Leihbib deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Leih- und TCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträ.. t. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 er— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „ 3 7„ 5„=„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ den von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Dal⸗Junker. Ein rchwedisrhes Nevolutians⸗ Gemälde aus dem ſechszehnten Jahrhunderte, hon Moriz Nrichenharh. Seitenſtuck zu den„drei Gräbern auf der Haide.“ Dritter CThei. — ꝗHyᷣ-ů— ñ= Leipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 1834. — 000— Dritter Theil. 8 g. 8 —— — 1. Die auf dem Reichstage zu Weſteräs gefaß⸗ ten Beſchluͤſſe und die darauf erfolgten, kirch⸗ lichen Veränderungen in Schweden, welche in größter Eile in allen Provinzen bekannt gemacht wurden, hatten in Dalecarlien, wo bisher das Lutherthum noch wenig Eingang gefunden, das Mißvergnügen des Volkes in ſo hohem Grade erregt, daß der Empörungs⸗ geiſt jetzt wie ein unaufhaltſamer Feuerſtrom von Berg zu Berg, von Thal zu Thal, von Huͤtte zu Hütte dahinwogte und auch die bis⸗ her noch unbefangenen Gemuͤther entzündete. Selbſt in den Herzen derer, die noch vor we⸗ 4 5 4 nig Tagen den Eidſchwur geleiſtet hatten, ih⸗ ren König gegen die rebelliſchen Thalnachbarn zu vertheidigen mit Gut und Blut, war die alte Treue dadurch ſpurlos vernichtet und das wilde Verlangen erzeugt worden, den jetzt ſo allgemein verläſterten und gehaßten König vom Throne zu ſtürzen. Die Fahne des Aufruhrs wehete jetzt drohend von allen Bergen, flat⸗ terte jetzt, jubelnd umrungen vom bethörten Volke, in allen Thälern und ſämmtliche Ge⸗ meinden Dalecarliens ſchloſſen ſich jetzt feſt aneinander zu einem Bunde gegen den ſo ſchmählich verkannten Furſten. Die ſonſt ſo ruhige Provinz war jetzt ein Tummelplatz der wildeſten Kriegsluſt; denn eine große Menge Mißvergnuͤgter aus allen Ständen⸗ aus allen Gegenden des Reichs; Edelleute, Bürger, die ganzen Brüderſchaften der aufgehobenen Klö⸗ ſter, wilde Religionsſchwärmer aus allen Volks⸗ klaſſen, Greiſe, Weiber und Kinder, irrten in den Thälern und Gebirgen umher, ſuchten Obdach, ſchrieen Wehe! über Guſtav und läſterten ihn als den grauſamſten Tyrannen. Der Dalijunker und ſeine Anhänger waren — — — —ͤ— — — —xãx; geſchäftig die Flammen zu ſchüren, die rings⸗ um loderten, die ihm wie Freudenfeuer leuch⸗ teten auf der düſtern verbrecheriſchen Bahn, die er betreten hatte. Mit Gryns und meh⸗ rern norwegiſchen Edeln, welche den Beiſtand ihres Landes verbürgten, zog er von einem Kirchſpiele zum andern, verkündete Freiheit und eine goldene Zeit dem aufgeregten Volke, und ermuthigte es durch kräftige Reden zu einem offenen Kampfe gegen alle königlich Ge⸗ ſinnte. Er tröſtete die Geiſtlichen durch das feierliche Verſprechen, ihnen ihre alten Rechte wieder zu erringen, mit Feuer und Schwert das Lutherthum auszurotten! unterſtützte mit dem Brautſchatze ſeiner Gattin die nothleiden⸗ den Fluͤchtlinge, die ſich Hülfe flehend um ihn drängten und ſammelte die Kraͤftigern derſel⸗ ben unter ſeine Fahnen. So ſahe er ſich in kurzer Zeit von einer nicht unbedeutenden Menge kampfluſtiger Streiter umgeben; viele Beſitzer— der feſten Schlöſſer in den Thälern und Ge⸗ birgen hatte er für ſich gewonnen und ſchien ihm nun kein Grund mehr vorhanden, das 6 Beginnen des blutigen Kampfes um Schwe⸗ dens Krone noch länger zu verzögern. Wie früher, hatte er auch jetzt die Ska⸗ daborg zu ſeinem Wohnſitze erwählt, und wie ein regierender Fürſt hielt er hier Hof mit ſeiner Gemahlin, faſt ſtets umgeben von den edelſten ſeines Gefolges. Der Ritter Pehr⸗ ſon fühlte ſich hoch geehrt, daß der zukünf⸗ tige König Schwedens— denn er zweifelte nicht im mindeſten, daß es ihm gelingen wür⸗ de ſich den Thron zu erkämpfen— gerade ſeine Burg vor Allem erwählt hatte zu ſeiner Reſidenz, und er bauete auf dieſe ſcheinbar hohe Gnade die glänzendſten Hoffnungen für die Zukunft. Aber zuweilen zog wie ein fin⸗ ſterer, drohender Schatten der Gedanke an ſeinen verſtoßenen Sohn Sigurd an ſeiner Seele vorüber und nicht ohne leiſen Schauder gedachte er jener Stunde, in welcher er den Fluch über ihn ausgeſprochen hatte. So ſehr auch früher eine weibiſche Zärtlichkeit ihn an ſeinen zweiten Sohn gefeſſelt hatte, ſo ſehr ſcheuchte ihn jetzt eine gewiſſe Scheu von demſelben zurück, die er nicht zu uͤberwinden 7 vermochte. Er konnte es ſich nicht verhehlen, daß er dem Knaben zu Liebe, oft mit der un⸗ gerechteſten Härte gegen Sigurd verfahren; er erkannte es deutlich, daß der Daljunker deſſen Neigungen und Wünſchen er jetzt faſt mit ſklaviſcher Demuth huldigte, mit Blicken der tiefſten Geringſchätzung auf Lars herab⸗ ſahe, obgleich dieſer in heuchleriſcher Schmei⸗ chelei ſich ſtets an ihn drängte. Insgeheim hatte Pehrſon die ſorgfältigſten Nachfor⸗ ſchungen anſtellen laſſen, um Nachricht von dem Verſtoßenen zu erhalten; doch vergebens. Auch nicht die kleinſte Spur ſeines Lebens oder Todes war in der ganzen Umgegend auf⸗ zufinden geweſen. So trug er beſtändig den Stachel in ſeiner Bruſt, und nur die aus⸗ ſchweifendſten Hoffnungen eines künftigen, blen⸗ denden Glanzes, den er ſich zu erringen dach⸗ te im Empörungskampfe, vermochten es zu⸗ weilen die folternden Maüunoänaſtines Ge⸗ wiſſens zu betäuben. Ein wildes, kriegeriſches Treiben herrſchte in der Skadaborg ſchon ſeit mehrern Tagen und zahlreiche Rotten bewehrter Landleute zo⸗ — 8 gen ſich um die Veſte zuſammen. Die Bewoh⸗ ner der Thäler zeichneten ſich aus durch eine, nach damaliger Weiſe ziemlich vollſtäudige Bewaffnung und geordnetere Bewegungen bei ihren Kampfübungen. Die rohern Gebirgs⸗ leute aber, die, gleich Wilden, halb nackend, nur mit Thierfellen ihre Blöße bedeckend, raub⸗ ſüchtig herbeiſtrömten, führten nur die ſchwete Streitart, Bogen, Pfeile und Jagdſpieße mit ſich, jeder kriegeriſchen Haltung entbehrend, jede geregelte Kampfesweiſe als einen Zwang ihrer rohen Kraft verachtend. Die norwegiſche Leibwacht, die auf Geheiß des Erzbiſchoffs von Drontheim den Daljunker begleitet hatte, tummelte in den Zwingern und Gehöften der Burg ihre kräftigen Roſſe und blickte mit Geringſchätzung herab auf die Bauern und die zerlumpten Knechte des Raubritters Pehr⸗ ſon. Auch im Kirch ſpiele Iſala ſahe man groöß⸗ tentheils nur Weiber noch die friedlichen Ge⸗ ſchäfte der Landwirthſchaft betreiben; die Män⸗ ner aber gingen gerüſtet einher und in Hüt⸗ ten, auf Höfen, Feldern und offnen Plätzen —õ— —— — 1 9 erſchallte der rohe Waffenlärm. Nur in der Wohnung des alten Siven Nilſon war es ſtill und ruhig, denn tiefe Trauer hatte ih⸗ ren Sitz aufgeſchlagen in der friedlichen Huͤtte⸗ Das bleiche Antlitz der Mutter Brigitte ſchaute wohl zuweilen durch das offne Fenſter, aber ein recht ſchweres Leid ſprach ſich in ih⸗ ren ſtarren Zügen aus, und weder des Fruͤh⸗ lings freundliches Grün, das im warmen Son⸗ nenglanze einen recht erquickenden Anblick ge⸗ währte, noch das wilde Waffengeräuſch der kampfluſtigen Männer, konnte ihre Theilnah⸗ me erwecken. Ein kalter Thränenthau perlte immerdar in ihren Wimpern und ſchien fort und fort dort haften zu wollen, bis ihr Auge ſich auf ewig ſchlöſſe. Auch ihr wackerer Ehe⸗ gefährte ſchien die Buͤrde ihres Kummers mit zu tragen und faſt zu erliegen unter der im⸗ mer ſchwerer werdenden Laſt. Sein graues Haupt hing gebeugt auf der Bruſt, ſeine Hände waren läſſig gefaltet und ſchon ſeit ge⸗ raumer Zeit hatte er ſie nicht mehr gebraucht zur gewohnten Arbeit, die ſonſt der fleißige Landmann mit Luſt und Liebe betrieb. Sein Auge aber netzte keine Thräne; nur zuweilen blitzte, wie eine verheerende Flamme, das Feuer verhaltenen Ingrimms aus ihnen her⸗ vor und das bleiche Geſicht des alten Man⸗ nes belebte ſich dann ſeltſam, wie im Namßfe mit leidenſchaftlicher Bewegung. 33 Es war ein heller, warmer Junitag, und die beiden Alten ſaßen ſchweigend zuſammen im düſtern Gemache. Brigitte hielt regungs⸗ los die Spindel in der Rechten und blickte unverwandt auf die wenigen, ungleichen Fä⸗ den, welche die ſonſt ſo fleißige Spinnerin jetzt erſt in Zeit von mehrern Tagen zu Stande gebracht. Nilſon aber lehnte mit ineinan⸗ dergeſchlagenen Armen an der Wand und ſchaute mit blitzenden Augen auf ſeine ſtattli⸗ chen Waffen, welche blank und ſauber ihm gegenüber hingen. Da krat der Bauer Gren aus Rältwick, derſelbe, welcher vor einigen Monden um Sigrid, die Tochter des Hau⸗ ſes, gefreit, mit eiligen, dröhnenden Schrit⸗ ten ins Gemach und ſein hochgeröthetes Ant⸗ litz, ſeine ſchweren, tiefen Athemzüge verkün⸗ deten, daß er eben von einer Waffenübung 11 oder vom Trunke komme, vielleicht auch in Beiden zugleich begriffen geweſen ſey. Er ſtol⸗ perte traulich auf den Hausherrn los und doch ſchallte ſein Willkommen aus rauher Kehle recht höhniſch im ſtillen Gemache. Bri⸗ gitte legte die Spindel bei Seite, ſich ent⸗ fernend nach leiſem Gegengrußz denn der Mann war ihr zuwider und ſie fuͤhlte ihre Bruſt noch mehr beklommen in ſeiner Nähe. Gren ſchien dies jedoch wenig zu beachten, und unter rohem Gelächter ſprach er zu Nil⸗ ſon; ſind ine Knochen lahm geworden, alter Kämpe, daß Du hier ſteh'ſt wie ein ab⸗ geſtorbener Baum und Deine Waßſen hängen müßig an der Wand?“ t Da fuhr der Alte, wie aus einem Traume erwachend, zuſammen, riß die ſchwere Streit⸗ axt herunter und ſchwang ſie kräftig wie ein Jüngling um ſein Haupt, indem er rief:„ſieh her, ob meine Fauſt verlernt, das ſchwere Ei⸗ ſen zu regieren! Verflucht aber ſey der Finger den ich gegen Guſtav rühre.— Er war ein rechter Schwede, ein gutes Schwert, ein treues Herz, war mein Abgott; hat er ſich 12 vom Recht gewendet und vom alten Glauben, wird einſt ihn der Allmächtige richten. Mein Leben habe ich einſt dran geſetzt das Seinige zu erhalten, mein Blut habe ich vergoſſen in ſeinen Schlachten und wenn ich daran denke: wie heldenmüthig, wie edlen Sinnes voll er das bedrängte Vaterland gerettet und befreit, ſo ſträubt mein alter Kopf ſich gegen Euer Treiben und wie die fahle Lüge erbleicht dann jede Läſterung vor der Sonne ſtines Blickes.“ „Wahre Deine Zunge, Nilſo ne e erwie⸗ derte Gren, indem er ihn maß mit tückiſchen Blicken.—„'S iſt eben nicht die rechte Zeit zu ſolchen Worten, und läßt Du ſie an Dei⸗ ner Nachbarn Ohren klingen, ſo möchten ſie Dich eine gar zu rauhe Weiſe vernehmen laſ⸗ ſen; vielleicht gar die rothe Flamme Dir aufs Dach ſetzen und den Mäcker kehren gegen Deine Bruſt. Doch treibſt Du wohl nur Scherz mit ſo ſträflicher Rede und meinſt es treu mit uns im Herzen und biſt erboßt gegen den Ke⸗ tzerkönig ſo gut wie wir; denn nicht zur Zier⸗ rath hingſt Du Deine Waffen hier wieder auf, — —— 13 da, wie Dein Weib mir einſt vertraute, Du ſie vergraben ließeſt im Unmuthe, um ſie täg⸗ lich nicht ſchauen zu müſſen mit offenen Au⸗ gen.“ „Meine Alte hat Dich nicht belogen!“ ent⸗ gegnete Nilſon ernſt.„Wohl mußte ſie mein Waffenzeug verſcharren im Boden meines Gar⸗ tens, und nimmer dachte ich es wieder zu ſchauen, nimmer es zu berühren wieder mit meinen Händen; doch mein Herr im Himmel wollte es anders. Im vergangenen Monde, als die milde Frühlingsluft das Kiella* auf⸗ * Kiella nennt man in Schweden die, einige Fuß tief hartgefrorene Erddecke, welche das Eigenthüͤmliche beſitzt, daß ſie, ſobald ſie auſthaut, alle harte und 1 feſte Gegenſtaͤnde die ſie enthaͤlt, als: Steine, Pfaͤhle u. dergl. mit Gewalt heraustreibt. Daher entſtand bei den Landleuten die aberglaͤubiſche Sage von naͤchtlichen Steinregen, womit boͤſe Geiſter die Ebenen heimſuchten, weil man alljaͤhrlich mit dem Eintritte des Fruͤhjahrs viele Felder immer auf's Neue mit Steinen beſaͤet fand, ſo ſorgfaͤltig man ſie auch im vergangenen Jahre abgeleſen und be⸗ ſeitigt hatte. 14 gethaut, da fand ich eines Morgens die lie⸗ ben Waffen alle herausgetrieben aus der wei⸗ chen Erde, wie durch ein Wunderwerk. Zu Tage lagen ſie vor meinen Blicken, die ich begraben ließ wie theure Freunde, die mir ge⸗ ſtorben waren, und freundlich blitzten ſie mir entgegen im hellen Sonnenglanze und mir war’s, als ob ſie ſich vor mir neigten, regten, tanz⸗ ten, ſo ſchwamm's mir vor den Augen. Da nahm ich ſie alle ſo recht feſt in meine Arme, trug ſie in's Haus und hing ſie wieder ani am alten Orte.“ „Wie, alter Zweifler! und ſolches wun⸗ derbaren Vorfalls Deutung iſt Dir noch nicht klar?“ rief Gren.—„Hat Gottes Hand ſie nicht zu Tag gefördert, daß Du ſie fuͤhren ſollſt zu ſeiner Ehre gegen den Keberlürſten und ſeine ungläubige Rotte?“ „Gegen Guſtav?“ entgegnete Nilſon langſam und gedehnt.—„Wie ſo vermeſſen wagſt Du es, ein Zeichen Gottes anzudeu⸗ ten!“ 85 Und leiſe in ſich hinein ſprechend, fügte er hinzu:„ich deute es anders: für meinen König legte mir der Herr die Waffen in die Hand..). „So deut' es, wie Du willſt, alter Starr⸗ kopf!“ fuhr Gren fort, der in ſteigendem Un⸗ muthe Nilſons letzte Worte überhört hatte. „Mir gilt es gleich, ob Du zu uns ſtehen willt, oder nicht; wir ſind ſchon ſtark genug das lutheriſche Geſindel in die Hölle zu ja⸗ gen. Auch kam ich nicht zu Dir, Dich zu bereden mit uns zu fechten, mich trieb ein brennendes Verlangen nach Deiner Hütte, ein⸗ mal zu hören, ob Dir noch immer keine Kun⸗ de wurde von Deiner Sigrid?“ Da verfinſterte ſich des alten Mannes Ant⸗ litz immer mehr und heftig das graue Haupt ſchuͤttelnd, ſprach er:„Keine Kunde! ſie iſt verſchollen, gleich einer Todten, die das Grab verſchlungen.“ „ und auch der Sigurd⸗ Ritter Pehr⸗ ſons feiger Bube iſt ſpurlos verſchwunden,“ entgegnete Gren.„Beim Sct. Erich! wenn das Dir die Augen nicht öffnet, dann bleibſt Du blind Dein Leben lang. Der Burſche liebte Dein Mädchen, ſie lief ihm nach, als 16 er auszog auf die Bärenjagd und Du trafſt ſie dann ſelbſt zuſammen, als ſie heimkehrten. Sein Vater verſtieß den Feigling und ſo riß er die bethörte Dirne mit ſich in's Elend. Mag der Himmel wiſſen, wo er bettelnd, hei⸗ mathlos, belaſtet mit dem Fluche feines Va⸗ ters, jetzt mit i ihr herumſchweift, die als mein Eheweib ein Paradies gefunden hätte in mei⸗ nem Hauſe. Sieh' Alter, das haſt Du nun fuͤr Deinen Starrſinn. Gabſt Du mir ohne Bedenken Dein Wort damals, als ich freite um Dein Kind, ſo wüßteſt Du es jetzt ge⸗ borgen unter meinem Schutze und trügſt den ſchweren Jammer nicht auf dem Herzen.“ Eine lange Pauſe unterbrach das Ge⸗ ſpräch, in welcher Nilſon finſter vor ſich hin⸗ blickte. Doch endlich nahm er wieder das Wort und ſprach:„Dein Verdacht iſt falſch. Sigurd war kein Böſewicht; er hatte ein frommes, treues Herz und wäre wohl eher ver⸗ gangen in ſeiner Liebespein, als daß er ei⸗ nen ſo gewaltſamen, ſchmählichen Anſchlag auf meine Tochter ausgeführt. Freiwillig aber iſt ihm meine Sigrid nicht gefolgt, denn ſie —⸗ 47 hielt die grauen Häupter ihres Vaters, ihrer Mutter wohl in Ehren. Von ſeinem harten Vater war der arme Junge ſchon längſt ver⸗ ſtoßen, ſchon längſt verſchwunden aus der Gegend, als der nächtliche Einbruch in mei⸗ ner Huͤtte geſchah; Roſſeshufe waren ſichtbar im tiefen Schnee vor meiner Thür, und die Magd ſagte aus: ſie habe geſehen, wie meh⸗ rere unbekannte Männer das Mädchen fort⸗ geſchleppt; doch ſie wurde durch einen Fauſt⸗ ſchlag betäubt, ehe ſie die Spur der Räuber verfolgen konnte. Die Huſſpuren führten bis in die Nähe der Skadaborg, dort hatte ſie der Wind verweht. Wo ſollte nun der Verſtoßene Hülfe gefunden haben zu ſolcher That? wie ſollte er es gewagt haben, ſeine Beute in ſeines Vaters Burg oder in deren Nähe ſich zu ſichern? Demnach kann Sigurd nicht der Thäter ſeyn und ich wuͤßte Niemanden in der weiten Ge⸗ gend, den ich ſolchen Frevels verdächtig fände.“ „Bis nach der Skadaborg fuͤhrte die Spur?“ fragte Gren in finſtres Sinnen verloren. „Wer ſollte in der Burg wohl ſolch Geluͤſt nach Deiner Tochter haben? hm!— Leb wohl 3r Thl. 2 18 Alter! ich gehe nach der Skadaborg; vielleicht ſprech' ich in dieſen Tagen wieder bei Dir ein.“— „Längſt hätte ich ſelbſt beim Ritter Pehr⸗ ſon Nachfrage gehalten,“ entgegnete Nil⸗ ſon.„Doch wozu ſoll das führen? Auf der Burg kann ſie nicht ſeyn; der Ritter wird nicht wiſſen um ihren Aufenthalt und muͤrde mich gar hart angelaſſen haben, hätte ich bei ihm forſchen wollen nach meiner Tochter, du er um ihretwillen ſeinen Sohn verflucht.“ „Der Jötniſteen liegt nicht fern von der Skadaborg,“ ſprach Gren, noch immer ſin⸗ nend vor ſich hinblickend.„Wie nun? wenn der verſtoßene Sigurd beim Landeshaupt⸗ manne O lofſon, beim Feinde ſeines Vaters, Schutz geſucht? wenn's ihm gelungen dort ſich Freunde zu erwerben und mit ihrer Hülfe ſich das Mädchen dort im Felſenneſt geborgen?“ „Nein, nein!“ erwiederte N ilſon feſt;„das hat der Sigurd nicht gethan!“— „Nun denn, ſo traue Deinem Sigurd, wie Deinem Könige Guſtav bis zum jüng⸗ ſten Tage!“ entgegnete Gren aufgeregt, und —— —— — 19 mit den Worten:„ich will wohl Deinen Hei⸗ ligen finden und vor Deinen Augen ihn ent⸗ larven; leb wohl!“ verließ er ſturmiſch das Gemach. Siven Nilſon aber drückte beide Hände vor ſeine ſteberiſch brennende Stirn und ſuchte die unheimlichen Gedanken zu bekämpfen, die in ſeiner Bruſt ſich regten. Spät am Abende deſſelben Tages ſtand Gren in einer der unterſten Hallen der Ska⸗ daborg und ſchien, eben nicht nüchternen Sin⸗ nes, in tiefes Grübeln verloren. Er hatte ſich hinter einen Pfeiler gelehnt, der oben in einen Bogen ausgehend, die gewölbte Decke ſtützte, und blieb ſo den Blicken der Vorübergehenden verborgen. Wohl eine halbe Stunde war ver⸗ floſſen und nichts hatte ihn geſtört in ſeinen einſamen Berathſchlagungen mit ſich ſelbſt, die ſeine ganze Theilnahme in Anſpruch nehmen mußten, weil er daruͤber die ſonſt nie ver⸗ ſäumte Zeit der Abendmahlzeit vergeſſen hatte, wozu ſich ſeine fröhlichen Zechbruͤder ſchon läugſt im großen Gehöfté des Hintergebändes verſammelt. Nur ſelten far ein geſchäftiger 0* 20 ——— Diener, durch jene Halle wo er ſtand, ohne ihn zu bemerken, an ihm voruͤbergegangen, und eben erinnerte ihn ſeine trockene Zunge, daß er eines friſchen Trunkes bedürfe; da drang von einer breiten Treppe, welche nach den Gemächern des erſten Stockwerks führte, ein flackernder Lichtſchein zu ihm herab in den finſtern Gang. Schleichende Schritte wurden bald hörbar und Gren erkannte deutlich aus ſeinem Verſtecke den Junker Lars, der ſcheu um ſich blickend, mit einem Windlichte verſehen, die Treppe herabſtieg und die weite Halle eilig durchſchreitend, an ihm vorüberhuſchte. Der Bauer, der gerade jetzt wieder alle ſeine Ge⸗ danken auf den Trunk gerichtet hatte und des Knaben gleiche Leidenſchaft für berauſchende Getränke wohl kannte, glaubte nicht zu irren in der plötzlich in ihm erwachenden Meinung, der Junker ſchleiche nach dem wohlgefüllten Keller ſeines Vaters hinab, um dort insge⸗ heim und ungeſtört ſeiner Trinkluſt zu fröh⸗ nen. Sein faſt nie zu löſchender Durſt er⸗ zeugte auch alſogleich den Entſchluß in ihm, Lars ſo heimlich als möglich zu verfolgen, ——— 5 ——;ò;Yy— in der Ueberzeugung, unbemerkt bis hierher 21 ihn auf der That zu ertappen und ſeine Ue⸗ berraſchung ſo zu ſeinem Vortheile zu nützen, daß ihm eine weit größere Maſſe gebrannten Waſſers oder ſüßen Meth's zu Theil werden müſſe, als ihm oben bei der rationsweiſe ver⸗ theilten Abendmahlzeit geboten worden wäre. Zuweilen ſchauete wohl der eilige Junker hin⸗ ter ſich, ſchien aber den, in ziemlicher Ent⸗ fernung hinter ihm herſchwankenden, Bauer nicht zu bemerken, der, wenn Jener ſtill ſtand, auch ſeine Schritte hemmte, und ſich wieder fortbewegte, wenn Jener ging. So hatten Beide ſchon mehrere dunkle Gänge nach verſchiedenen Richtungen durchſchnitten und der Junker ſtand wieder ſtill, dicht vor einer Trep⸗ pe, welche hinabführte in die unterirdiſchen Räume der Veſte. Nochmals blickte er lau⸗ ſchend hinter ſich, gewahrte aber ſeinen Ver⸗ folger nicht, der ſich in eine Niſche gelehnt hatte und kein Glied regend ſeinen Athem an⸗ hielt. Todtenſtille herrſchte rings und Lars, gelangt zu ſeyn, öffnete jetzt eine Thür, dicht an der Treppe und trat in ein kleines, dü⸗ 22 ſteres Gemach, welches nur ſparſam erhellt wurde von einer matt brennenden Ampel. Neu⸗ gierig kam Gren aus ſeinem Verſtecke her⸗ vor, näherte ſich leiſe der Thür, und einen Lichtſtrahl, welcher durch einen Spalt drang wohl bemerkend, meinte er auch durch dieſelbe Oeffnung, mit Auge und Ohr das geheimniß⸗ volle Treiben des Junkers belauſchen zu kön⸗ nen. Es gelang ihm auch einen Blick hinein zu werfen in's düſtre Gemach und deutlich be⸗ merkte er, wie ein altes, häßliches Weib aus einem Winkel hervorkroch, ihren Roſenkranz bei Seite legend und mit widerlicher Freund⸗ lichkeit den Junker begrüßte. Deutlich vernahm der Horcher, wie ihr der Knabe haſtig entgegenrief:„nun, wie ſteht's, Alte? pfeift mein Vöglein droben noch immer die alte Weiſe?“ Die ſo ſchon allzuhohen Schultern bis an die Ohren hinaufziehend, entgegnete das Weib im kläglichen Tone:„mußt Geduld haben, — mein ſüßes Jüngelchen;'s iſt Alles noch wie ſonſt. Du jammerſt mich, mein holdes Bü⸗ bel in der Seele; biſt mir ja in's Herz ge⸗ * 23 wachſen, ſeit Du Deinen erſten Trunk aus meiner Bruſt genommen. Aber auch die Dirne thut mir leid, ſie welkt von Tage zu Tage, wie der Baldrian* auf dem Felde, in der Sonnenhitze, ohne Regen und Thau; und wie zarte Schneeflocken, nicht wie Morgenrö⸗ the ſchimmert's jetzt auf ihren Wangen. Wie ein zweiſchneidig Meſſer fährt mir's in die Bruſt, wenn ſie mich fragt nach dem Vater, nach der Mutter und mich dann bittet, recht wie ein frommes Kind, mit naſſen Augen und gerungenen Händen, Dich doch zu bewegen, daß Du ſie frei laſſen ſollſt und heimgehen nach ihrer Hütte. Ach, da bereute ich's oft ſchon, daß ich Dir die Hand geboten bei dem böſen Handel!“ „Bereue andre Sünden, die allein auf Deiner Seele laſten!“ herrſchte ihr der Knabe zornig zu. Was an dem Mädchen gefrevelt * Baldrian, mit der weißen Blume, wird haͤufig in Schweden gefunden und erhielt dort ſeinen Namen zu Ehren des heidniſchen Gottes Balder, den man ſich jugendlich ſchon, unſchuldig und weiß wie die Lilie dachte. worden, ſchiebe dreiſt mir in's Gewiſſen. Ich ſage Dir, Skulda, meine Geduld iſt zu En⸗ de. Monden lang habe ich geſeufzt und mich gewunden vor der Dirne wie ein Wurm; des Jammerns bin ich überdruͤſſig, ſie ſoll ſich mit Gewalt nun meinem Willen fügen!“ „Mit Gewalt? hi! hil hi!“ lachte grin⸗ ſend die Alte.—„Denk doch daran, Närr⸗ chen, wie im vergangenen Monde die Wet⸗ terhexe Dich erwürgen wollte mit dem Zauber⸗ ſeile; da Du ſie zärtlich damit zu feſſeln dach⸗ teſt und zu überwältigen. Hörte ich nicht vor der Thür Dein Hülfsgeſchrei, ſie hätte Dir die Kehle zugeſchnürt mit leichter Mühe.“ „Schweig, alte Unke!“ erwiederte der Kna⸗ be noch zorniger.—„Das verdammte Seil! Daß ich auch thun mußte wie der weißköpfige Hexenmeiſter mir rieth; vielleicht wäre ich auf andre Weiſe längſt zum Ziele gelangt.“ „Ei, ei, Söhnlein! läſtre mir den weiſen In⸗ giald nicht!“ entgegnete Skulda, ihn ſchmei⸗ chelnd beſänftigend.„Iſt nicht die ganze Gegend voll von ſeinem Lobe und Manchem hat er ſchon mit ſeinem Nathe geholfen. Auch rieth er Dir — 25 wahrhaftig nur zu Deinem Heile; denn ſchon zu tauſend Malen hörte ich's, daß ein gehei⸗ mer Zauber liegt in einem Glockenſtrange. Die Seegeiſter, die böſen Näcken, kann man ſogar fangen damit und ſelbſt mein Vater hat's erprobt dn meiner Mutter, indem er ein ſol⸗ ches Seil ihr überwarf, ſo recht mit einem Male, ohne daß ſie's träumte, und hat ſich ihre Liebe dadurch erworben bis in's hohe Alter. Nein, nein, ich glaube d'ran bis an mein ſeliges Ende: wird der Strang nur recht gebraucht, ſo ſchmiedet er feſter zuſammen als Stahl und Eiſen.— Nun, verliere nur den Muth nicht, Du hitziger Bube!“ fuhr ſie im⸗ mer noch im begütigenden Tone fort.—„Sieh, ich habe der Dirne heimlich ihr Bruſttüchlein entwendet, hab' drei Nächte hindurch mein Bischen Schlaf geopfert und Kräuter geſucht im Mondenſcheine, wunderbare Kräuter, die Einfluß haben auf der Menſchen innerſte Ge⸗ danken. Die Kräuter hab' ich hier im Töpf⸗ chen aufbewahrt; nun gieb mir nur noch neun Tropfen Blut aus Deiner linken Hand, die träufeln wir dazu und fängt es an zu ſieden, 26 ſteigt der Dampf erſt auf, dann räuchern wir das Tuͤchlein fleißig, und Du trägſt's hinauf zu ihr und bitteſt ſie, ſie möchte es ſelbſt ſich um⸗ legen um Bruſt und Nacken. Vielleicht hilft's beſſer als Dein Glockenſeil. Aber Du mußt allein zu ihr hinauf, ich darf Dich nicht be⸗ gleiten, wie gewöhnlich; denn auf hundert Schritte darf kein Menſch in Deiner Nähe ſeyn, ſoll ſeine Kraft der Zauber nicht ver⸗ lieren.