Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —-——— auf 1 Monat: 4 Mit.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 wer.— Pf. „/„ 7„—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Freiſehützfunken. Drei Erzaͤhlungen von Moriz Reichenbach. 4 I. Der Jungfernkranz. II. Veilchenblaue Seide. III. Morgen Er oder Du! Drittes Baͤndchen. Keipzig, 1830, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 2 . — 8 — 8 —³ 1n & — ☛ R *ℳ — — MMWAAAAAAAAA 1. Der Waͤchter hatte bereits die eilfte Stun⸗ de gerufen und faſt ſaͤmmtliche Bewohner Elſendorfs lagen in tiefer Ruhe, in des Schlafes Armen neue Kraͤfte zu ſammeln zum morgenden Tagewerk. Nur der Paͤch⸗ ter, Franz Toͤming, war noch munter und ſaß, beim Lampenſchein mehrere Papiere durchſehend, vor ſeinem Schreibtiſche; denn er war am Nachmittag deſſelben Tages von einer weiten Reiſe, welche er in Erbſchafts⸗ ſachen hatte unternehmen muͤſſen, zuruͤckge⸗ kehrt, nachdem er wohl ein Vierteljahr von ſeinem Pachthofe entfernt geweſen. Hinter dem Ofen, auf einer Bank aus⸗ geſtreckt, lag Claus, ſein Großknecht, und gab durch lautes Schnarchen zu erkennen, daß er bereits entſchlafen ſey. Der Paͤchter 6 MAAANANMN ſaß noch lange, tiefſinnend bald auf ſeine Papiere, bald hinaus blickend in die dunkle Nacht. Nichts ſtoͤrte ihn in ſeiner Einſam⸗ keit. Im Hauſe war es ruhig, Alles ſchlief, und nur das Schnarchen des Knech⸗ tes und das eintoͤnige Picken der Penduluhr waren die einzigen Laute, welche die tiefe Stille unterbrachen. Der Schlaf ſchien den Paͤchter zu fliehen, denn in ſeinem Innern war's unruhig— ja ſtuͤrmiſch. Tiefe Seufzer drangen jetzt— als er die Papiere von ſich gelegt— uͤber ſeine Lippen, ja, ei⸗ ne Thraͤne ſchien ſein Auge zu befeuchten, und feſt druͤckte er die rechte Hand auf ſeine Bruſt, als ob er den Schlag des empoͤrten Herzens daͤmpfen wollte; kurz, er gebehr⸗ dete ſich ganz wie ein Verliebter, der die Untreue ſeines Maͤdchens zu beklagen hat. Der Paͤchter war ein junger, anſehnli⸗ cher und wohlhabender Mann, der einer braven Frau zu ſeiner Haushaltung noth⸗ wendig bedurfte, deshalb verdachte es ihm Niemand, daß er verliebt war; doch daß er ſich kurz vor ſeiner Reiſe mit der axmen MAAAANA Schulmeiſterstochter, einer Waiſe, feierlich verlobt, das verdachte man dem reichen Manne gar ſehr. Freilich war Marie das ſchoͤnſte Maͤdchen im Dorfe, wirthſchaftlich und mit treuer Liebe ihm zugethan. Auch ihre Tugend und Sittſamkeit mußten bisher die aͤrgſten Laͤſtermaͤuler reſpektiren— doch jetzt— jetzt entfeſſelten Neid und Mißgunſt ihre ſpitzen Zungen, denn Marie hatte ſich— kurz nachdem der Paͤchter ſeine Ge⸗ ſchaͤftsreiſe angetreten— auch von Elſendorf entfernt, Niemand wußte warum? und wohin? Selbſt der Paͤchter war erſtaunt und tieferſchuͤttert, als er bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr die Abweſenheit ſeiner Braut erfuhr. Sie hatte ihm ihre Entfernung auch mit keiner Zeile gemeldet, keine Nachricht des⸗ halb hinterlaſſen. Ueberhaupt hatte er nur einen einzigen Brief, und zwar gleich nach ſeinem Eintreffen in dem Orte, wo er ſeine Erbſchaftsangelegenheiten betrieb, von ihr er⸗ halten. So quaͤlte er ſich nun ſchon ſeit ſeiner Ankunft, eine moͤgliche Urſache aufzu⸗ finden, warum ſie ihren Geburtsort auf ei⸗ MVAAN ne ſo geheimnißvolle Weiſe verlaſſen? Doch vergebens marterte er ſich mit Entzifferung dieſes Raͤthſels, das ihm immer dunkler wurde, und immer neuen Stoff zu Zwei⸗ feln an ihrer Liebe und Treue gab. Er liebte ſie ja ſo aufrichtig und warm; er hatte ſich ihres Wiederſehens ſo innig gefreut und deshalb ſeine Ruͤckkehr beſchleu⸗ nigt, und jetzt war ſie verſchwunden— ſpurlos verſchwunden— Niemand wußte wohin?— Deshalb floh ihn der Schlum⸗ mer, deshalb blutete ſein Herz und drohte, ihm die Bruſt zu zerſprengen. Seine Ein⸗ ſamkeit, die duͤſtre Ruhe, die ihn umgab, war ihm druͤckend. Er ſehnte ſich nach Zer⸗ ſtreuung; doch wo ſollte er dieſe ſo ſpaͤt noch finden im ſchlummernden Dor⸗ fe? Endlich ſprang er vom Stuhle auf, oͤff⸗ nete das Fenſter und blickte in die Nacht hin⸗ aus, durch deren Schleier nur hier und da einzelne Bauernhaͤuſer durchleuchteten; ganz in der Ferne aber flimmerte von der Paſtor⸗ wohnung, welche dicht am Kirchhofe gele⸗ 9 KNBMUANAAN gen, noch ein helles Lichtchen heruͤber. Je laͤnger er aber in die Dunkelheit hinausſtarr⸗ te, deſto deutlicher traten nach und nach alle Gegenſtaͤnde aus der Nacht hervor. Er ſah an der Ecke des großen Brauhauſes, unter dem Wetterdache, den Dorfwaͤchter, auf ſeinen Spieß geſtuͤtzt; zu ſeinen Fuͤßen zuſammengekruͤmmt, doch die ſpuͤrende Na⸗ ſe nach allen Himmelsgegenden richtend, deſſen treuen Hund. Er bemerkte jetzt, dicht am Zaune, ein wanderndes Weſen, wel⸗ ches in huͤpfender Bewegung ſich zu naͤhern ſchien; doch die in ſonderbarer Verhuͤllung verſteckten Formen deſſelben ließen ihn in der Dunkelheit nicht entſcheiden, ob es Mann oder Weib? Es huͤpfte, luſtig wie es ſchien, den Zaun entlang, gerade auf des Paͤchters Wohnung zu, doch auffallend kontraſtirte mit den ſeltſamen Spruͤngen die feierliche Grabes⸗ weiſe, die es in widerlichen Toͤnen zuwei⸗ len hoͤren ließ. Der Dorfwaͤchter ſchien es auch zu bemerken, aber er wendete ſich ab, ging leiſe hinter das Brauhaus, als ob er ausweichen wollte, und ſein treuer Hund NMVUAAMN kroch ihm winſelnd nach. Da bemaͤchtigte ſich des Paͤchters eine namenloſe Angſt, er ſchloß das Fenſter, warf ſich in den Sor⸗ genſtuhl und ein kalter Schauder durchbebte ihn bis ins innerſte Mark. 2. Obgleich dem Zeitgeiſte gemaͤß ſo man⸗ cher erleuchtende Strahl der Aufklaͤrung ſchon bis in die duͤrftigſte, dunkelſte Huͤtte der Umgegend gedrungen war, blieb doch in El⸗ ſendorf der Aberglaube wie ein unvertilgbares Unkraut einheimiſch und wucherte reichlich, vom Vater forterbend auf den Sohn. Auch Franz Toͤming war unter. Geſpenſtermaͤrchen, ſchauerlichen Sagen, Bibelſpruͤchen und Pre⸗ digten, zur Gottesfurcht und Geiſterfurcht erzogen worden; denn ſein Vater war ein aͤchter Bauer, der neben einem geſunden Gottesglauben, den tollſten Aberglauben in ſeinem Herzen naͤhrte, und Bibel und 11 NMUMAAAAN Traumbuch als die glaubwuͤrdigſten, hei⸗ ligſten Buͤcher in der Welt betrachtete. Da⸗ her kam es, daß Franz ſeine Landwirth⸗ ſchaft zwar ganz trefflich zu fuͤhren ver⸗ ſtand, ſich auch in dem kleinen Kreiſe, den ihm ſeine Lebensverhaͤltniſſe vorgezeichnet, wohl zu bewegen wußte, doch Alles, was daruͤber hinaus ging, ſchien ihm ein frem⸗ des Land, das er mit ſeinen Blicken nicht durchdringen konnte. Darum blieb er auch gern in ſeiner einfoͤrmigen Bahn, und es fiel ihm gar nicht ein: daß ſich auch der kleinſte Verſtand durch zarte Bildung, Fleiß und Muͤhe ausdehnen und bereichern laͤßt. Es ging ihm gerade ſo, wie den uͤbrigen Bewohnern des Dorfes, denn ſo ſehr der wackre Pfarrer ſich auch bemuͤhte, ihr trock⸗ nes Hirn alle Sonntage mit kraͤftigen Wor⸗ ten einer geſunden Vernunftlehre durchzuak⸗ kern, blieb ſein Beſtreben doch unbelohnt, denn der gute Saamen, den er ausſtreute, fiel nieder auf einen verbrannten Haideboden, wo er nutzlos liegen blieb, oder elendiglich unter dem Unkraut erſtickte. 12 MWMAAAN Der Paͤchter gedachte nun, beim An⸗ blick der ſonderbaren, naͤchtlichen Erſchei⸗ nung, aller Ammenmaͤrchen wieder, die er ſich oft als Knabe von der alten Mutter Mumm— auch Mummlieſe genannt— erzaͤhlen ließ, welche Pathenſtelle bei ihm vertreten, weil ſein Vater glaubte, ſie wuͤrde ſeinem Sproͤßlinge ein Weniges von ihrer Weisheit einbinden.— Hexen und Ko⸗ bolde, Rieſen und Zwerge wogten in ſeiner Phantaſie durcheinander und immer neue Schreckbilder rief nach und nach die Erinne⸗ rung ins Leben, ſo daß er zitternd es nicht wagte, aufzublicken, und mit beiden Haͤnden ſein Geſicht verhuͤllend, die Beine anziehend, ſich im Lehnſtuhl zuſammenkauer⸗ te. 1 Noch doͤnte der ſchreckliche Grabgeſang durch die ſtille Nacht; noch konnte man es deutlich vernehmen, wie das unheimliche Weſen immer Sprung fuͤr Sprung ſich fort⸗ bewegte, gerade auf die Paͤchterwohnung zu. Jetzt war es draußen ploͤtzlich ſtill geworden und auch im Zimmer regte ſich nichts mehr. 13 MAMGMW Die Wanduhr war ſtehen geblieben, der Knecht ſchlief regungslos und athmete kaum hoͤrbar; doch wie vom Blitz getroffen ſprang er auf von ſeinem harten Lager, in dem⸗ ſelben Augenblicke, als an der Hausthuͤr drei Schlaͤge ertoͤnten, die weit hinaus⸗ ſchallten durchs ganze Dorf. Noch rieb er ſich die Augen und glaubte, er habe ge⸗ traͤumt und ſey im Traum erſchrocken, doch ſein Herr fuhr unruhig auf dem Stuhle hin und her, ſein Angeſicht war bleich, ſein Auge ſtarr und ſeine Lippen bewegten ſich zu⸗ weilen, als ob er leiſe Stoßgebete murmel⸗ ter »Verdammter Poltergeiſt!« brummte der Knecht in den Bart. und wollte ſich wieder hinter den Ofen zuruͤckziehen; doch kaum hat⸗ te er das rechte Bein ausgeſtreckt auf der Bank, indem er das linke zum Behuf des ſchnellern Aufraffens noch auf den Boden ſtuͤtzte, da erklang es von unten herauf, dicht unter dem Fenſter, mit weinerlicher Stimme:»Mach' auf, mein Fraͤnzchen! Mach' mir auf!« WAUAAAN Doch konnte der Paͤchter ſeiner Angſt nicht Meiſter werden, die immer hoͤher ſtieg und jedes Aufkeimen eines Entſchluſſes ver⸗ hinderte, ob er die Thuͤr oͤffnen ſolle oder nicht? Sein Knecht war beherzter, denn er raffte ſich zum zweiten Male auf und ging ans Fenſter. Indem er es aber oͤffnete und hinabſchaute, rief's unten wieder, doch nicht mehr bittend, ſondern ungeduldig:»Mach' auf, Franz! zaudre nicht! Mach' auf, Du Bube, Du!« »Gleich, gleich!« antwortete der Knecht und ſprach zum Paͤchter:»Soll ich, Herr? 's iſt Mitternacht, und die da unten bringt bei Tag nichts Gutes, viel weniger zu ſol⸗ cher Stunde.« »Wer iſt's?« fragte der Paͤchter nun erſt mit einiger Faſſung, und kaum hatte der Knecht ihm berichtet: es ſey die al⸗ te Mummlieſe, welche Einlaß begehre, als es noch heftiger zum dritten Male rief: „»Mach' auf, Franz! Mach' mir auf, Du Bube!« 15 NMAMAAAA Erſchrocken faſt, uͤber den heftigen, ge⸗ bietenden Ton, ſtand Franz vom Stuhle auf, wie Einer, der ſich ungern zum Ge⸗ horchen genoͤthigt ſieht, und ſprach zum Knechte:»Im Namen Gottes, oͤffne nur das Thor. Wenn's nicht geſchieht, ſo thut ſie mir und meinem Hauſe Boͤſes an.« »Moͤg' das der Herr verhuͤten! ich ſchlag mein Kreuz und laß die Hexe ein!« erwiederte Claus, ging, und oͤffnete das Thor. 3. Noch hatte der Paͤchter ſeine Sinne nicht geſammelt; gedankenlos ſtand er noch immer, ſeine Blicke nach der Thuͤr gerichtet, und als nun die vermummte Alte jetzt her⸗ einſprang, ſich bald hier am Tiſch, bald dort am Stuhle mit der einen Hand feſthal⸗ tend, bis zum Fenſter huͤpfte, wo er ſtand, MVVNVNAN da waͤre er gern weit, weit von ihr zuruͤck⸗ gewichen, haͤtte nicht die Fenſterbruͤſtung, wo er angelehnt, ihm jeden Ruͤckzug unmoͤg⸗ lich gemacht. Das Weib, welches jetzt auf einem Bei⸗ ne vor ihm ſtand, indem das Andere, bei weitem Kuͤrzere unaufhoͤrlich in der Luft hin und herbaumelte, um ſo das Gleichgewicht des ſchwankenden Koͤrpers zu erhalten, trug baͤuriſche Kleider von dunkler Farbe. Ein weiter, ſchwarzer Tuchmantel verhuͤllte ziem⸗ lich die ganze Geſtalt; auch hatte ſie den Kopf mit einem ſchwarzen Tuche bedeckt, ſo daß nur wenige ſchneeweiße Haare darun⸗ ter hervorſchimmerten. Ihr mumienartiges Geſicht zeigte tiefe Zuͤge; die Haut war gelb und eingetrocknet, ihr Auge glaͤn⸗ zend, doch unſicher war der Blick und ir⸗ re. So ſtand ſie vor ihm und ſchleuderte den Stuhl, den ihr Franz, ſie ſtumm zum Sitzen einladend, zuſchob, laut lachend von ſich, indem ſie die klapperduͤrre Hand erhob und zu ihm ſprach:»Denkſt Du, die alte ——— — 17 WAANN Lieſe kommt als Gaſt zu Dir um Mitter⸗ nacht? Ei, Du Narr! Mich treibt der Wurm zu Dir, der mir am Herzen frißt, und raͤchen moͤcht' ich mich an Dir— recht blutig raͤchen!« Claus, der unſchluͤſſig an der Thuͤr ſtand, ſchlug ein Kreuz, und ſo gewaffnet trat er naͤher auf ſie zu und ſtreckte ſeine Rieſenhand nach ihr, wohl in der guten Abſicht, ſeinen Herrn von dem fatalen Nachtbeſuche zu befreien; doch mit Furien⸗ blicken und mit drohender Gebehrde begeg⸗ nete ſie augenblicklich dieſem Angriffe und kreiſchte ihm entgegen:»Laß nur das Thor noch offen, will's ſchon wieder ſperren. Jetzt heb den Fuß und geh! verſchließ Dein Ohr, ſey taub! verſchließ Dein Ang, ſey blind, und ſchlaf und traͤume bis der Hahn Dich weckt, ſonſt ſchwoͤr' ich Dir's bei allen boͤſen Geiſtern— 3 Doch der Knecht ließ ſie ihren Schwur nicht vollenden. Muthlos war er bei jedem ihrer Worte immer weiter, bis zur Thuͤr zuruͤckgewichen, und ſtuͤrzte nun, als ob III. 2 AMUANUA der boͤſe Feind ihn ſchon beim Kragen haͤtte, nach ſeiner Kammer, wo er zaͤhnklappend, nachdem er ſein Lager geſucht, ſich tief unter die Bettdecke verkroch. Dem Paͤchter, der ſich nun mit der Al⸗ ten ganz allein ſah, erpreßte endlich die Angſt die zaghafte Frage:»Was wollt Ihr hier? Laßt mich in Ruh'!«. »In Ruhe!« ſchrie die Alte mit ſchnei⸗ dender Stimme, und hochroth faͤrbte der Zorn ihr Angeſicht.»Haſt mir die Ruhe doch geſtohlen, daß ich irr und fluͤchtig wand⸗ le, ohne Ziel! Haſt mir mein Enkelchen gemordet— ja, mein Gretchen haſt Du mir ins Grab gebracht, und Alles iſt nun dunkel um mich her, und todt und leer. Ich hatte nur mein Herz fuͤrs liebe Enkel⸗ chen ſo ganz allein; ich liebte auf der groſ⸗ ſen, weiten Welt ſonſt keinen Menſchen, nur mein Gretchen— ach! wie liebt' ich ſie!— Doch der grimm'ge Tod kennt kein Erbarmen! Ich habe Tage lang geheult, gebetet, mir die Bruſt zerſchlagen, aller Welt geflucht, daß meine Nachbarn von * BMMAWWN mir wichen und mich allein ließen mit der kalten Leiche. Da ſaß ich Tag und Nacht und hatte ſie im Arm, und als ſie nun im Sarge lag, im weißen Sterbekleide, und die Maͤnner kamen und ſchraubten den Dek⸗ tel feſt, da kratzt' ich mit den Naͤgeln in den Sarg, ich wollte ſie noch ein Mal ſe⸗ hen— aber unbarmherzig riſſen ſie mich fort und ſperrten mich in meine dunkle Kammer. Mein Gretchen aber trugen ſie hinaus zum Kirchhof, und ſenkten ſie dort tief hinab ins kuͤhle Bett— tief— tief hinab.—& Mit weicher Stimme hatte ſie die letzten Worte geſprochen; ſie verhuͤllte mit dem ſchwarzen Tuche ihr Geſicht und ſchluchzte leiſe ohne Thraͤnen. Der Paͤchter ſtand erſchuͤttert, und ſchon hatte Mitleid ſeine Furcht zum Theil ver⸗ draͤngt, als er ihr naͤher trat und verwun⸗ 5 dert ſprach:»Wie? Euer Gretchen todt? das hoͤr' ich jetzt zum erſten Male.& »Todt! todt!« ſchrie die Alte ploͤtzlich, ihr Geſicht enthuͤllend, und ſtieß ihn wuͤ⸗ thend mit der ausgeſtreckten Hand von ſich. 4 2 X —— 20 MᷓäwA „Du haſt ſie gemordet! Du, treuloſer Bu⸗ be! Ihre brennend heiße Liebe zu Dir hat ihr Leben endlich aufgezehrt. Wer hieß Dich wie ein Narr mit ihrem Herzen ſpielen? Warum verſprachſt Du mir, mein Enkelchen ins Brautgemach zu fuͤhren, und ließt ſie ſiz⸗ zen mit dem bangen Liebesgram um Dich, und haſt mit einer Andern Dich verlobt? Das war das Meſſer, das Du ihr ins Herz geſtoßen; ſie konnte nicht mehr leben mit der tiefen Wunde— ſeit jenem Augenblicke, in dem Du mit Marien Dich verlobteſt, ſing ſie an zu ſterben, und der Tod, um ſich an ihrer Qual zu weiden, druͤckte ſo recht langſam und doch taͤglich immer mehr das kranke Herz mit ſeiner Knochenhand zuſam⸗ men, bis der letzte Tropfen Blut herausge⸗ preßt, bis es nun, kalt gewuͤrgt, ſich nim⸗ mer regte.& „Und war es meine Schuld, daß ich die Liebe Deiner Enkelin nicht erwiedern konn⸗ te?« erwiederte Franz, furchtſam und ver⸗ legen, mit unſicherer Stimme.„»Haſt Du nicht dieſe Liebe angefacht durch Dein Gau⸗ AAAMAMN kelſpiel in der Sylveſternacht, wo Du ihr mein Bild zeigteſt, als ſie ihren Braͤutigam zu ſehen verlangte? Haſt Du nicht mein Herz umſtrickt mit Deiner Kunſt, daß ich Dir willenlos mein Wort gab?« Doch giftig und mit lauernden Blicken entgegnete die Alte ihm:»Ei, ei! wie klug! Du waͤlzeſt mir die Schuld zu— meiner Kunſt?— Was glaubſt Du denn, was ich fuͤr Kuͤnſte treibe?— Mein Gret⸗ chen liebte Dich, ſie war ſo fromm und ſchoͤn, wie Du ein Braͤutchen Dir nur wuͤnſchen konnteſt; das reizte Dich, das hatte Dein Herz umſtrickt. Doch nur auf kurze Zeit. Dein leicht bewegliches Gemuͤth fand bald Marien auch fromm und ſchoͤn, ja ſchoͤner noch vielleicht als mein Taͤubchen, das in der Todesſtunde mich noch bat: ich moͤchte ihr den Brautkranz flechten, denn ſie wolle noch im Tode als Deine Braut zum Himmel eingehn. Sie reichte mir das blanke, ſilberne Meſſerchen, das Du ihr vor zwei Jahren ſchenkteſt am Kirchweihfeſt, damit ſollt’ ich das Kraͤnzchen ſchneiden vom AUAAN Myrthenſtock im Fenſter; doch der war in der vor'gen Nacht ganz abgeſtorben, und ohne Kranz lag ſie am andern Tage im ſchmalen Sarg. Da war ich meiner Sinne nicht mehr maͤchtig, mir war's, als ſiedete mein Hirn, als drehte ſich mein Haupt im Kreis herum auf meinen Schultern. Doch jetzt, jetzt kann ich wieder denken. Ich ge⸗ dachte laͤngſt ſchon ihrer Bitte, doch meine Nachbarn hielten mich noch immer einge⸗ ſperrt; ſie ſagten, ich ſey toll, und hatten mir die Keruͤcken weggenommen. So hab' ich heute denn gewartet, bis es dunkel wurde, und ſprang durchs Fenſter ohne Kruͤcken und ſchleppte mich ſo fort; kroch durch den Zaun in Deines Braͤutchens Garten, dort hab' ich ihr die Myrthe weggenommen— ſieh! ſieh!— ſie ſteht in voller Bluͤthe, weiß, weiß, wie meines todten Gretchens Antlitz, die zarten Knoͤspchen alle. Ich will das Baͤumchen auf ihr Grab pflanzen, zu ih⸗ rem Haupte ſoll es Wurzel ſchlagen, drei Zweige ſchneid' ich davon ab mit meines Gretchens ſcharfem Meſſerchen und winde ſie 23 HMVUWWWV zum Kranz und haͤng' ihn auf am gruͤnen Huͤgel; will ihn dort bewachen Tag und Nacht. Da kommt vielleicht— wenn die Geiſter beim Mondenſchein auf dem Kirch⸗ hofe wandeln— mein bleiches Kind zu mir und holt ihn ſich. Horch! horch!« fuhr ſie mit hohler Stimme fort, durchs Fenſter blickend, in der Richtung nach dem Fried⸗ hofe,„»zwoͤlf ſchlaͤgt's vom Thurm; ſiehſt Du dort das Licht, das langſam huͤpft von Grab zu Grab— ſtill— leiſe— daß wir's nicht verſcheuchen.— Ich komme ſchon, mein ſuͤßes Enkelchen, die gruͤne Myrthe trag' ich unterm Mantel— das Meſſerchen, das trag' ich tief verſteckt im Buſen. Ha! ha! ha! wie wird Dein Braͤutchen emſig nach der Myrthe ſuchen, wenn's zur Hoch⸗ zeit geht. Ja, Franz, die Untreue will ich Dir vergelten! ich wuͤnſche keine gute Nacht Dir und kein Lebewohl, ich nehme Deine Ruhe mit von dieſer Stunde an! Verfolgen will ich Dich und Deine Braut, Zwietracht will ich in Eure Herzen bannen, daß ſie dort nimmer weicht, daß Euch des 24 ABMMVNAN Prieſters Segen nimmer eint. Marien ſoll der Jungfernkranz nie ſchmuͤcken, er ſoll in Staub zerfallen, wenn er nur ihr Haupt beruͤhrt, und Reue, bittre Reue ſoll Dich langſam morden, wie mein Kind der Liebes⸗ gram gemordet!«— Nachdem ſie in immer ſteigender Bewegung dieſe Worte ausgeſtoßen, ſchien Wahnwitz ihre Sinne zu verwirren; denn ſie ſprach noch einige Minuten unzu⸗ ſammenhaͤngend fort, mit wuͤthenden Ge⸗ behrden, bis ſie endlich unter ſchallendem Ge⸗ laͤchter, wieder von Stuhl zu Stuhl huͤpfend, ſich entfernte. Der Paͤchter hoͤrte noch, wie ſie die Hausthuͤr zuſchlug, noch ein Mal hell auf⸗ lachte, und dann, ruhig ihre Grabesweiſe ſingend, nach dem Kirchhofe huͤpfte. Als er ſich aber auf ſein Lager geworfen, und rings um ihn die tiefe Todtenſtille, feſſelte die ſchrecklichſte Betaͤubung alle ſeine Sinne, und traͤumend halb, halb wachend, oftmals aufgeſchreckt durch furchtbare Geſichte, brach⸗ te er den Reſt der Nacht hin. —₰‿ ◻☛σ 4. Erſt am andern Morgen, als die Son⸗ ne ſchon geraume Zeit durchs Fenſter blickte, trat dieſer ganze Auftritt wieder recht leben⸗ dig vor ſeine Seele, und er ſchauderte un⸗ willkuͤhrlich zuſammen, als er der fuͤrchter⸗ lichen Drohungen gedachte, welche die Alte gegen ihn ausgeſtoßen. Als er ſpaͤter zur ru⸗ higern Ueberlegung gelangte, erwog er, ob irgend eine Schuld an Gretchens Tode auf ihm laſten koͤnne? Die alte Pathe hatte ihn ſonſt oft heimgeſucht, ihn oft gequaͤlt mit ihren Wuͤnſchen, ihn und ihr Enkelchen vereint zu ſehen, daß er ſich faſt willenlos Gretchen naͤherte, welche freilich ihre heiße Liebe zu ihm nicht verbergen konnte, und ihn, entgegenkommend, an ſich feſſelte. Doch bald borente er das Wort, das er ihrer Mut⸗ ter gab und je hoͤher ihre Liebe zu ihm ſtieg, deſto mehr zog er ſich nach und nach von ihr 26 AVNNNN zuruͤck, denn er fand bald, daß ſie kein Weib nach ſeinen Wuͤnſchen war. Ihr ſchwaͤchlicher Koͤrper, ihre bleiche Geſichtsfar⸗ be, verriethen ſchon damals eine langſam ver⸗ zehrende Krankheit, und verzogen von ihrer Großmutter mit wahrer Affenliebe, konnte ſie Tage lang die Haͤnde in den Schooß le⸗ gen, nur ihren Traͤumen nachhaͤngend. Deshalb entfernte er ſich immer mehr von ihr, verließ ſie endlich ganz und fand in Marien, auf deren bluͤhendem Antlitz Ge⸗ ſundheit und ein frohes Herz ſich unverkenn⸗ bar ſpiegelten, den Inbegriff aller ſeiner Wuͤnſche, denn ſie liebte ihn wahrhaft und beſaß alle Eigenſchaften zu einer ruͤſtigen, thaͤtigen Hausfrau. Ihre Armuth ſchreckte ihn nicht ab, denn er war reich, und ſo leb⸗ te er ſchon ſeit geraumer Zeit in dem ſeligen Vorgefuͤhle ſeines kuͤnftigen haͤuslichen Gluͤcks. Um ſo mehr hatte ihn die Nachricht ihres ploͤtzlichen Verſchwindens beaͤngſtigt. Sollte er dieſes vielleicht mit den Drohungen der al⸗ ten Pathe zuſammenreimen? da er dieſe jetzt mehr fuͤrchten zu muͤſſen glaubte, als den — MWAAAAR Erbfeind der Menſchen. Denn ſie ſtand all⸗ gemein beim Elſendorfer Bauernvolk in dem Rufe, ſchwarzer Zauberkuͤnſte maͤchtig zu ſeyn, und kein Ungluͤck geſchah im Dorfe, welches man ihr nicht Schuld gegeben haͤtte. Man wollte ſelbſt behaupten, der Boͤſe habe ſie gezeichnet mit dem kurzen Beine, wel⸗ ches ſie mit auf die Welt gebracht; doch meinten Andere wieder, daß ſie dies bei ei⸗ nem Sturze von ihrem hoͤlzernen Roͤßlein da⸗ vongetragen, auf welchem, wie Viele geſe⸗ hen zu haben betheuerten, ſie alljaͤhrlich in der erſten Maiennacht zum Blocksberg reite. Soviel blieb gewiß ſie war eine reiche Frau, ſagte Todesfaͤlle und Hochzeiten, auch Ueberſchwemmungen, Hagelſchlag und Feuersbruͤnſte voraus, hatte mit Niemandem vertrauten Umgang, quaͤlte ihr Geſinde un⸗ aufhoͤrlich, und wurde nach dem Tode ihrer Enkelin fuͤr toll erklaͤrt von Jedermann, ob⸗ gleich ſie Beweiſe gab, daß ihre Vernunft zuweilen, doch nur auf kurze Zeit, wieder⸗ zukehren ſchien. KAAW Indem nun Franz noch uͤberlegte, auf welche Weiſe er ſie ſich wieder verſoͤhnen koͤn⸗ ne— denn dem Aberglaͤubigen ſchien ihr Zorn ſehr gefaͤhrlich— trat der Dorfbarbier Sabel zu ihm ein, verneigte ſich tief, ſei⸗ naeer gluͤcklichen Ruͤckkehr hocherfreut, und berei⸗ tete ſich geſchaͤftig, unter Mittheilung von mehr als hundert Dorfneuigkeiten, ſeine Kunſt, die ihn hierhergefuͤhrt, an ſeines Goͤnners Barte zu bewaͤhren. Doch kaum hatte er ſein Meſſer angeſetzt, als er, wie ſich ploͤtzlich beſinnend, inne hielt, und ſei⸗ ne Verwunderung ausdruͤckte, daß der Paͤch⸗ ter noch nicht angekleidet, da doch ſeine Braut in vergangener Nacht in aller Stille wieder angekommen ſey. »Ja, jal« fuhr er fort, als Franz, Trotz ſeines eingeſeiften Bartes, vom Stuh⸗ le aufſprang und faſt mit beiden Beinen zu⸗ gleich in die Stiefeln fuhr, vich habe ſie ſelbſt ſchon am Fenſter geſehen, die lieb⸗ wertheſte Jungfrau Marie—« und indem er das vorletzte Wort ſcharf betonte, laͤchel⸗ te er geheimnißvoll und ſprach weiter:»ſie 29 ſieht faſt auffallend bleich aus, wahrſchein? lich von der Reiſe, laͤßt ſich denken!« Da⸗ bei ergriff er mit aller Hoͤflichkeit, die ihm zu Gebote ſtand, den Paͤchter bei beiden Schultern und wollte ihn wieder auf den Stuhl niederdruͤcken, um das angefangene Werk ſchnell an ihm zu vollenden; doch dieſer ließ ſich nicht dazu bewegen. Er war im Geiſte nur mit ſeiner Braut beſchaͤftigt, hatte ſelbſt des Barbiers letzte Worte gaͤnz⸗ lich uͤberhoͤrt, trocknete ſich in Eile die Seiſe aus dem Geſichte und ſtuͤrzte, ohne jenen weiter zu beachten, zur Thuͤr hinaus, gerade nach Mariens Wohnung. Erſt gegen Mittag kehrte er von dort zu⸗ ruͤck, und, wie es ſchien, etwas ruhiger. Zwar hatte ſie ihm noch immer den Grund ihrer ſchnellen Abreiſe, ſo wie den Zweck ihres Aufenthaltes an einem fremden Orte verſchwiegen, deſſen Namen ſie ihm nicht einmal nannte; doch blickte ſie ihm ja ſo unſchuldig ins Auge, druͤckte ſeine Hand ſo treuherzig an ihre Bruſt und verſprach ihm heilig: ihm vielleicht recht bald alles zu ent⸗ 30 huͤllen. Nun ſorſchte er nicht weiter nach ihrem Geheimniſſe, ſondern drang in ſie— war es der Wunſch nach Beſchleunigung ſei⸗ nes Gluͤckes, war es Furcht vor den Dro⸗ hungen der alten Mummlieſe— den Tag zu beſtimmen, der ſie beide auf ewig vereinigen ſollte. Doch ließ ſie ſich auch dazu nicht be⸗ wegen, obgleich ſie ihm die Schwuͤre ihrer ewigen Liebe und Treue mit der innigſten Zaͤrtlichkeit wiederholte. So verließ er ſie, und ſuchte, nur halb beruhigt, Zerſtreuung in ſeinen Geſchaͤften, wobei er ſich bemuͤhte, den naͤchtlichen Auftritt in ſeinem Hauſe zu vergeſſen. 8 5. Doch als ſich nun der Tag zu Ende neig⸗ te und er ſich wieder allein befand in ſeinem duͤſtern Zimmer, wo unheimlich bald die naͤchtlichen Schatten ihn umhuͤllten, da ſtieg ein aͤngſtlich marterndes Gefuͤhl empor in ſei⸗ 31 WANN ner Bruſt, daß er vergeblich niederzukaͤm⸗ pfen ſich bemuͤhte. Es war ihm, als ob er Mariens Liebe nicht mehr ganz vertrauen duͤrfe, ſeitdem ſie ein Geheimniß vor ihm zu verbergen hatte. Eine Scheidewand ſchien ſie jetzt von ihm zu trennen, und doch fuͤhl⸗ te er ſich heftiger als jemals zu ihr hingezo⸗ gen. Sie war der Gegenſtand ſeiner Ge⸗ danken im Wachen, ſie war ſein Traum⸗ bild wenn er ſchlief, und ſo geſchah es oft, daß er des Tags zu wiederholten Malen zu ihr ging, ihr ſtumm ins Auge blickte, ge⸗ dankenvoll ihre Hand in der ſeinigen hielt, und wenn er wortkarg Stunden lang bei ihr geſeſſen, mit truͤben Blicken ſchied. Doch auch Marie ſchien wie umgewandelt; ſie ließ ſich jetzt oft bei verſchloſſenen Thuͤren ſinden, die nur auf ſein Rufen und zoͤgernd geoͤffnet wurden; dann war ſie ſo verlegen, wenn er ihr entgegen trat, und beinahe zitternd bot ſie ihm die Hand zum Gruß. Auch auf ſeine wiederholten Bitten: den Tag doch endlich feſtzuſetzen, an welchem ſie des Prieſters Segen vereinigen ſollte, 32 WWAA gab ſie nie eine beſtimmte Antwort, ſon⸗ dern ſchien vielmehr aͤngſtlich immer neue Gruͤnde aufzuſuchen, die einen Aufſchub ih⸗ rer naͤheren Verbindung noͤthig machten. Unbegreiflich ſchien dem Paͤchter ihr Beneh⸗ men und kraͤnkend traf ihn die Weigerung, ſein aͤngſterſehntes Gluͤck auf ewig zu befe⸗ ſtigen, da ſie doch ſonſt mit zaͤrtlicher Be⸗ theurung die Gruͤndung ſeines Wohls als ihr ſchoͤnſtes Lebensziel genannt⸗ Mißtrauen ſchlich ſich in ſein Herz und mancher leiſe Zweifel an ihrer Liebe fand taͤglich neue Nahrung, wuchs unbemerkt empor und fand endlich in der angſtbeklemmten Bruſt nicht Raum mehr. Schon einige Male hatte ſie durch eigne, fremde Boten Briefe erhalten, doch von wem? woher? blieb ihm ein Raͤthſel. Sie ſchwieg daruͤber, er wollte ſie deshalb nicht fragen und verwarf es ebenfalls, ſich heimlich Auskunft von den Boten zu verſchaffen. Doch ſein Mißtrauen erhielt auch dadurch neue Nahrung und manches Wort, welches ihr entſiel, ihr Heimlichthun, die jetzt faſt ſtets verſchloſſene Thuͤr, das &—2— 33 MWAôLAVNUN Alles ſchien ihm auffallend und einer ſorgfaͤl⸗ tigern Beachtung werth. Eines Tages ſah er wieder einen Boten nach ihrer Wohnung wandern; er ging nach. Die Thuͤr war verſchloſſen, doch wurde ſie bald von Marien ſelbſt geoͤffnet, welche den Brieftraͤger wie einen ſehnlichſt erwarteten Gaſt empfing, ein verſiegeltes Schreiben ha⸗ ſtig ſeiner Hand entriß und damit in die Oberſtube eilte, um ſich dort ungeſtoͤrt mit deſſen Inhalt bekannt zu machen. Dies Al⸗ les hatte Toͤming wohl bemerkt, als er, jedem Schritte des Boten folgend, waͤhrend ſeines Empfanges unentdeckt die dunkle Haus⸗ flur erreicht hatte. Mit unnennbarer Qual im Herzen trat er in das zu ebener Erde gelegene Wohnzimmer, worin er nur den Boten fand, der im Begriff war, ſich der ihm reichlich gebotenen Erfriſchungen zu bedie⸗ nen. Stumm gruͤßte Toͤming, ging lang⸗ ſam im Zimmer auf und ab, und konnte endlich nicht laͤnger widerſtehen, ſich mit der Frage an den unbekannten Brieftraͤger zu wenden:»Woher des Weges, Freund?4. III. 8 Doch muͤrriſch faſt, ſich in der Bearbei⸗ tung des vor ihm ſtehenden Schinkenknochens geſtort zu ſehen, erwiederte dieſer kurz: „»Bin uͤberm Wald zu Hauſ'!« und ſchien von nun an auch den laͤſtigen Frager nicht mehr zu bemerken, der, ſeine immer mehr ſteigende Unruhe zu verbergen, an den Fen⸗ ſterſcheiben trommelte, duͤſter vor ſich hinblickend. Doch ploͤtzlich fuhr er, wie vor einem Nachtgeſpenſte, entſetzt zuruͤck; alle ſeine Glieder zitterten, denn ſeine Augen hafteten ſtarr am Gegenſtande ſeines Schrek⸗ kens— an einem niedlichen Kinderhaͤub⸗ chen, welches innerhalb an der Gardine hing. So unſchuldig nun ein ſolches Haͤub⸗— chen an ſich ſelbſt, ſo ſchien es doch hier im Zimmer ſeiner Braut ſein Auge zu verletzen, ſein Herz tief zu verwunden; denn es war keineswegs neu und fuͤr die Zukunft ſorgſam zugerichtet, ſondern augenſcheinlich kuͤrzlich noch im Gebrauch geweſen. Deutlich glaub⸗ te er das zu bemerken, denn da war kein Faͤltchen mehr im feinen Spitzenſtiche, und doch wieder an dem roſenrothen Atlasbande e KMWWUMWNN die tiefen Falten ſichtber, wo es unterm Kinn zur Schleife war gefuͤgt worden. Noch ſtand er bebend vor dem ſchrecklichen Ver⸗ dachte, der ſich bereits in ihm zu regen be⸗ gann; da kam ihm, wie in finſtrer Nacht ein Lichtſtrahl, der Gedanke, daß vielleicht durch Zufall dieſer ſtumme Verraͤther eines Sproͤßlings ſich hierher verirrt haben koͤnn⸗ te, was ja bei der faſt zahlloſen Nachkom⸗ menſchaft der naͤchſten Nachbarn Mariens leicht moͤglich war. Deshalb bemuͤhte er ſich auch, den haͤßlichen Verdacht zu unter⸗ druͤcken, und als ſie jetzt ins Zimmer trat, zwar ſichtbar uͤberraſcht durch ſeine unver⸗ muthete Gegenwart, doch ſchnell gefaßt und freundlich ihm entgegen kam, im Ausdruck ihrer Geſichtszuͤge ſtillverhaltene Freude, da vergaß er ſchnell alle Zweifel an ihrer Liebe und Treue, reichte ihr beide Haͤnde zu⸗ gleich, und begnuͤgte ſich, ſtatt ſtrenger Un⸗ terſuchung, bald laͤchelnd ihr ins Auge, bald fragend nach dem Kinderhaͤubchen zu blik⸗ ken. 0* 36 MWVABANAMN Hocherroͤthend verſtand ſie ſeine ſtumme Frage und erwiederte ſcheinbar ruhig:»Du weißt ja, lieber Franz, daß ich die Can⸗ torin im Sticken unterweiſe; da hat ſie das Haͤubchen neulich fuͤr ihr Kind gekauft, und zeigte mir es geſtern, um die Stickerei daran zu bewundern. Doch, wie die Frau nun iſt, ſie ſchwatzte bis es Abend wurde und ihr Mann ſie nach Hauſe rief, gedachte mit keiner Sylbe mehr des Haͤubchens und ließ es hier zuruͤck.« Mit dieſer Erklaͤrung zufrieden, unter⸗ druͤckte der Paͤchter jede weitere Frage, wel⸗ che ihm ſeine Neugierde hinſichtlich des Bo⸗ tens eingab, ſondern blieb ein ſtummer Zeu⸗ ge, als dieſer mit einem verſiegelten Schrei⸗ ben und unter heimlichem Gefluͤſter abgefer⸗ tigt und bis auf die Straße begleitet wurde. Kaum war Marie aber wieder ins Zimmer zuruͤckgekehrt, als ſie den Paͤchter frohbewegt umfing, und ihn mit den Worten uͤberraſch⸗ te:»Jetzt, lieber Franz, bin ich ganz Dein, jetzt beſtimme ſelbſt den Tag, der uns auf immer vereinigen ſoll, und an MWMUA unſerm Hochzeitstage wird ſich auch meine Zunge loͤſen und mein Geheimniß auch das Deinige ſeyn. Bis dahin forſche nicht weiter nach meinem Thun, ſondern ſtim⸗ me Dein Herz zur Milde, daß Du verge⸗ ben kannſt denen, die der Verzeihung wuͤr⸗ dig.& 1 So raͤthſelhaft ihm dieſe Worte nun auch waren, ſo konnten ſie doch jetzt ſei⸗ ne Aufmerkſamkeit nicht feſſeln, denn die Freude uͤber die Beſtimmung ſeines Gluͤckes hatte ſein ganzes Herz erfuͤllt, und bald entfernte er ſich, denn alle ſei⸗ ne Gedanken waren jetzt mit dem na⸗ hen Hochzeitsfeſte beſchaͤftigt, welches in acht Tagen ſchon gefeiert werden ſoll⸗ te, und wozu bis dahin unter ſei⸗ ner Leitung noch ſo Manches anzuordnen war. 38 WMuu 6. Unter Einrichtung der neuen Haushal⸗ tung, unter mancherlei Zubereitungen zur frohen Hochzeitsfeier verſtrichen die naͤchſten Tage. Der Paͤchter lebte waͤhrend dieſer Zeit im Wonnetaumel eines gluͤcklichen Braͤn⸗ tigams, zaͤhlte die Stunden bis zum laͤngſt⸗ erſehnten Ziele und fand in den letzten Naͤchten auf ſeinem einſamen Lager faſt keine Ruhe mehr. Auch am fruͤheſten Morgen des Ta⸗ ges, auf den ſein Hochzeitstag folgen ſollte, harrte er wachend der erſten Sonnenſtrahlen. Noch war ſein Schlafgemach mit der lang⸗ ſam weichenden Daͤmmerung erfuͤllt, und aͤber alle lebende Weſen im Hauſe hatte der Schlaf noch ſeine ſchweren Schwingen ausge⸗ breitet. Da hoͤrte er unterm Fenſter ein Geraͤuſch wie ſchleppende Schritte und gleich darauf am Hofthor ein lautes Klopfen. Halb angekleidet trat er zum Fenſter und fuhr ent⸗ 39 A ſetzt zuruͤck, als er im Zwielichte die un⸗ heimliche Geſtalt der alten Mummlieſe be⸗ merkte, welche ſich auf ihren Kruͤcken un⸗ geduldig hin und her wiegte und mit flam⸗ menden Blicken zu ihm empor ſchau⸗ te. 1 »Wiſch' den Schlaf aus Deinen Au⸗ gen«— herrſchte ſie ihm zu— und ſieh herab auf Deine alte Pathe. Bin ich nicht recht feſtlich angethan?— Den ſchwarzen Mantel und das ſchwarze Kopftuch leg' ich nimmer ab.— He! Fraͤnzchen! haſt Du mich denn ganz vergeſſen? ſoll ich nicht zur Hochzeit kommen?— Meinſt wohl, weil ich noch traure um mein Herzenskind, kann ich nicht luſtig ſeyn bei Deinem Chrenfeſte? Ich kann noch ſingen, klingt mein Hoch⸗ zeitscarmen auch wie Grabgeſang, und tanzen will ich meinen Kruͤckentanz, und janchzen will ich und lachen Tage lang, wenn mein Fluch Dein Braͤutchen von Dir ſcheidet, ſelbſt am Altare noch, und Dein einſames Brautbett Dir zur Hoͤlle wird!« 40 „»Weich' von mir, Unholdin!« rief der Paͤchter erſchuͤttert zum Fenſter hinab und wollte ſich zuruͤckziehen, doch ſie ſtreckte ihre Hand weit aus nach ihm und ſchrie:»Halt! noch ein Wort!