3 ₰ 22 2 1————=— ₰ 2— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von—, Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 N.. „ 3 6— „„—„ 3„„„.= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. deusjahezerl. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Stürme im Waſſerglas. Ein humoriſtiſcher Roman 1 Adolf Reichner. .. Dritter Band. —“,.———— 1 8 Seipzig. p Robert Schaefer's Verlag. 1 1 . 1875. ——————— 8 8 G: 1 :28: . S8 2 „* =: 5 =*. . B 5 : S :A 5 .S 8 : 8 :S 8 4 —-— Vereinzelte Blitze zuckten noch ohnmächtig am nächtig dunkeln Horizonte und ſchwach grollender Don⸗ ner pollte längs der bedächtig ſchleichenden Linde ent⸗ lang. Am weitgeöffneten Fenſter ſeines Wohnzimmers in Sternheim ſaß Baron Lothar Sternenkron; ein an⸗ genehmer Luftzug wehte durch's Zimmer und indem der Baron gierig die erfriſchte und erfriſchende Nachtluft einſog, ſchickte er ſeine Gedanken hinaus in die Welt, von der er ſich entfernt fühlte. e Baron Sternenkron war nicht der Weltweiſe, um ſein Vaterland an den Schuhſohlen mitzunehmen. Seine Welt war da, worer glänzen konnte. Während er ſo am offenen Fenſter ſitzt und in die ruhiger werdende Mitternacht hinausträumt, tauchen allmählig die Bilder entſchwundener Jahre im verſchönenden Lichte der Vergangenheit vor ſeinem inneren Auge wieder auf und reihen ſich zum vielfach verſchlungenen Kranze. Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 3 1 Still iſt es geworden ringsum über den Culturen, auf dem Lande gilt frühe Bürgerglocke, da gibt's kein Nachtſchwärmen, dort iſt die Nacht noch zum Schlafen da. Wie ſo anders iſt es jetzt in den früher gewohn⸗ ten Kreiſen;— es iſt ja erſt Mitternacht, da ſind wohl erſt kurz vorher die letzten Beſucher in den Klubb gekommen und von den jüngeren Leuten denkt, vollends gar in einer erquickenden Sommernacht, um dieſe Stunde keiner daran, ſich ſchon in das ſchwüle Bett zu legen. Jetzt ſitzen ſie wohl beiſammen, alle die Bekannten, rauchen wie die Schlote und mediſiren wie die alten Jungfern und erzählen Wahrheiten wie Münchhauſen, Fritz Beutel oder Gerſtäcker. Und Einer, überwältigt vielleicht von Langeweile, denkt an den abweſenden Lothar Sternenkron und frägt wohl auch nach ihm bei den Freunden, von denen einer dann vermuthlich ſuperklug zur Antwort gibt:„O, das iſt ein infam glücklicher Menſch, denkt nur an den ſuper⸗ ben heurigen Sommer, den er frei und ungebunden als ſein eigener Herr auf dem Lande verlebt, indeß wir hier den Reſidenzſtaub ſchlucken und froh ſein müſſen, wenn wir kurze vier, ſechs Wochen Urlaub herausbetteln.“ Und die Uebrigen geben dem Redner Recht, für fünf Minuten wird der Einſiedler von Sternheim beneidet.— Wenn's hoch kommt, ſo ſagt vielleicht ein Dritter: Schade doch, daß er fort iſt, man konnte ihn, war's auch noch ſo ſpät, immer: haben, wenn's an einem Spielpartner mangelte,— und damit iſt für diesmal die Leichenrede wieder zu Ende.— 3— . Von der ehemaligen Jeſuitenkirche Lindenheims dringt, getragen durch den Gewitterwind, der Glocken⸗ ſchlag der erſten Morgenſtunde hinaus bis nach Stern⸗ heim und an's Ohr des Barons.— Nichts als die feuchtwohlige Luft, die ſich mit dem erquickenden Athem, der der erfriſchten Erde entſtrömt, vermählt, lagert über den Gräſern und Geſträuchen, klettert die Bäume des Gartens hinan und wiſcht durch die offenen Fen⸗ ſter; nirgends ſonſt mehr eine Spur von dem vor⸗ gängigen Gewitter,— Friede und Ruhe ſchweben jetzt über der entſchlummerten Cultur.— Minder ruhig ſitzt der Baron ſelber, noch flieht ihn der Schlaf, er kann ſich nicht entſchließen, ſchon das Fenſter zu ver⸗ laſſen. „Warum bin ich das einzige unruhige Geſchöpf hier inmitten dieſes harmoniſchen Gottesfriedens?“ frägt ſich Sternenkron ſelbſtquäleriſch.„Bin ich denn zu keiner andern Rolle berufen, als um der Mißaccord im harmoniſchen Gefüge der Schöpfung zu ſein?“— Da tönt ein ſchrilles Kreiſchen durch die Märchen⸗ ſtille der Nacht,— ein Raubvogel hat ſich in feiger Hinterliſt ein ſchuldloſes Opfer geholt; weg iſt das friedliche Bild von der harmoniſchen Eintracht in der Natur, die Stille der Nacht wird zur Ruhe des Kirchhofs. „Raubvogel oder Opferthier, das iſt die Wahl,“ ſpricht unmuthig der Baron in ſich hinein. Er war Beides oft genug geweſen. Er hatte gar oft der Welt und ihren Satzungen getrotzt und dieſe ſich dafür ebenſo oft, wenn nicht öfter gerächt. Zuletzt 12 4 war er„geſellſchaftlich“ untergegangen. Und da kanmt ſein Opfer und rettete ihn,— rettete ihn, aber um welchen Preis?! Der ſtolze Cavalier wurde der Bräutigam einer fahrenden Sängerin.— Ja, es war wahr, er hatte ſie einſt geliebt, ſehr geliebt, aber— er hatte ſie nie eigentlich geachtet. Hätte er das, er würde ſie nicht verführt und dann verlaſſen, weggeworfen haben. Und jetzt ſtand er im Begriffe, ihr ſeinen ſtolzen Namen zu geben, den Namen, der ſeit den Kreuzzügen ſich rein von allen Vermiſchungen mit Unebenbürtigen erhalten hatte.— Baron Lothar war ſo ſtolz darauf geweſen, hatte ſich nie die Mühe genommen, dieſen Stolz zu verheimlichen, um wie viel mehr mußte er jetzt auf die ſchonungsloſeſte Beurtheilung, auf förmliche Aus⸗ ſtoßung aus den bisherigen Kreiſen der Hauptſtadt gefaßt ſein. Noch ſein Großvater hatte es wagen gedurft, einem regierenden Herrn die ſtolzen Worte zuzurufen:„Ver⸗ geſſen Eure Hoheit nicht, daß Sie mit einem Edel⸗ manne ſprechen, bei deſſen Ahnen dereinſt Ihre Vor⸗ fahren Pagendienſte verrichtet,“ und er, der Enkel, reihte dieſer Kette adelsſtolzer Väter eine Leontine Levasco an. Ja, hätte er damals, als er im Banne ſeiner Leidenſchaft zu Leontinen lag, den Schritt gethan, den er jetzt aus rechneriſcher Nothwendigkeit und Liebe zum Leben unternehmen mußte, er hätte zum Minde— ſten eine Entſchuldigung für ſich gehabt und nicht die Achtung verſcherzt. Die unſchuldige Kunſtnovize wäre — — zwar keine Braut für einen Edelmann mit doppelter Ahnenprobe geweſen, aber jeder Mann von Ehre hätte ſie heimführen gekonnt als die Gattin ſeiner Wahl. Seitdem aber war die von ihm verführte und ver⸗ laſſene Geliebte zwar eine große Sängerin geworden, ſie hatte aber durch die traditionelle Ungebundenheit ihres Standes die Eigenſchaften verloren, die die Frau ſich erhalten haben muß, der ein Mann, ohne vor ſich erröthen zu müſſen, ſeinen Namen anvertrauen kann. Das waren ſeltſame Gedanken für einen Mann im Brautſtande, von dem man ja ſo gerne behauptet, daß er die ſchönſte Epoche des Lebens umſpanne.— Aber Baron Sternenkron liebte das Leben, er war nicht Renommiſt genug, um gedankenlos davon frei⸗ willig Abſchied zu nehmen, aber auch zu ſchwach, um es durch eigene Kraft ſich jeden Tag neu zu gewinnen. Er hatte vielleicht mehr Kenntniſſe, Wiſſen und Cha⸗ rakter, wie eine Menge ſeiner Standesgenoſſen, aber er hatte auch alle ihre Vorurtheile und entbehrte vor Allem der Erkenntniß, daß die Baſis alles Lebens, aller Genüſſe— die Arbeit ſei.— Aus dem Mangel Geiſtig faſt gebrochen, ſitzt noch immer der Baron in ſeinem Stuhl am offenen Fenſter. Wieder tönen Glockenſchläge vom nächſtgelegenen Kirchthurme, ſie verkünden die Stunde des Sonnenaufgangs. Die kurze Mitſommernacht naht ihrem Ende, ſchon lichtet ſich im Oſt das Firmament, eine friſche Briſe ſtreicht über den Boden, die Erde beginnt ſich zu recken und “ 6 verkündet ihr Erwachen in einzelnen, noch unzuſam⸗ menhängenden Lauten.— Sonnenaufgang! Wie oft iſt er ſchon beſungen worden, der erwachende junge Tag, und vergleichsweiſe, wie Wenige haben ihn geſehen, wenn er ſich erhebt aus dem heller werdenden Oſt. Der Städter gar— wann ſieht er je einen Sonnenaufgang, wenn nicht etwa in Meyerbeer's„Prophet?“ Und doch iſt er ein erhabenes Schauſpiel, das an Großartigkeit um des⸗ willen nichts einbüßt, weil's alltäglich iſt. Doch ja— der Städter ſieht doch wohl auch mitunter das Er⸗ wachen des Morgens, wenn er weinſelig ſich in der Schenke verſäumt oder die Nacht in einer Geſellſchaft verbracht hat, die das Tageslicht zu ſcheuen braucht. Aber ſolcher Art vorangegangene Stunden wüſten Treibens legen eine Binde um das empfindende Auge und ſchlagen den Uebernächtigen mit Blindheit; für ihn geht die Sonne auf, wie das Talglicht der Mücke. Sollte ich mich etwa unterfangen wollen, die Empfindungen in Worte zu kleiden, die in ſolch' er⸗ habenen Momenten auf das Menſchenherz einſtürmen? Ich bin nicht Stümper genug, um beim Anblicke ſelbſt des Höchſten und Erhabenſten handwerksmäßig nach dem Tintenfaß zu greifen oder das Skizzenbuch zu öffnen und in ſelbſtzufriedener Anmaßung den Farben⸗ topf hervorzuholen.— Ich ſtand einſt auf dem Gipfel eines Berges, den ich am Abend vorher erſtiegen hatte, um von ihm aus den Sonnenaufgang zu beobachten. Es war ſchon eine bunte Geſellſchaft da, welche zu demſelben Zweck gekommen war. In Mäntel und 8— 7 Tücher gehüllt ſtanden wir fröſtelnd, ſchon zeigten ſich die Vorboten des erwarteten vielbeſprochenen Schau⸗ ſpiels, geſpannt ſahen Alle, in zwangloſe Gruppen vereinigt, nach dem nahenden Tagesgeſtirn. Ganz in meiner Nähe ſtand ein alter Mann, weißes, dünnes Haar quoll unter dem Hut hervor, bewegungs⸗ und wie es ſchien vollkommen theilnahmslos für ſeine Um⸗ gebung, ſchaute das tiefdenkende Auge nach Oſten, die Züge verkündeten Ernſt, ja Strenge.— Jetzt zog ſie herauf die Lebenſpenderin, umſchwommen von einem Meer farbigen Lichtes, verſtummt war jeder Laut in 1— der Geſellſchaft, die Erhabenheit des Momentes hatte ſelbſt den leichtfertigſten und gedankenloſeſten Schwätzern den Mund geſtopft und jeder Einzelne fühlte ſich ver⸗ geiſtigt. Da fielen zufällig meine Blicke auf den alten Mann mit den eiſig ſtrengen Zügen,— er war plötz⸗ lich ein Anderer geworden. Den Hut hielt er abge⸗ zogen in den Händen, die langen dünnen Haare flat⸗ terten in der friſchen Morgenbriſe, ſein Auge glänzte in faſt überirdiſcher Verklärung und ſeine Mienen drückten eine Weichheit aus, von deren Beſitz der Alte wohl ſelber keine Ahnung hatte. Kein Zweifel— der Greis betete betete ein wortloſes, darum aber nicht minder tief empfundenes Gebet. Das Bild dieſes Greiſes iſt für mich identiſch geworden mit dem Ge⸗ danken an einen Sonnenaufgang. Und jetzt war's wieder Tag im Lindenthal— das Licht, das allbelebende ringt ſiegreich mit der immer ohnmächtiger werdenden Nacht,— auch der Baron erhebt ſich, ſchließt das Fenſter und die Gardinen und begibt ſich zu Bette. — —— 4 8 Wenn dann Jemand zu den geſchloſſenen Schlaf⸗ zimmerfenſtern, welche durch die zugezogenen Vorhänge verrathen, daß der Baron noch ſchläft, hinaufſchaut, ſagt er: „Da wohnt ein glücklicher Menſch, der darf ſchla⸗ fen, indeſſ wir arbeiten müſſen,“ oder auch:„da wohnt ein Faulpelz.“— Je nachdem. Es iſt gar viel Schönfärberei bei den gebräuch⸗ lichen Schilderungen des Landlebens. Sie theilen das mit den gang und geben Beſchreibungen deutſcher Touriſten über Italien. Die Leſer werden in beiden Fällen ſyſtematiſch verführt, Unrichtigkeiten, ja Un⸗ möglichkeiten zu glauben, bis ſie, wenn ſie dann ſpäter Gelegenheit haben, mit eigenen Augen ſehen, jammer⸗ voll enttäuſcht werden. Man muß es immer und immer wiederholen, bis ſelbſt ein Thomas es glaubt, daß es nichts Proſai⸗ ſcheres auf der Welt gibt, als einen Bauern. Und die ganz naturgemäße Folge hiervon iſt, daß dieſe Proſa des eingebornen Landesbewohners rückwirkt auf den flüchtigen Beſucher, der„das Land“ wie eine Theatervorſtellung beſucht und da meint, es müſſe ihm auf jedem Schritt und Tritt ein poetiſcher Eindruck begegnen. Freilich hat der praktiſch denkende und rechnende Bauer nicht vermocht, Berge und Thäler zu verändern; wo die Natur dieſelben in harmoniſch er⸗ freulichen Zuſammenſtellungen geſchaffen, kann der Menſch nichts im Großen und Ganzen verpfuſchen, aber im Detail beſorgt er das mit um ſo größerer Ausdauer. Nicht nur, daß dem Bauern aller und ———xxxPxx—— 9 ſeiner Stelle einen anderen Sinn, der es ihm möglich macht, ſelbſt das, was von Hauſe aus freundlich und lieblich iſt, mehr oder weniger zu verhunzen, ſowie jeder Schönheitsſinn mangelt, nein— er beſitzt an 1 6 4. — er es in das Bereich ſeiner Aufmerkſamkeit zieht. Hand in Hand mit ſeinem Mangel an Schönheitsſinn ggeht des Bauern Unempfindlichkeit gegen alle Belei⸗ digungen ſeines Geruchſinns,— man wäre faſt ge⸗ neigt anzunehmen, er habe den letzteren ganz verloren, wenn man beobachtet, wie er ohne alle Nöthigung dazu die übelduftendſten Stätten ſeines Heimweſens ſich gerade vor die Naſe ſetzt. Dieſe Annahme wäre 1 aber Irrthum, denn der Bauer hat einen Geruchsſinn, wenn auch einen anders organiſirten, wie der Städter. Der Bauer riecht mit dem Geldbeutel; ein gutbeſetzter 1 Schweinkober riecht ihm gut, weil der Inhalt einen 18„entſprechenden Geldwerth repräſentirt, die Düngerſtätte dicht vor dem Schiebfenſter ſeiner Stube duftet ihm herrlich, weil ſie für ihn— um mit Liebig zu reden—* „flüſſiges Gold“ iſt. Kann's ekwas Bezeichnenderes geben für den zerrütteten Geruchsſinn des Bauern, als die Thatſache, daß faſt,die einzige Pflanze, die er im Topf zieht, die ſtinkende⸗Geranium iſt?! Baron Sternenkron in ſeiner eingeſchränkten Jung⸗ geſellenhäuslichkeit konnte ſich auf dem Lande nicht heimiſch fühlen, denn ihm fehlte die Möglichkeit, ſich auf ſeine eigenen vier Pfähle zurückziehen zu können. * Hätte er Familie und damit einen eigenen geſchloſſe⸗ nen Hausſtand gehabt, ſo würde er nicht genöthigt ge⸗ weſen ſein, Tag um Tag und mitunter gerade in — 8 10 Stimmungen, in denen er beſonders empfindlich war, in Berührung mit einer ſein Inneres abſtoßenden Umgebung zu kommen. Und die Einwohner des Oertchens Sternheim waren eher unter als über der Durchſchnittshöhe bäuerlicher Intelligenz. Ja, ſie galten gewiſſermaßen als die Lallenburger der Gegend, was zu mancher Prügelei, ſchon geführt hatte, wenn auf Tanzböden oder Kagel bahnen die herkömmlichen Stichelreden auf die„Schlan⸗ genfänger,“ wie die Sternheimer' ſpottweiſe hießen, fielen. Die Sternheimer hatten nämlich— es war gegen die Mitte dieſes Jahrhunderts— einmal ein große ſchwarze Schlange gefangen. Das war ſo zugegangen. An einem kalten Winterabend wollte ein Sternheimer nach Lindenheim gehen. Da ſieht er vor dem Oert⸗ chen quer über die beſchneite Landſtraße weg ein Un⸗ gethüm von mehr als Klafterlänge liegen. Obwohl dicht behaart, erkannte er das Unthier doch ſofort als eine rieſige Schlange, denn es war vom Kopf bis zum Schwanz gleichmäßig nur ſo dick, wie ein kräftiger Mannesarm. Zwar erſchrack der Sternheimer bei dem Anblick des Rieſenthieres, da es aber bewegungslos lag, faßte er doch den Muth, ſich überzeugen zu wollen, ob es lebe. Vorſichtig klopfte er mit ſeinem vorgehaltenen Stock das Thier auf das eine Ende, das er für den Schwanz hielt, ſprang aber ſofort zurück, als er ſah, daß das Ungethüm bei der Berührung eine wellenförmige Bewegung gemacht.— Es lebte alſo noch So ſchnell ihn ſeine Füße tragen konnten, — 4 — 11 — 1 eilte er nach Sternheim zurück, allarmirte den ganzen Ort und berichtete von der ſchrecklichen Schlange, die auf der Landſtraße draußen liege. Raſch bewaffneten ſich alle ſtreitbaren Männer mit Dreſchflegeln, Heu⸗ gabeln und ähnlichen Inſtrumenten und zogen, beglei⸗ tet von den Segenswünſchen der ängſtlich daheim blei⸗ Kbenden und ſic vorſichtig einſchließ zenden Weiber und Kinder, ab, das Unthier zu erlegen. Einige Furcht⸗ ſame in der Expedition hofften ſchon, daß das Unge⸗ thüm inzwiſchen fortgekrochen ſein werde, aber ſie ſahen ſich getäuſcht, das Unthier lag noch auf derſelben Stelle. Lange zauderten die Männer mit dem An⸗ griff, ſie riefen das Ungfthüm an, aber es nahm davon keine Notiz, nur ſo viel konnte man vermuthen, daß es friere, denn wenn ein kalter Wind über die Landſtraße pfiff, wälzte ſich das Unthier zitternd, wie ein Fröſtelnder, ein wenig zur Seite. Endlich ſiegte die Eitelkeit der Muthigſten, ſie wollten vor der ganzen Gemeinde ſich nicht eines Mangels an Muth über⸗ führen laſſen. Beherzt griffen ſie das Thier an; aber ſobald es mit einem Dreſchflegel den erſten wuchtigen Schlag erhalten hatte, erhob es ſich mit dem einen Ende um mehrere Fuß. Raſch folgten nun Schlag auf Schlag, Stich auf Stich, es war jedoch nicht mög⸗ lich, das Rieſenthier todt zu machen, nach jedem Schlag ſprang es immer wieder in die Höhe und zwar um ſo höher, je ſtärker der Dreſchflegel auf den Körper niedergeſchlagen wurde.— Dem mußte ein Ende ge⸗ macht werden. Ein beurlaubter Soldat warf ſich zum Führer der Expedition auf, er beorderte einen Mann „ 12 zurück nach Sternheim, von dort ein Kette zu holen, indeß die Uebrigen Wache bei dem Thiere halten mußten. Nach vielen ſchlauen Manövern hatten ſie endlich, ohne das Thier berühren gemußt zu haben, der Rieſenſchlange die Kette übergeworfen und zogen ſie im Triumph nach Sternheim zurück, wo ſie im Gemeindeſtadel feſtgelegt und abwechſelnd von je zwei Burſchen des Orts, die ſich mit Heugabeln bewaffnet hatten, bewacht wurde.— Früh am Morgen kam der Knecht des Bräuereibeſitzers aus Kindeheine um nach⸗ ſitz zufragen, ob von ſeiner Herrin, die geſtern Abend bei der Rückkehr von einer Schlittenparthie durch Stern⸗ heim gekommen, nicht ein verloren gegangener brauner Boa geſunden worden ſei.— Er war gefunden worden und lag an der Kette, die Sternheimer aber hatten den Spottnamen„die Schlangenfänger“ weg. Auf der Landſtraße, die von Lindenheim nach Sternheim führt, fährt ein offener Zweiſpänner. Pferde und Wagen find alt und invalid, wenn der Kutſcher nicht Hut und Spenſer eines Poſtillons trüge, würde man die elende Fortbewegungsmaſchine für alles Andere eher halten, als ſie iſt: eine Extrapoſt. Der Staat nimmt für ſich das Vorrecht in Anſpruch, die elendeſten Perſonentransportmittel gegen die höchſten Taxen abzugeben, dafür aber gibt er ſich noch Mono⸗ pole. Nur der Poſt iſt es erlaubt, Relais zu be⸗ nützen, der Privatfuhrhalter, der ſeinen Kunden an⸗ ſtändige Wagen anbieten würde, darf ſich unterlegter Pferde nicht bedienen; man nennt dieſen Zwang Ge⸗ werbefreiheit. In der klappernden, ächzenden, in allen 4. 13 3 Fugen morſchen eareſleich ſitzen Fräulein Le⸗ vasco und ihre Dienerin. Sie fahren nach Sternheim zum Baron. Fräu⸗ lein Levasco beſucht den künftigen Gemahl. Man hätte vermuthen ſollen, daß ſie bei dieſer Fahrt ein heitereres Geſicht mache, als ſie in Wirklichkeit that. Nur von der vertrauten Zofe beobachtet, that ſie ſich keinen Zwang an und perheimlichte nicht, daß ſie keinen bräutlichen Gedanken nachſinne.— Man iſt immer nachdenklich geſtimmt, wenn man einen ſehr wichtigen Geſchäftsabſchluß vor ſich hat und Fräulein Levasco war in dieſem Falle, ſie war im Begriffe, ſich einen Gatten zu kaufen. Zwar waren ihre Gefühle gegen den Baron ein wenig anderer Art, wie die ſeinen gegen ſie, inſoweit nämlich, als ſich die Sängerin durch das Band des Knaben mit dem. Geliebten ihrer Jugend verknüpft fühlte, im Uebrigen aber unterſchieden ſich die beiderſeitigen Meinungen nicht weſentlich. Leontine hatte den Baron, nachdem er ſie verlaſſen, haſſen ge⸗ lernt;— ſie hatte ihn doch zu ſehr geliebt, als daß er ihr ganz gleichgültig hätte werden können, er mußte ihr entweder weniger oder mehr ſein, als andere Männer. Möglich, ja wahrſcheinlich, daß ſein Bild in ihrer Erinnerung verblaßt wäre, wenn es nicht durch den Knaben immer wieder aufgefriſcht worden wäre; ſo aber war es in ſteter Erinnerung geblieben. Die Zeit hatte dabei ihre lindernde Kraft zur Geltung gebracht, allmählig betrachtete Leontine den Traum ihrer Jugendliebe objectiver, manches neue Intereſſe tauchte auf und erloſch wieder, die Jahre übten ihre Gewalt. Sie fühlte, daß ſie ſich zurückziehen müſſe. Sollte ſie unabhängig, aber auch unbeſchützt, als ab⸗ gethane Geſangsgröße unter dem Mitleid oder dem Spott der Menſchen leben, die ja nur den Zeitgenoſ⸗ ſen freundlich entgegenkommen? Sollte ſie ſich mit einem Manne vermählen, der vielleicht im Taumel einer jener Leidenſchaften, die von Künſtlerinnen ſo häufig eingeflößt werden, die Ueberreife ihrer Schön⸗ heit überſah, um dann,„wenn der ſchöne Wahn ent⸗ zwei,“ gebrochen, in mehr oder minder zart an den Tag gelegter Reue, ein Daſein des Vorwurfs an ihrer Seite hinzuſchleppen? Nein, ſolche Zukunften waren nicht nach Leontinens Plan.— Sie glaubte ſich ge⸗ wappnet dageger* ihr Herz noch einmal für den Baron ſchlagen könne. Wenn ſie ſich alſo mit dieſem vermählte, ſo ſprach— wie ſie überzeugt war— nur die Stimme der Vernunft, als Bürgſchaft für ein dauerndes, weil leidenſchaftloſes, gutes Einvernehmen. Zwiſchen dem Baron und ihr lag ja kein„ſchöner Wahn“ mehr. Mit dieſer Nüchternheit der Geſinnung kam Leon⸗ tine mit ihrer Zofe in Sternheim an. Der Baron hatte ſie nicht erwartet und gerieth in Folge deſſen in einige Verlegenheit, denn ſein jäger⸗ mäßiger Junggeſellenhaushalt bot ohne vorherige Vor⸗ bereitungen gar keine Bequemlichkeiten oder Erfriſch⸗ ungen für eine Dame. Fräulein Levasco beruhigte aber den Baron ſchnell, indem ſie ihm die Verſicherung gab, ſie wolle eigent⸗ lich ſich gar nicht aufhalten, ſondern ſei halb und halb —2 15 n der Erwartung gekommen, ihn von Sternheim mit⸗ zunehmen zum gemeinſamen Diner in Lindenheim. Natürlich ſtellte ſich der Baron ganz zur Verfüg⸗ ung ſeiner Braut. Dieſe hatte auf einem lederbezogenen Sopha Platz genommen und bedeutete den Baron, ſich ebenfalls zu Der Baron ahnte, daß es eine vorbereitete Unter⸗ redung geben werde. Er nahm Platz und wartete daß Leontine das Geſpräch eröffne. 7 „Lieber Lothar,“ ſprach ſie,„es iſt wohl an der Zeit, daß wir uns über die Dinge, die wir noch zu bereden haben, ausſprechen.“ „Ich weiß zwar nicht, was wir noch zu bereden haben, liebe Leontine,“ antwortete der Baron,„aber ich bin ganz zu Dienſten.“ „Nun alſo. Wann ſoll unſere Trauung ſtattfin⸗ den?“ fragte die Sängerin. „Ich muß geſtehen,“ entgegnete der Baron Lothar, „daß ich dieſe Frage nicht erwartet habe, denn Du weißt ja, daß die Beantwortung von Dir abhängt.“ „Und ich könnte Dir daſſelbe entgegenhalten, mein Lieber,“ ſprach Leontine,„und ſo kämen wir gar nicht vom Fleck.“ „Ich wüßte aber in der That nicht, wie ich die Urſache der Zögerung ſein ſollte,“ entgegnete der Baron. „Lieber Freund, vor Allem keine Empfindlichkeit, keine Aergerlichkeit,“ beſchwichtigte Leontine das reiz⸗ 16 bare Gemüth ihres Bräutigams.„Sprechen wir doch offen.“ „Das habe ich denn doch wahrhaftig bereits bis zum Uebermaß gethan,“ wendete Baron Sternenkron ein. „Schön.— Mein Sachwalter hat die leidigen Prozeßangelegenheiten, die Dir unbequem waren, bei⸗ gelegt; die verſchiedenen Wechſel und Verſchreibungen ſind in ſeinen Händen.“ Der Baron verbeugte ſich; er war doch etwas verlegen. „Es ſoll kein Vorwurf ſein, lieber Freund,“ fuhr die Sängerin fort,„wenn ich Dir geſtehe, daß die Ordnung dieſer Angelegenheit mich faſt die Hälfte meines Vermögens gekoſtet hat.“ Baron Lothar huſtete leicht. „Es wäre von mir Unrecht und Selbſtſucht, wenn ich die Hälfte meines Vermögens weggäbe, ohne mir dafür ein Aequivalent zu erringen. Reicht auch die andere Hälfte meines Vermögens hin, um uns ein ruhiges, wenn auch juſt nicht glänzendes Leben zu ſichern, ſo muß ich doch daran denken, daß gerade dieſer verbleibende Reſt vor allen Wechſelfällen möglichſt ge⸗ ſchützt ſei.“ „Du ſprichſt ſehr vernünftig, liebe Leontine.“ „Es ſoll mir lieb ſein, wenn Du das denkſt, lieber Lothar. So höre denn, was ich Dir vorſchlage: die Summe, für welche mein Sachwalter Papiere auf Dich in den Händen hat, ſoll vorweg meinem kleinen Lothar gehören. Ich nenne ihn in dieſem Augenblick noch „meinen“ und nicht„unſeren,“ weil bis jetzt der arme 17 Junge nur meinen Namen führt, nur eine Mutter und einen Vormund hat. Dieſer Vormund verlangt nun im Namen ſeines Mündels Sicherſtellung für deſſen Anſprüche an Dich, wie ſie ihm aus dem Beſitze der eingelöſten Papiere zukommen.“ „Aber ich bitte Dich, liebe Leontine,“ warf etwas ungeduldig der Baron dazwiſchen,„wozu dieſe Um⸗ ſtände? Ich habe Dir kein Hehl daraus gemacht, daß ich nicht im Stande bin, die auf mir laſtenden Ver⸗ bindlichkeiten zu erfüllen. In dem Moment, als Du ſie erwerben ließeſt, haſt Du gewußt, daß Du eine verlorene Sache kaufſt, warum ihr alſo jetzt noch nach⸗ rennen?“ „Gemach, mein Freund, Du irrſt. Höre mich zu Ende: Du biſt alſo in der Folge nicht mein, ſondern Lothar's Schuldner, deſſen Intereſſen der Vormund vertritt.“ „Bis zu unſerer Verheirathung,“ wendete der Baron ein,„die nachfolgende Ehe legitimit: die bereits vor⸗ handenen Kinder.“ „Je nachdem,“ belehrte ihn die von ihrem Anwalte wohlinſtruirte Sängerin,„es gibt geſetzliche Beſtimm⸗ ungen, wonach ein ſpäter als zur Zeit der Geburt in ſeine Rechte tretender Vater an die Uebereinſtimmung mit der Vormundſchaft gebunden iſt bezüglich aller der Handlungen, welche auf vermögensrechtliche Vorgänge aus der Zeit vor der Legitimirung fußen.“ „Du ſcheinſt Dich recht eingehend mit der Rechts⸗ pflege befaßt zu haben,“ ſprach etwas ſpitzig der Baron. Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 2 18 Die Sängerin blieb ihm die Erwiderung nicht ſchuldig; im gleichen Tone erwiderte ſie: „Wenn man in Lagen verſetzt war, ohne natür⸗ lichen Beſchützer die Rechte eines Kindes wahren zu müſſen, lernt ſich dergleichen.“ Nach einer kleinen Pauſe fuhr ſie wieder ganz ruhig fort: „Die Sicherſtellung nun, welche Lothar's Vormund für die Anſprüche des Kleinen fordert, leiſte ich, indem ich Deine aufgekauften Wechſel u. ſ. w. mitunterſchreibe. Auf dieſe Weiſe ſind wir Nutznießer des Vermögens, das zum eigentlichen Eigenthümer meinen, jetzt bald unſern Sohn hat.“. Der Baron ſchwieg ſtill; er wußte nicht, was er ſagen ſollte. So wie ſeine Braut die Sache arran⸗ girte, war er in eine völlige Abhängigkeit von ſeinem Sohne gebracht, von demſelben Sohne, an dem er bis jetzt nichts weniger als väterlich gehandelt. „Ich dachte, dieſes Arrangement entſpräche Deinen Wünſchen eher,“ ſprach Fräulein Levasco,„als wenn die Dispoſition über ihr Vermögen, ſo weit es noch vorhanden, in den Händen Deiner Frau bliebe.“ Baron Sternenkron war finanziell ſo umgarnt, daß er zu Allem ſeine Zuſtimmung geben mußte. Der geſchäftlichen Auseinanderſetzung eine ange⸗ nehme Färbung zu geben, fuhr die Sängerin fort: „Ich ſagte vorhin, daß die von meinem Sachwalter ausbezahlten Beträge faſt die Hälfte meines Vermögens betragen, nur„faſt,“ nicht ganz. Es bleibt uns noch ein Reſt, der bei Heidelang und Compagnie deponirt ———— V 19 iſt. Ich mag mit Bankiers u. ſ. w. nicht verkehren und bitte Dich, dieſen Reſt, der etwa zehntauſend Gul⸗ den beträgt, unter Deine Verwaltung zu nehmen. Heidelang und Compagnie ſind von mir bereits ver⸗ ſtändigt, daß ſie in Zukunft alle Ordres von Dir empfangen würden.“ Trotz dieſer Einkleidung erkannte Baron Sternen⸗ kron doch, daß dieſes ihm zugeſtandene Verfügungs⸗ recht über den Vermögensreſt gewiſſermaßen das Hand⸗ geld des Ehegeſchäftes ſei, das er mit Leontinen, der Geliebten ſeiner Jugend, abſchloß. Leontine ihrerſeits ahnte, daß der Baron dringen⸗ des Bedürfniß nach Baargeld habe, um die Vorbereit⸗ ungen für ihre Vermählung treffen zu können. Dies der Grund der Herausgabe des Depoſitums bei Heide⸗ 1 lang und Compagnie ſchon vor der Hochzeit. „Ich habe Dir nun Alles geſagt, was noch zu be⸗ ſprechen war,“ ſchloß Leontine ihre Auseinanderſetz⸗ ungen,„mache Du es ebenſo und dann laſſe uns den Zeitpunkt unſerer Verbindung feſtſetzen.