6 4 — lihbibliother engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 6 11. Oſfensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Enigegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Linterlegken. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücker: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Af. 1 1 „ 5 3 2 n,„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fuür beſchmutzte, zerkiſſene, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit ekupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer uen Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 — 8 r Der Dal⸗ Ein Junker. schwedisches Kevolutians⸗Gemälde aus dem fechszehnten Jahrhunderte, von Mariz Reichenhach. Seitenſtück zu den„drei Gräbern auf der Haide.“ Inriter Theil. ————%ͦᷣ— eipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. — 1834. ——— —44— —— Der Dal⸗AJunker. —(00— Zweiter Theil. — 4 2„————— 1. 1 1. In einer wilden Gebirgsgegend Norwegens, unweit Drontheim, lag auf einem kahlen Berg⸗ rücken die Emblaburg, ein ungeheurer, alter⸗ thümlicher Bau, welcher ſchon ſeit Jahrhun⸗ derten ſeine hohen, grauen Mauern, ſeine rie⸗ ſigen Thürme, dem Sturme der Zeit trotzend entgegengeſtellt. Eins der edelſten Geſchlech⸗ ter Norwegens hatte hier gehauſt; ein kräfti⸗ ger Stamm ritterlicher, ſtarker Männer hatte hier ſeine Aeſte ausgebreitet, eine unabſehbare Landesſtrecke ſchirmend und ſchützend. Doch hatte die Zeit den ſtarken Stamm gebeugt, geſtürzt, und die edelſten Zweige gefällt; denn es lebte jetzt in der gewaltigen Burg, der Wiege des 1* edeln Geſchlechtes der Henrichſon, nur noch die Wittwe des letzten männlichen Sproſſen mit ihrer achtzehnjährigen Tochter Richeſſa. In Norwegen wie in Schweden hatte der harte Winter endlich ſein eiſiges Scepter ge⸗ ſenkt; doch im hohen, gewölbten Wohngemache der alternden Wittwe wurde das praſſelnde Feuer im Kamin noch wohl unterhalten, wäh⸗ rend ſie ſelbſt, den Roſenkranz zwiſchen den gefalteten Händen, ihr langes Morgengebet verrichtete. Richeſſa aber, eine freundliche, blühende Geſtalt, lehnte am Bogenfenſter, drückte die kleine, zarte Hand gegen den hoch⸗ wallenden Buſen, und aus ihren großen, dun⸗ keln Augen ſchweiften gluͤhend verlangende Blicke hinaus in die noch winterlich, öde Ge⸗ gend. So ſtand ſie lange, wie in unruhiger Erwartung die betende Mutter nicht beach⸗ tend, welche oft die gefalteten Hände vor die Bruſt ſchlug, und wie befangen in recht ſchwe⸗ rer Sünde, ängſtlich ſtöhnte im brünſtigen Ge⸗ bete. Endlich erhob ſie ſich ſeufzend vom Sche⸗ mel, auf welchem ſie knieend gelegen vor dem kleinen Hausaltare, der mit einem Erucifir ——— — — — 5 und einem feingemalten Muttergottesbilde ver⸗ ſehen, die öſtliche Ecke ihres Wohngemachs einnahm. „Richeſſa!“ ſprach ſie im klagenden Tone, ihr einen Schlüſſel darreichend.„Geh hinüber in meine Schlafkammer, öffue mein Schatz⸗ käſtlein, nimm daraus zehn Mark löthigen Sil⸗ bers und bringe ſie dem Caſtellan, damit er ſie nach Drontheim ſende ins Eremitenkloſter, an meinen Beichtiger, den Pater Euſtachus. Der fromme Mann ſoll einſtweilen für mich beten, ſobald er aber kann, mich ſelbſt heim⸗ ſuchen hier auf meiner Burg, damit ich ihm beichte; denn ſchwere Schuld drückt mich dar⸗ 4 nieder.“. „Ei, Mutter!“ entgegnete Richeſſa mit leichtfertigem Lächeln;„was quält Ihr Euch doch ſo entſetzlich? Nehmt Eure Schlüſſel wie⸗ der, laßt das Silber nur im Schatzkäſtlein und mindert meine Morgengabe nicht durch Eure Scrupel. Die frommen Männer im Ere⸗ mitenkloſter beduͤrfen nicht des irdiſchen Gu⸗ tes; was wäre ihr Gelübde, wollten ſie nach Silber geizen?— Laßt Euern frommen Vater nur in Drontheim und beichtet mir, mein Müt⸗ terchenz ich will mich zwingen mein Geſicht in ernſte Falten zu legen und meiner Abſolu⸗ tion, wie meines Troſtes ſeyd Ihr ſchon ge⸗ wiß.“ Das bleiche, tiefgefurchte Antlitz der Mut⸗ ter hatte ſich während dieſer Reden hochgerö⸗ thet und zürnend erwiederte ſie, nach einer Pauſe des Staunens und Unwillens:„wie magſt Du doch ſo läſterliche Reden führen, gottloſes Kind! wandle ich denn noch hier in der Stammburg eines frommen, gottesfürch⸗ tigen Geſchlechts, oder liege ich in der Höhle Belials, daß mein einziges Kind, das ich er⸗ zogen in der Furcht des Herrn, wie ein trunk⸗ ner Soldknecht meinen frommen Glauben höhnt? — Da haben wirs ja ſchon! mein allzuwei⸗ ches Herz ließ ſich verleiten, die böſe Saat zu dulden hier in meinen Mauern und gleich fiel auch des Unheils Korn in meines Kindes Bruſt und wuchert ſchon und treibt dort Sünden⸗ frucht. Nein, länger duld' ichs nicht! mit Schaam blick' ich hinauf zu Gottes reinem Himmel wenn ſeine Sonne leuchtet, und des —— —— ——— 7 Nachts, da tritt der böſe Feind zu mir, ich höre ſeine gleisneriſchen Worte, die mich ver⸗ locken ſollen von dem rechten Pfade, die Ruhe, der Frieden meines Alters ſind dahin! Ich trage es nicht mehr, ſie müſſen fort, die Ab⸗ trünnigen, fort, heute noch!“ „Und das gerade wäre wohl der Sünden ſchwerſte, die Du begehen könnteſt, Mütter⸗ chen,“ erwiederte Richeſſa eifrig,„wollteſt Du die Heimathloſen, die Verfolgten hinausſtoßen aus der ſichern Burg, die ihnen Obdach, Schutz und Nahrung bietet. Denkſt Du nicht mehr an meines wackern Vaters Wahlſpruch: der Starke ſey des Schwachen Arm und Schild, der Tu⸗ gendhafte des Gefallenen Freund und Bru⸗ der! Denkſt Du nicht mehr daran, wie un⸗ ſere Burg eine Freiſtatt war fuͤr die Verfolg⸗ ten, wie der edle Vater ſelbſt Verbrecher ſchütz⸗ te, hatte er ihnen einmal Gaſtfreundſchaft ge⸗ lobt?“ „Dein Vater war ein ſtarker Mann an Geiſt und Leibeskräften;“ verſetzte die Alte zaghaft,„ich aber bin ein ſchwaches Weib und habe ich ſelbſt nicht durch den Tod mei⸗ 8 nes hochſeligen Herrn Gemahls die Stütze meines Alters verloren? Wie ſoll ich Andre ſchirmen? bin ich doch ſelbſt rathlos und ver⸗ laſſen!“ „Die Mauern unſrer Burg ſind feſt; wir zählen hundert Söldner in der Burg und drei⸗ ßig Vaſallen ſtehen zu Euch auf den leiſeſten Wink!“ ſprach Richeſſa muthig.„Ich ſollte meinen, dies ſey genug um drei Unglückliche zu ſchützen, die Eure übergroße Vorſicht noch dazu im entfernteſten Winkel unſres Schloſ⸗ ſes verbarg. Die Wittwe eines Mannes, wie mein Vater war, hat Macht genug im Lande, mit ihrem Worte den Verfolgten Schutz zu ſichern; ihres Armes bedarf es nicht einmal.“ „Leichtfertiges Kind!“ eiferte die Mut⸗ ter aufs Neue;„ſtets iſt Dein Blick nach Außen nur gerichtet, ja, draußen ſuchſt Du nur den Feind, wo ſich bis jetzt noch keiner ſehen ließ; den Feind im Innern, der leider Dir ſchon groß und mächtig wurde in Deiner Bruſt, den ſiehſt Du nicht. Kann ich mit meinem Worte auch gegen mein Gewiſſen mich wohl ſichern, wenn's mir zuruft Tag und ——ͦ/————)— —— —O——— 9 Nacht: Dein Kind iſt angeſteckt vom Peſthan⸗ che der Abtrünnigen! Soll ich zur Grube fah⸗ ren mit dem ſchmerzlichen Gedanken: Du ſieh'ſt einſt dort im Himmel, wo der Vater weilt, Dein einziges Kind nicht wieder; die Ketzerilt iſt für die Ewigkeit dem dunkeln Abgrunde ver⸗ fallen, wo keine Gnade iſt und kein Erbarmen!“ „Ich? eine Ketzerin?“ verſetzte Richeſſa lachend.„Ei, wie kannſt Du doch ſo hart mich ſchelten in Deinem Zorn? Was trieb ich denn bis jetzt für Ketzerei?— Ich verſorgte die Flüchtlinge, die unſern Schutz begehrten, mit Allem, was ihnen Noth that zu ihrem Unterhalte und hörte oft— ich leugne es nicht— mit Wohlgefallen die Worte des guten Oheims, die freilich mir wie eine neue Lehre klangen und doch ſo alte recht gediegene Wahrheit nur enthielten. Deshalb kam mir's doch nie⸗ mals in den Sinn vom Glauben meiner Vä⸗ ter mich zu wenden und Dich, mein Mütter⸗ chen, ſo gar entſetzlich zu betrüben. Ich laſſe Jedem ſeinen Glauben. Ich bin nicht ſo ge⸗ lehrt, zu gruͤbeln wer am meiſten irre geht — und wandle meinen Weg mit leichtem Sinn 10 ſo luſtig fort, wie ich ſeit meiner Kindheit darauf hingeſprungen. So, denk' ich, wenn ich auch nicht allzuſehr mich krumme und bücke vor den feiſten Herrn mit den Glatzköpfen, ich finde doch am Ende wohl die Leiter die zum Himmel führt.“ „Ich ſollte Dir böſe ſeyn, kindiſch, loſes Ding!“ erwiederte die Mutter beſänftigt und ſtreichelte zärtlich der Tochter blühende Wange. „Doch lange darf ich meiner Einzigen ja nicht zürnen ſonſt druͤckt es mir das Herz ab. Ich bin ſchon wieder gut; nun laß mich auch ge⸗ währen, ſende das Silber nach Drontheim, laß den frommen Pater zu mir bitten; denn länger trag' ich's nicht auf meiner Seele, ich muß ihm beichten!“ „Wenn Du das mußt,“ ſprach Richeſſa ernſter,„dann kenne ich auch die Buße ſchon, die der kalte Mann Dir auferlegt, deſſen Herz eiſiger iſt, als die ewig ſchneebedeckten Gipfel der Fjällen.* Er wird verlangen, * Eine ungeheure Felſenkette auf der Grenze Norwwe⸗ gens und Dalecarliens. —-:— 11 daß Du Deiner Schweſter Gatten fluchen ſollſt, daß Du ihn und Deiner Schweſter Sohn, den Du erzogſt wie Dein eignes Kind, ſammt ſeinem holden Weibe aus der Burg ſollſt jagen; ja, vielleicht verlangt er gar, daß Du ſie überliefern ſollſt dem geiſtlichen Ge⸗ richte zu Drontheim, weil ſie Schutz geſucht in unſerm Lande. Dann wird er noch ein ſammtenes Altarbehänge fordern und ein Pracht⸗ gewand für das Muttergottesbild ſeines Klo⸗ ſters, und wenn Du alles nun nach ſeinem Wunſch gegeben und gethan, dann wird er, ſich gewaltig räuſpernd, ſeine Abſolution aus⸗ ſprechen über Dichz doch nach Jahr und Tag, wenn die Unglücklichen der Verfolgung ihrer Feinde längſt erlegen, wird Dich der Gedanke an Deine willige Bußfertigkeit weit ärger pei⸗ nigen, als jetzt Dein menſchlich Mitleid!“ Mit dem Ausdrucke ſichtbarer Seelenangſt und qualvoller Unentſchloſſenheit, wollte die Mutter wieder antworten, doch unterbrochen durch den Eintritt eines jungen Mannes, deſ⸗ ſen bleiches Geſicht und finſtre Mienen ſchwe⸗ re Sorge verriethen, ſchloß ſie die ſchon geöff⸗ 12 neten Lippen und wendete ſich ängſtlich zum Fenſter, dem Eintretenden den Ruͤcken kehrend. Nicheſſa aber ging ihm freundlich entgegen, bot ihm freimuͤthig ihre Rechte zum Morgen⸗ gruſſe und zog ihn von der Thür hinweg, wo er betroffen ſtehen geblieben, der Mutter nä⸗ her, deren unfreundlicher Empfang ihn zurück⸗ zuſcheuchen ſchien. „Mein guter Gott!“ begann endlich Ri⸗ cheſſa, ihn wehmüthig betrachtend und die Hände wie erſtaunt zuſammenſchlagend.„Iſt das der kräftige Jüngling, der vor zwei Jah⸗ ren uns verließ in voller Jugendfriſche? Iſt das mein Tyſte, der Geſpiele meiner Kind⸗ heit, der ſchon als Knabe von acht Jahren Braut und Bräntigam mit mir geſpielt? Zum erſten Male ſeh' ich Dich erſt jetzt beim hel⸗ len Sonnenlichte; im finſtern Thurmgemache wo Ihr hauſt ſeit jener Nacht, die Euch in unſer Schloß geführt, da ſiel mir kaum die Bläſſe Deines Angeſichts ins Auge, doch hier — im hellen Sonnenſcheine— ſchrecklich haſt Du Dich verändert, guter Tyſte!“ „Er trägt den Stempel ſeiner Schuld in ——— 13 ſeinem Antlitz!“ ſeufzte die Wittwe, ihn von der Seite, nicht ohne Antheil und doch mit Scheu betrachtend. „Nun, komm nur, komm nur, armes Brü⸗ derchen!“ fuhr Richeſſa freundlich fort, ihn mit ſanfter Gewalt nach ſich ziehend zur Mut⸗ ter, die immer ängſtlicher werdend, ſich am Fenſtergeſims feſthielt.„Sey ohne Furcht, die Mutter iſt wohl wunderlich, doch wahrlich nicht ſo böſe als ſie ſcheint.“— „Furcht?“ entgegnete Tyſte und ſein mat⸗ ter Blick wurde leuchtender.„Der edle Hen⸗ richſon, der meinen Menſchenwerth, als Knabe mich ſchon kennen lehrte, hat Menſchen⸗ furcht aus memersSruſt verbannt. Ich ſtehe jetzt vor ſeiner Wittwe, die mir Wohlthäterin, die mir Mutter war von Kindheit an, und frage ſie beſcheiden jetzt, die mich keines Blik⸗ kes wuͤrdigt, was ich gegen ſie geſuͤndigt, daß ſie allſohart mir zürnen kann?“ „Wie kannſt Du ſolche Frage doch beſchei⸗ den nennen?“ verſetzte die Wittwezmit gewalt⸗ ſam aufgeregtem Zorne.„Soll ich Deimseigne Beichte Dir jetzt wiederholen? Daſ 8 du P nichr 14 die gottgeweihte Jungfrau aus dem Sct. Cla⸗ renkloſter zu Stockholm entführt, haſt ſie Dir antrauen laſſen von meiner Schweſter Gatten, der, nachdem er die heilige Handlung wie ein Gortesläſterer vollbracht, ſein geweihtes Prie⸗ ſtergewand von ſich warf, und jetzt, der neuen Ketzerlehre zugethan, ſich in den Strudel der Welt geworfen? Haſt Du nicht ſelbſt den alten Glauben verlaſſen, den mein hochſeliger Ge⸗ mahl mit Vaterliebe in Dein junges Herz geimpft? Haſt Du die geraubte Jungfrau nicht aus dem Schvoße der allein ſeligmachen⸗ den Kirche geriſſen, Irrlehren ihr vorgeſchwatzt, den letzten Stab ihr genommen auf ihrer trau⸗ rigen Pilgerfahrt? Nach ſolchen Freveln for⸗ derſt Du, daß ich mit offnen Armen Dich em⸗ pfangen ſoll? Herrlich haſt Du meine viel⸗ „ jährigen, mütterlichen Sorgen mir vergolten, und ſchönen Dank haſt Du mir heimgebracht für die Gebete, die Dein Wohl von Gott er⸗ flehen ſollten.“ 1 —„Daß ich Euch unverholen Alles gebeich⸗ tet, was ich gethan und was ich glaube, das ſey meiner Wohlthäterin ein ſichrer Beweis — —— ——— meines Vertrauens, meiner kindlichen Ach⸗ tung;“ entgegnete Tyſte ruhig.„Mögen Welt und Menſchen mich verdammen, ich wende mich an meinen Herrn und Gott, er wird mich, bin ich wirklich ſchuldig, ſtreng richten, doch gerechter als alle jene Staubgebornen Weiſen, die ſich anmaßen ſeine Stellvertreter hier auf Erden ſich zu nennen. Nur vor zwei Oberherrn beug' ich mich; zuerſt vor meinem Gott, dann vor meinem Könige, den nicht ein Erbrecht, ſondern ſein nicht zu belohnen⸗ des Verdienſt und ſeines Volkes dankbarer Wille auf den Thron geſetzt. Euch, meine Mutter, mir zu verſöhnen, iſt meines Herzens liebſter Wunſch; doch wie kann ich es? Ihr wendet Euch ſo kalt von mir, daß die kind⸗ lichſte Bitte auf der Lippe mir erſtirbt, und Euch zu überzeugen, daß meine Schuld mir leicht dünkt, daß ſie wirklich nicht ſo groß, als ſie in Eurem frommen Eifer Euch er⸗ ſcheint, das würde ich niemals wohl vollen⸗ den, denn in meiner jungen Bruſt war kaum der Keim des alten Glaubens aufgegangen, als ich aus Eurem Schloſſe in die Welt hin⸗ * — 16 austrat. Ihn verdorren zu laſſen unter dem heißen Sonnenſtrahle meines Hochgefühls für Recht und Wahrheit, war ein leichtes Spiel; doch ſchwerer, vielleicht unmöglich möcht' es werden, den feſten Stamm, der ſchon fünf Jahrzehenden in Eurer Bruſt gewurzelt, zu erſchüttern oder gar zu fällen. Er bot Euch wohl ſchon manche Balſamfrucht im Leben und Kühlung fandet Ihr wohl oft in heißen Ta⸗ gen unter ſeiner ſchattenreichen Krone; drum will ich ſeine Wurzeln nicht betaſten, die un⸗ ablöslich ſich um Euer Herz geſchlungen, und ohne die Wurzeln loszureißen könnt Ihr mich ja nie verſtehen, nie meine Handlungen nach ihrem wahren Werthe richten, gut heißen oder ſie verdammen. Der, den wir Alle hochver⸗ ehren, lehrt Duldung jedes Glaubens; ſo duldet, edle Frau, denn auch den meinen und richtet nicht zu vorſchnell. Zürnt Ihr mir noch ſo lange, ſtraft Ihr mich am härteſten und verachtet mich ſogar, ſo wird doch nimmer meine Dankbarkeit erlöſchen und bis zum Tode mir die heil'ge Pflicht gebieten, Euch zu lie⸗ ben, Euch zu ehren, wie man eine Mutter ——— 17 ehrt.— Ich komme jetzt Euch Lebewohl zu ſagen; ich bin es nicht gewohnt mich zu ver⸗ bergen, meine Handlungen gehören der Welt, drum darf ich auch ihr Urtheil nicht fürchten. Mein Weib habe ich dem frühen Grabe ent⸗ riſſen, ſie war das Ziel meines Lebensglük⸗ kes, ich hab's errungen, es feſt zu halten muß ich handeln wie ein Mann. Ich eile zu den Fuͤßen meines Königs und bitte um ein recht Gericht. Mein Weib und meinen Vater muß ich Eurem Schutze, Eurer fernern Gaſtfreund⸗ ſchaft empfehlen; iſt Guſtav gnädig, hole ich ſie bald mir nach. Lebt wohl, edle Frau! lebt wohl! Richeſſal mein Dank lebt ewig fort! Der Gott der uͤber mich, wie uͤber Euch im Himmel droben wacht, behüte Euch und ſchenk' Euch ſeinen Segen!“ Mit Thränen in den Augen verließ er ſchnell das Zimmer und die Wittme, welche nicht ohne Rührung den Worten des jungen Mannes, den ſie einſt Sohn genannt, gelauſcht hatte, gab ihrer Tochter wieder den Schlüſſel zu ihrem Schatz⸗ käſtlein, mit dem Bedeuten: eine Summe er Thl. 2 18 Goldes als Reiſepfennig in Tyſte's Hand zu legen, und eiliger als vorhin für den Pa⸗ ter Euſtachus, war jetzt Richeſſa bereit, der Mutter Schätze anzugreifen. ¹ 3 4 8 N 1 19 2. Noch an demſelben Tage trennte ſich Tyſte von Vater und Gattin und eilte auf flüchti⸗ gem Roſſe nach ſeinem Vaterlande zurück. Den innigſten Antheil an ſeinem Schickſale nahm Richeſſa, welche leichten Sinnes jedes Vor⸗ urtheil aus ihrer Bruſt verbannte, und nur den Geſpielen ihrer Jugend, den ſie wie ei⸗ nen Bruder liebte, in dem Flüchtigen erblickte. Mit dem Eifer einer Frömmlerin richtete da⸗ gegen ihre Mutter die Handlungen des jun⸗ gen Mannes und die ſklaviſche Furcht und Demuth, die ſie gegen alle Geiſtliche ihres Glaubens hegte, geſtatteten dem Wohlwollen . 2*† ‿ 20 und der mütterlichen Zärtlichkeit, welche wäh⸗ rend der Erziehung des verwaiſten Knaben 1 ſich ihrer bemächtigt, jetzt nicht mehr ſich frei loszuringen von ihrem Herzen. Ein wider⸗ ſtreitendes Gefuͤhl ängſtigte ihre Seele und nur dann erſt, als ſie ihn fern von ſich wußte, begann ſie freier zu athmen. Weit fremder und kälteren Herzens betrachtete ſie die bei⸗ den Zuruͤckgebliebenen. Ihren Schwäher, den vormaligen Reichsrath Arendt Siggeſon, der wegen der Untreue ſeiner Gattin, ihrer Schweſter, das Ordenskleid der Benediktiner wählte, hatte ſie früher nur entfernt gekannt, bis der Ritter Henrichſon ſie als ſein ehe⸗ liches Gemahl aus Schweden, wo ſie gebo⸗ ren, nach Norwegen fuͤhrte. Als ſie aber ſpäter die Verirrung ihrer Schweſter erfuhr, und Siggeſon ihr ſelbſt die Frucht derſel⸗ ben an's Herz legte, mit der Bitte des Kin⸗ des Mutter zu ſeyn, da fühlte ſie fuͤr den verlaſſenen Knaben das innigſte Mitleid, ja ſelbſt mit Liebe wurde ſie bald der armen Waiſe zugethan; doch mit Scheu, als ob ſie —— — — —— 21 ſelbſt ein Verbrechen gegen ihn begangen, wich ſie von dem Manne zurück, gegen den ihre Schweſter ſo hart gefrevelt. Sie ſuchte in der kurzen Zeit ſeines Aufenthaltes auf der Emblaburg ihm auszuweichen, ſo viel es ſich thun ließ, gleich als ob ſie fürchte auf ſeiner finſtern Stirn, in ſeinen kummervollen Mie⸗ nen die Vorwürfe zu leſen, welche ihrer leib⸗ lichen Schweſter galten, die ſie einſt geliebt hatte wie ſich ſelbſt, Cecilien, welche Sig⸗ geſon zu Tyſte's Gattin geweiht hatte, be⸗ vor er noch ſein Prieſtergewand gänzlich von ſich gelegt, traf ihr bitterſter Tadel und mit kalter Verachtung gedachte ſie der Hülfloſen jetzt, die alle Bande kindlicher Pllicht zerriſ⸗ ſen, um dem Geliebten zu folgen. Deshalb fühlte die Wittwe wohl zuweilen noch einige Unbehaglichkeit bei dem Gedanken: die bei⸗ den Flüchtlinge noch innerhalb ihrer Mauern zu wiſſen; doch um ſo leichter wurde ihr jetzt auch der Entſchluß, ſich ihrer ſo bald als möglich zu entledigen und eben nicht allzu men⸗ ſchenfreundlich war ſie in der Wahl der Mit⸗ tel dieſen Vorſatz auszuführen, da ſie Tyſte vor den Folgen deſſelben geſichert wußte; ja, ſie glaubte ſogar ihres vormaligen Lieblings Seelenheil durch eine gewaltſame Trennung von Beiden zu retten, indem ſie meinte: er ſey nur durch Liebeslockungen Ceciliens und überſpannte Eingebungen des Alten verführt worden. So brachte ſie den größten Theil des Tages ſinnend zu und war eben mit dem feſten Entſchluſſe zu Stande gekommen: Die Verfügung über ihre beiden Schuͤtzlinge ganz in die Hände ihres Beichtigers, des Paters Euſtachus zu legen, als Richeſſa freudig erglühend zu ihr eintrat und eilig mit klo⸗ pfenden Herzen ihr meldete: daß der ganze Schloßhof bereits von Fremden wimmele, wel⸗ che eben in die Burg geritten, und daß ein junger Mann in prächtiger Kleidung, mit Empfehlungsſchreiben vom Erzbiſchoffe von Drontheim verſehen, ſie zu ſprechen begehre. Die Wittwe war ſogleich bereit den Frem⸗ den zu empfangen, der auch bald darauf mit einem zahlreichen Gefolge edler Norweger und 23 Prieſter zu ihr eintrat und ein verſiegeltes Schreiben ihr überreichte, mit gnädigem Gruß des Erzbiſchoffs. Ueberraſcht uͤber den Glanz und verlegen durch die ſichre Haltung, die zuverſichtliche Miene, mit welcher der fremde Jüngling vor ſi ſie getreten, öffnete die Wittwe mit unſichrer Hand das Schreiben und obgleich ſie ſelbſt zu leſen verſtand, was zu jener Zeit ſelbſt bei den edelſten Damen Norwegens zu den Seltenheiten gehörte, ſo glaubte ſie doch ihren Augen nicht trauen zu dürfen; die Buchſtaben ſchienen ihr heute zu räthſelhaften Hieroglyphen verſchlungen und noch weit verlegener als zuvor blickte ſie bald fragend im Kreiſe umher, der ſie um⸗ ſchloß. Dies bemerkend, trat keck und zuver⸗ ſichtlich ein ältlicher Mann von mittler Größe aus dem Haufen hervor, der bisher mit li⸗ ſtigen, ſtechenden Blicken bald die Mutter, bald die Tochter gemuſtert und des fremden Jünglings Hand ergreifend alſo begann:„ver⸗ wundert Euch nicht länger, edle Frau, über unſer unvermuthetes Erſcheinen; der hochwuͤr⸗ 24 digſte Herr Erzbiſchoff Olof von Drontheim iſt Euch gnädiglich gewogen und hat mit Got⸗ tes Hülfe wohlmeinend beſchloſſen Eurem Witt⸗ wenſitze ſtrahlendern Glanz zu verleihen, lals jemals davon ausgegangen, hoch zu erheben Euer ſinkendes Haus, das letzte, zarte Zweig⸗ lein eines alten, ehrwuͤrdigen Geſchlechtes um einen königlichen Stamm zu ſchlingen, der bald ſeine Krone erheben wird uͤber ein gar mächtiges Volk. Ich führe Euch hier einen edeln Jüngling zu, der einſt mein Zögling war, mein Herr geworden und bald mein König ſeyn wird. Aus fürſtlichem Geblüte entſproſſen, durch eigne Tugenden, wie durch die glorreichſten Thaten ſeiner Väter, iſt er Schwedens Krone würdig und wird mit ſei⸗ nes wackern Volkes Hülfe, das ihm gänzlich zugethan, ſein gutes Recht darauf verfechten. Selbſt hier, auf Norwegens Grund und Bo⸗ den, fand er Freunde in Menge und tüchtige Streiter für ſeine gute Sache, die Arme ihm und Herzen mit Freuden bieten, ſich den Scep⸗ ter zu erringen; drum will er auch, von Dank⸗ 8 25 barkeit durchdrungen, unter Norwegens edeln Töchtern ſich eine Gattin wählen, ſeiuen Thron, wie ſeinen Ruhm, mit ihr zu thei⸗ len und ich ſtehe hier, im Namen des hoch⸗ würdigſten Herrn Erzbiſchoffs von Drontheim und werbe hier für Schwedens künftigen Kö⸗ nig, der ſich jetzt Nils Sture nennt, bei Euch, edle Frau, um die Hand Eurer Toch⸗ ter Richeſſa, damit ſie hoch emporſteige an ſeiner Seite, höher als jemals einer ihrer Vor⸗ fahren ſtieg.“ Da entſank der Hand der Wittwe das Schreiben, deſſen dunkler Inhalt ihr nun klar und deutlich wurde, und mit gefalteten Hän⸗ den, und unter Thränen der Freude und Rüh⸗ rung, brachte ſie endlich nach langer Pauſe die Worte hervor: „Wenn es des hochwürdigſten Herrn Erz⸗ biſchoffs Wille iſt, ſo achte ich ihn fuͤr Got⸗ tes Willen und wie ſollte ich armes, ſchwa⸗ ches Weib es dann noch wagen, auch nur ein leiſes Wörtlein dagegen aufzubringen. So hoher Gnade zu widerſtreben wäre ſündhaft; 26 in Demuth beuge ich mich vor Schwedens Herrn und Könige und lege meiner Toͤchter. Hand in ſeine Rechte mit meinem mütterlichen Segen.“ Der junge Freier ſchlang entzückt den lin⸗ ken Arm um die Mutter, den Rechten um die Braut, auf deren hocherröthende Stirn er ſeine glühenden Lippen preßte und rings erſchallte der laute Jubelruf: 3 „ Heil dem edeln Nils Sture, Schwe⸗ dens Könige und ſeiner ſchönen Braut!