— — — — — i Bwe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ l pfangnahme und Rückäabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 7 3 G 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4 2 3 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— PFf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M. f „„ 2„=.„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt r Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 3 . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ en von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———a 22 —— Ein humoriſtiſcher Roman von Adolf Reichner. Zweiter Zand. Leipzig. Robert Schaefer's Verlag. 1875. 4 Erſtes Kapitel. Ein Erbe in Nöthen. Als Aegidius Keller am Morgen nach dem Linden⸗ imer Fahnenfeſt der Turner in ſeinem Zimmer auf er„Poſt. erwachte, war er gar nicht ſo recht mit ſich zufrieden. Er hatte doch in ſeinem vergangenen Leben im Allgemeinen und in ſeiner Künſtlerlaufbahn im Beſonderen ſchon ſo manchen Tag„verbummelt“ und doch hatte ihn noch keiner je ſo gereut, wie der geſtrige. „Das kommt von dem verfl— kleinen Neſt her,“ predigte er ſich ſelber vor,„kaum hat man mit der Naſenſpitze in ſo ein Poſemukel hineingerochen, ſo iſt man ſelber ſchon angeſteckt. Was ging mich geſtern dieſer ganze Brimborium an? Was hatte ich da draußen auf dem Turnplatz zu ſchaffen? Ich bin ja doch kein hei de Turner und zum Feuerlöſchen anders als mit dem Glas in der Hand habe ich meines Wiſſens denn doch auch nie Neigung verſpürt.— Aber nein,— da muß mich der Satan reitenz daß ich hinausgehe, draußen womöglich noch ein Skandälchen mit irgend einem Lindenheimer Don Juan— der feiſte Kerl ſah gerade Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 1 aus wie ſo ein„Herr“ Regiſtrator oder„Herr“ Schrei⸗ ber, wenn er nicht ſo gemäſtet wäre— anfange, der mir heute aus Feigheit heimlich und hinterrücks weiß Gott welchen Schabernack ſpielt und am Ende das hübſche Mädchen noch compromittirt. Ich muß ſchon geſtehen, ich habe mich recht artig in meiner alten Heimath eingeführt. Am erſten Abend veranlaſſe ich gleich einen garſtigen Auftritt im Honoratiorenſtübchen, am zweiten krakehle ich mit irgend einer Lindenheimer Berühmtheit auf offenem Turnplatz wegen eines Mäd⸗ chens, das ich gar nicht kenne. Wenn das der ruhe⸗ liebende Benefiziat Kölblich erfährt, ſo muß er glau⸗ ben, ich ſei wahrhaftig das geworden, was er mir vor meinem Ausreißen prophezeit hat: ein Strolch.“ Aegidius ſprang aus dem Bette, ſich durch um: fängliche Anwendung von kaltem Waſſer die ſelbſt⸗ anſchuldigenden Gedanken wegzuſchwemmen. „Aber hübſch war die Kleine doch,“ geſtand er ſich ſelber,„ſie hatte etwas ſo wirklich Natürliches, wie's doch wohl nur mehr in ſolcher Einöde vorkommen kann, wohin der Pfiff einer Lokomotive und ein Ull⸗ mann'ſcher Concertzettel noch nie gedrungen.“ Vielleicht war dieſer letztere Gedankengang gerade der gefährlichſte für Aegidius. Er hatte ſo viel ſchöne Frauen und Mädchen geſehen und gar manches feurige oder auch begehrliche Augenpaar hatte ihm im Concert⸗ ſaal zugeblickt und wenn er ſelbſt auch manchmal dabei ein gewiſſes Herzpochen, das mit der Erregung ſeines Vortrages nichts zu ſchaffen gehabt, verſpürt hatte, ſo war er doch immer wieder allſobald ernüchtert geweſen, 4 3— denn, deſſen Heimath der gefüllte Concertſaal mit ſeinem geputzten Inhalt geworden iſt, fällt es nicht ein, ſeine Erholung und Erfriſchung anderwärts wie in der Natur und bei der Natürlichkeit zu ſuchen. Und die Scham und Entrüſtung des Mädchens bei dem ungehobelten Benehmen des ekelhaften Geſellen waren ächt geweſen, das hatte Aegidius wohl bemerkt; wären ſie unächt geweſen, ſo würden ſie ſich weniger äußerlich ruhig gezeigt haben. Die nachfolgenden Thränen bewieſen mehr, daß das arme Mädchen ſich ſelbſt anklagte, ſich in eine Verlegenheit gebracht zu haben, an deren möglichen Eintritt es gar nicht ge⸗ dacht, als es ſich— in verzeihlicher mädchenhafter Neugierde— auf den Feſtplatz gewagt. „Wer mag ſie nur eigentlich ſein?“ überlegte Aeagidius bei ſich. Nachfragen nach ihr anzuſtellen ſchämte er ſich, ſo mußte er denn auf den Gott Zu⸗ fall bauen, der ja in einem kleinén Städtchen leichteres Spiel hat, wie anderwärts. Er läutete an der widerwillig Folge leiſtenden Klingelſchnur, welche eine durch das ganze Haus ſchal⸗ lende Glocke in Bewegung ſetzte und verlangte von der eine Weile hernach erſcheinenden Grete ſein Früh⸗ ſtück, aus einem zweifelhaften Gebräu, dick und ſchwarz, beſtehend, dem man den duldſamen Namen Kaffee auf⸗ nöthigte. Diesmal brachte Grete aber mit dem Früh⸗ ſtück auch das Fremdenbuch, hatte aber nicht den Muth ihr Verlangen um Eintragung auszuſprechen. Faſt ängſtlich blickte ſie den Gaſt an, als ſie das verhäng⸗ nißvolle Buch vor ihn auf den Tiſch legte. * 1* —— — 4 Aegidius ſchlug das Buch auf, das ſchon ſeit einem Menſchenalter Dienſt machte, denn gar manche Woche verging, ehe„ein Fremder“ in Lindenheim übernachtete, tauchte die roſtige Stahlfeder in's Tintenfaß und beſann ſich während deſſen, was er eigentlich eintragen ſolle. „Wenn ich jetzt nur das Geſicht ſehen könnte, das die Leute machen werden, wenn ſie jetzt enttäuſcht mein Nichts leſen,“ bedauerte er in ſich hinein und ſchrieb mit feſten Buchſtaben ein: Keller, Muſikant aus Lin⸗ denheim. Die dumme Grete entfernte ſich erleichtert mit dem von Aegidius wieder zugeklappten Buche, aber nur bis über die Thürſchwelle. Auf dem Hausgang blieb ſie ſofort ſtehen und Aegidius hörte deutlich, wie ſie in dem Buche umblätterte, um nach dem Eintrag zu ſchauen. „Das iſt die Erſte,“ dachte Aegidius,„die ſich in ihrer Façon denkt: viel Geſchrei und wenig Wolle, die Anderen werden nun raſch nachfolgen und wer weiß, ob mir nicht, wenn ich von meinem Ausgange wieder zurückkomme, der Poſthalter ein anderes Zim⸗ mer, hinten hinaus auf Brandmauer und Dachfirſte anweiſen wird, weil hier dieſes Prunkgemach nur für fremde Cichorienritter oder Zucker⸗ und Kaffeehelden, nicht aber für herumziehende einheimiſche Muſikanten beſtimmt ſei.“ Aegidius machte einige, nicht ganz gelungene An⸗ ſtrengungen des vorgeſetzten Kaffee's Herr zu werden und begann dann ſeine Toilette. Die eigentlichen Be⸗ ſuchſtunden abzuwarten, um bei Herrn Benefiziat Kölb⸗ lich vorzuſprechen, fand er nicht für nöthig; er wußte, * —— 5 daß der alte Herr nach geleſener Vrilſmne iſſe unfehlbar zu Hauſe und zu ſprechen ſei und beſchloß darum ſeinen bereits verzögerten Beſuch heute gleich am Morgen abzuſtatten. Herr Benefiziat Kölblich bewohnte in der Nähe der ehemaligen Jeſuitenkirche, in der er zumeiſt ſeinen Gottesdienſt abhielt, eine kleine Wohnung, in der ſchon ſein Vorfahrer gehauſt hatte, ſo daß man, obwohl es einem hrſamen Bürger Lindenheim's als Eigenthum gehörte, dieſes Haus ſchon längſt nicht mehr anders als das„Bemeſiziaten nhaus“ bezeichnete. Haus und Wohnung Kölblich's waren durch und durch conſerva⸗ tiv, ja dieſe Eigenſchaft ging ſogar ſo weit, daß ſelbſt die Neuerung des„Steigerns“ hier noch nicht Platz gegriffen hatte. Freilich einmal hatte der Hauseigen⸗ thümer doch eine Ausnahme gemacht und Herrn Kölb⸗ lich's Miethzins un zehn Gulden jährlich hinauf⸗ geſetzt. Es war ihn— den Hausherrn— freilich hart genug angekommen, ein ſolches Verlangen an ſeinen Miether zu ſtellen, denn— ſo calculirte dieſer conſervative Hausherr— die Wohnung wurde ja in⸗ zwiſchen auch nicht größer, warum ſoll's denn dann der Miethzins werden? Aber die Steigerung hatte ſchließlich doch ſtattfinden müſſen. Nach einem glor⸗ reichen ſieggekrönten Kriege, bei dem ſich die Nation eines„Erbfeindes“ entledigt hatte und alle denk⸗ und undenkbaren Errungenſchaften erſtritten, deren Rieſen⸗ höhe alle Tage auszupoſaunen die Patrioten nicht müde wurden, konnte die Regierung nicht genug Steuer⸗ erhöhungen erfinden. Die Haus⸗ und Grundkbeſitzer —— — 6 bekamen ihren Patriotismus in hochziffrige Steuer⸗ zettel eingewickelt und ſo entdeckte Herrn Kölblich's Hauswirth eines Tages, daß die bisherige Miethe des Herrn Benefiziaten nicht einmal mehr ganz zu Zahlung der neuerrungenen Hausſteuer zureiche. Und damals faßte er ſich auch ein Herz und ſuchte— gleichſam als Schild für ſeine, wie er meinte haarſträubende Ueberforderung den Steuerzettel vorhaltend— ſeinen Miethsmann auf, um ihn— das entſetzliche Wort wollte gar nicht über ſeine Lippen— zu„ſteigern.“ Er ſchwor nach jener Unterredung, daß der Benefiziat Kölblich ein verkappter Engel ſein müſſe, denn er habe ihm auf ſeine Forderung geantwortet:„Nur um zehn Gulden lieber Meiſter? Da fahrt Ihr ſchlecht genug. Nun Ihr habt ja wohl ſo wie ſo nie einen entſpre⸗ chenden Miethpreis bekommen und ich bin von jeher Euer Schuldner deswegen geblieben. Das wird ſich Alles einmal mit Einem finden.“ Nach dieſen Wor⸗ ten, verſicherte der Hausherr von ſich ſelber, ſei er ſich erſt recht wie ein armer Sünder vorgekommen und wenn er den gemachten Gang wieder hätte ungeſchehen machen können, ſo hätte er wahrhaftig lieber aus ſeiner eigenen Taſche noch zehn Gulden zugelegt. Die vergangenen Jahre waren ziemlich ſpurlos an den Aeußerlichkeiten des Kölblich'ſchen Haushalts vor⸗ übergegangen, inſoweit Aegidius dies bei ſeinem Ein⸗ tritt beobachten konnte. Die Treppenſtufen waren viel⸗ leicht noch ein wenig mehr ausgetreten wie früher, der Hausgang vielleicht noch etwas dunkler, die Fenſter noch etwas blinder, im Großen und Ganzen aber war . kein merklicher Unterſchied zu ſpüren. Und als nun vollends gar auch noch dieſelbe Magd den Ankommen⸗ den um ſein Begehr fragte, glaubte Aegidius, daß er nur von einer kurzen Ferienreiſe zurückgekehrt ſei in das Haus, das ihm dereinſt Heimath geweſen. Frei⸗ lich— jünger war die alte Gertrud nicht geworden, ihre vormals grauen Haare waren jetzt weiß, ihr Mund jetzt völlig zahnlos und dem erſten Anſchein nach ihr ewig ſchlechter Humor womöglich noch ſchlechter ge⸗ worden. Aber ohne die griesgrämige, ewig und mit Allem unzufriedene(ſich ſelbſt nicht ausgenommen) Gertrud wäre das Benefiziatenhaus nicht mehr das⸗ ſelbe geblieben. Mit einem unverſtändlichen Gebrumme deutete Ger⸗ trud mit einer in Sand eingetauchten naſſen Putzbürſte nach der der Treppe gegenüber liegenden Thüre. Das war ihre Antwort auf Aegidius' Frage nach dem Herrn des Hauſes. Aegidius klopfte an. Aber— ſo ſehr er ſich auch zuſammennahm— ſein Herz klopfte doch lauter an ſeine Bruſtwandung, wie ſein Finger an die Zimmer⸗ thüre. „Herein“, tönte es von drinnen. Aegidius öffnete und trat ein. Der Herr Benefiziat Kölblich ſaß in einem leder⸗ beſchlagenen altmodiſchen Lehnſtuhl an ſeinem Schreib⸗ tiſch. Ein hageres, ſcharfgeſchnittenes Geſicht, ſelbſt⸗ verſtändlich glattraſirt, lebhafte graue Augen, hervor⸗ ſtehende Naſe und einen Mund, dem man's anſah, daß er nicht die Gewohnheit hatte, ſich unzeitig zum . auf deſſen Wirbel ein kleines Sammtkäppchen— das ſogenannte Pfaffenſchläppchen— ſaß, unter dem ſich einige weiße Haare, die man beim beſten Willen von der Welt nicht als Locken bezeichnen konnte, hervor⸗ ſtahlen. Stammelnd wie ein Gymnaſiaſt, der zum Erſten⸗ male allein einen Beſuch macht, grüßte Aegidius den ehemaligen Lehrer. „Guten Morgen, Herr Beneftziat.“ Aber wie groß war des jungen Mannes Erſtaunen, als der Angeredete, ſich nach ihm umwendend, ſo gleich⸗ müthig, wie wenn er ihn geſtern erſt geſprochen hätte, erwiderte: „Grüß Dich Gott, Aegidius.“ „Wie?“ rief dieſer,„Sie haben mich erkannt? Sie wären der Einzige in ganz Lindenheim, der—“ Der Benefiziat unterbrach ihn: „Wenn Du unerkannt bleiben wollteſt, ſo hätteſt Du vorgeſtern Nacht nicht eine Stunde lang auf Dei⸗ nem Zimmer bei offenen Fenſtern ein Concert geben ſollen.“ Auch das wußte der Benefiziat? Aegidius verlor immer mehr an Sicherheit. „Ich habe aber doch“, verſicherte er,„erſt vor einer halben Stunde meinen Namen zum Erſtenmale hier genannt.“ „Ich ſage Dir ja aber“, wiederholte der Benefiziat, „daß Du ihn vorgeſtern eine Stunde lang in die Nacht hinausgegeigt haſt. Es ſoll ſehr ſchön geweſen ſein?“ Sprechen zu nöthigen,— ſo war der Kopf Kölblich's, 9 „Sie wiſſen alſo, daß ich ein Muſiker geworden bin.“ „Ja,“ entgegnete kurz der Benefiziat, er mochte nicht in den Fall kommen, geſtehen zu müſſen, daß er ſich während der ganzen vergangenen Zeit viel mehr um ſeinen Exzögling gekümmert, wie dieſer um ſeinen Lehrer, und daß er ſich immer Nachrichten über ihn zu verſchaffen geſucht und gewußt habe. „Woher wußten Sie aber denn, daß ich es war der vorgeſtern Nacht auf der„Poſt“ gegeigt?“ „Nun ſo viel Combination zu haben, iſt eben kein Wunder. Wenn ein berühmter Geiger ſich einmal nach Lindenheim verirrt, ſo muß er andere Gründe haben, als mit ſeinem Metier zuſammenhängende. Es war klar, daß nur Du es ſein konnteſt, der den heim⸗ kehrenden Wirthshausbummlern ein Gratisconcert ge⸗ geben hat.“ Aegidius überhörte gerne den letztern verſteckten Vorwurf und hielt ſich lieber an der Anerkennung „berühmter Geiger“ feſt. Aus dem Munde Kölblich's war ihm dieſes Lob werthvoller wie der höchſte Weih⸗ rauch eines kritiſchen Eſſays. „Alſo haben Sie ſich doch mit meiner eigenſinnigen Berufswahl ausgeſöhnt?“ fragte er den Benefiziaten. „Ob ja, ob nein,“ antwortete dieſer,„was liegt daran jetzt, nachdem an der Sache doch nichts mehr geändert werden kann?“ „Iſt's denn gar ſo etwas Schreckliches, ein Künſtler zu ſein?“ „Ich weiß es nicht,“ geſtand der Geiſtliche,„denn ich habe mich nie um ſolche Leute bekümmert. Aber 10 wenn wir heute um dieſelbe Anzahl Jahre jünger wären, als die Zeit unſerer Trennung währte, und Du frügeſt mich um die Erlaubniß zur Wahl dieſes Berufs, ich würde ſicher ganz entſchieden„Nein“ ſagen, und hätte ich auch Brief und Siegel darauf, daß Du der größte Künſtler Deiner Zeit würdeſt.“ „Aber warum das?“ „Ich habe nur Menſchen beobachten gelernt, die immer mit einem, meiſt ſogar mit beiden Füßen auf der Erde ſtanden. Und da fand ich, daß alle Die⸗ jenigen nicht blos unglücklich ſich fühlten, ſondern es in Wahrheit auch wirklich waren, die heimathlos, wie hineingeſchneit, in der Welt umherzogen. Die erſte Baſis für Menſchenglück iſt Zufriedenheit, dieſe aber kann nur am eignen Herd gedeihen; es giebt keinen Glanz, keinen Ruhm, keinen Erfolg, der im Stande wäre das einzige Etwas zu erſetzen, das der irdiſchen Güter höchſtes iſt: den eigenen heimathlichen Herd.“ „Wer ſagt Ihnen denn aber, daß ich darauf ver⸗ zichte?“ „Du mußt es, Du haſt keine Wahl. Der Virtuos gehört der ganzen Welt, gehört der Heerſtraße an, zwiſchen ihm und dem Zigeuner iſt kein anderer Unter⸗ ſchied, als daß der Erſtere einen guten Rock anhat, mit Extrapoſtpferden fährt und in den erſten Hotels abſteigt, während der Letztere zerlumpt im Schmutz der Landſtraße dahinzieht und heimlich in Bauern⸗ ſcheunen übernachtet.“ „Sie ſind hart, Herr Benefiziat, und— nicht ganz gerecht. Auch wir, die wir die Welt durchziehen, haben 11 ein Heimathsgefühl in der Bruſt, vielleicht ein um ſo tieferes, weil es ſo oft unfruchtbar iſt. Und verfolgen Sie die glänzendſten Künſtlerlaufbahnen, ſo werden Sie faſt immer finden, daß ſie ihr freiwilliges Ende bei den Penaten fanden. Glauben Sie mir,— der Künſtler iſt auch ein— Menſch.“ „Ich will's Dir wünſchen,“ ſprach trocken der Be⸗ nefiziat. „Wäre ich ſonſt hier?“ „Du mußteſt kommen um Deiner Volſjährigkeit willen.“ „Meinen Sie? Sie könnten ſich täuſchen. Ich habe nicht nöthig mein väterliches Erbe zu erheben, meine Fiedel hat mir reichlich Brod verſchafft. Ich kam hie⸗ her— weil ich—— Heimweh hatte.“ Der alte Geiſtliche wandte ſich ab; er wollte dem jungen Mann nicht merken laſſen, daß deſſen einfalt⸗ volles Geſtändniß ihn rühre. Nach einer kurzen Pauſe fuhr der Alte ruhig fort: „Du ſprachſt eben ſelber von der Empfangnahme Deines Erbes. Ich habe mit der Vormundſchafts⸗ behörde bereits abgerechnet. Kapital und Zinſen bis zum Tage Deiner Volljährigkeit betragen—“ „O laſſen Sie doch Rechnungen Rechnungen ſein,“ bat der junge Mann,„was ich hierwegen zu erfahren habe, wird mir noch rechtzeitig genug mitgetheilt werden.“ „Du kannſt mit dem Reſultat zufrieden ſein,“ ver⸗ ſicherte der Benefiziat,„durch die jahrelange Admaſſi⸗ rung der Zinſen hat ſich Dein Vermögen weſentlich erhöht.“ 12 „Mein Vermögen? Warum ſagen Sie nicht unſer Vermögen?“ „Verzeih's Gott dem, der's zu unſerem Vermögen machte,“ platzte der Benefiziat heraus. „Geht das auf meinen Vater, als Verfaſſer des ſeltſamen Teſtaments, oder auf mich, der ſo eigenſinnig war, den Stand, in dem ich leben ſollte, ſelber mir wählen zu wollen?“ „Siehſt Du Junge,“ ſprach Kölblich,„ich habe Deinen Vater gerne gehabt, aber, weiß es unſer Herr⸗ gott, hätte ich eine Ahnung gehabt, welchen Streich er mir mit dem verwünſchten Teſtamente ſpielen würde, ich hätte ihn nie über meine Thürſchwelle gelaſſen.“ „Nun, nun,“ begütigte Aegidius,„iſt's denn gar ein ſo großes Unglück, eine Erbſchaft in Empfang nehmen zu müſſen?“ „Für mich ja, allerdings. Merkſt Du denn nicht, daß, wenn ich die Hälfte des Dir von Gott und Rechts⸗ wegen zukommenden Vermögens einſtecke, alle böswil⸗ ligen Urtheiler ſagen werden:„Seht da, da hat wie⸗ der ein Pfaffe Erbſchleicherei getrieben!“ Und wenn ich's nur wenigſtens verſchenken dürfte! Aber auch das hat der alte Keller hintertrieben; es iſt mir teſtamen⸗ tariſch verwehrt, den mir eventuell zufallenden Ver⸗ mögenstheil bei lebendigem Leibe zu verſchenken.“ Die Verzweiflung des alten Geiſtlichen war ordent⸗ lich komiſch,— Verzweiflung darüber, daß er ein für ſeine Verhältniſſe wohlhabender Mann werden ſollte. „Da iſt freilich nichts anderes zu machen, als ſich in’s Unvermeidliche fügen,“ lächelte Aegidius. ** 43 „Du haſt gut lachen,“ jammerte der alte Mann, „Du haſt ſchon als ein junger Mann Dich daran ge⸗ wöhnt, das Geld wie Laub zu betrachten; Du biſt nicht daran gewöhnt, wie ich es ſeit dreißig Jahren bin, Jahr für Jahr gleichmäßig fortzuleben, einfach und ſparſam, aber auch ohne Sorgen. Ich hatte jeden Tag meine volle Schüſſel auf dem Tiſch, hatte Sommer wie Winter meine ganzen Kleider, wenn's draußen ſchneite und ſtürmte meine geheizte Stube und wenn ich Abends mein Brevier zu Ende geleſen hatte, mein weiches Bett.— Was konnte ich mehr fordern? Was kann mir dieſes unglückſelige Geld mehr verſchaffen? Sorgen, Aerger, Verdruß,— o ich werde mit dieſem ſchrecklichen Erbe zuletzt ſelber noch ein ſem 9 be zulest 9 ganz ſchlechter Menſch werden.“ Aegidius lächelte nicht mehr,— die Erregung des 83 9 7 3 B Alten verlor, trotz des ſel tſamen Grundes, über den ſie entſtand, alles Komiſche. Beredter konnte der ſo oft angewendete und doch nie geglaubte Satz, daß Geld nicht glücklich mache, ſicher nicht mehr illuſtrirt werden, als es hier durch den genügſamen Kölblich geſchah. „Verwenden Sie das Geld zum Bau einer Kapelle, oder ſtiften Sie damit ein Benefizium“, rieth Aegidius dem alten Lehrer. Aber dieſer fuhr auf: „Biſt Du toll geworden, Kleiner? Hältſt Du mich alſo jetzt ſchon, wo ich das verfluchte— verzeih' mir's Gott— Geld noch nicht einmal habe, für einen Pfaffen? Soll ich durch einen Kapellenbau mir wie ein hoch⸗ 4 müthiger Narr ein Mauſoleum ſchaffen, um mich nach meinem Tode noch genannt zu erhalten? Es ſind Kapellen und Kirchen genug vorhanden, es fehlt nur an Leuten, die hineingehen. Ich habe noch nie gehört, daß Jemand beim Gottesdienſt in einer Kirche erdrückt worden wäre, wohl aber bei militäriſchen Zapfenſtreichen oder Paraden. Und was das Stiften eines neuen Benefiziums betrifft, ſo will ich nicht als Heuchler aus der Welt gehen.“ „Als Heuchler? Deshalb? Wie ſo?“ „Das hieße ſo viel, als daß ich gefunden hätte, ich ſelber ſei auf der Welt und für die Welt etwas Ordentliches nütze geweſen. Ich werde doch nicht die Zahl der verfehlten Exiſtenzen auch noch in der Zu⸗ kunft um eine weitere dauernd vermehren ſollen?“ „Ich habe Sie bisher ſtets für ein Beiſpiel von Zufriedenheit gehalten,“ wendete Aegidius ein,„habe ich mich alſo getäuſcht?“ „Zufriedenheit und Zufriedenheit ſind zweierlei Be⸗ griffe,“ antwortete der heute zu Aegidius' Erſtaunen ausnahmsweiſe redſelige Benefiziat,„ich bin zufrieden mit dem Looſe, das mir zugefallen,— mehr als zu⸗ frieden, denn es geht weit über mein Verdienſt, aber ich bin mit mir ſelber nicht zufrieden, weil ich in un⸗ ſeres Herrgotts Schöpfung gar keine Lücke ausfülle.“ „Sie ſind zu beſcheiden in Ihrem Urtheil über ſich ſelber, das iſt das Ganze,“ wollte Aegidius begütigen. „O nein, mein Junge, durchaus nicht. Denk' Dir 'mal das Benefizium zu St. Dorothea und der Bene⸗ fiziat dazu, der alte Kölblich, wären gar nicht vor⸗ handen. Was dann? Würde in Lindenheim irgend ein Einwohner darum eine Einbuße an Gottesdienſt leiden? Würden die übrigen Geiſtlichen des Städtchens nicht noch überreiflich genügen, um allem religiöſen Bedürfniß an Predigten, Meſſen, Beichte u. ſ. w. ge⸗ recht zu werden? Streiche heute das Benefizium und den Benefiziaten aus der Welt weg und morgen wird keine Menſchenſeele— mit Ausnahme einiger alter Betſchweſtern, die den Kirchenbeſuch als Profeſſion betreiben— mehr daran denken, daß ſie jemals exiſtirt haben. Und eine Vermehrung ſolcher— in der Art verfehlter— Exiſtenzen ſoll ich durch eine Stiftung noch eigens vorſätzlich herbeiführen? Das hieße ja ſo⸗ viel wie gegen unſern Herrgott die Fauſt ballen und das darf ich nicht, wenn ſchon er mich mit der un⸗ glückſeligen Erbſchaftsgeſchichte ſchwer geprüft hat.“ „Wäre es aber nicht das Einfachſte, ſich gar nicht ſo viel Gedanken zu machen, was dermaleinſt mit dieſem Gelde geſchehen wird? Die Welt iſt ja ſo voll Noth und Jammer, daß man gar oft recht tüchtig helfen möchte, wenn man nur immer ſo könnte. Da kommt dann der Herr Benefiziat Kölblich und macht ſeinen Schrank auf, oder wenn Jemand ſo recht im Elend ſitzt und ſich nicht mehr zu helfen weiß, ſo wandert er in's Benefiziatenhaus, wo ihm, wenn er's verdient, auch geholfen wird. Iſt das nichts?“ „Dummer Junge,“ polterte der Alte gutmüthig und ſo vergnügt lächelnd als es ſeinen ſonſt ſo harten Zügen noch möglich war,„ich rede ja nicht von jetzt, wo ich meine Augen noch offen habe; aber ſpäter, her⸗ 16 nach, wenn ich einmal einberufen werde nach da oben—“ „Na, Sie werden doch nicht gar verlangen, daß Sie Ihr Geld noch mitnehmen können?“ ſcherzte Aegidius. „Gelbſchnabel, das wenn ich könnte!“ rief der Benefiziat heiter. Wenn er guter Dinge war hatte er von jeher die Gewohnheit gehabt, an Aegidius die ſeltſamſten Ehrentitel zu verſchwenden.„Dann nähme ich Alles, Kapital und Zinſen, auf den Arm und mein Erſtes da oben wäre, daß ich den alten Keller auf⸗ ſuchte, ihm den ganzen Kram vor die Füße würfe und ihm ſagte: Da iſt Dein Bettel wieder, ich habe mich lange genug mit ihm herumgeärgert.“ Aegidius lachte hell auf; daß er ſeinen Exlehrer und Erzieher in ſo munterer Stimmung finden würde, hatte er nicht gehofft. Entlaufene Zöglinge pflegt man ſonſt wohl anders zu empfangen. „Indeſſen die Sache hat auch ihre ernſte Seite,“ ſprach nach einer Weile der Benefiziat wieder in ge⸗ wohntem Tone,„mag Dein Vater auch Gründe gehabt haben, welcher Art ſie ſeien, beſtimmend auf Deine Standeswahl einwirken zu wollen, ſo war es jeden⸗ falls nicht gerechtfertigt, ja, wenn er nicht ſchon todt wäre, ſo würde ich ſogar ſagen nicht chriſtlich, aus Groll über die Nichterfüllung ſeines Wunſches ſeinem rechtmäßigen Erben, ſeinem einzigen Kinde, das zu⸗ kommende Vermögen zu kürzen und durch teſtamen⸗ tariſche Klauſel obendrein zu verhindern, daß es Dir dennoch wieder zufalle; wenigſtens hat Dein Vater beſtimmt, daß ich zu Deinen Gunſten nicht teſtiren 17 dürfe. An einem ſolchen Gelde kann kein Segen kleben. Ich kann es weder mir noch meiner Erbin wünſchen. Entziehe ich es dieſer, ſo hat ſie Urſache, ſich zu be⸗ klagen, überlaſſe ich es ihr, ſo mache ich ihr ein Ge⸗ ſchenk, das ihre Strafe werden kann.“ „Sie ſprechen von einer Erbin; ich habe doch nie von Ihren Verwandten reden hören?“ fragte Aegidius. „Meinſt Du, daß ich Dir zwiſchen unregelmäßigen Zeitwörtern hindurch etwa von meiner Nichte hätte reden ſollen, die damals noch ein kleines Schulmäd⸗ chen war?“ „Sie haben eine Nichte? am Ende haben Sie auch noch Geſchwiſter?“ „Gehabt, meine letzte Schweſter ſtarb vor etlichen Jahren, da nahm ich ihr kleines Töchterchen zu mir, und ſeitdem iſt ſie da.“ „Hier? Sie haben eine Nichte bei ſich?“ „Nun, ja doch, iſt denn das gar ſo etwas Wunder⸗ bares? Du biſt wohl am Ende auch ſo ein ſtädtiſcher Schürzenjäger geworden, daß Du nicht mehr ſtill ſitzen kannſt, wenn Du von einem Mädchen nur reden hörſt?“ „Wahrhaftig nicht,“ betheuerte Aegidius,„aber ich dachte nur daran, wie urkomiſch das ſein muß, in Ihrem Hauſe außer der alten Gertrud noch ein weib⸗ liches Weſen zu ſehen, das nicht den ganzen Tag ſchmält. Oder thut das Ihre Nichte am Ende auch?“ „Du biſt noch immer nicht vernünftiger geworden, als Du warſt,“ ſchalt der Benefiziat,„man ſagt doch ſonſt Reiſen mache klug.— Da fällt mir eben etwas Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 2 b V = 18 ein: Sage'mal, Junge, biſt Du etwa ſchon verlobt oder ſo was?“ „Ich? wo denken Sie hin?“ rief halb beluſtigt, halb erſtaunt über dieſe Frage Aegidius. „Nicht?“ fragte der Benefiziat. „Nein, Gott ſei Dank,“ verſicherte Aegidius. „Das iſt gut,“ überlegte der Alte laut vor ſich hin, „weißt Du, da kommt mir eben ein glücklicher Ge⸗ danke. Wenn Du noch nicht verlobt oder ſo was der⸗ gleichen biſt, ſo könnteſt Du ja wohl am Ende meine zihe heirathen, dann käme auf dem nmde ihrer Mitgift Dein elterliches Vermögen doch ganz in Deine Hünde He⸗ findeſt Du dieſe Idee nicht ganz vor⸗ trefflich?“ „Aber, Herr Benefiziat,“ wehrte ſich Aegidius,„ſind wir denn Juden, daß wir Heirathen über den Geld⸗ ſack weg ſchließen, ehe ſich das verſchacherte Paar auch nur geſehen hat?“ „Ja ſo,“ beſann ſi Recht,— na ſiehſt Du, wirklich die richtige Gewandtheit.“ Aegidius fand das allerdings auch. Die Idee, ſich mit einem Landmäd dchen, das er noch gar nicht einmal geſehen, verloben zu ſollen, fand er ſo komiſch, duß ihn nur der Reſpect vor dem Alten abl hielt, laut heraus ich der Benefiziat,„Du haſt in Heirathsſachen fehlt mir zuihene Ohne bieſas s ſeltſame Project würde Aegidius— in Folge d des Benehmens des Benefiziaten ſich ſchon wieder wie Kerdrn heimiſch in deſſen Hauſe fühlend jedenfalls das Erſuchen ausgeſprochen haben, ihn doch 2 —— 19 mit der plötzlich aufgetauchten Nichte bekannt zu machen. So aber zog er vor, die Bekanntſchaft mit derſelben von einer paſſenden Gelegenheit und nicht von der Er⸗ füllung einer Bitte von ihm abhängig zu machen. Er ſtand von dem Stuhle, auf den er ſich bald nach ſeinem Eintritte, ohne dazu von dem alten Herrn ſpeciell aufgefordert worden zu ſein, niedergelaſſen hatte, auf und trat ſeinem Lehrer gegenüber. „Ich danke Ihnen, Herr Benefiziat, für die Auf⸗ nahme, die ich bei Ihnen heute gefunden. Ich geſtehe, daß ich ſie nicht erwartet habe, weil ich ſie auch nicht verdiente, denn ich habe Ihnen viel Aerger und wohl auch Kummer bereitet. Ich ſehe, daß Sie mir ver⸗ geben haben und das macht mich in Wahrheit ſehr glücklich. Die Befürchtung, in Ihren Augen als ein Undankbarer zu erſcheinen, hat mir manche Stunde getrübt und manche Freude vergällt.“ „Laß' gut ſein, Junge,“ ſprach kurz der Alte.„Was vorüber iſt, ſei vorüber.“ „Nun denn, ſo— ſo— geben Sie mir Ihre Pand ¹bat er mit ehrlicher Offenheit Der Benefiziat zögerte einen Augenblick, dann aber, al 3 ſchon aljdime das Blut vom Kopf zum Herzen deitntr, als er die Zögerung des Alten bemerkte, reichte er ihm die Rechte und erwiderte kräftig den Händedruck des jungen Mannes. Er wollte dazu ſprechen, aber es, daß es ihn reute oder daß ihm d die Stimme verſagte,— er ſchwieg; Aegidius wandte ſich zum Gehen. 10 —— 20 „Wann darf ich wiederkommen?“ fragte er an der Thüre. „Wann Du willſt,“ antwortete der Benefiziat,„nur nicht nach dem Mittageſſen, da will ich mein Schläf⸗ chen halten.“ „Wie immer,“ lachte Aegidius. „Ich würde Dich gerne zum Mittageſſen einladen,“ ſprach, jetzt ebenfalls unter der Thüre ſtehend, der Alte,„aber Du biſt wohl ein Bischen verwöhnt und Gertrud würde einen fürchterlichen Lärm aufſchlagen, wenn ich Dich ſo ohne alles Weitere da behielte.“ „Aha, Gertrude,“ ſcherzte Aegidius,„ich muß mich ihr jetzt doch zu erkennen geben.“ „Na, auf einen großen Freudenſprung brauchſt Du Dich juſt nicht gefaßt zu machen, ſie iſt nicht anders geworden, als ſie von jeher war.“ Aegidius trat aus der Thüre, auf dem Vorplatz handthierte Gertrud noch immer umher. „Na, grüß Gott, Gertrud,“ ſprach er,„kennſt Du mich denn gar nicht mehr?“ Die Alte ſchaute auf. „Nein,“ ſagte ſie barſch. „Was? Du kennſt den Aegidius nimmer?“ fragte er. Gertrude guckte nochmal und ſchärfer nach dem jungen fein gekleideten Mann. „Hm— wahrhaftig,“ machte ſie,„wo kommſt denn Du— wo kommen denn Sie her? Sie hätten ſchon lange etwas von ſich hören laſſen können.