“ Nach kurzem Bedenken zog Lars einen blitzenden Dolch hervor, ritzte ſich damit leicht die linke Hand auf, und die Alte ließ vorſich⸗ tig neun Tropfen Blutes in das Töpfchen träufeln, blies dann die Kohlen an, die auf einem kleinen Heerde glimmten, und bald ſtieg der Kräuterdampf empor. Nun ergriff ſie das Tuch, ſchlug es auseinander und begann es zu bähen nach allen Seiten. Dem lauſchenden Gren war nichts ent⸗ gangen, was vorfiel im kleinen Gemache; keine Rede war ihm entſchlüpft und ſonderbare Ge⸗ danken wirbelten in ſeinem Hirn durcheinan⸗ der. Als er aber das Kuch erblickte, ſchien — 27 er ſeinen Augen kaum zu trauen; blau, mit rothen Sternen durchwebt, gerade ſo wie es ſich hier ſeinen Blicken zeigte, glaubte er es oft ſchon geſehen zu haben, um Sigrids Hals geſchlungen, und plötzlich ſchien es hell und klar zu werden in ſeinen vom Rauſche umnebelten Sinnen. Der Räuber Sigrids ſchien gefunden und ſchon erhob er die ge⸗ ballte Fauſt, mit kräftigem Schlage die Thür aufzuſprengen; doch geräuſchlos zog er ſie wie⸗ der zuruͤck, indem er, ſich mit ſich ſelbſt flüch⸗ tig berathend, es vorzog, den frevleriſchen Buben noch weiter zu verfolgen, und zugleich den Aufenthalt der Unglücklichen zu erkunden. Leiſe entfernte er ſich deshalb von der Thür, drückte ſich in die Niſche und ſtand regungs⸗ los, die Ruͤckkehr des Knaben erwartend. Es dauerte auch nicht lange, ſo verließ dieſer das Gemach der Alten, die unter heimlichem Ge⸗ flüſter ihm Glück wünſchte zum neuen Liebes⸗ zauber, dann ſich zurückzog in ihre Kammer und Lars, der das Tuch in ſeinem Buſen verbarg, die Treppe hinabſteigen ließ, ohne ihm nachzuſchauen. Der Kuabe mit einem 28 Windlichte und den nöthigen Schlüſſeln ver⸗ ſehen, öffnete die Thür zum Erdgange und ließ ſie hinter ſich offen, vom gluͤhenden Ver⸗ langen geblendet, jetzt die ſonſt ſo ſtreng geuͤbte Vorſicht vergeſſend, und machte es ſo ſeinem* Verfolger möglich, bis zu jenem alten Thur⸗ me wo er Sigrid verborgen hielt, jeden ſei⸗ ner Fußtritte in geraumer Entfernung zu ver⸗ folgen. Auch die Pforte zum Thurme ließ der, von leidenſchaftlicher Sehnſucht zur Eile getriebene, Junker offen und als er vor dem zweiten Thurmgemache ſtand, hatte auch ſchon Gren bereits die erſte Treppe unbemerkt er⸗ ſtiegen. Haſtig öffnete Lars die Kerkerthür und trat hinein ins finſtre Thurmgemach, es erleuchtend mit ſeiner Fackel. ſ“ Sigrid lag auf ihrem Lager, und als ſie 3 ihn erkannt hatte, erhob ſie ſich halb und wendete ſich unwillig von ihm ab. Der Knabe aber näherte ſich ihr mit freundlicher Miene, zog aus ſeinem Buſen das Tuch hervor und ſprach zu ihr:„meine alte Amme hat neulich dies Tuch Dir entwendet und bot mir's daa, 29 damit ich's wie ein Kleinod Tag und Nacht auf meinem Herzen trüge. Doch hab' ich hart ihr ſolchen Raub an Deinem Eigenthum ver⸗ wieſen, denn eines ſichtbaren Angedenkens be⸗ darf ich nicht von Dir, da ſtets Dein holdes Bild vor meiner Seele ſchwebt. So nimm das Tuͤchlein denn zuruͤck und knüpfe es gleich um Deinen Hals. Beweiſe ſo, daß es Dir werth iſt, damit ich meiner Ueberwindung mich erfreuen kann, die's mich gekoſtet, es zurück⸗ zugeben in Deine Hand.“ Und kaum hatte Sigrid gleichgultig ihre Rechte darnach ausgeſtreckt, ſo erſchall⸗ te draußen eine rauhe, donnernde Stimme: „wirf's von Dir, Mädchen, in's Teufels Küche iſt es durchgeräuchert; gleich will ich den vertrackten Buben in die Hölle ſchicken!“ Als ob plötzlich die Decke des Gemachs einzuſtürzen drohe, ſprang Lars vom Boden auf, riß mit der Linken die Fackel aus dem eiſernen Ringe, in welchem er ſte befeſtigt hatte, zog mit der Rechten ſeinen Dolch her⸗ vor, ſtürzte auf die Thür los und traf hier 30 auf Gren, der eeben die oberſte Stufe der Treppe erſtiegen, und ſich durch die halbgeöff⸗ nete Thür von Sigrids Daſeyn überzeugt und die Worte des Knaben vernommen hatte. Ein höhniſches Gelächter ſchlug er auf, als er den Buben auf ſich losſtürzen ſahe, und ſtreckte eben ſeine Arme aus, ihm nach der Kehle greifend; doch wie ein gewandter Lux entſchlüpfte ihm Lars, nahete ihm wieder im gewaltigen Sprunge und ſtieß ihm ſeinen Dolch tief in die Bruſt, daß der tödtlich Getroffene die ſteile Treppe rücklings hinabſtürzte und mit zerſchmettertem Haupte leblos liegen blieb, auf dem breiten Vorſprunge der erſten Stiege. Die ſchwere Kerkerthür feſt in's Schloß werfen, ehe Sigrid, in ihrer Beſtürzung, ſich noch gänzlich vom Lager erhoben, die Stufen im Fluge wieder hinab eilen, ſchau⸗ dernd über den blutigen Leichnam ſpringend, war für Lars nur das Werk weniger Au⸗ genblicke. Nachdem er den Erdgang wieder vorſichtig hinter ſich verſchloſſen, wankte er verſtört und bleich, wie ein Todter, hinauf e 31 in die obern Räume des Schloſſes, ohne der alten Skulda Rede zu ſtehen, die aus ih⸗ rem Gemache lugend, erſchrocken über ſeine plötzliche Wiederkehr, ihn ſchmeichelnd bat um Aufſchluß über den Erfolg ſeines Ganges. 2. Eine Stunde ſpäter ungefähr, ſaß Lars ne⸗ ben ſeinem Vater im Ritterſale, an der Ta⸗ fel des Daljunkers, welcher wacker zechte mit den ihm befreundeten Edeln Schwedens und Norwegens. Manch gewichtiges Wort wurde unter den Verbündeten gewechſelt, denn der nächſte Morgen war beſtimmt zum Aus⸗ bruch der offnen Fehde gegen König Guſtav. Das feſte Schloß Jötniſteen, der Sitz des Landeshauptmanns Olofſon, welcher der Er⸗ ſte war in der ganzen Provinz, ſollte geſturmt werden mit vereinter Macht, und mancher Prahler vermaß ſich mit ruhmredigen Worten, — 33 mit leichter Mühe die hohen Felsmauern er⸗ klimmen zu wollen. Auch Lars, der an ſei⸗ nes Vaters Seite, als ob ihm eifrig daran gelegen ſich zu betäuben, haſtig mehrere Becher geleert hatte, begann mit lallender Zunge, zum Dal⸗Junker gewendet, ſeinen Muth zu prei⸗ ſen, und unter Schwüren und Flüchen Helden⸗ thaten zu geloben. Doch mit ungläubigem Lä⸗ cheln, ſchauete der gefeierte Gaſt rings auf die Ritter und Edeln und ſprach zu den ihm zunächſt Sitzenden höhnend:„es ſcheint, daß oft der Heldengeiſt in dem Knaben erwacht, wenn er Branntwein getrunken.“* Wie ein Raſender erhob ſich der Knabe, * Es iſt wohl zu bemerken, daß in der ſchwediſchen Sprache, in Vergleichung mit der Deutſchen, die entgegengeſetzte Bedeutung in den Woͤrtern trin⸗ ken und ſaufen ſtatt findet. Bei uns heißt ſau⸗ fen: uͤbermaͤßig trinken; in der ſchwediſchen Sprache aber heißt supa Bränwin: maͤßig Branntwein trin⸗ ken; doch wer drika Bränwin auf Jemanden be⸗ zieht, ſtoͤßt eine große Beleidigung oder Schimpf aus, indem drika(trinken) mit Bränwin zuſammen⸗ geſetzt, ſtets große Völlerei bedeutet. 3r Thl. 3 3⁴4 der dieſe Worte wohl vernommen hatte, wel⸗ che einen Schimpf enthielten, der ihn bis zur äußerſten Wuth empörte. Seiner Sinne nicht mehr mächtig, warf er das vor ihm liegende Meſſer nach dem Dal⸗Junker, der nur durch eine geſchickte Wendung einer gefährlichen Ver⸗ letzung entging; denn tief blieb das ſcharfe Eiſen ſtecken in der hohen Stuhllehne hinter ihm. Entſetzt ob ſolcher Gewaltthat erhoben ſich alle Anweſenden von ihren Sitzen und die große Mehrzahl umringte wie zum Schutze ih⸗ ren Führer; Andere drängten ſich drohend um den Knaben, der jetzt zuſammengeſunken war, in gänzlicher Erſchöpfung und zu den Füßen ſeines Vaters lag. Dieſer blickte mehrere Mi⸗ nuten lang, wie erſtarrt, auf ihn herab und befahl dann im heftigſten Zorne den aufwar⸗ tenden Knechten, den Buben ſogleich ins Ver⸗ ließ zu werfen. Die beiden Knechte Einar und Ryning drängten vor Allen herzu, des Vaters Urtheil an dem gehaßten Junker zu vollziehen, der, wie ſeiner Sinne beraubt, ſich willig fortſchleppen ließ in den dumpfen Ker⸗ ker, welchen ſeine Begleiter, die ſchon öfters —— — 3⁵ ——————AO Opfer ſeiner Bosheit geworden, hoßlachend hinter ihm verſchloſſen. Der Ritter Pehrſon hatte ſich, nachdem man ſeinen tückiſchen Buben entfernt, demü⸗ thig dem Dal⸗Junker genähert und flehte, ihm den Vorfall nicht als Schuld mit anzu⸗ rechnen; indem er dem Frepler noch hate Züchtigung gelöobte.— „Laßt den Buben nur ausſchlafen im Ker⸗ kerloche, mein lieber Wirth und Freund;“ ent⸗ gegnete ihm Jener mit gnädiger Miene.„Euch ſoll kein Vorwurf treffen wegen ſeines Frevels, das verbürge Euch mein Wort. Die Heiligen waren mir gnädig; ſie wollen nicht, daß ich fallen ſoll durch die Hand eines Knaben, und ihr ſichtbarlicher Schutz ſey mir ein Wink, daß ich zu Höherem beſtimmt bin.“. Mit lautem Beifalle wurden dieſe Worte von der geſammten Tafelrunde aufgenommen und mehrere Becher wurden noch geleert, auf einen glücklichen Ausgang des erſten Kampfes, ehe man ſich trennte, die Lager zu ſuchen. Als der Ritter Pehrſon aber ſein einſa⸗ mes Schlafgemach betreten hatte, wurde ihm 3* 36 gar unheimlich zu Muthe; denn ſchrecklicher als jemals ſchmerzte ihn der Stachel in ſei⸗ ner Bruſt, und wie in gräßlicher Angſt ſtieß er die leiſen Worte hervor:„Nun hab' ich keinen Sohn mehr! der Bube Lars hat heute ſich von meinem Herzen losgeriſſen und mei⸗ nen Sigurd hab' ich ungehört verdammt!“ Lange floh der Schlaf von ſeiner Ruheſtatt und als endlich die höchſte Ermattung ſeine Augen ſchloß, waren die entſetzlichſten Traum⸗ geſichte ſeine Geſellſchaft. Kaum grauete der nächſte Morgen, ſo hallte rings an den Mauern der Skadaborg das wilde Kampfgeſchrei der Empörer wieder. Erweckt durch die langgezogenen Töne der kupfernen Signalhör⸗ ner, hatten ſie, vom Lager auftaumelnd, zu den Waffen gegriffen, und ſammelten ſich nun in den Burghöfen und in der Ebene vor der Veſte zu⸗ ihren Haufen. Die Prieſter eilten geſchäf⸗ tig hin und her, hohe Kreuze, woran ein Chri⸗ ſtusbild mit ſchwarzem Flor umhüllt, geheftet war, vor ſich hertragend, und ermunterten mit dem lauten Zurufe:„Fluch, dem Ketzerregi⸗ mente! ſeht der Heiland trauert! der Heiland 37 trauert! Vertilgt die Abtrünnigen mit Feuer und Schwert, daß der trauernde Erlöſer wie⸗ der froh werde!“ Edle und Landleute zum ge⸗ wagten Kampfe. Endlich erſchien auch der Dal⸗Junker im großen Burghofe, umgeben von ſeinen vertrauteſten und treueſten Anhäu⸗ gern. Er war faſt zu koſtbar gekleidet, für die blutige Arbeit, der er entgegen ging; denn er trug einen gruͤnſammtenen Koller, mit Gold und Seide reichlich ausgeputzt, darüber einen ſpiegelhellen Bruſtharniſch, mit fein eingeleg⸗ ter Stahlarbeit geziert. Die enganliegenden Beinkleider von gelbem Ziegenleder, verriethen ſeinen kräftigen Wuchs und die goldenen Spo⸗ ren an den hohen, braunen Stiefeln, ließ er gern, wie im abſichtsloſen Spiele, klirren, auch wenn er ſtill ſtand, ſo, daß mancher Bauer, in ſcheuer Ehrfurcht, ſeine Blicke rich⸗ tete auf dieſe ritterlichen Abzeichen, und es für Sünde gehalten hätte, auch nur im Trau⸗ me an der hohen Abkunft des allgemein gelieb⸗ ten Anführers zu zweifeln. Ein blitzender Helm, mit hohem Federbuſche, bedeckte das Haupt des jungen Mannes und ein Panzerhemd, von 38 blau angelaufenen Stahlringen kunſtvoll ge⸗ fertigt, trug er als Ueberwurf über ſeine Klei⸗ dung. Richeſſa ſtand neben ihm, mit thrä⸗ nenſchweren Blicken ihm ins muthige Antlitz ſchauend und knüpfte ihm mit zitternder Hand die Schärpe um ſeine Schultern, die ſie ſelbſt für ihn geſtickt, unter banger Sorge um den Geliebten. „Wirſt Du mein auch nicht vergeſſen, druͤ⸗ ben im wilden Kampfe?“ ſprach ſie angſtvoll, ſeine Hand feſt an ihren Buſen drückend. „Wirſt Du auch Dein Leben ſchonen um mei⸗ netwillen?“ „Bete für mich!“ erwiederte er, plötzlich ergriffen durch ihre Worte und auf Augenblicke wich das Blut aus ſeinen Wangen.„Nicht Dir allein, mein holdes Weib, durft' ich mein Leben weihen, auch meinem Vaterlande, mei⸗ nem Glauben muß ichs opfern. Doch ſorge nicht; die Heiligen ſind mit mir und meiner wackern Schaar!— Leb wohl, Richeſſa! als Sieger denk' ich Dich beim Wiederſehen zu umfangen, bis dahin ſuche Muth in golde⸗ nen Träumen unſres künftigen Glückes.“ 39 Ein minutenlanger Kuß brannte auf ihren Lippen; dann beſtieg er ſchnell ſein Roß und Richeſſa ſtand noch lange betend, die gefal⸗ teten Hände emporgehoben zum heitern Him⸗ mel, als ihr Gatte ſchon längſt mit ſeiner Schaar die Veſte verlaſſen hatte. Ein wildes Jubelgeſchrei durchdrang die Lüfte, als in der Ebene vor der Skadaborg der jugendliche Führer, in kecker, muthiger Hal⸗ tung, ſich ſeinen Kriegshaufen zeigte und mäch⸗ tiger ſchlug ihm das Herz unter dem Panzer, als er den tauſendſtimmgen Ruf vernahm: „Heil dem edeln Sturel Heil unſe rm neuen Fürſten!“ An der Spitze ſeiner kleinen berittenen Schaar, welche nur aus Rittern ſeines Gefol⸗ ges und deren Knechten beſtand, ſeinen ver⸗ trauten Gryns dicht an ſeiner Seite, eilte der Dal⸗Junker voraus auf der Straße, die in mehrern Krümmungen nach dem Jöt⸗ niſteen fuͤhrte, welcher nur wenige Stunden weit entfernt lag von der Skadaborg. Ihm folgten langſamer, doch nicht weniger kampf⸗ luſtig, die Heerhaufen der Landleute, welche 40 abgetheilt nach den verſchiedenen Kirchſpielen, ihren eignen Fuͤhrer aus ihrer Mitte gewählt hatten; endlich aber, ſchleppte ſich hinter die⸗ ſen ein langer Zug von Knechten und Frohn⸗ bauern fort, welche die Belagerungs⸗ und Sturm⸗ werkzeuge, die ungeheuern Leitern, Schleuder⸗ maſchinen, Mauerbrecher, Schirmdächer und dergleichen auf langen Wagen mit ſich führten. Der Jötniſteen war eine der älteſten Ve⸗ ſten im ganzen Reiche und hatte ſchon den Stürmen zweier Jahrhunderte getrotzt. Auf einem ziemlich ſteilen Berge war die Burg ein⸗ geklemmt, faſt von allen Seiten zwiſchen ho⸗ hen Felſen, in alterthuͤmlicher, faſt unverwuͤſt⸗ licher Bauart aufgeführt, und mit unförmli⸗ chen, acht Fuß dicken Mauern umgeben, die man Drachen nannte. Weshalb man auch ſprüchwörtlich zu ſagen pflegte: man habe den Drachen getödtetV wenn ſolch ein fe⸗ ſtes Schloß uͤberwältigt wurde; und dieß mag vielleicht Veranlaſſung zu jenen Mährchen ge⸗ geben haben: von Drachen, welche bezauberte Schlöſſer bewachten und die man beſiegen mußte, ehe man zu den darin verwahrten Schätzen ge⸗ — —— 41¹ langen konnte. Solche Sagen wurden von dem rohen, unwiſſenden Volke geglaubt und von Dichtern faſt aller europäiſchen Nationen, viele Jah hrhunderte hindurch, bis auf unſre Zei⸗ ten verbreitet und benutzt. Mit kalter Ruhe hatte der Landeshaupt⸗ mann Olofſon, der Beſatzung ſeiner Veſte, die kaum aus hundert Köpfen beſtand, die Poſten angewieſen und mit verſchränkten Ar⸗ men ſtand er auf der Brückenwarte und ſchauete lächelnd hinab in die Ebene, wo die feindli⸗ chen Schwärme mit kriegeriſchem Geräuſch her⸗ anwogten. Hinter den Mauern dampften über wohl unterhaltenen Feuern, große Keſſel mit Pech und Theer gefüllt, auch lagen Steine und Baumſtämme in großen Maſſen aufge⸗ häuft; die gewaltigen Schleudermaſchinen, wel⸗ che mehrere Zentner ſchwere Felsſtücke weit hinauswarfen, waren in Gang gebracht wor⸗ den und Alles vorbereitet, die Stürmenden zurückzuſcheuchen von der Burg mit der hart⸗ näckigſten Gegenwehr. Die größte Sorgfalt aber hatte der Landeshauptmann bei ſeinem Vertheidigungsplane, auf ſechs ungeheure, ei⸗ 42 ſerne Donnerbüchſen verwendet, welche auf der Vorderſeite der Veſte aufgepflanzt waren auf den dicken Ringmauern und ſo die ganze Ebe⸗ ne beſtrichen, welche jetzt erfüllt war von den Rotten der Rebellen und von wo aus wahr⸗ ſcheinlich in gerader Richtung der erſte An⸗ griff zu befuͤrchten ſtand. Von dem Gebrau⸗ che des damals noch ſelten angewendeten, und gar ſehr gefürchteten Geſchützes, verſprach ſich Olofſon den glänzendſten Erfolg, weshalb er auch darauf bedacht geweſen war, zu die⸗ ſem Zwecke eine ſo ungeheure Menge Pulver bereiten zu laſſen, wie man in jener Zeit wohl ſelten im engen Naume einer Felſenburg auf⸗ gehäuft fand. Weniger hatte er für die Ver⸗ theidigung der Rückſeite ſeiner Veſte geſorgt, da dieſe beſſer bewahrt durch natürliche Schutz⸗ wehr, einem offenen Sturme faſt unzugäng⸗ lich war. Von der Ebene aus thürmten ſich hier hohe, ſteile Felſen empor und nur ein ſchmaler, kaum drei Fuß breiter Fußſteig führte durch dieſelben aufwärts, bis zu den dicken Ringmauern, die hier mit einem Ausfallpfört⸗ chen verſehen waren. Nicht in dichtgeſchloſſe⸗ —P 43 nen Reihen, ſondern nur einzeln und in gerin⸗ ger Anzahl konnten ſich hier die Feinde der Veſte nähern; auch geſtattete die enge Schlucht nicht Sturmwerkzeuge bis an die Mauern hin⸗ aufzuſchaffen, weshalb wenige Söldner, gleich⸗ ſam nur als Wacht hier aufgeſtellt waren. Von der Brückenwarte herab, verfolgte Olofſon ruhig mit ſeinen Blicken jede Be⸗ wegung des Feindes, der ſich jetzt ausgebrei⸗ tet vor der Burg und in halbmondförmigen Po⸗ ſitionen Halt gemacht hatte; doch nach kurzem Rathe, den die Führer zuſammen gehalten, wurde es wieder lebendiger unter den kampf⸗ luſtigen Schaaren. Die Prieſter erhoben ihre Kreuze, ſegneten die Streiter, verfluchten die Ketzer und riefen laut zur Rache auf und zum Verderben. Mehrere Rotten rückten näher an den Berg heran, und die langen Sturmleitern wurden ihnen nachgeſchleppt; da ſprach der Landeshauptmann zu ſeinen Rottenmeiſtern: „Laßt die Höllenſchlünde los! die rebelli⸗ ſchen Hunde ſollen es gewahr werden, daß meine Drachen Feuer ſpeien!“ Und auf ein Commandowort wurden die 44 ſchweren Geſchütze gelöſt, daß ihr Donner furchtbar wiederhallte in der Ebene drunten und ihre Kugeln Tod und Vernichtung brach⸗ ten in die dichtgeſchloſſenen Reihen der Fein⸗ de. Dieſer ſo unerwartete Todesgruß brachte plötzlich eine entſetzliche Verwirrung unter die Haufen der Landleute, die nur gewohnt wa⸗ ren Mann gegen Mann zu kämpfen, mit der Kraft ihrer Fäuſte den Sieg zu erringen und eine nicht zu bezähmende Furcht nährten, vor den gewaltigen, aus weiter Ferne auf ſie ge⸗ richteten Geſchoſſen. Wie durch einen Zauber⸗ ſchlag ſchien ihr Muth gelähmt, ſo wenig hat⸗ ten ſie ſich jener ſo ſchreckenerregenden Verthei⸗ digungsweiſe verſehen, und manche Waffe ent⸗ ſank der nervigten Fauſt, die ſonſt ſtets ſieg⸗ gewohnt, jetzt zitternd bebte. Doch das fana⸗ tiſche Rachegeſchrei der Prieſter, der Zuruf ihrer Führer, ſchien ſie nach und nach wieder zu ermuthigen und jene Haufen, welche ſich ſchon dem Fuße des Berges genähert hatten und ſo geſichert ſtanden vor den Wirkungen des Geſchutzes, rüſteten ſich jetzt ernſtlich zum Sturme, indem ſie die langen Leitern anleg⸗ 45 3 ten und unter den Schirmdächern die ſchwe⸗ ren Sturmböcke gegen die Mauern führten. Die Hörner ertönten von allen Seiten, ein wildes Kriegsgeſchrei erfüllte die Lüfte und der Kampf begann. Die wilden Gebirgsbewohner, im Klettern geübt, klimmten zuerſt auf den Leitern empor; doch war es noch Keinem gelungen bis zum Rande der Mauer hinaufzudringen. Denn die Belagerten ſchleuderten den Stürmenden Felsſtücke und Baumſtämme entgegen, und wer auch dieſen geſchickt auszuweichen wußte, entging doch ſelten auf andre Weiſe ſchmerz⸗ hafter Verletzung oder gar dem Tode, denn in großen Maſſen wurde ſiedendes Pech und Theer in Flammenſtrömen herabgegoſſen und die ſcharfen Pfeile der königlichen Söldner verfehlten ſelten ihr Ziel. Schon Viele der Rebellen waren auf dieſe Art herabgeſtuͤrzt worden, als ſie kaum die Mitte der ſchwan⸗ kenden Leitern erreicht hatten, und am Fuße des Berges hauchten ſie mit zerſchmetterten oder verbrannten Gliedern die Seele aus. Doch eben der Anblick dieſer Todesopfer erregte die 46 Wuth der empörten Rotte bis aufs Aeußerſte. Ohne den Befehl ihrer Führer abzuwarten, drängten ſie ſich an die Mauern und ſtürm⸗ ten in ſo dichten Maſſen hinauf, daß die über⸗ füllten Leitern zu brechen drohten. Indeſſen ſtieg aber auch die Thätigkeit der Belagerten bis zur höchſten Anſtrengung und der Landes⸗ hauptmann, jetzt nur die am meiſten bedroh⸗ ten Angriffspunkte im Auge behaltend, bemerkte es nicht, daß der Dal⸗Junker mit dem größ⸗ ten Theile ſeiner Ritter aus der Ehene ver⸗ ſchwunden ſey. Denn da er wegen der allzu⸗ dichten Annäherung der geſammten Feindes⸗ haufen ſeine Donnerbüchſen nicht mehr wirk⸗ ſam fand, mußte er die ihm zunächſt liegen⸗ den, noch übrigen Vertheidigungsmittel auwen⸗ den, die Vorderſeite ſeiner Veſte zu ſchützen. Auf Anrathen des Ritters Pehrſon, welcher den innern Bau und die äußern Werke des Jötni⸗ ſteens genaukannte, hatte ſich der Dal⸗Junker mit zwanzig ſeiner edeln Begleiter, vom Kam⸗ pfesfelde heimlich entfernt, im halben Bogen die nördliche Seite des Berges umreitend, und hielt nun an der engen Felſenſchlucht, welche —— 47 hinaufführte zum Ausfallpförtlein in den Ring⸗ mauern der Veſte. Hier ſtiegen ſie von ihren Roſſen, und mit bewehrter Fauſt, mit Aexten und Brechſtangen verſehen, verfolgten ſie ſo geräuſchlos als möglich den engen, gewunde⸗ nen Pfad, und hatten beinahe ſchon deſſen En⸗ de erreicht, als die Wacht ſie bemerkte, und lärmend die drohende Gefahr im Innern der Burg verkündete. Nur fünf königliche Söld⸗ ner ſtanden hier auf den Mauern und ihre Pfeile, die einzige Waffe, die ſie jetzt gebrau⸗ chen konnten, glitten ſchadlos ab von den Pan⸗ zern der geharniſchten Ritter, welche mit ei⸗ ſernen Stangen und Aexten die kleine Pforte zu erbrechen ſuchten. Schon gelang es ihren vereinten Anſtrengungen die Thür aus ihren Pfoſten zu heben; ſchon wimmelte der enge Bergpfad von nachdrängenden Landleuten, de⸗ nen ein heimlicher Wink geworden war, den edeln Herrn langſam zu folgen, um im gün⸗ ſtigen Falle von dieſer Seite zugleich mit in die Burg zu dringen; ſchon jubelte der Dal⸗ Junker ſeines Sieges gewiß, und zwei Söld⸗ ner ſtürzten tödtlich getroffen von ſeiner Haken⸗ 48 Q——·—·—˖—¶—¶¶—··¶·¶·¶Q·¶— büchſe von der Mauer; da wurde es plötzlich lebendig in den Zwingern. Drüben auf dem Kampfplatze erſchallte tauſendſtimmiges Weh⸗ geſchrei, der Donner der Karthaunen brüllte fürchterlich dazwiſchen und ein ſtarkes eiſernes Gitter ſank hinter der ſchon ſtürzenden Aus⸗ ſallspforte nieder. Der Landeshauptmann aber erſchien auf der Mauer mit dem größten Theile ſeiner Streiter, welche mit lautem Siegesrufe vom glücklich beendeten blutigen Werke herbei⸗ eilten, um hier ein leichteres Kampfſpiel zu zu beginnen. Die Ritter erblaßten, als das ſchwere eiſerne Gitter ihnen aufs Neue den mit mühevoller Anſtrengung errungenen Ein⸗ gang verſperrte. Dicht aneinander zuſammen⸗ gepreßt im engen Hohlwege, durch die nach⸗ drängenden Bauernrotten, welche nicht zwei⸗ felnd an einem günſtigen Erfolge, viel zu früh den ihnen gegebenen Wink benutzt hatten, zwi⸗ ſchen hohe Felſen eingekeilt, unfähig weder vorwärts noch rückwärts zu ſchreiten, ſtand der faſt unabſehbare Kriegshaufe weit hinab⸗ gedehnt im ſchmalen Pfade, einer erſtarrten Schlange gleich, die ihren Stachel nicht gebrau⸗ —: —— chen kann. Ein wildes Hohngelächter drang von der Mauer herab und die kräftigen Sold⸗ knechte regten ſich rüſtig, Felsſtücke und Baum⸗ ſtämme niederſchleudernd auf die zunächſtſte⸗⸗ henden, gefeſſelten Feinde, die mit dem lau⸗ ten, ängſtlichen Rufe:„zurück! Alles verlo⸗ ren!“ die Nachdringenden zum eiligen Ruͤck⸗ zuge zu bewegen ſuchten. denn n Der Sturm auf die Vorderſeite der Veſte war durch die tapfre Gegenwehr der König⸗ lichen gänzlich abgeſchlagen worden. Die Lei⸗ tern lagen zertrümmert am Fuße des Berges, zahlloſe Leichen bedeckten den Abhang und in wilder Haſt, verfolgt vom donnernden Ge⸗ ſchütze, zerſtreuten ſich die Rebellenhorden nach allen Gegenden. Der ungluͤckliche Ausgang je⸗ nes Kampfes blieb den, im Hohlwege einge⸗ klemmten, Bauern nicht lange unbekannt und eilig begannen nun die Letzten des nachdrin⸗ genden Schwarms ſich zuruͤckzuziehen und gleich ihren Genoſſen ſich zu zerſtreuen in der Ebene. So gelang es endlich auch den Rittern, de⸗ ren nur wenige, den Daljunker in ihrer Mitte, dem Tode entronnen waren, Von zwan⸗ 3r Thl. 4 50 zig Edeln waren nur ſieben noch um den Re⸗ bellenfuͤhrer verſammelt und keiner von dieſen war ohne Wunden der gräßlichen Mordwuth entgangen, welche ſie in ihrer gefahrvollen Lage weder zu hindern noch zu erwiedern ver⸗ mochten. Als ſie nun endlich wieder angelangt waren auf dem Platze, wo ſie unter der Ob⸗ hut mehrerer Knechte ihre Roſſe zurückgelaſſen hatten, fanden ſie deren nur noch drei, die uͤbrigen waren von den fluͤchtigen Bauern zum eiligen Entkommen benutzt worden. Der Dal⸗ junker mit ſeinen Getreuen, erſchöpft bis zum Tode, beſchloß hier eine kurze Raſt zu halten, indem er ſeiner Sicherheit wegen un⸗ bekümmert ſchien. Doch bald mußte er ſich überzeugen, daß der ſiegende Landeshaupt⸗ mann noch nicht geſonnen ſey, zu ruhen von ſeinem blutigen Tagwerke; denn an der Spitze eines Haufens Soldknechte ſtuͤrmte er mit ge⸗ waffneter Fauſt den Felſenſteig herab, die Fluͤchtigen zu verfolgen und zugleich die heim⸗ liche Abſicht nährend, den gefährlichen Dal⸗ junker und die übrigen Häupter der Empö⸗ rer lebend oder todt in ſeine Gewalt zu brin⸗ — —— — — — 51 gen. Kaum hatten daher die Ermatteten ſo viel Zeit gewonnen ihre Wunden zu unterſu⸗ chen und freier Athem zu ſchöpfen, als ſie ſich auch wieder auf's Heftigſte angegriffen ſahen von einer drohenden Uebermacht. Faſt mit Gewalt zwangen die Ritter ihren Führer, eins jener zurückgelaſſenen Roſſe zu beſteigen und drängten den noch immer muthigen Strei⸗ ter aus den Felſenwindungen in die Ebene, ihn ſchützend umringend. Der Ritter Pehr⸗ ſon, der aus mehreren Wunden blutete, raffte die ſchon weichende Kraft zuſammen, als der Kampf auf's Neue begann; und die kleine Schaar wehrte ſich wahrhaft ritterlich gegen den dreimal ſtärkern Feindesſchwarm. Sie wa⸗ ren darauf bedacht, fechtend ſich immer wei⸗ ter vom Jötniſteen zurückzuziehen in der Hoff⸗ nung, einige hier und da noch herumſchwärmen⸗ 1 de Flüchtlinge ihrer Parthei mit ſich zu vereini⸗ gen und die Königlichen von ihren ſie ſchützenden Mauern ſo weit als möglich zu entfernen. Man⸗ cher Söldner hatte ſchon unter den ſchweren Streichen der Rebellen ſeinen Tod gefunden und wirklich ſahen die Letztern ihr Häuflein dur 4*† 52 einige Landleute verſtärkt, welche ihre Gefahr aus der Ferne überſehend, ihnen zu Hülfe geeilt waren. Beſonders zeichnete ſich unter dieſen ein Burſche durch ſeltene Tapferkeit aus, welcher ſich, unvermuthet aus der Fel⸗ ſeuſchlucht hervorſpringend, an den Ritter P ehr⸗ ſon gedrängt und mit einer Streitaxt bewaffnet, mehr auf deſſen Schutz als auf ſeine eigene Vertheidigung bedacht ſchien. Mehrmals war es ihm gelungen, die Streiche, welche dem Rit⸗ ter zugedacht waren, durch die Gewalt ſeiner Waffe zurückzuhalten; und als der Kampf jetzt hitziger und Pehrſons Kraft immer ſchwä⸗ ccher wurde, umſchlang er deſſen Leib mit ſei⸗ nem linken Arme, und ihn deckend mit der eignen Bruſt, ihn vertheidigend mit gewaff⸗ neter Fauſt, riß er ihn heraus aus dem dicht zuſammengedrängten Rebellenhaufen und zog ihn eilig mit ſich fort über die Ebene, die Richtung nehmend nach der Skadaborg. Drei reiſige Soldknechte verfolgten die Jurückwei⸗ cchenden, doch wie ein Löwe kämpfte der Un⸗ bekannte. Zwei jener Reiſigen ſchmetterte ſeine Art zu Boden, der Dritte zog ſich ſcheu zurück ——— ſich wieder anſchließend an ſeine Genoſſen. So gelang es dem heldenmüthigen Kämpfer, den faſt zum Tode erſchöpften Pehrſon glücklich zu geleiten bis unter die äußer⸗ ſten Werke der Skadaborg. Hier ließ er ihn ſanft niederſinken auf ein vorſpringendes Fels⸗ ſtuck, druͤckte ſeine Hand wie zum Lebewohl und wollte ſich entfernen. Doch der Ritter hielt ihn zuruck und ſprach mit ſchwacher Stim⸗ me:„nicht alſo darfſt Du von mir ſcheiden, tapferer Fremdling, der heute mehr als ein⸗ mal mir mein Leben rettete. Ich laſſe Dich nicht von mir, ziehe ein in meine Burg, Du ſollſt mein Erbe ſeyn; denn ach! ich habe keine Söhne mehr!