1 1. 1 1 * 14* e deutſcher, engliſcher und mfranzbſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliother ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei üukgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eeines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 Abinenent, Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und fätr vrchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1m 1 d 2 ie auf 1 Monat: 1 Mt. Ff. 1 Ml. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 1„—„ 5. Auswärtige KWonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, v verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Lorene oder viſchte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. reiſehützfunken. Drei Erzaͤhlungen von Moriz Keichenbach. I. Samiel hilf! II. Sechſe treſſen, Sieben aͤffen? III. Die Schrechensſchlucht. Erſtes Baͤndchen. bei Chriſtian Ernſt Kollmann. Keipzig, 1829. — — — — — 2 —2 —2 — 73 . 41 ————— WWNAAAAVᷓæ AᷓAAVAAAAÄAAAA AAAAǽꝶ 1. Der Studioſus Feldner war zum Candidaten der Theologie ereirt worden. Nach einem vier⸗ ſtuͤndigen harten Examen trat er ermattet in ſein Sruͤbchen, und fand es gerade heute uͤber⸗ aus aͤrmlich und duͤſter. Sonderbar! warum gerade heute? da es ihm vier Jahre ſeiner Studienzeit hindurch ais ein geraͤumiger, lich⸗ ker Muſenſitz erſchienen war. Hatte der Titel — Candidatus theologiae— ſeinen Stolz er⸗ weckt? oder erregte heute der Anblick ſeiner Armuth falſche Schaam in ſeinem Herzen, weil in lebendiger Fuͤlle das Bild Louiſens, der reichen Kaufmannstochter, welcher er auf ſei⸗ nem Heimwege begegnete, ihm noch vor Augen ſchwebte? Vertraulicher als ſonſt hatte er ſie begruͤßt, dreiſter als jemals in ihr geiſtvolles Auge geblickt, denn die neue Wuͤrde— viel⸗ leicht auch ein Blick auf die ſchwarzſeidenen Struͤmpfe und Beinkleider, die er nur an ho⸗ 1 ℳ — 4 WAAAN hen Feſttagen anlegte— gaben ihm heute ein gewiſſes Selbſtgefuhl, welches ſeinem Herzen unendlich wohl that. Deshalb trat er auch jetzt unwillkuͤhrlich vor den kleinen Spiegel— die einzige Zierde ſeines Zimmers— legte den Buſenſtreifen unter der weißen Weſte in zier⸗ liche Falten, und muſterte— die linke Hand auf dem ſtaͤhlernen Gefaͤße des antiquen Staats⸗ degens ruhend— wohlgefaͤllig ſeine jugendliche Candidatenfigur. Pfeilſchnell hatte ſich auch ſchon der lauſchende Daͤmon, ECitelkeit, hinter ihn poſtirt und fluͤſterte ihm ſchmeichelnd ins Ohr:„Candidat Feldner, Du biſt ein ſtattlicher Juͤngling!“ Laͤchelnd maß er dieſem Zuruf vollen Glau⸗ ben bei, denn ſein Spiegel zeigte ihm ja klar und deutlich, daß der Daͤmon nicht gelogen hatte; und in der That war Feldner ein jun⸗ ger kraftvoller Mann, der bei einem wohlge⸗ faͤlligen Aeußern eine ausgezeichnete Geiſtes⸗ bildung beſaß. Doch gleich ſo vielen ſeiner Mitbruͤder, die den Muſen huldigen, hatte ihn Fortuna zwar mit Geiſtesgaben weidlich ausgeſtattet, doch den nervus rerum gerenda- * WWVANN rum Geld— weit von ihm entfernt; denn ſeit ſeinem neunzehnten Jahre befand er ſich als eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe auf der Univerſitaͤt, und mußte— zwar mit einigen magern Stipendien verſehen— ſich doch den groͤßten Theil feiner Lebensbeduͤrfniſſe ſelbſt ver⸗ dienen. So ſtand er, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, allein in der großen Welt, zufrieden mit ſeinem Schickſale, ja— wohl oftmals nach den Regeln der Philoſophie die irdiſchen Guͤter verachtend. Nur wenn ein Reicher mit Stolz und Geringſchaͤtzung auf ihn herabblickte, em⸗ pfand er den Druck ſeiner Armuth, oder wenn der Mangel an nothwendigen Buͤchern ihn in ſeinen Studien hinderte, daun verließ ihn ſeine Philoſophie zuweilen und er wuͤnſchte reich zu ſeyn.— Aber beſonders ſeit kurzer Zeit, da ganz eigne Wuͤnſche und Gefuͤhle in ſeinem Herzen laut geworden waren, verwarf er den weifen Grundſatz: es iſt alles eitel— gaͤnzlich uud vertauſchte ihn mit dem ſonderbarem Wahl⸗ ſpruche:„Samiel hilf!ee Dieſer Wahlſpruch 6 NWANANN 4 aber hatte eine ganz beſondere Beziehung auf ſeine Verhaͤltniſſe, denn jener Samiel„ den er um Huͤlfe anrief, war keineswegs mit dem wilden Jaͤger in Kind's Freiſchuͤtzen verwandt, ſondern ein alter reicher Oheim, der in einer der vorzuͤglichſten, deutſchen Seeſtaͤdte lebte, ſich aber ganz und gar nicht um ſeinen Neffen, den Candidaten, bekuͤmmerte.— 3 Feldners Mutter war ſeine leibliche Schwe⸗ ſter geweſen, wurde aber ſchon bei ihren Le⸗ benszeiten von ihm als todt betrachtet, da ſie wider ſeinen und ihres Vaters Willen einen armen Landprediger geheirathet, weshalb ſie auch enterbt wurde und der Theil ihres Ver⸗ moͤgens dem Samiel zufiel. Wenn nun die gute Mutter ihrem Sohne, als er ſich noch auf der Stadiſchule befand, ihre ſauererſpar⸗ ten Nothpfennige ſchickte, ſo troͤſtete ſie ihn zu Ende des Briefes gewoͤhnlich mit der Hoff⸗ nung auf eine Verſoͤhnung mit ihrem Bruder, V welcher gewiß wenigſtens ein Theil ihres Ver⸗ moͤgens folgen wuͤrde, und verſprach ihn dann fuͤrſtlich herauszuputzen und mit einer praͤchti⸗ gen Bibliothek zu verſehen. Doch leider ſtarb * * 4 * 5 — die gute Frau, ohne ein freundliches, troͤ⸗ ſtendes Wort von ihrem Bruder erhalten zu haben, kurz nach dem Tode ihres Gatten, und hinterließ ihrem Sohne faſt nichts als einen ehrlichen Namen, truͤbe Ausſichten fuͤr die Zukunft und eine ungewiſſe Hoffnung auf Samiels vielleicht doch noch zu erweichendes Felſenherz. Der junge Feldner verſaͤumte ſeine traurige Pflicht keineswegs, ſeinem reichen Oheim das Hinſcheiden ſeiner beiden Eltern demuͤthig zu melden, ſandte auch nach der Zeit noch einige zierliche Brieſe an ihn ab, erhielt aber nie⸗ a ue Antwort zuruͤck. Schon ſeit einigen Jahren hatte er deshalb den alten Oheim bei⸗ nahe gaͤnzlich vergeſſen, doch nun, da der Wunſch, ein reicher Mann zu werden, ihn mehr als jemals beſchaͤftigte, lebte ploͤtzlich ſeine Hoffnung wieder auf und daher kam es auch, daß er jetzt oftmals, wenn ihn irgend ein Mangel an ſeine Armuth erinnerte, im Drange ſeines Herzens ausrief:„Samiel. hilf!— 4. ** 1 *& 4 Louiſe war die einzige Tochter des reichen Kaufmanns Walburg, ihres Vaters Stolz, und wurde mit Recht als die Krone der Jungfrauen ihrer Vaterſtadt geprieſen; denn ihre wirklich ſchoͤne Geſtalt beſeelte ein hoher Geiſt fuͤr alles Edle, Gute; fuͤhlend ſchlug ihr Herz voll Engelsmilde, theilnehmend an fremdem Leid und Gluͤck.— Nach dem Tode ihrer Mutter neigte ſich erſt das Herz ihres Baters, der fruͤhen, nur fuͤr ſeine Geſchaͤfte kebend, mit dem Zahlenſin⸗ ne eines aͤchten Kanfmanns begabt, im raſt⸗ loſen Eifer fuͤr Handel und Speculationen„ die ſauftern Gefuͤhte fuͤr Familiengluͤck gaͤtzzlich vernachlaͤſſigte, voll zaͤrtlicher Liebe ihr zu. Der alte Walburg hatte wacker gearbeitet. Von kruͤheſter Jugend an fuͤr den Handel be⸗ ſtimmt, lebte ſein Geiſt auch nun fuͤr denſel⸗ ben, und als er ſpaͤter fuͤr ſeinen eignen Heerd in Thaͤtigkeit trat,* tuunte er faſt jeden ſeiner . * MNAMUVNN Lebenstage mit irgend einem gluͤcklich durchge⸗ fuͤhrten Handelsgeſchaͤfte bezeichnen, ſo daß er jetzt fuͤr den reichſten Mann ſeiner bedeutenden Vaterſtadt galt. Doch mit der abnehmenden Lebenskraft wurde auch ſein Geiſt nach und nach fuͤr ſeine Geſchaͤfte abgeſtumpft, und er uͤberraſchte heute an ſeinem ſechzigſten Geburtstage ſeine Toch⸗ ter mit dem feſtausgeſprochnen Entſchluſſe, daß er ſeine bedeutende Handlung gaͤnzlich aufzuge⸗ Willens ſey! Schon mehrere reiche und tadelloſe junge Maͤnner hatten ſich um Louiſens Hand bewor⸗ ben, doch keinem gelang es, ihre Liebe und das Jawort des Vaters zu gewinnen, deſſen Herz, ungeachtet ſeiner erwachten zaͤrklichen Zuneigung zu ſeiner Tochter, nur zu ſehr noch an feinen Reichthuͤmern und irdiſchen Gluͤcks⸗ guͤtern hing, ſo daß er oftmals ſich verlauten ließ, die doch groͤßtenthei ls bluͤhenden Gluͤcks⸗ amſtaͤnde der abgewieſenen Freier waͤren ſeinen Waͤnſchen nicht angemeſfen geweſen. Doch zeig⸗ 1 te ſich es bald, daß Bdies nicht allein der Grund 4 ihrer Zuruͤckweiſung war, ſondern daß er we⸗ 2 8⸗ 8 AWMAVAAN gen der Verheirathung ſeiner Tochter einen geheimen Plan in ſeinem Innern hegte. Loui⸗ ſe, mit ihrem reinen mildthaͤtigen Herzen, frei von Stolz und Hochmuth, achtete den Reich⸗ thum ihres Vaters nur in ſo ſern, als er ihr Gelegenheit gab, die ſuͤße Menſchenpflicht des Wohlthuens auszuuͤben, und war weit entfernt, wenn ſie an eine zukuͤnftige, cheliche Verbin⸗ dung dachte, der Eitelkeit, oder der Sucht nach Gluͤcksguͤtern die wichtige Wahl— Gatten zu uͤberlaſſen. Sie naͤhrte vielmehr i ihrem Herzen beſcheidenere Wuͤnſche und ein geheimes Gefuͤhl, das ſie oft mit unbeſchreibli⸗ cher Wonne erfuͤllte, welches ſie aber nie ſich zu entraͤthſeln und klar auszuſprechen wagte. Bei der uͤberraſchenden Nachricht, daß ihr Vater ſeine Geſchaͤfte niederlegen wolle, kuͤßte ſie ihn freudig bewegt, mit wahrer Herzlichkeit, verhieß ihm von nun an ein neues, gluͤckliches Leben und verſprach ihm, jeden ſeiner kuͤnftigen Lebenstage durch ihre kindliche Zaͤrtlichkeit zu wuͤrzen und zu beleben. Walburg hatte, zur Feier ſeines Geburtstages 2 ein ſeſtliches Mahl bereiten laſſen, mehrere bedeutende Handels⸗ 4* 11 KAMUAWNN freunde waren bereits eingeladen, und laͤchelnd uͤberraſchte er ſeine Tochter mit der Frage: wen ſie wohl ſonſt noch bei der Geſellſchaft zu ſehen wuͤnſche? Loniſe war betroffen; die Purpurroͤthe ih⸗ rer Wangen verrieth ihre Verlegenheit, doch bald erwiederte ſie gefaßt:„den Hofrath Berg — den Doctor Heimlich— den Diaconus Freimuth— den Amtmann Lichtner— den Commerzienrath Reiher, und— und—e der letzte Name mußte ihr bedeutende Herzwallun⸗ gen verurſachen, denn hoͤher roͤtheten ſich ihre Wangen, als ſie endlich faſt gewaltſam her⸗ auspreßte:„und— den Candidaten Jeldner, meinen Muſiklehrer.“ „Was ſuchſt Du Dir aber da„ ſür eine ſonderbare Geſellſchaft aus, Louiſe 2ee— erwie⸗ derte ihr der Vater lachend. 4„Was ſoll der junge lebensluſtige Eandidat unter den alten Todescandidaten, die das Podagra und die Gicht ſchon ſo weidlich heimſucht, daß ſie wohl ſchwerlich Deiner Einladung werden Fol⸗ ge leiſten koͤnnen? docht— fuhr er freundlich fort—„es ſey Dir gewaͤhrt, meine gute⸗ Tochter— Einladungen zu beſorgen. Mit dankenden Blicken verließ Louiſe ihren Vater, huͤpfte nach der Kuͤche und tummelte ſich dort, unter den Koͤchinnen und Kuͤchenmaͤd⸗ chen, ſo geſchaͤftig herum, als ob ſie auf dieſe Art ihr Brod verdienen muͤſſe; der alte Wal⸗ burg aber brummte, ihr nachblickend, leiſe vor ſich hin:„Feldner, Candidat Feldner? hm! hm!“ und ging in ſein Cabinet. * F 3. Die alte Aufwaͤrterin Marthe trat eben zum beſcheidnen Pfoͤrtchen des Feldnerſchen Muſentempels herein und forderte Geld, um das Mittagseſſen aus dem nahen Gaſthofe zu holen, als der arme Candidat den leeren Beu⸗ tel bereits ſchon mehrmals durch die Finger ge⸗ zogen, ohne darin auch nur die kleinſte Muͤnze zu verſpuͤren; denn ſeinen letzten Gulden ſah er ſich genoͤthigt, nach uͤberſtandnem Examen, d und gab ſogleich Befehl, die —xʒ— —-—— AWN dem gratulirenden Pedell, mit wehmuͤthigem Laͤcheln, in die dargebotene, krumme Hand zu druͤcken. 4 „Ich werde wohl heute in der Sonne ſpei⸗ ſen— erwiederte er der Geldbegehrenden kleinlaut und knoͤpfte ſein abgetragnes Flaus⸗ roͤckchen enger zuſammen. „In der Sonne? nun da wird ſich der Herr den Magen gewiß nicht verderben—e ſchnarrte die Alte, welche dieſe Redensart ar⸗ mer Muſenſoͤhne wohl kannte, welche ihren Hunger zuweilen, in Ermangelung zweckdien⸗ 3 licherer Mittel, durch einen Spaziergang in der Mittagsſonne zu beſchwichtigen ſuchen. „Guten Appetit, Herr Candidat!“ fuhr ſie ki⸗ chernd fort und wollte ſich entfernen, als ſie Feldner mit den Worten zuruͤckhielt: „Mutter Marthe! kennſt Du den Kauf⸗ mann Walburg?« „Ei, du meine Guͤte!“ kreiſchte die Alte laut auf—„Sie halten mich auch fuͤr recht dumm. Ich werde doch den reichſten Mann in der Stadt kennen, gehe alle Tage ein und aus in ſeinem Hauſe, denn die dicke Junge⸗ 14 NWNANANN magd, die Magdalene, das iſt meines ſeligen Mannes Schweſtertochter, muͤſſen Sie wiſ⸗ ſen—“ „Weißt Du vielleicht, was fuͤr ein Feſt heute in Walburgs Hauſe gefeiert wird?“ un⸗ terbrach ſie Feldner.„Ich ſah dieſen Morgen Loni— die Demoiſelle—⸗ Aunn 8„Ja, ja, Mamſell Louischen, das Engels⸗ kind, iſt mir auch begegnet, und ihr Maͤdchen hinterdrein, mit einem großen, maͤchtigen Kor⸗ be voll Blumen—“ berichtete Marthe nun mit ſtets bereitwilliger Geſchwaͤtzigkeit.„Ja, ja, das Mamſellchen, Herr Feldner— oder wenn Sie wollen, Herr Candidat Feldner, denn: Ehre dem Ehre gebuͤhrt! das Mamſellchen iſt ein Ausbund von einem guten Gemuͤthe, ſie thut keiner Maus was zu Leid und keiner Fliege, und ein weiches, ſemmelweiches Herz⸗ chen hat ſie. Alle Weihnachten beſcheukt ſie die Armuth, und die dienenden Perſonen in ihrem Hauſe haben's wie im Himmel, das koͤnnen Sie mir aufs Wort glauben, denn ich halte nichts von Lug und Trug, und die dicke Magdalene, meines ſeligen Mannes Schwe⸗ 15 AAAN ſtertochter, kann ſie gar nicht genug heraus⸗ ſtreichen, und wenn Sie mir nun noch nicht glauben, da ſehen Sie einmal die ſchoͤne, funkelnagelneue Kattunjacke, die ich da anha⸗ be, recht genau an; die hat ſie mir geſchenkt, daß ich mich auf meine alten Tage noch her⸗ ausputzen kann, wie eine Schuhmachers⸗ frau—. So wauͤrde die Sprachſelige wahrſcheinlich noch ein Stuͤndchen in Louiſens Lobeserhebun⸗ gen fortgefahren ſeyn, wenn Feldner ihren er⸗ giebigen Redefluß nicht wieder mit den Worten unterbrochen haͤtte:„aber ich will wiſſen, was heute fuͤr ein Feſt dort gefeiert wird?“ „Was wird's fuͤr ein Feſt ſeyn? erwieder⸗ te ihm die Alte, die ſich ungern in ihrer Re⸗ de unterbrochen ſah, verdrießlich—„des alten „Herrn Geburtstag wird gefeiert; da wird ge⸗ ſotten und gebraten, gekocht und gebacken, daß es eine Freude iſt. Haͤtten Sie Ihren Gottestiſchrock noch nicht ausgezogen, koͤnnten Sie noch hingehen und gratuliren; Sie ſind ja bekannt im Hauſe, Sie lernen ja dem Mamſellchen die Muſik. Ja, Herr Candidat, 16 WAN wenn ſie nicht ſo unmenſchlich reich waͤre, das waͤre ſo ein Frauchen fuͤr Sie. Wenn ich mir die im Hochzeitsputze denke, da gehen mir⸗ gleich die alten Augen uͤber, denn da muß ſie doch ausſehen wie ein lebendiges Heiligenbild. Gott vergelt's, was ſie an mir und andern armen Menſchen Gutes thut, und wenn der Himmel meine Bitte erhoͤrt, ſo wird er's ihr in der Ehe geſegnen.“ Hier hielt ſie ein in ihrer Rede und trock⸗ nete ſich mit der Schuͤrze die Thraͤnen von der runzlichten Wange; Feldner aber trat ans niedre Fenſterchen, um ſeine naſſen Augen zu verbergen, denn ihre Worte hatten ihn tief erſchuͤttet. Louiſe, die reiche Erbin, war durch ihre Verhaͤltniſſe ſo weit von ihm ent⸗ ¹. fernt, und doch ſtand ſie ſeinem Herzen ſo na⸗ he. Schweigend, mit gefalteten Haͤnden, blickte er durchs offne Fenſter, wehmuͤthig haf⸗ tete ſein Blick auf den bluͤhenden Gaͤrten tief unter ihm, die Louiſens Vater gehoͤrten. Oft hatte er hier gelauſcht, wenn ſie die duftenden* Blumen pflegte und von Beet zu Beet huͤpfend, die ſchoͤnſten, wuͤrzigſten Bluͤthen 17 NAUAMAN brach; doch heute war es ſo oͤde und leer in der ſchoͤnen Natur, denn die lieblichſte Blume im Garten war nirgends zu ſchauen. Er glaubte ſie zu ſehen beim Feſtmahl in ihres Vaters Hauſe, umringt von reichen Freiern, er glaubte die rauſchende Muſik, die laͤrmende Freude zu hoͤren— ſich ſelbſt aber erblickte er einſam und verlaſſen, von druͤckendem Mangel und bittern Sorgen umgeben, und zum erſten Male in ſeinem Leben ſtand er im Begriffe, in laute Klagen gegen ſein Schickſal auszubre⸗ chen— da erwachte er ploͤtzlich aus ſeinen Traͤumen. Ein Vogel ſchwirrte nahe bei ihm voruͤber: er trug Speiſe ins Neſt, wo die zwitſchernde Brut aͤngſtlich ſeiner Ruͤckkehr harrte. Dieſer Anblick loͤſte die bittre Em⸗ pfindung ab von dem glaͤubigen Herzen, un⸗ willkuͤhrlich erhob ſich ſein Auge zum Himmel, muthiger ſchritt er im niedern Zimmer auf und ab, ſich kaum noch des mahnenden Hungers erwehrend, und leiſe, ganz leiſe fluͤſterte er die Worte hinaus in den blaͤulichen Aether:„Sa⸗ miel hilf 18 oAAN N Kaum waren ihm dieſe Worte entflohen, als es leiſe an ſeiner Thuͤr klopfte, gleich dar⸗ auf im vollen Staate ein Livreebedienter des Kaufmanns Walburg hereintrat und dem Staunenden eine Einladungskarte zum Mit⸗ tagsmahl uͤberreichte. Lange ſtarrte er die zier⸗ liche Karte an und erſt, als der Ueberbringer wieder verſchwunden war, machte er ſeinem Herzen Luft durch lauten Jubel. Eine ſolche Auszeichnung von einem Manne, der ihn bis⸗ her nicht vielmehr als einen Domeſtiken ſeines Hauſes geachtet hatte, kam ihm hoͤchſt uner⸗ wartet; doch nahm er ſich nicht Zeit, dieſes ihm unerklaͤrbare Ereigniß zu entraͤthſeln, ſon⸗ dern legte mit moͤglichſter Eile ſeinen vor Kurzem erſt abgelegten Feſttagsſtaat wieder an und wollte eben ohne Hut zur Thuͤr hin⸗ aus, als ihn die alte Marthe noch zuruͤck⸗ hielt, aͤngſtlich fragend, ob's bei ihm rapp⸗ le? 6 „Laß mich,“ fuhr er ſie an—„ich muß zu ihr— ich bin zum Feſte geladen!“ er⸗ griff ſeinen Hut und flog die Treppe hin⸗ ab. * 19 MᷓùAVNVMN „So, ſo! brummte die Alte ihm nach⸗ ſchleichend—„da braucht er heute die Son⸗ nenmahlzeit nicht— kann ſie aufheben auf ein andermal!“ 5. Der Kanfmann Walburg ſaß in ſeinem Kabinet und las einen ſo eben erſt erhaltenen Brief, welcher fol gendermaßen lautete: „Vor acht Tagen iſt nun endlich mein „Sohn von der Univerſitaͤt zuruͤckgekommen, „doch muͤßt' ich's luͤgen, wenn ich ſagen ſoll⸗ „te, ſeine Ankunft haͤtte mir Freude gemacht. „Du weißt, daß ich ſeine Erziehung— weil „ich, aufrichtig geſagt, ſelbſt nichts davon ver⸗ „ſtand— einem Hofmeiſter uͤberließ, wel⸗ „cher es zur ausdruͤcklichen Bedingung machte, „mit ſeinem Zoͤglinge auf einem meiner ent⸗ „ferntern Guͤter zu wohnen, um in ſeiner „Erziehungsmethode durch kein bindendes Le⸗ „bensverhaͤltniß— wie er ſich auszudruͤcken be⸗ 8 — 2* ANN „liebte— geſtoͤrt zu werden. Ich war's zu⸗ „frieden, ſchickte Beide nach Freithal, welches „faſt getrennt von der ganzen Umgegend, mit⸗ „ten im Forſte, zwiſchen Bergen liegt, wohin „ſich nur ſelten ein Fremder verirrt. Kam ich „zuweilen dorthin, um ſelbſt nachzuſehen was „ſie trieben, ſo fand ich meinen Jungen kern⸗ „geſund, hoͤrte nichts als gelehrte Floskeln von „ihm, wovon ich alter Knabe keine Sylbe ver⸗ „ſtand, glaubte ihn daher gut aufgehoben und „verließ ſie zufrieden wieder, wenn mir auch „manches in ihrem Aeußern aufſiel, was „mir eben nicht behagte; denn wer Beide nicht „naͤher kannte, haͤtte ſie wohl eher fuͤr ein „Paar meiner ruͤſtigen Schaafknechte, als fuͤr „meinen Stammhalter und ſeinen Lehrer ange⸗ „ſehen. Als der Junge ſein ſiebenzehntes „Jahr erreicht hatte, ſagte mir ſein Hofmei⸗ „ſter, daß er bereits die alten Sprachen aus „dem Fundamente verſtehe und es nun Zeit „ſey, ihn auf eine Univerſitaͤt zu ſchicken, „um ſeinen Erziehungsplan dort zu vollenden. „Ich ließ ihm auch hierin ſeinen Willen. „„Mein Sohn war nun ganzer fuͤnf Jahre ab⸗ 21 VMᷓNVA „weſend, und waͤhrend dieſer Zeit bekam ich ihn „nicht einmal zu Geſicht, erhielt aber zuwei⸗ „len von ſeinem Hofmeiſter Briefe, worin er „mir verkuͤndigte, daß ſein Zoͤgling nun bald „zu einem ſeltnen Gelehrten reif und naͤchſtens „die Welt mit ſeiner Weisheit in Erſtaunen „ſetzen werde. Das war mir aber nicht recht, „denn mein Sohn ſoll ein tuͤchtiger Landwirth „werden, wobei zuviel Gelehrſamkeit oft laͤſtig „und hinderlich wird, und ich drang deshalb auf „ſeine Ruͤckkehr. Nach geraumer Zeit erhielt zich endlich Antwort und zwar von meinem „Sohne ſelbſt, welcher mir meldete, daß ſein „Hofmeiſter ihn heimlich verlaſſen, in einem »Furuͤckgelaſſenen Schreiben aber benachrichtigt „habe, daß er eine Reiſe nach Egypten zu „unternehmen Willens ſey, um dort im Lande „der Wunder die bisher unerforſchlichen Ge⸗ „heimniſſe der Natur zu ergruͤnden, wohin er „ihn aber unmoͤglich mitnehmen koͤnne, da ihn „noch Verhaͤltniſſe an ſeinen Vater und ſein „Vaterland knuͤpften. Der Schurke hat, wie »ich nun erfahren, mehr als fuͤnftauſend Tha⸗ „ler, die ich zu ſeinem und meines Sohnes NNNN „Unterhalte ihm ſchickte, wahrſcheinlich theils „allein durchgebracht, theils mit auf die Reiſe „nach Egypten genommen; denn mein armer „verblendeter Junge hat, wie ich jetzt wohl „einſehe, ſeiner erbaͤrmlichen Lebensart nach, „kaum hundert Thaler davon in den ganzen „fuͤnf Jahren verbraucht.“ „Endlich kam er ſelbſt, mein Gottlieb, und „bei ſeinem erſten Anblicke wurde mir's klar, „daß der Hofmeiſter nunmehr ſein Werk voll⸗ nendet und einen ſeltnen Narren aus ihm ge⸗ „bildet hatte. Drei Tage lang konnte ich's „nicht uͤber mich gewinnen den Jungen anzu⸗ „ſehen, und als ich nun endlich ſeine ungereim⸗ „ten Predigten uͤber Naturfreiheit und derglei⸗ „chen— die er an meine Tageloͤhner und „»Dienſtleute hielt— mit anhoͤrte, da brach „mein Vaterherz und laut verwuͤnſchte ich den „Schurken von Hofmeiſter, der mich ſo ſchaͤnd⸗ „lich um meine ſchoͤnſten Hoffnungen betro⸗ „gen.“ 8 4. „In wie fern alſo noch auf die Erfuͤllung „unſres liebſten Wunſches zu hoffen ſey, magſt „Du, bei ſo bewandten Umſtaͤnden, ſelbſt ent⸗ 23 WVWVNN gſcheiden. Ich habe ihm eine menſchliche, „ſtandesmaͤßige Kleidung mit Gewalt anlegen „laſſen, ihn in einen Wagen gepackt und ſchik⸗ gke ihn Dir, in der Hoffnung, daß er unter „gebildeten Menſchen vielleicht von ſeinen Thor⸗ „heiten und falſchen Weltanſichten geheilt „wird. Er weiß nichts von unſerm Plane; „vielleicht wirkt der Umgang mit Deiner Toch⸗ „ter mehr, als alle gewaltſamen Mittel, ihn Zauf den rechten Lebensweg zuruͤck zu brin⸗ ngen. „Mit Sehnſucht erwartet recht bald eine Ztroͤſtende Antwort. „Dein bekuͤmmerter Freund „Hans von Starkenfeld.“ Kopfſchuͤttelnd legte Walburg den Brief bei Seite, klingelte dem Bedienten und befahl dieſem, ſeine Tochter zu rufen; Louiſe kam. „Wir bekommen einen Gaſt, laß einige Zimmer zu ſeinem Empfange bereiten,“ redete ſie ihr Vater endlich an, nachdem er⸗ lange ſchweigend auf und abgegangen.„Mein alter Freund, der Baron von Starkenfeld“— fuhr er ſort—„ſchreibt mir ſo eben— ich habe Dir ſchon oft von ihm erzaͤhlt.— Er iſt der reichſte Mann im Lande— es iſt derſelbe, der mich in ſeinem Hanſe liebreich aufnahm, als ich auf einer meiner Reiſen, durch einen Sturz mit dem Pferde, nahe bei ſeinem Land⸗ ſitze den Arm gebrochen. Ohne ſeine ſchnelle Huͤlfe und ſeltne freundſchaftliche Pflege waͤre ich jetzt ein Kruͤppel, ja, vielleicht ſchon laͤngſt nicht mehr am Leben. Beim Abfchiede, nach⸗ dem ich voͤllig wieder hergeſtellt, ſchloſſen wir einen feſten Freundſchaftsbund und gruͤndeten darauf einen Plan zur engern, ewigen Ver⸗ bindung unſrer Familien— doch, davon ein andermal.— Er ſchreibt mir ſo eben, daß ſein Sohn, vielleicht ſchon heute, bei uns ein⸗ treffen wird— Du koͤnnteſt einen Theil von Deines Vaters Schuld bezahlen, doch— laß die Zimmer bereiten!“ brach er ploͤtzlich ab. „Du befiehlſt, mein guͤtiger Vater!“ er⸗ wiederte Louiſe und verließ eilig das Zimmer, ihre Thraͤnen zu verbergen. Sie hatte ihres Vaters Worte wohl verſanden und nun erſt wurden ihr die heimlichen Gefuͤhle klar, die unentraͤthſelt, tief verborgen, noch bis jetzt in ihrem Buſen ruhten. Ihr Herz war nicht mehr frei, wie konnte ſie damit des Vaters Schuld bezahlen?— 8 5. Das Zeichen zur Tafel wurde gegeben. Die zahlreiche Geſellſchaft, unter welcher ſich auch, der Einladung zu Folge, Feldner befand, begab ſich in den Speiſeſaal. Walburgs froͤh⸗ liche Laune, womit er den feſtlichen Tag be⸗ gonnen, war verſchwunden; er hoͤrte die poeti⸗ ſche Gratulation des Candidaten nur halb, deutete, ihn unterbrechend, auf ein Couvert am Ende des Tiſches und noͤthigte die uͤbrigen Mitglieder der Geſellſchaft, Platz zu nehmen. Feldner hatte vermuthet, bei dieſer Gelegenheit einige freundliche Worte von Louiſens Vater zu hoͤren, aber eine ſolche Begegnung kam ihm ganz unerwartet. Wie betaͤubt wankte er nach dem ihm angewieſenen Platze und kam erſt wieder zur Beſinnung, als ihm ſein Tiſch⸗ 8 41 26 KMADAAAN nachbar, ein alter Buchhalter, mit der ziem⸗ lich barſchen Anrede:„beliebt's, mein Herr le einen Teller Suppe vorhielt. Nach und nach gewann er jedoch wieder ſo viel Faſſung, daß er es wagte die Angen zu erheben und verſtoh⸗ lene Blicke auf Kundſchaft auszuſchicken, wo⸗ durch er gar bald tiefe Zuͤge ſtillen Kummers auf Louiſens Antlitz gewahrte. Was konnte ihr immer heitres Gemuͤth an dieſem, fuͤr ſie ſo erfreulichen, feſtlichen Tage zur Traurigkeit ſtimmen? was bedeuteten die truͤben Wolken auf ihres Vaters Stirn, die jeden Frohſinn von der Tafel verſcheuchten? das waren ihm nnaufloͤsliche Fragen. Doch indem er ſich durch tauſend Vermuthungen bemuͤhte, dieſe fuͤr ihn ſo wichtigen NRaͤthſel zu entziffern, wurde er ploͤtzlich in ſeinen Kalkuͤlen durch ei⸗ nen heftigen Laͤrmen geſtoͤrt, welcher die Straſ⸗ ſe entlang, Walburgs Hauſe immer naͤher zu kommen ſchien. Die uͤbrige Geſellſchaft, groͤß⸗ tentheils zu ſehr beſchaͤftigt, die unzaͤhligen Leckereien, welche die Tafel darbot, naͤher ken⸗ nen zu lernen, achtete wenig darauf; doch al bald darauf ein Bedienter haſtig eintrat, dem * . AA alten Walburg etwas leiſe zufluͤſterte und dieſer ſich ploͤtzlich von der Tafel entfernte, ſtutzten alle Anweſenden. Man ſprang auf, eilte ans Fenſter, und erblickte das Haus umringt von Bettelbuben und neugierigen Muͤßiggaͤngern, welche laut genug ſich die Worte:„Zigeuner— Landſtreicher!“ zuraunten. Walburg trat aus dem Speiſezimmer in den Vorſaal und fand hier, zu ſeinem nicht ge⸗ ringen Erſtannen, einen Gensd'armes und zwei Gerichtsdiener, zwiſchen welchen ein jun⸗ ger Menſch mit gebundenen Haͤnden ſtand und ſo ruhig umherblickte, als ob er hier ſchon laͤngſt bekannt ſey. Langes Haar hing, in wilder Unordnung, von ſeinem Scheitel bis uͤber die Schultern herab, und ein Hemd von grauer Leinwand, ein Paar Beinkleider von demſelben Stoffe, durch einen Riemen uͤber den Huͤften befeſtigt, und eine Art Sandalen an den bloßen Fuͤßen, waren die Beſtandthei⸗ le ſeines ſonderbaren Coſtuͤms. Veraͤchtlich belaͤchelte er die wichtige Miene, mit welcher die Haͤſcher bei Walburgs Ankunft ihre Haͤup⸗ ter entbloͤßten und einige Schritte zurückwichen. 9 — 28 MA Kuͤhn trat er ihm entgegen und wollte eben zu reden beginnen, als ihm der Gensd'armes zu ſchweigen gebot und dem erſtaunten Hausherrn berichtete, daß er dieſen Menſchen auf der Landſtraße angetroffen, wie er eben ein Pferd von einem Wagen, deſſen Beſitzer im nahen Felde beſchaͤftigt geweſen, losgeſpannt und durch lauten Zuruf angetrieben, ſeine Freiheit zu benutzen. Durch dieſes Benehmen befrem⸗ tet, habe er ihn nach Namen, Gewerbe und Reiſepaß befragt, aber weder eine Antwort, noch eine ſchriftliche Legitimation von ihm er⸗ halten, weshalb er genothigt geweſen ſey, ihn der hieſigen Stadtpolizei zu uͤberliefern. Bei genauer Unterſuchung habe man mehrere Buͤ⸗ cher und in einem derſelben einen Brief, an den Kaufmann Walburg addreſſirt, bei ihm gefunden. Auf die wiederholte Frage, wohin er zu reiſen gedenke, habe er endlich kurz ge⸗ autwortet:„nach Egypten!“ worauf der Poli⸗ zeidirector befohlen, den Stadtphyſikus herbei⸗ zurufen, um uͤber die Geſundheitsumſtaͤnde des Gefangenen ſein Gutachten zu ertheilen, vor⸗ her denſelben jedoch hierher zu fuͤhren und den MW Brief zu uͤberreichen, ob darin vielleicht ein naͤherer Aufſchluß enthalten ſey?. Walburg empfing mit ſichtbarer Beſtuͤrzung das Schreiben und las, was er bereits ahne⸗ te: „Der Ueberbringer dieſes iſt nen Sohn „Gottlieb. Verſuche was in Deinen Kraͤften „ſteht, ihn in einen vernuͤnftigen Menſchen „umzuſchaffen, darum bittet Dich mit bekuͤm⸗ „mertem Herzen Dein alter Freund „Hans von Starkenfeld.“ Schweigend legte er den Brief zuſammen und erwiederte dem Gensd'armes, nicht ohne Verlegenheit:„ich werde ſelbſt dem Herrn Po⸗ lizeidirector naͤheren Aufſchluß ertheilen— der junge Menſch iſt an mich empfohlen und ich leiſte Buͤrgſchaft fuͤr ihn—ee worauf die Die⸗ ner der Gerechtigkeit, ſo zart als ihren Faͤu⸗ ſten nur moͤglich, den Gefangenen von ſeinen Feſſeln befroiten und ſich mit tiefen Reverenzen entfernten. Dieſer ließ ſie ruhig gewaͤhren, faltete die freien Haͤnde uͤber der Bruſt und rief mit hohem Pathos aus:„o boͤſe Welt, du liegſt im N darrenfieber 44 1 4. Ernſt und finſter redete ihn endlich Wal⸗ burg an, um ſeine immer mehr ſteigende Ver⸗ legenheit zu verbergen.„Mein Herr! Sie ſind alſo der junge Baron von Starken⸗ feld?* alat „Herr bin ich nicht—e erwiederte dieſer hochtrabend—„ich bin ein freier Menſch! Baron o leerer Schall! ich bin ein Schuͤler aller Weltweiſen.— Von Starkenfeld?— Ich nenne mich Theophilus, da es nothwendig und erforderlich, daß der Menſch als Kenn⸗ und Uneeſcheidungszeichen einen Namen faͤh⸗ re. 66 Kaum noch ſeiner maͤchtig, fahr jeßt Wal⸗ burg zornig auf:„Sie ſind ein— „Philoſoph!* ſfiel ihm der Schuͤler der Weltweiſen gelaſſen ein und verhinderte ſo die Vollendung ſeines Ausſpruchs, der wahrſchein⸗ lich mit— Narr— wo nicht mit noch an⸗ zuͤglichern Chrentiteln geſchloſſen haben wuͤr⸗ de. „Ihr Vater iſt mein alter Freund— e fuhr Walburg fanfter fort—„er hat Sie mir dringend empfohlen und Sie werden ſich be⸗ auemen muͤſſen, eine Zeit lang unter meiner Obhut hier im Hauſe zu bleiben. Ihre Zim⸗ mer ſind bereit. Folgen Sie mir.“ „Obhut? hier im Hauſe bleiben?⸗ wieder⸗ holte ruhig der Philoſoph und predigte mit ſtolzer Miene:„Wer unter Obhut ſteht, iſt nicht mehr frei. Ich bin ein freier Mann und folglich waͤhl' ich ſelbſt mir meinen Aufenthalt — ich will nicht bleiben! Durch die freie, auf Vernunftgruͤnden beruhende Wahl des Wol⸗ lens und Nichtwollens, unterſcheidet ſich der Menſch vom Thier— ich bin kein Thier, folglich will ich, was ich als Menſch wollen muß und meine Vernunft mir zu wollen ge⸗ bietet!— 3 Walburg ſah jetzt wohl ein, daß hier mit Gewalt nichts auszurichten ſey, er verſuchte es daher, durch guͤtiges Zureden Vertrauen bei ihm zu gewinnen und fragte daher:„aber warum wollen Sie nicht bei mir bleiben, da Sie doch der Wunſch Ihres guten Vaters zu 4 dieſer Reiſe bewogen? „Ich gehe nach Egypten—« erhielt er zur Antwort—„Du reiche mir Speiſe und Trank und laß mich ſelbiges in kict Jhatne danisf ſen.“ In ſeiner Herhegzangſt zeigte ühm Walbung den Weg nach dem Garten, ſchickte ihm einen Diener mit Speiſen nach und verfuͤgte ſich zur Geſellſchaft zuruͤck, wo er ſeine Tochter heim⸗ lich benachrichtigte, daß der Sohn ſeines Freundes angekommen, und ihr zugleich andeu⸗ tete, daß ſie ſich durch ſein Aeußeres keineswegs abhalten laſſen ſollte, ihm als einem Gaſte des Hauſes zu begegnen. 6. Auf gruͤnem Raſen ausgeſtreckt, lag Theo⸗ philus, als der Diener, mit Speiſen ſchwer beladen, naͤher trat und ihn mit aͤngſtlichen Blicken betrachtend fragte: ob er fuͤr ihn in der Schweizerhuͤtte ſerviren ſolle? welche nur wenige Schritte entfernt, zwiſchen kuͤnſtlichen Felſen, ohnweit eines Baſſins erbaut war. Hter, Sklav des Sklaven, will ich meinen — 33 4 3 AWMWAA Hunger ſtillene— erhielt er zur Antwort. Zitternd ſetzte er den Korb zur Erde nieder und trat aͤngſtlich einige Schritte zuruͤck, den ſeltſamen Gaſt mit heimlichem Grauen beobach⸗ tend. Dieſer betrachtete kopſſchuͤttelnd die koſt⸗ baren Speiſen, ſchob ſie veraͤchtlich bei Seite, waͤhlte endlich ein Stuͤck Brod und Honig, was er im Korbe vorfand und rief dem Die⸗ ner zu:„laß mich allein! Dein jaͤmmerlicher Anblick ſtoͤrt mich im Genuß der Gottesgabe!“ Der Livreetraͤger, dem alles was er ſah, ſo unbegreiflich ſchien, ließ ſich nicht zweimal zum Weggehen auffordern, ſondern eilte vielmehr, als ob er verſolgt wuͤrde, dem nahen Hauſe zu, worauf der Philoſoph gemuͤthlich am Baſſin ſich niederließ und zu ſeiner frugalen Mahlzeit klares Waſſer, mit der Hand ſchoͤpfend, genoß. Indeſſen fand ſich ein Pudel des Gaͤrtners in ſei⸗ ner Naͤhe ein, welcher die Leckereien witternd, die noch unangeruͤhrt verdampften, luͤſtern um den Speiſekorb ſchlich und durch freudiges Gebell ſeine Sehnſucht danach nicht undeutlich zu verſtehen gab, der aber, an ſtrenge Diseiplin gewoͤhnt, nicht wagte, ohne Erlaubniß zuzu⸗ 3 langen. Dies bemerkend, ging der Philoſoph bereitwillig zu ihm, breitete ſaͤmmtliche Spei⸗ ſen, zu freier Auswahl, vor ihm aus und nd⸗ thigte, durch freundliches Zureden, den ungebe⸗ tenen Gaſt zum Genuß, welcher ſich gar bald erbitten und ſich's trefflich ſchmecken ließ, wo⸗ fuͤr er auch nach beendigter Mahlzeit ſeinen Goͤnner mit treuer Anhaͤnglichkeit auf jedem ſeiner Schritte begleitete. So wandelleen ſie ſelbander unter den ſchat⸗ tenſpendenden Platanen auf und ab, der Philo⸗ ſoph im tiefen Denken— der Tudeh im Ver⸗ dauen begriffen.— Die Geſellſchaft im Speiſeſaal hatte ſich laͤngſt in den anſtoßenden Zimmern zerſtrent, als Louiſens immer banger klopfendes Herz ſie hinaustrieb in die freie Natur. Sie eilte nach dem Garten. Hier mit ſich ſelbſt allein, uͤberdachte ſie die raͤthſelhaften Worte des Va⸗ ters und wagte es jetzt, die tief verborgenen Gefuͤhle zu deuten, die ſie mit bittern Schmer⸗ zen und ſuͤßer unnennbarer Wonne zugleich er⸗ fuͤllten. Nur ein Weſen wuͤnſchte ſie in dieſer bangen Stunde ſich nahe, das mit ihr fuͤhlte, — — 3⁵5 AAAA dem ſie ihr heiligſtes Geheimniß anvertrauen koͤnnte, durch Mittheilung die aͤngſtlichen Ge⸗ fuͤhle zu zerſtreuen, die ihr Herz beſchwerten. Dem Vater, dem naͤchſten Freunde, den ihr die Natur verliehen, durfte ſie ſich nicht ent⸗ decken; ſie kannte ſeine ſtrengen Grundſätze, mit welchen er den hoͤchſten Werth des Lebeus⸗ gluͤckes im Reichthum ſuchte, und mußte daher befuͤrchten, die kaum erwachte, vaͤterliche Liebe durch ein offnes Bekenntniß ihrer ſeligſten Wuͤnſche auf immer wieder von ſich zu ver⸗ ſcheuchen. In tiefe Traͤume verſunken, ließ ſie ſich in einer bluͤhenden Jelaͤngerjelieberlaube nieder und blickte, in ſich ſelbſt verſunken, vor ſich nieder auf ein Blumenbeet. Indeſſen war Theophilus aus ſeinen philo⸗ ſophiſchen Traͤumereien erwacht, und gewahrte jetzt erſt am Ende der Platanenallee ein Bie⸗ nenhaus mit mehreren Koͤrben. „Was?“ rief er zornig aus—„auch euch, ihr freien und gefluͤgelten Geſchoͤpfe der allge⸗ waltigen Natur, zwingt man zum Sklaven⸗ dienſt, um eures Fleißes Frucht zu aͤrndten? Zerſtoͤrt ſey der habgierigen Tyrannen Narren⸗ WAN werk! Auf, zieht hinaus durch Flur und Hain, willkuͤhrlich ſchwaͤrmt umher, wie's freien Welt⸗ geſchoͤpfen ziemt!“ Mit wilden Blicken riß er die Bienenkoͤrbe herab, zerſchlug ſie mit der Fauſt und zerſtreute ſie zertruͤmmernd weit um⸗ her, verſchiedene Stiche nicht achtend, womit die Befreiten ſeine Heldenthat zu belohnen ſuchten. Der ungeheure Bienenſchwarm, von ſeiner Koͤnigin begleitet, zog die lange Allee hinab. Mit ſtolzen Schritten folgte ihm der Vertheidiger der Freiheit, und rief mit lauter Stimme nach:„Heil! Heil! die Knechtſchaft iſt gebrochen! ein freies Volk zieht aus, in freier Wahl ein freies Haus zu grüͤnden!!* Der erſte Ruhepunkt, der ſich dem entfeſſelten Schwarme darbot, war die Jelaͤngerzelieber⸗ laube, welche am Ende der Allee, von Son⸗ nenſtrahlen rings beleuchtet, mit ihrem gewuͤrz⸗ reichen Dufte die ganze Umgegend erfuͤllte. Louiſe ruhte hier noch einſam, als ſie durch ein ſeltſames Geraͤuſch aufgeſchreckt, den Ein⸗ gang zur Laube bereits ſchon in ſo dichten Maſſen von dem freien Bienenvoͤlkchen um⸗ ſchwaͤrmt erblickte, daß an keine Flucht aus v — 37 MWMOAVNNN derſelben mehr zu denken war. Zitternd vor Angſt, verbarg ſie ſich in den tiefſten Winkel der Laube und rief laut um Huͤlfe. Theophi⸗ lus ſtand triumphirend in der Naͤhe, und freu⸗ te ſich mit ſtolzem Laͤcheln des gelungenen Werkes, ohne daran zu denken, der Geaͤngſtig⸗ ten beizuſtehen. Da kam eilig der Candidat Feldner die Allee herab; er hatte die Spuren der Verwuͤſtung des Bienenhauſes im Voruͤber⸗ gehn bemerkt. Der Philoſoph war der erſte Menſch, dem er begegnete, er hielt ihn, ſeinem Aeußern nach, fuͤr einen Gartenarbeiter und ftagte ihn daher barſch: wer hier um Huͤlfe rufe und was die Zerſtürung der Bienenkoͤrbe bedeute? Mit veräͤchtlichem Laͤcheln erhielt er zur Antwort:„Hinweg, Tyrann! Du Sklav des Eigennutzes! Du biſt des erhabenen Anblicks eines entfeſſelten Volkes nicht wuͤrdig!