“ „Findeſt Du? Ja Du kannſt Recht haben, aber nun bin ich ſelber da, das iſt beſſer als ein Brief, was?“ 21 „Meinen Sie? Wie man's nimmt. Geſchadet hätt's jedenfalls nichts, wenn man's vorher gewußt hätte, daß Sie kämen. Nun haben wir gerade heute hergerichtet zur Wäſche morgen.“. 8 „Das ſchadet doch nichts, eine Hand kannſt Du mir darum doch geben.“ „Sie iſt nicht trocken, ich habe eben gearbeitet;— ein andermal,— s thut's auch ſo.“ Damit wendete ſich die Alte gegen die Küche, in der ſie verſchwand.— Es wäre indeß ganz irrig ge⸗ weſen zu glauben, daß Gertrud habe unfreundlich gegen Aegidius ſein wollen oder auch nur geglaubt habe, ſie ſei es geweſen,— bewahre! „So eine alte Perſon iſt doch zu gar nichts mehr zu brauchen auf der Welt,“ maulte ſie in der Küche vor ſich hin,„was muß nur der Aegidius von mir denken? Begegnet mir zuerſt im Hauſe und ich kenne den Buben nicht mehr. Pfui! Kommt an und grüßt mich freundlich, iſt gar nicht hochmüthig geworden, und ich kann ihm nicht einmal die Hand geben, ſo naß und ſchmutzig bin ich. Es iſt wahrhaftig eine Sünd' und eine Schand', wenn ein Weibsſtück ſo alt wird wie ich,— todtſchlagen ſollte man's.“ Und in dieſer Weiſe ſchalt ſie noch lange in ſich hinein. Es war das ihre Art, wie ſie ihre Freude darüber zu erkennen gab, daß„der Bub endlich wieder heimgekommen“ war. 4ſſſſ“ Zweites Kapitel. Eine Dohle im Krähenneſt. Das Fremdenbuch der„Poſt“ hatte ſeine Schuldig⸗ keit gethan. Aegidius konnte das im Laufe des Tages deutlich genug bemerken. Als er nämlich durch die Straßen des Städtchens ging und den Weg um das⸗ ſelbe, vorbei an den vier Stadtthoren, machte, um alle die Orte zu beſuchen, die in ſeinen Knabenerinnerungen eine Rolle ſpielten, ſah er an verſchiedenen Geſichtern der Einwohner den unverkennbaren Ausdruck: o ich weiß auch, ich weiß auch.— Ja, einige der beſonders Neugierigen kamen ſogar auf ihn zu, ihm ihre Freude auszudrücken, daß er wieder gekommen ſei, in Wahr⸗ heit freilich trieb ſie die Hoffnung, von dem Wieder⸗ gekehrten recht viele Neuigkeiten und einen genauen Rapport über ſeine Erlebniſſe während der Jahre ſeiner Abweſenheit zu erhalten. „Guten Tag Herr Keller,“ ſchrie mit dumm lachen⸗ dem Geſicht der Hutmacher Herz über die Straße hinüber und verließ die Ladenthüre, unter der er ſtand, um auf den Begrüßten zuzugehen.„Guten Tag, ich hab's ſchon gehört, daß Sie auch wieder gekommen ſind von der Wanderſchaft, grüß Gott“ und er reichte familiär Aegidius ſeine breite Hand. Der Hutmacher Herz war ſelbſt für Lindenheim ein hervorragend beſchränkter Kleinſtädter. Für ihn hörte jeglicher Geſichtskreis am Weichbild des Städt⸗ chens auf. In ſeiner Jugend hatte er einmal drei Wochen in der nächſtgelegenen Stadt gearbeitet, das nannte er„in der Fremde geweſen“ ſein, worauf er wieder nach Hauſe zurückkehrte, das väterliche Geſchäft übernahm, heirathete und— hier ſchweift ſein Lebens⸗ lauf von der traditionellen Ordnung ab— keine Kinder bekam; er war der Letzte ſeines Stammes ge⸗ blieben; ſeit etlichen Jahren war er zwar Wittwer, aber ſein Scheitel war kahl geworden und keine Hoff⸗ nung mehr vorhanden durch ein zweites Ehebündniß die Herze in Lindenheim fortzupflanzen.— Der Mangel an Familie fiel Meiſter Herz nun allerdings nicht ſchwer, dagegen hatte er einen tiefen Kummer in ſeinem Buſen: ſo oft auch Magiſtrats⸗ und ähnliche Wahlen einzige Stimme gefallen und das kränkte ihn im Ge⸗ heimen tief. Und doch war der Grund dieſer Wahl⸗ niederlagen triftig genug, ſelbſt für den Meiſter ſelber: er konnte nämlich weder leſen noch ſchreiben. Dieſer Erziehungsfehler lag ihm arg auf der Seele. Seit⸗ dem er eines Tages durch die Poſt einen Brief em⸗ pfangen hatte, den ihm ſeine eben erſt verſtorbene Frau nicht mehr vorleſen konnte und er zu dieſem Ende einen vorübergehenden Schulknaben in den Laden rief, . ſtattgefunden hatten, nie war auf ihn auch nur eine 24 der ihm den Brief vorleſen ſollte, dem er aber, damit er den Inhalt nicht höre und ausplaudern könne, während des Leſens die Ohren zuhielt, war das Schick⸗ ſal Herzens beſiegelt,— er war zur Zielſcheibe des Lindenheimer Witzes geworden. Aegidius hatte das ewige neugierige Herandrängen an ſich ſchließlich doch ſatt bekommen und als nun gar auch noch der Lindenheimer Pierrot ſich einſtellte, war er des fortwährenden Ausweichens in ſeinen Antwor⸗ ten müde und er beſchloß, ſich mit Herz und durch dieſen mit den neugierigen Lindenheimern einen Scherz zu machen. Er erwiderte darum des Hutmachers Gruß ganz beſonders freundſchaftlich und es entſpann ſich gleich ein von Seite Herzens ſehr diplomatiſch geführtes Geſpräch. „Nun, wie hat's in der Fremde gegangen?“ „Auf und ab, Herr Herz, Sie wiſſen ja, wie's geht.“ „Ei freilich, bin ja auch in der Fremde geweſen,— freilich. Es iſt zwar ſchon eine Weile her, aber das iſt gleich, die Welt wird nicht beſſer geworden ſein.“ „Beſſer? Im Gegentheil, ſchlechter, viel ſchlechter, Herr Herz.“ „Was Sie ſagen? Ja, erzählen Sie doch, Herr Keller.“ „Du lieber Gott, was iſt da zu erzählen? Ich wüßte gar nicht wo anfangen und wo aufhören. Es iſt eben doch nirgends ſo gut als in der Heimath.“ „Ja, ja, Sie haben Recht,“ betheuerte der Hutmacher. „Sie ſind wohl auch gerne wieder heimgegangen?“ „Freilich, freilich.“ „Ganz ſo, wie ich dazumal, als ich von der Fremde kam,“ beſtätigte Herz.„Aber— nichts für ungut, lieber Herr Keller, was für eine Profeſſion haben Sie denn eigentlich?“ „Ich bin Muſikant,“ antwortete Aegidius kleinlaut. „So, ſo,“ machte Herz,„nun es iſt zu Zeiten ein ganz gutes Geſchäft; bei Hochzeiten, Tanzmuſiken, Leichen und Kirchweihen, auch bei den Jahrmärkten fällt immerhin ein gutes Stück Geld ab;— was ſpielen Sie denn eigentlich?“ „O ich ſpiele verſchiedene Inſtrumente,“ verſicherte Aegidius,„auch Klavier.“ „Ei, ei,“ ſprach da der Hutmacher,„da ſind Sie ja ſo geſchickt wie unſer Lehrer Lunger oder gar wie der Chorregent ſelber.“ „Ich will's nicht läugnen, Herr Herz, daß ich mich bemüht habe, mich für ſo einen Poſten auszubilden.“ „Potz tauſend,“ rief da auf einmal der Meiſter und ſchlug freundſchaftlich den jungen Mann derb auf die Achſel,„jetzt geht mir ein Licht auf; Sie ſind ein Schwerenöther—“ „Herr Herz,“ wehrte mit affectirter Beſcheidenheit Aegidius ab. „Ja, ja, ich merke ſchon— der Regent Graf wird alt und kann nicht ewig auf ſeinem Poſten bleiben, er hat zudem eine nette Tochter, die einen Mann braucht: da kommt nun der Herr Keller heim von der Wanderſchaft, macht ſich ran und— ſchwupp— ehe ein Vierteljahr um iſt, hat er das Mädel und 26 erbt dann damit ſpäter das Amt. O, Sie ſind ein Vocativus!“. „Ich bitte Sie, Herr Herz, Sie täuſchen ſich,“ ver⸗ ſicherte Aegidius. „O, mir macht man nichts weiß, bin ein alten Praktikus, ich kenne das. Sie haben ganz Recht, ganz Recht, würd's an Ihrer Stelle eben ſo machen. Un ſeien Sie ganz ohne Sorge, von mir erfährt Nieman ein Sterbenswörtchen von Ihrem Plan.“ „In vollem Ernſt, Herr Herz, Sie ſind im Irr⸗ thum.“ „Bſcht, ſchon gut;— ich verſtehe, verlaſſen Sie ſich ganz auf mich,“— damit verſchwand Meiſter§ Herz in ſeinem Laden. Es drängte ihn gar ſehr, ſo ſchne wie möglich die erfahrene Neuigkeit guten Nachbarn 7(„im Vertrauen“ mitzutheilen.— „So— der Köter ſitzt, jetzt kann ganz Lindenheine ſich drein verbeißen,“ lachte Aegidius in ſich hinein und ſetzte ſeinen Spaziergang fort. Als Aegidius endlich wieder den Weg nach dem Gaſthofe einſchlug, war er faſt ein wenig ärgerlich geworden. Er hatte ſich feſt eingebildet gehabt, er müßte ſeine hübſche Unbekannte vom Tage vorher ent⸗ weder begegnen oder doch wenigſtens hinter irgend einem Fenſter gewahren, denn heute Vormittag waren die Lindenheimer Schönen doch ſo ziemlich vollzählig ſichtbar. Zogen doch nach und nach die verſchiedenen auswärtigen Turnvereine mit Fahnenſchwenken und Gut Heil⸗Rufen, begleitet von Lindenheimer Turnern und manchem Glied einer Quartierträgerfamilie, davon. d d I 14 27 Z Die Dekorationen an den Häuſern boten jetzt keinen angenehmen Anblick mehr; theils waren ſie von dem geſtern Abend und während der Nacht gefallenen Regen ruinirt worden, theils hatten ſie dazu dienen müſſen, ſtückweiſe von den Häuſern losgelöſt und abziehenden Turnerſchaaren zugeworfen zu werden. Da, wo die Befeſtigung eine zu ſolide war, wendeten die vorüber⸗ ziehenden Turnbrüder ihre Geſchicklichkeit im Steigen und Klettern praktiſch an, indem ſie von außen an den Häuſern emporklommen und die verwelkten und verwaſchenen Guirlanden und Kränze an ſich nahmen. Bis zu einem gewiſſen Grade nur boten die abziehen⸗ den Vereine daſſelbe Bild wie vor zwei Tagen die an⸗ kommenden. Heute waren die jungen Leute weniger geordnet, als damals, ihr Betragen war lärmender ind die in Folge des endlos häufigen Gut⸗Heil⸗ Schreiens heiſer gewordenen biergeſchwenkten Kehlen gaben dem Ganzen das Gepräge der Ausartung.— So ſehr aber auch Aegidius bemüht geweſen war, von der Geſuchten irgend etwas zu entdecken— umſonſt. Wenn ſie noch im Städtchen war, ſo mochte ſie wohl in Folge der Erfahrung von geſtern die Luſt verloren haben, noch ferner etwas vom Turnfeſt zu ſehen. Vergeblich ſagte ſich Aegidius, daß es ihm eigent⸗ lich gleichgültig ſein könne, ob er das Mädchen von geſtern wiederſehe oder nicht, ja daß er im Grunde genommen gar kein Intereſſe daran nehmen könne, ob es eine Lindenheimerin oder von auswärts ſei,— er belog ſich nur mit ſolchen Selbſtreden; ſeine Gedanken kehrten doch wieder auf denſelben Gegenſtand zurück. ——— 28 Da kam eine Extrapoſtchaiſe unter ohrenzerreißen⸗ dem Poſthorngekrächze zum Thore hereingefahren. Eine Extrapoſtchaiſe, die durch Lindenheim fuhr, war ſchon eine Neuigkeit. Als aber gar der Wagen ſo dicht an die„Poſt“ heranfuhr, daß es klar wurde, es ſolle hier nicht nur umgeſpannt, ſondern angehalten werden, wurde der Vorfall zum Ereigniß. In dem halbgeöffneten Wagen ſaßen zwei Damen, oder richtiger eine Dame und eine Dienerin, obwohl Letztere für eine ſolche faſt zu fein gekleidet war; jedenfalls hätte ſie jeder Lindenheimer Dame ein Paroli zu biegen vermocht. Die Dame, d. h. die Herrin war eine auffallende, ja eine ſchöne Erſcheinung. Sie hatte zwar ſchon manchen Prs geſehen, das konnten ſelbſt die geſchickt angebrachten Verwiſchungskunſtſtücke nicht (ganz verhüllen, aber die übriggebliebenen Reſte waren noch immer geeignet, Aufmerkſamkeit zu erregen. Und daß die Beſitzerin das wußte, erkannte ein kundiges Auge ſofort. Unzweifelhaft gehörte dieſe Dame„der Welt“ an. Ihr Geſicht hatte feine, weiche Züge, die Augen waren ſchön geſchnitten und tiefdunkel, vielleicht ſogar ſchwarz, ſo viel hatte die Natur von ſelbſt ge⸗ liefert; was am Teint, an den elegant geſchwungenen Brauen, dem aſchblonden Lockenthurmbau und den niedlichen Perlenzähnen zwiſchen den rothen Lippen Natur, was Kunſt ſei, wußte mit Ausnahme der Dame ſelbſt höchſtens— und das iſt nicht einmal ganz ſicher— höchſtens noch die begleitende Zofe. Jetzt erhebt ſich die Dame vom Wagenſitze, um auszuſteigen, man ſieht zierliche bis zur halben Wade reichende, am 29 oberen Ende mit koketten Quäſtchen gezierte Brode⸗ quins, die einen Kinderfuß umſchmiegen, an den ſich ein tadellos geformtes Bein anſchließt, man gewahrt eine hohe, faſt üppige, aber dennoch elegant und fein gebaute Geſtalt leicht über den Tritt herabſpringen und hört eine blauſeidene Reiſerobe von ſchwerem Stoffe rauſchen, die unaufgerafft jetzt das ſpitzige Pflaſter kehrt, das in den Gaſthof führt. In dieſem Augenblick kommt Aegidius ebenfalls nach Hauſe,— er ſieht die Dame— die Dame ſieht ihn— ſie meſſen ſich einen Augenblick in ungeheuchel⸗ tem Erſtaunen, um dann faſt à tempo zu rufen: „Diva?“ „Cave?“ Die Beiden hatten ſich alſo erkannt. Sie hatten aber auch ein unzweifelhaftes Vergnügen an dieſem unverhofften Wiederſehen, denn ſie ſchüttelten ſich ſo herzlich und freundſchaftlich die Hände, wie ein Paar alter Kameraden. „Eher hätte ich des Himmels Einſturz erwartet, als Sie hier zu finden,“ ſprach die Dame, unbeküm⸗ mert um das neugierige Gaffen und naſeweiſe Horchen der ſich herandrängenden Leute des Poſthauſes. „Ich geb' Ihnen dies Erſtaunen mit Zinſen zurück, Diva,“ betheuerte Aegidius,„Sie paſſen mir in dieſe Umgebung accurat wie eine Coloratur in einen Zapfen⸗ ſtreich.“ „Still, ſtill amico, nichts vom Handwerk;— hier bin ich Menſch, hier darf ich's ſein,“ lachte die Dame, die ſich gleich in des jungen Mannes Arm einhing. Der Poſthalter war unterdeſſen in den Hausflur getreten, um nach der angekommenen Extrapoſt zu ſehen; er grüßte mit erſtaunten Blicken das Paar, das ihm durch ſein Ausſehen ſicher imponirt hätte, wenn er nicht ſeit heute Morgen gewußt haben würde, der junge Mann ſei nur der ehedem davongelaufene und jetzt als Muſikant zurückgekommene Aegidius von Lin⸗ denzell. Dennoch zog er aber vor den Vorübergehen⸗ den die Hausmütze und Aegidius dankte ihm mit einem flüchtigen: „Guten Tag, Herr Wirth.“ In ſeiner Zerſtreuung hatte er vergeſſen dem wackern Hospes den ihm angenehmeren Titel„Herr Poſthalter“ zu geben. „Sie ſind der Wirth dieſes Hotels?“ fragte ihn die Dame. „Allerdings.“ „Und Poſthalter von Lindenheim dazu,“ corrigirte Aegidius. „Schön,“ ſprach die Dame,„wollen Sie mir zwei Zimmer für mich und eins für meine Begleiterin an⸗ weiſen laſſen; ich gedenke einige Tage hier zu ver⸗ weilen.“ Der Poſthalter war in einiger Verlegenheit. Dank der Werthloſigkeit des Raumes in Lindenheim, war die„Poſt“ noch ſo verſchwenderiſch gebaut, daß da, wo ein großſtädtiſcher Hotelbeſitzer mindeſtens ein halbes Dutzend„Salons“ herausgeklügelt hätte, nur zwei an⸗ ſtändig große Zimmer eingetheilt waren. Neben dem von Aegidius bewohntem Zimmer befand ſich nur noch ein Front des„Hotels“ nach dem Marktplatz ein. So viel zweites; dieſe beiden Gelaſſe nahmen die ganze begriff ſelbſt der Poſthalter von Lindenheim, daß wenn die Dame zwei Zimmer für ſich zu haben wünſche, ſie dieſelben ineinandergehend beanſpruche und ſo blieb ihm nur die Wahl, entweder die Dame in den zweiten Stock zu plaziren oder Aegidius auszuquartieren.— Letzteres würde ihm nun im Grunde genommen nicht ſchwer angekommen ſein,— war Aegidius ja doch nur ein Lindenheimer Kind— wenn er nicht bemerkt hätte, wie ſehr vertraut die angekommene Dame mit dem jungen Manne verkehre, ſo daß er alſo mit einer ge⸗ wiſſen Rückſicht be hndelt werden mußte. „Ich werde mein Möglichſtes thun,“ verſicherte Poſthalter,„obwohl es in der That ſeine Sch er rig⸗ keiten hat.“ „Wie?“ entgegnete die Dame,„Sie haben in Ihrem Hotel wohl keinen Platz? O dann ſoll man auch die Koffer gar nicht vom Wagen abladen,— Karoline!“ Dieſer der Zofe geltende Zuruf brachte den Poſt⸗ halter zu einem raſcheren Entſchluß. „O,“ verſicherte er,„Platz hahe ich ſchon, nur nicht ganz ſo vortrefflichen, wie ich ihn für Sie wünſche—“ „Das wäre—“ „Freilich, wenn Herr Keller—“ „Keller?“ unterbrach die Dame den Poſthalter, der be N eiiruna dieſes Namens Aegidius angeblickt hatte, Was ſoll ich dabei thun?“ fiel Aegidius in's Wort, wobei er den Arm der Dame, der in ſeinem 32 hing, feſt drückte, zum Zeichen, daß die Erſtaunte ſchweigen ſolle. „Wenn Sie Ihr Zimmer räumen und nach dem zweiten Stock hinaufziehen,“ ſprach der Wirth,„ſo kann ich der Dame die beiden Zimmer der Bel⸗Etage einräumen, auf demſelben Stockwerk dann nach rück⸗ wärts das Zimmer für die Begleiterin—“ „Verſteht ſich, verſteht ſich,“ beſtätigte Aegidius— „laſſen Sie meine Sachen ſchnell in mein neues Zim⸗ mer ſchaffen, ſo iſt Alles in ſchönſter Ordnung.“ „Ich danke Ihnen, mein Freund,“ ſagte ohne Ueber⸗ ſchwänglichkeit die Dame, moch habe ich kaum den Fuß in dieſe Stadt geſetzt und ſchon mache ich Ge⸗ brauch von Ihrer Gefälligkeit.“ „O, ich bitte Sie, Diva,“ lehnte Aegidius ab,„ich bin keine ſo verwöhnte Prinzeſſin, wie Sie;— für mich iſt es vollſtändig gleichgültig, unter welchem Ge— ſichtswinkel ich den Lindenheimer Marktplatz betrachte.“ „Ich entſchuldige mich wegen meiner Störung auch nicht einmal ſonderlich, mein Lieber,— es geht auf unſer altes Conto, Sie haben ſo oft mir während unſerer gemeinſamen Reiſe durch Europa Platz ge⸗ macht und Gefälligkeiten erwieſen, daß wir die heutige noch als Nachtrag zu unſerer jahrelangen Compagnie betrachten wollen.“ Sie waren während dieſer Reden mit dem Poſt⸗ halter die Treppe emporgeſtiegen. Der Poſthalter hatte dabei die Ohren geſpitzt und die Worte:„während unſerer gemeinſamen Reiſe durch Europa,“„jahrelangen Compagnie,“ vernommen. Dieſer Aegidius erſchien 1 Wirths ann ewefrie wären, war freilich ihm allmählig in etwas ſonderbarem Lichte; dieſes Wiederſehen und Erkennen, dieſes Einhängen der Duun in ſeinen Arm, was in Lindenheim doch nur bei er⸗ klärten Brautpaaren Sitte war, dieſe verdächtigen Reden von gemeinſamen Reiſen durch Europa und jahrelanger Compagnie— die Geſchichte war ſehr ge⸗ heimnißvoll, ſehr, ſehr!— Die fremde Dame und Aegidius betraten das neben Aegidius' bisheriger Stube gelegene Zimmer, wo ſie der Poſthalter allein ließ. „Der Burſch ſcheint ſich gehörig ausgewachſen zu haben in der Fremde,“ murmelte er vor ſich hin, als er die Treppe wieder hinabſtieg, um unten Auftrag zum Ausräumen von Aegidius' Zimmer zu ertheilen. Worin das Unrecht von Aegidius eigentlich beſtanden hätte, wenn ſelbſt die kühnſten Combinationen des eine Frage, die ſich der Poſthalter nicht vorlegte. Sie wäre auch nicht leicht zu beantworten geweſen.— Angenommen, dieſes Zuſammentreffen von Aegidius mit der fremden Dame hier in Lindenheim wäre kein zufälliges, ſondern ein abſichtliches, verabredetes geweſen, was dun Wenn dieſe Beiden ein weitergehendes Intereſſe einander hatten, was hätte das ſo unbetheiligte T Vrßſi wie den Poſthalter und alle übrigen Lindenheimer, zu kümmern gehabt? Ueberdem, warum ſollte Aegidius ſich nicht für eine Dame intereſſiren können, die, wie ſelbſt der böswilligſte Klätſcher nicht beſtreiten konnte, ſchön war und allem Anſchein nach in guten Verhält⸗ niſſen lebte? Daß ſie an Jahren dem jungen Mann Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 3 —— 11 betrachten kann.“ 44 nannte— „Aegidius.“ r“ voraus war, was ging das Andere an, wenn er ſelbſt ſich nichts d'raus machte? Indeſſen iſt es ſehr zweifel⸗ haft, daß in Lindenheim allzuviel ſcharfſichtige Kenner⸗ augen hätten leben ſollen, welche durch die Hilfsmittel der Toilette und Kosmetik hindurch den Kalender der eleganten Dame richtig zu ſtellen vermocht haben würden.— Das ganze Kopfſchütteln des Poſthalters hatte beim rechten Lichte beſehen keine andere Urſache, als ſeine Unzufriedenheit, daß ein Lindenheimer Kind, wie Aegidius, es wagen zu wollen ſchien, unbekümmert um Hinz und Kunz ſeinen eigenen Weg zu gehen. Während der Poſthalter unten Betrachtungen an⸗ ſtellte, hatten ſich oben die Dame und Aegidius noch⸗ mals ihr wechſelſeitiges Erſtaunen ausgedrückt, ſich hier in dieſer geſellſchaftlichen Wildniß zu begegnen. „Nun was mich anbelangt, Diva,“ ſprach der junge Mann,„ſo wird ſich Ihr Erſtaunen bald beſchwichtigen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich hier in der Nähe ge⸗ boren bin und das hieſige Städtchen als meine Heimath „Nicht möglich,“ rief die Dame,„Sie ein Linden⸗ heimer! Alſo war der Name, den der Wirth vorhin „Der meinige,“ unterbrach ſie Aegidius,„ich habe, wie vor mir hundert Andere, als ich in die Oeffent⸗ lichkeit trat, meinen guten ſimplen Namen ‚Keller“ in „Cave“ überſetzt und auch der„Gilles“ der Concert⸗ zettel entpuppt ſich hier in Lindenheim zu einem 25 „Nein, das iſt allerliebſt,“ lachte die Dame,„finde ich unſeren geſeierten Gilles Cave, den Paganini re- divivus, in einem kleinen Neſt als Ackerbürger Aegidius Keller wieder; es iſt zum Todtlachen.“ Und Aegidius ſtimmte herzlich in dieſe Luſtigkeit mit ein. „So, nun aber Revanche,“ ſprach er nach einer Weile,„Sie ſind keinenfalls aus ſo triftigem, wenig⸗ ſtens nicht aus ſo einfachem Grunde hier, Diva, wie ich.“ „Vor Allem, lieber Freund, begraben Sie hier— und ich darf wohl gleich beiſetzen: für immer— die „Diva.“ Was Sie jetzt vor ſich ſehen, iſt nicht mehr die triumphlüſterne Sängerin, ſondern eine ganz harm⸗ loſe Vergnügungs⸗ oder wenn Sie wollen Geſchäfts⸗ reiſende, Fräulein Leontine Levasco.“ „Was hör' ich?„Sie wollen Ihrer Kunſt ent⸗ ſagen? Jetzt, im Zenith Ihres Ruhmes?“ „Caro— pfui! Wir ſind unter uns; ich fühle mich noch viel zu ſehr als Ihre bisherige Collegin, um von Ihnen ein alltägliches Compliment acceptiren zu wollen, aber ich möchte Sie, der Sie ſonſt immer ein ſo aufrichtiger und ehrlicher College waren, auch nicht auf einer Falſchheit ertappen müſſen.“ „Bei Gott, mein Fräulein, Sie ſprechen mit mir daindin in Hieroglyphen.“ „O, ich fühle ſelber ſehr gut, mein Freund, daß eine menſchliche Stimme nicht, wie Ihr geliebter Amati, an Tonfülle gewinnt, je älter ſie wird. Ich weiß ganz vortrefflich, daß ich ſchon öfter gezwungen bin zu Künſteleien meine Zuflucht zu nehmen, wo mein Stimm⸗ 3* material nicht mehr zureicht. Jetzt merkt's erſt ein winziger Bruchtheil meiner Zuhörer und dieſe Wenigen finden ſchließlich noch Erſatz für das, was ich nicht mehr zu bieten habe, in dem, was ich beſitze: in meiner Schule. Aber laſſen Sie noch einige Jahre in's Land gehen, ſo kommen die bekannten niederträchtigen Ur⸗ theile: ſchade, daß dieſe ſo vortrefflich geſchulte Stimme gelitten zu haben ſcheint— oder: die gefeierte Künſt⸗ lerin leidet ſchon ſeit geraumer Zeit an Ermüdung der Stimme u. ſ. w. Das kann nicht ausbleiben, denn zuletzt merken es ja ſogar die Recenſenten, wenn man die Stimme einbüßt und man ſteht dann klagend da und ärgert ſich, daß man nicht früher das Handwerk aufgegeben.— Jetzt ſtehe ich noch hoch oben auf dem Piedeſtal, jetzt ſteige ich herunter und man beklagt meinen Schritt; in einigen Jahren, went ich erſt ſo und ſo oft in meinem Stolze verwundet worden ſein würde, würde man vielleicht ſagen: ſchade, daß ſie nicht früher aufgehört.“ Mit collegialer Freimüthigkeit erwiderte Aegidius: „Sie mögen Recht haben.“ „Bah,“ machte aufmunternd die Sängerin, als ſie des jungen Mannes Ernſt gewahrte,„laſſen Sie doch den Kopf nicht hängen, daß das Künſtlerleben ein ſo kurzes iſt; Sie wiſſen, daß die köſtlichſten Blumen am 0 7 ſchnellſten verblühen; eine Gänſeblume hält Monate lang aus, während der herrliche Cactus in einer Nacht verblüht. Wer möchte darum lieber Gänſeblume ſein, ſtatt Cactus?“ . * ———— „Wird es Ihnen ſo leicht, ſich in's Privatleben zurückzuziehen?“ fragte Aegidius. „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ antwortete das Fräulein.„Alle Schätze der Welt zuſammengenommen, könnten mich nicht bewegen, für immer darauf zu ver⸗ zichten zu ſingen. Ich werde noch als alte Frau ſingen, wenn ich keinen Ton mehr in der Kehle habe, das iſt mir ein unabwendbares Bedürfniß; ich ſänge und wenn das Schaffot Mäaniſtinde Etwas Anderes aber iſt's, wo man ſingt und lunmenlliche vor wem man ſingen muß. Sie ſind viel zu kurze Zeit erſt im Virtuoſenthum, um ſich darüber klar geworden zu ſein, ich aber treibe das Geſchäft ſchon manches, manches Jahr— Sie werden's ja nicht ausplau⸗ dern— und darum ſage ich Ihnen: was man von dem unübern windlichen Drang dir Rückkehr auf die Bühne oder auf's Podium fabelt iſt Lüge, Heuchelei, wenn nicht noch Schlimmeres.“ „Aber ich bitte Sie,— die Erfahrung lehrt doch, daß Damen, welche ſchon Jahre lang in häuslicher Zurückgezogenheit gelebt hatten, plötzlich wieder zurück⸗ kehrten zur Ausübung ihrer Kunſt, weil ſie es eben anders nicht aushielten.“ „Lieber Freund, jugendlicher Schwärmer,“ ſprach die Sängerin und legte ihre Hand auf Aegidius Arm, „laſſen Sie ſich nicht täuſchen,— mit ſolchen Schritten hat die Kunſt nichts zu thun. Wenn eine Gräfin Roſſi wieder ſang, ſo that ſie es in der praktiſchen Erkenntniß, daß ſie ſich und ihrer Familie das Geld damit erwerben könne, das zu verdienen ihr Gemahl unfähig war; wenn andere Frauen ohne eine ſolche Nöthigung wieder zu den Brettern zurückkehrten, ſo hatten ſie die Sehnſucht, wieder gefeiert zu werden; nicht die Kunſt lockte ſie, ſondern das Einwickelpapier, das für Künſtlerinnen unnzandctt iſt;— doch— ich ereifere mich ja faſt, wozu? Sie wollen mich ja doch nicht abhalten, meinen Vorſatz auszuführen, der Sie überdem amüſiren wird.“ „Alſo Sie haben doch noch Vorſätze, an deren Ausführung Sie arbeiten wollen?“ frug Aegidius. „Nun, glauben Sie etwa, daß ich die Abſicht habe der Welt Adieu zu ſagen, wenn ich zu concertiren aufhöre?“ lachte die Sängerin.„Nein, nein. Eine Sängerin, welche von der Oeffentlichkeit zurücktritt, wird, wenn ſie häßlich iſt, Geſanglehrerin, wenn ſie aber hübſch iſt, ſo heirathet ſie;— ich— ich heirathe.“ „Nicht möglich,“ platzte Aegidius heraus. Fräulein Levasco brach bei dieſer unbedachten Aeu⸗ ßerung des jungen Mannes in ein ſo unaufhaltſames Lachen aus, daß ſie ſich ſchließlich auf das ſchmale Sopha des Zimmers ſetzen mußte. „Caro, Sie ſind unausſprechlich köſtlich,“ jubelte ſie gegen den verdutzten Geiger.„Daß ich heirathen könnte, erſcheint Ihnen alſo als eine daelin Um ſich aus ſeiner wohlbegründeten Verlegenhe zu reißen, ſtotterte Aegidius hervor: „Sie mißverſtehen mich; was ich nicht für möglich hielt, war, daß Sie in der Abſicht Ihrer Vermählung nach Lindenheim gekommen ſein ſollten.“ 39 „Sie hatten wohl Angſt, daß ich mit der Idee umginge, Sie kapern zu wollen?“ neckte die Sängerin. „Ich geſtehe, ich hab's auf einen Lindenheimer abge⸗ ſehen.“ „Da wäre ich wirklich neugierig.“ „Kennen Sie den Baron von Sternenkron?“ Aegidius mußte lächeln,— alſo der Rittmeiſter. — Er bejahte die Frage. „Den habe ich mir gekapert.“ „Ich gratulire.“ „Das heißt, wenn ich Ihren kühlen Ton in allge⸗ mein verſtändliches Deutſch überſetze, etwa folgendes: Nachdem die Levasco ſich in ſo und ſo viel Jahren ein Vermögen erworben hat, packt ſie der Eitelkeits⸗ wahn, ſie will hinter ſo und ſo viel Vorgängerinnen nicht zurückſtehen und kauft ſich um ihr Geld einen Mann mit einem adligen Namen; von dieſem Manne läßt ſie ſich ſchlecht behandeln und betrügen und wenn er den Theil ihres Vermögens durchgebracht, den die Zahlung ſeiner Schulden noch übrig gelaſſen hat, ſo beginnt ſie nochmal mit Gelderwerben, um ſich und ihren faulen nichtsnutzigen Gatten zu ernähren, der bei alledem ſo hochmüthig iſt, ſie zu zwingen zum Geldverdienen wieder ihren Mädchennamen anzuneh⸗ men, weil ſein hochadliger nur dazu gut genug iſt, ſich erhalten zu laſſen, nicht aber auch zum Erwerben. — Nicht wahr, ſo etwa lautet die ungeſchminkte Ueber⸗ ſetzung?“ „Wenn ich auch vielleicht im Allgemeinen von ge⸗ wiſſen Standesehen Aehnliches denken mag, ſo war —yy y— 40 ich doch weit entfernt, eine ſolche Anſchauung auf Ihre vorhabliche Vermählung auszudehnen,“ wich Aegidius aus. „Es iſt mir ganz lieb, daß wir gleich bei unſerer erſten Unterredung hier uns über dieſen Punkt aus⸗ ſprechen. Es wird unſern gegenſeitigen Verkehr— der, wie ich hoffe, ein lebhafter werden ſoll— weſent⸗ lich erleichtern.— Hören Sie alſo: ich bin nicht jung genug, um mich wie ein Penſionsgänschen in die bunte Uniform meines Zukünftigen verliebt zu haben und nicht unerfahren genug, um dem Titel„Frau Baronin“ einen Werth beizulegen. Wenn ich nichtsdeſtoweniger mich mit dem Baron Sternenkron verheirathe, ſo habe ich dafür ganz beſtimmte, mir von der Vernunft vorgezeichnete Gründe, womit ich übrigens keineswegs 8 7 geſagt haben will, daß ich keine Zuneigung zu meinem Verlobten habe. Ich wollte Ihnen das gleich jetzt ſagen, damit Sie mich und mein Vorhaben möglichſt richtig oder vielmehr minder unrichtig beurtheilen. Es bleibt immerhin noch Mancherlei übrig, was Ihnen vielleicht bedenklich ſcheint, denn ſo viel ich weiß, iſt des Barons Ruf in Lindenheim durchaus kein tadel⸗ loſer.“ „Was das anbelangt,“ verſicherte Aegidius,„ſo kann ich hierüber gar nichts ſagen, denn meine Be⸗ kanntſchaft mit dem Herrn Baron, wenn ich das kleine— Intermezzo, bei dem ich ihn traf, ſo nennen kann, 5 datirt erſt von vorgeſtern Abend. Als ich als Junge hier lebte, war der Herr Baron noch im Dienſt und wohl nie auf ſeinem Gut.“ 41 „Alſo vorgeſtern Abend trafen Sie mit ihm zu⸗ ſammen? O bitte erzählen Sie mir davon.