht jetzt wahrſcheinlich leichter, Sie zur Beſinnung und Vernunft zu bringen. Sie ſehen wohl ein, daß meine Couſine einen Men⸗ ſchen ohne Treue, ohne Ehre und ohne Herz nicht zum Mann haben will.“ „Hat Doktor Ling die Geſinnung von Elin aus⸗ geſprochen?“ fragte Strale. „Ja,“ antwortete Elin. Sie war ſo blaß und zitterte ſo heftig, daß ſie ſich auf eine Stuhllehne ſtützen mußte. „Aber ich gebe meine Einwilligung nicht dazu, daß unſere Verlobung aufgelöſt werde. Und dann ſind Sie außer Stand geſetzt, ſich mit einem Andern zu verheirathen. Das iſt geſetzlich.“ „Wir wollen ſchon ſehen,“ fiel Albin ein,„ob Sie ihre Gedanken nicht ändern. Nehmen Sie für einen Augenblick an, Elin zahle zum Erſatz Ihre Schul⸗ den; würden Sie dann nicht darauf eingehen, die Verlobung zu brechen?“ „Nein,“ antwortete Strale mit trotziger Miene. „Dann folgen Sie den Stadtdienern in die Schuldhaft, und da haben Sie ſchwache Hoffnung, herauszukommen.“ ————————————— 234 Elin wandte ſich zu Strale: „Mein Herr,“ ſagte ſie,„Sie haben heilige Pflichten gegen dieſe Frau zu erfüllen; Sie haben ſo viel zu ſühnen, wenn Sie an Julie denken, daß ich gern dazu beitragen will, damit Sie das Böſe, wel⸗ ches Sie angerichtet haben, einigermaßen wieder gut machen können. Begehren Sie von mir jeden Erſatz an Geld; Sie ſollen ihn erhalten; aber hoffen Sie niemals, ſich meine Hand zu erzwingen.— Heirathen Sie dieſe Frau, das iſt Ihre Pflicht.“ „Sie haben die Wahl, Herr Lieutenant, entweder Frau Henning zu heirathen und Erſatz für die ge⸗ brochene Verlobung zu erhalten, oder— den Stadt⸗ dienern zu folgen und morgen in. den Zeitungen als Fälſcher geſchildert zu werden.“ Strale ſtützte den Kopf in die Hand und ver⸗ harrte eine Weile ſchweigend. Elin legte die Hand auf ſeine Schulter und ſagte: „Denken Sie an Julie und handeln Sie ehrlich.“ Strale ſah ein, daß es keine Wahl gab: er be⸗ ſchloß ſomit den größtmöglichen Nutzen aus der Wen⸗ dung, welche die Ereigniſſe genommen hatten, zu ziehen. Man begann über den Preis für ſeine Verzicht⸗ leiſtung auf alle Anſprüche an Elin zu unterhandeln. Endlich wurde eine gewiſſe Summe beſtimmt, welche der Zollverwalter als Vormünder aus Elin's Erbe an Strale bezahlen ſollte. In den ſchriftlichen Ver⸗ trag wurde jedoch die Bedingung aufgenommen, daß Strale das Geld nicht eher erhielte, als bis er mit Aurora Henning verheirathet wäre. So endete Clin's Hochzeittag. —, 235 XXXII. Zwei Jahre ſind ſeitdem verfloſſen. Elin war ſogleich nach Unterbrechung der Hochzeit mit Hjalmar nach Ahlvik gezogen. Die beiden Geſchwiſter führten dort ein ſehr behagliches Leben. Eine unverheirathete Schweſter von der Zollverwalterin Ling beſorgte die Wirthſchaft und ſtellte die Frau im Hauſe vor. Elin erkärte nach dem Bruch mit Strale, daß ſie im Sinne habe, gar nicht zu heirathen. Im erſten Jahre hatte ein gewiſſer Schatten von Wehmuth über ihrem ganzen Weſen geruht; jetzt aber begann das eigenthümliche Friſche und Lebhafte in Elin's Ge⸗ müthsart wieder zum Vorſchein zu kommen. Hjalmar war wieder vollkommen zu einer geord⸗ neten Lebensweiſe zurückgekehrt und brachte ſeine ganze Zeit, wenn der Dienſt ihn nicht hinweg rief, auf dem Lande zu. Albin fungirte an dem Krankenhauſe und war ſich vollkommen gleich. Er beſuchte dann und wann Ahlvik, aber im erſten Jahre ſehr ſelte gegen Elin beobachtete er das Benehmen eines Brihhrs In der letzten Zeit hatten ſich die gewöhnlichen ſcherzhaften Wortgefechte ſo allmälig wieder zwiſchen Couſin und Couſine eingeſtellt. An einem ſchönen Abend im Auguſt ſaß Elin im Garten und arbeitete. Hjalmar lag ausgeſtreckt im Graſe mit einem Buche in der Hand. „Nun, Elin, gedenkſt Du in vollem Ernſt dem Kapitän K— einen Korb zu geben? Der Mann iſt 236 mein Kompagniechef und ein ungemein tüchtiger Kriegs⸗ knecht,“ begann Hjalmar. „Lieber Hjalmar, ich gedenke nicht, mich zu ver⸗ heirathen,“ antwortete Elin.—„Glaubſt Du nicht, daß ich am erſten Verſuche genug gehabt habe?“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu. „Es iſt nicht der Mühe werth, von dem fern⸗ digen Schnee zu reden, und Du wirſt in die Länge es nicht aushalten, unverheirathet zu leben, theure Elin.— Aber vielleicht möchteſt Du Jemand anders haben?“ Hjalmar ſah dabei ſehr verſchmitzt aus. „Und wer ſollte das ſeyn?“ fragte Elin und nähte eifrig darauf los. „Was weiß ich? die Mädchen haben ſo wunder⸗ liche Launen. Wenn Du zum Beiſpiel dem ſtattlichen Kapitän einen gewiſſen Pflaſterſtreicher vorzögeſt?“ „Ganz und gar nicht. Ich ziehe Niemand vor,“ entgegnete Elin, ziemlich lebhaft erröthend. „Um ſo beſſer; denn Albin wird dich wohl nicht haben wollen.“ „Biſt Du deſſen ſo gewiß?“ fragte Elin, ihren Bruder tn „Vollkommen.“ „Woher weißt Du es?“ „Daher, daß er ſeine Augen anderswohin ge⸗ richtet hat. Du haſt dir wohl eingebildet, ſein Herz in deinen Händen zu haben; aber darin irrſt Du dich, Schweſterchen.“ „Höre, Hjalmar, warum intereſſirte denn Albin ſich ſo ſehr dafür, daß ich nicht Strale's Frau wurde, — 237* wenn er nicht ſein Herz mir ein wenig zugewendet gehabt hätte?“ „Liebes Kind, das that er aus lauter Barm⸗ herzigkeit. Sey verſichert, liebe Elin, daß er dich gar nicht haben will, darauf gebe ich mein Ehrenwort.“ „Um ſo beſſer, weil ich gleichfalls gar nichts von ihm will,“ antwortete Elin wieder mit etwas von ihrer frühern Gereiztheit im Tone. „Wenn Gott ſo gern mich haben möchte, wie Du Albin haben willſt, ſo ſäße ich nicht hier, ſon⸗ dern droben im Himmel,“ ſagte Hjalmar lachend. „Willſt Du, daß ich darauf ſchwören ſoll?“ fragte Elin etwas heftig. „Nicht nöthig. Da kommt er übrigens ſelbſt und könnte Zeuge von dem Schwur ſeyn.— Hierher, Albin!“ rief Hjalmar und im nächſten Augenblick ſtund unſer Doktor vor Elin. „Willkommen, Albin! Wie geht es der Tante?