7—--— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur fe uen 6 Eduard Oftmann in Gießen, ſe Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. t. ſ . 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Se den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet V) wird. A( b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und h. eträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. f 3 1 4 6 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ¹ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſff ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eͤ — F 2 ——— — A — orpiſtiſcher Roman von Adolf Reichner. Erſter Band. — Erſtes Kapitel. . ſ Das Städtchen Lindenheim. Als ſich das Feuer mit dem Schwerte vermählte, warf dieſes Ehepaar die Zwingburgen nieder und ſäuberte dem Wechſelverkehr der Menſchen zuliebe die Heerſtraßen. Die Beiden hatten ſich ſchließlich, ver⸗ muthlich aus Mangel an fernerer zerſtreuender Be⸗ ſchäftigung, getrennt und nach einer jahrhundertelangen Pauſe ging das Feuer eine neue innige Verbindung ein mit— dem Waſſer. Aus dieſer Verbindung ent⸗ ſproß ein gar wilder, gewaltthätiger Junge, ein Junge, den zu bändigen und zu zügeln es der größten Sorg⸗ falt der Erzieher bedurfte und der— Dampf heißt. Wie bei den meiſten wilden, ungeberdigen Kindern ging's auch bei dem Dampf,— da wo er richtig und verſtändig geleitet wurde, entwickelte ſich ſeine Wild⸗ heit zu Vorzügen, während da wo der Unverſtand Lenker ſein wollte, der tolle Junge nur nutzloſe Zer⸗ ſtörungen anrichtete. Es ſind noch keineswegs ganz alte Leute, welche ſich der Zeit zu erinnern vermögen, in der man an⸗ Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 1 —-————— ſollendes Kreuz geſ 2 2 fing den Dampf vor die Wägen zu ſpannen und damit ſtaubaus zu fahren. Manches heute noch lebende Mütter⸗ chen war dabei und hat wohl auch ein Unheil abwenden chlagen, als die erſten Dampfroſſe mit einer Schnelligkeit ihren Weg dahergeſauſ't kamen, daß ſich ſogar die bis dahin angeſtaunten Schuell⸗ poſten wie Schnecken dagegen ausnahmen. Wie viel Tauſende haben damals im Stillen gelobt, daß keine zehntauſend Erzengel ſie in das ſchreckliche neue Fuhr⸗ werk bringen würden und haben ſeitdem dieſes Ge⸗ lübde— nicht gehalten. Als Europa anfing ein nennenswerthes Eiſenbahn⸗ netz zu erhalten, war eitel Fürchten und Jammern über die erfolgende einſeitige Verkürzung der Entfer⸗ nungen und ängſtliche Gemüther weiſſagten den Eintritt der heilloſeſten Confuſionen, wobei Viele nur noch in dem einen Umſtand einen zweifelhaften Troſt fanden, daß ihr vorgeſchrittenes Alter ſie vorausſichtlich be⸗ wahren werde, noch Zeitgenoſſen der kommenden Tage neubabyloniſcher Verwirrung zu werden. So gef hrlich wurde aber die Sache denn doch nicht,— freilich das rieſenhafte Anwachſen der Städte auf Koſten der Bevölkerungsziffern des flachen Landes, beziehungsweiſe das Zurückbleiben des Landes in der Populationsprogreſſion gegenüber den großen Städten, kann und muß lediglich als eine Folge der Neugeſtal— tung des Verkehrsweſens betrachtet werden und inſo⸗ fern kann man auch— wenn man partout einen Sündenbock haben will— den Dampf als die Urſache betrachten, daß der ſittliche Werth der Menſchen im 3 Allgemeinen durchſchnittlich im Sinken iſt,— aus dem einfachen Grunde nämlich, weil die Großſtädte die Brutöfen des Laſters in jeglicher Fagon ſind, was ein gewiſſer Bismarck, der zu wiſſen pflegt was er ſagt, freilich ſchon zu einer Zeit behauptete, wo er noch weder Fürſt noch Ehrenbürger einer Großſtadt war. Und ſo ſind denn allmälig die großen Städte die Centren der Fortentwickelung geworden, während die kleinen Städte in geſchäftlicher und geſellſchaftlicher Beziehung das conſervative Element— freilich ſo ziemlich unbewußt— repräſentiren;— unbewußt und unfreiwillig, denn es iſt Lebensbedingung für einen Kleinſtädter, ſich ſo viel thunlich auf den Großſtädter zu ſpielen und ihn nach beſtem Können zu kopiren. Nach einem ſolchen Kleinſtädtchen nun bitte ich den Leſer mir zu folgen. Seitab von den, großen eiſenbelegten Verkehrs⸗ ſtraßen liegt das freundliche Städtchen Lindenheim. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Städtchen einmal „Reichsſtadt“ war, obwohl es zur Zeit ſeiner reichs⸗ ſtädtiſchen Blüthe auch nicht mehr Einwohner zählte wie jetzt, was— im Vertrauen geſagt— zwiſchen zwei und dreitauſend heißt. Das hinderte aber in den vergangenen Zeiten nicht, daß der hochwohlweiſe Magiſtrat der freien Reichsſtadt Lindenheim ſeine hochnothpeinliche Gerichtsbarkeit ausübte und wacker drauflos foltern, ſchinden, hängen, köpfen, viertheilen ließ und was dergleichen vortreffliche Beſchäftigungen mehr ſind, wodurch dazumal die würdige Dame Juſtiz ihr Anſehen zu behaupten ſuchte und wußte. 1* — — 2 4 Lindenheim lag und liegt an einem Flüßchen die Linde geheißen— welches man indeß, vermuthlich aus Bosheit der Atlantenmacher, nur auf den Spezial⸗ karten des topographiſchen Büreaus vom General⸗ quartiermeiſterſtabe findet, obwohl der Fluß mit einer prächtigen jochloſen Steinbrücke überbrückt iſt, auf der man die hiſtoriſche Erinnerung leſen kann: Dieſe Brücke iſt erbaut in dem beglückten Jahr, In dem Pius VI. Papſt in unſerm Deutſchland war. Höchſt ſinnig hat der leider nicht mit ſeinem Namen auf die Nachwelt überkommene Lindenheimer Stadtpoet hierbei die Möglichkeit der Annahme offengelaſſen, daß Pius VI. deutſcher Papſt geweſen ſei. Es iſt dieſe Ungenauigkeit in Führung der Stadtgeſchichte um ſo bedauerlicher, als wir offenbar in jenem Stadtpoeten von Lindenheim bereits einen Vorausahner der unſere Zeit durchſtrömenden Abſicht der Errichtung einer katho⸗ liſchen Landeskirche für Deutſchland zu ſuchen haben. Auf Kanonenſchußweite vom Städtchen entfernt erhebt ſich auf einem Hügelzuge, an den ſich Linden⸗ heim lehnt, eine halbverfallene Burg, ehedem der Sitz verſchiedener edler Herren. Wenn ich ſage ,Sitz“, ſo iſt das indeß nicht buchſtäblich zu nehmen, inſoferne als das Schloß— die Lindenburg— faſt von jeher zu dem beſcheidenen Geſchick verurtheilt war, unbewohnt zu bleiben. Die Lindenburg war lange Zeit hindurch Kronlehen und nicht vergeben. Schon in früheren Zeiten kannte man die famoſe Einrichtung der Dota⸗ tionen, nur mit dem Unterſchied gegen heute, daß man damals nicht mit preußiſchen Thalern, ſondern mit —y— Gütern und Herrſchaften dotirte,— ein doppelter Vor⸗ zug gegen unſere heutige Gewohnheit, inſoferne als dadurch den Dotirten die Mühe geſpart blieb, ſich für ihr erhaltenes Geld erſt Güter kaufen zu müſſen, und dann als dadurch Herrſchaften, welche mehr gleichſaher als werth waren, glücklich an Mann gebracht wurden, denn ſchon damals kannte man das ſchöne Wort: Einem geſchenkten Gaul u. ſ. w. Doch kehren wir zu Lindenheim zurück. Linden⸗ heim hat alſo ſeine hif ſtoriſche Vergangenheit, ſo gut wie Aachen und Worms und wenn es in unſern Tagen aufgehört hat die Rolle einer freien Reichsſtadt zu ſpielen, ſo iſt das ein Unglück, welches Lindenheim würdig mit ſeinen vielen Schickſalsſchweſtern theilt. Zwei Hauptſtraßen kreuzen ſich in Lindenhenm, die Kreuzungsſtelle iſt zugleich der Marktplatz. Von ihm aus ſieht man nach allen vier Himmelsgegenden, ſo weit es nämlich die vier Stadtthore, welche ſich am Ende dieſer vier Straßen befinden, geſtatten. Wenn Jemand auf dem Marktplatz nieſt, ſo kann man ihm von allen vier Stadtthoren„proſit“ zurufen, wenn ſich nämlich dort gerade zufällig ein Menſch befinden ſollte, — gehört kann er wenigſtens die Naſenerleichterung vom Marktplatz her haben.— Die vier Stadtthore ſind mit einer Mauer verbunden, wie ſich das bei einer ehemaligen Reichsſtadt von ſelbſt verſteht, in die Mauer ſind Schußſcharten geſchnitten, welche idylliſch Vogel⸗ neſter beherbergen, vor der Mauer iſt ein breiter Gra⸗ ben ausgehoben, deſſen Erde zum Glacis ausgeworfen iſt, auf dem in Anbetracht der friedlichen Zeiten 6 Spaziergänge entſtanden und Bäume gepflanzt wurden, an denen die unvermeidlichen Stricke zum Wäſche⸗ trocknen befeſtigt ſind. Um vom Innern der Stadt Lindenheim zu reden, ſo betonen wir zunächſt, daß dem Eintretenden, nach⸗ dem er das aus ſchwarz gewordenem Backſtein erbaute Stadtthor, in deſſen Bogenwölbung ſich ächzend eine Oellaterne mit blinden Scheiben an einem vielfach geknoteten Stricke wiegt, paſſirt hat, die Merkwürdig⸗ keit auffällt, daß alle Häuſer mit der Giebelſeite nach der Straße gebaut ſind, was dieſer ein unendlich ko⸗ miſches Ausſehen verleiht, denn die einzelnen Häuſer mit ihrer ſpitzzulaufenden Vorderwand ſehen ganz wie nebeneinandergeſtellte Zipfelmützen aus. Die Stadt Lindenheim beſitzt auch mehrere größere Gebäude, die mit den kleinen Wohnhäuſern der guten Bürger contraſtiren. Dieſe größeren Gebäude ſind urſprünglich ſämmtlich Klöſter geweſen, aber nur theil⸗ weiſe dieſer Beſtimmung erhalten geblieben. Noch nennt Lindenheim zwar zwei Frauenkloſter ſein, deren Glieder ſich mit Erziehung und Krankenpflege, nicht minder aber auch mit Feldarbeiten in ausgedehntem Grade befaſſen, aber die übrigen Kloſtergebäude, ſelbſt⸗ verſtändlich war ein Jeſuitencollegium darunter geweſen, müſſen jetzt profanen Zwecken dienen. Theils ſind ſie zu Gerichts⸗, theils zu Braulokalitäten verwendet. Und Gerichtslokalitäten hat Lindenheim viele nöthig, denn die Zahl der Beamten, die ihren Sitz in Lindenheim haben, iſt enorm und wenn man auch von verſchiedenen derſelben ſo recht eigentlich nicht wußte, wozu ſie unſer . 7 lieber Herrgott hatte wachſen laſſen, beziehungsweiſe wozu ſie die Regierung eigentlich hergeſendet, ſo mußten doch alle dieſe Herren ihre Kanzleien und Büreaux haben. Dieſer Beamtenreichthum Lindenheims hat aber auch ſein Gutes, er belebt den geſellſchaftlichen Verkehr Lindenheims außerordentlich, denn alle dieſe Beamten ſammt ihren reſpectiven Gattinnen hatten, bis hinunter. in's letzte Glied, Titel und ſomit eines der nothwen⸗ digſten Requiſite für die Aufnahme unter die Hono⸗ ratioren.— Da gab's einen Herrn Bezirksamtmann, mit einem Herrn erſten, Herrn zweiten, Herrn dritten Bezirksamtsaſſeſſor, einen Herrn Landrichter, einen Herrn Landgerichtsaſſeſſor, einen Herrn Rentamtmann, einen Herrn Forſtmeiſter, mit einem Herrn erſten, Herrn zweiten Forſtamtsaktuar, einen Herrn Bau⸗ beamten, einen Herrn Bauamtsaſſiſtenten, einen Herrn Brandaſſecuranzinſpector, einen Herrn Phyſikus und einige Herren Doctores(medicinae und juris utriusque nämlich) einen Herrn Salzfactor, einen Herrn Poſt⸗ expeditor, einen Herrn Notar, dazu die Herren Practi⸗ kanten, Herren Concipienten, Herren Regiſtratoren und Herren Aktuare, wie man ſo artig war die Herren Schreiber zu tituliren. Rechnet man zu dieſen höheren Würdenträgern noch die niedrigeren Dignitäten, wie den Herrn Bürgermeiſter, den Herrn Rathsſchreiber, den Herrn Chorregenten, die Herren Lehrer u. ſ. w., ſo muß billiger Weiſe zugeſtanden werden, daß Linden⸗ heim an Honoratioren reich und glücklich geſegnet war. Es iſt ſchon geſagt, daß ein Theil der ehemaligen — .— ————:xx—4n’ᷓ’ zahlreichen Kloſterräumlichkeiten Lindenheims nunmehr profanen Zwecken zu dienen hatte. Insbeſonders galt dies von dem ehemaligen Jeſuitencollegium, in dem ſich jetzt neben den großen Räumlichkeiten für den Bierbrauereibetrieb und die dazu gehörige Wirthſchaft auch noch eine ſtattliche Reihe von Privatwohnungen befand. Da das Collegium dicht an die Kirche der Jeſuiten angebaut war, oder, wenn man lieber will, die Kirche an das Collegium, ſo war nichts natürlicher, als daß ſich im Collegium die Wohnungen Derjenigen befanden, welche amt⸗ und dienſtlich mit der Kirche in Verkehr ſtanden. Und hiezu gehörten vor Allen der Küſter und der Chorregent. Unter Chorregent verſteht man nämlich den Diri⸗ genten des Kirchenchors, welcher zumeiſt auch gleich⸗ zeitig die einzige Stadtkapelle zu ſein pflegt. Zur Zeit der Kniehoſen und Schnallenſchuhe nannte man die Chorregenten noch Stadtzinkeniſten, einen Titel, der ſich offenbar auch nicht annähernd mit dem mo⸗ dernen majeſtätiſchen„Herr Regent“ meſſen kann. Begeben wir uns über die langen gedielten Cor⸗ ridore des zweiten Stockwerkes, vorbei an hohen, viel⸗ fach erblindeten und in allen Farben des Regenbogens ſchillernden, theilweiſe auch durch Bleizüge nothdürftig zuſammengehaltenen Fenſtern nach der Wohnung des Herrn Chorregenten Graf. Der Herr Chorregent iſt zwar nicht zu Hauſe, wie uns ein dünnes Dienſt⸗ mädchen, welches auf unſer Läuten öffnet, mittheilt, aber wir können ja in ſeiner Abweſenheit Fräulein Apollonia Graf, der Tochter des Regenten, unſern — 9 Beſuch machen. Wir thun das als ungeſehene Gäſte und treten in das Wohnzimmer ein, in dem ſich außer der Tochter kein Menſch befindet. 8 Das Wohnzimmer einer Honoratiorenfamilie in einer kleinen Stadt iſt der Ort, in den nur ganz ge⸗ naue Bekannte geführt werden. Die kleinſtädtiſche Etikette verlangt nämlich gebieteriſch, daß man ſtreng ausgeſchieden ein Beſuch- und ein Wohnzimmer habe. Das Beſuchzimmer iſt das Prunkgemach des Hauſes. In ihm werden die beſten Meubels aufgeſtellt, in ihm ſteht die Servante mit den geöffneten Etuis voll ſil⸗ berner Meſſer und Löffel, mit den goldgeränderten Taſſen und den altmodiſchen Nippes aus geblaſenem Glas und dergleichen Koſtbarkeiten mehr. Im Beſuch⸗ zimmer hängen auch die Familienporträts, irgend ein Herr mit einem ſteifen Uniformkragen und ſchwind⸗ ſuchtsrothen Wangen, in der Hand meiſt einen Zettel oder Brief, aus dem mit erſchrecklicher Genauigkeit zu erfahren iſt, wer der porträtirte wackere Vorfahrer war und irgend eine Dame mit gefährlichem Locken⸗ bau und mehreren ſtrickartigen Reihen von Kropfperlen um den Hals, die es erklärlich erſcheinen laſſen, warum die würdige Dame ein gar ſo jämmerliches Geſicht ſchneidet. Das Beſuchzimmer hat— beſondere feſtliche Veranlaſſungen abgerechnet— nur an Sonntagen Dienſt. Geht die Woche zu Ende— oft auch erſt an Sonntagen vor oder während des Vormittagsgottes⸗ dienſtes ziehen dienſtfertige Hände die ſchützenden Leinwandkappen von den altmodiſchen Meubeln, Staub⸗ lappen fahren eilfertig hin und her und wenn die Uhr 40 zehn mal geſchlagen hat, ſo wird im Winter noch ein mäßiges Feuer in den für Holzverſchwendung einge⸗ richteten Ofen gemacht,— das Beſuchzimmer iſt dann fertig zum Dienſt.— Denn in Lindenheim, wie in allen anderen ähnlichen Städten, macht man ſich nur Sonntags in der Zeit zwiſchen beendetem Gottesdienſt und der Mittagsſuppe Beſuch. Man mag ſich im Laufe der Woche Tag um Tag mehrmals geſehen haben, in die verſchiedenſte Berührung gekommen ſein, — gleichviel, von Zeit zu Zeit muß jede Honoratioren⸗ familie den andern Beſuche machen. Die Herren ziehen dann dunkle Röcke an, ſtülpen Cylinderhüte einer lang entſchlafenen Façon auf die Köpfe, zwängen die deſſen ungewohnten Finger in Glaçéhandſchuhe und reichen den Gattinnen den Arm. Dieſe ſind natürlich in ihrem beſten Putze, wobei die ſchwarzſeidenen Kleider und wenn's die Jahreszeit zuläßt, buntgewirkte Shawls, die den ſeltſamen Namen„achteckige“ führen, eine be⸗ vorzugte Rolle ſpielen. Man will bemerkt haben, daß die Pflichterfüllung des Beſuchemachens dann am meiſten geübt werde, wenn Madame einen neuen Hut erhalten habe, doch iſt das ſtatiſtiſch noch nicht nach— gewieſen. Ein unbedingt nothwendiges Requiſit beim Beſuchmachen ſind auch die Viſitenkarten. Zwar kennt die thüröffnende Reſi, Nanni oder Peppi die vor⸗ ſprechenden Herrſchaften ganz genau, genauer wie die eigene, aber das ſchadet nichts, bei den Sonntags⸗ beſuchen müſſen, im Falle die Beſuchten ausgegangen ſind, was zu dieſer Stunde nichts anderes heißen kann, als ſelbſt Beſuche abarbeiten, unbedingt Karten ——y —,— 11 abgegeben werden als Quittung für erfüllte Pflicht kleinſtädtiſcher Wohlanſtändigkeit. Bei ſolchen Beſuchen iſt es in hohem Grade merk⸗ würdig, was die Menſchen doch für geborene Schau⸗ ſpieler ſind. Geſtern Abend noch trafen ſich die Män⸗ ner im Wirthshauſe und plauderten ganz gemüthlich und familiär miteinander, die Frauen hatten ſich Tags zuvor noch auf dem Wochenmarkte getroffen und ſich wechſelſeitig ihr Herz ausgeſchüttet über die Zunahme der Theurung der Lebensbedürfniſſe, über das Ueber⸗ handnehmen der Unverſchämtheit der verkaufenden Bauersfraucn und die Steigerung der Nichtsnutzigkeit ihrer Köchinnen,— heute ſprechen Alle vom Wetter, wie es geſtern war, heute iſt und morgen ſein wird, man verſichert ſich gegenſeitig, wie ſehr erfreut man ſei, daß man ſich in ſo vortrefflichem Wohlſein ge⸗ troffen und daß man bald wieder das Vergnügen zu haben hoffe u. ſ. w., kurz man unterhält ſich wie ein ſechzehnjähriger Ladenjüngling mit ſeinem Backfiſch von Tänzerin auf dem erſten Ball. Doch wir wollen ja keinen formellen Sonntags⸗ beſuch machen, ſondern drängen uns ſofort unſichtbar in das Wohnzimmer der gräflichen Regentenfamilie.— Es iſt dies, das Wohnzimmer nänlich, ein freund⸗ liches, hohes Gemach, mit drei Fenſtern nach zwei Seiten. Seine Ausſicht geht nach dem ehemaligen Kloſterhof, in dem jetzt rieſige Bierfäſſer gelagert ſind, welche des Auswaſchens und Ausbrennens durch die Bräuknechte harren. Das Zimmer iſt blaßgrün ge⸗ tüncht, brochirte Gardinen hängen ſhawlartig an den —pPp—— ——õ———— —— 7 d 12 Fenſtern, der ungeſtrichene Fußboden iſt weiß ge⸗ ſcheuert. In einer Ecke ſteht ein Klavier von jener veralteten Sorte, die man ehedem Spinet nannte, auf ihm Päcke von Noten, deren zerfetzten Rändern man anſieht, daß ſie viel gebraucht ſind, ober dem Klavier hängt ein kleiner Stahlſtich von Mozart in einer ſchmalen viereckigen dunklen Holzrahme und neben den Noten liegt eine Violine in halbgeöffnetem Kaſten; man ſieht, es iſt noch nicht lange her, daß auf dieſem ſchrecklichen Inſtrumente herumgekratzt worden ſein muß. Das Meublement beſteht aus einem hartgeſeſſenen, prit⸗ ſchenähnlichen Kanapee ohne Ueberzug, einem Mangel, dem höchſt ſinnreich dadurch abgeholfen worden iſt, daß man ein buntes Kattunſchütztuch drüber gebunden hat, welches in naiven Gemüthern den Glauben auf⸗ kommen laſſen könnte, als habe es den bbſtlichſten Damaſt vor den Verwüſtungen des Herrn Regenten zu ſchützen, denn es ſoll nicht verſchwiegen bleiben, daß dieſer die Gewohnheit hat auf dieſer gepolſter⸗ ten Bank ſein Mittagsſchläfchen zu halten. Die Stühle ſind unverkennbar Verwandte des Kanapees, ſoweit ſie nämlich dem bevorzugten Geſchlechte der Polſtermeubel angehören, während einige Strohſtühle den windigen Charakter moderner Fabrikwaare abzuläugnen nicht vermögen. Eine Fenſterniſche macht indeß eine Ausnahme von dieſer angedeuteten Zimmerausſtattung. In dieſer Fenſterniſche iſt eine bretterne Erhöhung, Antritt ge⸗ nannt, welche hoch genug iſt, um einer darauf ſitzen⸗ den Perſon zu geſtatten, Alles zu ſehen, was im Hofe —2A —— —½ 13 Merkwürdiges paſſirt. Von dieſem Obſervatorium aus kann beobachtet werden, ob die Bräuknechte fleißig Fäſſer putzen oder ob ſie mit den den Hof durchſchrei⸗ tenden Mägden Allotria treiben, ſei es, daß ſie ſie in die Backen kneifen, ſei es, daß ſie ihnen, natürlich ab⸗ ſichtslos, einen Kübel ſchmutzigen Abwaſchwaſſers nach den Füßen werfen,— von hier aus kann man genau controlliren, ob der Herr Geometer heute ſchon wieder, wie geſtern, um vier Uhr Nachmittags zum Bier nach dem Wirthsgarten der Brauerei, wohin durch den Hof ein Weg führt, geht oder nicht, von hier aus kann man auch ſehen, ob die Frau Bierbrauerin ſchon wieder am hellen Werktage mit einer Sammtmantille oder nur mit einem Umſchlagetuch ausgeht. Auf dem An⸗ tritt ſtehen ein Stuhl, ein Fußſchemmel und ein Näh⸗ tiſchchen, aus dem dem Beſchauer in bunten Farben alle Sorten Fäden, Bändchen, Läppchen, Schnüre u. ſ. w, entgegenblicken. An den Seitenwänden dieſes Fenſters hängen kleine Bildchen, Photographieen vermuthlich be⸗ deutender Zeitgenoſſen und Zeitgenoſſinnen, aufgenom⸗ men in der bekannten künſtleriſch wohligen Umgebung, vor langherabwallenden Vorhängen, angelehnt an gräulich verſchnitzte Stühle oder ſpazierengehend mit einer auf einem Teppich ruhenden marmornen Ballu⸗ ſtrade in der Hand. Auf dem Fenſterſims ſtehen einige Töpfe Blumen, dankbare Reſeda, verkrüppelte Roſen und— eine ſehr ins Laub geſchoſſene Myrthe. Wir ſind ſicher, wir ſtehen vor dem Arbeitsplatz von Fräulein Apollonia Graf.— Des Regenten Töch⸗ terlein ſitzt aber in dieſem Augenblicke nicht vor dem ——————— ——— 14 Nähtiſchchen, ſondern hat vor dem ahornenen Tiſche in der Mitte des Zimmers Platz genommen und iſt emſig mit— Spielkarten beſchäftigt. Dränge den boshaften Verdacht zurück, raſch ur⸗ theilender Leſer, ehe er ſich Bahn bricht durch das Gehege der Zähne. Du ſtehſt im Begriff eine ſchreck⸗ liche Verläumdung zu denken. Du biſt geneigt zu glauben, daß ſich Fräulein Apollonia Graf— Kar⸗ ten lege, ſich ſelber wahrſage, orakle. Unwürdiger Verdacht! Fräulein Apollonia Graf iſt eine viel zu aufgeklärte und gebildete Dame, um nicht die ganze Nichtigkeit ſolchen zigeuneriſchen Aberglaubens einzu⸗ ſehen,— Fräulein Apollonia Graf legt— Patiencen. Mit einer Eilfertigkeit, wie wenn an der raſchen Beendigung ihres Spieles ihr Wohl oder Weh ge⸗ legen wäre, legt Fräulein Apollonia ihre Karten auf und zählt dabei halblaut zwiſchen den Zähnen hin⸗ durch:„acht— neun zehn— Bub— Dame— König.“ Auf dieſe Weiſe haben wir hinlänglich Gelegenheit das Mädchen zu betrachten. Apollonia Graf iſt in jenem Alter, in dem man ſagt: noch Mädchen. Als Frau wäre ſie jung zu nennen geweſen, als Mädchen würde man bei derſelben Altersbezeichnung unwillkür⸗ lich gefragt haben: Ja, wie lange will denn Das jung heißen? Den Mädchen in Kleinſtädten gehts wie den Adelichen, ſie können ihr Alter nicht corrigiren! Ebenſo wie von den Familien des Adels mit grauſamer Ehr⸗ lichkeit die Geburtstage aller Familienglieder im Gothai⸗ ſchen genealogiſchen Taſchenbuch ſtehen, ebenſo iſt in —. ——— —— den auf dem Traditionsweg fortgepflanzten Annalen einer Kleinſtadt das Geburtsjahr eines jeden Stadt⸗ kindes dauernder wie mit Keilſchrift eingegraben.— „Was?!“ würde die Frau Bürſtenbinderin Mechle rufen„des Grafs Loni ſoll erſt vierundzwanzig Jahre alt ſein? Ha, ha! Das muß ſie einem Andern weis⸗ machen wollen. Als ihre Mutter mit ihr in den Wochen lag, kam grad ihr Bruder aus der Fremde heim und hat bald drauf meine Schweſter Nanette geheirathet. Der Nanette älteſter Sohn aber iſt be⸗ reits über ſechsundzwanzig Jahr alt. Da ſchau' mir Einer und da will die Loni erſt vierundzwanzig ſein, — gut ſiebenundzwanzig, ja noch in dieſem Herbſte ſogar achtundzwanzig muß ſie werden. Da beißt die Maus keinen Faden ab.“— Die Indiscretion der würdigen Frau Bürſten⸗ binderin Mechle verräth uns alſo Fräulein Apollonia's Lebensdauer, die wir ſonſt auszuſprechen zu galant geweſen wären. Das Geſicht der eifrigen Kartenſpielerin hat geſunde Farben, die namentlich in dieſem Augenblicke, in der Erregung des Patiencenlegens, beſonders lebhaft er⸗ ſcheinen; die Haare ſind in großen blonden Flechten und dazwiſchen geſteckten kleinen Löckchen auf, um und an dem Kopf mehr kunſtvoll als einfach gruppirt und wenn man ſo ruhig den Beobachter ſpielt und die Augen des Fräuleins das indiserete Betrachten nicht hindern, ſo entdeckt man verſchiedene Hilfsmittel, welche dem Zweck dienen müſſen, das Haar recht üppig er⸗ ſcheinen zu laſſen. Das auf die Karten geſenkte Ge⸗ 16 ſicht läßt zumeiſt nur die Stirne genau erkennen, welche indeß' nicht mehr frei von den Spuren ſtatt⸗ gehabter Gedankenſchlachten iſt. Einige ſchwache Fur⸗ chen ziehen ſich horizontal darüber und verkünden im Verein mit gewiſſen gelblichen Fleckchen das verhäng⸗ nißvolle: o wir wiſſen auch, was eine durchwachte Nacht iſt.— Erhebt ſich Apollonia aus ihrer gebeug⸗ ten Haltung, um auf eines der am obern Ende des Tiſches befindlichen Pakete eine einſchlagende Karte zu legen, ſo haben wir Gelegenheit ihre Augen zu ſehen,— ſie ſind grau und faſt ſtechend, doch werden wir noch Gelegenheit haben zu bemerken, daß Fräu⸗ lein Apollonia, dieſe Eigenſchaft kennend, es verſteht in geeigneten Momenten das natürliche ſtechende Feuer ihrer Augen zu mäßigen. Gegen die Schläfe zu zeigen ſich von den Augenſchlitzen an einige Linien von jener verdächtigen Art, die im Volksmund den unhöflichen Namen„Krähenfüße“ haben. Der Mund, wenn wie jetzt geſchloſſen, hat etwas Herbes, er hat— man ſieht und fühlt das bei ſeinem Anblick— nicht den Drang und die Gewohnheit zu lächeln oder auch: er hat das ungeſuchte Lächeln der glücklichen Mädchen⸗ zeit verlernt.- Wenn man ſo die ganze Figur Apollonia's über⸗ ſchaut, ſo macht ſie in dieſem Augenblicke, in dem ſie ſich völlig unbeobachtet glaubt, den erſchrecklichen Ein⸗ druck einer alten Jungfer. Eine alte Jungfer iſt das ſchrecklichſte Ding auf der ganzen weiten Welt; der verrufenſte Familien⸗ drache iſt ein Engel gegen eine alte Jungfer. Daß 17 wir uns aber recht verſtehen. Unter einer alten Jungfer ſoll nicht verſtanden ſein jene große Anzahl theils liebenswürdiger, theils unglücklicher, achtungs⸗ werther Damen, die freiwillig oder durch Verhältniſſe gezwungen, im eheloſen Stande leben. Dieſe Ver⸗ blühten ſind meiſt die Heimchen der Familien, die guten Heinzelchen, welche den kleinen Nichten und Neffen heimlich abgeriſſene Bänder und Knöpfe an⸗ nähen, bei den Hausaufgaben helfen, nachſchauen, daß auch die Händchen ordentlich geſäubert ſind, wenn's zu Tiſche geht, ſie ſind die Verfertiger jener vielen Weihnachtsgaben auf Stramin und Canevas, ſie machen ſich nichts draus, das Haus mit Kind und Kegel zu hüten, während die verheirathete Schweſter nach dem Theater oder Concert fährt und endlich ſind ſie taub und blind, wenn ſie mit der jungen Couſine zufällig in einem Magazin mit dem jungen Architek⸗ ten oder Fabrikanten zuſammen treffen, der auf dem letzten Muſeumsball dreimal mit der Coufine getanzt, ſo daß die Mama ſich ſchon hin und her überlegt, was ſie thun und ſagen würde, wenn dieſer wackere junge Mann ankäme, um u. ſ. w. Kurzum, von jenen Damen ſoll die Rede nicht ſein, wenn hier von„alten Jungfern“ geſprochen iſt. Das Merkwürdigſte an der eigentlichen„alten Jungfer“ iſt nämlich das, daß ſie nicht einmal„alt“ und ebenſowenig„Jungfrau“ zu ſein braucht. Es gibt weibliche Geſchöpfe, welche von Natur aus dergeſtalt prädeſtinirt zur alten Jungfer ſind, daß ſie ſich ſchon im Flügelkleide als ſolche zu erkennen geben. Eine alte Jungfer beginnt ſich damit Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 2 18 als ſolche zu verrathen, daß ſie anders zu ſein ſich vornimmt wie ihre Schweſtern. Die Spiele ihres Alters hält ſie für unter ihrer Würde, dagegen ſchlägt ſie ihren Geſpielinnen gegenüber gerne, ſo oft es irgend angeht, einen bemutternden Ton an. Es glückt ihr um ſo eher, denſelben durchzuführen, als die Can⸗ didatin für alte Jungfer meiſt zu den fleißigen Schü⸗ lerinnen gehört. Hat ein ſolches Geſchöpf nun gar das entſetzliche Unglück eine Mutter zu beſitzen, die— in das liebe, fleißige, geſetzte Kind hineinſieht wie in einen blankpolirten Spiegel, ſo iſt die alte Jungfer in dem Momente fertig, wo das Mädchen aufhört kurze Kleider zu tragen. Aus dem Munde ſolcher halb beklagens⸗, halb verabſcheuungswerther Weſen kommen dann nur mehr verzerrte Gedanken, wie ſie 1 die naturgemäße Folge der früh gepflegten und durch mütterliche Blindheit genährten, wenn nicht gar er⸗ zeugten Selbſtvergötterung ſind. Eine ſolche Creatur kann keine Spinne ſehen und kein Bier trinken, ſie kann nicht begreifen, daß die Männer ſich lieber mit einer Schauſpielerin unterhalten ſtatt mit faden Priſen ihres Schlages ſich zu langweilen, ſie ſpricht mit acht⸗ zehn Jahren ſchon im Kreiſe alter Frauen über Kin⸗ derwart, Kinderpflege und Kindererziehung mit und macht für ſich ſelbſt und ihre behauptete Tugend⸗ haftigkeit ein eigenes geſellſchaftliches Geſetzbuch, unter dem ſich außer ihr ſelber nur noch die geiſtigblinde 6 Mutter beugt.— Dieſes Uebergewicht über die Mutter, welches die Tochter ausübt, iſt ſo groß, daß, wenn 6 die alte Jungfer ſich eines Tages verliebt, die Mutter 3 19 in den Gegenſtand der töchterlichen Neigung noch ver⸗ liebter iſt wie die Tochter ſelber und allen und jeden Vorſchub leiſtet, um dem Töchterchen und ſich in der erſtandenen Neigung Genüge zu verſchaffen. Dabei iſt aber noch zu beachten, daß nach wie vor das ge⸗ ſellſchaftliche Ausnahmegeſetz für die alte Jungfer und deren Mutter in Kraft bleibt, ſie ſind und bleiben der Quell aller Tugend und Sitte, ſelbſt für den Fall, als der fatale Zuſtand eintreten ſollte, daß die tugend⸗ hafte Tochter einmal auf einige Monate ‚„zu entfern⸗ ten Verwandten“ ſollte verreiſen müſſen. Wenn dieſe Bemerkungen auch im Gewande der Allgemeinbetrachtungen auftreten, ſo paſſen ſie darum doch wie expreß gemacht auf Fräulein Apollonia Graf, die noch immer mit emſiger Hand die Karten hin⸗ und herlegt und mit jeder Combination, welche„nicht ausgeht“, mißmuthiger und troſtloſer ausſchaut. Dieſer Mißmuth gilt natürlich nur der ſtörrigen Patience, welche durchaus gar keine Miene machen will, glücklich zu enden. Zweites Kapitel. Die Turnfahne. Die Klingel an der Graf'ſchen Wohnung wird eben wieder geläutet, die dünne Magd geht bedächtig ſchlarppend den Corridor entlang, um zu öffnen, man hört draußen im Gange eine kurze Zwieſprache und gleich darauf Klopfen an der Wohnzimmerthüre. „Herein“ ruft, ärgerlich über die Störung, Apollonia. Ein ſchlankes, niedliches Mädchen, kaum dem Back⸗ fiſchalter entwachſen, mit erſt beginnender Rundung der Formen, tritt ins Zimmer. Die Angekommene macht zwar ein etwas trübſeliges Geſicht, doch iſt es klar, daß dieſe Miene nur ein ſeltener Gaſt auf dem hübſchen Geſichtchen iſt, die braunen Augen gucken trotz alledem mit angeborener Munterkeit in die Welt, das kaſtanienfarbige Haar, welches von einer Fülle iſt, daß es ſich kaum in die beſcheidene Friſur bändigen läßt, iſt von keinem Hut bedeckt, kein Tuch oder Umſchlag⸗ kragen ſtempelt den ſchlichten dunkeln Anzug zur Pro⸗ menadetoilette,— der junge Gaſt iſt offenbar nur „auf einen Sprung herübergekommen.“ ——— —— 21 „Grüß Dich Gott Anna“, erwidert Apollonia den Gruß der Eintretenden, ohne in ihrer Beſchäftigung inne zu halten. Die beiden Mädchen ſind offenbar ſo genau mit⸗ einander bekannt, daß in dieſer Ungezwungenheit durchaus nichts Befremdliches für den Gaſt liegt. Anna bleibt am Tiſche ſtehen und ſieht dem Spiele der Freundin zu. „Geht's aus?“ frägt ſie nach einer Weile. „Nein, ich glaube nicht, hier iſt eine Dame, die kann ich nicht wegbringen und damit iſt das Spiel verloren“, ſagt Apollonia reſignirt. „Was haſt Du Dir gewünſcht?“ forſcht Anna. Apollonia wirft die Karten durcheinander und ſteht auf. „Welche Frage!“ entgegnet ſie,„Du weißt, ich wünſche mir nie etwas von den Karten, ich mache keine ſolchen Albernheiten.“ „Aber wozu legſt Du denn dann ſo oft Patience?“ „Wozu?“ erläutert Apollonia.„Nun zum Zeit⸗ vertreib, es iſt eine ganz angenehme Zerſtreuung, man iſt beſchäftigt und auch wieder nicht; man hört und ſieht, während man ſpielt, Alles und iſt doch wieder ſo weit in Anſpruch genommen, um vom Feſthalten anderer Gedanken abgezogen zu werden.“ Während Apollonia dies ſprach, hatte ſich ihr Aus⸗ ſehen verändert, ihr Schritt, als ſie gegen den Näh⸗ tiſch ging, um dort das alte Wochenblatt der Stadt Lindenheim zu holen, in das ſie die Patience⸗Karten zu wickeln pflegte, war elaſtiſch, ihr Geſicht ruhig und 22 freundlich geworden, der Mund namentlich hatte den herben Ausdruck von vorhin verloren, kurzum ſie war um ein Weſentliches verjüngt und wer ſie ſo ſah mußte zugeben, daß Fräulein Apollonia noch ein recht hübſches Mädchen war. Neben der erſt aufkeimenden Blüthe Anna war ſie eine vollentfaltete Blume und wenn Anna als Folie auch nicht gerade förderlich für Apollonia war, ſo ſchadete ſie dieſer doch um des⸗ willen weniger, weil Apollonia eine Blondine war und ſonach einen völlig anderen Charakter repräſentirte. „Kommſt Du mit Deiner Arbeit?