“ Erſt nach und nach, als der laute Jubel verrauſcht war und die ſo ungemein ſchnell Verlobten ſich in eine Fenſterbrüſtung, leiſe Worte wechſelnd, zurückgezogen hatten, ge⸗ wann erſt die, wie im Traume wandelnde, Wittwe ſo viel Faſſung, an die Bewirthung ihrer zahlreichen edeln Gäſte zu denken. Sie raſſelte gewaltig mit einem ſchweren Schlüſ⸗ ſelbunde, und mit faſt jugendlicher Lebhaftig⸗ keit, begrüßte ſie jetzt Viele unter dem Ge⸗ folge des fremden Juͤnglings, die ihr längſt bekannt waren als wohlberufene Edle des 5 27¾ Landes, oder als geachtete Prieſter; lud ſie ein, nach dem großen Trinkſaale ſich zu ver⸗ fügen, der ſeit dem Tode ihres Ehegemahls faſt verödet ſtand und ſetzte ihre zahlreiche Dienerſchaft mit Winken und Worten bald in die geräuſchvollſte Thätigkeit.. Der Brautwerber, der ſich unter dem Na⸗ men Gryns, ehemaligen Kaplans im Sture⸗ ſchen Hauſe, der Wittwe vorgeſtellt, war der letzte vom Gefolge, welcher das Gemach ver⸗ ließ. Er warf einen triumphirenden Blick auf die Verlobten, welche Hand in Hand einander gegenüberſtehend, Blicke und Worte wechſelnd leicht verriethen, daß ſie heute nicht zum er⸗ ſten Male ſich begegneten und mit tückiſchem Lächeln entfernte er ſich endlich leiſe aus dem Zimmer. „So wäre er ſo ſchnell erfüllt, mein lieb⸗ ſter Wunſch auf Erden, und glänzender als ihn mein ſchönſter Traum je ausgemalt!“ ſprach Richeſſa, mit freudig klopfendem Herzen zu dem Jünglinge, als ſie ſich ganz allein mit ihm befand im Zimmer.„Wie hätte ich ah⸗ * 28 nen können, als ich Euch vor kurzer Zeit im Hauſe jener Freundin meiner Mutter, die ich beſuchte um dem einförmigen Leben auf der Emblaburg während der traurigen Wintermon⸗ de wenigſtens zu entfliehen, manchmal ſah; daß jener Mann, den ſie in Drontheim nur ſchlicht und kurz den Daljunker nannten, dem bei dem erſten Anblicke ſchon mein gan⸗ zes Herz entgegenſchlug, vom Himmel mir be⸗ ſtimmt ſey zum Gemahl? Wie hätt' ich ah⸗ nen können, daß jener Jüngling ſo hoher Ab⸗ Aunft ſey, daß er, der ſeine Hand nach Schwe⸗ dens Krone kühn ausſtrecken darf, unter tau⸗ ſend edeln Jungfrauen, gerade mich erkieſen würde zu ſeinem Ehegemahl, mich, die nur ſelten und beſcheiden, wie ein Landmädchen, durch Drontheims ſtolze Thore einzog in die glänzende Stadt, die nur die kleine Welt kennt, die ſie innerhalb der Mauern der Emblaburg ſeit Kindheit umgab?— Iſt denn das Alles wahr und wirklich, wie Ihr ſagt und treibt Ihr nicht gar loſen Scherz mit einem einfa⸗ chen Mägdlein?“ 29 „Das wolle Gott nicht!“ erwiederte der Jüngling feurig;„daß ich Scherz triebe mit ⸗ Dir, mein holdes Kind, die ich ſo über Alles liebe, daß ich Krone und Scepter laſſen möch⸗ te für Deinen Beſitz. Erinnerſt Du Dich mei⸗ ner letzten Worte denn nicht mehr, die ich zu Dir ſprach am Abende Deiner Abreiſe von Drontheim: bald würde ich Dich heimſuchen auf Deiner Mutter Burg, mit froher Botſchaft und einem gar wichtigen Gewerbe an Dich? Schon damals war mirs klar, ich muͤſſe Dich beſitzen um jeden Preis; allein nicht eher durfte ich mich nennen, nicht eher offen handeln, bis der Erzbiſchoff, der mir ein kräftiger Beſchützer iſt, mein gutes Recht ver⸗ theidigt vor der Reichsverſammlung. Zu mei⸗ nem Glücke hat ſich Alles nun geſtaltet; Nor⸗ wegen ehrt und vertheidigt meine Anſprüche auf Schweden, ich darf jetzt kühn die Wer⸗ bung wagen um Dich und um den Thron. Wie lautet nun, Richeſſa, Dein Beſcheidd willſt Du jetzt mein ſeyn, willſt mir folgen in mein Vaterland, als Mutter meines Volks?“ ——õ—ÿu————— 30 Mit leuchtenden Augen betrachtete ſie den Juͤngling, maß mit ihren Blicken die hohe, kräftige Geſtalt, gehoben durch die reiche, goldd geſtickte Kleidung und ſprach dann lächelnd, eine Thräne von den Wimpern trocknend:„was fragſt Du doch, Du Lieber? hab ich mein Ge⸗ ſtändniß nicht ſchon längſt herausgeplaudert? Meinſt Du, ich hätte ganz Dein Abſchieds⸗ wort vergeſſen, in Drontheim? ach, nur zu tief bewahrte ich mirs im Herzen und oft, wenn ich darüber grübelte floh der Schlaf von mei⸗ ner Lagerſtätte. Oft, wenn die Sonne auf⸗ ging, ſtand ich hier und blickte dort recht ſehn⸗ ſuchtsvoll den Weg hinab, und glaubte jeden Autgenblick, der Dal⸗Junker müſſe gleich er⸗ ſcheinen; hatte ers doch ſo beſtimmt verſpro⸗ chen. Nun biſt Du da, nun hat ſichs ja er⸗ füllt: ich habe Dirs geſtanden, wie ich Dich von ganzem Herzen liebe, Dein will ich ſeyn auf ewig— doch Du erhebſt mich jetzt zu Dir, ach, an den Thron hat nicht mein Sinn ge⸗ dacht! Mir ſchwindelt denk' ich daran und .„ ſehe ich Deine reiche Kleidung, fällt mir der Purpurmantel und die Krone ein— dann iſt mirs, als müßte ich zurückweichen von Dir, als müßte ich mich verbergen in das dunkelſte Gemach und offen eingeſtanden: den fremden, armen Dal⸗Junker hätte ich ſo herzlich feſt an meine Bruſt gedrückt— den König zu ume fangen ſcheue ich mich.“ „Die Grillen wirſt Du bald vergeſſen lers nen!“ erwiederte Jener ihre Scheu belächelnd und zog ſie an ſeine Bruſt.„Hier, an mei⸗ nem Herzen wirſt Du ſie vergeſſen lernen! Nenne mich Du, gewöhne Dich, mir immer traulich zu begegnen und Du wirſt auch einſt im Könige nur den lieben Gatten finden.“ Hingeriſſen von der Gluth der erſten Lei⸗ denſchaft, rief ſie, wie ſich ſelbſt vergeſſend: „o Du— mein König— mein Geliebter!“ und ihre Lippen hingen feſt an den Seinigen. „Wie bin ich doch auf einmal über allen Aus⸗ druck nun ſo glücklich geworden!“ fuhr ſie fort nach einer Pauſe.„Wem ſoll ichs denn er⸗ zählen, wie ich glücklich bin? Ich ruf es Je⸗ dem laut entgegen, in den Zwingern, von den 32 Mauern ruf ichs laut hinaus ins Feld!— Iſt denn hier Keiner, den ein Gram belaſtet, ich will von ſeinem Herzen jede Bürde nehmen, wenn ichs vermag, mit Freudenſtrahlen ſein nachtumwölktes Antlitz erhellen! Iſt Niemand hier, der Hulfe braucht, mein Gold— ich ſparte viel—— o, mein barmherziger Gott! da denk ich ihrer, der Verfolgten, der Ungluͤck⸗ lichen!— Ich kann ja leider hier nicht hel⸗ fen, Du aber, mein Geliebter! kannſt es! O höre mich,'s iſt meine erſte Bitte! höre mich und hilf!“ Mit leidenſchaftlicher Heftigkeit umſchlang ſie den Jüngling und berichtete nun in der herzlichſten Sprache des Mitleids, die Schick⸗ ſale ihres Oheims und Ceciliens. Sie bat ihn die Verlaſſenen öffentlich in ſeinen Schutz zu nehmen und ſobald er Schwedens Krone errungen, ſie ihrem Vaterlande wieder zu geben. Doch während ihrer Erzählung hatten ſich die Mienen des Dal⸗Junkers verfinſtert, und ernſt, doch freundlich entgegnete er ihr: ———— 33 „Mir thut es weh, Richeſſa, Deine erſte Bitte nicht allſogleich erfüllen zu dürfen. Hät⸗ ten die Flüchtlinge nur gegen den Schweden⸗ könig Guſtav ſich vergangen, ich wuͤrde freu⸗ dig ihnen meinen Schutz bieten und meine Hand zur Hülfe; aber ſie frevelten vornehmlich gegen die Kirche und ihre Prieſter, deren Schutze ich allein mein Glück verdanke. Die unterdrück⸗ te und ſchwer verfolgte Cleriſei in Schweden, ſieht auf mich, hoffenden Blicks, fordert mich auf, ihre zertrümmerten Rechte wieder aufzu⸗ bauen; wie duͤrfte ich die nun öffentlich beſchü⸗ tzen, die ketzeriſch geſinnt, der Kirche Anſehn und der Kirche Recht ſo frevelnd angetaſtet? Doch ſey nur ruhig; Gryns, der, wills Gott! mein Kanzler wird, wenn ich den Thron er⸗ lange, weiß Rath für Alles. Er iſt ein klu⸗ ger Mann, und wenn nicht öffentlich, ſo kann vielleicht doch heimlich für die Flüchtigen et⸗ was geſchehen.“ „Nur bald, mein Nils, nur bald!“ bat Richeſſa wieder eifrig.„Denn ſieh, die Mut⸗ 2r Thl. 3 ter iſt gar wundeilich, ſie hät ſo ihre Seru⸗ pel und möchte gern der Armen ſich entledigt ſehen. Wenn ſie erſt beichtet, dann iſt es um die Unglücklichen geſchehen und ich fürchte, ihr Beichtiger Euſta Hus kommt dieſer Tage ſchon „Gut denn!“ entgegcke der Dal⸗Jun⸗ Ter.„So fpreche ich heute Abend noch mit Gryns und morgen will ich ſehen, wie ich die Bitte meiner lieben Braut erfülle.“ Hier⸗ auf reichte er ihr den Arm und führte ſie un⸗ ter zärtlichem Koſen nach dem großen Speiſe⸗ ſaale, wo ihr froher Jubel entgegenſchallte. 35 3. Schon funkelte der Abendſtern am blauen Ho⸗ rizonte, ein eiſig kalter Abendwind ſtrich an den hohen Bogenfenſtern vorüber, daß ſie klirr⸗ ten, und noch immer ſchwelgten die fröhlichen Gäſte an der reichbeſetzten Tafel. Sie ſchie⸗ nen es nicht zu bemerken, daß das Feuer in dem Kamine längſt ſchon niedergebrannt war, denn der Geiſt des alten Weins und ſtarken Biers hatte ſie durchglüht. Da zog ſich die Wittwe mit ihrer Tochter Richeſſa,— als immer lauter und lauter der tobende Lärmen wurde und ſelbſt die Geiſtlichen ſich mit den Rittern um die Wette bemüheten, luſtige, oft 3* 36 gar zu weltliche Lieder, mit ſchwerer Zunge und aus heiſerer Kehle erſchallen zu laſſen— in ihre Frauengemächer zurück und überließen ihre Gäſte ungeſtört der faſt zügelloſen Luſt. Auch der Dal⸗Junker zog ſich in ein Erker⸗ fenſter zurück und blickte ſinnend und wie von ängſtlichen Träumen gefoltert, hinaus in die kalte, helle Nacht. Gryns, ſchon berauſcht, begab ſich wankenden Schrittes zu ihm, lehnte ſich vertraulich auf ſeine Schultern, und ſchaute ihm mit grinſenden Lächeln ins Antlitz, indem der ihm zuraunte: „Nun? hab' ich einen Zipfel Deines Kö⸗ nigreichs mir wohl verdient, Du edles Junk⸗ herrlein? wiegt nicht das ſchmucke Mädchen hier, mit allen ihren Reizen, die herrlichſte Provinz in unſerm Vaterlande auf?“ „Ach, wär' ich erſt am Ziele!“ ſeufzte Je⸗ ner ſchwer beklommen. „Am Ziele?“ wiederholte Gryns mit lei⸗ ſem, widrigen Gelächter.„Wie meinſt Du das, mein feiner Burſche? hier oder dort?— Dein ſchönſtes Ziel haſt Du erreicht, denk ich, 37 durch meine Hülfe; es liegt Dir jetzt am näch⸗ ſten. In wenig Wochen biſt Du der Gemahl der reichen Erbin, und glückt Dir's dort nicht mit der Krone Schwedens, ſo biſt Du hier geborgen Deine Lebenszeit. In Deines Lieb⸗ chens Arme fällſt Du ſanft zurück, wenn, was der Herr nicht wolle! ein Schwindel auf der hohen Leiter Dich erfaßt, ehe Du den Thron erreichteſt; ich aber— ich, der Schöpfer Dei⸗ nes Glücks— was wird mir?— Mir wirſt Du dann vergönnen zuzuſchauen, wenn Du Dein Täubchen ſchnäbelſt, mir recht nahe bei der Kirche eine dunkle Zelle einräumen, damit ich wieder als Kaplan mein Amt verwalte. Beim Teufel! Burſche, wenn Du das im Sinne hätteſt, ich ſchlenderte Dich jetzt ſchon in den Staub zurück, aus dem Du hervorge⸗ krochen.— Was meinſt Du, Söhnchen, wenn Du mir nun die verſprochene Provinz, gleich nach der Hochzeit, von Deines Bräutleins Mahlſchatz ausbezahlteſt im blanken Golde? denn ſteh': der Kirchendienſt iſt mir zuwider; ich hab' in andern Dienſten ſchon zu viel her⸗ 38 umgepfuſcht, ich möchte gern von nun an welt⸗ lich leben und müßte ich mich deshalb auch heute noch zur Ketzerei verſtehen. Nun, he? was meinſt Du, Dal⸗Junker?“ „Ich meine, einen tiefen Blick hab' ich ge⸗ than in Dein verſchloſſenes Gemüth;“ erwie⸗ derte der Dal⸗Junker verdrießlich.„Dem Weine gelang es beſſer Dein Herz zu öffnen, als mir bis jetzt. Was ſoll ich Dir für Ant⸗ wort geben? kenne ich doch ſelbſt die Schätze meiner Braut noch nicht. Beſorge aber nichts; Du weißt recht gut, daß ich nicht ohne Dei⸗ nen Willen athmen darf, daß Du den Talis⸗ man beſitzeſt, der Dich zum Herrn macht über mich, über meine Hoffnungen, ja, über mein Leben ſelbſt. Nur hätte ich nicht gemeint, mein frommer und andächtiger Gebieter, Dein Glaube ſey Dir läſtig und ſo feil, daß Du Dich heute noch zur Ketzerei verſtehen könn⸗ teſt. Im Rauſche haſt Du Wahrheit doch ge⸗ ſprochen? und ſo recht zu gelegner Zeit, ver⸗ riethſt Du Deiner Seele innerſtes Getriebe mir. So höre mich, ich ſoreche Mich Dein Mitleid, nur Deine Klugheit an.“ Mit kurzen Worten trug er ihm nun Ri⸗ cheſſa's Anliegen vor, indem er ihm von den Schickſalen der Flüchtigen ſo viel mittheil⸗ te, als ihm ſelbſt bekannt war; forderte ihn auf, die Gefährdeten aus der Burg zu ſchaf⸗ fen und irgendwo ein ſicheres Aſyl für ſie zu bereiten. „Das ſicherſte Aſyl iſt Dalecarlien; dort bin ich wohl bekannt und ein ſichres Verſteck wird ſich wohl finden. Was ihnen weiter no⸗ thig, muß die Zeit erſt lehren; jetzt handelt ſichs ja nur darum Eurer frommen Schwie⸗ germutter Gewiſſen zu beruhigen und die Flüch⸗ tigen ohne Aufſehen aus der Burg zu ſchaf⸗ fen;“ erwiederte Gryns.„Iſt das ketzeriſche Weibchen jung und ſchön?“ fragte er weiter, mit lauernden Blicken und ſein Geſicht, das vom übermäßigen Genuſſe des Weines, tod⸗ tenbleich geworden, verzog ſich zur widerli⸗ chen Fratze, als er lächelnd fortfuhr:„doch, das verſteht ſich ja von ſelbſt— Wäre ſie 40 häßlich, hätte ſie der junge Fant fein huͤbſch unterm Schleier, im Kloſter ſitzen laſſen.— Ei nun— begann er nach einer Pauſe wieder— ſo will ich denn, ſo lange ihr Gatte fern iſt, ihr Ritter ſeyn; doch wahrlich nicht umſonſt. Auch bin ich um die Erhebung meines Lohnes gar nicht bange; denn wo er mir verweigert wird, nehm ich ihn mit Gewalt.“ „Morgen ſprechen wir mehr davon!“ ent⸗ gegnete der Dal⸗Junker kurz und mit dem Ausdrucke des größten Mißbehagens und ent⸗ fernte fich aus dem Saale, ſein Ruhelager ſu⸗ chend. Gryns aber blieb beim Gelage zurück, rühmte mit lallender Zunge die Tugenden ſei⸗ nes Zöglings, indem er nicht undeutlich zu verſtehen gab, wie ſie die Früchte ſeiner Er⸗ ziehung wären und prophezeihte eine goldene Zeit für Norwegen, ſobald der junge Nils Sture den ſchwediſchen Thron beſtiegen hät⸗ te. Spät erſt begab er ſich zur Ruhe, als die Gäſte ſich ſchon Alle ſchweren Hauptes entfernt hatten. Am andern Mittage, nachdem der Dal⸗ —— 41 Junker mit ſeiner Braut eine heimliche Un⸗ terredung gehabt, die Flüchtigen betreffend, fand er Gryns noch in ſeinem Zimmer, auf dem Ruhebette, wo er eben die letzten Reſte des geſtrigen Rauſches verſchlafen und ſich die Augen reibend, mißmuthig zu ihm emporblickte. Doch ſchnell erheiterte ſich ſeine Miene, als ihm Jener mittheilte: daß Richeſſa ihm eine Summe Goldes übergeben, zur Rettung der Verfolgten, und daß ſie eingewilligt, ſie unter ſicherem Geleit nach Dalecarlien zurückzufüh⸗ ren, und einen gefahrloſeren Aufenthalt dort für ſie zu ſuchen. „Ich übernehme ſelbſt die Anführung des ſicheren Geleites und ſicher, wie im Schooße Abrahams bringe ich ſie über die Grenze;“ ließ ſich Gryns ſchnell und bereitwillig ver⸗ nehmen.„Gieb mir das Gold, ich will ihr Zahlmeiſter ſeyn auf der Fahrt und bleibt ein Ueberſchuß, will ich ihn redlich in ihre Hände legen, ſobald wir einen Schlupfwinkel für ſie gefunden.“ * „Wohlan denn! nimm das Gold⸗ und hier 42 — den Schlüſſel zu jenem Verſtecke, welches ſie bis jetzt den Augen der Reugierigen hier im Schloſſe entzogen; entgegnete Jener, ihm Bei⸗ des überreichend, und mit der Mahnung: ſchnell und klug zu handeln, verließ er ihn. Lange noch blieb Gryns auf ſeinem La⸗ ger und einen zurückſchreckenden, recht wider⸗ wärtigen Ausdruck nahm ſein bleiches Antlitz an, als er, mit ſtierem Auge, bald das Gold anſtarrend bald den Schlüſſel, Beides in ſei⸗ nen Händen wog.„Sieh da!“ ſprach er leiſe zu ſich ſelbſt;„mein ganzes Leben hindurch hab' ich nach irdiſchem Gute gehaſcht, getrach⸗ tet hab' ich mit wahrem Heißhunger nach den Lüſten dieſer Welt und bin ein Bettler ge⸗ blieben ein halb Jahrhundert lang— ein recht nüchterner Bettler! Da wirft auf einmal Frau Fortuna, als hätte ſie mich zum Schooßkind auserſehen, mich auf die rechte Bahn, wo's nur vielleicht ein wenig Klugheit und vieles Blutes noch bedarf, ein reicher, freier Mann zu werden. Was ichz ſo lange ſchon erſehnt, das wirft ein gliͤ kllicher Zufall jetzt unverhofft 2 — 43 in meine Hand. Das Beutelchen iſt voll und ſchwer von Gold, doch viel zu leicht fürs ganze Leben; Richeſſa's Brautſchatz ſoll mein Maß ſchon fuͤllen, wie ich mirs beſtimmt. Dies wäre etwas. Hier der Schlüſſel giebt mir faſt noch mehr; er ſchließt die Pforte zu ganz anderem Genuſſe, der, aus Dankbarkeit geboten, ſüßer mundet als für Gold erkauft. Er liefert mir ein junges Weib in meine Ar⸗ mez; ſchon malt' ich mir ein lachend Bild von ihr. Hülfloſe Lagen weiß ich zu benutzen und die Gefahr, die ſie bedroht, kann ich vergrö⸗ ßern oder gänzlich von ihr wenden. Ich will ihr Retter ſeyn: Dankbarkeit flammt leicht em⸗ por in zarter Weiberbruſt— ſie iſt ſchon mein! — Doch wenn ſie nun in toller Schwärmerei für ihren Gatten, mich doch verſchmähete?* dann gilt Gewalt als letztes Mittel!“ Mit heiſerem Gelächter beſchloß er ſein Selbſtgeſpräch und nahm den übrigen Theil des Tages, mit der größten Heiterkeit, an den wiederholten, feſtlichen Gelagen Theil, Mit ſcheinbar tiefem Mitleid und eifriger Sor⸗ 44 ge, forſchte er bei Richefſa ſelbſt nach den näheren Verhältniſſen der Flüchtigen, ließ ſich genau den Weg beſchreiben zu ihrem Verſtecke und ſpät am Abende, als ſchon der Schlaf ſeinen Fittich uͤber die meiſten Bewohner des Schloſſes gebreitet hatte, ſteckte er den, vom Dal⸗Junker empfangenen Schlüſſel zu ſich, nahm die Lampe aus ſeinem Zimmer und ſchlich, vorſichtig um ſich blickend, durch die ö5den, gewölbten Gänge. Er ſtieg bald ins Erdgeſchoß hinab und der erhaltenen Wei⸗ ſung nach durchſchritt er links hinab den lan⸗ gen Säulengang, an deſſen Ende eine hohe Thuür ſich befand, welche ohne Geräuſch ſich öffnen ließ. Von hier aus ſtieg er wohl noch funfzig Stufen abwärts und gelangte durch unterirdiſche Gänge bald zu einer lan⸗ gen Reihe Gemächer, welche, ehe noch die Flügel des Schloſſes erweitert und ausgedehnt worden waren, in kriegeriſchen Zeiten, der ſtar⸗ ken Burgbeſatzung zur Wohnung gedient hat⸗ ten. Er zählte beim Scheine ſeiner Leuchte die Thüren, blieb bei der Neunten ſtehen und öffnete ſie vermittelſt des Schluͤſſels, den er vom Dal⸗Junker empfangen hatte. Sein Ein⸗ treten hatte Geräuſch verurſacht und das Stau⸗ nen der beiden Flüchtlinge, worin ſie der über⸗ raſchende Beſuch eines Fremden verſetzt hatte, geſtattete ihm Zeit, das kleine Zimmer und deſ⸗ ſen Bewohner zu muſtern. Das gewölbte Ge⸗ mach erhielt nur Licht von einer ehernen Am⸗ pel, welche von der Decke herabhing; die Wän⸗ de waren grau, doch reinlich und trocken. Auch zeugten die, mit Decken und Pelzwerk reich⸗ lich verſehenen Lagerſtellen, ſo wie anderes Hausgeräthe von einiger Fuͤrſorge der Burg⸗ herrin und deren Tochter. 4 Nit finſtern, mißtrauiſchen Mienen ſtarrte der ehemalige Benedictinermönch Arendt Sig⸗ geſon dem Eintretenden eutgegen und auch Ce⸗ ciliens Blicke waren ängſtlich nach ihm gerich⸗ tet und hafteten forſchend auf ſeinem geiſtlichen Gewande. Doch Gryns wußte die Züge ſei⸗ nes Angeſichts ſo freundlich, ſo Zutrauen er⸗ weckend zu geſtalten, daß Siggeſons Blicke ſich gar bald erheiterten, auch Cecilie freier 46 athmend ihn betrachtete, und als er nun mit ſanfter Stimme begann:„der Frieden des Herrn ſey mit Euch!— Wir glauben Alle an einen Gott und ſo Ihr Chriſtum nicht leug⸗ net und den Kern ſeiner Worte, ſo ſoll die keere Huͤlſe nimmer ein Zankapfel werden zwi⸗ ſchen uns;“ da wendeten ſich Beide hoffend nä⸗ her zu ihm und das freundlichſte„Willkommen“ erglänzte im Spiegel ihrer Augen. „Man nennt Euch Abtruͤnnige!“ fuhr Gryns fort mit heuchleriſcher Milde.„Man nennt Euch Ketzer— ſchreckliches Wort!— Ich ſehe nur pilgernde Menſchenbrüder in Euch, die ver⸗ lockt vom rechten Pfade, irrend wandeln; oder die ſich ſelbſt die neue Straße wählten, im Dafürhalten: ſie ſey die kürzere und wohl⸗ geebnetere zum Himmel, und die im feſten Glauben, recht zu wandeln, ſelig ſind.“ „Ganz recht, mein würdiger unbekannter Herr!“ ſiel ihm Siggeſon, zutraulich ſich ihm nähernd, in die Rede.„Euer Wort klingt gut und CEuer letzter Fall iſt ganz der Un⸗ ſerige.“ — „Nun denn, ſo höret mich!“ begann Jener wieder.„Ich kam nicht her mit Euch zu ſtrei⸗ ten, noch Euch zu bekehren; Duldung lehrte unſeres Gottes Sohn, ich bin ſein Diener und fuͤhle mich zu ſchwach Richter zu ſeyn zwiſchen Euch und ihm. Aber leider denken nur We⸗ nige gleich mir; ſie eifern, ſchmähen, verur⸗ theilen und verfolgen. Sie halten ſich an den Buchſtaben, nicht an den Geiſt des Wortes, und irren mehr und ſchaden mehr dem Glau⸗ ben, als Mancher, den die neue Lehre anzieht, wie ein Flimmerlicht den nächtlich Wandern⸗ den. So wißt denn, daß Gefahren Euch be⸗ dräuen, die unabwendbar ſind, legt Ihr nicht gänzlich Euer Schickſal jetzt in meine Hand. Ihr ſeyd verrathen; das geiſtliche Gericht zu Drontheim verlangt Eure Auslieferung und damit auch hier in Norwegen, wir bereits in Schweden, des Martin Luthers Lehre nicht um ſich greife, will es an Euch ein öffentli⸗ ches, ſchrecklich Beiſpiel geben fuͤr alle Wan⸗ kende im alten Glauben. Die edle Wittwe kann Euch nicht mehr ſchützen, ſonſt läuft ſie felbſt Gefahr zu den Abtrünnigen gezählt zu werden und geiſtlicher Verfolgung zu er⸗ liegen. Sie will Euch retten und durch mich; ſie legte ſelbſt die Mittel zu Eurer Rettung nieder in meine Hand. Wollt Ihr mir fol⸗ gen, ſo ſeyd bereit in künftiger Nacht mit mir zu fliehen.“ „Schon wieder fliehen um der Wahrheit willen!“ ſprach Siggeſon dumpf und mit finſtrer, gerunzelter Stirn. Cecilie aber ſchaue⸗ te ihm ängſtlich fragend ins kummervolle Antlitz und leiſer Schauder durchbebte ſie, als ihr Blick an Gryns vorüberſtreifte, deſſen ſtechendes Auge ſie glühend zu durchbohren ſchien. „Und wohin ſollen wir uns nun wenden?“ fragte Erſterer wieder unmuthig. „Nach Eurem Vaterlande!“ entgegnete Gryns mit der Miene eines zuverſichtlichen, theilnehmenden Rathgebers.„Dort, wo die Flamme Eurer neuen Lehre ſchon mächtig um ſich gegriffen, ſo manchen alten Tempel ſchon in Aſche werfend, dort im allgemeinen Bran⸗ de, der das ganze Land erfaßte, dort ſeyd Ihr „— 49 ſicher. Hier glimmt der Zunder nur verſtoh⸗ len und könnte leicht durch Euer Blut gänz⸗ lich gelöſcht werden. Vertraut Euch mir; ich bringe Euch zurück nach Dalecarlien, dort lebt mir nahe bei Faluhn ein Freund, der Martin Luthers Lehre ſchon offen predigt. Dort fin⸗ det Ihr ein ſicheres Verſteck und ſtärkere Be⸗ ſchutzer als hier zu Lande bis Euer Sohn des Königs Gnadenwort Euch bringt.“ „Ach, wären wir mit Tyſte fortgegan⸗ gen!“ ſeufzte Cecilie leiſe, aus ſchwerbeklom⸗ mener Bruſt. Doch Gryns, dem dies nicht entgangen war, erwiederte ihr ſchnell mit heuch⸗ leriſcher Sanftmuth: „Es ſcheint, daß Ihr mir eben nicht all⸗ zuſehr vertraut; doch thut Ihr wahrlich Un⸗ recht. Unter meinem Schutze habt Ihr nichts zu befahren und Euer Gatte ſelbſt würde nicht eifriger über Eure Sicherheit wachen kön⸗ nen, als ich. Verbannt die weibliche Beſorg⸗ niß, die ich Euch nicht übel deute und faßt Vertrauen zu dem Manne, der aus reiner 2r Thl. 4 50 Menſchenliebe Hülfloſen und Verlaſſenen die Hand reicht.“ Mit einer ſegnenden Bewegung ſeiner Hän⸗ de näherte er ſich ihr, umfing ſie ſanft, zog ſie an ſich und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Stirn, indem er ſprach:„Verwaiſtes Kind! erbarmungslos verſtoßen von einem har⸗ ten Vater, vertraue mir, ich will Dein Vater ſeyn!“ Cecilie fühlte ſchon ihr Herz wohlthuend ergriffen von den ſanften Worten des Man⸗ nes, als er ihr ſo ganz gegen Art und Weiſe Anderer ſeines Glaubens und Standes, ihr der Abtrünnigen, Huͤlfe und Rettung bot; doch ſchneidend verwundeten ſie ſeine letzten Worte, die ein zehrendes Gift in ihrem Innern auf⸗ regten. Schaudernd wendete ſie ſich von ihm, der ſie immer feſt umſchlingend, die ſchönen Züge ihres Geſichts mit glühenden Blicken mu⸗ ſterte und flüchtete in die Arme Siggeſons, der finſter vor ſich hinblickend, wie aus einem Traume aufſchreckend, ausrief: ——— — 51 „Ich war ein feiger Thor, daß ich gefluch⸗ tet, aus dem Lichte in die finſtre Nacht; der wackre deutſche Reformator zeigt allen ſeinen, Feinden kuͤhn die Eiſenſtirn. Was fürcht' ich für den Leib? weiß ich die Seele doch gebor⸗ gen!— Ja, Mann, der Ihr mir freundlich Eure Hand gereicht, führt mich hinaus ans Licht des Tages, die Sonne Gottes wird mein Herz erwärmen, nach ſo langer Haft in dun⸗ keln Kerkermauern.— So recht, meine Toch⸗ ter, lehne Dich an mich, ich bin noch ſtark genug die Wankende zu ſtützen und die Kraft des neuen Glaubens hat mich wieder jung ge⸗ macht.