“ ſagte Elin und reichte ihm die Hand. „Sie befinden ſich daheim vortrefflich; Mama beabſichtigt, morgen heraus zu kommen,“ antwortete Albin und lagerte ſich gleichfalls im Grgſe⸗ „Weißt Du, was Elin gerade thun wollte, als Du zu allem Glück kameſt?“ fiel Hjalmar ein, indem er Albin eine Cigarre anbot. „Sie ließ ihre Freier in der Phantaſie Parade machen,“ erwiederte Albin, während er ſeine Cigarre anzündete. „Hjalmar, ich werde wirklich böſe, wenn Du ſagſt, wovon wir geſprochen haben!“ rief Elin mit erröthenden Wangen. „Aber ich fürchte mich nicht. Ja, lieber Albin, 4 ſie war nahe daran, zu ſchwören, ſie wolle dich nicht zum Mann habe. Du belommſt ſomit einen koloſſalen Korb, wenn Du zu freien gedenkſt.“ „ſondern mir ein Weib zu nehmen, wie Percival ſagt.“ „Aber Elin ſchwört darauf, daß ſie ſich nicht nehmen läßt,“ verſicherte Hjalmar lachend. „Geſtehe, Albin, daß Hjalmar recht boshaft iſt,“ ſagte Elin, welche dem Weinen nahe war. die Wahrheit redet, nein.“ „Jetzt gehe ich meines Wegs!“ rief Hjalmar Nein verdolmetſchen. Merke dir nur Eins, Albin;“ Hjalmar ſang: „Nimmt man die Worte, wie ſie lauten, Wie leicht wird man bethöret da: Ein Ja kann oft ein Nein bedeuten, Ein Nein bedeutet oft ein Ja.“ Und damit ging der junge, eben mündig gewor⸗ dene Lieutenant hinweg. „Ah ſö liebe Elin, Du willſt darauf ſchwören, daß ich niemals dein Mann werden ſoll?“ begann Albin und betrachtete Elin, während er zu ihren wozu hätte alſo ein ſolcher Eid gedient?“ „Lieber Albin, Hjalmar hat mich ſo ſehr gereizt,“ antw ortete Elin zu Boden ſchauend. „Sieh mich an, Elin, und ſprich: würdeſt Du nein ſagen, wenn ich dich bäte, mein zu werden?“ „Ich gedenke nicht zu freien,“ erwiederte Albin, „Im Fall er unwahr ſpricht, ja, im Fall er „und ihr könnt auf eigene Hand das Wort Ja und Füßen ausgeſtreckt lag;„aber ich habe ja nicht gefreit; p 239. Albin faßte ihre Hand und ſetzte in mild ernſtem Tone hinzu: „Wenn es einen Mann gäbe, welcher dich treu. viele Jahre her geliebt, welcher ſeine theuerſten Hoff⸗ nungen an dich gekettet, welcher bei dem Gedanken an dich jede Verſuchung, jede Handlung, die ihn deiner Liebe unwürdig machen könnte, gemieden, welcher be⸗ harrlich und ſtandhaft den Gedanken bewahrt hat, daß Du der Preis für ein Leben, auf welchem kein Flecken haftet, werden ſollteſt; welcher niemals ſein thätiges Leben fortſetzen könnte, wenn er die Hoffnung verlöre, dich einmal ſein eigen zu nennen— ſprich, Elin, was für eine Antwort würdeſt Du dieſem Manne geben, der ſeine ganze Hoffnung auf dich ge⸗ ſetzt hat?“ „Ich weiß es nicht,“ ſtammelte Elin. „Du weißt es nicht? Ja, Elin, Du weißt es. Sage, würdeſt Du darauf ſchwören können, Du wolleſt ſeine Frau nicht werden?“ Albin ſah ihr mit einem warmen und redlichen Blick tief in die Augen. „Wenn dieſer Mann Albin Ling wäre, dann...“ Elin ſah lächelnd und erröthend ihien „Dann?“ Albin drückte ihre Hände an ſeine Lippen. „Dann ließe ich das Schwören wohl bleiben, ſonſt würde er meineidig, weil er einmal darauf ge⸗ ſchworen hat, daß ich ſeine Fantippe werden ſollte.“ „Elin, Elin!“ Tags darauf, als der Zollverwalter mit ſeiner Frau nach Ahlvik kam, wechſelten Elin und Albin die Ringe. „Siehſt Du, Elin,“ flüſterte der Doktor ſcherzend, „Du ſollteſt doch in meiner Geſellſchaft noch die Tantippe ſpielen, und ich muß mich jetzt bequemen, ein anderer Sokrates zu werden.“ „Es geſchieht nur aus chriſtlicher Liebe, daß ich mich darein ergebe,“ verſicherte Elin lachend;„denn ich will nicht, daß deine Hartnäckigkeit dich in ewiges Verderben ſtürze.“ „Jetzt hat ſie mich zur Seligkeit geführt.— Die Kunſt, im Leben vorwärts zu kommen, liegt darin, daß man niemals aufhört, etwas zu wollen. Man macht ſich dann das Glück gewogen.“ „Ach, armer Albin! Du haſt eine kleine Erobe⸗ rung von Fortuna gemacht, da Du mich bekameſt,“ ſagte Elin mild lächelnd.„Ich mit meinen vielen Fehlern würde eine ſehr unvollkommene Begleiterin durch das Leben werden, wenn nicht meine tiefe, innige Anhänglichkeit an dich noch mich beſſern könnte.“ „Theupe Elin! Ich liebe dich ſo wie Du biſt und will dich nicht anders haben. Ich bin vollkom⸗ men überzeugt, daß Gott mir keine liebenswürdigere Gattin ſchenken konnte.“ Das Jahr darauf feierten Elin und Albin ihre Hochzeit, die keine Unterbrechung erlitt. der hund des Savoyarden. Schwartz, Novellen. V. 16 Am Schluß des vorigen Jahrhunderts befand ſich außerhalb des Dorfes Linieres ein kleines Hofgut, la Ronceraie genannt, einem atmen Edelmann, Na⸗ mens Frangois de Corday d'Armans, gehörend. Das kleine Beſitzthum gewährte dem Inhaber und ſeiner Familie kein zureichendes Auskommen, be⸗ ſonders da die Ausgaben von Jahr zu Jahr größer wurden. Die Noth ſtand auf der Schwelle und die Zukunft lag trüb und düſter vor den Augen von Herrn de Corday. 1⁵ Der arme Mann verlebte ſeine Tage von Kum⸗ mer niedergedrückt und theilte, während er ſeine ganze Hoffnung auf die bereits geahnten Umwälzungen in der alten geſellſchaftlichen Ordnung ſetzte, ſeine Zeit zwiſchen der Bebauung ſeiner unbedeutenden Felder, der Unterweiſung ſeiner Kinder und dem Trachten nach einer literariſchen Beſchäftigung. Er verfaßte einige gegen Despotismus und Vor⸗ urtheile gerichtete Gelegenheitsſchriften, wurde aber ——————————— durch die Umſtände gezwungen, von dieſer Arbeit abzuſtehen. Die materiellen Intereſſen nahmen bei dem Tode ſeiner Frau ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch, daß ſie keine Zeit zu andern Dingen übrig ließen. Monſieur Corday hatte nun allein für fünf Kin⸗ der, darunter drei minderjährige Töchter, zu ſorgen. Unter den letztern zeichnete ſich Charlotte aus. Schon in der Kindheit war ſie ihren Geſchwiſtern an Verſtand und einer eigenthümlich ernſten Geiſtes⸗ richtung voraus. Auf der Stirne des Kindes war zu leſen, daß in dieſem Kopfe große Gedanken und weitumfaſſende Intereſſen ſich entwickelten. Bei all dem war ſie unter ihren Ghwin am geduldigſten und ergebenſten und diejenige, welche ſich immer geneigt zeigte, den Leidenden Troſt und Hülfe zu bringen. An einem ſchönen Sommerabend kehrten die drei Mädchen, noch im Kindesalter ſtehend, von der Wiſe zurück, wo ſie gleich den Bauerntöchtern den ganzen Tag mit Heurechen beſchäftigt geweſen waren. Charlotte ſetzte ſich, daheim angekommen, vor die Hausthüre. Traurig vor ſich hinſchauend, dachte ſie an ihren Vater und die Laſt des Kummers, die in ſeinen Zügen zu leſen war. Sie dachte an die Mutter und deren frühen Tod, und endlich an Alles, was ſie den Vater von Frankreichs Unglück erzählen gehört hatte. In der bittern Schule der Armuth und Noth reift das Nachdenken frühzeitig und der Menſch lernt Betrachtungen über das Leben anſtellen. 