«— und mit dem lebhafte⸗ ſten Ausdrucke der Schadenfreude fuhr ſie leiſer fort:»Du biſt betrogen, Franz! ſchrecklich betrogen, armer Junge! Dein Braͤutchen hat den Jungfernkranz gar ſchlecht bewahrt, denkt in Dein warmes Neſt die fremde Brut zu tragen. Sieh Dich vor, ſie macht Dich vor der Hochzeit noch zum Hahnrey. Dich zu betruͤgen iſt leicht, denn Du biſt taub und blind! Jetzt ſammle Deine Sinne, noch iſt's Zeit! Ver⸗ ſtoße ſie, laß ſie vergehn in ihrer Schan⸗ de!« B Wirklich war der Paͤchter kaum noch ſei⸗ ner Sinne maͤchtig, nachdem die Alte geen⸗ det. Ein fuͤrchterlicher Aufruhr tobte in ſei⸗ nem Innern; mit beiden Haͤnden klammerte er ſich feſt an die Fenſterbruͤſtung und aus beklemmter Bruſt ſtieß er die Worte hervor: „»Im Namen des Herrn! weiche von mir, 41 boͤſes Weib! Deine ſchaͤndliche Laͤſterung hat nur der Wahnwitz ausgeheckt! Ich kenne meine Braut, ich weiß um Alles, was ſie angeht und nichts kann mich von ihr tren⸗ nen. Gieb mir Frieden! ich will gern Dei⸗ ne Naͤhe meiden auf tauſend Schritte, doch ſtoͤre auch mein Gluͤck nicht durch Deinen Anblick. 3. Hoͤhniſch lachend erwiederte die Alte: „»So, ſo! Du weißt um Alles? So iſt die Brut Dir doch nicht fremd, die Dir Dein Braͤutchen bringt zur Mitgift? So traͤgſt Du zur Haͤlfte ihre Schande und nimmſt Dein eigen Blut in Deinem Neſte auf?— Fuͤr ſolche Liebe freilich war mein Gretchen nicht geſchaffen; ſie hat mit Ehren ihren Jungfernkranz mit ſich ins Grab genommen. Doch Deine Braut, die ſoll ihn nimmer tragen, das ſchwoͤr' ich Dir bei allen boͤſen Geiſtern! Und nun erſt will ich meine Ra⸗ che an Euch doppelt uͤben, weil Du um fuͤnd'ger Liebe willen mein armes Kind, mein frommes Enkelchen, verſtoßen haſt. Ja, huͤtet Euch, jetzt huͤtet Euch! Umſchleichen 42² will ich Euch bei Tag und Nacht, und wie ein Drache, der nach Blute duͤrſtet, will ich lauern, bis meine Rache Euch die tieſe Wunde ſchlaͤgt, die nimmer heilen ſoll!«— Nachdem ſie kreiſchend dieſe Worte ihm zuge⸗ rufen, erhob ſie drohend die Kruͤcke ge⸗ gen ihn, ſchlug dann den Mantel uͤbers Haupt und hinkte fort, nach ihrer Woh⸗ nung. 1 Mi Der Paͤchter ſank erſchoͤpft in einen Seſ⸗ ſel zuruͤck, denn ihre Worte hatten ſeine Seele zerriſſen. „»Was war das?« ſprach er leiſe vor ſich hin und fuhr mit der Hand uͤber die kal⸗ te, todtenbleiche Stirn.„»Ach, wuͤßt' ich Alles, was Marien angeht!« fuhr er ſeufzend fort.»Warum belog ich denn die Alte? Was weiß ich von Marien? Ver⸗ birgt ſie nicht vor mir ein wichtiges Geheim⸗ niß und kann deſſen Loͤſung nicht den ſchreck⸗ lichen Verdacht bekraͤftigen, der ſchon einmal in mir erwachte? Warum belog ich auch die Alte; ſie haͤtte mir wielleicht noch mehr ge⸗ plaudert! Doch nein, Marie kann mich nicht 43 Wm betruͤgen! Marie iſt ſchuldlos— wie waͤre ſie auch ſolcher Suͤnde faͤhig?— Die Alte ſpricht ja irre, und ihre tollen Reden ſollten mein Vertrauen wankend machen? Die Rache gab ihr die ſchaͤndliche Verlaͤumdung ein! Hat mir die Alte nicht ſchon laͤngſt den offnen Krieg angekuͤndigt? Verfolgen will ſie mich— Zwietracht will ſie in unſre Herzen ban⸗ nen— Gott ſchuͤtze uns vor ihrem boͤſen Spiel!«— Er rief ſich jetzt alle die ſeligen Stunden zuruͤck, die Mariens reine Liebe ihm geboten; er gedachte aller Beweiſe ihrer Tugend, ih⸗ rer Treue, und ſuchte ſo die Zweifel zu unter⸗ druͤcken, die ihre heimliche Entfernung von Elſendorf in ſeiner Abweſenheit, ihr geheim⸗ nißvolles Weſen ſeit ihrer Ruͤckkehr, in ſeiner Bruſt erzeugt. Doch waͤhrend die Bilder der Erinnerung, die ihm Mariens Liebe vorzau⸗ berte, ſchon einer ſanften Ruhe Einzug ge⸗ ſtatteten in ſein bewegtes Gemuͤth, ſtieg auch im dunkeln Spiegel der Vergangenheit Gretchens Schatten drohend empor, mit dem bleichen Todtengeſichte und den halboffnen 44 Augen, die der Liebesgram um ihn gebro⸗ chen hatte. Sein Gewiſſen regte ſich zum erſten Male und ein aufrichtiges Selbſtge⸗ ſtaͤndniß waͤlzte eine druͤckende Schuld auf ſein Herz. Hatte er doch ihre Liebe geduldet, hatte ihr gleiche Neigung geheuchelt, als er ſchon Willens war, ſie zu verlaſſen. Er hat⸗ te ihr ſein Wort gebrochen, und deshalb la⸗ ſtete ihr Tod jetzt ſchwer auf ſeiner See⸗ le. „und wenn Marie mich betrogen haͤt⸗ te«— ſprach er wieder zu ſich ſelbſt—»ſo haͤtte ſie an mir vergolten, was ich verſchul⸗ det an dem armen Gretchen— und wie oft beſtraft der Himmel nicht die Schuld des Einen durch des Andern Schuld!— Mein ganzes Lebensgluͤck beſteht ja in Mariens Lie⸗ be, ich wuͤrde ſterben, duͤrft' ich ſie nicht mein nennen. Und hat mir Gretchen nicht ſo oft betheuert: dem fruͤhen Tode ſiele ſie anheim, koͤnnt ich ſie je verlaſſen?— So iſtess gekommen! Ich verſtieß die Arme und die naͤchſte Fruͤhlingsluft umwehte ſchon ihr Grab. Wenn nun das Schickſal ſtreng ge⸗ ——— 45 NMAAAWNNA recht auch gegen mich verfuͤhre, das Band zerriſe, das mich an Marien knuͤpft; duͤrft' ich dann wohl noch murren?— Doch nein! Noch will ich bauen auf meines Schoͤpfers Gnade. Was ich verſchuldete an Gretchen, will ich ſuchen wieder gut zu ma⸗ chen— an der Todten? O, daß ſie ſter⸗ ben mußte!— An der alten Pathe? die muß ich fuͤrchten— fliehen— haſſen!— Nein, gut machen kann ich dieſe Schuld auf Erden nicht, ich werde ſchwer ſie buͤßen muͤſ⸗ ſen!« Er verfiel in tiefes Sinnen. Schmerz⸗ haft fuͤhlte er, wie der Gewiſſenswurm an ſeinem Herzen nagte. Die Furcht vor der Vergeltung ſeiner Schuld weckte die ſchon laͤngſt bekaͤmpften Zweifel wieder auf und ſein Vertrauen auf Marien wank⸗ te. 46 AMWMAMW 7. Marie war allgemein als ein Muſter al⸗ ler weiblichen Tugenden und Vollkommenhei⸗ ten geachtet worden; doch ſeitdem ſie von ihrer geheimnißvollen Reiſe nach Elſendorf zuruͤckgekehrt, ließen Neid und Mißgunſt den ſpitzen Zungen freien Lauf, um ihren Lebenswandel gegen Jedermann verdaͤchtig zu machen und bald wurde ſie bemitleidet, ja— verachtet und verhoͤhnt. Nicht durch die Reiſe allein, ſondern auch durch ihr ſeltſames Betragen ſeit ihrer Ruͤckkehr, hat⸗ te ſie ihren Ruf aufs Spiel geſetzt und die⸗ ſes ſo leicht zerſtoͤrbare Gut, wie es ſchien, unwiederbringlich verloren.. Freilich war es auffallend, wenn ſie, die ſonſt den Umgang mit Maͤdchen ihres Alters und deren erfahrnen Muͤttern faſt taͤg⸗ lich ſuchte, ſich jetzt einſam in ihr Haus verſchloß, welches ſie nur allein mit einer MAAA alten Magd bewohnte; wenn ſie dem Kreiſe der Bekannten ſich jetzt gaͤnzlich entzog, wenn ſie jeden Beſuch derſelben mit Aengſt⸗ lichkeit, ja, mit Kaͤlte aufnahm und auf alle Weiſe zu kuͤrzen ſuchte. Die Hochzeit mit dem reichen Paͤchter hat ſie ſtolz und hochmuͤthig gemacht!« rie⸗ fen ihre Iugendgefoͤhrtinnen einander zu, gingen an ihrem Hauſe ohne Gruß voruͤber, und ſpotteten der Thoͤrin. Die aͤltern Wei⸗ ber aber waren damit nicht zufrieden. Neu⸗ gierde trieb ſie unter hundert Vorwaͤnden im⸗ mer wieder hin nach ihrer Wohnung, um zu lauſchen und zu ſpioniren. Marie hatte hinter der verſchloſſenen Thuͤr ein Geheim⸗ niß zu verbergen, das war Allen einleuch⸗ tend, und wie haͤtten ſie dabei wohl ruhig bleiben koͤnnen? Doch vergebens boten ſie ihr Vertrauen umſonſt feil; Marie blieb kalt und verſchloſſen, und ihr geuͤbtes Auge konnte nichts erſpaͤhen, was ſie der Loͤſung des Naͤthſels naͤher gebracht. So blieben auch ſie endlich, da ſie vergebens Scharfſinn, Zeit und Muͤhe aufgewendet, von der Ein⸗ 48 NAAAM2 ſiedlerin entfernt, natuͤrlich grollend und Feindſchaft gegen die im Herzen, die ihr dargebotenes Vertrauen verſchmaͤhte. Beharrlicher als dieſe weiblichen Kund⸗ ſchafter, war der Dorfbarbier Sabel, den ein Zufall in derſelben Nacht, in derſelben Minute, in welcher Marie nach Elſendorf heimgekehrt, an ihrer Wohnung voruͤber⸗ fuͤhrte, als er eben von einer Kindtaufe heimkam, der er in einem benachbarten Dorfe beigewohnt. Ein zugemachter Reiſe⸗ wagen war an ſich ſelbſt ſchon ein beachtens⸗ werther Gegenſtand fuͤr den allzeitfertigen Neuigkeitsſpuͤrer, deshalb verfolgte er ihn auch ſchon vom aͤußerſten Hirtenhauſe und ſein Erſtaunen wuchs mit jedem Augenblicke, als er endlich vor Mariens Wohnung hielt. Zitternd vor Ungeduld druͤckte ſich Sabel in den reichbelaubten Zaun und ſah, beim Scheine der Laterne, welche die alte Magd, die das Haus geoͤffnet, an den Wagen brachte, wie Marie, ausſteigend, vorſichtig Etwas auf den Armen trug, was in Tuͤcher und Maͤntel gehuͤllt, ſich 49 WAAAA ſeinen Falkenaugen verbarg. Er hob ſich auf den Zehen, er dehnte ſeinen Hals ſo lang als moͤglich, umſonſt— er ſah nichts als die Huͤlle, die das umgab, was Marie jetzt mit beiden Haͤnden gegen ihren Buſen druͤck⸗ te. Der Wagen war von der alten Magd vollends der Schachteln und uͤbrigen Reiſe⸗ beduͤrfniſſe entledigt worden und fuhr nun ei⸗ lig wieder zum Dorfe hinaus, dieſelbe Straſ⸗ ſe zuruͤck, die er gekommen. Schon waren die beiden Frauenzimmer ins Haus getreten, hatten die Thuͤr feſt hinter ſich verſchloſſen und nur durch die Ritze eines Fenſterladens fiel ein Lichtſtrahl aus der Unterſtube auf die Straße. Mit dieſem Lichtſtrahle brachte Sa⸗ bel ſeine Spuͤrnaſe bald in gleiche Richtung, folgte dieſer, bis die Splitter des Fenſterla⸗ dens ihm ein unangenehmes Kitzeln an der Naſenſpitze erregten, und ließ daruͤber weg ſeine Augenſternlein hineinleuchten ins Zim⸗ mer, doch ſehen konnte er nichts— aber hoͤren!— Kaum traute er ſeinen Ohren: hoͤ⸗ ren konnte er deutlich, wie's drinnen fuuͤſterte, wie zuweilen Toͤne erklangen, wie Kinder⸗ III. 4 „ 50 NMAVMWNN geſchrei— und wie die alte Magd ganz leiſe und nur halb vernehmlich die Melodie des alten, guten Liedchens brummte:»Schlaf', Kindlein, ſchlaf', im Garten gehn zwei Schaf' u. ſ. w... „»Potz Seifenſchaum und Koſackenbaͤrte!« rief der Horcher am Fenſterladen hocherfreut und rieb ſich die Haͤnde.»Das iſt eine Ca⸗ pital⸗Reuigkeit!« und ſchon fing er an, an den Fingern abzuzaͤhlen, wie viel Kun⸗ den er morgen zu barbieren habe. Doch ploͤtzlich innehaltend ſprach er zu ſich ſelbſt: „»Halt, Sabelchen! vergalloppir' Dich nicht! Du haſt ja nur gehoͤrt— Ein Sinn kann truͤgen. Erſt mußt Du ſehen— ſehen— ſehen— dann kannſt Du dreiſt auftreten als testis ocularis und aller Welt verkuͤn⸗ den—& Aufs Neue ſtrengte er nun ſeine ganze Sehkraft an, die der Wein beim Kindtaufs⸗ ſchmauſe noch verdoppelt, umſonſt— er ſah nichts und auch ſein Ohr vernahm den ſonderbaren Ton nicht mehr, den er fuͤr ein recht vollkommenes Kindergeſchrei erklaͤren zu 51 BMAAᷓNNN muͤſſen glanbte. Sein ſchweres Haupt hin und herwiegend, ſchlich er endlich nach ſei⸗ ner Wohnung und ging beim Schlafengehen mit ſich zu Rathe, ob er von ſeiner wichti⸗ gen Entdeckung morgen Gebrauch machen ſol⸗ le oder nicht? Die Klugheit widerrieth es ihm, wegen Mangel an triftigen Beweiſen; auch bedachte er gar wohl, daß Marie viel⸗ leicht Vertheidiger finden wuͤrde, welche ihn Luͤgen ſtrafen koͤnnten, und der Braͤutigam, der Paͤchter Joͤming, ſein liebſter Kunde, der am reichlichſten bezahlte, durch eine vor⸗ laute Ausbreitung ſeiner Neuigkeit beleidigt und gekraͤnkt werden muͤßte. Deshalb beſchloß er, lieber noch zu ſchweigen; doch der Gedanke, wie er dieſer wichtigen Sache naͤher auf den Grund kommen ſolle, lief ihm mehrere Tage lang im Kopfe herum, wie eine Maus, die in einen ausgehoͤlten Kuͤrbis gekro⸗ chen iſt und den Ausweg nicht wiederfinden kann. Einige Tage nachher bemerkte er, auf der Straße luſtwandelnd, die nach dem nahen Staͤdtchen fuͤhrte, vor ſich Mariens Magd. — 4* 592 WAAAAN Sie ging eiligen Schrittes nach der Stadt, doch welche Geſchaͤfte ſie dorthin riefen, das mußte Sabel wiſſen, ſonſt waͤre es um ſeine Seelenruhe geſchehen geweſen. Zu verſaͤumen hatte er nichts, alſo folgte er ihr auf dem Fuße; doch ſing er ſchon an den Weg zu bereuen, als er bemerkte, daß ſie hier und da nur die gewoͤhnlichſten Kuͤ⸗ chenbeduͤrfniſſe einkaufte und den Heimweg ſchon wieder zu ſuchen ſchien; aber ploͤtzlich ſich beſinnend, kehrte ſie wieder um und ging nach der nahegelegenen Apotheke. Dies ſchien dem Barbier verdaͤchtig, und ohne Ver⸗ zug ſteuerte er ihr nach, denn ein neues Lichtlein ſchien ſeinen Forſchungsgeiſt erhellt zu haben. Kaum eingetreten in den Apothe⸗ kerladen, prallte er auch ſchon wieder drei Schritte weit zuruͤck, denn wie ein elektri⸗ ſcher Schlag trafen ihn die Worte der alten Magd, welche, den Lauſcher nicht bemerkend, zwei Unzen von Henslers Kinderpulver for⸗ derte. Herr Sabel ſtand erſtarrt. Kaum vermochte er auf die Frage des Proviſors nach ſeinem Begehr? die unſchuldige Gegen⸗ 53 MAANAN frage hervorzuſtammeln: ob wohl dies Jahr die Blutigel theuer werden wuͤrden? und als er die kurze Antwort erhalten:»Nach Um⸗ ſtaͤnden!« entfernte er ſich wie ein Traͤumen⸗ der, denn alle ſeine Gedanken hatten ſich verwirrt. Spaͤt am Abend kam er zwar nach Elſen⸗ dorf zuruͤck, doch noch immer zeitig genug, um das Wirthshaus zu frequentiren, was er nicht verſaͤumen zu duͤrfen glaubte, nach⸗ dem er unterwegs mit ſich einig geworden, das druͤckende Geheimniß endlich von ſeiner Bruſt zu waͤlzen und es auszuſchuͤtten vor den lauſchenden Ohren der Bier⸗ und Stammgaͤſte der Dorfſchenke. Und ſo be⸗ gann er denn, eintretend in den von dik⸗ kem Tabaksqualm magiſch verdunkelten Kreis ſeiner Bekannten und Nachbarn, nach und nach alle ſeine Bemerkungen, in Bezug auf Marien, unter dem Siegel der Verſchwiegen⸗ heit mitzutheilen. Obgleich er aber ganz vor⸗ zuͤglich des Henslerſchen Kinderpulvers ge⸗ dachte, vermied er wohlweislich irgend eine daraus entſtehende Folgerung oder Muthmaſ⸗ 54 AMVLNA ſung laut werden zu laſſen. Die Augen der Zuhoͤrer waren aber ſtarr und unbeweglich auf den Mann mit Fama's Poſaune gerich⸗ tet, manche Pfeife war ausgegangen, die aufgehobnen Bierkruͤge wurden nicht bis zum Munde gebracht, und als dies endlich ge⸗ ſchah, ſchmeckten ſelbſt des Wirths eifrigſte Widerſacher nicht mehr, daß der Gerſtentrank einen Beigeſchmack von Eſſig oder Mord und Todtſchlag habe; denn alle ihre Sinne wa⸗ ren gefeſſelt von des Barbiers entſetzlich wich⸗ tiger Neuigkeit. Kein Siegel in der Welt aber wird wohl ſo oft und leichtfertig verletzt, als das Sie⸗ gel der Verſchwiegenheit, welches der Be⸗ kannte in vertraulicher Stunde auf den Mund des Bekannten druͤckt. Denn obgleich Mancher glaubt, ein Geheimniß damit recht feſt verwahrt zu haben, ſo gleicht doch dieſes Siegel nur zu ſehr dem nachlaͤſſig eingekeil⸗ ten Zapfen, welcher ein Faß, mit gaͤhren⸗ dem Getraͤnke angefuͤllt, verſchließen ſoll, doch gar oft, vom braußenden Inhalte getrie⸗ ben, hoch in die Luft geſchnellt wird. So 55 NVWWMNWN ging es auch mit Sabels geheimnißvoller Mittheilung. Am andern Morgen ſchon war ſie im ganzen Dorfe bekannt, ein Jeder folger⸗ te ſich daraus ſeine eigenen Muthmaßungen und dachte ſich dabei— das Schlimmſte. Von dieſer Stunde an wurde auch Mariens gutem Rufe ganz erbaͤrmlich mitgeſpielt, ohne daß ſie das Mindeſte davon ahnete; ja ſelbſt dem Braͤutigam, der nie den Bierharmonie⸗ klubb der Elſendorfer beſuchte, blieb das Ge⸗ rede uͤber ſeine Braut verborgen, bis er end⸗ lich am Tage vor ſeiner Hochzeit, aufmerk⸗ ſam gemacht durch die raͤthſelhaften Worte der alten Mummlieſe, anſing Verdacht zu ſchoͤ⸗ pfen. 8. Es war beinahe Abend geworden und Ruhe herrſchte im Dorfe, obgleich ſonſt am Vorabende eines Hochzeitsfeſtes froher Jubel rings erſchallte, der, war das Brautpaar reich und angeſehen, bis zum wildeſten Laͤr⸗ men geſteigert wurde. Unter allen Bewoh⸗ nern des Dorfes war nicht Einer, von dem Töming haͤtte ſagen koͤnnen: er iſt mein Freund! denn allgemein beneidete man ihn ſeines Wohlſtandes wegen, um ſo mehr, da er als guter Wirth ſtets auf ſeinen recht⸗ lichen Vortheil bedacht war, und das Seini⸗ ge faſt aͤngſtlich zuſammenhaltend, ſich nie bewogen fuͤhlte, durch Darlehn oder Spen⸗ den ſeine Nachbarn ſich geneigter zu machen. Deshalb gedachte man kaum ſeines Ehrenta⸗ ges, und wenns geſchah, nur mit Spott und Kaͤlte. Keinem jungen Burſchen ſiel es ein, den Sonntagsſtaat zurecht zu legen, oder die gelbledernen Hoſen neu anzuſtreichen, da⸗ mit er morgen fleckenrein darin beim Hochzeits⸗ reigen erſcheine. Kein junges Maͤdchen ruͤhr⸗ te heute eine Scherbe an, obgleich ſie ſonſt, wurde ein Polterabend im Derfe gefeiert, nie verſaͤumt hatten, ganze Haufen zerbro⸗ chener Pfannen, Tiegel und Toͤpfe zuſam⸗ menzuſchleppen, um damit vor dem Hauſe der Braut den pflichtſchuldigen Spektakel zu machen.— Freilich waren Elſendorfs angeſe⸗ henſte Maͤnner mit Weibern, Kindern, Ba⸗ ſen und ſonſtigen Verwandten zum Feſte eingeladen worden, doch waren faſt Alle einſtimmig entſchloſſen, zu Hauſe zu bleiben und ſich auf dieſe oder jene Weiſe entſchuldi⸗ gen zu laſſen, denn die ſonderbarſten Ge⸗ ruͤchte, die durch Sabels Mittheilung ſeiner heimlichen Bemerkungen entſtanden waren, hatten einen allgemeinen Haß und Verach⸗ tung gegen das Brautpaar verbreitet. Auch die alte Mummlieſe, die uͤberall lauſchend herumkroch, hatte das Geſchwaͤtz der Nach⸗ barinnen vernommen, welche ſich bemuͤhten, Mariens Ehre zu vernichten, obgleich der Grund dazu nur auf Vermuthungen beruhte; deshalb ſann die Alte, wie ſie die uͤberzeu⸗ genden Beweiſe von dem faſt nicht mehr be⸗ zweifelten Fehltritte Mariens ſich noch vor der Hochzeit verſchaffen koͤnne, um ihre Rache, durch das oͤffentliche Brandmal der Schande, an ihr zu kuͤhlen. Vor ihrer Wohnung ſitzend auf einer hoͤl⸗ zernen Bank, neben ſich die Kruͤcken, ſtarr⸗ te ſie tiefſinnend vor ſich hin in den Sand, 58 AAIMN die buſchigten, grauen Augenbrauen dicht zuſammengezogen, daß die tiefen Falten auf der Stirn ſich dicht an einander lagerten, wie ſchwere Wetterwolken. Den ſchwarzen Man⸗ tel hatte ſie abgelegt, doch ein ſchwarzes Tuch um Kopf und Schultern zugleich geſchlagen, und wie ein Steinbild war ſie anzuſchauen, dion kein Zug ihres runzlichten Geſichtes, keine Regung ihres ganzen Koͤrpers verrieth Leben. Doch wach und rege war der doͤſe Geiſt, der in ihr wohnte; gaͤnzlich entfeſſelt ſchien er jetzt vom Wahnſinn, ſeitdem ſie auf Nache alle ihre Gedanken gerichtet, wel⸗ che bisher nur den ſchmerzlichen Verluſt ihrer Enkelin umfaßten. Endlich nach langem Sinnen ſchien ſie einen Entſchluß gefaßt zu haben, denn ihre Lippen zuckten, indem ſie dem zahnloſen Munde ein ſelbſtzufriedenes Laͤcheln abnoͤthi⸗ gen wollte. Ihr Auge rollte feuergluͤhend in weitem Kreiſe, und kraͤftig erhob ſie das greiſe Haupt, das faſt bis auf die Bruſt herabgeſunken war. Jetzt erſt ſchien ſie die Gegenſtaͤnde um ſich her wieder zu bemerken, 59 jetzt erſt erblickte ſie dicht vor ſich die junge Hirtenfrau Margarethe, welche oft fuͤr Bo⸗ tenlohn nach der Stadt ging, um dort die Auftraͤge der Dorfbewohner zu beſorgen. Mit gekruͤmmtem Ruͤcken, faſt erliegend un⸗ ter der Laſt des ſchweren Korbes, den ſie trug, blieb ſie ſtehen bei der alten Mumm⸗ lieſe, ihr das Paͤckchen Kraͤuter uͤbergebend, welches ſie aus der Stadt fuͤr ſie mitgebracht, denn die Alte hielt eine kleine Hausapotheke, womit ſie Menſchen und Thiere bediente, die ihrer Huͤlfe bedurften. Sich von der Bank erhebend, ſtemmte ſie die Kruͤcken unter ihre Arme und pruͤfte nun die Guͤte der Kraͤuter durch Geruch und Geſchmack, fuhr dann, den Kopf zufrieden neigend, mit der Hand in die lederne Taſche, die ſie an ihrer linken Seite trug, nahm kleine Muͤnze heraus, reichte ſie der Boten⸗ frau und ſprach freundlich:»Habt einen heiſ⸗ ſen Tag gehabt und ſchwuͤl iſt der Abend. Ihr tragt ja heute ſchwer; glaub's wohl, daß der hochaufgepackte Korb Euch Schweiß⸗ tropfen ausgepreßt.« * WAANN »„Ja wohl! gar manchen Tropfen Schweiß«— entgegnete das Weib—»da⸗ fuͤr bringt mir aber der einzige Gang mehr ein, als ſonſt drei andere; denn Alles, was da in dem Korbe ſteckt, kommt in des rei⸗ chen Paͤchters Kuͤche, der morgen Hochzeit giebt. Auch den Jungfernkranz, den er in der Stadt beſtellte, hab' ich mitgebracht; ganz oben auf, in der blauen Pappſchachtel liegt er.« Die Alte horchte hoch auf. Ein neuer Gedanke ſchien ploͤtzlich in ihr aufzuſteigen und mit freundlichem Grinſen hinkte ſie naͤ⸗ her zur Hirtenfrau, trocknete bedauernd mit der Schuͤrze ihr den Schweiß von der Stirn und ſprach zutraulich:»Ihr quaͤlt Euch recht ums Bischen Brod, Ihr armes Volk! Wie geht's denn Eurem Haͤnschen? iſt er wieder auf den Beinen?X „»Ach, der hat leider immer noch das boͤſe Fieber; von Tage zu Tage wird er elender und ſieht ſich nicht mehr aͤhnlich«— war die Antwort. r 61 WWAAAN »Was? noch immer's Fieber? und Ihr kommt nicht zu mir?« fiel ihr die Alte in die Rede.»Glaubt Ihr, ich helfe Armen nicht umſonſt ſo gern, als Reichen fuͤr ihr Geld? Kommt! kommt! Ihr ſollt gleich etwas haben fuͤr den Jungen, und wenn er das gebraucht— in drei Tagen iſt ſein Fie⸗ ber fort! Setzt Euern Korb ins Haus, und geht indeſſen in den Garten; pfluͤckt Euch von meinen Stengelbohnen ein Ge⸗ richt, auch gelbe Wurzeln nehmt, ſo viel Ihr wollt, ich habe mehr davon, als ich gebrauche!« Erſtaunt uͤber die ungewohnte Leutſeligkeit der Alten, zauderte Margarethe, ihr zu fol⸗ gen; doch ungeſtuͤm ergriff ſie Jene bei der Hand, zog ſie mit ſich fort ins Haus, half ihr dort, ſo viel es ihre Gebrechlichkeit er⸗ laubte, den ſchweren Korb niederſetzen, und ſchob ſie dann, ohne auf ihre Einwendungen zu hoͤren, durch die Hinterthuͤr in den Gar⸗ ten. Als ſich aber die Alte allein befand, nahm ſie die blane Pappſchachtel eilig vom Korbe 62 AAANVMN und trug ſie in ihr Zimmer. Kaum hatte ſie dieſelbe hier geoͤffnet, und den Jungfern⸗ kranz— der aus gruͤnſeidenen, myrthenaͤhn⸗ lichen Blaͤttern, welche um feine Drathrei⸗ fen gewunden und mit Goldfaͤden reichlich umflochten waren, beſtand— herausgenommen, ſo blitzten ihre Augen funkelnd unter dem ſchwarzen Tuche hervor, das bis uͤber die Stirn herabgefallen war; ihre Haͤnde zitter⸗ ten, und aus ihrer Bruſt, von Rachſucht mehr erfuͤllt, als jemals, keuchte ſie tiefe Athemzuͤge ſchwer herauf. Unter dumpfem, unverſtaͤndlichen Gemurmel bewegten ſich ih⸗ re Lippen; nur einzelne Worte klangen wie ſchreckliche Fluͤche, und ſchon war ſie im Begriffe, den Kranz weit von ſich zu ſchleu⸗ dern, als ſie ploͤtzlich den ſchon ausgeſtreck⸗ ten Arm ſinken ließ, und nach wenigen Au⸗ genblicken ruhiger werdend, vorſichtig um ſich blickte, die Thuͤr verriegelte und nach dem Medieinſchranke hinkte. Hier nahm ſie ein Flaͤſchchen heraus und benetzte nun mit der darin enthaltenen Fluͤſſigkeit die Drath⸗ reifen des Kranzes, den ſie dann, boshaft 63 . BMAAMNN laͤchelnd, ſorgfaͤltig wieder in die Schachtel legte, dieſe aber nach dem Korbe trug nnd zuruͤckkehrend in ihr Zimmer, ein Pulver bereitete, bis Margarethe zu ihr eintrat. „»Nehmt hin!« ſprach ſie zu dieſer, ihr das Pulver uͤbergebend; ogebt es morgen in drei Theilen Eurem Jungen, er wird bald davon geſund werden. Dankend ſchied die arme Hirtenfrau und ging zum Paͤchter, ſich ihrer ſchweren Buͤr⸗ de zu entledigen. Die Alte aber ſtand mitten auf der Straße, ihr nachblickend, zog dann das ſchwarze Tuch vom Kopfe weit herab, bis uͤber das ganze Geſicht und lachte darunter lange noch in ſich hinein, daß die Voruͤber⸗ gehenden ſie ſcheu umgingen, und fluͤſternd nur die leiſen Worte zu einander ſprachen: „Behuͤt' uns Gott! die Alte hat den tollen Wirbel wieder!« 64 WWAWVN 9. Es war ſeit undenklichen Zeiten Sitte in Elſendorf, daß jede Braut, am Vorabende ihres Hochzeitstages, ſich ſaͤmmtlichen Dorf⸗ bewohnern im vollen Brautſtaat zeigen muß⸗ te. Dieſer Sitte gemaͤß harrte Marie, im einfachen, weißen Kleide, in ihrem Hauſe des Braͤutigams, welcher ihr den Jungfern⸗ kranz bringen ſollte, um den Brautſchmuck damit zu vollenden. Sie befand ſich ganz allein im duͤſtern Zimmer, durch deſſen Fen⸗ ſter die letzten Strahlen der ſcheidenden Son⸗ ne hereinſielen, nicht wie luſtig flackernde Hochzeitsfackeln, ſondern wie bleiche, bald erloͤſchende Kerzenflammen. Wenn ſie fruͤher dieſes Abends gedachte, hatte ſie ſich freilich ein freundlicheres Bild davon entworfen; um⸗ geben von ihren Freundinnen, entfernt von jeder Sorge, unter Scherz und frohem Iu⸗ bel, hatte ſie geglaubt, wuͤrden ihr dieſe 65 AWAWUAN Stunden im Arm des Braͤutigams nur zu ſchnell entſchwinden. Deshalb ſiel ihr auch die Einſamkeit an dieſem Abende gerade ſchwer aufs Herz und ſie wuͤnſchte jetzt den ſchleichenden Stunden Eile. Sie ſah ſich verlaſſen von Allen, die ihr auf ihrer Le⸗ bensbahn ſonſt zur Seite geſtanden in Freude und Leid, doch murrte ſie deshalb nicht, denn ſie wußte ja, warum ſie dulde⸗ te. Die Sonne war hinunter, nur ein roͤth⸗ licher Schimmer flackerte noch auf, wie fer⸗ ne Feuergluth am weſtlichen Horizonte. Es war finſter geworden und Marie ſaß noch allein, des Braͤntigams harrend. Zuweilen ſchien es ihr, als ob ſich dunkle Geſtalten vor ihren Fenſtern hin und her bewegten, als ob ſie lauſchend ins duͤſtre Zimmer blickten, fluͤſternd und heimlich lachend. Endlich erſchien Franz und bemuͤhte ſich froͤhlich zu ſcheinen, 4 obgleich ihn eine unnennbare Angſt bedruͤckte. Er war ſo eben durchs Dorf gegangen, hat⸗ te freundlich Jeden gegruͤßt, der ihm begeg⸗ net, war ſtehen geblieben bei jeder Gruppe, III. 5 66 NMMNUANWNN welche die in Ruhe ſich des ſchoͤnen Abends erfreuenden Dorfbewohner beinahe um jedes Haus bildeten und hatte erwartet, daß ihm die Mehrzahl folgen wuͤrde zur Wohnung ſeiner Braut. Doch ſeine freundliche Anrede wurde einſylbig beantwortet, ſeine Einla⸗ dung, ihm zu folgen, mit zweideutigem Laͤcheln oder ſtummem Achſelzucken abgewieſen, und ſelbſt die jungen Maͤdchen ſchienen Mut⸗ ter Eva's Erbtheil zu verleugnen, denn keins derſelben forſchte nach dem Brautſtaate Ma⸗ riens, keins verlangte die Brautkrone zu ſe⸗ hen, die er in derſelben Schachtel, in wel⸗ cher er ſie aus der Stadt empfangen, bei ſich trug. So ließ man ihn allein wandeln von Haus zu Haus und indem ſein Unmuth immer hoͤher ſtieg, bemerkte er nicht, wie einige junge Burſche in geringer Entfernung ihm folgten, muthwillige Scherze uͤber ſeine Braut ſich zufluͤſternd. Das ſeltſame Be⸗ tragen ſeiner Nachbarn war ganz geeignet, ſeinen ſchlummernden Verdacht gegen die Treue ſeiner Marie wieder zu erwecken, und ſo trat er, mit dem Stachel im Herzen, AWAAVNM auf ſeinem Antlitz Froͤhlichkeit heuchelnd, vor ſie hin. Mit wahrer Herzlichkeit kam ſie ihm entgegen, zuͤndete Lichter an, ordnete auf einem weißgedeckten Tiſche Erfriſchungen und ſchien noch immer Gaͤſte zur Brautſchau zu erwarten. Doch als ſie ſich nach geraumer Zeit noch immer allein befand mit ihrem Braͤutigam, der unruhig im Zimmer auf und ab ging, da ſprach ſie zu ihm mit weh⸗ muͤthiger Freundlichkeit:»Es muß ſchon recht ſpaͤt ſeyn, lieber Franz! Es kommt ja Nie⸗ mand, Dein Braͤutchen zu beſchauen im Hochzeitsſchmuck, drum geh' auch Du nach Haus! Laß uns ſcheiden zum letzten Male, der naͤchſte Morgen ſoll uns ja auf ewig ver⸗ einigen.& „»Haſt wohl recht«— erwiederte der Paͤchter, wie aus einem Traum erwachend— »Niemand kommt Theil zu nehmen an un⸗ ſerm Gluͤck! Unſre Nachbarn verlaſſen uns— iſt’'s Neid, iſt's Verachtung, was ſie abhaͤlt, dieſen Abend froh mit uns z zu feiern— ich weiß es nicht.« ◻☛ * 68 NMAVUAANN „»Verachtung!le wiederholte Marie und ſchlug ihre Blicke zu Boden, denn das Wort hatte ſie ſchwer getroffen. Doch der Paͤchter, ſeinen Unmuth nicht laͤnger ver⸗ bergend, fuhr weiter fort:»Verachtung muß es ſeyn; denn der Neid ſpricht ſich anders aus, laͤßt ſich leichter verbergen unter dem Deckmantel der Freundſchaft.— Begegnet man mir peraͤchtlich, ſo buͤße ich eine Schuld dadurch, die meine beſſere Ueberzeu⸗ gung, die meine heiße Liebe zu Dir hervor⸗ gebracht; denn um Dich zu beſitzen, ver⸗ ließ ich eine Andere, die ich nie wahrhaft geliebt, die ich nie lieben konnte. Aber auch gegen Dich ſpricht ſich allgemein eine Ge⸗ ringſchaͤtzung aus, die ich nicht ertragen kann, deren Grund mir unerklaͤrbar iſt. Gabſt Du willenlos Veranlaſſung dazu, ſo laß mich wiſſen—K 3 Marie ſchien lange um eine Antwort ver⸗ legen, und endlich erwiederte ſie, ihn liebe⸗ voll umfangend:»Morgen, morgen, lieber Franz, ſollſt Du Alles wiſſen, nur heute laß mich noch ſchweigen.« 69 MABMᷓAVAAN »So muß ich glauben, daß die Verach⸗ tung unſrer Nachbarn mit dem Geheimniſſe in Verbindung ſteht, welches Du mir ſchon ſo lange verſchwiegſt«— begann der Paͤchter nach einer Pauſe aufs Reue.»Du haſt ſeit Deiner Ruͤckkehr von jener Reiſe, deren Zweck und Ziel bis jetzt Jedermann verſchwie⸗ gen blieb, nicht allein der ganzen Dorf⸗ ſchaft, ſondern auch ſelbſt mir, durch Dein ſonderbares, menſchenſcheues Weſen einen ſeltſamen Verdacht eingefloͤßt. Ich mag ihn nicht laut werden laſſen, denn ich wuͤrde Dich dadurch kraͤnken, und das ſey fern von mir. Ich hoffe vielmehr, daß Du mir jetzt offenherzig mittheilſt, was Du vor mir zu verbergen ſtrebſt. Es draͤngt mich nicht Neu⸗ gierde zu ſolchem Verlangen, ſondern nur allein der aufrichtige Wunſch, noch einmal, ehe der Prieſter unſre Haͤnde auf ewig zu⸗ ſammenfuͤgt, in Dein Herz zu ſchauen wie ſonſt, damit ich morgen ohne Schen, ohne Argwohn Dich als mein liebes Weib in mei⸗ ne Arme ſchließen kann.« 70 MUANN Mariens Verlegenheit ſtieg immer hoͤher, obgleich ſie bemuͤht war, ſie zu verbergen. Noch immer beharrte ſie bei ihrer Bitte: ihr Geheimniß bis morgen noch zu ſchonen; doch um ſo mehr drang der Paͤchter hartnaͤckig auf Mittheilung, und ſchloß endlich voll Un⸗ muth, als ſie dieſe unter Scherzen und Liebkoſungen verſagte:»Nun, ſo ſey es denn! ich will nicht mehr in Dich dringen. Schweig nun ſo lange Du es fuͤr gut beſin⸗ deſt, meinetwegen ewig; denn ich muß ja fuͤrchten, daß die Enthuͤllung Deines Ge⸗ heimniſſes, welche Du durchaus bis nach der Hochzeit verſchieben willſt, vielleicht vor unſrer Trauung ſtoͤrend zwiſchen uns getreten waͤre.& Erblaſſend wendete ſich Marie von ihm, und blickte dann ihm wieder feſt ins Auge, als ob ſie ſeine geheimſten Gedanken erforſchen wolle. „Fuͤrchteſt Du das wirklich, Franz?« fragte ſie nach einer Pauſe tiefbewegt.»Nein, nein! das darfſt Du nicht fuͤrchten, ſonſt koͤnnte ja des Prieſters Segen nimmer ſeine WWAWNMN Kraft an unſerm Bunde bewaͤhren. Ver⸗ traue mir, auch wenn der Schein gegen mich ſpricht. Ich kann mein Auge rein zu Dir erheben, denn kein Verbrechen belaſtet meine Bruſt, das ſchwoͤr' ich Dir! Und kann mein Eid Dich nicht beruhigen, ſo will ich Dir gern in dieſer Minute noch mein Geheimniß Preis geben, denn fleckenrein muß ich neben Dir ſtehen vor Gottes Altare, oder nie!« »Wohlan! gern will ich Deinem Schwur vertrau'n«— erwiederte der Paͤchter beru⸗ higt— hund nun kein Wort mehr davon. Verzeihe mir, wenn meine Rede allzuhart Dich kraͤnkte. Seit einiger Zeit bin ich wie zerfallen mit mir ſelbſt; ich ſehe Alles ſchwarz und Deine Liebe iſt der einzige Lichtſtrahl noch in meinem Leben. Meiner Schweſter Herz— das einzige verwandte Herz, welches mir auf der Welt noch ſchlaͤgt— ſtimmte niemals mit dem meinigen zuſammen. Un⸗ frieden trennte uns—« »Und ſoll dieſer Unfrieden ewig dauern?« ſiel ihm Marie ſanft ins Wort. KMAVAAN »Ich habe lange nichts von ihr gehoͤrt,« fuhr Franz ſort.»Meines Vaters Liebe war allein mir zugewendet, und nach ſeinem Tode hatte er mich auch, durch ein groͤße⸗ res Erbtheil, weit reichlicher bedacht, als ſie. Drum wollte ſie auch laͤnger nicht im Vaterhauſe bleiben und ging nach Oldendorf, ſechs Meilen weit von hier, als Wirthſchaf⸗ terin zu einem Manne, mit dem ich in Feindſchaft gerieth, weil er mich bei Pach⸗ tung der Oldendorfſchen Meierei hartnaͤckig uͤberbot und mir ſo einen Gewinn entzog, der den meines jetzigen Pachtgutes um das Doppelte uͤberſteigt. Seitdem meine Schwe⸗ ſter es vorgezogen, bei dieſem Manne in Dienſte zu treten, da ſie doch bei mir in Unabhaͤngigkeit leben konnte, habe ich nur ſelten nach ihr geforſcht und war zufrieden, wenn ich hoͤrte: es ginge ihr dort recht wohl.& »Ach, wenn doch morgen unſer Hoch⸗ zeitstag zugleich ein Tag der Verſoͤhnung wuͤrde zwiſchen Euch!« entgegnete Marie. »Geſchwiſter ſollen ſich lieben, einander nicht KMMAᷓAAAA ausweichen und mit Kaͤlte begegnen. Deine Schweſter war ja von Kindheit an meine liebſte, treueſte Freundin und gluͤcklich wollte ich mich preiſen, koͤnnte ich Dein Herz wie⸗ der mit dem ihrigen vereinigen. Wenn ſie morgen nun kaͤme, als ungeladener Gaſt ins Hochzeitshaus— wie wuͤrdeſt Du ſie empfan⸗ gen, guter Franz?24 »Nun, nun«— ſprach der Paͤchter und eine ſanfte Regung daͤmpfte den alten Groll—»ich wuͤrde ihr freundlich und bruͤ⸗ derlich entgegen kommen— ja, wenn ſie kaͤ⸗ me, mir waͤr's ſchon recht, ſo haͤtten wir doch Einen Gaſt an unſerm Tiſche, denn ich fuͤrchte faſt, auch morgen werden uns die eingeladenen Nachbarn verlaſſen. Ach, waͤre doch erſt dieſe Nacht voruͤber! Ich kann mich einer namenloſen Angſt nicht erwehren. Die Verwuͤnſchungen der alten Mummlieſe, die, wie Du weißt, bittern Haß auf uns geworfen, verfolgen mich wie boͤſe Geiſter und werden mir nicht eher Ruhe goͤnnen, als bis ich Dich im Brautkranze erblicke.« 74 ABANWMNN »Kann das Dir Ruhe geben, dann ſol⸗ len die boͤſen Geiſter gleich von Dir wei⸗ chen!« ſprach Marie ſcherzend.»Du ſollſt Dein Braͤutchen gleich im Kranze ſehn und dann— dann geh zur Ruhe! Wenn Du mich morgen fruͤh zur Kirche abholſt, kom⸗ me ich Dir wieder im Jungfernkranz entge⸗ gen.& Der Paͤchter hatte die Schachtel mit dem Kranze, gleich bei ſeinem Eintritte ins Zim⸗ mer, auf einen Seitentiſch geſtellt, ohne weiter daran zu denken. Jetzt aber— Ma⸗ riens Einfalle freudig beiſtimmend— oͤffnete er die Schachtel. Noch immer ſcherzend kniete ſeine Braut vor ihm nieder, bot ihm ihr Haupt dar und faltete die Haͤnde auf der Bruſt. Beide aber bemerkten nicht, wie es draußen ſich lebhaft regte, wie eine Menge neugieriger Geſichter zum Fenſter hereingaffte und jede ihrer leiſen Bewegungen mit Spott⸗ reden begleitete. Marie hatte die Blicke zu Boden geſchlagen, indem der Paͤchter den Kranz aus der Schachtel hervorzog; doch eben als er im Begriffe war die Myrthenkro⸗ AKMMWAN ne ihren Locken feſter aufzudruͤcken, zerfiel, wie durch Zauberkraft, der Kranz unter ſei⸗ nen Haͤnden, das Geftechte loͤſte ſich und und mit Schrecken bemerkte er, wie die vor kurzer Zeit noch gruͤnen Blaͤtter jetzt vergelbt und zuſammengeſchrumpft von den Zweigen abfielen und gleich fallendem Herbſt⸗ laub im Zimmer umherflatterten. Entſetzt wich er mehrere Schritte zuruͤck von der Knieenden und ſeine Haͤnde zuſammenſchla⸗ gend, ſchrie er laut auf. Erſchrocken fuhr auch Marie empor und die letzten Reſte des zerſtoͤrten Kranzes fielen von ihrem Haupte herab. Draußen aber erſchallte ein unaufhoͤr⸗ liches Gelaͤchter und laut und immer lauter drangen die Spottreden der Lauſchenden zu den Ohren der Braut. 