— Sagt, würdiger Herr, der edeln Wittwe Henrichſon: für ihren Schutz und Gaſtfreundſchaft ließ ich den beſten Dank zu⸗ rück; wir galten ihr nur freilich für Geächte⸗ te, doch eben deshalb war für uns der ſtille, ſichre Kerker immer dankenswerth. Beſtimmt nun ſelbſt die Zeit der Abfahrt, zu jeder Stun⸗ de findet Ihr uns hier bereit.“ Die entſchloſſene, feurige Rede des noch 4* 52 immer kräftigen Mannes, hatte Gryns mit Befremden vernommen. Er hatte gehofft ei⸗ nen ſchwachen Greis zu finden, gebeugt und für ſein Leben beſorgt; doch der glühende Eindruck, welchen die Reize der leidenden Cecilie in ſeinem Herzen zurückgelaſſen hat⸗ ten, war zu mächtig und ließ keine Beſorg⸗ niß über die Ausführung ſeines heimtückiſchen Plans in ihm aufkeimen. Er verſprach am folgenden Tage Alles zu einer ſichern Flucht vorzubereiten, die er ſchon in der nächſten Nacht auszuführen gedachte und verließ hier⸗ auf Beide unter heuchleriſcher Verſicherung ſei⸗ ner innigſten Theilnahme. Der Dal⸗Junker blieb mit ſeinem Ge⸗ folge auf dem Schloſſe der Wittwe, welche durch ſeine Bitten beſtürmt, ſich nicht länger weigerte, das eingebildete Glück ihrer Toch⸗ ter durch eine ſchnelle Vermählung mit dem zukünftigen Könige Schwedens zu krönen. Es vergingen nur wenige Wochen mit den ſchleunigſten Zubereitungen zu dieſem Feſte, ——— 53 welche dem liebenden Brautpaare noch viel zu langſam erſchienen. Der junge Mann war, ſeitdem ſein Vertrauter, Gryns, ihn verlaſ⸗ ſen hatte, zuweilen in einem ſeltſam unruhi⸗ gen Zuſtande. Es ſchien, als ob er ſein künf⸗ tiges Glück, nun da er dem Ziele ſo nahe ſtehe, nicht faſſen könne, und mit ängſtlicher Haſt drang er auf die Beſchleunigung ſeiner Vermählungsfeier. Richeſſa, vom Feuer der erſten Liebe durchglüht, war ſeinen Wün⸗ ſchen in dieſer Hinſicht nicht entgegen, ob⸗ gleich das muntre, frohe Mädchen, jetzt oft langſam und träumeriſch umherwandelte, und wie von düſterer Ahnung befangen, die ver⸗ lorne Heiterkeit vergebens im vorigen Maße wieder zu erlangen ſtrebte. Endlich brach der läugſterſehnte Tag an und reich geſchmückt, mit den koſtbarſten Kleidern angethan, von ſeiner Schwieger⸗ mutter mit reichen Geſchenken überhäuft, worunter ſich beſonders eine große, gol⸗ dene Kette, welche vom Halſe bis zu 54 den Füßen herabhing, auszeichnete, fuͤhrte der Dal⸗Junker ſeine Braut zum Al⸗ tare, und mit glänzender Pracht wurde ſein Beilager gefeiert ſieben Tage lang.“† * Geſchichtlich. — ᷣ☛ ⁴☛ 4. Gryns hatte mit ſeinen beiden Schuͤtzlingen, Areudt Siggeſon und Cecilien, in der von ihm dazu beſtimmten Nacht, die Reiſe nach Dalecarlien angetreten. Neun Tage lang zogen ſie eilig fort, von ſechs Reiſigen beglei⸗ tet, auf öden Haidewegen, und durch wilde Gebirgsgegenden, ſich und den Roſſen kaum die nöthige Ruhe gönnend. Endlich hatten ſie die Fjällen, die himmelhohe, natuͤrliche Grenz⸗ mauer zwiſchen Norwegen und Dalecarlien, glücklich überſtiegen, und vor ihnen breitete ſich am Abende des zehnten Tages eine nie⸗ drigere Gebirgskette aus, in deren Höhlen und 56 Schluchten ſie ein Obdach zu finden gedach⸗ ten, bis zum nächſten Morgen. Nur ſelten hatten ſie auf ihrer eiligen Fahrt, bei welcher ihnen die noch kurzen Tage nur allzuſchnell verſtrichen, die Wohnungen geſellig lebender Menſchen berührt und oft ſuchten ſie, bei der ſchon fruͤhzeitig einbrechenden Nacht, ein ein⸗ ſames Gehöfte, oder eine Berghöhle zu ſerrei⸗ chen, wo ſie, reichlich verſehen mit Lebensmit⸗ teln und Lagergeräthſchaften, die Morgendäm⸗ merung erwarteten. Mit zuvorkommender Freundlichkeit hatte ſich Gryns während ih⸗ rer Wanderung, immer mehr den beiden Fluͤcht⸗ lingen genähert. Mit Geduld und Aufmerk⸗ ſamkeit, hatte er Siggeſons ſchwärmeriſche, faſt unerſchöpfliche Vertheidigungsreden der neuen Lehre mit angehört, ja, hier und da, ſogar beifällige Aeußerungen beigefügt und auf dieſe Weiſe dem ernſten, durch vieljähriges Kloſterleben und langſam zehrende Leiden, ver⸗ ſchloſſenen Manne, einen gewiſſen Grad des Vertrauens abgedrungen. Auch Cecilie hatte, durch längeres Beiſammenſeyn mit ihrem Füh⸗ 9 1 B rer, die ängſtliche Scheu und alle die ahnungs⸗ ſchweren Beſorgniſſe, welche bei ſeinem erſten Anblicke ihre ganze Seele erfüllten, größten⸗ theils niedergekämpft und fand jetzt in den tröſtenden Worten des theilnehmenden, ge⸗ wandten Mannes ſogar Beruhigung für ihr gramerfülltes Herz. Kein Blick, kein Wort verrieth ſeine innere Bewegung wenn er ihr zur Seite ritt und mit der achtungsvollſten Begegnung, ſorgte er wie ein väterlicher Freund, alle Unbequemlichkeiten der weiten Reiſe ihr zu erleichtern und erträglicher zu machen; ſo daß ſie ſchon anfing mit den ernſtlichſten Vor⸗ würfen, ſich ſelbſt für ihr anfänglich gehegtes Mißtrauen zu beſtrafen. So hatten ſie am zehnten Tage ihrer Reiſe diel ſchwediſche Grenze erreicht, und vor ihnen lag in der Abenddämmerung die lange Ge⸗ birgskette, deren Gipfel noch Eis bedeckte, während unten ſchon der Schnee allmählig zu ſchmelzen begann. Auch das niedrige und dun⸗ kele Tannen⸗ und Fichtengeſtrippe, am Fuße ener Berge, hatte ſich ſchon der ſchweren 58 Schneedecke entladen und ſchien ſich jetzt freier aufzurichten; ſchroffe Felſenwände traten jetzt deutlicher und finſterer aus ihren Umgebun⸗ gen hervor; der Mond ſchien kalt und ſchauer⸗ lich in die öde Gegend hinein und nur ein⸗ zelne Sterne flimmerten erſt am wolkenloſen Himmel, als die Flüchtigen den Fuß des Ge⸗ birgs erreicht hatten. Ein enger, ſteinigter Pfad führte aufwärts, zwiſchen den Bergen hindurch, wurde hier und da dem Auge durch dichtes, dunkles Gebüſch entzogen und zeigte ſich in weiter Ferne, in unendlichen Krüm⸗ mungen, wieder deutlicher oben auf dem zak⸗ kigten Felſenrücken. Die kleine Caravane hatte unten, am Eingange des engen Pfades, wo ein hohes, ſteinernes Kreuz von rohen Fels⸗ blöcken aufgerichtet war, Halt gemacht, und Gryns ſchien unruhiger und nachdenkender ge⸗ worden zu ſeyn, ſeitdem ſie ſich dieſem Orte genähert hatten. Wie unſchluͤſſig hielt er lan⸗ ge ſein Roß feſt unterm Zügel und ſpähete mit ſcharfem Auge in die Umgegend. Doch als er überzeugt ſchien, daß kein menſchliches — —— Weſen, außer ihnen, im weiten Rund zu er⸗ blicken ſey, lenkte er ſchnell ſein Roß zum An⸗ führer der Reiſigen, der ſtarren Auges nach der Höhe ſchaute, als ob er ſich eifrig bemühe, zwiſchen den Felſen irgend ein gewiſſes Zei⸗ chen, oder einen Zielpunkt aufzuſuchen. Da klopfte er mit der kräftigen, harten Hand, den Hals ſeines norwegiſchen Pferdes, welches von der langen Reiſe nur wenig ermuͤdet, wiehernd zu verlangen ſchien, den engen Bergpfad zu erklettern. „Ich denke, Björn, wir ſind bald am Ziele!“ redete Gryns den Reiter leiſe an; indem ſein prüfender Blick in deſſen wildem, ſtarren Antlitze eifrig zu leſen ſchien. „Hm! mir recht!“ entgegnete Björn kurz, der ein geborner Schwede, in Dalecarliens Gebirgen aufgewachſen, dem Dal⸗Junker als Leibwächter nach Norwegen gefolgt war. „Darf ich Dir vertrauen?“ fuhr Gryns uach einer Pauſe, zu ihm gewendet, noch lei⸗ ſer fort und eben ſo ſchnell und kurz als vor⸗ 60 her antwortete der Andere.„wie dem Bären, den Du zahm gemacht!“ „Was heißt das?“ fragte Erſterer wieder mit mißtrauiſchen Blicken. „Das heißt:“ verſetzte der Andere ruhig; „ich tanze nach Deiner Pfeife und ſtehle den Honig für Dich, ſo lange Du mir reichlich Futter giebſt. Doch Kette und Prügel thun weh', der Hunger auch; denkſt Du mich ſo zu Deinem Tanze zu zwingen, dann beiße ich um mich bis mir die Zähne brechen.“ „Beſorge nichts, ich will Dich gut halten!“ entgegnete Gryns zutraulich.„Doch ſage mir das Eine noch, Freund— DWu kennſt mein Vorhaben— was denkſt Du davon?“ „Das Denken überlaſſe ich Dir— Du biſt mein Herr— ich denke nichts!“ war die kurze Antwort des Reiters.. 4 Gryns ſchien zufrieden, wendete ſich dann zu den andern fünf Reiſigen, welche, geborne Norweger, zur Schloßwacht der Wittwe Hen⸗ richſon gehörten und abgeſondert von Björn, im geſchloſſenen Trupp zuſammenhielten. —— * 61 Ich danke Euch, wackre Burſche!“ redete er ſie freundlich an.„Ihr habt uns treu ge⸗ leitet, doch hier hats keine Gefahr mehr und Euer ferneres Geleit könnte auf ſchwediſchem Boden nur Verdacht erwecken. Drum mögt Ihr heimreiten und Eurer edeln Gebieterin des Dankes der beiden Fluͤchtlinge verſichern; doch plaudert nicht wie zahnloſe Weiber gegen Eure Kameraden von unſrer Fahrt; ihr ſeht mir Alle aus, wie Männer, die wohl ſchweigen können. Die Nacht wird hell und Eure Roſſe ſtampfen kräftig nach den Boden, als ob ſie vor der Morgenröthe ſchon die warmen Ställe in der Emblaburg erreichen wollten; drum ſpu⸗ tet Euch nur wacker. Könnt wohl ein vier, fünf Stunden die muntern Thiere traben laſ⸗ ſen in die Nacht hinein, ſo lauft ihr nicht Ge⸗ fahr die Hochzeit Eures Edelfräuleins zu ver⸗ ſäumen. Da, nehmt fürs treue Geleit,“ fuhr er fort, Jedem ein Goldſtuͤck einhändigend; „und ſagt der edeln Wittwe: ihre Schützlinge wären wohl aufgehoben!“ Erfreut, ſo nunvermuthet ſchnell von der „ 62 langweiligen Fahrt, deren wahre Urſache und Zweck ihnen dunkel geblieben war, erlöſt zu werden, jauchzten die Trabanten hoch auf, als ihnen aus Gryns Munde die Gewißheit geworden: es ſey ihnen nun vergönnt heim⸗ zukehren; und die lachenden Bilder, die ſie ſich unterwegs von dem nahen Hochzeitsfeſte auf der Emblaburg erdacht, gingen in dieſem Augenblicke, der ihnen die Hoffnung brachte, zur Zeit jener Feſtlichkeiten den Rückweg voll⸗ endet zu haben, lebendiger als jemals an ihnen vorüber. Wie auf ein Commandowort, wendeten Alle zu gleicher Zeit ihre Roſſe, und ohne ſich weiter um die beiden Flüchtlinge, denen ſie bisher das Geleit gegeben, zu küm⸗ mern, flogen ſie pfeilſchnell denſelben Weg zurück, den ſie eben gekommen, und aus wei⸗ ter Ferne, als ſie beinahe ſchon dem Geſichts⸗ kreiſe der Zurückgebliebenen entſchwunden wa⸗ ren, ſchallte ihr fröhlicher Geſang heruͤber, nach einer alten Volksweiſe, welche bei Pfer⸗ dewettläufen üͤblich war.— Björn aber, welcher ſein wieherndes Roß kaum noch zu ——— —0ꝓõ19 halten vermochte, ſtimmte luſtig in das wohl⸗ bekannte Lied mit ein, und ſang mit rauher Stimme: „Sct. Stephan war ein Knecht im Stall, Er traͤnkt und pflegt die Hengſtlein all'. Halt dich jetzt wohl, du Hengſtlein mein, Gott und Sct. Stephan ſoll'n mit uns ſeyn!“ Und als ob es hier auf ein förmliches Wettrennen abgeſehen wäre, ſchloß er feſt mit den kräftigen Schenkeln, beugte ſich vorwärts bis ͤber den Hals des ungeduldigen Roſſes, faßte mit der Linken den Zügel kürzer, hieb mit einer kurzen, knotigen Peitſche um ſich, drückte den Stachelſporn, der am Abſatze ſei⸗ nes linken Reiterſtiefels eingeſchraubt war, in die Weichen des aufbäumenden Roſſes, und jagte wild den engen Bergpfad hinauf, daß die, vom Hufe ſeines Hengſtes flüchtig berührten, Kieſel Funken ſprühten. Arendt Siggeſon ſchien die Entfernung ſeines Begleiters wenig beachtet zu haben; er ſchaute traurig und in ſich gekehrt in die Thä⸗ ler hinab, als ob der Anblick ſeines Vater⸗ 64 landes, wo ihm der Freuden nur wenig, der Leiden gar viele erbluͤht, ihn in faſt troſtloſe Stimmung verſetzt hätte. Deſto aufmerkſamer hatte Cecilie ihren Begleiter Gryns beobach⸗ tet, und deſſen unruhiges, geheimnißvolles Weſen, vor Allem die unvermuthete, ſchleunige Zuruͤckſendung der Reiſigen, hatte ihr ſchon unterdruͤcktes Mißtrauen gegen ihn wieder in ſo hohem Grade erweckt, daß, als ſie jetzt langſam dem vorauseilenden Björn folgten, ſie ängſtlich ihr Roß neben Siggeſon dahin⸗ ſchreiten ließ. Wo dies aber der enge Pfad nicht geſtattete, blieb ſie doch dicht hinter ihm, ohne auf Gryns tröſtende Worte, der ihr mit heuchleriſcher Theilnahme, bald das Ziel ihrer Reiſe, ein ſicheres Aſyl verhieß, viel zu achten. Nur wenige Worte wurden zwiſchen ihnen gewechſelt, während die keuchenden Roſſe den Gipfel des Berges zu erreichen ſuchten. Sinnend ſchien Siggeſon mit ſeiner freude⸗ leeren Vergangenheit beſchäftigt; Cecilie konnte ſich einer immer ſteigenden Bangigkeit nicht erwehren, die jene frohen Gefuͤhle, mit jedem Schritte ihrem Tyſte näher zu kom⸗ men, zurückdrängten, und Gryns hing, nach⸗ dem er mehrmals verſucht hatte Cecilien Rede abzugewinnen, wie über finſtern Plä⸗ nen brütend, ſchweigend, mit tiet herabge⸗ ſenktem Haupte, auf ſeinem Roſſe. Der Abend war völlig hereingebrochen, doch goß der Mond ſein freundliches Licht eben heil genug auf den engen Bergpfad, um hier und da die gefährlichen Stellen, die an jähen Ab⸗ gründen oder tiefen Felſenſpalten vorüber ühr⸗ ten, noch deutlich erkennen zu laſſen. So wa⸗ ren die drei Wanderer, wohl beinahe eine Stunde lang, ſchweigend aufwärts geritten und hatten den Gipfel des Berges ziemlich er⸗ reicht, der ſich jetzt in der Nähe, bei der ma⸗ giſchen Beleuchtung des Mondlichtes, in ſei⸗ nen ſchauerlich wilden Formen, dem Auge faſt abſchreckend darſtellte. Bis in die Wolken hinauf thuͤrmten ſich zu beiden Seiten des Pfa⸗ des, wie drohende Rieſengeſtalten, ungeheure Felſenſpitzen empor, die, gegen einander über⸗ hängend, eine faſt unabſehbare, tiefe Pforte 2r Thl. 5 1 66 bildeten, welche, obgleich vielleicht ſchon Jahrtauſende alt, doch jeden Augenblick durch einen Windſtoß den jähen Einſturz zu drohen ſchien und der Phanthaſie nur ein trauriges, düſteres Bild jenes Aſyls gewähren konnte, welches Gryns den Flüchtigen hier verheißen hatte. Endlich hatten ſie die hohe Felſenpforte hinter ſich und vor ihnen erhob ſich der freie Bergrücken, nur ſpärlich mit Haidekraut und niedrigem Nadelholz bewachſen. Doch bald führte ſie ein kurzer, enger Weg wieder zu einer finſtern Schlucht, aus welcher ihnen ein röthlich flackerndes Licht entgegenfunkelte und das Wiehern eines Roſſes, welches nur in geringer Entfernung von ihnen hörbar wurde, ſchien die Nähe des Ziels anzudeuten, deſſen Cecilie jetzt, da ſie es beinahe erreicht hatte, nur mit Schaudern gedachte. Ein düſteres, unfreundliches Licht hatte ſie ſich davon ent⸗ worfen, doch ſo Entſetzen erregend, wie es jetzt ſich ihr darſtellte, hatte es ihre weibliche Phantaſie nicht auszubilden vermocht. Zit⸗ ternd blickte ſie hinein in die finſtre Schlucht, ——— 67 welche von lodernden Kienſpänen erhellt, das treueſte Bild einer Höllenpforte gab, wie ſie die eifernden Mönche jener Zeit den Gläubi⸗ gen ſchilderten. Wilde, rieſige Geſtalten, nur halbbekleidet, ihre Blöße nothduͤrftig mit Thier⸗ fellen verhuͤllt, bewegten ſich haſtig hin und her und ihre langen Schatten gemahnten beim röthlichen Fackelſchein an geſchäftige Geiſter der Unterwelt. „Haltet die Roſſe feſt unterm Zügel! die Brücke iſt unten!“ ertönte jetzt eine rauhe Stimme zu ihnen herüber, und Gryns ſprang vom Pferde, nahm Cecilien, die halb ohn⸗ mächtig, kaum noch eines Gedankens fähig war, die Zügel aus der Hand und leitete ihr Roß. Willenlos ließ ſie es geſchehen und bald ließ der Widerhall der Fußtritte erkennen, daß ſie die, aus Baumſtämmen zuſammengefügte, Bruͤcke erreicht hatten. „Achtzig Klafter tief iſt der Abgrund un⸗ ter uns!“ rief Gryns, als ſie die Mitte des ſchwankenden Stegs paſſirt haben mochten, und die Worte ſchienen nicht ohne Bedeutung 5* 68 geſprochen, obwohl ſie nur, wie abſichtslos hingeworfen, erklangen. Unwillkührlich neigte Cecilie ihr Haupt zur Seite, blickte in den ſchwarzen, gähnenden Abgrund hinab, hörte deutlich in der Tiefe das gewaltige Brauſen der herabſtürzenden Bergwaſſer und banger Ahnung voll, preßte ſie feſt die rechte Hand auf das krampfhaft zuckende Herz. Sigge⸗ ſon hatte die Brücke zuerſt uͤberſchritten; in geringer Entfernung folgten Cecilie und Gryns. Nur wenige Schritte weit führ⸗ te der dunkle Pfad auf felſigtem Boden ſie weiter, bis zu einem halbverfallenen, doch einſt ſtark befeſtigtem Gebäude, welches den eben nicht beträchtlichen Raum, zwiſchen zwei einander gegenüber ſtehenden Felſen einnahm, zwiſchen welche es, zur größeren Befeſtigung deſſelben, abſichtlich hineingeſchoben ſchien. Es war nicht allzuhoch; auf dem Erdgeſchoſſe ruh⸗ te das ſchadhafte Dach und die Wände wa⸗ ren von rohen Baumſtämmen und Bruchſtei⸗ nen aufgefuͤhrt. An der Thür dieſes wohl⸗ verſteckten Wohnorts empfiug die Wanderer 69 ein Mann, beinahe ſchon im Greiſenalter; doch hoch und kräftig gebant, hatte die Laſt ſeiner Jahre ſeinen Nacken noch nicht gebeugt und ſein dunkles Haupthaar, das lang und unor⸗ dentlich herabhing auf ſeine Schultern, war nur wenig mit Grau gemiſcht. Seine Ge⸗ ſichtszüge waven wild, ſtarr und abſchreckend, wie die Felſen die ihn umgaben. Seinen Leib umhüllte eine Wolfshaut, ſeine Schultern be⸗ deckte ein Bärenfäll, ſeine Füße waren mit plumpen Riemenſchuhen verſehen und die ent⸗ blößten Arme, welche die rauhe, ewig winter⸗ liche Bergluft, ſeit einer langen Reihe von Jahren gebräunt und geſtählt hatte, verriethen ſeltene Muskelkraft. In der linken hielt er ei⸗ nen langen, brenuenden Kienſpahn und die Rechte ſtreckte er Gryns entgegen, indem er mit rauher Stimme ausrief:„ſey mir will⸗ kommen in der Wolfshöhle, hochwürd'ger Herr! Willkommen auch Ihr, Fremdlinge, wenn Ihr rechten Glaubens ſeyd und unſers Ketzerkönigs Feinde!“ Betroffen durch dieſe Worte, ſcjen Sig⸗ 70 geſon jetzt erſt aus ſeinem tiefen Hinbrüten, welches ihn bisher verhindert hatte die ihn umgebenden Gegenſtände genauer zu beobach⸗ ten, zu erwachen, und als auch Cecilie jetzt, einen leiſen Schreckensruf ausſtoßend, ſich ängſtlich an ihn anklammerte; da ſchien ihm auf einmal das Gefahrvolle und Huͤlfloſe ſei⸗ ner Lage vor Augen zu ſchweben. Unwill⸗ kührlich erfaßte er plötzlich den breiten Griff ſeines Schwertes und ſein feſter Blick ruhete drohend auf den finſtern Geſtalten, die ihn umgaben. „Auf ein Wort, Vater ulf ſon!“ ſprach Gryns zu dem Alten, nachdem er ſegnend ſeine Hände gegen ihn bewegt und zog ihn bei Seite, ohne ins Haus zu treten. Björn lehnte an der offnen Thür und ſtarrte theil⸗ nahmlos vor ſich hin. Drei andere junge Män⸗ ner, deren Geſichtszüge und wildes Aeußere ihre Abkunft von Ulfſon deutlich verriethen, drängten ſich um Björn, ihren Bruder her⸗ um, durch Geberden und leiſes Geflüſter, Ver⸗ wunderung, Staunen, über deſſen reiche Klei⸗ 71 dung, die ihn als Leibwächter des Dal⸗Jun⸗ kers bezeichnete, zu erkennen gebend; ohne daß dieſer auch nur mit einer freundlichen Miene Theilnahme für ſeine Brüder verrathen hätte. Gryns hatte indeſſen ſein leiſes Geſpräch mit Ulfſon beendigt und der Letztere warf finſtre, feindliche Blicke auf die beiden Flücht⸗ linge, als er an ihnen vorübergehend, dem nachfolgenden Geiſtlichen vorleuchtete in die Hütte. Gryns gab Siggeſon einen freund⸗ lichen Wink, ihm zu folgen, und Cecilien unterſtützend, betrat dieſer das Gemach, deſſen rauchgeſchwärzte Wände, deſſen ſchmutziger, ungedielter Boden und die wilde, wüſte Leere und Unordnung in ſeinem Innern von der ro⸗ hen Lebensweiſe ſeiner Bewohner zeugte. Nir⸗ gends war man hier auf die mindeſte Bequem⸗ lichkeit einer geſelligen Wohnung bedacht ge⸗ weſen; kein Sitz, kein Lager war zu erblicken. Nur in der Mitte des Gemachs lag ein plat⸗ tes Felsſtück, von ziemlichem Umfange, wel⸗ ches wahrſcheinlich ſtatt eines Tiſches diente, 42 und um den Kamin lagen mehrere Holzllötze, die, ehe ſie zur Feurung benutzt wurden, eine Zeit lang die Stelle der Schemel verſehen mußten. Kein Hausgeräth zeigte ſich den for⸗ ſchenden Blicken; nur Mordgewehre, als: Streitäxte, breite Schwerter, kurze Waidmeſ⸗ ſer, Bogen und Köcher hingen in reichlicher Anzahl an den Wänden umher und gewähr⸗ ten bei der wilden Oede des düſtern Raums einen grauenerregenden Anblick. Ein unwilli⸗ ges Staunen hatte Siggeſon ergriffen, als er flüchtig das Gemach überſchaut hatte; ernſt ſchritt er auf Gryns zu und ſprach nachdrück⸗ lich, doch leiſe zu ihm: „Es ſcheint, Ihr ſeyd Willens unſer Ver⸗ trauen eben nicht zu rechtfertigen?— Ver⸗ ſpracht Ihr uns nicht ein ſicheres Aſyl, bei einem unſerer Glaubensgenoſſen, nahe bei Fa⸗ lun? Was ſollen wir hier, bei Feinden unſres Glaubens, unſres Königs? Zu welchem Zwecke führtet Ihr uns in dieſe wilde Einöde und wo ſind wir eigentlich?“ „In der Wolfsfalle!“ entgegnete Gryus 1 * 73 kurz und ein höhniſches Lächeln ſpielte um ſeine zuckenden Lippen.„Doch ſeyd nur ganz ru⸗ hig!“ fuhr er im vertraulich tröſtenden Tone fort:„Ihr ſeyd hier wohl aufgehoben; könnt hier ruhen, ungeſtört, eben ſo ſanft als an⸗ derwärts!“ Hierauf rief er, das Geſpräch kurz abbre⸗ chend, Björn herbei und befahl ihm, die noch vorräthigen Speiſen von den Roſſen zu packen und herbei zu bringen zur Abendmahl⸗ zeit. Ulfſon war indeſſen beim Kamine nie⸗ dergekniet und drehete an einer eiſernen Stan⸗ ge das Hinterviertel eines Hirſches. Doch bald ſchien ihm das mühſame Geſchäft zu langwei⸗ len und mit lauter Stimme rief er hinaus: „hoho! Rafn! Hund! Grip! herein, Ihr Wetterjungen!— Bringt Eure Meſſer mit, das Fleiſch iſt obenhin ſchon gar; mich hun⸗ gert!“— Und haſtig ſtuͤrmten die Gerufenen, ſeine drei Söhne, ins Gemach, die blanken Meſſer wetzend, die funkelnden Angen bald auf die beiden Flüchtlinge, bald auf das bra⸗ tende Wild gerichtet, das ſtie eiligſt mit der 74 Begierde hungriger Jagdhunde zertheilten, wor⸗ auf ſie die, unter Murren und Zanken ihnen zugefallenen, Portionen mit ekelhafter Gefrä⸗ ßigkeit verzehrten. Auf dem platten Felsſtücke hatte Björn die in ſeinem Reiſeſacke noch vorräthigen Speiſen, weißes Brod, kaltes Fleiſch und trockne Früchte aufgetragen, auch einen kleinen Weinſchlauch nicht vergeſſen, nebſt dem kupfernen Becher. Gryns lud jetzt mit erkünſtelter Freundlichkeit ſeine Schützlinge ein, mit ihm das frugale Abendbrod zu verzehren; doch Siggeſon wie Cecilie ſchlugen, un⸗ ter dem Vorgehen allzugroßer Ermuͤdung, ſein Anerbieten aus, und nur auf wiederholtes Zu⸗ reden ließ ſich Erſterer bewegen einen Becher Wein zu leeren. Schweigend genoß Gryns von den aufgetragenen Speiſen und reichte von dem weißen Brodte den Hüttenbewohnern, welche, in der Wildniß aufgewachſen, nie dergleichen gegeſſen, auch eben kein beſon⸗ deres Behagen am Genuſſe deſſelben zu fin⸗ den ſchienen. Nur Björn, der ſich ebenfalls zu ſeinen Brüdern geſellt, um, wie vor ſei⸗ nem Auszuge mit dem Daljunker, auf alt⸗ gewohnte Weiſe eine Mahlzeit mit den Sei⸗ nigen zu halten, hatte ſich bereits mehrere handlange Stücke der braungebratenen Rinde des Hirſchviertels abgeſchnitten und genoß da⸗ zu, mit ſchon mehr verwöhntem Gaumen, das Brod nicht ohne Behagen. Auch mehrere Be⸗ cher Wein gab Gryns dem Wirthe und ſei⸗ nen Söhnen zum Beſten, und das Getränk, ſo unbekannt es ihnen auch dſſen ihnen beſſer zu munden. Aber es äußerte auch in den einfachen, nur an Waſſer gewöhnten, Naturen ſogleich ſeine berauſchende Kraft; denn die Brüder fingan bald nach dem Ge⸗ nuſſe deſſelben an, ohne Rückſicht auf ihre Gäſte, das enge Gemach mit dem tobendſten Lärmen zu erfüllen. Ihre, ſich immer ſteigernden, Strei⸗ tigkeiten droheten bald in blutige Raufereien auszuarten, bis der alte Ulfſon, auf einen mißbilligenden Wink, den ihm Gryns zu⸗ warf, zwiſchen ſie ſprang und mit dem Stiele einer Streitaxt ſie in verſchiedene Winkel dräng⸗ te und dort unter Schelten zur Ruhe verwies. 76 Knuurrend und murrend ſchienen ſie bald ein⸗ zuſchlafen und Björn bereitete aus den mit⸗ gebrachten Decken und Fellen die Lagerſtätten für Gryns und die beiden Flüchtigen. Sig⸗ geſon legte ſich nieder, ſein Schwert feſt an ſich gedrückt, entſchloſſen mit halboffnen Augen die Nacht zu durchwachen. Cecilie aber, von quälender Angſt und Ahnungsſchauern völlig erſchöpft, übermannte bald ein unruhi⸗ ger Schlummer und ſtiller wurde es im dü⸗ ſtern Gemache. Nur das Schnarchen von Ulfſons Söhnen und das leiſe Geflüſter des Alten, der ſich dicht bei Gryns auf eine Baumwurzel niedergelaſſen hatte, unterbrach zuweilen unheimlich die ängſtliche Todtenſtille. —— eine Schlinge in das Seil geknüpft, war eben 5. 