“ „Meine liebe Leontine,“ erwiderte der Baron,„ich habe Dir vorhin ſchon geſagt, daß ich für meine Per⸗ ſon Dir keine Mittheilungen mehr zu machen habe, denn es verſteht ſich ganz von ſelbſt, daß ich mich in allen Dingen, die auf unſere Vermählung Bezug haben, nach Dir richte.“ 4 „Du biſt ſehr freundlich, lieber Lothar, aber ich möchte doch wiſſen, wie Du Dir bis jetzt gedacht haſt, daß wir uns einrichten wollen.“ 2* 8 20 „Vielleicht,“ meinte der Baron,„würden wir noch vor unſerer Trauung einer verläſſigen Perſon, etwa Deiner Karoline, ſagen, was zu geſchehen habe und zu beſorgen ſei während unſerer Hochzeitsreiſe.“ „beſtehſt Du ganz beſtimmt auf einer Hochzeitsreiſe, lieber Freund?“ „Du nicht?“ fragte erſtaunt der Baron. „Siehſt Du, lieber Lothar, ich bin in meinem Leben ſo viel gereiſt, daß das Reiſen ſelbſt mir un⸗ möglich mehr Vergnügen machen kann. Wenn Du alſo blos meinetwegen verreiſen willſt, ſo laſſ' es gut ſein.“ „Ich dachte mir, es könnte uns Beiden nicht ſchaden, wenn wir ein Bischen hinauskämen aus der Athmo⸗ ſphäre des Klatſches, die wir durch unſere Verhei⸗ rathung doch arg in Bewegung ſetzen werden.“ Die Sängerin ſchwieg; es war für ſie ſchwer, zu geſtehen, was ſie dachte. „Du fürchteſt den Klatſch der Leute hier, mein Freund, wo man mich nicht kennt.“ „Fürchten? nein,“ antwortete der Baron,„aber ich möchte ihn doch nicht eigens und ohne Nöthigung auf⸗ ſuchen.“ „Und doch willſt Du auf Reiſen gehen? Sieh, wohin könnten wir uns wenden? Ich bin verwöhnt und kann mich nicht bequemen, mich auf wenig be⸗ tretenen Reiſerouten in ſchlechten Gaſthöfen, wie z. B. dieſe entſetzliche„Poſt“ in Lindenheim, aufzuhalten. Wir würden alſo entweder die bekannte Schweizer „Hochzeitsreiſe,“ machte nachdenklich die Sängerin, — 21 Hochzeitsreiſe oder die ebenſo bekannte Hochzeitstour in die rheiniſchen Bäder ꝛc. machen. Und da wie dort entgehſt Du erſt recht nicht der Mediſance, denn die Sängerin Leontine Levasco iſt an den Centralpunkten der monde überall gekannt.“ Es war kein wohlthätiges Schweigen, das dieſer Rede folgte. Was anders hatte hier die Braut dem Bräutigam geſtanden, als daß er 85 verkriechen müſſe, wenn er nicht naſerümpfenden Beurtheilern aus ſeiner Kaſte begegnen wolle, die auf ſeine Gemahlin mit Grimaſſen deuten würden. Ein Bräutigam iſt ſo gerne ſtolz auf ſeine Braut, er glaubt auch leicht ſich be⸗ neidet. Baron Sternenkron empfand tief die De⸗ müthigung, unter der er ſich ſtill beugen mußte. „Nun, ſo wollen wir daran gehen, unſer Neſtchen hier recht wohnlich und heimlich herzurichten,“ ſprach er mit erzwungener Heiterkeit,„eilen wir uns, um Philemon und Baucis zu ſein.“ Wenn in einer Beſprechung die Hauptpunkte zur beiderſeitigen Befriedigung ihre Erledigung gefunden haben, ſo iſt die Ordnung der untergeordneten Punkte ein Vergnügen. Bald hatten ſich der Baron und Leontine ſo in Feſtſetzung häuslicher Arrangements vertieft, daß ſie zu ihrer beiderſeitigen Ueberraſchung entdeckten, daß es Zeit ſei zum Mittageſſen nach Lin⸗ denheim zurückzukehren. Indeſſ' Leontine ſich noch allein in den für ihren künftigen Aufenthalt beſtimmten Räumen umſah, da und dort etwas ausmaß und in Gedanken die noth⸗ wendigen Anſchaffungen erwog, ging der Baron in's ——— O—— —————— Nebenzimmer, um ſeine Toilette zu vervollſtändigen, was er mit dem geringen Zeitaufwande eines Mili⸗ tairs bewerkſtelligte. Als er wieder herauskam, war auch Leontine mit ihren Nachſchauungen fertig. „So,— nun können wir gehen,“ ſprach ſie,„komm, gib mir Deinen Arm, Lothar.“ Der Baron gehorchte, blieb aber mit der einge⸗ hängten Braut am Arm ſtehen. Lächelnd ſah er ſie an. „Eigentlich, Leontine,“ ſagte er,„hatte ich mir vor⸗ genommen, Dich nicht daran zu mahnen, aber ich kann's doch nicht über mich gewinnen.“ „Was denn, mein Freund?“ „Du haſt zwar heute gar manches freundliche Wort zu mir geſprochen,“ antwortete er,„aber ich dächte doch für ein Brautpaar, das wir ſind, hätte ich doch auf einen anderen Ausdruck von Zärtlichkeit hoffen dürfen.“ Die Sängerin ſah verlegen zur Erde. „Wir haben uns,“ ſprach ſie nach einer Weile, „früher ſo viel, vielleicht ſogar zu viel geküßt, daß ich glaube, meine Küſſe ſind im Werthe ſehr geſunken.“ „Aber Leontine!“ „Mißverſteh' mich nicht, Lothar. Dichte mir nicht eine Schüchternheit oder eine Koketterie an, die ich nicht beſitze. Es wäre mehr als abgeſchmackt, wenn ich gegen Dich die Spröde ſpielen wollte. Du gibſt mir Deinen Namen und da iſt's ja wohl das Wenigſte, daß ich mich Dir zu eigen gebe.“ „Blos darum Leontine?“ forſchte der Baron,„iſt wirklich gar kein Fünkchen von ehedem für mich übrig geblieben?“ ͤͤ —ö—— — 23 „Ich bin immer ehrlich gegen Dich geweſen, Lothar. Ich will es auch in dieſem Augenblicke ſein. Ich habe mich, ſeitdem von einer Verheirathung zwiſchen uns die Rede war, lange und öfter geprüft und war über⸗ zeugt, daß nichts von Liebe zu Dir mehr in meinem Herzen geblieben.“ „Du warſt überzeugt? Biſt Du's nicht mehr?“ „Das kann ich ſo genau nicht ſagen. Geſtehen will ich Dir, daß jetzt hin und wieder der Gedanke in mir erwacht, ich könnte Dir doch einmal wieder recht gut werden.“ Leontine hätte beifügen gekonnt, daß dieſe Em⸗ pfindung ſich eigentlich von dem Momente an datirte, als ſie die Einſicht gewann, daß der Baron von ihr abhängig, daß ſie es ſei, die ihm Hilfe leiſte. Die Neigung der Frauen pflegt in geradem Verhältniß zu der Hilf⸗ und Schutzloſigkeit der Objecte zu ſtehen. „Und was glaubſt Du von mir?“ fragte der Baron. „Du— Du biſt ein Mann und— wie ſagt der Räuber auf Maria Kulm?“ „Das weiß ich wirklich nicht, mein Kind.“ „Er ſagt: das Genoſſene reizt nicht mehr.“ Wohl klang ein gewiſſer Trotz aus Leontinens Worten, aber er war vermiſcht mit einer Doſis von Bedauern, ja Wehmuth. Der Baron war und blieb ja doch— ob ſie ſich davon Rechenſchaft gab oder nicht— der Geliebte ihrer Jugend. Sternenkron hielt Leontine, die zum Weggehen drängte, zurück. 24 „Nicht ſo, geliebte Leontine,“ bat er und ſuchte nach ihren Augen, die ſie erſt zur Seite ſenkte, dann aber mit einer unverkennbaren Unſicherheit, ja Aengſtlich⸗ keit zu ihm aufſchlug. Der Baron erwiderte den Blick ohne Befangenheit, mit ehrlicher Offenheit; in dieſem Augenblicke ſah er in ſeiner Braut nur mehr ſeine Leontine von ehedem. Er drückte ſie an ſich und küßte ſie lange und zärt⸗ lich auf die nicht widerſtrebenden Lippen. „Stumm fuhren ſie nach Lindenheim. — 9„ — ½ N 8 6 1 0 6 6 * * 1 * 4 1 — 8 1 — — Zweites Kapitel. Welche iſt die Rechte? So wenig der alte Benefiziat Kölblich auch ge⸗ eignet war, ſubtile Beobachtungen bei einem jungen Mädchen anzuſtellen, ſo mußte er doch bemerken, daß in ſeiner Nichte Anna eine Veränderung vorgegangen ſei und daß dieſe Veränderung ſich ſeit den Tagen des Turnfeſtes, was gleichbedeutend mit der Ankunft von Aegidius war, datire. Der Benefiziat war aber trotz ſeiner Jahre und ſeiner Weltunläufigkeit kein dergeſtalt blinder Luſtſpielonkel, daß er— nachdem er einmal auf das veränderte Weſen Anna's aufmerk⸗ ſam ward— die Urſachen aus dem Mond oder den Sternen herunterzuholen ſich anſchickte, ſtatt ſie da zu ſuchen, wo ſie lagen: vor ſeiner Naſe. Für den alten Geiſtlichen ſtand es bald feſt, daß des Aegidius' Eintreffen in Lindenheim ſeine Nichte ungewöhnlich beſchäftige.— Aber warum? Dieſe Frage quälte den Benefiziaten ſehr. Die Lektüre von Romanen war niemals des Alten Beſchäftigung ge⸗ weſen, er hatte ſich nie die Mühe genommen, die Phan⸗ 6 taſien Anderer zu leſen; ihm war das Leben, ſo wie es ſich ihm darbot, lehrreich genug geweſen. In ſeinen vieljährigen Beobachtungen und während der vielfäl⸗ tigen Erfahrungen im Beichtſtuhle hatte er hinreichende Kenntniſſe von all' den Thorheiten gewonnen, welche die Menſchen Luſt und Leid nennen. Kölblich wäre am Ende gar nicht ſonderlich er— ſtaunt geweſen, wenn er die Entdeckung gemacht hätte, daß ſeine Nichte ſich offenbar in Aegidius verliebt habe; ja wir wiſſen, daß er es ſogar gern geſehen haben würde, vorausgeſetzt, daß Aegidius die Gefühle Anna'’s theile. Aber das Intereſſe, das aus dem plötz⸗ lich ſo umgeänderten Weſen des jungen Mädchens ſprach, galt wohl— deſſ' glaubte der Benefiziat ſicher zu ſein— dem jungen Virtuoſen, aber es baſirte nicht auf der erſten oft unbewußt ſich einſchleichenden be⸗ glückenden Liebe eines jungfräulichen Herzens. Ja, wenn er ein klein wenig Kenner war, ſo mußte er eher glauben, daß Anna ſich ſehr nnglücklich fühle. Der Benefiziat hatte ſeiner Nichte gegenüber nie⸗ mals den zärtlichen Onkel geſpielt, Schmeichelnamen oder Liebkoſungen hatte er nicht ein einziges Mal ge— äußert, dafür aber war er ihr von ganzem Herzen väterlich gut und, um die Wahrheit zu geſtehen, auch ein Bischen ſtolz auf ſie; hatte doch er ſie in den Jahren, in denen ſich der Charakter eines Mädchens bildet, nach ſeiner Meinung erzogen. Seinem Entſchluſſe, der veränderten Nichte, wie man zu ſagen pflegt, den Puls zu fühlen, kam dieſe auf eine für den Onkel überraſchende Weiſe entgegen. 8 8 27 Der Benefiziat Kölblich ſaß wieder einmal in ſeinem alten Lehnſtuhl vor dem alten Schreibtiſch ſeiner alten Stube, als Anna ſchüchtern und zaghaft eintrat. Es war das ein Beweis, daß ſie aus freiem Antrieb und nicht in Ausübung irgend einer hanswirthſehaftlichen Pflicht kam. Zuverläſſig hatte ſie etwas auf dem Herzen, deſſen ſie ſich gerne entledigen wollte, aber es mochte ihr wohl an Muth dazu fehlen. Der Benefiziat legte ſein Brevier, in dem er eben geleſen hatte, vor ſich nieder und ſchob die Brille in die Höhe. „Was willſt Du Anna?“ begann er, da er merkte, daß die Nichte nicht Muth genug hatte anzufangen. Jetzt mußte ſie ja wohl reden. „Herr Onkel,“ ſprach ſie langſam und verlegen, „ich möchte Sie um Verzeihung bitten.“ „Verzeihung, wofür? Haſt Du vielleicht etwas zerſchlagen oder ſo'was dergleichen, he?“ „Ach nein, Herr Onkel—“ „Nun was denn?“ „Ich bin ungehorſäam geweſen.“ Dieſe Beichte hatte etwas ſo Schulmädchenhaftes an ſich, daß der alte Geiſtliche unmöglich ſtrenge aus⸗ ſehen konnte. „Das kommt Dir wohl öfter vor,“ ſagte er faſt gutmüthig,„was iſt's denn?“ „Ach, ſeien Sie mir nur ja nicht böſe;— ich bin wahrhaftig ſchon genug beſtraft.“ 28 „Ich bin nicht böſe,“ verſicherte der Benefiziat, naber Du wirſt mich noch böſe machen, wenn Du ſo herumdrückſt, ſtatt friſchweg zu ſprechen.“ „Sie hatten mir verboten,“ begann Anna ſtockend, „das Fahnenfeſt der Turner mitzumachen, und doch wäre ich ſo gerne dabei geweſen, ich konnte mir gar nicht vorſtellen, wie's dabei zuginge und——“ Der Benefiziat ſetzte ſich weit in ſeinen Lehnſtuhl zurück und ſah ohne eine Regung von Mißfallen nach der Zimmerecke. Es iſt das eine Gewohnheit aller Beichtväter. Sobald ein Beichtkind mit dem Sünden⸗ bekenntniß beginnt, wird der Beichtiger wie ein Stand⸗ bild; die erſte Regel, die ihm bei ſeiner Prieſteraus⸗ bildung als Beichtiger mitgegeben wird, heißt: durch keine Bewegung irgendwie Erſtaunen oder gar Ent⸗ ſetzen über die gebeichtete Sünde zu äußern; jede Kundgebung des Beichtvaters wird vom Beichtkinde als Kritik, und ſelbſtverſtändlich als tadelnde, aufge⸗ faßt und wird leicht zum Anlaß in dem Bekenntniſſe einzuhalten oder zu Beſchönigungen zu greifen. Ein ächter und gerechter Beichtvater rührt ſich nicht und wenn ihm Raubmord und Brandſtiftung gebeichtet wird; er bekommt erſt wieder Leben, wenn das Sün⸗ denbekenntniß zu Ende iſt.— Auch Benefiziat Kölb⸗ lich hatte dieſe Praxis und wenn das Bekenntniß Anna's auch keine eigentliche förmliche Beichte war, ſo beachtete er doch auch das zum Weiterbekennen ſo ein⸗ ladende totale Stillſchweigen eines Beichtigers. „Und—“ fuhr Anna, allmälig muthiger werdend, fort,„als Sie am Sonntag nach Tiſch Ihren Mittags⸗ 7* ————— ——— —— ——— 3 29 ſchlaf hielten und ich wußte, daß jetzt die Turner alle draußen ſeien auf dem Turnplatz mit ihren Fahnen, da bin ich heimlich auch auf den Platz gegangen und habe zuſehen wollen, wie's denn bei einer ſolchen Feſt⸗ feier zugehe, aber—“ Der Benefiziat hatte bis jetzt heimlich ein wenig gelächelt über die Kindlichkeit ſeiner Nichte; dieſes letzte „aber“ deutete indeß darauf hin, daß das Bekenntniß noch nicht zu Ende ſei, vielleicht erſt recht beginne. „Aber—“ geſtand Anna weiter,„ich habe die ei⸗ gentliche Feier nicht mit angeſehen, es war eine Ver⸗ zögerung eingetreten und die Leute mußten alle war⸗ ten. Während dieſes Wartens gingen Viele hin und her und waren auch Männer drrunter, die ich nicht kannte.— Einer davon, ein recht ekelhaft ausſehender Mann, den ich noch nie geſehen habe und der gewiß fremd war, obwohl er mir für einen der auswärtigen Turner zu alt ausſah und auch keinen Turnrock trug, kam auf mich zu und ſagte etwas zu mir.“ Anna machte eine kleine Pauſe, ehe ſie fortfuhr. „Was er eigentlich ſagte, weiß ich nicht mehr; ich hab's wohl damals auch nicht recht verſtanden, aber — ich weiß nicht wie's kam— es trieb mir das Blut in die Wangen, namentlich nachdem ich ſein Geſicht betrachtet hatte, in dem ein ganz merkwürdiger, aber recht häßlicher Ausdruck war, ſo daß ich mich vor dem Manne fürchtete. In dieſem Augenblicke, wo ich mich ſo verlaſſen und ſchutzlos fühlte und am liebſten zu weinen angefangen hätte, kam der Aegidius dazwiſchen—“ — 30 Beinahe hätte der Benefiziat bei Nennung dieſes Namens eine Bewegung des Erſtaunens gemacht. „Das heißt,“ ſetzte Anna auseinander,„ich wußte damals noch nicht, daß es der Aegidius war. Kurz — er kam dazu und ſprach auch zu mir, ich weiß auch nicht mehr genau, was er ſagte; ich weiß nur, daß ich mich vox ihm nicht fürchtete und daß ich ihm gleich folgte, als er mir zu verſtehen gab, ich ſolle nach Hauſe gehen.“ „Für ſo vernünftig hätte ich den Jungen gar nicht gehalten,“ dachte bei ſich der unbewegliche Benefiziat. „Erſt am andern Tag,“ fuhr Anna fort,„erfuhr ich, daß es der Aegidius war, ich erfuhr aber auch über ihn ſo üble Dinge und auch ſeitdem habe ich noch mehr gehört, was recht ſchlecht vom Aegidius iſt, daß ich nicht länger mehr ein Geheimniß mit ihm theilen mag, denn ein Geheimniß iſt's doch, daß er, nur er und ich es wiſſen, und Sie Herr Onkel nicht, daß ich auf dem Turnplatz war, und der Aegidius hat, als er geſtern bei uns zum Kaffee war, keinen Athemzug davon verrathen und das will ich nicht haben, ich will nicht, daß er meinen ſoll, er leiſte mir eine Gefälligkeit mit ſeiner Heimlichkeit und darum habe ich's Ihnen geſtanden Herr Onkel.“ Gottlob! mit dieſen vielen„und und und“ war die Sache heraus. Es war ganz leicht gegangen, dachte ſich Anna jetzt. 8 7 Jetzt war die Reihe zu reden am Benefiziaten. „Ich bin nicht aufgelegt zum Schelten,“ ſprach er, V„glaubſt Du, daß ich nur aus Laune oder Mißgunſt V V 4. 4 Dir die Theilnahme an einem Feſte gewehrt habe, deſſen Verlauf Dir jetzt in Folge Deines Ungehorſams bewieſen hat, daß es nicht für Dich paſſe?! Wenn nun der Aegidius nicht dazu gekommen wäre? Oder wenn der Aegidius nicht ſo vernünftig geweſen wäre, Dich heim zu ſchicken, wohin Du gehörteſt?“ Anna ſchwieg; ſie fand die Vorwürfe des Onkels merkwürdig zahm. 5 „Es iſt offenbar, daß der Aegidius Dich nicht ge⸗ kannt, als er Dich gegen einen frechen Menſchen beſchützt hat, das iſt doppelten Dankes werth. Und wie trägſt Du dieſen an ihn ab? Als er geſtern bei uns zum Kaffee war, betrugſt Du Dich gegen ihn ſo eigenthümlich, daß er es auffallend fand und mich nach dem Grunde fragte und als er heute Vormittag bei mir war, ließeſt Du Dich gar nicht ſehen.— Damit aber noch nicht genug, ſprichſt Du jetzt von ihm Uebles und das iſt eine eben ſo große Sünde, wie die Undankbarkeit ſelber.“ „Ich, Herr Onkel,“ vertheidigte ſich Anna,„ich ſage ihm nichts Uebles nach, ich ſage nur, was die ganze Stadt weiß und ſagt.“ „Was die ganze Stadt ſagt, thörichtes Kind, ſagt Niemand. Das Weiterſagen eines Gerüchtes iſt nicht beſſer, wie es erfinden; ja es iſt vielleicht noch ſchlim⸗ mer, der Erfinder einer Verleumdung muß doch noch die Courage haben für ſeine Verdächtigung einzuſtehen, die Weiterverbreiter verſtecken ſich aber hinter ihr „man ſagt“ und ſind alſo noch feig obendrein.“ 32 „Was man aber mit eigenen Augen ſieht,“ ent⸗ ſchuldigte ſich Anna,„iſt doch kein bloßes Gerücht.“ „Und was iſt das?“ fragte der Benefiziat. „Die vornehme Dame, die auf der„Poſt“ wohnt und geſtern Vormittag angekommen iſt, und mit wel⸗ cher der Aegidius ſo lange beim Mittageſſen war, daß er ſo ſpät bei uns zum Kaffee eintraf, iſt doch kein Gerücht! Man hat ſie geſtern Abend mit dem Baron Sternenkron und Aegidius ſpazieren gehen ſehen und als ſie aus der„Poſt“ herauskamen, hat der Aegi⸗ dius ſie ſogar am Arm geführt.“ „So? und was iſt's dann?“ „Nichts weiter, als daß die Dame ſeine Braut iſt,“ ſprach pikirt Anna,„ich wünſch' ihm Glück.“ „Und woher weißt Du, daß dieſe Dame des Aegi⸗ dius Braut iſt?“ fragte der Benefiziat,„aber antworte mir nicht wieder: die ganze Stadt weiß es und ſagt es. Woher weißt Du es?“ Anna war in Verlegenheit. „Von Gertrud,“ ſprach ſie kleinlaut. „Siehſt Du, Du ſchämſt Dich ſelber, dieſe Quelle anzuführen. Und dennoch haſt Du die Nachricht ge⸗ glaubt und weiter verbreitet.“ „Weiter verbreitet? Nein, Herr Onkel.“ „Nicht? Was dann? Haſt Du nicht zu mir von den üblen Dingen geſprochen, die man dem Aegidius nachſage? Iſt eine ſo unbeſtimmte Form der Nachrede nicht noch ſchlimmer, wie wenn Du geſagt hätteſt: das und das ſagt man ihm nach?“ 8 V 3 .* 33 „O ich habe eigentlich gar nicht das gemeint, ſon⸗ dern etwas ganz anderes,“ trotzte Anna heraus. „So? Wieder ſo etwas Kluges? Wieder von der alten Schwätzerin Gertrud, oder diesmal vielleicht von der Gärtnerin?“ „O nein, diesmal iſt's ganz was anderes, diesmal weiß ich's von der Frau Gerichtsſchreiber Haslinger und der Frau Reviſor Kunkel.“ „Kind, um Gotteswillen wie kommſt Du mit dieſen ſchrecklichen Weibern zuſammen?“ „Auf dem Wochenmarkt, Herr Onkel; dieſe Frauen ſprechen ſonſt nie mit mir, aber heute Morgen, als ich auf dem Markte war, um Einiges einzukaufen, ſtellten ſie mich gar freundlich und erzählten mir, daß ſie eben mit der Frau Chorregent Graf geſprochen hätten und dieſe habe ihnen geſagt, daß der Aegidius deshalb hier ſei, um ihre Apollonia zu heirathen.“ Daß die beiden Weiber nur darum ſo freundlich zu ihr waren, weil ſie von dem durch Wacker colpor⸗ tirten Gerüchte, Aegidius habe mit Anna eine Lieb⸗ ſchaft, gehört hatten und hoffen durften, etwas Neues zu erfahren, hatte Anna in ihrer Unerfahrenheit frei⸗ lich nicht gemerkt. 4 „Mach' mir den Kopf nicht warm, Mädchen,“ pol⸗ terte aber nach dieſer Mittheilung der Beneftziat. „Wen ſoll denn der Aegidius noch Alles heirathen? Er iſt doch kein Türke oder Mormone. Was würdeſt Du nun ſagen, wenn auf einmal erzählt würde, Aegi⸗ dius ſei gekommen, um Dich zu heirathen?“ „Aber, Herr Onkel—“ Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 3 34 „Nun, hätten die Leute dazu weniger Grund, wie zu den anderen Heirathen, die man ihm nachſagt? Iſt er bei Jemand in Lindenheim ſo oft geweſen, wie bei uns? Ich wette, er war noch gar nicht bei der mannstollen Apollonia Graf und doch verlobt man ihn ſchon mit ihr. Vermuthlich ſprengt ſie ſelber es aus, denn ich glaube ſchon, daß ſie ihn möchte und nähme.“ „Aber, Herr Onkel, das wäre ja gräßlich.“ „Was?“ „Wenn die Leute ſo was ſagten.“ „Was für„ſo'was“ meinſt Du?“ „Daß der Aegidius mich— „Dich?“ „— mich heirathen wolle.“ „Das wäre etwas Gräßliches 3, meinſt Du?“ „Ja,“ ſprach mit einem ſchweren ſeufzergleichen Aufathmen das junge Mädchen,„da müßte ich mich ja furchtbar ſchämen.“ „Hm,“ machte der Benefiziat,„an dieſer Schande iſt meines Wiſſens noch kein Mädchen geſtorben.— Ich habe noch e gewußt, das Du eine alte Jung⸗ fer werden willſt.“ „Das will ich auch nicht,“ ſprach Anna, ,ich will in's Kloſter gehen.“ Mit dem Gleichmuth des Benefiziaten war's vorbei. „Laſſe mich ſolch' unreifes Geſchwätz nicht wieder hören,“ brauſte er zornig auf,„glaubſt Du, weil Du einen Geiſtlichen zum Onkel haſt, Du müſſeſt Dich auf die Betſchweſterei verlegen? Was willſt denn Du 5 38) in einem Kloſter? Zu einer Lehrerin biſt Du nicht erzogen, alſo könnteſt Du nur eine müſſige Roſen⸗ kranzabwicklerin werden, die es für ein gottgefälliges Werk erachten, ſich eine Menge frommer Schrullen in den Kopf zu ſetzen, mit denen ſie ſich und alle Wochen ihren Beichtvater peinigen. Von mir erhälſt Du zu dieſem Schritte die Einwilligung nie, nie, niemals!“ Anna kannte den Onkel genau genug, daß ſie wußte, es ſei gerathen, ſich jetzt zurückzuziehen. Der Benefiziat affektirte niemals Aergerlichkeit; wenn er ſie zeigte, ſo empfand er ſie auch wirklich und diesmal war kein Zweifel, daß er ſich über ſeine Nichte und deren Gedanken an's Kloſter geärgert hatte.— Anna verließ das Zimmer. Der Benefiziat hatte ſich aus ſeinem Stuhl erhoben und war einige Male in der Stube auf⸗ und abgegangen. Je mehr er ſich davon überzeugen zu dürfen glaubte, daß Anna mit ihrem Vorhaben in's Kloſter zu gehen, nur einen unüber⸗ legten Mädchenwunſch ausgeſprochen, deſtomehr be⸗ ruhigte ſich ſein Aerger. Zuletzt kam er zu der An⸗ ſchauung, daß, ohne Aegidius und ohne die über ſeine vermeintlichen Verheirathungen in Umlauf geſetzten Gerüchte, die Idee, in's Kloſter zu wollen, wohl gar nicht in Anna's Köpfchen entſtanden wäre. Da wurde plötzlich die Thüre wieder raſch geöffnet und Anna ſtürzte mit brennrothem Kopfe herein. „Herr Onkel, man ſagt's ſchon,“ rief ſie dem er⸗ ſtaunten Benefiziaten zu. „Du biſt ja wie übergeſchnappt,“ entgegnete dieſer, „man könnte ja meinen, es brenne.“ 1 36 „Herr Onkel, man ſagt's ſchon, man ſagt's ſchon,“ wiederholte zitternd vor Aufregung das Mädchen. „Was ſagt man denn? So komm doch zu Dir ſelber.“ „Das vom Aegidius und mir.“ „Wer?“ „Alle Leute, die Gertrud hat's eben beim Bäcker gehört.“ „Was?“ „Daß wir uns heirathen.— Ach Gott! Das überleb' ich nicht.“ Und das junge Mädchen machte Miene zu weinen. „Höre Anna,“ ſprach ernſt der Benefiziat,„kindiſche Scenen verbitte ich mir. Ich ſehe gar nicht ein, was es da zu weinen gibt. Ebenſo gut, wie Du mir er⸗ zählt b. der Aegidius heirathe die Dame auf der „Poſt“ oder Apollonia Graf, ebenſo gut iſt's erlaubt, zu urn er heirathe Dich. Ich ſehe in einem ſolchen Gerüchte gar kein Unglück und wenn die andern zwei Bräute des Aegidius ſich ebenſo aufführen wollten, wie Du, ſo könnte man's ja heute in Lindenheim vor lauter Verlobungsheulerei gar nicht aushalten.“ „Aber um Gotteswillen, Herr Onkel, ſagen Sie mir doch, was ſoll ich thun?“ jammerte Anna,„dieſer Aegidius iſt doch ein recht böſer Menſch. Kaum iſt er zwei Tage hier, ſo hat er ſchon drei Bräute.“ „Ja wohl, Du haſt Recht,“ ſpöttelte der Alte, „wenn er noch eine Woche hier iſt, ſo iſt er ſchon Bräutigam mit allen heirathsfähigen Mädchen von cͤͤͤͤͤͤͤaa .— 4.— 8 8⁵ 37 Lindenheim geweſen und kann dann wieder abreiſen und wo anders von vorne anfangen.“ „Ach, wie können Sie da noch ſpotten,“ klagte das Mädchen. „Weil Ihr Alle närriſch ſeid und der Aegidius ver⸗ muthlich der einzige Vernünftige. Der kommt, nichts Schlimmes ahnend, nach Lindenheim herein und flugs iſt ein Heer von alten und jungen Klatſchſchweſtern darauf aus, ihn zu verloben.“ „Aber aus der Luft kann man ſo etwas doch nicht ſaugen,“ beharrte Anna,„wenn auch vielleicht die fremde Dame auf der„Poſt“ nicht ſeine Braut iſt.— Einige behaupten, es ſei zwar ſeine Geliebte, aber eine ſchon verheirathete Frau.“ „Immer beſſer,“ brummte der Benefiziat,„da machen dieſe Leute eine Dame im Handumdrehen zur Ehe⸗ brecherin, blos darum, weil ſie ſie noch nicht kennen!“ „— wenn alſo das nicht ſeine Braut iſt, wie kommt denn die Frau Chorregent Graf dazu, vom Aegidius zu ſagen, er werde ihre Apollonia heirathen? Wenn nicht was d'ran wäre, könnte ſie's nicht ſagen.“ „Haben wir's aus dem Munde der Frau Chor⸗ regent Graf? Antwort: nein. Ein paar bösartige Klatſchweiber, wie die Gerichtsſchreiberin und die Re⸗ giſtratorin, haben's Dir geſagt, da braucht man's noch nicht zu glauben und außerdem, wenn's auch Frau Graf austrompetete, ſo iſt's darum noch lange keine Wahrheit. Die Frau Graf und ihre Tochter machen auf jedes ledige Mannsbild, das nach Lindenheim hereinkommt, Jagd und da werden ſie's auch verſuchen, —— ——— — 38 den Aegidius fangen zu wollen. Der ſcheint mir aber gar nicht ſo unüberlegt zu ſein, eine für ihn viel zu alte Perſon, wie dieſes mannstolle Frauenzimmer, die Apollonia, heimzuführen.“ „Meinen Sie?“ fragte Anna, ſich etwas beruhig nd „Ja, ſo meine ich. So viel von der Braut ſ chaft Nummer zwei. Was die Brautſchaft Nummer drei betrifft, ſo mußt Du ſelber am Beſten wiſſen, was d'ran iſt.“ „Das wiſſen Sie ja auch gerade ſo gut, Herr Onkel, daß davon nicht ein Stäubchen wahr iſt.“ „So? Ich weiß aber noch mehr.“ „Noch mehr? Was denn, Herr Onkel?“ „Sieh mal, die kleine neugierige Perſont Ich weiß, daß eine gewiſſe Jungfer Anna nicht„Nein ſagte, wenn ein gewiſſer Aegidius anklopfen wollte— „Aber Herr Onkel,“ rief Anna feuerroth. denn wenn dieſe Jungfer Anna,“ fuhr der Benefiziat unerbittlich fort,„ſich nicht in ſelbigen Aegidius verliebt hätte, ſo würde ſie bei all' den dum⸗ men Gerüchten über ihn nicht ſo außer Rand und Band gerathen ſein.“ Anna hatte die Flucht ergriffen, doch hatte ſie die Worte des Benefiziaten noch ganz gut verſtanden. Sie ſtimmte ihnen aber in ſo ferne nicht bei, als ſie fand, daß nicht gerade alle die verbreiteten Gerüchte „dumm“ ſeien; es war ſchon eins d'runter, das ganz klug war.— Welches wohl? „Meiner Seel'“ dachte der Benefiziat, als er wieder allein war,„es iſt doch keine Kleinigkeit für unſer — —— 1 Einen, auch noch Mutter eines heirathsfähigen Mäd⸗ chens ſein zu ſollen. Ich hätte wahrhaftig nichts da⸗ gegen, wenn mir der Aegidius dieſes Amt abnähme.“ Die Wohnung des Benefiziaten Kölblich war nicht der einzige Ort, an dem man ſich in dieſer Stunde mit dem ahnungsloſen Aegidius beſchäftigte. Es begreift ſich, daß Frau Graf nicht ohne ernſteſte Ueberlegungen daran ging, die Conſequenzen aus ihrer Unterredung mit Aegidius zu ziehen. Frau Graf hatte in den Romanen, welche ſie aus der Lindenheimer Leihbibliothek zu entnehmen pflegte, die nur abgelagerte Waare enthielt(Clauren war der jüngſte Autor, der da zu finden war), gar häufig von heimlichen Ehen geleſen. Die verfloſſenen Romandichter hatten die Gewohnheit, es ſich in dieſer Beziehung gar arg bequem zu machen. Wenn er ſie liebte und ſie ihn ditto, ſo gingen ſie ſelband zu irgend einem alten oder jungen Geiſtlichen, der ſie friſchweg copulirte. Da gab's— in dieſen Romanen nämlich— keine Plackereien mit Tauf⸗ und Heimathſcheinen, Vermögens⸗ nachweis und Leumundszeugniß, kein kirchliches Auf⸗ gebot oder öffentlichen Anſchlag am Rathhaus u. ſ. w. u. ſ. w., es ging Alles ſo geſchwind und glatt ab, wien die Vermählung von Don Ramiro mit Donna Iſaura in Raupach's„Schule des Lebens.“ Der Gendarm kommt und hält Iſaura als vazirende Schenkmagd für eine verfolgte Verbrecherin, Don Ramiro, als Goldſchied Sancho Perez verkleidet, ſagt: nein, ſie iſt meine Braut.— Aber das kann Jeder ſagen, meint der Gendarm, das muß erſt bewieſen werden.— 1 V 40 Wie?