3 Franz, vom Aberglauben befangen, wag⸗ te es nicht, ſich Marien zu naͤhern. Auf ihrem Haupte war der Kranz zerfallen; er ſchien geneigt, dies als ein Zeichen ſchwerer Schuld zu deuten.»Was war das?« rief er noch in der heftigſten Bewegung;»Marie, wenn ich betrogen waͤre? NWVVNN „Betrogen, vom Verkaͤufer jenes Kran⸗ zes!« erwiederte Marie ruhiger, ſeine Ge⸗ danken halb errathend.»Sorge nicht! Ich komme Dir morgen doch mit der Brautkrone entgegen. Ein Myrthenbaͤumchen, welches mir mein guter Vater zum Geburtstag einſt geſchenkt, ſoll mir ſeine Zweige dazu lei⸗ hen. Das Baͤumchen muß jetzt in der Bluͤthe ſtehen; ich habe es im Gar⸗ ten, unweit dem großen Birnbaum, einge⸗ pflanzt.« »Und wirſt es dort wohl nicht mehr fin⸗ den!« verſetzte der Paͤchter mit ſinſtrer Mie⸗ ne.»Haſt wohl wenig Deiner Myrthe ge⸗ achtet, wenn Du ſie bis jetzt noch nicht ver⸗ mißteſt. Geſtohlen iſt das Baͤumchen, als Du fern warſt von Haus und Garten. Die alte Mummlieſe hat's auf ihrer Enkelin Grab gepflanzt.«& »Mein Myrthenbaum— auf Gretchens Grab?« wiederholte Marie erſtaunt.»Ich konnte freilich in der letzten Zeit nur wenig Sorge fuͤr mein Gaͤrtchen tragen und habe meiner Myrthe nicht gedacht.« 77 M/ „»Hat's doch die Alte prophezeiht«— fuhr der Paͤchter fort, von marternden Gedanken gefoltert—»Dich ſollte nie der Jungfern⸗ kranz ſchmuͤcken, zerfallen wuͤrde er in Staub, wenn er nur Dein Haupt beruͤhrte⸗ So hat ſie alſo wahr geſprochen und all das Unheil, das ſie mir noch zugeſchworen, wird uͤber uns hereinbrechen! Marie!— Willſt Du— mußt Du ohne Kranz zum Altar treten?« Ror. 2 »Nein, wahrlich, Franz! das will, das werd' ich nicht!« erwiederte Marie ernſt und feierlich.»ʒDen Spott unſrer Nachbarn, den Haß Deiner alten Pathe habe ich nicht verdient. Ihre Prophezeihungen ſollen mich nicht ſchrecken, denn ich habe keinen Glau⸗ ben an ihre vielgeprieſene Zauberkunſt. Ein Zufall war's, ſonſt nichts, daß der Kranz auf meinem Haupte zerſtaͤubte und um Dir zu beweiſen, wie wenig mich die Drohungen der Alten ſchrecken, trage ich morgen einen Kranz von meiner Myrthe, und ſollt' ich ihn ſelbſt in dieſer Nacht noch von Gretchens Grabe holen. MWAWN „»Dazu gehoͤrte mehr als maännlicher Muth«— entgegnete der Paͤchter— „denn zur Nachtzeit treibt die Alte ihr We⸗ ſen auf dem Kirchhofe und wer weiß — doch es kann Dein Ernſt nicht ſeyn!« »Es iſt mein voͤlliger Ernſt!« fiel ihm Marie ins Wort.» und wenn ich nun mor⸗ gen mit dem friſchen Kranze von meinem Myrthenbaͤumchen Dir entgegenkomme, wirſt Du dann Deinen Aberglauben erkennen? wirſt Du dann— fuhr ſie fort, ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlingend und ihm liebe⸗ voll ins Auge blickend— ynur allein Gott vertrauen und Deinem Weibe, die Drohun⸗ gen der Alten aber vergeſſen, wie nichts be⸗ deutende, leere Worte?— Sieh, lieber Franz, der boͤſe Aberglauben iſt ein garſtiger, dunk⸗ ler Flecken in Deinem Gemuͤth; gelaͤng' es mir, ihn zu verloͤſchen, Du wuͤrdeſt wahr⸗ lich freier athmen, und manche truͤbe Stun⸗ de Dir und mir erſparen. Geh' jetzt, guter Franz, und ruhe ſanft! Ich komme Dir morgen im friſchen Kranze entgegen und will — — 79 AMMMANMMA ihn mit Ehren tragen, wenn ich zum Altare trete!« Mit Ungeduld drang ſie nun in den Zan⸗ dernden, ſie zu verlaſſen, und Franz wank⸗ te wie ein Traͤumender zum Hauſe hinaus, nach ſeiner Wohnung. Tauſend widerwaͤrtige Gefuͤhle durchwogten ſeine Bruſt; ſeine Braut war ihm ein Naͤthſel geworden. Der Vorfall mit dem Kranze ſchien ihm noch im⸗ mer von tiefer Bedeutung, denn noch waren Mariens Worte nicht vermoͤgend geweſen, den eingewurzelten Aberglauben in ſeiner Bruſt wankend zu machen. Soviel er ſich auch bemuͤhte, die Auslegung eines ſolchen, fuͤr ihn beunruhigenden Vorzeichens zu er⸗ gruͤbeln, ſo blieb ſie doch immer zweideutig. War nur die Hexerei der boshaften Alten im Spiele geweſen, oder ſollte wirklich durch den entblaͤtterten Kranz eine geheime Schuld Mariens offenbart werden? Er konnte nicht zu einer klaren Entſcheidung gelangen, wel⸗ che von beiden angefuͤhrten Bedeutungen des fatalen Vorfalls die richtigere ſey. Im Kran⸗ ze mußte ſeine Braut morgen oͤffentlich er⸗ 80 M ſcheinen, denn durch eine gaͤnzliche Verzicht: leiſtung auf dieſe Zierde wuͤrde ſie das Selbſtgeſtaͤndniß ihrer Schuld laut ausgeſpro⸗ chen haben. Eine neue Brautkrone in der Stadt zu beſtellen, war es zu ſpaͤt, und das wußte er wohl, im ganzen Dorfe war keine Myrthe weiter vorhanden, als die, wel⸗ che auf Gretchens Grabe wurzelte. Truͤge Marie von dieſer Myrthe, die ſchon durch die Haͤnde des alten, boͤſen Weibes gegan⸗ gen war, einen Kranz und er bliebe friſch und unentblaͤttert in ihren Locken, dann— ſo dachte der Paͤchter— waͤren freilich die Zauberkuͤnſte der alten Pathe zu bezweifeln und zugleich Mariens Ehre gerettet. Deshalb wuͤnſchte er auch leiſe— obgleich er nur mit Schaudern daran gedachte— daß ſie ſelbſt den Kranz vom Kirchhofe holen moͤch⸗ te; doch als er ſein einſames Zimmer be⸗ treten, beſiel ihn eine unuͤberwindliche Angſt, ſie trieb ihn, zuruͤckzueilen zur Braut, ſie durch Bitten und Beſchwoͤrungen abzuhalten, das, wie er glaubte, gefaͤhrliche Unterneh⸗ men auszufuͤhren; doch ſein Verdacht fluͤſterte 8¹ WAAANNN 7 ihm zu: laß ſie die Probe beſtehen! und er blieb. 10. Die Lauſcher, welche es von außen durch die Fenſter mit angeſehen hatten, wie der Kranz auf Mariens Haupte zerfiel, zerſtoben gleich nach dieſem Vorfalle durch alle Straßen des Dorfes, die bedeutungsvolle Neuigkeit von Haus zu Haus zu tragen, und kaum war eine Viertelſtunde vergangen, als auch der leiſeſte Zweifel an Mariens Schmach und Schande, den hier und da einige Beſſergeſinnte noch oͤffentlich aͤußerten, vor der Unfehlbar⸗ keit eines ſo augenſcheinlichen Vorzeichens gaͤnzlich verſtummte, und Alles ſich verei⸗ nigte, den Stab zu brechen und We⸗ he! Wehe! zu rufen uͤber die arme Braut. Dieſe ſaß indeſſen in ihrem Zimmer al⸗ lein, nachdenkend ihr Haupt geſtuͤtzt in ihre III. 6 82 WAAABANAN rechte Hand; die linke ruhte auf einem auf⸗ geſchlagenen Geſangbuche, doch ihre Augen ſchweiften uͤber die Buchſtaben hinaus, in des Zimmers Daͤmmerung, denn die Lich⸗ ter waren herabgebrannt— ſie bemerkte es nicht. Erſt als die Glocke mit dumpfem Schlage halb zwoͤlf Uhr verkuͤndete, ſchien ſſe aus ihren Traͤumereien zu erwachen. Sie ſtand entſchloſſen auf, und ſprach leiſe vor ſich hin:»Ja, Alles muß ich dulden! Ich gab mein Wort, ich will es halten!— Jetzt fort zum Kirchhofe!— Was kann mir denn begegnen? ich ſtehe ja in Gottes Hand! Mir ſoll mein Franz vertrauen und nicht der tollen Rede einer wahnſinnigen Al⸗ ten!« Sie ſchlug ein Tuch um ihre Schultern, horchte noch auf der Hausflur nach der Trep⸗ pe hinauf, wo ſich die alte Magd in einem obern Zimmer befand— Alles war ruhig.— Vorſichtig verſchloß ſie die Hausthuͤr, durch⸗ eilte ſchnell die menſchenleeren Straßen und ſtand erſt ſtill, als ſie das Gitterthor des Kirchhofs erreicht, wo ihr, vom hellſten NANN Mondenſchein umfloſſen, all' die weißen Leichenſteine, die vergoldeten Kreuze, die gruͤnen Grabhuͤgel entgegenſchimmerten und ſich zu regen ſchienen, wie lebendige We⸗ ſen. Obgleich ſie von Aberglauben frei war, konnte ſie ſich doch eines aͤngſtlichen Gefuͤhls nicht erwehren, als ſie jetzt hineinſchaute in den magiſch erleuchteten Friedhof. Gleich an der weſtlichen Seite der kleinen Betka⸗ pelle war ihres Vaters Grab neben dem ihrer ſchon vor vielen Jahren verblichenen Mutter, und uͤber beide Raſenhuͤgel neigte ſich beſchattend ein dichtbelaubter Fliederſtrauch. Doch kein Blaͤttchen bewegte ſich— kein lei⸗ ſes Luͤftchen flirrte durch das hohe Gras, es herrſchte tiefe Stille rings umher; die Natur ſchien eine Todtenmeſſe zu feiern fuͤr Alle die Entſchlafenen, die ſanft hier ruh⸗ ten. Lange hatte ſie der Eltern Ruhſtatt nicht beſucht, ſie fuͤhlte ſich jetzt ſauft dort⸗ hin gezogen, und als ſie mit thraͤnenfeuch⸗ ten Augen, verloren in wehmuͤthige Erin⸗ nerung an die lieben Hingeſchiedenen, zwi⸗ 6* 84 ABAANAANN ſchen beiden Grabhuͤgeln ſtand, da beugten ſich unwillkuͤhrlich ihre Kniee und im heißen Gzebete erflehte ſie den Segen des Himmels, den Segen der verewigten Eltern zu ihrem Ehebuͤndniß. Und jetzt regte ſich's im Flie⸗ derſtrauche wie geiſtiges Wehen, die Zweige neigten ſich hernieder auf ihr Haupt wie ſegnende Haͤnde, ein Nachthauch ſchien die Baͤume und Blumen rings zu erwecken, denn Alles belebte ſich und uͤberall ſchien's leiſe zu klingen im Graſe, zu fluͤſtern im Wipfel der Thraͤnenweiden. Da ſtand ſie auf und ſelige Ruhe im Herzen blickte ſie zum ſternenflammenden Himmel empor. Doch wie ein Mißton— wenn beim Anſchlagen ei⸗ nes ſanften Accordes kreiſchend eine Saite ſpringt— ſo toͤnte jetzt in die friedliche Feier der ſtillen Nacht ein haͤßlicher Geſang, aus hohler Bruſt, aus rauher Kehle. Es waren Worte ohne Zuſammenhang, nach einer ver⸗ unſtalteten, geiſtlichen Melodie, von eines alten Weibes Stimme hervorgepreßt. Erſchrok⸗ ken bebte Marie zuruͤck, doch bald gefaßt, ging ſie leiſe nach der Gegend zu, woher die 85 AAAAN widerlichen Toͤne erklangen und fand zu ihrem Erſtaunen eine menſchliche Figur, ſchwarz verhuͤllt, bei einem Grabe niedergekauert, welches, mit Blumen und Kraͤnzen uͤberla⸗ den, ſich vor allen andern auszeichnete. Jetzt zweifelte ſie keinen Augenblick laͤnger, daß die alte Mummlieſe hier ihrer abgeſchiedenen Enkelin eine naͤchtliche Todtenfeier halte, und ein leiſer Fieberfroſt machte ihre Glieder er⸗ ſtarren beim Anblicke der unheimlichen Saͤn⸗ gerin. Dieſe blieb unveraͤndert in der vorigen Stellung, zuſammengekruͤmmt und verhuͤllt, bis ſie den letzten Vers des langen Kirchen⸗ liedes vollendet hatte; dann aber ſchob ſie langſam das ſchwarze Tuch von ihrem runz⸗ lichten Geſichte zuruͤck, blickte ſtarr vor ſich hin und ſprach leiſe:»Schlaͤfſt noch immer, Kindlein? ſchlaͤfſt noch immer? Willſt denn nimmermehr erwachen? Dein Großmuͤtter⸗ chen friert auf Deinem feuchten, kalten Gra⸗ be! Steig' herauf, Naͤrrchen, ſteig' herauf in meine offnen Arme! Sollſt mich waͤrmen, Engelchen!«— 86 MAAANN Eine lange Pauſe erfolgte. Marie ſtand regungslos; mit jeder Minute ſtieg ihre Angſt, und Todtenblaͤſſe uͤberzog ihr Angeſicht. Die Alte aber war auf das Grab niederge⸗ ſunken und hatte gelauſcht— ploͤtzlich fuhr ſie empor, riß Kraͤnze und Blumen vom Raſenhuͤgel und ſtreute ſie mit wuͤthender Gebehrde rings umher.—„»Trotzkoͤpfchen!« ſchrie ſie dabei unaufhoͤrlich, vkommſt Du denn noch immer nicht? Herauf! herauf! Du ſchlaͤfrige Braut! Dein ungetreuer Braͤutigam freit morgen eine Andere, ſollſt ihn ſchrecken in der Hochzeitsnacht mit Dei⸗ nem Marmorgeſichtchen.— Heraus, heraus aus Deinem Bettchen! Soll ich Dich auf⸗ ruͤtteln aus Deinem unausſtehlichen Schlafe, oder ſoll ich mich zu Dir legen, mein Her⸗ zenskind?« Und mit der aͤnßerſten Anſtren⸗ gung ihrer Kraͤfte zerkratzte ſie den Raſenhuͤ⸗ gel mit ihren Naͤgeln, wuͤhlte ſich mit ihren Haͤnden tief hinein und warf die lockere Er⸗ de weit von ſich, bis ſie ein Loch geſchau⸗ felt, groß genug, ihr Haupt hinein zu le⸗ gen. NAAANN Marie konnte es nicht laͤnger ertragen, dem tollen Treiben der Wahnſinnigen zuzu⸗ ſchauen. Sie wendete ſich, um ſchnell flie⸗ hend das Gitterthor des Kirchhofs zu errei⸗ chen; doch die Alte hatte ſich ſchon beim Geraͤuſch ihrer erſten, leiſen Tritte aufge⸗ rafft, ſtreckte ihr jetzt die Arme entgegen, nickte freundlich und rief ihr zu— im Wahn, ihre Enkelin vor ſich zu ſehen:— »Biſt Du's denn wirklich? oder biſt Du laͤngſt ſchon hier und haſt mich nur geneckt?« Auf ihren Knieen kroch ſie naͤher zu ihr hin, denn die Kruͤcken, die ihr noͤthig waren, um aufzuſtehen, konnte ſie nicht gleich ſin⸗ den. Marie ſtand wie eingewurzelt; wie ge⸗ laͤhmt an allen Gliedern, war es ihr nicht moͤglich, der Alten zu entſpringen, die jetzt mit widerlicher Freundlichkeit herankroch, ih⸗ re Kniee umfaßte, ihre Haͤnde und Kleider kuͤßte und ſich endlich, ſie feſt umklammernd mit beiden Armen, an ihr außzurichten ſuch⸗ te. »Ei, ſo hilf mir doch!« rief ſie der Un⸗ beweglichen endlich nach einigen vergeblichen 88 NWAVANVNVN Verſuchen, ſich aufrecht zu erhalten, zu. »So greif' mir doch unter die Arme! Biſt noch ſchlaftrunken? nicht wahr, mein weiſ⸗ ſes Braͤutlein? Doch ſag' nur«— fuhr ſie fort, ihre Arme um den Hals der Zittern⸗ den ſchlingend— dwer hat Dich denn alſo herausgeputzt? Biſt ſchoͤner geworden, ſeit ich Dich nicht geſehen, aber blaß, Kind⸗ lein— blaß, wie der Tod!'s iſt auch ſo kalt hier!'s hat mich laͤngſt gefroren! Komm, waͤrme mich an Deinem Buſen, Liebchen! waͤrme mich!« Bebend vor Forſt ſchauerte ſie zuſammen, ſchmiegte ſich an Marien und legte ihr Haupt an deren Bruſt, die kaum noch vermoͤgend war, ſich aufrecht zu erhalten und ſich ver⸗ gebens bemuͤhte, einen Angſtruf hervorzuſtoſ⸗ ſen. Doch nur einige Augenblicke ruhte die Alte in dieſer Stellung— ſie fuhr ploͤtzlich wieder auf, irren Blickes umherſtarrend, hielt ſich nur noch mit einer Hand an Ma⸗ rien feſt und ſprach dann eifrig und dringend: „»Aber wo ſind wir denn? Was willſt Du hier auf dem Kirchhofe? Ich fuͤhl' es ja, wie Dein Herzchen pocht— Du lebſt, Kind⸗ lein— Du lebſt! Was willſt Du bei den Todten? was ſuchſt Du hier?« Sich an den Zweck ihres Hierſeyns erſt jetzt wieder erinnernd, antwortete Marie mit angſtbeklemmter, faſt tonloſer Stimme: „Nur drei Myrthenzweige wollt' ich mir ho⸗ len zum Jungfernkranze!« und heimlich la⸗ chend nickte die Alte beifaͤllig mit dem Ko⸗ pfe. ¹ »Ei freilich!« ſprach ſie kichernd, vein Kraͤnzlein mußt Du haben, mein blaſſer Engel! Warte nur, warte nur! Ich habe ja Dein ſilbernes Meſſerchen bei mir; gleich ſchneid' ich Dir drei Zweige ab vom Myr⸗ thenbaͤumchen, das ich dort— dorthin ge⸗ pflanzt, auf Dein gruͤnes Ruhebettchen. Fuͤh⸗ re mich doch hin— Du ſiehſt ja, daß mir die Kruͤcken fehlen! Komm! komm!— So faſſe mich doch beim Arm, ich will Dir ein Kraͤnzchen winden, ſchoͤn— o friſch und ſchoͤn!« Dabei zog ſie die widerſtrebende Marie mit ſich fort, ſich an ſie feſthaltend— knie⸗ 90 NAUGAAN te am Grabe nieder, zog aus ihrem Buſen⸗ tuche ein blitzendes, ſilbernes Meſſer hervor und ſchnitt drei der ſchoͤnſten Zweige von der Myrthe, welche wirklich auf Gretchens Grabe eingepflanzt war, reichte ihr dieſel⸗ ben und ſprach dazu im ſingenden To⸗ ne: „»Im Vollmondsglanz, im Vollmondsglanz, Schneid' Deine Myrth' zum Jungfernkranzz Dann wirſt Du, eh' ein Jahr vergangen, Ein holdes Kindlein auch umfangen« Marie nahm die Myrthenzweige mit zit⸗ ternder Hand und eine ſanfte Roͤthe faͤrbte ihre bleichen Wangen bei den Worten der Alten; doch ſchien dabei auch eine aͤngſtliche Erinnerung in ihr aufzuſteigen, die ſie zu⸗ Eile aufforderte. Schnell raffte ſie ſich zur ſammen und unbedacht den irren Traum der Wahnwitzigen ſtoͤrend, rief ſie ihr zu: „Habt Dank, Mutter Mumm! Es freut mich, daß Ihr ſo gut gegen mich ſeyd. So laßt uns denn in Frieden ſcheiden und hin⸗ fort als treue und gefaͤllige Nachbarn zuſam⸗ men leben. Auch meinen Franz muͤßt Ihr 9¹1 NMMAABAAA nicht mehr anfeinden, muͤßt vergeben und vergeſſen.« Die Alte horchte hoch auf, und Marie bei der Hand zuruͤckhaltend, ſprach ſie mit ſchneidender Stimme, indem ſie die langen, weißen Haare, welche uͤber Stirn und Au⸗ gen herabgefallen waren, unter das ſchwarze Tuch zuruͤckſtrich:»Du ſprichſt ja tolles Zeug, mein Engelchen! Bin ich nicht im⸗ mer gut gegen Dich geweſen? habe ich denn jemals in Feindſchaft mit Dir gelebt?— Doch— was iſt mir denn das?« fuhr ſie fort, ſtarr, mit gluͤhenden Augen in Ma⸗ riens Antlitz ſchauend.»Haſt Dein Geſicht veraͤndert, Gretchen? Biſt Du's denn noch— oder— verdammter Hoͤllenſpuk!— Marie!— Teufelskind! Bin ich denn toll oder blen⸗ det mich das Mondlicht?— Marie, fuͤr Dich hab' ich die Myrthe abgeſchnitten?— Gieb heraus mein Kraͤnzlein— gieb's heraus! Fuͤr Dich iſt meine gruͤne Myrthe nicht ge⸗ wachſen— einen Strohkranz ſollſt Du tragen, feile Dirne!« 92 AAAV »Der Himmel vergebe Euch die harte Re⸗ de!« erwiederte Marie tiefgekraͤnkt und heiße Thraͤnen fuͤllten ihr Auge, indem ſie ſich los⸗ zumachen ſuchte von der Alten. Doch dieſe hielt ſie mit ihren knoͤchernen Armen feſt um⸗ klammert und ſchrie unaufhoͤrlich:»Gieb her⸗ aus das Kraͤnzlein! Gieb's heraus!« Da ſammelte Marie ihre ganze Kraft, ſtieß die Wahnſinnige von ſich zuruͤck und entſprang; doch in demſelben Augenblicke blitzte auch das Meſſer in der Hand der Alten und unter lau⸗ tem, boshaften Gelaͤchter warf ſie es der Fliehenden nach. In die Schulter getroffen ſank Marie, noch ehe ſie das Gitterthor er⸗ reicht hatte, von Schmerz, Angſt und Schrecken erſchoͤpft, ohnmaͤchtig zu Boden. Die Myrthenzweige waren ihr entfallen. Mummlieſe aber hatte indeſſen ihre Kruͤcken wiedergefunden und hinkte, noch immer unter lautem Gelaͤchter, die Ohnmaͤchtige nicht mehr beachtend zum Kirchhofe hinaus und dem Dorfe zu. 93 WWNWNNN 11. Mariens Wohnung lag, von einem Gaͤrt⸗ chen umgeben, faſt mitten im Dorfe, und war von ihrem Vater auf ſie vererbt worden, dem das Grundſtuͤck eigenthuͤmlich zugehoͤrt hatte. Wenige Schritte davon entfernt war das Landhaus eines reichen Englaͤnders, wel⸗ cher fruͤher manchen Sommer hier zugebracht, doch immer mit dem Schulmeiſter in Zwiſtig⸗ keiten verwickelt war, weil er das leiden⸗ ſchaftliche Geigenſpiel deſſelben, welches faſt zu jeder Stunde des Tages weithin durch das Dorf erſchallte, nie ohne Zorn und Aer⸗ gerniß mit anhoͤren konnte. Oft hatte er ihm ſchon bedeutende Summen geboten, wenn er es gaͤnzlich einſtellen wollte, doch war der Schulmeiſter dazu nicht zu bewegen. Endlich brachte es der Englaͤnder durch Bitten und Geld aber doch ſo weit, daß Mariens Vater ſich entſchloß, auf Koſten des Muſikſeindes ein kleines Zimmer im obern Stockwerke ſei⸗ 94 MAAAN nes Hauſes durch akuſtiſche Vorrichtungen ſo einrichten zu laſſen, daß der Ton ſeines Lieb⸗ lingsinſtrumentes nicht mehr nach außen drin⸗ gen konnte. Hier ſaß nun der alte Schul⸗ meiſter beim Lampenſchein— denn auch das einzige Fenſter war zugemauert worden— und geigte nach Herzensluſt, ohne fremden Ohren dadurch wehe zu thun. Nach ſeinem Tode aber blieb das Muſikzimmerchen, wie es war, ohne benutzt zu werden. Nachdem aber Marie von ihrer Reiſe zuruͤckgekehrt, ſchien ſie es doch zum Gebrauche ſehr dienlich gefunden zu haben, denn ſie brachte die groͤß⸗ te Zeit des Tages dort zu, verſagte Jeder⸗ mann den Eintritt in daſſelbe und huͤtete es ſorgfaͤltig, wie ein Heiligthum. Selbſt Franz hatte es ſeit jener Zeit nie betreten duͤrfen. Außer ihr ſelbſt durfte nur die al⸗ te, treue Magd dort verweilen, welche auch jetzt— es war ſchon Mitternacht voruͤben— mit dem Schlafe kaͤmpfend, dort verweilte und die Ruͤckkehr Mariens zu erwarten ſ dien, welche ihr den wahren Zweck ihres naͤchtlichen Ganges verſchwiegen..— 2 95 AA Rings um das Haus war es ſtill und ruhig geweſen, doch jetzt klang's wie ſchwere Tritte aus einer Seitengaſſe und gleich dar⸗ auf wurde die alte Mummlieſe ſichtbar, wel⸗ che, von ihrer Wohnung kommend, unge⸗ achtet des hellen Mondſcheins, mit einer brennenden Laterne auf Mariens Garten zu⸗ hinkte. Hier kroch ſie durch den ſchadhaften Zaun und gelangte ſo unbemerkt bis an die Hinterwand des Hauſes, wo ſich das Strohdach ſo weit herniederſenkte, daß es leicht mit den Haͤnden zu erreichen war. Das ganze Dorf ſchien ausgeſtorben und— Niemand war Zeuge vom Treiben der Alten. Dieſe hatte die Laterne neben ſich auf den Boden geſtellt, lehnte ſich an die Mauer, und indem ſie ein Paͤckchen mit leicht brenu⸗ 3 baren Stoffen unter dem Mantel hervorholte, murmelte ſie dumpf vor ſich hin:»Will dir's gedenken, ſchlechte Dirne, daß du mich ſo genarrt, als ich dich im tollen Traume fuͤr mein Enkelchen gehalten. Will dir eine Hochzeitsfackel anzuͤnden, die dei⸗ ne ſchlummernde Brut aus ihrem Neſte trei⸗ 96 KMMAᷓAANAN ben ſoll! Das Myrthenkränzchen ſollſt du mir theuer bezahlen— warte— warte nur!« Dabei hatte ſie die Laterne geoͤffnet, zuͤndete Schwefel und Werg an, ſchob beides unter das Strohdach und als ein Luftzug die noch ſchwache Flamme zu verloͤſchen drohte, ſchuͤr⸗ te ſie mit der Kruͤcke den Feuerballen noch tiefer ins Stroh hinein, verloͤſchte dann das Licht in der Leuchte und hinkte, immer hinter ſich ſchauend, bis zu einem dichtbe⸗ laubten Haſelſtrauche, wo ſie ſich niederkauer⸗ te, und ihr irres Auge nach dem Hauſe ge⸗ richtet, heimlich lachend, die Folgen ihres tollen Treibens erwartete. Eine dichte, ſchwarze Rauchwolke wirbel⸗ te bald vom Dache empor und verkuͤndete die ſchnell folgende Feuergluth, die ploͤtzlich mit lichten Flammen hervorbrach und bald in hundert Schlangenwindungen hinauf kroch, bis zum oberſten Giebel. Des Waͤchters Schreckensruf:»Feuer! Feuer!« rief bald die ſchlummernden Dorfbewohner wach. Auch die Sturmglocke ertoͤnte ſchon nach wenig Minnten. Ueberall regte ſichs lebendig, doch 2 KMAAANNA in der planloſen Haſt verhinderte oft der Eine den Andern an ſchneller, thaͤtiger Huͤlfe. Ehe noch etwas zur Rettung des Hauſes ge⸗ ſchehen war, drang Marie, eiligen Schrit⸗ tes, mit blutbefleckten Kleidern und fliegen⸗ den Haaren, durch den dichten Menſchen⸗ ſchwarm, der ſich rings umher geſammelt. Mit zitternder Hand, keines Wortes maͤch⸗ tig, oͤffnete ſie die Hausthuͤr, flog die Trep⸗ pe hinauf und ſtuͤrzte ins kleine Muſikzimmer. Hier ſaß die alte Magd, welche, die ſchreck⸗ liche Gefahr nicht ahnend, in Schlaf geſun⸗ ken; dicht vor ihr ſtand eine Wiege, darin ein ſchlummerndes Kind, nur wenige Wochen alt. Das Kind aus der Wiege reißend und feſt an ihre Bruſt druͤckend, ſchrie jetzt Ma⸗ rie die Alte wach, und wollte eben die Trep⸗ pe wieder hinabſtuͤrzen— da trat ihr der Paͤchter entgegen. Er war herbeigeeilt, zu retten, zu helfen; doch indem er, wie zum Schutz, ſeinen Arm um ſie ſchlingen wollte, wurde er erſt das Kind gewahr, welches ſie am Buſen trug. Entſetzen ſtraͤubte ſein Haar empor— doch Marie, in der Todesangſt III. 7 98 AMWAAR 4 ſeine Bewegung nicht bemerkend, rief ihm die Worte nur zu:»Folge mir, Franz! um Got⸗ tes Barmherzigkeit willen!« und damit fort⸗ ſtuͤrzend, die geoͤffnete Hausthuͤr vermeidend, welche von der herbeigeeilten Menſchenmaſſe umgeben war, wendete ſie ſich auf der Haus⸗ flur zu einer kleinen Pforte, welche nach ei⸗ nem Hofraume fuͤhrte und gelangte von da gluͤcklich aus dem brennenden Hauſe und un⸗ bemerkt ins Freie. Die Magd folgte jedem ihrer Schritte und dicht hinter ihr ſtuͤrzte ſchon ein Theil des Dachgiebels herab. Das gaffende Volk ſtand noch immer groͤßtentheils unthaͤtig und mit wichtiger Miene berathſchla⸗ gend, wie dem Feuer am leichteſten und ſchnellſten Einhalt geſchehen koͤnne. Nur die naͤchſten Nachbarn ſchafften Waſſer herbei und loͤſchten nach Kraͤften. Viele waren bei Ma⸗ riens ploͤtzlichem Erſcheinen zuſammengetreten und fluͤſterten leiſe unter einander; Andre, als ſie den Paͤchter ihr nach ins Haus ſtuͤrzen ſahen, riefen laut: yſie kommt vom Nacht⸗ beſuch erſt heim! ſie war beim Braͤutigam!« und wendeten ſich unmuthig ab, der allgemein Verachteten Huͤlfe verſagend in der hoͤchſten Noth. Niemand war dem Paͤchter gefolgt, Niemand traf Anſtalt, die im brennenden Hau⸗ ſe noch befindliche Habe zu bergen, und als Toͤming— der Mariens Zuruf, ihr zu fol⸗ gen, in ſeiner Erſtarrung uͤberhoͤrt— jetzt ganz allein zur großen Hausthuͤr herausſtuͤrz⸗ te, und unverzuͤglich nach ſeiner Wohnung eilte, ohne den ihm zurufenden Nachbarn Re⸗ de zu ſtehen, da gingen auch Viele weg vom brennenden Hauſe und ſprachen unwillig zu einander: ylaͤßt der Braͤutigam ſeines Lieb⸗ chens brennend Haus im Stich, warum ſol⸗ len wir unſre Haut daran verſengen?« Doch wieder Andere meinten, die beſſer ihrer Men⸗ ſchenpflicht gedachten: vywenn auch das Haus nicht mehr zu retten iſt, Marien duͤrfen wir nicht umkommen laſſen in der Feuergluth.« Denn man glaubte ſicher, ſie ſey noch in ih⸗ rer Wohnung, weil ihre Flucht durch die kleine Hofthuͤr unbemerkt geblieben. Es fan⸗ den ſich auch einige Beherzte, welche ſich ſo⸗ gleich entſchloſſen, ins Haus zu dringen, doch von aͤngſtlichen Vettern und Gevattern zuruͤck⸗ „ 7* . 100 WMUWANMN gehalten, zauderten ſie noch— da trat auf einmal die alte Mummlieſe mitten unter ſie, tanzte mit wunderlichen Spruͤngen, an ihren Kruͤcken, im Kreiſe herum und ſang ein Hoch⸗ zeitslied. Alles wich ſcheu vor der Gefuͤrch⸗ teten zuruͤck, die, mit rollenden Augen in die Flammen ſtarrend, in ausgelaſſener Luſtigkeit ſich ihres Werks zu freuen ſchien. Erſchoͤpft lehnte ſie ſich endlich an einen Baum, zeigte mit der Kruͤcke nach der hoch⸗ auflodernden Feuerſaͤule und ſchrie den im weiten Kreiſe Umherſtehenden zu:»Schau't! Schau't doch, wie die Hochzeitsfackel brennt! Heiſa! das iſt ein luſtiger Polterabend!— Gebt acht! gebt acht! jetzt fliegt das Voͤglein aus dem brennenden Reſte!— Nun, was gafft Ihr denn? Ihr wißt's ja Alle, daß die fromme Braut ihr Kind im dunkeln Kaͤm⸗ merlein verwahrt.— Die boͤſe Dirne hat mein Fraͤnzchen verfuͤhrt— ſie hat's ihm an⸗ gethan, daß er meinem Gretchen untreu wur⸗ de, der ſchlimme Bube! drum hat mein En⸗ kelchen ſich todt gegraͤmt. Aber dafuͤr hab' ich ihr auch die Hochzeitsfackel angeſteckt NMAAVVNMN ich— ich habe die helle Fackel angeſteckt! lͤſcht ſie nicht— denn ſie muß noch leuch⸗ ten, wenn ſie morgen zaͤrtlich Hand in Hand zur Kirche gehn!« 95; Alllee ſchauderten zuruͤck, als die Alte ihre Rede geendet; ſie zweifelten nicht an der Wahrheit ihres Geſtaͤndniſſes, daß ſie die Urheberin des Brandes ſey, und doch wagte es Keiner, ſich der Mordbrennerin zn Bemach⸗ tigen. »Folgt mir Alle!« ſchrie dieſe wieder.— »Folgt mir nur getroſt! Das Voͤglein fliegt nicht aus— die Rabenmutter hat's verlaſſen und ihre Schande wird nicht offenbar, wenn das Wuͤrmlein droben verbrennt zu Staub und Aſche.— Kommt, Leute— kommt hin⸗ auf! ſeht ſelbſt, ob ich gelogen!« In der feſten Ueberzeugung, das Kind be⸗ finde ſich noch im Hauſe— denn ſie hatte weder Mariens Heimkunft, noch ihre Flucht aus der brennenden Wohnung bemerkt— hinkte ſie jetzt durch die offene Thuͤr und ach⸗ tete den dichten Rauch nicht, der die Haus⸗ flur erfuͤllte. Das ſchwarze Kopftuch ums 8 Geſicht ſchlagend, drang ſie ſo bis zur Trep⸗ pe vor, doch kein Außenſtehender folgte ihr. Alle ſtanden wie erſtarrt und erwartungsvoll nachblickend. Schon hatte ſie einige Stu⸗ erſtiegen, da wirbelte ihr von oben herab der dichte Qualm entgegen; ſie konnte nicht weiter, an die Wand gelehnt, druͤckte ſie das Tuch feſter gegen das Geſicht und die Kruͤk⸗ ken entfielen ihr.„»Folgt mir! Folgt mir!« ſchrie ſie unaufhoͤrlich, und als ſie ſich noch immer verlaſſen ſah, rief ſie laut um Huͤlfe. Doch vor dem Hauſe blieb Alles unbeweglich. Nach ihren Kruͤcken umherfuͤhlend, ſank ſie auf die Stufen nieder— der von oben her⸗ abwirbelnde Dampf drohte ſie zu erſticken, ſie bruͤllte laut um Huͤlfe— da kniſterten die Sparren des Daches, tauſend Funken, wie ein Feuerregen, ſpruͤhten auf ſie nieder, die Flammen fuhren wie leuchtende Blitze herab, leckten ſchon an ihrem Gewande, nicht ach⸗ tend das Winſeln und Kruͤmmen der Huͤlflo⸗ ſen. Endlich ſtuͤrzte, ihre fuͤrchterliche Qual zu enden, das ganze obere Stockwerk des brennenden Gebaͤudes zuſammen und begrub — 103 MWUANAN unter ſeinen gluͤhenden Truͤmmern die boshaf⸗ te Alte, ein Opfer ihrer eignen Rachewuth. Die ſtummen Zuſchauer dieſes ſchrecklichen Schauſpiels aber entbloͤßten ihre Haͤupter un⸗ willkuͤhrlich und beteten ein Vaterunſer fuͤr die Seelen der Verungluͤckten, denn Niemand zweifelte daran, daß auch Marie in der Feuer⸗ gluth umgekommen ſey.— Das Haus war niedergebrannt; die einzelnen, hier und da noch aufzuckenden Flammen wurden leicht ge⸗ daͤmpft und bald bezeichnete nur ein rauchen⸗ der Truͤmmerhaufen die Staͤtte, wo Mariens friedliche Wohnung geſtanden. 12. Mit Aufbietung ihrer letzten Kraft war Marie dem brennenden Hauſe enteilt, immer hinter ſich ſchauend, ob Franz ihr noch nicht folge; doch ſo oft auch ihr Auge zuruͤckblickte, ſo oft wurde ihr auch die Gewißheit, daß ihr Braͤutigam ſie verlaſſen in der hoͤchſten 104 NMNUABNAMAM Noth. War er freiwillig von ihr gewichen, oder war er zuruͤckgeblieben, ihre Habe zu retten? Doch, war es nicht ſeine naͤchſte Pflicht, ſie ſelbſt erſt unter ein ſchuͤtzendes Obdach zu bringen? Oder war er in der, rings auf ihn eindringenden Todesgefahr umgekommen? Die⸗ ſe und aͤhnliche Fragen druͤckten das Gewicht der Angſt noch ſchwerer nieder auf ihr matt klopfendes Herz; ihre Schritte wurden lang⸗ ſamer und ſchleppender, ihre Flucht war ohne Ziel geweſen und ſie hatte ſchon das aͤußerſte Ende des Dorfs erreicht, als auch die alte Magd, erſchoͤpft von den Schreckniſſen dieſer Nacht, ohnmaͤchtig niederſank. Die Hirten⸗ frau, Margarethe, ſtand vor ihrer Huͤtte, leiſtete der Huͤlfloſen Beiſtand, geleitete ſie dann unter ihr aͤrmliches Dach und lud auch Marien ein, zu ſolgen und der ihr ſo noͤthigen Ruhe ſich hinzugeben. Doch wie haͤtte Marie Ruhe finden koͤnnen, bei dem immer wach⸗ ſenden Aufruhr in ihrem Innern. Sie muß⸗ te Franz aufſuchen, ſie mußte wiſſen, ob er lebte, warum er ſie verlaſſen? Eine wollene Decke, welche ihr die Hirtenfrau mitleidig reichte, ſchlug ſie um ihre Schultern, mit derſelben zugleich das Kind einhuͤllend, wel⸗ ches ſie nicht aus ihren Armen laſſen wollte, und eilte nun, die ſchon nach allen Richtun⸗ gen vom Brande heimkehrenden Dorfbewoh⸗ ner vermeidend, am Saume der Felder hin nach des Paͤchters Wohnung. Franz war im Zuſtande der ſchrecklichſten Zerſtoͤrung nach Hauſe gekommen. Er war nicht vermoͤgend, ſich aufrecht zu erhalten, und ſo wie er ſein Bett erreicht, verſiel er auch in ein heftiges Fieber. Eine dumpfe Sinnloſigkeit hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt, doch nach wenigen Minuten ſchon verbreitete ſich durch ſeinen ganzen Koͤrper eine fliegende, im⸗ mer ſteigende Hitze, waͤhrend welcher ſeinem ſtarren Auge die ſchrecklichſten Phantaſiebilder voruͤbergleiteten. Irre redend brach er bald in laute Klagen gegen Marien aus, bald in Verwuͤnſchungen der alten Mummlieſe, bald in Anklagen gegen ſich ſelbſt. Sein ganzes Geſinde war um ihn verſammelt und hoͤrte 1ns jedes ſeiner Worte mit Staunen und Schrek ken.»Alſo doch betrogen von der Heuchlerin 8 7 rief er aus.—»Ich ſah das Kind an ihrer Bruſt, das ſie verſteckt gehalten, das ſie frech verleugnet, die Buhlerin! Drum mußte auch der Jungfernkranz auf ihrem Haupte zerſtaͤu⸗ ben wie ein verweſtes Strohgeflechte! Seht— dort— dort ſteht ſie mit den Taubenblicken und will mich locken mit girrender Stimme und verhuͤllt vorſichtig im weißen Gewande das Zeugniß ihrer Schmach. Ich will nichts hoͤren— fort! Laßt ſie nicht naͤher treten— ich kann— ich will ſie nicht mehr ſehen!« Er verbarg ſein Haupt in die Bettkiſſen, ſtoͤhnte und brachte nur noch unverſtaͤndliche Worte hervor; doch indeſſen war der Dorf⸗ barbier Sabel herbeigerufen worden, der ſich jetzt mit aͤußerſt wichtiger Miene dem Kran⸗ kenbette naͤherte, Knechte und Maͤgde mit bei⸗ den Ellenbogen zuruͤckſtoßend. Er fuͤhlte nach dem Pulſe des Kranken und nachdem er leiſe die Schlaͤge nachgezaͤhlt, rief er endlich aus, wie mit Kennerblicken jede Bewegung des Paͤchters verfolgend:»Potz Seifenſchaum und Koſakenbaͤrte! das war die hoͤchſte Zeit, Ihr Leute! kam ich zehn Minuten ſpaͤter, ſo muß⸗ 107 NMWMVUWANM te der Patient ins Gras beißen, nolens vo- lens.— Tretet naͤher, Ihr Dummhaͤrte! ſeht, ſo ſieht ein Menſch aus, der das hitzige Fieber hat, und nun gebt wohl Acht, wie ich Euren Herrn vom Tode rette!« Schnell zog er nun ſeine Aderlaßinſtru⸗ mente hervor, doch ehe er noch fertig war mit der Vorbereitung zu ſeiner Operation, ver⸗ ſiel der Paͤchter wieder in einen heftigen An⸗ fall von Raſerei.—»Hoͤrt Ihr's nicht, wie Marie nach mir ſchreit?« rief er unaufhoͤr⸗ lich—»Ihre Kleider brennen ſchon, und doch laͤßt ſie das Kind nicht aus den Armen!« Dann ſtoͤhnte er wieder: 2Du haſt mich be⸗ trogen, Falſche! Fort! fort! aus meinen Au⸗ gen! Laßt ſie nicht herein zu mir! laßt ſie nicht herein!'s iſt aus mit der Hochzeit! ¹s iſt Alles aus le⸗ Mit triumphirenden Blicken wendete ſich Sabel zu den Umſtehenden und ſprach:»Hab' ich's nicht gleich geſagt, ſie taugt nichts?! Sie hat den guten Paͤchter betrogen, da hoͤrt Ihr's ſelbſt!— Das Kind iſt nicht ſein Kind, ſon⸗ dern ein vaterloſes Jammergeſchoͤpf, auf gut NMMᷓ́ÄUVWANMN Deutſch: ein Wechſelbalg. Wenn ſie nicht verbrannt iſt, wird ſie wohl ihre Zuflucht bei ihm ſuchen; aber laßt ſie nicht hercin. das rath' ich Euch!« Sogleich gingen Einige ans 3 Hofthor, um dort Wache zu halten; Sabel aber benutzte die Erſchoͤpfung des Kranken, ſchlug ihm eine Ader und nach einem ſtarken Blutverluſte ver⸗ fiel dieſer in einen tiefen, zirmlich zubigen Schlaf. Indeſſen war-Marie beim Pachthofe an⸗ gelangt, doch auf ihr Klopfen verſammelten ſich die Knechte und Maͤgde ihres Braͤutigams, um ſie mit harten Worten zuruͤckzutreiben. Die Ungluͤckliche glaubte ihren Ohren nicht trauen zu duͤrfen, und als der Großknecht Claus noch hinzuſetzte, daß man ihr auf des Paͤchters ausdruͤcklichen Befehl den Einlaß verweigere, da ſank ſie, ihrer Sinne nicht mehr maͤchtig, auf eine ſteinerne Bank nie⸗ der, welche vor dem Hauſe ſtand. Eine mit⸗ leidige Magd nahm ihr in dieſem Zuſtande der Bewußtloſigkeit das Kind aus den Armen, welches von der Nachtluft erkaͤltet, Jäunnxrlich 109 NMMALUMMN ſchrie, und trug es nach ihrer Kammer. Die Uebrigen wendeten ſich herzlos von ihr und verließen ſie ohne Huͤlfe. Doch wenige Mi⸗ nuten ſpaͤter kam Sabel, welcher eben wieder nach Hauſe gehen wollte, an ihr voruͤber und brachte ſie, vermittelſt einiger Tropfen Spiritus, den er gerade bei ſich trug, wieder ins Leben. „»Bringt mich zu meinem Braͤutigam!« rief ſie ihm matt entgegen.— Doch der Bar⸗ bier erwiederte kurz und beſtimmt: das iſt unmoͤglich!— Er will Sie nicht mehr ſehen, und mit der Hochzeit iſt's auch aus!