1 Es mochte wohl ungefähr Mitternacht vor⸗ über ſeyn; draußen hatte ſich ein Sturmwind aufgemacht und trieb graue Wolken nördlich herauf am hellen Himmel; da erhob ſich Gryns von ſeinem Sitze und warf forſchende Blicke um ſich. Der Alte aber kroch geräuſch⸗ los hinter den Kamin, holte Stricke hervor und verbarg ein langes, ſcharfes Meſſer un⸗ ter der Wolfshaut, die ihm Bruſt und Leib umhüllte. Hierauf ſchlichen Beide zu Sigge⸗ ſons Lager, beugten ſich über ihn, lauſchten ſeinen Athemzügen und Ulfſon, der indeſſen im Begriffe, mit gewandten Handgriffen ſie dem ſcheinbar Schlafenden um den Hals zu werfen, als dieſer, plötzlich aufſpringend, ſein Schwert erhob und mit donnernder Stimme ihnen zurief: „Zurück feige Schurken! bei Eurem Leben! In Eurer Schlinge ſollt Ihr mich nicht fan⸗ gen, ſo lange noch mein Schwert mir treu bleibt in aii ganſt⸗ Erſchrocken ſprang Gryns zuruͤck. Ulf⸗ ſon zuͤckte ſein Meſſer nach dem Drohenden und Cecilie fuhr vom Lager empor, Sig⸗ geſons Kniee umklammernd. Alles dies war nur das Werk eines Augenblicks. Indeſſen waren auch die Söhne Ulfſons, die in den Winkeln des Gemachs auf hartem Boden ge⸗ ruhet hatten, munter geworden und taumel⸗ ten auf, ſchlaftrunken um ſich blickend und unwillkührlich nach den Meſſern greifend. Doch der Alte wies ſie gebietend zurück, ſtellte ſich drohend, mit aufgehobener Waffe, Siggeſon gegenüber, der mit vorgehaltenem Schwerte, in feſter Stellung wie angewurzelt, ſtehen ge⸗ blieben war, und rief ihm zu: „Wahre Dich vor dem alten Wolfe, Ketzer⸗ beſtie! Hab' ſchon manch' gehetztes Wild ge⸗ fällt, ſollſt meiner ſcharfen Klaue nicht ent⸗ wiſchen!— Kirchenſchänder! Kloſterräuber! Deine Miſſethaten kenn' ich Alle! Haſt die gottgeweihte Jungfrau aus deu heiligen Mauern entführt, haſt ſie, Chriſtum läſternd, Deinem Sohne angetraut!— Der große Tod* treffe Dich und Deinen Stamm, Verfluchter!“ Und bei den letzten Worten ſprang er, wie der Tieger, der ſeinen Raub erhaſchen will, plötzlich zur Seite, um den wachſamen Geg⸗ * Die allgemeine Peſt, welche in der Mitte des 14ten Jahrhunderts uͤber ganz Europa ſich verbreitete, kam auch nach Schweden. Sie wird noch jetzt dort oft erwaͤhnt unter dem Namen des„großen Todes,“ (Diger Dod) und wurde haͤufig als Fluch gebraucht: n„der große Tod treffe dich!“ woher es kommt, daß von mehrern Geſchichtsſchreibern, aus Verwech⸗ ſelung oder Unkunde der ſchwediſchen Sprache, dieſe Krankheit, qls eine ganz beſondre Abart, unter der Benennung:„Tiegertod,“ unrichtig angefuͤhrt wird. 80 ner im Rücken anzufallen. Doch auch Sig⸗ geſon hatte ſich gewendet, und bot, in der Ueberzeugung, daß nur kalter Muth und Gei⸗ ſtesgegenwart hier vom Verderben retten könn⸗ ten, dem angreifenden Feinde Bruſt und freie Stirn. Als aber Ulfſon jetzt mit gewandtem Sprunge, ihn zu unterlaufen ſtrebte; da führ⸗ te Siggeſon einen gewaltigen Hieb mit ſei⸗ nem breiten Schwerte nach ihm, der tief ein⸗ drang in des Gegners linke Schulter, daß er zurücktaumelnd einen gräßlichen Schrei aus⸗ ſtieß und zähnknirſchend den weit hinausge⸗ ſtreckten rechten Arm, mit der Mordwaffe ſin⸗ ken ließ. Jedoch nur wenige Augenblicke lang ſchien er der Gewalt des Schmerzes zu unter⸗ liegen; unbekümmert um das herabſtrömende Blut, raffte er ſich kräftig zuſammen und ſchrie, brüllend, wie der zur höchſten Wuth gereizte Stier:„hoho! Björn! Rafn! Hund! Grip! jetzt packt den beißigen Köter! doch wehe dem, der ihm nur die Haut ritzt!— Selbſt will ich ihm den Garaus machen, ſelbſt, mit mei⸗ nem lahmen, linken Arme, der noch immer ſtark 81 genug iſt, ihm den letzten Stoß zu ver⸗ ſetzen.* Die Angerufenen, die bisher gleich Bild⸗ ſäulen unbeweglich in der Ferne geſtanden hat⸗ ten, mit funkelnden, mordluſtigen Blicken dem Kampfe zuſchauend, ſtuͤrzten jetzt, wie von der Koppel losgelaſſene Rüden, auf Siggeſon los. Björn war der Erſte, der mit ſeinem langen Schwerte gegen ihn ausſiel; doch vor⸗ ſichtig, als ob es ſo verabredet ſey, nur des Gegners Waffen beſchäftigend, ihn ſelbſt aber ſchonend; indeß die drei Andern den Hülfloſen umringten, ihn, von beiden Seiten und im Rücken zugleich anfallend, mit ihren Rieſen⸗ armen umklammerten und zu Boden riſſen, als er erſt den zweiten Hieb gegen Björn geführt hatte, welchen dieſer, wie den Erſten, geſchickt von ſich abzuwenden wußte. Auch Gryns war indeſſen herbeigeſprun⸗ gen und hatte ſich Ceciliens bemächtigt, die während des Kampfes, vor ihrem einzigen Beſchützer auf den Knieen gelegen und in un⸗ 2r Thl. 6 82 artikulirten Tönen, von Todesangſt gefeſſelt, die Barmherzigkeit der Mörder angerufen hatte. Racheſchnaubend ſtieß Ulfſon ein ſchallen⸗ des Hohngelächter aus, als er den kühnen Gegner fallen ſahe, und wie im vierfachen Echo wiederholten es die Söhne, die, knieend auf dem Ueberwundenen, ihm die Arme feſt zuſammenſchnuͤrten mit Seilen und Riemen. „Sollſt lebendig zur Hölle fahren, mit all' Deinen Sünden!“— ſchrie ihm Ulfſon höh⸗ niſch zu.—„Will den Boden meines Hau⸗ ſes nicht beſudeln mit Deinem Ketzerblute, daß mir Unheil daraus erwachſe zwiſchen meinen vier Pfählen. Friſch auf, ihr Jungen, ſchleppt ihn hinaus auf die Brücke, nehmt Brände mit hinaus und leuchtet ihn auf ſeinem letzten Gan⸗ ge!— Zeigt ihm das kalte, naſſe Bettlein in der grauſigen Tiefe; ich denke ihn zu tau⸗ fen drunten im ſchäumenden Bergſtrome und ſanft ſeine morſchen Glieder zu betten, auf den zackigten Felſenſpitzen. Halloh, hinaus auf die Brücke! gleich bin ich ſelbſt bei Euch und will ihm zeigen, daß er meinen Arm noch 83 nicht ganz gelähmt mit ſeinem Schwerte, daß meine Knochen ſtark genug noch ſind zum letz⸗ ten Stoße!“ Mit jauchzendem Geſchrei erfaßte die Rotte den Hulfloſen und ſchleppte ihn eiligſt aus dem Gemache. Björn leuchtete mit zwei Fackeln vor bis zur Brücke, wo der Sturm heulend herabfuhr von der höchſten Felſenſpitze, bis die tiefe Kluft hinunter, wo er ſein hohles Wimmern vereinte mit dem eintönigen Brau⸗ ſen des Bergſtroms. Nicht ſeiner eignen hülf⸗ loſen Lage gedenkend, nicht den nahen Tod fürchtend, der ſeine knöcherne Hand ſchon un⸗ erbittlich nach ihm ausſtreckte, ſtarrte der ge⸗ feſſelte Siggeſon, auf der Brücke dicht am Rande des Abgrunds ſtehend, aufrecht gehal⸗ ten von den rohen Buben, in die grauſige Tiefe hinab, und nur ein Gedanke erfüllte in dieſen ſchrecklichen Augenblicken ſeine Bruſt. Die Hülfloſigkeit Ceciliens, die er ſo un⸗ ausſprechlich lieb gewonnen, für die er wahr⸗ haft väterliche Zärtlichkeit genährt, ſtand jetzt ſo lebhaft vor ſeinen todtumſchatteten Blicken, 3 6* 84 daß der tiefe Seelenſchmerz fuͤr die von aller Welt Verlaſſene, die drohende Nähe der ei⸗ genen Gefahr faſt gänzlich aus ſeinem Ge⸗ ſichtskreiſe verbannte. „Sieh herab, mein Herr und Gott!“ flů⸗ ſterte er leiſe zum düſtern Himmel hinauf.— „Sieh herab auf den Gefeſſelten, der hart am Abgrunde ſteht; der ſelbſt huͤlflos, die, von der ganzen Menſchheit verlaſſene, nicht zu ſchützen, nicht zu retten vermag!— Schütze Du ſie väterlich, Allvater! daß ſie nicht un⸗ tergehe in der höchſten Noth!— Sende ihr einen Retter aus der Gewalt der wilden Rotte und ohne Murren will ich Deine Weisheit eh⸗ ren, die mich ſo nahe an's fürchterlichſte Grab geſtellt. Freudig jauchzen ſollen mich dann die Buben hören, wenn ſie mich in die Tiefe ſtürzen und drunten noch will ich Deinen Na⸗ men preiſen mit meinem letzten Hauche— nur rette ſie— ſie laß nicht untergehn!“ Da erſchallte ſchon ganz in der Nähe Ulf⸗ ſon's rauhe Stimme und jetzt erſt zog ein Grauſen durch das Herz des Todesopfers und wie ein dichter Nebel ſchwamm's vor deſſen Blicken. 1 „Laßt ihn los!“ ſchrie der wilde Alte ſei⸗ nen Söhnen zu.—„Hier bedarf's nicht Eu⸗ rer Hülfe. Seht, mein linker Arm läßt ſich noch ſpannen und die Luſt, den Verruchten ſelbſt zu ſchleudern in die Hölle, möcht' ich nicht für ganz Dalecarlien hingeben!“ Sein rachefunkelnder Blick ruhete mit hämiſcher Scha⸗ denfreude auf dem bleichen Antlitze des Huͤlf⸗ loſen, der ſeine Augen unverwandt nach den Wolken gerichtet hatte, die gepeitſcht vom Sturmwinde, fluͤchtig dahinzogen über ſeinem Haupte. „Was fuchſt Du droben?“ rief Ulfſon wieder, zu Siggeſon gewendet.„Denkſt Du Deine Ketzerſeele dort hinauf zu beten? Möchte nun zu ſpät ſeyn; denn der Satan läßt Dich nicht aus ſeinen Krallen. Dort hin⸗ unter ſchaue, in die Kluft, die noch keines Menſchen Fuß jemals betrat; dort ſollſt Du modern bis zum jüngſten Tage.— Hörſt Du, wie die Naben unten luſtig krächzen? ſo treff⸗ 86 liches Futter als ihnen Dein zerſchmetterter Leichnam bieten wird, hatten ſie lange nicht. Horch! wie's in der Tiefe gräßlich lacht und ſtöhnt dazwiſchen; das ſind die grauen Erd⸗ geiſter, die dem Teufel dienen.— Sie rufen Dich hei! ſo fahre denn hinunter!“ Und krampfhaft packte er mit der linken Fauſt den Unglücklichen im Nacken, der leiſe und ſchnell die zitternden Worte hinauf zum Himmel hauchte:„Gott ſey der Armen gnädig!“ Schon ſahe er ſich bis zum äußerſten Ran⸗ de der Bruͤcke geſtoßen— ein Kind hätte den Gefeſſelten hinabſchleudern können; da erſchallte plötzlich hinter ihm ein lautes Wehgeſchrei und ein donnerndes„Halt!“ dazwiſchen, von ei⸗ ner drohenden Stimme kräftig ausgerufen, daß das Echo von den nahen Felſen den Schall zehnfältig wiedergab. Siggeſon fühlte au⸗ genblicklich ſeinen Hals befreit von der ihn umkrallenden Fauſt des wüthenden Mörders, und als er nun, frei zurücktretend vom Rande der Brücke, um ſich blickte, da ſtellte ſich ihm eine ſeltſame Scene dar, die im Momente der 87 höchſten Todesgefahr, aus den wallenden Ne⸗ beln, die aus der Tiefe empordampften, wie ein Wunderbild heraufgeſtiegen ſchien. Der alte Ulfſon ſtand zitternd und demüthig die Hände gefaltet, vor einem faſt rieſengroßen Manne, der drohend die rechte Hand gegen ihn ausgeſtreckt, verächtlich auf ihn niederblickte und auf deſſen Söhne, welche ihn ebenfalls in ſkla⸗ viſcher Stellung umringten. Tiefergreifend, Ehr⸗ furcht gebietend waren die kummervollen, ern⸗ ſten Züge ſeines bleichen Antlitzes, welches umfloſſen vom langen weißen Haupthaar, das wie eine Glorie erglänzte beim falben Fackel⸗ ſcheine, geiſterhaft aus den heraufquellenden Nebelwolken ſchauete, die, wie ein vom Win⸗ de bewegtes, weites Gewand die hohe Geſtalt umwogten. Lautlos ſtand die wilde Rotte; die ordluſt ſchien ihr gewichen, beim Anblicke des drohenden Fremden, die geläufige, in Ver⸗ wünſchungen geübte Zunge erſtarrt von ſeinem Hauche. 3 „Was that Dir jener Mann zu Leide, daß Du ihn morden wollteſt?“ ſprach nach minu⸗ 88 tenlanger Pauſe, im gebieteriſchen Tone, der hohe Greis zu Ulfſon; und dieſer erwieder⸗ te, ſichtlich erbebend und ſtammelnd:„er iſt ein Ketzer, ein Kirchenſchänder! Er entführte eine Nonne aus dem Sct. Clarenkloſter zu Stockholm und ſich der neuen Lehre ergebend, traute er ſie ſeinem Sohne an. Ein Pfaffe, Gryns mit Namen, brachte ihn zu mir und verlangte ſeinen Tod. Ich war ja nur das Richtſchwert der beleidigten Kirche—“ „Schweig!“ donnerte ihm der Greis zür⸗ nend entgegen und eine jähe Röthe färbte ihm Stirn und Wangen. Seltſam zuckten die Mus⸗ keln ſeines Angeſichts und feurig rollte ſein dunkles Auge, als ob eine heftige Bewegung in ſeinem Innern ringe, hervorzubrechen in to⸗ bender Wuth. Doch nach wenigen Augen⸗ blicken ſchon wurde ſein Antlitz wieder bleich und immer bleicher; der Strahl ſeines Auges erglänzte milder und mit Wehmuth weilte ſein Blick auf dem noch immer gefeſſelten Todes⸗ opfer. Feierlich ſchritt er näher auf Sigge⸗ ſon zu, der tief ergriffen und von dunkler Ah⸗ 89 nung beſtürmt, ihn unabläſſig betrachtet hatte und ſprach mit ſanfter, wohlthuender Stimme zu ihm:„ſey mir gegrüßt Unglücklicher! Al⸗ faudur* iſt Dir gnädig, er ſandte mich im rechten Augenblicke Dir beizuſtehen; ich erken⸗ ne ſeinen Wink und beuge mich in Demuth ſeinen hohen Willen zu erfüllen!“ Hierauf zer⸗ ſchnitt er mit einem langen und breiten Dol⸗ che, den er im Gürtel getragen, die Bande des Gefeſſelten, zog ihn dann an ſeine Bruſt, be⸗ rührte leiſe mit den Lippen ſeine Stirn und ſprach:„dieſer Kuß ſey Bürge Dir für mei⸗ nen Schutz, ſo lange mir die guten Götter Kraft verleihen Dir beizuſtehen.“ Bei dieſen Worten hatte ihn Siggeſon feſt ins Auge gefaßt und ſeiner Rede beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſchien es viel⸗ mehr, als leſe er tiefſinnend in den Zügen * Alfaudur(Allvater), der, nach der Edda, die Welt geordnet, dem ſich alle uͤbrigen Goͤtter unterwerfen mußten. Von ihm wurden, nach dem Glauben der heidniſchen Schweden, die Schickſale der Menſchen gelenkt. 33 90 des Greiſes um Licht zu gewinnen über eine dunkle Erinnerung, mit welcher ſich ſeine ganze Seele jetzt beſchäftigte. Da ſchien plötzlich ein Gedanke, wie ein leuchtender Blitz, die nebel⸗ graue Vergangenheit vor ſeinen forſchenden Blicken zu erhellen, und„Ingiald!“ rief er laut, mit einem Tone, welcher die Bewegung hoher Freude und tiefer Wehmuth zugleich in ſeinem Innern verkuͤndete. Auch der Greis blickte ihm jetzt feſter und prüfender ins Auge; es war, als habe ihn die Nennung ſeines Na⸗ mens aufgeſchreckt aus tiefem Traume, und als er nun, beim Scheine der Fackeln, lange ins Antlitz des Geretteten geſchaut, ſprach er mit weicher faſt gebrochner Stimme:„biſt Du's mein Siggeſon?— Als Nott,* die ſchwarzäugige Tochter des Rieſen Naurvi mit ihrem ſchwarzen Schleier heute die Spi⸗ tzen der Felſen ſtreifte, langſam dann hernie⸗ derſchwebte, Thal und Berge hüllend in ihr dunkles Gewand; da war es mir, als ob ich * Nach der Edda: Göttin der Nacht. 91 im Gefluͤſter des Windes die Mahnung ver⸗ nähme: meine eiligen Schritte zu lenken nach der Höhle des Wolfes. Als ich nun die Brücke ſchon beinahe erreicht, da hörte ich in den Felſenritzen, rings um mich, klagenden Ruf und Wehgeſchrei, das mich antrieb raſcher vorwärts zu ſchreiten auf dem wohlbekannten Pfade, und ſiehe, die guten Götter haben mei⸗ ne Eile geſegnet, ich habe Dich gefunden mein Arendt, gerettet Dich aus Mörderhand.— Sey mir zum zweiten Male willkommen; Du Freund aus beßrer Zeit!— Scheint Dir es auch, ein Steinbild ſtehe vor Dir, aus der grauen Vorwelt, das auf ſeinem Grabe wan⸗ delt; ſo lege Deine Hand nur auf mein Herz. Es ſchlägt noch immer warm für Menſchen⸗ 4 wohl, obgleich die Menſchen hämiſch es zer⸗ fleiſchten, wie blutgierige Geier das Herz des harmloſen Hirſches, der nicht Gefahr träu⸗ mend, auf ſeinem Pfade allein hinwandelte nach der friedlich ſchatttigen Quelle.“ Fragend blickte Siggeſon, der ſeine Hand noch theilnehmend in der Seinigen hielt, ins 92 Antlitz des Greiſes; doch dieſer ſprach tiefbe⸗ wegt:„hier nicht, mein Arendt! Folge mir; ſey ein Gaſt in der Höhle des Unglücklichen. Dort wird Dein helles Auge ſchauen die Bluts⸗ tropfen, die täglich meinem wunden Herzen entſtrömen und Dein Ohr wird nicht weit ge⸗ nug ſeyn, das Entſetzliche zu faſſen, was Dir und nur einzig Dir mein Mund vertrauen wird.“ 3 „So rette, Du, von Gott geſendeter, aus den Klauen jener Böſewichter noch ein We⸗ ſen, welches das Schickſal feſt an mich geket⸗ tet. Das gleich mir, von Prieſterwuth ver⸗ folgt, jetzt keine Heimath kennt; der das Va⸗ terherz erkaltete, der kein Troſt mehr blieb als Gottes Vaterhuld, des fernen Gatten Liebe und meine väterliche Sorge für ihr Wohl;“ erwiederte Siggeſon dringend und zog den Greis eilig mit ſich fort zur Huͤtte. In ſcheuer Ehrfurcht wichen Ulfſon und ſeine Söhne zurück, als Ingiald eintrat ins düſtre Gemach; wo ſie, beim ungewiſſen Schei⸗ ne eines Holzbrandes, Cecilien halb ohnmäch⸗ 93 tig auf ihrem Lager erblickten, Gryns vor ihr knieend und mit geſchwungenem Dolche ſie bedrohend. Mit kräftigem Fauſtſchlage hatte Siggeſon den Ueberraſchten zu Boden ge⸗ ſtürzt und ihm die blitzende Waffe entriſſen. An ſeiner Bruſt hielt er Cecilien; tröſtende Worte ihr zufluͤſternd, rief er ihre unterm Feſ⸗ ſel des Schreckens erſtorbene, Beſinnung ins Leben zurück, und nach einem langen, tiefen Athemzuge, wie aus einem ängſtlichen Trau⸗ me erwachend, ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals und ſprach mit freudeglänzenden Blik⸗ ken:„Vater Siggeſon— Du lebſt? Preis Dir und Dank, allgüt'ger Gott!“ Gryns hatte ſich vom Boden aufgerafft und mit wuͤthenden Blicken auf ſeine, wie durch Zaubermacht gelähmten, Helfershelfer, zog er einen zweiten Dolch aus dem Buſen und zückte ihn im raſchen Anlauf gegen Siggeſon. Doch plötzlich fühlte er ſeinen aufgehobenen Arm mit entnervender Kraft zurückgehalten und In⸗ giald ſtarrte ihm zornig ins bleiche Antlitz. „Kennſt Du mich, ſchändlicher Bube?“ rief 62 der Greis mit ſchrecklicher Stimme dem Er⸗ bebenden zu, indem ſein Auge blitzend ihn durchbohrte.„Treffe ich Dich wieder auf der alten Fährte, Belialsprieſter?— Gedenkſt Du 1 noch des bittern Kelches, den Du mir berei⸗ tet? Tagtäglich würg ich dran, und bis zum Grab wirds dauern, ehe ich ihn ganz geleert. Seit zwanzig Jahren ſahe ich Dein heuchleri⸗ ſches Antlitz oft in meinen Träumen; wie ein böſer Geiſt hat michs verfolgt— ol daß ich's nie geſehen!“ Mit dem tiefſten Abſcheu wendete er ſich von dem Zitternden, der die Hände flehend zu ihm emporſtreckend, im kläglichen Tone bat: „o ſchone mein, Ingiald! ſchone mein, geden⸗ ke jetzt nicht des längſtgebuͤßten Frevels. In reiner Abſicht wollte ich jenes Weibes mich bemächtigen, die Verirrte zurückführen in den Schooß der Kirche, dem jammernden Vater ſie zurückgeben, und den frommen Kloſterſchwe⸗ ſtern. 71 Doch Ingiald erwiederts ihm zürnend: „Verruchter Lügner! Deine Mährchen iuden 8 . 95 keinen Glauben mehr bei mir. Auch denke ja nicht, daß die Luſt der Rache jene brennende Wunde, die Du mir geſchlagen, kühlen könnte! Längſt biſt Du ſchon des Abgrunds finſtern Mächten verfallen;'s giebt eine Ewigkeit, Verdammter! dort wirſt Du Deine Strafe fin⸗ den. Aus meinen Augen, fort! ich will Dich nimmer, nimmer wiederſehen!“ Wie von ungeheurer innerer Empörung er⸗ ſchöpft, lehnte ſich der hohe Greis, ſein wei⸗ ßes Haupt tief herabgeſenkt, an die Wand, finſter vor ſich hinſtarrend. Gryns aber ſchlich, mit grollenden Blicken auf die wilden Bergbewohner, aus dem Gemache und kaum hatte er ſich entfernt, ſo warf ſich Ulfſon und ſeine Söhne zu Ingialds Füßen nieder und der Erſtere ſprach: „Laß Deine Gnade walten uͤber uns, Herr der Berge! Der Prieſter beſchwatzte mich mit großen Verheißungen und ſchönen Worten. Ich hätte nimmer ſo gefrevelt, hätte ich ah⸗ nen können, daß die Fremden in Deinem Schutze ſtehen. Bezüchtige uns nicht des Undanks, 96 weiſer Ingiald; wir gedenken täglich Dei⸗ ner Hülfe noch, als wir ſämmtlich hingeſtreckt lagen hier, auf faulem Stroh, vom heißen Fieber ergriffen und alle Nachbarn im Gebirge unſre Huͤtte flohen. Deiner Pflege, Deinen Wnndertränken danken wir das Leben, wir erkennen Deine Macht demuͤthig an. Wie Du vom Tode uns gerettet, kann Dein Wink den Tod uns bringen. So wie die Hirten und die Bauern in den Thälern, ſo wie die Jäger auf den Bergen alle Deine Macht und Wiſ⸗ ſenſchaft verehren, ſo beugen wir auch jetzt die Kniee vor Dir und flehen Dich an: uns nicht heimzuſuchen durch Krankheit oder Uebel aller Art; unſre armſelige Hütte nicht zu zer⸗ trümmern durch Feuer und Waſſer, durch Bergſturz oder Sturmesgewalt. Wir wollen dienen Dir, bei Tag und Nacht, nur laß den Frevel ungerochen, den wir, verblendet von dem falſchen Prieſter, begehen wollten an Dei⸗ nen Freunden.“ Ingiald ſchien ſeine Rede nicht beachtet zu haben. Er erhob ſein gebeugtes Haupt 3 97 tiefſeufzend, doch endlich traf, wie ein bleicher, freundlicher Mondesſtrahl, der durch düſtre Wolken bricht, ſein Blick auf Siggeſon und Cecilien. Mit wehmüthigem Lächeln, reichte er Beiden ſeine Hände dar und ſprach:„folgt mir; der Weg von der Wolfsgrube bis zur Höhle des Unglücklichen iſt nicht weit, ſie bie⸗ tet Euch wenigſtens ein ſichres Obdach dar.“ Langſam führte er Beide aus dem Gemache; dienſtfertig führten Ulfſons Söhne die Roſſe vor, welche Siggeſon und Cecilien her⸗ aufgetragen auf den Gipfel des Berges, und als ſie dieſelben beſtiegen hatten, nahm In⸗ giald eine brennende Kienfackel, die ihm Ulfſon darbot, und ſchritt rüſtig voraus durch die Nacht, wie ein guter Geiſt des Ge⸗ birges. Gryns aber der ſich ſeinen Blicken ver⸗ borgen gehalten, kam erſt nach ſeiner Entfer⸗ nung wieder zum Vorſchein. Er überhäufte den alten Ulfſon mit den bitterſten Vorwür⸗ fen, welche dieſer mit ſtörriſcher Kälte ruhig hinnahm; am andern Morgen aber zog der 2r Thl, 7 98 Prieſter, in heimlicher Wuth uüber ſeinen miß⸗ lungenen Plan, mit Björn nach Norwegen zurück, um ſich dort mit dem Dal⸗Junker wieder zu vereinen. lda 99 6. DWn öſtlicher Richtung von Ulfſons Huͤtte aus, erſtreckte ſich eine andere Bergkette tie⸗ fer nach Dalecarlien hinein, welche ſi ſich, gleich einer natuͤrlichen Schutzmauer, unweit des im Thale gelegenen Kirchſpiels Iſala, erhob. Un⸗ zählige Pfade durchkreuzten ſich in jenem Ge⸗ birge und ſelbſt die Jäger, welche hier und da ihre Hütten zwiſchen Felsſpalten und un⸗ ter ſchützenden Abhängen erbaut, oder ihren Wohnſitz in Höhlen aufgeſchlagen hatten, ver⸗ irrten ſich oft in den ſaſt labyrinthiſchen Win⸗ dungen der engen Fußſteige, wenn ſie den Wölfen und Baͤren nachjagten, oder den blut⸗ 7 4 100 gierigen Luchs verfolgten. Ungefähr in der Mitte jener Bergkette aber, ragten vier ungeheure Felſen bis in die Wolken empor, welche, in einem faſt regelmäßigem Quadrate, einander gegenuͤberſtehend, einen gewaltigen vierſeitigen Thurm zu bilden ſchienen, der jedoch, da ſeine Wände nirgends mit einander in Verbindung ſtanden, durch ſeine geſpaltenen Ecken, freien Eingang verſtattete in ſein Inneres. Der be⸗ trächtliche Raum, den dieſe vier Felſen ein⸗ ſchloſſen, war zum Theil eine wüſte Ebene, nur ſpärlich bewachſen mit ſchneebedecktem Hai⸗ dekraut und durrem Moos. Gewaltige Fels⸗ ſtücke, welche von den oben überhängenden Wänden nach innen herabgeſtürzt waren, la⸗ gen hier und da zerſplittert am Boden; an der nördlichen Mauer aber, führte ein enger Pfad tief hinab, gleich einem dunkeln Schachte ins Innere des Berges. Der feuchte Erd⸗ gang bot nur eben Raum genug dar für den 4 einzelnen Fußgänger, der gewöhnt an gefähr⸗ liche Felſenſteige ſichern Schrittes hinunter zu klimmen vermochte, über xrollendes Geſtein. 