— Ihre Freiheit iſt mein Wele und ich bin fal dar⸗ auf le 1 Starr vor Staunen ſtand der Candidat. Er traute ſeinen Ohren nicht, denn ſolche Worte von einem Menſchen ausgeſprochen, den 38 NMAANN er fuͤr einen Gartenknecht hielt, klangen ihm wunderſeltſam; da ertoͤnte von Nenem Louiſens huͤlferufende Stimme, er erkannte ſie und machte ſich nun muthig mit ſeinem Taſchen⸗ tuche Bahn zur Lanbe. Der Philoſoph, dem dies Benehmen als ein neuer Frevel an der Freiheit ſeiner Schuͤtzlinge erſchien, hielt ihn zuruͤck; doch ploͤtzlich fuͤhlte er ſich durch einen kraͤftigen Stoß zu Boden geſtreckt, indeß ſich Feldner gluͤcklich durch den wilden Schwarm hindurchgeſchlagen, in der Lanbe das Geſicht der halb ohnmaͤchtigen Loniſe mit ſeinem Tuche. bedeckte und ſie heraustrug, aͤngſtlich forſchend, ob ſie verwundet ſey. Sanft laͤchelnd, mit dankbaren Blicken, druͤckte die Gerettete ſeine Reechte an ihren hochwallenden Buſen, indem ſie mit der Linken unwillkuͤhrlich ihre Stirne bedeckte, und hier erblickte er das Merkmal ei⸗ nes Bienenſtiches. Er hielt die Heißgeliebte zum erſten Male in ſeinen Armen, er fuͤhlte das Klopfen ihrer Pulſe, und ſeiner nicht mehr maͤchtig, druͤckte er die heißen Lippen auf die friſche Wunde; die ganze Welt ſchien ihm entſchwunden— da ſtand ploͤtzlich wie ein Ne⸗* 5 39 AMAAANANN bolbild, mit zornigem Antlitze, der alte Wal⸗ burg vor ihm, riß ihm die Tochter aus ſeinen Armen und deutete ſtumm und ernſt nach der Gartenthuͤr. Betaͤubt, beſchaͤmt, ſprachlos, folgte Feldner der ernſten Weiſung und verließ eilig den Garten. Walburg fuͤhrte ſeine Toch⸗ ter nach dem Wohnhauſe und der Philoſoph, der noch immer ausgeſtreckt auf gruͤnem Raſen lag, ſchien von allem, was um ihn her vor⸗ ging, nichts zu bemerken; denn er hielt ſo eben dem treuen Pudel, der ſich vertraulich neben ihn gelagert, eine Vorleſung uͤber die Freiheit der Thiere, wobei dieſer, nach wiederholtem Gaͤhnen, ſanft entſchlief. 7. Ohne Hut eilte Feldner aus dem Garten und auf der Straße fort bis zu ſeiner Woh⸗ nung. Jedermann blieb verwundert ſtehen und blickte ihm nach. Einige ſeiner Bekannten rie⸗ fen ihm zu:„was iſt Dir begegnet?“ doch 5 ohne darauf zu achten, verdoppelte er feine Schritte und kam athemlos auf ſeinem Stuͤb⸗ chen an. Erſchoͤpft warf er ſich hier in einen Stuhl und fing an, nach und nach ſeine Ge⸗⸗ danken zu ordnen. Alles ſchien ihm nur ein Traum geweſen. Noch konnte er nicht begrei⸗ fen, wie es zuging, daß er in den ſeligſton Augenblicken ſeines Lebens, durch Walburgs ernſten Wink aufgeſchreckt, feig entflohen ſey?. warum er ihm nicht frei und offen Rede ge⸗ ſtanden, wie's dem Maune ziemt? Das Bild Louiſens ſchwebte noch in lebendiger Fuͤlle vor ſeiner Phantaſie, er bemerkte ihre zaͤrtlich dan⸗ kenden Blicke, die zarte Roͤthe, mit der ſich ihre bleichen Wangen faͤrbten, als ſie ſich von ſeinen Armen umſchlungen ſah! Sie wieder⸗ ſtrebte nicht, indem er ſeine Lippen— als wolle er das Gift aus der Wunde ſaugen— auf ihre Stirn druͤckte; wie? wenn er in die⸗ ſen ſeligen Augenblicken das ſchuͤchterne Ge⸗ ſtaͤndniß ſeiner heißen Liebe gewagt? wenn ſie — doch, da ſtand auch ploͤtzlich das Bild des erzuͤrnten Vaters wieder vor ſeiner Seele, und der liebliche Gedanke ging, wie ein farben⸗ 2 AMAVWN lofer Nebelduft, an ſeiner Phantaſie vor⸗ uͤber. „Armer, armer Feldner!“ rief er bitter aus—„wie kannſt Du einer ſo thoͤrigten „Hoffnung den Eingang verſtatten? Dein Erb⸗ theil iſt Armuth, das Ihrige eine halbe Mil⸗ lion!— Doch gegen ihren Vater will ich mich rechtfertigen— fuhr er fort—„will ihm den ſonderbaren Vorfall erklaͤren, ihn von meiner Unſchuld uͤberzeugen! Ja, ich will ihm ſchrei⸗ ben— da bemerkte erſt der Arme die ſtechen⸗ den Schmerzen in ſeiner rechten Hand. Meh⸗ rere Bienenſtiche hatten eine ſo bedeutende Ge⸗ ſchwulſt darauf verbreitet, daß ſeine Finger, wie gelaͤhmt, die Feder vicht zu fuͤhren ver⸗ mochten. Schweigend legte er jetzt die wunden Haͤnde auf ſeine thraͤnenſchweren Augen und ſeufzte tief aus ſchmerzbeladener Bruſt, als ein Diener Walburgs hereintrat, ein Bil⸗ let uͤberreichte und ohne Antwort zu erwarten ſich entfernte. Haſtig erbrach es Feldner und las: „Nach dem heutigen Vorfall in meinem „Garten, muß ich fuͤr die Iukunft Ihre Ge⸗ „genwart in meinem Hauſe verbitten, uͤberhebe „Sie alſo hiermit der Muͤhe, ferner darin zu „erſcheinen, und ſende Ihnen zugleich fuͤr die „Unterrichtsſtunden das Gontar fuͤr den lau⸗ „fenden Monat.“ „Walbu vg.* Lange ſtarrte er das Schreiben an, die letz⸗ te Hoffnung ſeines Lebensgluͤckes war geſchei⸗ tert, und mit dieſer auch die letzte Stuͤtze ſei⸗ nes kuͤmmerlichen Unterhaltes zertruͤmmert. Schweigend legte er endlich das Billet zuſam⸗ men und blickte, wehmuͤthig laͤchelnd, durchs offne Fenſter in die glaͤnzenden Wolken, die vom gluͤhenden Abendrothe beleuchtet, in ſtiller Majeſtaͤt am Himmel voruͤberzogen. Doch das erhabene Schauſpiel der Natur war nicht ver⸗ moͤgend, ſeinen Unmuth zu zerſtreuen; ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen bittern Schmer⸗ zes— nooch einen fragenden Blick warf er in die unermeßlichen Raͤume des Himmels und ſchloß das Fenſter. Durch die blinden Schei⸗ ben drangen ſparſam nur die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, und in abendliche Daͤmmerung gehuͤllt, ſtand er einſam in ſei⸗ 4 43 WAMANAAANN nem aͤrmlichen Zimmer. Bange Sorgen einer drohenden Zukunft erfuͤllten ſeine ſonſt ſo heitre Seele, gruͤbelnd forſchte er, womit er ferner die nothwendigſten Lebensbeduͤrfniſſe beſtreiten ſollte, denn auch die duͤrftigen Stipendia, wel⸗ che er als Studioſus bezogen, waren dem Candidaten abgenommen und bereits andern Leidensbruͤdern angewieſen; er wußte nicht, wo⸗ mit er im zukuͤnftigen Monat ſeinen Unterhalt erwerben ſollte. Da ſiel ſein Blick auf ei⸗ ne Predigt, welche ausgearbeitet auf ſeinem Schreibetiſch lag, womit er am kuͤnftigen Sonntage die groͤßentheils ſiechen und armen Zuhoͤrer in der Lazarethkirche erbauen wollte. Der troͤſtende Glaube an eine gerecht walten⸗ de Gottheit leuchtete darin hervor; mit tiefer Empfindung hatte er den Grundtext aus dem Evangelium Matthaͤi C. 6. V. 24. bis zu Ende, aufgefaßt; ſie war meiſterhaft gerathen. Doch in der duͤſtern Stimmung, in der er ſich befand, ſeinen eignen Gefuͤhlen nicht mehr trauend, las er einige Stellen mit zweifelnden Blicken, legte ſie zur Seite und nahm ein aufgeſchlagenes Geſangbuch zur Hand. Der MVWWWNAN erſte Geſang, der ihm hier in die Augen fiel, war des biedern Reformators rreffliches Lied: „Eine feſte Burg iſt unſer Gott, 1a1e „Eine gute Wehr und Waffe.“ Schon bei Leſung der erſten Zeilen roͤthete ſich ſeine bleiche Wange, feurig gluͤhte ſein Auge, leichter wogte das Blut durch ſeine Adern und als er geendet, oͤffnete er das Fen⸗ ſter wieder, blickte beſchämt hinaus in die ro⸗ then Feuerſtrahlen der ſcheidenden Sonne, und erhob glaͤubig die gefalteten Haͤnde zum Hinn⸗ mel. Heitrer ging er nun im engen Stuͤbchen auf und ab, dachte auf neue Plaͤne fuͤr ſeine Erhaltung; doch als er fand, daß ſie beinahe alle nur auf leichten Sand gebaut waren, rief er laͤchelnd, doch aus tiefer Seele, innig bittend: „Samiel hilf 8. Auf ſeinem Zimmer hatte Walburg ſo eben ſeiner Tochter den Unterſchied der Staͤnde und 8 I —— den Werth des Reichthums weitlaͤuftig ausein⸗ andergeſetzt, jede ihrer warmen Vertheidigungen 8 Feldners aber kaltſinnig zuruͤckgewieſen, wor⸗ auf ſie ſich, ſeinem Befehle gemaͤß, nach ihrem Zimmer verfuͤgte, als der alte Chriſtian, ein treuer Diener des Herrn von Starkenfeld, de⸗ muͤthig hereintrat. Auf die Frage nach ſeinem Begehren, er⸗ wiederte er mit betruͤbter Miene:„Meines gnaͤdigen Herrn ſchuldigen Reſpekt zuvor. So eben bin ich angekommen mit der gruͤnen Staatskaroſſe und den beiden Iſabellen, aber leider Gottes ohne meinen Paſſagier, den mir der gnaͤdige Herr doch, ſo zu ſagen, auf die Seele gebunden. Sie ſehen hier einen ruinir⸗ ten Mann vor ſich— ſo etwas erleben zu muͤſſen auf meine alten Tage!— Der gnaͤdige Herr jagt mich ſtracks aus dem Dienſte, denn ſein Gottlieb iſt heidi! uͤber alle Berge.“— -„ Alſo Er hat den ſaubern Patron trans⸗ portiren ſollen? und auf welche Weiſe iſt er ihm entkommen?“ fragte Walburg laͤchelnd. „Ja, ſehen Sie“— veerſetzte Chriſtian— „das weiß der liebe Himmel! Nicht aus den 46 MWANNANN Augen hab' ich ihn gelaſſen, denn ich merkte Unrath. Mit ſtudirten Menſchen, dacht' ich, iſt nicht zu ſpaßen, und der nun vollends kam mir gleich ſo uͤberſtudirt vor. Im letzten Nachtquartiere bracht' ich ihn auf ein nettes Zimmer, das ſchien ihm aber nicht zu gefallen und er verlangte mit Gewalt, ich ſollt' ihn in die Scheune fuͤhren. Nun denken Sie ſich den tollen Gedanken! Ein huͤbſcher, junger, gnaͤdiger Herr— denn in ſeinen feinen Klei⸗ dern, die ihm der Herr Baron mit Gewalt hatte anziehen laſſen, ſah er wirklich aus wie ein recht honetter Menſch— der will auf Gottes Erdboden ſchlafen, wie ein Scheeren⸗ ſchleifer. Ich wollt's nicht leiden und ſtemmte mich mit Haͤnden und Fuͤßen dagegen; doch das half alles nichts. Wie beſeſſen rannte er in den Hof und weil dort ein großes Schloß vor der Scheune lag, ſetzte er ſich in die Karoſſe, bei allem meinen Appelliren ſtumm wie ein Fiſch, und ſchlief richtig ein. Schlaf zu! dacht' ich und ging zu meinen Pferden in den Stall. Als kaum der Morgen graute, ſteh' ich auf und gucke in den Wagen— aber's Neſt war leer. Die ſchoͤnen Kleider lagen alle drin, und der Kutſchkaſten, worin er beim Einpacken vor meinen Augen, doch ohne Wiſſen des gnaͤ⸗ digen Herrn, ein Paͤckchen mit ſeinen Studir⸗ kleidern hineingelegt— war ausgeraͤumt. Hoͤ⸗ ren Sie, das ging mir durch Mark und Bein! ich frage im ganzen Dorfe, ich laufe, ich ren⸗ ne— keine Seele kann mir Auskunft geben! Wo ſollt' ich armer Teufel nun mit meiner leeren Kutſche hin? ruͤckwaͤrts, dacht' ich, iſt er nicht, alſo vorwaͤrts denn, was die Riemen halten. Und richtig! eine gute Stunde von hier ſagten mir die Leute auf dem Felde, der Gensd'armes haͤtte einen Menſchen in einem Matroſenhabite eingefangen. Matroſenhabit! dacht' ich, halt! jetzt haſt du ihn, denn ſo ein Ding hatte er an, wie er von der Univerſitaͤt kam, und ſomit fuhr ich wohlgemuth zur Stadt hinein und komme vor allen Dingen zu Ihnen, mein paſſirtes Malheur unterthaͤnig zu vermelden; nachher will ich gleich auf die Poli⸗ zei gehen und mir meinen Paſſagier wieder ausbitten.“ „»„bHaſt's nicht noͤthig, Alter!ε entgegnete ihm Walburg—„er iſt ſchon richtig abgelie⸗ fert und befindet ſich in meinem Hauſe.“ „Huſſa!“ jauchzte Chriſtian—„da bin ich ja auf einmal aus der Klemme;'s lag mit ſchwer auf dem Herzen! Nehmen Sie's nicht uͤbel— aber auf die Freudenpoſt muß ich eins trinken!“ und ſchneller als er gekommen, war er zur Thuͤr hinaus. Nantan 9. Indeſſen ließ ſich Theophilus in ſeiner philoſophiſchen Vorleſung durch das laute Schnarchen des Pudels nicht ſtoͤren, als ihn ploͤtzlich ein lautes Gelaͤchter unterbrach. Er fuhr ſchnell empor, und ſank in demſelben Au⸗ genblicke betroffen wieder zuruͤck, denn vor ihm ſtand ein wunderniedliches Maͤdchen, des Gaͤrtners bluͤhendes Roͤschen. Der Bediente, welcher dem Philoſophen die Speiſen in den Garten brachte, hatte Wunderdinge von deſſetn 3 49 WANNAN ſeltſainen Aufzuge und Benehmen erzaͤhlt, wes⸗ halb auch Roͤschen, neugierig ſpaͤhend, bereits im Garten umhergeſchlichen war, um⸗ durch eignen Augenſchein ſich von der Sonderbarkeit des freinden Gaſtes zu uͤberzengen. Hier fand ſie ihn endlich, eine eifrige Rede an ihren ſchlafonden Pudel haltend, und dieſer Anblick kam ihr ſo komiſch vor, daß ihre Lachluſt keine Grenzen fand. Die kleinen Haͤnde auf ihren vollen Buſen gedruͤckt, ſtand ſie noch immer lachend, die ſchelmiſchen Blicke auf die beiden Freunde gerichtet. Unwillig raffte der Philo⸗ ſoph ſich nochmals empor, um mit kraͤftigen Worten ihre thoͤrigte Lachluſt zu zuͤgeln, doch mit offnem Munde, wie vom Blitz getroffen, ſank er wieder zuruͤck, als tief ſein Ange in das ihrige geſchaut: Das weibliche Geſchlecht ſtand in ſeinem philoſophiſchen Syſteme tief unter dem maͤnnlichen und unter der Benen⸗ nung„Geißeln freigeborner Maͤnner“ aufge⸗ fuͤhrt; deshalb hatte er es auch ſeine ganze Lebenszeit uͤber geflohen, und wuͤrdigte die ſchoͤnſten Maͤdchen in der Univerſttaͤtsſtadt kaum eines veraͤchtlichen Blickes. Zum erſten 4 50 WA Male in ſeinem Leben hatte er jetzt gewagt, ein weibliches Weſen mit weit geoͤffnetem, hellen Auge zu betrachten und eine wunderſame Re⸗ gung ſeines kalten Herzens gab ihm zum er⸗ ſten Male den Beweis, daß noch ein menſchli⸗ ches Gefuͤhl darin wohne. Unwiderſtehlich fuͤhlte er— noch immer am Boden liegend— ſein Auge hingezogen nach der niedlichen Ge⸗ ſtalt des holden Maͤdchens, und als er endlich mit Gewalt den Blick von ihr zum Himmel wendete, da glaubte er ſich geblendet, denn wie ein farbiger Schlier ſchwmammn vor ſeinen Augen. „ Ungezogener Menſch le rief ihm Roschen endlich ſchelmiſch zu—„ich ſtehe hier ſchon eine feine Weile, doch weder— Gott zum Gruß! noch— guten Abend! hoͤrt' ich von dem Ungethuͤm.— Nun— wird's bald eit fuhr ſie fort und erhob drohend den Finger. Da ertoͤnte es dumpf und leiſe aus Theo⸗ philus Munde:„Guten Abend Er war ſei⸗ ner Beſinnung nicht mehr machtig, denn in ſeiner Bruſt wogte der Sturm niegekannter Em⸗ pfindungen. 4 541 AAWNVAN „und das brummt man einem jungen Maͤd⸗ chen ſo muͤrriſch zu, und bleibt dabei im Gra⸗ ſe liegen? du fauler Menſch!“ ſchalt Roͤschen mit komiſcher Gebehrde.—„Aufgeſtanden! den Augenblick! und mir eine tieſe Reverens ge⸗ macht, ſonſt wird's nicht gut! Aber Theophilus hoͤrte von allen ihren Wor⸗ ten nichts mehrz unbeweglich lag er noch im⸗ mer und ſtarrte in die Wolken. Da ergriff ihn Noͤschen, die es ſich nun einmal vorgenommen, ihren Spaß mit dem naͤrriſchen Menſchen zu treiben, beim Kopf, und richtete ihn mit An⸗ ſtrengung aller ihrer Kraͤfte empor. Er ſtand aufrecht, allein durch das Antreffen ihrer klei⸗ nen weichen Haͤnde an ſeinem bloßen Halſe, wurde der Sturm der erwachten Gefuͤhle noch maͤchtiger und ſeine Betaͤnbung vermehrt. Da⸗ mit noch nicht zufrieden, daß ſie ihn auſgerich⸗ tet, forderte jetzt das loſe Maͤdchen, er ſolle ihre tiefe Verbeugung, die ſie ihm komiſch af⸗ fektirt vormachte, erwiedern. Doch ſtarr wie eine Bildſaͤule ſaude der Schülar der Weltwei⸗ ſen. 4* 6 52 AMAVNNNN „Ich will Dich Artigkeit lehren!“ rief ſie endlich lachend aus, ſchlich leiſe um ihn herum und gab ihm wieder einen ſo empfindlichen Bat⸗ kenſtreich, daß er unwillkuͤhrlich ſeinen Nacken bengte und ohne ſelbſt zu⸗ wiſſen, was er that, lauter als vorher ſein:„Guten Abend!“ wie⸗ derholte. „ So— nun mag's fär heute genug ſeyn! Aber find' ich Dich morgen wieder, dann bitt' ich mir's aus, daß Du mehr Geſchick bei mei⸗ nen Lectionen zeigſt!— Gute Nacht, Du naͤr⸗ riſcher Sonderling Du ⸗ rief ſie ihm noch freundlich zu, und verſchwand unter den lan⸗ gen Schatten der Platanenallee. Da ſtand der ſtets denkende Philoſoph, jetzt keines Gedankens faͤhig, und ſchnappte nach Luft. Ein Maͤdchen— ſonſt fuͤr ihn ein Ge⸗ genſtand des Spottes, der Verachtung— hat⸗ te den enthuſiaſtiſchen Freiheitsſchwaͤrmer zur Marionette umgewandelt, die nach Gefallen, wie am Leitfaden geſeſſelt, mit ſich ſpielen ließ⸗ So ſchnell und uͤbermannend war das natuͤr⸗ liche Gefuͤhl der Geſchlechtsneigung in ſeinem kalten, verbildeten Herzen emporgeſtiegen, daß 53 AMWUWAABANAN es wildſtuͤrmend ſeine Sinne betaͤubte und die ſeit Jahren triumphirenden, mit gluͤhendem Ei⸗ fer vertheidigten philoſophiſchen Grundſaͤtze— 4 wenn auch nur auf Augenblicke— doch jetzt gaͤnzlich zu Boden druͤckte.„Was war das?e rief er endlich aus.—„Ein wunderbarer Zau⸗ ber der Natur haͤlt mich umfangen! ich fuͤhle meinen ſtarken Geiſt gebrochen— mein Au⸗ genlicht ſtrebt hin nach dem leichtfertigen Schim⸗ mer einer Truggeſtalt, und haftet frevelnd dar⸗ auf, die Neize eines Weibes einzuſaugen.— Ich leugne dieſen Reiz! es iſt nichts Wahres, Wirkliches! es war der truͤgend falſche Schein der Phantaſie; ein Weib hat keinen Reiz fuͤr einen freien Sohn der allgewaltigen Natur!“ Doch ſo ſehr er ſich auch bemuͤhte, die ſpitz⸗ fundigſten Sophiſtereien aus ſeinem Hirn her⸗ vorzulocken, ſie ſchwiegen diesmal maͤnschenſtill denn kraͤftig und gebietend ſprach die Stimme der natuͤrlichen Gefuͤhl e in ſeinem Herzen. Die Daͤmmerung war voͤllig hereingebrochen und huͤtlte ſchweigend die Natur in ihren dichten Schleier.— Er ſtand im großen Garten ganz allei n mit ſeinem treuen Pudel, doch achtete 54 MWANN er nicht mehr auf deſſen Luftſpruͤnge und ſeltne Kuͤnſte, durch welche ihn dieſer zum Weiterge⸗ hen zu bewegen ſuchte, ſondern wies ihn gleich⸗ guͤltig von ſich, denn ein leiſes Sehnen nach dem Umgange mit Menſchen ſtieg zum erſten Male in ihm auf. Roͤschens Bild ſtand noch in voller Klarheit vor ſeiner Seele, und ſchon 98 regte ſich der Wunſch in ihm, ſie aufzuſuchen. Staer vor ſich hinausblickend, nicht des Weges achtend, ſchritt er fort, mit ausgebreiteten Ar⸗ men, wie ein Nachtwandler„greifend nach dem Bilde ſeiner Phantaſte. Eine dunkle Geſtalt dichte voͤr ihm ſchien zu winken, er ſprang hin⸗ 2 ſtand ploͤtzlich bis an die Knie im beiden Armen die ſteinerne Nym⸗ zu und Baſſin phe feſt umſchlingend, welche aus ihrem offnen Munde das jquellende Waſſer, gleich einem Sturzbade, auf ſein Haupt herabſprudelte. Lautbellend ſprang der Pudel ihm nach und plaͤtſcherte luſtig herum im naſſen Elemente. Das Phantaſtebild war ploͤtzlich verſchwunden, 4 und durth die Baͤche kalten Waſſers, welche uber ſeinen ganzen Koͤrper herabfloſſen, ſchien auch ſeines Herzens wilder Aufruhr faſt gaͤnz⸗ 8 3 1 ——᷑—HPH’—P2.2 ·— 3 55 AWMNAAANR lich gedaͤmpft. Mißmuthig ſtieg er heraus aufs trockne Land, und ſprach unwillig zu ſich ſelbſt: „Kheophilus! ich beſchuldige Dich einer Thor⸗ heit! Der Weiſe folgt niemals den Lockungen ſeiner Sinne— bleib ein Weiſer!— Forſchend blickte er jetzt umher nach einer Lagerſtaͤtte, denn ins Haus zu gehen wagte er nicht, eine heimliche Schaam hielt ihn zuruͤck. In voller Pracht war der Mond aufgegangen und erleuchtete hell mit ſeinen Silberſtrahlen den innern Raum der Schweizerhuͤtte, die mit offter Thuͤr ihm unweit gegenuͤber ſtand. Me⸗ chaniſch ſchritt er darauf zu, trat hinein und wollte ſich eben auf der Diele niederlegen, als er durch lautes Winſeln des Pudels— der ihm auch hierher gefolgt und ſich ſchuͤttelnd in einem Winkel zuſammenkroch— aufmerkſam gemacht wurde, daß er friere. Auch er ſelbſt empfand heftigen Froſt, denn die kuͤhle Abend⸗ luft und die durch das Sturzbad durchnaͤßten leichten Kleider hatten auf ſeinen Koͤrper ge⸗ wirkt. Er ferblickte einen Ofen, Brennholz und Feuerzeug im Zimmer, griff nach dem Holze zuerſt und verſuchte, ehe er ſich der ihm ver⸗ 56 AAVNAA haßten kuͤnſtlichen Mittel bediente, daſſelbe nach Art der Wilden, durch heftiges Reiben zweier Stuͤcke aneinander, zu entzuͤnden. Doch ver⸗ gebens. Die Kraͤfte und die Geſchicklichkeit der gebornen Wilden mangelten dem eingebildeten Sohne der Natur, und beſchaͤmt griff er jetzt nach den vorgefundenen Feuermaterialien. In wenig Minuten war ein Feuer angezuͤmet, doch nicht im Ofen, ſondern auf den Dielen; denn gleichſam als wolle er ſich raͤchen fuͤr die Kraͤnkung, die er ſo eben in ſeinem Thun durch ſeine ſchwache Koͤrperkraft erfahren, uͤber⸗ ſah er den Ofen veraͤchtlich als eine thoͤrichte Erſindung der Bequemlichkeit und wies dem Feuer willkuͤhrlich ſeinen Platz an. Ausgeſtreckt lag er in einiger Entfernung am Boden und blickte unverwandt in die hellen Flammen. Er kam zu ruhiger Beſinnung, und gaukelnd im 55⸗ bunten Farbenſpiel umflatterte ihn auch Roͤs⸗ chens Bild von neuem. Unwillig druͤckte er die Augen zu, und entſchlief. 4 Indeſſen wurde Walburg durch wichtige Ge⸗ ſchaͤfte abgehalten, ſeines Gaſtes zu gedenken, er giong nach den fuͤr ihn bereiteten Zimmern 571 AA und fand ſie leer. Betroffen ſchickte er eilig ſeine Diener aus, ihn aufzuſuchen. Einige der⸗ ſelben giengen nach dem Garten, erblickten in der Ferne ſchon ein helles Feuer in der Schwei⸗ zerhuͤtte, und eilten aͤngſtlich dorthin. Wenige Schritte davon kam ihnen laut winſelnd des Gaͤrtners Pudel entgegen geſprungen. Das Feuer hatte die Dielen ergriffen und lodernd ſchlugen die Flammen ſchon an den hoͤlzernen Waͤnden der Huͤtte empor und drohten das Dach zu ergreifen. Theophilus lag auf der Thuͤrſchwelle; aufgeweckt durch die zunehmende Hitze, betaͤubt durch den dichten Dampf, wel⸗ cher das ganze Zimmer erfuͤllte, wollte er ſich retten, und war hier ohnmaͤchtig niedergeſun⸗ ken. Indem einige um Huͤlfe riefen und das Feuer zu loͤſchen ſuchten, wurde der Ungluͤck⸗ liche ins Wohnhaus gebracht. t0. Hier ſaß Louiſe einſam in ihrem Zimmer, und uͤberdachte mit ſchmerzlicher Ruͤckerinnerung 1 58 die Vorfaͤlle des vergangnen Tages. Da ſtand vor allem Feldners Bild vor ihrer Seele, wie er, ſeiner ſelbſt nicht achtend, Geſicht und Haͤn⸗ de den Stichen des zuͤgelloſen Voͤlkchens preis⸗ gab, um ſie ihrer aͤngſtlichen Lage zu entreiſ⸗ ſen. Dieſe That war ihrem Herzen unend⸗ 9 Su lich theuer, und obgleich keine Lebensgefahr da⸗ mit verknuͤpft war, ſo galt ſie ihr jetzt doch eben ſo viel, als wenn er ſie reißenden Wogen eines wilden Stromes entriſſen haͤtte. Sie achtete ihn als einen feingebildeten jungen Mann, der ſich mit Fleiß und Aufopferung je⸗ des Vergnuͤgens, ſeinem Studinm hingab, und ſo mancher Zug ſeines edeln Herzens war ihr nicht verborgen geblieben. Sanft fuͤhlte ſie ſich zu ihm hingezogen, wenn er mit feuriger Be⸗ redſamkeit uͤber den Druck der unverſchuldeten Armuth ſprach, den er nur ſelten an ſich ſelbſt beachtete, an Andern aber nach Kraͤften ſtets zu lindern ſuchte. So vereinigten ſich ſchon ſeit geraumer Zeit ihre Gefuͤhle, und ohne däß ſie jemals mit ihrem Herzen Nechenſchaft ge⸗ halten, entſproßten zarte Keime der innigſten Liebe aus den ſo nahe verwandten Empfindun⸗ AAAAANN gen. Seit zwei Jahren ſchon ſah ſie ihn woͤ⸗ chentlich wenigſtens zweimal, wenn er ſich um die feſtgeſetzte Zeit ſeiner Unterrichtsſtunden bei ihr einfand, und herzlich bewillkommte ſie ihn ſtets, wenn er ſchuͤchtern, mit einer tiefen Ver⸗ beugung, in ihr Zimmer trat. Wie ſollte ſie ihn morgen empfangen nach dem heutigen Vor⸗ falle? denn noch wußte ſie es nicht, daß ihm ihr Vater den fernern Eingang in ihr Haus verboten. Laͤchelnd fuͤhrte ſie die Hand nach ihrer S Stirn, wo ſie noch das Feuer ſeiner Lip⸗ 1 pen zu fuͤhlen glaubte, und hocherroͤthend gieng ſie nach dem Fortepiano, eine ſchwere Sonate zu erereiren, womit ſie ihn morgen zu uͤber⸗ raſchen gedachte— da fuhr ſie ploͤtzlich erſchrok⸗ ken auf— ſie hoͤrte Feuer! Huͤlfe! ruſen, un.— eitte zitternd ans Fenſter.— 81 Es gieng nach dem Garten, und von hier aus erblickte ſie das brennende Dach der Schwei⸗ zerhuͤtte, die eben in ihren Truͤmmern zuſam⸗ menſtuͤrztc. Eug ſprang ſie die Treppe hinab 84 — da brachte man ihr ſchon auf der Hausflur den Ohnmaͤchtigen entgegen. Halbgeöffnet ſtarr⸗ te ſein großes, ſchwarzes Auge hervor aus dem 4 60 AAUANNAN bleichen Antlitz, ſein langes Haar ſloß von 4 Trage, auf welcher er regungslos hingeſtreck lag, bis zur Erde nieder, und ſeine hal bdt brannte Kleidung deckte kaum noch ſeinen Koͤr⸗ per. Laut auſſchreiend ſloh Louiſe bei dieſem ſchrecklichen Anblicke, doch hoͤrte ſie noch den ſchmerzlichen Ausruf ihres Vaters:„Ungluͤckli⸗ cher Sohn meines Freundes!“ und dann die aͤngſtlich wiederholte Frage:„ſind die Zimmer voͤllig eingerichtet fuͤr den Fremden?“ Ein neuer Schrecken durchbebte ſie. Ohne Antwort zu ge⸗ ben, keines Wortes maͤchtig, kam ſie auf ih⸗ rem Zimmer an, und ſank erſchoͤpft in ei⸗ nen Stuhl. Fuͤrchterlich toͤnten ihres Vaters ernſte Wor⸗ te, die er dieſen Morgen zu ihr ſprach, in ih⸗ rem Herzen wieder:„der Sohn meines Freun⸗ des iſt angekommen, laß Dich durch ſein Aeuſ⸗ ſeres nicht abhalten, ihn als einen Gaſt des Hauſes zu beachten“— und dann wieder:„Du koͤnnteſt einen Theil von D Deines Vaters Schuld abtragen!“ Von marternden Gefuͤhlen uͤber⸗ waͤltigt, ſank ſie zuruͤck und verhuͤllte weinend ihr Geſicht. Sie kannte die Feſtigkeit ihres —— 61 NVAAAN Vaters in Ausfuͤhrung ſeiner Plaͤne und muß⸗ te das Schrecklichſte befuͤrchten. Der grauſen⸗ volle Anblick des Ohnmaͤchtigen beſchaͤftigte ihre Phantaſie und durch den Ausruf ihres Vaters wurde ihr es klar— es war der ihr beſtimm⸗ te Braͤutigam.— Zu heftig hatte ſie der Schrecken ergriffen, ihre Glieder waren ge⸗ laͤhmt, wankend erreichte ſie das Bett, und hier durchwachte ſie in wilden Fiebertraͤumen die ſchrecklichſte Nacht ihres Lebens. 11. „Cheophilus wurde durch die zweckdienlichſten Mittel und die ſchnelle Huͤlfe eines Arztes ins Leben zuruͤckgerufen, doch zeigten ſich noch im⸗ mer keine Spuren ſeines Bewußtſeyns. Laut⸗ los lag er ausgeſtreckt, jedoch litt er geduldig, was man auch mit ihm vornahm, ihn aus ſei⸗ nem Starrſinn zu erwecken. Der Arzt befand ſich in Verlegenheit, als er auf alle ſeine Fra⸗ gen keine Antwort von ihm erhielt, und ſich WAAAANN — durch den Pulsſchlag und das in weiten Krei⸗ ſen umherrollende Auge von dem Leben des Kranken uͤberzeugte, deſſen Seelenzuſtand ihm bei weitem gefaͤhrlicher ſchien, als die aͤußern, durch das Feuer erlittenen, unbedeutenden Ver⸗ letzungen. Als er endlich alle ſeine Bemuͤhun⸗ gen, ihm nur einige Worte abzulocken, verge⸗ bens verſchwendet hatte, empfahl er eine ſichere Wache am Bette des Patienten, verordnetet noch einige Mittel und entfernte ſich. Doch keiner von Walburgs zahlreicher Dienerſchaft⸗ wollte ſich zu dieſer Wache bequemen; die ſon⸗ derbaren Sagen von der anffallenden Hand⸗ lungsweiſe des Fremden, die ſich theils als ge⸗ gruͤndet, zum Theil auch nur erdichtet, im gan⸗ zen Hauſe ſchnell verbreiteten, vor allem aber fein wirklich grauſenerregender Anblick, erfuͤllte ſie mit faſt kindiſcher Angſt, und ſcheuchte ſie aus ſeiner Naͤhe zuruͤck. Walburgs Verlegenheit ſtieg mit jeder Mi⸗ nute, und ſchon faßte er den Entſchluß, dem Sohne ſeines Freundes ſelbſt eine Nacht aufe zuopfern; da trat Roͤschen, die bisher an der halboffnen Thuͤr gelauſcht, keck ihm naͤher, und 63 ANN bot ſich freiwillig als treue Waͤchterin am Kran⸗ kenbette an. Ueberraſcht durch dieſen ſeltſamen Antrag, willigte Walburg doch mit Freuden ein, denn der Anblick des Kranken erfuͤllte ihn ſelbſt mit heimlichem Grauſen; deshalb beorder⸗ te er auch einige Diener, auf ihrem Zimmer wach zu bleiben, um noͤthigenfalls gleich zu Roͤschens Beiſtande bereit zu ſeyn. Roͤschen fuͤhlte inniges Mitleiden mit dem armen Un⸗ gluͤcklichen und ihre angeborne Dreiſtigkeit litt keine Furcht in ihrem Herzen; deshalb nahm ſie auch ruhig Platz auf einem Stuhle, dicht am Bette des Kranken, als ſie ſich allein mit ihm befand, und belauſchte ſorgfaͤltig jeden ſei⸗ ner Athemzuͤge. Bis gegen Morgen lag er faſt immer noch regungslos in ſeiner Erſtar⸗ rung, doch nach und nach ſtreckte er endlich ſeine Arme aus, mit ſeinen Haͤnden nach bei⸗ den Lichtern greifend, welche noch auf dem Tiſche brannten. Eine maͤchtige Regung ſchreckenvoller Ruͤckerinnerungen ſchien ſeine Seele dabei zu beſchaͤftigen, denn eine dunkle Purpurroͤthe uͤberzog ſein Angeſicht und tiefe Athenzuͤge in minutenlangen Pauſen verrie⸗ 64 AWNNAA then die Beklemmung ſeines Herzens. Dies bemerkend, verloͤſchte Roͤschen beide Lichterg zog die Gardinen zuruͤck, daß ſanft diegerſten Strahlen des kaum erwachten. jungen. Tages durchs Fenſter drangen, mit bleichem, magie ſchen Scheine das Zimmer erfuͤllende Da ſchien der boͤſe Traum von ihm zu weichen und langſam ſanken die ausgeſtreckten Arme nieder. Ein ſanfteres Roth bedeckte nux ſeine, Wangen noch und ein mildes Feuer belebte ſei⸗ ne Augen, die ſich jetzt ruhig in ihren Kreiſen bewegten. Ein leiſes Zucken wurde auf ſeinen., Lippen ſichtbar, es ſchien als ob er Worte fluͤſtere, doch unverſtaͤndlich.. Ihm freundlich ins Auge blickend, beugte ſich jetzt Roͤschen. uͤber ihn hin und ergriff ſeine Hand⸗ 4 Theieh nehmend fragte ſie ihn, woh er ſich jetzt heſſer, befaͤnde!—„Wohl! wohl“ antwortete er ihr laͤchelnd und mit ſchwacher Stimme.n Voll herzlicher Freude, daß er ihre Frage verſtandenn. daß ſie wieder das erſte Wort aus ſeinem Munde höoͤrte, fragte ſie ihn ſcherzend wieder⸗, ob er ausgetraͤummt?. 65 AMAAAAAN Doch ſchweigend hing ſein Auge an dem ihtigen, er ſchien ſeine Gedanken zu ordnen und legte ſinnend die Hand auf ſeine Stirn. „Was iſt mit mir geſchehen?« ſprach er endlich leiſe vor ſich hin, und mit Geſchwaͤz⸗ zigkeit berichtete ihm nun Roͤschen alles, was ſie am vergangenen Abende von den ausge⸗ ſchickten Bedienten über den ſeltſamen Vorfalt etſaherut 3 So war es doch kein Traum!⸗ ſel er the in die Rede, und freundlich fragte er wieder: doch wer biſt Du? mir iſt, als haͤtt⸗ ich Dich ſchun irgendwo geſehen le 8 „Ei,“ erwiederte Roͤschen lachend— das wollt ich meinen! geſtern Abend im Garten.— Es hat mir Muͤhe genug gekoſtet, dem jungen Herrn einen guten Abend abzutrotzen. Aber nun will ich auch gewiß nicht wieder ſo leicht⸗ ſinnig mit Ihnen ſcherzen. Sie moͤgen wohl etwas viel Vornehmeres ſeyn, als ich mir dach⸗ te, denn Herr Walburg ſcheint viel aſf Sie zu halten— der hat ſich geaͤngſtigt—en „Wer iſt Herr Walbuͤrg?“ fragte er ſchnell. 66 MAAA 6„Ei nun, Herr Wal burg iſt ja der reichſte „Kaufmann in der Stndt)n Harſtbtst Roͤschen —„Sie muͤſſen ihn doch kennen inne s „Na, der Name iſt mir ſehr bekannt fuhr er rief ſinnend fert ₰„mein Vater hat mir viel von ihm erzaͤhlt, mein Vater— Doch Noͤschen unterbrach ihn plaudernd Denda„nicht wahr? Sie ſind mir nicht boͤs wegen meiner Lection von geſtern Abend? Es war nur ein dummer Scherz— ich bin ein alberues Maͤdchen. Bitte, bitte, lieher, guter Herr nicht. boͤs auf mich ſeymlen und mit ko⸗ miſchem Flehen ſtrockte iñie ihre Atithena Haͤndchen nach ihm aus.. Ein ſaufter Frueuſtrahl zugläazte ſett in Heinom Auge und mit herzl ichem Tone rief er 3 ihr entgegen:„nein, liebes Kind! ich bin Dir nicht boͤe— ich bin Dir— eh doch weiter wagte er es nicht zu ſprechen. Faſt unwillig wendete er ſein Ange von ihr ab und i ſeufzend:„ich bin ſo wunderbar bewegt;& ſcheint ein andrer Geiſt in mir e Laß mich allein!nm. an, i e —— —— +— 67 AHAAAANAN u Da trat Walburg herein, ſich theilnehmend nach dem Befinden ſeines Gaſtes zu erkundigen, doch dieſer gab keine Antwort auf ſeine Fra⸗ gen. Verſtohlen winkte ihm Roͤschen und bei⸗ de verließen leiſe das Zinnmner⸗ 30dAet ahn 3 àD men 12. niA n Lne un So lag er bis gegen Mittag ungeſtoͤrt im tiefen Sinnen, und ſeine erſte Frage an den eintretenden Diener war— nach Roͤschen⸗ Sie wurde herbeigeholt. Freundlich nickte er ihr zu, als ſie eintrat, und bat ſie, ſich neben ihn zu ſetzen; dann mußte ſie ihm nochmals die Vorfäͤlle des vergangnen Tages wiederholen, wobei er oft beſchaͤmt ſein Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckte. Verſtand und Herz waren bei ihm nur verbildet durch die Irrlehren des betruͤgeriſchen Hofmeiſtes, welcher den Erzie⸗ hungsplan ſeines Zoͤglings nur nuf ſeinen Vor⸗ theil gruͤndete; deshalb ſchien es auch jetzt, als ob ein maͤchtiges Naturgefuͤhl in ihmn erwacht 5* 68 A ſey, welches die Feſſeln ſeines durch gfobe Irrthuͤmer verdunkelten Geiſtes gebrochen, und ſeinen ſchiefen Ideen von Welt, Natur und Menſchen eine geradere und klare Richtung ge⸗ geben haͤtte. Er unterhielt ſich lange mit ſei⸗ ner freundlichen Pflegerin, und aus ſeinen Reden, die er zwar noch hochtrabend und in geſuchten Worten ſprach, leuchtete doch ſchon mancher Funke ſeines erhellten Geiſtes hexyo. Auch ſaͤumte Roͤschen nicht, mit ihrem gera⸗ den, offnen Verſtande ſeine Irrthuͤmer zu be⸗ ſtreiten und disputirte mit ihm uͤber Naturge⸗ genſtaͤnde und Lebensverhoͤltniſſe der Wenſchen, Trotz einem eifrigen Opponenten. „Nan dachte ich, ließen wir's genug, ſeyn i rief ſie endlich aus„ich will Ihnen der Herrn Diaconns recommandiren, der hat vie lateiniſche Buͤcher geleſen und kann ſich beſſer mit Ihnen herumſtreiten. als ich einfaͤltiges Maͤdchen. Haͤtt' ich doch geſtern Abend im Garten waͤhrend meiner muthwilligen Strei⸗ che nicht geglaubt, daß ich heute ſo eine gelehr⸗ te Lection mit Ihnen halten wuͤrde. Weil Sie aber auch jetzt wieder ſo ziemlich rernäͤf 8 — 69 A iig ſprechen, will ich mich nun auch recht oft mit Ihnen unterhalten. Aber eins muß ich Sir doch noch bitten— wenn Sie wollen, daß ich Sie freundlich anſchauen ſoll, ſo laſſen vn ſich die garſtigen, langen Haare abſchnei⸗ ſonſt fuͤrcht' ich mich vor Ihnen und 26 davon!. Er aber antwortete kein Woͤrtchen, ließ es jedoch geduldig geſchehen, daß ſie ſi ch mit der Scheere ſeinem Haupte naͤherte und es der Ateefedsſen philoſophiſchen Zierde beraubte. Woht ſchien, als ſie ihm lachend jetzt den Spiegel vorhielt, ein leichter Unmuth ſeine Stirn zu umwoͤlken; doch bald erheiterte ſich ſeine Miene wieder, als das loſe Maͤdchen, um ihn herumhuͤpfend, die durch ihren Ranb hervorgebrachte vortheilhafte Veraͤnderung ſei⸗ nes wirklich wohlgebildeten Geſichtes prieß. Laͤ⸗ cheind ſaßte er ihre Hand und zog ſie naͤher za ſich hin, indem er mehrmals ſich vergeblich zu reden bemuͤhte. Eine ſchuͤchterne Bitte ſchien auf ſeinem Herzen ſchwer zu laſten, die er nicht in Worte einzukleiden vermochte; doch das ſchlaue Roͤschen las den Wunſch in ſeinen ANN Augen, und druͤckte ſteiminig einen atihendan Kuß auf ſeine Wangen. n z„Ei, ei, ei! erſcholl es plo lit dühänd hinter ihr. Raſch fuhr ſie auf und erblickte Herrn Walburg, ernſt, mit autschobanein un ger, in der offnen Thuͤr. „O weh!“ rief ſie uͤberraſcht, und führ dann, dreiſter zu ihm gewendet, fort— aber es iſt auch gar nicht recht von Ihnen, daß Sie uns belauſchen. Wir haben ſo vernuͤnf⸗ tig mit Kinader vehischen, wie ein Maäns Ga lehrte— 3„So. ſos wenn das, was ich ſo eben 1 ſag. die ganze Unterhaltung war, ſo ſind' ich wahr⸗ lich nichts Gelehrtes darin—. erwiederte Wal⸗ burg, der nicht wußte ob er enlachen oder 4 ſollte⸗: im 3 „Lieber, beſter Har Walburg ſohr ſie ſchmeichelnd fort—„was Sie geſehen, war unn freilich nichts Gelehrtes, aber was wir ſprachen— und bei meiner Seligkeit! es ge⸗ ſchah auch nur aus wahrer, herzlicher Trrugen daß ſich der junge Herr ſo wohl befindet.. v— —— 741 MNNANNN „„Schon gut! ich will’s nicht weiter unter⸗ ſuchen!“ rief ihr Walburg zu und winkte ihr laͤchelnd zu gehen. Als ſie ſich entferut hatte, ſprach er mit ſeinem Gaſte, ohne Erwaͤhnung des Vergangnen, von der Nothwendigkeit einer nuͤtzlichen Anwendung ſeiner Zeit, um ſich Kenntniſſe zu erwerben, die ihm bei ſeinen Lebensverhaͤltniſſen, an den jetzigen Weltlauf gefeſſelt, brauchbar werden koͤnnten; er fuͤhrte ihn daun unbemerkt auf ſeinen alten Vater zuruͤck, ſchilderte ihm mit herzlichen Worten deſſen getaͤuſchte Hoffnungen, ſeine aͤngſtlichen Sor⸗ gen um das kuͤnftige Wohl ſeines Sohnes, und ſonderbar! als ob Noͤschens Kuß alle noch uͤbrigen Zweifel und Irrthuͤmer beſeitigt, und ſeine Gefuͤhle gelaͤutert haͤtte, ſo ging Theophi⸗ lus jetzt fuͤgſam ein in Walburgs Weltanſich⸗ ten und ſein Syſtem des gebildeten Menſchen⸗ vereins in cultivirten Staaten. Mit faſt kindi⸗ ſchem Kleinmuthe wagte er es nur ſelten, deſ⸗ ſen Behauptungen zu widerlegen, draͤngte gewaltſam ſeine ſonſt ſo gelaͤuſigen Sophismen zuruͤck, daß ſie leiſe auf ſeiner Zunge erſtarben, und gab ſo ſeinem vaͤterlichen Freunde beden⸗ teden Hoffnung, ihn vielleicht bald der gebilde⸗ ten Welt als ein nuͤtzliches Mitglied zufuͤhren zu koͤnnen. Ohne Weigerung legte er die fuͤr ihn herbeigebrachten ſtandesmaͤßigen Kleider an und verließ mit Walburg das Zimmer, um an ſeiner Seite das Mittagsmahl zu genieſ⸗ ſen 4 seHAHH. 