— Da iſt eine Kirche in der Nähe, wenn das Mädchen Eure Braut iſt, ſo laßt Euch gleich trauen. Wenns weiter nichts iſt, gerne— ſagt der plötzliche Bräutigam— geht mit Iſaura zur einen Couliſſe ab und kommt gleich darauf aus der andern Couliſſe wieder auf die Scene; inzwiſchen hat ſich das Paar geſchwind ein Bischen trauen laſſen.— Dank ähnlicher Schilderungen der wackeren Schrift⸗ ſteller aus der Zeit unſerer letzten klaſſiſchen Periode, die man noch immer nicht arg genug zu beweihräuchern weiß, hat ſich die heimliche Ehe als ein ziemlich ge⸗ bräuchliches Vorkommniß in das Gehirn der Armen am Geiſte eingeniſtet. Frau Graf nahm keinen An⸗ ſtand, das von Aegidius angegebene Hinderniß gegen ſeine Verheirathung mit Apollonia zu glauben. Wichtig war die Frage, ob die Dame im erſten Stock der„Poſt“ ſeine heimliche Frau war oder nicht. Nach Lage der Umſtände mußte Frau Graf annehmen, ſie ſei es. Dann war auch dieſes ſonſt ſo gänzlich unmotivirte Erſcheinen der Dame in Lindenheim, faſt gleichzeitig mit Aegidius, erklärt. Warum aber war Aegidius mit dieſer Dame nur heimlich und nicht öffentlich verheirathet? Darüber fehlte bis jetzt noch jeder Anhaltspunkt. Dagegen war das Eine klar, daß Aegidius und vermuthlich noch mehr die Dame Alles aufbieten würden, das Geheimniß ihrer Ehe zu be⸗ wahren. Wenn Aegidius ſich gegen Frau Graf ver⸗ rathen hatte, ſo war das— ſo glaubte Frau Graf — eben nur die Folge ihres energiſchen Auftretens geweſen. 1 41 *1 Die Frau Chorregentin überlegte her und hin, welche Schritte ſie nun unternehmen könnte, um in Erreichung des vorgeſteckten Zieles vorwärts zu kom⸗ men. Den künftigen Schwiegerſohn Aegidius hatte ſie bei ihrer Unterredung offenbar ſo eingeſchüchtert, daß von ſeiner Seite eine freiwillige Oppoſition kaum zu erwarten war. Dagegen war anzunehmen, daß er ohne fremde Hülfe nicht ſtark genug ſei, um ſich aus den Banden zu befreien, die ihn noch umſtrickten. Nach längerem Ueberlegen erſchien es der ſorg⸗ ſamen Frau Chorregentin als eine Unerläßlichkeit, den nächſten Streich gegen die heimliche Frau von Aegi⸗ dins zu führen. Dieſe mußte nicht nur verhindert werden ihren Mann in ſeinem Widerſtand zu unter⸗ ſtützen, ſondern ſie war gleich ganz unſchädlich zu machen. Die Frage war nur, auf welche Weiſe das zu be⸗ werkſtelligen war. Denn— die Sache mußte bei Alledem diseret behandelt werden; war ja doch die Verheirathung mit Apollonia das endliche Ziel!— Wenn auch Mutter Graf mit der Art und Weiſe ſehr zufrieden war, wie ſie ihre Unterredung mit Aegi⸗ dius durchgeführt hatte, ſo glaubte ſie doch, der Auf⸗ gabe einer ſo difficilen Unterredung wie diejenige wer⸗ den würde, wenn ſie die heimliche Frau Keller auf⸗ ſuchte, ſich nicht gewachſen.— Sie theilte ihre des⸗ fallſigen Bedenken ihrer Tochter Apollonia mit, welche deren Richtigkeit, bekanntgemacht mit der ganzen Sach⸗ lage, zugab und gerne bereit war, der Schmied ihres eigenen Glücks zu werden, das heißt: die bis jetzt ſich ———— 1 42 noch berechtigter dünkende Nebenbuhlerin aufzuſuchen und ſie in Güte oder durch Drohungen, je nachdem, zu zwingen, ihren unſittlichen Scheinrechten auf die Hand von Aegidius zu Gunſten der keuſch⸗jungfräu⸗ lichen Anſprüche Apollonia's zu entſagen. Man würde ſich täuſchen, wenn man annehmen wollte, daß alle dieſe Erwägungen von Mutter und Tochter mit klarem Kopfe gepflogen worden ſeien. Seit Jahren liefen Beide nach einem und demſelben Ziele: Apollonia zu verheirathen um jeden Preis. Sobald ſich in dieſer Richtung irgend eine Ausſicht zeigte, ging Mutter wie Tochter ſofort der geſunde Menſchenver⸗ ſtand durch; ebenſo wie der Stier durch die rothe Farbe gereizt wird, ebenſo wurden Mutter Graf und Apollonia durch einen erreichbar ſcheinenden heiraths⸗ fähigen Mann zu einer krankhaften fiebernden Thätig⸗ keit angeſpornt. Würden die Beiden im Stande ge⸗ weſen ſein, noch ein Fünkchen Objectivität ihr Eigen⸗ thum zu nennen, ſo würden ſie auch begriffen haben, daß ihre ganze Aufgabe darin beſtehe, abzuwarten, wie ſich die Ereigniſſe ohne ihr Zuthun abwickeln würden. War ſchon die Annahme, es könnte die Wer⸗ bung von Aegidius um die Hand Apollonia's mehr ſein als müſſiges Gerede, Beweis der Mannesverrückt⸗ heit der weiblichen Familienglieder Graf, ſo war das weitere Vorgehen von Mutter und Tochter in dieſer Sache geradezu Wahnſinn geworden.— Aber welchen unglaublichen Wahnſinns ſind eine Mutter, die einen Schwiegerſohn, und eine Tochter, die einen Mann und zwar um jeden, aber auch um jeden Preis ergattern — —y—— — ¹ —— ——— 43 wollen, nicht fähig? Dazu kam noch, daß ſeit dem Beginne des Turnfeſtes ſich die verſchiedenſten Gerüchte in athemverſetzender Geſchwindigkeit folgten, ſo daß die ſonſt ſo gleichmäßig dahin vegetirenden Kleinſtädter in einer für ſie höchſt beträchtlichen, ſie aus allen Fugen und Näühten bringenden Aufregung ſich befanden. Mit den verſchiedenſten Gedanken beſchäftigt, begab ſich Apollonia nach beendetem Zwiegeſpäch mit ihrer Mutter in das Krankenzimmer zu Emil Mohl. Der arme Menſch lag in ſeinem Bette, in dem er ſich recht unbehaglich fühlte. Freilich hatte er in die⸗ ſem Augenblicke kein Fieber mehr, aber ſeine Situation war dennoch keine angenehme. Im heißen Mitſommer in einem Federbett liegen, auf dem Knöchel des einen Beines Eisumſchläge, die alle halbe Viertelſtunde er⸗ neut werden mußten, dazu magere Diät und die Aus⸗ ſicht, erſt in einigen Wochen wieder hergeſtellt zu ſein, das war Grund genug für einen jungen Mann, um Anwandlungen von Verdrießlichkeit zu haben. Da⸗ gegen hatte er allerdings die tröſtliche Nähe einer ſchnell gewonnenen Braut, allein nach dem erſten De⸗ lirium des Glücks fand Emil dieſen Zuſtand denn doch ein wenig anders, als er ihn ſich vorgeſtellt hatte. Was ihm insbeſondere eigenthümlich auffiel, war die Gleichmüthigkeit, welche Apollonia in ihren Unterhal⸗ tungen mit ihm zu Tage treten ließ. Von der über⸗ ſtrömenden Leidenſchaftlichkeit des erſten Abends nach beendeter Punſchparthie, von der ſelbſtvergeſſenden Lie⸗ besbegeiſterung bei ſeinem Anblick, als er verunglückt zu ihren Füßen gelegen hatte, war keine Spur mehr 44 vorhanden; es ſchien faſt, als ob Apollonia ihren gan⸗ zen Vorrath an Liebesromantik in dieſen beiden Mo⸗ menten erſchöpft hätte. Bei Emil war ſo ziemlich das Gegentheil der Fall. Auf die anfängliche Verblüfftheit, mit der er das über⸗ raſchende Geſtändniß von Appollonia's Liebe aufge⸗ nommen, war bei ihm eine ſelbſtbewußtere Empfindung gefolgt und jetzt, bei der momentanen Hilfsbedürftig⸗ keit, in der er ſich befand, war er doppelt fähig ge⸗ worden, ſein Herz zarteren und zärtlicheren Regungen zu öffnen. Apollonia hatte ſich vor das kleine Tiſchchen ge⸗ ſetzt, das an Mohl's Bett gerückt war. Auf dem Tiſchchen ſtanden die Gegenſtände alle, deren man zu den zahlreichen Handreichungen für einen Kranken be⸗ darf. Apollonia hatte eine Beſchäftigung zur Hand genommen, ſie flickte einige ſchadhaft gewordene Hand⸗ ſchuhe aus. Dabei erhob ſie ihren Kopf nicht ein einzigesmal, um nach dem Bräutigam hinüber zu ſehen der ſie unverwandt anſchaute. „Biſt Du mir böſe?“ fragte dieſer endlich. „Wie kommſt Du darauf?“ antwortete ſie kühl. „Weil Du keinen einzigen Blick für mich übrig haſt.“ „Du ſiehſt ja doch, daß ich beſchäftigt bin.“ „Ja, das ſehe ich wohl,“ ſprach unluſtig der junge Mann,„aber ich habe nicht geglaubt, daß dieſe Arbeit ſo preſſire;— einen Blick hie und da könnteſt Du mir ja doch wohl gönnen.“ „Findeſt Du?“ machte Apollonia ſpitzig. „Ja,“ antwortete Emil, immer noch im T 7 Tone eines 45 beſcheiden Bittenden,„das finde ich allerdings, liebe Loni, ja ich glaube ſogar, daß es möglich wäre zu nähen und gleichzeitig ein wenig zu plaudern.“ „Nun, ſo plaudere doch, ſprach das Mädchen achſelzuckend,„ich wehre es Dir ja nicht.“ „Wenn Du ſo ſprichſt, ſo habe ich wahrhaftig kei⸗ nen Muth dazu.“ „Und ich keine Luſt,“ ſchloß Apollonia,„das kommt alſo auf ein und daſſelbe heraus.“ Eine unangenehme Pauſe trat ein; Emil ſchaute nach der Zimmerdecke und ſchien emſig damit beſchäf⸗ tigt, zwei ſich verfolgende Fliegen zu beobachten, Apol⸗ lonia ſtichelte an ihren alten Handſchuhen herum, wie wenn's ihre einzigen wären und ſie damit ſogleich ausgehen mütßte. Es war längſt Zeit, einen neuen kalten Umſchlag auf die luxirte Stelle des Beins zu legen. Apollonia rührte ſich nicht. „Emil„bockte“ wie die kleinen Kinder und wollte nicht darum bitten. Er drehte ſich mit einiger An⸗ ſtrengung zur Seite und holte ſich mit dem ausge⸗ ſtreckten Arm den naſſen Umſchlag aus dem auf dem Tiſch ſtehenden Waſſerbecken mit dem Eis, drückte ihn, ſo gut er es mit der einen Fauſt konnte, aus, legte ihn ſich auf den Fuß, von dem er den warm gewor⸗ denen Umſchlag wegnahm und ihn an Stelle des an⸗ dern über das Eis zur Wiederabkühlung legte. Apollonia hatte ſich nicht vom Flecke gerührt, wäh⸗ rend der ganzen für Emil und deſſen nothwendige 46 möglichſte Bewegungsloſigkeit ziemlich umſtändlichen und unbequemen Prozedur. Erſt als er damit ganz zu Ende, ſtand ſie mit mehr Geräuſch, als nothwendig war, auf, packte ihr Nähzeug zuſammen, rückte unſanft den Stuhl, auf dem ſie geſeſſen, an den Tiſch und ſprach theatraliſch: „Nachdem Sie meine Hilfeleiſtungen verſchmähen, mein Herr, bin ich hier überflüſſig. Und da ich Ihnen meine Geſellſchaft nicht aufdrängen will, ſo ziehe ich vor, mich zu entfernen.“ Damit ſchritt ſie majeſtätiſch zur Thüre hinaus, die ſie feſt einklinkte. Emil hatte in ſeinem Erſtaunen nicht Zeit gefun⸗ den, ihr etwas zu erwidern; ſprachlos ſtarrte er nach der Thüre, durch die ſich die Geliebte entfernt. Da der junge Mann viel zu geringe Lebenserfah⸗ rungen hatte, um überhaupt Mädchengedanken oder Launen enträthſeln zu können, am Allerwenigſten die einer Apollonia Graf, ſo fühlte er ſich durch dieſe Scene recht herzlich unglücklich und, verliebt wie er jetzt war, ſchalt er ſich tüchtig und unbarmherzig aus, daß er ſich gegen Apollonia ſo undankbar benommen. Und wie als ob er damit ſeinen begangenen Feh⸗ ler wieder gut machen könnte, war er kindiſch genug, es dem unſchuldigen Lappen auf ſeinem kranken Bein entgelten zu laſſen, indem er ihn wegriß und in die Zimmerecke warf. Emil Mohl war eben— noch ſehr grün!— — —— —— Drittes Kapitel. Die junge Gräfin. Es lag in der Natur des Barons, daß, nachdem er einmal mit ſeiner Braut übereingekommen war, den Zeitpunkt ihrer Vermählung möglichſt zu beſchleunigen, er auch keine unnöthigen Verſchiebungen mehr machte. Ehe Leontine ihrer Toilette zu Tiſch die kleine Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt hatte, die ſie für nöthig erachtete, war der Baron raſch über den Marktplatz gegangen, der die„Poſt“ vom Rathhaus trennte, und hatte dort auf dem Bureau des Stadtſchreibers den vorgeſchrie⸗ benen Aushängebogen für eine Verlobung ausgefüllt, der nach den landesgültigen Beſtimmungen während zehn Tagen am Rathhaus öffentlich angeſchlagen werden mußte. Es iſt dies die in Ländern, in denen 8 die moderne Ehegeſetzgebung regiert, als Erſatz des kirchlichen Aufgebots, das da eine civilrechtliche Be⸗ deutung nicht mehr hat, eingeführte Verkündigung. 1 Sie hat jedenfalls den unläugbaren Vortheil der größ⸗ 4 ten Bequemlichkeit, denn ſie erfordert lediglich die Auf⸗ ——————— 48 zeichnung einiger Namen, ſowie eines zehntägigen Zu⸗ wartens, um als vollzogen zu gelten Aegidius war heute Mittag ſehr ſchweigſam— ſchweigſam aus Mißvergnügen. Er hatte ſich nach der unerquicklichen Scene mit Fran Graf eine Erhol⸗ ung gönnen wollen und war in's Benefiziatenhaus gegangen, um ſich dort die Freude zu machen, Anna wiederzuſehen und womöglich von ihr A mskäuft zu er⸗ langen, warum ſie geſtern Nachmittag bei ſeinem Be⸗ ſuch gegen ihn ſo wortkarg und ſcheu geweſen, nach⸗ dem doch ihr Onkel behauptete, daß ſie gegen ihn, den neuen Familiengenoſſen, als welchen er ſich ja halb und halb betrachten durfte, nicht böſe geſinnt ſei. Aber, wie wir bereits aus des Weffgi en Neußrrun gegen Anna wiſſen, hatte dieſe ſich während des Aegi⸗ dius Anweſenheit gar nicht ſehen laſſen, ſo daß deſſen Beſuch in der Richtung ſeines eenteecen Vorhabens vollſtändig zwecklos verlaufen war, ein Umſtand, der allerdings geeignet war, ſtörend und nachtheilig auf die gute Laune des jungen Mannes einzuwirken. Leontine und der Baron hatten bei ihrer Rückkehr von Sternheim, als ſie Aegidius ſahen, das wohl be⸗ merkt und mit der Gutmüthigkeit einer Collegin hatte die ehemalige Sängerin darauf beſtanden, daß der ver⸗ ſtimmte Virtuoſe auch heute ihr Diner theile. Da Aegidius einen plauſiblen Grund, es auszuſchlagen, nicht anzugeben vermochte, ſo nahm er es an, obwohl es ihm im Grunde genommen gar nicht nach Geſell⸗ ſchaft zu Muthe war. 7 Man war ſchon beim Nachtiſch angekommen, als —ꝓꝓ4A4— 49 der Baron ſich ſo drehend, daß er durch das Fenſter den Marktplatz und das dort ſtehende Rathhaus ſehen konnte, an der Ecke des letzteren eine für Lindenheim als Auflauf geltende Zuſammenrottung von Menſchen gewahrte, die theils unter ſich heftig geſtikulirten, theils nach einem aufgehängten Holzkaſten guckten, an dem ein Bogen jedenfalls beſchriebenen Papiers befeſtigt war, theils aber auch nach dem Gaſthof zur„Poſt“ zeigten. Der Baron begab ſich an das Fenſter und be⸗ merkte, daß er, der doch in Lindenheim ſo bekannt war, wie das Kirchthurmdach, heute der Gegenſtand beſonderer Neugierde der Kleinſtädter ſei und verlegte ſich darauf, dieſes Räthſel aufzulöſen. Indeß er ſich damit beſchäftigt, kommt Fräulein Apollonia Graf, ſehr fein aufgeputzt in einem havanna⸗ farbigen Lüſtrekleid mit viel Chikanen aus Poſamentier⸗ arbeit, einem thurmhohen mit einem rothen Federſtoß geſchmückten Hut auf dem Hinterhaupt auf den auf⸗ gebauſchten blonden Flechten, mit bei jedem Schritte ſich vor und rückwärts ſchwenkenden Schultern die Straße herabgeſegelt. Sie hielt nämlich dieſe Art zu gehen für noble⸗nonchalante. Auch Fräulein Apollonia Graf ſieht den Menſchenauflauf am Rathhaus und da ſie eine Lindenheimerin iſt, ſo kann ſie nicht um⸗ hin, ihren jedenfalls wichtigen Geſchäftsgang ein wenig zu unterbrechen, um ſich genau darüber zu informiren, was denn die Wißbegierde der wackeren Zeitgenoſſen ihrer Heimathſtadt ſo ſehr in Anſpruch nehme. Fräulein Apollonia Graf drängt ſich ſo reſolut Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 1 50 wie ein Schuſterjüngling durch die umherſtehenden Gaffer und Leſer, bis ſie ganz vorne an der Tafel ſteht und mit eigenen Augen zu leſen vermag: Bekanntmachung. Herr Baron Lothar von Sternenkron, ledig, königlicher Kammerherr, Rittmeiſter à la suite und Gutsbeſitzer, katholiſch, wohnhaft und heimath⸗ berechtigt zu Sternheim, Sohn des verlebten Gutsbeſitzers Ottomar Freiherr von Sternenkron und ſeiner Ehefrau Melanie geb. Gräfin Holzen⸗ ſtein beabſichtigt mit Signora Leontina Annunciata Marie Immaculata Levasco, ledig, katholiſch, geboren und heimath⸗ berechtigt zu Bergamo im Königreich Italien, Tochter des verlebten Impreſſario Luigi Salvator Januarius Levasco und ſeiner verlebten Ehefrau Filomena Tommaſa geb. Carrili eine Ehe zu ſchließen. Perſonen, welche gegen Schliéßung dieſer Ehe auf Grund civilrechtlicher Beſtimmungen Einſpruch erheben wollen, haben ihren Einſpruch binnen 10 Tagen bei der unterfertigten Gemeindever⸗ waltung oder bei dem k. Bezirksamte Lindenheim geltend zu machen. Lindenheim, den u. ſ. w. Apollonia las dieſe Bekanntmachung immer wieder und wieder. Was ſie vermuthet, wurde ihr aus den Geſprächen der Umſtehenden als Wahrheit beſtätigt, — die Signora mit dem langen Namen war die 51 fremde Dame auf der„Poſt.“— Und hier ſtand ſie veröffentlicht als die Braut des Barons Sternenkron? Heute früh hatte ſie aber Aegidius ihrer eigenen Mutter als ſeine heimliche Frau bezeichnet. Welche Verwicke⸗ lungen oder welches Verbrechen! Apollonia fühlte dringend das Bedürfniß mit ſich zu Rath zu gehen. Ihre urſprüngliche Abſicht, als ſie von Hauſe ſich entfernte, war geweſen, die ge⸗ heimnißvolle Gattin von Aegidius Keller aufzuſuchen. Dieſe Bekanntmachung am Rathhauſe empfahl ihr eine nochmalige Ueberlegung. Auf die nächſtliegende Deutung, daß Aegidius mit dieſer Signora in keinen näheren Beziehungen ſtehe, verfiel Apollonia aus dem Grunde nicht, weil Mutter Graf es nicht für noth⸗ wendig gehalten hatte, zu Hauſe zu detailliren, daß 3 Aegidius nur von ſeiner beſtehenden Ehe überhaupt geſprochen, nicht aber geſagt habe, daß ſeine dermalige Hausgenoſſin ſeine Frau ſei. Nachdem Frau Graf ihrerſeits überzeugt war, daß ihre Vermuthungen über das wechſelſeitige Verhältniß der Beiden das Richtige V träfen, hatte ſie gar keinen Anſtand genommen, ihrer Tochter zu Hauſe gleich als fertige Thatſache— wie aus dem Munde von Aegidius ſelbſt kommend— mitzutheilen, was doch nur ihre eigene vorſchnelle Combination war. Zuletzt kam Apollonia zu der Ueberzeugung, daß 8 1 Aegidius Keller und ſeine Frau in beiderſeitiger Ueber⸗ 1 einſtimmung handelten, daß aller Wohrſcheinlichkeit * nach der Baron gar nichts wiſſe von den beſtehenden 4 ½ Verhältniſſen und daß ſonach Derjenige, der Kenntniß 1 4* — 52 von dem Geheimniß dieſer Ehe habe, auch die Gewalt beſitze, die einzelnen Figuren der Intrigue nach Be⸗ lieben tanzen zu laſſen. Während Apollonia überlegend den Weg über den Marktplatz zurücklegte, waren auch Leontine und Aegi⸗ dius zum Baron an's Fenſter getreten und ſchauten zugleich mit ihm nach der neugierigen Menge vor dem magiſtratiſchen Anſchlagzettel. Aegidius ſah Apollonia Graf und glaubte ſie als die Prima⸗Ehrenjungfrau des Turnfeſtes wieder zu erkennen. Er machte den Baron auf ſie aufmerkſam. „Iſt das nicht Fräulein Graf, des Chorregenten Graf Tochter?“ frug er. „Gewiß,“ beſtätigte der Baron,„die iſt jederzeit zu erkennen; wenn man ein neckiſch thuendes Frauen⸗ zimmer ſieht, das nie ohne eine kleinſtädtiſche Ver⸗ rücktheit im Anzuge iſt, ſo iſt's die Gräfin. Sehen Sie nur heut wieder dieſen cerisrothen Federſtoß auf dem blonden Haar. Wenn ſie'’s hätte, trüge ſie auch noch Korallen dazu.“ 9 3 „Machen Sie's gnädig mit ihr, Herr Baron,“ ſcherzte Aegidius,„Fräulein Graf iſt ja meine Braut.“ „Um Gotteswillen,“ wehrte mit komiſchem Eifer der Baron,„ſchreien Sie nicht ſo laut. Wenn das die alte oder die junge Gräfin hören würden, gleich hätten Sie eine Klage wegen nichterfüllten Ehever⸗ ſprechens zu gewärtigen.“ „Oho,— die Leutchen ſcheinen in ein nettes Renommée zu haben.“ — — „Wenn ich einen Sohn hätte,“ ſprach der Baron, „ſo würde ich ihn lieber mit einem Wagen voll Gold allein durch die Abruzzen wandern laſſen, als ihn hie— her nach Lindenheim ſenden. In den neapolitaniſchen Bergen würde ihm wahrſcheinlich nur ſein Geld, höchſtens ſein Leben genommen werden, in Lindenheim aber würde er möglicher Weiſe in die Netze dieſer Eheſpinnen gerathen und darin langſam aber ſicher Zoll um Zoll zu Tode vergiftet werden.“ „Können Sie ſich denken, meine Herrſchaften,“ wandte ſich Aegidius an den Baron und Fräulein Levasco,„daß ich, trotzdem ich erſt drei Tage hier bin, ſchon das Opfer dieſer Eheſpinnen, wie ſie der Herr Baron nennt, geworden bin?“ „Das glaube ich gern,“ antwortete der Baron. „O bitte, erzählen Sie doch,“ rief Leontine. Und Aegidius erzählte den Ueberfall von Mutter Graf am heutigen Morgen, wie ſie ihm auf die Stube gerückt und ihn mit aller Gewalt habe glauben machen wollen, er ſei mit ihrer Tochter Apollonia verlobt. „Das ſchreckliche Weib ſollte man in ein Irren⸗ haus ſperren,“ brummte der Baron, während Leontine lachte, daß ihr das Waſſer in die Augen trat. „Nein die Geſchichte iſt zu köſtlich. Die Leute hier ſcheinen geborene Spaßmacher zu ſein. Welche Ori⸗ ginale habe ich nicht ſchon in den zwei Tagen meines Hierſeins geſehen.— Nun und wie wurden Sie denn Ihre Schwiegermutter los?“ Aegidius zuckte die Achſeln. „Ich dachte mir, den Satan kann man nur durch 54 Belzebub, den oberſten Teufel, austreiben. Hatte Frau Graf mir eine Braut angedichtet, ſo ſah ich gar nicht ein, warum ich mir nicht lieber gleich eine Frau zu⸗ legen ſollte—“ „Sie werden doch nicht—“ unterbrach Leontine. „Was werde ich nicht? Allerdings habe ich ihr geantwortet, daß ich ihre Tochter nicht heirathen könne, da ich ſchon eine Frau habe.“ „Nein, das iſt zu toll,“ rief die Sängerin, auf's Neue in Lachen ausbrechend. Baron Sternenkron theilte dieſe Heiterkeit ſäiner Braut nicht.— „Und was ſprach die würdige Kuppelmutter weiter?“ fragte er. „Aber Lothar!“ corrigirte Fräulein Levasco. „Pardon! Ich vergaß mich!“ „Sie machte noch einige Redensarten,“ antwortete Aegidius,„die ich natürlich nicht mehr weiß, ſprach etwas von Bigamie— der Herker mag wiſſen, wo ſie das Wort aufgeſchnappt hat— von gerichtlicher An⸗ zeige u. ſ. w. u. ſ. w.; ich habe mich nicht weiter d'rum gekümmert, ſondern war froh, dieſe entſetzliche Frau endlich losgeworden zu ſein.“ „So wie ich dieſe Leute kenne, ſind Sie ſie jetzt erſt recht nicht los,“ mahnte der Baron,„gegen die gibt's nur ein einziges Radikalmittel.“ „Möchten Sie mir das nicht ſagen?“ „Für Sie iſt die Anwendung ſchon nicht mehr gut möglich, Sie haben ſchon mit dieſen Leuten A und B — 1 2 7 — buchſtabirt, ſie laſſen Sie jetzt nicht mehr los, bis Sie mit ihnen auch das Z erreichen.“ „Puh,“ machte ſich ſchüttelnd Aegidius,„geſchwind Ihr Radikalmittel, Herr Baron.“ „Es iſt gerade in dieſer Jahreszeit am beſten zu haben. Gehen Sie an einem ſchönen Abend vor Ein⸗ bruch der Dämmerung am Ufer der murmelnden Linde entlang, bis Ihnen Unterholz den Weg verſperrt, dann ſchneiden Sie ſich unter dem koſenden Säuſeln des Abendwindes einen daumenſtarken Haſelnußſtock und ſobald Ihnen Jemand von der Graf'ſchen Sippſchaft über die Schwelle kommt, hauen Sie ſo lange unbe⸗ ſehen d'rauf los, bis Niemand mehr zu ſchauen iſt.— Das iſt das einzige Mittel.“ Durch dieſe Schnurre des Barons war die Sache wieder in's Geleiſe des Scherzes gebracht und die am Anfang des Diners etwas gedrückt geweſene Stim⸗ mung von Aegidius, welche ſich über Tiſch unter dem anregenden Einfluß der Geſellſchaft wieder gehoben hatte, blieb in ihrer Verbeſſerung durch den kleinen Zwiſchenfall unbeeinträchtigt. Karoline war gerufen worden; Leontine wollte ſie beäuftragen nachzuſehen, was denn der Zuſammenlauf der Leute vor dem Rathhaus zu bedeuten habe. Die Zofe hatte aber gar nicht nöthig, hierwegen erſt noch vorher Umfrage zu halten: die Urſache war im Gaſt⸗ hof ja ganz ebenſo durchgeklatſcht worden, wie draußen auf dem Marktplatz. Sie berichtete ſonach, daß der ereignißſchwere Anſchlag die Bekanntmachung der Ver⸗ lobung wäre. 56 Leontine wurde dadurch in der That überraſcht, der Baron hatte ihr davon nichts erzählt gehabt.— Sie war hocherfreut darüber und reichte dem Bräu⸗ tigam mit verheißungsvollem und gewinnendem Lächeln die Hand. Aus Delikateſſe hatte Aegidius ſich abgewendet, ſo daß er nicht verſtehen konnte, was der Baron, indem er die Hand ſeiner Braut an die Lippen führte, ſagte. Es mußte jedenfalls nur für das Ohr Leontinens be⸗ ſtimmt geweſen ſein; dieſe hatte es aber offenbar ver⸗ ſtanden, denn ſie lächelte ſchalkhaft, ſah den Baron einen Moment ſehr vielverſprechend an und nickte dann freundlich zuſtimmend mit dem Kopf, worauf der Baron ebenfalls ſehr vergnüglich lächelte. Nach einer Weile erklärte Baron Sternenkron, daß er weggehen müſſe. „Ich gehe zum Benefiziaten Kölblich,“ ſprach er, „wollen Sie mich begleiten, Herr Keller?“ „Zu meinem Exvormund?“ machte Aegidius er⸗ ſtaunt.. „Das wundert Sie?“ ſcherzte der Baron,„haben Sie keine Angſt, ich ſuche wirklich nur den Benefiziaten und nicht deſſen Nichte auf.“ Aegidius wurde gluthroth im Geſicht. „Halt, was iſt das?“ rief vergnügt Leontine,„Sie werden roth, wenn von dieſer Nichte Ihres Vormunds die Rede iſt! Auch Du mein Brutus?“ „Ich verſichere Sie,“ begann Aegidius entſchul⸗ digend, aber er wurde raſch unterbrochen. „Keine Heuchelei, alter College,“ ſprach Leontine, 4 6 8 4 8 57 „es geht mich zwar nichts an, aber ich freue mich doch, wenn ich Ihnen pratuliren d darf.“ „O, ſo weit ſind wir noch lange nicht,“ platzte Aegidius heraus. „Verrathen, verrathen,“ jubilirte die übermüthige Sängerin,„wenn Sie„noch nicht ſo weit“ ſind, ſo⸗ haben Sie jedenfalls ſchon damit angefangen, taunn ſo weit zu kommen und das genügt vor der Hand.— Man muß von drei Tagen Aufenthalt nicht zu viel verlangen,“ neckte ſie boshaft. „Es iſt doch merkwürdig,“ ſprach Aegidius auf den neckenden Ton eingehend,„wie wahr das Sprüchwort iſt: kaum, daß eine Dame ihre eigenen Herzensange⸗ legenheiten in Ordnung gebracht hat, beſchäftigt ſie ſich ſchon mit denen ihrer Mitſchweſtern.“ „Bei alledem,“ fiel der Baron ein,„kommen wir aber nicht fort. Gehen Sie mit oder bleiben Sie da?“ „Störe ich wirklich nicht?“ fragte Aegidius vor⸗ ſichtig. „Der Stadtpfarrer iſt nicht hier und ſeine amt⸗ lichen Functionen ſind dem Benefiziaten Kölblich, als dem älteſten Geiſtlichen, interimiſtiſch übertragen. Was ich alſo mit Ihrem ehemaligen Vormunde zu beſpre⸗ chen habe, ſind lediglich die Formalitäten wegen des kirchlichen Aufgebots, das ja nach unſeren Landes⸗ geſetzen trotz des öffentlichen Anſchlags nothwendig iſt. Freilich, wenn es Ihnen langweilig werden ſllte, dabei zuzuhüren, ſo bleibt Ihnen kaum ein anderes Mittel, als ſo kange ich mit dem Benefiziaten zu thun habe, ſich mit deſſen Nichte zu unterhalten.“ 58 „Na ja, gehen Sie nur mit,“ neckte Leontine, „bringen Sie dem Baron das Opfer.“ Und die beiden Herren gingen mitſammen fort, unterwegs mit ziemlich unverholener Neugierde, die dem Baron galt, angeſtarrt. Sie bekümmerten ſich freilich darum nicht; hätten ſie aber geſehen, daß faſt unmittelbar, nachdem ſie den Gaſthof verlaſſen hatten, Fräulein Apollonia Graf, die darauf gewartet haben mochte, denſelben betrat, ſie wären nicht ſo gleichgültig geblieben. Fräulein Apollonia ging nach dem erſten Stock⸗ werk der„Poſt“ und ließ ſich durch Karoline bei der Sängerin mit dem langen Namen, der ſo ſchwer zu merken war, melden. Schüchternheit war niemals Apollonia's Fehler ge⸗ weſen, im Gegentheile, ſie betrachtete es als ein noth⸗ wendiges Attribut großſtädtiſcher Gewöhnung, ſich überall möglichſt entſchieden zu benehmen. Dennoch aber empfand die Lindenheimer Großſtädterin ein bängliches Herzklopfen in Erwartung der kommenden Unterredung. Sie hatte ſich wohlpräparirt mit Redensarten und Schlagworten aus den verſchiedenen Romanen und Dramen, die ſie geleſen oder geſehen, ſie hatte auch das Pathos weg, welches ſie für nothwendig hielt, um Eindrücke hervorzubringen, aber dennoch war die Auf⸗ gabe, vor deren Löſung ſie jetzt ſtand, kein Kinderſpiel. „Bitte einzutreten,“ ſprach Karoline, die Thüre offen haltend. gegenüber. Da die Sängerin nicht im Stande war, ——— Fräulein Levasco und Fräulein Graf ſtanden ſich 59 das vorhin im Scherz vom Baron angerathene Radi⸗ kalmittel in Anwendung zu bringen, ſo blieb ihr zu⸗ nächſt kein anderer Ausweg, als abzuwarten, was denn das Fräulein mit dem ſo kampfluſtig d'reinſchauenden rothen Federſtoß auf dem Hute eigentlich von ihr wolle. Ein raſcher Blick hatte Apollonia genügt, um eine ihr unbehagliche Enpſiidund zu erzeugen. Fräulein Levasco imponirte ihr.