deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für uchentlich 22 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Wer.— Pf. 1 Wet. 59 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 1„— o 3„—„„— o 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. ber beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Verkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtartt den darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Der Dal⸗Junker. Ein urhwehisches Revoiutions⸗Gemälde aus dem .„ ſechszehnten Jahrhunderte, — luan 3 Moriz Reichenkach. 2 8 4 Seitenſtück zu den„drei Gräbern auf der Haide.“ 2 1 4 1 . Ergter Thrtl. Ke t p z g, 6 bei Chriſtian Ernſt Kollmann. “ 1834. — — 8 +— K—*—— . 3 ü5 4 - 4 3 3 4—* 8 3 4 4. E⸗ war beinahe Mitternacht, und in den ſchmalen und winklichten Straßen von Stock⸗ holm war es ſtill und öde. Ein ſtrenger Win⸗ ter übte im Hornung noch ſein volles Recht, hielt die wilden, trügeriſchen Wogen des Mä⸗ larſee's ſtarr gefeſſelt, ſo, daß ſie jetzt dem Wanderer eine glänzende, unabſehbare Eis⸗ brücke boten, und hullte die niedern, hölzernen Hütten, aus welchen der größte Theil der Stadt beſtand, in eine warme, doch ſchwere Schneshecke. Nur hier und da zeigte ſich in den, von Steinen aufgeführten, größern Ge⸗ bäuden oder Palläſten ein Licht, deſſen mattem Shhanasee friſche Glanz des Schnee's Hohn . 1* 4 45 zu ſprechen ſchien. Seit dem Untergange der Sonne ſtrahlte die blaue, lichte Himmelsdecke im reinſten Sternenglanze; jetzt aber tauchten im Suͤden weiße Wolken auf, wie ferne Eis⸗ gebirge, dehnten ſich rieſenhaft empor, zogen näher, unter leiſem Sturmeswehen, und in⸗ dem ſich die obern Schichten dunkler färbten, 1 ire Geiſter, ihre Häupter in graue Schleier 34 ehüll. Unter bangem Klaggeheul brauſ te der Sturm immer näher; die Wetterfahnen auf den Thuͤrmen der Kirchen und Klöſter kreiſchten ängſtlich durch die ſtille Nacht und von allen Seiten ballten ſich nach und nach graue Wolken am Firmamente zuſammen, brei⸗ teten ſich weit aus, wie feuchte Trauerflöre und verlöſchten die freundlichen Sternenlichter alle, die vor kurzem in der blauen Himmelsdecke erglänzten. Eine undurchdringliche Finſterniß deckte nun die Reſidenzſtadt, und der alte, kö⸗ nigliche Pallaſt, welcher am Ende des Rit⸗ terholms auf einer Anhöhe gelegen, ſonſt einen majeſtätiſchen Aublick gewährte, war in dichte Nebel eingehüllt. ſchienen ſie eilig herbeizuſchreiten, wie unge⸗ ———— — — —— Da zogen zwei vermummte Reiter den lau⸗ gen Ritterholm hinab, ſpornten unterm Rit⸗ terhauſe ihre ſchnaubenden Roſſe zu größerer Eile, bogen dann links ein, durch mehrere enge und krumme Straßen und wendeten ſich nach dem Nordermalm. Hier ritten ſie lang⸗ ſamer, dicht neben einander, in leiſe, eifrige Geſpräche vertieft und als ſie bei'm Arſeuale angelangt waren, hielten ſie die Roſſe an und ſpäheten vorſſchtig nach allen Seiten; doch die dichte Finſterniß ſchien ihr Forſchen nicht zu begünſtigen. Ungeduldig ergriff der eine der Reiter ein kleines ſilbernes Jagdhorn, welches unter dem dunkeln Mantel über ſeine Schul⸗ lern herabhing, und nachdem er dreimal dumpf und leiſe damit ein Zeichen gegeben, wurde es plötzlich lebhaft in der öden Gegend. Hin⸗ ter einer alten, verfallenen Mauer ſprengten mehrere Reiter hervor, ein anderer Haufe ge⸗ wappneter Reiſige aber, bog in größerer Ent⸗ fernung um einen Felſenvorſprung— deren mehrere ſich auf dem unebenen, bergigten Bo⸗ den der Stadt zeigten— und vereinigten ſich eilig mit den Uebrigen. Die beiden Vermumm⸗ 6 ten an der Spitze, ſetzte ſich nun der ganze Troß, der wohl ungefähr zwanzig Köpfe zäh⸗ len mochte, wieder in Bewegung, und zog am Brunkenberge vorüber, wo läſſige Wäch⸗ ter auf ihre Spieße gelehnt, den kriegeriſchen Zug kaum zu bemerken ſchienen. So hatten ſie bald die Stadt im Rücken und ſchweigend und geräuſchlos trabten ſie weiter, denn ſelbſt der Pferdehuf wurde kaum gehört, auf dem ſchneebedeckten Moorboden. 21 Wohl einige tauſend Schritte von der Stadt entfernt, lag am Abhange eines Berges, ein großes alterthümliches Gebäude, mit hohen Mauern und Gehöften umgeben, auch mit Kuppeln und Thürmen geziert, ſo daß ſeinem Aeußern nach die Beſtimmung deſſelben ſich faſt nicht verkennen ließ. Es war das Sct. Clarenkloſter. Die hohen Bogenfenſter der Kir⸗ ſche waren matt erleuchtet und der Geſang der Nonnen ſchallte weit hin, durch die ſtille Nacht Die Führer des Reitertrupps— denn als ſolche hatten ſich die beiden Vermummten bereits durch leiſe Befehle kund gegeben— ver⸗ ließen jetzt die Uebrigen, umkreiſten vorſichtig —— 1 ſpähend das Kloſter, kehrten dann eilig zurück zu den Reiſigen, welche in geringer Entfer⸗ nung Halt gemacht hatten, und vertheilten ſie rings umher, ins dichte Tannengebüſch und hinter den Berg woran das Kloſter lehnte.— Hierauf hielten ſie ganz allein an der hohen Pforte der Kloſtermauer und ſchienen leiſe zu berathſchlagen, doch ohne ihre Meinungen ver⸗ einigen zu können. „Laß mich's wagen, Freund,“ ſprach der Eine mit kräftiger, männlicher Stimme.„Laß mich's allein wagen, mein theurer Johann; hier giebts ja nur mit Weibern zu thun, viel⸗ leicht gelingt mirs, ohne Schwertſtreich, mein Vorhaben zu endigen. Sollten wir uns auch getäuſcht haben, ſollten des Biſchofs Knechte zum Schutze des Kloſters drinnen ſich verbor⸗ gen halten, dann ruft mein Horn Dich und Deine wackern Söldner zu meiner Hülfe her⸗ bei; doch wenn es möglich iſt— laß mich's allein vollenden.“ Nicht alſo, mein wackrer Tyſte! entgegnete der Andere. Ich habe es bei Gott gefechworen, nicht von Deiner Seite zu weichen, bis mein 3 b Auge ſich überzeugt, daß Du Dein höchſtes Gut, was man um meinetwillen Dir entriſ⸗ ſen, wieder als Dein Eigenthum mit Deinem Arm umfängſt. Du weißt, was ich Dir opferte, vergönne mir nun jenen Schatz, den ich mir ſelbſt nicht erringen konnte, fuͤr Dich zu ber⸗ gen; meine Seele wird nicht Ruhe finden, bis ich Dein zweites Leben Dir geſichert weiß. „Mein zweites Leben! ja, Du haſt Recht!“ nahm Tyſte feurig das Wort, ergriff die Hand ſeines Begleiters und drückte ſie feſt an ſeine Bruſt, indem er fortfuhr:„der Nordſturm braußt über unſern Häuptern, ſein eiſ'ger Hauch bleicht unſre Wangen und dennoch lo⸗ dert mir im Herzen hier dreifache Gluth, die— mir ein güt'ger Gott erhalten möge bis zum Tode. Liebe, Freundſchaft, Dankbarkeit, das ſind die Feſſeln, die mich noch an dieſes Le⸗ ben binden, die mit zwei ewig theuren Weſen mich verketteten, als ſchon des Menſchenhaſſes Grabesnacht mein jugendliches Auge erblin⸗ dete, verächtlich jede ſonnenhelle Freude der Welt mir ſchien. Du zogſt mich aus dem fin⸗ ſtern Labyrinthe, in dem mein Geiſt ſich ſchon — —,— 9 verirrt hatte, an Deiner Freundesbruſt lernte ich mich wieder ſonnen im heitern Tageslichte; Du tratſt zurück als Du des Daſeyns ſchön⸗ ſtes Ziel Dein nennen ſollteſt, und willſt nun Deinen eignen Arm mir leihen, damit ich mirs erringe! O, Freund, wie ſoll ich ſolchen Edel⸗ muth vergelten!“ 1 Wer zwei gute Menſchen gluͤcklich machte, hat Stoff fuͤr's ganze Leben zu reiner Her⸗ zensfreude. Erinnerung an Euch, wenn mir nur erſt Gewißheit Eures Glücks geworden, ſoll einſt den ſchönſten Lohn mir ſpenden! er⸗ wiederte Johann bewegt mit weicher Stimme. Nun aber ſäume nicht mehr, wie leicht könnte ein längerer Verzug unſerm Vorhaben gefahr⸗ voll werden. „So ſey es denn!“ ſprach Tyſte leiden⸗ ſchaftlich.