— 3 ee 7 — * 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Ednard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöPchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchunngte⸗ ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 23 —« Leihbibliothek — ——— Freiſehützfunken. b Zwei Erzaͤhlungen von 4 5 Moriz KRrichenbactch. 4 4 82 1 3 3 I. Der Kugelſegen. 8 — 2* 4 8 II. Schieß nicht, ich bin die Taube! 4 * 4 4 Zweites Baͤndchen. 2 . Keipzig, 1329, bei Chriſtian Exrnſt Kollmann. I. Der Kugelsegen. 1* MAWAAVWNAAAᷓAᷓAAAAAA 1. „— den iſten dieſes Monats aber treffe „ich ſelbſt in Rothlingen ein.—“ So lautete der Schluß eines Briefes, welchen der gewichtige Fleiſchermeiſter und Gaſtwirth Scholle im Schweiße ſeines Vollmondsgeſichtes zuſammenbuchſtabirt, der jetzt aber von der ihm zur Seite ſtehenden, mit offnem Munde und ge⸗ ſpitztem Ohre lauſchenden, nicht minder gewich⸗ tigen Ehehaͤlfte ploͤtzlich ſeinen Rieſenfaͤuſten ent⸗ riſſen wurde. Ihres Gatten Buchſtabirkunſt nicht trauend, hafteten ihre Blicke forſchend auf dem Schreiben, und als ſie die wohlbekannten Schriftzuͤge erkannt, die freudige Schlußnach⸗ richt von Wort zu Wort ſich zu verſchiedeuen Malen wiederholt, da ſtuͤrzten Thraͤnen der in⸗ nigſten Freude uͤber ihre ſtattlich gerundeten Wan⸗ gen herab aufs Papier, und unter hoͤrbarem Herz⸗ klopfen griff ſie mit zitternder Hand ſchnell nach dem gewaltigen Meſſer, welches ſie in der 6 BWVWWVN friedlichſten Abſicht ſtets im Guͤrtel trug, eilte ins Vorhaus nach dem hohen, mit grasgruͤner Oelfarbe angeſtrichnem Fliegenſchranke, und ſchnitt hier mit zugedruͤckten Augen, um ihrer gewohn⸗ ten, mathematiſchen Genauigkeit fuͤr diesmal zu entgehen, ein reichliches Viertel der ſchoͤnſten, ſelbſtgefertigten Braunſchweiger Metwurſt ab, be⸗ gab ſich in moͤglichſter Eile damit zuruͤck ins Zim⸗ mer, und ſchob es dort dem harrenden Poſtbo⸗ ten, in einen ſaubern Makulaturbogen gewickelt, heimlich in die linke Rocktaſche. Doch regungs⸗ los, wie in tiefes Nachſinnen ver 9 een, ſtand der Fleiſchermeiſter noch immer, die aͤnde gefaltet auf ſeinem Bauche, und nur ein leiſes Zucken ſeiner Augenlieder verkuͤndete die in ihm wohnen⸗ de Lebenskraft, als er ſeiner Gattin Bewegung hinter ſeinem Ruͤcken bemerkend, ploͤzlich zum Poſtboten ſich wendete, und ihm mit ſeiner L⸗ wenſtimme zurief:„heraus mit der Wurſt!“ Der Erſchrockene, der ſich ſchon oͤfters, wenn er angenehme Briefe uͤberbrachte, außer der ge⸗ ſetzmaͤßigen Kupfermuͤnze, einer heimlich zuge⸗ ſteckten Gratification der Frau Fleiſchermeiſterin zu erfreuen hatte, fand in der Beſtuͤrzung keine —§———— —— ——— ſehen wie eine Windmuͤhle, und ſchien das Unge⸗ e, Antwort, griff aber mit beiden Haͤnden in der aͤngſtlichſten Beſargniß nach ſeinem linken Rock⸗ ſchooße, nicht gerade in der Abſicht, das Erhal⸗ tene daraus hervorzuziehen, ſondern es vielmehr tiefer hinabzuſenken in die unergruͤndliche Taſche, indem er dieſe zugleich, jedem feindlichen Angrif⸗ fe zuvorkommend, mit den drei daran befindlichen und mit Poſthoͤrnern gezierten Meſſingknoͤpfen verſchloß, welche ihm, zum Abzeichen ſeines Stan⸗ des und Gewerbes, vom Poſtmeiſter, als Ueber⸗ bleibſel einer ſeiner alten Uniformen, verehrt wor⸗ den, und worauf er eben ſo ſtolz war, als man⸗ cher Hochwohlgeborne auf ſeine beiden goldenen Knoͤpfchen am Rockſchooße. Sein friedlicher Sinn, nicht Feigheit, trieb⸗ ihn an zu einer krebsartigen Bewegung, und ſchon hatte er die Thuͤr erreicht, als er aus Schol⸗ lens Munde den Befehl erhielt, zu bleiben; doch ſeine Protektrice beſchattete ihn hinlaͤnglich mit der ganzen Breite ihres Koͤrpers vor den Feuer⸗ ſtrahlen des Zornes, welche aus ihres Gatten Au⸗ gen auf ihn herabblitzten. Beide Arme in die Seite geſtemmt, trat ſie dieſem entgegen, anzu⸗ 8 AMANANNNAN witter ruhig zu erwarten, das ſich durch ein wei⸗ tes Aufblaſen beider Backen gewoͤhnlich bei ihrem Eheherrn verkuͤndigte, wodurch alſobald ihre Fluͤ⸗ gel in Bewegung geſetzt wurden, doch keineswegs zu unmoraliſchen Zwecken oder gewaltſamerweiſe ihre Rede zu bekraͤftigen, ſondern nur in ſanften Schwingungen, gleich ſchwerfaͤlligen Geſticula⸗ tionen zur Begleitung ihres Redeſtuſſes, der nicht unaͤhnlich dem Geklapper eines Muͤhlrades, oft ſelbſt des Gatten gewaltige Stimme zu uͤbertaͤu⸗ ben wußte. Doch der Eheherr, mit geſunden kraͤftigen Hoͤrorganen verſehen, blieb frei von jeder Furcht, und begann mit Nachdruck zum Boten gewendet: „verdammter Schneckenreiter Ihr! wie lange geht ein Brief zwanzig Meilen weit auf der ge⸗ raden Poſtſtraße?“ „Nicht ganz zwei Tage und eine Nacht, Herr Scholle“— entgegnete demuͤthig der Gefragte. „Und dieſer Brief iſt abgegangen am ſechs⸗ zehnten“— fuhr der Fleiſchermeiſter mit erhobe⸗ ner Stimme fort—„alſo iſt er acht Tage und acht Naͤchte unterwegs geweſen, Ihr Lumpen⸗ pack!’ 9 MNN „Pfuy, pfuy! nicht anzuͤglich, Herr Scholle!“ erwiederte verletzt, doch ruhig, der Briefbote, und erklaͤrte, daß keinen Officianten des hieſigen Poſt⸗ amtes ein ſolcher Ehrentitel treffen koͤnne, da ſie ſich nur um das Poſtweſen ihrer Station zu be⸗ kummern haͤtten, und bisher noch niemand uͤber Saumſeligkeit ihrer Eypedition Klage gefuͤhrt.— „Auch— fuhr er fort—„liegt die ganze Schuld am Poſtmeiſter in Rixen, der ein junges, huͤb⸗ ſches Weibchen geehelicht, das ihm den ganzen Tag im Racken ſitzt, ſo daß der arme Mann kei⸗ nen ſoliden Gedanken mehr im Kopfe hat. Zum Ungluͤck iſt ihm nun auch kuͤrzlich ſein Secretair davongelaufen, und da geht denn alles drunter und druͤber. Der Herr Poſtmeiſter bleibt den ganzen Tag uͤber ruhig ſitzen beim Frauchen und wird wieder jung, die Briefe aber, die bleiben ruhig liegen und werden alt. Daher kommt's auch, Herr Scholle, daß Sie Ihren Brief erſt heute erhalten le „Ei, ſo ſoll ja dem Herrn Poſtmeiſter in Rixen ein heiliges Wetter auf die Beine helfen!“ „polterte der Erzuͤrnte, dann ſprach er zum Bo⸗ ten:„Euch hab' ich Unrecht gethan, aber dem 10 MNNN Mosje mit dem jungen Weibchen moͤchte ich wohl ein Paar Worte zuraunen, daß er denken ſollte, alle Poſthoͤrner im ganzen Lande ſchmetterten auf einmal das alte Lied in ſeine Ohren: wach' auf, wach' auf aus deinem Traum!— Narrenspoſſen! hab' auch vor Zeiten ein junges Weibchen gehei⸗ rathet, aber ſo mondſuͤchtig verliebt bin ich in meinem Leben nicht geweſen, daß ich meine Ge⸗ ſchaͤfte druͤber verabſaͤumt haͤtte. Gleich am Ta⸗ ge nach meiner Hochzeit hab' ich zwei Kaͤlber und einen Ochſen geſchlachtet, und meine Frau hat mir geholfen, daß es eine Freude war!— Be⸗ halt' Er nur ſeine Wurſt und wart Er einen Au⸗ genblick—⸗ ſetzte er beſaͤnftigt hinzu und gieng zur Thuͤr hinaus. Ein freier Athemzug loͤſte die Herzensbeklem⸗ mung des Boten, als er das drohende Unwetter auf Schollens Stirn ſich zertheilen ſah, und von frendiger Ahnung erfuͤllt, ſchielte er zuweilen durch das kleine Fenſterchen, welches neben der Stubenthuͤr angebracht war und jede Bewe⸗ gung des Fleiſchers, der ſich auf der Hausflur befand, wahrnehmen ließ. Noch ein verſtohlner Seitenblick hinaus auf die blutgetuͤnchte Flur— 11 AM und ein freudiger Schreck durchbebte ſeine Glie⸗ der. 3 Da trat der Meiſter wieder ins Bumurer ſprach mit freundlichen Blicken und in gemuͤthlicher Lau⸗ ne zum Harrenden:„meine Frau hat fuͤrs Fruͤh⸗ ſtuͤck geſorgt, da habt Ihr auch ein Mittags⸗ brod—“ und druͤckte ihm dabei mit ſelbſtzufried⸗ nem Laͤcheln eine friſche, blutende Kalbsleber in die Hand. Mit ſtummer Verbeugung dankte der Be⸗ ſchenkte tiefgeruͤhrt. Sein rechtes Auge blitzte freudig auf das ihm ſo ſeltene Gericht, doch das linke ſenkte ſich wehmuͤthig hinab auf die großen Blutflecken, die ſich auf ſeinen gelben Nankin⸗ beinkleidern zeigten; aber gefaßt reichte er endlich dem biedern Scholle die blutige Hand und ſchied, Worte ſindend fuͤr ſein Dankgefuͤhl, und begab ſich eiligen Schrittes nach Hauſe. Der Fleiſchermeiſter hatte ſich indeſſen gemaͤch⸗ lich in ſeinen Lehnſeſſel niedergelaſſen, und ſeine Gattin ſtand vor ihm mit freundlicher Miene, in ſeinen Augen forſchend, ob er ſich jetzt, im Zuſtande 7 der Nuhe, bequemen werde, ihre Freude uͤber die im Briefe enthaltene Nachricht zu theilen? N 12 WMWAN „Verdammter Poſtmeiſter!“ hub er endlich wieder an—„liegt der liebe, herzensliebe Brief ſchon uͤber ſechs Tage lang druͤben in Rixen, und wir lauern indeſſen hier wie die Narren auf Nach⸗ richt von unſerm Jungen.— s iſt doch bei mei⸗ ner armen Seele wahr! s iſt mir nicht leid um das viele Geld, das ich an ihn gewendet habe; mag was Rechtſchaffenes gelernt haben, und ſchreibt einen Brief, wie'n Buch le „Und huͤbſch muß er geworden ſeyn— ent⸗ gegnete die gluͤckliche Mutter—„und groß und ſtark, und feine Waͤſche muß er haben, Alles dutzendweis. In Modekleidern wird er einher⸗ gehen, daß ich mein eignes Blut nicht wieder⸗ erkennen werde, und allen jungen Maͤdchen in der Stadt wird er die Koͤpfe verdrehen; nun er hat ja's Ausſuchen! huͤbſch iſt er, jung iſt er, reich iſt er, was gelernt hat er, und ehrlich und brav iſt er gewiß auch in der großen Stadt ge⸗ blieben, wie er immer war.— Aber wo fang ich andk alle Haͤnde voll zu thun, denn empfan⸗ gen ſoll er werden, wie ein Prinz.— Heda, ihr Wettermaͤdchen, jetzt ruͤhrt Euch! Anna— Chriſtina— Rebetka— Dore— wo ſteckt Ihr 13 WANNNN denn Alle?“ Und in moͤglichſter Eile, mit groſ⸗ ſem Geraͤuſch ſtuͤrmte ſie hinaus, trat in die Mitte des geraͤnmigen Hofes, und ließ hier aufs neue ihre gellende Stimme erſchallen, worauf alsbald aus Kuͤthe und Keller, aus Stall und Waſchhaus die Gerufenen eilig herbeiſtuͤrzten, die Befehle der ſtrengen Hausfrau zu vernehmen. Der Fleiſchermeiſter aber erhob ſich gemaͤch⸗ lich vom Lehnſeſſel und wiederholte brummend: „verdammter Poſtineiſter!“— folgte dann mit gewichtigen Tritten ſeiner Gattin, ſtellte ſich auf dem Hofe ihr gegenuͤber, doch wohlweislich un⸗ ters Wetterdach, um ſein entbloͤß:es Haupt den Strahlen der Sonne nicht auszuſetzen, und acompagnirte ſeine Hausehre im tiefſten Baſſe: „Hans— Chriſtian— Toͤffel— Juͤrgen!“— fah ſich auch in wenigen Minuten umgeben von ſeinen ruͤſtigen Geſellen und Knechten, und er⸗ theilte ihnen in kurzen, vernehmlichen Worten folgende Ordre:„die ſchwarze Moldauer und ˙s graue Maſtkalb heraus— die Meſſer gewetzt— vorwaͤrts!— Morgen fruͤh um vier Uhr die Braunen angeſchirrt— Wagen vor die Thuͤr— vorwaͤrts!— Am andern Morgen, ehe noch die erſten Son⸗ nenſtrahlen das Aushaͤngeſchild des Schollenſchen Gaſthofes beleuchteten, worauf zu ſehen war ein rother Ochſe mit vergoldeten Hoͤrnern, war die Frau Fleiſchermeiſterin ſchon laͤngſt der weichen Federbucht entwiſcht, und tummelte ſich lebhaft unter ihren Maͤgden herum, bald helfend, bald belehrend, bald befehlend. Ihr Eheherr aber 1 hatte kaum ſeine Fuͤße mit den gruͤnen Pantof⸗ feln bekleidet, die kattunene Jacke uͤbergezogen und die Nachtmuͤtze vom rechten zum linken Ohre geruͤckt— ein Zeichen, daß er ausgeſchlafen— als er begann den großen, ſilberbeſchlagenen, meerſchaumnen Pfeifenkopf zu ſtopfen, wobei er behaglich einige Taſſen Warmbier genoß und dem eintretenden Knechte befahl, ſeinen Sonntags⸗ ſtaat herbeizubringen. Toͤffel gehorchte, und kehrr: te bald, mit der Garderobe ſeines Herrn beladen, zuruͤck. Der braune Ueberrock von feinem Tuche,— mit ſtark vergoldeten Knoͤpfen, die ſchwarze ſeid⸗ 1 „ 15 N ne Samielsweſte mit den brennend rothen Flam⸗ men, die leberfarbigen kurzen Beinkleider, die blankgewichſten Stiefel mit gelben Stolpen, die blendend weiße, feingefaltete Waͤſche zeugte laut vom buͤrgerlichen Wohlſtande ihres Beſiz⸗ zers, der ſogleich begann, ſelbſtgefaͤllig in den Spiegel ſchauend, ſich einer Metamorphoſe zu unterwerfen, und kaum hatte Toͤffel mit dem letzten Buͤrſtenſtriche auch das letzte widerſpenſtige Federchen vom Kragen des braunen Rockes hin⸗ weggenommen— als auch ſchon die Frau Flei⸗ ſchermeiſterin ins Zimmer rauſchte, angethan mit dem ſeidenen Stoffkleide, das nur an hohen Feſt⸗ tagen paradirte. Bereits mit Hut und Stock verſehen trat ihr der Gatte entgegen— ſeine Au⸗ gen ruhten heute beinahe noch freundlicher auf ihrer reſpectabeln Geſtalt, als am Hochzeitstage, und ein kraͤftiger Haͤndedruck machte ſeinem ge⸗ preßten Herzen Luft.. „Frau“— hub er an—„wir ſind reich ge⸗ worden im Eheſtande, wir haben wacker gearbei⸗ tet und ſind ehrliche Leute dabei geblieben; man⸗ che große Freude hat uns der liebe Herrgott be⸗ lchanrt, doch die groͤßte hat ex uns auf heute auſ⸗ * 46 WANAAN geſpaart. Unſern Ludwig, unſern guten, lieben Jungen, giebt er heute uns zuruͤck, geſund an Leib und Seele will ich hoffen, und gelehrt, wie unſer alter Oberpfarrer.— Was bleibt uns noch zu wuͤnſchen uͤbrig, Mutter? Mit naſſen Augen entgegnete ſie:„zwei ſtille Wuͤnſche liegen mir noch ſchwer auf meinem Her⸗ zen— der Prieſterrock und ein braves Weib fuͤr unſern guten Sohn.— Dafuͤr muß ich erſt noch Sorge tragen, rathen, helfen, waͤhlen; dann will ich herzlich beten, daß der Himmel nur noch kurze Zeit mein Auge weiden laͤßt an ſeinem Gluͤcke und dann— bin ich ja gern bereit, der Welt Valet zu ſagen und mein Haus ſo zu be⸗ ſtellen, wie es einer guten Hausfrau ziemt.“ „Daß dich—“ brummte Scholle halb ver⸗ drießlich, doch auch ſeine Augen waren feucht ge⸗ worden, und ſeinen Unwillen, wie ſeine innere Ruͤhrung bekaͤmpfend, fuhr er laͤchelnd fort: „Weibsvolk muß kuppeln! das iſt ein altes wah⸗ res Wort. Der Junge hat ſelbſt ein Paar Au⸗ gen im Kopfe und ein Herz im Leibe; laß ihmn freie Wahl, er wird uns keine Schande machen. Hat er erſt den Prieſterrock und s ſchwarze Kaͤpp⸗ . b 17 VWMAUANRN chen, ſo wett' ich mit Dir um was Du willſt: er darf nur ein einziges Mal die lange Straße hinauf gehen, und zwanzig Fenſter thun ſich auf, und zwanzig heirathsluſtige Maͤdchen ſtecken die Koͤpfe heraus, von denen ein jedes ſich einbil⸗ det, gleich im Mutterleibe zur Frau Paſtorin geſchaffen zu ſeyn.“ Frau Scholle, die nie gern eine Antwort ſchuldig blieb, bereitete ſich eben vor, ihrem Cheherrn ihre Mutterrechte in dieſer Hinſicht weitlaͤufig auseinanderzuſetzen— da ſchlug es vier Uhr und die Braunen vor der Hausthuͤr ſtampften ungeduldig das Pflaſter, welches, wie in mehreren guten deutſchen Staͤdten, aus den ſpitigſten, ſchaͤrfſten Steinen beſtand, die in der ganzen Umgegend nur aufzutreiben geweſen wa⸗ ren, indem der hochweiſe Stadtrath zu Rothlin⸗ gen es fuͤr gut befunden, vor mehreren Jahren die Straßenpflaſterung, vermoͤge eines billigen Aecords, einem eingeſeſſenen Schuhmachermeiſter und Rathsherrn zu uͤberlaſſen, der zum Nutzen und Frommen ſeiner Handwerksgenoſſen, doch zur Folter aller uͤbrigen Einwohner, ſich da⸗ durch ein bleibendes Denkmal gegruͤndet, doch II 2 nicht in ihren Herzen, ſondern in ihren Fuß⸗ ſohlen. 4 Der Fleiſchermeiſter und ſeine Gattin ſtie⸗ gen nun in den bereitſtehenden buntgemalten Holſteiner Korbwagen, und nachdem Erſterer dem Knechte befohlen, bis nach Droͤlitz zu fahren, wo ſie ihren Ludwig erwarten wollten, ſpannte Letztere ihren antiken Sonnenſchirm auf, und fort gieng's im ſcharfen Trabe zum Thore hin⸗ aus. 3. Dem Gaſthauſe„zum rothen Ochſen“ ge⸗ genuͤber ſtand ein kleines graues Haus, dem aͤuſ⸗ ſern Anſcheine nach im Zuſtande der Alterſchwaͤ⸗ che und Baufaͤlligkeit, doch verriethen die ſpiegel⸗ hellen Fenſterſcheiben und hinter denſelben die blendend weißen, obgleich ſchlichten, doch ge⸗ ſchmackvoll geordneten Gardinen, daß der zarte Geiſt weiblicher Ordnungsliebe und Reinlichkeit darin herrſche.— Schollens Equipage hatte noch nicht das nahe Stadtthor erreicht, als die Thür —— 19 NAAAAAN des grauen Haͤuschens geoͤffnet wurde und heraus trat ein wunderniedliches Maͤdchen mochte un⸗ gefaͤhr wohl ſiebenzehn Sommer zuylen. Ihrer ſchlanken Geſtalt hatte ſie ein einfaches, doch ſauberes Kattunkleidchen angepaßt, ein kleines baumwollenes Tuch war dicht am Halſe in meh⸗ rere Falten zuſammengeſteckt, volle braune Lok⸗ ken wallten in natuͤrlicher Fuͤlle auf ihre Schul⸗ tern herab; auf ihrer Engelsmiene ſchwebte ſtill⸗ verhaltener Kummer und ein gewiſſes Etwas, das auf ihre faſt bleichen Wangen ploͤtzlich das zarteſte Roth hauchte, als ſie ſich auf den Spiz⸗ zen ihrer niedlichen Fuͤßchen immer hoͤher empor⸗ hob, um dem die Straße hinabrollenden Holl⸗ ſteiner des Gaſtwirths und Fleiſchermeiſters ſo lange als moͤglich nachſchauen zu koͤnnen.— Jetzt verſchwand er hinter der Stadtmauer und ſinnend ſchien ſie noch einige Augenblicke in der vorigen Stellung dem Geraͤuſche der rollenden Naͤder ihr Ohr zu leihen— da entquoll ein tie⸗ fer Seufzer ihrer Bruſt, ihr Koͤpfchen ſenkte ſich und einige Schritte weit trat ſie hinaus auf die Straße, mit kummervoller Miene in entge⸗ gengeſetzter Richtung hinaufſchauend nach dem 2* WMEANNN Markte. Thraͤnen perlten in ihren klaren Au⸗ gen, uamiiei falteten ſich ihre Haͤnde und langſam irrte ihr feuchter Blick im blauen Wolkenmeere, das wogend im Strahlenglanze der aufgehenden Sonne uͤber ihrem Suuf ſchwamm. „Gott!— der Vater!“ rief ſie ploͤtzlich aus, und blickte die oͤde Straße hinauf, indem ein Ge⸗ raͤuſch die Naͤhe eines Kommenden verkuͤndete. Behende oͤffnete ſie nun den Laden im Erd⸗ geſchoſſe, eilte ins Haus und kam bald mit einer verblichenen, hoͤlzernen Mohrenſigur zuruͤck, welche der kleinen Gewuͤrzhandlung ihres Vaters gleichſam als Firma diente, ſtellte das Gebild auf das Fenſtergeſims, gab ihm eine irdne Tabaks⸗ pfeife in die Hand und blieb nun harrend an der Hausthuͤr. Ermattet, mit wankenden Schritten, alle Spuren einer durchwachten Nacht in ſeinen Zuͤ⸗ gen, kam ihr Vater jetzt naͤher auf ſie zu. Ein Ausruf der ſchmerzlichſten Empfindung entſioh ihren Lippen bei ſeinem Anblicke und ihr kum⸗ mervoller Blick hing an ſeiner gebeugten Geſtalt; aber ſchnell gefaßt, ſprang ſie ihm entgegen, 21 MNAANNN reichte ihm freundlich beide Haͤnde dar, ſchlang dann ihren rechten Arm um ſeinen Nacken, kuͤßte ſeine bleichen Wangen zum Morgengruße und erkuͤnſtelte ſo die heiterſte Laune; doch indem ſie uͤber ſein langes Außenbleiben mit laͤchelnder Miene ſcherzen wollte, nagte ſchaͤrfer als jemals der Kummer an ihrem blutenden Herzen— bald verſagte ihr die Stimme und ein leiſes Sahauch⸗ zen verdraͤngte jeden Scherz. Er ſtuͤtzte ſich auf ihre Schultern, langzam erhob er ſein tief herabhaͤngendes Haupt und heftete forſchend ſeine matten Blicke auf der Tochter Antlitz, doch augenblicklich wendete er ſich ab, als er ihre Thraͤnen gewahrte, hielt ſie, von ſich abwehrend, zuruͤck, als ſie au afs neue liebkoſend ſich ihm naͤhern wollte und ſprach mit ſchwacher, heiſerer Stimme:„geh' an Deine Geſchaͤfte, gu⸗ te Mathilde, laß mich jetzt nur eine Stunde ruhen.“ Er wagte es nicht mehr, fein Ange zu ihr zu erheben, doch ergriff er ihre Hand, druͤckte ſie krampfhaft und ſchlich dann tiefgebeugt ins Haus. Mathilde folgte ihm langſam, oͤffnete die Thuͤr des kleinen Kramladens, ſuchte hier Beſchaͤfti⸗ AWAVNNNN gung, doch was ſie auch ergriff, blieb unvollendet und bald ſank ſie in einen Seſſel nieder, der im finſterſten Winkel des niedern Gewoͤlbes ſich be⸗ fand, ſtuͤtzte wehmuͤthig ihr Koͤpfchen in die linke Hand und bedeckte mit der Rechten ihr Antlitz, als ob ſie den Purpurſtrahlen der neuerwachten Sonne zu entfliehen ſtrebte, die Millionen Ge⸗ ſchoͤpfen neues Leben, neue Freuden, neue Hoff⸗ nungen, doch ihr, der Armen, neues Elend brachten. 4. Vor ungefaͤhr funfzehn Jahren kam in Roth⸗ lingen ein Fremder an, der ſich Tobias Rund nannte, geſchmackvoll gekleidet einherging, im rothen Ochſen die beſten Zimmer miethete und Morgens, Mittags und Abends ſeine Bouteille Wein trank, auch ſtets vor Schlaſengehen ſeine Zeche berichtigte, weshalb einige feine Beobachter dffentlich hehaupteten, er ſey ein reicher Mann. Niemand konnte dies beſtreiten, denn niemand 1 23 WAA kannte den Herrn Tobias Rund, niemand hatte noch in ſeine Taſchen geguckt, oder ſeine Brief⸗ taſche in den Haͤnden gehabt; doch ſchien den ehr⸗ ſamen Klatſchgevatterinnen des Staͤdtchens der Mann zu wichtig, daß ſie nicht umhin konnten, ſeinetwegen die ſorgfaͤltigſten Nachforſchungen an⸗ zuſtellen. Es wurde deshalb unter ihnen eine außerordentliche Conferenz ausgeſchrieben, wobei eine jede, bei Verluſt ihres guten Leumundes, ſich einfinden mußte, obwohl die Androhung die⸗ ſer ſchrecklichen Strafe unnoͤthig geweſen waͤre, denn Alle kamen freiwillig und in groͤßter Haſt, da bei dergleichen Verſammlungen gewoͤhnlich in Stroͤmen ein leidlicher Kaffee floß; und ſo wurde denn in ſchwarzer Stunde, beim ſchwarzen Tran⸗ ke geſtritten und Ruhe geboten, die widerſpre⸗ chendſten Behauptungen mit weiblicher Redner⸗ kunſt vertheidigt, bis endlich Alle ihre ſpitzen Zungen noch ſpitziger geſchwatzt und mit heiſerer Stimme von einander Abſchied nahmen, ohne uͤber den wichtigen Punkt einig geworden zu ſeyn, wes Geiſtes Kind der Herr Tobias Rund wohl eigentlich ſeyn moͤge und ob er wirklich Moſes und die Propheten mit ſich gebracht. 24 NNNNN Gluͤcklicher in ihren Nachforſchungen waren 4 einige maͤnnliche Mitglieder der Stadtneuigkeits⸗ 1. forſcherzunft geweſen, deren es ja in jeder, auch in der kleinſten Stadt, wenigſtens ein Dutzend giebt. Dieſe kamen jetzt tagtaͤglich, wider ihre Gewohnheit, in der Gaſtſtube zum rothen Ochſen zuſammen und lebten hier flott, wie ſie meinten, bei einem Glaſe Doppelkuͤmmel, da ſie ſonſt zu ihrem Morgentrunke in der Kibitzſchenke mit dem einfachen ſich begnuͤgten, der ihrer Kaſſe⸗ und— wie ſie einſtimmig behaupteten— auch ihrem Magen zutraͤglicher ſey. Dieſe hatten end⸗ lich durch verſchiedene liſtige Kreuz⸗ und Quer⸗ fragen von den Knechten und Maͤgden des Gaſt⸗ wirthes ſo viel herausgelockt, daß der Fremde Willens ſey„ ſich in Rothlingen anzukaufen und— ein Geſchaͤft zu treiben. Und wirklich, ſie hatten nicht mehr als die reine Wahrheit erfahren. Das graue Haus, dem rothen Ochſen gegen⸗ uͤber, wurde gerade damals zum Verkaufe ausge⸗ boten und beſonders der Umſtand, daß auch die Handels; und Schenkgerechtigkeit darauf ruhte, ſchien den Herrn Tobias zu bewegen, daſſelbe zu erhandeln. In wenigen Tagen war das Geſchaͤft 25 MAMAANNN abgemacht, die Kaufſumme in klingender Muͤn⸗ ze erlegt und von dieſer Zeit an, ging den Roth⸗ linger Kaffe⸗ und Kuͤmmelzuͤnften ein Licht nach dem andern auf. Denn der Fremde ließ den alt⸗ ten verraͤucherten Laden praͤchtig aufputzen, meh⸗ rere Ballen und Faͤſſer, die bald auf Frachtwagen ankamen, wurden abgeladen, die darin befindli⸗. chen, auslaͤndiſchen Schnitt⸗ und Materialwaa⸗ ren aufgeſchichtet und obenerwaͤhnter Mohr mit der irdenen Pfeife— der damals noch im golde⸗ nen Leibgurte und in glaͤnzender Schwaͤrze prang⸗ te— wurde zu Jedermanns Schrecken und Ver⸗ wunderung vor dem Laden oͤffentlich ausgeſtellt. Auch wurde der verwilderte Garten am Hauſe geſchmackvoll umgewandelt und um die Schenk⸗ gerechtigkeit nicht unbenutzt zu laſſen, eine Ke⸗ gelbahn darin angelegt und Getraͤnke von vorzuͤg⸗ licher Guͤte angeſchafft. Daß der Fremde wirklich ein Fremder ſey, daruͤber waren nun zwar alle Rothlinger einig; doch woher er eigentlich gekommen? das war die wichtige Frage, woruͤber noch manches niedliche Gehirn zermartert wurde. Einige waren ſo kuͤhn, zu behaupten, er ſey uͤbers Meer, aus irgend ei⸗ 3 Stillſchweigen, und fertigte jeden zudringlichen 26 NNNNNN nem ſuͤdlichen barbariſchen Lande gekommen, und wollten dies durch den Mohren beweiſen, welchen Tobias als Landsmann vor ſeinem Ladenfenſter aufgeſtellt habe, zur immerwaͤhrenden Erinnerung an ſeine Heimath. Andere ſtritten dagegen wieder heftig fuͤr ihre Meinung, daß er ein Ruſſe ſey, und ſtellten als Beweis dafuͤr ein Paar große Pelzſtiefel auf, welche Tobias— beilaͤufig ge⸗ ſagt— auch im Sommer wegen ſeines Podagra nicht ablegte. Kurz, es wurde behauptet, ge⸗ ſtritten und vermuthet, bis die Zeit, die immer⸗ waͤhrende Nenigkeitsgebaͤhrerin, andre Neuigkei⸗ ten zu Tage foͤrderte, die nothwendigerweiſe neue Nachforſchungen, Streitigkeiten und Vermuthun⸗ gen veranlaßten, und ſo ließ man nach und nach das Unergruͤndliche ins Dunkel der Vergeſſenheit verſinken, und ſpannte ſeinen Geiſt fuͤr neue, leichter zu entziffernde Raͤthſel. Auch that man ganz wohl daran, denn Herr Tobias Rund be⸗ hauptete uͤber ſein Vaterland, ſein Herkommen und naͤhere Lebensverhaͤltniſſe ein unverbruͤchliches Frager mit kurzen Worten und finſtern Mienen ab. Uebrigens ſchien er zufrieden mit dem Fort⸗ — gange ſeiner Geſchaͤfte; er hielt auf billige Preiße und vorzuͤgliche Waaren, weshalb er auch faſt ſaͤmmtlichen Kraͤmern und Schenkwirthen des Ortes großen Abbruch that und ein Dorn im Au⸗ ge war... Er war unverheirathet, und wahrſcheinlich auch kinderlos, denn obgleich er einen ungefaͤhr ſechsjaͤhrigen Knaben mit nach Rothlingen ge⸗ bracht hatte, ſo ſchien er doch dieſen nicht als Sohn und mit Vaterliebe zu behandeln, ſondern ſich zuweilen gar wenig um ihn zu bekuͤmmern, und befriedigte desfalſige Rachfragen ſeiner Gaͤſte damit, daß er das Kind aus einer fernen Ge⸗ gend, wo er es in einem huͤlfloſen Zuſtande ge⸗ funden, mit ſich genommen. Der Knabe, den er Paul nannte, harte wahrſcheinlich durch eine gewaltſame Verletzung der Zunge die Sprache verloren, doch ſchienen ſeine uͤbrigen Organe vor⸗ trefflich gebildet, und auf ſeinem offnen ehrlichen Geſichte ruhte ſtets ein ſtiller Ernſt. Er zog ſich ſcheu zuruͤck von jedem Spiele, jedem Jugend⸗ vergnuͤgen, und ſloh die Nachbarskinder aͤngſtlich, mit denen ihm der Umgang erlaubt war, wes⸗ halb er auch allgemein im Staͤdtchen„der ſtille — Paul genannt wurde. Mit leichten Beſchaͤf⸗ tigungen im Garten vertrieb er ſich die Zeit, hier zog er Lauben, baute Raſenſitze, pflanzte Blu⸗ men, und bildete ſich ſo ein eigenes Gaͤrtchen; doch die ſuͤdlichen Gewaͤchſe, welche ſein Pflege⸗ vater im kleinen Treibhauſe zog, das er aus Lieb⸗ haberei errichten ließ, ſchien er ganz vorzuͤglich zu lieben. Dort blieb er oft Stunden lang und labte ſich am Dufte der Orangenbluͤthen, und wenn er die erkuͤnſtelte Hitze nicht laͤnger mehr ertragen konnte, dann gieng er traurig hinaus in den Garten, betrachtete kopfſchuͤttelnd, mit wehmuͤthigem Laͤcheln die minder zarten Blumen auf ſeinen Breten, und gab ſeinem Pflegevater wiederholt durch Zeichen zu verſtehen, daß er ei⸗ nige Pflanzen aus dem Gewaͤchshauſe in ſein Gaͤrtchen zu verſetzen wuͤnſche, bis dieſer endlich laͤchelnd ſeine Einwilligung gab. In freudiger Haſt nahm er einen Mandelbaum, ein Orangen⸗ baͤumchen und einige Blumen aus ihren Toͤpfen, verpflanzte ſie ins feſte Land, tanzte jetzt, voll Freude in die Haͤnde klatſchend, im Kreiſe um ſeine Lieblinge herum, und ehe noch am andern Morgen die Sonne erwachte, verließ er ſchon⸗ 29 AAAAANNAN ſein Lager und eilte nach dem Garten, umn ſeine Zoͤg⸗ linge mit friſchem Waſſer zu erquicken. Doch bald ſah er die Folgen ſeines zweckwidrigen Ver⸗ fahrens, denn ſchon nach wenigen Tagen welk⸗ ten die zarten Blumen bis zur Wurzel ab, und als die erſten einzelnen Schneeflocken, wie Per⸗ len in Gold gefaßt, auf hochgelbem Laube erglaͤnz⸗ ten, waren auch ſeine lieben Baͤumchen in den kalten Herbſtnaͤchten ſchon abgeſtorben. Wie ver⸗ nichtet ſtand er vor den verdorrten Baͤumen, rang die kleinen Haͤnde und weinte bitterlich. Die ſchoͤnſten Hoffnungen hatte er auf ſeine kleine An⸗ pflanzung gegruͤndet; er wollte Fruͤchte ziehen, ſelbſterworbenen Saamen in die Erde legen, dar⸗ aus wieder Baͤume auferziehen, und freute ſich ſchon kindiſch in ſeiner Einfalt auf die ſchoͤnen Stunden, die er einſt im Schatten ſeines Oran⸗ genwaͤldchens zuzubringen gedachte. Die Ver⸗ nichtung aller dieſer Hoffnungen ſchien einen tie⸗ fen Eindruck auf ſein Gemuͤth hinterlaſſen zu ha⸗ ben; ſein ſtiller Ernſt verwandelte ſich in Truͤb⸗ ſinn, und Mißvergnuͤgen ſprach ſich aus in al⸗ len ſeinen Zuͤgen. Er floh die Menſchen mehr als jemals und fuͤhlte ſich nirgends heimiſch; 1 30 AANN bleich und krank ſchlich er im Hauſe umher, ver⸗ mied den Garten, und glich ſo ſelbſt ſeinen frem⸗ den zarten Pflanzen, die er dem waͤrmern Klima eutriſſen und in das rauhe, ungewohnte Land verſetzt hatte. Herr Tobias bemerkte bald die auffallende Ver⸗ aͤnderung, die mit dem Knaben vorgegangen war, und bemuͤhte ſich von nun an, ihm Zerſtrenung zu verſchaffen und ihm ſeine Lage angenehmer zu machen; denn obgleich er nicht mit Liebe an ihm hieng, ſo ſchien es doch, als ob er ſich durch Geſchenke und Gewaͤhrung jeder Bitte eifrig be⸗ ſtrebe, ihm irgend einen Verluſt zu erſetzen. Er nahm ihn daher oͤfters mit auf die Kegelbahn, die, auch fuͤr den Winter eingerichtet, von den Roth⸗ lingern haͤufig beſucht wurde, und Paul ſchien bald an dem ihm fremden Spiele Gefallen zu fin⸗ den. Er fehlte nie mehr, wenn ſich Gaͤſte da⸗ ſelbſt einfanden, und nachdem er ſich den ganzen Winter hindurch in ihrer Abweſenheit geuͤbt, die Kugeln zu werfen, nahm er ſchon im Fruͤhjahre Theil an ihren Spielen, was man ihm auch gern vergoͤnnte, denn er that Anfangs den Mitſpie⸗ lenden wenig Schaden. Als aber Tobias ſpaͤter⸗ 34 AeNNNNNNN hin bemerkte, daß er— freilich mit Anſtrengung aller ſeiner Kraͤfte— durch ſeine ſtets in ſchnur⸗ gerader Richtung geworfenen und treffenden Ku⸗ geln die alten Stammgaͤſte auf der Kegelbahn ſelbſt beſchaͤmte, uͤberließ er ihm auch den ganzen Ertrag derſelben fuͤr ſeine Sparbuͤchſe, ohne je⸗ mals danach zu fragen, wie der Knabe die fuͤr ihn ſo bedeutenden Summen anwendete. Er be⸗ gnuͤgte ſich damit, ihn heitrer zu ſehen, hielt ihm auch Lehrer, die ihn in Religion, Leſen, Schrei⸗ ben und Zeichnen unterrichten mußten, wobei Paul die groͤßte Aufmerkſamkeit, Fleiß und gluͤck⸗ liche Naturgaben zeigte. In derſelben Form blieb ſeine Lebensweiſe un⸗ veraͤndert noch vier Jahre hindurch, als Herr To⸗ bias, mehr als jemals vom Podagra geplagt, ſein Zimmer und den Lehnſeſſel faſt nicht mehr ver⸗ laſſen konnte, und der nunmehr eilfjaͤhrige Paul nicht von ſeiner Seite wich. Ein Schlagfluß ſchien dem Leben ſeines Pflegevaters die nahe Graͤnze geſetzt zu haben, und als dieſer ſich im⸗ mer ſchwaͤcher fuͤhlte, uͤbergab er ihm wenige Mi⸗ nuten vor ſeinem Tode ein verſiegeltes Papier; kalte Schweißtropfen ſielen von ſeiner Stirn her⸗ 32 ab, eine qualenvolle Angſt ſchien ihm die letzten Augenblicke ſeines Lebens zu verbittern, er be⸗ muͤhte ſich vergebens, einige zuſammenhaͤngende Worte zu Paul zu ſprechen, hielt ihn krampf⸗ haft feſt in ſeine Arme gepreßt, und gab ſo, wie es ſchien troſtlos, ſeinen Geiſt auf. Der Knabe ſchlich ſtill weinend von der Leiche hinweg nach ſeinem Kaͤmmerchen, betete dort auf ſeinen Knieen, nahm in drei Tagen faſt keine Nahrung zu ſich, und verließ ſeinen einſamen Aufenthalt nicht wieder, bis man ſeinen Pflege⸗ vater zur Ruhe beſtattete. Er war nun ganz verwaiſet, er hatte ſeinen einzigen Freund verlo⸗ ren. Herr Tobias Rund hatte kurz vor ſeinem To⸗ de ein Teſtament beim Stadtmagiſtrate nieder⸗ gelegt, und als dieſes nach der geſetzmaͤßigen Zeit eroͤffnet wurde, ſand es ſich, daß Franz Heim⸗ lich, als naͤchſter Anverwandter, zum Erben der Hinterlaſſenſchaft beſtimmt war, mit der einzi⸗ gen Bedingung, Paul, ſo lange es dieſer be⸗ duͤrftig, anſtaͤndig zu erhalten und fuͤr ſeine fernere Erziehung und Auelidin zu ſor⸗ gen. 1 * ,2 Herr Franz Heimlich aber befand ſich zu die⸗ ſer Zeit als Buchhalter in einem bedeutenden Handelshauſe einer fernen Seeſtadt, und je we⸗ niger er bisher des todtgeglaubten Oheims gedacht, den er weit von ſich entfernt, in einer andern Weltgegend vermuthete, deſto mehr wurde er uͤberraſcht, als er die Nachricht von deſſen Tode, mit der Kopie des Vermaͤchtniſſes erhielt; er ſaͤumte nicht, kurze Zeit darauf mit ſeiner Gat⸗ tin und Tochter Mathilde ſich nach Rothlingen zu begeben, die bedeutende Hinterlaſſenſchaft in Beſitz zu nehmen und ſich daſelbſt haͤuslich nie⸗ derzulaſſen. Doch kaum hatte er einige Jahre das neue Geſchaͤft, welches er im beſten Zuſtan⸗ de vorfand, fortgefuͤhrt, als er ſtatt des Gewinn⸗ ſtes uͤberall ein Deſicit bemerkte, was ſich leicht erklaͤren ließ, da er zwar ein wackrer Comtoir⸗ arbeiter, doch keineswegs fuͤr den Kleinhandel in ſeinem Laden brauchbar war, indem er dieſen fruͤher nur gering geſchaͤtzt und jetzt mit Unluſt und der groͤßten Saumſeligkeit betrieb. Auch Schenkwirthſchaft und Kegelbahn ließ er gaͤnzlich eingehen, weil er ſich einbildete, es ſey ſeiner Kaufmannsehre zuwider, dergleichen Nebenge⸗ II. 3 4 ſchaͤfte zu treiben. Bald wurde er im Kreiſe der Seinigen unzufrieden und muͤrriſch, ſuchte Zer⸗ ſtreuung in oͤffentlichen Geſellſchaften außer dem Hauſe, machte Bekanntſchaft mit einigen Wuͤſt⸗ lingen, welche ihn mit offnen Armen in ihre Clique aufnahmen, und bald war ſein guter Ruf, ſein haͤusliches Gluͤck und ſein Credit fuͤr ihn voer⸗ loren. Seine brave Gattin ſtarb unter Kummer und Sorgen und ſein Geſchaͤft, welches ſie, ſo viel es ihre Kraͤfte erlaubten, in der letzten Zeit faſt ganz allein gefuͤhrt, ſchien mit ihr zu Grabe zu gehen. So tief auch der ſchmerzliche Ein⸗ druck war, den dieſer Todesfall in ſeinem nicht verdorbenen Herzen hinterließ, ſo war er doch nicht vermoͤgend, ſich in ſeine Lage zu finden, dem Geſchaͤfte Geſchmack abzugewinnen und mit Fleiß vorzuſtehen, das ihn ernaͤhren und die Truͤmmer ſeines Vermoͤgens erhalten ſollte. Nach einigen Monaten ergab er ſich der verfuͤh⸗ reriſchen Leidenſchaft aufs neue, ſpielte zwar nur niedrig, doch fuͤr ſeine Kaſſe viel zu hoch und 1 zu oft, gerieth daher in Schulden, und man glaubte ihn unwiederbringlich verloren. 7 35 WAWANAN Unter dieſen Umſtaͤnden wurde Paul von ihm nur wenig beachtet, doch keineswegs vernachlaͤſ⸗ ſigt. Dieſer konnte jetzt bald der Lehrer entbeh⸗ ren, er zeichnete— vorzuͤglich Landſchaften nach der Natur— vortrefflich, ſchrieb eine ſchoͤne Hand, beſchaͤftigte ſich in muͤſſigen Stunden mit Leſen nuͤtzlicher Schriften, und hatte an Mathil⸗ den eine liebreiche Freundin gefunden, die nach dem Tode ihrer guten Mutter ſich der kleinen Handlung und des Hausweſens thaͤtig annahm, und mit wahrer Schweſterliebe fuͤr alle ſeine klei⸗ nen Beduͤrfniſſe ſorgte. So blieben die Verhaͤlt⸗ niſſe beinahe unveraͤndert geſtaltet, bis zu dem Tage, an welchem Heimlich, nach einer am Spiel⸗ tiſche durchwachten Nacht, des Morgens um vier Uhr erſt ſeine Wohnung betrat. 5. Er ſchlich nach ſeinem Schlafzimmer, warf ſich hier in ſeinen Kleidern aufs Bett, doch ſein muͤdes Auge fand keinen Schlummer; er ſuchte Zerſtrenung in ſeinen Rechnungsbuͤchern, aber 3*† 36 WWAAAAN. bald verwirrten ſich die Zahlen vor ſeinen Blicken und er warf ſie verdrießlich von ſich. Er hatte in vergangener Nacht ungluͤcklich geſpielt und ei⸗ ne bedeutende Summe verloren, die er am fol⸗ genden Tage auf eine ſchon prolongirte Ver⸗ ſchreibung auszahlen ſollte. Das ſchreckliche Bild ſeiner Armuth, ſeiner Huͤlfsloſigkeit, ſtand le⸗ bendig vor ſeiner Seele und tief im Hintergrunde deſſelben erblickte er ſeine eigene, verblichene Ge⸗ ſtalt, auf der Stirn das Brandmal der eigenen Schuld. Er ſchauderte zuruͤck, als er jetzt in ſeiner Einſamkeit, frei vom Taumel ſeiner verder⸗ benden Leidenſchaft, den fuͤrchterlichen Abgrund zu ſeinen Fuͤßen bemerkte, an deſſen Rand ihn ſein Leichtſinn gefuͤhrt; uͤberall ſah er Nacht um ſich, nirgends nur den ſchwachen Schimmer eines „Hoffnungsſtrahles, der ihm den Pfad zur Ret⸗ tung zeigte— er glaubte ſich auf immerdar ent⸗ ehrt, verloren. Indeſſen war es lebhafter auf den Straßen geworden, und die wenigen Kunden, die Ma⸗ thildens freundliches Weſen noch fuͤr ihren Han⸗ del erhalten, fanden ſich jetzt ein, ihre kleinen Beduͤrfniſſe fuͤr Haus und Kuͤche zu kaufen, und —.,— 37 1 WNNNN weckten mit Pochen und Klingeln die arme Lei⸗ dende, welche im dunkeln Winkel des Ladens auf dem Lehnſeſſel der Truͤbſinn umfangen hielt. Schnell gefaßt ſprang ſie auf, reichte ihnen jede Kleinigkeit mit heitrer Miene, zwang ſich man⸗ ches freundliche Laͤcheln ab, doch bald ſtieg ein unnennbar ſchmerzliches Gefuͤhl in ihrer Bruſt empor, indem das Glockengelaͤute zum Gottes⸗ dienſte rief, und— als ob ſie ſich verabredet— einige mannbare Toͤchter der Honoratioren des Staͤdtchens nach und nach den kleinen Laden mit ihrer Gegenwart beehrten, vorgeblich, um Pfef⸗ fermuͤnzkuͤgelchen zu kaufen, als Remedium ge⸗ gen die einſchlaͤfernde Predigt des alten Oberpfar⸗ rers. Doch ans ihren glaͤnzenden Augen, aus ihrem ſorgfaͤltiger als jemals gewaͤhlten Putze ließ ſich wohl eher auf irgend ein heimliches Plaͤnchen ſchließen, das die Evenskinder gar bald verrie⸗ then durch die wiederholt an Mathilde gerichtete Frage: ob ihr jugendlicher Nachbar Ludwig, des Fleiſchermeiſters Sproͤßling, noch nicht angelangt im vaͤterlichen Hauſe, und um welche Zeit man ihn erwarte?— Die guten Maͤdchen waren ja ſaͤmmtlich mit dem nunmehr ausſtudirten Ludwig NA — ſo zu ſagen— aufgewachſen, eine jede von ihnen wußte irgend ein kurzweiliges Geſchichtchen aus ihren Kinderjahren zu erzaͤhlen, wobei er, wie billig, die Hauptrolle geſpielt— was Wun⸗ der nun, daß ſie den theuern Jugendfreund mit Sehnſucht erwarteten und das treue Andenken an ſeine Perſon, das in einem Zeitraume von fuͤnſ Jahren in ihren fuͤhlenden Herzen nicht erloſchen, jetzt durch ungeduldige Fragen nach ſeinem Ein⸗ treffen in ihrer Mitte, an den Tag legten. Doctors burſchikoſes Pinchen wollte gehoͤrt haben: er ſey auf der Univerſitaͤt ein arger Reno⸗ miſt geweſen, und freute ſich ſchon unmenſchlich auf alle die ſidelen Suiten, die er wahrſcheinlich in ſeiner Vaterſtadt, zum Erſtaunen und Aerger aller Philiſter, zum Beſten geben werde. Aber mit einem eſſigſauren Geſichte wider⸗ ſprach ihr Amtmanns Malchen— die mit abge⸗ meſſenen Schritten und mit geſenkten Blicken pe⸗ dantiſch ihre Lebensbahn durchwandelte— denn ſie hatte durch ihren Vater die ſicherſten Nachrich⸗ ten, daß Herr Ludwig Scholle ein eifriger Stu⸗ dioſus im engſten Sinne des Wortes geweſen, frei von Umtrieben und Renomiſtereien. — 39 NNN „Nun, was die Umtriebe anbelangt“— er⸗ wiederte mit ſcharfem Zuͤngelchen Stadtrichters Lenorchen—„damit hat er's wohl ſo genau nicht genommen. Denn wie die Frau Univerſttaͤts⸗ actuariuſin, die neulich hier durch ins Bad reiſte, meiner Mutter erzaͤhlte, ſo hat er ſich gar oft zu Fuße und zu Pferde auf den Doͤrfern herumge⸗ trieben, und“— ſetzte ſie leiſe hinzu—„ſoll ſich dabei recht ernſtlich mit einer huͤbſchen Paͤch⸗ terstochter eingelaſſen haben.“ Als ob ein Blitzſtrahl dicht vor ihnen von der. Decke des Gewoͤlbes herab in den Fußboden ge⸗ fahren und ſie ſaͤmmtlich auseinander geſchleu⸗ dert, ſo ſtanden ſie Alle wie verſteinert, und wie aus einem Munde ertoͤnte es leiſe und bebend: „nicht moͤglich!— Selbſt Mathilde, welche dem ganzen Geſpraͤche, ſcheinbar antheillos, zu⸗ gehoͤrt, ſenkte ihren Blick zu Boden⸗ und ſtand regungslos. Stadtrichters Lenorchen aber ſchien ſich ſtill zu weiden an der Beſtuͤrzung ihrer Freundinnen, und erweckte ſie ſaͤmmtlich durch den lauten, ſcha⸗ denfrohen Ausruf:„nun, ſind das keine Um⸗ triebe? WWVWNN Athem ſchoͤpfend, und indem ploͤtzlich vom Kinn bis uͤbers kleine Stumpfnaͤschen ihr Ge⸗ ſicht hochroth ergluͤhte, nahm jetzt Poſtmeiſters Tinchen das Wort, trat mit funkelnden Augen des Stadtrichters einziger Hoffnung entgegen und ſagte ihr kuͤhn ins Geſicht:„nun, mit der Nach⸗ richt konnten Sie auch zu Hauſe bleiben, denn die Frau Actuariuſin kennen wir uͤbrigens auch, kein wahres Wort geht aus ihrem Munde“— und dabei zerraufte ſie voll innern Grimmes die Franzen an ihrem Umſchlagetuche. „Ja, die Frau Actuariuſin kennen wir auch 1 fielen jetzt Alle laut ein, wie im Chore, und Rek⸗ tors Adelheid, welche auf beſagte Frau beſonders einen Treffer hatte, weil ſie ihr einſtmals den wohlgemeinten Rath ertheilt, ihre ins roͤthliche fallenden Locken ſchwarz zu faͤrben, behauptete noch uͤberdies mit kecker Stimme:„ſie laſſe an keinem Menſchen ein gutes Haar.“ So war zwar das vorlaute Stadtrichterskind zum Schweigen gebracht, doch im Kreiſe der uͤbrigen Rothlinger Zierpflaͤnzchen ſchien noch ei⸗ ne geheime Gaͤhrung zu herrſchen und Buͤrger⸗ meiſters Sephchen konnte ſich's nicht verſagen, — — 41 WANN den Faden des Geſpraͤchs von neuem zu ergrei⸗ fen.—„Eine huͤbſche Paͤchterstochter!“ hub ſie mit vornehmem Naſentone an—„nun ja, man weiß ja, was das ſagen will— ich habe in mei⸗ nem Leben noch keine huͤbſche Paͤchterstochter ge⸗ ſehen; wir Staͤdterinnen behalten doch den Vor⸗ zug allemal.“ 5Ja, allemall? fiel der Chorus beiſtimmend wieder ein, und ſo eben laͤutete man zum dritten Male zur Kirche, worauf ſie ſaͤmmtlich mit nach⸗ laͤſſigem Kopfnicken der armen Kraͤmerstochter Adieu ſagten und ziemlich beruhigt zum Gottes⸗ hauſe wallfahrteten. 