101 Doch er erweiterte ſich in beträchtlicher Tiefe und dehnte ſich immer mehr aus, bis er ſich endlich verlor, in einer hohen gewölbten Höh⸗ lung von bedeutendem Umfange. Mehrere in bunten Farben ſchillernde, chriſtallartige Säu⸗ len, die ſich von der, von oben herabtröpfeln⸗ den, ſalpeterhaltigen Flüſſigkeit, vielleicht in einem Zeitraume von Jahrhunderten rieſen⸗ groß gebildet hatten, ſchienen das ungeheure Gewölbe zu ſtuͤtzen, deſſen Inneres nur ſchwach erleuchtet wurde durch brennende Kienſpäne. Dieſe einfache Beleuchtung verrieth am Ein⸗ gange ſchon, daß hier, abgeſchieden von der ganzen übrigen Welt, Menſchen ihren Wohn⸗ ſitz aufgeſchlagen, in den Eingeweiden der Erde, wie es in jenem rohen Zeitalter eben nicht ungewöhnlich war. Im dunkeln Hinter⸗ grunde der Höhle aber, ſtellten ſich dem for⸗ ſchenden Auge mehrere Verſchläge dar, kunſt⸗ los von rohen Bretern und Balken aufgeführt, welche, ſo kümmerlich ſie hier auch angebracht waren, doch einige abgeſonderte Gemächer bil⸗ deten. In einem derſelben brannten mehrere 102 Holzfackeln in eiſernen Ringen und warfen ih⸗ ren flackernden, röthlichen Schein auf die Ge⸗ genſtände, die der enge Raum einſchloß. Ein dürftiges Lager von Moos und Thierfellen war in einem halbdunkeln Winkel bereitet, auf welchem eine lange menſchliche Geſtalt ausgeſtreckt lag, gleich einem Leichname mit offnen Augen anzuſchauen. Es war ein Mann, der wohl erſt dreißig und einige Winter er⸗ lebte und doch in ſeinem Aeußern das Geprä⸗ ge eines hohen Greiſenalters trug. Sein Ant⸗ litz, deſſen tiefe Zuͤge noch immer faſt weibli⸗ ſche Sanftmuth verriethen, bleich und abge⸗ zehrt, bis zum Scelett, beſchattet von einem langen, blonden, doch ſchon ziemlich weiß ge⸗ bleichtem Barte, gewährte einen tiefergreifen⸗ den, grauenerregenden Anblick. Seine dürren Hände lagen gefaltet auf der entblößten Bruſt und nur ſein blaues Auge, deſſen irrer Blick unſtät umherſchweifte im Gemache, verkündete ein Leben des regungsloſen Körpers. An je⸗ der Hand, ſo wie an jedem der unbekleideten JFüße, war eine blutige Wunde ſichtbar und 103³ auf ſeinem Haupte trug er eine Krone von verdorrtem Haidekraut geflochten. Nach und nach fingen ſeine ſchmalen Lippen an ſich zu bewegen, wie im leiſen Gebete und er ſchien es nicht zu bemerken, daß eine andere männ⸗ liche Geſtalt, unſichern Schrittes das Gemach betrat. Es war ein Mann von mittler Grö⸗ ße und gleich dem Andern uͤber ſeine Lebens⸗ zeit gealtert. Ein dünner Kranz ſtruppigten, brandrothen Haares zog ſich um ſein faſt kah⸗ les Haupt, ſein ſchwacher Bart, von gleicher Farbe, hing wirr über Kinn und Lippen her⸗ ab; ſein aufgedunſenes Antlitz war bleich, hat⸗ te tiefe, grelle Züge, und der irre ſtechende Blick ſeines funkelnden Auges war kaum zu ertragen. Der kurze, dicke Rumpf ruhte auf ſchwachen Schenkeln und das linke Bein ſchien eine Verletzung erlitten zu haben, welche ei⸗ nen wackelnden, hinkenden Gang verurſachte. Er war nur halb mit Thierfellen bekleidet und um ſeine Schultern hatte er nachläſſig einen alten verblichenen Mönchsrock geſchlagen. So widrig nun auch beim erſten Anblicke die For⸗ 104 men ſeines Geſichtes erſchienen, ſo druͤckte doch ſein ſchmerzliches Lächeln, mit welchem er den am Boden liegenden lange und ſchweigend be⸗ trachtete, einen hohen Grad von Gutmuͤthig⸗ keit aus, welcher das abſtoßende Aeußere ſei⸗ ner ganzen Geſtalt Hohn zu ſprechen ſchien. Endllich hinkte er bis dicht vor das Lager, beugte ſi ſich zu dem Regungsloſen hinab und ſprach im heiſern Tone zu ihm: „Laß mich ein wenig bei Dir weilen, from⸗ mer Jwar;'s wird mir in meiner engen Kluft ſo kalt und finſter und mir wird bange allein zu ſeyn.— Ei, ei, wie hell und freund⸗ lich iſts in Deiner Kammer,“ fuhr er fort, ſeine funkelnden Blicke auf die Fackeln an den Wänden heftend.„Dem Sohne der Finſter⸗ niß thuts wohl das Licht zu ſchauen. Manch⸗ mal wirds drüben in meiner Zelle auch hell; aber dann ſinds Höllenflammen die aus den Wänden ziſchen und flackernd mich umtanzen. Dann wird mirs glühend heiß und wirbelnd dreht mein Haupt ſich auf dem Rumpfe, bis Alles wieder dunkel wird und kalt; hu! dann friert mich entſetzlich, ſo wie jetzt.“ Wie vor Froſt erbebend, wickelte er ſich feſt in das alte Mönchskleid, kauerte ſich am Lager nieder und grinſte freundlich in Jwars Antlitz, der ihn noch immer nicht zu bemerken ſchien. „Aber, guter, frommer Iwar,“ begann er wieder nach einer Pauſe;„biſt Du denn ganz von Sinnen, Brüderchen? Du haſt Dir ja die kaum verharrſchten Schrammen an Hän⸗ den und Fuͤßen, ſchon wieder aufgekratzt, daß ſie bluten.— So machſt Du's immer, wenn ich eine Zeit lang nicht Dein Wächter bin; aber warte nur, Du toller Schelm, ich will Dich ſchon wieder heilen.“ Sein irrer Blick ſchweifte im Gemache um⸗ her, als ob er irgend etwas ſuche. Indeſſen hatte Iwar ſein Haupt erhoben, ſtarrte fin⸗ ſtern Angeſichts den Andern an, und ſprach mit gedämpfter, ſchwacher Stimme, doch mit einem Tone, welcher verrieth, daß der Anblick 106 ſeines Gefährten eben keine beſondere Ueberra⸗ ſchung in ihm hervorbringe: „Hebe Dich weg von mir, Verſucher! mei⸗ ne Wunden wirſt Du nimmer heilen, denn jeder Tropfen Blutes der aus ihnen quillt, wird vergoſſen die Sünden der Menſchen zu ſühnen.. „Ei, warum denn nicht!“ entgegnete der Hinkende faſt ärgerlich.„So oft, daß es mich verdroß es nachzuzählen, hab' ich Hände und Füße Dir ſchon zuſammengeheilt, mit meinen Pflaſtern. Hi hi hi!“ lachte er heimlich und ſprach dann, weggewendet vom Lager, halb für ſich:„iſt das nicht lächerlich und gräß⸗ lich doch dabei?— Wenns unſre Pfaffen hör⸗ ten, ſie würdens nimmer glauben: der Sa⸗ tan heilt die Wunden des Erlöſers!— Doch, was ſchwatz ich denn? bin ich der Satan? hoho! noch lange nicht!— Der Höllenfuͤrſt hat nur ein Teufelchen mir eingehaucht, das meine arme Seele feſthält, zum Danke, weil ich einſtens ſeine hochgeſtrenge Perſon ſo gar fürtrefflich vorgeſtellt im Kloſter.— Und der 107 dort,“ fuhr er nach einer Pauſe wieder fort, in welcher er ſich muͤhſam auf Vergangenes zu beſinnen ſchien;„den kenn' ich ja ſeit meiner Kindheit,'s iſt mein frommer Bruder JZwar—“ „Ich bin der Weltenheiland!“ rief der An⸗ dere, ihn unterbrechend, mit lauter Stimme. „Meine Auferſtehung wird nicht fern mehr ſeyn!— Sieh', dort im Oſten— wie die rothen Wolken ſich zuſammenthürmen, zum Purpurthrone— wie die Englein unter Har⸗ fenton herniederſteigen auf der ſiebenfarbigen Leiter, den Gekreuzigten hinauf zu führen, zu ſeines Vaters Sitz.— Weiche von mir, Un⸗ hold, meine Auferſtehungsſtunde naht.“ Lächelnd näherte ſich ihm der Hinkende, der nach langem Suchen, endlich ein Salbenbüchs⸗ lein und etwas Linnen gefunden und ſprach verſchmitzt, als ob er in den Bart rede: Ja, ſchwatze Dich nur ſatt, Du armer Narr, Dein Leiden kenn ich. Haſt mir wohl tauſendmal Dein tolles Mährlein ſchon er⸗ zählt und bin ich dann bei Laune, ſo wie jetzt, ſo gehe ich ein in Deinen Schwank und ſtöre 108 nicht durch Widerſpruch die irre Einbildung. — O, reiche mir Deine Hand, daß Du mich heileſt, Herr! ich bin ein armer Menſch, dem ſieben und ſiebenzig böſe Geiſter inne wohnen!“ fuhr er dann demüthig fort, am Lager nie⸗ derknieend. Da legte Iwar ſeine beiden Hände auf die Bruſt des Knieenden, ſein Antlitz verklärte ſich und Verzückung ſprach aus ſeinen ſeltſam glänzenden Augen. Er ſchien dem Irdiſchen entruͤckt. Doch der Andere benutzte ſchnell und gewandt den Zuſtand des Unglücklichen, der ihn ſeiner Beſtnnung jetzt gänzlich beraubt hat⸗ te und verband ihm mit den Linnen, welches er zuvor mit Salbe beſtrichen, die blutigen Wunden an Händen und Füßen. Dann beugte er ſich über ſein Antlitz, Thränen rollten über ſeine Wangen herab und mit tiefergreifendem, wehmüthigem Tone ſprach er: „Ich bin geheilt, o Herr! von nun an folg' ich Deiner Spur!—— O, daß ich's endlich doch in Wahrheit von mir ſprechen dürfte: 109 ich bin geheilt!“ brach er nun aus, unter lautem Weinen.—„So läßt der Teufel, der meine Seele feſt umklammert hält nicht ab mit ſeiner Folter!— Um meines armen Bru⸗ ders Wunden verbinden zu dürfen, muß ich's ihm lügen, daß er mich geheilt, muß ich dem Irrwahne huldigen, dem mein guter Iwar ſich ergeben.— Wer wird den böſen Geiſt aus meinem Leben bannen? Des Satans Fluch hat ihn hineingehetzt und nimnxr, nimmer wird er weichen!“ Err kroch in einen Winkel und weinte bit⸗ terlich. Iwar aber, hatte ſeine Augen ge⸗ ſchloſſen; er duldete den Verband um ſeine Wunden und ſchien zu ſchlummern. Doch nicht lange dauerte ſein Schlaf; wie erſchreckt im Traume fuhr er plötzlich auf und ſprach ungeduldig:„kommt er bald?“ „Wen meinſt Du?“ erwiederte der Hin⸗ kende ſchluchzend. „Den Joſeph von Arimathia!“ fuhr Iwar hohl und eintönig fort.„Der mich vom Kreuze nahm, in ſeine Gruft gelegt und 116 den Stein davor gewälzt. Sag ihm, es ſey Zeit das Grab zu öffnen— meine infſete ſtehungsſtunde iſt nahe.“ 3 „Das kann kein Engel Gottes Dir ſo freundlich wünſchen, als meine Seele, die der Satan feſthält, Dir es wuͤnſcht; denn tiefrührt mich Dein Leiden!“ entgegnete der Andere, noch lauter weinend. Da richtete ſich Jwar halb vom Lager auf, ſtarrte in das Antlitz des Weinenden und frag⸗ te mild: „Wer biſt Du und wem ſliehen Delne Thränen?“— „Dir— Dir armen N Eieekenke er⸗ wiederte der Hinkende und wie im Ausbruche des höchſten Schmerzes lehnte er ſein Haupt an Iwars Bruſt und ſtöhnte:„willſt Du mich nimmer denn erkennen? Ich bin Dein Bruder Haguin, der zärtlich Dich Heliet von unſrer Kindheit an!“ Ungläubig ſchuͤttelte der Andere ſein Haupt und nachdem er ihn lange betrachtet hattr, ſprach er: 6412 „Ich kann Dich nicht erkennen— ich hat⸗ te keinen Bruder— ich bin der Weltenhei⸗ land!“ 2eer e 40 Und wie erſchöpft ſank er zurück aufs La⸗ ger; doch lallend, wie im Traume ſprechend, fuhr er dann fort:„mich ruͤhrt Dein Weinen — ſage mirs doch— wer biſt Du?“ Nun denn—— ich bin Maria Mag⸗ dalena, die an Deinem Grabe wacht!“ ent⸗ gegnete Haguin faſt unwillig und wendete ſich von ihm, wie Einer der ſich tief Derränit ſieht für innige Theilnahme. Iwar aber, lallte in längern Pauſen: „Maria— Magdalena!— Wache ferner bald— werd' ich auferſtehen!“ Und ſein Auge ſchließend, verſtel er wieder in Schlummer. Da verkündete ein Geräuſch in der Vor⸗ halle der Höhle, da, wo der Erdgang ſich er⸗ weiterte, die Annäherung mehrerer Kommender; doch die beiden Unglücklichen ſchienen es nicht zu vernehmen. Iwar ſchlummerte fort und Haguin weinte ſtill vor ſich hin im dunkeln Winkel. 112 Es war Ingiald, welcher Siggeſon und Cecilien, die er glücklich durchs Gebir⸗ ge geleitet hatte, jetzt in ſeine traurige Woh⸗ nung einführte. Er öffnete ſchweigend einen jener hölzernen Verſchläge, im Hintergrunde der Höhle, welcher ihm bisher zum Wohnge⸗ mache gedient und der freilich, ohne häusli⸗ che Bequemlichkeit darzubieten, ziemlich öde und leer war. Einige roh gezimmerte Bänke, ein Tiſch, ein Lager von Haidekraut bereitet und ein Paar alte Bücher waren die haupt⸗ ſächlichſten Gegenſtände, die ſich hier den Bli⸗ cken der Eintretenden, beim Fackelſcheine dar⸗ ſtellten. Mit freundlichem Eruſte lud er ſeine Gä⸗ ſte ein, ſich zu ſetzen und ſchweigend holte er dann aus einem andern Winkel der Höhle noch Decken und Felle herbei, ihnen Lagerſtellen be⸗ reitend. Cecilie war völlig erſchöpft von den Schreckniſſen der letzten Stunden und von den Anſtrengungen der nächtlichen Wanderung durchs Gebirge. Nachdem ſie in einfachen, aber herzlichen Worten, ihrem Retter gedankt, 113 überließ ſie ſich, auf dem für ſie bereiteten Lager der Ruhe, und bald breitete der Schlaf ſeine ſanften Schwingen über die faſt bis zum Tod Ermattete. Ingiald und Siggeſoe Pſaßet aber noch lange einander ſchweigend gegenüber, bis endlich Letzterer, des Greiſes Hand ergeeitend, mit inniger Theilnahme begann: „Mein eignes Leid vergeſſend, martert mich jetzt unabläſſig der Gedanke: Dich ſo zu fin⸗ den!— Wie ein Geächteter in finſtrer Höhle lebſt Du, abgeſchieden von der Welt dem Au⸗ ge der Menſchen Dich verbergend, da doch einſt in Weſtgothland der kleine Kreis Dei⸗ ner Nachbarn und Freunde mit Achtung und Liebe Dich umſchloß. Du warſt ein glückli⸗ cher Gatte, ein gluͤcklicher Vater, mit Weis⸗ heit und mit irdiſchen Gütern reich geſegnet — und wie finde ich Dich jetzt?— Waren es die Menſchen, waren es die Launen des Schickſals, die Dich hinabſtießen in den fin⸗ ſtern Erdenſchlund; daß ſich im Winter Dei⸗ naes Lebens, Dein Auge ſelbſt an Gottes Son⸗ 2r Thl. 8 114 nenſtrahlen ſich nur ſelten weiden kann. Was konnte den, der mir vor mehr als zwanzig Wintern Weisheit predigte, vermögen, mit ſeinem lichten, ſtarken Geiſte zurückzukehren ins blinde Heidenthum? aus den modernden Trümmern alter Götzentempel ſich einen Altar aufzubauen und kängſcvergeſſene Götter zu ver⸗ ehren?“ „Nicht unerwartet hör ich Deine Fragen, 4 erwiederte der Greis, wehmüthig lächelnd. „Und weil ich einſt vor Jahren, da wir als Nachbarn noch und Freunde zuſammen lebten in Weſtgothland, in Dir den wackern Mann erkannte; weil ich Dich damals ſchon geliebt wie meinen Sohn, bin ich Dir Antwort ſchul⸗ dig und ſie ſoll Dir werden.— Ich bin in Island geboren, wo mein Vater zahlreiche Güter beſaß und zu den reichſten des Landes gezählt wurde. Auferzogen unter einem Vol⸗ ke, welches raſcher in geiſtiger Ausbildung vor⸗ wärts geſchritten, als alle ſeine Nachbarn; welches den Schweden, Dänen und Norwe⸗ gern aus ſeiner Mitte Lehrer ſendete; welches 115 ſchon im dreizehnten Jahrhunderte bedeutende Dichter, Geſchichtsſchreiber, Rechtsgelehrte und Künſtler aller Art aufgeſtellt und ſo ſehr bald das Orakel größerer Nationen wurde, fand ich faſt in jeder Wiſſenſchaft genügenden Un⸗ terricht, meinen lernbegierigen Geiſt zu berei⸗ chern. Mein Vater war Lagman* und wur⸗ de ſeiner ausgebreiteten Kenntniſſe wegen gar hoch geachtet von Jung und Alt. Er lehrte mich vor Allem die Natur kennen und ſpornte meinen Eifer an, manches ihrer Geheimniſſe zu erforſchen, die damals den meiſten Men⸗ ſchen Zauberwerke und unauflösliche Räthſel ſchienen. Er gab mir Geſchichtsbuͤcher, worin ich die Sitten, Thaten und Meinungen der Urväter aufgezeichnet fand und manche Nacht durchwachte ich, weil die Kunden der Vorwelt den Schlaf von meinen Augen ſcheuchten, oder die Geſänge der Scalden mich begeiſterten, welche die Geheimniſſe der alten Götterlehre enthüllten oder die Thaten der Helden grauer * Oberrichter. 183. 8*† 116 Vorzeit verherrlichten. Mein Vater erklärte mir die Edda, wir laſen die Veluspa* zu⸗ ſammen, tauſchten gegenſeitig unſere Anſichten und Meinungen aus, über Havamaal** und Vafthrudismaal;**r ſo daß mir oft der Kopf ſchwindelte; daß ich ſchon damals unſre Ur⸗ väter glücklich pries, die bei ihrer einfachen und ſinnigen Mythe, ein ſtarkes, kluges und gerechtes Volk bildeten, obwohl wir jetzt ſie rohe Heiden nennen. Ja, oft glaubte ich in meiner jugendlichen Schwärmerei, die alte Zeit wieder zurückrufen zu können, mich und andere verſetzen zu dürfen in jenen glücklichen Naturzuſtand. Ein Pfaffe hatte mich auch in der chriſtlichen Lehre unterrichtet; ich bekannte mich zu dieſem Glauben; doch die kräftigen Worte der Edda wurzelten in meiner Bruſt gleich einem mächtigen Eichbaume und nur wie unſcheinbares Moosgeflechte wucherte ſpärlich * Weiſſagung der Gybille Volla. ** Odins erhabenes Geſpraͤch. *rr Zauberlieder des Geiſtes Vafthrudis. 417 darauf das fade Mönchsgeſchwätz. Ich war und blieb ein Zweifler von Jugend an und leider fand ich unter einer Unzahl Geiſtlichen, an die ich mich gewendet, auch nicht Einen, der mir den rechten Weg gezeigt hätte zur Erkenntniß. Unbehaglich, beängſtigt fuͤhlte ich mich in jenem Zuſtande des Schwankens. Oft rief ich laut zu Gott um Licht; doch nur mit jedem Jahre mehr verdüſterte ſich meine Seele. Mein Vater ſtarb. Eine gierige Prieſterſchaar fiel über ſeine Güter her, mit faſt lächerlichen Anſprüchen, doch unterſtützt durch die Macht ihres Anſehens, das Erbe an ſich reißend. Ich fand kein Recht gegen die unantaſtbaren Die⸗ ner des Herrn, wandte mit dem Reſte meiner Habe meinem Vaterlande den Ruͤcken und ließ mich in Weſtgothland nieder. Hier bauete ich mir einen neuen Heerd und nahm ein Weib. Sie war liebevoll und brav; aber ſchwachen Geiſtes hing ſie an der Kirche mit ganzer See⸗ le und ein Prieſterwort, hätte es ein Verbre⸗ chen auch begehrt, war ihr die Stimme Gottes. Sie gebahr mir zwei Knaben und eine Tochter 118 und ich war ein glücklicher Vater. Sie wuchſen heran, die Kinder; mein frommes Weib lehrte ſie beten und die Heiligen verehren, ich aber, ſtrich am Tage durch Wald und Feld mit ih⸗ nen, zeigte und beſchrieb ihnen Alles was ein Landmann kennen muß, erklärte ihnen die Wun⸗ der der Natur, entdeckte ihnen die Kräfte der Kräuter, ſuchte ihnen Abends den Lauf der Sterne zu verſinnlichen und führte ſie dann ſo zurück auf unſern Schöpfer. So ſchwand denn Jahr auf Jahr. Die Mutter ſtärkte ihre Kin⸗ der im Glauben und legte ihnen nach und nach die nämliche Binde ums Auge, die ſie ſelbſt trug, die ihr eben weiter nicht zu ſchauen vergönnte, als ihr Beichtiger es zuließ. Ich ließ es geſchehen; denn mich ſchauderte: den Unbefangenen die Binde abzureißen, da ich ihnen ſelbſt doch nur des Zweifels Irrlicht dafür bieten konnte. So geſchahe es denn auch, daß ſich das fromme Weib beſchwatzen ließ vom Prior des Paulinerkloſters, ihre bei⸗ den Söhne, durch ein Gelübde der Kirche zu weihen und ich, der ich die beiden Buben zu 8 119 wackern Landmännern erzogen hatte, ſahe die beiden lieben Kinder, ſchon nach wenig Jah⸗ ren, das Ordenskleid jener Prieſter tragen, von denen ich nur Wenige achten konnte. Doch glaubte ich ſie ſo am ſicherſten geborgen vor meiner eignen Seelenfolter jener Zweifel, die ſeſt in meiner Bruſt verſchloſſen, ich mit in's Grab zu nehmen dachte und hegte das Ver⸗ trauen: ſie würden am glücklichſten ſeyn im blinden Glauben. Ach! ich hab's zu ſpät be⸗ reut und die gräßlichſten Vorwürfe nagen an meinem Herzen.— Es ſtand damals das Pau⸗ linerkloſter im Geruche beſonderer Heiligkeit, denn die ſchlauen Mönche verſtanden meiſter⸗ lich die Kunſt, das Volk zu blenden durch wun⸗ derliche Gaukeleien. Auf ein lebensgroßes Chri⸗ ſtusbild, aus Holz geſchnitzt, legted ſie beſon⸗ ders hohen Werth, denn ſie wußten den blin⸗ den Pöbel zu überreden, daß dieſes Bild in der Charfreitagsnacht, ſich in den Leib des Erlöſers wandele. Mehrere Jahre ſchon hat⸗ ten ſie dieſen Spuk getrieben, da kam es einſt⸗ mals mir in den Sinn, das Wunder ſelbſt mit 120 anzuſchauen und ich begab mich in der Frei⸗ tagsnacht vor Oſtern in die Kloſterkirche, die überfuͤllt war von der gläubigen Menge. Das große Chriſtusbild, welches ſonſt den Haupt⸗ altar geziert hatte, war verſchwunden; auf den Stuſen des Altars aber hatte man ein hohes Todtenbett aufgerichtet und in einem Sarge, umgeben von hundert brennenden Wachsker⸗ zen, lag ein Leichnam, um den die Mönche anbetend einen Kreis geſchloſſen hatten. Dort lag auch das Volk, in fanatiſcher Wuth zu einem dichten Knäuel zuſammengeballt, kaſtei⸗ te ſich, heulte und ſchrie die raſendſten Gebete hinüber zum offnen Sarge und Mehrere ſahe ich ganze Hände voll Geld den Mönchen zu⸗ werfen, welche geſchäftig die Schweißtücher der Männer und Frauen, in die, an Händen und Füßen ſichtbar blutenden Wunden des Leich⸗ nams tauchten. Ich ſchauderte zuſammen vor dem unſinnigen Glauben des Pöbels, wie vor dem abſcheulichen Betruge der Chriſtenprieſter und ſchon hob ich meinen Fuß, mich abzu⸗ wenden von den empörenden Gränueln, und ei⸗ 121 nen Tempel zu fliehen, wo ärgere Gaukeleien getrieben wurden, als die Heidenprieſter je⸗ mals übten. Doch gewaltſam fühlte ich mich von dem vorwärts drängenden Menſchenhau⸗ fen näher getrieben zum Sarkophag, unwill⸗ kührlich ſtreifte mein Blick an dem abgöttiſch verehrten Leichname vorüber, Entſetzen ſträubte mein Haar empor, ein lauter Ausruf des tief⸗ ſten Jammers entrang ſich meiner empörten Bruſt, mein Auge ſtarrte unbeweglich auf das bleiche Todtengeſicht— es war der Zweite meiner Söhne, Iwar der im Sarge lag; in dem das dumme Volk den Weltenheiland zu erblicken meinte, zu dem es, wie verzweifelnd, um Vergebung ſeiner Sünden aufſchrie. Ohn⸗ mächtig wurde ich aus der Kirche getragen und als ich wieder zum Leben erwachte— ach! da wünſchte ich jenen Todesſchlummer zurück, der ſo mild und freundlich die Banden zerriſ⸗ ſen hatte, die mich an eine Welt feſſelten, wel⸗ che ich haſſen mußte. Bald darauf verfiel ich in eine ſchwere Krankheit, die meinen Geiſt verwirrte. Ein Paulinermönch, Frater Ana⸗ 122 ſtaſius, der Redlichſte der betrügeriſchen Rot⸗ te, doch deshalb auch verachtet von ſeinen Bruͤdern, hatte alle ſeine Kenntniſſe in der Arz⸗ neikunſt an mir erſchöpft, und eine langſame, doch zuverläſſige Geneſung von meiner Krank⸗ heit herbeigeführt. Gegen ihn leerte ich den bittern Kelch moiner innern Empörung aus, als die wiederkehrende Beſinnung mir ver⸗ gönnte, der ſchrecklichen Vergangenheit zu ge⸗ denken, und er beſtätigte mir, ſelbſt gerechten Abſcheu hegend gegen den ſchändlichen Betrug ſeiner Ordensbrüder, Alles was ich geſehen; ja, ich erfuhr noch mehr Entſetzliches. So wie man meinen Iwar gemißbraucht hatte, den Erlöſer zu ſpielen, indem man ſeinen Körper, durch vorhergegangene Faſten und Kaſteiun⸗ gen zum Leichname ausgemergelt, und ſeine Glieder durch einen lange wirkenden Schlaf⸗ trunk gefeſſelt; ſo hatte man auch Haguin, meinem älteſten Sohne, nachdem man durch abſichtliche Verſtümmelung ſeines linken Fußes einen hinkenden Gang bei ihm erzeugt, in myſtiſchen Spielen, welche die Pfaffen häufig 1 123 voor allem Volke hielten, die Rolle des Sa⸗ tans zugetheilt. In dieſer Maske hatte man ihn zu Geſpenſtergaukeleien gebraucht um die begüterten Laien zu reichen Spenden an das Kloſter zu vermögen.— Grenzenlos war mei⸗ ne tobende Wuth. Die redlichen, friſchen, blühenden Jünglinge, die hinter dem Pfluge in niederer Huͤtte, mit der biedern Einfalt im Herzen, ein beneidenswerthes, freudenreiches Leben geführt hätten, waren zu gottesläſtern⸗ den, gemeinen Gauklern geworden, waren ver⸗ krüppelt an Leib und Seele, unter den Die⸗ nern des Herrn. Ich glaubte dort ſie gebor⸗ gen unter'm Fittige des blinden Glaubens, und hatte ſie ſelbſt den Schlingen der Verfüh⸗ rung übergeben; niederträchtige Heuchler und Betruͤger waren ſie geworden durch den blin⸗ den Glauben. Ich rief das Volk der ganzen Umgegend zuſammen, verkündete laut das ſchändliche Gaukelſpiel der Mönche; da ſchli⸗ cchen Einige mit tauben Ohren zaghaft ſich da⸗ von; Andere verlachten mich und meinten: ich rede im Wahnſinne und wieder Andere traten 124 mir gar keck entgegen und beſchuldigten mich laut: ich läſtere die heiligen Männer. Ich begehrte den Prior zu ſprechen, um meine Söhne laut zurückzufordern; man trieb mich mit Gewalt von der ſtets für mich verſchloſ⸗ ſenen Pforte des Kloſters und von jener Zeit an flohen mich Nachbarn und Freunde, wie einen Geächteten. Nur Frater Anaſtaſius ſchlich zuweilen in der Abenddämmerung nach meiner Hütte; doch ſeine theilnehmenden Worte brachten keinen Troſt in mein ſchmerzzuckendes Herz. Noch hatte ich nicht meinen Leidenskelch bis zur Neige geleert. Ich hatte noch eine Tochter, ein liebes, unſchuldiges Geſchöpf, das oft mit inniger Liebe die trüben Wolken von der Stirn mir ſcheuchte, ſie war die ein⸗ zige Blume, die mir auf meinem wüſten, öden Lebenspfade freundlich blühte. Ein Bube, je⸗ ner Gryns, der in der Wolfshütte Deinen Tod beſchloſſen hatte, um durch Gewalt oder Liſt das arme, ſchlummernde Weib dort, Deine Cecilie, für ſeine Lüſte zu gewinnen, war ein ausgezeichneter Prediger im Kloſter. Sei⸗ 4 125 ner Iungend, ſeiner Scheinheiligkeit, ſeinen fei⸗ nen Ränken gelang es, mir mein Kind, mei⸗ ne Arnefia, zu verführen; mein letztes Klei⸗ nod mir zu ſchänden, das, wie ein Talisman, mich noch bewahrt hatte vor Gottesleugnung. Erſt ſpät, da ſie in wenig Wochen Mutter werden ſollte, entdeckte ſie mir ihren Zuſtand, und wie zu Eis erſtarrte mein Herz in jenem Augenblicke. Es war, als ob die dürftige Hoffnungsſaat in meinem Innern nun plötzlich erſtorben ſey, jeder glückliche Traum ſich wan⸗ dele in ein hölliſches Geſicht, jede menſchliche Regung in meiner Bruſt zur Bärenwuth ge⸗ worden wäre. Ich verfluchte mein Kind, ver⸗ fluchte die Prieſter Gottes, mich und die ganze Welt, verſtieß die Entehrte und habe nimmer wieder gehört von ihr. Meines Weibes ſchwä⸗ chere Natur brach bald zuſammen unter unſrer Leidenslaſt und als ich ſie in's Grab gelegt, da ſaß ich einſam in meiner Hütte; ich be⸗ merkte es nicht, daß Tag und Nacht wechſel⸗ te, mein ganzes Leben war ein dumpfes Brü⸗ ten. Mein Körper ſchien erſtarrt und in mei⸗ nem Hirn wirrten tauſend widerſprechende Gedan⸗ ken ſich, wie ein Würmerheer, das an einem ver⸗ weſenden Leichname nagt. Mein dunkles Haar war in wenigen Tagen ſchneeweiß gebleicht, vom eiſigen Reife des ſtarren Schmerzes. Da kam eines Tages Pater Anaſtaſius zu mir, der mich bisher mit Speiſe verſorgt, die ich nur ſelten und mechaniſch genoß. Er rief mich auf, meine beiden Söhne zu retten; ihnen drohe Todesgefahr. Es war, als ob die neue Schreckenskunde mich erweckt hätte vom tiefen, aängſtlichen Schlummer; als ob auf einmal das neue Entſetzen alle jene Bande zerreiße, womit in dumpfer Starrſucht die grauſige Em⸗ pörung meines Innern gefeſſelt wurde. Wild ſprang ich empor und der Gedanke: meine Söhne, die ich ſchon für todt, fuͤr ewig mir ver⸗ loren geachtet, zu retten, belebte mich jetzt mit jugendlicher Kraft. Der Mönch führte mich auf verborgenen Wegen, um Mitternacht, in's Kloſter, offnete mir einen Kerker und hier fand ich ſie, die mein gebrochenes Vaterherz einſt über Alles geliebt, in jenem gräßlichen 127 Zuſtande, der den Menſchen noch unter das Thier herabſetzt. Sie waren beide ahnſinnig geworden und die Ausgeburten ihres kranken Geiſtes verklagten fürchterlich die Schöpfer ihres Elends. Schon war ihr Todesurtheil im Convente der heiligen Diener Gottes gefällt worden; man wollte die abgenutzten Werkzeuge ſchmählicher Bosheit vernichten; man wollte der läſtigen Koſtgänger ſich entledigen, weil man fürchtete: ihr Zuſtand möchte zum Ver⸗ räther werden am betrügeriſchen Treiben der geſalbten Gauklerbrut. Ich riß meine Söhne vom Boden auf, umſchlang ſie feſt mit mei⸗ nen Armen, als ob ich die Unglückſeligen der Hölle entreißen müßte, ſchleppte ſie nach mei⸗ ner Wohnung und floh noch in derſelben Nacht mit ihnen den dalecarliſchen Gebirgen zu. Hier in dieſer Höhle, die der Zufall mich finden ließ, lebe ich nun ſchon ſieben Jahre lang.