245 Charlotte war in dieſer Schule aufgewachſen und hatte von ihrem zarteſten Alter an gehört, wie Mon⸗ ſieur de Corday ſich unaufhörlich, um des eigenen Leidens zu vergeſſen, mit dem ſeines Vaterlandes beſchäftigte. Der eigenthümliche Gedankengang des Mädchens war dadurch von Reflexionen über ihre finſtere und freudenleere Kindheit abgelenkt und nach außen ge⸗ richtet worden. Sie grämte ſich niemals über ihr eigenes Ge⸗ ſchick, dagegen wohl über das des Vaters, der Ge⸗ ſchwiſter und Frankreichs, und dies Alles geſtaltete ſich in der Seele des Kindes zu einem Geſammtbilde. Müde von des Tages ſtrenger Arbeit überließ ſich nun das kleine Mädchen ihren ſtillen Betrachtungen. Der Abend war ruhig, die Luft warm und der Himmel tiefblau. 3 Die Sonne warf ihre Strahlen noch auf das 3 Dach des verfallenen Hauſes, aber ohne daß das Mädchen darauf Acht gab. Die Schönheit der Natur, die Poeſie des Augen⸗ blicks und der Frieden des Abends vermochten für jetzt nicht, wie es ſonſt der Fall war, auf das nachdenk⸗ liche Kind einzuwirken und es anzuregen. Plötzlich vernahm man ein heftiges Bellen, ein Gelächter, darauf einen Schrei und ein Schmerzgeheul. Bei dem Laute davon flog Charlotte von ihrem Platze auf und eilte, ohne ſich eine Sekunde zu be⸗ denen, nach der Richtung hin, von wo das Geheul und der Jammerruf herkamen. Am Rande eines tiefen Grabens ſah ſie einen —— 246 kleinen Savoyardenknaben liegen und weinen, während er einen winſelnden Hund mit ſeinen Armen umſchloß und dazwiſchen unaufhörlich rief: „Heilige Jungfrau, ſie haben Fidele getödtet!“ Der Knabe und das Thier waren beide mit Blut beſudelt. Charlotte ſtand neben ihnen, ohne daß ſie deren Ankunft bemerkten. „Was iſt geſchehen?“ fragte ſie, zu dem kleinen Savoyarden ſich niederbeugend. Der Knabe erhob den Kopf, ſah Charlotte mit ſeinen in Thränen ſchwimmenden Augen an und ſtam— melte unter Schluchzen: „Mein armer Hund iſt erſchoſſen! Ach, mein Gott, ich bin ſo unglücklich, ſo unglücklich!“ Der Knabe ließ den Kopf wieder zu dem lang⸗ und grobhaarigen, verwundeten Begleiter niederſinken. „Dein Hund lebt ja noch,“ ſagte Charlotte, den Knaben berührend.„Seine Wunde iſt vielleicht noch zu heilen. Laß mich nach ihm ſehen.“ Im Augenblick erhob ſich der Savoyarde. Char⸗ lotte ſetzte ſich auf den Raſen neben dem Hunde nie⸗ der, welcher, ungeachtet das Blut ihm von dem Kopfe rann, doch mit einem Laute des Mißvergnügens näher zu ſeinem kleinen Herrn hinkroch. Trotz dieſer Oppoſition gegen ihr Auftreten unter⸗ ſuchte das Mädchen die Wunde des Hundes. Der Schuß hatte das rechte Auge getroffen. Die Kugel war nicht in den Kopf gedrungen, ſondern daran hingegleitet, hatte aber buchſtäblich das Auge 247 mit ſich fortgeriſſen, und eine lange, breite Wunde außen an der Kinnlade und am Halſe zurückgelaſſen. Nachdem Charlotte mit großer Genauigkeit die Wunde unterſucht hatte, ſagte ſie tröſtend zu dem Knaben: „Es kann mit Fidole ſchon noch gut werden; ich will mich ſeiner für dich annehmen, wenn Du ihn meiner Pflege anvertrauen willſt.— Siehſt Du, dort wohne ich,“ ſetzte ſie hinzu und deutete auf die ärmliche Wohnung, welche zwiſchen den Obſtbäumen hervorſchimmerte. „Die heilige Jungfrau ſegne Sie, wenn Sie Fidole helfen können,“ ſchluchzte der Knabe und wollte die Hände des Mädchens küſſen;„ich werde für Sie beten, denn nächſt meiner kleinen Schweſter habe ich Niemand in der Welt ſo lieb wie ihn.“ Einige Augenblicke hernach hatte Charlotte den Hund in ihres Vaters Haus getragen und ausgewirkt, daß der kleine Savoyarde daſelbſt über Nacht bleiben durfte. Am folgenden Morgen mußte der Knabe ſeine Wanderung fortſetzen. Charlotte verſprach ihm, ſeinen übel zugerichteten Diener getreulich zu pflegen und, ſo weit es ſich thun ließe, des Hundes Wunde zu heilen. Der Knabe ſollte in ein paar Monaten wieder kommen, um Fidole abzuholen, von welchem zu ſchei⸗ den ihm jetzt ſo bitter wurde. Ehe er ſich jedoch entfernte, mußte er der klei⸗ nen Beſchützerin des Hundes noch berichten, wer das Unglück angeſtellt hatte, 248 „Ja, das ging ſo,“ erzählte der Knabe, welchem, bei der Erinnerung an das traurige Ereigniß wieder die Thränen in die Augen traten;„ich war ſehr müde von der Wanderung und hatte mich auf eine kleine Anhöhe im Walde geſetzt, um zuſammen mit Fidole ein Stück Brod zu eſſen. Da kam ein Mann mit einer Büchſe auf mich zu und fragte, was ſich hier zu ſchaffen hätte, und drohte, er würde mich ſchlagen, wenn ich nicht ſogleich aufpacke. Fidele, welcher ſicherlich glaubte, der Mann mürde mir etwas zu Leide thun, ſtürzte bellend gegen ihn vor, um mich zu vertheidigen. In demſelben Augenblick knallte ein Schuß. Der Jäger hatte auf meinen armen Hund geſchoſſen. Ich warf mich über Fidèle hin, und der Mann ging lachend ſeines Weges. „Das war einer von den Dienern des reichen Edelmanns,“ fiel Charlotte ein..„Die ſind immer gegen die Armen übel geſinnt. Ich wußte, daß Nie⸗ mand von den Bewohnern des Dorfes es ſeyn konnte, der dir ein ſolches Leid zugefügt hätte.— Würdeſt Du den Mann wieder erkennen, wenn Du ihn zu Geſicht bekämeſt?