8561 MnlrE S6 3131 Ind ch Louiſe war nicht zugegen; ſie ließ ſich durch Unpaͤßlichkeit entſchuldigen. Der beſorgte Va⸗ ter eilte ſogleich zu ihr und fand ſie in einem ſehr bedenklichen Zuſtande. Eine hartnaͤckige Fieberhitze und faſt gaͤnzliche Bewußtloſigkeit ließen eine nicht unbedeutende Krankheit ver⸗ muthen, und eilig wurde der Arzt herbeigeru⸗ fen. Vor einigen Stunden ließ Louiſe— ob⸗ gleich ſie ſich nach der voͤllig durchwachten Nacht ſehr ermattet fuͤhlte— ſich doch anklei⸗ den, um ihren Muſiklehrer zu erwarten. Die beſtimmte Stunde ſchlug und ging voruͤber, oh⸗ 73 “ no daß der ſo ſehnlich Erwartete erſchien. Ihr war ſein Außenbleiben unbegreiflich, denn ſeit azwei Jahren hatte er in ihren Stunden die puͤnktlichſte Ordnung beobachtet. Von Minute zu Minute wurde ihr aͤngſtlicher ums Herz und unzaͤhliche Male oͤffnete ſie die Thuͤr, die Tritte jedes Kommenden belanſchend, bis end⸗ lich wie von Ungefaͤhr die alte Marthe kam, welche ſie ſogleich mit der Frage empfing, wo⸗ her ſie komme.. „Von meinem jungen Candidaten komme ich ſo eben,“ hub dieſe ſeufzend an.„Gott Feyis geklagt! mit dem iſt's ein wahres Leiden! Die arme Seele ſoll morgen predigen und hat beide Haͤnde uͤber und uͤber verbunden, daß ſich auch kein Finger ruͤhren kann. Weiß der liebe Himmel, was mit dem muß vorgegangen ſeyn, denn er kommt mir ganz verzweiſelt vor. Ich weiß ja wohl, daß er ſonſt Sonnabends um die zehnte Morgenſtunde zu Ihnen ging— das war ihm allemal ein Feſt, da wüͤrde ge⸗ buͤrſtet und geputzt, und ein weißes Halstuch mußte ich ihm jedesmal parat halten, ſonſt hatt' ich meine liebe Noth; zwanzig Mal ſah er nach der Uhr, um ja keine Minute zu ver⸗ faͤnmen, doch heute wollte er noch keine An⸗ ſtalt machen, um ſich anznziehen. Ich fragte ihn alſo ganz von Weitem, ob ich's abbeſtellen ſollte, aber da= Mamſe lichen— hatt' ich erſt den rechten Fleck getroffen. Große Thraͤ⸗ nen liefen ihm uͤber die Backen herunter, und mit einer wehmuͤthigen Stimme= ach! ich kann's Ihnen gar nicht beſchreiben, wie mir's durchs Herz ſchnitt, ſagte er:„ich gehe nie mehr dorthin, ich bin aus dem Hauſe verwie⸗ ſen.“ Nun ſagen Sie ſelbſt, liebes Mamſell⸗ chen, er iſt doch geſtern bei Ihnen zu Tiſche geweſen, ich kann doch nimmermehr glauben daß er ſich Seleche auf eine Tnaniae Ma⸗ nier— 1 Louiſe hoͤrte Ahre letzten Worte e nicht meßre Ohnmaͤchtig ſank ſie nieder und mußte von der Alten zu Bett gebracht werden. Auch die letzte Hoffnung, den geliebten Juͤngling zu ſehen, ſich in ſeiner Gegenwart zu erheitern, war ihr grauſam entriſſen, und nur um ſo heftiger ſchlugen die verzehrenden Flammen der Liebe in ihrer Seele empor. Als ſie ſich wieder al⸗ lein beſand mit ihrem grambelaſteten Herzen, da umflorte eine dunkle Nacht ihr Auge, und ſo lag ſie noch, faſt ohne Bewußtſeyn, als ihr Vater eintrat, Seine ſanften Worte erweckten ſie aus ihrer aͤngſtlichen Betaͤubung, doch ſprach ſie noch in wilder Fieberhitze und ſtarr haftete ihr Auge an dem ſeinigen. Der Arzt trat ein, ſie wurde ruhiger, das Fieber ſchien zu weichen. Mit thraͤnenfeuchtem Ange blickte ſie nach ihrem Vater und reichte ihm ſchmerzlich laͤchelnd beide Haͤnde; er hielt ſie feſt in den ſeinigen, ſein Haupt neigte ſich zu ihr hexrab⸗ und nachdem ſich der Arzt entfernt, bat er ſie mit zaͤrtlicher Beſorgniß, ihm die Urfache ihrer Leiden zu entdecken. Sie liebte ihren Vater mit kindlichem Sinn und laͤngſt ſchon ſehnte ſich ihr Herz nach Mittheilung, deshalb zauder⸗ te ſie jetzt nicht laͤnger und geſtand ihm erro⸗ thend ihre innige Liebe zu Feldner. Ueberraſcht, erſtaunt ſtand Walburg auf, ging mit tiefem Ernſte in Blick und Mienen im Zimmer auf und ab, wendete ſich dann zu ihr ohne ſie ang zublicken, ſprach mit feſter Stimme:„Meinee Vorwuͤrfe ſpar' ich auf! doch hege keine Hoff⸗ 4 76 “ nung fuͤr Deine thoͤrigten watraht wintedidi mermehr erhaͤltſt Du meine Ennwilitung— und eceiteß das 4 Binner. 3 14. 80 waren Louiſen bereits vier Wochen un⸗ ter Kummer und Thraͤnen verfloſſen; eine Geiſt und Koͤrper zerruͤttende Krankheit haite ſich ihrer bemaͤchtigt, und einem Schatten gleich ſchwankte ſie umher, bleich und kraftlos, unbrauchbar fur das leichteſte Geſchaͤft, todt fuͤr jedes Vergnuͤgen, das ihr elis die aͤngſt⸗ liche Sorgfalt ihres Vaters darbot. Er hatte ihr in den letztvergangenen Tagen oftmals ſei⸗ nen Plan wegen ihrer Verbindung mit dem Sohne ſeines Freundes offen dargelegt und ſie dabei dringend gebeten, dieſen ſeinen Lieblings⸗ wunſch zu erfuͤllen. Nur ſelten erwaͤhnte er dabei des armen Feldners und dann nur mit Geringſchaͤtzung, wobei auch jedesmal eine naͤ⸗ here Verbindung mit ihm als ganz unmoͤglich verworfen wurde. Doch in den letzten Tagen, AAAANANAN als Loniſe auf alle ſeine Bitten feſt dabei be⸗ harrte, unvermaͤhlt zu bleiben, und von Stunde zu Stunde ſich ihr krankhafter Zuſtand ver⸗ ſchlimmerte, da ſchien, beim Anblick ihrer Lei⸗ den, ſein Vaterherz bewegt zu werden und er ſtand ab von ſeinem Plane, durch der Tochter abgezwungenes Jawort ſeinem Stolze zu ſchmei⸗ cheln und noue Schaͤtze zu den ſeinigen zu haͤufen. Mit ſtrengem Ernſte ſuchte er jedoch die unwuͤrdige Leidenſchaft— wie er ſich aus⸗ druͤckte— zum Candidaten Feldner aus ihrem Herzen zu verbannen; doch Louiſens reine Liebe lebte ſtill und unverloͤſchlich fort in ihrer gram⸗ zerrißnen Bruſt. 4t Indeſſen lebte Theophilus ein neues Leben. Er lernte in Walburgs Hauſe manchen nuͤtzli⸗ chen Gegenſtand kennen, den er fruͤher einer naͤhern Betrachtung gar nicht werth geachtet, und gelangte durch eifriges Nachdenken zur voͤllYigen Einſicht ſeiner vorigen Verblendung. Der Diaconus Freimuth, ein alter Freund Walburgs, bemuͤhte ſich ernſtlich, ſeine neuen Welt⸗ und Lebensanſichten zu berichtigen, und behandelte ihn bei ſeinen Unterhaltungen mit 5 ihm wie einen zwoͤlfjaͤhrigen Catechumenen. Durch dieſes zweckmaͤßige Verſahren wurde der Verblendete ſtufenweiſe von ſeinen Irrthuͤmern gereinigt und ſein Verſtand nach und nach be⸗ freit von den druͤckonden Feſſeln ſeiner, ſeit der fruͤheſten Jugend eingeſognen, thöͤrigten Weisheit. In ſeinem ganzen Benehmen zeigte ſich jetzt eine ſo merkliche Veraͤndernng, daß alle Bewohner des Hauſes in ihm den ſonder⸗ baren Phantaſten nicht wiedererkannten. i Vor allen aber legte Roͤschen ihre herzliche Freude uͤber ſeine Umwandlung an den Tag: Wenn es ihr nur irgend moͤglich war, von ihren Go⸗ ſchaͤften abzukommen, ſo ſuchte ſie ihn auf und wertaͤndelte durch ihre ſchuldloſen Scherze mit ihm die freien Stunden. So ſaßen ſie eben wieder beiſammen in der verhaͤngnißvol⸗ len Selaͤngerjelieberlaube, und Theophilus mach⸗ te ihr ſanfte Vorwuͤrfe, daß ſie ihn eine Ewig⸗ keit von zwei Stunden allein gelaſſen. nen „»Nun, nun! erwiederte ſie ſcherzend— 34s wird vielleicht bald eine Zeit kommen, wo Sie ſich nach der Gegenwart des armen Gaͤrt⸗ nerroͤschens nicht mehr ſehnen werdene —— 79 3 AN „Warum?“ fragte er befreidet. „Das iſt ein wichtiges Geheimniß!’ fuhr die Kleine fort—„doch wenn Sie mir ver⸗ ſprechen, daß Sie mich nicht verrathen wollen, will ich’'s Ihnen wohl entdecken. Ein ſanfter, Druck ſeiner Hand ſchien ihre Bedenklichkeiten zu heben, und ſie begann: das Stubenmaͤdchen der Mamſell iſt meine Freundin, ſie hat dieſe mit dem alten Herrn belauſcht, undeen denken Sie ſich nur— ge⸗ hört, daß Sie Ohr Herr Pater hierhorgeſchickt, Altar zu fuͤhren.— Hab' mir's gleich gedacht, daß ſo etwas dahinter ſtecken muͤßte, denn Herr Walburg war gar zu heſorgt um Sie—r je nun freilich— um ſeinen Schwiegerſohn!f Sie ſtand auf und machte ihm eine tiefe Ver⸗ beugung, als obe ſie ſich entfernen wollte. ie Doch unbefangen hielt er ſie zuruͤck, und erzaͤhlte ihr lachend, daß er durch Walburg ſelbſt laͤngſt ſchon von Allem unterrichtet ſey, ſeine beſtimmte Braut jedoch noch nicht einmal geſehen, und den feſten Entſchluß gefaßt habe, obgleich man ihm hier alle ſeine freigeiſtigen 80 Ideen abdisputirt, doch wenigſtens die, jedem wackern Mann heilige, von der freien Apah des Herzens, unerſchuͤtterlich zu behaupten.“ „Ei ja!“ fiel Roͤschen ſchalkhaft ein n „und das wird auf jeden Fall eine ganz vor⸗ treffliche Wahl! Es giebt der reichen und ſhde nen Fraͤuleins genug hier in der Stadt, die ſich zu ſo einem ſahaheken Heuue eoſtlich daſe ſen.“ 8 Aeinna „Gewiß keins ſo, wie Du mein liebes Roͤschen!« erwiederte er, ſie zaͤrtlich umfaſſend. Doch aͤngſtlich rief ſie, ſich von ihm loswin⸗ dend—„Um Gottes Willen! laſſen Sie mich! wenn Sie ſo ungereimtes Zeug ſprechen, fuͤrch⸗ ie ich, Sie bekommen Ihre philoſophiſche Krankheit wieder, und dann verſteh, ich anch kein Woͤrtchen, was Sie ſprechen!’ a18e „Du wirſt mich ſchon verſtehen“— fuhr er fort, ſie nicht von ſich laſſend— pin Dei⸗ ner Naͤhe fuͤhl ich mich im Paradieſe, Du wirſt mein Weib, oder Keine!e Feſter ſchlang er ſeinen Arm um ſie, und die ganze Welt ver⸗ geſſend, druͤckte er einen heiße Kuß auf ihre Lippen.* 5 84 AM zDa kuiſtexte es Leiſe an der Laube, und als ie aufblickten, ſtand, in Lebensgroͤße der alte Hans, von Starkenfeld vor ihnen, und gruͤßte⸗ mit freundichem Kopfnicken, Fas ßerraſchte Pischen. Die Vaterſorge um ſeinen Stam⸗ hatter hatte ihn, hierhergetrieben. Ja Er war ſo eben erſt angekommen, hatte ſeinen ltan Freund 8 nicht zu Hauſe getroffen, ſeine Ruͤckkehr im Garten warten wollen, und hatte ſo ſeinen ananmuhahiten Watzlieh, im Paradieſe uͤber⸗ raſcht nn 52 1 1 he A, Britog g ſeinen ſchan verferen gege⸗ bonan Sohn im menſchlicher Kleidung und mit . monſchlichen. Empfindungen— wie er meinte— wiederzufinden, etwaͤhnte er mit keinem Wor⸗ tendes Vorgefallenen, ſondern ließ das beſtuͤrzte Roͤschen ruhig ihres Weges gehen, und wan⸗ delten ſelbſt mit ſeinem Sohne Arm in Arm dem Hauſe zu. Hier kam ihnen Walburg ent⸗ gegen, und mit ungeſtuͤmer Frende umarmte Starkenfeld bald dieſen, bald ſeinen Gottlieb, den er immerwaͤhrend mit thraͤnenden Augen muſterte. 8 Wänt aan 82 AAN „Gott ſey Dank!“ rief er endlich aus vol⸗ lem Herzen—„jetzt kann ich wieder ſagen: ich habe einen Sohn!“ „Doch unſer Plan,“— verſetzte. Walburg mit tiefgefurchter Stirn— er iſt geſcheitert! — Bitten und Drohungen hab' ich Ferlchpen⸗ det, meine Tochter widerſetzt ſich „Sie will nicht?— fiel ihm Starkenfeld in die Rede—„auch gut!— Was, Plan hin, Plan her! ich habe meinen Gottlieb wie⸗ der! er ſieht aus, wie ein vernuͤnftiger Menſch — aber, Junge, jetzt werde mir auch ver⸗ mͤnftig, und laß Deit tolles Wiſchiwaſchi vertrockneten Buͤcherwuͤrmern, die ſich den Ma⸗ gen damit fuͤllen, wenn ſie der Hunger zwickt. — Apropos!“ fuhr er fort„Spitzbube! wer war das flinke Maͤdchen, mit dem Du in der Laube Mariage ſpielteſt? Denkſt Du viel⸗ leicht, weil Dich Deine Dir beſtimmte Braut nicht will, ſo kannſt Du Dich nach Deinem Gefallen verplempern?— 4 „Mein lieber Vater!“ erwiederte Theophi⸗ lus—„Roͤschen iſt zwar nur eines Gaͤrtners Tochter, doch iſt bei me ee der erſte —— N 83 NAAAN Zweiſel an meinen Irrthuͤmern in mir rege ge⸗ worden. Sie hat durch ihren klaren, offnen Verſtand meine Heilung begruͤndet. Ich liebe ſie herzlich, denn ſie verdient es; ſie iſt ſo gut, ſo liebenswuͤrdig, ſo unſchuldsvoll— Still, ſtill!« gebot ihm der Vater— „ich kenne dergleichen Signalements verliebter Burſche von ihren Maͤdchen. Aber Sapper⸗ ment! da bin ich ja wohl gar der kleinen Here noch Dank ſchuldig. Junge, fordre heute, was Du willſt— es ſey Dir gewaͤhrt! Bring' Dein Maͤdchen her, ſollſt ſie haben! aber gleich laß ſie kommen, jetzt bin ich noch im Freuden⸗ taumel; denn wenn ich erſt wieder zu Verſtan⸗ de komme, moͤcht ich Dir doch noch einen Querſtrich durch die Rechnung machen. Uebri⸗ gens, wenn ſie brav iſt und wirthſchaftlich— das iſt die Hauptſache— nun ſo mag's in Gottes Namen vor ſich gehen!“. Walburg gab ihr zwar das beſte Zeugniß, doch ſchuͤttelte er unwillig ſein Haupt bei der ſchnellen Zuſage ſeines Freundes; Gottlieb aber eilte auf Fluͤgeln der Liebe nach dem Garten, ſein Roͤschen aufzuſuchen. S 6* NKANNNANN Nach einer Stunde befand ſi Walhuns allein auf ſeinem Zimmer; er hielt einen verſie⸗ gelten Brief in der Hand, den er vor wenigen Minuten der zur ungewoͤhnlichen Zeit in ſei⸗ nem Hauſe herumſchleichenden alten Marthe faſt mit Gewalt abgenommen. Er ahnete den Schreiber deſſelben und hatte ihn ſogleich zu ſich beſchieden. Nach einer Pauſe trat Feldner bleich und verſtoͤrt eein un und fenane nach ſai nem Begehren. „Sie haben meiner Lochter heintich einen Brief uͤberſenden wollen“= erwiederte Wal⸗ burg—„Sie erhalten ihn uneroͤffnet zuruͤck, mit der ausdruͤcklichen Bemerkung, daß alle an meine Tochter gerichtete Briefe an mich abai geben werden.“ 8 „Sie ſcheinen einen Inhalt zu vermutheng verſetzte Feldner ruhig—„der Ihren Wuͤn⸗ ſchen entgegen iſt. Ich ſage in dieſem Briefe meiner achtungswerthen Schuͤlerin das letzte Lebewohl, und bitte ſie herzlich und als Freund, —,— 85 KANAABNAAN ſich dem Willen ihres Vaters nicht zu wider⸗ ſetzen. Oeffnen Sie ihn, und uͤberzeugen Sie ſich ſelbſt. Finden Sie dies ſtrafbar, ſo beru⸗ higen Sie ſich damit, daß dies die letzten Zei⸗ len ſind, die zu den Haͤnden Ihrer Tochter ge⸗ langen ſollten, denn in wenig Stunden reiſe ich ab, und ſehe dieſe Gegend wohl niemals wieder. Walburg oͤffnete den Brief und uͤberzeugte ſich von der Wahrheit ſeiner Ausſage.— „Brav! recht brav!“ rief er ihm zu, als er geendet, gieng dann ſchweigend nach ſeinem Buͤreau, nahm eine Rolle Gold heraus und druͤckte ſie ihm mit den Worten in die Hand: „Reiſen Sie mit Gott, Herr Candidat!“ di Doch Feldner wies ernſt und beſtimmt das angebotene Geſchenk zuruͤck, indem er mit wei⸗ cher Stimme ſprach:„als ein armer Schuͤler kam ich an in dieſer Stadt, nur eine Kleidung und ein Paar Buͤcher waren mein ganzer Reichthum. Als armer Candidat verlaſſe ich ſie, denn wahrlich, nicht viel mehr als ich hierher⸗ gebracht, nehme ich mit mir. Behalten Sie Ihr Gold, ich bin an Ueberfluß nicht gewoͤhnt, 86 AMAAAA ein reines Gewiſſen und Vertrauen auf Gott ſind meine Reiſegefaͤhrten— leben Sie wohl k⸗ „Noch einen Augenblick, Herr Candidat“ rief Walburg bewegt—„ich fuͤhle inniges Mitleiden mit Ihrer Lage. Meine Tochter hat mir ein Geſtaͤndniß gethan, das ich nicht billi⸗ gen kann. Sie gefallen mir, Sie haben mir Achtung eingefloͤßt, allein Ihrs Berhalettiſſ trennen Sie von mir, und— Feldner war keines Wortes mehr maͤchtig, zitternd hielt er ſich an einem Stuhle feſt, und heiße Thraͤnen rannen uͤber ſeine Wangen her⸗ ab.— Seine ſchoͤnſten Jugendjahre hatte die Armuth getruͤbt, ſeinem eifrigen Streben nach Ausbildung in den Wiſſenſchaften ſtand die Ar⸗ muth im Wege; er achtete ſie nicht, verſagte ſich jedes Vergnuͤgen, und erſetzte durch Fleiß, was er an Huͤlfsmitteln entbehrte. Doch als nun hier, im wichtigen Momente der erſten Annaͤherung an den Mann, in deſſen Haͤnden ſein ganzes Lebensgluͤck lag, die Armuth wie eine kalte, ſchroffe Scheid vand den erſten freundlichen Sonnenſtrahl verdraͤngte und ihm fuͤr ewig die Ausſicht ins bluͤhende Fruͤhlings⸗ land einer ſeligen Liebe zu rauben drohte, d 87 NANNN 3 brach ſein gequaͤltes Herz, er fuͤhlte hart die ſchweren Feſſeln, die ihn druͤckten. Nur die letzte Hoſſnung die er ſchon ſeit Jahren naͤhr⸗ te, hielt er auch jetzt in der Verzweiflung noch feſt, und kaum hoͤrbar, doch aus tiefſter Bruſt, entfuhren ihm die dumpfen Worte:„Samiel hilf e n Da oͤffnete ſich die Thuͤr, ein hagres Maͤnn⸗ chen trat herein, nannte ſeinen Namen und wurde von Herrn Walburg freundlich empfan⸗ gen. 88 Kaum traute Feldner ſeinen Ohren, als der Fremde den Familiennamen ſeiner Mutter als den ſeinigen genannt, der ihn jetzt mit unverwandten Blicken muſterte, dann ſich zu Walburg wendend ſprach:„Ich habe vernom⸗ men, Sie legen Ihre Geſchaͤfte nieder, und begeben ſich zur Ruhe. Ich habe ein Gleiches gethan, und die weite Reiſe unternommen, meinen Neffen aufzuſuchen, den ich, wenn ich einen redlichen Mann in ihm finde, zum Er⸗ ben einzuſetzen Willens bin, da ich keine naͤ⸗ hern Anverwandten habe.“ MMAAAN Feldner ſtand wie eingewurzelt.— „Iſt Ihr Neffe in einer hieſoen Hand⸗ lung?“ fragte Walburg. hie „Nein— verſetzte jener=„er hat ſin⸗ dirt, und, wie ich von einigen Profeſſoren er⸗ fahren, ſich bei der druͤckendſten Armuth Kennt⸗ niſſe geſammelt, die ihm die voͤllige Achtung ſeiner Lehrer erworben. Es thut mir jetzt herz⸗ lich leid— ich haͤtte ihn ſchon fruͤher unter⸗ ſtuͤtzen ſollen; doch— nah' am Grabe erſt er⸗ wacht oft das Bewußtſeyn unſrer Schuld.— Ich habe an ſeiner Mutter großes Unrecht ver⸗ uͤbt, und ſchaͤme mich nicht, es hier vor die⸗ ſem fremden jungen Manne laut zu bekennen; gern will ich's ihrem Sohne vergelten, wenn ihn mein Reichthum gluͤcklich machen kann.— Sie war meine leibliche Schweſter und heira⸗ thete wider meinen und meines Vaters Willen einen armen zandprediger, Namens Feld⸗ ner— aicge Gott! mein Oheimn rief Feld⸗ ner außer ſich, ſtuͤrzte zu ſeinen Fuͤßen nieder und bedeckte ſeine Haͤnde mit heißen Kuͤſſen. 89 wMna „Wie? waͤr es moͤglich!“ rief dieſer innig bowegt—„ſo hat mich doch mein Auge nicht betrogen. Die taͤuſchende Aehnlichkeit Deines Geſichts mit iden Zuͤgen meiner guten ſeligen Schweſter uͤberraſchte mich bei Deinem erſten Anblicke. Komm her an meine Bruſt— Du biſt mein Sohn und all mein Hab' und Gut iſt Dein ke f 46. Am andern Morgen ſchon erſchien der On⸗ kel Samiel als Freiwerber ſeines Neffen beim alten Walburg, und erhielt— keine abſchlaͤg⸗ liche Antwort. Feldner war ihm zagenden Her⸗ zens gefolgt, und freundlich nahm jetzt Wal⸗ burg ſeine Hand, ihn auf Louiſens Zimmer fuͤhrend. Sie ſaß ſinnend am Fortepiano, das ſeit der letzten Muſikſtunde unangeruͤhrt blieb. Als ſie die Thuͤr oͤffnen hoͤrte, wollte ſie auf⸗ ſtehen, um ſich in ein Seitengemach zuruͤckzu⸗ ziehen; doch als ſie Feldnern an der Hand ih⸗ res Vaters erblickte, ſank ſie mit einem lauten b 6 90 AAAANNN frendigen Ausrufe auf den Stuhl zuruͤck. „Nimm ihn hin!“ rief der Letztere ihr mit in⸗ niger Freude zu—„er iſt Dein Braͤutigam!“ Leiſe druͤckte Louiſe— he Sinnen trauend— die rechte Hand auf beide Augen, als ob ſie das liebliche Bild feſthalten wolle, das ſich jetzt vor ihren Blicken entfaltete. Mit thraͤnenſchweren Augen ſtand ihr Vater neben ihr, und legte ſegnend beide Haͤnde auf ihr Haupt. Zu ihren Fuͤſſen kniete Feldner, und zog im Uebermaße ſeines Gluͤckes, alles um ſich her vergeſſend, ihre Hand an ſeine Lippen. Seitwaͤrts lehnte ſein Onkel am Fenſter, und lickte voll inniger Ruͤhrung auf das gluͤckliche Paar. Da trat auch, um die maleriſche Grup⸗ pe zu vollenden, der Exphil loſoph herein, ſein braͤutliches Roͤschen am Arme; ihm folgte ſein Vater, der beim Anblicke der Seligen die ge⸗ falteten Haͤnde zum Himmel erhob und laut ausrief:„der Herr gebe ſeinen Segen bis in Ewigkeit! Amen! n⸗ —n II. 4£ᷣ = —2 ₰ — 22 + 8 ☛ — —ηέ⁹ ᷑ N AAAAAAAIAAAAAAAᷓAAAAAAAAAAAA 8 1. Waͤhrend der Leipziger Oſtermeſſe ſtand eines Tages im dichteſten Gedraͤnge zwiſchen Chri⸗ ſten, Juden und Tuͤrken der Commeczienrath Schimmel, und handelte mit vornehmer Ge⸗ ringſchaͤtzung, doch mit der auffallendſten Ge⸗ nauigkeit, um eine goldne Damenuhr. Endlich war der wichtige Handel abgeſchloſſen, doch, wie es ſchien, nicht eben zur Zufriedenheit bei⸗ der Partheien. Der Verkaͤufer fand den Preiß zu billig, der Kaͤufer viel zu hoch, und indem dieſer ſich mit dem ſeidnen Tuche große Schweiß⸗ tropfen von der Stirn trocknete, zog er unter lauten Seufzern den wohlgeſpickten ledernen Beutel, welcher inwendig mit einem feinen Drahtgitter verſehen war, um den darin ein⸗ geſperrten Goldkinderchen jede Gelegenheit zu benehmen, durch irgend eine Oeffnung ihrer Haft zu entſchluͤpfen. Sorgfaͤltig ließ er ſie die Muſterung paſſiren, waͤhlte endlich mehrere * BVNNNNN verbogene, verblichene und unberaͤnderte aus, wog ſie nochmals bedaͤchtig auf den Fingern, ſchnippte ſie von da einzeln auf den Ladentiſch, der ſie ſogleich zu ſeinem nicht geringen Leid⸗ weſen verſchluckte, und bald darauf ertoͤnte ihm ihr letztes, leiſes Klingen im weitumfaſſenden Bauche des Unerſaͤttlichen. Es klang ihm wie Abſchiedsruf beim Scheiden eines Freundes, und gab ihm die traurige Gewißheit, daß die— Geliebten ſeinen nachſtarrenden Blicken nun 4 auf ewig entſchwunden.— Dieſer erſchuͤttern⸗ de Gedanke brach ſein weiches Herz, welches wirklich mit ſeltner Liebe und Treue an ſeinen goldnen Freunden hieng; mochten ſie ſchwer oder leicht ſeyn, er wußte jeden nach ſeinem Werthe zu ſchaͤtzen. Indem er noch ſinnend ſtand, den Beutel in der Hand wiegend, ſchien er ploͤtzlich deſſen ſeit dieſem Morgen vermin⸗ dertes Gewicht zu bemerken. Ein heimlicher Schauer durchrieſelte ſein innerſtes Mark, ha⸗ ſtig griff er nach der Uhr, legte ſie ins Futte⸗ ral, ſchob ſie ſorgfaͤltig in den nur halbgeoͤff⸗ neten Geldbeutel, verwahrte dieſen tief in der ſtarkgefuͤtterten Seitentaſche ſeines Rockes, den 95 . WAANNNN er feſt zuknoͤpfte, und winkte ſeinem alten An⸗ dreas, ſeinem einzigen Diener, der ſich auf ei⸗ ner Kiſte, welche dicht vor dem Laden ſtand, des ungewohnten, ihm auf die Seele gebunde⸗ nen Ballaſtes— in großen und kleinen Paͤck⸗ chen, Pappſchachteln, auch einer Meerkatze im Kaͤſich beſtehend— entledigt hatte, und ver⸗ puhſtend, mit weitaufgeriſſenen Augen die aus⸗ geſtellten Meßherrlichkeiten betrachtend, dabei ſtand. Den erſten Wink verſtehend, umfien⸗ gen ſeine langen, knoͤchernen Arme maſchinen⸗ maͤßig die ihm anvertraute Buͤrde, und ohne auf die haͤufigen Nippenſtoͤße, noch auf die Witzeleien alter und junger Spaßvoͤgel zu ach⸗ ten, welche abwechſelnd ihm und der Meer⸗ katze galten, hinkte er keuchend ſeinem gebie⸗ tenden Herrn nach, der mit halbgeſchloſſenem Auge— wahrſcheinlich um den Lockungen ſei⸗ ner heutigen, ſonſt nie an ihm bemerkba⸗ ren Kaufluſt zu widerſtehen— ſich eiligen Schrittes nach dem Hotel begab, worin er ge⸗ ſtern als Fremder abgeſtiegen. Kaum angekommen auf ſeinem Zimmer, warf er ſich erſchoͤpft in einen Stuhl, ließ von 1 AAAN Andreas ſeine Schaͤtze vor ſich ausbreiten, 508, eine Bleifeder hervor, numexirte jedes Stuͤck einzeln, und ſchrieb den Preiß. davon in ſein Taſchenbuch. Nummer Eins: eine lebendigen Meerkatze in einem eleganten K Käſich⸗— Zwei: eine Pappſchachtel; enthielt eine aͤchte Pariſer Ballrobe, mit ſchwerer, go ldgeſtickter Borduͤ⸗ re.— Drri: ebenfalls eine große Pappſchachtn tel mit einem gruͤnſammtnen Reitkleide, it Ah altdeutſchen Aermeln und reich mit Gold gen ſtickt.— Vier: die neue Himmelsleiter ins Paradiesgaͤrtlein, ein Erbauungsbuch fuͤr from⸗n me Chriſten; dabei ein elegantes Kude iſe mi mit. Luft gefuͤllt, angeblich direct aus Rom. Fuͤnf: eines ungluͤcklichen Juͤnglings dut ei Le besſchauer und endliche Thraͤnenaufloͤſung;: neuer empfindſamer Roman in Briefen, und dabei einen cryſtallnen, feingeſchliffenen Fla⸗ con in Gold geſuten mit lebenserweckendem Spiritus gefuͤllt. Sechs: die bewußte goldene Damenuhr.— Endlich, Nummer Siua⸗ 6 ben— „Andreas! Ungluͤcklichſter der Steblichen t 8 1 rief er leichenblaß, als er noch ein Paquet — 2 † — 97 AAAAN vermißte.„Wo iſt Nummer Sieben, die wichtigſte aller Nummern?⸗ 7 Kann's nicht ſagen!“ erwiederte dieſer trocken und ſuchte phlegmatiſch nach dem ver⸗ mißten Paquete; doch leichtfuͤßig ſprang der Cominerzienrath vom Stuhle auf, durchkreuzte mit wunderlichen Spruͤngen das ganze Zim⸗ mer, ſchoß zur Thuͤr hinaus, im Vorſaal aͤngſtlich ſpaͤhend, dann jede Treppenſtufe bis zur Hausthuͤr muſternd— doch umſonſt. Bleicher noch als vorher, zitternd, leiſe mit den Zaͤhnen knirſchend, kam er zuruͤck. Da trat ihm ruhig ſein Andreas entgegen und ſprach:„beruhigen ſie ſi ich, Herr Commerzien⸗ rath, die Nummer Sieben werd' ich wohl uoch in der Rocktaſche haben.“ „Heraus, heraus damit!“ rief dieſer, Athem ſchoͤpſend, und ſtreckte zitternd beide Haͤnde aus. Andreas ließ nicht lange warten und zog ein Paquet hervor, deſſen Inhalt gar bald das ganze Zimmer mit einem mevyhitiſchen Dufte erfuͤllte. Doch dieſes nicht bemerkend, riß es Schimmel gierig auseinander und fand darin— ſein Leibgericht, einen ganz vortreff⸗ 7 lichen Limburger Kaͤſe. Doch keineswegs durch, deſſen Anblick beruhigt, der ihm ſonſt ſein freundlichſtes Laͤcheln abnoͤthigte, warf er ihn jetzt zornentbrannt ſeinem Andreas vor die Fuͤſ⸗ 3 ſe, ſich ſelbſt aber in einen Sopha, und rief lautjammernd:„Nummer Sieben! Dreißig Lonisd'or! verloren— beraubt— gepluͤn⸗ dert! ich bin ein Kind des Todes!“ Andreas, dem bei dieſen raͤthſelhaften Er⸗ clamationen nicht wohl zu Muthe wurde, ſuch⸗ te ſeine Rerirade, bemaͤchtigte ſich jedoch mit guter Manier noch des gemißhandelten Limbur⸗ gers, ſchlich ſich leiſe damit zur Thuͤr hinaus 3 und brummte vor ſich in den Bart:„o weh!. o weh! der lieben Got tesgabe ſo verächtlich mitzuſpielen, das iſt nicht chriſtlich— und. damit's nun dem gottloſen Herrn ſo ungero⸗ chen nicht dahingehe, ſo ſoll er dich auch ſein Lebtag nicht mehr riechen!“ Eben ſchickte er ſich an, mit ſeinem Ta⸗ ſchenmeſſer ein anſehnliches Stuͤck davon ab⸗ zuſchneiden, da ſtuͤrmte der junge Doctor Froͤ⸗ lich die Treppe herauf und fragte haſtig:„Wo iſt mein Dnkenhen, mein Schimmelchen? 99 2 WAAAAN Doch mit wichtiger Miene rief ihm Andreas ein langhezogenes—„Pſt!⸗ entgegen, und lehnte ſich ſtumm und ſaͤulenaͤhnlich vor die Thuͤr ſeines Herrn, noch immer liebaͤugelnd mit ſeinem Raube. „Iſt er nicht auf ſeinem Zimmer?“ frag⸗ te der Doctor wieder, und erhielt ein leiſes:. „ja wohl!“ zur Antwort. „Nun, ſo laß mich zu ihm, Toͤlpel!“ fuhr er unwillig fort, und verſuchte handgreif⸗ lich die angewurzelte Schildwache von ihrem Poſten zu verdraͤngen; doch dieſe erwiederte kalt und verdroſſen:„Herr Doctor, laſſen Sie mich in Frieden! ich weiche und wanke nicht, denn der Herr Onkel iſt ein Kind des Todes! „Was ſagſt Du?« verſetzte dieſer uͤber⸗ raſcht—„Kerl, biſt Du raſend 2 Doch mit der groͤßten Ruhe entgegnete der treue Waͤchter: viſt mir noch nichts derglei⸗ chen arrivirt, mein Herr Doctor; aber der Herr Onkel hatten ſo eben einen hoͤchſt bedenk⸗ lichen, ſonderbaren Anſall von— Pſt!“— unterbrach er ſich ploͤtzlich und horchte an der 7* 100 AAAANAN Thuͤr.— Nach einer Pauſe fuhr er fort. „'s iſt maͤuschenſtill! jetzt wird's voruͤber ſeyn! nun gehen Sie in Gottes Namen!“ 3 In geſpannter Erwartung ſtuͤrzte der Dor⸗ tor ins Zimmer, und fand ſeinen Oheim aus⸗ geſtreckt auf dem Sopha und weinend wie ein Kind. ach „Ums Himmels Willen, lieber oheim was iſt Ihnen?“— rief er ihm entgegen. „Gut, daß Du kommſt, mein lieber Neffe,“— erhielt er, von leiſem Schluchzen unterbrochen, zur Antwort— ich bin ſehr ſchwach. Ein harter Schlag des Schickſals hat mich dermaßen zu Boden gedruͤckt, daß ich wohl an meinem Aufſtehen zweifeln moͤch⸗ te. Ich bin ein Kind des Todes lee Und kaum hatte er dieſe letzten Worte aus⸗ geſprochen, ſo ſteckte auch Andreas ſchon den Kopf zur Thuͤr herein, und rief mit trinm⸗ phirender Miene:„da, Herr Doctor, da hoͤren Sie’s ſelbſt! Hab' ich gelogen? bin ich noch raſend?“ „Eulenſpiegel!“ brummte Froͤlich verdruß⸗ lich, und wollte eben ſeinem Onkel nach dem —.ꝛ——-— —,— 104 WAA Pulſe fuͤhlen; allein es hatten an dieſem die Worte, ſo wie der Anblick ſeines Dieners, ein Wunder geuͤbt und ſeine kuͤrzlich erſt noch bezweifelte Auferſtehung ploͤtzlich bewirkt, denn mit blitzenden Augen und geballter Fauſt ſprang er nach der Thuͤr, den vorlauten Spre⸗ cher zu zuͤchtigen; doch verkuͤndigte ein lautes Gepolter auf der Treppe deſſen auf kuͤrzeſte Weiſe geſuchten Ruͤckzug, ehe er den Vorſaal erreichte. Mit zorniger Miene kehrte er zu ſeinem Neffen zuruͤck, der ſtaunend um Erklaͤrung dieſer ſeltſamen Raͤthſel bat, und nun endlich vjolgendem Aufſchluß erhielt: o„Du weißt, mein lieber Neffe,“— hub der Commerzienrath, noch immer mit klaͤgli⸗ cher Miene, ſeufzend an—„daß ich bereits vor wenigen Tagen eine Reihenfolge von ſie⸗ benmal ſieben Jahren zuruͤckgelegt habe, daß ich bis zu dieſem wichtigen Zeitpunkte ſtandhaft nallen Regungen meines Herzens Trotz geboten, weil ich feſt entſchloſſen bin, erſt in meinem neun und vierzigſten Jahre eine eheliche Ver⸗ bindung zu knuͤpfen. In dieſem fuͤr mich ſo AMVNNANNNN wichtigen Jahre geht, nach der Weiſſagung des beruͤhmten Aſtrologen Steinbock, gewiſ⸗ ſermaßen erſt die Sonne meines Gluͤches auf. Von dieſer Zeit an wird mein Leben ein im⸗ merwaͤhrender Fruͤhling ſeyn, wenn ich mich nehmlich gewiſſenhaft, dem weiſen Ausſpruche des Aſtrologen gemaͤß, verhalte. Bis auf dieſen Angenblick habe ich alle ſeine Vorſchrif⸗ ten treulich erfuͤllt, und ſtehe nun auf dem wichtigen Punkte meines Lebens, um ſieben auserwaͤhlte Jungfrauen zu freien, und die⸗ jenige zur Ehegattin auszuwaͤhlen, welche mir die uͤberzeugendſten Beweiſe ihrer Zuneigung giebt. Um nun meine Anwerbungen gewiſſer⸗ maßen einzuleiten, kaufte ich unter mancher⸗ lei Herzensſtoͤßen ſieben Geſchenke, ſinnreich gewaͤhlt und paſſend fuͤr die Lieblingsneigung einer Jeden von den Auserwaͤhlten, welche ich am beſtimmten Tage, gleich ſieben verwundenden Liebespfeilen, abzuſenden gedachte. Doch denke Dir meine Verzweiflung, als ich ſo eben jede Nummer einzeln in mein Taſchenbuch eintra⸗ gen will, und die wichtigſte aller Nummern, die Sieben fehlt— ein koſtbarer Shawl fuͤr WWAAN 4 dreißig Louisd'or! nirgends zu finden— wahr⸗ 3 ſcheinlich durch die Nachlaͤſſigkeit und Dumm⸗ heit meines ungluͤckſeligen Andreas verloren, oder geſtohlen.— Und nicht allein, daß ich dadurch eine anſehnliche Summe verloren, ſo ſcheint mir dieſer Verluſt auch eine ſchlimme Vorbedeutung fuͤr die gluͤckliche Erfuͤllung mei⸗ ner heimlichen Wuͤnſche, denn die Nummer Sieben war fuͤr die in jeder Hinſicht liebens⸗ wuͤrdige Auguſte Thalen beſtimmt, die ohnedem meinem Herzen am naͤchſten ſteht.“ „Auguſte Thalen? die Tochter der verwitt⸗ weten Raͤthin Thalen?“ fragte Froͤlich uͤber⸗ raſcht, und wagte es, als er zur Antwort er⸗ hielt:„nun ja, dieſelbe, ich kenne keine andre dieſes Namens in der Reſidenz,“ ſehr kleinlaut zu bemerken, daß dieſe ſiebenzehnjaͤhrige, bluͤ⸗ hende Auguſte doch fuͤr den alternden, neun und vierzigjaͤhrigen Herrn Oheim etwas zu jung ſey. Doch damit hatte er die Eitelkeit des Commerzienraths ſo empfindlich verwundet, daß ihm dieſer ſeine voreilige Bemerkung in einer langen, wohlgeſetzten Rede nachdruͤcklich ver⸗. wies, worin er die Ehrentitel: junger Laffe, 104 unmuͤndiges Buͤrſchchen, und dergleichen mehr, in jeder Periode als rhetoriſche Kraftausdruͤcke heraushob, ſo daß am Ende derſelben der ar⸗ me Dortor gezwungen war, ſein Unrecht ein⸗ zugeſtehen, und die ihm zwar unbekannten In⸗ gendreize ſeines Oheims doch anzuerkennen. und laut zu preißen. 1ai an u Dadurch beſaͤnftigt, Wärdigte⸗ ihn au jaßr de uaueortu der Gnade, ſich von ihm einen guten Rath ertheilen zu laſſen, wie die verſchwundne Nummer Sieben am ſchnellſteng und auf die wohlfeilſte Ant zu erſetzen ſey. Rach kurzem Beſinnen verſprach der Döctor ein paſſendes Geſchenk einzukaufen, nahm ſei⸗ nem Oheim— ohne Antwort abzuwarten die lederne Boͤrſe aus der Hand— als dieſer mit klaͤglicher„Miene die Schaar der kleinen Gefangenen uͤberblickte und zu uͤberlegen ſchien, wie viele von ihnen er wohl genoͤthigt ſey, ih⸗ rer Haft zu entlaſſen— und verſchwand da⸗ mit augenblicklich. Schimmel ſtand noch mit offnem Munde, uͤber die raſche That ſeines Reffen faſt der Beſinnung beraubt, den ſtar⸗ ren Blick auf die Thuͤr gerichtet, aus welcher er verſchwunden war, als dieſer ſchon wieder zuruͤckkehrte, einen Spitzenſchleier, eine Laute von ſeltner Guͤte und den ledernen Beutel mit dem uͤbriggebliebenen Inhalte uͤberbrachte, und gewiſſenhaft von ſeinen Ausgaben Rech⸗ nung ablegte. Mit dieſen aber war der ſelten zu befriedigende Oheim ſo zufrieden, daß er des vovigen, gewaltſamen Angriffs auf ſein Eigen⸗ thum gleichſam auf ſeine Seele— vergaß, ihm kleinlaut eine große Belohnung— ver⸗ ſprach, und nun eilig Befehl zur Abreiſe ertheil⸗ tes doch war ſein fluͤchtiger Andreas nirgends zu ſinden. Nach langem vergeblichen Suchen fand ihn endlich ein Marqueur des Hoͤtels im Brandweinkeller eines abgelegenen Seitengaͤße chens, wo er auf ſeiner Flucht eine Freiſtatt gefunden, in welcher ihm vergoͤnnt war, bei einem Glaſe DOoppelkuͤmmel ſeinen erbeute⸗ ten Limburger in Ruhe und Frieden zu verzeh⸗ ren. Mit finſtern Blicken empfieng ihn ſein Herr, als die Pferde bereits ſchon vorgeſpannt waren. Dieſer ſchien Rache zu bruͤten uͤber den durch die Nachlaͤſſigkeit des Dieners her⸗ beigefuͤhrten Verluſt des ſiebenten Paquets, und 3 406 MMNAAANMN befahl ihm jetzt mit ſchelmiſchem Laͤchen— da er ihm eine empfindliche Strafe zugedacht hat⸗ te— diesmal nicht neben dem Kutſcher zu ſitzen, ſondern auf das Packbret des Wagens zu ſteigen, waͤhrend der ganzen Reiſe den Kaͤ⸗ ſich mit der Meerkatze im Arme zu halten, und ſie mit Sorgfalt zu pflegen und zu huͤten. Seufzend, mit herabhaͤngendem Haupte, wie ein armer Suͤnder, gehorchte der Verurtheilte, und wurde gar bald gewahr, daß mit Katzen ein gefaͤhrlicher Umgang ſey. Denn die wilde Beſtie, durch das Ruͤtteln und Stoßen des Wagens gereizt und in immerwaͤhrender Be⸗ wegung, achtete wenig auf ſein freundliches Zureden, noch auf die ſuͤßen Wiegenlieder, wo⸗ mit er ſie, wie ein ungezogenes Kind, in den Schlaf zu lullen gedachte; ſondern ſtreckte ge⸗ ſchickt ihre langen Pfoten durch die Meſſing⸗ ſtaͤbe ihres Gefaͤngniſſes, und zerkratzte damit Zeſicht und Haͤnde ihres unfreiwilligen Waͤr⸗ ters dermaßen, daß er kaum noch kenntlich in der Reſidenz ankam, wo ihn auch ſogleich ei⸗ ner ſeiner Collegen ſpottend frug: ob er viel⸗ leicht jetzt bei einer gewiſſen Dame in Condi⸗ 107 Ww tion ſtehe? welche beim geringſten Verſehen— vermoͤge ihrer ſtets gewaffneten Finger— die gewoͤhnlich nichtsſagenden Geſichter ihrer Die⸗ nerſchaft mit ſehr deutlichen, geometriſchen Fi⸗ guren auszuſchmuͤcken pflegte; weshalb ſie auch allgemein in den Bedientenklubbs unter dem Namen der geſtrengen mathematiſchen Dame bekannt war. 2. 1 Als der jetzige Commerzienrath Schimmel ſeinem Vater, einem reichen Lieferanten, un⸗ zeitig geboren worden war, ſchickte dieſer ſo⸗ gleich nach ſeinem Hausfreunde, dem Aſtrolo⸗ gen Steinbock, durch den er gewoͤhnlich bei jedem vorhabenden Geſchaͤfte die Geſtirne um Rath befragen ließ, um auch wegen dieſes wichtigen Ereigniſſes den Stand der Himmels⸗ zeichen zu obferviren. Dieſer, ſogleich bereit⸗ willig, ſeinem Freunde zu dienen, durchwachte die ganze Nacht auf ſeiner Sternwarte und 108 AKMAWNNN brachte am andern Morgen dem gluͤcklichen Vater das Reſultat ſeiner Forſchungen in Ver⸗ ſen, in welche er ſeine Weiſſagungen einzuklei⸗ den gewohnt war. Die Hauptpunkte daraus lauteten fetgendermaßene 4 „Ein Knaͤblein, unettig geboren⸗ Nur ſieben Monden im Mutterſchooß⸗ Mit kleinen Augen und langen Ohren, Wird nach der Regel nie allzugroß. Doch weil dies Kindlein am ſiebenden April, Und zwar des Morgens drei Viertel auf Sieben, Das Licht erblickt, ſo ſteyt gar viel Fuͤr ſeine Zukunft am Himmel geſchrieben.“ „Vor allem ſoll er das Siebengeſtirn Zu ſeinem knftigen Fuͤhrer waͤhlen. Sein Einfluß verſpricht zwar ein kleines Gehirn, Doch große Talente zum Rechnen und Zaͤhlen. Es wirkt auf ſein Schickſal und auf ſein Leben, Die Sieben als eine heilige Zahl; Drum was er auch thut ein Gläͤck zu erſtreben, Das thu er zreſſentaft i ſiebenmal.“ .„Die Venus im Breterſcein hell und klar, Wird in der Lieb' ihn mit Ungluͤck bedenken, Drum darf er vorm ſtebenmal ſiebenden Jahr An keine Jungfrau ſein Herz verſchenken. . * 8 109 N Anch ſoll er— iſt er Randhaft geweſen, 3 3 Und bat er das wichtige Ziel erreicht— Von ſieben Jungfrauen die ſich erleſen, Die ihre Liebe am deuttichſten zeigt.“ „Dann gräͤnzt ihm der Jugend Fruͤhlingsſonne Mit ihrem ſchoͤnſten goldenen Strahl, Und gluͤcklich wird er in ewiger Wonne Sich reizen Kebenmat ſiebenmal!