“ 4 „Iſt Dir Dein Lars geſtorben?“ erwie⸗ derte mit dumpfem Tone der Andere, und wendete ſich von ihm ab, wie in heftiger Be⸗ wegung. „Die Natter lebt; doch nicht an meinem Buſen mehr!“ entgegnete Pehrſon ſchmerz⸗ lich.„Sie wird nun ihren Stachel nimmer wieder brauchen, denn gefeſſelt hab' ich ſie im dunkeln Kellerraume. Sprich nicht von Lars 54 in dieſer Stunde, wo ich ſo nahe dem Tode ins bleiche Antlitz ſchaute. Laß mir Deine Hand, nimm mich zum Vater an; Dein Name gilt mir gleich, nur laß mich Dein Antlitz ſchauen, daß ich Deine Züge feſt präge in mein wundes Herz.“ Da öffnete der Unbekannte langſam das Viſier und nahm die lederne Pickelhaube vom Haupte, daß die blonden Locken herabrollten über ſeine Schultern und wendete ſein kampf⸗ ergluͤhtes Antlitz zu dem Ritter. Doch ſein klares Auge blickte mild und bittend auf den tiefgebeugten Mann, der entſetzt, als ob ein Schreckbild ihm entgegentrete, ohnmächtig zu⸗ ſammenſinkend die Worte hauchte:„O Sigurd! mein verſtoßener Sohn!“ Der Erkannte ſank zu den Füßen ſeines Vaters nieder, der bald erwachte unter den zärtlichen Hülfsleiſtungen ſeines Sohnes, und beſchaͤmt ihn an ſeine Bruſt ſchließend, aus⸗ rief: „Mein Sigurd! Retter meines Lebens! Held! ziehe ein in meine Burg und verzeihe ———— 5 —— 55⁵ Deinem ſchwachen Vater, der ſeinen Fluch in reichen Segen wandelt!“ Der Dal⸗Junker, der nur mit zwei nor⸗ wegiſchen Edeln und einem ſchwediſchen Rit⸗ ter dem letzten Gefechte entkommen war, fand Beide noch in feſter Umarmung, und ſeine fin⸗ ſtern Blicke hellten ſich auf, als ihm die Kunde wurde, wie edel der verſtoßene Sigurd ſich ge⸗ rächt an ſeinem verblendeten Vater. Auch die drei andern Ritter ſprachen laut ihre innige Theilnahme aus und ſo zogen die wenigen aus heißem Kampfe Zurückkehrenden mit heitrerm Sinne ein in die Skadaborg, als der gänzlich mißglückte Sturm auf den Jötniſteen erwar⸗ ten lieʒß n 3. 8 „Ingiald, der edle Greis, wurde mein Retter in jener Schreckensnacht, die mir Al⸗ les raubte, was den Menſchen feſſeln kann an das Leben. Er fand mich ohnmächtig hin⸗ ter dem Kirchſpiele Iſala, am Fuße der rau⸗ hen Felſen niedergeſunken, trug mich in ſeine Höhle, verpflegte mich ſorgſam und heilte, mich mit ſeltener Kunſt von ſchwerer, langer Krank⸗ heit. Erſt völlig geneſen vor kurzer Zeit, konnte ich heute am frühen Morgen der Sehnſucht nicht widerſtehen, hinaufzuſteigen aus der dun⸗ keln Höhle, droben die freie, friſche Bergluft zu athmen, mich zu ergehen in der freien Na⸗ tur und hinabzuſchauen in's geliebte, heimath⸗ liche Thal. Mit der ſchweren Streitaxt ver⸗ ſehen, die ich zum Schutz gegen Bären und Wölfe mit mir genommen, ſchlug ich einen Bergpfad ein, der mich bald den bewohnten Gegenden näher brachte, und eilig an mir vorüberziehende Hirten und Gebirgsleute, theil⸗ ten mir flüchtig mit, ohne mich zu erkennen: daß am heutigen Tage der erſte Sturm des Aufruhrs beginne. Unwillkührlich folgte ich ihnen. Es war als zöge es mich unwiderſteh⸗ lich hin zum Kampfe und als ich die Ebene erreichte vor dem Jötniſteen, da ſuchte mein Auge im Kreiſe der Edeln das Haupt meines Vaters. Ich erkannte die Farben meines Stam⸗ mesz ich verfolgte heimlich jene Ritter, wel⸗ denn wohl hatte ich bemerkt, daß der, nach deſſen verſöhnendem Blicke ich lechzte, wie der Verurtheilte nach dem Gnadenworte ſeiner Rich⸗ ter, unter ihnen ſich befand. Verborgen hin⸗ ter einer Felsſpitze, war ich Zeuge vom un⸗ glücklichen Ausgange des kühnen Wageſtücks. Ich verfolgte die Bewegungen der Zurückwei⸗ 58 chenden, und als die Verfolger zu neuem An⸗ griffe herabſtürmten; da rief ich Gott um ſei⸗ nen Beiſtand an, und ſchloß mich feſt an mei⸗ nen Vater. Für ſeine Rettung kämpfte ich und errang den ſchönſten Preis: ſein Leben und ſein lange mir verſchloßnes Herz.“— So berichtete Sigurd, ſitzend am Lager ſeines Vaters, in Gegenwart des Dal⸗ Junkers und deſſen Vertrauten Gryns. Der Ritter Pehrſon ſchien die Schmere zen ſeiner Wunden weniger zu fühlen, wenn er in das redliche Antlitz des verkannten Soh⸗ nes ſchaute, und es war ihm, als ob mit deſ⸗ ſen Wiederkehr ein guter Geiſt eingezogen ſey in ſeiner Burg. Gryns aber betrachtete mit lauernden Blicken den Jüngling und wendete ſich endlich, nach tiefem Sinnen, mit der k Ari⸗ ge zu ihm: „Kennſt Du den Greis, der Dein Retter wurde, auch genau? hat er Dir aus ſeinem frühern Leben nicht nanches mitgetheilt?“ „Ich lernte nur den Biedermann in ihm verehren!“ entgegnete Sigurd.„Seine Schick⸗ ſale ſind mir unbekaunt. Nie hat er mir — — 59 ſein Herz erſchloſſen; aber nur die entſetz⸗ lichſten Leiden konnten ihn ſo tief beugen, daß er die Welt fliehend, ſich in die Eingeweide der Erde vergrub und als Chriſt geboren, ſich zu den alten heidniſchen Göttern wendete. Der Anblick ſeiner beiden ungluͤcklichen Söhne gab mir ein ſchwaches Licht über die harten Un⸗ glücksſchläge, die ihn wohl früher getroffen; das Fürchterlichſte ſcheint er erduldet zu ha⸗ ben.“ „Seine wahnwitzigen Söhne leben noch? ſind bei ihm?“ fiel ihm Gryns haſtig in die Rede.„Ha! ſo täuſchte mich meine Ahnung nicht! er iſt es, den ich längſt geſucht.— Und ſaheſt Du ſonſt Niemanden in ſeiner Höhle?“ fragte er dringend weiter. „Doch;“ entgegnete Sigurd unbefangen. „Der alte Gäſt, ein Hirt aus dem Gebirge, kam oft, wenn Ingiald die Gegend durch⸗ ſtreifte zu wohlthätigen Zwecken und pflegte deſſen Söhne und niich. Auch war er es ſtets, der die einſamen Höhlenbewohner mit Nahrung verſorgte.“ Je. „Und ſonſt hätte der Greis nie Fremde 69 eingeführt in ſeine unterirdiſche Wohnung?“ fragte Gryns noch eifriger als zuvor, und ohne Bedenken theilte ihm Sigurd mit: daß Ingiald vor einiger Zeit, in den Stunden der Nacht, einen ältlichen Mann und ein ſchö⸗ nes, junges Frauenbild in ſeine Höhle geführt, die er als liebe Gäſte gepflegt, und die noch immer bei ihm verweilten. „Ich weiß genug!“ flüſterte Gryns leiſe vor ſich hin, wendete ſich zum Dal-Junker, bat dieſen um eine geheime Unterredung und Beide verließen hierauf den Ritter Pehrſon, der in den Armen ſeines Sohnes, all' die ſchwindelnden Entwürfe der Empörungsſucht vergeſſen zu haben ſchien. Im einſamen, weitentlegenen Gemache aber, ließ der Dal⸗Junker ſeinen Vertrau⸗ ten eben nicht freundlich an, mit den Worten: „jjetzt ſpute Dich und ſpritze aus Dein Gift! — Was zanderſt Du da’s aus dem Herzen ſchon emporſtieg bis zur Zunge?“ „Ei, Du kluger Burſche!“ entgegnete Gryns höhnend,„der ſich anmaßt, mir in's — 61 Innere zu ſchauen. Kanuſt Dich irren; wenns nun Balſam wäre, den ich mir bereitet? „Gift ſchäumt auf Deinen Lippen!“ ver⸗ ſetzte der Andere ſich ſchaudernd von ihm wen⸗ dend.„Sage nur ſchuell, wen ſoll es tref⸗ fen?“ 12 „Nimm's, wie Du willſt!“ antwortete Gryns mit kalter Ruhe.„Scheint Dir's Gift, ſo mag's vielleicht für Andere ein ſüßes, beruhigendes Säftchen ſeyn. Doch höre mich nur erſt, und dann gieb der Sache ihren Namen, wie Dir gut dünkt. Erinnerſt Du Dich jener beiden Anverwandten Deiner Gattin, die von der Emblaburg in Norwegen, wo ſie ſich ver⸗ ſteckt ge ehalten, von mir zurückgeleitet wurden nach Dalecarlien, weil die norweg'ſche Prie⸗ ſterſchaft nach ihrem Ketzerblute dürſtete?“ „Wohl denk' ich ihrer!“ entgegnete der Dal⸗Junker finſter.„Du ſagteſt mir, als Du zurückgekehrt: Du habeſt ſicher ſie gelei⸗ et, habeſt ſie untergebracht in einer gefahrlo⸗ ſen Freiſtatt. Ich will hoffen—“ „Ei, hoffe nur für Dich allein und nicht für Andere!“ ſiel ihm Gryus höhniſch lächelnd 62 ins Wort.„FIch habe ſie gar wohl geborgen in der Höhle Ingialds, wie ich Dir geſagt. Doch heiſcht es unſer Vortheil jetzt, daß wir ſie heraufziehen an das Licht des Tages.“ „Wozu?“ ſragte der Andere ſchnell und mißtrauiſch. „Um ſie zu ſtellen vor ein geiſtliches Ge⸗ richt, daß ſie als Ketzer ihren Lohn empfan⸗ gen!“ entgegnete Gryns heuchleriſch.„Die Zeit iſt ſchwierig. So ein recht ſchreckend Beiſpiel könnte uns wohl frommen und unſer heut geſunkenes Anſehn vielleicht ſchon mor⸗ gen, glänzender als jemals, aufrichten. Die ſtörriſchen Bauern, die mit blutigen Köpfen wieder nach ihrer Heimath zurüͤckeilten, laſſen ſich leichter durch Furcht, als durch Bitten an unſre Ferſen knuͤpfen. Ladeſt Du ſie ein zu einem Halsgerichte, verſprichſt ihnen köſtliche Augenweide an einem flammenden Scheiterhau⸗ fen, ſo rennen ſie ſicher in größern Haufen zu⸗ ſammen, als wenn Du ſie zur ſchwelgeriſch⸗ ſten Gaſterei entbieteſt.“ „Und zu ſolch grauenvoller Lockſpeiſe haſt 63 Du die Anverwandten meines Weibes auser⸗ wählt?“ rief der Dal⸗Junker mit Entſetzen. „Ei, warum nicht?“ entgegnete Gryns boshaft.„Eben deshalb wird man bis zu den Sternen Deine Gerechtigkeit erheben. Man wird Dich vergleichen jenem Römer aus der grauen Vorzeit, der die eignen Söhne dem Henker übergab, wird ſolche That durchs ganze Land verkünden und ſich glücklich preiſen, daß Du es eben biſt, der ſeine Hand nach Schwe⸗ dens Krone ausſtreckt.“ „Weiche von mir, Unhold! laß mich, ſchreck⸗ licher Verſucher!“ ſchrie der Dal⸗Junker im ſteigenden Entſetzen und ſein Antlitz wurde bleich und ſeine Lippen bebten. Doch kalt und ruhig erwiederte Gryns: „Du wirſt im Ernſt mich doch nicht von Dir weiſen?— Was wärſt Du ohne mich? die ſammtnen Kleider fallen Dir vom Leibe, und aus der Ueberfülle Deines jetzigen Glanzes kriecht der nackte Bettler ſcheu hervor, der ſeine Lumpen wieder aufſucht um die Blöße ſich zu decken, ſobald ich Dir den Rücken wen⸗ de. Ein Wort von mir— und barfuß, flüch⸗ 64 tend mußt Du ein kümmerliches Obdach ſuchen zwiſchen öden Felſenritzen, um dem gerechten Spotte des Volkes zu entgehen!? „Nein, Schrecklicher! ſo fürchterlich kannſt Du mich nicht verſuchen! Du treibſt nur Dei⸗ nen Scherz mit mir!“ erwiederte Jener ſchau⸗ dernd, in der heftigſten Bewegung.„Wie könnte ich meiner Richeſſa jemals ins treue, liebe Auge blicken, wenn ich die Schuld auf meinem Herzen trüge, am grauenvollen Tode ihrer Anverwandten, für die ſie Schutz von mir ſo innig einſt erflehte. Ich beſchwöre Dich, Gryns— laß jene Unglücklichen aus un⸗ ſerm Spiele!— Fuͤhre mich, bewaffnet mit dem Schwerte, in der Feinde dichteſten Hau⸗ fen, und durch muthig kühne That will ich mein Anſehn wieder gründen bei dem Volke; nur nicht durch feigen Mord an Hülfloſen und Verfolgten.“ „Wohlan denn!“ entgegnete Gryns nash kurzem Bedenken.„Um Dein allzuzartes Ge⸗ wiſſen nicht zu verletzen, will ich keine Stim⸗ me von Dir fordern. Doch bedenke wohl: ich bin das Organ der hartverfolgten Prie⸗ —— ———— 8 2 ‿ — ——-— ‿ 65 Wagſt Du es auch nur mit leiſem Zucken Dei⸗ ner Augenwimpern Dich mir zu widerſetzen, mit leichter Bewegung Deines kleinen Fin⸗ gers mir ins Netz zu greifen; dann wehe Dir! — Ich reiße Dich von Deinem Weibe und wärſt Du auch mit der ganzen Hölle Macht an ſie gefeſſelt. Ein einziges Wort von mir, entrückt Dein glänzendes Ziel auf ewig Dei⸗ nem Auge und mit dem Fuße ſchleudre ich Dich, der jetzt nach einem mächtigen Reiche trachtet, zurück auf jene kleine Erdſcholle, wo Du dem Staube entkrochſt!“ „ 8, ich Thor!“ rief der Dal⸗Junker, auf's Aeußerſte empört;„daß ich Dich blik⸗ ken ließ bis in mein Innerſtes!— Verdammt ſey die Stunde, wo ich durch mein Vertrauen mich zu Deinem Sklaven weihte!— Hätte ich Richeſſa nie geſehen, ich verlachte Deine Drohungen; freiwillig entſagte ich meinen ehr⸗ geizigen Entwürfen, zöge mich zurück auf jene kleine Erdſcholle, die mir als Knabe einſt ge⸗ nügte, und lebte fromm hinfort an meiner Mutter Seite.— Ach, meine arme Mutter! Einſam beweint ſie den verlornen Sohn; auch 3r Thl. 5 ——— 66 von ihr haſt Du mich losgeriſſen; hältſt mich fern von ihr mit eherner Kette. Ich darf ihr keine Kunde von mir geben, darf ſie nimmer wieder Mutter nennen und der bittre Gram um mich wird ihr ein frühes Grab bereiten.“ „Was jammert doch der Bube, wie ein zehnjähriges Mutterſöhnchen!“ erwiederte Gryns lachend.„Will Krone und Scepter erwerben im blutigen Kampfe und ſehnt ſich nach der Mut⸗ ter Wiegenliede. Schlaf aus, Du Heldenbüb⸗ lein, das Bischen Sturm von heute hat Dich matt gemacht!“ und mit gellendem Gelächter verließ er das Gemach. Der Dal⸗Junker blieb allein zurück; ein fürchterlicher Aufruhr tobte in ſeinem Innern, ſein Selbſtgefühl war erwacht. Es war ihm als müſſe er mit Gewalt ſich losreißen von dem verhaßten Zügel, mit welchem ihn der Vertraute lenkte nach ſeinem Willen, und leiſe ſchwirrte es um ſeine Ohren:„Mord!“ „Ja, ſo ſey es!“ ſprach er dumpf vor ſich hin.„Der Schändliche hat zehufach ſchon den Tod verdient; mein Dolch ſoll ihn zum Schwei⸗ 67 gen bringen. Dann ſteh' ich frei und kann mein Haupt erheben und meine Arme rühren nach Gefallen.“ Eilig verließ auch er nun das entlegene Gemach und leiſe ging er dem Prieſter nach, deſſen weitſchallende Schritte er deutlich noch vernahm in der gewölbten Halle, und der, wie er richtig vermuthete, geradeswegs nach ſeinem Zimmer ſich zurückzog. An der Thür deſſelben lauſchte der Junker und hier überſtel ihn ein unerklärliches Zagen. Obgleich er den Dolch mit der Rechten feſt umklam⸗ mert hielt; obgleich er den ſchwachen Gegner leicht zu überwältigen vermochte und der Ver⸗ dacht des Meuchelmords wohl ſchwerlich ihn ſelbſt getroffen hätte, ſo zauderte doch ſeine zitternde Linke die Thür zu öffnen, hinter wel⸗ cher er noch deutlich das höhniſche Gelächter des Verhaßten zu vernehmen glaubte. Mit zurückgehaltenem Odem ſtand er bebend und unentſchloſſen mehrere Minuten lang; da er— tönte hinter ihm, aus einer nur angelehnten Pforte eine tiefe Männerſtimme, welche lang⸗ 5* —— ů——— 68 ſam die Worte ſprach:„Du ſollſt nicht töd⸗ ten!“ und bald darauf:„Du ſollſt Vater und Mutter ehren, auf daß Dir's wohl gehe und Du lauge lebeſt auf Erden!“ Es war der alte Burgvoigt, der ſeinem Enkelchen die Ge⸗ bote des Herrn lehrte und wie die Stimme Gottes drangen dieſe Worte tief in das Herz des Junkers. Kraftlos ſank die Hand, welche den Dolch gefaßt hatte herab, und ſein Ge⸗ ſicht verhüllend, floh er durch die öden Gänge, wie von Furien verfolgt. In ſeinem Gema⸗ che warf er ſich athemlos auf die Kniee, ver⸗ ſuchte zu beten; doch umſonſt. Wilde Phan⸗ taſieen kreiſ'ten in ſeinem Hirn und verwirr⸗ ten ſeine Worte, ehe ſie ſich geſtalteten zu einem brünſtigen Gebete. So fand ihn ſeine Gattin Richeſſa, und an ihren Buſen bet⸗ tete er ſein fieberiſch brennendes Haupt, ſog von ihren Lippen ſüßen Troſt und ihre Küſſe brachten den Sturm in ſeinem Innern nach und nach zum Schweigen. Gryus aber zog, als kaum der nächſte Morgen grauete, mit acht wohlbewaffneten ————ͦ—ꝛ—x—ꝛ—— —- 69 Knechten hinaus in die Gebirge, um In⸗ gialds Höhle aufzuſuchen und dort ſich der beiden Flüchtlinge, Siggeſons und Ceci⸗ liens zu bemächtigen. 4. Es war ihm gelungen die Unglücklichen, die in der Tiefe der Erde eine ſichere Freiſtatt zu haben glaubten, allein und ſchutzlos anzu⸗ treffen; denn Ingiald war ſchon am Aben⸗ de des vorigen Tages ausgewandert um Si⸗ gurd aufzuſuchen, deſſen plötzliches Verſchwin⸗ den, auf ſo lange Zeit, er ſich nicht zu erklä⸗ ren wußte. Siggeſon hatte ſich zwar kuͤhn der eindringenden Rotte entgegengeſtellt, aber der Uebermacht erliegend, ſahe er ſich nach kurzer Gegenwehr gleich Cecilien über⸗ wältigt. Man riß ſie hinauf aus dem finſtern Schachte 71 an's Licht des Tages und ſchleppte ſie fort durch die Gebirge, hinunter nach einer waldi⸗ gen Gegend im Thale, wo ein, nach damali⸗ ger Art ſtark befeſtigtes, Franziskauerkloſter ſtand. Kaum einige tauſend Schritte von der Skadaborg entfernt, lag es verſteckt im Wal⸗ de und diente jetzt einem großen Theile der vertriebenen Prieſter aus dem ganzen Reiche zum Aufenthalte; deshalb waren auch die ho⸗ hen, ſtarken Mauern nnd die eiſenbeſchlagenen Pforten von reiſigen Knechten, welche der Ritter Pehrſon dazu verliehen, ſcharf be⸗ wacht. Als Gryns aber dem Pförtner ſei⸗ nen Namen genannt hatte, ließ ihn dieſer un⸗ gehindert einziehen mit ſeinem Gefolge und der Pfaffe ſäumte hierauf nicht, ſeine beiden Gefangenen in zwei abgeſonderte, unterirdi⸗ ſche Verließe einzukerkern. Die gedemüthigten Prieſter ließen einen lauten Jubel erſchallen, welcher der geiſtlichen Sanftmuth grell wider⸗ ſprach, als Gryns in ihren Kreis trat und mit triumphirender Miene und ſtolzen Wor⸗ ten verkündete: wie es ihm gelungen ſey, zum Heile des Glaubens, ſich zwei ſchändlicher 1 4 ————O—.2..— 72 Verbrecher und arger Ketzer zu bemächtigen und der gerechten Strafe zu überliefern. Kaum aber hatten die rachedürſtigen Pfaffen Sig⸗ geſons und Ceciliens Namen vernommen, deren Flucht aus Stockholm vor wenigen Mon⸗ den erſt die geſammte Geiſtlichkeit zu Grimm und Wuth gereizt; ſo erhob ſich ein frohlok⸗ kendes Geſchrei unter den Dienern Gottes, wie es wohl zuweilen ein Schwarm hungri⸗ ger Raben ausſtößt, wenn er den Leichnam eines armen Sünders ausgewittert, und ſie ſchloſſen ein ſchreckliches Gericht zu halten über die abtrünnigen Fluͤchtlinge, dem Könige zum Hohne und allen lutheriſch Geſinnten zum war⸗ nenden Beiſpiel und Schrecken. Der Prior der Benedictiner beſonders, der ſich nach dem Reichstage, auf ſeiner Flucht aus Weſteräs, vom Reichsmarſchall Jönßon getrennt hatte, und ſich nach Dalecarlien, Jener aber nach den unruhigen Provinzen Smaland und Weſt⸗ gothland begeben, hauchte ſeinen Grimm ge⸗ gen die Unglücklichen in Flüchen und zuͤrnen⸗ den Reden aus, und ſchwur ihnen Tod und Verderben. Ueber ſie, wie über Tyſte, war 73 der Bannfluch ſchon längſt ausgeſprochen wor⸗ den, und da der Prior Letztern bereits ge⸗ tödtet glaubte, in jener Nacht, als er ihn in Weſteräs mit ſeinen Soldknechten überftel und ſtuͤrzen ſah; ſo dachte er nun uͤber die Gefan⸗ genen, das ganze Maaß ſeiner Rachwuth vollends auszugießen. Deshalb wurde auch am Nachmittage deſſelben Tages ein Blutge⸗ richt üͤber die Unglücklichen anberaumt. An der öſtlichen Seite des Kloſters befand ſich ein alter Thurm, welcher abgelegen von den übrigen Gebänden, den Franziskanermön⸗ chen oftmals zu heimlichen Verſammlungen und Gerichten, Einigen unter ihnen aber noch ganz beſonders zu heimlichen Schwelgereien und Gelagen diente, welche in dem wohler⸗ haltenen, geräumigen Zimmer, zu welchem mehrere Stiegen emporführten, gehalten wur⸗ den. In einem nur wenige Fuß tiefen Kel⸗ lerraume, unter dem Thurme aber, wurden ſtets des Priors köſtlichſte Getränke und Lek⸗ kerbiſſen aufbewahrt. Die kleinen gothiſchen Fenſter des runden Zimmers, waren gegen das eindringende Tageslicht feſt verſchloſſen 74 worden durch hölzerne Laden und die Wände waren behangen mit ſchwarzen Tüchern und Heiligenbildern. In der Mitte ſtand ein läng⸗ lich runder Tiſch, ebenfalls mit ſchwarzem Tu⸗ che bedeckt, umgeben von runden Seſſeln. Nur drei Lampen erhellten das Gemach und ihr düſtrer Schein beleuchtete grell den bleichen Todtenſchädel, der nebſt verſchiedenen Folter⸗ werkzeugen und Henkerswaffen auf der Tafel aufgeſtellt war. Mit feierlichen Mienen, lei⸗ ſen Schritten und gefalteten Händen, verſam⸗ melten ſich hier zur feſtgeſetzten Stunde, die zum Gericht beſtellten Prieſter, größtentheils vertriebene Aebte der aufgehobenen Klöſter, Gryns und der Benedictiner⸗Prior an ihrer Spitze, und nachdem ſie eine kurze Berathung gepflogen und die Verbrechen der Geächteten nochmals aufgezählt hatten, gaben ſie den dienenden Brüdern Befehl die Gefangenen vor⸗ „ zuführen. 1 Geſtützt auf Siggeſon erſchien Cecilie mit lilienbleicher Wange, phyſiſch erſchöpft, doch aus ihrem hellen, glanzvollen Auge leuch⸗ tete der Muth des Glaubens und der ewigen 732 Liebe. Die harte Anrede des Benedictiner⸗ priors, die einen Vorwurf ihrer Verbrechen enthielt, blieb ohne allen Eindruck auf die Be⸗ klagten, welche bereits jeder Hoffnung entſagt zu haben ſchienen, in den Herzen der rach⸗ gierigen Prieſter ein mildes Urtheil für ſich zu erwecken. Cecilien nicht ans ſeinen Armen laſſend, trat Siggeſon einige Schritte näher zur ſchwarzen Tafel und ſprach kräftig und ohne Scheu: „Wir ſind in Eurer Gewalt und Ihr könnt uns morden laſſen, ſo es Euch beliebt; doch feierlich verwerfe ich Euer Gericht als unge⸗ recht vor Gott und Menſchen.— Eure Klö⸗ ſter ſind aufgehoben,— Eure Würden und Aemter hat der König Euch entzogen, damit die Finſterniß dem neuen Lichte weiche; Eure Gewalt iſt vernichtet, wie Euer Recht an un⸗ ſern Häuptern. Ich bekenne es laut: mit gan⸗ zer Seele bin ich zugethan der Lehre Luthers des Reformators; um des neuen Glaubens Willen entſagte ich der Brüderſchaft der Be⸗ nedictiner, verließ Stockholm und bewahrte * 76 auch dieß Opferlamm in meinen Armen, vor den aufgedrungenen Feſſeln eines Kloſtereides, gab ſie dem Leben und der Liebe wieder, in⸗ dem ich ſie feierlich verband m mit Tyſte, den ich anerkannt als meinen Sohn.— Vor Gott liegt meine Seele offen, täglich wende ich mich zu ihm im brünſtigen Gebete ohne Furcht und Zagen; warum ſollte ich vor Menſchen zit⸗ tern?— Nur meinen Leib könnt Ihr verder⸗ ben, durch ungerechtes Urtheil nur mein ir⸗ diſch Leben vernichten, mein Geiſt gehört vor Gottes Nichterſtuhl und mir bangt nicht, im nächſten Augenblicke ſchon vor meinen Herrn und Schöpfer hinzutreten. Jetzt richtet uns; doch denkt daran: wir treffen droben einſt vielleicht z zuſammen, und vor des Weltenrich⸗ ters Schranken, wird man unſer Blut von Euch dann fordern.“ Ein drohendes Gemurmel lief durch den Kreis der Mönche, die wüthende Blicke auf den kühnen Sprecher ſchoſſen, und nachdem der Benedictiner⸗Prior Ruhe geboten, ſprach er kalt und höhniſch:„Wozu bedürfte es noch der vielen Worte?— Er hat ſo eben ſelbſt — 77 im prahleriſchen Uebermuthe bekannt, was er verbrochen und zehnfacher Tod wiegt ſeine Schuld nicht auf. Laſtet doch allbereits der Bannfluch der Kirche auf Euern Häuptern,“ wendete er ſich dann zu den Gefangenen;„des⸗ halb bedarf es nicht der fernern Unterſuchung Eurer Frevel. So wie Tyſte, Euer Schand⸗ genoſſe, bereits den Tod, als gerechten Lohn, in Weſteräs durch unſre Hand empfing, ſo werde auch Euch was Euch gebührt zu Theil. — Sprecht ihr Urtheil, hochwuͤrd'ge Herrn, damit wirs's bald vollziehen!“ ſprach er dann zu den um ihn ſitzenden Prieſtern und ſchien es nicht zu bemerken, daß Cecilie ohnmäch⸗ tig neben Siggeſon zu Boden geſunken war. Erſt als der Schreckensruf aus den rauhen Kehlen der Mönche ertönte:„ſie ſind zum Feuertode verdammt!“ da erwachte ſie zum Leben wieder; und als nun der Stab über ſie gebrochen wurde, als nun das gräßliche Ze⸗ tergeſchrei das Gemach erfüllte und die Blut⸗ richter ihre Seſſel umſtürzten, da ſank ſie wie begeiſtert an ihres väterlichen Freundes Bruſt und mit leuchtenden Blicken flüſterte ſie ihm V V 78 die Worte zu:„mit Entzücken ergreife ich des Todes kalte Hand; er führt mich ja zu ihm, der droben meiner ſehnlich wartet!“ Hochauf⸗ gerichtet, als ob der Gedanke, ihren Tyſte ſchon vorausgeeilt zu wiſſen ins Land der ewi⸗ gen Liebe, Seelen- und Körperkraft wieder zu neuer Thätigkeit in ihr aufgeregt hätte, verließ ſie an Siggeſons Seite mit feſten Schritten das Gemach und in ſtiller Ergeben⸗ heit, erfüllt von den ſüßeſten Hoffnungen ei⸗ nes ſeligen Wiederſehens jenſeits, betrat ſie ihren dumpfen Kerker und die Schrecken des nahen grauenvollen Todes zogen nur zuwei⸗ len wie ferne Nebelwolken an ihren heitern Blicken vorüber. Es war beinahe Mitternacht geworden und der Nordſturm braußte im Föhrenwalde, und kreiſchend dreheten ſich die Wetterfahnen der Kloſterthürme in ihren Angeln. Die reiſigen Knechte, welche rings um das Kloſter als Wachten aufgeſtellt waren, hatten ſich dicht an die Mauer gedrängt und obgleich ſie feſt ſich in ihre Mäntel gewickelt, ſchien doch der Froſt ihre Glieder erſtarrt zu haben. Es war eine 79 jener verderblichen Eiſennächte(jernätter in Schweden genannt), wie ſie in einem Land⸗ ſtriche, welcher den hohen Bergen von Herje⸗ dalen und den norwegiſchen Fjällen ſo nahe liegt und von ſo vielen ungelichteten und un⸗ abgedeichten Sümpfen durchſchnitten und um⸗ geben iſt, aber nicht ſelten in der Mitte des Sommers eintreten und die ganze Hoffnung des Landmanns vernichten. Die beiden Knech⸗ te, welche zunächſt an der hohen Kloſterpforte Wacht hielten, ſuchten ſich zu erwärmen, in⸗ dem ſie in immerwährender Bewegung die Arme heftig in einander ſchlugen und mit den Füßen gegen den Boden ſtampften, während die fun⸗ kelnden Reifperlen in ihrem Barte und Haupt⸗ haare zu einer ſtarren Eismaſſe zuſammenge⸗ froren. „Könnten hier ſchon was brauchen von dem Ketzerfeuer, das morgen den beiden ar⸗ men Sündern die Seelen ausbrennen ſoll,“ begann der Eine, ſich die verklommenen Hän⸗ de reibend.—„S wird morgen ein bitterkal⸗ ter Tag, denk' ich, drum haben auch die from⸗ —C—ℳ⏑——-—— S 2 80 men Herrn, wahrſcheinlich aus Erbarmen, ſolch' heißen Tod erwählt für die Lutheriſchen Ketzer.“ „Wie magſt Du doch ſo ſündlich ſcherzen, Ryning!“ entgegnete der Andere indem er tief aufſeufzte.—„Ketzer ſind auch Menſchen und Feuertod iſt gar entſetzlich. Freilich mag der Geächtete wohl beſſer beſtehen mit dem Schwerte als mit ſeinem Glauben; denn er wehrte ſich wacker gegen uns, auch iſt ſein Geſicht das Schlechteſte nicht, was ich in mei⸗ nem Leben geſehen. Das junge Weibchen nun vollends— wenn ich an die denke, daß ſie morgen brennen ſoll, wie eine alte rothäugige Here— da geht mir's Herz über und lieber möchte ich zehn ſolche Nächte wie heute hier Wache halten, hätte ich nicht mitziehen müſſen nach Ingialds Höhle, und ihre zarten, ſchneeweißen Arme mit Stricken binden.“ „Du magſt wohl recht haben, Einar;“ erwiederte Jener.