— Jetzt verdamme mich, Freund Siggeſon, wenn Du es kannſt, daß ich mich von mei⸗ nem Glauben wendete, der mir verhaßt wur⸗ de durch die Nichtswuͤrdigkeit ſeiner Lehrer; 128 daß ich nicht zum Weltheiland betete, den ſeine eigenen Diener ſchänden und verläſtern. Ich bete ja zu Gott, zum Allvater aller Men⸗ ſchen und ſeine herrliche Natur iſt mein Al⸗ tar. Ich habe hier in meiner Einſamkeit wohl hundertmal die alten Bücher wieder durchgeleſen und in der Edda und Veluspa fand ich wackre Glaubensſätze, die wohl auch zum Himmel fuͤhren. So bin ich denn ein Heide geworden und bekenne es laut. Das Volk nennt mich einen Zauberer und Bahrſager, weil ich die Kräfte der Natur kenn und manche Wiſſen⸗ ſchaft erlernte, die der rohe Landmann nicht zu faſſen vermag und deshalb eine übernatür⸗ liche Macht mir beilegt. Ich muß ſie bei dem tollen Glauben laſſen, denn ihr Gehirn iſt ein wüſter Fels, auf dem die Saat der höhern Wiſſenſchaft wohl nie gedeihen wird.“ Er ſchwieg lange; dann fuhr er fort mit weicherer Stimme und wehmüthige Erinnerung einer glücklichern Vergangenheit erglänte im ſeinem feuchten Auge:. 1 „Ja, Freund Arendt, wir lebten nſt 129 recht ſelige Tage zuſammen. Dein Landgut in Weſtgothland, lag kaum einige tauſend Schritte weit entfernt von meinem Hemman. Du warſt ein Jüngling damals, der ein redlich treues Herz im Buſen trug, der ſo wie ich erglühte für die Wunderwerke der Natur und für die Großthaten unſrer Urväter. Obſchon ich Dir an Jahren überlegen war, ſo ſtimmten unſre Geiſter doch zuſammen und wie ein Vater war ich ſtets Dir zugethan. Meine Söhne, nur wenige Winter jünger als Du, waren da⸗ mals Deine unzertrennlichen Gefährten. Auch ſie hingen an Dir, wie Deine Brüder. Wenn Ihr Abends heimkehrtet von der Jagd, wir ſaßen im Hofe zuſammen, meine Arneſia tän⸗ delte um uns, oder ſang ein munteres Lied⸗ chen, meine Gattin„ mit der Spindel in der Hand, ſaß neben mir und die Sonne ſank hin⸗ ter den hohen Bergrücken, ſpiegelte ihre gluth⸗ rothen Strahlen im ſtillen See, und die alten Ahornbäume flüſterten der Scheidenden ein Le⸗ bewohl hinüber. Ach, da war die ganze Welt ſo ſchön um mich, ich ſchwelgte in der ſeligen 2r Thl. 9 130 Wonne meines Glücks und jetzt Nacht— fin⸗ ſtere Nacht um mich, ſo oft mein Auge ſich nur öffnet. Nicht in Worte faſſen läßt ſich meine Qual. Komm, Siggeſon, ſchauen ſollſt Du, ſchauen, und die ungeheure Größe meines Leidens dann ermeſſen. Komm, Du ſollſt meine Söhne ſehen! ich will Dir Deine Jugendfreunde zeigen, die Dich einſt wie ih⸗ ren Bruder liebten.“ Haſiig erhob er ſich; ein wildes Feuer ſtrahlte aus ſeinen Blicken und ungeſtüm zog er den Freund mit ſich fort, den die Erzäh⸗ lung des Greiſes mit Schauder erfüllt hatte. Sie traten hinein in das Gemach und fanden Iwar noch ſchlummernd auf ſeinem Lager, Haguin upch immer weinend im Winkel. „Sieh! ſprach Ingiald.„Dieſer An⸗ blick iſt mein fürchterlicher Lohn, wenn ich er⸗ müdet heimkehre von guten Werken, die ich gern verrichte an den Bewohnern der Umge⸗ gend. Wenn draußen wild die Stürme heu⸗ 131 len, Regen und Hagel mich erſtarrte auf mei⸗ nen Wanderungen und ich hier nun eintrete, wenn ſchon längſt der ärmſte Bettler ein fried⸗ lich Obdach fand im Kreis der Seinen; da bohren ſich tauſend Dolche mir ins Herz und oftmals treibt michs wieder dann hinaus aus meiner Jammerhöhle und droben auf der höch⸗ ſten Felsſpitze, vom Sturme gepeitſcht, be⸗ täubt von ſeinem Brzuſen, wird mir leichter.“ Da richtete ſich plötzlich JZwar halb vom Lager empor, ſein Auge ſtarrte wie in Ver⸗ zückung, nach den ſchon faſt gänzlich niederge⸗ brannten Fackeln und leiſe ſprach er: „Siehe, wie die Sterne niederfallen vom Himmel, wie die Blitze kreuzen durch die Nacht; im Donnerrollen hör' ich meines ew'gen Va⸗ ters Stimme— er ruft mich!.— Hier bin ich, mein Herr und Gott! Dein Sohn wird auferſtehn!“ Und langſam ſank er wieder zu⸗ rück aufs Lager und unbeweglich, mit halb offnen Augen ſchien er wieder menetzuſahlum⸗ mern. 182 2 9* 3 132 Haguin im Winkel aber, ſtürzte in dem⸗ ſelben Augenblicke, wie gelähmt an allen Glie⸗ dern, ſchreiend zuſammen, krümmte heulend ſich am Boden und ſtöhnte: i „Ach! helft mir doch, ihr frommen Män⸗ ner! bannt den Teufel der mich quält! treibt ihn aus— aus aus!— Ohl oh! Sa⸗ tan, machs gnädig! Und wie in ungeheuern Schmerzen vllizie b der Uhalialihe ſch hin und her. Nicht vermögend dieſen Anblick länger zu ertragen, verließ Siggeſon ſchaudernd den Verſchlag. Der Greis folgte ihm tiefſeufzend und als ſie wieder lange einander ſchweigend gegenüber geſeſſen hatten, ſprach endlich In⸗ giald im Tone troſtloſer Verzweiflung: „RKennſt Du einen Balſam, der ſo fürch⸗ terliche Schmerzen heilt, als meine Bruſt zer⸗ fleiſchen?“ Lange ſchwieg Siggefon, doch endlich ſchien er gefaßter und mit zuverſichtlichem To⸗ 133 ne erwiederte er, die kalte Hand des Freu. des ergreifend: „Ich kenne din: es iſt der reine Chriſten⸗ glaube, wie ihn Gott durch ſeinen Sohn uns offenbart. Den fuͤßen Troſt, den dieſer Glau⸗ be uns verleiht, wird Deine Heidenlehre nim⸗ mer Dir bereiten.“ 13 Zweifelnd ſchüttelte der Greis ſein weißes Haupt. und ſprach: 4 „So wie den Glauben Ch riſtenprieſter mich gelehrt, iſt er ein Götzendienſt, gleich dem zu Thors und Odins Zeiten.“ „Unglücklicher! ſo haſt Du nimmer denn das wahre Wort erkaunt, ſo haſt Du nim⸗ mer denn das wahre Licht geſchaut;“ entgeg⸗ nete Siggeſon mit eifriger Theilnahme.„Ler⸗ ne rein die Schrift erkennen, rein das göttli⸗ che Geſetz, wie es der wackre Luther uns ge⸗ deutet, und die Friedenspalme des wahren Chriſtenglaubens wird ſegnend Dich umwehen, Dir Troſt und Ruhe hauchen in Dein wun⸗ des Herz. Von Deinen Heidengöttern wende 134 Deinen Geiſtz lies dieſes Buch, aus jedem Worte quillt ein Balſamtropfen fuͤr die qual⸗ zerriſſene Bruſt; Du ſollſt noch heiter Deinen Blick zum Himmel wenden, Du ſollſt die Welt noch ſchauen in ihrem Glanze.“ Und aus den weiten Bruſtfalten ſeines Gewandes zog er ein Buch hervor und reichte es dem Greiſe dar. Es war eine Bibel nach Luthers Ueber⸗ ſetzung, wie ſie erſt vor kurzer Zeit, in ſchwe⸗ diſcher Sprache gedruckt erſchienen war. Noch niemals hatte Ingiald die heilige Schrift geleſen; aber ſeine Züge waren mil⸗ der geworden, als er, wie von einer freudi⸗ gen Ahnung ergriffen, das Buch in ſeiner Hand hielt. Er zündete eine neue Holzfackel an, begann eifrig zu leſen und wie angeweht von dem Geiſte des göttlichen Wortes, blieb er wach die ganze Nacht hindurch. Wie ver⸗ klärt überflogen ſeine Augen noch die heilige Schrift, als droben ſchon die milden Strah⸗ len der Morgenſonne, die eisbedeckten Gipfel der ſtarren Felſen freundlich erwärmten. 135 Siggeſon hatte indeſſen, nachdem er in⸗ brünſtig das Gebet des Herrn geſprochen, auf dem für ihn bereiteten Lager, einem ſanften Schlummer ſich in die Arme geworfen. 7. Der Winter hatte endlich ſeine letzten Schnee⸗ flocken von ſich geſchüttelt und die erſtarrte Erde von ſeinen ſchweren Banden befreit. Es war Frühling geworden in Schweden, und wie dort der Lenz, unterm ſchnellſten Wachs⸗ thume einer milden Temperatur, ſein ſegens⸗ reiches Seepter ſchwingt; ſo war ſchon in ei⸗ nem Zeitraume von wenigen Tagen, ſelbſt in den rauhen Gegenden von Dalarne, der ſchwere Eismantel, welcher die niedern Berge, Fluren und Felder bedeckte, wie durch Zau⸗ berwerk, durch eine üppige Vegetation ver⸗ drängt worden. Wo die winterlichen Stürme 137 8 den Schnee mehrere Fuß hoch zuſammen ge⸗ weht hatten, da ſproßte jetzt ſchon junges Grün und Blumen— zwar nicht durch be⸗ ſondre Farbenpracht und würzigen Duſt wie in füdlichen Ländern, die Sinne ergötzend— wendeten doch recht freundlich und heiter ihre Knospen den warmen Sonnenſtrahlen entge⸗ gen, in beſcheiduer Blüthe die Hügel zu dhmi⸗ cken und die Triften. Der erſte Maitag wurde in ganz Schwe⸗ den, vorzüglich aber in Dalecarlien, wo der Aberglaube die reichſte Nahrung fand, feſtlich von den Landleuten begangen. Denn auch hier ging die Sage von einer Walpurgisnacht, in welcher der böſe Feind mit ſeinen Geſellen und Geſellinnen ein tolles Feſt feiern ſolle, von Munde zu Munde. Niemand zweifelte, daß in jener Nacht alle Zauberer und Hexen, in mancherlei Verkappung und beritten auf ſeltſame Weiſe, ſich nach Blakulle* begäben, * Blauer Huͤgel; gleichſam der Blocksberg der Schwe⸗ den, den Einige auf eine Inſel der Oſtſeekuͤſte ver⸗ ſetzen. 138 um dort den Böſen zu verehren und in aus⸗ ſchweifender Luſt ſich zu ergötzen. Deshalb bezeichnete man auch alle Wege, Hausthüren, Ställe und Scheuern mit einem weißen Kreuze, beobachtete die Wölfe, Katzen, Kattlo's, Ael⸗ ſtern und Raben. Sobald aber das Morgen⸗ licht den erſten Maitag verkündete, herrſchte auch ungezügelte Freude in allen Hütten der Thäler und Gebirge. Denn man glaubte, wer an dieſem Tage recht ausgelaſſen fröhlich ge⸗ weſen, dem werde es das ganze Jahr hindurch nicht an Muth und Freude mangeln. Auch war es zugleich ein Fehdetag, denn alle Hän⸗ del und Ausforderungen wurden gewöhnlich bis zum erſten Maitage gewiſſenhaft aufgeſpart und dann mit Ringen, Schlagen und Stoßen ausgefochten. Doch ſobald der Abend herein brach, brachte der volle Methbecher Frieden unter die feindlichen Partheien und das, an dieſem Tage beſonders uͤbliche, Sprüchwort: drika marg i benen,* wurde bis zum Ueber⸗ * Mark in die Knochen trinken. 139 maße von den luſtigen Landleuten verwirklicht; doch vor Allem gerade am erſten Maitage des Jahres 1527, wo die erhitzten Gemüther nur von Aufruhr und Empörung erfuͤllt waren. Ein großer Theil der Dalecarliſchen Bauern, hatte in den einſamen Wintertagen, mit wach⸗ ſender Ungeduld, dem Erſcheinen des Fruͤh⸗ lings entgegengeſehen; denn die Meiſten wuͤnſch⸗ ten mit dem Säußeln ſeiner mildern Lüfte ihr wildes Schlachtgeſchrei zu vermengen, und nicht mit friedlichem Ackergeräthe, ſondern mit dem blutigen Schwerte über die grünen, blü⸗ thenteichen Fluren dahinzuziehen. Der, wie ein Heiland, von Norwegen zu⸗ rückerwartete Dal⸗Junker war mit dem er⸗ ſten Frühlingswehen wieder in den Thälern erſchienen, um ſein altes Spiel dort mit zu⸗ verſichtlichem, regen Eifer aufs Neue zu be⸗ ginnen. Er war in einem, den rohen Thal⸗ männern ungewohntem, Glanze wieder aufge⸗ treten; ſeine Miene war nicht mehr die eines Bittenden, er hob ſein Haupt jetzt keck und 4⁴0 ſtolz empor, wie ein Schützer und Erretter eines hartbedrängten Volkes. Er hatte die Verſammlung der norwegi⸗ When Stände geneigt gefunden, ihn in allen ſeinen Plänen zu unterſtützen; ja, ſelbſt ſeine Anſprüche auf jene Geldſummen, welche der Reichsverweſer Sten Sture in Norwegen zu fordern gehabt hatte, wurden anerkannt und günſtig aufgenommen. Auch wurden ihm ſogleich Truppen zugeſichert und Agenten er⸗ nannt, welche in Drontheim für ihn wirken ſollten. Mit ſeiner Gattin Richeſſa, welche ſchon, als die Tochter eines der edelſten Häu⸗ ſer Norwegens, den günſtigſten Ruf für ſich erweckt hatte, mit, einem reichen Gefolge an Prieſtern und Edeln, die Antheil zu nehmen wuͤnſchten an ſeinem Kampfe, umgeben von einem großen Dienertroſſe, kehrte er nach Da⸗ lecarlien zurück und fand die Gemeinden Iaa„. la, Mora, Oſſa und Larand noch ihm erge⸗ ben in unerſchütterlicher Treue. Die Bewoh⸗ ner der untern Thäler aber, welche ſich bis⸗ her noch unentſchloſſen gezeigt hatten ſein Un⸗ 141 ternehmen zu befördern, glaubte er auf die Nachricht von ſeiner Macht und glänzenden Umgebung jetzt leichter für ſich zu gewinnen und ſendete deshalb ſogleich Abgeordnete nach Rättwick, Tuna und Gagnef. Doch dieſe un⸗ befangenen Thalmänner, konnten bei der Auf⸗ forderung die Waffen gegen ihren König zu ergreifen, noch immer eine gewiſſe Verlegen⸗ heit nicht verbergen und beharrten endlich bei dem Entſchluſſe: trotz aller Lockungen und gro⸗ ßen Verſprechungen, weder für den Dal⸗ Junker, noch gegen ihn zu fechten. Drei andere große Gemeinden aber: Hedemora, Husby und Skedwi, welche in den Kupferge⸗ birgen lagen, zeigten ſich muthiger und er⸗ klärten: ſie fürchteten die norweg'ſchen Trup⸗ pen nicht, verkuͤndeten unverholen ihre Treue gegen den König, rüſteten ſich ſogleich zum ernſtlichſten Widerſtande und ermahnten ihre verblendeten Nachbarn den Dal⸗Junker zu verlaſſen, den ſie einen Betrüger nannten, wi⸗ drigenfalls man ſie ſelbſt feindlich angreifen würde. Hierdurch wurden nun auch die neu⸗ tralen Gemeinden kühn gemacht und vereinig⸗ ten ſich mit den Bergbewohnern; doch zeigten ſich die Oberthalmänner deshalb nicht geneigt, ihrem Empörungsplane zu entſagen und ihren Anführer zu verlaſſen. Freilich konnten meh⸗ rere Anhänger des Dal⸗Junkers nach die⸗ ſen mißlungenen Verſuchen ganz Dalecarlien aufzureizen, eine ſichtbare Beſtürzung nicht verbergen; doch der Aufruhrſtifter ſelbſt und Gryns, ſein unzertrennlicher Gefährte, ſpra⸗ chen ihnen Muth ein und ſetzten ihre heimli⸗ chen, durch die Prieſter geleiteten, Aufwiege⸗ lungen deſto eifriger fort. Der Dal⸗Jun⸗ ker aber ließ ſogar Geldſtuͤcke ſchlagen, grö⸗ bere und kleinere Munzen, auf der einen Seite mit drei Kronen geziert, auf der andern Seite war der Name: Nils Sture und das Wao⸗ pen von Schweden eingeprägt.* Die Wichtigkeit dieſer Ereigniſſe blieb in Stockholm lange unbekannt; da es überhaupt zu jener Zeit ſchwierig war, Nachrichten aus „ Geſchichtlih. — 143 entfernten Gegenden zu erlangen und ſelbſt der König Guſtav wurde erſt ſehr ſpät da⸗ von unterrichtet. Zwar hatte er wohl von der Erſcheinung eines Aufwieglers unter dem Namen: Nils Sture, in den Thälern und von der, ihm von den Landleuten zum Theil bewieſenen Anhänglichkeit vernommen; allein ſein feſter Glaube an die Treue ſeiner vor Al⸗ lem ſo hochgeachteten Dalecarlier, ließ den Gedanken an eine wirklich Gefahr drohende Unternehmung gegen die Ruhe des Reichs nicht in ihm aufkommen. Gleichguͤltig vernahm er alle jene Gerüchte, welche ihm in Beziehung auf die ernſtliche Bewegung en den Thälern mitgetheilt wurden. Näher liegende Sorgen für das Wohl ſeines Staates nahmen jetzt ſei⸗ ne ganze Theilnahme in Anſpruch und hielten jene, im Norden ſeines Reichs aufſteigenden, Gewitterwolken aus ſeinem Geſichtskreiſe ent⸗ fernt. Er hatte ſich überzeugt, wie verwor⸗ ren noch immer die herrſchenden Religionsbe⸗ griffe waren und hielt deshalb eine weiſe und einfache Umgeſtaltung des katholiſchen Glau⸗ * 14⁴4 — bens, für ſein Vaterland und die ganze Chri⸗ ſtenheit, für höchſt nothwendig. Eifrig ging ſein Streben dahin, das Joch des Pabſtes, das ihm ſo offenbar gegen die Geſetze Gottes und das Wohl des Reiches zu ſtreiten ſchien, von ſich abzuwälzen, wie es bereits in an⸗ dern Ländern ſchon mehrere Fürſten gethan hatten, und er hielt ſich jetzt für ſtark genug, anit dem nachdrücklichſten Ernſte, die verderb⸗ liche Macht der Prieſterſchaft, die ſchon längſt wankte, gänzlich zu zertrümmern. Er kannte die Schwierigkeiten, die ſeinem Vorhaben ent⸗ gegenſtanden, und wußte wohl daß es leichter ſey, einem Volke ſeine Religion ganz zu rau⸗ ben, als ſie umzugeſtalten. Doch er fühlte die Kraft in ſich, für den wahren Glauben und das Wohl ſeines Volkes das Aeußerſte zu wagen. Die Geſchichte der neuern Zeit hat es beſtätigt, daß es in Frankreich und in man⸗ chen andern Ländern, nur der Machtſprüche einzelner Menſchen bedurfte, um die katholi⸗ ſche Religion, wenigſtens eine Zeit lang, gänz⸗ lich zu verbannen, da hingegen die, mit reif⸗ 145 lichem Nachdenken und weiſer Prüfung ins Leben gerufene Reformation, anfangs, faſt bei den meiſten Nationen, die ihr Eingang verſtatteten, nur ſpärlich vegetirte. So war es auch in Schweden der Fall, wo die Ein⸗ führung und Feſttſtellung religiöſer Verände⸗ rungen geraume Zeit erforderte; obgleich die Klugheit und Energie des Monarchen, die Lage des Landes, die harte Bedrängniß des, damals in Rom ſelbſt belagerten, Pabſtes Clemens VII., und die Zeitumſtände über⸗ haupt dieſelben ſehr begünſtigten. Der größere Theil des Volkes hatte ſich jedoch bisher mit den, zur Einſchränkung der Prieſtergewalt getroffenen, Verfügungen nicht gerade unzufrieden gezeigt, und der König Guſtav glaubte nun nicht länger zögern zu dürfen mit der gänzlichen Vernichtung ihrer Macht. Deshalb berief er im Junius des Jah⸗ res 1527 einen außerordentlichen Reichstag nach Weſteräs zuſammen. Die Prieſter wur⸗ den beſtürzt; denn ihre Ahnung weiſſagte ih⸗ nen den nahen Untergang ihrer Herrſchaft⸗ 2r Thl. 10 146 und geraume Zeit blieben ſie unentſchloſſen, ob ſie dem verhängnißvollen Reichstage bei⸗ wohnen ſollten, oder nicht. Endlich, nach⸗ dem ſie gewaltſam, durch den Stachel der Verzweiflung, ihren ſinkenden Muth zu neuer Thätigkeit gereizt hatten, entſchieden ſie ſich dem Könige und den verſammelten Ständen, in möglichſt größter Anzahl und mit dem größ⸗ ten Glanze ihrer ehemaligen Macht, entgegen⸗ zutreten. Doch auch Guſtav hatte beſchloſ⸗ ſen, durch die große Macht und die Kraft ſeiner Anhänger, der er leider zu viel ver⸗ trauete, die Glorie eines gewiſſen Siegs, ſchon bei ſeinem erſten Auftreten in Weſteräs, um ſich zu verbreiten. Eine große Anzahl der vor⸗ nehmſten Edelleute aus den Provinzen, bei⸗ nahe ſein ganzer Hofſtaat, die vorzüglichſten Fuͤhrer ſeines Heeres und viele ſeiner, durch Rang und Anſehen ausgezeichneter, Verehrer begleiteten ihn auf ſeinem Zuge von Stockholm nach Weſteräs und Jeder, bis auf den Unbe⸗ deutendſten im Gefolge des Monarchen, wett⸗ eiferte, äußern Glanz und Pracht, wie ſie 147 die damalige Zeit mit ſich brachte, zur Schau zu tragen. Auch alle Biſchöffe des Reichs, mit zahlreichem Gefolge und vom Nimbus des, jetzt zum letzten Male, mit dem Hauche der Verzweiflung angefachten, geiſtlichen Glanzes umgeben, hatten ſich bereits eingefunden; doch mußten ſie auch ſchon am erſten Tage nach dem Eintreffen Guſtavs, die empfindlichſte Demüthigung erfahren. Der König gab den Vornehmſten ſeiner Begleitung, den Reichs⸗ räthen, Senatoren, Heerfuͤhrern, Abgeordne⸗ ten der Stände ein feſtliches Mahl und ließ auch die Geiſtlichkeit dazu einladen. Doch, indem die Biſchöffe, wie ſonſt gebräuchlich, die Ehrenplätze an der Tafel einzunehmen ge⸗ dachten, die früher nicht einmal den Reichs⸗ vorſtehern zugeſtanden wurden, rief Guſtav die verſammelten Reichsräthe und die Vor⸗ nehmſten des Adels auf, ihm zunächſt zu ſitzen, die Biſchöffe aber und die übrige Geiſtlichkeit, wurden zu den geringen Edelleuten, Bürgern und Bauern verwieſen. Eine ſo empftndliche, öffentliche Demüthigung der Prieſter, konnie 140* 148 nur die, zu ſeinen Plänen ſo nothwendige, Abſicht Guſtavs entſchuldigen, dem Volke die verminderte Wichtigkeit der Cleriſei recht deutlich zu zeigen; dadurch zugleich das Selbſt⸗ gefuͤhl des Adels zu erwecken und dieſen nur um ſo feſter an ſich zu ketten. Auch konnte ein ſolches Verfahren in jener Zeit weniger auffallen, wo die Sitten des geſelligen Le⸗ bens, ſelbſt in höhern Ständen, noch ziemlich roh waren, wo man von einer gewiſſen Zart⸗ heit im Vetragen, ſelbſt gegen uns feindlich ge⸗ ſinnte Perſonen, von Anſtand und Unanſtändigem, nothwendigen Berückſichtigungen von Ort und Zeit, faſt noch keine Begriffe hatte. Deshalb war es auch nicht zu verwundern, daß die ſo eben verletzten Vorrechte der Geiſtlichkeit bald nur allein den Inhalt des Tafelgeſprächs aus⸗ machten, daß man mit der größten Heftigkeit über dies einmal aufgenommene Thema ſtritt, und daß ſelbſt der König, alle Regeln der Gaſtfreundſchaft vergeſſend, an dieſem Streite Theil nahm, und ſeinem Zorne freien Raum 149 laſſend, den Prälaten, ſeinen Gäͤſten, eine ſehr empfindliche Strafpredigt hielt.* Die gedemuͤthigten Biſchöffe mußten ſchwei⸗ gend ihren Ingrimm unterdrücken. Aber am folgenden Tage, am fruͤhen Morgen, einige Stunden vor Eröffnung des Reichstages, ver⸗ ſammelten ſie ſich ſämmtlich in der Domkirche, um bei verſchloſſenen Thüren ſich zu berath⸗ ſchlagen, wie ſie ſich retten und rächen könn⸗ ten. Hier ließ der Biſchoff von Linköping, Brask, ſeiner Wuth vollen Lauf, und ſchwur mit einem feierlichen Eide, daß, wenn ein Bannfluch, vor dem ſonſt ſo viele Fuͤrſten ge⸗ zittert hätten, nicht alle Kraft verloren habe, ſo ſolle er gewiß den König Guſtav treffen in ſeiner ganzen Furchtbarkeit. Der Biſchoff von Weſteräs, dem Hofe heimlich ergeben, ſchwieg zu dieſem prahleriſchen Eidſchwure; ſein gleichgeſinnter Freund aber, der Biſchoff von Stregnäs, widerſprach kräftig allen ge⸗ waltſamen Maßregeln gegen den König, welche * Geſchichtlich. 150 in dieſer unzuverläſſigen, drohenden Periode den gänzlichen Untergang der katholiſchen Geiſt⸗ lichkeit nur um ſo früher herbeiführen könnte. Er erklärte auch freimüthig, daß er ſich nicht weigern würde ſein Schloß, als eine Feſtung des Reichs, dem Könige auf deſſen Verlau⸗ gen, ſogleich zu übergeben. Der Biſchoff von Linköping ließ ihn darüber gar hart an, machte ihnen die bitterſten Vorwuͤrfe; doch wohl be⸗ denkend, daß nur Einigkeit den wankenden Bau der Kirchenmacht erhalten könne, beſchwor er endlich die beiden ſo friedlich geſinnten Prä⸗ laten: ſich nicht von ihren Glaubensbrüdern zu trennen und mit ihnen vereint die Rechte ihrer Religion und Würden zu vertheidigen. Er mahnte die verſammelten Prieſter an ih⸗ ren, dem Pabſte geleiſteten Eid, ſchilderte die 3 Verachtung, welche der König und ein Theil des Volkes gegen die Cleriſei hege, mit grel⸗ len Farben, und forderte ſie auf zum Wider⸗ ſtande gegen Guſtav, als der kleinern Ge⸗ fahr, der ſie ſi ſich dadurch ausſetzen muͤßten; indem die Unzufriedenheit des Pabſtes, wenn 151 ſie ſich nachgiebig bezeigten, weit größere Uebel für ſie herbeiführen könne. Er ſchilderte ihnen das Martyrerthum als den höchſten Ruhm ei⸗ nes Rechtgläubigen und bedrohete ſie zugleich ſelbſt mit Bann und Interdict, wenn ſie ſich unthätig oder läſſig bewieſen im offnen Kampſe mit ihren Feinden. Dieſe lebhafte Vorſtellung blieb nicht ohne günſtigen Erfolg. Faſt alle anweſenden Biſchöffe und Prieſter verbanden ſich durch einen feierlichen Eid vor dem Al⸗ tare: auch zur geringſten religiöſen Verände⸗ rung ihre Stimme zu verſagen. Dieſer Eid wurde ſogleich ſchriftlich abgefaßt, von Allen unterzeichnet und beſiegelt und hierauf in der⸗ ſelben Kirche, welche zur geheimen Verſamm⸗ lung gedient, unter einem Grabſteine nieder⸗ gelegt.