— Weshalb? Das hat oft einen gar ſonderbaren Grund. So wie jenem Schnei⸗ der, der nach Paris reiſte, der Kaiſer d deshalb impo⸗ nirte, weil er ſo vortrefflich ſitzende Beinkleider trug, ebenſo imponirte Fräulein Levasco der Tochter des Chorregenten durch einen Umſtand au der Toilette, und zwar beſtand derſelbe darin, daß das geübte Auge Kearnide augenblicklich erkannte, die einzelnen Theile des Anzugs der Sängerin ſeien aus einem Damen⸗ confectionsgeſchäfte geliefert und nicht nach Modejour⸗ nal und Schnittmuſter unter theilweiſer Verwendung älterer ſchon mehrfach gebrauchter Sachen nachgeſchnei⸗ dert. Einfach im Confectionsgeſchäfte ſagen zu können: das und das will ich!— iſt der ſchönſte Traum, die höchſte Idee aller Damen, die mit ihren Mitteln haus⸗ halten müſſen. Welch' kühne Koſtümcombinationen ruhten unſichtbar in Apollonia's Kopf? Wie niederſchla⸗ gend wirkte die Erkenntniß des wenigen Könnens im Gegenſatze zum ſchwungvollen Wollen, wenn ſie zu Hauſe über den Modejournalen brütete, um aus alten Stoffen, Bändern, Beſätzen, Knöpfen und Schnüren eine neue Variante zu ihren Toiletten zu erſinnen! Und hier ſtand ſie einer Dame gegenüber, die, nach ihrem Anzuge zu ſchließen, gewöhnt ſein mochte, ihre Toiletten aus den erſten„Ateliers“ geliefert zu er⸗ halten.— Kein Wunder, wenn da Fräulein Levasco der Chorregententochter imponirte. „Sie haben mich zu ſprechen verlangt,“ begann die Sängerin,„was wünſchen Sie?“ Apollonia ſagte ſich, daß jetzt das wichtige Duett beginne. „Ich komme, um Sie zu retten, Emphaſe. „Mich?“ rief erſchreckt Leontine,„aber mein Gott, ich bin ja in gar keiner Gefahr.“ „In der größten,“ ſprach Apollonia weiter,„es wäre unbegreiflich, wenn Sie ſich deſſen nicht bewußt ſein ſollten.“ „Ich muß Sie bitten,“ ſagte Fräulein Levasco, „mir genau zu ſagen, was Sie hierherführt. Ich bin fremd hier und durchaus nicht in der Lage, alle die ſeltſamen Räthſel zu begreifen, die ſich hier förmlich ein Rendez⸗vous gegeben zu haben ſcheinen.“ „Rendez⸗vous! Ja wohl, das iſt's,“ ſprach Apol⸗ lonia.„Ihr Rendez⸗vous, das Sie hier gegeben haben, kann die ſchlimmſten Folgen für Sie haben.“ 47 ſprach ſie mit „Mein Fräulein, ich wiederhole Ihnen, mißbrau⸗ chen Sie nicht den zufälligen Umſtand, daß ich mo⸗ mentan allein bin, um mir Dinge zu ſagen, die ich durchaus nicht Luſt habe anzuhören.“ „Mein Gott, wie verblendet kann doch der Menſch ſein,“ gegenredete Fräulein Graf,„ich komme, um Sie 8 — 61 zu warnen und zu retten, und Sie ſtoßen meine hel⸗ fende Hand zurück!“ „Beruhigen Sie ſich doch,“ beſchwichtigte. Leontine die Rednerin,„ich fühle mich vollkommen ſicher vor allen Gefahren.“ „Täuſchung, Täuſchung, ein Wort von mir und Sie ſind verloren. Ich kenne Ihr Geheimniß.“ „So?“ machte gleichgültig die Sängerin,„ich habe ein Geheimniß? Das iſt ſogar für mich neu; jeden⸗ falls kann ich Ihnen die Verſicherung geben, daß ich keinerlei Unbequemlichkeit davon verſpüre.“ „O, dieſe zur Schau getragene Sicherheit macht mich nicht irre. Ich weiß, daß Sie ſich hier Fräulein nennen, ohne es zu ſein.“ „So? Bis jetzt hat mich noch nie Jemand für einen Mann angeſehen.“ „Aber für eine Frau!“ ſprach mit Nachdruck Apollonia. „Was ſoll das?“. „Das ſoll Ihnen beweiſen, daß ich Sie kenne. Oder ſoll ich Ihnen auch noch den lebendigen Beweis nennen?“ Leontine war jetzt doch betroffen; ſie glaubte nicht anders, als Fräulein Graf ſpreche von dem kleinen Lothar, dem lebendigen Beweis ihrer einſtigen Be⸗ ziehungen zu Baron Sternenkron. So ſehr Leontine auch emanzipirt war, ſo war ihr, in dem kleinen Neſte gar, die Verbreitung dieſer Nachricht jetzt ſchon doch fatal. Zunächſt hatte Apollonia's Appell die eine 62 Wirkung, daß Fräulein Levasco minder barſch in ihrer Ausdrucksweiſe wurde. Natürlich ſah Apollonia in dieſer Wirkung nur die Folge der Richtigkeit ihres Calculs. Hätte ſie noch zweifeln gekonnt, ſo wäre das von jetzt ab un⸗ möglich geweſen: jetzt war ſie ſicher, daß Aegidius der heimliche Gatte der Braut des Barons ſei. „Ich kann unmöglich annehmen, daß Sie nur hie⸗ her gekommen ſind, um mit mir über Dinge zu reden, für die Sie doch nicht das mindeſte directe Intereſſe haben können,“ ſprach Fräulein Levasco. „O Sie täuſchen ſich,“ wehrte Apollonia ab,„ich habe allerdings ein Intereſſe dabei, ein ebenſo großes wie ſie ehedem hatten, denn— ich liebe ihn.“ „Das iſt ja unmöglich,“ rief die Sängerin. „Wie? Unmöglich? Iſt's Ihnen denn anders er⸗ gangen?“ „O, was mich anbetrifft, ſo iſt das denn doch ein gewaltiger Unterſchied, mein Fräulein, dächte ich.“ „Sie mögen das finden,“ entgegnete Apollonia ver⸗ letzt,„ich nicht.“ „Streiten wir darüber nicht; ich habe nichts da⸗ gegen; von mir aus mögen Sie in ihn verliebt ſein, ſo viel Sie wollen.“ „Natürlich, das Herz läßt ſich ja doch ſo wie ſo nicht zwingen; aber es handelt ſich noch um eine Klei⸗ nigkeit.“ „Doch noch?“ ſpöttelte Leontine. „Ja wohl. Es genügt nicht, wenn Sie eine Er⸗ laubniß, die Sie ohnedem nicht verweigern können, — co—õy— 63 ertheilen, ſondern Sie müſſen auch auf jeden Verſuch verzichten, jemals wieder in die Rechte eintreten zu wollen, die Sie allenfalls einſt gehabt haben mögen.“ „Sie ſind wohl toll, mein Fräulein?“ rief ohne ohne alle Rückſicht die Sängerin,„glauben Sie, ich ſei dazu da, um Ihre abgeſchmackten Redensarten, ohne Sinn und Verſtand, mit anzuhören? Mein Bräutigam hatte in der That Recht, als er vor Ihnen warnte; er hat wirklich nicht übertrieben. Sie ſind ja im Stande, die ganze Welt auf den Kopf zu 1 . ſtellen.“ „Ah, der Herr Baron hat vor mir gewarnt,“ höhnte Apollonia,„es iſt alſo von mir geſprochen worden.“ 1 Leontine bereute ihre Uebereilung. „So ganz zufällig, nur nebenbei,“ ſprach ſie, dem lauernden Blicke Apollonia's ausweichend. „Ich kann's mir ſchon denken,“ entſchied aber die ſtets mit raſchen Combinationen bereite Apollonia,„ich habe ja vorhin ſelber geſehen, daß hier am Fenſter der Herr Baron mit meinem Bräutigam ſprach.“ „Mit Ihrem Bräutigam hier in meinem Zimmer? 1 Sie irren ſich, mein Fräulein,“ betheuerte Leontine. „O geben Sie ſich keine Mühe,“ wehrte aber Fräu⸗ 1 lein Graf,„was ich geſehen habe, wurde von mir be⸗ b ſtimmt wahrgenommen: hier am Fenſter ſprachen ſie d und der Herr Baron ziemlich lebhaft in meinen Aegi⸗ dius hinein.“ „In Ihren Aegidius? Das iſt wohl jetzt Ihr Bräutigam?“ „Nun natürlich.“ 64 Fräulein Levasco war bereits confus. Vorhin hatte doch die heirathswüthige Regententochter ſchon von einem Gegenſtande ihnen Liebe geſprochen und jetzt nannte ſie den jungen Virtuoſen ihren Bräutigam. Der ſchwache Verſuch, den Leontine machte, etwas Klarheit in dieſes Chaos zu bringen, wurde aber un⸗ terbrochen durch die brusk hingeworfene Frage Apol⸗ lonia's:. 1 „Oder ſollten Sie etwas dagegen einzuwenden haben?“ I „Ich?“ antwortete ſchnell Leontine,„warum nicht 3 gar;— was geht's mich an, wen Herr Keller hei⸗ rathen will.“ „Iſt das wahr?“ rief freudig erſtaunt Apollonia. „Konnten Sie denn daran zweifeln?“* „Allerdings, nachdem Sie ja die Verlobte des Herrn Barons geworden ſind“— — „Natürlich;— das muß Sie doch beruhigen.“ „ Aber Aegidius ließ heute Morgen gegen meine Mutter Bemerkungen fallen, die— welche—“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Nun, die heimliche Ehe—“ „Von Cimaroſa?“ nde den hat, weiß ich hat der Aegidius „Ja wo die Trauung ſtattgefun nicht, aber daß ſie ſtattgefunden hat, ſelbſt zugeſtanden.“ „Ah ſo—“ machte gedehnt Leontine. In dieſem Augenblick fiel ihr erſt der Ausweg bei, den Aegidius nach ſeiner Erzihlung heute Morgen ergriffen, um ——ù———— 4 4 65 die alte Gräfin, wie der Baron die Frau Chorregentin nannte, loszuwerden. In dieſer Verlegenheit, in welcher Leontine nicht wußte, ob ſie die Nothlüge von Aegidius aufdecken oder die fürchterliche Bräutigamsfängerin in ihrem Wahn belaſſen ſollte, erſchien Karoline wie ein retten⸗ der Engel unter der Zimmerthüre, um zu melden: „Herr Aſſeſſor Kratzeiſen bittet um die Ehre.“ „Sehr erwünſcht,“ antwortete Leontine aufrichtig. Hätte ſie doch nie geglaubt, daß ſie dieſen Namen jemals würde mit Wohlgefallen hören. Der Aſſeſſor trat mit tiefen Verbeugungen ein; da, wo er ſich nicht hinter ſeinen Aktentiſch verſchan⸗ zen konnte oder wenn er nicht am Biertiſch ſaß, war er ein Menſch, der ſich nicht zu helfen wußte. Damen gegenüber vollends gar war er ſtets ſehr unbeholfen geweſen und hier befand er ſich ja, wie er aus den Erzählungen ſeines Freundes, des Poſthalters, wußte, einer Dame von außergewöhnlichem Einfluß bis in die höchſten Kreiſe gegenüber. „Verzeihen Sie gütigſt meine Störung, mein gnä⸗ digſtes Fräulein,“ ſtotterte er heraus, aber Leontine kam ihm zu Hülfe. „Sie ſind ſehr gütig, verehrter Herr,“ ſprach ſie liebenswürdig,„ſich zu mir zu bemühen. Leider iſt mein Quartier hier im Gaſthof ſo beſchränkt, daß ich Ihren ſchätzbaren Beſuch nicht in einem abgeſonderten Gemach empfangen kann, wie ich es wünſche und wie es vielleicht in der Natur der Mittheilungen liegt, um Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 5 derentwillen Sie mir die Ehre erweiſen, bei mir vor⸗ zuſprechen.“ Apollonia verſtand dieſen unzweideutigen Stich nicht, wenigſtens gab ſie ſich dieſen Anſchein; ihre Neugierde überwog alle Bedenken dr Wohlanſtändigkeit. Und als nun vollends gar der Aſſeſſor ſagte: „Bitte, bitte, die Anweſenheit von Fräulein Graf iſt für mich nicht im Mindeſten ſtörend, ja im Gegen⸗ theil ſogar gerade ſehr erwünſcht,“ faßte Apollonia erſt recht feſt Poſto. „So haben Sie die Güte, mir zu ſagen, was Sie hierherführt, Herr Aſſeſſor,“ ſprach Fräulein Levasco. „Ich weiß nicht, ob Ihnen die Förmlichkeiten be⸗ kannt ſind, die nach unſeren Landesgeſetzen einer Ver⸗ ehelichung vorangehen müſſen,“ begann Kratzeiſen. „Nehmen wir an, ſie ſeien mir bekannt,“ entſchied Leontine. „Auf Grund der ausgehängten Bekanntmachung Ihrer Verlobung mit dem Herrn Rittmeiſter Baron von Sternenkron iſt bei mir ſoeben ein Ehehinderniß angemeldet worden,“ erklärte der Aſſeſſor. „Meine Perſon betreffend?“ fragte erſtaunt Leontine. „Ja wohl,“ fuhr der Aſſeſſor fort,„es erſchien bei mir die Frau Chorregent Graf, die Mutter des hier anweſenden Fräuleins, um die ſeltſame Depoſition ab⸗ zugeben, daß dieſe vorhabliche Ehe nicht ſtattfinden könne, weil Sie— bereits verheirathet ſeien.“ „Ich— verheirathet—“ rief halb erſchreckt, halb unwillig die Sängerin,„mit wem denn?“ „Mit Herrn Aegidius Keller, demſelben jungen 67 Manne, der hier im zweiten Stock wohnt, und einen Tag vor Ihnen angekommen iſt.“ „Das iſt ja infam,“ ſprach entrüſtet Leontine. „Frau Chorregent Graf deponirte gleichzeitig, daß ſie dieſe Mittheilung aus dem Munde des Herrn Keller, 3 Ihres angeblichen Gatten, ſelber habe.— Da die De⸗ poſitionen bis jetzt noch nicht aktenmäßig begründet ſind, ſo habe ich es auf meine Verantwortung genom⸗ men, mich mit Ihnen über die Sachlage vorher noch zu beſprechen, denn meine Ergebenheit ſowohl gegen den Herrn Baron, wie gegen Sie, als deſſen hochver⸗ ehrte Braut, iſt zu groß, um nicht mit der weiteſten Rückſichtsnahme zu verfahren.“ 4„Obwohl ich Ihnen dafür ſehr dankbar bin, Herr 8 Aſſeſſor,“ antwortete Leontine, die ſich wieder geſam⸗ melt hatte,„ſo bedauere ich doch die Mühe, die Sie ſich in der Sache gemacht, ich fürchte, daß ſie ganz vergeblich war.“ „Das wäre doch noch eine Frage,“ bemerkte der Aſſeſſor, der den Sinn von Leontinens Worten irrig aufgefaßt hatte und jetzt gleich mit ſeinen Geſetzſpin⸗ tiſirereien herausrückte.„Da Ihre Verehelichung mit Herrn Keller jedenfalls im Auslande ſtattgefunden hat, auch anzunehmen iſt, daß Sie nur den geſetzlichen Beſtimmungen des Auslands Genüge geleiſtet haben, ſo iſt dieſe Ehe auch nur für dieſes Ausland giltig; 8 dagegen hier in der Heimath Ihres Gatten nicht, da wir kein internationales Eherecht haben und Sie Beide ſonach völlig frei von allen wechſelſeitigen Verpflich⸗ tungen ſind, ſobald Sie mit dem Momente Ihrer 5* ———— Ankunft in der Heimath des Gatten die im Auslande geſchloſſene Ehe als aufgelöſt deklariren.“ „Um Gotteswillen Herr,“ bat Leontine,„laſſen Sie mich unbehelligt mit Ihren Geſetzesklügeleien und Hin⸗ terthüren. Sie gehen mich ſammt und ſonders nichts an. Ich bin in meinem Leben nie verheirathet ge⸗ weſen, weder mit Herrn Aegidius Keller, noch mit ſonſt Jemanden. Ich bitte nehmen Sie gefälligſt von dieſer meiner Erklärung Notiz; in dieſem Augenblick bin ich noch leidlich bei Verſtand, wenn's aber noch einen Tag ſo fortgeht, wie bis jetzt, ſeitdem ich in Lindenheim bin, ſo werde ich toll, gerade ſo toll, wie dieſe ganze Stadt zu ſein ſcheint.“ Und Leontine warf ſich erſchöpft auf das Sopha. Der Baron und Aegidius traten in's Zimmer. Dem Baron ſchoß bei dem Anblick der Gruppe, die er ſah, das Blut in den Kopf. Leontine lag in ſicht⸗ licher Aufregung hochaufathmend in der Sophaecke, der Aſſeſſor ſtand in verdutzter Haltung am Tiſche in der Mitte des Zimmers und Apollonia Graf hatte ſich verlegen in die Fenſterniſche zurückgezogen. „Was gibt's?“ fragte der Baron barſch. Er erhielt keine Antwort, nur Aſſeſſor Kratzeiſen machte eine Verbeugung nach der andern. „Es trifft ſich ſehr glücklich,“ rückte er allmälig heraus,„daß Sie Herr Rittmeiſter und auch Sie, Herr Keller, hier erſcheinen, da wird ſich das Miß⸗ verſtändniß, oder was ſonſt hier obwaltet, ſicherlich raſch löſen.“ „Gut, ſprechen Sie, aber ſchnell,“ entgegnete kurz 1—— —— ** 69 der Baron,„Fräulein Levasco, meine Braut, räumt mir hier Hausrecht ein und ich bitte ſonach, Ihren Beſuch als mir gemacht zu betrachten.“ „Ich ſtehe ganz zu Dienſten,“ erklärte der Aſſeſſor und begann ſeine Erzählung von Neuem. „Meine Herren,“ ſprach Baron Sternenkron, als der Aſſeſſor ſchwieg, zu dieſem und Aegidius,„ich bitte Sie noch einen Moment zu verweilen. Sie, mein Fräulein,“ wendete er ſich an Apollonia,„will ich nicht abhalten, zu Ihrer würdigen Mutter zurückzu⸗ kehren. Wollen Sie ſich aber gefälligſt merken, daß jede Tollheit, auch Ihre Mannstollheit, eine Grenze hat, bei deren Ueberſchreitung Niemand mehr zu einer Rückſicht oder Schonung gegen Sie verpflichtet iſt. Wenn Sie mir oder meiner Braut nochmals in den Weg laufen, würde ich mich gezwungen ſehen, die Hilfe des Gerichts in Anſpruch zu nehmen, um über 4 den Stand Ihrer Zurechnungsfähigkeit eine ärztliche Unterſuchung zu beantragen.“ Apollonia richtete ſich mit theatraliſchem Ernſt in die Höhe; noch ein Coup mußte um jeden Preis los⸗ gelaſſen werden. Mit elegiſchem Augenaufſchlag, in dem zu leſen ſtand: Du ſiehſt, was ich um Deinet⸗ willen leide— ſchaute ſie auf Aegidius und ſprach bedeutungsvoll: †„Und Sie haben darauf nichts zu ſagen?“ A Aber dieſer Aegidius war in ſo vergnügter Laune von ſeinem Gang mit dem Baron zurückgekommen, daß er gar nichts weiter ſprach, als: 9 „Ich? Ich ſchließe mich in Allem dem geehrten Herrn Vorredner an.“ Und dabei klang ſeine Stimme ſo luſtig, ſo ſpöt⸗ tiſch; Apollonia hätte ihn in Stücke reißen können. „Wir empfehlen uns Ihnen,“ drängte der Baron. Cäſars Geiſt kann nicht pathetiſcher zu Brutus das bekannte: Zu Philippi ſiehſt Du mich wieder— ſprechen, als Apollonia ihre Abſchiedsworte: „Gut, wir werden uns wiederfinden.“ Damit verſchwand ſie grußlos aus dem Zimmer. „Ich denke,“ ſprach Baron Sternenkron zu Aegi⸗ dius,„daß Niemand beſſer, wie Sie, dem Herrn Aſſeſ⸗ ſor die wünſchenswerthen Aufſchlüſſe geben kann.“ Und damit wendete ſich der Baron ab und beſchäf⸗ tigte ſich mit ſeiner Braut. „Vielleicht bin ich der intellectuelle Urheber der ganzen Confuſion,“ begann Aegidius.„Es war den guten Lindenheimern nicht genug, in Erfahrung ge⸗ bracht zu haben, daß ich hier angekommen ſei, ſie mußten auch noch ganz beſondere Gründe für meine Rückkehr herausklügeln. Daß ich zum Zwecke der Entlaſſung aus der Vormundſchaft hier angekommen ſein könne, war ihnen nicht hinreichend, trotzdem ihnen dieſes Factum genau bekannt war.“ „Das gebe ich allerdings zu,“ beſtätigte der Aſſeſ⸗ ſor,„denn es iſt mir ſelber heute erſt eine Ladung an Sie unter die Hand gekommen, ſich bei der Vor⸗ mundſchaftsbehörde zum Zwecke der Empfangnahme Ihres Vermögens einzufinden.“ „Ich würde wohl ſo wie ſo morgen gekommen ſein —— 71 heute hatte ich noch keine Zeit,“ fuhr Aegidius fort. „Alſo man ſuchte nach einem andern Grunde für mein Hierſein. Da kam nun der für die Lindenheimer ziemlich unverdauliche Umſtand dazu, daß ich Muſiker geworden war. Was ein Muſiker ſei, wußten und wiſſen ſie nämlich nicht, ſie halten dafür, daß ein ſol⸗ cher dazu da ſei, bei Kirchweihen und Tanzmuſiken aufzuſpielen, oder auf dem Kirchenchor zu geigen. Die höchſte Stufe, die er erringen kann, iſt nach ihrer Meinung Dirigent eines Kirchenchors zu werden und 4 1 9 0 da haben ſie nun flugs mir den Plan unterſchoben, ich ſei hiehergekommen, um des Chorregenten Graf Tochter zu heirathen und nach dem Tode meines Schwiegervaters deſſen Stelle zu erhalten.“ „Hm,“ machte der Aſſeſſor,„das ſtimmt aber nicht mit der Frau Graf ihren Mittheilungen,— bitte nur fortzufahren.“ „Dieſe Idee hatte ſich bereits ſo ſehr der Frau und, wie es jetzt ſcheint, auch des Fräuleins Graf be⸗ mächtigt, daß ich heute früh den Beſuch der Frau Chor⸗ regentin erhielt, wobei ſie mich— der ich, ſeit ich hier bin, weder ſie noch ihre Tochter bis dahin ge⸗ ſehen hatte— bereits förmlich als den Verlobten ihrer Tochter betrachtete und behandelte und alle Ein⸗ wendungen meinerſeits unbeachtet ließ, ja mir ſogar drohte, wenn ich widerſtreben würde, denn ich hätte bereits ihre Tochter in der Leute Mund gebracht und ſonach compromittirt.“ „Das iſt ſtark,“ konnte ſogar Kratzeiſen zu bemer⸗ ken, ſich nicht enthalten. 3 72 „Ich ſah im Moment, ärgerlich wie ich war, keinen radikaleren Ausweg, um mich von der fürchterlichen drohenden Schwiegermutter zu befreien, als ihr zu ſagen, daß ich ſchon eine Frau habe—“ „Alſo doch,“ machte der Aſſeſſor,„das erklärt Frau Graf's Ausſagen wenigſtens nach einer Richtung.“ „Aber ich nannte keinen Namen oder dergleichen. Es ſcheint nun, daß der Umſtand, daß Fräulein Le⸗ vasco bald nach mir hier ankam, daß wir im ſelben Gaſthof wohnen und uns von früher kennen, für Frau Graf hinreichend geweſen iſt, anzunehmen, Fräulein Levasco ſei die von mir erfundene heimliche Frau.“ „Ja wohl,“ ſprach nachdenklich der Aſſeſſor. Da trat der Baron dazwiſchen. „Bis dahin iſt allerdings Methode in dieſem Un⸗ ſinn,“ ſprach er,„und ſtimmt auch vollſtändig mit dem Geſchwätz überein, das die junge Gräfin gegen meine Braut äußerte, wie mir dieſe eben wiederſagte. Da⸗ gegen iſt es völlig unlogiſch— ſo weit bei dieſem Volk von Logik die Rede ſein kann— daß Frau Graf ſelber zur Denunziantin der verheimlichten Ehe ge⸗ worden iſt. Denn dadurch benahm ſie ſich ja erſt recht alle Ausſicht auf die Hand unſeres jungen Freun⸗ des für ihre Tochter.“ „Das iſt allerdings wahr,“ ſtimmte Aegidius bei. „Ich begreife das,“ erklärte aber der Aſſeſſor.„Frau Graf handelte aus Rache.“ „Oho, die Rache kommt doch bei ihr erſt nach der Mannswuth,“ meinte der Baron. 8 73 „Sie hatte eben juſt keine Zeit zur Ueberlegung,“ ſprach Kratzeiſen. „Sie ſcheinen noch mehr zu wiſſen, Herr Aſſeſſor,“ ſagte der Baron,„wenn's kein Amtsgeheimniß iſt, ſo wären wir Alle ſehr erfreut, es auch zu erfahren.“ „Ich habe, wie Sie ſehen, die ganze Angelegenheit nicht als Amtsgeheimniß betrachtet,“ ſprach der Aſſeſſor, „und würde keinen Anſtand nehmen, Ihnen den kleinen Reſt meiner Beobachtungen mitzutheilen, wenn ich nicht fürchtete, Herr Keller könnte es als Indiscretion aus⸗ legen.“ „O, nur immer zu, Herr Aſſeſſor,“ erklärte aber dieſer,„die Karten auf den Tiſch.“ „Nun alſo,“ begann Kratzeiſen.„Ich ſagte ſchon, daß Frau Graf aus Rache gehandelt habe. Sie glühte förmlich vor Wuth und Erregung, als ſie auf meine Kanzlei kam und da in ſolchen Momenten bei einer ſo geſchwätzigen Frau Alles heraus muß, was ſie weiß, ſo kam auch bald die Urſache ihrer Empörung zu Tage. Sie war eben von zu Hauſe weggegangen, um etwas einzukaufen, als ſie, am Benefiziatenhaus vorbeigehend, die Magd des Herrn Benefiziat Kölblich herauskom⸗ men ſah.“ „Die alte Gertrud?“ ſchaltete Aegidius ein. „Ganz richtig. Frau Graf begann mit der Magd ein Geſpräch, das ſich natürlich um deren Herrſchaft drehte und die Magd, ehrgeizig danach, wie alle alten Dienſtboten ſind, als die Vertraute der Herrſchaft zu gelten, erzählte der Frau Regent, daß ſich im Benefi⸗ ziatenhaus eine Verlobung vorbereite und zwar zwi⸗ 74 ſchen Ihnen Herr Keller und der Nichte des Herrn Benefiziaten. Sie, die Magd, wollte das aus zuſam⸗ mengereimten Bemerkungen, die ſie im Hauſe aufge⸗ leſen, wiſſen und verwies zur Bekräftigung ihrer Worte darauf, daß Sie ſoeben— und zwar heute ſchon zum Zweitenmale— bei der Herrſchaft oben wären.“ „Das iſt vollkommen wahr,“ beſtätigte Aegidius, „ich war heute Vormittags und Nachmittags im Bene⸗ fiziatenhaus.“ „Frau Graf gab nun freilich nichts von dem Ehe⸗ project mit ihrer Tochter an, als ſie bei mir war,“ fuhr Kratzeiſen fort,„ſondern erklärte, daß nur ihre Beſorgniß, ein ſo unerfahrenes Mädchen, wie die Nichte des Benefiziaten Kölblich, in's Unglück gerathen zu ſehen, Urſache ſei, dem Gerichte Mittheilung von Ihrer heimlichen Ehe zu machen.“ „Gott ſei Lob und Dank,“ athmete der Baron auf, „es ſieht denn doch endlich aus, wie wenn wir„Land“ zu ſehen kriegen ſollten. Man ſchwamm ja bis jetzt förmlich ſteuerlos in einem twahren Meer von Con—⸗ fuſionen.“ „Ich begreife zwar noch lang nicht Alles,“ be⸗ merkte Leontine,„ich will auch gar nichts meßr be⸗ greifen, ich möchte nur das Eine wiſſen: auf welche Weiſe der Wiederkehr ſolcher Geſchichten vorgebeugt werden kann.“ 1 Die drei Herren ſahen ſich ſchweigend an. „Mir wenigſtens,“ fuhr Fräulein Levasco fort, „ſcheint das die Hauptſache zu ſein.“ — — —— 15 Aegidius geſtand zuerſt ſein Unvermögen ein, hier Rath ertheilen zu können. „Ich weiß kein anderes Mittel, als die rechtzeitige Anwendung des bewußten Haſelſtocks,“ erklärte der Baron. „Das radikalſte Mittel läge wohl in Herrn Keller's Hand,“ meinte der Aſſeſſor. „In der meinigen? Ich danke; ich werde doch nicht Fräulein Apollonia Graf meine Hand reichen ſollen? Das wäre gewiß das ſchlechteſte Mittel, um Ruhe vor ihr zu bekommen.“ Der Aſſeſſor lächelte.„So war's nicht gemeint,“ ſprach er,„obwohl von Ihrer Hand allerdings die Rede iſt.“ „Na, in wiefern denn?“ „Wenn Sie wirklich heirathen, zum Beiſpiel wenn Sie das Gerücht wahr machten und die Nichte Ihres bisherigen Vormundes heimführen, ſo verlieren alle Graf'ſchen Combinationen den Boden. Sie beweiſen V damit die Grundloſigkeit des Gerüchtes Ihrer heim⸗ lichen Ehe und machen alle Verſuche, Sie für Fräu⸗ lein Graf zu preſſen, künftighin gegenſtandlos.“ Baron Sternenkron trat nahe an Aegidius heran. „Er hat bereits angefangen, ſich dieſe Sache zu überlegen,“ ſprach er neckend,„und da er bisher ein zu liebenswürdiger College zu meiner Braut war, ſo wird er ſich auch entſchließen, jetzt mit Collegialität zu handeln und Fräulein Levasco nicht allein da unten auf dem Marktplatz angeſchlagen laſſen.“ „Nun, hat der Baron Recht?“ forſchte Leontine. — ————m· 76 „Ach was,“ wehrte Aegidius verlegen,„ich denke gar nicht daran.“ 3 Der Baron huſtete höchſt auffällig. „Das iſt wahr,“ ſprach er dann ſpöttiſch,„er hat nur aus Verſehen heute Nachmittag beim Abſchied der Nichte ſtatt des Onkels die Hand geküßt.“ Aegidius wandte ſich mit glühendem Geſicht ab. Aſſeſſor Kratzeiſen aber hielt es für an der Zeit, ſich zu entfernen. Er that es, indem er ſich dem Wohlwollen des Barons und ſeiner Braut dringendſt empfahl. — — — Viertes Kapitel. Endlich doch. Da der Erzähler, zumeiſt ſich ſelber zum Leid⸗ weſen, ſich nicht zertheilen kann, ſo iſt er mitunter genöthigt von der geraden Linie di imwechan und einen ſcheinbar vergeſſenen Schritt nachzuholen. Vor einem ſolchen Schritt nach rückwärts ſtehen wir jetzt. Wir haben im vorigen Capitel erfahren, daß Aegidius von ſeinem gemeinſchaftlichen Ausgang mit dem Baron zu Herrn Benefiziat Kölblich in gar vergnüglicher Stimmung zurückgekehrt war und haben ferner aus der neckenden Bemerkung des Barons ent⸗ nehmen gekonnt, daß Aegidius bei ſeinem Nachmittags⸗ beſuch im Benefiziatenhaus glücklicher geweſen war, wie am Vormittag, denn er hatte jedenfalls Anna nicht nur geſehen, ſondern auch geſprochen, wie es ſcheint ſogar nicht nur flüchtig geſprochen, denn es wäre ſonſt doch ein wenig ſchwer erklärlich, wie er ohne das dazu gekommen wäre, beim Weggehen dem jungen Mädchen die Hand zu küſſen. 78 Aegidius hatte gar nicht für nöthig gefunden, es erſt abzuwarten, ob er bei der Unterredung zwiſchen dem Baron und dem Beneftziaten ſtöre, ſondern hatte es vorgezogen, nach der Begrüßung des alten Herrn ſofort nach dem Wohnzimmer ſich zu begeben, wo er hoffen konnte, Anna, wenn ſie zu Hauſe war, zu treffen. Anna war auch wirklich da und als der junge Mann eintrat und ſie achtungsvoll begrüßte, erwiderte ſie ſeinen Gruß mit einiger Verlegenheit. Es mochte ihr wohl beifallen, was ſie über Aegidius bereits an Gerüchten vernommen und was ſie hierüber mit ihrem Onkel geſprochen, noch mehr aber was dieſer ihr ge⸗ ſagt.— So ein Mädchenkopf denkt gar viel durch⸗ einander, wenn er einmal bei gewiſſen Anblicken an's Denken kommt. Da aber bei aller Verlegenheit Anna's ihr Gegen⸗ gruß artig, ja freundlich war, ſo ging Aegidius ſchnell das Herz auf und er hatte allen geheimen Aerger über ſein bisheriges Mißgeſchick bei dem jungen Mäd⸗ chen ſchnell vergeſſen. „Ich wage nicht zu fragen, ob ich ſtöre,“ begann er,„denn ich fürchte es.“ „Weshalb?“ „Weil ich erwarten müßte, daß Sie auch jetzt ſich wieder unſichtbar machen.“ „Sie meinen weil ich heute Vormittag mich nicht ſehen ließ.— Ich hatte zu thun, wir haben heute große Wäſche, da iſt die alte Gertrud wenig zu haben, und darum muß ich nach Allem ſehen im Hauſe.“ 79 8 „So? Nach Allem? Dazu gehören wohl die Be⸗ ſuche, die zum Herrn Benefiziat kommen, nicht?“ „Die kommen ja zum Herrn Onkel und nicht zu mir,“ lächelte das Mädchen. „Hm, nicht immer, mein Fräulein,“ machte bedäch⸗ tig Aegddiuns,„ich zum Beiſpiel heute Vormittag—“ „Sollten Sie mich haben beſuchen wollen?“ „Und wenn ich Ihnen darauf„ja“ antworten würde, was würden Sie dazu ſagen?“ meinte Aegi⸗ dius, in der Hoffnung das junge Mädchen ein wenig in die Enge zu treiben. Aber Anna beſaß den jungen Mädchen angeborenen elaſtiſchen Muthwillen, mit dem ſie ſo leicht derartige Angriffe zu pariren wiſſen. „Ich? Ich würde mich wundern, daß der Herr Onkel mich nicht gerufen, wenn Sie nach mir gefragt hätten,“ ſprach ſie. „Ja, direct nach Ihnen gefragt habe ich allerdings nicht; das getraute ich mir nicht,“ antwortete Aegidius. ,ſind Sie ſo ſchüchtern? Das ſoll im Allge⸗ meinen keine Eigenſchaft ſein, die man von weiten Reiſen zurückbringt.“ „Sie haben wohl noch keine Reiſen gemacht, mein Fräulein?“ „Soll das eine Frage oder eine Kritik ſein?“ „Ich will's ehrlich ſagen,“ geſtand Aegidius, ves ſollte die Einleitung ſein zu einer nachfolgenden F Frage. „Und wie heißt dieſe?“ „Warum Sie gegen mich ſo ſcheu ſind. Denn das ſind Sie.“ 80 „Das finden Sie? Finden das in dem Augenblicke, wo ich Ihnen Rede und Antwort gebe, wie einem alten Bekannten?“ „Ja, jetzt in dieſem Augenblicke zum Erſtenmale bin ich für Sie überhaupt auf der Welt.“ „Oho!