Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatmr 3 von.. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . eiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen..— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 85 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 ſ für wbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —Oä¹———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 3 M— Pf. 1 und Zurückſ endung „ 3„. 5. Auswärti der Bücher au eiterverleihen welche die⸗ —* Die Camiſarden. Hiſtoriſche Novelle a u s8 dem Cevennenkriege zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts von Pauline von Reichſtern. Erſtes Baͤndchen. Braunſchweig: Im Verlags⸗Comtoir. 1830. Die Camiſarden. Erſtes Baͤndchen. 1. Es war zu Anfang einer langen December⸗ Nacht des Jahrs 17.., als zwei Reiſende mit moͤglichſter Anſtrengung die ſteile Hoͤhe erklimm⸗ ten, die nach dem Gehoͤlze des Dorfes la Combe, in den Nieder⸗Cevennen liegend, fuͤhrte. Der Mond beleuchtete nicht den Pfad der Wan⸗ derer, nur zahlloſe Sterne, am tief blauen Him⸗ mel funkelnd, gaben ihnen ein ſchwaches Licht. Der Juͤngſte der Beiden ſchien von dem an⸗ ſtrengenden Gange faſt erſchoͤpft; er ruhet nige Minuten, ſtuͤtzte ſich auf ſeinen Sta uͤberſah die Gegend, ſo weit es ſich im dunkel des Sternenſcheins thun ließ. Zu Fuͤßen eine ungemeſſene Flaͤch⸗ den hohe Berge, die d 6 nur durch einige von Entfernung zu Entfernung angezuͤndete Wachtfeuer belebt ward.— Der Juͤngling ſeufzte tief; er fuhr ſich mit der Hand uͤber das Geſicht; vielleicht, eine Thraͤne zu verbergen, dann aber wandte er ſich zu ſei⸗ nem Gefaͤhrten und ſagte:»Muth! gleich ha⸗ ben wir den Saum des Waldes erreicht!« „Der heilige Geiſt möͤge uns erleuchten und fuͤhren,« erwiederte der Andre:»denn ohne ſeine Huͤlfe iſt es unmoͤglich, den Weg in dieſer rabenſchwarzen Nacht zu finden!« »Wie, Aman,“ troͤſtete der Juͤngling:»ha⸗ ben wir nicht noch ſchwierigere Wege mit weit mehr Gefahren umgeben, gluͤcklich beendigt? Der Allmaͤchtige, der uns damals beſchuͤtzte, uns auch heute bei. Laß uns mit Zuver⸗ ertgehen und wir erreichen gewiß unſer ind wir grade auf dem Punkte, an dem als das Gefecht bei Salle*) — 7 geweſen war, in den Wald gingen,« verſetzte Aman:»unter Tauſend wollte ich die große Eiche wieder erkennen! Sie iſt auch geſtor⸗ ben und ſtreckt nur noch zwei Aeſte als Arme gegen uns aus. Nicht wahr, Sauvalet, das ſieht aus, wie das Kreuz, was die Miſſio⸗ naire vor der Kirchthuͤr zu Monlezan*) errichtet hatten!« „»Ja, Freund! aber das Zeichen der Ab⸗ goͤtterei iſt geſtuͤrzt; es liegt im Staube und wenn der Himmel unſre Wafefen ſegnet, ſo wird es nie mehr das Blut unſrer Bruͤder fließen ſehen.« Beide ſchwiegen und nur ihr Fußtritt un⸗ terbrach die tiefe Stille der einſamen Gegend. An den mehrſten Orten war der Wald faſt un⸗ durchdringlich verwachſen; doch gab es auch nige lichte Stellen, wo der Boden nuim d einer Art Heidekraut bedeckt war, und* Augenblicke den Himmel ſeber *) Monleson 8. — aber ſchnell durch die zwar blaͤtterloſe, jedoch dicht in einander verwachſene Zweige der Baͤu⸗ me wieder verborgen ward. Das Weiterkom⸗ men in dieſer Dunkelheit ward den Aermſten noch durch das dichte Strauchwerk erſchwert, das den Boden an vielen Orten bedeckte. „Halt,« ſagte Sauvalet endlich: dich bin irre am Wege; ich denke wir muͤßten ſchon zur Stelle ſeyn, denn ſeit einer Stunde bereits ha⸗ ben wir die große Heide rechts gelaſſen. Wir ſind laͤngſt bei den Stechpalmen vorbei, die ich trotz Nacht und Winter genau erkannt habe. Und wie ſollen wir weiter kommen? Die Baͤume ſind ja ſo verwachſen, daß ſie wie eine Mauer jeden unſrer Schritte hemmen.« »Erleuchte uns, o heiliger Geiſt!« ſtoͤhnte an: ddenn, ach! wenn wir nicht bald un⸗ Weg finden, ſo freſſen uns die Woͤlfe noch Kreuzknaben*) uns getoͤdtet haben.« lets de la Croix) waren Katho⸗ der Regierung das Land daß die 9 Trauriges Schweigen folgte dieſen Klagen, bis endlich die monotonen Stimmen zweier Maͤnner, welche Pſalmen zu ſingen ſchienen, es unterbrachen. Sauvalet hoͤrte es zuerſt und rief, indem er Aman aufmerkſam machte:»Gottlob, mein Bruder! unſre Freunde ſind da, gleich hinter dieſen Baͤumen— o geſegnet ſeid Ihr, heilige Lieder, Ihr, deren Toͤne uns zeigen, was wir ſuchen.« Mit friſchem Muthe ſuchten und fanden die Reiſenden den Ausweg durch die Baummaſſe, die ihnen ſo eben noch undurchdringlich geſchie⸗ nen; bald ſahen ſie ſich, vor einem weitlaͤuf tigen, ſehr niedrigen Gebaͤude, das faſt gaͤnz⸗ lich durch große Kaſtanienbaͤume verdeckt ward. Leiſe klopfte Aman an die Thuͤr. Wer da?« fragte eine Stimme im In⸗ nern. »Freunde! Camiſarden , 10 uͤberdieß die Loſung wiſſen? David und Alte⸗ Fage.*) Sogleich ward die Thuͤr geoͤffnet und den Reiſenden ein Platz am Feuer eingeraͤumt, um ihre erſtarrte Glieder zu erwaͤrmen. Sichtlich war dies große Gemach fruͤherhin ein Schaafſtall geweſen und keine Fenſter fan⸗ den ſich in den grob gearbeiteten Waͤnden, in denen mit Stroh verſtopfte Spalten, Licht und Luft gebend, ihre Stelle erſetzten. Ein Tiſch, zwei alte Baͤnke und einige als Sitze dienende große Steine, machten das ganze Ameublement, und Lebensmittel aller Art, einiges Kuͤchenge⸗ Athe und ein großer Strohhaufen fuͤllten die 3 Winkel. Allein am Ende des elenden Stalles ſah man mit Verwunderung eine ſeidene Decke, gleichſam als Thuͤr zu einem Zimmer vom Bo⸗ den herabhaͤngen. Zwe Anner ſaßen beim Eintritte der Saale, doch obſchon man 13 „L.Hommond!« rief eine ſanfte Stimme im Innern des zweiten Gemachs. »Er iſt unruhig,« fuhr Dieſer fort: ver wird das Geraͤuſch bei Ihrer Ankunft gehoͤrt haben und ich will ihn darauf vorbereiten, Sie zu ſehen.« Sauvalet legte Mantel und Gewehr ab und folgte L' Hommond in die zweite, kleinere aber ſorgſamer eingerichtete Abtheilung, wo ein allem Anſchein nach dem Tode naher Greis auf ſchlechtem Lager, ſich zeigte, deſſen ſchneller ungleicher Athem den letzten Lebenskampf an⸗ zudeuten ſchien. Doch zeigten ſeine noch un⸗ veraͤnderte, ruhige Zuͤge, ſo wie ſein ſprechen⸗ der Blick, daß er bei voͤlligem Bewußtſeyn war. Neben ihm ſtand eine junge Dame; mit ihren Armen den Kranken unterſtuͤtzend, war ihr Geſicht zwar anſcheinend ruhig, allein die toͤdtliche Blaͤſſe und die von Weinen geſchwollne Augen verriethen den Schmerz, den ſie zu ver⸗ bergen ſuchte. »Endlich, guter Sauvalet, ſeh' ich Dich bei mir— und welche Nachrichten bringſt Du?« 14 „»Gute!« erwiederte der junge Mann:»Ca⸗ valier iſt letzten Donnerstag mit 300 Mann in Sauve) eingeruͤckt. Die Beſatzung iſt ganz vernichtet; die Gefangenen im Schloſſe Alle befreit und als das Militair 12 Stunden nach⸗ her von Nimes anruͤckte, da waren wir laͤngſt in Sicherheit und Parate fand nur verbrannte Kirchen, um die Beſatzung darin zu begraben. Rolland iſt noch immer im Gardonnenque⸗**) Thal, ſeine Mannſchaft vergroͤßert ſich taͤglich und ich hoffe, wir hoͤren bald etwas von ſeinen Thaten.« Traurig ſah der Graf den jungen Mann in's Auge und ſagte:»Ach Sauvalet! gerecht war die Urſache dieſes Krieges und dennoch ah⸗ net mir, er wird viele Schlachtopfer haben, ohne ſein Ziel zu erreichen. Wir haben nichts fuͤr uns, als den Muth, den die Verzweiflung gebiehrt; ſie aber haben die Mehrzahl, ihre *) Sauve, Staͤdtchen in den Nieder⸗Cevennen, das Cavalier durch eine eben ſo ſchlaue als küͤhne Krie⸗ gesliſt 1702 einnahm. **⁴) In den Ober⸗Cevennen am Fluͤßchen Gardon. ——⸗ℳÿÿͦℳ-ỹ—— — 8 * — Kraͤfte, die ſie ſtets erneuern koͤnnen, werden uns endlich zerſchmettern.« „»Aber, Herr Graf, wir haben mehrere Ausſichten zur Hoffnung. Unſere Bruͤder re⸗ den laut fuͤr uns, Anna von England hat ih⸗ nen Huͤlfe verſprochen und der Vortheil, den ihr Land davon erwartet, verbuͤrgt uns ihren guten Willen. England hat nicht vergeſſen, daß es einſt einen großen Theil Frankreichs Ge⸗ ſetze gab und die Hoffnung dieſe Gewalt noch⸗ mals zu bekommen, wird die Koͤnigin zu treuer Huͤlfe bewegen.« „»Ach, Sauvalet, dann waͤren wir nicht mehr Franzoſen!« rief der ſterbende Graf. „-Und was ſchadet das,« erwiederte der hi⸗ tzige junge Mann:»ſind die Englaͤnder nicht unſre Bruͤder, mehr als die Franzoſen, die als Sclaven eines Despoten unſre Henker gewor⸗ den ſind? Koͤnnen Sie unſer Leiden vergeſſen, Herr Graf? iſt es nicht die gerechteſte Selbſt⸗ vertheidigung, die uns bewaffnet hat?« „Leider! ach, unſre Sache iſt gerecht; Al⸗ les, Alles iſt gerecht in dieſem ſchrecklichen Kriege. Doch bereue ich es, ihn unternom⸗ men zu haben. Vielleicht waͤre es beſſer ge⸗ weſen, die muͤtterliche Erde zu verlaſſen, als ſie mit Feuer und Schwert zu verwuͤſten. Frei⸗ lich hat man uns dazu gezwungen, und es ſchien nirgends andre Sicherheit fuͤr uns. Wir mußten uns bewaffnen; der Herr ſegnete un⸗ ſere Waffen.«. „»Die Rebellen, zum ſchimpflichen Tode verdammt, haben Bassville zittern gelehrt und ſind nicht zu gering erfunden, von einem Mar⸗ ſchall Frankreichs bekriegt zu werden. Doch bei allen dieſen Vortheilen wage ich es nicht, den Ausgang des Unternehmens vorher zu ſa⸗ gen. Fuͤr mich ſelbſt habe ich bald nichts mehr zu fuͤrchten; aber fuͤr Euch, meine Bruͤder, zit⸗ tere ich! o gluͤcklich wer von Euch im Schlacht⸗ getuͤmmel den Tod findet, ehe er ihn von Hen⸗ kers Hand ereilt!« »Weshalb aber, theurer Graf, uͤberlaßt Ihr Euch ſo ganz dieſen traurigen Ahnungen? Unbekannt iſt uns Allen die Nacht umhuͤllte Zukunft. Die Gunſt des Augenblicks zu be⸗ — nutzen iſt der Zweck meines Hierſeyns. Dieſer Aufenthalt iſt nicht mehr ſicher, da die ganze Ebne beſetzt iſt. Man muß Sie in die Ge⸗ birge bringen und wenn Sie ſich nur etwas er⸗ holt haben, ſo komm' ich uͤbermorgen wieder, um Sie mit gehoͤriger Bedeckung uͤber das ge⸗ faͤhrliche Thal von Peyre zu geleiten und zwar grade nach Aires.«4*) Mit einer zweifelnden Miene ſah der Graf ſeinen jungen Freund an und Dieſer bedeckte die Stirn mit der Hand, ſchwieg einige Secun⸗ den und ſagte dann:— /Ja, die Zukunft iſt ungewiß ich ſelbſt habe morgen eine gefahrvolle Aufgabe zu loͤſen. Mit Tagesanbruch verlaſſe ich dieſe Huͤtte um in die Gegend von Guiſſac*“) zuruͤck zu kehren. Paulet und 30 tapfere Maͤnner erwarten mich; wir wollen Oſias und noch einige Gefangene be⸗ freien, die man von St. Hippolyte nach Nimes ſchleppt.« „Ach, Sauvalet!« ſagte der Graf, indem *) Aires, Flecken in den Ober⸗ Cevennen. **) Guiſſac, Flecken am Fluͤßchen Vidourle. Ca miſarden. J.. 2 18 er ihm die Hand druͤckte: weshalb kann ich nicht dabei ſeyn!« 1 Ie Er ſchwieg; die Anſtrengung dieſer Unter⸗ redung ſchien ſeine letzten Kraͤfte erſchoͤpft zu haben und Sauvalet preßte die erſtorbene Hand an ſeine Lippen.— un „»Ich gehe,« ſagte er:»denn Sie beduͤrfen der Ruhe und ich ſelbſt muß ſuchen einige Stun⸗ den zu ſchlafen.« Mit ehrerbietiger Verbeugung gegen die Dame wolltte er nach dieſen Worten das Zim⸗ mer verlaſſen, allein der Graf winkte ihm und ſagte:»Sauvalet, nehmen Sie die beiden Maͤnner mit, die mich hieher gebracht; ſie ſind brav und koͤnnen Ihnen helfen, waͤhrend ich ihrer nicht bedarf, denn wenn dieſer Zufluchts⸗ ort entdeckt wird, ſo koͤnnen zwei Leute mich nicht beſchuͤtzen und ſie wuͤrden hier nur nutzlos getoͤdtet./ Sauvalet bemuͤhte ſich eifrigſt den Grafen von dieſer Meinung abzubringen; er war uͤber⸗ zeugt, daß er nicht lange mehr leben koͤnne und dachte es ſchrecklich, wenn in jener ſchwe⸗ 19 c ren Stunde Eliſabeth und L⸗Hommond hier ganz allein waͤren. Doch der Graf blieb feſt. r.»Ich ſehe was Sie denken und fuͤrchten; u aber ſeyn Sie ruhig, ich werde bei Ihrer Ruͤck⸗ d kehr uͤbermorgen noch leben. Ja, Sauvalet, ich muß Sie noch einmal ſprechen, denn allzu⸗ n viel habe ich noch Ihnen zu ſagen.« Sauvalet ging, huͤllte ſich in ſeinen Man⸗ tel und ſchlief auf einem Haufen duͤrrer Blaͤt⸗ — ter den geſunden Schlaf der Jugend. Mit An⸗ bruch des Tages ſtand er auf und erhob leiſe den Vorhang, wo das Lager des Kranken war. Tiefe Stille herrſchte da und L' Hommond, der neben dem Bette wachte, winkte beruhigend mit der Hand.»Gottlob, er ſchlaͤft ruhig,« fluͤ⸗ ſterte Sauvalet:»und ſo koͤnnen wir ihn mor⸗ gen von hier bringen.« ⸗ Doch, ſagte er leiſe vor ſich hin, werde ich ſelbſt morgen noch le⸗ ben? ach! der Tod erndtet eben ſo ſicher auf dem Schlachtfelde, als auf dem Krankenbette. Wenig Augenblicke hernach war er mit ſei⸗ nen Begleitern auf dem Wege nach Guiſſac. 3. 3„ — In immer ſteigendem Schmerze verging der Tag, nach Sauvalets Fortgange und ſchon war der gleich traurige Abend da.— „L' Hommond,« ſagte Graf Hugo zu dem weinenden Diener: dich habe geendet, fuͤr mich iſt bald Alles voruͤber, ich muß meine letzten Augenblicke nuͤtzlich anwenden. Wo biſt Du Eliſabeth?k „Hier, mein Vater, hier bei Ihnen,« ent⸗ gegnete die Aermſte, mit ſtroͤmenden Thraͤnen. Mit Blicken voll Liebe und Sorge betrach⸗ tete der Graf ſie ſchweigend einige Minuten, dann aber ſagte er: „Armes Kind, ich muß Dich verlaſſen; ach, Du bedarfſt vielen Muth Dich dieſer letz⸗ ten Trennung zu unterwerfen. Allein, ohne 21 Stuͤtze, umgeben von tauſend Gefahren, in der Mitte eines Vaterlandes, das Dich ver⸗ wirft und verbannt. Doch Gott wird mein Flehen erhoͤren, meinen Segen erfuͤllen! ihm vertraue ich, er kann Dich beſchuͤtzen und will ja kindliche Liebe belohnen. Meine Eliſabeth, Deine Liebe hat mein Leben verſchoͤnt und ver⸗ ſuͤßt mir meine letzten Stunden— o ewige Gottheit, erfuͤlle Deine Verheißung! laß ſie lange leben, laß es ihr wohl ergehen auf Erden!« er ſchwieg einige Zeit, wie im ſtillen Gebete vertieft, die erſtarrende Hand ſegnend auf das Haupt des holden Maͤdchens ruhend, dann fuhr er fort:»Du haſt mich nicht verlaſſen wollen, Du haſt um Meinetwillen die Schrecken des Buͤrgerkriegs getheilt; bald aber entbindet mein Tod Dich aller Pflichten gegen dies ungluͤckliche Land. Mein heißeſter Wunſch iſt, daß Du es ſchnell und auf lebenslang flieheſt. Geh nach England, mein Kind, und erwirb Dir dort ein neues Vaterland; der groͤßte Theil unſers un⸗ ermeßlichen Vermoͤgens iſt gerettet, Du findeſt ihn dort und kannſt und wirſt damit unſre 22 arme Glaubensbruͤder unterſtuͤtzen. Verwende es dazu, dies wird Dir meinen Segen verdop⸗ peln. Und Du, L⸗Hommond,« fügte er hinzu, dem treuen Diener die Hand reichend: dich war Dir immer ein guter Herr; vergilt es mir, indem Du mein Kind beſchuͤtzeſt. L' Hom⸗ mond, verlaß Eliſabeth nicht. Vor dem Tode ſchwindet der Unterſchied, den die geſellige Ord⸗ nung unter uns machte— ich weiß es, Du warſt mir ſtets nicht blos Diener, nein— Freund. Auch trifft uns ja gleiches Schickſal, wir ſind Beide fluͤchtig und verbannt.« Der redliche Diener, der neben dem Lager ſeines theuren Herrn kniete, unterbrach wei⸗ nend und ſchluchzend den Kranken und ſchwor, nur im Tode ſich von ſeinem Schuͤtzling zu tren⸗ nen. Eliſabeth aber konnte nur durch Thraͤ⸗ nen antworten und bedeckte die Hand ihres Großvaters mit Kuͤſſen. „Sauvalet,« fuhr Dieſer mit Anſtrengung fort:»koͤmmt erſt morgen, dann iſt's zu ſpaͤt und doch haͤtt' ich ihn noch ſo gern geſpro⸗ chen— die letzten Worte eines Sterbenden ſind —QQ—Q—— 4. So war denn Alles zum Aufbruche bereit, und Eliſabeth zwar in's Leben zuruͤckgekehrt, doch nicht zum Bewußtſeyn.— 18 Man befahl ihr aufzuſtehen; ſie wollte ge⸗ horchen, aber ſie ſank ſchwach und entkraͤftet zuruͤck. 14 „Am Rande des Waldes ſtehen unſre Pfer⸗ de,« ſagte Poul:»bis dahin muß die Graͤfin getragen werden. Schnell, nehmt die Leiter als Bahre und legt einige Betten darauf. Vier Soldaten loͤſen im Tragen ſich ab, und in zwei Stunden ſind wir bei Saint Martin.«*) „Teufel,« brummte der Lieutenant vor ſich: *) Es giebt mehrere Doͤrfer des Namens in den Ce⸗ vennen, das aber von dem hier die Rede iſt, liegt eine Stunde von St. do Anduſe. 1 32 waͤre es eine alte Camiſarden⸗Herxe, ſo wuͤrden nicht ſo viel Umſtaͤnde gemacht— an den erſten Baum gehaͤngt, waͤren wir des Transports uͤberhoben. Aber hier heißt es: »Ehre dem Ehre gebuͤhrt;« die Tochter des Grafen von Mauléon muß Seiner Gnaden dem Herrn von Basville abgeliefert werden..“. So ordentlich, als der ungeebnete Weg es erlaubte, ging der Zug vorwaͤrts. Eliſabeth in der Mitte, Hauptmann Poul ihr zur Seite und der treue L'Hommond dicht hinter ihr. Am Rande des Waldes ſtanden richtig die Pferde. Das Fraͤulein iſt nicht im Stande ſich uf dem Pferde allein zu erhalten. Komm An⸗ dreas, Du ſollſt ſie auf's Pferd nehmen. Und Du Galer, Du grauſt nicht vor Ketzern, denn Du haſt dem Alten geholfen ſeinen Herrn zur Erde zu beſtatten— friſch! nimm den alten Pudel mit auf Dein Pferd, auf das er uns nicht hindert.« Man hob Eliſabeth faſt bewußtlos auf den ihr beſtimmten Sitz und band ſie aus Fuͤrſorge 33 an den Reiter, obſchon ein natuͤrlicher Inſtinkt ſie den Arm des Mannes feſt ergreifen ließ. »Nun, Herr Andreas,« rief hoͤhniſch der Lieutenant:»trotz Deiner Angſt vor Todten, ſeh ich Dich doch bald mit einem Leichnam zu⸗ ſammen gebunden einher ziehen.«—— »Zu Pferde!« rief mit barſchem Tone der Hauptmann, indem er ſich ſelbſt in den Sat⸗ tel hob. Es waren zwar 60 Mann Escorte, allein dennoch ordnete der Hauptmann Alles auf's Vorſichtigſte an; die Gefangenen ſtellte er in die Mitte, voraus die Reiter mit gezogenem Saͤbel, hinten nach aber die Infanterie mit aufgepflanztem Bajonette und Alle zum Angriff bereit. Der Weg war eng und hohl waͤhrend man ſich um einen ziemlich hohen Huͤgel bog, wo man eine Flaͤche erreichte, uͤber die der Weg durch ein kleines mit Strauchwerk bebelktes Thal fuͤhrte. Mit Vorſicht und Ordnung begann der Zug, als aber eine ziemliche Zeit vergangen und kein Camiſarden. I. 3 34 Feind ſich zeigte, da verlor ſich die Sorge und mit ihr die Ordnung. So erreichte man in großer Bequemlichkeit den letzten Engpaß, der ſie noch von der Flaͤche ſchied und wo die Berge zu Felſen geworden, hoch und drohend die Rei⸗ ter umgaben und den Weg verengten. Schon ſah man den Kirchthurm zu St. Martin, ſchon hoͤrte man das Brauſen des reißenden, wenn ſchon nicht tiefen Fluͤßchen, das vom Gebirge herabſtuͤrzte. „Au!« ſagte Andreas: Hich wollte, wir waͤ⸗ ren erſt aus dem Hohlwege; mir iſt, als ob die Felſen mir auf dem Nacken ſaͤßen und—— Zehn bis zwolf Flintenſchüſſe beſtͤtigten ploͤtzlich die Ahnungen des furchtſamen Helden.— „Bravo! das war gut gezielt,« rief Haupt⸗ mann Poul, indem er nach ſeinem Hute griff, den ein Flintenſchuß durchloͤchert hatte, waͤh⸗ rend der neben ihm gehende Soldat todt zur Erde ſank, mehrere andere aber ſchwer verwun⸗ det wurden. „Macht ſie nieder!« riefen dazwiſchen von den Felſen herab die Camiſarden; erneute Flin⸗ „ —2—— tenſchuͤſſe vermehrten die immer uͤberhand neh⸗ mende Verwirrung. Der Tod erreichte die Maͤnner, von unſichtbaren Haͤnden geſpendet, denn die Felſen bedeckten den Haufen der Huge⸗ notten. »Nur weg von hier! Vorwaͤrts!