“ fragte ſie dann Anna. „Nein,“ entgegnete dieſe,„ich bin nur ſchnell zu Dir herüber geſprungen, man weiß zu Hauſe nichts davon, der Herr Onkel hat ſich eben erſt zum Mittags⸗ ſchlaf niedergelegt, nachdem er vorher ſich wieder ein wenig ausgetobt.“ „Nun, was hat's denn ſchon wieder gegeben?“ „Endlich mußte ich es ihm doch ſagen, daß die Turner mich als Feſtjungfrau gewählt haben und ihn um die Erlaubniß bitten, den Zug und die Feſtfeier auf dem Turnplatz mitmachen zu dürfen.“ „Und er?“ „Nun, er hat es mir rundweg abgeſchlagen,“ ſagte betrübt Anna. „Der alte Brummbär,“ machte Apollonia,„aber was hat er denn dagegen?“ „Er ſagte, daß er gar nicht begriffe, wie ich ihm eine ſolche Erlaubniß nur zumuthen könne; ich müßte doch wiſſen, wie er die ganze Turnerei haſſe, ſie ſei — — — Demagogie, Wühlerei, Umſturz und weiß Gott was noch ſonſt und ehrlicher Leute Kind ſollten ſich ſchämen mit den in Eſelsgrau gekleideten Turnern zu ver⸗ kehren.“ „Oho, das iſt doch ſtark,“ wendete Apollonia ein. „Es ſind ſeine eigenen Worte,“ verſicherte Anna. „O ich glaube das wohl,“ ſprach die ältere Freun⸗ din,„wenn ſich's um eine Fahnenweihe für den ka⸗ tholiſchen Geſellenverein handelte, ſo würde er gewiß Ja und Amen geſagt haben.“ „Allerdings, und er hat mir wieder vorgeworfen, daß ich letzthin bei der Prozeſſion wegen Unwohlſeins vom Umzug mit dem Jungfernbund wegblieb.“ „Was das anbelangt,“ meinte Apollonia,„ſo hat er inſofern eigentlich nicht Unrecht, als Du an jenem Tage wirklich nicht unwohl warſt.“ „Nein,“ bekannte Anna,„ich war nicht unwohl, das iſt wohl wahr, aber ich konnte dem Herrn Onkel doch ebenſowenig die Urſache ſagen, warum ich weg⸗ bleiben wollte, als ich mich nicht entſchließen konnte mitzugehen.“ „Ja, ja,“ ſagte nachdenklich Apollonia,„die Jung⸗ frauen, die da im Bunde ſind und paradiren, ſind aller⸗ dings von einer bedenklichen Sorte. Iſt nicht Seiber's Regine auch dabei geweſen?“ „Ja wohl.“ „Und doch weiß die ganze Stadt, daß ſie alle Monat das Koſtgeld für ihr Bübchen an die Bäuerin nach Hangenheim ſchickt.“ —ö;—— ——— 24 „Der Herr Onkel redete ſich ſchließlich ſo in Eifer hinein, daß er mir— was er ſonſt wohl nicht gethan hätte, denn Du weißt wie verſchloſſen er ſonſt iſt— verrieth, er wolle nächſten Sonntag, wo an ihm das Predigen iſt, der ganzen Turnerei tüchtig den Kopf waſchen.“ „Da ſeh' mal Einer an,“ ſpöttelte Apollonia,„das wollen wir doch abwarten.“ „O Du kannſt Dich darauf verlaſſen,“ verſicherte Anna,„wenn Der es will, ſo thut er's auch und was kann man dagegen machen? Am Ende darfſt Du auch nicht mitgehen.“ „Was fällt Dir ein? Ich kümmere mich nicht ſo viel um die Predigt Deines gallſüchtigen Herrn Onkels;“ — eine bezeichnende Fingerbewegung ergänzte dieſe Rede Apollonia's. Doch Anna wendete ein: „Der Herr Onkel iſt aber doch nun einmal ein Vorgeſetzter Deines Vaters und da mußt Du um Deiner Familie willen Rückſicht nehmen.“ „Das fehlte mir gerade noch,“ brauſte Apollonia auf,„am Ende müßte ich noch hübſch anfragen vorher bei ihm, was ich für ein Kleid ſoll anziehen dürfen.“ „Das nun gerade nicht, aber übel vermerkt hat er es doch auch ſchon, daß Du letzthin in Deinem ceris⸗ rothen Umſchlagetuch in der Kirche geweſen biſt.“ „So? Hat er das? Nun den Gefallen kann man ihm noch öfter thun. Das Nächſtemal ſetze ich auch noch meinen Hut mit dem rothgefärbten Taubenflügel auf.“ Schade, daß dieſes Zwiegeſpräch ſchon unterbrochen 1 4 ₰ ₰ 25 wurde, aber die Frau Regentin Graf, Apollonia's Mutter, kam von einem Ausgang in die Nachbarſchaft zurück. Frau Graf war ganz Würde. Sie hatte im Grunde ihres Herzens die gerechtfertigte Anſchauung, daß der Director des Kirchenchors ſo recht eigentlich zu den Vollbluthonoratioren der Stadt nicht gehöre und daß, wenn er dennoch dazu gezählt zu werden die beſondere Auszeichnung genoß, ſie, die Gattin des Ausgezeich⸗ neten, vor Allem dazu berufen ſei, durch conſequent paſſendes Benehmen die Möglichkeit abzuſchneiden, je⸗ mals in die tieferen Regionen des nur bürgerlichen Elements oder gar der geſellſchaftlichen Paria ver⸗ ſtoßen zu werden. Frau Graf wußte, um es kurz zu ſagen, was ſie ihrem Stande ſchuldig ſei. Und in Wahrheit mußte man zugeben, daß ſie es mit der Löſung der ſelbſtgeſteckten Lebensaufgabe ernſt⸗ lich genug nahm. Sie war gut von Mittelgröße und hielt ſich aufrecht wie eine regierende Fürſtin, wiſſend, daß ſie dadurch um ein Sichtbares vor den meiſten andern Damen der Honoratiorenwelt Lindenheims her⸗ vorrage, ihre beginnende Beleibtheit trug ſie mit ent⸗ ſprechender Würde, ſo daß man im Zweifel ſein konnte, ob die Langſamkeit ihrer Bewegungen eine Folge ihres beginnenden Embonpoints oder ihrer Allgemeingemeſſen⸗ heit war. Ihr Haar begann zu ergrauen, doch merkte man das merkwürdiger Weiſe gegen Ende der Woche mehr wie am Sonntage und den dieſen folgenden Tagen, eine Sonderbarkeit, deren urſächliche Ergründ⸗ ung der Scharfſichtigkeit des Leſers überlaſſen bleiben muß. Wenn die würdige Dame zu ſprechen begann, ſo ſpitzte ſie den Mund zierlich wie ein Karpfen, was ja wohl füglich als ein vollgültiges Zeugniß für be⸗ ſonders feine Manieren gelten konnte. Sie ſpitzte darum auch jetzt höchſt vornehm den Mund, als ſie zwiſchen den nichtgeöffneten Lippen hindurchlispelte: „Willkommen Fräulein Anna.“ Die Frau Chorregentin kannte zwar dieſes„Fräu⸗ lein“ ſchon als kleines Schulmädchen und hatte keine Urſache, daſſelbe nicht mehr zu duzen oder gar mit einem ſteifen„Fräulein“ anzuſprechen, allein ein ſolches Ceremoniell war jedenfalls ſtandesgemäßer. „Denk' Dir Mutter,“ ſprach Apollonia, ohne der Mutter Zeit zu laſſen den Gruß Anna's entgegen zu nehmen,„der Herr Benefiziat erlaubt der Anna nicht, als Feſtjungfrau die Turnerfahnenweihe mitzumachen.“ Frau Graf ſpitzte auf's Neue den Mund zu einem halbgepfiffenen: „Sp.“ „Ja und er ſagt, daß die Turner und die mit ihnen umgehen—“ berichtete Apollonia weiter, doch Anna fiel ihr hier in's Wort und begütigte: „Nun, Sie wiſſen ja ſchon, Frau Regent, wie der Herr Onkel iſt; wenn er etwas nicht leiden will, ſo hat er tauſend Gründe für einen und ſchließlich ent⸗ ſcheidet bei ihm doch der, daß er eben nicht mag.“ Anna hatte es aber jetzt plötzlich ſehr eilig, ſie verſicherte daß ſie nach Hauſe müſſe, um vor dem Er⸗ — 27 wachen des Herrn Onkel von ſeinem Mittagsſchläfchen zur Stelle zu ſein und empfahl ſich. „Nun ich denke, Du wirſt auch ohne dieſe Anna fertig werden,“ ſprach die Mutter nach des Gaſtes Entfernung. „Das wohl,“ beſtätigte die Tochter,„aber ich habe mich über dieſen Pfaffen doch ſchwer geärgert, der die Turner mit Eſeln verglich und es für eine Schande erklärte, mit ihnen zu verkehren.“ Frau Graf fühlte eine Empfindung mütterlicher Empörung in ſich erwachen. „Ich dächte, wir verkehren nicht mit Eſeln.“ O, auf uns hat er es ganz beſonders abgeſehen. , Denk' Dir nur, ich bin dem alten Bären nicht paſſend genug gekleidet in der Kirche.“ Die Empörung von Mutter Graf ſchlug ſchon höhere Wogen.. „Was,“ ſprach ſie erregt,„was verſteht denn ſo ein Mann, ſo ein— na ja, von der Toilette meiner Tochter. Hält er ſich vielleicht den„Bazar“ oder die „Victoria“, he?“ „Nein!“ betheuerte die Tochter. „Aber wir halten beide Blätter— „Das heißt im Leſezirkel,“ corrigirte Apollonia. „Das iſt ganz egal,— und die Pariſer Schnitt⸗ muſter ſind auch dabei,— und da ſoll meine Tochter nicht geſchmackvoll gekleidet ſein?! Siehſt Du etwa nicht ſehr ſchön aus in Deinem neuen Alpaccakleid?“ „Du meinſt in dem friſch aufgefärbten?“ „Einerlei, ſiehſt Du nicht ſehr fein und elegant 741 28 d'rin aus mit der prächtigen Poſamentierarbeit d'rauf, die Elle zu acht Kreuzer?“ Die angeborene Beſcheidenheit Fräulein Apollonig's geſtattete nicht, die Frage der Mutter anders wie durch ſtummes Kopfnicken zu bejahen. Nach einer mäßigen halben Stunde waren die bei⸗ den Damen mit ſich im Reinen, daß erſtens der Herr Benefiziat Kölblich— Anna's Onkel— ein Ungeheuer und Ignorant ſei, der nichts verſtehe und ſich in Dinge miſche, die ihn gar nichts angehen, und zweitens, daß er gegen Anna's Mitwirkung im Feſtzuge u. ſ. w. nur darum ſo eifere, weil er fürchte, daß ſich ſeine Nichte neben Apollonia doch gar zu armſelig ausnehmen würde. Nachdem ſie dieſe Entdeckung glücklich gemacht, gingen Mutter und Tochter an den Nachmittagskaffee. Daß hierbei die Mutter die Tochter bediente, war keineswegs ein Ausnahmefall, ſondern nur logiſch rich⸗ tig. Herr und Frau Regent Graf waren im Grunde ihrer Herzen der felſenfeſten Ueberzeugung, daß ihre Tochter Apollonia eigentlich viel zu gut, vornehm und edel ſei, um nichts mehr ſein und vorſtellen zu können, wie ihr Kind. Dieſe geliebte Tochter Apollonia war nach der Meinung der unpartheiiſchen Eltern mindeſtens würdig, eine Herzogin zu ſein.— Aber ſie ward eben durch der Eltern Meinung allein leider noch keine Herzogin,— dieſer Thatſache konnte ſich das Ehepaar Graf nicht verſchließen. War aber daran Apollonia Schuld? Mußte, konnte es dieſer zur Laſt gelegt wer⸗ den, wenn das grauſame Geſchick ſie in niederere Sphä⸗ 29 ren bannte, als diejenigen waren, für die ſie im Grunde genommen allein berufen war? Gewiß nicht, dieſer Zuſtand war ein Unglück für Apollonia und darum für ihre Eltern in verdoppeltem Maße die Pflicht vor⸗ handen, der Tochter alle Erleichterung zu verſchaffen, damit ſie den Schmerz, die Stufe, die ihr ihren Ver⸗ dienſten gemäß zukam, nicht einnehmen zu können, eher ertrage. Nichts kann logiſcher ſein, wie dieſe Auffaſſung. Frau Graf ſtand am Tiſche und ſchenkte der da⸗ ſitzenden Tochter den Kaffee ein. Erſt nahm dieſe den Zucker, denn„wer nicht zuerſt den Zucker in den Kaffee thut, bekommt in zehn Jahren keinen Mann,“ dann den braunen Trank, deſſen levantiniſcher Urſprung etwas problematiſch war und aller Wahrſcheinlichkeit nach in ſtark verwandtſchaftlichen Beziehungen zu den reſpectablen Häuſern Chriſtian Trampler in Lahr oder Daniel Völker u. ſ. w. ſtand;— zum Schluß folgte die Sahne. „Mutter,“ ſchrie auf einmal die Tochter während des Einſchenkens, wie wenn ſie von einer glühenden Gerte getroffen würde. Entſetzt und beſorgt ſchaute die Mutter auf. „Was haſt Du, mein Kind?“ fragte ſie. „Mutter, Du weißt doch, daß ich es nicht ertragen kann, wenn eine Haut in den Kaffee kommt,— ich kann dieſes Zeug nicht trinken“— und dabei ſchob Fräulein Apollonia ihre Taſſe weit hinein auf den Tiſch. Die ſchuldige Mutter gab verſöhnende Schmeichel⸗ 30 worte und reparirte den Fehler ſo gut es ging. Ein⸗ fach der Tochter gefüllte Kaffeetaſſe an ſich zu nehmen und dafür derſelben die eigene leere zu überlaſſen war leider nicht möglich, denn Fräulein Apollonia Graf nahm den Nachmittags⸗Kaffee aus einer goldgeränder⸗ ten Taſſe, auf der in prächtigen Goldbuchſtaben zu leſen war„Zum Souvenir,“ während Mutter Graf ſich eines Henkelſchüſſelchens aus gebranntem Thon bediente. Nach einigem entſchuldigendem Hin⸗ und Her⸗ ſchütten war der begangene Fehler glücklich ausge⸗ glichen und die beiden Damen arbeiteten nun gemein⸗ ſchaftlich mit den Löffeln in ihren Kaffee's herum. „Ich finde es eigentlich doch recht unpaſſend,“ be⸗ gann nach einer Weile Frau Graf,„daß man gar nicht vorher erfahren ſoll, wen man denn eigentlich zu ſich in's Quartier bekommt.“ „Das iſt wohl wahr,“ beſtätigte die Tochter. „Wenn man auch gern bereit iſt, einen Turner bei ſich zu beherbergen, ſo iſt doch nicht einer ſo gut wie der andere und einen Jeden mag man denn doch nicht in ſein Haus aufnehmen und in ſeinem Bette ſchla⸗ fen laſſen.“ „Nein, gewiß nicht,“ verſetzte die Tochter,„einen Jeden gewiß nicht,“— im Innern aber machte ſie dieſer Unklarheit die Lizenz, daß gegen die Bürgſchaft der Heirathsqualification jegliche ſonſtige Rückſicht gering angeſchlagen werden würde. Auch die Familie Graf hatte ſich bereit erklärt, bei dem demnächſt ſtattfindenden Turnfeſte Quartier — —,— 1 für einen Gaſt geben zu wollen.— Ben äulein Apollonia hatte ſich ſchon lange im Geiſte mit dieſem noch un⸗ bekannten Gaſte beſchäftigt,— ihr Kopf fragte ſie unausgeſetzt, wie der galante Jäger die verliebte „Gabriele“ im„Nachtlager“ Iſt das der Rechte? und die fatalen Patiencen waren auf dieſe Frage nie auf⸗ gegangen, das Letztemal lag eine Dame dazwiſchen—. Ja! Große Feſtlichkeiten bereiteten ſich in der Stadt Lindenheim vor. Der Lindenheimer Turnverein ge⸗ dachte ſeine Fahnenweihe zu halten;— die Stadt fieberte dem Tage des Feſtjubels entgegen. Wenn in früheren Jahrhunderten die ſtreitbaren Bürger einer zur Lehensfolge verpflichteten Stadt ſich für ihren Lehens⸗ oder Schutzherrn(Schutzherr hieß er wohl darum, weil er beſchützt werden mußte) recht wacker herumgerauft und in ihrer Stadt recht viele Frauen und Kinder zu Wittwen und Waiſen gemacht hatten, ſo belohnte der Schutzherr die treuen Bürger der guten Stadt, inſoweit ſie nicht erſchlagen waren, mit einer Abänderung ihres Stadtwappens, in dem er vielleicht den bis dahin geführten Schafskopf in einen Widderkopf verwandelte und ähnliche Auszeich⸗ nungen„zum ewigen Gedächtniß“ mehr. Unſere Gegenwart rümpft gerne geringſchätzend die Naſe über die Handlungsweiſe früherer Zeiten und ſpricht mit großer Befriedigung von den überwundenen Standpunkten. Ja, es iſt wahr, in den Stadtwappen werden nunmehr keine Schafs⸗ in Widderköpfe mehr verwandelt, zum Zeichen der Dankbarkeit eines durch etliche Hundert Bürgerleichen erhalten gebliebenen Herrn 32 (heut zu Tage ſetzt man in ähnlichen Fällen auf Koſten der Stadt Denkmale oder Epitaphe in den Kirchen), aber man riskirt Geſundheit und Leben für eine An⸗ zahl von Geldmännern, wogegen man das Aequivalent erntet, hübſch geputzt mit einem blanken Kochtopf auf dem freien Bürgerhaupt umherlaufen zu dürfen.— Es iſt eine im Allgemeinen noch unbeantwortete Frage, wer von Beiden der Klügere iſt: der alte Städte⸗ bürger, der, durch einen Eid gebunden, ſich für einen ohne ihn ſchutzloſen Herrn todtſchlagen ließ oder der moderne freie Staatsbürger, der ſeine geraden Glieder und ſeine Geſundheit riskirt, um den Actionären der Aſſecuranzgeſellſchaften eine hohe Dividende zu ver⸗ ſchaffen. Mir für meine Perſon macht die Beant⸗ wortung keine Schwierigkeit. Feuerwehr und Turnerei ſind nur in großen Städten geſondert, in kleinen ſind ſie eins. Die Turner bilden da eine freiwillige Feuerwehr, die ſich der zwangsweiſe ausgeübten Löſchhülfe anſchließt.— Denn wie zu einer Menge von Blödſinn, ſo giebt's auch einen Zwang zum Feuerlöſchen; Gemeinſinn, Bürgerpflicht u. ſ. w. heißen die Firmen, hinter denen ſich dieſer Unfug verbirgt. Man iſt heut zu Tage doch ſchon ſo weit in der Theorie vorgeſchritten, um den Satz zu begreifen: Zu weſſen Gunſten der Erfolg, zu deſſen Laſten die Koſten. — Aber von der Theorie bis zur Praxis iſt eben in Deutſchland, der Domaine der Denker, ein gar zu großer Schritt. Wenn es irgendwo brennt, und das Feuer wird gelöſcht, wer hat vom Löſchen den Vortheil? Die 33 Aſſecuranzgeſellſchaft, denn diejenigen Haus⸗ und Fa⸗ milienväter, welche verabſäumen, ſich und ihre Habe verſichern zu laſſen, ſind einfach lüderliche Menſchen, denen es zu gönnen iſt, wenn ſie in Noth kommen. Aſſecuranzgeſellſchaften für den Schutz der verſicherten Objecte gegen Feuersgefahr? Nichts, gar nichts, ſie verlaſſen ſich— wie die Erfahrung lehrt mit Grund und Recht— darauf, daß die Eitelkeit der Ve eſicherten für das Tragen von blechernen Helmen mit farbigen Roßſchweifen, Fangſchnüren und Signalhörnern groß genug ſei, um ihnen zu liebe ſich der der Aſſecuranz⸗ geſellſchaft aufliegenden Pflicht des Löſchens zu unter⸗ ziehen. Hierin gingen vielfach die Staatsregierungen den Aſſecuranzgeſellſchaften unterſtützend an die Hand. Die Zeit liegt noch nicht ſehr weit hinter uns, in denen der grauleinene Turnkittel dem Auge des in der Wolle it den Landesfarben gefärbten Beamten ein Greuel war, wo man alles Denkbare und Undenkbare anwandte, um dem entſetzlichen Turnen auf den Leib zu rücken und wo keine andere körperliche Uebung Gnade fand wie— Kniebeugen, je länger deſto beſſer, und„der Complimentswinkel“, je ſpitziger deſto angenehmer. In jener Zeit turneriſcher Noth warf ſich die Turnerei dem Dienſt der Feuerverſicherungsgeſellſchaften in die Arme und hat allerdings an manchen Orten dieſer Fuſion ihre Fortexiſtenz zu danken. So hatten auch Lindenheims Turner ſich dem Feuerlöſchdienſt gewidmet und während mancher Mo⸗ Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 3 i 34 Bl k nate in freien Abendſtunden die Blechkappen aufgeſtülpt und auf langen Leitern equilibriſtiſche Uebungen ge⸗ macht, danach etwas mehr Bier wie gewöhnlich ge⸗ trunken und dazu merkwürdige Lieder ſehr ſchön ge⸗ ſungen. In allen dieſen Liedern ſchnoben ſie Wuth gegen einen imaginairen Feind, ſtanden mit Gut und Blut für's Vaterland ein und ſangen Preishymnen auf den goldenen funkelnden Wein, während ſie dazu Bier kneipten. Sie verſäumten auch nicht, ſich theil⸗ weiſe einer eigenen Sprache, wenigſtens eigener einzel⸗ ner Ausdrücke zu bedienen und ſich dadurch in gehobene weihevolle Stimmungen zu verſetzen. Vor Allem löſchten ſie aus ihrem Gedächtniſſe alle gangbaren Bezeich⸗ nungen für Begrüßungen, Zuſtimmungserklärungen, und Acclamationen aus, um ſie mit einem einzigen Wörterpaar zu erſetzen. Dieſer Univerſalausdruck hieß: „Gut Heil“,— zwar beſagte dieſer Ausdruck an und in ſich gar nichts, war aber eben darum ganz beſon⸗ ders geeignet, allgemeinen Beifall zu ernten, ſo weit das Reich von Barren und Reck reicht. Allein noch immer war die Lindenheimner Turner ſchaar eine wilde Verbindung, es fehlte ihr noch d das Symbol ihrer geſellſchaftlichen Exiſtenz, denn die vor⸗ handenen Liederbücher, Trinkhörner und Bierhumpen genügten nur für den Haus⸗ das heißt Kneipbedarf. Was dem Lindenheimer Turnverein noch mangelte, war eine Fahne. Einer ſolchen galt das eifrige Be⸗ mühen der Schaar. Leider aber koſtete ein ſolches Ding— namentlich wenn es neben den Fahnen au⸗ derer Orte mit Ehren ſollte beſtehen ziemlich viel Geld, und Geld war eines jener Dinge, welches die jungen Leute des Vereins durchaus nicht im Ueber⸗ maße beſaßen, auch nicht beſitzen konnten, nachdem die Feuerwehrausrüſtungen ohnedem an den Einzelnen ſchon mancherlei Anſprüche machten, denn daß die Aſſecuranzgeſellſchaften, zu deren Vortheil die jungen Leute ſich übten, wenigſtens die Koſten ihrer Equibirung beſtritten, konnte man bei der ſprüchwörtlichen Nobleſſe dieſer Inſtitute nicht verlangen. Doch zu Allem gelangt man mit einiger Ausdauer. Zunächſt verfielen die fahnendurſtigen Turner auf das Mittel, einen Anfangsfond für die Fahne dadurch herzuſtellen, daß ſie gegen Entrée Komödie ſpielten. Roderich Benedix und Kotzebue mußten d'ran glauben. War der Kunſtſinn der Lindenheimer ein zu geringer, oder das Vertrauen in das Kunſtprieſterthum der Turner ein zu mäßiges,— gleichviel, das Reſultat der Theatervorſtellungen war nur ein ſehr wenig er⸗ ” g giebiges und ſo mußte zu einem andern Mittel ge⸗ ſchritten werden. Man entſchloß ſich zu dem nicht mehr ganz neuen Weg der freiwilligen Beiträge. Und um dieſe ſicherer fließen zu machen, wurde eine Haus⸗ collecte in's Werk geſetzt. Aus guten Romanen von Spieß, Kramer u. A.. war übrigens bekannt, daß Fahnen, Sirden und ähnliche Abzeichen den ſtreitbaren Rittern von holden Frauen und Jungfrauen gegeben zu werden legt en und es war demnach nichts natürlicher, als daß die Lindenheimer ſtreitbare Jugend die Turnfahne von dem ſchönen Geſchlechte des Städtchens erwartete. Die 3 ¾ 32* — 36 Hauscollecte galt alſo nicht den griesgrämigen Haus⸗ vätern, welche, wie die Erfahrung lehrte, mitunter ſauertöpfiſch jegliches Intereſſe und damit zuſammen⸗ hängend jeden Beitrag zu der Fahne, deren Noth⸗ wendigkeit zum Feuerlöſchen ſie wohl nicht ganz ein⸗ ſehen mochten, zu verweigern geneigt waren, ſondern den Frauen und Mädchen. Die Lindenheimer Turnerſchaar überwachte auf⸗ merkſam das fortſchreitende Ergebniß der Hauscollecte und überſchlug in mancher langen Comitéſitzung, wann endlich der Zeitpunkt gekommen ſein möge, um mit dem Fahnenſticker in Unterhandlung treten zu können. Denn darüber war man einig— die Beſtimmung, wie die Fahne ausſehen ſolle, welche Farben ſie haben, welche Stickerei auf ihr anzubringen ſei, blieb den Turnern, als den Fahnenempfängern und nicht den Fahnengeberinnen überlaſſen. Endlich wurde die Ausdauer belohnt. Bis auf einen kleinen Reſt war die Summe beiſammen, um welche der Fahnenſticker der nächſtgelegenen Kreis⸗ hauptſtadt die Fahne fix und fertig zu liefern verſprach. Man ſchritt zur Debatte, welchen der Vorſchläge des Stickers man acceptiren ſolle. An einem Frühjahrsabende fand die desfallſige Berathung ſtatt. Das Kneiplocal war zahlreich be⸗ ſucht. An den Wänden hingen pappendeckelne Wappen⸗ ſchilde mit den Sinnſprüchen der edlen Turnerei, als da ſind:„Gut Heil“,„Friſch, froh, fromm, frei“, oder oder auch die vier F, die die Köpfe einträchtig zuſammen⸗ ſtießen. Schon mehreremale hatte der Turnvorſtand — hie und da beginnenden Vordebatten in einzelnen Gruppen den Athem benommen, indem er, ſo oft er. eine Neigung der Geſellſchaft verſpürte über das Thema des Tages zu ſprechen, geſchwind anordnete, es habe jetzt das ſchöne Lied Nummer ſo und ſo viel geſungen zu werden, worauf die gehorſamen Turnbrüder ſofort anhuben: Freiheit, die ich meine, Die mein Herz erfüllt, oder auch das nicht minder ſchöne Hinaus in die Ferne Mit lautem Hörnerklang. Endlich winkte dem immer ängſtlicher werdenden Turnvorſtand ein erlöſender Hoffnungsſtrahl. Als der letzte Cantus abgeſungen war, öffnete ſich die Thüre des Kneipzimmers und zwiſchen dem blauen Nebel qualmender Pfeifenköpfe und Cigarren hindurch er⸗ ſchien die Geſtalt des Advokaten Rappel. Der Herr Doctor Rappel war ein gewaltiger Politiker, er hatte dieſes Metier von jeher getrieben, wohl faſt mit größerer Ausdauer und mit nennens⸗ wertherem Erfolge wie ſeine juridiſche Praxis, wenig⸗ ſtens hatte er es— ſeltſam genug für den mäſtenden Beruf eines Anwalts— in einer vierzigjährigen Be⸗ rufsthätigkeit nicht dazu gebracht, das Herannahen der Jahresſchlüſſe mit ihren obligaten Neujahrswünſchen in Form ungetilgter Rechnungen ohne eine gewiſſe Befangenheit zu erleben.— Als in den dreißiger. Jahren etwas Gährungsſtoff nach Deutſchland im⸗ portirt und hie und da an die Möglichkeit von Unruhen gedacht wurde, hatte Doctor Rappel ſich ſchon zur Umſturzparthei geſchlagen und die ganze Helden⸗ kühnheit der Partheimitglieder jener Tage geoffenbart, das heißt: auch er hatte den Muth gehabt, tiefhinterſt in ſeinem Bücherſchrank einige verbotene Bücher, Brochüren und Flugſchriften zu verbergen— auch er hatte den Muth gehabt in vertrautem Freundeskreiſe zu äußern, daß er nicht einſehe, warum der Herr Landrichter nicht auch gehalten ſein ſolle, hin und wieder in ſeinem Bureau anweſend zu ſein und was dergleichen freigeiſterige Thätigkeiten mehr waren.— Im Jahre 1848 freilich war dieſes Thun ſogleich enorm geſteigert worden. Doctor Rappel meldete ſich ſofort freiwillig als Auditeur zum ſtädtiſchen Frei⸗ corps, er ließ ſich einen Vollbart ſtehen, ſchwor den Cylinderhut ab, kaufte ſich ein Bildniß Robert Blum's und zählte die Laternenpfähle und Chauſſeebäume ab, um für den Fall, als die Reichsregentſchaft in der Paulskirche bei ihm nachfragen ſollte, für wie viel Fürſtenknechte er Raum zum Aufknüpfen habe, unver⸗ weilt Antwort geben zu können. Auch Reden hielt er, der Doctor Rappel. In jenen Tagen der Redewuth ging's klapp auf klapp mit Volksverſammlungen unter freiem Himmel, wobei oft der blühendſte Unſinn zu Tage gefördert wurde. Doctor Rappel's Reden waren zwar auch Unſinn geweſen, aber in ſeinem Unſinn war denn doch wenigſtens Methode zu finden und dieſem Umſtande mag es zugeſchrieben werden, daß in der Dürre, in der die Volksredner von dazumal vegetir⸗ ten, Doctor Rappel und ſein Rednertalent ſich wie 39 Oaſen ausnahmen.— Aber lange mußte Doctor ppel ſich plagen, unzähligen Verſammlungen mußte er anwohnen, unglaublich viel Reden und zahlloſe Toaſte auf das einige Deutſchland mußte er loslaſſen mußte er ewige Treue den heiligen ſchwarz⸗roth⸗goldenen Farben ſchwören, ehe es ihm b ſeines angeſtrengten Strebens zu er⸗ reichen. Regierung doch die Freude, ihn gelinde zu maßregeln, d. h. ihn disciplinaliter eine Woche einzuſperren und dann zu verſetzen. So kam er nach Lindenheim. Doctor Rappel's Sehnen war geſtillt, er war endlich politiſcher Märtyder geworden, was ſollte er ſich und ſeinem Ehrgeiz noch wünſchen? Von da an änderte Doctor Rappel ſeine politiſche Taktik; hatte er früher den Pionnier der Freiheit ge⸗ macht, ſo verlegte er ſich jetzt darauf, ſich in Myſterien einzuhüllen. Bei jeder Aeußerung, die er am Bier⸗ tiſch machte, ging ſo eine leiſe Andeutung mit in dem Sinne wie: Ja, wenn ich reden wollte, Ihr würdet ſtaunen, welche wichtigen Dinge im Punkte ſtaatlicher Umwälzung ſich vorbereiten u. ſ. w. Und dieſer neuen Taktik verdankte auch in der That der Doctor Rappel, daß man ihn in den Kreiſen der kleinen Leute für einen Tiefeingeweihten hielt. Andere freilich frugen ſich, wie das denn eigentlich möglich ſei, nachdem es doch notoriſch wäre, daß Doctor Rappel gar keinen andern, als ſeinen geringen geſchäftlichen Umgang, ſowie eine nur ganz bedeutungsloſe Correſpondenz habe, außerdem ſogar keine anderen Zeitungen leſe, — =. — 40 wie diejenigen, welche ohnedem im Gaſthaus aufliegen. Aus dem Leſeverein der Stadt Lindenheim war Doctor Rappel nämlich auch ausgetreten, weil man dort nicht diejenigen Zeitungen an⸗ oder abſchaffen wollte, welche er abonnirt oder aufgegeben verlangte. Der Doctor Rappel war nämlich der Mann, welcher jegliche Mei⸗ nung reſpectirte, nur mußte ſie mit ſeiner eigenen harmoniren; am liebſten hätte er alle Geſinnungs⸗ und Meinungsgegner kurzweg an den nächſten Later⸗ nenpfahl gehängt. Widerſpruch gegen ihn, ja nur gegen eine Anſicht von ihm, galt ihm als ein v ſcheuungswürdiges Verbrechen. Im Uebrigen aber ſpielte er ſich auf den Demokraten, bis er eines ſchönen Morgens, er wußte gar nicht recht, wie es eigentlich ſo gekommen war, als Nationalliberaler er⸗ wachte und hocherſtaunt war zu finden, daß alle die früheren Fürſtenmörder, Volksſouverainetätslehrer und Freiheitsſchreier dieſelbe Schwenkung wie er gemacht, dabei dick und fett wurden und weidlich auf alle die Thoren ſchimpften, die dumm genug geweſen waren, ihre politiſche Farbe für etwas Anderes zu halten wie für ein ſchmutziges Hemd, das man von Zeit zu Zeit wechſeln müſſe.— Nur einzelne Wenige in Linden⸗ heim beurtheilten den Doctor Rappel richtig. Dieſe Wenigen nannten ihn einfach einen politiſchen Schuh⸗ flicker, höchſtens mit dem Unterſchiede, daß Doctor Rappel einen genügenden Fond an Wiſſen hatte, um durch Redensarten ſeinen Mangel an politiſchem Ge⸗ halt vor der Menge zu maskiren. Doctor Rappel hatte eifrig mitgewirkt, als es galt — — 41 einen Männerturnverein in Lindenheim in's Leben zu rufen und er hatte treulich mitgeholfen den jungen Leu⸗ ten den Kopf zu verrücken, bis ſie nicht mehr recht wußten, was ſie denn eigentlich wollten. Daß ihre Aufgabe im Grunde genommen darin beſtehe, ihren Körper zu ſtählen, ihn zu heilen von den Verrenkungen und Störungen, denen er durch mancherlei Naturwidrig⸗ keiten in den Werkſtätten u. ſ. w. ausgeſetzt war, dieſe Anſicht hatten Doctor Rappel's Reden und Einflüſſe bereits glücklich ausgetrieben. Da waren ſtatt deſſen vor Allem Beziehungen zu anderen Turnvereinen an⸗ zuknüpfen geweſen, man trat in alle denkbaren Gau⸗ ꝛc. Verbände, förderte das Vereinsweſen, ordnete ſich ſclaviſch einer überflüſſigen auswärtigen Oberturn⸗ behörde unter, welche förmliche Reglements— nicht für die Turnübungen, was ja Sinn und Verſtand gehabt hätte— über das, was der friſch⸗froh⸗fromm⸗ freie Turner zu thun und zu laſſen habe, herabſchloß. Natürlich mußte auf Einhaltung des Turnereifirle⸗ fanzes um ſo ſtrenger geſehen werden, als ohne den⸗ ſelben ja der ganze Kartenhausbau wegen Fundament⸗ loſigkeit zuſammengebrochen wäre. Auf das Bitten des Turnvorſtandes ließ ſich—. allerdings erſt nach einigem Sträuben— der Herr Doctor Rappel herbei über die Wahl der Zeichnung der anzuſchaffenden Turnfahne zu reden. „Silentium,“ rief der Turnvorſtand und klingelte fe* mit ſeiner Präſidentenſchelle„Silentium! Ein Neuling, der heute Abend zum Erſtenmale an⸗ weſend war und von ſeinem Einführer die Weiſung 42 Kühalten hatte, ſo oft der Turnvorſtand dazu auffor⸗ dere, recht tüchtig„Gut Heil!“ mitzubrüllen, mißver⸗ ſtand die Bedeutung des Rufes„Silentium“ und intonirte, daß die Fenſterſcheiben zitterten: „Gut Heil!“ Ein Rippenſtoß ſeines Nachbars, ſo ausgiebig, daß der eifrige Vuuen ſchier unter den Tiſch zu liegen kam, ließ ihn verſtummen. Klatſchrothen Angeſichts kauerte der Uebereifrige ſich in ſeinen Stuhl zuſam⸗ men. Der Doctor Rappel aber erhob ſich und begann: „Turner! Nicht ziemt es deutſchen Männern ſelbſt⸗ zufrieden von ihren Errungenſchaften zu ſprechen; ir wuſ Männer mit jeder Tugend geſchmückt ſind, ſ fehlt ihnen auch nicht die Tugend der Be ehenenen Ganz in Beſcheidenheit alſo nur ſagen wir uns: In unſeren Tagen hat die deutſche Nation, die erſte Nation des Erdballs, Großes, Uebermenſchliches ge⸗ leiſtet. Und mit ſo viel gerechtfertigtem Stolze, als unſere Beſcheidenheit aufkommen läßt, ſagen wir uns: wir haben mitgeholfen zu dieſen Großthaten der Nation.“ Ein beifälliges Murmeln, angeregt durch den Turn⸗ vorſtand, wälzte ſich durch das Kneiplokal und kitzelte angenehm Doktor Rappel's Ohren. „Wenn ehedem der Deutſche ſeine Heimath ver⸗ ließ—„Vaterland“ konnte man ja gar nicht ſagen— ſo war er ſchutzlos jeder fremden Inſultirung preis⸗ gegeben und ſchüchtern und zagend nur geſtand er ein: Ich bin ein Deutſcher. Mußte es ihm doch im Gegen⸗ ſatz zu den übrigen Nationalitäten der gebildeten Welt 43 vorkommen, als ſei es ein Verbrechen, ein Deutſcher zu ſein, das heißt ein Angehöriger der Nation, die die erſte auf Erden iſt, der Nation, aus der die größ⸗ ten Geiſter aller Jahrhunderte hervorgegangen, der Nation, die allein berufen iſt, die Lenkerin der Welt⸗ geſchichte zu ſein.“ Herr Doctor Rappel ermangelte nicht nach jedem mit Pathos geſprochenen Satze ſich im Kreiſe umzu⸗ ſehen, ob etwa Jemand da ſei, der es wagen wollte, mit ſeiner Rede nicht einverſtanden zu ſein. Da er aber ſah, daß ſeine mit Schlagworten, wie ſie in kleinen Provinzblättchen zu ſpucken pflegen, reich ge⸗ ſpickte, im Uebrigen aber mit dem Zweck der Verſamm⸗ lung in gar keinem Zuſammenhang ſtehende Rede ein allerſeits beifälliges Echo fand, ſo kramte er immer mehr von den gang und geben Redensarten aus, die bei jeder Bierbankfeſtrederei herkömmlich ſind, und mit deren Wiedergabe der Leſer großmüthig verſchont ſein ſoll. Endlich beſann ſich der begeiſterte Feſtredner doch, daß er ja über die Fahne und die Wahl der Zeich⸗ nung für eine ſolche zu ſprechen habe. Er begann daher: „Auch am heutigen Tag ſollt Ihr wieder bewei⸗ ſen, daß jede Handlung deutſcher Männer Zeugniß ablegen ſoll für ihre nationale, für ihre deutſche Ge— ſinnung. Ihr habt die freigewählte Vorſtandſchaft Eurer turnbrüderlichen Vereinigung damit beauftragt, Muſterzeichnungen für die von Euch verlangte Fahne zu beſchaffen. Die Vorſtandſchaft hat dies beſorgt und unterbreitet ſie Euch heute zur Anſicht, Auswahl und Genehmigung.