6. Mathilde naͤhrte in ihrem beſcheidenen Her⸗ zen zwar auch einen Wunſch, an deſſen Erfuͤl⸗ lung ihre einzige Hoffnung, ihr ganzes Lebens⸗ gluͤck geknuͤpft war, doch das druͤckende Gefuͤhl⸗ ihrer Armuth hinderte ſie, ihn laut werden zu laſſen, und der quaͤlende Gedanke an ihre taͤglich ſinkenden Vermoͤgensumſtaͤnde ſchien denſelben 4₰ 42 AWWWAUAA feindlich aus ihrer Bruſt verdraͤngen zu wollen. Ludwig war ja auch mit ihr aufgewachſen, und obgleich einige Jahre aͤlter, hatte er mit ihr doch am liebſten ſeine freien Stunden heitern Jugend⸗ ſpielen geweiht; oft verließ er ja den muntern Knabenſchwarm, um mit ihr und dem ſtillen Paul im Garten ſich zu beſchaͤftigen, begoß ihre Blu⸗ men, zog ihre Lauben und uͤberraſchte ſie durch hundert kleine Veraͤnderungen, die er in ihrer Abweſenheit zur Verſchoͤnerung ihres Gaͤrtchens angebracht. Als er ſich nach der auswaͤrtigen Fuͤrſtenſchule begeben ſollte, da ſchwamm am Ab⸗ ſchiedsabende ſein Auge in Thraͤnen, und er muß⸗ te ſich gewaltſam von der Geſpielin ſeiner Kin⸗ derjahre losreißen, und als er, nach zwei Jahren zuruͤckgekehrt, ſchon nach wenig Tagen die Uni⸗ verſitaͤt beziehen ſollte, da ſchwur er beim Ge⸗ ſtaͤndniß ſeiner Liebe, ſie nimmer zu vergeſſen. Ob er ſeinen Eid gehalten, wie ſie den ihri⸗ gen, den ſie ſtill ſich auferlegt und unverletzt noch jetzt im Buſen trug? dieſe Frage beunruhigte ſie oftmals, beim Schlafengehn wie beim Erwachen; doch wenn ſie dann des Morgens die Hausthuͤr öͤffnete, ihr Auge auf der freundlichen, glaͤnzen⸗ —— 43 AWAAWNAN den Wohnung ſeiner Eltern weilte, und ihr Blick dann zuruͤckfiel auf das kleine graue Haͤuschen ih⸗ res Vaters, da rief ſie ſeufzend aus:„dort druͤben wohnt des Reichthums Glanz, der Freude und Leben ſpendet, und hier der Armuth finſterer Geiſt, der meiner ſchoͤnſten Hoffnung Grab bereitet.“— Wohl nahe ſchien ihre Hoffnung dem gaͤnzlichen Verſinken, denn taͤglich druͤckender mehrte ſich ihre Armuth, taͤglich haͤufte ſich der Reichthum des Gaſtwirths. Durfte ſie Ludwigs Schwure feſt vertrauen? ſie hatte waͤhrend ſeiner Abweſenheit nur wenige Briefe von ihm erhalten— die Zeit macht ja oft Eid und Pflicht vergeſſen und druͤckt Herzen in beliebige Form.. So ſtand ſie ſinnend noch hinter dem Laden⸗ tiſche, als ſie ploͤtzlich, erweckt durch ein Geraͤuſch, die Augen aufſchlug und vor ſich einen langen ha⸗ gern Mann erblickte, der unbemerkt hereingetre⸗ ten und auf ſein Bambusrohr geſtuͤtzt, ſie un⸗ verwandt mit wohlgefaͤlligen, doch auch zugleich feindlichen Blicken zu durchbohren ſchien. Sein Geſicht hatte etwas Widerwaͤrtiges, Abſchrecken⸗ des, das ſchon beim erſten Anblicke ein unheimli⸗ ches Mißbehagen bei Jedem bewirken mußte, der 44 MAMMN in ſeiner Naͤhe ſich befand. Nur wenig ſchwar⸗ zes Haar bedeckte ſeinen groͤßtentheils kahlen Scheitel, die ſtarken Augenbraunen auf der her⸗ abhaͤngenden Stirn waren dicht zuſammen ver⸗ wachſen und beſchatteten ſo die tiefliegenden Au⸗ gen, welche bald feurig erglaͤnzend, wie auflo⸗ dernde Flammen, bald ſtarr und matt in ihren Kreiſen ſich bewegten. Die tiefen Zuͤge im gel⸗ ben Geſichte veraͤnderten ſich unſtaͤt, wie im un⸗ aufhoͤrlichen Mienenſpiele, und wuͤrden ſo den aufmerkſamſten Phyſiognomen ſelbſt verhindert haben, ihre wahre Form zu beſtimmen; eben ſo raͤthſelhaft blieb es auch, ob das immerwaͤhrende Zucken ſeiner Lippen ein Laͤcheln des Wohlgefal⸗ lens, oder Spott und Verachtung ausdruͤcken ſollte. Endlich oͤffnete er ſeinen zahnloſen Mund und ſprach im hohlen Geiſtertone, in abgebrochenen Saͤtzen, ſchwer athmend aus beengter Bruſt: „vergoͤnnen Sie mir— einige Augenblicke hier zu ruhen.— Mein Spaziergang— fuͤhrte mich zu weit.— Ich bin ſo ermattet— daß ich kaum — das Gaſthaus noch erreichen wuͤrde.“— Da⸗ bei ließ er ſich auf einem der Polſterſitze nieder, 45 NAᷓNAANNN welche an der Wand angebracht waren, hielt die Brillantringe an ſeinen knoͤchernen Fingern gegen die Sonnenſtrahlen, ſchien ſich einige Minuten lang an ihrem bunten Farbenſpiele zu ergoͤtzen, und blickte dann wieder ſcharf und unverwandt in Mathildens Antlitz, welche aͤngſtlich verlegen, keines Wortes maͤchtig, von ihm zuruͤckwich. „Schon zweimal“— fuhr er fort—„wurde mir das Gluͤck zu Theil— im Voruͤbergehen Sie am Fenſter zu erblicken— und da heute— der Zufall mich Ihnen naͤher bringt— ſo halte ich dies fuͤr eine gute Vorbedeutung.“ „Ich kann mich nicht entſinnen—“ erwie⸗ derte Mathilde noch verlegner. »Mich bemerkt zu haben—ee ergaͤnzte er ih⸗ re Rede.—„Glaub's wohl!— Ihr naͤrriſchen Maͤdchen wendet Euer Auge— nur auf friſche Bluͤthen— doch der Stamm bleibt unbemerkt, und wenn er Euch auch goldne Fruͤchte bietet.* Immer unheimlicher wurde Mathilden in der Naͤhe des Fremden, immer laͤſtiger ſeine aufge⸗ drungene Unterhaltung„deshalb bat ſie um Ent⸗ ſchuldigung, wenn ſie ſich auf einige Augenblicke entferne, um ihren Vater herbeizurnfen. 46 WMJAMVN Doch ſchnell ergriff er ihre Hand, hielt ſie zu⸗ ruͤck und fluͤſterte ihr leiſe zu:„ſtill, ſtill, mein zuͤßes Kind! der Vater ſchlaͤft gewiß— bedarf der Ruhe auch, der gute Mann— hat eine Hiſ Nacht gehabt.“ Faſt gewaltſam zog er ſie bei ſich nieder. ie zitterte, die feuchte Kaͤlte ſeiner Hand drang ihr bis zum Herzen, und ein eiſiger Schauer durch⸗ rieſelte ſie, als ſie bebend fragte:„Sie kennen meinen Vater?⸗ 7 „Zwar bin ich nur erſt ſeit wenigen Tagen hier als Fremder”“— verſetzte er—„doch be⸗ darf's bei mir auch nur weniger Blicke— einen Menſchen zu durchſchauen bis auf den Grund der Seele.— Ja, ich kenne Ihren Vater— er iſt ein guter Mann— doch unbekannt mit der Welt, und zu wenig Herr ſeiner ſelbſt.“ us „Wohl iſt mein Vater gut— erwiederte Mathilde—„doch leider wird freilich ſeine Un⸗ 1 8 kenntniß der Welt nur zu oft gemiß ſetzte ſie mit einem bedeutenden S den Fremden hinzu, entzog ihm ſa gewaltſ ihre Hand und ſtand auf. . —— Er ſchien ihren Unwillen nicht bemerken zu wollen, und fuhr, ihr beiſtimmend, fort:„recht, mein Engel— gemißbraucht— o ich kenne die Buben— aber ich werde ihn warnen!— Ich bin ſein wahrer Freund— und nur ſeinetwegen halte ich mich noch einige Tage hier auf.— Ich kenne ſeine ganze Lage genau— ich kann ihm nuͤtzlich werden, und wenn ihm mit Gelde zu hel⸗ fen iſt—“ Eine neue Hoffnung roͤthete Mathildens Wangen und ſchon ſchlug ſie ihr Auge im Gefuͤhl der Dankbarkeit fuͤr ſein freiwilliges Erbieten freundlich zu ihm empor, doch ploͤtzlich wendete ſie ſich wieder ab von ihm, als ihr klarer Blick an ſeinen widerlichen Zuͤgen voruͤberſtreifte und ein inneres Grauen ſie durchbebte. Er aber naͤ⸗ herte ſich ihr mit den ſuͤßeſten Worten und ſuchte einen ſeiner Brillantringe unvermerkt an ihrer Hand zuruͤckzulaſſen, doch ſie machte ſich unwil⸗ lig los von ihm und eilte nach der Thuͤr, die nach der Hausflur fuͤhrte. Da trat ihr der Va⸗ ter entgegen, voͤllig angekleidet, im Begriffe, auszugehen. Er ſchien den Fremden zu erkennen und nach kurzer Begruͤßung redete dieſer ihn nn: 84. 48 WAAN „ich habe Sie hier erwariet, S Freundchen, Sie ſpeiſen dieſen Mittag bei mir⸗— faßte ihn ver⸗ traulich unter den Arm, verbengte ſich hoͤflich ge⸗ gen Mathilde, und ſo dingen beide die Straße hinauf, nach dem Gaſthofe— zum goldenen Reiter— gleich am Markte gelegen, in welchem der Fremde vor einigen Tagen als Reiſender d⸗ geſtiegen. 7. Schon vor Tages Anbruch hatte Juͤrgen, des Fleiſchermeiſters ruͤſtiger Landknecht, vor der Hausthuͤr des wohlberufenen Gaſthofes zum ro⸗ then Ochſen zwei ziemlich hohe Birken oder ſogenannte Maienbaͤume aufgepflanzt, wie es ſeit undenklichen Zeiten am Sanct Johannistage die Sitte erheiſchte; und jetzt ſtand er im Schat⸗ ten derſelben, ſich ſeines Werkes freuend, und mit vernehmbarem Schnuͤffeln den Duft der jun⸗ gen Bluͤtter einſaugend, die uͤber ſeinem Haupte ſaͤnſelnd im ſanften Morgenwinde ſich bewegten. S, i. Thie Weiſe ſah er ſich in dieſem 2* MMAN Genuſſe geſtoͤrt durch ein unaufhaltſames, mehr⸗ maliges Nieſen, welchem bald ein kraͤftiges„Gott helf! aus dem Munde der gar nicht unanſehn⸗ lichen Koͤchin Rebekka durchs Kuͤchenfenſter nach⸗ folgte, die ſeinem Herzen theuer war; worauf er nicht ermangelte:„ſchoͤnen Dank, mein Kind l⸗ ihr freundlich zu erwiedern.— Huſch, war ſie aus der Kuͤche und ergriff jetzt die Gelegenheit, ein Geſchaͤftchen vorzunehmen, wobei ſie in Juͤr⸗ gens Naͤhe blieb und auf ſeinen Beiſtand rechnen konnte. „Hole mir die lange Leiter, lieber Juͤr⸗ gen—“« rief ſie ihm zu, und brachte einen großen Korb voll Blumenguirlanden und Kronen her⸗ bei.. 8 Er gehorchte augenblicklich, und lieferte nun den augenſcheinlichen Beweis, daß auch in der Bruſt eines in ſeiner Erziehung vernachlaͤſſigten Fleiſcherknechtes ein Gefuͤhl der Schicklichkeit und des Anſtandes ſeinen Sitz aufſchlagen koͤnne, denn er litt es durchaus nicht, daß Rebekka vor ſeinen Augen die Leiter beſteige, ſondern that dies ſelbſt mit der groͤßten Bereitwilligkeit und be⸗ feſtigte die Guirlanden bogenfoͤrmig an der Haus⸗ II. 4 thuͤr, wobei ihn ſein einziges Herzblatt zuweilen ſchalkhaft in die Waden knipp. 8 „»Laß mal die Narrenspoſſen aufhztene rief er endlich herab, nachdem er verſchiedene Male ein Bein nach dem andern in die Hoͤhe gezogen, wie ein Kranich, wobei ſein ſonnenverbranntes Geſicht ſich in ernſte Falten legte, obgleich ihm 1 — ſo zu ſagen— das Herz im Leibe tanzte vor, Frreuden uͤber die neckiſchen Spaͤße ſeines Lieb⸗ chens. 3 „Du mußt nicht gleich boͤſe werden, Juͤrgen, 's iſt ja gut gemeint“— erwiederte ſie mit ehrli⸗ cher Miene, worauf ſogleich die finſtern Wolken, wie weggeblaſen, von ſeiner Stirn entſchwanden und im Sonnenglanze der Verſoͤhnung ſein Au⸗ ge herabſtrahlte auf die nicht minder glaͤnzenden Leitſterne ſeines Lebens, die aus dem friſchen Angeſichte der Muthwilligen ihm entgegenleuchte⸗ ten. „Alle Hagel! das iſt ein ſchmuckes Ding⸗— hub er wieder an, als ſie ihm die ſchoͤnſte Blu⸗ menkrone aus dem Korbe zureichte—„Bei mei⸗ ner armen Seele! Mamſell Drache, die Putz⸗ macherin, kann ſo eine Krone nicht aus bunten 3 —— AMWABANAN Lappen zuſammenſticken, und wenn's der Prinzeſ⸗ ſin Brautkrone werden ſollte!“ „Das glaub' ich!“ entgegnete Rebekka.„Die Blumen hat der liebe Gott wachſen laſſen— ſo was kann Mamſell Drache nicht— und ein En⸗ gel hat ſie zuſammengeflochten.— Sieh mal! die ſchoͤnſten Roſenknospen und Lilien— weiß wie meine Kuͤchenſchuͤrze. „Wenn Du ſie neuwaſchen aus der Lade nimmſt“— ſetzte Juͤrgen Feaſſen hinzu— Dei eine Viertelſtunde ſpaͤter— „Sprichſt Du nicht, wie ein Kalb von drei Tagen?“ fiel ſie ihm unwirſch in die Rede.— „Soll ich in der rußigen Kuͤche Zuckerpapier uͤber meine Schuͤrze ſtecken? he?— Tummle Du Dich einmal von fruͤh bis in die ſpaͤte Nacht am Heerde herum, und Deine Schuͤrze wird ſchlimmer ausſehen, als des Laternenputzers Kamiſol!“ Juͤrgen hatte ſie an ihrer ſchwaͤchſten Seite angegriffen, denn auf ihre Reinlichkeit im An⸗ zuge bildete ſie ſich nicht wenig ein; deshalb hielt er es fuͤr rathſam, ſie nicht tiefer in den Text kommen zu laſſen, und auf etwas Anderes das Geſpraͤch zu wenden. 4* WAAA „Aber ſo ſag' mir doch, mein Engel’— ſprach er zaͤrtlich zu ihr, und ſtreichelte ihre hoch⸗ rothen Wangen—„wer iſt denn der Engel, der die ſchoͤne Krone geflochten hat?“ K 20. „Wie kannſt Du noch fragen?“ erwiederte ſie, noch nicht ganz beſaͤnftigt.—„Heimlichs Mathildehen druͤben hat die Blumen geſtern Abend noch bei Mondenſchein abgeſchnitten, und kurz vor Mitternacht kam ſie mit der Krone an, fir und fertig. Alle Jahre bringt ſie eine, und dann habe ich ſie immer hier oben in der Mitte am Bogen unſrer Hausthuͤr aufgehaͤngt, daß ſie gleich Jedermann ins Auge gefallen iſt. Die andern jungen Maͤdchen kamen auch geſtern Abend an, und brachten ſo viel Blumenkram mit, daß man die Kuͤhe damit fuͤttern koͤnnte. Sonſt —.——— dachten ſie nicht dran, aber ſie hatten wohl ge⸗ hoͤrt, daß der junge Herr heute wiederkommt, und mochten denken, ſo mir nichts, dir nichts, den Goldſiſch mit ihren ſchlechten Blumenſtraͤußern zu angeln. Bald umgebracht haben ſie mich, ge⸗ riſſen, gezerrt, gezwickt, und jede ſchleppte mich in einen Winkel und gab mir ſchoͤne Worte: ich ſollte nur um Gotteswillen ihren Kranz zuvor⸗ —.— 53 MA derſt aufhaͤngen; aber vor Allen Buͤrgermeiſters Sephchen— die ſich ſonſt doch aufblaͤſt, wie ein Truthahn— nannte mich einmal uͤbers andre ihr liebes Rebekchen und bat mich himmelhoch, ich ſollte ihre Krone von lauter Sonnenroſen und Vergißmeinnicht gleich vorn in der Mitte aufhaͤn⸗ gen; und ſo wahr ich ein ehrliches Maͤdchen bin! ich glaube, ſie haͤtte ſich lieber gleich ſelbſt hinein⸗ geſetzt und waͤre drin ſitzen geblieben, bis der jun⸗ ge Herr unter ihr durchgefahren waͤre. Aber es ſoll Keine ihren Willen haben— da, Juͤrgen! haͤnge Du Mathildchens Krone in der Mitte ouf!— Das gute Kind brachte ſie ſo beſcheiden unter ihrem Schuͤrzchen heruͤber und bat mich mit wenig Worten, ich moͤchte ſie mit aufhaͤn⸗ gen, ohne gleich den Platz zu beſtimmen. Nun ſoll ſie auch den Ehrenplatz haben; moͤchte ſie ihr zur Brautkrone werden! das wuͤnſch ich ihr von ganzem Herzen.“ Juͤrgen that nach ihrem Willen, und Ma⸗ thildens Blumenkrone uͤbertraf an Farbenpracht und ſuͤßem Duft alle uͤbrigen geſchmacklos gewun⸗ deuen Kraͤnze und Guirlanden, ſo daß Rebekka behauptete: ſie naͤhme ſich aus wie ein Biscuit⸗ 54 toͤrtchen unter lauter Pflaumenkuchen von Brod⸗ teig.— „Aber—“ meinte Juͤrgen bedenklich—„zur Brautkrone kann ſie ihr doch nicht werden, denn ihre Mitgift kann ja ein vierzehntaͤgiges Lamm auf dem Ruͤcken forttragen, und der junge Herr Scholle wiegt wohl den fetteſten polniſchen Och⸗ ſen mit harten Thalern auf l“ „Das verſtehſt Du nicht’“— erwiederte Re⸗ bekka—„ich diene nun ſeit acht Jahren hier im Gaſthofe, und als der junge Herr von der Fuͤr⸗ ſtenſchule zuruͤckkam, da hab' ich ſo etwas be⸗ merkt— alte Liebe roſtet nicht— das ſiehſt Du an mir— „Ja, da haſt Du Recht! 1«— ſiel ihr Juͤrgen ins Wort, der eben von der Leiter ſtieg, denn ſein Geſchaͤft war vollendet.—„Alte Liebe roſtet nicht! auch unſre Liebe iſt immer ſo blank und ſpiegel⸗ hell geblieben, wie mein Schlachtmeſſer. Geb's Gott, daß ſie in der Ehe nicht riſſig wird wie ſchlechter Stahl!“— Dabei ſchlugen ſie die Haͤn⸗ de kraͤftig zuſammen und hinter der Hausthuͤr er⸗ toͤnte ein ſchallender Kuß. 8. Lautes Peitſchenknallen erſchallte vom Thore her, und bald darauf rollte der Hollſteiner des Fleiſchermeiſters mit ſeiner Laſt, die durch den erſehnten Ausſtudirten noch einen Zuwachs erhal⸗ ten hatte, die Straße herauf und hielt vor dem rothen Ochſen, wo Ludwig nicht verſaͤumte, zu⸗ erſt herabzuſpringen, um ſeinem wohlbeleibten El⸗ ternpaare beim Ausſteigen behuͤlflich zu ſeyn. Als ob er irgend einen intereſſanten Gegenſtand auf⸗ ſuche, ſtreifte ſein Blick geſchaͤftig an den Fen⸗ ſtern des grauen Haͤuschens voruͤber, und als er das entdeckt zu haben ſchien, wonach er ſpaͤhte, gab er ſeine Freude durch ein unaufhoͤrliches Kopf⸗ nicken und die freundlichſten Mienen zu erkennen, ſo daß er der huͤlfreichen Dienſte gaͤnzlich zu ver⸗ geſſen ſchien, die er ſich beim Herabſpringen vom Wagen freiwillig auferlegt. „Wo haſt Du Deine Augen, Ludwig?“ rief der Fleiſchermeiſter, unſicher auf dem Wagen⸗ tritte ſchwankend, zu ihm herab.—„Unter die * 56 3 VN Arme ſollſt Du mir greifen und nicht unter die Beine— bringſt mich ja aus dem Gleichgewich⸗ te, und wenn ich das einmal verloren haben ini ich s ſo leicht nicht wieder.“ 146arD I45 Jetzt erſt bemerkte Ludwig, daß er canem Vater, ſtatt ihm die Hand zu reichen, die gelben Stolpen von den Stiefeln heruntergezerrt, und entſchuldigte ſein Verſehen mit der tiefen Ruͤh⸗ rung, die ihn ergriffen habe, als er das vaͤter⸗ liche Haus nach langer Abwveſtnthait zum Weſten Male wieder erblickt. „Das vaͤterliche Haus?“ verſetzte der Gaſt⸗ wirth—„ſpricht von tiefer Ruͤhrung und hat's noch mit keinem Auge angeſehen— wer weiß, was Dich geruͤhrt hat!— Komm mal naͤher!“ fuhr er fort, hielt ihm beide Augen zu und fragte nun:„was hat der rothe Ochſe fuͤr Hoͤrner?“n Ludwig befand ſich in nicht geringer Verlegen⸗ heit, denn er konnte ſich aus fruͤherer Zeit nicht mehr auf den fraglichen Gegenſtand beſinnen, hat⸗ te ihn jetzt noch keines Blickes gewuͤrdigt und antwortete daher aufs Geradewohl:„ſchwarze. 5 „Gefangen, Spitzbube! goldne Hoͤrner hat er!e entgegnete der Vater und gieng lachelnd ins AWMAAANAN Haus, leiſe vor ſich hin brummend: ſpricht da von tiefer Ruͤhrung und hat noch nicht einmal geſehen, daß ich dem rothen Ochſen habe die Hoͤr⸗ ner vergolden laſſen!“ Ludwig aber blieb noch an der Hausthur zu⸗ ruͤck, als ob er dort feſtgebannt waͤre, und wen⸗ dete ſeine Blicke nicht vom grauen Haͤuschen; doch ploͤtzlich ſchien der Gegenſtand, dem er ſeine ganze Aufmerkſamkeit daſelbſt ſchenkte, verſchwun⸗ den, und nun erſt trat er ins vaͤterliche Haus und bemerkte uͤber ſeinem Haupte die ſchwebenden Blumenkronen. Die ſchoͤnſte, welche in der Mitte hieng, ſiel ihm ſogleich auf, und haſtig fragte er Juͤrgen, welcher am Wagen beſchaͤftigt war:„woher habt ihr dieſe Krone?“ „Heimlichs Mathildchen hat ſie gebracht“— erwiederte dieſer, und kaum hatte er die Worte ausgeſprochen, als Ludwig auch ſchon auf der Lei⸗ ter ſtand, eine der ſchoͤnſten Roſen aus der Kro⸗ ne nahm und in ſeinem Buſen barg. „Aber wo ſteckſt Du denn, lieber Sohn?* rief ſeine Mutter, welche mit dem Mittagseſſen ſeiner wartete, und bog den Kopf rechts und links zur Thuͤr hinaus, bis ſie den Geſuchten endlich 58 WNANAN auf der Leiter gewahrte. Beide Haͤnde vor Ver⸗ wunderung zuſammenſchlagend, brach ſie bei die⸗ ſem Anblicke in die Worte aus:„Aber Herzens⸗ Ludwig, was machſt Du dort oben? ich glaube gar, Du willſt den Leuten druͤben in die Fenſter gucken? das wuͤrde ſich ſchoͤn ſchicken fuͤr einen Mann, wie Du biſt. Wenn Dich die Menſchen hier auf offner Straße ſo auf der Leiter herum⸗ klettern ſehen, dann haben ſie ja keinen Reſpekt vor Dir, wenn Du die Kanzel beſteigſt— her⸗ unter, den Angenblick!“ 4 Ludwig ſtieg herab und verſicherte verlegen: gich wollte nur den rothen Ochſen in der Naͤhe betrachten.“ 2 „Aber, Herzenskind, der iſt ja groß genug, daß man ihn von Gottes Erdboden aus deutlich erkennen kann— entgegnete kopfſchuͤttelnd die Mutter, und fuͤhrte ihn die Treppe hinauf ins Speiſezimmer, wo im Lehnſeſſel, mit der Unge⸗ duld eines Hungrigen, der wackre Scholle ihrer harrte.“ Nachdem waͤhrend der Mahlzeit unzaͤhlige Fra⸗ gen und Antworten zwiſchen Eltern und Sohn gewechſelt worden waren, wobei des Letztern gluͤck⸗ liche Zuruͤckkunft ins Vaterhaus mit Glaͤſerklang und altvaͤteriſchen Trinkſpruͤchen gefeiert wurde, verfuͤgten ſich Erſtere nach ihren Schlafzimmern zur nothwendigen Mittagsruhe. Ludwig aber ſtuͤrzte nun unaufhaltſam die Treppe hinab, ſetz⸗ te mit einem Sprunge uͤber die Straße hinweg und ſtand im Laden des grauen Haͤuschens, noch ehe Mathilde mit ihren kunſtfertigen Fingerchen zehn Maſchen abgeſtrickt hatte. Sie war er⸗ ſchrocken, und eine hohe Purpurroͤthe faͤrbte ihre Wangen, als ſie den geliebten Freund ihrer Kind⸗ heit ploͤtzlich vor ſich erblickte, mit derſelben off⸗ nen, freundlichen Miene, in welcher ſein Herz ſich ſpiegelte. Er reichte ihr beide Haͤnde zugleich, druͤckte ihre Rechte an ſeine Bruſt und ſprach im Ueberwallen ſeines Herzens:„ich glaubte, eine Ewigkeit muͤßt' ich durchwandeln in drei Jah⸗ ren, fern von Dir; doch jetzt, da ich Dir wie⸗ 7 60 MN der gegenuͤber ſtehe, Hand in Hand mit Dir, ſcheint mir es nur ein fluͤchtiger Traum, in wel⸗ chem ſtets Dein liebes Bildniß mich umgaukelte. Noch heißer durch die Trennung ward die Gluth in meiner Bruſt—— Mathilde— ich habe treu den heiligen Schwur gehalten, ich bringe Dir mein Herz zuruͤck, ſo treu und wahr wie ſonſt, und fuͤhlt das deinige dem meinen gleich, ſo bitt' ich Dich, die Wonne des Wiederſehens zu erhoͤhen durch das ſchoͤnſte Wort, das jemals uͤber Deine Lippen gieng.— Sprich— wilif Du mein ſeyn— mein auf ewig?“ Aber ſie ſenkte ihre Blicke zu Boden und ſchwieg lange. Endlich begann ſie leiſe:„wir handeln unrecht, guter Ludwig, wenn wir durch dieſes ernſte Wort uns binden, ohne Wiſſen mei⸗ nes Vaters, Deiner Eltern. Sie haben heilige Nechte uͤber uns, die wir nicht verletzen, nicht umgehen duͤrfen, ſoll des Himmels Segen auf unſerm Buͤndniß renhen. Nur einen Blick wirf um Dich, er wird Dich bald belehren, daß in dieſem Hauſe Mangel herrſcht und Duͤrftigkeit. Ich bin ein armes Maͤdchen— mehr koͤnnte ich Dir nicht bieten, als mein Herz, und wenn auch — 1— 64 NAUAÁ Deine Liebe ſich damit begnuͤgt, ſo fordern ſicher Deine Eltern mehr, die, obgleich brav und red⸗ lich, doch den Reichthum lieben.“ 26 „Meine Eltern ſind gut“— erwiederte Lud⸗ wig—„und ich bin uͤberzeugt, meine Wahl wird ihren Wuͤnſchen nicht entgegen ſeyn.— Auch hab' ich ſichre Hoffnung auf ein Amt, das bald erledigt wird, und nur Dein Jawort fehlt, dann bitt' ich heute noch um ihren Bcden— Mathilde! nur das einzige Wort— „Ich kann, ich darf's jetzt nicht ansſprechan, guter Ludwig—“ ſprach ſie ſanft—„meine kindliche Pflicht— mein guter Vater— o mein Gott! Du weißt nicht—“ „Wohl weiß ich“— fiel er ihr gekraͤnkt ins Wort—„daß ich mich fuͤrchterlich getaͤuſcht. Maͤdchen! konnte eine kurze Spanne Zeit Dein Herz veraͤndern, oder haſt Du mach niemals ge⸗ liebt?« „Was ſoll Dir ein Geſtaͤndniß— rief ſie mit gebrochner Stimme—„mit dem ich nicht zugleich das Wort ausſprechen kann, das ewig uns vereint.— 4 maͤchtige Sindergäſi ſtahen uns im Wege— „Alle will ich uͤberwinden“— entgegnete Lud⸗ wig feurig—„und waͤren ſie ſo maͤchtig, daß ſie mir ans Leben griffen!— Wohlan! noch heute ſpreche ich mit meinen Eltern, mit Deinem Va⸗ ter morgen, und bald ſoll ihr Jawort auch Dei⸗ ne Zunge loͤſen. Leb' wohl, mein ſaͤßes Maͤd⸗ chen! und morgen harre freundlich mein um die⸗ ſe Stunde.“ 8 Als ſie ſich allein ſah, legte ſich nach und nach der Sturm der widerſtreitenden Gefuͤhle in ihrem Innern, und nach reiflicher Ueberlegung ſtimmte die kalte, ruhige Vernunft ihrer Hand⸗ lungsweiſe voͤllig bei. Schon durch Ludwigs Be⸗ nehmen, als er bei ſeiner Ankunft vom Wagen abgeſtiegen, glaubte ſie auf die Treue ſeines Her⸗ zens ſchließen zu duͤrfen, und verborgen lauſchte ſie, als er aus ihrer Blumenkrone die Roſe brach und ſie in ſeinem Buſen barg. Sie hatte ihn innig und wahr geliebt, doch durch die Beſtaͤn⸗ digkeit ſeiner Geſinnungen, die er verrieth, ehe er noch ein Wort mit ihr gewechſelt, war er ih⸗ rem Herzen noch theurer geworden. Es ſtiegen in dieſen Augenblicken die ſchoͤnſten, ſuͤßeſten Hoff⸗ nungen in ihrer Seele empor und unbeſorgt ver⸗ — 63 AAAANNAN irrte ſich ihre Phantaſie in die Zaubergaͤrten der Liebe, bis ploͤtzlich die kalte, ſchroffe Felswand — Armuth— die bluͤhende Ausſicht verſchloß und in ihre dunkelſten Schatten ſie verhuͤllte.— Da ſchien ſie zu erwachen, und in kalter Wirklichkeit ſah ſie ſich umgeben von den Truͤmmern ihres zu hoffenden Erbes, welches noch bei weitem leich⸗ ter wog, als die Schulden ihres Vaters. Wie man deſſen Ruf zu beflecken ſich bemuͤhte, mehr als er verdiente, mußte ſie oft Zeugin ſeyn, und jedes ſolcher Worte verwundete ſchmerzlich ihr kindliches Gemuͤth, denn ſie liebte ihren Vater aufrichtig und ehrte ihn als ſolchen, Trotz ſeiner Fehler. Sie wußte, daß Ungluͤcksfaͤlle, Miß⸗ vergnuͤgen mit ſeiner Lage und Abneigung gegen ſeine Geſchaͤfte die Triebfeder ſeines Sinkens wa⸗ ren, und dieſe galten in ihrem nachſichtsvollen Herzen fuͤr wichtige Urſachen zur Entſchuldigung ſeines Leichtſinns, mit dem er ſich der verderben⸗ den Leidenſchaft hingab. Sie fuͤhlte, daß ſie die einzige Stuͤtze war, welche den ſchwankenden Bau der Exiſtenz ihrer kleinen Familie noch auf⸗ recht erhielt; ſie durfte ſich der kleinen Haushal⸗ tung, die ſie mit Fleiß und Ordnungsliebe regier⸗ WANN te, nicht entziehen, um einem Gatten zu folgen; denn mit ihrer Entfernung wuͤrde auch der letzte Schutzengel von ihrem Vater gewichen ſeyn, und ſein Stolz, glaubte ſie feſt, wuͤrde ſich nimmer bewegen laſſen, ein ſtilles haͤusliches Aſyl, das ſie ihm als Ludwigs Gattin vielleicht bieten koͤnn⸗ te, ſeiner jetzigen Lebensweiſe vorzuziehen. Des⸗ halb glaubte ſie auch ihre Liebe gewaltſam unter⸗ druͤcken zu muͤſſen, ſo ſehr ihr Herz auch wider⸗ ſtrebte, und ihre erſte Unterredung mit Ludwig zeigte deutlich, daß ihr ernſter Wille die ſtille Neigung zu dem Freunde ihrer Kindheit der 3 kindlichen Pflicht und Liebe unterzuordnen ſich bemuͤhte. Ah .„Ich muß Dir gaͤnzlich entſagen le rief ſie ihm leiſe nach, als er ſich entfernte—„meinen guten Vater kann ich nicht verlaſſen; ich muß die heiligſte der Pflichten, die Gott in jedes Kin⸗ des Bruſt gelegt, treulich erfuͤllen! und ſollt' ich auch daruͤber einſam wandeln bis zum ſtillen Gra⸗ be, und ſollte auch zu fruͤh, im Kampfe mit der ſtillen Gluth, mein Herz des Todes Beute wer⸗ den l 8 a 65 WVAMN Noch ein inniges Lebewohl fluͤſterte ſie leiſe hinuͤber nach Ludwigs Wohnung, druͤckte dann beide Haͤnde feſt auf ihre Augen und der liebliche Traum ihrer ſchoͤnſten Hoffnungen zerrann wie leichte Morgennebel⸗ 10. Im Gaſthofe zum goldenen Reiter nahmen Heimlich und der Fremde indeſſen ihr Mittags⸗ mahl ein, welches nach der feierlichen Stille zu urtheilen, die dabei herrſchte, wohl eher einem Leichenmahle, als einer freundſchaftlichen Bewir⸗ thung glich. Der Fremde ſaß zuſammengekruͤmmt vor ſeinem Couvert, als ob ihn die Kolik plage, theilte die Speiſen mit zitternder Hand in kleine Biſſen, tadelte jedes Gericht und genoß nur we⸗ nig. Heimlich, der ihm gegenuͤber ſaß, ſtarrte vor ſich hinaus, trank mit ungewoͤhnlicher Ha⸗ ſtigkeit mehrere Glaͤſer Wein, doch faſt alle Spei⸗ ſen blieben von ihm unberuͤhrt. 8 Endlich unterbrach der Fremde zuerſt das lan⸗ ge Schweigen, indem er ſeinen Gaſt mit lauern⸗ II. 5 66 NMANANN den Blicken fragte, ob ſein Verluſt in vergange⸗ ner Nacht bedeutend geweſen? Wie aus einem tiefen Traume wurde Heim⸗ lich durch dieſe Frage erweckt, und nach einer Pauſe brachte er endlich mit ungewiſſer Stimme die Antwort hervor:„So bedeutend, daß ich heute ein Bettler bin!“ 3 „Das bedaure ich um ſo mehr“— erwiederte jener laͤchelnd—„da der groͤßte Theil Ihres Ver⸗ luſtes in meine Kaſſe ſiel. Doch laſſen Sie den Muth nicht ſinken, Freundchen, vielleicht iſt Ih⸗ nen heute Abend das Gluͤck guͤnſtiger.“ „Das glaubt' ich oft“— erwiederte Heimlich heftiger—„und dieſer tolle Glaube machte mich zum Raſenden, daß ich zuſammenraffte wie ein Dieb in meinem eignen Hauſe, was Geldeswerth enthielt, daß ich wie ein liederlicher Burſche leichtſinnige Schulden machte, und zitternd wie ein Miſſethaͤter mit dem erborgten Gelde zum Spieltiſche trat, indeß die Meinigen daheim in Angſt und Sorge mein Geſchaͤft betrieben, um ſich vor bittrer Noth zu ſchuͤtzen. Mein reiches Erbe iſt vergendet, mein Haus iſt leer, als ob ein Dutzend gieriger Feinde rein es ausgepluͤn⸗ 4 71— 67 AANN dert. Mein Spiel iſt aus— ich bin ein Bett⸗ ler, muͤßte jetzt als ſolcher mit der Hand voll Kupfermuͤnzen ſpielen, die vielleicht in meinem Ladentiſche ſich noch ſindet.“ Mit einem lauten, doch gezwungenen Gelaͤchter begleitete er dieſe Worte, ſprang vom Stuhle auf, und gieng mit verſchraͤnkten Armen lebhaft im Zimmer auf und ab.— Doch der Fremde ſchien die heftige Be⸗ wegung, die in ihm vorgieng, nicht bemerken zu wollen, blieb ruhig ſitzen, und ſagte kalt:„wenn Sie ruhiger geworden ſind, laſſen Sie mich's wiſſen, dann wollen wir uͤber Ihre Verhaͤltniſſe ſprechen; vielleicht kann ich Ihnen helſen.“ „So hoͤren Sie mich gleich jetzt“— erwie⸗ derte Heimlich dringend und ließ ſich wieder dicht neben ihm nieder.„Ich will Ihnen meine miß⸗ liche Lage mit wenig Worten beſchreiben. Ein hartherziger Glaͤubiger hat eine Verſchreibung uͤber fuͤnſhundert Thaler von mir in Haͤnden, wofuͤr ich ihm mein Haus, mein ganzes Vermoͤgen ver⸗ pſaͤndete; morgen iſt der letzte Zahlungstermin, an Prolongation nicht zu denken, und wenn ich knieend darum bettelte. Beinahe zwei Jahre lang habe ich an dieſer Summe geſpart, hatte ſie 3. 5* 68 WMVANVNNAN auch bis auf eine Kleinigkeit bereits zuſammen⸗ gebracht— da trieb mich geſtern mein boͤſer Geiſt hierher damit zum Spiele— ich ſpielte mit Ver⸗ zweiflung, und Alles— Alles iſt verloren!— Mir bleibt nichts uͤbrig, als ſammt meiner Toch⸗ ter den Bettelſtab zu ergreifen und die Zahl der Elenden zu vermehren, die mit zerriſſenen Klei⸗ dern ihr Brod vor den Thuͤren Anderer ſuchen.“ „Aber, Freundchen“— erwiederte ihm der Fremde, wieder laͤchelnd—„ich halte Sie fuͤr to⸗ tal blind. Sie ſchwatzen da ſo viel von Armuth — vom Bettelſtabe, und doch habe ich dieſen Mor⸗ gen einen Juwel in Ihrem Hauſe bemerkt, der Ihre Lumpenſchuld mehr als tauſendmal auf⸗ wiegt. Sie ſind Vater einer liebenswuͤrdigen Tochter—“ fuhr er lauſchend fort—„gilt hier zu Lande weiblicher Reiz ſo wenig? oder iſt in Rothlingen die Blindheit epidemiſch unter den heirathsluͤſtigen Maͤnnern, daß ſich noch kein be⸗ mittelter Eidam gefunden hat, der dem Schwie⸗ gervater gegen Austauſchung ſeiner Perl mit klin⸗ gender Muͤnze aus allen Noͤthen hilft?“ „Der heirathsluſtigen Maͤnner giebt's in Rothlingen nur wenige“— erwiederte Heimlich 4 69 MBMWWNMNANN unmuthig—„und dieſe wenigen ſind habgierig wie die Wucherer. Ihre erſte Frage lautet: wie viel Zinſen tragen die Kapitalia des Maͤdchens? und dann erſt erkundigen ſie ſich nebenbei: hat ſie auch ein menſchliches Geſicht und ein menſchliches Herz?— Um die arme Kraͤmerstochter wirbt niemand.“ „Ei, ſo ſollen dieſe zaͤhen Herren ſich mit ei⸗ ner ledernen Geldkatze trauen laſſen“— ſcherzte der Fremde—„wenn ſie Geld hoͤher ſchaͤtzen als ein ſchoͤnes Weib. Ich bin kein Juͤngling mehr“— fuhr er fort, wie es ſchien, vor⸗ ſaͤtzlich einige Reden unvollendet abbrechend— „aber dennoch iſt es mein feſter Wille, mich zu verheirathen— ich habe Vermoͤgen im Ueberfluß und wuͤrde bei einer Wahl niemals das Syſtem der Rothlinger Heirathscandidaten befolgen— Ih⸗ re Tochter ſcheint alle die Reize zu beſitzen, die einen Mann begluͤcken koͤnnen— ich habe ſie ſchon einigemal mit ganz beſonderem Wohlgefallen betrachtet und bin uͤberzeugt, wenn ſie ſich ent⸗ ſchließen koͤnnte: Befriedigung jedes Wunſches, deſſen Befriedigung in meinen Kraͤften ſteht— ein glaͤnzendes, ſorgenfreies Leben— mein Be⸗ KWAAAAN ſtreben, liebevoll ihr zu begegnen, wuͤrde viel⸗ leicht bald eine Zuneigung erwecken— und Ih⸗ rer eignen Noth, mein Freund, wuͤrde ich ſo⸗ gleich mit den dienlichſten Mitteln zu begegnen wiſſen.— Laſſen Sie uns das naͤher beſprechene — fuhr er nach einer Pauſe lebhafter fort und ſeine Augen glaͤnzten fenriger aus ihren tiefen Hoͤhlen hervor—„fort mit den Grillen! noch ein Glas Burgunder, wir werden vielleicht recht bald die naͤchſten, waͤrmſten Freunde!“ Heimlich ſtuͤrzte noch ein Glas Wein hinab, und wie ein Wanderer, der am nachtbedeckten Horizonte ploͤtzlich einen ungewiſſen Purpurſchein erblickt, zweifelnd ſtehen bleibt und ſinnt: ob wohlthaͤtige Strahlen der Morgenroͤthe, oder die verderbende Guth einer fernen Feuersbrunſt, vor ſeinen Blicken die naͤchtlichen Schatten zer⸗ theilen? ſo ſtand auch er, zweifelnd, ob der leuch⸗ tende Hoffnungsſtrahl, der ploͤtzlich vor ihm auf⸗ geſtiegen, jenes Dunkel, das die druͤckende Noth um ihn her verbreitet, wohlthaͤtig lichten werde, oder ob es ein taͤuſchendes Licht ſey, das ihn an einen tiefern Abgrund des Verderbens fuͤhre? Er hatte die Reden des Fremden wohl verſtanden, ſie —-— — —— 71 AWVNNNAN ſchienen ihm einen Weg zur Rettung zu zeigen, nach und nach ſchwand jeder Zweifel, ob das Mittel, dieſen Weg zu wandeln, auch das rech⸗ te ſey? und in ſeinem Herzen, das die Angſt vor der drohenden Gefahr ſeines gaͤnzlichen Untergan⸗ ges erfuͤllte, fand jetzt kein anderes Gefuͤhl mehr Raum, als das Gefuͤhl ſeines Elendes. In ſei⸗ ner qualvollen Bedraͤngniß, halbberauſcht durch den haſtigen Genuß des Weines, konnte er un⸗ moͤglich zu einer ruhigen Ueberlegung gelangen, ob ſeine Tochter die Neigung des Fremden auch erwiedern koͤnne? ob ſie ſeinem Willen folgen „ werde und mit welchem Rechte er ſie im entgegen⸗ geſetzten Falle zu einer Verbindung zwingen duͤr⸗ fe, die ihr in jeder Hinſicht zuwider ſeyn muͤſſe? Er gedachte jetzt keiner dieſer Fragen, er ſah nur zwei Wege vor ſich— den Weg zu ſeinem gewiſ⸗ ſen Untergange, und den Weg zur Rettung, den ihm der Fremde bedingungsweiſe zu zeigen ſchien. 8 Dieſer ſaß noch immer ruhig am Tiſcho und ſchien in Heimlichs Mienen zu leſen, was in ſei⸗ nem Innern vorging:„Haben Sie mich viel⸗ leicht verſtanden?“ fragte er mndlich nach einer langen Pauſe. 2 „Ich glaube— vollkommen!“ erwiederte der Gefragte.„Ich zeigte Ihnen mein Vertrauen durch offenherziges Geſtaͤndniß meiner druͤckenden Lage und ehe wir weiter uͤber den Gegenſtand ſprechen, den Sie nur unbeſtimmt beruͤhrten, muß ich Sie bitten, mir ein gleiches Vertrauen zu zeigen durch eine trauliche Aussinanderſötzung Ihrer Verhaͤltniſſe.“ „Nicht mehr als billig“— verſetzte der Frem⸗ de, und erzaͤhlte nun bereitwillig:„mein Name iſt Stephan Arteccio und ich befinde mich auf einer Geſchaͤftsreiſe durch Deutſchland— Florenz iſt meine Vaterſtadt, wo ich ein bedeutendes Han⸗ delshaus beſitze; weder Eltern, Geſchwiſter, noch ſonſtige Anverwandte ſind mir geblieben und ich kann daher frei handeln nach meinem eigenen Willen. Den bluͤhenden Zuſtand meines Ge⸗ ſchaͤftes, die Sicherheit meines Vermoͤgens, wer⸗ den Ihnen dieſe Papiere verbuͤrgen.“ Heimlich nahm die Papiere aus dem Taſchen⸗ buche, das er ihm darreichte, uͤberſah ſie nur fluͤchtig, denn er glaubte keinen Grund zu haben, ſeine Worte in Zweifel zu ziehen, da er mehrere bedeutende Wechſel darunter fand.—„Alles recht — — — 2 73 MAAVAVNMN gut«— hub er an, indem er die Papiere zuruͤck⸗ gab—„doch da Ihr Wunſch mir das Recht giebt, offen mit Ihnen zu ſprechen, muß ich Ihnen geſtehen, daß Ihr Aeußeres— verzeihen Sie mir— nicht ganz geeignet iſt, einem jungen Maͤdchen Liebe einzufloͤßen, und bei meiner Toch⸗ ter gewiß die mindeſte Empfehlung ſeyn wuͤrde. Doch habe ich ſchon oft Menſchen gefunden, die beim ſchoͤnſten, ehrlichſten Geſichte ein boͤſes Herz im Buſen trugen, laſſen Sie mich daher, im umgekehrten Falle, von Ihnen das Beſte denken.“ 5 Beleidigt durch Heimlichs Freimuͤthigkeit, er⸗ gluͤhte der Florentiner vor Zorn und mit wuͤthen⸗ den Blicken maß er ihn veraͤchtlich vom Kopf bis zu den Fuͤßen; doch bald ſchien der wilde Auf⸗ ruhr in ſeinem Innern ſich zu legen und indem er ſich von ihm wendete, ſprach er ſtolz:„Noch hab' ich mich Ihrer Tochter nicht auſgedrungen, nehmen Sie daher meine Rede fuͤr einen Scherz und leben Sie wohl!“. Wie vernichtet ſtand Heimlich vor Beſtuͤr⸗ zung, als er ſeine kaum erbluͤhte Hoffnung ſo ſchnell entſchwinden ſah. Er war zu ſchwach, 74 MWAVNA/ um augenblicklich einen maͤnnlichen Entſchluß zu faſſen, er verwuͤnſchte ſeine Freimuͤthigkeit im Stillen hundertmal, und um dem Rettungsziele, das vor wenigen Minuten ihm noch entgegen⸗ leuchtete, ſich wieder zu naͤhern, erniedrigte er ſich jetzt zu Bitten, in ſeiner Herzensangſt jedes vaͤterliche Gefuͤhl unterdruͤckend. Endlich ge⸗ lang es ihm, den Fremden zu verſoͤhnen, der mit kaltem Stolze ihm die Hand reichte und auf augenblickliche Beendigung der ganzen Angelegen⸗ heit drang. Heimlich wendete kein Wort mehr ein, ließ es willig geſchehen, daß ein Notar ſo⸗ gleich herbeigerufen wurde, den Ehecontract auf⸗ zuſetzen, und unterſchrieb mit zitternder Hand. Arteccio folgte ſeinem Beiſpiele, hierauf der Wirth des Hauſes und noch ein anderer Gaſt, welche man als Zeugen dazu aufgefordert hatte. Nach⸗ dem dies geſchehen war, ſtand Heimlich noch un⸗ entſchloſſen und ſtarrte in duͤſteres Sinnen ver⸗ loren vor ſich hin, denn eine noch druͤckendere Angſt hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt, ſeitdem er den letzten Federzug an ſeiner Unterſchrift vollendet. Der Florentiner aber uͤbergab ihm mit widerli⸗ chem, triumphirenden Laͤcheln den Contract, da⸗ v— — 2— ☚— 14— — —j.— mit er den Namen ſeiner Tochter eigenhaͤndig unterſchreiben laſſe, haͤndigte ihm noch einen koſtbaren Demantring fuͤr ſie ein und unvermoͤ⸗ gend, nur ein Wort hervorzubringen, ſchlich der Betaͤubte nach Hauſe. 11. Dort kaum angekommen auf ſeinem Zimmer, gieng er heftig auf und ab, rang ſeine Haͤnde verzweiflungsvoll, und rief mit einer von Thraͤ⸗ nen erſtickten Stimme:„mein einziges Kind hab' ich verkauft!“ Alle die ſchrecklichen Folgen, welche ſeine uͤbereilte Handlungsweiſe nach ſich ziehen konnte, traten jetzt erſt, ſtarr und unbeweglich, wie naͤcht⸗ liche Schreckensbilder, vor ſeine Seele; er ver⸗ mochte ſie nicht zu verſcheuchen, ſo eifrig er ſich auch bemuͤhte, die glaͤnzendſten Vorſtellungen von ſeiner Tochter Gluͤck ſich zu erſchaffen, das der Reichthum des zukuͤnftigen Gatten ihr nur ge⸗ waͤhren konnte; immer blickte ihr eignes Bild hindurch— bleich und farblos und im Todten⸗ 76 KWUAVNAN kleide, wie dem Grabe erſtanden. Die quaͤlende Sorge um die Tilgung ſeiner Schuld war durch die gebotene Huͤlfe Arteccio's zwar entſchwunden, doch dringender als ſein haͤrteſter Glaͤubiger mahn⸗ te ihn jetzt das wiedererwachte Vatergefuͤhl in ſei⸗ ner Bruſt, denn er liebte ſeine Tochter herzlich, obgleich er bisher, immerwaͤhrend mit ſich ſelbſt und ſeiner Leidenſchaft beſchaͤftigt, nur ſelten die Beweiſe davon an den Tag legte. Er erkannte im Gefuͤhl der innigſten Dankbarkeit ihr engel⸗ reines, kindliches Herz, mit dem ſie ſich freudig ſeinen eignen Geſchaͤften, jedes Vergnuͤgen auf⸗ opfernd, unterzog, um das Nothwendigſte her⸗ beizuſchaffen, was ſie zum Haushalte bedurfte. Er vergoß oftmals Thraͤnen der Reue, wenn ſie ihn nach einer am Spieltiſche durchwachten Nacht mit herzlichem Gruße empfieng und liebkoſend ihn bat, der Ruhe zu pflegen, indem ſie ſich ſeinen Arbeiten unterzog, ohne auch nur jemals den lei⸗ ſeſten Vorwurf zu wagen. Und eine ſolche Toch⸗ ter ſollte er als Gattin einem Fremden zufuͤhren, deſſen Charakter ihm ſo wenig bekannt war, als ſein Name? ſie ſollte er vielleicht gewaltſam zu einer ihr verhaßten Verbindung zwingen, ſie von — N —,— 77 MMAWNANU ſich ſtoßen, die wie ein ſchuͤtzender Engel ihn um⸗ ſchwebt, die den ſchwankenden Bau ſeiner haͤus⸗ lichen Verhaͤltniſſe aufrecht erhalten, daß er nicht ſchon laͤngſt in ſeinen Truͤmmern uͤber ſeinem Haupte zuſammenſtuͤrzte?— Dieſe und aͤhnliche Gedanken folterten ihn bis zur Erſchlaffung ſei⸗ ner Sinne. Fiel ſein Blick auf den Ehecontract, der aufgeſchlagen vor ihm auf dem Tiſche lag, dann ſchien ihm ſeine Unterſchrift dunkelroth ent⸗ gegenzuleuchten— ſchmerzlich rief er, ſein Ge⸗ ſicht verhuͤllend:„mit meiner Tochter Blute hab: ich unterſchrieben!“ und in wilder Raſerei ergriff er das Papier, um es zu vernichten. Doch die faͤllige Verſchreibung ſchwebte ihm zugleich vor Augen und die kuͤnſtlich verſchlungenen Buchſta⸗ ben darauf— von ſeinem hartherzigen Glaͤubi⸗ ger mit großer Vorſicht niedergeſchrieben— ſchie⸗ nen ihm jetzt wie eherne Feſſeln die Haͤnde zu umſchlingen, daß er ſeinen raſchen Entſchluß nicht ausfuͤhren koͤnne. Ermattet ſank er auf einen Stuhl zuruͤck, weinte lant, verwuͤnſchte tauſend⸗ mal ſeine verderbliche Leidenſchaft, die ihn in die⸗ ſes fuͤrchterliche Labyrinth gefuͤhrt, aus dem er nirgends einen ſonnenhellen Ausweg fand, und . 78 AANN ſchwur bei Gott und ſeinem Glauben feierlich, fortan das Spiel zu fliehen, wie ein giftiges Un⸗ geheuer. Da trat Mathilde ins Zimmer, und der wil⸗ de Ausdruck in ihres Vaters Angeſichte ſchien ſie in Beſtuͤrzung zu verſetzen; er ſelbſt erſchrak hef⸗ tig, als er ſie erblickte, und die dumpfen Worte: ich bin verloren!“ entflohen ſeinen Lippen. Dieſer Ausruf unterdruͤckte ploͤtzlich jedes aͤngſt⸗ liche Gefuͤhl in ihrer Bruſt, und das innigſte Mitleid ergriff ſie, als ſie den ungluͤcklichen Va⸗ ter im Ausbruche ſeiner Verzweiflung gegen ſich ſeloſt wuͤthen ſah. Sie warf ſich an ſeine Bruſt, umſchlang ihn mit beiden Armen, ſtrich das wild herabhaͤngende Haar von ſeiner Stirn, ſtreichelte ſeine Wangen und bat ihn dringend mit den ſanf⸗ teſten Worten, ihr die Urſache dieſes ſchrecklichen Aufruhrs in ſeinem Innern mitzutheilen; doch er ſtieß ſie von ſich, und rief ihr mit lauter, aͤngſtlicher Stimme zu:„verlaß mich, Kind! ſlieh Deinen Vater, flieh!“ Aber Mathilde wich nicht von ſeiner Seite, ſein Zuſtand ſchien ihr gefaͤhrlich, und endlich, nachdem ſie ihre dringende Bitte wiederholt und 79 A ihn mit Thraͤnen beſchworen, Faſſung und Ru⸗ he zu gewinnen, entdeckte er ihr: daß der Wech⸗ ſel, fuͤr welchen er ſein ganzes Vermoͤgen ver⸗ ſchrieben, morgen faͤllig, und die zu ſeiner Zah⸗ lung bereitliegende Summe im Spiele verloren ſey.. Ein heimlicher Schauer durchbebte Mathilde bei dieſem Geſtaͤndniß und der letzte Roſenſchim⸗ mer, den die Angſt um ihres Vaters Zuſtand auf ihren Wangen noch zuruͤckgelaſſen, entwich jetzt gaͤnzlich. Bleich und zitternd ſtand ſie ihm zur Seite. Sie kannte den hartherzigen Glaͤubiger und war uͤberzeugt, daß von ihm keine Nachſicht zu hoffen ſey. Das letzte Eigenthum ihres Va⸗ ters, das ſie muͤhſam durch ihren raſtloſen Fleiß noch zuſammengehalten, ſah ſie unwiederbringlich verloren— ihn, den armen Paul und ſich ſelbſt dem ſchrecklichſten Elende, dem unverdienten Schimpf und Spotte Preis gegeben. Ihr Vater beobachtete ſie mit zweifelnden, wehmuͤthigen Blicken und fuuͤſterte endlich leiſe und kleinmuͤthig vor ſich hin:„es aioht nur ein Mittel, uns zu retten. * „Welches, Vater? nenn' es ſchnell!