„Unſereins hat oft ein wei⸗ cheres Herz, als ſo'n Pfaffe. Meinetwegen möchten die armen Ketzer leben und glauben was ſie wollten; thun ſie uns doch nichts zu — 84 Beide. Die Mönche aber und ihre Helfers⸗ helfer, das ſind die Peiniger, die uns hin und herhetzen wie die Hunde; und wir dummen Teufel wiſſen nicht einmal warum?— Sie meinen, der Dal⸗Junkker ſoll König werden — hm! wenn er den ſchleichenden Pfaffen, den Gryns, zum Reichskanzler macht, dann giebts noch ſchlechtere Zeiten, als eben jetzt, denk ich. Der Guſtav hat wohl ſo unrecht nicht, daß er den Biſchöffen die Flügel be⸗ ſchneidet, die Mönche aus den faulen Neſtern jagt und ihre Schätze fürs Land verwendet. Beim Sct. Erich! ich bin dem Guſtav des⸗ wegen gar nicht gram und unter uns, ich möchte lieber unter ſeinen Söldnern dienen, als eines Raubritters Knecht ſeyn, und mich zum Kloſterwächter brauchen laſſen.“ .„Du ſprichſt mir aus der Seele, Ry⸗ ning,“ ſprach Einar haſtig und ſchüttelte ihm die rauhe Hand.—„Denk' nur nach, was wir erduldet im Dienſte des Ritters Pehrſon, und wie ſein rothköpſiger Bube, der Lars, uns gepeinigt. Nun, ich meine, dem feigen Jungen werden jetzt alle ſeine r Thl. 6 82 Sunden einfallen im dunkeln Verließe; man weiß noch nicht was mit ihm wird. Seit der Sigurd wieder eingezogen in die Burg, will der Alte nichts mehr hören von ſeinem ehe⸗ maligen Lieblinge und der Daljunker war ihm nimmer grün. Bei allen Heiligen!'s iſt ein Teufelsdienſt auf der Skadaborg und das tolle Weſen dort bringt nimmer Segen; ich glaube drüben auf dem Jötniſteen giebt's luſtigere Tage. Iſt Dir's Ernſt, Ryning?“ „Schweig!“ unterbrach ihn Jener plötzlich und richtete ſein Haupt, weit vorgebeugt, wie lauſchend, nach einem engen Waldpfade, wel⸗ cher gerade auf die große Kloſterpforte zu⸗ führte.„Hörſt Du nichts?“ fuhr er nach ei⸗ ner Pauſe leiſer fort—„es kommt näher. Wie ſchwere Schritte klingt's im hartgefrore⸗ nen Graſe; gieb Acht und laß das Plaudern jetzt!“ Sie traten unter den hohen Bogen der großen Pforte und den Spieß mit beiden Hän⸗ den faſſend, ſchienen ſie bereit, gegen feindli⸗ chen Ueberfall den Eingang zu ſchützen. Doch bald lehnten ſie die Speere wieder läſſiger an 83³ ihre Schultern und ſchlugen ihre erſtarrten Fäuſte zuſammen, als ſie nur einen einzelnen Wanderer näher ſchreiten ſahen, der rüſtig in der nächtlichen Dunkelheit ſeinen Weg ver⸗ folgte, gerade aufs Kloſter zueilend. Jetzt ſtand er plötzlich vor ihnen; eine hohe kräftige Geſtalt, gehuͤllt in einen hellfarbigen Mantel, unter welchem er, wohlverborgen, eine ſchwere Bürde zu tragen ſchien. Bei ſeinem Anblicke aber, erſtarb den mißmuthigen Wachten der übliche Anruf auf der Zunge; denn ſie konn⸗ ten nicht zweifeln, daß es der gefuͤrchtete Greis, Ingiald, ſey, der jetzt mit leiſer Stimme, faſt bittend, Einlaß in's Kloſter be⸗ gehrte. „Es ſteht nicht in unſrer Macht Deinen Wunſch zu erfüllen;“ nahm endlich, Muth faſſend, Ryning das Wort.„Die Pforten ſind feſt verſchloſſen und werden erſt mit Ta⸗ gesanbruch geöffnet, wenn man uns ablöſt. Doch, ſo Du auf Deinen Willen beſtehſt, will ich den Pförtner wecken. Er hat die Schluſ⸗ ſel und mag thun, was er verantworten kann.“ 4 3 6*K 84 „Verſieht Frater Anaſtaſius, der Pau⸗ linermönch dies Amt?“ fragte Ingiald ſchnell. „Er verſieht es, ſeit er mit ſeinem Prior und Mehrern ſeines aufgelöſten Ordens bei den Franziskanern Zuflucht ſuchte;“ wurde ihm zur Antwort.— „So wecke ihn!“ entgegnete Ingiald, und Ryning ſtieg an der Pforte einige Stufen empor, welche zu einem Mauerthürmchen, der Wohnung des Pförtners führten. Hier zog er eine Glocke und nach kurzer Friſt ſchimmerte ein Licht im Thurmfenſterchen, und ein ehr⸗ würdiges, graues Haupt ſchaute heraus und eine tiefe Stimme fragte: was die nächtliche Störung bedeute? Ingiald ſtieg nun ſelbſt hinauf, und der Pförtner drängte bald die Worte des Stau⸗ nens zurück, die beim Anblicke des hohen Grei⸗ ſes auf ſeinen Lippen ſchwebten. Mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit hörte er jetzt auf deſſen leiſe, eifrige Rede, verſchwand nach kurzem Bedenken vom Fenſter und die Knechte hörten ſeine ſchleichenden Schritte im Zwinger. Sie 85⁵ vernahmen, wie er, ſo geräuſchlos als mög⸗ lich, die ſchweren Riegel und Schlöſſer der Pforte öffnete; ſie ſahen wie Ingiald hin⸗ einſchlüpfte, und ſtarrten, nachdem dies Alles geſchehen war, einander noch lange unbeweg⸗ lich anz denn ſie konnten nicht einig werden mit ſich: ob ſie noch länger ſchweigen, oder Lärmen erheben und den räthſelhaften Vorfall dem Schirmvoigte anzeigen ſollten. Doch hielt ſie von dem Letztern eine unüberwindliche Scheu vor dem gefurchteten Greiſe zurück und Ry⸗ ning erwiederte endlich auf die vielfachen Be⸗ denklichkeiten ſeines Gefährten: ⸗ „Geſchehen iſt's nun einmal! Mag's der Pförtner verantworten, was kümmerts uns!“ Doch Einar entgegnete, in immer lie⸗ gender Bangigkeit; 1 „‚Der Pförtner iſt ein Pfaße, der lügt ſi 5 durch; und uns, die wir die Wache hatten am Thore, trifft das Wetter ganz allein. Beim Sct. Erich! mir iſt ſiedend heiß gewor⸗ den in der kalten Nacht.— Wenn nun der alte Hexenmeiſter die Gefangenen, die wir aus ſeiner Höhle entführten, aus dem Kloſter 86 holte, ohne daß wirs merkten, oder uns ein Blendwerk vorgaukelte; ſo ließen die geſtren⸗ gen Pfaffen uns morgen ohne Erbarmen im Ketzerfeuer braten.“ „Ei, ſo laß den Teufel hier die Wache halten!“ rief Ryning entſchloſſen.„Mir wird ſelbſt ganz unheimlich; ich laſſe den ver⸗ dammten Poſten hier im Stiche.— Komm mit, wir laufen hinüber nach dem Jötniſteen; der Landeshauptmann nimmt uns gern auf unter ſeine Knechte, wenn wir dem König Guſtav Treue ſchwören.“ Dies war Einars heimlicher Wunſch ſchon längſt geweſen und ſo offen ausgeſprochen, dazu aufgefordert von ſeinem Kameraden, konn⸗ te er nicht widerſtehen dieſem Folge zu leiſten, und eilig ſprangen Beide in den Wald und ſchritten rüſtig fort auf dem Pfade, welcher uach dem Jötniſteen führte. 87 5. Es mochte wohl ungefähr eine Stunde frü⸗ her ſeyn, als Ceciliens Kerkerthür ſich öff⸗ nete und Gryns zu ihr eintrat, mit betrüb⸗ ter, theilnehmender Miene ſich ihr langſam nähernd. Sie lag knieend am Boden, wie im brünſtigen Gebete; ihr Geiſt ſchien abwe⸗ ſend, in fernen Räumen frei und ſelig zu ſchwei⸗ fen, wo des Geliebten Bild ihr freundlich ent⸗ gegentrat, ſie ſanft umſchlingend, wie zu ewi⸗ ger Vereinigung. Da fuhr ſie erſchrocken em⸗ por; denn eine eiskalte Hand lag auf ihrer Schulter und als ſie um ſich blickte, grinſte ihr des verhaßten Pfaffen, zu widerlicher Freundlichkeit verzerrtes, Antlitz entgegen. 88 „So recht!“ begann er, nach einer lan⸗ gen Pauſe, in welcher er gierig ſeine ſtechen⸗ den Blicke umherſchweifen ließ auf den ſchö⸗ nen Formen des jungen Weibes.„So recht, mein frommes Kind! Der Herr iſt denen hold, die mit Inbrunſt zu ihm beten, und wie ein guter Vater ſeine Kinder, richtet er voll Liebe die Gefallenen auf und leitet ſie an ſeiner Hand zum Ziele. Ich bin ein ſchwaches Werk⸗ zeug Gottes; doch fühle ich mich hochgewür⸗ digt durch ſeine Gnade, mit der er mir ver⸗ gönnte das zarte Flämmlein Deines mir ſo theuern Lebens zu bewahren, auf daß es mor⸗ gen nicht erſtickt werde vom aual volkei Feuer des Todes.“ Eine ſanfte Röthe trat auf Ceciliens Wangen, während er dieſe Worte ſprach. Sie ſchien in tiefes Sinnen zu verſinken, und erſt nach langer Pauſe entgegnete ſie faſt gleich⸗ gültig: „ Verſtand ich Deine Worte recht, ſo fühl⸗ ten jene Blutrichter, die mich und meinen vä⸗ terlichen Freund zum Feuertode verdammten, ihr himmelſchreiend Unrecht früh genug. Sie 89 heben ihr Urtheil auf? ſie wollen uns frei zie⸗ hen laſſen, aus unſern Kerkern?“ „Halt ein! Du irrſt!“ verſetzte Gryns kächelnd.„Nicht Deine Richter, ich allein bins, der Dir heimlich Rettung bietet; weil mich Deine ſeltenen Reize rührten, weil mein Herz Dir längſt ſchon zugethan, weil ich Al⸗ les wage, einen Preis mir zu erringen, der das ſchönſte Ziel mir ſcheint, was ich errin⸗ gen kann im Leben. Du ſollſt leben,“ fuhr er ſchnell und dringend fort,„Du ſollſt frei ſeyn! Mit Reichthum will ich Dich umgeben, Ruhm und Ehre Dir erringen; zu Deinem Glauben will ich übertreten, wenn Du willſt mein ſeyn, mein, zu dieſer Stunde.*† Ein flammender Blick der Verachtung traf den Pfaffen, und ſtolz ſich erhebend, wendete ſie ſich mit der Geberde des tiefſten Abſcheu's von ihm, indem ſie kalt erwiederte: „Elender, geh! Du haſt Dich arg betro⸗ gen, wenn Du auf Weiberſchwäche Deinen ſchändlichen Antrag bauteſt. Wiſſe: fürchter⸗ licher als der Flammentod wäre mir ein Le⸗ ben in Deiner Nähe! Dein Athem würde gif⸗ 90 — tiger mich verletzen als der erſtickende Rauch des Scheiterhaufens, Dein falſcher, ſtechender Blick mich qualvoller verwunden, als die lek⸗ kende Flamnne und ſchrecklicher mir Dein Lie⸗ besgirren in die Ohren gellen, als das Praſ⸗ ſeln des Feuers, das meinen Leib verzehren ſoll. Wiſſe, Schändlicher, daß ich in jenem Augenblicke, wo ich meines Gatten Tod ver⸗ nahm, mich ſchon als Sterbende betrachtete; daß ich mit uͤberſchwenglicher Sehnſucht der letzten Stunde meines Lebens entgegenſahe, mein Geiſt ſchon droben ſchwebte im ew'gen Friedenslande, wo mein geliebter Tyſte mei⸗ ner harrt. Hätten Deine Mordgenoſſen mich offen frei gegeben, aus Erkenntniß ihres Un⸗ rechts, ſo hätte ich leben müſſen. Meines al⸗ ten Vaters Verzeihung zu erflehen, hätte ich als heilige Pflicht mir auferlegt, und hätt' ich ſie erlangt, wär' im Berufe ſeines Lebens we⸗ nige Tage ihm freundlich zu erhellen, die ge⸗ trübte Flamme meines Daſeyns mir erloſchen. Doch um ſolchen Schandpreis leben, ein ehr⸗ los Werkzeug Deiner niedrigen Geluͤſte— 91 das wäre langſamer, tauſendfacher Qualen⸗ tod.“ Die ſcheinheilige Miene des Pfaffen hatte ſich während ihrer Rede auffallend verändert. Sein rollendes Auge funkelte, ſein Haar ſträubte ſich empor, ſeine Glieder zuckten in furchtba⸗ rer Wuth, deren Ausbruch er nicht in Wor⸗ ten, ſondern in einem gellenden Gelächter kund gab. So wenig er in ſeiner Eitelkeit ein Scheitern ſeines verſteckten Planes für möglich gehalten, um ſo heftiger war jetzt ſein Zorn, als er die männliche Standhaftigkeit, die tiefe Verachtung Ceciliens erfahren mußte. Schnell, wie ſie ſich entzündet, war ſeine wilde Leiden⸗ ſchaft erloſchen und die glühendſte Rachſucht bemächtigte ſich ſeines verdorbenen Herzens, In der feſten Ueberzeugung hatte er das rei⸗ zende Weib in die Hände der blutgierigen Pfaffen geliefert, daß die Schrecken des Todes, mächtiger als alle Ueberredungskünſte, ſie als willenloſes Opfer in ſeine Arme werfen wür⸗ den; ſchwach und leidend, wie er ſie ſtets ge⸗ funden, hatte er den letzten Funken Muth durch das grauenvolle Urtheil in ihr zu erſticken ge⸗ 92* gkaubt, und der Augenblick, wo er als ein willkommener Retter ihr zu erſcheinen hoffte, follte alle ſeine brennenden Wünſche krönen. Beſchämt ſtand er, betrogen in ſeinen eiteln, thörichten Erwartungen; das Gefuͤhl der auf⸗ lodernden Rache beſchäftigte alle ſeine Gedan⸗ ken und in ſeiner Wuth beſchloß er die, zu deren Rettung er bereits ſchon Alles vorbe⸗ reitet, jetzt mit teufliſcher Freude dem ſchreck⸗ lichen Schickſale zu überlaſſen, welches die geiſtlichen Richter uͤber ſie verhängt hatten. Einzelne Worte des höchſten Zorns, dran⸗ gen, ſein Hohngelächter unterbrechend, zuwei⸗ len über ſeine ſchäumenden Lippen, und erſt nach Verlauf von mehrern Minuten vermochte er es, in zuſammenhängender Rede ihr zuzu⸗ rufen:. 8 „Wenn Du alſo mein Mitleid, meine Liebe von Dir wirfſt, wirſt Du doch eine Wolluſt mir nicht rauben können— die Luſt an Dei⸗ nen Qualen. Mit eignen Händen will ich Deinen Scheiterhaufen langfam ſchüren, daß die Flamme Dich nicht vor der Zeit erſticke. Der ungeheure Schmerz ſoll jedes Deiner Glie⸗ 93 der nach und nach ertödten, und wenn Dein verzweiflungsvolles Wehgeheul die Luft durch⸗ dringt; dann ſinge ich Dir als Sterbelied den Fluch Deines alten Vaters vor, den er Dir nachgedonnert in jener Nacht, da Du mit Deinem Buhlen aus dem Kloſter flohſt. Auf dem Richtplatze ſoll der erſte Morgenſtrahl mich ſchon geſchäftig finden. Ruhe ſanft, mein ſprödes Täubchen, ruhe ſanft! der Henker ſoll Dich zeitig wecken, ſorge nicht!“ Die ſchwere Thür hinter ſich heftig ins Schloß werfend, die eiſernen Riegel ſorgſam vorſchiebend, verließ er den Kerker. Cecilie blieb allein zurück. Der männ⸗ liche Muth, der ſie aufrecht erhalten in den letzten Stunden ihres Daſeyns, ſchien gebro⸗ chen und ein unnennbares Grauen hatte ſich ihrer Seele bemächtigt. Nicht die Drohun⸗ gen des Elenden hatten ſie zu erſchüttern ver⸗ mocht; aber der Vaterfluch, deſſen er gedach⸗ te, ſchien ihr jetzt laut und immer lauter zu ertönen durch die Nacht ihres Kerkers und der Gedanke: ihren greiſen Vater, ob er auch hart mit ihr verfahren, unkindlich verlaſſen zu 94 haben, drückte ſie jetzt, mit noch nie empfun⸗ dener Schwere zu Boden; da mit dem nahen Lebensziele ihr auch die Hoffnung ſchwand, ihn ſich zu verſöhnen. In gänzlicher Abſpan⸗ nung des Geiſtes, floh' ihr die Nacht dahin, und erſt als ſern der Tag zu grauen begann, mühete ſie ſich, im eifrigen Gebete, die verlo⸗ rene Faſſung wieder zu erringen. Wie an einem kalten Wintertage, drängte ſich am andern Morgen die Sonne bleich her⸗ vor, durch das wallende Nebelmeer in Oſten, und gebeugt und tiefbekümmert um die nächſte Zukunft ſtand der Landmann. Sein truͤber Blick ſtreifte über die verheerten Felder; denn die ſtrenge Eiſennacht hatte faſt ſeine ganze Erndte vernichtet. Fröhlichen Muthes aber, trieben ſich die Mönche, die nicht ſäeten und doch erndteten, in den Kloſtergehöften umher; denn ſie gedachten dem Volke ein ſchreckendes Beiſpiel zu geben; wie ſie ſelbſt im Zuſtande harter Bedrückung, ihre ehemalige Macht und Gewalt noch zu üben wüßten, durch die Voll⸗ ſtreckung jenes Urtheils an Sig geſon und Cecilien. —— — 95 Nicht weit vom Kloſter entfernt, in einem ziemlich waldfreien Thale, von wo aus man zur Rechten den Jötniſteen, zur Linken die Skadaborg erblicken konnte, waren zwei Schei⸗ terhaufen aufgerichtet und aus der Umgegend ſtrömte eine große Menge Volks zuſammen, dem grauenvollen Schauſpiele beizuwohnen. Die Empfindungen der Anweſenden waren ver⸗ ſchieden. Mitleid regte ſich in mancher Bruſt und hier und da drangen leiſe Gebete für die Seelen der Todesopfer zum Himmel empor, während Andere gefühllos die Ketzer zum Ab⸗ grunde der Hölle verdammten und Fluͤche und Verwünſchungen auf ihre Namen häuften. Gryns eilte geſchäftig, gleich einem Hen⸗ kersknechte, von einem Holzſtoße zum Andern, verrieth in allen Anordnungen der Schreckens⸗ ceremonie, den lebhafteſten Haß gegen die Verurtheilten und ſein rachedürſtender Blick ſchweifte oft, unruhig ſpähend, den Pfad ent⸗ lang, welchen die Verurtheilten zuruͤcklegen mußten, ehe ſie den Richtplatz erreichten. Indeſſen hatten ſich ſämmtliche vertriebene Kloſterobere, welche eine Zuflucht bei den Fran⸗ 96 ziskanern gefunden und ſich das Richteramt über die Unglücklichen angemaßt hatten, in demſelben Zimmer verſammelt, in welchem ſie das Bluturtheil geſprvchen. Doch war ihre Zuſammenkunft heute ganz anderer Art, und contraſtirte widerwärtig mit jenem ernſten Ge⸗ ſchäfte, dem ſie geſtern obgelegen in demſelbeit Thurme. Die ſchwarzen Behänge der Wände waren verſchwunden; die Fenſter, welche zum Theil die Ausſicht nach dem Richtplatze boten, waren weit geöffnet, und die Tafel, welche geſtern mit den Symbolen des Todes und Marterwerkzeugen aller Art bedeckt geweſen, war heute uͤberfüllt mit Weinkrügen und leckerem Imbiß. So gedachten die Häupter der ver⸗ ſprengten, geiſtlichen Heerden, hier beim ſchwel⸗ geriſchen Mahle, ſich zurückzuträumen in die Zeiten ihrer vorigen Macht und ihres Ueber⸗ fluſſes, und beim Anblicke der Vollſtreckung ih⸗ res Richterſpruches, die Hoffnung auf künftige Erringung ihrer ehemaligen Gewalt wieder zu beleben. Der Prior des Benedictinerkloſters zu Stockholm und der Prior des Pauliner⸗ kloſters in Weſtgothland— derſelbe, welcher 97 die unglücklichen Söhne Ingialds zu ſeinen Betrügereien gemißbraucht hatte,— ſaßen in brüderlicher Eintracht beiſammen, leerten wohl⸗ behaglich die vollen Becher und verhießen ih⸗ ren, mit gleicher Luſt zechenden, Bruͤdern die Wiederkehr einer goldenen Zeit. Ein lauter Jubel belebte bald den Kreis der ſchwelgen⸗ den Mönche und als man das Todtenglöck⸗ lein zu läuten begann, und die Bußpſalmen im Kloſterhofe ertönten, die beiden zum Tode Verdammten aus ihren Kerkern geführt, zum letzten Male das Licht des Tages begrüßten, die ſehnenden Blicke zum Himmel gerichtet; da brach die zechende, geiſtliche Schaar dro⸗ ben im öſtlichen T hurme in noch wilderes Jauchzen aus. Alle drängten ſich nach den weitgeöffneten Fenſtern, und wie Teufelslar⸗ ven ſchaueten die gluͤhend rothen Geſichter höhnend den Unglücklichen nach auf ihrem letz⸗ ten Gange. Siggeſon und Cecilie wandelten feſten Schrittes neben einander dem Richtplatze zu. Die Ermahnungen der Pfaffen, die ſich eifrig an ſie drungken, mit der 2 Aufforderung Sr k Ehl. 7 98 ihren Ketzerglauben zu verfluchen und ſich vor ihrem Tode noch zu bekehren zur alleinſelig⸗ machenden Kirche, flohen unbeachtet, wie das Geſchwirre läſtiger Stechfliegen, an ihren Oh⸗ ren vorüber; denn die gegenſeitigen Ergießun⸗ gen ihrer Herzen waren hinlänglich, ihren Seelen Muth und Troſt zu gewähren. Mit ſeltener Faſſung hatten ſie die Stätte des To⸗ des erreicht, und als ſie nun die Holzſtöße erblickten, dicht umringt von der ungeheuern, gaffenden Menge; als Gryns herbei eilte, mit höhniſchem Grinſen ſie begrüßend und den Henkersknechten befahl, ihnen die Hände auf den Rücken zu binden: da richteten Beide zu⸗ gleich ruhig ihre Augen zum Himmel und wie aus einem Munde drangen ihre Worte empor: „Gott! Vater! Vergieb unſern Feinden! Nimm unſre Seelen gnädig auf!“ Schon ſahen ſie ſich ergriffen, hinaufge⸗ ſchleppt über die Stufen der Scheiterhaufen, und die rohen Mordknechte knüpften ſchon die Stricke von den Gürteln los, mit welchen ſie die Todesopfer an die hohen Pfähle zu bin⸗ den dachten. Schon hatten die Mönche, un⸗ * 99 ter unaufhörlichem Bußgeplärr, den erſten Kreis geſchloſſen um die Holzſtöße; da theil⸗ ten ſich plötzlich von der Seite des Kloſters her die dichtgedrängten Reihen der Zuſchauer und ein hoher Mann arbeitete ſich kräftig durch die Menge, dem Alle, ſobald ſie ihn erblickten, ſcheu und furchtſam auszuweichen ſuchten; und flüſternd gings von Mund zu Munde:„gebt Raum! Ingiald, der Herr der Berge kommt!“ Eine ſeltſame, ſonſt nie an ihm bemerkbare Unruhe, ſprach ſich heute deutlich aus in den ſonſt ſo ſtarren Zügen des Greiſes. Haſtig drängte er die Mönche zuruͤck und ſchritt eilig auf Gryns zu, der ihm den Rücken kehrend und ſein Erſcheinen nicht bemerkend, den Knech⸗ ten droben zurief: ohne Erbarmen, die Ketzer mit dreifachen Seilen feſt zu ſchnüren an die Pfähle. Doch plötzlich wie vom Blitz getrof⸗ fen, bebte er zuſammen, als er ſich erfaßt ſahe von ſtarker Fauſt, und raſch um ſich blik⸗ kend, in Ingialds zürnendes Antlitz ſchauete. „Halt ein, ſchändlicher Bube!“ rief ihm dieſer mit ſchrecklicher Stimme zu.—„Die ich gaſtfreundlich in meine Höhle geführt, haſt 7* 100 Du zur Nachtzeit diebiſch mir entriſſen! Gieb mir die Meinen wieder, frei und unverletzt, ſonſt— bei dem Herrn des Himmels—“ Die erhobene Fauſt des Greiſes bekräftigte den fuͤrchterlichen Ernſt ſeiner Drohung, und die Gefahr erkennend in welcher er ſchwebte, ſtand Gryns mehrere Augenblicke lang unbe⸗ weglich, nur ſein rollendes Auge blitzte rings umher im Kreiſe der lautloſen Menge. Doch plötzlich, mit kräftig gewandter Bewegung, riß er ſich los von dem Zürnenden, daß in deſſen Hand ein Stück ſeines Obergewandes zurückbliebz mit zwei Sprüngen ſtand er im dichten Haufen der Mönche und Soldkrechte, und ſeinem lauten Hülferufe gelang es die Erſtarrung der Zuſchauer zu löſen. Wie ein wogendes Meer drängte ſich die Menge durch⸗ einander und ein lautes Murren, wie fernes Sturmgeheul, drang durch die Lüfte. Der Greis hatte einen geweihten Prieſter angeta⸗ ſtet, den mächtigen Vertrauten des Daljun⸗ kers, von dem das Volk ſein Heil erwartete und dem gefuͤrchteten Ingiald, dem der Ein⸗ zelne, wenn er mit ihm zuſammen traf, ſcheue 10¹ Demuth bezeigte, glaubte die geſammte, to⸗ bende Maſſe kühn entgegentreten zu dürfen, da er ihnen jetzt ein Schauſpiel rauben wollte, welches Viele der rohen Männer mit heimli⸗ cher Freude erſehnt hatten. Mehrere Haufen drängten ſich trotzig um die Holzſtöße zuſam⸗ men, und über mehreren Häuptern ſah man drohende Waffen blinken. Andere verhielten ſich ſtill auf ihren Plätzen, erwartungsvoll und nicht ohne Theilnahme nach den Verur⸗ theilten blickend, welche bereits ſchon feſt ge⸗ bunden waren an die hohen Pfähle. Ingiald aber ſtand ruhig zwiſchen den beiden Schei⸗ terhaufen und ſeine drohenden Blicke ſchienen die Henkersknechte zu feſſeln, welche mit bren⸗ nenden Fackeln ſich bereit hielten, die letzte Hand an ihr Mordwerk zu legen. Da rief Gryns aus einem dichten Hau⸗ fen gewaffneter Männer ihnen zu:„Was zau⸗ dert ihr, läſſige Buben? Zuͤndet an und rührt der tolle Alte ſich, ſo werft ihn mit in die Flammen; er hat den Ketzertod ſchon längſt verdient!“ In furchtbarer Spanuung ſtand Ingiald; 102 die Farbe ſeines Geſichts wechſelte bald tod⸗ tenbleich, bald glühend roth, ſein weißes Haar ſträubte ſich empor auf ſeinem Haupte und ein kreiſchendes„Halt ein!“ drang über ſne Lippen. Noch zögerten die Henkersknechte. Sigge⸗ ſon und Cecilie ſchienen alle ihre Gedanken zu Gott gerichtet zu haben und wie ſchon dem Irdiſchen entrückt, nichts mehr zu bemerken von Allem was um ſie vorging. Ein großer Theil des Volkes murrte laut über die Verzögerung der Urtheilsvollſtreckung; wenige Andere aber äußerten kühn ihre Theilnahme für die Un⸗ glücklichen und drängten ſich näher zu den Scheiterhaufen. Da erhob Gryns ſeine Stim⸗ me auf's Neue, und rief einer Rotte Bauern zu, die ihn ſchuͤtzend umgab: „Reißt die feigen Schurken herunter! Der alte Hexenmeiſter hat ſie gebannt!— Gebt mir die Fackeln her, ich ſelbſt will das Ketzer⸗ feuer zünden zu Gottes Ehre!“ „Halt ein!“ ſchrie Ingiald wieder, im Tone der höchſten Verzweiflungsangſt und warf ſich dem Pfaffen entgegen, der mit einem 103 Schwarme gewaffneter Männer heranſtürmte. „Halt ein, Niederträchtiger! und läſtre nicht den Namen des Gewaltigen.— Nicht hier wir der Ge⸗ richt halten, nicht die Unſchuld wird die Flam⸗ me des Todes verzehren; dort über Eurem Klo⸗ ſter zieht die Wetterwolke drohend hin. Gottes Gericht nah't! der ſtrafende Blitz wird die ſchuldigen Häupter treffen! werft euch in den Staub— betet— betet! der Donner des All⸗ mächtigen wird euch Buße lehren!“ Hochaufgerichtet ſtand er, ſeine ſtarren Au⸗ gen, wie in der tödtlichſten Erwartungsqual, nach dem Kloſter gerichtet, und Todtenſtille herrſchte jetzt im weiten Kreiſe. Die Worte des Alten, die wie im prophetiſchen Geiſte geſprochen, ſchauerlich das Toben der dro⸗ henden Menge übertäubten, hatte jede Zunge, jeden Arm gelähmt, und die Blicke Aller wa⸗ ren, wie durch Zauberei gefeſſelt, nach dem Kloſter gerichtet. Nur bange Athemzuͤge wur⸗ den hörbar in der ängſtlichen, minutenlangen Pauſe; ſelbſt Gryns ſtand unbeweglich und leiſe erzitterten ſeine Glieder. Drüben aber ſchien eine ſchwarze Wolke, gleich einem Lei⸗ 104 ——— chentuche, ſich herabzuſenken auf das alter⸗ thümliche Gottesgebäude; da zuckte es plötzlich auf, wie ein mächtiger Blitz— ein Zweiter— Dritter folgte augenblicklich, von dumpfem Knalle begleitet. Zwei Thürme ſtürzten jähe zuſammen, wie durch ein Erdbeben⸗ erſchüttert, und lodernde Flammen zuckten überall hervor aus Fenſtern und Daͤchern. Fern her ſchallte ein vielſtimmiger kurzer Schrei des Entſetzens und„Wehe! Wehe!“ kreiſchte die Menge auf dem Richtplatze; und ihre Blicke nicht abwen⸗ dend von dem ſchrecklichen Schauſpiele, ſan⸗ ken Alle nieder in den Staub, ihre Bruſt mit Fäuſten ſchlagend wie Büßende, und hier und da rief eine zagende Stimme:„Gottes Ge⸗ richt!” Haht u 526199 „ Die Schuldigen ſind gerichtet, Ihr ſeyd frei!“ rief Ingiald den Verurtheilten zu, indem er die Scheiterhaufen raſch erſteigend, ungehindert, mit ſcharfem Meſſer ihre Ban⸗ den zerſchnitt.„Folgt mir getroſt! Gott war mit Euch, er wird Euch ferner ſchüͤtzen!