“ Der Turnvorſtand legte bei dieſen Worten vor den Redner eine kleine Mappe mit etlichen ceolorirten Zeichnungen. „Wenn ich,“ ſetzte Rappel ſeine Rede ſort,„dieſe Zeichnungen, über deren eine Ihr Euch ſchlüſſig machen ſollt, betrachte, ſo muß ich allerdings geſtehen, daß es lediglich nur eines Prinzips willen geſchehen und zu rechtfertigen iſt, daß man Euch heute zu einer General⸗ verſammlung zuſammenberufen hat, um des Princips nämlich willen, von Seite der Vorſtandſchaft auch den leiſeſten Schein eigenmächtigen Handelns zu vermeiden. Denn— ein Zweifel, auf welche dieſer Zeichnungen Eure Wahl fallen werde, iſt kaum denkbar, ja faſt lächerlich, nahezu eine Beleidigung Eurer Ehre, Eurer Vaterlandsliebe.“ „Wer ſeid Ihr? Deutſche Turner! Die Turnerei kennt keinen anderen Grenzpfahl, als den, den ſie ſich ſelbſt mit dem Schwert in der Fauſt geſetzt hat, als ſie den Erbfeind niederſchlug. Das Vaterland des Turners— das ganze Deutſchland ſoll es ſein. Wie kann da noch ein Zweifel exiſtiren, daß nur dieſe Zeichnung hier“— der Redner hielt bei dieſen Worten eine Zeichnung in die Höhe—„von Euch werde gewählt werden. Die nach dieſer Zeichnung ausgeführte Fahne trägt die deutſchen Farben, jene theuren, ewigen Farben, für die die erſten Geiſter der Nation ge⸗ kämpft—— haben.“ Das letzte Wort kam ganz kleinlaut und verſpätet 45 nachgehinkt. Das hatte ſeinen triftigen Grund. Doctor Rappel wollte nämlich mit gewohntem Pathos ſchlie⸗ ßen,„für die die erſten Geiſter der Nation gekämpft und— gelitten haben,“ dadurch an ſein politiſches Martyrium erinnernd Nun hatte er ſich aber in 2 dieſem Sinne ſeit einer Reihe von Jahren ausgeſpro⸗ chen, ſo oft als ſich von der ſchwarzrothgoldnen Fahne reden ließ. Als er eben ſeine Rede mit dem Schluß⸗ effect„— gelitten haben“ enden wollte, fielen ſeine Blicke auf die colorirte Zeichnung mit der ſchwarz⸗ weißrothen Fahne und der Knalleffect der Rede mußte wegbleiben. Wie eine Art von Verſtimmung, die des Doctors fernere Rede noch weniger parlamentariſch klingen ließ, fuhr er dann fort: „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß es einem Jeden von Euch völlig freiſteht, eine andere Meinung aus⸗ zuſprechen und einer andern Zeichnung das Wort zu reden. Ich habe nur meine ganz beſcheidene, unvor⸗ greifliche und unmaßgebliche Anſicht ausgedrückt und erwarte nun die Gegenausſprüche.“ Doctor Rappel ſah ſich dabei herausfordernd im Kreiſe um, wie als ob er ſagen wollte: wer Luſt hat von mir mit Hohn und Spott übergoſſen heimgeſchickt zu werden, kann's ja probiren den Mund aufzumachen! und als Niemand Miene machte, entgegnen zu wollen, ſetzte er ſich mit der Würde eines römiſchen Senators auf ſeinen Stuhl zurück und ſagte gravi⸗ tätiſch: „Ich habe geſprochen.“ 46 Ein Moment der Stille. Wenn auch keiner der Turner weder den Muth noch das redneriſche Geſchick beſaß, offen zu Sponfren⸗ ſo wäre es doch möglich geweſen, daß einer vielleicht ſeinem Nachbar eine an⸗ dere Meinung leiſe zuflüſtere. Auch einer ſolchen zahmen Oppoſition wußte der Turnvorſtand zu be⸗ gegnen. Er erhob ſich und begann: „Turnbrüder! Wir haben ſoeben wieder goldene Worte gehört aus dem Munde unſeres hochverehrten Gönners. So oft er ſich herbeiläßt, unſere Zuſammen⸗ künfte zu verherrlichen, werden wir immer mehr ſeine Schuldner, denn fort und fort überhäuft er uns mit Wohlthaten aus ſeinem Wiſſen, ſeinen Erfahrungen. Turnbrüder! Ergreift mit mir das Glas und bringt ihm, dem Gönner unſeres Strebens, ein dreifaches donnerndes Gut Heil! Dem Herrn Doctor Rappel Gut Heil! Gut Heill! Gut Heill!!“ Die Fenſterſcheiben klirrten, die Leute in den oberen Stockwerken dachten an ein eingetretenes Elementar⸗ ereigniß und das Vieh in den Ställen des Bräuhauſes verſuchte, ſich von den Ketten loszumachen. Die Turner waren damit in Stimmung gekommen. Der Vorſtand ließ dieſelbe nicht verflüchtigen. Er wußte zwar, daß jetzt der Doctor Rappel ſchon wieder bereit wäre in Form einer Dankſagung zu ſprechen, aber es ſchien ihm denn doch gerathener, gleich auf den Hauptzweck loszuſteuern. Er ſetzte ſich darum nicht wieder nieder, ſondern fuhr nach Beendigung des Tumultes fort: —— ———— — 3 464 ☛ „Turnbrüder! Ich glaube ganz in unſer Aller Sinn zu handeln, wenn ich über die Wahl der Zeichnungen gar keine Specialdebatte mehr eröffne, ſondern wenn ich dazu anrege, ſogleich durch Acclamation den Vor⸗ — ſchlag des Herrn Doctor Rappel anzunehmen.“ Und ſo geſchah es. Die Turnbrüder Lindenheims hatten ganz aus freier Ueberzeugung, ohne jegliche Beeinfluſſung von irgend einer Seite, ohne den leiſeſten Schein einer Bevormundung, die Wahl für die Fahnen⸗ zeichnung getroffen. Wer hätte wohl den Muth, das Gegentheil zu behaupten und etwa zu ſagen, die Turner wären nur die Marionetten Rappels geweſen? Spät Abends ging der Turnnovize, der am An⸗ fang des Abends ſo unzeitig ſein„Gut Heil“ intonirt hatte, nach Hauſe und überlegte bei ſich: Wird die Fahne nun ſchwarzrothgold oder ſchwarzweißroth? Er war darüber im Verlauf der Reden nicht klar geworden, 3 aber im Gefühl ſeines erſten unglücklichen Debuts hatte er nicht mehr den Muth gehabt zu fragen. Eine weitere Schwierigkeit, welche der Beſtellung der Fahne beim Sticker vorausging, behob der Scharf⸗ ſinn des Turnvorſtandes. Es galt nämlich den Wort⸗ laut der Widmung feſtzuſtellen, die auf die Fahnen⸗ bänder geſtickt werden ſollte. Ohne ſich dabei anfäng⸗ lich etwas Uebles zu denken, hatte der Vorſtand ge⸗ ſchrieben: Gewidmet von den Frauen und Jungfrauen Lindenheims.— Doch er beſann ſich. In Lindenheim war man zwar ſehr tolerant mit Ertheilung des Prä⸗ dikats„Jungfrau“, aber in dieſem Falle wäre durch die projectirten Widmungsworte eine Anzahl unver⸗ 43 ehelichter Mütter, die ſich ſo mannigfach verdient um die Turner gemacht, todtgeſchwiegen geweſen.— Aus dieſem Dilemma half ſich der Vorſtand durch die diplo⸗ matiſche Aenderung: Gewidmet von den Frauen und Töchtern Lindenheims.— O Salomo! Drittes Kapitel. Feſtjubel. Endlich nahte die lange erſehnte Zeit. Sämmtliche turnenden Barometerbeſitzer hatten mit ängſtlicher Sorge Beobachtungen ihres queckſilbernen Witterungspropheten angeſtellt, Manche auch durch Schläge an das Holz⸗ geſtell hinter der Glasröhre ein Steigen der Queck⸗ ſilberſäule zu erzwingen verſucht in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß die unausbleibliche Folge eines Empor⸗ ſteigens der Füllung auch ein Gehorſamen der Wit⸗ terung unter die Directiven der Skala nach ſich ziehen müſſe. Aber mit Hartnäckigkeit verharrte das Queck⸗ ſilber— entgegen ſeinem ſonſt ſo beweglichen Weſen — auf ‚„veränderlich.“ Der Herr Lehrer Lunger wollte indeſſen bei ſeinem Barometer eine Hinneigung auf „ſchön“ zu conſtatiren vermögen und der Herr Forſt⸗ wart Maier gab einige untrügliche Zeichen aus dem Forſt an, wonach mit Zuverſicht anzunehmen war, daß die Tage des Feſtes unter günſtiger Witterung verlaufen würden, vorausgeſetzt nur, daß es eben nicht regne, was im Sommer leider mit Sicherheit voraus nicht beſtimmt werden könne. Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 4 50 Alles in Allem— die Stadt Lindenheim ſchwamm im Feſtjubel. Die Häuſer, in denen Turner beher⸗ bergt werden ſollten, waren mit Tannenreiſig und Eichenguirlanden geziert, Fahnen ſollten während der Feſttage die Stadt ſchmücken und die vier Stadtthore trugen umkränzte Willkommſprüche, mit deren Reimung Herr Doctor Rappel ſich ſeit einem Jahre bemüht gehabt. Auch an den Häuſern in der Stadt fand man vielfach Inſchriften, ſowie die unvermeidlichen vier F, die turneriſche Alliteration oder den ſinnloſen Sinnſpruch„Gut Heil.“ Es iſt ſchon mehrfach von Feſttagen, alſo von mehreren Tagen die Rede geweſen. Obwohl die eigent⸗ liche Feſtfeier in einigen Stunden füglich hätte vorüber ſein können, ſo hatte man doch in dem ausgegebenen Feſtprogramm auf eine größere zeitliche Ausdehnung Rückſicht genommen. Man vertheilte die Genüſſe fol⸗ gendermaßen: Die eigentliche Feſtfeier— die Fahnen⸗ weihe— ſollte Sonntag Nachmittag ſtattfinden, nach⸗ dem an dieſem Tage Vormittags nach beendetem Gottes⸗ dienſt der noch junge, wegen ſeiner bisherigen Fahnen⸗ loſigkeit gewiſſermaßen noch unmündige Lindenheimer Turnverein ſein Geſellenſtück abgelegt, wonach es auch ihm, ganz ſo wie anderen Vereinen, möglich ſei, Waſſer zu verſpritzen, daß man auf der Straße im Koth waten könne und Dachziegel zu zerſchlagen, was man „ſteigen“ nennt. Zwiſchen dieſer Uebung und der Fahnenweihe war das Feſteſſen im großen Saale des Gaſthofs zum„Neger“— das Couvert(Suppe, Rind⸗ fleiſch, Gemüſe, Braten, Salat und Mehlſpeiſe) zu F 51 ſechsunddreißig Kreuzer, Brod wird extra berechnet,— angeſetzt 1 umt einigen famöſen Tiſchreden. Nach be⸗ endeter Fahnenweihe geſellige Unterhaltung an Barren, Reck, Kletterſtange, mit den Töchtern des Quartier⸗ gebers oder im Kneiplocal; da der Turner in ſeinem Wahlſpruch das Wort„reis⸗ hat, ſo muß ihm auch zugeſtanden werden, ſich ſeine Zerſtreuungen nach freier Wahl zu ſuchen.— Der Tag vor dem eigentlichen 0 Feſttage aber— der Samſtag— war dazu beſtimmt, die auswärtigen T urner zu begrüßen, nach ihren Quar⸗ tieren zu begleiten, ihnen den Feſtbändel anzuhängen, und ihnen Abe Ids im Kneiplocal zu beweiſen, was Lindenheims Bierkeller vermögen. Kalendariſch nothwer dig folgte dem Jeſtas ag der Montag, dieſer wurde zwar nßt mehr offiziell in das Feſtprogramm einbezogen, doch ergab ſich ganz von ſelbſt die Nothwendigkeit, ihn in Ausſicht zu nehmen. Der Montag verlangte ganz natürlich zunächſt Ausſchlafen, dann ein Katerfrühſtück mit viel ſauren Speiſen, hernach Abſchiednahme von den Quartiergebern, Ab; ziehen aus der Stadt unter Abſingung irgend eines paſſenden Liedes, wie:„Muß i denn zum Städtle'naus“ und einem dreimal ge⸗ donnerten„Gut Heil“ am Weichbild der Stadt. Man ſieht deutlich, unter drei Tagen konnten es die Turner bei ihrer Fahnenweihe abſolut nicht thun. Der Herr Turnvorſtand Wacker hatte alle Hände voll Arbeit, er mußte an allen Ecken und Enden zu⸗ gleich ſein, um nachzuſchauen, ob die Decorationen in Ordnung kämen, bald an den vier Stadtthoren— er hatte im Dauerlauf dieſen Weg unzähligemal in zehn 4* Minuten zurückgelegt— bald im Kneiplocal, im Speiſe⸗ ſaal vom„Neger“, auf der Feſtwieſe, dann mußte er ſich vorbereiten auf die Feſtreden und Feſtredenerwi⸗ derungen, er wurde um alle denkbaren Kleinigkeiten gefragt und ſollte obendrein noch alle Stunden bei den Feſtjungfrauen vorſprechen, damit nicht ſchließlich eine derſelben, aufgeſtachelt durch Herrn Benefiziat Kölblich, gar im letzten Momente ausſpringe. Herr Wacker war wirklich ein geplagter Mann und als er ſich am Samſtag mit der Bürgerglocke zu Tiſche ſetzte, erklärte er, daß er jetzt vor der Signaliſirung des erſten Trupps Gäſte ſich nicht mehr vom Flecke erhebe und ſollte ihm auch gemeldet werden, daß man die ganze Turnfahne geſtohlen habe. Dieſe Meldung kam zwar nicht, wohl aber eine andere, die auch nicht geeignet war, den Vielgeplagten in Ruhe ſeinen Löffel Suppe genießen zu laſſen. Fräulein Apollonia Graf war auserſehen, als ſchneeweiß gekleidete Jungfrau im Namen der„Frauen und Töchter Lindenheims“ die Fahne zu überreichen. Fräulein Apollonia Graf hatte ſich hiefür nicht nur ihr weißes Mullkleid friſch aufplätten und mit einigen neuen Rüſchen garniren laſſen, ſondern ſich auch ein gewiſſes paſſendes Ceremoniell zurechtgelegt. Nun war ihr die ſimple Uebergabe der Fahne entſchieden zu proſaiſch, es lag ſo gar kein Schwung d'rin, wenn dieſer feierliche Moment ſo ganz ohne poetiſche Weihe ablaufen ſollte: „Wenn gute Reden ſie begleiten, Dann fließt die Arbeit munter fort.“ 53 Nachdem es aber doch am Ende Anſtoß erregt haben würde, wenn ſie eine Feſtrede hätte halten wol⸗ len, ſo ergriff ſie den diplomatiſchen Ausweg, zu ver⸗ langen, daß ſie bei Uebergabe der Fahne einige Verſe zu ſprechen habe.— Verſe waren keine Feſtrede, Verſe konnten nicht nur, ſondern mußten faſt ſogar von einer Dame geſprochen werden, der von Fräulein Apollonia Graf's Scharfſinn getroffene Ausweg, um ihren Willen durchzuſetzen, war alſo ganz vortrefflich. Nur die Kleinigkeit: woher die Verſe nehmen? war noch zu berückſichtigen. Auch dafür wußte man Rath. Es muß hier eine neue Perſönlichkeit aus der Hauptſtadt des Landes in die Geſchichte eingeführt werden. Dieſe Perſönlichkeit iſt Herr Cäſar Hohl. Herr Cäſar Hohl war von Geburt aus ein reicher Mann, alſo angeſehen. Er war reich genug, um eigent⸗ lich der Mühe, überhoben zu ſein, etwas Ordentliches zu lernen. Herr Cäſar Hohl war auch ein Mann von frühem Verdienſt, ſein Verdienſt datirte ſchon aus der Zeit, ehe er geboren war, d. h. er war ſo vor⸗ ſichtig geweſen, der Sohn eines reichen Vaters zu werden, was dem Sprößling nicht hoch genug ange⸗ ſchlagen werden kann, nachdem der bekannte Satz: man kann nicht vorſichtig genug in der Wahl ſeiner Eltern ſein,— eine unumſtößliche Wahrheit beſitzt. Herr Cäſar Hohl hatte ſich einen guten Theil ſeines Lebens in beſchäftigtem Nichtsthun herumgetrieben. Seine körperlichen wie geiſtigen Eigenſchaften waren nicht derart, daß er Ausſicht hatte unter ſeinen Geburts⸗ 54 genoſſen je eine Rolle zu ſpielen, weshalb er es or⸗ zog ſtatt im ui liden Falle in der ihm eigentli Umgangsſphäre den Gutgenug oder edenfit heicen 31 ſpielen, ſich einige Etagen tiefer hinab zu begeben, wo man ihn, den Sohn aus angeſehenem eichen Hauſe, mit offenen Armen empfing. Er wurde der Dutzbruder der jungen Leute von problematiſcher Bürgerlichkeit. Aber er ſank nicht hinab in jene Kneipverflachung, in der die jungen Leute dieſes Schlages ihre Flegeljahre austoben, ſondern er benützte dieſen Umgang vornehm⸗ lich 31 de friedigung ſeiner Hauptleidenſchaft. Herr p l ur Cäſar Hohl war nämlich fabell haft ehrgeizig. Er wollte 9 9022. um ſehun Prei is mehr ſein als eine Null, er fieberte um ſo ärger nach einiger Bedeutung, als er im Grunde genommen mit ſich durchaus nicht im Klaren war, welche ſeiner Eigenſchaften ihm eigentlich den W Weg zu dieſer Bedeutung bahnen ſlite Zunächſt wollte er genannt ſein und dies glückte ihm dadurch, daß er mit freigebiger Hand von ſeinem Reichthum überall da gab, wo er ſicher war, zugleich der Herold ſeiner Opferwilligkeit zu ſein. Titel und Orden waren Dinge, die man heutzutage, wenn man an deren Erreichung Opfer bringt, gar zu leicht erlangt und die darum dem Träger keine Hervorragung mehr verleihen; neu war es dagegen, ſich auf den Selbſtloſen zu ſpielen. — Herr Cäſar Hohl wurde Demokrat;— er erkannte als höchſten Lohn, den die Menſchheit zu ſpenden habe, die Bürgerkrone. Scheinbar um für ſeine volksbeglückenden Ideen zu wirken, in Wahrheit aber um eine vortheilhafte Verwendung für einen Theil ſeines Vermögens zu finden, denn man darf nicht glauben, daß der Bürgerkronaſpirant das Einmaleins verlernt habe,— kaufte Herr Cäſar Hohl eines Tages ein kleines An⸗ noncenblättchen in der Hauptſtadt, welches er allmählig zum politiſchen Organ zu machen verſprach. In Wahr⸗ heit hatte er ſein Geld hiebei— denn ſo ein haupt⸗ ſtädtiſches Intelligenzblättchen iſt ein unentbehrliches Bedürfniß für Hausfrauen und hat darum große Auf⸗ lagen ſehr nutzbringend zu demokratiſchen vierzig Prozent angelegt. Was die verſprochene politiſche Tendenz des Blättchens anbelangt, ſo blieb's dabei durchaus nicht beim Verſprechen, nein— Herr Re⸗ dacteur Cäſar Hohl leiſtete hierin ſogar Außergewöhn⸗ liches, er hatte alle paar Monate eine andere Tendenz, vom rothen Demokratenthum bis zum ſtarren National⸗ 61 liberglismus hatte er alle denkbaren Schattirungen in ſeinem Blättchen durchlaufen. Er ließ jeden Tag, nach Maßgabe des vorhandenen, d. h. von bezahlten Inſeraten nicht eingenommenen Raums, aus einigen ihm jeweils paſſend bezeichneten Zeitungen einige Cor⸗ reſpondenzen mit der Papierſcheere herausſchneiden und ſeinem Blättchen einverleiben, dazu hielt er ſich ein paar Geſellen, die ohne ſeinen Beutel an allgemeiner Unbrauchbarkeit zu Grunde gegangen ſein würden und die die Originalartikel lieferten, d. h. ab und zu ein Keſſeltreiben gegen einzelne Perſonen eröffneten, denen Herr Hohl nicht grün war.— Herr Redacteur Cäſar Hohl war als zeitweiliger Demokrat auch ein Beſchützer und Förderer der edlen Turnerei und da die Pflege 56 des Vereinsweſens eine Specialität von ihm war, ſo hatte er auch auf an ihn, den gewaltigen Großſiegel⸗ bewahrer der hauptſtädtiſchen öffentlichen Meinung, er⸗ gangene ſpecielle Einladung durch ſein perſönliches Erſcheinen die Fahnenfeſtfeier zu verherrlichen, zum großen Jubel der Lindenheimer Turnerſchaar friſchweg und bedingungslos bejahend geantwortet.— Es hätte dieſe Zuſage, daß Herr Hohl ſich drei Tage von ſeinem hochwichtigen Poſten in der Reſidenzſtadt entfernte um nach einem kleinen Landſtädtchen zu gehen, etwas Be⸗ fremdliches für einen unbefangeneren Beurtheiler, als es die Lindenheimer Turner waren, haben müſſen, wenn man nicht die Combination hätte machen können, daß in Bälde eine Wahl zur Abgeordnetenkammer vor ſich zu gehen hat und mit großer Wahrſcheinlichkeit angenommen werden konnte, daß der Wahlbezirk, in dem Lindenheim lag, bei der nächſten Wahl ihren bis⸗ herigen Abgeordneten nicht wieder wählen würde.— An Herrn Cäſar Hohl hatte ſich denn Fräulein Apollonia Graf gewendet— ſie kannte ihn von ihren Reſidenzbéſuchen ſchon— um ihn zu bitten, er möge ihr, beziehungsweiſe der Lindenheimer Turnerſchaft, die Feſtreime machen oder machen laſſen, da ihm, dem gewaltigen großen Schriftſteller, jedenfalls die Erfüllung einer ſolchen Bitte reiner Pappendeckel ſein werde.— Man hüätte ſich auch an keine geeignetere Perſönlichkeit wenden können, wie an Herrn Cäſar Hohl.— Sein Blättchen machte nämlich, wie alle Schmierblättchen das mit Vorliebe thun, auch in Theaterkritiken und Kunſt⸗ und Literaturnotizen, welche namentlich an 57 Originalität nichts weiter zu wünſchen übrig ließen, als daß der Verfaſſer dieſer Elaborate mit ſich über das ABC der Kunſt etwas mehr in's Klare gelangt ſein möchte. Dieſer ſogenannte Kritiker nun war aber ſeines Zeichens eigentlich Turnlehrer und nur nebenbei Schriftſteller und Kritiker, wie dies ja ſo vielfach ſtatt zu haben pflegt, nachdem es unſerer Zeit der Tages⸗ preßverjüdelung vorbehalten blieb feſtzuſtellen, daß um in der Tagespreſſe über ein Thema das große Wort zu führen es nur einer genügenden Portion Frechheit, nicht aber auch etwa eines gewiſſen Verſtändniſſes für die beſprochene Sache bedürfe.— Herr Froſch, oder auch Herr Doctor Froſch, wie der ſchriftſtellernde Turn⸗ lehrer genannt wurde, hatte auf Befehl ſeines Brod⸗ herrn das Feſtcarmen zurechtgemacht,— d. h. aus einer Anzahl Turnlieder verſchiedener Genres ein anderes, nicht neues zuſammengeſtoppelt, in dem gar rührend Männerbruſt und Jugendluſt, Turnermuth und deutſches Blut, Turnerkunſt und Frauengunſt, Freiheitsſonne und Bürgerwonne u. ſ. w., u. ſ. w. ſich reimten. Fräulein Apollonia Graf aber entdeckte an dem herrlichen Gedicht einen kleinen Fehler; ſie fand näm⸗ lich, daß in demſelben auf den zu begehenden Feſtakt in gar keiner Weiſe angeſpielt wurde, ſo daß das ſchwungvolle Poem gerade ſo gut bei Gelegenheit einer Leichenfeier, wie bei der bevorſtehenden Fahnenüber⸗ reichung hätte deklamirt werden können. Das war's, was Fräulein Apollonia Graf dem viel⸗ geplagten Herrn Turnvorſtand Wacker ſagen ließ, mit 58 dem Beifügen, daß ſie ſo, wie das Gedicht ſei, daſſelbe keineswegs vortragen würde, ſondern Aenderungen oder Ergänzungen verlange. Es iſt nicht ſelten, daß eine Erinnerung aus frühe⸗ ſter Kindheit uns in dem Augenblicke befällt, wo wir am meiſten gezwungen ſind, unſere Verſtandeskräfte auf die gegenwärtige Lage zu concentriren.— Herrn Wacker erging es nach Empfang der Botſchaft Fräu⸗ lein Graf's ſo.— Mit Einemmal ſtand vor ihm eine längſt vergeſſene Scherzgeſchichte ſeiner Kindheit. Sie lautete: Ein Kapuziner hatte nur eine einzige Predigt im Kopfe und zwar über die Beichte. Eines Tages wird er von ſeinen Obern beordert, die Gedächtniß⸗ predigt auf den Nährvater Joſef zu halten. Er half ſich wie folgt aus der Verlegenheit: Geliebte Zu⸗ hörer— predigte er— wir feiern heute das Gedächt⸗ niß an den Nährvater Joſef. Was war Joſef? Ein Zimmermann. Als ſolcher machte er alle Arten von Holzarbeiten, wie ſich von ſelbſt verſteht, und nichts hindert uns anzunehmen, daß er alſo auch Beichtſtühle gemacht habe. Wir können nun kaum ein paſſenderes Thema für unſere heutigen Betrachtungen finden, als wenn wir von der Beichte reden. Und damit legte er ſeine einzige Predigt los.— Die Erinnerung an jene Geſchichte hatte aber für Herrn Wacker ihr Gutes, ſie gab ihm einen Fingerzeig, wie er ſich aus der Affaire ziehen könne. Er Pegab ſich, kaum daß er den Löffel gewiſcht, zu Herrn Doctor Rappel, dem Dichter der Stadtthorverſe, und beſchwor dieſen, er möchte doch noch einmal ſeinen Pegaſus ſatteln und beſteigen, —— —— — 59 damit Fräulein Apollonia Graf noch vor Abend zu dem gewiß prächtigen Gedichte des großen Poeten Froſch noch einen oder zwei auf die Faineideihe be⸗ zügliche Erläuterungsverſe erhalte, dieſelben vor Schla⸗ fengehen noch durchle eſen und dann unters Kopfkiſſen ihres jungfräulichen Bettch chens legen könne, worauf man ſihär wäre, daß die Verſe morgen völlig in ihrem Gedächtniſſe ſein würden. Der Thermometer zeigte † 300 im Schatten, als ſchwitzend und puſtend Herr Wacker ſein Anliegen dem Herrn Doctor Rappel vortrug, der in Hemdärmeln auf dem Kanapee lag und ſich in übler Laune befand, denn er hatte eine Cigarre erwiſcht, welche keine Luft hatte. Herrn Doctor Rappel's erſte Regung nach Empfang der Wacker'ſchen Botſchaft war Zorn. „So ſoll die verrückte Urſchel ihren Schnabel ganz halten,“ ſprach er ärgerlich,„ich ſehe ohnedem nicht ein, weshalb ſie uns bei der Fahnenweihe etwas vor⸗ deklamiren will, das kann ſie für ihr Theaterſpielen aufheben, da braucht ein vernünftiger Menſch nicht hinzugehen.“ Herr Wacker wagte aber daran zu erinnern, daß, nachdem die Fahne nun einmal ein Geſchenk der Frauen und Töchter Lindenheims ſei, es doch nicht wohl anders gehe, als daß die Uebergabe durch eine Deputation aus der Zahl der Geberinnen vollzogen werde, daß nun ſchon Fräulein Apollonia Graf als Führerin anserſehen ſei und ſo ſehr an und für ſich der Herr Doctor Rappel mit ſeinen kritiſchen Be⸗ 60 merkungen Recht haben möge, ſo ſei es denn doch zu ſpät, um weiteingreifende Aenderungen in der Sache vorzunehmen. Nach dieſer Einleitung ließ Herr Wacker mit einer Geſchicklichkeit, welche einem Diplomaten Ehre gemacht hätte, einfließen, daß, wenn Herr Doctor Rappel bei dieſem Anlaſſe wiederum einen Beweis ſeiner ofterprobten Geneigtheit für die Turner geben wollte, gerade in dieſem Falle Gelegenheit wäre, eine tief empfindliche Lücke im Akt der Fahnenübergabe auszufüllen. „Wie verſtehen Sie das, Wacker?“ fragte Rappel. „Ich habe mir bisher, um nicht undankbar zu er⸗ ſcheinen, nicht getraut, meine perſönliche Meinung über das prächtige Gedicht des gewiß berühmten Poeten Froſch auszuſprechen, aber mit Bedauern habe ich dabei doch empfunden, daß es ſo gar— wie ſoll ich nur ſagen?— ſo gänzlich unpolitiſch iſt,“ ſprach Wacker. Doctor Rappel dachte nach. „Ja, Sie haben Recht,“ machte er nach einer Weile. „Finden Sie nicht auch, Herr Doctor,“ ſagte der jetzt froher Hoffnung gewordene Turnvorſtand,„daß ſo eine kleine Anſpielung auf das deutſche Vaterland, auf ſchwarzweißroth u. ſ. w., recht wohl am Platze wäre?“ „Eine„„kleine““ ſagen Sie?“ unterbach hier Rappel lebhaft den Turner.„Merken Sie, von dieſen Dingen kann nie bedeutend genug geſprochen werden.“ „Und doch iſt in Froſch's Gedicht davon mit keiner Silbe die Rede.“ „Das ſoll und muß anders werden,“ polterte Rappel. „Alſo können wir wiederum auf Ihre Hülfe zählen?“ ſchmeichelte Wacker. „Sie wiſſen, lieber Wacker,“ perorirte Doctor Rappel,„daß ich mich grundſätzlich niemals vordränge und nichts thun will, was mich aus meiner Ruhe und Zurückgezogenheit nach der Oberfläche ſchieben könnte, aber aus Bürgergemeinſinn und im Intereſſe der guten Sache, der wir alle dienen, will ich Ihren ungeſtümen Bitten nachgeben und Ihnen im Laufe des Nachmit⸗ tags einige paſſende Verſe machen und zuſenden.“ Herr Wacker empfahl ſich erleichtert. Er hatte ſich durch den Angelhaken Politik herausgeriſſen, wie weiland der Kapuziner mit ſeiner einzigen Beichtpredigt. Doctor Rappel aber warf ſeine ſchlecht ziehende Ci⸗ garre mit Emphaſe zur Erde und begann mit Tyrannen⸗ ſchritten auf und ab zu ſtampfen. Er wollte ſich da⸗ durch in die richtige Stimmung zum Dichten verſetzen. Seien wir über zeugt, daß er getreulich Wort hält und dem Turnvorſtand ſeine Verſe für Fräulein Apol⸗ lonia Graf rechtzeitig zuſendet, denn jetzt wäre in ganz Lindenheim Niemand troſtloſer, wenn keine Declamation bei der Fahnenübergabe ſtattfände, wie der Herr Doctor Rappel, der Poet der Stadt. Am Nachmittag glich Lindenheim dem Hauptquartier einer operirenden Armee. Auf dem dicht vor dem einen Stadtthor gelegenen Turnplatz ſtand der Turn⸗ vorſtand, umgeben von einer Anzahl von Turnern, welche Dienſte als Adjutanten und Galoppins zu Fuß 62 machten. Auf jeder der vier Straßen, welche von und nach Lindenheim führten, war ein Piket Turner vor⸗ geſchoben, deren Aufgabe darin beſtand, Ankömmlinge zu begrüßen und durch einen Lindenheimer Turner nach dem Turnplatz geleiten zu laſſen. Hier fand dann die eigentliche Begrüßung ſtatt. Wenn ſo eine auswärtige Turnerſchaar mit wallender Fahne gegen den Turnplatz angerückt kam, begab ſich der Linden⸗ heimer Turnvorſtand mit ſeinem Stabe den Ankommen⸗ den entgegen, ein beiderſeitiges Gebrülle von„Gut Heil“, dem Kriegsgeheul attakirender Rothhäute ähn⸗ lich, erſcholl, der Führer der Ankommenden und der Lindenheimer Turnvorſtand reichten ſich in biederem deutſchem Händedruck ihre Rechten und die Begrüßung war zu Ende. Außer den genannten Beiden ſprach meiſt Niemand ein Wort, die Angekommenen wurden von den Lindenheimern ſtier angeguckt, die Lindenheimer ditto von den Angekommenen und ein in ſolchem Mo⸗ mente hinzutretender Uneingeweihter hätte viel eher geglaubt, es handle ſich hier um das Zuſammentreffen zweier feindlicher Partheien, die etwa über einen ab⸗ zuſchließenden Waffenſtillſtand unterhandeln wollten, wie um die Aufnahme erbetener Gäſte. Die Urſache dieſes befremdlichen Benehmens lag übrigens nahe ge⸗ nug; man hatte nicht daran gedacht den Moment des Begrüßens durch Darreichung eines Willkommtrunkes zu verherrlichen und ohne einen ſolchen Zungenlöſer bleibt der Deutſche gewöhnlich hölzern und befangen. Wenn die beiden Führer die üblichen Redensarten ausgetauſcht hatten, ſo ging's an die Unterbringung — 53 der Gäſte. Wie bei militäriſcher Einquartierung wurden ſie in die einzelnen Bürgerhäuſer, inſoweit ſich dieſelben zur B Beherbergung bereit erklärt hatten, untergebracht und nach denſelben durch einen Adjutanten des Turn⸗ vorſtandes geleitet. Dieſe Manipulation wiederholte ſich im Laufe des Nachmittags wohl zwanzigmal, denn ſicher dieſe Zahl, wenn nicht eine höhere, erreichten die zur Lindenheimer Fahnenweihe eintreffenden Turn⸗ vereine. Eine Ausnahme im Seren eniel fand nur bei dem Empfange des großen Mannes aus der Re⸗ ſidenz, Herrn Cäſar Hohl, ſtatt. Di djen nämlich nahm nicht zuerſt der Turnvorſtand Wacker, ſondern Herr Doctor Rappel in Empfang. Herr Cäſar Hohl war auch der einzige Gaſt, der von der etliche Meilen ent⸗ fernten Bahnſtation nicht zu Fuß ße, ſondern zu Wagen herübergekommen war. Als der dif ar und ſeinen Geiſt(Gepäck hatte Herr Cäſar Hohl keines bei ſich, denn wegen drei Tagen im Hochſommer Leibwäſche zu wechſeln, hielt er für anti⸗germaniſche Weichlichkeit) führende Einſpänner am Stadtthor Lindenheims hielt und der Inſaſſe ausſtieg, fiel er ſeinem würdigen Freunde Nappel an die ehedem ſchwarzrothgoldene, jetzt ſchwarz⸗ weißrothe Bruſt Und in den Armen lagen ſich Beide Und weinten vor Schmerz und vor Freude.— Ob ſich bei dieſem ſchönen Anblick einer oder der an⸗ dere weichherzige Lindenheimer Turnjüngling eine Thräne der Rührung abgewiſcht iſt leider mit Zweifelloſigkeit nicht mehr zu conſtatiren; nur ſo viel iſt bekannt, daß der wackere Turnvorſtand Wacker, von Rappel dem 64 großen Cäſar vorgeſtellt, aus der Verſicherung„der großen Ehre“ gar nicht mehr herausgefunden hätte, wenn Doctor Rappel nicht ſeinen Freund Cäſar mit ſich genommen hätte, denn es verſtand ſich von ſelbſt daß Cäſar nirgends anders als bei Rappel wohnen durfte,— die erſten Geiſter gehörten doch zuſammen. Auch beim Herrn Chorregent Graf war Einquar⸗ tierung eingerückt. Die Vertheilung der einrückenden Turner in die verſchiedenen Quartiere der Stadt war auch eine der vielen Obliegenheiten des überbeſchäftigten Turnvorſtandes Wacker geweſen und ſo ſehr dieſer auch in Anſpruch genommen war, ſo hatte er doch nicht überſehen, den Turngaſt für die Familie Graf etwas ſorgſam auszuwählen. Schon die Klugheit gebot ihm das, denn bei einer unglücklichen Auswahl hätte ja Fräulein Apollonia Graf Revanche nehmen und im letzten Augenblicke noch unwohl werden können. Eine ſolche Möglichkeit mußte unter allen Verhältniſſen ver⸗ hütet werden. Wacker verfuhr bei der Zutheilung des Graf'ſchen Gaſtes ganz logiſch; woher konnte Beſſeres kommen, als aus der Hauptſtadt? Dank der Bereit⸗ willigkeit des Herrn Cäſar Hohl, die Unkoſten zu be⸗ ſtreiten, war eine kleine Anzahl hauptſtädtiſcher Turn⸗ brüder zu der Fahnenweihe nach Lindenheim gekommen und von dieſen Reſidenzbewohnern fiel die Wahl Wacker's auf den ſchmuckſten Burſchen— Emil Mohl. Er ſelber händigte ihm das Quartierbillet ein, dabei mit glück⸗ verheißendem Augenzwinkern ſprechend:„Wenn Sie zu Hauſe eine Braut haben, ſo würde ſie mir die Augen auskratzen, daß ich Ihnen dieſes Quartier zuweiſe.“ 4 I 65 Emil Mohl war nicht der Junge, der auf eine ſolche Aeußerung hin an Flucht gedacht hätte, im Gegentheil er hoffte mit dem ganzen Selbſtgefühl eines Hauptſtädters in dem kleinen Städtchen ſchnell eine luſtige Aventure zu erleben. Ein Lindenheimer Turn⸗ bruder hatte ihn raſch an das kaſerngroße Gebäude gebracht, in dem die Familie Graf wohnte. Emil Mohl hatte unterwegs wohl verſucht, etwas Näheres über ſeine Gaſtfreunde aus dem Führer herauszukate⸗ chiſiren, aber derſelbe war ziemlich ſtark ſtierköpfig und ſo beſchränkte ſich Mohl's diesbezügliche Ausbeute da⸗ rauf, zu erfahren, daß Herr Graf ſo etwas wie Or⸗ ganiſt ſei, und eine Tochter habe, die morgen beim Feſte mitwirken werde. Im Grunde genommen waren dieſe wenigen Mittheilungen aber ſchon hinreichend, die Erwartungen Emil's merklich herabzuſtimmen, er fürchtete ſehr, daß das Organiſtentöchterchen ein klöſter⸗ lich aufgewachſenes Gänschen ſein möge, dem man jede einzelne Antwort mit der hydrauliſchen Preſſe werde abnöthigen müſſen. Ohne ſonderliche Erwartungen läutete Mohl an der Wohnungsthüre der Graf'ſchen Familie. Er hörte die ſchlürfenden Schritte der dürren Magd, welche zu öffnen kam und ihn mit dummneugierigen Blicken maß. „Iſt Herr Graf zu Hauſe?“ fragte er die Magd. Dieſe gab ihm gar keine Antwort. Daß Jemand nach ihrem Herrn fragen könne, ohne ſich dabei des dem⸗ ſelben zukommenden Titels zu bedienen, war für ſie ſo unerhört, daß ſie mit ſich gar nicht recht im Reinen war, ob der Ankömmlung überhaupt am rechten Orte ſei. Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 5 Mohl war dieſer Situation ſchnell müde, unge⸗ duldig ſprach er daher: „Nun, Sie werden doch wiſſen, ob Ihr Herr zu ſprechen iſt oder nicht?“ Etwas verdutzt über die raſche Rede des jungen Mannes gab die Magd zur Antwort: „Nein.