“ Aegidius willfahrte gerne dem Wunſche der Dame und erzählte genau die Scene am Honoratiorentiſch bis zu dem Momente, wo der Baron ſich über den Aſſeſſor Kratzeiſen ausgeſprochen hatte. Dieſes Kapitel überſchlug er, denn er konnte doch der künftigen Baronin nicht von einem Damenbeſuch erzählen, den ihr Bräutigam auf ſeinem Landſitz beherbergt hatte. Aber Fräulein Levasco legte ſonderbarer Weiſe gerade auf dieſes Moment in des jungen Mannes Erzählung ein beſonderes Gewicht und ſuchte durch Fragen über den Grund der ausgeſprochenen Abneig⸗ ung, die der Baron gegen den Aſſeſſor an den Tag gelegt, Aegidius in die Enge zu treiben. Natürlich wich dieſer aus und verſicherte fortwährend, ſich die Urſache nicht enträthſeln gekonnt zu haben; im Stillen aber war er wenig erbaut von dem Rittmeiſter, der als Bräutigam nicht nur geheimnißvolle Damenbeſuche empfing, ſondern auch noch gar kein Hehl daraus ge⸗ macht hatte. Schließlich ſprach die Sängerin: „Nun, wenn Sie alſo wirklich den Grund nicht wiſſen, ſo will ich Ihnen denſelben ſagen; es weiß ihn ja doch wohl ſchon längſt ganz Lindenheim: der Baron hatte den Beſuch einer Dame, die nicht geſehen ſein wollte, und der Aſſeſſor hatte die Frechheit dieſer Dame eine Gerichtsvorladung zuzuſenden, um ſich über den Zweck ihres Aufenthaltes vernehmen zu laſſen. Das iſt die Urſache.“ 4 2 ho G be 42 „Nachdem Sie ſie mir nun ſelber geſagt,“ geſtand Aegedius,„muß ich ſo ehrlich ſein, Ihnen zu ſagen, daß ich ſie bereits wußte, der Rittmeiſter ſprach's ganz unumwunden vorgeſtern Abend aus.“ „Es wird ihm wohl lieb geweſen ſein, dazu eine Gelegenheit gefunden zu haben,“ ſprach das Fräulein, „was er aber nicht geſagt haben wird, iſt: wer die Dame geweſen. Es war Niemand Anderes als: ich ſelber.“ „Ah,“ rief Aegidius,„jetzt begreife ich erſt recht die Wuth des Rittmeiſters. Dieſer Aſſeſſor iſt ja ein ganz infamer Kerl.“ „Wir warten auf unſere Zeit, mein Lieber,“ ver⸗ ſicherte die Sängerin,„und auch ſie wird kommen.“ „Amen,“ ſchloß Aegidius,„und wenn Sie mich dazu nöthig haben, ſo verfügen Sie über mich.“ Das Band, das den Baron Sternenkron mit der Sängerin Leontine Levasco verknüpfte, war geſellſchaft⸗ lich allerdings kein legales. Die Braut, die einen längern Beſuch im Hausweſen des künftigen Gatten macht, bricht mit der Sitte und ſtellt ſich auf einen iſolirten Standpunkt. Im vorliegenden Falle hatte aber eine andere Beurtheilung Platz zu greifen. Die Verhältniſſe lagen hier anders: als junger flotter Cavallerieoffizier war Baron Sternenkron der erklärte Geliebte der damals am Kunſthimmel als Novize auf⸗ tauchenden Leontine geweſen, welche ſich in Folge deſſen einmal„veranlaßt ſah, einige Zeit in Zurückgezogen⸗ heit zu leben.“ Anfänglich hatte der Baron auch nicht im Entfernteſten daran gedacht, die niedliche Sängerin —— 43 zu heirathen, wenn er auch die üblichen Betheuerungen und Schwüre, wie deren bei ſolchen Liaiſons nicht ſelten verſchwendet werden, verbraucht haben mochte. Nach jenem eben angedeuteten Ereigniß ſchlugen die Geſinnungen der beiden jungen Leute in's Gegentheil um, das Verhältniß löſte ſich unfreundlich auf, Fräu⸗ lein Leontine wurde die gefeierte Sängerin, Baron Sternenkron der verſchuldete Offizier. Die Sängerin bildete ſich jetzt ein, froh zu ſein, daß ſie ſich mit dem Baron nicht vermählt hatte, der Baron dagegen empfand Reue darüber, daß er es nicht gethan, denn dann— ſo glaubte er wenigſtens— würde er ſich nicht zu Grunde gerichtet haben.— Der Storch hat die unglückſelige Gewohnheit, da wo er nicht will⸗ kommen iſt, gerade die geſundeſten Kinder abzuladen,— ſo auch in dieſem Falle. Es darf nämlich nicht ver⸗ ſchwiegen bleiben, daß der Baron die Exiſtenz des hier in Betracht kommenden kleinen Weltbürgers anfäng⸗ lich mit ſehr mißgünſtigen Blicken betrachtete. Da aber Fräulein Levasco nie auch nur die geringſte Miene machte, den Vater des Kleinen irgendwie zu geniren, ſo hatte der Baron ſchließlich längſt einen ausgleichenden Strich unter das Conto dieſer alten Erinnerung gemacht, zumal als ſeine pekuniären Ver⸗ hältniſſe ſich nachgerade ſo verſchlechtert hatten, daß er keinen Ausweg mehr vor ſich ſah, als entweder nach Amerika zu gehen und dort allmählig an Unbrauchbar⸗ keit zu Grunde zu gehen oder ſich hier eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen. In dieſer wenig beneidenswerthen Situation tauchte die Geliebte ſeiner Jugend wieder — —— —— 44 auf; ſie hatte während der Zeit, in der ſie ſich nicht geſehen hatten, an Jahren, Ueppigkeit und— Thalern zugenommen(glücklicher Weiſe nicht auch an Familie) und— was ſoll da lang erzählt werden?— bald hernach hatte ſich der Baron Sternenkron entſchloſſen, weder ſich eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen, noch in Amerika zu verhungern, ſondern— Fräulein Leon⸗ tine Levasco zur Barnn Sternenkron zu machen. Die Sängerin aber hatte in Rückſicht auf d die Zukunft ihres Sohnes, dem ſie von jeher gerne den Namen nes Vaters ſtatt des ihrigen ge egehen l hätte, in die Verbindung eingewilligt, wenn auch von ihrer ehe⸗ maligen Liebe zu dem früheren ſchmucken Offizier deſſen rauhe Hand den Ke bſeh weggewiſcht, nicht die Rede ſein konnte, und ſie ſelbſt ſeitdem man⸗ bbniß aufzuweiſen hatte, be deſſen Beurtheil⸗ ng der Gatte allerdings ſeine Vorurtheilsloſigkeit er⸗ ar oben konnte. welcher iſt der Kechte? Das Gaſtzilter in der Wohnung der Familie Graf war zur Krankenſtube geworden. Fräulein Apol⸗ lonia Graf hatte nämlich draußen auf dem Turnplatz, als ſie bei dem verunglückten Emil Mohl niedergeſunken war, nicht geduldet, daß man den jungen Turner nach dem Krankenhaus ſchaffe, ſondern hatte darauf beſtan⸗ den, daß er in ihre elterliche Wohnung gebracht werde. — Jeder weitere Austauſch von Worten zwiſchen Apol⸗ lonia und Emil, ſeit dem verhängnißvollen Aufſchrei der Erſteren, war unterblieben, nur ihre Augenpaare hatten geſprochen und wenn man dieſe Sprache, ſo weit ſie Emil führte, in Wante hätte überſetzen wollen, ſo würde ſie geſagt haben: Um dieſen Preis, wie ich ihn eben einernte, kann man ſich ſelbſt eine Luxation gefallen laſſen. Ein altes chirurgiſches Sprüchwort ſagt: Zu einer Luxation kann der Arzt nie zu früh, zu einem Bruch nie zu ſpät kommen.— Wenn auch die letztere Hälfte dieſer Behauptung nicht gerade buchſtäblich genommen — —— — 46 werden darf, ſo hat ſie doch jedenfalls in ihrer erſten Hälfte ganz unzweifelhaft Recht. Iſt bei einer Luxa⸗ tion ſofort ein Arzt zur Hand, der die erforderliche Hilfe leiſtet, ſo iſt das Uebel im Handumdrehen re⸗ parirt und der Patient kommt mit einer Viertelſtunde Schmerz beim Einrenken und einem halben Monat Schonung des betreffenden Gliedes davon. Wenn es nun auch allerdings am Beſten geweſen wäre, das luxirte Bein von Emil gleich am Turnplatze einzu⸗ renken, ſo war das doch nicht möglich, aus dem ein— fachen Grunde, weil der Lindenheimer Turnverein ge⸗ rade ſo nachläſſig war, wie alle 1 Collegen und bei ſeinen Uebungen und Ausrückungen für die An⸗ weſenheit eines Chirurgen nicht zu ſorgen pflegte, ob⸗ wohl ein ſolcher— und wenn's nur ein leidlich brauch⸗ barer Bader geweſen wäre— jedenfalls nothwendiger und nützlicher geweſen ſein würde, als eine bunte Fahne. Da nun auch überdem der Regen, welcher bisher in Form einzelner großer Tropfen ſeine Vorboten vor⸗ ausgeſchickt hatte, loszubrechen begann, ſo mußte man ſich wohl oder übel entſchließen, den bei jeder Berüh⸗ rung ſeines Beins vor Schmerz zuckenden Emil auf die von Wacker herbeicitinte Tragbahre, auf welche ein weiches Lager improviſirt worden war, zu legen und ihn ſo nach der Graf'ſchen Wohnung zu transportiren. Apollonia war dahin bereits vorausgeeilt; ſie hatte den Weg unter dem beginnenden Regen, unbekümmert um die Möglichkeit einer ſichzuzuziehenden Erkältung, wohl aber unter tiefem Bedauern über die unausbleib⸗ liche Ruinirung ihrer weißen Atlasſchuhe, zu Fuß zurückgelegt.—. 47 Es kann nun nicht in Abrede gezogen werden, daß in dem alten Spruch, kein Unglück ſei ſo groß, daß nicht noch ein Körnchen Glück dabei ſei, eine tiefe Wahrheit ſtecke. Selbſt bei Emil Mohl's Unfall war ein ſolches Glückskorn. Und dieſes Glückskorn beſtand darin, daß er im Hauſe Graf Unterkommen gefunden hatte. Es iſt allerdings richtig, daß bei Krankheiten im Allgemeinen, wie bei äußeren Verletzungen ganz beſonders, die Pflege in einem Krankenhauſe vielfach den Vorzug vor der Privatpflege verdient, denn eine Menge kleiner Pflegeverrichtungen, die in den Kranken⸗ häuſern mit maſ Ginlumäßiger Pünktlichkeit, den Kranken nicht ſtörend, vorgenommen werden, können in den ungeübten Händen häuslicher Krankenwartung zur Unbequemlichkeit, ja vielleicht ſogar zur wirklichen Be⸗ läſtigung für den Leidenden werden. Nichtsdeſtoweni⸗ ger hat die häusliche Pflege in pſychiſcher Beziehung einen ſo gewaltigen heilſamen und fördernden Einfluß, daß ſie da, wo ſie durchgeführt werden kann, der ſorg⸗ fältigſten Spitalpflege entſchieden vorzuziehen iſt. Emil Mohl ſollte das bald empfinden. Die Wiedereinrenkung einer luxirten Extremität iſt ziemlich ſchmerzhaft und aur die Scham vor der Graf'ſchen Familie, und in dieſer beſonders vor Apol⸗ lonia, hatte den Verunglückten abgehalten gerade hin⸗ aus zu ſchreien, als der Chirurgus unter Zuhilfenahme zweier handfeſter Turner, die die Tragbahre getragen hatten, an deſſen Bein herumzogen, wie wenn derjenige einen Preis bekommen ſollte, der es zuerſt aus dem Körper herauszureißen vermöchte. Endlich ertönte der — ——— 48 bekannte, in ſolchem Falle ſo heiß erſehnte„Knax,“ die Hauptſache war vorbei. Die übrige Behandlung iſt in normalen Fällen einfach genug; kalte Ueber⸗ ſchläge auf die Geſchwulſt, unter Umſtänden Blutigel und möglichſte Bewegungsloſigkeit. In Rückſicht auf die Anordnung dieſer letzteren war Emil Mohl natürlich ganz auf die Samariter⸗ dienſte der Familie Graf angewieſen und Fräulein Apollonia ließ ſich das Verdienſt nicht rauben, durch ihre Gegenwart ebenſowohl dem Kranken die Zeit zu verkürzen, wie ihm die ihr möglichen Dienſtleiſtungen zu erweiſen. 4 Uebrigens hatte Emil Mohl doch nicht die Natur eines Wikings, er hatte das ſchon gleich nach ſeinem Unfall draußen auf dem Turnplatz bewieſen, wo er ( nach den ſchmerzhaften Verſuchen, ihn aufzurichten, eine Ohnmachtsanwandlung hatte und auch nach der Einrenkung und den dabei überſtandenen Schmerzen war ſein Puls fieberhaft erregt. Des alten Schweden 8 Wikingerbalk Gebot 1 „Wund' iſt Wikingsgewinn und ſie ſchmücket den Mann, wenn ſie ſteht auf der Stirn, auf der Bruſt; Wie ſie blute, verbinde vor Abend ſie nicht; wir begrüßen 4. dich ſonſt Whn Luſte war für ihn nicht gegeben, ſo wenig wie für andere Menſchen.— Zu dem Fieber, das ihn als Folge⸗ erſcheinung erfaßte, kam noch ein anderes, vielleicht gefährlicheres, das ihn beim Anblick ſeiner Pflegerin erfaßte, deren Finger er in ſeiner fiebertrockenen heißen Hand hielt. Unter der Eigenthümlichkeit ſeiner Lage 49 hatte Emil alle Scheu verloren, ja es war ihm, als ob ſeino Beziehungen zu der ſchönen Apollonia ſchon vom älteſten Datum wären. Der große Zauberer Zufall hatte, zwar etwas ſchmerzhaft, aber in der dadene erzielten Wirkung außerordentlich förderlich und günſtig hier Hülfe geleiſtet. Spät in der Nacht nach dem Unfalle hatte Apol⸗ lonia den Geliebten verlaſſen, um ſich zu Bett zu be⸗ geben. Die dumme Fränzi war beordert worden, an⸗ ſtatt des Fräuleins bei dem Kranken zu wachen und namentlich dafür zu ſorgen, daß er immer friſche kalte Umſchläge auf der luxirten Stelle habe. Die dumme Fränzi hatte aber natürlich nichts Wichtigeres zu thun, als ſich in den vor Emil's Bett geſchobenen Großvaterſtuhl des Herrn Chorregenten Graf zu ſetzen dort einzuſchlafen, ſo daß es lichter Morgen war, ls ſie dazu kam, den dritten kalten Umſchlag auszu⸗ iinden und ihn Emil zu reichen. Natürlich hatte dieſe Vernachläſſigung für den Patienten nicht gerade gute Folgen, die Geſchwulſt ani Entzündung hatten ſich gemehrt und es waren Bl utantzichungen an der betreffenden Stelle nöthig. Das? Verſäumniß Fränzi's hatte ſonach eine für Lni erſt fatale, dann aber wiederum angenehme Folg e, letzteres inſofern nämlich, daß die Dienſte Fränzi's Bals Krankenwärterin nicht mehr in Anſpruch genommen wurden, ſondern daß in die Pflege des Kranken, ſo lange derſelbe einer ſolchen unausgeſetzt benöthigt war, nur mehr Frau und Fräulein Graf ſich theilen zu wollen erklärten, wobei Letztere zumeiſt die Stunden vor Mitternacht und bis Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 9 II 50 etwa zwei Uhr bei dem Geliebten zuzubringen, von wo ab ſie dann von Mutter Graf abgelöſt werden ſollte, beſüner war. Emil Mohl's Unfall hatte natürlich die übrigen Turner der Hauptſtadt nicht abzuhalten vermocht, am Montag, dem Tage nach dem Fahnenfeßt wieder heim⸗ * zuziehen. Da aber an dieſem Tage— nicht zum ge⸗ ringſten Theil durch die Nachläſſigkeit Fränzi's— Emil gerade in verſchlechtertem Zuſtande ſich pefand, ſo hatten ſich die Gefährten von verabſchiedet; Herr Cäſar H der Genoſſen Abſchiedsg 3 9 Herr Cäſar Hohl kehrte nach der Hauptſtadt und zu ſeinen wichtigen redactionellen Unternehmungen zurück, vorher aber ſuchte er noch den unglücklichen Emil in jeinem Quartier anſ. mihm nicht perſönlich ohl hatte es übernommen „ 1 zu überbringen.— Auch Als er in Graf's Wohnung ankam und den eigent⸗ lichen Zweck ſeines Kommens der im Gefühl ihrer Re⸗ präſentationswürde heute den Mund wie ein Hecht ſpitzenden Dame des Hauſes ausſprach, führte ihn dieſe nach dem Gaſtzimmerchen, in dem Emil lag und gerade von Fräulein Apollonia Graf ein Glas Tiſane zu⸗ rechtgemacht erhielt. Da das Zimmerchen klein war und nicht für drei Perſonen, außer dem Kranken, hin⸗ reichenden Raun bot, ſo zog ſich Mutter Graf an der Thüre wieder zurück und ließ Herrn Cäſar Hohl mit dem Kranken und Apollonia allein. Der erhabene Cäfar grüßte Apollonia und reichte Emil die Hand. Die Unterhaltung drehte ſich begreif⸗ licher Weiſe um den Unfall und um die üblichen Hoff⸗ daß er ſchlimmen Folgen nungsverſi bald wieder ausgleichen werde und haben, ſich rech dergleichen mehr. „Unſere Turnbrüder ſind abgereiſt,“ ſprach bald darauf Hohl,„ſie ſind natürlich ſehr betrübt über das Mißgeſchick, das Si ie betroffen hat und würden Sie gerne noch aufgeſucht haben, wenn ich nicht Le eeft hätte, es wäre beſſer, Sie nicht durch zu viele Beſuche zu ernden⸗ So habe ich mich erboten, Ihnen die und Wünſche der Freunde zu überbringen, welche Sie bald wieder zu Hauſe erwarten.“ Emil machte bei dieſer Nachricht gar kein entzück⸗ Geſicht. Se danke Ihnen,“ ſagte er,„aber ich hätte es doch gern geſehen, wenn Walter oder? Fröſchlein noch her gekommen wären, ich hätte noch Aufträge für ſie gehalt. „Die können Sie doch mir auch geben,“ antwortete Hohl, der im Grunde genommen recht gut ahnte, was dem jungen Mann unangenehm war. Aber Fräulein Graf machte bis jetzt noch gar keine Miene, die beiden Herren allein zu laſſen „Sie werden mir nachher, ehe ih gel 3 noch I Aufträge für zu Hauſe ſagen, Freund Mohl,“ benbigt der Redacteur den Turner,„und ſeien Sie eitberzenge, daß ich ſie beſtens beſorgen werde, ſei es zu Hauſe oder ſchon hier.“ Dieſe letztere Anmerkung war ziemlich verſtändlich für den jungen Mann und er ſah hgleich darauf etwas befriedigter aus. Aber ſein Geſicht war fieberhaft ge⸗ röthet und Hohl begriff, daß es am Beſten wäre, wenn 4* 14 er die Unterredung abkürzte. Indeſſen Fräulein Apol⸗ lonia machte gar keine Miene, als ob ſie jemals das Zimmer verlaſſen wollte. Sie hatte es durchaus gar nicht im Sinne. Als die Geliebte Emil's hielt ſie ſich für vollberechtigt, Alles hören zu wollen, was mit dieſem zu ſprechen war,— Herr Cäſar Hohl war aber gegen⸗ theiliger Meinung und als er nach ſeiner Anſicht lange genug gewartet hatte, ſprach er zu Apollonia: „Mein liebes Fräulein, ich habe ein nicht gerade übermäßiges Gedächtniß und obendrein ſehr viel zu merken, ſo daß ich die Gewohnheit habe, mir Alles zu notiren. Leider habe ich kein Notizbuch bei mir und muß Sie darum— es geſchieht ja für unſeren ge⸗ meinſchaftlichen Freund Emil— bitten, mir etwas Papier und Bleiſtift zu beſorgen.“ Fräulein Graf verſtand den deutlichen Wink noch nicht, ſie ſuchte mit den Augen ſogar im Zimmer um⸗ her, ob nicht irgendwo zufällig Schreibmaterial liege und erſt als ſie nichts davon zu entdecken vermochte, mußte ſie ſich wohl oder übel bequemen, die beiden Männer allein zu laſſen. Hohl benützte dieſen Moment, um ſein Notizbuch aus der Taſche zu ziehen und demſelben Papiergeld zu entnehmen, das er Emil gab. „Nehmen Sie,“ ſprach er freundlich, denn er ſchenkte wirklich gerne,„Sie haben ſich doch nicht darauf vor⸗ geſehen, hier einen längeren Aufenthalt nehmen zu müſſen und ſollen durch Ihren Unfall nicht in Ver⸗ legenheit kommen. Stecken Sie's weg, ehe— Fräu⸗ lein Apollonia wieder herein kommt.“ Der Redacteur hätte beinahe ſich verſchnappt und ſtatt„Fräulein Apollonia“ eines andern Ausdrucks, wie„neugierige Perſon“ oder dergleichen, ſich bedient, als ihm noch rechtzeitig die Affaire von geſtern Nach⸗ mittag auf dem Turnplatze einfiel. „Sagen Sie'mal,“ fragte er,„was war denn das geſtern mit Ihnen und Fräulein Graf?“ .„Wie ſo? „Ihr habt ja eine förmliche Liebſchaft mitſ „Oh, oh.“ „Na, das Mädchen hat Sie vor allen Leuten ge⸗ dutzt,— mehr kann man nicht verlangen.“ „Das war Schreck, Ueberraſchung.“. „Allerdings, ohne Schreck und ohne Ueberraſchung würde ſie ſich nicht vergeſſen haben, das glaube ich wohl. Was ſoll aber daraus werden?“ „Will's Gott, ein Paar,“ verſicherte Emil. „Meinen Segen habt Ihr,“ lachte Hohl,„der kann Euch aber leider nichts nützen.“— In dieſem Augenblick trat Apollonia in's Zimmer; Hohl würde dieſes Geſprächsthema abgebrochen haben, aber Emil führte es weiter, indem er ſprach: „Oh, Herr Hohl, Ihr Segen kann uns doch von Nutzen werden, wenn Sie ihn uns nur auch völlig ertheilen.“ „Wie ſo?“ fragte Hohl, der ſich faſt ein wenig un⸗ behaglich fühlte, denn er witterte im Hintergrunde ein Attentat auf ſeine Caſſe. Derartige Unternehmungen liebte er aber gar nicht; er ſchenkte bereitwillig eine oder einige Zehnernoten her, aber ſchröpfen ließ er ſich durchaus nicht gerne. ammen?“ 54 „Weil es Ihrem gewaltigen Einfluß,“ ſprach Emil, „der ja bis in alle Kreiſe reicht, nicht ſchwer werden kann mir bei Gründung unſeres Hausſtandes durch Protektion nützlich zu werden.“ „Ah ſo!“ machte Hohl erleichtert,„ja, ja, mein Lieber, ich werde Ihnen gewiß ſo viel wie möglich be⸗ hilflich ſein.“ „Meine Dankbarkeit,“ wollte Emil peroriren, aber Hohl wehrte ihm ab. „Sie ſind krank und dürfen ſich nicht durch ſo auf⸗ regende Geſpräche ſchaden, lieber Freund. Wenn von Dankbarkeit geſprochen werden ſoll, ſo würde ich das lieber aus dem ſchönen Munde Ihrer Braut hören—“ Apollonia war wie verſteinert; was hatten die beiden Männer während ihrer Abweſenheit geſprochen? „Herr Hohl, ich verſtehe Ihre ſonderbaren Scherze durchaus nicht,“ betheuerte ſie in energiſchem Tone. „Mein ſchönes Fräulein,“ antwortete lächelnd Hohl, der um Alles, was geſprochen wurde, hören zu können, ſeine Hand hinter die Ohrmuſchel legte,„wenn Sie Ihre Herzensangelegenheiten als Geheimniß betrachtet wiſſen wollten, ſo hätten Sie ſie nicht geſtern auf dem Turnplatz vor aller Welt ausplaudern ſollen.“ „Ich? Wie ſo?“ „Nun, wenn eine junge Dame auf einen jungen Mann, dem ein Unfall begegnet iſt, zuſtürzt und ihm zuruft: Mein Emil— nein, Du darfſt nicht ſterben; — ſo hat die Umgebung weiter nichts nöthig, als ihre hausbackenen fünf Sinne—“ „Wie?“ unterbrach Fräulein Apollonia den Redac⸗ teur,„das hätte ich geſagt?“ „Ich möchte wetten, daß dies ganz genau Ihre Worte ſind, jedenfalls aber iſt es der getreue Wieder⸗ ausdruck des Inhalts. Sollten Sie darauf ſchon ganz vergeſſen haben?“. Fräulein Apollonia hatte allerdings die Abſicht, dies glauben machen zu wollen, ſie konnte aber ihr Spiel nicht weiter verfolgen, da eben jetzt Frau Graf— befürchtend, die lange Anweſenheit Hohl's im Krankenzimmer lönnte nachtheilig für Emil wer⸗ den— über den Corridor kam und ſich dem Gaſtſtüb⸗ chen näherte; ſie begnügte ſich alſo Herrn Cäſar Hohl ein von dieſem nur aus der begleitenden Pantomime verſtändliches„Still!“ zuzuraunen und ihm gleichzeitig das herbeigeholte Papier ſammt Bleiſtift in die Hand zu ſchieben. Als Mutter Graf in's Zimmer trat, ſprach eben Hohl:„Alſo ich ſoll aus Ihrer Wohnung Leibwäſche holen laſſen und Ihnen ſenden. Wo wohnen Sie?“ Auf dieſe Art notirte ſich Hohl noch einige Auf⸗ träge zur Beſorgung in der Hauptſtadt. Dann empfahl er ſich und verließ mit einem Händedruck den Kranken. Um den Redacteur allein wegbegleiten zu können, ſprach Apollonia zu der Mutter: „Mutter, Herr Mohl hat ſchon lange keinen fri⸗ ſchen kalten Umſchlag mehr bekommen.“ Die Mutter, wie immer der Tochter gehorſam, wand den Leinwandlappen, an dem die Reihe des Aufgelegtwerdens war, aus, um ihn Emil zu reichen; indeß' verließen Apollonia und Hohl das Zimmer und wandten ſich gegen den Ausgang der Graf'ſchen Wohnung. An der Gangthüre ſagte Apollonia dem Redac⸗ teur: Adieu. Während dieſer mit einer Hand den Druck von Apollonia's Hand erwiderte, zog er mit der anderen Hand die Thüre an ſich, ſo daß man von der Graf⸗ ſchen Wohnung aus die Beiden nicht beobachten konnte. Apollonia fand dieſe Vorſicht Hohl's ganz in Ord⸗ nung, nachdem ſie deſſen Verſicherung vernahm: „Seien Sie ganz ohne Sorge, Fräulein Apollonia, über das Befinden Emil's, das wird ſich in Bälde wieder machen, namentlich nachdem er ſich in ſo vor⸗ trefflicher Pflege befindet.“ „Ich wünſche es ihm recht von Herzen,“ verſicherte Apollonia.. „Und Ihnen ſelbſt wünſchen Sie es nicht?“ „Auch,“ lispelte verſchämt das achtundzwanzigjährige Kind. „Und wenn Sie Hochzeit machen, liebes Fräulein, dann laſſen Sie mich's wiſſen, nicht wahr?“ „Werden Sie dazu kommen?“— „Ich? Wo denken Sie hin?“ „Ei, Sie ſind nicht artig, mein Herr.“ „Und Sie ſind grauſam, Apollonia.— Sie wollen* mich einladen Zeuge davon zu ſein, daß ein Anderer des Glücks theilhaftig wird, nach dem ich ſo lange ſchon vergeblich geſchmachtet habe.“ „Sie ſind ein Spötter,“ wehrte Apollonia ab. „Nichts weniger, als das. Wüßte ich das Mittel, durch das ſich Mohl ſo ſchnell in Ihr Herz ge⸗ ſchmeichelt, ich würde es jer tzt noch anwenden, trotzdem Sie Ihr Herz ſchon an dieſen Glückspilz verſchenkt, der in einem Tage mehr erreichte, als ich während der erden Dauer Ihrer Anweſenheit in der Hauptſtadt. Sagen Sie mir Emil's Recept?“ Apollonia lächelte;— es gewährte ihr einen ſo ſüßen Triumph, hier Jemand klagen zu hören, daß ſie ihr gewidmete Huldigungen von ſich gewieſen hätte. „Er hat gewiß nach gar keinem Recept ſich benom⸗ men,“ ſprach Apollonia,„ſondern ſich enten⸗ wie er iſt und— Sie wiſſen ja ſelber, Herr Hohl, was der Dichter ſagt: Komm den Frauen zart entgegen Du gewinnſt ſie auf mein Wort.“ „Ah ſo,“ machte Hohl luſtig,„das war's, nun dann kann ich ja mit der Fortſetzung aufwarten.“ „Wie ſo?“ Und Hohl recitirte: „Doch wer keck iſt und verwegen Kommt vielleicht noch ſchneller fort.“ Bei dieſen Worten hatte er raſch ſeinen freien Arm— mit einer Hand hielt er noch immer die Hand Apollonia's— um die Taille des Mädchens ge⸗ ſchlungen, dasſelbe feſt gegen ſich gedrückt und ſchnell geküßt. „Aber Herr Hohl,“ rief die Geküßte. Sie wollte vermuthlich ein Bischen toben, aber am andern Ende — 58 des Corridors ging die Frau des dort wohnenden ctors vorüber, ſo daß Apollonia ſich genöthigt ſah, um kein Aufſehen zu erregen, den erhaltenen Kuß— dder eigentlich die Küſſe, denn es waren mehrere, die ſich Herr Hohl genommen— ohne wei⸗ teren Proteſt„auf ſich beruhen zu laſſen.“ Auch Hohl gewahrte die Frau Salzfactorin, von der er überzeugt war, daß ſie, ſo lange er hier ſtand, um keinen Preis der Schöpfung ihren Beobachtungspoſten verlaſſen würde, weshalb er ſich nach der beſten Verbeugung, die ſeine Wohlbeleibtheit ihm geſtattete, entfernte. „Eigentlich iſt's doch ſchade, daß Hohl ſchon eine Frau hat,“ überlegte ſich Apollonia nach dem Weg⸗ gange des Redacteurs, von dem ſie wußte, daß er in ſehr guten Verhältniſſen lebe,„aber dagegen iſt nichts mehr zu machen, und ſeine Frau macht noch gar keine Miene, mir zu Gefallen vom Schauplatz abtreten zu wollen.“ Nach dieſem praktiſchen Monolog kehrte ſie in's Krankenzimmer zu dem geliebten Emil zurück, um die Mutter daſelbſt abzulöſen. Als die beiden Liebenden wieder allein waren, wollte Emil das vorher von Hohl angeregte Geſprächs⸗ thema weiter führen, aber Apollonia wehrte es ihm, weil er ſich zu ſehr aufrege und ohnedem ſich während Hohl's Anweſenheit ſchon durch zu vieles Sprechen gegen die Anordnungen des Arztes verfehlt habe. Wohl oder übel mußte Emil ſich unter das ſtrenge Commando ſeiner ſchönen und geliebten Krankenwär⸗ terin bequemen, die ſich in den Lehnſtuhl ſetzte und ihren Gedanken Audienz gab. 59 „Gewiß beſchäftigt ſie ſich mit meinem, unſerem Glück,“ dachte Emil, als er die Geliebte betrachtete. „Hohl iſt offenbar in mich verliebt,“ überlegte ſich Apollonia,„ich muß mir doch überlegen, wie ich das ausnützen kann.“ Auf dieſe Weiſe waren die Gedanken der Beiden unzweifelhaft ganz angenehm, wenn auch Emil nicht ganz in's Schwarze gerathen hatte. Es war abgemacht geweſen, daß erſt nach Mitter⸗ nacht Frau Graf die Tochter ablöſen ſolle. Es er⸗ ſchien darum auffallend, daß die Mutter ſchon vor Mitternacht kam und Apollonia nach dem Wohnzimmer rief. Offenbar drückte etwas Wichtiges das mütter⸗ liche Herz.— Es war auch keine Kleinigkeit. Als der Herr Chor⸗ regent vom Wirthshauſe heim kam— ein Ereigniß, das Apollonia zur gewohnten Stunde wohl vernom⸗ men, ihm aber keine weitere Beachtung geſchenkt hatte— hatte er, entgegen ſeiner ſonſtigen Gewohnheit noch ein Geſpräch mit ſeiner Gattin angeknüpft, welche die ver⸗ mehrte Einbuße, die ihr ohnedem ſchon verkürzter Schlaf dadurch erlitt, bereitwillig verzieh, als ſie die Mittheilungen des Gatten erfahren hatte. Dieſe Mit⸗ theilungen bis zum andern Morgen aber bei ſich zu behalten, ohne ſie an ihre Tochter Apollonia weiter⸗ ſpedirt zu haben, wäre ihr platterdings unmöglich ge⸗ weſen und ſo war denn die Perle aller Frauen und Mütter aufgeſtanden, um mit der Tochter die wichtigen Nachrichten, die der Vater heimgebracht, zu überlegen. Als Mutter und Tochter im Wohnzimmer bei⸗ ſammen ſaßen, begann Frau Graf die Unterhaltung mit dem witzigen Gruße: 4„Ich gratulire, Frau Chorregentin.“ Apollonia ſah verſtändnißlos auf.. „Du hörſt doch wohl?“ wiederholte die Mutter und ihr ſonſt in ſo würdige Falten gezwängtes Ge⸗ ſicht wurde ſchrecklich gequält, um ſchalkhaft ausſehen zu ſollen,„Frau Chorregentin.“ „Ich höre wohl, Mutter,“ antwortete die Tochter, „aber ich verſtehe Dich durchaus nicht.“ „Nun, das Eine iſt doch leicht zu verſtehen, daß ich Dich als„Frau“ begrüße, nicht wahr?“ .„Aber als Frau Chorregentin—“ „Das heißt doch ſo viel als, daß Dein Künftiger ( Chorregent ſein wird.“— „Chorregent?“ machte Apollonia,„wie käme Emil—“ „Ach was, hat ſich was mit Emil. Das iſt noch eine Taube auf dem Dach, ich aber habe einen Vogel in der Hand, das iſt beſſecr.“ Apollonia konnte zwar der Mutter nicht beiſtim⸗ men in der Bezeichnung Emil's als„Taube auf dem Dach,“ aber ſie hielt den Zeitpunkt nicht dazu ange⸗ etwas deutlicher ausſprechen? Ich weiß nicht ob Du mir ein Räthſel aufgeben willſt oder nicht, jedenfalls aber weiß ich, daß ich jetzt zu müde bin, um mich mit Glück im Errathen zu verſuchen.“ than, jetzt die Meinung der Mutter zu ceorrigiren. Sie ſprach daher: .„Aber liebe Mutter, möchteſt Du Dich nicht lieber ——————O ——————O 61 „Komm, Kind, laſſ' Dir erzählen, was der Vater aus dem Wirthshauſe Neues mit heimgebracht hat.“ Einen Moment befürchtete Apollonia, dieſe Neuig⸗ keit möchte im Zuſammenhange mit dem Schlußtableau auf dem Turnplatze ſtehen, bei dem ſie und Emil die beiden Hauptakteure geweſen, aber in dieſem Falle würde ſich die Mutter kaum in ſo behaglicher Weiſe ausgelaſſen haben. Auch ihrerſeits geſpannt hörte Apollonia der rede⸗ luſtigen Frau Graf zu, als dieſe anhub: „Erinnerſt Du Dich noch des kleinen Aegidius, der vor mehreren Jahren zur Erziehung beim Herrn e Benefiziat Kölblich war?“ „Des liederlichen Bauernjungen aus Lindenzell, der davonlief und verſchollen iſt? Ja wohl erinnere ich mich dieſes Strolchs.“ „Kind, Kind, was ſprichſt Du da?“ mahnte die Mutter,„wenn Du erſt Alles wüßteſt—“ „Ich danke, Mutter, bin gar nicht neugierig zu erfahren, welche Stückchen dieſer davongelaufene Schlingel gemacht hat.“ „Aber ſo laſſ Dir doch ſagen, Kind,“ beſchwichtigte die Mutter,„der desaie iſt durchaus nicht verſchol⸗ len, ſondern iſt hierher zurückgekommen.“ „Auf dem Schub wohl als Landſtreicher?“ machte geringſchätzend die Tochter. Was konnte ſie, des Re⸗ genten Töchterlein, ſich für einen Menſchen intereſſiren, deſſen Vater ſie noch in der kurzen Bauernhoſe mit dem Dreiſpitz auf dem Kopfe hatte umhergehen ſehen?! 62 Nein,“ ſprach mit einem ſchadenfrohen Pnir. die 71 Mutter,„nicht per Schub iſt er gekommen, ſondern per Poſt, t, und nicht im Arreſt iſt er ab bgeſtiegen, ſondern im erſten Stock von der„Poſt.“ Es iſt ein feiner Herr aus ihm geworden.“ „Wirklich?“ ſagts ungläubig Apollonia. „Wie ich Dir ſage,“ beſtätigte die Mutter. „Warum hat er denn dann die ganzen langen Jahre nichts von ſich hören laſſen?