“ Und raſch zog er ſie mit ſich fort, ohne daß von dem Volke, welches die Holzſtöße im Rücken, 105 nur Augen hatte für den fürchterlichen, uner⸗ klärlichen Kloſterbrand, ſein Treiben beachtet worden wäre und nach kurzer Zeit ſchon hatte er ſeine Schützlinge ſicher geborgen hinter den hohen Mauern des Jötniſteens. l Die Pulverminen, welche Sonnon in vergangener Nacht an drei verſchiedenen Stel⸗ len im Kloſter gelegt, hatten im entſcheidenden Augenblicke ihre fürchterliche Wirkung nicht verſagt. Der öſtliche Thurm, deſſen oberes Gemach den ſchwelgenden Kloſterherren die Ausſicht nach dem Richtplatze gewährte, ſtürzte gerade in dem Augenblicke zuſammen, da der wilde Jubel der Mönche aufs Höchſte geſtie⸗ gen war. Das Krachen der berſtenden Mauern lähmte plötzlich die lallenden Zungen, und un⸗ ter Schutt und Trümmern fanden die Be⸗ rauſchten ihr Grab; denn auch nicht Einer der droben verſammelten Prieſter entging dem Feuertode, den ſie in derſelben Stunde mit kaltem Herzen, die unſchuldigen Opfer ihrer Rachewuth entgegenſchreiten ſahen. In weni⸗ gen Stunden hatten die gierigen Flammen das ganze Kloſter in einen rauchenden Aſchen⸗ 106 haufen verwandelt und die verſtümmelten, halb verbrannten Leichname der dort zurückgeblie⸗ benen Mönche, welche hier und da zerſtreut gefunden wurden, gewährten einen gräßlichen Anblick. Die Landleute flohen ſcheu und angſt⸗ beklommen die Stätte des Schreckens, wun⸗ derten ſich nicht, als ſie endlich das Verſchwin⸗ den der Verurtheilten bemerkten; denn ſie glaubten jetzt feſt, daß Gott ſelbſt ſie geret⸗ tet, ihrer Unſchuld ſich erbarmend und ſeine ſtrafende Hand die geiſtlichen Richter ſichtbar⸗ lich getroffen. Der Paulinermönch Anaſta⸗ ſius nur allein war unverletzt geblieben und man ſahe ihn am Abende deſſelben Tages durch Iſala wandern, ſich nach den Gebirgen wen⸗ dend, wo er einen Pfad einſchlug nach jener Richtung zu, in welcher die vier Felsmauern ſtanden, die ſich emporthüͤrmten über In⸗ gialds Höhle. a — 107 6. In den nächſten Tagen begann der Dal⸗ Junker ſeine Ruͤſtungen aufs Neue, und zwar mit einer Eile, welche verrieth, daß er einen harten Widerſtand befürchten müſſe. Wirklich hatten ihm ſeine Kundſchafter, welche Dalecarlien und die nächſtgelegenen Provin⸗ zen durchſtreiften, die Nachricht gebracht: daß unter Anführung des Reichsmarſchalls Bryn⸗ teſon eine nicht unbedeutende Anzahl könig⸗ licher Truppen im Anmarſche ſey. Die Wahr⸗ heit dieſer Ausſage beſtätigte ſich bald. Denn jener Reichsrath erſchien wirklich an der Spitze von zweitauſend Söldnern in den Thälern und rückte in Eilmärſchen gegen Iſala vor, 1083 welches damals als Hauptquartier und Sam⸗ melplatz der Rebellen betrachtet wurde. Er verſammelte das Volk in allen Kirchſpielen, welche er durchzog, nannte den ſogenannten Dal⸗Junker einen Betrüger und verlas überall öffentlich jenen Brief, welchen er von Chriſtinen, der Gattin Johann Thure⸗ ſons empfangen hatte, worin ſie erklärte: daß ſie den Rebellenführer nicht für ihren Sohn kenne, der ſich des Namens der Sture un⸗ gerechterweiſe angemaßt. Dieſer Brief ſetzte die Bauern in große Verwirrung und ihr Glaube an ihren Führer begann zu wanken. Sie traten berathſchlagend zuſammen, ſende⸗ ten einige Abgeordnete nach der Skadaborg und dieſe ſtellten keck den Dal⸗Junker zur Rede und forderten von ihm ſich zu verthei⸗ digen gegen die Beſchuldigung Chriſtinens und ſein Recht auf den von ihm bisher ge⸗ führten Namen zu beweiſen. Obgleich Jener ſeine Beſtuͤrzung über die an ihn gerichtete Forderung nicht verbergen konnte, ſo gewann er doch bald ſo viel Faſſung, daß er den Ab⸗ geordneten kuͤhn entgegen trat und ihnen, als 109 ob es ihm Ueberwindung koſte, eine ſo zarte Saite ſeines Herzens zu berühren, erklärte: ſeine Mutter ſchäme ſich ſeiner, weil er kurz vor ihrer Vermählung mit dem Reichsverwe⸗ ſer geboren, doch von dieſem ſtets als ſein rechtmäßiger Sohn und Erbe anerkannt wor⸗ den ſey.— Mit dieſem Vorgeben begnügten ſich die einfältigen Bauern, begaben ſich zu⸗ rück zu ihren Genoſſen, und die unruhigſten Köpfe unter dieſen erklärten laut: daß man nicht des Führers ächte oder unächte Geburt unterſuchen, ſondern vor Allen ihre Klagen gegen die Regierung Guſtavs erörtern muͤſſe. Die große Menge gab hierzu laut ihre Bei⸗ ſtimmung, und der Entſchluß, nicht eher die Waffen niederlegen zu wollen, bis der König ihre Forderungen bewilligt hätte, wurde durch zwei Abgeordnete aus ihrer Mitte, Ewert und Hanſon, dem Reichsrathe Bryn⸗ teſon kund gethan. Dabei wurden dieſem zugleich die Beſchwerden der Landleute in fol⸗ genden fünf Artikeln ſchriftlich eingehändigt, welche zum Theil laut genug bezeugten, in wie tiefer Unwiſſenheit die rebelliſchen Rotten 110 noch befangen waren und daß gröͤßtentheils nur dasIntereſſe der Geiſtlichkeit den Aufſtand erregt hatte. Erſtens forderten ſie: freien Ab⸗ zug für ihren Fuͤhrer und deſſen norwegiſche Begleitung. Zweitens: allgemeine Amneſtie. Drittens: ſollte kein Lutherthum, oder ſonſt ein neuer Glaube in Schweden geduldet wer⸗ den. Viertens: Abſchaffung der neumodiſchen Kleidertracht bei Hofe. Fuͤnftens: ſollten Alle die, welche am Freitage oder Sonnabende Fleiſch äßen, verbrannt oder auf andere Art am Leben geſtraft werden.* Der Reichsrath Brynteſon aber wurde durch dieſe Forderungen, von denen die Letz⸗ tern beſonders lächerlich erſcheinen mußten, keineswegs bewogen, mit Mitleid gegen die Rebellen zu verfahren; ſondern verhieß den Abgeordneten ernſte, feindliche Begegnung ge⸗ gen Jeden, der ſich mit Waffen oder Wor⸗ ten gegen den König auflehnen würde. Trotzig ſammelten ſich hierauf die rebelliſchen Bauern „ Geſchichtlich. 3 111 auf’s Neue um ihren Führer und drängten ſich in gewaltigen Haufen zum Dal⸗Junker, der noch immer auf der Skadaborg hauſte und von dort aus an die Thalmänner einen off⸗ nen Brief richtete, der alſo begann:„Ich, Nils Sture, des hochmächtigen Herrn Sten's, ehemaligen Reichsvorſtehers von Schweden ächter und rechter Sohn, entbiete Euch ſämmtlichen Einwohnern in den Thälern Sillers, wie auch in den öſtlichen und weſtli⸗ chen Thälern und Gebirgen, meinen freund⸗ lichen Gruß mit Gott und Sct. Erich!“ In dieſem Briefe verbreitete er das Gerücht, daß der König plötzlich geſtorben ſey und ein deut⸗ ſcher Graf Hoya, nach der Krone trachte. Er läſterte darin alle bisherigen Handlungen Guſtavs, den er mit Chriſtiern verglich und noch unter dieſen Tyrannen herabſetzte; erinnerte an die wichtigen Dienſte ſeines Vaters und gab ſeine Zuverſicht zu erkennen, daß die Dalmänner, ſo wie alle redliche Schweden ihn zum Reichsvorſteher ernennen würden; wobei er allen denen, welche dieſe Würde ihm zu erkämpfen bereit wären, einen 112 dreijährigen Steuererlaß verſprach. Die eifrig⸗ ſten ſeiner Anhänger, rriefen in allen Kirch⸗ ſpielen, die Bauern nach Landesſitte bei den Bethäuſern zuſammen, laſen laut dieſen Brief vor, der eine ſo gewaltige Wirkung hervor⸗ brachte, daß Alles, was nur Waffen trage konnte, ſich in Haufen ſammelte, dem Junker beizuſtehen. Ja, eine große Anzahl Aufrüh⸗ rer, in der Zuverſicht, daß die aus Norwegen verſprochenen Hülfstruppen anlangen würden, zog nach den Gebirgen um den längſt Erwar⸗ teten, zur Erleichterung ihres Marſches, ei⸗ nen Weg über die Fjällen zu bahnen.* Der Reichsrath Brynteſon, welchem die trozzigen Anſtalten der Aufrührer, zu einer ver⸗ zweifelten Gegenwehr, nicht entgangen waren, ſäumte nicht, die bewaffneten Bauernrotten überall anzugreifen, wo ſie ihm nur in den Weg traten. Die Tapferkeit ſeiner Söldner, zu deren Hauptleuten auch Johann Thure⸗ ſon und Tyſte gezählt wurden, welche ſtets dicht an einander geſchloſſen kämpften, ſchreckte — * Geſchichtlich. 113 bald die einzeln herumſchweifenden Rebellen⸗ haufen, welche ſich nach kurzen Gefechten zurück⸗ zogen, und in der Nähe der Skadaborg ſich zu verſchanzen anfingen. Dieſe Veſte war es, wel⸗ che der Feldherr der königlichen Truppen als Stützpunkt und Schutzmauer der Aufruͤhrer be⸗ trachtete, weshalb es ihm nothwendig ſchien, ſeine geſammte Kraft an die Erſtürmung der⸗ ſelben zu wagen. Zwar war die Burg mit Ver⸗ theidigern überfüllt und in der Ebene um die⸗ ſelbe, ſowie in den Felsſchluchten und nahen Waldungen, wimmelte es von bewaffneten Bauernrotten, welche den Jötniſteen eingeſchloſ⸗ ſen hielten, damit die königlichen Truppen ſich nicht mit dem Landeshauptmann Olofſon ver⸗ einigen ſollten. Doch je größer die Feindes⸗ ſchaar, wachſend faſt mit jeder Minute, wie die Lawine, die den Berg herabrollt, ſich ihm ent⸗ gegenwälzte, um ſo höher ſtieg der Muth des Reichsraths Brynteſon und ſeiner Gefährten, für König und Vaterland ritterlich zu kämpfen. Der Plan zu einem entſcheidenden Treffen war bereits entworfen und der königliche Truppen⸗ haufe hatte ein Lager bezogen am Fuße jenes 3r Thl. 8 114 Berges, welcher hart an der Straße lag, die von der Skadaborg nach dem Kirchſpiele Iſala führte. 5 Der Morgen eines heitern Tages war zum Angriffe beſtimmt und in Ritter Pehrſons Veſte ſchien man es nicht zu ahnen, daß die Stunde eines heißen Kampfes ſo nahe ſey. Es wurde dort ein frohes Feſt gefeiert, welches der Dal⸗Junker dem Geburtstage ſeiner Gattin zu Ehren, mit verſchwenderiſcher Freigebigkeit gab. Die ungeheuern Vorräthe von Lebens⸗ mitteln, welche die Bauern, obgleich in ihren Hütten ſelbſt Mangel leidend, zur Erhaltung ihres Führers und deſſen Umgebung hier auf⸗ gehäuft hatten, wurden nicht geſpart, und ehe noch die Sonne im Mittage ſtand, taumelte ſchon der größte Theil der Burgbeſatzung trun⸗ ken umher, denn ſelbſt den niedrigſten Knechten waren geiſtige Getränke im Uebermaße geſpen⸗ det worden. Auch im Lager der Bauern herrſchte wilder Jubel, und Rauſch und ausgelaſſene Freude ließen die Vorſicht ſchweigen, die bei der feindlichen Stellung, der ſo nahe einander gegenüberſtehenden Streitmächte, ihre mahnen⸗ — 3 85 — 115 — de Stimme hätte laut erheben ſollen. Dem Scharfblicke Brynteſons waren die Vortheile nicht entgangen, welche die Sorgloſigkeit und der Freudentaumel des Feindes ſeinem beabſich⸗ tigten Plane bringen mußte und in größter Stille ließ er die Seinigen ſich rüſten, theilte ſie in verſchiedene Haufen, unzingelte unbe⸗ merkt das Lager der Rebellen und gab das Zei⸗ chen zum raſchen Angriffe. Schrecklich war die Verwirrung unter den Empörern, welche dieſer jähe Ueberfall hervorbrachte. Ehe noch die Fuͤh⸗ rer ihre Haufen ordnen konnten, ehe die Bauern, die vollen Trinkhörner von ſich werfend, das Schwert zu ergreifen, oder ſchon vom Rauſche überwältigt, ſich vom Boden zu erheben ver⸗ mochten, wütheten Mord und Tod ſchon unter ihnen. Viele wurden als wehrloſe Schlacht⸗ opfer ſchonungslos gewürgt, doch die Meiſten ergriffen, wie gegeißelt vom Schrecken vor der drohenden Todesgefahr, eine unaufhaltſame Flucht, und ehe noch eine Stunde verging, war in der weiten Ebene kein Feind mehr zu erblik⸗ ken. Nur die hochaufgethürmten Leichenhaufen verkündeten das blutige Rachewerk der Sieger. 8* 116 Kaum ſo viel Zeit vergönnten ſich die wackern, königlichen Streiter Athem zu ſchöpfen und neue Kräfte zu ſammeln in kurzer Raſt. Mit lau⸗ tem Jubel ſammelten ſie ſich wieder zu ihren Führern, und zogen wohlgemuth, wie zu einem luſtigen Feſte hinüber nach der Skadaborg, in⸗ dem ſie ein damals wohlbekanntes und belieb⸗ tes Kriegslied anſtimmten, deſſen Anfang alſo lautete: Als die Daͤnen gehauen wir bei Maͤdelby zu Hauf, So fuhren wir fort bei Hedemorby d'rauf, Und pflanzten unſre Fahnen hoch zum Himmel hinauf. Den Guſtav hatten wir Treue geſchworen; Drum hieben wir den Daͤnen das Schwert um die Ohren, Da ſie fliehend Waffen und Schuhe verloren.* Höhnend hallte an den alten Mauern der Burg der tauſendſtimmige Geſang wieder, der * Obgleich dieſem Liede jeder poetiſche Werth mangelt, ſo ſey ihm doch hier eine Erwaͤhnung vergoͤnnt, weil es wirklich zu jener Zeit, als Guſtav I. ſein Vaterland von der Geißel des Tyrannen Chriſtiern befreite, gedichtet wurde und noch jetzt gedruckt in der Univerſttaͤtsbibliothek zu upſala aufbewahrt wird. 117 die Rebellen verſpotten ſollte, die, wie man wohl wußte, große Hoffnungen auf Norwegens und Dänemarks Hülfe gebaut hatten; weshalb ihr Unternehmen auch der großen Mehrzahl des ſchwediſchen Volkes, welches den unauslöſch⸗ lichſten Dänenhaß nährte, zuwider geworden war, und es verfehlte ſeinen Zweck nicht. Viele ſchwediſche Männer, welche hinter den Wällen der Veſte das wohlbekannte Lied vernahmen, erglüheten vor Schaam und ihr Herz klopfte lauter, als ob ſie eben eines großen Unrechts ſich bewußt würden. Schnell reiheten ſich die königlichen Krieger rings um die Burg, ſchnell warfen ſie die hohen Sturmleitern von den Wagen herab, und rannten gegen die Mauern. Die zum Sturme Gepanzerten drängten ſich vor, dicht hinter ihnen folgten die Arm⸗ bruſtſchützen und diejenigen die mit Feuerge⸗ wehren verſehen waren. In der Veſte ſelbſt herrſchte die größte Unordnung; obgleich alle Räume von einer Unzahl bewehrten Män⸗ nern erfüllt waren; obgleich es nicht an Zu⸗ ruͤſtungen zu kräftiger Vertheidigung man⸗ 118 gelte, ſo konnte man doch an dem ängſt⸗ lichen Durcheinandertreiben der Bauern und Knechte wohl merken, daß die Führer des ro⸗ hen Haufens noch Nath hielten und nicht Rath finden konnten in der allgemeinen Be⸗ drängniß. Im großen Ritterſaale waren ſie verſam⸗ melt, und Richeſſa hing weinend am Halſe ihres Gatten, ihn beſchwörend, gütlich zu un⸗ terhandeln mit den Feinden; nur freien Ab⸗ zug ſich zu bedingen und ſeiner Genoſſen Ver⸗ zeihung. Doch ernſt und kräftig wies er ihre Bitten von ſich und ſuchte den ſinkenden Muth ſeiner Anhänger zu beleben, indem er ſich zu beweiſen bemühete, daß bei ſtandhafter Ge⸗ genwehr die Veſte wohl zu halten ſey. Auch der Ritter Pehrſon, der von ſeinen Wun⸗ den noch nicht geneſen, doch in voller Ruͤ⸗ ſtung in der Verſammlung erſchienen war, ſtimmte ihm bei, das Aeußerſte zu wagen; denn er fürchtete mit Recht es ſey zu ſpaͤt zu gütlicher Unterhandlung und Schonung und Verzeihung ſtehe nicht mehr zu erwarten. Aus dem Kampfe der Bauern mit den Königlichen, 119 den er von den Wällen ſeiner Burg überſchaut, war es ihm klar geworden, daß die Letztern die gänzliche Vernichtung der Empörer ſich zum Ziele erwählt hatten. Gryns ſtand in einer dunkeln Ecke des Zimmers, von mehrern Geiſtlichen umgeben, die wenig Theil nahmen am allgemeinen Rathe, wo es männliche Ver⸗ theidigung galt. Im heimlichen Geflüſter ſchie⸗ nen ſie eifrig ihre Pläne auszurauſchen, die nur die eigne Sicherh eit zum Zwecke hatten. Endlich errang des Dal⸗Junkers Meinung die Beiſtimmung der großen Mehrzahl ſeiner Anhänger und kriegeriſcher Lärmen erküllte den Saal. Richeſſa klammerte ſich feſt, wie in Todesangſt, an ihren Gatten; doch ihre Thränen, ihre Bitten vermochten es nicht ſei⸗ nen feſten Entſchluß zu erſchüttern. 1 „Ich habe Treue geſchworen meinen Freun⸗ den,“ ſprach er,„und ſollte jetzt meineidig werden; da die feſten Mauern dieſer Burg mich noch umſchließen, da ich mein Schwert noch nicht verſucht gegen meine Feinde?— Könnteſt Du den feigen Gatten lieben, der um Gnade bettelt, wo die Ehre ihm gebietet 120 ſeine Waffen zu gebrauchen?— Glaubſt Du, ſo wetterwendiſch ſey mein Gemüth, daß ich umkehre auf halbem Wege?— Kühn ſchaue ich noch nach meinem Ziele und nur im blu⸗ tigen Kampfe laſſe ich mir die Krone aus den Händen winden.“ „Ja blutig, blutig wirſt Du enden, Un⸗ glückſeliger! O, meine fürchterliche Ahnung!“ jammerte Richeſſa. „Hoffe nicht, mich zu erweichen!“ entgeg⸗ nete er feſt.„Ich muß es wagen; die Hei⸗ ligen wollen's ſo.— Für Glauben und fuͤr Vaterland— ſey unſre Looſung! An Eure Poſten, Freunde; das Sturmgeſchrei der Kö⸗ niglichen fordert uns zum Kampfe, in weni⸗ gen Minuten ſehen wir uns auf den Wällen wieder. Nur einige Abſchiedsworte vergönnt mir noch zu meinem Weibe; dann bin ich Euer auf Tod und Leben.“ Die Ritter entfernten ſich eilig; denn das wilde Geſchrei der Feinde, das Wirbeln der Trommeln, der Ruf ihrer Hörner verkündeten, daß der Sturm bereits begonnen hatte. — — Der junge Rebellenhäuptling umſchlang ſeine Gattin; feſt drückte er ſie an ſein hoch⸗ klopfendes Herz. Sein Auge wurde feucht, als er ihr in's bleiche Antlitz ſchauete und mit bewegter Stimme ſprach er zu ihr:„Leb wohl, Richeſſa! Als Sieger oder nimmer. ſiehſt Du mich wieder, Verliere ich heute mein Spiel, dann darf ich nimmermehr Dir un⸗ ter's Auge treten. Ach, warum darf ich jetzt, in dieſer ſchweren Stunde, Dir nicht mein Herz eröffnen, Dich um Verzeihung knieend anflehen?— Aus Deiner Heimath goldenem Frieden, von Deiner Mutter lieberfüllter Bruſt hab' ich Dich weggeriſſen in's Gewühl des blutigen Streites; für eine Welt voll Liebe, die Du mir geſpendet, konnt' ich nichts Dir bieten, als mein verſchloſſnes Herz. Hätt' ich's nicht kühn gewagt nach Schwedens Krone meinen Blick zu richten, wär' mir auch nie der Muth gekommen, zu Dir mein Auge zu erheben. Entgeht die Krone mir, muß ich auch Dich auf ewig meiden; Du müßteſt mich verachten, von Dir ſtoßen— drum, theures 122 Weib, drum bete Segen herab auf meine Waffen, daß mich der Schmerz des doppelten Verluſtes nicht zur Verzweiflung bringt. Leb wohl, Richeſſa! Gott beſchütze Dich!— Für Deine Flucht hab' ich geſorgt. Das nörd⸗ liche Pförtlein iſt noch unbeſetzt vom Feinde; die Roſſe harren dort. Norwegiſche Edle werden Dich geleiten nach Deiner Heimath; auch die Prieſter mögen folgen, denen hier zu heiß wird hinter den beſtürmten Mauern. Leb wohl, Richeſſa! Gott ſey mit Dir!“ 8 Nach heißer Umarmung riß er ſich kräftig los von der bebenden Gattin, und ſtürzte, den Saal verlaſſend, hinab in den Burghof, wo er ſich bald überzeugte, daß die drohend⸗ ſte Gefahr ſchon über ſeinem Haupte ſchwebe. Die Prieſter hielten Richeſſa mit Gewalt zurück, die ihrem Gatten zu folgen begehrte in's Schlachtgewühl, mit verzweifeltem Fle⸗ hen. Eilig ſchleppten ſie die Halbohnmächtige nach dem bezeichneten Ausſallpförtlein, war⸗ fen ſie auf ein bereitſtehendes Roß, indem ſie ſelbſt ſich eilig in die Sättel ſchwangen und 123 umgeben von norwegiſchen Rittern, jagte ſie unbemerkt von dem Feinde, welcher die Vor⸗ derſeite der Burg ſtürmte, dem nahen Ge⸗ birge zu. 7. Der Kampf um die Skadaborg war heiß. Mit der letzten Anſtrengung eines gewaltſam heraufbeſchworenen Muthes vertheidigten ſich die Rebellen; doch in blinder Unordnung durch⸗ einander treibend auf Wällen und Mauern, hinderten die Streiter ſich ſelbſt an zweckmä⸗ ßiger Gegenwehr. Der Reichsrath Brynte⸗ ſon, Tyſte und Johann Thureſon leite⸗ ten den Hauptangriff auf das große Schloß⸗ thor und wiederholten ſchon zum dritten Male den zwei Mal abgeſchlagenen Anlauf, indeſ⸗ ſen von der linken Seite der Landeshaupt⸗ mann Olofſon, der mit einem Haufen ſeiner Söldner den Königlichen zu Hülfe geeilt war, die Mauern ſtürmte. Da rief der Dal⸗Jun⸗ ker im Burghofe die rüſtigſten ſeiner Anhän⸗ ger zuſammen, begehrte einen Ausfall mit ih⸗ nen zu wagen und im freien Felde ihre Kraft zu meſſen mit dem Feinhe. Seinen Entſchluß billigend, drängten ſich Ritter, Reiſige und Bauern dicht um ihren Häuptling; denn klar wurde es Allen, daß die Burg kaum noch zu retten ſey, deren äußere Wälle bereits in der Gewalt des Feindes waren, deren innere Mauern hier und dort ſchon von königlichen Söldnern erſtiegen wurden, die bald feſten Fuß faſſend nur noch läſſige Gegenwehr fan⸗ den. Die Zugbrücke raſſelte nieder, die Thore ſprangen auf, und mit wildem Kampfgeſchrei verließen die Rebellen die Burg. Der Dal⸗— Junker ſtürzte ſich kühn auf die feindlichen Führer, die mit ihren Schaaren drohend ihm entgegen rannten. Dicht hinter ihm folgte der Ritter Pehrſon, an ſeiner Seite Sigurd, der wie ein ſchuͤtzender Cherub den Vater nicht aus den Augen ließ. Ein heftiger Kampf be⸗ gann; doch nur von kurzer Dauer war der 126 Streit. Der Dal⸗Junker hatte wackre Geg⸗ ner gefunden; Tyſte und Johann drangen wüthend auf ihn ein, und der Speer eines leichtgewaffneten Mannes in Bauerntracht, der zu Fuß im dichteſten Gedränge kämpfte, töd⸗ tete ihm das Roß unter dem Leibe. Es ſtürzte und ehe er ſich noch aufzuraffen vermochte, ſahe er ſich entwaffnet und ſo dicht umringt von Feinden, daß er endlich, nach fruchtloſen Verſuchen, ſich ſeiner Waffen wieder zu be⸗ mächtigen, der Uebermacht erliegen mußte. Nur leicht verwundet wurde er gefangen hin⸗ weggeführt. Auch der alte Ritter Pehrſon, war trotz des kräftigen Beiſtandes, den ihn ſein Sohn leiſtete, den Streichen der auf ihn eindringenden Feinde erlegen und hauchte nach kurzem Todeskampfe ſeine Seele aus. Si⸗ gurd aber, als er ihn fallen ſahe, war mit⸗ ten im Getuͤmmel von ſeinem Roſſe geſprun⸗ gen, ihm beizuſtehen, und wurde bei der Lei⸗ che ſeines Vaters ein Opfer ſeiner ſo ſpät erſt erkannten Kindesliebe. Gefangen wurde er aus dem Kampfe geſchleppt. Der Sieg der königlichen Parthei war entſchieden. Die Re⸗ 127 bellen zerſtreuten ſich wehklagend nach allen Seiten ſobald ſie ihren Fuͤhrer in der Gewalt des Feindes ſahen und die Streiter in der Burg fluͤchteten, oder ſtreckten die Waffen. Brynteſon, Tyſte und Johann mit ihren Schaaren, zogen unter freudigem Sie⸗ gesjubel nach Iſala zurück. Weiber, Greiſe und Kinder ſtanden an der Landſtraße und blickten ihnen traurig entgegen; denn das Ge⸗ rücht: der Dal⸗Junker ſey gefangen, war bereits zu ihren Ohren gedrungen. Abgeſon⸗ dert vom Haufen der gaffenden Menge aber, ſtand ein ältlicher Mann, der ſeiner Kleidung nach zu den Edeln des Landes gehörte, doch dem Kampfe nicht beigewohnt zu haben ſchien. Ihm zur Seite lehnte an einer Gartenmauer ein hohes Frauenbild, deren bleichem Antlitz ein düſtrer Gram eingeprägt war. Sie ſchien die ſiegenden Schaaren nicht zu beachten; doch als der Zug der Gefangenen vorüberſchwankte, den der Rebellenhäuptling, von zahlreichen Wachten umgeben, anfuͤhrte, und das Volk, mit Fingern auf ihn deutend, laut ausrief: „ſeht, ſeht, das iſt der Dal⸗Junker!“ da war 128 es, als ergriffe ſie ein ungeheurer Schmerz, und mit dem lauten, durchdringenden Ausru⸗ fe:„er iſts, mein Sohn!“ ſank ſie in die Arme ihres Begleiters, der ſie ſchnell in die nächſte Bauernhütte zog. Die Skadaborg war indeſſen den zurück⸗ gebliebenen Siegern zur Plünderung Preis gegeben worden, und wilder Lärmen erſchallte in allen Gemächern und Gängen des weitläuf⸗ tigen Gebäudes. Nur in der abgelegenen Kammer der alten Skulda herrſchte Todten⸗ ſtille. Die Alte knieete betend vor einem Eru⸗ ciſtre und ſchlug die dürren Fäuſte gegen die Bruſt. In einem Lehnſeſſel aber, bleich und abgezehrt, zuſammengekruͤmmt, Todesangſt und Gewiſſenspein in ſeinen Zügen, lag der Knabe Lars, den der Burgvoigt beim Beginne des Kampfes aus dem Kerker gelaſſen. Er hatte keinen Theil genommen an der Vertheidigung der Veſte und ſeine Feigheit hatte ihn in die verſteckte Kammer ſeiner alten Amme getrie⸗ ben. Hier lag er nun, in Furcht und Ban⸗ gen faſt vergehend und ſtrebte vergeblich, nur ſo viel Muth zu ſammeln, ſich Kunde zu ho⸗ 129 len vom Ausgange des Streites. Immer näher tobte der Lärmen der Sieger und im⸗ mer höher ſtieg ſeine Angſt; denn ſchon ſahe er ſich in den Händen der Feinde dem Tode Preis gegeben und wie im Virberfroſte ſchlu⸗ gen ſeine Zähne zuſammen. „Laß doch Dein beten, Alte!“ rief er end⸗ lich zitternd.„Hier halt' ich's länger nicht mehr aus.— Nimm Deine Lampe, Du haſt ja die Schlüſſel zum Erdgange; laß uns eilig nach dem alten Thurme flüchten, dort ſind wir ſicher.“ „Ei freilich, Söhnlein, hab ich die Schluͤſ⸗ ſel!“ an allen Gliedern bebend, gleich dem Knaben.„Hab' ich doch Deim einſames Lieb⸗ chen droben heimlich verſorgen müſſen mit Speiſe und Trank, während Du im dunkeln Kerker lagſt. Aber was willſt Du denn dro⸗ ben? wirſt doch jetzt nicht umgehen mit Lie⸗ besgedanken? Hörſt Du das Toben in der Burg?— Der Feind iſt da! ſie werden Alles 3r Thl. 9 130 ſchon gewürgt haben— ach, mein Heiland! das mahnt mich an's jüngſte Gericht.“ „Schweig, alte Plauderhexe!“ erwiederte der Knabe zornig.„Nimm Schlüſſel und Lampe, geh voraus, ich folge hinter Dir; aber keinen Laut gieb von Dir, der uns ver⸗ rathen könnte, ſonſt werf' ich Dir mein Meſ⸗ ſer in den Ruͤcken; will Dich beſſer treffen als den Dal⸗Junker, beim Teufel!“ Zitternd gehorchte die Alte und Beide ver⸗ ließen die Kammer und traten hinaus auf den Gang; doch vergebens ſuchten ſie ſich unbe⸗ merkt wieder zurückzuziehen, denn zwei Knechte ſtürmten eben daher und hielten ihnen drohend ihre Spieße entgegen. „Ei, ſieh' da, mein feines Junkerlein!“ rief der Eine höniſch.„Dich ſuchten wir eben im ganzen Schloſſe. Das Zlättlein dreh'te ſich; wir ſpielen jetzt den Herrn und unſre Lanzenſpitze fährt Dir durch die Ribben, wenn Du nicht eingeſtehſt, wo Du das Mägdlein 151 haſt geborgen, das wir Dir ſtehlen halfen aus ihrer Hütte im Kirchſpiele Iſala?“ „Ei, ei! ihr wilden Jungen!“ kreiſchte ih⸗ nen die Alte entgegen, wie freudig überraſcht. „Tragt ihr anjetzt die königliche Farbe? ſieh' mal, das habt ihr brav gemacht. Der Dal⸗ Junker war ein Lump— der König Gu⸗ ſtav lebe hoch!— Wackrer Ryning— tapfe⸗ rer Einar— ihr müßt's bekennen, viel hab' ich auf Euch gehalten, ſo lange ihr unſerm Ritter dientet; thut mir zu Liebe ſeinem Söhn⸗ lein nichts zu Leide, laßt uns ungehindert aus der Burg entfliehen.“ „Dir zu Liebe, alter Satan?“ entgegnete Einar lachend.„Die Kuppelei ſoll Dir be⸗ zahlt werden.— Wollt ihr dem Tode entge⸗ hen, ſo geſteht: wo habt ihr das Mädchen ge⸗ laſſen?“ Lars ſchwieg verſtockt, die Lippen zuſam⸗ men beißend; doch Skulda, die drohende Gebehrde der Knechte wohl verſtehend, ent⸗ gegnete raſch:„Nun ja doch! ihr ſollt's ja 9* 132 erfahren! nur nicht ſo barſch, ihr wackern Jun⸗ gen!— Seht, hier ſind die Schlüſſel, folgt mir nur!“ Behende öffnete ſie die Thür, welche hin⸗ abführte zum Erdgange; Lars aber ſuchte zu entwiſchen und als ihn Ryning unſanft beim Genicke packte, blitzte raſch das Meſſer in ſeiner Fauſt. Doch in demſelben Augen⸗ blicke ſahe er ſich auch ſchon entwaffnet von Einar, deſſen wachſamen Auge die mörderi⸗ ſche Bewegung des Knaben nicht entgangen war. „Voran Beſtie!“ rief ihm Ryning zu, in⸗ dem er ihn mit gewaltigem Fauſtſtoße die Treppe hinabſchleuderte.„Erſt gieb uns Dei⸗ nen Raub zurück; dann wollen wir ein Ge⸗ richt uͤber Dich halten, daß Du Chriſtum er⸗ kennen ſollſt!“ Heulend vor Wuth, ſchritt der Knabe vor⸗ an. Skulda humpelte ihm zur Seite und empfahl ihm, nachgiebig zu ſeyn gegen die rohen Knechte, die mit gefällten Speeren folg⸗ 2 3 — 3 — 133 ten. Als ſie die erſte Thurmpforte erreicht hatten, fuhren ſie entſetzt zurück; denn ein peſt⸗ artiger Leichengeruch drang ihnen hier entge⸗ gegen und der Alten die Lampe aus der Hand reißend, bemerkten ſie, auf derſelben Stelle noch wo er ſeinen Tod gefunden, den gräß⸗ lich entſtellten Leichnam des Bauers Gren. „Fiel der auch von Deiner Hand, mörde⸗ riſcher Bube?“ fuhr Ryning wüthend auf den Junker ein, der, wie von den Furien des Gewiſſens ergriffen, lautlos vor ſich hinſtarrte und nicht zu leugnen wagte.„Das bricht Dir den Hals!