“ Der gieferant Schimmel achtete dieſe Weiſ⸗ ſagung ſo heilig, als ob ſie ein Ausſpruch des Pabſtes ſey, ließ ſein Siebenmonatskindlein in Baumwolle wickeln, in Malaga baden, die Waͤrme des Zimmers gleichmaͤßig nach dem Thermometer abmeſſen, und alle Vorſchriften der Aerzte aufs Gewiſſenhafteſte befolgen, um dieſen ſeinen einzigen Stammhalter am Leben zu erhalten. Dies gelang ihm auch vollkom⸗ men, und er glaubte nun ſicher dieſe ſeltene Gnade des Himmels nur allein ſeiner Ehr⸗ furcht— welche er der heiligen Zahl Sieben, beſonders bei der Taufe ſeines Kindes gezollt — zuſchreiben zu muͤſſen. Denn ſieben Pa⸗ then hatte er ſich auserwaͤhlt, ſiebenmal ſieben Gaͤſte waren nach der heiligen Handlung zur 110 NMWVUANN Kafel geladen, eben ſo viel Lichter braunten im Saale, ſieben Gerichte und ſieben Wein⸗ 3 ſorten wurden aufgetragen und ſiebenmal trank. er aus einem großen Pokale die Geſundheit ſeines Soͤhnteins, ſo daß er bald in einen Schlaf verfiel, aus dem er erſt nach ſeben vollen Stunden wieder erwachte. Der kleine Schimmel wuchs unter ſteter 9 ſergſamer Obhut wie ein zartes Treibhaus⸗ pflaͤnzchen nur ſpaͤrlich empor, ſo daß in ſeinem vier und zwanzigſten Jahre— um wel⸗ che Zeit ihm beide Eltern und ſein alter Freund und Lehrer, der Aſtrolog, durch den Tod entriſſen wurden— ſeine ganze Koͤrper⸗ laͤnge vier Fuß ſieben Zoll nach der Leipziger Elle betrug. Die Groͤße ſeines Geiſtes ſchien der ſeines Koͤrpers voͤllig angemeſſen, denn außer der Rechenkunſt, welche er vollkommen verſtand, waren ihm faſt alle uͤbrigen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften frems. In geſellſchaftli⸗ chen Zirkeln, welche er nur ſelten beſuchte, wurde er oft das Stichblatt der Witzlinge; denn ſeine ganze Unterhaltung betraf gewoͤhn⸗ lich nur ſein eignes Ich, oder unbedeutende 114 AWWANNNRN Vorfaͤlle ſeines Lebens, welche er mit Pathos erzaͤhlte und mit tragiſchen Ausrufungen und Phraſen auszuſchmuͤcken pflegte, die er aus Romanen und Comoͤdien, ſeiner einzigen Lec⸗ tuͤre, entlehnte, Durch den Tod ſeiner El⸗ tern wurde er Herr eines ſehr bedeutenden Ver⸗ moͤgens, welches er zwar mit ſeiner aͤltern Schweſter theilen mußte, doch blieb ihm ſo viel, daß er von ſeinen Intereſſen leben und ſich mit dem gekauften Titel eines Commerzien⸗ raths vor der Welt bruͤſten konnte, welches um ſo mehr geſchah, ſeitdem er zum Vormund ſeines Reffen und zum Verwalter von deſſen bedeutendem Vermoͤgen ernannt worden war, nachdem die Eltern deſſelben beide verſtorben. Froͤlichs Mutter war ſeine leibliche Schwe⸗ ſter geweſen, und hatte ihrem Bruder in den Teſtamentsverordnungen die Vormundſchaſt ih⸗ res Sohnes uͤbertragen, mit der ausdruͤcklichen Bedingung: ſich aller Vormundſchaftsrechte bis zur Verheirathung ſeines Muͤndels zu bedienen; welche Vorſchrift auch der gute Oheim im ſtreng⸗ ſten Sinne an ſeinem Neffen ausuͤbte. Denn ver hielt ihn ſo karg auf der Univerſitaͤt, daß 112 AWAANN dem jungen Manne, welcher Gharacterfeſtigkeit genug beſaß, keine leichtſinnigen Schulden zu machen, nichts aͤbrig blieb, als alle koſtſpieli⸗ gen Vergnuͤgungen zu meiden, ſich den Muſen in die Arme zu werfen, und Kenntniſſe zu⸗ ſammeln, welche ihm auch gar bald den Doc⸗ torhut erringen halfen. Doch noch weit ei⸗ pfindlicher mußte der junge Froͤlich den Druck der Oberherrſchaft ſeines zum Vormund beſtall⸗ ten Oheims empfinden; denn dieſer ſuchte nicht nur auf jede Weiſe ſeinem Verlangen nach der alleinigen Dispoſition uͤber ſein Erbtheil, ſon⸗ dern auch ſogar dem Herzen ſeines Neffen Feſ⸗ ſeln anzulegen, indem er ihn vor jeder unreifen Liebe— wie er ſich auszudruͤcken pflegte—— zu bewahren, und ihn faſt taͤglich zu uͤberreden ſuchte, ſeinem Beiſpiele zu folgen, und vor ſei⸗ nem neun und vierzigſten Jahre keine eheliche Verbindung zu ſchließen. iint 1 44 Der junge, lebensluſtige Doctor ſchien zwar vor den Augen ſeines Oheims die ihm angeleg⸗ ten Herzensfeſſeln willig zu tragen, doch kaum aus ſeiner Naͤhe entfernt, wußte er ſie geſch k abzuſtreifen, um ſeinen geheimgehaltenen Ge⸗ 443 AAAA fuͤhlen durch ihren Druck ja nicht wehe zu thun, denn er liebte bereits mit dem ganzen Feuer der Ingend ein liebenswuͤrdiges Maͤdchen, welches ſeine Empfindungen theilte und erwie⸗ derte. Doch leider blieb ihnen nur wenig Hoff⸗ nung zu einer naͤhern Verbindung, da voraus⸗ zuſehen war, ondaß der goldliebende Oheim eine Verheirathung ſeines Neffen, um deſſen Ver⸗ moͤgen ſo langegals moͤglich verwalten zu koͤn⸗ nen, gaͤnzlich hintertreiben, oder doch wenig⸗ ſtaus, nach ſeinem eignen Beiſpiele, noch Jah⸗ re glang verzoͤgern wuͤrde. Bei den ſeltſamen Vorbereitungen, welche der Commerzienrath zu ſeiner Brautwahl getroffen, konnte Froͤlich ſich anfangs kaum des Lachens erwehren; doch als ihm dieſer jetzt ſeine geheime Neigung anver⸗ traute, uͤberſiel ihn eine peinliche Herzensangſt, denn jene Auguſto Thalen, welcher ſein Oheim den erſten Preiß zuerkannte, war es, die ſei⸗ nem Herzen ſo unendlich thener war. Eine qualenvolle Unruhe verdraͤngte ſeinen ſonſt im⸗ mer froͤhlichen Sinn und machte ihm ſeinen erzuſchvollen Aufenthalt, verhaßt. Nach kur⸗ zer Ueberlegung beſchloß er, zu ſeiner geliebten 8 114 AMAVUWN Anguſte zu eilen und ſie von der Gefahr zu benachrichtigen, welche ihrer Liebe Verderben drohte. Ohne Saͤumen beſtieg er den raſcheſten Miethgaul, der nur aufzutreiben war, und ſtog, ſeinem Oheim offne Fehde verkuͤndigend⸗ nach der Reſidenz⸗ i 5 3. Daſelbſt kaum angekommen, eilte er nach der Wohnung der Raͤthin Thalen, und trat, im Drange ſeines Herzens allen Anſtand ver⸗ geſſend, ohne ſich anmelden zu laſſen, in Au⸗ guſtens Zimmer. Es war daſſelbe, worin er ſchon ſo oft verweilte, die langen Winteraben⸗ de mit der Geliebten und deren wuͤrdiger Mut⸗ ter durch heitre Scherze und froͤhliche Unter⸗ haltung zu Minuten kuͤrzte.— Sie war es ſelbſt, die jetzt ihm hier entgegenkam; ſein Au⸗ ge konnte ja nicht truͤgen, denn feſter als ſein eignes, hatte er in ſeiner Phantaſie ihr Bild⸗ niß aufgefaßt. Die ſanfte Milde, die reinſte Unſchuld, und tieſverborgen— doch helebend wie ein fluͤchtiger Lichtſtrahl, der das zarte Him⸗ melsblau durchblitzt— die loſe Schelmerei, er⸗ glaͤnzten noch wie ſonſt im Spiegel ihres Au⸗ gesz doch Befremdung, faſt leiſen Unwillen ſprachen ihre Mienen deutlich aus, als ſie ſich fremd verbeugend, ihm entgegen trat. Das Ueberwallen ſeiner Empfindungen beim Anblik⸗ ke ihrer wirklich reizenden Geſtalt ließ nicht die Ahnung eines Zweifels keimen, und weit entfernt, in dieſem Augenblicke ſeinen Geiſt mit der Entraͤthſelung ihres freilich uͤberraſchenden Benehmens zu beſchaͤftigen, ergriff er ihre Hand, ſie feurig kuͤſſend, und druͤckte ſanft ſie an ſein Herz, mit einem ſprechenden Blicke leiſen Vorwurf deutend. Doch um ſo mehr ſchien auch in ihrem Auge Verwunderung ſich anszuſprechen, als ſie, ihm ihre Hand entzie⸗ hend, die abgebrochnen Worte ſprach:„mein Herr! ich kann mich nicht entſinnen—“ „Ich bitte dringend, nur in dieſem Augen⸗ blicke keinen Scherze— fiel Froͤlich faſt ge⸗ kraͤnkt ihr ein—„bei Ihrem Anblicke ſchwand mir augenblicklich der quaͤlende Gedanke der 8 X . 4146 AAVANAN Gefahr die unſrer Liebe droht, der unaufßal. ſam mich hierhergetrieben; doch wie ein Schreck bild draͤngt er ſich auch von neuem ein in mei⸗ ne Sarle⸗ wenn ich in Ihrer Miene die Kaͤl⸗ te, die Befemduna leſe, die ihr Herz, fuͤhlt es dem meinigen gleich, doch nur erkuͤnſtelt.— „ ich lehe Sie ſo unausſprechlich! koͤnnten Sie=4 „Sie ſehen mich uͤberraſcht durch Ihre ſon⸗ Anrede, indem ich derſiihers 9, 1 mich nicht entſinnen kann, Sie jemals zu haben, und ich moͤchte faſt zuͤrnen, 15 S 3 mich ſo unvorbereitet mit einer Liebeserklaͤrung 9 beſtuͤrmen, die ich mir bis jetzt noch nicht zu inl. deuten weiß, die aber wahrſchei ich einer? digern beſtimmt war—“ erh ielt er zur Ant⸗ wort, und war bereits durch dieſe Erwiederung ſo außer Faſſung gebracht, daß er lautlos die Sprechende anſtarrte. Dieſe blickte jetzt freund⸗ licher bald auf ihn, bald nach der Thuͤr; der Ernſt auf ihrer Stirn ſchien gaͤnzlich entſchwun⸗ den, ein ſanftes Laͤcheln ſchwebte auf ihren Lippen, und ehe Froͤlich noch es wagte, ſeinen „ 7 3.2. Arer 4 fragenden Blick von ihrem Antlitze zu wenden, — 3 1 —— — an Fulle wie an Farbeng wachter Sonnenſtrahl entfaltet. Und wie beim 117 AAAAA fählte er einen leiſen Schlag auf ſeiner Schul⸗ ter, der ploͤtzlich, wie electriſch, ſeine Erſtar⸗ rung loͤſte. Doch von neuem fuͤhlte er ſich wie durch Zauberkraft gebannt, als er ſchnell einige Schritte zuruͤcktrat und jetzt in lebendi⸗ ger Wirklichkeit Auguſtens Bild mit allen ſei⸗ nen Reizen zum zweiten Male erblickte. Bei⸗ de ſtanden jetzt vor ihm in vertraulicher Um⸗ armung, und glichen ſo dem engverſchlungenen Roſenpaare, einem Zweige entkeimt, das gleich pracht, ein kaum er⸗ Anblicke eines taͤuſchenden Naturſpiels, das die Sinne ſeſſelt, nur Blick und Mienen der Em⸗ pfindung Sprache laut verkuͤnden, ſo ſtand auch Froͤlich ſtaunend, unbeweglich vor dem lieblichen Zauberbilde, fuͤrchtend, durch ſeines lthems Hauch es aufzuloͤſen in ſluͤchtigen Ne⸗ belduft. Doch freundlich laͤchelnd, in klarer Wirklichkeit kam ihm Auguſte ſelbſt entgegen und legte ſanft die Hand auf ſeine kalte Stirn und fragte ihn ſcherzend:„ob ihn ein Phan⸗ tom erſchrecke?“ Da ſchien es end dlich, als ob die Feſſeln ſeiner Sinne weichen woll ten, und 118 mit dem erſten freien Athemzuge wagte er es uh⸗ durch ein aus tiefſter Bruſt heraufgehol⸗ „Ah!⸗ die Wiederkehr der unterm Druck de ſtarren Staunens faſt erſtorbnen Sorache laut zu verkuͤnden.. „Ah!— mein Herr Doctor!“— rief ihm Auguſte, mit komiſcher Gebehrde ſeine Ver⸗ wunderung nachahmend, zu.„Freilich iſt es hoͤchſt wunderbar, wenn man ſein Braͤutchen am hellen Tage, wie in einem Zauberſpiegel, doppelt vor ſich ſieht, und mit geſunden Angen doch nicht unterſcheiden kann, welche von bei⸗ den das ins Herz gefaßte Original, und welche die Trug⸗ oder Scheinbraut ſey? Beruͤhigen Sie ſich, mein Beſter, wir ſind beide Origi⸗ nalbraͤute; ich ſchmeichle mir, fuͤr mich zum immerwaͤhrenden und alleinigen Beſitzthum im tiefſten Innern Ihres Buſens einen Heerſcher⸗ thron errichtet zu haben, und hier, mein mir ſo taͤuſchend gleich gebildetes Ich, erfreut ſich nicht minder eines Fuͤrſtenſitzes im Herzen ei⸗ nes jungen Mannes, der Ihnen wahrlich faſt in jeder Hinſicht zu vergleichen ſteht.“ 119 A „Alſo ſind Sie wirklich—e ſtammelte Fro⸗ 3. ſich nach und nach erholend— 4 e„Auguſte Thalen, Ihre Braut vor Gott und Jedermann, dem daran gelegen, es zu wiſſen“— ward ihm zur Antwort, eh' er noch vollendet.„Oder ſollte dieſes aufrichtige Ge⸗ ſtaͤndniß nicht vermoͤgend ſeyn, Ihre Zweifel zu loͤſen* fuhr die Sprecherin mit heitrer Laune fort„ſo erblicken Sie hier in mei⸗ nem Ebenbillde allerdings einen weſentlichen Theil meines werthen Ichs— meine geliebte Zwillingsſchweſter Florentine, die ſchon ſeit ih⸗ rem ſechſten Jahre, fern von uns, in einer Penſionsanſtalt erzogen wurde, und erſt geſtern 1 wieder als eine nach den treflichſten Regeln der Paͤdagogik gebildete Jungfrau bei uns ein⸗ traf, der Sie wahrſcheinlich im Fieberparoxis⸗ mus vor wenigen Minuten eine Liebeserklaͤrung zukommen ließen, die ich aber, mich auf aͤltere Anſpruͤche berufend, ſogleich zuruͤckbegehre, und Ihnen zugleich als wohlverdiente Strafe zuer⸗ kenne, mein Schweſterchen wegen Ihres vorei⸗ ligen Betragens demuͤthig um Verzeihung zu bitten.“ 120 ANVNAN „Mit Frenden unterwerf ich mich dem rich⸗ rlichen Ausſpruche meiner Gebieterin“— ent⸗ gegnete Froͤlich, heiter ſich zu Florentinen wen⸗ dend—„und die mir zuerkannte Strafe wird mir. zur ſuͤßen Pflicht, indem ſie mir zugleich das Gluͤck bereitet, Ihnen meine Hochachtung bezeigen zu duͤrfen. In Ihrem Auge ſpricht die Milde ſich unverkennhar aus, wie koͤnnten Sie mir zuͤrnen? Ihr holdes Lacheln deutet mir Verzeihung, und nur der Wunſch ſchwebt ſchuͤchtern noch auf meinen Lippen, daß Sie mich einſt wuͤrdig finden moͤgen, in den Kreis⸗ Ihrer mir ſo theuern Familie anfgenommen zu⸗ werden.“ 7 „Den Wunſch kann ich ſchon jetzt erfuͤl⸗ len“— erwiederte ihm Florentine—„denn 3 ehe ich Sie geſehen, erhielt ich ſchon ein ge⸗ treues Seelenbild von Ihnen, wobei der aͤuſ⸗ ſern Huͤlle nicht vergeſſen ward, das keineswegs zu Ihrem Nachtheil— „Still, ſtill! nicht plandern, Kind!e fiel ihr Auguſte ſchnell ins Wort—„der junge Mann wird ſtolz! die Zeit und ſein Betragen muͤſſen's lehren, ob meine Schilderung treu — 121 NVANN geweſen. Uebrigens, mein junger Herr, kom⸗ men Sie heute noch ſo ziemlich wohlfeilen Kauſs davon, denn ich hatte auf unſre taͤu⸗ ſchende Aehnlichkeit bauend— welche ich wohl⸗ weislich bis jetzt verſchwieg, wenn ich mit Ihnen von der entfernten Schweſter ſprach— mir einen koͤſtlichen Spaß ausgeſonnen, wor⸗ in Sie die Ehre haben ſollten, als Hauptper⸗ ſon zu figuriren; aber leider haben Sie mir meine Freude durch Ihr Geradezuſtuͤrmen recht garſtig verdorben. Ich hoͤre im Vorſaal Ihre Stimme, ich trane meinen Ohren kaum, oͤff⸗ ne leiſe die Thuͤr, gebe meiner Schweſter ein Zeichen, mich nicht zu verrathen, und belauſch⸗ te ſo Ihre wirklich komiſche Situation— in welcher ich Sie trenlich abzukonterfeien mir nicht verſagen kann, damit ich in Zukunft in den unvermeidlichen, langweiligen Eheſtands⸗ pauſen Stoff zum Lachen, Sie aber ein paſ⸗ ſendes Titelkupfer gewinnen, wenn es Ih⸗ nen vielleicht einfallen ſollte, ein Werkchen uͤber die Starrſucht zu ſchreiben.— Jetzt aber genng des Scherzes, und nun ein ern⸗ ſtes Wort.— Was vermochte Sie, ſo ploͤtzlich WANNN aus dem Kreiſe Ihrer Muſen zu entflie⸗ hen? aum „Mein Oheim, der auf meiner ganzen Le⸗ bensbahn wie ein feindlicher Schatten jeden freundlichen Sterneuſchimmer, der meiner Ju⸗ gend laͤchelte, mit Nacht bedeckte,—“ erwieder⸗ te Froͤhlich ernſt—„droht mir auch jetzt, im ſtillverborgenen Garten meiner Hoffnungsbluͤ⸗ then die ſchoͤnſte Kuospe zu brechen, mit die⸗ ſem Raube meiner Wuͤnſche Saat ins fruͤhe Grab zu ſtuͤrzen. Irgend ein feindlicher Daͤ⸗ mon hat ſein Herz mit Liebe erfuͤllt, und zwar zu Ihnen, theuerſte Auguſte. Seinem thoͤrigten Aberglauben treu zu ſcheinen, wird er unter ſieben Jungfrauen eine Braut erwaͤh⸗ len; doch hat ſein Herz die Wahl bereits ge⸗ troffen, denn er geſtand mir ſelbſt, daß Ihnen nur allein der Vorzug gebuͤhre vor allen ſeinen Auserwaͤhlten.“ „Und das ſtimmt Sie ſo ernſt und feier⸗ lich—“ verſetzte Auguſte lachend—„das iſt mir eben recht!— Sie haben durch Ihr ploͤtzliches Eeſcheinen meiner Laune fein durch⸗ dachtes Spiel geſtoͤrt, an ihm ſoll es von 123 MANNN nenem nun beginnen. Wohl iſt es wahr, es wird uns niemand um den Nuhm beneiden, an Ihrem Oheim unſern Witz geuͤbt zu haben, doch ſeine thoͤrigte Eigenliebe verdient Zuͤch⸗ tigung; deshalb ſey ohne Gnade das Urrtheil . uͤber ihn geſprochen, das unſern Pfeilen ihn Preiß giebt. Uebrigens bernhigen Sie ſich, tieber Karl, und nehmen Sie dieſen Kuß zum Pfande meiner ewigen Treue. Jetzt kom⸗ men Sie zu meiner Mutter, daß wir ſie un⸗ terrichten von Ihres Oheims laͤcherlichem Vor⸗ haben und um ihren Beiſtand flehen.“ nn Ein ſeuriger Kuß brannte auf Froͤlichs Wangen, und neubelebt folgte er mit Floren⸗ tinen der geliebten Fuͤhrerin. 4. Im ſeidenen Schlafrocke ſaß der Commer⸗ zienrath Schimmel, und vor ihm lagen ſaͤmmt⸗ liche Geſchenke ausgebreitet, die er zu couver⸗ tiren und zu verſiegeln beſchaͤftigt war, um ſie dann mit den nothigen Addreſſen zu vet⸗ ſehen. Endlich hatte er vollendet und mit der letzten Aufſchrift ſchien auch der letzte Seufzer ſich von ſeinem Herzen loszuwinden, denn ge⸗ ſchaͤfti mit der heiterſten Miene deren ſein aͤftig,„ Antlitz nur faͤhig war beaͤngelte er mit einer Lorgnette bewaffnet, ſedes einzelne Paquet, bis auch die Reihe der M duſterungen die verhaͤng⸗ nißvolle Nummer Sieben traf. Die Laute und den Spitzenſchleier konnte er unmoͤglich zuſammen in ein Couvert verbergen; er hatie daher fuͤr erſtere ein elegantes Futteral fertigen laſſen, deſſen rothe Maroquinbegleitung ihm jedoch nicht zu geſtatten ſchien, eine Addreſſe darauf zu ſchreiben, weshalb er jetzt ſinnend davor ſtehen blieb und uͤberlegend zu ſich ſelbſt ſprach:„Wie ſoll ich dich, du theurer Verraͤ⸗ ther meiner heim lichen Gefuͤhle, der ſinnigen, hehren Jungfrau uͤberfenden, die mein Herz in Feſſeln ſchlug? Ob ſich die himmliſche Au⸗ guſte meiner wohl fleißig erinnert? Wie ſollte ſie nicht; ſprach ſie doch vor acht Tagen, als ich im Park mit ihr zuſammentraf, ſo liebreich, ſo gleichſam ſcherzendet Weiſe mit 125 WMAAAAN mir, wohl fuͤnf Minuten lang? Barg ſie nicht die Roſe, die ich ihr damals ſchuͤchtern uͤberreichte, in ihr Buſentuch, und belohnte mich dafuͤr mit einem unbeſchreiblichen Blicke? Und als beim letzten Thee, den die Frau Hof⸗ marſchallin gab, im Pfaͤnderſpiel der dicke Jagdjunker zur Ausloͤſung meines Pfandes mir auferlegte, einer Dame der Geſellſchaft diejenige Ehrenbezeigung zu erweiſen, die nur dem Pabſte gebuͤhrt, gab ſie mir unaufgefor⸗ dert mit ihrem Roſenfinger einen Wink, deute⸗ te voll hoher Grandezza auf ihr niedliches Fuͤßchen und vergoͤnnte mir einen heißen Kuß auf die ſeidene Spitze ihres meiſterhaft geform⸗ ten Pariſer Schuhes zu druͤcken. Wie koͤnnte ſie wohl jemals dieſen Kuß vergeſſen, da ich beinahe meine ganze Seele darin aushauchte! O nein! ſie denket mein gewiß, im Wachen wie im Traume.— Wie, wenn ich ihr zu⸗ gleich ein Briefchen ſendete, oder gar— o, ich moͤchte mich kuͤſſen fuͤr den herrlichen Gedanken — gar Verſe? ja, Verſe, und gereimte Verſe, die ſie entzuͤcken ſollen!— So ſteh' ich de in am laͤngſterfehnten Ziele, das mir die hoͤchſte Wonne bietet!— Da liegen ſie vor m ir, die ſieben Amorspfeile, die das Thor des Paradie⸗ ſes mir oͤffnen ſollen, zum eiligen Fluge bereit, um ſieben jungfraͤuliche Herzen toͤdtlich zu ver⸗ wunden. O du vor allen, du geliebter Sie⸗ bender, dich will ich mit der Dichtkunſt hohem Geiſt noch ſchaͤrfen, damit du tief und ſicher triffſt dein auserwaͤhltes Opfer. Ja, ich will grauſam ſeyn, obſchon mein Herz derblu⸗ tet! 14⁶ 3 Nach dieſem Monologe Rtlingelte er ſeinen Diener, um ohne Erbarmen mit Verſendung der verwundenden Geſchoſſe zu beginnen, und gleich dem aufgeſpannten Bogen, ſtand An⸗ dreas— azu Folge ſeines Sitzes auf dem Packbrete— mit gekruͤmmtem Ruͤcken vor ihm, die langen Arme ſchlaff herabhaͤngend, daß die aͤußerſten Fingerſpitzen ſeine Knie beruͤhrten, und ſchien, tief ſeufzend, in dieſer Stellung die Auflegung des erſten Pfeiles zu erwarten. Als er aber dieſen erſten Liebespfeil in Geſtalt der ungebehrdigen Meerkatze— welche ebenfalls ohne Couvert ſich frei in ihrem Kaͤſiche beweg⸗ ie— jietzt in den Haͤnden ſeines Herrn dicht 127 WMNVN vor ſich erblickte, da ſchnellte noch vor Em⸗ pfang der Ladung ſein ganzer Koͤrper in mehr als ſenkrechter Richtung zuruͤck, und mit offe⸗ nem Munde und verzerrter Miene ſeines ge⸗ zeichneten Geſichts ſtarrte er die Bringerin der bittern Schmerzen an, welche ihn mit einem durchdringenden Geſchrei bewillkommte und ihn mit der vorgeſtreckten Pfote zu drohen ſchien. Endlich, als er ſich ſo weit von ſeinem Schrek⸗ ken erholt, daß er zu der Ueberzengung gelan⸗ gen konnte, jede Proteſtation ſey hier unnuͤtz, bat er nur noch wehmuͤthig um die Verguͤnſti⸗ gung, ſich mit Pelzhandſchuhen verſehen und die Muͤtze uͤber die Ohren herabziehen zu duͤr⸗ fen, was ihm auch geſtattet wurde. So ge⸗ waffnet, zum Ueberfluſſe noch den Kragen ſei⸗ nes Rockes aufgekraͤmpt, um ſeine Wangen gegen jede feindliche Annaͤherung zu ſchuͤtzen, wanderte er aͤchzend mit dem Kaͤſiche auf die Straße, daß nichts ſein menſchliches Antlitz verrieth, als ſeine kleinen grauen Augen, die dunpeilen ſcheu und giftig nach der Pfiesbofohl⸗ nen heruͤberblinzelten, welche ſich jetzt, 8 jede Gelegenheit benommen war, ihr ——õÿõÿõÿõÿäõ— 128 MWANAAN reien an ihm auszuuͤben, damit begnuͤgte, durch ihr Geſchrei und ihre ſeltens Fertigkeit im Gen ſichterſchneiden die Augen der Voruͤbergehen⸗ den auf ſich und ihren maskirten, Traͤger zu 7 3.. lenken. 4 4 Gilen: Der Commerzienrath aber ſchnitt ſieben Fe⸗ dern, legte ſieben Bogen hollaͤndiſches Papien auf ſeinen Schreibtiſch, welchen er noch auf⸗ ſerdem mit mehreren Vaſen voll duftender Blu⸗ men belaſtete, ließ die Ronleaux herab, ver⸗ ſchloß die Thuͤr, nahm eine Priſe Spanioh und ſchickte ſich nach dieſen Vorbereitungen mit ſeiner wichtigſten Miene zum Dichten. an. 1 198 5. Betty Murner war die einzige hinterlaſſene Tochter eines Steuerraths, welcher zufrieden mit ſich ſelbſt und der ganzen Welt, von ſei⸗ nem Vermoͤgen lebte, und da niemand, unge⸗ achtet ſeines Titels, einen Rath von ihm be⸗ gehrie— deſſen Ertheilung ihm allerdings Muͤhe und Zeit gekoſtet haben wuͤrde, indem er ſich wenig um das Steuerweſen bekuͤmmer⸗ to ſo blieb ihm die Eintheilung ſeiner Le⸗ benstage gaͤnzlich ſelbſt uͤberlaſſen. So wie faſt alle dergleichen Menſchen, welche den groͤßten Theil ihrer Lebenszeit ſorglos im Schlafrocke zubrin⸗ gen) ſich eine Lieblingsbeſchaͤftigung als Reme⸗ dium gegen die Langeweile erwaͤhlen, ſo hatte ſich auch der Steuerrath ein ganz artiges Steckenpferdchen zugelegt, das ihm oftmals un⸗ endliches Vergnuͤgen gewaͤhrte.— Kanarien⸗ vögel, Dompfaffen, Zeiſige, Elſtern, Papa⸗ geien, Hunde verſchiedener Gattung, Katzen von ſeltener Groͤße und Farbe, geſtalteten im ſonderbarſten Gemiſch ſeine Umgebungen, und gewaͤhrten ihm die trefflichſte Unterhaltung. Seinen Voͤgeln lehrte er die neueſten Melodien pfeifen und die witzigſten Einfaͤlle ſprechen mit gelaͤnfiger Zunge, ſeine Hunde wurden in militairiſchen Exereitien und equilibriſtiſchen Kuͤnſten geuͤbt, ſelbſt ſeinen Katzen hatte er einen Contretanz einſtudirt, den ſie auch, von ihrer eignen, abentheuerlichen Vocalmuſik be⸗ 4 9 . 130 WAVNN gleitet, geſchickt genug ausfuͤhrten. So ge⸗ waͤhrten ihm ſeine Zoͤglinge die abwechſelndſte Unterhaltung, und durch die immerwaͤhrende Beſchaͤftigung mit ihnen hatte er ſie alle ſo unendlich lieb gewonnen, daß ihm jedesmal beim Tode eines derſelben die Thraͤnen ſtrom⸗ weiſe uͤber die Wangen herabrollten. War es daher wohl zu verwundern, wenn ſeine Tochter Betty von ihrer Kindheit au die Lieblingsnei⸗ gung ihres Vaters eingeſogen und ſchon in ih⸗ rem zehnten Jahre ſein Steckenpferdchen eben⸗ falls zu reiten begehrte? Ihrem Wunſche zu genuͤgen, uͤbergab er einige ſeiner gelehrigſten Schuͤler ihrer beſondern Leitung, und bald ſah ſie ihre ſtets rege Sorgſamkeit, ihre muͤhevol⸗ len Anſtrengungen als Lehrmeiſterin mit dem gluͤcklichſten Erfolge gekroͤnt. Ihre eigene Er⸗ ziehung uͤberließ der Steuerrath— da der Tochter Geburt den Tod ſeiner Gattin veran⸗ laßt hatte— einem alten Magiſter, ſeinem einzigen Hausfreunde, und einer alten Haushaͤl⸗ terin, welche ſich gemeinſchaftlich nach Kraͤften bemuͤhten, ihre Weisheitsſchaͤtze der kleinen Betty mitzutheilen. So wuchs ſie zur Jung⸗ —— N 8 MAAA frau empor, zufrieden mit ihrem Wiſſen, das ihren Geiſt eben nicht allzuſehr belaſtete, und hatte kuͤrzlich bereits den vier und zwanzigſten Sommer erlebt, als ihr Vater an Alterſchwaͤ⸗ che, friedlich und ſanft, mitten unter ſeinen gefluͤgelten und vierfuͤßigen Lieblingsgeſchoͤpfen verſchied. Sein alter, treuer Pudel, der ge⸗ ſchickteſte ſeiner Zoͤglinge, erhob ein klaͤgliches Gewinſel, als man ſeine Leiche zum Hauſe hinaustrug, und folgte Schritt vor Schritt, mit tief herabgeſenktem Haupte, dem Trauerzu⸗ ge. Selbſt ſein Papagei, der ſchon ſeit eini⸗ gen Tagen ſeinen freundlichen Waͤrter vermißt, hatte ſich von ſeiner Kette losgemacht, war unbeachtet bis ans offene Fenſter gelangt, nahm im raſchen Fluge ſeinen Weg zum Friedhofe, der nur wenige Schritte vom Hauſe entfernt lag und rief dort, zur allgemeinen Verwunderung der Leidtragenden, ſein:„gute Nacht, Herr Steuerrath!“ dem Abgeſchiedenen in die finſtere Grube nach, welche Worte ihm der Selige in ſeinen letzten Lebenstagen erſt noch einſtudirt. 9* 132 MWMAVVWNM Betty lebte nun ſtill und eingezogen, als alleinige Erbin eines anſehnlichen Vermoͤgens und der hinterlaſſenen Menagerie, welcher ſie ſich nun ſeit dem Hinſcheiden ihres Vaters faſt gaͤnzlich widmete. Nur zuweilen erhielt ſie Beſuch von einigen vertrauten Freundinnen, welche ihr die Nothwendigkeit zu heirathen mit ſo triftigen Gruͤnden bewieſen, daß ſie nicht umhin konnte, ihren Worten voͤlligen Glauben beizumeſſen. Die Liebe war bisher ihrem Her⸗ zen fremd geblieben, denn in den wenigen Ge⸗ ſellſchaften, die ſie beſuchte, traf ſie wohl oͤfters mit jungen Maͤnnern zuſammen, die ihr fluͤch⸗ tige Schmeicheleien ſagten, doch hoͤrte ſie auch ihre leiſen Spottereien uͤber ihre Lieblingsbe⸗ ſchaͤftigung, die ſie gewoͤhnlich zum Gegenſtand ihrer Unterhaltung waͤhlte. Deshalb floh ſie auch das ganze maͤnnliche Geſchlecht als ein flatterhaftes, und erklaͤrte es groͤßtentheils unfaͤhig zu einem befreundeten Umgange mit ihren Lieblingsgeſchoͤpfen. In einer dieſer Geſellſchaften war auch der Commerzienrath Schimmel zugegen, welcher ſehr erfreut ſchien, ihre Bekanntſchaft zu ma⸗ 433 AAAAAAN chen, ſich faſt ausſchließlich nur mit ihr unter⸗ hielt, und mit einer Weitlaͤufigkeit und Uner⸗ ſchoͤpflichkeit von ſeinem Kanarienvogel ſprach, der den Nachtigallenſchlag taͤuſchend nachahmen ſollte, daß ihm dafuͤr ein hoher Grad ihres Wohlwollens zu Theil wurde, denn er erhielt, nachdem ihr Lieblingsthema zur Genuͤge abge⸗ handelt war, die Erlaubniß, ihr ſeinen Beſuch abſtatten zu duͤrfen, um ſich ſelbſt von den ſelt⸗ nen Talenten ihrer Scholaren zu uͤberzeugen. Der Commerzienrath benutzte dieſe Erlaubniß ſchon am andern Morgen, und konnte nicht Worte genug finden, ſeine Bewunderung uͤber die gelehrigen Schuͤler und die gelehrte Lehrerin auszuͤdruͤcken. Da er ſeine Beſuche, ſo oft es der Anſtand erlaubte, wiederholte, ihr auch ein Bologneſerhuͤndchen von ſeltner kleiner und ſehr zarter Geſtalt zum Praͤſent machte, von wel⸗ chem er behauptete, daß es beſondre Anlage zum Geſang beſitze, ſo wurde nach und nach der Wunſch in ihrem Herzen rege, daß er ſich geneigt fuͤhlen moͤchte, ſich ernſtlicher um ſie zu bewerben. Es ſchien, als ſollte ihr Wunſch in Erfuͤllung gehen, denn bei ſeinem letzten Be⸗ 134 . MWMAN ſuche, den er ihr vor ſeiner Abreiſe nach Leip⸗ zig abſtattete, hielt er eine feierliche Rede uͤber den Eheſtand, gab nicht undeutlich zu verſte⸗ hen, daß er ſelbſt auf dem Punkte ſtehe, ſich 4 zu verheirathen, daß er auch bereits ein We⸗ ſen gefunden, das ſein ganzes Herz mit Liebe erfuͤllt, wobei er ihr einige bedeutende Blicke zuwarf; doch, ſchloß er, muß ich die Wahl ei⸗ ner Gattin ganz dem Willen meines Schickſals uͤberlaſſen. Betty verſtand ihn zwar nicht ganz, doch fuͤhlte ſie ſich geneigt, ſein offnes Herzensbekenntniß auf ſich zu beziehen, und 8 harrte daher von Tage zu Tage auf eine naͤhe⸗ re Erklaͤrung. Mehr als jemals beſchaͤftigte ſie ſich jetzt mit ihrem Bologneſer, und bemuͤhte ſich ernſtlich, ſein geprieſenes Talent, welches bisher noch zu ſchlummern ſchien, aufzuwecken. 85 . Stundenlang ſaß ſie mit ihm auf dem Sopha, ſang ihm unermuͤdet die Scala vor, und wenn er dann unter ihren ſchmeichelnden Haͤnden ei⸗ nige Toͤne von ſich gab, ſchien ſie entzuͤckt, und gieng nun in ihrem Eifer, einen vortreff⸗ lichen Saͤnger aus ihm zu bilden, ſogleich zu ganzen Melodien uͤber. Doch obgleich ſie ihm 4 46 135 AHAAAAAN auch heute ſchon zu verſchiednen Malen das einfache Liedchen:„Suͤßer, kleiner Gott der Liebe, lindre meines Herzens Pein u. ſ. w.“ vorgeſungen hatte, ſo ſchien er doch nicht im geringſten aufgelegt, ſich auch nur mit dem Treffen eines einzigen Tones bemuͤhen zu wol⸗ len, ſondern ſchuͤttelte gaͤhnend ſein weißes Lok⸗ kenkoͤpſchen, ſtreckte, ſich dehnend, ſeine Pfoͤt⸗ chen von ſich, und hoͤrte gelaſſen, mit halbge⸗ ſchloßnem Auge, dem Geſange ſeiner Pflegerin zu, welche endlich, durch ein Geraͤuſch im Vor⸗ ſaal unterbrochen, ihre Lectionen fuͤr dieſes Mal aufgab. Als ſie die Thuͤr oͤffnete, fuhr ſie er⸗ ſchrocken zuruͤck, denn wie ein unheimliches Nachtgeſpenſt ſtand der vermummte Andreas auf der dunkeln Hausflur, mit weit hinausge⸗ ſtreckten Armen den Kaͤſich mit der Meerkatze vor ſich haltend, von Hunden und Katzen um⸗ geben, welche den Einzug der neuangekomme⸗ nen Penſionaͤrin durch ein ſchauerliches Concert zu verherrlichen ſuchten. Nachdem Betty ihre Zoͤglinge zur Ruhe verwieſen, und die Schrek⸗ kensgeſtalt naͤher betrachtet, gelangte auch der erſtaunte Andreas nach und nach zur Beſin⸗ 136 nung, richtete eilig ſeinen Auftrag aus, ſetzte haſtig den Kaͤſich auf die Dielen, und entfern⸗ te ſich ſchnell, mit ſcheuen Blicken auf die ſon⸗ derbare Geſellſchaft, welche ihn knurrend und ſchnurrend bis zur Thuͤr begleitete. Durch das Geſchenk des Commerzienraths waren Betty's kuͤhnſte Wuͤnſche uͤbertroffen, denn von dem Beſitze einer Meerkatze hatte ſie — als von dem hoͤchſten Gute, das ſie jemals erlangen koͤnnte— bisher nur zu traͤumen ge⸗ wagt, da ſie nie Gelegenheit gehabt, auch durch die hoͤchſten Gebote ein ſolches Thier in ihr Inſtitut einzufuͤhren. Daher wurde jetzt anch ploͤtzlich, durch die zarte Aufmerkſamkeit ihres Freundes, der Liebesfunke, der fuͤr ihn in ih⸗ rem Herzen glimmte, zur vollen Flamme ange⸗ facht. Mit ungeſtuͤmer Freude druͤckte ſie den Kaͤſich mit der Meerkatze und den Bologneſer an ihren Buſen, und rief entzuͤckt:„Ja, mein einziger Freund, ich habe Dich verſtanden! die⸗ ſe theuren Buͤrgen ſprechen fuͤr Dich! Das Schickſal hat durch gleiche Neigung uns ver⸗ eint, und ewig— ewig nenn' ich mich die Deine!⸗ 1 1 2 * Selbſtgefaͤllig ihre Taille bewundernd, ſigu⸗ rirte Julie Almer vor ihrem Spiegel, angethan mit dem Pariſer Ballkleide, welches ihr der Commerzienrath erſt vor wenig Minuten uͤber⸗ ſendet. Durch einige kuͤhne Balletſpruͤnge ſuch⸗ te ſie ihre Freude uͤber dieſes ihr ſo theure Ge⸗ ſchenk an den Tag zu legen, und wonnebe⸗ rauſcht ſchien ihr Geiſt vom ſuͤßen Vorgefuͤhle der, ihrer auf dem naͤchſten Balle mit Gewiß⸗ heit harrenden Beifalls⸗ und Bewunderungs⸗ bezeigungen der eleganten Maͤnnerwelt, welcher das Gluͤck zu Theil werden ſollte, ſie in dieſem Feengewande zu erblicken. Obgleich der Spie⸗ gel ihr liebſter Freund war, ſo beſchuldigte ſie ihn doch ſeit geraumer Zeit der abſcheulichſten Untreue, indem ſie zu bemerken glaubte, daß der Wiederſchein ihrer Geſtalt taͤglich mehr und mehr an Anmuth verloͤre, und ſich zu einem farbenloſen, unſcheinbaren Bildchen umgeſtal⸗ 138 tete. Gerade jetzt aber, da ſie durch den Glanz ihres koſtbaren Gewandes den ihrer Perſon lein einer optiſchen Taͤuſchung zuſchreiben zun muͤſſen, daß ihre Wangen, welche in ihrer Phantaſie gleich kaum erſchloſſenen Roſenkelchen bluͤhten, im Spiegel ſich ganz anders, an⸗ Far⸗ be und Fuͤlle den laͤngſtverwelkten Lilien gleich, ihren truͤben Blicken zeigten. Sie bemuͤhte ſich daher eifrig, durch leiſen Hauch und ſanf⸗ tes Streicheln die ſonſt an ihrem ungetreuen Freunde gewohnte ſtete Bereitwilligkeit, ihrer Eitelkeit zu ſchmeicheln, ins Leben zuruͤckzurn⸗ fen; doch obgleich ſie ſogar, vermittelſt eines ſeidnen Tuches, ihn mit den ſuͤßeſten Liqueuren rieb und badete, ſo blieb er doch kalt gegen ih⸗ re Bitten, und zeigte ihr jetzt, mit dem ſchwaͤr⸗ zeſten Undanke fuͤr alle ihre Kuͤſſe und Liqueur⸗ ſpenden, ihre verblichne Geſtalt nur noch mit grelleren Zuͤgen im reinſten Lichte.— Das war zu viel.— Mit den bitterſten Ausdruͤcken be⸗ ſchuldigte ſie ihn des ſchaͤndlichſten Betrugs, wandte ſich mit tiefſter Verachtung von ihm, noch zu erhoͤhen ſtrebte, glaubte ſie es nur al⸗ und warf ſich auf den Divan, mit Aufbietung MANNN ihres ganzen Scharfſinns das unerklaͤrbare Raͤth⸗ ſel zu entziffern. Doch haͤtte es dazu freilich keines Scharfſinnes, ſondern nur des fluͤchtigen Gebrauchs ihres vor Zeiten feurigen Augenpaa⸗ res bedurft, denn die Aufloͤſung des Naͤthſels befand ſich, in Geſtalt zweier an ſich unſchein⸗ barer Gegenſtaͤnde, handgreiflich und in der ſchoͤnſten Eintracht in ihrer Naͤhe. Wie ein feindſeliges Ungethuͤm aus der Maͤhrchenwelt, mit hundert Augen und Korallenarmen, voll heißer Gier, ein jugendliches Menſchenleben qualvoll zu zerſtoͤren, lag ein ſauber genaͤhtes Schnuͤrleibchen ihr zur Seite, und ſchien ſie unaufhoͤrlich einzuladen zur verderblichen Um⸗ armung, um mit der Spannkraft ſeiner unzaͤh⸗ lichen ſtaͤhlernen und fiſchbeinernen Rippen den letzten Funken Lebenskraft in ihrem Buſen zu erdruͤcken. Dicht dabel aber lagen muͤde und lebensſatt ein Paar zierliche Ballſchuhe, welche ſeit der letzten Aſſemblee unbrauchbar, jetzt fern von rauſchender, belebender Muſik, in truͤber Einſamkeit durch verſchiedene kleine Oeffnungen ihren Geiſt auszuhauchen ſchienen. Die allzu⸗ zaͤrtliche Vorliebe fuͤr dieſe beiden Gegenſtaͤnde, 140 WAAAAN und der zu haͤuſige Gebrauch derſelben, waren die einzigen Urſachen des fruͤhzeitigen Dahin⸗ welkens ihrer Reize; doch war ſie zu ſehr von Eitelkeit und Tanzluſt befangen, als daß ſie je⸗ mals zur Erkenntniß ihres verderblichen Ein⸗ fluſſes haͤtte gelangen koͤnnen. Deshalb konn⸗ te ſie auch jetzt, wie es ihr ſchon oͤfter ergan⸗ gen, nicht zur Aufloͤſung des ihr unerklaͤrbaren Raͤthſels gelangen, beſchloß daher voll Un⸗ muth, den unhoͤflichen Spiegel hinfort gaͤnz⸗ lich aus ihren Augen zu verbannen, einen ge⸗ faͤlligern und gegen ihre Reize galantern im naͤchſten Laden auszuſuchen, und verfuͤgte ſich, nachdem ſie das Gallakleid wieder mit dem Ne⸗ glige’ vertauſcht, nach einem Nebenzimmer, um ſich daſelbſt in das Studium neuer Mad luuns nale zu vertiefen. 3 Doch ſehr unangenehm fand hr ſich ger durch das Eintreten ihrer Mutter geſtoͤrt, wel⸗ che mit kummervoller Miene und verweinten Augen, einen offnen Brief in der Hand, ihr entgegenwankte. Mit ſcheuen Blicken, faſt furchtſam, nahm ſie Platz neben der Tochter, und ſprach zu ihr mit ungewiſſer Stimme: 141 MWN gauch meine letzte Hoffnung iſt geſcheitert. Mein Bruder verweigert mir in den beſtimmm⸗ eeſten, faſt beleidigenden Ausdruͤcken gegen Dei⸗ ne Lebensweiſe, jeden Beiſtand. Ich habe kei⸗ nen Freund mehr auf der Welt als ihn, ich bin ganz huͤlflos.— Durch ſeine Verweige⸗ rung des erbetenen Darlehns ſind wir in die draͤngendſte Verlegenheit geſetzt; mein ganzes Vermoͤgen iſt verpfaͤndet, und uns bleibt nichts als die Gewißheit der druͤckendſten Armuth.“ O, ich bitte Sie, ſchweigen Sie, liebe Mutter!« entgegnete ihr Julie verdrießlich— „wie koͤnnen Sie einer ſolchen malhonetten Idee den Eingang verſtatten? Julie Almer und Armuth! das ſind ja zwei Extreme, die ſich niemals naͤhern duͤrfen, wie der Nord⸗ und Suͤdpol. Glauben Sie nicht, daß ich reich genug bin durch mich ſelbſt? denn obgleich ich ſchon laͤngſt meine aͤchten Brillanten mit fal⸗ ſchen vertauſchte, blieb ich doch ſtets die Koͤ⸗ nigin aller brillanten Zirkel. Mag mein dum⸗ mer Spiegel mich auch taͤglich durch ſeine Taͤu⸗ ſchungen aufs empfindlichſte kraͤnken, ſo weiß ich doch gewiß, daß ich noch Reize genug be⸗ 142 ſitze, um den reichſten aller meiner Anbeter als Gatten unaulloͤslich an mich zu feſſeln: Betrachten Sie dieſes unvergleichliche Pariſer Ballkleid, dieſen extrafeinen Mouſſelin, dieſe goldnen Blaͤttchen, unten dieſe Bauſchen mit Goldſpitzen beſetzt; dazu das gekoperte Leibchen und der Guͤrtel von demſelben Stoffe, welcher auf der linken Seite eine Reſilla bildet, und nun— ein Baret von ponceau Sammet mit Caſchemirblumen und einem Paradiesvogel!— Meinen Sie nicht, daß es nur dieſes Putzes bedarf, um alle meine Reize ins glaͤnzendſte Licht zu ſetzen?— Der beſcheidene Geber ſoll fuͤrſtlich belohnt werden. Im Rathe meines Herzens iſt ſein Gluͤck beſchloſſen— ich habe mich genug an ſeiner Liebesqual geweidet, er ſey der Auserwaͤhlte, fey mein Gatte!*e „Und darf ich um den Namen dieſes Aus⸗ erwaͤhlten bitten?“ fragte die zaͤrtliche Mutter ſchuͤchtern. „Den moͤgen Sie errathen,“— erwiederte Julie leichtferttig—„wenn ich Ihnen ſage, daß er der geſchmackvollſte Elegant, der beſte, ausdauerndſte Taͤnzer in der ganzen Reſidenz ☛ 143 AMANN iſt, wobei ihm ſeine niedliche Figur ſehr zu Statten kommt. Meinen vollſtaͤndigen Braut⸗ ſtaat habe ich bereits im Modejournale bezeich⸗ net, es bedarf nur einiger geſchickter Putzma⸗ cherinnen, ihn anzufertigen; dann bin ich zu jeder Stunde bereit, mit den grazieuſeſten Pas an der Hand des reichen Braͤutigams zum Al⸗ tar zu treten, worauf ein glaͤnzender Ball mich fuͤr die langweilige Ceremonie genugſam ent⸗ ſchaͤdigen ſoll, und in einer rauſchenden Gal⸗ lopade fliege ich mit meinem Schimmel in den „Eheſtand hinein, der all' ſein Gold zu meinen Fuͤſſen legt.“ „Alſo der Commerzienrath Schimmel⸗— fiel die Mutter ein—„die Wahl iſt klug!“ . Doch leiſe fluͤſterte ſie aus dem Grunde ihres Herzens:„der Himmel ſey dem ſchwachen Maͤnnlein gnaͤdig!