„Der Gott, der Dir ſo ſeltene Freundſchaft in die Bruſt gehaucht, wird mei⸗ nen Plan gedeihen laſſen, beginne ich ihn auch wie ein Frevler, der gewaltſam einbricht in das Heiligthum des Herrn. Kennt der All⸗ wiſſende doch jedes Wort des heiligen Glau⸗ bensbekenntniſſes, wie es jeder Biedermann in 10 meinem Herzen leſen kann. Der Menſchen Bosheit trotze ich, ich ziehe keck zu Felde ge⸗ gen angemaßtes Kirchenrecht; Menſchenſatzung kann das heilige Naturrecht nicht verlöſchen und wenn Millionen Prieſter es zu vernichten trachten mit Flammenworten in der Völker Herzen. Der Höchſte ſelbſt muß ſeinen Bei⸗ ſtand ſenden, wenn ſeines edelſten Geſchöpfes Geiſt ſich loszuringen ſtrebt von uralten, ſchmach⸗ vollen Feſſeln. Gott iſt heilig!— heilig iſt ſein Wort! doch ſeiner ſtaubgebornen Diener ſelbſtgebautes Recht ſoll mir mein nacktes Men⸗ ſchenrecht nicht rauben. Kühn fordr' ichs von der Frau Aebtiſſin und der Kirche Fluch und Bann ſoll meinen Arm fürwahr nicht lähmen, die herrliche Blume, die noch der Welt gehört, dem frühen Grabe zu entreißen.“ Eben war er im Begriffe, mit geballter Fauſt gegen die wohlverſchloſſene Kloſterpforte zu ſchlagen und mie kräftiger Stimme Einlaß zu begehren, als ſein Freund, heftig ihn umſchlingend, ihn einige Schritte abwärts zog von der hohen Maner und haſtig zu ihm ſprach: halt' ein. ſo wirſt Du's nimmermehr vollbringen! Glaubſt 11 Du, daß man ſolchem Ungeſtüm, der wahrlich keine freundliche Abſicht verräth, um dieſe Stunde die Pforte öffnen werde. Ich habe beſſer für Dein Heil geſorgt und im Inuern. nes Kloſters iſt ein Freund für Euch gewon⸗ den, der ſchon ſicher unſrer harrt. Drum folge mir vorſichtig und leiſe, nur verborgene Wege führen hier an's Ziel. 1 Mit einem leiſen Anfluge des Unwillens,. daß er ſich gehindert geſehen, ſich den offnen Eingang in die heiligen Mauern, im ſchlimm⸗ ſten Falle mit Gewalt, durch eigne Kraft zu erzwingen, folgte Tyſte doch eilig dem Freun⸗ de, der ihn längs der hohen Mauer hingelei⸗ tete, bis zu einem Felſenvorſprunge, welcher ſchroff und unzugänglich emporſtrebend, die äußerſten und düſterſten Parthieen des weit⸗ läuftigen Kloſtergartens begränzte. Der Mond verbreitete ſein mattes Dämmerlicht eben wie⸗ der hell genug über die öde Gegend, um die Geſtalt der ſteilen Felſen unterſcheiden zu kön⸗ nen. Der mittelſte derſelben, der einem gothi⸗ ſchen Thurme glich und betraͤchtlich über die andern hervorragte, ſchienjetzt Johaunsganze 12 Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Er zog ſein Schwert, ſcharrte damit den Schnee von den ungeheuern Steinblöcken, die der Felſenſäule zum Funda⸗ mente dienten, und bald entdeckte er die tie⸗ fen Fugen, die er eifrig zu ſuchen ſchien. Hier gilts vereinte Kraft! rief er ſeinem Begleiter zu, der in geſpannter Erwartung ihm zur Seite ſtand; gelingts uns dieſes Fels⸗ ſtück heraufzuheben, dann bedürfen wir der Kloſterſchlüſſel nicht. Ohne ſich die Zeit zu gönnen, die ringese den Fragen, die ihm auf den Lippen ſchweb⸗ ten, in Worte zu kleiden, packte Tyſte mit ſeinen ſtarken Fäuſten den rauhen Stein, und ihren vereinten Bemühungen gelang es end⸗ lich, ihn herauszuheben aus ſeinem Grunde. Eilig wurden nun die kleinern Blöcke beſeitigt und nach wenigen Minuten ſchon war eine Oeffnung ſichtbar geworden, welche tief hinab⸗ zuführen ſchien in einen dunklen Gang.„Folge mir getroſt!“ ſprach Johann jetzt noch athem⸗ los und ſtieg gebückt und vorſichtig, mit den Händen um ſich fühlend, in die dunkle Gruft hinab. Staunend folgte ihm Tyſte. —— 13 — Sie tappten geraume Zeit durch die Fin⸗ ſterniß, und hielten ſich oft ſtrauchelnd an den feuchten Wänden aufrecht. In verſchiedenen Windungen ſchlängelte ſich der Erdgang in die Tiefe hinab, und immer mehr beengte die dicke Moderluft, die ſie umgab, ihre Athemzüge! da ſchimmerte in geringer Entfernung ihnen ein mattes Licht entgegen, und muthiger drangen ſie vorwärts. Ein weiter Raum, nur vom dü⸗ ſtern Schimmer einer, von der Decke herab⸗ hängenden Ampel ſchwach erhellt, nahm ſie endlich auf und die, rings an den Wänden aufgeſtellten Särge und Grabmäler, verkünde⸗ ten ihnen bald die Beſtimmung des unheimli⸗ chen Orts. Sie befanden ſich im Begräbniß⸗ gewölbe des Sct. Clarenkloſters. Nur unge⸗ wiß beleuchtete der ſchwache Lichtſchein die Ge⸗ genſtände rings umher, und Tyſte, der kräf⸗ tige, ſonſt ſo furchtloſe Mann, konnte ſich jetzt eines heimlichen Schauders nicht erwehren, als flüchtig ſeine Blicke an den wallenden Trauer⸗ flören, den falben Todtenkränzen, Särgen und Heiligenbildern vorüberſtreiften. Doch als nun ſein Freund, der bisher unruhig umherſpähend 14 ihm zur Seite geſtanden, dumpf und leiſe ihm zuflüſterte:„dort, ſtöre ihn nicht!“ und zu⸗ gleich mit der ausgeſtreckten Rechten, in den fernſten Hintergrunde des Gewölbes nach ei⸗ nem Grabmahle deutete, auf deſſen Stufen ein Mann ausgeſtreckt lag, in betender Stel⸗ lung, gehüllt in das dunkle Ordenskleid der Benedictiner; da fuhr Tyſte erbebend zuſam⸗ men und ſein Schwert, welches er bis jetzt feſt an ſich gedrückt hatte, ſank mit der herab⸗ gleitenden Hand hernieder und ſtreifte klirreud den Boden. Der betende Mönch blickte, wie aus einem ſeligen Traume aufgeſchreckt, un⸗ willig empor, doch verklärten ſanfte Züge des Wohlwollens ſogleich ſeine ſtrengen Mienen, als ſein Auge auf Johann ſich richtete, und mit freundlichem Neigen des Hauptes ging er dieſem entgegen, vertraulich die Hand ihm reichend. „Ihr habt mich zwar in einer recht ſuͤßen Andacht geſtört, mein werther, junger Freund,“ rach er dann in einem Tone, der die innig⸗ 7* ſte Rührung verrieth;„doch wars gerade hohe Zeit mich zu erwecken. Mein Kopf iſt mir 15 bisweilen ſchwach— ich hätte mich vielleicht 5 hier an der theuern Grabesſtätte um meine Sinne geträumt.— Seyd deshalb herzlich mir willkommen!”“ Auch Tyſte war gefaßter hinzu getreten; denn bei näherer Betrachtung des Mönchs hatte ſich ſeiner unwillkührlich ein Gefühl der innigſten Hochachtung und Zuneigung bemei⸗ ſtert, welches ihn unwiderſtehlich hinzog zu dem unbekannten Manne. Mit vorgeneigtem Haupte ſprach er, indem er ſeine Hand ergriff: „Verzeiht, ehrwürdiger Herr, ich ſtörte ſo zur Unzeit Eure Andacht, obgleich mein Freund mir leiſe Stillſchweigen gebot; doch bei Eurem Anblicke durchzuckte es mich ſo ſeltſam, wie geheimnißvoller Ahnungsſchauer.“ „Dies iſt er?“ rief der Mönch, ſeine Blicke fragend auf Johann gerichtet, und höher er⸗ hob ſich ſeine, etwas gebeugte Geſtalt, und indem er ſo einige Augenblicke lang ſchweigend und unfern der Ampel ſtand, traten die Züge ſeines Geſichts deutlicher hervor. Die ganze Form ſeines Antlitzes war edel, ja, wohl noch männlich ſchön zu nennen, obgleich Zeit und —yy— — 16 Kummer tiefe Furchen darauf eingeprägt hat⸗ ten. Auf den bleichen Wangen zeigte ſich jetzt ein leichtes Roth, wie von innerer, heftiger Bewegung hingehaucht, und der ſtarke, dunkle Bart, nur hier und da mit Grau gemiſcht, gab dem leidenden Geſichte Ernſt und Würde. „ Dies iſt er!“ wiederholte er langſam und wie von widerſtrebenden Gefühlen beſtürmt, als Johann leiſe ſeine erſte Frage bejaht hatte.„Still, ſtill, du blutendes Herz!“ fuhr er ſchmerzlich fort, beide Hände feſt auf ſeine Bruſt drückend.„Nach ſo langer, langer Fol⸗ ter, wirſt du feindlichen Gefühlen doch keinen Eingang gönnen?— Hab' ich nicht längſt ver⸗ ziehen und crägt er nicht die Züge ſeiner Mut⸗ ter?— Komm an mein Herz, mein Sohn, ich duld' es gern, daß Du mich Vater nennſt!