“ „Ja wohl! Erinnern Sie ſich meines geſtrigen Beſuchs? Haben Sie ſich nicht nach der erſten noth⸗ gedrungenen Begrüßung ſtumm an den Tiſch geſetzt und keine Notiz von uns mehr genommen?“ „Junge Mädchen ſollen ſich nicht in die Unter⸗ haltung drängen,“ wich Anna aus,„ich hörte zu.“ „Ja wohl, Sie hörten zu, ähnlich ſo, wie wenn der Herr Benefiziat mit einem Amtsbruder von einem alten Kirchenvater geſprochen hätte, ich habe es wohl bemerkt.“ „Sie ſcheinen ſehr genau zu beobachten.“ „Wundert Sie das? Sie hatten mir gleich zum Willkommen ein ſo tüchtiges Sturzbad über den Kopf geſchüttet, daß ich doch wohl Urſache hatte, mich ſelbſt ſowohl wie Sie zu beobachten.“ „Ich verſtehe Sie wahrhaftig nicht.“ „Sollten Sie mich wirklich nicht wieder erkannt haben, als ich geſtern Nachmittag die Treppe herauf kam?“ Anna ſchwieg, ſie mochte doch nicht läugnen. „Sehen Sie, Sie ſind zu ehrlich, um eine Ausrede zu erfinden, Sie haben mich erkannt von unſerem Zu⸗ ſammentreffen vom Sonntag her und wollten mir zu verſtehen geben—“ —— „Was?“ unterbrach Anna ihn fragend. 3 „Was weiß ich? Jedenfalls nichts Aufmunterndes. Sie waren vermuthlich über mein Auftreten am Sonn⸗ tag böſe geweſen.“ „Wie können Sie ſo etwas denken,“ ſchmollte Anna, „gewiß, ich war Ihnen dafür recht dankbar.“ „Wirklich? Das freut mich,“ verſicherte Aegidius, „ich hätte natürlich jedem Mädchen in ähnlicher Lage Beiſtand geleiſtet, aber als ich geſtern Nachmittag entdeckte, daß Sie es ſeien, war mir's doch doppelt lieb, daß ich rechtzeitig dazu kam.“ „Wie? Sie haben bis geſtern Nachmittag, als Sie hierher kamen, nicht gewußt, daß ich es war, die Nichte Ihres Vormundes, die Sie auf dem Turnplatz unter Ihren Schutz genommen?“ „Mit keiner Silbe. Wie wäre das möglich ge⸗ weſen? Sie verſchwanden nach jenem Vorfalle ſogleich in's Städtchen, geſtern Vormittag, als ich meinen erſten Beſuch beim Herrn Benefiziat machte, waren Sie un⸗ ſichtbar und ſo ſehr ich mich dann beim Umhergehen in meinem alten Lindenheim auch bemühte, Ihr Ge⸗ ſicht hinter irgend einem Fenſter des Städtchens zu ſehen, ſo gelang es mir doch nicht. Ich glaubte ſchon, Sie ſeien gar keine Lindenheimerin; eigentlich erſchei⸗ nen Sie mir auch jetzt noch nicht als eine ſolche.“ „Iſt das ein Compliment oder ein Tadel?“ „Ein Compliment, das heißt aber: ein aufrichtiges.“ „Und weshalb erſcheine ich Ihnen als Lindenhei⸗ merin aus der Art geſchlagen?“ Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 6 82 „Es fehlt Ihnen eine Haupteigenſchaft der hieſigen Bewohner.“ „Welche?“ „Sie ſind nicht neugierig.“ „Glauben Sie?“ ſprach Anna mit einiger Unſicherheit. Eine kleine Pauſe trat ein.— Die ſchwache Ver⸗ legenheit des Mädchens bewies Aegidius, daß Anna vermuthlich bezüglich ſeiner Perſon und Verhältniſſe, ſich nicht ganz ſo frei von aller Neugierde fühlte, als er eben behauptet hatte. „Man hat ſich nämlich, trotzdem ich kaum recht hier angekommen bin, ſchon merkwürdig viel mit mir im Städtchen beſchäftigt,“ ſprach er nach einer Weile. „Das iſt am Ende nicht ſehr auffallend. In einer kleinen Stadt bildet Alles gewiſſermaßen einen einzigen großen Haushalt; da intereſſirt ſich natürlich Alles dafür, wenn ein Zugehöriger wieder eintrifft,“ meinte Anna. „Ich könnte mich dadurch geſchmeichelt fühlen,“ fuhr Aegidius fort,„wenn ſich dieſes Intereſſe nicht gar ſo weit über das zuläſſige Maß hinaus erſtreckte. Aber man iſt ſehr ſchlimm mit mir umgeſprungen und hat mich ſogleich zum Helden eines Romans geſtempelt, der ebenſowenig meinem Character Ehre gemacht hätte, als der müſſige Erfinder ſich dabei mit Ruhm bedeckte.“ Anna ſchwieg. Was hätte ſie auch ſagen ſollen oder können? „Zum Glück haben ſich die Verhältniſſe raſch ge⸗ klärt. Baron Sternenkron iſt in dieſem Augenblicke mit Ihrem Onkel da drinnen eben beſchäftigt, den Tag ſeiner Trauung mit Fräulein Levasco feſtzuſetzen, damit iſt doch wohl das leichtſinnig ausgeſtreute Ge⸗ rücht widerlegt, als ſei Fräulein Levasco mir hierher nachgereiſt.“ „Man wird eben durch den auffälligen Umſtand, daß die fremde Dame ſo unmittelbar nach Ihnen hier 2 ankam und mit Ihnen befreundet iſt, auf eine ſolche Vermuthung gekommen ſein,“ ſchaltete Anna ein. „Fräulein Levasco iſt eine Künſtlerin, ich ſchmeichle mir ebenfalls ein Künſtler zu ſein; wir haben mit noch einigen Collegen, von einem Unternehmer geleit⸗ hammelt, Europa durchzogen und es iſt keiner Men⸗ ſchenſeele eingefallen, uns dauerndere perſönliche Be⸗ ziehungen anzudichten. Dieſe kühne Combination zu erfinden war Lindenheim vorbehalten.“ „Sie ereifern ſich ja förmlich, wie wenn es ein Unglück wäre, daß man Sie im Verdachte gehabt, einen Schritt zu thun, den ſtatt Ihrer der Baron von Sternenkron gemacht.— Der Baron würde ſich gewiß nicht entſchließen, ſich zu vermählen, wenn ſeine künf⸗ tige Gemahlin nicht die entſprechenden Vorzüge beſäße.“ „O, was das anbetrifft, ſo verhält ſich die Sache anders. Fräulein Levasco paßt vielleicht ganz vor⸗ trefflich zu einer Baronin Sternenkron, aber nicht zu einer Frau Keller.“ „Das kann ich nun allerdings nicht beurtheilen, 4 ſprach Anna. „Warum nicht?“ ſetzte Aegidius das Thema fort. „Sie können ſich denken, daß eine Dame, eine gefeierte Sängerin, welche ſchön iſt— und das iſt Fräulein 6*¾ 84 Levasco immer noch, wenn ſie auch nicht mehr im Flügelkleide geht—, welche Liebenswürdigkeit beſitzt,— und das iſt bei ihr auch der Fall—, welche reich iſt— und ſie hat vielleicht mehr Vermögen erworben, als der reichſte Mann in Lindenheim— vom Leben und der Ehe Anſchauungen hat, die ſich mit denen eines Mannes nicht vertragen, der ſich nicht ſchämt, daran erinnert zu werden, daß ſein Vater noch in der Bauerntracht geſteckt und daß er ſelber von Hauſe aus ein Bauernjunge iſt.“ „Die künftige Baronin Sternenkron ſcheint indeß auch von Hauſe aus nicht zu einer Edelfrau beſtimmt geweſen zu ſein,“ meinte Anna. „Sie iſt ein Theaterkind; ihr Vater war Opern⸗ unternehmer. Bei einer ſolchen Jugend wird man für alle Sättel gerecht und für keinen. Wo man mit der Wirklichkeit nicht durchkommt, greift man in die Vor⸗ rathskammer des gewohnten Handwerks und ſpielt ein Bischen Comödie. Das iſt bei mir nicht möglich. Wenn ich mich auf den Empfindſamen und Verwöhn⸗ ten ſpielen wollte, ſo käme über Nacht ein alter Be⸗ kannter daher, um mich zu fragen, ob ich noch im Be⸗ ſitze der geſtrickten Zipfelmütze ſei, die ich als Bauern⸗ junge mit ſo viel Stolz getragen. Mit einer Levasco als Frau müßte ich aber in meinem Innern in An⸗ ſchauungen mich hineinlügen, die mir von Hauſe aus fremd ſind.“ „Sie werden aber doch nicht verlangen,“ ſchaltete Anna ein,„daß man in Lindenheim ein auftauchendes Gerücht in der Art prüfe und in ſeine Möglichkeiten und Wahrſcheinlichkeiten zerlege, wie Sie es gethan? Wer kann ſich denn überhaupt ſo in Ihre Gedanken hinein verſetzen?“ 1 „Sie hätten es gekonnt,“ ſprach Aegidius beſtimmt. „Ich? Wie käme ich dazu?“ fragte das junge Mädchen erſtaunt. „Ganz einfach, wir wurden Beide durch denſelben väterlichen Freund und Beſchützer erzogen. Ein Pfleg⸗ ling und ein Mündel des alten Benefiziaten Kölblich können nicht ſo verſchieden von einander denken, daß Sie von mir geglaubt haben ſollten, es ſei möglich, ich hätte mit modiſchen Kleidern auch die modiſche Selbſtvergeßlichkeit mir zugelegt.“ „Wenn Sie ſo viel Anhänglichkeit an meinen Onkel beſitzen, wie ſich in Ihren Worten ausſpricht, ſo muß es in der That befremden, daß Sie es über ſich ge⸗ winnen konnten, ſo lange Jahre hindurch gar keine Nachrichten von ſich hierher gelangen zu laſſen.“ „Ich verſtehe Ihren Vorwurf,“ ſprach Aegidius, „ich handelte ſo aus einem leicht erklärlichen Ehrgeiz. Wider den Willen meines Vaters und Vormundes einem ihnen nicht genehmen Beruf lebend, wollte ich Niemand hier zum Zeugen der Jahre meines Strebens und der auf⸗ und abwogenden Zufälligkeiten einer be⸗ ginnenden Künſtlerlaufbahn machen.“ „Und haben Sie jetzt Ihr Ziel erreicht?“ fragte Anna. „Der Künſtler erreicht eigentlich das Ziel nie, das er ſich geſteckt,“ erklärte Aegidius lächelnd,„je weiter er vorſchreitet, deſto weiter hinaus ſteckt er auch ſein — 6 Ziel; ohne dieſes Streben in's Endloſe wäre er ja auch kein Künſtler. Wer ſich für„fertig“ hält, bleibt Profefſioniſe in der Kunſt, deren es übrigens auch geben muß.“ „Dieſe Unterſcheidungen ſind mir zu fein, um ſo⸗ gleich zu begreifen,“ ſprach Anna. „„Ich will Ihnen ein Beiſpiel eines ſolchen Künſt⸗ kerprofefſioniſten nennen: da iſt hier der Herr Chor⸗ regent Graf, welcher glaubt, er ſei mit der Muſik fix und fertig, weil er vom Blatt ſpielt, zu transponiren verſteht und im Stande iſt, einen Schreibfehler in einer Partitur zu entdecken.“ „Alſo gehört zu einem Künſtler mehr als Graf weiß?“ „Oder weniger; ich glaube, daß ich oftmals in Verlegenheit käme, wenn ich Herrn Graf vertreten ſollte,— er weiß ſicher in vielen Fällen ſich beſſer zu helfen, wie ich es könnte. Man war zwar mit be⸗ kannter Geſchäftigkeit bereits ſo gütig mir nachzuſagen, daß ich auf die Stellung eines Chorregenten in Lin⸗ denheim ſpeculire, aber ich verſichere Sie, man könnte kaum eine ſchlechtere Wahl in dieſer Beziehung tref⸗ fen, wie mich, ſelbſt wenn ich annehmen möchte.“ Anna ſchwieg;„iſt es nur Zufall, daß er alle die Gerüchte, die über ihn courſirten, berührt?“ fragte ſie ſich im Stillen.. „Jedenfalls hat man mit dieſem Gerüchte Ihre Anhänglichkeit an die Eindrücke und Erfahrungen Ihrer Jugendzeit nicht verletzt,“ ſprach ſie nach einer Weile boshaft. ——y—— — Aegidius mußte lachen. „Ja, das iſt wahr,“ beſtätigte er,„namn ging ſogar in dieſer Beziehung ganz ſyſtematiſch zu W Werke, indem man mir die Abſicht unterſchob, auch eine Jugend⸗ erinnerung als Lebensgefährtin aufhalſen zu wollen. Es ſcheint, als wollten mich die Lindenheimer unter allen Umſtänden verheirathen.“ „Nun, ſie werden ſich dennoch ganz geduldig in die Täuſchung finden, wenn Sie wieder abgereiſt ſein werden,“ ſprach Anna und verſuchte möglichſt gleich⸗ müthig nusanſehhen „Halten Sie es für ganz ſicher, daß es ſo kommen wird?“ fragte der junge Mann mit feſtem Blick. „Ich denke wohl,“ antwortete Anna ausweichend, „denn es kann doch wohl kaum in Ihrer Abſicht liegen, in Lindenheim Ihren ſtändigen Aufenthalt zu nehmen.“ „Nein, das ſicher nicht. Im Gegentheil, ich werde, ſobald ſich mir eine paſſende Gelegenheit dazu bietet, mich um eine Stellung, die meinen Verhältniſſen ent⸗ ſpricht, bewerben, welche mir einen ſtabilen Wohnort gönnt. Das iſt dann aber der Natur der Sache nach eine große Stadt. Ich gebe es auf durch die Welt mich durchzugeigen, denn ich bin zum Nomaden nicht geſchaffen. Man könnte darin wieder eine Wirkung des Jugendeinfluſſes herausleſen. Und wenn ich mir einen ſolchen owunſchten Wirkungskreis werde geſchaf⸗ fen haben, ſo kommt doch folgerichtig auch die Frau — meinen Sie nicht?“ „Ich halte mich nicht für geeignet, Ihnen hierin einen Rath ertheilen zu können,“ wehrte Anna ab. 88 „Aber ich komme wieder zu Ihnen mit derſelben Frage— gewiß, und ſo oft komme ich, bis Sie mir eine Antwort geben.— Beſinnen Sie ſich inzwiſchen, wie nach Ihrer Meinung die Frau beſchaffen ſein muß, die für mich paßt. Ja, wollen Sie?“ „Ich,— was fällt Ihnen ein?“ „Bitte, thun Sie's;— ja?“ Die Thüre vom Nebenzimmer öffnete ſich und der Baron trat mit dem Benefiziaten herzu. Sie hatten ihre Abſprache vollendet und der Baron wollte gehen. Aegidius hatte nur noch Zeit zu Anna leiſe zu ſagen: „Ueberlegen Sie ſich's ja, liebes Fräulein,“ wobei er des jungen Mädchens Hand faßte,„ich erhebe nur den einzigen Anſpruch, daß mich meine Frau— ein bischen lieb haben muß—“ und dabei hatte er Anna's Hand den bewußten Kuß aufgedrückt, den der Baron, wie wir wiſſen, geſehen und ausgeplaudert hatte. So war es gekommen, daß Aegidius ſo vergnüg⸗ lich von ſeinem Ausgang mit dem Baron wieder nach dem Gaſthof zurückgekehrt war. Fräulein Apollonia Graf befand ſich in einem ent⸗ ſetzlichen Seelenzuſtande, als ſie, vorbei an der im Corridor ſtehenden höhniſch ausſehenden Karoline, das Gaſthaus verließ, den Ort der fürchterlichſten Nieder⸗ lage, die ſie in ihrem ganzen bisherigen Leben erlitten. So mit einem Schlage alle Hoffnungen vernichtet ſehen müſſen, iſt ſchrecklich. Wirr drängten ſich die einzelnen Unglücksmomente durch ihr überangeſtrengtes Gehirn, während ſie durch 89 das Städtchen nach ihrer Wohnung ging. Sie vergaß dabei ſogar nach rechts und links zu ſehen, ſie war ganz erfüllt von dem Schmerz über die vollſtändige Zertrümmerung ihrer ſchönen Pläne und Erwartungen. So kam es auch, daß ſie gar nicht gewahrte, wie auf der anderen Straßenſeite lauernd die Frau Gerichts⸗ ſchreiber Haslinger vorüberging, um ihre würdige Freun⸗ din, die Frau Regiſtrator Kunkel zu beſuchen. Die offenbare Zerſtreutheit, wenn es nicht gar Verzweiflung war, von Fräulein Apollonia Graf war ein weiteres Moment mehr für die kühnen Combinationen, welche die beiden Freundinnen Haslinger und Kunkel jetzt bei einem gemeinſamen Schälchen Kaffee aufſtellen mochten. So derb rückſichtslos hatte noch nie Jemand zu Apollonia geſprochen, wie der Baron von Sternenkron. Vor zwei Tagen noch war ſie die Anführerin der jung⸗ fräulichen Prieſterinnenſchaar Lindenheims geweſen und heute wagte es dieſer Mann, ſie der Mannstoll⸗ heit zu beſchuldigen. Der Stachel ſaß um ſo tiefer und ſchmerzte um ſo mehr, als des Barons Behaup⸗ tung im Grunde genommen ſo vollkommen wahr war, daß ſich dieſer Erkenntniß— wenn auch unter höchſt mildernder Beleuchtung— ſelbſt nicht einmal Apol⸗ lonia verſchließen konnte. Um ſo mehr natürlich haßte ſie jetzt den Baron.. Mit Aegidius war's aus. Das konnte Apollonia ſich nicht verhehlen. Und daran, daß jeder weitere Verſuch, an der Fortſetzung des früheren Planes zu arbeiten, unterbleiben mußte, war ihre eigene Mutter 90 ſchuldig.— O Apollonia war wüthend auf dieſe Mutter! — Wie konnte ſie nur ſo voreilig handeln und auf's Gericht laufen, um die Ehe von Aegidius zu denun⸗ ziren?! Etwas Aergeres hätte ja ihr ärgſter Todfeind nicht erfinden können!— Die fremde Dame behauptete zwar, daß es unwahr ſei, aber das war ſo, wie jetzt die Sachen ſtanden, bedeutungslos, Aegidius war ja jetzt in jedem Falle für Apollonia verloren. Ein alterndes Mädchen verliert aber niemals einen Freier ohne tiefes Bedauern; wie aber wenn es gleich zwei auf einmal verlieren ſoll? Dann wird der Schmerz ſo koloſſal, daß dagegen Niobe's Verzweiflung reines Zuckerwaſſer iſt. Und Apollonia befand ſich in dieſem Fall. Sie hatte den geringeren Freier— Emil Mohl — um des beſſeren— Aegidius— willen, aufgege⸗ ben; es war um aus Schmerz freiwillig Veſtalin zu werden. Das Wiederſehen zwiſchen Mutter und Tochter war darum auch ein höchſt unerquickliches. Schmerz und Wuth waren die zwei Hauptfaktoren, die in Apol⸗ lonia kämpften, und ſie war nicht die Perſon, welche ſich der Mutter gegenüber ein Blatt vor den Mund genommen hätte. Im Gegentheil, ſie überſchüttete die⸗ ſelbe mit einer ſolchen Fluth von Vorwürfen und An⸗ klagen, theils gegründeter, theils nicht gegründeter Art, daß die bedrängte Mutter keinen andern Ausweg mehr vor ſich ſah, ihr ſchwer gekränktes Töchterchen zum Mitleid zu ſtimmen, wie in helle Thränen auszubrechen. „Du weißt ja noch gar nicht Alles,“ jammerte ſie, aber Apollonia ſchnitt ihr die Rede von dem Munde ab. 2 4 91 „Ich will nicht noch mehr wiſſen,“ ſchrie ſie und ſtampfte dabei mit dem Fuße auf den Boden,„ich habe heute ſchon mehr als genug erfahren.“ „O ich auch, ich auch,“ wehklagte die Mutter und hielt ſich den Kopf mit beiden Händen. „Warum miſcheſt Du Dich in Angelegenheiten, de⸗ nen Du nicht gewachſen biſt,“ ſchmählte Apollonia weiter,„wenn man eine Sache nicht verſteht, ſo läßt man die Hand davon. Ich war ſchon im Begriffe mit der Dame auf der„Poſt“ Alles zu arrangiren, da kam der alte Kratzeiſen wie ein ächter Heuchler dazu und verdarb mit ſeiner Erzählung von Deiner Anzeige Alles wieder.“ „Aber wenn Du mich nur zu Worte kommen laſſen wollteſt,“ bat die Mutter wieder. „Ach was, Du weihs ja doch nichts Vernünftiges zu ſagen. Oder biſt Du etwa nicht auf's Gericht ge⸗ laufen?“ „Das wohl, aber—“ „Haſt Du nicht eine Anzeige gemacht, daß der Aegidius verheirathet ſei?“ „Auch,— allein—“ „Haſt Du nicht extra beigeſetzt, Du wiſſeſt es au ſeinem eigenen Munde?“ „Ja wohl, jedoch erſt als—“ „Nun alſo— Du kannſt ja gar nicht läugnen, daß Du den ganzen Schaden eingeleitet. Und ſo w was muß man von der eigenen Mutter erleben!“ „Aber ſo höre doch, mein Kind, der Aegidius hat ja inzwiſchen—“ 0 92 „Laß mich in Ruhe, Mutter, oder ich vergreife mich noch. Dem Gerichte die Anzeige machen, hieß ſo viel, als jeden weiteren gütlichen Verkehr mit Aegidius vorſätzlich abbrechen. Und das haſt Du nun einmal gethan, das kannſt Du nicht läugnen und das iſt ſchlecht gegen Deine Tochter gehandelt.“ „Der Aegidius hat ja ſelber—“ „Stille!“ donnerte Apollonia,„wenn mich die eigene Mutter verräth, ſo habe ich auch keine Rückſicht mehr zu nehmen. Zuerſt muß ich meine beſten Jahre in dieſem miſerablen Neſte verleben und mich vor allen Frauen kuſchen, und wenn dann endlich einmal eine Erlöſung aus dieſem Jammerthal in Ausſicht ſteht, ſo kommt die eigene Mutter dazwiſchen und verdirbt die Parthie. Es iſt ſchändlich, es iſt unerhört! Und da ſoll man nicht in Aerger und Wuth gerathen! Den möchte ich ſehen, der dabei gelaſſen bleiben könnte! Haha!“ Und Fräulein Apollonia ſchnaubte im Zimmer auf und ab, wie ein noch ungezähmter Menagerienovize in — ſeinem Käfig. Dieſe Pauſe benützte endlich Mutter Graf, um ihre oft begonnenen Mittheilungen endlich anzubringen. Sie erzählte ihre Begegnung mit der alten Gertrud und was ſie durch dieſe Alles über eine wahrſchein⸗ liche Verlobung von Aegidius mit Anna, der Nichte Kölblich's, zu berichten gewußt. Wir wiſſen aus dem Eingange unſerer Geſchichte, daß Fräulein Apollonia ohnedem nicht ſonderlich gut auf den alten Benefiziaten Kölblich zu ſprechen war, den ſie ſehr reſpectwidrig einen„alten Pfaffen“ u. ſ. w. — —— 93 nannte. Und jetzt dehnte ſie natürlich ihre Abneigung auch auf die Nichte aus, welche ſie„einen ſcheinheiligen Grasaffen“ titulirte. Ein Mädchen, vollends gar ein ſo viel jüngeres, das ſich beigehen laſſen wollte, einen Mann zu heirathen, den Fräulein Apollonia Graf mit ihrer Hand gerne beglückt haben würde, galt der abgelagerten Chorregententochter naturgemäß als per⸗ ſönliche Todfeindin. Wenn Mutter Graf übrigens gehofft haben ſollte, durch die neue Wendung, welche das Geſpräch in Folge ihrer Mittheilung genommen, das verlorene mütter⸗ liche Anſehen, ſo weit ſie davon überhaupt jemals, wenigſtens der äußeren Form nach, einen ſchwachen Schein beſeſſen, wiederzugewinnen, ſo hatte ſie ſich getäuſcht. Apollonia war durchaus nicht geſonnen, nachdem ſie nun einmal im Zuge war, wieder einzulenken in das früher gewohnte Verhältniß. „Das ſage ich Dir, Mutter,“ ſprach ſie mit einer faſt drohenden Energie und blieb dicht vor Frau Graf ſtehen,„von jetzt an laſſe ich mir in meine Angelegen⸗ heiten gar nicht mehr einreden. Ich bin verſtändig genug, um mir allein zu rathen und nachdem ich jetzt Jahre lang hintenangeſetzt worden bin, will ich mir nun ſelber helfen.“ „Aber, mein Kind, Du wirſt doch nicht—“ Fräulein Apollonia ließ aber die geängſtigte Mut⸗ ter nicht ausreden, ſondern fuhr mit Entſchiedenheit fort: „Und da drüben mit Emil mache ich den Anfang. Ich bin heute im Unfrieden von ihm geſchieden; ich 94. hoffe, daß ſich das wieder ausgleichen läßt. Ich ver⸗ bitte mir hier jede Einmiſchung.“ „Bedenke doch, liebe Apollonia, dieſer Emil iſt ja nur jein ganz gewöhnlicher Schreiber.“ „Er wird das nicht bleiben, er wird avanciren,“ verſicherte Apollonia. „Zu was denn? Du ſiehſt ja die Beiſpiele deut⸗ lich bei den hieſigen,“ mahnte beſorgt die Mutter. „Ach was, die Hauptſtadt iſt nicht Lindenheim. Zudem hat Emil Connexionen und Protectionen; iſt nicht Herr Hohl ſein großer Gönner?“ „Das wohl, indeß—“ „Und reicht Hohl's Einfluß nicht überall hin? Er wird ihn für Emil geltend machen, namentlich wenn ich ihn darum bitte,“ erklärte Apollonia mit größter Zuverſicht, eingedenk des Abſchiedes, den ſie geſtern unter der Hausthüre von Hohl genommen.„Ueber⸗ dem braucht Emil ja nicht in ſeiner bisherigen Car⸗ rière zu bleiben. Er kann ja Schriftſteller werden, er hat dazu ohnedem die glänzendſten Anlagen. Erſt geſtern hat er mir anvertraut, daß er bereits ein Luſt⸗ ſpiel geſchrieben habe.“ Frau Graf hatte nun wohl die größte Luſt zu er⸗ klären, daß ihr ein Schwiegerſohn Schreiber am Ende noch lieber wäre wie ein Schwiegerſohn Dichter, denn von dieſen Letzteren hatte ſie nur ſehr verſchwommene Begriffe, die indeſſ' ſämmtlich mit der bekannten Staf⸗ fage von Dachkammer und leeren Schüſſeln zuſammen⸗ hingen, allein ſie hatte nicht den Muth zu weiterer Oppoſition. i— — „Und ſchließlich will ich es ſo,“ entſchieà Apollonia, „und das muß genügen, denn um mich handelt ſiihs 8, ich muß mit ihm leben.“ Gegen dieſe Klarlegung des Thatbeſtandes war allerdings nichts mehr einzuwenden, weshalb Frau Graf auch ganz beſcheiden 65 nind und einen tiefen heimlichen Seufzer ausſtieß, als ſie ihren Augapfel Apollonia, die Perle des n n nach dem Zimmer des kranken Schreibers gehen ſah. Dieſer befand ſich in keiner günſtigen Situation. Nachdem vor Tiſch Apollonia in Unfrieden von ihm geſchieden, hatte ſich Niemand mehr um den armen Menſchen bekümmert. Frau Graf hatte, nachdem ſie in Erfahrung gebracht, ihr Gaſt ſei nur ein Tag⸗ ſchreiber, plötzlich alle Neigung, noch ferner die Rolle einer Samariterin zu ſpielen, verloren. Apollonia. ihrerſeits beſchäftigte ſich bekanntlich mit ganz anderen Dingen, wie der Pflege ihres vorübergehenden, reſpec⸗ tive vorübergegangenen Geliebten, und ſo war dieſer in eine Situation gerathen, die es für ihn viel wün⸗ ſchenswerther gemacht haben würde, nach ſeinem Un⸗ fall in's Krankenhaus gebracht worden zu ſein, ſtatt in die ſcheinbar ſo rühmenswerthe Pflege der zarten Frauenhände im Hauſe Graf.— Das auf ärztliche Anordnung ſehr diät gehaltene Mittagsmahl hatte die einfältige Fränzi dem Kranken gebracht, ohne ſich weiter um ihn zu bekümmern, ſo daß die nothwendigen Eis⸗ umſchläge ganz unterblieben wären, wenn ſie Emil ſich nicht ſelbſt gemacht hätte. Da er aber bekanntlich den einen Umſchlaglappen in kindiſchem Zorne über ————— 8 — 96 ſich ſelbſt woeggeworfen hatte, ſo beſaß er nur mehr einen einzigen, ſo daß er zum Abwechſeln ſich ſeines Taſchentuchs bedienen mußte, denn er war ja nicht im Stande aufzuſtehen, um ſich den leichtſinnig weg⸗ geworfenen Umſchlag aufzuheben. Ueberdem hatte die warme Mittagſommerſonne das Eis im Waſchbecken ge⸗ ſchmolzen, ſodaß die Abkühlung der Umſchläge bald nur mehr eine ziemlich mangelhafte war. In dieſer unerquicklichen Situation— obendrein als Gaſt, ſonach zu übermenſchlicher Rückſichtnahme goniihige— wurde die Stimmung von Emil noch übler durch die lauten Geſpräche, die in unverſtänd⸗ lichen Tönen bis zu ihm herüberdrangen und ihn er⸗ kennen ließen, daß es ſich um eine gewiß nicht freund⸗ ſchaftliche Unterredung zwiſchen Apollonia und ihrer Mutter handle. Was lag für den Kranken näher, als die Vermuthung, daß ſich der ausgebrochene Zwiſt um ſeine Perſon handle? Mußte Emil nicht annehmen, daß Frau Graf die Tochter ſchelte wegen des durch irgend einen Zufall entdeckten Verhältniſſes derſelben zu ihm? Und mußte Emil den Eintritt eines ſolchen verrätheriſchen Zufalls nicht jeden Augenblick befürch⸗ ten, nachdem ja die Scene auf dem Turnplatz öffent⸗ lich ſtattgefunden und Apollonia's Liebesklage von ei⸗ ner großen Anzahl Umſtehender vernommen worden war? In einem ſolchen Zuſtande Stunden und Stunden lang unthätig verharren zu müſſen, iſt ſchon unange⸗ nehm genug für einen Geſunden, für einen Kranken iſt es aber geradezu eine unerträgliche Pein. Emil 45⁴ 97 Mohl gerieth ſchließlich in einen Zuſtand derartiger nervöſer Aufregung, daß er ſich auf ſeinem Bette hin und her wälzte und alle die Anordnungen übertrat, deren Beobachtung ihm der Arzt ſo dringend anem⸗ pfohlen hatte. Als daher nach beendeter Familienſcene Apollonia zu Emil in's Zimmer trat, fand ſie dieſen mit allen Symptomen einer fieberhaften Erregung. Sie erſchrak darüber in Wirklichkeit, denn trotzdem ihre Gedanken von ſo mancherlei anderen Inanſpruchnahmen abgezo⸗ gen wurden, konnte ſie ſich doch nicht verhehlen, daß ſie ihren Pflegling heute arg vernachläſſigt habe und einen großen Theil, wenn nicht alle Schuld trage, daß er jetzt in einem ſo beunruhigenden Zuſtande ſich be⸗ finde. Dieſe Erwägung, welche ihren Kopf durchzuckte, raubte ihr auch den Muth, eine Frage über ſein jetziges Befinden an Emil zu richten. Ebenſowenig fand ſie ein paſſendes Einleitungswort, um eine Begütigung für den kindiſchen Zwiſt von heute Vormittag anzu⸗ bahnen. Ein willkommener Ableiter war für ſie daher der Umſtand, daß ſich ſo mancherlei zu verbeſſern vorfand, was die Nachläſſigkeit der Magd während der letzten Stunden verdorben. Mit einer faſt begeiſterten Ge⸗ ſchäftigkeit brachte Apollonia Ordnung in das Stüb⸗ chen, räumte die noch daſtehenden Gegenſtände, in denen Fränzi das Mittageſſen gebracht hatte, bei Seite, erneute das zergangene Eis im Waſchbecken, ſorgte für neue Umſchlaglappen, kurzum geberdete ſich, Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 7 98 wie wenn ſie jetzt in einer Minute alle Vernachläſſi⸗ gungen der vorhergegangenen Stunden wieder gutmachen müßte. Emil ſah ihr mit unklaren, erſtaunten Blicken zu, denn er wußte ſich nicht recht zu deuten, in welchem Sinne er dieſe Wiederkehr Apollonia's auffaſſen ſollte. Er war darüber um ſo mehr im Zweifel, als ſie wäh⸗ rend der ganzen Zeit, als ſie im Zimmer umherwirth⸗ ſchaftete, auch nicht ein Einzigesmal den Kranken an⸗ ſah.— Es war alſo leicht möglich, daß Apollonia's Wiederkommen lediglich nur eine Wirkung des Pflicht⸗ gefühls war, das ſie gegen den Kranken, nicht aber gegen den Geliebten, verſpüren mochte. Da aber Alles einmal ein Ende nehmen muß, ſo wurde Apollonia auch mit dem Ordnen und Aufräu⸗ men fertig und es trat dadurch die für ſie gewichtige Frage: was nun? an ſie heran. Sich einfach wieder auf den Stuhl zu ſetzen, auf dem ſie am Vormittag geſeſſen, und ſich den Anſchein zu geben, als erinnere ſie ſich gar nicht, daß zwiſchen ihr und Emil etwas irſenir ging doch nicht wohl an. Umgekehrt aber hatte Emil ebenfalls mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit dem Momente entgegengeſehen, in welchem Apollonia mit ihren kleinen Dienſtleiſtungen im Zimmer zu Ende kommen würde, denn er befürch⸗ tete, daß ſie alsdann die Stube wieder verlaſſen würde, vielleicht ſogar ohne Gruß, wie ſie ja bis jetzt aunch ſtumm geblieben war. Dieſer Gedanke regte ihn ſehr auf und während Apollonia ſich gerade ernſtlich überlegte, wie ſie denn — 1 99 eigentlich eine Zwieſprache am geſchickteſten einleiten könne, that Emil ſeinerſeits ganz daſſelbe. Es war einer jener Momente, wo eine Angelegen⸗ heit„auf Spitz und Knopf“ ſteht, wie man zu ſagen pflegt. Weil indeß Apollonia wußte, was ſie wollte, Emil hingegen, es durchaus nicht wußte, ſo war Apollonia im Vortheil, inſoferne nämlich als ſie mit mehr Ueber⸗ legung handeln konnte. In ſeiner Befürchtung, die Geliebte könne ihm wieder davon gehen, brach Emil das ſchwer auf Bei⸗ den laſtende Schweigen, indem er ſchüchtern begann: „Ich hätte eine große Bitte.