— Ja, dieſen Ausſpruch hat er laut gethan, in Ge⸗ genwart meiner und des ganzen Hausgeſin⸗ des!« 8 »Das haͤtte er wirklich gethan? O, Franz, dann haſt Du mich ja nie geliebt!« ſchluchzte Marie.—»Ich muß ihn ſprechen— ich will ihm Alles entdecken— Alles— fuhr ſie fort und wollte, den Barbier zuruͤckdraͤngend, aufs Neue an die feſtverſchloſſene Hausthuͤr klopfen. 110 AAVLUMWA Doch dieſer hielt ſie aͤngſtlich zuruͤck, in⸗ dem er ihr entgegnete:*s hilft Alles nichts! Sie kommt nicht hinein.— Er will Sie nicht ſehen— nicht ſprechen— nicht hoͤren, und Ihre Entdeckungen wuͤrden ihm auch eben nicht ſehr erfreulich ſeyn. Uebrigens ſchlaͤft er jetzt ſo ſuͤß, es waͤre Suͤnde, ihn zu wecken.& „Was? er ſchlaͤft?« fuhr Marie auf. »Er kann ſchlafen— unbekuͤmmert verlaͤßt er die im ſchrecklichſten Elende, der er ewige Liebe ſchwur? O, mein Gott!« und mit verhuͤlltem Geſichte ſank ſie nieder auf die Bank und weinte laut. „Er ſchlaͤft, ſo gewiß ich hoffe, nach mmeinem Tode keine Baͤrte mehr zu ſcheeren!« betheuerte Sabel.»Und Sie, arme Crea⸗ tur«— fuhr er fort—„wird wohl thun, wenn Sie ſich auch zur Ruhe begiebt; ich will Desgleichen thun— guten Mor⸗ gen!« Indem er gehen wollte, ſtieß Marie ei⸗ nen lauten, durchdringenden Schrei aus, denn ſie vermißte jetzt erſt das Kind, und 111 NMᷓÖUAAN wild und aͤngſtlich ſpaͤhten ihre Blicke um⸗ her. »'s wird's wohl im Vorbeigehn eine mit⸗ leidige Seele zu ſich genommen haben, als Sie in Ohnmacht lag«— erwiederte Sabel auf ihre Frage: ob er das Kind nicht geſe⸗ hen?—„»Als ich Ihr beiſtand«— fuhr er fort—»war Sie ganz allein; das Wuͤrm⸗ lein aber iſt mir nicht zu Geſicht gekommen!« und damit ging er ſeines Weges. Schon daͤmmerte der Morgen. Die Arme ſtand noch immer allein, verlaſſen von Men⸗ ſchen, ohne Obdach, ohne Huͤlfe, verach⸗ tet und mit Schande bedeckt. Ihre Blicke waren in die Wolken gerichtet, welche, hier und da ſchon geſaͤumt vom Purpurſtreifen der Morgenſonne, majeſtaͤtiſch uͤber ihrem Haupte ſchwammen. »Hilf Du mir!« ſprach ſie leiſe,»Du, der Du dort oben gnaͤdig walteſt uͤber jenen Wolken! Hilf mir die ſchwere Laſt ertragen!« Dann raffte ſie ſich zuſammen, das Kind aufzuſuchen, fuͤr welches ſie nun ſchon ſo lange litt und duldete, fuͤr welches ſie in 112 Demuth Spott und Schande ertrug. Noch einmal wendete ſie ſich nach dem verſchloßenen Hofthore— doch ſie klopfte nicht mehr an. „Er will mich nicht mehr ſehen— er ſchlaͤft ja— ich will ihn nicht ſtoͤren!« fluͤſterte ſie leiſe vor ſich hin; ein tiefer Seufzer entquoll ihrer Bruſt und langſam ſchlich ſie die Straſ⸗ ſe hinab, denn ihre Kniee bebten, der Schmerz der Wunde, den ſie bisher nicht geachtet, wurde faſt unertraͤglich, ſie mußte oft ruhen. An alle Haͤuſer klopfte ſie an und forſchte nach dem Kinde— nirgends gab man ihr Auskunft. Ueberall wurde ſie mit Schel⸗ ten, Spott und harten Worten zuruͤckgetrie⸗ ben, und wo auch dies nicht geſchah, wen⸗ dete man ihr doch mit ſtummer Verachtung den Ruͤcken und ließ ſie ſtehen, gleich einer Bettlerin, deren Naͤhe man ſcheut. So war ſie das ganze Dorf durchwandert. Niederge⸗ druͤckt durch den Verluſt des Kindes, durch die erlittenen Mißhandlungen, durch die ſchnell auf einander gehaͤuften Ungluͤcksfaͤlle, ſchleppte ſie ſich, beinahe mit dem Tode kaͤm⸗ pfend, muͤhſam bis zum Hirtenhauſe. Hier, 113 MWAAAAAN bei der aͤrmſten Bewohnerin des Dorfes, fand ſie Mitleid und willige Aufnahme. Die gute Margarethe verband ihre Wunde, ſo gut ſie es vermochte, bereitete ihr ein aͤrmliches La⸗ ger, und als Marie hier voͤllig entkraͤftet niederſank, glaubte ſie es zu fuͤhlen, wie des Lebens letzte Augenblicke herannaheten. Denn obgleich die Sonne in unbeſchreiblicher Pracht heraufſtieg am blauen Horizonte, und ein Lichtmeer ausgoß ins duͤrftige Gemach, ſo umdaͤmmerte doch ſchwarze Nacht ihr bre⸗ chendes Ange. 13. Es war ſchon hoch am Mittag und Mar⸗ garethe ſaß noch immer, ihre Pflege und Aufmerkſamkeit theilend zwiſchen den beiden Ungluͤcklichen, welche ſie mitleidig bei ſich auf⸗ genommen. Die alte Magd lag ſprachlos in einer kleinen Kammer und ſchien, zu Folge der Creigniſſe der vergangenen Nacht, noch immer III. 8 114 MWVNVNNN von einer Erſtarrung befangen. Marie aber regte ſich, nachdem ſie lange Zeit in einem todtenaͤhnlichen Schlummer gelegen, unruhig auf ihrem Lager, gequaͤlt von fuͤrchterlichen Traͤumen. Endlich fuhr ſie empor, durch das Rollen eines Wagens aufgeweckt; Mar⸗ garethe eilte zu ihr und fragte gutmuͤthig: ob ſie irgend etwas verlange, was ſie ihr zu reichen oder zu leiſten im Stande ſey? Ma⸗ rie jedoch ſchuͤttelte verneinend ihr Haupt; ſie ſchien in tiefes Sinnen verloren, betrachtete verwundert die Gegenſtaͤnde um ſich her, ge⸗ langte erſt nach und nach wieder zur Erinne⸗ rung der naͤchtlichen Schreckniſſe und zur Er⸗ kenntniß ihres ſchrecklichen Zuſtandes. Dann richtete ſie ſich halb empor und blickte aͤngſt⸗ lich hinaus auf die Landſtraße, welche dicht vor der Huͤtte voruͤber ins Dorf fuͤhrte. Der ſchnell ſich naͤhernde Wagen hielt ſchon nach wenigen Minuten dicht vor dem Hirtenhauſe, und gleich darauf wurde ans Fenſter geklopft. Margarethe ging eilig hinaus und erwiederte einem jungen Manne, auf die Frage: bei wem in vergangener Nacht das Feuer im 115 NMWNNNN Dorfe ausgekommen ſey?—»Bei Schul⸗ meiſters Marien. Das ganze Haus iſt nieder⸗ gebrannt!« „»Bei Marien? bei des vorigen Schulmei⸗ ſters Tochter?« ſchrie eine weibliche Stimme, und ein junges Frauenzimmer beugte ſich mit dem Ausdrucke des heftigſten Schreckens aus dem Wagen. „Ja, ja!« erwiederte Margarethe.»Die arme Marie liegt hier in meiner Huͤtte todt⸗ krank.& »So laß mich zu ihr, um Gotteswillen!« rief die Fremde dem jungen Manne zu, ſprang aus dem Wagen und ſtuͤrzte ins Gemach an Mariens Lager. Dieſe ſchien beim Anblicke der Fremden frendig uͤberraſcht, doch zugleich auch ſchmerz⸗ lich bewegt.»Johanna!« rief ſie, ſtreckte ihr die Arme entgegen und draͤngte ſie doch laut weinend von ſich und wendete ſich ab von ihr. Johanna mußte ſich auf einen Seſſel nie⸗ derlaſſen, denn der Anblick Mariens hatte ſie tief ergriffen, und als auf ihre aͤngſtlich wie⸗ 8* 116 WVWAN derholten Fragen: wo das Kind ſey? die Kranke jammernd erwiederte:»Gott weiß es!« da vereinten Beide ihre lauten Klagen und erfuͤllten das Gemach mit Seufzern und Wehgeſchrei. 1112 Der junge Mann hatte indeſſen vor der Huͤtte mit Margarethen geſprochen. Sein Erſtaunen, Marien hier zu ſinden, dem ſchreck⸗ lichſten Elende Preis gegeben, verlaſſen von ihrem Braͤutigam, ſtieg noch hoͤher, als ihm die Hirtenfrau, ſoviel ihr durch das oͤffent⸗ liche Geruͤcht bekannt war, die Urſachen mit⸗ theilte, warum man die Arme mit Haß und Verachtung verfolge. In der heftigſten Be⸗ wegung eilte er fort nach Toͤmings Wohnung, nachdem er dem Kutſcher Befehl gegeben, hier ſeiner zu harren. Er traf den Paͤchter im Bette ſitzend, ſein Haupt nachdenkend auf ſeine Hand geſtuͤtzt; das Fieber ſchien von ihm gewichen und der freie Gebrauch ſeiner Sinne war ihm wiedergegeben. Er kannte den Fremden nicht, doch hoͤrte er ihn mit immer ſteigender Aufmerkſamkeit an, als die⸗ ſer begann:»Ehe ich meine eignen Angele⸗ 417 I MWAANN genheiten beruͤhre, draͤngt mich eine heilige Pflicht, Ihnen, bei meinem Seelenheil, die Verſicherung zu geben: daß Ihre Braut rein iſt, rein wie Gottes Sonne! Verfolgung, Haß, Spott und Verachtung hat ſie unſchul⸗ dig erlitten. Auch Sie konnten an ihrer Tu⸗ gend zweifeln, auch Sie konnten die Arme im hoͤchſten Elende verlaſſen, ſie zuruͤckſtoßen von Ihrer Thuͤr, da ihr kein Obdach mehr geblieben war? O, wenn Sie die edle Dul⸗ derin je geliebt, ſo eilen Sie mit offnen Ar⸗ men zu ihr und ſuchen Sie durch heiße, treue Liebe die bittre Kraͤnkung zu vergelten, die ſie der Schuldloſen zugefuͤgt!« Eine hohe Roͤthe verbreitete ſich uͤber des Paͤchters Antlitz und ſein Auge ruhte lebhaft und mit unruhiger Erwartung auf dem Frem⸗ den, indem er haſtig ſprach:»Um Chriſti willen! ſprechen Sie wahr, mein Herr? Welche Buͤrgſchaft haben Sie fuͤr Ihre Worte? wer ſind Sie? »Mein Name iſt Ferdinand Noͤnner,« erwiederte der Fremde.»Ich bin der Neſſe des Paͤchters der Oldendorfſchen Meierei, mit 118 NN dem Sie leider bei Verpachtung dieſes Gutes in Zwiſtigkeit geriethen.« „»Was?« fuhr Toͤming unwillig auf,»Sie ſind der Neffe des alten Roͤnner, bei dem meine Schweſter als Wirthſchafterin—& „Hoͤren Sie mich nur wenige Augenblicke geduldig an,& unterbrach ihn Ferdinand, yes ſoll Ihnen Alles klar werden.— Ich ſtand unter Vormundſchaft meines Oheims, bei dem ich in Oldendorf die Oekonomie erlernte, ſah dort taͤglich ihre Schweſter und fuͤhlte mich taͤglich mehr zu ihr hingezogen. Wir liebten uns, und«— fuhr er leiſe fort— yließen uns in unbewachter Stunde einen Fehltritt zu Schulden kommen, der bald ſeine Folgen aͤuſ⸗ ſerte. Ich hatte Johannen feierlich gelobt, ſie zum Altare zu fuͤhren, und beſtuͤrmte taͤglich meinen Oheim mit Bitten und Flehen um ſeine Einwilligung, doch umſonſt. Er hatte mir eine reiche Amtmannstochter zur Gattin beſtimmt, indem er bei dieſer Verbindung zu⸗ gleich auf ſeinen eignen Vortheil bedacht ge⸗ weſen war. Johanna war ihm durch ihre raſtloſe Thaͤtigkeit, durch ihre ſeltnen Kenntniſſe WMAABAN in der Wirthſchaftsfuͤhrung unentbehrlich gewor⸗ den, deshalb ſuchte er unſre Trennung, die ihm nothwendig ſchien, dadurch zu bewerkſtelli⸗ gen, daß er mich zu einem entfernten Freunde ſendete und dort unter ſtrenge Auſſicht ſtellte. Mein Straͤuben war vergebens, ich muß⸗ te ſeinem Willen folgen, verabredete jedoch vorher mit Ihrer Schweſter, unter Erneue⸗ rung meines Treuſchwurs, alle Maßregeln, die wir fuͤr die Zukunft zu nehmen gedachten. Ich mußte von Johannen ſcheiden, ich mußte ſie verlaſſen, mit dem ſchrecklichen Gedanken: ſie der Schande Preis gegeben zu ſehen, wenn ihr Zuſtand verrathen wuͤrde. Doch gluͤckli⸗ cherweiſe blieb dieſer unentdeckt bis zum Zeit⸗ punkt ihrer Niederkunft. Die Arme hatte kei⸗ ne Freundin in der Welt, als Marie, Ihre Braut. Dieſer hatte ſie auch unſer Verhaͤlt⸗ niß— kurz, Alles mitgetheilt, doch zugleich ſich die ſtrengſte Verſchwiegenheit, ſelbſt gegen Sie, ausbedungen. Die gote Marie war ſogleich bereit ihr beizuſtehen mit Rath und That. Sie waren entfernt von Elſendorf und nichts hielt ſie ab, da die Entbindung meiner 120 lieben Johanna naͤchſtens zu erwarten war, ihr ſelbſt zu Huͤlfe zu eilen. Sie begab ſich nach einem kleinen Staͤdtchen drei Meilen von Oldendorf, erkauft durch Geld die Verſchwiegen⸗ heit einer Frau, welche ihr ein Logis einraͤum⸗ te, und bereitete Alles vor, ihre Freundin zu empfangen. Johanna erhielt Erlaubniß von meinem Oheim, ſich auf einige Wochen, wie ſie vorgab, nach Elſendorf, ihrem Geburtsorte, begeben zu duͤrfen und traf ſo mit Marien zuſammen. Beide lebten unerkannt im Staͤdt⸗ chen und Ihre Schweſter genas von einem Knaben, deſſen Pflege Marie ſogleich uͤber⸗ nahm und ihr Schutz gelobte, bis unſre wider⸗ waͤrtigen Verhaͤltniſſe ſich ausgeglichen. Nach einigen Wochen kehrte Johanna nach Olden⸗ dorf zuruͤck und Niemand ahnete den Zweck ihrer Reiſe. Auch Marie kehrte mit dem Kinde nach Elſendorf zuruͤck, nur die alte Magd, die nothwendig darum wiſſen mußte, in ihr Geheimniß ziehend. Sie waren leider nicht in bruͤderlicher Einigkeit von Ihrer Schweſter geſchieden, als ſie zu meinem Oheim zog, des⸗ halb glaubte ſie auch ganz beſonders vor Ih⸗ 121 AMAAA nen den ganzen Vorfall verheimlichen zu muͤſ⸗ ſen, indem ſie befuͤrchtete, Ihren Zorn aufs Neue zu erregen und auch von Ihrer Seite wichtige Hinderniſſe fuͤr unſre Verbindung er⸗ warten zu muͤſſen. Marie hielt ihr Verſpre⸗ chen mit einer ſeltenen, bewunderswuͤrdigen Standhaftigkeit und opferte ſich ſelbſt auf fuͤr unſer Gluͤck. Mein Oheim glaubte, ich ſey in der Ferne von meiner Liebe zu Jo⸗ hannen ooͤllig befreit worden, traf ſchon ins⸗ geheim Vorbereitungen zu meiner Hochzeit mit der Amtmannstochter, ohne vorher mit mir Ruͤckſprache zu nehmen, berief mich nach Ol⸗ dendorf zuruͤck, ließ mich vor drei Tagen foͤrmlich muͤndig ſprechen und ich— nun Herr meines Willens und meiner freien Wahl — ließ geſtern ſchon in demſelben Staͤdtchen, wo mein Sohn geboren, meine Verbindung mit Ihrer Schweſter durch den Prieſterſegen weihen und ſo eilten wir heute nach Elſendorf, Marie ihres Verſprechens zu entbinden, ihr unſern heißen Dank darzubringen und zugleich auch Ihren bruͤderlichen Segen, Ihre Verzei⸗ hung zu erflehen.«— 122 . MWAM Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung druͤckten ſich die verſchiedenartigſten Bewegungen auf dem Ge⸗ ſichte des Paͤchters aus. Er wollte zuͤrnen ge⸗ gen ſeine Schweſter, er wollte heftig auffah⸗ ren gegen ſeinen Schwager, doch wie ein mil⸗ der Sonnenſtrahl die ſchweren Wetterwolken theilt, die Gefahr und Vernichtung drohen, ſo verwehete ſpurlos das Aufbrauſen ſeines Zorns vor der maͤchtiger als je wieder aufle⸗ benden Feuergluth ſeiner Liebe zu Marien, die ihm jetzt voͤllig gerechtfertigt, rein wie das Lamm Gottes erſchien. Heiße Thraͤnen roll⸗ ten uͤber ſeine Wangen herab, als er gedachte, wie ſchweres Unrecht er ihr zugefuͤgt durch ſei⸗ ne Zweifel an ihrer Treue, und als Ferdinand ihm berichtete, daß ſie im groͤßten Elende, er⸗ krankt im Hirtenhauſe liege, weil ſie in ver⸗ gangener Nacht hartherzig von ſeiner Thuͤr gewieſen worden ſey, da glaubte er, ein gluͤ⸗ hendes Eiſen durchbohre ſeine Bruſt und laut rief er, daß es das ganze Haus durchſchallte, nach ſeinen Leuten. 8 Es kamen einige ſeiner Knechte herbei und als er ſie mit harter Rede anfuhr: warum 123 MAAAN ſie Marien nicht ins Haus gelaſſen? erwieder⸗ ten ſie, daß er es ja ſelbſt befohlen und auch der Barbier dieſen Befehl ausdruͤcklich wieder⸗ holt. 1 „Habe ich das wirklich gethan? rief Toͤ⸗ ming ſchmerzlich und ſank aufs Lager zuruͤck— Ho, dann kann ſie mir nie verzeihen!— Doch ich war ja nicht Herr meiner Sinne! ich lag im Fieber!« »Die Hausmagd Suſanne—« berichtete Claus, der Großknecht—»hat Marien das Kind abgenommen, als ſie ohnmaͤchtig auf der Bank lag. Sie hat's auf ihre Kammer ge⸗ tragen, da wird's wohl noch ſeyn!« »Mein Kind! mein Kind!« rief Ferdinand, ſtreckte verlangend ſeine Arme danach aus und nach wenigen Minuten ſchon brachte Suſanne den Knaben und legte ihn in ſeines Vaters Ar⸗ me, der ihn mit Kuͤſſen und Thraͤnen bedeck⸗ te. Da raffte ſich der Paͤchter auf; er wollte ſein Lager verlaſſen, indem er unaufhoͤrlich Mariens Namen nannte. Doch die freudige Bewegung ſchien ſeine Kraͤfte aufs Neue er⸗ . 124 NMvAMN ſchoͤpft zu haben, er konnte ſich nicht aufrecht erhalten und ſank aufs Lager zuruͤck.»Ich wollte mich ihr zu Fuͤßen werfen— ich woll⸗ te ihre Verzeihung erflehen—« ſprach er weh⸗ muͤthig— dund kann nicht von der Stelle!— Lieber Schwager, eilen Sie, eilen Sie zu ihr— ſagen Sie ihr, daß ich im Wahnſinne geſprochen, als ich den Befehl gab, ſie zuruͤck⸗ zuweiſen— daß der Anblick des Kindes im brennenden Hauſe mich von ihrer Seite ge⸗ trieben— daß— o, erbitten Sie Verzeihung fuͤr mich— rufen Sie auch meine Schweſter zu mir; ich will Alles vergeſſen, ich will ihr ein treuer Bruder ſeyn, will das mir kuͤrzlich zugefallene Erbtheil mit ihr theilen, will ſie lieben bis zum Tode!— Eilen Sie nur und bringen Sie mir ein troͤſtendes Wort von Ma⸗ rien!« Nachdem Ferdinand das Kind der Magd wieder uͤbergeben, eilte er fort, und bald roll⸗ te ſein Wagen auf den Hof des Paͤchters. Johanna ſprang heraus, Marien unterſtuͤtzend, welche voll Vertrauen auf Ferdinands Verthei⸗ digung ihres Braͤutigams, Muth und Kraft 125 MWVMWVN gewann, ihr aͤrmliches Lager zu verlaſſen und durch ihre Gegenwart an Toͤmings Kranken⸗ lager Troſt und Hoffnung auf gluͤcklichere Ta⸗ ge zu verbreiten. Johannens erſte Worte waren, als ſie ins Zimmer trat:»wo iſt mein Kind?« und als ſie den Knaben im Uebermaße ihrer Freude herzend mit dem rechten Arme feſt an ihren Buſen druͤckte, umſchlang ſie mit der Linken ihren Bruder, der ſich hoch aufgerichtet und mit ausgebreiteten Armen Marien empfing, welche jetzt, von Ferdinand unterſtuͤtzt, an ſein Lager wankte. 4n Lange waren alle die Gluͤcklichen ſprach⸗ los, doch als ſie nun dem Drange des Her⸗ zens folgten, ſich auszuſprechen in lauten Wor⸗ ten— als Marie, ihr Haupt an Toͤmings Bruſt gelehnt, die Leiden der vorigen Nacht, von ihrem Zuſammentreffen auf dem Kirchhofe mit der alten Mummlieſe, ihrer Verwundung, ihrem Erwachen aus der Ohnmacht, ihrer Nuͤckkehr ins brennende Haus— ihre Zuruͤck⸗ weiſung von Toͤmings Thuͤr mit zarter Scho⸗ nung uͤbergehend— bis zum Eintreffen Jo⸗ 126 NMMAVNAVNAN hannens und Ferdinands erzaͤhlte, da grauſte Allen vor den ſchrecklichen Gefahren, die ſie uͤberſtanden, und Alle lobten Gott und prie⸗ ſen ſeine unendliche Gnade.— Sie waren Alle gluͤcklich, denn ſie waren verſoͤhnt, und in dieſer Stunde befeſtigte Franz durch den heiligſten Eidſchwur ein unerſchuͤtterliches Ver⸗ trauen auf die Treue Mariens in ſeiner Bruſt und ſchwur zugleich ſeinen laͤcherlichen Aber⸗ glauben ab. Noch ehe vierzehn Tage vergangen, waren Franz und Marie unter der Schweſter Pflege und unter Behandlung eines aus der naͤchſten Stadt herbeigerufenen Arztes voͤllig wieder her⸗ geſtellt. Acht Tage ſpaͤter wandelten die Gluͤck⸗ lichen Hand in Hand zur Kirche, und ein Kranz von der ſchoͤnſten Myrthe, welche nur in der Umgegend zu finden geweſen war, bluͤh⸗ te in Mariens Locken. Um ſich der Verkann⸗ ten, deren edelmuͤthige Aufopferung jetzt all⸗ gemein bekannt geworden war, wieder zu naͤ⸗ hern und das ihr zugefuͤgte Unrecht doch in Etwas wieder gut zu machen, hatten ſich alle junge Maͤdchen des Dorfes am Pachthofe ver⸗ 127 WWVNAANN ſammelt, und ſtreuten Blumen auf den Weg des Brautpaares bis zum Altare. Der wuͤr⸗ dige Pfarrer aber ſchloß ſeine Traurede mit den Worten:»der Tugend Pfad iſt rauh, der Duldung Bahn ein oͤder Felſenweg, doch ſchoͤn iſt auch der Kranz, der dem muͤden Wande⸗ rer wird am Ziele, und Heil der Braut, die dieſes Ziel errungen und ihre Myrthenkrone dort erwirbt! Der Segen des Himmels gelei⸗ te Euch bis in Ewigkeit! Amen.« Derſelbe Pfarrer ſammelte auch ſorgfaͤltig alle Beweiſe, welche die Brandſtiftung der al⸗ ten Mummlieſe darthun konnten und bewirkte bei der Landesregierung die Verfuͤgung, daß von der Hinterlaſſenſchaft der Verbrecherin, zu welcher ſich keine Erben meldeten, Mariens Haus neu aufgebaut und ihr ſo eine Entſchaͤ⸗ digung ihres Verluſtes wurde. Marie aber ließ noch in demſelben Som⸗ mer die ſchon halbverfallene Hirtenhuͤtte nie⸗ derreißen und an derſelben Stelle ein recht artiges Haͤuschen auffuͤhren, die gute Marga⸗ rethe fuͤr das an ihr bewieſene Mitleid zu be⸗ lohnen. ₰ 128 AAVWN Auch Mariens alte Magd, welche wieder geneſen, fand ihr reichliches Brod bei den Paͤchtersleuten bis ans Ende ihres Lebens. Ferdinand kaufte unweit Elſendorf ein Gut und wetteiferte mit ſeiner Gattin, taͤglich mehr Beweiſe ihrer Dankbarkeit gegen Marien dar⸗ zubringen, welche ihre Verbindung mit Franz nie bereute und bald im Kreiſe holder Kinder durch Muttergluͤck fuͤr alle die uͤberſtandenen Leiden entſchaͤdigt wurde. A — — ☛ N ☛ 8 — — 6 — — ₰ WAᷓAAAVA AANNNN 1. Aus einem Fenſter im Erdgeſchoſſe ſeines Hau⸗ ſes ſchaute der reiche Tiſchlermeiſter Elias Wen⸗ zel auf die Straße, wie er ſeit vielen Jahren, gleich nach eingenommener Mittagsmahtzeit, zu thun gewohnt war. Da ſchluͤpfte ſcheu und wie es ſchien, verlegen, doch ſehr hoͤflich gruͤßend, ein junger Mann ins Haus, deſſen bleiches Geſicht und kummervolle Miene deut⸗ licher noch eine tiefe Herzenstrauer verkuͤndete, als der ſchwarze Flor um Hut und Arm. Seinen hoͤflichen Gruß erwiederte Herr Wen⸗ zel nur durch einige Brummlaute, ohne dabei ſeines Hauptes Zier und Bedeckung, die gruͤne lederne Muͤtze, zu beruͤhren, nahm eine Priſe Tabak und ſprach leiſe fuͤr ſich: vauch ſo ein gezwungener Muͤſſiggaͤnger, wie es leider in jeder Stadt ſo Viele giebt. Er arbeitete gern, 9*† 132 WAANANAN iſt aber ein armer Teufel, folglich fehlt s Ver⸗ trauen beim werthen Publikum; keine Kund⸗ ſchaft, folglich auch kein Geld, folglich muß er ſobald als moͤglich aus dem Hauſe!« Und kaum war dieſes letzte, entſcheidende Wort ſei⸗ nen Lippen entſchluͤpft, als er gravitaͤtiſch ſich vom Fenſterkiſſen erhob, die Stubenthuͤr oͤff⸗ nete und dem ſchon auf der oberſten Trep⸗ pe befindlichen armen Teufel mit kraͤftiger Stimme zurief:»Herr Wilmers, auf ein Wort!« Ach, wie langſam ſtieg der bleiche, trauern⸗ de, junge Mann die Treppe wieder herab, als ob er den harten Urtheilsſpruch des ſtrengen Hausherrn ſchon geahnet haͤtte. Entbloͤßten Hauptes trat er vor ihn hin und forſchte nach ſeinem Begehr; Wenzel aber raͤuſperte ſich nur wenig und begann mit der Frage: vnun, wie ſteht's?«—»Schlecht, wie immer!« war die kleinlaute Antwort, welcher aus des Tiſch⸗ lermeiſters Munde eine gewaltige Rede folgte, worin vorzuͤglich die Worte: drei Quartale Miethe ſchuldig— Zahlung oder Pfaͤndung—& ſchrecklich in den Ohren des Trauernden wie⸗ MMAAWW derhallten und ſein Herz mit neuer Sorge er⸗ fuͤllten. Herr Wenzel aber, unbekannt mit Noth und Kummer, jedes Mitgefuͤhls entbeh⸗ rend, wenn er fremde Leiden ſah, zog die Thuͤr hinter ſich zu, und ließ den Tieſgebeug⸗ ten mit ſeiner bangen Qual allein. 2. Bleicher noch als ſonſt, trat der junge Wilmers in ſein Zimmer, welches Spuren der groͤßten Armuth trug. Seufzend betrat er die angraͤnzende, dunkle Kammer, ſchlich leiſe bis zum Bett, zog geraͤuſchlos die Gar⸗ dinen auseinander, und mit tiefer Wehmuth haftete nun ſein aͤngſtlicher Blick auf dem tief⸗ gefurchten Antlitz ſeiner kranken, ſchlummern⸗ den Mutter, die ihm theurer war, als ſein Leben. Er freute ſich innig ihres ruhigen Schlummers, der ihr vielleicht gerade jetzt freundliche Traͤume vorgaukelte, indeß die neue Sorge immer tiefere Falten auf ſeiner Stirn 134 BAN zuſammenzog. Wie haͤtte er die Wachende troͤſten ſollen, da jetzt auch ſein letzter Ver⸗ ſuch, ihr Huͤlfe zu ſchaffen, geſcheitert war, da der unbarmherzige Hausherr die ſchreckliche Drohung ausgeſprochen hatte, ihn und ſie des Obdachs zu berauben? Es blieb ihm keine Hoff⸗ nung mehr, als die auf Gottes Huͤlfe, und bruͤnſtig betend ſtand er ſtill am Fenſter und blickte zum blauen Himmel hinauf. Geſtaͤrkt erwachte die Kranke, geſtaͤrkt fuͤhlte ſich der Betende, dem das Vertrauen auf des Ewigen Vaterguͤte noch nicht untergegangen war in der immer hoͤher anſchwellenden Fluth ſeines Elendes. Hand in Hand blickten Beide ein⸗ ander mit dem Ausdrucke des innigſten Ge⸗ fuͤhls ins Auge, bis endlich die Mutter das lange Schweigen mit den Fragen unterbrach: ynun, lieber Auguſt, wie wurde Dir Dein Gang belohnt? haſt Du Arbeit gefunden? bringſt Du Hoffnung?«— Doch truͤb' und duͤſter, das Auge zu Boden geſchlagen, ſtand der Arme; ſein fortwaͤhrendes Schweigen war die niederſchlagende, verneinende Antwort. Da richtete ſich kraͤftiger als ſonſt die Mutter von ihrem Lager halb empor, ergriff aufs Neue ſeine Hand, zog ihn naͤher zu ſich hin und ſtreichelte muͤtterlich liebkoſend ſeine bleichen Wangen, indem ſie ſprach:»Auguſt, vertraue Gott! Laß uns, ergeben in des Hoͤchſten Wil⸗ len, duldend ertragen, was uͤber uns verhaͤngt iſt, doch dabei nichts verabſaͤumen, was zu unſrer Erhaltung erforderlich. So koͤnnen wir uns nicht laͤnger mehr erhalten. Du, ohne Arbeit, ohne Brod— ich, krank, untuͤchtig zum leichteſten Geſchaͤft; ſchon fehlt es uns am Unentbehrlichſten, ſchon drei Quartale iſt der Miethzins nicht entrichtet— Herr Wen⸗ zel iſt ein harter Mann, und taͤglich fuͤrchte ich, er wird uns aus dem Hauſe weiſen.« Ein tiefer Seufzer, der ſich von Auguſts Herzen loͤſte, beſtuͤtigte nur zu ſehr ihre Ver⸗ muthung. »Ich kann ja nicht geneſen, guter Auguſt, — fuhr ſie fort—»ſo lange Deine Leiden taͤglich, ſtuͤndlich mich an mein eignes Elend mahnen. Hier ſchlaͤgt Dir Alles ſehl, ſo ver⸗ ſuche denn Dein Gluͤck auswaͤrts, mein Sohn! Nicht uͤberall wird man den tuͤchtigen, braven 136 WÄANAANAN 4 Arbeiter zuruͤckweiſen, dem die Armuth nichts uͤbrig ließ, als Kopf, Herz und ein Paar geſunde Arme. Ziehe hin, mit Gott! und wenn Dir's wohl geht, ſo gedenke meiner in Liebe, ich bleibe hier zuruͤck!« „»Hier— und wo?« erwiederte Auguſt in heftiger Bewegung.—»Wer ſoll Dich pfle⸗ gen? wer Dich troͤſten, ſchuͤtzen, naͤhren in der bittern Armuth? Doch indem ſie wieder ſtreichelnd ihm uͤber Stirn und Wangen fuhr, verſchloß ſie ihm zugleich mit der zitternden Hand den Mund, denn ſie konnte ſelbſt nicht ohne Bangigkeit und Wehmuth den Gedanken an eine Tren⸗ nung von dem geliebten Sohne ausſprechen. »Ich gehe ins Spital, mein Sohn!« ſprach ſie laͤchelnd unter Thraͤnen.»Der Vorſteher dieſer wohlthaͤtigen Anſtalt war ja ein Freund Deines ſeligen Vaters; er hat mir die Auf⸗ nahme foͤrmlich zugeſagt. Wie viele arme Leidende fanden dort ſchon einen Zufluchtsort, der ſie vor Mangel ſicherte. Denke Dir den Aufenthalt dort nicht ſo traurig; fuͤr die Kran⸗ ken wird beſonders gut geſorgt, gewiß, es —— 137 KMWMWAN wird an keinem meiner geringen Beduͤrfniſſe fehlen. Laß mich, mein guter Auguſt; kein falſcher Stolz ſoll mich abhalten, der from⸗ men Anſtalt mich zu uͤbergeben.« Feſter zog ſie den Sohn an ihre Bruſt, doch dieſer beſchwor ſie bei ihrer Liebe zu ihm, dieſem Gedanken ferner nicht mehr Raum zu goͤnnen in ihrer Bruſt.»Wo ſollt' ich Ruhe finden, fern von Dir?!« rief er aus.— »Wie ſollte ich das ſchon tief geſunkene Ver⸗ trauen auf die eigene Kraft erhoͤhen, wenn ich Dein Wohl ganz allein der oͤffentlichen Anſtalt anheim ſtellen muͤßte. Selbſt mein Glauben an Gott wuͤrde ſinken, wenn ich, der Jugendkraft, den beſten Willen und Ge⸗ ſchicklichkeit zu dem erlernten Broderwerb in ſich vereint, die kranke Mutter im Spitale laſſen muͤßte, weil ich fuͤr ſie und mich den duͤrftigen Lebensunterhalt nicht mehr erringen koͤnnte. Nein, liebe Mutter, ſprich davon kein Wort mehr! Das letzte Mittel, uns zu helfen, liegt allein in meiner Hand.— Tag⸗ loͤhnerarbeit will ich thun, vom fruͤhen Mor⸗ gen bis zur ſpaͤten Nacht— ſo viel erwerb' 138 MWMAÄAANAAA ich ſchon, als Du bedarfſt, fuͤr mich wird Gott im Himmel ſorgen! Leb' wohl, mein Muͤtterchen! ich ſuche Arbeit!« Und froher ſchloß er ſie in ſeine Arme, äͤh ſie herlich und eilte hinaus. 3. Aber wohin ſich nun wenden? Die fuͤrſt⸗ liche Reſidenz, in welcher er ſich befand, war zwar nicht groß, aber doch ſehr ſtark bevoͤl⸗ kert und deshalb auch ſelbſt an der niedern Volksklaſſe der Tageloͤhner und Arbeitsleute kein Mangel. Auch regte ſich, obwohl ſein Entſchluß feſt ſtand, doch auf Augenblicke ei⸗ ne gewiſſe Scham in ihm. War ſein Va⸗ ter nicht ein allgemein geachteter Buͤrger ge⸗ weſen, als ihm das Gluͤck noch zur Seite ſtand? hatte ihm derſelbe nicht eine Erzie⸗ hung geben laſſen, welche ihn zu einem ſehr ſchaͤtbaren Mitgliede jeder buͤrgerlichen Geſell⸗ 4 ſchaft machte? und jetzt ſollten ihn Armuth, fehlgeſchlagene Hoffnungen und Ungluͤcksfaͤlle aller Art dem niedrigſten Volkshaufen und deſſen kuͤmmerlichen Handthierungen zugeſel⸗ len?— Doch das Wort—»Spitals«— wel⸗ ches ſeine Mutter noch vor wenigen Minuten ausgeſprochen, hatte fuͤr ihn einen ſo fuͤrchter⸗ lichen Klang, der wie ein Zauberſpruch Zwei⸗ fel, Scham und falſchen Stolz in ſeinem Buſen niederkaͤmpfte und ihn antrieb zur Ausfuͤhrung des letzten Rettungsplans. Nichts um ſich her beachtend, nur mit ſeinem Gram beſchaͤftigt, eilte er die Straße hinab, ohne ſich eines Zielpunktes deutlich be⸗ wußt zu ſeyn. Schon hatte er das Linden⸗ thor erreicht, als er ſich von einem Nachei⸗ lenden feſtgehalten fuͤhlte, und uͤberraſcht er⸗ blickte er dicht vor ſich einen Bekannten und ehemaligen Schulkameraden, der ſchon ſeit geraumer Zeit aus der Reſidenz verſchwun⸗ den, beinahe ganz von ihm vergeſſen worden war. 1 3 „Theodor!« rief er dieſem zu,»ſey mir herzlich gegruͤßt! Wo warſt Du? wie lebteſt Du?« 140 MAVUUWMN Doch dieſe Fragen ſchienen ungehoͤrt an Theodors Ohren voruͤberzugehen, der jetzt mit tiefer Theilnahme dem Jugendfreunde erwie⸗ derte:»Dir geht's nicht wohl, mein Auguſt! Wo iſt der lebensfrohe Blick, die muntre Haltung?— Wahrlich es bedarf der Zeit und des geſchaͤrften Auges, in dem Jammerbilde, welches da vor mir ſteht, den heitern Spiel⸗ kameraden meiner Knabenjahre wieder zu er⸗ kennen. Herzliche Theilnahme draͤngt mich, Dich um Mittheilung Deiner jetzigen Lebens⸗ verhaͤltniſſe zu bitten. Komm mit mir! dort, wo die goldne Traube glaͤnzt im blauen Schil⸗ de, glaͤnzt auch der Sorgenbrecher im gruͤnen Roͤmer; laß uns bei reinem Wein die frohen Bilder unſrer Knabenjahre aus dem bunten Spiegel der Vergangenheit heraufbeſchwoͤren!« Und froͤhlich faßte er den willenlos folgenden Auguſt unter den Arm und fuͤhrte ihn ins nah gelegene Weinhaus. 1441 Hier bewaͤhrte ſich auch bald an beiden Freunden die Kraft des Weins, indem er ih⸗ re Herzen aufſchloß; denn ſchon nach weni⸗ gen Minuten hatten ſie ſich gegenſeitig ihre Verhaͤltniſſe mitgetheilt.— Theodor war ohne Ziel aus ſeiner Vaterſtadt gewandert, hatte in Boͤhmen endlich als Secretair bei einem Grafen Wildenſtein eine Anſtellung gefunden, welcher kuͤrzlich in der Naͤhe der kleinen fuͤrſt⸗ lichen Reſidenz ein anſehnliches Rittergut ge⸗ kauft.»Dieſem Umſtande verdanke ich es«— fuhr Theodor fort—»daß ich Gelegenheit erhielt, meine Vaterſtadt wieder zu betreten, wo Dein Anblick mich frendig uͤberraſchte, doch zugleich auch mit tiefer Wehmuth erfuͤll⸗ te. Alles— Alles muß ich wiſſen, Freund, was Dich bekuͤmmert, denn ich will Dich nicht nur troͤſten, ſondern auch helfen will ich, wenn's in meinen Kraͤften ſteht, mit Rath und That.& 142 AANNNMN Wilmers fand ſich wirklich ſchon durch die herzlichen Worte des Freundes getroͤſtet. Sein Schmerz war milder geworden, ſeine Trauer loͤſte ſich auf in ſtillen Ernſt, denn nach langer Zeit hatte er ja zum erſten Male wieder ein Menſchenherz gefunden, welches wahrhafte Theilnahme hegte fuͤr ſeine Leiden. „»Wohl hat mich ſeit kurzer Zeit ſo mancher harte Schlag getroffen«— erwiederte er dem Freunde.— Der ſchwarze Flor um meinen Arm—& „Verzeihe mir!« ſiel ihm Theodor ins Wort.»Bei Deinem erſten Anblicke ſchon fiel mir die Bedeutung dieſes Trauerzeichens ſchwer aufs Herz. Doch wenn ich bis jetzt verſaͤumte, Dich um naͤhere Auskunft dar⸗ uͤber zu bitten, rechne mir es nicht fuͤr Kaͤlte meiner Freundſchaft an. Ein theilnehmendes Schweigen wirkt ja wohlthuender auf das wunde Herz, als die dringenden, oft nur neugierigen Fragen nach den Urſachen fremder Trauer.& »dDu haſt recht, Theodor!« entgegnete Wil⸗ mers.»Niemand, als ich, kann es tiefer N NAAMMN empfinden, wie ſchmerzlich der Verluſt eines guten Vaters das Herz des Sohnes ergreift, und es bedarf wahrlich der aͤußern Trauer⸗ zeichen nicht, dieſen Verluſt mir ſtuͤndlich ins Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, oder dem Verſtor⸗ benen eine Achtung durch dieſen Flor zu be⸗ zeigen, die doch, ſo lange noch mein eigner Lebensfaden haͤlt, unveraͤndert fortleben wird in meiner Bruſt. 4. »Alſo Deinen guten Vater haſt Du ver⸗ loren— den braven, redlichen Mann!« er⸗ wiederte Theodor, doch Wilmers ergriff ſeine Hand und indem ſich ſein Antlitz verfinſterte, wiederholte er die letzten Worte des Freun⸗ des—„ja wohl, den braven, redlichen Mann! Und doch—« fuhr er weiter fort— mußte er in der bitterſten Armuth ſterben. Als Du aus unſrer Vaterſtadt verſchwandeſt, war mein Vater noch ein wohlhabender Mann. Sein Geſchaͤft, bei dem ich ihm ſchon thaͤtig Beiſtand leiſtete, hatte den beſten Fortgang, denn wir und der Hoftapezier betrieben es nur allein in der ganzen Reſidenz. Doch der Neid und die Mißgunſt eines Mannes, der * 144 ſelbſt die reichſten Fruͤchte eines eintraͤglichen Gewerbes genoß, zerſtoͤrten bald unſer ſtilles Gluͤck. Der Tiſchlermeiſter Wenzel, in deſ⸗ ſen Hauſe wir ſchon ſeit langer Zeit wohnen, verleitete meines Vaters erſten Gehuͤlfen, ei⸗ nen Englaͤnder, ſich ſelbſt zu etabliren, indem er ihm ſeine alternde Tochter, mit einer be⸗ deutenden Mitgift, zur Frau gab. Der Eng⸗ laͤnder, von ſeinem Nationalgeiſte beſeelt, je⸗ des Geſchaͤft ins Große und fabrikmaͤßig zu betreiben, errichtete ein Meublesmagazin, im Verein mit ſeinem Schwiegervater, welcher die wirklich geſchmackvolle Tiſchlerarbeit dazu lieferte. Der Reiz der Neuheit zog Viele an, meines Vaters Kunden wurden ihm untreu, und der Englaͤnder bald ein reicher Mann. Unſer Geſchaͤft kam in Verfall und wir arbei⸗ teten faſt nur noch fuͤr den Finanzrath, der alle Zimmer ſeines neuerbauten Hauſes ge⸗ ſchmackvoll tapezieren ließ. Doch hatte mein Vater dabei ſein ganzes baares Vermoͤgen in einer Lieferung Seidenzeug und franzoͤſiſcher Tapeten aufgeopfert, obgleich man ſich hier und da ſchon leiſe vertraute, der Finanzrath — ſtehe auf dem Punkte zu falliren. Die Un⸗ gnade des Fuͤrſten verurſachte auch wirklich ſei⸗ nen Fall, ſchneller als wohl ſonſt geſchehen waͤre; er wurde fluͤchtig, der Concurs brach aus, mein Vater verlor Alles und wir ver⸗ ſanken in die tiefſte Armuth. Der ſonſt ſo thaͤtige Geiſt des braven Mannes wurde durch eine langſam verzehrende Krankheit gebrochen, der er endlich unterlag; meine Mutter liegt noch auf dem Krankenlager, auf welches ſie der Kummer bettete, mich verfolgt ein widri⸗ ges Geſchick, denn Trotz allen meinen Bemuͤ⸗ hungen, das Geſchaͤft meines Vaters fortzu⸗ ſetzen, finde ich nicht die mindeſte Unterſtuͤz⸗ zung und muß nun als Tageloͤhner ſie und mich zu naͤhren ſuchen.« »Freund! ſo hat mich ja Dein guter Ge⸗ nius zur gluͤcklichen Stunde in Deine Naͤhe gefuͤhrt,« rief jetzt Theodor freudig aus.»Der Graf Wildenſtein will auf ſeinem Gute meh⸗ rere Zimmer neu decoriren laſſen, dazu bedarf er der Huͤlfe eines geſchickten Tapeziers, und da er mir aufgetragen, ihm einen ſolchen zu⸗ zuweiſen, kann ich ihm ja keinen vortreffli⸗ III. 10 146 8 AAAA chern empfehlen, als eben Dich, Freund Wilmers. Jetzt iſt ſchon Mittagszeit vor⸗ aͤber— dieſen Nachmittag um ſechs Uhr, doch puͤnktlich, ſtelle Dich auf Moorleben ein, da ſollſt Du den Grafen ſelbſt ſprechen; laß nur mich fuͤr Alles ſorgen, denn Dir muß geholfen werden. Leb wohl! es iſt die hoͤch⸗ ſte Zeit; ich muß ſogleich zuruͤck zum Gra⸗ fen.« 3* Mit freudeſtrahlenden Blicken zog Wil⸗ mers den Freund an ſeine Bruſt, und nach⸗ dem ſie noch ein Glas geleert auf kuͤnftiges Wohlergehen, trennten ſich Beide. 