“ ſprach Einar drohend, ſchob den Leichnam bei Seite und befahl der Alten vorzuleuchten. Als ſie nun eintraten in's obere Thurm⸗ gemach, erhob ſich Sigrid ſchwach von ih⸗ rem Lager. Die langwierige Haft, die bange Sehnſucht nach ihren Eltern und dem Ge⸗ liebten hatten ihre Kräfte erſchöpft. Doch war der wilde Kampfeslärm auch bis zu ihrem Kerker gedrungen und im brünſtigen Gebete 134 hatte ſie den Stuͤrmenden Sieg erfleht, und wachſende Hoffnung auf die längſt erſehnte Befreiung hatte ſie neu belebt. Doch glaubte ſie ihren Sinnen nicht trauen zu dürfen, als ihr jetzt die Knechte, mit dem Ausdrucke ei⸗ nes tief empfundenen Mitleids, Freiheit an⸗ kündigten und geraume Zeit verfloß, ehe ſie die Gewißheit erkannte: daß nun ihr Leid geendet ſey, ehe ſie ſich ganz der Freude hin⸗ zugeben vermochte. Dann aber bat ſie unab⸗ läſſig, bald lachend, bald weinend, ſie nur ſo eilig als möglich in ihrer Eltern Hütte zu fuͤhren. Einar hatte indeſſen im Kerker um⸗ her geleuchtet und die wenigen Sachen, wel⸗ che der Gefangenen zugehörten, zuſammenge⸗ rafft; da fand er auch in einem fernen Win⸗ kel jenes Glockenſeil, womit der Knabe das Mädchen beim Raube umſchlungen, im Wah⸗ ne: es ſolle Liebe zu ihm erwecken in ihrer Bruſt. „Sieh da, Ryning!“ rief er lachend.— „Ein prächtiger Fund! Wir brauchen nicht zu ſorgen für des geſtrengen Junkers letztes Eh⸗ 135 renkettlein; ich denke, dies Halsband ſoll ihm genügen!“ Beim Anblicke des Stranges ſchauderte der Knabe wie in heftigen Krämpfen zuſam⸗ men. Er gedachte der Antwort Ingialds, als er ihn im thörichten Uebermuthe befragte: was er bedürfe um zu ſeinem Ziele zu gelan⸗ gen? und wie ein finſtrer Geiſt drängte ſich der ſchreckliche Gedanke in ſeine Seele: er habe ſich ſtatt eines Liebesſeiles den Todes⸗ ſtrang von der Glocke geſchnitten. Weinend wie ein Kind, fiel er jetzt den Knechten zu Füßen und bat um ſein Leben. Sigrid und Skulda vereinigten ihre Bitten mit den Sei⸗ nigen und Erſtere verzieh ihm in der Freude ihres Herzens alles Leid, welches ſeine Bos⸗ heit ihr zugefügt. Doch unerbittlich blieben die rauhen Männer; ſie ſchnürten ihm die Hän⸗ de auf dem Rücken zuſammen mit dem Seile, und ſo trieb ihn Ryning vor ſich her. Ei— nar geleitete Sigrid die Stufen hinab, in⸗ dem er ſie ſo zur Seite drängte, daß Gren's 136 Leichnam ihr nicht in's Auge fiel und Skul⸗ da mußte vorleuchten. In der Kammer der Alten ließen ſie Sigrid vorläufig zurück, den Knaben aber nahmen ſie mit ſich in den Burg⸗ hof. Dort erzählten ſie laut dem Kriegsvolke die Schandthaten des Buben und der allge⸗ meine Todesruf übertäubte ſein verzweiflungs⸗ volles Flehen. Ryning und Einar knüpf⸗ ten das Seil von ſeinen Händen, befahlen ihm zu beten und nachdem er knieend, doch ohne ſeine Gedanken zu Gott richten zu kön⸗ nen, geraume Zeit im Staube gelegen, riſſen ſie ihn empor, legten ihm das Seil um den Hals und zogen ihn an einem Mauerhaken em⸗ por, daß er nach wenigen Minuten ſein kur⸗ zes, ſchandvolles Leben aushauchte. Skulda entging einer ähnlichen Strafe durch die Flucht. Sie war aus der Burg verſchwunden und wurde nie mehr in der Gegend um die Ska⸗ daborg erblickt. Am Abende deſſelben Tages geleiteten die beiden Knechte, welche reuig ihre erzwungene 137 Mitwirkung an dem Jungfrauenraube durch Sigrids Befreiung zu ſichern ſuchten, die Gerettete nach der Hütte ihrer Eltern, die ſie, gleich einer vom Tode Erſtandenen, ſprachlos ſtaunend empfingen. 138 8. Schon am nächſten Morgen verbreitete ſich die Kunde von Hütte zu Huͤtte: der König ſtehe in der Nähe mit einer ſtarken Heeres⸗ macht, und werde, noch ehe die Sonne im Mittage ſtehe, an der Stätte des Frevels, auf dem Schlachtplane, ein ſtrenges Gericht halten über die Rebellen. Seine Söldner, die in großen Schaaren die Thäler durchſchwärm⸗ ten, hatten die Flüchtigen, die ihnen allent⸗ halben in die Hände ſielen, zuſammengetrieben und die Bewohner der nächſten Ortſchaften zur Nachtzeit aufgeboten, zu erſcheinen in der Ebene zwiſchen der Skadaborg und dem Jöt⸗ 139 niſteen. Die Bauern, welche größtentheils waffenlos umhergeirrt waren, ohne Anführer, entmuthigt zur Vertheidigung, wagten es nicht ſich dem königlichen Befehle zu widerſetzen; indem ſie fürchteten, durch Ungehorſam den Söldnern ihr Leben und Eigenthum Preis zu geben. Sie ſtellten ſich in großer Maſſe auf dem Schlachtfelde ein. Auch der Bauer Siven Nilſon ſtand an jenem Morgen, dem Willen Guſtavs Folge zu leiſten, bereit in ſeinem Feſtſtaate, umgür⸗ tet mit ſeinem Schwerte, den breiten Mäcker am Gürtel hängend, ſeine Wohnung zu ver⸗ laſſen und hinüber zu wandern nach der gro⸗ ßen Ebene. Sein Auge glühte heute, wie von recht herzinniger Freude entflammt und eine lebhafte Bewegung ſeines Herzens, trieb ihm das Blut hinauf in Stirn und Wangen, daß ſein alterndes Geſicht ſich jugendlich röthete. Raſchen, kräftigen Schrittes wandelte er im Zimmer auf und nieder und wenn ſein Blick auf Sigrid fiel, die bei der Mutter ſaß im traulichen Geſpräch; da lächelte er freund⸗ 140 lich, über ſeine Lippen ſchlüpfte unwillkuhrlich ein leiſer Dankesruf zu Gott und zuweilen blieb er ſtehen vor der Tochter, drückte ihr die Hand, oder ſtreichelte ihr die gebleichten Wangen, die in der geliebten Eltern Nähe angehaucht von der freien Luft des ſtillen Va⸗ terhauſes ein ſanfter Roſenſchimmer allmählig wieder färbte. „eeg' doch die Waffen von Dir;“ ſprach die Mutter endlich, nach langer Pauſe, bit⸗ tend zu Siven aufſchauend.„Sieh', die Nach⸗ parn alle, die vorüber wandeln, gehen geſenk⸗ ten Hauptes, unbewehrt hinuͤber nach der Ebene; ſie werden Dirs gar übel auslegen, willſt Du ſtolz im blanken Schmucke dort er⸗ ſcheinen.“ „Die Nachbarn, gutes Weib,“ erwiederte der Alte,„die haben große Urſach' ihr Haupt zu beugen; denn nicht wie ich, für meinen König, nein, gegen Guſtav haben ſie die ſcharfe Wehr gebraucht. War's nicht Gottes Hand, die meine tiefverſcharrten Waffen zu 141 Tage förderte, als mit dem Frühlingswehen der Empörungsſturm begann? Die Lanze, die ich oft ſchon ſchwang fuͤr Gott und Guſtav hatte ſich zuerſt emporgehoben aus dem lockern Erdreich, und als des Höchſten eignen Wil⸗ len dent' ich es: daß ich mit jener Lanze ge⸗ rade das flüchtige Roß des Dal⸗Junkers durchbohren mußte, wodurch er als Gefange⸗ ner fiel in unſre Hände. Ich war der Ein⸗ zige im ganzen Kirchſpiele, der es wagte fuͤr ſeinen König in den Kampf zu ziehen, und Gott belohnte mich; denn aus dem mörderiſchen Getümmel ging ich unverletzt und fand bei mei⸗ ner Heimkunft mein verlornes, todtbeweintes Kind. Nein, nein, Brigitta, meine Waffen leg' ich nicht mehr von der Seite; die hat im Erdenſchooße ein gnäd'ger Gott geweiht zur Rettung meines Vaterlandes, und ſtolz bin ich darauf, daß ich für meinen Guſtav ſie geführt, den die Pfaffen wahrlich allzuviel des Uebeln nachgeredet.— Nun laßt mich fort—'s iſt einer meiner ſchönſten Tage heute! Ich weiß mein Kind geborgen, und ſoll dem 142 Könige, meinem lieben Guſtav wieder ſchauen in ſein edles Antlitz. Der Herr behuͤte Euch! mich drängt's hinaus zu meinem guten Für⸗ ſten!“ Seinen Hut ergreifend eilte er ſchnell aus dem Gemache. Die beiden Frauen blieben allein zurück und ihr Geſpräch ſtockte; denn Brigitta war ernſt und traurig geworden und aus ihren Augen floſſen Thränen über die gefurchten Wangen herab. „Was kann mein Miütterchen alſo betrü⸗ ben?“ begann Sigrid endlich theilnehmend. „Heute, wo ſeit wenigen Stunden erſt ihr hartverfolgtes Kind gerettet ſeinen Arm um ihren Nacken ſchlingt. Vertraue mir Deinen Kummer, daß ich Dich tröſte.“ „Du willſt mich tröſten, arme Maid,“ ent⸗ gegnete die Mutter, in lautes Weinen aus⸗ brechend.„Ach, Du bedenkſt nicht, daß, viel⸗ leicht noch eh' die Sonne ſinkt, ſelbſt für Dein Heerz kein Troſt mehr zu finden iſt auf Erden. Geſtandeſt Du mir nicht, daß ſelbſt in Dei⸗ 143 ner langen Haft nur der Gedanke an die El⸗ tern und an Sigurd Muth und Kraft in Deinen Leiden Dir gegeben; daß Sigurd Deinem Herzen theuer blieb wie ſonſt? Sahe ich Dein bleiches Geſicht nicht hocherröthen, als Siven Dir erzählte: wie bei dem erſten Sturme auf den Jötniſteen der Verſtoßene, des hartherzigen Vaters Leben beſchützend, ſich deſſen Verzeihung errungen? wie er auch ge⸗ ſtern ihn noch wacker kämpfen geſehen, ob⸗ gleich er nicht gefochten für die gute Sache.“ „Ja, Mutter! freudig wallte auf mein Herz, als ich das hörte!“ erwiederte Sigrid. „Doch warum brach der Vater plöͤtzlich ab und ſchwieg, mit düſtern Blicken auf mich ſchauend? Ach, jetzt bedenk' ich's erſt! Was iſt mit Sigurd, Mutter? Gott! er lebt doch?“ „Sein Vater Pehrſon ſtel;“ verſetzte die Alte nach einer Pauſe und ſchluchzend fuhr ſie fort:„was ſoll ich Dirs verſchweigen, wür⸗— deſt doch in kurzer Friſt die Mähr von allen 144 Rachbarn hören, der Sigurd iſt gefangen und der Vater meint— des Henkers Richt⸗ beil ſchwebe über ſeinem Haupte.“ Mit einem lauten Schrei des Entſetzens ſank Sigrid auf den Schemel zurück, von dem ſie ſich, in geſpannter Aufmerkſamkeit, die vom Schluchzen unterbrochenen Worte der Mutter erlauſchend, erhoben hatte, und ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckend, lag ſie lange wie betäubt. Doch plötzlich ſprang ſie auf, ihr Auge glühte wild, ihre Glieder bebten und wie im Wahnſinn drangen die Worte über ihre Lippen: „Des Henkers Richtbeil? hu! da blitzt es auf im Sonnenſtrahle! im Sande rollt ſein blutig Haupt— Sigurd! Sigurd!“ Und wie verzweifelnd ſtuͤrzte ſie aus der Hütte; ohne umzuſchauen, ohne auf den Zu⸗ ruf der ihr Begegnenden zu hören, verfolgte ſie mit der Schnelligkeit eines fliehenden Re⸗ hes, den Weg nach der großen Ebene, die der König zum Richtplatze ſich erſehen hatte. Bri⸗ 145 gitte keuchte ihr nach, ſo ſchnell es die wei⸗ chenden Kräfte ihres Alters erlaubten. Mitten in jener ſandigen Haidefläche zwi⸗ ſchen der Skadaborg und dem Jötniſteen hatte der König Guſtav unter freiem Himmel die Schranken errichten laſſen. Zur Rechten er⸗ hob ſich eine Tribune für den Fürſten und ſeine Umgebung; zur Linken aber ein hohes Geruüſt, mit Block und Richtbeil, umgeben von lappländiſchen Henkersknechten, welche mit Blutgier die zagenden Bauern angrinſten, die in dichtgeſchloſſenen Reihen ſich um die Schran⸗ ken ſchaarten. Die ganze Ebene war mit kö⸗ niglichen Söldnern umſtellt, deren vierzehn⸗ tauſend an der Zahl, der König nach Dale⸗ carlien geführt hatte, und mehrere große Feld⸗ ſtücke waren auf die dichteſten Haufen der Re⸗ bellen gerichtet. Die ernſten, drohenden An⸗ ſtalten, welche zu dieſem Gerichte getroffen worden waren, erhöheten von Minute zu Mi⸗ nute, die peinigende Angſt der Schuldigen, deren große Mehrzahl jetzt, da ſie ſich verlaſ⸗ ſen ſahen von ihren Aufwieglern, die Straf⸗ 3r Thl. 10 146 barkeit ihres Vergehens erkannten, ihre Bereit⸗ willigkeit dazu verwünſchten und mit reuigem Herzen, des ſo ſehr verkannten Guſtav's Gnade zu erflehen beſchloſſen. Lange ließ der König die vor Gericht Geladenen harren in ängſtlicher Spannung; endlich— es war bei⸗ nahe hoher Mittag— ſahe man vom Jötni⸗ ſteen herab, wo der Fürſt eingeſprochen beim Landeshauptmann Olofſon, einen Zug vie⸗ ler Ritter und Reiſige, Guſtav in ihrer Mitte, langſam ſich herabbewegen. Der Reichs⸗ rath Brynteſon, der mit Tyſte, Johann Thureſon und den übrigen Hauptleuten ſei⸗ ner Schaar, nicht fern von den Schranken zu Roß gehalten, ritt mit ſeinem Gefolge dem Könige entgegen, der ihn Trotz ſeines geſtri⸗ gen Siegs über die Rebellen, nicht eben freund⸗ lich begrüßte., Denn es war ihm die Kunde gekommen: daß in vergangener Nacht, der ge⸗ fangene Dal⸗Junker Gelegenheit gefunden, ſich aus ſeiner Haft, die man ihm in einen feſten Thurme zu Iſala bereitete, zu befreien, und auf faſt unbegreifliche Weiſe aus der Ge⸗ 147 gend verſchwunden ſey. Deutliche Spuren ver⸗ riethen, daß er ſich nach Norwegen gewendet habe; doch allen ſeinen Verfolgern war es bis jetzt noch nicht gelungen, ſeiner wieder hab⸗ haft zu werden. Seine Wachten, wahrſchein⸗ lich durch große Verſprechungen und reichliche Geſchenke beſtochen, waren mit ihm geflohen. Obgleich nun dem Reichsrath die Schuld einer zu übereilten Wahl der Wächter, bei der Si⸗ cherung des Gefangenen treffen konnte, ſo wuß⸗ te er ſich doch bald, in einer Unterredung mit dem Könige, von jedem perſönlichen Verdachte eines Antheils an der Flucht des Dal⸗Junkers zu reinigen, und ſeine wirklich großen Verdien⸗ ſte um die Beendigung der Empörung würdi⸗ gend, reichte ihm ſchon nach wenigen Minuten, Guſtav freundlich die Rechte, und ohne Groll ruhte ſein Blick mild und freundlich auf ihm. Als er aber die Tribune beſtieg, trat wieder finſtrer Ernſt auf ſeine Stirn, und ein düſtres Feuer ſtrahlte aus ſeinen Augen, als er rings umherſchauete, im Kreiſe der Rebellen. Nach einer kurzen, kräftigen Anrede, in welcher der 3 10*½ 148 — König den Empörern ihr Unrecht erwies, ihnen die Nothwendigkeit außerordentlicher Steuern auseinanderſetzte, die religiöſen Veränderungen als ſolche, welche dem Vaterlande und der Chri⸗ ſtenheit höchſt nöthig wären, ſchilderte und ſei⸗ ne ganze bisherige Regierungsweiſe in einfa⸗ — chen Worten vertheidigke, verlas der Reichs⸗ kanzler eine, von allen Reichsräthen unterzeich⸗ nete, Schrift, worin die Dalecarlier, für Fein⸗ de des Staates erklärt, dabei bedroht wur⸗ den: im Falle einer verzögerten Unterwerfung, von allen treugeſinnten Schweden mit den Waf⸗ fen angegriffen und ohne Gnade vertilgt zu wer⸗ den. Der Reichskanzler trat nach Vorleſung dieſes Beſchluſſes mitten in die Schranken, ver⸗ langte den Entſchluß der Rebellen und rief, in⸗ dem er drohend auf die gegen ſie gerichteten Feldſtuͤcke deutete:„antwortet laut! Euer Le⸗ ben hängt in dieſem Augenblicke von Eurer Er⸗ kläͤrung ab!“ Da erſchallte im weiten Kreiſe der tau⸗ ſendſtimmige Ruf um Gnade; die Reuigſten erhoben ein Wehegeſchrei, brachen durch die 449 Schranken, ſtuͤrzten auf die Kniee, drängten ſich an den König heran und fleheten um Ver⸗ zeihung. Doch Mehrere ſtanden noch trotzig außerhalb der Schranken; ſie waren bekannt als Häupter und Anführer der rebelliſchen Schaaren und Fanatismus, Bosheit oder rohe Einfalt regten ſich zu mächtig noch in ihrer Bruſt, als daß das Gefühl der Reue ſie hätte bewegen können ſich in Demuth zu beugen. Sie ſchwiegen verſtockt, oder gaben nur leiſe Flüche zur Antwort, auf die wiederholte Auf⸗ forderung, ihren Entſchluß auszuſprechen. Dies bemerkend, glaubte Guſtav hier ein Beiſpiel der Strenge zeigen zu müſſen. Er ließ die Trotzigen von ſeinen Trabanten ergreifen, und nach kurzem Verhöre, worin ſie ihre Schuld, als Häupter der Rebellen, mit übermüthiger Keckheit und mit Läſterungen gegen den Kö⸗ nig eingeſtanden, wurden ſie auf das Schaffot geführt und von den bereitſtehenden Henkers⸗ knechten enthauptet. Der Reichsrath Bryn⸗ teſon ließ nun die gefangenen Edeln, die mit den Waffen in der Hand in ſeine Gewalt 150 gerathen waren, gefeſſelt in die Schranken tre⸗ ten, und bei ihrem Anblicke verfinſterte ſich des Königs Antlitz drohender. Mit ruhiger Ergebung, ſeinen Tod erwartend, ſtand Si⸗ gurd geſenkten Hauptes im Kreiſe der Ge⸗ fangenen. Der König konnte die Entrüſtung nicht verbergen, die ihn ergriff, als er dieſe Männer erblickte, die, ſtatt die Säulen ſeiner Macht zu bilden, muthwillig oder neiderfüllt an ſeinem Throne geruͤttelt, im mißlungenen Verſuche ihn gänzlich umzuſtürzen. Ein Gna⸗ denwort für ſie ſtand während ihres kurzen Verhörs nicht zu erwarten von dem ſchmäh⸗ lig beleidigten Fürſten und abgewendet gab er nach dem einſtimmigen Todesurtheile der Richter, den Befehl zu deſſen ſchleuniger Voll⸗ ziehung. 1 Es waren neun Männer edeln Stammes, welche das Blutgerüſt beſtiegen, ohne es, im Gefühle ihrer Schuld, zu wagen, den zürnen⸗ den Fürſten um ein milderes Urtheil anzufle⸗ hen. Schon war das Haupt des Erſten ge⸗ fallen; Sigurd war der Vierte in der Reihe. 151 Das Haupt des Zweiten ſiel und aus Si⸗ gurds beklommener Bruſt entrang ſich ein brünſtiges Stoßgebet. Da rollte auch das dritte Haupt mit dumpfem Gepolter die Stu⸗ fen des Schaffots hinab, und des Juͤnglings Auge erhob ſich noch einmal freundlich zum ſonnenſtrahlenden Himmel empor. Lautlos ſtand die Menge; ſchon ergriffen ihn die blut⸗ triefenden Henker; doch als ob ein unnenn⸗ bares Gefühl ihn dränge, noch einmal ſeine Seele zu Gott zu erheben, ehe ſie, frei von den irdiſchen Banden, aufſchwebe zum ewigen Friedenslande, wehrte er die rohen Knechte bittend von ſich ab, ſank auf die Kniee und die Hände gefaltet auf der Bruſt, betete er laut ein Gebet um Vergebung ſeiner Sünden, wie es ihm ſeine Mutter einſt gelehrt, da er noch ein Knabe war. Manches rauhe Herz wurde gerührt, manches Auge wurde thränen⸗ feucht, beim Anblicke des ſchönen, frommen Jünglings und Todtenſtille herrſchte rings, daß man jedes ſeiner innigen Worte im weiten Kreiſe deutlich vernehmen konnte.— Plötzlich 3 152 aber drang ein gräßlicher Schrei, wie durch die fürchterlichſte Marter der Verzweiflung erpreßt, durch die Lüfte und aus keuchender Bruſt tönte der angſtvolle Ruf;„haltet ein! haltet ein, ihr ſtrengen Richter! Gnade! Gna⸗ de!“ bis zur Tribune, wo der König ſtand, umgeben von ſeinen Räthen und Feldherrn. Ein Mädchen mit aufgelöſten Haaren, mit dem Ausdrucke der Todesangſt im bleichen Antlitze, drängte ſich haſtig durch die zurück⸗ weichenden Bauern, ſtürzte in die Schranken und ſank erſchöpft, keines Wortes mächtig, nur flehend die gerungenen Hände emporſtrek⸗ kend, vor dem Könige zu Boden. „Was ſoll das?“ ſprach Guſtav betroffen und Aller Augen waren auf die Ohnmächtige gerichtet. Selbſt die rohen Henkersknechte ver⸗ gaßen ihre Blutarbeit und ſchaueten neugie⸗ rig hinab in die Schranken. Sigurd aber, den der angſtvolle Ruf der Verzweifelnden tief im Herzen verwundet, der mit einem Blicke auf die Arme den entſetzlichſten Schmerz ein⸗ geſogen hatte, bedeckte, jetzt erſt vor dem To⸗ 193 de ſchaudernd, mit beiden Hände ſein Antlitz und lehnte ſich, weit wegeilend vom blutigen Todesblocke, bebend an die Brüſtung des Schaffots. Tyſte und Johann waren der Ohnmäch⸗ tigen zu Hülfe geeilt und ihren vereinten Be⸗ mühungen gelang es endlich, ſie in's Leben zu⸗ rückzurufen. Als ſie ihr Auge aufſchlug, ſchweif⸗ te ihr wildrollender Blick über das Schaffott, und als ſie Sigurd droben noch erblickte, mit der Hand ihr winkend, wie zum ewigen Ab⸗ ſchiede, da ſank ſie wieder auf die Kniee vor dem Könige nieder und rief mit herzzerreißen⸗ der Stimme:„Gnade! Gnade!“ „Wer iſt das Mädchen?“ fragte der König finſter. 1 „Unſre Tochter!“ antwortete Siven Nil⸗ ſon laut, der in demſelben Augenblicke mit ſei⸗ nem Weibe in die Schranken trat. „Und wer biſt Du?“ fuhr der König un⸗ willig fort.„Der dalecarliſche Bauernrock em⸗ 154 pfiehlt Dich eben nicht und die Waffen an Dei⸗ ner Seite deuten Trotz, vielleicht gar frechen Hohn gegen Deine Richter.“ „Ei, wie gar ſehr verkennt der König Gu⸗ ſtav ſeinen alten, treuen Nilſon!“ entgegnete der Alte gekränkt.„Der Flüchtling Guſtav war ein weit freundlicherer, mildrer Herr.“† „Beim gerechten Gott!“ rief der König, den Bauer aufmerkſam betrachtend;„blick auf, Alter! ſieh' mir'mal feſt ins Angeſicht! biſt's ja leibhaftig, Du alter, wackrer Burſche— mein Retter aus der tödtlichſten Gefahr. Si⸗ ven Nilſon— denkſt Du, ich hätte Deinen Namen ſchon vergeſſen? wenn ich zu Gott be⸗ tete, drang er oftmals über meine Lippen. Und dies— bei meinem Seelenheil! dies iſt Dein Weib, Brigitte!— Ei willkommen, meine liebe Wirthin! Dein Schlag, den Du mir gabſt, wie einem faulen Knechte, als mich Chriſtierns Söldner fangen wollten in Deiner Hütte, hat mehr gefruchtet für mein künft'ges Leben, als ein Ritterſchlag. Noch heute dachte ich Euch heimzuſuchen in Iſala; doch ja— die Dirne da iſt Eure Tochter? was will ſie denn von mir?“ Sein Geſicht war heitrer gewor⸗ den und das Gefühl der innigſten Dankbarkeit gegen die biedern Menſchen, die ihn einſt mft ſo ſeltner Aufopferung und Treue großer Ge⸗ fahr entzogen, erfüllte ſein edles Herz, als ſein Blick mit Wohlgefallen auf den beiden Alten ruhte. „Gieb Gnade, Herr und König! tödte Si⸗ gurd Pehrſon nicht!“ wimmerte Sigrid noch immer knieend. „Ei, Mädchen, Du wagſt da eine ſchlimme Bitte!“ erwiederte Guſtav, indem eine leichte Wolke des Unmuths wieder ſeine Stirn umdü⸗ ſterte.„Der Ritter Pehrſon war mein Erz⸗ feind, wird ſeinem Buben wohl frühzeitig ſchon den gleichen Haß in's junge Herz gepflanzt haben gegen mich. Der Junker wurde als Rebell gefangen, die Richter haben ſchuldig ihn erkannt, wie magſt Du bitten um ſein Le⸗ ben, das ich nicht gewähren darf.“ 156 s Der alte Nilſon und ſein Weib beugten jetzt die Kniee vor dem Könige, neben ihrer Tochter niederſinkend und vereinigten ihre Bit⸗ tten mit des Mädchens Flehen; doch ſanft wies ſie Guſtav zurück und ſprach mit ernſter Freundlichkeit: „Laßt das! reißt nicht an meinem Herzen, ich muß Euch wiederſtehen. Haſt Du, mein Nilſon, verführt vom blinden Eifer, Dein Schwert gezogen gegen mich, ja hätteſt Du mich ſelbſt mit Deinen Waffen auf's Empfind⸗ lichſte verletzt, ich würde Dir verzeihen; denn die Pflicht der Dankbarkeit würde mich recht⸗ zfertigen vor jenen Richtern. Aber fordere onicht, daß ich um Deines Mädchens Thränen willen die Natter leben laſſe, die ſeit ich den Thron beſtiegen, neidiſch mich umziſcht und eine Blöße an mir ſucht ihren giftigen Zahn daran zu üben.“ „Nicht gegen Dich, nein für Dich, mein Guſtav, hab' ich mitgefochten, und meine Lanze ſtieß des Dal⸗Junkers Rappen nie⸗ der. Der Herr bewahre mich, daß ich nur — einen Finger gegen Dich erheben ſollte!“ ent⸗ gegnete Nilſon empfindlich. 2 „Brav, wackrer Freund! ſo ſtehe ich jetzt noch höher in Deiner Schuld!“ fuhr Guſtav fort.„Geht heim, ich komme ſelbſt nach Eu⸗ rer Huͤtte und was an Rath und Hülfe ſonſt zuſteht, ſollt Ihr von mir nicht erſt zu bitten brauchen; doch jenes Jünglings Leben darf ich nicht gewähren!“ Mit abgewandtem Geſichte gab er den ernſten Wink hinüuber nach dem Schaffotte, fortzufahren mit den Hinrichtun⸗ gen, und gierig fielen die Knechte uͤber den Jüngling her, ihr Todesopfer zum Blocke zu ſchleppen. Da wallte auf einmal eine ſeltſame Un⸗ ruhe in der Bruſt des Königs auf, und ſein faſt hörbar klopfendes Herz erfüllte ein plötz⸗ liches Verlangen, den Juͤngling zu ſprechen, ehe er ihn dem Beile des Henkers übergäbe. Ein zweiter, haſtigerer Wink als der Erſte, hieß die Knechte zurückweichen von dem Ver⸗ urtheilten, und dem ihm zunächſtſtehenden Reichsrathe ſeinen Wunſch mittheilend, führte 158 dieſer Sigurd in ſeine Nähe. Lange betrach⸗ tete er den Jüngling, und eine wehmüthige Empfindung, ſchien die gewaltſam heraufbe⸗ ſchworene Strenge in ſeiner Bruſt zu ſchmel⸗ zen; auch war der Ton ſeiner Stimme mild, in welchem er den Verurtheilten fragte:„war⸗ um haßteſt Du alſo Deinen König, daß Du Deine Waffen gegen ihn erhobſt?“ „Fluch treffe mich, wenn ich Euch jemals haßte!“ entgegnete Sigurd feſt.„Meine Mutter lehrte mich als Knabe ſchon den Kö⸗ nig Guſtav lieben und verehren. Mit mei⸗ nen Waffen ſchirmte ich des grauen Vaters Haupt und nicht Empörungsſucht, nur treue Kindesliebe zwang das Schwert mir in die Hand.“ „Beim ew'gen Gott! zum Sprechen ähnlich ſind die Züge Deines Angeſichts mit jenem Bil⸗ de, das ich dankbar, feſt in meinem Herzen tra⸗ ge;“ ſprach Guſtav tiefgerührt, den Jüngling unverwandt betrachtend. 3 „S iſt wahr,“ verſetzte Nilſon,„er gleicht 159 ſo ganz der Mutter, die Euch über'n See ließ bringen, als ihr Gatte Euch verrathen hatte.“ „Nun denn!“ rief Guſtav, wie bezwun⸗ gen von edler Aufwallung ſeines Herzens,„Ihr Herrn Räthe und Richter vergönnt mir jetzt wohl des Vaters und des Sohnes Schuld zu ſühnen, um der Mutter willen, die mir vor Jahren einſt, in höchſter Noth ein Rettungs⸗ engel wurde?“ Die Räthe und Richter, die des warnenden Beiſpiels willen genug des Blutes vergoſſen zu haben glaubten, ſenjten der milden Regung des Königs bei und mit einem einſtimmigen Freudenrufe wurde nicht allein Sigurd, ſon⸗ dern auch noch die andern fünf verurtheilten Ritter begnadigt. Da warf ſich Sigrid nie⸗ der zu des Königs Füßen, kuͤßte ſeine Kleider, umſchlang ſeine Kniee und jauchzte Dank. Si⸗ ven und Brigitte hatten ſeine Hände ergrif⸗ fen und benetzten ſie mit heißen Thränen; Si⸗ gurd aber ſchwur ihm mit leuchtenden Blicke, den Eid ewiger Treue, und ſegnete die heiß⸗ 160 geliebte Mutter im Grabe, deren dankbares Angedenken des Königs Herz zur Gnade ge⸗ ſtimmt hatte gegen den Sohn. „Sigurd! o mein Sigurd!“ rief Sigrid im Rauſche des höchſten Entzuͤckens, die gaf⸗ fende Menge nicht achtend, den Geliebten feſt umſchlingend und Vater Nilſon blickte freund⸗ lich auf ſie und wehrte ſie nicht ab von dem Juͤnglinge. b „Li, ei, mir ſcheint's, mein wackrer Si⸗ ven,“ begann der König lächelnd, nachdem er lange ſich geweidet hatte am Anblicke der Glücklichen;„der Junker und Dein ſchmuckes Mädchen ſind ein Herz und eine Seele und mit ſeinem Tode hätt' ich wohl ihren Lebens⸗ faden auch durchſchnitten. Nun, Gott hat's woohl gefuͤgt!— Doch Sigurd, höre mich: das Leben und die Freiheit hab ich Dir geſi⸗ chert; Dein Eigenthum ſiel geſtern ſchon den Plünderern zum Raube, und die alte Skada⸗ borg war mir ſchon längſt ein Dorn im Auge. Drum laß das alte Raubneſt unbewohnt ver⸗ 161 wittern, ich habe tüchtige Mauerbrecher, wel⸗ che die feſten Wälle niederreißen ſollen; ein ſo feſtes Schloß, dem Jötniſteen ſo nahe, wird oft gefährlich. Dein Mädchen iſt eines wak⸗ kern Landmanns Tochter; haſt Du Luſt dem ehrenwerthen Stande ihres Vaters Dich zu weihen, ſo ſollſt Du für Dein finſteres Ge⸗ mäuer druͤben, den ſchönſten Hemman haben in der Gegend, iſt er irgend feil.“ Mit dem glühendſten Danke, beugte Si⸗ gurd ſeine Kniee vor dem gütigen Fürſten, ſeinem Willen mit Freuden ſich fuͤgend, und der alte Siven, der ſeines kaum wiedergefundenen Kindes Herz, durch ſtrengen Sinn nicht län⸗ ger kränken mochte, ſprach gerührt: „Nun denn, mein Sigurd, ſieh', die Zeit hat Alles wohlgeſtaltet! Kein druckendes Ver⸗ hältniß trennt mich jetzt von Dir! ein wackrer Burſche biſt Du und meines Mädchens wür⸗ dig, das wußt' ich laͤngſt. Jetzt haſt Du freie Wahl von Deiner ſtolzen Burg herabzuſteigen in die Bauernhütte und willſt Du nun ein 3r Thl. 11 162 wackrer Landmann ſeyn, ſo nimm die Sigrid hin mit meinem Segen.