“ Heiße Thränen rollten über ſeine Wangen, unnd weit breitete er ſeine Arme aus um Tyſte zu umfangen; doch dieſer ſtand von Staunen gefeſſelt, wagte es nur mit ehrfurchtsvoller Neigung ſeine Hand zu ergreifen, wollte ſie küſſen und ſtammelte:„Hochwürd'ger Herr! als ich in dieſe Welt eintrat, war ich ſchon —— 17 verwaiſt, ich lernte niemals meine Eltern ken⸗ nen; wie ſoll ich Eure Worte deuten?“ Vater nenne mich! entgegnete der Prieſter in ſtärkerer Aufwallung des Gefühls.— An meine Bruſt! ich will Dein Vater ſeyn, denn 3 vor wenigen Minuten gelobte ich ihr es dort an ihrer Ruheſtätte. 3 Von dunkler Ahnung beſtürmt, ſtürzte Ty⸗ 1 ſte in die zitternden Arme des Benedictiners, und erſt nach einer langen Pauſe, in welcher freudiges Staunen und die innigſte Rührung 4 ſeine Sinne gefeſſelt hielten, gewann er ſo 3 viel Faſſung, in ſtürmiſcher Freude Aufſchluß zu begehren, über dies räthſelhafte Ereigniß. Doch der Mönch wehrte ihn ſanft von ſich ab, warf einen Blick der tiefſten Wehmuth auf die Grabesſtätte, vor der er betend gelegen * und ſprach mit weicher Stimme:„hier nicht, mein guter Sohn! in Zukunft ſoll Dir Alles klar werden. Dort ruhet Deine Mutter, bete aan ihrem Sarge; des Kindes Flehen dringt —. 6 zu Gott, drum bete brünſtig fuͤr ihr Seelen⸗ heil, mein lieber Sohn!“ ½ Wieder drängten ſich unzählige Fragen auf ir Thl. 2 2 — — 18 Tyſte's Lippen; doch des Vaters ernſte Blicke geboten ihm Schweigen und mit heißer An⸗ dacht verrichtete er knieend ſein Gebet am Sarge der niegekannten Mutter. Der Mönch hatte indeſſen Johann in ei⸗ nen entfernten Winkel des Gewölbes gezogen und mehrere Minuten lang ein leiſes Geſpräch mit ihm geführt, da erhob ſich Tyſte wieder und trat mit thränenſchweren Augen zu ihnen. Der Prieſter aber ſprach:„jetzt haſt Du die Pflichten des Sohnes erfüllt, nun magſt Du auch dem ſtillen Zuge Deines Herzens folgen, der Dich hierhergeführt. Nimm dieſen Schlüſ⸗ ſel, er öffnet Dir die kleine Kirchenpforte, am Hochaltare wirſt Du Deine Cecilie finden. Noch gehört ſie der Welt an; denn gewaltſam kerkerte man ſie ein in dieſe Mauern und kein Schwur bindet ſie an die Pflichten der Klo⸗ ſterfrauen. Hier erwarte ich Euch; auch ich lege hier mein Prieſtergewand nieder für im⸗ merdar, will wieder ein wackerer, nützlicher Staatsbürger werden und mit Euch iehen in die freie Gotteswelt hinaus.“ Mit immer ſteigendem Erſtaunen, welches ———— 19 er noch nicht in Worten auszudrücken ver⸗ mochte, folgte Tyſte nun ſeinem Freunde Jo⸗ hann faſt bewußtlos, der ihn nach ſich zog über eine enge gewundene Treppe. Bald ſtanden ſte vor einer kleinen Pforte, welche der, vom Prieſter ihnen übergebene Schluͤſſel öffnete, und nach wenigen Augenblicken befanden ſie ſich im Innern der Kloſterkirche. Die Nonnen hatten bereits den Chor verlaſſen, Todtenſtille herrſchte rings und die drei Flammen einer ſilbernen Ampel, welche vor dem Hauptaltare, von der Wölbung der Decke herabhing, erfuͤll⸗ ten das Heiligthum mit magiſchem Lichte. Mit leiſen Schritten gingen die beiden Freunde durch den Mittelgang, und die rieſigen Bil⸗ der der Heiligen, welche an den Seitenaltä⸗ ren aufgeſtellt waren, ſchienen ernſt und dro⸗ hend auf ſie herabzublicken. Obgleich die Her⸗ zen der Juͤnglinge Menſchenfurcht nicht kann⸗ ten, ſo hatte ſich doch hier in den öden Hal⸗ len ihrer ein unheimliches Gefühl bemächtigt, und eine ernſte Mahnung gegen das kühne Wagniß, welches ſie hierhergeführt, ſchien ſich unwillkührlich in ihre Seele zu drängen. Doch 3. 2* —— —— —— — Tyſte's feſter Sinn blieb ungebengt, auch in Johanns treuer Freundesbruſt durfte kein zaghafter Gedanke laut werden, und ſchwei⸗ gend, jede innre Mahnung niederkämpfend, erreichten ſie den Hauptaltar, auf deſſen Stu⸗ fen ſie eine weibliche Geſtalt erblickten, in die Novizentracht des Kloſters gehüllt. Sie ſchien zu beten; doch kaum hatte ſie die Annäherung der nächtlichen Wanderer bemerkt, als ſie ſich ſchnell erhob, beſtürzt zurücktretend aber, die ſtarren Blicke bald auf Tyſte, bald auf ſei⸗ nem Freunde ruhen ließ. „Cecilie!“ rief der Erſtere laut, im Nau⸗ ſche des Entzückens die nöthige Vorſicht, wel⸗ che ſein Vorhaben erforderte, vergeſſend, um⸗ ſchlang leidenſchaftlich die ſchlanke zarte Ge⸗ ſtalt, ſchien die erſten ſeligen Augenblicke des Wiederſehens feſthalten zu wollen mit ganzer Seele, und bemerkte nicht das leiſe Kniſteru im nahen Beichtſtuhle und das Geräuſch flüch⸗ tiger Schritte, das ſich fernhin verlor, in der Tiefe der Kirche. Auch Johann ſtand in tie⸗ fes Sinnen verloren, und wendete ſein Aoge nicht von dem bleichen Antlitze der ſchönen Jungfrau, welche ſich angſtvoll an Tyſte ſchmiegend, ihr Haupt auf ſeiner Schulter ru⸗ hen ließ, und enblich leiſe ſprach:„was darf ich hoffen? was muß ich fürchten? Euch Beide hier zu ſehen hab' ich nicht erwarket.“ Fürchte nichts, Ceeilie! erwiederte Jo⸗ hann tiefbewegt, indem er die Stufen, wel⸗ che zum Altare führten, hinaufſtieg. Der näch⸗ ſte Augenblick birgt für Dich die Keime der ſchönſten Hoffnung. Hier lege ich meine Rechte auf des Erlöſers Bild und ſchwöre feierlich: Entſagung meiner heißen Liebe zu Dir. Kein Blick, kein Wort, nicht mein Thun und Laſ⸗ ſen ſoll Dich mehr an die Flamme mahnen, die ich für Dich nährte, die ich erſticken mußte, um Dein Glück zu fördern. Doch ſeitdem la⸗ gerte ſich ſternenloſe Nacht in meine Bruſt, und nicht verſagen wirſt Du mir die Bitte: der Freundſchaft einen Raum in Deinem Her⸗ zen zu geſtatten, den Du der Liebe nicht ge⸗ währen konnteſt. Gedenkſt Du meiner nur zu⸗ weilen freundlich in der Ferne, ſo wird mein Auge ſich gewöhnen das verfehlte Ziel, weh⸗ muͤthig zwar, doch nicht verkangend mehr zu 22 betrachten und mein trübes Leben will ich gänz⸗ lich Deiner Wohlfahrt weihen. Nur Dir al⸗ lein, mein wackrer Tyſte, gönne ich den ho⸗ hen Preis, den ich mir nicht erringen konnte; denn Du biſt ſolches Preiſes werth und wirſt ihn hochſchätzen. Durch Ceciliens Liebe ent⸗ ſchädigt Dich das Schickſal jetzt fuͤr manches Seelenleid, das der früh Verwaiſte dulden mußte, weil von der Wiege an ſein Herz nur einſam ſchlug in dieſer Welt. Gott ſchütze Euch auf Eurer Flucht! Lebt wohl und denkt, wenn Ihr Euer eignes Glück erſt feſt geſtellt, des Trauernden, dem in dieſer Nacht, all' die hei⸗ tern Hoffnungsſterne ſeines Lebens untergin⸗ gen für immerdar! „Edler, edler Mann! Ihr mein Retter? Vor ſolcher Größe muß ein ſchwaches Weib verſtummen: nur Thränen— Worte habe ich nicht für meinen Dank lü rief Cecilie, tief ergriffen, und wie anbetend ließ ſie ſich auf ihre Kniee nieder vor dem Jünglinge, und ihr thränenſchwerer Blick haftete voll Bewun⸗ derung und heißer Dankbarkeit an ſeinem Ant⸗ litze. Tyſte aber umſchlang ihn mit kräfti⸗ gem Arm, drückte ihn feſt an ſeine Bruſt und ſprach mit gebrochner Stimme:„treuer Freund! ich kann Dir nimmermehr vergelten, und den⸗ noch wird Dein Opfer, mich in den froheſten Stunden meines Glückes ſtets daran mahnen, wie unendlich ſchwer ich Dir verſchuldet bin!“ „Eilt, eilt! jeder Augenblick iſt koſtbar!“ entgegnete Johann, indem er die hervor⸗ quellenden Thränen in ſeinen Wimpern zer⸗ drückte, und drängte, ſanft abwehrend, die Dankenden von ſich.„Jetzt könnt Ihr unbe⸗ merkt entfliehen! Ty ſte, führe Deine Braut denſelben Weg zurück, den wir gekommen; meine Söldner draußen ſi ſind bereit, Euch zu geleiten bis die Sonne aufgeht. Ich bleibe hier indeß zurück, um zu erlauſchen ob im Kloſter Alles ruhig bleibt, und hab' ein lang! Gebet an Gott noch auf dem Herden, dann folg' ich Euch!