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Ja, Mademoiſelle, darauf können Sie ſich ver⸗ laſſen; ſein Geſicht wie das Ihrige vergeſſe ich nie⸗ mals. Er iſt der erſte wirklich gottloſe Menſch, der mir in den Weg gekommen, ſeitdem ich nach meiner Eltern Tod Savoyen verlaſſen habe— und Sie— Sie ſind die erſte Perſon, welche ſich gut gegen mich gezeigt hat. Gott lohne Ihnen dafür!“ Nach dieſer Aeußerung ſtreichelte der Knabe noch einmal ſeinen Hund, welcher zuſammengekauert dalag — 249 und vor Schmerz zitterte. Er ſprach mit ſeinem Hunde, als ob derſelbe ſeine Verſicherung, daß ſie einander bald wiederſehen würden, verſtände, wandte ſich dann zu Charlotte und ſagte bittend: „Ich will Ihnen gern Alles geben, was ich ver⸗ diene, wenn ich nur bei meiner Rückkehr Fidole wieder finde. Sie verſprachen ja, daß es mit ihm wieder gut werden ſoll.“ „Ich verſpreche Alles zu thun, was ich vermag,“ antwortete das kleine Mädchen mit einem Ernſte, als ob ſie eine große Verantwortlichkeit und die Erfüllung einer heiligen Pflicht übernommen hätte. Der Savoyarde wanderte ſchweren Schrittes und betrübten Herzens weiter. Nachdem Charlotte ihren Vater zu Rath gezogen hatte, legte ſie heilende Kräuter auf Fidoèle's ver⸗ ſchwollene Wunde. Das arme Thier litt ſehr, aber es wurde ſo liebevoll gepflegt, daß mancher Menſch es darum be⸗ neidet haben würde. Die Wunde heilte allmälig und das kluge Thier bezeigte ſeiner jungen Pflegerin die größte Anhäng⸗ lichkeit und Erkenntlichkeit. Drei Monate vergingen. Der Savoyarde war nicht wiedergekommen. Fidole war jetzt unzertrennlich von Charlotte. Er lag neben ihr, wenn ſie von der Arbeit ausruhte, leckte dankbar ihre Hände, wenn ſie ihr knappes Brod mit ihm theilte, und war beſtändig an ihrer Seite, wenn ſie draußen auf dem Felde arbeitete. Ein Monat verſchwand nach dem andern; aber der Savoyarde kam nicht. „Du wirſt wohl den häßlichen, einäugigen Günſt⸗ ling behalten müſſen,“ pflegten die Schweſtern zu ihr zu ſagen; aber Charlotte ſchüttelte den Kopf und antwortete: „Lebt ſein kleiner Herr noch, ſo kommt er gewiß, um ſeinen Hund zurückzufordern, wenn es auch etwas länger anſteht.“ II. Ein Jahr war vergangen. Charlotte's Vater, nun in wirkliche Armuth ge⸗ rathen, wurde in die Nothwendigkeit verſetzt, von ſei⸗ nen Töchtern ſich zu trennen. Als arme, aber dem Adelſtande angehörige Mäd⸗ chen erhielten ſie Aufnahme in einem Kloſter zu Caen, welches Abtei aux Dames genannt wurde. Als der Vater die Mädchen davon unterrichtete, daß ſie die Heimath verlaſſen müßten, war Charlotte die einzige, welche dabei wirklichen Schmerz empfand. Für ſie waren die Entſagungen, denen ſie ſich unterwerfen mußte, vergeſſen, und ſie dachte nur an den einſamen und unglücklichen Vater, von dem ſie ſcheiden ſollte, und an Fidole, den ſie gleichfalls zurück⸗ laſſen mußte, ohne ihr dem Savoyarden gegebenes Verſprechen erfüllen zu können. In den letzten Tagen, da ſie noch zu la Ron⸗ 1 251 ceraie weilte, gab ſie einer der Nachbarsfrauen den Auftrag, ſich des Hundes anzunehmen und ihn ſeinem rechtmäßigen Beſitzer zu übergeben, im Fall derſelbe, wie Charlotte feſt und zuverſichtlich glaubte, kommen und nach ſeinem Hunde fragen würde. Am letzten Abend, den ſie daheim zubrachte, ſaß ſie, wie es ihre Gewohnheit war, vor dem Hauſe. Fidele lag zu ihren Füßen und ſah ſie mit ſeinem einzigen Auge an, als hätte er eine Ahnung davon, daß ſie ſich trennen müßten. Charlotte's Hand ruhte auf dem Kopf des Hun⸗ des, und ſie ſah traurig das ergebene Thier an, wel⸗ ches ihr ſo lieb geworden war. Bei dem Laut von einem Pfeifen, das in einiger Entfernung ſich hören ließ, hob Fidöle plötzlich den Kopf in die Höhe, ſpitzte die Ohren und ſchlug ein munteres Gebell an; dann ſtürzte er fort. Charlotte folgte ihm mit den Augen. Er verſchwand hinter dem Garten, aber ſie hörte noch ſein frohes Bellen, welches zum Zeugniß diente, daß er auf irgend einen Gegenſtand geſtoßen war, deſſen Auffinden ihn in eine freudige Stimmung verſetzte. Einige Minuten verfloſſen. Jetzt wurde Fidole wieder ſichtbar. Er kam zu Charlotte herangeſtürzt, hüpfte an ihr hinauf, heulte vor wildem Entzücken und ſprang wieder einer Perſon entgegen, welche jetzt herankam. Es war der kleine Savoyarde. Der Knabe war bleich. Sein Gang verrieth —˖.————————————— — 3 Ermüdung, aber ſein Auge glänzte vor Freude und Rührung. „Du biſt ſo lang ausgeblieben!“ rief Charlotte. „Noch einen Tag, und ich hätte mein Wort nicht halten können, in eigener Perſon dir Fidole wieder un übergeben.“ „Ich bin krank geweſen, ſehr, ſehr krank,“ ant⸗ wortete der Knabe und ſetzte ſich, um ſeinen Freund, ſeinen lieben, lieben Fidole ordentlich begrüßen zu können. Auch dieſe Nacht bekam der Savoyarde ein Lager unter dem Dache von la Ronceraie. Am folgenden Morgen, als Charlotte mit ihren Schweſtern die Heimath verließ, war es der Savoyarde, welcher ihr ein letztes Lebewohl zuflüſterte, während er mit Thränen in den Augen ſtammelte: „Bis in den Tod wird Ihnen meine und Fi⸗ dole's Dankbarkeit folgen.“ Fidole ſtimmte mit geſenktem Kopfe in dieſen Abſchiedsgruß ein. III. Jung oder Alt, Kinder oder Erwachſene, ſind wir doch in einem Stücke gleich, nämlich darin, daß wir gern mit unſern Gedanken bei Gegenſtänden weilen, welche auf eine angenehme und behagliche Weiſe unſerer Seele ſchmeicheln. 