“ 1 Der Dankesjubel der Liebenden war un⸗ erſchöpflich und mit Gewalt mußte ſich der gute Alte ihren Umarmungen entwinden. Der König aber ſprach freundlich: „Nun ziehet hin in Frieden! Ihr ſollt mich an mein Wort nicht mahnen, bald denk' ich ſehn wir uns in Iſala.“ Mit freudig klopfen⸗ dem Herzen wendete er ſich zu ſeiner Umge⸗ bung und fuhr heiter fort:„hätt' ichs doch nicht geglaubt, Ihr Herrn, daß dicht am Fuße dees blutbeſpritzten Schaffottes, ſolch liebliche Freudenblumen mir entſproſſen ſollten, daß ich nach ernſter grauſer Blutarbeit, getrennte Lie⸗ bespärchen wieder einen ſollte. Folgt mir nach dem Jötniſteen; der Hauptmann Tyſte von der Kriegsſchaar Brynteſons ſoll mich be⸗ gleiten.“ Er verließ die Tribune, beſtieg ſein Roß, Tyſte, ſeinem Befehle zu Folge, ſchloß ſich an ſein Gefolge und im raſchen Trabe eilte der Zug nach der königlichen Burg und das laute Jubelgeſchrei der begnadigten Rebellen, die heiligen Schwuͤre ihrer Treue, hallten ihm nach bis zu den Mauern der Veſte. Im großen Ritterſaale ſollte ein feſtliches Mahl gehalten werden; doch zuvor war der König nach ſeinem Gemache geeilt, indem er Tyſte zu einer geheimen Unterredung dort⸗ hin beſchieden hatte. „Du haſt Dich wacker gehalten, mein Hauptmann!“ redete er ihn freundlich an.— „Deine Treue, die Deine Flucht verdächtig machte, haſt Du geſtern mir bewährt, der Reichsrath Brynteſon lobt Dich vor Allen. So will ich denn von Herzen Dir auch wie⸗ der gewogen ſeyn und Dir lohnen, ſo gut ich kann. Da ſchau hinein ins Paradies und hol Dein Weiblein Dir heraus!“ rief er in der fröhlichſten Stimmung, indem er die Thür des Seitenzimmers weit öffnete. Tyſte glaubte ſeinen Sinnen nicht trauen zu duͤrfen; denn die er noch fern glaubte 111 164 in der Emblaburg verſteckt, lagen in ſeinen Armen. 4 G „Glück auf, mein Sohn! es lebt ein gu⸗ ter Gott!“ rief Siggeſon.—„Tyſte!“ jauchzte Cecilie an ſeiner Bruſt.—„Got⸗ tes Heil und Segen ſey mit Euch!“ ſprach der greiſe Admiral Swenſon⸗Some, und legte die vor Freude zitternden Hände auf die Häupter ſeiner Kinder.⸗ Der König aber ſtand mit gefalteten Hän⸗ den; ſein edles Herz fühlte innig das Entzük⸗ ken der Wiedervereinigten mit und im Rau⸗ ſche der Freude hörten die Glücklichen es nicht, daß die ſchmetternde Trompete ſchon zum drit⸗ ten Male zur Tafel gerufen. Erſt als der Landeshauptmann ſelbſt eintrat, mit der freund⸗ lichen Einladung, ihm zum Mahle zu folgen, erwachten ſie, wie aus den ſeligſten Träumen, und erkannten erſt ganz die frohe Wirklichkeit ihres Glücks. — 9. Der König Guſtav weilte noch längere Zeit in Dalecarlien und übte Gerechtigkeit und Gnade, wo ſich ihm nur Gelegenheit dazu darbot. Auch ſäumte er nicht, ſein dem alten Siven Nilſon gegebenes Wort zu löſen und brachte einen vollen Tag mit einigen Vertrauten als Gaſt in deſ⸗ ſen Hütte zu. Nach Monatsfriſt aber ließ er Sigurd eine Urkunde überreichen, welche ihn zum Beſitzer eines von Gren's Erben erkauften Hemmans in Rättwick ernannte, der zu den ergiebigſten und reichſten Bauernhöfen in ganz Dalecarlien gezählt wurde. Für Si⸗ 166 grid erfolgte dabei eine wahrhaft fürſtliche Augſteuer und die beiden Alten lebten hinfort bei ihren Kindern, geſchützt vor Mangel und Sorgen und glüͤcklich im traulichen Beiſam⸗ menſeyn. Indeſſen hatte der Dal⸗Junker in elli⸗ ger Flucht Norwegen erreicht, war nach Dront⸗ heim geeilt, den Schutz des Erzbiſchoffs in Anſpruch nehmend, der ihm auch gern gewährt wurde. Von hier aus glaubte er— ſeinen hochfliegenden Plänen auch nach ſeinem gänz⸗ lichen Sturze noch nicht entſagend— vielleicht durch fremde Hülfe unterſtützt, einſt einen neuen glücklichern Verſuch wagen zu dürfen zur Erreichung ſeines Zieles. Er hatte die freundlichſte Aufnahme gefunden im Pallaſte des Erzbiſchoffs; doch oftmals ſchlich er heim⸗ lich in abendlicher Dämmerung nach einem unſcheinbaren Bürgerhauſe, wo eine fremde, ältliche Frau, die mit ihm zugleich in Dront⸗ heim eingetroffen war, Quartier genommen hatte. Die Fremde war von hoher Geſtalt, ſie trug nur ganz einfache, dunkle Gewänder 167 und ihr abgezehrtes, bleiches Geſicht, welches jahrelange, ſchwere Leiden verrieth, erweckte Theilnahme. Ihre Wohnung nie verlaſſend, lebte ſie ſtill und eingezogen, ſahe nur zuwei⸗ len den Dal⸗Junker bei ſich, mit dem ſie bei verſchloſſenen Thüren oft lange Unterre⸗ dungen hielt. Auch wollten die neugierigen Wirthsleute, welche lauſchend dann oft ihr Zimmer umſchlichen, deutlich vernommen ha⸗ ben, daß ſie laut geweint und den jungen Mann„Sohn“ genannt. Dieſer mied ſtand⸗ haft— treu ſeinem feſten Entſchluſſe, nur als Sieger ſeine Gattin wiederſehen zu wollen— die Emblaburg, wohin Richeſſa kurz vor ſeinem Eintreffen in Drontheim, nach eiliger, doch ungefährdeter Flucht zurückgekehrt war. Der König Guſtav hatte indeſſen durch ſeine Kundſchafter von dem Aufenthalte des gefähr⸗ lichen Empörerhäuptlings in Norwegen Nach⸗ richt erhalten, und da er noch mit ſeinem, für jene Zeit ſo ſtarken, Kriegsheere gerüſtet in Dalecarlien ſtand, ſo gab er dem Erzbiſchoffe von Drontheim einen drohenden Wink, der 168 ihm deutlich zeigen ſollte: wie leicht es ihm jetzt ſey, die norwegiſche Grenze feindlich mit ſeiner Macht zu uͤberſchreiten und Rechenſchaft und Genugthuung zu fordern für die heimliche und öffentliche Mitwirkung der Prieſter und Edeln Norwegens bei der Empörung in Da⸗ lecarlien. Der Erzbiſchoff, der wohl erwogen hatte, daß ſein Vaterland nicht im Stande ſey, einem Ueberfalle Guſtav's kräftigen Wi⸗ derſtand zu leiſten, wurde dadurch in die größte Angſt verſetzt und ſäumte nicht, ſeinem Schütz⸗ linge eiligſt den Weg zur weitern Flucht zu bahnen und ihn nach Deutſchland zu befördern. Von dort aus hoffte er ihn leicht zurückberu⸗ fen zu können, wenn eine günſtigere Zeit zu 1 ſeinem Wiedererſcheinen in Schweden und zur Erneuerung ſeiner Umtriebe erſchienen ſey, mel⸗ dete aber ſogleich ſeine Entfernung von Dront⸗ heim dem Könige von Schweden, wobei er als Entſchuldigung ſeines Verfahrens noch fortwährend behauptete: daß er den Fluͤcht⸗ ling für Nils Sture anerkenne, für den Sohn des verſtorbenen Reichsverweſers in Schwe⸗ 169 den, der ſich ganz Norwegen zu ewiger Dank⸗ barkeit verpflichtet hätte, womit man die Theil⸗ nahme, die man dem jungen Manne bisher erwieſen, rechtfertigen zu können glaubte. Hier⸗ aus ſchloß Guſtav: daß man die Entwürfe zu neuen Aufwiegelungen noch nicht aufgege⸗ ben und ließ deshalb den gefährlichen Rebel⸗ lenanführer noch immer heimlich verfolgen. Dieſer war indeſſen gluͤcklich in Roſtock ein⸗ getroffen, welche Stadt damals zum Hanfeati⸗ ſchen Bunde gehörte. Hier glaubte er ſich frei und ungefährdet, und die Unzufriedenheit der Roſtocker mit dem Könige von Schweden ſchlau benutzend, welcher durch feine Regierungsmaß⸗ regeln dem Handel aller Hanſeſtädte einen im⸗ mer wachſenden Nachtheil zufuͤgte, trat er öffentlich vor die Buͤrgermeiſter und Senato⸗ ren der Stadt und ahmte genau Guſtavs ehemaliges Betragen nach, welches dieſer als Flüchtling in der Stadt Lübeck zeigte. Er ſtellte den verſammelten Senatoren ſich förm⸗ lich vor als den Sohn des verſtorbenen Reichs⸗ vorſtehers Sten Sture, klagte laut über er⸗ 1 170 littenes Unrecht in ſeinem Vaterlande und bat um Schutz gegen Guſtavs Verfolgung. Aber ſo abgeneigt auch die Roſtocker dieſem Mo⸗ narchen waren, ſo fürchteten ſie doch deſſen zunehmende Macht, und mit einer ausweichen⸗ den, unbeſtimmten Antwort entließen ſie den Bittenden. Sie luden ihn jedoch ein, nach einigen Tagen wieder vor ihnen zu erſcheinen und dann eines feſten Beſchluſſes über ſein Geſuch gewärtig zu ſeyn. In dieſer Zwiſchen⸗ zeit verfehlte er nicht, durch glänzendes Er⸗ ſcheinen, wozu ihn die Unterſtützung des Erz⸗ biſchoffs in Stand geſetzt hatte, Aufſehen und Theilnahme zu erregen, die Augen des Volks zu blenden und die Würde des Standes, un⸗ ter dem er ſich hier eingeführt, zu behaupten. Auch ſuchte er mehrere Senatsmitglieder in traulicher Unterredung für ſeine Wünſche zu ſtimmen, wobei er die glänzendſten Verſprechun⸗ gen nicht ſparte, ſo daß es wirklich ſchien, als ob man ſeinen Bitten ein geneigtes Gehör ſchenken würde, als er zum zweiten Male vor der Rathsverſammlung erſchien. 171 Seine Schickſale, die nach ſeiner eignen, überall verbreiteten Erzählung von Munde zu Munde gingen, hatteneine faſt allgemeine Theil⸗ nahme für ihn erweckt, und alle Senatsmitglie⸗ der waren im großen Rathhausſaale zur feier⸗ lichen Sitzung verſammelt und eine gewaltige Volksmenge erfüllte rings die Gallerieen, oder drängte ſich in Haufen bis dicht an die weit⸗ geöffneten Flügelthüren, daß die Rathswäch⸗ ter mit ihren Hellebarden ſie kaum zurückzuhal⸗ ten vermochten. Neugierig ruheten die Blicke Aller auf dem jungen Manne, der in pracht⸗ voller Kleidung vor den Schranken ſtand, den Ausſpruch des Senats erwartend über ſein Ge⸗ ſuch um Schutz und Beiſtand gegen den. Schwe⸗ denkönig. Schon erhoh ſich der erſte Büurgermeiſter ⸗ von ſeinem Seſſel, den Bittenden freundlich begrüßend und ſeine wohlwollende Miene ver⸗ rieth ſchon im Voraus eine günſtige Erwiede⸗ rung auf das Anſuchen des Flüchtlings; doch als er eben die Lippen öffnete, ihm Hülfe u. d Schutz der freien Hanſeſtadt zu verkuͤnden, ſahe 172 er ſich unterbrochen durch das plötzliche Er⸗ ſcheinen zweier Männer, von denen der Eine haſtig den langen Saal durchſchritt, kühn vor die Schranken tretend, dicht neben den Dal⸗ Junker; indeß der Andere zögernd hinter ihm zurückblieb und ſein ſcheues Auge ängſtlich umherſchweifen ließ⸗ über die Volkomenge auf den Galerieen. 8 Mit lauter Stimme rief der Erſtere, ein Mann im vorgeruͤckten Mannesalter, in fei⸗ ner, ſchwarzer Kleidung, hinüber nach der lan⸗ gen Tafel, um welche die Senatoren erwar⸗ tungs voll ſaßen: „Im Namen meines Herrn und Königs, Guſtavs des Erſten von Schweden, fordere ich von Euch, Ihr Herren Bürgermeiſter und Senatoren der freien Hanſeſtadt Roſtock, die augenblickliche Verhaftung dieſes jungen Man⸗ nes, der wegen ſchwerer Verbrechen an ſeinem Vaterlande zehnfachen Tod verwirkte. Ich nenne mich Gyler, bin erſter Secretarius meines Königs und Herrn, und mein Beglau⸗ 173 bigungsſchreiben möge mein Erſcheinen vor Euch rechtfertigen, wie mein Begehren.“ Err legte eine Pergamentrolle in die Hände des erſtaunten Bürgermeiſters, der während der Leſung des Schreibens Faſſung zu gewin⸗ nen ſuchte, und endlich mit jenem Stolze, wel⸗ chen die Häupter der freien Reichsſtädte da⸗ mals ſelbſt gegen Könige und deren Abgeord⸗ nete behaupteten, erwiederte: „Es wäre gegen die Rechte unſrer freien Stadt, eine Verhaftung zu verhängen gegen einen Fremdling ſo edeln Stammes, der Schutz bei uns ſuchte gegen die Mordverſuche und ſchmählichen Verfolgungen Eures Königs. Könnt Ihr ſeiner habhaft werden außerhalb dem Weichbilde Roſtocks, ſo thut was Ihr verantworten könnt bei Gott und Eurem Ge⸗ wiſſen. Doch ſo lange der Verfolgte als Gaſt⸗ freund wandelt innerhalb der Mauern dieſer Stadt, ſoll Niemand Hand an ihn legen und hättet Ihr zu ſolchem Zwecke eine Schaar Tra⸗ banten mitgebracht von Eurem König.“. Ein jubelnder Beifallsruf des Volkes, rings 1 174 von den Gallerieen, folgte dieſer Ne, und hier und da ertönten laute Drohungen und höhnende Worte gegen den königlichen Ab⸗ geordneten. Der Dal⸗Junker athmete wie⸗ der frei; Hoffnung und Muth rötheten ſein Antlitz wieder, welches jäher Schrecken ge⸗ bleicht hatte, bei Gylers unerwartem Er⸗ ſcheinen und deſſen unnumwundenen Begehren. Doch als er jetzt freudig aufſchauete zu dem zubelnden Volke, und ſein herumſchweifender Blick auch auf den Begleiter des königlichen Abgeſandten ſiel, der indeſſen näher an die Schranken herangetreten war, da erbebte er auf’'s Neue heftiger als zuvor, und ſeine zit⸗ ternden Hände umklammerten krampfhaft das eiſerne Geländer, welches vor der langen Ge⸗ richtstafel den Saal durchſchnitt.*¼ „Mein Herr und König wird's Euch we⸗ nig danken,“ entgegnete Gyler ruhig, zur Rathsverſammlung gewendet,„daß Ihr Euch alſo ſeinem ausdrücklichen Begehren widerſetzt. Doch zeigt mir Eure Rede, daß der Betrüger liſtig Euch getäuſcht, wie er ſo manche Edle — 175 — unſeres Reiches und das Landvolk hinterging in Dalecarlien. Drum iſt es nun an Euch,“ wendete er ſich kalt zu ſeinem Begleiter,„die geſtrengen Herrn von ihrem Wahne zu be⸗ freien: ein Jüngling aus dem edelſten Stam⸗ me Schwedens habe ſie um Schutz und Hülfe angefleht. Gebt Gott die Ehre, Gryns, und redet jetzt, wie Ihr mir zugeſagt, die klare Wahrheit aus.“. „Ihr irrt, hochweiſe Herrn!“ nahm nun Gryns das Wort, dicht an die Schranken tre⸗ tend und die heuchleriſchen Blicke zu Boden ſchlagend;„wenn Ihr in dieſem j jungen Man⸗ ne den erſtgebornen Sohn des verewigten Herrn Reichsvorſtehers Sten Sture zu erblik⸗ ken meint. Er hat mir einſt ſein ganzes Herz erſchloſſen, und wird es jetzt nicht leugnen, was er damals mir vertraute. Er iſt ſo nie⸗ dern und gemeinen Standes, daß Eure Thür⸗ ſteher ſich ſchämen wuͤrden ihn Sohn zu nen⸗ nen. Ein Baſtard iſt er und diente als Knecht beim Ritter Anderßon in Weſtmanland, ver⸗ ließ ſeinen edlen Herrn, flüchtete nach Dale⸗ — 176 carlien und ſpielte dort, von den Biſchöffen Knut und Sunnanwäder wohl unterrich⸗ tet, die Rolle als Rebellenhäuptling unter dem Namen Nils Sture. Er nennt ſich Jöns; ſeinen Vater hat er nie gekannt, auch nannte er die Mutter mir nur als ein Weib aus niederm Stande, das ihren Geſchlechts⸗ namen ſtets vor ihm ſelbſt verhehlte.“ Beſtuͤrzung und Beſchämung malte ſich auf 3 den Geſichtern der getäuſchten Rathsherren. Auch die laute Theilnahme des Volks, war plötzlich durch die Ausſage des Prieſters wie gelähmt, und tiefe Stille war eingetreten im weiten Saale. Der junge Rebellenfuͤhrer ſtand wie vernichtet, und nicht ein Laut drang über ſeine Lippen, der den verrätheriſchen Vertrau⸗ ten Lüge geſtraft hätte. Da begann dieſer kek⸗ ker wieder aufs Neue: „Ihr ſeht hochweiſe Herrn, daß Ihr die Ehre Eurer guten Stadt beflecken würdet, wolltet Ihr dem niedern Burſchen, der als Rebell, Hochverräther und vielfacher Betrü⸗ 177 ger vor Ench ſteht, nicht fähig auch nur ei⸗ nen Buchſtaben der gewichtigen Anklage zu vernichten, Schutz gewähren und der gerech⸗ ten Strafe ihn entziehen. Darum befehlt: daß Eure Knechte ihn in Bande ſchlagen und er⸗ fuͤllt den Willen König Guſtavs, ihn ſtreng zu richten, wie er es verdient.“ Noch ſchwieg die Senatsverſammlung, noch wurde kaum ein Athemzug gehört im Kreiſe des Volkes, und der Verbrecher ſtand noch im⸗ mer wie gelähmt vom drückenden Gefühle ſei⸗ ner Schuld. Da unterbrach der laute, ängſt⸗ liche Ruf einer weiblichen Stimme:„laßt mich hinein! laßt mich hinein!“ die Todtenſtille, die im Saale herrſchte, und jenes Frauenbild, welches dem ſogenannten Dal⸗Junker auf ſeiner Flucht von Drontheim auch bis nach Roſtock gefolgt war, ſtürzte, ſich Bahn ma⸗ chend durch den dichten Volkshaufen, die ab⸗ wehrenden Rathswächter zurückdrängend, vor die Schranken, und wie ſchützend ſchlang ſie ihre Arme um den Angeklagten, und rief ihm unter Thränen zu: 3r Thl. 12 178 „ Ungluͤcklicher! die Leute draußen nannten Deinen Namen— wer hat Dich hier ver⸗ rathen?“ „Dieſer Elende!“ entgegnete er tief auf⸗ ſeufzend, wie erwachend aus ſchrecklichem Trau⸗ me, und deutete verächtlich auf Gryns. „Dieſer?“ wiederholte das Weib, mit fun⸗ kelnden Augen den Prieſter betrachtend.„Die⸗ ſer? Blendwerk der Hölle! nein, nein! das kann nicht ſeyn!— Und doch— nur wenig hat die Zeit dies Antlitz umgewandelt, das wie ein Schreckensbild ſeit langen Jahren mich oft aus meinem Schlummer aufgeſchreckt.— Bei allen Heiligen! Du biſt es, Gryns! Du biſt der Teufel im heiligen Gewande.— Nun denn— ſo höͤrt es, Väter dieſer Stadt, ſo hört es, Bürger Roſtocks! am jüngſten Ta⸗ ge wird dies Wort den Donner des Weltge⸗ richtes übertönen: der Vater hat den eignen Sohn verrathen!“ Ein Ausruf des Entſetzens ertönte rings und in immer ſteigender Erwartung wendeten ſich die Augen Aller nach der hohen Frauen⸗ geſtalt, die gewaltſam den fürchterlichen Auf⸗ ruhr ihres Innern zu dämpfen ſuchte, und nach einigen Minuten fortfuhr, ſich zu den Räthen wendend: 1 „Gott hab' ich meine Schuld geſtanden, warum ſollt' ich ſie vor Menſchen bergen? So wiſſet denn, daß jener Schändliche unter der Maske heuchleriſcher Frömmigkeit, mein unerfahrenes Herz vor Jahren einſt zu ſeſſeln wußte, daß ich in ſeinen Armen dem Peſthau⸗ che der Verführung unterlag. Mein Vater Ingiald, den die Mönche des Paulinerklo⸗ ſters, zu denen auch dieſer Niederträchtige ge⸗ hörte, um ſeiner beiden Söhne zeitliches und ew'ges Heil betrogen, jagte mich, belaſtet mit ſeinem Fluche von ſich. Heimathslos umher⸗ irrend, gebar ich Nachts, auf öder Haide, jenen Schmerzensſohn. Am andern Morgen, als die Sonne Gottes wie ein ſtrafend Feuer mich aus tiefer Ohnmacht weckte, ſchleppte ich mich mühſam weiter und gelangte gegen Mit⸗ . 12* 3 180 tag an die Burg des Ritters Anderßon. Die Knechte trieben rohen Spott mit mir, der edle Herr jedoch war mildern Sinnes; er nahm mich freundlich auf, wies mir beim Hausge⸗ ſinde meine Wohnung an und legte mir ſein jüngſtgebornes Töchterlein an meine Bruſt, daß es die Nahrung theile mit meinem Soh⸗ ne, die ſeine edle Gattin ihm ſelbſt nicht rei⸗ chen konnte, weil ſie ein Siegthum daran hin⸗ derte. So fand ich Schutz und Hülfe, ſo blieb ich viele Jahre lang im Schloſſe meines Herrn und wurde nicht als Dienerin gehalten. Mein Schickſal hielt ich tief in meiner Bruſt verſchloſſen, den Namen meines Vaters nannt' ich nimmer, ſelbſt meinem Sohne nicht; nur das entdeckt' ich ihm, daß ihm kein Vaterherz auf dieſer Erde ſchlage.— O, ſeyd barmher⸗ zig, Richter! ſchont des jungen Blutes; macht durch ein Gnadenwort jetzt des Verräthers ſchwarzes Werk zu Schanden, der ſeinen eig⸗ nen Sohn verderben will, ſo wie er mich in's qualvollſte Elend ſtürzte. Noch ſchrecklich la⸗ ſtet Vaterfluch auf meinem Haupte; doch ſeine 181 größte Hälfte wälz' ich dem Verfuͤhrer zu. Ja, Schändlicher, dem Zorn des Ewigen entgeh'ſt Du nicht; denn Deine Schuld iſt ſo entſetz⸗ lich, daß Du ſie nimmer büßen wirſt und wä⸗ ren hundert Lebensjahre Dir beſchieden!“ Sie ſchwieg erſchöpft und umklammerte ängſtlich ihren Sohn, der ſchaudernd nach ſei⸗ nem Vater blickte. Bebend ſtand dieſer und wagte es nicht das Auge aufzuſchlagen. Sein Haupt war auf die Bruſt herabgeſunken, ſein Antlitz todtenbleich und kein Laut drang über ſeine Lippen. Da erhob ſich endlich der erſte Bürgermei⸗ ſter, und tief ergriffen von der Erzählung des Weibes, gab er mit blutendem Herzen den Befehl, den jungen Mann in ſichre Haft zu bringen. Mit dem Wehegeſchrei der Verzweif⸗ lung umklammerte ihn die Mutter und wollte ihn nicht aus ihren Armen laſſen; aber Jöns, obgleich alle ſeine Hoffnungen vernichtet wa⸗ ren, obgleich ein ungeheurer Schmerz ſeine Bruſt durchwühlte, errang bald die männliche 4 24 182 Faſſung wieder, ſchloß ſie feſt in ſeine Arme, rief ihr ein ewiges Lebewohl zu und ſprach ruhig zu den Richtern: „Mein Spiel iſt verloren. Ich fühl' es, mein nächſtes Ziel iſt der Tod und der All⸗ mächtige gebe mir Muth und Kraft, den kur⸗ zen Weg zum Blutgerüſte eben ſo ſtandhaft zurückzulegen, als ich die glänzende Bahn ver⸗ folgte die mich zum Throne eines Königreichs leiten ſollte.“ Hierauf übergab er die ohnmäch⸗ tig niederſinkende Mutter dem Schutze des kö⸗ niglichen Abgeordneten und folgte mit feſten Schritten der Herrnwacht, die ihn in den Ker⸗ ker führte. Bei dem fernern Verhöre leugnete er keins ſeiner Verbrechen. Der Magiſtrat von Ro⸗ ſtock erkannte ihn hierauf des Todes ſchuldig, und dieſes Urtheil wurde ſchon wenige Tage nachher an ihm vollzogen. Er wurde in Gegen⸗ wart des königlichen Abgeordneten enthauptet.“* * Geſchichtlich. 185 So endigte der Bedauerungswürdige, den die Natur mit nicht gemeinen Gaben ausgeſtattet hatte, die unter edlerer Pflege und beſſerer An⸗ wendung ihm Ruhm und Ehre erworben hät⸗ ten. Im Staube geboren, ohne beſondere Bil⸗ dung aufgewachſen, wußte er ſich mit bewun⸗ dernswürdiger Gewandtheit in ſeinem neuen, höchſt ungewohnten Kreiſe zu bewegen und ſich das Anſehen zu geben, als ob ſeine Geburt ihn ſchon zum Herrſcher beſtimmt hätte. Er zeigte Muth und feſten Charakter, bemühete ſich eifrig ſeine rohen Sitten zu verfeinern, wußte ſich Achtung, Liebe und Vertrauen zu erwerben und ſo ſpielte er mit Sicherheit und Selbſtvertrauen ſeine Rolle als Gegner eines Köoönigs, den ganz Europa für einen der größ⸗ ten Fürſten ſeiner Zeit erkannte, und beunru⸗ higte geraume Zeit einen beträchtlichen Theil des Königreichs. Seine Gattin nahm den Schleier, ſobald ſie ſeinen Tod erfahren hatte und beſchloß ihr Leben im St. Brigittenkloſter zu Drontheim. 184 Seine unglückliche Mutter kehrte mit dem Secretarius Gyler nach Schweden zurück und ihrer troſtloſen Verzweiflung ſich hingebend, gelang es ihrem würdigen, theilnehmenden Be⸗ gleiter nur ſelten, während der langen Reiſe ihr Rede abzugewinnnen. Doch einſt, als er leiſe nach den nähern Umſtänden forſchte, die ſie mit ihrem Sohne wieder zuſammengeführt, nach ſeiner Flucht aus Weſtmanland, zheitte ſie ihm willig mit: „Er war ein wilder Bube, hochfahrenden Sinnes, und als der Ritter Anderßon ihn un⸗ ter ſeine Knechte aufgenommen, brachte bald ſein thörichter Hochmuth ihn in's Verderben. Die niedre Kleidung ſtand ihm nicht zu Sinne, er wollte es treiben gleich den Junkern in der Gegend und aus Uebermuth entfloh er heim⸗ lich, ſein Glück zu ſuchen in der Welt. So floſſen Monden hin, mein allzuſchwaches Herz hing noch gar feſt an ihm und keine Ruh⸗ fand ich mehr im weiten Schloſſe. Da kün⸗ digte vor wenigen Wochen mir der Ritter an, 185 daß ein Geſchäft ihn rufe nach Dalecarlien, und gnädig wie er immer war, fügte er hin⸗ zu: er habe Spuren daß mein Jöns dorthin geflüchtet, er wolle forſchen ob er unter den Rebellen ihn wohl fände, und ihm gern ver⸗ zeihen, wenn er reuig wiederkehrte. Als riefe mir's ein Engel zu: dort müſſe er ſeyn, ſtand der Gedanke feſt in meiner Seele und meinem Flehen gelang's, den edeln Herrn zu bewe⸗ gen, mit ſich mich ziehen zu laſſen nach den Thälern. Von Ort zu Ort hatte ich verge⸗ bens ſchon geforſcht nach meinem Sohne, da kam am Abende vor dem Treffen bei der Ska⸗ daborg der Ritter eilig zu mir nach Iſala, wo wir Herberge genommen, und vertraute mir: er habe Jöns geſehen vor der Burg, im Lager der Revellen; er ſey ihr Führer und ſie nennten ihn den Dal⸗Junker. Am an⸗ dern Tage ſahe ich ihn ſelbſt, als der Reichs⸗ rath Brynteſon ihn gefangen mit ſich führte nach Iſala. Wie er dort ſeiner Haft entkom⸗ men— dies Geſtändniß wird keine Todes⸗ marter mir erpreſſen. Wir flohen zuſammen; 186 doch nie gelang es meinen Bitten ſeinen hoch⸗ fahrenden Geiſt herabzuſtimmen zu frommer Demuth. Er war ein Spielwerk in der Hand der Prieſter, ſie haben ihn verfuͤhrt, ſie haben ihn zu ſo ſündhaftem Thun verleitet.“ Von jener Zeit an ſprach ſte nie mehr von ihrem Sohne, und ihr Schmerz nahm einen wildern Ausdruck an. Gyler fürchtete für die Zerſtörung ihrer Sinne und ließ ſie ſchär⸗ fer bewachen von ſeinen Dienern, da er be⸗ merkte, wie ſie Gelegenheit ſuche ihm zu ent⸗ fliehen. Gryns, der für ſeinen Zögling, ſeit dem letzten unglücklichen Kampfe, Alles, auch ſelbſt fuͤr die Zukunft verloren glaubte, wandte ſich liſtig auf die Seite des Siegers. Er war zwar mit Richeſſa aus der Skadaborg ent⸗ flohen, doch verließ er ſie im Gebirge, die Erreichung ganz anderer Pläne verfolgend. Er ſtellte ſich reuig dem Könige vor, erklärte ſich bereit der neuen Lehre ſich zu weihen und verſprach, um die Verſicherung ſeiner Treue 187 zu bekräftigen, auch wohl großen Lohn erwar⸗ tend, die Verfolgung und Anklage des Dal⸗ Junkers zu übernehmen. König Guſtav,— dem die Schandthaten des Prieſters und deſſen beſondere Beziehung zu dem Flüchtlinge nicht bekannt waren, ſchenkte ihm ſein Vertrauen und leicht wurde es dem Liſtigen, von Dront⸗ heim aus, wo ihn der Erzbiſchoff als Ver⸗ trauten ſeines Schützlings begruͤßte, des Letz⸗ tern Aufenthalt zu erfahren. Doch ſchrecklich erwachte plötzlich ſein Gewiſſen, als er nun zu Roſtock ſeinen Verrath geübt hatte und aus Arnefia's Munde ihm die furchtbare Ge⸗ wißheit wurde: er habe ſeinen eignen Sohn dem Henkerbeile uͤberliefert. Am Tage vor der Hinrichtung des Verurtheilten fand man den Elenden todt auf ſeinem Lager. Er hatte ſich ſelbſt entleibt. 188 10. Schon ſeit mehrern Tagen hatte der König Guſtav Dalecarlien wieder verlaſſen, nach⸗ dem er dem wackern Arend Siggeſon, in welchem er einen ſeiner vertrauteſten Jugend⸗ freunde wiedererkannt, die Landeshauptmann⸗ ſchaft in den Thälern uͤbertragen; denn ſeinen treuen Olofſon, der bisher dieſes Amt ſo redlich verwaltete, hatte er mit ſich genom⸗ men nach Stockholm als Gouverneur der Re⸗ ſidenz. Herrliche, freudenvolle Tage zogen jetzt am düſtern Jötniſteen vorüber, denn hinter ſeinen Mauern lebten glückliche Menſchen. Auch Tyſte und Ceecilie hatten ihren Wohn⸗ 189 ſttz daſelbſt aufgeſchlagen und unter dem Strahle des Friedens, unter dem milden Hauche des Vaterſegens ſproßten die Blüthen ihrer hart⸗ geprüften Liebe herrlicher hervor und frei und vertrauensvoll erhoben die Gluͤcklichen ihre Blicke zum Himmel, wenn die Worte des glühendſten Dankes über ihre Lippen drangen zum gütigen Vater aller Weſen, der ſie durch Sturm und Gefahren ſanft geleitet und ſie vereint zum ew'⸗ gen, ſegensreichen Bunde. Ceciliens Vater, der alte Admiral Swenßon⸗Some, ver⸗ mochte es nicht mehr ſich zu trennen von ſeinen Kindern, die ihn mit treuer, zärtlicher Liebe umfingen. Er lernte den wackern Tyſte ach⸗ ten und lieben und beim Anblicke der Glückli⸗ chen begann ſein ſchon erlöſchendes Lebenslicht auf's Neue aufzuflammen und der alte Jötni⸗ ſteen dünkte ihm ein weit lieblicherer Aufent⸗ halt, als die geräuſchvolle Hauptſtadt. Der Greis Ingiald war Arend Sig⸗ geſons unzertrennlicher Gefährte geworden. Er las mit ihm die heilige Schrift und Letzte⸗ 190 ·Q·¶·¶·(QQ—:⁴ſ rer unterrichtete ihn in Luthers Glaubenslehre, die bald der Greis wegen ihrer Einfachheit und Klarheit unendlich lieb gewann. So hatte er ſich in frühern Jahren die Lehre Chriſti gedacht und ſo fand er ſte jetzt klar aufgezeichnet mit den kräftigen Worten des Reformators, in ih⸗ rem einfachen und doch Alles überſtrahlenden Glanze. Er betete wieder zum Chriſtengotte und die milden Tröſtungen der Religion ſchie⸗ nen Balſam zu träufeln in ſein wundes Herz. Der Zwieſpalt ſeines Innern ſchien überwun⸗ den und einer ſtillen Schwermuth Raum ver⸗ gönnt zu haben in ſeiner Bruſt; doch Menſchen⸗ ſcheu und Hang zur Einſamkeit waren ihm ge⸗ blieben, als unzertrennliche Gefährten. Nur ſelten verließ er ſein duͤſtres Gemach und keine Bitten ſeiner dankbaren Freunde konnten ihn bewegen, in ihrem Kreiſe dem Frohſinne ſich zu weihen. So trat er eines Tages zu Sig⸗ geſon, druckte ihm freundlich die Hand und ſagte ihm ein herzliches Lebewohl; denn er war entſchloſſen nach ſeiner Höhle zurückzukehren und dort ſeine Tage zu beſchließen. 