“ beharrte Apol⸗ lonia ablehnend. „Ja, das ſcheint mit ſeinem Metier zuſammenzu⸗ hängen,“ verſicherte die Frau Regent. „Ja wohl, mit ſeinem Metier als Landſtreicher, das glaube ich wohl,“ ſchaltete die Toc Bler ein, die wie es ſchien kein Intereſſe für den Angekommenen hatte. „So laſſ' Dir doch endlich erzählen,“ ſchalt ſo miß⸗ muthig, als ſie es ſich gegen die Tochter zu werden getraute, die Frau Regent. „Ich höre ja die ganze Zeit zu, wenn ich auch nicht recht weiß weshalb,“ maulte Apollonia. „Nun alſo. Vorgeſtern Abend kam mit der Poſt ein feiner fremder Fenn an, ſtieg beim Poſthalter ab, ließ ſich das beſte Zimmer im Hotel geben, ein gutes Abendeſſen dazu— ich wei eiß nicht mehr was— und eine ganze Flaſche petſchirten Wein.“ „Sehr intereſſant,“ moquirte ſich reſpectwidrig die Tochter. „Als er ſich in's Fremdenbuch einſchreiben ſollte, weigerte er ſich, es zu thun, ſchimpfte, drohte mit Mord und Todſchlag und es wäre wohl zu den ſchlimmſten 63 Auftritten gekommen, denn auch der Baron von Sternen⸗ kron war da, mit dem der Fremde eng befreundet iſt.“ „Der Aegidius mit dem Baron?“ fragte Apollonia aufhorchend. „Ja wohl, eng befreundet,“ beſtätigte die Mutter, „die Beiden wollten ſich an der Kellnerin, am Poſt⸗ halter, an ſeiner Frau vergreifen, ſo arg haben ſie's getrieben, bis endlich der Aſſeſſor Kratzeiſen ihnen drohte, daß er ſie durch Gendarmerie kurzſchließen und nach dem Gefängniß transp ſſen wer vfirao 5 14 rtiren la de. hſt 2 „Siehſt Du, Mutter, vom Gefängniß kommt doch in Deiner Erzählung über den Aegidius etwas vor,“ triumphirte Apollonia. „Aber namentlich arg ſoll's wieder der Baron ge⸗ trieben haben; der Fremde, von dem noch Niemand wußte wer's ſei, ſei viel manierlicher geweſen und ſei auch, als man endlich den wüthenden Baron zur Poſt hinausgeworfen hatte, gutwillig auf ſein Zimmer ge⸗ gangen.— Spät noch habe er dann auf ſeinem Zim⸗ mer ganz merkwürdig zu geigen angefangen, daß alle Leute auf der Straße ſtehen geblieben ſeien, denn ſo etwas Schönes hätten ſie noch nie gehört gehabt.“ „Das werden wohl auch die richtigen Kenner ge⸗ weſen ſein,“ warf Apollonia dazwiſchen. „Bitte, bitte,“ widerſprach Frau Graf,„es war ſo⸗ gar der Herr Lehrer Lunger darunter, der gewiß et⸗ was vom Geigen verſteht. Und der hat's zum Vater geſagt.“ „Was?“ 64 „Daß er ſeit dem großen Geiger Mi— Mill—, ich weiß nicht wie der Mann geheißen hat—“ Ni „Du meinſt wohl die Geſchwiſter Milanollo,“ be⸗ 9 ſch 1 lehrte Apollonia, die ſelbſt ihrer Mutter gegenüber die prächtige Gelogenheft, mit ihren Kenntniſſen aus dem Converſationslexikon zu glänzen, nicht unbenützt vorübergehen loſſen wollte. „Meinetwegen,“ fuhr die Mutter fort,„alſo daß er ſeit dem gröfen Geiger Milanollo nicht mehr habe ſo geigen hören.“ „Milanolla waren ja zwei Schweſtern, Mutter,“ corrigirte Apollonia. „Ach was, das iſt mir gleichgültig,“ließ ſich ungeduldig Frau Graf vernehmen,„das ändert an der Sache nichts.“ „Weshalb aber des Aegidius' Geigenſpiel ihn ver⸗ hindert haben ſoll, Jahr und Tag ein Lebenszeichen von ſich zu geben, iſt mir darum doch noch nicht klar,“ wendete die Tochter ein. „Das kommt eben davon her, daß der Aegidius lange Jahre kinduich ſich in fremden Welttheilen um⸗ hergetrieben hat.— Es ſoll ſchauderhaft ſein, wie weit er herumgekommen ſei.“ „Es wird wohl nicht ſo gefährlich ſein,“ machte Apollonia—„ſo ein Menſch erlaubt ſich van auch ſeinen Scherz und lügt wenn er heimkommt d'rauflos, was nur möglich iſt.“ „Nein, nein,“ verſicherte die Mutter,„man weiß das gar nicht von ihm ſelber, denn er ſcheint ſehr verſchloſſen, ſondern von einer ganz andern Perſon.“ „Von wem denn dann?“ 65 „Von einer Dame.“ „Von einer Dame?“ wiederholte fragend Apollonia. „Ja wer in ganz Lindenheim ſollte denn davon etwas wiſſen?“ „Das iſt ja eben die Geſchichte. Höre nur zu. Heute Vormittag, ich weiß nicht um welche Zeit, kam eine de Erfarduſt mit zwei Damen an. Sie ſtiegen auf „Poſt“ aus und mietheten gleich das ganze erſte Sn ckwerk.“ „Für ſich allein?“ „Für ſich allein, ja wohl. Ganz zufällig kam ge⸗ rade der Aegidius dazu, ſieht ſie und wird kreideweiß wie der Tod. Die eine der beiden Damen ſieht ihn auch und ſpricht ihn in einer wildfremden Sprache an. Der Aegidius ſtottert ebenſo einige Worte, wo⸗ rauf ihn die Dame am Arme packt und ihn mit in's Haus ſchleppt. Dort kommt der Poſthalter dazu und hört wie die Beiden zuſammen ſprechen, während ſie die Treppe hinaufgehen.“ „Und was haben ſie geſprochen?“ 3 „Es ſoll ganz merk kwürdiges Zeug geweſen e 8 ſagt der Poſthalter. Er verſtand nicht Alles, nur das konnte er hören, daß die Dame ſelbſt erzählte, wie ſie dem Aegidius durch ganz Europa nachgereiſt ſei, — wahrſcheinlich hat ſie ihn geſucht und hier endlich gefunden.“. „Sie müſſen ſich alſo vorher gekannt haben?“ „Natürlich, die Dame ſagte ſelbſt etwas zu Aegi⸗ dius hierwegen, der Poſthalter verſtand deutlich die Worte„unſere jahrelange Compagnie.“ Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 5 66 „Alſo iſt ſie eine verlaſſene Geliebte,“ entſchied Apollonia. „Das uh⸗ aber wer iſt ſie Ven Hauſe aus?“ Wie kann ich das wiſſen? Vielleicht eine Har⸗ ſer eniſ ſtin.“ „Kind, Du verſündigſt Dich,“ ſprach drohend die Mutter,„die Dame iſt— eine Prinzeſſin, die Be⸗ gleiterin ihre Hofdame.“ 44 „Nicht möglich,“ fuhr Apollonia auf. „Wie ich Dir ſage, der Poſthalter hat's in ſeine eigenen Ohren hinein gehört, wie der Aegidius zu ihr ſagte: Prinzeſſin.“ Die beiden nächtlichen Schwätzerinnen drehten dieſes Ereigniß noch hin und her und betrachteten es von allen Seiten, endlich aber fiel es Apollon nia doch ein zu fragen: „Bei alledem, Pienier. vIſeh ich nicht ein, wie Du dazu kommſt, mich zwegen d ieſer Geſchichte„Frau Chor⸗ regent“ anzuſprechen.“ „Ja ſo,— das iſt ja die Hauptſache. Nun alſo, der Aegidius iſt heute in Lindenheim herumgegangen, hat die einflußreichſten Bürger aufgeſucht und hat ihnen unter der Hand zu verſtehen gegeben, daß er zurückgekommen ſei, um ſich hier um die Stelle als Chorregent zu bewerben.“ „Die iſt ja nicht frei,“ fuhr Apollonia auf. „Nur Geduld; daſſelbe wurde ihm auch geantwortet, aber er erklärte, daß er ſich damit begnüge, wenn man ihm die Anwartſchaft verſpreche auf dieſe Stelle, ſo⸗ bald der Vater einmal abtrete; er würde jetzt den Vater einſtweilen unterſtützen im Amte, und er ſei gekommen um ſich um Deine Hand zu bewerben, ſo daß der Vater in ihm ſicher keinen Nebenbuhler, ſon⸗ dern eine Stütze und Hülfe ſehen würde.— Nun was ſagſt Du dazu?“ Apollonia war ſtarr. Das war zuͤviel für einen Tag. Emil, dann das Intermezzo mit Cäſar Hohl und jetzt die allerdings etwas ſeltſame, aber wenn ſie ſich bewahrheiten ſollte, ſehr beachtenswerthe Werbung Aegidius',— Apollonia ging's wie dem Fauſt ſchen Schüler, ſie fühlte ein Mühlrad im Kopfe ſich drehen. Mit der Miene einer Himmelsbraut ſprach ſie in Ergebenheit: „Wie Gott will“ und zog ſich ſtumm in ihr Stüb⸗ chen zurück. „Welches iſt der Rechte?“ überlegte ſie ſich noch M lange; gegen Morgen erſt ſchlief ſie ein. Viertes Kapitel. Schleichwege. Das ſonſt wie ein Uhrwerk ſo regelmäßig gehende Hausweſen des Herrn Benefiziat Kölblich war durch den Beſuch von Aegidius auch ein wenig aus dem ge⸗ wohnten Geleiſe gekommen. Der Herr Benefiziat Kölblich freilich war für ſeine Perſon den übrigen Gliedern ſeines Haushaltes gegen⸗ über ziemlich gleichmäßig geblieben. Als gegen Mittag ſeine Nichte in des Onkels Zimmer kam, um ihn zu fragen, ob angerichtet werden dürfe, ſaß der Benefiziat vor ſeinem Schreibtiſch, hatte aber offenbar weder ge⸗ ſchrieben, noch geleſen. Sein Ausſehen war zwar nachdenklich, aber nicht unfreundlich. Er beantwortete die wirthſchaftliche Frage der Nichte nicht, ſondern, indem er ſich gegen ſie wandte, ſprach er: „Der Aegidius Keller aus Lindenzell iſt ange⸗ kommen.“ „Ich weiß es,“ antwortete Anna, ein wenig be— fangen, denn ſie wußte nicht, was kommen werde, „Gertrud hat's mir geſagt.“ — 69 „Na ja,“ ſagte der Benefiziat,„die Alte wird Dir jedenfalls ſchon lange ſo viel von dem Bu—, von dem jungen Manne erzählt haben, daß er Dir wohl ſo bekannt iſt, wie wenn Du mit ihm aufgewachſen wäreſt.“ „Sie hat mir allerdings öfter von ihm geſprochen,“ geſtand Anna. „Nun und jetzt w Du ihn auch bald zu ſehen bekommen. Ich wollte ihn heute noch nicht zu Tiſch inladen, damit Gerted nicht vor Aerger aus der Haut fahre, daß ich es ihr nicht vorher angezeigt habe. Aber von nun an könnt Ihr Euch immer auf ihn ge⸗ faßt machen, denn Aegidius wird wieder nach wie vor hier aus⸗ und eingehen, wie er früher gethan, als er noch zu uns gehörte.“ „Ganz recht, Herr Onkel,“ ſprach Anna erleichtert; ſie entnahm aus des Beneſiziaten Worten, er habe noch keine Kenntniß davon, daß ſie geſtern, als ſie eimlich auf dem Turnplatz geweſen, den jungen Mann chon geſehen hatte.— Woher Anna wußte, daß der junge Mann von geſtern Aegidius war? Im Beneſiziaten nhaus el Fenſter, hinter dieſen Fenſtern Vorhänge und hinte dieſen Vorhä linzer war heute Vormittag ein 2 Mädchen⸗ kopf auf der Lauer geweſen, um den weggehenden Be⸗ ſuch des Herrn Onkels zu ſehen, bezüglich deſſen natur⸗ gemäß die mädchenhafte Neugierde erwacht war, nach⸗ dem im Hausflur die im Wohnzimmer hörbar geweſene Wiedererkennungsſcene oſſehen Gertrud und jenem Ae gidius ſtattge ffunden hatte, von dem die alte Magd ſo oft und in ſeltſamen Andeutungen ſprach. „Ich hoffe, Ihr werdet gut miteinander auskom⸗ men,“ ſprach der Onkel weiter. „Ich hoffe auch,“ entgegnete Anna gleichgültig; aber ſie war in ihrer an den Tag gelegten Gleich⸗ gültigkeit nicht aufrichtig; ja wir müſſen der Wahrheit gemäß geſtehen, daß ihr Köpfchen ſich ſeit dem geſtrigen Nachmittag ein wenig mehr mit dem jungen Mann beſchäftigt hatte, als juſt Vntſendig war zur ſchul⸗ digen Dankbarkeit für den ihr geleiſteten Ritterdienſt. Zwar hatte dieſes Erinnern an den Helfer aus der Verlegenheit das Gute gehabt, daß das junge Mädchen darüber bälder auf die durch Hohl erfahrene Beleidig⸗ ung vergaß, allein es ſoll unter Umſtänden eine ge⸗ fährliche Sache werden können um eine ſo recht tief⸗ gehende Dankbarkeit eines jungen Mädchens gegen einen jungen Mann.— Außerdem befand ſich Anna nun⸗ mehr einer neuen Verlegenheit gegenüber ſeitdem ſie wußte, daß ihr Retter von geſtern und Aegidius, der künftige qua Hausgenoſſe, ein und dieſelbe Perſon ſeien. Es war allerdings eine gar verlockende Aus⸗ ſicht, zu wiſſen, daß der hübſche und artige junge Mann ſich vorausſichtlich im Benefiziatenhaus zſtene bewegen werde, aber wie konnte ſie es verhüten, daß der Herr Onkel jetzt doch nicht nur von ihrem heim⸗ lichen Beſuch des Turnplatzes, ſondern auch ſogar von dem dort paſſirten fatalen Zwiſchenfall erfahre?— Es wäre das höchſtens möglich geweſen, wenn der Herr Onkel beim erſten Zuſammentreffen zwiſchen ihr und —— —— — 71 Aegidius nicht nen geweſen wäre und ſie den jungen Mann dann gleich gebeten hätte, von jenem Vorfalle zu ſchweigen, allein dieſes Arrangement— angenommen es hätte ſich verwirklichen laſſen— wider⸗ ſtrebte Anna aus dem v zulig tigen Grunde, weil ſie es in natürlichem Taktgefühl nicht für paſſend hielt, den ihr noch fremden Hausgenoſſen gleich Fum Eintritt im Mitwiſſer einer Heimlichkeit zu machen. In dieſer 31¹ Verlegenheit beſchloß ſie endlich, das zu thun, wozu ſi keines beſondern Entſchluſſes bedurfte, nämlich: die Sache gehen zu laſſen, wie ſie von ſelber lief.— Und das war jedenfalls das Klügſte. Aber wann wird nun wohl Aegidius ſeinen Be⸗ ſuch im Benefiziatenhaus wiederholen? Er war doch ſo miliär aufgenommen worden und kannte die ein⸗ fachen Gewohnheiten des Hauſes genau genug, um zu wiſſen, daß wenn Herr Kölblich ihm geſagt, er dürfe kommen, wann er wolle, dies auch buchſtäblich zu nehmen ſei. Allein die Stunde des Nachmittagsſchlafes war längſt vorüber, ohne daß ſich ein Aegidius hätte er⸗ blicken laſſen. Anna hatte ſo ſicher d darauf gerechnet, er werde nach lleinſtidtiſcher Gewohnheit„zum Nach⸗ mittags⸗Kaffee“ kommen, daß ſie ſich wiederholt mit ihrem Anzuge beſchäftigt hatte. Derſelbe war darum immerhin einfach genug, aber mit achtzehn Jahren und einem Geſichtchen wie Milch und Blut ſieht ein ge⸗ ſteiftes helles Waſchkleid mit einer farbigen Schärpe um die feine Taille und einer gleichfarbigen Band⸗ ſchleife in den vollen Haaren geputzt genug aus, um 72 es mit allen gefeierten Modeſchönheiten aufnehmen zu können. Wenn auch gerade nicht das, ſo doch ziem⸗ lich Aehnliches, ſoweit es ihre Beſcheidenheit zuließ, ſagte ſich Anna auch, als ſie ſich im Spiegel betrachtete. Sie gedachte dabei der geſtrigen Scene und ihr an Abenteuer noch ſo gar nicht gewohntes Köpfchen be⸗ ſchäftigte ſich, ſo lange ſie am Kaffeetiſch zure echennete mit dem gewiß recht verwöhnten Aegidius, der immer noch nicht kommen wollte. Mit dieſem Kaffeetiſch hatte Anna ſich übrigens ſehr geplagt, um ihm ein mehr als nur alltägliches Ausſehen zu geben,— natürlich nur deshalb, weil der Aegidius gewiß recht verwöhnt worden war während ſeiner Reiſen. Des Herrn Benefiziaten Kölblich höchſt einfache Lebensgewohnheiten, zuſammenhängend mit ſeiner nicht glänzenden Situation, hatten wohl ge⸗ ſtattet, ſich mit einer gewiſſen Behaglichkeit, nicht aber mit Luxus zu umgeben. Und beim Herrn Benefizia⸗ ten Kölblich begann der Begriff eupns d vielfach ſchon innerhalb der Grenze, wo bei vielen Leuten geringerer Lebensſtellung noch der Begriff ⸗Dedirftiß herrſchte. So war das euſſei rvice im Hauſe des Herrn Kölblich das gewöhnlichſte von der Welt, ja im Ver⸗ rauen ſei es dem Leſer geſagt, daß für gewöhnlich der Kaffee in einem irdenen Napf auf den Tiſch kam, ſowie die heiße Milch in demſelben Gefäße, in dem ſie gekocht worden war. Die Kaffeetaſſen hatten ſich im Hotel Kölblich in Schalen verwandelt, welche an beiden Seiten Pertel l in Form von horizontal abſteh⸗ enden Läppchen zum Anfaſſen hatten und Untertaſſen 73 waren als Luxus betrachtet, deshalb nicht vorhanden; — nicht ſelten, ja zumeiſt lag das Brod auf dem blanken Tiſch, der ſeinerſeits durch den gänzlichen Mangel an Decke die Möglichkeit bot, ſich ohne alle weiteren Vorbereitungen von Gertrudens Eifer im Scheuern augenfällig zu überzeugen. Heute nun hatte Anna über den Tiſch eine roth und weiß gewirkte Decke gebreitet, auf die Decke eine friſchgewaſchene Serviette— ein ſonſt wenig gebrauch⸗ tes Meubel bei Kölblich— gelegt und dann den Schrank mit den Koſtbarkeiten des Hauſes geplündert. Sie ſtellte drei nicht ganz harmonirende Kaffeetaſſen, die ſie einſt bei einem Jahrmarkt gewonnen und ſorg⸗ fältig aufbewahrt hatte, auf, dazu einen Porzellan⸗ teller für das Kaffeebrod, die blecherne Zuckerbüchſe dazu und putzte dann den ganzen Tiſch dadurch faſt feſttäglich heraus, daß ſie einen Blumenſtrauß in die Mitte ſtellte. Auch ſollten heute Kaffee wie Milch nicht in feuergeſchwärzten irdenen Töpfen, ſondern in weißthönernen Gefäßen auf den Tiſch kommen.— Als ſie ſo weit mit dem Arrangement fertig geworden war, war Anna ſehr mit ſich zufrieden, namentlich deshalb, weil es ihr gelungen war, Alles in hübſchen Stand zu bringen, ohne bei irgend Jemand eine beſchämende Anleihe an Service machen zu müſſen. Alles war nun in Ordnung, nur— Acgidius fehlte noch immer. Er hatte auch nicht die leiſeſte Ahnung, daß er überhaupt erwartet werde und hätte er vol⸗ lends gar gewußt, wer ſeines Beſuches harre, ſo würde er ſich gewiß nicht ſo lange beim Diner mit Fräulein Levasco aufgehalten haben. Da kam mit ſo kräftigem Tritt, daß die ausgetretenen Treppenſtufen ſtöhnten, die alte Gertrud nach Hauſe. Sie hatte vom Bäcker das Kaffeebrod geholt, das ſie jetzt auf den bereit gehaltenen Teller legte.— Ihr Geſicht war noch unzufriedener, wie gewöhnlich. „Das ſoll wohl Alles für den Aegidius ſein?“ brummte ſie, auf den hergerichteten Tiſch anſpielend. „Was ſoll dieſe Frage?“ ſprach Anna, die wohl wußte, daß Gertrud's Bemerkung nur eine Einleitung zu einer nachfolgenden Mittheil ung war. „Was wird ſie ſollen?— ſchade iſt's rum, ſich wegen dieſes ungerathenen Buben ſo zu plagen.“ „Oho, Ihr ſprecht Euch wieder einmal recht leicht, Gertrude,“ tadelte Anna,„es iſt gut, daß der Herr Onkel Euch nicht gehört hat.“ Magd,„da ſoll man ſich wohl auch noch ein Blatt vor 8 „Ich ſpreche von dem Liedrian, der mit ſeiner Ge⸗ liebten auf der„Poſt“ ſitzt und alle Scham verloren hat,“ entgegnete zornig Gertrude. „Was ſchwatzt Ihr da für Zeug daher?“ „Das muß eine rare Perſon ſein, die einem Manns⸗ bild nachreiſt, ſage ich und dabei bleibe ich und wenn ſie noch ſo viel Geld hat und noch ſo prächtige Klei⸗ der trägt; ja wohl,“ polterte die Alte. „Ja von wem ſprecht Ihr denn, Gertrud?“ — G⁴t „Sie verſtehen ja doch nichts davon,“ murrte die Alte weiter,„was weiß denn ſo ein Kind, wie Sie, wie's in der Welt zugeht.“ „Was iſt denn nur vorgefallen?“ fragte ängſtlich Anng. „Was vorgefallen iſt?“ erklärte endlich die Magd, „ein Skandal iſt vorgefallen, wie man ihn in Linden⸗ heim noch nicht erlebt hat.“ „So redet doch, Gertrude.“ „Bald nachdem heute der Aegidius beim Herrn Benefiziat geweſen war, ſind mit einer Extrapoſtchaiſe zwei Frauenzimmer angekommen und auf der„Poſt“ abgeſtiegen. Die Eine davon ſoll ein vornehmes und reiches Fräulein ſein, die Andere iſt zur Geſellſchaft mit, und— es iſt eine Sünd' und Schande, weiß Gott— je ſchöner d die Kleider und das Lärvchen, je ſchlechter die Leute— „Nun, was iſt denn mit den beiden Angekommenen?“ „Den Aegidius haben ſie aufgeſucht, die Eine da⸗ von— die reiche, geputzte— iſt ſein Schatz, die iſt ihm nachgereiſt, wahrſcheinlich hat ſie gefürchtet, er laſſe ſie ſitzen und jetzt ſitzen ſie auf der„Poſt“ und haben ſich auf ihrem Zimmer ein nobles Mittageſſen auftragen laſſen, trinken die feinſten Weine und lachen mitſammen, daß man's bis in den Hausflur hören kann.“ „Iſt's möglich?“ machte unwillkürlich Anna. „Und wir dummen Narren hier richten inzwiſchen Alles her, um ſolch' einem liederlichen Buben auch noch eine Ehre anzuthun. Ja wohl, der kümmert ſich 76 Anna hatte das letzte Geſchelte der Magd nicht mehr gehört; ſie hatte einen heftigen Stich empfunden ) bei Gertrudens Mittheilungen, ſo daß ſie haſtig mit der Hand nach dem plötzlich ſtillſtehenden Herzchen griff, das im nächſten Augenblicke wie im Fieber zu hämmern begann. Dann ſtieg's heiß und raſch vom Herzen empor nach dem Kopfe und in die Augen, deren Lider plötzlich zu brennen ſchienen, aber keine Thräne kam zu Hilfe, ſie wandte ſich ab und bezwang ſich ſo weit, um der Magd gegenüber leidlich gefaßt zu bleiben. Dieſe gewahrte dennoch eine Veränderung an Anna und mit der Gutmüthigkeit, welche allen Polterern eigen zu ſein pflegt, ſprach ſie zu dem jetzt wieder bleich gewordenen Mädchen: „Machen Sie ſich nichts d'raus, daß Sie umſonſt den Kaffeetiſch ſo prächtig hergerichtet haben; dem Herrn Benefiziaten macht's doch auch Freude, wenn's ſo nach Geburtstag auf dem Tiſch ausſieht; es iſt nur gut, daß wir die ſaubere Geſchichte früh genug erfahren haben. Ich will nur gleich die dritte Taſſe wieder wegnehmen; ſo ein Burſche wie der Aegidius paßt gar nicht an denſelben Tiſch, an dem brave Menſchen ſitzen, er ſoll nur bei ſeinen dahergelaufenen Weibsbildern ſitzen; wir ſind für ihn zu gut,“ ſchalt grimmig die Magd, die ſich natürlich arg mit beleidigt fühlte. —— — 7 6 Des Herrn Benefiziat Kölblich's Eintritt in's Zimmer machte allen weiteren Debatten ein Ende. „Sage'mal Anna,“ ſprach er noch unter der Thüre, „gibt's denn heute keinen Kaffee?“ Da erblickte er den feſtlich zugerichteten Tiſch „Ja, was iſt denn heute los?“ fragte er rſiaunt, „es iſt doch meines Wiſſens im Hauſe kein Namens tag oder Geburtstag. Was bedeutet denn dieſer Glanz in unſener Hütte?“ „O, ich dachte,“ antwortete Anna verlegen, während Gertrude geräuſchvoll und vor ſich hinbrummend das Zimmer verließ,„es könnte ſein, daß der Herr Keller zum Kaffee käme und da wollte ich— „Da wollteſt Du Dich gleich im vortheilhafteſten Lichte als künftige Hausfrau zeigen,“ ſc erzte der Benefiziat. Anna wehrte entſchieden ab „Wenn ich glauben könnte, daß Herr Keller das dächte, ſo würde ich noch in dieſem Augenblick den Tiſch wieder abräumen.“ Der Benefiziat war ein viel zu wenig ſich um Mädchengedanken kümmernder Mann, als daß er den Worten Anna's eine weitere Bedeutung beigelegt hätte. „Na, halte das, wie Du willſt,“ ſprach er, ſich an den Tiſch ſetzend,„wenn ich nur endlich einmal meinen Kaffee bekomme.“ Anna ging hinaus, um aus der Küche das Ver⸗ langte zu holen, indeſſ der Benefiziat ſich überlegte, daß ſeine Nichte eigentlich ſo Unrecht nicht gehabt hatte, wenn ſie geglaubt, Aegidius würde ſich wohl im Laufe des Nachmittags einfinden. Da hörte er die Hausthüre aufreißen und wieder in's Schloß werfen, haſtige Tritte klangen die Treppe herauf,— das war gewiß Aegidius. Gleichzeitig kam Anna mit Kaffee und Milch aus der Küche, ſo daß die beiden jungen Leute ſich auf dem Vorplatz, vor der Zimmerthüre begegneten. Da Anna wußte, wen ſie zu erwarten hatte, war es für ſie leicht, keinerlei Erſtaunen zu zeigen, während Aegi⸗ dius allerdings einen Moment ſprach- und bewegungs⸗ los ſtand, als er ſich unvorbereitet vor dem bis jetzt vergeblich geſuchten hübſchen Mädchen vom Turnplatz ſah. „Alſo Sie ſind—“ begann er nach einer Pauſe. 77 „Ja wohl,“ antwortete Anna mit eiſiger Ruhe,„ich bin die Nichte des Herrn Benefiziat Kölblich und ver⸗ muthlich ſind Sie der erwartete Gaſt meines Onkels— Herr Aegidius Keller. Wollen Sie nur eintreten.“ Und ſie wollte ihm, da ſie mit beiden Händen das Blech mit den zwei Töpfen trug, den Vortritt laſſen. In den Worten und im Benehmen des jungen Mädchens lag ſo wenig, was einer Erinnerung gleich⸗ ſah, daß es den Gaſt von geſtern her noch erkenne, daß Aegidius— allerdings darüber ſehr befremdet— in dieſem Momente des Zuſammentreffens auf dem Turnplatze nicht erwähnen mochte, ſondern ohne anzu⸗ klopfen, die Thüre öffnete, und dann zurücktrat, um Anna einzulaſſen. „Na, Du kommſt faſt zu ſpät zum Kaffee,“ rief 79 der Benefiziat dem jungen Manne entgegen,„wir woll⸗ ten gerade ohne Dich anfangen.“ „Ja, haben Sie mich denn zum Kſii erwartet?“ fragte Aegidius, nachdem er gegrüßt hatte. „Nun, das ſiehſt Du doch hier an den feſtlichen Vorbereitungen, die meine Anna getroffen hat,“ ant⸗ wortete der Benefiziat, auf den Tiſch deutend. Aegidius ſah nach dem jungen Mädchen, ob es jetzt noch ebenſo eiſig ausſchauen möge, wie vorhin, aber Anna ſah drein, wie wenn die beiden Herren von den Mondgebirgen oder Kant'ſcher Philoſophie ſprächen. „Das iſt nicht natürlich,“ dachte ſich Aegidius, „dahinter muß ich kommen.“ Laut ſetzte er aber bei: „Es thut mir nur leid, wenn ich gegen diei Auf⸗ merkſamkeit undankbar erſcheinen muß, ich habe ſchon einmal Kaffee getrunken,— gleich nach Sih 4 „Das war aber ungeſchickt,“ machte der Benefiziat. „Es ging nicht anders. Ich war zu Tiſch geladen und da wurde nach dem Deſſert gleich Kaffee ſervirt.“ „Du warſt zu Tiſch geladen?“ fragte der Alte er⸗ ſtaunt,„Du in Lindenheim zu Tiſch geladen? Na da will ich ehrlich ſein und geſtehen, daß ich wirklich neu⸗ gierig wäre zu erfahren: von wem?“ „Von Fräulein Le—, von einer Dame,“ ſprach Aegidius, jetzt erſt bedenkend, daß er eigentlich keine Aufklärungen geben konnte, denn die Levasco wollte ja incognito bleiben,„von einer Dame, die zufällig 80 hier angekommen iſt und die ſehr erſtaunt war, mich hier zu treffen.“ „Du kennſt ſie alſo von früher?“ „O ja, ich habe mit ihr— mit ihr oft geſprochen in verſchiedenen Städten, wir kennen uns ſchon ſeit einigen Jahren.“ „Das iſt jedenfalls ſonderdar, wie ſich dieſe Dame nach Lindenheim her verirrt. Iſt ſie alt?“ fragte der Benefiziat, bei dem ein wenig doch der Kleinſtädter zum Durchbruch kam. Aegidius lachte. „Beſter Herr Benefiziat, das iſt eine Gewiſſens⸗ frage. Sie iſt eine Dame d'un certain äge.“ „Dies Kauderwelſch verſteh' ich nicht.“ „Anders als Kauderwelſch iſt auch ihr Alter nicht,“ lachte der junge Mann,„ich bin der Meinung, daß ſie jung genug iſt, um noch eine lebende Großmutter und alt genug iſt, um ſchon einen Enkel haben zu können.“ „Das iſt mir zu confus,“ ſchloß der Benefiziat dieſes Kapitel. Während Anna einſchenkte und Aegidius ſich auch eine Taſſe ausbat, die er mit Todesverachtung ſammt einer aufgeſchnittenen Semmel vertilgte, lenkte er das Geſpräch von der fremden Dame ab und als er dem Onkel— Anna ſchien vollkommen theilnahmlos— von ſeinen Reiſen zu erzählen begann, war die Dame auf der„Poſt“ vergeſſen. Als die Kaffeetaſchen geleert waren, trug ſie Anna ſammt Zuthaten weg, der Onkel aber rief ihr nach, ſie —- ſolle ihm eine geſtopfte Pfeife bringen.— Aegidius bat den Benefiziaten von ſeinen Cigarren anzu⸗ nehmen und als dieſer Bitte willfahrt wurde, glaubte wieder dahin zurückzukehren, ſo lange die beiden Herren erzählend, zuhörend und rauchend beiſammen ſaßen. „Wo iſt denn die Anna?“ fragte doch endlich der Benefiziat. „Ihre Nichte ſcheint außergewöhnlich ſcheu zu ſein,“ ſprach Aegidius. „Anna? Nicht im Geringſten.“ „Gegen mich wenigſtens,“ verſicherte der junge Mann,„ich wüßte doch nicht, daß ich ihr irgendwie Anlaß dazu gegeben hätte, ſich vor mir zurückzuziehen.“ „Ach was,“ ſprach der Alte,„biſt Du noch ſo wenig bekannt mit Mädchenzierereien, daß Du nicht weißt, daß man da nie nach einem Grund forſchen darf, weil nämlich keiner da iſt.“ „Vielleicht ſtört ſie die Anweſenheit eines Fremden in Ihrem ſtillen Haushalt,“ bemerkte Aegidius. „Bah! Im Gegentheil, das Mädchen hat ja ohne— dem faſt keine Unterhaltung und Zerſtreuung, da kommt ein Beſuch gerade recht. Sie hat ſich auch auf Deinen Beſuch gefreut, das kannſt Du mir glauben.“ „In der That?“ „Wie ich Dir ſage, oder vielmehr wie Du ſehen konnteſt. Für mich hätte ſie doch wahrhaftig ſich nicht ſo angeſtrengt, und den Kaffeetiſch ſo ſplendid herge⸗ richtet.“ Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 6 Immer klarer wurde es für Aegidius, daß Anna ganz beſtimmte B awenarinbe haben müſſe gegen ihn ein ſo auffallend kühles Benehmen an den Tag zu legen. Sie ignorirte es offenbar, daß der Benefiziat, als Herr vom Hauſe, ihn wie zur Familie gehörend betrachtete, ſie ignorirte es vollſtändig, daß ihre beider⸗ ſeitige Bekanntſchaft ja ſchon von geſtern und zwar unter Umſtänden geſchloſſen war, die eher eine be⸗ ſchleunigtere Annäherung wie eine Entfremdung zur Folge hätte haben ſollen.— Warum alſo dieſes ab⸗ ſichtliche, ja gewiſſermaßen für Aegidius verletzende Zurückziehen des jungen Mädchens? Würde Aegidius eine Ahnung gehabt haben von dem Geſpräche, das unmittelbar vor ſeinem Eintreffen zwiſchen der Nichte Kölblich's und Gertrude ſtattgefunden hatte, er würde ſich ſicher des jetzigen Benehmens des jungen Mäd⸗ chens gefreut haben, denn er hätte ja daraus erſehen, wie er Anna intereſſant genug war, daß ſie ſich um ſeinet- und ſeiner vermutheten Beziehungen zu Fräu⸗ lein Levasco willen gräme.— Aber Aegidius war weit entfernt den wahren Grund von Anna's Ver⸗ ſtimmung zu ahnen. Ohne das junge Mädchen wieder geſehen zu haben, verließ er, nachdem er ſeine Cigarre in Geſellſchaft des Benefiziaten zu Ende geraucht, das Haus in einer juſt nicht gar zu roſigen Stimmung. Es konnte ihn auch nicht zerſtreuen, daß er nach wenigen Schritten dem Hutmacher Herz mit dem ewig dummpfiffigen Geſichte begegnete und von ihm geſtellt wurde. Der einfältige Hutmacher glaubte durch die — 83 Unterredung, die er heute Vormittag mit Aegidius ge⸗ führt hatte, das Recht erlangt zu haben, den jungen Mann nach Allem fragen und ſich als Vertrauten und Spezial betrachten zu dürfen. Die nachmittägige Neugierde von Meiſter Herz drehte ſich um die beiden angekommenen Damen, ſpe⸗ ziell um Fräulein Levasco, die den nach Lindenheimer Begriffen ganz abnormen Luxus getrieben und allein für ihre Perſon zwei Zimmer auf der„Poſt“ verlangt hatte, ein Vorkommniß, das in den Gaſthofannalen Lindenheim's bis jetzt nirgends verzeichnet ſtand. „Ja, iſt es denn wahr?“ begann Herz ſeinen diplo⸗ matiſchen Feldzug gegen Aegidius' Verſchloſſenheit. „Was denn?“ machte dieſer ungeduldig. „Mit der fremden Dame—“ „Mit welcher fremden Dame?“ „Nun, auf der„Poſt,“— ach, thun Sie doch nicht ſo,— ich weiß ja doch ſchon Alles,“ ſprach vertrau⸗ lich der Hutmacher. „Wozu fragen Sie mich denn dann, wenn Sie ſchon Alles wiſſen?“ entgegnete Aegidius. „Alſo wirklich? Nein, wer hätte das gedacht? Ich war doch auch in der Fremde und auf der Wander⸗ ſchaft, aber das iſt mir doch nicht paſſirt,“ rief der leichtgläubige Meiſter. „Was iſt Ihnen nicht paſſirt?“ „Daß mir, als ich heimgekommen bin, eine Prin⸗ zeſſin mit ihrer Hofdame nachgereiſt gekommen wäre.“ Aegidius hatte alle Mühe, nicht gerade hinauszu⸗ ſchreien vor Lachen. 84 „Eine Prinzeſſin?“ machte er,„wer hat Ihnen denn das geſagt?“ „O läugnen hilft da nichts mehr,“ triumphirte Herz, „der Poſthalter hat's in ſeine eigenen Ohren hinein gehört, wie Sie die Dame als„Prinzeſſin“ angeredet.