253 Haben wir Barmherzigkeit gegen den Nächſten geübt, Andern Freude bereitet, die Thränen des Schmerzes und Kummers getrocknet und Kraft dem Leidenden gebracht, ſo liegt die daraus fließende Ge⸗ nugthuung nicht blos in dem Augenblick, ſondern faſt noch mehr in der Erinnerung, daß wir nach unſerem Maße mit einem wenn auch unbedeutenden Scherflein zu dem Glück und Frieden eines Menſchen beige⸗ tragen haben. Wir blicken dabei nicht mit Stolz, nicht mit einem Gefühl von Bewunderung auf uns ſelbſt, ſon⸗ dern mit einem eigenthümlichen Wohlbehagen, der⸗ gleichen man bei allem Guten hier in der Welt empfindet, und wir rechnen ſolche Augenblicke zu den ſchönſten in unſerem Leben. Charlotte dachte oft und gern an den kleinen Savoyarden und ſeinen Hund. Sie vermißte den letztern; aber es war ihr eine theure Erinnerung, wenn ſie ſich die Freude vergegenwärtigte, welche der Savoyarde empfand, als er ſeinen getreuen Begleiter wieder gefunden hatte. Sie war dreizehn Jahre alt, als ſie aus der dürftigen Heimath in das Kloſter überſiedelte. Das Kloſterleben mit ſeinem Frieden und ſeinen frommen Gewohnheiten brachte Anfangs eine eigen⸗ thümliche Wirkung auf die Seele des jungen frühge⸗ reiften Mädchens hervor. Sie verſank in eine ſtille Träumerei und wiegte ſich ſelbſt in den Gedanken ein, daß ſie hier ſey, um ihr Leben dem Dienſte des Höchſten zu weihen, und 254 hatte kein anderes Intereſſe, als zu wachen, zu faſten und zu beten. Der Freiheitsgeiſt, welcher rings um ſie erwachte, zog jedoch Charlottes feurige Einbildungskraft und das Intereſſe ihres lebhaften Sinnes hinweg von den Kloſtermauern und feſſelte deren Gedanken an die Umwälzungen, welche ſich vorbereiteten. Je älter ſie wurde, deſto klarer ſtand es vor ihrem Innern, daß ſie ſich über ihren Beruf getäuſcht hatte, wenn ſie eine Zeit lang der Meinung geweſen war, derſelbe beſtehe darin, ſich als Nonne begraben zu laſſen. Genug, als das Kloſter aufgehoben wurde und Charlotte die Freiſtätte, welche ſie in der Abtei aux Pames gefunden hatte, verließ, war ſie genöthigt, wieder in die Welt hinauszutreten. Die eine ihrer Schweſtern war geſtorben, die andere kehrte nach Argentan zurück, um ihrem Vater abzuwarten, Charlotte fand eine Heimath bei einer Verwandten, Madame de Bretteville zu Caen. Sechs Jahre waren vergangen, ſeitdem Charlotte das arme Vaterhaus mit dem Kloſter vertauſcht hatte, welches ſie nun verließ, um die abgeſchiedene Lebens⸗ weiſe bei ihrer alten Tante fortzuſetzen, deren Tage ſtill und unbemerkt, einer dem andern vollkommen gleich, dahinfloſſen. Die Erinnerung an den Savoyarden und ſeinen Hund war erbleicht. 1 Größere und weitumfaſſendere Ideen beſchäftig⸗ ten die Seele des jungen Mädchens. =——— 255 Das, was war, und das, was kommen ſollte, bildete den Gegenſtand ihrer Betrachtungen. Ihr theures Vaterland wurde bereits von den Stürmen erſchüttert, welche mit wilder Raſerei über daſſelbe hereinbrechen ſollten. Die Kraft des freige⸗ wordenen Gedankens ergoß ihren Lichtſtrom über Frankreich, um das Evangelium der Gleichheit und Freiheit zu verkündigen und die Ketten der Vorur⸗ theile und der Unterdrückung zu zerbrechen. Charlotte, welche ſchon von den Kinderjahren an die ausgezeichneten philoſophiſchen Schriftſteller der Zeit zu ſtudiren angefangen hatte, entwickelte ſich nunmehr zu der wärmſten Patriotin, welche in der Anhäng⸗ lichkeit an das Vaterland ihre ganze Liebeskraft con⸗ centrirte. Für ſie gab es blos eine Liebe— die Liebe zu Frankreich, für das ſie leben und ſterben wollte. Sie ſchwärmte für Frankreichs Wiedergeburt, deſſen Glück und Freiheit. Sie haßte die Unter⸗ drückung und hielt jeden Einwohner Frankreichs für verpflichtet, die eigenen Intereſſen, Leben und zeitliche Wohlfahrt zu opfern, um zu dem Gedeihen des Ganzen beizutragen.— IV. In der Stadt Caen, an einer breiten, volkreichen Straße lag im Hintergrunde eines Hofes ein altes Haus. Die Mauern deſſelben, dunkel und düſter vom 256 Alter, hatten ein Ausſehen, welches deutlich verrieth, daß, wer auch die Bewohner ſeyn mochten, welche ſich hinter denſelben bargen, ſie wenigſtens keine Kinder der Freude und Gedankenloſigkeit waren. Die Zeit hatte auf das alte Haus ihre Ruinen⸗ ſchrift gezeichnet und ihm ein Gepräge des Verfalls aufgedrückt, welches niederſchlagend auf Jedermann, der demſelben nahe kam, einwirkte und zur Folge hatte, daß das Lächeln auf den Lippen erſtarb und die Freude aus der Seele entfloh. Durch eine niedrige und enge Thüre, welche dem Eingang zu einem Kerker glich, gekangte man auf eine ſaubere, ſchmale Treppe, welche in das obere Stockwerk führte, wo das Tageslicht nur ſehr ſpärlich durch die kleinen, in Blei gefaßten Fenſterſcheiben in die leeren, öden Gemächer eingelaſſen wurde. Jedoch will ich dich, lieber Leſer, nicht in dieſe unbewohnten Räumlichkeiten führen, ſondern wir blei⸗ ben auf dem Hofe. In einer Ecke deſſelben befand ſich ein Brunnen, deſſen Steineinfaſſung mit Moos überwachſen erſchien. Es war an einem Abend zu Ende Juli's 1789. Am Fuße des alten Brunnens ſaß eine junge Frau und las. Wenn man die unbewegliche Geſtalt ſah, blieb man unwillkürlich ſtehen, um dieſes ungewöhnlich ſchöne Angeſicht, aus dem in jedem einzelnen Zuge ein großer mächtiger Geiſt ſprach, zu betrachten. Das alte Haus, der düſtere Hof, der verfallene Brunnen, an deſſen Fuß ſie träumte, Alles bekam durch ſie ein anderes Ausſehen. Man ſtellte ſich jetzt vor, dieſe Wohnung, welche in ſo geringer Har⸗ monie mit der Schönheit des Mädchens ſtand, paſſe dennoch zu dem Ernſte, welcher dieſe Stirne charak⸗ teriſirte, und zu dem wunderbaren Feuer in ihren Augen. Man bildete ſich ein, eben dieſes ſeinem Aeußern nach ſo wenig einladende Heimweſen nehme ſich ganz ſo aus, als ob gerade hier große und kühne Gedanken in aller Stille das Tageslicht erblicken müßten, um hernach zu Thaten zu reifen. Die Thüre, welche vom Hofe auf die Straße führte, ſtand halb offen. Sie hing ſchief und krumm in ihren Angeln; und da es an Schloß und Riegel fehlte, konnte man dieſelbe nicht ſchließen. Der Wanderer, welcher vorüber ging, hatte Ge⸗ legenheit genug, das Mädchen zu betrachten, welches ſo unbeweglich daſaß; aber ſo feſſelnd der Anblick auch war, gingen doch die meiſten von den Einwoh⸗ nern der Stadt Caen vorüber, ohne dahin zu blicken. Man war allzu ſehr von dem aus Paris ange⸗ langten Gerüchte in Anſpruch genommen, als daß man Sinn und Gedanken für etwas Anderes hatte. Die Erſtürmung der Baſtille