*†. Die Reichsverſammlung fand in einem großen Saale des erzbiſchöfflichen Schloſſes ſtatt, und die Geiſtlichen waren die Letzten welche ſich hier einfanden. Am freundlichſten * Geſchichtlich. wurden ſie bei ihrem Erſcheinen von dem, ge⸗ gen Guſtav ſo feindlich geſinnten, Reichs⸗ marſchalle Thure Jönſon begrüßt, der in ſeiner Würde das Haupt der Ritterſchaft bil⸗ dete, und dem es oblag die Reichstagsrede des Königs zuerſt zu beantworten. Sein ſtol⸗ zer Blick überſahe faſt alle Anweſende mit Ge⸗ ringſchätzung; denn er fühlte ſeiner Eitelkeit geſchmeichelt, hier öffentlich als das Haupt einer Parthei auftreten zu dürfen, und doch ließ er ſich überreden, die erſte Antwort dem Biſchoff Brask zu überlaſſen und nach die⸗ ſem erſt ſeine Rede vorzutragen. Der Reichs⸗ kanzler Anderſon, ein treuer ganz ergebe⸗ ner Diener Guſtavs, eröffnete nun dieſen wichtigen Reichstag, im Namen des Königs, mit einer ſehr wohl überdachten Rede, worin er eine kurze Regierungsgeſchichte Guſtavs, nebſt genauer Anführung der Bewegungsgründe aller ſeiner Staatshandlungen entwickelte. Hier⸗ auf folgten Vorſchläge, welche die Wohlfahrt des Reiches bezweckten, und die Kroneinkünfte, 153 die Unterhaltung der Landtruppen, der Ma⸗ rine, der Geſandten, Regierungsbeamten u. ſ. w. betrafen. Dann ging er über auf die Geſetze des Landes, Rechtspflege und dergl. und zeigte endlich die Nothwendigkeit, den Adel aus ſeiner Armuth zu ziehen und ihm ſeine Güter wiederzugeben, welche ſeine Vor⸗ fahren, aus einfältiger Frömmigkeit, der Geiſt⸗ lichkeit überantwortet hätten. Nachdem nun der Kanzler ſeine Rede geendet hatte, erwar⸗ tete er die Antwort des Reichsmarſchalls, wel⸗ cher jedoch, der genommenen Abrede gemäß, dem Biſchoffe von Linköping ein Zeichen gab, zu reden. Dieſer trat nun kühn und zuver⸗ ſichtlich auf, im Namen der geſammten Geiſt⸗ lichkeit des Landes und berief ſich auf ihren, dem Pabſte geleiſteten Eid, der ihnen verbie⸗ te, irgend eine, den Rechten des römiſchen Stuhles und der Cleriſei zuwider laufende⸗ Veränderung in irgend einer Hinſicht zu ge⸗ ſtatten. Zwar hatte Guſtav ſolchen Wider⸗ ſpruch wohl erwartet; doch glaubte er eine feſte Stütze an ſeiner Ritterſchaft zu finden, deren offenbaren Vortheil es hier galt. Wie ſehr aber mußte er erſtaunen, als der Reichs⸗ marſchall nun im Namen des Adels, ohne vorher mit dieſem irgend eine Rückſprache ge⸗ nommen zu haben, plötzlich erklärte: ſie wä⸗ ren Alle gleichgeſinnt mit den Biſchöffen und gäben ſeiner Rede vollen Beifall. Ja, einige Edelleute aus Weſtgothland, welche noch feſt von den Feſſeln der Prieſter umſtrickt waren, traten ihm zur Seite, eiferten laut gegen die Unterdrückung der Cleriſei, und keiner der An⸗ weſenden wagte ihnen zu widerſprechen. Im weiten Verſammlungsſaale entſtand eine Tod⸗ tenſtille, ſo daß man die Hunderte der Anwe⸗ ſenden athmen hören konnte. Der edleGuſtav ſahe ſich ganz allein ſeinen Feinden gegenüber; ver⸗ laſſen von den edelſten ſeines Reichs, die er zur höchſten Würde der Adels⸗Freiheit und Selbſtſtändigkeit empor zu heben gedachte; ver⸗ laſſen vom Buͤrger und Landmanne, deren Ar⸗ me er befreien wollte von den drückenden Ket⸗ 155 ten der Prieſterſchaft, deren Häupter er auf⸗ gerichtet zu einem milden, ſegenſpendenden Glaubenslichte. Das Antlitz des tiefgekränk⸗ ten Fürſten erbleichte, ſein Auge wurde feucht; langſam erhob er ſich von ſeinem Sitze und ſprach die merkwuͤrdigen Worte, welche die Geſchichtsſchreiber uns bis auf unſre Zeit be⸗ wahrten: „So entſage ich denn der Laſt der Kro⸗ ne, verlaſſe Schweden und will Euch nie⸗ mals wieder mit meinem Beſuche beſchwerlich fallen. Ich habe den Thron nicht beſtiegen, um als ein Schattenkönig zu ſiguriren; mei⸗ nen Befehlen wird nicht gehorcht, meine Bit⸗ ten werden nicht geachtet, meine Vorſchläge nicht einmal angehört und geprüft. Dagegen werden mir Theurung, Mißwachs und alle zu⸗ fälligen Landplagen beigemeſſen und alle mei⸗ ne Handlungen, wenn ſie auch noch ſo offen⸗ bar das Wohl des Landes erzielen, werden verläſtert. Ein ſolches Reich zu regieren iſt kein 156 Menſch vermögend.“ In tiefſter Bewegung ſprach er die letzten Worte, und mit thränen⸗ den Augen verließ er den Verſammlungs⸗ ſaal.*† * Geſchichtlich. 8. Selten iſt wohl eine ähnliche Dreiſtigkeit in ſolchem Falle erhört worden, deren ſich hier der Reichsmarſchall Thure Jönſon erkühnte; eigenmächtig, im Namen der geſammten Rit⸗ terſchaft, ohne alle Rückſprache mit den Ab⸗ geordneten dieſes Standes, uͤber eine Sache zu entſcheiden, welche den ganzen Adel ſo nahe anging und ihm ſo großen Vortheil verſprach. Eben ſo befremdend bleibt das Benehmen der ſchwediſchen Edeln, von denen auch nicht ein Einziger den Muth zeigte, gegen den ſtolzen Reichsmarſchall aufzutreten; obgleich des Kö⸗ nigs gleiche Geſinnung, der Anhang des Mo⸗ 158 narchen und der eigne Vortheil dazu reizen konnten. Nur die größte Einfalt und der noch immer die Prieſtergeißel fürchtende Kleinmuth, konnten den ſchwediſchen Adel damals zu ei⸗ nem ſo entehrenden Schritte bewegen, wovon, zu ſeinem Ruhme ſey es geſagt! unter Gu⸗ ſtav III. keine Spur mehr vorhanden war. Die tiefſte Stille herrſchte im weiten Kreiſe der Verſammelten, als der König ſich entfernt hatte. Die Anhänger Guſtavs verſtummten in größter Beſtürzung. Die Prieſter und die übrigen Feinde des wackern Fürſten, deren es leider in allen Städten gab, waren gleichfalls in Schweigen verſunken; aber es war das Schweigen eines freudigen Erſtaunens, über die unverhoffte, plötzliche Erreichung ihres Zie⸗ 1es. Denn ſie hofften nun ſchon mit Zuver⸗ ſicht, da Guſtav der Krone entſagt hatte, die Herrſchaft uͤber ganz Schweden wieder an ſich zu reißen, und das Lutherthum gänzlich auszurotten. Nach einer langen Pauſe, in welcher ſich auf den Geſichtern der Anweſen⸗ den, hier Schrecken und Beſtuͤrzung, dort aber 159 frohe Ueberraſchung malte, wurde es nach und nach lebhafter im weiten Kreiſe. Viele ver⸗ ließen ihre Sitze und traten in dichten Hau⸗ fen zuſammen, Andere rückten näher aneinau⸗ der und Alle flüſterten leiſe und ſchienen ſich eifrig zu berathen. Bald wurden hier und da auch laute⸗ re Reden gefuͤhrt; Drohungen, Mißbilligungen, Beifallsruf und Jubelgeſchrei tobten in babi⸗ loniſcher Verwirrung durcheinander, und in we⸗ nigen Minuten wüthete der Tumult, wie das Geheul eines Wetterſturmes; ſo, daß die kräf⸗ tige Stimme des Kanzlers Anderßon, wel⸗ cher von den Ständen einen Beſchluß ver⸗ langte, wie der ſchwache Ton eines Kindes, beim Brauſen des aufgeregten Meeres, uner⸗ hört verhallte, und die Verſammlung in größ⸗ ter Unordnung auseinander ging. Außerhalb des Verſammlungsſaales aber, ſonderten ſich die Partheien ab, und ſchloſſen ſich feſter an⸗ einander. Die Getreuen Guſta vs, die jetzt zu ſpät ihr Schweigen bereueten, folgten dem gekränkten Könige auf ſein Schloß, welches ihm während ſeines Aufenthaltes zu Weſteräs * 160 zur Wohnung diente. Die Prieſter aber, mit ihren Anhängern, rotteten ſich um den Reichs⸗ marſchall zuſammen und geleiteten ihn jubelnd nach ſeinem vor der Stadt gelegenen Palla⸗ ſte. Triumphirend zog der ſtolze Mann, an der Spitze ſeiner jauchzenden Bundesgenoſſen, durch die Straßen. Vor ihm herſchritten vier Trommel⸗ ſchläger, welche auf ſeinen Befehl, auf dem gan⸗ zen Wege, beſonders aber vor dem königlichen Schloſſe, mit Aufbietung aller ihrer Kräfte, lärmend die Trommeln ruͤhren mußten; wo⸗ bei er laut und höhniſch zu den Fenſtern je⸗ ner Zimmer, welche, wie er wußte, der König bewohnte, hinauf rief: „Trotz ſey dem geboten, der mich zum Hei⸗ den, Lutheraner oder Ketzer machen will.“* So endigte die erſte de chstagahtrſantne lung. Die Partheien blieben die ganze⸗Nacht hindurch abgeſondert von einander und er⸗ ſchöpften ſich in Berathſchlagungen. Auch die * Geſchichtlich. 161 Bürger, welche größtentheils ſchon zum lu⸗ theriſchen Glauben uͤbergetreten und deshalb von den Biſchöffen nicht gewuͤrdigt worden waren, zum Uebertritt zu ihrer Parthei auf⸗ gefordert zu werden, traten jetzt eifrig zuſam⸗ men und erklärten ſich laut für den König. Auch gaben ſie dies, ſobald am folgenden Tage die zweite Verſammlung eröffnet wurde, durch heftige Reden offen zu erkennen. Die Prieſter aber, welche ſich bereits im vol⸗ len, vielleicht noch erhöhterm Beſitze ihrer vorigen Macht geſichert glaubten, ſuchten ſie durch noch heftigere Gegenreden einzuſchüch⸗ tern, da der Adel noch immer läſſig und un⸗ thätig blieb. Doch der Sprecher der Bür⸗ gerſchaft, ein Handelsmann aus Stockholm, ließ den Muth nicht ſinken und erklärte mit kräftiger Stimme: daß die Bürger beſchloſſen hätten, alle Rathſchläge des Königs zu befol⸗ gen. Auch hätten ſie ſich bereits verbunden, Guſtav ganz allein zu unterſtützen und auf eigne Koſten für hinlängliche Beſatzung der Hauptſtadt und aller Seehäfen zu ſorgen, die 2r Thl.— 11 162 in ſeinen Händen bleiben ſollten, wenn man Zwietracht erregen und ſich ſeinen Beſchlüſſen widerſetzen wollte. Auch die Abgeordneten der Landleute, die in ihrer Einſicht bisher unter ſich ſelbſt zu keinem Entſchluſſe hatten gelan⸗ gen können, erhoben ſich jetzt plötzlich, wie erwachend, ſchloſſen ſich den Bürgern an und erklärten drohend: daß auch ſie dem Könige treu bleiben würden. Mit Entſetzen hörten dies die Prieſter und auf ihren bleichen Ge⸗ ſichtern las man keine triumphirende Miene mehr. Denn ſie erkannten wohl, daß gerade jene beiden Stände, welche ſich ſo beſtimmt fuͤr den König erklärten, die größte Macht des Volkes bildeten und daß ſie auf den, noch immer unentſchloſſenen, Adel nur wenig Ver⸗ trauen gründen dürften. Da trat endlich Som⸗ mar, der Biſchoff von Strengnäs, ein all⸗ gemein geachteter Mann auf und empfahl mit der ihm eignen Ruhe und Wuͤrde, Frieden und Eintracht. Er ſchilderte den elenden Zu⸗ ſtand des Landes, welches ohne einen Fürſten bald in noch tiefere Zerrüttung verſinken und 163 der Eroberungsgier fremder Regenten Preis gegeben ſeyn würde. Er war faſt der Ein⸗ zige, welcher den geheimen Berathungen in der Domkirche zu Weſteräs nicht beigeſtimmt, deshalb ſprach er jetzt auch ohne Rückſichten, als wackrer Statsbürger. Er erklärte, daß man den König bewegen muͤſſe ſeine Entſa⸗ gung zurückzunehmen, rieth ſeinen geiſtlichen Brüdern, der Nohwendigkeit zu gehorchen, nicht ferner auf ihren alten Vorrechten zu be⸗ harren und mit ihrem Ueberfluſſe dem gänz⸗ lich entkräfteten Staate zu Hülfe zu kommen. Unter ſtürmiſchem Beifallsrufe aller Anhänger Guſtavs, ſchloß er ſeine Rede; nur der Reichsmarſchall Jönſon und die Prieſter ſchwie⸗ gen grollend, doch wagten ſie es nicht mehr, der plötzlich ſo ſtark gewordenen Gegenmacht zu widerſprechen. So endigte der zweite Reichs⸗ tag und ſaſt wunderbar hatten ſich die, über alle Erwartung frohen Ausſichten, welche ſich der Geiſtlichkeit am erſten Tage dargeboten, in ſo kurzer Zeit in die quälendſten Beſorg⸗ niſſe verwandelt. Noch ehe jedoch dieſe zweite 14* 164 Verſammlung auseinander ging, geſchahe ein Ereigniß, welches ganz die Sitten damaliger Zeit bezeichnete. Einige Anhänger des Luther⸗ thums brachten in Vorſchlag: von zwei ge⸗ lehrten Männern der feindlichen Glaubenspar⸗ theien, über die vorzüglichſten ſtreitigen Punk⸗ te, einen geiſtlichen Wettſtreit, vor den ver⸗ ſammelten Ständen, halten zu laſſen; um eine Einſicht in die Fundamente beider Lehren zu erhalten und dadurch vielleicht eine Vereini⸗ ung zu bewirken. Es wurde genehmigt und zwei gelehrte Männer, welche ſchon öfter als Glaubenskämpfer einander gegenüber geſtan⸗ den hatten, Olof Petri und Galle traten vor die Schranken. Doch vor dem eigentli⸗ chen Glaubensſtreite geriethen ſie ſchon dar⸗ über in Zwiſt, ob der Kampf in lateiniſcher oder ſchwediſcher Sprache gefuͤhrt werden ſolle? Petri drang vernünftigerweiſe, der allgemei⸗ nen Verſtändlichkeit wegen, auf das Letztere, Galle aber auf Latein und da ſie ſich dar⸗ über nicht vereinigen konnten, ſo begannen ſie endlich den Streit in beiden Sprachen zu füh⸗ 165 ren, indem der Eine ſchwediſch, der Andere lateiniſch ſprach; bis erſt ſpät am Abende die davon geſättigte Verſammlung auseinander ging, und die große Mehrzahl dem Verfechter des lutheriſchen Glaubens, Olof Petri, den Sieg zuerkannte.* Am dritten Verſammlungstage wagten die Prieſter, welche die ganze Nacht hindurch wie⸗ der in Berathſchlagungen beim Reichsmarſchall hingebracht hatten, den letzten Verſuch, ſich den Beeinträchtigungen ihrer alten Rechte und den Neuerungen in Kirchenſachen zu wider⸗ ſetzen, doch ihre Reden wurden gleich bei ih⸗ rem Beginn, vom lauten Geſchrei der Buͤrger und Bauern uͤbertäubt, welche beſtimmt erklär⸗ ten, daß ſie alle Widerſpenſtigen als ihre Feinde betrachten würden. Die Landleute be⸗ ſonders ließen harte Drohungen hören, und ſchlugen dabei mit geballten Fäuſten auf die langen Tiſche, daß ein noch weit ärgeres, dro⸗ henderes Getöſe dadurch entſtand, als jene * Geſchichtlich. 166 Trommelwirbel verurſacht hatten, bei deren Schalle Thure Jönſon am erſten Tage trium⸗ phirend nach Hauſe zog. Selbſt der Reichs⸗ marſchall erbebte jetzt und verließ eilig mit allen ſeinen Anhängern den Saal. So waren die Feinde des Königs gänzlich aus dem Felde geſchlagen, die gute Sache trug den Sieg da⸗ von, und es kam nur noch darauf an, Gu⸗ ſtav zu bewegen die Krone wieder anzuneh⸗ men. Der Reichskanzler Anderßon und Olof Petri, Beide Günſtlinge des Monarchen, wur⸗ den nun auserwählt ihm zu melden, wie die Stände beſchloſſen hätten, allen ſeinen Befeh⸗ len zu gehorchen und ſeine Vorſchläge in Er⸗ füllung zu bringen; ihn zugleich im Namen des ganzen Volkes zu bitten: das Geſchehene zu verzeihen und die Zügel der Regierung wie⸗ der zu ergreifen. Es zweifelte faſt Niemand an der Bereitwilligkeit Guſtavs, dieſe Bitte zu erfüllen, da man jetzt ſeinen Wuͤnſchen ſo bereitwillig entgegenkam; wie ſehr aber ſtaun⸗ ten ſie, als ſie den König feſt entſchloſſen fan⸗ den, ſeinem Vorſatze treu zu bleiben. Der Un⸗ 167 dank und der entehrende Kleinmuth des Adels, der ſo pöbelhaft an den Tag gelegte, von Nie⸗ manden gehinderte Triumph ſeiner Feinde hat⸗ ten den edeln Mann zu tief gekränkt, als daß die Bitten ſeiner Günſtlinge es vermocht hät⸗ ten, die finſtern Wolken des peinigendſten Unmuthes von ſeiner ſonſt ſo heitern Stirn zu verſcheuchen. Ruhig vernahm er ihre Rede und gab ihnen nur die wenigen; Worte zurück: „Ich bin es müde Euer König zu ſeyn.“ 1 Sie boten ihre ganze Beredtſamkeit auf, ſie beſchworen ihn unter Thränen und fuß⸗ fällig; doch vergebens. Alles gerieth nun in die angſtvollſte Bewegung, denn man glaubte nun ſchon üllerall die furchtbarſten Gräuel der Anarchie zu erblicken. Der dem Könige ganz ergebene und ver⸗ diente Reichsrath Knut Anderßon und Som⸗ mar, der Biſchoff von Stregnäs, welcher durch ſeine unpartheiiſche gründliche Vorſtel⸗ lung, den Ausgang des Reichstages zum Be⸗ 168 —x ſten des Staates gewendet hatte, wagten es jetzt zum zweiten Male, mit gleicher Bitte vor Guſtav zu erſcheinen; er empfing ſie mit Ach⸗ tung, doch beharrte er feſt bei ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, der Regierung zu entſagen. Auf dieſe Nachricht gerieth ſogleich Alles in die äußer⸗ ſte Verwirrung. Die Mitglieder der Reichstagsverſamm⸗ lung trieben rathlos, voller Beſorgniſſe für die nächſte Zukunft, auf den Straßen umher, die Bürger und Bauern klagten laut, und auch die ſchlafenden Edelleute rieben ſich die blöden Augen und erwachten endlich. Alle Stände vereinigten ſich nun, umla⸗ gerten das Schloß und beſtürmten den König mit Geſandtſchaften, bis endlich die Liebe zu ſeinem Vaterlande, ſeinen gerechten Zorn be⸗ ſiegte und er am dritten Tage die Bitte ſei⸗ nes Volkes gewährte. Er erſchien nun wieder in der vierten Reichstagsverſammlung, wur⸗ de mit lautem Freudenrufe empfangen, und Edelleute, Bürger und Bauern wetteiferten ſei⸗ 169 ne Verzeihung zu erflehen, die der edle Mann in ſanften Worten, wie ein Vater ſeinen Kin⸗ dern gab. Alle Staatsgeſchäfte wurden nun ganz nach dem Sinne Guſtavs abgeſchloſ⸗ ſen. Es wurde dem Könige freigeſtellt die Hofhaltung der Biſchöffe, die bisher dem Lan⸗ de ungeheure Summen gekoſtet, ganz nach Willkühr einzuſchränken. Er erhielt vollkom⸗ mene Gewalt über Kirchen und Klöſter, über ihre innere Verwaltung und Eigenthum, eine Kirchenordnung wurde feſtgeſetzt, die freie Aus⸗ uͤbung des lutheriſchen Glaubens verbuͤrgt und die Unverletzbarkeit der Geiſtlichen aufgehoben. Ueber gottesdienſtliche Form, uͤber Verbeſſerung der Kirchen und Schulen, über Eintheilung der Kirchſpiele, Einſetzung der Prediger, Tri⸗ bunäle u. ſ. w. wurden Verordnungen abge⸗ faßt und den Prälaten nur geiſtliche Funk⸗ tionen zugeſtanden, jede Einmiſchung in Reichs⸗ angelegenheiten ihnen aber unterſagt. Auch ſollten ſie ihre biſchöffliche Beſtätigung nicht mehr beim Pabſte, ſondern beim Könige ſu⸗ chen; ſowie auch alle, unter den Geiſtlichen 170 entſtehenden, Streitigkeiten nicht mehr in Rom, ſondern in Schweden ausgefochten werden ſoll⸗ ten. Auch wurden von den, im Lande noch beſtehenden, zwei und vierzig Klöſtern, ein und dreißig gänzlich aufgehoben. Den Edel⸗ leuten wurde die Freiheit zugeſtanden, alle Güter, welche ihre Vorfahren an die Klöſter verſchenkt oder verkauft hatten, durch gerechte Anſprüche wieder zu fordern oder einzulöſen. Endlich aber wurde beſchloſſen: da während des Reichstages bedenkliche Nachrichten einge⸗ laufen waren aus jener Gegend, die Unruhen in Dalecarlien, aufs Nachdruͤcklichſte, durch die Gewalt der Waffen zu hemmen; wozu der König 14000 Mann ſeiner Landmacht eiligſt zuſammenzuziehen befahl. Der Reichskanzler verlas nun ein Manifeſt, worin das Volk über alle dieſe Veränderungen und deren Bewe⸗ gungsgründe aufgeklärt, die Geiſtlichen mit den, ſie betreffenden, neuen Einrichtungen be⸗ kannt gemacht und ihnen ihre neuen Pflichten eingeſchärft wurden. Alles jubelte; nur die Geiſtlichkeit, die, gleich Einem, der den höch⸗ 171 ſten Gipfel eines Berges erklimmt hat, und nun oben in dem, ſich ſeinen Blicken darbie⸗ tenden, Eden feſten Fuß zu faſſen gedenkt, plötzlich aber wieder herabſtuͤrzt in eine wüſte, unwirthbare Ebene, wie im Traume umher⸗ wandelte, nährte Haß und Rache.* So endigte der berühmte Reichstag zu Weſteräs, der die, bereits 460 Jahre lang in Schweden herrſchende Macht der katholiſchen Cleriſei bis auf einen unſcheinbaren Schatten vernichtete. Auch der junge Reichsrath Johann Thu⸗ reſon, war mit ſeiner Gattin dem Könige nach Weſteraͤs gefolgt. Doch waren ſie erſt am zweiten Tage nach der erſten Reichsverſamm⸗ lung daſelbſt eingetroffen; denn Chriſtine hatte ihren Gatten vermocht, zuvor einige Zeit mit ihr in Upſala zuzubringen. Das un⸗ bezähmbare Verlangen zog ſie dorthin, die * Geſchichtlich 172 Grabſtätte ihres Sohnes zu beſuchen, und dort durch eifrige Nachforſchungen über ſein Ende die Gewißheit ſeines Todes zu erlaugen, oder Nahrung für ihre immer noch nicht gänz⸗ lich geſunkene Hoffnung zu ſammeln, ihn viel⸗ leicht noch unter den Lebenden zu finden. Zu welchem Zwecke nun auch der Erzbiſchoff Knut, kurz vor ſeiner Gefangennehmung zu Stock⸗ holm, in jener Unterredung mit Chriſtinen, dieſe ſchmeichelnde Hoffnung in ihrem Innern, durch ſo räthſelhafte Worte erregt haben moch⸗ te, ſo war ihr bis jetzt doch dadurch ein ſchwa⸗ cher Lichtſchimmer geworden, in der trüben Nacht ihres Lebens. Selbſt in den Leiden ih⸗ rer Krankheit, von welcher ſie erſt ſeit kurzer Zeit geneſen war, ſtärkte ſie ihren Geiſt mit dem einzigen Gedanken: ihr Sohn Nils wür⸗ de ihr lebend wiedergegeben, und erſchöpfte ſich in Zweifeln an ſeinem Tode, ſo, daß Jo⸗ hann, den ſein Edelmuth an ihr Krankenla⸗ ger bannte, ihr das Verſprechen ablegte: ſo bald ſie wieder hergeſtellt ſey, Alles aufzubie⸗ ten, um ihr die Gewißheit zu verſchaffen, ob 173 jener Aufruͤhrer in den Thälern, der ſich Nils Sture nannte, wirklich ihr todtgeglaubter Sohn ſey. Alle Nachforſchungen, welche Bei⸗ de, während ihres Aufenthaltes in Upſala anſtellten, waren jedoch nicht hinreichend um klaren Aufſchluß für oder wider jene Behaup⸗ tung zu erlangen, und Chriſtine fühlte ihre Bruſt faſt mehr als zuvor von den widerſpre⸗ chendſten Vermuthungen erfüllt. Es war dort allgemein bekannt, daß der junge Sture ei⸗ ner ſchweren Krankheit ſchon nach wenigen Tagen erlegen, ſein Arzt und ſeine Wärter hatten ihm bis zu ſeinem letzten Hauche treu⸗ lich beigeſtanden. Der Verblichene war im ſammtnen Kleide, mit dem Wappenringe ſei⸗ nes Stammes an der rechten Hand und dem Bildniſſe ſeiner Mutter auf der Bruſt, in den Sarg gelegt und mit feierlichem Gepränge, in der Todtengruft der Domkirche beigeſetzt worden. Die glaubwürdigſten Zeugen bekräf⸗ tigten dies, und doch war, als Chriſtine ſelbſt ins Begräbnißgewölbe hinabſtieg, jener Sarg, den man ihr als die letzte Wohnung 174 ihres Sohnes bezeichnet hatte, nirgends zu finden. Die Kirchendiener, welche ſie zur Be⸗ gleitung mit ſich genommen, ſchienen ſelbſt be⸗ ſtürzt darüber, vermochten aber keine beſtimmte Auskunft über das Verſchwinden des Sarges zu geben; da der alte Kirchenvoigt, welcher früher die Aufſicht über ſämmtliche Todten⸗ gruͤfte der Kirche geführt, Upſala ſeit einiger Zeit verlaſſen hatte und Niemand wollte wiſ⸗ ſen wohin er ſich gewendet. Die Prieſter, bei denen ſie Nachforſchungen hielt, verſteckten größtentheils ihre offne Meinung unter räth⸗ ſelhaften Worten. Einige aber, die ihr als Guſtavs Feinde näher bekannt waren, ga⸗ ben deutlich zu erkennen, wie ſie vermutheten, als ſey das Gerücht nicht ohne Grund: daß der König ihrem Sohne wirklich nach dem Leben getrachtet; daß derjenige, welcher durch Gift dies Verbrechen ausführen ſollte, ihm nur einen Schlaftrunk gereicht, den Scheintodten öffentlich zur Gruft beſtatten laſſen, ihn dann wieder ins Leben gerufen und ſeine Flucht be⸗ fördert hätte. Wohl haßte Chriſtine den 175 König, weil er ihr in den Weg getreten war, auf dem ſie ihres Hauſes Glanz zu erhöhen ſuch⸗ te; doch ſchauderte ſie bei dem Gedanken: ihn eines ſo entſetzlichen Verbrechens zu zeihen, und da ihr jene Quellen, aus welchen ihr dieſe Vermuthungen, mit Gift und bittrer Galle untermiſcht, zuſtrömten, hinlänglich bekannt waren als unzuverläſſig und unlauter, ſo war ſie nicht geneigt einen feſten Glauben darauf zu gründen. Johann, der hellern Blickes, vorurtheilsfrei ſeine Nachforſchungen angeſtellt hatte, erklärte das Verſchwinden des Sarges für Pfaffenbetrug, und empört von den, ihm mitgetheilten, verläumderiſchen Vermuthungen jener Prieſter, vertheidigte er laut ſeinen Kö⸗ nig und ſprach ihn gänzlich frei von ſo ſchmäh⸗ licher Beſchuldigung. Er bat ſeine Gattin ſich ferner nicht ſelbſt zu foltern mit täuſchenden Hoffnungen und ſuchte ihr mit zarter Scho⸗ nung, und unter den freundlichſten Tröſtun⸗ gen, den gewiſſen Tod ihres Sohnes zu be⸗ weiſen, wobei ihn deſſen Arzt, ein geachteter 176 pflichtgetreuer Mann redlich unterſtützte. Er erklärte jenen Aufrührer in den Thälern für einen Betrüger und ſuchte dies vorzüglich da⸗ durch zu beweiſen, daß er es noch nie ge⸗ wagt, ihr von ſeinem Auferſtehen und Trei⸗ ben Kunde zu ertheilen, was der wirkliche Nils Sture, der ſeine Mutter ſo zärtlich geliebt, ſicher nicht verfehlt haben würde, wenn er, nachdem er ſo großer Gefahr entgangen, noch am Leben ſey. Chriſtine, welche das liebevolle, treue, kindliche Herz ihres Sohnes, bis auf ſeine geheimſten Falten gekannt hatte, fühlte die Wahrheit dieſer Behauptung und mußte ſich ſelbſt eingeſtehen: daß ihr Nils, die, um ſeinen Tod ſo tief bekümmerte, Mut⸗ ter, auch in jedem Falle, ſchleunigſt von der über ſeinen Haupte glücklich dahingezogenen Gefahr, ſo wie von ſeinem Leben unterrichtet hätte, und wäre er auch ſelbſt deshalb noch größerer Verfolgung ausgeſetzt geweſen. Und ſo ließ ſie ſich endlich bewegen, da ſie bereits allen hochfliegenden Plänen entſagt, in einem 177 Schreiben an die Dalecarlier, den ſogenann⸗ ten Dal⸗Junker für einen Betrüger zu er⸗ klären und den Mißbrauch öffentlich zu rü⸗ gen, welchen er mit dem würdigen Namen ih⸗ res Hauſes getrieben. 