Leihbibliothek deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ] Cduard Ottmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Oſtensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ühr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. hLesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 ffür wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 auf 1 Monat: 1 Nr.—If. 1 NMk. 50 Pf. 2 NMk. Pf. . 3„„—„„= o„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen min Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Vun Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, 34 auch dafür zu ſtehen haben. — Die 4 Camiſarden. Hiſtoriſche Novelle a u s dem Cevennenkriege zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts von Pauline von Reichſtern. Zweites Baͤndchen. Braunſchweig: Im Verlags⸗Comtoir. 1 83 0. — i 24. 3 — H = G ◻ 8 — 8 8 8 2 8 ³ 8 19. Am andern Morgen erweckte Marie ihre junge Freundin, um auf einige Tage Abſchied von ihr zu nehmen. „Um Alles! wie koͤnnen Sie, krank und leidend, an Reiſen denken,« rief Eliſabeth, in⸗ dem ſie Marie zuruͤck zu halten ſtrebte. »Die Kraft wird mir dazu von Oben er⸗ theilt, meine Tochter.« Mit dieſen Worten verließ Marie in einem großen mit Kappe verſehenen Mantel durch die⸗ ſelbe Oeffnung, wodurch die Maͤnner Mazel hineingebracht, die Hoͤhle. Der Morgen be⸗ gann noch kaum zu daͤmmern, und ſie ging auf einſamen Wegen bis zur Mittagszeit; dann aber ward die Hitze ſo heftig, da kein Woͤlkchen die brennenden Sonnenſtrahlen milderte, kein 190 Lufthauch Erfriſchung gab, daß Marie bei der ſchrecklichen Gluth fuͤhlte, es ſei ihrer Schwaͤche einige Ruhe unentbehrlich.. Sie war in einem engen Thale, das aus kleinen, nur mit Haide bewachſenen Erhoͤhun⸗ gen beſtand, wo kein einziger Baum ihr Schat⸗ ten gewaͤhren konnte. So ging ſie denn auf einen ihr bekannten einzeln ſtehenden Fels zu; er lag in der Mitte des Thals und enthielt eine Grotte, in der in friedlichen Zeiten ein Einſied⸗ ler gewohnt, den aber jetzt die Furcht vertrieben. Nur einige Heiligen⸗Bilder waren von aller Geraͤthſchaft noch vorhanden, und Dieſe erweck⸗ ten Mariens Aerger, da ihr Glaube ſie fuͤr ſuͤnd⸗ lich erklaͤrte. Das tiefe Schweigen rings um ſie her ließ ſie hoffen, hier ohne Gefahr einige Stunden ruhen zu koͤnnen, doch unterſuchte ſie vorher mit großer Behutſamkeit das Innere der Hoͤhle. Sie entſchlief; aber in unruhigen Traͤu⸗ men umgaben ſie Bilder der Schlachten, des Jammers, von denen ſie endlich ſogar erweckt ward, und mit großem Schrecken bemerkte ſie die Wirklichkeit ihrer Traͤume und in einiger 191 Ferne eine Abtheilung der Kreuzknaben ſich ih⸗ rem Zufluchtsorte naͤhernd. Sie floh in den Hintergrund, und dankte es nur ihrer großen Behendigkeit im Klettern, daß ſie eine ziemliche tiefe und hohe Felsſpalte erreichen, und ſich darin ſo voͤllig verbergen konnte, daß gewiß nicht leicht ein menſchliches Auge ſie zu entdecken vermogte. Die Kreuzknaben lagerten ſich vor dem Ein⸗ gange. Der Hauptmann, General oder Oberſt dieſer Vagabonden aber, der Einſiedler Franz, der ſich ruͤhmte, unter Niemand, als den Inten⸗ danten der Provinz zu ſtehen, kam mit einem Begleiter hinein. Der ſchreckliche Einſiedler war von mehr als mittleren Jahren, von guter Abkunft und in fruͤhern Zeiten Officier geweſen, hatte aber aus Urſachen, derer man nicht zum Beſten erwaͤhnte, den Abſchied nehmen muͤſſen, dann in einem Anfall von Reue die Welt ver⸗ laſſen und lange als Einſiedler gelebt. Die Verfolgungen gegen die Proteſtanten gaben ihm einen erwuͤnſchten Vorwand, eine Le⸗ bensweiſe zu verlaſſen, die ſeiner Natur laͤngſt 192 zuwider war. Er entfernte ſich aus ſeiner Ein⸗ ſiedelei und predigte, mit Bewilligung des Herrn von Basville, einen Kreuzzug gegen die armen Reformirten. Bettler, Landſtreicher und Spitzbuben ſtroͤmten ſeiner blutigen Fahne zu, und naͤhrten ſich jetzt geſetzlich) von Raub und Mord. NMontirungen hatten ſie nicht, daher be⸗ feſtigten ſie ſich ein weißes Kreuz auf dem Ober⸗ aͤrmel ihrer Kleider, und erhielten davon die Benennung Kreuzknaben. Marie erkannte ihn ſogleich, denn trotz ſeines kriegeriſchen Standes trug er den braunen, mit einem Strick umguͤr⸗ teten Rock der Eremiten; Saͤbel und Roſenkranz hingen vereinigt an dieſem Guͤrtel und geraubte Medaillen ſchmuͤckten den Letzten. Die Kappe aber fiel ihm auf den Ruͤcken, waͤhrend ein mi⸗ litairiſch aufgeputzter Hut ſein ſtolzes Haupt be⸗ deckte und ein großes, weißes Kreuz auf ſeiner Schulter prangte. „Auf Ehre!« ſagte er zu dem ihm beglei⸗ tenden Prieſter:»wer die Kleider geſtohlen hat, muß auch die Leiche erbeutet haben, wenn Euer Diener ihn wirklich getroffen hat.« ——— 1.— 4— —ÿ ———x— —— — 1= —ÿ — 193 Der Prieſter von St. Florent betheuerte dies, und es begann unter den unwuͤrdigen Die⸗ nern der Kirche ein Geſpraͤch ſo voll grober Un⸗ ſittlichkeiten, frecher Fluͤche, prahleriſcher Erzaͤh⸗ lungen veruͤbter Grauſamkeiten, daß wir unſre Leſer mit der Beſchreibung billig verſchonen. Das Ende der graͤulichen Unterredung waren gegenſeitige Vorwuͤrfe uͤber betruͤgeriſche Wun⸗ der und unanſtaͤndiger Auffuͤhrung jeder Art, und waͤre nicht der zuͤgelloſe Haufen vor der Hoͤhle in Thaͤtlichkeiten ausgebrochen, die der Stock des Eremiten und ſein Befehl aufzubre⸗ chen, endigen mußten, ſo haͤtte die arme Marie gewiß noch mehrere Schandthaten der ſaubern Freunde vernommen. Was dies ſtreng ſittliche, religioͤſe Weſen bei Anhoͤrung ihrer ſchaͤndlichen Gotteslaͤſterungen und laſterhaften Aeußerungen empfand, laͤßt ſich leicht ermeſſen; doch war es ein Gluͤck, denn ſie erfuhr, daß unter Caſta⸗ net's Rotte ein Spion lebte, der Alles dem Hauptmann Poul verriethe, was in Cavalier's Lager vorgehe, und daß Poul, der jetzt bei dem Flecken St. Andiol⸗de⸗Uerguemorte in den 194 obern Cevennen ſtaͤnde, auf den Bericht des Verraͤthers Franceſet willens ſei, Cavalier, der ſich auf der kleinen Flaͤche Champ⸗Domergue, noͤrdlich von St. Andiol, ganz ſicher glaube, unverſehens zu uͤberfallen. 20. Eine geraume Zeit noch blieb Marie in ihrer ſchuͤtzenden Felsritze und wagte erſt dann ſich hervor, als das vollkommenſte Schweigen ſie von dem Abzuge ihrer Feinde voͤllig verſichert hatte. Dann aber eilte ſie, die Hoͤhle zu ver⸗ laſſen, und die hereinbrechende Nacht fand ſie auf dem Huͤgel, der das Domerguer Feld be⸗ herrſcht. Der traurige, unfruchtbare Ort bringt nichts hervor, als etwas Ginſter und Rosma⸗ rin; ein kleines Thal trennte den Huͤgel auf ſeiner linken Seite von einem oͤſtlich liegenden kleinen Gehoͤlz, und hier ſtand Cavalier mit 1200 Mann. Marie uͤberſah das Ganze ſehr genau und naͤherte ſich dann dem Lager. Auf den Anruf der Schildwache nannte ſie ſich, zog die Kappe vom Geſichte und ging un⸗ 196 aufgehalten auf Cavalier's Zelt, das an einer Eiche befeſtigt war. Die Camiſarden lagen faſt Alle ſchlafend umher und ihre Waffen ſtan⸗ den zuſammen aufgeſchichtet. Cavalier wachte noch, er ſchrieb, und fuhr bei dem ploͤtzlichen Eintritt der Seherin erſchrocken auf. »Sie hier, Marie? Der Herr ſelbſt fuͤhrt Sie zu mir, denn nie war Ihr Rath mir noth⸗ wendiger.« »Ich weiß es; Du aber kennſt nicht alle Gefahren, die Dich umgeben. Weshalb ſchla⸗ fen Deine Krieger, ohne daß Du nachſiehſt, ob ſie gehoͤrig bewacht werden? Und wie iſt fuͤr Deine eigne Sicherheit geſorgt? Kaum bin ich bemerkt und doch ſtehe ich in Deinem Zelte.« Freilich; aber wenn Sie auch von Allen geſehen waͤren, ſo haͤtte doch Keiner ſich unter⸗ ſtanden, Sie anzuhalten.« David Cavalier! ich frage Dich, welche Hauptleute ſind mit Dir?« „Caſtanet, Daniel Gui und Boulogne.« »Steht nicht unter Caſtanet ein Ausreißer vom Regimente Menoa?« „Ja, und da ſeine Familie proteſtantiſch iſt, ſo haben wir ihn unbedenklich aufgenom⸗ men, als ihn der Herr uns zufuͤhrte.« „An welcher Seite ſteht Caſtanet's Compag⸗ nie?¼ „Am Bache dort, unter den Weiden.« »Folge mir und nimm zehn bewaffnete Maͤnner mit Dir.« Sie kamen bei Caſtanet's Abtheilung; Alle erhoben ſich ehrfurchtsvoll bei Mariens Anblick, die ihrerſeits ſie ernſt und ſchweigend betrach⸗ tete und dann ihre Hand auf die Schulter eines kleinen Menſchen legte, der ſich durch eine tiefe Narbe auf der linken Backe kenntlich machte. „Franeeſet,“« ſagte ſie im feierlichen Prophe⸗ ten⸗Tone: dzwei Mal warſt Du ein Ueberlaͤu⸗ fer, jetzt haben Deine Verraͤthereien ihre End⸗ ſchaft erreicht.« Franceſet zog ſein Meſſer und bedrohte Alle, die ſich ihm naͤhern wuͤrden, indem er zugleich ſeine Unſchuld auß's Hoͤchſte betheuerte. Marie aber hieß ihn ſchweigen und wieder⸗ holte ihre Rede. Franeeſet indeß wiederholte 2— 198 ebenfalls Schwuͤre und Drohungen. Doch die Seherin rief:»hoͤr' auf zu toben; ich will Dich uͤberfuͤhren; der Beweis Deines Verraths ſteckt in dem Aermel Deines Rocks.« Franceſet ſprang zu und wollte ſie ermor⸗ den; allein die Maͤnner fielen ihn an und ent⸗ waffneten ihn. „Zieht ihm den Rock aus; reicht mir ihn her.«— Man that es, ſie ſchnitt mit Franceſet's eig⸗ nem Meſſer den Aermel auf, und es fielen zwei Briefe zur Erde, von denen der Eine, eigenhaͤn⸗ dig vom Hauptmann Poul unterzeichnet, ihm 30 Rthlr., bei dem Prieſter zu St. Florent be⸗ reit liegend, verhieß, wenn ſeine letzten Nach⸗ richten wahr, wo er ſie bei Vorzeigung dieſes Briefs ſogleich erhalten werde. „Verraͤther!« rief Cavalier dem bleichen, zitternden Schuft zu:»was ſagſt Du nun?« Franceſet,« ſagte Marie:»Du ſiehſt, Du mußt ſterben, ſo bereue Deine Uebelthat und bitte Gott, Dir Deine Suͤnden zu verzeihen.« Franceſet flehte vergebens um Gnade. 4— 199 Marie wandte ſich ab. Bruder Cavalier,« ſagte ſie: dverlaͤngere ſeine Todesangſt nicht. Er iſt uͤberfuͤhrt; laß das Urtheil vollziehen.« Mit dieſen Worten ging ſie in Cavalier's Zelt und betete, bis das hundertfaͤltige Echo, die Schuͤſſe wiederholend, ihr Franceſet's Ende verkuͤndeten. Cavalier und ſeine Unterbefehlshaber erſchie⸗ nen am Eingange des Zeltes; Marie ſtand auf und trat ihnen entgegen; waͤhrend ein allgemei⸗ ner Beifallsruf ſie begruͤßte, ſtimmten die Praͤ⸗ dikanten einen Lobgeſang an, in den alle Krie⸗ ger einſtimmten, und ſonderbar, aber auch ruͤh⸗ rend war es zu ſehen, wie dieſe ſchwaͤrmeriſchen, unwiſſenden Menſchen eine junge Frau mit Ehr⸗ furchtsbezeugungen umgaben, und vor ihr ſich, wie vor einem uͤbernatuͤrlichen Weſen demuͤ⸗ thigten. Die Praͤdikanten vor Allen zeichneten ſich aus, ſie, welche die Truppen uͤberall be⸗ gleiteten, ihren Muth anfeuerten, vor dem Kampfe und nach dem Siege die Danklieder an⸗ ſtimmten, und durch ihre ſchwarze Kleidung ſich kenntlich machten, hoben Alle die Haͤnde gen 200 Himmel und trieben den Enthuſiasmus der Krieger auf den hoͤchſten Grad. Nachdem der Sturm ſich etwas beruhigt, frug die Prophetin nach der Urſache ihres Hier⸗ ſeyns, und erfuhr, daß man Rolland und Jou⸗ cas mit ſeinen Neuangeworbenen noch erwarte, um einen allgemeinen Kriegsrath zu halten, da⸗ mit der naͤchſte Feldzug nach einem gemeinſa⸗ men Plane eingerichtet werde. „Dazu iſt morgen keine Zeit; Ihr muͤßt Euch ſchlagen, und Kriegsgeſchrei und Waffen⸗ klang fuͤllt morgen dieſes ſtille Thal.« „Doch zeigt ja nichts die Naͤhe des Feindes an, meine Schweſter.« „»Cavalier, der Feind ſteht zu Uerguemorte; morgen greift er Dich an. Du biſt gewarnt, drum geh' und triff Deine Vorkehrungen; ich verlaſſe Dich und werde Dich morgen auf dem Schlachtfelde finden. Folge mir nicht, denn ich will allein ſeyn.« Mit dieſen Worten verſchwand ſie und ſuchte ſich unter den Baͤumen eine Ruheſtatt in der Naͤhe des Lagers. 21. Kurz vor Tage machte Cavalier den Plan zur Schlacht ſeinen Truppen bekannt; er ſtellte ſie an der Seite des Huͤgels und verſteckte 200 Mann Fußvolk nebſt 150 Reitern in dem na⸗ hen Gehoͤlze. Die Morgenroͤthe beſchien freundlich die Schoͤnheit der wilden, doch nicht reizloſen Ge⸗ gend, Rosmarin und Ginſter fuͤllten die Luft mit Wohlgeruͤchen, und Nichts verrieth, daß dieſes kleine Fleckchen ſobald in einen Schau⸗ platz des Grauens und der Zerſtoͤrung ſich ver⸗ wandeln wuͤrde. Marie uͤberſah das Ganze, und ſagte zu ſich ſelbſt:»Holder Tag! Du biſt das Bild meines Lebens; lieblich am Mor⸗ gen, doch dann verhuͤllt in Nacht und Trauer.« Camiſarden II.— 14 Darauf ging ſie in das Lager und die Praͤ⸗ dikanten umgaben ſie. Einige Dragoner zeigten ſich in der Ferne; ſie ſchienen die Camiſarden zu betrachten, dann aber entfernten ſie ſich ſchleunig. 8 * 4 * * »Sie ſind da;z und Du, Cavalier, biſt Du bereit, ſie zu empfangen?« »Ja, ich hoffe nichts vergeſſen zu haben, was uns den Sieg verſchaffen kann.« »So bleibt Dir denn nichts mehr zu thun, als dieſen Sieg von Dem zu erbitten, der al⸗ lein ihn Dir verleihen kann. Auf, meine Bruͤ⸗ der! beginnt den 69ſten Pſalm Davids.« Ehe noch der Geſang geendet, ſah man den feindlichen Vortrab. Cavalier hielt in der Mitte ſeiner Camiſar⸗ den, umgeben von ſeinen Hauptleuten.»Nie⸗ mand ruͤhre ſich, bevor die Feinde ihre erſte Ladung abgefeuert,⸗ rief er laut mit toͤnender Stimme. Tiefe Ruhe herrſchte unter ſeinen Leuten. Marie zog ſich etwas zuruͤck; die Prediger folgten und flehten leiſe zu Gott. — 8 —— 203 — Jetzt erſchienen die Feinde Alle; einige Dra⸗ goner eilten vorauf; die uͤbrigen bildeten ein ge⸗ ſchloſſenes Viereck. „Das iſt Poul,« ſagte Marie: Dder da auf dem ſchwarzen Pferde mit dem weißen Abzei⸗ chen voran reitet. O, moͤge der Tod dem Verfolger der Glaͤubigen werden! Hinter ihm iſt Franz der Einſiedler mit ſeinen Henkersknech⸗ ten. Die Soldaten, die ihnen folgen, ſind die Regimenter Fimarcon und Royal Comtois.« Waͤhrend deſſen ruͤckte der Feind immer mehr heran. Poul ſtieg vom Pferde und rief:»Kinder! wir koͤnnen nur zu Fuße den Feind aus ſeiner Stellung vertreiben. Vorwaͤrts die Blauen! Vorwaͤrts die Kreuzknaben!« Ein Schrei der Wuth erwiederte die Anrede; die Trompeter blieſen; die Soldaten begannen den Huͤgel zu erſteigen. Sie feuerten, aber ihre Schuſſe tha⸗ ten den Camiſarden wenigen Abbruch. „Jetzt vorwaͤrts, Ihr Bruͤder! folgt mir in geſchloſſener Reihe«— mit dieſen Worten ſtuͤrzte Cavalier und ſeine Camiſarden auf die 14 c 6 204 Kreuzknaben, warfen ſie und draͤngten ſie zu⸗ ruͤck auf die Regimenter Fimarcon und Royal Comtois, die ihnen zur Huͤlfe eilen wollten, aber von dem Hinterhalte, der aus dem Holze hervorbrach, ſelbſt angegriffen wurden und ſich zur eignen Wehr ſetzen mußten; von da an ent⸗ ſtanden zwei Abtheilungen des Gefechts. Cavalier verfolgte die Poul'ſche Compag⸗ nie und die Kreuzknaben, waͤhrend Caſtanet mit ſeinen Reitern die beiden Regimenter faſt ganz vernichtete. Poul ſtieg zu Pferde und ſuchte die Seinen wieder zu ordnen; endlich gelang es ihm, etwa 60 Mann zu ſammeln, mit ihnen machte er: Kehrt! und ſtuͤrzte ſich dem ihn nachſetzenden Cavalier entgegen. Der unvermuthete Angriff zwang dieſen jetzt ſelbſt zum Ruͤckzuge; doch der Feind war ſchneller, als er, holte ihn ein, und es begann ein neues Gefecht deſſen Ausgang zweifelhaft war. Da trat ein zwoͤljaͤhriger Ca⸗ miſarde vor und ſchleuderte einen Stein auf die Stirn des ungluͤcklichen Poul; er ſank vom Pferde und lag in ſeinem Blute. 205 »Ehre ſei Gott,« riefen alle Camiſarden: „David hat den Goliath erlegt: der Name des Herrn ſei gelobt.« Poul's Soldaten flohen, ſobald ſie den Tod ihres Fuͤhrers ſahen, und riſſen die Regimen⸗ ter mit ſich fort. Nur die Kreuzknaben, welche der Einſied⸗ ler wieder geſammelt, fochten noch. /Sohn des Teufels,« rief ihm Cavalier zu: Hin dieſem Thale hat Dir der Herr Dein Grab beſtimmt, Du wirſt von meiner Hand den Tod empfangen.« Der Eremit antwortete mit noch aͤrgeren Verwuͤnſchungen. Sie fochten; leicht an der Schulter fuͤhlte ſich Cavalier verwundet, doch der Hieb hinderte ihn nicht, das Haupt ſeines Feindes toͤdtlich zu treffen; ſein grimmiges Auge erloſch, die Zuͤ⸗ gel entſanken der kaum noch ſo kraͤftigen Fauſt, das Pferd baͤumte ſich und warf ſeinen Gebie— ter zur Erde. Dieſer Tod entſchied den Sieg; die Niederlage der Katholiken war vollſtaͤndig, ſie flohen bis Uerguemorte. — —yy—,— ——— — So lange die Schlacht gewaͤhrt, blieb Ma⸗ rie auf dem Huͤgel, betete und ſang mit aufge⸗ hobenen Haͤnden Pſalme, die auf die Lage ihrer Bruͤder paßten. „»Jetzt,« rief einer der Praͤdikanten:»die Amalekiter fluͤchten! nur ihre Erſchlagenen wei⸗ len noch in dem Thale. Schweſter, ſollen wir nicht herab in das Schlachtfeld ziehen und die Hymne des Danks ertoͤnen laſſen?« Marie neigte, als Zeichen ihrer Einſtim⸗ mung, das Haupt und folgte ihnen ſchweigend, denn Rache und Schwaͤrmerei, wie ſtark ſie ihr Inneres beherrſchten, hatten doch die Stimme des Mitleids nicht in ihrer Bruſt gaͤnzlich erloͤ⸗ ſchen koͤnnen. Sie ſchlug die Augen nieder, um ſich den Anblick der Todten und Verwundeten zu erſparen. Doch ſuchte ſie ihrer Gefuͤhle Herr zu werden und ſtimmte das Lob und Danklied mit heller Stimme an. Noch nicht ganz war es beendet, da zeigten ſich neue Truppen am Eingange des Thales. 22. Mariens weitſehendes Auge ließ bald Freunde in den ſich in der Ferne zeigenden Krieger er⸗ kennen, und ſie ſagte:»ſie kommen zu ſpaͤt zur Huͤlfe, aber ſie koͤnnen mit uns den Herrn preiſen; laßt uns ſie hier auf dem Schlachtfelde erwarten.« Rolland mit 1500 Mann naͤherte ſich, ſtieg, ſobald er die Freunde erreicht, vom Pferde, gab Cavalier die Hand und wuͤnſchte ihm Gluͤck zu einem Siege, der ihnen noch nie ſo vollſtaͤndig beſchieden waͤre. Als er aber den Leichnam des Eremiten ſah, da klagte er, daß es ihm nicht vergoͤnnt geweſen, dem bitterſten Feinde ſeines Lebens den Todesſtoß zu verſetzen. ——— 1——— —— — b 1 208 „Jetzt aber, Bruͤder,« ſagte Marie:„muͤſ⸗ ſen wir unſern Sieg verfolgen und vollen⸗ den. Laßt Eure Unterbefehlshaber kommen; laßt uns Kriegsrath halten; die mehrſten Stimmen ſollen gelten, und ſo wie bei un— ſern Vorfahren ein Dolch der Mittelpunkt des Berathungskreiſes war, ſo ſei es hier der De⸗ gen des Hauptmanns, bedeckt mit dem Hute, deſſen Federbuſch vor wenig Stunden noch un⸗ ſern Feinden als Zeichen, uns zu vernichten, diente.« Sie thaten, wie ſie vorgeſchlagen; die Ver⸗ ſammlung bildete ſich umher und Rolland be⸗ gann: „»Meine Bruͤder, der Herr hat Mitleid mit ſeiner Kirche; der glaͤnzende Vortheil, den wir heute errungen, ſagt uns, er werde ſeine Ver⸗ heißungen erfuͤllen. So rathe ich, dies Land foͤrmlich in Beſitz zu nehmen, da es uns ſchon nach dem Rechte der Eroberung gehoͤrt, und ich habe zu dem Ende eine Aufforderung an alle Doͤrfer geſchrieben, die ſie zum Gehorſam vor⸗ bereiten ſollen.« 209 Mit dieſen Worten nahm er ein Papier und las, die erſten Worte zwar leicht uͤberge⸗ hend, das Andre aber mit erhabner Stimme: „Wir, Nolland, Graf und Befehlshaber der proteſtantiſchen Armee in den Cevennen und im Languedok, befehlen hiemit den Einwoh⸗ nern des Fleckens Saint Florent, ihren Prie⸗ ſtern, ſo wie den Miſſionairen, kund zu thun, daß wir ihnen durch Gegenwaͤrtiges verbieten, Meſſe zu leſen oder Predigt zu halten, und daß wir ihnen augenblickliche Entfernung befehlen; daß aber, ſollten ſie unſerm Willen keine Folge leiſten, und nach drei Tagen noch angetroffen werden, ſie lebendig verbrannt, ihre Kirchen aber und ihre Haͤuſer mit ihnen den Flammen uͤbergeben werden ſollen.« Alles ſchwieg; endlich ſagte Marie: Bruder Rolland, der Anfang dieſes Schrei⸗ bens iſt Dir vom Teufel des Hochmuths einge⸗ geben; das Uebrige verſteh' ich nicht zu beur⸗ theilen, doch ſo viel weiß ich, wenn Drohun⸗ gen helfen ſollen, ſo muͤſſen ſie auch ausgefuͤhrt werden.« — ——— — — 210 „»Auch habe ich noch nichts verſprochen, ohne es zu halten, Schweſter.« 2 „»Wohl! Heißt es aber den Vortheil des Herrn vor Augen haben, wenn man ſeine Kraͤfte verwendet, einige elende Doͤrfer zu vernichten? Rede, Bruder Cayalier.« „»Nein, antwortete Dieſer: Basville und Montrevel ſind in Nimes, dahin muͤſſen wir ziehen.« /Wer gleicher Meinung iſt, ſtrecke den Arm aus,« rief die Prophetin. Alle Haͤnde erhoben ſich, und Rolland war der Erſte, es zu thun. /Wenn wir nun morgen das Unternehmen beginnen, ſo muͤſſen wir heute der Ruhe genie⸗ ßen.& ¹ Die Camiſarden folgten dem Rathe ihrer Prophetin, ſie ſelbſt aber blieb zuruͤck, lehnte ſich an den Baum, unter dem ſie die Nacht ge⸗ ſchlummert, und uͤberſah einige Zeit das Feld, auf dem der Tod und das Schweigen ruhten, und wo die Luft noch von dem durch der Strei⸗ ter aufgeregten Staube verfinſtert war. Mit 211 widrigem Gekraͤchze kam ein Heer von Raben, angezogen vom Mahle, das ihrer harrte. Trau⸗ rig uͤberſch Marie das Ganze; am Rande des Horizonts daͤmmerte der Wald von Ventalou, der Schauplatz ihres Ungluͤcks. „Ach, rief ſie aus: Blut wird mit Blut bezahlt.« Sie verließ den Huͤgel, und als ſie in das Lager kam, war Alles entſchlummert, und man hoͤrte nichts, als den eintoͤnigen Anruf der Schildwachen. Ftuͤh am Morgen weckte Marie Cavalier, um ihm zu ſagen, daß ſie nach Deze zuruͤck ge⸗ hen und ihn erſt in Nimes wiederſehen wolle. Bald war das ganze Lager in Bewegung; die ganz weißen Fahnen flatterten, die Trom⸗ meln wirbelten, die Trompeten ſchmetterten und die Krieger brachen auf; Marie ſah ihnen. nur wenig Augenblicke nach, dann begann ſie ihren Weg, und kam erſt in ſpaͤter Nacht zu ih⸗ ren Freunden in der Hoͤhle. ———— 1— B. Marie fand L'Hommond im lebhaften Ge⸗ ſpraͤche mit dem Praͤdikanten Salomon Codebek; Letzterer ſchien Unrecht zu haben und deshalb das Ende des Geſpraͤchs zu wuͤnſchen. L'Hommond berief ſich auf Marie, die ſeine That gewiß nicht billigen werde und jetzt entſcheiden muͤſſe, was aus dem aufgefangenen Prieſter werden ſolle. »Gewiß, da er unſern Zufluchtsort kennt, darf er ihn nicht wieder verlaſſen. Weshalb aber zwingt man uns, unſre Wohnung mit Blut zu beflecken? wer hat ihn hergebracht? wie heißt er?« »Ich weiß es nicht, obſchon mir ſein Ge⸗ ſicht bekannt ſcheint; ich ging mit einigen Sol⸗ daten, um einen Brief vom Bruder Rolland nach Saint Florent zu bringen; wir ſahen den Pfaffen, als wir in's Thal von Andora kamen, in Barget's Wohnung gehen, und da wir ihm Zeit vergoͤnnten, ſo konnten wir ihn ſchlafend leicht gefangen nehmen, und, ſtatt ihn umzu⸗ bringen, ſchleppten wir ihn als Geißel mit hie⸗ her.« „Bruder, dies iſt wieder eine Entfuͤhrung, und unwerth unſrer heiligen Sache ſind ſolche Mittel, denn außer dem Schlachtfelde Blut zu vergießen, iſt nur die Arbeit des Henkers, und doch zwingt man uns dazu, wenn man Gefan⸗ gene hieher bringt. Wo iſt der Prieſter?« /In der Brunnengrotte.« Dieſe kleine Hoͤhle war in einer Vertiefung der Großen. Hier fiel aus den Moos bedeck⸗ ten Waͤnden des Felſens eine Quelle ſchaͤumend und hell in einen unergruͤndlichen Schlund, der als ein Brunnen von der Natur ſelbſt hervor⸗ gebracht war. Das Murmeln des Waſſers ver⸗ mehrte das Grauhafte des finſtern Orts. Ueber dem Brunnen ſtand ein Balken zum Behuf des Waſſerſchoͤpfens, und an dieſen hatte man den 214 Prieſter geheftet; er ſchien noch jung, und das Blut, das uͤber ſeine langen Haare floß, ſo wie ſein mit Schmutz bedeckter Prieſterrock, zeig⸗ ten von mehr Widerſtand, als es ſeine kleine Figur ahnen ließ. »Bertold Delmas!« rief Marie bei dem erſten Blick, indem ſie Den erkannte, deſſen ſchaͤndliches Geſpraͤch mit dem Eremiten Franz ſie vor wenig Tagen gehoͤrt. Mit Todesangſt beſchwor Delmas die Pro⸗ phetin, ihm das Leben zu erhalten, und ver⸗ ſicherte, daß Herr von Basville mehrere Pro⸗ teſtanten an ſeiner Stelle frei geben wuͤrde. Marie aber ſagte:»Bertold, Du biſt er⸗ griffen im Thale Andora, das iſt Gottes Fin⸗ ger, denn da war es, wo Du vor wenig Ta⸗ gen einen Meuchelmord begingſt.« Deumuthsvoll ſuchte der Angeredete ſich von dem Verbrechen frei zu ſprechen; doch Marie uͤberfuͤhrte ihn, und nachdem ſie ihn einige Mo⸗ mente ſtarr angeblickt, ſetzte ſie hinzu:»warſt Du nicht vor einigen Jahren im Gefolge des Abtes von Cayla?« „Ach! ich bereue Alles, was ich damals gethan, und ich ſchwoͤre Euch bei dem lebendi⸗ gen Gotte, ſchenkt Ihr mir Leben und Freiheit, ſo will ich nie Euch oder einen der Euren das mindeſte Boͤſe zufuͤgen, vielmehr Euch Alle, wie meine Bruͤder anſehen?a 1 n „Deine Verſprechungen ſind unnuͤtz, denn Deine letzte Stunde hat geſchlagen; berathe Dich mit Deinem Gewiſſen und wende Dich zu Gott.« Bei Anhoͤrung dieſer Worte verwandelte ſich die ſcheinbare Demuth des Prieſters in Aus⸗ bruͤche der graͤßlichſten Wuth, Verwuͤnſchungen und Schmaͤhungen. Codebek aber unterbrach ihn mit der Be⸗ merkung, daß er ſeinem Dolche nur kaum ent⸗ gangen, als er geſehen, wie er den Bruder Cal⸗ bert vor der Kirchthuͤr zu Pont de Montvert aufhaͤngen ließ.* Neue Fluͤche wollte Delmas ausrufen, aber Marie unterbrach ihn mit der Frage: dob ſeine Kirche ihren Geiſtlichen ſolche Gebete bei ihrem Tode verſtatte?« ———— Dieſe ruhigen und doch ihm das Leben ab⸗ ſprechenden Worte ließen ihm keine Hoffnung mehr, und ſo ruͤhmte er ſich in den grauſam⸗ ſten Ausdruͤcken alles Uebels, was er den Pro⸗ teſtanten zugefuͤgt, worunter auch das, Ma⸗ rien betreffende, im Walde zu Ventalou geſche⸗ hen war. Sie aber rief:»Simon!« und zwei Maͤn⸗ ner mit Stricken traten ein, denen ſie, auf Delmas zeigend, gebot, ihr Amt zu verrichten, worauf ſie ſich mit dem Praͤdikanten entfernte, um nicht Zeuge der Schreckensſcene zu ſeyn. 24. Nach einigen ohne aͤußere Begebenheiten ſtill verlebten Tagen, in denen Eliſabeth uͤber ihre jetzige und kuͤnftige Lage nachdachte und ſich der Hoffnung uͤberließ, eine Moͤglichkeit aufzu⸗ finden, wie ſie Frankreich verlaſſen koͤnne, ſchwebte der verwundete Mazel noch immer in großer Gefahr, und Marie vermogte nicht die Angſt zu unterdruͤcken, in die das Ausbleiben aller Nachrichten ſie verſetzte, das ſie fuͤr ein uͤbles Zeichen hielt. Eines Abends nach geendetem Gebete, trat ein Soldat ohne Waffen und ohne Montirung in die Verſammlung. »Gott erbarme ſich,« rief Marie:»Sa⸗ muel, Du biſt der Bote uͤbler Nachrichten.« „Ja; wir ſind nach vierſtuͤndigem, bluti⸗ Camiſarden. II. 15 218 gem Gefechte bei Ledignau von den koͤniglichen Truppen, die Montrevel ſelbſt anfuͤhrte, ge⸗ ſchlagen. Unſere tapferſten Leute ſind gefallen,* und wir mußten den Feinden das Schlachtfeld uͤberlaſſen. Bruder Cavalier hat den Ueber⸗ reſt ſeiner Krieger geſammelt, und ſchickt mich, Euch Alles zu melden, und daß er willens iſt, ſich in die Berge zuruͤck zu ziehen. Marie erhob die Augen weinend gen Him⸗ mel, dann ſagte ſie:»der Wille des Herrn muß geſchehen.«— Schreck und Entſetzen hielten alle Anwe⸗ ſende noch um den Boten vereint, als ein hel⸗ ler Fackelſchein, vereint mit kriegeriſchem Getoͤſe, ihre Aufmerkſamkeit erregte, und man Solda⸗ ten ſah, welche den Eingang der Hoͤhle beſetzt ——ÿ ———— hatten.. „Gott, wir ſind entdeckt,« war der allge⸗ meine Angſtruf— dann folgte eine bange Stille. Abraham Mazel, eingehuͤllt in ſeine Laken, ſtellte ſich hinter Marie und fluͤſterte 5 ihr zu:»Schweſter, es giebt ein Mittel die Philiſter zu vernichten; denk an das Pulver.