5. Der Graf Wildenſtein hatte vor kurzer Zeit ein ſehr reiches Fraͤulein, alt an Adel, doch auch alt an Jahren, geheirathet, und faͤhlte ſich in dieſer Ehe nichts weniger als gluͤcklich, denn ſeine Frau Gemahlin begeg⸗ nete ſeinem Frohſinn ſtets mit einer nie ver⸗ ſiegenden uͤbeln Laune, und da leidige Con⸗ venienz dieſe Ehe geſtiftet, war zwiſchen Bei⸗ den weit oͤfter von Vermoͤgensumſtaͤnden, als von Liebe geſprochen worden. Jung, von angenehmem Aeußern, lebensluſtig und dem ſchoͤnen Geſchlechte gar nicht abhold, ſuchte ſich der Graf fuͤr die Entbehrung der Freuden ſeines Eheſtandsparadieſes durch kleine Liebes⸗ intrignen zu entſchaͤdigen, die freilich weder mit Plato's Grundſaͤtzen der Liebe, noch mit den moralſprudelnden Predigten ſeiner Ge⸗ mahlin uͤbereinſtimmten, weshalb er auch da⸗ bei ſo geheim als moͤglich zu Werke ging. Ein niedliches, allerliebſtes Kammermaͤdchen ſeiner Donna hatte gerade jetzt in ſeinem leichtentzuͤnddaren Herzen einen gewaltigen Brand angefacht, welcher wirklich ernſtere Folgen ahnen ließ, da ſein bei dergleichen Galanterieen ſonſt obwaltender Leichtſinn dies⸗ mal von einer gewiſſen Schwaͤrmerei in Feſ⸗ ſeln gehalten wurde, wie man ſie wohl hier und da bei jungen, angehenden Liebescandi⸗ daten wahrnimmt, welche den Schattenriß ihrer Schoͤnen mit Kniebeugungen und auf 10* abgoͤttiſche Weiſe zu verehren pflegen. Aber Jettchen war auch wirklich einer treuern, be⸗ ſtaͤndigern Liebe werth, als den Auserwaͤhl⸗ ten des Herrn Grafen ſonſt zu Theil wurde. Voll Anmuth, demuͤthig und beſcheiden, ohne Stolz auf ihre Reize, mit der unentweihten Unſchuld im jugendlichen Herzen, duldete ſie nur ungern die geheime Huldigung ihres Ge⸗ bieters und ließ durch ihre ernſte Zuruͤckhal⸗ tung ſeinen Hoffnungen auch nicht die minde⸗ ſte Nahrung zu Theil werden. Doch eben dadurch fuͤhlte er ſich immer mehr in den Zauberkreis ihrer Reize gebannt, und gelaͤu⸗ terter wurden die Flammen in ſeinem Herzen, da hier ſich mit der Liebe auch Achtung fuͤr ihre Tugend vereinte, die ſonſt bei ſeinen Lie⸗ besabentheuern ihm niemals in den Weg getre⸗ ten. Aber von Tage zu Tage verzweifelte er immer mehr an der Verwirklichung ſeiner Hoffnung, durch Liſt und die ihm ſonſt ſo gelaͤufigen Beſtechungskuͤnſte die Tugend des holden Naturkindes einzuſchlaͤfern, daß er endlich wirklich keinen Rath mehr in ſeinem Herzen fand und eben heute mißmuthig die WMN ſchoͤnen Parthieen des Gartens durchwandelte, der zum herrſchaftlichen Gebaͤude des neuan⸗ gekauften Gutes gehoͤrte. Seine Gemahlin hatte ſich ſchon ſeit dem fruͤheſten Morgen nach einem benachbarten Edelſitze begeben, um ſchuldige Beſuche abzuſtatten und ihre Entfernung war ihm erwuͤnſchter als jemals, da er hoffen durfte, Jettchen, welche zuruͤck⸗ geblieben, allein zu ſehen. 6. Der Graf hatte ſich nicht getaͤuſcht, denn in einer Laube, von weißem, duftenden Flie⸗ der beſchattet, ſaß Jettchen mit weiblicher Ar⸗ beit beſchaͤftigt und ſchien ſich des herrlichen Fruͤhlingsabends zu freuen. Schon hatte der Graf wohl einige Minuten lang dicht hinter ihr geſtanden, ohne ſeine Gegenwart auch nur durch das leiſeſte Geraͤuſch zu verrathen; doch als er jetzt aufs Neue, entflammt durch ihre Anmuth, kuͤhn es wagte, die Hand aus⸗ 150 AAAUAMAAN zuſtrecken uͤber ihre blendend weißen Schultern, um einen bluͤhenden Granatenzweig hinter den Saum des Batiſtes, welcher den ſchoͤn⸗ ſten Buſen umhuͤllte, gleich einer Liebesflagge aufzuſtecken, ſprang erſchrocken die Belauſchte auf und trat in Demuth, bis zur Stirn er⸗ roͤthend, dem Gemahl der ſtrengen Gebieterin entgegen. Dieſer aber ergriff gewandt die zitternde Hand der Dienerin und indem er ſie zum Laubenſitze zuruͤckfuͤhrte, ſprach er mit einer Miene, die weit mehr als gnaͤdige Herab⸗ laſſung ausdruͤckte:»Laß uns ein wenig plau⸗ dern, laß mich bei Dir ſitzen!« Doch entſchloſſen erwiederte Jettchen: „»Geſchaͤfte rufen mich, die vor der Ruͤckkunft meiner gnaͤdigen Gebieterin beſorgt ſeyn muͤſ⸗ ſen; drum laſſen Sie mich gehen— oder wollen Sie Herr Graf, daß ich meiner Pflicht vergeſſe?« ſetzte ſie bedeutender hinzu, als dieſer noch immer ihre Hand feſt in der ſeini⸗ gen hielt. Der Allzugnaͤdige ſchien beſchaͤmt, und ei⸗ ne Empfindlichkeit nicht verbergend, entgegnete ——— —— 151 NMMAVAAVWNAN er:»Wie gern moͤcht' ich Dich aller Ge⸗ ſchaͤfte uͤberheben, die mir ſo oft Deine Ge⸗ genwart rauben, und vielleicht— wenn einſt — die Zeit kann Vieles aͤndern! Doch eine Bitte wird mir jetzt mein holdes Jettchen ge⸗ wiß nicht abſchlagen?« »Wenn ich ſie erfuͤllen kann und darf!« erwiederte ſie, zur Erde blickend. »Nun ſo erlaube mir«— fuhr der Graf fort—»dieſen Granatenzweig gegen Dei⸗ ne Buſenſchleife auszutauſchen, ich will ſie ſelbſt auf meinem Buſen tragen— ich will—4 »Nein, nein! das kann, das darf ich nicht!« rief Jettchen ſchnell und wollte ſich entfernen; doch der Graf ließ ſie nicht von ſich und fragte wieder mit eiferſuͤchtigen Blik⸗ ken:»Wer koͤnnte Dir das wehren? Ich verſtehe— dieſe Schleife hat vielleicht eine hoͤhere Bedeutung als ich ahne, oder ſie iſt ſchon beſtimmt fuͤr— jal ich ſehe jetzt klar! mein Secretair iſt der Gluͤckliche, dem viel⸗ leicht eine Gunſt zu Theil wird, um die ich mich vergeblich bemuͤhe. Ein recht artiger 152 MWAAANMN Mann, der Secretair, nur noͤcht' ich bitten, ſich vorzuſehen e 8 „»Nicht weiter!« fiel ihm Jettchen tiefge⸗ kraͤnkt in die Rede.»Ich achte den Secre⸗ tair, weil ich ihn als einen kenntnißreichen und braven Mann kennen lernte, der ſich meiner uneigennuͤtzig und zuvorkommend an⸗ nahm, als ich in Ihr Haus eintrat, ich, die ich noch nie mit Perſonen hoͤhern Ranges in ſo nahe Verbindung gekommen war. Doch ſehe ich darin noch keinen Grund zu Ihrer Vermuthung, denn er hat ſich nie um mei⸗ ne Gunſt, wie Sie es verſtehen wollen, be⸗ worben.— Dieſe Schleife aber«— fuhr ſie fort, indem eine Thraͤne den reinen Spiegel ihres Auges truͤbte— viſt mir ein theures Andenken an meine gute, verewigte Mutter. Sie wiſſen, Herr Graf, ich bin arm— ich bin jetzt eine Waiſe! Meine gute Mutter hat mich mit unſaͤglichen Aufopferungen zur Tugend erzogen. Kurz vor ihrem Tode, an meinem letzten Geburtstage, truͤbte mehr als jemals unſre Armuth dieſes Feſt, an welchem ſie mich ſtets durch ein Geſchenk uͤberraſchte, ——— NVNMANMN welches ſie nur durch Entbehrungen mancher Art erſchwingen konnte. Doch diesmal— es war gerade Sonntags— weckte ſie mich unter Thraͤnen; die druͤckendſte Noth hatte ihr die Freude geraubt, mich wie ſonſt beſchen⸗ ken zu koͤnnen; einen Blumenſtrauß reichte ſie mir, und als ich mit ihr zur Kirche ge⸗ hen wollte, nahm ſie dieſe Schleife von ih⸗ rer Sonntagshaube, ſteckte ſie mir an die Bruſt, um mich damit zu ſchmuͤcken, und ſprach laͤchelnd und doch mit naſſem Auge: »y Heute, Jettchen, iſt dies Dein ganzes An⸗ gebinde.«.— Deshalb iſt mir dieſes einfache Band ſo unendlich theuer geworden, deshalb werde ich es nie verſchenken, es nie von mir laſſen.& Dieſe ſo natuͤrliche Erklaͤrung war nicht vermoͤgend, die blinde Eiferſucht des Grafen zu daͤmpfen, der ſie unglaͤubig, mit miß⸗ trauiſchen Blicken betrachtete. Doch bald wie⸗ der zur froͤhlichen Laune uͤbergehend, rief er lachend aus:»Kleine Naͤrrin! ich ſchenke Dir hundert Ellen andres Band dafuͤr, von allen Farben, und lieferſt Du mir die Schlei⸗ 154 NAUABAAANABN fe jetzt nicht freiwillig aus, ſo brauche ich Gewalt und glaube mehr als jemals an ein heimliches Liebesverſtaͤndniß zwiſchen Dir und dem Secretair. Da druͤckte Jettchen erbleichend beide Haͤn⸗ de auf die Schleife, das theure Kleinod zu ſchuͤtzen gegen jeden Angriff, doch der Graf beſtand nur deſto eigenſinniger auf ſeiner For⸗ derung und indem er ſeinen linken Arm um ihren Nacken ſchlang, verſuchte er's mit der Rechten, ihrer Haͤnde ſich zu bemaͤchtigen, um ſo die Schleife zu erhaſchen, doch nur eine Nadel, die ihn zur wohlverdienten Stra⸗ fe ſeines Frevels blutig ritzte, blieb in ſeiner Hand zuruͤck, als die Geaͤngſtigte ſeinen Ar⸗ men entſchluͤpfte. 1 Faſt erzuͤrnt blickte er der Fliehenden nach, ſchaute dann vorſichtig rings umher, ob auch kein Lauſcher des Auftritts Zeuge geweſen; doch zu ſpaͤt!— Er hatte vor wenigen Au⸗ genblicken nicht bemerkt, wie hinter der dun⸗ keln Taxushecke, unweit der Laube, ploͤtzlich ein hoher, eleganter Federhut emportauchte, unter dieſem aber, aus zorngluͤhendem Antliz⸗ 155 AMWÄDNNMN ze, ein flammendes Augenpaar die ganze Sce⸗ ne uͤberſchaute und eben ſo ſchnell wieder ver⸗ ſchwand. Dies Alles hatte er nicht bemerkt, ahnete daher auch das ſchwere Wetter nicht, welches ſich uͤber ſeinem Haupte zuſammen⸗ zog und ging, wenn gleich uͤbler Laune, doch in ſo fern beruhigt, daß er ſich ganz allein im Garten glaubte, auf weiten Umwegen nach den Wohngebaͤuden ſeines Ritterſitzes zu⸗ ruͤck.— 1 7. Indeſſen war Jettchen durch mehrere Gaͤn⸗ ge des großen Gartens dahingeeilt, als ſie, Athem ſchoͤpfend, ſich vom Grafen weit ge⸗ nug entfernt glaubte und nun langſamer ge⸗ hend, ploͤtzlich wie am Boden feſtgewurzelt ſtehen blieb, denn die Schleife, welche ſie ſo heldenmuͤthig vertheidigt, die ihr ſo un⸗ ausſprechlich theuer, war verſchwunden. Da ſtand die Arme, mit gefalteten Haͤnden, bleich vor Schrecken, im Auge heiße Thraͤnen. War das liebe Andenken an die beſte der Muͤtter dennoch eine Beute ihres Verfolgers geworden? war es ihr entfallen waͤhrend ih⸗ rer Flucht?— Um ſich vom Letztern zu uͤber⸗ zeugen, ging ſie langſam einige Schritte zu⸗ ruͤck, ſuchte aͤngſtlich und ſorgfaͤltig uͤberall— da ſtand ploͤtzlich ein junger Mann vor ihr, einfach, beinahe aͤrmlich gekleidet, doch von angenehmem Aeußern. Er ſchien durch ihren Anblick freudig uͤberraſcht und wollte ſo eben, nach einer ſtummen Verbeugung, ſie anre⸗ den, doch ehe er noch Worte finden konnte, erklang zornig aus der Ferne eine kreiſchende Stimm:»Jette! Jette! wird's bald? hier⸗ her!« worauf ſogleich die Gerufene, deren Blick immer noch am Boden haftete, erſchrok⸗ ken empor fuhr und im ſchnellen Laufe dahin eilte, bis ſie hinter der Pforte des Gartens verſchwand. Der junge Mann ſtand noch immer wie feſt gebannt, und blickte der lieblichen Er⸗ ſcheinung nach, die ſeinen Sinnen wie ein Zauberbild erſchienen war. Er hatte die Thraͤnen in ihrem Auge bemerkt, ihr ganzes Weſen ſchien aufgeregt von Angſt und Schmerz, ihre bleichen Wangen und alles dies gaben ihr einen unausſprechlichen Reiz, der den tiefſten Eindruck in ſeinem Herzen zuruͤck⸗ ließ. »Wuͤrde dir doch das Gluͤck zu Theil, zu ſinden, was ſie hier zu ſuchen ſchien; wahr⸗ ſcheinlich wuͤrden dann ihre Thraͤnen geſtillt, und fuͤr die Zuruͤckgabe des Verlornen dir vielleicht ein freundlicher Blick zu Theil wer⸗ den,« dachte er bei ſich ſelbſt und fing ſo⸗ gleich eifrig an, Schritt vor Schritt zu ſu⸗ chen rings umher, ohne nur den Gegenſtand zu kennen, den ſein Auge ſich zu erſpaͤhen bemuͤhte.»Ein koſtbares Kleinod mußte es ſeyn,« meinte er, hein Brillantring, eine goldene Kette oder ſo etwas dergleichen, da der Verluſt die wahrſcheinlich vormalige Be⸗ ſitzerin mit ſo augenſcheinlicher Angſt erfuͤllte.« Doch vergebens blieb ſein Bemuͤhen; ſo ſehr er auch ſeine Augen anſtrengte, es glaͤnzte und flimmerte nichts im Sande, die Erdbee⸗ ren laͤngs der Rabatten hatte er umſonſt 158 MWÄAWNN durchſtoͤrt und mancher glaͤnzende Kaͤfer hatte ihn ſchon getaͤuſcht, doch weder Gold noch Edelſteine zeigten ſich ſeinen forſchenden Blik⸗ ken, da— er wollte ſchon den Garten ver⸗ laſſen— erhob ſich ein kuͤhler Abendwind und trug auf ſeinen Schwingen— wie einen dunklen Schmetterling— aͤber das, in hun⸗ dert Farben prangende Tulpenbeet eine veil⸗ chenblaue Atlasſchleife zu ihm heruͤber und legte ſie ſanft zu ſeinen Fuͤßen nieder. Un⸗ willkuͤhrlich buͤckte er ſich danach, betrachtete ſeinen Fund kopfſchuͤttelnd von allen Seiten und ſchien zu uͤberlegen, ob wohl dies das Kleinod ſey, welches ſie ſo aͤngſtlich und mit Thraͤnen geſucht. Es ſchien ihm faſt unmoͤg⸗ lich, doch ſteckte er laͤchelnd die Schleife in ſeinen Buſen, als ein Bedienter ihn zum Grafen beſchied, der ihn jetzt ſprechen wol⸗ le.. 8. Auf dem Wege bis zu den graͤflichen Wohngebaͤuden uͤberlegte der junge Mann nochmals reiflich, ob es wohl moͤglich ſey, daß ein weibliches Weſen uͤber den Verluſt eines ſeidnen Bandes ſo außer ſich gerathen koͤnne? Er verwarf es geradezu, Citelkeit als Motiv dafuͤr aufzuſtellen, gruͤbelte hin und her und konnte doch am Ende keinen Auf⸗ ſchluß ſinden.»Ei was!« ſprach er endlich leiſe fuͤr ſich, yweiß ich doch nicht gewiß, ob gerade ihr die Schleife zugehoͤrt, und doch—« ein ſonderbares Gefuͤhl regte ſich in ſeinem Buſen und lauter klopfte ſein Herz un⸗ ter dem blauen Bande— er konnte den Wunſch nicht unterdruͤcken— ſie moͤchte es wirklich verloren habe. In einem geraͤumigen Vorſaale hatte er wohl eine Viertelſtunde ſchon gewartet und wurde in ſeinen Betrachtungen durch eine kei⸗ 160 fende weibliche Stimme unterbrochen, welche aus einem Nebenzimmer hell ertoͤnte, immer lauter und lauter, bis ſie endlich in die hoͤch— ſten, widrigſten Toͤne uͤbergehend, dem Ge⸗ ſchrei eines indianiſchen Raben mehr glich, als einem geſunden, menſchlichen Sprachor⸗ gane. Er ſtand verwundert uͤber die ſeltſame Weiſe, in unharmoniſchen Toͤnen ſich verſtaͤnd⸗ lich zu machen, doch bis zum Erſtaunen ſtieg ſeine Verwunderung, als er jetzt ploͤtzlich die Thuͤr ſich oͤffnen ſah und tief gebeugt, noch bleicher als vorhin, in allen Zuͤgen ihres An⸗ tlitzes den tiefſten Schmerz, wankte die ſchoͤ⸗ ne Unbekannte heraus, dicht bei ihm vor⸗ uͤber, ohne ihn zu bemerken, und ver⸗ ſchwand laut ſchluchzend auf dem Gange, der zu den Zimmern der Dienerſchaft fuͤhrte. Schimpfworte, Verwuͤnſchungen und handfe⸗ ſte Bibelſpruͤche ſchallten ihr nach aus der offe⸗ nen Thuͤr, im ſonderbarſten Gemiſch. Er ſtand ſprachlos und ein leiſes Zittern bemaͤch⸗ tigte ſich ſeiner, denn er konnte ſich des tief⸗ ſten Mitgefuͤhls fuͤr die arme Leidende nicht erwehren.— So— im Zuſtande der Be⸗ NMMAAAAAN taͤnbung wurde er zum Grafen gerufen, der ihm mit der Frage entgegentrat:»Sie ſind Tapezier, Herr Wilmers?« und auf ſeine be⸗ jahende Antwort fortſuhr:»Sind Sie im Stande, mir in kurzer Zeit ein neues Meuble⸗ ment fuͤr drei Zimmer modern und geſchmack⸗ voll zu liefern?« „Wenn der Herr Graf gerußen wollen, unter dieſen Zeichnungen einige Muſter aus⸗ zuwaͤhlen, oder mir beſtimmte Vorſchriften zukommen zu laſſen, wuͤrde ich mich beſtreben, in der kuͤrzeſten Zeit, die dazu erforderlich, Alles nach Ihrem Wunſche anzufertigen,« erwiederte Wilmers beſcheiden und zog einige Zeichnungen aus dem Buſen hervor, die er dem Grafen uͤbergab. Dieſer durchblaͤtterte die Papiere fluͤchtig, doch ploͤtzlich zogen ſich ſeine Augenbrauen fin⸗ ſter zuſammen, alle ſeine Geſichtsmuskeln zuckten und mit Geberden, die den heftigſten Zorn ausdruͤckten, trat er einige Schritte zu⸗ ruͤck, zog aus den Zeichnungen die blaue Schleife hervor und hielt ſie dem Staunen⸗ den drohend entgegen, indem er herriſch III. 11 162 ihm die Worte zurief:»Woher dies Band? 62 Der arme Wilmers fuhr erſchrocken zu⸗ ſammen. Er konnte die ploͤtzliche Bewegung des Grafen nicht begreifen, und verlegen ſtot⸗ terte er:»Es flog in der Luft herum— im Garten— zu meinen Fuͤßen— 4 HLuͤgen, unverſchaͤmte Luͤgen!« entgegnete der Zornige noch rauher als zuvor.»Mit einer ſo albernen Ausrede wollen Sie mir entſchluͤpfen? Soll ich Ihnen glauben, daß die Bandſchleifen in meinem Garten wie die Maikaͤfer herumfliegen!— Sie ſind ein Freund meines Secretair— er hat Sie mir dempfohlen— Sie wußten bereits um Alles— Sie machen den Zwiſchentraͤger, ich ſehe klar, ich durchſchaue Alles! Antworten Sie mir: Sie empfingen die Schleife im Garten von einer gewiſſen Perſon, um ſie dem Secretair einzuhaͤndigen— iſt's nicht ſo?« Immer dunkler wurde es vor des armen Tapeziers Augen, ſeine Gedanken verwirrten ſich, ſeine Beſtuͤrzung hatte den hoͤchſten Grad erreicht, und kaum vermochte er es MAAMNNAMN noch, die Worte hervorzubringen: dich weiß von nichts!« Da fuhr der Graf von Neuem wuͤthend auf:»Ihre Verlegenheit, Ihr Zittern ſtraft Sie Luͤgen! Fort! laſſen Sie ſich nie wieder vor mir blicken, oder ich moͤchte Ihnen un⸗ ſanfter begegnen. Doch, da Sie ein treuer, verſchwiegener Helfer ſind, muͤſſen Sie auch Ihren Auftrag vollkommen ausrichten. Hier iſt das Band, geben Sie es Ihrem Freunde, vergeſſen Sie aber nicht, ihm dabei zu ſagen, daß er ſich ſeinen Abſchied je eher, je lieber bei mir holen kann.« Unſanft ſchob er hier⸗ auf den Betaͤubten aus ſeinem Zimmer, der wie ein Traͤumender die breiten Stufen hin⸗ unter wankte und ſtarr auf die Schleife blik⸗ kend, die er in ſeiner Hand hielt, in der Mitte des Schloßhofes ſtehen blieb, die neu⸗ gierige Dienerſchaft nicht beachtend, die ſich zahlreich um ihn verſammelte. Endlich ſchien er zu erwachen aus ſeiner Betaͤubung und fragte mit gepreßtem Herzen den ihm zunaͤchſt ſtehenden Lakai: ob er den Secretair nicht ſprechen koͤnne? denn nur dieſer, ſo glaubt 11* 164 MWANNN er koͤnnte ihm Aufſchluß geben, uͤber alle die ſonderbaren Vorfuͤlle, die ihm waͤhrend ſeines kurzen Hierſeyns aufgeſtoßen. Doch wurde ihm bald die niederſchlagende Antwort: der Secreͤtair ſey vom Grafen, in Geſchaͤf⸗ ten, nach einem benachbarten Orte verſen⸗ det, und werde vielleicht erſt um Mitternacht zuruͤckkehren. So lange konnte er nicht war⸗ ten, ohne ſeiner Mutter die toͤbtlichſte Angſt zu verurſachen; er mußte ſich daher mit Ent⸗ huͤllung der ſonderbaren Begegniſſe bis zum andern Morgen gedulden, verbarg laut ſeuf⸗ zend die Ungluͤcksſchleife wieder in ſeinem Buſen und trat, mit der folternden Gewiß⸗ heit im Herzen, daß nun auch dieſe letz⸗ te Hoffnung, die ihm Rettung aus ſeinem Elende freundlich verheißen, in Nichts ver⸗ ſunken ſey, den Ruͤckweg nach der Reſidenz an. 165 MWMüMN 9. Stolz auf ſeine Klugheit, mit welcher er das vermeintliche Liebesverſtaͤndniß ſeines Se⸗ cretairs mit Henrietten durchſchaut und mit einem Schlage vernichtet zu haben glaubte, blickte der Graf zum Fenſter hinaus, die Landſtraße entlang, welche nach der Stadt fuͤhrte und verfolgte mit triumphirenden Blik⸗ ken den armen Auguſt, welcher einſam dahin wandelte. Doch bald wendete er ſeine Augen von ihm ab, denn ein Bauernwagen feſſelte jetzt ſeine ganze Aufmerkſamkeit, welcher ein weibliches Weſen ebenfalls nach der Reſidenz zu bringen ſchien. Der Wagen war noch nahe genug, um die weibliche Geſtalt vom Fenſter aus muſtern zu koͤnnen. Sie war in ein großes Umſchlagetuch eingehuͤllt— jetzt wendete ſie zufaͤllig ihr Antlitz nach dem Schloſſe zuruͤck— da trat der Graf erſtaunt vom Fenſter, denn Henriette war es, er 166 AAMMVN konnte nicht zweifeln. Noch einen Blick warf er ihr nach, und beim nahen Gehoͤlz war ſie verſchwunden. Was ſollte dieſer Aufzug be⸗ deuten? die Kammerjungfer ſeiner Gemahlin auf einem Bauernwagen, von Koffer und Schachteln umgeben? Nicht vermoͤgend, dieſe Naͤthſel zu loͤſen, eilte er hinaus, um von irgend Jemandem Aufſchluß zu erhalten, doch durfte er danach nicht lange forſchen; denn ſeine gnaͤdige Gemahlin trat ihm ſehr zornig entgegen und uͤberraſchte ihn mit der Nach⸗ richt, daß ſie ſo eben ihr Kammermaͤdchen Henriette ihres Dienſtes entlaſſen und augen⸗ blicklich nach der Reſidenz zuruͤckgeſchickt habe. Dieſer Mittheilung aber folgte alſobald eine ihrer gewoͤhnlichen Kraftpredigten, an wel⸗ cher fuͤrwahr Pfeffer und Salz nicht geſpart war, daß dem Grafen, waͤre er weniger leichtſinnig geweſen, gewiß die Augen haͤtten uͤbergehen muͤſſen. Doch der langen Rede kurzer Sinn mißſiel ihm gaͤnzlich, weshalb er wirklich froh war, als er ſich wieder allein befand. So viel war ihm klar, daß er vor⸗ hin im Garten von ſeiner Gemahlin belauſcht 4167 worden ſey, und daß nun die arme Henriet⸗ te ein Opfer ſeines Leichtſinns geworden ſey. Der Wagen ſollte ſie nur bis nach der Re⸗ ſidenz bringen, alſo blieb ſie vielleicht vor⸗ laͤufig dort, bis ſie eine neue Condition ge⸗ funden, und ſo waren ja auch ſeine Hoff⸗ nungen durch ihre Entfernung noch nicht ganz vernichtet. Aber der Secretair— denn daß dieſer von ihn heimlich beguͤnſtigt, ihm vorgezogen werde, glaubte er ſicher, obgleich er keinen hinreichenden Grund dafuͤr hatte— der Secretair mußte von ihr getrennt werden. Seinen Vorſatz, ihn gaͤnzlich zu verabſchie⸗ den, verwarf er deshalb und beſchloß, um ſeine Schritte deſto beſſer leiten und verfolgen zu koͤnnen, ihn nach wie vor in ſeinen Dien⸗ ſten zu behalten. Um Mitternacht kam Theo⸗ dor endlich zuruͤck und erſtaunte nicht wenig, ſeinen Gebieter noch wachend zu ſinden, der ihn bis jetzt erwartet hatte und ſehr angele⸗ gentlich Auskunft uͤber den Erfolg ſeiner Ge⸗ ſchaͤfte von ihm begehrte. Mit den ſchmei⸗ chelhafteſten Lobſpruͤchen und dem Ausdrucke gaͤnzlicher Zufriedenheit uͤber die gelungene 168 NMWAVMWWMW Ausrichtung ſeiner Auftraͤge wurde der Secre⸗ tair belohnt, welcher, ermattet, ſich nach Ruhe ſehnte, doch zu ſeinem Erſtaunen den Befehl vernahm, ſich augenblicklich zu einer viel weiteren Reiſe nach des Grafen Guͤtern in Boͤhmen zu ruͤſten. Seine Inſtruktionen fuͤr die dort abzumachenden Geſchaͤfte wurden ihm ſchriftlich nebſt einer vollen Boͤrſe einge⸗ haͤndigt, er ſelbſt aber mit der freundlichſten Hoͤflichkeit zur Eile angetrieben, daß er we⸗ nigſtens in einer Stunde ſeine Reiſe antreten koͤnne. So ſehr der Befehl des Grafen den Secretair auch uͤberraſchte, wie ſehnlich er auch wuͤnſchte, ſeinen Freund Wilmers vor ſeiner Abreiſe wenigſtens noch einmal ſprechen zu koͤnnen, wendete er, ſeiner Pflicht getreu, doch die moͤglichſte Eile an, ſo daß er noch vor Verlauf einer Stunde wieder im Wagen ſaß, der ihn nach dem weit entlegenen Boͤh⸗ men fuͤhren ſollte, ohne eine Ahnung uͤber die Veranlaſſung ſeiner ſchleunigen Reiſe, oh⸗ ne zu wiſſen, wenn er zuruͤckkehren wuͤrde. 169 10. Erſchoͤpft kam Wilmers bei ſeiner Woh⸗ nung an und wurde vom Herrn Tobias Wen⸗ zel wieder mit der Frage empfangen:»Nun, wie ſteht's?« Verzweifelnd faſt blickte der Gefragte zum Himmel und ein tiefer Seuſbes war ſeine ganze Antwort.. »Aha! ich merke ſchon!« entgegnete der harte Hausherr.»Der Herr Graf haben ſich anders beſonnen— denn Sie kommen doch von ihm? Ja, ja! heute Nachmittag, als Sie mir ſo viel erzaͤhlten von Ihren brillan⸗ ten Ausſichten auf die vornehme Kundſchaft, da hing der Himmel voll Geigen und jetzt— jetzt ſind wir wieder auf dem alten Flecke, das heißt, wir ſitzen noch immer in der Din⸗ te. Wahrſcheinlich haben der Herr Graf er⸗ fahren, daß mein Schwiegerſohn der erſte Tapezier zehn Meilen in der Runde iſt, und ſich deshalb nicht mit Ihnen eingelaſſen, denn geſtehen Sie's nur, er hat Sie ohne Beſtel⸗ lung wieder heimgeſchickt.« Kleinlaut bejahete Wilmers und Wenzel fuhr fort:»Konnte mir's gleich denken; kein Credit, kein Ruf, keine Kundſchaft! Aber verzweifeln Sie deshalb noch nicht. Ich habe mir ein Plaͤnchen ausgedacht und wenn Sie meinem Nathe folgen, will ich Sie bald wie⸗ der auf die Beine bringen. Ich war dieſen Nachmittag ſchon auf dem Wege, um beim Gerichte Ihre Pfaͤndung auszuwirken, doch dacht' ich: habe Gott vor Augen und im Herzen, kehrte wieder um und ging zu mei⸗ nem Schwiegerſohne. Das iſt auch ſo ein Mann, der feſt an ſeiner Bibel haͤngt, wie der Firniß am Eichenholz, deshalb wurde mir's auch gar nicht ſchwer, nachdem ich ihm Ihre erbaͤrmliche Lage vorgeſtellt, etwas bei ihm fuͤr Sie auszuwirken. Er will Sie als Gehuͤlfen in Arbeit nehmen mit Koſt und Lohn; wohl zu merken: die Koſt moͤgen Sie nach Ihrem Belieben verwenden, aber den Lohn, ich meine das baare Geld, bitte ich mir aus, ſo lange, bis die drei Quar⸗ 171 AMAAGAMN tale Miethe, die Sie mir ſchuldig, abgear⸗ beitet ſind. Was ſagen Sie nun? bin ich ein Mann nach Gottes Wort?X Im Herzen tief empoͤrt uͤber den Antrag des Tiſchlermeiſters ſchlug Wilmers die Augen zu Boden und ein hartes Wort ſchwebte ſchon auf ſeiner Zunge, doch ſeiner huͤlfloſen Lage gedenkend, kaͤmpfte er die heftige Bewegung gewaltſam nieder und ging, ohne eine Sylbe zu erwiedern, langſam die Treppe hinauf nach ſeinem Zimmer. Doch Herr Wenzel, dadurch beleidigt, rief ihm zornig nach:»Sie wollen alſo nicht?— Auch gut— ſo bleibt's morgen bei der Pfaͤndung!« und dabei ließ er ſein hoͤhniſches Gelaͤchter durchs ganze Haus er⸗ ſchallen. 11. Als Wilmers ins Schlafzimmer ſeiner Mutter trat, fand er, daß ſich ihr Krank⸗ heitszuſtand in ſeiner Abweſenheit verſchlim⸗ 172 MWAᷓaAAA mert. Matt ſtreckte ſie ihm die Hand entge⸗ gen und ſuchte Troſt und Huͤlfe in ſeinen Mienen. Er aber wendete ſein Geſicht von ihr, ging in eine Ecke der Kammer und weinte laut; dann ging er wieder zu ihrem Bette, kuͤßte mit kindlicher Inbrunſt ihre abgezehrte Hand und verließ eilig das Zim⸗ mer. Mit wahrer Todesangſt im Herzen ſuchte er den Arzt auf, welcher ſeine kranke Mutter bisher behandelt. Dieſer verordnete einige Mittel und Auguſt ſuchte ſeine letzte Baarſchaft zuſammen, um ſogleich die Me⸗ dicamente in der Apotheke bereiten zu laſſen. Er ging ſelbſt dahin, und als er mit den Arz⸗ neien zuruͤckkehrte, war er auch ruhiger ge⸗ worden, denn er hatte einen Entſchluß ge⸗ faßt, der wenigſtens momentane Huͤlfe ver⸗ ſprach. Nach einer Stunde verſiel ſeine Mut⸗ ter in einen ſanften Schlaf, welcher ziemlich die ganze Nacht hindurch anhielt, und am andern Morgen packte Auguſt leiſe ſein Bett zuſammen, das einzige, welches dem Armen, außer dem, welches ſeiner Mutter zum Kran⸗ kenlager diente, noch uͤbrig geblieben, und trug „ 173 MWMAVANN es die Treppe hinab zu ſeinem Hauswirth, der eben ſein reichliches Fruͤhſtuͤck einnahm. Schuͤchtern und erroͤthend vermochte er es kaum ſein Anliegen vorzubringen, bis Wen⸗ zel endlich muͤrriſch mit der Frage herauspol⸗ terte:»Was ſoll denn der Kram in meinem Zimmer?« Da erwiederte Wilmers mit Faſſung: »Ich komme, Herr Wenzel, Ihnen zu ſagen, daß ich jetzt Ihren Vorſchlag anzunehmen be⸗ reit bin. Ich will bei Ihrem Schwiegerſohn ein Arbeit treten, aber da Sie meinen Lohn fuͤr Ihre Schuld beziehen wollen, ſo wuͤrde meine Mutter doch ohne Huͤlfe bleiben, deshalb bit⸗ te ich Sie um ein Darlehn von zehn Tha⸗ lern— „»Aha! ſind Sie endlich heruntergeſtiegen vom hohen Pferde?« ſiel ihm der Tiſchler⸗ meiſter freundlicher ins Wort.—»Ja, ja! Noth lehrt beten! Alſo Sie gehen morgen zu meinem Schwiegerſohne in Arbeit; aber wie kommen Sie auf den Gedanken, von mir ein Darlehn zu verlangen?« 174 Lief gekraͤnkt erwiederte Wilmers:»Sie ſehen, ich biete Ihnen ja als Pfand—« doch mit der herzloſeſten Geringſchaͤtzung fuhr Wen⸗ zel fort:»Ich ſehe wohl, Sie bieten mir ein Bett zum Pfand, was eigentlich von Rechtswegen mir ſchon zugehoͤrt, ſo wie Ih⸗ re ganzen Siebenſachen, denn wenn ich hart verfahren will, ſo laſſe ich Sie morgen auf die Straße ſetzen; aber ich bin ein chriſtlicher Mann, alſo ohne viele Worte: hier ſind fuͤnf Thaler auf Ihr Pfand, das iſt eigentlich weit mehr, als Sie verlangen koͤnnen, und nun gehen Sie gleich zu meinem Schwiegerſohne, arbeiten Sie fleißig, daß ich bald zu meiner Miethe komme.& Wilmers hatte das Geld empfangen, doch ſeine Hand zog ſich krampfhaft zuſammen, die innere Empoͤrung war aufs Aeußerſte ge⸗ ſtiegen, und ſchon war er bereit, dem herzlo⸗ ſen Manne ſein Geld vor die Fuͤße zu wer⸗ fen; da trat das Bild ſeiner leidenden Mut⸗ ter lebhafter als jemals vor ſeine Seele, und alle die uͤbeln Folgen, die ein ſolches Betra⸗ gen nach ſich ziehen konnte, gingen drohend 175 MAAAAN an ihm voruͤber, ſo daß er, feſt die Hand auf ſeine ſturmbewegte Bruſt gedruͤckt, mit einer heißen Thraͤne auf der bleichen Wange, ſchweigend das Zimmer verließ. 12. Es waren wohl acht Tage vergangen und Wilmers hatte in ſtiller Ergebenheit die De⸗ muͤthigung ertragen, bei einem ehemaligen Gehuͤlfen ſeines Vaters, der deſſen Sturz in die tiefſte Armuth vorbereitete, ſelbſt als Ge⸗ huͤlfe arbeiten zu muͤſſen. Er verdoppelte ſei⸗ nen Fleiß, theils um die druͤckende Schuld bald abzutragen, theils auch um einige Au⸗ genblicke Zeit zu gewinnen, die er der Pflege ſeiner kranken Mutter widmen konnte. Doch Leiden und Entbehrungen aller Art, die ſchlafloſen Naͤchte, die er, am Bett ſeiner Mutter ſitzend, zubrachte, da er ſein eignes Ruhelager fuͤr ſie geopfert, ſo wie der uͤber⸗ triebene Fleiß bei ſeinen Arbeiten, hatten ſei⸗ 176 AAAAN ne Geſundheit gewaltig erſchuͤttert, und mit Schrecken ſah er den Augenblick herannahen, wo er ſelbſt das Krankenlager wuͤrde einneh⸗ men muͤſſen, welches ſeine Mutter bei fort⸗ ſchreitender Geneſung nun vielleicht bald ver⸗ laſſen ſollte. So befand er ſich denn auch heute, gerade an einem Sonntage, im Ar⸗ beitsſaale des Tapeziers Daviſon, um eine geſtern nicht ganz beendigte Arbeit am fruͤhen Morgen zu vollenden. Geſellen und Lehrlin⸗ ge feierten heute, nur er bemuͤhte ſich außer dem gewoͤhnlichen Wochenlohn noch eine Klei⸗ nigkeit zu verdienen, um ſeiner Mutter eine Erquickung verſchaffen zu koͤnnen. Da ging Frau Daviſon an ihm voruͤber; ihr ſpoͤtti⸗ ſcher Morgengruß, ihr hoͤhnender Blick blie⸗ ben von ihm unbemerkt, doch als ſie an der Thuͤr ihres Zimmers wieder umkehrte, ſeine gelungene Arbeit geringſchaͤtzend muſterte, ja ſogar tadelte, trat hohe Roͤthe auf ſeine blei⸗ chen Wangen, und im Begriff, ſich gegen dergleichen kraͤnkende Aeußerungen zu verthei⸗ digen, oͤffnete er ſeine Lippen. Doch lautlos ſchloß ſich ſein Mund, als in demſelben Au⸗ 177 MWMAANNAMN genblick jene liebliche Geſtalt ins Zimmer trat, welche er ſchon einmal auf dem Gute des Grafen Wildenſtein erblickt hatte. Sie war es ſelbſt, er konnte nicht zweifeln, denn ſeit ihrem erſten Anblicke hatte ſich ihr Bild tief in ſeine Seele eingepraͤgt, und er konnte ſich ohne das innigſte Mitgefuͤhl jener Scene nicht erinnern, deren Zeuge er im Vorſaale der graͤflichen Zimmer geweſen war. Schon laͤngſt hatte er ſich bemuͤht, dieſe Scene, des Maͤdchens erſtes Erblicken im Garten, ſeinen Freund Theodor, und die blaue Schleife in irgend eine Verbindung mit der raͤthſelhaften Aufnahme des Grafen zu bringen, ohne je⸗ mals den erwuͤnſchten Aufſchluß zu erhalten. Schon laͤngſt hatte er ſich nach der Ruͤckkehr Theodors geſehnt, den er ſchon einige Mal vergebens aufgeſucht und der, wie er glaub⸗ te, dies Alles zu enthuͤllen im Stande war. Das Bild dieſes Maͤdchens, welches ihm oft im Traum und Wachen freundlich entgegen⸗ trat, ließ ihn zuweilen ſein eignes Leid ver⸗ geſſen, da er mehr als Mitleid fuͤr die Un⸗ gluͤckliche, wie ſie ihm damals erſchienen war, III. 42 178 AAAAA fuͤhlte, und er wuͤnſchte zuweilen recht in⸗ nig, ſie ſelbſt einmal wiederzuſehen. Sein Wunſch war erfuͤllt. Da ſtand ſie dicht vor ihm, nicht mehr mit kummervoller, aͤngſt⸗ licher Miene, und ihr freundlicher Gruß war an ihn zuerſt, dann an Frau Daviſon ge⸗ richtet. Sie ſchien ſich ſeiner auch zu erin⸗ nern, denn ohne die Gegenwart der Haus⸗ frau zu beachten, ruhte ihr klarer, ſeelen⸗ voller Blick lange auf ihm, der eben ſo, in ihrem Anſchauen verſunken, muͤſſig ihr ge⸗ genuͤber ſtand, unbewußt was er that, den Hammer, womit er eben Borden aufgezweckt, von ſich warf und mit dem linken Ellenbogen ein hinter ihm ſtehendes Farbengefaͤß herun⸗ terſtieß, daß es polternd in Scherben zer⸗ brach. „»Auh! Donnerwetter!« rief ploͤtzlich die Gattin des engliſchen Tapeziers, und mit ſo durchdringender Stimme, daß dadurch die ab⸗ weſenden Geiſter der Schauenden in die All⸗ tagswelt zuruͤckgerufen wurden, denn jetzt erſt bemerkte Wilmers, daß ſein bei Seite gewor⸗ fener Hammer die Fußſpitzen der Frau Davi⸗ 179 ſon ſehr unſanft beruͤhrt hatte und durch das Zerbrechen des Gefaͤßes die darin enthalten geweſene beizende Farbe in tauſend Tropfen weit im Zimmer umhergeſpruͤtzt war. »Plagt Sie dieſer und jener?« fuhr ſie mit dem Ausdruck des hoͤchſten Zornes gegen Wilmers fort.»Wo haben Sie, denn Ihre Augen? oder glauben Sie, daß meine Fuͤße gepolſtert ſind? Wehe Ihnen! wenn Sie mir dieſe Schmerzen mit Willen verurſachten, dann wollte ich Sie dafuͤr peinigen— peini⸗ gen, daß in drei Tagen nur noch ein ganz kleiner Schatten von Ihrer Geſtalt uͤbrig ſeyn ſollte! Ja, peinigen wollt' ich Sie— auh!« Der Schmerz verhinderte ſie weiter zu reden, obgleich ſie, auf dem geſunden Fuße balanci⸗ rend, noch immer durch wuͤthende Geberden ihren Zorn auszudruͤcken ſich bemuͤhete. dieſer Vorfall, weil er dadurch leicht in den Verdacht einer kleinlichen Rache ſallen konnte, welche ſeiner geraden, ehrlichen Denkungsart doch ſo fremd war. Er entſchuldigte beſchei⸗ den, er betheuerte, daß er abſichtslos, nur 12*† 180 NWAANNANAN durch Zufall die Veranlaſſung gegeben habe, ihr dieſe Schmerzen zu bereiten; doch um⸗ ſonſt. Nur erbitterter wurde die Gereizte, ſprach in deutſchen und engliſchen Ausrufun⸗ gen, die ſie wahrſcheinlich ihrem Gatten ab⸗ gelernt, Schmerz und Wuth aus und drehte ſich dabei noch immer vor Wilmers, wie ein Kreiſel, auf einem Beine herum. Doch jetzt trat Jettchen, welche Wilmers wachſende Verlegenheit bemerkt, ſchnell zwiſchen Beide, oͤffnete das weiße Paͤckchen, welches ſie un⸗ term Arme trug und ſprach:»Ich bringe hier Ihr Kleid, liebe Madam. Ich glaubte, Sie wuͤrden es vielleicht zum heutigen Buͤrgerbal⸗ le—«K „Kleid— Ball—« wiederholte ploͤtzlich beſaͤnftigt Frau Daviſon und ſtand wieder feſt auf beiden Beinen, indem ſie mit Falkenblik⸗ ken das ſeidene Gewand muſterte. Doch fin⸗ ſtrer und immer finſtrer wurden ihre Mienen und dichter noch als zuvor lagerten ſich dunkle Wolken auf ihrer Stirn, bis ſie endlich, zu⸗ ruͤcktretend, beide Haͤnde zuſammenſchlug und wie vernichtet ausrief:»Iſt das veilchenblau? NMAAANMN Mamſell, wer Ihnen das Faͤrben beigebracht, der hat's am juͤngſten Tage zu verantworten. Das ſoll veilchenblau ſeyn? das iſt ja viel zu dunkel, und die Flecken uͤberall— hier und hier!— Packen Sie nur gleich wieder zu⸗ ſammen, das Kleid nehme ich gar nicht an. Ich verklage Sie, wenn Sie nicht heute noch das ganze Kleid bei Heller und Pfennig be⸗ zahlen; ſechszehn Thaler koſtet mich das Zeug dazu!« Wilmers blickte auf Hensietten; ſie ſtand niedergeſchlagen, zur Erde blickend, ohne eine Vertheidigung hervorbringen zu koͤnnen. Sei⸗ ne innige Theilnahme war rege geworden, und gutmuͤthig vermittelnd trat er naͤher und ſprach, nachdem er das Kleid aufmerkſam be⸗ trachtet:»Aber die Farbe iſt ja ſo ſchoͤn, das ſchoͤnſte Veilchenblau, was ich je geſehen! Es liegt ja ein Glanz darauf, als ob das Zeug neu aus dem Laden kaͤme.