2r Thl. 3 12 178 9. Der Reichsmarſchall Thure Jönſon ſchäum⸗ te in ohnmächtiger Wuth uͤber das gänzliche Mißlingen aller ſeiner ſtolzen Pläne. Nur noch von wenigen Geiſtlichen umgeben, hatte er ſich ruhig in ſeiner Wohnung gehalten, und nachdem er den Entſchluß gefaßt, ſich ſelbſt nach Dalecarlien zu begeben, wo er unter dem aufrühreriſchen Volke ſich eine neue Macht zu gründen gedachte, war er eben im Begriffe, am Abende der vierten Reichstags⸗ verſammlung, deren Beſchlüſſe ſeinen Ingrimm auf's Höchſte geſteigert hatten, mit einem klei⸗ nen Gefolge, aus mehreren Prieſtern und be⸗ . 179 waffneten Knechten beſtehend, Weſteräs heim⸗ lich zu verlaſſen. Schon hatte er beinahe die äußerſten Thore erreicht, als ein Vermumm⸗ ter auf ſchnaubendem Roſſe ihm entgegen⸗ ſprengte und eben nicht geneigt ſchien, in der, vom langſam ſich fortbewegenden Zuge faſt gänz⸗ lich verſperrten, engen Gaſſe ſeinen eiligen Ritt zu hemmen. Zwei reiſige Soldknechte rit⸗ ten wohl funfzig Schritte weit voraus und mochten ſich von dem wild Daherſprengenden eben keiner freundlichen Begegnung verſehen, denn ſie ſchlangen die Zügel feſter um die lin⸗ ke Hand, legten die Lanzen ein und riefen ihm ein donnerndes Halt entgegen, als er jetzt, wie in blinder Eile, gegen ſie anrannte. „Was haltet Ihr mich auf, ihr Schildkrö⸗ ten?“ ſchrie ihnen der Vermummte, Athem ſchöpfend, zu.—„Euer ſchleichender Zug läßt mich ein frommes Pfaffenhäuflein wittern; denn ich ſage Euch: gerade jetzt zuckt meine Fauſt ganz unwillkührlich nach dem Schwerte, wenn ich nur ein Mönchsgeſicht erblicke.“ 12* 180 „Was war das?“ rief zürnend eine heiſere Stimme aus dem dichten Haufen. „Soll'n wir alſo gefährtet unſre Straße ziehn, daß uns die Ketzerbrut mit Schwertern droht? Haltet den vorlauten Burſchen feſt, ihr Knech⸗ te; ich will doch ſehen, ob auch mein Ange⸗ ſicht in ihm die Mordluſt weckt!“ Der Fremde hatte raſch den langen Man⸗ tel der ſeine ganze Geſtalt umhüllte, zurück⸗ geſchlagen, das blanke Schwert blitzte ſchon drohend in ſeiner Fauſt und beim Fackelſcheine ſahen die Knechte, daß er wohl gewappnet war. Deshalb zogen ſie auch die Lanzen ein und thaten, als ob ſie den Befehl, ihn feſt⸗ zuhalten, gar nicht vernommen hätten. Jener aber, der den Befehl gegeben, war der Prior des aufgehobenen Benediktinerklo⸗ ſters in Stockholm. Er trieb ſein faules Röß⸗ lein eilig au und lenkte es hin zu dem ſtreit⸗ fertigen Manne, der ihm jetzt offen ſein ju⸗ gendliches, doch bleiches Antlitz zeigte und mit 181 wild rollenden Augen ihn zu durchbohren ſchien. Ohne ſich jedoch dadurch und von der dro⸗ henden Geberde ſeines Geguers ſchrecken zu laſſen, ſprach der Prior höhniſch nachdem er 4 ihn aufmerkſam betrachtet hatte: „Haltet doch die Fackeln näher, ihr Knechte, daß der vorlaute Burſche da mein Mönchsgeſicht erkennt. Was auf ſeiner Stirnzu leſen, hab' ich ſchon entziffert. Da ſteht geſchrieben mit der Höl⸗ le Feuerſchrift: Nonnenräuber— Kirchenſchän⸗ der— Ketzer— Aechter!“ Und zu den, ihn umgebenden Prieſtern und Knechten gewendet, ſprach er frohlockend:„Der ſaubere Vogel flatterte ſo dummdreiſt in unſer Netz, daß wir ihn wuͤrgen müſſe en ohn' Erbarmen. Jener Tyſte iſts, der die gottgeweihte Jungfrau Cecilie aus dem Sct. Clarenkloſter räube⸗ riſch entführte, er iſt im Bann, geächtet, vo⸗ gelfrei!— Haut ihn zuſammen, Knechte, bis er keine Hand mehr regt; dann will ich ſe⸗ hen, ob ich die letzten Augenblicke ihm durch Gebet verſüßen kann, für ſeine ketzeriſche Seele.“ 182 „Tyſtel o mein Gott!“ erſchallte eine an⸗ dere Stimme im dichten Kreiſe, und der Reichs⸗ marſchall rief laut und dringend den Prior zu ſich, und wechſelte eifrig leiſe Worte mit ihm. 1I0 9 Tyſte aber ſchrie, ſein Schwert in wei⸗ ten Kreiſen um ſein Haupf ſchwingend, nodis in: den Hgufen: 6 * 3n hee efie ich hörte jetzt zum erſten Male von Eurer Acht? Schon in Stockholm ließ man das Bannlied an meine Ohren gellenz nun wiederholt ihr hier dieſelbe Weiſen Doch ſeht nur, ſeht⸗ ich ſitze feſt auf meinem Roſſe wer kann behaupten daß ich zittre?— Kommt Alle her! ich will die Acht quittiren mit dem Schwertel Das ſchreibt ſo ſcharfe, rothe Buch⸗) ſtaben, die ihr nimmer ſollt vergeſſen, denn wißt: ich denke ſie in eure Fratzen mit euerm eignen Blute einzuätzen!“ Alles blieh ruhig auf dieſe trotzige Aus⸗ 183 forderung. Im Zuge regte ſich Keiner, und der Reichsmarſchall ſprach leiſe fort mit dem Prior, der immer heftiger werdend, den Tod des Geächteten verlangte, welchen Jener, mit immer ſchwächerm Widerſpruche und endlich durch ängſtliche Bitten zu verhindern ſtrebte. Der Prior aber, der wohl wußte warum Thu⸗ re Jönſon ſich des jungen Mannes ſo eifrig annahm, erfaßte gierig die Gelegenheit, die ſich ihm darbot, jetzt, nach allen den, in den letzten Tagen erfahrenen, Demüthigungen und Verkürzungen der geiſtlichen Macht, dem ge⸗ haßten Könige zum Trotze, in deſſen Nähe, unterm Deckmantel der Nacht, noch ein Straf⸗ gericht der alten Kirchengewalt hier auszu⸗ üben. Er hörte weder die Ermahnungen noch Bitten des Reichsmarſchalls und rief mit lau⸗ ter Stimme den Knechten zu, die ſich, ſechs an der Zahl, dicht aneinander geſchloſſen hat⸗ ten, die Gaſſe verſperrend, den Geächteten oh⸗ ne Erbarmen niederzuſtoßen. Da ſpornten die Söldner ihre Roſſe, umringten Tyſte von allen Seiten, und rannten auf ihn los mit 184 Lanze und Schwert. Thure Jönſon aber ſprach dumpf in ſich hinein:„Ueber euch kom⸗ me ſein Blut!“ wendete ſich ab vom Kampfe und ſein Haupt mit dem Mantel verhüllend, jagte er eilig aus dem Thore, nur von ſeinen Dienern begleitet. Der Geächtete wehrte ſich tapfer. Schwirrend ſaußte ſeine blitzende Waffe durch die Luft, und war faſt ſtets ihres Zie⸗ les gewiß; denn zwei der auf ihn Eindringen⸗ den hatte er ſchon mit Wunden bedeckt zu Boden geſtürzt. Die uͤbrigen vier, entmuthigt durch das Loos ihrer Kameraden, griffen im⸗ mer ſchwächer an, und ſchon ſchien Tyſte, freiere Bahn gewinnend, als Sieger den ent⸗ fernt haltenden Haufen der Geiſtlichen durch⸗ brechen zu wollen; da durchbohrte eine Lanze ſeines Roſſes Bruſt, und im ungeheuern Schmer⸗ ze ſich uͤberſchlagend, ſtürzte es ſeinen Reiter mit zu Boden. Ein lautes Jubelgeſchrei er⸗ ſchallte und Knechte und Prieſter eilten her⸗ bei, dem Geſtürzten, der ſich mühſam unter dem um ſich ſchlagenden Roſſe hervorzuwin⸗ den ſuchte, den Todesſtoß zu geben. Noch lag 185 —— Tyſte am Voden; mit den Sporen hatte er ſich in das Riemenzeng des Sattels verwik⸗ kelt; aber die linke Hand auf den Boden ge⸗ ſtützt, Bruſt und Haupt offen den Feinden dar⸗ bietend, nur mit der Rechten, die das Schwert noch drohend ſchwang, ſich ſchützend, erwar⸗ tete er die herbeiſtürzende Mörderrotte; ob⸗ gleich er nach fluͤchtiger Ueberſchauung ſeiner gefahrvollen Lage, ſchon der Hoffnung entſagt hatte, ſein Leben zu retten. Schwerter, Lan⸗ zen und Dolche waren über ihm gezückt; aber noch immer, wie ein blitzender Strahl, flirrte ſein Schwert in weiten Kreiſen um ſein Haupt. Hitziger drangen ſie auf ihn ein, ſchon fühlte er ſeinen rechten Arm verwundet, ſein Muth wollte ſinken— da belebte plötzlich ein lau⸗ tes Getöſe, wie von heranſprengenden Panzer⸗ reitern, ſeine ſchwindende Kraft und aus keu⸗ chender Bruſt ſchrie er mit dem Tone der Ver⸗ zweiflung nach jener Gegend hin, woher das Geräuſch erſchallte:„Zu Hülfe! wackre Schwe⸗ den! Steht mir bei, daß ich nicht der Prie⸗ ſterwuth erliege!“ 186 Da ließen ſeine Feinde ab von ihm und wie gelähmt vor Schrecken horchten ſie ſchwei⸗ gend hinaus in die Nacht. Aber brauſend, wie ein nahendes Ungewitter, ſchallte ihnen Waffengeklirr und der Hufſchlag ſchwerer Roſſe entgegen. Ein Haufen königlicher Trabanten, leuchtend durch die Dunkelheit mit ihren bliz⸗ zenden Helmen und Panzern, ſprengte eilig im Galopp daher und ſcheu, wie eine Läm⸗ merheerde beim Anhlicke eines Bären, flogen die geiſtlichen Herrn die Straße hinab in ei⸗ liger Flucht, ſo, daß die königlichen Reiter, als ſie nach wenig Augenblicken den Kampf⸗ platz erreicht hatten, nur noch die Leichen der beiden gefallenen Knechte und den, ſich noch immer am Boden windenden, Tyſte vorfan⸗ den. Die beiden Führer des Reitertrupps löſten ſeine Sporen aus dem Riemenzeuge und halfen dem faſt gänzlich Erſchöpften, ſich auf⸗ richten. Der Schein eines Windlichtes fiel in ſein bleiches Antlitz und„Tyſte! Du biſt's, mein Tyſte?“ rief einer der Anführer in freu⸗ 187 diger Bewegung und. ſchloß ihn feſt in ſeine Arme. „Dank⸗ lich Dir mein Leben? Dir/ mein Johann?“ ſprach der Gerettete und frohe Rührung malte ſich in ſeinen Zügen.„O, Freund! nie kann ich Dir vergelten, nie die ͤbergroße Schuld bezahlen 1. „Sprich nicht von Dank und Schuld!“ entgegnete Johann.—„Ein Zufall führte mich hierher. Du ſaheſt es ſelbſt ja, daß es nicht einmal der Drohung hier bedurfte, die feigen Mörder von Dir abzuhalten. Wenn ich recht geſehen, waren's Prieſter; laß ſie fliehen! vor iihrer ferneren Verfolgung Dich zu ſchützen, ſey meine Sorge. Doch mich drängt es nach Erklärung Deines unvermu⸗ theten Erſcheinens,wackrer Freund! Ich glaubte Dich in unſerm Vaterlande jetzt nicht zu fin⸗ den. Kommſt Du allein hierher? wo ſind die Deinigen?“. 1 Tyſte gab in gedrängter Kürze dem Freun⸗ ————ÿÿÿ 1 “—— 188 de Nachricht von Allem, was ihm begegnet ſeit ſeiner Flucht aus Stockholm. Er theilte ihm mit: wie er ſich getäuſcht in ſeiner Hoff⸗ nung bei der Wittwe Henrichſon in Nor⸗ wegen, die ihm Pflegerin und Mutter von Kindheit geweſen, mit Cecilien und Sig⸗ geſon eine ſichere Freiſtatt zu finden. Er ſchilderte ihm die kalte Aufnahme und die Ge⸗ wiſſenszweifel, welche die gutmüthige, doch in die Banden der Prieſter ſich ſchmiegende Frau vermocht, ihn und die Seinigen faſt in enger Kerkerhaft zu halten; wie er dies nicht länger zu ertragen vermocht, ſeine Gattin und Vater dem Schutze der Wittwe empfohlen, ſi ſich ſelbſt aber aufgemacht nach Stockholm, um den Kö⸗ nig anzuflehen um gerechtes Urtheil oder Gna⸗ de.„In Stockholm— fuhr er fort—„ſey er erſt einige Tage nach der Abreiſe des Kö⸗ nigs nach Weſteräs eingetroffen; doch habe er dort ſchon vernommen, wie die Spürhunde der Geiſtlichkeit allenthalben nach ihm geforſcht, wie er bereits in den Kirchenbann gethan und vogelfrei erklärt worden ſey. Deshalb ſey doch ¹ 189 ſein Vertrauen auf Guſtavs Schutz und Gna⸗ de nicht geſunken; er habe ſich eiligſt aufge⸗ macht von Stockholm, um in Weſteräs dem Könige ſelbſt ſich zu Füßen zu werfen. Am Ziele ſeiner eiligen Fahrt aber ſey er in die Hände der Mönche gerathen, die ihn erkannt und mörderiſch angefallen, um das uͤber ihn ausgeſprochene Urtheil in Vollziehung zu bringen.“ „Gott ſey geprieſen!“ rief Johann in lau⸗ ter Freude.„So kam ich noch zur rechten Zeit, die heuchleriſchen Wölfe zu verſcheuchen. Zufällig ſchloß ich mich an dieſen Reitertrupp⸗ der die ganze Nacht hindurch die Runde macht durch Weſteräs, damit der gute Guſtav, un⸗ ſer König, ruhig ſchlummere. Denn die Rache und Bosheit der gedemüthigten Cleriſei ſpinnt in der Dunkelheit ihre Netze. Nun aber mö⸗ gen die wackern Männer allein ziehen, meine erſte Pflicht iſt jetzt, Dich zum Könige zu ge⸗ leiten. Noch iſt er wach; mit ſeinen Räthen arbeitet er für des Landes Wohl, wozu er— 190 Dank dem Allmächtigen! in der heutigen Reichs⸗ verſammlung den Grundſtein gelegt. Folge mir ohne Scheu, ich kenne Guſtavs edles Herz, er wird Dir ein milder Richter ſeyn.“ Ddie Panzerreiter zogen langſam weiter. Tyſte mußte Johanns Roß beſteigen, wel⸗ ches dieſer ſelbſt am Zügel führte, und ſo ge⸗ leitete er den Freund zum königlichen Schloſſe, wo er vor Allem deſſen Wunden verbinden ließ. Es war hier ruhig, als ob der tiefſte Frieden im Lande herrſche; doch hatten Bür⸗ ger und Landleute ſich mit den Trabanten ver⸗ einigt, abwechſelnd mit dieſen Wache haltend, vor der Wohnung des Königs. Die beiden Freunde ſtiegen Hand in Hand und ſchwei⸗ gend, die Stiegen hinauf. Dem Reichsrath Johann Thureſon waren die Thuͤren zu den Zimmern Guſtavs faſt zu jeder Zeit geöff⸗ net, und ſo traten ſie unangemeldet in das Gemach, wo der König im Kreiſe weniger, anserleſener Räthe an der rothbehagenen Ta⸗ fel ſaß. Beim Scheine brennender Wachsker⸗ —— —— 5 194 zen, ließ er die, in der letzten Reichsverſamm⸗ lung gefaßten, wichtigen Beſchlüſſe, jetzt noch⸗ mals prüfen, und dann vielfach niederſchrei⸗ ben, um ſie allen Provinzial⸗Behörden unge⸗ ſäumt mittheilen zu können. Ueberraſcht durch den ſpäten Beſuch, wendete Guſtav ſein Ant⸗ litz nach der Thür, indem er forſchende Blik⸗ ke auf die Eintretenden richtete. Doch als er Johann erkannte, wandelte ſein Ernſt ſich in Freundlichkeit, und traulich ihm die Hand ent⸗ gegenſtreckend, befahl er ihm näher zu treten. „In ehrerbietiger Stellung, doch ohne den freien Anſtand der ihm eigen war, zu ver⸗ leugnen, blieb Tyſte im halbdunkeln Hinter⸗ grunde des Zimmers zurück, indeſſen der Reichs⸗ rath Johann ſich in die Nähe Guſtavs be⸗ gab, und zu ihm ſprach: „Verzeiht, mein Herr und König, daß ich micheſo ſpät hier eindränge und Euch ſtöre in Euerm Rathe; doch die dringende Bitte, für einen geliebten Freund, die keinen Aufſchub duldek, möge dieſe Ungebühr entſchuldigen.— Wollet gnädigſt Euch erinnern an Euern ehe⸗ maligen, wackern Diener, der Euch empfohlen wurde unter dem Namen Tyſte, von einem faſt ſchon ergrauten, edeln Schweden. Ihr nahmt den Jüngling unter Eure Leibdiener auf, und machtet ihn zum Hauptmann Eurer Schloßwacht. Da traf die Liebe ſein Herz und Cecilie, die Tochter des Admirals Swenßon⸗Some, war ihm in kurzer Zeit ſo hold geworden, daß ſie lieber Kloſterbann und Tod gewählt, als ihm entſagt hätte. Der Jungfrau Vater aber, eiferte heftig gegen dieſe Liebe, ließ ſeine Tochter ins Sct. Clarenklo⸗ ſter bringen zu Stockholm und bedrohete ſie ernſtlich mit förmlicher Einkleidung, wenn ſie dem Geliebten nicht entſagen wolle. Da fand mein Freund Mittel das Maͤdchen aus dem Kloſter zu entführen, er brachte ſie nach Nor⸗ wegen in Sicherheit und ſtellt ſich nun frei⸗ willig hier vor Euch, mein König um E r n Urtheilsſpruch zu hören über ſeine That.. Die anweſenden Räthe hatten mit Theil⸗ nahme Johanus Rede gelauſcht, und ihr Blick hing jetzt erwartungsvoll an Guſtavs Antlitze, der mit ernſter Miene den fernſtehen⸗ den Tyſte zu ſich winkte. Der Jüngling beug⸗ te ſeine Kniee vor dem Könige, welcher jetzt im ſtrengen Tone zu ihm ſprach: „Du fehlteſt dreifach junger Mann! Ohne 8 mein Vorwiſſen entzogſt Du Dich meinen Dien⸗ ſten, ohne ihres Baters Willen ſchloſſeſt Du ein feſtes Liebesbündniß mit der Jungfrau und ohne Recht füͤhrteſt Du ſie mit Gewalt aus den Kloſtermanern. Dein Leben wäre ver⸗ wirkt, wollte ich jetzt richten nach dem Buch⸗ ſtaben des Geſetzes; doch mein Herz iſt nicht ſo kalt, als der todte Buchſtabe, und obwohl es noch bis jetzt für Frauenliebe nicht erglü⸗ hete, ſchlägt es doch heiß für Menſchenwohl. Und weil Du jetzt freiwillig heimgekehrt und meinem Urtheile Dich unterworfen haſt, ſo ſcheinſt Du meiner Gnade mir nicht unwerth. Ein redlicher Mann bekennt ſich ſeines Feh⸗ r Thl. 13 194 lers ſchuldig und bittet ſelbſt um die verdien⸗ te Strafe— das thateſt Du. Allein der Red⸗ liche erſtattet das Geraubte auch zurück und das iſt's, was ich jetzt vor Allem von Dir fordere. Tritt ein, als Hauptmann, wieder unter meine Leibwacht, den Bannfluch den die Prieſter auf Dein Haupt gewälzt, nehme ich von Dir, kraft meiner königlichen Gewalt, die über die der Pfaffen geht; doch die geraubte Jungfrau fuͤhrſt Du wieder ihrem Vater zu und harreſt in Geduld dann ſeines Urtheils; denn er allein iſt Richter zwiſchen Dir und ſeinem Kinde.“ Tyſte's Antlitz war noch bleicher gewor⸗ den, als vorher; die äußerſte Beſtürzung hatte ſich ſeiner bemächtigt, und erſt nach langer Pauſe vermochte er es, die Worte hervorzu⸗ bringen:“ „Das kann ich nicht, mein König! Ceei⸗ lie iſt mein Weib!“ Dein Weib?“ erwiederte der König.„So — 195 haſt Du Deines Raubes Dich ſo ſehr verſi⸗ chert, daß Du ihn feſtgeknüpft an Dich durch Kirchenband?— Doch nehme ich deshalb mei⸗ nen Willen nicht zurück. Dem tiefgebeugten Vater muß ſein Recht geſchehen; ſein Kind, es muß ihm wieder werden, und beharrt er noch wie ſonſt auf ſeinem Sinne, ſo mag die Kirche Euer Bündniß trennen.“ „Trennen? mich von Cecilien trennen! O, mein König! das wäre ſchrecklicher, als auf dem Blutgerüſte ſterben!“ rief Tyſte wie verzweifelnd. Die anweſenden Räthe, beſonders der edle Johann Thureſon, beſtürmten jetzt vereint den König mit Bitten. Sie fleheten ihn an, ſeine Gnade, die er bereits an Tyſte geübt⸗ noch weiter auszudehnen, und durch Vermitte⸗ lung zwiſchen dem Admiral und den beiden Liebenden, das Glück der Letztern feſt zu grün⸗ den und bewegt ſprach Guſtav: „Ich ſagte es ſchon: der Vater ſer des Kin⸗ 13* “ 7 196 des Herr! in ſolcher Sache ein königliches Machtwort ſprechen, wäre Tyrannei. Doch denk' ich, wird mein braver Admiral nicht un⸗ erbittlich ſeyn und bitten will ich ihn um das, was ich ihm nicht befehlen darf.— Ruf ihn herbei;“ wendete er ſich freundlich an Jo⸗ hann.„Vielleicht gelingt mirs, Deinem Freun⸗ de für dieſe Nacht noch eine ſanfte Ruhe zu bereiten.“ Der Hoffnung Morgenroth erglänzte auf Lyſte's bleichen Wangen, als er ſich in ein entlegenes Erkerfenſter zurückzog, um den zür⸗ nenden Vater ſeiner Gattin nicht gleich durch ſeinen Anblick aufs Neue zu reizen. Johann aber entfernte ſich eilig und kehrte bald zuruͤck mit Swenßon⸗Some, der ſeine Wohnung im königlichen Pallaſte hatte, und überraſcht über ſo ſhaten Ruf vor ſeinen König trat. „Du ſollſt Deine Tochter wieder haben, alter Freund!“ redete Guſtav den alten Mann zutraulich an.„Aber wenn Deines Königs 197 ————; Bitten Dir was Rechtes gelten, ſo drückſt Du auch zugleich noch einen wackern Sohn an Deine Vaterbruſt.“ „Mein Kind? meine Cecilie? wo iſt ſie? wo?“ ſtammelte zitternd vor Freude der Greis und breitete ſeine Arme aus, im Kveiſe der Umſtehenden mit leuchtenden Blicken forſchend. Doch bald ließ er die Arme wieder ſinken; auch ſein Haupt ſank auf die Bruſt herab, und Thränen rollten über ſeine tiefgefurchten Wangen, als er in ſchmerzlicher Bewegung fortfuhr:„Ach nein, ſie kehrt nicht heim zu ihrem Vater!— Ich bin ein alter, harter Mann, der Keim der Kindesliebe iſt wohl längſt verdorrt, in jenen Tagen, da ich ſie begraben ließ hinter die ſchwarzen Kloſter⸗ mauern. An dem lebenskräftigen, friſchen Burſchen, der ſie enfüͤhrte, wird ſie ihr Auge ergötzen, ſeine Kuͤſſe werden ihr ſüßer munden als Vaterkuß, und ſeine Liebesſchwüre ihr Ohr wohl mehr entzücken, als mein frommes Segenswort, das ich ihr treulich aufgeſpart. 198 Ich ſage Euch, ſie wird nicht heimkehren zu mir, ſie wird meine Nähe meiden, auch mei⸗ ner nicht gedenken; denn allzuhart bin ich mit ihr verfahren und meine Reue wird mir ihre Liebe doch nicht mehr erkaufen. Sie war mein einziges Kind! darum Ihr Männer, verachtet mich nicht wegen meiner Thränen, ich weine ſie um mein verlornes Kind!“ Da vermochte es Tyſte nicht länger, ſich entfernt zu halten von dem tiefgebeugten Man⸗ ne und mit dem lauten Ausrufe:„Verzeihung! Segen!“ ſtürzte er zu den Füßen des Admi⸗ rals nieder und bedeckte deſſen Hand mit hei⸗ ßen Küſſen. Der alte Mann zitterte noch heftiger, als er den Entführer ſeines Kindes zu ſeinen Fü⸗ ßen erblickte. Eine finſtre Wolke zog über ſein Antlitz; er entzog ihm die bebende Hand und wehrte ihn ab von ſich. Doch als er ſich nun umringt ſahe von dem Könige und von den Räthen, als er ihre Bitten hörte und 199 das kummervolle Geſicht des Knieenden ſchau⸗ te, da war es, als ob die leuchtenden Strah⸗ len einer frohen Zukunft auf einmal alle die düſtern Bilder der Vergangenheit verſcheuch⸗ ten aus ſeiner Bruſt, und ſeinen Arm um Tyſte's Nacken ſchlingend, zog er ihn empor zu ſich und rief in freudiger Rührung:„ſo lege mir die Tochter wieder an mein Herz, dann ſey mir ein getreuer Sohn und Eurem Bunde will ich meinen beſten Segen weihen.“ Eine innige Ruͤhrung ſprach ſich aus auf den Geſichtern der Anweſenden, die glückwün⸗ ſchend den, wie zu einem neuen Leben erwach⸗ ten, Tyſte umringten. Der König aber ſprach zu ihm:„jetzt erſt darfſt Du Deines Weibes Dich erfreuen, und jetzt erſt wird der Segen des Allmächtigen Dein Ehebündniß heiligen. Sey hinfort mein braver Hauptmann; bald ziehen wir nach Delecarlien, die unruhigen Köpfe zu waſchen, dort wirſt Du mir's be⸗ weiſen: ob ich wohl daran gethan, des Ge⸗ 200 ſetzes ſcharfen Spruch in ein mildes Gnaden⸗ wort fuͤr Dich zu wandeln.“ „Mein Blut für Euch, mein König und für Schweden!“ rief Tyſte und beugte ſeine Kniee vor Guſtav; doch dieſer zog ihn freund⸗ lich empor, führte ihn zum Admiral und er⸗ wiederte: „ Jetzt geleite Deinen Vater in ſein Ge⸗ mach und ſuche ihn zu überzeugen, daß ſeiner Tochter Herz den kindlich frommen Sinn für ihn bewahrte, das wird dem wackern Alten eine ſanfte Ruhe geben. Geht Freunde— gute Nacht!“ * 8 Noch warf Tyſte einen Blick des innig⸗ ſten Dankes, der mehr als Worte ſagte, auf ſeinen König, dann geleitete er den verſöhn⸗ ten Vater ſeiner Gattin auf ſein Zimmer. Auch die Räthe verließen Guſtavs Gemach; Jo⸗ hann ſchied mit herzlicher Umarmung von ſeinem Freunde, und das ſelige Gefuͤhl, jetzt 201 das Glück jener beiden Weſen, welche ihm die Theuerſten waren im ganzen Weltall, feſt gegruͤndet zu ſehen durch ſeine Mitwirkung, war ihm der ſchönſte Lohn für die edelmüthi⸗ ge Entſagung ſeiner eignen, liebſten Wünſche. Ende des zweiten Theils. ——— — — 861 Ca m em z, gedruckt bei C. S. Krauſche. In gleichem Verlage iſt erſchienen: Heinrich Maſterton. Aus dem Engl. vom Verf. von Darnley, de l'Orme ꝛc. 8. 3 Bde. 4 Thlr. Das ſchwarze Herz. Von L. Kruſe. Erzaͤhlung. 8. 1 Thlr. 3 gr. Daniel der Steinſchneider oder 1 Werkſtatterzaͤhlungen. Aus dem Franz. des Michael Raymont. 8. 2r und 3r Band. à 1 Thlr. 12 gr. — Die Familie Von A. Leibrock. 8. 1 Die Grafen üxßn.EE—,— von Schwigeld auf Harzburg. Von A. Leibrock. 2 Bde. 2 Thlr. 3 gr. Der Bund mit dem Boͤſen. Von Moriz Reichenbach. 2 Baͤnde. 8. 1 Thlr. 18 gr. Das dritte Dreiblatt, oder Pommerſche Geſchichten. Von Arminia. 8. 1882. 1 Thlr. 6gr. . Aufheiterungen en ktrüben Lebensſtunden; geiſtreiche Erzaͤhlungen, humo⸗ riſtiſche Anſichten und witzige Einfälle, aus den gehalt⸗ vollen Briefen eines Deutſchen uͤber Deutſchland, aus des verewigten Dinters lehrreicher Lebensbeſchreibung und andern geiſtreichen Schriften geſammelt, von H. A. P. 8. 1832. 1 Thlr. 9 gr. nley. ſe vom Verfaſſer des Kardinal Bde. 8. 1831. 4 Thlr. 1 Schickſalswechſel. Von Eginhardt. Verfaſſer der Parodien Schillerſcher und anderer bekannter Gedichte. 8. 1832. 1 Thlr. 9 gr. — 5 Die alten Freunde. Erzaͤhlung. Palmyra. Phantaſieſtuͤck. Aus dem Daͤniſchen, von L. Kruſe, 8. 1832. 1 Thlr. 6 gr. 1 Die Urgroßmutter z/4 und ihre Familie. Erzaͤhlung von 2. Kruſe, 8. 1832. 1 Thlr. 3 gt. Der Sansculotte. 3 4 Eine Epiſode aus der erſten Haͤlfte der neunziger Jahre 4 des vorigen Jahrhunderts. Nach Mortonvals„Maurice . Pierret“ ins Oeutſche uͤbertragen von L. Kruſe, 4 Bde., 8. 1832. 4 Thlr. 12 gr. 1 Der Graf von Villamajor 4 oder Spanien unter Carl dem Vierken, von Mortonval⸗ Aus dem Franzoͤſiſchen von L. Kruſe. 4 Bde. 1 8. 1832. 4 Thlr. 12 gr. . ſ Mesmeriſche Liebe. S Novelle. Das Maͤdchen von Rhodos. Aus dem Daͤni⸗ ſchen des S. S. Bluͤher uͤbertragen. Von L. Kruſe, 8. 1832. 1 Thlr. 6 gr. 4 Erzaͤhlungen. Herausgegeben von Guſtav Nagel. Herausgeber des Subaltern, des Birmanenkrieges und des Romans Prinz Tangu. 8. 1882. 21 gr. Eine poetiſchehumoriſtiſche Gabe. Von Ferdinand Stolle. 8. 1833. 1 Thlr. 6 gr. Erzaͤhlungen von K. G. Praͤtzel. 2 Bde. 8. 1832. 2 Thlr. 21 gr. Herbſtzeitloſen. Erzaͤhlungen und Novellen von C. L. B. Wolff. GC. Folge. 8. 1832. 1 Thlr.— ** Theodoſia, die Jungfrau und das goldene Kreuz. Rittergeſchichte von der Ve ſſerin der Margarethe von Nordheim. 3 Bde. 8. 1832. 3 Thlr. 4 —— —— —— n- . RAnnnnenſnmnnſnſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſiſſſſſſiſſſiſſt 1 8 9 10 1 12 13 14 15 16