“ Die Unterhaltung zwiſchen Thür und Angel würde, hätte ſie in der bisherigen Art noch eine Weile fort⸗ gedauert, wahrſcheinlich mit einem Abbrechen der Be⸗ ziehungen der beiden Häuſer Graf und Mohl geendet, wenn nicht in dieſem Momente ſich eine Thüre der Graf'ſchen Wohnung geöffnet hätte und Frau Graf auf den Schauplatz gekommen wäre. Emil begriff ſogleich, daß er in der ſich ihm nähern⸗ den, ſich höchſt würdig bewegenden Dame die Frau des Hauſes vor ſich habe und wendete ſich darum über die dumme Magd hinweg mit einer Verbeugung zu der Gebieterin: „Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich, wie es ſcheint, irrthümlich hier geläutet habe; ich wollte zu Herrn Graf.“ „Mein Mann,“ entgegnete mit fein geſpitztem Munde die Frau,„iſt leider ausgegangen und läßt ſich entſchuldigen.“ „Bitte, bitte,“ fiel raſch Mohl ein,„ich würde, auch wenn er anweſend geweſen ſein würde, nicht gewagt haben, ihn zu ſtören. Ich bin überhaupt etwas in Verlegenheit, denn ich fürchte ſehr, Ihnen läſtig zu fallen.“ — W Frau Graf endete den beginnenden Redefluß Mohl's, indem ſie die Thüre zum Salon öffnete: „Sie ſind gewiß der Herr, der über das Turnfeſt unſer Gaſt ſein wird?“ „Allerdings—“ „Treten Sie nur gefälligſt hier herein,“ forderte ſie Mohl auf,„wir haben Sie erwartet.“ Mohl machte eine Bewegung, wie wenn er den Salon betreten wollte, aber noch unter der Thüre hielt er an: „Verzeihung, gnädige Frau, ich habe etliche Meilen zu Fuß zurückgelegt und bin ſo ſehr verſtaubt, daß ich in Ihrem Salon eine ſchlechte Viſitenkarte von mir hinterließe, wollte ich in dem Zuſtand, in dem ich mich eben befinde, eintreten.“ „Ich vergaß“, entgegnete Frau Graf,„daß Sie zunächſt Toilette machen wollen; Fränzi“— damit wandte ſie ſich an die dumm glotzende Magd—„führe den Herrn nach dem Gaſtzimmer.“ Und zu Mohl gewendet ſprach ſie: „Sie werden dann die Güte haben, mir zu ſagen, ob Sie in Ihrem Zimmer irgend etwas vermiſſen, deſſen Sie bedürfen.“ Emil Mohl war durch dieſen Empfang etwas frap⸗ pirt. Er hatte einen kleinſtädtiſchen Muſikmeiſterhaus⸗ halt zu finden erwartet und ſah ſich ſtatt deſſen einer Hausherrin gegenüber, deren Benehmen ihm um ſo mehr imponirte, als er durchaus nicht in der Lage war, wirkliche Vornehmheit von erborgter zu unter⸗ ſcheiden. In der Art und Weiſe der Frau Graf lag 5* 5 68 etwas Förmliches, das auf Emil in ſeinem Leinwandkittel beängſtigend wirkte. Der alte Spruch„Kleider machen Leute“ iſt ſchon zu oft variirt worden, als daß nöthig wäre, es hier nochmals zu thun. Auch in dem Sinne iſt das Sprüchwort richtig, daß der Bekleidete ſelber an Sicherheit im geſellſchaftlichen Verkehr zu⸗ und ab⸗ nimmt, je nachdem er ſich in Staats⸗ oder in Haus⸗ toilette befindet. Ein Menſch im Turnrock fühlt viel zu ſehr, er ſpiele eine Rolle, wenn er ſich ſtreng an das Ceremoniell der feinen Geſellſchaft halten wolle, als daß er ſich nicht beengt fühlen ſollte, iſt er genöthigt in dieſem geſellſchaftswidrigen Kleide einen Salon zu betreten. Wäre Emil Mohl gewohnt geweſen, ſich in guter Geſellſchaft zu bewegen, ſo würde ihm die Graf⸗ ſche Häuslichkeit wohl in anderem, minder imponiren⸗ dem Lichte erſchienen ſein, ſo aber war Emil's erſte Empfindung, als er ſich von der Magd verlaſſen allein im kleinen Gaſtzimmerchen befand: Hierher paſſe ich nicht.— Er hatte ſich gedacht, daß er mit einem einfachen Händeſchütteln werde empfangen werden, daß ihm eine Hausfrau zeigen ließe, wo er Nachts beim Heim⸗ kommen ſein Bett finden und daß er ſonſt weder Rückſichten zu nehmen noch zu geben haben werde.— Er ſchaute ſich in ſeinem Stübchen um. Es war blaß⸗ blau getüncht und ſah in Folge der mit Vorhängen getriebenen Verſchwendung ſo etwas wie bräutlich aus. Weiße Gardinen, an den Fenſtern ſowohl wie von den metallenen Fenſtergallerien herabwallend, Vorhänge um wie über dem zum Waſchtiſch avancirten Tannen⸗ — * 69 tiſchchen,— ſo ſah das Zimmerchen mehr danach aus, eine Dame zu beherbergen, wie einen friſch⸗froh⸗fromm⸗ freien Turner. In ſchmalen Leiſtenrahmen hingen die unvermeidlichen Prämienbilder„die Liebe als Arzt“ und„die Wahrſagerin“ an den Wänden und auf einer kleinen Kommode, die mit einer weißgehäkelten Decke belegt war, ſtand ein kleines Bücherregal, bei deſſen Anblick Emil ſtutzte, denn er ſah einige Werke fran⸗ zöſiſcher und engliſcher Autoren in der Urſprache da⸗ runter. Neugierig gemacht nahm er die Bände in die Hand;— ſie waren ganz neu und der Schnitt noch ungetrennt, wie ſie der Buchbinder abgeliefert,— aber vorn ſtand in jedem Bande: Apollonia Graf. „Die Tochter des Hauſes lieſ't franzöſiſch und engliſch, muſikaliſch iſt ſie als die Tochter eines Or⸗ ganiſten jedenfalls auch,“ überlegte Emil bei ſich,„o weh, wo bin ich hingerathen.“ Er glaubte immer mehr, nicht hierher zu paſſen. Seine Befangenheit wuchs. „Ich werde bei dieſer Familie eine recht klägliche Rolle ſpielen,“ überlegte ſich der junge Mann, im Ge⸗ fühl ſeiner bürgerlichen Stellung als Tagſchreiber auf dem Stadtgericht der Hauptſtadt. Seine anfänglichen Ideen von zu beſtehenden Aventuren im Hauſe Graf waren ſo raſch verflogen, wie ſie entſtanden waren. Am Liebſten hätte Mohl den Turnvorſtand wieder aufgeſucht und ihn um Anweiſung eines andern Quar⸗ tiers gebeten. Aber das ging ja nicht.— Und Frau Graf hatte vorhin davon geſprochen, daß er wohl andere Toilette werde machen wollen. 70 Ja, womit denn? Seine Umhängetaſche barg nur ein Hemd, ein Taſchentuch, Kamm und Bürſten u. ſ. w.; war er denn nicht zu einem Turnfeſt hergekommen? Turuer und Toilette machen? Eigentlich hatte er durch⸗ aus nicht die Abſicht gehabt, ſich heute ſchon den Luxus reiner Leibwäſche zu gönnen— ſein Vorrath war ja dazu nicht hinreichend— aber nach dem ihm ſo ſehr imponirenden Willkomm der Frau Graf nahm Emil ſchließlich doch ſein einziges friſchgewaſchenes Hemde aus der Taſche, wuſch und bürſtete an ſich herum, wie wenn's zum Balle gehen ſollte und fand ſich ſelber ungeheuer dumm, nicht daran gedacht zu haben, daß er in Lindenheim in den Fall kommen könnte,„Toilette machen“ zu müſſen. .= Viertes Kapitel. Weder ſpröde noch blöde. Da wo Tacitus den Deutſchen günſtig urtheilt, wird er bereitwillig als hiſtoriſche Quelle und Autori⸗ tät angezogen. Was er über die Keuſchheit der ger⸗ maniſchen Frauen ſagt, weiß ſo ziemlich jede Deutſche auswendig, wickelt ſich behaglich in dieſes Lob des alten Schriftſtellers und glaubt ihm auf's Wort, ſelbſt⸗ verſtändlich für ihre Perſon am eheſten.— Es iſt außerdem ſehr beliebt, die deutſchen Frauen auf Koſten der Ausländerinnen hervorzuheben und herauszuſtreichen, ſo daß man im Grunde genommen gezwungen werden ſollte anzunehmen, der alte Herrgott habe die deutſchen Weiblein aus einem ganz anderen Taige geknetet, als die nicht deutſchen Schweſtern. Nun iſt es aber ein Leichtes mit den unerbittlichen ſtatiſtiſchen Zahlen in der Hand nachzuweiſen, daß wir um kein Haar beſſer ſind, wie die übrige Welt, in der die deutſche Zunge nicht mehr klingt. Ja, unſere ſelbſtgerühmte Tugend⸗ haftigkeit unſerer deutſchen Weiber bekommt ſogar höchſt bedenkliche Schatten, wenn wir ihr offen in's Geſicht leuchten. Ob die Frauen anderer Nationalitäten in dieſer Beziehung beſſer oder ſchlechter beſtehen, kann uns ziemlich gleichgültig ſein; wenn ich mein Hab und Gut verjubelt habe, ſo iſt es für mich weder eine Entſchuldigung noch ein Troſt, wenn's mein Nachbar mir desgleichen vor⸗ oder nachgemacht hat. Was die Keuſchheit der deutſchen Frauen betrifft, ſo iſt eine ſolche bei der überwiegend größten Mehr⸗ zahl— um es kurz zu ſagen— eine pure Unmög⸗ lichkeit. Mehr noch als die Knaben ſind die Mädchen das Erziehungsproduct der Mütter und mit verſchwin⸗ dend kleiner Ausnahme ſind die deutſchen Mütter— Kupplerinnen. Verſtehen wir uns recht. Wenn ein junges Paar ſich lieb hat und das Mädchen ſo ſchwach iſt und dem Geliebten ohne den ſacramentalen Ring am Finger keine Gunſt verſagt, ſo ſchreit die entrüſtete Frauenwelt mit Energie ihr „Steiniget ſie, ſteiniget ſie!“ Wenn aber ein junges blühendes Geſchöpf einen alten reichen Lüſtling hei⸗ rathet, ſo jauchzt derſelbe Frauenchor dem ſich ver⸗ kaufenden Mädchen zu und überbietet ſich in Verſiche⸗ rungen der Hochachtung und Verehrung. Und doch iſt in dieſen beiden Fällen das Mädchen, das ſich dem Geliebten aus Neigung zu eigen gibt, durchaus nicht verächtlich, ſondern hat nur dem Triebe gefolgt, den die Natur— oder nennen wir's von mir aus auch: die Gottheit— in jedes Menſchen, auch des Weibes, Bruſt gepflanzt hat, während die Andere, welche ſich und ihr ſchönes Ich verſchachert, ein verächtlich hes Ge⸗ ſchöpf iſt, das um kein Haar höher ſteht, wie die Dirne, 73 welche im abendlichen Halbdunkel in den Nebenſtraßen auf Käufer ihrer Reize lauert.— Man wende mir nicht ein, daß zwiſchen den beiden oben erwähnten Fällen ein Unterſchied ſei, weil in dem einen dieſer Fälle durch eine geſchloſſene Ehe das junge Mädchen dem verheiratheten Manne gegenüber in eine ſtaatlich anerkannte Stellung trete. Der Staat als ſolcher ſpricht von der Ehe im Sinne eines bürgerlichen Con⸗ tracts mit gewiſſen civilrechtlichen Conſequenzen. Um das ſittliche Prinzip der Ehe, nicht aber um den ſitt⸗ lichen Werth der die Ehe ſchließenden Perſonen hat ſich der Staat zu bekümmern. Dem Staat ſteht es nicht zu zu beaufſichtigen, ob das in den Eheſtand tretende Mädchen ſeinen Gatten aus Neigung heirathet, oder ſich ihm um den Preis einer bürgerlichen Stellung verkauft. Ob eine weibliche Tugend um den Preis eines Diamantſchmucks oder eines Eheringes verſchachert wird, iſt vollkommen gleichgültig, Schacher bleibt Schacher und Tugend und Keuſchheit gibt Gott den Weibern, wenn er ſie erſchafft, nicht als Handels⸗ und Verkaufs⸗ gegenſtand mit auf die Welt. Das iſt Alles ſchon oft und klar geſagt worden, aber nicht oft genug wird dabei geſagt, daß der ſchul⸗ digſte Theil bei dieſem Handel die würdigen deutſchen Mütter ſind,— jene Mütter, die ich oben als mit verſchwindend kleinen Ausnahmen Kupplerinnen be⸗ zeichnete. Vorderhand und wohl noch für eine längere Zeit, als dieſes Buch exiſtiren und geleſen werden wird, iſt die größere Summe der Menſchen diejenige, welche ————x — ——— 74 arbeiten und erwerben müſſen, um leben zu können. Nun wäre nichts natürlicher, als daß jedes Ehepaar ſuchen würde, die Kinder, die ihm beſcheert werden, je nach ihren geiſtigen und körperlichen Fähigkeiten heran⸗ zubilden, um ihnen ſo den Weg zu bahnen für ihr künftiges ſelbſtſtändiges Leben. Das geſchieht aber nicht, ja es darf gar nicht geſchehen, wenn die Aus⸗ führung dieſer vernunftgemäßen Idee nicht das Kains⸗ zeichen der Ausſchließung aus den„ſoliden“ Kreiſen den Ausführenden aufdrücken ſoll. Die Knaben werden zu einem Berufe erzogen, die Mädchen dagegen werden zu einem möglichſt vortheilhaften Verkauf ihrer Perſon herangebildet; man nennt dieſe Verkäufe der Töchter „Verſorgungsheirathen.“ Mit Stolz verſichert manche Mutter, daß ihre Tochter„eine recht gute Parthie“ gemacht habe,„gut verſorgt“ ſei, was ja doch nichts anderes heißt, als daß ſie einen gut zahlenden Käufer ihrer Perſon gefunden. Schauen wir uns doch einmal in den Kreiſen um, wo ein vorhandenes Vermögen den Töchtern eines Hauſes die Schmach erſpart, ſich verkaufen zu müſſen, nirgends öfter wie in dieſen Kreiſen finden wir frei⸗ willig unverehelicht gebliebene Töchter; es ſind das ſolche Geſchöpfe, die das Gefühl empfinden, das unſeren Müttern leider faſt durchgängig abhanden gekommen iſt: Frauenwürde. Nicht die Männerwelt, nein die Frauen ſchließen ihr eigenes Geſchlecht davon aus, ohne Anlehnung an einen Mann durch die Welt zu gehen. Ja dieſe weib⸗ liche Verranntheit geht ſo weit, daß ſogar der voll⸗ —j— 75 ſtändig fictive Schutz eines nicht vorhandenen— eines verſtorbenen, geſchiedenen u. ſ. w.— Mannes ſchon hinreicht, der Frau den Halt zu geben, den ihr die Schweſtern ſonſt nicht zugeſtehen. Gegen jede ſelbſt⸗ ſtändige Thätigkeit der Frauen opponirten jederzeit die„ſoliden“ Weiber und ächteten die Aermſten, welche zu Mittag eſſen wollten von dem Ertrag ihrer Arbeit, ſtatt von dem ihrer Schande,— der Schande des Verkaufs ihres Ichs an einen zahlungsfähigen Gatten. In ſolchen Auffaſſungen werden von unſeren keu⸗ ſchen, deutſchen Hausfrauen die Mädchen erzogen, mit der mütterlichen Betheurung„durch eine Heirath ſich verſorgen zu müſſen,“ wachſen unſere weiblichen Kinder heran und es ſollte da vielleicht verwehrt ſein von „Kuppelei“ zu ſprechen? Ei, ſo nenne man die Sache anders, wenn man kann! Frau Graf war nicht beſſer und nicht ſchlimmer wie deutſche Mütter im Durchſchnitt zu ſein pflegen. Hätte eine Tochter Ausſicht, eher einen Mann zu be⸗ kommen, wenn ſie liederlich wäre, Frau Graf würde ſelbſt das Licht gehalten haben, wenn Galans nächt⸗ licher Weile zu der Tochter gewollt hätten; ſo aber gilt noch die Anſchauung, daß die Männer mit lieder⸗ lichen Töchtern nur Liebeleien und nicht Ehebündniſſe einzugehen pflegen und darum hatte Frau Graf ſtets den höchſten Grad von Tugendſchimmer um ihren Augapfel Apollonia zu verbreiten geſucht. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Frau Chorregent Graf während der Zeit, als. Enil Mohl im Gaſt⸗ —— 76 zimmer durch Anlegung ſeines einzigen mitgebrachten reinen Hemdes„Toilette machte,“ ihren Gedanken in Betreff des Gaſtes Audienz ertheilte. Der Angekom⸗ mene wurde natürlich ſofort auf ſeinen Gehalt an Ehefähigkeit geprüft. Daß er noch unverheirathet war, konnte jedenfalls mit Beſtimmtheit angenommen werden, da er ſonſt wohl kaum die gegenwärtige Turn⸗ fahrt mitgemacht haben würde. Nebenbei verſchloß ſich Frau Graf zwar nicht der Wahrnehmung, daß ihr Gaſt ein ganz hübſcher junger Mann ſei, der— ſoweit ſich das bei der flüchtigen Beobachtung feſt⸗ ſtellen ließ— auch ganz artig zu ſein ſchien, aber über die Hauptſache, über die Heiraths⸗, die Verſorg⸗ ungsfähigkeit, konnte Frau Graf zu ihrem Leidweſen ein Urtheil ſich noch nicht bilden. Doch hoffte ſie zu⸗ verſichtlich, daß es ihrer mütterlichen Schlauheit ge⸗ lingen werde, in Bälde aus dem jungen Mann alles Wiſſenswerthe herauszulocken.— Freilich war es mög⸗ lich, daß der junge Mann ſchon gewählt, womöglich M ſogar eine fix und fertige Braut zu Hauſe habe, allein das war ein Umſtand, der der würdigen Frau Graf wohl am wenigſten Kummer bereitete, denn daß auf Gottes weiter Erde kein weibliches Weſen mit ihrer Engelstochter Apollonia concurriren könne, war für die in ihr Kind verliebte Mutter eine ausgemachte Thatſache, an der der fatale Umſtand, daß dieſer Engel nichtsdeſtoweniger noch immer unverheirathet war, nichts zu ändern vermochte. Auch Fräulein Apollonia Graf's Gedanken weilten bei dem ihr noch unbekannten Gaſte. Sie hatte an dem ihr rechtzeitig von Wacker zugeſtelltem Poem Doctor Rappel memortet und eben den Vers Geſchmückt die Stadt, geſchmückt die Straßen, Allüberall tönt Jubelluſt,— Ein jedes Haus birgt frohe Gäſte Und Feſttagsſtimmung jede Bruſt auswendig gelernt, als Emil Mohl ankam und nach⸗ dem ihr gleich darauf Mutter Graf mitgetheilt, daß der Angekommene ein junger, hübſcher Mann ſei, da „barg auch ſie Feſttagsſtimmung in der Bruſt.“— Mit dem Auswendiglernen der übrigen ſchwarzweiß⸗ rothen Verſe wollte es jetzt freilich nicht mehr gehen, dagegen befragte Fräulein Apollonia Graf ſorgfältig ihren Spiegel, welche Erſcheinung ſie auf den Gaſt wohl ausüben werde und ſtrich ſich unter wohlgefäl⸗ liger Bewunderung der Mama Friſur und Anzug zu⸗ recht. Apollonia rüſtete ſich zum Feldzug; mit heilem Herzen durfte dieſer Gaſt Lindenheim nicht verlaſſen, das ſchwor ſie ſich zu, am liebſten wäre es ihr ge⸗ weſen, den von ſeinem bevorſtehenden Glück nichts ahnenden Emil gleich goldfingerberingt heimzuſchicken zum künftigen Neſtchen. Trotzdem dieſe Gedanken ebenſo angenehm wie zeit⸗ tödtend waren, ſo merkten Frau und Fräulein Graf doch, daß die Toilette des Gaſtes unverhältnißmäßig lange währe und die Mutter nahm zuerſt Anlaß, deſſen gegen die Tochter zu erwähnen. Dieſe aber glaubte ſchon die bräutliche Pflicht zu haben, Alles an dem Geliebten entſchuldbar zu finden, weshalb ſie in zurechtweiſendem Tone der Mutter er⸗ widerte: 3 78 „Aber Mutter— Du glaubſt eben einen Linden⸗ heimer Bengel vor Dir zu haben, der ſich nur wie ein Zigeuner alle Stephanitage ordentlich wäſcht. Ein feiner Mann aus der Reſidenz iſt nicht gewohnt, Damen ſeine Aufwartung zu machen, ohne ſich vorher dazu in durchaus paſſenden Zuſtand geſetzt zu haben.“ Nach einer Weile fuhr Fräulein Apollonia aber von ſelber fort: „Uebrigens iſt es möglich, daß unſer Gaſt längſt fertig iſt mit ſeiner Toilette und daß er auf ein Zei⸗ chen unſerſeits wartet, ihm anzudeuten, daß er ſeinen Beſuch machen könne.“ Dieſe Möglichkeit leuchtete auch der Frau Regent ein und ſie überlegte ſich, auf welche Weiſe ſie am Ungeſuchteſten ihrem Gaſte zu verſtehen geben könne, daß im„Salon“ ſein Glück ſeiner harre. Der Magd Fränzi einen diesbezüglichen Auftrag zu geben, ging nicht an, denn die Dummheit dieſer Perſon war zu beiſpiellos. Frau Graf wußte ſich indeß zu helfen. Sie ſtellte ſich auf den Hausgang, nahe genug an die Gaſtzimmerthüre, daß Emil in ſeinem Zimmer jedes Wort hören mußte und kommandirte der Magd zu: „Fränzi, ich kann ihr noch nicht genau ſagen, bis um wie viel Uhr wir zu Abend eſſen werden, ich werde erſt den fremden Herrn, wenn er fertig iſt, fragen, bis wann es ihm paßt.“ Emil Mohl hätte ein Herz aus Kieſelſtein haben müſſen, wenn dieſe Worte ihn nicht gerührt hätten. Nicht die Einladung zum Abendeſſen war's, was dieſe Wirkung hervorbringen mußte, ſondern die liebevolle 79 Fürſorge und Rückſichtnahme auf ſeine, des Fremden, Wünſche. Emil Mohl hätte Stein und Bein darauf geſchworen, daß Frau Graf keine Ahnung davon habe, wie er jedes ihrer Worte verſtehen gekonnt. Geraume Zeit ſchon hatte Emil die Verſchönerung ſeines äußeren Menſchen beendet und immer noch war er der Befangenheit noch nicht Herr geworden, die ihn bis dahin abgehalten hatte, ſeine Quartiergeber auf⸗ zuſuchen. Er war nämlich gar nicht mit ſich in's Reine gekommen, ob es nicht paſſender ſei, heimlich die Graf'ſche Wohnung zu verlaſſen und ſeine Ge⸗ noſſen aufzuſuchen; er fürchtete, daß es ihm als Un⸗ beſcheidenheit und Aufdringlichkeit ausgelegt werden könnte, wenn er ſich der gaſtfreundlichen Familie ohne beſondere Aufforderung nähere. Aus den Worten der Frau Graf an die Köchin erſah aber Emil zu ſeiner großen Beruhigung, was er zu thun habe, daß er enämlich von der Familie erwartet werde und wenn auch mit Herzklopfen, ſo doch endlich entſchloſſen, ver⸗ ließ er ſein Stübchen. Es iſt eine Eigenthümlichkeit unſerer deutſchen ge⸗ ſellſchaftlichen Einrichtung, daß die jungen Männer faſt durchweg von einer empörenden Ungelenkheit und Befangenheit ſind, ſobald ſie Damen gegenüber ſich befinden, denen ſie lediglich nur einen ſogenannten Anſtandsbeſuch zu machen haben.— Es kommt das von der verwerflichen Sitte her, daß die jungen Leute in Deutſchland die Stunden, welche nicht ihrer beruf⸗ lichen Ausbildung gewidmet ſind, in den Kneipen hin⸗ ter dem Bierkrug verbringen und ſich ſo jede Gelegen⸗ 80 heit benehmen, ſich geſellſchaftliche Formen beizulegen. Die ärgſten Krakehler der Kneipe ſind dann, wenn ſie plötzlich in einen anſtändigen Cirkel gebracht werden, von einer Unbehülflichkeit zum Erbarmen und nicht ſelten leiden ſie an den Folgen dieſer in der Jugend begonnenen Erziehungsvernachläſſigung ihr ganzes Leben lang. Emil Mohl hatte ſich die Thür gemerkt, die nach dem Salon führte. Er legte das Ohr nahe daran, um das„Herein“ nicht zu überhören, nachdem er ſehr ſchüchtern angepocht hatte. Frau Graf's Stimme hatte „Herein“ gerufen. Der junge Turner machte einen nicht ſehr ge⸗ lungenen Verſuch, eine Verbeugung zu Stande zu bringen. Er fühlte, daß er eigentlich der ihm ent⸗ gegenkommenden Frau des Hauſes jetzt einige Worte ſagen müſſe, aber die unglückſelige Furcht am Ende etwas Albernes herauszubringen, ſchnürte ihm die Kehle zu. Frau Graf half ihm aber raſch über dieſe Ver⸗ legenheit hinüber, indem ſie ihn willkommen hieß und ihn frug, ob er in ſeinem Zimmer irgend etwas vermiſſe. „O, nicht im Geringſten, im Gegentheil,“ beeilte ſich Emil zu erwidern. „Wir bekommen ſo ſelten, faſt nie Beſuche,“ ver⸗ ſicherte Frau Graf,„daß ſie ſchon mit dem einfachen Stübchen vorlieb nehmen müſſen.“ Ohne eine ſolche Redensart thut's nämlich eine Kleinſtädterin nie. Darin ſind ſie alle vom ſelben Holze. —— — 81 Die Seitenthür ging auf und gretchenhaft im Hauskleide erſchien Fräulein Apollonia Graf. Es bleibe dem Leſer nicht verſchwiegen, daß das blond⸗ haarige Organiſtentöchterlein durch die nur angelehnte Thür hindurch den Eintritt des Gaſtes beobachtet hatte, um ſich zu orientiren, welche Rolle es ihm gegenüber ſpielen ſolle. Apollonia ſah ſofort des jungen Mannes Schüchternheit und daß es ſehr nothwendig ſein werde, ihn ſtark aufzumuntern, wenn er nicht am Schluß der Feſttage ſo blöd geblieben ſein ſolle, wie beim Beginn. Sie wählte darum mit raſchem Ent⸗ ſchluß die Rolle einer Gurly. „Ach, da ſind Sie ja,“ begrüßte ſie den ob dieſer vermeintlichen Natürlichkeit etwas verdutzten Emil und reichte ihm die Hand„Grüß' Gott.“ Mohl kratzte verbindlich rückwärts aus. „Sie ſind gewiß recht müde,“ ſprach Apollonia, „es iſt ein weiter Weg von der Bahnſtation bis nach Lindenheim. Setzen Sie ſich doch.“ Sie rückte ihm einen Stuhl dicht an's Sopha, auf dem ſie ſelbſt Platz nahm, während Emil ſie ver⸗ ſicherte, daß er gar nicht ermüdet wäre. „So— nicht?“ plauderte ſie weiter,„das begreifen ich nicht, ich könnte den Weg nicht zu Fuß machen. Letzthin ging ich nur bis Heimkirch zu Fuß und war zum Umfallen müde.“ „Ei,“ ſchaltete Emil ein. „Doch— Sie wiſſen wohl nicht, wie weit's von hier nach Heimkirch iſt?“ „Nein,“ betheuerte Mohl. Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 6 82 „O, etwa eine halbe Stunde. Nicht wahr, Mutter?“ „Aber Kind,“ ſchalt lächelnd die Mutter,„was plauderſt Du doch wieder für Schnickſchnack.“ Und zu Emil gewendet fuhr ſie, mit dem Ausdruck mütter⸗ lichen Stolzes in den Zügen, fort: „Meine Tochter Apollonia iſt nämlich noch das reinſte Kind.“ Ein zuſtimmendes Schmunzeln war Emil's Ant⸗ wort. „Indeſſen darf ich doch nicht vergeſſen, daß ich auch Hausfrau bin. Um wie viel Uhr iſt es Ihnen an⸗ genehm zu Abend zu eſſen?“ Emil wehrte ab:„O ich bitte, ich möchte um keinen Preis Sie in Ihrer Häuslichkeit ſtören—“ Apollonia lachte laut auf:„O, Sie glauben wohl, daß wir ſonſt nichts eſſen? Fehlgeſchoſſen, wir leben durchaus nicht von der Luft. Woher hätte ich denn ſonſt meine Backen, wenn nicht vom Eſſen?“ Auf die wiederholte Verſicherung des jungen Mannes, daß er gar, aber auch gar keine Wünſche habe, ſprach Frau Graf: „So will ich Sie bemuttern. Wir wollen dann ziemlich frühzeitig zu Abend eſſen, damit wir's nicht in Haſt abmachen müſſen und Sie dann noch zu guter Zeit zu Ihren Freunden kommen, die ſich ja doch heute Abend vollzählig im Vereinslokal verſammeln werden.“ Mit etwas geſenktem Köpfchen ſprach Fräulein Apollonia:„Ach ja ſo, es iſt wahr, Sie ſind ja eigentlich wegen der Turner gekommen.“ — —— —: 83 „Jetzt oder nie,“ tönte es in Emil,„jetzt muß ich ein Kompliment riskiren, ſonſt bin ich fürchterlich bla⸗ mirt,“ und mit einem Geſicht, wie wenn er Rhabarber verſchluckt hätte, ſprach er zu Apollonia: „Das Gute muß dem Beſſeren weichen.“ Dieſe belohnte den jungen Mann mit einer vollen Breitſeite aus ihren Augenbatterieen, die in Emil's Herz eine Breſche ſchoſſen, die keinem ernſtlichen Sturm mehr Widerſtand leiſten konnte. Mutter Graf begriff, daß ihre längere Anweſenheit juſt nicht nothwendig ſei und zog ſich mit der Ent⸗ ſchuldigung zurück, daß ſie nach der Küche ſehen müſſe. „Wenn Du erſt einmal verheirathet ſein wirſt, meine Tochter, ſo wirſt Du auch empfinden, daß eine Hausfrau immer nur zur Hälfte ihren Gäſten an⸗ gehört.“ „Ich will gar nicht heirathen,“ verſicherte mit kind⸗ lich klingendem Trotz Apollonia, während die Mutter hinausging. „Das wäre ſchade,“ ermuthigte Emil ſich zu äußern. „Ja, es iſt mir damit Ernſt,“ verſicherte Apollonia, „wozu auch? Wozu heirathet man? Um Sorgen zu haben. Ich lebe ja ſo ganz glücklich, ſo lange ich Apollonia Graf heiße, ich brauche keinen andern Namen;— wie heißen denn Sie?“ „Mohl, Emil Mohl.“ „Emil— das iſt ein hübſcher Name.“ „Dafür ſcheint Ihnen der Name„Mohl“ um ſo weniger zu gefallen.“ „Warum ſollte er nicht? Er iſt kurz und gut, er * 6* 4 hat das mit meinem Namen„Graf“ gemein. Nicht wahr? Ich könnte mich nie daran gewöhnen, einen langen Namen zu führen. Finden Sie das nicht komiſch?“ „Durchaus nicht,“ betheuerte Emil,„im Gegentheil, da ich ſo glücklich bin, um keinen Buchſtaben mehr in meinen Namen zu haben, wie Sie in dem Ihrigen.“ „Das iſt wahr, jeder hat vier Buchſtaben und wenn ich meinen Vornamen Apollonia in Loni ab⸗ kürze, ſo haben unſere beiden Vornamen jeder auch vier Buchſtaben. Das— iſt—— nett.“ „Sie ſagen das ſo nachdenklich, mein Fräulein.“ „Weil ich mich frage, ob das bloßer Zufall iſt.“ „Und wenn's nicht ſo wäre?“ „Bah,“ ſprach Apollonia und ſchüttelte den Kopf, „ſprechen wir von etwas Anderem.“ Emil war noch unerfahren genug, dieſer Auffor⸗ derung nachzukommen. Apollonia nahm ſich vor, eine ſolche Aufforderung nicht zum zweitenmale an Mohl zu richten, er war ihr in dieſem Punkte gar zu folgſam. „Wie lange werden Sie denn hier bleiben?“ frug nach einer Weile Apollonia den ſtumm daſitzenden Gaſt. „Bis übermorgen Vormittag werde ich Ihnen ſchon läſtig fallen,“ entgegnete der Gefragte. „O pfui,“ maulte Apollonia,„wie können Sie ſolche Phraſen in den Mund nehmen, wie läſtig fallen?“ Ueberlaſſen Sie doch ſolche Redensarten uns Kleinſtädtern, die wir dafür bekannt ſind.“ „Sie ſind zu gütig.“ — * „Zu gütig? Daß ich uns Kleinſtädter ſchlecht mache?“ „Nicht doch, mein Fräulein, Sie haben mich ſchon verſtanden; zu gütig, daß Sie nichts von Beläſtigung durch meinen Beſuch hören wollen.“ „Nein; ſehen Sie, ich bin gar ſchrecklich aufrichtig und habe immer das Herz auf der Zunge.“ „Das iſt ſehr angenehm für Ihre Umgebung.“ „Glauben Sie? Nun für Sie in dieſem Augenblick jedenfalls, denn ich bekenne Ihnen, Ihr Beſuch freut mich und ich bedaure nur, daß Sie ſchon ſo bald wieder weggehen wollen.“ „Ich werde es jedenfalls noch mehr beklagen, aber ich habe nur über die Dauer des Turnfeſtes Urlaub und muß Dienſtag früh wieder auf dem Bureau ſein.“ „Bureau? Auf welchem Bureau?“ fragte Apollonia, die die günſtige Gelegenheit über die ſociale Stellung des Gaſtes etwas zu erfahren, nicht unausgenützt vor⸗ übergehen laſſen mochte. „Auf dem Bureau des Stadtgerichtes, wo ich be⸗ ſchäftigt bin.“ „Ah ſo, Sie ſind alſo Beamter?“ forſchte Appollonia weiter. Schwere Gewiſſensfrage! Konnte Emil zugeſtehen, daß er nichts weiter ſei als ein gewöhnlicher Tag⸗ ſchreiber? Mußte er nicht fürchten, mit dieſem Ge⸗ ſtändniß die Freundlichkeit zu zerſtören, die ihm hier entgegengebracht wurde? Und war eine kleine Noth⸗ lüge denn etwas ſo Uebles? In zwei Tagen zog er wieder ſeines Weges und Alles war dann wieder beim 86 Alten. Apollonia hatte ihm ja den Ausweg ſo nahe gelegt; er hatte ja nur nöthig, ihre aufgeworfene Frage, ob er Beamter ſei, zu bejahen. Und Emil that ſo. „Ja.“ Es klang zwar etwas forcirt dieſes Wort, aber es war heraus. Und konnte er ſich nicht ſtatt „Schreiber“, den ſchöner klingenden Titel„Diurniſt“ beilegen? Und war die Anſtellung als Schreiber nicht auch die Uebertragung eines Amtes? Emil fand ſchließ⸗ lich, daß er mit ſeinem„Ja“ eigentlich nur die Wahr⸗ heit geſagt und bald war ſein Gewiſſen über dieſen Punkt beruhigt. Fräulein Apollonia Graf fand jetzt den Gaſt noch viel intereſſanter, wie vorher. Ein„Beamter“ war er alſo? Sonach der Inbegriff aller Wünſche einer Klein⸗ ſtädterin. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß ein Be⸗ amter wie Emil Mohl eine große Carrisre vor ſich habe. Mit einem ſo hübſchen Oval, braunem leicht⸗ gelocktem Haar, dem allerliebſten Bartanflug auf den Oberlippen, dem heiteren offenen Lächeln um Augen und Mund, der elaſtiſchen Geſtalt, der ſogar die ſchmuck⸗ loſe Turnjacke gut ließ, konnte man— das war Apol- lonia's feſte Ueberzeugung— nur als Miniſter enden. Und ſie ſah im Geiſte ſchon, wie ſich alle Lindenheimer Beamten, an ihrer Spitze ſogar der Herr Bezirks⸗ amtmann ſelber, vor ihm, vor Emil Mohl beugten und wie ſie, dann nicht mehr Apollonia Graf, ſondern Apollonia Mohl oder Apollonia von Mohl, proklamirte: Das Alles habe ich vorhergeſehen! Zur gewohnten Stunde des Abendeſſens kam auc Herr Chorregent Graf nach Hauſe. Der lange, ſchwarz r 5—— 87 gekleidete Mann mit dem grauen glattgebürſtetem Haupt⸗ haar, dem kahl raſirten Geſicht von ſehr geſunder Farbe machte halb den Eindruck eines Jüngers der Themis, halb eines Geiſtlichen, wozu namentlich die altmodiſche dicke weiße Halsbinde, in die ſich Herrn Graf's Kinn vergrub, das ihrige beitrug. Der Herr Regent hatte zu Hauſe ein gar kleines Regiment, hier regierte Frau Graf, die hinwiederum, wie der Leſer bereits weiß, von Fräulein Apollonia regiert wurde. Aber Herr Graf war im Umgang ein gar leicht zu nehmender Mann, der keine anderen Verſchrobenheiten hatte, wie diejenigen leicht zu ertragenden waren, welche ſein Stand mit ſich brachte und wozu z. B. gehörte, daß er ohne in ſeinem kleinen Neſte mit den Schöpfungen der Gegen⸗ wart auf dem Laufenden zu ſein, ein ebenſo glühender Verehrer der alten, wie gründlicher Haſſer der modernen Meiſter war und mit ſeiner beſcheidenen Kapelle regel— mäßig die ſchwierigſten Stücke zur Ausführung wählte, mit Schönheiten, die außer ihm allen übrigen Hörern unverſtändlich blieben.— In den Augen Emil Mohl's paßte der Hausherr gar nicht in den Rahmen dieſes Hausweſens, Herrn Graf fand er ſich näher, wie ſei⸗ nen beiden Damen; da aber dieſe, wie wir geſehen haben, Alles aufboten, um es dem Gaſte recht behag⸗ lich zu machen, ſo war es kein Wunder, wenn Emil Mohl ſich während des Abendeſſens in der Familie ſeines neugewonnenen Gaſtfreundes ganz wie zu Hauſe fühlte und am Allerliebſten darauf verzichtet hätte, heute noch mit den verſchiedenen Turnbrüdern im Vereins⸗ lokale zuſammenzutreffen. ——y— — Aber die Turnjacke legt ſo gut Pflichten auf, wie der geſtickte Frack des Staatsminiſters. Emil Mohl mußte ſich endlich losreißen. Als er ſich von ſeinem 17 Stuhl erhob nahm ihn Apollonia, neben welcher er geſeſſen hatte, zur Seite und flüſterte ihm zu: „Wenn Sie bald heimkommen, ſo ſollen Sie noch eine Ueberraſchung finden.“ „Ich brenne ſo bald als möglich durch,“ ve erſicherte heimlich der glückliche Turner. Ein verſtohlener Händedruck war die Antwort Apollonia's, Emil hätte am Liebſten vor Entzücken einen Saltomortale geſchlagen. Wie entſetzlich nichtig erſchien ihm doch nach dem Erfahrenen das Treiben im Vereinslokal der Linden⸗ heimer Turner. Er war jedenfalls einer der Letzten, welche ſich einfanden und Herr Turnvorſtand Wacker empfing ihn mit einem verſtändnißinnigen: „ Aha,“ als er ihm das Feſtzeichen— einen ſchwarz⸗ weißrothen Bändel mit dem aufgedruckten Datum und der Ueberſchrift„Lindenheimer Turnfahnenweihe“ einhändigte, eine Vertraulichkeit, welche Emil eigentlich ein wenig verletzte, denn bekanntlich iſt man in jungen Jahren im Beginn einer Liebſchaft noch höchſt empfindlich. Im Uebrigen bot das Vereinslokal der Linden⸗ heimer Turner heute Abend einen gar ſchmucken An⸗ blick dar, denn alle die Fahnen der auswärtigen be dem Feſte vertretenen Turnvereine waren dari un gebracht, Laubgewinde und Kränze aus Blätter ſchlangen ſich längs der Wände hin und Alle dethan worden, um den Willkomm der Gäſte zu in — war offenbar das Opfer der beamtiſchen Redſet gkeit. möglichſt kreundlichen zu machen. Unaufhörlich kreiſten Zmit Vier gefüllte Hörner um die Tiſche als Eintritts⸗ gruß, den die Lindenheimer ihren Gäſten darbrachten, und ähnkich ſo wie Hauff in ſeinem„Lichtenſtein“ er⸗ zählt, daß beim Feſtmahl im Ulmer Rathhaus zwei ortige Rathsherren von Gaſt zu Gaſt gegangen ſeien, um zum Eſſen zu„nöthigen“, ſo gingen Lindenheimer Turner mit den Trinkhörnern von Einem zum Andern, jeden einzeln zum Beſcheidtrinken aufzufordern, wobei die„Nöthiger“ ſich aber nur der turnſacramentalen Formel:„Gut Heil“ zu bedienen pflegten. Die„Ge⸗ nöthigten“ nahmen ihrerſeits ebenfalls mit einem„Gut das Horn zur Hand, tranken daraus und gaben ann wieder mit einem„Gut Heil“ zurück, ſo daß im Verlauf des Abends das nun ſchon zu oft grnan Wort viele tauſend Mal geſprochen wurde.