« -——— 219 „Auf dem Tiſch im Krankenſaale ſteht eine brennende Lampe ſagte ſie ſchnell nach eini⸗ ger Ueberlegung. Erbleichend hoͤrte Eliſabeth die ſchreckliche Berathung; in ſo grauſamer Geſtalt war ihr der Tod noch nie erſchienen. „Um Gottes Willen rief ſie halb laut Marien zu:»Schweſter! beſchleunige nicht ſelbſt unſern Tod.« Marie blickte ihr geruͤhrt in das ſchoͤne Auge und hielt Mazel mit ſtarkem Arme zu⸗ ruͤck. Der General⸗Lieutenant Lalande befahl ſei⸗ nen Leuten, die Gefangenen zwei und zwei an einander zu binden. „»Halt, General,« rief Marie:»dort iſt un⸗ ſer Pulver, laß Deine Leute keinen Schritt wei⸗ ter thun, ſonſt zuͤnde ich es an, und in einer Minute ſind wir Alle vernichtet. Lalande und ſeine Dragoner ſtanden, von Schreck gefeſſelt, einige Minuten regungslos ſtill. Marie ſchien indeß mit geſpanntet Aufmerk⸗ 15* — ÿ 220 ſamkeit einem Graͤuſche aufzumerken, das bis jetzt allein von ihren ſcharfen Sinnen vernom⸗ men ward. Indeß hatte Lalande ſich gefaßt; er wandte ſich zu ſeinen Truppen und ſagte: »Kinder, dies iſt gewiß nur eine leere Dro⸗ hung; ſie haben wahrſcheinlich nicht ſo viel Pulver, um einen Schwaͤrmer abzubrennen: beginnt Eure Arbeit.« Mit dieſen Worten faßte er ſelbſt die Pro⸗ phetin, Dieſe aber ſtieß ihn fort, und ſagte: »Weiche von mir, denn die Gerechtigkeit des Herrn ergreift Dich, und zeigt mir zu unſrer Rettung einen andern Weg, denn er will nicht, daß ſein Volk verderbe zugleich mit den Boͤſen. Harre noch einige Augenblicke, und Du wirſt den Arm des Maͤchtigen erkennen, der Israel erretten will.«— „»Naͤrrin!« rief Lalande:»waͤrſt Du kein Weib, ſo ſollte mein Schwert Dich verſtummen heißen.“. Indeß vernahmen jetzt auch die Uebrigen das Geraͤuſch, welches Marie zuerſt gehoͤrt; es 221 naͤherte ſich dem Eingange der Hoͤhle, der auf die Ebene ging, und auf das:»Wer da?« ei⸗ nes Dragoner⸗Officiers erſchallte die Antwort: /Cavalier!« begleitet von einer allgemeinen Salve der Camiſarden. Marie hatte Alles be⸗ merkt, ihren Freunden geboten, ſich an die Erde zu legen, und ſo entgingen Dieſe den Kugeln der Bruͤder. Groß war der Laͤrm und Schrecken dieſer Scene; die Dragoner in dunklen, unbekannten Raͤumen, ohne Ahnung eines Ueberfalls, dach⸗ ten an keinen Widerſtand, ſie ſuchten nur die Flucht; doch Wenigen gelang ſie, das Schwert der Camiſarden hieb ſie meiſt Alle nieder; glei⸗ ches Loos traf die Verwundeten nach beendetem Gefechte, und die Hoͤhle war mit Leichen be— deckt. Triumphlieder und Klaggeſchrei miſchten ſich zu ſchauerlichem Vereine. Der Praͤdikant Codebek, deſſen blutbedeckte und zeriſſene Kleidung bewieſen, daß er ſei⸗ nen Bruͤdern thaͤtige Huͤlfe geleiſtet, hob jetzt das Schwert und rief mit tiefer und rauher Stimme:»Hie! Schwert des Herrn und Gi⸗ 222 deon! Israel hat ſeine Feinde zu Boden getre⸗ ten. Gebt dem Herrn die Ehre.« »Salomon, Dein Schwert hat doch den Sohn der Hoͤlle, den die Philiſter Lalande nen⸗ nen, verfehlt,« ſagte Mazel, deſſen Schwaͤche ihn zum Fechten unfaͤhig gemacht. Erſchreckt uͤber dieſe Worte, beleuchtete Co⸗ debek die Todten, und wirklich, Lalande war nicht unter ihnen: dund doch glaubte ich ſo ge⸗ wiß, ihn getroffen zu haben!« ſeufzte Codebek. 23. Noch belebt von der Anſtrengung des Kam⸗ pfes blickte Cavalier's Auge doch finſter vor ſich nieder und ſtand allein, geſtuͤtzt auf ſein Schwert.* Marie ruͤhrte ihn an;»Bruder, Samuel hat uns ſchreckliche Nachrichten gebracht.« „»Ja, Schweſter, der Herr hat ſein Volk verlaſſen; wir ruͤckten vor, Muth und Ver⸗ trauen hatten ſeine Verſprechungen uns gege⸗ ben, doch er gab unſern Feinden den Sieg und den Ruhm. Zerſtoͤrung und Tod bringt der Arm des Gottloſen uͤberall hin, und ach, bald wird die ganze Gegend nur noch ein Aſchenhau⸗ fen ſeyn.« Mit dieſen Worten reichte ihr der Anfuͤhrer ein großes Blatt Papier, das ſie mit ernſter ———ÿÿ—— 224 Aufmerkſamkeit las, waͤhrend alle Camiſarden ſie umſtanden und ihren Ausſpruch zu erwarten ſchienen. Die Frauen ſelbſt, ſo erſchreckt ſie vom blutigen Auftritt waren, kamen doch herzu, und horchten, wie die Andern, auf Mariens Befehle. »Meine Bruͤder, es giebt keinen Frieden, keine Ruhe mehr fuͤr uns; die Philiſter nahen . ſich, Feuer und Schwert in der Hand, denn Montrevel hat befohlen, unſre Flecken und Staͤdte zu verbrennen. Aber Gottes Schrecken wird unſre Feinde treffen! Ein Barack wird herniederſteigen von dem heiligen Berge und Siſera ſchlagen— dann wird ein zweiter Jo⸗ hel aufſtehen, ihn erlegen, und der Ueberreſt der Kinder Gottes wird gerettet ſeyn.« Als Marie dieſe Worte feierlich ausgeſpro⸗ chen hatte, rief Codebek laut:»O, Du! un⸗ ſers Volkes zweite Debora, leite uns, ſage, was ſollen wir thun!« „Aufbrechen, Bruͤder, und zwar augen⸗ blicklich, denn hier iſt keine Sicherheit mehr fuͤr uns. Das Thal iſt zwar gewiß von den Fein⸗ —— 225 den beſetzt, allein wir koͤnnen den Weg zur Seite einſchlagen. Mitnehmen duͤrfen wir nichts, als Gold und Papiere.« In einigen Minuten war Alles zum Ab⸗ marſch bereit, und waͤhrend Codebek laut jam⸗ merte, daß alle dieſe anſehnlichen, ſo muͤhevoll geſammelten Vorraͤthe in feindliche Haͤnde fal⸗ len ſollten, beredete Marie mit Cavalier, daß ſie die Verwundeten, die Greiſe und die Frauen nach dem Berge Wafefenſichel an der Graͤnze des Gevaudan in den Ober⸗Cevennen ſchicken wollten; dann aber gab ſie das Zeichen zum Aufbruche, und blieb, in ihren Mantel gehuͤllt, eine Bibel unter dem Arme, etwas zuruͤck, waͤh⸗ rend die Andern im traurigen Schweigen bei ihr herzogen, und die Frauen weinend nach dem ſchuͤtzenden Zufluchtsorte zuruͤck ſahen. Marie ſtand vor der Hoͤhle und zeigte Eli⸗ ſabeth einen ſchmalen Strich Pulver, den ſie unbemerkt hingeſtreut hatte, indem ſie ſagte: morgen kommen die Dragoner, aber nur ein Aſchenhaufen ſoll ihre Beute ſeyn.« 2O, Gott& rief Eliſabeth:»welcher Ge⸗ 226 fahr ſetzen Sie ſich aus! Die Pulverkammer iſt ſo nah', der Ausbruch wird augenblicklich ge⸗ ſchehen.« »Entfernt Euch Alle!« ſchrie die Prophetin mit lauter befehlender Stimme:»ſchnell, bis auf jenen Huͤgel; dort harret meiner.« Alle eilten dahin, etwa 300 Schritte von der Hoͤhle, und bewachten nun aͤngſtlich jede Bewegung, der ſich wahrſcheinlich opfernden Prophetin. Sie buͤckte ſich, legte etwas weißes zur Erde, zuͤndete es an, lief dann ſchnell etwa hundert Schritt, blieb ſtehen und ging langſam und ruͤckwaͤrts mit auf das angezuͤndete Papier geheftetem Blicke eine Strecke weiter. »Entferne Dich, Schweſter! komm hieher, Schweſter!« ſo riefen Alle. Marie that es, und Codebek ſagte:»der Schwamm iſt wahrſcheinlich ausgeloͤſcht, und — Ein fuͤrchterlicher Donnerſchlag unterbrach ſeine Worte, die Erde bebte und die Blaͤtter auf den Baͤumen rauſchten, wie vom heftig⸗ ſten Winde geſchuͤttelt. Die umliegenden Echo 227 hallten einige Minuten lang den betaͤubenden Ton wieder, dann aber ward eine allgemeine Stille. »Es iſt vollbracht,« ſagte die Seherin: »Bruder Cavalier, wohin denkſt Du zu gehen?e Ich will hinab in die Gardanenque. Das Land iſt im Aufſtande, denn uͤberall brennen, morden und pluͤndern die Dragoner, ſo bringen Nothwendigkeit und Verzweiflung gewiß Viele zu uns, die bis jetzt ſich begnuͤgten, uns heim⸗ lich anzugehoͤren, die ſich nun aber bewaffnen werden, Leben und Eigenthum zu vertheidigen. Deshalb iſt eine allgemeine Zuſammenkunft auf den 10ten dieſes Monats in dem Andora⸗Thale beſchloſſen, wo wir unſre Streitkraͤfte uͤberſehen und dann glaubensvoll Montrevel abermals an⸗ greifen wollen.« Dceer ſcharfe langgezogene Ton einer Pfeife erſchallte. „Das ſind unſre Bruͤder; die Begebenhei⸗ ten der vorigen Nacht ſind ihnen noch unbe⸗ kannt, ſie erkennen den Eingang zur Hoͤhle nicht, antwortet ihnen.« Codebek that es; die Ankoͤmmlinge erwie⸗ derten die Zeichen und naͤherten ſich, ſo daß Marie den Auvergnaten Samuel erkannte und aus ſeinen Gebehrden auf große Neuigkeiten ſchloß; er aber rief:»um Gott, Bruder Cava⸗. lier, weshalb treff' ich Euch mitten in der Nacht auf freiem Felde? und welch' einen fuͤrch⸗ terlichen Laͤrm habe ich gehoͤrt?« Cavalier erzaͤhlte ihm das Geſchehene und frug dann, was er fuͤr Nachricht bringe. »Gute, mein Bruder! Der Herr hat das Auge der Barmherzigkeit wieder auf ſein Volk gewandt; ein Abgeſandter unſrer Freunde in England iſt in Rouſſon angekommen und hat dem Bruder Rolland einen Brief vom Marquis de Miremont uͤbergeben, worin Dieſer ſchreibt, daß Alles, uns zu helfen, bereit iſt. Schon erblickte man bei Cette zwei engliſche Schiffe. Sie gaben Signale, leider aber war der Agent noch nicht angekommen, wir verſtanden ſie nicht, und ſo entfernten ſich die Schiffe; indeß die Flotte iſt im mittellaͤndiſchen Meere und wir duͤrfen taͤglich eine Landung hoffen.« — 229 »Hoſianna! Ehre ſei Gott in der Hoͤhel« rief die ganze Menge. AUnd noch mehr weiß ich! Boeton von Saint⸗Frique hat in der Rouergue einen Auf⸗ ſtand bewirkt. Das Rendezvous iſt Sauve, und Bruder Catinat iſt hier um Boeton von Allem zu benachrichtigen.« 5O, dem Herrn ſei Dank! er nimmt ſein Volk zu Gnaden auf,« wiederholte Marie; dann aber ſagte ſie zu Cavalier:»Bruder, der Morgen bricht anz laß uns Jeder ſeinen Weg beginnen und erwarte mich uͤber drei Tage im Thale von Andora.« 2 Cavalier hatte nur eine ihm vorzugsweiſe werthe Compagnie mit ſich, die man gewoͤhn⸗ lich ſeine Leibwache nannte. Zwanzig Mann ließ er zuruͤck, Malie dnd Lihe Gefolge zu be⸗ ſchuͤtzen. »Leb' wohl, o Sehneſere ſagte er: ybis uͤber drei Tage im Thale Andora.« »Ja, wenn es Gottes Wille iſt, Bruder.« Codebek begleitete Cavalier. Der Himmel war truͤbe, ſchwarze Wolken bedeckten den Mond, und in dieſer Finſterniß ruͤckte der Zug auf ſteinigem ungebahntem Wege nur langſam fort. Eliſabeth hielt ſich feſt an L' Hommond; Mazel, in Tuͤcher gehuͤllt, ward von zwei Sol⸗ daten mehr getragen, als gefuͤhrt, waͤhrend ———————õ— etwa dreißig Frauen und Greiſe langſam vor⸗ waͤrts gingen. Die Erſte des Zuges war Ma⸗ rie, wie es ſchien, leiſe betend, doch oft ſich umwendend, um die Ermatteten zuzureden. Endlich erſchien der Tag, und man fand ſich in einem engen, unfruchtbaren Thale, in dem nur einige zerſtreute hohe Eichbaͤume und dichtes Geſtraͤuch wuchſen. Marie ſtand ſtill, die erſchoͤpften Frauen ſanken zur Erde, und obgleich keine von ihnen klagte, ſo zeigte doch ihre Haltung von gaͤnz⸗ licher Ermattung. Auf einer kleinen Anhoͤhe am Ende des Thals ſah man ein halb verfallnes Schloß; die Prophetin zeigte darauf, und ſagte:»da wollen wir ruhen; es iſt der Thurm von Viala; ſein Bewohner betritt die Wege des Heils, er wird uns die Aufnahme nicht weigern. c Dieſe Worte ſchienen neues Leben unter Alle zu verbreiten, ſie ſtanden auf und ſchick⸗ ten ſich an, den Huͤgel zu erſteigen, waͤhrend die aufgehende Sonne die Spitze der Berge ver⸗ goldete. 232 »O ſeht doch! ſeht,« rief eine alte Frau voll Staunen und Entzuͤcken; Alle theilten es, denn ſeit achtzehn Monaten hatte Keiner von ihnen den Aufgang der Sonne und ihre wohl⸗ thaͤtigen Strahlen geſehen. „Ach,« fuhr die Alte fort:»im Auchaun der Sonne zu ſterben, muß gluͤcklich ſeyn.« „Laßt uns aber nicht verweilen, denn bald und wir angekommen.« 1 Der ſogenannte Thurm von Viala war frü⸗ her. eine Commende der Tempelherren geweſen; ſeine vier Fluͤgel umſchloſſen einen mit einem Gange umgebenen Hof, eine Bauart, die ſich in mehreren alten Kloſtergebaͤuden findet. In dem einen Winkel ſtand ein runder Thurm, der dem Ganzen wahrſcheinlich den Namen gegeben. Eine feſte, eichene Thür ver⸗ wahrte den Eingang. In der ganzen Umgegend fand ſich weiter keine menſchliche Wohnung. Marie ſchlug zwei⸗ mal mit einem Steine an die Pforte und er⸗ wiederte auf die, aus einer kleinen Oeffnung kommende, leiſe Anfrage:»daß es Freunde und 233 Bruͤder in Gott waͤren, die hier einen Tag aus⸗ zuruhen wuͤnſchten und um Aufnahme baͤten.« Schnell oͤffnete ſich die Pforte, und ein junger Mann von rieſenhaftem Wuchſe hieß ſie herzlich willkommen und ſagte:»die Anfrage war nur der Ordnung wegen, denn ich habe die ganze Nacht gewacht; ich hoͤrte das Schie⸗ ßen und ſah Euch kommen; aber, ach, Eure Reiſe iſt wohl ein Zeichen des Ungluͤcks?« *Ja, Peter, Gott hat uns gezüchtigt, doch unſer Vertrauen iſt nicht gewichen. Kannſt Du helfen, unſern Freunden Erquickung zu ſchaffen?« 1 Sie traten in einen großen, wuͤſten Saal, deſſen ungetuͤnchte Steinwaͤnde von Alter und Rauch geſchwaͤrzt waren, deſſen Fenſter nur auf den Gang fuͤhrten, und wo, trotz dem Mangel eines Kamins, in der Ecke ein Feuer brannte, deſſen Rauch das ganze Gemach erfuͤllte, und den Augen, wie dem Geruche, hoͤchſt aͤſtig fiel. »Jetzt ſchlaft, arme Freunde, in der Zeit mach' ich das Fruͤhſtuͤck fertig; Ihr ſollt Brot haben und mehr noch z6 mit dieſen Worten lieb⸗ Camiſarden. II. 1 6 234 koſete der treuherzige Juͤngling eine Ziege, die mit ihrem Lamme neben ihm her ſprang. Die Ruheſtaͤtte ward ſchnell bereitet und Alle legten ſich nieder, bis auf Marie, die es wohl bemerkt hatte, daß der arme Peter ſeine Ziege und ihr Lamm opfern wollte, und die ihm dies freundlich unterſagte. Dann frug ſie ihn, wie er ſeine Zeit verbraͤchte? er antwor⸗ tete:»ach! einſam und traurig! Holz und Feld ſind meinem Herrn genommen, ich kann alſo draußen keine Arbeit haben, ſo ſpinne ich Wolle und leſe in der heiligen Schrift. Gern ging ich mit unſern Bruͤdern in die Schlacht, aber ich darf, denke ich, dies Schloß nicht verlaſſen, denn wem ſollte ich die Schluͤſſel uͤbergeben, die mir doch anvertraut ſind? ich habe gehoͤrt, daß der Mann, der ſie mir gab, ſeinem Herrn außer Landes gefolgt ſei, nachdem Dieſer vorher Alles verkauft hatte, bis auf dies wuͤſte Schloß, zu dem ſich kein Kaͤufer fand, und von dem der Koͤnig das Land weggenommen hat.« „Auch das Schloß hat er ſeinem rechtmaͤßi⸗ gen Beſitzer entzogen, guter Junge, und Du 235 kannſt es ohne Unrecht verlaſſen. Willſt Du zum Bruder Cavalier gehen, ſo findeſt Du ihn in drei Tagen im Thale von Andora.« „Freilich, freilich will ich zu ihm und ihm helfen, die Feinde des Hoͤchſten zu ſchlagen,« rief der hocherfreute junge Mann, indem er froͤhlich das Fruͤhmahl bereitete, waͤhrend Marie den Saal verließ. 16* 27. Eine ſchmale Treppe fuͤhrte zu einem wuͤſten, großen Gemache im erſten Stockwerke des Thur⸗ mes. Dahin ging Marie und ſetzte ſich, ihre Bibel auf dem Schooße, in einen alten Seſſel. Das Zimmer empfing ſeine Erleuchtung nur durch eine in der uͤber fuͤnf Fuß ſtarken Mauer angebrachten Schießſcharte, ſo daß die Sonne wie ein Blitzſtrahl das Auge des Eintretenden verblendete. Die ganz erſchoͤpfte Frau verſank in jenen Zuſtand des Halbwachens, und man konnte ſagen: dihr Geiſt denkt, obſchon ihr Koͤrper ſchlummert.« Nach einigen Stunden fand ſie Eliſabeth, und das Geraͤuſch ihres Kommens weckte die Seherin. 237 »Wie ſiehſt Du ſo bleich und leidend aus, meine Tochter,« ſagte ſie ſanft zu Eliſabeth. Dieſe verſuchte durch eine freundliche Miene ſie zu beruhigen, obſchon ihre Augen voll Thraͤ⸗ nen ſtanden, und ſie erſuchte ihre Freundin, mit ihr das Schloß zu beſehen, da ſie allein nicht muthig genug ſei. Marie that es und blickte ſie mit jener mil⸗ den Freundlichkeit an, die ihre traurigen Zuͤge nur ſelten belebten, dann aber auch ihnen eine unbeſchreibliche Anmuth verlieh. Sie durchſtrichen den Gang, und die Bilder der Vergangenheit ſtiegen duͤſter vor Eliſabeth's Seele auf. Sie dachte jener Tage der grauen Vorzeit, wo ketzeriſche Geiſtliche hier wohnten; es ſchien ihr, als traͤten ihre Schatten aus dem Dunkel jener hohen Pfeiler ihnen entgegen, um die Stelle anzudeuten, wo ſie, nachdem man ihnen Alles geraubt, grauſam ermordet wurden. Marie, die ihre Gedanken errieth, zeigte herab in den Hof und ſagte:»Ja, dieſe Steine waren mit ihrem Blute bedeckt, aber die Zeit hat die Spuren verwiſcht, und dieſe Hallen, die 238 Zeugen des Mordes waren, toͤnten lange Zeit hindurch von dem Jubel ſpaͤterer Geſchlechter.« Eine große, offne Thuͤr im Gange ließ ei⸗ nen Vorſaal ſehen, deſſen breite Treppe zum erſten Stockwerke des Schloſſes fuͤhrte. Sie ſtiegen leicht die oft ausgebrochenen Stufen hin⸗ auf und kamen in einen ungeheuern Saal, deſ⸗ ſen Zerſtoͤrung indeß noch einige Spuren ver⸗ gangener Herrlichkeit bewahrte. Die Kamine waren ſchoͤn gearbeitet, einige Stuͤcke praͤchti⸗ ger Tapeten flatterten noch an den Waͤnden, und in den Ecken lagen mehrere vergoldete, aber zerbrochene Meublen, gleichſam als waͤren ſie dahin geſtellt, um ſie fuͤr Sonne und Regen zu ſchuͤtzen, die Beide ungehindert durch die zerſchlagenen offnen Fenſter hineindringen konn⸗ ten. L'Hommond war ihnen gefolgt; tief er⸗ ſchuͤttert ſah er die durch Partheiwuth zerſtoͤrten Ueberreſte ehemaliger Pracht an und ſagte: »Ach, wie ſo ganz anders war dies Schloß, als ich meinen ſeligen Herrn Grafen hieher zur Hochzeit des Fraͤuleins von Viala folgte! Da⸗ — — 239 mals war das Edikt noch nicht zuruͤckgenommen, am hellen Mittage geſchah die Trauung in der Kirche zu Villefort; die ganze Umgegend ſtroͤmte herzu, denn es waren milde Gebieter die Herrn von Viala; alle Welt liebte ſie.« „O Gott!« rief Marie, indem ſie ſich einem in das Thal gehenden Fenſter naͤherte: vich ſehe Dragoner am Fuße des Huͤgels.« „Ich auch! ich auch!« rief g Hommond haͤnderingend: wir ſind verloren.« „»Ja, wenn wir nicht ſogleich das Schloß verlaſſen und noch den Wald erreichen koͤnnen, und dennoch will ich ſehen.« Mit dieſen Wor⸗ ten eilte Marie auf die Spitze des Thurms, von wo aus man die ganze Gegend uͤberſehen konnte. Mit Schauder erblickte ſie, daß Huͤgel und Schloß von Lalande's Dragonern umringt, und uͤberzeugte ſich, daß keine Rettung moͤglich war. L⸗ Hommond's Angſtgeſchrei hatte die un⸗ gluͤcklichen Schlachtopfer des Fanatismus aus ihrem letzten Schlafe geweckt, und Alle hatten ſich im Hofe verſammelt, als die Pforte von heftigen Schlaͤgen erbebte. 240 Wer da!« rief Peter aus einer vergitterten Schießſcharte den Dragonern entgegen. „Oeffnet! im Namen des Koͤnigs, oͤffnet die Thuͤr.« „-Und wenn Ihr ſaget im Namen des Teu⸗ fels, ſo machte ich dennoch nicht auf. Zieht weiter! ich weiß zu gut, was es heißt, Sol⸗ daten einzulaſſen. Die Letzten haben mir erſt kuͤrzlich Alles aufgezehrt, und mir kein Stuͤck Brot und kein Glas Wein uͤbrig gelaſſen.« /Wir wollen auch weder Brot noch Wein von Dir, wir wollen uns mit den Gaͤſten be⸗ gnuͤgen, die heute fruͤh bei Dir eingekehrt ſind. Ich ſage Dir nochmals: aufgemacht! oder wir ſchlagen die Thuͤr ein.« Peter ſchloß ſtatt aller Antwort die Oeff⸗ nung, aus der er geredet, und entfernte ſich. 28. „Bruͤder„« ſagte Marie zu den Camiſarden: ynehmt Eure Waffen; es iſt beſſer, den Tod im Gefechte, aus den Haͤnden der Krieger, als auf dem Richtplatze vom Henker zu empfan⸗ gen. Unſer Ende iſt nicht zu vermeiden; laßt uns Gott die Seele befehlen und dann das Le⸗ ben theuer verkaufen.« Eine allgemeine Zuſtimmung erfolgte; Ma⸗ rie frug, ob in der Mauer Loͤcher waͤren? „Nein,« ſagte Peter:»ſie koͤnnen nur durch die Pforte Eingang haben, und es wird Zeit beduͤrfen, ehe ſie dieſe bezwingen.« Indeß hatten die Camiſarden ſich hinter die Schießſcharten poſtirt, und feuerten aus dieſen auf die Dragoner. Kein Schuß verfehlte 242 ſein Ziel; die Belagerer konnten ſich gegen die unſichtbaren Feinde nicht wehren. Lalande befahl, duͤrres Holz, Laub und Stroh an die Thuͤr zu legen, es anzuzuͤnden und ſo die Eroͤffnung zu bewirken. Die Prophetin, die alle dieſe Anſtalten ſah, ging zu den verzweifelten Frauen hinab in den Hof, wo Mazel unter ihnen am Boden lag, da ſeine Wunden ihn am Gehen hinderten. „Im Namen des dreieinigen Gottes be⸗ ſchwoͤre ich Euch, laßt mich nicht hier ſterben, tragt mich auf die Mauer mitten unter die Phi⸗ liſter, damit ich auf ſie fallen und wie Simſon ſie zerſchmettern moͤge!« rief der Praͤdikant. „Abraham ,& ſagte Marie:»die Stunde iſt da, die uns zu glorreichen Maͤrtyrern macht. Bereite unſere Schweſtern; ſelig ſind, die da ſterben fuͤr ihren Glauben, gelobt ſei der Herr, der uns zu ſich ruft! betet, daß er ſich unſrer in unſrer letzten Stunde erbarme.« Peter ſtuͤrzte vom Thurme und rief:»weh uns! die Pforte brennt.« 243 „»Fallt auf Eure Knie, meine Schweſtern, jetzt iſt fuͤr dieſe Welt alle Hoffnung erloſchen,« ſagte Marie in frommer Ergebung. Waͤhrend dieſer Vorgaͤnge hatte L'Hom⸗ mond, nach aͤngſtlichem Suchen, ſeine junge Gebieterin in einem entlegenen Gemache gefun⸗ den, und zog ſie eilig mit ſich fort. 2O ſchnell, mein theures Kind, folgen Sie mir, ich vermag Sie zu retten; ich kenne aus fruͤherer Zeit einen verborgenen Schrank, ich habe ihn gefunden, da hinein koͤnnen Sie fluͤch⸗ ten, bis die Wuͤtheriche das Schloß verlaſſen haben.« Miit dieſen Worten fuͤhrte er Eliſabeth in ein mit Tafelwerk ausgelegtes Zimmer, wo auf den Druck einer Feder die Bretter zuruͤckwichen und einen Schrank zeigten, in dem ein Menſch hinlaͤnglichen Raum hatte. Das Fraͤulein aber trat zuruͤck und ſagte liebevoll und entſchloſſen: pfuͤr zwei Menſchen iſt hier kein Platz, deshalb mußt Du und nicht ich hineingehen, auf mein Leben iſt es nicht abgeſehen, Dich aber wuͤrden 4 ſie morden. 6 244 L.Hommond bat und flehte, daß Eliſabeth ſich retten, und ihn ſeinem Schickſale uͤberlaſſen moͤge, da die Angſt fuͤr ſie ihm ſchrecklicher, als ⸗ der Tod ſei, doch die Graͤfin zwang ihn, indem ſie ſagte:»gut, L⸗Hommond, kann ich Dich . nicht bewegen, ſo bleib, ich aber gehe auf kei⸗ nen Fall in den Schrank, denn allein kann ich doch mich nicht retten; verſagſt Du meine Bitte, ſo weihſt Du Dich nutzlos dem Verderben, ere haͤlt Du aber Dein Leben, ſo findeſt Du viel„ leicht Mittel, mich zu retten;« dieſer Gedanke entſchied den Treuen, er verbarg ſich, Eliſa⸗ beth ſchob die Thuͤr vor; keine Spur war von ihr geblieben, aber auch kein Augenblick haͤtte gezoͤgert werden duͤrfen, denn ſchon polterten ſchwere Tritte auf dem Vorſaal, die Thuͤr ward aufgeriſſen und ein Commando von etwa zwan zig Mann kam in das Gemach. „Fraͤulein von Mauléon!« rief der befeh⸗ lende Officier, als er Eliſabeth erblickte, die an dem Kamin betend zur Erde geſunken da lag. Sie erhob ſich, ging auf den Eintretenden wuͤrdevoll zu und ſagte:»ich bin Ihre Gefan⸗ 225 gene, mein Herr, darf ich hoffen, daß Sie mich fuͤr Beleidigungen ſchuͤtzen werden?« Eine Verbeugung war die Antwort des Of⸗ ficiers, der ſich ſogleich entfernte, und zwei ſei⸗ ner Leute als Schildwachen an die Thuͤr ſtellte. Bald darauf trat der General⸗Lieutenant Lalande ſelbſt mit ſeinen Officieren in den Saal, und ſuchte Eliſabeth durch die Verſicherung zu beruhigen, daß ſie mit der Achtung behandelt werden ſolle, die ihr Rang und ihr Ungluͤck verdienten, und daß er ſelbſt ſie bis Nimes be⸗ gleiten wuͤrde. »Ich danke Ihnen fuͤr Ihre Gewogenheit ſo ungern ich auch nach Nimes gehe, ſo weiß ich doch, daß ich es nicht aͤndern kann, und folge.« Dieſe Worte ſagte Eliſabeth mit lau⸗ ter Stimme, um damit den redlichen LHom⸗ mond zu beruhigen, dann brachte ſie ihre Haare, die ihr den ganzen Ruͤcken bedeckten, wieder in Ordnung, und folgte mit gefaltenen Haͤnden den voranſchreitenden Herren. Doch welch' ein erſchrecklicher Anblick bot ſich der Ungluͤcklichen bei den erſten Schritten dar! Alle Frauen lagen ermordet auf dem Hofe umher, zu ihren Fuͤßen der Koͤrper Abraham Mazel's, und neben ihm ſein abgeſchlagener Kopf. Eliſabeth bedeckte ihre Augen und eilte in's Freie zu kommen, wo aber noch groͤßeres Ent⸗ ſetzen ihrer harrte, denn ſie erblickte ihre Freun⸗ din Marie mit gebundenen Haͤnden, um mit den wenigen am Leben gebliebenen Camiſarden nach Nimes geſchleppt zu werden. Mit einem„ lauten Schrei wollte ſie ſich an ihre Bruſt wer⸗ fen; Lalande hielt ſie zuruͤck, und Marie ſelbſt bat:»beruhige Dich, meine Tochter, Gott hat mich in ſeinem Zorne leben laſſen, ſo ſei denn ſein Name geprieſen. Weiß ich ja doch, was mir bevorſteht, und daß das Ziel, nach dem ich ſo herzlich verlangt, nahe und gewiß mich —,— erwartet. Man wird uns Beide abtruͤnnig zu machen verſuchen, nur auf verſchiedene Weiſe; b doch Deine Gefahr iſt die groͤßte, erinnere Dich« — ſie konnte ihre Ermahnung nicht enden, denn Lalande's Befehle trennten ſchnell die Ungluͤck⸗. lichen. Drei Uhr Nachmittags mochte es ſeyn, 247 als der blutige Zug das Schloß verließ; die be⸗ dauernswerthen Gefangenen waren zwei und zwei an einander gebunden und ein zahlreiches Commando umgab ſie. Angekommen im Thale betrachtete der Ge⸗ neral ſie Alle, und da er ſah, daß die Prophe⸗ tin ſich fuͤr Mattigkeit nicht auf den Fuͤßen er⸗ halten konnte, befahl er, ihr ein Pferd zu ge⸗ ben.— „Zum Teufel,« murrte ein neben ihm ſte⸗ hender Soldat:»waͤhrend man alle Ketzer mit Stricken binden muͤßte, ſoll ein Dragoner zu Fuße gehen und dieſer weibliche Praͤdikant—e Der General, der dieſe Worte hoͤrte, un⸗ terbrach ihn mit dem Befehle, abzuſteigen, da er nun ſelbſt ſeinem Pferde zu Fuße folgen ſolle. „»Nun ſo mag ſie, wenn aber mein Brau⸗ ner ſie abwirft, iſt's nicht meine Schuld.« Marie hatte ſich ohne Huͤlfe in den Sattel geſchwungen, der Braune aber ſchien ſeiner leichten Buͤrde zu ſpotten und ſetzte ſich in vol⸗ len Galopp. 248 /Ihr nach!« rief der General den erſtaun⸗ ten Reitern zu:»Die darf am wenigſten ent⸗ kommen.« »Und doch wird ſie es, denn mein Brauner iſt das beſte Pferd unſerer Leute und hoͤrt nur auf mich, ich aber kann zu Fuße nicht nach⸗ ſetzen.« Marie kam immer weiter; die Gefangenen frohlockten, als das Pferd ploͤtzlich ſtill ſtand und die Seherin zu Boden ſank „O Gott,« rief Peter: weshalb rettete ſie ſich nicht, mit dem herrlichen Thiere konnte es ihr ja nicht fehlen.& „Thor/« antwortete ein andrer Gefangener: hihre Kraͤfte haben ſie verlaſſen, Du weißt ja, daß ſie, wie wir Alle, keine Labung genoſſen, als des Herrn Wort.« „Das ſieht man auf Deinem ausgehunger ten Geſichte,« ſagte der verdrießliche Dragoner pklage nur etwas lauter, ſo laͤßt der General wohl auch Dich reiten mit ſammt dem neTeuſſels⸗ weibe.« „»Nein, Du ſollſt die Ehre haben; nimm Dich aber in Acht, daß ſie nicht wieder vom Pferde faͤllt, ehe wir Nimes erreicht haben.« Marie war wieder zur Beſinnung gekom⸗ men, ſaß abermals zu Pferde, und zwanzig Dragoner umgaben und bewachten ſie. »Nun, mein Engel, machen Sie etwas Raum fuͤr mich,« ſagte der Herr des Roſſes: Jich will die Reiſe gern mit Ihnen zuruͤcklegen, denn Sie ſind der beſte Reiter, den ich jemals in Weiberſchuhen ſah.« Die ungluͤckliche Seherin wuͤrdigte dem Spotte keine Antwort, ſie ordnete ihre Klei⸗ dung, um anſtaͤndig zu ſitzen und— ſchwieg. »Gnaͤdiges Fraͤulein,« ſagte der General⸗ Lieutenant zu Eliſabeth: vich hafte perſoͤnlich fuͤr Sie, ich werde ſelbſt die Bedeckung anfuͤh⸗ ren, die Sie nach Nimes bringt, und Sie nicht eher verlaſſen, als bis ich Sie dem Herrn von Basville uͤbergeben habe. Wir gehen jetzt fort; ich bitte Sie daher das kleine Pferd zu beſtei⸗ gen und an meiner Seite zu bleiben.