“ rief ihm Mathilde zu, wie erwachend, mit nener Hoffnung belebt. i ben uurditn! „Dort— dort— ſtammelte er, nicht ver⸗ moͤgend, klar es auszuſprechen, zeigte, ohne darauf hinzublicken, auf den Ehecontract, wel⸗ cher noch auf dem Tiſche lag, und verließ in der heftigſten Bewegung das Zimmer. Binen Mathnilde ergriff in geſpannter Erwartung das Papier— las einige Zeilen, ſah die Unterſchrift ihres Vaters, erblickte den blitzenden Demantring — ein fuͤrchterliches Entſetzen feſſelte ihre Sinne, der Contract entfiel ihrer Hand und mit dem lau⸗ ten, ſchmerzlichen Ausruf:„o mein Herr und Gott!“ ſank ſie ohnmaͤchtig zu Boden. 3 12. Abendliche Daͤmmerung bedeckte bereits den Horizont mit ihrem duͤſtern Schleier, als Heim⸗ lich aus ſeinem Hauſe ſtuͤrzte, die Straße hinab⸗ eilte, vor die Stadt hinaus ins Freie, wo rings auf Bergen und Huͤgeln luſtig die Johannisfeuer —— 81 NMMNAAN brannten, umſchwaͤrmt von den Bewohnern des Staͤdtchens und der nahgelegenen Doͤrfer. Der laute Jubel, der hier ihm uͤberall entgegenſchall⸗ to⸗ war ihm in ſeiner jetzigen Stimmung zuwi⸗ der, deshalb bog er menſchenſcheu in einen Sei⸗ tenpfad ein, der nach einem kleinen Gehoͤlze fuͤhrte, warf ſich dort am Fuße einer Buche ins weiche Moos und ſtarrte unbeweglich auf die fer⸗ nen Feuerſaͤulen, die mit ihrer Gluth den Himmel roͤtheten. Auch Ludwig hatte das vaͤterliche Haus ver⸗ laſſen und war mechaniſch dem Scheine der Jo⸗ hannisfeuer nachgegangen. Auch er irrte theil⸗ nahmlos bei der allgemeinen Freude umher, denn ein duͤſterer Unmuth truͤbte ſeine, ſonſt immer heitere Stirn. Seine zuverſichtliche Hoffnung auf die Einwilligung ſeiner Eltern zu einer Ver⸗ bindung mit Mathilden war gaͤnzlich geſcheitert; denn als er ihnen am vergangenen Nachmittage ſeine Herzenswuͤnſche frei und offen mittheilte, fand er wider Vermuthen den beſtimmteſten, hart⸗ naͤckigſten Widerſtand von ihrer Seite. Der ehrliche Fleiſchermeiſter meinte:„das Maͤdchen iſt brav und gut und dauert mich in der II. 6 ANAN Seele, denn ſie fuͤhrt ein Jammerleben. Moͤcht ſie ſchon zur Schwiegertochter haben; aber mit dem Vater, dem Spieler, der ſein ſchoͤnes Ver⸗ moͤgen ſo muthwillig durchgebracht— mit dem koͤnnt ich mich nimmermehr befreunden. Schlag Dir das aus dem Sinne, Ludwig, es giebt gentig Maͤdchen hier in der Stadt, die ganz andere Vaͤ⸗ ter haben, als der Herr Heimlich iſt; wackere, ſtattliche Maͤnner, deren Haͤndedruck was gilt, die das Ihrige zuſammengehalten haben. Von ſolchen Vaͤtern ſuch' Dir eine Tochter aus, die fromm und wirthſchaftlich iſt, und mit Freuden geb' ich meinen Segen.“ 16 Seine Ehegattin aber zaͤhlte mit der groͤßten Genauigkeit alle diejenigen Gegenſtaͤnde auf, welche nothwendigerweiſe zur Ausſtattung eines jungen Maͤdchens gehoͤrten, die jedoch aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach der armen Mathilde mangel⸗ ten, und ertheilte dann ihrem Sohne mit muͤtter⸗ licher Autoritaͤt den wohlgemeinten Befehl, an eine ſolche Unmoͤglichkeit nicht weiter zu denken und in Geduld die Zukunft abzuwarten, wo ſie beſſer fuͤr ihn ſorgen werde. 1 —r— —— 83 WNAN Alle Einwendungen Ludwigs, die ihm die Lie⸗ be eingab und die er mit unverſiegbarer Bered⸗ ſamkeit vorbrachte, fruchteten nichts. Die bei⸗ den Alten beharrten feſt bei ihrer Meinung, daß dies keine Parthie fuͤr ihn ſey, obgleich ſie gegen Mathilde ſelbſt nichts einzuwenden hatten, und als er im Verfolg ſeiner Rede immer dringender wurde, gebot ihm endlich der Vater zu ſchweigen und dieſe Sache nie mehr in ſeiner Gegenwart zu erwaͤhnen. 4 „Ich kann, mit einem Worte, den Herrn Heimlich nicht leiden“— fuhr er zornig auf— „denn er iſt ein Spieler und am Ende wuͤrde mir 8 die Ehre zu Theil, ſeine leichſinnigen Schulden zu bezahlen. Sein alter Onkel, der Tobias, das war ein anderer Mann, der hatte Credit bei mir; aber der verſtand auch die Kunſt, auf red⸗ liche Weiſe aus Groſchen Thaler zu machen. Richts ließ er unbenutzt, alles mußte Zinſen tra⸗ gen, ſeine Handlung, ſeine Schenkwirthſchaft, bis auf die Kegelbahn. Hat mir manchen Ab⸗ bruch gethan, ohne ſeinen Willen manchen Bier⸗ gaſt weggelockt, doch goͤnnt' ich ihm ſeine Nah⸗ rung von Herzen. So wie aber der Musje 6*X . 84 WAAANA Heimlich ans Regiment kam, wars vorbei; Bier und Brantwein zu ſchenken, war dem Herrn zu gering und die Kegelbahn machte ihm zu viel Spektakel, wenn er des Nachmittags auf dem Ohre lag und wie ein Nachtwaͤchter bei hellem Sonnenſcheine die Glieder von ſich ſtreckte, weil er die ganze Nacht am Spieltiſche durchwacht hatte. Dafuͤr ſitzt er jetzt aber auch auf den He⸗ fen und wird ſich wohl in ſeinem Leben nicht wie⸗ der aus dem Schlamme herausarbeiten.“ „Die Noth wird ihn beſſern, er wird viel⸗ leicht wieder ein fleißiger, brauchbarer und ach⸗ tungswerther Mann“— wendete Ludwig ein. „Das will ich ihm von Herzen wuͤnſchen“— erwiederte ihm der Vater kurz—„und wenn er'’s wirklich geworden iſt, dann kannſt Du wegen Deiner Liebesgeſchichte wieder einmal nachfragen, denn's Maͤdchen iſt gut; aber ſo lange laß mich zufrieden, und erwaͤhne mir kein Wort mehr da⸗ von! Nach dieſer beſtimmten Erklaͤrung fand es Ludwig fuͤr gerathener, zu ſchweigen, um ſeinen Vater nicht gaͤnzlich zu erzuͤrnen, denn er ließ die Hoffnung noch nicht ſinken, ihn in Zukunft ———— 85 GAIMA doch noch fuͤr ſeine Wuͤnſche zu gewinnen. Er hatte freilich leichteres Spiel gehofft, und Ma⸗ thildens bekannte, vortreffliche Eigenſchaften glaubte er, wuͤrden auch bei ſeinen Eltern ihre Armuth ausgleichen, und alle Hinderniſſe ſchnell beſiegen. 1eee A ti NäTriht testitſttn Voll Unmuth, ſich hierin getaͤuſcht zu fin⸗ den, verließ er das vaͤterliche Haus und wandel⸗ te nun, mit Plaͤnen fuͤr ſeine Liebe beſchaͤftigt, einſam unter den Froͤhlichen, bis er, keinen Weg beachtend, endlich ins nahgelegne Hoͤlzchen ge⸗ langte, wo er einen Mann in halb liegender, halb ſitzender Stellung unter einem Baume gewahrke, der ſtarr vor ſich hinausblickte und ſeine Annaͤhe⸗ rung nicht zu bemerken ſchien. Es war Ludwig unangenehm, ſich auch hier durch den Anblick ei⸗ nes Menſchen in ſeiner duͤſtern Stimmung un⸗ terbrochen zu ſehen; deshalb beſchloß er, ohne Gruß an ihm voruͤberzugehen, doch als er jetzt im Zwielichte des Mondes bekannte Zuͤge in ſei⸗ nem Angeſichte entdeckte, gieng er naͤher auf ihn zu und erkannte— Mathildens Vater. Roch war er ſo wenig Herr ſeiner Gefuͤhle, daß er ihn mit unwilligen, beinahe veraͤchtlichen 4⸗ 1 3 Blicken maß, denn er war ja das hauptſaͤchlich⸗ ſte Hinderniß, das ſich ſeinen Wuͤnſchen entge⸗ genſtellte. Doch Heimlich, der ihn jetzt ebenfalls erkannte, ſprang ſchnell vom Boden auf, ergriff ſeine Hand, druͤckte ſie herzlich und hieß ihn will⸗ kommen auf heimathlichem Boden. Er fuͤhlte beim Anblicke des Juͤnglings, den er ſchon als Knaben ſchaͤtzte und liebte, ſein Herz erleichtert, und vergaß ſeinen eignen Kummer auf Augen⸗ blicke, indem er die finſtern Wolken auf Ludwigs Stirn bemerkte. „Warum begruͤßen Sie mit truͤben Blicken die laͤngſtentbehrte, heimathliche Gegend?“ hub er vertraulich an—„warum ſtimmt der laute Klang der Freude nicht wie ſonſt ir Herz zu aͤhnlichen Gefuͤhlen? 24 „Es liegt gerade heute manches ſo ſchwer auf meinem Herzen, daß darin der Ton der Freude nur widerlich anklingt und mich aus ſeiner Naͤhe verſcheucht“— erwiederte Ludwig ernſt und mit einem Ausdrucke, der wenig Luſt verrieth, das Geſpraͤch weiter fortzuſetzen. 3 Beide ſtanden nun einander ſchweigend gegen⸗ uͤber, bis ein Geraͤuſch die Annaͤherung mehrerer AAAN Spaziergaͤnger verkuͤndete, an deren Stimmen Heimlich ſogleich einige ſeiner Spielgeſellſchafter zu erkennen glaubte, und da er es abſichtlich ver⸗ mied, mit dieſen heute zuſammen zu treffen, ſich ſchnell von Ludwig trennte und einen Seitenpfad ins Hoͤlzchen einſchlug. 13. Dieſer, der ſinnend zuruͤckgeblieben, ſah ſich bald umgeben von einer luſtigen Geſellſchaft, wor⸗ unter ſich auch Herr Schnacker, der Gaſtwirth zum goldenen Reiter befand, der als Neuigkeits⸗ traͤger in Rothlingen ruͤhmlichſt bekannt war; weshalb auch Ludwig, nach den erſten gewoͤhnli⸗ chen Begruͤßungen, ohne Abſicht die Frage an ihn that:„was giebt's jetzt Neues in unſrer gu⸗ ten Vaterſtadt, Herr Schnacker?“ Durch dieſe Frage hatte er ſich die Bahn zu einer Unterhaltung gebrochen, bei welcher er ſelbſt ſich nur als Zuhdͤrer paſſiv zu verhalten brauchte, was ihm in ſeiner jetzigen Stimmung ſehr er⸗ 88 WW waͤnſcht war; denn Schnacker hatte kaum den Wunſch vernommen, Neuigkeiten zu hoͤren, als er auch ſchon dermaßen in den Zug kam, daß er wohl ſchwerlich vor Anbruch des Tages das En⸗ de wuͤrde gefunden haben, wenn er nicht in ſei⸗ nem Berichte unterbrochen worden waͤre. Mit der Monotonie eines Schulknaben, der ſeine Lection herbetet, begann er gelaͤufig: „Schlechte Zeiten, Alles theuer, kein Verdienſt! Der Acciseinnehmer baut ein neues Haus. Wenig Geld unter den Leuten! meine Gaͤſte trinken Bier, daß es ein Jammer iſt, und bedenken nicht, daß mein Wein im Keller ſauer wird, wenn er zu lange liegt! Montag iſt Herings⸗ ſchmaus bei mir, bitte, mich zu beehren. Am Sonntage war Harmonieball, noch vor Mitter⸗ nacht gab's boͤſe Haͤndel: Herr von Blachfeld wurde mit einer Gabel in die Kniekehle geſtochen, der Tuchmacher Lelapſch ſoll den Kaufmann Lau⸗ rer mit einem ſilbernen Pfeiſenraͤumer toͤdtlich verwundet haben; gleich darauf wurde ein neuer Cottillon getanzt, wobei Fraͤulein Wespe in Ohn⸗ macht fiel, und nachdem man ihr das Schnuͤr⸗ leibchen aufgeſchnitten, nach Hauſe gebracht wer⸗ den mußte, wo ſie noch jetzt an der galoppiren⸗ den Schwindſucht hart darniederliegt. Vorgeſtern in der Nacht wurde das Halseiſen vom Pfahle geſtohlen und geſtern hat der Kaufmann Lemming Banquerott gemacht; auch ſind falſche Caſſenbil⸗ lets in Umlauf, doch der hochweiſe Magiſtrat hat befohlen, ſelbige in vorkommenden Faͤllen ſogleich an die Armenkaſſe abzuliefern. Die junge Frau Amtmaͤnnin Weiſel laͤßt ſich von ihrem bejahrten Eheherrn ſcheiden, weil er ſeinen Schreiber fort⸗ gejagt, und Heimlichs Mathilde iſt verlobt mit einem reiſenden Italiener, der in meinem Hauſe wohnt. Es iſt ein ehrenwerther Mann, hat eig⸗ ne Equipage, drei volle Koffer, und bezahlt in lauter Goldz in acht Tagen iſt die Hochzeit und—“ Verlobt— Hochzeit— dieſe beiden Worte 3 toͤnten ſchrecklicher als Todesruf in Ludwigs Ohr⸗ Es war ja von Mathilden die Rede, von dem Maͤdchen, dem er ſein ganzes Herz geweiht, mit deren Beſitz ſein hoͤchſtes Lebensgluͤck errungen war, und ſie— die Braut eines Andern.— In der heftigſten Bewegung ergriff er Schnackers Hand, ſchuͤttelte ſie unſanft, und rief ihm mit lauter Stimme zu:„Mathilde verlobt? ſo unh ein Gott lebt, Herr, Sie luͤgen!“ „Aber mein liebſter, theuerſter Herr Schol⸗ 4 le“— erwiederte der Angegriffene aͤngſtlich— „was ficht Sie an? das Maͤdchen iſt verlobt, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich kanns nicht aͤndern!— Den Ehecontract habe ich ſelbſt noch dieſen Nachmittag als Zeuge unterſchrieben— der Vater iſt Kaufmann und braucht Geld, was giebt's da viel zu wundern, daß er ſeine beſte Waare losſchlaͤgt?“ „Es darf nicht ſeyn! es iſt richt möglich rief Ludwig außer ſich und druͤckte die geballte Fauſt auf ſeine brennende Stirn. Dann fuhr er ploͤtzlich wieder auf, fragte laut:„wo iſt Herr Heimlich?“ und ſein blitzendes Auge ſuchte im Kreiſe umher; doch da er ihn hier nicht gewahr⸗ te, ſchien er ſich ploͤtzlich zu entſinnen, daß er vor wenigen Minuten von ihm weggegangen, und folgte ihm eilig auf dem Wege, den er eingeſchla⸗ gen. Herr Schnacker aber ſo üttelte ſein Haupt ge⸗ denklich, ſchlenkerte init einer Jammermiene ſeine gequetſchte Hand hin und her, doch bald ——j 91 MAAAAANN 4 heiterte ſein Geſicht ſich wieder auf wie ein ſon⸗ nenheller Fruͤhlingsmorgen und mit wichtigem Laͤcheln ſprach er zu den Umſtehenden:„meine Herren, vernehmen Sie die neueſte Neuigkeit: Herr Ludwig Scholle hat von der Univerſitaͤt den gelehrten Raptus mitgebracht.“ Ludwig verfolgte unaufhaltſam ſeinen Pfad bis zu einem kleinen Fluſſe, an deſſen jenſeitigen Ufern Heimlich ſtand, mit verſchraͤnkten Armen und duͤſter in die truͤben Fluthen ſchauend. In ſeinen Zuͤgen lag der ſchreckliche Ausdruck des Le⸗ bensuͤberdruſſes; ſein Gottesglaube, ſein inneres Selbſtgefuͤhl ſchien bereits betaͤubt vom ſtillen Wahnſinne, dem Vorboten des Selbſtmordes. In wenig Augenblicken war vielleicht auch ſchon mit dem graͤßlichen Entſchluſſe die graͤßliche That vollbracht— da erſchien Ludwig in voller Haſt am dieſſeitigen Ufer, erkannte ihn, den er ſuchte, und rief ihm im Aufruhre ſeiner Gefuͤhle, kaum eines Lautes maͤchtig, mit gebrochener/ Stimme zu:„Heimlich— Mathilde!“ Unnd wie aus einem ſchweren, angſtvollen Traume erwachend 3 fuhr der Betaͤubte beim Na⸗ men ſeiner Tochter empor, druͤckte ſeine kalte 92 AVNUMBNAMN Rechte feſt auf die ſieberiſch brennende Stirn, als ob er ſich von ſeinem Leben uͤberzeugen wolle, blickte dann mit mattem Auge rings umher, wie verwundert auf die nachtumflorten Gegenſtaͤnde ſchauend, die ihn umgaben, faltete ſeine Haͤnde und ſprach ſeufzend mit leiſer Stimme gen Him⸗ mel:„das waren die ſchrecklichſten Augenblicke meines Lebens! Dank dir, mein guter Gott, ſie ſind voruͤber und uͤber meinem Haupte ſchau' ich noch dein flammend Sternenzelt und darf mit reuevollem Herzen noch auf deine Gnade hoffen!“ Indeſſen war Ludwig einige Schritte am Ufer hinabgelaufen. Der fuͤrchterlichſte Sturm wuͤthete in ſeinem Innern.— Hatte ſich Ma⸗ thilde aus Neigung, freiwillig verlobt? war ſie gezwungen worden? dieſe Fragen ſollte ihm ihr Vater noch in dieſer Minute beantworten. Blind in ſeinem Eifer, ſich dieſem zu naͤhern, uͤberſah er den Steg, der hinuͤber ans jenſeitige Ufer fuͤhrte, und kaum hatte er ihn mit halben Blieken entdeckt, kaum einige Schritte darauf zuruͤckge⸗ legt, als er ausgleitete auf dem ſchwankenden Brete und hinabſtuͤrzte in die angeſchwollenen Fluthen. . 93 WAANAN Heimlich ſah ihn vor ſeinen Augen verſinken, hoͤrte ſeinen angſtvollen Huͤlferuf, ſprang ſchnell entſchloſſen ihm nach in den Fluß, und brachte ihn, mit kraͤftigen Armen die Wogen theilend, gluͤcklich ans Ufer. Mehrere Bewohner des Staͤdtchens giengen in einiger Entfernung voruͤber; er rief ſie herbei, uͤbergab ihnen den Geretteten, als dieſer eben ſeine Augen anfſchlug, und gieng mit eiligen Schritten nach ſeiner Wohnung. Lndwig wur⸗ de ebenfalls nach der Stadt zu ſeinen Eltern ge⸗ bracht. Sein bleiches Antlitz, ſeine triefenden Kleider verriethen ihnen das ungluͤckliche Ereig⸗ niß, noch ehe ſeine Begleiter es ihnen durch Wor⸗ te zu erklaͤren ſich bemuͤhten, daß ſie ihn in die⸗ ſem Zuſtande am Ufer des Fluſſes gefunden. Der Schrecken bei ſeinem Anblicke laͤhmte die Sprache der guten Eltern, ſtumm beugten ſie ſich uͤber den geliebten Sohn, und brachten die ganze Nacht voll Angſt und zaͤrtlicher Fuͤrſorge an ſeinem Lager zu. 4 84 Sophie, eine alte Magd, welche ſeit vielen Jahren ſchon in Heimlichs Hauſe diente, fand Mathilde noch ohnmaͤchtig am Boden liegend, und ihren aͤngſtlichen Bemuͤhungen gelang es bald, ſie ins Leben zurückzurufene Als ſie die Augen aufſchlug, war ihre erſte Frage nach ih⸗ rem Vater, und nachdem ihr Sophie berichtet, daß dieſer ausgegangen, ließ ſie troſtlos ihr Haupt auf den Buſen herabſinken, und ſprach leiſe: „auch er verlaͤßt mich in der hoͤchſten Noth, nie⸗ mand raͤth mir— niemand ſteht mir bei— ich bin zu ſchwach— ich muß ja unterliegen!“ „Aber mein liebes, gutes Mathildchen“— erwiederte Sophie mit herzlicher Theilnahme— ich will ja gern rathen und helfen, ſo viel ich kann. Sagen Sie mir nur erſt, wer Ihnen ſo großes Herzeleid angethan? Was iſt denn ei⸗ gentlich geſchehen?“. Der herzliche Ton, mit dem ſie dieſe Worts ſprach, fand Eingang in Mathildens ſchwerbe⸗ ladnem Herzen. Nach dem Tode ihrer Mutter war 2 NAMNVWWN die gute Alte ja ihre einzige Freundin geworden, die ſie wegen ihrer Treue, womit ſie oft unter manchen Entbehrungen ihre Dienſte leiſtete, auch wegen ihrer reifen Erfahrungen liebte und ach⸗ tete. Deshalb hatte ſie faſt kein Geheimniß vor ihr, und auch jetzt in den angſtvollſten Augen⸗ blicken, wo ſie ſelbſt durch die gezwungene Wahl von zwei beinahe gleich ſchrecklichen Lebenswegen ihr kuͤnftiges Loos beſtimmen ſollte, ergriff ſie die Gelegenheit, durch Mittheilung wenigſtens auf kur⸗ ze Zeit ihre Qual zu lindern, und entdeckte der al⸗ ten theilnehmenden Freundin ſowohl die mißliche Lage ihres Vaters, als auch das einzige ihr ſo ver⸗ haßte Mittel, ihn vom Untergange zu retten. „Entweder ich kette mich mit aufgedrungenen Feſſeln an einen fremden Menſchen, deſſen erſter Anblick ſchon mich unwillkuͤhrlich mit namenlo⸗ ſer Angſt erfuͤllte, oder ich muß ruhig zuſehen, wie man uns morgen aus dem Hauſe weiſt, das tiefſte Elend vor uns— hinter uns nur Spott und Schande.— O hilf mir! rathe mir! mein Kopf iſt wuͤſt, meine Gedanken ſind fluͤchtig, wie Schattenbilder, ich ſinne und ſinne, und ſinde nirgends einen Ausweg!“ 96 WAAAAA Laſſen Sie mich nur erſt Alles reiflich uͤber⸗ legen“— erwiederte Sophie.„Ich habe jaiſo manche Nacht bei meiner Haͤnde Arbeit fuͤr Sie gewacht, nun will ich dieſe Nacht mit meinem alten Kopfe fuͤr Sie denken, vielleicht ſendet mir der guͤtige Himmel einen Lichtſtkahl. Jetzt gehen Sie zur Ruhe, ein Paar Stunden Schlummer werden Sie erquicken.“ u en 1850 Doch Mathilde entgegnete ihr mit irren Blicken, wie verzweifelnd rings umherſchauend: „wie ſollte ich Ruhe finden, ſo lange noch mein ſchwaches Herz vor der Entſcheidung meines Schickſals zagt? Hier gilt es einen feſten, raſchen Entſchluß, morgen— ach morgen iſt's vielleicht zu ſpaͤt! Sie ſchwieg lange, und verbarg ihr Geſicht an Sophiens Bruſt, die ſie liebreich um⸗ ſieng. Erdlich richtete ſie ſich langſam empor, in ihren Augen erglaͤnzte ein ſanftes Feuer, freiere Athemzuͤge bewegten ſchwellend ihren Buſen, und wehmuͤthig laͤchelnd fuhr ſie fort:„hab⸗ ich nicht laͤngſt Verzicht geleiſtet u we Lebensfreude? hab' ich nicht heute noch das ſchwerſte, theuerſte — 1e Spfer dargebracht, indem ich ihm entſagte, dem Einzigen, der meines Daſeyns ſternenleere Nacht 2 97 erhellte im ſuͤßen Hoffnungstraume?— Doch, Du weißt ja nicht, gute Sophie— und laß mich's auch ewig Dir verſchweigen.— Gott will ich anflehen auf meinen Knieen, daß er auch die⸗ ſen Wonnetraum mit ewiger Vergeſſenheit hin⸗ wegtilgen moͤge aus meinem Gedaͤchtniſſe; er taugt nicht in die kalte Wirklichkeit meines Elen⸗ des, er wuͤrde meine Sinne verwirren, mein Herz bethoͤren.— Was zauder' ich alſo noch? Iſt's jetzt nicht gleich, mit welchem Manne mich das Schickſal zuſammenkettet? Was bleibt mir noch zu opfern uͤbrig? mein Leben? wahrhaftig, das iſt mir nur ein geringes Gut, womit ich freudig meines Vaters Wohl erkaufe, und ſo ſey es denn— im Namen Gottes! Mit feſten Schritten ging ſie zum Tiſche, auf welchem das verhaͤngnißvolle Papier lag; doch als ſie jetzt die Feder ergriff, zitterte ihre Hand heftiger, bebten ihre Kniee, und druͤckender als zuvor laſtete eine unnennbare Angſt auf ihrer Bruſt und drohte den matten Schlag ihres Herzens zu hemmen, denn ploͤtzlich, in ſeiner ganzen Widerwaͤrtigkeit, ſtand das Bild des Fremden rieſengroß vor ihrer Seele und ſeine ſtechenden Feuerblicke ſchienen den letzten II. 7 98 AWAA Abensfunken in ihrem tiefſten Innern ertoͤdten zu wollen. Die Feder entſiel ihrer Hand, ſie ſelbſt ſank in Sophiens Arme zuruͤck und wider⸗ ſtrebte nicht mehr, als Meſe ſ 3 auf ihr Nuhannn brachte. Nach einigen Minuten trat Paul ins leere Zimmer, der ſchon ſeit mehreren Jahren, unbe⸗ kuͤmmert um die haͤuslichen Verhaͤltniſſe Heim⸗ lichs, nur fuͤr die Malerkunſt lebte und es darin durch Talent und unermuͤdeten Fleiß zu einer ſeltenen Vollkommenheit gebracht hatte. Auch heute hatte er bis zur hereinbrechenden Daͤm⸗ merung an einem vortrefflichen Gemaͤlde gear⸗ beitet und es gluͤcklich beendigt, worauf er ſich erſt einen Spaziergang außerhalb der Stadt zu ſeiner Erholung erlaubt. Heimgekehrt, war ſein erſter Gedanke, das fertige Gemaͤlde Mathilden zu zeigen, die er wie ſeine Schweſter liebte und deren ſchlichtem, natuͤrlichen Urtheile uͤber ſeine Werke er ſein ganzes Vertrauen ſchenkte. Des⸗ halb ſuchte er ſie auch jetzt noch auf im Wohn⸗ zimmer ihres Vaters, wo Sophie ein brennendes Licht zuruͤckgelaſſen, und da er ſie hier nicht fand, war er ſchon im Begriff, ſich auf ſein Stuͤbchen * ——— 99 AAAANNNMN zuruͤck zu begeben, als der koſtbare Ring, der noch unberuͤhrt auf dem Tiſche lag, ſeine Auf⸗ merkſamkeit feſſelte. Dicht dabei lag der Ehe⸗ contract— er las— las wieder, laͤchelte weh⸗ muͤthig, legte das Papier langſam nieder und verließ das Zimmer. Auf ſeinem Stuͤbchen an⸗ gekommen, trat er ans offene Fenſter, blickte hiznaus in die ſtille Nacht, wo aus wallendem Wolkenmeere tanſend blinkende Sternchen auf⸗ tauchten wie flammende Kerzen, Gottes heiligen Tempel zu erleuchten, faltete die Haͤnde und im heißen Gebete erflehte er des Himmels Segen fuͤr 3 Mathildens Ehebuͤndniß. 15. Mathilde brachte beinahe die ganze Nacht ſchlaflos auf ihrem Lager zu. Sie zoͤrte ihren Vater nach Hauſe kommen, ſie ſehnte ſich nach ſeinem Anblicke und doch hielt ſie eine heimliche Furcht ab, ihn zu ſprechen, denn ihr Entſchluß war noch nicht ausgefuͤhrt, ihre Unterſchrift mangelte noch dem wichtigen Papiere. Sie hoͤr⸗ 7* 100 WMAANAN te, wie er leiſe nach ſeinem Zimmer ging, wel⸗ ches nur eine duͤnne Tapetenwand von dem ihri⸗ gen ſchied, ſein erſter Blick war gewiß auf den Ehecontract gerichtet, auf den leeren Raum, den ſie mit ihren Ramenszuͤgen ausfuͤllen ſollte. Mußte er nicht glauben, ſie habe durch Weige⸗ rung das Urtheil ſeines Verderbens ausgeſpro⸗ chen?— Noch hoͤrte ſie ihn lange unruhig auf und ab⸗ gehen, ſie glaubte ſeine Seufzer zu ver⸗ nehmen, und machte ſich jetzt die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe, daß ſie gezaudert, ihren Entſchluß auszu⸗ fuͤhren.—„Es muß ja doch geſchehen!“ rief ſie aus—„es iſt nicht kindlich, daß ich meinen un⸗ gluͤcklichen Vater auch nur eine Stunde der ban⸗ gen Folterqual Preis gab, da es doch in meiner Macht ſtand, durch einen einzigen Federzug ſein kummervolles Herz ſchnell zu befreien von der deuͤckenden Laſt— mit goldenen Hoffnungstraͤu⸗ men ihn in ſuͤßen Schlaf zu wiegen. Ich will zu ihm, will noch heute unterſchreiben— mit meinem Leben ſeine Ruh' erkaufen, denn ich fuͤhl⸗ es, die verhaßten Feſſeln ſchlingen toͤdtend ſich um mein gebrochenes Herz— Gott iſt barmher⸗ zig! er wird meine Leidenstage enden! * — o * 101 MAA anSie wollte ſich von ihrem Lager erheben, doch kraftlos ſank ſie wieder zuruͤck; ſie vermochte es nicht, ſich aufrecht zu erhalten und bald verfiel ſie in den Zuſtand gaͤnzlicher Bewuſtloſigkeit. Der Morgen brach an. Auch Heimlich hatte die der Ruhe geweihten naͤchtlichen Stunden aͤngſt⸗ lich durchwacht. Er war zwar feſt entſchloſſen, ſeine Tochter nicht zu zwingen zu einer Verbin⸗ dung mit Arteccio, und im Fall ſie ſich weigere, ſein ſelbſtbereitetes Ungluͤck maͤnnlich als eine ge⸗ rechte Strafe ſeines Leichtſinns zu erdulden. Doch bekuͤmmerte es ihn tief, daß er dann nicht allein ſein Elend tragen duͤrfe, ſondern auch Mathilde und Paul in daſſelbe mit hinabziehen muͤſſe. Des⸗ halb konnte er ſich zuweilen auch noch immer den heimlichen Wunſch nicht verſagen— ſo ſehr ſein eignes Gefuͤhl auch widerſtrebte— daß ſeine Toch⸗ ter freiwillig die zur Rettung dargebotene Hand ergreifen moͤchte, damit er ſie wenigſtens als Gat⸗ tin des reichen Fremden vor bitterm Mangel ge⸗ ſichert wiſſe, der ihrer an ſeiner Seite harrte, wenn ſie widerſtrebte. Unruhig empfieng er ſeinen Glaͤnbiger, Herrn Kraleb, welcher mit finſtrer Miene den faͤlligen 102 MWUVUNNAN Wechſel praͤſentirte und naauanehas Zahlung verlangte. „Gedulden Sie ſich“— erwiederte er dem Dringenden. Doch ehe er ſeine Rede noch vollendet, unter⸗ brach ihn dieſer, zornig losbrechend:„was ge⸗ dulden? Wo ich hinkomme, gellt mir das ver⸗ dammte Wort in die Ohren! ich will's nicht mehr hoͤren, am allerwenigſten von meinen Schuld⸗ nern. Wer Geduld von mir verlangt, der belei⸗ digt mich, der haͤlt mich fuͤr ein ſanftmuͤthiges Thier, fuͤr ein Schaaf, das nicht einmal mit den Zaͤhnen knirſcht, wenn man ihm die Wolle vom Felle ſtiehlt. Halten Sie mich fuͤr einen reißenden Wolf, fuͤr eine Hyaͤne— fuͤr was Sie wollen, Herr, nur fuͤr kein geduldiges Schaaf, denn ſehen Sie— meine Zaͤhne klappen ſchon zuſammen vor Wuth, wenn ich nur daran den⸗ ke, daß mir jemand einen Knopf vom Rocke ſteh⸗ len wollte, und was iſt ein etender Knopf gegen Geld?— Geld, Herr, iſt mein Leib und mei⸗ ne Seele, und wer mich um mein Geld bringt, der toͤdtet meinen Geiſt, der mordet meinen Koͤr⸗ per. Alſo kurz und rund, Herr Heimlich— koͤn⸗ ———y 103 nen Sie mich bezahlen?— Heraus mit der Sum⸗ me! zaͤhlen Sie auf ohne Zaudern! wenn ich s klimpern hoͤre, legt ſich meine Wuth.. „Heimlich befand ſich in der groͤßten Verlegen⸗ heit. Der verdunkelten Hoffnung auf Arteccio's Beiſtand durfte er nicht zuverlaͤſſig vertrauen, denn noch hatte ſich Mathilde nicht erklaͤrt. Deshalb erwiederte er mit ſichtbarer Angſt:„jetzt kann ich nicht bezahlen, morgen— uͤbermorgen vielleicht, ſo lange muͤſſen Sie— „Halt!“ ſchrie Kraleb laut, und hielt ſich bei⸗ de Ohren zu.„Schweigen Sie ſtill! ich beſchwoͤ⸗ re Sie bei allen Goldadern Peru's!— Ich weiß, was Sie ſagen wollen, ich will das verdammte Wort nicht mehr hoͤren.— Morgen— uͤber⸗ morgen? nichts da! Sie ſind Kaufmann, Sie wiſſen, was ein Wechſel zu bedeuten hat! Schaf⸗ fen Sie Geld, Herr, oder ich mache Sie zum Bettler auf der Stelle!“— „Thun Sie, was Ihnen recht duͤnkt!“ er⸗ wiederte Heimlich ſeufzend, und wendete ſich ab von ihmn“ 3 Das will ich, das werd ich, das muß ich, das verlangt mein Gewiſſen von mir eiferte der 104 WAAAN Erzuͤrnte.„Ihr ganzes Vermoͤgen iſt mein! ich dulde Sie keine Stunde mehr im Hauſe mit der ganzen Sippſchaft, nicht eine irdne Tabakspfeife follen Sie behalten von Ihrem ganzen Hab und Gut.— Ich reiße Ihnen die Kleider vom Leibe, wenn's nicht zulangt, meine Forderung zu tilgen, und jage Sie nackend zum Hauſe hinaus! hab's gleich gemerkt, daß es mit Ihnen ſo kommen wuͤrde— die Gerichtsdiener warten ſchon, bin gleich wieder hier!“ Damit ſtuͤlpte er ſich den Hut auf den Kopf und ſtuͤrzte, gluͤhend vor Zorn, zum Hauſe hinaus. Bald darauf kam Sophie eilig ins Zimer, und berichtete ihrem Herrn laut jammernd, daß das ganze Haus mit Wache beſetzt ſey, und eine Gerichtsperſon in Begleitung des Herrn Kraleb bereits Anſtalt mache, zu verſiegeln. „Laß ſie nur, ich kann's ja doch nicht hin⸗ dern“— erwiederte Heimlich mit ſchmerzvollem Laͤcheln und ſank erſchoͤpft in einen Stuhl, ſeine Blicke unverwandt nach der Thuͤr gerichtet, als ob er mit jedem Angenblicke noch auf die Erſchei⸗ nung ſeiner Tochter, wie auf die eines retten⸗ den Engels, hoſfe. Doch vergebens; nicht ſie, — * — 40⁵ AWAAMWVN ſondern Arteccio trat leiſe herein, und nachdem er mit ſtechenden Blicken rings umher geſchaut, hub er mit ſchadenfrohem Laͤcheln an:„ei, ei, Freundchen! die heilige Juſtiz tummelt ſich ja ſchon recht geſchaͤftig in Ihrem Hauſe herum. Nur nicht verzagt! ich konnte mir es nicht ver⸗ ſagen, meiner ſchoͤnen Braut zuvor den Mor⸗ gengruß zu bieten, ehe ich dem Manne da unten mit ſeinem großen Petſchafte Feierabend biete. Bringen wir die Sache gleich in Richtigkeit. Wo iſt der Contract? hat ſie unterſchrieben? wo bleibt Ihre Tochter?“ Heimlich fuͤhlte ſich von einem unwillküͤhrli⸗ chen Schauder durchdrungen, als er jetzt ploͤtzlich den Mann vor ſich erblickte, der in ſeinem Ge⸗ ſichte das Gepraͤge der verderblichſten Leidenſchaf⸗ ten trug, und jetzt geſtand er es ſich ſelbſt, daß man in ſeiner Naͤhe ohne Scheu nicht weilen koͤn⸗ ne. Deshalb verzoͤgerte er ſeine Antwort und be⸗ richtete ihm endlich mit unterdruͤckter Aengſtlich⸗ keit, daß der Contract noch nicht unterſchrieben, und Mathilde heute noch nicht vor ihm erſchie⸗ nen ſey. 106 „So eufen Sie das liebe Maͤdchen gleich her⸗ bei, ich ſehne mich nach ihrem Anblicke“— er⸗ wiederte Arteccio mit unaeduida und drängi den Zägbenden Snr Lhür bihausan 16. 18 Mathilde war ſo eben von einem unruhigen Schlummer erwacht, als ihr Vater zu ihr ein⸗ trat. Sie fuͤhlte ſich noch ſehr ſchwach, doch bei ſeinem Anblicke vergaß ſie bald ihre eigne Herzens⸗ gual, denn ſein bleiches, tiefgefurchtes Antlitz verkuͤndete ihr den tiefen Schmerz, der in ſeinem Innern wohnte. Sie laͤchelte ihm freundlich ent⸗ gegen, reichte ihm erſt ihre Rechte, zog ihn dann an ihre Bruſt, umfieng ihn mit beiden Armen, und fluͤſterte ihm unter heißen Thraͤnen zu:„be⸗ ruhige Dich, mein guter Vater, bald— bald ſoll Dich kein Kummer mehr belaſten.— Ich bin zur Unterſchrift bereit, mit der Bedingung, daß mein kuͤnftiger Gatte Dir und dem armen Paul ein ſorgenfreies Leben biete.“ — —õ— 107 Er vermochte es nicht, ihr zu antworten, doch ſeine Thraͤnen ſprachen lauter als Worte, und verriethen ſeine tiefe R uͤhrung. Jetzt ſtand ihr Entſchluß feſt. Sie lu ſich von Sophien ankleiden, um ihrem Vater ſogleich ins Wohnzimmer zu folgen, wo der Florentiner ihrer harrte. Doch zitterte ſie heftig, als ſie die Thuͤr oͤffnete und Arteccio ihr ſchmeichelnd und mit widerlicher Freundlichkeit entgegenkam. Sie wankte auf ihn zu, Todesangſt im Herzen, als ob ſie zum Schaffot gefuͤhrt wuͤrde; er umfaßte ſie zaͤrtlich, und eine eiſige Kaͤlte durchſtroͤmte ihr innerſtes Mark, ſein Athem beruͤhrte ihre kalte Stirn, und wie Peſthauch durchdrang es ihre Nerven, Leichenblaͤſſe bedeckte ihr Geſicht, und ein ſtechender Schmerz durchzuckte ihre Bruſt. Er hatte ſich zu ihr herabgebeugt, und druͤck⸗ te ſie feſt an ſich— er ſchien im gluͤhenden An⸗ ſchauen der herrlichen Geſtalt, die willenlos in ſeinen Armen ruhte, verſunken; er athmete hoͤr⸗ bar aus ſturmbewegter Bruſt, ein leiſes Zittern durchbebte ſeine Glieder, und die gierigen Blicke, die auf ihren Reizen hafteten, verriethen ſeine wilde Leidenſchaft. 5 3 108 Abwaͤrts gewendet ſtand der Vater am Fen⸗ ſter und blickte unruhig hinab auf die Straße, wo zwei Gerichtsdlener vor ſeinem Hauſe Audhe hielten. Endlich riß ſich Arteccio gewaltſam von Ma⸗ thilden los, ergriff die Feder, und uͤberreichte ſi ſie ihr zur Unterſchrift. Sie wankte zum Tiſche, und kaum hatte ſie zitternd den erſten Buchſtaben vollendet— da oͤffnete ſich die Thuͤr, und wie von einer freudigen Ahnung angetrieben, hirkt ſie ploͤtzlich ein und wendete ſich ab. Paul trat vor ſie hin, er trug in ſeinem Ar⸗ me eine vergoldete Kugel, und in der Bewegung ſeiner Geſichtszuͤge, in ſeinen thraͤnenſchweren Augen ſprach ſich der heiße Wunſch ihres zukuͤnf⸗ tigen Lebensgluͤckes deutlicher aus, als wenn es dem Armen vergoͤnnt geweſen waͤre, ihn durch Worte hervorzuſtammeln. Er uͤberreichte ihr die Kugel, und ſein Auge haftete jetzt aͤngſtlich auf dem Fremden, der auch ihn mit ſtarren Blicken zu durchbohren ſchien. Paul fuͤhlte ſich von ei⸗ ner unwiderſtehlichen Macht zu ihm hingezogen, und doch war es ihm, als muͤſſe er ihn fliehen, denn kaum erhob ſich ſein Fuß, um naͤher auf 109 BMVWMN ihn zuzuſchreiten, da uͤberſiel ihn maͤchtiges Grauen, er vermochte ſeinen Anblick nicht laͤn⸗ ger zu ertragen, verhuͤllte ſein Geſicht, und wank⸗ te ſcheu zuruͤck. (Arteccio's Wangen erblichen ſichtbar, je laͤn⸗ ger er den Juͤngling anſtarrte; er ſchien in ſei⸗ nem Geſichte bekannte Zuͤge wiederzufinden, die irgend eine ſchreckliche Erinnerung in ſeinem Bu⸗ ſen weckten. Sein Haar ſtraͤubte ſich wild em⸗ por, ſeine Kniee zitterten, und indem er mit furchtbarer Gebehrde beide Arme nach ihm aus⸗ ſtreckte, rief er ihm mit hohler Stimme zu: „Menſch, wer biſt Du?“ Auch Pauls Zuͤge hatten ſich auffallend ver⸗ aͤndert, der Ausdruck wilden Schmerzes lag auf ſeinem Geſichte, ſeine Lippen oͤffneten ſich, und ſeine verletzte Zunge ſtammelte unverſtaͤndliche, ſchreiende Laute hervor; endlich ſenkte er wehmuͤ⸗ thig ſein Haupt und legte zwei Finger der rechten Hand auf ſeinen Mund. 1 Heimlich wurde aufmerkſam, trat naͤher hin⸗ zu und erklaͤrte, daß er Paul nach einer Teſta⸗ mentsverordnung ſeines Oheims, des verſtorbe⸗ nen Tobias Rund, an Sohnes Statt angenoin⸗ 110 men. Kaum hatte er den Namen des Verſtorbe⸗ nen ausgeſprochen, als der Florentiner, wie von einem Donnerſchlage betaͤubt, zuruͤcktaumelte, im ſtarren Entſetzen mit der rechten Hand ſein Geſicht bedeckte und die linke gegen Paul ausſtreckte, ihm Heftis zuwinkend, ſich zu ent⸗ fernen. Paul wendete noch aman ſeinen Blick mit jch erzliche Wehmuth auf Mathilde, druͤckte beide Haͤnde gegen ſeine Bruſt und gieng. Jetzt raffte ſich Arteccio empor, ſtrich einige⸗ mal mit der flachen Hand uͤber ſeine ſchweißbe⸗ deckte Stirn, ſtarrte noch immer auf die Stelle hin, wo Paul geſtanden, ergriff dann ploͤtzlich ſeinen Hut und ſtuͤrzte eilig zum irnma Piu⸗ aus. Der ganze Vorfall war unerklärich⸗ für Heimüich und Mathilde. Sie erſchoͤpften ſich in Vermuthungen, und doch war es ihnen nicht moͤglich, auch nur einen einzigen wahrſcheinli⸗ chen Grund aufzufinden, warum Pauls Anblick den ſchrecklichen Aufruhr im Innern des Floren⸗ tiners hervorgebracht. Doch mit ſeiner ploͤtzli⸗ chen Entferuung, ohne der Angelegenheit zu ge⸗ 411 AAAAAAAN denken, die ihn hierhergefuͤhrt, ſchien auch in Heimlichs Bruſt aufs neue der letzte Hoffnungs⸗ funken erloſchen zu ſeyn. Er gieng unruhig im Zimmer auf und ab, und ſchon hoͤrte er ſeines Glaͤubigers Stimme im Vorſaale, und ſah mit immer ſteigender Angſt den naͤchſten Augenblicken entgegen, wo er in ſein Zimmer dringen, und mit Huͤlfe der Gerichte ihn aus ſeinem Hauſe weiſen werde. Mathilde hatte indeſſen die ſchwere Kugel von allen Seiten mit Verwunderung betrachtet und geoͤffnet, ein Blatt Papier, welches ihren In⸗ halt bedeckte, hervorgezogen, mit tiefer Ruͤhrung geleſen— und eben trat Kraleb mit ſeiner Scher⸗ genmiene herein; als ſie im lauteſten Ausbruche der Freude ſich in ihres Vaters Arme warf und ihm unter Thraͤnen zurief:„Dank ſey Gott! wir ſind gerettet!“ erif 17. Staunen und Verwunderung ſprach ſich leb⸗ haft aus in Heimlichs Zuͤgen, und ein fragender 112 AAANA Blick ruhte auf ſeiner Tochter, Erklaͤrung for⸗ dernd. Doch dieſe war von den freudigſten Ge⸗ fuͤhlen ſo heftig ergriffen, daß ſie keiner Antwort maͤchtig war; laͤchelnd unter Thraͤnen athmete ſie freier, und hoͤher wogte ihr Buſen, als ſie, ih⸗ ren Vater feſt umſchlingend, nur abgebrochene Worte ſtammelte. Dann riß ſie ſich los von ihm, eilte nach der Thuͤr, draͤngte die Gerichts⸗ perſon und Herrn Kraleb mit freudigem Unge⸗ ſtuͤm hinaus, indem ſie Letzterm ſcherzend zurief: „Mann mit dem eiſernen Herzen, troͤſte Dich; ein Schatz hat ſich gefunden, Du wirſt bezahlt! nur fuͤnf Minuten laß mich jebt allein mit mei⸗ nem Vater! 3 Und ſchon im Hinausgehen begrifen, wen⸗ dete Kraleb ſich wieder um. Sein ganzes Ge⸗ ſicht hatte ſich merklich verlaͤngert, ſeine ſpitze Naſe aber wendete ſich mit unglaublicher Schuel⸗ ligkeit bald rechts, bald links, gleich einer Magnet⸗ nadel mit Anziehungskraft begabt, um die ſeinen weit hervorquellenden Augen bis jetzt noch ver⸗ borgenen edlen Metalle in aller Geſchwindigkeit auszuwiktern, und haſtig ertoͤnte die Frage von ſeinen duͤrren Lippen:„ein Schatz? ein ſchwe⸗ — . — 413 A rer Schatz? ei, eil wie wunderbar!— Allzeit ergebener Diener, Mademoiſellen— fuhr er fort, mit einer tiefen Verbeugung, zog ſich langſam zuruͤck, nahm im Vorſaale Platz auf dem Krep⸗ pengelaͤnder, und harrte hier, ungeduldig mit den Beinen ſchlenkernd, der Dinge, die da kommen ſollten, ohne ſein Auge von der Thuͤr zu wen⸗ den. „Jetzt wendete e dich Mathilde zu ihrem Pate⸗, danach immer ſtaunend der Erklaͤrung entgegen⸗ ſah, uͤbergab ihm ein Blatt Papier, und er las, von Pauls Hand geſchrieben, an Mathilde ge⸗ richtet, folgendes: „Ein edleres Opfer wurde wohl ſelten ebrache als Du entſchloſſen biſt, fuͤr die Wohlfahrt Dei⸗ nes Vaters darzubringen; doch wuͤrde gewiß das verhaßte Band, und waͤre es auch aus goldenen Faͤden gewebt, die Bluͤthe Deines Lebens vergif⸗ ten, und Dich zu fruͤh dem Todesengel in die Ar⸗ me werfen. Deshalb vergoͤnne mir, daß ich als Vermittler zwiſchen Dich und Dein Schickſal tre⸗ te. Seit wenigen Minuten bin ich erſt bekannt mit der dringenden Lage, die Dich und Deinen guten Vater zu Boden druͤckt, und dem Swigen II. 8 114 MAAAA ſey Preis und Dank! denn er gab die Mittel in meine Hand, Dich und ihn zu retten.— Mei⸗ nes verſtorbenen Pflegevaters Guͤte gab mir Ge⸗ legenheit, eine Summe Geldes zuſammenzubrin⸗ gen, auf welcher der Segen des Himmels zu ru⸗ hen ſchien, denn ſie haͤufte ſich von Tage zu Ta⸗ ge, ohne daß ich— damals noch ein Knabe— uͤber den Werth und die Anwendung derſelben nachgedacht. In meinen reifern Jahren beſchloß ich, da die Wohlthaten Deines Vaters alle mei⸗ ne kleinen Beduͤrfniſſe hinlaͤnglich befriedigten, ſie fuͤr Dich aufzubewahren zum Brautgeſchenke, und freudig lege ich jetzt den kleinen Schatz in Deine Haͤnde nieder, Deinen Vater zu retten von Schimpf und Schande, denn die Summe wird hinreichen, ſeine Schuld zu tilgen. Dan⸗ ke mir nicht dafuͤr, denn ich bin noch immer Dein großer Schuldner und kann Dir Deine ſchwe⸗ ſterliche Liebe, mit der Du die truͤben Stunden meines Daſeyns oft erhellteſt, die zaͤrtliche Fuͤr⸗ ſorge, mit der Du eines fremden Ungluͤcklichen Dich annahmſt, nimmer vergelten.— Mein Herz betet taͤglich fuͤr Dein Gluͤck— der Allguͤ⸗ tige wird meines Herzens Bitte erhoͤren! 115 AAVAVANN Der alte Tobias Rund uͤberhaͤufte wirklich oft den armen Paul mit Geldgeſchenken, und da eer bemerkte, daß dieſer dieſelben ſorgſaͤltig aufbe⸗ wahrte, uͤberließ er ihm— wie ſchon erwaͤhnt wurde— ſpaͤter ſogar den ganzen Ertrag der Ke⸗ gelbahn, der in mehreren Jahren hindurch nicht unbedeutend war, ſchenkte ihm dazu eine Spar⸗ buͤchſe in Geſtalt einer goldenen Kugel, freute ſich herzlich, wenn dieſe immer mehr an Gewicht gewann, und ſchien nicht zu bedenken, wie leicht ſeine unvorſichtige Freigebigkeit auf Pauls zarte Gemuͤthsart nachtheilig wirken koͤnne. Doch die⸗ ſer kannte den Werth des Geldes noch zu wenig, um ſich dem Laſter des Geizes zu ergoben, und lebte, in ſtille Einſamkeit zuruͤckgezogen, nur mit Buͤchern und Zeichnungen beſchaͤftigt, ohne je⸗ mals einen Hang zur Verſchwendung zu empfin⸗ den. Gleichguͤltig verwahrte er ſeinen Schatz nach ſeines Pflegevaters Tode, und erſt nach meh⸗ reren Jahren, als er Mathilde zur Jungfrau erbluͤhen ſah, erweckte das Gefuͤhl der Dankbar⸗ keit fuͤr ihre liebevolle Begegnung den Entſchluß in ihm, denſelben ihr zum Brautgeſchenke zu bie⸗ ten. an dr. 8* ſnuutzte er beim Anblicke der geſchaͤftigen Gerichts⸗ 416 NMWAWN Am vorigen Abende war er durch den Ehe⸗ contraet von ihrer bevorſtehenden ehelichen Ver⸗ bindung unterrichtet worden, und als er ſie die⸗ ſen Morgen im Laden aufſuchte„ um das laͤngſt fuͤr ſie ſchon aufbewahrte Geſchenk zu uͤberreichen, perſon und der Wache vor dem Hauſe. Wei⸗ nend begegnete ihm die alte Sophie, entdeckte ihm Heimlichs mißliche Verhaͤltniſſe, Mathil⸗ dens Entſchluß, durch ein Buͤndniß, vor wel⸗ chem ihr Herz erbebte, ihm Huͤlfe zu leiſten, und ſchnell ſchrieb er obige Zeilen und begab ſich dann 2 nach dem Wohnzimmer, wo er ſie in Geſellſchaft ihres Vaters und Arteccio's antraf. Als Heimlich zu Ende geleſen, legte Mathil⸗ de die ſchwere goldene Kugel in ſeine Haͤnde und ſprach mit inniger Ruͤhrung:„hier nimm den Kugelſegen, lieber Vater, den der Himmel in Pauls Hand gegeben zu unſrer Rettung. So lange Gott mir Leben und Geſundheit ſchenkt, ſoll er den Verluſt ſeines Schatzes nimmer em⸗ pfinden!— Naͤchte will ich durchwachen, mei⸗ nen Fleiß verdoppeln, und durch meiner Haͤnde Arbeit mir die ſuͤße Luſt erkaufen— wenn auch 117 AAAAANAA nach Jahren erſt— das reiche Brautgeſchenk ihm zu erſetzen.