“ Der Nothwendigkeit gehorchend trennten ſich die Liebenden von dem Freunde und ver⸗ ſchwanden bald hinter jener kleinen Thür, wel⸗ che den Eingang zum Begräbnißgewölbe öff⸗ nete. Johann aber warf ſich vor dem Bilde ——— 24 des Gekreuzigten auf ſeine Kniee nieder, und ſchien bald in brünſtiges Gebet zu verſinken. So verharrte er in ununterbrochener Stille mehrere Augenblicke; doch plötzlich drang vom Kirchthurme herab, der helle, klagende Ton einer Glocke zu ſeinen Ohren, welche, wie er wußte, nur bei außerordentlichen Gelegenhei⸗ ten, und in Augenblicken dringender Gefahr geläutet wurde. Zugleich erhob ſich im Klo⸗ ſterhofe ein verworrenes Geräuſch von rufen⸗ den Stimmen und Waffengeklirr. Entſchloſ⸗ ſen ſprang Johann empor und war eben im Begriffe bis zur Brüſtung eines der hohen Kir⸗ chenfenſter emporzuklettern, um die Urſache des plötzlichen Tumultes zu erforſchen, als ihm durch den Eintritt der Aebtiſſin in die Kirche, welcher mehrere Nonnen mit Windlichtern und einige gewaffnete, biſchöfliche Knechte in wil⸗ der Eile folgten, die Ueberzeugung wurde, daß Ceciliens Entweichen verrathen und man entſchloſſen ſey, ſich der Flüchtigen mit Ge⸗ walt wieder zu verſichern, Schnell verwarf er den zuerſt in ihm aufſteigenden Gedanken: ſich mit ſcharfer Waffe den Verfolgern entge⸗ 3 * 25 genzuwerfen, um dadurch ſeinem Freunde Friſt zu verſchaffen ſich mit der Geliebten aus dem Bereiche des Kloſters entfernen zu können, denn er glaubte ſie ſchon außerhalb der hei⸗ ligen Mauern, unter dem Schutze ſeiner Rei⸗ ker geborgen, und unbemerkt ſchluͤpfte er ſeit⸗ wärts hinter den Betſtühlen, bis zu der klei⸗ nen Pforte welche ihm mit Tyſte den Eingang in die Kirche geſtattet hatte, und eilte die Wendeltreppe hinab. Beim matten Scheine der Ampel überzeugte er ſich, daß die Flüch⸗ tigen bereits das Begräbnißgewölbe verlaſſen, und eilte nun, ſo viel ihm dies die Dunkel⸗ heit und der unſichre Boden verſtatteten, durch die Windungen des Erdganges aufwärts; doch je mehr er ſich dem Ausgange, welcher ins Freie fuͤhrte, näherte, vernahm er auch dors immer deutlicher wildes Geſchrei und Waf⸗ fengeklir; dazwiſchen heulte noch immer vom hohen Thurme die Sturmglocke des Kloſters. Seine Schritte verdoppelnd, das entblößte Schwert in der kräftigen Fauſt, ſtürzte er, entſchloſſen, bis zum letzten Hauche ſeinen 26 Freunden beizuſtehen in der höchſten Gefahr, aus der Felſenhölung hervor und warf ſich einem Haufen biſchöflicher Kuechte entgegen, welche Tyſte, der die ohnmächtige Cecilie in ſeinem Arme hielt, gar hart bedrängten. Von der andern Seite kam ihm der Benedictiner⸗ mönch zu Hülfe, unter deſſen gürtelloſem Prie⸗ ſtergewande ein ſtarker Stahlpanzer hervor⸗ ſchimmerte, und bewährte durch die geſchickte und kräftige Handhabung ſeines breiten Schwer⸗ tes, daß er wohl ehemals ſchon in blutigen Fehden wacker gefochten, ehe er ſich dem fried⸗ lichen Kloſterleben gewidmet. Auch Johanns Reiter, durch den Anblick ihres Führers neu ermuthigt, durch das ſeltſame Beiſpiel des Mönchs, welcher gegen die Söldner eines Oberhaupts der Kirche Wunder der Tapfer⸗ keit zeigte, gleichſam von der Rechtmäßigkeit eines ſo mißlichen Streites uͤberzeugt, ſtürm⸗ ten jetzt wilder und wüthender in die ihnen überlegenen Reihen der Gegner, und nach kur⸗ zem Kampfe gelang es ihnen, ſie theils zu überwinden, theils in die Flucht zu ſchlagen. Ein leichter Schlitten mit Reunthieren beſpannt, nahm nach beendigtem Kampfe Tyſte und die kaum wieder zum Leben erwachte Cecilie auf. Der Mönch und Johann aber beſtiegen Roſſe, und wie im Fluge eilte das leichte Fuhrwerk nordwärts davon, und mit wildem Triumph⸗ geſchrei folgte der Reiterſchwarm. 2. Sobald die Strahlen der Morgenſonne die Bewohner Stockholms erweckt hatten, verbrei⸗ tete ſich zwar das Gerücht von der gewalt⸗ ſamen, nächtlichen Entfuͤhrung einer, der Kirche geweihten Jungfrau, aus dem Sct. Claren⸗ kloſter; doch wurde es von den meiſten die es hörten gleichgültig aufgenommen und ohne weder laute Billigung noch Tadel zu erregen. Denn zu jener Zeit,(im Jahre 1527) wo be⸗ reits die leuchtenden Strahlen der lutheriſchen Reformationslehre auch in Schweden, die ſeit Jahrhunderten von der Cleriſei genährte Fin⸗ ſterniß des Katholicismus durchbrochen hat⸗ ten, war man ſchon gewöhnt an öffentliche Streitigkeiten mit der päbſtlichen Kirche und an gewaltſame Beeinträchtigungen ihrer ver⸗ 29 alteten Rer chte. Deshalb begnügten ſich Die⸗ jenigen, die der neuen Lehre zugethan waren, bei Anhörung jenes Ereigniſſes— welches noch vor zehn Jahren die furchtbarſte Ahn⸗ dung der geiſtlichen und weltlichen Gerichte nach ſich gezogen haben würde— mit der Be⸗ trachtung: wie ſehr durch die immer mehr ſin⸗ kende Macht der katholiſchen Geiſtlichkeit ihre eigne Freiheit ſich ausgedehnt, und fühlten ſich um ſo behaglicher bei ihrem neuen Glau⸗ bensbekenntniſſe, das in ſeiner Reinheit und Kraft ſie zwar zur Verehrung Gottes und Aus⸗ übung ſeiner Gebote verpflichtete, ſie aber be⸗ freit hatte von der drückenden Laſt, Sklaven und Ernährer einer Legion fauler Prieſter zu ſeyn. Jenen, welche beim alten Glauben be⸗ harrten, gab dies Gerücht freilich Veranlaſſung zu ganz andern Betrachtungen; doch muthlos durch die ſchnell aufeinander folgenden Schlä⸗ ge, welche ihre ehemalige, faſt unbeſchränkte Macht jetzt zertrümmerten, begnügten ſie ſi ſich, die ſonſt bei ähnlichen Vorfällen ſchnell und eifrig das Zetergeſchrei des Bannes und der Aeht anſtimmten, ſeufzend und konſchüttelnd 30 ihre Straße zu ziehen, ohne laute Klagen oder Schmähungen zu wagen. Nur im Hauſe des Reichsmarſchalls Thure Jönßon, eines der angeſehenſten Männer des Reichs, ſchien dieſer Vorfall eine lebhafte Auf⸗ regung veranlaßt zu haben. Mit allen Zei⸗ chen eines ſich immer ſteigernden Unmuthes dem ein Ausbruch des höchſten Zornes zu fol⸗ gen drohte, ſchritt der Reichsmarſchall ſelbſt in ſeinem Zimmer heftig auf und ab, und ſeine zahlreichen Diener flogen ſcheu und be⸗ ſtürzt bald ab, bald zu, um ſeinen Befehlen, die ſie nach allen Gegenden der Stadt hintrie⸗ ben, eiligſt Folge zu leiſten. Ohne irgend ei⸗ nem andern Geſchäfte obzuliegen, ohne ſich der wohlbeſetzten Tafel zu nähern, fuhr er fort bis zum Nachmittage ungeduldig die Verſen⸗ dung ſeiner Diener mit heimlichen Nachfor⸗ ſchungen zu betreiben, doch Alle kehrten nach und nach ohne günſtigen Erfolg zurück, und erhöhten dadurch den Mißmuth ihres Gebie⸗ ters nur noch mehr.* „Eile nach dem Benedictinerkloſter“ herrſch⸗ te er dem zuletzt Zurückkehrenden zu.„Ich 31 laſſe den hochwürdigen Prior bitten, mir auf kurze Zeit in wichtiger Sache ſein Ohr zu. leihen.“ Der Diener eilte ins nahe Kloſter, und der Reichsmarſchall blieb allein zurück, er⸗ ſchöpft in einen Seſſel ſinkend, wie in tiefes Sinnen verloren vor ſich hinſtarrend, und ſchien es nicht zu bemerken, als der verlangte Prior nach einiger Zeit leiſe zu ihm eintrat. Dem lauten Gruſſe des Prieſters gelang es erſt, ihn emporzuſchrecken aus ſeinem finſtern Hinbrü⸗ ten, und vom Seſſel aufſpringend ging er ihm haſtig entgegen, mit leichter Verbeugung und vertraulicher Geberde. Der Prior, ein Greis ſchon, doch mit glü⸗ henden Augen, welche oft tückiſch unter den buſchigten Brauen hervorblitzten, und mit ei⸗ nem Antlitze voll der lebhafteſten Züge wilder Leidenſchaften, verneigte ſich nochmals vor dem hohen Gönner, deſſen Schutz ſchon oftmals ſein Kloſter geſchirmt hatte im Sturme des Glau⸗ bensſtreites und nahm dann mit lauernden Blicken und in Erwartung wichtiger Mitthei⸗ lungen, den ihm gebotenen Seſſel ein. — 32 „Habt Ihr gehört hochwuͤrdiger Herr, was in vergangener Nacht im Sanct Clarenkloſter ſich begeben?