— Kein Franzoſe iſt im Stande ſein„Monsieur“ und„Madames ſo oft anzuwenden— trotzdem ſie darin das Unglaub⸗ lichſte zu leiſten vermögen—, wie ein deutſcher Turner ſeinen Turngruß. Emil Mohl trug namentlich Sorge, daß er von allen ſeinen Bekannten geſehen wurde, um ein Alibi zu haben, wenn er bald durchginge. Als hauptſtädtiſcher Turner hatte er natürlich ein beſonderes Augenmerk auf den Redacteur Herrn Cäſar Hohl. Dieſer ſaß mit einem unſauber gekleideten Herrn, der eine Be⸗ amtenmütze auf dem Kopfe trug, in einer Ecke und Emil beobachtete das allerdings komiſch genug ansſehende Paar. Beide waren ſie klei 90 bei Herrn Cäſar Hohl hatte die geiſtige Anſtrengung des journaliſtiſchen Weltbeglückens dieſelbe Wirkung wie Schweinefett: ſie mäſtete ihn—, auf Hohl's Kopf ſpiegelte ſich die Verzweiflung, dem Nebenmann und ſeinem Geſchwätz nicht entrinnen zu können, ab, von Zeit zu Zeit fuhr er ſich mit der Hand über das fettig aufgeſchwemmte Geſicht mit den ſparſamen Bartſtoppeln, oder er krabbelte ſich in den kurzgeſchnittenen aſch⸗ blonden Haupthaaren, daß dieſe als Zeichen des Ent⸗ ſetzens ihres Beſitzers in die Höhe ſtanden; der Andere da⸗ gegen, der Herr Bauaſſiſtent Grünbein, war das Wider⸗ ſpiel der verzweiflungsvollen Reſignation Hohl's. An Grünbein lebte Alles, die dunkeln Haare flogen, nur wenig gebändigt durch die Uniformsmütze, um den nichtgewaſchenen Kopf, die Nüſtern bewegten ſich regel⸗ mäßig wie Fiſchkiemen und die Spuren des Eſſens, Trinkens und Sprechens waren ungetilgt auf ſeinem ungeordneten Barte ſichtbar. Ein ſolcher Feſttag, wie heute, war dem Herrn Bauaſſiſtent wohl noch nie ge⸗ worden; er lag nämlich Cäſar'n mit ſeinen Verbeſſerungs⸗ plänen in den Ohren, ſuchte dem Redacteur begreiflich zu machen, von welcher enormen Wichtigkeit für die Welt es wäre, wenn eine Reihe eingehender Artikel die Gebrechen im Staatsbauweſen behandle, insbeſon⸗ dere die ſchlimme Stellung, in welcher ſich das expo⸗ nirte Perſonal befinde, und hätte am liebſten aus Hohl herausgeſchwatzt, daß dieſer ihm plein pouvoir gegeben hätte, ſein hauptſtädtiſches Annoncenblättchen als Ablagerungsort für Grünbein'ſche Stylübungen zu gebrauchen. Wie ein rettender Engel erſchien daher 2 — 4 3 4 91 Emil dem geplagten Redacteur. Er winkte ihn heran und unterbrach ſo den Redeſchwall des Bauaſſiſtenten, der zwar im erſten Augenblicke gar nicht gewillt war wegen eines Turners ſein Geſpräch abzubrechen, er, ein königlicher Beamter mit der Uniformsmütze auf dem Kopfe, der ſich herabließ Turner auf ihrer Kneipe zu beſuchen, aber Herr Cäſar Hohl kümmerte ſich nicht um das Weiterreden Grünbein's, ſondern frug Emil nach Dieſem und Jenem, bis er am Eingang des Kneiplokals die hagere greiſe Geſtalt des Doctor Rappel erſcheinen ſah, dem Cäſar Hohl raſch entgegen ging. Emil Mohl wollte ſich eben auch von dem Platze bei Grünbein entfernen, als dieſer ihn fragte: „Sagen Sie'mal, warum ſprachen Sie denn ſo abſichtlich laut mit Herrn Hohl?“ Erſtaunt antwortete Mohl:„Nun, Sie haben ſich ja doch ſelber mit ihm unterhalten, als ich herantrat, da müſſen Sie ja doch wiſſen, daß er ſchwerhörig iſt.“ Des Herrn Bauaſſiſtenten Grünbein innere Wuth hatte keine Grenzen; ſo hatte er alſo aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach ſeine ganze Beredtſamkeit nutzlos aufgewendet und Alles, was er dem Redacteur geſagt zu haben glaubte, in den Wind geſprochen. Er über⸗ legte, ob er für dieſe ihm angethane Beleidigung nicht eine Klage wegen Amtsehrverletzung anſtrengen könne, nachdem er doch ſeine Dienſtmütze auf dem Kopfe gehabt. Wüthend verließ er das Lokal, in dem man ſo wenig das Glück zu ſchätzen wußte, einen königlichen Beamten zu Gaſt zu haben, und vergaß darüber ſein genoſſenes Bier zu bezahlen. A Es war höchſtens eine Stunde vergangen, ſeitdem Emil Mohl ſein Quartier in der Graf'ſchen Familie verlaſſen, als er ſchon wieder an der Wohnung des Chorregenten läutete. Fränzi ließ ihn mit dummem Glotzen ein, aber Apollonia, welche auf das Läuten ſchnell herbeigeeilt war, empfing ihn unter der Salonthüre mit freund⸗ lichem Gruße. „Schon?“ ſagte ſie, ihm zunickend. „Haben Sie daran gezweifelt, daß ich drüben mich bald losmachen würde?“ gegenfragte Emil. „Nein,“ betheuerte Apollonia, fügte aber erläuternd bei,„Sie hatten ja ſo geſagt.“ Fräulein Graf führte aber ihren Gaſt nicht in den Salon, ſondern durch dieſen hindurch nach der er⸗ leuchteten Wohnſtube. Natürlich nur in Rückſicht auf den fatalen Umſtand, daß im Salon kein Licht brannte, Emil Mohl aber im Hauſe noch nicht recht Beſcheid wußte, mußte Apollonia ſich entſchließen, ihrem Gaſte als Führer zu dienen und ihm zu dieſem Ende die Hand zu geben. Zwar war der Weg, den die Beiden ſo zurückzulegen hatten nur wenige Schritte, aber— im Dunkeln muß man doch vorſichtig ſein, darum kann man ſich nicht allzuſehr eilen. So dicht aneinander geſchmiegt, wie die ſiameſiſchen Zwillinge, gingen Emil und Apollonia, er hörte und fühlte das Klopfen in ſeiner Führerin Bruſt und fand ſich wie im Bann unter dem Druck ihrer weichen, warmen Hand. Im Wohnzimmer war Mutter Graf mit den letzten Zurüſtungen zu einem kleinen Familienpunſch be⸗ —— 93 ſchäftigt. Das alſo war die Ueberraſchung, die Apollonia dem jungen Manne verſprochen hatte, wenn er bald nach Hauſe zurückkehren würde.— Auch die würdige Dame des Hauſes begrüßte Emil freundlich mit zugeſpitztem Munde, indem ſie ſich entſchuldigte, daß ſie ihm keine Hand reiche, allein ſie habe eben erſt Südfrüchte gepreßt. Dabei wirthſchaftete ſie emſig in der Bowle umher und überließ es der Tochter die Honneurs des Hauſes zu machen. Der Herr Chorregent war unſichtbar. Emil er⸗ kundigte ſich nach ihm. „O, der iſt Abends nie zu Hauſe,“ antwortete leichthin die Tochter,„er iſt daran gewöhnt, Abends ſeine regelmäßige Geſellſchaft aufzuſuchen und kommt davon ſelten oder nie nach Hauſe, vor nicht im Wirths⸗ haus Kehraus gemacht wird.“ „Alſo werden wir ihn heute Abend nicht ſehen?“ fragte Emil. Apollonia antwortete nur: „Nein!“ aber was für ein„Nein“ war das. Um es zur richtigen Geltung zu bringen, leitete ſie es zu⸗ erſt mit einer kleinen Pauſe ein, dann aber warf ſie es dem jungen erregten Manne mit einem derartig fascinirenden Blicke zu, daß dieſem faſt der Athem verging; Frau Graf fuhr ruhig fort in der Punſch⸗ bowle zu rühren. Es war recht gemüthlich in der Stube. Als end⸗ lich Frau Graf mit ihren Zurüſtungen zu Ende war und das überflüſſige Geſchirr, deſſen ſie zur Punſch⸗ bereitung bedurft hatte, weggeräumt war, gewann der 94 Tiſch ein einladendes Ausſehen. Da ſtand die Punſch⸗ bowle mit ihrem duftigen, dampfenden Inhalt—(daß zwei Stunden vorher die Bowle als Suppenterrine beim Abendbrod figurirt hatte, entging Emil's Beob⸗ achtung natürlich), eine Petroleumlampe verbreitete auf dem Tiſche gerade hinreichend Helle, um die zur Füllung beſtimmten Gläſer und einen friſchgebackenen Kuchen zu beleuchten, während ein der Lampenglocke übergeſtülpter Lampenſchirm ein röthlichſchimmerndes Halbdunkel über alle entfernteren Gegenſtände, ein⸗ ſchließlich der Perſonen, ſchuf, ſo daß man ſich heimiſch fühlen mußte. Frau Graf konnte natürlich ſich nicht enthalten, wieder die Thatſache zu quittiren, daß ſie eine regel⸗ rechte Kleinſtädterin ſei; ſie unterließ darum nicht, Bemerkungen zu machen des Inhalts, daß ihr Gaſt eben ſo vorlieb nehmen müſſe, wie's ihm geboten werde, er möge eben nachſichtig bedenken, daß ſie in einem kleinen Städtchen ſeien und nicht in der Hauptſtadt und was dergleichen abgeblaßte Redensarten mehr ſind, bei deren Anhörung man wirklich in Verlegenheit kommt, da es unmöglich iſt, auf ſie etwas Anderes, als eine Ungezogenheit oder eine Dummheit zu er⸗ widern. Während die kleine Geſellſchaft ihren Punſch trank, verlor aber Frau Graf ihre mütterliche Berufspflicht nicht gänzlich außer Augen; ſie genügte ihr in zwei Richtungen,— einmal inſofern, als ſie nach Thun⸗ lichkeit jede Bemerkung ſich aufmerkſam hinter die Ohren ſchrieb, die Emil Mohl über ſeine perſönlichen —— 4 95 Verhältniſſe im Laufe der Unterhaltung von ſich gab, dann aber auch inſofern, als ſie das Licht ihrer Tochter leuchten ließ. Frau Graf verſicherte dem jungen Manne, daß ihre Tochter Apollonia ſchon oft hätte heirathen können, wenn ſie nur gewollt hätte, daß ſie aber ſich ſo ſchwer entſchlöſſe ihre Eltern zu verlaſſen, obwohl es nun doch einmal werde nöthig ſein, daß aber kein Mann eine beſſere Parthie machen könne, wie der, der ihre Tochter heimführe, denn in Allem, aber gar Allem war Apollonia Meiſterin, ja übertraf in manchen Dingen — man höre!— ſogar die eigene Mutter.— Wäre Emil nicht noch gar zu unerfahren in Bezug auf die Manöver einer kuppelnden Mutter geweſen, er hätte augenblicklich die plumpe Schlinge gemerkt, die ihm von Frau Graf übergeworfen werden ſollte; bis jetzt aber hatte ſich noch Niemand der unfruchtbaren Mühe unterzogen, den bedeutungsloſen Tagſchreiber zum Schwiegerſohn angeln zu wollen und ſo durch⸗ ſchaute auch Emil das Spiel nicht, welches die würdige Kuppelmutter Graf vor ihm auskramte. Apollonia hatte allerdings wiederholt verſucht, den Redeſtrom der Mutter zu ſtauen, aber ſo lange ohne Erfolg, als Frau Graf noch etwas auf dem Herzen hatte, was einem Lobe ihrer Tochter gleichkam. Auch hernach noch führte Mutter Regent größtentheils die Unter⸗ haltung. Seitdem der Punſch ſeine Schuldigkeit ge⸗ than, ging Frau Graf's Mundwerk wie eine Vogel⸗ klapper bei Sturmwind. Die würdige Dame hatte nämlich die Gewohnheit, ſo ziemlich an Niemand ein gutes Haar zu laſſen, aber jederzeit zu behaupten, daß ſie ſich um keinen Nebenmenſchen kümmere. Es war eine ſtehende Redensart dieſer Klatſchſchweſter: wir ſind nicht die Leute, das oder jenes zu ſagen oder zu thun,— aber kein fremdes Dienſtmädchen, keine Wäſcherin oder Tagelöhnerin war ſicher vor einem Geſpräch mit Frau Graf, woraus dieſe Material ſammelte für nächſtenliebende Urtheile ihrer Umgebung. Mit einem Worte: Frau Graf war der volle Typus einer deutſchen Hausfrau und Mutter;— Gott gebe Gnade!— Die Punſchparthie war offenbar ohne Wiſſen des Hausvaters arrangirt worden, denn als die Stunde herannahte, zu der man allenfalls die Rückkehr des Herrn Regent aus dem Wirthshauſe erwarten konnte, begann Mutter Graf mit der Wegräumung der ge⸗ brauchten Gefäße und Kuchenteller. Emil war das um deswillen erwünſcht, weil er dadurch Gelegenheit bekam, mit Apollonia ſprechen zu können, eine Er⸗ wartung, welche ſich bis jetzt während des ganzen Abends noch nicht verwirklicht hatte. Freilich— was ſollte er denn eigentlich ſprechen? Seine Verlegenheit, was er zu Apollonia ſagen ſolle und dürfe, war groß; über gleichgültige Dinge ein Geſpräch anzuknüpfen, ſchien ihm gefährlich, denn leicht hätte ſeine ſchöne Nachbarin— mit dem Beginn des Tiſchabräumens hatte Emil neben Apollonia Platz auf dem Sopha genommen, natürlich nur, um Mutter Graf nicht in Ausübung ihrer Wirthſchaftlichkeit zu ſtören— daraus den Schluß ziehen mögen, als ob er einen Ausweg ſuche, um die Unterhaltung zu ver⸗ — —— — ——— 6 †4 5 97 flachen. Das Geſpräch aber ſo, wie er es wünſchte, gleich in ein pikantes Rinnſal zu leiten, war er ge⸗ ſellſchaftlich nicht gewandt genug und ſo debutirte denn der ſchüchterne Turner mit einer Pauſe. Auch Fräulein Apollonia ſchwieg, ſchwieg mit Oſten⸗ tation. Das naive plauderhafte Mädchen des Nach⸗ mittags hatte jetzt eine elegiſche Stimmung angenom⸗ men; Apollonia ſah aus, als ob ſie im nächſten Mo⸗ ment beginnen würde, irgend ein ſentimentales Welt⸗ ſchmerzgedicht zu deklamiren. Die Bruſt wogte hörbar auf und ab und wie gebannt ſchauten die halbgeſenkten Augen nach der Zimmerecke. Dem unerfahrenen, jungen Mann wurde ganz beklommen zu Muthe, er fühlte, daß er ſprechen müſſe und war doch vollſtändig un⸗ vermögend, es zu thun. Ein ſchwerer Seufzer entrang ſich der Bruſt Apollonia's. „Was iſt Ihnen, Fräulein?“ wagte Emil zu fragen. Keine Antwort. „Iſt Ihnen unwohl?“ Daſſelbe negirende Schütteln. „Dieſer tiefe Seufzer deutet darauf hin, daß Sie Schmerz empfinden,— was kann Ihnen denn Linde⸗ rung verſchaffen?“ Apollonia ſah, den Kopf langſam wendend, gegen den Sprechenden, betrachtete ihn eine kurze Weile und ant⸗ wortete dann mit einem wehmüthigen Lächeln:„Nichts.“ Emil geſtand ſich, daß er entweder ein Dummkopf ſei oder daß ſeine Nachbarin ihn zum Beſten halten müſſe, denn er begriff von Allem kein Wort. Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 7 98 „Sollte ich Sie beleidigt haben?“ forſchte er, theil— weiſe in der Hoffnung durch Apollonia's Antwort etwas Licht zu erhalten, theils aber auch lediglich nur, um überhaupt etwas zu ſagen. Apollonia's Kopfſchütteln beruhigte ihn über ſeine Frage. „Was verſteht, ein Mann von den Empfindungen eines weiblichen Herzens,“ perorirte, anſcheinend zu ſich ſelber, Fräulein Graf. Sn war ſo muthig zu antworten: „Jedenfalls ſo viel, als man ihm anzuvertrauen für gut findet.“ „Die Empfindungen eines weiblichen Herzens ver⸗ lieren an ihrem Gehalt, ſobald ſie ſich in Worte klei⸗ den müſſen,“ docirte Fräulein Graf weiter, welche aus Coutelle's„Pharus am Meer des Lebens“ einen klei⸗ nen Vorrath an Citaten ſich angeſchafft hatte, um ſie zu paſſender Zeit paſſend oder unpaſſend zu verwenden. „Sie machen mich recht traurig, Fräulein“ klagte Emil.„Ich kann mir nicht verhehlen, daß der raſche und bedauerliche Uebergang in Ihrer Stimmung mit mir und meiner Perſon irgendwie zuſammenhängt und weiß durchaus nicht, wie ich mich vergangen habe. Jedenfalls aber ſchwöre ich's Ihnen zu, daß mich der Gedanke, Sie beleidigt zu haben, ſehr ſchmerzt.“ Dieſe offene, ehrliche Rede Emil's hätte wohl eine Erklärung Apollonia's verdient, aber ſtatt einer ſolchen begnügte ſie ſich ihm zu ſagen: „Sie verſtehen mich ja doch nicht.“ „Gewiß werd' ich's lernen, Sie zu verſtehen,— — * — —— 3 —=— 99. haben Sie nur ein klein wenig Nachſicht mit mir als Schüler.“. „Und wenn Sie mich verſtünden, ſo wäre ich viel⸗ leicht noch mehr zu bedauern wie jetzt;— es iſt eine gar böſe Kluft, die Kluft zwiſchen dem jungen Mann aus der Hauptſtadt und dem unerfahrenen Mädchen der Provinz.“ „O Sie ſehen Schatten, wo keine ſind, Fräulein.“ Apollonia hörte in dieſem Augenblicke das Dröhnen der großen Hausthüre, welche zugeſchlagen und wieder verſchloſſen wurde. Sie erkannte an der Art und Weiſe, wie das geſchah, daß ihr Vater heimkehre, daß alſo ihr téte-à-téte ſogleich zu Ende war; ſie hatte nur noch ſo viel Zeit, als der Herr Regent brauchte, die Stufen nach ſeiner Wohnung heraufzuſteigen und den Corridor entlang zu gehen. „Wollte Gott, Sie ſprächen wahr,“ antwortete ſie Emil. „Haben Sie ein Bischen Vertrauen zu mir,“ bat dieſer,„und ſagen Sie mir, was es iſt, was Sie heute Abend plötzlich drückte.“ Der Herr Regent mußte jeden Augenblick an der Wohnungsthüre ſein, die Zeit drängte. 1 „Und das fragen Sie noch?“ loderte Apollonia auf,„Mann ohne Herz, das frägſt Du? Fühlſt Du denn nicht, daß ich Dich liebe?“ Wie von ihren Gefühlen übermannt, bedeckte das vermuthlich d'runter erröthende Mädchen mit beiden Händen das Geſicht. Emil war wie vor den Kopf geſchlagen. Eine 1 1 ſolche Enthüllung mit ſolcher Sternſchnuppengeſchwin⸗ digkeit zugeſchleudert zu erhalten, war ihm denn doch zu unerwartet; es verſchlug ihm förmlich den Athem. In dieſem Augenblicke ſtocherte außen an der Gang⸗ thüre Herr Graf mit ſeinem Schlüſſel am Schloſſe herum. Emil faßte Apollonia's Hände, dieſelben vom Ge⸗ ſichte wegzuziehen. „Laſſen Sie mich,“ verſetzte ſie. „So war's nur ein böſer Scherz, was Sie eben mit mir getrieben?“ ſchmeichelte Emil. Herr Graf hatte inzwiſchen die Gangthüre geöffnet. „Ein Scherz?“ wiederholte Apollonia—„iſt das ein Scherz?“ und ſie erhob ſich, faßte Emil's Kopf zwiſchen ihre beide Hände und drückte ſeinen Lippen raſch mehrere herzhafte Küſſe auf. Dann wendete ſie ſich ſchnell der Zimmerthüre zu, die eine Sekunde ſpäter vom heimkehrenden Vater Graf geöffnet wurde. Fräulein Apollonia Graf allein ſagte dem Turn⸗ gaſte nicht mehr„Gute Nacht'“; als dieſer ſich von Vater und Mutter verabſchiedete hieß es, die Tochter habe ſich ſchon heimlich zu Bette begeben. —,— Fünftes Kapitel. Aur ein Geiger. Lindenheim beſitzt zwei Gaſthöfe,— eine große Anzahl von Wirthſchaften, Brauereien, Tafernen u. ſ. w. nicht gerechnet. Von dem einen dieſer Gaſthöfe,„zum Neger“ genannt, iſt bereits geſprochen worden. Der Leſer weiß, daß in ihm das gemeinſchaftliche Mittag⸗ eſſen der Turner am eigentlichen Feſttage eingenommen werden ſoll, der andere Gaſthof Lindenheims iſt„die Poſt“. Dieſer Gaſthof heißt nicht nur ſo, ſondern er iſt auch das Centrum des poſtaliſchen Verkehrs Linden⸗ heims mit der übrigen Welt. Zu ebener Erde links vom Hausthor befindet ſich das Poſtbureau, in dem ſich allabendlich bei Ankunft des Poſtwagens eine An⸗ zahl Herren aus der Honoratiorenwelt einfinden, theils um die wegen ihrer Zuverläſſigkeit bekannten und be⸗ rühmten Neuigkeiten der ihre Poſt abliefernden Con⸗ ducteure brühwarm zu erfahren, theils aber auch, um ihre Zeitungen ſo ſchnell als möglich in Empfang zu nehmen. Denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Herren Honoratioren Lindenheims durch die Bank ge⸗ waltige Politiker vor dem Herrn ſind. Und die po⸗ 102 litiſchen Partheiungen Lindenheims waren keineswegs ſo harmlos, wie vorſchnelle Leſer glauben können, im Gegentheil: die Gegenſätze ſpitzten ſich hier erſt recht ſchroff zu. Denn zwei Gewalten, beide herrſchſüchtig und beide gleich unberechtigt, ſtritten ſich mit alt⸗ teſtamentariſcher Unduldſamkeit um die politiſche Allein⸗ herrſchaft. Es iſt bereits am Eingange dieſer Erzäh⸗ lung davon Erwähnung gethan worden, welch' einen reichen Segen an Geiſtlichen, Klöſtern u. ſ. w., das kleine Lindenheim aufzuweiſen hatte. Wer irgendwie einen Begriff von der Art und Weiſe hat, wie der⸗ artige Klerikerſtellen ohne dazu gehörigen Seelſorge⸗ kreis entſtehen, begreift auch den Einfluß, den ſie auf gewiſſe Erwerbskreiſe haben. In früheren, wenn auch juſt nicht frömmeren, ſo doch frömmelnderen, Zeiten haben reiche Sterbende häufig geglaubt nicht beſſer für ihr Seelenheil ſorgen zu können, als indem ſie teſtamentariſch einen mehr oder minder großen Theil ihres Nachlaſſes zu Stiftungen eines„Benefiziums“ beſtimmten. Aus dem Zinserträgniß eines ſolchen Stiftungskapitals wurde nämlich ein eigener, meiſt kränklicher oder alter, Geiſtlicher beſoldet, deſſen ganze Berufspflicht in der Leſung einer beſtimmten Anzahl von Meſſen beſtand. Durch viele ſolcher Stiftungen beſaß Lindenheim ſonach eine große Summe von aus⸗ zuleihenden Stiftungs⸗Capitalien, welche von Grund⸗ beſitzern natürlich ſehr geſucht waren, denn nicht nur daß die Stiftungs⸗Capitalien zu einem mäßigen Zins⸗ fuß abgelaſſen wurden, hatten ſie auch den großen Vortheil, daß ſie„ruhig“ waren, der Schuldner alſo 103 nicht Gefahr lief, alle Zinszeit gewärtigen zu müſſen, daß ihm gekündet werde und Unannehmlichkeit oder Koſten erwachſen. Und da der Klerus ſelbſtverſtänd⸗ lich ein großes Wort über Regelung der Stiftungs⸗ Capitalien mitzureden hatte, ſo war das Intereſſe der Anweſensbeſitzer nach einem guten Einvernehmen mit der Geiſtlichkeit ein nur zu wohl begründetes. Da nun in der Politik— mag man immerhin von un⸗ reifen Theoretikern Gegentheiliges ſchwätzen hören— ſowohl der Staaten wie der Individuen das materielle Intereſſe den ſchließlichen Au sſchlag gibt, ſo iſt klar, daß der Klerus in Lindenheim unter der Bürgerſchaft einen ſtarken Anhang hatte.— Das war bis zum politiſchen Flegeljahr 1848 und über die Dauer der darauffolgenden Reaktionsperiode ganz geeignet, ein gutes Einvernehmen zwiſchen Klerus und Beamten zu begründen, denn damals ſtützte ſich der ſich bedroht wähnende Staat auf Klerus, Beamte und Militär gleichmäßig.— Dieſe drei Faktoren reichten ſich denn auch brüderlich die Hände, hinweg über die Köpfe der Bürger. Aber die Zeiten änderten ſich und mit ihnen die Verhältniſſe. Der Staat fand, daß ihn der Klerus als Stütze zu hindern beginne und fing an ſich dieſer Stütze entäußern zu wollen. Nicht ſo bald hatten die übrigen Factoren der Staatsunterſtützung— Be⸗ amte und Militär— dieſe Abſicht des Staates d. h. der Regierung(was in den Augen dieſer Leute ja identiſche Begriffe ſind), erkannt, als ſie mit pflicht⸗ ſchuldigem Gehorſam auf einmal die unumſtößliche Ueberzeugung gewannen, daß nur aus der Bekämpfung 104 des bisherigen Bundesgenoſſen Heil und Segen zu erwarten ſei. Auf einmal galt es in gewiſſen Kreiſen für ein Verbrechen, dem Klerus anders wie in aus⸗ geſprochener Feindſeligkeit gegenüberzuſtehen. Da es dem Erzähler nicht im Entfernteſten in den Sinn kommt, die Beamten in der Stadt Lindenheim eines Mangels an politiſcher Einſicht— was ja bei ihnen gleichbedeutend iſt mit Gehorſam gegen jeden obrig— keitlichen Wink— zu bezüchtigen, ſo verſteht ſich's von ſelbſt, daß die Beziehungen zwiſchen ihnen und der Geiſtlichkeit die denkbarſt ſchlechteſten waren, welche es nur geben konnte. Wo Zwei ſich balgen, lacht der Dritte. In gewiſſem Grade war im vorliegenden Falle dieſer lachende Dritte der Lindenheimer Turnverein. Aus einer Aeußerung Anna's, der Nichte des Herrn Benefiziaten Kölblich, die wir leider eine Weile aus den Augen verloren haben, wiſſen wir, wie ſich der Klerus Lindenheims zur Turnerei ſtellte. Es war eine ganz natürliche Conſequenz, daß in Folge deſſen die weltliche Obrigkeit dem Turnweſen hold war, un⸗ bekümmert darum, daß ſie daſſelbe noch vor wenigen Jahren auf's Härteſte verfolgt hatte. Dieſes Holdſein der Obrigkeit hatte ſogar einen thatſächlichen Ausdruck beim bevorſtehenden Feſte gefunden, indem der Herr Bezirksamtmann die Erlaubniß zu ertheilen ſo gnädig war, daß die Feſttribüne, die ſonſt nur zu dem ſchönen gZwecke aufgeſchlagen wurde, um von ihr herab bei kleinen landwirtſchaftlichen Gaufeſten die ſtärkſten Ochſen und größten Kohlköpfe zu prämiiren, bei dem feier⸗ lichen Akte der Fahnenweihe verwendet werde.— 105. Freilich eine weitere offizielle Betheiligung der Honoratioren bei dem Feſte war unmöglich im Hin⸗ blick auf die beamtlichen Standesrückſichten. Nach dieſer langen Einſchaltung, die aber zum Verſtändniß der Situation in Lindenheim nothwendig war, können wir das Poſtzimmer zu ebener Erde links verlaſſen, um noch zu erzählen, daß zu ebener Erde rechts ſich der Eingang in den Speiſeſaal des Gaſt⸗ hofes befand, von dem aber, weil er doch nur ſpärlich verwendet wurde, durch eingefügte Bretterwände meh⸗ rere Abtheilungen abgeſchlagen waren, die, gewiſſer⸗ maßen als für abonnirte Zirkel beſtimmt, angeſehen werden konnten, wenigſtens war mit verſchwindend kleiner Ausnahme in jedem dieſer kleinen Kabinete ſtets dieſelbe Geſellſchaft zu finden. Der Bürger wagte ſich nicht in das Honoratiorenſtübchen, der Beamte ließ ſich nicht herab, in's Bürgerſtübchen zu gehen; ſie ſchied die heilige Gewohnheit altvererbter Sitte. In den oberen Stockwerken befanden ſich ein Saal für Hochzeiten und ähnliche Feſte, einige Fremden⸗ zimmer mit erſchrecklich veralteter Meublirung und verſchiedene Räumlichkeiten, deren nähere Betrachtung ſich dem Fremden entzieht. Während Emil Mohl bei der gaſtfreundlichen Familie Graf beim Abendeſſen ſitzt, wackelt ſchwankend die alte gelbe Poſtkutſche mit den vor Alter, Staub und Gram „ grau gewordenen Lederblenden zum Stadtthor herein und der Poſtillon quälte ſich ab, ſeinem halsſtarrigen Poſthorne Töne zu entlocken, deren Hervorbringung dem 4 Schwager das Ausſehen eines Apoplektikers gibt. .4* 4* 106 Neugierig ſchaut der einzige Paſſagier des Poſt⸗ wagens— ein junger Mann mit leichtgekräuſeltem dunkelm Haupthaar und ſeidenweichem noch dünnem Vollbart aus dem geöffneten Wagenfenſter, ſeine dunkeln Augen glänzen luſtig beim Anblick der geſchmückten Häuſer und um den ohnedem wie es ſcheint des Lachens gewohnten Mund zuckte es vergnüglich. „Ei, es ſcheint, das alte Neſt hat ſich gerade mir zu Ehren herausgeputzt, wie ein Elternhaus, das die Wiederkehr eines verlorenen Sohnes feiert,“ ſchmunzelte er vor ſich hin,„ja, ja ein verlorener Sohn bin ich im Grunde auch, aber— wahr und wahrhaftig kein reuiger.“ Der Poſtwagen hatte endlich ſein Stöhnen, Aechzen und Stoßen eingeſtellt,— er hielt vor dem Gaſthof. Nur einige Neugierige ſtanden am Hausthor, aber Niemand erſchien, der ſich um den angekommenen Paſ⸗ ſagier gekümmert hätte. Der Conducteur ſtieg aus ſeinem Coupé heraus mit dem Briefbeutel in der Hand, der Poſtillon kletterte vom Bock herunter und begann die buglahmen Gäule auszuſchirren, die dann von ſelbſt um den Gaſthof herum nach den rückwärts gelegenen Ställen liefen; daran, daß ein Fremder mit angekom⸗ men ſei, dachte Niemand aus dem Gaſthof. Die Feſt⸗ feier hatte bereits ihren Theil beigetragen, die Leute confus zu machen. Der Angekommene war weit entfernt ungehalten über die ihm zu Theil werdende Vernachläſſigung zu ſein, im Gegentheil, es zuckte nur noch luſtiger um ſeine Mundwinkel, als er ſich ſelber den Schlag öff⸗ — ₰ — 107 nete und leicht herausſprang, ſich um ſeine Bagage und Handgepäck nicht weiter bekümmernd. Er trat ohne zu wählen ſogleich zur Speiſeſaalthüre hinein, woſelbſt ihn die Kellnerin mit etwas verwunderten Augen begaffte. Sie hatte auch alle Veranlaſſung dazu. Was in Lindenheim leibte und lebte, war ihr perſönlich bekannt, daß der Eintretende keiner der aus⸗ wärtigen Turner war, die heute im Städtchen herum⸗ flanirten, ſah ſie auch,— wer konnte er alſo ſein? Sihdür Jeae Der junge, elegant gekleidete Mann aber ließ dem Maul und Augen aufreißenden ſommerſproſſigen Gany⸗ med in Schürze und Haarzopf keine Zeit längere Be⸗ trachtungen anzuſtellen, ſondern gab der verdutzten Perſon den kurzen Beſcheid, ſeine Sachen aus dem Wagen zu holen und hereinzutragen. Der Wirth, oder wie er ſich lieber nennen hörte, der Herr Poſthalter, war natürlich in dieſem Augen⸗ blicke abweſend, er hatte im Poſtbureau mit dem Con⸗ ducteur zu thun. Dagegen war die Frau Poſthalterin in der Nähe und hörte den Auftrag, den der junge Mann der Kellnerin gab. In Folge deſſen ſah ſie ſich veranlaßt, ſich aus dem einen Verſchlag heraus⸗ zuwälzen und ſo behend als es ihre drei Centner Fleiſch geſtatteten, auf den Ankömmling zuzugehen. „Sie wollen nicht weiter reiſen?“ frug ſie, faſt be— fremdet, denn was konnte dieſer Fremde, der ſo gar nicht nach Commis-voyageur— und das war das Nonplusultra von Reiſenden, was die Frau Poſthal⸗ terin kannte— ausſah, in Lindenheim wollen? 108 „Nein, Madame,“ entgegnete der Gefragte artig, „ich will hier bleiben, ſogar hier bei Ihnen in Ihrem gewiß vortrefflichen Hotel, wenn Sie mir noch ein Stübchen anweiſen laſſen können.“ „Gewiß,“ verſicherte die geſchmeichelte Wirthin. „Ich fürchtete faſt, daß Sie mich wegweiſen würden.“ „Ei, und weshalb?“ „Ich ſah beim Hereinfahren die Häuſer ſo feſ ſtlich geſchmückt, daß ich annehmen mußte, es finde eine Feier ſtatt, welche gewiß viele Fremde herlocke und die C Gaſt⸗ höfe fülle.“ „O, was das betrifft,“ erläuterte, nicht ohne einige Geringſchätzung, die Wirthin,„die Gäſte, die da zu⸗ ſammen kommen, wohnen nicht auf der„Poſt,“ es ſind nur Turner, die morgen Fahnenweihe halten.“ „Ah, da komme ich ja gerade recht zu einem ver⸗ gnügten Tag,“ verſicherte der junge Mann. „Sie wollen alſo morgen noch nicht wieder ab⸗ reiſen?“ fragte neugieriger werdend die Hausfrau. „Nein, verehrteſte Frau Wirthin, ich will einige Zeit hier bleiben und wenn Sie darum ein Bischen Rückſicht auf mich nehmen und mir ein gutes Zimmer anweiſen laſſen wollen, ſo würden Sie mich verbinden. Der Hausknecht kann ja wohl meine Bagage in's Zimmer hinauftragen, iht dunbe 2* So höflich der junge Mann das auch ſagte, ſo gab er damit doch unverkennbar zu verſtehen, daß er gerade nicht geneigt ſei, noch ein längeres Zwiegeſpräch zu unterhalten. Es war die Stunde des Abendeſſens, welche in ————— kleineren Städten ziemlich früh zu fallen pflegt. Der Fremde ſah ſich in dem Lokale um, wohin er ſich denn eigentlich ſetzen ſolle und da ihm in einem der kleinen Abtheilungen ein Plätzchen auf dem vor dem einzigen Fenſter des Stübchens ſtehenden ſchwarzledernen Sopha am gemüthlichſten erſchien, ſo nahm er davon Beſitz. An den Wänden hingen einige Rehgeweihe, Pfeifen mit Tabaksbeuteln, ein Kalender und in Stäbe ge⸗ klemmte alte Zeitungen aus der nächſten Stadt. Kein Zweifel, er befand ſich im Honoratiorenſtübchen. Ob der Fremde die heiligen Geſetze kannte, kraft welcher es nur Standeszugehörigen ex officio geſtattet werden ſollte, hier ungeprüft einzutreten, iſt mit Genauigkeit nicht feſtzuſtellen, jedenfalls kümmerte er ſich um ſolche Gewohnheiten nicht, denn als die rückkehrende Kellnerin ihn ganz erſtaunt fragte, ob er denn hier im Stüb⸗ chen ſitzen bleiben wolle, ſchnitt er jede mögliche weitere Einwendung mit der beſtimmten Erklärung ab, daß es ihm hier ganz gut gefalle und daß er keinen anderen Wunſch habe, als möglichſt bald ein thunlichſt gutes Abendeſſen zu erhalten, denn er ſei ſehr hungrig. In der Zeit, als ſich der Fremde im Speiſezimmer zurechtſetzte, hatten die Herren des Städtchens, welche im Poſtbureau das Eintreffen des Poſtwagens erwartet hatten, ihre Zeitungen in Empfang genommen und kamen nach und nach zum gewohnten Abendtrunk in ihr Stübchen. Die Unvermählten— alſo Jüngeren— kamen natürlich zuerſt, da ſie im Gaſthaus aßen, während die Aelteren, in Amts⸗ und Familienwürden Ergrauten, erſt nach zu Pauſe eingenommenem Abend⸗ 0 110 brod einzutreffen pflegten. Zur größten, unausſprech⸗ lichſten Ueberraſchung der Herren fanden ſie im Stüb⸗ chen einen Fremden, einen Uebekannten, der ſich's da bequem gemacht hatte und— crimen laesae majesta- tis— ſogar den Platz einzunehmen wagte, den ſonſt der Herr Bezirksamtmann inne hatte, wenn er ſich herabließ, Abends in Geſellſchaft„ſeiner Beamten“ ein und ein halbes Glas Bier zu trinken. Als die eintretenden Lindenheimer Herren mit ver⸗ letzender Unhöflichkeit den Fremden anſtierten, fand dieſer ſich durchaus nicht mehr bewogen irgendwie ein Zeichen von Entgegenkommen an den Tag zu legen, im Gegentheil, auch er knöpfte ſein Inneres von unten bis oben zu und war bald gerüſtet, jede directe Un⸗ höflichkeit mit anderthalb Aeußerungen von Hochmuth zurückzugeben. Die auf morgen bevorſtehende Fahnenweihe war für Lindenheim ein zu gewichtiges Ereigniß, als daß es nicht von den Bewohnern des Städtchens, bis zu den oberſten Spitzen hinauf, gründlich durchzuſprechen geweſen wäre und ſo kam es, daß die Stammgäſte der„Poſt“ heute nicht nur faſt vollzählig, ſondern auch früher wie gewöhnlich eintrafen. Das war ein Be⸗ grüßen und Stühlerücken ſo oft ein neuer zur Kaſte gehöriger Gaſt eintrat. Dem Fremden wurde es ganz ſchwindlig vor lauter Titulaturen, die da hin und he flogen und ohne welche keiner der Herren den anderen anſprach. Und wenn aus den Titulaturen allein für Uneingeweihte auch nicht erkenntlich war, in welcher Rangſtufe der einzelne Ankömmling ſtehe, ſo hatte 8 4 man nur zu beobachten nöthig, wie ſich demſelben gegenüber die bereits anweſenden Gäſte verhielten. War der Ankommende höher im Rang, ſo ſtand der bereits eingetroffen geweſene Gaſt pflichtſchuldig auf und beeilte ſich womöglich zuerſt zu grüßen, war das Verhältniß umgekehrt, ſo blieb der Erſtgekommene un⸗ verrückt auf ſeinem Stuhle ſitzen und nahm vom Später⸗ kommenden erſt dann Notiz, ſobald dieſer ihn mit einem 0 ſpeziellen Gruße angeſprochen hatte. Die Geſetze der Etikette konnten in China nicht heiliger gehalten werden. Ein alter Bezirksamtsaſſeſſor, der ſich ſchon ſeit einer Reihe von Jahren jüngeren Collegen im Avance⸗ ment vorgezogen fand und darum widerwärtig war wie ein Hökerweib, dem man die Obſtkörbe umgeſtoßen, hatte ſich ſchon lange über den anweſenden Fremden geärgert. Wenn nämlich der Herr Bezirksamtmann nicht in der Geſellſchaft war, ſo pflegten der Herr Rentbeamte und eben der erwähnte präterirte Aſſeſſor Beſitz von dem ſchwarzen Sopha zu nehmen, auf dem der Eindringling jetzt ſich's bequem gemacht hatte. Der Herr Aſſeſſor hatte es natürlich verſchmäht, Platz neben dem ihm unbekannten Menſchen, der möglicher Weiſe gar nicht einmal einen Titel hatte, zu nehmen und es vorgezogen, ſich am untern Ende des Tiſches zwiſchen einem ſchwindſüchtigen Forſtamtsaktuar und einem Notariatspraktikanten einzuſchmiegen, ſo daß der Platz neben dem Fremden, ſo eng es auch ſonſt im Stübchen war, frei blieb. Der alte Aſſeſſor, der den wohlklingenden Namen Kratzeiſen führte, rief endlich die Kellnerin zu ſich und gab ihr einen Auftrag. 