“ „Hat das der Poſthalter gehört?“ „Ja wohl, mein Lieber, er hat's gehört, was ſagen Sie nun?“ „Ja, wenn's der Poſthalter gehört hat,“ gab Aegi⸗ dius ſich gefangen,„ſo kann ich freilich nichts mehr ſagen.“ Das Geſicht des Hutmachers ſtrahlte förmlich. „Wie iſt's nun aber mit der anderen Geſchichte?“ forſchte er weiter. „Mit welcher Geſchichte?“ fragte Aegidius, den die neugierige Dummheit des Mannes doch zu amuſiren begann. „Von wegen der Stelle als Chorregent.“ „O, das bleibt wie's war,“ gab er zur ausweichen⸗ den Antwort. Der Hutmacher wurde doch etwas bedenklich. „Frau Chorregent iſt freilich ein ſchöner Titel,“ meinte er,„aber ob er gut genug für eine geborene Prinzeſſin iſt, weiß ich doch nicht—“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Herz,“ ſprach Aegidius, „die Dame auf der„Poſt“ und ich denken nicht im Entfernteſten d'ran, uns zu heirathen.“ „Nicht?“ „Nein, es ſoll mir ſogar recht lieb ſein, wenn Sie das weitererzählen; hören Sie, lieber Herr Herz?“ 85 „Gerne, gerne,“ verſicherte der Meiſter,„ich ver⸗ ſtehe auch ſchon wieder warum?“ „Was verſtehen Sie denn ſchon wieder?“ „Na, natürlich, Sie wollen ſich nicht ſchaden bei Ihrer Bewerbung um Fräulein Apollonia Graf. Da haben Sie ja auch ganz Recht.“ 8 „In vollem Ernſt,“ erklärte Aegidius,„laſſen Sie mich mit all den Geſchichten in Ruhe, an denen kein vernünftiger Faden iſt.“ „Ganz recht, ganz recht,“ betheuerte Herz mit einer Miene, die direct das Gegentheil deſſen ausdrückte, was Aegidius verlangte. Ueberdrüſſig der Unterredung wandte der junge Mann ſich zum Weitergehen. „Halt! noch eins!“ hielt, ihn aber Herz zurück. „Ich habe keine Zeit mehr.“ „Nur einen Moment.“ „Unmöglich.“ „Doch,— ſagen Sie mir nur noch das Eine: kann man die Prinzeſſin nicht auch zu ſehen kriegen?“ „O ja wohl,“ verſicherte Aegidius,„geben Sie nur Obacht, daß Sie's nicht verſäumen. Sie geht jeden⸗ falls heute noch ein wenig ſpazieren.“ „Das iſt herrlich,— da bin ich neugierig.“ Aegidius riß ſich los, aber er war erſt wenige Schritte gegangen, als ihm Herz nachgelaufen kam, ſo ſchnell es ſein ungelenker Körper erlaubte. „Bald hätte ich das Wichtigſte vergeſſen,“ ſagte er puſtend. „Was iſt das denn?“ 86 „Sagen Sie mal, lieber Herr Keller, wie iſts denn,— unſer Einer kommt ja nicht in ſolche Fälle und möchte doch auch nicht anſtoßen— „Ja, was wollen Sie denn eigent tine⸗ „Bitte, ſagen Sie mir doch, wenn's nun zufällig ſich träfe, daß die Prinzeſſin mich an ſpräche,— man kann ja doch nicht wiſſen—“ „Nun, nur weiter,“ drängte Aegidius. „Wie ſpricht man denn mit einer Prinzeſſin?“ „Deutſch, Herr Herz, deutſch.“ „Ach was, das iſt ja natürlich, ich kann ja keine andere Sprache, aber ich meine, wie man ſie titulirt und wie man ſich dabei benimmt.“ Hatte Aegidius bis jetzt ſo viel Unſinn anhören müſſen, ſo wollte er ſich doch auch einen Spaß dafür machen. Mit wichtiger Miene aber eiligen Worten belehrte er darum den aufhorchenden Hutmacher: 4 „Eine Prinzeſſin titulirt man„Euer wohlriechende Gnaden“ und wenn man mit ihr ſpricht, ſo ſchlägt man die Arme kreuzweiſe über die Bruſt zuſammen und ſteht dabei auf einem Wiſg noch nach,„auf d den rechene „Auf dem rechten, ſo⸗ wird,“ rief er dem Meiſt, ſo lange man ſelber ſpxi „Adieu, ich danke.“ „Bitte, keine Urſache, err Herz.“ 4 87 Noch lachend über dieſes Intermezzo kam Aegidius nach der„Poſt“ zurück, wo er von Karoline erfuhr, daß der Baron von Sternenkron gekommen ſei und bei Fräulein Levasco ſich befinde. In der richtigen Vorausſetzung, daß die Beiden ſich jedenfalls Dinge zu jagen haben würden, bei denen ſie eines Dritten Anweſenheit wohl kaum wünſchen würden, zog ſich Aegidius auf ſein Zimmer zurück. Aber kaum war er daſelbſt angekommen, als auch ſchon Karoline nachkam und ihn im Namen ihrer Herrin bat, ſich zu ihr hinab zu bemühen.— Eigentlich hatte der erbetene Beſuch keinen andern Zweck, als den Baron und Aegidius zuſammenzuführen. Die beiden Männer erneuerten ihre flüchtige Bekannt⸗ ſchaft vom vorgeſtrigen Abend in ungezwungener Weiſe. Obzwar Baron Lothar von Sternenkron ſich auch heute wieder ganz natürlich gab, ſo war er doch eine andere Erſcheinung wie letzthin Abend. Die abſicht⸗ liche Vernachläſſigung von damals war verſchwunden und hatte jener wohlthätigen Rückſichtnahme Platz ge⸗ macht, die Anderen gegenüber die geſellſchaftlichen For⸗ derungen bereitwillig erfüllt, wenn ſie dafür auch gegen⸗ geleiſtet werden. „Uebrigens,“ ſagte in verbindlichem Tone nach einer Weile der Baron,„von allen Anweſenden letzthin hat Ihre Weigerung, ſich in's Fremdenbuch einzutragen, Niemand einen wirklichen Nachtheil gebracht, als mir und gerade ich habe Sie in Ihrer, allerdings von Ihrem Standpunkt aus gerechtfertigten, Weigerung unterſtützt.“ „Eh bien, wenn ich damals Ihren Namen erfahren hätte, ſo hätte ich Jemand gehabt, mit dem ich' von Fräulein Levasco plaudern gekonnt hätte.“ f in dem Fremden, der ſich als„Muſikant Keller aus Lindenheim“ in's Fremdenbuch eingetragen, einen Jemand vermuthet hätten, der ſo glücklich iſt, ein College von Fräulein Levasco geweſen zu ſein.“ „Ach ja richtig,“ corrigirte ſich der Baron,„Sie führen ja einen nom de guerre. Iſt dieſer hier ganz unbekannt?“ „Vollſtändig; die guten Leute in Lindenheim glau⸗ ben von mir nichts Geringeres, als daß ich mit der Abſicht umgehe, ein etwas ſehr reifes Organiſtentöch⸗ terchen von hier heimzuführen, um mir damit die An⸗ wartſchaft auf die Stellung als Director des Kirchen⸗ chors zu erheirathen.“ „Ach, das iſt köſtlich,“ lachte Fräulein Levasco. 3„Es iſt dabei nur die eine Einwendung,“ erläuterte Aegidius,„daß ſie mich nicht für befähigt genug er⸗ achten.“ „Sie ſollen wohl vorher wie Jakob um des Laban Tochter ſieben Jahre lang dienen?“ meinte der Baron. „Möglich, ich habe mir das Project, das mir in die Schuhe geſchoben wird, noch nicht näher betrachtet. Indeſſen auch für Sie,“ er wandte ſich bei dieſen Worten ſpeziell an Fräulein Levasco,„habe ich Neuig⸗ 0 feiten.“ „Von welchem Nachtheil ſprechen Sie, Herr Baroſßs Aegidius lächelte. 4 4 „Ich bezweifle, Herr Baron,“ ſprach er,„daß Sie 89 „Oho,— haben Sie für mich vielleicht ein Enga⸗ gement als Sopraniſtin zum hieſigen Kirchenchor?“ Mit der Ungezwungenheit, die im Verkehr von Künſtlern unter ſich zu herrſchen pflegt, erzählte Aegi⸗ dius den Inhalt ſeiner Unterredung mit dem Hut⸗ machermeiſter Herz: daß Fräulein Levasco und ihre Zofe eine Prinzeſſin ſammt Hofdame ſeien, die den Aegidius nachgereiſt gekommen wären. Für die Sängerin war dieſe Mittheilung viel zu komiſch, als daß ſie ſich über die Klatſchhaftigkeit der Kleinſtädter zu ärgern vermocht hätte; ſie mußte ſo herzlich lachen, daß ſogar der Baron, den die Geſchichte anfangs verdrießen wollte, ſchließlich mitlachen mußte. „Und was haben Sie dem dummen Kerl, den ich übrigens kenne, geantwortet?“ fragte der Baron. „Ich ſtellte die Sache in Abrede, aber das heißt hier zu Lande Oel in's Feuer gießen. Was ſich ſo ein Lindenheimer Gehirn einmal einbildet, bringen keine Berichtigungen jemals mehr heraus.“ „Das iſt wahr,“ beſtätigte der Baron,„ich kenne das—“ „Jedenfalls aber haben Sie Gelegenheit,“ bemerkte Aegidius,„ſich die Stunden hier mit einem luſtigen Intermezzo zu kürzen.“ „In wie fern?“ „Meiſter Herz frug mich, ob denn„die Prinzeſſin“ nicht ſichtbar ſei, worauf ich ihm erwiderte, daß ich überzeugt ſei, ſie werde heute noch einen Spaziergang machen. Wenn Sie alſo beobachten wollen, wie ein —— 90 Kleinſtädter eine Prinzeſſin angafft, ſo haben Sie dazu die beſte Gelegenheit.“ „Der Kerl belagert nun wohl mit ſeinen Blicken den Gaſthof, um ſeine Prinzeſſin beim Heraustreten ja nicht zu überſehen,“ meinte Sternenkron. „Ich muß Sie nur auf Eines aufmerkſam machen,“ belehrte Aegidius das Fräulein,„wenn Sie mit Meiſter Herz in ein Geſpräch kommen ſollten, ſo wundern Sie ſich nicht, wenn ſeine Manieren etwas eigenthüm⸗ lich ſind.“ „Es ſind eben die Manieren eines Ackerknechts in ſtädtiſcher Kleidung,“ machte der Baron. „In dieſem Falle nicht ſo ganz,“ erläuterte vor⸗ ſichtig Aegidius,„ich habe dem Hutmacher auf ſeine Bitte einiges Ceremoniell beigebracht, das er ſich jeden⸗ falls bemühen wird anzubringen.“. „Sie ſagen das ſo eigenthümlich, mein Lieber,“ ſprach die Sängerin,„daß ich annehmen muß, es ſteckt etwas dahinter.“ „Nun ja, ich geſtehe, daß das Ceremoniell, das ich dem Hutmacher mitgetheilt, in keiner Hofordnung zu leſen iſt, aber ich ſchmeichle mir, daß es einen ſehr überraſchenden Effect hervorbringen wird.“ „Am Ende muß ich gerade hinauslachen,“ meinte Fräulein Levasco. „Bitte thun Sie das nicht,“ bat der junge Mann, „Sie kürzen dadurch den Spaß ja ab. Denken Sie ſich, Sie ſeien in einer Oper beſchäftigt, wo Sie ja auch bei den ausgeſuchteſten Dummheiten eines Text⸗ dichters ernſthaft bleiben müſſen.“ — „Gut, ich will mir einbilden, ich ſinge die Königin der Nacht in der„Zauberflöte,“ wer bei dieſem Text nicht lachen muß, iſt gefeit gegen Alles.“ Der Baron nahm das Wort: „Indeſſen handelt es ſich zunächſt nicht darum, an dieſem einfältigen Hutmacher uns zu amuſiren. Ich denke, Herr Keller iſt ſo freundlich uns bei unſerem anderen Vorhaben, das uns mehr am Herzen liegt, hilfreich beizuſtehen.“ „Gewiß wird er das,“ fiel Fräulein Levasco ein, „er hat es mir bereits heute Vormittag zugeſagt.“ „Bitte, wovon iſt die Rede?“ „Vom Aſſeſſor Kratzeiſen,“ ſprach der Baron zu Aegidius.„Sie wiſſen die Niederträchtigkeit, welche dieſer Burſche gegen Leontine begangen. Nun müßten wir nicht Menſchen ſein, wenn wir nicht Luſt haben ſollten, uns an dieſem infamen Kerl zu rächen; ander⸗ ſeits aber iſt zu befürchten, daß er bei der jetzigen Anweſenheit Leontinens, namentlich wenn er erfährt, daß ich mit ihr verkehre oder vollends gar, wenn er erräth, daß ſie die Dame iſt, die auf Sternheim war, erſt recht unverſchimt wird. Dem muß vorgebeugt werden.“ „Aber wie?“ wendete Aegidius ein. „Ich dächte ſo,“ ſprach der Baron,„man gibt dem Aſſeſſor unter der Hand zu verſtehen, daß Leontine eine höchſt einflußreiche, in den gewichtigſten Kreiſen Geltung habende Perſönlichkeit ſei, deren Protektion von der größten Tragweite wäre.“ „Das fertig zu bringen iſt Kinderſpiel,“ beſtätigte Aegidius,„das erzähle ich nur im Vorbeigehen dem Poſthalter, ſo weiß es vor ſeinem erſten Glas Abend⸗ bier der Aſſeſſor ſicher.“ „Wir ſollten es nun dahin bringen, daß der Aſſeſſor ſich der Protektion von Fräulein Levasco empfehlen ſollte, dann hat ſie ihn im Sack und kann mit ihm machen, was ſie will; jedenfalls aber hätte ſie vor ſeinen Infamieen während ihrer Anweſenheit Ruhe.“ Aegidius wurde nachdenklich;— er begann zu überlegen, auf welche Weiſe er, ohne ſelber als Akteur zu erſcheinen, dem Aſſeſſor die präparirte Pille bei⸗ bringen könne. „Laſſen Sie mich nur machen,“ ſprach er nach einer Weile,„wenn Sie mich unter dem Hausthor huſten hören, ſo läuten Sie ſtark und ungeduldig nach Karoline. Bis dahin aber überlaſſen Sie dieſelbe mir.“ „Was wollen Sie denn thun?“ fragte die Ex⸗ ſängerin. „Laſſen Sie mich nur machen. Wenn mein Plan auch nicht gelingt, ſo verderbe ich mit meinem Manö⸗ ver jedenfalls nichts,“ beruhigte Aegidius und ging, um Karoline aufzuſuchen. Karoline war ſchon ſeit Jahren die Begleiterin von Fräulein Levasco. Damit iſt Alles geſagt, was der Leſer zu wiſſen braucht, um ſich über die Zofe orientiren zu können. Karoline war Leontinens rechte Hand, ihre Dienerin, ihre Vertraute, vielleicht auch mitunter ihr— Gewiſſen. Dienerinnen, die gar zu viel wiſſen, ſind oft ſehr unbequem und die vertraute Zofe einer gefeierten Sängerin wird doch wohl nicht . —— 93 mit geſchloſſenen Augen und Ohren mit ihrer Herrin durch's Leben gepilgert ſein?— Karoline kannte Aegidius von der Zeit ſeiner gemeinſamen Kunſtreiſe mit Fräulein Levasco und wußte, daß er niemals Miene gezeigt hatte, ihrer Herrin den Hof zu machen. Als ſchlaue Zofe wußte ſie alſo, daß der junge Mann ein Freund ſei, auf den man ſich verlaſſen könne. „Sagen Sie'mal, liebe Karoline,“ fragte Aegidius die Zofe,„Sie haben heute wohl ſchon viel Fragen ausſtehen müſſen?“ „Den ganzen Tag Monſieur Cave,“ antwortete ſie, „kaum daß Einer ging, kam ſchon ein Anderer.“ „Zunächſt, beſte Karoline, bitte ich Sie hier den Monſieur Cave zu vergeſſen—“ „Ja, ja,“ unterbrach ihn das Mädchen,„das habe ich gleich herausgehabt. Die Leute hier ſprechen von Ihnen immer in den ſonderbarſten Namen.“ „Ich heiße Keller.“ „Nein, nein, ſie ſagten etwas anderes— „Ei, ſie werden von mir wohl„der Aegidius“ ge⸗ ſagt haben.“ „Ja, das iſt's.“ „Das iſt mein Vornamen; in Summa Summarum heiße ich alſo: Aegidius Keller.“ „Komiſcher Name;— aber mir kann's recht ſein.“ Dem norddeutſchen Namensregiſter Karolinens wollte der Vorname„Aegidius“ nicht recht in den Kopf. „Und was wollten die Leute eigentlich von Ihnen wiſſen?“ fragte er weiter. 44 ——— —— 94 „Mein Gott, tauſenderlei: Alles natürlich über Fräulein Levasco.“ „Ich kann mir's denken,“ beſtätigte Aegidius,„es iſt mir ja ebenſo ergangen. Sie wiſſen doch, daß man das Fräulein für eine Prinzeſſin und Sie für eine Hofdame hält?“ „Iſt das Ernſt?“ fragte Karoline,„ich hörte frei⸗ lich einige höchſt ſeltſame Fragen hierwegen, die mir jetzt erſt klar werden.“ „So arg gefehlt iſt's damit nun eigentlich nicht,“ lachte Aegidius.„Ihr habt nicht nur Prinzeſſinnen, ſondern auch wohl Königinnen en masse ſchon ver⸗ arbeitet. Doch— davon iſt jetzt nicht die Rede. Die Leute hier ſind, das wiſſen wir nun, ebenſo geſpannt darauf zu erfahren, wer denn eigentlich die fremde Dame iſt, wie ſie leichtgläubig genug ſind, um ſich an⸗ lügen zu laſſen.“ „Das können wir ihnen ja beſorgen,“ ſprach Karo⸗ line trocken. „Ja, aber mit einem beſtimmten Zweck,“ wendete Aegidius ein,„wir müſſen den Aſſeſſor Kratzeiſen fangen.“ „Wen?“ „Einen alten griesgrämigen Aſſeſſor, der gerade ſo ausſieht und iſt, wie ſein Name: Kratzeiſen. Es iſt dies derſelbe, der bei dem letzten Beſuch des Fräuleins in Sternheim die Vorladung anf's Gericht geſchickt hat.“ „So der—“ machte gedehnt Karoline,„den Kerl möchte ich röſten.“ —— „Das wollen wir auch,“ verſicherte Aegidius,„darum müſſen wir zunächſt das Feuer hierzu anzünden.“ „Ich bin bei Allem.“ „Schön. Ich gehe jetzt hinunter in den Hausgang und treibe mich da umher; ich bin ſicher, daß den Poſt⸗ halter bald die Neugierde zu mir hinführen wird. Wenn Sie uns im Geſpräch ſehen, ſo kommen Sie auf uns zu, nehmen mich auf die Seite und fragen mich heimlich— aber wohlverſtanden ſo laut, daß es der Poſthalter hören muß— im Auftrag des Fräu⸗ leins, ob ich nicht wiſſe, warum der Baron ſo ſchlecht auf den Aſſeſſor Kratzeiſen zu ſprechen ſei?“ „Das will ich ſchon beſorgen,“ verſprach die Zofe. „Sie nennen aber weder den Namen des Fräu⸗ leins, noch den des Barons.“ „Schön, vom Fräulein werde ich nur per„die Gnädigſte“ ſprechen und den Baron nenne ich—“ „Den Baron nennen Sie nur„den Kammerherrn“ ohne weiteren Namen.“ „Ganz gut, verlaſſen Sie ſich ganz auf mich.“ „Adieu, Hofdame.“ „Adieu, Herr Keller.“ Aegidius ging nach dem Hausflur und ſtudirte mit Fleiß und Ausdauer einige angeſchlagene Poſt⸗ Courstabellen, die ſchon ſeit Jahr und Tag da hingen und längſt ſchon keine Giltigkeit mehr hatten. Er hatte ganz richtig kalkulirt—, denn nachdem vielleicht fünf Minuten vergangen waren, ſtand auch ſchon der Poſthalter neben ihm. „Dieſe Courstabellen ſind veraltet,“ belehrte er den 96 jungen Mann,„wenn Sie etwas wiſſen wollen, ſo kann ich Ihnen wohl auswendig die genaueſten Auf⸗ ſchlüſſe geben.“ „O, es hat damit eigentlich keine Eile,“ antwortete Aegidius,„ich las das mehr zum Zeitvertreib. Ich ſelbſt habe noch keine Luſt zur Abreiſe und die Gnä⸗ digſte oben bedient ſich ja doch nicht der Poſt, ſondern nimmt Extrapoſt, da iſt ſie nicht gebunden.“ „Ja wohl, ja wohl,“ beſtätigte der Poſthalter, der zu ſeinem Vergnügen bemerkte, daß ganz von ſelbſt das Geſpräch auf das Thema kam, das ihm das Intereſſanteſte war. Er hätte gerne über die fremde Dame Näheres erfahren. „Ich hoffe doch, daß die Dame oben uns nicht ſchon wieder ſo ſchnell verlaſſen wird?“ fragte er. „Je nachdem, ich weiß es nicht,“ erwiderte Aegidius, „es wird das wohl von dem Reſultate ihrer Unter⸗ redung mit dem Baron Sternenkron abhängen.“ „So?“ machte der Poſthalter,„iſt ſie deshalb alſo hierher gekommen?“ „Ich weiß natürlich nichts Näheres, Herr Poſt⸗ halter. Ich denke mir's nur ſo.“. „Na, Sie kennen ja offenbar die ſchöne Dame genauer,“ ſchmeichelte der neugierige Poſthalter,„wer i*ſt ſie denn eigentlich?“ 3 4 „Ja, mein lieber Herr Poſthalter,“ ſprach mit diplomatiſcher Zurückhaltung der junge Mann,„das kann ich Ihnen nicht mit Genauigkeit ſagen. Ich weiß nur das Eine: daß ich ſie oft und viel mit den Höch⸗ ſten und Allerhöchſten Herrſchaften habe verkehren ſehen. Ja, ich möchte behaupten, daß es wenige Mo⸗ narchen in Europa geben wird, mit denen ſie nicht in Berührung gekommen iſt.“ „Das wäre,“ machte erſtaunt der Poſthalter,„jeden⸗ falls iſt ſie alſo eine ſehr vornehme Dame.— Und Sie ſprechen mit ihr ſo ganz wie mit Ihresgleichen; ei, ei, mein lieber Herr Keller, Sie ſcheinen es ſchon weit gebracht zu haben.“ „Was wollen Sie, Herr Poſthalter,“ ſprach be⸗ ſcheiden Aegidius,„es iſt einmal die Liebhaberei hoher Herrſchaften ſo lange herablaſſend gegen Künſtler zu ſein, ſo lange dieſe nichts von ihnen wollen.“ „Nun, die Ehre iſt immerhin auch'was werth,“ meinte der Poſthalter. „Allerdings, allerdings,“ beſtätigte Aegidius, der in dieſem Augenblick Karoline auf ſich zukommen ſah. Er that, wie wenn er ſie mit ſtummem Gruße an ſich vorübergehen laſſen wolle, aber die zur Hofdame avan⸗ cirte Zofe trat dicht an die beiden Männer heran und ſagte zu Aegidius: „Nur auf ein Wort, Herr Keller.“ „Ich ſtehe ganz zu Dienſten,“ erwiderte dieſer mit merklich mehr Artigkeit, als man im Verkehr mit einer Zofe an den Tag zu legen pflegt. Er trat dabei ein wenig zur Seite. Der Poſthalter rührte ſich nicht; es fiel ihm gar nicht ein, in paſſender Discretion aus dem Wege zu gehen. Wo die Neugier eines Philiſters engagirt iſt, exiſtirt keine Rückſicht auf Wohlanſtändig⸗ keit mehr. Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 7 „Kennen Sie hier einen Aſſeſſor Kratzeiſen?“ fragte Karoline den jungen Mann. Der Poſthalter wäre jetzt um keinen Preis der Welt mehr vom Platze gewichen, unſhäen er dieſen Namen gehört. „Ja wohl,“ beantwortete Aegidius die an ihn g ge⸗ ſtellte Frage,„das heißt, ich kenne ihn von einem ein⸗ maligen flüchtigen Sehen.“ „So— nicht weiter?“ „Nein,— was hat's mit ihm für ein Bewandt⸗ niß, wenn ich fragen darf?“ Karoline zuckte die Achſeln. „Er wurde uns,“ ſprach ſie,„als ein ſehr pflicht⸗ treuer, ſtrenger, aber pünktlicher Mann geſchildert.— „Sollte er das nun auf einmal nicht mehr ſein?“ ( fragte Aegidius. „Die Gnädigſte iſt etwas ſtutzig geworden,“ be⸗ merkte Karoline. „Ja, hat ſie ihn denn ſchon geſprochen?“ „‚RNein, nein,“ antwortete die Zofe,„aber der Kam⸗ merherr iſt offenbar nicht gut auf ihn zu ſprechen.“ „So, ſo.“. „Und da möchte die Gnädigſte gerne wiſſen, was für eine Urſache das! haben könnte. Denn der Kammer⸗ herr iſt doch ſonſt ein Mann ohne Vorurtheile und Voreingenommenheit.“ „Hm, hm,“ machte bedenklich Aegidius,„glauben Sie, Verehrteſte, daß das ungünſtige Urtheil des Kam⸗ merherrn von Nachtheil für den Aſſeſſor werden könnte?“ * A: 99 „Mein Gott, Sie wiſſen an wie zarten Fädchen oft das Geſchick der Menſchen hängt. Wenn die Gnädigſte ſich über dieſen Aſſeſſor, den ſie, ſo viel in weiß, gar nicht perſönlich kennt, reundend ſo iſt natürlich, daß ſie ihre Gründe dafür hat und daß in dieſem Falle die Stimme des Kammerherrn ſchwer in die Wagſchaale fällt, iſt doch klar.“ „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ ſprach Aegidius, „ich bin hier mit Leuten bekannt, auf deren Ausſagen man ſich beſtimmt verlaſſen kann. Bei dieſen will ich mich nach dem Aſſeſſor und ſeinem Verhältniß mit. dem Kammerherrn erkundigen.“ „Thun Sie das, Herr Keller.“ „Sobald ich Näheres erfahren habe, theile ich es Ihnen mit. Sie können es dann der Gnädigſten wiederſagen oder auch verſchweigen, ganz wie Sie es für gut finden,“ und Aegidius zwinkerte bei dieſen Worten Karoline zu, ſich zu entfernen. „Gut denn,“ ſagte dieſe,„ich verlaſſe mich auf Sie,“ und ging wieder, nachdem ſie den ein möglichſt theil⸗ nahmloſes Geſicht machenden Poſthalter mit leichtem Neigen des Kopfes gegrüßt hatte. Aegidius trat unter die Hausthüre und machte eine nachdenkliche Miene. Natürlich geſellte ſich der Poſt⸗ halter jetzt erſt recht zu ihm. „Dieſe Dame gilt wohl recht viel bei ihrer Herrin?“ fragte er lauernd. „Ich glaube wohl,“ entgegnete Aegidius,„ſie iſt ja immer um ſie und da kommen Einfluß und Geltung ſchließlich ganz natürlich von ſelbſt.“ X 100 Der Poſthalter lächelte ein wenig verlegen, er wollte den jungen Mann über das Erlauſchte anbohren, aber er wußte nicht recht, wie er das anſtellen ſollte. Aber auch diesmal kam ihm Aegidius auf halbem Wege entgegen. „Sagen Sie'mal, ganz im Vertrauen, Herr Poſt⸗ halter—“ „Bitte.“ „Aber es bleibt unter uns—“ „Natürlich.“. „Hat ſich vielleicht der Aſſeſſor Kratzeiſen um Ver⸗ ſetzung oder Beförderung gemeldet?“ „Das weiß ich mit Beſtimmtheit zu ſagen: ja,“ antwortete der Poſthalter,„ebenfalls ganz im Ver⸗ trauen geſagt: der Aſſeſſor iſt ſchon oft bei der Be⸗ förderung übergangen worden und glaubt, daß er von ſeinen hieſigen Vorgeſetzten übel qualifizirt wird. Da hofft er nun, wenn man ihn nicht befördere, doch durch eine Verſetzung nach einem andern Orte es dahin zu bringen, daß er von anderwärts als ein Befähigter eingegeben werde und dann doch endlich die lange erſehnte Beförderung erhalte.“. Dieſe Nachricht war ſo wenig überraſchend, daß es von Seite des Poſthalters völlig überflüſſig ge⸗ weſen war, ſie dem jungen Mann„im Vertrauen“ mit⸗ zutheilen. Es war das die Geſchichte aller übergangenen Beamten, ſie verſtand ſich gewiſſermaßen von ſelbſt und darauf hatte ja Aegidius ſeinen Plan gebaut. „Aha,“ machte er, wie wenn ihm jetzt epſt in Folge der vertraulichen Mittheilungen des Poſthalters ein Licht aufginge. „Sollte Ihre Frage,“ forſchte, muthiger werdend, der Poſthalter weiter,„mit der Dame oben zuſammen⸗ hängen?“ Aegidius ſchwieg einen Augenblick, dann ſprach er unſchlüſſig: „Wenn ich mich auf Sie verlaſſen könnte, Herr Poſthalter—“ 2 „Aber ich bitt' Sie, Herr Keller, auf mich?! Auf den alten Freund Ihres Vaters?! Gott, wie viel waren wir zuſammen, der alte Keller von Lindenzell und ich,— ich hieß ihn immer nur den reichen Aegidi, denn das war er ja auch, aber der beſte Mann im ganzen Lindenthal. Hab' ich doch ſelber lange Jahre eine Hypothek von ihm auf meinem Haus gehabt und nie iſt ein Unfrieden zwiſchen uns geweſen. Auf mich verlaſſen—“ Aegidius hemmte den Redeſchwall des Andern. „Ja, Sie haben Recht, Herr Poſthalter. Man 4742 wird eben ein Bischen mißtrauiſch in der Fremde, das iſt nun einmal nicht anders.“ „Um ſo weniger hat man's dafür in der Heimath nöthig,“ ſprach mit viel Gefühl der Poſthalter. „Nun alſo: die Gnädige oben hat ſich nach dem Aſſeſſor erkundigt. Das iſt nicht von ungefähr. Sie kommt aus der Reſidenz, alſo hat ſie ſich dort ſchon mit ihm beſchäftigt; das iſt doch klar, denn hier hat ihr doch noch kein Menſch von ihm geſprochen.“ „Natürlich, natürlich,“ beſtätigte der Poſthalter. 102 „Nun weiß ich allerdings nicht,“ fuhr Aegidius fort,„was die Dame vorhat, wenigſtens nicht im Ein⸗ zelnen, nur ſo viel weiß ich mit Beſtimmtheit und zwar aus ihrem eigenen Munde, daß ſie beabſichtigt in Zukunft auf einer Beſitzung auf dem Lande zu leben, ſich überhaupt von der großen Welt, in der ſie bisher gelebt und geglänzt hat, zurückzuziehen.— Ver⸗ ſtehen Sie, worauf ich anſpiele?“ Der Poſthalter verſtand nun allerdings durchaus nichts, aber er wollte das nicht zugeſtehen, er machte darum ausweichend: „Alſo meinen Sie, daß—“ „Nun freilich,“ beſtätigte raſch Aegidius,„ein Bauernhof wird's nicht ſein, worauf ſich ſo eine Dame zurückzieht, das iſt jedenfalls eine größere Beſitzung, vielleicht mit großen Domainen und complicirter Ver⸗ waltung.“. Dem Poſthalter begann es zu dämmern. „Sie glauben wohl, daß ſie den Aſſeſſor in ihre Dienſte—“ „Das will ich nun gerade nicht geſagt haben,“ wehrte Aegidius,„wie ich ja überhaupt nur Ver⸗ muthungen ausſpreche.“ „Ja wohl, freilich.“ „Aber wäre es denn ſo unmöglich, daß die Gmäd g oben ſich erſt überzeugen wollte, ob die ihr Zunächſt liegenden Gerichtsbehörden auch mit ihr angenehmen Leuten beſetzt ſeien?“— „Ei freilich, freilich.“ . 1 7,“ 4*„Wie ſehr Einen ein unfreundliches Gericht ärgern das hat der Baron Sternenkron an ſich er⸗ 7 4 kann, fahren können.“ „Das mag wohl wahr ſein,“ nickte der Poſthalter. „Und ſo denke ich mir, daß in einer ſolchen oder ähnlichen Weiſe die Erkundigungen der Dame aufzu⸗ faſſen ſind.“ „Sie ſind ein Schlauhuber, Herr Keller.“ „Bitte, bitte, Herr Poſthalter.— Aber wenn wir damit auch das Richtige getroffen haben, ſo ſind wir noch um keinen Schritt vorwärts gekommen.“ „Nein,“ machte maſchinenmäßig der Poſthalter. „Handelt es ſich alſo um die Beſetzung einer Amts⸗ ſtelle, für die ſich die Gnädige intereſſirt und für die der Aſſeſſor in Vorſchlag iſt, ſo können wir uns d'rauf verlaſſen, daß der Baron einen Riegel dazwiſchen ſchiebt.“ „Allerdings,“ beſtätigte der Wirth. Vs iſt auch eine verfluchte Geſchichte, daß der Aſſeſſor dem Baron letzthin den Streich geſpiekt hat mit der Vorladung des weiblichen Beſuchs, den der „Baton hatte. Bei ſolchen Herren drückt man ein Auge nd wenw's ſein muß ſogar zwei zu.“ 4 Der Poſthalter rückte noch näher auf Aegidius zu. „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ flüſterte er. 8 Ich höre.“. „Der Aſſeſſor iſt vielleicht gar nicht ſo arg ſchuldig an der Geſchichte.“ „Wer denn?“ 104 „Wiſſen Sie den Streich, den der Baron dem Herrn Bezirksamtmann geſpielt hat?“ fragte er. Aegidius verneinte. „Die Geſchichte war ſo,“ und der Poſthalter er⸗ zählte dem jungen Manne den bereits früher geſchil⸗ derten Vorfall von der Frohnleichnamsprozeſſion, bei der der Baron als Kammerherr den Bezirksamtmann in ſeinem Stolz ſo tief beleidigt hatte.„Und da glaube ich, daß der Aſſeſſor aufgeſtachelt worden iſt,“ ſchloß er. „Ja, ja, das mag wohl ſein,“ meinte Aegidius, „aber wie iſt da zu helfen?“ „Ich weiß es nicht,“ geſtand der Poſthalter. „Wer ſoll dem Baron reinen Wein einſchenken?“ Offenbar hatte Aegidius ſich ſoeben verſchluckt, denn er wurde plötzlich von einem heftigen Huſten befallen, den man drei Häuſer weit hören konnte. In demſelben Augenblicke wurde die große Glocke im erſten Stock ſo ſtark gezogen, wie wenn Feuer ausgebrochen wäre. „Die Gnädige läutet,“ puſtete Aegidius,„jetzt geht die Geſellſchafterin zu ihr. Wenn dieſe ihrer Herrin nur nichts Voreiliges plaudert.“ „Das wäre fatal,“ meinte der Poſthalter. „Ich will nur lieber auch hinaufgehen und die Unterhaltung ein Bischen ſtören, bis ich der Geſell⸗ ſchafterin ein Zeichen gegeben habe, zu ſchweigen.“ „Thun Sie das,“ ſprach der Poſthalter zu dem ſich entfernenden Aegidius; rief ihm aber noch nach: „Aber was ſollen wir einſtweilen in der Sache thun?“ 105 „Bah,“ warf Aegidius leicht hin,„laſſen wir dafür den Aſſeſſor ſelber ſorgen.“ Während er die Treppe hinaufſtieg, um oben Fräu⸗ lein Levasco und dem Baron Bericht zu erſtatten, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Eigentlich hat mir der Aſſeſſor nichts gethan, denn die Geſchichte mit dem Fremdenbuch kann ich ihm doch nicht ſo tief in's Kerbholz ſchneiden; wenn wir aber den eingefleiſchten Büreaukraten nicht lahm legen, ſo macht der uns aus gewohnter Niederträchtigkeit ſo viel Chikanen, daß unſer ganzer Aufenthalt hier ungenieß⸗ bar wird.“ Fünftes Kapitel. d Jedes Thierchen hat ſein Manierchen. Noch war lange nicht die Stunde, zu der Aſſeſſor Kratzeiſen zum gewohnten Abendſchoppen auf die„Poſt“ zu kommen pflegte. Aegidius vermuthete darum, daß der Poſthalter wohl ſchon vorher ſeinem Stammgaſte über das Geſpräch, welches eben im Hausflur ſtatt⸗ gefunden, werde Mittheilungen zukommen laſſen. Hätte Aegidius gewußt, daß abgeſehen von allen übrigen Berührungspunkten und Beziehungen den Poſthalter und den Aſſeſſor auch noch das feſte Band eines Folios in einem gewiſſen Buche verknüpfte, das ſich unter Ver⸗ ſchluß des Poſthalters befand und auf ſeiner linken Seite mit der lakoniſchen Ueberſchrift:„Soll“ lange Zahlen und Zifferreihen aufwies, während die rechte Hälfte mit der Aufſchrift„Haben“ in einer faſt jung⸗ fräulichen Unſchuld prangte, er würde ſeines Erfolges ſo ſicher im Voraus geweſen ſein, daß er ſich oben im Zimmer von Fräulein Levasco gar nicht an's offene Fenſter auf die Lauer würde begeben haben. Err hätte dann mit mathematiſcher Beſtimmtheit wiſſen 107 können, daß das, was in Wirklichkeit nach einer kleinen Viertelſtunde erfolgte, naturnothwendig ge⸗ ſchehen mußte.