“ Auch Heimlichs Augen fuͤllten ſich mit Thraͤ⸗ nen. Mit tiefer Wehmuth betrachtete er die Ku⸗ gel, welche das ganze Vermoͤgen einer ungluͤckli⸗ chen Waiſe enthielt, und der Gedanke, daß er damit eine Schuld decken ſolle, deren Daſeyn der unverzeihlichſte Leichtſinn verurſachte, laſtete ſchwer auf ſeinem nicht verdorbenen Herzen. Er fuͤhlte es tief, wie wenig er ein ſolches Opfer verdiene, maͤchtiger als jemals regte ſich ſein Va⸗ tergefuͤhl, ſein Ehrgefuͤhl als Buͤrger erwachte, und mit dem heiligſten Eide wiederholte er das Geluͤbde: hinfort durch Arbeitſamkeit und Fleiß nur im Kreiſe ſeiner Haͤuslichkeit ſein Gluͤck zu ſuchen. Da verkändete ein dumpfes Gepolter lrgend einen Unfall im Vorſaale und bald darauf ertoͤnte ein klaͤgliches Gewimmer. Um ſich von der Ur⸗ ſache deſſelben zu uͤberzeugen, oͤffnete Heimlich die Thuͤr, und erblickte von hier aus auf der un⸗ terſten Stufe der Treppe Herrn Kraleb in ſehr ſonderbarer, faſt unnachahmlicher Stellung auf dem Kopfe ſtehend.— Da Geduld keine ſeiner 118 MWVUAMAA Haupttugenden war, wie er ſelbſt laut genug er⸗ klaͤrte, ſo wurde ihm waͤhrend ſeiner Verbannung aus Heimlichs Wohnzimmer nach und nach im⸗ mer banger ums Herz auf ſeinem ſchwankenden Sitze, und mit der immer ſteigenden Unruhe nahm anch die heftige, pendulartige Bewegung ſeiner herabhaͤngenden Beine zu, bis endlich ploͤtz⸗ lich das morſche Treppengelaͤnder unter ihm zu⸗ ſammenbrachen, polternd bis zur letzten Stuſe mit ihm hinabſtuͤrzte, und hier auf ſeinen Truͤm⸗ mern ihm ein ziemlich unſanftes Ruheplaͤtzchen vergoͤnnte. Nachdem er gluͤcklich wieder auf die Beine gebracht war, gab er unverſtaͤndliche Laute von ſich, ſchuͤttelte ſich einigemal, unterſuchte dann mit ſeltenem chirurgiſchen Betaſtungstalene te ſein Knochengebaͤude, und als er ſo, ohne die geringſte Verletzung vorzuſinden, bis zum Schaͤ⸗ del gelangt war, bemerkte er dort, gerade auf derſelben kleinen Erhoͤhung, in welche Gall den Zahlenſinn einlogirte, eine gewaltige Beule. Die neben ihm ſtehende Gerichtsperſon, mit dem Gall⸗ ſchen Syſteme vertraut, machte ihn auf die nach⸗ theiligen Folgen aufmerkſam, welche eine Ver⸗ letzung dieſes Organs nach ſich ziehen koͤnnte; ————V—ℳ⏑y—ᷣ—ᷣ—V—˖———— 119 MAAMAA doch beruhigte er ſich daruͤber bald, denn er wuß⸗ te nur zu gewiß, daß der Zahlenſinn bei ihm, wie bei vielen andern Ehrenmaͤnnern ſeines Glei⸗ chen, ſich nicht in ein ſo kleines Raͤumlein ban⸗ nen laͤßt, ſondern kaum in ſaͤmmtlichen Hirnkam⸗ mern Platz findet. Hicrauf faßte er Heimlich unſanft beim Arme, zog ihn behende mit ſichthin⸗ auf in deſſen Wohnzimmer, und hier hub er an: „Herr, quaͤlen Sie mich nicht laͤnger! Sie ha⸗ ben ſelbſt geſehen, daß mich meine verdammte Unruhe Trepp' ab, Trepp⸗ auf treibt ohne mei⸗ nen Willen; ich halt's nicht laͤnger aus! laſſen Sie mich Geld ſehen, oder ich werde raſend!’ Dabei klappten wirklich ſchon ſeine Zaͤhne zuſammen und ſeine Haͤnde ſtreckten ſich krallen⸗ artig nach der goldenen Kugel aus, welche Heim⸗ lich ſo eben, um dem drohenden Ausbruche ſeiner Wuth Einhalt zu thun, vor ſeinen Augen aus⸗ ſchuͤttete. Und ploͤtzlich, wie electriſirt, nahm zer eine andere Stellung an; ſein von Natur langer Hals dehnte ſich zu einer noch betraͤchtli⸗ chern Laͤnge aus, auf ſeinen Fußſpitzen hob er ſich hoch empor, mit dem rechten Ohre lauſchte er entzuͤckt dem bezanbernden Klange des Gol⸗ des und hielt den Hut dicht vor das linke, als ob er befuͤrchte, daß der ſuͤße Ton ihm durch daſſelbe wieder entfliehen moͤchte; eine Hand aber blieb in zitternder Bewegung krampfhaft ausgeſtreckt, ein leiſes Zucken ſeiner Geſichtsmuskeln deutete auf eine wohlbehagliche Empfindung, und ſo ſtand er unbeweglich, bis Heimuch die Danza Sunmne aufgezaͤhlt. 1 asnh G. „s iſt richtig!“ ſchrie er jett lant, denn er hatte im Stillen jedes Geldſtuͤck ſorgfaͤltig nach⸗ gezaͤhlt und war aufmerkſam, mit gierigen Blik⸗ ken, jeder Bewegung Heimlichs gefolgt— ſtuͤrz⸗ te nach dem Tiſche, legte ſich mit halbem Leibe uͤber die Summe und ſcharrte ſie mit gekruͤmm⸗ ten Haͤnden unter ſeinem hohlen Bauche auf einem Haufen zuſammen, indem er ausrief:„jetzt bin ich ſelig! mein Geld, mein liebes Geld— nun hab’ ichis wieder, nun halt' ich's feſt!*—= Ein kalbslederner Beutel wurde nun damit ange⸗ fuͤllt, doch ploͤtzlich hielt er ein, von dem Gedan⸗ ken ergriſſen, daß er durch die verſchiedenen Muͤnzſorten an Agio verliere, da er die Summe an Heimlich in lauter Gold ausgezahlt; aber auch hierein ſchien er ſich mit einem tiefen Seuf⸗ —— zer zu ergeben, indem er meinte: er wolle das Agio nicht weiter erwaͤhnen, wenn ihm Heimlich das Verſprechen leiſte, wegen des zerbrochenen Treppengelaͤnders keine Anforderung ant ihn zu machen, und als dieſer ſich laͤchelnd dazu verſtand, lieferte er die Verſchreibung aus, druͤckte den ge⸗ fuͤllten Geldſack feſt an ſeine Bruſt und empfahl ſich zu geneigtem Andenken. „So lang' ich lebe“— rief ihm Heimlich nach—„werd' ich Sie und dieſe Stunde nicht vergeſſen!— Gott ſey gedankt!“ ſuhr er fort, als er ſich mit ſeiner Tochter allein ſah—„mir iſt ſo leicht, ich fuͤhle mich ſo frei—f „ Und nicht wahr, mein Vaͤterchen”— er⸗ wiederte Mathilde, ſich zaͤrtlich an ihn ſchmie⸗ gend—„ich bin nun auch wieder frei?“ „Frei, mein liebes Kind“— entgegnete ihr Heimlich, ſie feſt in ſeine Arme ſchließend— „Verſchenke Herz und Hand an einen Wuͤrdi⸗ gern, als ich Dir zugefuͤhrt, denn mir graut ſelbſt jetzt vor dem Manne, in dem ich meinen Retter zu erblicken glaubte. Ich uͤberlaſſe Dir die freie Wahl des Gatten, denn ich bin uͤber⸗ zeugt, ſie wird Dir und mir nur Ehre bringen. 122 WAAAN Mathilde ſchlug ihre Blicke zu Boden; ſie dachte an Ludwig und legte ihre rechte Hand aufs Herz, denn mit neuer Lebenskraft regte ſich dort⸗ das noch nicht untordrütkte Gefuͤhl— erſeem innigen Liebe. Mit dem Gedanken beſchaͤftigt, wie er dem armen Paul ſein edles Opfer vergelten koͤnne, nahm Heimlich jetzt die Kugel wieder zur Hand, indem er ſie ſinnend betrachtete; da gewahrte er tief im Innern derſelben noch einige Geldſtuͤcke und darunter mehrere Papiere. Er zog dieſe her⸗ vor und erkannte mit Erſtannen ſeines Onkels Tobias Handſchrift darauf; ſie waren in Brief⸗ form, verſiegelt und mit der Auſſchrift an aat verſehen. 6 Es waren dicſelben Papiere, wolche Lobias kurz vor ſeinem Tode ſeinem Pflegeſohne uͤbergab und welche dieſer, damals noch ein Knabe, ohne ſie zu leſen, verſiegelt wie ſie waren, in ſeine Sparbuͤchſe legte, wo ſie ſpaͤterhin, da er uͤber⸗ 4 — 123 3 MWMAVANMN haupt ſeinen Schatz in der goldenen Kugel ſehr wenig beachtete, Ganzeich von nihu verdiſen wur⸗ den. Heimlich iief ihn dogleich herbei 8 peuch ver⸗ eint mit Mathilden tiefgeruͤhrt ſeinen heißeſten Dank aus fuͤr ſeine edelmuͤthige Huͤlfe, und uͤber⸗ reichte ihm dann die Papiere, bei deren Anblick in Paul kaum eine dunkle Erinnerung erwachte, ſie einſt von ſeinem Pflegevater empfangen zu haben. Er las die Aufſchrift, erbrach das Sie⸗ gel, las mehrere Minuten lang mit ſteigender Aufmerkſamkeit, ſeine Wangen erblichen, ſeine Au⸗ gen rollten fuͤrchterlich, ſeine Haͤnde zitterten, das Papier entfiel ſeiner Hand und mit einem durch⸗ denanden Geſchrei ſtuͤrzte er aus dem Zimmer. Mathilde, die ihn aufmerkſam bebachtt, fulgts ihm beſorgt und Heimlich Hahm den Brief vom Boden auf und las: 1 „Nur wenige Schritte— ich fähte e es— ſte⸗ „he ich noch entfernt von meinem Grabe, und „wenn ich zuruͤckſchaue auf die bereits zuruͤckge⸗ „legte Lebensbahn, weilt mein Auge auf mancher „Bluͤthe reiner Freude, doch auch auf giftigen „Neſſeln, die auf meiner Pilgerfahrt gar oft 124 MAN „mein Herz verwundeten und meine Schritte „hemmten.— Ich war ein gluͤcklicher Gatte und „Vater. Wenige Jahre nach der Geburt meiner „Laura ſtarb mein gutes, braves Weib. Ich „ſah meine Tochter zur Jungfrau erbluͤhen und bei ihrem Anblicke prieß ich mich gluͤcklich, Va⸗ „ter zu ſeynz doch bald zogen ſich ſchwere Wetter⸗ „wolken uͤber meinem Haupte zuſammen, die ich „nicht gewahrte. Ich befand mich auf einer Rei⸗ „ſe nach Paris fuͤr ein bedeutendes Handelshaus „in Florenz und mußte meine Tochter dort zuruͤck⸗ „laſſen. Mein Prinzipal, Stephan Arteccio, „ein junger Wolluͤſtling, beſuchte meine Toch⸗ „ter oft in meiner Gegenwart, ohne daß ich's weh⸗ „ren konnte; doch auch in meiner Abweſenheit „ſetzte er ſeine Beſuche bei ihr fort, haͤufiger als „ſonſt, und ſtahl ihr durch die ſchaͤndlichſten „Verfuͤhrungskuͤnſte Unſchuld und Seelenfrieden. „Als ich nach mehreren Monaten zuruͤckkehrte, „war das Bubenſtuͤck vollbracht; ich erkannte »meine Tochter nicht wieder— meine Roſe, die „ich ſo ſorgſam gepflegt, war in der Bluͤthe dahin⸗ „gewelkt. Bleich und krank wankte ſie mir ent⸗ „gegen, ſank zu meinen Fuͤßen und ich— ich 12⁵ „ſtieß ſie von mir und rief ihr den fuͤrchterlichſten „Waterfluch nach.— Dem Elende, der bitterſten „Armuth Preis gegeben durch meine unnatuͤrliche „Haͤrte, verlaſſen, verſpottet von ihrem Verfuͤh⸗ grer, gebahr ſie Dich und gab nach wenigen Ta⸗ „gen ihren Geiſt auf.— Ihre alte Waͤrterin, „welche die Verſtoßene bei ſich aufgenommen, gbrachte Dich nach ihrem Tode zu Arteccio und „in ihrer Gegenwart ſchwur er einen graͤßlichen „Eid, daß Du ihn nimmer Vater nennen ſoll⸗ „teſt.— Er behielt Dich zwar bei ſich, uͤbergab „Dich jedoch ſeiner weiblichen Bedienung, ohne „ſich weiter um Dich zu bekuͤmmern, und ehe Du „noch zu lallen vermochteſt, war Deine Zunge „gelaͤhmt durch gewaltſame Verletzung.— Deine „Waͤrterin war entſlohen und der Thaͤter konnte znicht ausgemittelt werden, doch der Allmaͤchtige ‚keunt ihn, und wird einſt das ſchreckliche Ver⸗ „brechen an ihm ſtrafen.— Schon laͤngſt „war ich aus Arteccio's Dienſten getreten und „die Geißel meines Gewiſſens trieb mich raſtlos „umher, denn ich klagte mich als den Moͤrder „meines einzigen Kindes an.— Da erfuhr ich „die graͤßliche That, die man an Dir veruͤbt, und WAVWN „wuthſchnaubend trat ich vor Deinen Vater und „forderte den Sohn meiner Laura. Er ſtand zit⸗ „ternd vor mir, willligte ohne Weigerung in mein „Begehren und noch in derſelben Nacht verließ „ich mit Dir Florenz. In Neapel ließ ich mich „nieder, ehe Du noch den zweiten Fruͤhling er⸗ „lebteſt, doch in Italiens heißer Luft vernarbte „die offne Wunde meines Herzens nicht, und un⸗ „gefaͤhr nach drei Jahren trat ich mit Dir die „Reiſe nach Deutſchland an, hoffend, unter va⸗ „terlaͤndiſchem Himmelsſtriche meinen brennenden „Schmerz zu kuͤhlen. Ich habe gekaͤmpft mit „meinem Gewiſſen, ich vermochte ſeinen Stachel „nicht zu uͤberwinden; ich habe gerungen im Ge⸗ „bete zu Gott, ich fand meine Ruhe nimmer wie⸗ „der.— Die Gefuͤhle meines Herzens wurden „mir Raͤthſel: ich konnte Dich nicht haſſen und „nicht lieben, denn taͤglich bei Deinem Anblicke „ſchwebte mir das Bild Deiner ungluͤcklichen „Mutter vor Augen— das Andenken an ihre „Schande, an meine grauſame Haͤrte, ſchlug „mir immer neue Wunden. Ich wuͤnſchte mir „den Tod, der mich erloͤſen ſollte von jeder Qual, „und dennoch zitterte ich, vor den Richterſtuhl des „Ewigen zu treten. Ein banges Vorgefuͤhl ſagt Zmir: mein Ende naht, ich muß Dich verlaſſen, Harme, ungluͤckliche Waiſe; fuͤr Dein kuͤnftiges „Wohl zu ſorgen, iſt jetzt meine letzte, heilige „Pflicht. Du biſt noch in den Knabenjahren und bedarfſt eines Vormundes, deshalb empfaͤngt „mein naͤchſter Anverwandter nach meinem To⸗ ‚de die Haͤlfte meines Vermoͤgens, mit der Be⸗ „dingung, als Vater fuͤr Deine Erziehung und ‚jedes Deiner Beduͤrfniſſe zu ſorgen. Nach „heimlich eingezogener Erkundigung wurde er mir gals Mann von unbeſcholtenem Rufe, doch ohne „Charakterfeſtigkeit geſchildert, was mich beſtimm⸗ „te, die andere Haͤlfte meines Vermoͤgens bei ei⸗ „nem rechtlichen Kaufmann in der Reſidenz nie⸗ „derzulegen und die ganze Summe in ſichern „Wechſeln— welche Du im reifern Alter erſt, Zim Jahre Deiner Muͤndigkeit beziehen ſollſt— „ſogleich in Deine Hand zu geben, damit Du in „jedem Falle geſichert biſt, wenn ich mich in mei⸗ „nem Vertrauen auf Deinen kuͤnftigen Pflegeva⸗ „ter getaͤuſcht haben ſollte, ſein Tod zu fruͤh er⸗ „folgte, oder Ungluͤcksfaͤlle ihn ſeines Vermoͤgens „beraubten. Ich habe Dich genau beobachtet und 128 AMMAAAN „Dir jetzt ſchon eine groͤßere Summe fuͤr Deine „Sparbuͤchſe anvertraut, als die Klugheit erlaub⸗ „te; doch glaube ich mich uͤberzeugt zu haben, daß „weder Geiz noch Hang zur Verſchwendung in „Dir wohnt, und bitte Dich vaͤterlich, mit derſel⸗ „ben vernuͤnftigen Sparſamkeit, wie bisher die „kleinere Summe, auch in Zukunft Dein ganzes „Verinoͤgen zuſammenzuhalten.— Weiche nie „vom Pfade der Tugend, bleibe Gott und ſeiner „Lehre treu— lebe wohl! der Allmaͤchtige wird „Dich ſchuͤtzen, denn Du biſt einer ſeiner guten „Engel— ich beuge demuͤthig meine Kniee vor „ſeinem Richterſtuhle und flehe mit meinem letz⸗ „ten Hauche um Gnade!“ untats fe B„Tobias Rund.“ Ddieuͤbrigen Papiere enthielten Pauls Tauf⸗ duͤrfon, daß derſelbe Arteccio, der ſeiner Tochter „Hand begehrt, Pauls nichtswuͤrdiger Vater ſey, und er erbebte vor dem Gedanken, daß er noch vor wenigen Minnten bereit war, ſein einziges, theures Kind als Gattin dem ſchuldbeladenen Boͤ⸗ Kewichte zuzufuͤhren. Er wollte zu ihm, er woll⸗ to ihm die aufgefundenen Papiere vor Augen hal⸗ ten, und mit den haͤrteſten Worten ſein Gewiſ⸗ ſen aus dem Schlafe ruͤtteln, ihn laut der Schand⸗ that zeihen, die an dem unſchuldigen Kinde in ſeinem Hauſe vollbracht wurde, ihn zwingen, Paul als Sohn oͤffentlich anzuerkennen, und durch Adoptirung ihn ſeiner Kindesrechte zu ver⸗ ſichern. 85 Er eilte nun zu ſeinem Pflegeſohn, uͤbergab ihm Wechſel und Papiere, und machte ihn mit ſeinem Entſchluß, in Betreff ſeines Vaters, be⸗ kannt; doch Paul war jetzt ruhiger geworden, er wendete ſein feuchtes Auge gen Himmel, umarm⸗ te Heimlich und Mathilde, ergriff dann ſeine Schreibtafel— deren der Ungluͤckliche ſich bedie⸗ nen mußte, um ſeine Empfindungen mitzuthei⸗ len— und ſchrieb:„ich darf meinen Vater nicht richten— ſein Richter iſt Gott, der Herr ſeines II. 9 7 4130 — ABAANAA Lebens, Ich verzeihe ihm, was er an mir ver⸗ brochen, doch nie will ich ihn wiederſehen, nie auf den Namen ſeines Sohnes, nie auf meine Kindesrechte Anſpruch machen.— Was er an meiner ungluͤcklichen Mutter verſchuldet— kann ihm nur der Allguͤtige vergeben, und ich will an heiliger Staͤtte zu ihm flehen, daß er ihm Gnade ſchenke.“ 3 Nachdem Heimlich dieſe Worte geleſen, druͤck⸗ te er die Hand des Juͤnglings mit vaͤterlicher Waͤr⸗ me; ſeine edeln Geſinnungen hatten ihm die hoͤch⸗ ſte Achtung fuͤr ihn eingefloͤßt, und um ſein Zart⸗ gefuͤhl nicht zu verletzen, beſchloß er, den oͤffent⸗ lichen Schritt zuruͤckzuhalten, den er fuͤr ihn zu thun bereit war, ſuchte ihn aus der Fuͤlle ſeines Herzens durch troͤſtende Worte zu beruhigen— Paul aber gieng nach dem Grabe ſeines erſten Pflegevaters, das er ſtets— ſobald der milde Hauch des Fruͤhlings daruͤber hinwehte⸗— mit den ſchoͤnſten Blumen ſchmuͤckte, und weinte hier die heißeſten Thraͤnen kindlicher Dankbarkeit. — — 19. Eine Poſtchaiſe hielt vor dem Gaſthofe zum goldenen Reiter. Die Hausthuͤr war mit zwei Gensd'armes beſetzt, und Herr Schnacker ver⸗ folgte mit hundert neugierigen Fragen einen lan⸗ gen, hagern Mann in einem dunkeln Ueberrocke, den er„Herr Polizeicommiſſarius“ titulirte. Die⸗ ſelbe Gerichtsperſon aber, welche vor wenig Mi⸗ nuten in Heimlichs Hauſe ihre Petſchirkunſt um⸗ ſonſt verſchwendet, war hier ſchon wieder eifrig beſchaͤftigt, ihr gewaltiges Petſchaft zu handha⸗ ben, und unter Aufſicht des langen Mannes mit dem dunkeln Ueberrocke auf der Hausflur drei Koffer zu verſiegeln. Arteccio ſaß im duͤſtern Hinbruͤten eingeſchloſ⸗ ſen auf ſeinem Zimmer und ſtarrte unbeweglich auf einen offnen Brief, worin ihm ſein erſter Buchhalter aus Florenz meldete, daß der Ban⸗ querott ſeines Hauſes nun voͤllig ausgebrochen, und wenn ihm ſeine Freiheit theuer ſey, er nie⸗ mals wagen ſolle, dorthin zuruͤckzukehren. Er . 9* NAAANNNMN hatte zwar ſeinen Sturz laͤngſt ſchon geahnt, deshalb auch vorgeblich eine Geſchaͤftsreiſe nach Deutſchland unternommen, und ſo— freilich auf die unredlichſte Weiſe— einen Theil ſeines baaren Vermoͤgens gerettet; doch gerade jetzt ver⸗ ſetzte ihn die Nachricht ſeines gaͤnzlichen Ruins in die aͤußerſte Beſtuͤrzung, da er ſich durch ſein Anſehen als Handelsherr, ſo wie durch ſeine Guͤ⸗ ter in Florenz, aus der unangenehmen Lage zu be⸗ freien hoffte, in der er ſich gegenwaͤrtig befand. Ehe er nach Rothlingen kam, hatte er ſich ei⸗ nige Monate in der Reſidenz aufgehalten, meh⸗ rere bedeutende Wechſel auf ſein Haus daſelbſt gegen baare Summen ausgeſtellt, damit eine Pharobank errichtet und ſich betruͤgeriſcher Spiel⸗ kuͤnſte verdaͤchtig gemacht, weshalb er ſich heim⸗ lich von dort entfernte. Die Polizei, welche ſchon bei ſeiner Anweſenheit in der Reſidenz ſein Thun aufmerkſam beobachtete, wurde indeſſen von ſeinen Glaͤubigern— welche die Nachricht von ſeinem Banquerotte fruͤher erhielten, als er ſelbſt— zu ſeiner Verfolgung und Feſtnehmung aufgefordert, traf ihn noch in Rothlingen, als er eben im Begriff war, abzureiſen, kuͤndigte 14 133 AAANN ihm Arreſt an, und nahm ſeine ſaͤmmtlichen Pa⸗ piere und Effekten in Beſchlag. Meine Rolle iſt ausgeſpielt’”— ſprach er dumpf vor ſich hin.—„Alle Genuͤſſe der Welt hab' ich ausgekoſtet— nichts iſt mir bekannt, was mir noch zu genießen uͤbrig bliebe— das war der Zweck meines Lebens ſeit meiner Kind⸗ heit, er iſt erfuͤllt— ich bin geſaͤttigt!— Und dennoch loderte vor wenig Stunden— wie eine ſtillserhaltne Flamme im ausgebrannten Gebaͤu⸗ de= noch einmal jene Leidenſchaft in mir em⸗ por, die, herrſchend vor allen andern, dicht ne⸗ ben ihren wolluſtwarmen, ſchwellenden Dunen⸗ lagern, mein fruͤhes, kaltes Grab bereitete. Gluͤhend ſog mein Auge noch einmal die fuͤßen, friſchen Reize eines Weibes ein— ſie lag in mei⸗ nen Armen— ſie war mein— mein ihrer Un⸗ ſchuld unentweihte Bluͤthe!— Ein Feuermeer durchwogte meine Bruſt— in meinen Adern roͤmte ſiedend heißes Blut— da trat das ſchreck⸗ liche Phantom vor meine Blicke— der Stam⸗ melnde rief lanter als des Himmels Donner in meines Herzens tiefſter Kluft den laͤngſtentſchlaf⸗ nen Wurm ins rege Leben, der beim Erwachen 134 MAWANAN in tauſend Windungen ſich kruͤmmte, den Banu des ſelbſterſchaffnen Glaubens— der Gott, Ewigkeit und Jenſeits leugnet— in ſeinen Truͤmmern niederzuſtuͤrzen. Sein gluͤhender Sta⸗ chel entnervte mich, ich ließ die heißerſehnte Beu⸗ te fahren, entſloh— floh in die offnen Armen der lauernden Gerechtigkeit— und bin gefangen — Bettler!— Mein Leben iſt mir eine Buͤrde, ich werf' es hin, wie ein verbrauchtes Gut.— Doch, wenn es mehr als Aberglauben waͤre, was die Prieſterzunft vom kuͤnftigen Leben predigt— von Gericht und Weltenſchoͤpfer?“— Er ver⸗ ſank in tiefes Sinnen, zitterte immer heftiger, ſeine Augen traten weit aus ihren Hoͤhlen hervor, ſtarrten unbeweglich auf den Boden, und kalter Todesſchweiß bedeckte ſeine Stirn.„Dann fuhr er mit gebrochner Stimme fort—„dann bin ich verflucht, zu ewiger Qual verdammt von meinem Richter!“— Eine lange Pauſe erfolg⸗ te; ſeine Sinne verwirrten ſich, dann ſprang ergg ploͤtzlich auf, ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, und ſtreckte beide Arme, wie abwehrend, weit vor ſich hinaus. Die furchtbarſten Schreck⸗ bilder giengen langſam und drohend an ſeiner — ¹ 3 —— 135 WWANNN wirren Phantaſie voruͤber. Er glaubie die un⸗ gluͤckliche Laura zu erblicken, bleich, in ihrer Todtenhuͤlle dem Grabe entſtiegen;—„o hinun⸗ ter!— hinunter!“ ſchrie er laut, und ſank, uͤberwaͤltigt von der Folterqual ſeines Gewiſſens, zu Boden. Seine Glieder waren gelaͤhmt, ver⸗ gebens war er bemuͤht, ſich aufzuraſſen, ſchlug die geballten Faͤuſte blutig, raſete gegen ſich ſelbſt, und weißer Schqum trat auf ſeine Lippen, als er angſtbeklemmt die Worte hervorſtoͤhnte:„dort — dort— der Bube mit den bekannten Zuͤgen — wie er mit meinem eignen blinkenden Meſſer nach meinem Herzen zielt— wie ſeine Lippen zucken— wie die gelaͤhmte, blutige Zunge ſtam⸗ melt— laut und fuͤrchterlich, wie Fluch und ewige Verdammniß: Vater!— Vater!“ Ohnmaͤchtig ſtuͤrzte er zuruͤck, als eben die Thuͤr geoͤffnet wurde, und der Polizeicommiſſa⸗ rius hereintrat, ſeinen Arreſtanten abzurufen. Er war beſtuͤrzt, ihn blutend am Boden liegend A finden, und glaubte ſchon, er habe ſeinen Tod eigenmaͤchtig durch gewaltſame Mittel beſchleu⸗ nigt, doch bald ſchlug er die Augen auf, ſeine wilde Raſerei kehrte zuruͤck, und er mußte mit 136 Huͤlfe der Gensd'armes in den harrenden Wagen gebracht werden, der ihn nach der Reſidenz fuͤh⸗ ren ſollte. Doch ſchon auf der naͤchſten Station ſog er Gift aus einem der Ringe, die er an ſei⸗ nen Haͤnden trug, und hauchte nach wenigen Minuten, unter den fuͤrchterlichſten Qualen ſei⸗ ne Seele aus. 20. n Auf Ludwigs Geſundheit ſchien das Hinab⸗ ſtuͤrzen in den Fluß ſehr nachtheilig gewirkt zu haben. Er erwachte gegen Morgen aus einem unruhigen Schlummer und erkannte ſeine guten Eltern, welche noch an ſeinem Lager wachten, nicht wieder in wilder Fieberhitze. Die naͤheren Umſtaͤnde, welche bei dem ungluͤcklichen Ereig⸗ niſſe im Hoͤlzchen Statt gefunden, waren den beiden guten Alten unbekannt geblieben, denn die Maͤnner, welche ihren Sohn ins Haus brach⸗ ten, wußten nichts weiter auszuſagen, als daß ſie ihn am Ufer des Fluſſes in den Armen eines 137 NMAVNANANAN Mannes gefunden, der ſich ſogleich bei ihrer Naͤ⸗ herung entfernt, weshalb ſie ihn in der Daͤmme⸗ rung nicht erkannt. Ludwig ſelbſt aber ſchien ſich in lichten Augenblicken des Unfalles nur mit Aufregung ſchmerzlicher Gefuͤhle zu erinnern, weshalb der Arzt auch den Eltern andeutete, ihn mit jeder Frage deshalb zu verſchonen. Doch ungefaͤhr am achten Tage der Krank⸗ heit ſchien ſein Zuſtand gefahrloſer; er durfte zum erſten Male ſein Lager verlaſſen, ſprach aber noch immer nur wenige Worte, welche die Em⸗ pfindungen kindlicher Dankbarkeit fuͤr die ſorg⸗ ſame Pflege ſeiner guten Eltern ausdruͤckten, nahm dann ſtill ſeinen Platz am Fenſter und blickte mit ſchmerzlichem Laͤcheln hinuͤber nach Mathildens Wohnung. Sie ſelbſt aber ſah er nirgends, denn Heimlich ſchien jetzt mit Fleiß und Eifer ſich ſelbſt dem Geſchaͤfte ſeines Handels unterzogen zu ha⸗ ben, und befand ſich ſtets allein im Laden. Als Ludwig dies bemerkte, wich die ſanfte Roͤthe, welche die wiedergekehrte Lebenskraft auf ſeine Wangen gehaucht, aufs neue; heftiger als je⸗ mals ſchien ihn eine ſchmerzliche Empfindung zu ergreiſen, denn er glaubte jetzt gewiß, daß Ma⸗ 138 AANANNN thilde Braut, ja vielleicht ſchon die Gattin eines Andern ſey. Er glaubte ſich verſchmaͤht, betro⸗ gen— heiße Thraͤnen entquollen ſeinen Augen, er rang die Haͤnde wie im tiefſten Schmerz und mußte wieder auf ſein Lager gebracht werden. Seine Eltern hatten ihn genau beobachtet, ſie empfanden die innigſte Freude bei ſeiner Ungeduld, mit welcher er vor wenig Minuten ſein Kranken⸗ bett zu verlaſſen wuͤnſchte, ſie unterſtuͤtzten ihn, als er mit ſchwankenden Schritten bis zum Fen⸗ ſter gieng, und druͤckten ſich ſtill erfreut und un⸗ geſehen von ihm die Haͤnde, als ſie ſein Laͤcheln — indem er durchs Fenſter blickte— auf eine frohe Regung ſeines Herzens deuteten.— Um ſo heftiger waren ſie erſchrocken, als ſie den ploͤtz⸗ lichen Ruͤckfall gewahrten, ohne zu ahnen, daß ſeine heiße Liebe jetzt die einzige Urſache ſeiner Krankheit ſey, bis der ſchnell herbeigerufene Arzt ſie darauf aufmerkſam machte, der ſeinen Ge⸗ muͤthszuſtand laͤngſt ergruͤndet hatte. Endlich, als die Abenddaͤmmerung hereinbrach, ſchien er ruhiger zu werden; ſtille Wehmuth ruh⸗ te auf ſeinen Zuͤgen, und leiſe fragte er ſeine Mut⸗ ter, die, aͤngſtlich jede ſeiner Bewegungen belau⸗ —*— ſchend, bei ihm ſaß:„die Johanniskronen ſind wohl laͤngſt verwelkt?“ 4 „Verwelkt, mein guter Sohn“— erwiederte ſie—„jedoch die eine hat— wie ich glaube— Rebekka auf der Hausflur aufgehaͤngt.“ „ und welche iſt es?“ fragte er wieder. „Wenn ich nicht irre, waren's weiße Lilien und Roſen“— fuhr ſeine Mutter fort. „O, laß mich ſie ſehen!“ rief er ſchnell und ſtreckte beide Arme verlangend danach aus. Seine Mutter konnte ſich nicht erklaͤren, wie ihm jetzt ſo ploͤtzlich die Erinnerung an die Jo⸗ hanniskronen in den Sinn gekommen; doch da ſie gern jeden ſeiner Wuͤnſche erfuͤllte, den ſie zu gewaͤhren vermochte, ſo brachte ſie die Krone ſchnell herbei, und reichte ſie ihm dar. Mit truͤbem Ernſte ſchien ſein Blick darauf zu ruhen, als er ſie jetzt in ſeinen Haͤnden hielt, die vertrockneten Roſenblaͤtter um ſich herſtreute, und vergebens ſich bemuͤhte, die zuſammengefal⸗ teten Lilienknospen auseinander zu rollen, als ob er der Bluͤthe friſche Formen aufs neue daraus bilden wolle.—„Nein— nein!“ rief er endlich ſchmerzlich aus—„es iſt vorbei!— Die Blu⸗ 140. AAAN men ſind verwelkt in ihrer ſchoͤnſten Pracht, wie meine Hoffnungen, und im Momente der Ent⸗ faltung, im Emporſtreben zum heiligen Himmels⸗ lichte traf der duͤrre Tod die zarten Knospen, wie meine Liebe die unheilbare Todeswunde empfieng im wonnereichen Augenblicke, wo auf dem Gipfel irdiſcher Gluͤckſeligkeit ihr Keim in meiner Bruſt ſein bluͤhend Haupt erhob, verlangend ſeine Zwei⸗ ge ausgebreitet zur innigen Vereinigung, die ſuͤßduftende Bluͤthe zarter Gegenliebe zu umfan⸗ gen. Es war ein ſchoͤner Traum, voll hoher, heiliger Wonne, umhuͤllt vom Roſenlichte eines Fruͤhlingsmorgens, das neues Leben haucht durchs ganze All; er ſchwand zu fruͤh dahin— zu fruͤh umfaͤngt mich ewige qualenvolle Racht 1— Noch einen Blick voll tiefer Wehmuth warf er auf die entblaͤtterte, verwelkte Blumenkrone, dann reich⸗ te er ſie ſeiner Mutter, und ſprach innig bittend mit leiſer Stimme:„gieb mir die welken Blumen mit ins Grab l⸗ 3 Ihre Thraͤnen zu verbergen, wendete ſich ſei⸗ ne Mutter ab von ihm, und ſein Vater trat jetzt, vom Schmerz gebeugt, naͤher an ſein Krankenla⸗ ger und ſprach mit tiefer Ruͤhrung:„Ludwig— . 141 * MWAAAAA Deine Mutter weint Tag und Nacht— ich tra⸗⸗ ge den Jammer tief in meiner Bruſt, und zent⸗ nerſchwer in meinem Herzen haͤuft der bittre Gram ſich taͤglich auf— er wird mein Herz zer⸗ ſprengen, Ludwig, noch eh' er die Haare bleicht auf meinem Scheitel, wenn ich Dich und alle meine Hoffnungen zu Grabe tragen muß. Nich⸗ te Dich und Deine tiefgebengten Eltern wieder auf, mein Sohn!— Der Doctor ſchwatzt viel von Seelenleiden, vom Herzenswurme, von Ge⸗ muͤthszuſtand, und weiß der Himmel, was noch ſonſt— davon verſteht Dein ſchlichter Vater keine Sylbe— Du mußt das ſelbſt am beſten wiſſen, wie Dein innrer Menſch beſchaffen iſt, was in Deiner Bruſt verborgen liegt. Sey offen gegen Deinen Vater, wie's dem Sohne ziemt! Schließ auf Dein Herz, ſprich aus, was Dich bekuͤm⸗ mert, und wenn ich helfen kann— Junge, und wenn'’s mein Blut und Leben koſtet— ich helſe Dir!“ 42 Ludwig reichte ihm beide Haͤnde dar, druͤckte ſie ihm mit dem Gefuͤhle der innigſten Dankbar⸗ keit, ſeufzte tief, und ſchuͤttelte ſtill und ernſt ſein Haupt. 142 AAANê Sein Vater blickte ihm lange und ſchmerzlich ins Auge, als wolle er in ſeinem Innern leſen, und endlich fuhr er fort:„Ich verſtehe Dich nicht, Ludwig! Worte will ich— Worte, die aus Dei⸗ nem Herzen kommen.“— Er ſetzte ſich bei ihm nieder, legte den rechten Arm um ſeinen Nacken, und ſtrich ihm mit der linken Hand uͤber die blei⸗ che Stirn; dann ſprach er wieder, indem er ihn forſchend beobachtete:„der Nachbar Heimlich hat das Spiel abgeſchworen— er arbeitet wacker, und iſt wieder auf dem geraden Wege, ein bra⸗ ver Mann zu werden— Doch Ludwig unterbrach ihn, eh' er ſeine Rede noch vollendet; geſpannte Aufmerkſam⸗ keit aͤußerte ſich in ſeinen Mienen und Gebehr⸗ den, als er den Namen„Heimlich“ ausſprechen horte, und indem er ſein Antlitz an ſeines Vaters Bruſt verbarg, rief er aus:„das iſt der Mann, der aus der dunklen Wellengruft, wo Tod und Nacht bereits mein Auge deckte, mich ans Licht gezogen, damit ich nur aufs neue, langſam, un⸗ ter tauſend Qualen, mein Leben enden ſollte!“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo ſprang ſein Vater auf, ſchlug voll Staunen 7 d beide Haͤnde ineinander; auch ſeine Mutter, die weinend am Fenſter ſtand, ließ die weiße Schuͤr⸗ ze, womit ſie ihre Thraͤnen trocknete, herabfal⸗ len, und trat verwundert naͤher. „Alſo Heimlich war es, der Dich aus dem Fluſſe zog? der Dir das Leben rettete?“ fragte Scholle dringend, und ſo ungern auch Ludwig ſich des ungluͤcklichen Johannisabends erinnerte, ſo konnte er jetzt doch nicht umhin, ſeinen El⸗ tern aufrichtig den ganzen Vorfall mitzutheilen und ihnen ſeinen Schmerz zu ſchildern, den das Gefuͤhl ſeiner, wie er glaubte, gekraͤnkten Liebe in ſeine Seele goß bei dem Gedanken, daß Ma⸗ thilde durch eine Verbindung mit jenem Fremden fuͤr ihn auf ewig verloren ſey. 1 Unwillkuͤhrlich ſanken die beiden guten Alten einander in die Arme, und jede ihrer Bewegun⸗ gen ſprach laute, innige Freude aus; Ludwig aber richtete ſich halb empor und beobachtete ſle in geſpannter Erwartung. Endlich brach ſein Vater froͤhlich in die Worte aus:„Alſo das war Dein Seelenleiden? das iſt der boͤſe Herzens⸗ wurm, von dem der Doctor ſprach?— Junge, da weiß ich ein kapitales Mittel dafuͤr!— Nimm A . das Maͤdchen in Gottes Namen zur Frau, und wenn ſie Dir die Grillen aus dem Kopfe treibt, wenn ſie Dich kurirt— will ich ſie lieb ha⸗ ben, wie mein eignes Kind, und ihren Vater — den der Himmel ſtaͤrke in ſeiner Beſſe⸗ rung— wie meinen leiblichen Bruder!— Armer Narr! haſt Dich gequaͤlt, wie ein Schwindſuͤchtiger, der nicht leben, nicht ſter⸗ ben kann, mit Deiner ſtillen Liebe. Hät⸗ teſt fruͤher ſollen Deinem Herzen Luft ma⸗ chen, haͤtteſt ſollen Vater und Mutter zu Vertrauten machen, ſo wuͤßteſt Du's laͤngſt, daß an dem Geplapper von Heirath nichts dran war, daß der Italiener ein Schurke war, daß Dein Maͤdchen noch frei iſt, wie's Lamm auf der Weide, daß— ei, ſo laß Dir von Deiner Mutter erzaͤhlen! ich muß zum Nach⸗ bar Heimlich, muß ihm die Hand ſchuͤtteln, muß ihn ans Herz druͤcken, muß ihm dan⸗ ken aus vollem Herzen— hat ja meinen Jun⸗ gen aus dem Waſſer gezogen 1K Und eilig ſchleuderte er die Hausjacke, ſammt Guͤrtel und Schuͤrze von ſich, warf einen Rock uͤber, und ſchritt, Trotz ſeiner 145 WMVAN Koͤrperſchwere, ſo gewaltig aus, daß er, ehe eine Minute vergieng, ſchon vor der Thuͤr des grauen Haͤuschens ſtand. Mutter Scholle aber berichtete indeſſen in moͤglichſter Breite alle Vorfaͤlle, die ſich in Heimlichs Hauſe ſeit ſeiner Krankheit zuge⸗ tragen, und die ihr die alte Sophie un⸗ ter dem Siegel der Verſchwiegenheit vertraut, ihrem Sohne, deſſen Augen jetzt beim leuch⸗ tenden Schimmer der vor ihm aufſteigenden neuen Hoffnungsſonne freundlich erglaͤnzten, auf deſſen Wangen ſich die Roſengluth der Liebe malte, die jetzt, befreit von jeder Schmerzensqual, im freien Buſen wogte. 1 21. 1 Heiinlich war uͤberraſcht, ſeinen reichen Nachbar, zum erſten Male ſeit zehn Jah⸗ ren, ſeine aͤrmliche Wohnung betreten zu ſehen. Doch dieſer trat ihm raſch entgegen mit einem hochrothen Angeſichte, das vor II. 10 146 Freude glaͤnzte, ſchuͤttelte ihm mit biederer Herzlichkeit die Hand, und ſprach: hich bin kein Mann von ſchoͤnen, glatten Worten, Nachbar, die in der Luft verfliegen, wie Po⸗ madenduſt, und nur die Sinne eitler Men⸗ ſchen kitzeln— ich bin ein gerader Mann, und biete Ihnen mein Herz fuͤr meines Sohnes Lebensrettung; aber auch mein gan⸗ zes Haus, mein Geldkaſten iſt fuͤr Sie ge⸗ oͤffnet zu jeder Stunde. Wir muͤſſen uns naͤher kennen lernen, wir muͤſſen Freunde werden— ich ſehe ſchon, es herrſcht ein andres beſſeres Weſen in Ihrem Innern, als ſonſt; ich will Sie bei gelegner Zeit ſchon koram nehmen uͤber dies und das— doch das paßt jetzt alles nicht in meinen Kram. Geben Sie mir Ihre Hand noch einmal— in meine Arme, Herr, an mei⸗ ne Bruſt! Sie haben meines Weibes Stolz, alle Freuden meines Alters gerettet, und nun— ſagen Sie's gerade heraus— druͤckt's noch hier und da? he? wo brum⸗ men die Baͤren noch? will ſie losbinden aut— dor Stelle! 147 „„Doch Heimlich lehnte beſcheiden jede Huͤl⸗ fe ab:„durch eigne Schuld gerieth mein Geſchaͤft in Verfall“— erwiederte er—„es iſt mein feſter Wille, durch eignen Fleiß es wieder aufzurichten. Ich bin aus meinem Taumel erwacht, noch iſt es nicht zu ſpaͤt zur Beſſerung, und wenn Sie mich dazu jetzt noch fuͤr wuͤrdig achten, ſo bitt ich um Ihr Herz als Freund— Thr Geld nnß ich verſchmuͤhen.“ uJa, Herr, Ihr Freund mit Rath und That!e rief Scholle, nahm ihn beim Kopfe, kuͤßte ihn herzlich, und trat nun als Frei⸗ werber ſeines Sohnes auf; Heimlich aber, eben ſo uͤberraſcht als erfrent, trug keinen Augenblick Bedenken, ſeine vaͤterliche Ein⸗ willigung zu geben. Indeſſen wandelte Mathilde im Garten unter ihren Blumen, allein zwar, doch in der lebhafteſten Unterhaltung mit ihrem Her⸗ zen, das oft mit lauter Stimme zu ihr ſprach, wenn ſie auch eben ſo oft ihm Schweigen gebot. Stille Trauer uͤber Lud⸗ wigs Krankheit, uͤber deſſen Beſinden ſie 0 148 taͤglich bei Rebekken ſorgfaͤltige Erkundigung einzog, hatte ihren kanm wieder erwachten Frohſinn verſcheucht; doch die Hoffnung auf ſeine Geneſung trat jetzt oͤſter als jemals, ſchweſterlich vereint mit einer andern ſͤſſen Hoffnung, die ſie ſtil im Herzen barg, vor ihre Seele, und zeigte ihr im fernen Zukunftsſpiegel ein ſtillerſehntes Gluͤck. Denn ſie glaubte jetzt keinen Grund mehr vor⸗ handen, der ihre fruͤhere edelmuͤthige Ent⸗ ſagung auch jetzt noch beſtaͤtigen koͤnnte als unwiderruſtich, da alle die druͤckenden Verhaͤltniſee, welche ſie dazu beſtimmten, gluͤcklich gehoben, und ihr Vater, bei der zum Vortheil ſeines Geſchaͤftes veraͤnderten Lebensweiſe, ihre Huͤlfe entſchieden von ſich wies. Deshalb glaubte ſie auch jetzt der Stimme ihres Herzens folgen zu duͤrfen, ohne ihre kindliche Pflicht zu verletzen, ob. gleich Lndwigs Reichthum ſie beſtimmte, die⸗ ſem innern Rufe ein beſcheidnes Schweigen aufzulegen und an der Einwilligung ſeiner Eltern in Wweifoin; doch unbeſchreiblich war ihre Ue eraſchung, als ſie jetzt zu ihrem 1 149 MW Vater gerufen wurde, und dieſen in Ge⸗ ſellſchaft des wackern Fleiſchermeiſters antraf, der ſie mit Herzlichkeit in ſeine Arme ſchloß und ohne weitere Erklaͤrung mit dem Na⸗ men„Tochter“ begruͤßte. Hocherroͤthend blick⸗ ten ſie ihm verlegen und zweifelnd ins Au⸗ ge, doch Scholle ergriff ihre Hand, und zog ſie mit ſich fort, indem er ausrief: „nur mir nach, mein Kind! mein Lud⸗ wig bedarf noch der Arznei! der Braut⸗ kuß, denk' ich, wird ihn ſchnell auf die Beine bringen.“ Doch diesmal hatte ſich der gute Mann geirrt, denn Ludwig befand ſich ſchon auf den Beinen. Nachdem er ſich uͤberzeugt, daß alle ſeine Zweifel grundlos waren, litt es ihn nicht laͤnger mehr im Bette, er kleidete ſich an und ſetzte ſich wieder ans Fenſter, unverwandt nach dem grauen Haͤus⸗ chen blickend. Eine hohe Purpurrdͤthe faͤrb⸗ te ſeine Wangen, als er Mathilde an der Hand ſeines Vaters uͤber die Straße kom⸗ men ſah; mit oſfnen Armen ſlog er ihr entgegen, ſie widerſtrebte ſeiner Umarmung 1⁵⁰ AMWVAIN nicht mehr, legte ihr Lockenkoͤpſchen auf ſei⸗ ne Schulter, blickte ihm zaͤrtlich ins Au⸗ ge, und faſt zu gleicher Zeit rief Scholle mit ſeiner Gattin, tiefgeruͤhrt beim An⸗ blicke der Gluͤcklichen:„Der Segen des Himmels geleite Ench auf Eurer neuen Le⸗ bensbahn!“ Heimlich aber, der freudenvoll ſeiner Tochter nachgegangen, ließ aus dem dunkelſten Winkel des Zimmers ein lautes, freudiges„Amen!“ ertoͤnen. 1 7 2. Nach wenigen Tagen erblickte man am grauen Haͤuschen ein glaͤnzendes Aushaͤnge⸗ ſchild mit der Unterſchrift:„zur goldenen Kugel“, welches Heimlich, zur dankbaren Erinnerung an ſeine Rettung vom drohen⸗ den Verderben, fertigen ließ; und unver⸗ kennbar zeigte ſich auch hier von neuem der Kugelſegen wieder, denn das neue Schildd lockte bald eine Menge Gaͤſte herbei, wel⸗ 4 — — 151 MW che erſt aus Neugierde, um ſich von der Einrichtung der neuen Schenkwirthſchaft im geſchmackvoll aufgeputzten Garten zu uͤber⸗ zeugen, ſpaͤter aber aus wahrer Neigung zu dem artigen flinken Wirthe— der ſich, wider Vermuthen, ſchnell in ſein neues Geſchaͤft ſchicken lernte— herbeikamen und bald einſtimmig behaupteten, daß ſie ihre Erholungsſtunden nirgends vergnuͤgter zubraͤch⸗ ten, als in der goldenen Kugel. Nothwendigerweiſe brauchte die Frau Flei⸗ ſchermeiſterin vier ganze Wochen zur Vor⸗ bereitung auf die bevorſtehende Hochzeit ih⸗ res Sohnes, waͤhrend welcher Zeit ſie Ma⸗ thilde naͤher kennen und hoͤher ſchaͤtzen lern⸗ te, weshalb ſie auch mit keiner Sylbe der mangelnden Mitgift erwaͤhnte; doch wurde ſie um ſo freudiger uͤberraſcht, als ſie am Polterabende eine vollſtandige Ausſtattung in ihr Haus ſchaffen ſah, welches vorlaͤu⸗ ſig zur Wohnung der jungen Eheleute be⸗ ſtimmt war. Der gute Paut ließ ſich, nach⸗ dem er ſeine Wechſel nebſt den aufgeſumm⸗ ten Interoſſen bezogen, durch keine Weige⸗ 15² WAAAAA rung hindern, ſeine ſchweſterliche Freun⸗ din ſo reichlich auszuſtatten, als es ihre zu⸗ kuͤnſtige Schwiegermutter nur wuͤnſchen konn⸗ te, da er jetzt um ſo mehr jede Gelegen⸗ heit benutzte, ſeine Dankbarkeit fuͤr ihre lie⸗ bevolle Begegnung an den Tag zu legen, in⸗ dem er nach Rom ſich zu begeben beſchloſ⸗ ſen hatte, wo er ſich ſpaͤten zu einem ach⸗ tungswerthen Kuͤnſtler bildete, nund in der Tochter ſeines daſigen Lehrers, eines be⸗ ruͤhmten Malers, eine zaͤrtliche Gattin und liebevolle Freundin fand fir. ſeine ganze Le⸗ benszeit. 4 Mi rdk Der Harhwitstag im Gaſthofe zum ro⸗ then Ochſen brach an, und wurde auf buͤr⸗ gerliche Weiſe ſtattlich gefeiert, und als nach der Mittagstafel, ſtatt ſeines gewoͤhn⸗ lichen Schlaͤſchens, der Fleiſchermeiſter nach einer kraͤftigen Leibesbewegung ſich ſehnte, begab er ſich mit mehrern Theilnehmern des Feſtes nach der neuangelegten Kegelbahn in Heimlichs Garten, indem er den Vovſchlag that, ſie auf der Stelle einzuweihen. In ſchnurgerader Richtung warf er die erſte Ku⸗ 153 AMARN get, und lauter als die jubelnden Gaͤſte, daß es durch ganz Rothlingen wiederhallte, bruͤllte der Kegelbube:„Alle Neunele 9 Alle die goldenen Wirthſchaftsregeln, wel⸗ che das Hausmutterchen den jungen Eheleu⸗ ten als Deſert zum Beſten gab, verſlogen ungehoͤrt von ihnen, denn ihr Gluͤck be⸗ ſchaͤftigte ſie zu ſehr, um Augen und Oh⸗ ren fuͤr etwas anderes zu oͤffnen, als fuͤr oinander ſelbſt. Nach kurzer Zeit aber wurde Ludwig als Pfarrer nach einem freundlichen Doͤrf⸗ chen beruſen, kaum eine halbe Stunde von Rothlingen gelegen, und als zum erſten Male wieder der Johannistag im heitern Fruͤhlingsglanze Hain und Flur belebte, da ſtand vor der Thuͤr des Gaſthofes zum ro⸗ then Ochſen der Hollſteiner mit den muntern Braunen, harrend auf das Schollenſche Ehe⸗ paar und den Nachbar Heimlich; nachdem aber das ziemlich ſchwere Kleeblatt aufgeladen worden, gieng's, noch ſchneller als im vo⸗ rigen Jahre um dieſelbe Zeit, zum Thore hinaus, denn alle drei ſehnten ſich, den 154 MWWARNM kleinen Stammhalter des Schollenſchen Hau⸗ ſes, womit der Himmel die jungen gluͤcklichen Pfarrersleute in der Johannisnacht beſchenkt, zu ſchauen, zu herzen und zu kuͤſſen. —— —— 1 8 — — — — — — — — S8 Taube Schiess n b — MWAAAAAA 1. 1n an tlie Die erſten Strahlen der Morgenſonne vergol⸗. deten das dunkle Laub der Eichenwipfel, ein ziemlich rauher Oſtwind ſchuͤttelte die gelben und. rothen Blaͤtter von den kahlen Obſtbaͤumen her⸗ ab, trieb ſie ſpielend auf welkenden Grashalmen im Kreiſe herum, und einzelne losgeriſſene Spinnenfaͤden— welche Stoppelfelder und Wie⸗ ſen uͤberzogen, als ob ſie mit ihrem ſeidenen Ge⸗ webe den Grund legen wollten zum unermeßli⸗ chen Winterſchleier, der ſchon nach wenigen Wochen die ganze Natur mit kalter Silberhuͤlle bedecken ſollte— ſchwebten dicht bereift, wie lan⸗ ge Perlenketten, vom friſchen Morgenwinde auf⸗ waͤrts getrieben, dem blauen Wolkenmeere zu, farbig erglaͤnzend im gluͤhenden Morgenroth. Da wandelte, mit der Jagdflinte bewaffnet, der Baron von Hirſchbach, in Begleitung ſeines alten Jaͤgers, durch den Schloßgarten, um im nahen Forſte durch Jasdluſt ſich die Zeit zu kuͤr⸗ 158 WVNNNAN zen. Doch hatte er noch nicht die kleine Pforte erreicht, welche aus dem Garten hinausfuͤhrte aufs freie Feld, als ihm die ſonſt immer heitre Philippine, ſeine einzige Tochter, aus einer ent⸗ blaͤtterten Roſenlaube ganz betruͤbt entgegentrat, ihre friſchen Purpurlippen ihm zum Morgenkuſſe bot, doch gleich darauf ihr Koͤpfchen wieder ſin⸗ 4 ken ließ, und nicht wie ſonſt, ſich an ſeinen Arm haͤngend, ihn begleitete, ſondern mißmuthig an ihm voruͤbergieng, indem ſie rechts und links blaue und rothe Aſtern— die letzte Zierde der herbſtlichen Blumenbeete— abriß und wieder von ſich warf in den gelben Sand, welcher die Wege bedeckte. So wenig auch Hirſchbach den Truͤbſinn auf dem Angeſichte irgend eines Men⸗ ſchen leiden mochte, ſo war er es am wenigſten gewohnt, auf der immer heitern Stirn ſeiner Tochter truͤbe Wolken zu erblicken, deren froͤhli⸗ che, unbefangene Laune ſie ihm vorzuͤglich ſo⸗ theuer werden ließ, daß er ſie mit wahrhaft vä⸗ terlicher Waͤrme liebte. Nhat A u Ihr verwundert nachblickend, blieb er deshalb auch jetzt zuruͤck, indem er dem alten Thomas einen Wink gab, voraus zu gehen, und rief ihnh 159 AWMAMN zu:„halt, halt, mein Taͤubchen! wo ſehlt's? warum haͤngſt Du Dein Koͤpfchen, wie ein Krammetsvogel in der Schlinge? was hat Dich ſo fruͤh aus dem warmen Neſtchen getrieben?