112 Nach einer kurzen Weile kam das Mädchen zurück mit einem großen Einſchreibbuch in der Hand, das der Aſſeſſor an ſich nahm und von hinten nachblätterte. Unmuthig ſchlug er es aber gleich wieder zu und rief die Kellnerin auf’s Neue, der er das Buch zurück⸗ gab und in unzufriedenem Tone einen heimlichen Auf⸗ trag dazu. Der Fremde hatte dieſen Vorgang wohl bemerkt; er errieth, was kommen werde. Und richtig, kaum eine Minute nachher erſchien das Mädchen mit dem— ſelben Buch und Tintenzeug, plazirte Beides vor ihn auf den Tiſch und verlangte, daß er ſich in's Fremden⸗ buch einſchreibe.— Lächelnd erwiderte aber der Fremde: „Das hat ja wohl bis ſpäter Zeit, nicht wahr?“ Die Kellnerin hätte nun gerne bejahend geant⸗ wortet, aber des alten Aſſeſſors Kratzeiſen Augen zwin⸗ kerten ihr ſo gar energiſch zu, auf ihrer Forderung zu beſtehen, ebenſo wie einige der übrigen Herren mit nicht verhehlter Neugierde den Eintrag des Fremden abpaßten, ſo daß ſie entgegnete: „Es iſt polizeiliche Vorſchrift——“ „Daß die Fremden, die bei Ihnen wohnen, ſich innerhalb einer gewiſſen Zeit in’s Fremdenbuch ein⸗ tragen. Ich weiß das und werde dieſer hochwichtigen polizeilichen Maßregel nicht widerſtreben. Mich aber jetzt in dieſem Augenblicke einzutragen, um Ihrer oder vielleicht— anderer Leute unnützer Neugierde Genüge zu leiſten, fällt mir nicht ein; Sie können noch gar nicht wiſſen, ob es mir nicht einfällt, heute noch dieſe 113 Stadt zu verlaſſen, in der ein Fremder noch dazu da zu ſein ſcheint, um ihn unhöflich zu behandeln.“ Eine Todesſtille herrſchte mit Einemmale in dem Lokale; man hörte die Schwarzwälder Uhr im Neben⸗ zimmer picken. „Bravo,“ ertönte es da plötzlich vom Thüreingang, dicht hinter dem Stuhle des aſchgrau gewordenen Kratz⸗ eiſen her.„Sie ſind mein Mann; am Ende hat ſich gar einmal ein Menſch nach dieſem verfluchten Neſte herverirrt.“ Der, welcher ſo ſprach, war ein in Jägertracht ge⸗ kleideter Mann von vielleicht vierzig Jahren in ziem⸗ lich verwahrloſter Toilette. Seine Verwahrloſung hatte etwas Abſichtliches, Geſuchtes, ſo daß man ver⸗ ſucht war zu glauben, ſie ſei erkünſtelt. Sein Geſicht trug die Spuren einer nicht ganz ruhig verlebten Jugend, hatte aber dennoch etwas Gewinnendes im Ausdruck, namentlich in dieſem Augenblicke, wo er mit geringſchätzendem Lächeln die Geſellſchaft überblickte. .„ SIch ſehe, daß Sie ja einen ganz famoſen Platz neben ſich frei haben, der ſoll mir gleich zu gut kommen; Grete bring mir ein Glas Bier dahin, hörſt Du?“ Der ſeltſame Gaſt hatte ſich inzwiſchen neben den Fremden auf's Sopha geſetzt und den kleinen grünen Jägerhut abgenommen, den er hinter ſich auf den Fenſterſims legte. Dann fuhr er fort: „Sehen Sie, mein lieber Herr, im Wirthshaus und in der Kirche ſollen alle Menſchen gleich ſein; Sie finden jedoch, daß je ſchlechter das Wirthshaus iſt, deſto— beſſer iſt die Geſellſchaft. Die Kellnerin hatte Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 8 vorhin wohl den Auftrag aus Ihnen herauszukatechi⸗ ſiren, wer Sie ſind und ob Sie wohl auch ſtiftsfähig ſeien, um Platz an dieſem Tiſche nehmen zu dürfen, der wohl ſeit der vorigen Kirchweihe nicht mehr ge⸗ reinigt worden iſt.— Hier zu Lande genügt's näm⸗ lich nicht, wenn ſich ein Menſch im Wirthshaus an— ſtändig aufführt und ſeine Zeche ordentlich bezahlt, nein hier zu Lande muß man auch noch Tauf⸗, Impf⸗ und Schulentlaßſchein vorweiſen, Anſtellungsdecret und das ganze curriculum vitae vorlegen können, ehe man ein Glas Bier eingeſchenkt bekommt.“ Der Fremde lachte den Jäger an. „Nun, ich denke bis morgen früh wird ſich die Neugierde der guten Leute doch gedulden müſſen; we⸗ nigſtens bin ich feſt entſchloſſen, mich heute nicht mehr in's Fremdenbuch einzutragen.“ „Da haben Sie recht. Unſer Doctor klagt ſo arg über wenig Beſchäftigung, da kriegt er doch heute Nacht eine Anzahl Patienten, die an zurückgetretener Neugierde erkranken.“ Die Stammgäſte hatten ſich inzwiſchen von ihrem Erſtaunen erholt und wurden ärgerlich über die fort⸗ währenden Ausfälle, welche der zuletzt gekommene Gaſt gegen ſie losließ. „Herr Rittmeiſter,“ ſprach unter beifälligem Kopf⸗ een der Uebrigen der Rentbeamte,„Sie ſcheinen die Abſicht zu haben, ein Element in unſeren Kreis zu verpflanzen, das Gottlob bis jetzt demſelben noch fremd geblieben. Jedenfalls gedenken wir hier wohl kaum, Ihnen auf dieſes Gebiet zu folgen und ſo erlauben —— .115 Sie mir zuvörderſt, daß ich Ihnen nach alter Sitte zum Eintritt einen„Guten Abend“ wünſche.“ Um den Mund des Jägers, den der Beamte eben mit„Herr Rittmeiſter“ angeſprochen, zuckte es flüchtig wie Aerger. Er mochte wohl fühlen, daß er eine kleine Zurechtweiſung verdient habe. „Eins um's Andere,“ gab er dem Rentbeamten zur Antwort,„zunächſt alſo höflichſte Erwiderung Ihres Grußes, Herr Rentamtmann. Was aber das Uebrige betrifft, ſo nehme ich kein Jota zurück. Ich könnte 1 9 5 9 mich darauf berufen, daß ich Niemand mit Namen genannt oder ſonſt unzweifelhaft bezeichnet habe, aber ſolche Hinterthüren ſind nicht meine Sache, die über⸗ laſſe ich den Herren von der Rechtsgelehrſamkeit. Ich beſtätige Ihnen freiwillig, daß ich mit meinen Worten von vorhin dieſe Geſellſchaft hier im Zimmer gemeint habe.“ „Sie ſuchen wohl Streit, Herr Rittmeiſter?“ ſchal⸗ tete ein junger Praktikant ein, der noch nicht lange von der Univerſität weg war und dem nach ſeiner Meinung das farbige Bändchen an der Taſchenuhr— der ſogenannte„Bierzipfel“— die Verpflichtung auf⸗ erlegte, einen hingeworfenen Handſchuh aufzuheben. „Ich pflege mir zum Streit, was Sie darunter verſtehen, meine Leute herauszuſuchen; mit Ihnen, mein Herr, komme ich niemals in dieſen Fall,“ wies, das Rittmeiſter den jungen Mann ab.„Die Herren hier mögen nicht vergeſſen, daß ich unlieber Weiſe Zeuge des Betragens war, deſſen Sie Alle ſich gegen einen anſtändigen Fremden ſchuldig gemacht haben und als deſſen Anführer hier unten der Aſſeſſor von Kapernaum gelten muß.“ Dieſe Anſpielung auf ſeine ewige Dienſtzeit als Aſſeſſor trieb Kratzeiſen das Blut in's Geſicht, daß er wie ein Puter ausſah. „Wie?“ fuhr der Rittmeiſter fort,„hat dieſe Ge⸗ ſellſchaft hier, mit ihrem Wortführer Kratzeiſen an der Spitze, nicht durch die Kellnerin das Fremdenbuch meinem Nachbar wie eine Piſtole vor die Bruſt geſetzt, lediglich nur um einer miſerablen Neugierde gerecht zu werden? Glauben Sie, daß ich nicht geſehen habe, wie ſich ſelbſt die Kellnerin, die dumme Grete, ſchämte auf der Eintragung zu beharren, und daß es der be⸗ ſehlenden Miene der Kratzbürſte bedurfte, um ſie auf ihrer Forderung beharren zu laſſen?“ „Mein Herr Rittmeiſter,“ ſprang wuthentbrannt der alte Aſſeſſor auf,„ich verbitte mir, von Ihnen mit Spitz⸗ und Spottnamen traktirt zu werden.“ „Verbitten Sie ſich, was Sie wollen,“ entgegnete ruhig der Angeſchrieene,„Sie wiſſen doch, daß ich mich darum nicht kümmere. Ich habe mir nie die Mühe genommen ein Hehl daraus zu machen, was ich von Ihnen halte.“ Aſſeſſor Kratzeiſen ſpielte in allen Farben, er ver⸗ ſuchte zu antworten, aber er vermochte nur unartiku⸗ lirte Laute hervorzuſprudeln. Der Rittmeiſter wendete ſich gegen den jungen Fremden. „Es muß Ihnen jedenfalls der Ton auffallen, mit dem ich hier in die Geſellſchaft eingetreten bin. Ich — verſichere Sie, mein Herr, daß ich für gewöhnlich ein ganz harmloſer Menſch bin, dem nur beim Anblick der Gemeinheit die Galle überläuft.— Ich bin Ihnen und vielleicht auch einigen der Herren aus der Geſell⸗ ſchaft eine Erklärung hierüber ſchuldig. Sehen Sie: ich wohne auf einer kleinen Beſitzung eine Stunde von hier. Vor einiger Zeit erhielt ich dort den Beſuch einer Dame aus der Hauptſtadt, die eine Woche bei mir zuzubringen gedachte. Das war dieſem Herrn hier unten“— der Rittmeiſter deutete auf Kratzeiſen— „eine erwünſchte Gelegenheit, gegen mich eine Nichts⸗ würdigkeit zu begehen. Er verſteckte ſich hinter ſeine amtliche Stellung und ſandte mir einen Gerichtsdiener, der ſich überzeugen ſollte, ob mein Gaſt auch getrennt von mir wohne und der zugleich eine Vorladung. nicht angemeldeten Dame auf's Gericht überbrachte.— Sie begreifen, mein Herr, daß die Dame abreiſte, ſtatt ſich der Pöbelhaftigkeit dieſes Herrn als Inquirent auszuſetzen. Daß ich ihn nicht belangen könne, wußte er zu gut, denn eine Klageſtellung meinerſeits hätte eine öffentliche Verhandlung nach ſich gezogen, in der die ärgſten Infamieen unter durchſichtigem Schleier gegen die Dame begangen worden ſein würden, denn — wozu ſonſt als zum Gaudium des Janhagels ſind in ſolchen Fällen die öffentlichen Verhandlungen?!— Urtheilen Sie nun ſelbſt, mein Herr, ob ich gegen einen ſolchen Mann glimpflicher verfahren kann, er⸗ wägen Sie aber auch den Maßſtab, den ich an eine Geſellſchaft anlegen muß, die einem ſolchen Mann geſtattet ſich förmlich zum Wortführer aufzuwerfen.“ 118 Lautloſe Stille herrſchte in dem Stübchen. Der Fremde war wohl kaum in geringerer Verlegenheit, wie die übrigen Gäſte. Er war ſehr gegen ſeinen Willen zum Ausgangspunkt einer höchſt peinlichen Scene geworden und bereute im Grunde ſeines Herzens, daß er nicht lieber den kleinſtädtiſchen Quälern den Gefallen gethän, ſich in's Fremdenbuch einzuſchreiben, ſtatt durch ſeine Weigerung einen Sturm zu veranlaſſen, der anſonſt vielleicht vorüber gegangen wäre, jedenfalls aber, wäre er dennoch losgebrochen— was bei der gefliſſentlichen Rückſichtsloſigkeit des Rittmeiſters gegen die Geſellſchaft immerhin möglich war— ohne eine Hereinbeziehung ſeiner Perſon ſich abgewickelt hätte. Von der Geſellſchaft machten Mehrere Miene, dem Rittmeiſter zu antworten, aber die Gewohnheit, ſich ſtets im Rahmen des dem Einzelnen zukommenden Ranges zu bewegen, ſchloß den Redeluſtigen den Mund. Nach Lage der Sache wäre die Entgegnung am Herrn Rentbeamten oder am Herrn Forſtmeiſter geweſen. Dieſe Beiden aber zogen vor zu ſchweigen, der Erſtere nahm mit großer Umſtändlichkeit eine Priſe, der Letz⸗ tere qualmte aus einem Meerſchaumkopfe wie ein Huſarenwachtmeiſter. Der Herr Aſſeſſor Kratzeiſen unterbrach die Stille, die namentlich für ihn hervorragend peinlich ſein mußte. Er erhob ſich von ſeinem Stuhle und ſprach gegen die Tiſchgeſellſchaft gewendet: 3 „Ich glaube nicht, daß von den mir bekannten Anweſenden Jemand mir die Verpflichtung wird auf⸗ 119 erlegen wollen, auf die ungerechtfertigten und abge⸗ ſchmackten Vorwürfe des Herrn Rittmeiſters von Sternenkron zu antworten. Was ich mit dieſem Herrn noch zu verkehren habe, wird ſich an einem anderen Orte, als am Wirthstiſche finden. Den Herren hier aber will ich die Verlegenheit erſparen, in meiner Gegenwart ſich von dem Vorwurfe zu reinigen, als ſei ich ihr Wortführer, und darum entferne ich mich. — Ich habe die Ehre, den Herren eine geruhſame Nacht zu wünſchen.“— Einige vereinzelte, etwas gedrückt lautende„Gute tönten dem Abgehenden nach; Nacht, Herr Aſſeſſor,“ ſie waren in ihrer Kleinlautigkeit erſt recht demüthigend für den ſich Entfernenden. Der Aſſeſſor Kratzeiſen war in Wahrheit nicht be⸗ liebt, und wenn aus esprit de corps die Beamten auch das Benehmen des Rittmeiſters nicht gutheißen konnten, ſo gönnten die Zurückbleibenden mehr oder minder doch Alle dem Aſſeſſor die erlittene Schlappe. Der Erſte, der nach Kratzeiſens Abgang zu ſprechen begann, war der alte Forſtmeiſter, der durch Jagden von den Anweſenden wohl am häufigſten mit dem Rittmeiſter in Berührung kommen mochte. „Herr Rittmeiſter,“ begann er unter nichtausge⸗ ſetztem Paffen,„die Worte des Herrn Aſſeſſors Kratz⸗ eiſen deuten darauf hin, daß er Sie verklagen wird.“ „Ganz nach ſeinem Belieben,“ ſchaltete der Ritt⸗ meiſter ein. „In dieſem Falle wird es ihm durch die Zeugſchaft ————y 120 der hier Anweſenden zu beweiſen nicht ſchwer fallen, was Sie über ihn geſagt.“ „Der Herr Aſſeſſor hat gar keine Zeugen nöthig, da ich nicht im Entfernteſten beabſichtige, irgend eine gemachte Aeußerung in Abrede zu ſtellen.“ „Sie werden aber zugeben müſſen,“ fuhr der Alte fort,„daß es für uns Alle höchſt peinlich iſt, Zeugen einer Scene geweſen zu ſein, die—“ „Die,“ fiel der Rentbeamte ein,„ſich nicht allein gegen den Herrn Aſſeſſor Kratzeiſen, ſondern auch gegen uns Alle gerichtet hat.“ „Sie wiſſen, Herr Rentamtmann,“ ſprach der Ritt⸗ meiſter,„daß ich eine gerade Natur bin und das Herz auf der Zunge habe. Nun können Sie doch wohl nicht glauben, daß ein Benehmen, wie das des Aſſeſſors Kratzeiſen mich nicht empören ſoll. Ich trete hier ein und bin Zeuge der unverſchämten Neugier dieſes ewigen, mit Gott und der Welt in Unfrieden lebenden Aſſeſſors. Ich ſehe, daß ſchon wieder ein harmloſer Fremder durch dieſen Mann inſultirt werden ſoll, ohne daß Jemand den Muth hat ſich ſeiner anzunehmen. Noch jeder Gaſt, der hier eintraf, mußte förmlich Spieß⸗ ruthen laufen, ſo daß wir es nächſtens ſo weit bringen, daß nicht einmal mehr ein Muſterreiter es bei uns über Nacht aushält. Und Niemand macht Miene, dieſe Tyrannei zu brechen; dadurch machen Sie ſich aber Alle derſelben mitſchuldig. Ich will nicht Theil daran haben, und darum habe ich mich eingemiſcht. Ich hätte es glimpflicher gethan, wenn ich nicht gerade 121 in dem Momente gekommen wäre, wo nichts mehr beizulegen war.“ Die älteren Herren ſchienen die Worte des Ritt⸗ meiſters als Entſchuldigung aufzufaſſen; ſie waren wohl froh, das halb und halb thun zu können, denn der Rittmeiſter war gar ſehr gefürchtet. Baron von Sternenkron hatte während ſ t— er hatte als Offizier à la suite quittirt— Hauptſtadt einer Dienſt⸗ zei ein gar flottes Leben geführt und in der nicht nur die Renten ſeines Vermögens verzehrt, ſon⸗ dern dieſes ſelber mehr als entſchuldbar angegriffen. In ſeiner Lebensweiſe ſich zu menagiren und dennoch in der Hauptſtadt leben, hielt er für eine Blame, und ſo zog er ſich auf ſeine kleine Beſitzung Sternheim— eine Stunde von Lindenheim— zurück, wo er als Landjunker lebte und ſich bemühte, mit ſeiner geſchmol⸗ zenen Revenue auszukommen. In Bälde hatte er ſich mit den Honoratioren Lindenheims gründlich über⸗ worfen, denn er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, wo er den kleinen Gerngroßen nicht ihre Lächerlich⸗ keiten vorgehalten hätte. Namentlich mit den Herren vom Bezirksamt ſtand er auf dem denkbarſt ſchlechteſten Fuße; das kam daher: als zum Erſtenmale nach dem Eintreffen des Barons die Frohnleichnamsprozeſſion ſtattfinden ſollte, blähte ſich am Abende vorher der Herr Bezirksamtmann im Wirthshauſe in Gegenwart des Barons gar gewaltig in Betreff der Rangordnung, in der die Beamten dem Sanctiſſimum zu folgen hät⸗ ten;— gnädig frug er den Baron, ob er auch Antheil an der Feier nehmen werde, wobei er„den Herrn 122 Rittmeiſter“ aufmerlſam machte, in Uniform zu er⸗ ſcheinen. Dieſer ſagte zu. Als aber der Zug des 1 andern Tags ſich ordnete, war noch immer kein Ritt⸗ meiſter zu ſehen, ſehr zum Bedauern des Bezirksamt⸗ manns, der gern einen Offtzier hinter ſich gehabt hätte. Ganz Würde faßte eben hinter dem Geiſtlichen unter dem Thronhimmel der Bezirksamtmann Poſto, als der Baron erſchien,— aber— entſetzlich, ſich dicht vor den Bezirksamtmann ſtellte, den darüber faſt der Schlag traf. „Aber Herr Rittmeiſter,“ puſtete er heraus,„Sie nehmen ja meinen Platz ein.“ „Betrachten Sie gefälligſt meinen hintern— Schmuck,“ ſcherzte boshaft der Baron. Und in der That, an den goldenen Knöpfchen links von den rückwärtigen Taillenknöpfen prangte der Kö⸗ nigliche Kammerherrnſchlüſſel, der dem Beſitzer bekannt⸗ lich Generalsrang verleiht. Der Herr Bezirksamtmann war thatſächlich degra⸗ dirt. Um aber die Demüthigung noch eklatanter zu machen, verließ der Baron nach dem zweiten Evange⸗ lium die Prozeſſion, indem er mit einer lächelnden einladenden Handbewegung gegen den Bezirksamtmann dieſen aufforderte, nun ſeinen— des Barons— Platz einzunehmen. Seit dieſem Frohnleichnamstage waren der Baron und das Bezirksamt— nicht nur der Bezirksamt⸗ mann— geſchworene Feinde. Und wenn Baron Sternenkron auch jedesmal lachen mußte, wenn er des Streiches gedachte, den er dem Bureaumenſchen ge⸗ 123 ſpielt, hatte er doch nicht ſelten Urſache, ſich des Vor⸗ falles auch in ärgerlicher Weiſe zu erinnern und gar manchmal empfing er Dekrete des Bezirksamts, die den Beinamen„Frohleichnamsquittungen,“ den ihnen der Baron beilegte, wohl verdienten. Der Rittmeiſter hatte ſein Bier ausgetrunken und nachdem er der dienſtfertig herbeigekommenen„dummen Grete“ abgewinkt hatte, erhob er ſich, nahm ſeinen Hut vom Fenſterſims und ging mit einem gegen die Ge⸗ ſellſchaft im Allgemeinen geſprochenen„Gute Nacht“ zur Thüre hinaus, wobei er dem Fremden, um deſſen Behandlung der Disput entſtanden war, mit artiger Leichtigkeit zunickte. Dieſer wäre am Liebſten jetzt auch gleich gegangen, aber er wollte den Anſchein vermeiden, als finde er ſich ohne den Schutz des Rittmeiſters nicht mehr ge⸗ heuer in der Geſellſchaft, weshalb er wohl oder übel ſich entſchließen mußte, noch ein Weilchen auszuharren. Seine Befürchtung, daß nun, nach Entfernung des Barons, das Geſpräch ſich wohl um dieſen— und dann natürlich nicht in glimpflichſter Weiſe— drehen werde, ging zu ſeiner großen Befriedigung nicht in Erfüllung; im Gegentheil, mit einer gewiſſen unver⸗ kennbaren Abſichtlichkeit wurde ein Unterhaltungsſtoff nach dem andern auf's Tapet gebracht, um ihn, ebenſo ſchnell wie hervorgeholt, auch wieder fallen zu laſſen. Die Geſellſchaft fühlte durch den anweſenden fremden Gaſt offenbar ſich beengt. Als endlich der Herr Bau⸗ beamte von Bahnprojecten zu ſprechen begann und der zuſtimmenden Geſellſchaft den Beweis vordemonſtrirte, 124 daß Lindenheim eigentlich der einzig richtig gelegene Centralpunkt für den Handelsverkehr zwiſchen dem Norden und der Levante ſowohl, wie zwiſchen dem Oſten und den Seeküſten des Weſtens ſei, ſo daß es ein Gebot handelspolitiſcher Nothwendigkeit ſei, Linden⸗ heim ſofort in das europäiſche Bahnnetz aufzunehmen, wolle man nicht des wichtigen Tranſitverkehrs verluſtig gehen— der lokalen Bedeutung Lindenheims als In⸗ duſtrieplatz gar nicht zu gedenken— glaubte der Fremde, daß er heute Abend genug gehört habe und ſich zurück⸗ ziehen könne. Er verließ das Sopha und die Stube ziemlich geräuſchlos, freilich auch ohne Gruß, da er Niemand in die Verlegenheit bringen wollte, ihm ent⸗ weder danken oder durch Nichterwiderung eine neue Unhöflichkeit begehen zu müſſen. Die Kellnerin leuchtete ihm auf ſein im erſten Stock gelegenes Zimmer, wo ſie ihn bei einer angezündeten Kerze allein ließ. „Jetzt iſt der Geſellſchaft unten ein Alp genom⸗ men,“ dachte er, als er ſich in ſeiner Stube umſah, „nun wird's über mich losgehen, das kann ich mir denken. Schade, daß ich nicht dabei ſein kann; es müßte luſtig ſein. Bah— ich bin, wie es ſcheint, von dieſem Krähwinkel ſchon angeſteckt; was kümmert's denn mich, was man hinter meinem Rücken ſpricht?“ Er ſah nach ſeiner Uhr, es war nach großſtädti⸗ ſchen Begriffen noch früh; in Lindenheim freilich waren um dieſe Stunde nur mehr Nachtſchwärmer auf der Straße oder einzelne verliebte Pärchen, die ſich ſcheu vor dem indiscreten Mondſchein in die Häuſerſchatten verkrochen. Heute freilich kam noch ein neues Element dazu— einige der fremden Turner zogen noch durch die Stadt auf Abenteuer aus und aus mancher Straßenecke hörte man an plötzlich ausbrechendem weib⸗ lichem Gelächter, daß ihre Wanderungen mitunter be⸗ lohnt wurden. Vor den Fenſtern des Fremden lag der Markt⸗ platz. Er ſah im Silberſchein des Mondes recht hübſch aus; ſo eine ruhige, ſtille Mondbeleuchtung, die ſich über Straßen und Plätze legt, hat dieſelbe verſchönende Wirkung wie geſchliffenes Glas, mit dem man Minia⸗ turen überdeckt— die Härten und fahlen Stellen ver⸗ ſchwinden und in harmoniſcher Totalität prangt das im Grunde genommen kalte Bild. In der Mitte des Marktplatzes befand ſich eine Marienſäule, von der gläubigen Andacht früherer Jahrhunderte zum Dank für das Aufhören einer Peſt einmal errichtet und jetzt hin und wieder von Solchen, welche den Spott von Lindenheim's„Freigeiſtern“ nicht fürchteten, mit Blu⸗ men und an Marienfeſten wohl auch mit brennenden Lichtern in den buntfarbigen Laternen geſchmückt. Sinnen auf ſeinen Zügen. „Das Umherzigeunern in der Welt,“ ſprach er nach einer Weile vor ſich hin,„macht unbrauchbar für einen Aufenthalt in einer ſo kleinen Stadt, wie mein altes Lindenheim. Jetzt liegt ſchon Alles, was Anſpruch 126 darauf erhebt, ſolid heißen zu wollen, in den Federn, und hat die Zipfelmütze feſt über die Ohren herab⸗ gezogen; ich ſollte es eigentlich vernünftiger Weiſe wohl ebenſo nüfan aber bei Gott ich kann noch nicht. Um zehn Uhr zu Bette gehen,— es geht wahrhaftig beim beſten Willen nicht. Aber was beginnen?“ Er machte ſich an ſeinem großen Reiſekoffer, den der Hausknecht in's Zimmer geſtellt hatte, zu ſchaffen. Nachdem er einige obenauf liegende Gegenſtände aus dem geöffneten Koffer herausgenommen hatte, kam er auf einen hölzernen Kaſten, der offenbar die geſchützteſte Stelle im ganzen Koffer einnahm. Der junge Mann zog den Kaſten heraus und betrachtete ihn mit einer gewiſſen Sorgſamkeit und doch war's nur ein ganz gewöhnlicher hölzerner Geigenkaſten und obendrein von einer ſehr plumpen Arbeit, deren ſich ein heutiger Inſtrumentenmacher ſchämen würde. Damit iſt aber für den Leſer auch ſchon angedeutet, welche Bewand⸗ niß es mit dem ſo wohlverſorgten alten Geigenkaſten haben mochte. Die alten Geigenmacher Andrea und Antonio Amati in Cremona waren gar ſeltſame Leute. Sie waren im Beſitze des ſeitdem verloren gegangenen Rezepts zu dem koſtbaren Lacke, deſſen Anfertigung unſerer heutigen Zeit trotz aller Fortſchritte nicht mehr gelingt und ſo zurückhaltend ſie mit der Mittheilung des Rezeptes waren(hat doch ſchon der Enkel Nicolo Amati zu Ende des 17. Jahrhunderts es nicht mehr beſeſſen), ſo ver ſchwenderiſch waren ſie mit dem Lack ſelber, ſo zwar, daß ſie ſogar die plumpen Geigen⸗ kaſten, in denen ſie ihre koſtbaren Inſtrumente weg⸗ ——õõ— gaben, mit ihrem köſtlichen Lacke firnißten. Was der Fremde aus ſeinem Koffer ſo ſorgfältig hervorholte, war ein ſolcher Geigenkaſten und was er jetzt daraus entnahm, war nicht mehr und nicht weniger, als ein ächter Amati aus der beſten Zeit der alten Cremone⸗ ſer Geigenbauer. Freilich für den Nichtkenner ſah das ſchmutziggelbe, unſauber erſcheinende Inſtrument miſerabel genug aus und es mochte im Verlauf der zwei Jahrhunderte ſeit ſeiner Anfertigung durch man⸗ cches Laien Hand gegangen ſein, der es für zu ſchlecht ausſehend gehalten, um es in einem Muſikzimmer aufzuhängen. Faſt zärtlich betrachtete der junge Mann ſein In⸗ ſtrument, iſt doch gerade die Geige, dieſes nichts weniger als elegant ausſehende Ding, die berufenſte Mittlerin zwiſchen Herz und Ohr. Urſprünglich hatte der Fremde nur die Abſicht ſich zu vergewiſſern, ob ſeinem koſtbaren Schatze nichts paſſirt ſei, deshalb nur hatte er das Inſtrument aus ſeinem Gefängniß genommen, aber— bei der Muſik geht's wie nach dem Sprichwort mit dem Gottſeibei⸗ uns, man reicht den Finger hin und der ganze Menſch folgt dann von ſelbſt nach. Einige Akkorde mußten doch gegriffen werden und als das feinhörige Ohr des jungen Mannes ungeſtimmt nicht einen Takt ertragen konnte, ſo mußte natürlich auch geſtimmt werden. Und als nur erſt einmal geſtimmt war, ſo ſollte das doch nicht vergeblich geſchehen ſein,— nur ein paar Figu⸗ ren, dachte der junge Mann.— Schon wollte er nach einem Paket Noten greifen, als er ſich aber beſann, 128 daß er dann wohl gar nicht mehr an's Aufhören denken würde und wie um ſich vor einem Rückfall zu ſchützen, verlöſchte er das Licht, ohne das er keine Noten ſehen konnte, wie hell auch der Mond draußen an dem Marktplatz ſchien, am Poſthaus heraufkletterte und ſich durch die geöffneten Fenſter ſtahl. Und er begann zu fantaſiren. Es war eine gar einfache, harmloſe Weiſe, die er ſpielte, halb klang's wie ein Hirtenlied, halb wie der Wandergeſang froher Geſellen an heiterem Frühlingstage; ungekünſtelt floß der gefällige Strom der Melodie dahin, dem Wogen der Wieſengräſer vergleichbar, die dem Mäher entgegen⸗ wachſen,— ſo ſpiegelt ſich die fröhliche ihres Glücks ſelbſt noch nicht bewußte Kinderzeit ab. Allein bald kamen andere Weiſen, die bisherige Harmonie löſte ſich und jache Uebergänge reihten ſich, zuletzt unver⸗ mittelt, aneinander. Neben dem andächtigen Credo ertönte der Aufſchrei einer ſelbſtquäleriſchen Bruſt, es war der Kampf zwiſchen bedingungsloſem Gehorſam und allmählig bewußter werdendem Wollen, der ewig unausgetragene Streit des ſich aus den Banden äußerer Umſtrickung losringenden Genius. Nicht Geigentöne waren es, was der Spieler dem Inſtrumente entlockte, nein— eine Schlacht war's, die hier in Tönen ge⸗ ſchlagen wurde, eine Schlacht, welche in wildem Ringen hin und her wogte, bis endlich Ermüdung die Kämpfer nöthigte, ſtillzuhalten. Wer war Sieger geweſen? Die Melodie wurde zwar jetzt ernſt, aber nicht troſt⸗ los; wie leuchtender Frührothſchein drang zwiſchen dem Düſter des nunmehr erklingenden Tongemäldes 1129 ein Hoffnungsſchimmer hindurch, erſt noch flüchtig und nur auf Momentesdauer, bald wieder verſchwindend in dem noch faſt chaotiſchen Tongewoge des trüben Hauptgedankens, aber immer und immer kam dieſer Hoffnungsſtrahl wieder, er ward zum Eckſtein für die Erwartung aus der herrſchenden Oede erlöſt zu werden, zuletzt der Fels im ringsumher noch ſtürmiſch bewegten Meere. Häufiger kehrte er ein, länger blieb er, mit mählig zunehmender Macht drängte er die widerwillig weichenden Schatten zurück, heller und immer heller glänzte ſein Licht und zuletzt ſtrahlte er herrlich in ungeſchmälerter Klarheit;— ein goldener ſonnenumkränzter Sommertag war angebrochen und in vollen jubelnden Akkorden jauchzte aus jedem Tone das Glück eines errungenen Zieles. Die Geſellſchaft unten im Gaſtzimmer war durch Grete aufmerkſam gemacht worden, daß man von der Straße aus dentlich den Fremden auf ſeinem Zimmer „ganz merkwürdig“ geigen hören könne. Mit Geringſchätzung hatte zwar der Herr Rent⸗ beamte geäußert: „So?— alſo ein Muſikant.“— Aber einem der jüngeren Herrn der Geſſelſſchaft war dieſe Mittheilung doch intereſſant genug, um ſich davon ſelbſt zu überzeugen. Einmal hatte er ſelber ſich in ſeiner früheren Jugend mit Geigenſpielen ab⸗ gegeben und bildete ſich in Folge deſſen ein, ein Kenner zu ſein, hernach aber langweilte ihn die Rolle des ſtummen Zuhörers, während die Herren Vorgeſetzten ihren alten Geſprächskohl aufwärmten. Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 9 130 Nach einer kurzen Weile kam er aber wieder unter die Thüre und vergaß ſich ſo weit, um in eine Rede des Herrn Baubeamten hinein zu verkünden: „Meine Herren, der da oben iſt kein Muſikant, ſondern ein Künſtler vom reinſten Waſſer. Wenn ich jemals in der Reſidenz ſo habe Geige ſpielen hören, wie der mit ſeinem Inſtrument umſpringt, ſo will ich verdammt ſein, mein Lebenlang Praktikant zu bleiben.“ Er wartete eine Antwort nicht ab, ſondern ging wieder nach der Straße, um zuzuhören. Er blieb nicht lange allein, denn Einer um den Andern kam nach, ſo daß ſich zuletzt ein ganz reſpectables Concertpubli⸗ kum verſammelt hatte, da auch die aus anderen Wirths⸗ häuſern Heimkehrenden ſtehen blieben und geräuſchlos dem ſeltenen Ohrenſchmauße lauſchten. Auch der Herr Lehrer Lunger war darunter, welcher auf dem Kirchen⸗ chor die erſte Violine ſpielte. „Noch heut' Nacht möcht' ich meinen Geigenkaſten in Scherben ſchlagen“, ſprach er mit komiſcher Troſt⸗ loſigkeit,„wie ſoll denn da Unſereiner morgen beim Hochamt ſpielen, wenn er befürchten muß einen Hexen⸗ meiſter, wie den da droben, als Zuhörer zu haben.“ Als der Fremde geendet hatte, nahmen ſich die Umher⸗ ſtehenden nicht die Mühe, durch lautloſes Entfernen zu verheimlichen, daß ſie zugehört. Einige abgeriſſene Redensarten drangen bis herauf in's Zimmer des Gaſtes. „Nun werden ſie ja wohl in ihrer Neugierde halb befriedigt ſein,“ meinte er, ſein Inſtrument abſpannend und einſchließend,„jetzt wiſſen ſie doch wenigſtens, was ich bin: nur ein Geiger.“ Sechstes Kapitel. Das Feſt. Der Erzähler würde ſich in hohem Grade geſchmei⸗ chelt fühlen, wenn der verehrte Leſer nur einen ganz winzigen Bruchtheil der Neugierde beſäße, den die guten Lindenheimer in Betreff des Fremden auf der „Poſt“ hatten. Die wißbegierige Frage,„ja, wer iſt denn nun eigentlich der fremde junge Mann, der plötz⸗ lich nach dem kleinen Landſtädtchen kommt um nächt⸗ licher Weile auf einem mitgebrachten Amati zu fanta⸗ ſiren?“ würde, aus dem Munde des Leſers kommend, dem Erzähler zur größten Befriedigung gereichen. Ja, was war der Fremde? Ein Geiger, wie er ſelbſt ſagt. Was wollte er aber in Lindenheim? Mit drei Worten geſagt: Seine Heimath beſehen.— Eine Meile von Lindenheim lag das freundliche Pfarrdorf Lindenzell. Daſelbſt hatte ein Bauer einen einzigen Sohn— Aegidius mit Namen— dem er eine beſſere Erziehung geben laſſen wollte, als ſie Bauernknaben für gewöhnlich zu erhalten pflegen. Der Vater glaubte nun, daß das höchſte Glück, das dem 9* 132 Sohn beſchieden werden könne, darin beſtünde, wenn er ihn„zum geiſtlichen Herrn“ erzöge, reſp. erziehen laſſe. Nachdem der kleine Aegidius die Elemente des Wiſſens, wie Einmaleins, Schiefertafelzerbrechen, Kate⸗ chismusaufſagen, Beinkleiderdurchrutſchen u. ſ. w. hin⸗ ter ſich hatte, kam er in vorbereitenden Unterricht„nach der Stadt“, d. h. zum Herrn Benefiziat Kölblich, um von dieſem in die Geheimniſſe des„mensa“, ſowie der „39 auf ein is“ eingeweiht zu werden. Aber ſchon im Anfange dieſer klaſſiſchen Studien verlor der kleine Aegidius ſeinen Vater durch den Tod,— die Mutter war früher ſchon geſtorben— ſo daß er allein in der Welt ſtand. Es fand ſich jedoch eine letztwillige Ver⸗ fügung des Vaters, Aegidius Keller sen., vor, worin dieſer beſtimmte, daß Haus und Hof in Lindenzell verkauft zu werden habe, daß aus den Zinſen des Erlöſes, wenn dieſe zureichen, die Koſten für das Studium des Sohnes, Aegidius Keller jun., zu be⸗ ſtreiten ſeien, und daß, wenn die Koſten für die aka⸗ demiſche Ausbildung des Sohnes mehr erfordern ſollten, wie die Zinſen, das Capital angegriffen werden ſolle. Alles das nur unter der Vorausſetzung, daß beſagter Aegidius Keller junior„gut thue“ und ſich zu einem ordentlichen geiſtlichen Herrn ausbilde. Zu einem andern, als dieſem Zwecke aber ſollen ihm die Mittel zum Studium vorenthalten bleiben und zwar beſtimmte der auf ‚einen geiſtlichen Herrn Sohn“ er⸗ pichte Vater Keller, daß im Falle des Ungehorſams des Sohnes Aegidius in Betreff der Standeswahl am Tage der Volljährigkeit die Hälfte des Vermögens, 133 ſammt der Hälfte der bis dahin angefallenen Zinſen und Zinſeszinſen(die eine ganz reſpectable Summe ausmachen mußten, da ja zu einer andern Ausbildung, als zur prieſterlichen, dem Sohne die Mittel nicht gegeben werden durften), dem Herrn Benefiziaten Kölb⸗ lich zukämen. Der alte Bauer hatte Menſchenkenntniß bewieſen, als er dieſes ſeltſame Teſtament aufgeſetzt hatte; er hatte ins⸗ beſondere bewieſen, daß er den Character des Herrn Beneſiziaten Kölblich genau kenne.