« Eliſabeth folgte der befehlenden Bitte, doch Camiſarden. II. 17 mit Schauder erinnerte ſie ſich an Alles, was ihr in Nimes begegnet war, und dachte mit wahrem Entſetzen an das, was ihr auf's Neue. drohte. Nach ſieben beſchwerlichen Tagereiſen er⸗ reichte man endlich die Thore von Nimes. 29. Nicht allzuweit von Nimes vor dem Carmeli⸗ ter⸗Thore zeigte ſich damals eine ſchlecht ausſe⸗ hende Wohnung; ein Tannenzweig als Wirths⸗ haus⸗Schild lud die Reiſenden zur Erfriſchung in die ſchmutzige Pforte des Hauſes, doch ſchra⸗ ken ſie gewoͤhnlich beim erſten Eintritt in die elende Schenke zuruͤck. Es war ein rauher, die Annaͤherung des Winters verkuͤndender October⸗Abend, die un⸗ tergehende Sonne beleuchtete das herbſtlich ge⸗ faͤrbte Laub, das ein heftiger Sturm von den Baͤumen riß und auf dem Wege umher rollte. Eine Frau trat aus dem Hauſe, ſah nach allen Ecken und rief: nein, ſo ſpaͤt und bei ſol⸗ chem Winde reißt keine Chriſten Seele; ich will 17* die Thuͤr ſchließen und ein gutes Feuerchen an⸗ zuͤnden. Das Rollen eines Wagens unterbrach das Selbſtgeſpraͤch der Frau Wirthin; ſie horchte, fuͤgte aber gleich hinzu:»das iſt kein Braten fuͤr mich, und uͤberdies koͤmmt der Wagen von der Stadtſeite; aber ich will doch ſehen, wer in dieſem Wetter unterwegs iſt.« Der Wagen naͤherte ſich immer mehr— o Wunder, er hielt vor dem Pallaſte der Un⸗ ſauberkeit ſtill.. »Ha,« rief die Wirthin:»man muß doch nie an ſeinem Gluͤcke verzweifeln! Jacob! ge⸗ ſchwind! ſetz' Licht auf den Kamin— wirf ein Bischen Strauchwerk in's Feuer! ſchuͤttle den Unrath von den Stuͤhlen! jag die Katzen vom Tiſche! ſperre den Hund ein! Eſel, nimm doch den Topf aus dem Wege.« Zwei Maͤnner ſtiegen aus; ſie kamen zum Hauſe. Mit vielen Knixen noͤthigte Madame die gnaͤdigen Herren« in die Stube und bot alle Erfriſchungen an, die ſich im Hauſe be⸗ fanden oder auch wohl nicht befanden. 253 Die Herren dankten fuͤr Alles und ſetzten ſich an das Feuer. „Herr Boſſard„& begann der Eine, ſich in ſeinen feinen Mantel von ſchwarzem Tuche wi⸗ ckelnd: des waͤre doch ein ſatales Ereigniß, wenn wir den ganzen Abend in dem jaͤmmerli⸗ chen Neſte warten muͤßten.« »Fuͤrchten Sie das nicht, mein Vater, der General⸗Lieutenant hat Tag und Stunde viel zu genau beſtimmt, indeß ſollten ſie wider Ver⸗ muthen zoͤgern, ſo muͤſſen wir bleiben und waͤhrte es bis nach Mitternacht, denn die Be⸗ fehle des Herrn Intendanten ſind allzu ſtreng.« „»Welch ein Gluͤck iſt dies doch! und wie wunderbar ſind die Wege der Vorſehung, ſie fuͤhrt, ſo zu ſagen, ſelbſt Fraͤulein von Mau⸗ léon in den Schooß unſerer heiligen Kirche zu⸗ ruͤck.«. „Und ihr Vermoͤgen in die Haͤnde unſers Gebieters,« erwiederte mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln der Herr Geheime⸗Secretair: vich wollte mei⸗ nen Augen nicht glauben, als ich las, daß, nach ſo vielen vergeblichen Suchen, das Fraͤulein ſich 8 254 unvermuthet in dem verrufenen Thurm zu Viala gefunden. Ha!l wie viel vergebene Briefe mußte ich anfertigen, und wie viel hundert Mal ihre Beſchreibung copiren! ja, und wie uͤbel war Herr von Basville die ganze Zeit uͤber gelaunt, was habe ich«— »Still!« unterbrach ihn der Geiſtliche: Dmir daͤucht, ich hoͤre Geraͤuſch— wahrlich, ſie ſind es.« Mit dieſen Worten verließen Beide eiligſt und ohne Abſchied, Zimmer und Behau⸗ ſung; die Wirthin aber, außer ſich fuͤr Aer⸗ ger, beklagte ihre Muͤhe, und befahl dem lieben Soͤhnchen, kuͤnftig keine ehrliche Katze, um alle vornehmen Herren der ganzen Welt, aus ihrer Ruhe zu ſtoͤren, oder einen Topf, und waͤre es der ſchlechteſte im Hauſe, aus dem Wege zu ſetzen. »Gut, Mutter! aber eine Kutſche haͤlt ſicher nicht wieder vor unſrer Thuͤr.« „Deſto beſſer, Jacob! deſto beſſer! Der Ruhm bringt klaͤglichen Gewinn, und waͤren ſie nur noch am Tage gekommen!« „Ach, lieber Gott, am Tage haͤtien ſe⸗ ſe ja * 3 —— unſer Haus ſehen koͤnnen, und dann waͤren ſie beſtimmt nicht bei uns eingekehrt, ſondern im ſilbernen Hahn.« „»Still, Jacob, Du ſprichſt, wie ein Ein⸗ faltspinſel.« »Halt, meine Herren! halt! wir ſind die Abgeſandten des Herrn Intendanten,« rief Boſ⸗ ſard, ſobald der Zug nahe genug war, daß man ihn hoͤren konnte.— »Herr General⸗Lieutenant, ich fuͤhle mich hochgeehrt, daß ich der Erſte ſeyn darf, Ihnen Gluͤck zu wuͤnſchen,« fiel ihm Pater Gabriel in's Wort. »Wie, mein Vater,« unterbrach der Gene⸗ ral den geiſtlichen Herrn, den er beim erſten Worte erkannt:»Sie hier? in dem Wetter? und um dieſe Zeit!«. „Mein gnaͤdiger Herr befahl es; wir ſind zu Wagen, um Fraͤulein von Mauleon in das Schloß zu bringen.« „So uͤbergebe ich ſie Ihren Haͤnden, meine Herren, doch ſehen Sie ſich vor, daß ſie nicht abermals entfuͤhrt werde.« 4 * 256 Eliſabeth ſtieg vom Pferde und bat den General auf das Flehentlichſte, ihr die einzige Gunſt zu gewaͤhren, daß ſie ihre mitgefange⸗ nen Freunde noch einmal ſprechen duͤrfe. Der General ſchien nicht ganz abgeneigt, allein Boſſard machte Gegenvorſtellungen, und nun entſchuldigte ſich Herr von Lalande, daß es unmoͤglich geſchehen koͤnne, ſo leid es ihm thue, ihr Etwas abſchlagen zu muͤſſen. Weinend winkte Eliſabeth ihren Abſchieds⸗ gruß den Genoſſen ihres traurigen Schickſals. Sie ſtieg in den Wagen, beide Herren folgten, und ſchnell erreichten ſie die Wohnung des Herrn von Basville. =—— 30. Eine Menge Menſchen hatten ſich trotz der Nacht auf den erleuchteten Hof der Intendan⸗ tur verſammelt, um Eliſabeth ankommen zu ſehen; ihre Schoͤnheit, Schwaͤche und ſichtlich⸗ tiefe Betruͤbniß erregten das Volk zu lauten Zeichen der Theilnahme. „»Kommen Sie, gnaͤdiges Fraͤulein, der gnaͤdige Herr wartet auf Sie.« Mit dieſen Worten bot der Pater dem ge⸗ aͤngſteten Maͤdchen ſeinen Arm und fuͤhrte ſie, ohne einem lebenden Weſen zu begegnen, uͤber den Vorſaal und die Treppe bis in das Vor⸗ zimmer. Boſſard, der hinter ihnen herging, gebot dem Bedienten, die Dame anzukuͤnden und ihnen die Thuͤr zu oͤffnen. 258 — Zitternd trat die Aermſte vor den mit Schreiben beſchaͤftigten Herrn von Basville, der ſie durch eine Bewegung der Hand zum Sitzen noͤthigte und dann befahl, ſeine Tochter zu rufen. Bald darauf oͤffnete der Kammerdiener beide Fluͤgelthuͤren und rief:»die Frau Graͤfin von Brasci!« Gefuͤhrt von ihrem Bruder trat ſie ie zein und der Vater ſagte:„Noch einmal, meitie Toch⸗ ter, üͤbertrage ich Dir die Aufſicht über Fraͤu⸗ lein von Mauléon; Du wirſt ihr meinen Wil⸗ len verkünden und ſie zum Gehorſam bewe⸗ gen.« 3 „Wenigſtens, gnädiger Herr/ wird es nicht meine Schuld ſeyn, wenn es mir nicht gelingt/« erwiederte die Graͤfin mit tiefer Verbeugung. Auf einen Wink des Vaters entfernten ſich die Damen, der Chevalier aber blieb. »Setz' Dich, mein Sohn, ich muß Dir eine ſeltſame Nachricht mittheilen; ich erhalte ſo eben einen Courier aus Paris, und man ſchreibt 259 mir, daß unſer Freund, der Herzog von Beau⸗ villiers, in Ungnade gefallen und in die Baſtille geſetzt ſt— denk Dir, das Ungluͤck! in Un⸗ gnade gefallen, nachdem er ſechs Wochen in meinem Hauſe verlebt— o, ich bin außer mir uͤber meine Unbeſonnenheit! ich haͤtte es ihm anſehen koͤnnen, daß er dumme Streiche ausuͤben wuͤrde! »Und weſſen iſt er beſchüldigtes „O, Albert! es iſt eine erſchreckliche Sache,« antwortete der Vater mit leiſer, gedaͤmpfter Stimme: der hat die Frechheit gehabt, zu ſa⸗ gen, daß Se. Majeſtaͤt nur durch die Brille der Frau Marquiſe de Maintenon ſaͤhe!« „Um Gott! und er ſitzt in der Baſtille?« »Ja, wollte der Himmel! aber leider haben ſeine Freunde ſo lange machinirt, bis ſich die junge Herzogin von Bourgogne ſelbſt fuͤr ihn verwandt hat— er iſt frei, indeß vom Hofe verbannt, und er hat ſich Nimes zum Verban⸗ nungsorte erwaͤhlt. Wie ſollen wir uns nun benehmen?« „Wird er wieder bei Ihnen logiren?« 260 Das iſt unmoͤglich! Wie koͤnnte ich einen Menſchen aufnehmen, der in Ungnade iſt? und doch darf ich ihn nicht beleidigen; er gilt zu viel bei der Herzogin, und der Koͤnig iſt alt; halt! da faͤllt mir ein herrlicher Ausweg ein! Gott⸗ lob, daß Dir die Confiscationen ein ſchoͤnes Hotel verſchafft, Albert! Du mußt ihm Deine Wohnung anbieten, und uͤberdies ſtoͤßt ſie an die meinige, ſie hat eine geheime Verbindung, das kann uns nuͤtzlich werden.« „Ich will Alles fertig machen laſſen, und koͤmmt er auch morgen, ſo kann er bei mir ein⸗ ziehen. Haben Sie noch Beſehle fuͤr mich, mein Vater? „Nein, geh' nur zu Louiſe umd ſuche Fraͤulein von Mauleon zu gewinnen, damit ſie gleich nach ihrer Abſchwoͤrung Dir die Hand reicht.« Der Ritter fand ſeine Schweſter in lebhaf⸗ ter Unterhaltung mit dem Pater, der ſich indeß ſogleich entfernte; Pionne aber ſtand neben ih⸗ rer Dame auf ihrem gewohnten Poſten. Albert ſchmollte, als er hoͤrte, daß Eüiſabeih ſich ſchon zur Ruhe begeben. — 261 Frau von Brasci verſicherte ihm aber, das Fraͤulein ſei gar zu erſchoͤpft geweſen. »Woher kommt meinem Schweſterchen ſo viel Nachſicht und Aufmerkſamkeit? vielleicht um ein ungeſtoͤrtes téten à tete mit dem Pater zu haben?« »O ſchweig, Albert! ich ſchwoͤre Dir, er iſt mir bis in den Tod verhaßt, aber ich muß ihn ſchonen, denn er iſt maͤchtiger, als ihr Alle denkt.« „»Nun, meinetwegen! Kannſt Du aber denken, daß Beauvilliers in der Baſtille ge⸗ ſeſſen und zwar losgekommen, aber vom Hofe verbannt iſt, und daß er in Nimes die Zeit ſei⸗ nes Exils zubringen will? nicht wahr, jetzt haſt Du auch keinen Plan mehr auf ihn?« »Wie, Bruder! begreifſt Du nicht, daß es bei einer neuen Regierung die erſte Stufe des Gluͤcks iſt, wenn man bei der alten uͤbel ange⸗ ſehen war? und wie lange wird es waͤhren, bis der Fall eintritt? Der alte Koͤnig kann alle Tage ſterben. Nein, Albert, meine Plaͤne wer⸗ 262 den durch Nichts umgeworfen. Ich vollfuͤhre ſtets, was ich einmal beſchloſſen.« Der Bruder erzaͤhlte ihr die Unterredung mit ſeinem Vater, die Graͤfin aber trieb ihn fort, denn, ſagte ſie: vich muß ſchlafen, um den Herzog im vollen Glanze meiner Schoͤn⸗ heit empfangen zu koͤnnen.« „»Aber, liebſte Louiſe, vergiß meine Ange⸗ legenheiten nicht uͤber die Deinigen.« 31. Verſenkt in truͤbe Gedanken, ſchaute die junge Gefangene, mit Thraͤnen im Auge, aus ihrem in den Garten gehenden Fenſter, als Frau von Brasci am fruͤhen Morgen ſie beſuchte, und im leichten Tone nach ihrem Ergehen fragte. „Wie kann es mir in meiner traurigen Lage gehen.« „»Ihre traurige Lage!« wiederholte die Graͤ⸗ fin ihre Worte: ves iſt doch wahrlich nur Ihr Eigenſinn, wenn das iſt; man muß dem Ver⸗ haͤngniſſe nachgeben, wo man nicht anders kann; ſich von ihm zur rechten Zeit leiten laſ⸗ ſen, iſt die aͤchte Lebensphiloſophie. Doch ich ſehe, meine Worte finden keinen Eingang bei Ihnen; ſie ſind Hebraͤiſch fuͤr Sie; indeß Sie werden ſie verſtehen lernen, und bis dahin wird 264 man, auch gegen Ihren Willen, fuͤr Ihr Be⸗ ſtes ſorgen. Herr von Basville hat beſchloſſen, daß Sie auf Weihnachten zu unſerm Glauben uͤbergehen.« „Nein, gnaͤdige Frau, ich ſchwoͤre nicht ab,« ſagte Eliſabeth kalt. „Nicht, mein Fraͤulein? ſoll ich Ihnen etwa die Mittel nennen, deren wir uns dazu bedienen werden?« »s iſt noch eine gute Zeit hin bis Weih⸗ nachten, haben Sie die Guͤte und verſchonen Sie mich bis dahin mit Drohungen und Ueber⸗ redungen; ich verſichere Sie, gnaͤdige Frau, ſie ſind beide vergebens.« »Es mag ſeyn, doch muß ich erſt noch Eins Ihnen ſagen: mein Bruder wuͤnſcht ſich mit Ihnen zu vermaͤhlen, mein Vater iſt es zufrie⸗ den und da Ihre Hand frei iſt, ſo denk' ich, die Sache findet keine Schwierigkeit.« Eliſabeth erroͤthete lebhaft, faßte ſich aber und ſagte dann:»der Antrag iſt mir wahrlich ganz unerwartet; indeß ſo ganz ich den Werth dieſer Ehre erkenne, ſo habe ich doch nur eine 265 abſchlaͤgige Antwort zu geben, denn nie werde ich einen Mann heirathen, deſſen Glaube nicht der meinige iſt. Das iſt mein feſter, unabaͤn⸗ derlicher Vorſatz.« [Das wird ſich finden! Ich werde Ihre Worte Denen hinterbringen, die mir den Auf⸗ trag gaben, ſie ſind vielleicht gluͤcklicher oder geſchickter, als ich es bin, Sie zu uͤberreden.« Mit dieſen ſpoͤttiſchen Worten entfernte ſich Frau von Brasci; ſie begegnete ihrem Bruder, und ſagte kurz:»ſie will Dich nicht! Iſt der Herzog ſchon angelangt?« Er wird ſogleich hier ſeyn.« „Nun, ſo eile ich mich anzukleiden.« Am Nachmittage fand ſich eine zahlreiche Geſellſchaft in den Zimmern der Frau von Brasci ein. Der Chevalier trat hinein und fluͤſterte ſeiner Schweſter zu:»Er iſt hier.« Schnell warf ſie einen Blick in den Spie⸗ gel und freute ſich ihrer hohen Schoͤnheit, die ihr zuverſichtlich den Sieg verhieß. Die Fluͤgelthuͤren wurden geöffnet und der Name des Herzogs genannt. Camiſarden II. 1 8 266 Eliſabeth fuͤhlte mit Erſtaunen den verdop⸗ pelten Schlag ihres Herzens und das brennende Roth ihrer Wangen; beſchaͤmt verbarg ſie ſich hinter der Frau von Brasci. Des Herzogs hoͤfliche Worte waren natuͤr⸗ lich an Dieſe gerichtet, doch ein ſchneller, ſu⸗ chender Blick ging weiter, und naf ſeine junge Freundin. Die Graͤfin zeigte ihm zuiche den Schleier der feinſten Coquetterie, wie angenehm ihr ſein Beſuch ſei, und frug, ob es ihm nicht zu viel Schmerz mache, ſo lange in Nimes verweilen zu muͤſſen? »O% erwiederte der Herzog:»mir iſt, als haͤtte ich es nie verlaſſen; unveraͤndert kam ich zuruͤck; aber wie viel Angſt und Sorgen habe ich ſeit jenem Tage erlitten, wo«— Eliſabeth las in ſeinen Augen, daß ihre Entfuͤhrung von dem Herzog gemeint war; die Eitelkeit der Frau von Brasci aber bezog es auf den Tag, wo der Herzog Nimes und ſie verlaſ⸗ ſen haͤtte, und dankte ihm mit einem ſieg⸗ ſis⸗ hen Blicke. 267 Mit ſehr erſchreckter Miene kam der Che⸗ valier in den Saal, und ſagte leiſe zu ſeiner Schweſter: vuͤble Nachrichten! der Marſchall iſt bei Sauve gaͤnzlich geſchlagen; er fluͤchtet vor Cavalier und Rolland und koͤmmt hieher zuruͤck.« Bald war ein allgemeines Gefluͤſter; Herr von Basville kam und machte ein trauriges Geſicht, konnte aber doch die innere Zufrieden⸗ heit mit dem Ungluͤcke ſeines Gegners nicht ganz verbergen, obſchon er dem hie und da ſich aus⸗ ſprechenden lauten Tadel uͤber das Benehmen des Herrn von Montrevel mit ſcheinbarer Theil⸗ nahme Entſchuldigungen entgegenſetzte, die aber ſo eingerichtet waren, daß der Marſchall allge⸗ mein des Hochmuths und des Eigenduͤnkels be⸗ ſchuldigt ward, welche Meinung im Grunde die ſeinige war, und die er mit Freuden von An⸗ dern ausſprechen hoͤrte. 18* 32. Spaͤt am Abend waͤr es, als Herr von Bas⸗ ville eifrig beſchaͤftigt am Schreibtiſche ſeinem Geheimſchreiber Briefe in die Feder dictirte. Unbemerkt, an einem kleinen Tiſche von ſchwachem Lampenſchimmer erleuchtet, hatte Pa⸗ ter Gabriel in einer Ecke ſeinen Platz genom⸗ men, und zwar ſo ſchlau, daß er vom Schat⸗ ten der Lampe bedeckt war, waͤhrend ihm nichts entgehen konnte, was im Zimmer vorfiel. Er las, und der Intendant ſchien ſelbſt nicht zu wiſſen, wie nahe er ihm war. Die Thuͤr oͤffnete ſich; ſchnell und unange⸗ meldet trat der Marſchall in's Zimmer, der In⸗ tendant ſtand mit ſichtlicher Ueberraſchung auf; es war eine Pauſe. Endlich ſagte der Mar⸗ ſchall:»Sie wiſſen, was bei Sauve vorgefal⸗ len iſt.« 269 „»Ja, Herr von Montrevel, wir wiſſen Al⸗ les; Jedermann iſt unruhig, man haͤlt ſich ſelbſt in Nimes nicht mehr ſicher, und ich habe nach Paris geſchrieben, um Verhaltungsbefehle fuͤr dieſe ſchreckliche Lage einzuholen. »Was, hol es der Teufel! an den Hof ha⸗ ben Sie gemeldet, was Sie doch nur als Ge⸗ ruͤcht wiſſen! was Ihnen irgend ein feiger Aus⸗ reißer mit Uebertreibung hinterbracht! an den Koͤnig geſchrieben, ohne officielle Berichte von mir zu erwarten.« »Herr Marſchall,« ſagte der Intendant lang⸗ ſam und mit Betonung: dich habe geſchrieben, daß drei Regimenter bei Sauve in die Pfanne gehauen ſind, daß unſer Militair unfaͤhig iſt, die Fortſchritte der Aufruͤhrer zu hemmen, und daß ein beſtaͤndiges Ungluͤck unſre Operationen begleitet. Sie werden wiſſen, ob Uebertrei⸗ bung in dieſem Berichte iſt, und ich kann Ih⸗ nen die Abſchrift davon zeigen, denn ich bin kein Verlaͤumder, der ſeine Pfeile im Verbor⸗ genen abdruͤckt.« Der Marſchall bekaͤmpfte mit Keoßer An⸗ 270 ſtrengung den Zorn, der in ſeinem Innern brannte; endlich ſagte er: „Herr Intendant, ich bin nicht Schuld an unſerm Ungluͤcke, der Hof wird es einſehen, er kennt meine Handlungsweiſe und meine treuen Dienſte. Indeß Thatſachen ſprechen. Ich habe Alles gethan, das Uebel in der Wurzel zu ver⸗ tilgen, aber es liegt zu tief. Das ganze Land iſt vergiftet. Die Bauern ſogar ſind von einem Geiſte des Aufruhrs und der Unabhaͤngigkeit er⸗ griffen, der Alles fuͤrchten laͤßt; und die zůgel⸗ loſen Banden, die auf Ihren Befehl die Prote⸗ ſtanten und die Neubekehrten morden und pluͤn⸗ dern, werden Sie am Ende in Nimes ſelbſt be⸗ lagern. Sie wiſſen doch Alles, was man Ih⸗ nen Schuld giebt? es ſind ſchäͤndliche Grauſam⸗ keiten.« O, meine Kreuzknaben ſind nicht halb ſo grauſam, als Ihre Dragoner, und wirklich, der Herr, der ſo eben zwoͤlf Doͤrfer niederge⸗ brannt hat, von Dem haͤtte ich nicht uͤber an⸗ drer Leute Grauſamkeit ſprechen zu hoͤren er⸗ wartet.« — 271 »Alſo meine Feuersbruͤnſte werfen Sie mir vor? Hm! Confiscationen ſind auch beſſer, da faͤllt doch jedes Mal etwas fuͤr Sie ab; ich zeigte wenigſtens, daß nidriger Eigennutz nicht mein Fehler iſt; bis ietzt habe ich noch nichts erhalten, auch nichts gefodert, was meinen ge⸗ leiſteten Dienſten gleich waͤre.« „Der Herr Marſchall vergeſſen doch nicht die zwoͤlftauſend Franken, die Ihnen durch den General Stralen zuerkannt ſind,« ſagte mit hoͤhniſchem Laͤcheln Herr von Basville. And die werfen Sie mir als hinlaͤngliche Belohnung vor? Doch wozu laͤnger mit Ih⸗ nen ſtreiten? Der Wille Sr. Majeſtaͤt hat mich hieher beordert; ich bleibe, ſo lange es unſerm Herrn gut duͤnkt, und, meinen Feinden zum Trotz, werde ich alle Rechte und Vorzuͤge, die meinem Range zukommen, zu behaupten wiſ⸗ ſen.« nia an Mit dieſen ſtolz ausgeſprochenen Worten verließ der Marſchall ohne Abſchied das Zimmer. »Ha! wer befreit mich von dieſem Men⸗ ſchen/« ſchrie der Intendant zitternd vor Wuth. „Ich, Herr Intendant,« antwortete der leiſe naͤher getretene Prieſter. „»Sie!« rief der Angeredete, indem er den Jeſuiten zweifelnd und verwundert betrachtete; dann aber ſagte er im hochfahrenden Tone:„wie koͤmmt es, daß Sie hier ſind? wie, daß Sie dieſe Unterredung anhoͤrten? wer macht Sie ſo keck, mein Spion zu ſeyn! »Ich handle nach Befehlen,« ſagte der Pa⸗ ter ſehr demuͤthig. „»Nach Befehlen! und wer kann Ihnen, außer mir, etwas befehlen? Wiſſen Sie, daß Ihr Kleid Sie nicht vor der Zuͤchtigung ſchuͤtzt, die Ihre Unverſchaͤmtheit verdient! In mei⸗ nem Arbeitszimmer ſich verbergen! Herr Pater, Sie ſind nicht laͤnger der Beichtvater meines Hauſes; Sie verlaſſen es morgen mit dem Fruͤ⸗ heſten.«— Schweigend zog der Jeſuit ein Papier aus der Taſche und gab es, ohne eine Silbe zu ſa⸗ gen, dem zornigen Baron, der bei dem erſten Blick auf die ihm nur zu bekannte Hand, wie vom Blitz getroffen, ausrief:»Pater la Chaiſe le — ꝑ — „Ja, Herr Intendant, Der iſt es, der mir zu jeder Zeit den Eintritt in Ihr Kabinet er⸗ laubt, und das iſt auch der maͤchtige Schutz, der Sie, allen Angaben des Marſchalls zum Trotz, aufrecht erhielt. Wiſſen Sie, Herr von Montrevel iſt zu weit gegangen, er hat das Zutrauen der Geſellſchaft verloren; er faͤllt.« 8, dafuͤr ſei Gott gelobt!« Nun begann der Pater dem Intendanten alle die geheimen Mittel aus einander zu ſetzen, durch die er den Marſchall geſtuͤrzt, und Freund⸗ ſchaftsverſicherungen, von beiden Seiten gleich ehrlich gemeint, endeten die Unterredung. Der geiſtliche Vater ging und murmelte vor ſich hin: dwelch' ein Schuft! er thut Boͤſes, nur weil es Boͤſes iſt. Ja, waͤre die Graͤfin nicht ſeine Tochter, ſo haͤtte ihn der Marſchal meinethal⸗ ben erſaͤufen moͤgen.« Der Intendant aber, als er ſeinen Freund weit genug entfernt wußte, rief:»Gott, welch' ein Schurke iſt doch der ſcheinheilige Heuchler!« Hor/ Abbert,. das Frͤulein von Miulöon iſt ein wahrer kleiner Teufel; denk! Vater Ga⸗ briel und ich haben ſie zwei Stunden vergeblich vorgehabt; aber ich habe ſie auch dafüͤr i in ihre Kammer eingeſchloſſen.« 4 Du hatteſt doch ſo gewiß verferacheg ſie werde zu zum Weihnachtsfeſt uͤbergehen.« „und das ſoll ſie auch; die Furcht znu fie zwingen, und ich werde ihr heute Morgen einen eindringlichen Spaziergang thun laſſen. nuSei aber auch nicht zu grauſam, Louiſe.⸗ Fa, auf Deine Weiſe wuͤrden wir weit kommen, mein gefuͤhlvolles Bruͤderchen, ich weiß beſſer, wie man eine halsſtarrige Frau zu behandeln hat.« ——,— 275 Gegen Mittag nahm Frau von Brasci Eli⸗ ſabeth mit ſich in ihren Wagen, und ſagte dem Kutſcher:»zu den Karmeliter⸗Nonnen.« Ein Schauder durchdrang Eliſabeth bei dem Gedanken, man wolle ſie dort fuͤr ihr ganzes Leben einſperren, doch befreite ſie einige mebe⸗ legung von dieſer Angſt. Vor der Kirche ſtieg man aus und kam in einen ſchmalen, neben der Hauptthuͤr befind⸗ lichen Gang, wo man die Glocke einer kleinen Thuͤr zog, und alsbald eine Nonne am Gitter des Sprachfenſters erſchien, die ſie noͤthigte, die Haupttreppe herauf zu kommen, da die Graͤ⸗ fin geſagt, daß ſie die Sadeeiiin zu ſprechen wuͤnſche. Man fuͤhrte ſie in den großen Saal, der ohne alle Verzierung und das Sprachzimmer der Nonnen war; enge, hoch angebrachte Fenſter gaben ein Halblicht, nur eben hinlaͤnglich, einige Stuͤhle bemerkbar zu machen, ſo wie einzelne an den Waͤnden geſchriebene Spruͤche uͤber die Nichtigkeit aller irdiſchen Guͤter, Ermahnungen zur Buße, Erinnerungen an den Tod und an 276 die Strafen, die den Sundern bevorſtaͤnden. Den Hintergrund fuͤllte ein großes Gitter, von Innen mit einer ſchwarzen Gardine behangen. Wie fuͤrchterlich erſchien der gequaͤlten Eli⸗ ſabeth die Moͤglichkeit, hier eingeſperrt zu wer⸗ den. Die Graͤfin ſetzte ſich, ohne auf Eliſabeth und ihre Gefuͤhle zu achten, nieder. 21 Eine hagere, fleiſchloſe Hand zog den Vor⸗ hang zuruͤck, und die Superiorin erſchien in Begleitung zweier Nonnen. »Hochwuͤrdige Mutter,« ſagte die Graͤfin: Hich komme, fuͤr zwei junge Damen, die bis jetzt bei den Urſulinerinnen waren, die Auf⸗ nahme in Ihr Haus zu erbitten.« »Ich ſtehe zu Ihrem Befehle, Frau Graͤ⸗ fin.« 3 „So werde ich ſie morgen Ihnen uͤbergeben. Die kleinen Perſonen haben uͤblen Willen und Eigenſinn, und die Urſuliner Damen ſind zu nachſichtig, um ihnen die Behandlung der Neu⸗ bekehrten zu uͤberlaſſen. Sanfte Mittel fuͤhren nicht immer zum Ziele, und dann wird es ſuͤnd⸗ lich, ſie laͤnger zu befolgen.« —— — ——— —2— — „»Rechnen Sie auf meinen Eifer, Frau Graͤfin; die Damen ſollen den Novizen gleich gehalten werden, und in unſrer ſtrengen Regel den aͤchten Glauben erlernen.« »So nehmen Sie denn im Voraus meinen waͤrmſten Dank, hochwuͤrdige Mutter,« ſagte im Aufſtehen Frau von Brasci, waͤhrend die Superiorin ihr den geiſtlichen Segen ertheilte. »Nun!« frug die Graͤfin die traurige Eli⸗ ſabeth: iſt es nicht beſſer, folgſam ſeyn, als hier bei der Mutter Johannes von der Sels eingeſperrt zu werden?« Eliſabeth ſchwieg; es ſchien ihr unmisgich, in dieſen finſtern Gewoͤlben ein Wort aus der gepreßten Bruſt hervor zu bringen, und ſie ſchoͤpfte erſt da freier Athem, als die Bewe⸗ gung des Wagens ihr verſicherte, ſie habe die oͤden Mauern wirklich verlaſſen. Das Wetter iſt ſo ſchoͤn, wir wollen um die Stadt nach unſrer Wobnünd langſam zu⸗ ruͤck fahren.« Eliſabeth ſah aus den Fenſtern in's Freie, aber mit einem Schrei des Entſetzens fuhr ſie 278 zuruck und bedeckte ihre Augen mit der Hand, drei Koͤpfe waren auf dem Walle aufgepflanzt, und in dem Einen erkannte ſie Mariens, ihrer liebevollen Pflegerin, Zuͤge. „Grauſame Frau!« rief ſie: vzu dieſem An⸗ blick brachten Sie mich hieher?« »Ha« ſagte die Graͤfin gleichguͤltig:»die Koͤpfe erſchrecken Sie ſo? ich hatte vergeſſen, ſie ſind geſtern hingerichtet.« »O, meine arme Marie!« rief Eliſabeth mit heißen Thraͤnen:»Frau Graͤfin, um Got⸗ teswillen, bringen Sie mich fort von hier!« Die Graͤfin befahl wirklich den Ruͤckweg, und Eliſabeth fluͤchtete weinend in ihre einſame Kammer. Der Chevalier rief indeß ſchon von weitem ſeiner Schweſter zu, daß ein Courier den Herrn von Montrevel abgerufen und der Marſchall Villare als ſeinen Nachfolger angekuͤndigt habe. »Und deshalb biſt Du ſo uͤbermaͤßig ver⸗ gnuͤgt, Albert?« ſagte die Graͤfin, und ſuchte die Freude zu bemaͤnteln, die ihr erſter Aus⸗ ruf unwilluͤhrlich verrathen hatte:»zu Deinen 279 und meinen Angelegenheiten thut dieſe Nach⸗ richt nichts; nur der Vater kann damit zu⸗ frieden ſeyn.« »Und iſt es auch, ſo ſelten das der Fall iſt.« Aber was ſagt der Marſchall?« »Er reiſet ſchon dieſe Nacht und wahrſchein⸗ lich ohne Abſchied.« 34. Noch vor der Ankunft des neuen Befehlsha⸗ bers verließ der Abgerufene die Stadt und uͤber⸗ ließ einer geſchicktern Hand die Sorge, das zur Verzweiflung gebrachte Volk zu beruhigen. Proteſtanten und Katholiken, Alle hatte das Elend des Buͤrgerkriegs getroffen. Veroͤdet und unbebaut lagen rings umher die Felder, und vormals reich bevoͤlkerte Doͤrfer verſanken in Ruinen. Die Camiſarden hatten ſich in eine kleine, hoch in den Bergen gelegene Feſtung zuruͤckge⸗ zogen, und machten von hieraus oftmals Ueber⸗ faͤlle, die faſt immer von gluͤcklichem Erfolge begleitet waren. Doch dieſe, durch Druck und Haͤrte ebenfalls zuͤgellos gewordenen, Ban⸗ den fanden ſchon lange keine Beute mehr in 281 einem Lande, wo Elend und Hunger den Sie⸗ genden, wie den Beſiegten, zu Theil gewor⸗ den war. Ein Proteſtant, deſſen nahe Verwandtſchaft mit Herrn von Basville ihn bis jetzt vor Ge⸗ faͤngniß und Einziehung ſeiner Guͤter geſchuͤtzt hatte, und der von beiden Partheien hoch ver⸗ ehrt wurde, beſchloß den Verſuch der Verſoͤh⸗ nung zu machen und mit der Regierung, wie mit den Aufruͤhrern, eine Unterhandlung anzu⸗ knüpfen. Der Muth und die Ausdauer eines edlen, großmuͤthigen und ſein Vaterland wahrhaft lie⸗ benden Mannes, beſeelten den Baron von Ey⸗ galier; keine Schwierigkeit ſchreckte ihn, kein Opfer duͤnkte ihm zu groß, und bald erfuhr man, daß er dem Herrn von Villars bis Avi⸗ gnon entgegen gereiſ't ſei und mit ihm in Ni⸗ mes eintreffen werde. »Was will Eygalier bei Villars,« rief der Intendant, als er dieſe Nachricht hoͤrte: vich habe ihn bis jetzt geſchuͤtzt, obſchon er zu den Hugenotten gehoͤrt. Aber dieſe verfluchte Secte Camiſarden. II. 19 tritt mir uͤberall in den Weg und ſpukt ſogar in meiner eignen Familie.«, »Gnaͤdiger Herr, das iſt dies Mal nicht ſo ganz unerwuͤnſcht, wir muͤſſen den Schwertkrieg mit dem Zungenkriege vertauſchen und zum Un⸗ terhandeln koͤnnen wir den Hugenotten Nie⸗ mand beſſer, als Ihren Herrn Vetter ſchicken,« erwiederte mit ſchlauer Miene Pater Gabriel. A nterhandeln!