« Doch gerade ſeine wohlgemeinte Vermit⸗ telung erweckte den Zorn der Frau Daviſon aufs Neue.»Wer hat Sie um Ihre Mei⸗ nung gefragt?« fuhr ſie auf den Armen los. 182 „ Haben Sie jetzt ſo ſcharfen Blick, warum waren Sie denn vorhin blind, als Sie mei⸗ ne Stubendielen lackirten und mit Ihrem Hammer wie toll um ſich warfen? Kurz und gut: ich will das Kleid nicht haben, die Mamſſell bezahlt es, oder ich klage!« Damit ſtuͤrmte ſie in ihr Zimmer und ließ die Be⸗ troffene allein mit Wilmers. Langſam erhob Henriette den Blick vom Boden, wehmuͤthig laͤchelnd ſchaute ſie durchs Fenſter hinaus in die blauen Wolken, und fuͤſtert leiſe fuͤr ſich:»Dort oben iſt des Ar⸗ men Ruheſtatt, er findet hier auf Erden we⸗ der Schutz noch Frieden!« Schweigend nahm ſie dann das Kleid, ſchweigend verbeugte ſie ſich dann gegen. Wilmers und entfernte ſich langſam und traurig. Er aber verfolgte ſie mit ſeinen Blicken und als ſie verſchwunden war, lag eine Zentnerlaſt auf ſeinem Her⸗ zen. Ihre letzten Worte waren ihm nicht entgangen und hatten tief ſein Herz getroffen. Auch er blickte in die blauen Wolken hinauf, ſeufzte tief— da ſchlug ihn Herr Daviſon unfreundlich auf die Schulter, mit der Wei⸗ 183 MMAAWWA ſung, ſich zu entfernen und ſein Haus nie mehr zu betreten. Ohne Gegenrede gehorchte Wilmers, und ſo betrat er ſeine aͤrmliche Wohnung, ohne Hoffnung, arm wie ſonſt, mit der noch nie gekannten Qunl der erſten Liebe im Herzen. 13. Nachdem Henriette den Dienſt bei der Graͤfin Wildenſtein verlaſſen, begab ſie ſich nach der Reſidenz, wo ſie bei einer alten, armen Wittwe, einer Freundin ihrer verſtor⸗ benen Mutter, einen Zufluchtsort fand. Hier beſchloß ſie vorlaͤuſig einen Verſuch zu machen, mit ihren erlernten Kenntniſſen und Geſchick⸗ lichkeiten im Seidenfaͤrben, Spitzenwaſchen, Federſchmuͤcken und feinen Naͤthereien ihren Unterhalt zu verdienen. Doch da es Mehrere in der Stadt gab, die auf dieſelbe Weiſe ihren Erwerb ſuchten, wurde ihr es freilich ſchwer, Kundſchaft und Vertrauen zu gewin⸗ nen: Um ſo mehr war ſie erfreut, als ſie vor einigen Tagen den Auftrag von Frau Da⸗ viſon erhielt, ein weißes Kleid von Satin⸗ turque veilchenblau zu faͤrben, mit dem Ver⸗ ſprechen der beſten Empfehlungen bei allen Freundinnen und Bekannten, im Fall ſie ſich dieſes Auftrags zu ihrer Zufriedenheit ent⸗ ledigen wuͤrde. Jettchen hatte bei dieſer Ar⸗ beit ihre ganze Geſchicklichkeit aufgeboten und glaubte wenigſtens ein kleines Lob damit ein⸗ zuaͤrnten, doch um ſo ſchmerzlicher ſah ſie ſich getaͤuſcht, als die harte, launenhafte Frau ihr Mißfallen auf eine ſo kraͤnkende Art zu erkennen gab und ſie durch Zuruͤckgabe des Kleides in die groͤßte Verlegenheit ſetzte. In ihrer Wohnung angekommen, ſchlug ſie es nochmals auseinander und pruͤfte es mit truͤbem Auge; da bemerkte ſie wirklich an ver⸗ ſchiedenen Stellen kleine und groͤßere gelbe Flecke, welche bereits, wie es ſchien, die blaue Farbe weggebeizt hatten. Sie rief die alte Frau, bei welcher ſie wohnte, und die⸗ ſe beſtaͤtigte ebenfalls, was ihre eignen Au⸗ gen ſahen, doch mit der Betheurung, daß 185⁵ MWᷓAʒAVNN das Kleid, welches ſie ſelbſt zuſammengelegt, voͤllig fleckenrein geweſen ſey, als ſie es in das weiße Tuch eingeſchlagen. Auch dieſes Tuch wurde nun beſichtigt und hier fanden ſich ebenfalls die gelben Farbenflecke, die wahrſcheinlich durchgedrungen und ſo das Kleid beſchaͤdigt hatten; auch ihr eignes Kleid war an verſchiedenen Stellen mit derſelben Farbe beſpruͤtzt. Jetzt wurde Jettchen Alles klar: das Herabwerfen des Farbentopfs war an Al⸗ lem Schuld, hatte ihr dies Leid verurſacht; denn ſie kannte den harten Sinn der Tape⸗ ziersfran und konnte von ihr weder Mitleid noch Erlaß des Schadenerſatzes hoffen. Ihr ganzes Vermoͤgen faſt an baarem Gelde muß⸗ te geopfert werden, um ſich vor gerichtlicher Belangung zu ſichern. Ohne der Alten, welche das ganze Begegniß ausfuͤhrlich wiſſen wollte, den eigentlichen Urheber des Unfalls zu verrathen, deſſen Namen ſie ſelbſt nicht einmal wußte, obgleich ſie ſich recht gut er⸗ innerte, ihn auf Moorleben geſehen zu haben, ging ſie nach ihrem Koffer, nahm ein klei⸗ nes Kaͤſtchen heraus, welches, außer einigen 186 NMAAVANNN Andenken von ihrer Mutter, ihre ganze, klei⸗ ne Baarſchaft enthielt, und zaͤhlte davon ſechs⸗ zehn Thaler ab, ſo daß ihr davon faſt nichts mehr uͤbrig blieb. So ſchmerzlich ihr auch ein ſolcher Verluſt bei ihrer Armuth ſeyn mußte, ließ ſie doch kein Wort der Klage hoͤren, ja, ſie entſchuldigte bei ſich ſogar die Unvorſichtigkeit des jungen Mannes, denn ſeine freudige Ueberraſchung bei ihrem Anblik⸗ ke, welche ihr nicht entgangen war, hatte ja den Unfall herbeigefuͤhrt. Sie wußte ſelbſt nicht, warum ihr der Verluſt des Geldes jetzt weniger empfindlich war, da ſie ſich ihn als den unſchuldigen Urheber ihres Schadens dachte, ihn, der ja in allen Zuͤgen ſeines bleichen Geſichtes die tiefen Spuren des Lei⸗ dens trug; deshalb war ſie auch ſogleich be⸗ reit, ohne auf die jammernde Alte zu hoͤren, den verlangten Schadenerſatz zur Frau Davi⸗ ſon zu bringen. Der junge Mann hatte ge⸗ wiß nicht geahnet, daß ſeine Unvorſichtigkeit ihr ſo großen Schaden zugefuͤgt, deshalb ſoll⸗ te ihm auch Alles verborgen bleiben; doch in⸗ dem ſie gehen wollte, trat raſch und munter WMAAAAAN des Jaͤgers Frau, der beim Grafen Wilden⸗ ſtein angeſtellt war, zu ihr ins Zimmer und begann mit gelaͤufiger Zunge:»Ach wie lan⸗ ge habe ich mich nach Ihnen geſehnt, mein liebes, goldnes Herzens⸗Jettchen! Ich glaub⸗ te, Sie wuͤrden mich laͤngſt einmal heimſuchen im Forſthauſe, aber da haͤtt' ich lange war⸗ ten koͤnnen. Endlich ließ mir's keine Ruhe mehr, ich mußte doch ſelbſt einmal ſehen, wie's Ihnen geht, und da bin ich nun und gehe nicht eher wieder fort, bis Sie mir ver⸗ ſprochen haben, mich heute noch zu beſu⸗ chen.& „Sie wiſſen«— erwiederte Jettchen— „daß ich wegen eines kraͤnkenden Verdachtes, der mich doch ſo unſchuldig traf, von der Frau Graͤfin meines Dienſtes entlaſſen wurde, und werden darin den Grund finden, daß ich das graͤfliche Gut gaͤnzlich meide.& »Weiß Alles, Alles le fuhr die Jaͤgers⸗ frau fort.»Die gnaͤdige Frau Graͤfin iſt ei⸗ ne wunderliche Heilige. Man erzaͤhlt ſich jetzt uͤberall, ſie wuͤrde ſich von ihrem Gemahl ſcheiden laſſen, weil ſie ihn erſt kuͤrzlich wie⸗ 188 NWMAVNUNAN der mit der Muͤllerstochter auf Schleichwegen ertappt. Kommen Sie nur getroſt; Sie koͤnnen ja das Gut umgehen, wenn Sie den Weg durchs Holz einſchlagen— ein herrlicher Spaziergang— ei der Tauſend!« unterbrach ſie ſich ploͤtzlich, ywas haben Sie da fuͤr ein wunderſchoͤnes Kleid?« und mit der groͤßten Aufmerkſamkeit betrachtete ſie das Kleid, wel⸗ ches noch ausgebreitet auf dem Tiſche lag. Jettchen bekannte offen, welche Bewand⸗ niß es mit dem Kleide habe und die Jaͤgers⸗ frau begann aufs Neue:»Ei ſieh doch! Wenn Sie mir es ablaſſen wollten, kaͤme mir's gerade zu Statten. Kuͤnftigen Sonntag ſoll ich bei Verwalters Gevatter ſtehen und dazu fehlt mir ein Paradekleid, denn neben der Frau Paſtorin muͤßte ich mich mit mei⸗ nem Alltagsfaͤhnchen verſtecken. Die Flecken freilich— doch unſer Eins kann ja nicht Al⸗ les ſo proper haben! Wiſſen Sie was? die⸗ ſen Nachmittag iſt mein Mann zu Hauſe, kommen Sie zu uns und bringen Sie das Kleid mit, aber nur ſo wie von ungefaͤhr; ich gebe Ihnen mein Wort, ich will ihn — —— MAÄAAN ſchon herum kriegen, daß er mir es kauft, wenn Sie nur einen billigen Preis ma⸗ chen.& Jettchen, von ihrer alten Frenndin Aber⸗ redet, verſprach zu kommen, und bald dar⸗ auf entfernte ſich auch die Jaͤgersfrau wie⸗ der. 14. 8 4 Nicht ne Oangigkeit trat Hentiette am Nachmittage deſſelben Tages allein den Weg nach der Foͤrſterwohnung an, da ihre alte Freundin durch nothwendige Geſchaͤfte verhin⸗ dert wurde, ſie zu begleiten. Alle Straßen und Promenaden vor den Thoren waren von Spaziergaͤngern belebt; nur das Gehoͤlz, wel⸗ ches ſich wohl eine Meile weit erſtreckte, war faſt menſchenleer. Schon war die einſam wandernde Henriette tiefer ins Holz gekom⸗ men, wo der Wald immer dichter, der Weg immer enger wurde, und ſcheu und aͤngſtlich 190 blickte ſie jetzt umher, denn weder vor ihr, noch hinter ihr war ein menſchliches Weſen zu gewahren. Raſcher ſchritt ſie vorwaͤrts, um das Jaͤgerhaus deſto eher zu erreichen, welches, ihrer Meinung nach, nicht mehr weit entfernt ſeyn konnte. Doch immer tiefer ge⸗ rieth ſie in den Forſt und bald kreuzten ſich die Wege nach allen Himmelsgegenden, Alles kam ihr ſo fremd vor und mit Schrecken be⸗ merkte ſie jetzt erſt, daß ſie ſich verirrt habe. Sinnend ſtand ſie noch, rings die Gegend be⸗ trachtend, und war eben im Begriffe wieder umzukehren, als ein Kanonenſchuß von den Waͤllen der Reſidenz zu ihr heruͤberdonnerte. Dem erſten folgte bald ein zweiter— ein dritter.— Sie wußte wohl, daß ihr Landes⸗ fuͤrſt ein friedliebender Mann war und keines⸗ wegs in feindlicher Abſicht ſeine ſieben Kano⸗ nen aufpflanzte, dennoch erſchreckte ſie der Donner derſelben ſo ſehr, daß ſie an allen Gliedern zitterte. Das mußte ein Signal, ſeyn, und die Bedeutung ſolcher Signale war ihr, wie jedem Bewohner der Reſidenz, be⸗ kannt genug, um ihre Angſt aufs Hoͤchſte zu 191 NMMAAAN ſpannen; denn ein ſolches Laͤrmzeichen wur⸗ de gewoͤhnlich nur in zwei Faͤllen gegeben: Erſtens, wenn ein Baugefangener, oder ſonſt ein ſchwerer Verbrecher ſeiner Haft entſprun⸗ gen war, oder: Zweitens, bei Ueberſchwem⸗ mungen, die der nahe Strom oͤfters herbei⸗ fuͤhrte, um das Steigen des Waſſers, oder den Durchbruch eines Deiches zu verkuͤnden. Doch dem letzten Falle konnte diesmal das Signal nicht gelten, da ſie vor wenigen Mi⸗ nuten erſt hart am Strome voruͤbergegangen, der ſich ruhig zwiſchen ſeinen Ufern fortbeweg⸗ te. War aber ein Baugefangener entſprun⸗ gen, ſo hatte er gewiß den nahen Wald zu ſeinem Verſteck erwaͤhlt, da die uͤbrigen Um⸗ gebungen der Stadt, ſo weit das Auge reich⸗ te, nur eine Ebene erblicken ließen.— Sie ſtand noch einige Augenblicke ſinnend, doch ſtieg ihre Angſt immer hoͤher, als noch immer fort die tiefſte Stille rings herrſchte, nur vom Summen eines Kaͤfers, oder vom Lok⸗ ken eines Vogels unterbrochen. Schnell ent⸗ ſchloſſen ging ſie endlich einige Schritte zu⸗ ruͤck, auf dem Wege, den ſie gekommen, 192 WAVUNNN doch ploͤtzlich ſtand ſie wieder ſtill— ihre Kniee wankten— ihr Blut gerann im Her⸗ zen, ſie wagte kaum zu athmen, denn rechts im dichten Gebuͤſch begann es maͤchtig zu rauſchen. Der Weg, ſo weit ſie ſehen konn⸗ te, war menſchenleer; das Geraͤuſch wurde immer ſtaͤrker, ſie hoͤrte Tritte, die Zweige rauſchten und kniſterten, als ob ein Menſch gewaltſam durchbrechen wollte durchs dichteſte Geſtraͤuch. Ihre Fuͤße hafteten am Boden, ſie wollte fliehen und glaubte umſinken zu muͤſſen; ihr Auge war noch ſtarr auf die rauſchenden Zweige gerichtet, ſo ſehr ſie ſich auch bemuͤhte, ſie abzuwenden, da— ein lauter, durchdringender Schrei loͤſte ihre Er⸗ ſtarrung— da ſtand auf ein Mal in ſeiner ganzen Schrecklichkeit, die Rieſenarme weit vorgeſtreckt, die rechte Fauſt mit einem abge⸗ brochenen Baumaſte drohend bewaffnet, der lange Heide vor ihr, ein beruͤchtigter Straſ⸗ ſenraͤuber, der noch vor wenigen Monaten das ganze Land durch ſeine Raͤubereien und Mordthaten in Schrecken ſetzte, bis er end⸗ lich eingefangen und in den Baugefaͤngniſſen — 193 NMMÄUAANN. der Reſidenz bis zur Vollziehung des geſtern uͤber ihn ausgeſprochenen Todesurtheils ver⸗ wahrt gehalten wurde. Henriette ſank bei ſeinem Anblicke, von Angſt und Entſetzen aufs hef⸗ tigſte ergriffen, unwillkuͤhrlich in die Kniee. Auf den erſten Anblick hatte ſie den Schreck⸗ lichen wiedererkannt, den ſie erſt geſtern zu⸗ faͤllig geſehen, als man ihn aus ſeinem Ge⸗ faͤngniſſe zum letzten Verhoͤr fuͤhrte. Schon geſtern wendete ſie ihr Auge erbebend von ihm ab, ſuchte eine Nebenſtraße zu gewinnen, um ſich ſo weit als moͤglich aus ſeiner Naͤhe zu entfernen, und jetzt ſtand er, jeder Feſ⸗ ſel entledigt, frei vor ihr, ſeine drohenden Blicke wild auf ſie gerichtet, die linke Fauſt geballt, mit der Rechten den Baumaſt hoch aͤber ſeinem Haupte ſchwingend. „»Gieb mir Deine Kleider, Maͤdchen!« begann er endlich mit rauher Stimme.»Hur⸗ tig! habe keine Zeit, Dich erſt lange zu bitten! Hoho! da brummt's ſchon wieder— fuhr er fort, als die Kanonen aufs Neue von der Reſidenz heruͤberdonnerten.—»Ja ruft mich, ſo lange Ihr wollt! bruͤllt mei⸗ III. 13 1 194 ALWNN netwegen durchs ganze Land, ich kehre doch nicht um, denn Euer Freilogis iſt mir zu enge und Euer Meiſter Haͤmmerling hat das Koͤpfen beim tuͤrkiſchen Kaiſer gelernt. Mach hurtig, Maͤdchen, gieb die Kleider her! mir thut jetzt eine Maskerade Noth, denn die ver⸗ dammte ſcheckige Livree kennt jeder Straßen⸗ junge.« Dabei zeigte er auf ſeine zweifarbige Kleidung, welche man ihm im Gefaͤngniſſe angelegt und welche der der Baugefangenen aͤhnlich war. Heenriette, noch immer vor ihm knieend, wagte es nicht, ihre Blicke zu erheben. Ab⸗ gewendet und mit zitternden Haͤnden, ohne zu wiſſen, was ſie that, reichte ſie ihm das Paͤckchen, worin das ſeidne Kleid ſich befand, welches ſie veranlaßt hatte, den Weg zum Jaͤgerhauſe anzutreten. Begierig griff der lange Heide danach, riß das weiße Tuch auseinander und betrachtete das Kleid; doch finſter rief er Henrietten zu: »Was ſoll mir der ſeidene Plunder? Habe wohl ſchon manchmal Weiberkleider angehabt, aber ſo was Rares in meinem Leben noch 195⁵5 WWNBNNMN nicht. Gieb Deine Kleider her! biſt freilich ein gutes Stuͤck kleiner als ich, aber das thut nichts, will mir ſchon einen Anzug zuſam⸗ menſtoppeln. Nun— wird's bald? oder willſt Du todtgeſchlagen ſeyn um der Paar Lumpen willen?«. Haſtig nahm er nun, als er ſah, daß Henriette einer Ohnmacht nahe war, den Baumaſt unter den Arm und wollte ihr die Kleider mit Gewalt entreißen, doch ploͤtzlich hielt er inne, ſchien zu horchen und rief ihr leiſe mit wuͤthender Geberde zu:«„Zum letz⸗ ten Male, Maͤdchen, gieb die Kleider her!« Doch auch Henriette hatte nahende Schritte vernommen, ihr Bewußtſeyn kehrte zuruͤck, ſie faßte Muth und ſtraͤubte ſich jetzt mit der Kraft der Verzweiflung gegen den Boͤſewicht, der unter den ſchrecklichſten Fluͤchen ſeine Keu⸗ le erhob, um ſie damit zu Boden zu ſchmet⸗ tern. Da preßte ihr die Todesangſt den lau⸗ ten Ausruf:»Huͤlfe! Huͤlfe!« aus, indem ſie dem erſten Schlage des Entſetzlichen gluͤck⸗ lich auswich; doch ſchon erhob er den Arm zum zweiten Male, ließ ihn jedoch eben ſo 43* 196 MMAAANN ſchnell wieder ſinken und ſtarrte betroffen den Weg entlang, wo jetzt, nur wenige Schritte von ihm entfernt, eine Mannsgeſtalt unter den Baͤumen hervortrat, welche haſtig und unerſchrocken auf ihn zueilte. Der lange Heide ſchien anfangs in trotzi⸗ ger Stellung den Herbeieilenden erwarten zu wollen; doch ſchon wurden im Holze mehrere Stimmen laut, deshalb raffte er das ſeidene Kleid vom Boden auf und floh damit in den Wald tiefer hinein. Henriette aber hatte indeſſen Zeit gewon⸗ nen, ſich von ihm unbeachtet aufzuraffen und ins dichte Gebuͤſch zu fluͤchten, wo ſie er⸗ ſchoͤpft und ohnmaͤchtig niederſank. Hier fand ſie der zu ihrer Rettung Herbeigeeilte, und es gelang ihm, ſie bald ins Leben zuruͤckzurufen. Mit freudigem Staunen in Worten und Blik⸗ ken dankte ſie ihrem Retter, in welchem ſie jetzt denſelben jungen Mann wiedererkannte, deſſen Bild ſie im freundlichſten Farbenglanze in ihrem Herzen trug, obgleich er ihr auf ih⸗ rer ganzen Lebensbahn heute erſt zum dritten Male begegnet war. ——— 197 15. * Mit dem Ausdrucke der innigſten Dank⸗ barkeit nahm ſie ſein Anerbieten an, ſie nach Hauſe zu begleiten, und ſo gingen ſie lange ſtumm neben einander. Wilmers ſchien alle ſeine Leiden vergeſſen zu haben, er fuͤhlte ſich uͤbergluͤcklich an ihrer Seite. Endlich erinner⸗ te ſie ſich an ihr erſtes Zuſammentreffen im Garten des Grafen Wildenſtein; ſie bekannte ihm, daß ſie damals wirklich nur die blaue Schleife geſucht, die ihr als Andenken ihrer verſtorbenen Mutter theuer ſey, und er ſchaͤtz⸗ te ſich gluͤcklich, ihr dieſelbe heute noch wieder zuſtellen zu koͤnnen. Sie gedachte ferner of⸗ fenherzig der Nachſtellungen des Grafen, ſei⸗ ner thoͤrichten Eiferſucht, der Scene, die ſie mit ihm im Garten gehabt, und jetzt wurde dem armen Wilmers auch die heftige Bewe⸗ gung Wildenſteins beim Anblicke der blauen Schleife klar.— 3 198 MWAAAVANA „Aber«— wendete er ſich, ſchuͤchtern fra⸗ gend, zu Henrietten— yſollte des Grafen Ei⸗ ferſucht auf ſeinen Secretair ſo ganz grund⸗ los geweſen ſeyn?« Doch ſie betheuerte mit Treuherzigkeit, daß ſie fuͤr den Secretair nur Achtung empfunden, der ſich ihr ſtets abſichts⸗ los und mit der groͤßten Beſcheidenheit ge⸗ naͤhert.—»Der Graf aber«— fuhr ſie fort— Hging in ſeiner Thorheit ſo weit, jeden mit eiferſuͤchtigen Blicken zu verfolgen, der nur einige Worte, wenn auch die gleichguͤltigſten, mit mir wechſelte.« Freier athmete Wilmers nach dieſem Ge⸗ ſtaͤndniſſe, und nachdem ſich Beide freiwillig ihre traurigen Lebensverhaͤltniſſe mitgetheilt und ſo ein gegenſeitiges Vertrauen zu einander ge⸗ wonnen hatten, waren ſie auch ſchon bei Henriettens Wohnung angelangt, wo ſich Wil⸗ mers verabſchiedete, doch ſogleich wiederzukom⸗ men verſprach, um ihr die blaue Schleiſe einzuhaͤndigen. Stuͤrmiſch eilte Wilmers die Treppe hin⸗ auf nach ſeiner Wohnung; ſein ganzes Weſen hatte ſich veraͤndert. Ein ſanftes Roth war a 1 2 199 WAAN auf ſeine bleichen Wangen zuruͤckgekehrt, ſei⸗ ne Augen leuchteten und mit der lebhafteſten Bewegung kam er ſeiner Mutter entgegen, welche jetzt außer dem Bette, faſt ganz ge⸗ neſen, ſeine Ruͤckkehr erwartet hatte. »Ei, der Spaziergang ſcheint Dir ja recht gut bekommen zu ſeyn!« ſprach ſie freundlich zu ihm.»Siehſt Du nun, daß Du wohl thateſt, meinem Rathe zu folgen? Aber, lie⸗ ber Himmel! Du haſt ja gar keinen Athem mehr! wo biſt Du denn geweſen— und wie weit—& „Im Walde, liebe Mutter! im Walde war ich!« erwiederte er, raſch in einem Schubfache nach ſeinem Taſchenbuche ſuchend. Endlich hatte er's gefunden; ſchnell ſchlug er es auseinander— die blaue Schleife lag noch, ſorgſam verwahrt, darin, und nun wollte er eilig damit zur Thuͤr hinaus, doch ſeine Mut⸗ ter hielt ihn zuruͤck, mit aͤngſtlicher Beſorgniß ihre flache Hand auf ſeine Stirn legend, in⸗ dem ſie zu ihm ſprach:»Wohin denn nun wieder? Du biſt ja ganz erhitzt! was iſt Dir denn geſchehen?« 200 NAVLVMBAGM »Nichts, nichts, liebe Mutter! ich kehre gleich zuruͤck!« rief er ihr zu und lief ſchnell wieder fort. Eine halbe Stunde lang harrte ſie aͤngſt⸗ lich ſeiner Ruͤckkehr. Endlich kam er, noch heitrer, noch aufgeregter als zuvor, und als ſie ihm nun fragend und bekuͤmmert ins Auge blickte, da konnte er nicht laͤnger widerſtehen, er eroͤffnete ihr ſein Herz, ſie mußte Alles, Alles wiſſen, was ſich mit ihm und Henriet⸗ ten begeben, was in ſeinem Innern vorging, denn die Mittheilung that ihm unendlich wohl. Staunen und Mitleid wechſelte bei der guten Alten waͤhrend ſeiner Erzaͤhlung, doch als er ihr jetzt weiter berichtete, wie er eben von ihr komme, wie er ihr die Schleife uͤber⸗ bracht, wie ſie ihn freundlich empfangen, wie er ihre Hand gekuͤßt— da drohete ſie gutmuͤ⸗ thig warnend mit dem Finger und meinte, er wuͤrde ſeine druͤckende Lage noch weit druͤcken⸗ der empfinden, wenn er ſich in ſeinen jetzi⸗ gen, traurigen Verhaͤltniſſen, außer ihr noch an ein zweites Weſen kettete.»Doch«— — 201 MVUWN fuhr ſie liebreich fort— Hich will Deine freudige Bewegung nicht herabſtimmen, der Himmel wird's wohl mit uns machen, laß ihn walten! Komm, ſetze Dich zu mir, mein guter Auguſt, nun will ich Dir auch eine Freude mittheilen, die mir der Herr beſcher⸗ te waͤhrend Deiner Abweſenheit. Weil ich mich— Gott ſey Dank!— nun wieder zu ruͤhren vermag, kramte ich dieſen Nachmittag in Kiſten und Kaſten herum, um dies und jenes hervorzuſuchen, was uns bei unſrer Armuth wohl noch Nutzen ſchaffen koͤnnte. So kam ich denn auch uͤber die gruͤne Lade dort, worin ich ſonſt mein Leinenzeug hatte. Ach, da war leider wenig darin— einige Stuͤcke alter Tapeten, Handwerksgeraͤthe von Deinem ſeligen Vater und dergleichen. Doch als ich Alles bis auf den Boden hinab durch⸗ ſtoͤre, ſiehe— da liegt ein weißes Paͤckchen, ſauber eingeſchlagen und wie recht ſorgfaͤltig verwahrt. Ich nehm's heraus, und, denke Dir nur, beinahe ein ganzes Stuͤck vom ſchoͤnſten veilchenblauen Atlas liegt in meiner Hand. Ja, nun wußt' ich gleich, woher es 202 NMMAAUAMNM kam! Dein ſeliger Vater hatte es angeſchafft fuͤr den Finanzrath und mußte es ſelbſt behal⸗ ten, als dieſer fluͤchtig wurde. Da hatte er's denn aufgehoben in der gruͤnen Lade, war daruͤber hingeſtorben, und auch ich hatte es rein vergeſſen. Sieh!— ſo hat uns der gute Gott eine Huͤlfe geſendet, die uns gerade jetzt ſo recht zu Statten kommt. Morgen gehſt Du, mein guter Sohn, und ſuchſt es zu verkaufen ſo gut als moͤglich. Die ruͤckſtaͤndige Miethe ſoll's uns doch einbringen, vielleicht bleiben uns auch noch ein Paar Groſchen in die Wirthſchaft uͤbrig.« Eine ſchwere Laſt waͤlzte ſich von Au⸗ guſts Herzen, als er den Fund betrachtete, und Beide, erwaͤrmt durch dieſen erſten Sonnenblick, der ihnen der Armuth duͤſtere Wohnung freundlich erhellte, ſchoͤpften neue Hoffnung auf eine beſſere Zukunft. 16. Am andern Morgen nahm Wilmers ſein Paͤckchen unter den Arm, um deſſen Inhalt in klingende Muͤnze zu verwandeln. Doch konnte er nicht recht einig mit ſich werden, wohin er ſich zuerſt damit wenden ſollte. Die Inden hatten auch in ſeiner Vaterſtadt, wie an manchen andern Orten, gegen hohe Steuern das Privilegium erhalten, arme und reiche Chriſten heidniſcher Weiſe mit dem Scalpir⸗ meſſer bedienen zu duͤrfen, ſo oft ſich ihnen Gelegenheit darbot, deshalb fuͤrchtete er mit Recht eine gleiche Begegnung, wenn er in ſeinem Handelsgeſchaͤft mit ihnen verkehrte. Freilich hatte ihn auch die Erfahrung gelehrt, daß ſelbſt unter Chriſten gar viel heimliche Juden herumwandeln, welche ſich ebenfalls befleißigen, ihren eigenen Glaubensgenoſſen die Stirnhaut bis tief uͤber die Ohren herabzuzie⸗ hen. Doch hielt er, der die Welt nur wenig 204 NWM. kannte, ſolche Faͤlle fuͤr ſehr ſelten. Deshalb beſchloß er, ſich zuerſt an den Hoftapezier 4 —Gruͤtzmeier zu wenden, weil er glaubte, daß dieſer vielleicht, bei ſeinen haͤufigen Arbeiten fuͤr den Hof, am Beſten Gebrauch von ſei⸗ nem Atlas machen koͤnne. Er hatte aber nicht 3 bedacht, daß dieſer Hoftapezier bei ſeines Va⸗ ters Sturze die innigſte Freude geaͤußert, ihm und ſeiner Mutter aber jede Huͤlfe abgeſchla⸗ gen. Als er nun bei deſſen Wohnung ange⸗ kommen, erinnerte er ſich erſt wieder daran und war deshalb erfreut, da er von der Haus⸗ frau erfuhr, daß ihr Gatte ſchon am fruͤhe⸗ ſten Morgen nach dem Schloſſe gegangen, um dort noch an der Ausſchmuͤckung einiger Pracht⸗ zimmer zu arbeiten. Wilmers ging. Alle Straßen waren heute belebt, denn morgen ſollte ja die benachbarte Prinzeſſin feierlich empfangen werden, deren Vermaͤhlung mit dem Landesfuͤrſten dann in wenigen Tagen erfolgen und Veranlaſſung zu den glaͤnzendſten Feſten geben ſollte. Die Vorbereitungen zu dieſen Feſtlichkeiten aber hatten heute ſchon die meiſten Einwohner der Reſidenz auf die Beine gebracht, die mit der wichtigſten Geſchaͤftsmiene durcheinander wogten, ſo daß ſich hier und da der ar⸗ me Wilmers kaum durchzudraͤngen vermochte. Da traf ihn ploͤtzlich ein ſpitzer Ellenbogen in die rechte Seite, und ſchweißtriefend, außer Athem, ſtand der alte, fuͤrſtliche Lakai, Jo⸗ hannes Freiknecht, vor ihm, ihn feſthaltend mit der einen Hand am Kragen, mit der An⸗ dern am dritten Rockknopfe. „»Hoͤren Sie mich nur einen Augenblick, Herr Wilmers!« begann er, Luft ſchoͤpfend. »Heute bin ich gelaufen, daß meine armen Beine Ach und Weh! ſchreien moͤchten, und das Alles verdank' ich dem alten Hoftapezier. Sie ſind doch auch ein Mann, der ſein Ge⸗ werk, oder Metier, oder wenn Sie wollen— ſeine Kunſt verſteht, nun ſagen Sie ſelbſt, iſt das verzeihlich, ſich in einem Anſchlage um vierzig Ellen zu verrechnen?« Wilmers laͤchelte und bat um naͤhert Er⸗ klaͤrung. „»Wie ich Ihnen ſage,« fuhr der ver⸗ — ſchnaufende Lakai fort.»In der Durchlauch⸗ 2 WWNMN — tigſten Prinzeſſin Zimmern ſollen blauſeidene Gardinen mit ſchwerer goldener Borduͤre an⸗ gebracht werden; Herr Gruͤtzmeier macht den Anſchlag daruͤber im Weinhauſe, in der gol⸗ denen Traube— wo er gewoͤhnlich Alles, was ins Kopfrechnen einſchlaͤgt, mit Gottes und des Bachus Huͤlfe zu Stande bringt— muß aber, wo er doch ſonſt bei Rechnungs⸗ ſachen Alles doppelt ſieht, diesmal total blind geweſen ſeyn, denn wie geſagt: vierzig Ellen zu wenig bringt er in Anſchlag. Der Hof⸗ intendant laͤßt den Bedarf aus der, zehn Meilen von hier entfernten, großen Seiden⸗ handlung der Gebruͤder Montelon kommen und liefert ihm richtig, was er verlangt. Das iſt nun aber viel zu wenig— der Hoftapezier merkt's jetzt erſt, ſteht ſchon ſeit drei Stun⸗ den und zupft an allen Ecken und Kanten, das Zeug will weder laͤnger noch breiter wer⸗ den. Da erklaͤrt er endlich in ſeiner Herzens⸗ angſt, daß er ſich verrechnet, daß das Zim⸗ mer bis zur Ankunft der Durchlauchtigſten nicht fertig ſeyn koͤnne, wenn er das Fehlen⸗ de nicht binnen zwei Stunden erhielte. Der 207 MWÄVUAWN Hofintendant ſagt ihm in aller Schnelligkeit einige Grobheiten und meldet's dem Fuͤrſten; dieſer iſt außer ſich, ſieht ſelbſt nach, wie weit Gruͤtzmeier mit Einrichtung der Zimmer gekommen und findet zu ſeinem Schrecken Al⸗ les noch in der groͤßten Unordnung. Da laͤuft ihm die Galle uͤber und das Donner⸗ wetter trifft den Hoftapezier; ich aber muß Courier laufen mit einer Seidenprobe, von einem Kaufmanne zum andern, in der gan⸗ zen Reſidenz herum. Ja, lieber Himmel! unſre Kaufleute fuͤhren heut zu Tage faſt kei⸗ nen ſoliden Artikel mehr! lauter leichte Waa⸗ re, aber ſpottwohlfeil, wie ſie ſagen. Ein ſchwerer Atlas, an Guͤte und Farbe dieſer Probe gleich, iſt in der ganzen Stadt nicht mehr zu finden.»Iſt keine Nachfrage dar⸗ nach,« meinten die Handelsherren; moͤgen wohl recht haben, denn die Zaͤhne moͤchten einem zuſammenklappen mitten im Sommer, wenn man ſo ein Frauenzimmer anſieht, nach der jetzigen Mode gekleidet. Nichts als Flor⸗ kram von oben bis unten, lauter Spinnenge⸗ webe mit fremden Namen, die oft gar kurios klingen. Kleider tragen ſie jetzt, immer eins duͤnner als das andere, daß man, wenn man ſich nicht ſchaͤnte, wahrhaftig bis aufs Herz durchgucken koͤnnte. Ich wundre mich auch jetzt gar nicht mehr uͤber die Leichtfertigkeit ſo vieler Frauenzimmer, denn dieſe wird ihnen ja ſchon von Kindheit auf mit dem flattrigen Kleiderkram angehaͤngt.«& Ohne auf die letzten Worte des Redſeligen zu achten, hatte Wilmers die Atlasprobe auf⸗ merkſam betrachtet, ſie verglichen mit dem in ſeinem Paͤckchen enthaltenen Seidenzeuge, und zu ſeinem freudigen Erſtaunen gefunden, daß Beides auf ein Haar zuſammenpaſſe. „So ſonderbar ein ſolcher Zufall ſcheint, be⸗ gann er,»iſt mir's doch jetzt leicht erklaͤrbar, da ich mich entſinne, daß mein Vater dieſen Atlas ebenfalls von den Gebruͤdern Montelon 4 kommen ließ. Sehen Sie ſelbſt,« fuhr er fort, zum Lakaien gewendet, vob dieſe Probe und dieſes Stuͤck nicht von gleicher Guͤte und Farbe ſind?« »Wahrhaftig, das iſt aus einer Fabrik!« erwiederte Freiknecht hocherfreut.»An Seide AAAN ſchwer und das ſchoͤnſte Veilchenbbau! Wenn Sie das verkaufen wollten, Herr Wil⸗ mers—& „»Das iſt eben meine Abſicht«— entgeg⸗ nete dieſer—»und wenn Sie mir dazu be⸗ huͤlflich ſeyn wollen—« doch der Lakai ließ ihn ſeine Rede nicht beendigen, er umklam⸗ merte ihn mit beiden Armen und ſchleppte ihn ſo mit ſich fort bis zum Schloſſe, indem er ihm die Verſicherung gab, er ſolle fuͤrſtlich be⸗ zahlt werden. 17, Im fuͤrſtlichen Schloſſe, in einem von den Zimmern, welche zum Empfange der Prinzeſſin eingerichtet werden ſollten, ſtand der Hoftapezier Gruͤtzmeier auf einer Leiter, um die Gardinen zu ordnen. Doch ſchien ihm ſein Bemuͤhen nicht recht gelingen zu wollen, denn er ſchwankte unſicher hin und her, und was er mit der rechten Hand gera⸗ III. 14 210 — MWMNNN de gezogen, das zerrte die linke zitternd wie⸗ der ſchief. Der Fuͤrſt ſtand dabei, voll Un⸗ geduld dem ewig mißlingenden Beginnen ſei⸗ nes Tapeziers mit finſterer Miene zu⸗ ſchauend.—— „Aber, was ſoll das werden?« begann er endlich.»Wenn Sie die Falten ſo wer⸗ fen, verdecken Sie ja die goldene Traube!« „»Ja, ja, Euer Durchlaucht!« erwieder⸗ te Gruͤtzmeier lallend,»die goldene Trau⸗ be— die boͤſe goldene Traube! da bin ich ſchon manchmal recht ordentlich zugedeckt wor⸗ den— halten zu Gnaden! da Ew. Durch⸗ laucht doch einmal von der goldenen Traube ſprechen.& »Herr, ich glaube, Sie faſeln!« fuhr der Fuͤrſt zornig auf.»Hier die Quaſte mei⸗ une ich!« und dabei zog er die an einer dik⸗ ken, goldenen Schnur zwiſchen den Bogen der Gardinen herabhaͤngende Quaſte, in Ge⸗ ſtalt einer goldenen Traube, hervor.»lleber⸗ haupt, Ihrr ganze Arbeit taugt nichts!e fprach er heftig weiter.»Da herrſcht keine Symmetrie, kein Geſchmack— der Falten⸗ 211 . wurf iſt ſo abſcheulich ſteif— das Ganze ſo nuͤchtern 8 4* „»Ja, Durchlauchtigſter Herr«— erwie⸗ derte Gruͤtzmeier, der nur noch mit halben Ohren hoͤrte— dich muß ſubmiſſeſt beipflich⸗ ten. Das kommt daher, weil ich noch ſo entſetzlich nuͤchtern bin— da fehlt der Schwung— doch in demſelben Augenblicke war des Schwunges kein Mangel mehr; denn nachdem er lange Zeit ſchon auf der oberſten Sproſſe der Leiter unſicher hin und hergeſchwankt, verlor er ploͤtzlich die Balance und ſtuͤrzte von oben herab zu den Fuͤßen des Fuͤrſten nieder, wo er regungslos einige Augenblicke liegen blieb, bis ſeine herbeieilen⸗ den Gehuͤlfen ihn wieder auf die Beine brach⸗ ten. Doch als er nun jetzt, auf feſtem Bo⸗ den ſtehend, noch immer taumelte und mit lallender Stimme ſeine Entſchuldigung hervor⸗ ſtammelte, da merkte der Fuͤrſt wohl, welch ein boͤſer Geiſt uͤber ihn gekommen ſey, und daß das Schwanken auf der Leiter, welches er bisher der Altersſchwaͤche zugeſchrieben, durch die goldene Traube bewirkt worden ſey. 44* 212 AANNNN Im hoͤchſten Zorn befahl er, ihn nach ſei⸗ ner Wohnung zu bringen, mit dem Be⸗ ſcheid, ſich nie wieder vor ihm blicken zu laſ⸗ ſen, und ſchon gab er Befehl, Herrn Da⸗ viſon herbeizurufen, damit dieſer die noch unvollendete Arbeit des Hoftapeziers endlich zu Stande braͤchte. Da trat Freiknecht ins Zim⸗ mer, um Bericht abzuſtatten, wie er ſo gluͤcklich geweſen ſey, den mangelnden Atlas ganz nach der Probe bei einem jungen Man⸗ ne aufzufinden, der ihn mit Vergnuͤgen Sr. Durchlaucht uͤberlaſſen werde. /Wo iſt der junge Mann?« war des Fuͤrſten erſte Frage, und beſcheiden trat Wil⸗ mers naͤher, ſein Paͤckchen uͤberreichend mit tiefer Verbeugung. Sorgfaͤltig pruͤfte der Fuͤrſt ſelbſt Stuͤck und Probe; er nickte bei⸗ faͤlig und ſeine Miene wurde immer freund⸗ licher, als er ſich zu Wilmers wieder mit der Frage wendete: ob er Kaufmann ſey? Dieſer verneinte, nannte ſich als Tapezier und theilte in der Kuͤrze mit, wie er zu dem Atlas gekommen ſey. Da legte der Fuͤrſt ſeine Hand auf des Juͤnglings Schulter und fragte freundlich, doch dringend: ob er es wohl wage, die Ein⸗ richtung der Zimmer zu uͤbernehmen und ſie bis zum Abende zu vollenden? Auguſt's ſchneller, ſachkundiger Ueberblick erlaubte ihm bald, eine bejahende Antwort zu geben, und ſogleich wurden die Gehuͤlfen angewieſen, un⸗ ter ſeiner Leitung die Arbeit zu beginnen. Der Fuͤrſt aber wendete ſich nochmals freund⸗ lich zu ihm, indem er ſprach:»Ihren At⸗ las bringen Sie morgen in Rechnung; fuͤr die Gefaͤlligkeit, mir ihn zu uͤberlaſſen, finde ich mich beſonders bei Ihnen ab. Adieu!« Er ließ den gluͤcklichen Wilmers allein mit den ihm zugewieſenen Leuten, und bald ge⸗ ſtaltete ſich unter ſeiner Leitung Alles in voll⸗ kommener Ordnung zu einem geſchmackvollen Ganzen. 18. Am Nachmittage deſſelben Tages ſaß Frau Daviſon im Kreiſe ihrer Freundinnen beim Kaffee, um die beim geſtrigen Buͤrgerballe geſammelten Neuigkeiten und Bemerkungen ſich gegenſeitig mitzutheilen. Nachdem dies wichtige Kapitel abgehandelt war, kam man auf neue Moden und Putzartikel zu ſprechen, wo⸗ von freilich des Stoffes kein Ende war. Frau Daviſon verkuͤndete ihren Freundinnen mit einem fuͤrchterlichen Lamento, wie ihr weißes, ſeidnes Kleid, welches ſie als Braut bei ih⸗ rem Hochzeitsfeſte getragen, in der Farbe ver⸗ dorben ſey; daß ſie durchaus Veilchenblau— die Lieblingsfarbe der zu erwartenden Prinzeſ⸗ ſin— beſtellt, um bei den Feſtlichkeiten damit zu prangen, daß dieſes etwas zu dunkel gewe⸗ ſen, ja— daß ſich hier und da ſogar unzaͤh⸗ lige Flecken gezeigt. Alle ſchlugen entſetzt die Haͤnde uͤber den Koͤpfen zuſammen ob ſolch unerhoͤrter MAAMAAN Schickſalstuͤcke, und verlangten, einſtimmig Rache ſchreiend, den Namen der ungluͤckſeli⸗ gen Faͤrberſeele zu wiſſen, um ſie mit ihrem lebenslaͤnglichen Haſſe verfolgen zu koͤnnen. Frau Daviſon zauderte auch nicht, Henriet⸗ tens ehrlichen Namen den theilnehmenden Laͤſtermaͤulern Preis zu geben, worauf ſo⸗ gleich ein furchtbarer Bannſluch uͤber das ſchuldloſe Maͤdchen ausgeſprochen wurde. „Wenn ſie mir nur nicht etwa den Aerger bereitet, und traͤgt mein ſchoͤnes Brautkleid ſelbſt,« begann die Hausfrau wieder; doder ſie hat es vielleicht gar an eine geringe Per⸗ ſonage verkauft, die ſich damit bruͤſtet, daß es von mir kommt! Das waͤre entſetzlich! Sie brachte mir dieſen Morgen das Geld«— fuhr ſie fort— ydenn ſie hat mir das ganze Kleid erſetzen muͤſſen— und dabei ſah ſie ſo kreuz⸗ ſidel aus, als ob ſie es nur ſo wegzuwerfen haͤtte.& „Hoͤren Sie doch, Frau Gevatterin«— unterbrach ſie die dicke Kunſtdrechslerin— »was iſt das fuͤr ein toller Laͤrmen auf der Straße?