“ Sie kam langſam zuruͤck— dann ſchnell und immer ſchneller, bis ſie endlich in ihres Vaters Arme flog, ſich zaͤrtlich an ihn ſchmiegte, und zu ihm ſprach:„ich bin heute recht verdrießlich, 8 Vaͤterchen, ein boͤſer Traum hat mich erſchreckt.“ „Ein Traum alſo?“ entgegnete Hirſchbach, indein er ſich freundlich zu ihr herabbeugte und ihre Wangen ſtreichelte.—„Wenn's ſonſt nichts iſt! ein Traum entflieht ja mit der Morgenroͤthe, und eh' es Abend wird, haſt Du ihn laͤngſt ver⸗ geſſen.“ „Ach nein— den Traum vergeß' ich in mei⸗ nem ganzen Leben nicht wieder“— antwortete ſie, und verbarg ihr Antlitz aͤngſtlich an ſeiner Bruſt, als ob ſie fuͤrchtete, daß das naͤchtliche Traumbild ihr aufs neue erſcheinen moͤchte. Dann fuhr ſie fort, mit heimlichem Grauen: „denke Dir nur— ich ſah den garſtigen Baron von Heſterfeld im Traume; ach, er that ſo freunda: lich mit mir, hielt mich feſt bei der Hand und 3 8* 460 AAAAAAARN knieete vor mir nieder, daß mir recht bange wur⸗ de. Ich bat ihn, er möͤchte mich loslaſſen, er aber ſchnitt wunderliche Geſichter, und druͤckte meine Hand dabei ſo ſtark an ſeine Bruſt, daß ich laut auſſchreien mußte. Daruͤber wurdelich recht ernſtlich boͤſe, knipp ihn mit der Linken ins Ohrlaͤppchen, er aber ließ mich doch nicht losz da zupfte ich ihn endlich in meiner Herzensangſt e aber wahrhaftig nur⸗ mit zwei Fingern— ein klein wenig an ſeinen gekraͤnſelten Haarlocken, und denke Dir meinen Schrecken— die ganze Friſur blieb in meiner Hand, und kahl, wie mei⸗ ner Tante Haubenkopf, war ſein ganzer Schei⸗ tel. Da knieete das Jammerbild zu meinen Fuͤſ⸗ ſen, knirſchte vor Wuth mit den Zaͤhnen— ach Vater! er ſah recht haͤßlich aus— bedeckte mit beiden Haͤnden ſeine Glatze und lief eilig davon.— Ich kann's noch immer nicht vergeſſen ſag mir doch, Vaͤterchen, traͤgt er denn wirklich ei⸗ ne Peruͤcke?“ S un Atr Hi eh etas 0 „Albernes Maͤdchen li erwiederte Hirſchbach lͤchelnd—„was weiß ich's, und was haſt Du danach zu fragen?ir en 1 e e an 161 WWANNN Nun, ich daͤchte doch, das muͤßt' ich wiſ⸗ ſen“— entgegnete ſie mit komiſchem Ernſte— „Tante Emerentia ſagt ja, daß ich ihn heirathen ſoll! Doch kaum hatte ſie dieſe Worte ausge⸗ ſprochen, ſo zog ihr Vater ſeine Augenbraunen finſter zuſammen und ſprach ernſt:„laß deshalb Deinen frohen Muth nicht ſinken, mein Taͤuh⸗ chen, noch biſt Du nicht ſein Weible wendete ſich ab und folgte ſeinem Jaͤger. Philippine aber blickte ihm lange narh, wie⸗ derhalte leiſ ſeine ketzten Worte:„noch bin ich nicht ſein Weib lee und ſetzte dann lauter hinzu: „und werd's auch nimmermehr!“ —* Heitrer huͤpfte ſie nun im Garten umher, und als ſie ihren Vater aus den Augen verloren, ſchlich ſie zum offnen Pfoͤrtchen hinaus, ſprang leicht⸗ fuͤſſig wie ein junges Reh uͤber die gelben Stop⸗ peln dahin, und befand ſich nach wenig Minu⸗ ten ſchon im Walde, wo ſie taͤglich Stunden lang umherſchwaͤrmte, Blumen pfluͤckte, Schmet⸗ I. 11 162 MnnmAn terlinge fiong, Eichhoͤrnchen von Baume zu Bau-⸗ me jagte, und ſich dort am gluͤcklichſten, am freieſten fuͤhlte. Ohne des Wegs zu achten, hatte ſie wohl ſchon ſeit einer Viertelſtunde die Gren⸗ zen von ihres Vaters Jasdgebiete uͤberſchritten, und befand ſich nun auf einmal unweit eines Ra⸗ ſenplaͤtzchens, rings von jungen Eichen umgeben, das zur Ruhe einzuladen ſchien. Dort lagerte ſie ſich ins weiche Gras, breitete die wenigen, ſpaͤten Herbſtblumen, die ſie geſammelt, auf ih⸗ 8 rem Schuͤrzchen aus, um einen Kranz daraus zu winden, und war noch nicht zur Haͤlfte damit ½ fertig, als ſie aufblickend dicht neben ſich zur Seite im Gebuͤſch einen jungen Mann im gruͤ⸗ nen Jagdkleide bemerkte, der ſie aufmerkſam zu beobachten ſchien. Freundlich gruͤßend trat er naͤher auf ſie zu, ſie aber blickte laͤchelnd ihm ins Auge, nickte ihm vertraulich zu, und bot d hin 3 herzlich einen guten Morgen. 8 Unbeweglich ſtand er in ihrem Anſchaun ver⸗ ſunken; er ſchien die ſchoͤnen regelmaͤßigen Zuͤ⸗ ge ihres offnen freundlichen Geſichts, die dichten braunen Locken, die ungekuͤnſtelt in natuͤrlicher Fuͤlle uͤber ihren blendendweißen Nacken herab⸗ 163 AnNAN rollten, das niedliche Fuͤßchen, die ſchoͤnen For⸗ men ihres ganzen Koͤrpers mit dem ſehr einfa⸗ then Anzuge— der dem einer Paͤchtorstochter aͤhnlich war— zu vergleichen, und konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, daß ein ſo wun⸗ derniedliches Maͤdchen in dem Stande, dem ſie threr Kleidung nach entſproſſen ſchien, eine ſel⸗ ztene, doch um ſo lieblichere Erſcheinung ſey— und nicht ohne Verlegenheit bat er ſie, einige Augen⸗ blicke bei ihr verweilen zu duͤrfen. Sie war ſchon ſo oft allein im Forſte umher⸗ geſchwaͤrmt, hatte hier faſt taͤglich fremde Men⸗ ſchen angetroffen, deshalb kannte ſie keine Furcht. Der junge Mann blickte ihr ja ſo treuherzig ins Auge, und ohne ſich lange zu bedenken, erwie⸗ derte ſie auf ſeine Bitte unbefangen:„hier iſt Platz genug im weichen Graſe, fuͤr Muͤde recht bequem.“— 3 Der Jaͤger legte ſchnell Hut, Buͤchſe und Waidtaſche von ſich, ſetzte ſich zu ihr auf den Raſen nieder, reichte ihr ſchweigend Blumen zum Kranze, an dem ſie noch immer flocht, oh⸗ ne ſich durch ſeine Gegenwart ſtoͤren zu laſſen. Zweifelnd beobachtete er ſie noch immer, und 11* 164 AMAAAN ſuchte vergebens Worte, eine Unterhaltung an⸗ zuknuͤpfen; doch Philippine, des aͤngſtlichen Schweigens muͤde, muſterte ihren ſtillen Geſell⸗ ſchafter ebeufalls mit ſcharfen Blicken und ſprach endlich laͤchelnd zu ihm:„Sind wir denn hier auf dem Anſtande, daß wir ſo ſtumm neben ein⸗ ander ſitzen, als wollten wir ein Hirſchkalb aͤſen hoͤren?— Antwort 1 wer ſind wir und wie heißen wir? Der vertrauliche Ton, mit dem ſie dieſe Wor⸗ te ſprach, und der an ſeiner einfachen Kleidung voruͤberſtreifende Blick ſchien ihm anzudeuten, daß ſie ihn vielleicht fuͤr einen Jaͤgerburſchen der 4 Umgegend halte, und deshalb entgegnete er auch, um ihre Vermuthung zu beſtaͤtigen:„ich heiße Georg und bin im Dienſte auf dem Gute Fich⸗ tenhain.“ Dieſe Antwort ſhien ihr zwar woßtoumnen zu genuͤgen, aber ploͤtzlich beunruhigte ſie der Ge⸗ danke, daß es wohl nicht ſchicklich ſey, wenn ſie — ein Fraͤulein von Hirſchbach— mit einem fremden Jaͤgerburſchen ganz allein mitten im Walde und neben ihm im Graſe ſitzend aaͤnger weile; doch gerade jetzt war ihr der Unterſchied 165 “ 7 des Standes, den ſie nie ſehr beachtete, aͤſtiger als jemals, denn mit innigem Wohlgefallen ließ ſie ihr Auge ruhen auf dem ſanftgebraͤunten An⸗ geſichte des Fremden, und indem ſie ſich ſelbſt ge⸗ ſtand, daß die rabenſchwarzen Locken, welche in reichlicher Fuͤlle ſeine hohe freie Stirn beſchatte⸗ ten, ihn recht wohl kleideten, daß unter den langgezogenen, ſanftgewoͤlbten Braunen die dun⸗ keln Augenſterne weit feuriger erglaͤnzten, weit kuͤhner in ihren Kreiſen rollten, als ſie jemals bei einem jungen Manne ſeines Standes be⸗ merkt, daß auf ſeinen Wangen Jugendfuͤlle und Geſundheit thronten— wurde der ſtille Wunſch in ihrem Buſen immer lauter, bei ihm zu wei⸗ len, wenigſtens noch ein halbes Stuͤndchen mit ihm zu plaudern. Dieſen Herzenswunſch deſto ungehinderter befriedigen zu koͤnnen, und zugleich auch ſein Vertrauen zu gewinnen, beſchloß ſie 8 ſchnell, auf kurze Zeit Stand und Namen zu verleugnen, und erwiederte ihm deshalb, doch nicht ohne Verlegenheit und leichtes Erroͤthen, indem ſie ihn jeßt mit dem vertraulichen Du an⸗ redete:„daß Du ein Waidmann biſt, das hab' ich Dir gleich angeſehen. Im Dienſte alſo? und 0 8 166 — NMAAAVVNNNAN druͤben in Fichtenhain?“ fuhr ſie langſamer fort—„ei nun! ein wackrer Jaͤgerburſche fin⸗ det uͤberall ſein Brod, wo's Forſte, Wild und Leckermaͤuler giebt. Nennſt Dich Georg? hm! den Namen hab' ich zwar in unſerm Dorfe noch nicht gehoͤrt, doch klingt er gar nicht uͤbel. Es freut mich uͤbrigens, daß Du ein Jaͤger biſt, denn Du mußt wiſſen, ich bin auch nur eine ar⸗ me Jaͤgerstochter.“ Georg zweifelte zwar keinen Augenblick an der Wahrheit ihrer Worte, denn er hatte etwas Aehnliches ja ſchon vermuthet, doch entſchwebte jetzt ein Seufzer ſeinen Lippen, und er vermochte nichts, als ein ganz leiſes:„ſo, ſo!“ hervorzu⸗ bringen. Philippine aber, dreiſter noch durch die ſchon ausgeſprochene Luͤge, fuhr weiter fort: „ja, ja! mein Vater iſt auch im Dienſte beim Baron von Hirſchbach—oo ſchon ſeit vielen Jah⸗ ren, und ich bin ſeine einzige Tochter.⸗“ Noch immer blieb Georg wortkarg, doch ſein Auge blitzte feuriger noch als zuvor, wenn es minutenlang auf den erbluͤhenden Reizen des nied⸗ lichen Naturkindes verweilte, unwillkuͤhrlich leg⸗ te er die Hand aufs Herz und fuͤhlte deſſen maͤch⸗ 3 ——— — 3 —— —.,.,— 167 ANNNN tiges Schlagen mit einer Aengſtlichkeit, die ſeine Verlegenheit nur noch vermehrte. Wie gern haͤt⸗ te er in denſelben vertraulichen Ton, mit wel⸗ chem ſie zu ihm geſprochen, eingeſtimmt— wie gern waͤre er naͤher zu ihr hingeruͤckt, haͤtte mit natuͤrlicher Freimuͤthigkeit und muntern Scher⸗ zen ein Geſpraͤch unterhalten, welches ihm we⸗ nigſtens ihren laͤngeren Anblick ſicherte— doch ſchon begann ein truͤbes Woͤlkchen auf ihrer Stirn poruͤberzuziehen, und leiſer Unmuth uͤber ſein Schweigen ſprach ſich aus in ihren Zuͤgen, als ſie, aufſtehend, den fertigen Kranz auf ihre Lok⸗ ken druͤckte, von ihrem Schuͤrzchen Blaͤtter und Blumenſtiele ſchuͤttelte, ihn mit ziemlich gleich⸗ guͤltigen, faſt ſpoͤttiſchen Blicken maß, und nach einer ſcherzhaften tiefen Verbeugung zu ihm ſprach:„Lebt wohl, mein ſtummer Herr! Ihr ſcheint wichtigen Betrachtungen nachzuhaͤngen; ich will nicht weiter ſtoͤren.“ Doch indem ſie ihn verlaſſen wollte, ſ ſchien ploͤtzlich ſeine Bloͤdigkeit zu weichen. Er ergriff ihre Hand, druͤckte ſie an ſeine Bruſt und ſprach jetzt laͤchelnd:„ich ſchaͤme mich vor mir ſelbſt, daß ich mich zu Deinem Geſellſchafter angeboten, 168 ohne Dir bis jetzt auch nur ein einziges freund⸗ liches Wort zu ſagen. Sey deshalb nicht boͤſe auf mich. Ich ſah Dich heute zum erſten Male, und ich weiß nicht, wie mir hes Deinem Andlirke ſo wunderhar ums Herz geworden— Sie uüͤberließ ihr Haͤndchen, das er feſt a an ſeinen Buſen druͤckte, ohne Widerſtreben ſeiner Willkuͤhr, blickte ihm bedenklich ins Auge, neig⸗ te dann ihr Koͤpfchen, und legte ihr Ohr an ſei⸗ ne Bruſt, als wollte ſie dem Schlagen ſeines Herzens lauſchen, wobei ſie die freie Hand in taktmaͤßiger Bewegung auf ihrem Buſen hob und wieder ſinken ließ, um auch zugleich das laute Klopfen ihres eignen Herzens zu beobachten; dann ſprach ſie ernſthaft:„ſonderbar! ich glau⸗ be, Du haſt mich angeſteckt mit Deinem Herz⸗ klopfen; ach, fuͤhle nur, wie's hier klopft le und mit ſichtbarer, ungekuͤnſtelter Aengſtlich⸗ keit ergriff ſie jetzt ſeine Hand, legte ſie auf ihren wogenden Buſen, und blickte ihm fra⸗ gend ins Ange. Georg aber, der ſeiner Ge⸗ fuͤhle, die mit unglaublicher Schnelligkeit in ihm emporgeſtiegen, nicht mehr maͤchtig war, unfieng ſie jetzt mit feuriger Umarmung und 169 vrchts einen hähendan nß huf ähre Wan⸗ Geln Dos ploͤtzlich hochereötheud, riß ſie ſich un⸗ walig von ihm los, trat ihm beinahe mit ſtolzer Miene gegenuͤber, erhob drohend ihren Zeigefin⸗ ger und ſprach ernſt:„das verſuche nicht zum zweiten Male!“ wendete ſich dann von ihm ab und wollte gehen. Georg ſtand beſchaͤmt; der ploͤtzlich in ihm aufgeloderten Leidenſchaft geſellte ſich die innigſte Achtung zu, und mit niedergeſchlagenen Blicken rief er ihr nach:„ich verdiene Deinen Zorn, doch laß uns ſo nicht ſcheiden! vergieb mir— ſage mir ein freundliches Lebewohl!“ „Nach einigem Zoͤgern kehrte ſie wirklich zu⸗ ruͤck, und mit einer Miene, welche noch nicht gaͤnzlich bekaͤmpften Unwillen, freundliche Zunei⸗ gung und herzliche Gutmuͤthigkeit ausdruͤckte, reichte ſie ihm die Hand, ohne ihn jedoch anzu⸗ 3 blicken, und ſprach laͤchelnd:„Lebe wohl, Georg! Noch hielt er ihre Hand in der ſeinigen, und ſein Blick ſchien den ihrigen zu ſuchen, doch die⸗ ſer haftete unverwandt am Boden, und als er dringend fragte:„werd' ich Dich wiederſehen 7 WMWNANNNN antwortete ſir leiſe:„warum nicht? wenn wir einander, wie heute, zufaͤllig begegnen ſollten— „Und ſonſt nicht?“ fragte er wieder. „Vielleicht!« entgegnete ſie, und fuhr lebhaf⸗ ter fort:„da faͤllt mir eben ein, daß morgen hin⸗ ter unſerm Schloſſe ein Sternſchießen gehalten wird, woran alle Jaͤger und Jaͤgerburſche in der ganzen Umgegend Theil nehmen. Der Baron von Hirſchbach hat drei Preiſe fuͤr die beſten Schuͤtzen ausgeſetzt und ich theile ſie aus. Der erſte Preis iſt ein franzoͤſiſches Jagdgewehr, aus einer der beſten Fabriken, der zweite: ein Hirſch⸗ faͤnger mit elfenbeinernem Griffe, und der dritte: eine ſilberne Lockpfeife, worauf man faſt alle Stimmen jagdbarer Thiere nachahmen kann. Du darfſt auch dabei ſeyn, denn jeder gute Schuͤtze iſt willkommen; aber Du mußt auch Deiner Sache gewiß ſeyn, denn wer pudelt, der 4 wird von den Andern gehaͤnſelt. Es wird ihm ein Schnurrbart gemalt, ein Schrotbeutel als Haarbeutel angehaͤngt, und ſo muß er auf einem Ladeſtocke dreimal um die Sternſtange herumrei⸗ ten. Wenn Dich ſolche Schande traͤfe, ſo— doch ich glaube, Du biſt ein holzgerechter Jaͤger, 1 verſtehſt Dich aufs Waidwerk und wirſt auch den ſchwarzen Punkt im Sterne nicht verfehlen. Ach, wie wollt' ich mich freuen, wenn ich Dir den erſten Preis uͤberreichen duͤrfte, oder den zweiten— oder wenn's auch nur der dritte waͤ⸗ re, aber einen mußt Du gewinnen, ſonſt verlier ich meinen Glauben an Deine Jaͤgerei.— Nun, wirſt Du kommen?* Eine neue Verlegenheit ſchien bei dieſer Einladung Georgs Antwort zu verzoͤgern, und end⸗ lich erklaͤrte er, daß ein Geſchaͤft auf morgen ihn abhielte, zu kommen. Doch Philippine achtete ſeine Worte fuͤr eine leere Ausflucht, ſie bemerkte ſeine Verlegenheit und glaubte beinahe, Muthlo⸗ ſigkeit und Mißtrauen gegen ſeine Geſchicklichkeit waͤren die Bewegungsgruͤnde, warum er der Theilnahme am Sternſchießen zu entgehen ſuch⸗ te. Deshalb lachte ſie ihn wacker aus und ſagte ihm, ſie halte ihn fuͤr keinen aͤchten Schuͤtzen, wenn er morgen nicht wenigſtens einen Preis gewinne, huͤpfte dann auf dem Wege fort, der nach ihres Vaters Reviere fuͤhrte, blieb aber, wo der Fußſteig tieſer in den Forſt leitete, noch ein⸗ mal ſtehen, blickte nach Georg zuruͤck, rief ihm lachend zu„nimm Dich in Acht vor Schnurr⸗ bart und Haarbeutel!“ und verſchwand ſingend im Gebuͤſch. Georg aber ſtand noch einige Minu⸗ ten, ihrem Geſange lauſchend, und als in der Entfernung der letzte Ton verklungen, verbarg er ſich tiefſeufzend im dichten Forſte. 4 Der Baron Hirſchbach war, wenige Jahre nach der Geburt ſeiner Tochter, Wittwer gewor⸗ den, hatte die Grenzen ſeines kleinen Vaterlan⸗ des nur ſelten uͤberſchritten und ſchaͤtzte ſein Be⸗ ſitzthum, welches aus dem freundlichen Doͤrfchen Hirſchbach, einem wildreichen Jagdreviere und ſeinem alten Stammſchloſſe beſtand, wenigſtens fuͤr ein irdiſches Paradies. Hier hatte er das Licht der Welt erblickt, als Juͤngling, Gatte und Vater laͤndliche und haͤusliche Freuden mit friedlichem Gleichmuth und ſtiller Zuſriedenheit genoſſen, und ſich eifrig beſtrebt, durch ſtrenge Rechtlichkeit, bereitwillige Wohlthͤtigkeit und uͤberhaupt durch puͤnktliche Erfuͤllung aller Pflich⸗ — WAAAAN ten, welche der Chriſtenglaube ihm anferlegte, einſt auch jenſeits das himmliſche Eden ſich zu erringen. Doch obgleich ſeine ziemlich bejahrte Schweſter Emerentia ſich ihr ganzes Leben hin⸗ durch ebenfalls beſtrebt hatte, durch Ausuͤbung chriſtlicher Tugenden der ewigen Seligkeit einſt theilhaftig zu werden, ſo war doch eine in vie⸗ len Faͤllen entgegengeſetzte Richtung ihres Cha⸗ racters mit dem ihres Bruders nicht zu verken⸗ nen. Er unterhielt ſich gern mit ſeinen Bauern uͤber ihren Wirthſchaftszuſtand, uͤber Gluͤck oder Ungluͤck in ihren haͤuslichen Verhaͤltniſſen, Jeder⸗ mann hatte freien Zutritt zu ihm, unaufgefor⸗ dert bot er freundliche Huͤlfe, wo er ſie noͤthig fand und ſchuͤttelte dem Pfarrer, Schulzen und Gerichtsſchoͤppen, als den Vaͤtern ſeiner Kinder, vertraulich die Haͤnde, wenn ſie ihm begegneten — ſie gruͤßte mit vornehmem Kopfnicken ihre Unterthanen, wechſelte nur, wenn es die hoͤchſte Nothwendigkeit erforderte, ein Wort mit ihnen, und geſchah es zuweilen, daß irgend ein Armer oder Ungluͤcklicher ſich mit einer Bitte an ſie wendete, ſo verlangte ſie, daß ihr das Geſuch in einem nnterthaͤnigen Bittſchreiben eingehaͤndigt werde; weshalb man ſie in dieſer Hinſicht weni⸗ ger heimſuchte als ihren Bruder, aber auch we⸗ niger liebte als ihn. lram. 1d Vor ungefaͤhr funfzehn Jahren war ſie auf ihr eifriges Anſuchen, als ſechſte Geſellſchafts⸗ dame der Fuͤrſtin, nach dem Duodezhoͤſchen be⸗ rufen worden, welches ihr Vaterland beherrſchte, und von welchem, wenigſtens drei Stunden in der Runde, bis zur Landesgrenze, eine Art von Glanz ausging, der, indem er gern bemerkt ſeyn woollte, doch nur ganz duͤrftig flimmerte, wie die Flamme buntgemalter Weihnachtslichter, womit ſpielende Kinder ihr Winkelchen hinter dem Ofen erhellen und ſich dabei einbilden, die ganze Welt erſtaune und bewundre ſie ob des maͤchtigen Glanzes, der ſie umgiebt.. an. Ihre kuͤhnſten Wuͤnſche waren mit dem Er⸗ langen ihrer Hoſcharge erfuͤllt und uͤbertroffen, denn ſie durfte dem Flitterglanze des Hofes jetzt „— 4 in eigner Perſon durch ihren aͤußern Glanz, wie ſie meinte, noch einige Strahlen hinzufuͤ⸗ gen; obgleich ihre einfachen faſt baͤuriſchen Sit⸗ ten mit ihrer uͤberladenen, modiſchen Kleider⸗ pracht auffallend disharmonirten, denn ſeit ihrer * Geburt hatte ſie das alte Jagdſchloß nicht verlaſ⸗ ſen und war bei ihrer Erziehung nur mit einem ſehr geringen Grade feiner Bildung ausgeſtattet worden. Doch geſiel ſie ſich anfangs in ihrer neuen Welt ungemein; die ſie umgebende unge⸗ wohnte Pracht erregte Stolz und ECitelkeit in ihrem Buſen bis zum hoͤchſten Grade, Spott und Witzeleien der Hoͤflinge nahm ſie fuͤr Schmei⸗ cheltoͤne, ihren Reizen gezollt, und beantwortete ſie mit einem nichtsſagenden Laͤcheln oder Kopf⸗ nicken; denn darin beſtand auch in Gegenwart der Fuͤrſtin, ungeachtet ihrer Function als Ge⸗ ſellſchaftsdame, ihre ganze Unterhaltung, weshalb auch die Durchlauchtige ſie mit mitleidigen Blik⸗ ken betrachtete und ihr mit bemerkbarer Gering⸗ ſchaͤtzung begegnete, ſo das es ſchien, als ob ſie nur auf eine guͤnſtige Gelegenheit harre, das ge⸗ putzte Gaͤnſebluͤmchen mit guter Manier wieder auf Hirſchbachs Wieſenflur zu verſetzen. Dieſe 5 Gelegenheit erſchien nur zu bald. Emerentia fuͤhlte ſchon nach einigen Wochen ſehr empfindlich den druͤckenden Zwang der hoͤſiſchen Etikette und fuͤrchtete nicht ohne Grund, daß ſie, bei ihrer natuͤrlichen Bloͤdigkeit, wohl zeitlebens auf der 176 AAMAAA neuen Buͤhne, die ſie betreten, eine ſtumme Rolle werde ſpielen muͤſſen, weshalb ſie ſich ent⸗ ſchloß, bei einer aͤltern Hofdame in der Kunſt, bei Hofe Gluͤck zu machen, Unterricht zu neh⸗ men. Doch wie ſo mancher Leidensſchweſter in ihrer Lage, erging es auch ihr: ſtatt einer auf⸗ richtigen Herzensmeinung, erhielt ſie den hinter⸗ liſtigen Rathſchlag, alle Bloͤdigkeit abzulegen, und was ihr gerade in den Sinn komme, bei jeder Gelegenheit herauszuplaudern, ohne abzu⸗ warten bis ſie gefragt werde, was man ihr ge⸗ wiß fuͤr eine liebenswuͤrdige Naioitaͤt auslegen, und ſie deshalb gewiß weit mehr beachten werde, als bisher. Auf dieſen Rath baute das ſchlaue Hofgewaͤchs, welches laͤngſt in den Augen der Fuͤrſtin den Wunſch geleſen, ihrer ſtummen Ge⸗ ſellſchafterin entledigt zu werden, den Entwurf ihres Falles. Emerentia aber, nur darauf be⸗ dacht, ihren ſchon geſunkenen Stolz wieder auf⸗ zurichten, dankte geruͤhrt fuͤr den freundſ chaftlichen Rath und war entzuͤckt, ein ſo leichtes MRäitann gefunden zu uhaban, lch bemerkbar zu machen. 194 61 3Kis 4. o 8 82 121 hn 18 2 8 n Bei der naͤchſten Aſſemblee war die Fuͤrſtin umringt von ihren Damen und Hoͤflingen. Im Hintergrunde ſtand Emerentia, lauſchend auf einen guͤnſtigen Moment, ihr Licht leuchten zu laſſen vor der glaͤnzenden Welt. „Mit anſcheinender Beſorgniß ſprach die Fuͤrſtin mit ihrem Leibarzte uͤber ihren Geſund⸗ heitszuſtand, der ihr nicht erlaube, an dem Ver⸗ gnuͤgen des Tanzes Theil zu nehmen, da ſie Be⸗ klemmungen und uͤberhaupt ſeit kurzem eine merkliche Abnahme ihrer Lebenskraͤfte ſpuͤre, was ſie als Anzeichen einer, vielleicht gar auszehrenden Krankheit betrachte und ſie in die groͤßte Unruhe verſetze. Der ſchlaue Arzt ſuchte ſie zu bernhigen und deutete in einer feinen Bemerkung gegen die Umſtehenden an, daß die Abnahme ihrer Lebens⸗ kraͤfte der immer mehr zunehmenden Fuͤlle ihrer Koͤrperreize zu widerſprechen ſcheine und deshalb eine auszehrende Krankheit durchaus nicht zu be⸗ fuͤrchten ſey. II. 12 178 Emerentia, die unbemerkt Zeugin des Ge⸗ ſpraͤches war, glaubte, jetzt ſey ihre Stunde gef kommen. Mit dreiſten Blicken draͤngte ſie ſich durch die naͤheren Umgebungen der Fuͤrſtin, trat 13 dem Hofarzte dicht gegenuͤber, gab ihm einen vertraulichen Schlag auf die Schulter und ſprach mit unterdruͤcktem Lachen und lauter als noͤthig war, um von ihrer Gebieterin und allen Umſte⸗ henden gehoͤrt zu werden:„gelehrter Herr Dog⸗ tor! diesmal haben Sie ſich ſtark geirrt, denn in der That iſt unſere gute Durchlaucht ſeit kurzem recht erbaͤumlich mager geworden. Wenn ſie in Galla einhergeht, ſieht Sie freilich voll a rund aus— aber Sie wiſſen ja nicht, was ſie ſich neu⸗ lich hat aus Paris verſchreiben muͤſſen; wie nennt man's doch gleich? ach gleichviel! ich habe den fremden Namen vergeſſen, aber es ſieht doch wahrhaftig wie natuͤrlich aus— 2 Weiter durfte ſie nicht Fprechen, denn, die ℳ Oberhoſmmeiſterin ſchoß mit wuͤthenden Blicken und ausgeſpreizten Fingern auf ſie zu, und ver⸗ ſchloß ihr mit der knoͤchernen Hand den Mund ſo nachdruͤcklich, daß ſie keinen Laut mehr her⸗ vorzubringen vermochte. Die Fuͤrſtin lag in Ohn⸗ —Ix 1 —i 179 NWAAN macht, die Damen wedelten ihr mit ihren Tuͤ⸗ chern Luft zu, der Arzt beſprengte ſie mit wohl⸗ riechendem Waſſer, die jungen Herren wendeten ſich ab, um ungeſtoͤrter lachen zu koͤnnen, die aͤlteren Hoͤflinge aber ſtanden ſtarr und unbeweg⸗ lich, mit langen kreidenweißen Geſichtern, wie die antiken Statuen im fuͤrſtlichen Bilderſaale. Schon am andern Morgen erhielt Emerentia ihre Dimiſſion, mit der Weiſung, binnen vier und zwanzig Stunden die Reſidenz zu verlaſſen. Ein haͤrterer Schlag haͤtte ſie nicht treffen koͤn⸗ nen, doch dem ſtrengen Befehle mußte ſie ſich fuͤgen, ob auch ihr Herz blutete. Sie kam zu ihrem Bruder zuruͤck, der, nachdem er ſie wacker ausgelacht, ihr gutmuͤthig und aus vollem Her⸗ zen Troſt zuſprach, auch alles anwendete, was in ſeinen Kraͤften ſtand, ihr den Aufenthalt auf dem Lande ſo angenehm als moͤglich zu machen; doch hatte der kaum vierwoͤchentliche Aufenthalt in der Reſidenz einen ſo tiefen Eindruck in ih⸗ rem ganzen Weſen zuruͤckgelaſſen, den Jahre nicht zu verwiſchen vermochten. Von Zeit zu Zeit unterhielt ſie eine Correſpondenz mit dem Baron von Heſterfeld, der, vielleicht aus Mitleid, 12* 180 KWANANRNAN waͤhrend ihres Hofdienſtes einige Worte mehr mit Iihr gewechſelt, als die uͤbrigen Cavaliere, und von * ſelbſt erfolgte Verweiſung des Barons von He⸗ dieſem erhielt ſie auch die neueſten Moden; denn vbgleich ſie auf dem oͤden Jagsdſchloſſe nur von profanen Atigen umgeben war, ſo verſaͤumte ſie doth nie, ſich noch immer nach der ſtrengſten Etikette ſorgfaͤltig zu kleiden und durch eine weit größere Anzahl Diener und Dienerinnen, als ſie bedurfte, einen kleinen Hofſtaat um ſich zu bil⸗ den. Regelmaͤßig ſaß ſie jeden Morgen um eilf Uhr vor ihrer Toilette mit ihrem Putz beſchaͤftigt, und obgleich ſie wuͤnſchte und hoffte, es endlich doch noch ſo weit zu bringen, daß ſich um dieſe Stunde einige benachbarte Landedelleute zur Cour bei ihr einfaͤnden, ſo ſah ſie ſich doch in dieſer Erwartung getaͤuſcht, da jene edlen Herren ſich eifrig der Oekonomie beſleißigten und ihre Zeit, wenn auch manchmal zu unſaubern, doch nuͤtzli⸗ chern Geſchaͤften verwendeten, als ihrer am Spiegeltiſche der Exhofdame harrten. Deshalb empfand ſie im funfzehnten Jahre ihrer Verban⸗ nung vom Hofe aus zweierlei Urſachen eine herz⸗ liche Freude uͤber die vor kurzem ebenfalls da⸗ — — — — ſey. 484 FKNNNNN ſtorfeld, erſtens: weil ſein gleiches, widriges Schickſal ihr eine Art von Troſt und Beruhi⸗ gung gewaͤhrte; zweitens aber: weil ſie ſchon ſeit vielen Jahren ein ſtille Neigung zu dieſem Man⸗ ue in ihrem jungfraͤulichen Buſen genaͤhrt, und da nun auf einmal das maͤchtigſte Hinderniß geho⸗ ben war, ein naͤheres traulicheres Verhaͤltniß mit ihm anzuknuͤpfen hoffte. Doch hielt ſie eine gewiſſe Schuͤchternheit ab, ihm daruͤber einige Winke und Andeutungen zukommen zu laſſen, auch hielt ſie es fuͤr unſchicklich, ihn ſelbſt zu ſich einzuladen, ſo ſehr ſie auch ſeine Gegenwart taͤg⸗ lich wuͤnſchte, wenn ſie einſam vor ihrer Toilette ſaß. Endlich vermochte ſie ihren Bruder, eine Einladung an ihn auszufertigen, indem ſie die⸗ ſem begreiflich zu machen ſuchte, wie nothwendig es ſey, daß die zur Jungfrau erbluͤhte Philippi⸗ ne im Umgange mit einem ſo gebildeten Manne füͤr die feinen Zirkel ihres Standes ausgebildet werde, deutete auch darauf hin, um jeden Ver⸗ dacht von ſich abzuwenden, daß der Baron viel⸗ leicht eine nächi unebene Pathie in ihr Mabnben 182 Hirſchbach achtete zwar den Umgang ſeiner Tochter mit einem gebildeten Hofmanne eben nicht fuͤr nothwendig, auch ſchien ſie ihm zu jung, 3 eine ſo alte Parthie zu machen, doch da er ſich von jeher bemuͤhte, jeden Wunſch ſeiner Schweſter, wo moͤglich, zu erfuͤllen, willigte er endlich ein, fertigte ſeinen Reitknecht mit einem hoͤflichen Billet nach der Reſidonz ab, und ſchon am folgenden Tage fand ſich der Baron von Heſterfeld als Gaſt df dem alten Duzſchlene ein. G 6 Emerentia, durch ſeinen Anblick an die gluͤck⸗ feligen Tage bei Hofe erinnert— die, obgleich fuͤr ſie ſtill und einſam dahingeſtoſſen, ihr doch Gelegenheit genug darboten, ihre Eitelkeit zu be⸗ friedigen und Stoff zu den ſchoͤnſten Hoffnungen zu ſammeln— durch ſeine Gegenwart neu be⸗ lebt, durch ſein modernes Aeußere angenehm uͤberraſcht, empfing ihn aͤußerſt zuvorkommend, 8 3 1 und kaum konnte ſie den lauten Ausbruch ihrer Freude zuruͤckhalten. Ihr Bruder betrachtete ihn zwar mit mißtrauiſchen Blicken, doch hieß er ihn herzlich willkommen; Philippine aber zog, nachdem ſie ihm ihren Knix gemacht, ihren Strohhut bis uͤbers ganze Geſichtchen herab, denn der Anblick ſeiner vertrockneten Figur in modiſch karrikirten Kleidern, ſein ſuͤßes, geziertes Weſen, erſchien ihr ſo erzkomiſch, daß ſie ſich eines heimlichen Lachens nicht erwehren konnte. Schon nach einigen Tagen bemuͤhte ſich Eme⸗ rintia, ſeine Geſinnungen gegen ſie zu erforſchen, in der faſt zuverlaͤſſigen Hoffnung, der Erfuͤllung ihrer ſtillen Herzenswuͤnſche ſich zu naͤhern; denn mehr als jemals war er ihr jetzt theuer geworden, da er wie ihr Schatten ihr ſtets zur Seite blieb und durch galante Unterhaltung die Stunden angenehm verkuͤrzte. Auch heute ſaß er auf ih⸗ rem Toilettenzimmer ihr zur Seite, hielt ihr mit Grazie den Schminkpot entgegen und Pamade surfine au Jasmin, ordnete dann mit beſonderer Geſchicklichkeit ein Blumenbouquet in ihrer Fri⸗ ſur und erleichterte ſo der kleinen Liſette, des Jaͤgers Tochter, welche Emerentia zu ihrer erſten 184 Kammerdame erhoben hatte, ihren ſonſt ſo be⸗ ſchwerlichen Dienſt. Endlich erhielt dieſe einen Wink ſich zu entfernen, und als ſich beide nun al⸗ lein beiſammen befanden, da wallte hoͤher und ungeſtuͤmer Emerentiais Buſen, heller und glaͤn⸗ zender blinzelten des Barons graue Aeuglein un⸗ tor den ſchwarzgefaͤrbten Augenbraunen hervor, denn die Stunde der gegenſeitigen Erklaͤrung ſchien gekommen und keine Stoͤrung zu befuͤrch⸗ ten, da Hirſchbach gewiß erſt ſpaͤt von der Jagd zuruͤckkehrte und Philippine ſicher auch heute, wie ſie ſonſt zu thun pflegte, bis zur mnatadahn im Forſte herumſchwaͤrmte. 1 „Ach! ſeufzte Emerentia—„ach!“ goͤhnte der Baron, und ruͤckte mit ſeinem Dähläüan eine Hand breit naͤher zu ihr hin. un,Sie ſeufzen?“ fragte ſie. uEs war ja nur ein leiſer Ton der ſchoͤnſten Harmonie, die unwillkuͤhrlich meine innigſten Empfindungen den Ihrigen gleich geſtimmt. Sie ſcheinen sérieux, und gleich wird's triste in mei⸗ nem Innern antwortete er. Sie muͤſſen mir verzeihen, Herr Baron“— begann ſie wieder—„ich habe jetzt ſo manchmal — — obin! 185 smeine garſtige Laune., Die ſchoͤnen Tage ſind nvoruͤber, als ich noch im Fluͤgelkleide— wie je⸗ Iner Dichter ſagt— voͤn des Morgens erſtom Daͤm⸗ amerſcheine, bis ich Abends mich zu Bette legte, alachen und ſcherzen konnte. Achs ja= als ich anoch bei Hofe war, da bluͤhte ich ſo rocht in mei⸗ aner ſchoͤnſten Jugendbluͤthe, obgleich ich“= ſetz⸗ otte ſie mit einem verſchaͤmten Blicke in den Spie⸗ acgel hinzu— wmaah jenn 123 nichun Säns verddret B,A Dieu ne plaise! daß trgenb. ein Sterb⸗ licher ſo etwas behaupten wollte“— erwiederte lebhaft der Baron—„dieſer Lmbonpoint iſt merveilleux, dieſer Teint iſt ineomparable, alle dieſe Dimauaſchen 6 ſo nnil lan eonſer⸗ virt— arf „O bitte, bitte! davon ſchweigen Sie maͤus⸗ erchenſtill!“ fuhr ſie erroͤthend fort—„Sie ſind wauch gar zu galant! ich weiß gar wehtpdeßes übei Hofe Ton iſt, den Mamen zu acßtſten e— Wals ich noch bei Hofe war— wime n „Sur mon honneur! ich meine es aufrichtt 3 verehrtes Fraͤuleine— entgegnete Heſterfeld— zich ſtehe in einem virilen Alter„ urtheile nicht 186 AWNNAN mit leichtfertiger Jugendlaune, ſondern zaͤhle mich unter diejenigen, qui aiment la vérité, Ich habe mich ineflable gefreut, daß mir das Gluͤck zu Theil wurde, in Ihrer Naͤhe reſpiriren zu duͤrfen, und fuͤhle mich durch die Strahlen Ihres leuchtenden Augenpaares behaglicher er⸗. waͤrmt, als durch die kalte glaͤnzende Sonne des Hofes. Ihr Anblick nur allein bewahrte mich vor Miſanthropie, denn er hauchte in meinen Buſen jenes myſterieuſe„plaiſante Gefuͤhl— ſchon war er vom Stuhle halb herabgerutſcht und eben im Begriffe, mit einem Kniefalle zu ihren Fuͤßen ein Geſtaͤndniß laut auszuſprechen, wo⸗ durch Emerentia's ſtille Wuͤnſche ploͤtzlich zur ſchoͤnſten Verwirklichung gediehen und ihr ein Himmel voll realiſirter Hoffnungen eroͤffnet wor⸗ den waͤre— da ſtuͤrmte Philippine ins Zimmer und hielt mit beiden Haͤnden, ſanft an thre Bu⸗ ſen gedruͤckt, eine Nachtigall. 9113 „Liebes Tantchen“— ſprach ſie rihlich, d den Baron mit fluͤchtigem Kopfnicken Legeceſide— aſhe was ich da gefangen habe!’’e 3 Emerentia war uͤber dieſe unzeitige untette chung eben ſo betreten, als verdrießlich. Jedes —2x 187 Wort des Barons hatte ſie mit heimlichem Ent⸗ zuͤcken angehoͤrt, unwillkuͤhrlich hatte ſie ſich be⸗ reits mit halbgeſchloßnem Auge zu ihm hinge⸗ neigt und ſchon den Mund geſpitzt, um ſeiner erſehnten Erklärung recht zierlich zu erwiedern: Du biſt erhoͤrt!— und jetzt die ploͤtzliche Stoͤ⸗ rung im ſeligſten Momente ihres Lebens.— Alle Zeichen eines ſtillverhaltenen, heftigen Zornes gaben ſich kund in ihren Bewegungen, und mit finſtern, gluͤhenden Blicken ſprach ſie zu der Richte:„iſt das Manier, ſo unbaͤndig in mein Zimmer zu ſtuͤrzen, wenn ich Geſellſchaft habe?— Als ich noch bei Hofe war, waͤre ge⸗ wiß eine ſolche Unanſtaͤndigkeit, wie das haͤrteſte Verbrechen, mit dem Tode beſtraft worden!— Iſt s nicht ſo, Herr Baron? Dieſer zuckte die Achſeln und verzog ſein Ge⸗ ſich zu einem ſauren Laͤcheln, denn auch er war durch die Unterbrechung ſeines Redefluſſes hoͤchſt unangenehm uͤberraſcht worden. Philippine aber blickte voll Schrecken und Verwunderung bald ihn, bald die Tante an und ſprach dann ganz betruͤbt:„ſoll ich mich denn kuͤnftig auch erſt an⸗ melden laſſen, wenn ich zu Dir will, Tantchen, 188 MMAAAAAAA wie die Paͤchter und Milchweiber, wenn ſie mit Din Necmand abzuſchließen haben? „Das ſollſt Du nicht“— erwiederte Emeren⸗ tia kurz—„aber wenn ich mit dem Herrn Ba⸗ ron in Unterhaltung begriffen bin, da will ich nicht auf eine ſo ſtuͤrmiſche Art geſtoͤrt ſeyn.“ „Ja, eben von der Unterhaltung des Herrn Barons wollt' ich gern auch noch etwas proſiti⸗ ren“ entgegnete Philippine ſchelmiſch„dar⸗ um ſtuͤrzt' ich ſo eilig ins Zimmer. Wir muͤſſen uns ja ſo mit der Zeit naͤher kennen lernen, denn Du haſt mir jn etabſt geſagt, liebes Aagtihun 2u6 ich ihn— „Schweig!“ ſiel ihr Emerantia⸗„ noch Sorlag ner und zorniger als zuvor, ins Wort, e chi ſie noch ihre Rede vollendet hatte. Es erſolgte eine Pauſe. Der Baron blickte der gaeſanun Grſeltchaftsvune fragend ins Au⸗ ge, dieſe lockte in der groͤßten Verlegenheit ihr truͤbaͤngiges, wohlgenaͤhrtes Schooßmoͤpschen an ſich, und zufrieden„Hſeinen Gegenſtand gefunden zu haben, an dem ſie ihre ſtille Wuth auslaſſen konnte, knipp ſie unbarmherzig das unſchuldige Weſen in das linke Hinterpfoͤtchen, daß es dar⸗ 189 AWVUAARN ob ein jaͤmmerliches Geheul ertoͤnen ließ. Phi⸗ lippine aber beachtete beide nicht weiter, ſondern wiegte ihren kleinen Gefangenen zaͤrtlich an ih⸗ rem Buſen, ſtreichelte ihn liebkoſend, und ſang ihm ganz leiſe ein Schlummerliedchen. „Und warum bringſt Du mir ein ſolches haͤß⸗ liches Thier in mein Zimmer?“— fuhr Emeren⸗ tia zu ihrer Nichte gewendet wieder auf, um des Barons forſchenden Blicken zu entgehen.— „Pfuy, das garſtige graue Geſchoͤpf! gieb her⸗ ich werf es zum Fenſter hinaus!“ 38 „Nein, nein, nein, liebes Tantchen!“ rief Philippine aͤngſtlich, und druͤckte ihren kleinen Schuͤtzling feſter an ihren Buſen.—„Es iſt kein haͤßliches Geſchoͤpf, es iſt mein kleiner Lieblings⸗ ſaͤnger, den ich oft Stunden lang im dichten For⸗ ſte belauſchte, wenn er ſeine Abendlieder ſang; ſieh nur her: es iſt ja eine Nachtigall!— Das arme Thierchen kann nicht fliegen, der linke Fluͤ⸗ gel iſt gelaͤhmt. Sie ſaß ſo einſam im Buſche und ſchwirrte nur einzelne Klagetoͤne; ihre Schwe⸗ ſtern, ihre Bruͤder, ja vielleicht ihre eignen Kin⸗ der ſind fortgezogen und ließen ſie ganz allein im kalten Lande zuruͤck— hier haͤtte ſie erfrieren 190 NMNANNNRN muͤſſen, oder verhungern, oder ein Stoͤßer haͤtte ſie gewuͤrgt. Ach! das dauerte mich ſo, daß ich beinahe geweint haͤtte. Ich ſchlich ganz leife nach dem Buſche, wo ſie zitternd ſaß, die Fer dern aufwaͤrts geſtraͤubt vor Schmerz und Froſt, und ganz geduldig ließ ſie ſich fangen, als ob ſie Vertrauen zu mir haͤtte, ſteckte dann ihr Koͤpf⸗ chen zwiſchen meinen Fingern hervor, und ſchau⸗ te mich ſo wehmuͤthig an, als ob ſie Huͤlfe von mir fordere.— Ja, ich will dir helfen«— fuhr ſie fort mit inniger Bewegung, und hauchte ſanft auf das wunde Fluͤgelchen ihres kleinen Pfleg⸗ uings—„du ſollſt Futter haben vollauf im war⸗ men Stuͤbchen, deine Wunde will ich verbinden, will dich heilen, und wenn der Fruͤhling kommt und alles wieder bluͤht und gruͤnt, dann trag' ich dich hinaus ins dunkle Waldgebuͤſch, daß du dir dort dein Neſtchen wieder baueſt, und Tag fuͤr Tag will ich dich dort beſuchen, und Abends lau⸗ ſchen deinen ſuͤßen Liedern.“ „Sie zeigen da eine faſt incroyable Senti⸗ mentalitaͤt fuͤr eine Nachtigall, mein Feiulein entgegnete der Baron mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln.— „Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein ſol⸗ 194 ANN ches Thier geſehen zu haben, welches hungrige Dichter in bogenlangen Verſen beſingen; wohl aber entſinne ich mich, bei der letzten Fète, wel⸗ che Serenissimus am Geburtsfeſte ſeiner Gemah⸗ lin gab, Nachtigallpaſteten gegeſſen zu haben, welche jeder Gourmand aͤußerſt délicieux fand. Ich wußte mir vom Hofkoch das Recept, zu ver⸗ ſchaffen, und werde mir ein Vergnuͤgen daraus machen, es Ihnen mitzutheilen— wendete er ſich zu Emerentia.. Dieſe nahm ſein Erbieten mit einer ſiummen Berbeugung an und befahl ihrer Nichte, um ſie zu entfernen, ihren Vogel ſogleich nach der Kuͤ⸗ che zu tragen, ihn dort der Koͤchin zu uͤbergeben, damit er gerupft werde. Dann ſprach ſie zum Baron: nich werde Ihnen heute Abend durch ei⸗ ne Nachtigallpaſtote beweiſen, wie ſehr ich die Fortſchritte der Kochanſ bei wHol an ſchäben weiß.“ Doch als 96 ihr elöſt ein Phnliches Schickia angedroht worden waͤre, ſtand Philippine bei dem Todesurtheile wie vernichtet, das ihre Tante mit kalter Miene uͤber ihren Schuͤtzling ausgeſprochen; nach und nach uͤberzog eine dunkle Purpurroͤthe 192 ihr Antlitz, Thraͤnen traten in ihre Augen und ſie zitterte heftig, als ſie die Worte ſprach: nein, das leid ich nimmermehr!=— Vor den wilden, Thieren im Forſte. hab' ich das wehrloſe Geſch in Schutz genommen und will es auch gegen. kranker Saͤnger! mein Vater wird dir einen Kaͤ⸗ 8 ſich aus der Stadt kommen laſſen, worin du ru⸗ hig leben darfſt’— fuhr ſie fort, und wollte, ge⸗ hen. Emerentia aber hielt ſie beguͤtigend zuruͤck ſie kannte ihres Bruders Geſinnungen, ſie wuß⸗ te, wie ſehr er die Nachtigallen liebte und ſoxg⸗ faͤltig in ſeinem Forſte hegte, befuͤrchtete ſich, des⸗ halb einen Verweis wegen ihres ſonderbaren Ver⸗ langens zuzuziehen und ſprach freundlicher zu ih⸗ rer Nichte:„lerne Scherz verſtehen, es war ja mein ernſter Wille nicht, Dich Deines Vogels zu berauben. Mein Zeiſig iſt, neulich geſtorben, nimm ſeinen leeren Kaͤſich und fuͤttere Deine Nachtigall darin, ſo lange Du willſt. Dem Herrn Baron werde ich dafuͤr heute Abend mit⸗ gefällten Kohlkäpfen meine achtun zu erkennen gebene a 1. enrsc 4 Menſchen vertheidigen.— Komm, mein armer,, 193 AMAN Hocherfreut dankte Philippine ihrer Tante ſo hrizlich, ats ob dieſe ſte fuͤrſtlich beſchenkt haͤtte, logirte ihren kleinen Saͤnger in die wohlverwahrte Wohnung, huͤpfte mit ihm aus dem Zimmer, und nachdem ſie ihm reichliches Futter gegeben, brachte ſie ihn in ihr Sehtaſſäihee das 4 ſoegfaͤltig verſchl. 2 Zwiſchen Emerentia und dem Baron 1 ſchien jedoch nach dieſer Stoͤrung der abgeriſſene Faden ihrer Unterhaltung ſich nicht wieder an⸗ knuͤpfen zu wollen, und ſie beſprachen ſich uͤber die neueſten Kchögke bis die Sdhiage zur Ne ens taſe Kisee n 2 2 AP E a. 1 1 66. Der Baron von Hirſchbach hatte an dieſem Morgen zwei Haſen und drei Rebhuͤhner geſchoſ⸗ ſen, und ſetzte ſich deshalb ſehr vergnuͤgt und wie er verſicherte, hungrig wie ein Wolf, zu Tiſche. „Dem Himmel ſey's gedankt!“ hub er an— „dieſen Winter hoffe ich doch dem edlen Waid⸗ werke ohne Lebensgefahr und ohne Aergerniß nach⸗ 194 MMAAAN gehen zu znned denn noch hat ſi ſich keine Spur von Wilddieben gezeigt. Wahrſcheinlich hat dei verdammte Hirſchteufel entweder im Zuchthaufe oder durch einen wackern Schuͤtzen ſeimen Loh erhalten. 4 Hirſchteufel?⸗ witderholte Heſkerfeld Maa gierig, und der alte Waidmann erklaͤrte ihm be⸗ reitwillig, daß hier von einem beruͤchtigten Wild⸗ diebe die Rede ſey, der eigentlich Hirſchtaͤufer heiße, doch— da er gewoͤhnlich die ſchoͤnſten Stuͤcke Hochwild, wenn er ihrer habhaft werden koͤnne, mit ihrem eigenen Schweiße taufe, auch oſt, wie es ſcheine, nur zum Vergnuͤgen, ohne Nutzen daraus zu ziehen, das Wild erlege— allgemein in der ganzen Umgegend von Jaͤgern und Landleuten der Hirſchteufel genannt werde. „Bin ihm bei Tag und Nacht zu Gefallen ge⸗ gangen“— fuhr er fort—„doch hab ich ihn nie zu ſehen bekommen, hab ihm nie Eins anhaͤngen koͤnnen— ſo wie ſich ſo etwas wohl keiner im ganzen Lande ruͤhmen kann, denn er iſt ein ſchlauer Burſche.— Einsmals ſteh ich vorigen Winter auf dem Anſtande an der Brahne des Forſtes; es war Mondlicht, und funfzig Schritte 195 AAN weit, gerade vor mir, wechſelte ein Spießer— mir zur Rechten, wohl achzig Schritte weit, ſtand ein feiſter Rehbock— auf den legt' ich an und kaum hatt' ich losgedruͤckt, ſo blitzt's und pocht⸗ s auch mir gegenuͤber an der Waldecke ganz moͤrberiſch!— Halt! dacht' ich, das galt dir! lade den Doppellauf mit Rehpoſten und ſchleiche vorwaͤrts; doch mit nichten! dem Spießer hatt es gegolten, der lag dicht vor mir, wohlgetroffen, waͤlzte ſich in ſeinem Schweiße und mein Reh⸗ bock ſetzte unvorſehrt ins Unterholz. Da ſtand ich und zitterte vor Wuth.— daß dich das Pirſch⸗ pulver auf der Seele brenne 4 verdammter Wild⸗ dieb! ſchrie ich hinuͤber nach der Waldecke. Doch ſah ich nichts, ich hoͤrte nur, wiess kniſterte im Buſche, und ein ſchallendes Gelaͤchter wurde mir zur Antwort. Seit der Zeit iſt mir nichts wieder vorgekommen und es blieb auch ruhig in meinem Forſte.— Aber Sie trinken ja nicht:— wendete er ſicch: zu Heſterfeld—„der Hecht iſt ſcharf geſalzen. Kennen Sie das franzöͤſiſche Spruͤchwort nicht: le poisson saus boisson esh poison? ich glaube auf gut Deuuſch heißts: der Fiſch will ſchwimmen.“ 196 AAAAAN Der Baron von Heſterfeld hatte freilich ſchon einigemal an dem vor ihm ſtehenden vollen Roͤmer genippt, doch er enthielt nur einen etwas herben Tiſchwein, den er bei ſich fuͤr gaͤnzlich un⸗ genießbar erklaͤrte, deshalb aͤußerte er auch:. ich habe einen gewiſſen dégout vor deutſchen Wei⸗ nen, und eigentlich vor jedem Weine ͤberhaupt, bitte daher mich zu pardonniren, wenn ich mich meines eigenen Flaſchenkellers bediene.