« rief Herr von Basville: dunterhandeln, mit dem Lumpenpack, das un⸗ ſer ganzes Land verheert hat! Wenn mein Wille befolgt wird, ſo ſoll von Allen auch nicht Einer uͤbrig bleiben, der Ja oder Nein zu einer Unterhandlung ſagen koͤnnte!« Der Jeſuit ſchuͤttelte zweifelnd den Kopf: „mein gnaͤdiger Herr, wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo koͤmmt Herr von Villars mit friedlichen Geſinnungen; man iſt wirklich zu weit gegan⸗ gen, und ſo muß man den Ruͤckſchritt thun, weil es noch thunlich iſt. Und uͤberdies kann man wieder vorſchreiten, ſo bald es Zeit iſt.« Endlich traf der Marſchall ein, Ehrenbe⸗ zeugungen und Feſtlichkeiten empfingen ihn, wobei Frau von Brasci ihre Gaben, als ange⸗ nehme Wirthin, im vollen Glanze ſehen ließ. Allein die Freuden der Geſelligkeit hinder⸗ ten Herrn von Villars nicht, ſeine Geſchaͤfte zu beſorgen. Er hatte mehrere Unterredungen mit dem Intendanten, zu denen Niemand, als Baron Eygalier gezogen ward, und ploͤtzlich verreißte Dieſer, ohne daß irgend Jemand wußte wohin. Nach einigen Tagen, in denen man ſich in Vermuthungen erſchoͤpft, verbreitete ſich die un⸗ glaublich ſcheinende Nachricht, Cavalier werde zu einer Beſprechung mit dem Marſchall Vil⸗ lars nach Nimes kommen, und wahrſcheinlich der ſo allgemein erſehnte Friede zwiſchen beiden Theilen zu Stande kommen. Frau von Brasci vor Allen erklaͤrte es fuͤr ein abgeſchmacktes Maͤhrchen, doch als ihr Bru⸗ der Tag, Stunde und Ort(ihres Vaters eig⸗ ner Garten) ihr nannte, da ſpoͤttelte ſie uͤber die diplomatiſchen Talente des Vetters Eygalier, und rieth dem Bruder, ihm ſeine Angelegenhei⸗ ten ebenfalls zu uͤbergeben, da er keinen Schritt 19* 284 ——— weiter bei Eliſabeth vorgeruͤckt ſei. Albert em⸗ pfahl ihr ein Gleiches zu thun, denn, ſagte er: »Schweſter, ich ſehe Dein Herzog iſt und bleibt Eis trotz alles Feuers, was Deine ſchoͤnen Au⸗ gen auf ihn werfen.« Stolz und Liebe roͤtheten die Wangen der beleidigten Frau, ſie, die bis jetzt nur dem Ehr⸗ geiz unterworfen war, ſie fuͤhlte jetzt zum er⸗ ſten Mal die Gewalt der Liebe, doch nicht je⸗ ner veredelnden Tochter des Himmels, nein, die ihrige war heftig, grauſam und argwoͤh⸗ niſch, wie ſie ſelbſt. Man hoͤrte ein immer ſtaͤrker werdendes Ge⸗ raͤuſch; der Chevalier blickte aus den Fenſtern und rief:»ſieh, das iſt Cavalier, komm hie⸗ her, Louiſe, wenn Du ihn ſehen willſt.« Eliſabeth folgte der Graͤfin, die ihr nur auf die Bitte des Bruders zu bleiben erlaubte. Die zahlreiche Garde des Marſchalls hielt den gro⸗ ßen Schloßhof vor dem Hotel beſetzt. Das ungeduldige, neugierige Volk draͤngte ſich von allen Seiten herbei und ſein lautes Gemurmel beſtaͤtigte die mit ſeinen Garden er⸗ — 285 folgte wirkliche Ankunft des Hugenotten Haͤupt⸗ lings. 1 Die Camiſarden ſtellten ſich im Schloßhofe den Soldaten des Marſchalls grade uͤber in Reihe und Glied, waͤhrend Cavalier, vom ein⸗ zigen Baron Eygalier begleitet, weiter ging. Sein Anzug beſtand aus einem, ihn ganz ver⸗ huͤllenden, braunen Mantel und einem an bei⸗ den Seiten aufgeſchlagenen Hute mit goldenen Schleifen und mit zwei langen, ſchwarzen Fe⸗ dern verziert. „Kommt an die andre Seite, ich muß ihn waͤhrend der Unterhandlung betrachten,« rief die Graͤfin. In dieſem Augenblicke durchdrang ein freu⸗ diger Schreck die arme Eliſabeth, denn ſie er⸗ kannte den treuen L' Hommond und blieb ſte⸗ hen, um ſich ihm bemerklich zu machen, allein die dienſteifrige Pionne erinnerte ſie ehrerbietig, daß die Frau Graͤfin ſie an der andern Seite erwarte. Dort ſahen Sie den Marſchall und Herrn von Basville, denen Cavalier ſich mit einem 286 Anſtande, den Niemand einem Manne von nie⸗ drer Herkunft und ohne Erziehung zugetraut haͤtte, naͤherte; Herr von Eygalier redete zuerſt, dann ward die Unterredung lebhaft und allge⸗ mein, doch zu entfernt waren die Sprechenden, um auf dem Saale verſtanden zu werden, und aus der freien, ruhigen Haltung des Marſchalls, ſo wie aus den finſtern, unbeweglichen Zuͤgen des Herrn von Basville„ließ ſich nichts ſchlie⸗ ßen. Die Berathung dauerte gewiß zwei Stun⸗ den; die neugierige, unruhige Graͤfin verließ mehrmals das Fenſter und kehrte ſtets wieder dahin zuruͤck, uͤberall aber folgten ihr die bren⸗ nenden Blicke des verliebten Paters, und Frau von Brasci konnte ſich nicht laͤnger uͤber ſeine lang geahnete Leidenſchaft taͤuſchen. Wuth, Verachtung und Angſt vor dem gefaͤhrlichen Mann ſtuͤrmten zugleich in ihrer Bruſt, ſie fuͤrchtete, ſich nicht bezwingen zu koͤnnen und verließ eilig den Saal, grade als der Marſchall Cavalier bis an die Thuͤr zuruͤck begleitete und zum Abſchiede die Hand reichte. — — — ,— — 35. In tiefen Gedanken verſunken verließ Cavalier mit ſeinem Gefolge den Hofplatz der Intendan⸗ tur; er ſchien den Andrang und die lebhafte Theilnahme des Volks kaum zu bemerken; ſchweigend ritt er bis zu dem naͤchſten Dorfe, drei Meilen von Nimes auf dem Wege nach Calviſſon, ſelbſt mit ſeinen vertrauteſten Freun⸗ den ſprach er kein Wort. Im Doͤrfchen ange⸗ langt, ging er eben ſo ſchweigend allein in ein oberes Zimmer des Wirthshauſes, nahm ſeine Brieftaſche und ordnete auf dem Tiſche die in ihr enthaltenen Papiere, und noch nicht voͤllig war dies geſchehen, da traten ſeine zwei Offi⸗ ciere Gui und Catinat herein, ſetzten ſich und warteten ſchweigend das Ordnen der Briefſchaf⸗ ten ab. 288 Endlich verloren die Herren Kameraden die Geduld, und Catinat begann: »Hoͤre, Bruder, es muß wohl die Unterre⸗ dung mit einem Marſchall von Frankreich eine rechte Verlockung des Hochmuthsteufels ſeyn, denn Du biſt ſeit heute Morgen ganz umgewan⸗ delt.« Hoch auf loderten Cavalier's Blicke bei die⸗ ſer derben Anrede und er rief:»wem bin ich Rede zu ſtehen ſchuldig, und wem von Euch be⸗ darf ich die Gruͤnde zu ſagen, die mich ſchwei⸗ gen heißen, bis wir bei Bruder Rolland an⸗ gelangt ſind?« »Die Angelegenheiten, uͤber die Ihr ver⸗ handelt habt, gehen uns eben ſo nah an, als Euch, und ich ſehe nicht ein, in wie fern es ihnen ſchadete, wenn Ihr Euch daruͤber mit uns beriethet.« „Dazu iſt es morgen noch Zeit, Bruͤder; jetzt verlaßt mich, ich bedarf der Ruhe nach ei⸗ nem Tage, wie der heutige,« antwortete Ca⸗ valier ruhig aber feſt. Catinat ſtand auf, um ſich zu entfernen, Gui aber ſtellte ſich vor Cavalier, und ihn fin⸗ ſter und drohend anblickend, ſagte er, indem er ſeine breite Hand ihm auf die Schulter legte: „hoͤr', Kamerad! wir haben Dir unumſchraͤnkte Vollmacht gegeben, aber nur weil es ſeyn mußte, und haſt Du uns verkauft, ſo ſoll es Dir theuer zu ſtehen kommen.« Cavalier ſchwieg und zog nur veraͤchtlich die Schultern. Caſtanet, ſein beſter Freund, trat herein; Gui und Catinat aber entfernten ſich im hoͤchſten Aerger. »Sie ſind unzufrieden, theurer Caſtanet, aber darf ich dieſen Hitzkoͤpfen etwas ſagen? voeergiftet wuͤrden meine Worte von Mund zu Munde gehen und ſchon vor mir in Calviſſon angekommen ſeyn, waͤhrend ich ihren Eindruck auf Rolland und die Praͤdikanten ſelbſt, mit aller Schonung von mir ſelbſt ihnen beigebracht, fuͤrchte, zu viel foderten ſie, und ach! allzuwe⸗ nig wollen die Gegner zugeſtehen. An die Wie⸗ derherſtellung des Edikts von Nantes iſt nicht zu denken, eben ſo wenig Gewaͤhrung des oͤf⸗ fentlichen Gottesdienſtes; Verzeihung des Vor⸗ 290 gefallenen und Gewiſſensfreiheit im Verborge⸗ nen, iſt Alles, was ich erhalten konnte.« »Weh! Du wirſt einen ſchlimmen Stand mit ihnen haben, armer Cavalier!« Kaͤlte, Mißtrauen und Verdruß huͤllten am andern Tage den Zug in finſteres Schweigen, und Gui und Catinat's Reden trachteten dahin, die Herzen der Soldaten ihrem Anfuͤhrer voͤllig zu entziehen, welches ihnen jedoch nicht gaͤnz⸗ lich gelang. So erreichte man Calviſſon, wo die Ca⸗ miſarden waͤhrend des Waffenſtillſtandes ihr Hauptquartier hatten; die Nachricht von Ca⸗ valier's Ankunft verbreitete ſich, und Alles ſtroͤmte auf den vor der Kirche belegenen Haupt⸗ platz des Dorfes. Cavalier ſtieg vom Pferde, um Rolland zu begruͤßen, der es mit ſichtlicher Kaͤlte erwiederte. Gui und Catinat ſtellten ſich zu Rolland, bei dem ſich alle Officiere, alle Praͤdikanten und die mehrſten Soldaten verſammelt hatten. Bei Cavalier blieb der einzige Caſtanet mit etwa dreißig Kriegern. 2— 4* V 291 »Nun, Bruder, was haſt Du zusgeiic tet,« fragte Rolland.— Der Ausdruck des Mißfallens, den Cava⸗ lier rings um ſich erblickte, hemmte einige Au⸗ genblicke ſeine Sprache. „Du mußt reden,« ſchrie Rolland:»ohne Verzug und ohne Hinterhalt.« „Bruͤder,« ſagte Cavalier: dich hahe nach meinem Gewiſſen gehandelt und in Bezug auf Eure mir ertheilte Vollmacht, und ſo habe ich erhalten: voͤllige Verzeihung alles Vorgefalle⸗ nen, fuͤr Jeden, der ſogleich die Waffen nieder⸗ legt und zu den Seinigen zuruͤckkehrt; Anſtel⸗ lung aber in der Armee des Koͤnigs, in Por⸗ tugal, allen, die Dienſte zu nehmen wuͤnſchen, und im Verborgenen Gewiſſensfreiheit. Lautes Murren der ganzen Verſammlung, waͤhrend deſſen Rolland wuͤthend auf Cavalier zufuhr und rief: „Das alſo iſt der ganze Erfolg Eurer Sen⸗ dung? nun bei Gott, den Erfolg behaltet fuͤr Euch ſelbſt, Ihr ſeid ein niedertraͤchtiger Ver⸗ raͤther!« 292 — „So hat mich noch Niemand genannt und Du ſollſt das Gegentheil erfahren rief Cava⸗ lier und zog ſeine Piſtolen, die Umſtehenden aber faßten die Zornigen und ſprachen ſie zur Ruhe. 1 »Wohlan denn! David Cavalier hat Frie⸗ den geſchloſſen, aber nicht fuͤr uns, denn unſre Auftraͤge lauteten anders, ſo mag er denn ſei⸗ nen Frieden fuͤr ſich behalten; wir aber legen nicht eher die Waffen nieder, als bis das Edikt von Nantes wieder hergeſtellt iſt,« ſagte Rol⸗ land.. „Nicht eher, auf keinen Fall ehere rief das Chor der Praͤdikanten:»denn weshalb haͤt⸗ ten ſonſt ſo viel Maͤrtyrer ihr Blut vergoſ⸗ ſen 24 4 KRolland befahl den Generalmarſch zu ſchla⸗ gen, in die Gebirge zuruͤck zu kehren und den Krieg auf's eifrigſte fortzuſetzen. „Ja Krieg, Krieg!l« ſchrie einſtimmig die Menge: keinen Frieden, ohne unſre Kirchen wieder erhalten zu haben.« ———— 2 293 Cavalier hatte lange Zeit eifrig und foͤrm⸗ lich mit Caſtanet geredet, jetzt ſprang er in Mitte des erhitzten Haufens, und rief: „»Bruͤder! was Ihr wuͤnſcht, iſt unmoͤglich zu erlangen! wir haben es ja nur allzuſehr er⸗ fahren, zu viel Opfer ſind ſchon in dieſem ſchreck⸗ lichen Kriege gefallen. O, vertrauet doch dem Anfuͤhrer, der Euch ja niemals hinterging! nehmt den Frieden an, wie er es fuͤr ſich ſelbſt gethan. 4 „Verraͤther,« unterbrach ihn Rolland: vkehre zuruͤck nach Nimes und belaͤſtige unſre Ohren nicht laͤnger mit Deinem niedertraͤchtigen Ge⸗ . ſchwaͤtze.« 9 Abermals forderte Cavalier, den Saͤbel zie⸗ hend, Rolland zum Zweikampfe, und aber⸗ mals gelang es Salomon Codebek, die Wü⸗ thenden zu trennen. „Flieh, David Cavalier,« ſagte er: oflieh, eh' es zu ſpaͤt iſt; ſieh! mehr wie zwanzig Flin⸗ ten ſind auf Dich gerichtet, deshalb flieh und erſpare uns die Suͤnde des Brudermordes.« 294 2So lebt denn wohl! ich gehe, weil Ihr es wollt, doch ſage ich Euch, denkt an Eure Ver⸗ theidigung, die Dragoner ſind im Anmarſch.« Mit dieſen Worten beſtieg er ſein Roß und rief:»wer mich liebt, folge mir!« Noch einmal erwachte in aller Bruſt die lang gehegte Liebe zu dem einſt ſo hoch verehr⸗ ten Anfuͤhrer, doch war es nur kurze Zeit, denn Codebek's Ruf:»Heil dem Schwerte des Ewi⸗ gen!« brachte Alle zu Rolland, unter Wieder⸗ holung jener Worte. Der Zug brach auf; die Praͤdikanten ſangen einen Pſalm, und Cavalier ſah ſich von Allen verlaſſen, außer Caſtanet und ſeiner ſogenannten Garde, mit denen er den Weg nach Nimes einſchlug, wo er ſich ſo⸗ gleich zu dem Marſchall Villars verfuͤgte, um ihn von dem uͤblen Erfolge ſeiner Sendung zu benachrichtigen. Der Marſchall begegnete ihm indeſſen ohn⸗ erachtet mit gleicher Guͤte, und ſagte ihm, daß, da er gethan, was in ſeinen Kraͤften geſtanden, ſo werde der Koͤnig ihn nicht weniger, als einen guten, treuen Unterthan betrachten, und von —— — 295 dieſen Geſinnungen ſei das Patent als Oberſter, das er ihm hiemit uͤbergebe, der Beweis. »Gnaͤdiger Herr,« erwiederte Cavalier mit dem Stolz eines gekraͤnkten Biedermanns:»ich erkenne die Huld des Monarchen, aber ich darf dieſen Beweis davon nicht annehmen. Gewaͤh⸗ ren Sie mir ſtatt deſſen fuͤr mich und meine treugebliebenen Waffenbruͤder Paͤſſe, um uns ungehindert nach Genf begeben zu koͤnnen.« „»Wohl,« ſagte der Marſchall:»Sie ſind zu brav, um Ihnen etwas zu verweigern. Aber vergeſſen Sie nicht, daß Sie mit Ihrem Mo⸗ narchen Friede gemacht, und daß Sie alſo eben ſo wenig gegen ihn ſchreiben und reden, als fechten duͤrfen.« Cavalier gab die verlangte Zuſicherung und entfernte ſich ſchnell. 1 36. Waͤhrend nun der Marſchall alle Huͤlfsmittel anwendete, die ſein heller Geiſt und ſeine Er⸗. fahrungen ihm an die Hand gaben, um das ungluͤckliche Land zu beruhigen und das allge⸗ meine Elend zu vermindern, mußte Herr von Basville gegen ſeine Neigung gleichen Maaß⸗ regeln folgen, und ihm blieb kein Erſatz, als ſeine Grauſamkeit gegen Diejenigen auszuuͤben, die ſo ungluͤcklich waren, unter ſeiner unmit⸗. telbaren Aufſicht zu ſtehen. Dii arme Eliſabeth gehorte zu dieſer Zahl und ſah mit Schrecken, wie ein Tag nach dem andern verging, ohne Rettung zu bringen, und wiie ſo der gefuͤrchtete, zu ihrer Abſchwoͤrung beſtimmte, ſchreckliche Zeitpunkt immer naͤher —, — 297 ruͤckte. Wohl hatte ſie den Gedanken, ſich den Schutz des Marſchalls auszubitten, aber ſie war ſo kuͤnſtlich umſtellt und bewacht, daß ſie niemals die Moͤglichkeit fand, ſich ihm zu naͤhern. Dabei hatte Alles in der Intendan⸗ tur ein heiteres Anſehen, und die heftigſten Stuͤrme im Innern wurden unter der gleisne⸗ riſchen Maske unbefangner Froͤhlichkeit verbor⸗ gen. * Eines Morgens nahm Frau von Brasci das Fraͤulein mit ſich in den Garten und ging mit ihr eine Weile auf der Terraſſe umher, ſetzte ſich dann und ließ Eliſabeth allein unter den Blumenbeeten, befahl aber heimlich ihrer alten Pionne, dein wachſames Auge auf die junge Dame zu haben, Niemand mit ihr ſpre⸗ chen zu laſſen, und wenn ſie aus dem Gar⸗ ten gehen wollte, ſie zu begleiten und nicht eher zu verlaſſen, als bis ſie wieder in ihrem Zimmer eingeſchloſſen ſei. Im Garten,« ſetzte ſie hinzu:»mag ſie herum wandeln, ſo viel ſie will, denn da iſt Keiner und ich bin ſie ſo lange los. Aber ſprechen darf ſelbſt mein Bru⸗ Camiſarden. II. 20 298 der nicht mit ihr, denn ſie weiß ihn ſo zu be⸗ herrſchen, daß er ſich nach einer Unterredung mit ihr durchaus zu keinem Zwange verſtehen will.« 4 8 Mit dieſen Worten entfernte ſich die Graͤ⸗ fin, Pionne aber ſtand unbeweglich, als eine getreue Schildwache und hatte nichts dagegen, daß Eliſabeth nach einiger Zeit ſich dem kleinen, immergruͤnen Labyrinthe am Ende des Gartens naͤherte. Dort im Cypreſſenhoͤlzchen war die Bank, auf welcher ſie zuerſt den Herzog von Beauvilliers geſehen, und dorthin richtete ſie, in Gedanken vertieft, ihren Schritt. Ein leiſes Geraͤuſch ließ ſie um ſich blicken, und der Herzog war es, der ſie abennals hies fand.— Fraͤulein, der Sie hieher fuͤhrt und mir einige Augenläiife ungeſtoͤrter Unterredung zu Theil werden laͤßt! Ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen, aber weshalb zittern Sie? wir ſind gewiß al⸗ lein, Niemand ahnt mein Hierſeyn und ich war lange vor Ihnen im Garten. Laſſen Sie mich »Wie dank⸗ cch dem Hidinel) mein theures — 299 den guͤnſtigen Augenblick benutzen, ſagen Sie mir, was kann ich fuͤr Sie thun? wie kann ich Ihnen helfen, um Ihrer ſchrecklichen Lage zu entkommen 2¼ »Ach! Herr von Beauvilliers, wie uͤbel wuͤrde ich Ihre Guͤte belohnen, wenn ich zu⸗ gaͤbe, daß Sie ſich ſo vielen Gefahren ausſetz⸗ ten, um das Unmoͤgliche fuͤr mich zu wagen? Nein, fuͤr mich iſt keine Rettung!« A nd weshalb ſind Sie ſo ganz entmuthigt, beſtes Fraͤulein? Dem feſten Willen gelingt Vieles, und ich bin zu Allem bereit, was Ihre Freiheit bewirken kann. Ich vermag Sie von hier fort zu ſchaffen, wuͤßte ich nur treue Men⸗ ſchen, denen ich Sie fuͤr die Zeit anvertrauen koͤnnte, bis—— »O, Herr Herzog,« unterbrach ihn Eliſa⸗ beth mit ſtrahlendem Blicke:»wenn Sie das vermoͤgen, ſo kann ich gerettet werden, denn ich habe zuverlaͤſſige Freunde hier im Orte; der treue Diener, deſſen Sorgfalt mein ſterbender Großvater ſelbſt mich anvertraute, iſt hier, ich ſah ihn und bin gewiß, er haͤlt ſich verborgen 20* 300 hier auf, und dann iſt er bei ſeiner Schweſter. Dieſe heißt Leblanc und wohnt neben dem Kar⸗ meliter⸗Kloſter; ſie iſt zwar katholiſch, aber dennoch den Meinigen ſo wahrhaft zugethan, daß kein Verrath von ihr zu fuͤrchten iſt.« »Wohll ich gehe noch heute Abend zu ih⸗ nen! doch wird man dem Unbekannten in einer ſo gefaͤhrlichen Sache Vertrauen gewaͤhren?« „Dieſes, Herr Herzog, wird es Ihnen ver⸗ ſchaffen; es iſt das Bild meiner verewigten Mutter, L⸗Hommond kennt es und weiß, wie heilig es meinem Herzen iſt.« tae⁵„Tief bewegt verbarg der Herzog das theure Uncerpfand auf ſeiner Bruſt, und verſprach heute Alles mit Le Hommond zu bereden und ihr morgen einen Schluͤſſel zum Pfoͤrtchen an der Straße zu geben, wo dann der erſte guͤn⸗ ſtige Augenblick zu ihrer Flucht benutzt werden muͤſſe; und wenn ſich die erſte Hitze der Nach⸗ ſuchungen gelegt hat, ſo hoff ich, ſoll es moͤg⸗ lich werden, Sie außer Landes zu Bringer denn Gold vermag Alles moͤglich zu— endete der Henzeg ſeine Rede. 1 „Dann geh' ich nach England, wie mein Großvater es wuͤnſchte, und wohin er den groͤßten Theil ſeines Vermoͤgens in Sicherheit brachte.« »Und dann, theure Eliſabeth, werden Sie wieder gluͤckliche, frohe Tage verleben.« »Ach, wie koͤnnte ich Frankreich vergeſſen? im fremden Lande werde ich mich immer als Verbannte fuͤhlen.« »Wenn aber ein treues Herz Ihre Verban⸗ nung und Ihre Gefuͤhle theilte? Eliſabeth, ſa⸗ gen Sie ein Wort, ſo iſt Ihr neues Vaterland auch das meinige.« /Um Gott, Herr Herzog! wie koͤnnten Sie, der gluͤckliche, hochgeſtellte Mann, freiwillig dies Alles verlaſſen?« »Gern wuͤrde ich es, denn meine Verhaͤlt⸗ niſſe, wie glaͤnzend ſie ſcheinen, ſichern mich doch nicht vor der Laune des Koͤnigs, dem ich nichts mehr, als ein Diener bin. Mich knuͤ⸗ pfen keine Bande des Herzens an dies gequaͤlte Land, die Feſſeln des Ehrgeizes aber werfe ich 302 von mir, wenn Sie mir vergoͤnnen, Ihre Ver⸗ bannung zu theilen, wenn Sie fuͤr immer Ihr Schickſal mit dem meinen vereinen wollen, nur ein Wort, meine holde Freundin! nur ein Zei⸗ chen der Gewaͤhrung.« Und dies Zeichen gab die erroͤthende Jung⸗ frau; ſie uͤberließ dem edlen Freunde die Hand, die er an ſeine Lippen druͤckte, und als er zaͤrt⸗ lich fragte:»So habe ich denn Ihr Verſpre⸗ chen, theures Maͤdchen,« da lispelte ſie leiſe und verſchaͤmt das bindende»Ja.« Aber mit Schrecken vernahmen Beide in ih⸗ rer Naͤhe ein Geraͤuſch, und nach fluͤchtigem Abſchiedsgruß eilte Eliſabeth, gefolgt von Pi⸗ onne, in ihre Zimmer, das die ſtrenge Aufſe⸗. herin, ohne irgend Etwas zu ahnen, hinter ihr verſchloß. Der Herzog hatte mit lieben⸗ den Blicken ihr nachgeſehen, bis ſie in das Haus getreten war, dann entfernte er ſich und wiegte ſein Herz in Bilder, der, ach! ſo unge⸗ wiſſen, Zukunft. 4 Doch leider verließ nicht Er allein das La⸗ byrinth, die Graͤfin, von Unruhe und Arg⸗ —— —— —, 303 wohn getrieben, war dem Fraͤulein gefolgt und hatte ſich hinter einer Hecke verborgen, zwar zu entfernt, das Geſpraͤch zu verſtehen, doch nahe genug, Alles zu ſehen, und das war hinreichend, ſie in die hoͤchſte Wuth zu ver⸗ ſetzen. 37. Kaum war die erbitterte Frau in ihren Zim⸗ mern, da ließ ſie den Ritter eiligſt zu ſich ent⸗ bieten, und mit Schrecken frug Dieſer bei ih⸗ rem erſten Anblicke, was ſie ſo gewaltig er⸗ ſchuͤttert habe. „Nichts,« rief ſie, bebend vor Wuth, und als der Chevalier dies nicht glaubte, rief ſie noch heftiger: dund was fraͤgſt Du darnach! aber,« fuhr ſie fort, indem ſie ſich zwang, ru⸗ higer zu werden, oder zu ſcheinen: vich will Dir Rath ertheilen: gieb Acht, oder der ſau⸗ bere Gegenſtand Deiner gewaltigen Neigung geht Dir auf immer verloren.« »Was? wer wollte es wagen,« rief Albert mit ſichtlichem Schrecken. 305 „Nun, Derjenige, dem ſie Rendezvous und andre kleine Gunſtbezeugungen vergoͤnnt, und der alſo kein unerhoͤrter Liebhaber iſt.«— „Unmoͤglich, Schweſter!« »Ich habe es ſelbſt geſehen.«— „»Und wer iſt der Verwegene?s „»Das iſt mein Geheimniß, Bruder.« Waͤhrend Dieſer nun, einem Verzweifel⸗ ten gleich, in der Stube umher lief, hatte die liſtige Graͤfin ſich bezwungen, ihren Plan ent⸗ worfen und ſagte mit anſcheinender Kaͤlte: „»Bruder, ich bitte Dich, beruhige Dich, denn es iſt nichts ſo ſchlimm, wofuͤr es nicht Huͤlfe gaͤbe; auch hier kann ich ſie ſchaffen, wenn Du mir freie Gewalt erlaubſt und nicht mit Deinen Sentenzen von Ehre und Zartge⸗ fuͤhl meine Schritte hemmſt.« »Thu, was Du willſt, wenn Sie nur die Meine wird; zwar ich weiß, Du haſt wieder einen hoͤlliſchen Anſchlag, und das ſag' ich Dir, umbringen laß ich ſie nicht.« „ Und habe ich denn dergleichen jemals ge⸗ wollt? nein, ich ſchlage nur vor, Dich mor⸗ 306 gen fruͤh in aller Stille mit ihr trauen zu laſ⸗ ſen.« »Unmoͤglich! ſie wuͤrde mich haſſen, ver⸗ abſcheuen— verachten.« »Begegnet der Ehemann ſie gut, ſo wird der Fehler des Liebhabers in Vergeſſenheit ge⸗ bracht.« »Und weshalb ſo ſchnell? warum nicht noch verſuchen, ſie williger zu machen?« „So? weißt Du nicht, daß der Marſchall von Uſes zuruͤckkehrt? Bei ſeinem Hierſeyn aber duͤrften wir uns ſchwerlich ſtrenger Maaß⸗ regeln bedienen.« »Wohlan! doch, wie willſt Du Alles in ſo kurzer Zeit anordnen?«X „Das ſei meine Sorge, Bruder, ſchon in zwei Stunden ſoll Alles fertig ſeyn. Jetzt geh' ich zum Vater; ich kenne ſeine Geſinnungen, er legt uns kein Hinderniß in den Weg.« »Und der Prieſter? und die Zeugen, wo⸗ her die?«. „Pater Gabriel verrichtet die Trauung; Boſ⸗ 2— 307 ſard und ſein Vetter ſind Zeugen; das ſind Menſchen, die ſich vor Nichts erſchrecken.— »Eliſabeth aber— 4 »Mag wollen oder nicht, einmal in der Kapelle, geht ſie nur als Deine Gemahlin her⸗ aus.& »Ich daͤchte doch, es waͤre beſſer, wenn ich mit ihr ſpraͤche, ſie vorbereitete und—& „»Mit Nichten, mein Bruder, das wuͤrde Dir nur Bitterkeiten zuziehen; ich nehme Alles uͤber mich, und Du erſcheinſt nicht eher, als wenn es zur Kirche geht. Ja, Du brauchſt heute nicht einmal zu Hauſe zu bleiben, und ich daͤchte Du ritteſt nach Belſous zum Com⸗ mandeur, der Dich ſchon ſo oft eingeladen hat.« „»Ja, das will ich thun und die Nacht dort bleiben.« »Das geht nicht; Du mußt ſicher zeitig ge⸗ nug hier ſeyn, denn Deine Heirath ſoll fruͤh um 7 Uhr des Morgens ſeyn. Indeß rathe ich, laß Dich nicht durch ihren Widerſtand zur Weichheit verleiten; denn, noch einmal! wenn ſie nicht morgen die Deinige wird, ſo iſt 308 ſie in wenigen Tagen das Eigenthum Deines gluͤcklichen Nebenbuhlers.« „»Sei ohne Sorgen, Louiſe, Du ſollſt mich um 7 Uhr hart wie Stahl finden!« Mit die⸗ ſen Worten druͤckte er die Hand der Schweſter und hoͤrte nicht, daß ſie ihn noch einmal zu ſich her beſchied. Spaͤt verließ Frau von Brasci ihren Vater, und vermogte es uͤber ſich, mit heiterer Miene in der Abendgeſellſchaft zu erſcheinen. Der Letzte der Gaͤſte war der Herzog, und die innere Seligkeit ſeines Gemuͤths verlieh ſeinen edlen Zuͤgen doppelten Reiz; entzuͤckt weilten ſeine Blicke auf das liebliche, ſichtlich beruhigte Ant⸗ litz der Geliebten, waͤhrend Frau von Brasci Beide hoͤhniſch betrachtete, und an der Uhr die kurzen Stunden berechnete, wo ihre Herzen noch durch gluͤckliche Taͤuſchung beſeligt waren.« Es ſchlug eilf, die Graͤfin zog ſich zuruͤck, Eliſabeth folgte und erſtarrte, als ſie ihr ſagte: dmein Fraͤulein, ich muß Sie doch wohl be⸗ nachrichtigen, daß man Sie morgen mit mei⸗ nem Bruder verheirathen wird.« 309 „Das iſt unmoͤglich,« rief Eliſabeth:»denn ich will es auf keinen Fall!« „Das ſchadet nicht; geſchehen wird es, und jeder Widerſtand iſt vergebens.« »Man wird mich doch nicht zwingen wol⸗ len! nein, nicht Jedermann iſt ſo grauſam, wie Sie!« Mit dieſen Worten wollte die Aermſte aus dem Zimmer eilen, die Graͤfin aber hielt ſie zuruck und frug mit ſpoͤttiſchem Tone,»wo⸗ hin ſie zu laufen gedenke.«— »Einerlei! wenn ich nur Huͤlfe finde, wer es auch ſei, von dem ich ſie erhalte—& 4 Die wuͤthende Frau riß das ungluͤckliche Maͤdchen zuruͤck, ſtieß ſie in ein offen ſtehendes Kabinet, und ſchlug die Thuͤr hinter lhi in's Schloß. Da mag ſie die Nacht zubringen, frohlockte ſie, da kann ſie weinen, ſo viel es ihr beliebt, Niemand kann ſie dort hoͤren, Niemand ihr hal fen! »AAber, gnaͤdige Frau, wo ſoll das Frin⸗ lein von Mauléon ſchlafen?e 310 „Auf dem Stuhle, Pionne, eine Nacht ſo zugebracht, kann ihr nicht ſchaden.«— Pater Gabriel kam, verſicherte, daß Al⸗ les bereit ſei, und frug, ob das Fraͤulein vor⸗ bereitet waͤre? „ Ja, mein Vater. 4 2 Und hat ſie ſich gefuͤgt?« „Nein; aber Sie wiſſen, daß die Sache vor der Ruͤckkunft des Marſchall Keendiit ſeyn muß. 4 1 „»Ihr Herr Bruder muß Ihnen fuͤr den Ei⸗ fer, mit dem Sie, meine gnaͤdige Frau, ſich ſeiner Liebe annehmen, ſehr dankbar ſeyn.« 88„»Das fodert meine Pflicht; ich mußte Alles verſuchen, ihm eine ſo reiche Parthie zu ver⸗ ſchaffen.« ⸗n einigen Stunden haben Sie ihren Zweck erreicht.« „Doch wird es ſchwer halten, ſie i in die Ke. zele zu bringen. 3 „Es wird uns ſchon gelingen. Sie iſt doch in a igrem Zimmer eingeſchloſſen?« 311 »Nein, mein Vater, ſie ſoll die Nacht in meiner Bibliothek zubringen, in ihrer Stube war ich angſt, ihr Geſchrei koͤnnte bemerkt wer⸗ den, hier aber iſt ſie von Jedermann fern.« Der Pater begann ein gleichguͤltiges Ge⸗ ſpraͤch. G Mit geſpannter Aufmerkſamkeit horchte die Graͤfin dem Geraͤuſche auf dem Gange und im Hauſe; der Pater aber wußte ſie durch zarte, anmuthige Schmeicheleien ihrer Zerſtreuung zu entziehen, und ſo wohlberechnet waren dieſe, daß die ſchoͤne Frau ihn mit einem huldvollen Blicke belohnte, der aber den reizbaren Mann ſo außer ſich ſetzte, daß er die lang bewaͤhrte Vorſicht vergaß und der Graͤfin ſeine ſtrafbaren Wuͤnſche ſo deutlich ſehen ließ, daß ſie nur kaum Faſſung genug behielt, ſie ſcheinbar zu uͤberhoͤ⸗ ren. Wuͤthend uͤber die freche Beleidigung ih⸗ res Stolzes hielt doch die Furcht vor dem Be⸗ leidiger ſie ab, ihm ihren Abſcheu, ihre Verach⸗ tung zu zeigen, ſie antwortete zerſtreut, ſtand endlich auf und ſagte, daß ihres Bruders Au⸗ ßenbleiben ſie beaͤngſtige, da ſie bei ſeiner gro⸗ ßen Schwaͤche eine Aenderung ſeines Entſchuſ⸗ ſes fuͤrchte.