“ 7. „Der Schloſſermeiſter bringt ſo eben den großen Handegen, den er fuͤr das gnaͤdige Fraͤn⸗ 144 VAAAA kein gefertigt hat; auch die Ketten zur Zug⸗ bruͤcke hat er bei ſich’— berichtete der Gaͤrt⸗ ner ſeiner Gebieterin Adelheid von Freiwild.. „Willkommen, mein treuer Waffenſchmidt ke — erwiederte dieſe, freudig nach der Thuͤr ei⸗ tend und dem im Vorſaale harrenden Schloſſer kraͤftig die Hand ſchuͤttelnd; dann rief ſie einem Maͤdchen zu:„kredenzt dem ehrſamen Meiſter einen vollen Humpen, auch etwas Imbiß holt herbei!“ befahl dem Gaͤrtner, ihr zu folgen, und eilte raſch die Stiegen hinab nach dem Garten. 5 4 Dieſer war ſeit kurzer Zeit gaͤnzlich umge⸗ wandelt worden, und glich jetzt einem Burg⸗ hofe des zwoͤlften Jahrhunderts. Ringsum war er von hohen Mauern umgeben und außerhalb derſelben noch mit tiefen Graben verſehen. In der Mitte erhob ſich eine nach alterthuͤmlichem. Geſchmacke erbaute Ritterburg in Duodez, von deren einzigem Thurme ein gruͤn und gelbes Faͤhnlein wehte, und vor derſelben verkuͤndeten die neuanfgefuͤhrten Turnierſchranken den aͤch⸗ ten Ritterſinn der Boſitzerin. Auch eine Bet⸗ kapelle, ein Ausfallpfortlein und ein unterirdi⸗ 145 AAN ſcher Gang waren nicht vergeſſen. Das Fraͤn⸗ lein kam herbei, um die neuen Anlagen, die eben vollendet waren, in Augenſchein zu neh⸗ men, und mit Thraͤnen in den Augen folgte ihr der alte Gaͤrtner, der endlich, ſeine Weh⸗ muth gewaltſam unterdruͤckend, zu reden be⸗ gann: 5Ihr Werk iſt nun vollendet, gnabige Frͤulein, und das meinige auch. Fuͤr mich giebt s hier nichts mehr zu chun, denn das Gras, das hier nun wachſen wird, das pflanzt und begießt der liebe Herr Gott ſelbſt. Ich muß nun fort von hier, weit fort—“ ein heftiger Thraͤnenſtrom erſtickte ſeine Worte. „»Was ſoll das heißen, Juſt?« erwiederte ihm Adelheid, faſt beleidigt„glaubt Ihr, ich wuͤrde jemals den treuen Diener von mir laſſen, der meinem Vater jahrelang gedient?“ „Was waͤr's auch mehr f entgegnete Juſt gefaßter, ſich die Augen trocknend—„haben doch das gnaͤdige Fraͤulein die ſchoͤnen Frucht⸗ baͤume, die der gnaͤdige Herr Vater mit eigner Hand gepflanzt, auch aus dem fetten Boden, der ihnen Nahrung gab, herausreißen und ins Feuer werfen laſſen, daß mir das Herz blute⸗ te, wie ich die ſchoͤnen, aftigen Neiler Eniſtern hoͤrte.* im Auf Eure weitere Verſorgung iſt bereits gedacht”— ward ihm zur Antwort—„als Schloßvoigt ſollt Ihr dieſe Burg bewachen.. Doch kopſſchuͤttelnd unterbrach ſie der Gaͤrt⸗ ner:„um Gottes Willen nicht, mein Fraͤulein, da wollt' ich lieber meinen Baͤumen in die Flammen folgen, als hier in dem unheimli⸗ chen, grauen Thurme wohnen, hier, wo ſonſt meine Huͤtte ſtand, wo mir beim erſten Son⸗ nenſtrahl die ſchoͤne Blumenflur in tauſend bun⸗ ten Farben entgegenlachte. Nein, nein, ich 3 will dieſen Boden nicht mehr betreten, denn mit dem Kies und Stein, der ihn jetzt deckt, iſt auch der Segen, der aus ihm entſproſſen, mit ewiger Nacht bedeckt. Ich gehe, gnaͤdiges Fraͤulein, ſo weit mich meine Fuͤße tragen. Dort wo die Saͤule ſteht, da ſtand ein hoher Strauch, der jaͤhrlich vier Maas ſchoͤne Lam⸗ pertsnuͤſſe trug— des gnaͤdigen Herrn Vaters Lieblingsfrucht; von dieſem Strauche hab' ich mir einen tuͤchtigen Stab geſchnitten, der wird mich ſtuͤtzen, wenn ich wanken ſollte.“ Nach dieſen Worten eilte er hinweg, ſein Geſicht mit beiden Haͤnden verhuͤllend, ohne auf ſeine ihm nachrufende Gebieterin zu achten. Dieſe befand ſich nun allein auf dem wuͤ⸗ ſten Platze, dem Davoneilenden verwundert nachblickend, denn ſie konnte nicht begreifen, was ihn bewog, die angebotene Stelle auszu⸗ ſchlagen. Eine fluͤchtige Freude bemaͤchtigte ſich zwar ihrer, als ſie jetzt mit ſich allein ihr Werk betrachtete, in dem ſie ein treffendes Bild der Vorzeit zu erblicken glaubte, doch eine qua⸗ lenvolle Leere fuͤhlte ſie im Innern, als ſie die⸗ ſes Bild ſo kalt und todt erblickte. Der alte Gaͤrtner war der letzte Diener, der bis zu die⸗ ſer Stunde aus warmer Anhaͤnglichkeit— da er ihrem verſtorbenen Vater ſo manche Wohl⸗ that verdankte— treu geblieben; als ſie ſich auch von dieſem verlaſſen ſah, ſchien es, als ob ſie auf Augenblicke zur Erkenntniß ihrer Thorheit gelangen wollte, doch ploͤtzlich, beim Aublicke der Turnierſchranken, wachte die ſon⸗ derbare Neigung fuͤr das rohe Alterthum jn ih⸗ rem Buſen wieder auf, und verdraͤngte daher 10* 448 MMANN 4 jene ernſte Mahnung der Vernunft. Sie be⸗ gnuͤgte ſich nicht allein damit, dies Bild der Vorzeit in Wirklichkeit vor ihren Augen aufge⸗ ſtellt zu ſehen, ſondern bemuͤhte ſich auch durch Worte und Handlungen, in ſich ſelbſt der Welt ein ſeltnes Exemplar eines ebenbuͤrtigen Ritter⸗ fraͤuleins aufzuſtellen. Wie wenig ihr dabei ihre kleine, faſt kugelrunde Figur zu Statten kam, beachtete ſie nicht, ſondern ſuchte ſich ſtets alterthuͤmlich herauszuputzen, und drohte ernſtlich jedem Spoͤtter mit einer Herausforde⸗ rung auf Schwert und Lanze. Zu fruͤh der Vormundſchaft entgangen, hatte eine vernach⸗ laͤſſigte Erziehung und das haͤufige Leſen der zahlreichen Rittergeſchichten und Ritterſchauſpie⸗ le den Grund zu dieſer ſeltſamen Neigung ge⸗ legt, der ſie ſich ſeit kurzer Zeit, mit Aufopfe⸗ rung ihres Vermoͤgens, hingab. Doch fand ſie ſich zu ihrem groͤßten Mißvergnuͤgen dadurch einer immerwaͤhrenden Einſamkeit preisgegeben, denn ihre Freundinnen giengen furchtſam und mit eiligen Schritten an ihren ſo ſchauerlichen neuen Anlagen voruͤber, ohne jemals den Wunſch zu hegen, wieder bei ihr einzuſprechen. Selbſt ——— 149 WMAN ihre Dienerſchaft hatte ſie verlaſſen, da ſich kei⸗ ner dazu verſtehen wollte, den ſchweren eiſer⸗ 8 nen Panzer zu tragen, ſich im Hofe herumzu⸗ tummeln, oder jeden Ankommenden mit der Trompete vom Wartthurme zu verkündigen. Sie hielt daher die einzige Hoffnung feſt, ein maͤnnliches Weſen zu finden, das mit gleicher Vorliebe fuͤr ihre Lieblingsidee begabt, ſich ge⸗ neigt fuͤhle, die alte Nitterburg zugleich mit ih⸗ rem Herzen zu erobern, und dieſe beiden benei⸗ denswerthen Guͤter mit aͤcht ritterlicher Tapfer⸗ keit gegen jeden feindlichen Angriff zu verthei⸗ digen. Indem ſie eben jetzt in ihren Gedan⸗ ken die Liſte ſaͤmmtlicher Maͤnner ihrer Be⸗ kanntſchaft durchgieng, und bei jedem derſelben ein bedeutendes Aber hinzuzuſetzen fand, ver⸗ weilte ſie tieffinnend, als ſie bereits zu Ende war, beim Commerzienrath Schimmel, welcher, da er kein Adelsdiplom aufzuweiſen hatte, zu⸗ letzt aufgefuͤhrt wurde; doch als fruͤherer treuer Hausgenoſſe war ihr derſelbe ſtets ein willkom⸗ mener Geſellſchafter geweſen, indem ſie ſich mit ihm recht angenehm von den Fehden, Wege⸗ lagerungen, Vehmgerichten und Entfuͤhrun⸗ MAAN gen des edlen Ritterthums unterhalten konn⸗ te. 1 „Dieſer Schimmel⸗— ſprach ſie zu ſich ſelbſt—„ſpricht ſo ſinnig jene biedre Ritter⸗ ſprache, ſingt Minnereimlein auch zum Lauten⸗ ſpiel, daß ich darob ihm ſchier nicht wenig hold geworden.— Doch ſeine zierliche Geſtalt ſcheint fuͤr die ſchwere Ruͤſtung nicht geſchaffen— Da unterbrach ſie der von ihr unbemerkt eingetretene Andreas, der, die Pappſchachtel unterm Arme, ein lautes„Ah!“ von ſich gab, die neuerbaute Veſte anſtarrte, und als das Fraͤulein ſich freundlich zu ihm wendete, treu⸗ herzig fragte:„Was das alte Enlenneſt vor⸗ ſtellen ſolle?“ Doch als er den zuͤrnenden Blick der Geſtrengen bemerkte, richtete er in aller Demuth, ohne Antwort auf ſeine Frage zu er⸗ „warten, ſchnell ſeinen Auftrag aus. „Ahl von Schimmel! ief Adelheid ploͤtz⸗ lich erheitert. „Ja, mit Verlaub, vom Herrn Commer⸗ zienrath Schimmel’— verbeſſerte der treue Diener. as 154 AANAAnn „„Was treibt Dein Herr?“ fuhr das Fraͤu⸗ lein fort. „Was er ſo eigentlich treibt, weiß ich nun gerade nicht zu ſagen; aber das weiß ich ge⸗ wiß, er ſitzt zu Hauſe am Schreibtiſche— er ſchreibt aber nicht“— entgeguete Andreas. „So eile!“ befahl ihm Adelheid—„und brig⸗ ihm meinen Gruß und meinen Dank l matv»⸗Will s ausrichten!“ erwiederte der Liebes⸗ Pota und gieng, immer hinter ſich die ihm unerklaͤrbaren Gezenſämne voll Berwpunderumn anſchauend. Das Fraͤulein hatte indeſſ en den Inhalt der Pappſchachtel mit freudig blitzendem Auge gemuſtert.„Jal rief ſie laut—„Du ſen⸗ deſt mir das Brautgewand, Du haſt mein Herz gewonnen! Den Ritterſchlag von meiner Hand ſollſt Du erhalten, wie unſre Herzen ſollen unſre Namen ſich vereinen Frei⸗ ſchimmel nenn ich mich, und meine Veſte— Schimmaleburo i nlri R a 1 . 4 51 11 Im duͤſtern Betzimmer ſaß mit gefalteten Haͤnden Magdalena Beatini, gedankenlos um⸗ herblickend an den Waͤnden, welche mit Ta⸗ petengemaͤlden, verſchiedene Scenen aus der bibliſchen Geſchichte vorſtellend, bekleidet wa⸗ 5 Im Fruͤhlinge ihres Lebens erſchien ſie allen Geſellſchaften als ein Flammen ver⸗ ertendes Meteor, in deſſen Naͤhe ſich man⸗ cher junge und alte Geck ſein Herzchen gar gewaltig verbrannte. Doch ſchien es, als ha⸗ be ſie ſich den Sonnenſtrahlen dieſes Fruͤh⸗ lings, welcher ihr laͤchelnd jeden Lebensgenuß in Fuͤlle ſpendete, zu ſehr und leichtſinnig aus⸗ geſetzt, denn ſchon zu Anfange ihres Sommers hatten ſie das zarte Roth ihrer Wangen hin⸗ weggenommen und das blendende Weiß ihrer Lilienhaut in widerliches Gelb verwandelt. Tie⸗ fe Furchen bezeichneten jetzt ſcharf und grell die Stellen in ihrem Antlitze, wo ſonſt die ſanften Wellenlinien der Schoͤnheit im reinſten Eben⸗ 2 maße ſich begegneten, und ein nieverſiegender Thraͤnenquell ſchien die leuchtenden Flammen ihres Auges auf ewig verloͤſcht zu haben. Mit dem Dahinſchwinden ihrer Reize hatte ſich die Zahl ihrer Verehrer bedeutend vermindert, ja gar bald erblickte ſie ſich gaͤnzlich verlaſſen, und man erinnerte ſich ihrer nur noch, wie man ſich wohl zuweilen eines ſchoͤnen Gemaͤldes er⸗ innert, das man einſt fluͤchtig bewundert. Auch war ihr bedeutendes Vermoͤgen durch Ver⸗ ſchwendung bis zu einer unbedeutenden Sum⸗ me herabgeſchmolzen, mit welcher ſie ſich nun in die Einſamkeit zuruͤckzog, und hier die Wor⸗ te des heitigen Hieronymus, welche er an die Wittwe Furia ſchreibt:„deine Luſt an Edel⸗ ſteinen und Kleidern verwandle in Liebe zum Gebet und zur heiligen Schrift—“ auf das Strengſte zu beherzigen ſchien.. Die einzige aller weiblichen Arbeiten, wel⸗ che ſie ſich in fruͤherer Zeit zu eigen gemacht, war die Stickerei, welcher ſie ſich jetzt in den Stunden zur Unterhaltung bediente, die weder dem Gebet, noch dem Leſen ihrer Erbauungs⸗ buͤcher gewidmet waren. Die Muſter dazu 3 fertigte ſie ſich ſelbſt, und zwar, ihrer jetzigen Beſtimmung ganz angemeſſen, waren dieſe nur aus der bibliſchen Hiſtorie entlehnt. So hatte ſie ſich bereits einen vollſtaͤndigen Bettuͤberzug geſtickt, wovon die Bettdecke die Hochzeit zu Kanaan vorſtellte, doch mit ihrem Haupte ruh⸗ te ſie gewoͤhnlich des Nachts auf den auf dem Pfuͤhl angebrachten fuͤnf klugen Jungfrauen, welche das Oel nicht geſpart, um den Braͤuti⸗ gam mit den brennenden Lampen zu empfan⸗ gen. Die Bettvorhaͤnge aber waren im bunte⸗ ſten Farbenſpiel mit verſchiedenen der eignen Phantaſie entnommenen Anſichten des Para⸗ dieſes ausgeſchmuͤckt. Dabei ließ es ihr Fleiß vor der Hand bewenden, und nachdem ſie noch aͤußerſt kunſtreich auf ihrem Fußſchemel den Verſucher in Geſtalt eines modiſchen Stutzers, doch mit unverkennbaren Pferdefuͤßen ange⸗ bracht, den ſie tagtaͤglich— geſchah’ es nun aus wirklich chriſtlichem Unwillen, oder aus andern unbekannten Gruͤnden— voll heimli⸗ chen Ingrimmes mit Fuͤßen trat, verwies ſie den Stickrahmen in den finſterſten Winkel ih⸗ rer Wohnung, und hieng nun unbeſchaͤftigt 155 und ungeſtoͤrt ihren Gedanken nach. Der In⸗ halt ihrer ſtillen Betrachtungen war gewoͤhn⸗ lich die ſuͤße Erinnerung ihres vorigen Glan⸗ zes, den ſie auch jetzt in ihrer duͤſtern Zelle, von ernſten und geiſtlichen Gegenſtaͤnden um⸗ geben, nicht vergeſſen konnte. Ihren Leicht⸗ ſinn bereute ſie bitter, mit dem ſie fruͤher, nur fuͤr die Gegenwart lebend, manchen redlichen Freier kalt und herzlos zuruͤckgewieſen, und ſo manchen Schmetterling ihrer Gunſt gewuͤrdigt, der ſie beim Welken ihrer Jugendbluͤthe treulos verließ, um andere Blumen, die in ihrer Fuͤl⸗ le Pracht ihm winkten, zu umflattern. Der vorigen Macht beraubt, durch ihre Reize ein Heer von Anbetern zu ihren Fuͤßen zu verſam⸗ meln, blieb ihr nur wenig Hoffnung uͤbrig, das Ziel, nach dem ſie jetzt ſtrebte, zu erlan⸗ gen, denn ihr feinerſonnener Plan, die hei⸗ rathsluſtige Maͤnnerſchaar jetzt nur durch aͤußre Froͤmmigkeit und ſcheinbar tiefe Neue zu blen⸗ den, blieb, ob ſie ihn gleich mit allem Pomp ausfuͤhrto, doch ohne Erfolg— kein Freier ſchien es zu wagen, ſie in der ern⸗ ſten Geſellſchaft mit ihren geinalten Heili⸗ * 156 AMAANAN ren. A In dieſer ſtummen Geſellſchaft befand ſie ſich auch heute, als ſie aus ihren Traͤumereien durch ein leiſes Klopfen an der Thuͤr geweckt wurde. Nachdem ſie geoͤffnet, trat ihr An⸗ dreas entgegen, der mit ſeines Herrn tiefſtem Reſpect ein verſiegeltes Paquet uͤberreichte, und nach verrichtetem Auftrage ſich furchtſam ſchnell entfernte, das Kreuz ſchlagend vor der langen hagern Geſtalt im Nonnengewande. Magda⸗ leng war uͤberraſcht. Sie erinnerte ſich, daß ſie in ihrer Glanzperiode dem Commerzienrathe zuweilen ein Plaͤtzchen an ihrer Toilette ver⸗ goͤnnt, doch glaubte ſie ſich von ihm, ſo wie von andern ſeines Gleichen gaͤnzlich vergeſſen. Das uͤberſendete Paquet ſchien ihr ein Gegen⸗ beweis, und haſtig eroͤffnete ſie es. Das Knie⸗ kiſſen feſſelte ihre ganze Aufmerkſamkeit, und die ſeine Stickerei daran ſchien ihr beſonders zu gefallen; doch war ſie deſſen bis jetzt noch nicht eduͤrftig geweſen, denn ſie hatte ſich ihrer Ge⸗ betuͤbungen noch nie ſo⸗ eifrig befliſſen, daß ſie auch nur im mindeſten ihren zarten Knieen gen durch einen weltlichen Antrag zu ſt⸗ 157 AMWAAAN haͤtten nachtheilig werden koͤnnen; aber deſſen ungeachtet ſchien ſie in der zaͤrtlichen Fuͤrſorge fuͤr ihr leibliches Wohl— welche doch offen⸗ bar aus dieſem Geſchenke hervorleuchtete— den heimlich glimmenden Liebesfunken, der fuͤr ſie in des Commerzienraths Herzen verborgen lag, deutlich zu erblicken, und fand ſich daher durch ſeine ſo fein eingeleitete Annaͤherung eben ſo uͤberraſcht, als erfreut. Die Hoffnung, end⸗ lich doch noch in den ſichern Hafen einzulau⸗ fen, wo Hymenaͤus ihrem Herzen nicht allein nur Liebe, ſondern ihrer noch nicht erſtorbnen Sucht zu glaͤnzen auch goldne Fruͤchte bot, ſtieg ploͤtzlich rieſengroß in ihrer Seele empor, und als ſie den Titel des beiliegenden Buͤch⸗ leins geleſen:„Neue Himmelsleiter ins Para⸗ diesgaͤrtlein“— rief ſie entzuͤckt:„der neuen Himmelsleiter nicht bedarſ's, mit Dir ins Pa⸗ radies zu wandern, nur Deiner Hand, mein bloͤder Freund 4 4 In ihrem Garten wandelte Sylphilde, von Zaͤhren feucht, mit Leſen eines Almanachs be⸗ ſchaͤftigt, den ein geſchaͤftsloſer Doctor medici- nae unter dem Titel:„Taſchenbuch zu geſelli⸗ gen Liebesklagen“— der Leſewelt zum Beſten gab. Der Verfaſſer ließ dieſes erſte ſeiner Gei⸗ ſtesprodukte wohlweislich auf eigene Koſten drucken, und widmete es ausdruͤcklich nur em⸗ pfindſamen Seelen, weshalb es auch, da der⸗ gleichen krankhafte Seelen— Dank ſey es unſerm jetzigen ſtarken Zeitgeiſte!— nur noch in ſehr geringer Anzahl auf unſerm Erdballe herumſchweben, keinen Verleger und wenig Kaͤufer fand, daher auch mit ſeinem erſten DJahrgange das Ende ſeiner Eriſtenz erreichte. Doch Sylphilde, deren Namen als Praͤnume⸗ rantin oben an gedruckt war, fand darin ſo unendlich viel Anziehendes, daß ſie ſich ſeit ſeinem Erſcheinen nur ſelten von ihm trennte, und ſich ſo eben uͤber die nachſtehenden erſten 159 MAUA Sctrophen eines unendlich langen Gedichtes in tiefes Sinnen verlor: Liebe iſt ein epidemiſch Fieber, Seelenkrankheit, die am Koͤrper nagt. Aeskulap! bis in dein Ruheland hinuͤber Rief ich um ein Mittel, wenn ſie mich geplagt. 8 Chinarinde ſcheint kraftloſe Medicin, Und der Magnetismus ward umſonſt ergeuͤndet, Kein Remedium liefert uns die Offiein, Selbſt die Homöopathie hat keins verkundet.— „Wie, waͤr's moͤglich?“ ſprach ſie zu ſih ſelbſt.„Die Liebe, ein epidemiſches Fieber? eine Seelenkrankheit, die am Koͤrper nagt?— Seit meinem zwoͤlften Jahre ſchon fuͤhlt; ich ein ſolches unnennbares Nagen und wußt' es niemals mir zu nennen, jetzt wird mir klar, es war der Liebesſchmerz. Doch Seelenkrank⸗ heit— Fieber?— Ja, beim urewigen We⸗ ſen! wie eiſige Waſſertropfen rieſelt's fieberhaft durch die geheimſten Kabinete meines Herzens, denk ich an meinen unbeholfenen Freier Ki⸗ lian. Doch flackert hoch in meines Buſens Heiligthume die Flamme, die mit Liebesgin⸗ 160 WMAANN then mich durchhaucht, fuͤr ihn, den ſanften, ſuͤßen Juͤngling, der gleich dem Liebesgotte, ſeinen Feuergeiſt in zarter Huͤlle birgt.— Dich oder Keinen! fluͤſtert mir ein unnennbares Sehnen zu.— Dich hat die holde Zauberin Natur ganz nach dem Ideal gebildet, das mei⸗ ner Seele ſuͤßes Traumgebilde im bleichen Mondſcheinglanze mir gezeigt, und nur dein Namie, der proſaiſch, faſt widerwaͤrtig anklingt in meines Herzens zartem Saltenſpiele, hat mich bisher von Dir zurückgeſchreckt.— Wag; ich's, ihn auszuſprechen, ohne meine Nerven ſchmerzlich zu verwunden?— Ich will's ver⸗ ſuchen! leiſe ſluͤſternd ſoll mein Hauch ihn tragen, bis dort hinuͤber, wo der roſige Wol⸗ kenſchaum im gluͤhenden Flamenmmeere des Abendroths entſchwindet.— Geliebter Schim⸗ mel!— Ha, welch' ſuͤße Luſt! es iſt geſchehn, ich hab es ausgeſprochen! und lieblicher, als ich mir je gedacht, klingt mir der Name wie⸗ der, die Nerven ſchweigen und die Flamme lo⸗ dert— doch ſeh ich recht? mit fluͤchtigen Schritten eilt Jenny auf mich zu.— 461 e u0 Jenny, das niedliche Kammerzoͤſchen, kam mit einem angroßen, hochzeitsbittermaͤßigen Bonquet herbeigeſprungen und meldete, daß Herr Kilian Waſſermann um die Exlaubniß bitte, aufwarten zu duͤrfen, und ihr wie ge⸗ woͤhnlich befohlen habe— nach Art der Ge⸗ fandten vor der Andienz— dieſen maͤchtigen Tulpenſtrauß ihrer Gebieterin zu Fuͤſſen zu le⸗ gen.. ℳ a0 Dieſer Herr Kilian Waſſermann war der wohlbeleibte Sohn eines verſchuldeten Gutsbe⸗ ſitzers und Bierbrauers, der es ſich, Trotz ſei⸗ nes Phlegma's, gar ſehr angelegen ſeyn ließ, des Fraͤnleins Herz— nach ſeines Vaters Wunſche aber vorzuͤglich— ihr bedeutendes Vermoͤgen zu erobern, und beides ſich durch einen kuͤhnen Sprung in den heiligen Eheſtand zu verſichern. „O, ſchick ihn fort, den plumpen Waſſer⸗ mann!’ entgegnete Sylphilde der auf Ant⸗ wort harrenden Jenny—„wie waͤr' es ihm wohl moͤglich, mit Anſtand aufzuwarten! O. ſchick' ihn fort, daß meine Augen nicht erblin⸗ den beim Anblicke der ungeregelten Formen, ſei⸗ 11 162 NAAANN nes baͤuriſchen Antlitzes.— Mein Herz ſehnt ſich nach einem rein aͤtheriſchen Weſen, das mit der ganzen Seelenliebesgluth mich ſanft um⸗ faͤngt, mit einem leiſen Hauche ſeinen Geiſt in meinen taucht, und ſo vereint mit mir ins bluͤhende Fruͤhlingsland der Seligen hinuͤber⸗ ſchwebt. 8 „Guͤtiger Himmel, ſteh' mir bei! das iſt der alte Paroxismus wieder“— ſeufzte Jenny leiſe, wagte es jedoch laͤchelnd zu erwiedern, daß Herr Kilian ſich diesmal wohl ſchwerlich wuͤrde abweiſen laſſen, indem er ſie mit feier⸗ lichem Ernſte gebeten, bei Ueberreichung des Straußes ja zu bemerken— daß dies die letz⸗ ten Tulpen waͤren, die er fuͤr das Fraͤulein abgeriſſen, indem morgen mit dem Fruͤheſten alle Blumenbeete umgegraben wuͤrden, um ein Malzhaus an deren Stelle aufzubauen. Auch kaͤme er dießmal nur, um kurzen Beſcheid von Ihnen zu holen; er hoffte, Sie wuͤrden ihm heute etwas zu ſagen haben, wegen ſeines letz⸗ ten Heirathsantrages, damit er ſich danach zu richten wiſſe.— 6 163 WMAAN „Quoi? parler ainsi? rief Sylphilde un⸗ willig aus—„non, Monsieur, je wai rien à vous dire.— Il est paysan— brasseur— pauvre en esprit l fuhr ſie heftiger fort, und eine leichte Zornroͤthe faͤrbte ihre bleichen Wan⸗ gen, als ſie ſich erſchoͤpft auf eine Moosbank niederließ. Jenny, welche wohl wußte, daß es ein Zeichen des hoͤchſten Zornes, und zu⸗ gleich ein ſicherer Vorbote einer nahen Ohn⸗ macht war, wenn ihre Gebieterin anfing fran⸗ zoͤſiſch zu ſprechen, eilte ihr zu Huͤlfe— doch zu ſpaͤt, ſchon lag ſie mit geſchloſſenen Augen, regungslos. Endlich gelang es den eifrigen Bemuͤhungen der beaͤngſtigten Zofe, ſie ins Le⸗ ben zuruͤckzubringen und mit leiſer Stimme rief ſie aus:„Ah mon Dieu! je n'en puis plus!— Eau de mille fleurs!— Geh, ſag' dem zudringlichen Freier, ich ließe ihm andeu⸗ ten, ſich nie mehr in meinen Geſichtskreis zu verirren— je crains de le voir!. Indem Jenny mit dieſem Beſcheid zum harrenden Tulpenſpender eilte, ſchien in Syl⸗ phildens Buſen ſich der Zornaufruhr zu legen, ihre gereizten Nerven begaben ſich in ſanften 11* 164 WAAVANA Schwingungen zur Ruhe, und ein leiſes Zit⸗ tern war nur noch an ihr bemerkbar. Nach⸗ laͤſſig auf die Moosbank hingegoſſen, mit halb⸗ geſchloſſenen, thraͤnenden Augen, blickte ſie wehmuͤthig den am Horizont voruͤberſchweben⸗ den Wolken nach.„So folgt aufhaltſam ein Zeitraum dem andern—“ ſeufzte ſie mit weicher Stimme—„und keiner von den neu⸗ erwachten, jugendlichen Sonnenſtrahlen, die der naͤchſten Zukunft Lebensbilder mit goldenem Glanz erleuchten, bringt mir das ſuͤße Zauber⸗ bile des läͤngſterſehnien Freundes im oſtentwich⸗ nen Roſenſchimmer und der ſchoͤnſten Wirklich⸗ keit entgegen.“ Eine Thraͤne nach der andern rollte lang⸗ ſam uͤber ihre Wangen herab, und von em⸗ pfindſamen Traͤumen feſt umſchlungen, ſchien ihr Geiſt der Welt entſchwunden. Da kam Jenny herbei und meldete, daß Herr Waſſer⸗ mann uͤber die ploͤtzliche Verweiſung aus dem Geſichtskreiſe des Fraͤuleins vor Beſtuͤrzung den Hut aus der Hand verloren, ſich aber bald wieder gefaßt, die verborgen gehaltene Tabakspfeife angezuͤndet, und rauchend und 165 A murrend ſich zu geneigtem Andenken empfoh⸗ ken. „So laß ihn ziehen!“ erwiederte Sylphil⸗ de—„er wurde zur zarten Minne nicht ge⸗ boren; ſein Geiſt iſt rauh und ſinſter und gleicht dem widerlie üen Tabaksrauche, der ewig ihn umgiebt. Laß mich allein, ich will beim duftig lauen Zephyrſaͤuſeln ſinnig traͤu⸗ men.“ Jenny wollte ſich entfernen, doch kaum war ſie einige Schritte gegangen, als ſie ganz leiſe den Befehl erhielt zuruͤckzubleiben. Sie kehrte um und mit ſeuchtem Auge blickte Syl⸗ philde ſchmerzlich laͤchelnd vor ſich hinaus ins nebel lumſchleierte Blau des weſtlichen Horizon⸗ tes, ergriff ernſt und feierlich Jennys Hand und deutete ſchweigend mit dem Finger auf ein Etwas, das kaum ſichtbar, in den Abendluͤften ſpielend, ſich bewegte.„Hoͤrſt Du nicht jener Muͤcke langgedehnte Seufzer?“ hub ſie nach einer langen Pauſe an—„klagend, wie Lie⸗ besſchmerz, toͤnt ihr aͤngſtliches Shwirten durch die ſchweigende Natur, und deutet S Sehn⸗ ſucht nach dem Gatten ihrer Wahl. H, ſey willkommen mir! Dein klagend Minnelied er⸗ greift mich tief und hat mich dir befreundet; laß uns vereint den tiefen Schmerz in ſanfter Melodie den Fittigen der blumenduftigen Daͤm⸗ merluͤfte anvertrauen, ſie ſo gewuͤrzt zu tragen an des Geliebten hoͤrendes Organ!* Laͤnger vermochte es Jenny nicht zu ertra⸗ gen, ſie machte ſich aͤngſtlich los und eilte aus dem Garten, ohne daß ihre Gebieterin ihr Entweichen bemerkte, welche eben eifrig bemuͤht war, das melancholiſche Schwirren der Muͤcke nachzuahmen. Vielleicht wuͤrde ſie es darin zu einer ſeltenen Vollkommenheit gebracht haben, wenn ſie nicht ziemlich proſaiſch vom Liebesbo⸗ ten Andreas unterbrochen worden waͤre. Lange ſtand dieſer und ſtarrte mit großen Augen das ſchwirrende Fraͤulein an, doch end⸗ lich brach er in ein unbaͤndiges Gelaͤchter aus. 1 4 Unwillig wendete ſich Sylphilde zu ihm und rief:„wer unterbricht mich hier im ſuͤßen Minneſang?“ „Ich, gnaͤdiges Fraͤulein, mit Verlaub!“ erwiederte Andreas, den Hnt ziehend und ſein ³⁴ — AN Geſicht in ernſte Falten legend, uͤberreichte zu⸗ gleich— indem er ſich gewaltſam bemuͤhte nicht von neuem loszuplatzen— mit Empfeh⸗ lungen ſeines Herrn ein Paquet und wollte ſich entfernen. Doch guͤtig hielt ihn Sylphilde zuruͤck, der Name des Commerzienraths hatte ſchnell ihren Unmuth zerſtreut. Sie loͤſte das Pagnet, nahm den Flacon und den ſauber gebundenen Roman heraus und las deſſen Ti⸗ tel, wobei ihr Auge— was ſehr ſelten ge⸗ ſchah— von einem ſanften Feuer erglaͤnzte. „Er dachte mein auch in der Ferne, der ſuͤße, herrliche Juͤngling!“ fluͤſterte ſie leiſe— „o gluͤckliche Sylphilde!” Indem ſie gehen wollte, erblickte ſie Andreas, der auf weitere Befehle— oder auf ein Trinkgeld wartend, in ihrer Naͤhe ſtand, und rief ihm freudig zu: „Ich will Dich koͤniglich belohnen, treuer Bo⸗ te! ich ſchenke Dir ein Liebespfand, mit dem Entſchluſſe ewiger Entſagung. Hier nimm die Blumen, feierlich ſchenk' ich ſie Dir, denn nicht mein Herz haͤngt mehr an ihnen.— Jetzt, Waſſermann, auf ewig lebe wohl! denn Schimmel, Dir gehoͤrt mein Geiſt, Dir mei⸗ N * 168 NAAʒDANVNA nes Innern liebeſchmelzende Empfindung!“— Mit dieſen Worten nahm ſie das Tulpenbou⸗ quet vom Boden auf, welches vorhin Jenny, nach buchſtaͤblicher Erfuͤllung der Bitte Kilians, zu ihren Fuͤſſen gelegt, ſchob es dem verſteiner⸗ ten Liebesboten unter den Arm, ſchwirrte noch zaͤrtlicher als zuvor ihre Muͤckenmelodie und verſchwand in den duſtern Schatten eines Lau⸗ benganges. „Gott ſteh' mir bei! das iſt keine enuuſche liche Perſon“— ſprach Andreas kopfſchuͤttelnd zu ſich ſelbſt, als er ſich von ſeinem Erſtaunen erholt.—„Alſo das iſt eine koͤnigliche Beloh⸗ nung?“ fuhr er fort, den Blumenſtrauß von allen Seiten betrachtend—„dafuͤr bekomm ich keinen Groſchen, ſolch Zeug waͤchſt jetzt in allen Gaͤrten. Ach, was— ich habe mir in meinem Leben noch von keinem Frauenzimmer dergleichen ſchenken laſſen, am allerwenigſten ein Liebespfand— ſie mag's behalten!“ Damit legte er brummend das Bouquet auf die Moosbank, und gieng zum Garten hin⸗ aus.. 8 10. „Ach, laſſen Sie mich doch ja naͤchſtens heirathen!“ ſprach ſeufzend die achtzehnjaͤhrige Johanna Kohl zu ihrer alten Tante, Brigitta Zaͤhe.—„Denn mein ſeliger Vater ſprach im⸗ mer, ich wuͤrde nicht eher Kug, als bis ich ei⸗ nen Mann bekaͤme.“ „Was! heirathen?“— entgegnete dieſe— „das hat noch Zeit; Du haſt Geld, und mit Geld bekommt man in der Reſidenz alle Tage einen Mann.“ 4 „So? alſo hier in der Stadt kann man die Maͤnner kaufen?“ erwiederte Johanna ver⸗ wundert—„das iſt bei uns auf dem Dorfe nicht Mode.“ „Albernes Maͤdchen! was weißt Du von der Mode in der Stadt; hier kauft der Mann ſeine Frau, die Frau ihren Mann fuͤr Geld, und beide verkaufen ſich wieder nach ihrem Ge⸗ fallen an Andre— fuͤr Geld. Doch zur u Gluͤck 170 WAANMN iſt dieſe barbariſche Mode noch nicht allgemein geworden, ſondern wird nur in einzelnen Faͤl⸗ len nachgeahmt.“ Hierauf befahl ihr die muͤr⸗ riſche Tante, fleißig zu ſpinnen, und ihr nur allein die Sorge fuͤr ihr kuͤnftiges Woh zu uͤberlaſſen. Johanna gehorchte tieffeufzend.— Sie war die Tochter eines verſtorbenen reichen Paͤchters, der ſie unbekuͤmmert unter ſeinen Gaͤnſen, Huͤh⸗ nern und Laͤmmern aufwachſen ließ. Nach ſei⸗ nem Tode aber nahm ſie ihre Tante zu ſich, um ihr die große Kunſt beizubringen, Groſchen in Thaler zu verwandeln. Da ſie uͤberhaupt zu keiner Kunſt Talente zu beſitzen ſchien, ſo gieng es auch mit Erlernung dieſer erſprießli⸗ chen Kunſt nur ſehr langſam von Statten; denn ſie kannte den Werth des Geldes noch nicht und hieug lieber in ihrem kindiſchen Sin⸗ ne andern Ideen nach, die ſie mehr unterhiel⸗ ten als Rechnen und Zaͤhlen. So war es ihr auch ſeit kurzer Zeit in den Sinn gekommen, zu heirathen, und ſo oft ſie ſich im Garten befand und einen Mann vor⸗ beigehen ſah— gleichviel, ob jung oder alt, 171 MWAMVWVN huͤbſch oder haͤßlich— pfluͤckte ſie ſchnell ein Gaͤnſebluͤmchen, und zaͤhlte eifrig an den Blaͤt⸗ tern ab:„bekommſt du ihn? bekommſt du ihn nicht?* So waren ihr ſchon auf dieſe Weiſe mehr als funfzig Maͤnner zu Gatten beſtimmt wor⸗ den, ohne daß es auch nur einem einzigen ein⸗ ſiel, ſich um ihre Hand zu bewerben. Das war ihr ſehr verdrießlich, und eben wollte ſie ihre Tante wieder um die Erlaubniß bitten, nach dem Garten gehen zu duͤrfen, in der Hoff⸗ nung, durch ihr Spiel doch endlich einmal auf den Rechten zu treffen, als Andreas eintrat und des Commerzienraths Meßgeſchenk uͤber⸗ reichte. Nachdem er ſich wieder entfernt, zog ſie die goldne Uhr aus dem Futteral hervor, betrachtete ſie von allen Seiten und legte ſie gleichguͤltig auf den Tiſch, indem ſie bemerkte, daß man ja daran die Zeit nicht ſehen koͤn⸗ ne.— Doch ihre Tante, die geſchickter mit dergleichen Sachen umzugehen wußte, druͤckte an der Feder, die goldne Kapſel ſprang auf und Johanna blickte jetzt mit unverwandtem Auge auf das ſaubergearbeitete Zifferblatt. 172 WAAAAANN „ſehen Sie einmal, liebe Tante“— hub 5 endlich an—„die Uhr zeigt gerade auf drei Viertel auf zwoͤlf, und mir iſt ganz ſo zu Muthe, als ob's bei mir auch drei Vier⸗ tel auf zwoͤlf geſchlagen haͤtte.— Nun werd' ich wohl keinen Mann mehr bekommen!⸗ „Still, ſtill, mein Kind!“ ſiel ihr die Tante ein, mit einer geheimnißvollen, laͤcheln⸗ den Miene das Geſchenk betrachtend. Der Commerzienrath ſtattete ihr in Geldgeſchaͤften oͤfters ſeine Beſuche ab, wobei er nicht er⸗ mangelte, ſich ſehr artig mit ihrem Nichtchen zu unterhalten. Deshalb ſchien ihr auch ploͤtz⸗ lich ein Licht aufzugehen, und nichts gewiſſer, als daß er ſich naͤchſtens foͤrmlich um Johan⸗ nens Hand bewerben wuͤrde, wogegen ſie auch nicht das Mindeſte einzuwenden hatte, denn ter war ein reicher Mann. „Das hat etwas zu bedeuten“— fuhr ſie fort— der Commerzienrath h hat ſeine Abſiche ten— „Will er mich etwa heirathen?“ unterbrach ſie Johanna ſchnell. 173 MAANANN „Das kann man ſo eigentlich nicht mit Ge⸗ wißheit beſtimmen“— erwiederte die alte Tan⸗ te bedaͤchtig—„uͤbrigens muͤßt ihr doch auch erſt bekannter mit einander werden—“ Doch Johanna ließ ſie nicht mehr zu Wor⸗ te kommen. Ausgelaſſen umherhuͤpfend, plap⸗ perte ſie mit gelaͤuſiger Zunge:„O, den kenn' ich ſchon lange, ich habe ja gewiß ſchon ſechs Mal mit ihm geſprochen. Es iſt doch das klei⸗ ne Maͤnnchen mit dem blonden Lockenperuͤck⸗ chen, das immer ſo viele ſchnurrige Geſchicht⸗ chen zu erzaͤhlen weiß?— Ja, er ſoll nur kommen, den heirath' ich auf der Stelle, eh's noch zwoͤlf ſchlaͤgt; denn es wird doch nun nachgerade Zeit, liebes Tantchen, daß ich auch einmal klug werde!“ 1 11. Auch Auguſte Thalen hatte ſo eben in Ge⸗ genwart ihrer Schweſter Florentine des Com⸗ merzienraths zaͤrtliche Verſe, nebſt Laute und 174 WWMABVWANN Spitzenſchleier erhalten; doch weit entfernt, gleich den uͤbrigen ſechs auserwaͤhlten Jung⸗ frauen durch dieſe Annaͤherung des kleinen galanten Mannes eine innere Regung fuͤr ihn zu empfinden, oder wohl gar ſeinen Wuͤnſchen entgegen zu kommen, ergoß ſich vielmehr ihre immer rege Laune in den muthwilligſten Scher⸗ zen uͤber den ihr zugeſandten Liebespfeil, der, ſein Ziel verfehlend, an ihrem bereits getroff⸗ nen Herzen voruͤberſchwirrte, und als ein Ge⸗ genſtand des Spottes, unbeachtet vor ihr lie⸗ gen blieb. Eine Unterredung mit dem Com⸗ merzienrathe ſchien ihr nothwendig, in welcher ſie eine Reigung fuͤr ihn verrathen mußte, die ihrem Herzen fremd war, denn Liſt und Ver⸗ ſtellung waren die einzigen Waffen, mit wel⸗ chen er befehdet werden konnte; doch war ſie noch unentſchloſſen, ſich dazu zu verſtehen, als ſich Florentine freiwillig erbot, ihre Rolle zu uͤbernehmen und den Commerzienrath zu bewe⸗ gen, ſeinem Neffen voͤllige, unbeſchraͤnkte Wil⸗ lensfreiheit zu gewaͤhren, und alle auf deſſen Selbſtſtaͤndigkeit Bezug habende Papitr un⸗ verzuͤglich auszuliefern. 175 MWAAANAAN „Das waͤre ein Meiſterſtuͤck ke— entgeg⸗ nete ihr Auguſte.—„Wenn Du das zu Stan⸗ de braͤchteſt, wuͤrde ich mich lebenslaͤnglich vor Deinem Witze mit gebuͤhrendem Reſpecte beu⸗ gen, und als Thaliens erſte Prieſterin Dich hoch verehren.“ 8 „Schweſterchen, Du ſtellſt den Preiß zu hoch!“— erwiederte Florentine.—„Ich fuͤh⸗ le mich ſchon reich belohnt, wenn ich mich wei⸗ den darf im ſtillen Anſchauen Deines Gluͤckes. Mein Plaͤnchen iſt bereits geordnet und alle Liebesgoͤtter will ich beſchwoͤren, ihren Segen mild herabzutraͤufeln, ſein Gelingen zu befoͤr⸗ dern.— Jetzt ſchreibe mit dem Ausdruck ſtill verborgner Liebe ein zaͤrtliches Billet, worin Du dem ſchmachtenden Friedensſtoͤrer zu einem Rendez- vous noch heute in unſerm Garten die Erlaubniß giebſt. Dies ſende ihm ſogleich; er wird nicht ſaͤumen, zu erſcheinen. Den Schleier und die Laute laß mir hier. Sein eignes Geſchoß in meiner Hand ſoll jetzt ein Werkzeug werden, ihn zu taͤuſchen.— Nun, was ſoll der fragende Blick? vertrauſt Du mir nicht ganz?“ 176 NWMAAAN „Wie mir ſelbſt, meine gute Florentine,“ — antwortete Auguſte, ſie zaͤrtlich umſchlin⸗ gend—„doch bedenke auch, daß ein Mißlin⸗ gen Deines Planes vielleicht die letzte Hoff⸗ nung raubt, und unrettbar vom ſchoͤnen Ziele uns entfernt. Auch ſcheint der heutige Tag mir nicht paſſend— Du weißt, daß die Praͤ⸗ ſidentin uns heute zum Balle geladen, wir ha⸗ ben zugeſagt, und muͤſſen dort erſcheinen.“ „Ich handle ja fuͤr Dein Lebensgl luͤck“— verſetzte Florentine ernſter—„glaube mir, ich habe alles reiflich uͤberlegt. Verfuͤge Dich Froͤlich auf den Ball, eine Unpaͤßlichkeit wird mich dort leicht entſchuldigen. Mir laß hier freien Spielraum, vielleicht kann ich bei Dei⸗ ner Wiederkehr Dich mit der freudigſten Bot⸗ ſchaft empfangen.“ „Nun wohlan!“ erwiederte Auguſte—„ich fuͤge mich in Alles, ich vertrane Deiner Klug⸗ heit, wie Deiner Vorſicht, und eile, das Bil⸗ let zu ſchreiben, damit es bald in ſeine Haͤnde kommt.“ jetzt wohlgemuth mit unſrer guten Mutter und —— — Sie gieng nach ihrem Zimuler, und in dem⸗ felben Augenblicke fuhr ein Wagen vor, aus welchem Froͤlich ſprang, um die Damen zum Balle abzuholen. Er fand Florentine allein, welche ihm ſogleich mit dem juͤngſten Ausbruch von des Konnmerzionsaths Dicherzhankaſe e ent⸗ gegen kam. 4 „Hoͤren Sie, was der boͤſe Feind an die Geliebte Ihres Herzens ſchreibt, um ſie in ſei⸗ nen Liebesnetzen zu fangen*— rief ſie ihm entgegen und las mit dathetiſcher Derlammation ſitbende Strophen: 15 5 „Selig als beim Morgenſchein JIch die erſte Roſe pfluͤckte, Mieeiiner Göttin ſie zu weih'n, 48 Die der Erde mich entruͤckte. Dankesblicke, Gluthgeſchoß Tief in meine Seele blitzte, Die in Feuer ſich ergoß, Daß mein Herz im Buſen ſchwitzte.“ „Selbſt in Leipzigs Meßgetuͤmmel Stand Dein Bild vor meinem Blick. Seufzend rief ich:„Armer Schimmel!“ Und es trieb mich ſchnell zuruͤck. 12 178 VWAMNWAAN Laß Dein Ang' durch dieſen Schleier Schelmiſch mir entgegen winken, Laß beim Sitberklang der Leier Mich zu Deinen Fuͤßen ſinken!« „Nun, wie wird Ihnen?e wendete ſi 2 ſich zu Froͤlich, als ſie geendet.— „Wahrlich, nicht wohl!“ entgegneſs ihr die⸗ ſer—„denn ich erſehe aus dieſen Verſen, daß mein armer Oheim wirklich bis zum Wahnſinn verliebt iſt, und es ſcheint mir faſt unmoͤglich, eine Fehde mit ihm zu beginnen, ohne meine Feſſeln ſelbſt noch feſter zu verſchlingen, wenn er meine Mitwirkung erraͤth.« „Kleinmuͤthiger!“ fiel Florentine ein— „verzagte Kaͤmpfer haben nie ein Gluͤck er⸗ kaͤmpft. Ich trete jetzt mit Ihrem Oheim in die Schranken. Ich will die Sklavenfeſſeln loͤſen, die Sie binden. Forſchen Sie nicht weiter—“ Da trat Auguſte ein, uͤberreichte ihrer Schweſter das Billet, welche alle Fragen Froͤ⸗ lichs unbeantwortet ließ, beide nach der Thuͤr draͤngte, und eilig den Diener beorderte, das Billet an ſeine Behoͤrde zu bringen. — * An Geiſt und Koͤrper ermattet, lag der Commerzienrath ausgeſtreckt in ſeinem Lehn⸗ ſeſſel, den Kopf, der noch gluͤhte von der An⸗ ſtrengung des anhaltenden Denkens, auf ſeine Rechte geſtuͤtzt. Vor ihm auf ſeinem Schreib⸗ tiſche lagen die ſieben Briefbogen, belaſtet mit langen und kurzen Gedichten im verſchiedenſten Versmaaße, bunt durcheinander geſtreut, wel⸗ che jedoch groͤßtentheils, wie es ſchien, kurz nach ihrer Geburt mit gewaltigen Strichen wieder vernichtet worden waren. Auch die ſie⸗ ben Federn lagen, theils abgeſtumpft, theils zerbiſſen, daneben, und ihre mitleidenswerthe Geſtalt zeugte laut wider die bis zum Wahn⸗ ſinn geſteigerte Begeiſterung ihres tyranniſchen Fuͤhrers. Dieſer ſchien wirklich einer langen Erholung zu beduͤrfen, denn im Zuſtande gaͤnz⸗ licher Abſpannung aller Kraͤfte lag er bereits ſchon ſeit dieſem Mittag in Traͤumen verſun⸗ ken, ohne durch einen Laut oder eine Be⸗ 12* * 180 WANNNN wegung Leben und Bewußtſeyn zu verra⸗ then. 3,8 ½ Schon zum vierten Male ſteckte Andreas leiſe den Kopf zur Thuͤr herein, um ſeinen Herrn, welcher ebenfalls zum Balle bei der Praͤſidentin eingeladen war, beim Ankleiden zu bedienen; doch wollte er ſich eben wieder zuruͤckziehen, da er, wie fruͤher, ſeinen Gebie⸗ ter noch immer in tiefen Schlaf verſunken glaubte, als dieſer wirklich wie ein Erwachen⸗ der ſich emporrichtete, und mit weitoffnen, ſtarren Augen ihm entgegenſchritt. „Biſt Du es wirklich, hehres Himmels⸗ bild, das in der abendlichen Daͤmmerung mir entgegenſchwebt?