“ „Nach Belieben e erwiederte Hirſchbach kurz; der Exhoͤfling ließ durch ſeinen Garçon den Flaſchenkeller herbeibringen, in welchem ſich meh⸗ 4 rere feingeſchliffene, niedliche Glaͤſer und einige Beouteillen mit Liqueurs fines befanden, welche er mit Artigkeit in kleinen Portionen der Tiſch⸗ geſellſchaft ausſpendete, daß bald die ſchlanken, goldgeraͤnderten Stengelglaͤſerchen unter den 1— plumpen gruͤnen Roͤmern, wie ſtaͤdtiſche Petit- maitres, bei einem Kirchweihtanze, herumhuͤpf⸗ ten. als er davon gekoſtet; Emerentia meinte: das Magenelirir ſey vortrefflich, Philippine aber be In walcher: Aotheke werden denn eglee chen Kinderſaͤfichen gebraut?« fragte Hirſchbach, .— — Schmerzen zu veturſachen— bemerkte Emeren⸗ MAANAANN hauptete:: es ſchmecke wie Rhabarber und Honig, und wieß es mit Widerwillen von ſich. Heſter⸗ feld laͤchelte mitleidig uͤber die verſchiedenen Ur⸗ theile, welche uͤber die ſchmaͤhlich verkannten Kunſt⸗ erzeugniſſe ſeines Deſtillateurs gefaͤllt wurden, und praͤſentirte ſeiner Nachbarin Emerentia das zweite Gläschen, welches ſie, wie ſie verbindlich verſi⸗ cherte, um es recht zu genießen, auf der Zunge wolle zergehen laſſen. b Durch das Verſchmaͤhen ſeines krͤftigen Land⸗ weins hatte Heſterfeld ſchon einen Theil von Hirſchbachs Gunſt verſcherzt und verlor dieſe faſt gaͤnzlich, als er die angebotene Jagdparthie fuͤr den kommenden Morgen ausſchlug, indem er außerte: er habe geſchworen, jedes Jagdvergnuͤ⸗ gen lebenslaͤnglich zu meiden, da ein ungluͤcklicher Vorfall mit einem Hirſche in der Reſidenz die einzige Urſache ſeiner Verweiſung geweſen ſey. „Schon laͤngſt haͤtte ich mir die Freiheit ge⸗ nommen, daruͤber mir eine naͤhere Erklaͤrung auszubitten, wenn ich nicht befuͤrchtet, Ihnen durch unangenehme Nuͤckerinnerungen innerliche 4 498. A „Freilich ſind die Ruͤckerinnerungen an ein verlornes Eden nicht eben agréable“— entgegne⸗ te der Baron von Heſterfeld—„doch da ich ſo gluͤcklich bin, in Ihrer Naͤhe, Verehrteſte, ein hundertfaches Paradies gefunden zu haben, ſo erſcheint mir mein Exil nicht nur ganz erträͤglich, ſondern aͤußerſt plaisant, und da die Urſachen deſ⸗ ſelben fuͤr mich ſehr excusable ſind, ſo wird es mir Vergnuͤgen gewaͤhren, Ihnen den ganzen Vorfall mitzutheilen. Es ſollte nehml ich vor kurzem, bei Gelegenheit eines glaͤnzenden Hof⸗ feſtes, auch eine Parforce⸗Jagd im Schloßgat⸗ ten gehalten werden, wozu ein ſtattlicher Hirſch eingefangen war. Der feſtliche Tag brach an, mein Tailleur hatte mir eine brillante⸗ Jagduni⸗ fori in acht und vierzig Stunden geliefert, wel⸗ che als haut gout der neueſten Mode allgemein bewundert wurde. Der ganze Hof in Jagdgalla war drei Viertel auf zehn Uhr fruͤh Morgens im Schloßgarten als dem beſtimmten Jagdrevi⸗ re verſammelt und die Schutzen wurden angeſtellt. Am Ende eines engen, dunklen Laubenganges befand ſich eine Thuͤr, welche nach der Vorſtadt fuͤhrt, und dort ſollte ich mit geladenem Gewehr 199 WWA posto faſſen. Ich ſtehe mit geſpitztem Ohr, mit ſcharfen Blicken das Wild erwartend; doch ehe die uͤbrigen Schuͤtzen ihre Poſition eingenom⸗ men, blieb's ruhig um mich her, deshalb fuͤhlte ich Langeweile, legte mein Gewehr ins Gras und traͤllerte ein munteres Waidmannsliedchen. So gehe ich mit verſchraͤnkten Armen pas à pas auf meinem Poſten auf und ab— da ertoͤnt Flötzlich ein fuͤrchterliches Halloh! Hundegebell dringt durch die Luͤfte, ich blicke nach dem Ein⸗ gange des Laubenganges, und empfinden Sie leb⸗ 3 haft mit mir meinen Schrecken: der losgelaſſene Hirſch ſtuͤrzt in voller Carriere den Gang herab, Herade auf mich zu und ſcheint zu drohen, mit ſeinem vielzackigen Geweihe mich toͤdtlich durch⸗ bohren zu wollen. Ich kann Ihnen die Verſi⸗ cherung geben: meine Contenance war wie weg⸗ geblaſen, ich erblickte nichts, als vor mir den bleichen Tod und hinter mir eine ſteile Wand; denn mein Gewehr zu ergreifen als Schutzwaffe war mir in dieſem Augenblicke unmoͤglich, da mir der dichte Flor, den die Todesangſt vor mei⸗ ne Augen zauberte, es mich vergeblich am Boden ſuchen ließ. Auch war kein Augenblick zu ver⸗ 200 WMAAAA lieren, denn immer naͤher kam das Ungeheuer, nur wenige Schritte war es noch entfernt von mir— da blitzt es wie ein Lichtſtrahl auf in mri⸗ ner Seele, ich erblicke die Thuͤr, ich reiße beide Fluͤgel angelweit auseinander und dicht an mir voruͤber ſtuͤrmt die wilde Beſtie, diverſe Hunde hinterdrein. Da ſchoͤpf' ich Athem, werde fu⸗ rieux, meine Courage retournirt, ich finde mein Gewehr, lege an, ziele deſperat, der Schuß fäͤllt, das Windſpiel Diane, der Fuͤrſtin Lieb⸗ ling, ſtuͤrzt toͤdtlich getroffen zu Boden, der Hirſch aber entkommt in die Straßen der Vor⸗ ſtadt. Dort ſtellt ſich ihm tollkuͤhner Weiſe ein ruſiger Schmidtegeſelle entgegen, erlegt ihn mit gluͤhender Eiſenſtange, und die elegante Jagdpar⸗ thie endete ſo auf eine hoͤchſt plebeje Manier. Der Kammerjunker von Spindel hatte den Vor⸗ fall von ſeinem Poſten aus mit angeſehen, geht hin und meldet alles haarklein dem Fuͤrſten. Sr. Durchlaucht laſſen mich rufen, que dit il2. ich haͤtte eine bétise begangen, die Thuͤr zu oͤff⸗ nen.— le vous prie! ich— ein Gentil- honune— eine hetise! ich ſtand perplex. In⸗ deſſen hatte auch der nehmliche malitieuſe Angeber 201 AN der Fuͤrſtin den Tod ihrer Favoritin hinterbracht und man erſuchte mich hoͤflich, binnen drei Ta⸗ gen den Hof zu verlaſſen. Im einſamen Cabinet deliberirte ich nund ob ich mich auf Reiſen be⸗ geben, oder mich auf mein kleines Landgut zu⸗ ruͤckziehen ſollte? doch das Letztere verwarf ich ſogleich, weil mich mein Verwalter daſelbſt einſt bei einem Reviſionsbeſuche mit einer sauce à Toignon und Hammelſleiſch regalirt hatte. Da erhielt ich endlich das theure Schreiben aus Hirſchbach und mein uͤberaus gluͤckliches Loos war geworfen.— Aber dem Herrn Kammerjun⸗ ker werd' ich's gedenken! er allein war Schuld, daß mir der Fuͤrſt die fatale belise zuwarf; il Nra de mon honneur— ich werde Genug⸗ thnung fordern!— Tapprends à faire les armes, kuͤnftiges Fruͤhjahr ganz gewiß!“ ſebir er mit dro⸗ hender Miene hinzu. 1 Mit zierlicher Gebehrde bäßte er nun Eme. rentia's Hand und fuͤhrte ſie nach ihrem Zimmer. Philippine aber ſchmiegte ſich zaͤrtlich an ihren Va⸗ ter— der ſich bei der Erzaͤhlung des hoͤfiſchen Waidmanns in die Lippen gebiſſen, um ſein ſpoͤt⸗ tiſches Lachen zu verbergen— und fluͤſterte ihm 202 ANN zu:„nicht wahr, mein Vaͤterchen, den feigen Jaͤger heirath' ich nicht, und wenn er auch wirk⸗ lich keine Peruͤcke truͤge?“ „Das ſollſt Du auch nicht, meine Tanbe— erwiederte Hirſchbach.—„Der waͤre mir eben recht zum Schwiegerſohne! ich glaube, der bade⸗ te ſich in meinem Weine und ließe nach meinem Tode den ganzen Forſt ausrotten, damit ihn nicht einmal ein artner Haſe wie ein reißendes Thier in Angſt und Schrecken ſetze,“ 4 84 Thomas, der alte Jaͤger des Barons von Hirſch⸗ bach, ſaß im Lehnſtuhle am Ofen in ſeinem duͤ⸗ ſtern Zimmerchen, welches ſich in einem kleinen Seitengebaͤude des Schloſſes befand, und ihm ſchon ſeit vielen Jahren zur Wohnung angewie⸗ ſen worden war. Er blickte voll innerer Frende auf die blanken Gewehre, Dachsranzen, Fuchs⸗ eiſen, Netze und andern Jagdgeraͤthſchaften, die im nboſte Zuſtande an den grauen Waͤnden ie Treibjagen wieder in volle Thaͤtigkeit geſetzt wer⸗ den ſollten. Seine Tochter Liſette aber ſchien alle dieſe Gegenſtaͤnde mit gleichguͤltigen Blicken zu betrachten, muſterte ihren Anzug wohlgefaͤllig vor dem kleinen Spiegel uͤber ihrem Arbeitstiſche und laͤchelte freundlich ihrem eignen Bilde entge⸗ gen, das, beilaͤuſig geſagt, in der That recht huͤbſch zu nennen war. Sie war der Stolz und die Freude ihres Vaters, und obgleich der gutmuͤ⸗ thige Alte laͤngſt ſchon bemerkte, daß ſie ſich der Eitelkeit und einem faſt laͤcherlichen Stolze hin⸗ gab, ſo war es ihm doch unmoͤglich, ſie weder 1 durch Bitten noch Warnungen davon abzubrin⸗ gen; denn ihre Eitelkeit war eine natuͤrliche Fol⸗ ge ihres Dienſtes als Kammerfrau beim Fraͤulein Emerentia, deren Unterhaltung gewoͤhnlich nur die neueſten Moden betraf, in deren Naͤhe ſie taͤglich neue Toilettenkuͤnſte lernte, neue Putzar⸗ beiten ſah, und ſo ſog ſie nach und nach das Gift einer Leidenſchaft ein, die zu befriedigen es ihr 4 großtentheils an Mitteln fehlte. Sie begnuͤgte 6 ſich daher mit abgelegten Putzſtͤcken ihrer Gebie⸗ terin, ſuchte ſich dieſe paſſend zum eignen Ge⸗ reauche zu aͤndern, und Raubte damit ſaͤmmtli⸗ 204 NAN che Dienſtboten des Schloſſes und alle Bewoh⸗ ner der Umgegend, die ſie ſahen, in Erſaunen und Bewunderung zu verſetzen. „»Wirſt Du Dich denn ewig putzen? begann ihr Vater endlich, als ſie ſich noch immer vor dem Spiegel auf den Zehen erhob und von allen Seiten betrachtete.„Du weißt's, ich kann den Firlefanz nicht leiden, der ſchickt ſich nur fuͤt vornehme Leute, wie unſer gnaͤdiges Fraͤulein Emerentia; ſo ein armes Schneegaͤnschen aber, wie Du biſt, muß ein ſimples Faͤhnchen tragen, 1 das Haar huͤbſch glatt gekaͤmmt und nicht ſolche dicke Locken da, die wie lauter Doppellaͤufe auf der Stirn liegen, daß ein ehrlicher Kerl den Muth verlieren muß, Dir deunter; wegi ins s N. ge zu gucken.« „Nur vornehme Leute?« wiederholte Liſette mit aufgeworfenem Naͤschen.„Nun, nun es iſt ja noch nicht alle Tage Abend, wer weiß wozu ich beſtimmt bin. Und darnm bitt ich Dich reccht ſehree fuhr ſie fort, ihm Kinn und Wan⸗ gen ſtreichelnd— nonne mich nicht mehr Schnee⸗ gans! es giebt mir allemal einen Stich mitten durchs Herz⸗ wenn ich's hoͤren Kun⸗ denn es klingt doch auch gar nicht nobel. Wenn Du mir nun einmal einen Namen beilegen willſt, ſo nen⸗ ne mich Dein Taͤubchen, wie der Herr Baron ſein Philippinchen nennt; das ließ ich mir noch gefallen, denn eine Taube iſt doch immer ein viel vornehmeres Thier, als eine Gans.te 4 Ich will Dir etwas erzaͤhlen, mein Kind,“ entgegnete Thomas.—„In meinen Ingendjah⸗ ren diente ich bei einem alten Edelmanne, der noch aͤußerſt lebensluſtig war. Er gewann mich lieh, ich durfte nicht mehr von ſeiner Seite wei⸗ chen, und er machte mir's zur Pflicht, bei je⸗ 5 dem Vergnuͤgen, das er genoß, hinter ſeinem Stuhle zu ſtehen, oder ihm auf jedem Schritte zu folgen, und ihm von Zeit zu Zeit: memento mori! zuzurufen; das heißt auf Deutſch: Menſch, bedenk' Dein Ende!— Ich elungee mir eines Tages die Frage, warum er ſich ſo abſi ichtlich in jedem frohen Genuſſe ſendurch den ernſthaften Zuruf ſtoͤren ließe? da gab er mir zur Antwort: weil mir mein Leben. und meine Ge⸗ 1 ſundheit noch lieb ſind, ſo ſoll mich der ernſte Spruch im Zaume halten, daß ich bei keinein Vergnuͤgen die Grenze uͤberſchreite und Schaden 206 AAᷓAA nehme an meinem Leibe. Siehſt Du nun, mein Kind, drum will ich auch Dich, ſo bald ich be⸗ merke, daß Dich der Hochmuthsteufel plagt, ſo gleichſam als memento mori, Schneegans ti⸗ tuliren, damit Du nicht in Deinen eiteln Ge⸗ danken die Grenzen Deines Standes uͤberſpringeſt und Schaden nehmeſt an Deinem Verſtande. Und wenn Du vielleicht wiſſen willſt, zu was Du beſtimmt biſt— da kann ich Dir auch Aus⸗ kunft daruͤber geben: zu einer tuͤchtigen Jaͤgers⸗ frau und zu ſonſt nichts weiter auf der Welt let „Ei, warum nicht gar!“ ſiel ihm ſein Toͤch⸗ terchen ins Wort—„eine Jaͤgersfrau? nein, nein, da iſt nicht dran zu denken! einen regie⸗ renden Herrn wuͤnſch ich mir zum Braͤutigam.“ „Behuͤte mich Gott in allen Gnaden!“ brumm⸗ te der Alte—„ich glaube, ſie wird ſchon unklug vor lauter Duͤnkelſtolz.— Laß mich das nicht noch einmal hoͤren, Schneegans Du l' rief er ihr finſter zu, nahm Hut und Büchft und zieng nach dem Borſte 4 Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, ſo ſuch⸗ te Liſette aus einem verborgenen Schubfache ein etwas vergelbtes Spitzenhaͤubchen hervor und ei⸗ nige verraͤucherte Straußfedern, welche vor Zei⸗ ten weiß geweſen waren, auch durch Mottenfraß bedeutend gelitten hatten. Sie trat wieder vor den Spiegel, paßte ſich das Haͤubchen auf, befe⸗ ſtigte ſich die Federn zwiſchen ihren Locken, daß die ſchwankenden Spitzen bei jedem Schritte ihr Raschen beruͤhrten, und ſchlich nun durch den Schloßgarten hinaus aufs Feld, um nach dem Dorfe Hirſchbach zu gehen, und dort durch den neuen Kopfputz, den ſie heute zum erſten Male zur Schau gab, den Schutzenstoͤchtern einige Ach's! Oh's und Ah's! abzugewinnen. Doch hatte ſie noch nicht die Haͤlfte ihres Weges zuruͤck⸗ gelegt, als ſie am Saume des Waldes einen jungen Mann im ſchwarzen Kleide erblickte, der, in einem Buche leſend, gerade auf ſie zukam.— Das iſt gewiß der neue Schulmeiſter— dachte 208 WVAN ſie— der erſt vorgeſtern in Hirſchbach ingezogent iſt. Er kennt mich nicht, mit ihm kann ich mei⸗ nen Scherz treiben— und in dieſer Abſicht gieng ſe ihm mit ſtolzer Miene entgegen.““ Bit Er wollie beſcheiden gräͤßend an ihr voruͤber⸗ gehen und wagte es kaum, einen ſchuͦchtertien Blick auf ſie zu werfen, doch Liſette blieb dicht vor ihm ſtehen, fixirte ihn ſcharf und redete ihn endlich an:„dem Anſcheine nach ſind Sit der neue Schulmeiſtera aus e ieſchtu— wie Maba Sis 2i n 1 „Wilhelm Stnape— erwitderte der ee Gsan te und behielt den Hut in der Hand. „Kennen Sie mich?“ Sranttnnts eiſette zbt ter. Ein ftummes osfoiten deutets ſanez WDe neinung. „So wiſſen Sie, daß ich Frhulcin Phitiß⸗ pine bin, die Tochter des Herrn Barons von Hirſchbache— erwiederte ſie.„Ich fuͤhle Lan geweile auf meinem einſamen Spaziergange; blei⸗ ben Sie bei mir und unterhalten Sie mich.: Das war eine ſchwere Aufgabe fuͤr den armen Wilhelm, der mit ſchuͤchterner Demuth vor ihr M ſtand und eine Entſchuldigung zu ſtammeln wag⸗ te, denn er hatte in ſeinem ganzen Leben noch mit keinem Fraͤulein geſprochen, und daß er wirk⸗ lich vor einem Fraͤulein ſtehe, bezweifelte er, nach einem verſtohlenen Blicke auf die von ihrer Spiz⸗ zenhaube herabwallenden Straußſedern, nicht laͤn⸗ ger. Die Kenntniß ſeiner Schulmeiſterwiſſen⸗ ſchaften, die ihn bei ſeinen Bauern fuͤr einen ge⸗ lehrten Mann gelten ließ, ſchien ihm hier nur eitel Stuͤckwerk und zur Unterhaltung einer Cdel⸗ dame durchaus nicht hinlaͤnglich; deshalb zitterte er auch bei ihrem Verlangen wie ein Espenlaub, verbog die Hutkraͤmpen auf die grauſamſte Weiſe und große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn. Liſette bemerkte ſeine Verlegenheit mit heim⸗ lichem Triumphe, doch nicht ohne Mitleid, und recht freundlich, um ihn zu ermuthigen, ſprach ſie zu ihm:„ſprechen Sie, was Sie wollen, ich bin mit Allem zufrieden und werde ſchon dafuͤr ſorgen, daß unſre Unterhaltung nicht ins Stok⸗ ken geraͤth. Sprechen Sie mit mir, wie mit Ihres Gleichen;; o, ich bin gar nicht ſtolz le II. 14 S STANNIHGAA 5 S WAA Das ſchien zu wirken, denn Wilheln erhob ſein Ange allmaͤhlig von ihren allerliebſt geforme ten Fuͤßchen immer hoͤher bis zur ſchlanken Taille, deren Grenze eine roſenfarbige Atlasſchaͤrpe auf ſchneeweißem Grunde bezeichnete, wagte einige Zoll hoͤher hinauf— wo der jungfraͤuliche Bu⸗ ſen ſich woͤlbte, verraͤtheriſch nur leicht verhüͤllt vom feinſten Mull— einen kleinen Stillſtand von drei Seeunden, und warf dann ſtill entzuͤckt urploͤßzlich ſeine wandernden Blicke empor bis zum erſehnten Ziele, bis tief hinein ins freundliche dunkelblaue Augenpaar— doch da blitzt es ihm entgegen wie Flammengluth, als ob alle jeng Doppellaͤufe— wie ſich Thomas ausdruͤckte— welche zahlreich auf ihrer ſchoͤnen weißen Stirn aufgepflanzt waren, ſich gegen ihn einer feurigen Ladung entledigt haͤtten, und augenblicklich, wie geblendet, ſenkte er ſein Haupt und ſchloß ſein Auge. Als er es wieder zu oͤffnen wagte, ließ er es unverwandt und demuͤthig auf den niedlis chen Fußſpitzchen weilen, als ſey es ſeine Pflicht, die Sandkoͤrner, die ſie beruͤhrten, eifrig zu zaͤh⸗ len, und ſprach:„haben Sie Erbarmen mit mir, mein gnaͤdiges Fraͤulein, wenn ich meinem Stan⸗ 211 AN de gemaͤß nach der heiligen Schrift auch meine Rede nur auf ein unterthaͤniges Ja, ja— Nein, nein, beſchraͤnke. Ich achte uͤber⸗ haupt jedes Frauenzimmer— vorzuͤglich aber ein edelgebornes— fuͤr ein Weſen hoͤherer Natur, und fuͤhle mich daher ſeltſam beklommen und aͤuſ⸗ ſerſt bewegt in Dero Gegenwart. Meine erſte Erziehung war eigentlich fuͤr gar keine zu achten, denn ich blieb bis in mein zehntes Jahr, wo ich beide Eltern verlor, mir ſelbſt uͤberlaſſen. Da erbarmte ſich meiner ein wuͤrdiger Pfarrer, der mich nach einer Kloſterſchule brachte, wo ich, ab⸗ geſchieden von der Welt, den Grund legte zu den Kenntniſſen, welche mir nothwendig waren, um in meinen jetzigen Stand als wirkendes Mitglied eintreten zu koͤnnen. In meinem ſiebzehnten Jahre aber frequentirte ich ein Seminarium, wo mir bei zugemeſſener Stundeneintheilung fuͤnf Jahre entſchwanden, und ſo traf ich in meinem zwei und zwanzigſten Lebensjahre vorgeſtern als Schulmeiſter in Hirſchbach ein. Urtheilen Sie nun ſelbſt, ob ich bei einer ſo einfachen Lebens⸗ weiſe, abgeſchnitten von jedem Umgange mit den Gebildetern maͤnnlichen und weiblichen Ge⸗ 14* ſchlechts, unbekannt mit den ſchoͤnen Wiſſen⸗ ſchaften, ja ſelbſt mit den Anſtandsregeln der fei⸗ nen Welt, die allerdings ſehr ſchaͤtzenswerthe Gabe, ein gnaͤdiges Fraͤulein angenehm zu un⸗ terhalten, mir erwerben konnte? Erlauben Sie mir daher, ruhig meine Straße zu ziehen, ſo ungern ich auch das Gluͤck entbehre, in Ihrer Naͤhe weilen zu duͤrfen.“ 1 Liſette hoͤrte ſeine Rede mit beiſaͤlligem Laͤ⸗ cheln, wobei ihre Augen auf ſeiner einnehmenden Geſtalt nicht ohne Antheil verweilten, ja ſie be⸗ reuete ſchon aufrichtig ihren Scherz, und der Wunſch, der druͤckenden Feſſeln, die ſie ſich ſelbſt durch Verlengnung ihres Standes auferlegt, ent⸗ ledigt zu ſeyn und durch trauliche Unterhaltung ſich dem jungen Manne zu naͤhern, wurde mit jeder Minute lebhafter in ihrem Herzen, worin das Bild des blonden Krauskopfs, mit den ſriſche⸗ ſten, ſeurigſten Farben der erſten Liebe gezeich⸗ net, bereits ſchon ſein feſt verſchloſſenes Kaͤm⸗ merchen geſunden⸗ Die ſolzen Zuͤge, dic eie ih⸗ machten einem eun dnthen, Zutrauen enpeceg, den Läͤcheln Platz, mit dem ſie ihm erwiederte: — ihn ſo gewaltſamerweiſe neben ſich zum Sitzen. 213 KGAMAN „Ci, eit! Sie ſprechen ja ganz artig in einem Zu⸗ ge fort; das war ja ſchon viel mehr, als ihr bi⸗ bliſches Ja, ja! Nein, nein! Ich ſehe ſchon, es wird gehen— nur nicht bloͤde, ſetzen Sir zſich 3ü mir her ins weiche Moos.. n Das hatte Wilhelm nicht erwartet, und ſeine Verlegenheit ſtieg aufs Hoͤchſte. Er ſtand un⸗ entſchloſſen, wie eingewurzelt, und ſchielte ſeit⸗ waͤrts nach ihr hin. Sie hatte ſich indeſſen, nachdem ſie zuvor ſorgfaͤltig ein weißes Tuch aus⸗ gebreitet, auf dem gruͤnen Boden niedergelaſſen, und zog eben ihr duͤnnes Kleidchen verſchaͤmt uͤber die weißen Struͤmpfchen herab, da bemerkte ſie ſein Zaudern, und ſchon blitzte es aus ihren Augen, ſchon zuckte wieder ein ſtolzer, verſtellen⸗ der Zug um ihre Roſenlippen, indem ſie ſprach: „ſoll ich Sie zum zweiten Male bitten, Herr Schulmeiſter? 2 ¼ doch augenblicklich erglaͤnzte wie⸗ der eine ſonnenhelle Freundlichkeit auf ihrem Ant⸗ litze, als ſie bemerkte, daß ihm, von Seelenangſt ausgepreßt, eine große Thraͤne im Auge perlte. Scherzend ergriff ſie nun mit jeder Hand einen ſeiner Rockſchoͤße, zog kraͤftig an und noͤthigte 214 MWGAN Zwar ziemlich unſanft, aber keines koͤrperlichen Gefuͤhls mehr maͤchtig, ſetzte er ſich nieder und ſtarrte nun regungslos vor ſ ich Ginans ins ſeie Feld. 3 G. giſette bemuͤhte ſich zwar aufs neue, ihm Worte abzugewinnen, doch vergebens, er blieb ſtumm und regungslos.„Was laſen Sie, als ich Ihnen begegnete?“ fragte ſie e endlich, und ohne ſeine Antwort abzuwarten, zog ſie das Buch, das er bei ihrer Annaͤherung zu ſich geſteckt hat⸗ te, aus ſeiner Bruſttaſche hervor. Da verrieth er endlich Zeichen des Lebens und verſuchte es, das Buch ihr wieder zu entreißen, doch ſie hielt es feſt und wendete ſich ab damit von ihm, indem ſie ſprach: verſt muß ich den Titel leſen, dann ſollen Sie es wieder haben.“ Eine hohe Purpurroͤthe uͤberzog ſein ganzs Geſicht, und er hielt den Hut, den er noch im⸗ mer in der Hand trug, dicht vor die Augen, als 0b ihn die Sonne blende, indem ſie las und ſich mit den Worten wieder zu ihm wendete:„ei der Tauſend! alſo Romane— Liebesgeſchichten lieſt der fromme Herr Schulmeiſter, der mir ſo ehr⸗ lich die Verſicherung gab, daß er ein jnnges 4 213 AAMNN/ Maͤdchen durchaus nicht unterhalten koͤnne!— „Beinahe fang' ich an zu glauben, daß Sie ein recht durchtriebener Schalt ſind, Herr Staar! Da muß ich doch gleich einmal recht tief in Ihre. Augen gucken, ob der Schelm drin ſitzt?— Nun aweg mit dem Hute⸗— was s ſoll der Hut vorm Geſicht? 9 gun»Ach, ich ſchaͤme mich ſo fehr, gnaͤdiges Fraͤnlein, als ob ich auf dem Armenſunderbaͤnk⸗ chen ſaͤße“— erwiederte er leiſe, waͤhrend ſie dihm den Hut nahm und ſcharf ins Auge blickte. „Hm! hm! ich kann ſo recht nicht klug dar⸗ aus werden“— fuhr ſie fort mit bedenklicher Miene.„So— von der rechten Seite betrach⸗ aitet, funkelt's wie Ehrlichkeit aus den blauen Ster⸗ nen hervor, ſo— von der linken Seite flim⸗ mert's wieder wie Bloͤdigkeit— aber gerad' aus, Aug' in Auge?— hul da flackern die Liebes⸗ ſlaͤmmchen hervor, wie Irrlichter auf der Haide. Geſchwind, geſchwind, die Fenſterladen zu— ſonſt wird mir Angſt und bange in Ihrer Naͤ⸗ he.“— Und mit den Fingerſpitzen ihrer kleinen fammetweichen Haͤnde druͤckte ſie ihm ſanft wohl drei Minuten lang die Augenlieder zu. 216 Er glaubte der Welt entruͤckt zu ſeyn, ver⸗ zehrende Flammen durchwogten Hirn und Bruſt, und in der Verwirrung ſeiner Sinne ſtammelte er:„Verzeihung, gnaͤdiges Fraͤulein! Erbar⸗ men!— Es iſt ja der erſte Roman, den ich in meinem Leben las ich will's nie wieder thun — ich bin— mir wird ſo gluͤhend heiß—o Gotnt was machen Sie aus mir?“ Ein lautes Gelaͤchter wurde ihm zur Ani⸗ wort, und mit komiſcher Gebehrde nahm Liſette ſeinen Hut, wedelte ihm Luft damit zu und ent⸗ gegnete:„will Sie ſchon abkuͤhlen, Sie naͤrri⸗ ſcher Schulmeiſter! Was kuͤmmert's mich, ob Sie Romane leſen? aber wenn Sie's thun, ſo muͤſ⸗ ſen Sie ſich auch etwas daraus merken, damit Sie ein vernuͤnftiges Wort zu ſprechen wiſſen, wenn ein junges Maͤdchen von Ihnen unterhal⸗ ten ſeyn will. Nur nicht ſo bloͤde, ich bin doch wahrhaftig gar nicht ſtolz.— Geduld— jetzt will ich Ihnen gleich ſagen, wie Sie ſich beneh⸗ men muͤſſen.“ Sie blaͤtterte lange im Buche hin und her, dann las ſie:„er ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder, Sie aber beugte ſich freundlich zu ihm herab, und er druͤckte den erſten, heißen 217 WAAAA Kuß—— Nein!“ ſprach ſie weiter und blaͤt⸗ terte wieder im Buche—„das iſt ein Bischen zu ſtark, da muͤßten wir doch erſt naͤher mit ein⸗ ander bekannt werden— aber hier*— fuhr ſie fort, ſchlug eine andere Stelle auf„ las: „freundlich reichte ſie ihm ihre Hand und ſchuͤch⸗ tern wagte er es, an ſeine Lippen ſie zu druͤcken.— Das klingt ſchon beſſer“— wendete ſie ſich zu ihm—e„da hab' ich nichts dagegen einzuwen⸗ den.— Nun, wie wird’s?“ fragte ſie ihn laͤ⸗ chelnd, und bot ihm ihr Haͤndchen dar; er aber raffte ſich empor, und knieend vor ihr, beruͤhrten ſeine Lippen in einem langen, haibzen Kuſſe ihr Hand. »Ich bin im Himmet! ich traͤume den ſchoͤn⸗ ſten Traum meines Lebens! o, daß ich nie er⸗ wachte!“ rief er aus. Au 6„Das haben Sie gewiß ſchon aus dem Ro⸗ mane auſgeſchnappt!“ entgegnete Liſette mit ſicht⸗ barer Zufriedenheit.„Damit Sie aber Ihre Schuͤchternheit verlieren, will ich Sie auch nicht mehr Herr Schulmeiſter tituliren.— Herr Staar? das klingt auch noch ſo ſteif— ach was! ich will Sie Wilhelm nennen, und Sie nennen 218 mich— Philippine?— nein, den Namen kann ich nicht leiden— Sie nennen mich Liſette, das iſt mein zweiter Taufname.— Nun alſo, mein lieber Wilhelm—“ Dieſe letzten drei Worte klangen ihm ſo wun⸗ derſuͤß von ihren Lippen, daß er wieder ihre Hand ergriff und ſie mit heißen Kuͤſſen bedeckte, bis ſie ihm dieſelbe entzog, und ſchnell aufſtehend be⸗ merkte: daß ſie nun ins Schloß zuruͤckkehren muͤſſe, um beim Thee gegenwaͤrtig zu ſeyn. „Doch morgen“— fuͤgte ſie hinzu—„erwarte ich Sie um dieſelbe Zeit wieder auf derſelben Stelle. Leſen Sie indeſſen fleißig in dem Bu⸗ che, dann werd' ich ſehen, ob Sie etwas behal⸗ ten haben. Gute Nacht, lieber Wilhelme— Weg nach dem Schloſſe, der ſelige Schulmeiſter aber taumelte, gleich einem von ſuͤßem Weine Trunkenen, tief in den Forſt hinein. e 687 K01) Spaͤt am Abende deſſelben Tages verbreitete ſich unter ſaͤmmtlichen Bewohnern des alten Jagd⸗ ſchloſſes die lebhafteſte Beſtuͤrzung, als von zwei Bauern der allgemein geliebte und geachtete Jaͤ⸗ ger Thomas fuͤr leblos aus dem Forſte hereinge⸗ bracht wurde. Die beiden Landleute hatten ihn dicht an der Hauptſtraße im Walde ohnmaͤchtig am Boden gefunden, mit allen Anzeigen eines gewaltſamen Angriffs auf ſeine Perſon, und ver⸗ mutheten, daß er dort von Wilddieben niederge⸗ worfen worden ſey, wußten jedoch nichts Be⸗ ſtimmtes uͤber den ganzen Vorfall auszuſagen. Sein Jagdgewehr war aitgends zu linden gewe⸗ ſen. 1 Mit dem henigſen Schmerze frommer Bruſt, der keine lindernde Thraͤne ih⸗ rem Auge entauellen ließ, knieete Liſette am La⸗ ger ihres Vaters, und bemuͤhte ſich, durch alle nur erdenkliche Mittel ihn ins Leben zuruͤckzuru⸗ fen. Endlich gelang es ihr— er ſchlug die Au⸗ 220 GʒWNLUAAN gen auf, und ſein erſter matter Blick ſiel auf ſei⸗ ne gute Tochter, die jetzt im Ausbruche der lau⸗ teſten Freude ihn feſt in ihre Arme ſchloß. Auch der Baron ergriff innig erfreut mit der herzlich⸗ ſten Theilnahme ſeine Hand, half ihn entkleiden, forſchte ſorgfaͤltig, ob er verwundet ſey? doch außer einer bedeutenden Geſchwulſt an der Stirn, wurde keine Verletzung an ſeinem Koͤrper aufge⸗ funden. Ein kuͤhlender, zertheilender Umſchlag linderte bald ſeinen heftigen Kopfſchmerz, und nach einer Stunde ungefaͤhr erlangte er ſein voͤl⸗ liges Bewußtſeyn wieder, und war faͤhig, ohne Anſtrengang den Umſtehenden Folgendes uͤber ſei— nen Unfall mitzutheilen: 6 „Dieſen Nachmittag gegen fuͤnf Uhr“— be⸗ gann er—„ſtehe ich an der großen Steineiche, ſtopfe mir die letzte Pfeife und gehe darauf weiter. Kaum bin ich hundert Schritte gegan⸗ gen, finde ich im duͤrren Graſe friſche Spuren Schweiß bis zum Haſelbuſche. Ich denke, ein ganzes Volk Rebhuͤhner faͤhrt mir in die Peruͤcke, wie ich hineinſchane— da liegt ein jaͤmmerlich verendetes Rehboͤckchen, die Bauchhaut aufge⸗ ſchlitzt, daß das Geſcheidte herausbaumelt, und 224 AMAmAAA/ ſtreckt alle vier Laͤufte von ſich. Nun hatt' ich Wind— Sie werden's ſelten von mir hoͤ⸗ ren, abet wie ich ſo daſtand vor dem jaͤmmerlich zerfetzten Gethiere, da flucht⸗ ich wie ein daͤni⸗ ſcher Kommandirſergeant. Als ich nan auf dem Nuͤckwege begriffen bin, um Ihnen, gnaͤdiger Herr, die ſchlimme Poſt zu bringen, bemerk' ich unter den Rothbuchen zwei verdaͤchtige Kerle, die eben ihre Flinten laden wollen; doch ehe ſie noch den Ladeſtock herausbrachten, ſprang ich auf ſie zu und fragte barſch: wer ihnen Fug und Recht gegeben, mit Gewehr und Waidtaſche in meines Herrn Forſte herumzuſtreiſen?— s iſt der alte Thomas aus Hirſchbach— rief der Eine.— Schlag ihn todt!— ſchrie der Andere, und ver⸗ ſetzte mir zu gleicher Zeit einen ſo gewaltigen Stoß vor die Bruſt, daß ich zuruͤcktaumelte. Halt! dacht' ich, hier ſollſt Du Haare laſſen, Thomas, wehr’' Dich Deiner alten Hant! raff⸗ te mich zuſammen und tippte mit dem Flinten⸗ kolben den Einen, der wieder laden wollte, ſo verzweifelt auf die Tatze, daß er jauchzte wie ein gepruͤgelter Kettenhund. Der Andre aber nahm'’s uͤbel, packte mich bei der K dehle, eh ich ihn aufs 222 Korn nehmen konnte, und wuͤrde mich ohne Zwei⸗ fel blitzblau gewuͤrgt haben, waͤre nicht in dem⸗ felben Augenblicke ein Dritter aus dem Buſche geſprungen, ein junger Mann im dunkeln Ueber⸗ rocke, deſſen Geſicht ich nicht kannte. Mocht ihm wohl meine Noth zu Herzen gehen, denn krach— rriß er einen duͤrren Baumaſt herunter, ließ ihn durch die Luͤfte ſaußen und fieng nun an ſo wacker auszuzahlen, als ob er's beim Schul⸗ meiſter gelernt haͤtte. Mein Mann, der mich bei der Krauſe hatte, kriegt' auch ſein rechtſchaf⸗ fen Theilz er zog zwar ſeine Faͤnge ein und ließ mich los, verſetzte mir aber noch einen Fauſt⸗ ſchlag vor die Stirn, daß mir's vor den Ohren 1 brummte, als ob ſie in Hirſchbach zu Pfingſten laͤuteten, und plumps— da lag ich, wie en ge⸗ aͤllter Eichbaum, weiß auch von der Minute nicht mehr zu ſagen, was um mich her geſche⸗ hen.“ Bleich vor Zorn ſtand der Baron von Hirſch⸗ bach, und außer ſich rief er jetzt:„daß Du in der Hoͤlle jagteſt, verdammter Hirſchteufel! hat Dich zu meiner Qual der Satan ſchon wieder hergeſchickt?— Pflege Dich, Alter“— fuhr er — 223 fort zu Thomas—„Deinen Dienſt ſoll indeſſen ein Anderer verſehen.— Morgen Nachmittag kommen alle Waidmaͤnner aus der ganzen Um⸗ gegend hier zum Sternſchießen zuſammen. Sie ſtehen uns bei mit Freuden, und kuͤnftige Nacht wollen wir ein Treibjagen anſtellen, daß das Diebsgeſindel vor Angſt in die Dachsloͤcher krie chen ſoll.“ Imn. 3 1 „Da muß ich dabei ſeyn!“ rief Thomas un⸗ geduldig mit blitzenden Augen—„ich will mich nicht pflegen, Herr Baron, bin morgen fruͤh ſchon wieder auf den Beinen, wenn's was zu jagen giebt! Waͤr's nur ſchon morgen Nacht, ich will ſie hetzen mit der Hundepeitſche, die ganze Bande!— und wirklich fuͤhlte er ſich ſchon am andern Morgen zur groͤßten Freude ſeiner Toch⸗ ter woͤllig wiederhergeſtellt. 539 J4.* A ien 2 40. Der Schulmeiſter war von ſeinem Spazier⸗ gange im Forſte erſt bei voͤllig hereingebrochener Dunkelheit in ſeiner Wohnung wieder angekom⸗ men. Er gieng noch lange mit verſchraͤnkten Ar⸗ men im engen Stuͤbchen auf und ab, und ſein einziger Gedanke war Liſette. Obgleich ihm Al⸗ les, was er hier erblickte, vom Erbſenſacke bis zum Choralbuche, mit lauter Stimme zurief: Staar ſey kein Narr! die Flamme brennt verge⸗ bens in Deiner Bruſt, ſie wird Dich nur ver⸗ zehren! ſo vermochte er es doch nicht, den maͤch⸗ tigen Schlag ſeines Herzens zu daͤmpfen, das je⸗ ne unnennbare Himmelswonne der erſten Liebe erfuͤllte. Obgleich er an der weißen Wand, wo⸗ hin er auch ſein Auge wendete, das altadeliche Wappen des Barons von Hirſchbach drohend und mahnend vor ſich zu ſehen glaubte, ſo umgankel⸗ te ihn Liſettens Bild doch lange noch ir me, als er endlich ſein Lager geſucht, und ver⸗ ließ ihn auch nicht eher wieder, bis die erſten Sonnenſtrahlen am andern Morgen ſeinen un⸗ ruhigen Schlummer verſcheuchten und bald dar⸗ auf der Anblick ſeiner buntſcheckigen Dorfjugend das reizende Bild auf kurze Zeit aus ſeiner Phan⸗ taſie verdraͤngte. Vor Allem bemuͤhte er ſich nun an dieſem Tage, den ihm anvertrauten Zoͤglin⸗ gen beim Religionsunterrichte mit warmem Red⸗ Trau⸗ 225 MANN 8 nerfeuer zu erklaͤren, daß vor Gott alle Menſchen gleich waͤren; doch als er ſich nun auch ungluͤck⸗ licher Weiſe verſucht fuͤhlte, der mit offnem Munde zuhoͤrenden Jugend eine Sleichheit aller Menſchen vor der Welt beweiſen zu wol⸗ len, verwickelte er ſich dermaßen in ſeinen frei⸗ geiſtigen Schluͤſſen und wankenden Beweisgruͤn⸗ den, daß ihm die Stirnadern aufſchwollen, und um ein Ende zu ſinden, ließ er ſtammelnd den Befehl ergehen, das gute alte Lied zu ſingen: „Herr, ſteh' mir bei in meiner Noth! indeß ein naſeweiſer Bengel von Bauerjungen ſeinem Rachbar ſehr vernehmlich ins Ohr fluͤſterte: „Erſch! der S Schulmeiſter iſt ſtecken geblieben!“ 3 ber nach beendigten Schulſtunden die ſan ern Geiſter ausgefahren, welche ſeine lieb⸗ lichſten Phantaſiobilder durch den Anblick ihrer zerlumpten Jacken und ungewiß glaͤnzenden Le⸗ derhoſen verſcheucht hatten, griff er begierig nach dom Nomane, um, Liſettens Weiſung zu Folge, denſelben zu Ende zu leſen. Da ſtand es ja ſo klar und deutlich: daß ein armer, blutarmer Schreiber durch verſchiedene gluͤckliche und un⸗ gluͤckliche Zufaͤlle endlich ans Ziel ſeiner Wuͤnſche II. 15 226 G gelangte und mit erhoͤhtem Range und Titel die liebenswuͤrdige Tochter eines ſteinreichen alten Regierungspraͤſidenten zum Altare fuͤhrte. Es war ja Alles ſo augenſcheinlich dargeſtellt, daß er nicht im mindeſten an der Moͤglichkeit einer ſolchen Begebenheit zweifelte, und daraus auch fuͤr ſich eine ſchuͤchterne Hoffnung zu ſchoͤpfen wagte; aber dennoch trieb es ihn auch zuweilen ſo unruhig in ſeinem Zimmerchen umher, als ob er im Schulmeiſterexamen einen tuͤchtigen Re⸗ peller bekommen haͤtte, und dabei wogte ſein gluthentflammter Juͤnglingsbuſen ſo ungeſtuͤm auf und nieder, wie ein Ssgeſdeumes Segel, zen Liſettens hoͤtte ertverfen tounen; . nicht einmal einen Bekannten ten hatte er hi ganzen Dorfe. Hundert ünausführbare Pläne keins zu gelangen⸗ wechſelten in ſemnone annar⸗ regten Hirn, und er wuͤrde vielleicht ſogar in 5 der ſchwarzen Weſte iDoih vergebens⸗ dieſen Augenblicken verzweifelte Entſchluͤſſe gefaßt haben, wenn gicht ſo eben die Glocke vom Thur⸗ me herab viermal angeſchlagen. Das war ja die Stunde, in welcher er ſich am Saume des Wal⸗ des wieder einfinden ſollte, und ploͤtzlich, wie electriſch beruͤhrt, ſtand er kerzenſteif, ergriff dann ſeinen Hut und rannte ſo unbaͤndig durch das Dorf nach dem Forſte, als ob alle Hofhunde ihn verfolgten. Er war der Erſte auf dem Platze, und in der ſichern Hoffnung ihres baldigen Er⸗ ſcheinens, zog er die durch das ſchnelle Laufen et⸗ was locker gewordene Halsbinde feſter zuſammen, faltete aus den Zipfeln derſelben ein niedliches Roͤschen und legte den ſchneeweißen Jabot unter in ein vortheilhafteres Licht. chien nicht; er harr⸗ nuis. ihrer bis nach onnenuntergang umſonſt, und ſchlich endlich, wie aus allen ſeinen Him⸗ meln herabgeſchleudert,„Feufzend und betruͤbt nach ſeiner Wohnung zuruͤck, denn eine leiſe Stim⸗ me ſchien ihm zuzufluͤſtern:„armer Staar, man hat Dich zum Beſten gehabt Geassbue S Das Sternſchießen hinter dem alten Jagd⸗ ſchloſſe war zu Ende, die Preiße waren vertheilt, und Georg— war ausgeblieben. Philippine ſchien zwar geneigt, ihn der Muthloſigkeit zu be⸗ ſchuldigen, die ihn zuruͤckgehalten, ſich in ſeiner Geſchicklichkeit mit den Waidmaͤnnern der Um⸗ gegend zu meſſen, aber dem widerſprach ja ſein feuriger kuͤhner Blick, der mit ſeiner Feuergluth, ohne daß ſie ſich's ſelbſt geſtehen wollte, ein ganz artiges Flaͤmmchen entzündet, welches lichter in ihrem Herze 7 verdrießlich üben ſchon die Sonne ſch len die Wipfel ſchlank te ſie doch eine unwiderſtehli he Sehuſucht. bis zur hereinbrechenden Daͤmmerung im Forſte her⸗ umzuſchweifen, nicht gerade— wie ſie bei ſich 2 meinte— um vielleicht zufaͤllig dem huͤbſchen Georg wieder zu begegnen, ſondern weil einmal der Wald ihr Lieblingsaufenthalt war, den ſe e 229 WMRA/ heute den ganzen Tag uͤber noch nicht hatte beſu⸗ chen koͤnnen. Unbemerkt ſtahl ſie ſich von der Seite ihrer Tante, und befand ſich ſchon im dunkeln Gebuͤſch, ehe dieſe noch ihre Entfernung gewahrte; doch huͤpfte ſie heute nicht ſo froͤhlich wie ſonſt durch die engen Schlangenpfade, ſie ſchlich vielmehr, leiſe und ſorgfäͤltig umherſpaͤ⸗ hend, die Wege hinab, es war, als fuche ſie Et⸗ was, und zuweilen zuckte bloͤtzlich ein Strahl der 14 Freude aus ihren großen ſchwarzen Augen her⸗ vor, wenn ſie hinter einem Baumſtamme oder durch das halbentblaͤtterte Geſtraͤuch Jemanden im gruͤnen Jagdkleide zu erblicken glaubte; aber ſtets getaͤuſcht, wurde ſie ernſter, bog in einen e Seiteupfad ein, der nach dem Schloſſe zuruͤck⸗ oll Unm th leiſe vor ſich nehr an nihn den⸗ Da drang ein dlägtiches Gewimmer durch die e cbediich Stille bis zu ihr heruͤber. Sie horch⸗ te auf, es ſchien in ihrer Näͤhe zu ertönen, und voll aͤngſtlicher Haſt, ohne Furcht, folgte ſie dem Klagerufe bis zur Fahrſtraße, wo ſie am Bo⸗ d liegend„zitternd und ſich krummend, wie im 230 MWWWNN heſtigſten Schmerze, einen Menſchen erblickte, aͤrmlich gekleidet, neben ſich ein Jagdgewehr und Waidtaſche. Tiefbewegt, mit der herzlichſten Theilnahme knieete ſie zu ſeinem Haupte nieder, legte ihre Hand auf ſeine bleiche, kalte Stirn und fragte ihn mit weicher Stimme: was ihm begegnet? wie ſie ihm helfen koͤnne?— Doch der heftige Fieberfroſt draͤngte den Ton ſeiner Stimme zuruͤck und ein leiſes Stoͤhnen war ſei⸗ ne ganze Antwort. Sie uͤberlegte, was hier zu thun ſey? ſie wollte eilig Beiſtand aus dem Schloſſe herbeirufen, doch ſchien ihr der Weg dahin zu weit, und ſchleunige Huͤlfe hier un⸗ umgaͤnglich nothwendig da ertoͤnte es wie maͤnnliche Schritte in ihr⸗ herab, und ſchnell er ſſen rief ſie um Huͤlfe. Schon beim zweiten ſt zte der Langſt⸗ erwartete in wilder Eile auf ſie zu, umſchlang ſie ſtuͤrmiſch mit dem linken Arme und druͤckte ſie feſt an ſich, indem er mit der Rechten ſein Ge⸗ wehr erhob. Erſchrocken uͤber ſein ploͤtzliches Er⸗ ſcheinen, wie uͤber das wilde Feuer ſeiner Blicke, die mit duͤſtrer Gluth umherſchweiften, ind er mit ruhiger Beſonnenheit den Gegner u er Naͤhe die Waldſtraße chen ſchien, wendete ſie ihr Auge aͤngſtlich ab von ihm, und ſprach leiſe:„biſt Du es, Georg? Ach ſieh' den armen Menſchen hier am Boden, hilf'ihm, ich bitte Dich!“ Georg, der jetzt den Ungluͤcklichen erblickte, begriff ſogleich, daß Philippinens Huͤlferuf nur dieſem, nicht ihr ſelbſt gegolten, ließ ſie aus ſei⸗ nen Armen, und beeilte ſich, ohne weiter zu for⸗ ſchen, dem Kranken den thaͤtigſten Beiſtand zu leiſten. Er breitete ſeinen Ueberrock uͤber ihn hin, floͤßte ihm einige Tropfen Wein aus einem Flaͤſchchen ein, das er bei ſich trug, band ſich ſein Halstuch los, und wand es um die feuchte kalte Stirn des Armen, der ſchon nach wenigen Minuten, als der Fieberfroſt in etwas nachge⸗ laſſen, ſo viel Kraft gewann, daß er den Huͤlfe⸗ keiſtenden in abgebrochnen Reden, doch nicht oh⸗ ne auffallende Zeichen einer gewiſſen Aengſtlich⸗ keit, mittheilte: er ſey ein wandernder Jaͤger⸗ burſche, und habe eine weite Reiſe unternehmen muͤſſen, um einen Dienſt zu ſuchen. Dieſen Morgen aber habe er durch einen ungluͤcklichen Fall eine Verletzung am rechten Fuße erlitten, ſich aber doch noch unter den heftigſten Schmer⸗ 3 232 zen bis hierher geſchleppt, wo er in einem Fie⸗ beranfalle und in gaͤnzlicher Abſpannung aller ſei⸗ ner Kraͤfte zun Boden geſunken. Uebrigens leh⸗ ne er jeden fernern Beiſtand ab, da er hier einen ſeiner Gefaͤhrten eerwarte, welcher im benachbar⸗ ten Dorfe eingeſprochen, ihm Huͤlfe zu ſchaſſen⸗ und bald zuruͤckkehren werde. Doch Philippine rief in aͤngſtlicher Badch „lauf ſchnell ins Schloß, Georg, ſie ſollen einen Wagen ſchicken! dort iſt er beſſer aufgehoben, der arme Wandersmann! ich bleibe indeß zuruͤck.“ Georg zauderte nachſinnend einige Augon⸗ blicke, Philippinens Wunſch zu erfuͤllen, doch ſie bat aufs neue dringend:„ich bitte Dich um Gottes Willen, lieber Georg, eile, daß ihm bald geholfen wird. 5 58 Ein unausſprechlicher Seebreſß n verklaͤrte dihr Antlitz, als ſie, aͤngſtlich bittend fuͤr den frem⸗ den Ungluͤcklichen„ihre Haͤndchen zu ihm empor⸗ hob— tief verſunken in ihrem Anblicke etn⸗ pfand Georg die ſeligſte Wonne ſeines Lebens, und jedes mahnende Gefuͤhl bekaͤmpfend, zog er ſie an ſeine Bruſt. Doch unwillig entwand ſie ſich ſeiner Umarmung, und er geſtand ſich ſtill be⸗ — WWNAA ſchaͤmt, daß ſeine gluͤ luͤhende Empfindung ihn zur Unzeit uͤberraſcht.— Ja, Du haſt recht, mein gutes Maͤdchen, ihm muß ſchnell geholfen wer⸗ den— ich ſorge ſelbſt fuͤr ihn⸗«— erwiederte er endlich, und mit nervigten Armen umfaßte er den Kranken, obgleich dieſer, jetzt wieder voͤllig zur Beſinnung gelangt, wild und aͤngſtlich um⸗ herblickte, jede Huͤlfe abzuwehren ſchien, mit Aufwand aller ſeiner Kraͤfte ſich aufrecht zu erhal⸗ ten, und wie es ſchien, gewaltſam ſich ihrem Beiſtande zu entziehen ſuchte; doch bald ſank er wieder ohnmaͤchtig zuſammen, und Georg trug ihn fort auf dem Wege nach Fichtenhain. Fe⸗ derleicht wurde ihm ſeine Buͤrde, denn Philippine blieb ihm zur Seite, des Wanderers Gewehr und Waidtaſche nachtragend, und in ihren ſee⸗ lenvollen Blicken las er den ſtillen Beifall, den ſie ſeinem ſchnellen Entſchluſſe zollte. Am Kreuz⸗ wege begegnete ihnen ein Bauer, der mit ſeinem Wagen nach Fichtenhain zuruͤckfuhr. Georg leg⸗ te den Kranken ſanft auf das Stroh im Wagen, ſprach einige A Minuten leiſe mit dem Bauer, gab ihm Geld, befahl ihm, vorſichtig und lang⸗ ſam zu fahren, und rief ihm, als er ſich 234 AA. entfernte, noch nach, daß er ſogleich folgen wer⸗ de. 12. ¹ Er befand ſich nun allein mit Philippinen, die ſeine Hand ergriff, und ihm jetzt zum Lohne ſeiner Handlung, die ſo ganz mit ihren zarten, menſchenfreundlichen Gefuͤhlen uͤbereinſtimmte, die Purpurlippen in reinſter Unſchuld zum Kuſſe bot. Doch nicht einen— o nein!