“ „Und welche?“ fragte Apollonia ſchnell, zu ihm ſo raſch aufſchauend, daß er, vor dem ihn treffenden concentrirten Blick befangen, wegſehen mußte. „Ich möchte bitten,“ ſtotterte Emil,„daß nach dem Doctor geſchickt werde, da ich mit ihm zu reden habe.“ „Geht's denn ſo arg viel ſchlechter?“ forſchte Apol⸗ lonia, ebenſo wie Emil die directe Anrede vermeidend. „Ach nein, das nicht,“ antwortete Emil,„durchaus nicht.“ „Der Doctor hat verſprochen, morgen Vormittag wieder zu kommen und wenn die Sache alſo keine Eile hat, ſo—“ „Bis morgen möchte ich doch nicht warten,“ ver⸗ ſicherte Emil. 1 „Ich fürchte nur der Doctor wird jetzt nicht zu Hauſe ſein, er hat die Gewohnheit nach Tiſch auf's 6 Land zu ſeinen Patienten zu fahren, von wo er nicht vor Abends zurückkommt.“ „Das iſt recht fatal,“ machte kleinlaut Emil,„da könnte ja vielleicht der Vorſtand des Lindenheimer Turnvereins kommen.“ „Wacker? O ja, der iſt gewiß zu finden,“ meinte Apollonia, die um jeden Preis herausbringen wollte, was denn Emil vorhabe. „Kann Fränzi ihn mir herholen?“ fragte der Kranke bittend. „Man ſieht's auf ſeinem Büreau nicht gern, wenn die Leute während der Arbeitsſtunden abgerufen werden,“ ſprach nachdenklich Apollonia,„und da Wacker erſt geſtern den ganzen Tag nicht auf dem Büreau erſchienen iſt, ſo wird er es nicht gerne ſehen, wenn man ihn heute ſchon holt.“. Emil ſchwieg betrübt. „Uebrigens läßt ſich das ja vielleicht anders arran⸗ giren,“ ſchlug Apollonia vor,„wenn's kein Geheimniß iſt, was Wacker erfahren ſoll, ſo will ich's ihm aus⸗ richten. Ich gehe hin auf ſein Büreau und laſſe ihn mir herausrufen.“ „Das iſt doch wohl zu mühſam und umſtändlich,“ lehnte Emil ab. „O ganz und gar nicht,“ ſprach Apollonia, ſchon wieder in ihrem gewohnten determinirten Ton zurück⸗ fallend,„was iſt's denn? Was ſoll ich ihm ausrichten?“ Auf dieſe directe Frage hatte Emil nicht den Muth, keine Antwort zu geben. Und ſo rückte er denn heraus: — „— 101 „Ich möchte Wacker bitten laſſen, mir zwei Turner mit einer Tragbahre herzuſenden und im Krankenhauſe für mich das Nöthige zur Aufnahme zu veranlaſſen.“ Dieſe Nachricht traf Apollonia ſo unvorbereitet, daß es ſogar ihr, der Redefertigen, für einen Moment die Sprache raubte. „Es war von mir unbeſcheiden,“ fuhr Emil fort, „die Gaſtfreundſchaft, die mir hier geboten wurde, ſo ſehr zu mißbrauchen; ein Kranker macht ja doch immer Störungen und wenn ich das nicht gleich bedacht habe, ſo bitte ich um Verzeihung, ich habe bis jetzt noch nie ſo was erlebt.“ Der gute Junge war ordentlich rührend in ſeiner Beſcheidenheit, mit der er ſich ſelber anklagte, anſtatt gegründete Vorwürfe zu machen. Freilich war die Selbſtanklage Emil's der bitterſte Vorwurf, den er machen konnte, aber dieſe Wirkung zu erzielen, war gar nicht in der Abſicht des jungen Mannes gelegen geweſen. Jetzt fand aber Apollonia wieder ihre Sprache. Die thatſächliche und unentſchuldbare Nachläſſigkeit, deren ſie ſich dem Kranken und Geliebten gegenüber ſchuldig gemacht hatte, trat ihr lebhaft vor die Augen und eine feurige Röthe der Verlegenheit und Scham ſtieg in ihr auf. Dieſe Empfindung war nicht erheuchelt, wie ſo manche andere, die Apollonia ſchon an den Tag ge⸗ legt hatte, und da ſie nicht erheuchelt war, ſo war ſie auch berechnungslos. Aufrichtig waren darum ihre Bitten, Emil möge ihr verzeihen, daß ſie ſich heute gegen ihn ſo ſchlecht betragen, während Emil wieder ſeinerſeits von Ver⸗ gehungen ſprach, die er begangen zu haben ſich an⸗ ſchuldigte und ſo verſicherten ſich die Beiden eine Weile hindurch wechſelſeitig, daß ſie die ärgſten Ungeheuer ſeien, die auf der Welt exiſtirten, daß ſie eigentlich nur dazu da ſeien, um anderen Leuten das Leben ſchwer zu machen und daß ſie ſo undankbar ſeien, daß es am Beſten märe, ſie wären gar nicht auf der Welt. Aber auf der Welt waren ſie nun einmal und da daran nicht wohl mehr etwas zu ändern war, ſo mußten ſie ſich d'reinfinden, das Unglück noch länger zu tragen und da man ein Unglück mit vereinten Kräften leichter überſteht, ſo— ließen ſie's ſchließlich beim Alten und küßten ſich wechſelſeitig alle Selbſt⸗ anſchuldigungen und Selbſtverdächtigungen von den Lippen. Ob das nun gerade das geeignete Mittel war, um das Fieber Emil's herabzuſtimmen, mag aller⸗ dings mit einiger Berechtigung angezweifelt werden. Von dem vorgehabten Transport nach dem Kran⸗ kenhauſe war aber die Rede nicht mehr. „Uebrigens darfſt Du nicht glauben,“ ſprach Apol⸗ lonia nach einer Weile, als ſich der erſte Sturm des Wiederfindens gelegt hatte,„daß ich den ganzen Tag an etwas Anderes, als an uns gedacht habe.“ „Ich etwa nicht?“ entgegnete Emil. „Du biſt im Bette und das iſt etwas Anderes,“ machte Apollonia und ſchlug ihm tändelnd auf die Haare,„wenn ich aber vom Denken ſprach, ſo habe ich eigentlich gemeint, daß ich auch gehandelt habe.“ 103 „So— und was haſt Du denn gethan, mein Lonchen?“ „Viel, ſehr viel,“ verſicherte ſie. „Laß hören.“ „Es iſt mir wahrhaftig nicht leicht geworden.“ „Ei.“ „In Wahrheit,— ja ich möchte faſt glauben, daß Du es bis hieher nach Deiner Stube hören konnteſt.“ „Vorhin hörte ich allerdings laut ſprechen und glaubte Du ſeieſt es mit Deiner Mutter.“ „Das war auch ſo, wir ſprachen miteinander und zwar ſehr arg ernſthaft, wie ich Dir verſichern kann, aber wovon?“ „Wie könnte ich das wiſſen?“ „Erräthſt Du es nicht?“ „Ja, wenn Du ſo frägſt, meine Liebſte, ſo muß ich allerdings vermuthen, es ſei von mir geſprochen worden.“ „Nun freilich,“ beſtätigte Apollonia. „Und dabei iſt's ſo heiß hergegangen?“ forſchte etwas unſicher Emil. Fttern denken eben anders wie die Kinder,“ ant⸗ wortete Apollonia,„meine Mutter nahm mein Geſtänd⸗ niß unſerer Liebe ſehr unzufrieden auf und war ſehr zornig auf mich.“ „Du armes Lonchen!“ „Schad't nichts,“ ſprach die Geliebte mit zärtlichem Blick auf den kranken Bräutigam,“ auf die Dauer konnte ſie meinen Bitten doch nicht widerſtehen. Ich erklärte gleich, daß ich nicht von Dir laſſen könnte 104 und würde, auch wenn ich Jahre lang auf die elter⸗ liche Einwilligung ſollte warten müſſen.“ „Du guter Engel Du!“ „Zuletzt gab meine Mutter nun freilich nach, aber ſie ſagte auch, daß ſie eine lange Brautſchaft nicht dulde, ſondern wenn ſie ihr Jawort gebe und den Vater dazu beſtimme, dies nur unter der Bedingung geſchehen könnte, wenn wir bald heirathen würden. Sie ſetzte mir das mit einer Menge von Gründen auseinander, die ich Dir natürlich nicht wiederſagen kann.“ Emil ſchwieg nachdenklich! Heirathen! Es iſt etwas ganz ſonderbares um die Wirkung dieſes Wortes auf einen jungen Mann. Es ſpricht ſich ſo leicht und glückverkündend aus, wenn es im Rauſche der erwach⸗ ten Leidenſchaft der Geliebten geſagt und zugelobt wird und wenn es dann praktiſch verwirklicht werden ſoll, ſo iſt's ein gar bedenklich ſchweres Wort. Der alte Leiſewitz ſagt irgendwo: Wer liebt, will lieben und weiter nichts.— Das iſt's eben. Wenn ſich„er“ und„ſie“ gefunden haben, ſo denken ſie nicht gleich an den künftigen Hausſtand mit allen den mannigfachen, oft ſo ſchwer zu beſchaffenden Noth⸗ wendigkeiten des Lebens,— in glücklichem Vergeſſen der äußeren Anſprüche taumeln ſie dahin und entdecken noch nicht das ſchwere Bleigewicht, das ſich mit der Einkehr des Begriffs„heirathen“ ihnen an die ſorgen⸗ loſen Träume hängt. Man liebt ſich und betrachtet das heirathen als eine ganz natürliche Folge, als die unausbleibliche Endſtation des begonnenen Proviſo⸗ 105 riums. Man träumt ſich ohne alle Ueberlegung, wie man in Wirklichkeit dazu gelangen werde, in eine eigene Häus⸗ lichkeit hinein, in der man den ganzen Tag mit ſeinem immer gleichmäßig angebeteten Frauchen auf dem Sopha ſitzt und ſich wechſelſeitig Küſſe ſtiehlt, wo man ſich beider⸗ ſeitig ſo ſehr Alles iſt, daß es eine Außenwelt eigentlich gar nicht mehr gibt.— Dieſe Bilder aber verblaſſen ſofort, wenn ſie praktiſche Geſtaltung annehmen ſollen. Von dem erſten Momente an, wo eine nüchterne denkende Perſon das inhaltsſchwere„Heirath“ aus⸗ ſpricht, beginnen ſchon die Sorgen, man erwacht aus dem überlegungsloſen Taumel und muß ſich in die unbehagliche Nothwendigkeit fügen, mit beſtimmt be⸗ nannten Zahlen zu rechnen, ſtatt wie bisher nur mit den algebraiſchen X und y der Liebe und Ge⸗ genliebe. Emil hatte bisher dieſe Rückverſetzung auf den Boden der nüchternen Thatſachen noch nicht erfahren gehabt, erſt jetzt, wo ihm Apollonia eröffnete, daß die Mutter von der folgenden Heirath zu ſprechen begon⸗ nen habe, ging dieſe Metamorphoſe in ihm vor. Darum ſchwieg Emil. Daß Apollonia, ſeine Ge⸗ liebte, ſeine Frau werden ſollte, war bisher freilich in ſeinen Gedanken eine ausgemachte Sache geweſen, aber ſobald er jetzt von Seite der zu dieſer Frage berechtigten Mutter um das„Wie?“ befragt wurde, fand er ſich völlig außer Stand, eine antwortliche Er⸗ klärung zu machen.. Sein geringes Gehalt als Tagſchreiber hatte bis jetzt kaum hingereicht, ihn ſelber zu ernähren; darauf hin an die Gründung eines eigenen Hausſtandes denken zu wollen, konnte ihm ſelbſt in den Momenten der ſanguiniſchſten Hoffnungsſeligkeit nicht einfallen. Daß ſeine Eitelkeit, ſich in der Familie Graf als einen Beamten auszugeben, ſich ſo ſchwer an ihm rächen würde, hatte er nicht gefürchtet. Gerne würde er noch eine zweite Luxation ausgeſtanden haben, wenn er es um dieſen Preis möglich gemacht hätte, der Ge⸗ liebten früher ſchon das Geſtändniß von ſeiner ſubal— ternen geſellſchaftlichen Stellung abgelegt zu haben, als jetzt, wo er es nothgedrungen unter dem beſchä⸗ menden Einfluß des Zwangs thun mußte.— Emil zögerte darum auch mit ſeiner Eröffnung; es iſt keine angenehme Aufgabe, ſich der Geliebten zu ſeinen Ungunſten entlaufen zu müſſen. Aber Apollonia erſpate es ihm. Ob ſie die Wahr⸗ heit ſchon wußte, oder ſie nur vermuthete und ieth, ward ihm nicht gonz klat, genug er athmete erleichtert auf, als Apollonia mit hausmütterlicher Gemüthlichkeit ſich zuthunlich zu ihm auf's Bette ſetzte und mit ſei⸗ nen Händen ſpielend ſprach: „Komm laß uns einmal recht vernünftig plaudern. — Siehſt Du, die Mutter hat Recht, ein langer Braut⸗ taugt nichts. Wir müſſen uns nun überlegen, vie wir's anfangen ſollen, daß wir bald zum Ziele kommen.— Wenn wir warten wollen, bis Du ſo weit avancirſt, um mit Deinem Gehalte einen Hausſtand gründen und eine Frau nehmen zu können, wär's leicht möglich, daß wir graue Haare bekämen. Es bleibt — . —-——— alſo wohl kein anderer Ausweg, als daß Du einen anderen Beruf ergreifſt.“ Unter anderen Verhältniſſen wäre Emil vielleicht nicht ſo mäuschenſtill geblieben, ſondern hätte der Ge⸗ liebten vorgeſtellt, daß die Ausführung eines derartigen Projects nicht ſo leicht wäre, wie ſie es ſich vorzu⸗ ſtellen ſcheine. So aber war er zu entzückt, daß Apol⸗ lonia ſo ſchnell von dem ſo gefährlichen Thema ſeiner jetzigen Stellung abſchweifte, daß er mit zuſtimmendem Nicken aufhorchte. „Gericht und Amt laſſen wir alſo fallen,“ fuhr Apollonia fort,„dafür müſſen wir etwas Anderes aus⸗ findig machen. Haſt Du eine Idee?“ Emil mußte verneinen. „Du aber haſt gewiß ſchon eine Idee ausgeklügelt in Deinem ſchlauen Köpfchen,“ ſchmeichelte er. „Danke, mein galanter Herr Bräutigam,“ erwiderte ſie neckiſch,„da Plänemachen ja ein Hauptgeſchäft meines Geſchlechtes ſein ſoll, ſo werde ich doch nicht hinter meinen Schweſtern zurückbleiben.“ „So laß hören,“ bat Emil. „Ich denke mir ſo: Warum ſollſt Du nicht Deine Befähigung, die Du zum Dichter haſt, verwerthen? Du haſt ja ſchon ein Luſtſpiel geſchrieben, wie Du mir geſtern ſagteſt. Nur der Anfang iſt ſchwer, über den Anfang biſt Du ja jetzt hinüber. Werde ein Dichter.“ Eine ſolche Mädchenverrücktheit war ſelbſt dem verliebten Emil Mohl doch zu ſtark. „Du ſcheinſt Dir von den Ausſichten eines Dich⸗ ters nicht die richtigſten Vorſtellungen zu machen,“ wendete er beſcheiden ein. „Warum nicht? Ich habe erſt letzthin von dem franzöſiſchen Luſtſpieldichter Sardou geleſen, daß ihm ein einziges Luſtſpiel hunderttauſend Franken einge⸗ tragen.“ „Ja, Sardou,“ ſprach Emil,„in Paris ſind auch ganz andere Verhältniſſe.“ „O, was das anbelangt,“ beharrte Apollonia,„da ſtand erſt letzthin in der Zeitung, daß Paul Lindau in einem Jahre für ſein Stück„Maria und Magalena“ an Tantièmen zehntauſend Thaler eingenommen habe.“ „Ja, Paul Lindau,“ machte Emil wieder. „Was: ja, Paul Lindau!?“ wiederholte Apollonia, „da ſage ich ebenſo: ja, Emil Mohl!— Schreibe auch eine„Marie und Magdalena“ und Du verdienſt auch in einem Jahr zehntauſend Thaler.“ „Wenn das nur ſo ginge, mein Schatz,“ lächelte Emil. „Und warum ſoll's nicht gehen? Du haſt nur kein Selbſtvertrauen. Herr meines Lebens, wenn ich ein Dichter wäre, da ſollteſt Du etwas erleben. Aber ſo— nun wenn ich auch keine Dichterin bin, ſo will ich Deine Muſe ſein und Dich ſo begeiſtern, daß die Welt mich eine zweite Fornarina nennen ſoll.“ Fräulein Apollonia hatte das Kapitel Rafael Sanzio aus dem Converſationslexikon, wie man ſieht, noch leidlich im Kopfe. Trotz der Geliebten Zuverſicht konnte aber Emil doch nicht anders, als ſeine Bedenken aufrecht erhalten. 109 „Du kennſt die Schwierigkeiten nicht, die einem jungen Talente das Emporkommen verwehren,“ ſprach er,„ich möchte ernſtlich abrathen auf die unſichere Baſis meines dichteriſchen Talentes, wenn ich über⸗ haupt eines beſitze, einen Plan zu bauen.“ „Das iſt auch gar nicht nothwendig,“ beſchwichtigte Apollonia ſchnell,„ich habe noch einen andern Plan.“ „Noch einen zweiten?“ ſcherzte Emil,„Du biſt wirklich ſtark im Plänemachen.“ „Hab' ich's Dir nicht vorhergeſagt?“ „Nun ſo laß hören.“ „Werde Journaliſt. Sieh, Hohl hat Dir ja ſeine Protection verſprochen, da kann's Dir gar nicht fehlen. Und ſo ein Redacteur iſt auch eine ſchöne und ange⸗ nehme Stellung. Vielleicht wird Dir die Redaction der„Allgemeinen Zeitung“ oder eines ähnlichen Blat⸗ tes übertragen, das ſind recht paſſende Poſten für Dich,— he, was ſagſt Du dazu?“ „Nun, nun,“ meinte Emil,„ich dächte, wir wären wohl auch mit einem kleineren Pöſtchen zufrieden.“ „Für den Anfang, ja,“ entſchied Apollonia,„aber für ſpäter wär's nicht zu viel. Du mußt Dir nur abgewöhnen, gar zu beſcheiden zu ſein. Laſſ mich nur machen.“ „Wie willſt Du denn das fertig bringen?“ „Zunächſt ſuche ich Herrn Hohl auf—“ „Der iſt ja heimgereiſt.“ „Was thut das? Ich reiſe ihm nach.“ Emil machte ein bedenkliches Geſicht. 110 „Ei, ei, mein kleiner Liebling wird ja wohl gar ſchon eiferſüchtig,“ ſcherzte ſie. „Wie könnte ich das?“ wehrte Emil,„aber ich über⸗ lege mir eben, daß ein ſolcher Schritt von Dir miß⸗ deutet werden könnte.“ „In wie fern?“ „Herr Hohl ſteht in dem Rufe nicht unempfäng⸗ lich gegen ſchöne Frauen und Mädchen zu ſein—“ „Danke.“ „— und man könnte muthmaßen, daß— nun Du erläſſeſt mir das Weitere ja wohl.“ „Du biſt ein kleines Kind,“ ſchmollte liebenswürdig Apollonia,„kennſt Du Deine Apollonia nicht beſſer?“ „Ach, von Dir iſt ja gar keine Rede—“ „Deſto beſſer. Ich habe meine Gründe, mich zu beeilen.“ „Warte wenigſtens, bis ich auch von hier weg kann.“ „Ei, ei, mein ſauberer Zeiſig; alſo mit Ihnen, mein Herr, zu reiſen, halten Sie für anſtändiger, wie einen Beſuch vor aller Welt in dem Sprechzimmer eines Zeitungsredacteurs machen? Seh' mir Einer den Schlauhuber an.“ „Alſo ſagſt Du: nein?“ „Ich muß, es preſſirt.“ „So laſſ' mich wenigſtens Deinen Grund wiſſen.“ „Ich wollte ihn Dir urſprünglich eigentlich nicht ſagen, aber da Du gar ſo drängſt—“. „Ich bitte Dich, ſpanne mich nicht auf die Folter.“ „Nun alſo. Der Kirchenrath hat meinem Vater die Zuſicherung gegeben— weißt Du ſo unter der 114 Hand— daß, weil er keinen Sohn hat, die Stelle eines Chorregenten hier an ſeinen Schwiegerſohn fallen ſollte, falls ich nämlich einen für dieſen Platz paſſen⸗ den Muſiker heirathen würde.“ „Aber Dein Vater denkt ja noch gar nicht an's Abgehen.“ „Aber an's Verheirathen ſeiner Tochter denkt er; ja er denkt ſogar ſo ſehr daran, daß ſchon ein Be⸗ werber um das Amt und meine Hand hier eingetrof⸗ fen iſt.“ „Alle Wetter!“ fuhr Emil auf. „Nur ſtill, mein Lieber,“ beruhigte ihn Apollonia, „ich habe ihn heute ſchon abgetrumpft, obwohl Vater und Mutter darüber recht böſe wurden. Aber ich liebe Dich und kein Anderer als Du ſoll mein Mann werden.“ „Du gutes, liebes, einziges Lonchen.“ „Darum iſt es aber auch nothwendig, daß wir mit unſeren Angelegenheiten ſo ſchnell als möglich in Ord⸗ nung kommen, denn ſonſt habe ich alle Tage die Hölle im Hauſe und zuletzt werden meine Eltern immer noch unnachgibiger.“ „Ach, wenn ich Dir nur helfen könnte!“ „Das kannſt Du, indem Du ruhig bleibſt und mich machen läſſeſt. Ich bringe mit Hohl Alles in Ordnung; verlaſſe Dich auf mich und wenn ich dann zurückkomme, ſo hoffe ich, daß Du mir ſchon entgegen⸗ laufen kannſt.“ 3 Die beiden Liebenden geriethen nun in's Tändeln und Luftſchlöſſerbauen. 112 Daß über all dieſen Vorgängen das Fieber Emil's — das pſychiſche wie phyſiſche— ſich ſonderbar ge⸗ beſſert hätte und die Pflege des kranken Beines mit der wünſchenswerthen Aufmerkſamkeit gehandhabt wor⸗ den wäre, ſoll durchaus nicht behauptet werden. Fünftes Kapitel. Politiſches, darum langweilig. Es iſt noch kein halbes Jahrhundert her, daß der bekannte Aſtronom Gruithuiſen mit ſeiner Behauptung auftrat, der Mond ſei von menſchenähnlichen Weſen bewohnt. Wenn man nun einen ſolchen Gruithuiſen⸗ ſchen Mondmenſchen einfangen und ihn auf unſere Erde verſetzen könnte, ſo wären die Eindrücke, die er von unſeren Einrichtungen bekäme, jedenfalls noch viel intereſſanter zu erfahren, wie der Inhalt der geheimen Tagebücher der japaneſiſchen Geſandtſchaftsmitglieder, die in unſeren Tagen Europa und Amerika beſuchten. Würde man einem ſolchen Mondmenſchen die Con⸗ ſtruction eines modernen europäiſchen Staats aus⸗ einanderſetzen wollen, ſo hätte man vor Allem jeden⸗ falls die größte Mühe, ihm die Ueberzeugung beizu⸗ bringen, daß wir, bei einer wahrheitsgetreuen Schil⸗ derung, auch die Wahrheit ſprächen, denn in der That, unſer modernes conſtitutionelles Regierungsſyſtem iſt der verquickteſte Unſinn, welcher ſich nur erfinden läßt. Man iſt eigentlich verſucht anzunehmen, es wolle Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 8 114 damit das erreicht werden, was Plötz in ſeinem köſt⸗ lichen Scherz„Dumm und gelehrt“ die Gelehrtthuende als die Hauptaufgabe der Naturphiloſophie hinſtellen läßt: die Homogenität des Heterogenen ausdrücken. Unſer Conſtitutionalismus, ſo weit er das einzelne Individuum als Staatsbürger betrifft, iſt der Brut⸗ ofen für politiſche Kannegießerei, der Tummelplatz für politiſche Schuhflicker, die Domaine der Politiker vom Biertiſch. Es iſt immer ein Fehler, einem Etwas eine Wich⸗ tigkeit beizulegen, was nur theoretiſch eine Bedeutung hat. Der Conſtitutionalismus unſerer Zeit iſt nur ein theoretiſcher Firlefanz, der noch immer regelmäßig in den Kehricht geworfen worden iſt und— und das iſt die wichtige Hauptſache!— geworfen werden mußte, ſobald irgend ein großes poſitives Reſultat erreicht werden ſollte. Es iſt ganz überflüſſig in dieſer Be⸗ ziehung, Beiſpiele zur Erhärtung anzuführen, denn alle großen Momente in der Geſchichte unſerer Gegenwart beweiſen das Geſagte, während kein Beiſpiel dagegen aufgebracht werden kann. Durch dieſe Thatſache iſt die Betheiligung des Individuums am politiſchen Leben zur Farce gewor⸗ den, denn wenn auch juſt nicht gerade um des Kaiſers Bart, ſo doch nur um Dinge, die im Vergleich zu den großen auspoſaunten Aufgaben Nebenſächlichkeiten ſind, drehen ſich— praktiſch genommen— die Wirkungen dieſer conſtitutionellen Betheiligungen des Individuums. Das ſtändige Mißverhältniß zwiſchen der angeb⸗ lichen Bedeutung der individuellen Thätigkeit des 415 Staatsbürgers und der praktiſchen Erfolge hat die Zerfahrenheit der politiſchen Begriffe zur naturnoth⸗ wendigen logiſchen Folge gehabt, die Enttäuſchung be⸗ rechtigter Anſprüche trat in Permanenz und damit zuſammenhäugend die Eventualität: entweder Gleich⸗ gültigkeit oder Kampf mit einem gläſernen Säbel. Bei dieſer Art von Auffaſſung der politiſchen Einzel⸗ thätigkeit liegt die Beantwortung der Frage, wie ſich dabei der Kleinſtädter verhalte, ſchon in der Natur des Gegenſtandes, um den es ſich handelt. Ganz natürlich iſt der Kleinſtädter ein enragirter politiſcher Partheigänger und ſelbſtverſtändlich um ſo unduld⸗ ſamer, je verwirrter ſeine politiſchen Begriffe ſind. Wenn es in unſern Tagen als Pflicht eines jeden Staatsbürgers angeſehen wird, einer politiſchen Parthei anzugehören, ſo konnte man den wackern Lindenheimern jedenfalls den Vorwurf einer Pflichtverſäumniß nach dieſer Richtung nicht machen. Bis in's geringſte Detail übertrug ſich die politiſche Partheigliederung und wurde mit derſelben Unduldſamkeit— weil in den Grundurſachen darin übereinſtimmend— durch— geführt, wie die Zwiſtigkeiten verſchiedener Glaubens⸗ heere in den Religionskriegen. Denn hier wie dort— in den Religionskriegen der vergangenen, wie in den politiſchen Kämpfen der gegenwärtigen Zeit— iſt die vermeintliche Begeiſterung der Maſſen, ſobald ſie erſt einmal in Fluß gebracht iſt, nur das Product ent⸗ feſſelten Wahnſinns, immer und ausnahmslos ſtets nur eine Reihe von Wirkungen ohne eine bewußte Urſache!—— 8* 116 Es iſt ſchon im erſten Bande unſerer ſich dem Ende zuneigenden anſpruchsloſen Geſchichte angedeutet worden, daß ſich in Lindenheim in politiſcher Bezieh⸗ ung zwei Hauptpartheien befehdeten. So lange nicht eine directe Ausübung der politiſchen Thätigkeiten der Individuen herausgefordert wurde, war das Zuſam⸗ menleben der Bürger ein immerhin noch leidliches. Nahte aber eine Wahl, ſo entbrannte der Streit„hie Welf, hie Waiblingen“ auch in dem friedlichen Linden⸗ heim mit mittelalterlichen Bürgertrotz. Heute Abend— es ſind ſeit dem Fahnenfeſte der Turner, mit dem unſere Geſchichte beginnt, einige Wochen verſtrichen— war eine große Wahlbeſprechung im Saale des Gaſthofs zum„Neger“ anberaumt. Es ſollte eine Art von Probewahl ſtattfinden, man wollte ſich ein Bild von der numeriſchen Stärke der Par⸗ theien machen. Wie immer und überall ſtritten ſich die Parthei⸗ gänger und die Perſönlichkeiten ihrer reſpectiven Can⸗ didaten. Das was bei ſolchen Gelegenheiten jeder einzelne Candidat ſein„Programm“ nennt(ein Sam⸗ melſurium von Redensarten voll Verheißungen und Angelöbniſſen) wird im Grunde wenig beachtet; der betreffende Name wird das Feldgeſchrei der Parthei. Der bisherige Abgeordnete für Lindenheim hatte mit aller Beſtimmtheit inzwiſchen erklärt, was bisher nur in Form eines Gerüchtes circulirt hatte: daß er eine allenfallſige Wiederwahl anzunehmen nicht in der Lage ſei. 11 Die beiden ſich bekriegenden Partheien hatten ſo⸗ nach zwei neue Candidaten aufgeſtellt. Es waren dies: der Baron Lothar von Sternenkron und der Redacteur Cäſar Hohl. Beide waren in der Wählerverſammlung nicht er⸗ ſchienen; des Barons Eintreffen im„Neger“ wurde zwar noch erwartet, Herr Cäſar Hohl hatte aber durch ſeinen Freund Rappel ganz entſchieden abſagen laſſen, dagegen eine Menge Exemplare ſeines Blättchens nach Lindenheim geſendet, in welchem an der Spitze in Form eines Leitartikels des großen Cäſar gegenwärtiges politiſches Programm zu leſen war, auf Grund deſſen er ſich um die Stimmen in Lindenheim bewarb. Von einem perſönlichen Erſcheinen in Lindenheim hatte er aus mehrfachen Gründen Abſtand genommen. Einmal hegte er gerechte Beſorgniſſe, er könne ſeinen Triumph als Redner, den er beim Feſtmahl der Turner errungen, diesmal gefährden, hernach aber auch fürchtete er— und das war nicht der letzte Grund für ſein Weg⸗ bleiben— Sternenkron's Reitpeitſche. Nachdem ſich aber Hohl einmal entſchloſſen hatte, diesmal in Lindenheim nicht perſönlich zu erſcheinen, ſondern durch ſeinen Freund Rappel ſich vertreten zu laſſen, hatte er auch Courage zu einer That gegen ſeinen Widerpartner auf der Plattform,— freilich That und Muth waren nach Art derer von Schul⸗ jungen, welche, nachdem ſie für eine Unart abgeſtraft ſind, aus ſchützender Entfernung gegen den Zuchtmeiſter die Zunge herausrecken. In der Nummer ſeines Blat⸗ tes, die zur maſſenhaften Verbreitung unter die Lin⸗ 118 denheimer beſtimmt war, fand ſich auch eine vom blauen Himmel herunter geholte Correſpondenz: 3 † Unter unſeren Nobili's ſcheint es zur Manie werden zu wollen, ſich zu demokratiſiren. Schon wieder können wir von einem derartigen Fall berichten. Der letzte Sproſſe eines alten frei⸗ herrlichen Geſchlechts, von dem man uns erzählt, daß er nach⸗ glücklicher Ausnützung ſeines Credits ſich auf ſeine Hufe zurückgezogen habe, wo er gleich den Patriarchen unter der Linde den väter⸗ lichen Berather ſeiner Nachbarſchaft ſpielt, deren Intereſſen er auch auf dem kommenden Landtag zu vertreten beabſichtigt, ſteht im Begriffe, ſich mit einer bürgerlichen Sängerin zu vermählen, welche das ihr mangelnde blaue Blut mit rothem Golde ausgleichen zu können in der für den Herrn Baron ebenſo angenehmen als nothwendigen Lage iſt. Der Sängerin⸗Conſort gewinnt durch dieſe Verbindung außerdem den unläugbaren Vortheil, gleich in einen ausgebreiteten Kreis von Bekann⸗ ten und intimen Freunden Aufnahme zu finden, da die Braut zu jenen liebenswürdigen vielgefeier⸗ 3 ten Damen gehört, die dem Kaiſer Titus gleichen, der bekanntlich den Tag als einen verlorenen be⸗ trachtete, an dem er nicht wenigſtens Einen Glück⸗ lichen gemacht hatte. 