“— rief er begeiſtert aus, und war eben bereit, mit ausgebreiteten Armen ſeinen Diener zu umfangen, als dieſer, ihm entſchluͤpfend, ſich hinter einen Stuhl retirirte, und durch ein fuͤrchterliches Angſtgeſchrei ſeine Taͤuſchung ſtoͤrte. Der Commerzienrath rieb ſich die Augen, ſchoß ſinſtre Blicke auf Andreas, bemuͤhte ſich, ſeine verlornen Sinne aufzuſammeln, und als dieſer, noch in furchtſamer Stellung, ihn an 184 WMWNNNNN den Ball erinnerte, riß er ploͤtzlich den Schlaf⸗ rock vom Leibe, ſchleuderte die ſeidnen Pantof⸗ feln in verſchiedne Winkel, und bofahl, eilig ſeine Kleider zu bringen. 1 Andreas brachte dieſe ſchnell herbei, zugleich auch ein Billet, welches im Vorzimmer abge⸗ geben worden war. Haſtig erbrach es der Commerzienrath, und ſichtbar verklaͤrte ſich ſein truͤber Blick, ein lei⸗ ſes Zucken ſeiner Mundwinkel verkuͤndete die freudige Bewegung, die er beim Leſen empfand. Ein gluͤhendes Roth erglaͤnzte nach und nach auf Stirn und Wangen, und im Ueberwallen ſeines Entzuͤckens ſchloß er jetzt wirklich ſeinen Diener feſt in ſeine Arme, der wieder laut aufſchreiend die ganze Garderobe, welche er ſaͤnberlich auf ſeinem Arme trug, zu Boden fallen ließ. Doch Schimmel, weit entfernt, in dieſem ſeligen Augenblicke zu zuͤrnen, raffte ſelbſt die Kleider auf. Ehe zehn Minuten ver⸗ giengen, ſtand er ſchon voͤllig angekleidet vor dem Spiegel, ſteckte mit zitternder Hand die brillantne Buſennadel in den Jabot und ſtuͤrz⸗ te, ohne den harrenden Wagen zu benutzen, 2. * 182 WWVAN/́ den er in der Eilfertigkeit nicht einmal bemerk⸗ te, aus ſeiner Hausthuͤr nach Auguſtens Woh⸗ nung, ihrer zuvorkommenden Einladung zu Fol⸗ ge ſich einzuſtellen zum laͤngſterſehnten Rendez- VOus. Auf dem ziemlich weiten Wege bis zu ihr ſchwamm ſein Herz im Vorgefuͤhle der Wonne, die ſeiner in den naͤchſten Augenblicken harren wuͤrde, wie er ſicher glaubte.—„Ja, Au⸗ guſte!“— rief er aus—„Du biſt die Goͤttin, die der Himmelswagen auf ſeinen ſieben bril⸗ lantnen Raͤdern mir entgegenfuͤhrt. Du warſt von meinem ſchuͤtzenden Geſtirne mir laͤngſt be⸗ ſtimmt. Des Aſtrologen Weiſſagung hat ſich bewaͤhrt— um ſieben Jungfrauen hab' ich ge⸗ worben, und doch nur eine giebt mir den un⸗ leugbaren Beweis der zarten Liebe.— Dank, edler Steinbock heißen Dank ruf' ich Dir zu, hinuͤber in die graue Ewigkeit! und all' ihr freundlichen Geſtirne, die ihr meinem Lebens⸗ lauf den Pfad bezeichnet, ſeyd geprieſen, bis mein letzter Hauch entflieht!“⸗ Unter dieſem und aͤhnlichen Selbſtgeſpraͤ⸗ chen war er bis zur Thuͤr des Gartens gelangt, 8 183 AAVANNAN welcher, mit einer hohen Mauer verſehen, das Haus der Raͤthin Thalen von den nachbarlichen Gebaͤnden trennte. Die Thuͤr war offen, und mit klopfendem Herzen trat er ein. Tiefe Stil⸗ le herrſchte rings umher, nur das Fluͤſtern in den Bluͤthenzweigen, die ein ſanfter Abendwind bewegte, drang zu ſeinem Ohr, und ſo ſehr er ſeine Schritte beſluͤgelt auf den belebten Straßen, deſto langſamer und leiſer ſchlich er jetzt die Gaͤnge des einſamen Gartens hinab. Das Schweigen rings umher, die hohen gruͤ⸗ nen Hecken, die dunklen Taxusgebuͤſche, zwi⸗ ſchen welchen hier und da— wie drohende Geiſter, dem Grabe erſtanden— einzelne Mar⸗ morgebilde hervorſchimmerten, erfuͤllten ihn mit einem unheimlichen Schauer, und erſchrocken fuhr er ploͤtzlich zuruͤck, als er jetzt um eine Ecke bog und die Statue des Momus mit widerlichem Laͤcheln zu ihm herniederblickte, drohend mit erhobnem Finger. Schuell zog er unwillkuͤhrlich ſeinen Hut und mit einer hoͤfli⸗ chen Verbeugung gieng er weiter bis zu einer dunkeln Laube, vor welcher zur Rechten die Statue des Harpokrates, zur Linken die des MMAAN Cupido, mit Pfeil und Bogen, aufgeſtellt war. Ein blendend weißes Gewand ſchimmerte ihm durch die Daͤmmerung entgegen, er trat naͤher, und erblickte, ruhend auf Polſtern, eine juno⸗ niſche Geſtalt, deren Antlitz ein neidiſcher Schleier verhuͤllte. Wie konnte er laͤnger zwei⸗ feln? res war Auguſte, die hier ſeiner harrte, und ſchon verwuͤnſchte er den Einfall ſeines Neffen, einen Schleier fuͤr ſie auszuwaͤhlen, der ihm jetzt in der ſeligſten Stunde ſeines Le⸗ bens den ſuͤßen Genuß entzog, in ihr liebe⸗ ſpendendes Auge zu ſchauen. Aufmerkſam durch das Geraͤuſch, erhob ſie ſich, und gieng ihm freundlich entgegen; er aber, voll Entzuͤcken, be⸗ deckte ihre Hand mit unzaͤhligen Kuͤſſen, ſank zu ihren Fuͤßen und lispelte mit angſtbeklomm⸗ uer Stimme zu ihr hinauf:„Was darf der arme Schimmel fuͤr ſeine heiße Liebe hof⸗ fen?* 1 „Eh' ich Ihnen dieſe Frage beantworten kann,“— fluͤſterte ihm die Verſchleierte leiſe zu—„muß ich Sie mit einem Verhaͤltniſſe bekannt machen, das mit meinen eignen Wun⸗ 3 ſchen unabloͤslich in Verbindung ſteht. Meine 8 8 185 MAᷓAANͤ einzige und theuerſte Freundin liebt ihren Nef⸗ fen innig, und wird mit gleicher Zaͤrtlichkeit von ihm geliebt. Doch Sie wiſſen, daß er noch unter Ihrer Vormundſchaft ſteht und ohne Ihre Einwilligung und die Auslieferung ſeines Vermoͤgens keine feſte Verbindung ſchlieſ⸗ ſen kann. Ein Geluͤbde bindet mich an meine Freundin, nicht eher nach dem Ziele meines Gluͤckes zu ringen— und waͤre mir es auch noch ſo nahe— bis alle Hinderniſſe beſeitigt ſind, die feindlich ihren Wuͤnſchen ſich entge⸗ genſtellen. Daher kann nur an einem Tage, und vereint mit ihr, der Prieſterſegen unſere Verbindungen weihen. Liegt Ihrem Herzen mein Gluͤck ſo nahe, wie ich aus Ihren Wor⸗ ten ſchließen darf, ſo eilen Sie unverzuͤglich, meine innigſten Wuͤnſche recht bald in Erfuͤl⸗ lung zu bringen. Liefern Sie mir, wo moͤg⸗ lich noch heute, die Papiere aus, welche Ih⸗ res Neffen Selbſtſtaͤndigkeit ſichern, damit ich meiner Freundin eine freudige Ueberraſchung bereite.“ 4 Der fuͤrchterlichſte Kampf entſpann ſich jeßzt in Schimmels Herzen— er ſtand am Schei⸗ — 186 MANNNN dewege.„Alle Ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen, mei⸗ ne Angebetete,“— erwiederte er ſtoͤhnend aus gepreßtem Herzen—„iſt zwar meine ſuͤßeſte Pflicht, und darf ich dieſe Wuͤnſche nach der Empfindung meines Herzens deuten, ſo wuͤrde mich ſelbſt die ſchleunige Erfuͤllung derſelben zum Gluͤcklichſten aller Sterblichen erheben. Allein mein Neffe iſt noch viel zu jung, um ſein Vermoͤgen ſelbſt verwalten zu koͤnnen. Gegen ſeine Verbindung ſelbſt haͤtte ich eigent⸗ lich nichts einzuwenden, da mir Ihre Fuͤrſpra⸗ che ſchon die Trefflichkeit ſeiner Wahl verbuͤrgt, doch kann ich mich— aus wahrhaft vaͤterli⸗ cher Fuͤrſorge— unmoͤglich entſchließen, ihn meiner vermundſchaftlichen Gewalt zu entlaſ⸗ ſen.“ „Wie? waͤr' es moͤglich? Sie weigern ſich, Ihres Neffen Gluͤck zu gruͤnden durch Aus⸗ lieferung ſeines rechtmaͤßigen Eigenthums? Ich ſehe leider zu ſpaͤt ein, daß Ihr Herz nur al⸗ lein am Golde haͤngt und keiner reinen Liebe faͤhig iſt. Doch um meiner Freundin Willen fordre ich nochmals die Ueberlieferung der be⸗ wußten Papiere dringend von Ihnen, und — — — 187 NANMBMN zwar noch heute, ſonſt ſehen Sie mich niemals wieder.“ Mit dieſen Worten trat ſie aus der Laube, mit einer leichten Verbeugung ſich von ihm wendend; doch Schimmel, der noch knieend am Boden lag, bemaͤchtigte ſich von Neuem ihrer Hand und rief, ſie zuruͤckhaltend, beinahe in Verzweiſtung:„Wohlan! ich bringe Ihnen je⸗ des Opfer! Es ſey! noch heute erhalten Sie die Papiere. Doch nun vergoͤnnen Sie mir auch, entſchleiert Ihr reizendes Antlitz zu ſchauen, im ſanften Feuer Ihres Auges mir ein Fuͤnkchen Hoffnung fuͤr meine heißo Liebe zu erſpaͤhen.“ Willig ſchlug ſie jetzt den Schleier zuruͤck, und mit laͤchelnder Miene, in welcher ſich ſtill⸗ verhaltne Freude malte, fluͤſterte ſie ihm die Worte noch zu:„Sie wollten mich mit der Verweigerung meiner Bitte doch nur taͤuſchen, denn ich kannte ja laͤngſt Ihr edles Herz. Aber huͤten Sie ſich, lieber Freund, daß ich Ihnen nicht gleichen Scherz entgegenſtelle, und Sie zu taͤuſchen ſuche, wo ſich mir Gelehen⸗ heit darbietet.“ 188 AWV Der Commerzienrath vermochte ſich nicht loszureißen von der lieblichen Geſtalt, begleite⸗ te ſie, auf ſeinen Knieen nachrutſchend, ſo weit er ſie mit den Augen verfolgen konnte, und als ſie endlich hinter der Thuͤr ihrer Woh⸗ nung verſchwunden war, ſprang er auf, ſich freudetrunken ſiebenmal im Kreiſe herumdrehend, und rief entzt kt:„Beginne, holdes Weſen, Deiner Taͤuſchung Spiel, mich kannſt Du nicht verwirren; ich las in Deinen Augen das Geheimniß Deiner Seele. Ich bin geliebt— geliebt! Der ſanfte Druck von ihrem zarten Haͤndchen hat mir electriſch ihres Herzens Flam⸗ men kund gethan!“ Uebergluͤcklich verließ er den Garten, und eilte, ſchneller als er gekommen war, nach ſei⸗ ner Wohnung zuruͤck. 13. Hier gedachte er des ſchweren Opfers, das er bringen ſollte; dieſer Gedanke ſtimmte ſeine Freude merklich herab, zagend hielt er die Pa⸗ piere in der Hand und wiederholte ſich, um ſeinen geſunkenen Muth zu erheben, mit dem Ausdrucke der innigſten Zaͤrtlichkeit jedes ihrer Worte. Sie klangen ihm zwar unbeſtimmt und dunkel, doch ſeine Eitelkeit ließ keinen Zweifel aufkeimen. Sie hatte von ihrem Le⸗ bensgluͤcke, von heißen Wanfn. in ſogar vom Prieſterſegen mit ihm geſprochen, und al⸗ les dieſes glaubte er nur auf ſich beziehen zu muͤſſen. Sie hatte ihn„lieber Freunde⸗ genannt, noch fuͤhlte er den ſanften Druck ih⸗ rer Hand— dies ſchienen ihm die uͤberzeugend⸗ ſten Beweiſe ihrer Liebe, und mehr glaubte er bei der erſten Unterredung ohne Zeugen von einer ſittſamen Jungfrau nicht erwarten zu duͤrfen. Deshalb ſtieg auch, nach kurzer Ueberlegung, die Hoffnung auf ihren Beſitz in ſeiner Seele wieder empor und nachdem er, mit zugedruͤckten Augen und zuckender Hand, die Papiere zu ſich geſteckt, eilte er auch ſchon wieder hinweg, um durch die ſchleunige Erfuͤl⸗ lung ihrer Bitte ſeine heiße Liebe kund zu thun und vielleicht noch heute zum Lohne und 190 3 WANNN Danke das ſchuͤchterne Jawort und den erſten Kuß zu aͤrndten. Sein Weg fuͤhrte ihn vor des Praͤſidenten praͤchtigem Palais voruͤber, aus deſſen hellerleuchtetem Saale ihm eine rauſchende Polonaiſe entgegenſchallte, mit wel⸗ cher der Ball eroͤffnet wurde. Unwillkuͤhrlich blieb er ſtehen, und da er ſelbſt ein leidenſchaft⸗ licher Taͤnzer War, ſo hielt ihn die Muſik eini⸗ ge Minuten wie feſt gebannt, es ſchien ihn unwiderſtehlich die breiten Marmorſtufen hin⸗ aufzuziehen, und die an den hohen Glasthuͤren des Saales voruͤberſchwebenden Schatten der Tanzenden ſchienen ihm zuzuwinken. „Nein,“ rief er endlich aus—„das waͤre ſchaͤndlicher Verrath an treuer Liebe, wenn ich die ſeligen Angenblicke, die Auguſtens Naͤhe mir gewaͤhrt, hier verſchwenden wollte. Doch lauſchen— nur zwei Minuten lauſchen will ich, ob man mich hier vermißt, ob keine Da⸗ me ſtillſeufzend nach meiner Gegenwart ver⸗ langt.“ Ohne Saͤumen ſtieg er die Stufen hinauf, um durch die halbgeoͤffneten Fluͤgel⸗ thuͤren unbemerkt zu ſpaͤhen; doch ſchon beim erſten Blicke, den er auf die hier verſammelte Ge ſellſchaft warf, fahr er wie vom Blitz ge⸗ troffen zuruͤck, denn das erſte Paar, das vor ſeinen Augen voruͤberſchwebte, war— ſein Herr Neffe und Auguſte Thalen. Keines Lau⸗ tes maͤchtig wankte er, gelaͤhmt an allen Glie⸗ dern, die Stufen ruͤcklings hinab und erreichte ſo die hellerleuchtete Hausflur, wo er ſinnend ſtehen blieb. Sein erſter Vorſaß war Rache. Augenblicklich wollte er zuruͤck in den Saal, die Heuchlerin entlarven vor allen Anweſenden, heldenmuͤthig ihr entſagen und ſeinem Neffen ewige Sklaverei ankuͤndigen. Doch ſchon nach wenigen Minuten war der maͤchtige Helden⸗ geiſt, der in ſeinem kleinen Kopfe nicht Platz fand, verraucht und ließ menſchlichern Gefuͤh⸗ len Raum, die hauptſaͤchlich durch den Anblick ſeiner weißen Caſimirbeinkleider erweckt wurden, deren Knie zu Folge der Rutſchparthie im Gaxten mit gewaltigen Flecken verſehen waren, welche, wenn er es wagte, ſo in die Geſell ſchaft einzutreten, natuͤrlicher Weiſe dem kalt⸗ bluͤtigen Beobachter verdaͤchtig ſcheinen und den Spott aller anweſenden Witzlinge erregen muß⸗ ten. Dies erwaͤgend hielt er es fuͤr kluͤger, ſich üräckzugiehet, und da er uͤberdieß Fetnen Augen nicht ganz trauen zu duͤrfen glaubir, beſchloß er, ſich nach Auguſtens Wohnung ei⸗ lig zu verfuͤgen, und dort zu forſchen, ob der ſchreckliche Verdacht gegruͤndet ſey? h r e So eilte er von Zweifeln getrieben durch die menſchenleeren Straßen, denn der Waͤchter rief bereits die zehnte Stunde, und ſchon nach wenig Minuten ſtand er vor dem wohlbekann⸗ ten Hauſe! Er verſuchte es, leiſe die Thuͤr zu öffnen, ſie war verſchloſſen; doch die Fenſter der erſten Etage waren hellerleuchtet und eine wohlbekannte Stimme, welche zur Begleitung der Laute ſang, loͤſte ploͤtzlich ſeine qualvollen Zweifel, und ſeinen Unmuth gaͤnzlich nieder⸗ kaͤmpfend, rief dieſer Geſang auch ſeine leiden⸗ ſchaftliche Liebe in ihrer ganzen Staͤrke wieder hervor. Mit halbgeſchloſſenem Auge lauſchte er jedem Tone, der wie neubelebend durch des Abends tiefes Schweigen zu ihm hernieder⸗ ſchwebte; er glaubte Auguſtens Stimme dent⸗ lich zu erkennen, auch des Inſtrumentes Ton war ihm wohl bekannt, und die klagende Weiſe ſchien ihm ein ſanfter Vorwurf der ge⸗ 193 NVALATIN kraͤnkten Liebe. Mit kleinen Ohrfeigen— wel⸗ che er ſich als wohlverdiente Strafe fuͤr ſeinen voreiligen Verdacht mit eigner Hand ertheilte — begleitete er tactmaͤßig ihren Geſang, ſeinen Augen, von welchen er ſich ſchaͤndlich getaͤuſcht glaubte, machte er in aller Stille die bitterſten Vorwuͤrfe, und niedliche Thraͤnchen der Reue perlten auf ſeinen Augenwimpern. Es war ihm, als zoͤge ihn eine unwiderſtehliche Macht empor, zum Sitz der holden Saͤngerin. Wie ein Kind am Weihnachtsabend, das nach dem bunten Spielwerke ungeduldig verlangt, welches, auf hoher Tafel aufgeſtellt, die kurzen Aerm⸗ chen nicht zu ergreifen vermoͤgen, ſtand der Commerzienrath, gequaͤlt von Sehnſucht, mit den Haͤnden uͤber ſich in die Luͤfte greifend und ein Bein nach dem andern emporhebend, als wolle er einen Aufflug bis zu den Fenſtern der Geliebten beginnen. Doch ſein Bemuͤhen blieb fruchtlos, denn ſelbſt die eben nicht bedentende Schwere ſeines Koͤrper behauptete ihr Recht, und hielt ihn am Boden feſt. Da gewahrte er— als ſchon Seufzer auf Seufzer aus ſei⸗ ner Bruſt ſich draͤngten— ein Spalier, wel⸗ 13 194 WAN ches umrankt von Weinreben, bis zur erſten Etage an der Mauer befeſtigt war und ſo eine bequeme Treppe zu bilden ſchien, den ſchier Verſchmachtenden emporzutragen bis zu den offenen Fenſtern. Seiner Behendigkeit ver⸗ trauend, begann er muthig emporzuſteigen und ſchon nach wenig Minuten ſchaute er keck, doch mit zuruͤckgehaltenem Athem und ohne durch das geringſten Geraͤuſch ſeine Annaͤhe⸗ rung zu verrathen, ins Zimmer. Gierig ſchien er jetzt das heitere Bild, das ſeinen Blicken ſich zeigte, einzuſangen. Im reizendſten Ne⸗ gligee erblickte er die holde Saͤngerin, mit zu⸗ ruͤckgeſchlagenem Schleier und mit kunſtgeuͤbten Roſenſingern die melodiſchen Saiten der Laute bewegend, ohnweit des Fenſters ſitzend, vor welchem er, mit uͤppigem Weinlaub rings um⸗ geben, wie ein Voͤglein im Neſte Platz genom⸗ men. Seine innere, freudige Bewegung ſtieg aber bis zum hoͤchſten Entzuͤcken, als er jetzt in ihrer Naͤhe jedes Wort des Geſanges deut⸗ lich zu unterſcheiden vermochte. Ein vor der Saͤngerin liegendes Blatt Papier, auf welchem er bald ſeine eigenen Schriftzuͤge erkannte, gab 1 195 AAAAAM ihm die Gewißheit, daß ſie durch ihre Zauber⸗ ſtimme ſeine eigenen Verſe, nach der beliebten Melodie:„Einſam bin ich nicht alleine“ u. ſ. w. verherrliche. Bei dieſer freudigen Ent⸗ deckung fuhr ein leiſes Zittern der hoͤchſten Wonne durch alle ſeine Gebeine und als ſie klagend, mit dem reinſten Tone ihrer Silber⸗ ſtimme, die Worte ſang:„Seufzend rief ich: armer Schimmellt da vermochte er den Drang ſeiner Empfindung nicht laͤnger mehr zu zuͤ⸗ geln, und mit dem lauten Ausrufe:„ſeliger Schimmehle gab er ſich einen kuͤhnen Schwung, daß Latten und Reben kniſterten, und ſaß auch ſchon im naͤmlichen Augenblicke auf dem weich⸗ gepolſterten Fenſterbrete, die Beine herabhaͤn⸗ gend ins Zimmer. Erſchrocken uͤber das ploͤtz⸗ liche Geraͤuſch, ſprang die Saͤngerin vom Seſſel auf, ließ die Laute ihrer Hand entſinken und ein Blick nach dem offenen Fenſter gab ihr Stoff zu gerechtem Zorne. Doch ehe ſie dieſen noch durch Worte auszudruͤcken vermoch⸗ te, war der Commerzienrath bereits vom Fen⸗ ſter herabgerutſcht, und lag mit gefalteten Haͤnden, um Verzeihung flehend, zu ihren 13*† 196 AANAMNAA Fuͤßen. Ein leiſes Laͤcheln ſchwebte auf ihren Lippen und verjagte die drohenden Wolken, die ſich auf ihrer Stirn gelagert, doch ohne den Flehenden zum Aufſtehen zu noͤthigen, hielt ſie ihm eine lange Strafpredigt, uͤber ſein aben⸗ theuerliches unanſtaͤndiges Eindringen in ihr Zimmer— wobei er ſich gebehrdete wie ein troſtloſer Quintaner, der auf Erbſen kniet— befahl ihm ſich zu entfernen und binnen vier Wochen ſich nicht wieder vor ihr blicken zu laſſen. I atht An „O, ſo erlauben Sie mir wenigſtens“— entgegnete er demuͤthig, einige Papiere, gleich⸗ ſam als Schutzwehr gegen ihren Zorn, hervor⸗ ziehend, und ſein beſchaͤmtes Antlitz dahinter vorbergend—„die Schriften zu Ihren Fuͤßen zu legen, die allein die Urſache ſind, weshalb ich mich noch ſo ſpaͤt Ihrem Zauberkreiſe zu nahen wagte. Ich habe deſſen Macht empfun⸗ den: einmal genahet, fuͤhlte ich mich feſtge⸗ bannt und durch die zauberiſchen Toͤne empor⸗ getragen wie auf unbekannten Schwingen, durch eine mir ſelbſt unbewußte Kraft.“ 197 NMAAAAA Florentine, denn ſie war die Saͤngerin, vermochte kaum ihre freudige Bewegung zu ber⸗ gen uͤber das ſchnelle und gluͤckliche Gelingen ihres Planes. Mit freudiger Haſt nahm ſie die Papiere aus der Hand des Knieenden, reichte ihm freundlich ihre Rechte zur Verſoͤh⸗ nung, und bat ihn jetzt mit den ſanfteſten Worten, nicht laͤnger ihren Ruf zu gefaͤhrden und ſich ſtill und geraͤuſchlos zu entfernen. Doch da die Hausthuͤr vom Bedienten bewacht wurde, welcher die Zuruͤckkunft der Herrſchaft erwartete, ſo konnte ſie dem armen Commer⸗ zienrathe keinen andern Weg zum Ruͤckzuge bieten, als denſelben, durch welchen er ſeinen uͤberraſchenden Einzug gehalten hatte. Zum Gluͤck fuͤr ihn war die Etage nicht hoch, und da es ihm wohl einleuchtete, daß— in dieſer ſonderbaren Situation, wo er als ſtraffaͤllig ſich ſchon mit der Verzeihung ſeiner Angebete⸗ ten begnuͤgen mußte— weder an ein Jawort, noch an den erſten Kuß zu denken war, berei⸗ tete er ſich auch ſogleich zu ſeinem zweiten Wageſtuͤck vor, und ließ ſich mit beſonderer Geſchicklichkeit zum Fenſter hinab, einige viel⸗ 198 AMMWA ſagende Blicke zum Abſchiede zuruͤckwerfend, welche von der wirklich um ihn aͤngſtlich be⸗ ſorgten Florentine mitleidig erwiedert wurden, und ohne Unfall erreichte er den ſichern Bo⸗ den, warf noch einige zaͤrtliche Kußhaͤndchen zum Fenſter hinauf, und begab ſich nach Hau⸗ ſe, wo er die ſeltſamen Vorfaͤlle des vergang⸗ nen Tages uͤberdachte. n Wie ein Felſenſtein ſiel's ihm unfs icpens als er ſich vor Allem der Auslieferung der fuͤr ihn ſo wichtigen Papiere erinnerte, wodurch er nunmehr gezwungen war, ſeinem Neffen ſein Erbtheil einzuhaͤndigen, welches er bisher, als eignes Vermoͤgen betrachtend, nur zu ſeinem Nutzen verwaltet hatte, und von den ſchweren Zinſen, die es eintrug, dem armen Doctor nur einen kleinen Theil, und gleichſam als großmuͤthige Unterſtuͤtzung, zufließen ließ. Noch hoͤher aber ſtieg ſeine Beklemmung, als er nach reiflicher Ueberlegung wohl einſah, daß er durch dieſes wichtige Opfer auch nicht um einen Schritt ſeinem erwuͤnſchten Ziele naher gelangt ſeh. 199 NANUUWNN „Wie, wenn ſie mich nun mit eineln ſau⸗ ber geflochtnen Koͤrbchen dennoch heimſchickte?“ fragte er ſich aͤngſtlich, mit truͤben Blicken; doch ſeine Eitelkeit verband ſich ſchweſterlich mit der Hoffnung, ihn zu troͤſten, und indem er ſich alle ihm ſo wichtig ſcheinenden Gunſt⸗ bezeigungen, die er heute von der heißgeliebten Auguſte empfangen zu haben glaubte, ins Ge⸗ daͤchtniß zuruͤckrief, umflorte ein ſanfter Schlummer ſein muͤdes Auge, und neckend umgaukelten ihn die lieblichſten Traͤume einer ſonnenhellen Zukunft. 14. 1 Waͤhrend er ſchlummerte, war Florentine noch wach, ſtill erfreut, daß ihre Taͤuſchung gluͤcklich gelungen, und beſchaͤftigt, der gelieb⸗ ten Schweſter Gluͤck, dem unn kein Hinderniß mehr im Wege ſtand, in den reizendſten Bil⸗ dern vor ihrer Phantaſie voruͤberzufuͤhren, wo⸗ bei mehr als jemals ihre eignen Wuͤnſche laut WAAAAA wurden, und eine ſtille Sehnſucht nach dem geliebten Juͤnglinge, dem ſie in reiner Zunei⸗ gung ihr Herz geweiht, einzog in ihre Bruſt. Alexander Sydlow war ihrer Liebe werth, denn ſo wie ſeine wirklich ſchoͤne Geſtalt den guͤn⸗ ſtigſten Eindruck in jedem fuͤhlenden Herzen zuruͤcklaſſen mußte, ſo konnte ſein feuriger, fuͤr alles Schoͤne und Edle gluͤhender Geiſt nur Bewunderung und ſanfte Hinneigung erregen. Er hatte Florentine in der Penſionsanſtalt kennen gelernt, ihr erſter Anblick hauchte Liebe in ſein Herz, und als ſich ſeine reichen Eltern ſelbſt von der Unverwerflichkeit ſeiner Wahl, durch eine naͤhere Bekanntſchaft mit dem Ge⸗ genſtande ſeiner Liebe, uͤberzeugt hatten, gab ihre freiwillige Zuſtimmung ihm das erſehnte Recht, ſie mit dem ſuͤßen Namen ſeiner Braut begruͤßen zu duͤrfen. Sie verließ die Penſions⸗ anſtalt, um in die Arme ihrer guten Mutter zuruͤckzukehren, welche gern ihren Segen zu ei⸗ nem Buͤndniſſe ertheilte, das ihrer Tochter ein ſeltnes Gluͤck verhieß, da ihr Alexanders Fami⸗ lie ſehr vortheilhaft bekannt war. So beſchaͤf⸗ tigte Florentine jetzt die ſuͤßeſte aller ihrer Hoffnungen, vielleicht ſchon in einigen Tagen den geliebten Freund bei ſich zu ſehen, um den heiligen Bund mit ihm zu knuͤpfen, der ſie an ſeiner Hand zur gluͤcklichſten Gattin weihen ſollte. 6 In dieſen ſeligen Traͤumereien wurde ſie durch das Vorfahren eines Wagens unterbro⸗ chen, welcher ihre Mutter und Schweſter vom Balle zuruͤckfuͤhrte. Sie eilte ihnen bis an die Hausthuͤr entgegen, und bat ihre Mutter, dem jungen Doctor, welcher ſie begleitet, zu erlau⸗ ben, noch einige Augenblicke in ihrer Geſell⸗ ſchaft verweilen zu duͤrfen, da ſie ihm wichtige Nachrichten mitzutheilen habe. In geſpannter Erwartung folgten ihr Alle auf ihr Zimmer, und hier uͤberreichte ſie mit dem Ausdrucke der innigſten Freude dem Doctor die Papiere, de⸗ ren Beſitz ihn von der laͤſtigen Oberherrſchaft ſeines Oheims befreite. In einer langen und herzlichen Umarmung dankte Auguſte ihrer Schweſter, auch in Froͤlichs Augen glaͤnzten Thraͤnen des innigſten Dankes, doch als Flo⸗ rentine die Ausfuͤhrung ihrer Liſt erzaͤhlte, frag⸗ te die Mutter ploͤtzlich ernſt: 202 NAAAAMANN „Aber wird der Commerzienrath dieſe Pa⸗ piere nicht— und vielleicht mit richterlicher Huͤlfe— zuruͤckbegehren, ſobald ihm ſeine Taͤu⸗ ſchung kund wird?“ „Das darf er nicht,“— erwiederte Floren⸗ tine—„denn er hat ſie nur auf meine Bitte freiwillig und ohne Bedingung uͤbergeben, um ſie ſeinem Neffen zu ſeiner Verbindung mit meiner innigſten Jugendfreundin einzuhaͤndigen. Meine innigſte Jugendfreundin iſt meine gelieb⸗ te Schweſter Auguſte; habe ich ihn durch mei⸗ ne Aehnlichkeit mit dieſer getaͤuſcht, hat er ſich dabei mit Hoffnungen geſchmeichelt, ſo hat er laͤngſt ſchon dieſe kleine Zuͤchtigung an ſeinem Neffen verdient, den er darben ließ, indem er ihm aus Geiz und Habſucht ſein rechtmaͤßiges Vermoͤgen vorenthielt.“ „Der Zweck mag hier die Mittel heiligen!’ entgegnete die Mutter—„und obgleich ein ſo liſtiges Verfahren nicht ganz mit meinen Grund⸗ ſaͤtzen uͤbereinſtimmt, ſo war es leider hier der einzige Weg, dem braven Doctor zum Beſitze ſeines Vermoͤgens zu verhelfen. Doch ſcheint mir es nothwendig, Eure Verbindung zu be⸗ 203 MW ſchleunigen, um allen ſeindſeligen Hinderniſſen, welche Euch der Commerzienrath noch entgegen⸗ ſtellen koöͤnnte, zu entgehen. Deshalb haltet Euch morgen noch vor Sonnenaufgang bereit, mich auf mein Landgut zu begleiten, wo Eure Trauung ſchnell vollzogen werden ſoll. Und mit ſanft erglaͤnzenden Blicken, aus denen die freu⸗ dige Regung ihres Herzens ſprach, fuͤgte ſie Au⸗ guſtens und des Doctors Rechte ineinander und ſprach den muͤtterlichen Segen uͤber das gluͤck⸗ liche Paar, worauf Froͤlich, ſich ungern los⸗ reißend aus der braͤutlichen Umarmung, ſich entfernte. Doch der erſte Sonnenſtrahl hatte ſich noch nicht aus den Rebelfluthen des oͤſtlichen Hori⸗ zontes hervorgewunden, als er ſchon reiſefertig vor der Wohnung ſeiner Braut erſchien; denn der guͤnſtige, ſchnelle Wechſel ſeiner Verhaͤltniſ⸗ ſe, und das in den naͤchſten Stunden ſeiner oielleicht ſchon harrende, laͤngſt erſehnte Gluͤck, hatte den Schlummer von ſeinem Lager ver⸗ ſcheucht. Ein Diener oͤffnete ihm die Thuͤr, und wies ihn in Auguſtens Zimmer, welche, ebenfalls ſchon voͤllig angekleidet, mit herzlichem 204 NMMMNABANUA Morgengruße ihm entgegentrat. Auch Floren⸗ tine und ihre Mutter ſtellten ſich bald ein, und nach wenig Minuten rollte der Wagen zum Thore der Reſidenz hinaus, welche, von leichten Morgennebeln umſchleiert, noch im tiefen Schlummer verſunken ſchien. b Nach einigen Stunden war das Ziel ihrer Reiſe gluͤcklich erreicht, und unter den Zuruͤ⸗ ſtungen zum Vermaͤhlungsfeſte vergiengen einige Tage, waͤhrend welcher Zeit auch Alexander Sydlow eintraf, der die in ſeiner Heimath ihn zuruͤckhaltenden Geſchaͤfte beeilt, um die geliebte Braut durch ſeine fruͤhere Ankunft zu uͤberra⸗ ſchen, und nun darauf beſtand, die Feier ſei⸗ ner Verbindung mit der des Doctors zu verei⸗ nigen. Schon in den erſten Stunden ſeines Hierſeyns gewann er das voͤllige Wohlwollen der Mutter, deshalb gewaͤhrte ſie gern ſeine Bitte, und ſchon am folgenden Tage ſprach der wuͤrdige Prieſter den Segen des Himmels uͤber die beiden gluͤcklichen Paare aus. 15. Indeſſen war der Commerzienrath ein wah⸗ res perpetuum mobile geworden. Nirgends fand er Ruhe noch Raſt, unaufhaltſam trieb es ihn durch alle Straßen, unzaͤhlige Male gieng er Auguſtens veroͤdeter Wohnung voruͤber, bot dem alten Diener, dem einzigen Bewohner der⸗ ſelben, ſogar Geld, ihm den Aufenthalt der Raͤ⸗ thin und ihrer Tochter zu entdecken, doch ver⸗ geblich; der Alte war unbeſtechlich und behaup⸗ tete, daß ſie eine weite Reiſe unternommen, deren Ziel er nicht wiſſe. Seine quaͤlenden Beſorgniſſe zu zerſtreuen, nahm er ſeine Zu⸗ flucht zu den bisher unbeachteten, noch uͤbri⸗ gen ſechs auserwaͤhlten Jungfrauen, welche ihm beinahe auf halbem Wege entgegenkamen, und nicht undeutlich verriethen, daß die auf ſie ab⸗ geſchoßnen Liebespfeile nur zu ſicher getroffen. Doch auch ihre Unterhaltung konnte ſeine quaͤ⸗ lende Unruhe nicht daͤmpfen, und es wurde ihm nach und nach immer klarer, daß er betrogen 206 rAWe ſey. Die volle Bekraͤftigung dieſes Verdachtes erhielt er aber in einem Briefe ſeines Neffen, welcher ihm ſeine eheliche Verbindung mit An⸗ guſte Thalen meldete, ihm fuͤr ſeine Einwilli⸗ gung und die Auslieferung der Papiere herzlich dankte, und in einem offnem Bekenntniſſe den gluͤcklich gelungnen Taͤuſchungsplan enthuͤllto. Nachdem er zu Ende geleſen, entſank der Brief ſeinen Haͤnden. Bleich und zitternd vor Jorn und Schrecken, ſank er in einen Seſſel und rief in wilder Vorzweiflung: Zich bin ein Kind des Todes! O Steinbock, Steinbock! hab' ich nicht gewiſſenhaft nach Deinen goldnen Weisheitsregeln ſtets gehandelt? O all ihr himmliſchen Geſtirne, du mir ſo nah befreun⸗ deter Himmelswagen! haſt du mich ſo ganz ver⸗ laſſen? Auf deine Leitung bauend, hab' ich um ſieben Jungfrauen geworben, in ihre Herzen ſieben Liebespfeile abgeſendet. Sechſe treffen gluͤcklich, aber der ſiebente, der wichtigſte von Allen, wagt es, mich zu aͤffen!“ Ein Thraͤnenſtrom loͤſte ſeine Verzweiflung in ſanfte Wehmuth auf, und nachdem er eini⸗ ge Stunden in ruhigem Nachdenken zugebracht, 2 faßte er den muthigen Entſchluß, das ganze weibliche Geſchlecht von nun an zu fliehen. Einige Meilen von der Reſidenz entfernt, kauf⸗ te er ein Landgut, wohin er ſich mit ſeinem Jammer im Herzen zuruͤckzog, und den Aſtro⸗ logen Steinbock, alle Himmelsgeſtirne, die ſie⸗ ben Pfeile, ſeinen Neffen, das Rendez- vous im Garten und das halsgefaͤhrliche Abentheuer am Fenſter heimlich verwuͤnſchend, beſchloß er den Reſt ſeiner Tage in Andreas Geſellſchaft als Hageſtolz. Auch den verſchmaͤhten ſahs Jungfrauen wurden verſchiedene Schickſale zu Theil. Bet⸗ ty Murner wurde die gluͤckliche Gattin des er⸗ ſten Aufſehers der fuͤrſtlichen Menagerie, und 1 zugleich die innigſte Freundin eines ſehr geleh⸗ rigen Eisbaͤren, dem ſie ſchon bei ſeinem erſten Anblicke ihre ganze Zuneigung ſchenkte. Julie Almer fand es fuͤr klug, die Hand des beruͤhm⸗ ten Tanzmeiſters Zephyr anzunehmen. Adel⸗ heid von Freiwild ließ, da ſich kein Ritter fand, geneigt, ihre Herrenburg mit ihr zu theilen, dicht neben derſelben eine Einſiedlerhuͤtte er⸗ bauen, in welche ſie ſich als einſame Klaus⸗ — nerin von der Welt zuruͤckzog. So ſah' ſich auch Magdalena Beatini genoͤthigt, einſam die neue Himmelsleiter zu ſtudiren, und nur ihr Stickrahmen gewaͤhrte ihr von nun an Unter⸗ haltung, denn ſie war jetzt eifrig bemuͤht, ein Prachtwerk mit kunſtgeuͤbter Hand zu fertigen, ihre Namensſchweſter, die buͤßende Magdalena, vorſtellend. Sylphilde von Zaͤhrenfeucht ver⸗ ſchwand, als die Nachtigallen in herbſtlicher Abendkuͤhle ihre Abſchiedslieder ſangen, mit ei⸗ nem reiſenden Dichter und Declamator, und wurde nie mehr erblickt; aber Johanne Kohl heirathete in kurzer Zeit, nachdem ſie ihn zum erſten Male ſah, einen jungen Paͤchter, und duͤnkt ſich jetzt das kluͤgſte Welbchen auf der Welt zu ſeyn. III. Die Sehreckenssehlueht. 14 AMMwaAwAmn 1. As Anton Reimer in der Apotheke zu Grauen⸗ ſtein die Lehrjahre uͤberſtanden hatte, trieb ihn ſein reger Geiſt, vielleicht auch edler jugendli⸗ cher Stolz, der die beinahe ſklaviſche Abhaͤn⸗ gigkeit von ſeinem muͤrriſchen Lehrherrn nicht zu ertragen vermochte, hinaus in die Welt; denn ſein Vater hatte fruͤher ſelbſt als Eigen⸗ thum die Stadtapotheke beſeſſen, ſtarb aber leider, von falſchen Freunden betrogen, in der tiefſten Armuth, ehe Anton vom neuen Be⸗ ſitzer in dieſelbe als Lehrling aufgenommen wurde. Seine Mutter aber ſah ſich von die⸗ ſer Zeit an gezwungen— da ihr von der Hin⸗ terlaſſenſchaft ihres Gatten faſt nichts uͤbrig blieb— ihr Daſeyn kuͤmmerlich durch Kraͤu⸗ terſammeln, heimliche Kuren und Spinnen zu friſten, weshalb es ſich auch der gute Sohn, nach uͤberſtandner Lehrzeit, zur unerlaͤßlichen Pflicht machte, eine Verbeſſerung ſeiner eignen, 14 † 4 WN druͤckenden Verhaͤltniſſe zu erringen, um da⸗ durch in den Stand geſetzt zu werden, ſeiner guten Mutter ein freundlicheres Loos bieten zu koͤnnen. 1 1 Obgleich mit blutendem Herzen, verließ er doch voll der ſchoͤnſten Hoffnungen einer gluͤck⸗ lichern Zukunft ſein geliebtes Grauenſtein; denn ſtill vereint mit den ſegensreichen Ge⸗ fuͤhlen kindlicher Liebe, lebte noch eine andere heilige Empfindung in ſeinem Buſen, die ſei⸗ nes Lebens Fruͤhlingstage mit dem reinſten Glanze erhellte. Zart wie ein Maienbluͤm⸗ chen, das ſtill verborgen in der Unſchuld Far⸗ be ſeine wuͤrzigen Bluͤthen entfaltet, war Ro⸗ ſette— eines wohlhabenden Gutsbeſitzers ein⸗ zige Tochter— mit ihm aufgewachſen als ſeine liebſte und treueſte Geſpielin. Schon in den Wonnemonden der Kindheit verſchmolzen die gleichgeſtimmten Gefuͤhle ihrer Herzen in die ſanfteſte Harmonie, und auch in der Bluͤ⸗ thenzeit der reifern Jugend, wo in der Phan⸗ taſie die kindiſchen Traͤume ernſten Bildern weichen, bewaͤhrte ſich, belebt vom Feuer edler Leidenſchaft, der Einklang ihrer innigen Empfindungen, und geſtaltete ſich ſo zum Bunde der reinſten Liebe. S Als er nun reiſofertig in Roſettens Woh⸗ nung trat, und ſie in dieſer bangen Ab⸗ ſchiedsſtunde, ſitiſam erroͤthend, ihm zum Lebewohl den Schwur der ewig treuen Liebe zufluͤſterte, da ſchwammen ſeine Augen zwar in Schmerzensthraͤnen, doch hoͤher roͤtheten ſich auch ſeine Wangen; mit maͤnnlicher Faſ⸗ ſung ergriff er den Wanderſtab, und feſten Schrittes eilte er dahin, einem ungewiſſen Ziele entgegen. In einer fernen, bedeutenden Hauptſtadt fand er, endlich einen ſichern Standpunkt, wo ihm zugleich durch einen groͤßern Geſchaͤftskreis die Gelegenheit darge⸗ boten wurde, ſich in ſeiner Kunſt zu vervoll⸗ kommnen und in den dazu erforderlichen Huͤlfswiſſenſchaften auszubilden. Von hier aus ſchrieb er oftmals an Roſette, ofter jedoch an ſeine gute Mutter, und er zaͤhlte den Tag zu den gluͤcklichſten ſeines Lebens, an dem er ihr die erſten Fruͤchte ſeines Fleißes uͤberſenden kounte. Doch faſt mißmuthig wurde er ge⸗ ... e 4 7* KRimmt, als er dieſe mit der naͤchſten Antwort 244 von ſeiner Mutter zuruͤckerhielt, in welcher ſie ausdruͤcklich erklaͤrte, ſo lange auch nicht die mindeſte Unterſtuͤtzung von ihm annehmen zu wollen, ſo lange ihr Gott die Gnade ver⸗ leihe, ihr taͤgliches Brod— wenn auch nur nothduͤrftig— noch ſelbſt erwerben zu koͤnnen. Es ſchmerzte ihn tief, daß ſie jetzt ſeine Huͤl⸗ fe verſchmaͤhte, da er zu helfen faͤhig war, und nur der Gedanke beruhigte ihn, daß ſich auch in ſeiner Abweſenheit Roſette der Ver⸗ laßnen huͤlfreich annehmen werde, wie ſie ſchon fruͤher gethan. Obgleich er durch ſeine jetzigen Verhaͤltniſſe noch immer keine Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit erlangt hatte, welcher er nothwen⸗ dig bedurfte, um ſeinen innigſten Wunſch— mit der Mutter und dem geliebten Maͤdchen auf ewig vereinigt zu ſeyn— erfuͤllt zu ſehen, ſo gaben ſie ihm doch Hoffnung, durch weiſe Sparſamkeit vielleicht ſchon nach wenigen Jah⸗ ren an dies laͤngſterſehnte Ziel zu gelangen. Der alte Hellworth, Roſettens Vater, hatte ihn aus der Taufe gehoben, und ob⸗ gleich er zu Folge eines Wortwechſels mit ſei⸗ nem Vater beinahe in unverſoͤhnliche Feind⸗ 9 215 MWMAANA/́/ ſchaft gerieth, ſo ließ er doch nach deſſen To⸗ de den Sohn ſorgfaͤltig erziehen, und ſchenkte ihm ſein vaͤterliches Wohlwollen. Darauf baute auch Anton ſeine ſchoͤnſten Hoffnungen, denn Hellworth ſchien laͤngſt in den Augen der Liebenden die zarte Vereinigung ihrer Herzen geleſen zu haben, ohne ſie zu ſtoͤren; auch war er ſtets geneigt, ſeiner Tochter Gluͤck zu foͤrdern, wenn ihm kein Vorurtheil dabei ent⸗ gegentrat, von denen er leider nur zu oft— und ohne den Mahnungen der Vernunft Ge⸗ hoͤr zu goͤnnen— ſeinen Willen beherrſchen ließ. 1 4 So war Anton bereits fuͤnf Jahre lang vom Wohnorte ſeiner Lieben entfernt geweſen, als ihm die draͤngende Sehnſucht nach ihrem Aublicke bei ſeinen einfoͤrmigen Geſchaͤften nicht laͤnger Ruhe vergoͤnnte. Gern erhielt er von ſeinem Prinzipale— deſſen Achtung und Wohlwollen er ſich durch ſtrenges ſittli⸗ ches Betragen und unermuͤdlichen Fleiß er⸗ worben hatte— die Erlaubniß zu einer Rei⸗ ſe nach Granenſtein, die er auch unver⸗ zuͤglich, mit wonnetrunknem Herzen, und 216 NMMAAᷓAVNN nur mit den zauberreichen Bildern des Wſe derſehens beſchaͤftigt, antrat. de Schwere Wolken zogen ſtill und langſam in abendlicher Daͤmmerung uͤber den dunkeln Eichenwald dahin, eine ſchwuͤle Gewitterluft lagerte ſich erdruͤckend auf die lechzenden Flu⸗ ren, und welke Bluͤthen und Blaͤtter beug⸗ ten ſich zur Erde nieder, wie flehend um Erquickung. Da wanderte Anton Reimer ſchwer athmend anf der Landſtraße, die großen⸗ Schweißtropfen nicht achtend, die von ſeiner gebraͤunten Stirn zur Erde ſielen, und ſeiner eiligen Schritte verdoppelnd, um noch vor dem Ausbruche des drohenden Unwetters an das laͤngſt erſehnte Ziel ſeiner Reiſe zu ge⸗ langen. Denn vor ihm in maͤßiger Entfer⸗ nung, ausgebreitet an des Eichenwaldes Sau⸗ me, lag ſein Geburtsort in dichte Nebel eingehuͤllt, welche dampfend emporſtiegen, ſich mit den gewitterſchwangern Wolken zu vereinigen.