— zwei— drei— vier— fuͤnf lange, heiße Kuͤſſe forderte der eigennuͤtzige Georg nacheinander, und Phi⸗, lippine gewaͤhrte mit ſanftem Straͤuben die unge⸗ rade Zahl; als er nun aber auch gar den ſechſten noch verlangte, da wurde ihr wirklich bange vor ſeiner Unerſaͤttlichkeit, ſie entwand ſich ſeinen Ar⸗ men und ſeine Lippen ſtreiften nur ihre gluͤhende Wange. „Ich bitte Dich herzlich, lieber Georg“— rief ſie mit weicher Stimme und ſtreckte wieder 7 bittend ihre gefalteten Haͤndchen zu ihm empor —„jetzt ſey zufrieden, ſonſt werd' ich ernſtlich boͤſe auf Dich!— Ach lee— fuhr ſie ploͤtzlich er⸗ ſchrocken auf—„ſieh! wie's ſchon uͤberall ſo dunkel iſt— ich muß ins Schloß zuruͤck, es iſt die hoͤchſte Zeil!— Geh! geh! pflege un⸗ ſern Kranken und bringe mir morgen Nachricht, wie er ſich befindet; nun— gute Nacht!“ Sie wollte gehen, doch ihm war es unmoͤg⸗ lich, ſich jetzt ſchon von ihr zu trennen, und da er, wie er verſicherte, durch den Bauer wegen der Aufnahme des Kranken geſorgt, ſo erfuͤllte ſie auch ſeine Bitte noch, ſie bis durchs Holz be⸗ gleiten zu duͤrfen. Ihre Herzen hatten ſich heute einander um vieles genaͤhert. Er war unbefangener als ge⸗ ſtern, voll heiterer Laune, und auch ſie huͤpfte an ſeinem Arme ſo froͤhlich dahin, als ob ſie das groͤßte Recht dazu haͤtte, ohne Wiſſen ihres Va⸗ ters mit einem fremden Jaͤgerburſchen ganz ver⸗ traulich im Walde herumzuſtreifen. Doch fand ihr natuͤrlicher, offener Sinn gar nichts Boͤſes oder Unſchickliches mehr darin, ihr Gewiſſen mach⸗ te ihr heute keine Vorwuͤrfe deshalb und ihr Herz ſagte laut genng, daß Georg viel tauſendmal huͤbſcher ſey, als der garſtige Heſterfeld. Ohne 236 AAN der Feſſeln ihres Standes zu gedenken, geſtand ſie ſich jetzt ganz heimlich, daß ſie den maͤnnlich ſchoͤnen Jaͤger viel lieber heirathen moͤchte, als den ſuͤßlichen Baron. Bei dem Gedanken an Heſterfeld trat auch plöͤtzlich der fatale Traum wieder lebhaft vor ihre Seele, und mit aͤngſtlich forſchender Miene ſchlang ſie ihren Arm um Georgs Nacken, zupfte ihn bald hinterm rechten, bald hinterm linken Ohre, an ſeinen krauſen, ſchwarzen Locken, und fragte ihn endlich treuher⸗ zig:„nicht wahr, Georg, Du träͤgſt keine De⸗ Tie⸗ ge Wie kommſt Du auf den ſonderbaren Ge⸗ danken 2** verſetzte dieſer lachend; doch ſie entzog ſich geſchickt jeder naͤhern Erklaͤrung, indem ſie das Geſpraͤch auf das Sternſchießen lenkte, im Scherg wegen ſeines Auſſenbleibens ſeinen Muth in⸗ Zweifel zog und ſcheinbar ernſtlich alle Ge⸗ ſchicklichkeit zur Jägerci ihm abſprach. Georg ſchien beinahe ein wenig gekraͤnkt, daß ſie ihn einer tingeſchickt lichkeit beſchuldige, denn augenblicklich blicb er vor iht ſtehen und ſprach m. truͤbem Ernſte⸗ urtheile nicht zi vorſchnell, * 3 gute ahitrwine; S Du kennſt die wichtigen Gruͤn⸗ 2 F A 4 4 de nicht, die mich hinderten, oͤffentlich im Kreiſe Eurer Jaͤger zu erſcheinen; doch vielleicht bald, bald ſollſt Du mehr von mir erfahren.“ Befremdet hoͤrte Philippine ſeine Worte, ein augenblicklich in ihr aufgeſtiegener Gedanke ſchien ſie zu erſchrecken, ſie trat aͤngſtlich einige Schrit⸗ te von ihm zuruͤck und fuͤhlte ſich ſchon geneigt, einer ſchrecklichen Vermuthung Naum zu goͤnnen; da fuhr Georg wieder heiterer zu ihr gewendet fort:„ich nehme Dir's ja nicht uͤbel, mein nied⸗ liches Jaͤgerkind, daß Dir die edle Waidmanns⸗ kunſt mehr als Alles gilt, drum will ich Deine Achtung auch ſogleich durch einen Probeſchuß er⸗ werben. Siehſt Du den Hirſch, der dort am Knieholz wechſelt?— er iſt mein!« Und ehe ſie noch in der Richtung, nach der er zielte, durch die grauen Schleier der Abenddaͤmmerung das Wild erblickte und ſeinen Arm zuruͤckhalten konn⸗ te, war der Schuß gefallen und der Hirſch ſtuͤrz⸗ te toͤdtlich getroffen zu Boden. S »Unbeſonnener!« rief ſie entſetzt aus— ‚was haſt Du gethan! ein Wild erlegt auf fremdem Reviere! Jetzt glaub ichs erſt, daß Du kein Jaͤger biſt— doch wer Du biſt, das wag' ich * 238 MAAAAN N nicht zu fragen! Flieh, flieh! eh⸗ man Dich ereilt und zur verdienten Strafe zieht.“ Zu ſpaͤt ſah er jetzt ſeine Uebereilung ein, und auf Philippinens wiederholte, dringende Bitten, zu fliehen, trat er ins Gebuͤſch zuruͤck, ſie aber eilte mit ſchnellen Schritten auf einem Seitenpfade dem Schloſſe zu. Kaum war ſie Georgs Blicken entſchwunden, als dieſer wieder hervortrat und ſich bemuͤhte, das erlegte Wild im Gebuͤſch zu verbergen, doch eben noch damit beſchaͤftigt, hoͤrte er ploͤtzlich rings um ſich her Geraͤnſch und Stimmen, und ſah ſich bald umgeben von einer Schaar ruͤſtiger Waidmaͤnner, welche ihn drohend umringten. Er ſah die Unmoͤglichkeit, ihnen jetzt noch zu ent⸗ kommen, ergab ſich daher ohne Weigerung und wurde im Triumphe, unter dem lauten Ge⸗ ſchrei:„der Hirſchteufel iſt gefangen!“ nach dem Schloſſe gefuͤhrt. Auf dem großen Hofraume erblickte er Philippine unter der neugierig ver⸗ ſammelten Dienerſchaft; er ſah, wie ſie bei ſei⸗ nem Anblicke haͤnderingend ſich entfernte, und ſtumm, mit maͤnnlichen Schritten und feſten ſ Blicken betrat er das duͤſtere Thurmgemach, in welches ihn die Jaͤger mit hoͤhniſchem Czalachier hinabfuͤhrten. Der Baron Hirſchbach hatte den Gefangenen aufmerkſam, mit unverhaltener Freude, ihn in ſeiner Gewalt zu haben, betrachtet, denn er glaubte nicht zweifeln zu duͤrfen, in ſeiner Per⸗ ſon den vielberuͤchtigten Hirſchteufel ſelbſt vor ſich ch geſehen zu haben, und aͤußerte gegen Thomas, der ihm zur Seite ſtand:„Schade um den jun⸗ gen Mann, fuͤrwahr ein wackerer Schuͤtze!!⸗ doch mit grimmiger Gebehrde fuhr er fort:„aber ſein Geſicht, Thomas— wie'n Habicht!— guckt ihm doch der Wilddieb aus den Feuerglotzen her⸗ aus! Auch Liſette, welche durch Geſchaͤfte fuͤr ihre Gebieterin abgehalten worden war, ſich heute verſprochenermaßen im Forſte wieder einzufinden, hatte mit Befremden das wilde Toben, das laute Geſchrei der Jaͤger vernommen, welche Georg eingebracht hatten. Auch ſie war naͤher hinzuge⸗ treten und fuͤhlte ſich vom innigſten Mitleiden bewegt, als ſie den Gefangenen ſelbſt beim Fak⸗ kelſchein erblickte, wie er furchtlos unter ſeinen Feinden ſtand, edlen Stolz auf ſeiner offf 4½ 6 hen ke e 240 AN Stirn; ein ruhiges Laͤchein ſpielte um ſeine Lip⸗ pen und ſein Auge blitzte im Kreiſe umher, als ob er der ihn umgebenden Schaar gebieten duͤrfte. Da konnte ſie ſich nicht enthalten, laut aus vol⸗ lem Herzen auszurufen:„bei Gott! der ſchoͤnſte Mann—“ aber leiſe und traurig fuhr ſie fort—= „doch auch der groͤßte Dhadſoh, den ich je bs 8* 132S Schon verkuͤndigte die Thurmglocke im Jagd⸗ ſchloſſe die eilfte Stunde; ſchweren Hauptes und wankenden Schrittes— denn der Wein des gaſt⸗ freien Barons war reichlich gefloſſen— entfern⸗ ten ſich nach und nach die Jaͤger, um in der N acht noch ihre Wohnungen zu erreichen, zufrie⸗ den mit ihrem keichten Fange, der kuͤnftig ihren Revieren Schonung verſprach, ihnen ſelbſt aber Ruhe und gefahrloſere Jagd. Denn keiner zweifelte von Allen, daß der Gefangene, der en am Abende in die Haͤnde gefallen war, je⸗ ner verhecrende Wi ilddieb ſey, den ſie ſchon ſeit Jahren verfolgten, ohne ſeiner jemals habhaft werden zu koͤnnen. Auch der alte Thomas, der auf ſeines Herrn Geſundheit und den Tod aller Buſchklepper zwei volle Glaͤſer mehr getrunken, als ſonſt bei aͤhnlichen Gelagen, hatte ſein Lager bereits geſucht und ſchliof ſchon feſt, nachdem er zuvor nochmals die Thurmthuͤr unterſucht, zwei ſchwere, eiſerne Riegel vorgeſchoben, und nun keine Wache mehr fuͤr noͤthig achtend, die großen Kerkerſchluͤſſel an dem Nußbaumſchranke in der Unterſtube aufgehangen, wo Liſette noch ganz allein mit weiblicher Arbeit beſchaͤftigt war. Sie ſaß an ihrem Naͤhtiſche, dicht am Fen⸗ ſter, und blickte zuweilen hinaus in die helle Mondennacht, die mit magiſchem Silberglanze 8 einſamen Schloßhof erfuͤllte. Die ganze Natur ſchien, gefeſſelt vom Schlummer, in tiefes Schweigen verſunken und nur in langen Pauſen flirrte zuweilen ein leiſer Nachtwind durch die hohen Pappeln, brach verwelkte Blaͤtter von den ſaftloſen Zweigen, die langſam ſchwebend herab⸗ ſielen, hoͤrbar raſchelnd am Boden. Liſette fuͤhlte ſich in der einſamen Grabesſtille ſo un⸗ Hainuch beklommen, ihre Blicke ſtr⸗ en an den⸗ 1I. 10 hohen Bogenfenſtern des Schloſſes voruͤber, von denen einige hell erleuchtet waren; doch auch dort erloſchen nach und nach die hellen Kerzen und die langherabhaͤngenden weißen Gardinen ſchie⸗ nen ihr jetzt wie neckende Geiſter zu winken und herabzugleiten am grauen Gemaͤuer des alten Gebaͤudes. Schwarze Wolken verhuͤllten auf Augenblicke den bleichen, friedlichen Heerfuͤhrer der Sternenſchaar und ploͤtzlich ſenkte ſich der dunkle Schleier der Nacht herab auf den oͤden Hofraum. Da war es ihr, als hoͤre ſie das Klirren der Kette, das leiſe Winſeln des wach⸗ ſamen Hundes, der unweit von ihrer Wohnung an ſeine Huͤtte angeſchloſſen war; ſie vernahm deutlich ein leiſes Klopfen am Fenſter, hoͤrte aͤngſt⸗ lich ihren Namen rufen und fuhr heftig erſchrok⸗ ken vom Sitze auf. Mit beiden Haͤnden verhuͤll⸗ te ſie ihr Geſicht, ſie wollte fliehen, und doch haftete ihr Fuß am Boden feſt und ſie blieb im Zimmer zuruͤck. Da rief es draußen wieder ih⸗ ren Namen mit bebender Stimme, langſam ließ ſie die Haͤnde herabſinken, wagte es ihr Auge aufzuſchlagen und—„Fraͤulein Philippine!“ rief ſie erſtaunt und oͤffnete das Fenſter. Philippine ſtand vor ihr, bebend vor Angſt, jeder Blutstropfen ſchien gewichen aus ihrem Angeſichte, das todtenaͤhnlich zu ihr hereinſchau⸗ te, noch bleicher durch die bleichen Mondesſtrah⸗ len, die ſiegend jetzt die bleichen Wolken durch⸗ brachen und ſenkrecht auf die Zitternde herab⸗ fielen. „Liſette,“ begann ſie mit leiſer, zagender Stimme— ich brauche Deinen Beiſtand; hilf mir den Gefangenen befreien!e Mit dem lebhafteſten Staunen bemerkte Li⸗ ſette in ihren Zuͤgen den Ausdruck der heftigſten Bewegung; mit Befremden vernahm ſie ihre Bitte und erwiederte endlich, nicht ohne leiſen Vorwurf:„was bekuͤmmert Sie der fremde Menſch?— Bedenken Sie auch, was Sie thun wollen? Hat er ſein Schickſal nicht ſchon laͤngſt verdient? iſt er nicht auf der That er⸗ tappt?“ „Um meinetwillen hat der Unbeſonnene das Wild erlegt! Alles, Alles meine Schuld l⸗ rief Philippine heftiger, mit unterdruͤcktem Schluch⸗ zen. 16* 244 WMANNN „Sie ſahen ihn ſchon oͤfter? Sie kennen ihn?« fragte Lſſette wieder, mit immer ſteigender Verwunderung. „Ich ſah ihn— ja, ich kenne ihn— nein, nein! ich kenn' ihn nicht, und doch—“ entgeg⸗ nete Philippine—„ſeine Freiheit, ja vielleicht ſein Leben ſteht auf dem Spiele.— Mein Vater liefert ihn ſchon morgen den Gerichten aus, man wird ihn hart behandeln— Gefaͤngnißſtrafe wird ſein Loos, und waͤr' er der, fuͤr den man ihn hier haͤlt— ſo— doch nein, der Schreckliche iſt's nicht, er kann's nicht ſeyn!— Nein, er iſt gut, ach, glaube mir, Liſette, er iſt ſeelengut, ſein Auge kann nicht truͤgen„— doch frage mich nichts mehr und traue meinen Worten!— Li⸗ ſette, hilf mir ihn befreien— o, Du fuͤhlſt die Angſt nicht, die mein Herz erfuͤllt! Hier, nimm, mein gutes Maͤdchen— alles ſoll Dein ſeyn, was in der Geſchwindigkeit ich nur zuſammen⸗ raffen konnte;— hier, meinen neuen Strohhut mit pariſer Blumen— hier, meine goldene Ket⸗ te mit dem Perlenkreuz— hier, breites Atlas⸗ band— und hier, zwei goldene Ringe.— Du ſollſt mehr haben— mehr— was ich mein nen⸗ 245 KMMAVAAAo ne, will ich Dir ſchenken, aber nun gieb auch den Schluͤſſel mir zum Thurm, es iſt die hoͤchſte Zeit! um zwoͤlf Uhr geht der Waͤchter hier die Runde— wenn er mich bemerkte— ſchnell die Schluͤſſel, liebes Maͤdchen, ich bitte Dich bei Allem auf der Welt, was Dir nur theuer iſt!« Liſette konnte ſich's nicht verſagen, wohlge⸗ faͤllige Blicke auf die Geſchenke zu werfen, wel⸗ che ſie beſtechen ſollten. Eine goldene Kette war ſchon laͤngſt das Ziel aller ihrer Wuͤnſche gewe⸗ ſen und um eine ſolche zu gewinnen, haͤtte ſie ſich entſchließen koͤnnen, ein halbes Jahr lang in der gemeinſten Bauerntracht einherzugehen; doch wagte ſie es nicht, die jetzt ihr dargebotene auch nur mit der aͤußerſten Fingerſpitze zu be⸗ ruͤhren. Sie nahm nichts, ſie wieß Alles von ſich, verweigerte aber auch das Verlangen der jungen Gebieterin, indem ſie ſprach:„mein Va⸗ ter iſt fuͤr den Gefangenen verantwortlich und auf mich wuͤrde die Schuld fallen, wenn er durch die Entweichung des Wilddiebes dem aͤuſ⸗ ſerſten Jorne ihres Vaters ausgeſetzt wuͤrde.“ Philippine aber rang ihre Haͤnde gen Him⸗ mel und rief mit einer Stimme, welche Liſettens 246 AKMAAAAAAA Inneres durchbebte:„ſo leb denn wohl, ungluͤck⸗ licher Georg! ich kann Dir ja nicht helfen! doch ninneraanander werde ich meine Ruhe wieder finden!“— Sie wollte gehen, Liſette aher fähtte inniges Mitleiden mit ihr; der Anblick des Gefangenen hatte ſelbſt einen guͤnſtigen Eindruck bei ihr hin⸗ terlaſſen, der jetzt mehr als jemals ihre Zweifel daran unterſtuͤtzte, daß er wirklich jener verrufe⸗ ne Boͤſewicht ſey. Auch war ſie ſchlau genug, den Grund der leidenſchaftlichen Theilnahme des Fraͤuleins am Schickſale des Fremden wenigſtens halb zu errathen; deshalb hielt ſie Philippine zuruͤck und fluͤſterte ihr leiſe zu, nachdem ſie ſich noch einige Augenblicke bedacht:„bleiben Sie!— Ich will Ihnen die Schluͤſſel auslie⸗ fern, aber verſprechen Sie mir zuvor, daß Sie offenherzig dieſen heimlichen Schritt be⸗ kennen wollen, wenn der Zorn des Herrn Barons meinen Vater treffen ſollte.— Jede Strafe fuͤr meinen Theil der Schuld will ich gern fuͤr Sie tragen, doch alle ihre Geſchenke nehmen Sie zuruͤck, denn ich will fuͤr eine That mich nicht belohnen laſſen, deren Folgen mei⸗ 1 947 AMA nem guten Vater auch nur eine truͤbe Stunde be⸗ reiten koͤnnten.“— Philippine ehrte ihre edlen nnltchesefuhe le; ſie verſprach heilig, Alles zu erfuͤllen, was ſie forderte, empfing nun die Schluͤſſel und eilte nach dem Thurme. 14. Mit aͤngſtlicher Ungeduld ſchob ſie hier die Riegel hinweg, oͤffnete das Schloß und trat in das kleine ſinſtere Thurmgemach, welches jetzt nur ſpaͤrlich ein ſchmaler Streifen des Mondlich⸗ tes erhellte, der durch das kleine, engvergitterte Fenſter hereinſiel. Georg kam ihr entgegen„er hatte ſie vom Fenſter aus ſchon bemerkt, wo er von duͤſtern Traͤumen umfangen in die Nacht hinausſtarrte. Er hatte ihre Abſicht errathen, und ſchloß ſie ſchweigend in ſeine Arme, dann ſprach er tiefgeruͤhrt zu ihr:„zweiſle nicht an mir, mein liebes, theures Maͤdchen! ein un⸗ gluͤckſeliges Verhaͤltniß zwingt mich, vor Men⸗ ſchen namenlos mich zu verbergen— doch bin 248 AMMAANNNN ich kein Boͤſewicht— nein, beim Himmel! das bin ich nicht.— Kommſt Du alſo, meine Frei⸗ heit mir zu bieten?“ fuhr er fort.„Vor kurzer Zeit noch wuͤrde ich es als entehrend verworfen haben, mich einer Verantwortung auf dieſe Wei⸗ ſe zu entziehen; auch wuͤrde es mich gegen den Herrn des Schloſſes nur zwei Worte koſten, um augenblicklich frei zu ſeyn, doch meine Zunge iſt gebunden und glaube mir, nur deshalb nehm' ich Deine Huͤlfe dankbar an und fliehe unbekannt und unentdeckt— um einen theuern Freund vor drohender Gefahr zu ſichern.“ Wohl waren dieſe Worte nicht geeignet, Philippinen naͤhern Aufſchluß uͤber den raͤthſel⸗ haften Juͤngling zu gewaͤhren, und doch blickte ſie mit ihren großen, ſchwarzen Augen, in denen ſich die reinſte Unſchuld ſpiegelte, ſo vertrauungs⸗ voll zu ihm hinauf, doch ſchmiegte ſie ſich ſo un⸗ befangen kindlich an ſeine Bruſt, als ob er ihr die uͤberzeugendſten Beweiſe dargelegt, welche jeden Verdacht, weshalb man ihn hier einge⸗ ſperrt, vernichten mußten. Der⸗ magiſche Glanz des Mondenlichtes auf ihrem Antlitze, der fanfte Noſenſchimmer, der jetzt freundlich wieder ihre 1 249 AAAAA Wangen belebte, der unverkennbare Ausdruck der reinſten Freude, der zaͤrtlichſten Zuneigung im ſanften Aufflammen ihrer Blicke— dies Alles gab ihrem ganzen Weſen einen ſo bezaubernden Liebreiz, daß Georg im Aufwallen ſeiner feurig⸗ ſten Empſindungen ſeine gluͤhenden Lippen auf ihre Stirn druͤckte und mit der innigſten Bewe⸗ gung zu ihr ſprach:„Dir wuͤrd' ich mich entdek⸗ ken voll Vertrauen noch in dieſer Stunde, wenn nur mein Lebensgluͤck allein bedroht wuͤrde— doch noch ein Anderer leidet mit mir— aber bald— bald wird die duͤſtre Wolke voruͤberziehen und im heitern Sonnenglanze tret' ich Dir dann entgegen, unverhuͤllt und offen, wie's dein Manne ziemt.— Und wenn ich oͤffentlich vor Dir erſcheine— Dir mich zeige, wie ich bin, mein ſuͤßes Maͤdchen, willſt Du dann mein ſeyn — Philippine! ewig mein?“ „Ach, das wird wohl nicht angehen, auter Georg!“ entgegnete ſie traurig, mnit einem tiefen Seufzer.. „Und warum nicht?“ fuhr er fort.„Du wirſt mich nicht verſtehen, doch geb' ich Dir die heilige Verſicherung, daß Unterſchied des Stan⸗ —õÿõ 1 —,— 250 MVUNNAAN des— daß Verhaͤltniſſe mir nur geringe Hinder⸗ niſſe ſind, wenn mit Zuſtimmung meines in⸗ nern Richters mein Herz die Wahl der Gattin leitete und feſt beſtimmte. Sprich, hab' ich Dich ſo klar verſtanden, wie die eigenen Gefuͤh⸗ le? darf ich das Wagniß, das Du unternahmſt, niich zu befreien, fuͤr mehr als Mitleid, fuͤr ei⸗ nen Zug aus tiefſtem Herzensgrunde zu meinen Gunſten deuten? Sprich, Philippine— ich be⸗ ſchwoͤre Dich! ſprich, willſt Du mein ſeyn? Verſchaͤmt ſenkte ſie ihre Blicke zu Boden und erwiederte leiſe:„erſt muß ich Dich doch kennen lernen— und wenn Du wirklich nicht der Hirſchteufel biſt— und der Vater wollte—“ Da unterbrach ſie ein Geraͤuſch vor der Thuͤr des Gefaͤngniſſes; erſchrocken fuhr ſie empor und rief aͤngſtlich:„flieh, Georg! um Gottes Wil⸗ len le⸗ „»Leb wohl! bald ſehen wir uns froͤhlich wie⸗ der l entgegnete er eilig, riß ſich los— ein heiſ⸗ ſer Kuß brannte auf ihren Wangen, und dahinn floh er durch die dunkeln Laubengaͤnge des Schloß⸗ gartens. Sie verſchloß ſorgfaͤltig die Thuͤr, ſchob die Riegel wieder vor und ſpaͤhte aͤngſtlich umher nach der Urſache des Geraͤuſches, das ſie erſchreckte; doch erblickte ſie nichts als einen duͤrren Zweig, der wahrſcheinlich vom hohen Platanusbaume herabgefallen, welcher vor der Thurmthuͤr ſtand, und eilte nun zu Liſetten, ihr den Schluͤſſel wie⸗ der zu uͤberliefern. Als ſie ihr denſelben einge⸗ haͤndigt, ſtreichelte ſie ihr freundlich die Wangen⸗ druͤckte einen herzlichen Kuß auf ihre Lippen und fluͤſterte ihr zu, voll inniger Freude:„Du gabſt mir meine Ruhe; er iſt fort!« Dann nahm ſie Strohhut, Kette und Ringe, dachte eifrig auf eine andere Belohnung fuͤr Liſette, eilte uͤber den Schloßhof, ſtieg leiſe die breiten Stufen hin⸗ auf, welche nach ihrem Schlafzimmer fuͤhrten, und wachte noch lange in ihrem Bettchen, zu⸗ frieden mit ihrer That, und mit den ſuͤßeſten Traͤumen ſtill beſchaͤftigt, bis endlich ein ſanfter Schlummer ſie umfing und der gaukelnde Traum⸗ gott immer und immer wieder den ſchoͤnen Wild⸗ dieb hinzauberte als Hauptſigur in das reizende Gemaͤlde, das er freundlich in der bunteſten Tar⸗ benpracht vor ihr entfaltete. Am andern Morgen, als der alte Thomas ſeinem Arreſtanten im Thurme den erſten Beſuch abſtatten wollte, prallte er vor Schrecken und Staunen mehr als drei Schritte zuruͤck, indem er ſich uͤberzeugte, daß Trotz aller Riegel und Schloͤſſer der Gefangene doch entflohen ſey. Un⸗ erklaͤrbar ſchien ihm bei ſeiner Vorſicht eine ſolche Flucht, und er erhob deshalb ein ſo erſchreckli⸗ ches Geſchrei, daß ſich bald die ganze Diener⸗ ſchaft des Schloſſes ſtaunend und laͤrmend um ihn her verſammelte, bis endlich auch der Baron Hirſchbach unter ſie trat und nach der Urſache der ungewoͤhnlichen Bewegung forſchte. Tho⸗ mas theilte ihm den Vorfall mit, und fuͤgte die heiligſten Betheurungen hinzu, daß er die Thurm⸗ thuͤr noch eben ſo feſt verſchloſſen und verriegelt, auch die Eiſengitter des kleinen Fenſters ſo un⸗ verletzt befunden, als er ſie geſtern Abend vor Schlafengehen verlaſſen; deshalb duͤnkte ihm auch eine Entweichung, ohne irgend eine Spur gewaltſamer Mittel, nur mit Geiſterhuͤlfe aus⸗ fuͤhrbar. 6 Mehrere der Umſtehenden ſchlugen ein Kreuz; Alle erſchoͤpften ſich in Vermuthungen, doch Alle 2⁵53 AWAAAMUA waren weit entfernt, den wahren Grund der ſelt⸗ ſamen Begebenheit zu errathen. Der Baron Hirſchbach aber ſchuͤttelte bedenklich ſein Haupt und ſprach mit verdrießlicher Miene:„ſonder⸗ bar! der Kerl muß hexen koͤnnen!“ doch traf kein Blick, kein Wort des Vorwurſs den alten Thomas, und deshatb beruhigt, zog ſich auch Liſette jetzt zuruͤck, die aͤngſtlich in der Ferne lauſchte. lrtbs 45. Mehrere Tage waren bereits ſeit dieſen Vor⸗ faͤllen vergangen, als an einem Nachmittage Thomas mit wichtiger, geheimnißvoller Miene vor den Baron von Hirſchbach trat und ſprach: vich bin auf dem Reviere geweſen, gnaͤdiger Herr, und, glauben Sie's wohl? bin wieder zwei Strauchdieben auf der Faͤhrte, hab' ſie leibhaftig vor mir geſehen!— Den Einen kannt' ich nicht, hat ein fremdes, gemeines Spitzbuben⸗ geſicht, doch den Andern, Herr Baron, den kannt' ich auf den erſten Blick: das iſt einer von meinen beiden Buſenfreunden, die mich ſo artig in der Klemme hatten. Muß ihnen doch's Fell noch immer jucken, daß ſie ſich wieder herausge⸗ wagt; ich ſollte meinen, der mit dem Baumaſte haͤtte ſie braun und blau gekitzelt!⸗ »War der Habicht nicht dabei, der aus un⸗ ſerm Kerkerfenſter durch die Luͤfte flog?“⸗ fragte der Baron haſtig. Doch Thomas verneinte dies und fuhr fort: „Sind Sie meiner Meinung, gnaͤdiger Herr, ſo bieten wir ganz Hirſchbach auf, fangen die garſtige Rabenbrut und ſpannen ſie in den polniſchen Bock; ſoll keiner wieder davonfliegen, wenn er nicht den Satan im Leibe hat le „Willſt Du nicht lieber das ganze Land auf⸗ bieten, Alter, um ein Paar lichtſcheue Raub⸗ voͤgel einzufangen?“ fragte der Baron laͤchelnd. „Ich allein will Dich begleiten“— fuhr er fort, indem er ſeinen Hut ergriff und die ſcharfgelade⸗ ne Buͤchſe von der Wand nahm. „Gnaͤdiger Herr! ich meinte nur“— ſtam⸗ melte Thomas verlegen—„Ew. Gnaden ſoll⸗ ten ſich nicht ſelbſt der Gefahr ausſetzen— ich 255 AAAAAAN* hab's Herz auf dem rechten Flecke, nicht meinet⸗ wegen— „Das haſt Du mir ſchon oft bewieſen, Al⸗ ter“— erwiederte Hirſchbach—„doch mir ge⸗ hoͤrt das Wild im Forſte— um mein Vergnuͤ⸗ gen zu erhalten, will ich ſelbſt auch die Gefah⸗ ren, es zu huͤten, theilen— komm' Thomas! Zwei gegen zweil ſo iſt's gerade recht!“ und bei⸗ de giengen. Liſette hatte mit kindlicher Sorgfalt jede Ge⸗ fahr von ihrem Vater abzuwenden geſucht, wel⸗ che jener Unfall, der ihn kuͤrzlich im Forſte be⸗ troffen, auf ſeine Geſundheit aͤußern konnte; doch als ſie ihn jetzt wieder ſo kraͤftig und mun⸗ ter an ſeine Geſchaͤfte gehen ſah, da dachte ſie auch wieder, nicht ohne Herzensregung, mit freu⸗ diger Hoffnung auf zukuͤnftige gluͤckliche Tage— an Wilhelm, und dringender als jemals ſtieg der Wunſch in ihrer Seele empor, ihn, wenn auch nur auf Augenblicke, zu ſehen und zu ſpre⸗ chen, ihn ſeinem Irrthum in Hinſicht ihres Standes zu entreißen. Sie hatte, durch ihre Dienſtgeſchaͤfte bei Fraͤulein Emerentia abgehal⸗ ten, ihn ſeit ihrem erſten Zuſammentreffen mit — ͦ— f 1 ihm nicht wieder geſehen; er hatte ſie gewiß ſchon einigemal vergebens erwartet— mußte er nicht glauben, ſie habe nur ihren Scherz mit ihm getrieben? Rein„ſie konnte ihn auch keinen Augenblick laͤnger in ſeinem Irrthume laſſen— ſie eilte nach dem Forſte. ii mant i in Es war gerade einer jener ſchoͤnen warmen Nachmittage, wo zuweilen der betruͤgliche Herbſt, wie zur letzten Erquickung, aus heiterem Him⸗ melsblau belebende Sonnenſtrahlen mild herab⸗ ſendet auf die langſam dahinſterbende Flur; wo wir uns mit der freundlichen Ruͤckkehr des zu ſchnell entwichenen Sommers ſchmeicheln, bis eine rauhe Abendluft unfreundlich unſre taͤuſchen⸗ de Hoffnung verweht. Auch Fraͤulein Eme⸗ rentia ſehnte ſich nach einem Spaziergange in. freier Natur. Sie fuͤhlte ſich heute ſo aͤngſtlich beklommen, daß der Baron von Heſterfeld ſchon verſe chiedene angenehme Unterhaltungskuͤnſte auf⸗ geboten, ſie zu zerſtreuen, doch vergeblich; ſie blieb einſylbig, athmete ſchwer, und ihr Auge ſchwamm in Thraͤnen. Die Urſache dieſer ſchwer⸗ muͤthigen Stimmung war wohl keine andere, als die in ihrem Buſen ſtuͤndlich immer mehr em⸗ porſproſſende Leidenſchaft fuͤr ihren taͤglichen Ge⸗ ſellſchafter aus der Reſidenz, welcher, ſeitdem er durch Philippinens Dazwiſchenkunft verhindert wurde, ſein zaͤrtliches Geſtaͤndniß auszuſprechen, jetzt den Muth verloren zu haben ſchien, damit zum zweiten Male zu beginnen. Doch hatte er bisher nur eine paſſende Gelegenheit erwartet, um mit geziemendem Anſtande einen wiederholten Verſuch zu wagen, ihr Herz und ihre Hand ſich zu verſichern, welches beides ihm allerdings ſehr wuͤnſchenswerthe Guͤter waren, da ihr nicht un⸗ bedentendes Vermoͤgen ihm eine Wiederaufrich⸗ tung ſeiner ziemlich geſunkenen Finanzen ver⸗ ſprach. Meisuis inconsolable“— begann er endlich mit ſchmerzlichem Ausdrucke—„Sie ſind krank, mein Fraͤulein; der immer rege Geiſt, der durch Ihr Augenlicht mir ſonſt ſo glorieux entgegen⸗ ſtrahlte, ſcheint ſich ſeit mehrern Tagen leidend zu verbergen, Ihr mattes Auge deutet Schwaͤ⸗ che— „Das iſt voruͤbergehend, Herr Baron“— unterbrach ſie ihn tief aufſenfzend—„doch muß ich Ihre aͤrztliche Geſchicklichkeit bewundern: II. 17 258 MNN Sie wußten meine Krankheit gleich zu ergruͤnden und zu nennen. Ach jal“— fuhr ſie fort mit klagender Stimme—„an Geiſtesſchwaͤche leide ich ſchon ſeit meiner Kindheit unerhoͤrt!— Ich habe viele Aerzte ſchon deshalb um Rath be⸗ fragt— noch neulich erſt den Kreischirurgus, der zugleich auch Thierarzt iſt, doch keiner wuß⸗ te mir zu helfen. Vielleicht haͤtte dieſes Uebel gehoben werden koͤnnen, waͤre es mir vergoͤnnt geweſen, meine Jugendbluͤthe dem Hofe zu wei⸗ 6' 5 hen.« „Unfehlbar!“ fiel der Baron ihr zuverſicht⸗ lich ins Wort.—„Ich habe nie gehoͤrt, daß ir⸗ gend Jemand bei Hofe uͤber Geiſtesſchwaͤche ſich beklagt haͤtte— au contrairé haͤlt ſich dort Je⸗ dermann fuͤr einen ſtarken Geiſt, und ich bin ſo gluͤcklich, in mir, Verehrteſte, Ihnen ein ſpre⸗ chendes Exempel darzuſtellen, denn ich kann mich nicht entſinnen, jemals an einer Krankheit die⸗ ſes Namens gelitten zu haben!“ . „Ach jal⸗ entgegnete ſie mit wehmuͤthiger Gebehrde—„die balſamirte Hofluft haͤtte alle meine Rerven geſtaͤrkt und meine Geiſter ent⸗ flammt! nicht war, lieber Baron? Erlanben Sie mir Ihren Arm— ach, ich bin heute ſe ſchlaͤfrige— fuhr ſie fort—„ich will im herbſt⸗ lichen Blumengarten mein Leiden zu vergeſſen und mich zugleich zu ermuntern ſuchen⸗— und indem er ſie ſeiner innigſten Theilnahme ver⸗ ſicherte, fuͤhrte ſie Heſterkel hinab in den Schlog Barten⸗ 16. Sie wandelten bis zu einem Luſthauſe, wel⸗ ches dicht an einem Weiher gelegen, mit hohen Fruchtbaͤumen umgeben war, vom Baron Hirſch⸗ bach erbaut, um aus den beiden einzigen, im erſten Stockwerke angebrachten Fenſtern, welche die Ausſicht nach dem Rohrteiche vergoͤnnten, im Verborgenen wilde Enten und andre Waſſer⸗ voͤgel zu belauſchen und aus dieſem Hinterhalte zu erlegen. Doch diente es auch zuweilen ſeiner Schweſter Emerentia waͤhrend der Sommerzeit einige Stunden lang zum Aufenthalte, weshalb es auch recht bequem ausmeublirt war, und hier⸗ her fuͤhrte ſie auch jetzt ihren Begleiter, um, wie 17* 260 AAVNNN ſie vorgab, einige Minuten Anenclchehes Sie lioß ſich nieder in einen weichen Sopha, dem Fenſter gegenuͤber, und blickte ſchmachtend hin⸗ aus nach dem wolkenleeren azurblauen Firma⸗ mente, wo eben ſtill und fersrlith der Mond Mauf tauchte. 849 Der Baron aber, ihr zur Seite, dmanbts jetzt eine guͤnſtige Gelegenheit gefunden zu haben, ſeine Empfindungen vor ihr ausſtroͤmen zu laſſen, verlor ſich in ſentimentale Gedanken, und brach endlich in die Worte aus:„Nimm mich auf, pittoreske, erhabene, webende Natur, in deine heiligen Schauer!— o wie ſchoͤn biſt du—, d „Pfuy doch! Sie Schmeichler!“ unterbrach ihn Emerentia verſchaͤmt, ſeine letzten Worte auf ſich bezichend— ich bin ja nicht ſchoͤn, und waͤr' ich's auch, doch jetzt gewiß nicht— denn ich bin ja nur im Hauskleide.— Aber laſſen Sie uns nicht zu lange hier verweilen, denn draußen wird's ſe Gon dunkel und mir wird's in⸗ nerlich ſo bange— Fuͤrchten Sie nißta meine Verehrteſte e erwiederte Heſterfeld mit erhobener Stimme.„Al fait clair de June! zieh' herauf, du blaſſes Mon⸗ 261 denlicht! zieh' herauf, du Perzenaleuchte ſeotie mer Unſchuld! begeiſtre mich— Doch wieder fiel ihm Ernetentin ins Watt: ach jal das koͤnnen Sie mir glauben, Herr Baron, ich bin noch recht unſchuldig— o, wie dringt mir jedes Dh Worte dnn Mark And Bum 1ʃ. 6Ja, Sie, Sie Bildniß inſdes aunſchuld. lieb ich gluͤhend— rief Heſterfeld, knieend vor ihr nin zierlicher Stellung.—„Zu Ihren Fuͤſ⸗ ſen bet ich Sie an— ich finde keine Worte mehr— e er ſchoͤpfte Athem—„gelehrte Maͤn⸗ ner behaupten kuͤhn: der zauberiſche Mond aͤuße⸗ re eine geheimnißvolle Kraft auf die Oberflaͤche des Oceans und verurſache Fluth und Ebbe. Warum ſoll nun ſein magiſches Feuer nicht auch auf die wellenfoͤrmige Oberflaͤche des menſchlichen Gemuͤthes wirken? ich frage Sie, Verehrteſte, warum?— Ich fuͤhl's, es hat bereits gewirkt, denn uͤberſtroͤmt mein Herz in reißender Fluth— in des Entzuͤckens Wogenbrandung brauſt meine zaͤrtlichſte Empfindung empor, wenn Sie, Ver⸗ ehrteſte, mich jetzt erhoͤren; doch jaͤmmerlich wird ſie verſiegen, in ewig trockner Ebbe, wenn Sie 262 meine Huldigung verſchmaͤhen. Ein kleines ſuͤſ⸗ ſes Ja! von Ihren holden Lippen macht mich flott— wollt' ich ſagen— wonnefluthenreich!“ Da breitete ſie ihre Arme aus, zog ihn zu ſich hinauf an ihre Bruſt, und heiße Thraͤnen rollten uͤber ihre gluͤhenden Wangen herab, als ſie ihm tiefbewegt zulispelte:„zwar hab' ich Ih⸗ re Rede nicht ſo recht verſtanden— daran iſt meine Geiſtesſchwaͤche Schuld— doch hab' ich's ja ſchon laͤngſt gemerkt, wo Sie hinaus wol⸗ len.— Nun alſo— in des Himmels Na⸗ men!— Ja, Einziger— Du biſt erhoͤrt! nein, Du ſoilſt nicht in ewig trockner Ebbe ver⸗ ſiegen, ich bin die Deine, bis der liebe Mond mein Grab beſcheint— o, noch viel laͤnger, wenn wir uns in jener Welt— iellichi bei Hofe— wiedertreffen ſollten!“ 1 Und ſo war der ſchoͤne Bund ihrer Herzen geſchloſſen. Sie ſaßen im Sopha, zaͤrtlich Arm in Arm geſchlungen, fluͤſterten ieiſ und ſeufiten gewaltig. Das Letztero war auch bis zu Philippinens Ohren gedrungen, welche im Schloßgarten auf und ab ſpazierte und ſo ſich dem Luſthauſe genaͤ⸗ — 263 hert hatte. Sie fand die Thuͤr geoͤffnet, ſchlich ohne Geraͤuſch die Treppe hinauf, von wo aus ſie das ganze Zimmer uͤberſehen konnte, erblickte hier die Liebenden, zaͤrtlich mit einander koſend, laͤchelte ſchelmiſch, ſchlich wieder die Stufen hin⸗ ab, verſchloß die Thaͤr, und nachdem ſie den Schluͤſſel zu ſich geſteckt, eilte ſie nach dem For⸗ ſte, um dort ihres Vaters Heimkehr zu erwar⸗ ten. e dite Indeſſen war ihr heimlicher Beſuch von dem entzuͤckten Paͤrchen nicht bemerkt worden; denn Auge in Auge blinzelnd, mit ſanftem Haͤnde⸗ druck fluͤſterten ſie ſich das Verſprechen ewiger Treue zu, wobei der Baron uͤber kaltes Froͤſteln klagte, Emerentia aber, aͤngſtlich beſorgt, ſehnell und bereitwillig aufſprang, einen Bedienten zu rufen, um ein Glaͤschen Liqueur aus dem Schloſ⸗ ſe herbeizuholen, als Schutzmittel wider die rau⸗ he Abendluft. Doch verbat er dies mit den Worten:„o nein, Verehrteſte! nichts von Li⸗ queur!— Es war ja nur ein fuͤßer Schauer, der mich durchdrungen, als mein kuͤnftiges Gluͤck in meiner Seele ahnend mich durchbebte bei Ih⸗ rem Schwure ewiger Treue, Emerentia! O⸗ haͤtt; ich meine Floͤte hier! in ſuͤßen Molltoͤnen haucht ich meine wonnige Empfindung aus und riſſe Sie im Wogenſturme kuͤhner Melodie mit mir hinuͤber ins ſeelge Land der Sabbſtetgen, en⸗ heit 1 5 108 „Ach ja, mein thenerſe Baronf⸗— erwie⸗ derte Emerentia ſchmachtend— die Floͤte iſt auch meine einzige Paſſion!— Ja blaſen Sie — o blaſen Sie mich hinuͤber in ein andres Land— ich hoͤr' es gar zu gern, ach! und es ſchlaͤft ſich ja ſo ſuͤß beim Floͤtenſpiel!“ 98 „Ihr Wunſch iſt mir Befehl, Verehrteſte l⸗ ſprach Heſterfeld vom Sitze ſich erhebend, und eilte nach der Thuͤr; doch bald kehrte er zuruͤck und verſicherte, daß dieſelbe feſt verſchloſſen ſey, woruͤber Emerentia in die groͤßte Beſtuͤrzung ge⸗ rieth; denn ſie befuͤrchtete ſchon bedeutend am Reſpekt zu verlieren, wenn ſie vielleicht ſpaͤt am Abende von Dienſtboten geſucht und hier in Ge⸗ ſellſchaft des Barons eingeſchloſſen gefunden wuͤr⸗ de, deshalb bat ſie dieſen auch dringend, alles zu verſuchen, um die Thuͤr zu oͤffnen. Heſter⸗ feld aber ermangelte nicht ihre Beſorgniſſe zu bekaͤmpfen und verſicherte nach wiederholten, ver⸗ — 265 geblichen Bemuͤhungen, daß es unmoͤglich fey, das Schloß von innen ohne Schluſſel zu offnen: doch da er ſich's hauptſaͤchlich zur fuͤßeſten Pflicht mache, ſie noch bei abendlichem Daͤmmerſcheine, von Mondesglanz umfloſſen, mit ſeinem Floͤten⸗ ſpiele zu entzuͤcken, ſo ſey er feſt entſchloſſen, zum Fenſter hinabzuſteigen, ſein Inſtrument herbeizuholen und zugleich von außen, wo moͤg⸗ lich, das Luſthaus zu eroͤffnen. In dieſer Abſicht blickte er hinab und maß die Tiefe mit den Au⸗ gen, die eben nicht ſehr bedeutend, doch einen kuͤhnen Sprung nicht ohne Gefahr zuzulaſſen ſchien. Aber dicht vor ihm zitterten ja die roth⸗ lichen Blaͤtter der hohen Obſtbaͤume, von Abend⸗ luͤften ſanft bewegt, und ſchienen ihm Muth ein⸗ zufluͤſtern, auch ſtreckten ja die grauen Staͤmme ihre ſtarken Aeſte zu ihm heruͤber, wie huͤlfreiche Arme, ihm herabzuhelfen; er zauderte nicht laͤn⸗ ger, ſtieg aufs Fenſtergeſuns, achtete nicht auf Emerentia's zaͤrtliche Bitten und Warnungen, ſondern ſetzte ſeinen rechten Fuß, zwar nicht oh⸗ ne Zittern, doch mit einiger Zuverſicht auf ei⸗ nen ſchwankenden Zweig im Wipfel des zunaͤchſe am Fenſter ſtehenden Baumes und rief der nngſt⸗ 266 AWMAAN beſtuͤrmten Braut von außen zu:„o zittre nicht! die Liebe macht verwegen!— Es iſt der erſte Minnedienſt, den ich Dir weihe, und ich fuͤhle Heldenkraft in allen Gliedern!— Seine Haͤnde umklammerten nun uͤber ſich einen ziemlich ſtar⸗ ken Aſt; leiſe und vorſichtig zog er den linken Fuß nach, doch, als jetzt die ganze Schwere ſei⸗ nes Koͤrpers auf dem einzigen Zweige laſtete— da krachte es unter ihm— der Schrecken laͤhmte ſeine Kraft, ſeine Haͤnde erſtarrten, ließen ab vom morſchen Aſte, den ſie umfaßt, und ruͤck⸗ lings ſtuͤrzte er hinab— doch nicht zur harten Erde nieder— o nein! gar zaͤrtlich umſtrickt und umfangen von unzaͤhligen geſchmeidigen Reiſern, blieb er liegen auf zwei ſtaͤmmigen Zweigen, an⸗ zuſchauen wie ein Kind in korbgeflochtener Wie⸗ ge. Emerentia aber ſah ihn ſtuͤrzen, glaubte ſicher, der fuͤrchterlich praſſelnde Fall ſey ſein Todesfall geweſen, wendete ſich ab vom Fenſter, erreichte wankenden Schrittes den Sopha und fiel— nachdem ſie hier ſich niedergelaſſen— ſchon nach wenigen Minuten in die tiefſte Ohn⸗ macht. —444- 17. Der Baron Hirſchbach hatte wohl ſchon bei⸗ nahe eine Stunde lang mit ſeinem treuen Tho⸗ mas ſein Revier durchſtrichen, doch wollte ſich nirgends eine Spur der Wilddiebe zeigen, die der Letztere geſehen zu haben behauptete, und ſchon begann der Baron verdrießlich ſeinen Begleiter der Kurzſichtigkeit zu beſchuldigen, indem er zu ihm ſprach:„Deine Augen werden bloͤde mit der Zeit, Alter! haſt wahrſcheinlich ein Paar ehrli⸗ che Holzſammler fuͤr Wilddiebe angeſehen.“ „Will alle fuͤnf Finger meiner rechten Hand mit dem Waidmeſſer wegputzen laſſen, daß ich zeitlebens kein Gewehr mehr losdruͤcken kann, wenn ich mich verſehen habe—“ erwiederte der Jaͤger.„Hab' den einen Burſchen neulich beim Knitteltanze ſo ſcharf ins Auge gefaßt, daß ich ſeine Spitzbubenphyſiognomie noch ſo feſt im Ge⸗ daͤchtniſſe trage, als ob er mein leiblicher Bruder waͤre. Kann mich nicht irren, gnaͤdiger Herr, hab' ihn ſo gewiß mit noch einem andern ver⸗ X 268 WMWNAANAAN daͤchtigen Buben, vor laͤnger als einer Stunde, in Ihrem Forſte geſehen, als die alte krumme Kiefer dort, ſo lange ich im Dienſte bin, nach au demſelben Flecke ſteht.“ 185 „Mag ſeyn, Alter!“ verſetzte der Barom „Aber ſolch' Geſtndel hat gar feine Naſen; hat wohl Witterung bekominen vom alten Hirſchbach, huͤtet ſich, die Schurkenlaͤufte meiner vollen La⸗ dung Preis zu geben, und liegt vielleicht im nach⸗ barlichen Forſte im ſichern Lager, indeß wir hier revieren kreuz und quer!— Laß uns umkehren, Thomas,'s laͤuft uns gente ahalih nichts vor’n Schuß! Wza. Sie giengen nun auf der darritan Waldſtraße hinab nach dem Schloſſe zu, der Baron vor ſich hin brummend, Thomas einige Schritte hinter ihm, auf jedes Geraͤuſch achtend und oft zuruͤck⸗ blickend ins dunkle Gebuͤſch. Beinahe am Aus⸗ gange des Forſtes, wo ſchon vor ihren Blicken die Stoppelfelder ſich ausbreiteten, welche zwi⸗ ſchen Hirſchbachs Revieren und ſeinem Schloß⸗ garten gelegen, ſtand zur rechten Seite, zwan⸗ zig Schritte vom Wege abſeits, eine uralte hoh⸗ le Eiche, von niedrigem Haſelgeſtraͤuch rings um⸗ 1 —— geben; in derſelben Entfernung ungefaͤhr, doch von der Straße links, zeigte ſich in Mannshoͤhe ein Kreis dunkler Tannenbuͤſche, welcher einige Raſenſitze in ſich faßte, die Thomas in fruͤherer Zeit ſelbſt erbaute, um Fraͤulein Emerentia und Philippinen bei Spaziergaͤngen hier ein angeneh⸗ mes Ruheplaͤtzchen zu bereiten. Der Baron war, ohne auf die Umgebungen zu achten, raſch vorwaͤrts geſchritten, und ſtand jetzt gerade in der Mitte des breiten Weges, in gerader Linie von ſich aus zur rechten Seite die hohle Eiche, zur linken das Tannengebuͤſch: da fuͤhlte er ein leiſes Zupfen an ſeinem Rockſchooße, erblickte Thomas dicht hinter ſich, mit geheimnißvoller Miene den Zeigeſinger auf den Mund gedruͤckt. „Was giebt's?“ fragte er den alten Jaͤger ziemlich laut, doch dieſer fluͤſterte ihm leiſe ins Ohr:„ruhig, gnaͤdiger Herr, hier iſt's nicht richtig.“ 5 1 rE „Du traͤumſt, Alter, ich ſehe nichts!« er⸗ wiederte Hirſchbach mit gedaͤmpfter Stimme; doch Thomas nahm ſein Gewehr von der Schul⸗ ter, machte ſich ſchußfertig, und fuhr fort, zu ſeinem Herrn gewendet:„ich denke, wir ſind —ͤͤſſſͤſͤſſ— jettt auf der rechten Faͤhrte, hinter der alten Ei⸗ che dort hoͤrte ich's verdaͤchtig wispern. Stellen wir uns Ruͤcken an Ruͤcken.“ Der Baron aber ſchuͤttelte unglaͤubig ſein Haupt und meinte, ein verliebtes Kaͤuzlein im hohlen Baume habe ihn geaͤfft. fte „Menſchenſtimmen waren's, ſo wahr ich ein holzgerechter Jaͤger bin!“ behauptete Thomas. „Werde ja wohl wiſſen, wie's Kaͤuzlein ſchreit“ — fuhr er fort— hären Sie doch! jeßt di⸗ ſchelt's ſchon wieder— 3 Hirſchbach wurde aufmerkſamer, lauſchte— und ſchon nach wenigen Augenblicken ſprach er jeiſe zu ſeinem Begleiter:„ſollſt recht haben, Alter! aber nicht beim hohlen Baume— im Tannenbuſche druͤben fluͤſtert's unverſtaͤndlich.“ Staunend wendete Thomas ſein Ohr nach dieſer Richtung, und bald ſtimmte er ſeines Herrn Meinung bei, ohne jedoch ſeine erſte Be⸗ hauptung aufzugeben, daß er auch von der alten Eiche her Gefüuͤſter vernommen.„Bei meiner armen Seele!“ begann er wieder leiſe, und wen⸗ dete Auge und Ohr bald rechts, bald links— „die Schurken haben Witterung gehabt und den 271 KMWAVAM Paß beſetzt— wollen uns zuſammenquetſchen hier auf offner Straße, ſoll ihnen aber nicht ge⸗ lingen, ſo lang' uns Loth und Kraut nicht aus⸗ geht!e Beide zogen ſich nun vorſichtig zuruͤck und unterſuchten ihre Gewehre, Thomas aber zupfte ſeinen Herrn nochmals am Rockſchooß und raun⸗ te ihm ins Ohr:„ich ſeh' es ſlimmern durch die Tannenbuͤſche— wahrhaftig, gnaͤdiger Herr! es blitzt ein Jagdgewehr, und druͤben bei der hohlen Eiche wispert es ſchon wieder.— Ich will ſo lang' ich lebe nichts weiter thun, als Hunde fuͤttern, wenn der gewiſſe Habicht nicht mit im Buſche ſteckt!“ „Den Habicht meinſt Due— erwiederte lebhaft mit blitzenden Angen der Baron—„den⸗ ſelben Habicht, der uns neulich aus dem Thurm entflog?— Ja waͤre der dabei, da lohnte ſich's der Muͤhe, einen ernſten Gang zu wagen; der hatte doch was Stattliches in ſeinem Weſen und war gewiß kein ſo gemeiner Knecht, wie die zer⸗ lumpten Hechte, die Dich beim Kragen zauſten. Wenn der ſich blicken ließe, Alter, den naͤhm' ich ganz allein auf mich; wollt' ihm die Fittiche 22 A ſchon laͤhmen und die Teufelsfaͤnge, daß ihm in dieſer Welt nach meinem Wildpret nicht mehr geluͤſten ſollte!— Friſch auf den Feind! mir juckt's in allen Fingerſpiten— Du Gachth⸗ 45 links— vorwaͤrts, marſch! ln »Ich habe Nummer Eins geladen— h aaf den Feind!“ brummte der alte Thomas, und ſchlich vorſichtig mit vorgehaltenem Gewehr in gerader Richtung ſeitwaͤrts nach der hohlen Ei⸗ che, der Baron eben ſo nach den Tannenbuͤſchen. Nur wenige Schritte noch davon entfernt, blieb er nachdenkend ſtehen und rief mit lauter Stim⸗ ine ein dreimaliges:„werda l Sein Jaͤger ſolg⸗ te ſeinem Beiſpiele, doch keine Antwort ließ ſich vernehmen, obgleich es ſtaͤrker kniſterte zu beiden Seiten im Gebuͤſche. Da erhob Hirſchbach aufs neue drohend ſein Gewehr, und ſchrie ſo grim⸗ mig in den Wald hinein, daß es hundertfaͤltig wiederhallte:„heraus aus Deinem Verſtecke, ver⸗ dammter Habicht, oder mein Blei ſoll ſich ſo ſchwer an Deine Waden haͤngen, daß Du zeit⸗ lebens auf dem Bauche kriechen mußt, wie ein Dachshund im Loche!