— Es leuchtet ein, daß im Grunde genommen, dem Herrn Benefiziaten Kölblich, dem Lehrer und Erzieher des Knaben Aegi⸗ dius, ein pekuniärer Vortheil erwüchſe, wenn der Zög⸗ ling eine ſo unüberwindliche Abneigung gegen den Eintritt in den geiſtlichen Stand an den Tag legen würde, daß er dieſer Abneigung Opfer zu bringen be⸗ reit wurde. Es leuchtet aber auch ein, daß, wenn dieſer Fall eintreten ſollte, ein großer Theil der Men⸗ ſchen mit gewohnter chriſtlicher Nächſtenliebe bereit geweſen wäre, den Herrn Benefiziaten Kölblich zu be⸗ ſchuldigen, daß er aus eigennütziger Abſicht die Ab⸗ neigung des Knaben vor dem geiſtlichen Stand zu brechen ſich nicht bemüht habe. Sich einem ſolchen Vorwurf ausgeſetzt zu ſehen war aber eine Perſpective, vor der der barſche, nach außen ziemlich rauhe, im Innern aber grundehrliche Kölblich ſchauderte und das, was alſo bei einer eigennützigen Natur ein Anlaß zur Gleichgültigkeit in der Pflichterfüllung hätte werden können, ward bei ihm gerade ein Sporn mehr zum unverrückten Feſthalten an der Aufgabe, vor deren 134 5 Löſung er ſich durch den Tod des alten Keller ge⸗ ſtellt ſah.— Aber— was eine Palme werden ſoll, wird in ſeinem Leben keine Weide; der junge Aegidius war zwar ein recht lernbegieriger Knabe, dabei nicht ſchlim⸗ mer, aber auch nicht braver, als ſeine Alters⸗ und Schulgenoſſen, ſeine Neigung zu dem ihm vom ver⸗ ſtorbenen Vater aufgedrängten Lebensberufe aber war eine verzweifelnd geringe. Als nun vollends gar der weitere Schulbeſuch den Abgang Aegidius aus dem Hauſe Kölblich's und die Ueberſiedlung nach einer größeren Lehranſtalt nöthig gemacht hatte, begann allmählig in des zum jungen Mann heranreifenden Knaben Bruſt der Gedanke ſich zu regen: Muß es denn aber ſein? Und mit der Hoffnungsſeligkeit der Jugend, mit dem ganzen Leichtſinn der Erfahrungs⸗ loſigkeit ſeines Alters, entſchied ſich ſchließlich Aegidius, als er eben ſein Abiturientenexamen gemacht und be⸗ ſtanden hatte, zu einem definitiven„Nein.“ Es gab nun gar böſe Scenen, denn der Herr Be⸗ nefiziat Kölblich predigte, wetterte, ja— im Vertrauen ſei's geſagt— er fluchte ſogar mitunter, umſonſt,— noch mehr, als Aegidius auf ſeiner Erklärung dennoch beharrte, verlegte der Benefiziat ſich ſogar auf's Bitten, aber ſelbſt ſein eindringlichſtes Flehen, ihm doch nicht das Unglück zufügen zu wollen, in einem halben Dutzend Jahren ein Vermögen als Eigenthum empfangen zu müſſen, vermochte nicht, den halsſtarrigen Feind des Geiſtlichwerdens umzuſtimmen. Trotz alledem und alledem blieb Aegidius Keller —— 135 auf ſeiner Weigerung beſtehen und ließ ſich auch da⸗ durch nicht abſpenſtig machen, als ihm der Benefiziat ſeierlich erklärte, daß er ſtricte nach dem Inhalte des Teſtaments von Vater Keller verfahren müſſe, wonach dem Sohne zu einer profanen Ausbildung keine Mittel verabfolgt werden dürfen. Das Ende all dieſer höchſt unerquicklichen Scenen, welche ſich in den Ferien nach Abſolvirung des Gymnaſiums abſpielten, war eine förmliche Trennung zwiſchen dem Benefiziat Kölblich und Aegidius Keller. Nicht ſo faſt Böswilligkeit als die Abſicht, einer noch bevorſtehenden letzten Scene aus⸗ zuweichen, bewog den jungen Mann heigmlich von Lindenheim und Herrn Kölblich abzureiſen. Eines Morgens war der Exzögling des Benefiziaten ver⸗ ſchwunden und nur in großen Zwiſchenräumen— und da ſtets nur, wenn der junge Mann irgend etwas wollte, wie z. B. verſchiedene Papiere, als er ſeine Militärzeit abdiente, oder eines Auslandspaſſes bedurfte — hörte Herr Kölblich von ihm, kümmerte ſich aber weiter, wenigſtens äußerlich, nicht um ihn. Daß es ſchließlich dem eigenſinnigen Aegidius doch gelungen ſein mußte, auf eigenen Füßen ſtehen zu lernen, erſah — zu ſeinem Erſtaunen— der Benefiziat aus dem Umſtande, daß ſein ehemaliger Zögling es vermocht hatte, ſeine Zeit als Einjähriger abzudienen, bekannt⸗ lich eine Einrichtung der allgemeinen Wehrpflicht, die nur Gutſituirten zu gute kommt. Für uns und unſere Erzählung iſt es bedeutungs⸗ los den Lebensweg Aegidius Keller's Schritt vor Schritt zu verfolgen; uns iſt's geſtattet mit raſchem Sprunge —————— 136 über die dazwiſchen liegenden Jahre hinwegzugehen und gleich mit der Gegenwart fortzufahren.— Was dazwiſchen liegt iſt in Kürze: Aegidius hatte ſich gänz— lich der Muſik gewidmet und war ein nicht nur ge⸗ kannter, ſondern auch gefeierter Violinvirtuos geworden. Theils um während ſeines Beginnes auf der ſchlüpf⸗ rigen Künſtlerlaufbahn nicht von möglichen Beobach⸗ tungen in der Heimath beläſtigt zu werden, theils auch weil der Prophet in ſeinem Vaterlande nichts gelten ſoll, hatte Aegidius Keller ſeinen Namen in's Fran⸗ zöſiſche— das damals in Deutſchland noch nicht ſo in Mißkredit gekommen war, wie ſpäter— überſetzt. Aus dem bäueriſchen Aegidius wurde ein„Gille“, aus dem ſimplen Keller ein„Cave“, und ſo wanderte der Lindenzeller Bauernknabe als Virtuos Gille Cave durch die Welt. Die Franzöſirung ſeines Namens geſtattete ihm bei ſeinen Concerten den Eintrittspreis um das Mehrfache zu erhöhen;— die Welt iſt nun einmal nicht anders; ſie iſt eine Auſter und gehört dem, der ſie zu öffnen verſteht. Monſieur Gille Cave, oder, wie er in und für Lindenheim wiederum heißt, Aegidius Keller, war jetzt volljährig und glaubte, daß dieſer Moment ihm einen berechtigten Anlaß geben würde, einer ſchon lange heimlich genährten Sehnſucht zu genügen,— der Sehn⸗ ſucht nämlich: wieder einmal„heim“ zu gehen. Denn ſo wenig erquickend auch die Erinnerungen an ſeinen Abſchied aus Lindenheim waren, ſo betrachtete Aegidius ſich doch überall als einen Fremden, als Gaſt,— ſeine Heimath war ihm doch nach wie vor Lindenheim, an — — 137 das zu denken er auch in den prächtigſten Städten bei den verwöhnendſten Erfolgen ſeiner Kunſt nie auf⸗ gehört hatte. Er hatte natürlich ſeine vorhabliche Ankunft in Lindenheim ſeinem ehemaligen Lehrer Kölblich nicht angezeigt und als er am Tage nach ſeinem Eintreffen — was ſo viel heißt als„Sonntag“, wie der Leſer weiß— ſich Vormittags anſchicken wollte, den noth⸗ wendigen Beſuch bei dem Benefiziaten zu machen, er⸗ fuhr Aegidius, daß derſelbe heute predige. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß der Beſuch ſonach Vormittags nicht abgeſtattet werden konnte. Aber in die Kirche ging Aegidius darum doch auch nicht, er wollte ſeinen alten Lehrer nicht auf der Kanzel ſtehend zum Erſtenmale wieder erblicken. Unbegreiflicher Weiſe wurde ihm das ominöſe Frem⸗ denbuch, das am Abend vorher Anlaß zu einer ſo un⸗ erquicklichen Scene geworden, auch heute Morgen nicht zum Eintragen vorgelegt, kaum ein Zufall, ſondern wohl abſichtlich, gewiſſermaßen ein Pflaſter, das der Poſthalter auf das Attentat von geſtern legte. Aegi⸗ dius war dieſes nur lieb, denn es wäre ihm doch un⸗ angenehm geweſen, wenn auf dem Wege kleinſtädtiſcher Haustelegraphie Herr Kölblich das Eintreffen ſeines ehemaligen Zöglings früher erfahren hätte, wie deſſen Beſuch. An ein Erkanntwerden war nicht zu denken, hinter dem feinen weltmänniſchen Gaſte der„Poſt“ ſuchte kein Lindenheimer den ehemaligen Lindenzeller Bauerknaben.. Das Incognito, in dem er hier lebte, reizte den — ÿÿöÿÿ * jungen Mann und er gedachte, daſſelbe ſo gut als möglich auszunützen. Namentlich heute, wo das Städt⸗ chen in Folge der Fahnenfeier ſich in außerordentlichen Bahnen bewegte, mußte es ja doppelt unterhaltend ſein, ſich unerkannt umzuſchauen; auch war die An⸗ weſenheit ſo vieler fremder Turner eine willkommene Gelegenheit mehr, darauf rechnen zu können, unbeob⸗ achtet zu bleiben. Aegidius gedachte alſo ſeinen Beſuch beim Herrn Benefiziat Kölblich um einen Tag hinauszuſchieben. Am Montag war dazu ja auch noch Zeit. Das Feſt begann. Nach beendetem Gottesdienſt, bei welchem Herr Benefiziat Kölblich ſein Verſprechen gehalten und in ſeiner Predigt weidlich gegen die antikirchliche Richtung unſerer Zeit,— insbeſondere anſpielend auf die Ver⸗ weltlichung der männlichen Jugend, welche lieber ge⸗ kitzelt durch buntfarbig ſchillernde Spielereien, ſich zu blinden Werkzeugen von Demagogen und Rabuliſten machen ließe, ſtatt den weiſen Rathſchlägen erprobter Führer zu folgen,— losgedonnert hatte, zog die Lin⸗ denheimer Turnerſchaar mit ihren geſammten Feuer⸗ löſchrequiſiten vor den ſtädtiſchen Getreideſtadel(in dem aber nicht die fleißigſte Maus ſelbſt mit vorgebundener Brille auch nur ein einziges Körnchen Getreide gefun⸗ den haben würde) an dem ſie ihr Probeſtück im Löſchen eines gedachten Feuers ablegte, während die auswär⸗ tigen Vereine mit Kenneraugen und Kennermienen dabei ſtunden und Jury ſpielten. Bald ſtand man vor dem Getreideſtadel bis an die Knöchel im Waſſer, 139 weil ab und zu einer der alten Schläuche ſchadhaft geworden und geborſten war, die Zahl der zur Erde fallenden und dort zerſchellenden Dachziegel mehrte ſich in bedenklichem Grade, ſo daß der ebenfalls zuſchauende Herr Bürgermeiſter gerechten Argwohn hegte, ob die Erſetzung des Ruinirten wohl ſo anſtandslos erfolgen werde, als im Intereſſe der Ruhe ſeiner Stellung wünſchenswerth, und der auf dem Firſt poſtirte Schlauchführer hatte ſchon wiederholt— natürlich ganz zufällig und ganz ohne ſein Verſchulden, wie er verſicherte— einen vollen Waſſerſtrahl unter die zu⸗ ſchauenden Lindenheimer ſauſen laſſen. Da ertönte das Signal zum Abbrechen der Uebung— das„grau⸗ ſame Spiel“ war zu Ende. Die Jury beeilte ſich, ihre Zufriedenheit mit den geſehenen Leiſtungen auszuſprechen und die Linden⸗ heimer Turnerſchaar als Feuerwehr anzuerkennen. Es fehlte zur Verherrlichung des Feſtes nur noch, daß in dieſem Augenblick ein Brand ausgebrochen wäre und wenn's auch nur ein ganz kleiner— nur ein ange⸗ zündeter Schweinſtall abſeits eines Wohnhauſes— ge⸗ weſen wäre, um den Werth der Feuerwehren praktiſch zu erproben,— die hier vereinigten Feuerwehren hätten gewiß im Nu ein ganzes Stadtviertel eingeriſſen und eine ſolche Sündfluth drüber gegoſſen, daß man auf der Brandſtätte hätte im Kahn fahren können. Da aber Schadenfeuer böswilliger Weiſe meiſt dann aus⸗ brechen, wenn ſie ungelegen kommen, dagegen ausblei⸗ ben, wenn man Zeit und Gelegenheit zum Löſchen hat, ſo mußten auch hier in Lindenheim die Turn⸗ und 140 Feuerwehren ohne Bekriegung und Beſiegung eines Feindes abziehen. Spritze, Zubringer, Regquiſiten⸗ wagen u. ſ. w. raſſelten denn auch auf dem ſpitzigen Straßenpflaſter in hitzigſtem Tempo heimwärts nach dem Aufbewahrungsſchuppen, die fleißigen Männer wiſchten ſich den unter den Blechkappen hervorquellen⸗ den Schweiß und dann ging's wohlgemuth nach dem „Neger“ zum gemeinſamen Mittagsmahl; der Fleißige iſt der Erholung werth. Auch der Speiſeſaal im„Neger“ war feſtlich dekorirt. Leider entzieht ſich die Feſtdekorirung einer eingehen⸗ deren Beſchreibung, weil ſie auf's Haar genau ebenſo war, wie es nun einmal Herkommen und Gebrauch iſt, Speiſeſäle zu dekoriren. Da fehlten nicht die ab⸗ gehauenen Baumſtämme in den Saalecken, nicht die Guirlanden mit farbigen Schleifen umwickelt, nicht die kreuzweiſe aufgehängten Fähnchen in den Farben des engeren, weiteren, engſten und weiteſten Vaterlandes und all der Schnickſchnack, der bei ſolchen Gelegen⸗ heiten zu treffen iſt und den die Feſtordner mit ſo großer Wichtigkeit zu behandeln pflegen. Die beſten Plätze waren dem Bürgermeiſter von Lindenheim und einigen Magiſtratsräthen, die mit ihm zum Mittags⸗ eſſen zu kommen verſprochen hatten, reſervirt, daneben hatte Herr Wacker drei weitere Plätze belegt und zwar für Herrn Doctor Rappel, Herrn Cäſar Hohl und ſich ſelber.. Zwar war es allerdings in des unermüdlichen Wacker's Abſicht gelegen geweſen, die geladenen Turn⸗ freunde in bunter Reihe zu placiren und namentlich 141 die Lindenheimer Turner zerſtreut dazwiſchen unter⸗ zubringen, aber der vielgeplagte Lindenheimer Turn⸗ vorſtand ſah nur zu bald die Unmöglichkeit ein, ein ſolches Arrangement durchzuführen. Wie wenn ſie Gefahr liefen ohne einander im Univerſum als kome⸗ tenartige Atome für immer einſame Bahnen wandeln zu müſſen, ſobald ſie ſich einmal von einander trenn⸗ ten, klebten die Mitglieder eines jeden Turnvereins ängſtlich aneinander und nichts vermochte ſie, ſich von einander loszutrennen. Wie allabendlich zu Hauſe auf ihren Turnkneipen, ſo wollten ſie auch hier beim Feſteſſen in Lindenheim bei einander bleiben,— wer hätte die Macht gehabt, ihnen eine andere Idee bei⸗ zubringen? So ſaßen ſie denn Alle in den gewohn⸗ ten Umgebungen und ſo war ihnen auch am wohlſten, im fremden Pferch würden ſie ſich wie der„Peter auf der Wanderſchaft“ gefühlt haben. Die Suppe war aufgetragen und mit Halloh empfangen. Die Löffel klapperten wie Spatzenſcheuchen im Herbſte und da, wo eine Ladung gefüllter Suppen⸗ teller gerade ausgetheilt worden war, verſtummte vor⸗ übergehend das Geſpräch.— Mit dem Abſerviren hatten die bedienenden Leute freilich ihre liebe Noth. Sie waren vom Gaſthofbeſitzer inſtruirt worden, daß ſie von jedem Gaſte den gebrauchten Teller ſammt Löffel wegzunehmen hätten, aber der Gaſtwirth hatte hierbei ſeine Inſtruction ohne die Turner gemacht. Dieſe behielten krampfhaft die Löffel zurück und waren durch nichts zu bewegen, ſie abſerviren zu laſſen. „Womit ſollen wir denn Gemüſe eſſen?“ war ihre ſtändige Einwendung, wenn Kellner oder Kellnerin nach dem gefährdeten Löffel griff. Ja, ein beſonders empfindlicher Schneidergeſelle rief ſogar entrüſtet: „Glaubt denn der Wirth, daß wir ſeine Löffel ein⸗ ſtecken, weil er ſie ſchon vor Schluß des Eſſens ein⸗ ſammeln laſſen will?“— Ja, Turnern muß anders ſervirt werden, wie der übrigen, der vulgären Welt. An Herrn Wacker machte ſich eine kleine Unruhe bemerkbar. Der Augenblick nahte— das Rindfleiſch nämlich— wo der erſte Toaſt auszubringen war. Zwar war Herr Wacker ſchon ziemlich daran gewöhnt, Reden zu reden, welche nichts weiter bezweckten, wie die Aufforderung zu einem„gedonnerten Gut Heil“ einzuleiten, aber heute war die Geſellſchaft zahlreicher wie ſonſt, hatte heute noch nicht, wie ſonſt, ſchon ein mehr oder minder großes Quantum Bier vertilgt und außerdem waren gar competente Gäſte da, ſo insbe⸗ ſondere Herr Cäſar Hohl, der gewiß— das konnte man ſich ja doch denken— ein großer Redner war. Aber Herr Wacker bekämpfte heldenmüthig ſeine Aengſt⸗ lichkeit und während die Bedienung Rindfleiſch umher⸗ reichte, klopfte er mannhaft mit ſeinem Meſſer an das vor ihm ſtehende Weinglas; Herr Wacker trank näm⸗ lich nicht wie die Turner Bier, ſondern mit den Herren Hohl und Rappel Wein.— Weniger gut disciplinirt wie in der Turnkneipe, währte es eine Weile, ehe die wünſchenswerthe Ruhe im Saale herrſchte, worauf in wenigen Worten— was allerdings das Allervernünf⸗ tigſte war(darum hatte Wacker auch vorher den Doctor —— ——— Rappel nicht um ſeinen Rath befragt)— der Linden⸗ heimer Turnvorſtand die Anweſenden aufforderte, als erſten Toaſt die Geſundheit des Landesfürſten auszu⸗ bringen. In Turnkreiſen pflegt ein Toaſt wie der andere „donnernd“ abzulaufen, auch dieſes„Gut Heil“ auf den Landesfürſten ging mit der entſprechenden Verve in Scene, trotzdem ein Mann im Saale mit Oſtenta⸗ tion ſitzen blieb und nicht mitſchrie. Dieſer eine Mann war der Herr Doctor Rappel, deſſen Geſichtsfarbe zwiſchen Zinnoberroth und Kremſer⸗ weiß abwechſelte. Kaum war das gedonnerte dritte „Gut Heil“ verklungen, als Herr Doctor Rappel von ſeinem Stuhle aufſprang und mit Stentorſtimme den eben ausgebrachten Trinkſpruch modifizirte,— das erſte Glas gehöre dem Kaiſer, in deſſen Macht und Perſon ſich ja die Macht und Perſon aller deutſchen Fürſten vereinigt finden und wenn— wie Doctor Rappel gegen Wacker ſpöttiſch bemerkte— es dem Herrn Vorredner auch alle Ehre mache an einem alten überlebten Gebrauche aus Pietät feſtzuhalten, ſo werde er doch geſtatten müſſen, daß deutſche Männer vor Allem ihres Landesherrn gedächten und darum trinke er auf das Wohl des Kaiſers u. ſ. w. Die ganze Rappel'ſche Rede, die obendrein in ge⸗ reiztem Tone vorgetragen wurde, hatte ſtörend gewirkt. Aber ſonderbarer Weiſe ſchien von dieſem Augenblicke an der Doctor Rappel aufgeräumter wie vorher; mög⸗ lich, daß er erſt dann mit ſich zufrieden war, wenn er die Freude Anderer geſtört hatte. 8 Es folgten ſich nun Rede und Toaſt in raſcher Reihe; der Bürgermeiſter hieß die Gäſte willkommen, ein auswärtiger Turnlehrer dankte für den Empfang, den ſie in Lindenheim gefunden, ein anderer Turner ließ die„Frauen und Töchter“ des Städtchens leben (er hatte es in dieſer Beziehung mit ſeinem Quartier gut getroffen, eine Mutter mit drei Töchtern, welche ſämmtlich die Pflichten der Gaſtfreundſchaft im weite⸗ ſten Grade bereitwillig übten) u. ſ. f. Herr Cäſar Hohl— obzwar ſchon mehrfach darum gebeten und gedrängt— hatte noch nicht geſprochen. Er befand ſich in einer mißlichen Lage. Er überlegte ſich, daß er, der ſich vorgenommen hatte bei den nächſten Wahlen für den Landtag im Lindenheimer Wahlkreis zu candidiren, unmöglich ſtumm bleiben könne, er hatte ſich auch heute Morgen beim Tagesgrauen eine Rede zuſammengeſtoppelt, aber— Herr Cäſar Hohl, der große Volkstribun, war zum Sprechen ebenſo wenig brauchbar, wie zum Hören. Der Angſtſchweiß ſtand ihm auf der Stirne, als nach einer wiederholten Bitte Wacker's um eine kleine Rede nun auch noch Rappel ſagte: „Ei ſo erfüllen Sie doch den braven Jungen ihre Bitte“, und dabei zugleich an's Glas klopfte, um Ruhe für den Vortrag zu fordern. Da war kein Entrinnen mehr. Schuell ſuchte Herr Cäſar Hohl in ſemem Gedächtniſſe zuſammen, was er noch von der heute früh einſtudirten Rede, die er jetzt „eX tempore“ vortragen wollte, vorfand und erhob ſich: — —x 145 „Ich habe, meine deutſchen Brüder, von einer Sache mit Euch zu ſprechen, die dem Vaterlande ſehr am Herzen liegt und die mehr als alle andern würdig iſt, an dem Tage von uns überlegt zu werden, wo wir im Begriffe ſtehen, uns durch Begehung einer ſymbo⸗ liſchen Feier zu erheben. Unſer höchſtes Beſtreben ſoll ſein, unſeren Alt⸗ vorderen, mannhaft unverbildeten Andenkens, immer ähnlicher zu werden.— Jene hohen Muſterbilder von einfältiger Sittenunſchuld und unverarteter Menſchen⸗ thümlichkeit leuchten in unſere heutige Welt herab wie Haarſternlicht, das manchmal an der nächtlichen Him⸗ melsfeſte glänzt. Ja, wohl mag ich ſie Haarſternen vergleichen, ſie, die im Schmucke des wallenden Haupt⸗ haars und des langen, fettglänzenden Bartes der Schrecken ihrer Feinde wurden. Stark wie ihr Bier, kannten ſie keine ärgere Schmach, als dieſes mann⸗ zierenden Ehrenzeichens beraubt zu werden, fürchteten ſie keinen Untergang, als derer, die, wie der philiſter⸗ zwängende Simſon, den Bart unter das Scheermeſſer dahin geben. Wir nicht alſo, meine deutſchen Brüder; ungekürzt ſollen unſere Bärte über die Wehrmänner⸗ bruſt herabfließen und Enkel ſollen an ihnen noch lernen, wenn ſie einſt im Streite grau geworden. Laßt uns Scheermeſſer, Barbiere, Haarkräusler als unſere ärgſten Widerſacher betrachten und uns das Wort geben, nie ein anderes Mädchen heimzuführen,“(Herr Cäſar Hohl war zwar längſt verheirathet, aber als freier Mann haßte er alle Feſſeln und wären ſie auch aus Roſen geweſen,)„als deren ungekämmtes Haar ihren alter⸗ Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 10 146 thümlichen Heldenſinn verräth. Die, welche mit ge⸗ flochtenen Locken einhergeht, iſt nicht werth, das Feuer auf unſerem Heerde anzuzünden. Die ſich ſchämt den Schädel unverkünſtelt der Welt zu zeigen, darf uns nicht die Heldenlabeſpeiſe aus der Milch unſerer Ziegen bereiten. Werft die entmarkenden Werkzeuge weg, die Ihr bisher gebraucht! Kein anderes Meſſer berühre Euren Hals, als das Euch in der Schlacht zugleich die Kehle abſchneidet, kein anderer Schaum berühre Eure Lippen, als Bierſchaum und alle Eure Waffen mögen nicht mehr auf dem Leder, ſondern auf dem Steine geſchliffen werden.— So komme es! Ja, ſo komme es! Und mehr noch komme! Nicht die Unbärtigen allein ſind unſere Feinde, mehr noch ſind es die Frackträgler, die Schnürleibgepreßten, die Halstuchgefangenen, die Vatermörderdreiecksfratzen, kurz die Schneider und Alle die den Scheerengeſchöpfen ihres unthümlichen Witzes huldigen. Nicht davon zu reden, daß der rüſtige Turner ſolche Kleidung als Gift für Gliedergeſundheit anſehen muß, ſie iſt eine Ausgeburt der entſetzlichſten Leidenſchaftsungezügeltheit unſerer Zeit. Ich möchte mein Geſicht verbergen, daß ich von ſolchen Schandthümlichkeiten zu Euch rede! Aber es muß heraus! Wenn die elenden, gemeinen, verächtlichen Franzoſenaffen, altdeutſchen Ruhms erbverluſtige Ab⸗ trünnler, in ihren Gelagen, wo ſie nur fremde Weine ſaufen, die Bierverächter, wo ſie, ſtatt wie unſere Ahnen mit Bärenfett die Speiſen zu würzen, nun allerlei ſchärfliche Aezungen aus fernen Ländern kommen laſſen, wenn ſie an ſolchen Tafeln ihre Kräfte verpraßt, in 147 Müſſiggang und Lüderlichkeit ihre friſche Farbe ver⸗ loren, auf langen Liegſeſſeln ihren Leib träge gemacht haben, dann ſuchen ſie durch die weißen Hemdelappen dem eingefallenen Geſichte wieder Glanzjugend zu geben und hüllen das peſtmagere Gekröſe in ſeidene Tücher ein, und laſſen durch ſteifendes Stärkemehl gepeinigte Leinwandſtreifen den welken Schorkopf tragen. In ihrem Ueppigkeitstrotz ſchämen ſie ſich nicht, vor unſern Frauen und Jungfrauen in ihrem anſtößigen Frack (pfui des Worts!) zu erſcheinen, der, um den ſchwach⸗ thümlichen Leib nicht niederzudrücken, kaum ihre Blöße deckt. Der Turner trägt einen weiten Rock, weil er rei iſt, er trägt einen bloßen Hals, weil er fröhlich 3 Dlich iſt, er trägt weite Hoſen, weil er fromm iſt, er trägt keine Vatermörder, weil er friſch iſt. Ja, fromm, friſch, fröhlich und frei iſt der Turner. Möchten doch dieſe vier Worte das Wahr⸗ und Spruchzeichen aller Deutſchen ſein! Was nützen alle die lehrthümlichen Anſtalten, wenn die Lehrer derſelben etwas Anderes predigen, als dieſe friſch⸗fromm⸗frei⸗Fröhlichkeit. O du liebes, altes, treues, großes, ſchönes, gutes, ſtarkes, feſtes, herrliches, heiliges, himmliſches, göttliches, deutſches Vaterland! Wie oft hab' ich geweint um Dich, daß man beim Eintritt in deine Marken ſo vielerlei Tracht und Art ſieht! Aber Geduld! Das bunte Gewühl von Kleidern ſoll aufhören! Bald erſcheint die Zeit, wir wiſſen das, meine deutſchen Brüder! Bald erſcheint die Zeit, wo die große Staatsgrundſtandweſenumände⸗ rung vor ſich gehen wird. Dann, wenn Landsmann⸗ ſchaftſucht und Völkkleinerei ſich aufgelöſt haben in 10* 148 Alldeutſchheitsurerbreichvolksſchwurverbrüderung, dann wird ausgeſtoßen von der Gemeinde, wer keine Turn⸗ hoſen und keinen deutſchen Rock trägt; unſere Schneider⸗ geſellen dürfen nicht mehr in Undeutſchland arbeiten, unſere Heldenmädchen werden nur die bärtigen, un⸗ betuchgeſteiften Hälfe lieben, aber die unwürdigen Wechſelſittlichkeit mitmachenden Töchter unſerer Eichen⸗ wälder ſind zu langſam ſelbſtzehrvertrocknender Un⸗ mannbetrautheit verdammt, damit uns nie aus ihrem Schooße abdeutſchthümliche Unholden entſprießen! Ergreift darum mit mir, Ihr deutſchen Brüder, den Krug mit nerviger Wehrmännerfauſt und trinket nach der Väter Sitte die Minne auf die alleinbeglückende Wiedergebärerin unſerer Allmutter Deutſchland— auf die Turnerei.— Gut Heil, gut Heil und gut Heil.“ Eine ſolche kerndeutſche Rede hatten die Linden⸗ heimer, und wohl ebenſowenig die Gäſte, je gehört. Je confuſer ſie beim Zuhören wurden, deſto überzeugter waren ſie von der Vortrefflichkeit des Geſprochenen, und mit leuchtenden, bewundernden Blicken ſahen die Turner auf den großen Geiſt, auf den erhabenen Redner: Cäſar Hohl. Welch' ein Mann! Und um den Triumph des Siegers noch vollſtändiger zu machen, nahmen einige Turnbrüder raſch heimlich ihre Halsbinden ab, — ein rührender Beweis ſowohl ihrer Bildungsfähig⸗ keit wie des Einfluſſes, den„kluge Reden“ zu üben vermögen. 1 Auch Emil Mohl hatte mit Erſtaunen geſehen, wie ſich Cäſar von ſeinem Stuhle erhob, um eine Rede zu halten. Er kannte den gefeierten Cäſar hinreichend —.——õ— aus Turn⸗ und anderen Verſammlungen in der Re⸗ ſidenzſtadt, um zu wiſſen, daß Redenhalten eine Spe⸗ zialität Hohl's nicht ſei. Daß er hier in Lindenheim zu ſprechen wage, war alſo immerhin eine Rarität. Leider aber fehlte Emil die nothwendige Aufmerkſam⸗ keit; ſo ſehr er ſich auch vorgenommen hatte, dem In⸗ halte der Hohl'ſchen Rede zu folgen, ſo waren die ableitenden Gedanken doch mächtiger wie dieſer Wille und von dem Momente an, wo Herr Cäſar Hohl vom „Heimführen eines Mädchens“ ſprach, hörte Emil kein Wort mehr von der ferneren Rede. Der junge Mann hatte auch gar viel zu denken. Seit dem ſo außerordentlichen Ereigniß geſtern Nacht hatte Emil Fräulein Apollonia Graf nicht mehr zu Geſicht bekommen. Mit fünfundzwanzig Jahren pflegt man jede Nacht gut zu ſchlafen, gleichviel ob man vor dem Bettgehen die Nachricht empfangen, daß man des folgenden Morgens ausgepfändet werden ſolle, oder ob man von friſchen Mädchenlippen geküßt worden iſt. Man denkt über das Gehörte oder Erfahrene eine Weile nach, ſchläft ein und wenn man wieder erwacht iſt's Morgen; das iſt nun ſo eines der, ſo lange man es beſitzt, wenig beachteten Glücksgüter der Jugend. Als Emil Mohl Morgens im Gaſtbette der Familie Graf erwachte, rekapitulirte er freilich die Erlebniſſe des vorigen Abends, aber er vermochte nicht, ſich ganz genau davon Rechenſchaft abzulegen, wie denn eigent⸗ lich das Außerordentliche zugegangen. So oft er ſich auch ausmalen wollte, wie er im Geſpräch neben Apollonia geſeſſen, wie er ſie angeblickt und wie ſie — 150 ihm ſo lieb und neckiſch geantwortet, immer drängte ſich die Erinnerung an den einen, den hauptſächlichſten Moment dazwiſchen, wie Apollonia ihm in überquellen⸗ dem Selbſtvergeſſen heiße Küſſe aufgedrückt. Was war das doch für eine ſeltſame Turnfahrt geworden! Und wie folgenſchwer mußte ſie erſt werden! Denn— wenn ein Mädchen, oder richtiger: eine junge Dame von der Art, wie Fräulein Apollonia Graf, einen jungen Mann küßt, ſo iſt das keine gleichgültige Sache. Ob auch immerhin Emil gar nicht recht wußte, wodurch er geſtern ſo unwiderſtehlich erſchienen ſein mochte, ſo war doch durch eine unumſtößliche Thatſache bewieſen, daß er es geweſen. Einfach einen Strich unter den geſtrigen Abend zu machen und die da erlebte Viertel⸗ ſtunde als ein angenehmes, aber im Grunde bedeutungs⸗ loſes Vorkommniß, als eine aventure de voyage zu betrachten, fiel dem guten unerfahrenen Jungen nicht ein; ja er kam ſich in gewiſſem Sinne als ein recht verabſcheuungswürdiger Verbrecher vor. Er überlegte ſich nämlich, daß er gaſtfrei in ein Haus aufgenommen worden, deſſen Tochter über ſeine Perſon in einem Irrthum befangen geweſen ſei, den zu zerſtreuen er feiger Weiſe unterlaſſen habe. Fräulein Apollonia Graf hatte ihn für einen Beamten gehalten und er hatte ihr nicht widerſprochen. Wenn nun auch Emil vollkommen überzeugt war, daß Apol⸗ lonia in dem Augenblicke, als ſie ihm ihre Neigung in ſo unzweideutiger Weiſe, wie geſchehen, zu erkennen gab, an nichts weniger als an ſeine geſellſchaftliche Stellung dachte, wenn er auch vollkommen überzeugt — — 151 ——— war, daß ſie geſtern Abend lediglich nur der gebiete⸗ riſchen Stimme ihres⸗ Herzens gehorcht hatte, ſo war es für ihn, den Beglückten, doch ein ſehr unbehagliches Gefühl, ſich ſagen zu müſſen, daß er Theil habe an einer Täuſchung der Geliebten und daß er demgemäß verbunden ſei, dieſen Irrthum aufzuklären. Daß auf Apollonia's Gefühle eine derartige Entdeckung natür⸗ lich einen Einfluß auszuüben nicht vermögen werde, war Emil überzeugt, aber mußte er nicht befürchten, daß Apollonia Zweifel in ſeine Ehrlichkeit und Auf⸗ richtigkeit ſetze, wenn er heute erſt berichtige, was er geſtern ſchon in's Klare hätte bringen ſollen? Ein ſolcher Gedanke war aber ſehr peinlich, denn vor der Geliebten möchte man auch nicht das kleinſte Fleckchen an ſeinem Character zu beſchönigen haben. Und was ſollte nun daraus weiter werden? Wenn eine junge Dame einem jungen Manne ſagt, daß ſie ihn liebe, wenn ſie ihm darauf gewiſſermaßen Brief und Siegel in Form freiwillig applizirter Küſſe gibt, ſo iſt das nach Lesart der„guten, alten, deutſchen Sitte“ nicht mehr und nicht weniger als eine Verlobung, ein Jawort für die künftige Ehe. Mußte ſich Emil Mohl ſonach nicht als verlobt, als Bräutigam betrach⸗ ten? Als Bräutigam?! Es durchrieſelte ihn ganz ſonderbar, als er ſich ſelbſt dieſes Wort als Bezeich⸗ nung ſeiner ſchnell errungenen Stellung vorſprach; Bräutigam, und zwar Bräutigam einer ſolchen Perle von Braut, wie Apollonia Graf! Kein Wunder, daß es bei dieſem köſtlichen Gedanken den jungen Mann nicht mehr länger im Bette ließ. Er ſprang mit — nichts Gutes verhießen, über das Städtchen und wenn auch der gefallene wenige Regen nicht von ſtörender Bedeutung geweſen war, ſo hatte er doch die Wirkung ausgeübt, die Luft mehr als nothwendig abzukühlen. Das Schlimmſte aber war, daß die ſich zuſammen⸗ ballenden Wolken befürchten ließen, es möchte wohl in den nächſten Stunden ein länger andauernder Regen ſich einſtellen und ſo den Hauptmoment des Feſtes— die Uebergabe der Fahne an die Turner— ſtören. Wetterkundige— und wer bildet ſich nicht ein, es zu ſein?— verkündigten mit erſtaunlicher Uebereinſtim⸗ mung, daß der zu erwartende Regen vorausſichtlich noch mehr als eine Stunde auf ſich warten laſſe, wes⸗ halb Wacker raſch entſchloſſen, das Programm plötzlich dahin abänderte, daß er faſt unmittelbar nach De⸗ moſthenes Hohl's Rede die Tafel aufhob und verkün⸗ dete, daß die Fahnenübergabe ſogleich zu geſchehen habe. Die Turnvereine ſollten ſich augenblicklich in's Kneiplocal begeben, dort ihre Vereinsfahnen holen und ſich ſodann unverzüglich zum Zug ordnen. Er ſelbſt würde inzwiſchen die Frauen und Töchter Lindenheims, die als Deputation und Zeugen dem Akte beizuwohnen beſtimmt waren, durch raſch ausgeſendete Boten aus der Zahl der Turner von dieſer nothwendigen Abän⸗ derung des Programms benachrichtigen laſſen. Wie ein Feldherr während der Schlacht ſtand Herr Wacker inmitten ſeines Stabes und beorderte einen ſeiner Galoppins nach dem andern ab, um in die verſchie⸗ denen Häuſer des Städtchens die Kunde von der Vor⸗ verlegung des Feſtaktes zu bringen. * 152 gleichen Füßen heraus und hätte am liebſten laut ge⸗ ſungen, um dem Glück in ſeiner Bruſt etwas Luft zu ſchaffen. Aber wie wird ſich Apollonia beim nächſten Wie⸗ derſehen benehmen? Wird ſich während des Frühſtücks eine Gelegenheit geben zum unbeobachteten Austauſche eines Grußes,— eines Grußes, der Alles enthalten mußte, was im Innern der flammenden Herzen bro⸗ delte? Emil hoffte es und gedachte mit aller Zartheit zu Werke zu gehen, um dem theuren Mädchen jede Befangenheit oder Beſchämung wegen der liebenden Selbſtvergeſſenheit von geſtern Abend zu erſparen.