191 Mit der ganzen Gewalt freundſchaftlicher Ueberredungskunſt ſuchte ihn Siggeſon zu⸗ rückzuhalten; doch vergebens.„Meine Prü⸗ fungszeit iſt noch nicht zu Ende!“ ſprach er ſanft.„Eine harte Buße hat der Herr mir auf⸗ erlegt; ſoll ich mich ihr entziehen, wie ein Fi⸗ ger?— Meine Söhne— die armen Burſchen — darf ich ſie verlaſſen?— Leichtſinnig uber⸗ gab ich ſie dem ſichern Verderben, indem ich ſie dem blinden Glauben weihete, thörichten Wah⸗ nes, ſie wuͤrden mit der Binde um Fie Augen, am ſicherſten das Paradies errixgen. Doch mein Leichtſtun eben und ihre Bindheit haben ſie um ihr zeitliches, vielleicht— auch um ihr ewiges Heil betrogen. Nun hat ſie mir der Herr zurückgegeben, die grauſam zerſtörten, un⸗ glückſeligen Geſchöpfe; er legte die Vernichte⸗ ten an meine Vaterbruſt, die herrlich blühend und geſunden Sinnes einſt, ich lieblos von mir ſtieß, lebendig ſie begrub in jene Schreckens⸗ mauern, die ſte Gotteshäuſer nennen, wo die Opfer ſeufzen, die ihre Menſchheit abgeſchwo⸗ ren haben.— Siehe, Arend, der eutſetzens⸗ 192 volle Anblick der ſinnverwirrten Kinder, der folternde Gedanke: daß nicht ich, daß nur der Tod ſie einſt erlöſen kann von ihrer Qual— das iſt die Buße, die mein Herr und Gott mir auferlegt; weil ich von ihm mich wendete, um ſäner ſchlechten Diener willen. Ich muß der ſtrengen Geißel meinen Nacken beugen, denn ich bin wieder Chriſt geworden.“ „Und wird aufs Neue nicht die Natter der Verzweilung, des Menſchenhaſſes und der Zwei⸗ felsfolter in Deiner Bruſt ihr Neſt erbauen, wenn Du Dich ſolcher Selbſtqual unterwirfſt?“ erwiederte klmenehmend Siggeſon und hielt ſeine Haud feſt⸗ als ob er mit Gewalt ihn zu⸗ ruͤckzuhalten ſtrele. Doch Ingiald richtete ſich hoch auf, ent⸗ zog ihm ſeine Rechie, legte ſie auf's Herz und ſprach mit leuchtenden Blicken:„Ungläubig konnt ich werden, ſo lange mich nur jener Prie⸗ ſter gottesläſterliches, verbrecheriſches Treiben umwirrte— kleingläubig werd' ich nie, da ich die reine Lehre Luthers kennen lernte. Du ſollſt mich ſtandhaft büßen ſehen! leb' wohl!“ „So will ich Sorge tragen,“ fuhr Sig⸗ geſon fort, das man Deine Söhne herauf⸗ bringe auf's Schloß— „Das wolle Gott nicht!“ unterbrach ihn Ingiald mir feſter Ruhe;„daß die Gegen⸗ wart ſo ſchreckenerregender Geſchöpfe den ſtil⸗ len Frieden Deines Hauſes ſtöre. Sie gehö⸗ ren der Finſterniß— denn Nacht umhüllt ih⸗ ren Geiſt; ſie gehören der Erde an— denn für die Menſchheit ſind ſie todt.“ „So weile um des Glaubens willen noch bei mir;“ entgegnete der Freund ihm, den der Gedanke einer Trennung von ſeinem zwie⸗ fachen Lebensretter mit tiefer Wehmuth erfüllte. „Mein edler König will von Stockholm mir einen Prieſter des neuen Glaubens ſenden, ei⸗ nen wackern Mann, ganz nach des Reforma⸗ tors Sinne. Die Schloßkapelle laſſe ich ein⸗ richten, einfach nach Luthers Gebot, ſie werde die erſte Kirche der neuen Lehre in Dalecar⸗ 3r Thl. 13 3 194 lien. Verlaß uns nicht, ſey mit uns froh hier, bete hier mit uns und ſtärke Dich im reinen Glauben.“ Doch unerſchütterlich in ſeinem Eutſhluſf fuhr Ingiald fort:„Ein Büßender darf nicht nach Frohſinn trachten, bis die Buße ganz erfüllt iſt. Beten werde ich in meiner Höhle, oder droben auf der Felſenhöhe— Gott iſt überall!— Bedarf ich dazu der Ka⸗ pelle? iſt nicht der nächtliche Himmelsbogen, an dem die Millionen Kerzen leuchten, der er⸗ habenſte, anbetungswürdigſte Tempel der Er⸗ de?— Spricht wohl ein Prieſter kräftigere Worte als der Donner? dringt Menſchenſtim⸗ me wohl ſo furchtbar tief in's Herz, als des Sturmes Toſen, wenn er unm die hohen Fel⸗ ſengipfel rauſcht?— Das ſey mir Gottes Wort und die Natur mein Tempel. Seh' ich den Mond in ſeiner ſchauerlichen Pracht, hör' ich den Sturm, den Donner brüllen; dann will ich niederknieen in Demuth undzumeinem Gehögfor mein Gemuͤth erheben.“ 195 „Nun denn, ſo ziehe hin in Frieden! Dir folge unſer Dank, wie unſre Liebe!“ entgegnete 1 Siggeſon, überzeugt daß er den Beharrlichen nicht bewegen würde ſeinen Entſchluß zu än⸗ dern.„Doch wenn Du Deine Buße ganz er⸗ füllt— dann Ingiald—“ „Dann— ja, dann vielleicht— dann ſe⸗ hen wir uns wieder!“ unterbrach ihn Ingiald, 4 ihn feſt an ſeine Bruſt drückend, entfernte ſich dann eilig und verließ das Schloß. Es war Abend geworden, ein ſtürmiſcher trüber Abend. Der Himmel hatte ſich mit dro⸗ henden Wetterwolken umhuͤllt; weſtlich vom 1 Jötniſteen uͤber dem Fichtenwalde zuckten Blitze nieder, der ferne Donner rollte wie ein brau⸗ ſender Schlachtgeſang durch die abendliche Stille und plötzlich, auf feuchten Schwingen fuhr der Sturm daher, der bald mit der ganzen Furcht⸗ 3 barkeit eines entfeſſelten Orkans wüthete. Blitz und Donner folgten in immer geringern Pau⸗ ſen auf einander und tobten dahin über die Gegend. Die hohen Felſen, des Jötniſteens 13* 196 mächtige Pfeiler, erbebten; Mauern und Thuͤr⸗ me wankten und die Wipfel uralter Bäume brachen wie Binſen unter der Gewalt des Sturmes. In einer offnen Halle der Veſte, ſaß der alte Swenßon⸗Some betend im Seſſel; Tyſte und Ceeilie hielten ſich, ihm gegen⸗ über, einander feſt umſchlungen, und Arendt Siggeſon ſchauete durchs Fenſter hinaus in das ſchauerliche Sturmgewühl und gedachte Ingialds mit banger Beſorgniß. Da meldete der Rottenmeiſter eines Söld⸗ nerhaufens, welcher eben heimgekehrt war von einem Streifzuge: daß ſie einen verdächtigen Mann eingefangen, den ſie, ohnmächtig faſt vor Ermattung, zwiſchen den Felſen gefunden. Der Landeshauptmann, der in ſeinem neuen Amte, Menſchenliebe mit ſtrenger Ge⸗ rechtigkeit zu üben entſchloſſen war, hielt es für Pflicht, ſelbſt über Verdächtige nicht ohne Verhör, eine ſtrenge Haft zu verhängen und befahl augenblicklich den Gefangenen herbei⸗ 197 zubringen. Der Rottenmeiſter gehorchte und führte nach wenigen Minuten einen Mann in die Halle, der nicht geboren ſchien, die niedere zerlumpte Kleidung zu tragen, welche ihn nur nothdürftig umhüllte. Sein kuͤhner Blick ver⸗ rieth einen lebhaften Geiſt, Herrſchſucht und Ehrgeiz. Obgleich ſein Antlitz bleich und ver⸗ ſtört war, ſo drückten doch die tiefen Züge deſſelben einen eiſenfeſten Trotz aus. Bart und Haupthaar waren durchnäßt vom Regen, wild verwirrt vom Sturme und mit edler, ſtolzer Haltung ſtand er, im Bettlergewande, furchtlos in der dunkeln Halle. *„Wer biſt Du?“ fragte der Landeshaupt⸗ mann, der in der Dämmerung nur einen flüch⸗ tigen Blick auf ihn geworfen hatte. „Wer biſt Du?“ entgegnete der Andere ſtolz:„daß Du mich einfangen läßt, den friedlichen Wanderer, gleich einem Räuber von Deinen Knechten?“ „Der Landeshauptmann Arendt Sigge⸗ ſon, erhielt von ſeinem Könige das Recht, verdächtigen Geſindels ſich zu bemächtigen;“ wurde ihm zur Antwort, und in demſelben Augenblicke erſchien ein Diener, die Halle zu erleuchten mit brennenden Fackeln. Der gluth⸗ rothe Schein derſelben beleuchtete grell das Geſicht des Gefangenen, der jetzt wie von Wuth und Schmerz zugleich durchdrungen be⸗ bend ausrief:„Arendt Siggeſon— ich bin verloren!“ Indeſſen hatten ſich die anweſenden Schloß⸗ bewohner näher um den Gefangenen gedrängt und nachdem ihre Blicke jetzt, beim hellen Fackelſcheine in ſeinem verſtörten Antlitze ge⸗ forſcht, riefen ſie entſetzt, wie aus einem Mun-⸗ de:„Thure Jönſon! der Reichsmarſchall!“ „Ja, ich bin verloren!“ fuhr dieſer fort, nach einer Pauſe und mit einem Tone, wel⸗ cher deutlich verrieth, wie ſeine Seele im Ha⸗ der lag mit dem Schickſale.„Mein böſer Stern hat mich in meines ärgſten Feindes Hand ge⸗ geben.“ Doch ſtolz erhob er ſich und ſtellte ſich dem Landeshauptmanne kühn gegenüber, indem er die Worte ſprach:„hoffe nicht, daß ich mein Thun verleugnen werde, oder Gnade betteln um dem Tode zu entgehen. Höre mich, ich will Dir beichten, ohne Deine Fragen abzu⸗ warten. Ich bin ein Flüchtling, ein Rebellenfüh⸗ rer, komme aus Weſtgothland und Smaland, wo ich das Volk aufregte gegen Deinen Kö⸗ nig. Schon flatterte die blutige Fahne allent⸗ halben, ſchon huldigte das Landvolk mir als ſeinem Herrſcher— da gelangs dem neider⸗ füllten, knechtiſchen Adel, der ſchon beim Reichs⸗ tage zu Weſteräs ſo memmenhaft die Farbe wechſelte, die Herzen meiner Streiter zu ent⸗ muthigen. Ich ſah mich Fald verlaſſen, ver⸗ folgt von königlichen Söldnern und des Ke⸗ tzerkönigs Acht auf meiner Ferſe, ſiel ich jetzt Euch, meinem Feinde in die Hände. Ich ken⸗ ne Guſtavs Urtheil: Ehre Eigenthum und Leben raubt mir ſein Tyrannenſpruch. Erfüllt ſein Urtheil ſchnell an mir, ich bin nun fertig mit der trügeriſchen Welt und gönne Euch die Höllenfreude, mein Blut fließen zu ſehen durch Henkershand. Ich bitte nicht um Gnade— 200 — hört es Alle— ich will nicht Gnade.— Gu⸗ ſtav Erichſon von ſeinem Throne zu ſtür⸗ zen, war mein feſter Vorſatz; ich hab ihn noch und halt ihn feſt im Herzen, bis der Tod es bricht.“*† Ein furchtbarer Kampf tobte während die⸗ ſer Reden in Siggeſons Buſen. Der Mann, 9„ der einſt ſein ganzes Lebensglück zernichtete, der den ſchändlichſten Verrath an ihm geuͤbt, ſeine Ehre unlöſchbar befleckt; deſſen Schand⸗ that ihn bewog, aus dem Kreiſe der Menſch⸗ heit zu fliehen, ſich zu bergen hinter die Mauern eines Kloſters und einem qualvollen Leben ſich zu weihen; dieſer Mann ſtand jetzt als ein geächteter Verbrecher vor ihm und die Gerech⸗ tigkeit forderte von ihm ſeinen Tod durch Hen⸗ kershand. Doch niedre Rache war dem Her⸗ zen des edeln Landeshauptmanns fremd; nur b wenige Augenblicke dauerte der Kampf; ein tie⸗ 4 fes Mitleid ergriff ihn und mit Wehmuth ſprach er die Worte: * —, *Geſchichtlich. 201 „Gott ſtrafte Dich ſchon härker, als der König es je vermöchte. Gottes Hand riß Dich herab von Deiner ſtolzen Schwindelhöhe, zer⸗ trümmerte die verbrecheriſchen Pläne Deines Ehrgeizes, und ſtatt des Purpurmantels und des Glanzes einer Krone, gab ſie Dir das Bett⸗ lerkleid des heimathloſen Fluͤchtlings. Ich bin Dein Feind nicht mehr!“ — 95 „Du mußt mein Feind ſeyn!“ erwiederte Thure Jönſon, grollend mit ſich ſelbſt. „Nimm Rache— Rache— ſey mein Feind! laß mich foltern, laß mich peinigen und erſt nach langer Qual gieb mir den Tod, damit ich Urſach' finde, Dich zu haſſen.— Stolz ſtehe ich jetzt Dir gegenüber, ſtolz würde ich alle Mar⸗ tern tragen, die Deine Rache ausgeſonnen— nur Deine Großmuth würde mich zu Boden „ drücken, dieſe Laſt könnt' ich nicht ertragen!— 3 Haſt Du vergeſſen daß ich einſt Dein Weib verführte? haſt Du vergeſſen— ha! da ſteht der Bube ja!— Tyſte, Du biſt nicht jenes Mannes Sohn, Du biſt mein Sohn, ich habe —. Deiner Mutter Ehebett geſchändet, den Ma⸗ kel eines Baſtards habe ich Dir angehängt, fürs ganze Leben. Ich habe Dich verfolgt wie meinen ärgſten Feind, Dein höchſtes Glück, Dein Weib wollt' ich Dir entreißen; jetzt mach' es wett, was meine Härte, meine Grau⸗ ſamkeit an Dir verübte, entflamme jenes Man⸗ nes Rache dort, daß er den Tod mit giebt.“ Tyſte ſtand erſchüttert. Die bange Ah⸗ nung, die oft wie ein Geſpenſt ihn geängſtigt, ſtieg jetzt plötzlich vor ihm auf, in der Wahrheit blendendem Lichte. Siggeſon hatte ſein Antlitz verhüllt, Swenßon⸗Some und Ce⸗ cilie ſtanden ſprachlos. Der Landeshaupt⸗ mann gewann zuerſt wieder Faſſung, er be⸗ ſtätigte Tyſte mit wenigen Worten die Aus⸗ ſage des Gefangenen; dann trat er zu dieſem und ſprach mit dem Tone tiefer Empfindung: „Wie ich meinem Weibe verziehen, ſo ver⸗ zeihe ich Dir!— Fliehe, ich will nicht wiſſen, wohin Dein Fuß ſich wendet: nur verlaß dies 203 Land, wo Schande Dich und Tod verfolgen. Lebe fern von hier ein Leben, daß Dich einſt mit Deinem Gott verſöhnt— der Herr ge⸗ leite Dich!“ Tyſte, vom tiefſten Mitleiden durchdrun⸗ gen gegen den ſo tief Gefallenen, ging näher auf ihn zu, ergriff ſeine Hand und ſprach mit gebrochener Stimme: „Unglücklicher! Was Du einſt gegen mich gefehlt, ſey auf ewig ausgetilgt aus meinem Herzen. Vater warſt Du mir nie, ich konnte nie Dir Sohn ſeyn, und auch jetzt darf ich's nicht; denn unſre Wege fuͤhren nicht zuſam⸗ men. Doch noch einen kurzen Pfad laß uns zuſammen wandeln— den Pfad zu Deiner Rettung. Ich geleite Dich zur See, von dort aus magſt Du Gott zum Fuͤhrer wählen.“ Da ſank Thure Jönſon, wie überwaͤl⸗ tigt von einem menſchlichen Gefühle, welches ihn wahren Edelmuth und Seelengröße jetzt 204 erkennen ließ im reinſten Lichte, an die Bruſt des einſt verhaßten Sohnes, und ſein thränen⸗ ſchweres Auge hinausgerichtet in die Sturmes⸗ nacht, rief er aus: „Ich habe Dich erkannt, mein Herr und Gott! ja, Du biſt gnädig und gerecht!“ Ohne Widerſtreben ließ er ſich von Tyſte mit ſich fortziehen aus der Halle und flüchti⸗ ge Roſſe trugen Beide ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten dem Meeresufer zu. Ein kleines Kaufar⸗ theiſchiff lag dort bereit, ſchon am andern Morgen unter Segel zu gehen, nach der In⸗ ſel Fühnen und nachdem er ihn auf dieſem Schiffe geborgen hatte, verließ Tyſte den Unglücklichen und ſah ihn nimmer wieder. Denn das Gefühl der Sicherheit gebar gar bald wieder in der Bruſt des Reichsmar⸗ ſchalls die unbezwingliche Ruhmſucht, und ſein Haß gegen den König Guſtav verwiſchte in kurzer Zeit die Gefuͤhle der Reue, welche Sig⸗ 205 geſons und Tyſte's Edelmuth in ihm er⸗ weckt hatte. Er verband ſich in Odenſee mit dem entthronten Könige Chriſtiern, welcher dort einen Haufen Rebellen zuſammengebracht zur Wiedereroberung ſeiner Krone; doch ein Wortwechſel mit dieſem jähzornigen Tyrannen war wahrſcheinlich die Urſache ſeines ſchmach⸗ vollen Endes. Denn man fand eines Mor⸗ gens in der Stadt Opslo den Körper Thure Jönſons ohne Kopf auf der Straße liegen.* Auch Johann Thureſon ſahe Tyſte * nie wieder. Er war dem Könige nach ſchmerz⸗ haftem Abſchiede von ſeinen Freunden nach Stockholm gefolgt, und Guſtav— weit ent⸗ fernt die Verbrechen des Vaters dem Sohne entgelten zu laſſen— überhäufte ihn mit den größten Gunſtbezeugungen. Aber ſeines Le⸗ bens zarte Blüthe war vergiftet. Nur im An⸗ .. gedenken ſeines glüͤcklichen Tyſte empfand er einen ſeligen Hochgenuß und ſchon im näch⸗ — * Geſchichtlich. 206 ſten Winter rief den edeln Dulder, der dem Freunde das ſchwerſte Opfer ſeines Herzens, die erſte, einzige Liebe dargebracht, der Herr nach kurzem Siechthum in ſein Friedensland. 11. Rüſtig kämpfend gegen Sturm und Ungewit⸗ ter, hatte der Greis Ingiald, nachdem er den Jötniſteen verlaſſen, die enge Felſenſchlucht erreicht, welche hinaufführte bis zum Eingange ſeiner Höhle. Der Orkan hatte ausgetobt, nur ein leicht dahinwehender Oſtwind trieb das Gewölk auseinander und in ſeiner ſchön⸗ ſten Pracht tauchte der Vollmond auf in We⸗ ſten und verbreitete rings ſein magiſches Sil⸗ berlicht. Des Greiſes Herz erhob ſich bei die⸗ ſem Anblicke, und der düſtre Ernſt, der auf ſeiner Stirn geruhet während der mühevollen Wanderung, verſchwand. Ein heitres Lächeln ——— 208 ſpielte um ſeinen Mund und fromme Erge⸗ bung erfüllte ſeine Bruſt. So erreichte er die Höhe, wo jene vier Felſen ſtanden und ſo ſcheinbar einen himmelhohen Thurm bildend, in ihrem innern Raume den Eingang zur Erd⸗ höhle einſchloſſen, welche ſich Ingiald zur Wohnung erwählt hatte. Doch Staunen und Verwundrung feſſelte die Schritte des Grei⸗ ſes, als er auf der Höhe angelangt war. Er glaubte das Mondlicht täuſche ſein Auge; denn er fand die Gegend ſeltſam verändert, und doch traten, nach genauer Prüfung, alle Ge⸗ genſtände im freundlichen Schimmer der fun⸗ kelnden Sterne deutlich hervor. Ein grauſiges Chaos ſtellte ſich ſeinen Blicken dar. Jene vier Felſen waren zuſammengeſtürzt und bil⸗ deten über dem Eingange der Höhle, in ih⸗ ren Trümmern, einen ungeheuern Grabhügel. Entſetzen ergriff den Greis, ein ſtechender Schmerz durchzuckte ſeine Bruſt, als er ſeiner unglücklichen Söhne gedachte, die er in der Höhle verſchuͤttet, lebendig begraben wähnte, ohne ihnen Hülfe bieten zu können. Denn er 209 erkannte es ſchaudernd, daß es mondenlanger Arbeit und der Huͤlfe vieler Menſchen bedür⸗ fen würde, die auf einander gethuͤrmten, un⸗ geheuern Felsblöcke hinwegzuräumen vom en⸗ gen Erdſchachte, der in ſeine Höhle hinab⸗ führte. Noch ſtand er regungslos, mit angſt⸗ beklommenem Herzen; da ſahe er in geringer Entfernung eine menſchliche Geſtalt ſich ihm nähern, welche aus einer Felſenſpalte hervor⸗ getreten war, und als er den Paulinermönch erkannte, rief er ihm mit bebender Stimme zu:„Freund Anaſtaſius—o, meine Söhne!“ „Sie haben ausgerungen!“ entgegnete der Mönch feierlich.„Der Herr war ihnen gnä⸗ diglich; er rief ſie zu ſich ehe ſeines Sturmes Allgewalt ihr Grab verſchüttete.— Es war wohl gegen Mittag heute, als Dein Iwar in meinen Armen ſanft verſchied. Dein Ha⸗ guin, der ſelbſt im Wahnſinne noch den Bru⸗ der innig liebte, erkannte deſſen Tod gar bald. Sich werfend über die erſtarrte Leiche, im Schmerze raſend, ergriffen ihn die fürchter⸗ 3r Thl. 14 lichſten Krämpfe und er endete noch in der⸗ ſelben Stunde ſein jammervolles Leben. Auf Iwars Lager ruhen die Entſeelten dicht bei einander; ich deckte ſie zu mit Haguins Man⸗ tel und verließ am Nachmittage die Höhle, zum Jötniſteen zu wandern und Dir die To⸗ despoſt zu bringen. Doch als ich Iſala bei⸗ nahe erreicht hatte, da brach der Sturm los und früher als gewöhnlich dämmerte die Nacht herein. Ich wollte unter einem Felſenvor⸗ ſprunge mich bergen und fand ein Weib dork, abgezehrt, bleich und erſchöpft, wie eine Ster⸗ bende. Ich ſprach ihr Troſt zu, Hülfe konnt' ich ihr nicht bieten, und als der Sturm nun ausgetobt, beſchloß ich ſie nach Deiner Höhle zu führen, ihr dort ein Lager zu bereiten und von Deinen Heilmitteln ihr zu geben. Doch als ich dieſe Höhe nun erreichte, ſtand ich gleich Dir erſtarrt, ob der Verwuͤſtung rings umher. Ich betete zu Gott ein Dankgebet, daß er die Söhne ſchon am Morgen abgeru⸗ fen und ſie bewahrt vor gräßlicherem Tode. 211 Sie ruhen ſanft im kühlen Felſengmnlel Friede ſey mit ihnen!“ „Friede ſey mit ihnen!“ wiederholte In⸗ giald, feuchten Auges gen Himmel blickend. „Herr ich verſtehe Deinen Wink!— Dank Dir, Allguͤtiger! 2 Du haſt mir meine Bußezeit gekürzt, da Du die Leiden meiner Söhne haſt geendet. Gelobt ſeyſt Du! gelobt ſey Jeſus Chriſt!“— Beide beteten andächtig, knieend auf den Felſentrümmern. Dann erhob ſich. Anaſta⸗ ſius, ergriff des Greiſes Hand und ſprach: „Noch eine Prüfung hat der Herr Dir zuge⸗ dacht. Gedenke daß Du Chriſti Glauben wie⸗ der feſt im Herzen trägſt, der ſeinen Feinden ſelbſt am Kreuz vergab.“ Befremdet über dieſe Rede, ließ Ingiald, in geſpannter Erwartung ſich nach der Felſen⸗ ſpalte führen und fand hier, gebettet auf har⸗ tem Steine, die Leidende, deren röchelnde Athemzüge und der ſchon halbgebrochene Blick, nahe Auflöſung zu verkuͤnden ſchienen. 14* 212 „Gut, daß Du kommſt, frommer Mann!“ ſprach ſie mit matter Stimme und in abge⸗ brochner Rede, indem ſie krampfhaft die Hand des Mönchs ergriff:„Betet— Betet die gräß⸗ lichen Erſcheinungen hinweg— die ſich wie Nachtgeſpenſter mir vor's Auge drängen.— Seht— ſeht— da huſcht er wieder um die Felſenecke, der arme Jöns— mein Sohn— dem ſie in Roſtock den Kopf abgeſchlagen.— Ey, ſchaut— wie der Dal⸗Junker ſchön zu Roſſe ſitzt— doch—'s iſt ja nur ſein Rumpf das blutige Haupt, das hat er vor ſich auf dem Sattel liegen.— Aber ſo betet doch— ſonſt kommt der Andere wieder— den ich nicht nen⸗ nen darf.= Ha— droben— auf jener Fel⸗ ſenſpitze— im Mondenlichte— wie ein Geiſt — hul wie das weiße Haar im Winde flat⸗ tert— der Sturm heult drunten durch die Föhren,— ſchwer geht das Wetter über'n See— da zuckt der Blitz— nun ſteht der alte Mann in lichten Flammen.— Jetzt hebt er ſeine Fauſt— ſein Antlitz gluͤht— Vater Ingiald verflucht ſein Kind und deſſen Sün⸗ 213 denfrucht.— Nun an dem Sohne hat ſein Fluch ſich ſchon erfüllt— auch an Arnefia wird er ſchrecklich ausgehen!’“ Da ſank Ingiald, wie vom Zlitze ge⸗ troffen in ſeine Kniee. Seine Arme umfaß⸗ ten die Sterbende; ſtürmiſch drückte er ihr Haupt an ſeine Bruſt; tauſend Worte ſchweb⸗ ten auf ſeiner Zunge, doch nur den Namen: Mrhefiae merindcht⸗ er hervorzuſtammeln. „Nimm Deinen Fluch von ihr und gieb ihr Deinen Segen mit ins ew'ge Friedens⸗ land;“ ſprach der Paulinermönch, der hinter ihm ſtand mit gefalteten Händen.. Da legte Ingiald ihr die zitternde Hand aufs Haupt, ſeine Thränen netzten ihr blei⸗ ches Antlitz und mit weicher Stimme ſprach er: „Arnefia— Tochter— höre mich!— Schon längſt verzieh ich Dir— durch tau⸗ ſendfache Martern hab ich ſelbſt den Fluch ge⸗ büßt, den ich Dir einſt ins Elend mitgab.— Hörſt Du, mein Kind? nur einen Blick wirf 214 auf den greiſen Vater— er ſegnet Dich mit ſeinem beſten Segen!“ Als ob ſie dieſe Worte wohl vernommen hätte, richtete die Verſcheidende ſich halb em⸗ por, und mit klarem Blicke, der ein Weichen ihrer Sinnesverwirrung zu verbürgen ſchien, ſchaute ſie lange in des Greiſes Antlitz. Ein ſanftes Lächeln ſchwebte auf ihren Lippen, ihre Züge verklärten ſich, und] wie in un⸗ ausſprechlicher Wonne ſprach ſie die Worte: „Ingiald— Vater!— Dein Segen Got⸗ tes Gnade—— Barmherziger— ich bin be⸗ reit!“ Und ſanft lächelnd wie ein Kind, das am Mutterbuſen entſchlummert, ſchloß ſie an Vatersbruſt die müden Augen und verſchied. Noch hielt ſie der Greis feſt in ſeinen Ar⸗ men, als die Morgenſonne ſchon die grauen Steinblöcke röthete. Pater Anaſtaſius aber keuchte von Iſala herauf mit Hacke und Spa⸗ ten. Sie gruben der von allem Leid befrei⸗ ten, dicht neben dem ungeheuern Felſengrabe ihrer beiden Brüder eine ſtille Gruft und als ſie nun den Huͤgel gewölbt hatten über dem verſenkten Leichname, beteten ſie fromm und ſtiegen dann ſtill und langſam hinab ins Thal. In ſtiller Klauſe auf dem Jötniſteen kebten die beiden Alten noch kurze Zeit ein ruhiges, gottgeweihtes Leben. Nur ſelten ſahe man ſie im Kreiſe ihrer dankbaren Freunde; doch trug Ingiald den befeligenden Frieden in ſeiner Bruſt mit ſich bis zum Grabe, den er verge⸗ bens zu erringen ſtrebte bis ins hohe Alter ſeines ſturmbewegten Lebens. An einem freund⸗ lichen Frühlingstage, entſchlummerte er ſanft am offnen Fenſter. Sein letzter Blick war weit hinausgerichtet, nach jener Felſenhöhe, in de⸗ ren Schooße die geliebten Kinder ruheten. Dicht neben Arnefia's Ruheſtatt grub man ihm ſein Grab und bezeichnete mit einem ho⸗ hem Kreuze die Stelle, wo er friedlich ſchlum⸗ mert zwiſchen ſeinen drei unglücklichen Kin⸗ dern. Camenz, gedruckt bei C. S. Krauſche. In gleichem Verlage iſt erſchienen Pfennig⸗ Encyclopaͤdie (Prachtwerk) oder neues eleganteſtes Converſations⸗ Lexicon fuͤr Gebildere aus allen Staͤnden. Herausgegeben im Verein mit einer Geſellichaft von Gelehrten Dr. O. L. B. Wolff, Profeſſor an 5 Univerſttaͤt zu Jena. In monatlichen Lieferungen von 6 Bogen Text in groß Quart, und 2 Stahlſtichen, den beſten Engliſchen ganz gleich. Von dieſem Prachtwerke ſind erſchienen: Erſte Lieferung. Stahlſtiche: Academie in Athen. Ali Paſcha. Zweite Lieferung. Stahlſtiche: Aetna. Andernach. Dritte Lieferung. Stahlſtiche: Bingen, Deodati(Lord Byrons Wohnung). Vierte Lieferung. Stahlſtiche: Antwerpen. Bellagio. Subſcriptionspreis à Lieferung 8 gr (10 Sgr., 36 Xr.) Druck und Papier hoͤchſt elegant.— Vollſtaͤndig in 4 Baͤnden oder 32 Lieferungen mit 64 der ſchoͤnſten Stahlſtiche. Bei zwoͤlf bezahlten Exemplaren eins frei . Wer unter den Gebildeten aller Staͤnde wuͤnſcht nicht, zu ſeiner Belehrung in zweifelhaften Faͤllen, oder zur Nachhuͤlfe des ungetreuen Gedaͤchtniſſes, ein Werk als Eigenthum zu beſitzen, welches ihm uͤber alle Gegenſtaͤnde der Converſation genuͤgende Auskunft ertheilt? Der beiſpiellos ſtarke Abſatz der ſchon vorhandenen ruͤhmlich bekannten aber baͤn⸗ dereichen Werke dieſer Art hat dieſes gelehrt. Fuͤr Viele ſind aber die gedachten Werke, durch die zu große Ausfuͤhrlichkeit in Abhandlung ein⸗ zelner Artikel, doch nicht ſo paſſend, als ein Werk, welches, bei noch groͤßerer Vollſtaͤndigkeit in der Zahl der Artikel, dieſelben in gedraͤngter Kuͤrze ſo darſtellt, daß man, ohne durch Weitſchweifigkeit er⸗ muͤdet zu werden, ſogleich uͤber jeden Gegenſtand des menſchlichen Wiſſens genuͤgende ſichere Aus⸗ kunft erhaͤlt. Der bekannte, bei keiner Nation ſo rege, Kunſt⸗ ſinn der deutſchen Nation, leitete den Verleger auf den Plan, ein Werk herauszugeben, das, bei Er⸗ reichung des obengenannten Zwecks, zugleich durch ſeine aͤußere Ausſtattung ſich als eine Zierde jeder Privat⸗Bibliothek darſtellen, und ſich ſowohl durch ſchoͤnen Druck und prachtvolles Papier, als na⸗ mentlich durch die beigegebenen vortrefflichen Stahl⸗ ſtiche und unglaublich niedrigen Preis bei dem großen gebildeten Publikum beliebt machen koͤnnte. Schon die dem Werke als Zugabe beigeſellten 64 prachtvollen Stahlſtiche allein, wuͤrden nach den gewoͤhnlichen Preiſen fo hoch zu ſtehen kommen, als hier das ganze Werk mit Inbegriff derſelben. Sie werden abwichſeind landſchaftliche und hiſtoriſche Bilder, 85 — — — ——— ‿ ſſſinſſſiinſſſſſſſſnſſſſſiſſſſſinſſſifſſſnnſfſſſſſiſſin 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18