durch die Pariſer Bevölkerung, der Fall der Baſtille— das war es, was an allen Straßenecken, auf dem Markte, in den Salons und in der einfachſten Hütte diskutirt wurde. Es gab keinen Menſchen in der Stadt, und mochte er der Niedrigſten einer ſeyn, der ſich nicht von der großen Neuigkeit, welche vor einigen Stunden ſich hieher verbreitet hatte, überraſcht und betroffen fühlte. Schwartz, Novellen. V. 17 258 Gruppen von Sprechenden ſtanden hie und da auf der Straße, an welcher das alte Haus gelegen war. Ohne jedoch denſelben einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken, wanderte ein junger Savoyarde die Straße entlang. Er ging mit bekümmerter Miene dahin, ohne ſcheinbar von den Worten, welche an ſeine Ohren ſchlugen, irgend angeregt zu werden. Was ging es ihn an, daß das Pariſer Volk die Baſtille eingenommen? Er hatte weder Gutes noch Schlimmes davon gehabt; wenn er nur den Kram, den er in ſeinem Kaſten mit ſich führte, ver⸗ kaufen konnte, ſo fragte er wenig nach dem Uebrigen. So ſah er aus, während er ſeines Wegs ging, be⸗ gleitet von einem häßlichen, zottigen Hunde, welcher mißtrauiſche Blicke rechts⸗ und linkshin warf. Der Savoyarde betrachtete ſich die Gebäude, während er ein Lied ſeines Heimathlandes pfiff und dazwiſchen, was er zu verkaufen hatte, ausrief. Der Hund und der Jüngling hatten ſich auf ſolche Weiſe dem alten Hauſe genähert. Der letztere blieb ſtehen und warf einen forſchen⸗ den Blick um ſich. Er wandte ſich gegen eine Frau, welche heran⸗ kam, in der Abſicht, eine Frage an ſie zu richten; aber in demſelben Augenblick ſtürzte ſein Begleiter laut bellend und mit dem Schwarze wedelnd durch die halb offene Thüre und in den Hof. Sein Herr eilte ihm nach, ohne die beabſichtigte Frage zu thun, indem er für ſich murmelte: „Fidole hat ſie endlich gefunden.“ 259 Der Hund war auf das am Brunnen ſitzende Mädchen zugeſprungen und hatte ſie in ſeiner unge⸗ ſtümmen Freude und ſeinem Verlangen, ſie zu be⸗ grüßen und ihr zu erkennen zu geben, wie froh er über dieſes Wiederſehen wäre, faſt über den Haufen gerannt. Das Buch, worin Charlotte las, wurde weit. hinweggeſchleudert, und ſie ſelbſt hatte ſich erhoben, beinahe erſchrocken über den heftigen Anfall. Sie konnte anfänglich kaum begreifen, daß das Geberden des Hundes von Freude und Freundlichkeit diktirt ſey. Als aber ihre erſtaunten Blicke auf den häßlichen uheſtörer fielen, glitt ein Lächeln über ihr Angeſicht, und vor ihrer Erinnerung tauchten der Savoyarde und ſein verwundeter Hund auf. Sie beugte ſich ſogleich nieder und ſtreichelte ihren vierbeinigen Schützling mit den Worten: „Ja, wahrhaftig, Du biſt es, mein lieber Fidele. — Wo kommſt du her, und wie iſt es möglich, daß du mich wieder erkennſt?“ Sie nahm den Kopf des Hundes zwiſchen ihre Hände und ſetzte hinzu: „Nach ſo manchen Jahren erinnerſt du dich alſo noch, daß ich deine Pflegerin geweſen bin. Du biſt minder vergeßlich und mehr dankbar, als die meiſten Menſchen.“ Charlotte tätſchelte den Hund. 4 Mademoiſelle, ich habe Ihnen ja geſagt, daß wir, Fidele und ich, Ihnen bis in den Tod für Ihre 260 Wohlthat erkenntlich bleiben würden,“ äußerte eine klare Stimme ganz in der Nähe von Charlotte. Sie war ſo ſehr damit beſchäftigt geweſen, die Liebkoſungen des Hundes zu erwiedern, daß ſie nicht bemerkte, wie ſein Herr, jetzt nicht mehr ein Knabe, ſondern ein Jüngling, in den Hof getreten war. Charlotte ſah auf, lächelte dem Savoyarden zu und begrüßte ihn freundlich mit den Worten: „Es macht mir wirklich Freude, noch einmal dich und Fidele zu ſehen.“— Wieder ſtreichelte ſie den Hund.— „Seyd ihr ſchon lang in Caen?“ „Nein, ich bin heute angekommen und gehe morgen wieder fort. Jetzt, nachdem ich Sie gefunden, die ich ſuchte, habe ich nichts weiter hier zu thun.“ „Haſt Du mich geſucht?“ fragte Charlotte, in⸗ dem ſie verwundert den Jüngling anſah. O „d. „Und aus welchem Grunde?“ „Ach, Mademoiſelle, um einmal mit etwas an⸗ derem, als bloßen Worten Ihnen für Ihre Freund⸗ kichkeit gegen den armen Savoyarden und ſeinen Hund zu danken. Ich habe Ihnen etwas zu ſagen, Sie um etwas zu bitten; wollen Sie mich gütig an⸗ hören?“ Der Jüngling ſah ganz verlegen aus. Das Aeußere von Charlotte imponirte ihm ſo ſehr, daß er ſich völlig außer Faſſung gebracht fühlte. Das junge Mädchen verſicherte, daß ſie ihn gern anhören würde, und forderte ihn auf, ohne Furcht zu reden. 261 „Die Sache verhält ſich ſo,“ begann der Sa⸗ voyarde;„ſeit meinem neunten Jahre, da meine Mutter mir durch den Tod entriſſen wurde, habe ich Niemand gehabt, den ich ſo innig liebte, als meine kleine Schweſter in Savoyen und Fidele. Die erſtere ſtarb auch vor einiger Zeit, und nun iſt Fidole das einzige Weſen, an dem mein Herz hängt. Es gibt darum Niemand, der mir ſo viel Gutes that, als Sie, da Sie es übernahmen, meinen einzigen und theuer⸗ ſten Freund zu pflegen. Ich werde dieſes Werk nie⸗ mals vergeſſen. Als ich Fidöle geſund und munter wieder fand, da that ich der heiligen Jungfrau das Gelübde, nicht eher zu ruhen, als bis ich Ihnen meine Erkenntlichkeit beweiſen könnte. Ich bin nun gekommen, um mir die Erlaubniß von Ihnen zu er⸗ bitten, mich deſſelben einigermaßen zu entledigen. Und nicht wahr, Sie werden gegen mich ebenſo gut ſeyn, wie Sie gegen meinen Hund geweſen ſind? Sie werden mich nicht hinweggehen laſſen, ohne mich er⸗ hört zu haben? „Mein Freund, ich weiß nicht, um was es ſich handelt,“ erwiederte Charlotte;„kann ich dein Be⸗ gehren erfüllen, ſo ſey verſichert, daß ich es thun werde.“ „Verſprechen Sie das?“ rief der Savoyarde. „Ja, das verſpreche ich.