« rief der Hauptmann, der allein nicht die Faſſung ver⸗ lor.»Wir koͤnnen uns nicht wehren, drum iſt Eile das Kluͤgſte, was wir thun muͤſſen, um dem verdammten Hohlwege zu entkommen. Weh denen, die wir verwundet zuruͤck laſſen. Voraus, die Cavallerie!«. Der ſteinige, enge Weg machte es den Pferden ſchwer, den gefaͤhrlichen Paß zu ent⸗ kommen, und jetzt zeigten ſich 20 Mann am Ende des Weges, die Ankommenden zu em⸗ pfangen. Meiſtens hatten die Feinde die Uniform der Miliz und ein Prediger im langen, ſchwarzen Gewande war unter den Vorderſten. „Wir werden fechten, Andreas,« ſagte der Hauptmann:„reite ſcharf, verbirg die Dame 3* 36 unter Deinem Mantel und ſuche mit Deinem kraͤftigen Pferde die Flaͤche zu erreichen.« »Ich ſehe Dir nach,— Gallop oder ich jage Dir eine Piſtolenkugel durch den Kopf. Das Fraͤulein muß uns bleiben; deshalb will ich die Feinde beſchaͤftigen und ſtatt des jungen Maͤdchens ihnen den alten Mann uͤberlaſſen, an dem uns wenig gelegen iſt.« Andreas ließ ſich den Befehl nicht zwei Mal ſagen; er gab dem Pferde die Sporen und flog den Camiſarden vorbei auf das Dorf zu, wo er ſich bald mit der geaͤngſteten Eliſabeth be⸗ fand. Die Milizen, die nicht wußten, daß ihre koͤſtlichſte Beute unter dem Mantel verbor⸗ gen war, bekuͤmmerten ſich wenig um ihn, und richteten ihren Angriff auf die Mitte, wo ſie die Gefangenen Beide zu finden glaubten, wo aber nur L'Hommond war. Wuͤthend ſchlug man ſich eine Viertelſtunde lang Mann gegen Mann, dann aber war die Flaͤche erreicht, und nun befahl Poul ſchnelle Flucht, indem er Todte und Verwundete nebſt dem treuen L' Hommond auf dem Schlachtfelde zuruͤck ließ. 37 In einer Stunde hatte er mit dem Ueber⸗ reſt ſeines Commando's das erſte Haus von St. Martin, den Hof von Jardon, erreicht. Thuͤren und Fenſter der laͤndlichen Behau⸗ ſung waren ſo feſt geſchloſſen, daß man ſie un⸗ bewohnt geglaubt haͤtte, wenn die Thiere ſich eben ſo ſtill, als die Menſchen gehalten haͤtten. Heftig ſchlug der Hauptmann an die große Thuͤr vom Hauſe— Niemand meldete ſich, und erſt nach abermaligem Klopfen zeigte ſich das Haupt des vorſichtigen Andreas durch eine Bo⸗ denluke.—. »Schurke!« rief Poul:»weshalb oͤffneſt Du nicht? Augenblicklich laß mich ein, wenn ich Dich nicht zu Boden ſtrecken ſoll! erſt aber ſage: wo iſt die Graͤfin?« »Herr Hauptmann! vergebt, ich mochte nicht oͤffnen, als bis ich ſicher war, es ſei kein Feind, der mich uͤberfallen wollte; Ihr wißt, in einem Bauerhauſe iſt kein Beiſtand zu hoffen.« »Hoͤlliſcher Schwaͤtzer,« rief der Haupt⸗ mann, aͤrgerlich zur Erde ſtampfend: vkomm doch endlich und oͤffne die Thuͤr.« 38 Noch eine Weile verging, dann wurden langſam die Riegel geoͤffnet, und nun drangen der Hauptmann und ſein Gefolge ſchnell in das Haus, deſſen Inneres die Unordnung zeigte, welche die Furcht vor den Camiſarden verur⸗ ſacht hatte. In dem Vorhauſe ſtanden zitternd mehrere ſchlecht bewaffnete Bauern, waͤhrend die Frauen in einem kellerartigen Behaͤlter ver⸗ borgen waren. »Wo iſt Fraͤulein Mauléon?« rief Poul. »Im Keller, mein Hauptmann, aber ich fuͤrchte, ſie koͤmmt nicht lebendig von hier.«— Wirklich war Eliſabeth ſehr ſchwach, und als die Thuͤr geoͤffnet ward, ſah man ſie halb ohnmaͤchtig auf einem alten Stuhle von zwei Frauen unterſtuͤtzt, das Geſicht bleich, wie eine Leiche, und auf keine ihr gethane Frage Ant⸗ wort zu geben im Stande. »Man bringe ſie zu Bett! man floͤße ihr warmen Wein ein,« rief Poul:»ſie darf nicht ſterben; ich muß ſie uͤbermorgen durchaus in Ni⸗ mes dem Herrn Intendanten uͤbergeben. Was findet ſich hier?« herrſchte er den Bauern zu. 39 „Nichts! Niemand! allergnaͤdigſter Herr, wir haben keine Reformirte verborgen, wahr⸗ haftig, die kommen nicht zu uns, die wiſſen zu gut, wer wir ſind!« ſtotterte der Aelteſte der Angeredeten. „ůPinſel!« erwiederte verdrießlich der Haupt⸗ mann:»wer fragt darnach? ich will wiſſen, was Ihr zu eſſen und zu trinken habt!« „»Ach, Nichts! Nichts Ihr Gnaden Herr Obriſt! wir ſind arme Leute, und uͤberdies wa⸗ ren die Kreuzknaben vor drei Tagen erſt hier.« »Wir wollen ſehen— geh' voran in den Keller, und finde ich dort wirklich nichts, ſo hat das Bloͤken der Schaafe mir doch verrathen, daß es wenigſtens nicht an friſchem Fleiſche zu fehlen braucht— und eſſen muͤſſen wir auf je⸗ den Fall.« „Heiliger Jeſus,« ſagte der Bauer, und hob die Haͤnde gen Himmel:»was werdet Ihr davon haben? ein alter Bock und drei traͤchtige Schaafe iſt Alles, was wir beſitzen.« Im Keller fanden ſich jedoch, trotz aller Verſicherungen vom Gegentheile, einige gute —-—— 40 Schinken und mehrere Brote, wo jedes allein vier Hungrige ſaͤttigen konnte. Der Lieutenant mit einem Theile des Com⸗ mando's ſtanden noch im Hofe; der Haupt⸗ mann hieß ſie weiter gehen, um ſich ihr Mit⸗ tagsbrot anderswo nach Belieben zu ſuchen, da hier wirklich nicht fuͤr die Haͤlfte der Mann⸗ ſchaft genug ſei.»Ich denke, Lieutenant,« fuͤgte er hinzu:»Ihr findet noch etwas dort auf dem großen Pachthofe, wo wir vor zwei Ta⸗ gen waren. Erwartet uns dort, in einigen Stunden holen wir Euch ab, und bis dahin— geſegnete Mahlzeit.« „Zum Teufel, Du und Dein Wunſch!« rief der Lieutenant, doch erſt, als Poul weit genug war, um nichts davon zu hoͤren. Die Beſchreibung des Mahls ſei unſern Le⸗ ſern erlaſſen; nur ſo viel, daß die beiden Ab⸗ theilungen der Krieger in einer Sitzung ſo viel verzehrten, als ihre armen Wirthe fuͤr eines halben Jahres Saͤttigung bedurft haͤtten. Der Lieutenant brummte noch in ſich uͤber die Art, wie der Capitain ihn gewoͤhnlich abzu⸗ 41 ſpeiſen pflege, und zwei Stunden waren noch nicht gaͤnzlich verfloſſen, da riefen die Zuruͤck⸗ gebliebenen die zweite Abtheilung zum Weiter⸗ gehen an, und zuſammen erreichten ſie Nimes um 6 Uhr Abends am naͤchſtfolgendem Tage. — J. Zum gehoͤrigen Verſtaͤndniß dieſer Geſchichte, wollen wir hier erſt die Urſachen anfuͤhren, welche den Aufruhr der Proteſtanten in den Ce⸗ vennen und im obern Languedok herbeigefuͤhrt hatten. Schon lange bemuͤhten ſich der Kanz⸗ ler Letellier und der Miniſter Louvois, die pro⸗ teſtantiſche Religion in Frankreich gaͤnzlich zu vernichten, und Ludwig der Vierzehnte, ver⸗ blendet von der Idee, eine Secte zu zermal⸗ men, die ſeinem Vorfahren ſo viel Aerger ver⸗ urſacht, genehmigte, dieſen Zweck zu erreichen, die ſchaͤndlichſten Maaßregeln. Geld und Grauſamkeiten aller Art waren die gewoͤhnlichen Mittel und Furcht oder Eigen⸗ nutz bewogen freilich einige Proteſtanten zum Abfall, doch die bei weitem groͤßte Anzahl 43 brachten ihre Schaͤtze und ihre Kunſt dem Aus⸗ lande zur Benutzung. Der dadurch immer er⸗ bittert werdende Hof verdoppelte nun taͤglich die Strenge ſeiner Befehle. Und endlich, im October des Jahrs 1685 nahm Ludwig die weiſe Verordnung(bekannt unter dem Namen Edict von Nantes) ſeines edlen Ahnherrn Hein⸗ rich des Vierten, nachdem es ſo oft gebrochen, voͤllig auf, und raubte nun geſetzlich den unter⸗ druͤckten Proteſtanten die freie Ausuͤbung ihres Gottesdienſtes. Zwar lange ſchon war es von der katholiſchen Parthei vielfach uͤbertreten und zum Schattenbilde herabgeſunken, das der ei⸗ nen Parthei ſo wenig Schutz gewaͤhrte, als es der andern Achtung einfloͤßte oder ſie zum Ge⸗ horſam vermogte. Dieſer letzte Schlag war berechnet, alle Reformirte auf einmal zur Un⸗ terwerfung zu bringen. Die Grauſamkeiten, die Verſolgungen begannen in doppelter Wuth mit der Billigung des bigotten Monarchen. Bald ſah man im untern Theile von Langue⸗ dok nur Katholiken und einige abtruͤnnige Pro⸗ teſtanten. Die Mehrzahl hatte ſich nach Deutſch⸗ land, England und Holland gewandt, und dort Gaſtfreiheit, Huͤlfe und Beiſtand gefunden. Die faſt unerſteiglichen Gebirge der Cevenne allein enthielten noch eine Menge Proteſtanten. Graf Hugo von Mauléon ein echt religioͤſer, edler und reicher Gutsbeſitzer, hatte, da Vater⸗ landsliebe ihm die Auswanderung zu ſchwer ge⸗ macht, hier eine Zuflucht geſucht. In dieſem vom Geraͤuſch der Welt entfernten Winkel, in Mitten ſeiner weitlaͤuftigen Beſitzungen, glaubte er ſich ſicher, und beſchloß hier einen beſſern Zuſtand der Dinge zu erwarten. Das Jahr 1691 ſah Ludwig den Vierzehn⸗ ten im Kampfe mit dem groͤßten Theile Eu⸗ ropa's; Louvois, der Wuͤtherich und erboßte Feind der Proteſtanten, ward vor den Richter⸗ ſtuhl des Ewigen zur ſelbigen Zeit gerufen, und ſo ſchien den gequaͤlten Reformirten einige Ruhe vergoͤnnt zu ſeyn. Zwar durften ſie ſich nicht in ihren Kirchen zu verſammlen wagen, doch hielten ſie in den Haͤuſern gemeinſame An⸗ dachtsuͤbungen, und ihre Prediger ermahnten ſie zur Ausdauer in Hoffnung beſſerer Zeiten. 45 Auf einmal erinnerte ſich der Hof in Mitte des allgemeinen Elendes und des ungluͤcklichen Krieges der Proteſtanten. Es ſchien ihm, das Land ſei noch nicht genug geplagt und der Beichtvater des Koͤnigs, Pater Letellier, aus dem Orden der Jeſuiten, bewog den Koͤnig, noch grauſamere Maßregeln zu befehlen. Und in wuͤrdige Haͤnde fielen ſie! Herr von Bas⸗ ville, der Intendant von Languedok, ſtrebte ſie in all' ihrer Gehaͤſſigkeit auszufuͤhren. Eine treue Huͤlfe fand er in dem Haupte der Miſ⸗ ſion fuͤr die Cevennen, dem Abt Cayla. Sie fuͤllten Gefaͤngniſſe und Galeeren mit ungluͤck⸗ lichen Proteſtanten. Das kleinſte Vergehen, der geringſte Argwohn war hinlaͤnglich, die Un⸗ ſchuldigen mit hoͤlliſcer Freude zum Galgen und Scheiterhaufen zu verdammen. Die Mehr⸗ zahl erduldete die Qualen mit dem Glaubens⸗ muthe der erſten chriſtlichen Maͤrtyrer, und er⸗ hoͤhten dadurch den Eifer der Fluͤchtlinge, die den Plan zu einem allgemeinen Aufſtande ent⸗ warfen. Guͤnſtig ſchien ihnen der Augenblick, denn alt war der Koͤnig, erſchoͤpft das Reich, 46 ſo an Menſchen, wie am Gelde; im benach⸗ barten England triumphirte die neue Lehre und man durfte von dort maͤchtige Huͤlfe erwarten. Ein unvermuthetes Ereigniß gab das Zei⸗ chen zum Aufſtande. Der Abt von Cayla hatte durch ſeine Spione erfahren, daß zwei edle proteſtantiſche Familien im Begriff ſtanden, Frankreich zu verlaſſen und nach Genf zu fluͤchten. Streng bei Verluſt des Lebens waren zwar jede Ver⸗ ſuche zur Rettung und Flucht verboten; doch hoffte man auf entlegenen Umwegen den Ty⸗ rannen zu entkommen. Ein Fuͤhrer, der ſchon oftmals das Wageſtuͤck gluͤcklich vollfuͤhrt zu ha⸗ ben verſicherte, ward auch von dieſen Fami⸗ lien angenommen. Der Abt aber, von Al⸗ lem unterrichtet, uͤberfiel die Ungluͤcklichen und ſchleppte ſie nach Pont de Montvert,*) wo die Abgeordneten des Intendanten ſie ſchon erwar⸗ teten und ſogleich ihnen den Prozeß zu machen begannen, von dem man, bei der bekannten *) Oer Flecken Montvert liegt in den Cevennen, und hier begann der Aufſtand im Juli 1702. ö 47 Grauſamkeit des Abtes, im Voraus wußte, daß er mit dem Tode der Gefangenen enden wuͤrde. Die Fluͤchtlinge hatten eine allgemeine Verſammlung auf dem Berg Bouges fuͤr den naͤchſten Sonntag am 23ten Juli angeſetzt und hier hielten die drei Prediger Esprit Seguier, Salomon Couder und Abraham Mazel ſolche bewegliche Reden, daß die ganze Verſammlung zu Thraͤnen geruͤhrt ward. Bruͤder,« endete die Ermahnung des Letz⸗ tern,»der Geiſt ſagt zu mir: Mazel, die Zeit der Verfolgung iſt gekommen; die Heiligen ha⸗ ben ihr Blut vergoſſen und meine Kinder blei⸗ ben muͤßig. Vergeſſen ſie, daß ich es bin, der Staͤrke verleiht? David uͤberwand den Rieſen vor dem Alle ſich beugten. Euch ſoll die Kraft des Simſons gegeben werden. Ihr ſollt die Thore Gazas auf die Felſen bringen. Darum erhebt Euch! und ſtreitet, denn den Streitern in meinem Namen ſoll Sieg werden.« Saͤmmtliche Zuhoͤrer ſtimmten dieſem Ge⸗ bote Beifall zu, und man beſchloß am naͤchſten 48 Abend auf dem hoͤchſten Gipfel des Berges Bouges, Alte⸗Fage genannt, zuſammen zu kom⸗ men. Das Gehoͤlz, was damals dieſen Gi⸗ pfel bedeckte, verbarg ſie hinlaͤnglich. Unbemerkt zogen an dieſem Abend gegen 9 Uhr 40 Mann uͤber die zum Flecken Pont de Montvert fuͤhrende Bruͤcke; dann begannen ſie mit lauter Stimme einen Pſalm zu ſingen und geboten, daß Niemand der Einwohner ſich an den Fenſtern zeige. 4 Der Abt, erſchreckt uͤber den Geſang und das Verbot, befahl ſeinen Bedienten ſich zu waff⸗ nen und die Elenden, wie er ſie nannte, in Stuͤcken zu hauen. Kaum aber hatte er dies geſagt, da ward ſeine Hausthuͤr beſtuͤrmt und laut die Freiheit der Gefangenen verlangt. Der Abt befahl, Feuer zu geben; ein Mann ward getoͤdtet und dieſe Beantwortung ihres Verlangens machte die Belagerer wuͤthend. Mit Balken und Beilen ward die Hausthuͤr einge⸗ rannt und eingeſchlagen. Der Abt erkannte zu ſpaͤt das Gefaͤhrliche ſeiner Lage; er lief von einer Kammer in die ————. 49 andre, und verriegelte und befeſtigte, ſo gut als moͤglich, die Thuͤr einer gewoͤlbten Kammer im zweiten Stockwerke, wohin er ſich mit ſei⸗ nen Bedienten gefluͤchtet. Inzwiſchen hatte man die Gefangenen aus dem Gefaͤngniſſe geholt; ihr Anblick, wie ſie von den Qualen der Tortur ſo gaͤnzlich ent⸗ ſtellt und dabei von dem Mangel im Pflege und Nahrung ſo ermattet, daß ſie nicht im Stande zu gehen waren, erhoͤhte die Wuth ih⸗ rer Befreier bis zum Unglaublichen, und um deſto ſichrer den Henker dieſer Ungluͤcklichen, den grauſamen Abt, in ihre Gewalt zu bekommen, bringen ſie alles Brennbare, was ſie finden, in den untern Saal des Hauſes zuſammen, zuͤn⸗ den es an und ſehen mit Freuden Rauch und Flammen durch das ganze Haus ſich verbreiten. Der erſchrockne Geiſtliche weiß keine andre Ret⸗ tung, als ſich an Tuͤchern aus dem in den Gar⸗ ten gehenden Fenſter zu laſſen. Gluͤcklich ge⸗ lang es ihm, das erſte Stockwerk zu erreichen, hier aber verließen ihn die Kraͤfte, er fiel und ward entdeckt. Die Belagerer knebelten ihn Camiſarden. I 4 50 und hielten ihm alle ſeine Grauſamkeiten vor, mit denen er die ungluͤcklichen Proteſtanten ver⸗ folgt hatte. »Es iſt Zeit, daß er buͤßt, und nur eine grauſame Todesart darf ſein beflecktes Leben en⸗ den, denn, wie Du auch gemartert wirſt, Elen⸗ der! es reicht doch nicht an das, was Du ver⸗ dient haſt.« Der Abt bat und flehte auf die niedrigſte Weiſe, ihm das Leben zu ſchenken, und bewies ſo die Wahrheit der Bemerkung, daß Grauſam⸗ keit gegen Andre gewoͤhnlich mit Furchtſamkeit fuͤr ſich ſelbſt verbunden iſt. Nach dieſem Gewaltſtreich der Proteſtanten war an keinen Ruͤckſchritt zu denken, die Wuͤr⸗ fel waren gefallen und keine Wahl blieb den Ungluͤcklichen, ſie mußten die Waffen ergreifen, oder ſich der Gewalt ihrer Henker ergeben. So fluͤchtete denn Alles in die hoͤchſten Gebirge der Cevennen, um ſich zum ſchweren Kampfe zu ruͤſten. Graf Mauléon, der von Allen am hoͤchſten geſchaͤtzte Gutsbeſitzer, hatte ſo eben ſein ge⸗ 51 pluͤndertes, abgebranntes Schloß verlaſſen muͤſ⸗ ſen und war, nur kaum der Verfolgung mit dem Ueberreſt ſeiner Familie entkommen, in den Bergen angelangt, mit dem Vorſatze, von dort aus eine Gelegenheit zu finden, die ihn und die Seinigen nach England bringen koͤnnte. Dieſer Vorfall aber beſtimmte ihn, zu bleiben und ſeinen Glaubensbruͤdern beizuſtehen. Sein Beiſpiel bewog mehrere Edelleute zu eben dem Entſchluſſe. Graf Hugo ſah ſich voll Muth und Hoff⸗ nung als Anfuͤhrer einer Menge tapferer Maͤn⸗ ner; er wagte, den kuͤhnen Plan zu faſſen, die ganze Provinz Languedok zu erobern und dann den Koͤnig zu einem ehrenvollen Frieden zu zwingen, deſſen Hauptbedingung freie Ausuͤbung der proteſtantiſchen Religion und ihres Gottes⸗ dienſtes ſeyn ſollte. Im Beginnen dieſes traurigen Krieges traf den Grafen das Ungluͤck, ſeine beiden hoff⸗ nungsvollen Enkel, die Bruͤder Eliſabeths, zu verlieren. Sie waren die letzten maͤnnlichen Mitglieder ſeiner Familie. Der Kummer, die 4* 52 ungewohnten Anſtrengungen eines beiſpielloſen Feldzuges erdruͤckten den Greis; ein ſchweres Krankenlager verhinderte ihn, thaͤtigen Antheil an den Gefechten ſeiner Armee zu nehmen, und dieſe Entfernung gab dem ganzen Unterneh⸗ men eine andere Wendung. Zwei Anfuͤhrer be⸗ maͤchtigten ſich des Oberbefehls; David Cava⸗ lier und Roland de la Porte. Der Erſte, jung und tapfer, hatte die Eigenſchaften, die den Feldherrn bezeichnen, Gegenwart des Geiſtes und Kaltbluͤtigkeit in Gefahren. Gleich tapfer und etwas aͤlter war der Zweite; doch ſcha⸗ dete ihm der ſinſtere Fanatismus, der ihn be⸗ herrſchte. Unter dieſen beiden Anfuͤhrern ſtanden die andern vom zweiten Range, und diejenigen, welche mit Beredſamkeit und lebhafter Einbil⸗ dung begabt waren, ſtempelten ſich zu Praͤdi⸗ canten und Propheten. Nicht mindern Einfluß uͤbten auch hier, wie uͤberall in Frankreich, die Frauen; ſie folgten ihren Truppen auf das Schlachtfeld und verpflegten die Verwundeten. Mehrere von ihnen behaupteten, goͤttliche Ein 53 gebungen zu haben, denen die Anfuͤhrer oft⸗ mals Folge leiſteten. Beim Beginn dieſer Geſchichte hatte man ſich 18 Monate an verſchiedenen Punkten mit abwechſelndem Gluͤcke geſchlagen. Jeder Tag war mit Hinrichtung von Proteſtanten und ih— rer blutigen Vergeltung bezeichnet. Das Volk hatte jenen den Namen Camiſarden gegeben, welches Leute bezeichnete, die naͤchtliche unver⸗ muthete Angriffe thun. 4 6. In Folge dieſer Erklaͤrung faͤhrt die Erzaͤh⸗ lung fort. Nach langer Bewußtloſigkeit fand ſich Eli⸗ ſabeth, als ſie zuerſt wieder zur Beſinnung kam, in dem Zuſtande einer Traͤumenden, und die Begebenheiten der vergangenen Tage ſchweb⸗ ten wie Schattenbilder vor ihren Blicken. Sie ſchloß ihre Augen, gleichſam um ſich das Ver— gangene ungeſtoͤrt zu erinnern, und nachdem eine ziemliche Weile ſo verfloſſen und ſie ſich alles Traurige und Aengſtigende ihres Geſchicks uͤberdachte, da richtete ſie ſich ſchnell auf, oͤff⸗ nete die halb zugezogenen Gardinen ihres Bet⸗ tes und ſah ſich in einem eleganten Zimmer mit blau ſeidenen Tapeten und einem ſchoͤnen Kamine, mit Porzelain ausgeſchmuckt; in eini⸗ . ger Entfernung von ihrem Lager ſaßen zwei Frauen, die, abgewandt von ihr, ſich leiſe un⸗ terhielten. Nach einigen Minuten ward der Teppich, welcher die Thuͤre verbarg, aufgehoben, eine wunderſchoͤne, geſchmackvoll gekleidete Dame trat herein und ging leiſe zu den Frauen, ih⸗ nen einige Worte zufluͤſternd. Eliſabeth ge⸗ wann dadurch Zeit, ſie genau zu betrachten; ein ſchwarzes Atlaskleid, ein großer, weißer Hals⸗ tuch und ein Perlenhalsband machten ihren gan⸗ zen Putz, ihr ſchoͤnes blondes Haar umfloß in großen Locken ihr Geſicht. Jede ihrer Bewe⸗ gung war Grazie, aber jene natuͤrliche Gra⸗ zie, die ihren Reiz zwiefach erhoͤht. Eliſabeth machte eine Bewegung und oͤffnete ihre Gardi⸗ nen, zwar leiſe, doch nicht unbemerkt, und die junge Dame mit ihren Dienerinnen naͤherten ſich ihr ſchnell. „»Wo bin ich, gnaͤdige Frau? wem verdanke ich die großmuͤthige Guͤte, mit der man ſich meiner annimmt. Ein großes Ungluͤck hat mich hieher gebracht; bin ich hier als Gefangene?