— So geuͤbt indeß die intrigante Frau in der Verſtellungskunſt war, ſo geuͤbt war auch der eben ſo liſtige Pater, in ihrem Geſichte auch das Verborgenſte zu erſpaͤhen, und um ſich zu uͤberzeugen, entfernte er ſich unter dem Vor⸗ wande nachzufragen, ob der Chevalier nicht vielleicht zuruͤck gekommen ſei. Aber nur bis vor die Thuͤr ging er; hier blieb er ſtehen und hielt ſein lauſchendes Ohr ſo nahe wie moͤglich an das Schloß. n Wer aber ſchildert die Wuth, mit der er die Schmaͤhungen, die Verwuͤnſchungen der Graͤ⸗ fin hoͤrte, die endlich ſeiner verhaßten Gegen⸗ wart ſich befreit glaubte, und, um ihrem Grimm Luft machend, ihn mit den veraͤchtlichſten Na⸗ men belegte und ihren Haß, ihre Verachtung, ja ihren Abſcheu in Ausdruͤcken beſchrieb, wie man ſie kaum der feinen gebildeten Frau zuge⸗ traut haͤtte, und als ſie endlich gar ihrer treuen Amme die gluͤhende Leidenſchaft geſtand, die ſie fuͤr den Herzog von Beauvilliers empfand, und daß ſie nur, um ihre Nebenbuhlerin, die ver⸗ haßte Eliſabeth, los zu werden, die Heirath des Bruders ſo heftig betreibe; als ſie nun hin⸗ zufuͤgte, daß ſie bei ihren Reizen dann gewiß den Herzog fuͤr ſich zu gewinnen hoffen koͤnne, da er durch eine Heirath mit ihr allein den Verdacht der Flucht widerlegen koͤnne, durch den ſich der Hof bewogen gefunden, ihrem Va⸗ ter den Befehl zu ſchicken, Beauvilliers ſchon morgen gefangen zu nehmen, da kannte ſich der Jeſuit ſelbſt nicht mehr, ſo verwandelt hatte ſich die Liebe ſeines Innern in Haß und Rachedurſt— doch ſollte dies Gefuͤhl noch er⸗ hoͤht werden, denn hohnlachend ſpottete die ſchoͤne Frau uͤber die Blindheit des einfälti⸗ gen»Schufts,« der ſich ſo klug duͤnke und doch nur thue, was ſie wolle und was ſeine echen Wuͤnſche auf einmal vernichte. Kalter Schweiß und Todesblaͤſſe bedeckten den auf's Hoͤchſte beleidigten Pater, er bedurfte einige Zeit ſich zu faſſen, und als ihm gar die Moͤglichkeit erſchien, die boshafte Frau koͤnne ihn verrathen, den Nymbus ſeiner Heiligkeit Camiſarden. II. 21 314 zerſtoͤren und ſeine Ungnade herbeifuͤhren, da beſchloß er, ſich um jeden Preis furechiönr zu raͤchen. Die Thuͤr des Hotels ward geuffnet und außer der Leichenfarbe des Geſichts verrieth Nichts die Erſchuͤtterung des Paters, als er dem Chevalier begegnete. Freundſchaftlich redete er ihn zu, ſich doch ja ſogleich niederzulegen, ru⸗ hig zu ſchlafen, da er ihn mit dem Schlage ſechs erwecken wolle.»Auch ich will mich in meine Stube begeben. Doch vorher geh' ich noch, Ihre Frau Schweſter zu beruhigen, die ſich fuͤrchtete, Sie koͤnnten Ihren etſchigß ge⸗ aͤndert haben.« „»Nein, mein Vater!« ſagte der Chevalier mit zitternder Stimme: dich will ſie heirathen und ſollte ſie es bis zum Tode mir jeden Tag vorwerfen. Sagen Sie das der Graͤfin und nun: gute Nacht, mein Freund.« Der Pater kehrte zuruͤck und ſagte mit der ruhigſten Haltung zur Graͤfin: vberuhigen Sie ſich, gnaͤdigſte Frau, Ihr Herr Bruder i*ſt zuruͤck und in ganz erwuͤnſchter Stimmung; Alles iſt bereit; Nichts kann die Sache mehr rüͤckgaͤngig machen, wenn Sie das Fraͤulein von Mauléon uns morgen zufuͤhren. Jetzt aber geh' ich, denn Sie beduͤrfen ſichtlich der Ruhe..— Mit einer verbindlichen Verbeugung ſagte ihm die Graͤfin einige freundliche Worte, die eine Art von Dank ausdruͤcken ſollten. Der Pater ging, kehrte aber gleich zurüͤck und ſagte:»ich bitte tauſend Mal um Verge⸗ bung, duͤrfte ich mir wohl das Manuſecript der Predigten des Prieſters von Saint Florent er⸗ bitten, ich wuͤnſchte einige neue Ideen fuͤr mich zu der morgen zu haltenden Rede daraus zu ſchoͤpſen, da ich noch gar nicht daruͤber nach⸗ denken konnte.« »Sie liegen auf dem Tiſche in meinem Ka⸗ binette; da iſt der Schluͤſſel,« ſagte die Graͤfin. Der Jeſuit nahm ein Licht, oͤffnete die Thuͤr und ſah das Fraͤulein auf einem Stuhle tief in Gedanken ſitzen. Leiſe fluͤſterte der Pater: ſchlafen Sie nicht; oͤffnen Sie leiſe ſogleich das Fenſter, wenn Sie 21* 316 klopfen hoͤren. Der Herzog koͤmmt, Sie zu retten.« »Es fehlt ein Theil— ach, da iſt er doch 1« redete er laut dazwiſchen; jetzt verſchloß er die Thuͤr, gab der Graͤfin den Schlüſſe wrüch und entfernte ſich. à 38. Eins ſchlug die Glocke, Mitternacht war vor⸗ uͤber, ſo konnte der Pater alle Bewohner des Schloſſes ſich ſchlafend denken; leiſe, vorſich⸗ tig umherſpaͤhend ſchlich er, eine Laterne und einen Schluͤſſel haltend, die heimliche Treppe hinab, die in den Garten fuͤhrte. Ehe man ganz unten war, ſah man einen großen Wand⸗ ſchrank. Mit einiger Aengſtlichkeit pruͤfte der Je⸗ ſuit ſeinen Schluͤſſel; die Thuͤr ſprang auf, er ſchob einen gruͤnen Vorhang zuruͤck, es zeigte ſich eine zweite Thuͤr, die er gleichfalls oͤffnete und in ein kleines dunkles Vorzimmer trat, das zu einem andern Gemache fuͤhrte, wo der Her⸗ zog von Beauvilliers ſchlief. Das tiefe Schwei⸗ gen umher ſagte dem Pater, daß kein Verraͤ⸗ ther wache, dennoch weckte er den ſchlafenden 318 Herzog mit großer Vorſicht, und bat ihn um Gotteswillen, ſich ruhig zu verhalten, wolle er anders ſich und das Fraͤulein von Mau⸗ leéon retten, denn, ſagte er:»Ew. Gnaden, das Fraͤulein ſoll morgen durch Zwang die Gemah⸗ lin des Chevalier werden, gegen Sie aber wird der Verhaftsbefehl ausgefuͤhrt, den der heutige Courier mitgebracht hat.« „»Unmoͤglich! ich habe kein Verbrechen be⸗ gangen.« »Nicht, wie Sie es anſehen; allein der Verkauf Ihrer Guͤter, das Wegſchicken der er⸗ haltenen Gelder.« Freilich,« erwiederte der Herzog: daber wie kann ich Ihnen vertrauen und weshalb ſe⸗ tzen Sie ſich zu meiner Rettung ſelbſt in Ge⸗ fahr.« Nach kurzer Ueberlegung ſagte der Jeſuit: ognaͤdiger Herr, die Zeit iſt koſtbar; wir haben keinen Augenblick zu verlieren; Sie muͤſſen mir vertrauen, doch um das zu koͤnnen, ſollen Sie wiſſen, was ich ſonſt verſchweigen wuͤrde: ich liebte die Graͤfin; ihre Liſt, ihre Gefallſucht —, — 319 — ließen mich hoffen— heute hoͤrte ich aus ihrem eignen Munde, daß ſie mich verabſcheut, daß Sie der Gegenſtand ihrer Leidenſchaft ſind, und daß ſie die Heirath des Fraͤuleins von Mau⸗ léon nur deshalb betreibe, damit ſie eine ge⸗ fuͤrchtete Nebenbuhlerin Ihnen entziehe und es ihr dann gelinge, Ihre Gemahlin zu werden. Meine Liebe iſt erloſchen und der gluͤhende Haß, der ſeine Rache befriedigen will, bringt mich hieher.« »Ja, jetzt glaube ich an Ihre Huͤlfe, aber wie wollen Sie mir zur Flucht behuͤlflich ſeyn,« ſagte der Herzog.— „»Das ſollen Sie ſehen; ich habe Alles be⸗ reit, bald werden Sie aus dem Hauſe ſeyn, wo wir ſuchen muͤſſen einen Zufluchtsort fuͤr das Fraͤulein aufzuſinden. Mit Golde wird es uns nicht fehlen.« „Der ſichre Aufenthalt iſt ſchon beſorgt.« „»Deſto beſſer! nun aber fort, denn mor⸗ gen mit dem fruͤhſten waͤre Alles zu ſpaͤt, da ſonſt ſchon um 7 Uhr das Fraͤulein verheira⸗ thet und Sie gefangen genommen wuͤrden. 320 + Uns bleiben nur vier Stunden ſicher zu ver⸗ wenden.« Der Herzog, der ſich inzwiſchen angeklei⸗ det, nahm ſein Taſchenbuch und alles Gold, was er hatte; der Pater aber oͤffnete ein Fen⸗ ſter und knuͤpfte die Betttuͤcher ſo hinein, daß man glauben mußte, Herr von Beauvilliers ſei durch das Fenſter geſtiegen. Dann gingen Beide durch die verborgene Thuͤr und kamen ſo in den Schloßhof. »Jetzt begreife ich, wie Sie in mein ver⸗ ſchloſſenes Zimmer kamen, ſagte der Herzog. 6„Ja, es iſt die Art, wie der Intendant in Ihr Zimmer kam, wenn er Ihre Dapiere nach⸗ ſah,« erwiederte der Pater. /Der Schurke!« wollte der Herzog rufen, allein ſein Fuͤhrer ſchloß ihm den Mund, erin⸗ nernd, daß der ſchwaͤchſte Laut ſie verrathen koͤnne. Im Garten angelangt, ſtellte Vater Ga⸗ briel eine bereit ſtehende Leiter an das Fenſter des Fraͤuleins, ſtieg hinauf, gab das Zeichen, und bat Eliſabeth, die verabredeter Weiſe er⸗ 321 ſchien, ſogleich herabzuſteigen; ſie ſchwankte, ihr fehlte der Muth, da ſtieg der Herzog ſtatt des Paters hinauf:»ſetzen Sie ſich nur auf die Fenſterbank, theure Eliſabeth, ich bin es und kann und will Sie retten,« fluͤſterte ihr der ungeduldige Liebhaber zu, und dieſer ſuͤßen Stimme folgte ſie; der Herzog trug ſie die Lei⸗ ter hinab, und als der Pater ſie an die Gar⸗ tenmauer bringen wollte, zeigte er ihm den Schluͤſſel zu der kleinen Thuͤr. „»Nun denn, ſo iſt der Sieg uns gewiß« rief der triumphirende Prieſter: Jjetzt ſchnell 4 von hier.« A Auf der Straße angekommen, wo der geiſt⸗ liche Herr ſie verlaſſen wollte, hielt ihn der Herzog zuruͤck.»Herr Pater,« ſagte er: duns bleibt keine Zeit zu Dankſagungen, nur ſo viel: an jedem Orte, zu jeder Zeit iſt Alles, was ich habe und vermag, zu Ihrem Dienſte bereit, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweiſen.« »Dank!« erwiederte der fromme Mann: „doch ſeyn Sie vorſichtig, nicht ertappt zu werden, und heirathen Sie das Fraͤulein ſo bald als möglich— ich verlange keinen weitern Lohn. c Er ging zuruͤck; der Herzog fuͤhrte die ban⸗ gende, zitternde Eliſabeth, druͤckte ihre Hand und ſuchte ſie durch liebevollen Zuſpruch zu be⸗ ruhigen. »O, mein Retter!« ſagte endlich das lieb⸗ liche Maͤdchen: vich danke Ihnen mehr, tau⸗ ſend Mal mehr, als mein Leben!« Jetzt hatten ſie das kleine Haus, wo L'Hom⸗ mond und ſeine Schweſter ihrer warteten, er⸗ reicht; Herr von Beauvilliers gab das verab⸗ redete Zeichen, und obſchon man ihre Ankunft nicht ſo bald vermuthet hatte, ſo oͤffnete die freundliche Matrone doch eilig die Thuͤr, welche ſie dann ſogleich ſorgfaͤltig verſchloß. — ᷓ —— 39. Ungeſehen erreichte der Pater ſein Zimmer und Lager; doch die Ungeduld, die Wirkung ſeiner Nache zu ſehen, verſcheuchte den Schlaf von ſeinen Augen, er konnte die Stunde nicht er⸗ warten, wo die Graͤfin die Begebenheiten der Nacht erfahren ſollte. Endlich ſchlug es ſechs; eilig kleidete er ſich an, weckte den Ritter und ging mit ihm nach den Zimmern der Graͤfin; im Vorſaale begegnete ihnen Herr von Basville und die Zeugen. „Schoͤn, daß wir Alle ſo puͤnktlich ſind,« ſagte der Intendant, indem er an die Thuͤr klopfte, welche Pionne ſogleich oͤffnete, Herrn von Basville in das Schlafzimmer ſeiner Toch⸗ ter gehen ließ, die andern Herren aber bat, einige Augenblicke in dem Vorzimmer zu war⸗ ten. 4 „Biſt Du fertig, Louiſe? es iſt ein glor⸗ reicher Tag fuͤr Dich.« »Etwas aber haben wir doch vergeſſen und zwar etwas ſehr Wichtiges; den Contract, mein Vater—. „/Das habe ich beſorgt, und auch den No⸗ tar“ der die Unterzeichnung bekraͤftigen muß, habe ich kommen laſſen.« Nun, ſo wollen wir eilen; ich bitte nur um zwei Minuten, dem Fraͤulein eine Kappe aufſetzen zu laſſen.« »Iſt ſie noch in ihrem Zimmer?« „»Nein, lieber Vater, da war ſie mir nicht ſicher genug, ich habe ſie hier in meiner Bi⸗ bliothek eingeſchloſſen, und will ſie gleich ho⸗ len.« Die Graͤfin ſchloß auf, allein die Thuͤr oͤff⸗ nete ſich nicht. „Ha! ich ſehe ſchon,« rief ſie: die eigen⸗ ſinnige Kreatur hat die Thuͤr verriegelt! Oeff⸗ 4 nen Sie, Fraͤulein! oͤffnen Sie, es hilft Ih⸗ nen zu Nichts, als daß ich das Schloß auf⸗ ſhrenzen laſſe.« At Heftig klopfte ſie, und die Maͤnner wur⸗ den durch den Laͤrm herbei gerufen. Der Pater gab ſelbſt den Rath, die Thin einzuſtoßen, und mit Huͤlfe des Secretairs ge⸗ lang es ihm wirklich, ſie aus den Angeln zu heben. Polternd fiel ſie zur Erde, und uͤberſah ſogleich das leere Gemach. Die Graͤfin erblaßte und ſchrie laut;. Jeſuit war der Meinung, daß Flucht unmoͤg⸗* lich ſei, und daß ſie ſich irgendwo verſtecktihahe.* Er unterſuchte jedes Meuble. 1u40 8 Auf einmal rief der Chevalier: vo Ga das Fenſter ſteht offen wenn ſie nur keinen Schaden genommen hat.« »Wollte Gott, ſie haͤtte es, ſi ie haͤtte beide„ Beine gebrochen, deſto leichter faͤnden wir ſie 14 wieder /6 rief die erbitterte Schweſter:»laßt uns in den Garten gehen, dort finden wir ſie gewiß in irgend einem Winkel verborgen. Aber 8 lauft und weckt alle unſte Domeſtiquene. ..„. A. 8. 43 5 4 3 „Gut, Boſſa„ kommen Sie und helfen mir Befehle ertheilen. 2 In kurzer Zeit war Alles auf den Füßen, was ſich im Hotel befand; alle Winkel wurden beim Anbruch des Tages durchſucht, doch war und blieb der ſchoͤne Fluͤchtling verſchwunden, und keine Spur ihrer Flucht zbeheichnei das Wie und Wohin.* nn. Herr von Basville kam zurück und ſagte im bitterſten Tone: das Fraͤulein von Mau⸗ — i nicht allein entflohen, ſie hat wahr⸗ 4 ſbeinich einen Reiſegefaͤhrten ae 3 8 Und wer?« rief die Graͤfin mit bebender e Herzog von Benuwillerse 34 Der Schlag war zu hart, zu unerwartet; die Graͤfin ſank erbleichend in den Seſſel, wel⸗ 1 3 cher neben ihr ſtand. Doch nur wenige Mi⸗ nuten verließ ſie ihre Verſtellungskraft und ſie verſicherte dem Pater, der ihr beizuſtehen ver⸗ ſuchte, ſie begriffe— was er wolle, da ihr ja nichts fehhe. 19 1 Hiersn »Ja!« endete der Intendant ſänen ange⸗ ——** ener Bericht:„er iſt in der Nacht abge⸗ .,1 nd watrſcheinih hat er den Bedien⸗ ten, die im Vorzimmer ſchliefen, nicht getraut, denn er hat ſeine Reiſe aus dem Fenſter ange⸗ treten.« 4 „»Das iſt mir unbegreifiich& ſagte der Pa⸗ ter mit falſcher Verwunderung:»was kann müh doch dazu vermogt haben?« „»Nun, hol'’ ihn der Teufel, das weiß ich nur zu gut; er muß Wind bekommen haben,. daß er heute arretirt werden ſollte.« »Gewiß!« rief die Graͤfin: vyund koͤnnte 4 man erfahren, wer es ihm geſagt, ſo waͤre das ein Großes. Wem haben Sie den Inhalt der geſtrigen Depeſche mitgetheilt, mein Vater 2 »Keiner Seele, als Dir.« /Das iſt unmoͤglich.« 1138 „Aber es iſt wahr,« fuhr ſie der Nüendan an. 4 »Nun, ſo hat er es auch nicht gewußt, und dann, der Nichtswürdige! dann iſt er nur gefluͤchtet, um das elende Midchen s zu entſa⸗ ren.« „»a, das ifl wohl entſchieden 3 zeer, Gabriel mit mitleidigem Tone. 8 Nun aber muß geeilt und eine- Belohnung dem verheißen werden, der ſie uns bauaſäfſe„& rief die Graͤfin. Herr von Bas⸗ ville aber entfernte ſich, die noͤthigen Befehle zu geben. Gern haͤtte die Gräfin Vhren Aorger, ihren Schreck ganz verborgen, aber es gelang ihr nicht, ſie ſiel, als ſie aufſtand, in den Stuhl zuruͤck und mußte ſich von Pionne nach ihrer 2 Slailaumerfühten laſſen. Mit Entzuͤcken ſah der Pater ie nach, und murmelte mit gefaltenen Haͤnden:»o welch' ein himmliſches Gejüͤht iſt die Rache!« Herr von Basville betrieb die Nachforſchun⸗ gen ſo hitzig wie moͤglich, als aber keine gelang, wmard er verdrießlich, ſtellte ſie ein und befahl, hym nichts mehr davon zu ſagen., Auch fehlte es nicht an neuen Ereigniſſen, die ihm die Sache voͤllig aus de Gedaͤchtniſſe brachten; die ungluͤcklichen, iben geſchlage⸗ nen Cemiſarden zerſtreuten ſich endlich ganz. 329 4 Rolland warb mit einigen Andern gefangen, a ſeene auf dem Scheiterhaufen. Das war das Ende des Buͤrgerkriegs, deſſen ſchreck. liche Folgen das ungluͤckliche Languedok, auch nach dem langen Zeitraume friedlicher Ruhe, die es ſeitdem genoß, niemals uͤberwinden konnte. 4 Camiſarden II. 40. * Jahre waren ſeit jener Zeit entſchwunden. ſtrahlte die Abendſonne in die hellen Fenſter ei⸗ nes ſtattlichen Herrenhauſes; die Eigenthuͤmer der laͤndlichen Wohnungen umher hatten ſich in ihnen ſchon der Ruhe uͤberlaſſen; die Heer⸗ ſtraße war einſam und nur ein holder, roth— wmangiger Knabe ſpielte, von einem Diener be⸗ gleitet, noch unter den Baͤumen, als ein Rei⸗ ter, der zwiſchen 40 und 50 Jahr alt ſeyn 4 mochte, eilig die Straße herabkam und nach dem Schloſſe des Herzogs von Beauvilliers fragte.. „Das iſt Papa,« rief der Knabe:»ſieh da, die große Allee, da iſt unſer Haus, ſoll ich Dich hinbringen?« In der Grafſchaft Devonſhire im Dorfe P***. 331 Der Kleine lief freundlich und ſchwatzend neben dem Fremden, der vom Pferde ſtieg, es dem Bedienten uͤbergab, und dem Knaben in den Garten des ſchoͤnen und neuen Hauſes folgte. Hier ging ein hochgewachſener, edel gebil⸗ deter Mann mit einer wunderſchoͤnen jungen Dame, die, ſobald ſie den Fremden erblickte, ihm die Haͤnde entgegen hielt, und mit freu⸗ digem Ausruf als Herrn Cavalier begruͤßte. „»Ja, gnaͤdigſte Frau, meine erſte Sorge war, mich nach Ihnen zu erkundigen, und mit hoher Freude erfuhr ich, daß Sie ſo glüch lich ſind, als Sie es verdienen.« Eliſabeth laͤchelte, doch netzte eine Thraͤne ihr ſchoͤnes Auge; dach,« ſagte ſie:»r e 1 ein Gluͤck iſt es, einen Landsmann zu ſel en und 4 Jemand von Frankreich reden zu koͤn⸗ nen. O, liebſter Mann! laß doch gleich un⸗ ſern treuen L' Hommond rufen.« Er kam und weinte fuͤr Freude, Eliſabeth aber bat Cavalier, ihr doch Alles zu ſagen, was ihm ſeit dem Tage, wo ſie ihn zulett i in Nimes geſehen, begegnet ſei. N 22* 332 „Gluͤck und Ungluͤck, gnaͤdigſte Frau! Ich mochte keine Dienſte in Frankreich nehmen und ging nach dem Frieden in's Piemonteſiſche, wo ich in der Armee des Herzogs angeſtellt ward. Doch ich konnte mich nicht gewoͤhnen, unter Katholiken zu leben, ſo nahm ich den Abſchied und ging zuruͤck in's Vaterland, nach Paris. Der verſtorbene Koͤnig lebte noch; er verlangte mich zu ſehen, ich ward ihm vorgeſtellt, er ſah mich veraͤchtlich an, ſagte mir kein Wort und hoͤrte mich nicht einmal an. Endlich entſchloß ich mich nach England zu gehen, um zu ſe⸗ hen, ob meine ehemaligen Freunde mich noch nicht vergeſſen haͤtten, und ich war ſo gluͤcklich, zum Commandanten der Inſel Ferſey ernannt zu werden.« Und was wiſſen Sie von Nimes? Hat ſich die Graͤfin Brasci wieder verheirathet?« Nein, gnaͤdige Frau, die ehrgeizige, un⸗ ruhige Dame kam in den letzten Jahren des Monarchen wieder an den Hof, ſpielte die An⸗ daͤchtige und ſtand, durch die Huͤlfe des Pater Gabriel, in hoher Gunſt bei Frau von Main⸗ 333 tenon. Nach dem Tode des Koͤnigs hat ſie die Froͤmmigkeit bei Seite gelegt und macht eine glaͤnzende Figur am Hofe des Regenten.« »Und Herr von Basville?« „»Starb aus Aerger, daß der Regent die ungluͤcklichen Proteſtanten von der Galeere be⸗ freite.« u H »Beſte Eliſabeth, fraͤgſt Du nicht nach Deinem ungluͤcklichen Liebhaber, dem Ritter von Basville?« ſagte der Herzog. »Er iſt in Spanien erſchoſſen und man ſagte, er ſei dort hingegangen, um den Vor⸗ wuͤrfen ſeiner Schweſter zu entgehen, die ihm taͤglich die Flucht des Fraͤuleins von Mauleon vorwarf.« »Aber, Herr Cavalier, wollen Sie denn wirklich in Jerſey bleiben? Haben Sie un⸗ ſerm ſchoͤnen Vaterlande ganz entſagt?« »Ja, gnaͤdigſte Frau, mich trafen dort nur Ungluͤck und Ungerechtigkeit „Uns auch,« erwiederte die anmuthige Frau: vaber dennoch haben wir nicht aufge⸗ hoͤrt, es zu lieben.« * 334 »Und hoffen auch, es wieder zu ſehen, bis dahin aber, iſt nicht doch auch hier Erſatz fuͤr unſre Verbannung?« fragte Herr von Beau⸗ villiers die geliebte Gattin mit zaͤrtlichen Bli⸗ cken. Die Gluͤckliche ſchwieg, umarmte den theu⸗ ren Gatten und kuͤßte die lieblichen Kinder. Cavalier ſagte hernach, dſie habe, einem ſeligen Engel gleich, vor ihm geſtanden und er werde nie das himmliſche Bild haͤuslichen Gluͤcks vergeſſen.« Ende. Hiſtoriſcher Bericht uͤber den Krieg der Camiſarden von 1 7 02 bis 171 0. Ludwig der Vierzehnte hatte im Jahre 1685 das Edikt von Nantes foͤrmlich zuruͤckgenommen, dabei aber ſeinen proteſtantiſchen Unterthanen (mit Ausnahme ihrer Prediger) verboten, Frank⸗ reich zu verlaſſen; dennoch hatten, ſeinen Be⸗ fehlen zum Trotze, mehr denn funfzigtauſend Familien ihren Kunſt⸗ und Gewerbfleiß, die Truͤmmer ihres Vermoͤgens und ihren gerechten Haß gegen den Tyrann, der ſie zur Flucht aus dem Vaterlande gezwungen, in's Ausland ge⸗ bracht, indem ſie es moͤglich zu machen gewußt, Frankreichs Graͤnzen zu uͤberſchreiten. Waͤh⸗ rend deß durchzogen Miſſionaire und Dragoner das ungluͤckliche Land, und wo den Erſteren die Bekehrung nicht gelang, da brachte der Saͤbel und die Unverſchaͤmtheit der Letztern(die man am Hofe ſcherzweiſe die geſtiefelten Miſſionaire nannte) ſie zu wege. Die bedauernswerthen Proteſtanten, fuͤr die jedes Geſetz aufgehoben ſchien, genoſſen inzwiſchen einige Augenblicke der Ruhe, waͤhrend der Verlegenheit, in die h 338 der ſpaniſche Erbfolge⸗Krieg den Hof verſetzte. Doch der Ryswicker Friede, in dem Englands gewoͤhnliche Politik das Wohl ſeiner bedruͤckten Glaubensbruͤder ganz vergeſſen hatte, fachte das Feuer der Verfolgung mit erneuter Heftigkeit, beſonders im Languedok, an, wo die Bekehrer auf dem platten Lande eine große Menge Pro⸗ teſtanten fanden, deren leidenſchaftlicher Cha⸗ rakter ihren religioͤſen Eifer bis zum Fanatis⸗ mus geſteigert hatte. Gleich nach dem Frieden erſchien eine koͤ⸗ nigliche Bekanntmachung unter dem 23ſten No⸗ vember 1697, welche den Proteſtanten bei Le⸗ bensſtrafe verbot, ſich in Orange niederzulaſſen, oder dort irgend eine gottesdienſtliche Handlung vorzunehmen. Am 18ten December deſſelben Jahres folgte eine Zweite, welche Diejenige be⸗ ſtaͤigte, die das Edikt von Nantes aufgehoben hatte, indem ſie alle Strafgeſetze gegen die Pro⸗ teſtanten erneute. Das Jahr 1699 ſah vier neue Verordnungen erſcheinen. Die Erſte, vom 1 4ten Februar, enthielt, daß die koͤniglichen Befehle von den Jahren 1669, 1682 und 1686, welche den Proteſtanten die Auswan⸗ derung aus dem Koͤnigreiche verboten, in ih⸗ rer ganzen Strenge in Ausuͤbung gebracht wer⸗ den ſollten, und daß Diejenigen, welche dage⸗ gen handelten, zum Verluſt ihres geſammten 339 Vermoͤgens verdammt werden ſollten und dabei die Maͤnner zu lebenslaͤnglicher Galeerenſtrafe, die Frauen aber zu immerwaͤhrendem Gefaͤng⸗ niß, und beide Theile zu oͤffentlicher Kirchen⸗ buße. 1 Die zweite Verordnung, vom 5ten Mai, verbot den Proteſtanten ihr Vermoͤgen, oder auch nur ihr Mobiliar im Ganzen, zu verkau⸗ fen oder zu verſchenken bei Strafe der Nulliitaͤt und Confiscation. Die Dritte, vom 13ten September, befahl, daß der Prozeß nicht blos gegen Diejenigen eingeleitet werde, welche man bei dem Ver⸗ ſuche zur Flucht gefangen hatte, ſondern auch gegen Die, deren man dabei nicht habhaft ge⸗ worden war. Die vierte Verordnung endlich verbot allen franzoͤſiſchen und fremden Schiffern, Schiffs⸗ eigenthuͤmer oder Capitaine, Proteſtanten mit ſich aus dem Lande zu nehmen, bei Strafe der Confiscation ihrer Schiffe. Noch eine Verordnung, unter dem 30 ten Januar 1700, wiederholte jenen beruͤchtigten Befehl vom 29ſten April 1686, daß, wenn ein Kranker ſich weigere, die bei den Katholiken ge⸗ braͤuchlichen Sterbeſacramente zu empfangen, ſo ſolle im Todesfalle ſein Koͤrper auf die oͤffent⸗ liche Landſtraße geſchleift werden und dort un⸗ 340 begraben vermodern, werde er aber hergeſtellt, ſo ſei er zur Confiscation ſeines Vermoͤgens und oͤffentlicher Kirchenbuße verdammt, ſo wie die Maͤnner zu lebenslaͤnglicher Galeerenſtrafe, die Frauen aber zu immerwaͤhrender Einſperrung, und wo die Confiscation des Vermoͤgens nicht Statt finde, da muͤſſe doch die dem Koͤnige zu entrichtende Strafe mindeſtens den Werth des halben Vermoͤgens betragen. Dies waren die Mittel, welche die Regie⸗ rung den Intendanten der Provinzen(die mehr⸗ ſten von ihnen waren Fanatiker oder blinde Nachfolger des Hofes) in die Haͤnde gab, um die von der katholiſchen Kirche Abweichenden zu ihrer Einheit zuruͤck zu bringen, und ſo fuͤllten Gefaͤngniſſe und Galeeren ſich taͤglich mehr mit ungluͤcklichen Proteſtanten. Vornehme unter ihnen verſchwanden durch lettres de Cachet(ge⸗ heime Verhaftsbefehle), Leute von der gerin⸗ gern Klaſſe aber ſtarben durch Henkershaͤnde. Seit man die Gotteshaͤuſer der Proteſtanten eingeaͤſchert, hatten ſie ihre Verſammlungen in einzeln ſtehenden Haͤuſern oder andern ab⸗ gelegenen Orten gehalten, wo ſie Pſalme ſan⸗ gen und ſich an den geiſtlichen Reden ihrer Pre⸗ diger erbauten. Faſt immer wurden dieſe Ver⸗ ſammlungen von den koͤniglichen Soldaten uͤber⸗ fallen und niedergemetzelt, dennoch unterblieben - 341 ſie nicht, und alle Glaͤubige der Umgegend, Maͤnner, Frauen, Greiſe und Kinder, trotzten den ſie bedrohenden Gefahren und beſuchten ſie haͤufiger denn jemals. Basville, der Inten⸗ dant von Languedok, ein harter und grauſamer Mann, hatte mehrere in dieſen Verſammlungen gefangene Prediger hinrichten laſſen; das Zu⸗ ſtroͤmen des Volkes nach den Predigten ihrer Lehrer aber ward durch dieſe Verfolgungen nur groͤßer, der Glaubenseifer ſteigerte ſich bis zur Glaubenswuth und je ſchrecklicher die Proteſtan⸗ ten behandelt wurden, je bitterer wurden na⸗ tuͤrlicher Weiſe auch ihre Gefuͤhle. Die katho⸗ liſche Geiſtlichkeit, die ihre Tempel taͤglich lee⸗ rer und ihre Predigten mehr verachtet ſah, wandte alle ihre Beredtſamkeit an, die Regie⸗ rung zu noch groͤßerer Haͤrte zu bewegen, waͤh⸗ rend die proteſtantiſchen Redner von ihren Kan⸗ zeln gegen die roͤmiſche Abgoͤtterei eiferten und ihre Bruͤder ſich nachzogen, um ſie unter freiem Himmel mit dem Worte des Allerhoͤchſten zu naͤhren. Jetzt erhoben ſich unter den Verfolgten eine Menge Fanatiker, meiſt Kinder oder geringe Leute, die ſich, von goͤttlicher Kraft erfuͤllt, die Zukunft vorher zu ſagen berufen glaubten, und dabei laut diejenigen ihrer Bruͤder ver⸗ wuͤnſchten, welche ſchwach genug waͤren, um den Verfolgungen zu entgehen, wieder dem ka⸗ tholiſchen Gottesdienſte beizuwohnen. Bald wa⸗ ren die Gefaͤngniſſe mit dieſen Propheten bevoͤl⸗ kert, und in Uſes allein ſaßen uͤber dreihundert, von denen die mehrſten Kinder waren. Die mediciniſche Fakultaͤt in Montpellier erhielt Be⸗ fehl, den Zuſtand der Kleinen an Ort und Stelle zu unterſuchen, und erklaͤrte ihn fuͤr Fa⸗ natismus. Nun erging ein Befehl, worin den Eltern geboten ward, den Weißagungen ihrer Kinder ein Ende zu machen, widrigenfalls der Prozeß gegen ſie auf ihre Koſten eingeleitet werden und ſie uͤberdieß zu hoher Geldſtrafe verdammt ſeyn ſollten. Dieſer Anordnung zufolge, wurden die ungluͤcklichen Proteſtanten mit willkuͤhrlichen Strafen belegt, deren Heftigkeit ſo weit ging, daß man Eltern ſah, die ihre Kinder den Ma⸗ giſtratsperſonen hinbrachten und dabei ſagten: nehmt ſie! wir wollen nichts weiter mit ihnen zu ſchaffen haben; verſucht Ihr es, ihnen das Wahrſagen abzugewoͤhnen.