“ Der Jüngling machte einen Freudenſprung, rief Fidole herbei und fragte ihn, ob er begriffe, wie glücklich ſie wären. Charlotte wartete ruhig ab, bis die Freude des Savoyarden ſich etwas gelegt hatte. Einige Augen⸗ blicke darauf war derſelbe ſeiner Bewegung wieder Meiſter geworden; und ſelbſt etwas beſchämt darüber, daß er von ſeinem Gefühl ſich ſo ſehr hatte über⸗ wältigen laſſen, ſtammelte er eine Entſchuldigung und fuhr dann fort: „Von dem Tage an, da ich mich von Ihnen zu Argentan trennte und von Neuem in die Welt hinauswanderte, um mein Brod zu verdienen, habe ich von Allem, was ich an Geld einnahm, ein Viertel zurückgelegt. Das iſt nun ein kleines Kapital ge⸗ worden, ſehr klein, das iſt wahr, aber doch nach dem, was ich gehört habe, zu dem Gebrauche ausreichend, welchen Sie davon, wie ich Sie zu bitten beabſichtigte, machen ſollten.“ Der Savoyarde ſchnieg. „Und welches wäre dieſer ow⸗ fragte Charlotte. „Ich weiß nicht, wie ich es über meine Lippen bringe,“ ſtammelte der Jüngling;„und doch, wenn Sie mir um deſſen willen, was ich von Ihnen jetzt erbitten will, böſe würden, ſo zürnten Sie auf das Beſte, was ſich in meiner Bruſt findet, auf meine Dankbarkeit.— Sie wiſſen, daß die Baſtille in Paris niedergeriſſen worden iſt. Sie wiſſen, daß man nicht ſo ganz ſicher hier iſt, ſo ſagen kluge und verſtändige Leute, und man behauptet ſogar, daß dieſe ſämmtlich ſich beeilen, Frankreich zu verlaſſen. Sie ſind ſo gut, ſo ſchön, es iſt etwas hier innen“— er legte die Hand an ſeine Stirne—„was unaufhörlich, im Traume und wenn ich wache, mir zuflüſtert, daß eine Gefahr Sie bedroht, daß Sie fort, weit, weit fort 263 aus Frankreich müſſen. Ich kann nicht erklären, was Schlimmes geſchehen kann; aber ich fühle, daß etwas Ihnen bevorſteht. Darum nehmen Sie das kleine Kapital, das ich für Sie zuſammengeſpart habe, und ziehen Sie hinweg, ziehen Sie in ein anderes Land und laſſen Sie mich leben und ſterben mit dem frohen Gedanken, daß ich Sie vor einer großen Gefahr be⸗ wahrt habe. Ach, Sie werden mich dadurch ſo glück⸗ lich machen; ich werde Sie ſegnen, ſo lang ich lebe. Wenn Sie meine Bitte erfüllt haben, ſo werden wir, Fidole und ich, heiter und vergnügt nach Savoyen zurückkehren.“ Der Junge hatte ſich vor Charlotte auf die Kniee geworfen. Seine Augen ſtanden voll Thränen, ſeine Lippen bebten. Auch Fidole, welcher zu ihren Füßen lag, erhob ſich und ſtand nun vor ihr und blickte ihr in das ſchöne Geſicht mit ſeinem einzigen klugen Auge, welches einen Ausdruck hatte, als ob er ſich mit ſeinem Herrn in der Bitte vereinigte, ſie möchte den gegebenen Rath befolgen. Charlotte fühlte ſich von dieſem Beweiſe der Dankbarkeit und Anhänglichkeit tief gerührt; aber ſie antwortete ſanft, jedoch in beſtimmtem Tone: „Ich kann dein Begehren nicht erfüllen; mein Platz iſt in Frankreich und nicht anderswo. Ich werde mein Vaterland niemals verlaſſen.“ Obwohl erſt achtzehn Jahre alt, erkannte der Savoyarde an ihrem Tone, daß jede weitere Bitte verloren wäre. Er ſtand auf, ſtieß einen tiefen Schmerzensſeufzer 264 aus und klopfte Fidèle auf den Kopf, indem er traurig murmelte: „Vergeblich ſind wir alſo hierher gekommen; vergeblich haben wir gehofft und uns darauf gefreut, wir würden einmal die Schuld unſerer Dankbarkeit einigermaßen bezahlen können.— Komm, Fidèle, laß uns gehen, wir haben nichts mehr hier zu thun.“ „Nicht vergeblich biſt Du hierhergekommen,“ fiel Charlotte ein;„denn welche Geſtalt auch mein Schick⸗ ſal annimmt, welches Unglück und Leiden auf mein Loos fallen mag, ſo wird das Andenken an deine Erkenntlichkeit mir folgen und gleich einem freund⸗ lichen Stern mich darauf hinweiſen, daß die unbe⸗ deutendſte unſerer guten Thaten ihre Belohnung findet.— Habe Dank für dieſe Erinnerung.“ Charlotte reichte dem Savoyarden die Hand, welche derſelbe mit dem Ausdruck der größten Ehr⸗ erbietung faßte. „Und nun kehre nach Savoyen zurück,“ fuhr ſie fort,„und lebe glücklich daſelbſt.— Wir wollen hoffen und glauben, daß die Stürme, welche jetzt Frankreich bedrohen, dieſem und uns Allen zum Nutzen gereichen werden.“ „Mag ſeyn,“ entgegnete der Savoyarde;„aber nach meinem Heimathlande geht jetzt mein Weg nicht; er führt nach Frankreich.— Sie bleiben in Frankreich — nun wohl, ich bleibe dann in Paris. Eine Ahnung ſagt mir, daß ich Sie dort wiederſehe.“ Fidole lockend, welcher nur mit Widerſtreben dem Rufe gehorchte, entfernte ſich der Savoyarde. Charlotte ſetzte ſich wieder an dem Brunnen 265 nieder. Sie ſah dem Jüngling nach. Es kam ihr vor, als ob es ihr kalt durch's Herz zöge, da derſelbe verſchwand. Sie ſtützte den Kopf in die Hand und verſank in Nachdenken. Aus dieſem wurde ſie von einer Stimme geweckt, welche äußerte: „Mein Kind, welche unglücklichen Nachrichten aus Paris! Die Baſtille iſt von dem Pöbel erſtürmt; der Gouverneur ſammt der Beſatzung iſt ermordet worden.“ Charlotte ſah auf. Frau von Bretteville ſtand neben ihr. Das junge Mädchen erhob ſich mit den Worten: „Liebe Tante, der Fall der Baſtille gereicht dem franzöſiſchen Volke zur Ehre; die Erſtürmung derſelben bildet eines der glorreichſten Blätter in der Geſchichte unſeres Landes.“ Sie ſtand vor der alten Tante hoch und edel, wie die Göttin der Freiheit. So glichen die beiden Frauen, die eine dem ſeinem Falle nahen Königthum mit all ſeiner veralteten Gebrechlichkeit; die andere hingegen den neuen Ideen, mächtig und ſchön, wie jede ſich Bahn brechende Wahrheit. V. Mit dem Sturme auf ihren Schwingen, oder dem Kranze des Friedens im Haare, eilt die Zeit dahin. Sie hält keine Sekunde an, um nachzudenken oder ſich einmal zu beſinnen, ob auf ihren Fußſtapfen Blut 266 oder Blumen emporſprießen. Vorwärts, vorwärts geht ſie. Früh am Morgen des 9. Juli 1793 ſah man Charlotte die Wohnung der Frau von Bretteville verlaſſen. Sie trug ein kleines Bündel unter dem Arm und ein Zeichnenportefeuille in der Hand. Vor die Thüre getreten, ſchaute ſie ſich forſchend auf der Straße um, als ob ſie Jemand erwartete, und bekam eines von den Nachbarkindern zu Geſicht, einen kleinen Knaben, welcher bei Tag im Hofe der Frau von Bretteville zu ſpielen pflegte, und mit wel⸗ chem Charlotte ſeitdem eine ſehr vertraute Bekannt⸗ ſchaft geſchloſſen hatte. Der Knabe kam freudig auf ſie zu, machte eine Menge Fragen, wie Kinder immer zu thun pflegen, wohin ſie ginge, ob er ſie begleiten dürfe u. ſ. w. „Ich gehe ſehr weit fort,“ antwortete Charlotte traurig,„und Du ſiehſt mich niemals wieder. Nimm dies, mein Kind, und gedenke zuweilen meiner.