« 216 MWMLAAANBU Alle ſprangen von den Sitzen empor, riſ⸗ ſen die Fenſter auf und ſchaueten jetzt hinaus auf den ungeheuern, dichten Menſchenball, der ſich die Straßen herabwaͤlzte, in deſſen Mitte eine Menge Gerichtsdiener, Bauern, Feldreiter, und zwiſchen dieſen der lange Heide in Ketten und Banden, mit dem veil⸗ chenblauen Atlaskleide ſtattlich angethan, ſich langſam fortbewegten. Der ſonderbare Zug kam immer naͤher, die Kaffeegeſellſchaft lachte 4 uͤberlaut, als der ſeltſam angeputzte Straſ⸗ ſenraͤuber, naͤher ſchreitend, immer mehr ſicht⸗ bar wurde; doch Frau Daviſon hatte ihm ſchon lange, das Schrecklichſte dunkel ah⸗ nend, entgegengeſtarrt. Sie konnte es ſich freilich nicht zuſammenreimen, wie es moͤglich ſey? doch als er jetzt ſo nahe an ihr voruͤber⸗ ging, da ſchrie ſie laut:»Verdammter Kerl! ſeht— ſeht doch nur— mein Kleid hat er angezogen!'s iſt mein Brautkleid— derſelbe Beſatz— dieſelbe Garnirung—« und dabei ſank ſie ohnmaͤchtig ruͤcklings in einen Stuhl. Die Menſchen blieben vor ihrem Fenſter ſte⸗ hen, ſo laut hatte ſie geſchrieen, und nach und nach hielt der ganze Zug ſtill. Die gu⸗ ten Freundinnen dachten vor der Hand noch nicht daran, der Ohnmaͤchtigen beizuſtehen, ſondern verbreiteten, wie mit hundert Trom⸗ peten, die große Neuigkeit der verſammelten Menge, daß der lange Heide das Brautkleid der Frau Daviſon trage. Da erhob ſich ein ſchrecklicher Tumult: einige Gutgeſinnte woll⸗ ten dem Raͤuber das Kleid entreißen; Andere verhinderten es, denn ſie freueten ſich heim⸗ lich, daß auf dieſe Art die ſtolze Buͤrgersfrau ein Gegenſtand des Spottes wuͤrde, und die gottloſe, doch geniale Straßenjugend improvi⸗ ſirte auf der Stelle im lauten Chore nach eig⸗ ner Melodie: »Langer, langer Heide! Wie kommſt Du zu dem Kleide Von veilchenblauer Seide? Frau Daviſon im Jungfernkranz Hat's angehabt beim Hochzeitstanz! Langer, langer Heide! Veilchenblaue Seide!« Dem langen Heiden ſchien aber dies in ſeiner ernſten Situation des Scherzes zu viel⸗ 218 ABGAA Auf das verhaͤngnißvolle Kleid waͤlzte er allein die Schuld ſeiner vor wenigen Stunden er⸗ folgten Gefangennehmung, da es, anſtatt ihn unkenntlich zu machen, die Aufmerkſam⸗ keit ſeiner Verfolger nur noch mehr auf ihn geleitet. Wuthentbrannt riß er daher, unter fuͤrchterlichem Zaͤhnknirſchen, ſich das ſeidene Gewand ſtuͤckweiſe vom Leibe, indem er unter lauten Fluͤchen die Fetzen allen Winden Preis gab, bis ſie von der ſich darum balgenden Gaſſenbrut aufgefangen und an lange Stoͤcke gebunden, gleich Siegesfahnen, vor ihm her⸗ getragen wurden, unter wiederholter Anſtim⸗ mung des Chorgeſanges. Dies Alles ſah und hoͤrte Frau Daviſon, da ſie kaum aus der Ohnmacht erwacht, von Neugierde wieder ans offne Fenſter getrieben wurde. Tauſend verhoͤhnende Blicke waren auf ſie gerichtet, unzaͤhlige Finger zeigten keck nach ihr hin, und heimlich hatte ſich bereits eine Freundin nach der andern entfernt, um den oͤffentlichen Schimpf nicht mit t r theilen zu muͤſſen. 219 NMWMAAANMN 19. Wiltmners hatte indeſſen die Einrichtung der fuͤrſtlichen Zimmer zur vollkommenen Zufrie⸗ denheit Sr. Durchlaucht ausgefuͤhrt und wur⸗ de, gleich nach beendigten Vermaͤhlungsfeier⸗ lichkeiten, foͤrmlich als Hoftapezier mit ſeſtem Gehalte inſtallirt; Herr Gruͤtzmeier aber er⸗ hielt ſeine gnaͤdige Entlaſſung mit einer klei⸗ nen Penſion. Wilmers bedurfte maͤnnlicher Faſſung, ein ſo unverhofftes Gluͤck zu tragen. Durch ein bedeutendes Geſchenk des Fuͤrſten wurde er in den Stand geſetzt, alle ſeine kleinen Schul⸗ den zu tilgen und mit ſeiner guten Mutter eine andere Wohnung zu beziehen, die ge⸗ raͤumiger und bequemer als die vorige, noch mit einem neuen, anſtaͤndigen Menblement verſehen wurde, indem er heimlich beabſich⸗ tigte, Henriette, die ſeinem Herzen ſo un⸗ endlich theuer geworden war, recht bald als ſeine Gattin bei ſich einzufuͤhren. Auch dieſer Wunſch wurde ihm erfuͤllt, denn Jettchen be⸗ dachte ſich nicht lange, ihrem Retter aus Moͤrdershaͤnden ihr Herz voll inniger Liebe und Dankbarkeit mit ihrer Hand zu ſchenken, und bald ſegnete der Prieſter ihren Bund, der den letzten Lebenstagen der guten, alten Mutter noch unzaͤhlige Freuden ſpendete. Acht Tage lang blieben Frau Daviſon und der lange Heide in ihrem blauen Seidenge⸗ wande das Stadtgeſpraͤch, und noch lange nachher durfte Erſtere es nicht wagen, ſich oͤffentlich zu zeigen, ohne von leiſem Gefluͤ⸗ ſter, heimlichen und lauten Spottreden ver⸗ folgt zu werden. Dies bewog ſie auch, ihren Gatten— der ſeinen Lieblingswunſch, ſelbſt Hoftapezier zu werde, geſcheitert ſoah— ſo lange mit guten und boͤſen Worten zu bear⸗ beiten, bis er ſich endlich entſchloß, die Re⸗ ſidenz mit ihr zu verlaſſen, und ſein Meu⸗ bles⸗Magazin an einem groͤßern Ort aufzu⸗ ſchlagen, wo er ſich immer tiefer in falſche Speculationen verwickelte, ſo daß er ſich end⸗ lich gezwungen ſah, ſeine Glaͤudiger mit ſei⸗ 221 UUN nem verſchuldeten Eigenthum ſchalten zu laſ⸗ ſen, nachdem er auch ſeinen Schwiegervater, den Tiſchlermeiſter Wenzel, mit ruinirt hat⸗ te. Der Graf Wildenſtein wurde wirklich von ſeiner Gemahlin geſchieden. Er hatte Jett⸗ chen endlich unter hundert andern Liebesaben⸗ theuern vergeſſen und wirthſchaftete bis an ſein Lebensende wie der im Irrgarten der Lie⸗ be herumtaumelnde Cavalier. Sein Secretair hatte aber in Boͤhmen, in ſeinem Exil, ein freundliches Eden gefunden, ſich dort eine niedliche Verwalterstochter zum Weibe erkoren, welche ihn vermochte, aus des Grafen Dien⸗ ſten zu treten und ihn recht bald ſelbſt zum Verwalter ihres anſehnlichen Vermoͤgens mach⸗ te. 3 Wilmers betrieb ſein Geſchaͤft mit Fleiß und Redlichkeit. Das Gluͤck beguͤnſtigte ihn, er wurde bald ein wohlhabender Mann, und oft, wenn er nach des Tages Arbeit im Arme ſeines Weibchens ruhete und dankbar ſein Au⸗ ge gen Himmel erhob, da geſellte ſich auch der alte, fuͤrſtliche Lakai zu ihnen, der ein 222 AMAAVWAAAA Hausfreund der gluͤcklichen Familie geworden; denn oft bekannte es Wilmers laue:„»dem alten Freiknecht verdanke ich mein ganzes Gluͤck!« worauf dieſer gewoͤhnlich beſcheiden erwiederte:„nicht mir, Herr Wilmers; nur ganz allein ſich ſelbſt und— der velichentlauen Oahese III. Morgen Er oder du! MAAWWAAVVWAAAAAAAAAAᷓVAAAᷓAA 4 1. Der Forſt Rabeswalde in Thuͤringen hat jetzt nicht allein an Umfang verloren, ſondern iſt auch hier und da bedeutend gelichtet worden, und Hochwild wird nur noch in geringer An⸗ zahl dort getroffen. Zu Anfange des vorigen Jahrhunderts aber breitete ſich dieſer Forſt wohl mehrere Stunden weit im Umkreiſe aus, war damals noch dicht und wildreich. Zu je⸗ ner Zeit ſtand auch noch ein altes, halbver⸗ fallenes Jaͤgerhaus mitten im Holze und im dichten Gebuͤſch, umgeben von thurmhohen Kiefern und Tannen. Hier wohnte mit ſei⸗ nem Weibe ganz allein ein Jaͤger, welcher der verwittweten Graͤfin Guͤldenau diente, zu deren Grafſchaft Rabeswalde und die ge⸗ ſegnetſten Fluren des Landes, die guͤldene Aue, gehoͤrten. Es war ſchon Spaͤtherbſt und III. 15 226 4 WAANN die Luft hatte ein grauer Nebel verdickt, ſo daß kaum die bleichen Strahlen der Morgen⸗ ſonne durchzubrechen vermochten. Ueberall perlte der Reif auf gelben Grashalmen, ein heftiger Nordwind aber ſauſte durch die hohen Tannen, daß ſie, wie im Streit mit einan⸗ der, ſich peitſchten mit ihren Zweigen und ihre Wipfel knarrend niederbeugten bis zur Erde.. Nur ein ſchwaches Daͤmmerlicht fiel durch die blinden Scheiben in ein zur Erde gelege⸗ nes Gemach der Jaͤgerwohnung, wo im Ka⸗ min ein ſorglich unterhaltenes Feuer brannte. Dabei ſaß ein Weib, ſchon bei Jahren, bleich und abgezehrt, ein Bild des Leidens, vor ſich in einer irdenen Schuͤſſel eine duͤnne Mehlſuppe, welche von ihr noch unangeruͤhrt ſchon faſt erkaltet war, denn ſie ſtarrte dar⸗ uͤber hinaus, recht wie in tiefe Gedanken verloren, die kahlen grauen Waͤnde anblik⸗ kend. Nachdem ſie ſo, wohl eine halbe Stunde lang, ohne Regung geſeſſen, fuhr ſie empor, wie aus einem Traum erwachend, denn ein lautes Klopfen an die Fenſterſchei⸗ 227 NMMAAAN ben hatte ſie aufgeſchreckt. Sie ging ſchlep⸗ penden Schrittes und oͤfſnete die Hausthuͤr. Mit ihr zugleich aber trat bald darauf ein Mann ins Gemach in einem abgetragenen Jagdrocke, geflickten, gelbledernen Beinklei⸗ dern und hohen Waſeerſtiefeln, welche in vie⸗ len Falten bis uͤber's Knie hinauf reichten. Sein Geſicht war aufgedunſen und hochgeroͤ⸗ thet vom kalten Nordwind, wurde aber hier im Gemache bald bleicher und immer bleicher. Auch traten nach und nach immer deutlicher tiefe, ſcharfe Zuͤge hervor, welche nur Gram und Elend, oder heftige Leidenſchaft dem menſchlichen Antlitze einzudruͤcken pflegen. Nachdem er Hut, Buͤchſe und den Dachs⸗ ranzen, der um ſeine Schultern hing, von ſich gelegt, ſetzte er ſich an den Kamin, die Gluth ſchuͤrend mit einem alten Waidmeſſer, welches, wie es ſchien, zu dieſem Behufe noch nicht lange diente. Auch ſein Weib— denn das war die abgezehrte Frau— nahm den vor kurzem verlaſſenen Platz wieder ein, unfern von ihm, ſaß noch einige Minuten ſtumm, die Haͤnde im Schooß gefaltet, und 15*† 9 WAAN ſchob ihm dann die volle Schuͤſſel hin, in⸗ dem ſie ihm zugleich einen hoͤlzernen Loͤffel bot. Der Waidmann aber ſchien das Alles nicht zu bemerken, denn ſein wilder Blick war auf die kniſternden Flammen gerichtet, und zuweilen zuckte ein hoͤhniſches Laͤcheln um ſeinen Mund, ſein verzerrtes Antlitz noch mehr entſtellend. Da unterbrach ſie endlich die aͤngſtliche Stille, indem ſie halblaut die Worte zu ihm ſprach:„Biſt ſo lange aus geweſen, Simon; haſt Du keinen Hunger mit heimgebracht?. 4 Doch indem dieſer ſchon zur Antwort die Lippen oͤffnete, ſtreifte ſein Blick an dem Waidmeſſer voruͤber, welches faſt bis zum Griff zwiſchen den Kohlen liegend, gluͤhend geworden war. Mit dem Ausdrucke der hef⸗ tigſten innern Bewegung riß er es heraus aus den Flammen und nachdem er mit ſtar⸗ rem Auge nochmals den Heft betrachtet, fuhr er mit der ſchrecklichſten Geberde auf ſein Weib los, ihr das gluͤhende Meſſer entgegen⸗ haltend. 229 AAAANAN „Um Chriſti Willen! was iſt Dir, Si⸗ mon?« rief die Bedrohete entſetzt, ſprang vom Seſſel auf und fuuͤchtete in eine ferne Ecke des Gemachs. Doch Schritt vor Schritt ihr folgend, ging ihr Simon nach, bald das gluͤhende Ei⸗ ſen nach ihr zuckend, bald gewaltſam wieder zuruͤckhaltend, indem er zornentbrannt ſchrie: »Ungluͤckſelige! Warum legſt Du das Meſ⸗ ſer mir in meinen Weg? warum gerade heu⸗ te?—'s iſt Blut dran— ſiehſt Du nicht? die ganze Klinge roth— roth bis ans Heft!« »Ach, vergieb mir, Simon!« wimmerte die Geaͤngſtigte.»Ich wußte ja nicht, daß Du drob zuͤrnen wuͤrdeſt. Ich fand's im Keller, unterm Schutt verborgen, und nahm es mit herauf, weil mir ein Schuͤreiſen fehl⸗ te.* 3 »Schuͤreiſen?— Ja, fuͤrwahr«— er⸗ wiederte Simon, grimmig lachend—»dazu iſt's trefflich geeignet! Hat's doch in mir den Brand, der ſchon verglimmte in der Aſche, von Neuem aufgeſchuͤrt, daß er wieder auf⸗ 230 flammt in heller Gluth, meine Seele zu peinigen mit wahrer Hoͤllenqual. Es gluͤht in meiner Hand— zum Mord geſchaffen, wird's des Mordens nimmer ſatt und zwingt den, der's gefaßt, zu blut'ger That. Fort! fort aus meinen Augen! ich bin alt und ſchwach, die Hand erzittert— kann Dich nicht mehr fuͤhren!« Und heftig das Fenſter aufreißend, ſchleuderte er die Mordwaffe hin⸗ aus, daß ſie, tief eindringend, in einem Kieſernſtamme ſtecken blieb. Dann ſchlich er ſeufzend wieder zum Kamin, ſchlug ſeine Ar⸗ me uͤber einander und ließ ſein Haupt herab⸗ ſinken auf ſeine Bruſt. Das Weib aber blieb fern von ihm, ordnete noch zitternd ihr Spinnrad und weinte ſtill. 2. So ſaßen Beide noch lange, ohne durch ein Wort das tieſe Schweigen zu unterbrechen. Doch endlich ſchien Simons Zorn gedaͤmpft 231 MWAN und durch die immer haͤufiger herabfließen⸗ den Thraͤnen ſeines Weibes ſein Herz erweicht zu ſeyn; denn nachdem er einige Mal im Gemache auf und ab gegangen, blieb er vor ihr ſtehen, blickte truͤb und ernſt zu ihr nie⸗ der und ſeine Mienen verriethen bittern Gram und Theilnahme. »Sabine!« hub er an, ihr die Hand reichend—»Ou haſt recht boͤſe Tage bei mir!— Seit Du mein Weib biſt, wuͤßte ich auch nicht eine Frende aufzuzaͤhlen, die der Erinnerung werth waͤre. Doch ja«— fuhr er halblaut fort— hals Dir Dein Sohn geboren wurde— X „Ach, mein Sohn!« ſeufzte Sabine ſchmerzlich, ließ den Faden ihrer Hand ent⸗ gleiten, verhuͤllte ſich das Geſicht mit der Schuͤrze und ſchluchzte laut. Simon aber fuhr faſt unwillig auf und entgegnete:»Was heulſt Du nun wieder?— Lebt nicht Dein Sohn im Grafenſchloſſe herr⸗ lich und in Freuden? Kannſt Du ihm mit all' Deiner Mutterliebe hier ein ſolches Loos bereiten?« Und Sabine unterdruͤckte ihren 232 MAANNN Schmerz gewaltſam, trocknete ihre Thraͤnen und ſchwieg. Da reichte ihr der Ehegatte ſei⸗ ne Hand nochmals und ſprach, weniger rauh als zuvor:»Vergieb mir, armes Weib! Wenn der boͤſe Geiſt uͤber mich kommt, ſprech' ich oft harte Worte; doch mein' ich's drum nicht ſchlimm mit Dir, denn Du biſt duldſam— treu— und was beim Wei⸗ be ſelten— biſt verſchwiegen wie das Grab.. »Mußte ich nicht den ſchrecklichen Eid Dir ſchwoͤren«— klagte Sabine— yjene Frevelthat zu verheimlichen, die wie ein Felsſtein noch in der Todesſtunde auf meinem Herzen laſten wird? Weiß ich doch jetzt noch nicht, was Dich bewogen, mich zu ſolcher Miſſethat zu verleiten!« 3 »Rache, Rache war's, was mich dazu bewogen,« erwiederte Simon dumpf und grollend mit ſich ſelbſt.»Mit Leidenſchaften wird der Menſch geboren; mir wurde eine nur zu Theil, doch die entſetzlichſte— die heiße Racheluſt.— Ich bin nur ein Menſch — konnte ſie nie daͤmpfen, nie die Gluth in ihren Schranken halten, die wie ein Feuer⸗ meer ſich mit meinem Blute vermiſchte.— Jetzt bin ich alt und ſchwach— jetzt iſt's mir kaͤlter ums Herz geworden— doch vor⸗ mals— oh!« Er druͤckte die flache Hand feſt auf ſeine Augen und wendete ſich ab; doch Sabine ging zu ihm und ſprach theilnehmend:»Un⸗ gluͤcklicher! Dich druͤckt wohl noch ſchwerere Schuld als mich; denn außer jenem Frevel, den wir vereint vollbrachten, haſt Du allein wohl Schlimmeres gethan und mir verſchwie⸗ gen. Ein Grauſen uͤberfaͤllt mich oft bei Deinem Anblicke, wenn Du heimkommſt aus dem Walde, ſo verſtoͤrt, ſo wild; oder wenn es Dich des Nachts nicht auf dem Lager leidet, wenn Du dann herum⸗ ſchleichſt im oͤden, dunkeln Hauſe, und mit Dir ſelbſt ſprichſt. Obgleich ich Dein Ver⸗ trauen fordern koͤnnte, hab' ich's doch nie gethan, habe ſtill geduldet und gehofft, Du wuͤrdeſt mir freiwillig Dein Herzen erſchließen. Ach, Simon! waͤlze doch die ſchreckliche Laſt von Dir, vielleicht erleichtert's Deine Bruſt, wenn Du mir vertrau'ſt! Ich habe ja mit Dir gelitten Noth und Kummer; ich will Dich troͤſten, wenn ich's nur vermag, ich will auch mit Dir beten, die ſchwerſte Buſ⸗ ſe will ich theilen. Laß mich Alles— Alles wiſſen, ſonſt muß ich fort von Dir— Dein unheimliches Weſen treibt mich aus Deiner Naͤhe!« Simon ſchien ſich einige Augenblicke zu bedenken, doch bald wurde der Ausdruck ſei⸗ nes Geſichtes milder, ja, ſein Auge wurde feucht, indem er ſprach:»Ja, gutes Weib, mir thut die Beichte Noth, und wem ſollte ich lieber beichten, als Dir? denn Du biſt ja das einzige Weſen, das mir treu geblie⸗ ben auf meiner ſchreckensvollen Lebensbahn, und Dein Herz iſt reich an Mitleiden. Ein Traum, Sabine— ein fuͤrchterlicher Traum hat in dieſer Nacht meine ganze Seele er⸗ ſchuͤttert— doch hoͤre mich— verdamme mich aber nicht zu vorſchnell, denn oft wer⸗ den des Menſchen Schickſale von ſeinen Lei⸗ denſchaften beſtimmt, wenn er ſie nicht zu baͤndigen weiß.— Hoͤre: mein Vater war Jaͤger in Beichlingen geweſen und hatte mich und meinen aͤltern Bruder— wir waren ſei⸗ ne einzigen Kinder— fuͤr ſein Gewerbe be⸗ ſtimmt. Ich war kaum zwanzig Jahre, doch ſchon ein wilder, toller Burſche, als er ſtarb; die Mutter hatten wir ſchon in unſrer Kind⸗ heit verloren. Mein Bruder Robert hoffte, des Vaters Dienſt ſolle ihm nach deſſen Tode zufallen, doch ein Fremder wurde ihm vorge⸗ zogen. Wir blieben beide ohne Dienſt, denn wir verſtanden nichts, als die Jaͤgerei, und wollten uns nicht dazu bequemen, Tageloͤh⸗ nerarbeit zu thun. So trugen wir eine Zeit lang Noth und Elend zuſammen, bis mein Bruder endlich auf den Gedanken verſiel, Wilddieberei zu treiben. Ein ſo gefaͤhrliches Handwerk ſtimmte mit meinem wilden Sinne ſo recht zuſammen, und ich ſchwur es mei⸗ nem Robert hoch und theuer: ihn nimmer zu verlaſſen auf ſeinen Fahrten. Es gluͤckte uns auch trefflich; wir hatten unſer reichli⸗ ches Brod auf dieſe Art wohl ſchon zwei Jahre lang und waren das Schrecken aller Forſte in der ganzen Umgegend geworden⸗ 236 MWAWAAN/́ Aber dafuͤr waren wir auch kaum unſers Le⸗ bens ſicher, denn alle Waidmaͤnner, fuͤnf Meilen in der Runde, verfolgten uns bei Tag und Nacht. Einsmals— es war im Rabes⸗ walder Forſt— ſtieß auch der Guͤldenauer Jaͤger auf uns, mit mehreren Jagdgeſellen, als wir eben einen friſch geſchoſſenen Rehbock auswaideten. An Flucht war da nicht mehr zu denken, denn ſie hatten uns umſtellt. Wir hielten Stand und ſchlugen uns durch, ſo gut es ging; doch kamen wir diesmal oh⸗ ne blutiges Denkmal nicht davon. Mich hat⸗ te ein Hirſchfaͤnger in die Schulter getroffen und meines Bruders linker Arm war durch einen Schuß gelaͤhmt worden, ſo daß wir Beide lange Zeit im ſichern Verſteck feiern mußten, ehe wir, voͤllig wieder hergeſtellt, un⸗ ſere Handthierung zu treiben im Stande wa⸗ ren. Doch kaum geneſen, ſchwuren wir Rache dem Guͤldenauer Jaͤger, und unſer erſter Ausflug war nach Rabeswalde. Wir trafen auch unſern Mann— ſein und unſer boͤſer Stern wollte es ſo— gerade auf dem Anſtande; er war gar nicht zu fehlen. Von 237 NMUANN zwei Kugeln getroffen— denn wir ſchoſſen zugleich— ſtuͤrzte er toͤdtlich verwundet zu⸗ ſammen, doch in demſelben Augenblicke wa⸗ ren wir auch ſchon umringt vom Grafen ſelbſt und ſeiner Jagdgeſellſchaft.— War es die ploͤtzliche Ueberraſchung— war es der eben erſt begangene Mord— wir ſtanden Beide wie verdutzt, wir zitterten, und dach⸗ ten erſt an unſre Vertheidigung und Rettung, als man uns ſchon gebunden fortſchleppte nach dem Schloſſe. Der Graf Guͤldenau war ein harter Mann. Er hegte ſelbſt das Halsgericht in ſeinem Gebiete und durfte Ur⸗ theil ſprechen uͤber Leben und Tod; doch glaubten wir noch im Gefaͤngniß, er werde Gnade walten laſſen, und beſchloſſen, ehrlich und treu die Wahrheit zu geſtehen. Der ver⸗ wundete Jaͤger war auch nach dem Schloſſe gebracht worden, und wir erfuhren, daß der Arzt ihm noch nicht alle Hoffnung abge⸗ ſprochen, ſein Leben zu erhalten. Auch wur⸗ de er ſpaͤter wirklich voͤllig wieder herge⸗ ſtellt.—— Mein Bruder war verheirathet; er jammerte um Weib und Kind und klagte 238 WWAA. 8 ſich ſelbſt an, daß er mich mit ſich ins Ver⸗ derben gezogen auf der gefaͤhrlichen Lebens⸗ bahn.— Im erſten Verhoͤr ſchon geſtanden wir Alles ein. Ich erwartete gefaßt den Ur⸗ theilsſpruch, mein Bruder aber bat um Gna⸗ de; ſein Weib, den Saͤugling an der Bruſt, warf ſich zu des Grafen Fuͤßen nieder und flehte um ihres Mannes Leben. Umſonſt— der Unerbittliche blieb felſenfeſt.»yEin Leben wenigſtens««— ſo ſprach er—„yiſt durch den Mordanſchlag auf meinen Jaͤger verwirkt; Einer von Euch Beiden muß ſterben! Mor⸗ gen ſoll das Loos entſcheiden, wer dem Hen⸗ ker anheim faͤllt.«« Da blickte ich auf mei⸗ nes Bruders Weib, welches noch immer zu den Fuͤßen des harten Mannes kroch und klaͤglich wimmerte; ich merkte wohl, daß er ohne bittres Weh nicht wuͤrde vom Leben ſcheiden koͤnnen und trat hin vor den Gra⸗ fen— denn mein Leben galt mir wenig— bat demuͤthig, uns das Looſen zu erlaſſen, und bot meinen Kopf freiwillig dar. Doch Alles umſonſt. Er blieb bei ſeinem erſten Ausſpruch, wendete uns kalt den Ruͤcken MWANA und ſprach:»yEs bleibt dabei: das Loos entſcheidet! Morgen Er oder Du!««—— » Alſo morgen Er oder Du!««— ſchrie das ungluͤckliche Weib am Halſe ihres Mannes und wollte ihn nicht laſſen.— Ach, Sabine, dieſe Worte drangen mir durch Mark und Bein;— ich hatte ſeit langer Zeit nicht ge⸗ betet, doch als ich dieſe Worte hoͤrte, da be⸗ tete ich recht innig zu Gott, er moͤchte mor⸗ gen mich das Todesloos greifen laſſen und meinen armen Bruder retten. Wir wurden darauf wieder in unſern Kerker gebracht, Ro⸗ berts Weib wurde von ihm weggeriſſen und lief heulend zur Graͤfin, welche erſt kuͤrzlich mit dem Grafen Guͤldenau verbunden war. Sie warf ſich auch ihr zu Fuͤßen, doch die ſtolze Frau wollte oder konnte nicht helfen, ſie wies ſie kalt von ſich, und als die Ver⸗ zweifelnde nicht abließ mit Bitten und Flehen, ließ ſie die edle Dame durch ihre Dienerſchaft aus dem Schloſſe bringen.— Der naͤchſte Morgen brach an. Der Gerichtsſaal war voll von Neugierigen, welche aus der Um⸗ gegend herbeigeeilt waren, dem ſonderbaren 240 MWVMWUANN Gluͤcksſpiele zuzuſchauen, wobei es ſich um Leben und Tod handelte. Eine Gerichtsper⸗ ſon reichte in einem verdeckten Hute mei⸗ nem Bruder die Looſe zuerſt und zitternd zog er— das Todesloos. Ich war frei. Noch⸗ mals bot ich meinen Kopf fuͤr den ſeinigen— umſonſt— noch an demſelben Abend wurde mein armer Robert aufgehenkt und ich ſelbſt mußte Zeuge ſeyn bei ſeiner Hinrichtung. Da ſtuͤrmte es in meiner Bruſt, mein Blut ſiedete gluͤhendheiß in allen Adern und Rache war mein erſter und letzter Gedanke. Am andern Tage wurde ich durch Henkers⸗ knechte aus dem graͤflichen Gebiete gebracht, und beſchloß, mein Vaterland gaͤnzlich zu meiden. Doch ehe ich aus Thuͤringen floh, ging ich noch ein Mal nach unſrer Huͤtte, die uns ſo lange zum Verſteck gedient hatte gegen die Verfolgungen unſrer Feinde; aber Entſetzen ſtraͤubte mein Haar empor beim Eintritte in die duͤrftige Wohnung. Auf dem Stroh, welches uns zum Lager gedient hat⸗ te, ſchwammen zwei Leichen in ihrem Blu⸗ te. Meines Bruders ungluͤckliches Weib hat⸗ 241 æꝙâæꝗæᷓ́ꝝ te in der Verzweiflung ihr Kind und ſich ent⸗ leibt mit einem Jagdmeſſer, welches Robert noch vom Vater geerbt, mit demſelben Meſ⸗ ſer, welches ich ſo eben von mir ſchleuderte. Nahe bei der Huͤtte beerdigte ich ganz allein die Ueberreſte der Ungluͤcklichen und ſchwur nochmals auf dem friſchen Grabhuͤgel den fuͤrchterlichſten Eidſchwur der Rache gegen den Grafen und ſein Haus. Darauf ſloh ich aus Thuͤringen, das blutige Waidmeſſer aber nahm ich mit mir, damit es mich tagtaͤglich mahne, meines Schwurs zu gedenken. Ich kam nach Boͤhmen, trat bei Deinem Vater als Jaͤgerburſche in Dienſte, und nachdem ich wohl gegen fuͤnf Jahre dort geweſen, hielt ich um Deine Hand an. Du weißt, wie mir Dein Vater hartnaͤckig ſein Jawort ver⸗ ſagte, und da es mich ohnedies ſtuͤrmiſch zu⸗ ruͤcktrieb nach Thuͤringen, damit ich meines Eides quitt werde, beredete ich Dich zur Flucht, wozu Du Dich gern verſtandeſt, denn es war hohe Zeit, daß der Prieſter ſei⸗ nen Segen uͤber uns ſprach. Du weißt, wie wir fluͤchteten, wie wir uns heimlich trauen III. 16 Wa ließen, wie wir hier ankamen, Du— ein Kind an der Bruſt, kaum acht Tage alt; wie ich mich anfangs ſorgfaͤltig verbarg, ob⸗ gleich ich keine Entdeckung zu befuͤrchten hatte, denn mein Geſicht war maͤnnlicher geworden, war gebraͤunt, mein ſtarker Bart um Kinn und Lippen machte mich ganz unkenntlich; auch hatte ich mir den boͤhmiſchen Dialett angewoͤhnt, der hier ganz fremd klang. So ging ich nach einigen Tagen geradeswegs zum Grafen, weil ich gehoͤrt, er ſuche einen Jaͤger fuͤr Rabeswalde. Ich wurde zu ihm ins Zimmer gefuͤhrt, wo er ſich allein befand, ſeinen erſt vor wenigen Tagen geborenen Sohn herzend und kuͤſſend. Bei dieſem An⸗ blicke ſtiegen alle die finſtern Rachegeiſter wie⸗ der in mir empor, kaum konnte ich in die⸗ ſem Augenblicke meine aufflammende Wuth daͤmpfen, und es war mir, als ob Roberts unluͤckliches Weib mir die ſchrecklichen Worte ins Ohr fluͤſterte:„y Morgen Er oder Du l«« Von dieſer Minute an ſtand mein Plan feſt. »yMorgen Er oder Du!«« rief's unaufhoͤrlich in meinem Innern— Vater oder Sohn hat⸗ 243 MAVNNN te ich mir zum Racheopfer erſehn. Durch meinen falſchen Namen ließ der Graf ſich taͤuſchen, er erkannte mich nicht wieder und fertigte mir ſogleich meine Beſtallung als Jaͤ⸗ ger in Rabeswalde aus. Du weißt, wie wir an demſelben Tage noch dieſe Huͤtte bezo⸗ gen, wie am andern Abende— es war Al⸗ lerheiligentag, wie heute— der Graf druͤben im Grunde, dicht bei der alten, verfalle⸗ nen Mauer, welche noch als letzter Ueber⸗ reſt des Raubſchloſſes der Grafen von Nabes⸗ walde ſtehen geblieben, todt gefunden wur⸗ de.& »um aller Heiligen willen!« ſchrie Sabi⸗ ne laut auf und verhuͤllte ihr Geſicht.»Der Graf war ermordet worden, drei Meſſerſtiche waren ihm durchs Herz gedrungen, und der Moͤrder blieb unentdeckt!« 30. „»Der Moͤrder blieb unentdeckt!« wieder⸗ holte Simon vor ſich hin ſtarrend, mit ton⸗ loſer Stimme.»Von jenem Tage an habe ich das Waidmeſſer im Keller unter dem Schutte verborgen und heute— gerade heute kommt mir's wieder zu Geſicht. Es ſind ge⸗ 46*† 244 AWwN rade heute fuͤnf und zwanzig Jahre, und mein Schreckenstraum in dieſer Nacht— bmun wer wird an Traͤume glauben!« Awtunt Sabine hatte ſich von m gewbendt, und war ſchluchzend in einen Seſſel geſunken, Si⸗ mon aber Baln ſchweigend und unruhig auf und ab, nur zuweilen loͤſte ſich ein tiefer Suuffche von ſeiner Bruſt. Doch es ſchien ihm bald ſein Schweigen noch laͤſtiger, als vorhin ſein lautes Bekenntniß. Um die aͤngſt⸗ liche Stille zu unterbrechen, begann er aufs Nene:»Sabine, hoͤre mich doch! was haͤltſſt Du wohl von Traͤumen?'s iſt Thor⸗ heit, dran zu glauben, nicht wahr? Und dennoch hat man Beiſpiele, daß ſie eingetrof⸗ fen. Es waͤre entſetzlich, wenn mein Traum ausginge— hoͤre mich doch, gute Sabi⸗ ne, hoͤre mich— es ninat whrhaſtig wun⸗ derbar!« 1 Ohne es weiter zu beachten, 1 daß Sabine unveraͤndert in ihrer vorigen Stellung blieb, von ihm abgewendet, fuhr er fort, mehr vor ſich hin, als zu ſeinem Weibe ſprechend: „Zwei Tage und zwei Naͤchte ſchon war ich MAÄAUANNAN im Forſte herumgeirrt; es war mir draußen wohl, im engen Gemache konnt' ich nicht ausdauern. Auch geſtern Abend blieb ich im Walde, obgleich ein boͤſes Wetter war. Doch bald wurde es ſo dunkel zwiſchen den Baͤu⸗ men, daß ich weder Weg noch Steg finden konnte, und unbekuͤmmert, wo ich mich be⸗ fand, legte ich mich an einem Baume nie⸗ der ins friſch gefallene Laub. Trotz Sturm und Regen ſchlief ich ein und mochte lange ſchon geſchlafen haben; da war mir's— bei⸗ nahe deutlicher, als ſonſt ſich's in Traͤumen zeigt— als ob der Graf vor mir ſtehe mit den drei blutenden Wunden im Herzen. Er hielt einen großen hellen Spiegel in ſeiner Rechten und wie ich hineinſchaue— erblicke ich mich ſelbſt leibhaftig, mit unſerm Sohn⸗ im heftigſten Streit—& »Mit Otto? Sag' an, Simon, mit Ot⸗ to?« fuhr Sabine, ploͤtzlich ihn unterbre hende auf. Er aber fuhr ungeduldig in ſeiner Srzä⸗ lung fort, indem er nochmals beſtimmt wie⸗ derholte:»Hoͤrſt Du nicht? mit unſerm Sohne im heftigen Streite. Darauf erhob der Graf den Zeigefinger ſeiner Linken drohend und ſprach mit einer Stimme, daß mir's war, als ob der Wald rings um mich her erzitterte:»» Morgen Er oder Du l« Und ſo war augenblicklich das Geſicht verſchwun⸗ den. Ich konnte nicht erwachen und qaͤlte mich im Ringen mit den fuͤrchterlichſten Er⸗ ſcheinungen bis zur Morgendaͤmmerung; da wachte ich endlich auf und erkannte mit Schaudern den Ort, wo ich meine Ruheſtatt geſucht. Es war druͤben im Grunde, dicht bei der alten, verfallenen Mauer; ich hatte auf derfelben Stelle gelegen, wo vor fuͤnf und zwanzig Jahren der Graf ermordet wur⸗ de.&. Er ſchwieg; doch nach einer kurzen Pau⸗ ſe fuhr er wieder unruhig auf und ſprach, zu Sabinen gewendet:»Gieb den Hunden doch ihr Futter! Die Beſtien heulen ja draußen im Stalle, als ob ſie ſchon eine Leiche witterten.« Still fuͤr ſich betend, wankte Sabine aus dei Gemache, Simon aber ſetzte ſich wieder 247 zum Kamin und ſtarrte noch lange, faſt re⸗ gungslos, in die Flammen. 8. Die Graͤfin Guͤldenau war nach der Er⸗ mordung ihres Gemahls Wittwe geblieben und verlebte ihre Tage, abgeſchieden von der uͤbri⸗ gen Welt, mit ihrem Sohne auf dem alten Stammſchloſſe, welches den Beſitzern der Grafſchaft ſeit undenklichen Zeiken zur Reſi⸗ denz gedient. Ihre einzige Geſellſchafterin in ihrer Einſamkeit war Emma von Burgwen⸗ den, eine verwaiſte, ferne Anverwandte ohne Vermoͤgen, welche es mit dankbarem Herzen erkannte, in der Graͤfin eine muͤtterliche Freundin und liebreiche Erzieherin gefunden⸗ zu haben. 1 Emma war nicht mit blendenden Reizen, doch mit einem angenehmen Aeußern von der Natur beſchenkt worden, welches ſchon beim erſten Anblicke in jedem fuͤhlenden Herzen Zu⸗ 248 WANNNNN neigung erwecken mußte. Die dunkelblauen Augen voll Leben und Feuer, die freie Stirn, auf welcher faſt ſtets der Frohſinn thronte, die dunkle Lockenfuͤlle, welche in natuͤrlichen Formen ſich um Haupt und Schulter ringelte, der kleine, faſt immer laͤchelnde Mund, und Wangen mit der Ju⸗ gend Roſenfarbe, gaben ihrem Antlitz einen unausſprechlichen Reiz. Unſchuld ſprach ſich aus in ihren Reden und Handlungen, Hei⸗ terkeit in den raſchen, ungezwungenen Bewe⸗ gungen ihres zartgebildeten Koͤrpers. Heute, am Allerheiligentage, feierte ſie gerade ihren ſiebenzehnten Geburtstag und Alles wetteifer⸗ te, an dieſem Tage ihr Freude zu gewaͤhren, ihr zu beweiſen, wie ſehr ſie ſich die Liebe Aller, die ſie umgaben, gewonnen. Von der Graͤfin und deren Sohn Rudolph war ſie ſchon am fruͤhen Morgen reichlich beſchenkt worden; auch die Dienerſchaft hatte ſchon ihre Gluͤckwuͤnſche, und was ſie ſonſt bieten durfte und konnte, dargebracht, und dennoch ſchien Emma mit unruhiger, faſt aͤngſtlicher Erwartung noch Jemandes zu harren. 249 AMAAVNN Sie ſaß mit ihrer muͤtterlichen Freundin beim Fruͤhſtuͤck, Graf Rudolph an ihrer Sei⸗ te, mit widerlicher Freundlichkeit bemuͤht, durch Schmeicheleien und alltaͤgliche Galante⸗ rieen ſie zu unterhalten. Doch ſchien ihm dies nicht recht gelingen zu wollen, denn Emma, ſonſt von der heiterſten Laune er⸗ fuͤllt, blieb heute einſylbig und hoͤrte ſeine Worte nur halb. Der zudringlichen Bemuͤ⸗ hungen Rudolphs, die fade Unterhaltung fort⸗ zzuſetzen, endlich uͤberdruͤſſig, unterbrach ſie ihn ploͤtzlich und ſo gleichguͤltig als moͤglich ſcheinend, mit der Frage:»Wo bleibt doch Otto? Ich habe ihn heute ja noch gar nicht geſehen!« 4 Der Graf lachte beinahe laut auf und ſchwieg dann geheimnißvoll, doch die Graͤfin wurde aufmerkſam und befahl einem Diener, Otto aufzuſuchen. »Wirſt ihn ſchwerlich ſinden, denn er ſitzt zwiſchen Himmel und Erde!« rief ihm Rudolph lachend nach, und fuhr, zu ſeiner Mutter gewendet, fort:»Wieder einer von meinen luſtigen Streichen. Wenn Sie mir 250 WMAAAA in den Schloßhof zu folgen belieben, werden Sie Gelegenheit finden, recht herzlich zu la⸗ chen; auch Emma, denk' ich, wird ihre duͤſt⸗ re Laune bald vergeſſen beim Anblicke des in der Luft baumelnden, heimlichen Anbe⸗ ters. /Um Gotteswillen! was ſoll das heißen?« rief Emma erſchrocken, ſich vom Stuhle er⸗ hebend; doch die Graͤfin warf einen finſtern Blick auf ihren Sohn, ergriff ihre Hand und ging ſchweigend mit ihr nach dem Schloßhofe. Mit heimlicher Schadenfreude folgte Rudolph in einiger Entfernung. Im Schloßhofe aber waren unter einem Fenſter im zweiten Stockwerke, welches von Emma's Schlafgemache ausging, Arbeiter und Dienſtleute verſammelt, welche mit neugierigen Blicken, unter aͤngſtlichem Gefluͤ⸗ ſter, hinaufſchaueten nach dem Geſims, wel⸗ ches ungefaͤhr vier Schuh unter dem Fenſter, hervorſpringend und mit alterthuͤmlichen Zier⸗ rathen verſehen, angebracht war. Das Fen⸗ ſter ſelbſt war von innen verſchloſſen und mit dichten Gardinen verhaͤngt, von außen mit 251 AAVNAN Blumenguirlanden und den ſchoͤnſten Treib⸗ hausblumen geſchmuͤckt, zwei geſchmackvoll gearbeitete Kaͤſiche, in jedem eine Nachtigall, waren zu beiden Seiten aufgehangen, doch ſchien das Ganze noch unvollendet und in groͤßter Eile geordnet. Mit Schrecken aber gewahrten die Untenſtehenden einen Menſchen an dem Geſimſe haͤngend, der ſich, bleich und zaͤhnknirſchend, mit beiden Haͤnden am Zierrath feſtklammerte und in augenſcheinlicher Todesgefahr ſchwebte, die mit jedem Augen⸗ blicke zu ſteigen ſchien, weil das immer hef⸗ tiger werdende Zittern des Huͤlfloſen das Sin⸗ ken ſeiner Kraͤfte verrieth, deren er ſo noth⸗ wendig bedurfte, um dem lebensgefaͤhrlichen Sturze in die Tiefe zu entgehen. Schon drang das Blut unter den Naͤgeln ſeiner Fin⸗ ger hervor, immer bleicher wurden Wange und Stirn, Todesangſt ſprach ſich aus in allen ſeinen Zuͤgen und doch drang kein Laut uͤber ſeine Lippen. Die Untenſtehenden, obgleich von Angſt und Mitleiden durchdrungen, blieben doch ſtumm und unthaͤtig, denn der harte Beſehl 252 NAAAANA des jungen Grafen verhinderte ſie, dem in Gefahr Schwebenden zur Rettung huͤlfreiche Hand zu bieten. Doch augenblicklich waren Alle bemuͤht, ihm Huͤlfe zu leiſten, als die Graͤfin jetzt ſelbſt unter ſie trat und nachdem ſie einen Blick nach dem Fenſter geworfen, voll Entſetzen die Worte gerufen: 2ititarn her! rettet! rettet!«— 7 Emma, welche angſtvoll den Blicken der Graͤfin mit den ihrigen gefolgt, ſank mit dem lauten Ausrufe:»Otto! Otto!« in die Arme ihrer Tante, ihr Geſicht an deren Buſen ver⸗ bergend, damit ſie das ſchreckliche Sehauizlt nicht mehr ſehe. Zitternd vor Erſchoͤpfung ſtieg Otto jest die ſchwankende Feuerleiter herab, die ſchnell herbeigebracht worden war, unterſtuͤtzt von huͤlfreichen Armen, und ſtuͤrzte faſt ohnmaͤch⸗ tig zu Emma's Fuͤßen nieder und ſtanulte kaum hoͤrbar:»Verzeihung!« Emma aber, Alles um ſich her vergeſ⸗ ſend, konnte ihre Freude nicht maͤßigen, ihn gerettet auf feſtem Boden zu erblicken, rich⸗ tete ihn liebreich auf, draͤckte ſeine erſtarrten, HMAANA blutgefaͤrbten Haͤnde ſanft in den ihrigen, ſtrich ihm die Locken von der bleichen Stirn und war eben im Begriff, ihn zu umſchlin⸗ gen mit ihren Armen, als ſie ſich ploͤtzlich von der Graͤfin— welche dieſe ganze Scene mit ſtrengen, mißbilligenden Blicken uͤber⸗ ſchaut— faſt unſanft nach ihrem Zimmer busgeriſen fuͤhlte. Otto ſtand lange noch auf derfelben Stel⸗ , die neugierige Dienerſchaft, die ihn um⸗ gab, nicht beachtend, und ſchaute der wider⸗ ſtrebend Dahineilenden mit ſehnſuchtsvollen Blicken nach. Eine ſanfte Roͤthe war auf ſeine Wangen zuruͤckgekehrt, und der Aus⸗ druck ſtillverhaltner Freude hatte der Todes⸗ angſt tiefe Furchen laͤngſt aus ſeinem Antlitz verdraͤngt. Er hoͤrte nicht die bedauernden und troͤſtenden Worte der Dienſtleute, welche ihn umringten, ein ſuͤßer, ſeliger Traum ſchien ihn zu umfangen, aus dem er ſich auf widerliche Weiſe aufgeſchreckt ſah durch den Anblick des jungen Grafen, der jetzt ploͤtzlich hohnlaͤchelnd vor ihm ſtand und ver⸗ aͤchtlich die Worte zu ihm ſprach:»Es AMAAAMN thut mir wahrlich leid, daß Du Deines un⸗ bequemen Sitzes ſo bald uͤberhoben wurdeſt; waͤr's nach mir gegangen, haͤtteſt Du wenig⸗ ſtens vier und zwanzig Stunden lang dort oben hungern ſollen. Fuͤr Dein unverſchaͤm⸗ tes Lauſchen war's der Strafe noch zu we⸗ nig.