— Der Herr Poſthalter trat, mit Hut und Stock ausgerüſtet, aus dem Hauſe und wendete ſich links die Straße hinab. Es war dies die Rich⸗ tung gegen das behördliche Gebäude, in dem das Büreau des Herrn Aſſeſſor Kratzeiſen lag. „So— die Lunte brennt,“ rief der junge Mann vergnügt, als er dieſe Wahrnehmung machte, die„Ex⸗ ploſion wird nicht ausbleiben.“ Im Begriffe ſich vom Fenſter zurückzuziehen, ſah eer über den Marktplatz drei Männer auf die Poſt zugehen. Es waren der ihm bekannte Doctor Rappel, der ihm vom Feſte her erinnerliche Vorſtand und un⸗ ermüdliche Redner des Lindenheimer Turnvereins und jener dick aufgeſchwemmte Herr, der ſich am vorigen Nachmittage das freche Attentat auf die Nichte Kölb⸗ lich's erlaubt hatte. Karoline war noch im Zimmer und mit Erlaubniß der Herrin ſandte Aegidius ſie hinab, um auszukund⸗ ſchaften, wer jener widerlich ausſehende Menſch ſei. Bis zur Rückkehr der Zofe erzählte Aegidius dem Baron und deſſen Braut das Benehmen dieſes Men⸗ ſchen, ſein eigenes Dazwiſchentreten, ſowie die heute gemachte Entdeckung, daß er— ohne darum zu wiſſen — ſogar eine Art von familienfreundſchaftlicher Be⸗ rechtigung gehabt hatte, das inſultirte Mädchen in Schutz zu nehmen. Zwar wollte der Baron eine kleine moquante Be⸗ merkung über die bereitwillige Ritterlichkeit von Aegi⸗ dius machen, als dieſer— was doch ganz gewiß nicht zur Darlegung des Sachverhalts gehörte— ſo um⸗ ſtändlich hervorhob, das betreffende Mädchen ſei ſehr hübſch,— aber er unterließ es, weil er fühlen mochte, daß die unverkennbare Aufregung, in die Aegidius durch die Erzählung des Vorfalls gerieth, nicht nur in der ſittlichen Entrüſtung des jungen Mannes allein begründet ſein möge. Karoline kam zurück mit der Meldung, daß der erfragte Herr, der Herausgeber und Redacteur einer großen Zeitung der Reſidenz und ein bedeutender Schriftſteller und Journaliſt ſei, der Cäſar Hohl heiße. Der Baron lachte laut auf.. „Ach der,“ ſprach er,„na deſſen Berühmtheit hat auch die Fama Lindenheim's auf dem Gewiſſen.“ „Du kennſt ihn?“ fragte Fräulein Levasco. „Natürlich nur ſeinem Rufe nach,“ verſicherte der Baron,„denn in anſtändige Kreiſe der Hauptſtadt kommt dieſe literariſche Wanze nicht. Der Kerl hat ein vielgeleſenes Inſeratenblatt, die tägliche Lektüre aller Droſchkenkutſcher, Hausmeiſter und Nußweiber; dasſelbe zeichnet ſich durch Unfläthigkeit der Sprache ebenſo aus wie durch die Unverſchämtheit, mit der gegen alle ihm perſönlich Mißliebige oder ihm von geeigneter Seite als mißliebig Bezeichneten vorgegangen und deren innerſtes Privatleben zerzauſt wird, aus.“ „Wie?“ rief erſtaunt Aegidius,„und in unſerer Landeshauptſtadt kann ſich ein ſolch unſauberes Organ halten? iſt ſogar wie Sie ſelbſt ſagen„vielgeleſen“, wenn auch nur vom Pöbel“ 109 „Das hängt mit unſeren Zuſtänden im Allgemeinen zuſammen,“ erklärte der Baron,„das iſt aber ein zu unerquickliches Thema, um es hier weiter ausführen zu können. Die beſchämende Thatſache bleibt freilich, daß die Behörden ſelbſt es ſind, die daran die Schuld tragen.“ „Nicht möglich.“ „Sie ſcheinen noch ſehr unſchuldige Anſchauungen über das große Geheimniß,„wie's gemacht wird“ zu haben,“ lächelte der Baron.„Die Behörde zwingt die Bevölkerung dieſes Blättchen, deſſen Exiſtenz aller⸗ dings eine Schande für unſere Hauptſtadt iſt, zu hal⸗ ten und zu leſen, denn ſie inſerirt alle amtlichen Be⸗ kanntmachungen darin und ſpricht auf dieſe Weiſe, d. h. durch den unfläthigſten Kanal, der ſich denken läßt, mit dem Publikum. Das Blättchen iſt übrigens dafür auch dankbar, es revanchirt ſich dafür durch Gehorſam gegen jeden Wink von oben, durch gelegent⸗ liches briefliches Denunciren aufgeſchnappter Privat⸗ angelegenheiten bei der Polizei und was dergleichen neckiſche Nebenbeſchäftigungen der Vertreter der lokalen öffentlichen Meinung mehr ſind.“ „Bei alledem,“ fiel Fräulein Levasco ein,„iſt es mir nicht recht klar, was der Herausgeber dieſes Zei⸗ tungswiſches hier will.“ „Nachdem wir ſoeben gehört haben, daß der Burſche hier als berühmter Schriftſteller und bedeutender Jour⸗ naliſt gilt, glaube ich es mir ſchon zuſammenreimen zu können, was er hier beabſichtigt.“ „Nun und was?“ fragte Aegidius. 8 149 „Keilen,“ antwortete der Baron. „Das verſtehen wir nicht,“ erklärte die Sängerin. „Stimmen keilen,“ erläuterte Sternenkron,„wir haben bald eine Neuwahl für die Kammern, da wird der Burſche gewählt werden wollen und um auf ſich aufmerkſam zu machen, iſt er zum Turnfeſt herüber⸗ gekommen. Daß er mit dem politikwüthigen Rappel herumläuft, deutet darauf hin, und wenn den Leuten aus dieſem Wahlbezirk nicht frühzeitig genug die Au⸗ gen geöffnet werden, ſo iſt's ziemlich wahrſcheinlich, daß die Abſicht dieſes hohlköpfigen Hohl auch durch⸗ geht.“ „Das ſollte man doch hintertreiben,“ rief in jugend⸗ lichem Eifer Aegidius. „Warum? Ob dieſer Hohlkopf in der Kammer ſitzt und ſchweigt, oder an ſeiner Stelle ein Advokat, der als Reklame möglichſt oft und viel ſchwätzt, damit ſeine anwaltſchaftliche Clientel zu Hauſe wachſe, iſt im Grunde ganz gleich. Ich für meine Perſon wenigſtens ſehe keinen Unterſchied.“ „Um Gotteswillen,“ rief erſchreckt Fräulein Leon⸗ tine,„ich glaube gar Ihr wollt anfangen zu politiſi⸗ ren. Da werd’ ich Hausrecht brauchen müſſen.“ „Ohne Sorge,“ verſicherte der Baron,„wir geben uns ſchon zufrieden.“ „Mir will' aber ſcheinen,“ ſprach die Sängerin, „daß es nicht in der Abſicht unſeres Freundes liegt, ſich zufrieden zu geben, inſoweit es ſich nämlich um dieſen Herrn Cäſar Hohl handelt.“ „Ich geſtehe allerdings,“ ſprach Aegidius,„daß ich 111 nicht übel Luſt hätte, mir dieſen Biedermann noch auszuborgen, ehe er Lindenheim verläßt, was allem Anſchein nach in Bälde der Fall ſein wird. Die beiden Andern ſcheinen ihm das Geleite zum Wegfahren zu geben.“ Inzwiſchen waren die drei Männer in die bekannte Gaſtſtube der„Poſt“ getreten und hatten an einem Ecktiſche Platz genommen, wo ſie von der dummen Grete bedient wurden. Die dumme Grete fand mit ihrem ſommerſproſſigen Ausſehen vor den Augen des Don Juan Hohl keine Gnade und konnte darum un⸗ behelligt von ihm— ſonſt wäre es wohl kaum der Fall geweſen— das beſtellte Bier auf den Tiſch ſetzen. „Wann werden wir Sie wieder hier ſehen, werther Freund?“ fragte Doctor Rappel den Redacteur. „Das kann lange anſtehen, Verehrteſter,“ erwiderte dieſer,„Sie wiſſen ja, wie ſchwer die Laſt unſeres Berufes und wie entſetzlich angeſpannt unſer Einer iſt.“ „Ja wohl, ja wohl,“ beſtätigte Rappel, obwohl er vom Zeitungsweſen kaum mehr verſtand als ein Hotten⸗ totte von der Polka,„aber eben bei Ihren großen An⸗ ſtrengungen müſſen Sie ſich hie und da eine Erholung gönnen und ſich mitunter von Ihrer aufreibenden Thätigkeit zurückziehen.“ „Sie haben gut reden, beſter Doctor,“ verſicherte der Redacteur,„aber wer ſollte inzwiſchen vor die Lücke ſtehen?“ „Ich gebe es zu, daß Ihre Abweſenheit ein großer Verluſt nicht nur für Ihre Leſer, ſondern für den ganzen Staat iſt, der gewiſſermaßen ohne journaliſti⸗ ſchen Kopf iſt, wenn Sie fehlen, aber anderſeits müſſen Sie doch auch daran denken, ſich in Geſundheit dem Staate, dem Jahrhundert möglichſt lange zu erhalten, mein verehrter Freund.“ Der Herr Turnvorſtand Wacker ſchwoll ordentlich auf vor innerer Glückſeligkeit. So nah,— ſo ganz frère et cochon— hatte er noch nie bei einer Be— rühmtheit geſeſſen, wie heute. Und Herr Cäſar Hohl war gewiß noch berühmter, als die Lindenheimer bis⸗ her geglaubt, denn wie wäre ſonſt Doctor Rappel, der bekannt dafür war, nicht übermäßig höflich zu ſein, ſo ausgeſucht verbindlich, ja ſchmeichleriſch zuvorkom⸗ mend gegen den abreiſenden Gaſt geweſen? Dabei fühlte Herr Wacker, daß er gewiſſermaßen die Pflicht habe, auch ein paſſendes Wort mit d'rein in die Unter⸗ haltung zu geben. „Ich glaube im Namen des Turnvereins Linden⸗ heims,“ ſprach er,„die Verſicherung ausſprechen zu dürfen, daß wir nicht nur die Ehre zu ſchätzen wiſſen, die Sie unſerem Feſte durch Ihre Hierherkunft erwie⸗ ſen haben, ſondern daß wir auch die Aufopferung an⸗ erkennen, die darin für Sie lag, ſich ſo lange von Ihrem wichtigen Poſten losgeriſſen zu haben.“ „Ich danke Ihnen, beſter Herr Wacker,“ ſagte ge⸗ rührt Herr Hohl. „Jedenfalls ſeien Sie überzeugt, Herr Hohl,“ fuhr Wacker fort,„daß wir Ihnen eine unauslöſchliche Dankbarkeit dafür bewahren werden.“ „Wir arbeiten ja Alle an der guten Sache,“ er⸗ widerte Hohl,„da beſteht die Dankbarkeit darin, den wahren Prinzipien treu zu bleiben und in Gemäßheit ihrer zu handeln.“ Dieſe und ähnliche abgedroſchene Redensarten, mit denen man kaum mehr einem leidlich dreſſirten Hühner⸗ hund imponiren kann, flogen noch mehrere Male über den Tiſch hin und her, an dem die drei Männer ſaßen. Endlich ſchien das Geſpräch eine andere, praktiſchere Wendung gefunden zu haben; oder ſollte es berechnende Abſicht Rappel's geweſen ſein, als er ſein Bedauern ausdrückte, daß Herr Hohl die Unbequemlichkeit zu er⸗ tragen habe, erſt einige Meilen zu Wagen zurücklegen zu müſſen, ehe er die Bahn benützen könne? „Das iſt freilich wahr,“ beſtätigte Wacker,„eine Eiſenbahn fehlt uns.“ „Auf dem Papier haben wir ſie allerdings ſchon lange fertig,“ ſchalt Doctor Rappel,„aber damit iſt uns nicht geholfen.“ „Sie dürfen in dieſem Falle die Regierung nicht verantwortlich machen, wenn Ihre gerechten Forder⸗ ungen noch nicht Befriedigung gefunden haben,“ er⸗ klärte Hohl,„wir bekommen ſo maſſenhaft und mitunter ganz unmögliche Bahnprojecte vorgelegt, daß es beim beſten Willen von der Welt nicht thunlich iſt, alle Einläufe raſch zu prüfen.“ Dieſes„wir bekommen“ hatte Herr Hohl ſehr ge⸗ ſchickt— wie eine kleine Vergeßlichkeit zum Nachtheil ſeines Incognitos— einfließen laſſen; warum ſollte er ſich denn nicht mit der Regierung identifiziren? Herr Wacker wurde immer andächtiger. Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 8 ——y—.— 114 „An einem Tage nun wohl nicht,“ wendete Rappel ein,„aber das Bahnproject der über Lindenheim füh⸗ renden Linie iſt ſchon dem vorigen Landtag eingereicht worden.“ Das war's, was Hohl hören gewollt hatte. „Ja, meine lieben Freunde,“ ſprach er,„da haltet Euch an den, der die Schuld trägt: an Euren Abge⸗ ordneten. Warum habt Ihr ihn gewählt? Wenn man eine Schlafmütze in die Kammer ſchickt, der po⸗ litiſchen Partheiſtellung gar nicht zu gedenken, ſo darf's Niemand wundern; wenn's nirgends vorwärts geht. Ihr ſeid ja ſo gut wie gar nicht vertreten in der Kammer.“ „Hm, hm,“ machte Herr Wacker. „Richtig, das war ja vom Wahlkreis Lindenheim, wo mir letzthin der Miniſterpräſident ſagte, daß es einen Abgeordneten gebe, deſſen Geſicht er noch nie erblickt habe, weder bei Berathungen, noch bei Debat⸗ ten, am allerwenigſten auf der Tribüne;— ja wohl, auf den Abgeordneten von Lindenheim war's gemünzt.“ „Infam,“ ſchalt Rappel,„und ſolchen Leuten uen das Land auch noch die Diäten zahlen.“ Das ſchien den edlen Volkstribun Rappel a am meiſten zu kränken. „Werdet Ihr den bisherigen Abgeordneten das nächſte Mal wieder wählen?“ fragte Hohl leichthin gegen Wacker gewendet. Dieſer zuckte die Achſeln. „Von uns aus wird er nicht wieder gewählt,“ 115 verſicherte er,„ob unſere Stimmen aber durchdringen werden, weiß ich freilich nicht.“ Nun gab der große Cäſar Hohl dem Herrn Wacker eine genaue Inſtruction, wie man's bei Wahlagitationen zu machen habe.— So dumm Herr Hohl auch von Hauſe aus war, ſo verſtand er doch dieſe Maulwurfs⸗ arbeit aus dem Fundament. Er war ſeit langen Jahren darin zur Schule gegangen, es war ſeine Spezialität geworden. Er weihte Herrn Wacker in all' die Kniffe eines handwerksmäßigen Wahlagitators ein, er lehrte ihn, wie man, ohne anfänglich in Oppo⸗ ſition gegen einen aufgeſtellten Candidaten zu treten, zuerſt heimlich das Erdreich unter dieſem aushöhlen müſſe durch gelegentliches Ausſtreuen kleiner Nichts⸗ würdigkeiten u. ſ. w., bis plötzlich der Sichergeglaubte zuſammenſank. Er lehrte ihn insbeſondere die Kunſt des Hinhaltens und Hinausziehens durch allerlei Mittelchen, bis im Moment, wo es zu ſpät wird ein entſchiedenes Nein zu ſagen, der geplante Candidat fix und fertig, wie Minerva aus Jupiters Haupt, hervortritt und als eine nicht mehr zu ändernde That⸗ ſache angenommen zu werden pflegt. Herr Wacker hörte mit Andacht den Lehren des großen Meiſters zu; Alles hatte er begriffen, nur be⸗ züglich eines Punktes befand er ſich im Dunkeln: wer ſollte als Candidat für den Lindenheimer Wahl⸗ kreis durchgeſetzt werden? Herr Cäſar Hohl ſchwieg plötzlich, nachdem er vor⸗ her ſo geſprächig geweſen war. Er ſah nun mit halb 116 verlegenem, halb troſtloſem Blick auf Rappel. In dieſem Blick ſtand zu leſen: „Dieſer Wacker iſt wahrhaftig dümmer, als ich glaubte.“ Aber Rappel fuhr derb dazwiſchen: „Aber Wacker, Sie ſind ja ein veritabler Stock⸗ fiſch,“ ſchrie er,„aber ſo ſeid Ihr Leute, da ſucht Ihr mit der Stange im Nebel herum und habt das Beſte vor der Naſe ſitzen. Was brauchen Sie denn noch nach Anderen zu fragen, wo hier vor Ihnen der Herr Hohl iſt?“ Herrn Wacker durchzuckte es wie ein electriſcher Schlag.— „An dieſe Auszeichnung hätte ich freilich nie zu denken gewagt,“ ſprach er mit leuchtendem Angeſicht, „ich kann's auch noch gar nicht glauben, daß es wahr ſein ſoll.“ „Nun,“ begütigte ihn Herr Hohl,„wenn Sie mich durchaus und ſo ſehr drängen, ſo kann ich Ihnen allerdings nicht abſchlagen, eine Wahl, die allenfalls auf mich fallen ſollte, annehmen zu wollen.“ „Das wäre das größte Glück für Lindeneim. 4 ſchwelgte Wacker. „Die dummen Kerle ſind's gar nicht werth,“ brummte Rappel. „Ich kann freilich keine hochtönenden Verſprech⸗ ungen machen,“ verſicherte Hohl,„aber ich darf ſagen: mein Name iſt ein Programm. Alles für das Volk und durch das Volk heißt meine Deviſe. Des kleinen 117 Vortheils, den Lindenheim durch meine Wahl, in Be⸗ zug auf die Koſten genießt, erwähne ich natürlich nicht.“ „Welchen Vortheils?“ wagte Herr Wacker zu fragen. „Da ich in der Hauptſtadt wohne, ſo genieße ich als Abgeordneter keine Diäten, wie der bisherige Ab⸗ geordnete für Lindenheim,“ belehrte Herr Hohl. Jetzt öffnete ſich die Gaſtſtubenthüre wieder und ließ bald nacheinander zwei neue Gäſte eintreten; zu⸗ erſt den Aſſeſſor Kratzeiſen, der ſonſt nicht die Ge⸗ wohnheit hatte zu ſo früher Stunde zu erſcheinen, und dann Aegidius. Der Aſſeſſor nahm am untern Ende deſſelben Tiſches Platz, an dem die Herren Hohl, Rappel und Wacker ſaßen, ſo daß eine Entfernung zwiſchen den beiden Partheien war, groß genug, um ſich wechſel⸗ ſeitig, wenn es beliebt werden ſollte, völlig ignoriren zu können. Aegidius hatte ſich an einen Nebentiſch geſetzt und ſtudirte dem Anſchein nach in einer Zeitung aus der nächſtgelegenen Provinzialhauptſtadt. Zwiſchen dem Aſſeſſor und Doctor Rappel wurde ein oberflächlicher Gruß ausgetauſcht, den ehrerbietigen Gruß Wacker's erwiderte Kratzeiſen nur ganz obenhin. Hohl nahm weder am Grüßen noch am Gegrüßtwerden Antheil. Mit einer kleinen Unbehaglichkeit hatte Hohl den jungen Mann, der ihm geſtern auf dem Turn⸗ platz entgegengetreten war, ankommen ſehen;— ſeine Hoffnung war, daß er von ihm vielleicht nicht wieder⸗ erkannt würde. Herr Wackex war noch zu ſehr electriſirt von der Auszeichnung, von ſo gewichtigen Leuten, wie die 118 Herren Hohl und Rappel in's Vertrauen gezogen worden zu ſein, als daß er es vermocht hätte, auch nach dem Eintreffen der beiden neuen Gäſte zu ſchweigen. Zwar war er— eingedenk der von Hohl erhal⸗ tenen Lehren— ſo vorſichtig von der Candidatur des großen Cäſar nicht direct zu ſprechen, aber von den Wahlen überhaupt konnte er ſich nicht ſo bald trennen. „Und welcher Candidat hat denn die meiſte Aus⸗ ſicht bis jetzt das nächſtemal Lindenheim in der Kam⸗ mer zu vertreten?“ fragte Hohl den Turnvorſtand. „Sie behaupten, daß Ihr bisheriger Abgeordneter aus Beſorgniß, doch nicht wiedergewählt zu werden, auf ſeine Candidatur verzichte; wer wird als ſein Nach⸗ folger genannt?“ „Es iſt über dieſen Punkt wohl noch nirgends ſo recht geſprochen worden,“ antwortete Wacker,„das Einzige, was ich gehört habe, iſt, daß eine Anzahl von Wählern ſich vereinigt haben ſolle, keinen Geiſtlichen und keinen Beamten wählen zu wollen.“ „Das iſt ſchon etwas,“ machte Hohl,„aber die Aus⸗ wahl an fähigen Köpfen iſt wohl nicht ſehr groß.“ „Man ſoll mit der Idee umgehen,“ ſprach Wacker, „den Baron von Sternenkron zur Candidatur bewegen zu wollen.“ „Den ehemaligen Cavallerieoffizier?“ fragte Hohl. „Ja, er iſt Rittmeiſter, er heißt Lothar mit ſeinem Vornamen und wohnt in der Nähe von hier.“ „Oh, ich kenne ihn ſchon,“ erklärte Hohl,„wenn auch vielleicht nicht ganz genau ſo gut, wie ihn alle 119 Wechſeljuden der Hauptſtadt kennen, mit denen er ſämmtlich ſchon Geſchäftchen gemacht hat.“ In Momenten, wo es brauchbar iſt, wirft näm⸗ lich der Liberalſte und Toleranteſte mit„Jude“ und „Jüdlerei“ als Schimpf umher, ſo gut wie ein Reac⸗ tionär vom reinſten Waſſer. „Ich habe allerdings auch ſchon gehört, daß der Baron nicht ſehr glänzend ſtehe,“ ſprach Wacker,„aber er iſt ſehr beliebt in der Gegend.“ „Nun, Sie müſſen doch am eheſten Aufſchluß über dieſen Schuldenmacher geben können,“ wendete Hohl ſich an Rappel., Der Advokat antwortete vorſichtig: „Das würde ſich wohl für mich nicht paſſen. In⸗ deſſen iſt es mir wohl erlaubt, zu beſtätigen, daß der Baron zwar verſchiedene ſchwere Verpflichtungen aus⸗ zugleichen hatte, in denen ich die gegneriſchen Partheien vertrat, daß er aber in letzter Zeit ſich, ſoweit ich und meine Partheien im Spiel ſind, völlig arrangirt hat.“ Daß ſogar Rappel ihn im Stich laſſe, wurmte Hohl doppelt; giftig fuhr er heraus: „Er hat wahrſcheinlich einen Leichtgläubigen ge⸗ funden, der ihm auf ſein verſchuldetes Ehrenwort noch etwas pumpte, womit er andere Schulden gezahlt hat; Loch auf und Löchlein zu, ſo machen's dieſe adeligen Lumpen.“ Kaum war dieſes Wort heraus, ſo trat eine peinliche Todtenſtille ein; ſogar Herr Cäſar Hohl ſchwieg er⸗ ſchreckt vor ſeiner eigenen Unvorſichtigkeit. Er würde vielleicht durch einen na⸗ folgenden Satz den unbedachten 120 Ausſpruch und Ausdruck zurückgenommen haben, aber ehe er ſich überlegte, wie er das am Beſten thun könne, hatte ſich der Aſſeſſor Kratzeiſen von ſeinem Stuhle erhoben: „Herr Doctor Rappel,“ ſprach er ſtrenge,„ich halte mich bezüglich der Perſönlichkeit dieſes Herren, der ſoeben eine ſchwere Verbalinjurie gegen den bis jetzt unbeſcholtenen Herrn Rittmeiſter und Kammerherrn Seiner Majeſtät, Baron Lothar von Sternenkron, aus⸗ geſprochen, an Sie.— Ich halte mich in Hinblick auf die allgemeine und gerechte Achtung und Verehrung, die allerſeits dem Herrn Baron entgegengebracht wird, für verpflichtet, demſelben von den hier über ihn ge⸗ fallenen Aeußerungen Mittheilung zu machen, wobei ich es ihm anheimgebe, ob er nach Artikel 185 des Strafgeſetzbuches Strafantrag ſtellen will, wonach be⸗ kanntlich auf Verbalinjurie eine Geldſtrafe bis zu zwei⸗ hundert Thaler oder Haft oder Gefängniß bis zu einem Jahre geſetzt iſt. Dieſer Herr hier, welcher die Beleidigung verübt hat, iſt Ihr Bekannter und Freund und darum werde ich dem Herrn Baron Sie, Herr Doctor Rappel, als Auskunftsperſon bezeichnen, des⸗ gleichen Sie, Herr Wacker, ebenſo wie“— hierbei wandte ſich Aſſeſſor Kratzeiſen mit einer an ihm geradezu unerhörten Freundlichkeit gegen Aegidius— „Herr Keller vermuthlich Zeugniß ablegen kann, in welcher Weiſe hier von einem Ehrenmanne ehrenrührig geſprochen wurde.“ Stolz im Gefühle einer verübten höchſt edlen 4 . 121 Handlung ging der Aſſeſſor weg;— er begab ſich hinüber in's Poſtburcau zum Poſthalter. Die drei Politiker: Hohl, Rappel und Wacker, ſaßen da wie nach dem Sprichwort„die Katzen wenn's donnert.“ Von den Beweiszeugen war jedenfalls der bis jetzt unbeachtet zur Seite gebliebene junge Mann der un⸗ bequemſte. Das war der erſte Gedanke Rappel's, des Rabuliſten. Auch er hatte ſchon auf dem Wege des Gerüchtes von der Heimkehr des jungen Geigers ge⸗ hört und als der Aſſeſſor den Fremden„Herr Keller“ angeſprochen, wußte Rappel, daß er den ehemaligen Zögling des Benefiziaten Kölbich vor ſich habe. „Alſo Sie ſind der Aegidius Keller?“ ſragte der Advocat den jungen Mann. „Ich bin der Herr Keller, ja wohl,“ antwortete ihm Aegidius und ging zur Thüre hinaus, denn offen⸗ bar hatte der Advocat die Abſicht, mit ihm ein Ge⸗ ſpräch und zwar vorausſichtlich im Zuſammenhang mit der eben vorgefallenen Scene anzuknüpfen; das war aber durchaus nicht nach dem Wunſche von Aegidius. „Wer iſt dieſes vorlaute Bürſchchen?“ fragte Hohl. Rappel gab ihm ſo viel Auskunft, als er ſelber wußte. „Der Menſch iſt mir geſtern ſchon in die Quere gekommen,“ ſprach Hohl,„als die Feſtfeier anf dem Turnplatz ſtattfand.“ „So?“ machte Wacker. „Er muß eine Geliebte haben, es war ein Frauen⸗ zimmer bei ihm.“ 122 „Auf dem Turnplatz draußen?“ „Ja. „Das geht doch nicht gut zuſammen,“ überlegte Wacker laut. „Was? Wie ſo?“ „Keller's Geliebte iſt ja erſt heute Vormittag per Extrapoſt mit ihrer Geſellſchafterin hier angekommen, ſie wohnt hier im Gaſthof im erſten Stocke. Wie können Sie ſie dann geſtern Nachmittag mit ihm auf dem Turnplatz geſehen haben?“ „Ich verſichere Sie, daß ich ſie nicht nur ſah, ſon⸗ dern auch ſprach,“ beſtätigte Hohl,„übrigens ſah ſie gar nicht aus, als ob ſie die Gewohnheit hätte, per Extrapoſt zu reiſen.“ „Ich habe ſie noch nicht geſehen,“ ſagte Wacker, „aber es ſoll eine ſchöne und ſehr vornehme Dame ſein, ſie würde auch ſonſt wohl kaum eine eigene Ge⸗ ſellſchaftsdame bei ſich haben.“ „Das muß eine Verwechslung ſein,“ verſicherte Hohl,„der junge Mann ſcheint ſich auf den Grafen von Gleichen zu ſpielen,“ und er erzählte ſein Zu⸗ ſammentreffen mit Aegidius am geſtrigen Nachmittage. Wenn der wackere Redacteur dabei in den bekann⸗ ten Farben berichterſtatteriſcher Wahrheitsliebe malte, ſo verſtand ſich das bei ihm in Folge ſeines Hand⸗ werks eigentlich von ſelbſt. Nach Hohl's Mittheilungen zu ſchließen, konnte man zwiſchen den Annahmen wäh⸗ len: entweder hatte er das junge Mädchen vor den Inſulten des Geigers beſchützt und dadurch deſſen Eiferſucht erregt, oder aber Herr Hohl war als Opfer — ⏑⏑——:—:—— —— — 123 einer verſuchten Verführung Seitens des jungen Mäd⸗ chens auserſehen geweſen, ſelbſtverſtändlich ohne daß dieſes Attentat auf ſeine Tugend und Sittlichkeit ge⸗ glückt wäre.— Dabei beſchrieb Herr Hohl, ſo genau wie ihm möglich, das junge Frauenzimmer, ſo daß Wacker die Hoffnung nicht aufgab, ſie noch ausfindig zu machen. „Jedenfalls,“ ſchloß Hohl ſeine Auseinanderſetz⸗ ungen,„bezeugt ein ſo unſittlicher Menſch, wie dieſer Keller, Alles was man von ihm bezeugt verlangt und es wird gut ſein, ſeine Glaubwürdigkeit jetzt ſchon in's richtige Licht zu bringen.“ „Bei alledem,“ ſprach Rappel bedächtig,„iſt es eine mißliche Sache um dieſe Klage, wenn der Aſſeſſor den Baron aufſtachelt, ſie einzureichen. Es bleibt immer etwas Schlamm hängen.“ Mit der Entfernung des Aſſeſſors und Aegidius Keller's hatte Hohl ſeine ganze Thatkraft wiederge⸗ wonnen. Einem Gegner direct gegenüber war er feig, dagegen zu einem hinterliſtigen heimtückiſchen Kampfe war er ganz gut dreſſirt. Zum Straßenräuber ver⸗ dorben, weil zu ſehr ohne allen perſönlichen Muth, war er völlig der Mann, um aus einem Hinterhalt, für ſeine Perſon geſichert, einem Gegner durch einen Schuß in den Rücken moraliſch das Lebenslicht auszublaſen. Im Nu hatte er darum einen Plan entworfen, die böſe Sache für ſich zum Guten zu wenden.— Die Aeußerung, die er über den Baron gemacht und um die es ſich im Falle einer Klage handeln würde, war in einer Beſprechung über die Wahlen gefallen. — — 424 Das konnten die Herren Rappel und Wacker nicht nur, ſondern auch der Aſſeſſor und Keller mußten das bezeugen. Die Aufgabe beſtand alſo nur darin, die fraglichen Aeußerungen vom Boden der gemeinen Bier⸗ bankinjurie auf das Terrain des politiſchen Kampfes hinüberzuſpielen. Und das zu bewerkſtelligen, war doch gewiß kein Kunſtſtück. War's erſt ſo weit, ſo erlitt Herr Hohl ja gerne eine Beſtrafung, denn er trug ſie dann als Märtyrer ſeiner politiſchen Ueber⸗ zeugung und hatte eine Handhabe mehr, um gegen die Candidatur des Barons auftreten zu können. Welch' ein Vortheil für Hohl, wenn er ſagen konnte, daß ſein Gegner in der Candidatur ſich ſogar hinter Strafgeſetzbuchparagraphen verſchanzt habe, um ihn, den großen überzeugungstreuen, gefährlichen Cäſar zu bekämpfen?!— Zweifellos gehörten der Aſſeſſor und Keller zu den Anhängern des Barons, deshalb mußten ſie überall ſo verdächtigt werden, daß ſie nicht nur allen Einfluß verloren, ſondern für ihre Perſonen ſo⸗ gar anrüchig wurden. Dieſe Wirkung konnte man ja mit Hülfe der kleinen Preſſe ganz gut erreichen. Einem Beamten ein Knie zu ſtellen, war doch für Hohl nur Spaß; das koſtete ihm ein einziges kleines Denuncia⸗ tiönchen, deren er immer etliche zum Privatgebrauch vorräthig auf Lager hatte. Und was den jungen Geiger anbelangt, ſo konnte er dieſen ruhig dem wür⸗ digen Kunſtreferenten Herrn Froſch überlaſſen, der zer⸗ zauſte ihn auf Commando ſeines Brodgebers auf's Nachdruckſamſte, bezüglich Keller's Privatleben aber mußte die Geſchichte mit der Geliebten, wie ſie Hohl ——— . Herrn Wacker erzählt hatte, ihre Wirkung thun. Alles in Allem: die unvorbereitete Affaire wegen des Barons konnte bei richtiger Behandlung ſchließlich nur zum Vortheil Hohl's enden. Der biedere Redacteur ſchwelgte ſchon im Voraus in dem Genuſſe des Triumphes über die ihm verhaß⸗ ten Menſchen. Rappel faßte den ganzen Vorfall im Grunde ziem⸗„ lich gleichmüthig auf. Er hatte ſich längſt einen ſelbſt⸗ t eigenen Maßſtab für Recht und Unrecht gemacht, wie es— leider!— ſo ſehr viele ſeiner Berufsgenoſſen thun. Er betrachtete alle Handlungen nur von dem Standpunkte aus, ob ſie anfechtbar oder ſpaſbar ſeien, alles Uebrige war ihm ganz egal. Wenn er z. B. 24 8 einem gutmüthigen Gläubiger, der Jahre lang zuge⸗ 2 wartet hatte, ſchließlich die Einrede der ſtattgefundenen Verjährung entgegenſetzen konnte, auf Grund deren eine geſetzliche Zahlungsverpflichtung nicht mehr vor⸗ lag, ſo war dies in den Augen Rappel's genau ebenſo gut, wie wenn wirkliche Zahlung geleiſtet worden wäre. Ein Recht, das ſich nicht auf einen beſtimmten Rechts⸗ paragraphen ſtützte, gab's für den Advocaten Rappel nicht.— 8 b Dagegen befand ſich Herr Wacker in einer völligen geiſtigen Zerfahrenheit. Der gute Kleinſtädter war ſo— vielen auf ihn einſtürmenden Ereigniſſen nicht gewach⸗ ſen. Hatte ſchon die Laſt der Vorbereitungen zum Fahnenfeſt, dann die Begehung deſſelben ſelbſt, ihn über Gebühr in Anſpruch genommen, ſo kam heute noch die ſtattgehabte Unterredung mit dem Redacteur 126 und Kammercandidaten Hohl dazu, die den armen Wacker ſchon ziemlich wirblich gemacht hatte. Aber ganz zum Ueberfluß noch die Scene eben mit dem Aſſeſſor Kratzeiſen,— nein, es war zu viel. Wacker ſah im Hintergrund den Schrecken aller Schrecken: eine öffentliche Gerichtsverhandlung, in der er als Zeuge zu figuriren hatte. Es iſt nämlich nicht immer eine Kleinigkeit bei einer Beleidigungsklage als Zeuge deponiren zu müſſen. Dank unſerer unübertrefflichen Strafprozeßordnung läuft nämlich jeder Zeuge Gefahr von den die Partheien vertretenden Anwälten in der ungehörigſten Weiſe inſultirt zu werden, ohne daß die⸗ ſelben dafür vom Zeugen zur Verantwortung gezogen werden könnten. Deponirt der Zeuge unter ſeinem Eide, er habe dies und das geſehen oder gehört, ſo fällt's vielleicht einem der vertretenden Anwälte ein, die Wahrheit dieſer beſchworenen Zeugenausſage kurz⸗ weg als höchſt fraglich hinzuſtellen, ja er hat viel⸗ leicht, in Vorbereitung der kommenden Ereigniſſe, ſchon einen beliebigen Gegenzeugen mitgebracht, der über die Qualitäten des anzuzweifelnden Zeugen ausſagen ſoll, z. B. daß derſelbe, der jetzt ein Mann von Familie mit Kindern und Kindeskindern iſt, als Schuljunge einmal aus ſeines Nachbars Garten einen Apfel ge⸗ mauſt habe u. ſ. w. Auf dieſe Weiſe wird Zeugſchaft⸗ leiſten faſt ſo ſchlimm, ja manchmal ſogar noch ſchlim⸗ mer wie Angeklagtſein, und die Furcht der Menſchen, als Zeuge vorgeladen zu werden, iſt eine ſehr erklär⸗ liche und nur zu oft begründete.