“ begann der Reichsmarſchall endlich, ſichtbar bemüht den aufflammenden Zorn zu bekämpfen. Wohl hab ich vernommen, verſetzte der Prieſter, und der Eifer mit dem er ſprach, rö⸗ thete ſeine bleichen Wangen, wie bei nächtli⸗ cher Weile, wo der Böſe umherſchleicht und die Thaten der Finſterniß begünſtigt, ein Wolf in die Hörde gebrochen, welche ſeit undenkli⸗ chen Jahren gottgeweihten Lämmern zum Schu⸗ tze gedient, wie er eins derſelben mit ſich weg⸗ geführt, daß er es verderbe im Suͤndenpfuhle und das thörichte Opfer der Hölle überant⸗ worte. Ja, wie ſogar einer meiner geweih⸗ ten Brüder, durch verborgene Wege die Räu⸗ ber eingelaſſen ins Heiligthum, wie er nit weltlichen Waffen gekämpft gegen die Knechte ſeines Oberhirten und ſeinen Kircheneid hun⸗ dertfach verletzend, mit den Buben ſchändlich entflohen. O, es iſt ein Frevel der bis zum Himmel hinaufſchreit! Feuer muß fallen aus 33 den Wolken und den frechen Räuber vertilgen mit all' ſeinen Helfershelfern, zum warnenden Beiſpiele— Laßt das! unterbrach ihn der Marſchall fin⸗ ſter. Die Entführte, die einzige Tochter des Admirals Swenſon Some, war beſtimmt die Gattin meines Sohnes Johann zu wer⸗ den. Er ſelbſt geſtand mir ſeine heftige Liebe, die er für ſie hegte, doch unbegreiflich war der Widerſtand des Mädchens. Endlich ward die Urſache klar: ſie liebte einen Andern, einen Freund meines Sohnes, den dieſer ſelbſt in unerklärlicher Verblendung, in ihrer Eltern Hauſe eingeführt hatte. Sie geſteht dem Va⸗ ter Alles; dieſer wüthet, ſchwört ſeine Ein⸗ willigung zu einem Bündniſſe mit einem ar⸗ men, namenloſen Jünglinge nie geben zu wol⸗ len, und beſiehlt ihr ſtreng meinem Johann die Hand zu reichen. Als ſie ſich deſſen noch immer ſtandhaft weigert, läßt er ſie ins Sct. Clarenkloſter bringen, da er ſie in ſeinem eignen Hauſe nicht ſicher genug verwahrt glaubt, mit dem Entſchluſſe, ſie dort ſo lange unter geiſt⸗ licher Obhut zu laſſen, bis ſie geneigt ſey ſei⸗ 1r Thl. 3 34 nen Willen zu erfüllen. Darauf geht mein Sohn am geſtrigen Morgen zum Admirale, und im Wahne eine edelmüthige Handlung zu begehen— Knabenthorheit, Verruͤcktheit muß ichs nennen— erklärte er feierlich: daß er Ceciliens Hand nimmer annehmen werde, auch wenn ſie freiwillig ihm dieſelbe reichen wolle; ja, er erniedrigte ſich ſogar— er, der Ver⸗ ſchmähete, der ſo wenig vom Stolze ſeines Hauſes erbte— zu bitten für das Liebespär⸗ chen, und flehete mit kindiſcher Weichheit, ſei⸗ nen Freund als Eidam aufzunehmen. Nun bricht der Zorn des Admirals in vollen Flam⸗ men aus, er gelobt es hoch und theuer: von dieſer Stunde an ſein Kind der Kirche zu wei⸗ hen; ſendet unverzuͤglich ſeine Willensmeinung zur Aebtiſſin, mit der dringenden Bitte: jetzt ohne Zaudern ſeine Tochter als Nonne einzu⸗ kleiden. Heute ſollte ſchon die heilige Hand⸗ lung vor ſich gehen; doch das liebekranke Mäd⸗ chen, wahrſcheinlich durch geheime Botſchaft vom nächtlichen Vorhaben unterrichtet, ergiebt ſich ſcheinbar willig in ihr Schickſal. Sie wirkt ¹ ſich die Erlaubniß aus, die Nacht über in der 35 Kirche am Altare zuzubringen, um, wie ſie vorgiebt, durch Gebet und Bußübungen ſich zu ſtärken zum heiligen Werke, und trotz ei⸗ ner verſteckten Wächterin, welche die Aebtiſ⸗ ſin ihr heimlich zugeſellt, gelingt die Flucht, gelingt es ihr, ſich dem himmliſchen Bräuti⸗ gam zu entziehen, und in die Arme des Bu⸗ ben ſich zu werfen. Fühlt Ihr nun, wie ge⸗ recht mein Zorn iſt, wenn ich Euch ſage: daß mein Sohn Johann ſelbſt jenes ſchändliche Werk geleitet, ſeinem Freunde zu Gunſten, je⸗ nem Tyſte—0 Iſt das derſelbe Tyſte, der erſt ſeit Jahr und Tag geheimnißvoll am Hofe aufgenom⸗ men worden? unterbrach ihn der Prior mit fragenden Blicken. „Ihr kennt ihn ja,“ fuhr der Reichsmar⸗ ſchall unmuthig fort,„Ihr wißt wer ſeine Mutter war!“ Das weiß ich Alles! nahm der Prior wie⸗ der das Wort, und ein feines Lächeln zuckte um ſeinen Mund, als er im Tone eines gleich⸗ gültigen Erzählers fortfuhr: Vor einigen und zwanzig Jahren hatte ſich der edle Reichsrath 3*† 36 Arend Siggeßon vermählt mit der Jung⸗ frau Margarethe, aus dem geehrten Hauſe der Gregorßon, welche Euch, bevor Ihr Euch verehelichtet, mit heißer Liebe zugethan war. Sie lebte mit ihrem Gatten ein ſtilles Leben, übte ihre Pflichten mit treuer Sorge, bis er nach Jahresfriſt von ihr ſcheiden mußte, mit wichtigen Aufträgen des Staates nach Polen und Rußland geſendet. Beinahe zwei Jahre lang blieb er getrennt von ihr in fer⸗ nen Landen und als er heimkehrte, fand er ſie in Einſamkeit auf ihrem Landſitze in Weſtgoth⸗ land, und da er ſie unvermuthet überraſchte, konnte es ihm nicht verborgen bleiben, daß ſie erſt vor wenigen Tagen ein Söhnlein ge⸗ boren. Sie entſetzte ſich bei ſeinem plötzlichen Erſcheinen ſo ſehr, daß ſie in Gewiſſensangſt ihm den Vater ihres Sprößlings nannte, der die Abweſenheit ihres Eheherrn benutzt, die alte Liebe aufs Neue wieder anzufachen. Doch drang ſie ihm einen heiligen Eidſchwur ab, den Verführer nicht öffentlich zur Rechenſchaft zu ziehen. Der Betrogene, dem die Welt nun⸗ mehr ein ödes Eiland ſchien, ſuchte die Ehre à ſeines Hauſes zu retten, doch wie er nach Stockholm rückkehrend, vernahm, daß ſeine Schande ſchon landkundig geworden, nahm er das Unglückskind von ſeiner Gattin, ließ es unter dem Namen Tyſte fern von ſich erzie⸗ hen, opferte einen großen Theil ſeines Hab' und Gutes der Kirche und begab ſich zu uns ins Kloſter des heiligen Benedictus. Auch ſeine Gattin nahm den Schleier und ſtarb erſt vor gar nicht langer Zeit als Aebtiſſin des St. Clarenkloſters. Nach ihrem Hinſcheiden wurde ihr vormaliger Gatte, den man in un⸗ ſerm Convente Pater Laurentius nannte, der hohen Gnade gewuͤrdigt, das Amt eines Beichtvaters bei den frommen Nonnen des St. Clarenkloſters zu verſehen. Doch ſchändlich mißbrauchte er ſein heiliges Amt, durch nichts⸗ würdigen Verrath in vergangener Nacht und entfloh mit der Gottgeweihten. Fluch und Bann treffe ihn!“ Der Reichsmarſchall, deſſen Antlitz bisher der Zorn geröthet, war während der Rede des Priors bleich und immer bleicher gewor⸗ den, war zum Fenſter getreten und hatte, ab⸗ gewendet von ihm, ſtarr hinauf geblickt zum trüben Himmel. Doch jetzt, als Jener geen⸗ det. ließ er ihn hart an mit den Worten: „was ſoll das Herr Prior? was haltet Ahr mir jetzt die eigne Beichte vor?“ Hochpreißlicher Herr! erwiederte der Pfaffe demüthig und heuchleriſch; Ihr werdet Euch entſinnen, daß ich Euch in Erwägung Eurer treuen Anhänglichkeit an unſre Kirche, in Er⸗ wägung der vielfachen und großen Dienſte welche Ihr den Dienern Gottes geleiſtet, auf Eure erſte Beichte jener menſchlichen Schwach⸗ heit, Eurer aufrichtigen Reue verſichert, ohne weiteres eine genügende Abſolution ertheilte. Erſt ſpäterhin, nach dem Tode der Frau Aeb⸗ tiſſin, legte ich Euch die milde Buße auf, zum Seelenheile der Dahingeſchiedenen fünfhudert Seelenmeſſen halten zu laſſen in unſerm Hei⸗ ligthume, und Ihr verſpracht die dazu nöthi⸗ ge Summe unſerm armen Kloſter baldigſt zu übermachen. Ich betete wacker mit den from⸗ men Bruͤdern, die größere Hälfte jener Meſ⸗ ſen iſt bereits gehalten und hart kommt mir 39 es an, Euch zu mahnen, würdiger Beichtſohn, an Eure Zuſage— „Ich verſtehe,“ erwiederte Thure Jönßon finſter.