« Vergebens! die verdoppelte Strenge verdoppelte die Zahl der Propheten. Noch verſtaͤrkt wurden die unge⸗ rechten oft blutigen Maaßregeln der weltlichen Obrigkeit durch die noch groͤßere Haͤrte der Geiſt⸗ lichkeit, und Dieſe trieb die Ungluͤcklichen vol⸗ lends zur Empoͤrung. Basville hatte den Abt 343 Duchaila zum Aufſeher der Miſſionen in den Cevennen gemacht, und dieſer Prieſter fand kein Bedenken, die Soldaten, welche die Verſamm⸗ lungen uͤberfielen, ſelbſt anzufuͤhren, ja die Ge⸗ fangenen mit ſolchen Martern zu quaͤlen, daß ſie faſt nicht zu beſchreiben ſind, da ſie beinah unmoͤglich ſcheinen. Z. B. er ließ ihnen mit Zangen die Haare aus Bart und Augenbrau⸗ nen reißen; bewickelte ihnen die Finger mit Baumwolle, ließ ſie anzuͤnden und brennen, bis das Fleiſch den Ungluͤcklichen bis auf die Kno⸗ chen herab gebrannt war; zwang ſie, gluͤhende Kohlen in die Hand zu nehmen und dieſe ſo lange zu verſchließen, bis die Kohlen voͤllig erloſchen waren u. a. m. Konnten aber alle dieſe Qualen die Ungluͤcklichen nicht bezwin⸗ gen, ſo ſchleppte er ſie in das Gefaͤngniß, ſchlug ihre Arme und Beine in ſo ſchwere Feſ⸗ ſeln, daß die Gemarterten weder ſitzen noch aufrecht ſtehen konnten und die graͤßlichſten Schmerzen erdulden mußten. So viele Grauſamkeiten ermuͤdeten endlich die Geduld der Schlachtopfer und zogen dem Abte bei folgender Begebenheit eine ſchreckliche Strafe zu: Ein gewiſſer Maſſip nehmlich, der ſchon viele Proteſtanten als Wegweiſer nach Genf geleitet hatte, war wieder mit einigen Fa⸗ milien aus den Cevennen im Begriff, dahin zu 344 gehen, unter denen zwei Fraͤulein von Serti waren, die ſich zu groͤßerer Sicherheit in Maͤn⸗ nerkleidung gehuͤllt hatten. Der Abt erfuhr es, ließ ſie gefangen nehmen und verſagte unerbitt⸗ lich den Anverwandten ihre Freiheit, obgleich ſie ihm große Summen dafuͤr boten. Er beſtand ſowohl auf die Hinrichtung Maſ⸗ ſips, als auf die ſtrengſte Anwendung der Strafgeſetze fuͤr die uͤbrigen Perſonen. Die verzweifelnden Angehoͤrigen begaben ſich ihre Glaubensbruͤder um Huͤlfe zu bitten, in eine große Verſammlung, welche Sonntags den 23ſten Juli auf den Bouger Berge gehal⸗ ten ward. Sogleich erhoben ſich drei Prophe⸗ ten, Geiſt, genannt Seguier, Salomon Cou⸗ dere und Abraham Mazel; ſie ermuthigten die Menge, die Gefangenen zu befreien, und ver⸗ ſicherten, daß der Herr ſelbſt es ihnen befohlen habe; und ſo ward eine Vereinigung fuͤr den Abend des folgenden Tages am Eingange eines auf dem Gipfel des Berges von Bouger belege⸗ nen Waldes, von den Bewohnern der Umge⸗ gend Alte Fage genannt, beſchloſſen, und dem⸗ naͤchſt ausgefuͤhrt. Gegen funfzig mit allen Ar⸗ ten von Waffen(worunter jedoch nur wenige Feuergewehre waren) verſehene Maͤnner trafen ſich, und zogen, nachdem ſie ihren Muth durch ein allgemeines Gebet verſtaͤrkt hatten, auf Pont 4 345 de Montvert, ein in den oberen Cevennen be⸗ legenes und von dem Abte Duchaila bewohntes Dorf, wo ſie ihren Einzug unter dem lauten Abſingen eines Pſalmes hielten. Der Abt, in der Meinung, daß es eine gottesdienſtliche Ver⸗ ſammlung ſei, welche im Dorfe gegen ſeine Be⸗ fehle gehalten werde, gebot ſeinen Soldaten ſie zu uͤberfallenz doch bald war ſeine eigene Wohnung umzingelt und die Stimmen, welche ſo eben noch geiſtliche Lieder ſangen, verlangten jetzt mit lautem Geſchrei die Loslaſſung der Ge⸗ fangnen. Der Abt und ſeine Leute hatten eilig die Thuͤren verſchloſſen und verſchanzten ſich ſo viel als moͤglich, um einen langen Widerſtand leiſten zu koͤnnen; doch die Belagerer ſchlugen die Thuͤren ein, legten Feuer in dem Vorſaale an, und der Abt verſuchte, ſich mit Huͤlfe ſeiner als Stricke zerſchnittenen Bettlaken aus dem Fenſter zu laſſen, aber die Leinwand riß, er ſtuͤrzte zu Boden, brach ein Bein und ward von den ihn gefangen nehmenden Leuten unter ſteten Verwuͤnſchungen um's Leben gebracht, wobei ſie riefen:»Keine Barmherzigkeit dem Verfolger der Kinder des Allerhoͤchſten!« Dies geſchah im Juli 1702 und von die⸗ ſer Zeit an kann man den Anfang des Krieges in den Cevennen rechnen. Die Noͤrder eines Geiſtlichen wußten, daß ſie auf keine Gnade Camiſarden. II. 23 346 rechnen durften, wenn man ſie gefangen nahm, verließen daher Pont de Montvert mit Anbruch des Tages und hielten ſich bewaffnet in den Waͤldern verſteckt.* Sohbald die Begebenheit in Montpellier be⸗ kannt ward, eilte der Commandant Graf Bro⸗ glie mit den Milizen und einem Theile des lan⸗ guedok'ſchen Adels nach den Cevennen; da man aber Niemand von den Rebellen vorfand, ſo ging der Graf zuruͤck und begnuͤgte ſich, in eini⸗ gen Doͤrfern Garniſon unter dem Oberbefehle des Hauptmann Poul zu legen. Ddiieſer nahm ſeine Wohnung in dem in der Mitte ſeines Bezirkes belegenen Dorfe Florac; klug und muthig, wie er war, gelang es ihm bald, die Mißvergnuͤgten in der kleinen Ebene Fontmorte zu uͤberfallen, ſie zu ſchlagen und ihnen einige Gefangene abzunehmen, unter de⸗ nen ſich der Prophet Seguier befand. Unter⸗ weges fragte ihn Poul:»welche Behandlung er⸗ warteſt Du von mir?«„»Dieſelbe, die Ihr von mir erfahren haͤttet,« war die kaltbluͤtige Antwort des Gefangnen. 9 Basville ließ die Gefangnen ſogleich vor ein eigends von ihm geſchaffnes Gericht brin⸗ gen; Seguier ward zu Pont de Montvert le⸗ bendig verbrannt, nachdem ihm vorher die rechte Hand abgehauen worden, und noch im Tode 347 ruͤhmte er, daß er Derjenige ſei, der dem Abte den erſten Hieb gegeben. Das Gericht zu Florac fuhr in ſeinem ge⸗ ſetzlichen Morden fort, und die Mißvergnuͤg⸗ ten, die unaufhoͤrlichen Qualen ausgeſetzt wa⸗ ren, beſchloſſen, das Land zu verlaſſen, als Ei⸗ ner von Ihnen, Laporte, der fruͤher Soldat ge⸗ weſen war, ihren Entſchluß abaͤnderte, indem er ihnen vorſtellte, daß es ruͤhmlicher ſei, mit den Waffen in der Hand zu ſterben, als laͤnger ohne Kirchen, ohne Geiſtliche und ohne Gottes⸗ dienſt zu leben; er rathe daher, ſich allgemein zu bewaffnen und ſo die Wiederherſtellung ih⸗ rer Gerechtſame und ihrer Gewiſſensfreiheit zu verlangen, die man ihnen, den Geſetzen und den feierlichſten Vertraͤgen zuwider, geraubt hatte. Er ſetzte noch hinzu, daß weder ihre geringe Zahl, noch der Mangel an Waffen, ſie muthlos machen duͤrfe, denn ihr Haufe wuͤrde ſich gewiß, ſo bald nur ihr Entſchluß bekannt wuͤrde, taͤglich durch verfolgte Proteſtanten ver⸗ groͤßern, und Waffen muͤßten ſie durch Beſie⸗ gung der Katholiſchen erlangen. Die Propheten Coudere und Mazel gaben dieſem Vorſchlage Beifall, und Letzterer unter⸗ ſtuͤtzte ihn durch die Erzaͤhlung eines Traumes, deſſen Auslegung ihm, wie er verſicherte, un⸗ mittelbar vom Himmel aus geworden ſei. 23* 348 Er hatte nehmlich im Traume einen ſchoͤ⸗ nen Garten geſehen, deſſen Fruͤchte von einer Menge großer, fetter, ſchwarzer Ochſen abge⸗ weidet wurden, und ein Mann hatte ihm ge⸗ ſagt, der Garten ſei die chriſtliche Kirche, die Ochſen die Paters, und er, Abraham Mazel, beſtimmt, die Ochſen zu verjagen. Der Traum des Propheten entſchied das dreißig Mann ſtarke Haͤuſchen, den Rath des Laporte zu befolgen; er ward zum Anfuͤhrer er⸗ nannt und man gelobte, ihm uͤberall hin zu fol⸗ gen und zu gehorchen. Jetzt erſchien auch ſein Neffe, Rolland genannt(Derſelbe, der ſpaͤ⸗ terhin einer der Hauptanfuͤhrer der Camiſarden ward), um in der Vaunage fuͤr ſeinen Oheim Rekruten anzuwerben, und redete die fluͤchtigen Proteſtanten dabei halb als Krieger, und halb als begeiſterter Prophet an. Zu gleicher Zeit hoͤrten die Praͤdikanten und Weißager nicht auf, ihre Bruͤder zur Rache fuͤr die von der katho⸗ liſchen Geiſtlichkeit gegen ihre Glaubensgenoſſen ausgeuͤbten Gewaltthaͤtigkeiten anzureizen, waͤh⸗ rend andrerſeits Basville nicht aufhoͤrte, Schul⸗ dige und Unſchuldige hinrichten zu laſſen, Haͤu⸗ ſer einzureißen, die Gefaͤngniſſe mit Maͤnner und Frauen, mit Kinder und Greiſen zu uͤber⸗ fuͤllen und die Landſtraßen mit Galgen zu be⸗ decken. Dies war im September 1702 der traurige Zuſtand im Languedok. 349 Laporte's Haufen war inzwiſchen auf ſechs⸗ zig Mann gewachſen und zog die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich, waͤhrend ſein Anfuͤhrer ſich den Titel:»Anfuͤhrer der Kinder Gottes, welche die Gewiſſensfreiheit ſuchen,« beilegte, und ſeine Briefe vaus dem Feldlager des Ewi⸗ gen« datirte. Nachdem er in der einzigen uͤbrig gebliebenen Kirche der Proteſtanten zu Collet de Deͤze eine Verſammlung gehalten, traf er mit dem ihm entgegen kommenden Poul im Felde von Domergue zuſammen. Das Gefecht be⸗ gann, Laporte und ſeine Leute ſtuͤrzten ſich unter lautem Abſingen eines Pſalmes auf das poul'⸗ ſche Commando; man focht von heiden Sei⸗ ten mit großer Heftigkeit und der Verluſt war ebenfalls ziemlich gleich. Bald aber ſammelten ſich neue Haufen Mißvergnuͤgter, Andreas Ca⸗ ſtanet, Holzwaͤrter im Berge von Lagval, trat als Praͤdikant und Anfuͤhrer eines Haufens in den Cevennen, ſo wie Rolland als Anfuͤhrer eines andern in der Gegend von Nimes auf. Jetzt aber erſchien Johann Cavalier, aus Ribaute gebuͤrtig, kaum einundzwanzig Jahre alt. Dieſer Anfuͤhrer, der eine der Hauptrol⸗ len in dem Kriege der Cevennen geſpielt, war Schaͤferjunge in Venezobie, dann Baͤckerknecht in Anduze und zuletzt Baͤcker in Genf geweſen, wohin er ſich vor den Verfolgungen gefluͤchtet 350 — hatte. Als er bei ſeiner Ruͤckkehr einer Ver⸗ ſammlung beiwohnte, ſchlug er den anweſen⸗ den jungen Leuten, achtzehn an der Zahl, vor, ſich, gleich ihren Bruͤdern in den Cevennen, zu bewaffnen, und wirklich fanden ſie ſich am naͤchſten Abend ſaͤmmtlich in einer zwiſchen An⸗ duze und Alais belegenen Scheune ein, wo Cavalier ihre aus zwei alten Degen und einer Flinte beſtehende Bewaffnung zwar unter ſei⸗ ner Erwartung fand, den ſinkenden Muth ſei⸗ ner Kameraden indeß mit der Verſicherung an⸗ fachte, daß er ihnen in wenig Tagen hinlaͤng⸗ liche Waffen zu ſchaffen verſprach und ſich ih⸗ nen als einen zweiten Moſes darſtellte, der von Gott berufen ſei, ſein Volk zu befreien. Um dieſe Zeit ward Laporte in einem Ge⸗ fechte getoͤdtet, als Hauptmann Poul ihn in der Naͤhe von Monlézon zwiſchen dem Schloſſe Mazel und dem Wege nach Temelae uͤberfiel; außer ihm wurden noch acht Mann getoͤdtet, deren Koͤpfe Poul im Triumph durch die Haupt⸗ oͤrter der Cevennen nach Montpellier fuͤhren ließ, wo ſie auf Befehl des Intendanten in der Esplanade ausgeſtellt wurden. Indeß tra⸗ ten auch in den Ober-Cevennen zwei Haufen, unter Anfuͤhrung eines ehemaligen Feldwebels Nicolas Joany und eines gewiſſen Couder, ge⸗ nannt la Fleur, auf, die, im Verein mit La⸗ -— 351 porte's Mannſchaft, mehrere katholiſche Kirchen abbrannten und die Wohnungen ihrer Geiſtli⸗ chen pluͤnderten. 3. Cavalier, der das niedere Languedok bis da⸗ hin noch nicht verlaſſen hatte, hielt eine Ver⸗ ſammlung zu Aiguevives, wo er zum erſten Mal als Redner oͤffentlich auftrat; von da an beginnt ſein Ruf und die eifrigſten unter den niedern Klaſſen verehrten ihn, theils als einen neuen Gideon, die Andern aber nannten ihn Judas Maccabaͤus, und gewiß iſt es, daß die⸗ ſer ſo ſehr junge und ohne alle Erziehung auf⸗ gewachſene Menſch, der doch nur uͤber wenige aufruͤhreriſche Bauern zu befehlen hatte, im ganzen Laufe des Krieges einen außerordent⸗ lichen Charakter und Verſtand bewies. Zwei Jahre lang hatte er, oftmals als Sieger, den Truppen des Koͤnigs Stand gehalten, und nicht eher verzweifelte er an dem gluͤcklichen Erfolge des Aufſtandes, als bis das ganze Land ver⸗ heert war und ihm folglich keine Huͤlfsmittel mehr darbot; doch auch da noch legte er die Waffen nicht eher nieder, als nachdem er einen foͤrmlichen Friedensſchluß mit einem Marſchall von Frankreich in's Werk gerichtet hatte. Seine Perſon wird ſo beſchrieben: der war klein, hatte einen großen zwiſchen den Schultern ſteckenden Kopf; große, lebhafte Augen; langes, ſchlich⸗ 325 tes und blondes Haar, und eine gewoͤhnliche nichts bedeutende Phyſiognomie.« Als man Cavalier's Verſammlung zu Ai⸗ guevives erfuhr, begab ſich der Graf von Bro⸗ glie ſogleich dahin und beurkundete ſein Dort⸗ ſeyn durch zahlreiche Hinrichtungen. Basville hatte in dieſem Zeitpunkte einen Beſchluß des großen Rathes erlangt, vermoͤge deſſen vihm die Kenntniß aller zum Aufruhre gehoͤrigen Handlungen zugeſchrieben ward, ſo wie die Macht, Richter uͤber ſie nach eigner Willkuͤhr zu ernennen und als letzte Inſtanz nach alleinigem Gutduͤnken jede ihm beliebige Strafe zu verhaͤngen; in Folge dieſer ausge⸗ dehnten Vollmacht verhaͤngte er Hinrichtungen, Galeerenſtrafe, Staͤupen, Einreißen der Woh⸗ nungen und Strafgelder fuͤr das ganze Land. Dieſe ungerechten Verdammungsurtheile trieben mehrere Proteſtanten zu den Aufruͤhrern, und Cavalier's, bis dahin ſo ſchwacher Haufen, wuchs mit merklicher Schnelle. Er kam von Anduze, vereinte ſich mit Rolland, und zog un⸗ ter klingendem Spiele nach mehreren Orten, die Katholiken zu entwaffnen. Er bediente ſich keiner weitern Vorſichtsmaaßregeln, marſchirte am hellen Tage, hielt an allen Orten, die er beruͤhrte, oͤffentlichen Gottesdienſt und haͤufige 353 Verſammlungen, wo man Pſalme ſang, Kin⸗ der taufte und Ehen feierlich einſegnete. Sogar erließen dieſe Haufen Befehle an die Gemeinen, worin ihnen die Bezahlung der Zehnten, ſo wie die Wache gegen ſie zu bezie⸗ hen verboten ward; ja an einigen Orten zwan⸗ gen ſie ſogar die Paͤchter der geiſtlichen Guͤter, ihnen die Paͤchte abzuliefern. Bis dahin hatte Cavalier zwar die Geſchaͤfte eines Anfuͤhrers beſorgt, doch ohne den Namen zu fuͤhren. Jetzt aber ſtellte ein neu angekomm⸗ nes Mitglied, Eſperandieu genannt, der Ge⸗ meine vor, es ſei nothwendig, einen allgemein als Anfuͤhrer anerkannten Mann an ihrer Spitze zu haben. Man ſah es ein und die Stimmen waren unter Caſtanet und Cavalier getheilt; fuͤr den Erſteren ſprach der Umſtand, daß er als Soldat mehrere Kriege mitgemacht, fuͤr den Andern aber, daß er zugleich Redner und Pro⸗ phet war, und dieſe Eigenſchaften entſchieden endlich zu ſeinem Gunſten. Cavalier nahm, dem Scheine nach, dieſen Rang nur gezwun⸗ gen an, da er es indeß zur Bedingung machte, unumſchraͤnkt, ſelbſt uͤber Leben und Tod, zu gebieten, ſo iſt man verſucht, an der Wirk⸗ lichkeit ſeiner Beſcheidenheit zu zweifeln. Viel vermogte er aber wirklich bei ſeiner ausgedehnten Vollmacht; er ſchlug drei Com⸗ 3⁵4 pagnien Infanterie bei Fouquiere in die Flucht, beſetzte mit Huͤlfe einer Kriegesliſt das Schloß von Servas, wo er die Beſatzung niedermachen ließ; dann gewann er einen vollſtaͤndigen Sieg in der Ebne von Alais und faßte nun den Ent⸗ ſchluß, die Beſatzung und die Buͤrger der fe⸗ ſten Stadt Sauve am Vidourle, in den un⸗ tern Cevennen belegen, zu entwaffnen. Zu dieſem Endzwecke vereinte er ſich mit Rolland und ſie ſchickten eine kleine Abtheilung ihrer Leute nach Manoblet, wo ſie, um die Koͤnig⸗ lichen dahin zu ziehen, einige Kirchen verbrann⸗ ten; darauf kleideten ſie funfzig Mann in die Uniform der koͤniglichen Ordonnanzen; Dieſe ruͤckten als ſolche in die Stadt, wo der Anfuͤh⸗ rer ſogar bei dem Herrn von Vibraͤ, einem der angeſehenſten Maͤnner des Ortes, zur Tafel ge⸗ laden ward. Als man aber im Begriffe ſtand, ſich zum Eſſen zu begeben, kam die Anzeige von der Annaͤherung der Mißvergnuͤgten; er⸗ ſchrocken eilten Soldaten und Buͤrger in ihre Wohnungen, ſich zu bewaffnen; doch Cava⸗ lier's Mannſchaft ſtand ſchon bewaffnet auf dem Markte und ſie eilte noch mehr, ihren Freun⸗ den die Thore zu oͤffnen. Sie ſtuͤrzten hinein, entwaffneten Alle, verſahen ſich mit Lebensmit⸗ teln, verbrannten einige Kirchen und zogen ſich mit mehreren Gefangnen zuruͤck. Drei katho⸗ 3⁵⁵ liſche Geiſtliche, welche ſich unter den Gefang— nen befanden, wurden ſogleich vor den Thoren der Stadt erſchoſſen. Dieſer Vorfall, der ſchnell bekannt ward, beſtimmte den Gouverneur von Saint Hyppo⸗ lite, die Mißvergnuͤgten mit uͤberlegner Macht zu verfolgen; doch war es vergeblich, da ſie ſich mit ihrer Beute ſchon in die Waͤlder von Sauve in Sicherheit gebracht hatten. Ehe ich in den Berichten von den Bege⸗ benheiten dieſes Krieges fortfahre, will ich zu⸗ vor die Menſchen, welche ihn fuͤhrten, ſo wie den Schauplatz deſſelben ſchildern. Nach Frank⸗ reichs vormaliger Einrichtung ward dieſer Be⸗ zirk in ſechs Aemter getheilt, und zwar in das von Mende, von Alais, Vivier, Uſes, Nimes und Montpellier, und hatte eine Laͤnge von vierzig Meilen, die von Cette bis Annonay reichte, ſo wie eine Breite von zwanzig Meilen. Der Bezirk von Nimes iſt voͤllige Flaͤche, war uͤberall mit Weinſtoͤcken und Olivenbaͤu⸗ men bedeckt und reich durch ſeine trefflichen Sei⸗ denwebereien. Das Thal in der Naͤhe von Ni⸗ mes ſchien(ſo bebaut war es) nur ein großes Dorf zu ſeyn, es hieß die Vaunage, und war nur von Proteſtanten bewohnt. Vor dem Wi⸗ derrufe des Edikts von Nantes hatten ſie hier dreißig Kirchen, eben ſo viel Bethaͤuſer und 356 nannten es nur das kleine Canaan. Es hing mit einer groͤßeren Ebne zuſammen, die ge⸗ gen Morgen die Stadt Nimes, gegen Mittag das Meer und gegen Abend den Vidourle Fluß hatte. Die uͤbrigen Bezirke waren mit Waldung bedeckt und von Bergen beſetzt, deren Gipfeln Fluͤſſe nach allen Richtungen hin entſtroͤmten. Ein ſolcher Boden war vorzuͤglich fuͤr einen Parthei⸗Krieg geeignet, und mit bewunderns⸗ werther Geſchicklichkeit hatten ihn die Mißver⸗ gnuͤgten benutzt, ſich mit Waffen, Lebensmit⸗ teln, Kleidungsſtuͤcken, kurz mit allem Noth⸗ wendigen zu verſehen. Die erbeuteten oder von den nahe wohnenden Proteſtanten in's Lager gebrachten Lebensmittel wurden von beſonders dazu angeſtellten Maͤnnern gleichmaͤßig vertheilt. Pulver ward ihnen von Schmugglern zugefuͤhrt, oder von ihnen verkleidet ſelbſt eingekauft, ja ſogar verfertiget; die Haͤuſer der Katholiken und ihre Kirchen gaben ihnen Blei, aus dem ſie Kugeln goſſen; die in den Waͤldern verborge⸗ nen Hoͤhlen aber dienten ihnen als Zeughaͤuſer, Vorrathskammern oder Krankenhaͤuſer. Was aber dieſe kleine Armee von allen an⸗ dern unterſchied, das waren ihre gottesdienſt⸗ lichen Verſammlungen, die Reden ihrer Predi⸗ ger, ihre Propheten und deren Weißagungen. 357 Einer der Mißvergnuͤgten macht folgende Be⸗ ſchreibung davon:»Alles, was wir unternah⸗ men, mochte es nun das eigene oder das allge⸗ meine Wohl betreffen, geſchah ſtets nach den Ausſpruͤchen des)Geiſtes,«« der uns leitete. Die einfaͤltigſten Leute, ja die kleinſten Kinder, dienten uns als Orakel, beſonders wenn ſie in ihren Verzuͤckungen verdoppelte Worte und Be⸗ aͤngſtigungen hatten, und wenn mehrere einer⸗ lei Sache befahlen. Gab es eine vorzuͤglich wichtige Veranlaſſung, ſo fielen wir Alle auf die Knie, es geſchah ein allgemeines Gebet und darauf betete Jeder ſtill fuͤr ſich zu Gott um Erleuchtung in Dem, was wir thun muͤßtenz bald darauf zeigte ſich dann, oft an mehreren Orten, Einer, den der Geiſt ergriffen hatte, und Alle horchten auf ſeine Ausſpruͤche; waren dieſe nun bei mehreren uͤbereinſtimmend, ſo wurden ſie ſogleich puͤnktlich vollzogen; das all⸗ gemeine Gebet ward angeordnet, wenn wir den Feind angreifen wollten, wenn er uns verfolgte, wenn wir einen Fallſtrick ahneten, wenn uns die Nacht uͤberfiel, wenn wir einen Verſamm⸗ lungsort beſtimmen mußten, kurz bei jedem wichtigen oder unvorhergeſehenen Vorfalle: „»Herr,«« ſo beteten wir:»pzeige uns, was wir thun ſollen zu Deiner Ehre und zu unſerm Heile,«« dann waren wir gewiß, daß wir Antwort bekamen, und hatte uns der Geiſt beim Anfange der Schlacht mit den Worten geſtaͤrkt:»ofuͤrchtet nichts, meine Kinder, ich will Euch leiten und beiſtehen,«« ſo begannen wir das Gefecht ſo zuverſichtlich, als ob eine eiſerne Ruͤſtung uns umgaͤbe, oder als ob die Arme unſrer Feinde nur von Wolle waͤren. Mit Huͤlfe dieſer ermuthigenden Worte erſchlugen un⸗ ſre zwoͤlfjaͤhrigen Knaben die Feinde wie die ta⸗ pferſten Krieger, und Die, welche weder Flinte noch Saͤbel hatten, toͤdteten ſie mit Stangen und Schleudern. Mochten immerhin die feind⸗ lichen Kugeln uns umſchwirren und Mantel und Huͤte uns durchloͤchern, hatte der Geiſt ge⸗ ſagt:*»Fuͤrchtet nichts,«« ſo galt uns der Ku⸗ gelhagel nicht mehr, als der gewoͤhnliche Hagel eines heißen Sommertages.« Dieſe unbefangene Erzaͤhlung des camiſar⸗ diſchen Geſchichtſchreibers erklaͤrt uns das Ge⸗ heimniß ihrer Siege, denn mit einer ſolchen Ueberzeugung beſaßen ſie natuͤrlich den Muth, welcher den Sieg herbeifuͤhrt. Haͤufig hielten die Camiſarden ihre oͤffent⸗ liche gottesdienſtlichen Verſammlungen und ge⸗ woͤhnlich des Sonntages, wo die in der Naͤhe wohnenden Bauern ihnen in Menge zuſtroͤmten, wenn man ſie zeitig genug davon unterrichtet hatte. An feierlichen Feſten ward uͤberdies das heilige Abendmahl von dem Anfuͤhrer ausge⸗ theilt; der Geiſt zeigte ihm Diejenigen an, wel⸗ che des Genuſſes wuͤrdig waren, der Anfuͤhrer rief ſie auf und ſie empfingen aus ſeiner Hand Brot und Kelch, waͤhrend die ganze Gemeine auf den Knien lag und im Gebete verharrte. Außerdem ward drei Mal des Tages ein oͤffentliches Gebet gehalten und haͤufige Faſten verordnet; nie verließen ſie den Ort ihres Auf⸗ enthaltes, ohne Gott fuͤr die ihnen dort bewie⸗ ſene Gnade gemeinſam zu danken und ihn zu bitten, ſie nach ihrem neuen Beſtimmungsorte zu leiten und ſie auch dort zu beſchuͤtzen. Ihre mehrſten Anfuͤhrer waren zugleich Pre⸗ diger und Propheten, z. B. Salomon Coudere, Caſtanet, Rolland und Cavalier, dieſer Letztere war ſogar beruͤhmt wegen ſeiner ſchoͤnen Reden. So nur war es auch moͤglich, daß dieſe groben ungebildeten Bauern einen bedeutenden Theil der koͤniglichen Truppen Jahre lang be⸗ ſchaͤftigen und, beſeelt von Rache und Fana⸗ tismus, das Gluͤck des ſogenannten großen Lud⸗ wigs truͤben konnten. Erſchreckt uͤber ihre Fortſchritte, ſchickte der Hof abermals zwei neue Brigadier's in Beglei⸗ tung friſcher Truppen dahin ab. Es waren die Herren von Parate und von Julien, von de⸗ nen der Letzte proteſtantiſcher Abkunft und aus 360 Orange gebuͤrtig war. Er hatte dem zum Kö⸗ nige von England gewordenen Prinzen von Oranien gedient, war nach einer dort gehabten Verdrießlichkeit in ſein Vaterland zuruckgekehrt, katholiſch geworden, hatte erſt kuͤrzlich den Mar⸗ ſchallsſtab erhalten und ſuchte nun die Aufrich⸗ tigkeit ſeines Uebertritts durch Eifer gegen ſeine vormaligen Glaubensbruͤder zu beweiſen. Waͤhrend deſſen waren die Camiſarden auf's Neue in der Vaunage erſchienen. Hauptmann Poul, deſſen Compagnie nach dem Tode des bekannten Laporte mit Pferden verſehen war, vereinte ſich zu St. Hyppolite mit dem Grafen von Broglie. Man vernahm, daß die Cami⸗ ſarden in der Naͤhe von Miinaes im Thale von Bane geſehen wuͤrden. Graf Broglie, der ſich gerade zu Aubord mit zwei Compagnien Dragoner befand, ſchickte den poul'ſchen Lieutenant von Gibertin aus, den Feind zu recognoſciren. Bald aber kehrte Dieſer mit verangtem Zuͤgel zuruͤck, dem Grafen zu melden, daß die Camiſarden mit klingendem Spiele und lautem Geſange ihrer geiſtlichen Lieder aus dem gaͤf⸗ fard'ſchen Hofe marſchirt kaͤmen. Sofort ward Kriegesrath gehalten; Poul ſchlug vor, Ver⸗ ſtaͤrkung aus Nimes an ſich zu ziehen, allein der Graf entſchied fuͤr augenblicklichen Angriff. 361 Bei Annaͤherung des Feindes entließen die Camiſarden Alle, welche nicht Krieger waren und blos der Verſammlung beigewohnt hatten. Dann ſtellten ſie ſich auf einen Huͤgel, welcher ein Kreuz bildete,(er ward von den Bewoh⸗ nern Languedoks lou bros de Val de Bane, das Kreuz vom Baner Thale, genannt,) in Schlacht⸗ ordnung und erwarteten, auf den Knien lie⸗ gend und einen Pſalm ſingend, ruhig den An⸗ griff des weit zahlreicheren Feindes. Sie wa⸗ ren nur zweihundert Mann ſtark und unter der Anfuͤhrung Ravanels. Ohne Wanken hielten ſie das erſte Feuer der Dragoner aus, dann aber warfen ſie ſich uͤber ſie her und ſchlugen ſie voͤllig in die Flucht. Hauptmann Poul ward durch den Schleuder eines Knaben aus Vauvert, Salomon genannt, durch einen Stein⸗ wurf vom Pferde geſtuͤrzt und getoͤdtet. Graf Broglie ſelbſt aber, von ſeinen Dragonern mit in die allgemeine Flucht hingeriſſen, vermogte die Seinen erſt eine Meile vom Schlachtfelde an einer Stelle, welche der Weg der Conſuln heißt, wieder zu ſammeln. Die Nachricht von dieſer Niederlage der koͤniglichen Truppen verbreitete ſich ſchnell und erregte einen ſolchen Schrecken in Nimes, daß es Cavalier, der ſich zufaͤllig dort befand, von ihm beguͤnſtigt moͤglich ward, eine bedeutende Camiſarden. II. 24 362 Menge Pulver einzukaufen, und ermuthigte die Camiſarden ſo ſehr, daß ſie es wagten, das nur zwei Stunden von Nimes belegene Dorf Pouls abzubrennen und uͤber den Gardon auf Uſes zuzugehen. Jetzt aber kam der Brigadier Julien mit ſei⸗ nen Truppen, und es ward ſofort ein großer Kriegesrath anberaumt, um uͤber die Mittel, den Aufſtand am ſchnellſten zu beenden, einig zu werden. Einer that den Vorſchlag, alle Proteſtanten in der Provinz ohne Ausnahme zu ermorden und alle Oerter zu verbrennen, wel⸗ che in Verdacht ſtaͤnden, ihnen Vorſchub gelei⸗ ſtet zu haben. Die Gerechtigkeit ſodert, zu be⸗ merken, daß es Basville war, welcher den grauſamen Plan hintertrieb. Dagegen ward beſchloſſen, die Camiſarden raſtlos zu verfolgen, um ſie einzuſchließen und zu vertilgen. Sie ſtanden jetzt zu Saint Jean de Ceyrargues, und Julien marſchirte ihnen mit zwei Bataillons vom Hennegau entgegen, waͤhrend Graf Bro⸗ glie mit zwei Compagnien Dragoner und einer bedeutenden Menge Fuͤſeliere ihnen in den Ruͤ⸗ cken zu kommen ſuchte, ſo wie Graf Tournon und Basville ihnen mit achthundert Mann in die Flanke fallen ſollten. Als aber dieſe koͤniglichen Truppen die be⸗ zeichneten Oerter erreichten, waren die Cami⸗ — 363 ſarden laͤngſt an dem andern Ufer des Fluſſes und hatten hier die Doͤrfer Salendres und Cey⸗ ras abgebrannt. Auf's Neue begannen die Soldaten des Koͤnigs ihre Verfolgung, und abermals waren die Camiſarden auf eine uner⸗ klaͤrliche Weiſe verſchwunden, um einige Tage nachher bei dem Schloſſe Mandrajors wieder zu erſcheinen und den Grafen Broglie bis vor die Thore von Anvers zu necken. Rolland hatte inzwiſchen das Schloß Saint Felix ein⸗ geaͤſchert, Caſtanet und Joanny aber die Be⸗ wohner von Saint André de Valborgue in Con⸗ tribution geſetzt. Zu gleicher Zeit erließ Rol⸗ land ein Schreiben an die Bewohner jener Stadt, deſſen Inhalt einen Beweis von der zunehmenden Keckheit der Rebellen giebt und welches ſo lautete:»Wir Rolland, Graf und Herr, auch General⸗Feldmarſchall der Prote⸗ ſtanten Frankreichs, befehlen Euch, binnen drei Tagen Eure Prieſter und Miſſionarien zu ver⸗ jagen, widrigen Falls werden wir Euch und ſie lebendig verbrennen laſſen.« Indeß hatten die Camiſarden in den Mo⸗ naten December 1702 und Januar 1703 außer dem Schloſſe Mandrajors und Saint Felix noch die von Roquevaire, Cabrières, Vales⸗ cure, Moiſſac, Montlezon, Pieforan und Plau⸗ tieres, ſo wie uͤber vierzig Kirchen abgebrannt. 24* 364 Eine Synode der ſich in's Ausland gefluͤch⸗ teten Proteſtanten erließ deshalb ein ihren Ta⸗ del ausſprechendes Schreiben an die Camiſar⸗ den, wovon hier einige Stellen folgen:»Man beſtaͤtigt uns von allen Seiten die betruͤbenden Nachrichten, daß Ihr ſittenloſe, als Maͤnner verkleidete Weiber unter Euch duldet, welche die fanatiſchen Schatten nachzuahmen verſuchen, und uͤberdies ganze Banden wuͤthender Men⸗ ſchen, welche ſich beruͤhmen, vom Geiſte er— griſſen zu ſeyn und unſrem heiligen Glauben anzugehoͤren, dabei aber Nachts mit Feuer und Schwert im Lande umherziehen, um ſich an unſern Feinden zu raͤchen; daß ſie Dieſe in den Armen des Schlafes erwuͤrgen und ihre Woh⸗ nungen verbrennen, ſo daß Gottes Sonne am andern Tage neue Schutthaufen und Spuren vergoſſenen Blutes beleuchtet.