4 Das war die Antwort Hohl's auf den Peitſchen⸗ hieb des Barons von Sternenkron; der berühmte Schrift⸗ * ſteller und Kritiker Froſch war der Autor der Corre⸗ 5 ſpondenz, welche dem großen Cäſar ſo wohl gefiel, daß — — 119 er, als Brodherr Froſch's, ſofort deſſen Honorar für die Zukunft um zwei Pfennige per Spaltzeile erhöhte. Allerdings verſtanden die Lindenheimer zum größe⸗ ren Theile die Niederträchtigkeit der Correſpondenz nicht, allein Hohl rechnete in dieſer Beziehung auf die Auslegung Rappel's. Doch muß zu deſſen Ehre ge⸗ ſagt werden, daß ihm dieſe Art von Angriff— ſei er nun als Wahlmanöver oder aus perſönlicher Rache geſchrieben— ſo wenig behagte, daß er ſich lange beſann, ob er nicht lieber die ganze Vertheilung der überſendeten Zeitungsexemplare unterlaſſen ſolle. Und nur, weil auf anderem Wege bereits einzelne Num⸗ mern in den Händen der Partheigenoſſen waren, ent⸗ ſchloß er ſich widerſtrebend dazu, der Sache ihren Lauf zu laſſen. Der alte Advokat hatte durch dieſes Intermezzo ſich höchſt ſchmerzlich berührt gefühlt. Das war nicht die Art, wie er ſeit vierzig Jahren Politiſirerei prak⸗ tiſch betrieb. Er beſaß das weite Gewiſſen eines alten Rabuliſten, aber nach Straßenkoth hatte er nie ge⸗ griffen, um damit den Gegner zu werfen. Unwillkür⸗ lich kam ihm der Gedanke, daß am Ende der Baron Sternenkron den Redacteur am paſſendſten behandelt habe, denn in der That: einem Gegner, der mit ſol⸗ chen Waffen ſtritt, wie in dieſem Falle Cäſar Hohl, gehörte nur die Peitſche als Antwort. Und zum Erſtenmale drängte ſich dem alten Manne die eigene Anſchauung auf, daß er ſich überlebt habe, daß er in die heutige Zeit nicht mehr tauge. Wenn 129 die Hohl's Raum fanden in der politiſchen Arena, ſo war für ihn, den alten Rappel, kein Platz mehr. Geſtern hatte der politiſirluſtige Advokat noch Wonne gefühlt, daß er noch einmal eine Figur bei einer po⸗ litiſchen Aktion— und wenn dieſe auch nur im Wahl— kampf in Lindenheim beſtand— ſpielen ſolle,— geſtern noch gedachte er mit dem ganzen Reſt ſeiner Agitations⸗ luſt für ſeinen Freund Hohl zu ſprechen, zu wirken, zu intriguiren, heute war das ganze Feuer zerſtoben, immer und immer wieder las er die heilloſe Begeife⸗ rung des Privatlebens des politiſchen Gegners und mit einem ſchmerzlichen„es geht bei Gott nicht, ich kann nicht wie ein Bube vom Schauplatz abtreten,“ legte er das verhängnißvolle Zeitungsblättchen aus der welken Hand. Dann ſchickte er ſeine Magd zum Herrn Bau⸗ aſſiſtent Grünbein, mit dem ausgemacht war, daß er den Vorſitz in der Verſammlung im„Neger“ führen ſolle und ließ ihm ſagen, daß er auf ſeine— Rappel's — Mitwirkung am Abend nicht rechnen könne. Doctor Rappel blieb an jenem Abend und noch manchen andern nachher allein zu Hauſe;— beim Beginn des nächſten Quartals abonnirte er gar keine Zeitung mehr, das Lindenheimer Wochenblatt allein war für die Zukunft ſeine einzige politiſche Anfeuch⸗ tung. Von Cäſar Hohl hörte man ihn nie mehr ſprechen, derſelbe war ein Nagel zu Rappel's Sarg geworden. Die Abſagebotſchaft Rappels gelangte in dem Mo⸗ —— 121 mente zu Grünbein, als dieſer den Beſuch ſeines Haus⸗ herrn, des Hutmachermeiſters Herz hatte. Die Hoffnungen, welche Herz in früheren Jahren gehegt, daß auch ſein Name einmal aus einer Wahl⸗ urne hervorkomme— und wenn's auch nur beim Kir⸗ chenrath oder bei der ſtädtiſchen Armenpflege geweſen wäre— hatte er freilich begraben, nicht aber ſein Intereſſe für alle Wahlhandlungen. Und Meiſter Herz war in dieſer Beziehung ein antiker Character. Feind aller Compromiſſe, wählte er grundſätzlich Denjenigen, zu dem er perſönlich das größte Vertrauen hatte, völ⸗ lig unbekümmert darum, wenn er dadurch etwa auch eine„einſtimmige“ Wahl hervorrief. Auch heute küm⸗ merte ihn das Feldgeſchrei„hie Sternenkron, hie Hohl“ bis jetzt noch nicht im Geringſten, vor der Hand hatte er noch gar nicht die Abſicht, einem dieſer beiden Can⸗ didaten ſeine Wahlſtimme zu geben. Ihn beſchäftigte eine ganz andere Frage. Und da er dieſelbe nicht zu löſen vermochte, war er zu ſeinem Miethsmann, dem Herrn Bauaſſiſtent Grün⸗ bein hinaufgegangen, nachdem er ſeinen Laden ge⸗ ſchloſſen hatte. Herrn Grünbein war im Grunde genommen die Störung durch den dummen Herz unangenehm geweſen, 9 denn er hatte eben angefangen, an einer Rede zu me⸗ 3 moriren, die er heute Abend halten wollte, allein in Anbetracht des gewichtigen Umſtandes, daß der Termin zu Zahlung des Miethzinſes nicht ſelten im Wider⸗ ſpruch mit dem momentanen Stand der Grünbein'ſchen — 122 Finanzen ſtand, mußte der Herz'ſche Beſuch wohl oder übel ertragen werden. Als der Meiſter bei ſeinem Miethsmann eintrat, ging dieſer, die unvermeidliche Uniformsmütze auf dem ſtruppigen Kopfe in ſeiner Putzſtube auf und ab, mit einem Concept ſeiner Rede in der Hand. Dieſes Prunkgemach der Grünbein'ſchen Familie trug zwar im Allgemeinen den bekannten Stempel eines klein⸗ ſtädtiſchen„Beſuchzimmers“ und könnte darum nicht weiter Gegenſtand einer Notiznahme hier ſein, wenn es ſich nicht durch eine höchſt ſinnreiche Eigenthümlich⸗ keit ausgezeichnet hätte. An den Wänden hingen nämlich verſchiedene ovale Barokrahmen mit Glas und Hinterwand, aber ohne Bilder. Herr Grünbein be⸗ hauptete, gar nicht einſehen zu können, warum er ſich denn in ſeinem Zimmer Bilder von gleichgültigen Perſonen aufhängen laſſen ſolle. Für jede Perſon, deren Bild er gerne gehabt hätte und von der er er⸗ warten konnte, daß er es auch noch erhalten werde, hatte er einſtweilen die dazu beſtimmte Rahme auf⸗ gehängt. Wenn das Bild dazu noch fehlte, ſo war das ja nicht ſeine Schuld. „Aha, Herr Herz,“ rief Grünbein pathetiſch dem Eintretenden entgegen,„wieder eine Stimme.“ „Ja, ich habe eine Stimme,“ antwortete dieſer zögernd. „Und natürlich gehört ſie uns,“ ſprach Grünbein. „Ich weiß noch nicht,“ machte bedächtig der Hut⸗ macher. „Das wäre noch ſchöner,“ ſchrie Grünbein,„wenn 4 —— — 23 mein eigener Hausherr mir ungetreu würde. Sie werden doch nicht für den Baron Sternenkron ſtimmen wollen?“ „Ich habe ſo meine Bedenken,“ ſagte Herz. „Das glaube ich gerne, daß Sie gegen die Wahl des Barons Bedenken haben; es geht anderen Leuten ebenſo,“ belehrte ihn der Bauaſſiſtent.„Hören Sie was unſer vortrefflicher Hohl heute in ſeiner pikanten Zeitung über dieſen Baron ſchreibt.“ Und Grünbein holte vom Tiſch eine Nummer von Hohl's Blättchen und während er darin blätterte, ſagte er: „Wirklich, ein ganz famoſer Artikel, vortrefflich ge⸗ ſchrieben, ich ſelber könnte ihn nicht beſſer gemacht haben. Hören Sie!“ Und er las die bekannte Schmähcorreſpondenz herunter. Da er natürlich vorausſetzte, daß Herz keinen Begriff von der Bedeutung der Anſpielung am Schluſſe habe, wollte er eben zu der nothwendigen Belehrung übergehen, als Herz ihm in die Rede fiel: „Ja, das muß wahr ſein, liebenswürdig iſt die Dame und ſchön iſt ſie auch, ich habe mit ihr geſpro⸗ chen und ſie hat mir die Hand gegeben und mag der Baron ſein, wie er will, mir iſt er nichts ſchuldig und wenn ich ihn grüße, dankt er mir freundlicher, wie der Herr Bezirksamtmann, der doch kein Baron iſt, und die Frau Bezirksamtmännin hat mir noch nie die Hand gegeben.“ Gegen eine Logik, wie die Herz'ſche, iſt nicht auf⸗ zukommen; für ihn war der Inbegriff aller Klugheit, 124 Schönheit und Tugend die prächtige Braut des Barons Sternenkron. „Aber um Gotteswillen,“ ſchrie Grünbein,„was hat denn mit der Wahl unſeres Abgeordneten die Freundlichkeit des Barons Sternenkron oder gar die Liebenswürdigkeit ſeiner Braut zu thun? Sie können dieſe Perſon ja doch nicht wählen.“ „Und warum nicht?“ remonſtrirte Herz.„Aller⸗ dings will ich ſie wählen.“ „Herz, machen Sie doch keine ſolchen Narrheiten bei ſo wichtigen Dingen,“ ſchalt der Aſſiſtent. Was Narrheiten?! Ich ſpreche im Ernſte.“ „Aber Sie müſſen doch wiſſen, daß eine Frauens⸗ perſon gar nicht gewählt werden kann,“ rief Grünbein und ſtellte ſich mit vorausgeſtreckten Armen dem ver⸗ dutzten Hutmacher gegenüber. „So?“ machte dieſer traurig. Seine Freude war dahin. Jetzt machte dun die ganze Wahlgeſchichte kei⸗ nen Spaß mehr. Denn allerdings war's ſeine Ab⸗ ſicht geweſen, für ſeine gefeierte Schöne zu ſtimmen. Sein ſu bei Grünbein hatte keinen andern Zweck gehabt, als ſich über die Zuläſſigkeit der Wahl einer Dame belehren zu laſſen. „Das müſſen Sie denn doch vorher gewußt haben,“ ſchrie Grünbein, der es für heute ſchon ganz abgelegt zu haben ſchien, normal zu ſprechen. „Ja wohl, ei freilich,“ machte Herz jetzt ſchnell. „Das iſt ja bekannt, Frauenzimmer können nicht ge⸗ wählt werden.“ „Machen Sie doch keine Geſchichten,“ fuhr Grün⸗ —— — bein fort,„und fügen Sie ſich in unſere Beſtimmungen. Wählen Sie mit uns den Redacteur Hohl.“ „Den kenne ich nicht.“ „Thut nichts, es kann Ihnen doch genügen, wenn Sie erfahren, daß wir Alle ihm unſere Stimme geben. Das muß Ihnen doch Bürgſchaft genug für den Mann ſein.“ „Wen ich nicht kenne, den wähle ich nicht,“ entſchied barſch der Hutmacher,„die Wahlen ſind frei, ich kann thun, was ich will.“ „Das verwehrt Ihnen ja Niemand, aber es kann Sie doch nichts nützen, wenn Sie allein ſtehen. Sie allein machen mit ihrer Stimme ja doch den Candi⸗ daten nicht fertig.“ „Das iſt mir ganz egal,“ beharrte Meiſter Herz trotzig,„was ich geſagt habe, dabei bleibt's: wen ich nicht kenne, den wähle ich nicht. Den Herrn Hohl, von dem Sie reden, kenne ich nicht, folglich gebe ich ihm auch meine Stimme nicht.“ „Wenn Sie ſie aber dem Baron geben, ſo ſind Sie unſer Feind.“ „Ach was, brummte Herz entgegen,„der Baron kümmert ſich gar nicht ſo viel um Euch, als daß er Euer Feind wäre. Der hat Beſſeres bei ſeiner Braut zu thun, als ſich mit Euch herumzubalgen.“ „Herr, ſieh' Dein Volk an, es ſind lauter Dick⸗ köpfe!“ ſchrie voll Wuth der Bauaſſiſtent und rieb ſeine ſchmierige Uniformskappe auf den ſtruppigen Haaren. „Ich weiß ſchon, warum Sie den Redacteur durch⸗ 126 bringen und den Baron durchfallen laſſen, höhnte Herz,„das kommt von den Schlägen her, die der Baron auf der Poſt dem Redacteur gegeben hat.“ „Menſch, Mann, Staatsbürger,“ brüllte Grünbein, „ſind Sie denn gar nicht im Stande ein Bischen wei⸗ ter zu ſehen, als Ihre Naſenſpitze reicht?! Was in aller Welt hat denn eine perſönliche Beleidigung zwi⸗ ſchen zwei Candidaten mit der Wahl zu ſchaffen?!“ „Papperlappap,“ ſprach mit der Miene eines Welt⸗ weiſen der Hutmacher,„mir machen Sie meinen Gaul nicht ſcheu. Der Baron iſt Euch Allen ein Dorn im Auge, weil er ſich vor Euch nicht kuſcht, wie wir An— dern es müſſen. Und daß Sie's nur wiſſen, die Ge⸗ ſchichte mit dem Durchprügeln des Redacteurs hat mir ganz gut gefallen. Der Redacteur hat hinterm Rücken auf den Baron geſchimpft und wer das thut, dem ge⸗ hört von Rechtswegen eins auf's Maul.“ Meiſter Herz beſaß zwar für gewöhnlich eine große Devoͤtion vor allen Beamten; zu keinem Andern, wie zum Herrn Bauaſſiſtent Grünbein, hätte er es gewagt, eine ſolche Sprache zu führen. Gegen Grünbein aber befand er ſich in der geſchützten Poſition des Haus⸗ herrn gegen einen nicht übermäßig pünktlichen Mieths⸗ mann und auf Grund dieſer Prämiſſe hatte der Hut⸗ macher hier Courage. h Die beiden Wahlagitatoren Herz und Grünbein trennten ſich verſtimmt, es war kein Kompromiß zu Stande gekommen. Vorher noch unſchlüſſig, war Herz jetzt nach Unterredung mit Grünbein erſt recht darauf 127 erpicht, ſeine Stimme nicht für Hohl, ſondern für Sternenkron abzugeben. Wie viele Stimmen werden bei Wahlen abgegeben, die auf noch weit ſchwächern politiſchen Motiven be⸗ ruhen, wie die des Hutmachers Herz?! Für ſeine Niederlage bei ſeinem Hausherrn, fand Grünbein einigen Troſt in der Mittheilung, die ihm Doctor Rappel geſendet hatte. Jetzt war Grünbein ſicher, daß ihm von Niemand in der Verſammlung der Vorſitz ſtreitig gemacht werde. Heute wollte Grünbein zeigen, daß er parlamenta⸗ riſchen Takt wie Einer beſitze; gegen ihn ſollte ein Benningſen verſchwinden. Puſtend vor Würde begab ſich der Herr Bauaſſiſtent Grünbein nach dem Verſammlungsſaale im„Neger.“ Den ihm Begegnenden warf er herablaſſende Blicke zu und erwiderte ihre Grüße mit nachläſſig hingeworfenen huldvollen Handbewegungen. Aber ſchon beim Betreten des Saales im„Neger“ begann für den Herrn Vorſitzenden Grünbein der Aerger. Der Saal glich nicht einem Orte, an dem über des Vaterlandes Zukunft, Wohl und Wehe debat⸗ tirt und entſchieden werden ſollte, ſondern er bot viel⸗ mehr den Anblick eines Lokals, in dem ſich eine ſolenne Kneiperei vorbereite. Herr Grünbein hatte erwartet, daß eine erhöhte Eſtrade aufgebaut ſein würde mit einigen Tiſchchen für ihn, den Leiter der Verſammlung, ſowie für einen Vicepräſidenten, Schriftführer u. ſ. w., dazu eine Tribüne für die Redner. Da leider in Lindenheim kein Menſch der Stenographie mächtig war, ſo hatte Herr Grün⸗ bein ſchon darauf verzichtet gehabt, die zu haltenden Reden im Lindenheimer Wochenblatt wortgetreu wieder zu leſen, aber daß ſo gar nichts an Vorbereitungen geſchehen ſei, überſtieg doch alle ſeine Befürchtungen. Und was noch das Schlimmſte bei der Sache war, beſtand darin, daß jetzt ſchwer, wenn überhaupt noch, Abhilfe geſchaffen werden konnte. Befehlshaberiſch ordnete Grünbein Verſchiedenes an, aber die zur Bedienung der Gäſte anweſenden Leute kehrten ſich gar nicht an ſeine Beſtimmungen, was den Tribun zur Verzweiflung brachte. Nur mit Mühe gelang es ihm eines kleinen Tiſches habhaft zu werden, den er ſelber an das eine Saal⸗ ende trug und an den er ſich zu ſetzen gedachte, um der Verſammlung zu präſidiren. Allein er überzeugte ſich bald, daß die wenigen Petroleumlampen des Saales nicht Helle genug ver⸗ breiteten, um ihm an dieſem Platze zu geſtatten, zu leſen oder zu ſchreiben.— Er begab ſich darum aus dem Saale und ſuchte den Wirth auf, um ſich von dieſem zwei Leuchter mit Kerzen auszubitten. Ehe er aber wieder zurückkam, hatte eine boshafte Kellnerin das von Grünbein herbeigeſchleppte Tiſchchen wieder entfernt. Sie hatte ſchon lange einen Groll auf den Bauaſſiſtenten, der ſich im Wirthhaus dadurch auszeichnete, daß er regelmäßig und in grober Weiſe die ärgſten Anſprüche an die Bedienung machte, da⸗ gegen das geringſte, nämlich kein Trinkgeld gab. Jetzt revanchirte ſie ſich. 1129 Wohl oder übel mußte Herr Grünbein ſich be⸗ quemen, an einem der langen Biertiſche, gleich den gewöhnlichen Beſuchern der Verſammlung, Platz zu nehmen. Im Intereſſe„der guten Sache“ fügte er ſich— ein Politiker darf ja bekanntlich keine perſön⸗ liche Eitelkeit haben, wenigſtens ſagt ſo die Pompadour in Brachvogel's„Narziß.“ Tief ſchmerzte es übrigens den Aſſiſtenten, daß in der ſich allmählig verſammelnden Geſellſchaft ſo gar keine Spur eines parlamentariſchen Sinnes war. Er hätte gewünſcht, daß die Einzelnen, ſo wie ſie ankämen, ſich jeder Vordebatte über die Frage des Tages ent⸗ hielten, daß ſie vielmehr eine indifferente Unterhaltung über das Wetter, den Stand der Ernte oder die Un⸗ arten ihrer Kinder führen ſollten, bis er, Grünbein, die Verſammlung für cröffnet erklärt haben würde. Statt deſſen aber kümmerten ſich die Ankommenden um gar kein parlamentariſches Ceremoniell, ſondern begannen bei brennenden Pfeifen und Cigarren hinter ihrem Bierglas friſchweg von der Wahl und ihrem Ausfall, von den Candidaten und ihren Stimmbewer⸗ bungen zu reden, ſo daß, wenn das ſo fortging, ihm dem Leiter des Ganzen„zu thun faſt nichts mehr übrig blieb.“ Um denn doch noch einen Reſt von Autorität zu retten, erhob ſich Herr Grünbein von ſeinem Stuhle und rief mit Stentorſtimme: „Meine Herren!“ Die Geſellſchaft nahm von der Anrede bedauer⸗ licher Weiſe nur ſehr geringe Notiz. Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 9 Herr Grünbein wiederholte, diesmal noch lauter: „Meine Herren!“ gedacht, eine Klingel mitzubringen, er mußte ſich alſ 0 auf die Ausgiebigkeit ſeiner Stimme verlaſſen. „Meine Herren!“ „Und ich ſage,“ tönte es laut vom andern Saal⸗ ende her,„daß das Bier immer ſchlechter wird, je mehr Maſchneneinrichtungen in's Brauhaus kommen.“ Der alte Schloſſermeiſter Wurſtler befand ſich nämlich da unten gerade in einem Bierdisput mit dem Schuhmacher Borſter. „Bſcht, bſcht,“ machten Einige, während Andere lachten. „Meine Herren! Ich erkläre die Verſammlung für eröffnet,“ rief Grünbein feierlich. „Was hat er geſagt?“ fragten Einige. „Die Verſammlung ſei eröffnet.“ „Was will er mit dem Geſchwätz? freilich ſind wir da, das braucht uns der Bauaſſiſtent nicht erſt zu ſagen.“ „Meine Herren! Ich bitte um etwas Ruhe und fordere Sie auf, die einzelnen Redner nicht zu unter⸗ brechen.“ „Es redet ja kein Menſch,“ brummte Wurſtler vor ſich hin. „Ich ergreife zunächſt das Wort,“ fuhr Grünbein fort,„um den Zweck unſerer heutigen Verſammlung darzulegen.“ Unglückſeliger Weiſe hatte Grünbein nicht daran 131 Und nun begann er ſeine Rede, bei deren Memo⸗ rirung er von ſeinem Hausherrn geſtört worden war. Mit Erfüllung des Verlangens, nicht unterbrochen zu werden, hatte es freilich ſchlechte Wege, die Ver⸗ ſammelten waren nicht in der Laune, dem redneriſchen Selbſtdünkel Grünbein's zu Liebe, eine halbe Stunde lang mäuschenſtill dazuſitzen, umſoweniger, als der Redner ihnen gar nichts Neues mitzutheilen wußte. Die Zeichen der Ungeduld des Auditoriums mehr⸗ ten ſich bald in ſo bedenklichem Grade, daß Grünbein, obwohl er ſchrie, wie wenn er am Spieße ſtäke, doch einſah, es ſei Zeit zu ſchließen. Er that das, indem er von den Zeitungen Hohl's vertheilte; was er dazu ſprach, ging in dem aus Langeweile entſtandenen Tumult größtentheils ungehört vorüber. Inzwiſchen hatten aber die ſo und ſo viel anwe⸗ ſenden Pfeifen und Cigarren ihre Schuldigkeit gethan, in der zweifelhaften Beleuchtung des rauchgeſchwänger⸗ ten Saales blieb das löſchpapierne Candidaturpro⸗ gramm Hohl' ein verſchloſſenes Buch für die Anwe⸗ ſenden, die das zuſammengefaltete Blättchen Fließ⸗ papier größtentheils in die Taſche ſteckten, um es einem hauswirthſchaftlichen Gebrauch zu unterſtellen;— es eignete ſich ganz vortrefflich zum Fenſterputzen u. ſ. w. Herr Grünbein ſchwitzte große Verlegenheitstropfen; es war doch nicht ſo leicht, als er geglaubt hatte, einer Verſammlung dieſer Art ſo zu präſidiren, um ſie im Fluß zu erhalten. Mit Schrecken gewahrte er, daß die ganze Vorberathung in Nichts ſich auflöſen oder vielmehr in einen gewöhnlichen Bierdisput ſich 9* 132 verwandeln werde.— Noch hatte er keinen Schritt Terrain für ſeinen Candidaten Hohl gewonnen. Und zu allem Ueberfluſſe kreiſchte eben am andern Tiſche Meiſter Herz, indem er auf den Tiſch ſchlug: „Sagt, was Ihr wollt, ich bleibe dabei, der iſt kein braver Mann, der ſich's ruhig gefallen läßt, wenn ihm Einer mit der Reitpeitſche Schlaͤge gibt.“ „Ja, ja,“ nickten Einige,„der Hutmacher hat Recht.“ „Aber ich bitte Sie doch, meine Herren, zu er⸗ wägen,“ begann Grünbein und ſtand auf, um zum andern Tiſch zu treten. „Ach was, da gibt's gar nichts zu erwägen,“ miſchte ſich der rieſige Schmiedemeiſter Humpel ein,„wenn nach mir Einer ſchlüge, ſo würde ich ihm die Seele aus dem Leibe preſſen.“ „Du würdeſt aber auch nicht heimlich und hinter⸗ rücks über Jemand, den Du gar nicht kennſt, ſprechen,“ ſprach Herz. „Nein Hutmacher,“ antwortete Humpel,„das iſt wahr. So einem ſchlechten Kerl gehören Schläge.“ „Na alſo und das hat der Herr Hohl gethan,“ verſicherte Herz, der ein ganz wüthender Partheigänger für den Baron geworden war, je mehr er auf Oppo⸗ ſition ſtieß. Und ſeine Argumente fielen um deswillen auf den empfänglichſten Boden, weil ſie ſich auf dem Boden bewegten, der den Leuten am geläufigſten war. „Am Ende iſt's nur ein Gerede,“ machte Borſter der Schuſter. „Was? Ein Gerede? Nein, der Herr Aſſeeſſor Kratzeiſen und der Aegidius Keller und der Wacker — 8——— —,=— 133 waren dabei, wie der Herr Hohl über den Baron ſchimpfte und wenn's nicht wahr wäre, ſo hätte ſich der Hohl die Schläge gewiß nicht ſo gutwillig gefallen laſſen.“ Der dumme Hutmacher wurde in ſeinem Eifer ordentlich vernünftig. „Die Sache gehört aber offenbar gar nicht hieher,“ intervenirte wieder Grünbein. Der grobe Schmied gab ihm zur Antwort: „Wir reden von was wir wollen; verſtanden? Uns intereſſirt die Geſchichte, wir möchten doch auch gerne wiſſen, was das für ein Mosje iſt, der Herr Hohl, dem Sie gar ſo arg das Wort reden.“ Der Herr Bauaſſiſtent Grünbein hatte durchaus keine Milch in den Adern, ſondern im Gegentheil viel, ſehr viel Blut. Er war alſo gar nicht der Mann, der über ein Zuviel an Nachgiebigkeit und Duldſam⸗ keit verfügen konnte. Dabei befand er ſich in einer durch die vorhergegangene Thätigkeit hervorgerufenen außergewöhnlichen Aufregung und ſo kam es, daß er, der Lenker der parlamentariſchen Debatte, den un⸗ parlamentariſchen Ausfall des Schmieds noch unparla⸗ mentariſcher erwiderte, bis in dem ausgebrochen Wort⸗ kriege Ausdrücke fielen, die eine ziemlich eingehende Kenntniß der Streiter mit den hervorragendſten Ver⸗ tretern der Hausthiere, der einhufigen ſowohl wie der wiederkäuenden, beurkundete. Nachdem dieſe im Parlamentarismus bis jetzt noch nicht allgemein zur Anwendung kommenden Namenbenen⸗ nungen erſchöpft zu ſein ſchienen, ergriff der Schmied den ⅛¼ ſpuckenden und geifernden Beamten am moltengen nund ſetzte ihn mit einer Gewandtheit, welche davon Zeugniß ablegte, daß er nicht zum Erſtenmale in dem Falle ſei eine derartige Execution auszuüben, vor die Saalthüre. „So, jetzt ſchimpfen Sie weiter,“ rief er ihm nach, „aber de draußen. Wenn Sie wieder hereinkommen ſollten, ſo ſetze ich Sie nicht ſo ſanft heraus, ſondern dann fliegen Sie die Treppe hinunter. Merken Sie ſich's.“ Und damit ging in ſchnell wiedergewonnenem Gleich⸗ muth der Schmied zurück an ſeinen Platz. Je geringer entwickelt eine Berülkergfs iſt & , um ſo gewichtiger fällt bei ihr der körperlithe Effect in die Wagſchale. Der Schmied hatte Grünbein hinaus⸗ geworfen, die Sympathieen neigten ſich in Folge deſſen dem Schmied zu und wendeten ſich in eben dem Maaße nicht nur von Grünbein, ſondern auch von deſſen Schützling Hohl ab. Folgerichtig ſüinden die Ausſichten für die Parthei, welche ſich für den Baron Sternenkron als Candida⸗ ten entſchieden hatte.. Und dennoch wurde auch dieſer nicht gewählt. Es war ihm nie eingefallen, ſich um ein Mandat bewer⸗ ben zu wollen; er hatte gar nicht geglaubt, daß man überhaupt damit Ernſt machen würde, ihn als Can⸗ didaten aufzuſtellen. Erſt als er ſah, daß er ziemlich gegründete Ausſichten hatte gegen Hohl durchzudringen, verlegte er ſich auf's Temporiſiren; die Genugthuung wollte er ſich doch nicht verſagen, dieſem Gegencandi⸗ — 135 daten den Brodkorb für's Abgeordnetenhaus höher zu hängen.— Nachdem die Candidatur Hohl's dergeſtal paralyſirt war, daß an ein Durchdringen derſelben nicht mehr gedacht werden konnte— ein Reſultat, das nicht zum kleinſten Theile durch Rappel's und dadurch der ganzen Turnerſchaft Paſſivität erfolgt war erklärte Baron Sternenkron, daß ſeine momentanen Verhältniſſe ihm nicht geſtatten, eine auf ihn fallende Wahl anzunehmen. Er für ſeine Perſon gebe ſeine Stimme dem penſionirten Aſſeſſor Herrn Kratzeiſen, den er gleichzeitig als Stellvertreter empfohlen haben wolle. Der Leſer erſtaunt,—„penſionirter“ Aſſeſſor? Ja; durch die Erklärung des Barons erfuhr Linden⸗ heim zuerſt, daß es ſeinen altgewohnten Aſſeſſor Kratz⸗ eiſen verlieren ſollte. Und wie es in ſolchen Fällen zu gehen pflegt, vergaß man die vielfachen gerechten Ur⸗ ſachen, die man über den Scheidenden zu klagen hatte, um ſich nur an das im Großen und Ganzen doch ungetrübte langjährige Beiſammenleben zu erinnern. Auf einmal hatte Kratzeiſen Sympathieen und dieſe Sympathieen verhalfen ihm wirklich zu einem Sitz in der Kammer als Vertreter des Wahlkreiſes Linden⸗ heim. Die Penſionirung ſelbſt war von Seite Kratzeiſens eine nicht nachgeſuchte, ſondern ſie war„aus admini⸗ ſtrativer Erwägung“ erfolgt.— Der Herr Bezirks⸗ amtmann hatte nicht ſo bald die verträgliche Stim⸗ mung entdeckt, die zwiſchen dem Baron Sternenkron und dem Aſſeſſor Kratzeiſen aufgegangen, als er auch 136 alle Minen arbeiten ließ, ſich des Aſſeſſors zu ent⸗ ledigen. Der ſchon viele Jahre hindurch angeſammelte Stoff hatte endlich doch dem Bezirksamtmann den Willen gethan.— Kratzeiſen wurde penſionirt. Abber mit Hilfe Leontinen's konnte Baron Sternen⸗ kron, dem neuen Kammermitgliede einen Erſatz für ſeinen Verluſt bieten. Auf Empfehlung Fräulein Le⸗ vascy's, der Braut des Barons Sternenkron, übernahm bald hernach der penſionirte Aſſeſſor die einträglichere Stellung eines Domainendirectors bei einem Standes⸗ herrn. Ob Kratzeiſen, der Abgeordnete, daran Theil hatte, daß bald hernach der Bezirksamtmann von Linden⸗ heim ohne Nachſuchen auf den ſchlechteſten Amtsſitz des ganzen Landes verſetzt wurde, iſt niemals ganz zweifellos geſtellt worden.— — „. Sechſtes Kapitel. Schluß. Während der Wochen, die zwiſchen den Ereigniſſen bei und unmittelbar nach der Fahnenweihe der Lin⸗ denheimer Turner und der Wahlverſammlung zum Landtag verſtrichen, hatten ſich in Bezug auf die ver⸗ ſchiedenen Heirathscandidaten unſerer in den letzten Zügen liegenden Geſchichte weſentliche Veränderungen, wenigſtens ſolche, die nicht vorauszuſehen geweſen wä⸗ ren, nicht ergeben. Der Baron Sternenkron hatte vollauf in Stern⸗ heim zu thun gehabt, denn es war allerdings da drau⸗ ßen nicht nur viel, ſondern Alles ſo viel wie neu zu machen. Neue Flecken auf alte Kleider gehen nicht und darum hatte der Baron ſich entſchloſſen, ſein Hausweſen ganz von Grund aus neu einzurichten. Nachdem die Meinung ſeiner Braut, daß es am Beſten ſein werde, eine Hochzeitsreiſe nicht zu machen, zum Beſchluſſe er⸗ hoben war, wollte Baron Sternenkron wenigſtens den Eintritt ſeiner Frau in's neue Heim mit ſo viel Com⸗ fort wie möglich für dieſelbe bewerkſtelligen. Daß hierbei die bekannten zehntauſend Gulden von Leon⸗ tinens Bankier völlig d'rauf gingen, darf allerdings nicht befremden. Der Baron hielt die Arbeitsleute, die in Stern⸗ heim tünchten, malten, tapezierten, anſtrichen, klopften, hämmerten und allen möglichen ſonſtigen Spektakel machten, in unausgeſetzter Thätigkeit, war ſelber vorne und hinten, theilte die ankommenden Möbel in die verſchiedenen Zimmer ein, berathſchlagte eifrig mit Tapezierer und Gärtner, kurz, kam vor lauter Geſchäf⸗ tigkeit kaum zu Athem, folglich auch nur ſehr ſparſam zum Briefe ſchreiben an ſeine Braut. Denn Fräulein Levasco war nach den letzterzähl⸗ ten Ereigniſſen von Lindenheim wieder abgereiſt, um ihrerſeits alle Vorkehrungen zur Ueberſiedlung nach Sternheim und zur Verwandlung ihrer eigenen Per⸗ ſon in die Freifrau von Sternenkron zu treffen. Je näher dieſer Zeitpunkt rückte, um ſo ernſter nahm es Leontine mit dieſer Aufgabe. Durch ihre endliche Verlobung mit dem Geliebten ihrer Jugend war in Wirklichkeit eine große Veränderung in der Sängerin vorgegangen. Sie ſah nicht theilnahmslos das Beſtreben des Barons, mit ihr ein häusliches Eeheglück ſich gründen zu wollen und manche Erinne⸗ rung ihrer Vergangenheit erfüllte ſie jetzt mit geheimer, leider vergeblicher Trauer.— Unſere geſellſchaftlichen Satzungen ſind nun einmal ſo, daß ſie nur dem Manne das Privilegium zuſprechen, über nichts, was hinter ihm liegt, erröthen zu müſſen; bei ihm genügt es, nach durchgetollten und durchgeraſten Jahren ſich einmal . ſoliden Leute. Bei den Frauen iſ 139 ein„Halt“ zuzurufen, ſich vorzunehmen,„jetzt will ich nicht mehr“ und er ſteht wieder gereinigt in den Reihen der t das nicht ſo, bei cht ein ganzes Leben der Reue nicht die Er⸗ ihnen löſ innerung an einen einzigen kurzen Augenblick, in dem ſie ſich vergaßen. Und Leontine hatte ſolcher Augen⸗ blicke mehrere. Aber ſie wollte daran nicht täglich gemahnt wer⸗ den. Sie wollte auch die letzte Kette zerreißen, welche ſie mit ihrem abgeſchloſſenen Leben verband,— Karo⸗ line, die langjährige, vertraute Dienerin wäre für die Baronin Sternenkron eine ſtets läſtige und unbequeme Mahnung geblieben. Karoline hatte ſich im Dienſte ihrer Herrin wohl etwas erſpart. Jetzt gedachte ſie— da ſie ſelber wohl einſah, daß ihres Bleibens in Sternheim auf die Dauer doch nicht war— ſich ſelbſtſtändig zu machen. Leontine hieß dieſen Plan vollſtändig gut, dankte ihr für ihre treuen Dienſte noch reichlich damit, daß ſie ihr ein Putzgeſchäft in der Hauptſtadt einrichtete und ihr verſprach, eine treue Kundin zu bleiben. Das„Atelier“ Karolinens bekam Zulauf, die Prin⸗ zipalin benahm ſich mit ſo viel Takt, daß ſie die Fa⸗ voritlieferantin der angeſehenſten Häuſer der Reſidenz wurde.