“ Sie gab ihm ihr Zeichnenportefeuille. „Bewahre es wohl auf und vergiß mich nicht in deinen Gebeten.“ Darauf umarmte ſie den Knaben, warf einen Blick auf das Haus, welches ſie verließ, und eilte hinweg, indem ſie die Thränen abtrocknete, welche ihr über die Wangen rannen. Zwei Tage darauf war ſie in Paris und befand ſich auf dem Wege nach dem Gaſthauſe, wohin man ſie auf ihrer Reiſe gewieſen hatte. Als ſie in die Straße des Vieux Augustins einlenkte, vernahm ſie eine Stimme, welche mit lautem 4 267 Rufe etwas feil bot und ſah eine Menge Volks um den Verkäufer herum ſtehen. Sie ſetzte ihren Weg fort, ohne ſich dabei aufzuhalten, als in demſelben Augenblick ein Hund herbeiſprang und freudig ſie begrüßte. Charlotte erkannte auf den erſten Blick Fidele. Sie nannte ihn mit Namen, tätſchelte ihn und empfand eine eigenthümliche Rührung bei dem Ge⸗ danken, in dieſer von Volk wimmelnden und von Blut rauchenden Stadt— wohin ſie kam, um Rache zu üben und, wie ſie in ihrem Fanatismus hoffte, den Leiden ihres unglücklichen Vaterlandes ein Ziel zu ſetzen— einem Weſen zu begegnen, das mit ſeiner ſtummen und doch ſo ausdrucksvollen Freundlichkeit ſie an die Zeit, da ſie noch ein Kind war, erinnerte. Ein armes Kind, das iſt wahr, aber ein Kind, unbe⸗ kannt mit ſchlimmen und bittern Gedanken, rächſüch⸗ tigen Gefühlen, dagegen das Herz nur für das Gute offen und für Uebung der Barmherzigkeit. Charlotte war einen Augenblick ſtehen geblieben, darauf ging ſie weiter. Die Stimme des Ausrufers ertönte immer ferner, aber deſſen ungeachtet kehrte Fidole nicht zu ihm zurück, ſondern folgte Charlotte dicht auf den Ferſen. VR Zwei Tage darauf Abends um ſieben Uhr hielt ein Miethwagen in der Straße der Ecole de medi- cine vor Nro. 20. „ 268 Aus dem Wagen ſtieg eine junge Frau und ging in das Haus. Als ſie den Fuß auf die erſte Stufe ſetzte, ſprang ein Hund winſelnd an ihr empor. „Biſt Du wieder auf meinem Wege, Fidöle?“ ſagte ſie beinahe verdrießlich, ſtreichelte aber deſſen ungeachtet den Hund und ſchob ihn dann zur Seite. Fidole ließ den Kopf hängen und ſah höchſt unglücklich aus. Die junge Frau ſetzte den Fuß wieder auf die Stufe; aber bei dieſer Bewegung faßte der Hund ſie am Beine, nicht hart, aber doch ſo, daß es deutlich ſichtbar war, er wolle ſie vom Eintritt in das Haus zurückhalten. Charlotte verſuchte mit einigen freundlichen Worten ihn zu beſtimmen, daß er ſie losließe; aber a dieß nicht gelang, gab ſie ihm einen leichten Schlag. Der Hund kroch nun mit einem klagenden Laute zur Seite. Charlotte ſtieg die Stufen hinauf, welche in die Wohnung von Bürger Marat führten. Einige Augenblicke ſpäter wurde dieſe der Schauplatz eines ſtürmiſchen Auftritts. Da wogten Hunderte von Menſchen durchein⸗ ander, die wilde Flüche gegen eine ſchöne, bleiche Frau ausſtießen, welche, die Hände über's Kreuz gebunden, von Wachen umgeben war. Wer dieſe Frau iſt, wiſſen wir. Die Geſchichte hat uns ihren Namen aufbewahrt und noch heute 269 rührt die Erinnerung an ſie uns beinahe zu Thränen. Als Charlotte Corday aus Marat's Wohnung abgeführt wurde, um ſie von da in einem Wagen nach dem Gefängniß zu transportiren, und der Pöbel heulend ſie umtobte, kroch Fidele, der ſich zwiſchen den Füßen der Menge einen Weg gebahnt hatte, zu ihr hin, eben da ſie die Treppe hinabſteigen ſollte. Er rieb ſich an ihren Kleidern und ließ ein Winſeln hören. Charlotte's Augen hafteten an dem treuen Thiere, welches mitten in dieſem wilden Tumult ſich herbei⸗ drängte, um ihr ſeine Anhänglichkeit und Theilnahme zu bezeugen. Aber ſelbſt dieſer unbedeutende Ausdruck der Sympathie von Seiten eines Hundes mißfiel Char⸗ lottes Wächtern; denn einer derſelben ſtieß das arme Thier unbarmherzig hinweg; und dieſes ließ nun einen Klagelaut vernehmen, welcher ſich unaufhörlich wiederholte, ſo lang es von der Menge getreten und fortgeſtoßen wurde. Gott allein weiß, was Charlotte dabei empfand; aber der Laut von des Hundes Klage machte ihre Wangen noch bleicher. Von den wilden Rufen des Pöbels begleitet, rollte der Wagen mit der Gefangenen nach dem Kerker hinweg. Zwiſchen den beiden Hinterrädern des Wagens ging ein hinkender Hund mit einer ſo betrübten Miene, daß es ausſah, als hätte er ein vollkommenes Bewußtſeyn von dem traurigen Schickſal, welches derſelben wartete. VI. In einer der abgelegenſten Straßen von einer der Pariſer Vorſtädte lag in dem vierten Stock⸗ werk eines Hauſes eine kleine Kammer. Der, welcher dort wohnte, befand ſich außer des Nachts nur ſelten daheim. Es war ein junger Savoyarde. Er hielt ſich ſchon einige Jahre in Paris auf und brachte ſeine Tage auf den Straßen zu, wo er den Inhalt ſeiner kleinen tragbaren Boutique laut rufend feil bot. Seit zwei Tagen war der junge Savoyarde krank und konnte ſeine Wohnung nicht verlaſſen. Er hatte ſich eine heftige Erkältung zugezogen und wurde nun vom Fieber, aber zugleich von der größten Angſt wegen ſeines Hundes gequält, welchen er zwei ganze Tage nicht geſehen hatte. Es war ſpät am Abend deſſelben Tags, da Marat ermordet wurde. Bis in den entlegenen und verſteckten Winkel von Paris, wo der Savoyarde wohnte, hatte das Echo des Gebrülls, welches Marat's Tod hervorrief, ſich noch nicht den Weg zu bahnen vermocht. Der junge Savoyarde war eingeſchlafen und träumte, daß ſein treuer Hund wieder komme, aber verwundet und blutig. Mit jenem Gefühl von Qual, welches ein widriger Traum immer erzeugt, erwachte der Savoyarde. Sein Herz ſchlug unruhig. Er wälzte ſich auf ſ 9 1 13 14 15 1 6 3 8 10 1 32