“ und eben war er im Be⸗ griſſe anzulegen und in blinder Wuth eine volle 273 MAANA Ladung aufs Geradewohl nach dem Buſche zu ſenden, als er entſetzt die Buͤchſe wieder ſinken ließ, denn ploͤtzlich bogen ſich die Tannenzweige auseinander, ein ſchneeweißes Gewand wurde ſichtbar— und in demſelben Augenblicke lag auch ſchon ſeine Tochter Philippine in ſeinen Armen, mit dem lauten Ausrufer„um Gottes Willen, Vater! ſchieß micge i0 bin's aia— Deine Tau⸗ be l ns Der Baron fand erare keines Wrtes maͤchtig. Philippine verbarg verſchaͤmt ihr Ge⸗ ſicht an ſeinem Buſen, Thomas aber, der abge⸗ wendet ſtand, entfernt von Beiden, ſah und hoͤrte im wilden Eifer, die von den Wilddieben kuͤrzlich erlittene Schmach zu raͤchen, nichts von dem, was hinter ihm vorgieng, ſondern bruͤllte wuͤthend auf die hohle Eiche los:„Diebshoͤhle, thu' dich auf, und ſpeie deine Kreaturen aus! ich will ſie fuͤr die Hoͤlle zeichnen mit Nummer Eins!— Doch kaum hatte er die letzten Wor⸗ te ausgeſprochen, ſo wurde auch ſchon hinter dem lichten Haſelſtrauche ein hellfarbiges Schuͤrz⸗ chen ſichtbar, und eh er noch recht unterſchei⸗ den konnte, was es ſey, hieng auch Liſette II. 18 ſchon an ſeinem Halſe und bat mit aͤngſtlicher Stimme:„ſchieß nicht! um Gottes Willen nicht! ich bin's ja, Deine Schnerzans, 1 Vi⸗ terchen!é 16. Das Gewehr entſiel des alten Jaͤgers Hand, er umfaßte zitternd ſeine Tochter und blickte mit dem Ausdrucke der hoͤchſten Verwunderung bald auf ſie, bald zuruͤck auf den Baron, der noch immer ſtumm und ſtarr ſein Taͤubchen umfangen hielt. Todtenſtille herrſchte rings umher im For⸗ ſte, die hellen Strahlen des Vollmondes durch⸗ brachen die entblaͤtterten Baumwipfel und er⸗ leuchteten mit dem reinſten Silberglanze die tra⸗ gikomiſche Scene. Nach einer langen Panſe erhielt endlich der Baron von Hirſehbach zuerſt die Sprache wie⸗ der, faßte ſeine Tochter bei beiden Schultern, blickte ihr ſtarr ins Geſicht, als ob er ſich von der Wirklichkeit ihrer ploͤtzlichen Erſcheinung noch nicht recht uͤberzeugen koͤnne, zund begann nun in einem Tone, welcher Staunen und Mißfal⸗ len zugleich ausdruͤckte, mit der Frage:„ſage mir doch, wer Dir erlaubte, in der Abenddaͤmmerung noch hier im Walde herumzuflatterm⸗ Du wilde Taube?“ „Ich wollte Dir entgegengehen, mein guter Vater“— erwiederte ſie verlegen—„und da traf ich— doch wahrhaftig nur durch Zufall— „Wen trafſt Du an?“ ſiel ihr der Vater un⸗ willig ins Wort. „Ach— den dort—“ antwortete ſie, und zeigte aͤngſtlich nach dem Tannenbuſche, aus wel⸗ chem in demſelben Augenblicke Georg heraus⸗ trat in eleganter Kleidung, ein Jagdgewehr uͤber ſeiner Schulter haͤngend, und mit ſichtba⸗ rem Erſtaunen naͤher tretend, bald auf Philip⸗ pinen, bald auf dem Daran ſeinegaliteanzhen ließ. 3136 Den Hirſchteufel 2* rief der Baron, Hußer ſich vor Entſetzen, indem er in Georg ſogleich ſeinen entwichenen Gefangenen wiedererkannte. „Und Du haſt mit ihm geſprochen, Ungluͤcks⸗ kind?“ fuhr er fort, zu Philippinen gewendet— „mit dem Habichte dort haſt Du im Buſche ge⸗ 18*† ſteckt? Du biſt meine Tochter nicht mehr! fort, aus meinen Augen, Du verwahrloſte Holztaube Du le— Weder Bitten noch Thraͤnen Philippinens waren vermoͤgend, ihres Vaters Zorn zu bekaͤm⸗ pfen; er ſtieß ſie von ſich, und weinend, hoch⸗ ergluͤhend vor Scham, verhuͤllte ſie mit beiden Haͤnden ihr Geſicht. Da trat Georg, der noch immer ſtannend in der Ferne geſtanden, mit dem edelſten Anſtande auf Hirſchbach zu, und ſprach zu ihm, indem er ſein Gewehr zu deſſen Fuͤſſen niederlegte:„jetzt bin ich Ihr Gefange⸗ ner, Herr Baron, und mit Freuden bin ich be⸗ reit, jetzt Rechenſchaft zu geben fuͤr den in Ih⸗ rem Forſte von mir veruͤbten Frevel, und wenn Sie es nach naͤherer Erklaͤrung noch fuͤr noͤthig halten, ſo folg' ich Ihnen willig jetzt in ſichre Haft.“ Befremdet muſterte ihn Hirſchbach vom Kopfe bis zu den Fuͤßen. Der wahre Seelenadel, der ſich„mit der edelſten Beſcheidenheit gepaart, im kuͤhnen Feuerblicke, in allen Zuͤgen des Fremden lebhaft ausſprach, ſetzte ihn in nicht geringe Ver⸗ legenheit, und zwar noch immer grollend, doch 277 NNNNAAN mit einem gewiſſen Ausdrucke von Hoflichkeit er⸗ wiederte er ihm:„es bedarf keiner weitern Er⸗ klaͤrung; Sie haben nicht allein in meinem For⸗ ſte, wo man Sie bei der That ergriff, ſondern auch in den nachbarlichen Forſten, ſo zu ſagen, wie ein blutduͤrſtiger Tieger gehauſt, und koͤnnen deshalb einer ſtrengen Rechenſchaft, und bis die⸗ ſe geleiſtet, einer ſichern Haft durchaus nicht ent⸗ gehen. Doch mehr noch als mein Jagdvergnuͤ⸗ gen, das Sie mehrmals durch Ihre unrecht⸗ maͤßigen Eingriffe in meine Rechte mit bittrer Galle wuͤrzten, liegt mir das Wohl und die Eh⸗ re meiner einzigen Tochter am Herzen. Darum bekennen Sie jetzt unverholen: haben Sie ſchon ofter mit dem Maͤdchen geſprochen? Herr! das iſt ein edles Wild, gehoͤrt ins alte Haus der Hirſchbache, und waren Sie vielleicht tollkuͤhn genug, auch bis in dieſes Revier einzudringen und durch ſchelmiſche Jagdkuͤnſte meine unſchule dige Taube in Ihr Garn zu locken, ſo habe ich ohne weitere Erklaͤrung eine volle Ladung fuͤr Sie in Bereitſchaft, Herr Hlohtennetn oder Müie Sie ſonſt heihen moͤgen! 278 Laͤchelnd, doch ohne die ſchuldige Achtung zu verletzen, entgegnete Georg:„weder Hirſch⸗ teufel, noch Habicht— keiner von beiden Na⸗ men oder Ehrentiteln kommt mir zu, wenn ich auch durch Verhaͤltniſſe gezwungen war, auf kur⸗ ze Zeit meinen wahren, ehrlichen Namen zu ver⸗ ſchweigen. Eben ſo wenig hat es jemals mit meinen Begriffen von Ehre uͤbereingeſtimmt, Wilddieberei zu treiben, und wenn ich auch durch den Vorfall in Ihrem Forſte mich eines ſolchen Verbrechens verdaͤchtig machte, ſo war doch nur eine augenblickliche Ueberoilung, keineswegs aber boͤſer Wille daran Schuld.— Jenes liebens⸗ wuͤrdige Maͤdchen liebte ich ſchon bei ihrem er⸗ ſten Anblicke mit reiner, gluͤhender Liebe. Ich ſah und ſprach ſie ſeit einigen Tagen nur dreimal hier im Forſte, unbekannt mit ihrem Stande, mich ſelbſt verbergend unter der Maske eines Jaͤ⸗ gerburſchen, und erſt jetzt erfahre ich zu meinem Erſtannen aus Ihrem Munde, Herr Baron, daß ſie edler Geburt, daß ſie Ihre Tochter iſt! Vielleicht wird Ihnen mein wahrer Name mehr Vertrauen einfloͤßen auf meine heilige Verſiche⸗ rung: daß ich mit der Liebe zu Philippinen die X 279 WNANNMNM redlichſten Abſichten verband, und feſt entſchloſ⸗ ſen war, zu meiner Gattin ſie zu waͤhlen, waͤre ſie auch wirklich Ihres Jaͤgers Tochter nur ge⸗ weſen.— Ich heiße Georg von Yllenburg— mein Oheim nennt ſich Wolf von Allenburg, und iſt, ſo viel ich weiß, Ihr alter E. enbeahr ter Freund.“ „Waͤr's moͤglich?* rief Hirſchbach mit ploͤtz⸗ lich erheiterter Miene und im freudigſten Erſtau⸗ nen aus, indem er ihn bei beiden Haͤnden faßte und aufmerkſam beim hellen Mondlichte betrach⸗ tete.„Kaum kann ich's glauben“— fuhr er fort—„und doch— auf Waidmannsehre! das iſt die Familiennaſe— unverkennbar— und die allein war Schuld daran, daß ich Sie, als ver⸗ meintlichen Wilddieb und Hirſchteufel, mit dem Stoßvogel Habicht verglich. Deshalb verzeihen Sie mir die ungebuͤhrliche Vergleichung und be⸗ ruhigen Sie ſich— denn ohne Schmeichelei geb⸗ ich Ihnen die Verſicherung, daß Sie, mit un⸗ partheiſchen Angen betrachtet, die ſchoͤnſte Adler⸗ naſe haben, die ich jemals geſehen. Vorlaͤuſig aber erlauben Sie mir, daß ich Sie als Neffen meines alten Freundes vaͤterlich in meine Arme 280 ſchließe; und auch Du, mein Taͤubchen, komm naͤher, flieg an Deines Vaters Bruſt, ich bin Dir nicht mehr boͤſe. Das iſt ein Allenburg, und Allenburgſches Blut kann nimmermehr mit Suͤndengiften ſich vermiſchen, drum bin ich ru⸗ hig. Kommt Kinder, kommt beide her in mei⸗ ne Arme— ſo recht feſt an meine Bruſt— ich bin ſeelenvergnuͤgt! Das Uebrige findet ſich, wenn ich den jungen Herrn hi nihes kennen Lleent habe.“ Gen alag Und alle drei Lumfaßten ſich i in der nnigſen umarmung, von den feurigſten, ſaigſten Gefuͤh⸗ len tief bewegt. Bnicah EhI u ietO. ta hechtunk 2 Der alte Thomas aber war indeſſen von ſeiner Sinnesbetaͤubung, in die ihn die unver⸗ muthete Erſcheinung ſeiner Tochter verſetzte, er⸗ wacht, und begann nun ſein iſtrchen in ein ſcharfes Eramen zu nehmen. I Wis: „Sag mir doch, ob Dich der wide Rägte hetzt, Wettermaͤdchen—“ ſo lautete ſeine erſte 1 Frage—„daß Du Dich des Abends nochihler im Forſte herumtreibſt? ungAch nein, mein gutes Vaͤterchen— ant⸗ wortete ſie aͤngſtlich und verlegen— icher wollte Haſelnuͤſſe fuͤr Dich ſuchen.“ um„Sieh doch einmal an— Haſelnüͤſſe ſu⸗ ſchen“— fuhr er fort—„haͤtteſt eine Lateyne mitnehmen ſollen, mein Kind, oder haſt Du Dich auf den Mondſchein verlaſſen?— Und wer half Dir denn dabei, mein Toͤchterchen? denn ich hoͤrte Dich doch ganz vernehmlich dort im Gebuͤſch mit irgend Jemand ziſcheln und fluͤ⸗ ſtern.“ „»Mir— Vaͤterchen?⸗ erwiederte ſie ſau⸗ melnd und ſchon ſchwebte eine Luͤge auf ihrer Zunge, doch ploͤtzlich beſann ſie ſich anders und kaum hoͤrbar lispelte ſie ihrem Vater ins Ohr: „der neue Schul meiſit— Herr Wilhelm Staar.“ „Schulmeiſter Staar? ſo, ſole entgegnete Thomas, ſein Geſicht aber verlaͤngert ſich merk⸗ lich und verzog ſich in duͤſtre Falten.„Hab' den guten Mann ja noch gar nicht geſehen’— fuhr er fort— wie ſieht denn der neue Schulmeiſter 2 eigentlich aus? muß ihn doch kennen lernen und damit ließ er ſeine Tochter los und begab 4* ſich eiligen Schrittes nach der alten Eiche. Doch erſt, nachdem er einige Minuten vergeblich dort geſucht, fand er ſeinen Mann im hohlen Baume eingezwaͤngt, mit gefalteten Haͤnden, vor Schrek⸗ ken bleich und zitternd wie im heftigſten Fieber⸗ froſte. Bei dieſem Anblicke konnte ſich zwar der ehrliche Foͤrſter des Lachens nicht erwehren, doch kehrte ſein Unmuth gar bald aufs neue zuruͤck, da ihm das furchtſame Verbergen des Schulmei⸗ ſters deſſen Gewiſſensreinheit nicht eben zu ver⸗ buͤrgen ſchien. Deshalb faßte er den Zitternden ziemlich unſanft beim Kragen, zerrte ihn Trotz ſeines Widerſtrebens heraus aus ſeinem Verſtecke, indem er ihm von Zeit zu Zeit mit ranher Stim⸗ me zurief:„es geht zur Beichte, Herr Schwarz⸗ rock— meiner Tochter Ehre gilt’'s— das gehoͤrt vor mein Gericht— da bin ich Generalſuperin⸗ tendent— und wehe Ihm und Seinem jugend⸗ lichen Kuochengebaͤude, wenn ich Ihn nicht taktfeſt finde bei meinen Katechismusfragen!’e „Allergnaͤdigſter, hochwohlgeborner Herr Ba⸗ ron!“ ſtoͤhnte der Geaͤngſtigte in tiefſter Demuth 283„ MVAXNN dazwiſchen, denn noch immer war er nicht un⸗ terrichtet von Liſettens Namensverlengnung, wagte es nicht aufzublicken und glaubte ſicher, daß er ſich jetzt unter der ſchweren, zuͤrnenden Hand des Herrn von Hirſchbach, ſeines Pa⸗ trons, befinde.„Erbarmen Sie ſich meiner Jugend, gnaͤdiger Herr Baron“— fuhr er aͤch⸗ zend fort, noch immer von Thomas Faͤuſten zu Boden gedruͤckt. ZIch war mente captus mit vollem Rechte zu nennen, ein verblendeter Thor, daß ich es wagte, in meiner Erbaͤrmlichkeit mei⸗ ne Augen bis 4 Dero Fraͤulein Tochter zu Lahe ben! f 6 „Was ſchwatzt Er da verwirrtes Zeng eeeer er⸗ wiederte Thomas—„hin ich der gnaͤdige Herr Baron? ſo ſeh Er mich doch an!— Seit wann iſt mein Maͤdchen denn ein Fraͤulein? muͤßte doch wohl auch davon was wiſſen!“— und mit einem kraͤftigen Ruck richtete er den tiefgebeugten Schulmeiſter beim Kragen auf, blickte ihm ſtarr ins Geſicht, ließ ihn aber ploͤtzlich wieder los, 3 ſtieß einen lauten Schrei aus und ſchloß ihn feſt in ſeine Arme. Dann aber zog er ihn in der freudigſten Bewegung mit ſich fort zur andern Gruppe, welche der Baron, Georg und Phi⸗ lippine bildeten, und rief dem Erſteren mit lauter Stimme zu:„da ſchauen Sie, gnaͤdiger Herr, wen ich gefangen habe— das iſt ja der mit dem Baumaſte, der Teufelskert! leibhaftig ſteht er vor Ihnen in Geſtalt Ihres neuen Schulmei⸗ ſtbrs— huſſah! mein Pehenecetein ein allerlieb⸗ dei anee eee Kehn ar 198 859 zen! Sche den jungen Jheunn nußegaeng hehte zum erſten Male, denn ich uͤberließ die Wahl des Schulmeiſters meinem alten, wuͤrdigen Pfarrer. Nun, er hat gut gewaͤhlt, der alte Paſtor! der mnthige Lebensretter meines Tho⸗ mas hat gewiß ſein Herz auf dem rechten Flecke, und ſo ein Mann muß ein braver Lehrer ſeyn fuͤr meine Bauerjungen. Herzlich willkommen, mein lieber Schulmeiſter! hat mir durch meines Jaͤgers Rettung einen großen Dienſt geleiſtet; mein Ehrenwort darauf! ich will's ihm zu ver⸗ gelten ſuchen“= verſetzte Hirſchbach und druͤckte Wilhelms Hand mit Waͤrme, der wie ein Traͤu⸗ mender bald den alten Thomas, bald die llebri⸗ gen anſtarrte, keines Lautes maͤchtig. —— „Nun erlaß' ich Ihm auch Seine Beichte, junger Mann“— begann Thomas wieder, Wil⸗ helm in ſeine Arme ſchließend—„„Praͤchtiger Junge! biſt ja ein Schulmeiſter, und gehoͤrt ein Schulmeiſter nicht zur Geiſtlichkeit? und lehrt die Geiſtlichkeit nicht alle Sonntage: habt Gott vor Augen und im Herzen?— Du kannſt nicht ſchurkiſch handeln an meinem einzigen Kinde, haſt Du doch als braver Mann an mir gehan⸗ delt* „Alſo iſt Liſette Euer einziges Kind, Herr Thomas? kein gnaͤdiges Fraͤulein? beliebte alſo nur zu ſcherzen mit dem Fraͤulein?— Ich lebe wieder auf, denn jetzt— jetzt darf ich wenig⸗ ſtens doch hoffen.— Ja, Vater Thomas, Eure Tochter hat mir's angethan! ſie ſitzt ſo tief in meinein Herzen drin, daß ich vertrocknet waͤre wie ein abgeknicktes Birkenreis, wenn ich die Qual noch laͤnger haͤtte tragen muͤſſen, ſie als Fraͤulein nur demuͤthg verehren zu duͤrfen, da ich ſie ſo gern aus vollem Herzensgrunde lieben moͤchte“— entgegnete Wilhelm, aus ſeiner Sin⸗ nesbetaͤubung nach und nach erwachend. 286 AMAAAA „Na, Fraulein Liſette“— wendete der alte Jaͤger ſich zu ſeiner Tochter—„ſtehſt ja ſo be⸗ truͤbt dort, als ob Dir meine Ferkel Deinen ganzen Sonntagsputz zu Neſte getragen haͤtten. Komm doch ein wenig naͤher, mein Kind, und gieb Antwort: warum haſt Du hier dem armen Schulmeiſter ein Naͤschen gedreht in Deinem Hoch⸗ muthsduͤnkel? Du Fraͤulein Schneegans, Du!“ „Bitte, bitte Vaͤterchen, ſey nicht boͤfe, und auch Du, Wilhelm, ſey gut und freundlich; es war ja nur ein dummer Scherz von mir“— er⸗ wiederte ſie ſchmeichelnd—„Ich hatte mir's feſt vorgenommen, Dir heute Alles zu entdecken; aber kaum hatten wir uns hier angetvoffen, da kam auch ſchon Fraͤulein Philippine mit dem fremden Herrn den Weg herab, beide gingen nach dem Tannenbuſche und deshalb zog ich Dich zur hohlen Eiche ins Geſtraͤuch. Dort haͤtt. ich Alles haarklein Dir geſtanden, wenn nicht nach wenigen Augenblicken ſchon der gnaͤdige Herr Baron mit meinem Vater auch den Weg herabgekommen, und meine Angſt, von ihnen hier entdeckt zu werden, mich daran verhindert haͤtte.“ —— „Alſo wirklich, Liſette, ich darf's jetzt wa⸗ gen?“— ſprach Wilhelm mit dem Ausdrucke ſchuͤchterner Freude; doch ſie fiel ihm ſogleich ins Wort, ermuthigt durch ihres Vaters frohe Lau⸗ ne, und entgegnete ihm:„ja, wag' es, auf mein Wort! mein Vaͤterchen iſt ſeelengut, und ich— ich bin Dir gar nicht gram.“ „Hab' ich denn noch einen Kopf auf meinem Rumpfe? leb' ich denn? bin ich todt? oder iſt das Alles nur ein Schattenſpiel im Traume? ich bin ja der gluͤckſeligſte Menſch von Allen, die das blaue Himmelsdach bedeckt!“ fuhr der gluͤck⸗ liche Schulmeiſter fort, vor Freuden weinend und auf einem Beine herumhuͤpfend, wie ein froͤhliches Kind.„Mein lieber, guter Vater Thomas“— wendete er ſich zu dieſem, ihm taumelnd in die Arme ſinkend—„darf ich bitten, Vater Thomas? gebt mir Liſette— ich bin zwar arm wie eine Kirchenmaus, aber mein Aeintchen ernaͤhrt mich und wohl auch eine Frau. Wenn es nun Eurer achte Wille hin⸗ und des Eure— Na, nal ich merke ſchon, ich ſoll nun ein⸗ mal keinen Jaͤger zum Eidam haben“— unter⸗ 7 288. WAAN beach ihn Thomas laͤchelnd—„Sein Aenmtchen truͤge freilich wohl genug fuͤr Euch beide— aber, wie ſieht's binnen Jahr und Tag aus? denn bei Schulmeiſtern und Pfarrern zeigt ſich der Eheſegen immer am fruchtbarſten. Nun, komm nur naͤher, mein Kind— fuhr er freundlich zu Liſetten fort—„haſt Dir ja ei⸗ nen regierenden Herrn zum Braͤutigam ge⸗ wuͤnſcht— da, nimm den wackern Schulmei⸗ meiſter hin, in Gottes Namen!— Ich gebe Dir mein Wort, er wird mit ſeinem braunen Zepter die Bauerjungen zuſammenregieren, daß die Schulſtube wackelt— und— wegen der kleinen Familie laßt Euch nicht bange ſeyn— dazu hab' ich ſchon im Stillen ein rundes Suͤmmchen auf die Kante gelegt.“ „Bravo, alter Thomas! rief jetzt der Ba⸗ ron ihm zu, der bisher ſich mit Georg von ſei⸗ nem alten Freund Wolf von Ylenburg unter⸗ halten und nur des Jaͤgers letzte Rede mit an⸗ gehoͤrt.„Deinem Lebensretter gehoͤrt die Toch⸗ ter! ſie ſtatte ich aus und ſeinem Gehalte lege ich jaͤhrlich dunſis hant n; ſen Ihr zuieſe den? 2. 289 AAAAN Die Gluͤcklichen ſtammelten ihren Dank, doch Hirſchbach wollte nichts davon hoͤren und trieb mit frendigem Uugeſtuͤm die ganze Geſell⸗ ſchaft zur Ruͤckkehr nach dem Schloſf an. 20. . Unter feoͤhlichen Geſpraͤchen und Scherzen langten Georg und Philippine, am Arme des Barons— im ſeligſten Freudentaumel Wil⸗ helm und Liſette, an des alten Thomas Seite, im Schloßgarten an. Da ertoͤnte vom Rohr⸗ Leiche her ein klaͤgliches Gewimmer zu ihnen heruͤber. Alle ſtutzten, und in der Meinung, daß dort irgend ein Verungluͤckter ſchleuniger Huͤlfe beduͤrfe, eilten ſie nach jener Gegend hin. Beim Luſthauſe ſtanden ſie ſtill und horchten nach dem Waſſer hinab, um die Gegend, wo⸗ her der Klageruf erſcholl, genauer beſtimmen und dem Klagenden ſchnellen Beiſtand leiſten zu koͤnnen; doch Alle blickten bald einander ſtaunend und fragend an, als ſie jetzt deutlicher II. 19 290 NN vernahmen, daß das Aechzen hoch aus den Luͤften zu ihnen herniederdrang. „Es ſpuͤckt!“ fluͤſterten die Maͤdchen leiſe, graueten ſich und draͤngten ſich furchtſam an die jungen Maͤnner; der alte Thomas murmel⸗ te etwas von der wilden Jagd in den Bart; Georg und Wilhelm meinten, daß vielleicht ir⸗ gend ein heirathsluſtiger Kater auf dem Dache des Luſthauſes ſein Hochzeitslied zum Beſten gebe; der Baron Hirſchbach aber hatte ſeine Blicke ſtarr auf einen ziemlich hohen Baum geheftet und rief jetzt ploͤtzlich aus:„ich hab's, Kinder! dort ſitzt es auf dem Baume, doch weiß der liebe Gott, was das wohl ſeyn mag. Das Ding ſieht einer Vogelſcheuche aͤhnlich, und doch, der Stimme nach, ſcheint mir's ein Menſch zu ſeyn.“ 1 Da ertoͤnte es wieder vom Baume herab, leiſe aͤchzend:„ach, helft mir, guten Leute! meine Schultern, mein Ruͤcken und noch man⸗ che andere Theile meines Koͤrpers ſind bereits ſo incurabel laͤdirt, daß ich zeitlebens werde wattirte Unterkleider tragen muͤſſen!e MWAA „Ey, plagt Sie dieſer und jener? Guten Abend, Herr Baron von Heſterfeld!“ rief Hirſchbach lachend zu ihm hinauf.„Sind Ihnen meine Betten zu weich, daß Sie ſich ſo ein hartes Nachtlager erwaͤhlt? oder beehren Sie als Nachtwandler meine Baͤume mit Ih⸗ ren Beſuchen, weil wir eben Vollmond haben? — Haͤtte Sie meiner Seele beinahe fuͤr ein Spuekding gehalten!“ Doch mit gedaͤmpfter Stimme bat Heſter⸗ feld den Sprechenden, ſchleunige Huͤlfe herbei⸗ zuſchaffen. Eine Leiter wurde im Garten bald aufgefunden und von Georg, Wilhelm und Thomas der in den Luͤften Schwebende aus ſeiner aͤngſtlichen Lage befreit und auf den ſichern, feſten Erdboden gebracht. Hier ſtand er nun, noch immer wimmernd, mit beiden Haͤnden ſein Haupt bedeckend und aͤngſtlich Pünautſchntund nach dem Wugfe des Vau⸗ mes. „Sie haben doch nicht etwa auch gaenoch atn Kopfe Schaden gelitten?« fragte ihn Hirſch⸗ bach; doch er erwiederte verlegen:„ov nein! ich glaube nicht— aber meine Tour,— die kalte 19* 292 n Abendluft—“ und dabei ließ er ſeine Haͤnde auf einige Minuten vom Haupte herabſinken, daß die Umſtehenden deutlich gewahrten, wie ſich der helle Mondſchein auf ſeiner kahlen Glatze ſpiegelte, gerade ſo, wie Philippine ähn im Traume geſehen. „Dort oben haͤngt ja ſo ein Ding, ſeht aus wie in Kraͤhenneſt; das wollen wir bald herunterkriegen!“ rief Thomas aus, der mit ſcharfem Waidmannsblicke die Baumkrone durch⸗ ſpaͤht, und mit Huͤlfe einer langen Stange wur⸗ de es ihm moͤglich, den Baron von Heſterfeld mit ſeiner ihm unentbegellchen Peraͤcke wieder zu erfreuen. Philippine aber war lchen bei Heſterfads erſten Worten von einem maͤchtigen Schrecken ergriffen worden, denn jetzt erſt erinnerte ſie ſich wieder, daß ſie vor laͤnger als einer Stun⸗ de das zaͤrtliche Liebespaͤrchen hier eingeſchloſſen. Um ihre Tante aͤngſtlich beſorgt, oͤffnete ſie nun ſchnell das Luſthaus mit dem Schluͤſſel, den ſie noch bei ſich trug, eilte die Treppe hin⸗ auf ins Zimmer und fand hier zu ihrem Er⸗ ſtaunen Emerentia noch auf dem Sopha aus⸗ NMWMNN geſtreckt, doch nicht gerade in todtenaͤhnlicher Ohnmacht, ſondern nur— recht ſanft lchhm⸗ mernd. „Iſt er unten 24 fragte ſie noch halb im Schlafe, von Philippinens Zurufe erwachend, richtete ſich auf, trat ans offene Fenſter und rief hinab:„ſind Sie gluͤcklich hinuntergekom⸗ men, Sie leichtfertiger Springinsfeld?“ „Vor wenigen Minuten erſt, Verehrteſte le verſetzte dieſer unten klaͤglich, und ſie entgegnete wieder:„frent mich unendlich, nun bin ich ganz beruhigt; denn ich glaubte ſchon, Sie haͤtten Ihre beiden lieben Beine morſch ent⸗ zwei gefallen, und wurde ſchon deshalb von den aͤngſtlichſten Traͤumen gequaͤlt!“ „Aber Schweſter Emerentia“— rief— Bruder zu ihr hinauf—„was machſt Du ſo ſpaͤt noch hier im einſamen Luſthauſe? Ich will doch nicht hoffen, daß Du den Herrn von He⸗ ſterfeld zum Fenſter herabgeworfen? Was ſoll ich uͤberhaupt von der Lahzen Begebenheit den⸗ ken?“ „Ich luſtwandelte gegen Abend mit Ihrer Fraͤulein Schweſter im Garten“— erklaͤrte ihm MWAAA Heſterfeld—„da noͤthigte eine Maladie meine verehrte Begleiterin im Luſthauſe ein Ruhe⸗ plaͤtzchen zu ſuchen; ich folgte ihr dorthin. Endlich faͤllt es mir ein, durch mein Floͤten⸗ ſpiel den langen Abend ihr zu kuͤrzen. Ich eile meine Floͤte herbeizuholen und finde die Thuͤr verſchloſſen. Doch in meinem galanten Eifer, dem Fraͤulein eine elegante Unterhaltung zu gewaͤhren, achtete ich keine Gefahr und war tollkuͤhn genug, aus dem Fenſter auf den Baum zu ſteigen, um von da herabzuklettern; aber kaum hatte ich poſto gefaßt auf einem ſtarken Aſte, da— doch Sie waren ſaͤmmt⸗ lich Zeugen meines Malheurs.— O, uggluͤck⸗ ſeliges Floͤtenſpiel, das mir nie haͤtte einfallen ſollen! rief er ſeufzend mit Schillers Ferdi⸗ nand und rieb ſich mit ſchmerzlich verzogener Miene die gequetſchten Stellen ſeines Koͤr⸗ pers. „Aber durch welchen Zufall wurde die Thuͤr verſchloſſen, und wer hat ſie jetzt geoͤffnet?“ fragte Hirſchbach wieder.. „Ich, mein Vater!“— antwortete Philip⸗ pine, die Emerentien aus dem Luſthauſe voran⸗ MAANANAN geeilt—„Vor wenigen Tagen crhielt ich von der Tante einen harten Verweis, daß ich ſie unvermuthet auf ihrem Zimmer, in Geſellſchaft. des Herrn von Heſterfeld, uͤberraſcht, und da ich ſie heute wieder beide im eifrigen Geſpraͤche hier zuſammentraf, verſchloß ich im Scherz die Thuͤr, damit ſie ja nicht geſtoͤrt werden ſollten, und nahm den Schluͤſſel zu mir.“ „Das war ein dummer Scherz, mein Kind“— erwiederte Hirſchbach ernſt— „ſtimmt gar nicht mit der Achtung uͤberein, die Du Deiner Tante und meinem Gaſte ſchuldig biſt. Geh, bitte beide um Verzeihung, und wage ſo etwas nicht wieder, bei meinem Zor⸗ ne!“. Philippine geſtand reuig ihren Fehler, und erhielt Verzeihung, der Baron von Hirſchbach aber wendete ſich zu ſeiner Schweſter mit der Frage:„wie konnteſt Du's ruhig mit anſehen, daß der arme Heſterfeld eine ganze Stunde lang ſo zwiſchen Himmel und Erde ſchwebte? warum haſt Du nicht laͤngſt um Huͤlfe geru⸗ fen?˙ 296 „Glaubſt Du wirklich, ich haͤtte ihn ſchwe⸗ ben ſehen? erwiederte ſie ihm.—„Schon als ich ihn ſtuͤrzen ſah, kribbelte mir's in den Augen, bald uͤberraſchte mich ein Todtenſchlum⸗ mer, ich ſiel in Ohnmacht, aus welcher dni Philippine erſt erweckte. „O ja, ſie ſchlief recht ſanft!“ egn die⸗ ſe leiſe und ſchelmiſch laͤchelnd hinzu; Hirſch⸗ bach aber ſprach:„danken wir Gott, daß die⸗ ſer Unfall noch ſo gluͤcklich abgelaufen, und nnn kommt mit mir ins Schloß; das Abend⸗ eſſen wartet auf uns; Alle, wie Ihr hier verſammelt, ſeyd Ihr heute meine Gaͤſte le Doch Heſterfeld bat, ihn von der Abend⸗ tafel zu dispenſiren, indem er mit einer Jammermiene hinz uſetie:„je vais me cou- cher le 8 ii 21. Beim Nachtmahle im Schloſſe herrſchte unter den beiden gluͤcklichen Paaren der Geiſt der froͤhlichſten, ungezwungenſten Laune, der 297 AAAANNANAn gute Menſchen gewoͤhnlich mit nener Kraft belebt, wenn ſie unverhofft ans erſehnte Ziel ihrer Wuͤnſche gelangen. Auch die beiden Al⸗ ten theilten der Jugend heitre Stimmung, nur Emerentia ſaß ſchweigend und theilnahm⸗ los, und entfernte ſich bald, um dem Bei⸗ ſpiele ihres geliebten Freundes Folge zu lei⸗ ſten. „Jetzt aber, Du kuͤhnſter aller Schulmei⸗ ſter, die jemals den Bakel gefuͤhrt— wen⸗ dete ſich Hirſchbach endlich zu Wilhelm— „erzaͤhle uns doch das Ende Deines Kampfes mit jenen Strauchdieben, die dem alten Tho⸗ mas zu Leibe giengen.“ 4 „Davon laͤßt ſich nur noch wenig berich⸗ ten“— entgegnete Wilhelm—„denn als mein Baumaſt an ihren breiten Schultern endlich zerſplitterte, ergriff ich Thomas ge⸗ ladenes Gewehr, welches am Boden lag, und kaum erblickten ſie die gefaͤhrlichere Waffe in meiner Hand, ſo flohen ſie waldeinwaͤrts. Ich ließ ihnen nicht Zeit, ihre Flinten zu laden, verfolgte ſie wohl eine halbe Stunde weit; doch da ſie die Schliche im Forſte beſ⸗ 298 MAABAAN 7 ſer kannten, als ich, ſo ſchien mir mein Ver⸗ folgen fruchtlos. Ich begnuͤgte mich daher, Ihnen meine volle Ladung nachzuſchicken, und obgleich ich mich auf den Gebrauch des Feuer⸗ gewehrs nur ſehr wenig verſtehe, hoͤrte ich doch in demſelben Augenblicke einen lauten Schrei im Buſche, und glaubte ſicher, daß Einer getroffen ſey, wagte es aber nicht, mich ſelbſt davon zu uͤberzeugen, da ich, vom Laufen erſchoͤpft, meinen Kraͤften nicht mehr traute, und in der abgelegenen Waldgegend, ohne Hoffnung auf fremde Huͤlfe, einen neuen Kampf fuͤr zu gefaͤhrlich und zwecklos hielt. Ich eilte deshalb zuruͤck nach den Rothbuchen, um Euch, guter Thomas, Beiſtand zu lei⸗ ſten; doch wahrſcheinlich hatte man Euch ſchon fruͤher aufgefunden und nach Eurer Wohnung gebracht. Euer Mordgewehr haͤngt noch in meiner friedlichen Schulſtube. Da mich eine gewiſſe Scheu abhielt, ſelbſt nach dem Schloſſe zu gehen, um es Euch zu uͤberliefern, wollte ich die Gelegenheit abwar⸗ ten, Euch im Forſte zu begegnen, um es Euch dort zu uͤbergeben.“ —— 2 W „Nun, ſo jubelt denn laut, Ihr wak⸗ kern Waidmaͤnner!— begann Georg.— „Durch des muthigen Schulmeiſters raͤchende Hand, durch Philippinens zartes Mitleid, kam der beruͤchtigte Hirſchteuſel in meine Ge⸗ walt: er ſitzt in Ketten und Banden im Kerker zu Fichtenhain.“ Ein lauter Ausruf des Erſtaunens ertoͤn⸗ te aus Aller Munde, und Georg fuhr fort, zu Philippinen gewendet:„erinnerſt Du Dich noch des kranken Jaͤgerburſchen, den ich, auf Deinen Huͤlfernf herbeieilend, im Forſte fand? den ich, als er ſich unſern Huͤlfsleiſtungen widerſetzen wollte, mit Gewalt nach Fich⸗ tenhain bringen ließ? Der Bauer, welcher den Auftrag von mir erhielt, ihn dorthin zu ſchaffen, uͤbergab ihn dem Verwalter mei⸗ nes Oheims, der ihn willig aufnahm. Doch der Fremde, indeſſen wieder zur Beſinnung gelangt, machte nun die ernſtlichſten Ver⸗ ſuche, mit Aufbietung aller ſeiner Kraͤfte ſich den huͤlfreichen Bemuͤhungen des Ver⸗ walters und ſeiner Leute zu entziehen, aber dieſer, der die gewaltſame Ablehnung ſeines Beiſtandes fuͤr Zeichen des Wahnſinns hielt, ließ ihn gebunden auf ein Lager bringen, und ſo fand ich ihn, als es mir gelang, der Kerkerhaft hier im Schloſſe zu entgehen. Am andern Morgen ließ ich die Verwundung an ſeinem vechten Fuße unterſuchen, und fand zu meinem Erſtaunen, daß ſie die Folge eines Schuſſes ſey, wovon noch mehrere tief im Fleiſche ſitzende Schrotkoͤrner den Be⸗ weis gaben. Auf meine Frage: auf welche Art er ſich eine ſolche Verletzung zugezogen? erhielt ich weder auf Bitten noch Drohungen Antwort, und erſt vor wenigen Stunden ward mir deshalb ein naͤherer Aufſchluß. Der Fichtenhainer Jaͤger hatte naͤmlich mit Huͤlſe einiger Bauern zwei mit Jagdgewehren be⸗ waffnete Maͤnner, als der Wilddieberei ver⸗ daͤchtig, eingefangen, indem ſie lauſchend das Schloß meines Oheims umſchlichen. Als ich ſie vorlaͤufig verhoͤrte, bekannten ſie ſogleich, mit der Bitte um einen gnaͤdigen Urtheils⸗ ſpruch, daß es ihr Plan geweſen, ihren verwundeten Kameraden aus dem Schloſſe zu befreien und in Sicherheit zu bringen. Ich 304 AW ſtellte ſie dem bereits Gefangenen gegenuͤber, und dieſer leugnete nun nicht laͤnger, da er die letzte Hoffnung auf Befreiung durch ſei⸗ ne Helfershelfer geſcheitert ſah, daß er wirk⸗ lich jener beruͤchtigte Wilddieb— in der gan⸗ zen Gegend unter dem Namen Hirſchteufel bekannt— und die Verwundung am Fuße die Folge eines Schuſſes ſey, den er durch einen ihm Unbekannten erhalten, welcher ihn und einen ſeiner Kameraden, nachdem ſie den Jaͤger Thomas aus Hirſchbach angefallen, bis tief in den Forſt verfolgt habe. Ferner geſtand er, daß er die ganze Nacht nach dieſem Vorfalle im Forſte zugebracht, und von ſeinem Kameraden verlaſſen worden ſey, um ihm Huͤlfe zu verſchaffen, deſſen langes Außenbleiben, auch Hunger und Durſt, ihn endlich vermocht, ſein ſicheres Verſteck zu verlaſſen, um in der Daͤmmerung die Lan⸗ desgrenze zu erreichen, wo er ſeinen Wohn⸗ ort habe; doch ſey er in einem Fieberanfalle unter den fuͤrchterlichſten Schmerzen dicht an der Hauptſtraße niedergeſunken. Nachdem ich nun die drei Verbrocher in ſichere Haft brin⸗ 302 MWWMN gen laſſen, entſchloß ich mich, ſogleich nach Hirſchbach zu eilen, um Ihnen, Herr Ba⸗ ron, die Nachricht von der Gefangenneh⸗ mung der ungebetenen Jagdgaͤſte mitzutheilen, und mich zugleich wegen des Vorfalls, wel⸗ cher mich ſelbſt bei Ihnen in den Verdacht der Wilddieberei brachte, zu rechtfertigen; da traf ich am Ausgange des Forſtes Philip⸗ pine, wollte in ihrer Geſellſchaft Ihre Ruͤck⸗ kehr erwarten, trat, da ich den Schulmei⸗ ſter mit Liſetten dicht hinter uns bemerkte, ins Tannengebuͤſch, wo Sie uns ſelbſt we⸗. nige Minuten ſpaͤter durch Ihren Zuruf uͤber⸗ raſchten.“ „Was meinſt Du, alter Thomas?“ ver⸗ ſetzte nun Hirſchbach hocherfreut—„feiern wir beide nicht heute den feſtlichſten, gluͤcklich⸗ ſten Abend ſeit vielen Jahren? denn zwei großer Sorgen ſind wir mit einem Male uͤber⸗ hoben worden: erſtens, unſer Wild im For⸗ ſte zu huͤten; zweitens aber, der viel groͤße⸗ ren Sorge— unſrer Maͤdchen Schritte zu 1 bewachen! Moͤgen nun die jungen Herrn ſelbſt ſehen, wie ſie den Wildfaͤngen die Koppel 1 anlegen. Nun wird mir doch nach und nach Alles klar, was mir unbegreiflich ſchien; denn nicht wahr, Herr von Rlenburg, die beiden Maͤdchen zeigten Ihnen auch den Weg aus meinem feſtverſchloſſenen Thurme? und ich alter Narr fieng ſchon beinahe an, auf meine alten Tage noch an Zauberei zu glau⸗ ben!“ Georg bejahete lachelnd ſeine Frage, und beeilte ſich nun, ihm auch die widrigen Ver⸗ haͤltniſſe mitzutheilen, die ihn gezwungen, ſeinen Namen zu verleugnen, und von der unedel ſcheinenden Flucht Gebrauch zu ma⸗ chen. „Ich kam von der Univerſitaͤt zuruͤck⸗⸗— begann er—„und eilte nach der Reſidenz des Nachbarlandes zu meinem Oheim, der nach dem Hinſcheiden meiner beiden Eltern mich adoptirte und zu ſeinem Erben beſtimm⸗ te. Hier traf ich einen meiner innigſten Freunde, den Grafen von Zillenſtein, der mir ſchon in unſerer erſten Unterredung ent⸗ deckte, daß er ſich gezwungen geſehen, den Sohn des dirigirenden Miniſters auf Piſto⸗ 304 MGVNUANANN ien zu fordern, da er die Ehre ſeiner Braut, nachdem ſie ſeine ſchaͤndlichen Antraͤge zuruͤck⸗ gewieſen, oͤffentlich beſchimpft. Er bat mich, ihm in dieſer Ehrenſache als Secundant bei⸗ zuſtehen, und ich ſagte zu. Schon am an⸗ dern Nachmittage fand das Duell ſtatt. Auf ein Commandowort ſchoſſen beide zugleich: der Graf ſank mit zerſchmettertem Arme ohnmaͤch⸗ tig an meine Bruſt, ſein Gegner, durch ei⸗ ne Kugel in den Unterleib toͤdtlich verwan⸗ det, ſtuͤrzte zu Boden. Mein Freund, als Ausforderer, mußte fliehen, ich als ſein Secundant mit ihm. Das Landgut meines Oheims lag unfern vom Kampfplatze, und dorthin ließ ich im bereitſtehenden Wagen den verwundeten Grafen bringen, entdeckte mei⸗ nem Oheim die gefaͤhrliche Lage, worin wir uns beide befanden, und ſeine nachſichtsvolle Guͤte fand bald Mittel, uns in Sicherheit zu bringen. Nachdem mein Freund vorlaͤu⸗ fig nur einen leichten Verband erhalten hat⸗ te, flohen wir weiter, erreichten noch vor Mitternacht die Grenze, und kamen gluͤcklich in Fichtenhain an. Hier war ich gaͤnzlich — 305 AN unbekannt, und ein Schreiben meines Oheims, welches ich bei mir trug, hatte ſeinen al⸗ ten, treuen Verwalter mit der Gefahr, in welcher wir ſchwebten, ſo viel es nothwen⸗ dig, bekannt gemacht. Ein verborgenes Zim⸗ mer nahm den Grafen auf; der Verwalter und ich waren ſeine Krankenwaͤrter, ein verſchlagner Wundarzt wurde durch Geld ge⸗ wonnen, und ſo beſchloſſen wir, bis zu meines Freundes Wiederherſtellung dort ver⸗ borgen zu bleiben. Da ich bei den Leuten im Schloſſe fuͤr einen Verwandten des Ver⸗ walters galt, auch, wie mir berichtet wur⸗ de, unſre Feinde die Spur unſers Aufent⸗ haltes nicht ahneten, ſo wagte ich's, in ſchlichter Jaͤgerkleidung zuweilen im Forſte herumzuſtreifen, wozu mich ſpaͤter, nach⸗ dem ich Ihre Fraͤulein Tochter zum erſten Male dort erblickt, ein unwiderſtehlicher Drang meines Herzens oͤfter verleitete. Da geſchah es denn auch, daß ich in blinder Ueber⸗ eilung, um Philippinen meine Sicherheit als Schuͤtze zu beweiſen, woran ſie ſpot⸗ tend zweifelte, ein Wild in Ihrem Forſte II. 20 — —— — — 306 NNNNN erlegte, und ſo zu dem Mißverſtaͤndniſſe Veranlaſſung gab, welches mich in Ihren und Ihrer Untergebenen Augen zum gefuͤrch⸗ teten Wilddiebe ſtempelte. Wiewohl nur un⸗ gern, benutzte ich doch die mir dargebotene Flucht, indem ich fuͤrchtete, vielleicht vor einem oͤffentlichen Gerichte zu meiner Recht⸗ fertigung meinen wahren Namen entdecken zu muͤſſen, und auf dieſe Weiſe meinen Freund mit mir zugleich der Gefahr auszu⸗ ſetzen, entdeckt und ergriffen zu werden. Geſtern erhielt ich die Nachricht von mei⸗ nem Oheim, daß er durch Vermittelung es bewirkt, daß ich nur mit der ſehr gnaͤdi⸗ gen Strafe einer dreijaͤhrigen, Landesverban⸗ nung belegt worden ſey; auch meldete er mir, daß man Hoffnung hege, das Leben des Miniſterſohnes zu retten.— Dieſen Morgen hat mein Freund, von ſeiner Wun⸗ de beinahe voͤllig geneſen, ſeine Flucht wei⸗ ter fortgeſetzt, und befindet ſich wahrſchein⸗ lich jetzt ſchon in gefahrloſerer Sicherheit, als bisher. Meine Strafe werde ich um ſo leich⸗ - 7 ter ertragen, da ich ſie jetzt nur als eine B E 307 ANAMAAN gluͤckliche Laune meines Schickſals betrachte, die mir den Pfad zu meinem kuͤnftigen Le⸗ bensgluͤcke zeigte, und wenn ich Philippi⸗ nens Herz verſtanden, wenn Sie, Herr Baron, meine heißen Wuͤnſche mit Ihrem Vaterſegen kuoͤnen, dann bin ich feſt ent⸗ ſchloſſen, Fichtenhain nie mehr zu verlaſ⸗ ſen.“ „Nun, mein Taͤubchen— ſag', wie ſteht's mit Deinem Herzen?“ begann Hirſch⸗ bach, durch Georgs Erzaͤhlung voͤllig befrie⸗ digt, zu ſeiner Tochter.—„Glaub's ſchon im voraus: der wird Dir beſſer behagen zum Ehegemahl, als der Baron von He⸗ ſterfeld. Schau nur die krauſen Locken an, das iſt ein aͤchter, natuͤrlicher Schmuck! ich gebe Dir mein Wort, der traͤgt keine Pe⸗ ruͤcke.« „Ja, ich bin ewig Dein, Georg!“— fluͤſterte Philippine, und lehnte ihr Koͤpf⸗ chen verſchaͤmt auf Yllenburgs Schulter, der ſie hochentzuͤckt in ſeine Arme ſchloß. „Unſere Brautpaare ſollen hoch leben!“ rief Hirſchbach nun in der froͤhlichſten Lau⸗ 20* 308 WANANN ne, hielt ſein volles Glas hoch empor, und die hellen Freudenthraͤnen rollten uͤber ſeine Wangen herab, indem er, laͤchelnd auf die Gluͤcklichen herniederſchauend, fortfuhr:„der Habicht und mein Taͤubchen, hoch! und dreimal hoch! Da ergriff auch der alte Thomas ſein Glas, und verſetzte frohbewegt:„da Sie mir und den Meinigen die Gnade erzeigt, gnaͤdiger Herr, an Ihrer Tafel Theil zu nehmen, ſo erlauben Sie mir auch, auf meiner Kinder Wohl dies volle Glas zu lee⸗ ren, und aus tiefſtem Herzensgrunde dazu auszurufen: der Staar und mein Schnee⸗ gaͤnschen!“ „Bravo, Thomas!“ rief Hirſchbach la⸗ chend, und aus ſeinem wie aus Georgs und Philippinens Munde ertoͤnte ein lau⸗ tes:„Hoch!" dem Schulmeiſter und ſei⸗ nem Braͤutchen zu Ehren. 8 99 —- Kaum hatte der naͤchſte Fruͤhling mit ſei⸗ nem erſten zarten Gruͤn, nur hier und da von bunten Blumenknospen durchwebt, die Wieſen und Waͤlder bekleidet, da wandelten an einem heitern Sonntagsmorgen Georg von Yllenburg und Philippine, der Schulmeiſter und Liſette — welche von der jungen Gebieterin eine ſchwere goldene Kette mit goldenem Schluͤſſel, zum Andenken der naͤchtlichen Befreiungsſcene, als Brautſchmuck erhalten— nach dem Got⸗ teshauſe im Dorfe Hirſchbach, wo der alte Pfarrer durch den Segen der Kirche ihre Ver⸗ bindungen weihete. Tante Emerentia aber und der Baron von Heſterfeld begaben ſich bald darauf als Ver⸗ lobte nach der Reſidenz des Nachbarlandes, wo ſich der letztere vom Vermoͤgen der erſtern ei⸗ ne eben feilgebotene Hofcharge gekauft, wurden dort vermaͤhlt, und fuͤhrten eine Ehe, von der ſich nicht viel ſagen laͤßt. 310 1 ANNN Georg blieb in Fichtenhain, verlebte dort die ſeligſten Tage mit ſeiner Gattin in Geſell⸗ ſchaft ſeines guten Oheims und des wackern Hirſchbach; beide wetteiferten mit einander, die haͤufigſten Beſuche bei dem gluͤcklichen Paͤrchen abzuſtatten, welches ſich nach einigen Jahren ſchon zur ſuͤßeſten Pflicht machte, ein Neſtchen voll ganz allerliebſter Habichte und Taͤubchen mit zaͤrtlicher Sorgfalt zu huͤten und groß zu ziehen. Auch die jungen Eheleute in der Schulmei⸗ ſterwohnung fuͤhlten ſich unter ihrem minder ſtattlichen Dache nicht minder gluͤcklich, und der alte Thomas vergaß in ſpaͤtern Jahren noch manchmal ſein Revier, wenn er die kleinen Staarmaͤtze auf ſeinem Schooße mit Milchtu nd Semmel fuͤtterte, und ſie„Großpappa“ ſpre⸗ chen lehrte., In gleichem Verlage ſind erſchienen: Adolphi, M., Die Schwaneninſel. Eine ſchwediſche Novelle. 8. 1827. Arminia, Das Dreiblatt. Drei Erzaͤhlungen. 8. 1827. Buͤhren, Ad., Die Erzaͤhlung auf der Flucht, fluͤchtig erzaͤhlt. 8. 1827. Ewald, Das Salzbergwerk zu Wieliczka. An⸗ hang zur Fuͤrſtentochter. 8. 1827. Falckh, J., Gunhilde die Wilde, oder die Waldkapelle im Hubthal. 3 Thle. 8. 1827. Floraldin, Ed., Die Calviniſten in Leipzig. Erzaͤhlung aus dem 16. Jahrhundert. 3 Bde. S. 1827. Hildebrand, C., Lilienſtroͤm und Nordenſtern. Ein krieger. Gemaͤlde aus den Zeiten Karls XII. 3 Thle. 8. 1827.“ —— Marie oder das eiferſuͤchtige Geſpenſt. 3 Thle. m. K. 8. 1827. 4 —— Wirthshaus im Urithal. 2 Thle. 8. 1827. Kruſe, L., Die Todtenbraut oder Deodats Ge⸗ burt. 3 Thle. 2te Aufl. 8. 1827. —— Waldemar der Sieger. Hiſtor. Roman v. B. S. Ingemann. Dem Daͤniſchen nacher⸗ zaͤhlt. 3 Thle. 8. 1827. Leibrock, A., Guſtav und Eliſe, oder die Lei⸗ den der Familie Mahlmann. 2 Thle. Mit Eli⸗ ſens Bildniß. 8. 1828. —— Bligger von Steinach der Geaͤchtete. 2 Thle. m. K. 8. 1827. —— Hermine. Eine Erzaͤhlung. Mit deren Bildniß. 8. 1827. 4 Leibrock, A., Raritaͤten⸗Kabinet. Samml. der neuſten und beſten Anekdoten. 8. 1827. Melindor, H., Die Raubritter, hiſt. Roman von der Kucksburg auf der Teufelsmauer. 8. 3 Thle. 1826. —— Scherz u. Ernſt auf einer Badereiſe. 8.1826. Moͤnche, die, von Leadenhall zur Zeit Heinrichs VIII., vom Verf. d. Calthorpe. Aus dem Engl. v. G. Loß AChie Neue Aufl. 8. 1827. Smidt, H., Erzaͤhlungen. 2r Bd.(Meine Rei⸗ ſe in die neue Welt ꝛc.) 8. 1827. —— derſelben 3⁰r Bd.(Die Rache des beleidig⸗ ten Stolzes, nebſt einigen andern Erzaͤhlungen. 8. 1828. —— Seegemaͤlde. 8. 1828. Stahl, H., Otto Schuͤtz und der Auskulta⸗ tor Ewald. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzaͤhlung. 8. 1828. —— Erzaͤhlungen. 2 Thle. 8. 1828. —— Die Familie Hachenburg. 8. 1828. St. Hubert und andere Erzaͤhlungen von der Verfaſſerin der Erna, Felicitas, Amadea. 8.1828. St. Jacobifeſt, das, und andere Erzaͤhlungen von der Verfaſſerin der Erna, Felicitas, Ama⸗ dea. 8. 1828. Sebaldo, C., Sommerfruͤchte. Mit Vorrede von'r. 2te Aufl. 8. 1827. Wodomerius, E., Der ſchwarze Born. Der Egoiſt. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1827. —— Eliſabeth u. Anna von Rußland. 2 Thle. S. 1827. — inmin mnſnſſnſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18