— Auch zahlreiche Heirathsanträge liefen bei Karolinen ein, ſie ſchlug aber alle aus. Daß dies lediglich nur in Rückſicht auf den niedlichen blonden Buchhatter geſchehe, der oft bis ſpät in die Nacht hinein an dem Eintragen der Geſchäftsbücher bei ſeiner Prinzipalin arbeitete, war jedenfalls nur eine mali⸗ tiöſe Erfindung der Laden⸗ und Putzmamſells, auf deren moraliſche Aufführung im Geſchäfte Karoline ein ſehr wachſames und ſtrenges Auge hatte. Fräulein Apollonia Graf kam nach einem Aufent⸗ halt von wenigen Tagen in der Hauptſtadt wieder nach Lindenheim zurück. Genau hat ſie Niemand die Details ihrer Unter⸗ redung mit dem großen Cäſar Hohl mitgetheilt. Aber jedenfalls war die Unterredung eine ſehr eingehende geweſen, denn ſie hatte über eine Stunde gewährt und der vielbeſchäftigte Redacteur hatte dem Factotum der Zeitung den gemeſſenen Befehl ertheilt, während der⸗ ſelben unbedingt Jedermann abzuweiſen und Niemand ohne Ausnahme vorzulaſſen. Als Apollonia ſich ent⸗ fernte, war ſie lebhaft erregt und glühte mit dem ganzen Angeſicht. Vermuthlich hatte es ſie doch ſehr angeſtrengt, andauernd ſo laut zu ſprechen, daß der halb taube Hohl ſie verſtehen konnte. Freilich hatte man von einer lauten Debatte zwiſchen Hohl und Apollonia im Nebenzimmer oder Corridor nichts ver⸗ nommen. Dennoch waren die großen Hoffnungen Apollonig's, denen ſie in ihrer Unterredung mit Emil Mohl Aus⸗ druck gegeben, wie es ſchien, ſehr reduzirt, als Fräu⸗ lein Graf nach Lindenheim zurückgekehrt war. Sie wäre ſonſt wohl nicht ſo nachdenklich geweſen. Dem Geliebten berichtete ſie, daß Herr Hohl zwar ſehr freundlich und zuvorkommend gegen ſie geweſen ſei, ihr auch die beſten Hoffnungen und Ausſichten für die Zukunft gemacht habe, daß ſie ſich mit Emil nur 141 vertrauensvoll an ihn wenden möchte, denn er werde allen ihren Projecten nach Thunlichkeit förderlich ſein und was dergleichen Verſicherungen mehr ſind, die im Volksmund den mißkreditirten Namen„Kanzleitroſt“ haben. Freilich an eine beſtimmte Zuſage nach irgend einer Richtung wollte Herr Hohl ſich nicht binden, auch war im Moment auf ſeinem Redactionsbureau kein Poſten leer, den er Emil hätte übertragen können. Davon, daß Herr Hohl überhaupt den Eintritt in ſeine Redaction von einem vorgängigen Nachweis ab⸗ hängig machte, daß der betreffende Petent auch„zu brauchen“ ſei, ſchwieg Apollonia. Sie bezog dieſen Nachweis der Brauchbarkeit auf die wiſſenſchaftliche Bildung des Novizen und war in dieſer Beziehung natürlich vollſtändig von der mehr als zureichenden Befähigung ihres Bräutigams überzeugt, ſo daß ſie hierin in die ſchönſten Ausſichten ſich hineinträumte. Sie hatte keine Ahnung davon, daß die Brauchbarkeit eines Hohl'ſchen Redacteurs ganz andere Eigenſchaften umfaſſen mußte, Eigenſchaften, welche ſich um ſo üppiger entfalteten, je elaſtiſcher die Begriffe des In⸗ dividuums über Ehre, Anſtand und Charakter waren. Emil Mohl erfaßte es bei dieſen Nachrichten doch wie ein gelindes Schauern. So liebesſelig er war, ſo war ihm doch nicht aller Sinn für's praktiſche Leben abhanden gekommen und in Momenten des Alleinſeins packte es ihn häufig mit banger Sorglichkeit, daß es doch Vermeſſenheit und Leichtſinn ſei, auf eine ſo — — — — 5 — — 142 ſchwankende Baſis ſein künftiges Heimweſen aufbauen und in daſſelbe eine Frau einführen zu wollen. Aber Apollonia ſprach alle dieſe Sorgen, denen der junge Mann nur hier und da verblümt einen ſchwachen Ausdruck gab, raſch hinweg. Je länger ſie von der Hauptſtadt zurück war, um ſo hoffnungsſeliger benahm ſie ſich, ja ſie wurde geradezu gereizt, wenn — ſei es von Seite der Eltern, ſei es von Seite Emil's— irgend etwas geſprochen wurde, was irgend⸗ wie auf die Möglichkeit gedeutet werden konnte, es ſolle die Verheirathung noch hinausgeſchoben werden. Mehrere Wochen waren ſo vergangen, Emil's Be⸗ finden war derart, daß er unbeſorgt reiſen konnte. Der Tag ſeiner Rückkehr nach der Hauptſtadt war feſtgeſetzt: Apollonia hatte den Geliebten nicht zurück⸗ gehalten, denn je früher er ging, um ſo eher war er ja in der Lage ſie zu ſich zu holen in's eigene Neſtchen. Vater Graf, der während der ganzen Abwicklung der Angelegenheit von ſeiner Tochter Verlobung wie das fünfte Rad am Wagen behandelt worden war, war am letzten Abend, den Emil als Gaſt in ſeinem Hauſe zubrachte, ausnahmsweiſe nicht in's Wirthshaus gegangen, ſondern hatte dem ſcheidenden Schwieger⸗ ſohne in spe Geſellſchaft geleiſtet. Der Herr Chor⸗ regent hatte im Grunde ſeines Herzens den jungen Mann recht lieb gewonnen, denn Emil Mohl war auch ein kreuzbraver Junge, dem man recht herzlich gut ſein konnte. Nichtsdeſtoweniger war der Regent doch nicht ſo recht froh über die in Ausſicht ſtehende Verbindung, ja er hatte ſogar den für ihn ſtaunens⸗ — 43 3 143 8.l werthen Muth gehabt, dieſerhalb gegen ſeine Frau hausväterliche und eheherrliche Bedenken zu äußern. Aber da war er ſchön angekommen. Frau Graf ſchlug die Attake des Gatten ſo glänzend und ſiegreich zurück, daß dieſem alle Luſt verging, ſich künftig noch einmal in die Angelegenheiten ſeines eigenen Hauſes zu miſchen. In Folge deſſen ergab ſich Vater Graf in ſein Schick⸗ ſal und ſuchte ſich den Glauben anzueignen, daß die Parthie ſeiner Tochter eine ganz glücklich gewählte ſei. Ein Abſchiedsfeſt, mag es auch noch ſo wenig Anlaß zu Trauer bieten, iſt immer eine kleine Ausnahme von der Regel. Die Familie Graf, wozu jetzt Emil Mohl eigentlich doch ſchon gerechnet werden durfte, ſaß im Wohnzimmer um den Ahorntiſch und mühte ſich ab, ein leidlich animirtes Geſpräch zu Stande zu bringen, ohne daß der erzielte Erfolg im Einklang mit den aufgewendeten Mühen geweſen wäre. Ein Jedes hing ſeinen eigenen Gedanken nach und da es dieſelben nicht ausſprechen konnte oder wollte, ſo hatte die Stimmung im Ganzen etwas Gezwungenes. Nament⸗ lich war Apollonia ſehr nachdenklich und ſchweigſam, was natürlich auf Rechnung der für morgen bevor⸗ ſtehenden Trennung von dem Bräutigam geſetzt wurde. Wie am Abend ſeines Eintreffens in Lindenheim, ſo auch heute, traktirte Frau Graf die Geſellſchaft zum Schluß mit Punſch und es konnte nicht fehlen, daß die Gedanken von Emil und Apollonia ſich um die Erinnerungen an jenem erſten Abend ihres Bei⸗ ſammenſeins drehten.. Apollonia war aufgeſtanden und hatte ſich an das 8 „ 144 eine Fenſter geſtellt, von wo aus ſie der Vater nicht beobachten konnte. Sie ſchaute auf den ehemaligen Kloſter⸗ jetzt Brauhof hinab. Emil ging der Geliebten nach und ſtellte ſich an ihre Seite. „Weißt Du noch den erſten Abend, den ich hier war?“ fragte er leiſe. „Ob ich's weiß,“ ſprach ſeufzend Apollonia,„ohne ihn wäre wohl Alles anders gekommen.“ „Was ſicht Dich nur an, liebes Lonchen?“ ſagte Emil voll Beſorgniß,„was hätte denn anders kommen ſollen?“ „Ach gar manches,“ ſeufzte Apollonia weiter,„ohne jenen erſten Abend hätte ich Dich wohl kaum mehr anders, wie flüchtig geſehen und geſprochen. Du wärſt dann mit Deinen Kameraden nach beendetem Feſte nach Hauſe zurückgekehrt—“ „Halt, halt,— Du vergiſſeſt meine Verletzung,“ unterbrach ſie der junge Mann. „Die hätteſt Du wohl auch nicht bekommen, wenn der Abend vorher nicht geweſen wäre; Du hätteſt dann auf Dein Reck und nicht nach mir geſehen und wäreſt ohne Verletzung davon gekommen.“ „Weißt Du, daß mich das, was Du ſprichſt, recht traurig macht,“ klagte der junge Mann,„Du bereuſt ſchon die ſchönſte Minute unſerer gemeinſamen Erin⸗ nerungen: den erſten Kuß.“ „Nun fängſt Du auch noch an, mich zu quälen,“ jammerte Apollonia,„ich bedarf heute der Aufrichtung, und Du machſt mir den Abſchied noch ſchwerer.“ „Na, Kinder,“ ſprach gutmüthig der Chorregent, V 145 „was habt Ihr denn da hinten zu ziſcheln? Zankt Ihr Euch etwa ein wenig? Das ſchad't nichts. Ueb⸗ rigens laß Dir rathen, Emil, gib nach, es hilft Dir doch nichts, Widerſtand leiſten zu wollen. Unter den Pantoffel kommſt Du doch, das iſt ſicher,— das hat die Loni von meiner Alten gelernt oder geerbt.“ Während der Chorregent ſo nach ſeiner Art neckte, ziſchelte Apollonia ihrem Geliebten in's Ohr: „Ich will Dich heute noch allein ſprechen, laſſe Deine Zimmerthüre offen.“ Allmälig verſcheuchte der Punſch doch die anfäng— lich etwas unbehagliche Stimmung, man ſprach weni⸗ ger gezwungen, lachte natürlicher und trank mit mehr Behagen.. Namentlich ſorgte Apollonia dafür, daß ihres Bräu⸗ tigams Glas ebenſo oft gefüllt wurde, als er es auf ihre Anregung hin leeren mußte und ſie hatte für ihn die Aufforderung zu manchem ſpeziellen Toaſt. Apollonia hatte während der Wochen ihres Be⸗ kanntſeins mit ihm den Bräutigam ſorgfältig ſtudirt, ſie hatte entdeckt, daß er empfindlich war und Recht⸗ lichkeit beſaß. Die Rückſichtnahme auf dieſe beiden Eigenſchaften des Geliebten, leiteten ihr Benehmen am heutigen Abend. Wir wollen darüber ſo ſchnell wie möglich hinweg⸗ 1 gehen.— Lange hatte Emil Mohl auf ſeiner Stube auf den ihm verſprochenen Beſuch ſeiner Braut ver⸗ geblich gewartet. Als längſt Alles im Hauſe ſtill ge⸗ worden war und er die Hoffnung aufgegeben hatte, daß Apollonia noch erſcheinen werde, begab er ſich zu Reichner, Stürme im Waſſerglas. III. 10 =* Bette. Schon war er im Begriffe einzuſchlafen, als etwas in ſein Zimmer huſchte, es war Apollonia. Sie überſchüttete ihn mit den zärtlichſten Verſicherungen ihrer Liebe, verlangte ihm die heiligſten Eidſchwüre für ſeine unverbrüchliche Treue ab, wechſelte mit gluht⸗ hauchenden Küſſen und beſorgnißſchweren Thränen ab, kurzum benahm ſich ſo, daß der von Liebe und Punſch erregte junge Mann ſich förmlich im Delirium befand. Als Apollonia nach etwa einer Stunde ſich lautlos zurück nach ihrem Stübchen ſchlich, hatte ſie für ihren künftigen Gatten keine weitere Gunſt mehr aufbewahrt. Jetzt war ſie nach Art des Characters von Emil ſeiner ſicher. Zum Erſtenmale ſeit ihrer Heimkehr aus der Hauptſtadt ſchlief Apollonia zufrieden ein.— Es iſt für manches Mädchen wirklich keine kleine Auf⸗ gabe ſich unter die Haube zu bringen.— Im Benefiziatenhaus ging äußerlich auch Alles ſeinen gewohnten Gang. Der Herr Benefiziat Kölb⸗ lich verbrachte den größten Theil ſeines Tages im alten Lehnſtuhl vor dem alten Schreibtiſch, ganz wie immer, und die alte Gertrud ſchimpfte ſich und andere Leute mit und ohne Grund den ganzen Tag wie im⸗ mer. Das war aber Alles nur äußerlich.* Die Vormundſchaftsbehörde hatte Aegidius ſein Vermögen ausgehändigt und nach Anerkennung aller Vormundſchaftsrechnungen dem Benefiziaten ſein be⸗ trächtliches Legat ausbezahlt. Der Benefiziat hatte daſſelbe, ſo wie er es erhalten— ſämmtliche Papiere, Urkunden, Pfandbriefe u. ſ. w. verſchnürt, wie ſie ihm übergeben worden waren, nachdem er ſich die Vor⸗ 1454 zählung verbeten hatte,— in ſeinen Schreibtiſch ge⸗ ſperrt und wenn juſt auch keinen Eidſchwur darauf abgelegt, ſo doch ſich feſt vorgenommen,„den ganzen Plunder“ da liegen zu laſſen, bis er ihn auf einmal loswerden könne. Und wann wird das ſein? Der Aegidius iſt wieder abgereiſt; er iſt nach Wien gegangen, wo er ſich um eine ſeinen Fähigkeiten paſſende gerade vacante Stel⸗ lung bewerben will, denn er gedenkt in Zukunft nicht mehr zu concertiren, wenigſtens nicht mehr wie bisher als Virtuoſe durch die Welt zu ziehen. Ehe er Lin⸗ denheim verließ, hatte er noch eine Unterredung mit, ſeinem ehemaligen Vormund Kölblich, in Folge deren ſich plötzlich der alte Benefiziat ganz auffallend darum bekümmerte, ob denn auch Vorkehrung getroffen ſei für eine Ausſtattung ſeiner Nichte Anna, falls ſich das Mädchen verheirathen ſollte. 8 Die alte Gertrud brachte daraufhin den Mund gar nicht mehr zu; daß man vor ihr offenbare Heim⸗ lichkeiten habe, ſei der ſchwärzeſte Undank, der je vor⸗ gekommen, meinte ſie, dabei aber machte ſie Einkäufe über Einkäufe. Wenn Anna ihr allen Ernſtes Vor⸗ ſtellungen machte und ihr bedeutete, daß es doch ganz entſchieden Thorheit ſei, Putzkübel und Scheuerbürſten nach dem Dutzend auf Vorrath zu kaufen, ſo ſchnauzte die alte Gertrud das junge Mädchen an: „Das verſtehen Sie ja nicht, dazu ſind Sie noch zu jung. Wenn Sie erſt verheirathet ſein werden, werden Sie erſt einſehen, daß man Alles brauchen kann.“ Und wenn dann Anna entgegen betheuerte, daß 10* 148 ſie ja noch gar keine Idee an's Heirathen hätte, ſchalt wohl Gertrud: „Das wäre wohl auch das Klügſte; Sie ſind ja noch ein ganz junger Kiek⸗in⸗die⸗Welt, der faſt ſelber noch die Eierſchaale auf dem Rücken trägt. Das wird eine ſchöne Haushaltung geben, wenn die alte Gertrud nicht hinten und vorne nachſehen kann.“ Und in der That befand ſich Anna in einer ganz eigenthümlichen Lage. Es gewann ganz den Anſchein, als ob der Onkel Kölblich ſie friſchweg zu/ heirathen gedächte, ohne ſie vorher darum zu befragen. Aller⸗ dings überlegte ſich Anna, daß der vom Onkel in Ausſicht genommene Bräutigam kein Anderer ſein könne, als Aegidius und ſie hätte auch gar gerne„Ja“ ge⸗ ſagt, wenn dieſer ſie gefragt hätte, ob ſie ſeine Frau werden wolle, aber das war ja gar nicht geſchehen und wenn auch, was immerhin möglich war, Aegidius hierwegen mit dem Benefiziaten geſprochen, ſo war das nach Anna's Meinung denn doch nicht genug. Sie verlangte ſehr danach, auch befragt zu werden. Und Aegidius hatte nach jener Unterredung mit ihr, an deren Schluß er zu ihrer namenloſen Ueber⸗ raſchung ihr die Hand geküßt, was ihr in ihrem ganzen Leben nicht paſſirt war, ja was ſie ſogar noch gar nie bei Anderen geſehen, ſo daß ſie geglaubt hatte, Hand⸗ küſſe würden überhaupt nur von Kindern geleiſtet, nicht ein einziges Wort weiter mit ihr über jenes Thema von damals geſprochen, ſondern beim Abſchied, der in Gegenwart des Onkels ſtattgefunden, ihr nur die Hand gedrückt und geſagt: ——————ÿy öõ,.– —,— „Ich komme bald wieder, vergeſſen Sie mich bis dahin nicht.“ Freilich hatte er ſie bei dieſen Worten ſo ſeltſam tief und eindringend angeſchaut, daß ſie es bis hinein in ihr heftig hämmerndes Herzchen verſpürt hatte und recht ärgerlich über ſich ſelber geworden war, daß ſie gar ſo ungeſchickt und unbehülflich ſei, denn ſie hatte dem Aegidius, der doch ſo freundlich dabei ausgeſchaut, gar keine Antwort zu geben gewußt. Seitdem Anna ſich durch die Thatſachen hatte be⸗ lehren laſſen, wie ſchlimm die Klätſchereien in Linden⸗ heim mit Aegidius umgeſprungen und wie leichtſinnig man über ihn Erfindungen weitergetragen, hatte ſie ein großes, ja unbegrenztes Vertrauen gegen den ehe⸗ maligen Mündel ihres Onkels. Der Umſtand, daß Aegidius mit ſo viel Gleichmuth die über ihn ausge⸗ ſtreuten Gerüchte ertragen und ihnen nichts weiter, als eine völlige Nichtbeachtung entgegen ſetzte, hatte dem jungen unerfahrenen Mädchen einen gar gewaltigen Reſpect vor dem Charakter des jungen Mannes ein⸗ geflößt. Und als der Verlobung der fremden Dame auf der„Poſt“ mit dem Baron Sternenkron bald die⸗ jenige von Apollonia mit Herrn Emil Mohl folgte, ſchalt ſich Anna recht herzlich aus, daß ſie anfänglich den Klatſchereien, die ihr von Gertrud, der Gerichts⸗ ſchreiberin Haslinger und der Regiſtratorin Kunkel mitgetheilt worden waren, Glauben geſchenkt und ſich dieſerwegen ſogar eine Zeit lang recht unfreundlich gegen den verläumdeten Aegidius benommen hatte. Uebrigens hatten die würdigen Damen Haslinger 150 und Kunkel mit der Veröffentlichung der ſo reichen Stoff für Kaffeeviſiten bietenden Verlobungen des Barons von Sternenkron mit Fräuleiu Levasco und Emil Mohl's mit Apollonia Graf nicht aufgehört, ihre eigenſten Gedanken aufrecht zu erhalten. So ganz ſauber— deſſ' waren die achtungswerthen Weiber un⸗ widerleglich überzeugt— waren die ganzen Geſchich⸗ ten doch nicht. Denn es war weder verſchwiegen ge⸗ blieben, daß Frau Graf einen Beſuch bei Aegidius Keller auf deſſen Stube im Gaſthof gemacht, noch daß Apollonia der fremden Dame auf der„Poſt“ eine Scene bereitet hatte. Und als nun vollends gar, wieder wie bei ihrem erſten Beſuche in Lindenheim, Fräulein Levasco und Aegidius abermals an zwei aufeinander folgenden Tagen eintrafen und im Gaſthof zur„Poſt“ abſtiegen, da eilte Frau Gerichtsſchreiber Haslinger ſofort zu ihrer Freundin der Frau Regiſtrator Kunkel, um ſich mit dieſer freundſchaftlich über dieſes höchſt eigenthüm⸗ liche Ereigniß auszuſprechen. Die Frau Regiſtrator Kunkel hatte aber gleich⸗ zeitig die wichtige Mittheilung erfahren und hatte ſich auch ihrerſeits beeilt, ſich darüber mit ihrer Buſen⸗ freundin, der Gerichtsſchreiberin, in's Benehmen zu ſetzen. Die beiden Frauen begegneten ſich deshalb auf halbem Wege zwiſchen ihren beiderſeitigen Wohnungen. „Wiſſen Sie's ſchon, liebe Kunkel?“ rief die Eine. „Haben Sie's auch ſchon gehört, vortreffliche Has⸗ linger?“ entgegnete die Andere. — ᷣ— ÿ——’ ——— — 151 Es war ein Beweis der höchſten Intimität, daß ſich die beiden Frauen ohne ihre Titel anſprachen. „Gott ſei Dem gnädig, den die Zwei zwiſchen den Zähnen haben,“ dachte ſich Wacker, der eben in einiger Entfernung von den gegenſeitig heftig in ſich hinein⸗ redenden Weibern vorüberging, um ſich zu Herrn Doc⸗ tor Rappel zu begeben, bei dem er ſich in letzter Zeit öfter einfand, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, das heißt, um dieſelben Tiraden, die der Advocat von jeher ge⸗ ſprochen, immer und immer wieder geduldig anzuhören. So beliebt Baron Sternenkron ſich namentlich da⸗ durch in der letzten Zeit gemacht hatte, daß er den Handwerksmeiſtern in Lindenheim vielfache Beſchäfti⸗ gung gegeben, ſo hatte er ſich doch der Gefahr ausge— ſetzt, allen Tadel gegen ſich herauszufordern durch den Streich, den er den guten Lindenheimern mit ſeiner Trauung ſpielte. Fräulein Levasco war Abends mit Extrapoſt an⸗ gekommen. In ihrer Begleitung befand ſich eine neue Kammerfrau, die erſt wenige Tage vorher ihren Dienſt angetreten und ihre neue Gebieterin früher gar nicht gekannt hatte. Baron Sternenkron hatte ſeine Braut aus dem Wagen gehoben, ſie auf ihre Zimmer geleitet und war bald hernach nach Sternheim zurückgekehrt, während Fräulein Levasco ſich frühzeitig zur Ruhe begab. Am andern Morgen kam, ebenfalls mit Extrapoſt, Herr Aegidius Keller an, der ſich bei dem ihn begrü⸗ ßenden Poſthalter ſofort erkundigte, ob Fräulein Le⸗ vasco ſchon eingetroffen ſei. Auf die bejahende Ant⸗ wort verlangte Aegidius, daß man ſeine Ankunft der Dame ſofort anzeige, während er ſelbſt auf ſeine Stube ging und ſich umkleidete. Auch der Baron Sternenkron war bald hernach von Sternheim hereingekommen, ſonderbarer Weiſe und ganz entgegen ſeinen Gewohnheiten, mit einem Cylin⸗ derhut auf dem Kopfe, während er den leichten Som⸗ merüberzieher von oben bis unten zugeknöpft hatte. Seine erſte Frage beim Betreten des Gaſthofs war merkwürdig genug nach Herrn Keller, ob dieſer ſchon angekommen ſei. Das Alles war ſo geheimnißvoll für den Poſt⸗ halter, daß er bereits darüber nachzubrüten begann, ob es ſich hier nicht vielleicht um ein Duell handeln möchte. Der Baron war alsdann zu ſeiner Braut gegangen, und von dieſer weg hatte er ſich die Hauptſtraße des Städtchens hinab begeben. Bald hernach hatte Aegidius ſich bei Fräulein Levasco anmelden laſſen, welche offenbar auf ſeinen Beſuch gewartet hatte, denn ſie ſtand fertig bereit zum Ausgehen in ihrer Stube und ging dann ſogleich an Aegidius' Arm weg. Sonderbarer Weiſe war Aegidius ganz ebenſo ge⸗ kleidet wie der Baron, das heißt er trug ganz wie dieſer ausnahmsweiſe einen Cylinderhut und einen von oben bis unten zugeknöpften Sommerüberzieher. Fräulein Levasco dagegen hatte ſich gegen die Sonne durch einen undurchſichtigen Schleier, den ſie um den Kopf geſchlungen hatte, geſchützt und trug ———ÿ— —— — 153 überdem einen weiten, bis zur Erde herabfallenden Radmantel aus dünnem Gewebe, wodurch ihre eigent⸗ liche Toilette vollſtändig verdeckt war. Der Poſthalter verſtand von der Unterhaltung der Beiden, während ſie das Gaſthaus verließen, nur, daß Aegidius ſich entſchuldigte, ſo ſpät eingetroffen zu ſein, aber er wäre unterwegs, ſehr gegen ſeinen Willen aufgehalten worden; er habe ſich darum auch telegraphiſch Poſtpferde an die letzte Bahnſtation be⸗ ſtellt, um noch rechtzeitig anzukommen. Dieſes„noch rechtzeitig“ machte dem Poſthalter allerdings zu ſchaffen. Namentlich wenn er bedachte, daß der Bräutigam der Dame kurz vorher erſt weg⸗ gegangen und die Braut ſichtlich nur dieſes Weggehen abgewartet hatte, um dann mit Aegidius ſich zu ent⸗ fernen, demſelben Aegidius, der gerade„noch recht⸗ zeitig“ eingetroffen zu ſein erklärt hatte. Die Ge⸗ ſchichte war ſehr geheimnißvoll, das unterlag keinem Zweifel. Fräulein Levasco ſchlug mit Aegidius denſelben Weg ein, den kurz vorher der Baron gegangen war. Nach kaum einer halben Stunde kam ſie wieder zurück, diesmal aber am Arme des Barons. Was war inzwiſchen vorgefallen? Sie hatte ſich in der Zwiſchenzeit durch den Be⸗ nefiziaten Kölblich mit dem Baron trauen laſſen; als Fräulein Levasco war ſie aus dem Gaſthof wegge⸗ gangen, als Baronin Sternenkron kehrte ſie dahin zurück. 3 Die neugierigen Lindenheimer waren um ein lange 154 erwartetes Schauſpiel betrogen, denn in der Kirche befanden ſich außer den Brautleuten nur der Bene⸗ fiziat, der Küſter, ſowie die beiden Zeugen Aegidius und Kratzeiſen. Einige alte Betſchweſtern, welche weniger wegen der zu verrichtenden Andacht, als wegen der in ihr herrſchenden Kühle in der Kirche anweſend waren, hatten von der ſtattfindenden Trauung nicht das Ge⸗ ringſte bemerkt, denn dieſelbe fand in der Sakriſtei ſtatt, wohin Jedermann der Zutritt unterſagt geblie⸗ ben war. Erſt in der Sakriſtei hatte Aegidius den Benefi⸗ ziaten wieder zu ſehen bekommen; wir wiſſen ja, daß der junge Mann erſt ganz knapp vor der feſtgeſetzten Trauungsſtunde in Lindenheim eingetroffen war. Als ſich das Hochzeitspaar von dem Geiſtlichen und den beiden Trauzeugen verabſchiedet hatte, em⸗ pfahl ſich auch Kratzeiſen, der bei dieſer feſtlichen Ge— legenheit ſeinen neuen ſchwarzen Frack, den er ſich für ſeine Abgeordneten⸗Laufbahn hatte anfertigen laſſen, eingeweiht hatte. Kölblich und Aegidius gingen allein nach dem Benefiziatenhauſe. Unterwegs erkundigte der junge Mann ſich nach Anna, von der ihr Onkel natürlich nichts weiter zu ſagen wußte, als daß ſie ſich geſund befinde. „Haben Sie inzwiſchen von mir zu ihr geſprochen?“ fragte Aegidius. „Von Dir?“ entgegnete Kölblich,„mit keiner Silbe. Weißt Du, ich rede nicht gern in den Tag hinein.“ „Ei, Sie werden doch die Verlobung Ihrer Nichte — ———— ——-—— 5 155 nicht als eine ſo völlig gleichgültige Sache betrachten,“ remonſtrirte Aegidius. „Die Verlobung nicht, aber das Drumherumſchwätzen,“ entſchied der Benefiziat.„Was hätte ich dem Mädchen ſagen ſollen? Fragen, willſt Du ihn? Dann hätte ſie Ja geantwortet und ich wäre mit meinem Latein zu Ende geweſen.“ „Aber eben dieſe eine Frage haben Sie nicht ge⸗ ſtellt,“ wendete Aegidius ein. „Weil ſie unnütz geweſen wäre. Ich hätte dann nur die ganze Zeit, ſo lange Du ausbliebſt, alle Tage über Dich eine Menge Fragen beantworten müſſen und für ein Geplauder mit einem jungen verliebten Mädchen taugt mein alter Kopf nicht.“ Die Zuverſichtlichkeit des Beneſiziaten hatte wenig⸗ ſtens das Gute, daß ſie Aegidius mit einer großen Portion Vertrauen erfüllte. Wenn man des Erfolges auch noch ſo ſicher ſein zu dürfen glaubt, ſo iſt man doch befangen, wenn man förmlich werben ſoll. Das Herz des jungen Mannes klopfte lebhafter wie ſonſt, als er die Treppe zur Wohnung des Bene⸗ fiziaten emporſtieg. Der Alte zog ſich ſogleich auf ſein Zimmer zurück, während Aegidius in die Wohnſtube trat, wo, wie er richtig vermuthet hatte, Anna zu finden war. Sie erſchrak bei dem unerwarteten Anblick von Aegidius. „Sie ſind hier?“ rief ſie erſtaunt dem jungen Mann entgegen. „Haben Sie das nicht gewußt?“ 156 „Keine Silbe.“ „Hat Ihr Onkel Ihnen gar nicht geſagt, daß ich heute ganz beſtimmt hier zu ſein verſprochen hatte?“ „Durchaus nicht; er hat mir nichts mitgetheilt.“ Der alte Kölblich war in der That entweder ſo vergeßlich oder ſo boshaft geweſen, der Nichte von dem Wiedereintreffen Aegidius' zur Trauung des Barons kein Wörtchen vorherzuſagen. Aegidius hatte den Hut abgelegt und war zu Anna getreten. „Ich habe mich ſehr darauf gefreut,“ ſprach er, „wieder nach Lindenheim zu kommen. Glauben Sie mir das?“ „Warun ſollte ich daran zweifeln, wenn Sie's ver⸗ ſichern,“ antwortete das junge Mädchen. „O bitte, geben Sie mir keine ſo förmlichen Ant⸗ worten,“ bat Aegidius,„ſagen Sie mir offen: macht's Ihnen auch ein klein wenig Freude?“ Der junge Mann ſprach ſo einfach ehrlich, daß Anna es nicht über ſich gewinnen konnte, ihm mit einer ausweichenden Redensart zu antworten; ſie ſprach darum leiſe nach einer kurzen Pauſe: O gewiß.“ „Und wiſſen Sie auch, warum ich ſo gerne zurück⸗ gekommen bin? Ja, warum ich überhaupt zurückkam?“ Anna antwortete nicht; es wurde ihr etwas bäng⸗ lich zu Muthe, das Geſpräch nahm eine ſo eigenthüm⸗ liche Wendung. „Zwar wiſſen Sie es ſchon,“ fuhr Aegidius fort, „aber ich wiederhole es Ihnen: ich bin zurückgekom⸗ —j—————ÿ 157 men, weil ich mich nach Ihnen ſehnte, Anna, weil ich 3 Sie wiederſehen wollte, Sie, deren liebes Geſichtchen mir überall fehlte, wenn es mich auch in der Erinne⸗ rung begleitet hatte, weil ich Sie— liebe, Anna, liebe, 2 ſeitdem ich Sie ſah und mir dieſer Liebe vom erſten 4 Augenblicke an bewußt war. Und darum bin ich jetzt wiedergekommen, nachdem ich einer Frau einen Heerd anzubieten habe, und will Sie fragen, Anna, ob Sie mir auch gut ſein können und ob Sie,— ob Du mein liebes, gutes, treues Weib werden willſt?“ Daß es ſo ſchnell gehen würde mit einer⸗Erklä⸗ rung, hatte Anna doch nicht erwartet. Kaum war ja der Aegidius erſt in's Zimmer getreten und ſchon hatte er ihr die verhängnißvolle Frage vorgelegt, nach der ſich Anna zwar im Stillen ſchon lange geſehnt hatte, mit der er ſie aber jetzt im wahren Sinne des Wortes überrumpelt hatte. Aber der junge Mann ſchien der zu erwartenden Antwort gar ſehr ſicher zu ſein, denn er wurde durch 5 das verlegene Schweigen Anna's nicht ebenfalls ver⸗ legen, ſondern trat ganz nahe auf ſie zu, ſo nahe wie vorher noch nie, ſchlang ſeinen Arm um ihre Taille, beugte ſich herab zu ihrem hoch erglühenden Geſicht⸗ chen und fragte leiſe, ganz leiſe: „Willſt Du, Anna?“ Nun ging's doch nicht mehr anders, als daß Anna mit dem Köpfchen nickte; das verlangte kleine Wort konnte ſie aber durchaus nicht ſagen, ſie brachte es nicht über ihre Lippen, die ſie außerdem, gleich nach⸗ dem ſie ihre Antwort genickt, zum Sprechen nicht ge⸗ 158 brauchen konnte, denn der junge Mann küßte ſie gar herzhaft und glückſelig auf den kirſchrothen Mund. Was konnte ſie dagegen machen? Es blieb ihr wieder kein anderes Mittel, als ſtillſchweigen und die Augen zu ſchließen. Aber böſe war ſie dem Aegidius wirklich ganz und gar nicht. Und daraufhin gingen ſie Arm in Arm in's Zim⸗ mer zu dem alten Benefiziaten und wollten ihm ver⸗ kündigen, was vorgefallen, daß er nämlich eine Braut in's Haus bekommen habe. Der alte Kölblich empfing ſie mit ſeinem freund⸗ lichſten Lächeln und ſah ganz außerordentlich vergnügt aus; erſt als von der Hochzeit die Rede war und von der neuen Wirthſchaft in Wien, wurde er traurig und ſprach: „Dann wird's im Benefiziatenhaus recht ſtill wer⸗ den. Dein munteres Geſichtchen hat Deinem alten grämlichen Onkel recht gut gethan.“ Aegidius meinte zwar, da könne Rath werden. Der Herr Benefizigt habe ihm ja ſelber einmal ge⸗ ſagt, wie wenig nothwendig ſeine Anweſenheit in Lin⸗ denheim ſei und da könne er's ihnen ja nicht abſchla⸗ gen, ihr Haus künftig auch als das ſeinige zu be⸗ trachten. „Laßt's gut ſein, Kinder,“ ſprach er mit mildem Ernſt,„es liegt in Gottes Willen, daß die Frauen den Männern und nicht den Onkeln folgen. Mein Tagewerk geht ja doch bald zu Ende und nachdem ich jetzt auch mit dem alten Keller von Lindenzell, Deinem 8“* ſſſſſſſnſnſſſſſſnmiiſſñi 14 15 16 17 1 4 8