« 56 Thraͤnen ſtuͤrzten bei dieſen Worten uͤber ihre Wangen, ſo ſichtbar ſie auch kaͤmpfte, ſie zu⸗ ruͤck zu halten. „»Seyn Sie nicht ungerechter Weiſe ſo uͤber⸗ maͤßig traurig, mein Fraͤulein, gewiß Sie ſind hier beſſer aufgehoben, als bei den elenden Re⸗ bellen, mit denen Sie lebten. Man wuͤnſcht Sie mit Guͤte behandeln zu koͤnnen, und es aͤngt nur von Ihnen ab, Ihr Vermoͤgen, Ih⸗ g h ren Stand und Ihren Namen wieder zu be⸗ kommen.« Eliſabeth ſuchte ſich zu faſſen und erwie⸗ derte dann feſt, jedoch ſanft:»meinen Namen, gnaͤdige Frau, kann Niemand mir nehmen und meinen Stand eben ſo wenig; das Vermoͤgen aber, welches man mir geraubt, betruͤbt mich nicht. Doch wollten Sie nicht die Guͤte ha⸗ ben und meine Fragen beantworten? wer ſind Sie, gnaͤdige Frau? und bei wem bin ich?« Die Gefragte laͤchelte und ſagte: dich ſcheute mich, Sie zu erſchrecken— doch einmal muͤſſen Sie es ja doch erfahren; ich bin die Wittwe der Grafen Brasci und Sie ſind zu —y yä 3 — — 57 Nimes im Hauſe des Intendanten, der mein Vater iſt.« „»Herr von Basville!« rief Eliſabeth ent⸗ ſetzt, und unfaͤhig, dieſen Schreck bei ihrer Schwaͤche zu ertragen, ſank ſie empfindungslos auf ihr Lager zuruͤck. Frau von Brasci entfernte ſich und uͤber⸗ ließ das arme Maͤdchen der Sorgfalt ihrer Waͤr⸗ terinnen; ihr Bewußtſeyn kehrte zuruͤck, und eine Fluth milder Zaͤhren erleichterte zwar ihre Bruſt, doch folgte ein heftiges Fieber, das ſie mehrere Tage im Bette zu bleiben zwang. Nachdem ſie ſich etwas erholt, kam Frau von Brasci eines Morgens zu ihr in's Zimmer und hieß ihren Dienerinnen den großen Korb mit Kleidungsſtuͤcken, den ſie trugen, vor das Fraͤulein hinzuſtellen. »Wohlan, meine Liebe, Sie muͤſſen die Krankenkleider ablegen und ſich ſchmuͤcken, denn mein Vater erwartet Sie heute zu Tiſche.« Eliſabeth beſah die Kleider, und indem ſie ein ganz unten liegendes ſchwarzes ſeidenes Kleid herausnahm, verbeugte ſie fich tief gegen — ͦ———— ———————:——— ——————— 58 — Frau von Brasci und ſagte mit dem ihr eignen holden Weſen:»Sie ſind zu guͤtig, meine gnaͤ⸗ dige Frau! erlauben Sie aber, daß ich nur dieſes Kleid waͤhle, denn der Tod meines Groß⸗ vaters verbietet mir jede andre Farbe, als ſchwarz.« »Wie ſie wollen,« erwiederte Frau von Brasci kalt, und als Eliſabeth angekleidet war und die Glocke die Mittagszeit verkuͤndete, da fuͤhrte ſie das zitternde Maͤdchen durch mehrere praͤchtige Zimmer, durch eine mit Gemaͤlde be⸗ ſetzte Gallerie in das Kabinet des Intendanten; Frau von Brasci klopfte leicht an die Thuͤre und trat vor, von Eliſabeth gefolgt. Sie trafen Herrn von Basville vor einem großen Schreibeſchranke von Nußbaum; ver⸗ ſtohlen ſah Eliſabeth nach ihm hin und fand einen etwa ſechszigjaͤhrigen Mann, deſſen re⸗ gelmaͤßige aber finſtere und harte Phyſiognomie ganz ſeinem Charakter entſprach. Neben ihm ſtand ein ſchoͤner, junger Mann und blaͤtterte in den auf dem Buͤreau liegenden Papieren. Seine Aehnlichkeit mit Frau von Brasci war ———., 59 ſo auffallend, daß man augenblicklich ſah, es waren Geſchwiſter. M Beim Eintritt der Damen ſtand der Inten⸗ dant auf und winkte ihnen, ſich auf zwei Lehn⸗ ſtuͤhle zu ſetzen, die man ſeinem Sitze gegen⸗ uͤber geſtellt hatte.»Mein Fraͤulein,« ſagte er: das Erſcheinen vor Gericht, die oͤffentli⸗ chen Verhoͤre, die Ihre Verhaͤltniſſe eigentlich verlangen, ſind, wie ich glaube, ſo beaͤngſti⸗ gend fuͤr eine Dame, daß ich Sie davon zu be⸗ freien wuͤnſche, und da ich faſt Alles weiß, was Sie betrifft, ſo bedarf es nur noch weni⸗ ger Fragen. Sr. Majeſtaͤt will nur Gnade fuͤr Sie hegen. Indeß Sr. Majeſtaͤt, in Ih⸗ rer hohen Weisheit, wollen nur katholiſche Un⸗ terthanen haben; Sie haben ſich den Rebellen zugeſellt und dadurch Ihr Leben verwirkt. Den⸗ noch wollen Sr. Majeſtaͤt Ihnen verzeihen und machen nur die einzige Bedingung, daß Sie in den Schooß der allein wahren, allein felig machenden Kirche zuruͤckkehren.« Eliſabeth war waͤhrend dieſer Anrede tod⸗ tenblaß geworden, doch faßte ſie ſich und er⸗ ————-—— ———õͤ ————— 60 wiederte:»Verzeihung, Herr Intendant, be⸗ darf ich nicht, denn ich habe kein Verbrechen begangen; ich bitte nur, mir zu vergoͤnnen, ein Land zu verlaſſen, in dem ich Alle, die mir theuer waren, verloren habe. Den Wuͤnſchen Sr. Majeſtaͤt leiſte ich ſo am Beſten Folge, denn Verbannung iſt ehrenvoller, als abtruͤn⸗ nig zu werden.« „Das wird ſich finden,« ſagte Herr von Basville mit bitterm und hoͤhniſchem Laͤcheln — dann wandte er ſich zu ſeiner Tochter:»Frau Graͤfin, Ihnen uͤbergebe ich das Fraͤulein und zwar zur genauern Aufſicht.« Flehend erhob Eliſabeth die Haͤnde und ſagte:»darf ich Eine Frage thun? Eine Bitte wagen? Der alte, treue Diener, der mit mir gefangen ward, wo iſt Er und wie ergeht es ihm?«— Der Intendant wunderte ſich, daß Eliſa⸗ beth den Muth hatte, ihm Fragen vorzulegen, er war beinah verlegen und antwortete nach ei⸗ nigem Beſinnen:»ich weiß nicht, ob es Ihr Diener iſt, aber ein alter Mann iſt mit Ihnen 61 wirklich zugleich gefangen und Ihr Entſchluß wird auch ſein Schickſal beſtimmen. Der Koͤ⸗ nig wuͤnſcht, daß eine angeſehene Perſon durch ihren Uebertritt ein fruchtbringendes Beiſpiel gebe, und wenn das geſchieht, ſo kann mehr als ein Schuldiger begnadigt werden. Eliſabeth ſtand auf, ſie entfernte ſich zit⸗ ternd und fuͤhlte Todesangſt, jedoch mehr noch fuͤr ihren treuen Beſchuͤtzer, als fuͤr ſich ſelbſt. Auch Frau von Brasci ſtand auf und ging mit ihrem Bruder in ihre Zimmer. »Nun wohl, Albert, iſt Dein Enthuſias⸗ mus noch um nichts kleiner geworden? ſcheint ſie Dir noch immer ſo wunderbar ſchoͤn?« »Eben ſo, mein Schweſterchen, auch ohne daß der ſcheußliche Poul ihr als Folie zur Seite ſteht, und auch am hellen Tage iſt ſie ſo ſchoͤn, als bei Fackelnſchein.« „Aber das Romantiſche der naͤchtlichen Scene fehlte doch jetzt?« »Erinnere mich nicht daran, Louiſe! ich moͤchte von Sinnen kommen, wenn ich mir vorſtelle, daß der verhaßte Poul ſie in ſeinen — ñ—.. — — —*—õ—— ———-õõ⅞;õ—üõü— ðͤz28—ͤ 62 Armen hielt und nicht einmal glaubte, daß ſie noch lebe.— »Eine ſolche Kleinigkeit macht Dich wuͤ⸗ thend!« lachte Frau von Brasci achſelzuckend ihrem Bruder zu.— »Eine Kleinigkeit!« rief Dieſer: veine Klei⸗ nigkeit? Funfzig Louisd'or haͤtte ich gegeben, ſie nur eine Minute ſo zu halten.«— »Bruder, Du biſt ein Narr! Kannſt Du Vernunft annehmen, ſo ſetze Dich und hoͤre mir zu: Der alte Graf hat ſein unermeßliches Vermoͤgen faſt ganz in Sicherheit gebracht; die Kleine iſt ſeine einzige Erbin und alſo ſehr reich. Sobald ſie katholiſch geworden, kannſt Du ſie heirathen. Ein ſolcher Schatz darf nicht aus unſern Haͤnden, da wir ihn einmal darin halten. Die einzige Schwierigkeit iſt, daß wir ſie in die Meſſe bringen, und wenn ſie nicht gutwillig geht, ſo muͤſſen wir ſie zwingen. Dieſe Bekehrung wird große Wirkung thun; ihr Ruhm wird bis nach Paris erſchallen, und waͤhrend der Vortheil Dein Theil iſt, begnuͤge ich mich mit der Ehre.« 63 „»Ach!« rief der Ritter:»wie ſchlau haſt Du berechnet! ein ſolches verdienſtliches Werk macht alle kleine Abentheuer vergeſſen, nicht wahr?« „Ritter,« unterbrach ihn die Graͤfin mit Heftigkeit:»ich bin heute weniger, als jemals aufgelegt, Ihre einfaͤltigen Spaͤße zu leiden.« „Nun, Schweſſeer, ſei nicht boͤſe! ich wollte bloß ſagen, daß dieſe Bekehrung Dir die Gunſt der alten Dame wieder zubringen wuͤrde. Laͤugne nur nicht, Louiſe, ich weiß doch, Du moͤchteſt die zierlichen Fuͤßchen allzugern noch⸗ mals auf den glatten Fußboden des Hofes be⸗ wegen, und ohne Stitze laͤßt ſich das nicht thun. Schade, daß der Marſchall verheirathet iſt, ein Marſchallsſtab waͤre eine gute Stuͤtze zum Gehen.— Frau von Brasci laͤchelte veraͤchtlich und ſagte:»Herr Bruder, ein Tabouret zum Si⸗ tzen*) iſt mir lieber, als ein Stab zum Ge⸗ hen.« *) Am franzoͤſiſchen Hofe bei der Koͤnigin mußten alle Damen ſtehen, nur die Herzoginnen erhielten ein „»Das heiß ich edlen Ehrgeiz,« ſagte der Ritter:»doch, das iſt mir nichts Neues, der liebe, ſelige Herr hat Dich gut unterrichtet. Wie wuͤrde er ſich noch in jener Welt freuen, wenn er ſein Louischen als Herzogin erblicken koͤnnte.«— „Das mag er thun oder laſſen, die Gedan⸗ ken jener Welt kuͤmmern mich wenig, wenn es nur in Dieſer ſo geht, wie es ſoll.« »Das ſage ich mit, und wuͤnſche uns Bei⸗ den Gluͤck zu unſern Plaͤnen. Nun aber laß uns von Fraͤulein Mauleon reden, ich daͤchte, wir ſchickten Pater Gabriel zu ihr, er iſt ein⸗ ſchmeichelnd und liſtig wie Satan ſelbſt. Laß ihn doch rufen, liebe Schweſter! Pionne, Du getreue Pionne, Du Schatten der kuͤnftigen Herzogin, verſuche es, mir zur Liebe, einen Augenblick das Zimmer Deiner Gebieterin zu verlaſſen und uns den Pater her zu ſchicken.« Sie erhob ſich und ging, der Ritter aber frug ſeine Schweſter, wie es ihr moͤglich ſei und Tabouret zum Sitzen, L' honneur du Tabouret. Darauf geht die Anſpielung. 65 weshalb ſie die alte Perſon ſo unaufhoͤrlich in ihrer Naͤhe habe, ſo am Tage, wie bei Nachte.— „ͤch, halb aus Gewohnheit, und halb auch aus Zuneigung. Ueberdies iſt Pionne mir ſo ergeben, daß ich ihr mein groͤßtes Geheim⸗ niß, eben ſo ſicher, als dort der Buͤſte des Koͤ⸗ nigs anvertrauen kann.« Leiſen Schrittes trat der Pater Gabriel, dem Pionne folgte, in's Zimmer. Er war Je⸗ ſuit, etwa 30 Jahr, mittler Groͤße und hatte ein ſehr huͤbſches Geſicht, deſſen dunkelblaue Augen ein Feuer und einen Muth ausſprachen, das der Eigenthuͤmer nur durch Niederſchlagen des Blickes verbergen konnte. Seine bluͤhende Geſichtsfarbe ward durch das ſchwarze Ordens⸗ kleid noch vortheilhafter in's Licht geſtellt. Ehrerbietig ſetzte er ſich auf ein Tabouret der Graͤfin gegenuͤber, waͤhrend Pionne ihre ge⸗ woͤhnliche Stelle hinter dem Seſſel ihrer Dame einnahm. Wir uͤbergehen die Unterredung und bemerken nur, daß Frau von Brasci alle Huͤlfs⸗ mittel ihres raͤnkevollen Charakters, ſo wie deſ⸗ Camiſarden. I. 5 66 ſen graͤnzenloſen Ehrgeiz ſo voͤllig ausſprach, daß man leicht einſehen konnte, wie kein Hin⸗ derniß ſie in ihren Plaͤnen zuruͤck zu halten ver⸗⸗ mogte. I r r 7. Es war Mittag und alle Straßen von Ni⸗ mes, ſo wie der Hof der Intendantur waren mit Menſchen angefuͤllt, die aber ernſt und ſchweigend weder Beifall noch Tadel zu aͤußern wagten; doch ſah man einige Maͤnner hin⸗ und hergehen, die die Menge in Wuth zu ſe⸗ tzen bemuͤht waren. „»Sie kommen« ſchrien ſie:»die Moͤrder, die Spitzbuben, die Camiſarden! haͤngt ſie! raͤdert ſie!« Jetzt kam ein ſtarkes Commando der koͤniglichen Dragoner und in der Mitte gin⸗ gen vier Gefangene, denen dieſe Verwuͤnſchun⸗ gen galten. Drei von ihnen waren Soldaten, und ihre blutige, zerriſſene Kleidung bewies, wie muthig und wie lange ihre Gegenwehr ge⸗ weſen war; der vierte war ein junger Officier, 5* 68 deſſen ruhiges Benehmen, ſo wie der ſtolze Blick, den er auf den Poͤbel warf, ihre allge⸗ meine Theilnahme gewann. Das Volk draͤngte ſich naͤher, allein die Soldaten ſtießen es mit Kolbenſtoͤßen zuruͤck, und ſie kamen allein mit den Gefangenen in den innern Hof. Im großen Saale der Intendantur war das Tribunal errichtet. Am aͤußerſten Ende war der erhoͤhte mit einem Teppich bedeckte Sitz des Herrn von Basville, neben ihm vier Richter im rothen Gewande; Militair und Adel fuͤllte den uͤbrigen Theil des Saals, deſſen Waͤnde mit Lilien geſchmuͤckt waren. Unter ſtarker Bewachung ſetzten ſich die Soldaten auf die Bank, welche fuͤr die Ange⸗ klagten an der Thuͤr angebracht war, der Offi cier aber trat vor die Richter. Wie heißen Sie?« frug Basville. „Daniel nennen mich meine Bruͤder,« er⸗ wiederte der junge Mann, indem er ſeine ge⸗ feſſelten Haͤnde auf die, wie es ſchien, ſchmer⸗ zende und verwundete Bruſt legte. 3 —* 69 Das heißt, Daniel iſt Ihr Parthei⸗Name, allein nicht nach dieſem, ſondern nach dem Ih⸗ rer Familie frug ich. Wie iſt Dieſer?« Den will ich verſchweigen, obſchon er hier nicht fremd iſt; wie viel Stirnen muͤßten erroͤ⸗ then, wenn ſie ihn ausſprechen hoͤrten,« ſagte er, indem ſein Blick auf der Verſammlung ruhte. So ſchwach auch die Stimme wegen der verletzten Bruſt war, ſo hatte man dennoch Alles verſtanden und ein aͤngſtliches Gemurmel lief durch den Saal; man ſchien weitre Fragen zu ſcheuen. »Meine Herren, das Verhoͤr wird a huis- dos(bei verſchloſſenen Thuͤren) gehalten.« Augenblicklich verließ Alles, ſelbſt die Wache des Gefangenen, den Saal und er ſtand ganz allein vor den Richtern. „»Nennen Sie jetzt den Namen Ihrer Fa⸗ milie,« ſagte Herr von Basville. »Mein Vater verließ das Land, als das Edict von Nantes widerrufen ward, und ſtarb in der Verbannung. Unſre Bruͤder in Deutſch⸗ land nahmen mich auf und vollendeten meine — 70 Erziehung. In England fuͤhrte ich zuerſt die Waffen, und kam hieher zu meinen Bruͤdern, ihnen in ihrer Noth beizuſtehen. Weiter habe ich nichts zu bekennen, und der Name meiner Anverwandten wuͤrde Ihnen nichts weiter ſa⸗ gen, wollt' ich auch ihn nennen.« Doch werden Sie es muͤſſen.« „Nein, ich ſage kein Wort weiter.« „Nun, mein Herr, da Sie uns dieſe kleine Gefaͤlligkeit nicht gutwillig gewaͤhren wollen, ſo werden wir andre Mittel dazu anwenden,« ſagte Herr von Basville, mit dem ihm eignen bittern Laͤcheln:»wir haben einen Mann, der ſehr gut verſteht, den Stummen die Zunge zu loͤſen, und ſeiner Geſchicklichkeit werde ich Sie zur gehoͤrigen Zeit anvertrauen.« Eine kleine Pauſe folgte; dann fuhr er mit dem ihm ebenfalls eignen kurzen, beſtimmten Tone fort: mein Herr, Ihr Benehmen und Ihre Sprache zeigen, daß Sie einer beſſern Laufbahn, als Ihre bisherige, verdienen; Ihre Lage iſt gefaͤhr⸗ lich, aber Sie koͤnnen gerettet werden; es haͤngt von Ihnen ab, indem Sie uns die Plaͤne der — 71 Rebellen mittheilen; helfen Sie uns, ſie zu unterdruͤcken; reden Sie frei, und Sie werden ſehen, welcher Lohn Sie erwartet: auf der einen Seite Leben, Freiheit und ehrenvolle, ſelbſt hohe Anſtellung im Heere unſers Monarchen; auf der andern Seite der Tod— ſchneller und ſchrecklicher Tod. Mir daͤucht, es waͤre thoͤricht, wenn Sie ſich nicht gleich entſchieden.« Das Haupt des Officiers war waͤhrend die⸗ ſer Anrede auf die Bruſt geſunken, ſeine gefal⸗ tete Stirn druͤckte Ungeduld und Verachtung aus; jetzt erhob er ſich und ſagte langſam aber feſt:»Ja! auf der einen Seite die Schande des Verraths, des Abtruͤnnigen, die Gewiſſensbiſſe, daß ich die Sache des heiligen Glaubens ver⸗ laſſen, und die Reue, die Gluͤckſeligkeit der Ewigkeit einigen Tagen laͤngern Lebens aufge⸗ opfert zu haben, auf der andern Seite der Tod — wie koͤnnte ich zaudern!« Elender Fanatiker!« murmelte Basville vor ſich hin.. Meine Herren,« begann der Juͤngling: denden Sie dies quaͤlende Verhoͤr; richten Sie 72 mich nach dem, was ich ſagte, denn ich werde nichts mehr hinzufuͤgen.« Mit gekreuzten Armen blieb er von da an in unbeweglicher Stellung. „Meine Herren,« ſagte Herr von Basville zu den Richtern: djene drei Schufte beſonders zu fragen, ſcheint mir uͤberfluͤſſig; ſie ſind, nach heftigem Widerſtande, mit den Waffen in der Hand, gefangen. Baſſard hat ſich ſchon ge— ſtern vergeblich bemuͤht, etwas von ihnen her⸗ aus zu bringen. Es iſt Galgenfutter, wir koͤn⸗ nen ſie ohne Sorge eines Mißgriffes abfertigen.« Die Richter ſtanden auf, ſie wechſelten ei⸗ nige Worte mit Herrn von Basville, dann nahm Dieſer wieder ſeinen oberſten Sitz ein, klingelte und ſagte ſeinem Secretair das Urtheil zu. Waͤhrend deſſen ſtuͤrzte das Volk in den Saal und draͤngte ſich mit den drei Gefangenen vor den Gerichtstiſch. Der Secretair vertrat die Stelle des Ge⸗ richtsdieners und gebot Stille, darauf las der Intendant das Todesurtheil der bei St. Martin gefangenen vier Camiſarden vor. Weiter wur⸗ 73 den ſie nicht bezeichnet. Die drei Soldaten brachen bei Anhoͤrung ihres Urtheils in Ver⸗ wuͤnſchungen gegen die Richter aus, waͤhrend der Officier in vollkommener Ruhe blieb. Nur etwas blaͤſſer ward die edle Stirn, dann hob er das ſeelenvolle Auge gen Himmel und ſagte: vich war ja bereit! Fort, Camera⸗ den!« mit dieſen Worten folgte er ſeinen Ge⸗ faͤhrten. Kutz vor Mitternacht legte Herr von Basville die Feder nieder, ordnete die Papiere und frug mit verſtaͤrkter Stimme nach dem Pater Ga⸗ briel, welcher ſogleich in das Zimmer trat. Der Intendant nahm einen kleinen Schluͤſ⸗ ſel aus einem Fache des Schreibtiſches und ging mit dem Jeſuiten in einen Saal des Erdgeſchoſ⸗ ſes; hier oͤffnete er eine Thuͤr, die zu einer ſehr ſchmalen und ſteilen Treppe fuͤhrte. „»Seyn Sie ja vorſichtig, mein Vater,« ſagte Herr von Basville, indem er ihm das Licht gab und ſogleich die Thuͤr wieder verſchloß. Sie ſtiegen 25 Stufen hinab, gingen dann durch einen unterirdiſchen Gang und kamen an eine ſchwere, mit Eiſen beſchlagene Thuͤr, an die der Intendant leiſe klopfte, worauf ſie au⸗ —,— — 75 genblicklich geoͤffnet ward, und ihnen den Ein⸗ gang in ein finſteres Gewoͤlbe verſtattete, das nur ſchwach von einer an der Wand befeſtigten Laterne erhellt ward. „»Wohin befehlen Ew. Gnaden zu gehen?4 frug ein dicker Mann, der ein großes Bund Schluͤſſel in der einen Hand hielt, waͤhrend die andere eine ſchmutzige Muͤtze von den ſchmierigen Haaren zog:»wohin ſoll ich Ew. Gnaden fuͤh⸗ ren,« wiederholte er unter kriechenden Verbeu⸗ gungen.— „»Zu den Veruntheilten! wo ſt Robert und der ſchoͤne Franz?4 31 »Sie erwarten Ew. Exellenz Veſehle und ſind im großen Saale.« „»Gut; ſie ſollen mit uns koumen. In welchem Gefaͤngniſſe ſind die Verurtheilten?« »Wir muͤſſen noch ein Bischen herunter ſteigen, gnaͤdiger Herr, ich habe ſie in das un⸗ terirdiſche Loch zur Abkuͤhlung gebracht.« Mit dieſen Worten oͤffnete der Kerkermeiſter ein eiſer⸗ nes Gitter, wo eine ſpiralfoͤrmig gewundene Treppe in eine Art von Brunnen hinabging, 76 am Ende war ein kleiner Abſatz, dann kamen wieder vier Stufen und endlich noch eine Thuͤr, die das Gefaͤngniß verſchloß. „Hoͤren Ew. Gnaden½ ſagte der Gefang⸗ nen Aufſeher, eh' er oͤffnete. Ein dunkles Gemurmel drang durch die Thuͤre, darauf hoͤrte man eine einzelne Stimme eine Strophe aus dem 94ſten Pſalm ſingen, und zwar die, welche heißt: Gott! deß die Rache iſt, erſcheine. Erhebe Dich, Du Rich⸗* ter der Welt, vergilt den Hoffaͤrtigen, wie ſie es verdienen. Herr, wie lange ſollen die Gott⸗ loſen ſich ruͤhmen? Und ſo trotziglich reden und ſo lange prahlen—. Hier fielen die andern Stimmen chorartig ein.— „»Oeffnet,« rief Herr von Basville:»ich will das Geplaͤrr' enden.« Der Kerkermeiſter„ trat zuerſt hinein und erleuchtete den ſchrecklichen Aufenthalt mit ſeiner Laterne; die vier Gefan⸗ genen ſaßen auf Steinen mit Haͤnden und Fuͤ⸗ ßen an die Mauer gekettet. Der Intendant beſah ſie genau, um ſein Schlachtopfer zu er⸗ kennen. 77 „Laßt den Bruder Daniel vorkommen.« Mit Muͤhe erhob ſich der junge Mann, nachdem der Kerkermeiſter das Schloß geoͤffnet, mit dem der Ungluͤckliche an die Mauer gekettet war.