« Eine Weile machte dies Schreiben den Graͤuelſcenen ein Ende, doch bald begannen ſie leider auf's Neue. Cavalier hatte den Plan, das Vivarais, wo er viele Verbindungen be⸗ ſaß, ebenfalls zum Aufſtande und zur Vereini⸗ gung mit ſich zu bewegen. Als der koͤnigliche Intendant der Provinz ihn um die Urſache der Empoͤrung fragen ließ, antwortete er, daß»wenn er und ſeine Freunde die Waffen ergriffen haͤtten, ſo ſei dies nicht — 365 zum Angriffe, ſondern einzig und allein zur Ver⸗ theidigung geſchehen, denn da man ſie in ihren Wohnungen nicht ruhig leben laſſen wolle, ſon⸗ dern ſie zu zwingen vermeine, einen ihnen hei⸗ ligen Glauben zu verlaſſen und gegen die Aus⸗ ſpruͤche der Vernunft und des Gewiſſens vor hoͤlzernen und ſteinernen B. dern zu knien, ſo wollten ſie lieber mit den Waffen in der Hand ſterben, als ewig verdammt ſeyn; daß ſie aber bereit waͤren, dieſe Waffen nicht blos niederzu⸗ legen, ſondern auch ſie, ſo wie ihre Guͤter und ihr Leben dem Dienſte des Koͤniges zu widmen, ſobald man ihnen Gewiſſensfreiheit, Loslaſſung ihrer Glaubensbruͤder aus den Gefaͤngniſſen und von den Galeeren bewillige und forthin Nie⸗ mand um des Glaubens willen gefangen, ge⸗ foltert und getoͤdtet werde.« Als Cavalier aber das Ufer der Ardeche er⸗ reichte, hatte man alle Uebergangsoͤrter ſo ſtreng bewacht, daß er unmoͤglich fand, in das Vi⸗ varais zu dringen, indem er ſonſt zwiſchen zwei feindliche Abtheilungen zu ſtehen kam; Bri⸗ gadier Julien folgte ihm auf den Fuß, Graf Roure aber kam ihm mit dem Adel und der Miliz ſeiner Provinz entgegen. Zwar ſchlugen die Camiſarden bei Vagnas den Grafen von Roure zuruͤck, aber als am andern Tage der Brigadier Julien ſie mit weit n 366 uͤberlegner Macht nochmals angriff, da wurden ſie in die Flucht geſchlagen, zerſtreuten ſich in die Waͤlder und die Unternehmung auf Viva⸗ rais war voͤllig geſcheitert. Waͤhrend aber Cavalier's Leute ſo ausein⸗ ander geſprengt waren, hatte ſich Joanny in den oberen Cevennen Genolhacs bemaͤchtigt, und drei Mal ward dieſer ungluͤckliche Ort ge⸗ nommen und wieder genommen. Um dieſe Zeit bildeten ſich in den nah gele⸗ genen Doͤrfern Haufen katholiſcher Bauern, die mit den Camiſarden wetteiferten, das ungluͤck⸗ liche Vaterland zu verheeren. Sie wurden Florentiner genannt, weil die Bewohner des Dorfes Saint Florentin die mehrſten Grauſam⸗ keiten veruͤbten. Graf Broglie ward 1703 im Anfange des Februar zuruͤckberufen und Nicolas Auguſt von Montrevel, ein Mann zwiſchen funfzig und ſechzig Jahren, der erſt kuͤrzlich den Marſchalls⸗ ſtab erhalten hatte, ward zum General⸗Gou⸗ verneur von Languedok ernannt, wo er mit neuen Truppen anlangte, um damit den Auf⸗ ſtand auf's ſchnellſte zu unterdruͤcken. Doch die Camiſarden verloren trotz alle dem nicht den Muth und behaupteten fortwaͤhrend das Feld, und Cavalier's Soldaten, die nach dem Gefechte bei Vagnas wie verſchwunden —.— 367 waren, erſchienen auf's Neue vierhundert Mann ſtark unter Ravanel's Anfuͤhrung, beinahe vor den Thoren von Nimes, wo ſich der Marſchall von Montrevel befand, der ihnen ſofort mit al⸗ ler unter ſeinen Befehlen ſtehenden Mannſchaft entgegenruͤckte. Seine Uebermacht war zu groß, die Camiſarden zogen ſich deshalb, aber in gu⸗ ter Ordnung, zuruͤck und die Nacht machte ih⸗ ren Feinden die fernere Verfolgung unmoͤglich. Auf's Hoͤchſte uͤber ihre Kuͤhnheit empoͤrt, erließ der Marſchall einen Befehl⸗ wonach nicht blos Alle, welche mit den Waffen in der Hand gefangen wurden, ſondern auch Die, welche unbewaffnet bei den Camiſarden gefunden wur⸗ den, ohne Weiteres zum Tode gefuͤhrt werden ſollten. Eine andere Verordnung aber machte die Gemeinen fuͤr Alles, was ſich auf ihrem Grunde und Boden zutrug, verantwortlich. Der Marſchall hoffte durch dieſe ſtrengen Maaßregeln mit Einem Streiche alle Huͤlfsmit⸗ tel der Camiſarden zu vernichten, ſowohl die, welche ihnen die Landleute ſelbſt gaben, als die, welche ſie, wie man glaubte, von einem ge— heimen, ſie zum ferneren Aufruhr anhaltenden, Conſiſtorium empfingen; das wirkliche Daſeyn eines Solchen iſt indeß niemals vollſtaͤndig er⸗ wieſen worden. Weit entfernt ſeinen Zweck zu erreichen, vermehrten dieſe Grauſamkeiten nur —————— 368 — die Zahl der Mißvergnuͤgten, und bewogen ſie zu blutigen Wiedervergeltungen.: Um dieſe Zeit erſchienen zwei Schriften zu Gunſten der Proteſtanten; die Eine war an die beiden Seemaͤchte von Holland und von Eng⸗ land gerichtet, um ſie zur Huͤlfe fuͤr ihre Glau⸗ bensbruͤder aufzurufen; die Andre aber enthielt eine Aufzaͤhlung aller den Proteſtanten zugefuͤg⸗ ten Mißhandlungen, welche fie gezwungen haͤt⸗ ten, die Waffen zu ergreifen, und ſprach ſich endlich uͤber die Unrechtmaͤßigkeit der Aufhebung des Ediktes von Nantes ſo aus:»Nachdem man uns ſo vieles Elend erdulden laſſen, endete man damit, das Edikt von Nantes foͤrmlich zu vernichten, obſchon es von Heinrich dem Gro⸗ ßen im Jahre 1598 als ein ewiges und un⸗ widerrufliches Geſetz gegeben war, und vier un⸗ laͤugbare Hauptzeichen in ſich enthielt: 1. daß es ein koͤnigliches Angeloͤbniß iſt, von dem Mo⸗ narchen nicht blos fuͤr die Zeit ſeiner Regierung, ſondern auch fuͤr die all' ſeiner Nachfolger und Nachkommen oͤffentlich und feierlich fuͤr ewige Zeiten gegeben iſt; 2. daß es ein authentiſches, unwiderrufliches und beſtimmendes Geſetz iſt, wonach ſich fuͤr immer beide entgegengeſetzte Partheien richten ſollten; 3. daß es eine vom ganzen Lande uͤbernommene Verpflichtung iſt, um als ſolche fuͤr ewige Zeiten bindend zu gel⸗ 369 ten, und 4. daß es durch die feierlich beſchworne Einwilligung des geſammten Koͤnigreichs einen geheiligten, ja gottlichen Charakter bekommen hat.& Dieſes in Holland herausgekommene Ma⸗ nifeſt war vermuthlich das Werk eines der in's Ausland vertriebenen eifrigen Proteſtanten, wel⸗ che die Hoͤfe von England und Holland beſtaͤn⸗ dig um Huͤlfe fuͤr dhe Glaubensgenoſſen an⸗ ſprachen. Die Camiſarden durchzogen indeß, Mont⸗ revels grauſamen Befehlen zum Trotze, das Land mit klingendem Spiele, pluͤnderten die Katholiken und verbrannten deren Kirchen. Die Ueberreſte von Cavalier's Truppen hatten ſich in den Nieder⸗Cevennen mit Rolland vereinigt und wurden von dem Marſchall mit großer Ue⸗ bermacht in der Naͤhe von Pompignan ange⸗ griffen und in die Flucht geſchlagen. Cavalier commandirte nicht ſelbſt, da er an den Blat⸗ tern danieder lag, ſeine Unterlieutenants Caſta⸗ net und Ravanel vertraten deſſen Stelle, allein obgleich Beide Wunder der Tapferkeit verrich⸗ teten, ſo konnten ſie dennoch ihre Niederlage nicht vermeiden. Gleich nach dieſem Siege verſammelte der Marſchall alle Edelleute aus den ſechs verwuͤſte⸗ 370„ — ten Bezirken, und befahl ihnen, im Namen des Koͤnigs, all' ihren Einfluß uͤber ihre Untertha⸗ nen anzuwenden, um den Aufſtand zu been⸗ den. Zugleich ließ er ſeine grauſamen Dro⸗ hungen in ihrem ganzen Umfange vollziehen. Ganze Dorfſchaften ließ er pluͤndern, weil man ſie im Verdacht hatte, den Camiſarden Lebens⸗ mittel zugefuͤhrt zu haben, und kein Tag ver⸗ ging, an dem die Bewohner groͤßerer Staͤdte nicht ungluͤckliche Proteſtanten zur martervollen Hinrichtung ſchleppen ſahen. Doch alle dieſe Schlachtopfer des Fanatismus gingen ihrem Tode mit einem Muthe entgegen, der ihrem Peiniger haͤtte lehren ſollen, daß Henkersknechte keine Glaubensmeinungen vernichten. Am Palmſonntage des Jahres 1703 er⸗ fuhr der Marſchall, daß die Proteſtanten in einer vor den Thoren von Nimes belegenen Muͤhle eine gottesdienſtliche Verſammlung hiel⸗ ten. Schnell brach er mit ſeinen Leuten dahin auf, umzingelte die am Gau⸗Kanal belegene Muͤhle, ſteckte ſie in Brand und alle darin be⸗ findlichen Menſchen wurden auf ſein Gebot ver⸗ brannt oder von den Dragonern ermordet, wenn ſie ſich zu retten verſuchten. Ein einzi⸗ ges junges Maͤdchen von ſiebzehn Jahren ward von einem Kammerdiener des Marſchalls geret⸗ tet, allein kaum hatte Dieſer es erfahren, ſo 371 ließ er das ungluͤckliche Maͤdchen aufhaͤngen, und der arme Kammerdiener ward nur dadurch vom gleichen Schickſale errettet, daß alle Da⸗ men der Stadt den grauſamen Montrevel um ſeine Begnadigung fußfaͤllig baten; lange wi⸗ derſtand er ihrem Flehen, und als er ſich end⸗ lich erbitten ließ, ſo jagte er den mitleidigen Menſchen doch aus der Stadt. Alle dieſe Schaͤndlichkeiten vermehrten nur die Anzahl und die Groͤße der Ungluͤckseaͤlle. Die Camiſarden pluͤnderten die Wohnungen der Katholiken und verbrannten ihre Kirchen, waͤh⸗ rend Dieſe unter dem Namen der Kreuzknaben die Proteſtanten ermordeten und ihre Haͤuſer verbrannten. Jetzt beſchloß der Marſchall, alle Neubekehrten, welche entweder Angehoͤrige un⸗ ter den Camiſarden hatten, oder im Verdacht eines Einverſtaͤndniſſes mit ihnen ſtanden, ge⸗ waltſam fortfuͤhren zu laſſen. Er begann dieſe ſchreckliche Maaßregel im Dorfe Mialet bei An⸗ duze, wo er das ganze Kirchſpiel verwuͤſtete und fuͤnfhundert und neunzig Menſchen ergriff, von denen er die Maͤnner zu Waſſer nach dem Gefaͤngniſſe von Salces im Rouſſillon bringen ließ. Der Brigadier Julien, der dieſe grau⸗ ſame Maaßregel ausgefuͤhrt, begab ſich von da nach Saumane, ergriff dreihundert Perſonen, verbrannte den ganzen Ort, und belud funfzig 372 Maulthiere mit dem igenthume ber Ungluͤck⸗ lichenr Eine Menge Neubekehrter, die ein gleiches Schickſal fuͤrchteten, vereinten ſich nun mit den Camiſarden und raͤchten an den Katholiken zu Aurilhac, Montlezan und Salle die Vorfaͤlle in Mialet und Saumane. Der Brigadier Herr von Planque verfolgte ſie und ſchlug Cavalier im Collet de Deze und bei dem Thurme vom Bellot. Die vielen neuen Truppen⸗ welche im April 1703 in dem gequaͤlten Lande ankamen, ließen den Marſchall glauben, er koͤnne den Krieg jetzt ſicher und ſchnell beenden. Seine Macht war auch wirklich groß und beſtand aus ſechs Compagnien Miquelets, mehreren Regi⸗ mentern Miliz, zwanzig Bataillonen regelmaͤßi⸗ ger Truppen und drei Regimentern Dragoner. Den Kopf nur mit Gewaltſtreichen erfuͤllt, befahl der Marſchall die Entwaffnung aller in Nimes wohnenden Proteſtanten, und machte das ganze Land fuͤr jede den Camiſarden gelei⸗ ſtete Huͤlfe verantwortlich. Ferner erlaubte er den katholiſchen Banden, welche verheerend im Lande umherzogen, die Camiſarden ohne Wei⸗ teres gleich wilden Thieren umzubringen, und uͤbertrug die Ausfuͤhrung dieſes Befehles vier Freibeutern, von denen der beruͤchtigtſte ein 373 — Edelmann aus dem Dauphinate war, der fruͤ⸗ her Soldat, zuletzt aber Einſiedler geweſen. Pabſt Clemens der Eilfte erließ den erſten Mai 1703 eine Bulle an die Biſchoͤfe von Alais, von Mende, von Montpellier, von Ni⸗ mes, von Uſes und von Viviers, worin er die Camiſarden den Albigenſern gleichſtellte und al⸗ len Denen, welche die Waffen ergriffen, um dieſe verfluchte und ſchaͤndliche Race aus⸗ zurotten, vollkommene Vergebung aller nur er⸗ denklichen Suͤnden verhieß. Dennoch verloren die Camiſarden nicht den Muth, und waͤhrend ſie den Krieg in den Ce⸗ vennen fortſetzten, erſchien im Auslande aber⸗ mals ein Schreiben an die Koͤnigin Anna von England und an ihren Gemahl, den Prinzen Georg von Daͤnnemark, worin ihnen die Noth⸗ wendigkeit eines baldigen und kraͤftigen Bei⸗ ſtandes der Proteſtanten an's Herz gelegt ward, und es ſcheint, als ob England und Holland da⸗ mals wirklich den Entſchluß faßten, ſie, min⸗ deſtens mit Geld und Waffen, zu unterſtuͤtzen. Der Marſchall von Montrevel begab ſich nach Alais, um von dort, als dem Mittelpunkte der Empoͤrung, alle Maaßregeln ſchneller aus⸗ fuͤhren zu koͤnnen, die Camiſarden aber ver⸗ brannten bald hier, bald dort eine Kirche und zwangen dadurch die koͤniglichen Truppen zu 374 Vereinzelungen, die ihnen den Vortheil ihrer Uebermacht groͤßtentheils raubten. Cavalier aber, dem es an Reiterei gebrach, um ſeine Unternehmungen leichter in's Werk richten zu koͤnnen, ſchickte ſeine Lieutenants Catinat und Samuelet nach der in dem Moore von Arles laͤngs der Rhone belegenen Comargue, um ſich der dortigen Pferde zu bemaͤchtigen. Montre⸗ vel, welcher glaubte, daß die Camiſarden ſich in den Waͤldern zwiſchen Alais und Montpellier verborgen haͤtten, ging deshalb im Monate Juni mit ſeiner ganzen Mannſchaft dahin ab, um ſie zu zwingen, ihre Schlupfwinkel zu ver⸗ laſſen. Vergebens! es war Niemand zu ſehen, und die Camiſarden zeigten ſich vor wie nach bald hier, bald dort, ſchlugen einige Abtheilun⸗ gen koͤniglicher Truppen oder pluͤnderten einige Haͤuſer der Katholiken und verbrannten etliche ihrer Kirchen. Eilten die Truppen des Mar⸗ ſchalls dahin, ſo waren ſie abermals verſchwun⸗ den. Vielleicht hatten ſie einige unerreichbare Zufluchtsoͤrter in Waͤldern und Gebirgen, viel⸗ leicht aber auch mengten ſie ſich ſchnell unter die ſie beguͤnſtigenden Bauern. Genug, der Marſchall glaubte feſt, ſie wuͤr⸗ den von einem geheimen proteſtantiſchen Conſi⸗ ſtorium geleitet, und fing ſeine Entfuͤhrungen und ſeine Hinrichtungen wieder mit verdoppel⸗ ———— — ter Wuth an. Um den Camiſarden jede Moͤg⸗ lichkeit, Brot zu bekommen, zu rauben, ließ er alle Backoͤfen der einzeln liegenden Wohnun⸗ gen und der kleineren Doͤrfer vermauern. Meh⸗ rere Ortſchaften, die er im Verdacht eines Ein⸗ verſtaͤndniſſes mit den Camiſarden hielt, wur⸗ den auf ſeinen Befehl abgebrannt. Die Camiſarden uͤbten das Wiedervergel⸗ tungsrecht aus, toͤdteten mehrere katholiſche Prieſter und verbrannten die Kirchen von Bri⸗ gnon, von Caſtelnau, von Lezan, von Mous⸗ ſac, von Saint Laurent de la Vernede, von Senillac, von Serviés und das Schloß Liore bei Guiſſac.. Cavalier ſchlug bei Saumieres eine Abthei⸗ lung koͤniglicher Truppen, und Rolland, der zu la Combe de Biſore, wo er eine oͤffentliche Verſammlung hielt, uͤberraſcht ward, marſchirte im Angeſichte des Feindes muthig weiter, waͤh⸗ rend Dieſer nur ſein Hintertreffen anzugreifen wagte, jedoch ohne Erfolg. Um dieſe Zeit war es, daß Cavalier eine Verſammlung zu Serignan hielt, und der Pro⸗ phet Clary, der naͤchſt Cavalier der Angeſehenſte bei ihnen war, unter großen Verzuͤckungen mel⸗ dete, daß der Geiſt ihn antreibe; er ſprach: „mein Sohn, ich ſage Dir, es ſind zwei falſche Juͤnger unter Euch, die nur hier ſind, um 376 Euch dem Feinde zu verrathen, aber wiſſe, ich will ſie Euch entdecken und Du ſollſt ſelbſt ſie ergreifen.« Der Augenzeuge, dem ich dies, je⸗ doch nur im Auszuge, nachſchreibe, faͤhrt ſo fort:»da erhob ſich Clery und legte die Hand auf den Arm des Einen, der Andre aber eilte herbei und warf ſich zu Cavalier's Fuͤßen; Beide geſtanden ihren verbrecheriſchen Vorſatz, ent⸗ ſchuldigten ſich mit ihrer großen Armuth und baten, unter Gelobung wahrhafter Beſſerung, um Gnade. Cavalier aber ließ ſie feſſeln und gebot ſie zu bewachen. Indeß fuhr der Geiſt fort, Clery zu beſeelen, und er verkuͤndete, wie er ſaͤhe, daß mehrere Bruͤder murrten und bei ſich ſelbſt daͤchten, die Schnelligkeit, mit der die Verraͤther ihr Verbrechen geſtanden haͤtten, ſei ein Beweis ihres Einverſtaͤndniſſes mit Clery, der ſich dadurch das Anſehen eines Wunderthaͤ⸗ ters zu geben vermeine,« er ſetzte hinzu:»o Ihr Kleinglaͤubigen, zweifelt Ihr noch immer an meiner Macht, von der ich Euch doch ſo viele Beweiſe gegeben habe? Errichtet ſofort einen Scheiterhaufen, zuͤndet ihn an und Du, o mein Sohn Clery, ſollſt ihn beſteigen, ohne daß ſeine Flammen Dich zu verletzen wagen.« Da aber begannen Alle laut zu rufen: vverſchone uns Herr mit Deiner Feuerprobe, denn unſre Herzen glauben an Deine Kraft, * 377 wir wiſſen, daß Du allmaͤchtig biſt! Clery beſtand indeß mit gewaltigem Eifer auf die Vollziehung dieſes Befehles, und Cavalier, der ſich anfangs unentſchieden zeigte, ließ endlich, dem Ausſpruche des Geiſtes Folge leiſtend, ein helles Tannfeuer anzuͤnden, welches alle Ca⸗ miſarden in einem Kreiſe umgaben, waͤhrend Clery, weiß gekleidet und mit uͤber dem Haupte erhobenen Armen, in der Mitte des Feuers ſtand. Der Geiſt verließ ihn waͤhrend der gan⸗ zen Zeit nicht, und bei ſeinem Austritt aus dem Feuer redete er unter Schluchzen und Verzu⸗ ckungen weiter; Cavalier ließ nun das allge⸗ meine Gebet befehlen, um Gott fuͤr die Gnade des Wunders zu danken, wodurch er den Glau⸗ ben ſeiner Knechte geſtaͤrkt habe. Der Ge⸗ ſchichtsſchreiber ſetzt noch hinzu:»Ich war einer der Erſten, den wuͤrdigen Bruder Clery zu um⸗ armen und ſeine Haare und Kleider zu betrach⸗ ten, die von dem Feuer ſo verſchont waren, daß man nicht die geringſte Spur einer Ver⸗ ſengung an ihnen bemerkte.« Welche Meinung man nun auch von der Genauigkeit des Erzaͤhlers oder von den Mit⸗ teln, welche der Prophet zu Erlangung dieſes Wunders angewandt haben mag, ſo iſt es doch gewiß, daß dieſe Begebenheit großes Aufſehen in der ganzen Provinz machte, und ſie beweiſ't, Camiſarden II. 25 — — ————— — 378 zu welchem Grade religioͤſer Ueberſpannung eine Armee gebracht werden kann, die ſich von Wun⸗ derthaͤtern angefuͤhrt glaubt. Der Marſchall von Montrevel fuhr in ſei⸗ nen Grauſamkeiten gegen die Proteſtanten fort; er entfuͤhrte eine Menge Menſchen aus dem Dechanat von Sauſſet und aus dem Bezirke von Uſes und entvoͤlkerte ganze Gegenden. Er nahm Cavalier's Vater und Bruder gefangen, woruͤber Dieſer ganz außer ſich kam und den Marſchall bedrohte, er werde ſie, wenn ſie nicht ſofort in Freiheit geſetzt wuͤrden, mit zehn⸗ tauſend Mann ſelbſt befreien. Statt aller Ant⸗ wort ließ der Marſchall in Ribaute durch zwei⸗ hundert und funfzig Dragoner das Haus ab⸗ brennen, worin Cavalier geboren war. Unter den verſchiednen Mitteln, welche der Marſchall anwandte, diejenigen Proteſtanten zu erkennen, welche Camiſarden geweſen wa⸗ ren, verdient das Eine beſonders erwaͤhnt zu werden. Es war nehmlich eine Art Wuͤnſchel⸗ ruthe, die er uͤber den Haͤuptern der Verdaͤch⸗ tigen fallen ließ. Es erfolgt hier von einem Augenzeugen die Beſchreibung der Sache:»Der Marſchall von Montrevel hatte einige neue, von den Camiſarden veruͤbte Unordnungen erfahren; er ſchickte deshalb ſofort ein Commando Solda⸗ ten in die Gegend und gab ihnen einen Mann ——— —— 379 mit, den Herr von Basville aus Lyon verſchrie⸗ ben hatte, welcher es verſtand, mittelſt einer gewiſſen Ruthe die Schuldigen ausfindig zu machen. Es war bei dem Vorfalle nur Ein Mann, ein Schaͤfer, durch einen Steinwurf um's Leben gekommen, aber die Wuͤnſchelruthe bezeichnete achtzehn Moͤrder, und Dieſe wurden als ſolche gefangen und nach Alais geſchleppt. So gleich laͤcherlich indeß die Wuͤnſchelru⸗ the und die Feuerprobe des Propheten Clery ſeyn moͤgen, ſo verdient doch Letztere in andrer Hin⸗ ſicht einen großen Vorzug, denn er ſtellte ſie auf ſeine alleinige Gefahr an, waͤhrend ein Marſchall von Frankreich und ein Intendant der Provinz, nach dem Schwanken eines Ha⸗ ſelſtrauchs, die Unterthanen ihres Monarchen zu Feuer und Tod verdammten. Doch dies war Herren von Montrevel und von Basville auch nicht genug, und ſie beſchloſ⸗ ſen die Ausfuͤhrung einer ſchon mehrmal vorge⸗ ſchlagenen, wegen ihrer Grauſamkeit aber noch immer verworfnen Maaßregel, nehmlich um den Camiſarden jedes Huͤlfsmittel zu berauben, wollte man die ganzen obern Cevennen verwuͤ⸗ ſten, und zwar enthielten dieſe einunddreißig Aemter oder vierhundert ſechsundſechzig Doͤrfer und Weiler. Dieſe Grauſamkeit brachte die Ca⸗ miſarden natuͤrlich voͤllig zur Verzweiflung und 25* 380 ſie, gegen die man jede Schonung aufgab, zeig⸗ ten auch keine mehr gegen ihre Feinde. Unter dem 14ten September ſchrieb Cava⸗ lier einen langen, mit bibliſchen Spruͤchen durch⸗ webten Brief an den Koͤnig, worin er zu er⸗ klaͤren ſuchte, wie er und ſeine Bruͤder die Waf⸗ fen blos ergriffen haͤtten, um ſich Gewiſſensfrei⸗ heit zu verſchaffen. Dieſer Brief war datirt: aus der Wuͤſte, und unterſchrieben: Cava⸗⸗ lier, Anfuͤhrer der von Gott geſandten Truppen. NRolland aber ſchrieb um eben die Zeit einen Brief an die Garniſon und Einwohner von Saint Germain, und foderte ſie zum Zwei⸗ kampfe bei Champ Domergue heraus, ſie da⸗ bei bedrohend, daß er im Fall ihres Ausblei⸗ bens mehrere Haͤuſer in ihrem Orte verbrennen werde. Ein zweiter Brief von ihm aus dieſer Epoche iſt uns ganz aufbewahrt und lautet fol⸗ gendermaßen:»Wir, Rolland, Graf und Com⸗ mandant der proteſtantiſchen Truppen Frank⸗ reichs, welche in den Cevennen und im Lan⸗ guedok verſammelt ſind, Wir befehlen den Ein⸗ wohnern von Saint André von Valborgne, ih⸗ ren Prieſtern und Miſſionairen zu ſagen, daß Wir ihnen verbieten, ferner Meſſe oder Predig⸗ ten in Eurem Orte zu halten, und daß ſie ſich von Euch fort begeben ſollen, wo nicht, gewaͤr⸗ tig zu ſeyn, daß wir ſie lebendig verbrennen, ſo 381 wie ihre Anhaͤnger, ihre Kirchen und ihre Wohnungen; zu Befolgung dieſes unſeres Be⸗ fehles laſſen wir ihnen von heute an drei Tage Zeit. Rolland, Graf.« Montrevel begann nun die Zerſtoͤrung der Cevennen. Ein Edikt vom 20ſten September bevollmaͤchtigte die Katholiken, welche ſich an ihren Wohnorten nicht ſicher glaubten, dieſe zu verlaſſen und nach Alais, Anduze, Saint Hyp⸗ polite, Montpellier, Nimes, Sommieres, Uſes und Vigan zu gehen, wo die Behoͤrden Be⸗ fehl haͤtten, fuͤr ihr Unterkommen zu ſorgen, bis ſie in ihre Wohnungen zuruͤckkehren koͤnn⸗ ten. Den Neubekehrten der zur Verwuͤſtung verdammten Oerter wies ein zweites Edikt eben⸗ falls Oerter an, wohin ſie ſich begeben ſollten. Dieſe Edikte waren folgendermaßen abge⸗ faßt:»Da es Sr. Majeſtaͤt gefallen hat, die Kirchſprengel, Doͤrfer und Flecken von N. N. u. ſ. w. außer Stande zu ſetzen, den Rebellen ferneren Vorſchub zu leiſten, ſo befehlen Hoͤchſt⸗ dieſelben deren ſaͤmmtlichen Bewohnern, ſich mit allem ihrem beweglichen Eigenthume von ihrem Wohnorte zu entfernen und nach N. N. zu begeben, Alles aber, was ſie zuruͤcklaſſen, wird den ihre Haͤuſer niederreißenden Truppen als Beute uͤberlaſſen. Allen andern, als den 382 von Sr. Majeſtaͤt benannten Oertern wird ver⸗ boten, die Vertriebenen oder ihre Sachen bei ſich aufzunehmen, bei Strafe der Einziehung ihres eignen Vermoͤgens, des Einreißens ihrer Haͤuſer und als Rebellen betrachtet zu werden. Darauf folgte eine genaue Vorſchrift, wie die Verwuͤſtung des Landes vor ſich gehen ſollte. Nach dieſen vorlaͤufigen Maaßregeln ver⸗ ließen Montrevel und Basville Alais am 26ſten September in Begleitung der Infanterie⸗Bri⸗ gaden von Marfily und von Vergetot, zwei Bataillone Royal⸗Comtois, zwei von Soiſſon⸗ nais, das Regiment Dragoner von Languedok und zweihundert Dragoner von Fimarion. Der Feldmarſchall Julien marſchirte zu gleicher Zeit nach Pont de Montvert mit zwei Bataillonen vom Hennegau. Der Infanterie⸗ Brigadier Marquis von Canilhac aber ruͤckte in Vebron mit zwei Bataillonen ſeines Regi⸗ ments, aus Rouergue kommend, ein, und Graf von Peyre geſellte ſich mit fuͤnfundvierzig Compagnien Miliz zu ihnen und brachte eine große Menge Saumthiere, welche mit allen zum Zerſtoͤrungswerke nothwendigen Geraͤth⸗ ſchaften beladen waren. Bei der Annaͤherung ſo vieler Truppen glaubten ſich die Proteſtanten zu einer aberma⸗ ligen Bartholomaͤus⸗Nacht verdammt, ſie zoͤ⸗ ——xe — 383 gerten angſtvoll, ſich an die bezeichneten Orte zu begeben, und wer Waffen zu fuͤhren im Stande war, der eilte, ſich mit den Camiſar⸗ den zu vereinen. Julien und der Marquis de Canilhac be⸗ gannen ſofort die Graͤuel der vom Koͤnige be— fohlnen Verwuͤſtungen; als aber zwei Schiffe von der vereinten engliſchen und hollaͤndiſchen Flotte unter Admiral Showel auf der Hoͤhe von Maguelonne erſchienen und neuen Schre⸗ cken im Lande verbreiteten, da eilte der Mar⸗ ſchall mit der Mehrzahl ſeiner Truppen und der ganzen Artillerie nach Cette. Die Schiffe brachten den Camiſarden Waf⸗ fen, Kleidungsſtuͤcke und Geld; ſie gaben ver⸗ ſchiedne Zeichen, da aber Niemand erſchien, ſo ſtachen ſie wieder in See.. Cavalier unterhielt ſchon ſeit langer Zeit Verbindungen in der Rouergue, deshalb ſchickte er Catinat mit zwei andern ſeiner Officiere da⸗ hin, einen Aufſtand in's Werk zu richten, allein es gelang ihm nicht. Dem Anſcheine nach, ſuch⸗ ten die Verbuͤndeten jetzt wirklich Nutzen von dem Aufruhre in den Cevennen zu ziehen. Zwei hollaͤndiſche Agenten, welche ſich zu den Cami⸗ ſarden in's Lager begeben wollten, wurden ge⸗ fangen und bekannten auf der Folter ihre ge⸗ heimen Auftraͤge. 384 Montrevel und Basville aber, von den Abſichten der Verbuͤndeten unterrichtet, nah⸗ men neue Maaßregeln, die Provinz dagegen zu ſichern. 3 Inzwiſchen begann die grauſame Verwuͤ⸗ ſtung des Landes in ihrer ganzen Strenge, und eine Menge von Flecken, Doͤrfern und Weilern beſtand nur noch aus Schutthaufen. Jetzt aber fingen die Vollzieher dieſer befohlenen Graͤuel an, ihre Folgen an ſich ſelbſt zu erfah⸗ ren, und die Soldaten ſtarben aus Hunger oder an den Folgen der ausgeſtandenen Muͤhſe⸗ ligkeiten. Marſchall Julien verzweifelte, ſo viele Haͤuſer durch Menſchenhaͤnde zerſtoͤren zu koͤnnen, und erbat und erhielt vom Koͤnige die Erlaubniß, das Feuer zu ihrer Vernichtung anzuwenden, und von da an durchzog eine un⸗ geheure Feuersbrunſt das ganze Land. Doͤr⸗ fer, Weiler, Meierhoͤfe und Huͤtten verſchwan⸗ den und verwandelten ſich in rauchende Aſchen⸗ haufen. Waͤhrend man nun ſo die Berge der un⸗ gluͤcklichen Camiſarden verheerte, gingen Dieſe in die Thaͤler und uͤbten das Wiedervergeltungs⸗ recht aus. Cavalier verbrannte im October die Kirchen zu Nages, zu Uchau, zu Vergeſe und mehrere andere. Als er nun die Truppen hiedurch dahin ge⸗ 385 lockt, marſchirte er auf Uſes, foderte den Com⸗ mandanten zum Zweikampfe mit ihren gegen⸗ ſeitigen Soldaten und ſchlug die Feinde bei Luſ⸗ ſan. Bald nachher ward er bei Nages von mehreren Compagnien Dragoner uͤberfallen, welche jedoch gleichfalls von ihm in die Flucht geſchlagen wurden. Cavalier ſelbſt erzaͤhlt in ſeinen Memoiren, daß als er ſich einmal beim Recognoſciren zu weit von ſeinen Leuten entfernt gehabt, ſei er durch einen Cornet und zwei Dragner abge⸗ ſchnitten; Letzterer, der ihn erkannt, habe ſich ihm genaͤhert und zugerufen, er moͤge ſich, da an kein Entkommen zu denken, ergeben, wo er ihm gute Behandlung gelobe. Cavalier aber habe, ſtatt der Antwort, ihn mit einem Flin⸗ tenſchuſſe getoͤdtet und darauf beide Dragoner mit ſeinen Piſtolen vor den Kopf geſchoſſen, und ſo ſei er gluͤcklich zu den Seinen zuruͤckgekehrt. In Vergeze ebenfalls mit uͤberlegner Macht unter Graf Fimarcon angegriffen, zog ſich Ca⸗ valier ſchnell mit den Seinen in einen Oliven⸗ wald zuruͤck, wohin ihm der Graf aus Furcht vor einem Hinterhalt nicht zu folgen wagte. Bald nachher ward eine junge katholiſche Dame unter ſchaudererregenden Umſtaͤnden durch vier Camiſarden ermordet, Cavalier, der es erfuhr, ließ ſie ſofort vor Gericht ziehen, wel⸗ 386 ches ſie zum Tode verurtheilte; drei wurden auch wirklich erſchoſſen, der vierte aber fand Mittel zur Flucht. Eben ſo ließ er zwei Ver⸗ raͤther hinrichten, die ſich, wie der Geiſt ihm anzeigte, unter ſeinen Truppen befanden. Es ſcheint, daß er in dieſer Epoche ſich im untern Languedok feſtzuſetzen dachte, und daß er ſich ſchon als deſſen Oberherrn betrachtete. Der mehrmals angefuͤhrte Geſchichtsſchrei⸗ ber meldet, daß Cavalier in dieſer Meinung ſich um die Hand eines huͤbſchen jungen Maͤd⸗ chens aus Ners, die Tochter eines angeſehenen Buͤrgers daſelbſt, beworben habe; er gelobte ihr dabei, ſich oͤffentlich in zahlreicher Ver⸗ ſammlung mit ihr zu verheirathen, ihr ſchoͤne Kleider zu ſchenken und ſie zur Herzogin der Cevennen zu erklaͤren. Die Heirath kam indeß nicht zu Stande. Derſelbe Geſchichtsſchreiber ſagt ferner, daß Rolland ſo eingebildet auf den von ihm ange⸗ nommenen Namen eines Obergenerals, und ſein Benehmen ſelbſt gegen ſeine eigenen Offi⸗ ciere ſo hochmuͤthig geweſen ſei, daß Dieſe ſich Alle vor ihm gefuͤrchtet und ihn ſtets ꝰgnaͤdi⸗ ger Herr« genannt haͤtten. Endlich war das große muͤhſame Werk der Zerſtoͤrung vollendet; Julien hatte den Brand am 29ſten September angefangen und am 4ten —— 387 December geendet, ſo daß eine Gegend von etwa vierzig Quadratmeilen in eine oͤde Wuͤſte verwandelt war; der grauſame Vollzieher dieſer ſchrecklichen Maaßregel ruͤhmte ſich ſeiner Tha⸗ ten und freute ſich, nach ſo vielen Anſtrengun⸗ gen endlich der Ruhe genießen zu koͤnnen. Die erſten Tage des Jahres 1704 vermehr⸗ ten die Kraͤfte, ſo wie die Erbitterung beider Theile, und der Kriegsſchauplatz ward aus den Cevennen nach Nieder⸗Languedok verlegt. Der Marſchall Montrevel, ſtolz auf die große An⸗ zahl der unter ſeinen Befehlen ſtehenden Trup⸗ pen, hoffte durch die Wirkſamkeit ſeiner ſtren⸗ gen Maaßregeln jetzt bald den ganzen Aufruhr zu daͤmpfen; allein die Camiſarden behaupte⸗ ten das Feld, vereinzelten ſich in ganz kleine Haufen und zwangen dadurch die koͤniglichen Truppen ebenfalls zur Vereinzelung, um ſie zu verfolgen; doch den Camiſarden half ihre ge⸗ naue Kenntniß des Landes und wo ſie nur den kleinſten guͤnſtigen Umſtand vorfanden, da er⸗ ſchienen ſie ploͤtzlich als angreifender Theil an Oertern, wo man ihre Anweſenheit nicht ein— mal ahnete. So war die Art, wie Cavalier den Krieg fuͤhrte: ſchnell in ſeinen Maͤrſchen, kuͤhn in ſeinen Unternehmungen und muthig in der Gefahr. Ravanel und die andern Unterbe⸗ fehlshaber folgten ſeinem Beiſpiele, und Mont⸗ 388 revel war mit ſeinen vielen Leuten ſtets in der Verfolgung eines Feindes begriffen, der ſich üͤberall zeigte und doch nirgends zu finden war. Der Marſchall ließ das arme Land fuͤr ſeine ver⸗ gebliche Muͤhe buͤßen; jedes Dorf, das er ver⸗ daͤchtigte, als habe es den Camiſarden auch nur den geringſten Vorſchub geleiſtet, ließ er pluͤn⸗ dern und niederbrennen, wobei er ſagte:„man muß dem Mitleide die Thuͤre verſchließen und jede Klage verachten.