— Um aber Wacker's geiſtiger Zerfahrenheit noch die Krone aufßzuſetzen, — — 127 kamen noch die letzten Auseinanderſetzungen Hohl's in Betreff der Art dazu, wie der zu erwartende Streich des Barons gegen ihn, den Redacteur, zu pariren ge⸗ ſucht werden müſſe. Bis dahin hatte Herr Wacker den großen hauptſtädtiſchen Journaliſten für ein Ideal an Ehre und Bürgertugend gehalten, jetzt machte der⸗ ſelbe aber Vorſchläge, die etwas verzweifelt Aehnliches mit einer planmäßigen Hallunkerei hatten. Wie war das nun zuſammenzureimen? Der ſchlichte, aber ehr⸗ liche Hausmannsverſtand des Kleinſtädters konnte ſich in dieſem Dilemma nicht zurechtfinden und große Schweißtropfen perlten auf des gequälten Turnvor⸗ ſtandes Stirn. Während dieſer Vorgänge hatten anderweitig eben⸗ falls Beſprechungen ſtattgefunden. Aſſeſſor Kratzeiſen hatte vom Poſtbureau aus beobachtet, wie Aegidius die Gaſtſtube verließ und ihn mit ſeiner höflichſten Freundlichkeit gebeten, einen Augenblick in's Bureau eintreten zu wollen. Aegidius willfahrte. N. „Geehrter Herr Keller,“ begann der Aſſeſſor, dem es offenbar ſchwer fiel, ſo viel Freundlichkeit an einen jungen Muſikanten ohne Titel verſchwenden zu müſſen, „ich hoffe, daß Sie mir das kleine Mißverſtändniß von vorgeſtern Abend nicht nachtragen werden?“ „Ich hätte ohne Ihre jetzige Erinnerung daran, Herr Aſſeſſor, bereits darauf vergeſſen gehabt,“ erwi⸗ derte Aegidius. „Das iſt ſehr freundlich von Ihnen,“ ſetzte der Aſſeſſor ſeine Rede fort,„es war ja auch eine ſo un⸗ bedeutende Kleinigkeit und in Wahrheit, ich wollte 71 nur— „Meinen Sie nicht, Herr Aſſeſſor,“ unterbrach Aegidius den Sprechenden,„daß wir die kleine Diffe⸗ renz ganz begraben und ihrer gar nicht mehr weiter gedenken wollen?“ „Ganz einverſtanden, lieber Herr Keller, aber ich fürchte nur, der Herr Baron von Sternenkron—“ „O, ich glaube für dieſen daſſelbe Verſprechen geben zu dürfen, wie für mich,“ erklärte Aegidius. „Das freut mich ſehr, freut mich ſehr,“ verſicherte Kratzeiſen.„Ich bin oft etwas rauh, aber was den Herrn Baron anbelangt, ſo habe ich ſtets große Stücke auf ihn gehalten. Wenn er es anders gehört hat, ſo bin ich verläumdet worden, wie das leider gar zu häufig der Fall iſt. Aber Sie ſelbſt, mein werther Herr, haben ſehen können, mit welcher Wärme ich mich des abweſenden Herrn Baron angenommen habe.“ „Allerdings, Herr Aſſeſſor, habe ich das geſehen und als ich ſoeben die Treppe hinaufging, geſchah es in der Abſicht, dem Herrn Baron hiervon umſtändlich Mittheilung zu machen.“ „Sie ſind ſehr gütig und ich danke Ihnen dafür ſehr. Aber iſt es denn nothwendig, an den Herrn Baron zu ſchreiben, kommt er heute nicht mehr herein in die Stadt?“ G „Schleicher,“ dachte ſich Aegidius,„Du willſt mich glauben machen, daß Du nicht wiſſeſt, der Baron ſei hier.“ Der Poſthalter ſaß mit einer Feder in der Fauſt an ſeinem Schreibtiſch und ſchien bis über die Ohren beſchäftigt. „Es iſt ordentlich beleidigend, für wie dumm dieſe Menſchen mich halten,“ überlegte Aegidius ſich weiter, „aber beſſer ſo, wie wenn ſie ſich gar zu ſehr auf's Feinſpinnen verlegen.“ „Der Herr Kammerherr iſt ſchon hier und befindet ſich ſveben bei einer Dame im erſten Stock, die in⸗ cognito ſich ſeit heute Vormittag hier aufhält,“ ſagte er dann laut, den letzten Satz beſonders betonend. „Ah ſo,“ machte der Aſſeſſor,„da trifft es ſich frei⸗ lich gerade recht gut und wenn Sie bei dieſer Ge⸗ legenheit vielleicht einfließen laſſen wollen, daß ich dem Herrn Baron ganz zu Dienſten ſtehe, wenn er etwa gegen den fremden Herrn da drüben eine Klage ein⸗ gereicht haben will, ſo werde ich Ihnen ſehr ver⸗ pflichtet ſein.“ „Ganz recht,“ endete Aegidius die Unterredung und trennte ſich unter Erwiderung der devoten Grüße Kratz⸗ eiſen's von dem Aſſeſſor. Von dieſer ganzen Geſellſchaft dachte jeder Einzelne immer noch ſchlauer zu ſein, wie der andere. Aegidius theilte den ganzen Vorfall im Gaſtzimmer, ſowie den Inhalt ſeiner Unterredung mit Kratzeiſen dem Baron ſo wortgetreu wie möglich mit. Der Poſtwagen rüſtete ſich inzwiſchen zur Abfahrt. Auch Herr Hohl, von ſeinen beiden Begleitern um⸗ geben, ſtand vor dem Hausflur. Man konnte die Herren von Fräulein Levasco's Fenſtern aus ſehen. Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 9 130 „Wollen wir nicht jetzt noch einen Spaziergang machen, liebe Leontine?“ fragte ganz gelaſſen der Baron ſeine Braut. „Gerne,“ erwiderte dieſe,„dieſer ganze Nachmittag mit ſeinen ewigen Händeln fängt an mich recht zu langweilen.“ „Na, beſuchen wir unſeren Hutmacher,“ ſprach der Baron,„vielleicht, daß uns das Spaß macht.“ Sie gingen mitſammen die Treppe hinab,— Fräulein Levasco, der Baron und Aegidius. „Bitte, reichen Sie für einen Augenblick dem Fräu⸗ lein den Arm,“ ſagte der Baron leiſe zu Aegidius und. ließ den Beiden den Vortritt. Beim Rauſchen von Leontinens Robe durchzuckte es ſchon wieder den ewig weiberlüſternen Hohl und er drängte ſich möglichſt nahe bei. Im Anblick der Sängerin verſunken gewahrte er den Baron erſt, als dieſer dicht vor ihm ſtand. „Sie Burſch',“ ſprach der Baron, laut genug, um von den Umſtehenden gehört und verſtanden werden zu können,„Sie haben ſich erlaubt, über mich Reden zu führen, die Ihnen Strafe eintrügen, wenn ich Sie dem Gerichte anzeigte. Aber es verſteht ſich von ſelbſt, daß man mit einem Exemplar Ihres Gelichters ſich nicht vor einem Gericht herumzerrt, ſeien Sie alſo unbeſorgt, Sie können von mir ſagen oder in Ihrem Zeitungswiſch drucken laſſen, was Sie wollen, ich thue Ihnen nicht die Ehre an, Sie zu verklagen. Damit Sie aber nicht ganz leer ausgehen dafür, daß Sie ſich wie ein Lakai betragen, ſo will ich Ihnen doch den Lohn geben, den ich frechen Lakaien nicht ſchuldig zu bleiben die Gewohnheit habe.“ Bei dieſen Worten ſchlug der Baron dem Redac⸗ teur mit der Reitpeitſche einen Jagdhieb hinüber und ging dann gelaſſen, ohne von den Uebrigen Notiz zu nehmen, ſeines Weges. Und Hohl und Compagnie— blieben mäuschen⸗ ſtill zurück. Erſt nach geraumer Zeit ziſchelte Hohl mit ſeinem Freunde Rappel. Bei Hohl's Schwer⸗ hörigkeit konnte aber Rappel nicht ſo leiſe ſprechen, daß Wacker es nicht verſtanden hätte. „Es wird nicht viel herauskommen dabei, als Schmutz,“ hatte Rappel geantwortet,„Paragraph 199 ſagt: wenn eine Beleidigung auf der Stelle erwidert wird, ſo kann der Richter beide Beleidiger oder einen derſelben für ſtraffrei erklären. Im vorliegenden Falle erſcheinen Sie als der Anreizende und eine Compen⸗ ſation der Beleidigungen iſt mehr als wahrſcheinlich.“ Mit freudigen Hoffnungen unter Weihrauchſpenden und Verſicherungen der Verehrung und Hochachtung hatte Hohl ſeinen Einzug in Lindenheim gehalten, niedergedrückt unter den von einem begoſſenen Pudel verſpürten Empfindungen täuſchend ähnlichen Gefühlen fuhr der große Mann von dannen. Wäre er eine Dame geweſen, ſo würde er ſicher in der Poſtomnibus⸗ ecke geweint ehaben, ſo aber beſchäftigte Cäſar ſich mit Pläneſchmieden für ſeine Rache. In Gedanken ſchrieb er die ſchrecklichſten Zeitungsartikel gegen den Baron, gegen Keller, namentlich aber gegen den Denuncian⸗ ten Kratzeiſen. Es iſt nämlich eine ſtereotype Eigen⸗ 9* 132 thümlichkeit aller Naturen vom Schlage Hohl's alle Welt, die offen eine fremde Erbärmlichkeit aufdeckt, für verabſcheuungswürdige Denuncianten zu halten oder wenigſtens ſie dafür zu erklären, nicht gedenkend ihrer eigenen ſyſtematiſch betriebenen Verkleinerungen und Verdächtigungen, die ſie hinterrücks und heimlich aus⸗ zuſtreuen pflegen. Der Baron Sternenkron aber, der jetzt den Arm Fräulein Levasco's nahm, ſetzte mit dieſer und Aegi⸗ dius ſeinen Weg unbekümmert um die Geſichter der Zurückbleibenden fort. Das Kleeblatt war allerdings geeignet, die Auf⸗ merkſamkeit der guten Lindenheimer zu erregen. An den Anblick des Barons hatten ſie ſich wohl ſchon gewöhnt, der Nimbus des Unerwarteten, der die Er⸗ ſcheinung von Aegidius umwob, war zwar noch nicht verraucht, wie ja überhaupt in ſo kleinen Städtchen für gewöhnlich die Ereigniſſe eine nachhaltigere Wirk⸗ ung zu haben pflegen, aber dennoch mußte das Inte⸗ reſſe an der Perſon des wiedergekommenen Geigers in den Hintergrund treten vor dem neuen Stern, der ſich am Lindenheimer Neuigkeitshimmel aufthat. Fräulein Levasco hatte ſich nach ihrer Ankunft umgekleidet und das Reiſekleid mit der Promenade⸗ toilette vertauſcht. Sie trug ein fußfreies meergrünes Kleid von ſtumpfer Seide in jener barocken Weiſe nach rückwärts gerafft, daß die Trägerin wie verwachſen ausſah, was unſer ſchon irre gewordenes Auge nur deshalb ſo wenig bemerkt, weil dieſe Koſtüme an die ehedem ſo vergötterten Frauengeſtalten der Watteau'⸗ —, ſchen Gemälde gemahnen. Das Kleid war reich mit weißen Spitzen garnirt und ſchmiegte ſich in ſchönen welligen Linien um den tadellos geformten Körper der Sängerin. Den reichen Haarbau ſchmückte ein graues Roßhaarhütchen, mit weißen Moosroſen verziert, und übereinſtimmend mit der Farbe des Kleides waren die kleinen Zuthaten zur Tollette. Fräulein Levasco trug um den Hals eine ſehr werthvolle Kette aus Malachit, die Manſchettenknöpfe waren aus demſelben Edelſtein, ebenſo auch der Griff des meergrünen Stockſchirmes, meergrün waren die Handſchuhe, meergrün die zier⸗ lichen Saffianſtiefelchen,— die ganze Dame war meer⸗ grün, wie eine Najade oder Undine. Die Männer ſahen mit Verwunderung und Freude nach der ſchönen Erſcheinung am Arme des Barons, die Frauen mit Neid. Freilich ſolche Toiletten konnten ſie in Lindenheim nicht machen,— Grund genug, um ſofort mit einem Dutzend liebevoller Nachrichten über die Vorbeiwandernde fertig zu ſein.— Am liebſten hätten es die Honoratiorenweiber geſehen, wenn man einer ſo gefährlichen Perſon, wie dieſer meergrünen 8 Dame, ſofort den Zwangspaß aus Lindenheim hinaus gegeben, denn eine ſolche Perſon konnte es doch auf nichts Anderes abgeſehen haben, als auf ihre reſpec⸗ tiven Gatten,— das war bei dieſen Weibern eine aus⸗ gemachte Sache. Beeilen wir uns beizufügen, daß dieſe Empfindung den würdigen Frauen zum größten Lobe gereicht, denn daß ſie es für möglich hielten, eine ſo ſchöne Dame, wie die meergrüne Fremde aus der „Poſt“ könne es auf ihre Männer abgeſehen haben, —, ————õ—-—y “ 134 beweiſt, wie ſehr dieſe Frauen trotz einer mehr oder minder langen Ehe mit mehr oder minder häufigen Schmollſcenen doch noch von der Gewalt des Eindrucks ihrer Männer auf ein weibliches Herz überzeugt waren. Gleichzeitig mit der Aburtheilung der Fremden erfolgte aber auch die des Barons und Aegidius Keller's. Was den Baron anbetrifft, ſo ging man über ihn ziemlich ſchnell mit einem bedeutſamen Achſelzucken hinweg, von ihm hatte man ſo wie ſo nie viel Gutes erwartet. Schon ſeit zehn oder fünfzehn Jahren hätte er eigentlich verheirathet ſein können und war dennoch Junggeſelle geblieben,— da verſtanden ſiß ja alle Lafter bei ihm von ſelbſt; ein Mann, der in den Ver⸗ hältniſſen iſt, heirathen zu können und orach ledig bleibt, iſt in den Augen der Kleinſtädterinnen das ver⸗ ächtlichſte Geſc chöpf auf der Welt, was aber nicht aus⸗ ſchließt, daß jede ledige Verurtheilerin des Verächt⸗ lichen, dieſen, wenn er ſie wollte, ſofort zum Manne nähme. Es mag das mit dem allgemeinen weiblichen Rettungsdrang zuſammenhängen. Anders verhielt ſich's indeſſen mit dem Urtheil über Aegidius. Dieſer war erſtens eine Art von Lin⸗ denheimer Kind, hernach obendrein noch ſo jung; ſicher⸗ lich war er ein Opfer der Verführung, wobei nur darüber die Stimmen getheilt waren, ob der Baron, ob die fremde Dame oder ob Beide an der Verführung des jungen Mannes ſchuldig ſeien. Die Linden⸗ heimer Damen, die nicht aus Furcht vor einer Be⸗ hexung ihrer Männer Parthei gegen die fremde Dame nahmen, thaten es aus chriſtlicher Nächſtenliebe für A aber ſeine Lection behalten hat, ſ 135 Aegidius, deſſen bedrohte Seele ſie vor den Fängen des Satans, der ſich unter der gleißenden Maske der meergrünen Dame verbarg, retten wollten. Und die drei Spaziergänger ahnten von all' den Gedanken und Entſchlüſſen nichts, die um ihrer Per⸗ ſönlichkeit willen in ſo manchem weiblichen Hirn arbei⸗ teten. Sie zogen ihres Weges dahin, Fräulein Levasco faſt immer mit zur Erde geſenktem Geſicht, nicht aus übel angebrachter Verlegenheit— wie beobachtende Damen glaubten— ſondern um ſich von einem ſpitzigen Pflaſterſtein zum andern zu balanciren, eine mühſelige Arbeit für eine Dame, deren Stöckelſchuhe nicht dazu geſchaffen ſind, das Gehen auf einem Pflaſter zu er⸗ leichtern, das aus Zuckerhutſpitzen hergeſtellt zu ſein ſchien. So kamen ſie bis in die Nähe des Hutmacher Herz'ſchen Hauſes. Der Meiſter ſtand ſchon in ab⸗ wartender Stellung unter ſeiner Ladenthüre. Aegidius machte Fräulein Levasco auf ihn aufmerkſam. Sie richteten ihren Weg ſo ein, daß ſie an dem Harren⸗ den vorüber mußten. Schon von weitem ſchlug Herz die Arme kreuz⸗ weiſe über die Bruſt, indem er mit ſeiner rechten Hand die linke, mit der linken Hand die rechte Achſel packte. „Gehört das ſchon zum neuen Hofceremoniell?“ fragte der Baron. „Ja wohl,“ antwortete leiſe Aegidius,„wenn er ſo kommt's noch beſſer.“ 146 Der Hutmacher ſcharrte abwechſeld mit dem rech⸗ ten und linken Bein hinten aus. „Guten Tag, Herr Herz,“ grüßte der Baron den Verblüfften. Sonſt hatte der Baron niemals zuerſt gegrüßt.. Die dankende Antwort blieb dem armen Herz in der Kehle ſtecken, die Auszeichnung, eine lebendige Prinzeſſin vor ſich zu ſehen, ſchnürte ihm die Bruſt zuſammen.— So ſchön hatte er ſich eine Prinzeſſin allerdings nicht vorgeſtellt, und doch war er dabei ein wenig überraſcht, daß die prächtige Prinzeſſin nicht irgendwo auf ihrem blonden Kopfe eine Krone, wenn auch nur ein ganz kleines Krönchen, trug, es hätte ja noch nicht ausgewachſen zu ſein gebraucht. Sie muß dieſes Abzeichen ihrer Würde wohl unter dem kleinen Hute tragen— dachte ſich Herz;— vergaß indeſſ nicht fortwährend devot auszuſchauen. Aegidius flüſterte Leontinen leiſe zu: „Reden Sie ihn doch an.“ „Sie haben hier einen recht hübſchen Laden, mein Herr,“ ſagte ſie zu dem Hutmacher,„vermuthlich haben Sie auch recht viel zu thun?“ Herz hatte nicht ſobald aus der Mundſtellung der vermeintlichen Prinzeſſin abgeleſen, daß ſie zu ſprechen beginnen wolle, als er mit Aplomb ſich auf den rech— ten Fuß ſtellte und das linke Bein ſo weit wie mög⸗ lich von ſich ſtreckte, um ja recht deutlich zu zeigen, daß er genau wiſſe, was ſich ſchicke, wenn eine Prin⸗ zeſſin ihm die Ehre einer Anſprache gönne. Ueber dieſem Manöver, das der Hutmacher mit der Grazie eines Tapirs ausführte, vergaß er aber ganz zu ant⸗ worten. Fräulein Levasco ſah ſich alſo genöthigt, ihre Frage zu wiederholen; ſie that es mit der Um⸗- ſchreibung: „Dies Haus iſt wohl Ihr Eigenthum und Sie bewohnen es ganz allein? Da haben Sie wohl ſehr viel zu thun.“ Man ſieht, die Anreden Fräulein Levasco's ver⸗ riethen ganz den ſublimen Geiſt, den die Anſprachen von Prinzen und Prinzeſſinnen bei Maſſenaudienzen zu haben pflegen. In dieſem Punkte war ſie jeden⸗ falls fähig für ein Vollblutglied aus der großen und wichtigen Familie Prinz gehalten zu werden. Diesmal blieb Herz die Antwort nicht ſchuldig. Mit einem energiſchen Ruck richtete er ſich auf, ſtellte ſich jetzt auf ſein linkes Bein, während er das rechte von ſich wegſtreckte. „Ich bitte allerunterthänigſt um allergnädigſte Ver⸗ zeihung,“ ſprach er,„im erſten Stockwerke wohnt der Herr Bauamtsaſſiſtent Grünbein, der vor einem halben Jahr von Kaufingen hierher verſetzt wurde, er hat mit ſeiner Frau und Schwägerin den ganzen erſten Stock, den ich erſt vor zwei Jahren habe neu herrich⸗ ten laſſen; das vordere Zimmer iſt hellblau geſtrichen, das Kinderzimmer— es ſind zwar noch keine Kinder da, aber die bleiben bei einem ſo jungen Paare nicht aus— iſt blaßgelb.“ Meiſter Herz hatte ſeiner Fertigkeit und Gewandt⸗ heit im Hofceremoniell doch zu viel zugemuthet, die Poſition auf dem einen Bein war ſchließlich doch zu ſchwierig, bei den letzten Worten gerieth der in's Er⸗ zählen gekommene Hutmacher in's Schwanken, er fuch⸗ telte mit den jetzt in ſeiner Verzweiflung aus ihrer bisherigen Lage genommenen Armen wie mit einer Balancirſtange umher, ohne das Gleichgewicht wieder zu finden und lag endlich zu den Füßen der Sängerin. „Euer wohlriechende Gnaden mögen allerhuldvollſt verzeihen,“ tönte es vom Straßenpflaſter herauf, während Aegidius herzuſprang und den einfältigen Landsmann beim Aufſtehen unterſtützte. Fränlein Levasco's Beherrſchung war zu Ende, nur mühſam hielt ſie ihr Lachen zurück, ſie ſcheute es, als ſchadenfroh zu erſcheinen und doch war die Situa⸗ tion zu komiſch. Um loszukommen, gab ſie ſchnell dem verdutzten Hutmacher die Hand und ſprach ſo theilnehmend, als das innerliche Lachen geſtattete: „Ich bedaure Ihren Unfall, der zum Glück nicht bedeutend zu ſein ſcheint und danke Ihnen für die Auskunft, die Sie mir über Ihre Wohnung gegeben haben— guten Abend.“ Damit ſchritten der Baron und ſeine Braut weiter, während Aegidius den Hutmacher vollends auf ſeine Beine ſtellte. Dieſer war aber wie betrunken; er rief immer fort: „Sie hat mit mir geſprochen, ſie hat mit mir ge⸗ ſprochen,— ja ſie hat mir ſogar die Hand gegeben, ihre eigene lebendige Hand, jetzt bin ich ſo gut wie ein Edelmann.“* Sechſtes Kapitel. Schwiegermütterliche Plagen. Die alte gute Sonne war nach all' den verſchie⸗ denartigen Vorfällen, mit denen das Turnfeſt in Lin⸗ denheim ſchloß, unbekümmert um Freud' und Leid der einzelnen Zwangsbewohner der Erde, zur im Kalender vorgezeichneten Stunde pünktlich wieder aufgegangen. Sie zeigte gleichmüthig und unbeirrt ihr altes der Welt längſt bekanntes Geſicht, ohne Antheilnahme an den tollen Geſchichten, die da herunten auf dem pudel⸗ närriſchen Planeten paſſiren, aber auch ohne Vorwurf. Ihre Blicke mochten wohl auf anderen Himmelskörpern ſo ziemlich überall ähnlichen Wirrwarren begegnen, wie auf der unruhigen Erde, ſo daß ſie ſchon längſt die Ueberzeugung hatte, die viel ſpäter nach ihr erſt der weiſe Rabbi Ben Akiba ausgeſprochen: Alles ſchon dageweſen. Und um die kleinen Stänkereien der Handvoll Lin⸗ denheimer verlohnte es ſich erſt recht gar nicht ſich viel zu kümmern, wenn man ein ſo weites Beobachtungs⸗ feld hatte wie Mama Sonne und darum ging ſie denn auch am Dienſtag nach dem Turnfeſte ganz e benſo auf, wie alle Tage. Und die Lindenheimer beſannen ſich in Folge deſſen auch wenigſtens ſo weit, daß ſie wieder den Verſuch machten, von neuem in ihr altes Geleiſe einzu⸗ lenken, aus dem ſie durch die vorhergehenden Feſttage herausgezerrt worden waren. Freilich ſo im Handumdrehen ging's nicht, ſich wieder in die frühere ruhige Weiſe hineinzufinden, dazu waren ja die ſtattgehabten Ereigniſſe für Linden⸗ heim viel zu weltbedeutend geweſen und namentlich war von einem auch jetzt noch fortwirkenden Einfluß, daß mehrere der Brennpunkte, um die ſich ſo merk⸗ würdige Geſchichten woben, noch immer in endenhemn anweſend waren. Es waren dies— der Baron konnte nicht dazu gerechnet werden— die fremde unbekannte Dame auf der„Poſt“ mit der prächtigen Toilette, Aegidius Keller und Emil Mohl. Es war eine merkwürdige Uebereinſtimmung der verehrungswürdigen Hausfrauen Lindenheims, daß ſie heute ſämmtlich in eigener Perſon den Wochenmarkt beſuchten, ſelbſt diejenigen, deren ganzer Gemüſeein⸗ kauf ſich heute auf Suppengrünes für zwei Pfennige beſchränkte. Freudige Ereigniſſe zerfallen bei Frauen und für Frauen in drei faſt gleichwichtige Unterepochen,— in die Epoche vor dem Eintritt des Ereigniſſes, in die Epoche, während welcher das Ereigniß ſelbſt ſich ab⸗ ſpielt, und in die Epoche nachher mit dem Austauſch es Erlebten, Geſehenen, Erfahrenen.— In allen N kleineren Städten iſt es z. B. eine althergebrachte heilige Sitte, daß die jungen Mädchen der einzelnen Bekanntenkreiſe am Tage nach einem Geſellſchaftsball bei einer der Genoſſinnen zum Kaffee, d. h.„zum Schwätzen,“ ſich verſammeln, um durch wechſelſeitige Mittheilungen den Genuß vom Tage vorher erſt recht bis auf die Nagelprobe auszukoſten. Je weiter ent⸗ fernt ein Mädchen davon war, die Ballkönigin geweſen zu ſein, um ſo eher iſt es bereit in dieſer Unterhal⸗ tung am Tage nach dem Balle ein Vergnügen, ebenſo groß wie der Ball ſelber, zu ſehen.— Ich bitte um Entſchuldigung, wenn ich hier nur von den Damen rede,— der Grund iſt triftig genug: die jungen Männer„ſchwätzen“ über die Ballvorgänge auch, aber nur am Ballabende ſelbſt, nach Entfernung der Damen, wenn die Cigarre glimmt, die Cravatten gelöckert, die Füße mit den beengenden Lackſtiefeln auf Stühle ge⸗ legt werden und noch ein entſprechendes Quantum möglichſt„trockenen“ Grogs zur Conſumtion gelangt. Naiven Gemüthern, denen etwa der Ausdruck„trocke⸗ ner Grog“ unverſtändlich ſein ſollte, ſei er hiermit erklärt, obwohl er eigentlich gar nicht erklärungsbedürf⸗ tig iſt. Denn was iſt trocken? Etwas was waſſer⸗ frei iſt. Was iſt Grog? Cognac mit Zucker und Waſſer. Was iſt ſonach„trockener Grog?“ Cognac mit Zucker ohne Waſſer. Nichts kann logiſcher ſein. — Alſo nur in ſolchen Momenten„ſchwätzen“ ſich die jungen Männer aus und— wohl Ihnen, meine Damen, daß Sie es nicht hören können, manche von Ihnen würde Anſtand nehmen, fernerhin eine Tochter B0 142 auf dieſe Bälle gehen zu laſſen oder ſie ſelber zu be⸗ ſuchen, wenn Sie ungeſehen hören könnten, wie im Allgemeinen von den Tänzerinnen und ihren reſpec⸗ tiven Eigenſchaften geſprochen wird. Ich hatte zwar nie Gelegenheit einer Unterredung beizuwohnen, wie ſie ein Lieferant von Novizinnen für den Harem des Groß⸗ ſultans mit dem Chef des Serails führen mag, wenn die Beiden um eine Menſchenwaare feilſchen, aber ich bin überzeugt, daß bei uns die Geſpräche der jungen Herren nach einem durchtanzten Ball mich vollkommen ſchadlos gehalten haben für dieſen Entgang an groß⸗ türkiſcher Seraildetailliſtik. War der Wochenmarkt ſo wie ſo ſchon von jeher die weibliche Börſe Lindenheims, ſo glich er heute in der frag⸗ und antwortluſtigen Stimmung ſeiner Be⸗ ſucherinnen einem Börſentage während einer großen politiſchen oder Geldkataſtrophe. Das eigentliche Ge⸗ ſchäft— hier der Einkauf der Gemüſe u. ſ. w.— ſtockte, dagegen war der Austauſch von Neuigkeiten, Combinationen und Vermuthungen ein äußerſt reger und nicht in Abrede kann geſtellt werden, daß der größte Theil hiervon ſich um den Namen der Familie Graf drehte.. Bis zum geſtrigen Abend hatten die verſchiedenen Neuigkeiten von den Ereigniſſen der vorhergegangenen Feſttage Zeit und Raum gehabt ſich hinlänglich aus⸗ zubreiten. Daß dabei des Vorfalles auf dem Turn⸗ platze in ausſchmückendſter Weiſe in allen achtbaren Frauenkreiſen Lindenheims Erwähnung geſchah, iſt natürlich. Eine große Anzahl der edlen Damen hatte 143 es mitangeſehen, wie Apollonia Graf im feſtlichen Schmucke auf den verunglückten Turner hingeſunken war und ihn mit zärtlichſter Vertraulichkeit angeru⸗ fen hatte. Freilich war mit Genauigkeit nicht mehr zu beſtimmen geweſen, was die erſchrockene Organiſten⸗ tochter eigentlich gerufen, da aber beim rechten Lichte betrachtet, eine Uebertreibung deſſen, was ſie geſpro⸗ chen, nicht mehr gut möglich war, ſo waren die Un⸗ genauigkeiten in der Wiedergabe des Wortlauts ziem⸗ lich bedeutungslos für die klar gelegte Hauptſache. Und dieſe Hauptſache war: Apollonia Graf hatte ein jetzt offenkundig gewordenes Liebesverhältniß mit dem in dem Hauſe ihrer Eltern einquartierten Turner aus der Hauptſtadt.— Mit der Weiterverbreitung dieſer Thatſache konnte man ſich aber doch nicht begnügen. Die unbedingt nothwendige Folge der gemachten Ent⸗ deckung war, daß ſich augenblicklich eine Anzahl von Lindenheimer Frauen, Jungfrauen und Töchtern mit 8 der wichtigen Frage beſchäftigten: wer iſt der Geliebte Apollonia’s? was iſt er?— Die allgemeinen An⸗ gaben, daß er Emil Mohl heiße und ein Mitglied der hauptſtädtiſchen Turnerdeputation ſei, konnten natür⸗ lich nicht hinreichen, die aufgeworfenen Fragen zu be⸗ antworten. Die anderen Turner aus der Reſidenz wurden darum ausgeholt und zur großen Befriedigung aller Mütter mit heirathsfähigen Töchtern war in Bälde herauskatechiſirt, daß Emil Mohl nichts weiter S) ſei, als ein Schreiber.— Die Befriedigung über dieſe Entdeckung war ganz natürlich, denn wäre Emil Mohl eine für eine Mutter wünſchens⸗ und begehrenswerthe ——— 144 Parthie geweſen, ſo hätte ja der ſtandesübliche mütter⸗ liche Neid, daß ein anderes Mädchen, als die eigene heirathsfähige Tochter, einen Mann gefunden, Platz greifen müſſen. Den Schreiber Mohl überließ man Fräulein Graf neidlos, ja mit einer gewiſſen Schaden⸗ freude, denn Fräulein Graf hatte jederzeit an den Tag gelegt, daß ſie ſich für etwas Beſſeres halte, wie die übrigen Lindenheimer Mädchen und jetzt— einen Schreiber. Eine ſolche Parthie getraute ſich eine Jede ſchließlich zu machen.— Allein damit war die Sache nicht abgethan. Das Gerücht, daß Aegidius Keller angekommen ſei und ebenfalls Abſichten auf die Hand Apollonia Graf's habe, Abſichten auf Hand und Amt, war ganz ge⸗ eignet, neue ungeahnte Combinationen zu veranlaſſen. — Wie das Gerücht entſtanden, unterſuchte Niemand; nachdem es vom Hutmacher Herz einigen Nachbarn „im Vertrauen“ mitgetheilt und von dieſen wieder weiter colportirt worden war, wäre es auch ganz un⸗ möglich geweſen, die Geneſis des Gerüchtes nachträg⸗ lich noch mit Sicherheit feſtzuſtellen, und nachdem es den guten Lindenheimern als eine ganz natürliche Sache erſchien, daß ſich Jemand auf die dem Aegidius angedichtete Weiſe in ein Amt hineinheirathe, ſo fand das betreffende Gerücht allgemeinen Glauben. Freilich war die Ankunft der fremden Dame, die auf der„Poſt“ wohnte, wieder ein ſchwer zu löſendes Räthſel. War dies wirklich eine Geliebte des Geigers? Dann war ſie jedenfallsaus Eiferſucht ihm nachge⸗ fahren und wollte die Verbindung zwiſchen Aegidius * ½ 4 145 1. und Apollonia, von der ſie Wind bekommen haben mochte, hintertreiben wollen. Warum aber ſollte Aegi⸗ 4 dius die Fremde, wenn ſie ſeine Geliebte war, nicht heirathen? Warum ihr, die doch offenbar in guten äußeren Verhältniſſen lebte, die leere Hand Apollonia's — leer bis auf die Anwartſchaft auf den Chorregen⸗ tenpoſten— vorziehen? Die allgemeine Anſchauung neigte ſich zu der Annahme hin, daß das Verhältniß von Aegidius zu der fremden Dame ein verbrecheri⸗ ſches ſei; die fremde Dame war höchſt wahrſcheinlich eine verheirathete Frau, die in ehebrecheriſchem Um⸗ gang mit dem Muſikanten lebte. Muſikanten, Comö⸗ dianten und Schnurranten hatten von jeher in kleinen Städten kein gutes Renommée. 1 Der den Beobachtern bekannt gewordene Umſtand, daß Aegidius bis jetzt noch keinen Beſuch in der Fa⸗ milie Graf gemacht, wurde ſehr ſchlau als ein Be⸗ weis für die Richtigkeit der aufgeſtellten Vermuthungen aaufgefaßt. Durch dieſes Fernhalten von der Familie Graf wollte Aegidius ſicher den Argwohn ſeiner Ge⸗ liebten auf der„Poſt“ einſchläfern. Wie aber, als wenn es noch nicht genug an den Confuſionen wäre, die bereits exiſtirten, kam noch eine neue hinzu, ſeit Herr Wacker Mittheilung von dem machte, was ihm Herr Hohl über ſein Zuſammen⸗ treffen mit Aegidius auf dem Feſtplatze erzählt hatte. Herr Hohl hatte mit aller Beſtimmtheit behauptet, zu wiſſen, daß Aegidius mit einer Geliebten auf dem Turnplatze geweſen wäre. 8* zu der Zeit, als das Fahnenfeſt ſtattfand, die Dame auf der„Poſt“ noch — Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 10 — 146 nicht angekommen geweſen war, Fräulein Apollonia aber mit Aegidius auf dem Feſtplatze nicht geſprochen hatte—(Herr Hohl kannte ja überdem Fräulein Graf ganz genau)— ſo mußte noch eine dritte weib⸗ liche Figur mit Aegidius in Beziehung gebracht werden. Theils die genaue Beſchreibung Hohl'’s von der äuße⸗ ren Erſcheinung der angeblichen Geliebten Aegidius“ theils die angeſtellten Recherchen darüber, mit wem Aegidius auf dem Feſtplatz geſprochen, ergaben das überraſchende Reſultat, daß dieſes geſuchte Mädchen die Nichte Kölblich's geweſen ſein müſſe. Und das war ja auch ſo naheliegend bei dem Verhältniß, in dem Aegidius zu Kölblich geweſen. Daß man daran nicht gleich gedacht?! So viel ſtand feſt, dieſer Aegidius mußte ein ver⸗ abſcheuungswürdiger Ausbund von Mädchenjäger ge⸗ worden ſein und es fehlte nicht an Stimmen, die da behaupteten, daß er ſchon als Knabe Merkmale dieſer ſeiner jetzigen Verdorbenheit verrathen habe.— Zwei Tage erſt anweſend und ſchon drei deklarirte„Ver⸗ hältniſſe,“ ſo etwas war bis jetzt in Lindenheim noch nicht vorgekommen!— 3 Auch die Frau Regentin Graf ging heute höchſt⸗ ſelbſt auf den Markt. Sie war dabei ganz Würde, den Mund kniff ſie zuſammen, daß er mit einem Sil⸗ bergroſchen zu bedecken geweſen wäre und die zum Einkauf aufmunternden ruf der Bauernweiber auf dem Markte beantwortets ſie nur mit einem würde⸗ vollen herablaſſenden Neigen ihres Hauptes. Sie wußte, daß ſie heute von den Lindenheimer Hausfrauen ſorgfe fältiger wie je beobachtet werden würde. Da durfte ſie ſich doch nichts an ihrer Würde ver⸗ geben. „Schönſten Morgen,“ wurde ſie da plötzlich von einer dürren grobknochigen Frau mit ecatzenartiger Freundlichkeit angerufen,„wünſche wohl geruht zu haben, Frau Chorregent.“ „Danke, gleichfalls, Frau Gerichtsſchreiber,“ ant⸗ wortete Frau Graf und wollte weitergehen. Das war aber gar nicht nach der Abſicht der Frau Gerichtsſchreiber Haslinger. „Nun, wie ſind Ihnen die Feſttage bekommen, meine liebe Frau Chorregent?