— „»Marſch!e rief er dann, indem er ihn fort⸗ ſtieß, waͤhrend Sauvalet(denn er war es) aus Schwaͤche ohnmaͤchtig zu Boden ſank. „Ew. Gnaden, wenn er in den Saal ge⸗ bracht werden ſoll, ſo ſtirbt er bei dem erſten Verſuch der Folter.« »Bringt ihn herauf; gebt ihm Wein, wenn ich Euch die Nahrung fuͤr ſie bezahle, ſo ver⸗ lange ich auch, daß ſie lebend zum Richtplatze kommen.« »Ew. Gnaden haben ſelbſt befohlen, daß ich ihnen das letzte Mahl vorenthalten ſollte, denn wenn ſie zu kraͤftig ſind, ſo wollen ſie zu laut beten. Moſes Daire ſang ja uͤber zwei Stunden Pſalme vom Rade herab. Ja ich glaube, er ſaͤnge noch, wenn Wilhelm ihm nicht die Kehle abgeſchnitten haͤtte.« 78 „»Genug; fuͤr die Zukunft halbe Portion.« Man trug den Bruder Daniel hinauf in den Saal, durch welchen der Intendant ge⸗ kommen war, ehe er die Treppe hinabſtieg; nach einigen Momenten kam der Ohnmaͤchtige zu ſich, blickte um ſich und ſchien die veraͤnderte Umgebung mit Erſtaunen zu bemerken; dann ſank ihm das Haupt auf die Bruſt und er blieb unbeweglich. Auf ein Zeichen des Intendanten entfernten ſich Alle und er blieb mit dem Geiſt⸗ lichen allein bei dem Gefangenen. Darauf wandte ſich Herr von Basville zu ihm und ſagte:— »In Ihrer Lage, mein Herr, kann man in kurzer Zeit viel uͤberlegen und es waͤre nicht zu bewundern, wenn Sie Ihre Entſchluͤſſe ſeit heute Morgen geaͤndert haͤtten; noch iſt es Zeit, noch ſteht die Gnade des Monarchen Ihnen of⸗ fen; Sie ſind zwar am Rande des Schaffots, aber Sie haben es noch nicht beſtiegen. Be⸗ nutzen Sie den Augenblick, der Ihnen bleibt; erinnern Sie ſich meiner Verſprechungen; wenn ſchon das Urtheil geſprochen iſt, ſo kann es 79 doch noch zuruͤckgenommen werden. Ein Wort kann Sie retten, und ich frage Sie nochmals, ob Sie es nicht ausſprechen wollen?« „»Mein Mund winrd ſich nur noch zu einer letzten Bitte oͤffnen, fragen Sie mich nichts wei⸗ ter, ich gehoͤre dieſer Welt nicht mehr.« »Mein Bruder,« ſagte der Pater:»Ihr Leben hat kaum begonnen; es koͤnnte gluͤcklich und glaͤnzend ſeyn, denn nur Ihre Hartnaͤckig⸗ keit endet es auf eine ſo ſchreckliche Weiſe. Ihre Anhaͤnglichkeit an die ſchimpfliche Sache der Re⸗ bellen macht Sie ungluͤcklich; oͤffnen Sie die Augen, verwerfen Sie nicht die einzige Ret⸗ tung, die Ihnen bleibt. Aus Mitleid gegen ſich ſelbſt, treten Sie zu unſerer Kirche uͤber und das Leben iſt Ihnen geſchenkt.« Der Angere⸗ dete blieb ſtumm und unbeweglich. „Robert!« rief der Intendant, als das Ge⸗ folge wieder in den Saal trat:„iſt Alles be⸗ reit?« Die Henker mit aufgeſchuͤrzten Hemdaͤrmel und Tuͤcher um den Kopf nahten; Einer oͤff⸗ nete die Thuͤr, welche ein Gemach zeigte, in 80 dem Zangen und andere Werkzeuge der Folter — ſich befanden. 3 »Ew. Gnaden,« ſagte der Kerkermeiſter zum Herrn von Basville:»ſeine Wunde iſt noch offen, wenn Sie ihm nur eine Fingerſpitze kneifen laſſen, ſo fehlt er beſtimmt bei der mor⸗ genden Hinrichtung.« „»Schurkel ſag lieber, es macht Dir zu viel Muͤhe, wenn er auf der Tortur ſtirbt, und Du willſt gern zu Bette.« Doch, als er ſah, wie blaß und ſchwach der Leidende war, drehte er ihm ploͤtzlich den Ruͤcken. „»Kommen Sie, Vater Gabriel! und Ihr Robert haltet Alles auf morgen Mittag bereit. Drei Galgen und ein Scheiterhaufen; den Platz werde ich noch naͤher beſtimmen.« Um dieſe Mittagszeit ließ Frau von Brasci ihre ſchoͤnen blonden Haare von ihrer getreuen Pionne in Locken legen, waͤhrend Eliſabeth, in traurigen Gedanken vertieft, am Kamin lehnte, die Augen auf das ſtolz und finſter ausſehende Bild des Koͤnigs geheftet, deſſen drohende Miene ihr auf ſie gerichtet ſchien. „»Welch' ein Laͤrm!« rief Frau von Brasci, und entlief mit halb fertigem Kopfputze der al⸗ ten Dienerin, die ſie vergeblich zuruͤck zu hal⸗ ten verſuchte. Unwillkuͤhrlich und in Gedan⸗ ken verſunken folgte ihr Eliſabeth auf den Bal⸗ con; die Menge von Menſchen machte ſie auf⸗ merkſam, ſie ſah die Soldaten— die Gefan⸗ genen, und mit dem lauten Ausruf:»Gott! es iſt Sauvalet— er ſoll gemordet werden!«— ſank ſie zu Boden. Sauvalet ſah auf, eine ſchwache Roͤthe uͤberzog ſein Geſicht—»leb' wohl, Eliſabeth,« ſagte er: meine Pruͤfung iſt voruͤber, aber die Deine beginnt— o Gott, laß ſie ihr nicht erliegen! Eliſabeth— noch einmal, lebe wohl!« 1 Das Volk ward durch dieſe Worte ſichtlich geruͤhrt, und man hoͤrte Mitleid und Abſcheu ſich aͤußern, doch nur einige Minuten, und die Furcht ließ Alle verſtummen. Camiſarden. I. 6 82² Langſam ging der Trauerzug; als er den Richtplatz erreichte, nahte ſich Pater Gabriel und ein Dominikaner dem Gefangenen; Erſte⸗ rer ſagte zu Sauvalet: »Ein Wort, mein Bruder; entſagen Sie der Ketzerei, und wir entreißen Sie dem Schei⸗ terhaufen. Gott redet zu Ihnen durch uns; hoͤren Sie auf ſeine Stimme, da ſeine Gnade Sie ruft und Ihnen das Leben verheißt.« Fort! verfuͤhreriſche Geiſter!« rief Sauva⸗ let, indem er ſeine Ketten bewegte: dverlaßt mich, entfernt Euch!« Angluͤcklicher Ketzer! ſchwoͤrt ab! noch ein⸗ mal ſchenkt Euch der große Sdenis Gnade und Leben.« „Fort Satan! mein glorreicher Tod iſt beſ⸗ ſer, als das entehrte Leben, das Du mir an⸗ bieteſt!« Da verließen die Geiſtlichen ihn und er ward an die ſchreckliche Saͤule befeſtigt. Die Flammen umgaben ihn, doch noch eine Weile hoͤrte man ihn beten:»Herr, wie lange ſoll der 83 Ungerechte ſich ruͤhmen? wie lange duldeſt Du, daß des Unſchuldigen Blut vergoſſen wird? Sein Blut ſchreit um Rache zu Dir; laß Dei⸗ nen alten Zorn erwachen und neige Deine Barmherzigkeit gegen uns.« 9. Baß wie der Tod und ſtarr von Schrecken trugen die Dienerinnen, auf den Befehl der Frau von Brasci, die arme Eliſabeth zuruͤck. und ſetzten ſie in einen Lehnſtuhl. Bittere Thraͤnen uͤberſtroͤmten ihr Geſicht, das ſie mit den Haͤnden bedeckte. »Man muß ſie weinen laſſen,« ſagte Frau von Brasci, indem ſie ſich ruhig an ihren Putz⸗ tiſch ſetzte: ves war unbeſonnen, daß ich ſie zu⸗ ſehen ließ— Pionne, Du mußt meine Locken wieder zurecht legen, der Wind hat ſie in Un⸗ ordnung gebracht. Gieb mir aber erſt den drit: ten Theil vom Cyrus.« 4 8 Es ward leiſe an die Thuͤr geklopft. „Herein, Albert,« rief Frau von Brasci: Zich habe grade Luſt, Dich zu ſprechen.« 4 — ——— 8⁵ Eliſabeth weinte ſtill, das Geſicht in ihr Tuch gehuͤllt. Der Chevalier ſchien ſeine Schweſter mit den Blicken zu fragen.— »Ach, es iſt weiter nichts, Bruder, ſie hat die Ungluͤcklichen geſehen, hat ſie erkannt und ſich erſchrocken. Es wird ſich ſchon geben. Im Grunde weiß Jedermann, daß die Gerechtigkeit ausgeuͤbt werden muß.« »Um des Himmels willen, Schweſter, weshalb haſt Du ſie nicht mit dem Anblicke ver⸗ ſchont?« Sie war mir unbemerkt auf den Altan ge⸗ folgt.« „»Das war eine unverzeihliche Nachlaͤſſig⸗ keit von Dir!« »Meinetwegen; aber Du brauchſt nicht zu mir zu kommen, wenn Du nichts willſt, als mich ausſchmaͤlen. Sei ſo gut und gehe Dei— ner Wege, Herr Bruder.« 1 „Nicht ſo zornig, ſchoͤne Frau! Ich ſage nichts mehr, nur laß mich hier bleiben.« »Mein Gott,« rief Frau von Brasci: ves iſt ſchon 2 Uhr! Der Marſchall iſt am Ende 86 bereits im Saale. Komm„Albert! und Sie, Fraͤulein, wollen Sie uns folgen?« »Wenn Sie es erlauben, gnaͤdige Frau, ſo geh' ich auf mein Zimmer; ich bin unfaͤhig, das Mindeſte zu genießen.« /Deshalb aber nicht an Tafel zu kommen. Herr von Basville hat erklaͤrt, er wuͤnſche Sie heute vorzuſtellen.« „Wenn ich muß,« erwiederte Eliſabeth: )ſo folge ich Ihnen.« Oben am Tiſche ſetzte ſich die Graͤfin und ihr zur Rechten der Marſchall von Montrevel, commandirender General ſaͤmmtlicher Truppen in Languedok. Ein funfzigjaͤhriger Mann, der es verſtand, ſeine grauſamen, blutduͤrſtigen Ge⸗ ſinnungen mit dem feinſten Weltton zu verhuͤl⸗ len, und im Cirkel ſeiner Standesgenoſſen fuͤr hoͤflich und liebenswuͤrdig zu gelten, waͤhrend er von ſeinen Untergebenen gehaßt und gefuͤrch⸗ tet ward. Traurig und ſchweigend ſaß Eliſabeth zwi⸗ 4 ſchen dem Ritter und dem Pater Gabriel. 87 Nachdem man eine Weile an Tafel gewe⸗ ſen, ſchickte der geheime Secretair des Herrn von Basville herein und ließ um augenblickli⸗ ches Gehoͤr bitten; auf Erlaubniß trat er zu ſeinem Herrn und ſagte Dieſem etwas leiſe in's Ohr. »Sagen Sie es ſelbſt dem Herrn Marſchall,« rief der Intendant, indem er aufſtand. Der Marſchall that ein Gleiches. Nach⸗ dem er den Secretair geſprochen, ſagte er zu einem jungen Officier:»Herr von Moutarneau, eilen Sie mit 50 Dragonern nach der Mer⸗ cier'ſchen Muͤhle; die Unverſchaͤmten haben es gewagt, faſt vor unſern Augen eine Betſtunde anzuſtellen. Es ſind uͤber hundert Menſchen verſammelt. Eilen Sie! laſſen ſie keinen Ein⸗ zigen entkommen. Ich folge Ihnen ſogleich. Frau Graͤfin, es iſt kein kleines Ungluͤck fuͤr mich, eine ſo angenehme Geſellſchaft zu verlaſ⸗ ſen, und wahrlich, nur das Beſte meines Mo⸗ narchen kann mich bewegen, dies Opfer zu bringen.« 88 „Mit dieſen Worten verbeugte er ſich guͤtig gegen die Damen und verließ mit allen Officie⸗ ren augenblicklich den Saal. »Meine Damen« rief die Graͤfin:»die Neugier iſt, bei mir wenigſtens, ſtaͤrker, als —‿⁵ der Hunger. Wollen Sie mit mir auf die Ter⸗ raſſe gehen? Dort koͤnnen wir Alles ſehen, was vorgeht.« Die Einladung ward willig an⸗ genommen, nur Eliſabeth blieb, verſunken in Angſt und Schrecken, allein im Zimmer zuruͤck. O, Barmherziger!« rief ſie, und erhob ihre Augen zum Himmel:»rette, rette meine Bruͤder!« Die Trommel und das Geſchrei der Solda⸗ ten toͤnten der Aermſten ſo ſchrecklich, daß ſie voll Angſt in eine Ecke des Gemachs fſluͤchtete, ihre Ohren zuhielt und ihren ganzen Kopf mit Tuͤcher verhuͤllte. Von der Terraſſe, auf der ſich die Damen verſammelten, uͤberſah man die ganze reizende Ebene, in welcher Nimes liegt. Die Luft war ſtill und hell; weiße Mandelbluͤthen erhoben das fahle Gruͤn des Olivenbaums und verbrei⸗ — ℳʃ 89 teten ihre Wohlgeruͤche rings umher. Und die⸗ ſes liebliche Thal ſollte in Jammer und Trauer⸗ ſcenen verwandelt werden. Aus dem Carmeliten⸗Thore marſchirte mit gezogenem Saͤbel eine Compagnie Dragoner, ihnen folgte der Marſchall, umgeben von vie⸗ len Officieren; der Zug richtete ſich auf ein gro⸗ ßes, am Ufer der Gau gelegenes Haus, wel⸗ ches die Soldaten mit Blitzesſchnelle ſo ganz umgaben, daß man die Eingangsthuͤr nicht mehr ſah. So ſchien es eine Weile zu bleiben — ein lauter Schrei entfuhr den Damen, denn Rauch entſtieg dem Hauſe und verkuͤndete, daß es in Brand geſteckt ſei. Die Flammen nahmen, beguͤnſtigt vom Winde, ſchnell uͤberhand, das Dach ſtuͤrzte ein, und die Damen ſahen eine ungluͤckliche Frau am Rande des Fenſters ſtehen, zoͤgernd, als ob ſie das Hinunterſpringen verſuchen wollte. Ein Augenblick; ſie fiel zur Erde— ein Mann hob ſie auf— dach„ ſagte eine der Damen: der brave Menſch! er haͤlt ſie, er will ſie ret⸗ ten!« 90 b „»Ja! Ja, ſie iſt gerettet!« riefen Alle. »Weh! der Marſchall ſieht es; er koͤmmt, 8 er treibt die Geaͤngſtete zuruͤck gegen die Thuͤre — die Dragoner machen ſie todt.« „Die Wuͤthriche! nie will ich ſie wiederſte⸗ hen!« 5EGott, im Himmel,« unterbrach ſie eine andere Dame:»er laͤßt alle Menſchen in der Muͤhle verbrennen; das iſt ſchrecklich! mir daͤucht, ich hoͤre das Geſchrei der Sterbenden. O um Alles in der Welt, laſſen Sie uns eilen, dieſen Schreckensort zu verlaſſen.« Grauen und Entſetzen hatte ſich aller Ge⸗ 3 muͤther bemaͤchtigt, und Frau von Brasci ver⸗ ſuchte nach der Ruͤckkehr in den Saal vergebens, eine andere Stimmung hervorzurufen. Die Herren kamen zuruͤck und der Mar—— ſchall mit ſeinem Gefolge traten mit voller Ruͤ⸗ ſtung in den Saal. Gnaͤdigſte Frau,« ſagte er mit einer tie⸗ fen Verbeugung: vich weiß nicht mehr genau, wo wir ſtehen blieben, doch den Caffee duͤrfen. wir nicht entbehren und hoffen auf Ihre Guͤte.« — ₰— 91 „»Herr Marſchall,« ſagte die Graͤfin:»wir haben Ihrem Unternehmen zugeſehen. Die Da⸗ men ſind noch ganz erſchreckt, ſie koͤnnen kein Blut ſehen.« „Auch iſt wenig gefloſſen. Die Schufte ſtachen in der Mauſefalle, und wenn ſie nur nicht davon kamen, ſo war es einerlei, wie das bewerkſtelligt ward. Sie hatten indeß wahr⸗ ſcheinlich Unrath vermerkt, denn Alles war ſtill, als wir kamen; ich ließ die Thuͤr einſchlagen und mit Wachen beſetzen— der Bruder Red⸗ ner ließ ſich nicht ſtoͤren, ich verſtand, wie er ſeine Gemeine zum Muth aufforderte, er ſprach von der Kuͤrze dieſes Lebens, von der Ewigkeit, vom Ruf des Himmels und mehr dergleichen Albernheiten. Es waren uͤber hundert; ſie Alle mit dem Saͤbel hinzurichten, haͤtte mir zu viel Zeit gekoſtet, ſo machte ich es, wie mit dem Fuchſe, ich ließ ſie einraͤuchern.« AUnd ſind ſie Alle umgekommen?« »Ja, meine Gnaͤdige, meine Dragoner hat⸗ ten das ganze Haus eingeſchloſſen, und wer ſich 92 — vor Brandſchaden fuͤrchtete, hat ihre Saͤbel kennen gelernt. »Weshalb fluͤchteten ſie ſich nicht aus den Fenſtern, wenn auch die Thuͤren verſchloſſen waren? Wagte es doch eine Frau.« »Ohne daß es ihr geholfen haͤtte,« unter⸗ brach ſie der Marſchall:»freilich waͤre es ihr beinah gelungen, ein ſpitzbuͤbiſcher Auvergnate, der ſeit drei Monaten in meinem Dienſte war, wollte ſie davon helfen. Jetzt lernt er, was Disciplin heißt.« „Um Gottes Willen!« rief eine Dame: dver ſoll geſtraft werden, weil er einem mitleidigen Gefuͤhle Folge leiſtete?« »Ja, meine gnaͤdige Frau; die Kriegszucht erfordert das; indeß es iſt ſeine erſte und letzte Strafe.« /Wollen Sie denn kuͤnftig mehr Nachſicht mit ihm haben?« 2Ol er wird ihrer nicht ferner beduͤrfen.« »Wie ſoll ich dies verſtehen, Herr Mar⸗ ſchall?« —y 93 Dergleichen Lehren giebt der Galgen am Beſten, nicht fuͤr den Empfaͤnger, aber fuͤr die Zuſchauer, meine Gnaͤdige.« Eliſabeth, die blaß und zitternd unbemerkt in ihrem Winkel geſtanden, trat jetzt mitten in den Cirkel und ſagte: »Meine Damen! Sie fuͤhlen Mitleid mit dem Ungluͤcklichen, o ſo flehen Sie den Herrn Marſchall um Vergebung fuͤr ihn! Vielleicht iſt es noch Zeit. Herr von Montrevel wird Ihre Bitten nicht abſchlagen.«— Mit dieſen Worten warf ſie ſich zu den Fuͤ⸗ ßen des erſtaunten Herrn und rief:»Gnade, Herr Marſchall, Gnade! ich ſtehe nicht auf, bis Sie mir ſie ſchenken.« »Gnade, Gnade!« ſchallte es von allen Seiten, und der Marſchall, der ſich vergebens bemuͤhte, die Kniende aufzuheben, ſagte end⸗ lich:»mir daͤucht, meine Damen, der Koͤnig findet hier wenig treue Unterthanen— Gnade, fuͤr einen Empoͤrer?« »Er iſt es nicht; er iſt gut katholiſch, ihn hat bloßes Mitleid hingeriſſen.«— 94 „»Nun, weil die Damen es wollen— Fe⸗ der und Papier! wenn es noch Zeit iſte— mit dieſen Worten ſchrieb er eine Zeile, dann hielt er ploͤtzlich ein. 2O., Herr Marſchall,« rief Eliſabeth mit gefaltenen Haͤnden. Schnell unterſchrieb er und gab die Begna⸗ digung einem Officier: veilen Sie, Lieutenant, damit es noch Zeit iſt! aber ſagen Sie ihm, daß er augenblicklich die Stadt verlaͤßt, denn findet ihn der Morgen noch hier, ſo muß er ohne Gnade haͤngen.« —:— 10. „Welch ein herrlicher Tag!« rief Frau von Brasci: dwelche ſuͤße Duͤfte dringen in die ge⸗ oͤffneten Fenſter; ach, iſt es nicht Schade, daß man ſich in die duͤſtere Kirche einſperren ſoll, um die Klagelieder des laͤngſt verſtorbenen Pro⸗ pheten anzuhoͤren! Ich will mir die Ohren verſtopfen. Pionne! mein ſchwarzes Kleid, und laß mein Gebetbuch in den Wagen legen, auch mein ſchwarzes Kiſſen, das mit den Frangen will ich haben. Meine Bruͤßler Spitzenhaube gieb mir. Mein Tuch, meine Handſchuh. Laß den Wagen vorfahren. Fraͤulein,« ſetzte ſie hinzu:»ich fahre allein, da meine Bitten Sie nicht bewegen koͤnnen.« Eüliſabeth ſtand auf, legte ihr Buch hin und ſagte: ves thut mir Leid, gnaͤdige Frau, Ih⸗ 96 ren Wunſch nicht erfuͤllen zu koͤnnen, aber es iſt mir unmoͤglich, gewiß ganz unmoͤglich.« „Es iſt Laune, aber ſie wird ſich geben. Adieu, Fraͤulein, bis zum naͤchſten Mal.« Sie gruͤßte und verließ das Zimmer, um mit dem Ritter, der ihrer im Vorzimmer harrte, zur Meſſe zu fahren. Erleichtert fuͤhlte ſich Eliſabeth, als die Ge⸗ ſchwiſter ſie verlaſſen hatten, und ſie gingg iim den Garten, einige Augenblicke des ſchoͤnen. Wetters und der Einſamkeit zu genießen. Das liebliche Gruͤn des beginnenden Fruͤh⸗ lings verſchoͤnte die ganze Natur; Narciſſen, Veilchen und bluͤhende Baͤume erfuͤllten die Luft mit balſamiſchem Hauche, und Eliſabeth fuͤhlte ſich in der reinen, warmen Atmosphaͤre wie neu belebt. Sie ſuchte ihr Gemuͤth zu beruhi⸗ gen und ſich von den Graͤuelſcenen der letztver⸗ gangenen Tage in Etwas zu erholen. Am Ende des Gartens befand ſich ein Raſenplatz, auf dem eine Bank, von Cypreſſen und Flieder⸗ baͤumen verſteckt, ihr liebſter Ruheplatz war. Dahin ging ſie auch jetzt und uͤberließ ſich ihren 97 traurigen Gedanken. Die Leiden der Vergan⸗ genheit, die Schrecken der Gegenwart und die ungewiſſe, aber ſicher traurige Zukunft, Alles trat vor ihre traurige Seele, und das Gefuͤhl ihrer voͤlligen Verlaſſenheit entlockte ihr bittere Thraͤnen. 2O, mein Vater, mein Gott! warum bin ich nicht mit den Meinigen geſtorben!« rief ſie laut und mit dem Ausdruck der Verzweiflung. Ein leichtes Geraͤuſch erſchreckte ſie, und wenige Schritte von ihr ſtand ein Unbekannter und betrachtete ſie mit Erſtaunen. Der Fremde ſchien kaum 30 Jahr alt zu ſeyn; ſeine reiche und geſchmackvolle Kleidung bezeichnete den vornehmen, und das lange in Locken auf den Ruͤcken herabwallende Haar den Hofmann. Ein Blick voll Mitgefuͤhl verſchoͤn⸗ ten ſeine edlen und regelmaͤßigen Zuͤge. Wer ſind Sie, meine Gnaͤdige,« ſagte er, indem er ſich naͤherte, und als Eliſabeth ſchwei⸗ gend aufſtand, ſetzte er ſanft hinzu:»Ihre tiefe Betruͤbniß und meine innige Theilnahme muͤſ⸗ ſen meine Frage entſchuldigen.« »Ach, mein Herr,« rief Eliſabeth, die Camiſarden. I. 7 98 durch das ſichtliche Mitgefuͤhl des Fremden ſich ermuthigt fuͤhlte: dich bin unbeſchreiblich un⸗ gluͤcklich.— Mir iſt Alles entriſſen, Eltern, Bruͤder, Verwandte und Freunde!⸗ »Ach! Sie ſind die Enkelin des Grafen Hugo von Mauléon! Kann ich etwas ſüne Sn thun?« »O, ch verlange nichts! nichts als die Frei⸗ heit, dies blutbefleckte Land zu verlaſſen! aber man verſagt mir ſelbſt dies, man haͤlt mich ge⸗ fangen und will mich zwingen, einem Glauben zu entſagen, den die Meinigen mit ißtem Tode beſiegelten.« /Ihre Lage fordert große Vorſicht, lebſtes Fraͤulein; fuͤr Ihr Leben haben Sie nicht zu fuͤrchten, allein man will Ihren Uebertritt, man hofft davon viele Nachfolger und Ihre Umge⸗ bung beſteht leider aus Menſchen, die kein Mit⸗ tel unverſucht, und durch nichts ſich abſchrecken laſſen werden.« „» Ja ⸗« ſagte Eliſabeth und erhob ihr ſeelen: volles Auge zum Himmel: ich bin in der Ge⸗ walt der Menſchen, aber Gott kann mich zu 99 ſich rufen, dann hat mein Ungluͤck geendet und ich bin wieder vereint mit den Theuren, die mir vorangegangen ſind. Ach,“« ſetzte ſie hinzu: diſt fuͤr mich ein ſolcher Tod nicht wuͤnſchenswerth und beſſer, als mit Menſchen zu leben, die Alles, was ich liebte, mir geraubt?