„Ihr wißt es wie ich uͤberhäuft bin mit Geſchäften, ſchwere Sorgen laſten auf mir— Ihr ſollt noch heut das Gold erhal⸗ ten. Doch jetzt bedarf ich Eures Raths in an⸗ 4 derer Sache: fordert Ihr mehr noch für das Heil der Todten, ſo bin ich gern bereit dazu, doch laßt uns erſt das Heil der Lebenden er⸗ wägen.“— Der Prior hatte ſich vom Seſſel erhoben und mit zufrieden lächelnder Miene und einer ſegnenden Bewegung ſeiner Hände, ſprach er, indem er die Augen verdrehete:„Heil unſrer wankenden Kirche! Heil unſerm gedrückten Vaterlande, die beide ſolcher kräftigen Stütze ſich erfreuen als Ihr es ſeyd, Herr Reichs⸗ marſchall.“ Thure Jönßon ſchritt haſtig bis zur Thür, und nachdem er dieſe ſorgfältig ver⸗ ſchloſſen hatte, begann er mit gedämpfter Stim⸗ me:„Ihr kennt den wahren Feind unſrer Kirche, den Feind unſers Vaterlandes, der, kaum hat er vier Jahre lang Schwedens Scep⸗ ter geführt, ſi ſich eine Macht anmaßte, die dem Heile unſres ganzen Volks verderblich werden muß. Die alten Landesgeſetze tritt er in Trüm⸗ mer unter ſeinen Füßen, mit den Rechten des Adels treibt er ein muthwilliges Spiel, die rechtgläubigen Prieſter verfolgt er, reißt geiſt⸗ liche und weltliche Gewalt an ſich, wie in un⸗ ſerm Staate noch nie erhört wurde, beraubt die Kirchen und Klöſter ihres Eigenthums und zieht ihre Einkünfte an ſich, er jagd die frommen Diener Gottes aus dem Lande um der neuen Irrlehre Eingang zu verſchaffen beim Volke. Dulden wir ſein freches Treiben länger, ſo ſtürzt er Geiſtlichkeit und Adel in den Staub, unſer Nacken wird ſein Fußſchemel werden und zu ſpät werden wir rath⸗ und hülflos ſeufzen unter dem Sklavenjoche eines tyranniſchen Emporkömmlings. Drum laßt uns eifrig be⸗ rathen, wie wir unſre Arme frei erhalten von den Ketten dieſes Königs Guſtav, damit wir, wenn der kühne Plan gelingt, die be⸗ waffnete Fauſt wacker regen können. Große Hoffnungen ſetzte ich auf die Vermählung mei⸗ 41 nes Sohnes mit der Tochter des Admiralsz ich dachte Swenßon Some durch die hei⸗ ligen Bande unſerer Kinder feſt an mich zu ketten— da iſt der lichte Stern mir nun er⸗ loſchen in der letzten Nacht und fluchen möch⸗ te ich dem eignen Sohne der ſeinen Untergang herbeigeführt. Wüßt' ich doch, ſo weit ich auch mein Auge in Nähe und Ferne richte, ſo viel ich auch mein Hirn zermartre, im gan⸗ zen Lande keine Verbindung für meinen Sohn, die unſerm Plane hätte größern Nutzen ſchaf⸗ fen können, als die, mit der Admiralstochter. 4 Erlaubt mir, verſetzte der Prior und fal⸗ tete ſein Geſicht in die Zuͤge eines weiſen Rath⸗ gebers; der Eifer für die gute Sache macht Euch erblinden. Ihr braucht die wüͤrdigſte Ehegattin für Euren Sohn gar nicht ſo weit zu ſuchen; gedachtet Ihr nie der muthvollen Chriſtina, der Wittwe des hachſelge Reichsverweſers Sture?. Lange maß Thure Jönßon den geiſtli⸗ chen Rath mit flammenden Blicken; doch plötz⸗ lich ergriff er deſſen Hand, drückte ſie mãch⸗ tig und ſprach in freudiger Beegung: bei 42 allen Heiligen! dieſer Gedanke kam Euch vom Himmel!— Sture's Wittwe, das männlich kuͤhne Weib, das ſich nach ihres Gatten Tode ſelbſt an des Heeres Spitze ſtellte und Stock⸗ holm vertheidigte gegen die Dänen.* Chri⸗ ſtine, aus königlichem Geblüte entſproſſen, Enkelin König Carls VIII., deren Eiferſucht auf Guſtavs Macht gerechte Hoffnung giebt, auf ihren Beitritt zu unſerm Werke. Wenn ſie meines Sohnes Gattin würde, wir könn⸗ ten nimmer eine trefflichere Führerin finden für ihn. Herr Prior, Euer Rath war gut; doch rechne ich auch auf thätige Hülfe von Euch in dieſer Sache. Bringt dieſe Heirath zu Stande und mein Dank an Euer Kloſter ſoll nicht leichter ſeyn als hundert kois des feinſten Silbers. 44 Mit ſelbſtgefälliger Miene verbeugte ſich der Pfaffe und erwiederte: nehmt die Verſi⸗ cherung, hochwertheſter Herr, daß ich nichts verſäumen werde Eurem Wunſche zu genuͤgen. Chriſtine iſt eine gar fromme Beichttochter * Im Jahre 1520. 43 und mein geiſtlicher Zuſpruch galt ihr immer viel in Freud' und Leid. Die Jahre der Blü⸗ the ſind ihr zwar allbereits vorübergegangen, doch iſt der hohen Frau auch eben kein ſicht⸗ bares Welken vorzuwerfen, und warum ſollte ſie ſich in ihrer ſchönen ſommerlichen Lebens⸗ zeit einem ehrenvollen Bündniſſe widerſetzen, mit einem jungen gar hochgeachteten Manne der der Liebe jedes edeln Weibes werch iſt. Deshalb will ich nach heimlicher Sondirung, in Euren Namen kühn die Werbung wagen; Ihr mögt indeß dem Sohne die Hände bin⸗ den, daß er uns das Netz, wenn wir's recht fein gewebt, am Ende wieder tölpiſch nicht zerreiße. „Seyd unbeſorgt für meinen Sohn! er ſoll mich nimmer Vater nennen, wenn ers wagen ſollte, auch dieſes Ehebündniß von ſich zu wei⸗ ſen;“ verſetzte der Reichsmarſchall in ſtrengem Tone.„Doch nun berichtet mir: wie weit ge⸗ diehen Eure Unterhändler, die Ihr ausgeſandt in die Provinzen, des Aufruhrs Zunder anzu⸗ fachen?“ Mit blitzenden Augen berichtete der Prior: 44 das Blut der Dalecarlier iſt zum Sieden ge⸗ bracht durch die Feuerworte unſrer Glaubens⸗ brüder, auch in Smaland und Weſtgothland ſchreit man laut über Tyrannei und Ketzerge⸗ walt; doch die wichtigſte Nachricht kam mir heute aus einem Schreiben aus Korwegen zu, von meinem hohen Gönner dem Herrn Erz⸗ biſchoffe Olof zu Drontheim, worin er mir huldreich mittheilt, daß die beiden würdigen Ruüſtzeuge für Gottes Sache, die Biſchöffe Knut und Sumanwäder, welche bei ihm liebreiche Aufnahme gefunden, baldigſt mit einem ſichern Geleitsbriefe des Königs verſe⸗ hen, zurückkehren würden nach Stockholm, um hier ſich zu reinigen gegen ſchwere Anklage und ihre gerechte Sache öffentlich zu vertheidigen. „Knut und Sumanwäder?“ wiederholte Thure Jönßon, wie nachdenkend die Hand an die Stirn gelegt und warf einen fragenden Blick auf den Pfaffen, welcher erläuternd fort⸗ fuhr:„vor ungefähr vier Jahren— Ihr befan⸗ det Euch zu jener Zeit als Statthalter in Goth⸗ land und kümmertet Euch nicht um das Trei⸗ ben in und um Stockholm— da ſchloſſen ſich ihnen jene Schreiben vorlegte. Der Biſchoff Su⸗ 45 mehrere Biſchöffe und Prieſter, den Gewalt⸗ ſchritten Guſtavs Einhalt zu thun, an die hochherzige Chriſtine, Sture's Wittwe an, welche heimlich beabſichtigte, ihren älteſten Sohn Nils auf den Thron zu erheben, wel⸗ cher ſeiner Geburt und Rechten nach, eben ſo gültige Anſprüche darauf machen konnte, als dieſer Guſtav Erichſon. An die Spitze die⸗ ſes Bündniſſes ſtellte ſich der wackre Suman⸗ wäder, welcher kurz zuvor Biſchoff von We⸗ ſteräs geworden. Er verſuchte es, durch eigen⸗ händige Umlauſſchreiben, worin er die An⸗ griffe Guſtavs auf Klöſter und Kirchen ſchil⸗ derte, ſeine Klagen über Bedruͤckungen und Steuern laut ausſprach, an die wohlthätige, väterliche Regierung unter den Sturen erin⸗ nerte und zur Dankbarkeit gegen deſſen Sohn aufrief, die guten Dalecarlier zu entflammen. Doch der Landeshauptmann Olofſon in den Thälern fing dieſe Briefe auf und überſandte ſte dem Könige, welcher ſich ſogleich in Be⸗ gleitung mehrerer Reichsräthe ſelbſt nach We⸗ ſteräs begab, die Domherrn verſammelte und manwäder leugnete ſeine Handſchrift nicht, wurde aber von ſeinem Freunde, dem Erzbi⸗ ſchoff Knut, welcher ebenfalls gegenwärtig war, lebhaft vertheidigt, wodurch ſich dieſer den Verdacht eines Mitſchuldigen, welcher ſich durch andere Umſtände noch zu beſtätigen ſchien, zuzog, Guſtav entſetzte ſogleich Beide ihrer Aemter und ſie fluͤchteten nach Norwegen zum Erzbiſchoffe von Drontheim, wo ſie ſich bis jetzt aufgehalten.