& 3 unch Empoͤrt, doch gewaltſam ſeine Aufwallung niederkaͤmpfend, erwiederte Otto:»Sie irren ſehr, Herr Graf, wenn Sie glauben, daß ich dies Wageſtuͤck unternommen, um am Fenſter des Fraͤuleins zu lauſchen. Der Ge⸗ danke ſchon empoͤrt mich, an ihr einen ſol⸗ chen Frevel zu begehen, an ihr, die durch Geburt und Tugend weit uͤber mich erhaben iſt. Sie liebt die Blumen uͤber Alles— zwei Nachtigallen hatt' ich laͤngſt fuͤr ſie ge⸗ pflegt und— dieſe kleinen Geſchenke, die nicht des Dankes werth, ihr ins Geheim zu⸗ kommen zu laſſen, damit der arme Geber ſich oͤffentlich ſeiner geringen Gabe nicht zu ſchaͤ⸗ men brauche, das war meine Abſicht, die mich zu ſolchem Wagniß verleiten konnte, ſonſt nichts, Herr Graf!«. 25⁵⁵ NMAAA „Sie bedarf Deiner Gaben uͤberhaupt nicht!« erwiederte Rudolph hart, vund ich verbitte mir in ihrem Namen uͤberhaupt der⸗ gleichen Annaͤherungen, in welcher Abſicht ſie auch geſchehen moͤgen, denn wiſſe: ich habe ein Recht dazu— Fraͤulein Emma iſt meine Braut!— Uebrigens danke es meiner Lang⸗ muth, daß ich Dich zudringlichen Narren, als ich Dir die Leiter wegzog, nicht gleich ſelbſt mit herabſtuͤrzte!« Otto's Antlitz faͤrbte der auflodernde Zorn hochroth und feuriger flammte ſein Auge; doch noch ein Mal unterdruͤckte er die heftige Bewegung und ſprach:»Alſo Sie ſelbſt zogen mir die Leiter weg und bereiteten mir die Todesgefahr? Danken Sie es der unerſchoͤpf⸗ lichen Gnade, welche Ihre Frau Mutter mir ſeit meiner Kindheit angedeihen ließ, wenn ich Ihnen dies nie entgelten laſſe!« »Elender Bube!« ſchrie der Graf, gereizt auf Otto losgehend; doch einige Dienſtleute riſſen dieſen gewaltſam mit ſich fort und Ru⸗ dolph ging fluchend und tobend nach ſeinem Zimmer. Stumm und ernſt ſtand die Graͤfin in ih⸗ rem Kabinet lange Emma gegenuͤber, bis ſie endlich die Frage hervorbrachte:»Welches Verhaͤltniß waltet zwiſchen Dir und Otto?« Statt einer Antwort warf ſich Emma an ihre Bruſt und weinte; doch ernſter als zu⸗ vor wiederholte die Graͤfin ihre Frage und jetzt wurden ihr die leiſen Worte zur Erwie⸗ derung:»Zu nennen weiß ich das Verhaͤlt⸗ niß nicht, was zwiſchen mir und Otto wal⸗ tet.— Sie wiſſen es ja, meine guͤtige Tan⸗ te, daß wir zuſammen aufgewachſen ſind wie Schweſter und Bruder, denn Ihre Gnade uͤberhob ihn jedes Dieneramtes und brachte ihn mir naͤher, als ſonſt wohl ſchicklich. Ach, ich bin ihm ſo herzlich gut und wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als daß er von adelicher Geburt ſeyn moͤchte— denn— warum ſoll ich's leugnen? Rudolph, den Sie mir ſchon 257 laͤngſt zum Braͤutigam beſtimmt, den kann ich nimmer lieben!« 1 »So alſo ſteht's mit Dir?« entgeg⸗ nete die Graͤfin und fuͤhlte ſich im Inner⸗ ſten verletzt.»Was haſt Du gegen meinen Sohn?4 »O, erlaſſen Sie mir dieſe Antwort, eben weil er Ihr Sohn iſt!« bat Emma mit ſanftem Ton, und die Graͤfin, in heftiger Bewegung, wendete ſich ab von ihr; doch bald gefaßt, ſprach ſie ſchmerzlich:»Liebe laͤßt ſich nicht erzwingen, und ſo ſey der Plan denn aufgegeben, mit deſſen Ausfuͤh⸗ rung ich in muͤtterlicher Fuͤrſorge Rudolphs Wohl zu gruͤnden hoffte. Du biſt vielleicht die Einzige unter Tauſenden, die ſeinen ſtar⸗ ren Sinn zu beugen, die ihn nach und nach von ſeinen Fehlern zu befreien vermoͤchte. Doch— es ſoll nicht ſeyn! Ich will ihn Got⸗ tes gnaͤdiglicher Leitung anempfehlen, daß er nicht ganz verloren gehe, denn ich vermag nichts uͤber ihn, und leider muß ich es einge⸗ ſtehen: ich kann mich dieſes Sohnes nicht erfreuen.— Doch huͤte Dich«— fuhr ſie III. 17 WAAAAN ſtrenger fort—»fuͤr Otto mehr als Freund⸗ ſchaft zu empfinden; ein zaͤrtlicheres Gefuͤhl koͤnnte Euch nur elend machen. Er iſt der Sohn des alten Jaͤgers Simon in Rabeswal⸗ de— Du biſt ein Edelfraͤulein von Burg⸗ wenden. Nie kann die Scheidewand fallen, die Standesvorrecht zwiſchen Euch erbaut.— Mein Rudolph war nur wenige Tage alt, als man mir den Gemahl ermordet aus dem Walde heimbrachte, und Schmerz und Schrek⸗ ken uͤber den unerſetzlichen Verluſt meines theuren Guͤldenau warfen mich aufs Kran⸗ kenlager. Das Weib des Jaͤgers Simon war mit mir faſt zu gleicher Zeit von einem Kna⸗ ben entbunden worden, ſie war damals eine muntre, ruͤſtige Frau, und Mhr gab man meinen Rudolph an die Bruſt, weil durch die Krankheit meine eignen Nahrungsquellen verſiegt waren. Erſt nach mehreren Monaten, als ich mein Siechenlager verließ, brachte man mir meinen Knaben wieder, und einige Jahre ſpaͤter nahm ich auch des Jaͤgers Otto zu mir, weil mir der muntre Bube gefiel, der unter ſeines Vaters tyranniſcher Behand⸗ ——i lung vielleicht den fruͤhen Tod gefunden. Noch ſpaͤter, als man Dich, die Waiſe, zu mir brachte, wurdeſt Du freilich mit den bei⸗ den Knaben auferzogen und Dein kindiſcher Sinn fragte wenig nach Stammbaum und Wappen, wenn Du im muntern Spiele Dich mit Otto herumtummelteſt, als ob er Deines Gleichen ſey. Doch dieſe Zeiten ſind voruͤber. Habe ich auch Otto nie zum Die⸗ ner erziehen laſſen, ſo ſteht er doch ſo tief unter Dir, daß ſelbſt die Liebe ihn nicht zu erheben vermag. Er ſoll das Schloß verlaſ⸗ ſen, heute noch; Du darfſt ihn nimmer wiederſehen! Seine Zukunft ſey meine GSor gel« 8 Tieferſchuͤttert ſchluchzte Enma am Bufen ihrer Wohlthaͤterin. Sie ſah die Nothwen⸗ digkeit einer Trennung von Otto wohl ein, und doch fuͤhlte ſie ihr Herz gebrochen, denn ſie erkannte jetzt erſt, daß ſie den Juͤngling mehr geliebt, als ſie ſelbſt geglaubt. Ohne ein gegenſeitiges Geſtaͤndniß, hatten ſie einan⸗ der doch laͤngſt ſchon verſtanden, denn in ih⸗ ren Handlungen ſprachen ſich ihre Empfindun⸗ 17* * 260 WAAAAN gen aus, ohne ſich den ſcharfen Blicken der Graͤfin zu verrathen. Nur RNudolph hatte lange ſchon bemerkt, wie ihre Herzen zuſam⸗ menſtimmten, und da er ſelbſt Emma mit wilder Leidenſchaft liebte, hatte er einen toͤdt⸗ lichen Haß auf Otto geworfen und laͤngſt eine Gelegenheit geſucht, ihn oͤffentlich recht bitter. zu kraͤnken und ſeine Entfernung aus dem Schloſſe zu bewirken. So hatte er auch heu⸗ te, ſchon am fruͤhen Morgen, Otto's Vor⸗ haben, dem Feſtkinde insgeheim eine Freude zu bereiten, erlauſcht, und vollbrachte, durch Eiferſucht und Nache angetrieben, das Bu⸗ 3 benſtuͤck, indem er durch Wegnahme der Lei⸗ ter den Armen in augenſcheinliche Todesgefahr ſtuͤrzte. Ddie Graͤfin durchſchaute jetzt den ganzen Vorfall und fuͤhlte ſich im Mutterherzen tief verwundet, wenn ſie der Bosheit ihres Soh⸗ nes gedachte; deshalb ließ ſie ihm auch den Befehl zukommen, nicht eher wieder vor ih⸗ ren Augen zu erſcheinen, bis ſie es ſelbſt be⸗ gehren wuͤrde. Dann ſchickte ſie Emma auf ihr Zimmer und ließ Otto rufen, der, nach — einer langen Unterredung, mit augenſcheinlicher Beſtuͤrzung von ihr ging, ſeine Sachen zu⸗ ſammenpackte und, ohne Emma noch ein Mal geſehen zu haben, bald darauf das Sigloß a verließ. 5. Am Abende deſſelben Tages war der Him⸗ mel heitrer geworden und die Sonne blickte freundlicher als am Morgen durch die hohen Kiefern des Forſtes Rabeswalde. In der Jaͤgerhuͤtte ſaß Sabine am Spinnrad, doch unthaͤtig ruhete die Hand im Schooße, welche den Faden hielt.— Otto war eben fortgegan⸗ gen, nachdem er Abſchied von ſeinen Eltern genommen, denen er durch ſeinen Aufenthalt im Schloſſe ziemlich entfremdet war. Kam er auch zuweilen, ſie zu beſuchen in ihrer duͤrftigen Wohnung, that er auch Alles, was in ſeinen Kraͤften ſtand, ihre Armuth zu er⸗ leichtern, ſo wurde ihm eiſige Kaͤlte fuͤr Va⸗ 262 NWMVABAAMN terliebe, aͤngſtliche Zuruͤckhaltung fuͤr Mutter⸗ zaͤrtlichkeit zu Theil. Deshalb war er ſich auch der Regung einer wahren, heißen Kin⸗ desliebe gegen ſeine Eltern nie recht klar be⸗ wußt geworden, und der Abſchied von ihnen wurde ihm nicht ſo ſchwer, als der vom Gra⸗ fenſchloſſe, wo ſein ganzes Herz zuruͤckblieb. Die Graͤſin hatte ihm, nebſt einer wohlgefuͤll⸗ ten Boͤrſe, Empfehlungen mitgegeben an den Oberjaͤgermeiſter des Herzogs von Weimar, und ſo wanderte er truͤben Sinnes durch den Forſt, dem ungewiſſen Ziele entgegen. Simon ſtand vor ſeiner Huͤtte und blickte ihm noch lange nach. Eine ſeltſame Bewe⸗ gung ſchien in ſeinem Innern zu arbeiten, denn bald ſtreckte er die Hand aus nach dem Dahineilenden, als wolle er ihn zuruͤckrufen, bald zuckte ein hoͤhniſcher Zug um ſeine Lip⸗ pen und ein heiſeres Lachen drang aus ſeiner ſchwerathmenden Bruſt herauf. Endlich war Otto im Gebuͤſch verſchwun⸗ den. Simon ſetzte ſich auf eine Bank un⸗ weit der Huͤtte und ſchien in tiefe Gedanken verloren, denn er bemerkte es nicht, wie —— 263 NMMNAVNNA ſeine Hunde zu ihm heranſprangen und ihn mit ihren toͤlpiſchen Liebkoſungen uͤberhaͤuften. Bald aber ſtand er wieder auf von ſeinem Sitze, als er auf dem Wege, der nach dem Schloſſe fuͤhrte, den jungen Grafen erblickte, welcher gerade auf ihn zuritt. Rudolph war, nachdem er den Befehl ſeiner Mutter, nicht vor ihr zu erſcheinen, vernommen, trotzig von dannen geritten, um auf einige Tage ſeine in der Naͤhe wohnenden Freunde zu beſuchen. Simon ſchien betroffen ihm ausweichen zu wollen, denn er ging haſtig nach ſeiner Woh⸗ nung zu; doch der Graf hatte ihn ſchon er⸗ blickt und rief ihm befehlend entgegen:»Da geblieben, alter Graukopf! ich bin heut' in der beſten Laune und habe Luſt mit Dir zu ſcherzen!« Unwillig, ohne Gruß, ohne das geringſte Zeichen der Ehrfurcht, welche der Diener ſei⸗ nem Gebieter ſchuldig, erwartete Simon den Grafen, welcher im vollen Galopp auf ihn anſprengte, ſo daß der Jaͤger, um nicht uͤber⸗ ritten zu werden, dem tollen Reiter auswei⸗ 264 WAAʒAAAN chen mußte. Doch dieſer ſchien ſein Vergnuͤ⸗ gen darin zu ſinden, ſein Roß bald rechts bald links zu wenden und ſo den Fluͤchtenden zu verfolgen. Lautlachend rief er ihm zu: /Lauf, Alter, lauf! Muß ſehen, ob Deine morſchen Beine zum Dienſte noch tauglich, oder ob ich den alten Invaliden zum Teufel jagen muß, wenn ich erſt Herr werde von Guͤldenau. Huſſah! Laß Dich hetzen, Al⸗ ter!« 1 nn immer, bald hier bald dorthin ausweichend, ſich vor den weithinausgeſtreckten Hufen des baͤumenden Pferdes zu retten und ſeine Woh⸗ nung zu erreichen; doch umſonſt. Der ge⸗ ſchickte Reiter verfolgte jede ſeiner Bewegun⸗ gen und ſein Roß blutig ſpornend, trieb er den Fluͤchtigen von der Huͤtte weg, bis zu den gegenuͤberſtehenden Kiefern, hinter welchen endlich der Geaͤngſtigte Schutz fand. Hier umfaßte er keuchend, außer Athem, einen Baumſtamm und zorngluͤhend, voller In⸗ grimm, ſtieß er die halblauten Worte hervor: /Warte, Lumpengraf! das gedenk' ich Dir!« L Schaͤumend vor Wuth ſuchte Simon noch 265 NMWMAAVNAN »Was war das?« ſchrie Rudolph zaͤhn⸗ knirſchend, dem dieſe Worte nicht entgangen. »Mir das? elender Bettler! Zuͤchtigen will ich Dich—« und in demſelben Augenblicke ſchlug er den Alten mit hochgeſchwungener Reitpeitſche uͤbers Geſicht, daß eine blutige Schmarre zuruͤckblieb.— Da war Simon ſeiner nicht mehr maͤch⸗ tig, ſeine Hand ſuchte nach dem Hirſchfaͤnger an ſeiner Seite, und als er dieſen vermißte, wollte er mit geballten Faͤuſten auf den Gra⸗ fen los, indem er, weinend faſt vor Zorn, ihm zurief:»Mich geſchlagen! mich geſchla-⸗ gen, verdammter Bube! mich— Deinen—& da ſiel ſein wilder Blick auf jenes Waidmeſ⸗ ſer, welches er dieſen Morgen von ſich ge⸗ ſchleudert und das in demſelben Kiefernſtamme ſtecken geblieben war, den er umfaßt gehal⸗ ten. Kraͤftig riß er die Jagdwaffe heraus, hob ſie mit ſchrecklicher Geberde zum Himmel empor— ſein langes, weißes Haar flatterte wild um ſeinen Scheitel, alle ſeine Zuͤge wa⸗ ren verzerrt, ſeine rollenden Augen traten weit hervor aus ihren Hoͤhlen und mit dem MWMAMN lauten Ausrufe:»Gott ſey mir gnaͤdig!«. warf er das Meſſer nach dem Grafen, der beſtuͤrzt zuruͤckgewichen. Doch umſonſt— das kalte Eiſen hatte ſein Herz durchbohrt, lautlos ſank er vom Roſſe herab, und nach kurzem Todeskampfe hauchte er ſeine Seele aus. Der alte Jaͤger war in ſeine Kniee ge⸗ ſunken und ſtarrte irren Sinnes nach der Lei⸗ che; dann ſtrich er ſich das weiße Haar aus dem blutigen Geſichte und kroch naͤher hin zum Todten, der noch die Zuͤgel ſeines Roſ⸗ ſes in der krampfhaft geballten Fauſt hielt. Nach und nach erſt ſchienen ſeine Sinne wie⸗ derzukehren, und als er nun der ſchreckens⸗ vollen That ſich deutlicher bewußt wurde, brach er aus in laute Klagen, in Fluͤche und Verwuͤnſchungen gegen ſich ſelbſt, warf ſich uͤber den kalten Leichnam und bedeckte ihn mit Kuͤſſen und Thraͤnen. Als ſein Blick aber wieder auf die Mordwaffe ſiel, welche noch in der blutenden Wunde ſteck⸗ te, da riß er ſich entſetzt empor, bedeck⸗ te jammernd ſein Geſicht mit beiden Haͤnden —— — und lief, laut heulend, tief in den Wald hin⸗ ein. Sabine aber hatte, aufmerkſam gemacht durch die heftigen Reden, den ganzen Vor⸗ gang durchs Fenſter mit angeſehen und war in demſelben Augenblicke, als der Graf vom Roſ⸗ ſe ſtuͤrzte, ohnmaͤchtig zu Boden geſunken. 6. Am andern Tage herrſchte Trauer im Schloſſe, denn die Graͤſin beweinte ihren Sohn, den man am vorigen Abende, noch ſpaͤt, ermordet aus dem Walde gebracht. Em⸗ ma und ſaͤmmtliche Dienſtleute beklagten den ungluͤcklichen Otto, welchen man, des Mor⸗ des verdaͤchtig, verfolgt und eingefangen. So eben wurde er in Ketten uͤber den Schloß⸗ hof gefuͤhrt; ſein Blick, rein und voll Un⸗ ſchuld, traf Emma, welche gerade am Fen⸗ ſter ſtand und bei ſeinem Anblicke mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes zu⸗ ruͤcktrat. Unaufhaltſam eilte ſie zur Graͤfin, welche ſich, ihrem Schmerze hingegeben, in ihr Kabinet verſchloſſen. Dort warf ſie ſich ihr zu Fuͤßen und bat unter Thraͤnen, Otto frei zu laſſen und ihn nicht laͤnger des ſchreck⸗ lichen Verbrechens zu beſchuldigen; denn ſie war feſt von ſeiner Unſchuld uͤberzeugt, ob⸗ gleich ſie keinen Beweis dafuͤr hatte. Die Graͤfin aber entgegnete ernſt:»Es mußte der erſte Verdacht auf Otto fallen, da er, wie mir ein Diener erzaͤhlt, geſtern mit meinem Sohne im Schloßhofe in heftigen Streit ge⸗ rieth, und Rudolph gleich nach ihm das Schloß verließ, mit der lauten Aeußerung: er wolle dem Verbannten bis zur Grenze das Geleite geben. Leicht moͤglich, daß ſie in Rabeswalde im Jaͤgerhauſe zuſammentrafen, daß Otto aus Rache, oder gereizt durch neue Kraͤnkungen, ſich vergaß und mir ſo großes Herzeleid bereitete!l?« 3 »Nein, nein!« erwiederte Emma ver⸗ trauungsvoll, yſo weit konnte ſich Otto nim⸗ mer vergeſſen; er wird ſich reinigen von jedem Verdachte.« — —x 269 NMAMA »Das will ich von Herzen wuͤnſchen«— ſprach die Graͤfin weinend— denn ich hielt viel auf ihn; er war ein wackrer Juͤng⸗ ling!« »Graf Wenzel von Guͤldenan bittet um Erlaubniß aufwarten zu duͤrfen—« meldete jetzt, das Geſpraͤch unterbrechend, ein Die⸗ ner, und wie bei einer unangenehmen Ueber⸗ raſchung fuhr die Graͤfin bei dem Namen des Grafen zuſammen. Doch bald erwiederte ſie gefaßt:»Ich bitte nur um einige Minu⸗ ten Geduld— ich will mich ſammeln, ihn wuͤrdig zu empfangen!« Und als ſie ſich wie⸗ der allein befand mit Emma, ſchloß ſie dieſe weinend in ihre Arme und fuhr fort:»Der Graf Wenzel von Guͤldenau iſt meines ver⸗ ſtorbenen Gemahls Bruder, der ſich, einige Stunden weit von hier, in Coͤlleda aufhaͤlt. Durch den Tod meines Sohnes bin ich, nach teſtamenziriſcher Verordnung, dieſer Grafſchaft verluſtig geworden und Wenzel nimmt davon Beſitz. Er iſt ein Wuͤſtling, der ſein Ver⸗ moͤgen ſchon laͤngſt in wildem Leben durchge⸗ bracht, und meine Trauer, meine Klagen 270 WM werden fuͤr den Fuͤhlloſen Freudentoͤne. Mein geringes Eigenthum wird kaum hinreichen, mich anſtaͤndig zu ernaͤhren, doch mit Freuden will ich Alles mit Dir theilen, meine gute Emma, wenn Du bei mir bleiben willſt. O verlaß mich nicht, ODu. mein einsiger Troſt in mei⸗ nem Elende!« »Ja, ja, meine zweite Mutter le rief Emma, ſie kindlich umfangend, ich bleibe bei Ihnen, will fleißig ſeyn, recht fleiſ⸗ ſig— daß ich durch meiner Haͤnde Ar⸗ 4 beit— X »Still, ſtill, meine gute Emma«— unterbrach ſie die Graͤfin liebreich— yſo weit ſoll es nicht kommen. Muß ich auch dies Schloß fuͤr immer meiden, ſo bleibt mir noch ein Wittwenſitz in Monra; nach jenem freundlichen Doͤrſchen, wo ſo viele gute und friedliche Menſchen wohnen, dort ziehen wir hin.— Jetzt geh und bringe dem Schloß⸗ waͤchter den Befehl, dem armen Otto die Ketten abzunehmen; doch bleibt er im Ge⸗ wahrſam, bis er ſich gereinigt vom Verdachte. Ich will jetzt den Grafen empfangen; wenn ich ihn noch laͤnger harren ließe, moͤchte es ihn erbittern.« Von der innigſten Dankbarkeit durchdrun⸗ gen, kuͤßte Emma die Hand der muͤtterlichen Freundin, eilte zum Schloßwaͤchter, und bat dringend, den Befehl der Graͤfin an dem Gefangenen ſogleich zu vollziehen. 7. Der Abend des Tages, an welchem das Leichenbegaͤngniß gehalten werden ſollte, war hereingebrochen, und rings war der ganze Schloßhof mit Fackeln hell erleuchtet. Aus den Dorfſchaften, welche zur Grafſchaft ge⸗ hoͤrten, hatten ſich die Beamten, Bauern und Frohnleute eingefunden, dem Begraͤbniſſe des jungen Grafen beizuwohnen. Wenzel von Guͤldenau aber hatte Freunde und Bekannte aus der umliegenden Gegend eingeladen, um das Trauerfeſt mit einem ſchwelgeriſchen Gaſt⸗ mahle zu beſchließen. Die Graͤfin trauerte ſtill im einſamen Gemache, und Emma ſuch⸗ te durch kindliche Worte des Troſtes ihren Schmerz zu lindern. Der koſtbar verzierte Sarg war ſchon aufgebahrt, doch war der Dceckel noch nicht feſtgeſchraubt, weil man glaubte, die Graͤfin wuͤrde den Verblichenen noch ein Mal zu ſehen verlangen, ehe er in der Ahnengruft beigeſetzt wuͤrde, und die Traͤ⸗ ger, welche ihn dorthin bringen ſollten, harr⸗ ten ſchon auf des Haushofmeiſters Wink, ihr Amt zu verwalten. Die Graͤfin wankte ſchon in ihren Trauerkleidern, von Emma unterſtuͤtzt, die Stiegen herab, welche aus ihren Zimmern nach dem Schloßhofe fuͤhrten; ſie wollte ſelbſt die Ueberreſte ihres Sohnes zur Ruheſtatt ge⸗ leiten, und den ſchwarzen Schleier, der ihr Antlitz verhuͤllte, mit ihren Thraͤnen befeuch⸗ tend, ſchritt ſie langſam nach dem Sarge hin. Tiefes Schweigen herrſchte rings umher. Faſt 4 alle Blicke der zahlreichen Leichenbegleiter, wel⸗ che entbloͤßten Hauptes um die Bahre ſtanden, waren auf die trauernde, edle Frau gerichtet, welche Gatten und Sohn durch Moͤrderhand verloren— da theilte ſich ploͤtzlich der dichte ——— ———— „ Menſchenhaufe, der ſich eben zum Zuge ord⸗ nete, und Alles wich voll Entſetzen zuruͤck, denn eine menſchliche Geſtalt in zerriſſenen Kleidern, welche ſich, auf einen abgebrochenen Baumaſt geſtuͤtzt, muͤhſam fortſchleppte, wur⸗ de, ungewiß vom rothen Fackelſchein beleuch⸗ tet, jetzt ſichtbar. Es war ein alter Mann, deſſen weißes, langes Haar verworren uͤber Scheitel und Stirn herabhing; ſeine Kniee zitterten bei jedem Schritte, ſein irrer Blick war ſtarr auf den Sarg geheftet, der in des Hofes Mitte ſtand, und mit der einen Hand griff er, wie verwirrten Sinnes, nach dem Fackelſcheine, ſprach immer leiſe und unver⸗ ſtaͤndliche Worte vor ſich hin, bis er ſich zur Bahre hingeſchleppt, wo, beſtuͤrzt durch ſeinen Anblick, auch die Traͤger zuruͤckwichen. Lange ſtarrte er, auf den Sarg geſtuͤtzt, nach der Ahnengruft hinuͤber, aus deren Pforte ebenfalls die rothe Fackelgluth hervor⸗ drang. »Iſt denn die lange, lange Nacht endlich voruͤber?« ſprach er dann ſeufzend und leiſe, indem er ſich die Augen rieb, wie Einer, der III.. 18 vom langen Schlafe erwacht.»Jetzt iſt mir wohler,« fuhr er fort, zu ſich ſelbſt ſprechend, des wird ſchon beſſer werden— nur Ge⸗ duld!— die Sonne ſcheint ja wieder, und 's iſt heller Mittag!— Aber wo bleibt denn der gottloſe Bube? ich muß ihn ſprechen— ja— ich muß!— Ich will's ihm ſagen, wer ich bin— ich will ihm ſagen, daß ihm die Hand aus dem Grabe wachſen wird, weil er mich geſchlagen. Ei, da ſind ja viele— vie⸗ le Leute— kann ja fragen!« Und an den naͤchſtſtehenden Traͤger wendete er ſich mit der Frage:»Wo iſt denn Ener Jungss Graͤflein? ſagt mir's doch!« A »Dort liegt er unter dem ſchwarzen Tu⸗ che,« erwiederte der Traͤger, vor dem unheim⸗ lichen Alten weit zuruͤckweichend. Dieſer aber ſtarrte wieder auf den Sarg, dann nach der Gruft, auf die ſchwarzgekleideten Leichengaͤſte, preßte die flache Hand auf die heiße Stirn— riß dann, wie ploͤtzlich von einem Gedanken erfaßt, das ſchwere, ſilberbordirte Leichentuch herab, und hatte auch ſchon, ehe es die Um⸗ ſtehenden verhindern konnten, den Sarsdeckel aufgeriſſen und zur Erde geworfen, mit ei⸗ nem lauten, graͤßlichen Geſchrei ſich uͤber die Leiche beugend, die mit halboffenen Augen ihn anzuſtarren ſchien. Jetzt traten Mehrere hinzu, die den Alten fuͤr den Jaͤger Simon erkannten, und bemuͤ⸗ heten ſich, ihn zuruͤckzuhalten von der Leiche. Doch mit wuͤthender Geberde ſtieß er ſie von ſich, warf ſich wieder uͤber den offenen Sarg, umklammerte den Todten feſt mit beiden Ar⸗ men und ſchrie mit heiſerer Stimme, daß aufs Neue Entſetzen ſich im weiten Kreiſe der ſtummen Zuſchauer verbreitete: Der iſt mein— den laß ich mir nicht aus den Ar⸗ men reißen! Ich gab ihm Leben— ich gab ihm Tod! mein iſt er, mein!« Ein Juſtitiarius, welchen Wenzel von Guͤldenau zur Vollziehung des Teſtamentes mitgebracht, aufmerkſam gemacht durch die letzten Worte des Alten, trat jetzt naͤher zu ihm und gab Befehl, ihn zu ergreifen. Doch wuͤthender als zuvor ſetzte ſich Simon zur Wehre, ſo daß bald Alle ſchen vor ihm zuruͤckwichen.. 18* »Was wollt Ihr von mir?« rief er wieder, yerſt laßt mich Abſchied nehmen von Dieſem da, ich habe großes Recht dazu, Ihr Leute; denn wißt es nur— er war mein Sohn, und Otto iſt Graf Guͤldenau!— Der Bube ſchlug mich am Allerheiligentage mit der Peitſche vor meiner Huͤtte, hier— ſeht die Schmarre noch in meinem Geſichte, die wird mich ſchmerzen bis zum Tode. Ich hatte ihm wahrlich nichts zu Leide gethan, und doch haͤn⸗ ſelte und ſchlug er ſeinen leiblichen Vater— da kam mir, weiß ich doch ſelbſt nicht, wie? das fluchbeladene Eiſen in die Hand, das ſchon ſo manches Opfer hingeſchlachtet— und mitten in ſein Herz hatt' ich mein eignes Kind getroffen.— Ja, ja— ich bin ſein Moͤrder! Seht her! ſeht Alle her— wie die Todeswunde blutet, ſo bald ſie meine Hand beruͤhrt— ach! ich leugne es ja nicht— ich will Euch Alles bekennen, und meinen Traum will ich Euch auch erzaͤhlen— o, der ging furchtbar aus!»y Morgen Er oder Du!l««— Wie Donnerſchlag gellen dieſe Worte noch in meinen Ohren!— Glaubt ja nicht, daß der alte Simon im Wahnwitz ſpricht; das iſt vor⸗ uͤber, und jetzt wird mir's heller vor den Au⸗ gen.— Jetzt will ich gutwillig mit Euch gehen, Ihr Leute— denn mein Soͤhnlein iſt ja doch ſtumm und ſtarr.— Bringt mich zum Richter— aber ſagt ihm— er ſolle nur Geduld mit mir haben;— mein Kopf iſt ſchwach— ich muß mich beſinnen— aber nach und nach— faͤllt mir Alles wieder ein!« Bei dieſen Worten ſank er langſam am Sarge zu Boden nieder. Er war, gaͤnzlich erſchoͤpft, in Ohnmacht geſunken, und der Juſtitiarius gab Befehl, ihn unter ſorgfaͤlti⸗ ger Pflege in ſichern Gewahrſam zu bringen, denn er glaubte ſicher vom Alten uͤber ſo Manches wichtigen Aufſchluß zu erhalten, was ihm bis jetzt dunkel geblieben.— Simon wurde weggebracht und rings im ſtummen Kreiſe der Umſtehenden wurde es nun laut. Noch erſchuͤttert von des Jaͤgers Worten, ſprach Jeder ſeine Meinung aus. Einige er⸗ klaͤrten ihn fuͤr wahnwitzig, Andere ſchenkten ſeiner Rede Glauben, ahneten ſchreckliche Ver⸗ BMALVUWNN brechen, und trugen ſogleich darauf an: Otto auf freien Fuß zu ſetzen. Wieder Andere woll⸗ ten das Leichenbegaͤngniß aufgeſchoben wiſſen, bis ſich Alles aufgeklaͤrt. Auch der Graf Wen⸗ zel von Guͤldenau, der dem ganzen Auftritte beigewohnt, war beſtuͤrzt; doch bald gefaßt ſprach er, mitten unter die ſtreitenden Par⸗ theien tretend, ſeine Meinung in einem To⸗ ne aus, dem Niemand zu widerſprechen wag⸗ te. „»Der Alte iſt toll!« rief er laut.»Ein Thor, der ſeinem verwirrten Gewaͤſche Glau⸗ ben ſchenkt! Laßt den Zug beginnen, das Leichenbegaͤngniß ſoll ein Narr nicht hin⸗ dern!« Sogleich war man bereit, ſeinem Befehle Folge zu leiſten; aber die Graͤſin, welche wohl auf funfzig Schritte entfernt, von Em⸗ ma unterſtuͤtzt, ſtehen geblieben war, Zeugin des ganzen Vorfalls, wurde, nachdem ſie Si⸗ mons Reden mit angehoͤrt, von einer ſonder⸗ baren Ahnung befallen, welche ihre ganze Seele zu erfuͤllen ſchien. Kaum vermoͤgend ſich aufrecht zu erhalten, winkte ſie dem — MAAAAMN Haushofmeiſter, gab ihm leiſe einige Befehle und wankte mit Emma wieder zuruͤck nach ihrem Kabinet. Als dies Graf Wenzel von Guͤldenau be⸗ merkte, verließ auch er voll Unmuth den Schloßhof, begab ſich nach dem Speiſeſaal und brachte die ganze Nacht mit ſeiner Ge⸗ ſellſchaft bei einem ſchwelgeriſchen Gaſtmahle hin. Der Haushofmeiſter aber ließ den Sarg wieder ins Paradezimmer zuruͤcktragen, die Fackeln verloͤſchen, und die Leichenbegleiter gingen heimlich ſtuͤſternd und erwartungsvoll auseinander. 8. Am andern Morgen verbreitete ſich auch ſchon im ganzen Schloſſe die Nachricht: der Graf Wenzel von Guͤldenau ſey in ſeinem Bette todt gefunden worden. Er hatte ſich beim Gaſtmahle in vergangener Nacht allzu⸗ ſehr uͤbernommen und der Schlag hatte ihn toͤdtlich getroffen. Simon war, nachdem er aus ſeiner Ohn⸗ macht erwacht, bald darauf wieder in einen natuͤrlichen, ziemlich ruhigen Schlummer ver⸗ fallen. Als der Morgen aber graute, verſtat⸗ tete ihm der freie Gebrauch ſeiner Sinne, dem Juſtitiarius, der zu ihm gekommen war, ihn foͤrmlich zu vernehmen, ein reuevolles und aufrichtiges Bekenntniß ſeiner Verbrechen abzulegen. Am wichtigſten von Allem war aber dem Gerichtsherrn die Entdeckung, daß Simon, von Rache gegen das ganze Grafen⸗ haus erfuͤllt, den wirklichen Sohn der Graͤ⸗ fin, welcher ſeiner Frau, die Ammenſtelle bei ihm vertrat, uͤbergeben wurde, mit dem ſeini⸗ gen vertauſcht. „»Ja, ſo iſt es! bei den Wunden Chriſti kann ich es beeidigen: Otto iſt Graf Guͤlden⸗ au— mein leiblicher Sohn aber liegt im Sarge und ich bin ſein Moͤrder!— Willig biete ich meinen Hals dem Nachrichter dar, denn jetzt fuͤhle ich's: ich habe mehr verdient als Henkerstod!« Mit dieſen Worten ſchloß 281 NAMAANAN der alte Jaͤger ſein Bekenntniß; der Juſtitia⸗ rius aber fragte ihn nach einer Pauſe:»Wo hieltet Ihr Euch die Zeit uͤber auf, die zwi⸗ ſchen Eurer letzten Mordthat und Rudolphs Begraͤbniſſe lag?— Eure Huͤtte war leer, als man den Leichnam fand; wo blieb Euer Weib? war Otto vielleicht Zeuge des Mor⸗ des?X. 3 „»Nein, mein Herr!« entgegnete Simon. »Otto war ſchon fruͤher von uns gegangen, er eilte ſehr, um vor einbrechender Nacht noch die Landſtraße zu erreichen, die nach Weimar fuͤhrt. Wo mein Weib, meine arme Sabine geblieben, weiß ich nicht. Sie war noch im Hauſe, als Rudolph angeritten kam; doch nachdem ich die ſchreckliche That voll⸗ bracht, lief ich tief in den Wald hinein und irrte drei Tage lang ſinnlos, ohne Raſt, oh⸗ ne Nahrung zu mir zu nehmen, im dichten Gehoͤlz herum, bis ich endlich geſtern Abend mich wieder ins Freie wagte. Mir war's, als muͤßte mein Sohn noch leben, als muͤßte ich ihn zur Rede ſtellen, daß er mich ſo ge⸗ mißhandelt— der helle Fackelſchein ließ mich das Schloß dicht vor mir erblicken, und ſo taumelte ich, noch immer irren Sinnes, hin⸗ ein. Aber der Allbarmherzige, der ſeine Gna⸗ de auch an Unwuͤrdige verſchenkt, hat mir meine Vernunft wiedergegeben, auf daß ich zur Erkenntniß und Reue uͤber meine Untha⸗ ten noch vor meinem Ende gelange.— Ich kann wieder denken, ich beſinne mich auf Alles, und weiß recht gut, was ich ſpreche. Ver⸗ trauen Sie meiner Ausſage, denn die letzte ſchreckensvolle That, die mich zum Moͤrder meines eignen Kindes machte, hat mein Herz zur Reue gewaltſam hingelenkt, und durch mein aufrichtiges Bekenntniß will ich, ſo viel noch moͤglich, an der Graͤfin gut zu machen ſuchen, was ich fruͤher, aus Rachſucht, Boͤ⸗ ſes an ihr veruͤbte.— Meine Richter moͤgen uͤber mich verfuͤgen nach Recht und Billig⸗ keit; ich will nicht klagen, nicht murren, ſoll ich auch die haͤrteſte Strafe erdulden, die nur der Menſch erſinnen kann; aber Golt moͤge meiner Seele gnaͤdig ſeyn— darum will ich ihn bitten, bis zu meinem letzten Gange!« Pe. — 283 WMMNAN Der Juſtitiarius ging zur Graͤfin, um ſie auf die frohe Nachricht, daß ſie nicht kin⸗ derlos, vorzubereiten, denn nun zweifelte er nicht mehr an der Ausſage des Verbrechers. Doch zu ſeinem Erſtaunen fand er ſie, die noch vor wenigen Stunden von wahrer Her⸗ zenstrauer tief gebeugt worden war, jetzt in der freudigſten Bewegung. An ihrem Buſen weinte Emma Freudenthraͤnen, zu ihrer Rech⸗ ten ſtand ein ehrwuͤrdiger Franziskanermoͤnch und zu ihren Fuͤßen kniete Sabine. Dieſe, welche Zeugin geweſen von der Ermordung ihres Sohnes, war gleich, nachdem ſie ſich von ihrer Ohnmacht erholt, von Gewiſſens⸗ biſſen und lange ſchon genaͤhrter Reue gefol⸗ tert, aus dem Hauſe geeilt und geradeswegs nach Erfurt gewandert. Fruͤher war ſie oͤf⸗ ters dorthin nach einem Franziskanerkloſter gewallfahrtet, in welchem ſich ein Muttergot⸗ tesbild im Geruch beſondrer Heiligkeit befand. Sie hatte, wohl ſchon vor zehn Jahren, dem Pater Johannes in demſelben Kloſter den Kindertauſch gebeichtet, und dieſer ihr jede Abſolution verweigert, bis ſie ihr Verbrechen 7 durch ein, der Graͤfin geleiſtetes, reuevolles Bekenntniß wieder gut gemacht. Doch ein furchtbarer Eid, den ſie in die Hand ihres Gatten niedergelegt, vielleicht auch muͤtterliche Eitelkeit, ihren eigenen Sohn als Grafen im Beſitz großer Reichthuͤmer zu ſehen, ferner die Furcht, Simons Rache gegen ſich ſelbſt zu erwecken, hatte ſie bisher abgehalten, dies Bekenntniß zu thun. Doch ſchon am Aller⸗ heiligentage, nachdem ſie ſchaudernd ihres Mannes Mordthat am Grafen, welche er ihr ſo viele Jahre lang verheimlicht, erfahren, faßte ſie den Plan, ohne weitere Ruͤckſichten nach Erfurt zu gehen, dort dem Pater Jo⸗ hannes nochmals zu beichten und ihn zu er⸗ ſuchen, ſie ſelbſt nach Guͤldenau zu begleiten, um Zeuge ihres Bekenntniſſes zu ſeyn. Nach dem Tode ihres Sohnes fuͤhrte ſie ohne Ver⸗ zug dieſen Entſchluß aus, und Pater Jo⸗ hannes war ſogleich bereit, ſie zur Graͤfin zu begleiten.— Zu den Fuͤßen ihrer Herrin hat⸗ te ſie nun reuevoll bekannt und fuͤgte noch hinzu:»Erinnern Sie ſich nicht eines Mäls, gnaͤdige Graͤfin, welches Ihr Sohn in Ge⸗ —— — —,—— 285 AMAV ſtalt einer rothen Roſe auf der linken Bruſt traͤgt?«. »Allerdings!« erwiederte die Graͤfin, yund als Ihr mir den Rudolph brachtet, ſagtet Ihr, das Mal ſey wunderbarer Weiſe verbli⸗ chen; ich hegte damals nicht den mindeſten Verdacht—« »Und dieſes Mal, welches noch deutlich auf Otto's linker Bruſt zu ſehen iſt, moͤge als Beweis fuͤr die Wahrheit meiner Ausſage dienen,« erwiederte Sabine. Wer beſchreibt die Freude der Graͤfin, welche jetzt, ſtatt des ungeliebten Verblichenen, den lebenskraͤftigen, an Herz und Geiſt wohl⸗ gebildeten Juͤngling, der jetzt, von freudigem Staunen befangen, ins Zimmer trat, in ih⸗ re Arme ſchloß. Ohne Zuruͤckhaltung umfing ihn auch Emma, und die drei Gluͤcklichen weinten heiße Thraͤnen der Freude, und noch in derſelben Stunde verlobte der Pater Jo⸗ hannes die Liebenden feierlich miteinander. Der reuigen Sabine aber ertheilte der wuͤrdige Geiſtliche, unter Auflegung einer lebenslaͤng⸗ lichen, harten Buße, die Abſolution, und WN auch die Graͤfin zauderte nicht, ihr Verzei⸗ hung und Unterhalt bis zum Tode zuzu⸗ ſichern. 3 Simon aber ſtarb, noch ehe das Gericht ein Urtheil uͤber ihn ausgeſprochen, in ſeinem Gefaͤngniſſe an einem hitzigen Fieber. In gleichem Verlage ſind erſchienen: Adeline v. T... der Zug nach Canoſſa. Ro⸗ man aus dem 10. Jahrh. 2 Thle. 8. 1830. Adolphi, M., Die Schweſtern. Roman. 2 Thle. 8. 1829. Groͤnau, J., Kunigunde, Koͤnigin von Boͤh⸗ men. Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemaͤlde aus d. 13. Jahrhundert. 2 Thle. 8. 1830. Heſſe, W., Kaiſer Conrads Kreuzzug. 2 Thle. 8. 1830. Hildebrandt, Th., Die Entfuͤhrung, oder die Abentheuer in Madrid. 2 Thle. 8. 1829. —— Die geheimnißvollen Schloͤſſer, oder der Geiſt des Ermordeten. Ein ſpaniſcher Roman. 2 Thle. 8. 1829. Ingemann, B. S., Erick Menweds erſte Jugend. Aus dem Daͤniſchen uͤbertragen von L. Kruſe. 4 Thle. 8. 1829. Joger, S., Die heilige Schaar. 2 Thle. 8. 1830. —— Die Wanderung. 2 Thle. 8. 1830. Kahlert, A., Ewald und Bertha. Idylliiſches Epos in ſechs Geſaͤngen. 16. 1829. Kruſe, 2., Die Kloſterruine in Norwegen. Das Judasbild. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1830. —— Der Maurer. Nach dem Franz. 3 Thle. 8. 1830. —— Der Verſchollene. Novelle. 8. 1830. —— Die Rache. Erzaͤhlung. 8. 1829. —— Zwiefache Treue. Erzaͤhlung. 8. 4829. Leibrock, A., Der Doctor. Hiſtoriſch⸗ro⸗ mantiſches Sittengemaͤlde. 2 Thle. 8. 1830. Leibrock, A., Eckbert der Einaͤugige, oder die Ermordung der Braunſchweiger Buͤrgermei⸗ ſter. Hiſtoriſch⸗ romant. Gemaͤlde des 15ten Jahrh. 2 Thle. Mit 1 illum. Titelkupf. 8. 1829. 1 —— Das Schlachtfeld bei Torente. Eine Raͤu⸗ ber⸗ und Revolutionsgeſchichte. 2 Thle. 8. 1829. —— Das Turnier zu Goslar. 8. 1830. Maͤdchen, das, von der Kronanburg. 8. 1830. Morani, G., Marel und Olivades. Raͤuber⸗ geſch. aus Spanien. 8. 1830. Oefele, A. Frhr. v., Hermenegild und In⸗ gunde. 2 Thle. 8. 1830. 4 —— Die letzten Johanniter auf Rhodus, od. die Belagerung dieſer Ordensinſel durch die Tuͤrken im Jahre 1522. Ein hiſtor. Gemaͤlde, mit Roten. 2 Thle. Mit Villiers Bildniß. 8. 1829. Rathe, Dr., Otto v. Rheinberg. 8. 1830. Roderich, M., Das Wiederſehen am Meer⸗ buſen von Chriſtiania. 8. 1830. Stahl, H., Die Ideale. Ein Roman. 8. 1829. Victor, Leonore. Nach Buͤrgers Ballade. 8. 4830. 4 Wodomerius, E., Rudolph von Eggenberg. Hiſtor, romant. Erzaͤhlung. 2 Thle, 8.1829. — —— nſnnſ 8 9 10 11 ſſſiſſſſſiſſſiſſſinſſf Tnſnnſſſſſiſſi 15 16 17 18 12 13 14 —