« Ihr Blick, der ſich auf ihren neuen Freund heftete, und ihre ſanfte Stimme waren ſo ruͤhrend, daß ſie ihn zu der lebhaften Verſicherung hinriſſen, Aberglaube und Vorurtheil ſeyen ihm von heute an doppelt verhaßt.»Sie, ſo jung, ſo un⸗ gluͤcklich,« ſagte er noch: vo, weshalb kann ich Sie nicht ſchuͤtzen, nicht Ihnen helfen?« Eine kleine Thuͤr, am Ende des Gartens, oͤffnete ſich und Frau von Brasci trat herein, begleitet vom Pater Gabriel— mit einem nicht ganz verhehlten Staunen rief ſie:»Wie, Herr Herzog! ſind Sie es, oder iſt es Ihr Geiſt?« „»Ja, meine Gnaͤdige, ich gehe nach Gasko⸗ nien und wage es, Ihre Gaſtfreundſchaft fuͤr einen Tag mir zu erbitten.« »Mein Vater war gewiß eben ſo erfreut, wie verwundert, als er Sie erblickte?« — 7* — 82 »Tch hatte noch nicht die Ehre, ihm meine Aufwartung zu machen; er war mit dem Mar⸗ ſchall ausgeritten, und da man mir ſagte, daß Sie, gnaͤdige Frau, in der Meſſe waͤren, ſo ging ich in den Garten, um Sie hier zu erwar⸗ ten.& Frau von Brasci ſah ſich bei dieſer Aeuße⸗ rung nach Eliſabeth um, und indem ſie den Arm des Herzogs annahm, um in's Haus zu gehen, ſagte ſie zum Pater Gabriel, er moͤge Eliſabeth, die etwas zuruͤckgeblieben war, ru⸗ fen, ihnen zu folgen. Als ſie in ihr Zimmer traten, rief ſie die treue Alte, ihr Kappe und Mantel abzuneh⸗ men, und ſchuͤttelte mit einer anmuthigen Be⸗ wegung den Kopf, ihr reiches blondes Haar in Ordnung zu bringen, was dann in langen Locken ihre ſchoͤnen Schultern umfloß. Herr Herzog,« rief ſie:»Ihr Beſuch haͤtte uns nie angenehmer ſeyn koͤnnen, wir fuͤhren hier ein ganz erbaͤrmliches Leben; die Aufruͤhrer verwuͤſten Alles rings umher und mein Vater kann ſie mit all' ſeiner Klugheit und Feſtigkeit 7 7 101 . nur kaum in Ordnung halten. Der Hof macht ſich keinen richtigen Begriff von der Lage des Landes, denn es iſt wirklich nicht immer thun⸗ lich, ſeinen ſtrengen Befehlen Folge zu lei⸗ ſten.« Der Herzog erwiederte mit verfinſterter Miene:»Meine Gnaͤdige, ich komme von einem Orte, wo man keine andere Meinung ausſpre⸗ chen darf, als was der Wille des Monarchen gut heißt. Der Poͤbel des Hofes klatſcht Die⸗ ſem unaufhoͤrlichen Beifall, doch denken die Mehrſten im Stillen, daß die Geiſtlichkeit ſich zu ſehr in dieſe Angelegenheit gemiſcht hat, daß ihre Grauſamkeit allein die Ungluͤcklichen zum Aufruhr gebracht, daß die Aufhebung des Edikts von Nantes eine unpolitiſche Maaßregel war, deren unangenehme Folgen ſie taͤglich mehr aus⸗ ſprechen, und daß die Uebel, die Sie beklagen, immer groͤßer werden, je haͤrtere Maaßregeln man dagegen ergreift.« „Herr Herzog!« rief die uͤber dieſe kuͤhnen Worte erſchrockene Dame:»reden Sie ſo dreiſt am Hofe?« 102 „Nein, gnaͤdige Frau, dort rede ich gar nicht uͤber dieſe Angelegenheit.« „Das iſt weiſe gehandelt und— thun Sie hier ein Gleiches; die Gemuͤther ſind ſehr auf⸗ geregt; mein Vater will um jeden Preis das angefangene Werk beenden, auch zwingen ihn die taͤglich neu ankommenden Befehle des Hofes dazu und der Marſchall fuͤhrt foͤrmlichen Krieg gegen die Camiſarden; es werden ihm viele Soldaten dabei getoͤdtet, und ſo iſt er ohne Barmherzigkeit gegen Alle, die in ſeine Haͤnde fallen.« O noͤchte doch weiſe Duldſamkeit ſtatt deſſen geuͤbt werden, denn nur mit ihr wird Ruhe und Frieden dem ungluͤcklichen Lande zu Theil.« »Herr Herzog,« ſagte die Graͤfin, indem ſie ein ſo bedenkliches Geſpraͤch ſchnell abbrach: dich hoffe, Sie werden laͤnger, als einen Tag, unſer Gaſt ſeyn, das Land umher iſt zu ge⸗ faͤhrlich fuͤr Reiſende, mein Vater kann Sie nicht weiter gehen laſſen, denn, glauben Sie mir, wir ſind kaum hier in Sicherheit.« — 1— »Ich bin zu kurze Zeit hier, um gern vom Abreiſen zu reden; aber erlauben Sie, daß ich Sie jetzt verlaſſe, um mich zur Tafel umzu⸗ kleiden.« 41. Der unerwartete Gaſt, der ſo warmen Theil an Eliſabeths Schickſal zu nehmen geſchienen hatte, war der Herzog von Beauvilliers. Als juͤngerer Sohn beſtimmt, Maltheſer zu werden, hatte der Tod ſeines aͤlteſten Bruders und eines Vetters ihn zum einzigen Erben eines maͤchti⸗ gen Hauſes gemacht. Dies Ereigniß ſchuf aus dem unbeachteten Ritter die glaͤnzendſte Heirath am ganzen Hofe; Leéon de Beauvilliers(bis dahin Chevalier de Saint⸗Sauveur genannt) war 25 Jahr, und ſeine fruͤhſte Jugend, in der Einſamkeit verfloſſen, weit entfernt von der glaͤnzenden Buͤhne, auf die ihn das Schickſal berief; ſein Charakter war redlich und offen, voll Enthuſiasmus fuͤr alles Gute und Schoͤne, dabei eine entſchiedene Neigung zum Stillleben — 105 und zur Geiſtesbeſchaͤftigung; nach dieſer Schil⸗ derung begreift man, daß er zum Hoͤfling ver⸗ dorben war, auch hatte ſein eigner Vater ge⸗ ſagt: er wird ſich am Hofe erhalten, aber nie vorwaͤrts kommen. Der junge Herzog blieb den Raͤnken, wie den Vergnuͤgungen der ihn umgebenden Welt fremd. Inzwiſchen, obſchon ein Schatten auf den Mann fiel, der, am Hofe lebend, es wagte, gleichguͤltig die Gunſt des Monarchen außer Acht zu laſſen, ſo war er doch der Gegenſtand, der die Wuͤnſche aller jungen Damen, oder doch mindeſtens ihrer Angehoͤrigen, auf ſich zog; al⸗ lein der Herzog ſchien unempfindlich bei allen dieſen Lockungen zu bleiben. Freilich zeigte der Hof um dieſe Zeit nicht mehr jene Alles beſiegende Schoͤnheiten, die Ludwigs erſte Regierungsjahre verherrlichten; ſie waren gealtert, wie der Monarch. Die Stelle der reizenden la Valliere und der ſchoͤ⸗ nen Frau von Montespan war von der froͤm⸗ melnden Marquiſe de Maintenon eingenommen. Doch erſchien noch zu Zeiten eine friſch bluͤhende 106 Roſe in dem Kreiſe ihrer verwelkten Schweſtern, und der Liebling des Koͤnigs, die junge Her⸗ zogin von Bourgogne, rief bisweilen einige Heiterkeit in den ſtrengen Hofton zuruͤck. Sie zeichnete den Herzog von Beauvilliers aus und hegte den Wunſch, ihn an eine ihrer Lieblin⸗ ginnen zu feſſeln. Eine koͤnigliche Bitte iſt ein Befehl, und um ihr zu entgehen, verließ Leéon auf einige Zeit den Hof. Man hat die Auf⸗ nahme geſehen, die ihn Frau von Brasci wie⸗ derfahren ließ; er hatte ſie, noch verheirathet, in Paris gekannt, und konnte er nicht hieher gekommen ſeyn, um dieſe Bekanntſchaft zu er⸗. neuen? Die Graͤfin und Eliſabeth waren fruͤher, als der Herzog, in den Saal gekommen; eine lebhafte Unterhaltung ward bei ſeinem Eintritt unterbrochen, und Herr von Basville ſchien keine weitere Angelegenheit zu haben, als wie er ſeinen Gaſt angenehm unterhalte. Vielleicht aber haͤtte eine Lavater, obſchon alle Geſichter einen gleichen Ausdruck zu zeigen bemuͤht wa⸗ ren, dennoch auf Jedem ein ganz verſchiedenes 4 — 4 107 Etwas im Hintergrunde entdeckt. Der Inten⸗ dant ſtand am Kamine, und die mehr als ge⸗ woͤhnliche Blaͤſſe ſeines Geſichts, ſo wie die zu⸗ ſammengekniffnen Augenbraunen, zeigten die Spuren eben vergangenen Aergers. Frau von Brasci ſaß am Kamine und ſtreichelte mit an⸗ ſcheinender Gleichguͤltigkeit und zerſtreuter Miene ein niedliches Windſpiel. Eliſabeth neben ihr, im ſchwarzen Gewande, blaß, mit geſenktem Blicke, glich einem Bilde des Kummers und der Ergebung; keine Bewegung zeigte ſich auf dem ſchoͤnen Antlitze; ihre ſchneeweiße Stirn war heiter und rein, nur auf den blaſſen Wan⸗ gen ſah man die Spur vergoßner Thraͤnen. Der Ritter ſtand in einer Ecke des Gemaches, ſeine auf das liebliche Maͤdchen feſt gehefteten Augen wandten ſich keinen Augenblick von ihr ab, und vergebens redete ihn der Pater Gabriel an, er bekam nur zerſtreute und einſylbige Ant⸗ worten. M Ein ſanftes Roth uͤberflog die Wangen der jungen Graͤfin, als fie den Namen des Her⸗ zogs hoͤrte und in ihm den theilnehmenden 108 Fremden erkannte. Indeß verſammelten ſich noch mehrere Perſonen, und der Abend verging, ohne daß etwas von Bedeutung vorfiel. »Pionne,« ſagte die Graͤfin: geh, rufe meinen Bruder, ſage ihm, daß ich ihn ſogleich ſprechen muß.« Der Ritter kam und frug ſeine Schweſter, ob ſie ihn zum Ableiter ihrer uͤblen Laune habe rufen laſſen.— »Gewiß! Denn um Deinetwillen habe ich eine laͤcherliche Strafpredigt zu hoͤren bekommen, da ſie mir doch gewiß gefolgt waͤre, wenn Du Dich nicht hinein gemiſcht haͤtteſt.« Schweſter, ich kann nun einmal keine Frau weinen ſehen, und vollends Eliſe.« »Ich ſage Dir aber, daß wir auf dieſe Weiſe nie zum Ziele gelangen. Morgen ſoll ſie die Meſſe anhoͤren, das ſei meine Sorge. Ich werde ſie hinzubringen wiſſen; und mein Vater hat ihr uͤberdies ſeinen Willen ſo beſtimmt er⸗ klaͤrt, daß ihr der Widerſtand wohl von ſelbſt vergehen konnte. A propos: weißt Du, wo und wie ich ſie heute Morgen antraf? im Gar⸗ 4— —— 109 —— ten und im tete à tste mit dem Herzog; doch ich glaube nicht, daß ſie mit ihm geſprochen hat, ſie iſt ſo ſcheu und hat ſo wenig guten Ton.— „Und um das mir zu erzaͤhlen, haſt Du mich kommen laſſen?« unterbrach ſie der Che⸗ valier mit Ungeduld: dann erlaube, daß ich mich empfehle.« „»So bleib' doch, Unbeſonnener, ich wollte Dir auftragen, unter der Hand bekannt zu ma⸗ chen, daß die junge Maulson morgen die Meſſe in der heiligen Laurentius⸗Kirche anhoͤren wird. Umſonſt will ich nicht die Muͤhe des Hinfuͤhrens uͤbernehmen, ganz Nimes muß hinſtroͤmen.« »Gut, ich will morgen einige Beſuche ma⸗ chen und Lorenz zum Einkauf nach dem golde⸗ nen Arm und dem großen Uffen ſchicken.« „Laß ihn doch lieber von Meiſter Nicolas auf dem Carmeliter⸗Platze ſich raſiren laſſen; Du weißt, dort iſt die wahe Niederlage aller Neuigkeiten.« „»Ja, ja! Das Eine er geſchehen und das Andre nicht unterbleiben— gute Nacht, ſchoͤne Dame.«— 110 Bleib' doch noch,« ſagte die Graͤfin, und hielt ihn am Arme: weshalb biſt Du denn ſo eilig? und warum kannſt Du nicht noch ein Viertelſtuͤndchen mit mir ſchwatzen?« Was Du doch fein biſt! nicht wahr, wenn der Herzog uns ſo laut reden hoͤrt, ſo bittet er gewiß um Erlaubniß, auch herein kommen zu duͤrfen— habe ich Recht oder Unrecht? Frau von Brasci ruͤmpfte ihr Naͤschen und ließ den Arm des Bruders los, drehte ihm den Ruͤcken und ſagte:»Marſch, einfaͤltiger Menſch! ich will nichts mehr mit Dir zu ſchaffen ha⸗ ben, Du ſollſt ſehen, wie es Dir dann gehen wird.. i, nzhe »Nun gut! dann braucht ſich Lorenz mor⸗ gen nicht raſiren zu laſſen.«— Sott im Himmel, ich ſage Dir: Ja, ja! geh' doch fort, Du willſt mich doch nur aͤr⸗ gern.«— e: 63 „Nicht doch, Schweſterchen! ſchlaf wohl und ſei nicht boͤſe, ich wollte Dir nur zeigen, daß ich Deine kleine Coquetterie bemerkte.« »Albert, mit dieſer Manier wirſt Du we⸗ 111 nig Beifall bei den Damen ſinden; wir moͤgen die Maͤnner nicht, die uns durchſchauen.« „»Ach! die Frauen, das mag bei ihnen Al⸗ len wahr ſeyn, aber meine Geliebte iſt nicht, wie Ihr Andern.« Lachend ſtieß ihn die Schweſter fort und ſagte:»Du biſt doc ein Jganzer Narr, Al⸗ bert.« Am andern Tage, duch Fuferhebene Tafal ließ Frau von Brasci Eliſabeth rufen, um mit ihr auszufahren. Verwundert uͤber dieſe Artig⸗ keit, eilte ſie herunter und fand die Graͤfin ſchon im Wagen. „Verzeihung, liebe Geäftn, daß ch einge⸗ ſtiegen, ehe Sie hier waren, aber ich war ſo eilig, denn ich fuͤrchtete, wir moͤchten zu ſpaͤt kommen. Chevalier, hilſ d dem Feidlen doch einſteigen.«— Eliſabeth zauderte.— „O Gott! ſo ſteigen Sie doch ein!« ſagte Frau von Brasci ungeduldig. „»Aber wo ſoll ich hin?« „»Nirgend, wo es nicht anſtaͤndig fuͤr Sie 112 waͤre!« erwiederte die Graͤfin ſtolz: nſteigen Sie ein, Fraͤulein.« Nach einem Augenblicke Bedenken that es Eliſabeth,»denn,« dachte ſie: vnach der Meſſe kann es nicht ſeyn, es iſt ſchon uͤber 2 Uhr, ſie muß ja bald beendigt ſeyn.« Der Wagen rollte ſchnell dahin und hielt vor der Kirche St. Laurentius.— »Und hierher iſt es, wohin Sie mich fuͤh⸗ ren wollen?« rief mit Erblaſſen das ttſchie der junge Maͤdchen. „» Jal und da Widerſtand vergeblich und laͤ⸗ cherlich waͤre, ſo denke ich, Sie werden mir folgen. 4 Man offnete den Wagen, der Ehevalier bot ſeiner Schweſter den Arm, und ſie hieß den Bedienten beide Kiſſen und beide Gebetbuͤcher vor ihnen hertragen und zugleich ihnen Platz durch das Gedraͤnge zu machen. Eliſabeth folgte, trotz ihres Widerwillens, denn ſie fuͤhlte, daß ihr nichts anders zu thun moͤglich war. 113 Wie die ſchlaue Graͤfin es herbeigefuͤhrt und gewuͤnſcht hatte, ſo war es; die Kirche war zum Erſticken voll, und nur mit Geraͤuſch konnte ſie den ihnen aufbewahrten Platz, der Kanzel gegenüuͤber, erreichen. Aller Augen waren auf ſie gerichtet, es entſtand ein allgemeines Gemurmel. Eliſabeths Kummer und ihre Verwirrung wurden durch dieſe allgemeine Aufmerkſamkeit noch vermehrt, ſie ſchwankte zitternd zu ihrem Sitze. „Knien Sie, Fraͤulein.« Sie gehorchte und verhuͤllte ihr thraͤnenbe⸗ decktes Antlitz in ihr Tuch. Man begann die am ſtillen Freitage uͤblichen Ceremonien. Eliſa⸗ beth ſetzte ſich, und verſuchte ſich, wenigſtens aͤußerlich, zu beruhigen und ihren Thraͤnen Ein⸗ halt zu thun. Sie legte die Haͤnde uͤber die Bruſt, ſchloß ihre Augen und rief ſich Alles, was ihr in dieſen Tagen begegnet war, zuruͤck, um nicht auf das, was ſie umgab, zu achten. und es gelang ihr, ſie betete und dachte an die letzten Worte ihres theuren Großvaters, deſſen Befehle, dies unſelige Land zu verlaſſen, ihren Camiſarden. I. 8 114 Wuͤnſchen ſo angemeſſen waren. Die Predigt des Pater Gabriel uͤberhoͤrte ſie ganz, und ſo voͤllig hatte ſie ſich in ihre Gedanken verloren, daß ſie mit erneutem Schrecken ſich in dieſer Kirche fand, als die Graͤfin ſie durch einige Worte ihrer wachen Traͤume entriß. Es ward ſchon dunkel; die Kirche war nur ſchwach durch wenige Kerzen erleuchtet, und die Volksmenge hoͤrte unter lautem Weinen die Er⸗ zaͤhlung von den Leiden unſers Heilandes, die Pater Gabriel, waͤhrend ſeine Blicke die ganze Verſammlung uͤberflogen, mit den Worten en⸗ dete:»Ihr weint, meine Bruͤder, die Leiden Eures Gottes ſchmerzen Euch, und dennoch er⸗ neut Ihr ſie taͤglich durch Eure Suͤnden und duldet, daß die verabſcheuenswuͤrdigen Ketzer ihn jeden Tag auf's Neue kreuzigen! Gott ſieht, wie ſeine Feinde unter uns wandeln, wollt Ihr die Gelegenheit nicht ergreifen und Euch gegen dieſe Kinder des Teufels erheben, ſie zu vernichten.« Hier konnte Eliſabeth ihre Gefuͤhle nicht laͤnger zuruͤckhalten, ſie mußte weinen, doch A ſuchte ſie es zu verbergen, indem ſie ihr Tuch vor das Geſicht hielt. Ein tieſer Seufzer ver⸗ rieth ihr ein mitfuͤhlendes Weſen, ſie ſah auf, und erblickte den Herzog an ihrer Seite. „Faſſen Sie Muth,« fluͤſterte er leiſe und ohne ſeine Stellung zu veraͤndern:»der grau⸗ ſame Auftritt iſt gleich beendet.« Dieſe Theilnahme verdoppelte Eliſabeths Pulsſchlag, ſie toͤnte lange in ihrem Herzen nach, und der Gedanke, daß es doch noch ein menſchliches Weſen gaͤbe, das Theil an ihrem Schickſale naͤhme, ſtaͤrkte ihren Muth; ſie fuͤhlte innige Dankbarkeit fuͤr den edlen, menſchen⸗ freundlichen Mann, und dachte, wie Schiller, wenn ſchon lange vor ſeinem Daſeyn:»Ach, unter Larven die einzige fuͤhlende Bruſt.« 12. 4 Am andern Morgen um 10 Uhr ließ Pater Gabriel ſich bei der jungen Graͤfin von Mauléon anmelden und trat, ehe ſie ſich von ihrem Schre⸗ cken erholt, zu ihr in's Zimmer. Sein Stand hatten ihr Furcht und Abneigung gegen ihn ein⸗ gefloͤßt, und ſeine geſtrigen enpernngen Dieſe um Vieles vermehrt. „Mein gnaͤdiges Fraͤulein,« redete der Pa⸗ ter ſie an, ohne, wie es ſchien, ihre Verwir⸗ rung zu bemerken:»Herr von Basville hat mir befohlen, mich mit Ihnen taͤglich eine Stunde zu unterhalten, um Sie von den Irrlehren zu uͤberzeugen, die Sie von der katholiſchen Kirche entfernen. Zur Ehre Gottes und zu Ihrem Heile wuͤnſche ich ſehnlichſt, daß es mir gelin⸗ gen moͤgek«W. 117 „»Ich muß Sie anhoͤren, Herr Pater, weil es Diejenigen verlangen, die ſich uͤber meinen Willen Gewalt anmaßen, allein da ich nichts von theologiſchen Streitfragen verſtehe, ſo muß ich Sie bitten, keine Antworten von mir zu er⸗ warten,« ſagte Eliſabeth. »Ich muß doch aber Ihre Zweifel kennen, um ſie zu widerlegen und aufzuklaͤren.«— »Ich hege keine Zweifel und bin innig von der Wahrheit meines Glaubens uͤberzeugt.« „O, meine Tochter! welche Verblendung umgiebt Sie, da Sie auf dem Pfade des Irr⸗ thums wandeln! Glauben Sie mir doch, nicht blos Ihr ganzes zeitliches Gluͤck iſt es, was auf dem Spiele ſteht, nein, mein Fraͤulein, auch Ihre ewige Seligkeit haͤngt von der Folgſamkeit ab, mit der Sie die Worte des heiligen Gei⸗ ſtes, der durch meinen Mund zu Ihnen redet, annehmen.« Ernſt, das Haupt verneinend bewegend, ſah Eliſabeth den Redner an und ſagte:»Mein Herr, Ihre Worte ſind nur leere Toͤne fuͤr mich, und nie werden ſie mich uͤberzeugen. Erſparen Sie ſich doch lieber vergebene Muͤhe.« „Meine Tochter,« ſagte der Pater, indem er geſchickt ſeinen Aerger verbarg: dich will Ihrem Glauben keinen Zwang anlegen. Gute Beiſpiele und Gewohnheit werden ihren Ein⸗ fluß bewaͤhren, und von ihnen hoffe ich Ihre voͤllige Bekehrung. Indeß werden Sie ſelbſt fuͤhlen, daß Ihre Lage und Ihr eignes Wohl es Ihnen rathſam machen, wenigſtens zum Scheine, folgſam zu ſeyn.« »Sie meinen, um mein Gewiſſen und mein irdiſches Gluͤck zu vereinen, ſollte ich katholiſch ſcheinen, wenn ich auch im Herzen proteſtan⸗ tiſch bliebe?« Der Pater bejahte die Frage mit ſeinen Mienen. „»Nein, mein Herr!« erwiederte Eliſabeth: Fich bin ein ſchwaches, huͤlfloſes Maͤdchen, man kann mich mit Verfolgungen uͤberhaͤufen, mir das Leben nehmen, ich kann es nicht verweh⸗ ren. Aber nie werde ich den Glauben verlaͤug⸗ nen, in dem ich geboren bin, und fuͤr den mein 119 Großvater und meine Bruͤder ſtarben. Ihr Blut iſt das Meinige, und wenn ich Ihnen einen irdiſchen Grund anfuͤhren darf, ſo hoͤren Sie, daß ich den Namen, den ich füͤhre, nicht durch Abtruͤnnigkeit entehren will. Sie ſind auf Befehl des Herrn Intendanten bei mir, ſo haben Sie die Guͤte, ihm meine Worte zu hin⸗ terbringen.« »Nein, meine Tochter, das hieße ihn vol⸗ lends gegen Sie aufbringen; lieber will ich alle unbeſonnenen Worte, die Ihnen Ihr falſcher Glaube eingiebt, ertragen!« Eliſabeth ſah, daß es vergebens ſei, dem Jeſuiten noch mehr zu antworten; er ging nicht, und ſie ſetzte ſich ſchweigend, waͤhrend er ſich in Ermahnungen von ewiger und zeitlicher Wohlfahrt erſchoͤpfte. Nach einer Stunde verließ er das geaͤng⸗ ſtete Maͤdchen, eben ſo unzufrieden mit dem Erfolge ſeiner Bemuͤhungen, als ſein gezwun⸗ genes Auditorium es mit dieſen Bemuͤhungen ſelbſt war. 120 Aber ganz hoffnungslos fuͤhlte ſich Eliſabeth, und alles Schreckliche ihrer huͤlfloſen, verlaſſe⸗ nen Lage, mit dem ſie allein in Feindes Ge⸗ walt war, ſtellte ſich ihrem Blicke vor; ſie ver⸗ ſank ſo voͤllig in trauriges Nachdenken, daß ſie die Gegenwart der Frau von Brasci nicht eher bemerkte, als bis Dieſe ſie fragte, ob ſie Pater Gabriel geſprochen habe, und ob ſie jetzt be⸗ kehrt ſei.— »Ich bekehrt? o Gott, gnaͤdige Frau, wie koͤnnen Sie ſo leicht von einer Sache reden, gegen deren Ernſt alle Guͤter der Erde nichts ſind!