— Wie ganz anders hatte er vom Wiederſehen der geliebten heimathlichen Gegend getraͤumt! Mit den lebhafteſten Far⸗ ben hatte ſeine Phantaſie noch vor wenigen 247 Stunden die veizende Landſchaft ausgeſchmuͤckt, belebt von den heimkehrenden Bewohnern, ſchwimmend im feurigen Purpurglanze der ſcheidenden Sonne— und jetzt ſtand er ein⸗ ſam auf der aͤngſtlich ſchweigenden Flur, die, wie von einem Unheil verkuͤndenden Trauer⸗ flore bedeckt, vor ſeinen Blicken ausgebreitet lag. Ploͤtzlich wie gelaͤhmt, erſtarb auch je⸗ de freudige Empfindung in ſeiner Bruſt, nie⸗ dergedruͤckt von einer unnennbaren Bangig⸗ keit beim Anblicke der geliebten Vaterſtadt. Mit hoͤrbar klopfendem Herzen erſtieg er ei⸗ nen nahen Huͤgel. Hier haftete ſein Fuß am Boden, feſt und unbeweglich blickte er hinaus in die daͤmmernde Nacht. Zu ſeinen Fuͤßen, in geringer Entfernung, konnte er die Gebaͤude des Vorwerkes unterſcheiden, wel⸗ ches Roſettens Vater gehoͤrte, von ſchwarzen Wolken umrauſcht, die ſchwer und langſam niederſinkend, gleich einem Leichentuche, die freundliche Wohnung verhuͤllten. Kein Stern⸗ chen flimmerte durch die ſchwarze Decke, und nur die Flammenſchrift zuckender Blitze ver⸗ kuͤndete drohend Vernichtung durch die ſchwei⸗ 218 AAAAN gende Nacht. Hundert Schritte weiter hin⸗ aus erblickte er an der halbverfallnen Stadt⸗ mauer die niedre Huͤtte ſeiner Mutter in granen Nebeldampf gehuͤllt. Sie ſchien ver⸗ oͤdet, kein Lichtſtrahl winkte ihm daraus entgegen und hieß ihn freundlich willkom⸗ men. 28 118ns NRegungslos auf ſeinen Stab geſtuͤtzt ſtand er noch immer, und wagte es nicht, ſein Auge zu wenden, ſeinen Fuß zu erheben. Da erweckte ihn ein nahendes Geraͤuſch— wie eilige Schritte eines Kommenden— aus ſeinen Traͤumen; er blickte auf und ſah ei⸗ nen Menſchen dicht bei ſich voruͤbereilen, der ſeinen Weg nach Hellworths Vorwerke zu neh⸗ men ſchien. Entſchloſſen ſtieg er den Huͤgel hinab, ihm zu folgen, denn gerade jetzt, in der ahnungsreichen Stimmung, in der er ſich befand, war ihm der Anblick eines Menſchen in der lautloſen Schoͤpfung willkommen; er ſehnte ſich, durch einen freundlichen Gruß, durch ein trauliches Geſpraͤch die draͤngende Angſt ſeines Herzens zu zerſtrenen. Bald hatte er den Wanderer erreicht, der ploͤtzlich 249 ſtill ſtand, als wolle er den Nacheilenden an ſich voruͤbergehen laſſen, und ſo ſtanden bei⸗ de unentſchloſſen einander gegenuͤber, als ein leuchtender Blitzſtrahl die Gegende erhellte, und Anton den Verwalter Haͤſſig erkannte, der ſeit vielen Jahren ſchon in Hellworths Dienſten ſtand.— Doch der Anblick dieſes Mannes war nicht gecignet, ſeine qualen⸗ volle Bangigkeit zu loͤſen, ſondern nur noch ſchwerer ſchien die druͤckende Wucht auf ſei⸗ nem Herzen zu laſten, als er beim falben Scheine des Blitzſtrahles, wie ein Schreckens⸗ bild in magiſcher Beleuchtung, die widerlichen Zuͤge des wohlötenanten Wheſchus vor 4 er⸗ blickte. Der Verwalter Hirg hatte ſich durch anſcheinende, raſtloſe Thaͤtigkeit, durch ge⸗ heuchelte Froͤmmigkeit und durch einige land⸗ wirthſchaftliche Verbeſſerungen, die er auf Hellworths Guͤtern, freilich nur zum mo⸗ mentanen Nutzen des Beſitzers, angebracht, deſſen Gunſt und Vertrauen erworben. Deſ⸗ ſen ungeachtet ſtand er im Staͤdtchen Grauen⸗ ſtein und in der ganzen Umgegend in einem 220 ſehr zweideutigen Rufe, und ſeine Rechtlich⸗ keit wurde von vielen wackern Maͤnnern in Zweifel gezogen. Ehe er ſeinen jetzigen Po⸗ ſten antrat, verließ er eine eigne Pachtung, wozu ihm Antons Vater noch den groͤßten Theil ſeines baaren Vermoͤgens geliehen, mit bedeutenden Schulden, obgleich niemand die Urſachen derſelben aufzufinden und ſich zu erklaͤren vermochte, da er durch geſegnete Ernten und den trefflichſten Viehſtand waͤh⸗ rend ſeiner Pachtzeit bei der Fuͤhrung ſei⸗ nes Geſchaͤftes mehr unterſtuͤtzt als gehindert worden war. Seine Glaͤubiger mußten ſich, da er ſonſt kein eignes Vermoͤgen beſaß, und ſein Bruder, der Stadtrichter in Grauen⸗ ſtein, ihm thaͤtig beiſtand, mit den klein⸗ ſten Theilen ihrer Forderungen begnuͤgen; be⸗ ſonders Antons Vater erlitt bedeutenden Ver⸗ luſt dabei, der ſich oͤffentlich einiger freier⸗ Aeußerungen uͤber partheiiſche Gerichtspflege nicht enthalten konnte, weshalb er ſich auch mit Hellworth veruneinigte— der, geblen⸗ det durch eine klugerſonnene Vertheidigung, bald darauf den Paͤchter Haͤſſig als Ver⸗ — — 221 walter in ſeine Dienſte nahm— beſonders aber ſich die Feindſchaft des Stadtrichters zuzog, der von nun an keine Gelegenheit unbenutzt ließ, ihm zu ſchaden, und an ſeinem gaͤnzlichen Sturze am thaͤtigſten mit⸗ zuarbeiten. Selbſt nach dem Tode des Apo⸗ thekers Reimer mußten deſſen Wittwe und unmuͤndiger Sohn die Rache dieſes Mannes aufs empfindlichſte fuͤhlen, indem er ihnen kaum rein duͤrftiges Obdach außerhalb der Stadtmanern geſtattete, wo ſie noch oft⸗ mals den ſchadenfrohen Aeuſſerungen und bit⸗ tern Spoͤttereien ſeines Bruders ausgeſetzt waren, wenn ihn ſein Weg nach der Stadt an ihrer Huͤtte voruͤberfuͤhrte. Als ſich aber Hellworth des verlaſſenen Knaben auf thaͤ⸗ tige Weiſe annahm, heuchelte auch der Ver⸗ walter Mitleid fuͤr ihn; doch als er ſpaͤ⸗ ter Antons ſchuldloſe Neigung fuͤr Roſette entdeckte, deren Beſitz das Ziel ſeiner eig⸗ nen Wuͤnſche war, belauſchte er jeden ſei⸗ ner Schritte, und ſuchte durch giftige Ver⸗ laͤumdung das guͤtige Wohlwollen fuͤr ihn im Herzen ſeines Wohlthaͤters zu erſticken. Doch 222 A&ᷓNNN ſchien ihm dies nicht gelingen zu wollen, denn Hellworch, obgleich zweifelnd, konnte doch niemals in der offnen Seele des Juͤng⸗ lings die Falſchheit entdecken, die Haͤſſig die⸗ ſem mit gelaͤufiger Beredſamkeit andichtete, weshalb er ihm auch ſein wahrhaft vaͤter⸗ liches Wohlwollen nie entzog, wenn er ihn auch zuweilen mit ſcharfem Ernſte zweifelnd beobachtete und kaͤlter empfieng als ſonſt. Haͤſſigs Verlaͤumdungen blieben Anton nicht verborgen, und dieſe, ſo wie die rohe Scha⸗ denfreude uͤber ſeine beklagenswerthe Armuth, welche ihm noch immer in der Erinnerung ſeiner Knabenjahre vorſchwebte, waren die Haupturſachen der Verachtung, ja des Haſ⸗ ſes, deſſen er ſich nicht erwehren konnte, ſobald er des Verwalters gedachte, oder in ſeiner Naͤhe ſich befand. Doch ſo ſehr auch ſein edler Stolz, der niedern Haß nicht willig keimen ließ, ſich bemuͤhte, dieſes un⸗ edle Gefuͤhl zu unterdruͤcken, ſo bemaͤchtigte es ſich ſeiner um ſo mehr, ſobald er Haͤſ⸗ ſigs Abſichten auf Roſettens Hand, welche dieſer immer lauter werden ließ, entdeckte. 223 A, Denn obgleich er der treuen und wahren Zuneigung ſeines geliebten Maͤdchens gewiß war, ſo faͤrchtete er doch, daß in ſeiner Abweſenheit der Verwalter mehr als jemals ſeine giftige Zunge gegen ihn gebrauchen, auch keine Gelegenheit verſaͤumen wuͤrde, ſich Hellworths hoͤhere Gunſt und feſteres Ver⸗ trauen zu gewinnen, und ſo, ſeine ſchoͤn⸗ ſten Hoffnungen zerſtoͤrend, mit des Vaters Willen ihm die Tochter entreißen moͤchte. Mit dieſer Furcht im Herzen verließ er vor fuͤnf Jahren ſeine Heimath, und nur ein ununterbrochner Briefwechſel mit Roſet⸗ ten und deren Vater fuͤhnree Ruhe und ſtillen Frieden in ſeine Seele zuruͤck, daß er Haͤſſigs und ſeiner feindſeligen Abſichten nur ſelten noch gedachte. Aber ſchon ſeit mehreren Monaten waren ihre Briefe aus⸗ geblieben; auch von ſeiner Mutter erhielt er waͤhrend dieſer Zeit keine Zeile, deshalb beſchleunigte er auch ſeine Reiſe; doch ob⸗ gleich er die troͤſtende Hoffnung feſtzuhalten ſuchte, daß des Krieges wilher Sturm— der auch in ſeinem Vaterlande wuͤthete— die einzige Urſache vom Außenbleiben der erſehnten Nachrichten ſey, ſo ſchwebte er doch in banger Erwartung der naͤchſten Augenblicke, in denen er Antwort uͤber ihr aͤngſtigendes Schweigen erhalten ſoll⸗ te. So ſtand er jetzt Ehhen am Thore ſeiner Vaterſtadt, wo freudig ſeinen herzlicſſen Gruß dem denten Tageloͤhner zugerufen haͤtte, und hier trat ihm ploͤtz⸗ lich der Mann entgegen, den er ſchon ſeit ſeiner Kindheit mit Verachtung ge⸗ flohen— gleichſam als wolle die Vorſe⸗ hung dies widerwaͤrtige Bild ſeiner Erinne⸗ rung zuerſt vorfuͤhren, um ſeine freudigen Gefuͤhle herabzuſtimmen und ſeinen Geiſt zu gewoͤhnen an den Eindruck unerwarteter, ſchmerzlicher Vernichtung ſeiner ſchoͤnſten Hoff⸗ nungen. Unwillkuͤhrlich ſchauderte er zuſam⸗ men, und die freundlichen Worte, die ſchon auf ſeinen Lippen ſchwebten, draͤngte ein lei⸗ ſer Ausruf des Schreckens zuruͤck. 1„Ei, ei!“ hub endlich Haͤſſig an— hab ich recht geſehen? Herr Anton Reimer? will kommen auf heitaathlichan Boden!“ 225 WAAN Doch dieſer vermochte es kaum, einen froſti⸗ gen Dank hervorzuſtammeln und ſeinen Gruß zu erwiedern. 8„JIa, ja! ich kenne das⸗⸗— fuhr der Ver⸗ walter fort— Zwenn man ſo in der Fremde ſitzt, von aller Welt verlaſſen, da zwickt's am Herzen, zuckt's in allen Gliedern, man findet nirgends Ruhe; mun fehnt und ſehnt ſich nach der Heimath hin, und haͤtte man auch dort nichts zu erwarten als verſchloſſene Thuͤren, Spott und Schandel⸗ Schande?« fuhr Anton fort—„was ſoll das, Herr Verwalter? Still, ſtill! junger Mann“— erwiederte dieſer kalt und gelaſſen— vich haͤnge nicht an Vorurtheilen, drum bleibt auch meine Thuͤr fuͤr Sie geoͤffnet. Wer nicht mehr leben kann, muß ſterben, ſo oder ſo, das gilt gleichviel.— Aber bemerken Sie nicht, daß es ſchon gewaltig regnet? Das wird ein ſchweres Wetter, der Herr geb's gnaͤdig! Wollen Sie mit mir in mein Stuͤbchen treten, ſo kann ich ſie dort ganz gemaͤchlich von den neueſten Tagesbege⸗ benheiten Ihrer guten Vaterſtadt unterrichten, 15 226 NWMWANNNN welche groͤßtentheils Sie ganz beſonders inter⸗ eſſiren werden, denn, wie es ſcheint, haben Sie Hellworths letzten Brief nicht erhalten.“ Durch dieſe unzuſammenhaͤngenden Reden in die aͤußerſte Spannung verſetzt, fragte Anton haſtig:„welchen Brief? ich habe ſeit mehre⸗ ren Monaten keine Nachrichten aus Grauen⸗ ſtein.“ 8 „O weh!“ verſetzte Haͤſſig—„Zeit genug, um ein ganzes Feld voll getraͤumter Hoffnun⸗ gen in Grund und Boden zu verhageln. Kommen Sie, kommen Sie, und ſuchen Sie ſich maͤnnlich zu faſſen!« Mit dieſen Wor⸗ ten ging er eilig nach den Wirthſchafts⸗ gebaͤuden des Vorwerkes, und in geſpann⸗ ter, aͤngſtlicher Erwartung wankte Anton ihm uach. — Kaum hatten beide das Zimmer des Ver⸗ walters betreten, als dieſer Licht herbeibrachte, ſich dann gemaͤchlich eine Pfeife ſtopfte und 227 A anzuͤndete, ohne Anton weiter zu beachten, der ihn jetzt mit draͤngenden Fragen beſtuͤrmte, denn er empfand in dieſen Augenblicken die fuͤrchterlichſten Qualen der marternden Unge⸗ wißheit. Sein Auge haftete unbeweglich auf Haͤſſigs Lippen, um ſchon im Voraus an ih⸗ rer Bewegung die gefuͤrchtete und doch mit im⸗ mer ſteigender Angſt erſehnte Antwort zu er⸗ rathen; doch dieſer ſchien ſich nur an ſeiner Folterqual zu weiden, denn ein feines Laͤcheln zuckte auf ſeinen Lippen, ſein ſtechender Blick verrieth die ſchlechtverhaltene Freude, indem er mit verzerrter Miene freundſchaftliche Theil⸗ nahme heuchelte, und kein Wort ging aus ſei⸗ nem Munde hervor, bis er ſorgfaͤltig den Span ausgeloͤſcht, mit dem er ſeine Pfeife angezuͤndet, und ſich mit kalter Ruhe, wie zu einer ganz gleichguͤltigen Unterhaltung, nie⸗ derließ, indem er Anton mit einer leichten Handbewegung auf einem gegenuͤberſtehenden Stuhle ebenfalls zum Sitzen einlud. „Einige Erfriſchungen werden Sie nach ei⸗ ner ſo weiten Fußreiſe gewiß nicht verſchmaͤ⸗ hen—« hub er endlich an und wollte ſich 15*† entfernen; doch Anton hielt ihn zuruͤck und rief heftig:„bleiben Sie, Herr Verwalter! Nicht von der Stelle jetzt, bis Sie mir Rede geſtanden.— Beantworten Sie meine Frage nur mit wenigen Worten: wie geht'’s meiner armen Mutter?“ A fas „Das weiß nur Gott allein—“ erwiederte Haͤſſig achſelzuckend und bließ dichte Aenuchde⸗ ken von ſich. andle Die furchtbarſte Ahnung, der er bis ſegt, noch immer Hoffnung naͤhrend, den Glauben verſagte, ſtieg jetzt rieſengroß in Antons See⸗ le empor. Empoͤrt uͤber Haͤſſigs unwandelbare Ruhe und tuͤckiſche Verſchloſſenheit— da er ihn vor wenigen Minuten durch ſeine dunklen Worte und das freiwillige Erbieten, ihm wich⸗ tige Nachrichten mitzutheilen, in ſein Zimmer gelockt— ſprang er jetzt auf, ſeſt entſchloſſen, zu Hellworth zu eilen und ſich von ihm Ge⸗ wißheit uͤber den Grund oder die Nichtigkeit ſeiner quaͤlenden Beſorgniſſe zu verſchaffen. Doch Haͤſſig hielt ihn zuruͤck und indem er ſei⸗ ne Hand ergriff, bat er, ihn jetzt ruhig und mit Faſſung anzuhoͤren. 4 229 WAAAN Es iſt ein trauriges, undankbares Ge⸗ ſchaͤft—« hub er an—„einem guten Sohne Nachrichten mittheilen zu muͤſſen, die das kindliche Gefuͤhl verletzen, deshalb verzeihen Sie mein langes Zoͤgern. Im vergangenen Jahre gerieth ihre Mutter in die durftigſten Umſtaͤnde, da ihr kuͤmmerlicher Erwerb ge⸗ ſchmaͤlert wurde, indem ihr der Apotheker die Abnahme der geſammelten Kraͤuter verſagte und ihre Haͤnde durch die boͤſe Gicht faſt ganz untauglich zum Spinnen wurden. Um ſich die nothwendigſten Lebensbeduͤrfniſſe wenigſtens zu ſichern, verfiel ſie auf die ungluͤckliche Idee, heimliche Kuren auszuuͤben, verfertig⸗ te dabei Salben und Kraͤutertraͤnke, die ſie an Bauern und arme Leute fuͤr ein Spottgeld verkaufte. Doch nicht lange blieb ihr Treiben dem Apotheker und Stadtbader verborgen, wel⸗ che daraus bedeutenden Nachtheil fuͤr ihre eige⸗ nen Geſchaͤfte beſorgten und daher beim Ma⸗ giſtrate Huͤlfe ſuchten. Sie wurde ihnen ge⸗ waͤhrt und Ihrer Mutter ernſtlich, bei nahm⸗ hafter Geldbuße, unterſagt, in Zukunft weder Kuren zu treiben noch Arzneimittel zu verkau⸗ N MMAN fen. Dadurch wurde die arme Frau in die druͤckendſte Lage verſetzt; doch zu ſtolz, um die von Hellworth ihr gebotene Unterſtuͤtzung anzunehinen, trieb ſie ihr Weſen fort, nur heimlicher als zuvor. Dennoch wurde ſie bald wieder verrathen und eine neue Klage gegen ſte gefuͤhrt, auf welche der richterliche Aus⸗. ſpruch erfolgte: daß ſie, nach wiederholter Er⸗ tappung bei dem ihr unterſagtem Geſchaͤfte, ſofoxt aus dem Stadtgebiete verwieſen werden ſollte. Jetzt ging Hellworth ſelbſt zu ihr und bot ihr Wohnung und Unterhalt in ſeinem Hauſe; doch beſtimmter als zuvor ſchlug ſle beides aus, indem ſie erklaͤrte, ſie werde hoͤhe⸗ ren Orts um ein Privilegium fuͤr ihr Ge⸗ ſchaͤft nachſuchen, das man ihr als Apothe⸗ kerswittwe nicht verſagen koͤnne. Faſt allge⸗ mein wurde die arme Frau bedauert, man bot ihr von allen Seiten Unterſtuͤtzung an, doch mit ſehr unzeitigem Stolze wies ſie die⸗ ſelbe von ſich. Dabei konnte man freilich nicht umhin, dem Sohne einen großen Theil der Schuld beizumeſſen, der ſich um die alte Mutter wenig oder gar nicht zu bekuͤmmern ſchien— es wurden Urtheile uͤber Sie ge⸗ faͤllt— ſelbſt Hellworth—“. 1„Beim allmaͤchtigen Gott!’ rief Anton ſchmerzlich aus, der ſtarr und unbeweglich je⸗ des Wort des traurigen Berichtes einzuſaugen ſchien—„auch meine Huͤlfe, die ich wieder⸗ holt ihr angeboten, hat ſie verſchmaͤht wie jede andre. Doch weiter— weiter— ich bin gefaßt, das Schrecklichſte zu hoͤren!” „ Ungeſaͤhr vor drei Wochen“— fuhr Haͤſ⸗ ſig fort—„wurde ſie zum dritten Male an⸗ geklagt, und bald darauf durch zwei Gerichts⸗ diener uͤber die Graͤnze des Stadtgebietes ge⸗ bracht. Auf demſelben Huͤgel, auf dem Sie heute ſtanden, als ich voruͤbergieng, ſetzte ſie ſich nieder, und blickte gar wehmuͤthig nach der Stadt und nach der duͤrftigen Huͤtte zuruͤck, die ihr ſonſt doch wenigſtens ein Obdach ge⸗ waͤhrte, das ſie jetzt entbehren mußte. Meine Knechte ſahen ſie gegen Abend ſchluchzend und weinend nach dem Eichwalde gehen und—“ „Wohin hat ſie ſich gewendet?“ fragte Anton bebend in der heftigſten Bewegung, und ein Strom heißer Thraͤnen floß uͤber ſeine Wangen herab. 232 WWAm „Menſchenhuͤlfe war ihr zu gering,“— er⸗ wiederte der Verwalter mit hoͤhniſchem Laͤcheln— „darum hat ſie die Gnade des Himmels in An⸗ ſpruch genommen.— Vor etwa vierzehn Tagen fand man einen weiblichen Leichnam im Wald⸗ ſtrome, der wahrſcheinlich ſchon mehrere Tage lang im Waſſer gelegen und daher ziemlich un⸗ kenntlich geworden war.— Doch erklaͤrte man ihn fuͤr den Leichnam Ihrer Mutter, und wie man bei Selbſtmoͤrdern zu thun pflegt, begrub man ihn am Ufer des Fluſſes, unweit der alten 4 Doppeleiche. Ein niedriger Grabhuͤgel bezeich⸗ net ihre Ruheſtaͤtte.— Der Herr ſchenke ihr den ewigen Frieden! 3 In „Todt, meine Mutter!“ ſchrie Anton laut, im Uebermaße des Schmerzes. Der fuͤrchter⸗ lichſte Aufruhr in ſeinem Innern verſagte ihm auf Augenblicke den Ton der Stimme, ſchlaff ſan⸗ ken ſeine Arme herab, und ſtarr blieb ſein Auge auf den Boden geheftet. Dann fuhr er ploͤtzlich, wie von einem ſchreckhaften Traume erwachend, 1 empor, und ſprach mit leiſer Stimme, als ob er es nicht wage, den Gedanken laut auszuſprechen —„und Selbſtmoͤrderin!— Nein, nein! es iſt . — nicht wahr, es iſt nicht moͤglich— ſo tief hat ſie ihr feſter Glaube nimmer ſinken laſſen.— Sie iſt verungluͤckt in dem wilden Strome.— Von Men⸗ ſchen ausgeſtoßen, Preis gegeben jedem Elende— ohne Speiſe, ohne Obdach— krank vielleicht— in duͤrftiger Kleidung irrte ſie im Walde umher; gebeugt von bittrer Noth— am Tage fluͤchtig, keine Heimath mehr, ſo weit das blaue Himmels⸗ dach die Erde deckt— huͤlflos des Nachts— der feuchte Raſen ihre Lagerſtaͤtte— wie leicht kann nicht ein Unfall an des Fluſſes Ufern— ſie iſt verungluͤckt, nimmermehr hat ſie ihr Leben eigen⸗ willig den Fluthen Preis gegeben, nein— des fuͤrchterlichen Frevels war ihr Herz nicht faͤhig!“ „Brav, recht brav!“ fiel der Verwalter ein— „es iſt des Sohnes Pflicht, den ſchrecklichen Ver⸗ dacht vom Haupte ſeiner Mutter abzuwaͤlzen— doch Beweiſe, junger Mann— Beweiſe fuͤr ih⸗ re Behauptung moͤchten ſchwerlich aufzufinden ſeyn.“ 1 48 „Todt, meine Mutter— und ihr Grab mit Schande bedeckt!⸗ duaee laut, und ſank, wie vernichtet, auf einen Stuhl nieder, ſein Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckend. Da trat Hellworth ins Zimmer, wechſelte lei⸗ ſe einige Worte mit Haͤſſig, gieng naͤher auf An⸗ ton zu, legte ſeine linke Hand auf deſſen Schul⸗ ter, indem er ihn ernſt anblickte. Doch keine Veraͤnderung zeigte ſich in Antons Mienen, kein Strahl der Freude erglaͤnzte in ſeinem thraͤnen⸗ ſchweren Auge beim Anblicke ſeines Erziehers, ſeines Wohlthaͤters. Noch immer vor ſich hin⸗ ausblickend, wie in tiefes Gruͤbeln verſunken, blieb er ohne Regung. Auch nicht die mindeſte Bewegung ſeines Koͤrpers verrieth irgend eine Empfindung, nur der tiefe Schmerz hatte ſich feſt und ſcharf den Zuͤgen ehes Geichen Antibss eingepraͤgt. Auch Hellworth⸗ zedeidth Theilnaßm bei ſei⸗ nem Anblicke. Mit gefalteten Haͤnden blieb er vor ihm ſtehen und ſprach zu ihm:„wie gern moͤcht; ich durch Troſtesworte Dein gebeugtes Haupt auf⸗ richten und ſanft es betten an die Vaterbruſt; doch kann ichs nicht verbergen, es widerſtrebet mein Gefuͤhl, zum freundlichen Willkommen Dir auch nur die Hand zu bieten, denn einen großen Theil der Schuld hat! in Dir zugemeſſen, daß Deine Mutter in Verzweiſlung, nicht als Chriſtin endete.“ NWAANNN Mit lebhaftem Ausdrucke des Staunens und Unwillens richtete Anton waͤhrend dieſer Rede ſein Haupt empor, und brach dann ſchmerzlich in die Worte aus:„Nun hab' ich keinen Freund mehr auf der Welt! auch Sie, mein Wohlthaͤter, der mich Sohn genannt— auch Sie halten meine arme Mutter ſolchen Frevels faͤhig?— Auch Sie ſtimmen ein in das Geſchrei der rohen Menge, die ohne Ueberzeugung von der ſchweren Schuld, das furchtbare Wehe! ruft uͤber den Geiſt der Hinge⸗ ſchiedenen— die voller Abſcheu an ihrem Grabe voruͤbereilt und ihr Gedaͤchtniß der Schande zu⸗ geſellt?“. „Nur der Allwiſſende vermag das Dunkel zu lichten, das uͤber Deiner Mutter Grab ſich aus⸗ gebreitet“— erwiederte Hellworth—„auch ich vermag es nicht, der Wahrſcheinlichkeit der ſchreck⸗ lichen Vermuthung zu widerſprechen und wuͤnſche nichts eifriger, als das Andenken an die traurige Begebenheit aus meinem Gedaͤchtniſſe gaͤnzlich verloͤſchen zu koͤnnen.— Als ich vor fuͤnf Jah⸗ ren Dir die Hand zum Abſchiede reichte, that ich das Geluͤbde, Dir Vater zu ſeyn bis zu meinem letzten Hauche. In Deiner Abweſenheit, wo Du meiner Huͤlfe nicht bedurfteſt, bot ich dieſe Deiner Mutter und wurde zuruͤckgewieſen. Doch war ich feſt entſchloſſen, ihr im Falle der hoͤchſten Noth meinen Beiſtand mit Gewalt aufzudringen, da rief mich die Bitte meiner kranken Schweſter mit meiner Tochter zu ſich, und wir verließen auf ei⸗ nige Monate Grauenſtein. Als ich zuruͤckkehrte, war leider ſchon vor wenigen Tagen die ſchmach⸗ volle Strafe an Deiner Mutter vollzogen, alle Nachforſchungen nach ihrem Aufenthalte verge⸗ bens, und als man ihren Leichnam aufgefunden, blieb mir nichts uͤbrig, als Dich, mein guter Sohn, von Herzen zu beklagen, da durch der Mut⸗ ter Schande auch an Dir ein unverloͤſchbarer Flecken haftet. Renne es Vorurtheil, aber ich muß Dir offen bekennen, daß ich Dich nicht mehr, wie ſonſt, mit wahrer vaͤterlicher Liebe in meine Arme ſchließen koͤnnte. Mein Geluͤbde will ich halten, doch den leiſen, herzlichen Wunſch, den ich damit verknuͤpfte, Dich einſt, mein guter An⸗ ton, mit meiner Tochter durch den Segen der Kirche vereinigt zu ſehen, muß ich leider aufgeben, denn kein Makel, ſey es auch ein unverſchuldeter, darf meinen Eidam belaſten. Dies iſt mein un⸗ 237 WAANNAN widerruſlicher Ausſpruch! deshalb kehre zuruͤck zu Deinem Geſchaͤfte, ſuche Frieden zu gewinnen im Gebete, und willſt Du meinem vaͤterlichen Rathe folgen, ſo betritt den heimathlichen Boden nicht wieder.“— Nur ſluͤchtig und dunkel, wie des letzten Hoff⸗ nungsſtrahles, der dem Verzweifelnden in truͤber Ferne noch entgegenſchimmert, hatte Anton in dieſer fuͤrchterlichen Stunde Roſettens gedacht, und jetzt, als Hellworth ſeines Wunſches Erwaͤh⸗ nung that, ſtieg ihr Bild, wie das eines troͤſten⸗ den Engels, im reinſten Glanze des himmliſchen Lichtes in ſeiner Seele empor; doch ploͤtzlich ver⸗ ſcheuchte auch das kalte, harte Wort des Vaters die liebliche Erſcheinung, und nur in tiefere grauenvollere Nacht ſank der Tiefgebeugte hinab. Krampfhaft ballte er die Fauſt, druͤckte ſie vor die brennende Stirn, ſeine Lippen zuckten, und wie verzweifelnd ſtieß er die Worte aus:„keine Hoffnung mehr!— Das war mein Todesſtoß— mein Leben iſt dahin!— Ich bin gebrandmarkt — ich bin verworfen, wie ein Geaͤchteter, von Menſchen, die mich liebten.“— Haſtig ſprang er auf, ergriff Hellworths Hand und rief ihm mit 238 gebrochner Stimme zu:„Wohlan, ich folge Ih⸗ rem vaͤterlichen Rathe— ich kehre nie zuruͤck.— Bringen Sie Ihrer Tochter mein letztes Lebe⸗ wohl, ich darf ſie jetzt nicht ſehn und nimmer wieder, ihr Anblick wuͤrde mich entmannen.— Sie habe ich Vater genannt— jetzt bin ich eine Waiſe.— Ihre Wohlthaten werd ich nie ver⸗ geſſen, doch Ihre fernere Huͤlfe ſparen Sie fuͤr Makelloſe— ich bedarf keiner Menſchenhuͤlfe mehr.“ 1 tt 8 Vergebens bemuͤhte ſich Hellworth, ihn zuruͤck⸗ zuhalten, gewaltſam riß er ſich los und ſtuͤrzte yinaus in die Sturmesnacht. 3. Wilder tobte der entfeſſelte Orkan, brauſend und vernichtend wogte er uͤber die Fluren dahin, immer lauter bruͤllte der Donner, und jedes leben⸗ de Geſchoͤpf ſuchte Obdach vor dem Wuͤthen der Elemente; nur Anton allein ſtand mit unbedeck⸗ tem Haupte unter dem flammenden Horizonte, ein Fremdling auf heimathlichem Boden. Rings 4 — 4 4 239 KWWAVNN von Nacht umgeben, wankte er fort, die kalten zitternden Haͤnde flach gegen die Stirn gepreßt, die ſieberiſche Gluth zu kuͤhlen, die der dumpfe Schmerz durch ſeine Nerven hauchte. Faſt be⸗ ſinnungslos, des Wegs nicht achtend, ſchlich er gebengt an den Mauern ſeiner Vaterſtadt hinab, verließ dann unwillkuͤhrlich den eingeſchlagnen Pfad und eilte, die Stadt im Ruͤcken, uͤber Wie⸗ ſen und Felder dahin. Beinahe hatte er den Saum des Eichwaldes erreicht, als ploͤtzlich ein ziſchender Blitzſtrahl, wenige Schritte von ihm entfernt, die hochſtrebende Krone einer Rieſen⸗ tanne zerſchmetterte, und den zitternden Stamm mit gierigen Flammen verzehrte, die ringsumher die nachtbedeckte Gegend erhellten. Aufgeſchreckt aus ſeinem dumpfen Hinbruͤten, ſtand Anton ſtill, und bemuͤhte ſich jetzt, die un⸗ term Drucke ſeines Seelenſchmerzes faſt erſtorbene Erinnerung des Vergangenen wieder aufzufaſſen. Er hoͤrte das nahe Rauſchen des Waldſtromes, dicht vor ſich erblickte er die alte Doppeleiche, und furchtbar gieng der Gedanke in ſeiner Seele vor⸗ uͤber, daß er hier das ſchmachbedeckte Grab ſei⸗ ner ungluͤcklichen Mutter finden muͤſſe, hier— NATLABUAN wo ſo oft im heitern Knabenſpiele, mit des In⸗ gendlebens friſcheſten Reizen, ihm frohe Stun⸗ den wie Augenblicke dahinſchwanden. Er eitte am Ufer hinab, mit aͤngſtlichen Blicken forſchend, als ſuche er hier ein verlornes theures Kteinod, und fand nach wenig Minuten den friſchen Grab⸗ huͤgel, umſpuͤlt von den wilden Wellen des aus⸗ getretenen Stromes, geroͤthet von der kniſternden Flamme des brennenden Kieferſtammes, der flie⸗ gende Funken auf des Sturmes Fittichen— wie leuchtende Kerzen zur naͤchtlichen Todtenfeier— heruͤberſandte, dem Tiefgebeugten das einſame Grab zu zeigen. Mit gefalteten Haͤnden ſank er hier auf ſeine Knie nieder, heiße Thraͤnen lin⸗ derten den Schmerz in ſeiner Bruſt, und im in⸗ bruͤnſtigſten Gebete zu Gott rang er maͤnnlich, die lauernde Verzweiflung niederzukaͤmpfen, die mit Rieſenarmen ſeinen matten Geiſt zu umfan⸗ gen ſtrebte; entkraͤftet ſank er endlich laut ſchluch⸗ zend zuſammen, den kalten Grabhuͤgel mit bei⸗ den Armen feſt umſchlingend. So lag er lange in duͤſtre Traͤume verſun⸗ ken, als er, aufgeſchreckt durch einzelne Flinten⸗ ſchuͤſe und anhaltenden Trommelwirbel von der 2 Stadt herüber, 5h.— erhob, und neſe muͤthig niederblickend das letzte Lebewohl hinab⸗ fluͤſterte zur kühlen Nuheſtäte. Alle ſeine ſchoͤnſten Hoffnungen, alle ſeine Le⸗ benzplane fuͤr die Zukunft, waren in einer ein⸗ zigen ſchrecklichen Stunde vernichtet worden, er fuͤhlte ſich verſtoßen, losgeriſſen von allen menſch⸗ lichen Banden, die ihn an das Leben ketteten, der Friede ſeiner Seele, die Ruhe ſeines Her⸗ zens waren gemordet, und zum erſten Male in ſeinem Loben durchdrang ihn ein unwiderſtehlicher Widerwille gegen die ruhige, einfoͤrmige Lebens⸗ weiſe ſeines erwaͤhlten, Standes, in dem er ſonſt ſein ſtilles Gluͤck gefunden. Nur ein blutsverwandtes Herz ſchlug 98 fuͤr ihn auf dieſer Welt in der Bruſt eines wak⸗ kern Offiziers, der im Dienſte ſeines Vaterlan⸗ des ergraut, an der Spitze einer Schaar frei⸗ williger Jaͤger die Waffen ergriffen gegen die Unterdruͤcker der Freiheit. Der Hauptmann Wernau war der leibliche einzige Bruder von Antons Mutter, doch hatte er ſeine Schweſter ſeit vielen Jahren nicht geſehen, da ſie ſich heimlich, ohne ſein Vorwiſſen, verheirathet und 16 8* 242 MAVUAMNNN ihm nie von ihrem Aufenthalte Nachricht gege⸗ ben, weil ſie wahrſcheinlich ſeine Mißbilligung und Vorwuͤrfe uͤber ihr heimliches Thun fuͤrch⸗ ten zu muͤſſen glaubte, obgleich ſie ſtets in ih⸗ rem Herzen den ſtillen Wunſch naͤhrte, mit ih⸗ rem Bruder ausgeſoͤhnt, in Frieden und ſchwe⸗ ſterlicher Liebe vereint mit ihm, ihre Tage be⸗ ſchließen zu koͤnnen. Von Zeit zu Zeit hatte ſie durch eine vertraute Freundin, ohne ſein Wiſſen, Nachricht von ſeinem Aufenthalte und Beſinden erhalten, die ſie gewoͤhnlich mit inni⸗ ger Ruͤhrung ihrem Sohne mittheilte, und da⸗ bei ſtets den Wunſch aͤußerte, nur einmal noch vor ihrem Tode ihren Bruder zu umarmen und das Wort Verzeihung aus ſeinem Munde zu hoͤ⸗ ren. Doch als ſie nach dem Tode ihres Gat⸗ ten in die traurigſte Armuth gerieth, ließ ſie ſich durch ihren falſchen Stolz verleiten, den oftmals gefaßten Entſchluß, ihn ſelbſt durch oͤf⸗ * fentlichen Aufruf von ihrem Leben und Aufent⸗ halte in Kenntniß zu ſetzen, gaͤnzlich aufzuge⸗ ben, da mit dem Ausbruche des Krieges auch jede Nachricht von ihm ausblieb. Anton hatte auf ſeiner Reiſe von ſeinem bisherigen Aufent⸗ * WMAWMANAN/ haltsorte aus uͤberall ſorgfaͤltige Erkundigungen nach ihm eingezogen, um ſeiner Mutter bei ſei⸗ ner Heimkunft durch Nachrichten von ihm eine Freude gewaͤhren zu koͤnnen, war auch ſo gluͤck⸗ lich, den Standort ſeines Regiments und ſein voͤlliges Wohlſeyn aus dem Munde eines Man⸗ nes verbuͤrgt zu hoͤren, der ihn perſoͤnlich kannte und mit der groͤßten Achtung von ihm ſprach. Deshalb ſchuf ſich auch jetzt ſeine Phantaſie ein Bild von ihm, ganz ſeiner wuͤrdig, das mit biedrer Herzlichkeit die Hand ihm reichte auf dem Todespfade.— Der kriegeriſche Waffenruf, der noch immer von der Stadt zu ihm heruͤber⸗ ſchallte, ſchien ploͤtzlich das klare Bewußtſeyn ſeines Zuſtandes erweckt und einen feſten Ent⸗ ſchluß fuͤr die Zukunft in ihm erzeugt zu haben. Ein wildes Feuer durchwogte ſeine Bruſt, es ſchien ihn hinausdraͤngen zu wollen aus den en⸗ gen friedlichen Kreiſen des buͤrgerlichen Lebens, hinaus in das feindliche Toben des Kriegsge⸗ tuͤmmels, und feſt entſchloſſen, noch in dieſer Nacht ſeinen Oheim aufzuſuchen und unter ſei⸗ nen Augen mit kalter Todesverachtung ſein Le⸗ ben dem Vaterlande zu opfern, verließ er das 16*† Grab, nachdem er noch als Schutzmauer ſchwe⸗ re Steine zuſammengewaͤlzt, die traurige, ge⸗ faͤhrdete Ruheſtaͤtte wenigſtens vor dem Andran⸗ ge der Waſſerwogen zu ſichern. Mit jedem Schritte, der ihn entfernte von der geliebten Vaterſtadt, in deren Schooße ſonſt ſo manche reine Freude ihm erbluͤhte, zuckte ein ſtechender Schmerz durch ſeine Bruſt, und als er jetzt in geringer Entfernung Hellworths Vorwerk erkannte, blieb er ſinnend ſtehen und ein tiefer Seufzer entfloh ſeinen bebenden Lip⸗ pen. Duͤſtre Lichtſchimmer drangen ſpaͤrlich nur durch die vom Sturmeshauche und Regen getruͤbten Fenſter und ſchienen ungaſtlich, wie truͤgende Irrlichter, ihn zuruͤckzuſcheuchen von der befreundeten Wohnung; dennoch zog es ihn mit Allgewalt naͤher hinzu, er mußte das heißge⸗ liebte Maͤdchen noch einmal ſehen, und wenn bei ihrem Anblicke auch der ungeheure Schmerz den letzten Tropfen Blutes aus dem gebrochenen Herzen draͤngte, ſo blieb ihr liebes Bild im Augenblicke des Scheidens doch lichthell in ſei⸗ ner Seele— und eilig lenkte er ſeine Schritte dorthin. Auch uͤber die geſegneten Fluren Grauen⸗ ſteins ſchwang der Kriegsgott ſeine Geißel. Schon ſeit mehreren Monaten lagen feindliche Krieger im Staͤdtchen, welche voll Uebermuth die friedlichen, faſt verarmten Buͤrger quaͤlten und den ſauererworbenen Unterhalt derſelben mit laͤchelnder Miene verzehrten. Allgemein wuͤnſchte man auch hier Erloͤſung von dem Drucke der fremden Voͤlker, und ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen ſah man ſaͤmmtliche Einwohner in freudi⸗ ger Bewegung, muthiger als jemals, ihre Ge⸗ ſchaͤfte betreiben, denn im ganzen Staͤdtchen hatte ſich die Nachricht verbreitet, daß ein wackre Schaar befreundeter Krieger auch zu ihrer Er⸗ rettung in der Naͤhe ſich beſinde, was ſich auch bald durch ein vor Kurzem jenſeits des Eich⸗ waldes geliefertes Scharmuͤtzel beſtaͤtigte, wobei die verhaßten feindlichen Truppen ſich genoͤthigt ſahen, eine vortheilhafte Poſition aufzugeben und ſich gaͤnzlich ins Gebiet der Stadt zuruͤck⸗ zuziehen. MWMAAA Auch Hellworth hatte durch Kriegsſteuern und zahlreiche Einquartierung bedeutenden Ver⸗ luſt erlitten, der ihn jedoch weniger ſchmerzte, als der ſchreckliche Gedanke, daß die Unſchuld ſeiner Tochter durch das rohe, zuͤgelloſe Betra⸗ gen ſeiner aufgedrungenen Gaͤſte taͤglich in Gefahr ſchwebe. Deshalb war er mit ihr auf einige Monate zu ſeiner entfernt wohnenden, kranken Schweſter gereiſt, doch als ſie nach Verlauf dieſer Zeit voͤllig wieder hergeſtellt war, und auch die dortige Gegend von feindlichen Truppen beſetzt wurde, kehrte er zuruͤck nach Grauenſtein, um ſeine eigene Habe nach Kraͤf⸗ ten zu ſchuͤtzen. Selbſt ſeiner Schweſter ver⸗ traute er die geliebte Tochter nicht laͤnger an, ſie mußte ihn wieder zuruͤckbegleiten, denn nur dann fand er. Ruhe, wenn er ſie an ſeiner Seite wußte, von ſeinem Vaterauge bewacht. Bei ſeiner Zuruͤckkunft unterſagte er Roſetten jedes haͤusliche Geſchaͤft, welches ihre Gegen⸗ wart den ſtets umherſchweifenden Blicken der fremden Krieger verrathen koͤnnte, und ſo eifrig ſie ſich ſonſt mit lebhafter Thaͤtigkeit der Wirthſchaft annahm, zog ſie ſich doch jetzt gern 247 8 ANAN in die Einſamkeit ihres Zimmers zuruͤck, wel⸗ ches, entfernt vom Wohngebaͤude, im Erdge⸗ ſchoſſe ſich befand und deſſen Fenſter die Ausſicht nach einem mit hohen Mauern umgebenen Garten vergnnten. Hier ſaß ſie in der wilden Sturmesnacht allein, noch wachend mit lebhaf⸗ ten Traͤumen beſchaͤftigt. Die Bilder der trau⸗ rigen Gegenwart ſtanden klar vor ihrer Seele und verhinderten ſie, ſich ein freundliches Ge⸗ maͤlde einer gluͤcklichen Zukunft zu entwerfen. Inniger als jemals fuͤhlte ſie iht Herz bewegt von der reinſten Liebe zu Anton, und doch hatte ſie ſeit langer Zeit keine Nachricht von ihm er⸗ halten, denn ſorgſam vermied es ihr Vater, ſeiner liebreich zu gedenken, wie er ſonſt wohl oft gethan. Ja, als er die traurige Sage vom ſchrecklichen Ende der Mutter ſeines Pflegeſohns durch Haͤſſigs Mund vernahm, verbot er ihr jeden fernern Briefwechſel mit Anton aufs Strengſte, und erklaͤrte ihr kurz, daß ſie auf Erfuͤllung ihres Herzenswunſches, unter dieſen Umſtaͤnden, gaͤnzlich Verzicht leiſten muͤſſe. Sein ungerechtes Vorurtheil und des Verwalters heim⸗ liche Bemuͤhungen, Anton gaͤnzlich aus ſeinem * MWAVN Herzen zu verdraͤngen, mochten ihn zu einer Haͤrte verleiten, die ſeiner Tochter eben ſo freind war, als ſie ſich ſchmerzlich dadurch verletzt fuͤhlte, denn ſie ſah ihr ganzes Lebensgluͤck da⸗ durch zerſtoͤrt, und der kindliche Gehorſam, den ſie hier nicht zu leiſten vermochte, ſchien ihr zum erſten Male eine ſchwere Buͤrde. Die innigſten Wuͤnſche ihres Herzens konnte kein vaͤterliches Machtwort unterdruͤcken noch verban⸗ nen, deshalb blieb ſie auch fern von ihrem Va⸗ ter im einſamen Gemache und hier floſſen ihre Thraͤnen der gefaͤhrdeten Liebe ſtill geweiht. Antons Gegenwart ahnete ſie hier nicht und ſchon keimten Zweifel an ſeiner Treue in ihrem Buſen, welche mit giftigem Stachel ihren Schmerz noch vermehrten. Von quaͤlender Angſt gefoltert, ſchritt ſie im Zimmer auf und ab, die Decke ſchien auf ihr zu laſten, die Waͤnde naͤher zuſammengeruͤckt, das geraͤumige Gemach ſo beengt, daß ſie ſich hinausſehnte in die freie Natur. Sie oͤffnete die Fenſter und ſchaute hinaus in die wilde Gewitternacht. Kaum vermochte ſie es, die Gegenſtaͤnde im Garten zu unterſcheiden, und doch ſchien es ihr, als ob in geringer Entfernung ein Menſch ſich be⸗ muͤhe, die Mauer zu uberſteigen, und bald dar⸗ auf ein Geraͤuſch— wie das eines Herabſprin⸗ genden— ſchien ihre Vermuthung zu beſtaͤtigen. Ohne die Fenſter zu ſchließen, eilte ſie erſchrok⸗ ken nach der Thuͤr, um ihr Maͤdchen, welches gewoͤhnlich im Vorzimmer ſchlief, herbeizurufen, doch fand ſie dieſes leer, und indem ſie weiter eilte, um nach der Treppe zu gelangen, welche zu den obern Zimmern ihres Vaters fuͤhrte, fuͤhlte ſie ſich von ſtarken Armen umſchlungen und fortgeriſſen nach ihrem Gemache. Angſt und Schrecken hatten ihr die Sprache geraubt und kaum noch athmend, erblickte ſie ſich hier beim Schein der brennenden Kerze in den Ar⸗ men eines fremden Offiziers, der ſie ſchon meh⸗ rere Tage hindurch, im Verborgenen, vom Gar⸗ ten aus beobachtet und jetzt ihren Aufenthalsort ausgekundſchaftet. Ein neuer Schrecken uͤberſiel ſie, denn der Anblick dieſes Mannes ſchien mehr geeignet Grauen zu erwecken, als ihre Furcht zu zerſtreuen. Dichtes, ſchwarzes Haar bedeckte in wilder Unordnung ſeinen Scheitel, unter den buſchichten Augenbraunen ſchoſſen die 2⁵⁰ AA kleinen Augen Fenerblitze hervor, ſeine Stirn bedeckte feurige Roͤthe, wie vom Weinrauſche erzeugt, und alle Leidenſchaften ſchienen ſich vereinigt zu haben, auf ſeinem Angeſichte tiefe, markirte Zuͤge zuruͤckzulaſſen. Seine Geſtalt war klein, doch von gedrungenem Bau, und mit wilder Gier und mit ſeltener Kraft hielt er ſeine Beute umfaßt. Kaum vernehmbar verhallte Roſettens Huͤlferuf, den ſie mit gebro⸗ chener Stimme aus angſtbeklemmter Bruſt her⸗ vorſtoͤhnte, ihre Sinne ſchwanden, bewußtlos ſank ſie zuſammen und mit heißen, ſtuͤrmiſchen Kuͤſſen bedeckte der Fremde ihre bleichen Wan⸗ gen, ihre bebenden Lippen. Seine tiefen Athei⸗ zuͤge, ſeine zitternde Hand, ſeine ſtechenden Blik⸗ ke, die mit wilder Gier die reizende Geſtalt des ohnmächtigen Maͤdchens zu verſchlingen ſchienen, verriethen nur zu deutlich ſeine ſchaͤndliche Be⸗ gierde, die ihn hierhergetrieben. Ein teufliſches Laͤcheln ſchwebte auf ſeinen Lippen, als er, in ihrem Anſchauen verſunken, alles um ſich her zu vergeſſen ſchien; denn wie ein drohender Warnungsruf bruͤllte ſchrecklicher als zuvor der Donner, wie ein wallendes Feuermeer ſchien * 4 1 4 254 der ganze Horizont zuͤrnend die zuckenden Strahlen herniederzuſchleudern, und beſcheiden verloſch die kuͤnſtliche Kerze im Zimmer vor dem alles erhellenden Glanze der lodernden Flammen, mit denen die allgewaltige Natur den nachtbedeckten Erdkreis erleuchtete. Ein unge⸗ heurer Donnerſchlag erſchuͤtterte die Grundfeſten des Hauſes— da ſchlug Roſette die Augen auf, ſtrebte mit der letzten Kraft zu entfliehen, rief lant um Huͤlfe, und in demſelben Augenblicke ertoͤnte auch im Garten der laute Ausruf: „Hilf, heiliger Gott!