“ begann die Frau Ge⸗ richtsſchreiber ihren Discurs. „Mein Gott, ich habe ja nüchts d davon geſehen, Frau Gerichtsſchreiber,“antwortete Frau Graf. „Ja, ja, ich kann's mir denken,“ nickte die Andere. „Eine Mutter opfert ſich ja gerne für ihr Kind auf und ſo ließ ich alle Laſt des Hausweſens auf mir allein ruhen, um meiner Tochter die Mitwirkung beim Feſte zu ermöglichen. Die Turner hatten ſie ja ſo ſehr darum gebeten.“ Für Solche, die das noch nicht wiſſen ſollten, ſei hier nebenbei bemerkt, daß die vergnügungsſüchtigſte Mutter nur„um der Tochter willen“ auf allen Ver⸗ gnügungsplätzen anzutreffen iſt, ſie— die vortreff⸗ lichſte aller Mütter— iſt, wenn man ſie hört, am Liebſten zu Hauſe und mach an das Leben gar keine Anſprüche mehr. 10. 148 „Und Sie hatten's gewiß recht ſchlimm, Frau Chorregent,“ ſprach theilnehmend die Frau Gerichts⸗ 7 44 hreiber,„ſo ein Unglück im eigenen Hauſe— Bei dieſen Worten war die Frau Regiſtrator Kunkel herzugekommen und ohne ſich lange mit einem Gruße aufzuhalten, fuhr ſie heftig dazwiſchen: „Ein Unglück? bei Ihnen, Frau Chorregent? In Ihrem Hauſe? Ach, es wird doch nicht ſein.“ „Nun, Sie haben doch von dem doppelten Bein⸗ bruch gehört, den der Herr Mohl erlitten hat?“ machte die Frau Gerichtsſchreiber Haslinger. „Ach ja wohl,“ verſicherte die Regiſtratorin,„ich war eben ſo erſchrocken, weil ich meinte, Sie ſprächen von einem neuen Unglück. Sie ſprachen ja wie von einem Unglück in der Familie unſerer vortrefflichen Freundin.“ „O nicht gerade das,“ belehrte die Frau Gerichts⸗ ſchreiber mit pfiffigem Lächeln,„ich meinte vorderhand nur im Hauſe, nicht in der Familie. Aber— man kann ja nicht wiſſen, was kommt, nicht wahr, Frau Chorregent?“ Und die würdige Dame gab der Frau Graf einen gelinden vertraulichen Rippenſtoß, dem die Frau Chor⸗ regentin mit würdiger Indignation auswich. Sie ſelbſt war übrigens für ihre Perſon doch zu ſehr Linden⸗ heimerin, um nicht zu wiſſen, daß hinter dieſen An⸗ ſpielungen der Frau Gerichtsſchreiber noch mehr ſtecke, weshalb ſie mit Gemeſſenheit erwiderte: „Nun, meine Damen, ich bin überzeugt, daß wenn bei Ihnen ein Turner einquartiert geweſen wäre, der 149 ein ſolches Unglück gehabt hätte, wie unſer Gaſt, ſo würden Sie ihn auch verpflegen.“ „Gewiß, gewiß“ und „Natürlich, ganz natürlich,“ verſicherten die beiden Weiber. „Nun alſo!“ ſprach Frau Graf und wollte ſich entfernen. Aber Frau Haslinger hielt ſie davon ab. „Wie erträgt denn aber die liebe Apollonia das Unglück des— Gaſtes? Ich war ziemlich in der Nähe, als der Unfall paſſirte und war Zeuge ihres Schmerzausbruches; ich verſichere Sie, Frau Regent, es war herzzerreißend.“ „Meine Tochter iſt eben ſehr nervös,“ verſicherte nobel Frau Graf. „uUnd Zeuge eines ſo ſchrecklichen Sturzes eines Geliebten zu ſein,“ fuhr Frau Haslinger unbarmherzig fort,„mußte ein ſo zartfühlendes Weſen wie Ihre Apollonia natürlich in die größte Aufregung verſetzen.“ „Freilich, freilich,“ beſtätigte Frau Kunkel als Echo. „Was ſprechen Sie da, meine Damen?“ fuhr Frau Graf auf,„Geliebter? Wie kommen Sie auf eine ſolche Idee?“ „Nun, nun Sie Geheimnißvolle,“ ſchäkerte die Gerichtsſchreiberin,„ohne dieſes Unglück hätten wir wohl noch lange warten dürfen, ehe wir von Ihnen Mittheilung über das bevorſtehende freudige Ereigniß in Ihrer werthen Familie erhalten hätten. Wir ſoll⸗ ten eigentlich böſe auf Sie ſein; wer wird gar ſo ge⸗ heimnißvoll gegen ſeine Freundinnen thun?“ „Ja, was meinen Sie denn?“ „Nun, was ſollten wir denn meinen—?“ machte mit freundſchaftlichem Vorwurf Frau Haslinger. „Was denn ſonſt, als die Verlobung Apollonia's,“ ſetzte, um auch etwas zu ſagen, Frau Kuntel bei. „O, ſo weit ſind wir noch nicht,“ wehrte Frau Graf ab, welche jetzt glaubte, daß auf die Verbindung mit Aegidius angeſpielt werden wolle. „Das iſt doch recht ſchnell gegangen,“ machte die Gerichtsſchreiberin. „Ja wohl ſchnell,“ echote Frau Kuntel,„wer hätte das gedacht.“ „Sie kennen den jungen Mann wohl ſchon länger?“ forſchte boshaft Frau Haslinger. „Nun natürlich,“ antwortete die Regentin,„von Kindesbeinen an, er iſt ja hier aufgewachſen.“ „Nicht möglich.. „Davon habe ich nichts gehört,“ ſchallte es wie aus einem Munde von den zwei Weibern. Die Frau Gerichtsſchreiber betrachtete ſich eigent⸗ lich als zur Juſtiz gehörig.„Wir von der Juſtiz“ war ein ihr nicht ganz ungewohnter Ausdruck. In Folge deſſen hatte ſie ſich von jeher ein Bischen auf's Inquiriren gelegt und auch in dieſem heutigen Falle kam ſie gleich dahinter, daß es ſich hier um eine Per⸗ ſonenverwechslung handeln müſſe. Sie fragte darum: „Aber, meine verehrte Frau Chorregent, von wem ſprechen Sie denn?“ r — 151 „Nun, von wem könnte ich denn ſprechen als von dem jungen Keller, der wieder heimgekommen iſt?“ „Ah ſo,“ machte gedehnt die Gerichtsſchreiberin. „Von dem?“ wiederholte die Regiſtratorin. „Ja, ja,“ ſagte bedächtig Frau Haslinger,„ich habe allerdings von dieſem Gerüchte ebenfalls vernom⸗ men, aber es nicht geglaubt, namentlich nicht nach dem Vorfalle auf dem Turnplatz.“ „Ich bitte Sie, meine Damen,“ ſprach Frau Graf, die, je mehr ſich das Geſpräch verwickelte, um ſo mehr von ihrer Würde verlor,„was wollen Sie denn immer mit Ihren Anſpielungen auf den Turnplatz? Meine Tochter iſt doch nicht ſchuld, wenn Herr Mohl ſich am Beine beſchädigt hat und jedenfalls hat dieſes Malheur eines Turners nichts zu ſchaffen mit einer Werbung des Herrn Keller.“ Das Eis für Auseinanderſetzungen und wechſel⸗ ſeitige Erklärungen war jetzt gebrochen und nach vielen Zwiſchenbetheuerungen und Verſicherungen des Ab⸗ ſcheus gegen Hin⸗ und Herträgereien war endlich Frau Graf von Allem unterrichtet worden, was ſie und ihre Familie betraf und den Gegenſtand der Unter⸗ haltung aller Hausfrauen auf dem heutigen Wochen⸗ markt bildete. Die würdige Frau Chorregent verabſchiedete ſich kurz von den gleich würdigen Damen Haslinger und Kunkel; ſie war bis in's Innerſte ihres mutterſtolzen Herzens verwundet.— Ihre Tochter Apollonia, der Stern des Hauſes, der Stolz der Familie, ſollte ſich in ein Verhältniß mit einem gewöhnlichen Tagſchreiber ——— eingelaſſen haben? Die Erzählung von dem Tableau auf dem Turnplatz war für Frau Graf allerdings neu geweſen, denn Apollonia hatte ihre töchterliche Auf⸗ richtigkeit nicht ſo weit erſtreckt, um der Mutter ein⸗ gehende Mittheilung der Vorgänge draußen beim Un⸗ fall zu machen, aber— konnte ſie, Frau Graf, an⸗ nehmen, daß die klatſchſüchtigen Frauen die Unwahr⸗ heit berichten, nachdem ſie ſelbſt, Frau Graf, am Abend vor dem Unfall mit Wohlgefallen die ſchnell zu⸗ nehmende Vertraulichkeit zwiſchen Emil Mohl und Apollonia beobachtet hatte? Freilich hätte Frau Graf jedem Menſchen unfehl⸗ bar die Augen ausgekratzt, der es gewagt hätte, nur in leiſer Andeutung etwas Aehnliches von ihrer Apol⸗ lonia zu behaupten; ganz im Geheimen mußte ſie ſich aber doch geſtehen, daß ohne das D Dazwiſchentreten des Gerüchtes über die Abſichten von Aegidius„ein ſolides Verhältniß“ zwiſchen Emil Mohl und Apollonia nicht nur ganz nach ihren Wünſchen, ſondern auch in Ge⸗ mäßheit der vorbereitenden Handlungen geweſen war. Auch jetzt noch würde die Mutter Graf die Scene auf dem Turnplatz als etwas Programmgemäßes aufgefaßt haben, wenn ſie nicht gleichzeitig die entſetzliche Mit⸗ theilung bekommen hätte, daß der Beglückte nur ein Schreiber, alſo für eine„Verſorgung“ ihrer Apollonia gar nicht in Betracht kommend, ſei. Nach der prak⸗ tiſchen Auffaſſung der wackeren Mutter war durch die Scene auf dem Turnplatz die Tochter erſt in dem Moment compromittirt, wo ſich herausſtellte, daß der junge Mann eine Stellung, die ihm zu heirathen ge⸗ 153 ſtatte, nicht einnehme. Ganz natürlich kehrte ſich der ganze Zorn der braven Mutter nicht gegen Apollonia, ſondern gegen den„Schwindler“ Emil Mohl, der ſich nach der jetzigen Meinung der Frau Graf in ihre honnette Famikie hineinzuſchwindeln gewollt hatte. Im erſten Augenblick gedachte darum Frau Gra auch nach Hauſe zu gehen und dort anzuordnen, daß Emil Mohl nach dem Krankenhauſe überführt würde. Sie hätte dieſes Vorgehen dann dadurch begründet, daß ſie geſagt hätte, die Anweſenheit des jungen Mannes verurſache compromittirende Gerüchte über ihre un⸗ ſchuldige jungfräuliche Tochter Apollonia. Was aber würde Apollonia dazu ſagen? Frau Graf hatte näm⸗ lich Angſt jetzt der Tochter gegenüber zu treten.— f Apollonia Graf hatte es verſtanden, ſich im elterlichen Hauſe eine ſolche alleinherrſchende Stellung zu machen, daß weder Vater noch Mutter den Muth beſaßen, der Tochter irgendwie entgegen zu treten. Statt alſo die Tochter wegen des verheimlichten Vorfalls auf dem Turn⸗ platz zur Rede zu ſtellen, empfand Mutter Graf die Nothwendigkeit, eine Entſchuldigung zu erſinnen, daß ſie es wage, in der Tochter eigene Angelegenheiten ſich einmiſchen zu wollen. Dieſe Erkenntniß einerſeits, ſowie anderſeits die Erwägung, daß ſchnell etwas geſchehen müſſe, um den Mohl'ſchen Zwiſchenfall nicht ſtörend in das Aegidius Keller'ſche Project einwirken zu laſſen, veranlaßte aber die würdige Frau Chorregent, ihren erſten Entſchluß, ſofort nach Hauſe zu gehen, nicht zur Ausführung zu bringen. 154 Frau Chorregent Graf ging die Hauptſtraße der Stadt hinab, zum Thore hinaus, legte dann auf der Promenade um die Stadt den vierten Theil des Kreiſes, den dieſe beſchrieb, zurück und kam ſo zu einem anderen Thore herein, wodurch ſie ungeſehen von den Beſuche⸗ rinnen des Marktplatzes von rückwärts in den Gaſt⸗ hof zur„Poſt“ gelangen konnte. Hier frug ſie im erſten Stockwerke eine ihr perſön⸗ lich nicht bekannte Frau— es war Karoline— nach dem Zimmer des Herrn Aegidius Keller, wurde nach dem zweiten Stockwerk gewieſen und klopfte an die ihr bezeichnete Zimmerthüre. Aegidius dachte, es werde die Kellnerin ſein, die das zum Frühſtück gebrauchte Kaffeezeug abzuholen komme und drehte ſich, nachdem er„herein“ gerufen hatte und ein weiblicher Schritt in’s Zimmer getreten war, gar nicht nach dem Ankömmling um, ſondern fuhr ruhig in ſeiner bisherigen Beſchäftigung fort, die darin beſtand, etwas Ordnung in ſeine Briefmappe zu bringen. Die Eingetretene blieb aber an der Thüre ſtehen, ſo daß Aegidius ſich zuletzt doch veranlaßt fand, ſich umzudrehen und zu ſeiner Verwunderung ein fremdes Geſicht vor ſich ſah. Da die Eingetretene einen Hut auf dem Kopfe trug, ſo erkannte Aegidius, daß ſie nicht aus dem Gaſthofe ſei und nicht in denſelben gehöre. „Entſchuldigen Sie,“ näherte er ſich der Beſucherin, „ich glaubte, es ſei Jemand aus dem Gaſthofe und habe darum verſäumt, Sie zu begrüßen.“ —— 13 „Bitte, bitte,“ erhielt er zur Antwort. „Haben Sie die Güte näher zu treten und mir zu ſagen, was Sie von mir wünſchen,“ ſprach er höf⸗ lich und rückte den Tiſch vom Sopha weg, damit ge⸗ wiſſermaßen zum Niederſitzen einladend. „Bitte, bitte,“ war wiederum die Antwort, die er erhielt. „Wollen Sie mir vielleicht ſagen, womit ich Ihnen dienen kann,“ begann Aegidius auf's Neue. Die Beſucherin hatte ihn fortwährend angeblickt, jetzt ſprach ſie mit einem gewiſſen Pathos: „Ja, Sie ſind's!“ 1 „Wenn Sie damit ſagen wollen, daß Sie in mir den Aegidius Keller aus Lindenzell erkennen,“ ſagte er nüchtern,„ſo haben Sie ganz Recht.“ „Ja,— ich habe Sie wieder erkannt.“ „Sehr ſchmeichelhaft, verehrte Frau, doch möchte ich mir die Gegenfrage erlauben: mit wem habe ich das Vergnügen zu ſprechen?““ „Wie, Sie kennen mich nicht?“ „Ich bedaure in der That, mich im Augenblicke nicht entſinnen zu können,“ verſicherte Aegidius ruhig. „Ich bin—— Apollonia's Mutter.“ Wenn ſich die würdige Mutter von dieſer Ent⸗ hüllung einen großen Effect verſprochen hatte, ſo ſah ſie ſich gründlich getäuſcht. Aegidius ſchaute d'rein, wie wenn jetzt erſt die eigentliche Mittheilung nach⸗ folgen ſollte. Als er ſah, daß die Frau aber keine Miene machte, ihm und ſeinen Erinnerungen weiter zu Binſ zu kommen, war er artig genug, ſich mit ruchſtückweiſen Vorſtellung zu begnügen. „Sehr angenehm,“ ſprach er,„und was iſt die Ur⸗ ſache, die mir die Ehre Ihres Beſuches verſchafft?“ „Herr Keller,“ ſagte da die wackere Mutter mit dem ganzen Aufgebot ihrer Würde,„ich denke, es iſt Ihnen das klar genug, nachdem ich Ihnen geſagtt: ich bin Apollonia's Mutter.“ Am liebſten hätte Aegidius ihr geantwortet, es mögen ihn alle Apollonien der Welt ſammt allen ihren Müttern ungeſchoren laſſen, aber in Lindenheim und gegen eine Lindenheimerin, was die Frau offenbar war, mußte er ja doch eine Ausnahme machen. „Apollonia? Apollonia?“ ſprach er vor ſich hin, indem er ſich beſann, wer denn wohl ſo heiße. Es dämmerte in ihm auf: „Ach vermuthlich Frau Chorregent Graf?“ ſprach er mit unverkennbarer Freude, die dem glücklichen Um⸗ ſtande galt, das Räthſel errathen zu haben, das die Frau mit Nennung ihres Namens geſpielt. Frau Regent Graf aber faßte dieſes freudige Ge⸗ ſicht in einem anderen Sinn auf, ihr mütterliches Herz ſchmolz ſofort in Güte und Rührung, denn ſie glaubte mit Sicherheit, daß des jungen Mannes Augen nur in Folge ſeiner Neigung zu ihrer Tochter ſo freudig gezwinkert hätten. Deshalb ſprach ſie auch gleich ganz vertraulich⸗gemüthlich: „Nun freilich,— wer ſonſt ſollte es denn ſein, die den kleinen Schelm, den loſen Aegidius, in aller Frühe beſucht, als die alte Mutter Graf?“ e, ſa „Sie ſind wirklich zu freundlich,“ preßte Aegidius heraus. „Ach was, nur keine Umſtände, lieber Aegidius; ich bin eine ſchlichte einfache Frau und habe mich nie mit Winkelzügen abgegeben. Wäre ich ſonſt zuerſt Ihnen gekommen, anſtatt abzuwarten, bis Sie den Weg zu uns hinüber gefunden?“ „Ich habe bis jetzt allerdings unterlaſſen—“ be⸗ gann Aegidius, aber die Frau Regent unterbrach ihn: „Schon gut, ſchon gut lieber Sohn; nur kei 8 7 3₰ 1 7 u eine Umſtände. Sie haben geglaubt, daß es ſtören könnte zu uns zu kommen, weil wir den armen kranken Men⸗ ſchen im Quartier haben.“ „In der That, Sie haben den verunglückten Tur⸗ ner bei ſich aufgenommen,“ ſprach Aegidius, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben,„wie befindet er ſich denn heute?“ „Ach, gut,“ ſagte Frau Graf obenhin,„wir konn⸗ ten nicht wohl anders, aus Menſchen⸗ und Chriſten⸗ pflicht, obwohl wir's ungern genug thaten, namentlich Apollonia war ſehr dagegen.“ „Wirklich?“ „Ja, ganz beſonders. Nun, was wahr iſt muß wahr bleiben. Das Kind hat den Verſtand von zehn Alten, es iſt merkwürdig. Gleich hat ſie geſagt: Mutter— hat ſie geſagt— das thut nicht gut, hat ſie geſagt. Warum nicht, mein Püppchen? frage ich ſie und da ſagt ſie: Mutter, Du weißt, wie böſ' die Leute hier ſind, die glauben nicht daran, daß man an einem armen unglücklichen jungen Mann ein Liebes⸗ — 158 werk thun könne, ſondern werden gleich etwas Schlim⸗ mes dahinter wittern und mir am Ende Uebles nach⸗ ſagen,— hat ſie geſagt, die Apollonia, und ſchon bei dem bloßen Gedanken, daß Jemand ihren makel⸗ loſen jungfräulichen Ruf antaſten könnte, hat das arme Kind bitterlich geweint. Nun, was ſagen Sie dazu?“ „Es iſt erſtaunlich,“ ſagte Aegidius, um etwas zu ſagen. „Ja und ſo iſt ſie in Allem, in gar Allem. Nun, Sie werden ja ſehen und beobachten. Mit meiner Apollonia iſt kein Mann angeführt, das ſieht Jeder gleich im erſten Moment und hat's in wenigen Tagen weg. Es iſt mir das auch lieber, ich kann die langen Brautſchaften nicht leiden, es kommt nichts Vernünf⸗ tiges dabei heraus. Finden Sie nicht auch?“ „Ich habe hierüber noch nicht nachgedacht,“ wich Aegidius aus. „Sagen Sie'mal, lieber Aegidius,“ fragte Frau Graf und legte vertraulich ihre Hand um ſeinen Arm, „wie iſt es denn mit Ihrem Vermögen? verwaltet es noch immer der Herr Beneſiziat Kölblich?“ „Allerdings,“ antwortete Aegidius und etwas recht Kluges zu machen, wenn er beiſetzt 14 glaubte „„Herr e Kölblich iſt ſo ſehr Alleinvertrauter, daß ich ſeit meiner Entweichung mich gar nicht um meine Angelegenheiten gekümmert habe.“ Aegidius hoffte damit allen weiteren Fragen vor⸗ gebeugt zu haben; das hatte er nun wohl, denn Frau Graf wußte durch dieſe Antwort ja ſchon Alles, was ſie zu wiſſen verlangte, nämlich daß Aegidius ſein Vermögen nicht ausbezahlt erhalten, ſondern daß er ſogar nicht einmal die Zinſen bezogen hatte, ſo daß er alſo erſt recht ein begehrenswerther Schwiegerſohn für Frau Graf wurde. „Ei, ei,“ machte gutmüthig die Frau Regent,„ſo ſparſam waren Sie während all der Jahre, daß Sie nicht einmal Ihre Zinſen gebrauchten? Das iſt eine ſeltene Tugend bei einem ſo jungen hübſchen Manne.“ Aegidius machte eine abwehrende Bewegung. „Warum ſoll ich das nicht ſagen?“ fuhr aber Frau Graf fort,„iſt es etwa nicht wahr? Muß erſt die alte Mutter Graf kommen, um Ihnen das zu ſagen? Kleiner Schelm, das haben Ihnen ſchon ganz andere Frauen geſagt: junge, hübſche, vornehme Frauen,— was? Und Frau Graf zwinkerte mit den Augen gegen das erſte Stockwerk des Gaſthofes. . Es widerſtrebte Aegidius die ohnedem nutzloſe Arbeit, einen Irrthum berichtigen zu wollen, von dem ſich die Leute ja doch nicht zurückbringen laſſen mochten. „Laſſen wir das doch,“ ſprach er darum kurz. „Ja wohl,“ ſagte gutmüthig die Frau,„laſſen wir das. Wer wird ſo engherzig ſein und der Jugend verwehren wollen, ein wenig auszutoben? Die's ledig ein Bischen toll getrieben haben, werden die beſten Ehemänner. Bei den Mädchen iſt's freilich etwas Anderes, da darf man nichts durch die Finger ſehen, ſo habe ich's immer gehalten und meine Apollonia iſt aus der Hand des Schöpfers nicht reiner hervor⸗ A gegangen, als ſie bei ihrer Verheirathung das elter⸗ liche Haus verläßt.“ „Ich gratulire Ihnen zu einer ſolchen Tochter,“ ſprach Aegidius gelangweilt. „Danke; ich geb's Ihnen zurück: ich gratulire Ihnen zu einer ſolchen Braut.“ „Wenn ich erſt einmal eine haben werde,“ erklärte Aegidius,„noch bin ich aber nicht verlobt.“ „Kleiner Schäker, das kommt ja nur auf Sie an,“ drohte die Frau. „Nicht ſo ganz; ich habe mich überhaupt mit ſolchen Gedanken bis jetzt noch nicht befaßt.“ „Da haben Sie auch ſehr klug daran gethan, lieber Aegidius, Alles zu ſeiner Zeit und am rechten Ort. Wofür hat man denn Vertrauensperſonen, auf deren Antheilnahme man ſich verlaſſen kann,— nicht wahr?“ „Sie haben ganz Recht,“ verſicherte Aegidius, welcher noch immer hoffte, daß er dieſes fürchterliche Weib durch Nachgiebigkeit am eheſten loswerde. Frau Graf's Geſicht ſtrahlte immer freudiger; ſo widerſtandslos in alle ihre Wünſche ſich fügend, hatte ſie ſich den jungen Mann in der That nicht vorgeſtellt. „Aber einmal muß denn doch ein Anfang gemacht werden,“ begann ſie wieder. Aegidius kam auf die Idee, ſeinen paſſiven Wider⸗ ſtand in fernerem Schweigen auszudrücken. „Und nachdem Sie mir nun doch ſchon die Ange⸗ legenheit übertragen, ſo meine ich, daß um alles Ge⸗ rede der Leute zu vermeiden, die ja immer Gefallen daran finden, Zwietracht zu ſäen, wir gar keine Zeit 161 mehr verlieren. Ich dächte, Sie kämen heute nach Tiſch zu einem gemüthlichen Täßchen Kaffee zu uns, ſprächen ſich da mit Apollonia aus und wir könnten dann gleich alle ferneren Abmachungen treffen.“ Aegidius brach ſein Stillſchweigen noch immer nicht. Frau Graf wußte ſich daſſelbe nicht anders als mit demſelben Grunde zu erklären, den ſie ſchon als die Urſache des bisherigen Nichtbeſuches von Aegidius her⸗ ausgeklügelt. „Haben Sie nur ja keine Befürchtungen, lieber Aegidius,“ ſprach ſie in beruhigendem Tone,„daß der fremde kranke Turner Sie und uns irgendwie ſtöre. Ja, wenn Ihnen ſeine fernere Anweſenheit in unſerem Hauſe vielleicht unangenehm ſein ſollte, ſo ſagen Sie es friſch heraus und er ſoll heute noch nach dem Krankenhauſe transportirt werden.“ Dieſe einem unſchuldigen Kranken drohende Bar⸗ barei ließ Aegidius ſein Vorhaben unverbrüchlichen Stillſchweigens brechen. „Verehrte Frau Graf,“ ſprach er,„ich wüßte in der That nicht, was mich der kranke junge Mann in Ihrem Hauſe angeht und wie ich überhaupt dazu käme, über Dinge, die Sie allein kümmern, mir ein Urtheil zu erlauben. Jedenfalls könnte ein einfacher Höflich⸗ keitsbeſuch, den ich Ihnen abſtatten würde, es nicht rechtfertigen, die nothwendige Pflege eines Kranken zu ſtören.“ „Nun, wenn Sie nichts dagegen haben, wenn er bleibt, iſt's mir auch recht; ja es iſt mir noch lieber, Reichner, Stürme im Waſſerglas. II. 11 denn ich ſehe daraus, daß Sie auf müſſige Klatſche⸗ reien nichts geben.“ Da Aegidius wieder nichts erwiderte, fühlte ſich Mutter Graf zu einer weiteren Erläuterung gedrängt. „Denn ich kann Ihnen nicht verhehlen,“ ſagte ſie, „daß die Böswilligkeit der Lindenheimer ſich bereits in hämiſchen Bemerkungen über die Beziehungen des 4 4 kranken Turners zu Apollonia ergangen hat. „Sollten Sie etwa glauben, daß das von mir aus⸗ geht?“ fragte Aegidius, dem plötzlich der Gedanke kam, die Frau Regent ſei vielleicht erſchienen, um ihn wegen dieſes von ihr angedeuteten Gerüchtes zur Rede zu ſtellen. „Gott bewahre,“ rief Frau Graf mit Entſchieden⸗ heit.„Sie werden doch nicht Ihre eigene Braut in der Leute Mund bringen.“ Jetzt war die Reihe aufzufahren an Aegidius. „Meine Braut?“ ſchrie er, faſt entſetzt. „Nun faſt ſo viel als Braut,“ entſchied Frau Graf, „denn daß Ihnen Apollonia's Hand nicht verweigert: werden ſoll, können Sie doch aus meinem Beſuche bei Ihnen deutlich entnehmen.“ Es litt Aegidius nicht mehr auf ſeinem Stuhlg⸗ Er ſprang in die Höhe und rannte durch's Zim „Alſo darum ſind Sie gekommen?“ rief er.⸗ „Wozu denn ſonſt?“ erwiderte erſtaunt Fraͤu Graf, „was haben Sie denn nur auf einmal?“ „Was ich habe?“ ſprach der junge Mann erregt, 1 1 „der Kopf brummt mir von all' dem heilloſen Wirr⸗ warr, der d'rin tobt—“ 163 Frau Graf wollte ihn beruhigend unterbrechen, Aegidius litt es aber nicht. „Jetzt laſſen Sie mich gefälligſt ſprechen,“ ſagte er mit Beſtimmtheit.„Sie ſind zu mir gekommen, weil Sie glaubten, daß ich Abſichten auf die Hand Ihrer Fräulein Tochter habe?“ „Nun ja doch, welches umſtändliche Fragen!“ „Ich denke ja aber gar nicht d'ran,“ verſicherte Aegidins. „Was?“ ſchrie die entſetzte Mutter. „Ich kenne ja Ihre Fräulein Tochter gar nicht.“ „Sie haben als Kind ſie ja ſchon gekannt,“ ant⸗ wortete Frau Graf. „Als Schuljunge werde ich doch nicht an's Hei⸗ rathen zdaht haben?“ „Warum nicht? Man hat Beiſpiele— „Ich bin kein ſolches Beiſpiel. Uebrigens erinnere ich mich ganz genau, daß ich ſelbſt als Schuljunge mit Ihrer Tochter ſo viel wie nie geſprochen habe, jedenfalls nichts von Liebe und Ehe, das war ſchon deshalb ganz unmöglich, weil ich, ehe ich von hier entwich, ein Junge, Fräulein Apollonia aber ſchon ſehr ein Fräulein war, das ſich damals mit einem ſo grünen Jungen gar nicht abgegeben hätte.“ „Sie werden unartig,“ enude. Mutter Graf auf. „Ich ſage nur die Wahrheit;— ich kann mir doch nicht eine Braut amdrängen laſſen„die ich nicht kenne, von der ich kaum weiß, daß ſie auf der Welt iſt und die ſich jedenfalls eher zu meiner älteren Schweſter, wie zu meiner Frau eignet.“ 44 11*. 164 „Wie? Sie wagen es, ſich zu gut zu halten für meine Apollonia, Sie— Sie—;“ in dieſem Augen⸗ blicke fiel der Frau Regentin ein, daß ſie das Spiel noch nicht verloren geben dürfe, deshalb drängte ſie die dem jungen Manne zugedachten Ehrentitel noch einmal zurück. „Laſſen Sie mich doch mit allen Urtheilen über Ihre von mir aus engelgleiche Tochter in Ruhe,“ rief Aegidius ärgerlich,„ich will ja an ihren unübertreff⸗ lichen Tugenden nicht zweifeln, nur verlangen Sie nicht, daß ich ſie heirathen ſolle.“ „O, Sie Wüſtling, pfui,“ brach jetzt Frau Graf indignirt aus,„ſo ſchamlos ſind Sie ſchon geworden, daß Sie es wagen, einer Mutter ſo ſchimpfliche An⸗ träge für die eigene Tochter zu machen?“ „Ich mache Ihnen gar keine Anträge,“ ſchrie Aegidius dazwiſchen. „So? Was denn? Alles, nur nicht heirathen— ſagen Sie. Man kennt ſchon die jungen Herren, da wird Alles hoch und heilig verſprochen und zuge— ſchworen und wenn dann ſo ein verrathenes und be⸗ thörtes Mädchenherz darauf dringt, daß ſeine Ehre hergeſtellt werde, ſo ſagen dieſe läſterlichen Verführer Alles, nur nicht heirathen.“ „Ich ſage gar nichts, als: ich will Ruhe haben.“ „Das hätten Sie früher ſagen und thun ſollen, nicht erſt jetzt, wo Sie mein armes Kind, dem Sie das unſchuldige Herz brechen wollen, in der Stadt Mund gebracht haben.“ „Ich?“ N — — 165 „Ja Sie! Sie ſind hier angekommen, Sie wollten ſich bei uns in Familie und Amt einſchmuggeln und nun Sie mein armes Kind compromittirt haben, wollen Sie ſich zurückziehen; aber Sie haben Ihre ſchlechte Rechnung ohne mich gemacht, ohne eine beleidigte Mutter, die den Ruf ihrer Tochter ſchützt und die Untreue rächt;— ich— ich halte Sie feſt, Sie kom⸗ men mir nicht mehr aus.“ Wie Frau Graf ſo daſtand, hochaufgerichtet, mit geröthetem Antlitz und kampfbereiter Geberde, hatte es allerdings den Anſchein, als ob ſie Recht behalten würde. Zudem laſtete es ſchwer auf Aegidius, daß er ſich den Vorwurf machen mußte, zu den nach Angabe der Frau Graf im Städtchen courſirenden Gerüchten durch die Art ſeiner Unterhaltung mit dem Hutmacher Herz in Wahrheit etwas beigetragen zu haben. Dieſe Erkenntniß ſpiegelte ſich wohl auch ein wenig in ſeinen Zügen wieder, die von Frau Graf ſorgfältig beobachtet wurden und die dieſe Veränderung mit großem Wohlgefallen bemerkte, denn ſie verſtärkte ihre Sieges⸗ hoffnungen. Schnell zog ſie gelindere Saiten auf. „Iſt's recht, daß wir, die wir uns bald ſo nah ſtehen werden, uns ſtreiten?“ ſagte ſie mit Bonhommie, „ich bin das Aeltere von uns Beiden, mir ziemt es ruhiger und verſöhnlicher zu ſein, wie der raſchen Jugend. Wir wollen die letzten Worte vergeſſen, lieber Aegidius, hier iſt meine Hand.“ 166 Und ſie reichte ihm ihre Rechte mit dem geflickten braunen Glacéhandſchuh hin. Aber Aegidius ſchlug nicht ein: „Wertheſte Frau Graf,“ ſprach er ruhig,„Sie ſind das Opfer eines bedauerlichen Irrthums. Es lag nie in meiner Abſicht, Ihre Fräulein Tochter um ihre Hand zu bitten, denn es lag nie in meiner Abſicht, mich hier in Lindenheim um ein Amt zu bewerben.“ „Apollonia folgt dem Manne ihres Herzens getreu den Worten der heiligen Schrift,“ ſprach Mutter Graf mit Pathos. „Ich bin deſſen vollkommen ſicher,“ erwiderte Aegi⸗ dius,„aber bei alledem iſt es mir unmöglich, die Ehre zu haben, Ihr Schwiegerſohn zu werden.“ Aegidius hatte ſich einen andern Vertheidigungs⸗ plan erſonnen. „Unmöglich? Warum unmöglich, wenn ich fragen darf?“ ſagte ſpitz Frau Graf,„und ich darf fragen, ich habe ein Recht dazu.“ „Nun, wenn Sie den Grund durchaus wiſſen wollen, ſo ſollen Sie ihn erfahren—“ „Nur heraus damit.“ „Weil ich— bereits eine Frau habe.“ Frau Graf ſchwankte einen Augenblick, ob ſie ſich thätlich an dem jungen Blaubart vergreifen oder ob ſie in Ohnmacht ſinken ſolle. Aber weder das Eine, noch das Andere ſchien ihr zweckentſprechend. Jetzt zeigte ſich die Frau Regent auf der Höhe ihrer Aufgabe als Mutter. — 167 „Mein Herr,“ ſprach ſie und fand wieder die Kraft, ihren Mund nobel zuzuſpitzen,„zwiſchen uns hat nun⸗ mehr das Gericht zu entſcheiden. Sich um die Hand eines Mädchens bewerben, während man ſchon eine Frau beſitzt, iſt ein Verſuch zum Verbrechen der Bigamie.— Wenn ich ſo ſchwach bin und nicht ſogleich zum Ge⸗ richt gehe, um Sie dort als abſcheulichen Verbrecher anzuklagen, ſo hat das ſeinen Grund in der Sorge um die Ruhe und die Zukunft meines Kindes.— Noch will ich die Hoffnung nicht aufgeben, daß Sie ſelbſt das Entſetzliche Ihres Verbrechens einſehen und verabſcheuen lernen; der Weg zur Rückkehr ſteht Ihnen noch offen, ſo lange ich ſchweige.— Ich will Ihnen dieſes Opfer bringen. Löſen Sie das verbrecheriſche Band, das Sie mit jener Perſon verknüpft, die Sie Ihre„Frau“ nennen, und ich will Sie alsdann ver⸗ geſſend und verzeihend als meinen Sohn anerkennen und an der Seite Apollonia's wird Ihnen dann ein neues, reineres Glück erblühen.“ Nach dieſer höchſt ſchwungvollen Rede, welche Aegidius widerſpruchslos über ſich ergehen ließ, ſchritt Frau Graf zur Thüre. „Sie haben bis morgen Zeit ſich zu bedenken,“ ſprach ſie und ging hochaufgerichtet davon. „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich noch länger in dem verfl— Neſte bleibe,“ rief entſetzt Aegidius, als er allein war,„iſt denn dieſes ganze Volk toll geworden. Da werfen ſie Einem ja Liebſchaften und Verlobungen an den Hals, daß man ſich nur als fin⸗ —-— 168 girter Ehemann herane swinden kann. Hol' ſie Alle der Henker.“ Nach einer Weile, in der er ſich mit dem Gedanken an die Errungenſchaft als Ehemann, die er ſich eben als letzte Vertheidigungswaffe angedichtet hatte, be⸗ X ſchäftigt gehabt, fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort: Wenn die Leute nur wenigſtens auf eine richtige Fährte führten, ich hätte ja nichts dagegen, wenn ſie mir hier eine Frau zuſchwätzten, aber— Apollonia Graf, die patentirte Ehrenjungfrau, d darf's nicht ſein.— Ich muß doch vor Tiſch noch einen Beſuch bei Kölb— lich machen.“ Ende des zweiten Bandes. 85 — ———— ————— 8— , ffffffffffffffſe 13 14 45 16 17 18 19 20 “