« „Kindiſche Worte, die Ihnen Ihre von den Praͤdikanten beigebrachte Schwaͤrmereien einflöͤ⸗ ßen. Ihre nichtsſagenden Gewiſſensſcrupeln werden Sie verderben, waͤhrend Folgſamkeit Ihnen ein glaͤnzendes Loos verſchaffen wuͤrde.« »Solche ehrgeizige Wuͤnſche koͤnnen mein Herz nicht ruͤhren; zu viel Ungluͤck hat meine Jugend getruͤbt, als daß Gluͤck und Lebens⸗ freuden fuͤr mich noch Werth haben koͤnnten.« 121 „»Kein Gluͤck! keine Freude! was bietet Ih⸗ nen denn die Zukunft noch an?« »Wohl nur Ungluͤck, aber auch den Troſt des Glaubens, fuͤr den ich leide, und endlich den hohen Lohn der Ewigkeit.« »Sie ſind ſo jung, welch eine lange Reihe gluͤcklicher Jahre opfern Sie dem Elend!« „»Mein Schickſal kann ſich ja aͤndern; Herr von Basville iſt ſo maͤchtig, er kann mir die Freiheit wieder geben, ich hoffe es von ihm, und dann«— 2 1. „Halt! ich ſehe, Sie kennen Ihre Lage nicht, und da Zureden nicht bilft, ſo will ich ſie Ihnen deutlich machen: es iſt moͤglich, daß Sie Ihr wahres Wohl verkennen und mit ab⸗ geſchmacktem Eigenſinne den Bitten und Befeh⸗ len meines Vaters widerſtehen, allein glauben Sie nicht, dadurch frei zu werden, Sie wer⸗ den vielmehr dann zu den Urſulinerinnen ge⸗ ſchickt, dort wird die Erfahrung Sie nachgie⸗ biger machen, und mit einem Worte, entweder Sie treten auf dem Feſte der Dreieinigkeit zu uns uͤber, oder Sie gehen den andern Tag 122 —— in's Kloſter und kommen nur als Katholikin heraus.« Eliſabeth ſtand auf; ihre Furchtſamkeit war verſchwunden, gerechte Erbitterung bedeckte ihre Wangen mit brennendem Roth, ſtolz, faſt ver⸗ aͤchtlich, blickte ſie Frau von Brasci in's Ange⸗ ſicht: »Alſo das iſt das Loos, zu dem man mich verdammt, und Sie ſind es, die es mir mit ſo viel Haͤrte verkuͤndet, Sie, die als Frau Mitleid mit einer andern Frau haben ſollten! Es iſt ein ſchreckliches Loos, das Sie mir ver⸗ künden, aber Gott wird mich ſtaͤrken und mei⸗ nen Muth noch groͤßer machen, als Ihre Grau⸗ famkeit iſt. Meine Hoffnung iſt in dem Herrn, er kann mich aus den blutigen Haͤnden meiner Feinde erretten, und er wird es, wenn es ſein heiliger Wille iſt.« »Ich verlaſſe Sie, Fraͤulein, denken Sie meinen Worten nach, und vergeſſen Sie nicht, daß wo, wie in Ihrer Lage, Widerſtand un⸗ nutz iſt, er zugleich laͤcherlich wird.« Sie ging, ohne daß Eliſabeth ihr ein Wort 4 123 mehr geſagt haͤtte, aber ſie ſuchte und fand im eifrigen Gebete die Kraft, die man ſo ſichtlich bemuͤht war, ihr zu rauben. So vergingen einige Tage, in denen die Graͤfin von Mauleon ihr Zimmer nicht verlaſ⸗ ſen durfte, als nur um an Tafel und im Abend⸗ cirkel zu erſcheinen. Jeden Morgen kam der Pater, um ſie eine Stunde lang mit ſeiner Be⸗ lehrung zu quaͤlen,— ſonſt ſprach ſie keinen Menſchen, und von den Aufpaſſern der Frau von Brasci ſtreng bewacht, erfuhr ſie nichts von Allem, was außer dem Hauſe vorging, doch ſchloß ſie aus der Unruhe in der Inten⸗ dantur und aus dem finſtern Geſichte des Herrn von Basville, daß die Proteſtanten noch nicht ganz vernichtet waͤren und wohl gar einigen Vortheil errungen haͤtten. 13. Voller Unruhe war man in Nimes, da meh⸗ rere Nachrichten es beſtaͤtigten, daß die Cami⸗ ſarden das Regiment Royal Comtois bei Uſez faſt ganz aufgerieben haͤtten. An allen Ecken wuͤthete der Krieg, und jeder Tag nannte ein neues von einer oder der andern Parthei abge⸗ branntes Dorf. Herr von Basville wuͤnſchte den Eindruck dieſer ſchlimmen Neuigkeiten zu verringern, und beſchloß zu dem Ende, ein glaͤnzendes Feſt zu geben. Vor dem Thore lag ein niedlicher Pavillon, und hier ſollte, dem Herzog von Beauvilliers und dem Adel von Nimes zu Ehren, Ball und Mittagstafel ſeyn. Die Waͤnde des Saals, deſſen Fenſter in einem ſchoͤnen Garten gingen, waren mit Bo⸗ — 125 gen von himmelblauer Seide verziert, und jeder Bogen von einem wohlriechenden Bouquet le⸗ bendiger Blumen gehalten, was ſich beſonders lieblich ausnahm, als Abends der Glanz der Lichter den Saal blendend erhellte. Schoͤne, geſchmackvoll gekleidete Damen, Officiere und Edelleute bewegten ſich rings um⸗ her, und Frau von Brasci machte die Wirthin mit ihrer natuͤrlichen Anmuth, waͤhrend ihr Va⸗ ter alle Muͤhe hatte, ſeine Angſt zu verbergen und als froͤhlicher Wirth zu erſcheinen. Die betruͤbte Eliſabeth, in ihrer ſchwarzen Trauerkleidung, nahm keinen Theil an den Freuden des Tages; vergeſſen und verlaſſen ſaß ſie im fernſten Winkel des Saals. „»Das glaͤnzende Feſt kann Sie, armes Fraͤulein, nicht erheitern,« ſagte eine wohlwol⸗ lende Stimme— es war der Herzog, der ſich zu ihr geſetzt. „»Ach, in meiner Stimmung und Lage, wie koͤnnte ich der Freude faͤhig ſeyn?« „Natuͤrlich, denn nur bei ganz ruhigem Ge⸗ muͤthe hat man Sinn fuͤr rauſchende Freuden.« 126 „»und immer ſag' ich mir, daß, waͤhrend lauter Jubel hier herrſcht, meine Bruͤder, viel⸗ leicht nur wenige Schritte von mir, leiden und ſterben, und daß die Klagen der Schlachtopfer nur durch die rauſchende Froͤhlichkeit ihrer Un⸗ terrdruͤcker uͤberſchrien werden.« „»Mein Herz fuͤhlt, wie das Ihrige, und der graͤßliche Gegenſatz draͤngte ſich mir bei dem erſten Schritte in dieſen Saal auf.« Doch ſind Sie gluͤcklicher, als ich, denn Sie ſind freiwillig hier.« O„ ſagte der Herzog mit dem Tone des tiefſten Gefuͤhls: vohne Sie waͤre ich nicht ge⸗ kommen, aber ich dachte mir Sie, leidend und verlaſſen unter all' den feindlichen, oder doch gleichgültigen Menſchen, und ich ging, um mit Ihnen zu leiden und Sie meiner Theilnahme zu verſichern.« Mit Thraͤnen der Dankbarkeit ſah Eliſabeth auf den Mann, der ihr, was ſie ſo lange ent⸗ behrt, Mitleid und Theilnahme zeigte. „Welch' großer Lohn,« rief der Herzog: yfuͤr«— n — — In dieſem Augenblicke nahte ſich Frau von Brasci; ſie warf ſehnell einen ſpoͤttiſchen Blick auf Beide, den ſie zwar gleich unterdruͤckte, den aber Eliſabeth doch bemerkte, und, waͤhrend der Herzog einen neben ihm ſtehenden Herrn anredete, ging ſie zu einem offnen Fenſter, um die Kuͤhlung des Abends zu genießen. Die Luft war gluͤhend; es wehte kein Luͤft⸗ chen, doch hoͤrte man in der Ferne ein ſeltſames Toͤnen, Wolken bezogen den Himmel und bald verkuͤndeten einzelne Blitze ein nahendes Ge⸗ witter. »Ein Allmoſen, ſchoͤne Dame,« ſagte eine tiefe Stimme neben Eliſabeth: vein Allmoſen fuͤr eine arme, kranke Frau.«— »Ich habe kein Geld bei mir,« erwiederte Eliſabeth:»geht in die Kuͤche, guter Mann, dort wird man Euch gewiß Etwas geben.« »Ach geben Sie mir nur etwas,« wieder⸗ holte er laut, und leiſe fluͤſterte er: thun Sie nur ſo, damit ich Ihnen ein Zettel geben kann.« Eliſabeth that, wie er ſagte, und empfing ein ganz kleines Stuͤckchen Papier, das ſie —— 128 ſchnell in der Hand verſchloß, da Frau von Brasci hinter ihr ſtand und ſie am Arm faßte. „»Was wollen Sie machen, Eliſabeth? Ge⸗ ben Sie doch dem unverſchaͤmten Bettler nichts, ich weiß nicht, wie er herein zu kommen wagte, aber das Geſindel draͤngt ſich uͤberall ein, ich werde den Bedienten rufen, ihn wegzupruͤ⸗ geln.« „O Gott!« rief Eliſabeth:»verzeihen Sie dem Ungluͤcklichen, es iſt ja wohl naturlich, wenn er hoffte, wo Alles Freude und Wohlle⸗ ben athmet, werde man ihm Mitleid und Huͤlfe ſchenken.« „Ich weiß gar nicht, wie es ihm moͤglich war, in den Garten zu kommen,« fuhr die Graͤfin fort, ohne auf Eliſabeths Worte zu ach⸗ ten.»Bruder,« ſagte ſie zu dem herankom⸗ menden Ritter:»Du mußt Dich nach dem Men⸗ ſchen umſehn, und Ihr, Bourguignon, ſetzt Eure Glaͤſer hin; folgt meinem Bruder.« Sie gingen und durchſuchten den Garten von einem Orte zum andern, allein es war keine Spur von dem Bettler zu finden. 129 Eliſabeth hatte das Zettel noch immer un⸗ geleſen in ihrer Hand, ſie konnte den Inhalt nicht errathen, und brannte vor Begierde, ihn zu erfahren; doch es war noch vor Mitternacht, und ſie mußte ſicher noch lange Zeit ſich gedul⸗ den. Zum guten Glücke ſetzte dee Dhnmacht einer Dame die ganze Geſellſchaft in Bewegung. All Frauen draͤngten ſich um die bewußtlos Dalie⸗ gende, die Graͤfin hatte die chriſtliche Liebe, ihr ein volles Glas Waſſer in's Geſicht zu gie⸗ ßen, und ſo das Roth ihrer Wangen mit den Lilien der Stirn in eine roſige Maſſe zu ſchmel⸗ zen, auch die Peruͤcke der Dame fiel herab, und der kahle Kopf, die Runzeln und die Schminke erregten unter den treuen Freundinnen ein ſo lautes Lachen, daß die arme Praͤſidentin da⸗ durch in's Leben zuruͤckgerufen ward, und bei dem Anblicke ihrer auf den Knien liegenden Tour, fehlte wenig an einer zweiten Ohnmacht. Das Gedraͤnge war ſo groß, daß es Eliſabeth moͤglich fand, hinter einer Gardine das Zettel zu leſen; es enthielt die Worte:»Funfzig Schritt Camiſarden. J. 9 vom Garten wird man dieſe Nacht den Wagen der Graͤfin Brasci anhalten; ſeyn Sie nicht er⸗ ſchrocken; leiſten Sie keinen Widerſtand; uͤber⸗ laſſen Sie ſich Denen, die Sie retten wollen, die Kinder Gottes bewachen Sie.« Freude und Angſt machten Eliſabeth zittern:»Gott,« dachte ſie: vkann es moͤglich ſeyn! der morgende Tag ſoll mich befreien, ſoll mich aus den Haͤn⸗ den meiner Verfolger reißen und allen Gefah⸗ ren entziehen?« 1 Unbemerkt netzten Thraͤnen ihr ſchoͤnes Auge; ſie ſah den Herzog von Beauvilliers in den Saal treten und mit unruhigen Blicken ir⸗ gend Jemand ſuchen.»Auch er wird ſich mor⸗ gen freuen,« dachte ſie ferner:»und doch be⸗ darf ich auch dennoch ſeines Mitleids, denn fluͤchtig, verbannt, ohne Freunde, ohne Ver⸗ wandte, welches Loos ſteht mir bevor?« Es ſchlug Eins; die meiſten Kutſchen hat⸗ ten ſich ſchon entfernt, und Frau von Brasci ſchickte ſich an, ebenfalls fort zu fahren, als ihr Bruder in den Saal trat und ſie bat, noch et⸗ was zu warten, da er der Praͤſidentin ihren 131 Wagen gegeben, weil der Himmel ſo ſchwarz bezogen und es auch ſchon anfange zu regnen. »Nun, dann will ich hier ſchlafen; ich hatte ohnehin ſchon daran gedacht, denn ich bin bis zur Erſchoͤpfung muͤde.« „Das waͤre bei den vielen umherſtreifenden Banden zu unvorſichtig, Schweſter.« 3 »Du kannſt ja zur Stadt gehen, Albert, wenn Du bang biſt,« ſagte Frau von Brasci ſpoͤttiſch:»ich bleibe hier.« Albert nahte ſich ihr und ſagte ihr leiſe ei⸗ nige Worte.— „Das iſt einerlei; geh Pionne, beſorge die Betten.« Dieſe Worte waren ein Donnerſchlag fuͤr Eliſabeth, die in ihnen das Ende aller ihrer Hoffnungen hoͤrte. Das Gewitter ward indeß immer heftiger; Donner, Blitz, Regen und Sturm wuͤtheten zugleich, das ganze Haus ſchien zu erbeben. Der Intendant trat jetzt mit dem Herzoge in's Zimmer. 113 9* 1³²⁹ »Ich glaube, wir muͤſſen hier bleiben,« ſagte er: vund ich denke auch, wir haben, ſo nahe der Stadt, nichts zu fuͤrchten. Das Haus iſt feſt und unſer Perſonal anſehnlich.« »Wohl, mein Vater, erlauben Sie mir, die noͤthigen Einrichtungen anzuordnen,« ſagte die Graͤfin, und ging nach einer freundlichen Verbeugung gegen den Herzog mit Eliſabeth fort. Der Ritter aber entfernte ſich gleichfalls, um fuͤr die Sicherheit zu ſorgen, welche alle Andre zu vergeſſen ſchienen.. „Pionne,«X ſagte Frau von Brasci:»Du mußt bei Fraͤulein Maulèon ſchlafen, und ſollte ſie morgen etwa fruͤh aufſtehen, ſo darfſt Du ſie keinen Augenblick verlaſſen.« „ und wer ſollte denn dieſe Nacht auf Sie achten?« »Mein Gott, ich bin ja kein Kind mehr, und habe Juliane in meiner Naͤhe; bekuͤmmere Du Dich um Niemand, als um Fraͤulein von Mauléon. Das iſt von großer Wichtigkeit, gute Amme, und ich bitte Dich, laß ſie, unter keinem Vorwande, auch nur eine Minute al⸗ lein.« Der Chevalier beorderte die Bedienten, be⸗ waffnet im Saale zu bleiben, und um ſich wach zu erhalten, einige Flaſchen Wein, kalten Braten, Butter und Brot mitzunehmen. Er fand ſeine Schweſter vor dem Spiegel, ſchon im Nachtkleide und ein Licht in der Hand.»Wo iſt der Herzog« fragte er. „Abgefahren, wie mein Vater,/C erwiederte die Graͤfin mit bitterm Laͤcheln. „»Und weshalb?« „»Was weiß ich? eine Laune des Herrn von Basville, wahrſcheinlich.« »Mach' keine finſtere Miene, ſie entſtellt Deine Schoͤnheit, Schweſter! Aber wo iſt Fraͤulein von Maulèon?. 4»Eingeſchloſſen in ihre Kammer und in Pionne's ſtrenger Aufſicht.« Jeder ſuchte ſein Schlafkaͤmmerchen, und bald herrſchte in dem vor wenig Stunden ſo le⸗ bendigen Hauſe eine voͤllige Stille. — 14. Lorenz und Bourguignon ſetzten ſich, wie der Ritter befohlen, hinter einen mit Gewehren und Lebensmitteln verſehenen Tiſch, auf den ihr reger Dienſteifer ſtatt zwei Flaſchen drei ge⸗ ſtellt. Sie aßen, ſie tranken und ſchwatzten; Bourguignon erzaͤhlte ſeinem Kameraden, daß er den Auvergnaten geſehen, dem der Marſchall auf Fuͤrbitte der Graͤfin Mauléon das Leben ge⸗ ſchenkt, daß er aber uͤber die Mauer geſprun⸗ gen ſei, als er ihn erblickt habe. „Haͤtteſt Du das doch dem jungen Herrn geſagt, wer weiß, ob er nicht ein Spion der Camiſarden iſt, und wir in die Stadt gegan⸗ gen waͤren, wenn der Ritter das gewußt.« .»Du biſt eine Memme, Lorenz! der Herr aber ſchlaͤft, wie der Marſchall in ſeinem Lager; 1 —ꝑ, — 1 135 er hat ja fuͤnf bewaffnete Diener, die in ſeinem Vorzimmer wachen.«— Drei Uhr verkuͤndigte die Hausuhr. „Gottlob! daß wir ſo weit ſind,« ſeufzte Lorenz, aber eh' er geendet, ſiel ein Schlag an die Hausthuͤr, von deſſen Gewalt der Schluͤſſel aus der Thuͤr flog; Lorenz entſprang eiligſt, ſchloß die Thuͤr hinter ſich ab, indem er uͤber⸗ laut um Huͤlſe rief und das ganze Haus er⸗ weckte. Der Ritter verließ ſchnell das Bett und ging mit ſeinen Leuten auf den Gang, die Feinde in dieſer vortheilhaften Lage erwartend. Ddie Thuͤren wurden eingehauen, zwanzig Camiſarden drangen unter großem Laͤrm in's Haus und hatten einige Stufen der Treppe er⸗ reicht, als der Ritter: gebt Feuer!« rief, und alle Sechs ihre Flinten abfeuernd, mehrere der Eindringenden zu Boden warfen. Aber:»Vorwaͤrts, Kameraden!« rief der Anfüͤhrer:»ihre Flinten ſind noch nicht wieder geladen.«— 6 1 136 Schnell hatten ſie das erſte Stockwerk er⸗ reicht und Cavalier, denn er war es, befahl L'Hommond, der allein das Fraͤulein kenne, mit angezuͤndeten Fackeln alle Zimmer zu durch⸗ ſuchen. Bald brachten einige Maͤnner aus einer der aufgebrochenen Kammer eine ohnmaͤchtige Dame.— Vor einer andern verſchloſſenen Thuͤr ſtand der Ritter und ſchien den Eingang um jeden Preis verhindern zu wollen— doch haͤtte dies gewiß bei der feindlichen Uebermacht ſein Leben gekoſtet, wenn nicht auf einmal die Thuͤr nach innen mit Gewalt aufgeriſſen waͤre, wodurch er ruͤckwaͤrts zur Erde fiel. Pionne war es, die in Todesangſt um ihre geliebte Herrin hin⸗ aus ſtuͤrzte und es den Camiſarden erleichterte, Eliſabeth zu erreichen, die, ihre letzte Stunde erwartend, betend auf den Knien lag. „ Kommen Sie, liebſtes Fraͤulein,« ſagte der treue L' Hommond, indem er ſie mit ſich zur Treppe zog: vkommen Sie! eilen Sie, denn Sie ſind frei.« „O, mein Gott!« rief Eliſabeth, als ſie die Todten ſah: bin ich die Urſache dieſes Un⸗ gluͤcks!« „»Eilt,« rief Cavalier:»wir haben keine Zeit uͤbrig; der Morgen daͤmmert ſchon. Ein Ruf, und Alle waren vereint und zum Abmarſch fertig. Der untergehende Mond er⸗ leuchtete die ſeltſame Scene. Eliſabeth beſtieg ein Pferd und L'Hom⸗ mond huͤllte ſie in einen waͤrmenden Mantel. Inzwiſchen war Frau von Brasci wieder zu ſich gekommen und ſtand in Mitten der Krie⸗ ger, ihr Schickſal erwartend. „Bruͤder!« rief Cavalier: dies Weib ge⸗ hoͤrt zu unſern Verfolgern; ihr Tod wuͤrde den grauſamen Basville betruͤben; aber niedrig waͤre es, ein huͤlfloſes Weib zu ermorden: laßt ſie gehen.« Stolz und veraͤchtlich ſah die Graͤfin ihn an, und mit bebender Stimme(doch mehr aus Wuth, als aus Furcht bebend) ſchrie ſie Eli⸗ ſabeth zu: 138 »Adieu! doch hoffentlich nur auf kurze Zeit.« Sie eilte in's Haus, und Cavalier mit ſei⸗ nen Reitern in's Weite. Schauder ergriff die Graͤfin bei der Todten⸗ ſtille ihres Hauſes, und vergebens rief ſie meh⸗ rere Mal die Namen ihrer Diener. Wer ruft?« fragte endlich eine Stimme aus dem erſten Stockwerk herab. Eure Herrſchaft, Elende! kommt herunter, leuchtet mir und ſeid nicht laͤnger angſt, Eure Ueberwinder ſind fort.« Zitternd kamen einige Bediente herbei, die ſich bis dahin aus Furcht verſteckt hatten. Welch' traurigen Anblick zeigten die herbei⸗ gebrachten Lichter. Bourguignon und drei Camiſarden lagen in ihrem Blute auf dem Boden. Frau von Brasci wandte ſich ab und wollte die Treppe hinauf, als Lorenz ſie abzuhalten ſtrebte und ſagte:»Ach, Ihr Gnaden, bleiben Sie bei uns, hoͤren Sie nicht das Rufen?« — — 139 »Es iſt mein Bruder; man ſtoͤßt eine Thuͤr ein, ſeht zu was es iſt.«— „Ach, ach! gnaͤdige Frau.«— „Louiſe! mein Kind! wo biſt Du 2 rief der alten Amme angſtvolle Stimme. »O Gott, ich ſterbe, hole mich, gute Amme, und ſag', wo iſt mein Bruder?« „»In Eliſabeths Zimmer; wir waren Beide dort eingeſchloſſen— o theure Graͤfin, welch⸗ eine Nacht war das!« 1 „Lorenz« ſagte Frau von Brasci: geht ſogleich zur Stadt und benachrichtigt meinen Va⸗ ter— nun was glotzt er mich an? ich glaube gar, er fuͤrchtet ſich noch immer? nimm Be⸗ gleitung, wenn Du Dich nicht allein fort traueſt, aber ich ſage Dir, ſogleich, oder ich jage Dich morgen aus dem Hauſe.« Mit dieſen Worten ging ſie hinauf und fand ihren Bruder noch ganz betaͤubt von ſeinem Falle. »Nun, Frau Schweſter?« „»Nun, Herr Bruder?« 140 „Das ſind die Folgen Ihres Eigenſinnes, Frau Graͤfin!« »Ha, die Elenden! die Spitzbuben! wer ſ haͤtte ſolche Unverſchaͤmtheit moͤglich gehalten? ſ aber noch iſt nicht alle Hoffnung verloren, denn man ſoll ihnen augenblicklich nachſetzen.« » Und ich will ſie wiederfinden, waͤre ſie auch im Abgrunde der Hoͤlle verborgen.« 2 15. Die Camiſarden entfernten ſich ſchnell und auf unbetretenen Wegen nach dem eine Meile nordoͤſtlich von Nimes belegenen Vaqueiroller Walde, und ſo ſtill ging der Zug vor ſich, daß man keinen andern Laut hoͤrte, als das Bellen der Hunde aus den umliegenden Doͤrfern. Mit der erſten Helle des Tages betrachtete Eliſabeth die Maͤnner, denen ſie ihre Rettung verdankte. L'Hommond war das einzige ihr bekannte Geſicht; doch zu oft hatte ihr ſeliger Großvater das Bild des Anfuͤhrers ihr entwor⸗ fen, um nicht Cavalier in ihm zu ahnen. Er war klein und ſein von blonden Haaren umge⸗ benes Geſicht ſo zart und regelmaͤßig, daß, wer es nicht wußte, den muthigen, thaͤtigen Cava⸗ lier gewiß nicht in ihm zu ſehen glaubte. Er 142 trug, wie die meiſten ſeiner Untergebenen, ei⸗ nen großen braunen Mantel und keine Abzeich⸗ nung, als eine Goldtreſſe am Hute. „Unſre Bruͤder ſind ſchon angekommen,« ſagte er, indem er nach einem kleinen Hauſe ſah, wo ſein ſcharfes Auge Pferde entdeckte, die an dem Brunnen getraͤnkt wurden. »Ach! das Haus kenne ich,« rief Eliſabeth: pes gehoͤrt Mariane Loos— die brave Frau.«— »Jetzt, liebes Fraͤulein, genießt ſie den Lohn ihrer Tugend, morgen werden es acht Tage, daß ſie ermordet ward; ſie gab ein Beiſpiel uͤbernatuͤrlicher Kraft und lobte den Herrn bis zu ihrem letzten Augenblicke, zu gro⸗ ßer Erbauung aller Umſtehenden.