« Julien fuhr ſeinerſeits ebenfalls fort, die Einwohner wegzuſchleppen, Muͤhlen und Back⸗ oͤfen aber zu vernichten, um der Camiſarden aller Huͤlfsmittel zu berauben. Unter den Ge⸗ fangnen befanden ſich eines Tages die beruͤhmte Prophetin aus Luſſan, wegen ihrer ungewoͤhn⸗ lichen Groͤße die lange Marie genannt, ſo wie Louis Janquet, einer von Cavalier's Briga⸗ diers; Beide wurden zu Nimes hingerichtet. Der Einſiedler Gabriel mit ſeinen Kreuzkna⸗ ben durchzog das Land und veruͤbte mit ihnen mehr Unmenſchlichkeiten, als die uͤbrigen koͤnig⸗ lichen Truppen zuſammen; ſeine Grauſamkeiten machten endlich, daß er bei den languedokſchen Staͤnden foͤrmlich verklagt ward, allein die Bi⸗ ſchoͤfe vertheidigten ihn, und Flechier, damals Biſchof von Nimes, ſagt in einem ſeiner Briefe, man ſucht ihn und ſeine Leute zu verſchreien, ——— . allein wir haben ihn kraͤftig vertheidigt.« So war es denn die hohe Geiſtlichkeit ſelbſt, welche das Morden in Schutz nahm. Im Monat Januar fanden einige Gefechte unter den Dragonern und Camiſarden unter Ca⸗ valier's und Rolland's Befehlen ſtatt, welche aber alle zum Vortheile der Letztern ausfielen. 5 Montrevel beſchloß, den Vernichtungskrieg bis zu gaͤnzlicher Beendigung des Aufruhrs fort⸗ zuſetzen, und erließ einen Befehl, daß alle Flecken, Doͤrfer, Weiler und einzelne Meie⸗ reien ihre Bezirke ſchließen, und daß ſich alle Einwohner derſelben mit ihren Vorraͤthen darin verborgen halten ſollten, damit die Camiſarden vor Hunger und Elend umkommen muͤßten; welche Proteſtanten man nach dieſer Bekannt⸗ machung auf freiem Felde antraf, wurden ſofort umgebracht. Die Berichte jener trauervollen Zeit enthalten die Beſchreibung einer Menge an Weibern und Kindern veruͤbten Ermordun⸗ gen, und ſtets unter den graͤßlichſten Nebenum⸗ ſtaͤnden. Der Brigadier von Planque hatte eine große Anzahl veruͤbt, doch Keiner erreichte die Graͤuelthaten der Kreuzknaben. Schrecklich war die Lage der Provinz, und deshalb beſchloß der Freiherr Roſſel von Aiga⸗ liers, ein von den edelſten Geſinnungen beſeel⸗ ter Proteſtant, den Frieden ſeines Vaterlan⸗ 390 des wo moͤglich herzuſtellen. Er reiſte deshalb nach Paris und theilte dem Miniſter Chamil⸗ lard ſeine Plaͤne mit, welche darin beſtanden, daß die Regierung einer gewiſſen Anzahl Pro⸗ teſtanten erlaube, ſich zu bewaffnen, ſich dann in das Lager der Camiſarden zu begeben und Dieſen vorzuſtellen, daß ſie, weit entfernt ihren Aufruhr zu billigen, blos deshalb zu ihnen kaͤ⸗ men, ſie zur Unterwerfung zu bereden, und daß ſie im entgegengeſetzten Falle ſelbſt gegen ſie fech⸗ ten wuͤrden. 1 Chamillard aͤußerte ſich nicht uͤber dieſen Vorſchlag, ſondern fuͤhrte den Baron zu dem Marſchall von Villars, den der Koͤnig beſtimmt hatte, den Marſchall von Montrevel abzuloͤſen, da der Hof ſchon ſeit einiger Zeit mit deſſen Benehmen unzufrieden war, indem man es nicht begreifen konnte, daß er mit einer ſo gro⸗ ßen Macht noch immer den Aufſtand nicht be⸗ zwungen habe. Der Marſchall hatte deshalb ſchon unter dem 14ten Februar eine Rechtferti⸗ gungsſchrift nach Verſailles geſchickt, allein die neueren Fortſchritte der Camiſarden, ihr, ob⸗ gleich mißlungener, Verſuch, das Vivarais zum Aufruhre zu bewegen und endlich Cavalier's Sieg am 15ten Maͤrz bei den Hohlwegen von Martignargues uͤber die Truppen von der Ma⸗ rine, hatten die voͤllige Ungnade des Herrn von 391 Montrevels zuwege gebracht und er ward zu⸗ ruͤckberufen, wobei, wenn man Cavalier's Me⸗ moiren trauen darf, Herr von Basville thaͤtig geweſen war. Beide haßten ſich wirklich auf's bitterſte, obſchon ſie dem Aeußern nach die be⸗ ſten Freunde waren. Der Marſchall hatts nehmlich den Auftrag, das Betragen des Intendanten zu beobachten, Dieſer hatte es erfahren und ſuchte nun alle Mit⸗ tel auf, eines unangenehmen Aufpaſſers los zu werden. Indeß wollte Montrevel, wie er ſagte, vor ſeiner Abreiſe noch Abſchied von ſeinen gu⸗ ten Freunden nehmen, und da er durch ſeine Kundſchafter erfahren, daß Cavalier ſich in Ca⸗ veira befinde, ſo ließ er eine große Menge Trup⸗ pen aufbrechen, um ihn einzuſchließen, und begab ſich ſelbſt mit neunhundert Mann am 16ten April fruͤh um neun Uhr nach Sommie⸗ res, wo er aber ſeine vorausgeſchickten Leute ſchon im Gefechte mit Cavalier's Truppen vor⸗ fand. Dieſer, welcher die große Uebermacht der Feinde ſah, zog ſich auf die Hoͤhen von Nages, als er ſich aber auch hier von allen Seiten und ohne irgend einen Ausweg einge⸗ ſchloſſen ſah, da rief er ſeinen Leuten zu: Kin⸗ der! wir werden lebendig geraͤdert, wenn ſie uns fangen; laßt uns kuͤhn ſie zu durchbrechen wagen— ſchließt Euch!— Vorwaͤrts! ſo 392 ſtuͤrzten ſie auf den uͤberlegnen Feind, und es be⸗ gann ein Gefecht, bei dem ſich Mann gegen Mann bei den Haaren ergriff und mit dem Bajonette erdolchte. Endlich ſiegte die Ueber⸗ zahl; Cavalier's Reihen wurden durchbrochen und ſeine Leute zerſtxeut. Doch er ſammelte die Uebriggebliebenen nochmals, erzwang ſich den Weg uͤber eine von den Dragonern beſetzte Bruͤcke und erreichte den nahen Wald, wo die Nacht den Verfolgungen der koͤniglichen Truppen ein Ende machte. Die katholiſchen Geſchichtsſchreiber geben den Verluſt des Marſchalls an dieſem Tage auf vierhundert Mann an und Cavalier ſagt, ſeine Leute waͤ⸗ ren vor dem Gefechte achthundert Mann Infan⸗ terie und einhundert Mann Cavallerie ſtark ge⸗ weſen, waͤhrend der Marſchall uͤber fuͤnftauſend Mann unter ſeinen Befehlen hatte. Dieſe im Monat April erlittene Niederlage der Camiſarden kann man als entſcheidend be⸗ trachten, da ihr nur neue Verluſte folgten. Hef⸗ tig verfolgt zog Cavalier ſich uͤber den Gardon⸗ Fluß und verbarg ſich mit ſeiner uͤbriggebliebe⸗ nen Mannſchaft in die Waͤlder von Bouquet und von Vaquieres. Ungluͤcklicherweiſe ent⸗ deckten die Koͤniglichen im Walde von Euzet eine unermeßlich große Hoͤhle, in der alle Vor⸗ raͤthe der Camiſarden aufbewahrt waren und 393 welche ihnen noch uͤberdies zum Lazarethe diente. Dies war ein unerſetzlicher Schaden fuͤr Cava⸗ lier, der jede Art von Vorrath verlor, da Al⸗ les gepluͤndert wurde und die in der Hoͤhle be⸗ findlichen Camiſarden das Leben verloren. Ihr Anfuͤhrer irrte nun ohne Lebensmittel in den Waͤldern umher, ſich muͤhſam den Verfolgun⸗ gen ſeiner Feinde entziehend.⸗ Den Befehlen des Hofes zufolge verließ Montrevel am 18ten April Nimes, und ſchon am Loôſten hielt der Marſchall von Villars ſeinen Einzug. Dieſer neue Gouverneur befolgte ein Betragen, welches dem von Montrevel ganz entgegengeſetzt war; er hatte mehrere Unterre⸗ dungen mit dem Baron Aigaliers und dem Marſchall Julien, und um ſich von dem Zu⸗ ſtande des Landes genaue Kenntniß zu verſchaf⸗ fen, durchreiſ'te er ſelbſt die Provinz und hielt in allen Staͤdten Reden, welche nur Milde und Verſoͤhnlichkeit athmeten. Die Proteſtanten zu Nimes uͤbergaben ihm eine Vorſtellung, welche mit dem Vorſchlage des Herrn von Aiguillieres, mehrere von ihnen bewaffnet an die Aufruͤhrer zu ſenden, uͤbereinkam, und worauf der Mar⸗ ſchall ihnen in den ehrenvollſten Ausdruͤcken die Zuſicherung gab, daß er ſich, wenn es noͤthig ſei, ihrer Huͤlfe mit eben dem Vertrauen, als waͤren ſie Katholiken, bedienen werde. Camiſarden. II. 26 394 Die Herren von Julien und von Planque legten dem Herrn von Aiguillieres anfangs zwar Hinderniſſe in den Weg, allein der Marſchall drang durch und bevollmaͤchtigte den Baron eine Compagnie Proteſtanten zu errichten. Als aber die Herren von Basville und von Lalande dies ſahen, ſo verſuchten ſie, um ſich den Ruhm der Beruhigung beizulegen, ſelbſt mit Cavalier in Unterhandlung zu treten, und erwaͤhlten zur Mittelsperſon einen gewiſſen La⸗ combe, bei dem Cavalier als Schaͤferknabe fruͤ⸗ herhin gedient hatte, und der Camiſarden Haͤuptling fand es nothwendig, dieſen Vorſchlaͤ⸗ gen Gehoͤr zu geben,»denn,« ſagte er in ſeinen Memoiren: der Verluſt bei Nages war um ſo groͤßer, weil er nicht erſetzt werden konnte; ich hatte auf einmal Alles verloren, Geld, Waffen, Lebensmittel und— ein abgehaͤrtetes Heer, mit dem ich Alles unternehmen konnte— ſo war mir denn jedes Mittel, meinen Unfall zu erſe⸗ tzen, genommen. Ueberdies war das Land ver⸗ wuͤſtet, unſere Freunde erkaltet, ihr Vermoͤgen erſchoͤpft und uͤber hundert Doͤrfer der Unſrigen gepluͤndert und abgebrannt; ihre Felder lagen unbebaut, waͤhrend mit unſern Glaubensbruͤ⸗ dern die Gefaͤngniſſe angefuͤllt waren, und end⸗ lich beſtand der lange verſprochene Beiſtand Englands noch immer nur aus leeren Worten, ,9 395 waͤhrend der Marſchall Villars mit einer gro⸗ ßen Verſtaͤrkung Truppen angekommen war.« Sobald Lalande von Cavalier's Geſinnun⸗ gen unterrichtet war, lud er ihn, unter Verhei⸗ ßung eines ſichern Geleites, zu einer Unterre⸗ dung ein. Cavalier beſtimmte einen Ort der Zuſammenkunft und ſchickte Catinat, den Be⸗ fehlshaber ſeiner Reiterei, mit einem Briefe von ihm nach Alais, wo der General einge⸗ ſchloſſen war. Lalande frug den ſtolz blickenden Camiſar⸗ den um ſeinen Namen:»Ich bin Catinat, Be⸗ fehlshaber von Cavalier's Reiterei.« »Wie, Derjenige, welcher ſo viel Menſchen in der Gegend von Beaucaire um's Leben ge⸗ bracht?« „»Ja, ich bin es und that es, weil ich es fuͤr nothwendig hielt.« „Aber, Sie ſind doch ſehr kuͤhn, daß Sie es wagen, vor mir zu erſcheinen.« »Ich kam im Glauben an Cavalier's Wort, daß ich es ungeſcheut thun koͤnne.« »Er hatte Recht,« erwiederte Lalande, und nachdem er den Brief geleſen, ſagte er:»Keh⸗ ren Sie zuruͤck und ſagen Sie Cavalier, daß ich in zwei Stunden mit dreißig Dragonern und einigen Officieren bei der Bruͤcke von Avenes 26* 396 ſeyn werde, und daß er ſich mit einer gleichen Anzahl dort einfinden moͤge. Dies geſchah den 4ten Mai 1704; Cava⸗ lier und Lalande gingen allein auf die Bruͤcke, waͤhrend ihre Begleitung zwei Flinkenſchuͤſſe weit von ihnen entfernt blieb. Sie unterhiel⸗ ten ſich uͤber zwei Stunden lang allein; als ſie ſich trennten, ſagte Cavalier den Seinen nichts uͤber den Erfolg ſeiner Unterredung, und druͤckt ſich in ſeinen Memoiren ſo uͤber ſein Benehmen aus:»Nach den erſten Begruͤßungen fragte mich Herr von Lalande, welche Bedingungen wir machten? Drei, erwiederte ich: 1. daß man Alle, welche um des Glaubens willen auf den Galeeren oder in den Gefaͤngniſſen ſich befin⸗ den, in Freiheit ſetze; 2. vollkommene Gewiſ⸗ ſensfreiheit, und 3. im Fall uns dieſe nicht ver⸗ goͤnnt wird, das Recht, das Land zu verlaſ⸗ ſen.« Lalande fragte, fuͤr wie viele Perſonen er dieſe Erlaubniß begehre? Cavalier nannte zehntauſend von jedem Alter und Geſchlechte. Dieſe Zahl ſchien Lalande ungeheuer; er ver⸗ ſprach jedoch, es dem Marſchall vorzuſtellen, und darauf trennten ſie ſich, ohne daß Etwas beſchloſſen ward. Tages darauf hatte Cavalier zu Saint Jean de Ceyrargues eine Unterredung mit dem Baron von Aigaliers, welche Dieſer in ſeinen Memoiren folgendermaßen beſchreibt: 5* * 397 »Wir umarmten uns ſo, als waͤren wir alte Bekannte. Meine Leute miſchten ſich unter die Seinigen, und waͤhrend wir uns beredeten, ſangen ſie Pſalme zuſammen.« Der Baron be⸗ wog Cavalier, ſich und ſeine Leute der Gnade des Koͤnigs zu uͤbergeben. Seit dieſem Tage marſchirten Cavalier's Soldaten am hellen Tage von einem Orte zum andern, begingen oͤffentlich all' ihre Religions⸗ uͤbungen und wurden von den koͤniglichen Be⸗ amten verpflegt und untergebracht. Am 16ten Mai hatte Cavalier eine Unter⸗ redung mit dem Marſchall von Villars ſelbſt in Nimes. Er wiederholte ſeine Bedingungen und man kam uͤberein, ſie dem Hofe mitzuthei⸗ len, und daß bis zu deſſen Antwort Cavalier und ſeine Leute im Flecken Calviſſon auf oͤffent⸗ liche Koſten verpflegt werden ſollten, daß er bis zum lſten Juni die Befehle des Monarchen empfangen werde, um entweder ihm zu die⸗ nen, oder ſein Reich zu verlaſſen, und daß alle um religioͤſe Urſachen Gefangene in Frei⸗ heit geſetzt werden ſollten. Cavalier hielt ſeinen Einzug in Calviſſon am 19ten Mai; es ward eine große Verſamm⸗ lung gehalten, zu der alle nahe wohnenden Proteſtanten ſich einfanden; und von da an hielt er dort taͤglich oͤffentlichen Gottesdienſt. 398 Die Antwort vom Hofe kam bald. Die mehrſten Foderungen Cavalier's wurden zuge⸗ ſtanden, nur, wie man vorher ſehen konnte, nicht die Gewiſſensfreiheit. Cavalier erhielt ein Oberſten⸗Patent und die Befugniß, alle Stel⸗ len ſeines Regiments, welches in Spanien die⸗ nen ſollte, ſelbſt zu beſetzen; uͤberdies ward ihm eine Penſion von 1200 Livres zugeſtanden. Cavalier war grade in Nimes, als dieſe Ant⸗ wort kam und ging nun ſogleich nach Calviſſon, dies ſeinen Leuten mitzutheilen und ſein Regi⸗ ment zu errichten. Bis dahin hatte er ſeinen Freunden nichts von allen ſeinen Unterhandlungen geſagt, des⸗ halb war es jenen nicht zu verargen, wenn ſie glaubten, daß er ſein Beſtes dabei mehr als das ihrige bedacht habe, und es entſtand Miß⸗ trauen gegen ihn. Sobald er nach Calviſſon zuruͤckkam, erklaͤrte ihm Ravanel, welcher waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit das Commando gefuͤhrt, daß er und alle oberen Officiere die Mitthei⸗ lung der Unterhandlungen und ihres Erfolges verlangten. Cavalier fuhr auf und ſagte,»ſie wuͤrden koͤnigliche Uniform erhalten, um in Portugal zu dienen.« Ravanel, welcher die Erlangung der Gewiſſensfreiheit erwartet hatte, ſchalt Cavalier einen nichtswuͤrdigen Verraͤther. Dieſer miſchte ſich unter ſeine Leute, um ihre 399 Geſinnungen zu erforſchen, hoͤrte aber uͤberall das Geſchrei:»keinen Frieden, ohne unſre Kir⸗ chen!« Ravanel ließ den Generalmarſch ſchla⸗ gen und die Truppen aufbrechen. Vergebens ſuchte Cavalier es zu hintertreiben. Die bei⸗ den Anfuͤhrer geriethen ſo hart an einander, daß ſie die Muͤndung ihrer Piſtolen auf ſich richteten und nur durch das Dazwiſchentreten des Propheten Moſes abgehalten wurden, ſich todt zu ſchießen. Cavalier's Bemuͤhungen, ſeine Leute zu gewinnen, blieben fruchtlos, er mußte allein nach Cardet gehen und dem Marſchall den uͤbeln Erfolg ſeiner Bemuͤhungen melden. Mit Rolland hatte er einen aͤhnlichen Auftritt; Dieſer benutzte den Waffenſtillſtand nur, um frei mit ſeinen Leuten in den Cevennen umher zu ziehen, ohne an einen endlichen Frieden fuͤr ſich und die Seinen zu denken. Cavalier ging zu ihm und machte ihm Vorſtellungen, die Jener nur mit Vorwuͤrfen beantwortete, und von keinem Frieden ohne Gewiſſensfreiheit hoͤren wollte. Der Krieg war auf dem Punkte wieder aus⸗ zubrechen. Die Neubekehrten boten dem Mar⸗ ſchall nochmals ihre Dienſte an, und der Baron Aigaliers beredete Rolland, ebenfalls in Unter⸗ handlungen zu treten. Es geſchah, und er bekam ſehr vortheilhafte Bedingungen ſowohl fuͤr ſich, als fuͤr die Ca⸗ 400 miſarden und ſogar fuͤr alle Proteſtanten. Das erſte Zugeſtaͤndniß war, daß er unter denſel⸗. ben Verhaͤltniſſen wie Cavalier ein Regiment haben ſollte, wobei ſie ſich Jeder einen Pre⸗ diger ihres Glaubens halten duͤrften. Die zweite war eine allgemeine Amneſtie, Befreiung der Gefangnen und Zuruͤckberufung der Ver⸗ bannten, nebſt dem Verſprechen, daß Koſten und Schaden des Krieges von Katholiken und Proteſtanten gleichmaͤßig getragen werden ſoll⸗ ten. Aigaliers, Cavalier und Rolland verſuch⸗ ten nun auch Ravanel, deſſen Leute ſich mit denen von Rolland bei Leuzieres vereint hatten, zu gewinnen, allein vergebens; war er wirk⸗ lich ſchwaͤrmeriſcher geſinnt, oder verdroß es ihn, daß er kein Regiment bekommen habe. Genug, Cavalier hatte Muͤhe, ſich vor Nava⸗ nel's und ſeiner Truppen Zorn zu retten, Ba⸗ ron Aigaliers ward mißhandelt und Rolland freiwillig oder gezwungen gefangen zuruͤckbehal⸗ ten. Marſchall Villars verlor die Hoffnung, die Ruhe in Guͤte herzuſtellen; er fing an, die Feindſeligkeiten zu erneuen, und verbrannte, an der Spitze ſeines Heeres, das Dorf Carnoulet. Rolland ward im Schloſſe zu Prades uͤberfal⸗ len, rettete ſich nur eben im bloßen Hemde und der Marſchall, der ſich von ihm betrogen — 401 glaubte, ſetzte einen Preis auf deſſen Kopf, ſo wie auf den von Catinat. Inzwiſchen hatten mehrere Camiſarden Ca⸗ valier's Beiſpiele gefolgt. Sie ergaben ſich in kleinen Haufen den koͤniglichen Officianten und wurden ſtets gut aufgenommen. Cavalier war in Nimes, wo der Marſchall und die Neube⸗ kehrten ihm taͤglich Feſte bereiteten. Den 21ſten Juni ging er nach Valabregues und am andern Tage nach Neu⸗Briſach mit einer Compagnie von hundert und funfzig ſeiner ehemaligen Leute. In Macon ließ er ſie zuruͤck und ging nach Ver⸗ ſailles, ſich mit dem Miniſter Chamillard zu bereden. Der Koͤnig verlangte ihn zu ſehen. Man ſtellte ihn auf die große Treppe. Der Monarch ſah ihn nur eben an und zog ver⸗ aͤchtlich die Schultern. Cavalier fuͤrchtete Ver⸗ raͤtherei und beredete ſeine Leute, ihrer Be⸗ deckung unterwegs heimlich zu entſchluͤpfen und mit ihm nach Lauſanne zu gehen. Mord und Entfuͤhrungen fingen auf's Neue in den Cevennen an und die Camiſarden erſchie⸗ nen nochmals im Felde. Baron Aigaliers aber verſuchte es durch eine dritte Reiſe an den Hof, das Beſte ſeines Va⸗ terlandes zu bewirken. Dagegen unternahmen es die Verbuͤndeten, den Aufruͤhrern Huͤlfe zu bringen. Eine kleine Flotte mit Landungstrup⸗ — 402 pen erſchien an den Kuͤſten von Languedok, aber ein Sturm zerſtreute die Schiffe und eins derſelben ward von den koͤniglichen Truppen ge⸗ nommen. Herr von Aigaliers fing nach ſeiner Ruͤckkehr von Verſailles neue Unterhandlungen mit Rolland an, allein Dieſer, der ſich jetzt als alleinigen Herrn des Landes betrachtete, dachte an keine Unterwerfung. Bald nachher ward er durch einen ſeiner Leute verrathen. Der Boͤſewicht hieß Malartre und war ein jun⸗ ger Menſch aus Uſes, der Rolland's ganzes Vertrauen beſaß. Durch elende hundert Louis⸗ d'or beſtochen, gab er Nachricht, daß Rolland ſich am 14ten Auguſt mit ſechs bis ſieben ſeiner Officiere nach dem Schloſſe Caſtelnau, drei Mieeilen von Uſes, begeben werde. Alsbald ſchickte Deparatte den Commandanten des zwei⸗ ten Bataillons von Charolois la Coſte Badie mit allen in Uſes befindlichen gut berittnen Of⸗ ficieren und zwei Compagnien Dragoner von Saint Cernin hin; ſie umzingelten das Schloß, Rolland und ſeine Officiere ſchliefen; der Laͤrm erweckte ſie und ſie fluͤchteten durch eine Hinter⸗ thuͤre. Doch ihre Entweichung war nicht un⸗ bemerkt geblieben, die Dragoner verfolgten und erreichten ſie. Rolland deckte ſich den Ruͤcken durch einen Baumſtamm und foderte den mu⸗ thigſten zum Zweikampfe— einen Augenblick 403 hielten die Dragoner, da aber fiel ein Schuß, und Rolland ſank leblos zu Boden. Die Ue⸗ brigen ergaben ſich, durch dieſen Anblick er⸗ ſchreckt, zu Gefangnen. Rolland's Leiche ward im Triumph nach Uſes gebracht, ihr der Prozeß gemacht, nach dem Richtplatze geſchleift, verbrannt und dar⸗ auf die Aſche in die vier Winde geſtreut. Die fuͤnf Officiere wurden zum Rade ver⸗ urtheilt und zuſammen hingerichtet. Der unermuͤdliche Baron Aigaliers ver⸗ ſuchte nun mit dem Ueberreſte von Rolland's Truppen zu unterhandeln, allein er bekam eine nicht verdiente Belohnung ſeiner edlen Geſin⸗ nungen, indem ihn der Koͤnig des Landes ver⸗ wies. Er ging; die Achtung aller Edlen folgte ihm und der Marſchall Villars bedauerte ſchmerz⸗ lich ſeinen Verluſt. Ravanel's Truppe war die anſehnlichſte von allen noch vorhandnen; ſie ward bei Saint Benezet mit großer Uebermacht angegriffen, zerſtreut und ſeitdem ward nichts weiter von ihr gehoͤrt. Der Marſchall bot noch einmal allge⸗ meine Amneſtie an, und die uͤbrigen jetzt entmu⸗ thigten Anfuͤhrer der Camiſarden beeilten ſich, davon Gebrauch zu machen. Caſtanet unter⸗ warf ſich am 6ten September; Catinat und ſein Lieutenant Sauvayre den 19ten deſſelben Mo⸗ nats. Joany ergab ſich dem General Lalande den 4ten October mit ſechsundvierzig Mann, und am Hten ebenfalls la Roſe, Valette, la Fo⸗ rét, Salomon, Mouliéres, Salles, Abraham und Marion. Jeder dieſer Anfuͤhrer bedung ſich Etwas aus und Alle bekamen Geldſummen, von denen zweihundert Franken die kleinſte war. Auch erhielten ſie die Erlaubniß, ihr Vaterland zu verlaſſen, und wurden auf koͤnigliche Koſten bis Gent freigehalten. Von dieſer Zeit an(October 1704) kann man den Krieg der Camiſarden ſo gut als be⸗ endigt betrachten. Ravanel war der Einzige im Lande gebliebne, aber er irrte allein und ohne Hoffnung in den Gebirgen umher. Villars erklaͤrte ihn vogelfrei, ſetzte einen Preis auf ſeinen Kopf und meldete dem Mo⸗ narchen die Beendigung der Unruhen. Der Marſchall ward zuruͤckberufen und die Staͤnde uͤberhaͤuften ihn vor ſeinem Abgange mit Lob und Geſchenken. Am Hofe ward er auf das ehrenvollſte aufgenommen und erhielt zum Zei⸗ chen koͤniglicher Zufriedenheit den Befehl uͤber die Moſel⸗Armee. Holland und England, welche, waͤren ſie zu rechter Zeit eingeſchritten, der Sache eine ganz andre Wendung geben konnten, verſuch⸗ 40⁵ ten jetzt, wo es zu ſpaͤt war, die Unruhen wie⸗ der anzufachen. Politiſche Abentheurer und Schwaͤrmer benutzten dies, ihnen Gold zu ent⸗ locken, und wirklich erhoben ſich noch von Zeit zu Zeit einige Unruhen, und die mehrſten An⸗ fuͤhrer der Camiſarden kamen heimlich zuruͤck, aber alle wurden entdeckt und hingerichtet. Un⸗ ter andern Catinat und Ravanel, welche 1705 in Nimes verbrannt wurden. Doch die Ver⸗ buͤndeten ließen ſich dadurch nicht abſchrecken. Bis zum Frieden von Utrecht 1713 dauerte dieſer Zuſtand; ſowohl in Languedok, als im Vivarais wurden Verſuche gemacht; Cavalier kam aus Holland, wo er ſich viele Muͤhe ge⸗ geben hatte, nach Piemont zuruͤck, wo man einen Ueberfall in die Provinz Dauphinè beab⸗ ſichtigte, allein Alles dies hatte keinen andern Erfolg, als Hitzkoͤpfe, in denen der Haß fort⸗ lebt, waͤhrend ſich die Menge beruhigt hat, auf das Schaffot zu bringen. Der Krieg der Camiſarden iſt der letzte, aber nicht der mindeſt ſchreckliche Theil iener langen Religionsverfolgungen, die Frankreich das ſechszehnte Jahrhundert hindurch mit Blut bedeckten. Als Ludwig der Vierzehnte das Edikt von Nantes widerrief, da waren die Proteſtanten politiſch durch den Abfall ihrer erſten Haͤuſer 406 und durch den Verluſt ihrer Feſtungen zu ge⸗ ſchwaͤcht, um wie fruͤher wirkſamen Widerſtand zu leiſten; auch waren ſie durch die groͤßere Ci⸗ viliſation nicht mehr das, was ſie einſt geweſen. In den Provinzen waren die Proteſtanten die aufgeklaͤrteſten und fleißigſten Buͤrger, deshalb wenig tauglich zum Buͤrgerkriege; ſie unter⸗ warfen ſich den neuen Edikten, oder ſie ver⸗ ließen ihr Vaterland. Allein eine ſolche Ueber⸗ tretung aller fruͤherhin anerkannten Rechte kann nicht ohne großes Ungluͤck hervorzubringen ge⸗ ſchehen. Die viele Jahre lang heimlich genaͤhrte Bitterkeit fand in dem Cevennen⸗Kriege Raum, ſich frei zu entwickeln, und hier, wo die Ver⸗ folgung das eigentliche Volk traf, hier fand ſie ſolche Hitzkoͤpfe, die am mehrſten zum Wider⸗ ſtande geeignet waren. in Denn der proteſtantiſche Edelmann, der ſeine Gewiſſensfreiheit nicht aufopfern wollte, konnte ſein vaͤterliches Erbe verkaufen und deſ⸗ ſen Werth mit ſich in das Ausland nehmen; der Kaufmann eben ſo gut ſeine Gelder und der hoͤhere Handwerker ſeine Kunſt. Allein die ar⸗ men Landleute mit ihrem Vieh und ihrem Pflu⸗ ge fanden nirgend Aufnahme und waren zum Widerſtande gezwungen, da man ihnen nicht blos ihre Kirchen und Prieſter raubte, ſondern auch ihre Felder im Namen der Religion ver⸗ wuͤſtete und ſie ſelbſt zu den Galeeren verbannte. 3u bemerken iſt's, daß der proteſtantiſche Adel der Provinz nirgend Theil an dem Aufſtande nahm, die reformirten Buͤrger aber ſich mit einiger Huͤlfe an Geld und Lebensmittel begnuͤg⸗ ten, und daß dennoch aus dieſer kleinen Armee, in der Alle, ſelbſt Officiere und Generale, Bau⸗ ern waren, Maͤnner hervortraten und Thaten geſchahen, denen nur ein groͤßerer Schauplatz fehlte, um im hoͤchſten Glanze zu ſtrahlen. Gleich allen Buͤrgerkriegen, ſie moͤgen re⸗ ligioͤſer oder politiſcher Natur ſeyn, hoͤrte auch der Cevennen⸗Krieg mit einer Art von Ver⸗ gleiche auf. Man iſt allgemein der Meinung, daß dieſe mildern Maaßregeln viel Elend ver⸗ hindert haͤtten, wenn man ſie fruͤher angewandt haͤtte; vielleicht aber waͤren ſie dann nicht wirk⸗ ſam geweſen. In einem Lande, wo ſo vieler Menſchen Rechte auf einmal umgeſtoßen waren, mußte der politiſche Haß ſich austoben, ehe beide Theile ſich verſtaͤndigen konnten. So weit das Original. Der Ueberſetzer aber fraͤgt: mußten denn dieſe Rechte, oder viel⸗ mehr durften ſie ſo grauſam uͤbertreten werden? man mag's nun von Seiten der Menſchlichkeit, des Chriſtenthums oder der Vernunft, d. h. der geſunden Politik, betrachten?— —— * 8 ſff 14 15 16 17 Méninnmnſſfſſſſſſſſſiſſſiſiſſſſmſnſinnſſf 9 1 12 13 7 8 10 1 —