* „ Alſo Männer für unſere Sache! ſie ſol⸗ len willkommen ſeyn!“ entgegnete der Reichs⸗ marſchall und entließ den Prieſter, der ſich de⸗ muͤthig zu fernerer Gunſt empfahl. Thure Jönßon blieb ſinnend zurück in ſeinem einſamen Gemache. Der Aufruhr in ſeinem Innern ſchien ſich gelegt zu haben, denn der Vorſchlag des Priors: ſeinen Sohn mit Sture's Wittwe zu vermählen, hatte ſeinem Gedankenfluge bald eine andere Richtung ge⸗ geben. Eifrig bemüht, alle die großen Vor⸗ theile, welche für ſeine geheimen Pläne durch . Geſchichtlich. ee 4 1 3 47 dieſe Verbindung ihm entſtehen könnten, zu berechnen, ließ er ſeinen Zorn über das Er⸗ eigniß der vergangenen Nacht faſt gänzlich untergehn, und nur fluͤchtig gedachte er daran, wie verwegen Johann ſeinen Wünſchen zu⸗ wider gehandelt. 1 Als dieſer nun aber in der erſten Däm⸗ merſtunde, mit ſichrer Haltung, offner Stirn und freien Blicken zu ihm ins Zimmer trat, da fühlte er ſich verletzt durch die Unbefan⸗ genheit des Jüunglings; denn er hatte erwar⸗ tet in deſſen Antlitze die Züge des reuigen Verbrechers, des ſchuldbbewußten Sohnes zu entdecken, aus deſſen Munde die flehenden Worte um Vergebung zu hören. „Ihr habt nach Eurem Sohne verlangt, mein Vater!“ begann Johann endlich und der ſichere Ton ſeiner Stimme kündete eher ein ſtolzes Selbſtgefühl als Verlegenheit und Scheu an. Drohende Wolken zogen ſich wieder auf der Stirn des Reichsmarſchalls zuſammen, und der kaum gefeſſelte Zorn arbeitete aufs Neue in ſeiner Bruſt, als er ihm hart erwiederte: 4 wohl hab' ich nach dem Sohne verlangt, denn mein Vaterherz will ſich nicht überreden laſ⸗ ſen, daß es ſeine innigſten Gefühle an einen entarteten Buben vergeudete, der ſich nicht entblödete mit verruchter Hand ins Heiligthum des Herrn zu brechen, eine gottgeweihte Jung⸗ frau räuberiſch zu entführen, um ſie in die Arme ihres unwürdigen Buhlen zu werfen. Widerſprich dem Gerüchte, das Dich zum Non⸗ nenräuber, zum Kirchenſchänder ſtempelt, oder fürchte meinen Zorn, der leicht den letzten Funken Liebe für Dich in meiner Bruſt erſti⸗ cken könnte! Lange ließ Johann wehmüthig ſeine Bli⸗ cke auf den wildbewegten Zügen ſeines Vaters weilen, dann verſetzte er furchtlos und ruhig: „Gott iſt der höchſte Richter meiner Handlun⸗ gen, und der Allwiſſende wird mich nicht ver⸗ dammen um einer That willen, die ich für die ſchönſte meines Lebens achte; der Men⸗ ſchen einſeitiges Urtheil ſoll mir den ſüßen Lohn nicht verbittern, den mir das klare Selbſt⸗ bewußtſeyn: recht gethan zu haben, in meine Bruſt gelegt hat. Ja, es iſt wahr, ich habe 49 Cecilien, die mir beſtimmte Braut aus dem Kloſter entführt, worin ſie ihr hartherziger Vater eingekerkert, um die herrliche Blüthe einem fruͤhzeitigen Grabe zu opfern. Ich habe ſie in die Arme eines edlen Juͤnglings gelegt, deſſen Trennung von ihr den Keim ihres Le⸗ bens vergiftete; eines Jünglings, dem in der Stunde der Geburt ſchon des Schickſals rauhe Hand die zarten Bande der Natur zerriß, der ohne die Geliebte wohl nie entſchädigt wor⸗ den wäre für den herben Schmerz, das Licht der Welt, das ſelbſt des Waldes wilde Thiere geſellſchaftlich vereint,— verwaiſt, einſam, verlaſſen und verachtet zu erblicken. Wie könnt Ihr zürnen, Vater, einer That, womit ich in vergangener Nacht dem armen Tyſte Eure längſt⸗ vergeßne Schuld bezahlte?“ Erbleichend wendete der Reichsmarſchall ſich ab, und kaum hörbar drangen die Worte uͤber ſeine bebenden Lippen:„meine Schuld? Du weißt— wie konnteſt Du in ein Geheim⸗ niß dringen, das ſelbſt in meiner Bruſt ſchon längſt vermoderte?“ „ Gottes Schickung,“ erwiederte Johanu 2 1r Thl. 4 feierlich,„führte mich mit jenem Manne zu⸗ ſammen, der ſeit länger als zwanzig Jahren, in der Einſamkeit des Kloſters, die tiefe Her⸗ zenswunde zu heilen ſucht, die ihm einſt die Untreue ſeines geliebten Weibes ſchlug. Er hat der nun Entſchlafenen, er hat dem Stö⸗ rer ſeines ſtillen Glückes längſt verziehen.“ „Und doch vertraute Dir der fromme Pa⸗ ter Laurentius gefliſſentlich jene alte Sa⸗ ge, d deren jetzt man wohl nur ſelten noch ge⸗ denkt. im ganzen Reiche. Sucht er ſo ſeine Wunde zu heilen, giebt er ſo ſeine Taräean kund, daß er die verjährte Geſchichte D auftiſcht— gerade Dir?“ verſetzte Lhur Jönßon in ſichtbarer Verlegenheit, welche ſeinen Ingrimm nicht zum Ausbruche kommen ließ. „Denkt deshalb von dem edeln Manne nicht gering,“ entgegnete Johann,„weil er gerade mir jenes Geheimniß offenbarte, wel⸗ ches ſeine Bruſt gewiß ſo feſt verſchloſſen hielt, als Eure. Ihr erinnert Euch noch, wie vor einiger Zeit die Wiedertäufer, die von Deutſch⸗ 51 land zu uns gekommen, unter Anführung des berüchtigten Knipperdollingund des Kürſch⸗ ners Rink ihren Unfug trieben in Stockholm. Wie ihre wilde Rotte Kirchen und Klöſter ſtuͤrmte, die Heiligenbilder zertrümmerte und im wahnſinnigen Eifer die katholiſchen Prie⸗ ſter verfolgte. Eben hatte ein Haufe dieſer Unſinnigen die Domkirche erſtuͤrmt und ich er⸗ hielt Befehl, mit des Königs Leibtrabanten dem Unfuge zu ſteuern. Ein Steinregen em⸗ pfing uns, doch mit ſcharfer Waffe drangen wir vorwärts, und ich erblickte ſeitwärts in einer engen Gaſſe, eine Rotte jener Unmen⸗ ſchen, welche einen Benedictinermönch mißhan⸗ delten, der unter ihren Streichen ſchon zu Boden geſunken war. Die Rettung des Be⸗ drängten ſchien mir die heiligſte Pflicht. Es gelang mir, den Unglücklichen ſeinen Verfol⸗ gern zu entreißen, und mit vereinter Gewalt wurden die Frevler zerſtreut. Den Pater Lau⸗ rentius, denn er war der Gemißhandelte, ließ ich ins königliche Schloß bringen, wo er vor fernerm Unheil am ſicherſten war und am La⸗ ger des tödtlich Erkrankten wachte ich ſelbſt 5 4* 52 mehrere Nächte hindurch. Da geſchah es, daß er in wilder Fieberhitze oft Euern Namen nannte, auch Margarethe Gregorßon hörte ich wiederholt ihn rufen, und willenlos enthuͤllte er vor meinen Ohren das unſelige Geheimniß. Als er der Geneſung nahe war, hatten ihm die Wärter mitgetheilt, wie ich ſein Retter geworden; doch mein Name ſchien ihm bittere Erinnerungen zu bereiten und wenn ich dann zu ihm kam, ſeine Hand drückend, mit Theilnahme nach ſeinen Wünſchen for⸗ ſchend, da blickte er mit Wehmuth auf zu mir und unter heißen Thränen dankte er mir ſei⸗ ne Rettung. Von Rührung überwältigt, lehn⸗ te ich jedes Wort des Dankes ab von mir, und zu voreilig vielleicht, bekannte ich, wie ſehr ich mich erfreue, einem Manne meinen thaͤtigen Beiſtand leiſten zu können, dem mein Vater einſt ſo wehe gethan, und gab ihm deutlich zu erkennen, daß er mir im Fieber⸗ wahn ſein Inneres erſchloſſen. Ich ſah ihn erbeben, doch von jener Zeit an waren wir verbunden durch das innigſte Vertrauen. Er nangnte mir ſpäter den Ort in Norwegen, wo 53 er ſeiner Gattin Sohn erziehen laſſen bisher, und gab mir nicht undeutlich zu erkennen, wie er ihn an des Königs Hofe angeſtellt wünſche; doch glaubte er ſeinen Anblick noch nicht er⸗ tragen zu können und trug mir es auf, ſeine Berufung nach Stockholm iusgeheim zu be⸗ werkſtelligen. Tyſte kam; der Pater empfahl ihn in einer geheimen Unterredung dem Kö⸗ nige und bat mich, ihn mit Freundſchaft zu geleiten auf der neuen Bahn. Ich lernte ei⸗ nen wackern, edlen Jüngling in ihm kennen, und ſo geſchah es, daß ich ihn im Hauſe des Admirals einfuͤhrte, wo er ſich faſt unbegreif⸗ lich ſchnell Ceciliens Liebe erwarb um die ich ſelbſt vergebens rang. Dem Freunde, dem Unglücklichen, dem das Schickſal das höchſte Gut, treuer Eltern Herz, ſchon von der Wie⸗ ge an verſagte, meine Liebe für die mir be⸗ ſtimmte Braut zum Opfer zu bringen, ſchien mir ein Wink der Vorſehung. Mit blutendem Herzen zwar, fügte ich die Hände der Lieben⸗ den in einander, aber der Strahl des ſtillen Entzückens, der in ihren Augen glänzte, er⸗ 54 wärmte wohlthuend meine Bruſt. Jetzt bin ich ruhig, jetzt bin ich zufrieden mit mir ſelbſt, denn ich habe ein gottgefälliges Werk voll⸗ bracht.