« Der Weg begann hier ſo ſchmal und eng zu werden, daß Jeder einzeln reiten mußte und die Unterredung aufhoͤrte, bis man an den Ort der Verabredung kam, wo die Camiſarden hin⸗ ter dem Hauſe und vorn im Walde ihr Lager aufgeſchlagen. Einige unter ihnen ruhten, An⸗ dre putzten ihre Waffen, Alle aber erhoben ſich, den verehrten Anfuͤhrer zu bewillkommnen, waͤh⸗ 143 rend L⸗ Hommond, unter ruͤhrenden Ausdruͤcken der innigſten Freude, Eliſabeth vom Pferde zu ſteigen half. „»Wie habe ich mich um Dich geaͤngſtet, Du treuer Freund, wie habe ich fuͤr Dich gezittert!« ſagte Eliſabeth. »Kommen Sie, beſtes Fraͤulein, Sie muͤſ⸗ ſen von Schreck und Anſtrengung ganz ermüdkt. ſeyn! bald brechen wir wieder auf, bis d ſuchen Sie einige Stunden zu ruhen.-« „Sie gingen in das Haus und ſahen dort mehrere auf Stroh ſchlafende Camiſarden, in deren Mitte ihre Gewehre, wie ein Reiſigbund zuſammen geſtellt waren. Eliſabeth fand einen im Voraus für ſi ſie be⸗ reiteten kleinen Verſchlag, wo L' Hommond ihr andeutete, daß ſie ohne Sorge ſchlafen koͤnne, da er ſie bewachen und zu gehoͤriger Zeit erwe⸗ cken werde. Das Fraͤulein folgte dem Rathe, doch nicht ohne vorher Gott fuͤr ihre Nertund inbruͤnſtig gedankt zu haben. Obſchon das Lager unbequem war und Eli⸗ ſabeth ſich voͤllig gekleidet hingelegt hatte, ſo ſchlief ſie doch ununterbrochen, bis L' Hommond gegen Mittag an ihre Thuͤr klopfte. Eilig ſtand ſie auf und folgte ihm in den großen Vorſaal, wo Cavalier zu ſeinen Unterbefehlshabern ſprach und ihnen ſagte, daß er zuruͤck in die Gegend von Nimes gehen werde, und daß der Alte die junge Graͤfin in den Gebirgsſchlund von Deze bringen ſolle, wozu man ihm ſechs Mann als Schutz mitgeben muͤſſe. „Mein Herr/ ½ rief Eliſabeth:»Sie haben mir die Freiheit verſchafft, vielleicht ſogar das Leben gerettet, wie kann ich Ihnen meine Dank⸗ barkeit jemals genug bezeugen?« „Wenn Sie ſich unſrer heiligen Sache ſtets treu erweiſen. Leben Sie wohl, Schweſter, und ſagen Sie Denen, die Sie aufnehmen werden, daß ich in wenig Tagen hinkomme.« Eliſabeth verbeugte ſich und folgte LeHom⸗ mond zu ihrer ſchon auf ſie wartenden Beglei⸗ tung, mit denen ſie zu Pferde ſich ſchnell ent⸗ fernte. „ 145 Nach einer Pauſe ſagte Eliſabeth zu L' Hom⸗ mond, daß ihr die ganze Begebenheit, ja ihre Freiheit ſelbſt, wie ein Traum erſcheine, daß ſie nicht begreifen koͤnne, wer Cavalier zu ihrer Rettung habe beſtimmen koͤnnen, und daß ſie in der Vorausſetzung, L'Hommond ſei im Ge⸗ fechte bei la Combe oder in den Gefaͤngniſſen von Nimes umgekommen, geglaubt habe, es werde ſich Niemand um ſie bekuͤmmern. Auch begreife ſie nicht, wie es ihm moͤglich geweſen, zu entkommen. „»Ach! ich ward in jener unvergeßlichen, ſchrecklichen Nacht gerettet, aber Herr von Sau⸗ valet, der, um Sie zu erretten, den Capitain Poul angriff, ward gefangen.« „»Sauvalet! o guter L' Hommond, ich ſah ihn zum Scheiterhaufen gehen.« „Ja, mein Fraͤulein, waͤhrend Poul Sie nach Nimes ſchickte, verfolgte er uns; Herr von Sauvalet ward verwundet und konnte den Feinden nicht entgehen, er ward, nicht weit von St. Anduſe bei dem Dorfe Moneſtier ge⸗ fangen.« 21 Camiſarden. I. 10 »Und Sie?« »Ich entkam in die Berge zu unſern Bruͤ⸗ dern, und hier fand ich Cavalier, der mich zu ſeinem Secretair ernannte; ich lag ihm unauf⸗ hoͤrlich an, Sie doch aus der Gewalt des grau⸗ ſamen Herrn von Basville zu befreien, allein nur der großen Marie gelang es, ihn zu bewe⸗ gen. Zu dieſer wunderbaren, von allen Cami⸗ ſarden verehrten Frau, die ſo oft durch ihre Weißagungen uns den Sieg verſchaffte, werde ich Sie bringen. Sie hat großen Einfluß uͤber Cavalier, und als ſie Ihre Befreiung von ihm verlangte, da gelobte er, Sie zu retten, und waͤren Sie im Hauſe des Intendanten ſelbſt.« »Nun kam Samuel mit der Nachricht von 8 der grauſamen Verbrennung der ganzen Ver⸗ ſammlung in Mercier's Muͤhle, und erzaͤhlte, wie Sie durch Ihr Flehen bei dem grauſamen Marſchall, ihm das Leben gerettet. Voll Dank⸗ barkeit fuͤr Sie, bot er ſeine Huͤlfe von ſelbſt an, ſchlich nach Nimes und brachte die Nachricht von dem Feſte in dem Luſthauſe vor der Stadt. Cavalier war bereit und entwarf den kuͤhnen 147 Plan, zugleich Herrn von Basville ſelbſt zu ent⸗ fuͤhren. Wir gingen einzeln und waren, ohne Verdacht erregt zu haben, um Mitternacht rings um den Garten verſteckt; waͤhrend unſre Pferde in dem nahen Thale Fenouillere ſtanden. Sa⸗ muel wagte es, verkleidet bis an den Saal zu ſchleichen und Ihnen ein Zettel zuzuſtecken.« „»Ach! wie erſchreckte es mich! die Graͤfin kam hinzu, faßte Argwohn und ließ ihn uͤberall ſuchen:« „O, ſie konnten ihn nicht finden! er blieb, um uns Ihre Abfahrt anzuzeigen; Mitternacht kam der Basville'ſche Wagen, doch Samuel blieb ſtill, und wir ließen ihn fahren. Dann meldete er uns, daß die ganze Familie draußen ſchlafen werde, und Cavalier beſchloß den naͤcht⸗ lichen Ueberfall. Das graͤßliche Gewitter trieb uns, einen Zufluchtsort zu ſuchen, und als wir an der großen Thuͤr vorbeikommen, wird ſie ge⸗ oͤffnet; zwei Laͤufer vorauf, faͤhrt die Kutſche im vollen Galopp zur Stadt. Das war der Intendant, rief Samuel Cavalier entgegen; wohl, erwiederte Dieſer gelaſſen, ſo iſt er dies 10* * Mal davon gekommen. Laßt uns jetzt nur an Fraͤulein von Maulèon denken.« »Mein Gott,« unterbrach ihn Dieſe:»L⸗Hom⸗ mond, wohin fuͤhrſt Du mich? ich erkenne den Ort, der mir ſchon einmal ſo ſchrecklich war! ich zittre und doch moͤchte ich wiſſen, wo ſein Grab iſt— wollte Gott, es waͤre auch das Meinige.. „»Das verhuͤte der Himmel! aber ich kenne die Stelle und will Sie hinbringen— Bruͤder, die Pferde koͤnnen auf den engen Waldpfaden nicht weiter, laßt ſie hier graſen und bindet ſie an die Baͤume, wir muͤſſen zu Fuße weiter ge⸗ hen.« 1 Es geſchah, und ſie ſchlugen denſelben Pfad ein, den Sauvalet in jener Nacht kam, wo er den ſterbenden Grafen zum letzten Male ſah. Eliſabeth fuͤhlte ſich einer Ohnmacht nahe, als ſie an die Huͤtte kamen, wo ihr Großvater ſtarb und ſie als Gefangene weggeſchleppt ward. Sie erklaͤrte, daß ſie ſich erſt einige Augenblicke erholen muͤſſe, ehe ſie ſich entſchließen koͤnne, die ungluͤckliche Schwelle zu betreten. ‿ 149 Sie blieb, und L Hommond richtete indeß das kaͤrgliche Mahl an, welches aus Brot, et⸗ was Wein und Nuͤſſen beſtand, und einen huͤb⸗ ſchen jungen Menſchen zu lauten Klagen uͤber den Verluſt ſeiner vaͤterlichen Kuͤche bewog, was aber die Andern eben ſo laut tadelten, und ihn an Abraham Mazels Reden uͤber die Vergaͤng⸗ lichkeit aller irdiſchen Guͤter erinnerten; ja einer von ihnen verſicherte, Haus und Hof ganz ver⸗ ſchmerzt zu haben, ſetzte aber doch hinzu, er wuͤnſche nur ſo lange zu leben, bis er ſich ge⸗ hoͤrig raͤchen koͤnne. 3ldins Der Juͤngling verſtaͤrkte inzwiſchen die Mahl⸗ zeit, indem er einen halben Schinken auf den Tiſch legte, den er mit froͤhlicher Miene aus ſeinem Schnappſack geholt. Eliſabeth trat in dieſem Augenblick in's Haus, und mit zitternder Hand auf die Thuͤr des Kaͤmmerchens zeigend, verſicherte ſie, daß ſie unmoͤglich dort hinein gehen koͤnne, da es ihr jeden Augenblick ſcheinen wuͤrde, ihren ſter⸗ benden Großvater und den ermordeten Sauva⸗ let zu ſehen. 6 »Wohl!« erwiederte L'Hommond:»ſo ru⸗ hen Sie hier und die Andern moͤgen hinein ge⸗ hen; jetzt aber ſuchen Sie ſich zu beruhigen, genießen Sie etwas und ſammeln Sie Muth und Staͤrke, denn wahrlich Sie beduͤrfen Bei⸗ des. 23 7 Nach dem Eſſen gingen die Maͤnner in die Kammer, und Eliſabeth entſchlummerte in ei⸗ ner Ecke am Feuer, bis ſie gegen den Morgen erwachte und L'Hommond bat, ſie zum Grabe ihres ſo einzig geliebten Großvaters zu fuͤhren. Mit entbloͤßtem Haupte zeigte ihr der treue Diener einen mit duͤrren Reiſig vermiſchten Steinhaufen. Eliſabeth warf ſich mit lauten Klagen und heißen Thraͤnen auf das Grab, und als LHom⸗ mond ſie faſt mit Gewalt erhob und zum Fort⸗ gehen erregte, da ſagte ſie mit feierlichem Tone, Hand und Blick gen Himmel erhoben:»Ja, mein Vater, Dein letzter Wille ſoll erfuͤllt wer⸗ den, ich lebe und ſterbe in Deinem Glauben, und dies blutige Vaterland verlaſſe ich, ſo bald als moͤglich, obſchon ich Deine theuren Gebeine 151 zuruͤcklaſſen muß; o weshalb bin ich verurtheilt, Alle, die ich liebte, zu uͤberleben!« Die Begleiter waren bereit; man ritt den ganzen Tag durch oͤde, beſchwerliche Wege, brachte die Nacht in einer halb zerſtoͤrten Huͤtte zu, und erreichte am andern Abend den Ge⸗ birgsſchlund von Deze in den obern Cevennen. 16. L' Hommond hielt ſein Pferd an und half Eli⸗ ſabeth von dem ihrigen herab, indem er den Camiſarden Lebewohl ſagte und ſie fuͤr den Ruͤckweg zu großer Vorſicht ermahnte, um in den verſchlungenen Pfaden ſich nicht zu verir⸗ ren. Dann beruhigte er ſeine junge Gebiete⸗ rin, die einige Sorge zu fuͤhlen ſchien, von ih⸗ rer Begleitung verlaſſen zu werden.»Wir ha⸗ ben jetzt keine Gefahr mehr zu fuͤrchten, liebes Fraͤulein, und es iſt von jetzt an nicht moͤglich, zu Pferde weiter zu kommen.« »So lebt dann wohl, gute, brave Leute, ich habe jetzt nur Worte, Euch meine Dankbar⸗ keit zu beweiſen; vielleicht aber ſchenkt Gott mir eine beſſere Zeit und— wo ich auch ſei, wenn ich Euch nuͤtzlich werden kann, ſo rechnet auf 4 153 mich, und daß ich dieſer Stunde nie vergeſſen werde. Empfehlt mich auch Eurem Anfuͤhrer und ſagt ihm tauſend Dank, daß Ihr mich ſicher hieher bringen durftet.« „O,c rief der Aelteſte unter den Camiſar⸗ den:»das war doch wohl das Wenigſte, was wir fuͤr die Tochter des Grafen von Mauléon thun konnten. „Und fuͤr ſie ſelbſt! wir geben Alle unſer Leben fuͤr ſie hin.«— »Fort, Gelbſchnabel! mach', daß Du vor⸗ an koͤmmſt— zu meiner Zeit redeten junge Leute erſt, wenn die Alten nichts mehr zu ſagen wußten, Adieu, Adieu, gnaͤdiges Fraͤulein.« „Adieu!« riefen Alle und entfernten ſich dann ſo ſchnell wie moͤglich. Eliſabeth ſah ihnen nach, ſo lange es an⸗ ging, und als ſie durch eine Beugung des We⸗ ges ihrem Auge verſchwanden, da konnte ſie ſich einer Thraͤne nicht erwehren. Zwei Tage, in gemeinſamer Gefahr und in gleichem Ungluͤcke zuſammen verlebt, ketten menſchliche Herzen — 154 feſter, als Monate im eintoͤnigen Lebensgange verbracht. „Jetzt, mein Fraͤulein, muͤſſen wir den Gipfel des Berges erſteigen.« 33 Eliſabeth blickte um ſich und erſpäͤhte nichs, als graue, kahle Felſen. Kein Grashalm ſchmuͤckte den unfruchtbaren, ſteinigen Boden; nur hie und da entſproßte ein kuͤmmerlicher Buchsbaumſtrauch den Ritzen des Felſen. Eliſabeths Muth war groͤßer, als ihre Kraft, und obſchon der treue Alte ſie leitete und unter⸗ ſtüͤtzte„ ſo mußte ſie doch oft. aus Mattigkeit ei⸗ nige Momente verweilen, um nicht hinzuſinken. „»Verlieren Sie Ihr Vertrauen nicht, lieb⸗ ſtes Fraͤulein, wir ſind gleich angekommen. O, Gott! wer haͤtte mir und der guten Mar⸗ garethe ſagen ſollen, wenn wir Sie in den gro⸗ ßen Alleen des Parks ſpielen ließen, daß ich Sie einſt auf ſolche Wege fuͤhren muͤßte? Lieber Himmel, wie gluͤcklich waren wir dale „Ach, L“ Hommond, das ſcheint mir wie ein Traum— ich muß ihn vergeſſen, um ihn nicht allzu ſehr zu beklagen.« 155 Bei dieſen Worten hatten ſie den hoͤchſten Punkt des Felſens erreicht, und Eliſabeth uͤber⸗ raſchte der auffallendſte, ſeltſamſte Anblick, den man ſich vorſtellen kann. Mitten in dieſem Felſen, zu ihren Fuͤßen, erblickte ſie ein kleines eifoͤrmiges Thal, ein Be⸗ cken gleichſam, eingegraben in die Tiefen des Berges. Mehr als die Haͤlfte des Raums fuͤllte ein lichtblauer, ſtill wogender See; Erdbeer⸗ baͤume, Ahorn und Ulmen bekraͤnzten, Blu⸗ men bedeckten ſeine Ufer. „»Gott im Himmel!« rief die uͤberraſchte, entzuͤckte Eliſabeth: diſt dies das irdiſche Pa⸗ radies?— aber ich ſehe ja keine Wohnun⸗ gen!« In „»Das waͤre auch zu unbeſonnen, denn wie abgelegen und einſam der Ort iſt, ſo waͤren wir doch nicht ſicher, da die Bewohner der Umge⸗ gend ihn kennen.« „»Ach! ſo muͤſſen wir noch weiter gehen,« — ſagte Eliſabeth, die ſich ſehr ermattet fuͤhlte. „MNein, aber, liebſtes Fraͤulein, ſteigen Sie ja mit Vorſicht herab.« Feinde Dich nicht erreichen kann— wo iſt der Bruder Cavalier?« fragte ſie L' Hommond. 156 L⸗ Hommond ging voran, half Eliſabeth ei⸗ nen ſehr ſteilen engen Pfad gluͤcklich herunter zu kommen, und Beide erreichten endlich das Ufer des Sees. „Da iſt die große Marie,« fluͤſterte der Alte, und zeigte auf eine Frau, die wenig Schritte von ihnen auf einem umgeſtuͤrzten Baumſtamme ſaß. Ihr erſter Anblick mußte auffallend ſeyn, denn ſie war ſehr groß, beinah rieſenmaͤßig, dazu ſehr mager, und(wohl durch zu großen Wachsthum verurſacht) hatte die ganze Figur etwas Unſicheres und Gehaltloſes, was die toͤdt⸗ 4 liche Blaͤſſe ihres ſonſt vollkommen ſchoͤnen Ge⸗ ſichts noch auffallender machte. Eine weiße Haube ohne Spitzen bedeckte ihre brennend ro⸗ then Haare, und ein ſchwarzes Gewand war ihre einfache Kleidung. Dem Anſchein nach mochte ſie etwa 20 Jahre alt ſeyn. Sie ſtand auf, als ſie die Wanderer erblickte. »Willkommen bei uns, armes, verfolgtes Kind, willkommen hier, wo der Arm Deiner 157 „In der Vaunage, im Vaqueiroller Walde.« „Und mir hat er aufgetragen, den Freun⸗ den ſeine baldige Ankunft zu verkuͤnden, meine gnaͤdige Frau.« „»Der Name gebuͤhrt mir nicht— hier gel⸗ ten keine Titel, wir ſind hier Alle Bruͤder. Nenne auch Du mich Schweſter und komme, Dich auszuruhen, in den verborgenen Zufluchts⸗ ort, den Gott ſeinen Kindern gezeigt.« Bei ihrem Aufſtehen waren viele Kraͤuter, die ſie auf dem Schooße liegen hatte, herunter ge⸗ fallen und ſie ſuchte ſie jetzt ſorgfaͤltig wieder auf. Schweſter Marie ging auf einen ſenkrecht glatt gehauenen Theil des Felſens zu, deſſen unterer Theil eine Baumwand voͤllig bedeckte. Schweigend folgten Eliſabeth und ihr Beglei⸗ ter. Der Fels ſchien ihnen eine undurchdring⸗ liche, feſte Mauer; als ſie aber nur noch einige Schritte entfernt waren, warf Marie einen Stein in eine Spalte der Steinwand, die etwa zwoͤlf Fuß uͤber ihren Koͤpfen war, und bald ſenkte ſich eine Strickleiter herab; Marie ſtieg 158 eilig hinauf und reichte Eliſabeth die Hand, da Dieſe mit Angſt die ungewohnte Treppe betrat. Auf einem ſehr kleinen Vorſprung des Felſens, wo die Spalte begann, hieß ſie Eliſabeth hin⸗ ein ſteigen, und ſo klein und deshalb aͤngſtlich die Oeffnung war, ſo eilte die bebende junge Graͤfin doch, hinein zu kommen, da die ſchwan⸗ kende Leiter und das kleine Felsſtuͤckchen, auf dem Marie ſtand, ihr noch aͤngſtlicher ſchie⸗ nen. L⸗Hommond war ihnen gefolgt, und mit ſchreckhafter Bewunderung ſtaunten ſie die Hoͤhle an, die ſich ihnen gaſtfreundlich geoͤffnet hatte. Das Gewoͤlbe, welches anfangs ſehr niedrig war, erhoͤhte ſich allmaͤlig bis uͤber 40 Fuß. Eine eiſerne, an den unbehauenen Fels befeſtigte Lampe gab nicht mehr Licht, als noͤthig war, die tiefe Nacht dieſes Aufenthalts bemerkbar zu machen. Man hoͤrte in der Naͤhe das Mur⸗ meln einer Quelle, der Boden aber war den⸗ noch vollkommen trocken. Eine alte Frau, die Marie Schweſter Suſanne nannte, ging mit der Lampe ihnen voran, und Eliſabeth bemerkte, trotz der ſchwachen Erleuchtung, daß eine un⸗ 159 ſaͤgliche Menge von Vorraͤthen aller Art in gro⸗ ßer Ordnung zu beiden Seiten des Felſens auf⸗ geſchichtet waren. Haͤufig entdeckte ſie auch krumme, unabſehbar ſcheinende Gaͤnge, welche die Reihen der Vorraͤthe unterbrachen. Ein Geraͤuſch ſprechender Stimmen verkuͤndete bald, daß die Hoͤhle bewohnt ſei. Suſanne wandte ſich links, und die neu Angekommenen fanden ſich in einer Art Kammer, welche durch das Zu⸗ ſammenruͤcken der Felſen gebildet ward und auch nicht hoͤher, als ein gewoͤhnlicher Saal war. Hier arbeitete Alles, einige Greiſe und etwa zwanzig Frauen ſtrickten, naͤhten oder webten, und Niemand war muͤſſig. „»Freunde,« ſagte Marie:»hier bring' ich Euch die Enkelin des Grafen Hugo von Mau⸗ leon. Der Bruder Cavalier hat ſie dem grau⸗ ſamen Basville entriſſen; laßt uns vereinigt Gott fuͤr ihre Befreiung danken.« Alle ſtanden auf und umgaben in betender Stellung die Prophetin; Dieſe ſtellte ſich in ihre Mitte und ſagte einen Pſalm her, in den alle Stimmen chorartig einfielen. »Singet dem Herrn, Ihr, die Ihr ſeine Kinder ſeid, und zeuget von ſeiner Heiligkeit. Denn das Ungluͤck koͤmmt von ſeinem Grimme und ſeine Barmherzigkeit ſpendet das Leben. Wir klagen am Abend, aber der Morgen bringt uns Freude. Du Gott, haſt die Thraͤnen des Kummers in Thraͤnen der Wonne gewandelt; der Sack, in den wir gehuͤllt waren, iſt zerriſſen, und Freude umſtrahlt mich, damit ich Deinen Na⸗ men fortan preiſe mit Jubel, und nicht mehr in der Angſt des Truͤbſals.« »Jetzt haben wir den Pflichten der Seele genuͤgt,« ſagte Marie: jetzt iſt es recht, fuͤr die Beduͤrfniſſe des Leibes zu ſorgen.« Obgleich Eliſabeth lange nichts genoſſen hatte, ſo war ſie doch zu ſehr mit ihrer ſeltſa⸗ men Umgebung beſchaͤftigt, als daß ſie den Einladungen ihrer geſchaͤftigen Wirthe gehoͤrig entſprochen haͤtte. Der anſehnliche Theil der Hoͤhle, in dem man ſich verſammelt hatte, wurde durch meh⸗ rere an dem Felſen befeſtigte Lampen hinlaͤng⸗ 161 lich erleuchtet, um die blaſſen, ernſten Geſich⸗ ter ſeiner Bewohner voͤllig unterſcheiden zu koͤn⸗ nen. Entfernt vom belebenden Einfluß der Sonne, ſchienen ſie einen Theil des Lebens ſelbſt eingebuͤßt zu haben. Keine neugierige Frage unterbrach das einfoͤrmige Geraͤuſch ih⸗ rer Arbeiten und die Stille des Grabes, die ohnehin hier geherrſcht haͤtte. Marie fuͤhrte Eliſabeth nach einem zur Ruhe mehr geeigneten Orte. Sie verließen, mit ei⸗ ner Lampe verſehen, die Hoͤhle und kamen nach etwa zwanzig Schritt in eine Art Kabinet, das von den Vorſpruͤngen der Felſen mit Huͤlfe ei⸗ niger Bretter und Balken zurecht gemacht war. Im Hintergrunde war ein Lager von duͤrrem Laube, das ein bluͤthenweißes Tuch bedeckte. An einer Seite lagen auf einem ſchlechten Tiſche mehrere Buͤcher, und an der Seite waren Bret⸗ ter mit Kraͤutern und Toͤpfen. Alles in groͤß⸗ ter Ordnung. „Dies iſt meine Kammer, und, wenn Sie wollen, auch die Ihrige.«— „»Wie kann ich Ihnen meine Dankbarkeit Camiſarden. I. 11 162 genugſam ausdruͤcken,« rief Eliſabeth mit dem ihr eignen Ausdruck lebhafter Herzlichkeit. »Danken Sie Gott, der mir die Sorgfalt fuͤr Sie eingab, und vergeſſen Sie nicht, daß er Ihr letzter Gedanke vor dem Einſchlafen ſeyn muß.« „»Koͤnnten Sie wohl Nachſicht mit meiner Schwaͤche haben,« ſagte Eliſabeth, indem ſie aͤngſtlich umher blickte. „Nachſicht, mein Kind? und worin?« fragte Marie freundlich. 3 »Ach, Sie verlaſſen mich und ich kann meine Furcht nicht uͤberwinden.«— „Das konnte ich denken— es gehoͤrt Zeit dazu, ſich an die Finſterniß der Unterwelt zu gewoͤhnen, wenn man aus den glaͤnzenden 846 len der Gluͤcklichen koͤmmt.