— Allein er kam nicht in die Lage, dieſen Vorſatz aus⸗ führen zu können, denn Frau Graf, die ihm einen freundlichen Guten Morgen wünſchte, war allein mit ihm beim Frühſtück und als er den Muth faßte, nach „dem Fräulein“ zu fragen, erklärte ihm die Mutter, daß ihre Tochter wegen der Vorbereitungen zum Feſt⸗ akte während des Vormittags unſichtbar ſei. Zu Emil'’s Beruhigung verſicherte indeß die Mutter, daß Apollonia ſich vollkommen wohl befinde. So hatte Emil Mohl die Geliebte und quasi Braut heute noch gar nicht geſehen, als er während Hohl's urgermaniſcher Rede träumeriſch vor ſich hinſtarrte und erſt wieder zu ſich kam, als um ihn her das üb⸗ liche Donnern des dreifachen„Gut Heil“ erſcholl, wel⸗ ches das Ende des Vortrages ankündigte. Perfider Weiſe hatte während des Mittagseſſens das Wetter ſich bedenklich geſtaltet. Nachdem es einen kurzen Regenſchauer gegeben hatte, zogen Wolken, die —.— — — —⸗—xxxꝛ—x — 154 Und hier, theurer Leſer, magſt ein Wunder Du erſchauen. Die Botſchaft Wacker's ſtieß bei den Em⸗ pfängern nirgends auf unfreundliche Mienen,— keine einzige der Lindenheimer Schönen kam mit ihrem An⸗ zuge dadurch in Verlegenheit, alle waren ſie ſchon fix und fertig angezogen, Einzelne ſchon ſeit mehreren Stunden. Dies iſt der Vorzug einer kleinſtädtiſchen Gewöhnung. Die fieberhafte Erregung, bei einem ſo herrlichen Feſte eine wichtige Rolle zu ſpielen, hatte alle Feſtjungfrauen erfaßt gehabt und längſt ſchon waren ſie bereit, dem Signal zu folgen, das ſie nach dem Feſtplatz rufen ſollte. Die Meiſten empfingen ſogar die Wacker'ſche Botſchaft ſchon mit dem unver⸗ meidlichen in Zipfel gelegten Taſchentuch in den Hän⸗ den, an denen heute friſchgewaſchene hellgelbe Glacé⸗ handſchuhe die Spuren von Nadel oder Bürſte und Fegſand liebend verhüllten. Der Feſtzug war gar prächtig. Vorauf gingen die Stadtmuſikanten und blieſen einen gar feinen Marſch, der den militäriſchen Aufzügen fremden Lindenheimern ſofort in die Beine fuhr und ſie Schritt und Tritt zu halten nöthigte, ſie wußten ſelber nicht warum. Dann kamen die Turngäſte, nach ihren Vereinen ge⸗ ordnet und in alphabetiſcher Reihenfolge nach den Heimathsnamen, jedem Vereine ſeine Turnfahne voran, — ach es waren darunter gar manche von hervor⸗ ragender Pracht, ſo insbeſondere die Fahne eines Turn⸗ vereins aus einem Städtchen, das zur einen Hälfte aus Juden beſtand, die, als ſeiner Zeit die freiwilligen Beiträge für jene Fahne geſammelt wurden, gar tief —— 155 in ihre gefüllten Beutel gelangt hatten, gleichſam zum Dank für die Emanzipation, die darin lag, ſie mitthun zu laſſen. Dieſe paritätiſche Fahne glitzerte ordentlich nach eitel Gold, womit ſie geſtickt war und beſchämte die nächſtfolgenden Schweſtern. Nach den Turnvereinen kamen die Feſtjungfrauen, welche je zwei und zwei ein weißes Band trugen, auf dem die noch verhüllte Lindenheimer Turnfahne lag, wie ein Kind in der Wiene Hernach folgte eine Deputation aus der Mitte des Stadtmagiſtrats, an ihrer Spitze der Herr Bürger⸗ meiſter und unter ihnen der Agent einer Feuerver⸗ ſicherungsgeſellſchaft. Den Schluß des Zuges bildeten, abſichtlich in vnnbrduer Reihe die Lindenheimer Turner, die dadurch anzeigen ſollten, daß ſie in dieſem Augenblicke noch eine wilde Schaar ſeien, die erſt nach⸗ her, nachdem ſie das Symbol ihrer Vereinigung em⸗ pfunden haben würden, zu dem Standpunkt der übrigen Vereine ſich emporgeſchwungen haben. Der Zug bewegte ſich durch die feſtlich geſchmückte Hauptſtraße des Städtchens. Leider hatte der während des Mittageſſens gefallene kurze Regen ſchon einige Zerſtörungen an den Häuſerdecorationen hervorgerufen. Einige der vor die Fenſter herausgehängten kleinen Papierfähnchen predigten laut von der Vergänglichkeit alles Lumpengeborenen und die von den Giebeln herab⸗ wallenden Flaggen hingen melancholiſch wie feuchte Wäſchſtücke von der Trockenleine herunter, wobei etliche die urſprünglichen Farben in„ſcheußliches Grau“ ver⸗ wiſcht zur Schau trugen. Auf dem Turnplatz vor dem Städtchen erhob ſic 156 die bereits früher erwähnte landwirthſchaftliche Tribüne, auf der ſich ſchon ein zahlreiches Publikum eingefun⸗ den hatte. Wer nämlich nicht offiziell bei der Feier betheiligt war, es aber als ein Standesvorrecht für ſich in Anſpruch nahm, von einem reſervirten Platze aus die Feier mitanzuſehen, hatte auf der Tribüne ſich eingefunden und wenn man die dort Verſammel⸗ ten hätte gewähren laſſen, ſo würde für die bei der Ceremonie Betheiligten gar kein Fleckchen Raum mehr übrig geblieben ſein. Und jedes der wartenden An⸗ weſenden hatte nach ſeiner Meinung ein hervorragen⸗ des Recht ſich von da oben die Sache mitanzuſehen. Wer ſollte da nun eine Auswahl treffen? Wer wollte ſich der Gefahr ausſetzen in weniger als fünf Minu⸗ ten ein Viertelhundert lebenslänglicher Todesfeindſchaf⸗ ten ſich auf den Hals zu laden? Und doch mußte Rath geſchafft werden. Wie in allen Details, ſo auch hier, mußte Herr Wacker helfen. Er griff zu dem heroiſchen Mittel unter dem Vorgeben, daß ſämmtliche Fahnen ſammt ihren Trägern, Deputationen u. ſ. w. auf der Tribüne Platz zu nehmen hätten, alle Anweſenden ohne Unter⸗ ſchied zur Entfernung aufzufordern, natürlich nicht ohne Worte ſeines tiefſten Bedauerns über dieſe noth⸗ wendige Störung einfließen zu laſſen. In der That widerſtrebend genug lichteten ſich die Reihen der Zu⸗ ſchauenden und erſt nach nicht immer ganz parlamen⸗ tariſchen Mahnungen der betreffenden Fahnenträger wichen die ungebetenen Tribünengäſte. Als endlich der angeſtrebte Zweck erreicht war, ließ ſich Herr — —4— 157 Wacker interpelliren, daß die von ihm getroffene Ein⸗ theilung nicht zweckentſprechend ſei, daß vielmehr die fremden Fahnen zu ihren reſpectiven Vereinen gehören und mit einer Nachgiebigkeit, welche einen Uneinge⸗ weihten billig in Erſtaunen geſetzt haben würde, änderte daraufhin Herr Wacker ſofort ſeine Anordnung wieder und ließ die auf der Tribüne ſtehenden Fahnenträger u. ſ. w. wieder abtreten und bei ihren Kameraden Platz nehmen— ſeinen Zweck ohne Bevorzugung Ein⸗ zelner Raum für die eigentlichen Feſttheilnehmer zu ſchaffen, hatte er ja vollſtändig erreicht. Ja, Herr Wacker beſaß ſogar die Bosheit, als er die Herab⸗ ſteigung der Fahnenträger von der Tribüne anordnete, ſich gegen die vorher vertriebene Geſellſchaft zu wen⸗ den und mit einer einladenden Handbewegung zu ſagen: „Meine Herrſchaften, es hat ſich glücklicher Weiſe arrangiren laſſen, daß Sie Ihre vorher innegehabten Plätze behalten können. Bitte— Und in den Herzen der Hin⸗ und Hergeſchobenen war kein Groll, ſie ſtiegen wieder hinauf auf die Tribüne, froh des neugewonnenen Platzes und waren doppelt glücklich, denn durch die Verringerung des disponibeln Raumes waren jetzt nur me hr Vollblut⸗ honoratioren dort anweſend. Alles war ſomit in ſchönſte Ordnung gebracht, der feierliche Feſtakt konnte beginnen. Erwartungsvoll tanden die Turnvereine in einem gegen die Tribüne riinen Viereck geſchaart, die Lindenheimer Turner hatten ſich zu Füßen der Treppe aufgeſtellt, die Wür⸗ denträger waren auf der Plattform gruppirt, auf der 158 Treppe ſtanden in Erwartung des Anfanges der Cere⸗ monie Herr Wacker und der deſignirte Lindenheimer Fah⸗ nenträger,— aber es wollte immer noch nicht losgehen. Eine unheimliche Pauſe entſtand; warum die Zö⸗ gerung?— Fräulein Apollonia Graf ſammt den be⸗ vorzugteſten zwei Begleiterinnen und der Ehrenmutter fehlten noch immer. Die Feſtjungfrauen, die mit dem Zuge gegangen waren, hielten die verhüllte Fahne in ihren Schlingen, aber ſie, die Meiſterin der Jungfrauen⸗ ſchaar, Apollonia, der Feſtjungfrauen feſtjungfräulichſte, erſchien noch immer nicht. Natürlich war Wacker hierüber auf's Aeußerſte unruhig. Er hatte durch den Boten, durch den er der Familie Graf die Vorverlegung der Feſtfeier hatte anzeigen laſſen, erfahren, daß Fräulein Apollonia voll⸗ ſtändig parat ſei; der ſonſt ſo naheliegende Gedanke, es möchte die Toilette noch nicht in Ordnung ſein, war alſo nicht zuläſſig. Und dennoch die Störung? Er hatte bereits den Schnellfüßigſten des Turnvereins nach der Graf'ſchen Wohnung entſendet, aber noch keine Nachricht von ihm zurückbekommen,— da kam der Turnjüngling daher geſprengt, die Arme vorſchrifts⸗ mäßig in die Seite geſtemmt, den Mund krampfhaft geſchloſſen, ganz Turnreglement Kapitel: Dauerlauf. „Fräulein Graf weigert ſich zu kommen,“ rappor⸗ tirt er zwiſchen ſich raſch folgenden Athemzügen hin⸗ durch,„wenn ihr und ihren Begleiterinnen nicht ein Wagen geſchickt wird; es habe geregnet und ſie könnten nicht zu Fuß gehen, ohne fürchten zu müſſen, ſich furchtbar zu erkälten.“ 159 Ein Fluch, ſo kräftig, daß ſich ein mit der fünf⸗ undzwanzigjährigen Dienſtmedaille dekorirter Wacht⸗ meiſter ſeiner nicht zu ſchämen gehabt hätte, entrang ſich, glücklicher Weiſe nur von der allernächſten Um⸗ gebung gehört und verſtanden, den Lippen des Turn⸗ vorſtandes. Im erſten Moment beabſichtete er Fräu⸗ lein Apollonia Graf ſammt ihren Prätentionen im Stich zu laſſen und die Uebergabe ohne ſie vorzu⸗ nehmen, aber er erinnerte ſich, daß ſeitdem Doctor Rappel die Uebergabsverſe, welche Fräulein Graf ſprechen ſollte, verfaßt, jener gerade auf dieſen Moment erpicht ſei und wohl oder übel mußte ſich Wacker be⸗ quemen nachzugeben. Nun iſt es in einem Landſtädtchen, wie Linden⸗ heim, keine Kleinigkeit, ſchnell einen vierſitzigen Zwei ſpänner beizuſchaffen. Zwar beſaß Lindenheim einer Lohnkutſcher und dieſer Lohnkutſcher beſaß auch zwei Glaswägen, deren einer ſich vortrefflich zum Abholen Fräulein Graf's und ihres weiblichen Generalſtabs qualifizirt hätte. Aber dieſe beiden Glaswägen kamen nur bei ganz beſonders feierlichen Gelegenheiten, wie z. B. einer Hochzeit, in Gebrauch und waren ſonach die meiſte Zeit wohlverwahrt und ſicher geborgen in der Remiſe, ſo daß ſie nicht jeden Augenblick disponibel ſtanden, wie ein zweiſpänniger Fiaker auf den Halt⸗ plätzen einer großen Stadt.— Herr Wacker ſah nach dem Himmel, was dieſer für ein Geſicht mache und ob er nicht ſchon in der nächſten Minute, zur Strafe für die einfältigen Quengeleien Fräulein Graf's, ſeine Regenſchleußen öffnen würde, aber noch war's immer N 160 unbeſtimmt, was Jupiter pluvius vorhabe.— Herr Wacker hielt ſchnell eine heimliche Berathung mit den Lindenheimer Turnern. „Ihr habt gehört, warum die Graf's Loni nicht kommt. Ich kann keinen Wagen aus dem Boden ſtampfen für dieſe Prinzeſſin. Und wenn wir auch einen Wagen bekommen, ſo iſt's noch fraglich, ob wir Pferde davor erhalten, zumal jedenfalls alle Knechte auf den Beinen ſind. Die Zeit drängt, wir ſind im Begriff uns fürchterlich zu blamiren; es gibt nur ein Mittel uns herauszubeißen—“ „Laſſ' hören,“ erſcholl's aus dem Mund der ängſt⸗ lich werdenden Turnbrüder. „Wir müſſen der Sache einen ſcherzhaften Anſtrich geben; Ihr lauft ſchnell zum Lohnkutſcher Hörmaier und ſeht zu, ob Ihr dort einen zweiſpännigen Wagen bekommt. Iſt's der Fall, na ſo iſt's gut, wenn nicht, ſo laßt⸗Euch von Hörmaier einen unbeſpannten Wagen geben, ſetzt die vier Frauenzimmer hinein und fuhr⸗ verkt ſie ſelber heraus. Der Prinzeſſin Graf könnt Ihr ja weismachen, daß Ihr Euch aus Bewunderung ſelber eingeſpannt habt, wie man es ja großen Künſt⸗ lerinnen bei ihren Gaſtſpielen auch zu thun pflegt. Sie iſt eitel genug, um es Euch zu glauben und wenn ſie Ja ſagt, ſo muckſt ſich von den Uebrigen ohnedem keine mehr. Verſtanden? Nun macht, daß Ihr fort⸗ kommt und bringt mir die Graf zur Stelle.“ Im Geheimen ſagte er ſich aber: „Daß ſie den Heimweg zu Fuß machen ſoll und wenn's Schmiedgeſellen hageln ſollte, darauf kann ſie ſich verlaſſen, ſo wahr ich Wacker heiße.“ Die Lindenheimer Turnerſchaar faßte den ihr vom Vorſtande gewordenen Auftrag als einen willkommenen Ulk auf, raſte wie eine Windsbraut davon und ehe ſie das Haus des Lohnkutſchers Hörmaier erreicht hatten waren ſie ohne weitere Verabredung untereinander mit ſich im Reinen, daß ſie ſich gar nicht erſt lang um die Möglichkeit Pferde zu beſchaffen kümmern wollten. Der Faſchingsſpaß, Fräulein Apollonia Graf im Triumph durch die Stadt zu ziehen, ſollte ihnen nicht entgehen. Herr Wacker, interpellirt was denn die eingetretene Stockung zu bedeuten habe, erklärte jetzt mit der größ⸗ ten Ruhe und einer Sicherheit, wie wenn Alles ſich programmgemäß verhielte, daß ſoeben, wie man ja ſehen gekonnt habe, die Lindenheimer Turner den zu erwartenden Ehrenjungfrauen entgegen geeilt wären, daß ſonach die Feier jeden Augenblick werde beginnen können. Auch Aegidius Keller war auf dem Feſtplatze er— ſchienen, er trieb ſich meiſt in der Nähe der Tribüne umher und machte für ſich ſeine Beobachtungen. Auch manches Geſicht entdeckte er, das er noch von ſeiner Knabenzeit her wieder erkannte, freilich war gar manches Mädchen von damals ſchon mehrfache Mutter geworden und trug die unverkennbaren Spuren an ſich, daß nicht nur das Schöne, ſondern auch deſſen Gegen⸗ theil dem ewigen Wechſel der Zerſetzung unterworfen ſei. Auch von ſeinen ungefähren Altersgenoſſen hatte er— unerkannt von ihnen— ſchon mehrere entdeckt. Die Jüngeren waren zum Theil Turner, die Aelteren Reichner, Stürme im Waſſerglas. I. 11 162 ſchon wohlbeſtallte Haus⸗ und Familienväter mit be⸗ ginnender äußerer Behaglichkeit und dem undefinir⸗ baren Typus des ſelbſtzufriedenen Kleinſtädters. Aegidius hatte keineswegs nöthig zu horchen, um die Urſache zu erfahren, warum der Akt der Fahnen⸗ übergabe noch nicht vor ſich gehe. In den umher⸗ ſtehenden Gruppen wurde darüber— und nicht immer mit allzurückſichtsvollen Nebenbemerkungen über Fräu⸗ lein Graf— hin und hergeſprochen genug. Aegidius erinnerte ſich nun an ein Fräulein Graf, Apollonia Graf, die Tochter des Chorregenten Graf, ſehr gut, nur hätte er geglaubt, daß das junge Mädchen, das ſchon heirathsfähig war, als er Lindenheim verließ, ſchon längſt unter der Haube wäre, denn des Regenten Töchterlein war ja gar ſchmuck und ſauber geweſen. Und heute nach ſo und ſo viel Jahren ſtand ſie alſo noch an der Spitze der Lindenheimer Jungfrauenſchaar? Aegidius geſtand ſich, daß man in Lindenheim ſogar in Bezug auf Mädchenblüthenzeit von einer Conſer⸗ vation ſei, die wohl anderwärts kaum Anklang und Nachahmung ſinden könnte. Oder ſollte Lindenheim ſo arm an Candidatinnen für den von der wohlcon⸗ ſervirten Jungfrau, Fräulein Apollonia Graf, beklei⸗ deten Poſten ſein? Es hatte nicht den Anſchein, denn Aegidius ſah eine ſtattliche Anzahl friſcher jugendlicher Mädchengeſichter, die freilich jetzt unter dem Ein⸗ fluſſe der feuchtkalten Temperatur, die in den dünnen weißen Feſtkleidchen doppelt fühlbar ſein mußte, ſich allmählig mit Schattirungen Feſcnit hatten, die der Beurtheilung nicht günſtig waren. Die Wangen ſpiel⸗ n eMnn 163 ten ſchon in's Violette, die Naſen und Näschen nahmen mehr und mehr die Farbe an, welche ſonſt als Auf⸗ nahms⸗Quittung in den Orden der Bacchusfreunde gilt und wie im November während der Sonntags⸗ predigt waren die Taſchentücher in fortwährender Function. Abſeits von den offiziellen Vertreterinnen des ſchönen Geſchlechts gewahrte Aegidius ein junges, ein⸗ fach in Wolle gekleidetes Mädchen, das ihm ſofort un⸗ bedingt als würdig erſchien, Fräulein Graf's Stelle einzunehmen. Das junge Mädchen war ſonderbarer Weiſe ganz allein; es ſtand dicht, wie angelehnt, an einem Baum und hatte offenbar für nichts Anderes Aug' und Ohr, wie für die erwartete Feſtlichkeit. Da das braunlockige Mädchen noch ſehr jung war, ſo war auch die geſpannte Aufmerkſamkeit, die es den Vor⸗ gängen auf dem Feſtplatze zuwendete, ziemlich erklär⸗ lich, denn in Lindenheim mochte es wohl noch nie Ge⸗ legenheit gehabt haben, einer Feſtfeier anzuwohnen. 8 ein junges Mädchen ganz allein, ohne jeglichen ſchutz, auf einem Feſtplatz erſcheine, hätte anderwärts befremden gekonnt; Aegidius war aber noch vertraut genug mit den Lindenheimer Gewohnheiten, um hierin etwas Befremdliches zu erblicken. Was konnte auch ein Lindenheimer Stadtkind, umgeben von lauter Lin⸗ denheimern, zu befürchten haben? Freilich,— war denn das hübſche Kind auch eine Lindenheimerin? Und wenn das der Fall war, wie hatte das Feſt⸗ Comité ſich eine ſolche auffallend hübſche Erſcheinung entgehen laſſen können, ohne ſie zu den Feſtjungfrauen 11* zu preſſen? Zu den Honoratioren des Städtchens ge⸗ hörte das einſame Mädchen denn doch kaum, dazu war ſein Anzug zu puritaniſch einfach, wenn die Stoffe auch gut und keineswegs veraltet waren. Aegidius beſchloß die einſame Zuſchauerin anzu⸗ reden. Sie immer nur von der Ferne anzublicken, erſchien ihm doch für die Dauer als etwas zu ſchüler⸗ haft. Aber anderſeits wollte er eine hierzu paſſende Gelegenheit entweder abwarten oder auch herbeizuführen ſuchen, damit er nicht Gefahr liefe, in dem fatalen Lichte eines Großſtädters zu erſcheinen, der in der Provinz ſich auf„den verfluchten Kerl“ ſpielen will, eine jener abſcheulichen Gewohnheiten, die namentlich die fahrenden Jünger Merkurs an ſich haben. Herr Cäſar Hohl hatte aber nicht weniger gute Augen wie Aegidius. Auch er, der große Mann, hatte das einſam ſtehende hübſche Mädchen ſchon eine Weile bemerkt gehabt und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß es offenbar ohne allen Schutz auf dem Feſtplatze ſei, glaubte er die Pauſe bis zum Eintreffen des er⸗ warteten Feſtjungfrauenkleeblatts nicht beſſer ausfüllen zu können, als indem er eine Unterhaltung mit dem netten Mädchen anknüpfe,— freilich eine Unterhaltung im Hohl'ſchen Genre. Er näherte ſich demgemäß in Spirallinien dem Gegenſtande ſeiner Wahl und als er dicht bei ihr, die von dem ſich Nähernden nicht die geringſte Notiz genommen hatte, angekommen war, ſtarrte er ihr feſt in's Geſicht, verzog dann daſſelbe zu einer Grimaſſe, welche Schalkhaftigkeit ausdrücken ſollte, und ſprach, ohne ſich weiter die Mühe zu geben den Hut zu lüften: „Sagen Sie'mal, mein ſchönes Kind, ſind in dem Jahrgang, in dem Sie geboren ſind, alle Mädchen ſo gut gerathen, wie Sie?“ Die Angeredete ſchaute auf und in das blöd lächelnde Geſicht Hohl's mit den begehrlichen Augen; dann ſah ſie ſich erſt um, ob denn dieſe ſonderbare Anrede wirklich auch ihr gegolten habe. Herr Cäſar Hohl errieth dieſen Gedanken, denn er ſprach ſchnell: „Freilich meine ich Sie; wen ſollte ich denn ſonſt meinen? Sind Sie denn im Zweifel, daß Sie die eigentliche wahre Königin des Feſtes ſind?“ Das N Mädchen wendete ſich ab und machte Miene zu gehen. „Sie haben ganz Recht, mein ſchönes Kind,“ ſchwatzte Hohl weiter,„daß Sie von hier fort wollen, das iſt bei Gott nicht der Platz, wohin Sie gehören. Kommen Sie mit mir, ich mache Ihnen Platz auf der Tribüne und Sie ſollen vornan ſtehen, wo Ihnen nichts ent⸗ gehen kann.“ Dieſes Verſprechen hatte aber keine andere Wirkung, als daß das junge, jetzt hochroth erglühende Mädchen mit einem barſchen: „Ich danke Ihnen,“ ſich zur Seite wandte, um dem drängenden fremden Herrn, der ihr ſo gar nicht ver⸗ trauenerweckend ausſah, aus dem Wege zu gehen. Sie war bemüht, jegliches ſtörende Aufſehen zu vermeiden, 166 deshalb hatte ſie ihm auch die drei Worte Antwort gegeben. Cäſar Hohl war aber nicht der Mann, ſich von einer derartigen Zurechtweiſung abſchrecken zu laſſen. Er hatte, im gewohnten Umgang mit„ces dames“, ſchon lange verlernt, wahre Entrüſtung von geſpielter zu vune ſaſ den und glaubte in der abweiſenden Be⸗ wegung des gen Mädchens nichts anderes ſehen zu müſſen, di3 ei der üblichen Zierereien. Als das Mädchen daher ſich entfernen wollte, wobei es an ihm dicht vorbeipe diſhe iren mußte, faßte er die darob Erſtarrte am Arm, indem er ihr zuredete: „Kommen Sie nur, kommen Sie nur, Sie ver⸗ ſäumen ja ſonſt das Be eſte. Aegidius hatte Rede und Gegenrede mitangehört, auch war ihm nicht entgangen, unter welcher Verlegen⸗ 58 heit und Beſchämung das Mädchen litt; es mochte wohl bis jetzt noch nie Gelegenheit gehabt haben zu erproben, wie weit die Unverſchämtheit gewiſſer Lüſt⸗ linge gehe, aber mit dem den Frauen angeborenen Inſtinkte ahnte die Beſtürzte, daß ſie ſich der platten Geneindhäl gegenüber befinde. Ein ſedes unverdorbene Mädchengemüth empfindet Scheu und Abſtoßung, ſo⸗ bald ihm ſinnliche Niederträchtigkeit in den Weg tritt; erſt der geſellſchaftlichen„Cultur“ gelingt es, dieſes angeborene Gefühl— ähnlich wie die inſtinctive Ab⸗ neigung vor der Berührung von Fröſchen, Schlangen u. ſ. w.— zum Schweigen zu bringen!— Als nun Aegidius ſah, wie der eklig aufgeſchwemmte Knirps mit dem Faungeſicht gar noch die Dreiſtigkeit hatte, 3 164 das in Schrecken und Verwirrung befangene Mädchen zu berühren, drängte er ſich raſch zwiſchen die Beiden, wobei er ziemlich unſanft den ausgeſtreckten Arm Hohl's zur Seite mehr ſchlug als ſchob, maß den verdutzten Redacteur mit kühler Verachtung und ſprach dann zu dem Miͤdehen mit tröſtender Ruhe: Dies eine Mal ſind Sie vor den Nachſtellungen derſe⸗ Herrn ſicher, ob ſich aber jedesmal Jemand vorfindet, um Ihnen rechtzeitig beizuſtehen, iſt zweifel⸗ haft. Sie werden alſo beſſer daran thun, ſich unter den Schutz von Perſonen zu begeben, die dazu be⸗ rechtigt oder verpflichtet ſind.“ „Ich danke Ihnen,“ antwortete die Angeſprochene. Es waren dieſelben Worte, die ſie vorhin gegen Hohl geſprochen, aber welch' ein Unterſchied lag dazwiſchen?! Gleichzeitig wendete ſich das junge Mädchen gegen das Stadtthor, offenbar hatte es nach der gemachten Erfahrung Muth und Luſt verloren, noch länger auf dem Feſtplatz zu verweilen. Die Gelegenheit mit der ſchönen Unbekannten ein Geſpräch anzuknüpfen, wäre jetzt wohl ſo günſtig ge⸗ weſen, wie ſie ſich Aegidius nur wünſchen konnte. Ihm— der ſie eben aus einer zweifelloſen Verlegen⸗ heit gezogen, hätte ſie wohl nicht ſo begegnen können, wie dem aufgeſchwemmten Fettwanſt, von deſſen Zu⸗ dringlichkeiten er ſie befreit, zumal als Aegidius ſich ſelbſt eine Unbeſcheidenheit nicht hätte zu Schulden kommen laſſen. Einen Augenblick nur dachte Aegidius an die Ausführung ſeiner urſprünglichen Idee, im nächſten ſtand er aber davon ab und als er gar in 168 kurzer Entfernung von dem Baume, unter dem der erzählte Vorfall ſtattgefunden hatte, das Mädchen mit dem Taſchentuche nach den Augen fahren ſah, war er froh, jede weitere Anſprache unterlaſſen zu haben. Und Herr Cäſar Hohl? Als ſich Aegidius nach dem Edlen umwendete, war dieſer ſchon verſchwunden. Ein Mann von der politiſchen Wichtigkeit, wie Hohl, hatte die Verpflichtung ſich dem Staate und ſeiner politiſchen Partei zu erhalten; aus dieſem gewiß trif⸗ tigen Grunde„ignorirte“ Herr Cäſar Hohl großmüthig die ungeſchminkt derbe Zurechtweiſung des ihm unbe⸗ kannten jungen Mannes. Aegidius murmelte etwas wie„Tropf“ zwiſchen der Zähnen, als er dem ſich davon ſchleichenden Schürzen⸗ jäger nachſah, und miſchte ſich wieder unter die Zu⸗ ſchauer. Aber ſein Intereſſe weilte nicht mehr auf dem Turnplatz.— Sie hatte geweint;—— das arme Kind! Lauter Jubel drang aus dem Stadtthore hervor. In ſeltſamem Aufzuge nahten ſich die erwarteten Feſt⸗ jungfrauen ſammt der Ehrenmutter. Die Turner hat⸗ ten richtig— alles Proteſtes ungeachtet— die vier Inſaſſinnen in den aus der Remiſe Hörmaier's ge⸗ ſchobenen Glaswagen gepackt und kamen im geſtreckten Hundetrab damit angezogen. Der Anblick verrückter Theaterenthuſiaſten, die ei⸗ ner Künſtlerin die Pferde ausſpannen, hat ſchon etwas Unangenehmes für einen vernünftigen Menſchen, aber ſolche Tollheiten geſchehen unter dem beſchönigenden Relief der Nacht; dieſe Fahrt der Lindenheimer Feſt⸗ — ——-õõõõ—— — 169 damen aber am hellen Tage hatte etwas unſagbar Abſtoßendes, förmlich Katzenjammerhaftes, es war wie ein Maskenball um Mittag, wie eine geſchminkte Theater⸗ fratze im Sonnenlicht. Von der erwarteten Wirkung des von den Turnern aus Noth inſcenirten Ulkes ging darum nur die eine, freilich momentan die wich⸗ tigſte, in Erfüllung: die Jungfrauen waren da. Vorſichtig, daß ſie den weißatlasbeſchuhten Fuß nicht in Berührung mit dem feuchten Fußboden bringe, ſprang Fräulein Apollonia Graf aus dem Wagen nach den Treppenſtufen der Tribüne. Sie machte ein ſehr vornehmes Geſicht, die wohlconſervirte Jungfrau; es ſchmeichelte ihrer Eitelkeit gar ſehr, daß Alles, ein⸗ ſchließlich des Bürgermeiſters und ſeiner Räthe, auf ſie, die Krone des Feſtes, hatte warten müſſen. Folg⸗ lich war ſie doch die Hauptperſon. Schnell eine Liederſtrophe, in Erwartung des Kom⸗ menden gräulich falſch geſungen, und die erſt Rappel⸗ dann Froſch'ſchen Verſe, ſchwungvoll geſprochen von der Königin des Feſtes, wogten über die athemlos lauſchende Verſammlung. Ja, Fräulein Graf verſtand es zu declamiren, ſie malte nur al fresco, gewiſſer⸗ maßen nur mit Schattenſtrichen, begeiſtert ſtand ſie neben der jetzt entblößten Fahne, wie weiland Johanna d'Arc und apoſtrophirte die Turnerſchaar: So laßt die Fahne fröhlich wallen, Die Euch geweiht der Frauen Hand ec. und ſchloß endlich unter dem beifälligen Murmeln der Anweſenden. Nur Beifall nämlich konnte dieſes Ge⸗ murmel ausdrücken ſollen, denn ſicher hatte in der Weihe des Augenblicks, mitfortgeriſſen von Apollonia's Begeiſterung, Niemand es bemerkt, daß bereits die erſten Tropfen zu fallen begannen. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß der Lindenheimer Turnverein ſich nicht nur ſo mir nichts dir nichts eine Fahne ſchenken ließ, ohne darauf zu antworten. Herr Wacker, der unermüdliche Redner, erwiderte alſo die Verſe, welche Fräulein Apollonia Graf deklamirt hatte, mit einer dankenden Anſprache, worin ſehr viel von Beſchützung des heimathlichen Heerdes, von„Ehret die Frauen, ſie flechten und weben u. ſ. w.“, von deutſcher Tugend und Treue und all' den ſchönen Erbeigen⸗ ſchaften der modernen Germanen die Rede war; natür⸗ lich ſchloß er ſeine Tirade mit einer Aufforderung zu einem dreifachen„donnernden Gut Heil.“— Nach Wacker erſchien eine Deputation auswärtiger Turner und brachte der neugeborenen Lindenheimer Turnfahne das„Pathengeſchenk“, beſtehend in einer geſtickten Fah⸗ nenſchleife, die ſ gfort an den Knauf befeſtigt wurde. Dies konnte natürlich auch nicht geſchehen, ohne daß die Uebergabe von einigen„guten Reden begleitet“ worden wäre, an deren Schluſſe die auswärtigen Tur⸗ ner auf die Lindenheimer Turnbrüder„Gut Heil“ donnerten. Das konnten ſich hinwiederum die Linden⸗ heimer doch nicht ruhig gefallen laſſen;— Herr Wacker, in Wahrheit der„Sprecher“ des Vereins, dankte dem⸗ gemäß in wohlgeſetzter Rede dem gütigen Pathenverein für ſein Angebinde, wobei wieder„Gut Heil“ gedonnert wurde, eine Donnerei, welche die guten Turnbrüder aller Vereine ſo confus machte, daß ſie blindlings mit luf T 171 donnerten, ſo oft als eine Aufforderung dazu erfolgte, unbekümmert darum, daß es ihnen dabei paſſirte, mit⸗ unter auf ſich ſelbſt zu„Gut Heilen.“ Zuverläſſig hat der Leſer ſchon einmal ein Ballet geſehen. Gewiß iſt es ihm dabei komiſch genug vor⸗ gekommen, daß wenn dort irgend eine Freudenfeier dargeſtellt wird, die Glücklichen nichts Eiligeres zu thun haben, als halsbrecheriſche Sprünge aufzuführen und zu Ehren ihres Wiederſehens nach jahrelanger Trennung, oder aus Jubel ihres glücklichen Verlöb⸗ niſſes u. ſ. w. ſich bis zur Uebermüdung und Athem⸗ loſigkeit im Schweiße ihres Angeſichts abzuarbeiten. Ganz denſelben Eindruck machte hier bei der Linden⸗ heimer Fahnenfeier der Schluß des Uebergabeaktes. Die beglückten Turner nämlich hatten nun nichts Ei⸗ ligeres und Wichtigeres zu thun, als ihr Entzücken an den Turngerüſten auszulaſſen und an Barren, Reck und Kletter eſtange durch die unmöglichſten Stellungen iszudrücken, wie ſchrecklich vergnügt ſie ſeien. Der Umſtand, daß die Turnvereine der verſchie⸗ denſten Städte anweſend waren, forderte natürlich den Ehrgeiz jedes Einzelnen heraus und ſobald irgend Einer eine recht wagehalſige Figur gemacht hatte, kam gewiß ſofort ein Anderer, der ſeinen Vorgänger noch zu über⸗ bieten ſuchte und wohl auch überbot. Da nun der Provinzbewohner im Allgemeinen geneigt iſt an Alles, was aus der Hauptſtadt kommt, einen eigenen Maß⸗ ſtab anzulegen, ſo durften die in Lindenheim anweſen⸗ den hauptſtädtiſchen Turner darauf gefaßt ſein, einer ganz ſpeziellen Beobachtung und ſtrengen Beurtheilung unterzogen zu werden. 172 Emil Mohl war einer der beſten Turner ſeines Vereins und bot daher ſeine ganze Gewandtheit auf, um das Anſehen deſſelben hier zu erhalten. Schon hatte er mehrere der ſchwierigſten Evolutionen unter mehrfachem„Bravo“ der Umſtehenden gemacht, als er— auf der Reckſtange ſitzend und ſich anſchickend mit dem ſogenannten„Rieſenſchwung“ ſeine Produc⸗ tion zu endigen— Fräulein Apollonia Graf erblickte, welche eben im Begriffe ſtand, ſich von Herrn Cäſar Hohl ein Umſchlagetuch um die Schultern legen zu laſſen, offenbar um ſich zu entfernen. Schon bisher, während er geturnt hatte, war ihm aufgefallen, daß Apollonig von ihm ſe durchaus gar nicht in auszeichnendem Grade Notiz genommen hatte. Sie hatte mit nicht mehr Zeichen de Beifalls bei ſeinen ausgeführten Turnkünſten zugeſehen, wie bei Anderen und wenn er das auch bis jetzt ſchmerzlich empfunden hatte, ſo hatteé er es doch mit der noth⸗ wendigen Reſerve entſchuldigt, welche die ihm in ihrem Feſtputze heute doppelt ſchöne, aber auch doppelt ſchwer erreichbare Apollonia beobachten mußte. Aber als ſie jetzt mit Cäſar Hohl, dem Manne, der für das ſchöne Geſchlecht ſo empfänglich war, wie Emil ſo gut wußte wie die ganze Hauptſtadt, ſo freundlich lächelnd plau⸗ derte und es ganz gutwillig duldete, daß Hohl beim Umlegen des Shawls ſeinen Arm um ihre Taille legte, da erwachte in dem armen Turner das Gefühl der Eiferſucht und nicht viel hätte gefehlt, ſo wäre er dem Paare, das eben jetzt die Treppe der Tribüne herab⸗ ſtieg, nachgelaufen. „Nun, vorwärts,“ mahnte ihn aber der am Reck⸗ pfoſten ſtehende Kamerad und Emil war dadurch aus ſeinen Meditationen geriſſen.. Er ſtemmte ſich in Poſitur, gab ſeinem Körper den Anfangsſchwung und holte damit aus zu dem Kraft und Gewandtheit gleichmäßig erforderlichen„Rieſen⸗ ſchwung.“ Aber in ſeiner vorigen Grübelei hatte er vergeſſen, ſich der nöthigen Adhäſion zwiſchen der Reckſtange und ſeinen Händen zu verſichern(zarte Umſchreibung für: die Hände naßzumachen), als darum der in ſeinem Schwunge ſchwer wiegende Körper in ſeinem radförmigen Laufe wieder aufwärtsſteigen ſollte, hatten die Hände nicht die hinreichende Kraft, ſich an der Reckſtange feſtzuhalten und ſtatt nach oben zu fliegen, ſchnellte Emil weit hinaus, von der Gewalt des Schwunges mehrere Ellen weit fortgeſchleudert. Ein Schrei des Schreckens und Entſetzens ertönte, im Nu war Alles auf den Beinen nach dem Orte des Unfalls, wo Emil noch immer auf der Erde lag und den zunächſt herbeigeeilten Turnern, die ihn aufheben wollten, abwehrte. Sobald man ihn auf die Beine bringen wollte, empfand er in denſelben einen heftigen Schmerz; es war alſo klar, daß da die Beſchädigung zu ſuchen ſei. Mit anerkennenswerther Schnelligkeit ordnete Wacker ſofort das Herbeibringen einer Tragbahre, ſowie die Aufſuchung des Arztes an und wollte eben zu dem bleich gewordenen Emil, der mit einer eintretenden Ohnmacht rang, ſich niederlaſſen, als eine geputzte weiße Frauengeſtalt ſich gewaltſam durch den um⸗ . d 174 d 4 2 . 75 5 gebenden Ring Bahn machte, auf den Verletzten u⸗ ſtürzte und ihm in herzzerreißendem Tone zurief: 8 3„Mein Emil,— nein, Du darfſt nicht ſterben.“ N 1— Das Erſtaunen über dieſen neuen Zwiſchenfall über⸗ N 4 wog die Beſtürzung über das ſtattgehabte Unglück. Fräulein Apollonia Graf, die ehrenjungfräulichſte aller X 6 Lindenheimer Ehrenjunoſtonen, auf Du und Du mit einem Turner, der erſt Tags vorher nach Lindenheim— 4 4 gekommen? Sonderbar, höchſt ſonderbar! 8 „Dieſer Mohl iſt doch ein ganz verfluchter Kerl,“ murmelte Herr Cäſar Hohl vor ſich hin,„fiſcht ſich— 4 im Handumdrehen die Graf. Und die läßt ſich alſe 4 im Handumdrehen angeln? Ei, ei! Nun jetzt iſt 65 A ja Strohwittwe; ich werde verſuchen, ſie zu tröſten.“ Ende des erſten Bandes. 6 8 4 1 *. N 8 * 8 8 4 . 8 . 8 2 4 5 3 8 — 3——. 1 ldaanaatoäudun llaaaaauzzuöuuuprruuauwuumuuunuuaau ſſnfnſnnſſſſſſſnſſſnſnſnſſſinſſſſſſſint 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18