“— Ein Menſch ward ſichtbar, der mit einem Blicke das Zimmer zu uͤberſchauen ſchien, entſchloſſen durchs Fenſtexr ſtieg, den Fremden mit kraͤftiger Fauſt zu Bo⸗ den ſchleuderte und ſo die Huͤlfloſe befreite. Erſchoͤpft war Roſette in einen Seſſel geſunken, da raffte der Offizier vom Boden ſich auf, zog einen kurzen, blitzenden Dolch hervor und ſtuͤrzte„ mit wuͤthender Gebehrde auf ſeinen Gegner los, der nur mit dem betaͤubten Maͤdchen beſchaͤftigt, vor ihr auf die Knie geſunken war. Doch als er jetzt die feindliche Bewegung des fremden Kriegers wahrnahm, ſprang er empor, mit ge⸗ 252 MW/ ballter Fauſt ſich zur Wehre ſtellend, rang mit ſeiner ganzen Kraft, ihm den Dolch zu entwin— den,— verzweifelnd draͤngte er jetzt die mord⸗ begierige Hand des Gegners zuruͤck und ſtieß die toͤbtliche Waffe tief in die Bruſt des Wuͤthenden. Dumpf roͤchelnd ſtuͤrzte dieſer zu Boden und ein Blutſtrom faͤrbte die Dielen; doch jener ſtand ſtarr und unbeweglich, die Arme noch weit vor ſich hinausgeſtreckt, mit denen er un⸗ willkuͤhrlich die ſchreckliche That vollbracht. Sein Auge haftete am blutgefaͤrbten Boden, ſein Ohr vernahm das furchterliche Angſtgeſtohn des Sterbenden— da brachen ſeine Knie, u d in wilder Haſt bemuͤhte er ſich, den Schwerver⸗ wundeten aufzurichten, doch vergebens; ſein Auge war bereits gebrochen, ſeine zuckende Hand ſchien jede Huͤlfe abwehren zu wollen und im ſchmerzlichſten Todeskampfe hauchte er ſeine Seele aus. Da wagte es Roſette ihr Antlitz zu enthuͤllen, das ſie mit beiden Haͤnden bedeckte, und einen ſcheuen Blick auf die ſchreck⸗ liche Scene zu werfen. Das Zimmer war in Nacht gehuͤllt, nur auf Angenblicke erhellt vom falben Scheine der entfernteren Blitzſtrah⸗ 4* len, und feſt ruhte ihr Auge jetzt auf dem bleichen Angeſichte des Knieenden, der den er⸗ ſtarrten Leichnam noch feſt in ſeinen Armen hielt. „Anton!« ſchrie ſie laut, mit dem Ausdruk⸗ ke des Entſetzens, und ſchaudernd verbarg ſie wieder ihr Antlitz mit der zitternden Hand. „Moͤrder!“ hallte es dumpf und leiſe von ſeinen Lippen wieder, indem er den Ermorde⸗ ten aus ſeinen Armen gleiten ließ, ſich kraft⸗ los vom Boden erhob und wankend im Zim⸗ mer auf und nieder ſchritt. Zuweilen blieb er ſtehen und blickte ſcheu und duͤſter auf den Leichnam; ſeine vor wenigen Minuten bis aufs Hoͤchſte geſpannte Kraft ſchien durch die graͤßliche That gebrochen, denn kaum war er noch faͤhig, ſich aufrecht zu erhalten, keinen Gedanken, keinen feſten Entſchluß vermochte er zu faſſen, und ein faſt kindiſcher Kleinmuth hatte ſeine Seele erfuͤllt. Da unterbrach das aͤngſtliche Schweigen ein lauter, wiederholter Hoͤrnerruf und Trommelſchlag, welcher von der Stadt her auß der Heerſtraße immer naͤher zu kommen ſchien; auch wurden in dem Hauptge⸗ baͤude des Vorwerkes, welches die fremden Krie⸗ ger bewohnten, ploͤtzlch mehrere Stimmen laut, die nach ihrem Kapitain riefen. Die ſchreckliche Gefahr, in der ſein Wohl⸗ thaͤter, ſein geliebtes Maͤdchen ſchwebte, wenn man den Leichnam des Ermordeten in ſeinem Hauſe, in ihrem Zimmer faͤnde, wurde ihm jetzt ploͤtzlich klar, und ſtand mit all den grau⸗ ſenerregenden Bildern der ſchrecklichen Folgen, welche ſeine blutige That— wenn ſie von den Feinden entdeckt wurde— nothwendig nach ſich ziehen mußte, lebendig vor ſeiner Seele. Von dieſen ſchrecklichen Bildern zur Thaͤtigkeit aufgegeißelt, gewann ſein Geiſt auch wieder Kraft, einen ſchnellen Entſchluß zu faſſen. Um Roſette aus der Gewalt des rohen Wuͤſtlings zu befreien, hatte er ohne ſeinen Willen die graͤßliche That vollbracht— um ganz ſein Rettungswerk zu enden, mußte er ſie jetzt vor den Folgen derſelben ſchuͤtzen und ſie und ihr Haus vor der Rache der Kameraden des Er⸗ mordeten ſichern. Nur durch ſchleunige Hin⸗ wegraͤumung des Leichnams, mit eigner Lebens⸗ gefahr, ſchien ihm das noch moͤglich. Da er — von ſeiner Kindheit an taͤglich in Hellworths Hanſe aus und eingegangen, kannte er jeden Aus⸗ gang deſſelben genau, deshalb erinnerte er ſich auch jetzt einer geheimen Pforte, welche aus dem Vorzimmer von Roſettens Wohngemache auf die Landſtraße fuͤhrte. 8 Schnell entſchloſſen umfaßte er die Leiche, und trug ſie bis zur Thuͤr, doch hier warf ſich ihm Roſette in den Weg und rief mit angſt⸗ beklemmter Stimme:„wohin, Anton? wohin 2* „Laß mich hinaus!“ fluͤſterte ihr dieſer haſtig zu e„allein auf meiner Seele laſtet dieſer Mord, laß mich allein auch ſeine Folgen tra⸗ gen! Godenke mein, wenn Du von Blut und Schlachten hoͤrſt— leb' wohlr wir ſehen uns nimmer wieder!“ Mit dieſen Worten eilte er durch die halb⸗ geoͤffnete Thuͤr mit ſeiner ſchweren Buͤrde, ſchlug ſie ins Schloß, und verhinderte ſo Roſette, die auf ihren Knieen, weinend, mit emporge⸗ hobnen Armen, ihn zu bleiben beſchwor— ihm zu folgen. Im Vorzimmer fand er eine halb niedergebrannte Lampe, deren matter Schein ihm die niedre Pforte zeigte, in deren Schloſſe noch 1 8 — MMAVAMVUM der Schluͤſſel ſteckte, den Roſettens Maͤdchen gewoͤhnlich erſt beim Schlafengehen abzuziehen pflegte. Mit leichter Muͤhe war ſie geoͤffnet, und er befand ſich im Freien. 15. Immer lauter ertoͤnte der kriegeriſche Ruf, mehrere Fackeln flackerten ihm aus dem geoͤff⸗ naeten Stadtthore entgegen, Gewehrfeuer und wilde Stimmen der ſich zu ihren Fahnen ſam⸗ melnden Soldaten durchtobten die Nacht, lodernde Wachtfeuer erhellten ringsumher die Gegend. Fern uͤber dem Eichwalde rollte der Donner noch, und ziſchend, wie ſpielende Schlangen, wanden die zuckenden Strahlen durch dickbelaubte Wipfel ſich zur Erde nieder, nur noch leuchtend, der zerſchmetternden Kraft beraubt. Das große Hofthor des Vorwerkes wurde geoͤffnet, ein Schwarm Krieger ſtuͤrzte mit wildem Geſchrei heraus, und wie von tau⸗ ſend Furien gegeißelt, eilte Anton ſo ſchnell, als es ihm die Laſt erxlaubte, die er auf ſeinen 257 Schultern trug, nach dem Walde. Hier ſchlug er einen Seitenpfad ein, und ſtuͤrzte laut keu⸗ chend uͤber Steine und Wurzeln immer vor⸗ waͤrts, durch Verzweiſlung mit Loͤwenkraft er⸗ fuͤllt, von draͤngender Angſt gepeitſcht. Er hoͤr⸗ te Stimmen hinter ſich, rechts und links ein⸗ zelne Flintenſchuͤſſe, er glaubte ſeine That ver⸗ rathen durch die blutige Spur in Roſettens Zimmer, rachgierige Verfolger an ſeine Ferſen geheftet— und beim matten Scheine der Bliz⸗ zesflammen ſchien es ihm, als ob die Rieſen⸗ aͤrme hundertjaͤhriger Eichen ihn zu erfaſſen ſtrebten, als ob die hohen grauen Staͤmme, ſei⸗ ne Flucht zu hemmen, drohend ihm entgegen ſchritten, und bemooſte Wurzeln belebt am Bo⸗ den kroͤchen, ſeine Fuͤße zu umſchlingen. Schon brachen ſeine Knie, und jetzt wagte er es zum erſten Male, ruͤckwaͤrts zu blicken. Ein Flin⸗ tenſchuß, kaum zweihundert Schritte hinter ihm, ſteigerte ſeine fuͤrchterliche Angſt bis zum hoͤch⸗ ſten Gipfel; jetzt verſuchte er es, den Leichnam abzuwerfen, doch dieſer ſchien nicht weichen zu wollen von ſeines Traͤgers Schultern, ſeine er⸗ ſtarrten Arme ſchienen feſt ſich anzuklammern 17 258 MWVN und ſein blutbeſpruͤtztes Haupt laſtete, wie ein Centnergewicht, herabhaͤngend auf Antons Bruſt. Muͤhſam, mit der letzten Anſtrengung aller ſei⸗ ner Kraͤfte, ſchleppte der Belaſtete ſich weiter— da hemmte ploͤtzlich ein jaͤher Felſenabgrund ſei⸗ ne Schritte— er ſtand an der Schreckens⸗ ſchlucht. 1 Kein Bewohner der Umgegend wagte es, bei Nacht die Graͤnzlinien dieſes verrufenen Or⸗ tes zu uͤberſchreiten, und die ſchauerlichſten Sa⸗ gen ſtraͤnbten die Haare des Wanderers empor, wenn er ſich in ſeine Naͤhe wagte. Denn in fruͤhern Zeiten hatte dieſe Schlucht einer Naͤu⸗ berhorde zum Schlupfwinkel gedient, welche hier, geſchirmt durch ungeheure Felſen, verborg⸗ ne Gaͤnge und Hoͤhlen, die furchtbarſten Graͤuel veruͤbten. Hart am Rande dieſes Abgrundes ſtand Anton mit ſeiner Buͤrde. Kein Gedanke an die geſpenſtiſchen Erzaͤhlungen und Ammen⸗ maͤhrchen von dieſem Schreckensorte keimte in ihm auf, vielmehr ſchien es ihm ein gluͤcklicher Zufall, ſeine Schritte hierher gewendet zu ha⸗ ben, denn in dem ungeheuern Felſengrabe konn⸗ te er den Leichnam am ſiccherſten verbergen. — 5259 MWManN/́ Die dichte Finſterniß verhinderte ihn, die Tie⸗ fe mit den Augen zu meſſen, auch war ihm kein Fußſteig bekannt, der hinabfuͤhrte. Schon ſetzte er den zitternden Fuß auf ein hervorra⸗ gendes Felsſtuͤck, da wurden wieder Stimmen laut, und heller Fackelſchein brach durch das dunkle Laub— er mußte hinab, denn nach keiner Seite blieb ihm ein Ausweg, ſeine Glie⸗ der waren gelaͤhmt, ſeine Kniee zitterten, der morſche Stein unter ſeinen Fuͤſſen rollte hin⸗ ab, und den Leichnam feſt umſchlingend, ſtuͤrz⸗ te er mit ihm in die Tiefe. 48 4 6. Ein ſchmaler Purpurſtreifen am oͤſtlichen Horizonte verſcheuchte bereits die wallenden Ne⸗ belfluthen von Hain und Flur, eine freundliche Morgendaͤmmerung belebte mit ihrem ſanften roſigen Lichte jeden Gegenſtand, und eine feier⸗ liche Stille herrſchte ringsumher— da ſchlug Anton, erwachend aus ſeiner Betaͤubung, die 47* 260 MWMAANANN Augen auf. Doch ſein Zuſtand glich dem ei⸗ nes Bloͤdſinnigen; ein ſchwarzer Flor ſchien ſein weitgeoffnetes, ſtarres Auge zu verdunkeln, jede ſeiner Bewegungen zeigte von gaͤnzlicher Entkraͤftung, und farbenloſe Bilder, die er nicht feſtzuhalten vermochte, drehten ſich in im⸗ mer ſchwingenden Kreiſen vor ſeiner Phantaſie. Gedankenlos ſtarrte er umher, und in ſeinen mangelhaften Erinnerungen der Vergangenheit fand er keinen Aufſchluß uͤber ſeinen grauſen⸗ vollen Anfenthalt. Muͤhſam kroch er einige Schritte weit am Boden fort— er fuͤhlte ei⸗ nen brennenden Durſt, und gierig ſog er mit trockner Zunge und Lippen die Waſſertropfen auf, die ſparſam ſich auf den uppig wuchern⸗ den Farrenkraͤutern geſammelt hatten, barg dann die fiebriſch brennende Stirn in die wei⸗ che, feuchte Moosdecke, die flimmernd von cry⸗ ſtallnen Thautropfen, wie ein perlengeſtickter Sammetteppich den Erdboden uͤberzog. Da blickte der erſte Sonnenſtrahl freundlich und troͤſtend uͤber die grauen Felſen zu ihm herab, und wie das Purpurlicht allmaͤhlig die Natur mit friſchem Glanze erhellte und die geſenkten 261 WWTNN Blumenhaͤupter emporrichtete, ſo ward es Licht in ſeiner Seele und die ſchwere Nebeldecke der Betaͤnbung wich. Er verſuchte es, ſich aufzu⸗ richten und ſchleppte ſich zuruͤck nach dem Or⸗ te, wo er in vergangener Nacht vom Felſen niederſtuͤrzte. Hier lag der erſtarrte Leichnam, ausgeſtreckt, mit zerſchmettertem Haupte, und unter demſelben der gewichtige Stein, der vor ihm unter ſeinen Fuͤßen hinabgerollt. Schau⸗ dernd maß er jetzt die Hoͤhe bis zum Felfen⸗ rande, und wunderhar fuͤhlte er ſich bewegt durch den Gedanken, daß im Augenblicke der aͤußerſten Gefahr der Koͤrper des Ermordeten, bei dem lebensgefaͤhrlichen Sturze in den Ab⸗ grund, ihm zur Schutzwehr dienen mußte, daß er ſeine eigenen Glieder nicht am Boden zerſchmetterte.„Ja Heit des Lebens!“ rief er tiefbewegt—„auch in den wilden Sturm⸗ naͤchten wacht dein Vaterauge! du willſt es, ich ſoll lebend dulden, und duldend meine Buͤrde tragen,— dein Wille ſey geheiligt!« Knieend erhob er die gefalteten Haͤnde gen Himmel und flehte um den Balſam des Glau⸗ bens, den der Erloͤſer allen Duldern verheiſ⸗ — i 262 NMMAGANNMNMN ſen, des Herzens brennende Wunden zu hei⸗ len; da roͤtheten ſanft die purpurnen Flam⸗ men des oͤſtlichen Himmels die bleichen Wangen des Betenden, ein reiner Lichtſtrahl erglaͤnzte in ſeinem Auge, und uͤber ſeinem Haupte, rings umher, in den Blumenwip⸗ feln und auf den hoͤchſten Felſenſpitzen, er⸗ ſchallten die Hymnen der Saͤnger des Hainen, dem allguͤtigen Schoͤpfer zu Ehren. Als er ſich geſtaͤrkt von ſeinen Knieen erhoben, und ſein erſter Blick jetzt wieder auf den Leichnam fiel, da oͤſte ſich ein tiefer Seufzer von ſei⸗ nem Herzen und leiſe fluͤſterte er hinauf in die unermeßlichen Raͤume des Himmels:„O mein Herr und Gott! hne mir die ſchwe⸗ re Schuld nicht zu laß das vergoßne Blut auf meinem Haupte nicht laſten. Dein Blitzſtrahl zeigte mir die dringende Gefahr des heißgeliebten Maͤdchens, dein Donner rief mich auf, die Ohnmaͤchtige zu befreien aus der Gewalt des Boͤſewichts.— Ich ſah den blanken Stahl auf meine Bruſt ge⸗ zuͤkkt— Nacht umhuͤllte meinen Geiſt, mein Auge— und unwilleuͤhrlich vollbrach⸗ te meine Hand, was tief mein Herz verab⸗ ſcheut.“ 1 Er betrachtete jetzt ſeinen Aufenthaltsort genauer und fand, daß er in einem von hohen Felſen umgebenen Raume ſich befin⸗ de, welcher in verſchiedenen Windungen fort⸗ lief, und ſich in mehreren Schluchten aus⸗ breitend, endlich im dichten Gebuͤſch ver⸗ lor. Dem Koͤrper des Ermordeten eine Ru⸗ heſtaͤtte zu ſuchen, war jetzt ſein erſter Ge⸗ danke, denn ſein Anblick war gr lich. Die gebrochenen Augen ſtarrten noch weit geoͤff⸗ net aus ihren Hoͤhlen hervor, das ſchwar⸗ ze Haar hieng, vom Blute triefend, uͤber den zerſchmetterten Schaͤdel herab, die blauen Lippen waren geoͤffnet, zeigten zwei Reihen Zaͤhne, die feſt auf einander gedruͤckt, im Tode noch zu knirſchen ſchienen, und ſchon kreiſten heißhungrige Raben hoch um die Felſenſpitzen, kraͤchzten ihr Todtenlied und blickten gierig herab nach der ſeltenen Beute. In der Abſicht, eine Hoͤhle zu ſuchen, wel⸗ che der Leiche zur Gruft dienen koͤnne, gieng Anton die Schlucht entlang, doch kaum hat⸗ te er hundert Schritte zuruͤckgelegt, als er friſche Spuren Manf huce Kritte im ho⸗ hen Graſe gewahrte, und in demſelben Au⸗ genblicke bemerkte er aeneeeanas welche zwiſchen den Felſen emporſtiegen. Erſtaunt, in dieſer wilden, verrufenen Einoͤden Spu⸗ ren menſchlicher Weſen zut anaes bog er jetzt um einen Felſen, hervorſprin⸗ gend ihm die Mwiteren Auafa hommte; da gewahrte er geringer Entfernung ein Feuer, es luſtig brannte unter ei⸗ nem bedeckten Raume, der von ungeheuern Steinmaſſen gebildet und rings von dich⸗ tem Geſtraͤnch umgeben war. Am Feuer be⸗ fchaͤftigt ſaß ein Weib, aͤrmlich gekleidet, Kopf und Geſicht groͤßtentheils mit einem wollenen Tuche verhuͤllt, und in der Hoͤh⸗ le ausgeſtreckt, auf einem Mooslager, lag eine maͤnnliche Geſtalt, ſchlafend, mit ei⸗ nem Baͤrenfelle uͤberdeckt, den Kopf mit blutigen Tuͤchern umwunden. Ein heimliches Grauen ber ſiel Anton bei dieſem Anblicke; mit zurckgehaltenem Athem ſchlich er oh⸗ ne Geraͤuſch naͤher, nicht ohne innere Angſt 7 die ſonderbaren Bewohner dieſer Einoͤde ſtill bedbachtend.— Jetzt verließ das Weib das Feuer, gieng leiſe zu dem Schlafen⸗ den, kniete an ſeinem Lager nieder, benug⸗ te ſich uͤber ihn hin und ſchien ihn lan⸗ ge imit Wohlgefallen anzuſchauen— dann ſtreichelte ſie ſeine gebraͤunten Wangen, deck⸗ ten ſorgfaͤltig die Baͤrendecke, die an eini⸗ gen Stellen zuruͤckgeſchlagen war, uͤber ihn hin und ſetzte ſich neben ihm auf den Bo⸗ den nieder, mit gefalteten Haͤnden, ihre Blicke feſt auf ihn gerichtet. Das Mie⸗ nenſpiel des Schlafenden zeugte von einer heſtigen Bewegung, die ein lebhafter Traum in ſeinem Junern heroorzubringen ſchien; ſei⸗ ne Lippen, die, wie ſein Kinn, von ei⸗ nem ſtarken, grauen Barte bedeckt wa⸗ ren, bewegten ſich zuckend, und unverſtaͤnd⸗ liche Worte drangen daraus hervor. Da er⸗ blickte Anton dicht neben ihm kriegeri⸗ ſche Waffen und ſchon gerieth er auf die Vermuthung, daß die Sage von dieſem Schreckensorte nicht ungegruͤndet ſey, daß er, auch jetzt noch von Menſchen be⸗ 6 6 V 266 NMAAA wohnt werde, welche durch Raub und Mord ihr Leben friſteten. Aber ſo ſchreck⸗ lich auch der Anblick des Mannes war, von dem er ſein Auge nicht zu wenden ver⸗ mochte, ſo floͤßte er ihm doch, je laͤnger er ihn betrachtete, mehr Mitleiden als Furcht ein, und wie feſtgebannt fuͤhlte er ſich an die Stelle, wo er ſtand. Das Weib war aͤngſtlich beſchaͤftigt um den Schlafenden und bemuͤhte ſich, ſeine ſchreckhaften Trauin⸗ bilder zu zerſtreuen, indem ſie ihm freund⸗ lich zuzuſprechen ſchien, das Moos auflok⸗ kerte und ſein— wie es ſchien— ver⸗ wundetes Haupt ſanft an ihre Bruſt leg⸗ te— da oͤffneten ſich ſeine Augenlieder und ein Paar große ſchwarze Augen drangen daraus hervor, welche den erſten feurigen Blick auf Anton warfen, der noch regungs⸗ los am Felſen lehnte. Schnell richtete der Verwundete ſich halb empor, griff mit der rechten Hand nach einem Piſtol und zeig⸗ te mit der Linken nach der Stelle, von welcher der Lauſchende ſich eben zu entfer⸗ nen verſuchte; doch erſchrocken ſprang das 267 Weib vom Boden auf, lief naͤher auf ihn zu, maß ihn vom Kopfe bis zu den Fuͤßen mit ſcharfen Blicken, und ſank hef⸗ tig zitternd, mit weit hinausgeſtreckten Ar⸗ men, auf ihre Kniee nieder.— Anton erbebte— das Tuch, welches fruͤher ihr Geſicht verhuͤllte, war jetzt zuruͤckgeſchla⸗ gen— er ſtarrte ihr unbeweglich ins Auge, ihre Zuͤge waren ihm ſo freundlich be⸗ kannt— er wankte zuruͤck, denn er glaubte, den Geiſt ſeiner Mutter zu erblik⸗ ken. Sie wollte ſich wieder aufrichten, doch ihre Fuͤße verſagten ihr den Dienſt, mit Anſtrengung aller ihrer Kraͤfte ſchleppte ſie ſich auf ihren Knien bis zu ihm hin, um⸗ klammerte ihn feſt und rief von lautem Schluchzen unterbrochen:„mein Sohn! mein Sohn!— mein guter, mein herzlieber An⸗ ton le 3 Dieſer glaubte ein Trugbild vor ſich zu ſehen, denn die Moͤglichkeit, die heißge⸗ liebte, todtgeglaubte Mutter lebend, in dieſer Wuͤſte zu erblicken, ſand keinen 268 NWAA Grund in ſeiner ſchmerzgebengten Soele. Entſetzt verſuchte er es, ſich loszuwin⸗ den, doch die bebende Stimme durch⸗ drang ſein Herz bis in die geheimſten Tiefen— er ſah die Freudenthraͤnen ih⸗ re bleichen Wangen netzen— er fuͤhlte ihre lebenswarme Hand feſt in die ſei⸗ nige gedruͤckt— da ſchwand ihm ploͤtz⸗ lich jeder Zweifel und im Uebermaße der Freude ſchloß er ſie feſt in ſeine Ar⸗ me. 5 7. 8 Als Beide nach einer langen Pauſe u in welcher nur eine feſte Umarmung, ſtum⸗ me Blicke und Thraͤnen die freudige Re⸗ gung ihrer Herzen laut verkaͤndeten— ſich von ihrem wechſelſeitigen Erſtannen er⸗ holt hatten, beſtuͤrmte die tiefgeruͤhrte Mut⸗ ter ihren Sohn mit draͤngenden Fragen, der noch immer, ihr feſt ins Auge — 269 WMWNAAN blickend, den ſchnellen gluͤcklichen Wechſel ſeines Geſchickes nicht zu faſſen vermoch⸗ te. „Fuͤhrt Dich auch Dein kindliches Herz zu mir, mein guter Anton?“ hub ſie an —„wie haſt Du mich hier in dieſer Wild⸗ niß aufgefunden?— Liebſt Du auch Deine alte Mutter noch wie ſonſt? das ſage mir, mein lieber Sohn, mit einem Worte nur, ſonſt kann ich Deines Anblicks mich nicht freuen.“ „Hier, meine Mutter“— erwiederte Anton, indem er ihre Hand auf ſein hoͤr⸗ bar klopfendes Herz legte—„hier hat Dein Wiederſehen eine tiefe Wunde, die vor wenig Augenblicken blutend noch mich ſchmerzte, ſchnell geheilt, und kraͤftiger als ſonſt, lodert hier die Flamme kindlicher Lie⸗ be, ſanft erwaͤrmend, Leben hauchend, in der erſtarrten Bruſt.— O, meine innig⸗ geliebte, theure Mutter! keine Menſchen⸗ ſprache ſchildert meine Freude!— Ich hal⸗ te Dich ja wieder feſt in meinen Ar⸗ men— das ſind ja noch dieſelben Au⸗ gen, die ſo oft und freundlich mir entge⸗ genlaͤchelten, dieſelben Zuͤge, die treue Mut⸗ terliebe Deinem Antlitz eingepraͤgt, dieſelbe Hand, die ſorgſam mich als Kind gepflegt, die troͤſtend finſtre Wolken von des Juͤng⸗ lings Stirn geſtreichelt, wenn duͤſtrer Un⸗ muth mich umfing.“— Er zog ſie feſter an ſeine Bruſt, und ſeine Thraͤnen netzten ihre tiefgefurchten Wangen.. „Hier, abgeſchieden von der Welt— fuhr die Mutter fort—„hatte ich Verzicht geleiſtet auf jede Lebensfreude, aber Gottes Guͤte iſt unermeßlich!— Auch in der Wuͤ⸗ ſte hat ſein Vaterauge uͤber mich gewacht— er ſendete den reichen Himmelsſegen— mei⸗ nen Sohn gab er zuruͤck in meine Arme, und dort— Anton— dorthin wirf Deinen Blick— dort kniee nieder und bete bruͤn⸗ ſtig unſern Schoͤpfer an, der uns auf dunk⸗ lem Pfade troͤſtend einen Lichtſtrahl ſen⸗ det.“ Ihr Auge erglaͤnzte von reiner Freude— mit der rechten Hand zeigte ſie auf den Ver⸗ wundeten, der ſich muͤhſam aufgerichtet und eben im Begriff war, ſein Lager zu verlaſ⸗ ſen, und mit der Linken zog ſie ihren Sohn haſtig mit ſich fort zur Hoͤhle.„Gott iſt barmherzig!“ rief ſie laut—„am Rande meines Grabes hat er meinen heißen Wunſch gewaͤhrt.— Ausgeſtoßen aus dem Kreiſe der Menſchen, ſandte er mir, der Verlaſ⸗ ſenen, den laͤngſterſehnten Bruder mit einem Herzen voll treuer Liebe.“ Ein neues frendiges Erſtaunen feſſelte An⸗ tons Zunge; er knieete am Lager nieder und bedeckte mit heißen Kuͤſſen die Hand des Hauptmanns, der ihn, ohne ſeine Schmer⸗ zen zu achten, feſt in ſeine Arme ſchloß. So ſaßen die drei Gluͤcklichen zuſammen auf hartem Boden, Arm in Arm geſchlun⸗ gen, Hand in Hand— Thraͤnen verdun⸗ kelten ihre Augen, nur einzelne Worte ver⸗ kuͤndeten die Stimmung ihrer Herzen, und die Empfindung der reinſten Freude ſchuf ih⸗ nen die traurige, wuͤſte Einoͤde zur paradie⸗ ſiſchen Gegend. 3 »Wohl ſollte ich zuͤrnen“— hub die Mutter wieder an, zu ihrem Sohne gewen⸗ 272 AANN det—„daß Du auf meine letzten Briefe auch mit keiner Zeile geantwortet. Ich hat Dich ſo herzlich, zu mir zu eilen, denn meine Kraͤfte wurden ſchwach, und mein armſeliger Verdienſt reichte kaum hin, mein Leben zu friſten. Wohlthaten anzunehmen, war ich zu ſtolz, denn ich hoffte taͤglich auf meinen Sohn, der mir ſchon fruͤher Unter⸗ ſtuͤtzung angeboten, wo ich ſie ausſchlagen mußte, weil ich ihrer damals nicht bedurf⸗ te. Doch Du bliebſt aus, keine Nachricht von Dir gab mir Troſt, und immer feſter praͤgte ſich der traurige Gedanke ein in mei⸗ ne Seele, daß auch Dich der wilde Kriegs⸗ ſturm hinweggerafft.“ „Bei allem, was mir heilig iſt! rief Anton aus—„gleiche Sehnſucht nach ei⸗ ner Kunde von Dir hat quaͤlend mich ver⸗ folgt, und endlich mich zuruͤckgetrieben in die Heimath, ſelbſt nach Dir zu forſchen. Seit einem halben Jahre habe ich kei⸗ ne Briefe mehr erhalten, und wahr⸗ ſcheinlich ſind durch die Unordnungen, welche der Krieg durch alle deutſche Staaten ver⸗ breitet, auch die meinigen verloren gegan⸗ gen.“ „Das war auch meine Furcht“— erwie⸗ derte ſie—„darutn habe ich Dich auch in meiner hoͤchſten Noth freigeſprochen von je⸗ der Schuld. Die bitterſte Admuth war nicht vermoͤgend, mich ganz niederzudruͤcken, aber der Spott und Hohn der Menſchen beugte meinen Geiſt, daß ich mich abwendete von ihnen. Als das Gericht ſein Urtheil uͤber mich gefaͤllt, da glaubte ich freilich, meine Wanderung auf dieſer Welt wuͤrde nur noch von kurzer Dauer ſeyn, und mit den er⸗ ſten Schritten, die mich aus meiner Huͤtte fuͤhrten— wo Jahre lang der ſtille Friede bei mir weilte— wuͤrde ich in meine Gru⸗ be ſinken, wo der ewige Friede wohnt. Doch fand ich mich ſtaͤrker, als ich je geglaubt. Ich trat hinaus in Gottes herrliche Schoͤ⸗ pfung, das gruͤnende Laub, die ſchweren, geſegneten Aehren, die fruchtbeladenen Baͤu⸗ me, die tauſend muntern Geſchoͤpfe, die unterm freien Himmelszelte ihre Nahrung fan⸗ den, gaben mir ein heitres Bild des Lebens, 18 und meine bauge Seele wurde getroͤſtet und ermuthigt. Ich ſchlich am Vorwerke vorbei und hoͤrte dort, daß Hellworth noch nicht zuruͤckgekehrt ſey. Der Verwalter Haͤſſig trat mir entgegen, gruͤßte mich hoͤhniſth, und wuͤnſchte mir ſpottend eine gluͤckliche Reiſe. Das war der letzte Wermuthstropfen— ich nahm ihn ſtandhaft und erſtieg einen nahen Huͤgel, um dort auszuruhen. Hier warte⸗ te ich den Untergang der Sonne ab, und gieng dann leiſe betend nach dem Forſte, oh⸗ ne zu wiſſen, wo dieſe Nacht mein muͤdes Haupt ruhen wuͤrde. So gelangte ich bis zur Schreckensſchlucht, in die ich oft ſchon ohne Grauen hinabgeſtiegen, heilſame Kraͤu⸗ ter zu ſuchen, die hier zwiſchen den Felſen in Fuͤlle wachſen. Ich kannte einen ziem⸗ lich bequemen Weg hinab, zanderte nicht lan⸗ ge, ſtieg hinunter, und ſuchte dieſe Hoͤhle auf, die mich ſchon oft vor Sturm und Re⸗ gen ganze Naͤchte auf meinen Wanderungen barg. Hier ruhete ich, und der ſtille Geiſt des Friedens ſchien auch in der Wildniß uͤber mir zu wachen, denn ich erwachte am an⸗ — 275 MAAAA dern Morgen geſtaͤrkt durch einen ſuͤßen Schlummer. Einige meiner ſelbſtbereiteten Medicamente, welche ich mit mir genommen hatte, trug ich nun in ein ziemlich entfern⸗ tes Dorf, wo mich niemand kannte, tauſch⸗ te mir dafuͤr Lebensmittel, Kochgeſchirr und Feuermaterialien ein, und ſchlich in der Daͤm⸗ merung wieder zuruͤck nach meinem ſtillen Auf⸗ enthalte. Ich zaͤhlte von nun an die Tage nicht mehr, nahm wenig Nahrung, und leb⸗ te nur im Gebete, wie eine Abgeſchiedene von der Welt. Doch vor einigen Tagen hoͤr⸗ te ich oben, als ich mich nach dem Eich⸗ walde gewagt, um wieder nach dem Dorfe zu gehen, kriegeriſchen Laͤrm rings um mich her. Erſchrocken wollte ich umkehren, da brachen mehrere Soldaten durchs Gebuͤſch und trugen auf ihren Gewehren einen Verwun⸗ deten. Sie fragten mich, ob ich in der Naͤhe nicht ein ſicheres Verſteck fuͤr ihren Hauptmann wiſſe? und ohne die Gefahr zu beachten, der ich mich theilhaftig machte, fuͤhrte ich ſie in meine Hoͤhle, denn ſie tru⸗ gen ja die Uniform der Befreier meines Va⸗ 48* AANVNN terlandes, und der Verwundete ſchien ſchnel⸗ ler Huͤlſe zu beduͤrfen. Mit geuͤbter Hand verband ich hier ſeine Wunden, legte heilen⸗ de Kraͤuter auf, ein Koſak breitete beſorgt eine Baͤrendecke uͤber ihn, und nannte ihn bei ſeinem Namen. Ich horchte hoch auf— denn es war mein eigner Familienname. Ei⸗ nige der Soldaten erboten ſich, bei ihm zu bleiben, doch mit ſtrengem Ernſte wies der Hauptmann ihr Anerbieten zuruͤck, befahl ih⸗ nen, ins Treffen zuruͤckzukehren, und ſchwei⸗ gend gehorchten ſie. Der Koſak warf mir noch ein Torniſter zu, deſſen Inhalt ich in dem Augenblicke nicht beachtete, druͤckte mir noch freundlich die Hand, und bald befand ich mich mit dem Verwundeten allein. Sein Name hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, eine ſeltſame Ahnung ſtieg in mir auf; ich forſchte, in ſeinem Geſichte be⸗ kannte Zuͤge zu entdecken, doch es war von Blut und Narben entſtellt, und ſein Auge geſchloſſen. Ein heftiges Wundſieber, welches ihn uͤberfiel, ſuchte ich durch alle Mitel, welche mir nur zu Gebote ſtan⸗ 27 WAAANA den, zu heben; ich verließ ihn keinen Au⸗ genblick, welches mir um ſo leichter moͤglich wurde, als ich in dem Geſchenke des Ko⸗ ſaken Lebensmittel fuͤr mich im Ueberfluſſe fand. Vorgeſtern war ſein Zuſtand gefahr⸗ loſer als jemals, ſein Auge war wieder hell und klar, er vermochte es, ſich zu bewe⸗ gen, reichte mir freundlich dankend ſeine Hand, blickte mich lange und forſchend an, einige Worte von ihm loͤſten meine Zwei⸗ fel, ich entdeckte mich ihm, und noch in derſelben Minute lag ich an der Bruſt mei⸗ 88 nes Bruders.“ Mit inniger Ruͤhrung hatte Anton zu⸗ gehoͤrt, und durch laute Ausrufungen ſeine herzliche Theilnahme bei der Erwaͤhnung ih⸗ rer traurigen Flucht in dieſe unwirthbare Einoͤde verkuͤndet.„O haͤtt' ich Deine Noth nur ahnen koͤnnen!— rief er aus— „Tag und Nacht waͤr' ich geeilt, Dir mit treuer Kindesliebe beizuſtehen. Doch des Schickſals Hand hat ſchwer auf uns gela⸗ ſtet; auch jetzt noch haͤtt; ich nimmer Dei⸗ nen Aufenthalt erforſcht, wenn nicht ein 278 MWMAAN Zufall faſt gewaltſam mich hierher gefuͤhrt. Beim Eintritt in die Graͤnzen meiner Ba⸗ terſtadt ward mir ſchon die ſchreckliche Kun⸗ de von Deiner Verweiſung— von Dei⸗ nem Tode—« hier hielt er inne, denn er vermochte es nicht, die allgemeine ſchreck⸗ liche Sage von der eigenmaͤchtigen Verkuͤr⸗ zung ihres Lebens ihr mitzutheilen, um ih⸗ re reine Freude nicht zu truͤben. 1 „Wohl war ich abgeſchieden fuͤr die Welt“— erwiederte die Mutter—„ob⸗ gleich der Einbruch des Winters mich viel⸗ leicht gezwungen, Hellworths Erbieten an⸗ zunehmen, doch⸗— fuhr ſie ploͤtzlich auf —„Anton, was iſt Dir begegnet? barm⸗ herziger Gott! Deine Kleider ſind mit Blut befleckt!«. So ungern auch Anton die der Freu⸗ de nur geheiligten Augenblicke des Wieder⸗ ſehens durch die Erzaͤhlung der ſchrecklichen Begebenheiten in vergangener Nacht ſtor⸗ te, ſo konnte er jetzt doch nicht mehr aus⸗ weichen, er mußte ſie mittheilen. 5* * —— 279 MWALMWNAN. Bebend hoͤrte die beſorgte Mutter jedes ſeiner Worte mit aͤngſtlicher Erwartung, und als er jetzt ihr ſeine unwillkuͤhrliche Mord⸗ that geſtand, blickte ſie ihm ernſt und for⸗ ſchend ins Auge; doch er wendete ſeinen Blick nicht von dem ihrigen, legte die rech⸗ te Hand auf ſeine Bruſt, und ſprach mit feſter Stimme:„bei meiner Seele ewigem Heil! meine Hand hat die toͤdtliche Waffe nicht beruͤhrt, und ohne mein Bewußtſeyn ward ich Moͤrder!“ Da erhob ſie ihre Blicke zum Himmel und rief:„Gerechter Gott! wie unbegreif⸗ lich ſind deine Gerichte— wie unerforſch⸗ lich deine Wege!— Nimm die Seele des Gefallenen gnaͤdig auf, und laß die blu⸗ tige Schuld nicht auf dem Haupte meines Sohnes laſten— Amen!“ Eine feierliche Stille herrſchte jetzt in ihrem kleinen Kreiſe, die gar bald ein froͤhlicher Siegsgeſang voruͤberziehender Krie⸗ ger im Cichwalde unterbrach. Hoch ricfe, tete der Hauptmann ſich empor, freudig blitzte ſein Ange, als er die wohlbekann⸗ 280 MA ten Geſaͤnge ſeiner Kameraden vernahm, und nach wenigen Minuten ſchon zeigten ſich mehrere Soldaten, welche mit einer bequemen Trage den Felſenſteig herabkamen, ihren allgemein geachteten Fuͤhrer abzuholen. Ihre Freude war graͤnzenlos, als ſie ihn im Zuſtande der Wiedergeneſung antrafen; ſie umringten Antons Mutter, dankten ihr mit herzlichen Worten, und einer draͤngte den andern hinweg, ihre Haͤndel und Klei⸗ der zu kuͤſſen. Grauenſtein war in vergangener Nacht von den Feinden gaͤnzlich geſaͤubert worden, und jetzt, bei den veraͤnderten Verhaͤltniſſen, glaubte ſich die gluͤckliche Mutter nicht laͤn⸗ ger mehr bedenken zu duͤrfen, mit Sohn und Bruder vereint dahin zuruͤckzukehren. Mit inniger Ruͤhrung nahm ſie Abſchied von ihrem ſtillen Zuſluchtsorte in der Noth, und unter dem Jubel der Krieger zog ſie Arm in Arm mit Anton, von ihrem Sruder begleitet, wieder ein in ihre Huͤt⸗ te.. r 281 MAA Die Nachricht vom Leben der Apothe⸗ kerswittwe, vom Wiederfinden ihres Bruders und von der Ankunft ihres Sohnes, hatte ſich ſchnell im ganzen Staͤdtchen verbreitet; unvermuthet trat jetzt auch Hellworth ins Zimmer und wahre Freude ſprach aus ſeinen Mienen. „Koͤnnen Sie mir verzeihen, wackere Frau“— hub er an, ihr freundlich die Hand bietend—„daß ich den ſeltſamen Sagen von ihrem Tode Glauben beimaß, daß ich am vergangenen Abende Ihren Anton unvaͤterlich von mir gewieſen?— Von dieſem Augenblicke an iſt der Ver⸗ walter Haͤſſig nicht mehr in meinen Dienſten, denn ich habe ſeine Verlaͤumdungen erkannt, durch welche er den braven Jungen aus mei⸗ nem Herzen zu verdraͤngen ſich bemuͤhte. Er wollte mich uͤberzeugen, daß Antons Liebe zu meiner Tochter nur Maske ſey, daß eine unedle, habgierige Nebenabſicht ſein Herz er⸗ fuͤlle; doch er hat ſeinen Edelmuth genugſam bewaͤhrt durch die Rettung meiner Tocher aus der Gewalt des frechen Buben, als ich 280 MWuüMNN ihm ſchon jede Hoffnung auf ihren Beſlz be⸗ nommen hatte. „Wie koͤnnte ich wohl jetzt mit Ihnen zuͤr⸗ nen“— erwiederte die gluͤckliche Mutter— „jetzt, da mein Herz, von reiner Freude uͤber⸗ fuͤllt, keiner feindlichen Empſindung Raum verſtattet!— Hier iſt er ſelbſt—“ fuhr ſie fort, indem ſie Anton aus dem Morgomache ihm entgegenfuͤhrte. Mit wahrhaft vaͤterlicher Waͤrme ſchloß ihn Hellworth in ſeine Arme und ſprach zu ihm:„Deine treue, reine Liebe hat ſich bewaͤhrt!— Meine Tochter, mein einziges Kind iſt Dein, mit meinem Vaterſegen.— Du verdienſt ein gutes Weib, denn Du wirſt ſie tren lieben bis zum Grabe, treu und maͤnnlich ſie beſchuͤtzen in jeder Gefahr.“ Sprachlos lag Anton an Hellworths Bruſt, und im Uebermaße des Entzuͤckens riß er die⸗ ſen mit ſich fort nach dem Vorwerke, wo er zu Roſettens Fuͤßen, von ihren Armen um⸗ fangen, den erneuerten Schwur der ewigen Liebe und Treue ſtammelte. „ — 283 KWAAN Die Obrigkeit in Grauenſtein fand es jetzt billig, das gegen die Apothekerswitt⸗ we ausgeſprochene Urtheil zu caſſiren und uͤber das eigenmaͤchtige Verfahren ihres Oberhauptes, des Stadtrichters Haͤſſig, in mancher Hinſicht ſich laut zu beſchweren. Dieſer hatte auf Anrathen ſeines Bruders, der es fuͤr ſeine geheimen Plaͤne paſſend fand, und aus alter Feindſchaft, ſich bemuͤht, die Sage von der Selbſtentleibung der Wittwe zu verbreiten, den aufgefundenen, fremden Koͤrper deshalb, ohne Zuziehung des Phy⸗ ſikus, ſogleich beerdigen laſſen und fuͤr den Leichnam von Antons Mutter oͤffentlich er⸗ klaͤrt. Auch fand man bei ihm und dem Verwalter mehrere verdaͤchtige Papiere; Bei⸗ de wurden vor ein Kriegsgericht geſtellt, undd als Spione gegen ihr Vaterland erhielten ſie die gerechte Strafe.— Der Leichnam des ermordeten Ofſiziers aber wurde aus der Schreckensſchlucht hinweg⸗ gebracht und auf dem Schlachtfelde beer⸗ digt. 3 284 Der Hauptmann Warnau genas un⸗ ter der ſorgſamen Pflege ſeiner Schwe⸗ ſter ſchon nach einigen Tagen faſt gaͤnz⸗ lich und ließ durch einen vertrauten Freund den Ankauf einer feilgebotenen Apotheke in einer nahen Stadt berichtigen, womit er Antons Selbſtſtaͤndigkeit begruͤndete. Er ſelbſt kaufte vom Ueberreſte ſeines Ver⸗ moͤgens ein kleines Landgut, nahe bei Antons kuͤnftigem Aufenthalte, und leb⸗ te hier, nachdem der wilde Kriegs⸗ ſturm ausgetobt, mit ſeiner Schweſter un⸗ ter den ſegensreichen Palmen des Frie⸗ dens. Anton und Roſette wurden bald als das gluͤcklichſte Paar in der ganzen Um⸗ * 1 gegend geprieſen, denn reine Liebe, wahrer, feſter Gottesglaube und ein edles Streben nach Ausuͤbung wahrer Tugenden, beſeel⸗ ten ihre Herzen. Der Segen des Him⸗ mels ruhte auf ihren Haͤuptern, und in 4 ihrem Kreiſe lebte der alte Hellworth— nachdem er ſich den landwirthſchaftlichen Geſchaͤften gaͤnzlich entzogen— die ſeligſten.. 285 WMNAN Tage ſeines Lebens; die Schreckensſchlucht im Eichwalde aber wurde von dieſer Zeit an, von Alt und Jung, das Friedensthal genannt. 4 8 In gleichem Verlage ſind erſchienen: Alben, W. v., Graf Branzka. Ein geſchicht⸗ licher Roman aus Griechenlands neueſter Zeit. 2 Thle. 8. 1828. Emilie Milde, oder des Schickſals Fluch. Eine romantiſche Erzaͤhlung vom Verf. der Mahl⸗ eiche, Auguſte Walther, Familie von Hom⸗ burg u. a. m. 2 Thle. 8. 1828. Hildebrandt, Th., Der Vampyr, oder die Todtenbraut. Ein Noman nach neugriechiſchen Volksſagen. 8. 2 Thle. 1828. Joͤrdens, G., Amalfried der Thuͤringer. Hi⸗ ſtoriſche Novelle aus dem 6. Jahrh. 8. 1828. Kruſe, L., Nord und Suͤd. In zwei Novel⸗ len: Nordiſche Freundſchaft. Anna Kapri. 8. 1828. 4 Leibrock, A., Der verwuͤnſchte Ball und drei andere Erzaͤhlungen. 8. 1828. —— Die Zerſtoͤrung der Burg Hohenbuͤchen. Ein Gemaͤlde menſchlicher Verirrungen aus dem 14. Jahrh. 2 Thle. Mit Titelkpfr. 8. 1828. —— Die furchtbaren Erſcheinungen in der St. Annenkapelle des Clariſſenkloſters zu Neapel. Eine Kloſtergeſchichte. 8. 1828. Morani, G., Thanatos und Valdea oder Zau⸗ bermacht und Liebe. Romant. Raͤubergeſchichte. 8. 1828. Arzobiſo, oder die Raͤuberkluft im Cabril⸗ asgebirge. Die Novize, oder das Kloſter Santa Speranza. Zwei Novellen. 8. 1829. ſfſ Knnmhin. Tannmmrnannm 16 17 18 1 1 nſeneſnnſ 8 9 10 11 12 13 14 15 —,—