«— „»Ach, von Allem, was jene Wohnungen ſchmuͤckt und verſchoͤnt, vermiſſe ich nichts, als das Licht des Tages.«— 4 »Ich begreife dies Verlangen, liebſte Toch⸗ ter, es iſt in unſrer ſchwachen Natur begruͤndet; 163 deshalb beruhigen Sie ſich, ich werde Sie be⸗ wachen.« Nach dieſer freundlichen Zuſicherung uͤber⸗ ließ ſich Eliſabeth ruhig dem ſtaͤrkenden Schlafe, waͤhrend Marie ſich geiſtliche Kraft in den nie⸗ dergeſchriebenen Reden des Praͤdikanten Mazel ſuchte. FF. 11* — ¾— 1 9 —ãix——EEEEEERE;: 417 Nach einigen Stunden erwachte Eliſabeth und ſah Marie emſig beſchaͤftigt, eine Arznei aus den ſie umgebenen Kraͤutern zu bereiten. Ei⸗ nige Augenblicke betrachtete ſie ſchweigend ihre neue Freundin, wie ſie im Hausanzuge vor ihr ſtand, ein ſchwarzes Corſet, das ihren hohen Wuchs noch mehr auszeichnete, ein brauner Rock, der, bis zur Erde gehend, ihre Fuͤße bedeckte, waͤhrend die hochaufgeſtreiften Hemgp⸗ aͤrmel blendend weiße Haͤnde und Arme ms ließen. »Ich habe Sie wohl lange hier aufgehal⸗ ten,« frug Eliſabeth, indem ſie ſich aufrich⸗ tete. »Ich bin oft ganze Tage hier, mein Kind, aber da Sie erwacht ſind, ſo ſtehen Sie auf, 165 damit ich Ihnen die Hoͤhle mit Allem, was ſie enthaͤlt, zeigen kann.« Eliſabeth that es, und ſie gingen zuerſt in das Magazin, welches ſie ſchon bemerkt hatte; hier lag eine ungeheure Menge Korn und meh⸗ rere Tonnen Wein in grader Linie auf einem etwa vierzig Schritte großen Platze. Links war eine Hoͤhle, in der ſich Alles be⸗ fand, was zur Ausruͤſtung einer Armee noth⸗ wendig war. Kleider, Huͤte, Schuhe und Lei⸗ newand, jeder Artikel allein in großer Ordnung aufgeſchichtet. „»Wie viel Muͤhe und Arbeit muß es geko⸗ ſtet haben, dieſe unendliche Menge Vorraͤthe ier aufzuſammeln,« rief Eliſabeth. „Und mit ihrem Blute haben Gottes Kin⸗ er ſich Kleider und Nahrung verſchafft. Frei⸗ lich ſchien uns das Unternehmen anfangs un⸗ moͤglich; allein man ſieht hier, was Fleiß und Ausdauer vermoͤgen, wenn Gottvertrauen ſie beleben. Noch weiter links, liebe Tochter, aber ja vorſichtig, der Boden iſt uneben.« — 8 4 8 1 „ —— ᷣ——————— 166 Sie kamen in eine kleinere Hoͤhle; Marie hob den Deckel eines großen in der Mitte ſte⸗ henden Koffers und zeigte eine Menge Gold und Silber, nebſt einem Kaͤſtchen mit Wechſelpa⸗ pieren. »Jetzt aber ſieh unſern groͤßten Schatz,« ſagte Marie und wies auf eine ganz enge Oeff⸗ nung: haber bleibe ja mit der Lampe zuruͤck — hier liegt unſer Pulvervorrath.« Mit dieſen Worten nahm ſie die uͤber die nahe Gefahr erſchreckte Eliſabeth bei der Hand, ließ ſie einige in den Fels gehauene Stufen in die Hoͤhe ſteigen, und ſie traten in eine hoͤhere Grotte, die das Lazareth bildete. Mehrere Kranke waren hier und zwei alte Frauen, die Binden, Kompreſſen und Getraͤnke bereitete Marie winkte die junge Graͤfin uree Ah bleiben. 24 Ein Greis, der ſie erblickte, bat Marie um Huͤlfe gegen den Teufel, der ihn zu Gotteslaͤ⸗ ſterungen verleiten wolle. »Er haͤtte nicht Euch genaht,« erwiederte die Prophetin mit ſtrengem Tone:»wenn Euer 46) Herz nicht immer mit weltlichen Gedanken er⸗ fuͤllt waͤre.« »Ach! es iſt ja wider meinen Willen, daß ich meine ſchoͤnen Handelsartikel beſtaͤndig vor Augen habe— meine herrlichen Spitzen! meine feine Leinewand! mein vieles Gold! Ich war ſo reich und jetzt— o, wie bin ich ſo arm! Was hat es dem Sauvau gekoſtet, ſo reich zu bleiben, als er war? nichts, als ein Bischen Knien in der katholiſchen Kirche.« „Still! in meiner Gegenwart leide ich keine Blasphemien. Sauvau hat bei dem Abend⸗ mahl, das er in der katholiſchen Kirche genoſ⸗ ſen, mehr Gift eingeſchluckt, als der grauſame Baſilisk bei ſich fuͤhrt. Um vergaͤngliche Guͤ⸗ at er ſein Knie vor Baal gebeugt. Herr hat ihn an dem geſtraft, wa undigen machte. Sein Haus iſt abge von den Knaben des Kreuzes, und der fra zö⸗ ſiſche Einſiedler hat ihn mit eigner Hand getoͤd⸗ tet.« „Ja, dann waͤre mir's gewiß nicht beſſer ergangen,« ſagte der Kranke. 4 —— 1 1 ʒ 168 Marie ſetzte eine Salbe auf den Tiſch und ſagte:»Das iſt fuͤr das wunde Bein des alten Suͤnders.« Dann nahm ſie Eliſabeth bei der Hand und fuͤhrte ſie durch eine der Eingangsthuͤr gegen⸗ uͤber liegende Oeffnung, blieb aber ſtehen und ſagte: dich hoͤre Geraͤuſch— richtig, es ſind neue Ankoͤmmlinge, ſehen Sie dort den tiefen krummen Weg, er fuͤhrt in ein dem Orte, wo Sie herkamen, entgegengeſetztes Thal, von da⸗ her kommen die Freunde.« Nach einigen Schritten bogen ſie um eine ſcharfe Felsecke und traten in den allgemeinen Verſammlungsſaal. „Nehmt Fackeln, Schweſtern, leuchtet den Bruͤdern, die uns der Herr zufuͤhrt, und berei tet Euch, mit Ergebung zu hoͤren, was ſie fuͤr Nachrichten bringen, es ſeyen gute ode boͤſe.« Die Frauen erhoben ſich, zuͤndeten die Fa⸗ ckeln an und leuchteten den Kameraden, die man nach einiger Weile, einen Verwundeten tragend, erblickte. 4 169 „Es hat Blut gefloſſen,« rief Marie:»Herr, Dein Wille geſchehe!« Langſam trugen die Soldaten auf einer Bahre einen blutigen Koͤrper, in dem man zu allgemeinem Schrecken Abraham Mazel er⸗ kannte. „»Gott, in welchem Zuſtande giebſt Du uns Deinen Diener zuruͤck! Tragt ihn ſchnell in den Krankenſaal, Bruͤder.« Man that, wie Marie es angab, und legte den Kranken behutſam auf eine Madraze von Stroh, wo er nach wenig Secunden wieder zum Bewußtſeyn gelangte, erſt matt das Auge erhob, dann Marie erkannte und endlich mit ſchwacher Stimme ſagte:»wer hat mich zu mei⸗ en Bruͤdern gebracht?« Die Maͤnner erzaͤhlten, daß, als ſie das Thal Andora erreicht haͤtten, um ſich mit Ro⸗ land bei Rousſon zu vereinen, ſie ihren Predi⸗ ger leblos, am Fuße eines Eichbaums liegend, getroffen, und, als ſie geſpuͤrt, daß er noch athme, geeilt haͤtten, ihn hieher zu bringen. »Meuchelmord hat mich niedergeworfen— 170 ich war allein— der Pfarrer von St. Florent begegnete mir mit ſeinem Diener, den die Ama⸗ lekiter Sakriſten nennen. Sie fielen mit gro⸗ ßem Geſchrei uͤber mich her, ich hatte kaum Zeit, meine Piſtolen zu faſſen, da ſtreckte ein Schuß des Dieners mich nieder.« Erſchoͤpft von dieſer Mittheilung ſchloſſen ſich abermals die Augen des wirklich gefaͤhrlich Verwundeten, und eine alte Frau ſchickte ſich an, ihn gehoͤrig zu verbinden. Alle entfernten ſich; auch Eliſabeth, die den allgemein verehrten Lehrer ſo lange zu ſehen gewuͤnſcht und jetzt genau betrachtet hatte. Er war etwa 30 Jahr, aber ſeine wenigen Haare, ſeine runzelvolle ſehr hohe Stirn und der lange, ſchwarze Bart, der den Untertheil des Geſichte ganz bedeckte, ließen ihn um Vieles aͤlter ſcheinen. L' Hommond las bei der Helligkeit eines hochauflodernden Kaminfeuers, wo das Mit⸗ tagseſſen gekocht ward; Eliſabeth hatte ihn auf⸗ geſucht und klagte ihm, wie ſchwer ihr die Fin⸗ ſterniß zu ertragen werde, und wie troͤſtend ihr 171 ſchon die Helligkeit des Feuers waͤre, obſchon ſie ihr Auge blende. „Ach!« ſeufzte der Greis: vund wenn ich an Ihre Kindheit denke! im prachtvollen Saale zu Mauléon auf Ihrem kleinen ſammtnen Seſ⸗ ſel, mitten unter den Ihrigen, umgeben von Glanz und Reichthum— und jetzt! in einer elenden Hoͤhle unter der Erde.«— »Guter L⸗Hommond! laß uns nicht mur⸗ ren— der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, und vielleicht ſchenkt uns ſeine Barmherzigkeit es wieder.« „Ach, wenn Sie nur Frankreich verlaſſen koͤnnten, dann waͤren Sie wieder reich und gluͤcklich.« „»a reich waͤre ich dann, aber gluͤcklich nie wieder; denn ach! wie koͤnnte ich dies Land und ſeine Graͤber vergeſſen.— Nein, ich fuͤhlte mich uͤberall eine Verbannte ohne Eltern und Verwandte.« 5 Mehrere Frauen unterbrachen hier die Un⸗ terredung. 172 Taube.« Der Tag verging ſtill, und Eliſabeth ar⸗ beitete fleißig an Kleidungsſtuͤcken fuͤr die Ca⸗ miſarden. Marie ſchien viel Liebe fuͤr ſie zu haben, und nannte ſie in ihren bilderreichen Ausdruͤcken: die in den Felskluͤften verborgene 18. Eines Morgens, als die arme Eliſabeth ganz in traurigen Gedanken verſunken war, fuͤhlte ſie e ſanft ſich umfaßt; ſie erſchrak, blickte auf und fand, daß es Marie war, die ſie theilneh⸗ mend betrachtete. Ich gehe in das Thal, meine Liebe, wol⸗ len Sie mich begleitenke „»Ach gern, gern,« rief Eliſabeth und cegte ſchleunig ihre Arbeit zur Seite. Laͤnger als eine Woche hatte ſie in der un⸗ tevirdiſchen Grotte verlebt, ihre Augen konnten im erſten Augenblicke das helle Tageslicht nicht ertragen, doch blickte ſie bald mit freudiger Ruͤh⸗ rung auf die Blumen und Kraͤuter umher. „O, wie herrlich iſt es, hier auf dem Ra⸗ ſen zu ſitzen und dies ſchoͤne, klare Waſſer an⸗ ſehen zu koͤnnen!« 174 Marie ſetzte ſich auf den Baumſtamm, auf dem die Graͤfin ſie zuerſt erblickt. »Ja, mein Kind,« erwiederte ſie dann: »Gott hat Alles in dieſer Einſamkeit vereint, was ein beſcheidenes Herz wuͤnſchen kann, und wenn er, der Allmaͤchtige, unſerm Glauben Sieg verleiht, ſo denke ich, meine zagſ hier zu verbringen.& Wie, hier allein! und Sie koͤnnten doch unter Ihren Bruͤdern gluͤcklich und geehrt le⸗ ben.« 4 »Ihre Geſellſchaft aber wuͤrde mich von der Betrachtung Gottes abziehen. 3 »Mein Geiſt hat nicht Kenntniß und Kraft genug, um die Heiligkeit zu faſſen, die Ihnen hilft, alle irdiſchen Verbindungen zu verachten, und die Einſamkeit dem Umgange, mit wah⸗ ren Freunden ſogar, vorzuziehen. Immer al⸗ lein, immer in ſich ſelbſt verſchloſſen, wuͤrde nie der Wunſch bei Ihnen entſtehen, ſich einem Weſen mitzutheilen, von dem Sie ſich geliebt und anerkannt wuͤßten?« 4A „O, mein Kind,« ſagte die ſichtlich ergrif⸗ fene Seherin: vich habe ſie empfunden, dieſe Wuͤnſche, ich habe ſie gekannt, die Bande des Bluts— ach! auch ich hatte Freunde und Ver⸗ wandte, die mich liebten— doch das iſt Alles dahin, des Ungluͤcks Abgrund hat uns getrennt!« „Ich bin aber auch ungluͤcklich und doch iſt mein Herz nicht erſtorben füs die Freuden des Lebens.« „Auch kannten Sie noch nicht die voͤllige Verzweiflung, nicht den Verluſt von Allen, die Sie liebten, kein ganz unerſetzliches Ungluͤck.« » Und doch ſah ich, wie Sie, meine ganze Familie ſterben; mein Schmerz war in den er⸗ ſten Tagen ſo heftig, daß ich oftmals den Ver⸗ luſt meines Verſtandes fuͤrchtete; aber die Zeit hat mich beruhigt, und ich denke meiner voran⸗ gegangenen Lieben, als abweſende, wieder mit mir vereinigt werdende Freunde.« „Tochter/« ſagte Marie:»Dein Herz iſt er er⸗ gebner und ſanfter, als das Meinige; das Un⸗ gluͤck hat Dich nur gebeugt, mich aber hat es vernichtet. Doch mein Verluſt war auch groͤ⸗ 176 ßer, als der Deinige!« Nach einigem Beſinnen druͤckte ſie Eliſabeth die Hand und ſagte:»Du haſt mein Herz bewegt, liebliches Maͤdchen, und mir noch einmal das Beduͤrfniß der Mit⸗ theilung erregt— ſo will ich Dir denn mein Ungluͤck erzaͤhlen, und ach! ich fuͤhle es auf's Neue, es giebt Erinnerungen, die weder die Zeit, noch das Gebet erloͤſchen koͤnnen!« „»Nein, theure Marie!« rief Eliſabeth, die mit Entſetzen den Thraͤnenſtrom ſah, der die toͤdtlich erblaßten Zuͤge der Ungluͤcklichen be⸗ deckte:»nein, Sie ſollen mir nicht von Ihren Leiden ſprechen; es iſt Ihnen zu ſchmerzlich, ich will meine Thraͤnen mit den Ihrigen nein ohne ihre Urſache zu kennen.« oLaß mich, geliebte Tochter, es iſt ſeiti jener Schreckensſtunde das erſte Mal, das mich ver⸗ langt, an treuer Bruſt meinen Jammer auszu⸗ weinen; nachdem ich ſo lange ihn einſam er⸗ trug, darf ich dem Wunſche wohl nachgeben, zumal gegen Dich, deren Schickſal ſo manche Aehnlichkeit mit dem Meinigen hat, und zu der ich, vom erſten Augenblicke an, mich hingezogen 4 fuͤhlte— wie Du, war ich das einzige Kind vornehmer, reicher Eltern; wie Du, verlor ich meine Mutter in fruͤher Kindheit, und wie Du, war ich der Liebling eines großen, glaͤnzenden Hauſes, und genoß durch meines Vaters zaͤrt⸗ liche Sorgfalt einer ausgezeichneten Erziehung — nur zu weltlich war ſie, und ich uͤberſchaͤtzte die irdiſchen Guͤter, die ich doch ſo bald verlie⸗ ren ſollte. Mein Vater begann kraͤnklich zu werden, und, um mich vor ſeinem Tode verhei⸗ rathet zu ſehen, verlobte er mich einem, unſern Namen fuͤhrenden, Anverwandten. Leo kam, und unſre Herzen freuten ſich der Wahl ihrer Familien. Ich war 16 Jahr, und die Liebe zu ihm erfuͤllte mich mit Wonne. Da began⸗ nen die Verfolgungen; wir, die wir in einer Gegend wohnten, wo es faſt gar keine Katho⸗ liken gab, hatten ihre Schrecken nicht um uns her empfunden; aber jeder Tag brachte uns neue Trauernachrichten von dem Feuer, das Basville angezuͤndet. Meine Heirath ward aufgeſchoben, und mein Vater beſchloß, in frei⸗ williger Verbannung das Ende dieſes Elends Camiſarden I. 12 178 abzuwarten. Begleitet von einem hochverehr⸗ ten Vater und am Arm des Geliebten, hatte dieſer Entſchluß fuͤr mich nichts Unangenehmes, zumal da ich wußte, daß wir Gold genug mit⸗ nahmen, um in jedem Lande ein reichliches Auskommen zu haben; Genf war das erſte Ziel unſerer Wanderſchaft. Maſſip, ein Bote, der ſchon viele Auswanderer durch einſame, abgele⸗ gene Wege gluͤcklich dahin geleitet, verſprach, auch uns durchzubringen. Froh und hoffnungs⸗ voll verließen wir unſre Wohnung.« „Halten Sie ein, Beſte, beruhigen Sie ſich und fahren Sie nicht fort, es erſchuͤttert Sie allzuſehr,« unterbrach Eliſabeth die am gan⸗ zen Koͤrper zitternde Marie; Dieſe aber ſagte: „Nein! laß mich ausreden und dann auf im⸗ mer verſtummen! Eine edle Familie und zwei treue Diener begleiteten uns; gluͤcklich hatten wir am erſten Tage den Berg Bougez uͤberſtie⸗ gen; den andern Tag, etwa um 2 Uhr nach Mittag, erreichten wir den Wald von Ventalou. Wir wollten hier Etwas genießen und ſetzten uns ruhig nieder; auf einmal ſprang mein Va⸗ 179 ter mit Schrecken auf— er hatte die Uniform eines Dragoners geſehen. Zu ſpaͤt! ſelbſt ſeine Waffen konnte er nicht mehr faſſen, wir waren umringt und von einer großen Menge uͤberfal⸗ len. Ein Auswurf der Hoͤlle, ein Prieſter, er⸗ hitzte die Dragoner und feuerte ſie zu verſtaͤrkter Grauſamkeit an. Mir ließ er die Haͤnde auf den Ruͤcken binden und zog mich mit ſich fort. Mein Vater und Leo kaͤmpften, mich zu be⸗ freien, ſie wurden von der Uebermacht bezwun⸗ gen; der Abt Cayla winkte, ich ſah, wie man ſie Beide feſt an einen Baum band, wie die Soldaten, auf des Wuͤthrichs Geheiß, ihre Flinten auf ſie richteten und die geliebten Her⸗ zen mit hundert Kugeln durchbohrten; bewußt⸗ los ſtuͤrzte ich nieder, und als ich die Augen oͤff⸗ nete, war die Erinnerung des grauenvollen Moments in meiner Seele erloſchen. Ich blickte um mich und ſah, daß ich in einer gewoͤlbten Kammer war, die kein anderes Licht erhielt, als durch eine hoch oben an der Wand ſich be⸗ findende ſchmale Oeffnung; ich betrachtete mich ſelbſt und entdeckte, daß ich, an den Fuͤßen 42* —, 180 mit Stricken gebunden, auf einer ſteinernen Bank ſaß. Meine erſte Bewegung ſchmerzte mich ſo ſehr, daß ich laut aufſchrie; ein tiefer Seufzer antwortete meinem Klageruf, ich war alſo nicht allein, und ach! ich ſah die beiden Damen, die unſrer Flucht Gefaͤhrtinnen waren. Ihr Anblick rief mir nach und nach Alles zu⸗ ruͤck und jener ſchreckensvolle Auftritt ſtellte ſich mir mit voller Lebendigkeit vor Augen. Meine Verzweiflung war graͤnzenlos; ihre Ausbruͤche ſchrecklich und ſuͤndlich; doch endlich wich dieſe Heftigkeit einer voͤlligen bis zur Stumpfheit ge⸗ henden Abſpannung, aus der mich ein immer ſtaͤrker werdender Laͤrm uͤber unſerm Gefaͤngniſſe erweckte. Das iſt Befreiung oder Tod, ſagte Frau von Sauve: laßt uns die Herzen zu Gott erheben; ich aber rief, daß ich nichts, als den Tod verlange. Da oͤffnete ſich die Thuͤr, Abraham Mazel erſchien und loͤſte meine Bande; dies aber ſchmerzte mich ſo, daß ich in Ohnmacht ſank, und von unſern Befreiern an die Luft getragen und unter einen Baum niedergelegt ward. Als ich die Augen oͤffnete, 181 ſah ich, wenige Schritte von mir, den entſtell⸗ ten Leichnam des Abts von Cayla. Der An⸗ blick erregte mich bis zur Wuth und ich fuͤhlte eine unmenſchliche, ſuͤndliche Freude in mir. Eine alte Frau, deren Mitleid meine Verzweif⸗ lung mir erworben, nahm mich mit ſich und behielt mich mehrere Tage, die ich, krank am Geiſte, wie am Koͤrper, auf eine traurige Weiſe verlebte. Ich hatte nur einen Gedanken: ich wollte in den Wald von Ventalou, und endlich gelang es mir, der Aufmerkſamkeit meiner gut⸗ muͤthigen Wirthin zu entſchluͤpfen. Am fruͤhen Morgen ging ich fort; mehrere Landleute begeg⸗ neten mir, aber ſtill ſchritten ſie an mir vor⸗ uͤber, mein ſtierer Blick machte ſie wahrſchein⸗ lich fuͤrchten, ich ſei wahnſinnig. Nach langem Umherirren erreichte ich den Wald; ich fand die Stelle, aber die geliebten Todten waren ver⸗ ſchwunden, und die Ausbruͤche meines Schmer⸗ zes waren heftiger, als jemals; ich warf mich zur Erde und wollte nicht wieder aufſtehen; doch ich entdeckte ein blutiges, mir nur zu be⸗ kanntes Kleid, und nun ſprang ich auf, ergriff 182 es, und entfloh mit ihm, als ob ich einen ho⸗ hen Raub in Sicherheit bringen muͤßte.« Ganz erſchoͤpft von der angreifenden Erzaͤh⸗ lung, hielt die Ungluͤckliche hier ein, und Eliſa⸗ beth fragte mit ihrer weichen, ſuͤßen Stimme, ob denn Niemand ſich Mariens in dieſem trau⸗ rigen Zuſtande angenommen haͤtte? Marie aber erwiederte, daß ſie abſichtlich allen Men⸗ ſchen ausgewichen ſei und in den Gebirgen um⸗ hergeirrt haͤtte.»Doch endlich,« fuhr ſie fort: yhoͤrte ich auf die Stimme des Herrn, die mir befahl, mein Leben zu friſten und ſeinem Dienſte zu weihen. Ich entſagte, dies ganz zu koͤnnen, meiner Familie, meinem Vermoͤgen, ja meinem Namen ſelbſt. Marie von Serxti verſchwand, und nur die große Marie, die Seherin des Herrn, lebt noch. Eine neue Laufbahn oͤffnete ſich mir, ich gehe feſten Schritts auf ihr fort; jeden Blick in die Vergangenheit ſuche ich zu vermeiden, und unverruͤckt mein Auge auf das Ziel zu richten, nach dem dies kranke Herz ſich ſehnt.« Weinend verſicherte Eliſabeth ihrer Freun⸗ 183 din, wie ſie ihre Gleichguͤltigkeit gegen das Le⸗ ben jetzt ganz begreife.— »Und mein Ziel iſt nicht mehr fern, liebes Maͤdchen, hier in der Bruſt ruht der Keim der Zerſtoͤrung, mein Leben erſchoͤpft ſich.« Eliſabeth bemerkte mit Schrecken den muͤh⸗ ſamen Athemzug und die fieberhafte Gluth auf den Wangen ihrer Freundin und beſchwor ſie, ſich doch etwas Ruhe zu goͤnnen, und nicht, wie bis jetzt, fuͤr Alle zu wirken und zu wa⸗ chen, wenn Andere ſchliefen, da Ruhe gewiß allein ihr heilſam ſeyn koͤnne. „MRuhe giebt es fuͤr mich nicht mehr, denn kurz iſt meine Zeit und viel muß ich noch aus⸗ richten. Jetzt laß uns herein gehen, Arbeit und Gebet ſollen mir helfen, die Erregung dieſer Unterhaltung zu daͤmpfen.« Mit dieſen Worten gingen ſie in die Hoͤhle und vereinten ſich mit den Bruͤdern zum ge⸗ meinſamen Abendgebete. — Ende des erſten Baͤndchens. —⏑—— dnnmnenſnnſſſffſſfſiſſſnrſſnſnſſſnſffſſſnſiſniſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 n 7 ——