— Tadelt nun nicht länger mehr eine Handlung, die Euch Frevel ſchien, mein Va⸗ ter; ſchaut nur auf die Triebfedern die mich dabei leiteten, und vertheidigen muß mich Euer innerer Richter, den ich dadurch mit Euch ſelbſt zu verſöhnen ſuchte, daß ich das Heil eines Menſchen gründete, deſſen Geburt ſchon ſo großes Unheil mit ſich brachte fuͤr ihn und Andere.“ Beſchämt ſchwieg der Reichsmarſchall. Nach langer Pauſe zwang er ſeiner ſtrengen Miene einen lächelnden Ausdruck ab, ergriff Jo⸗ hanns Hand und ſprach milder als zuvor: 's iſt Alles gut ſo, mein Sohn! Du biſt ein Schwärmer, ich verzeihe Dir. Im Herbſt des Lebens wirſt Du kälter werden und Deine Empfindſamkeit mit bitterer Erfahrung ab⸗ ſtumpfen. Was Du gethan haſt, muß ich jetzt, zum Theil wenigſtens, billigen, deshalb keinen 5⁵ Vorwurf. Nun aber, da Du ſo eigenwillig der Dir beſtimmten Braut entſagteſt, wirſt Du meinen Wünſchen ferner nicht entgegen⸗ handeln, wenn ich für Dich jetzt eine andere Verbindung ſchließe, die Dein Heil beför⸗ dernd, den Glanz unſres Hauſes erhöhen wird. Halte Dich bereit vielleicht in einigen Tagen ſchon der Erwählten Dich zu nahen und um ihre Gunſt und Liebe zu werben.“ „Scheint es Euch ſo nothwendig,“ ver⸗ ſetzte Johann ruhig,„daß ich ein Ehebünd⸗ niß ſchließe, ſo muß ich frei erklären: daß mein Herz, welches kaum der erſten, und ich fühl' es, der einzigen Liebe deren es fähig war, entſagte, nicht geſtimmt iſt um eine zweite Liebe zu werben, die es nie erwiedern könnte. Nur Achtung und Vertrauen könnt' ich der mir Beſtimmten bieten, genügt ihr dies, und iſt ſie deſſen wuͤrdig, wofür mir Eure Wahl bürgt, dann würde ich als treuer Gefährte mit redlicher Freundſchaft ſie durchs Leben begleiten und Eurem Willen mich fütgen als gehorſamer Sohn. 4 56 Hierauf verließ er das Zimmer und be⸗ gab ſich ins königliche Schloß, wohin ihn ſein Hofamt rief. Der Reichsmarſchall blieb allein zurück, mit widerſtreitenden Gefuͤhlen kämpfend. 57 3. Noch rauher als in Stockholm uͤbte der Win⸗ ter in Daleearlien ſein Recht. Dieſe, nörd⸗ licher als die Hauptſtadt, an Norwegens Grenze gelegene Provinz, war ſtark bevölkert, obgleich die unfruchtbaren, waldigen, von Ge⸗ birgen eingeengten Gegenden für den Landbau nur wenig Nutzen zu verſprechen ſchienen. Die kräftigen, gegen jedes Ungemach abgehärteten Bewohner aber, fanden doch in ihrer Heimath, auf eine ſeit Jahrhunderten unveränderte Weiſe Obdach und Nahrung, und achteten die Be⸗ ſchwerden ihres wirklich kümmerlichen Lebens nur wenig, ſo lange ſie in ihren von Vätern und Urvätern ererbten Rechten und Gewohn⸗ heiten nicht geſtört wurden. Der Dal⸗Elwe, 58 Schwedens größter Strom, welcher die Pro⸗ vinz durchſchnitt, gewährte den Fiſchern die reichlichſte Ausbeute; Wälder und Gebirge ſtanden in unbegrenzter Freiheit den rüſtigen Waidmännern offen, welche mit ſeltener Ge⸗ ſchicklichkeit, das in großer Menge dort ni⸗ ſtende Wild zu erlegen wußten, und die Kup⸗ fergruben zu Falun beſchäftigten einen großen 8 Theil des Volkes mit Bergmannsarbeit. We⸗ niger trieb man Ackerbau und Viehzucht, da vorzüglich nur an den Ufern des Dalſtroms und des Siljanſee's der mehr geebnete Boden ſich zu Feldern und Triften eignete. Die Le⸗ bensweiſe dieſer Thalbewohner machte ſie mit Gefahren vertraut, ihre einfachen, oft rohen Sitten gaben ihnen einen Ausdruck von Kraft und Wildheit, und nur ſelten im Verkehr mit den benachbarten Provinzen erſchienen ſie, aus⸗ gezeichnet durch ſo manche Eigenthümlichkeit, ja, begünſtigt durch ſo manches Vorrecht, als ein beſonderes Völkchen im Staate, deſſen Stimme bei Reichsverſammlungen guten Klang hatte, oft ſogar den Ausſchlag gab bei wiche tigen Verhandlungen. 59 Es iſt bekannt, daß die Dalecarlier be⸗ ſonders dazu beitrugen, dem, ſeit vielen Jah⸗ ren von Dännemarks Königen beherrſchten, Schweden Selbſtſtändigkeit zu erkämpfen; daß durch ihre Tapferkeit und Treue Guſtav I., aus dem Hauſe Waſa, auf den Thron ihres Vaterlandes erhoben wurde. Um ſo befremd⸗ licher muß es erſcheinen, daß kürz nach dem Regierungsantritte Guſtavs, gerade dieſe bie⸗ dern Thalmänner zuerſt Unzufriedenheit laut werden ließen, über die neuen Verfügungen des Königs, die doch, wie es ſich von einem ſo wackern Fürſten nicht anders erwarten ließ, nur das Heil des zerrütteten Landes begrün⸗ den ſollten; daß ſich Mißmuth uͤber die von ih⸗ nen ſelbſt beförderte Erhebung ihres Liehlings faſt uͤberall äußerte, den ſie vor kurzer Zeit faſt noch abgöttiſch verel hrten, als er an ihrer Spitze gegen die Dänen focht, für Schwe⸗ dens Frieden und Freiheit ſein Leben wagend. Doch oftmals hat es die Erfah hrung gelehrt, daß die kühnſten Hoffnungen des Volkes bei Staatsumwälzungen, wenn nun ein neuer, ge⸗ 1 60 liebter Fürſt die Zügel der Regierung ergriff, ſo weit über das Gebiet der Billigkeit und Möglichkeit hinausſchweiften, daß deren Ver⸗ wirklichung nur neue und vielleicht größere Uebel herbeigeführt haben wuͤrde und das Heil des Staates mehr als jemals untergraben hätte. Allerdings gelingt es dann wohl ſel⸗ ten dem ſchlichten Verſtande der niedern Volks⸗ klaſſe, die Unzuläſſigkeit ſeiner ausſchweifenden Wünſche zu erkennen und getäuſchte Erwar⸗ tungen gebären nun Mißmuth, Unzufrieden⸗ heit, ja Rache und Empörung. Derſelbe Fall war bei den Dalecarliern eingetreten, welche voll glühender Vaterlandsliebe, voll heiligen Vertrauens auf ihre gerechte Sache, voll Stolz auf ihre uralten Volksrechte die Waf⸗ fen ergriffen hatten, ſich vom däniſchen Jo⸗ che, welches ſeit der Calmar'ſchen Union* Die Koͤnigin Margarethe vereinigte durch die Cal⸗ mar'ſche Union, anno 1397, die drei nordiſchen Reiche: Daͤnnemark, Schweden und Norwegen, und von dieſer Zeit an, bis zur Thronbeſteigung Gu⸗ ſtavs l., anno 15283, hatte Schweden leinen eignen Koͤnig. 2 61 auf ihren Schnultern gelaſtet, zu befreien, und dem Staate einen eignen König zu geben aus vaterländiſchem Stamme. Guſtav Erichſon, aus dem Hauſe Wa⸗ ſa, ein Abkömmling der alten Könige von Schweden, wurde auf Befehl Chriſtierns II. mit mehrern andern ſchwediſchen Edeln aus ſeinem Vaterlande als Geißel hinweggeführt, um für die Ruhe des Reichs zu bürgen. Denn im Jahre 1715, nachdem früher oft ſchon wie⸗ derholte Verſuche dieſer Art mißglückten, hat⸗ ten ſich die Schweden aufs Neue mit bewaff⸗ neter Hand, unter Anführung ihres allgemein geliebten Reichsverweſers Sten Sture, ge⸗ gen die däniſche Oberherrſchaft aufgelehnt, um die noch nicht erfolgte Krönung Chriſtierns II. zu hindern. Doch der wackere Sten Stu⸗ re, der an der Spitze eines auserleſenen Rei⸗ terhaufens, aus den edelſten Männern des Reichs beſtehend, und mit einem Heere von zehntauſend Bauern verzweifelnd gegen die Dänen focht, wurde im Treffen bei Bogeſund tödtlich verwundet. Sein Fall war leider das Signal zur Flucht der Seinigen. Er wurde nach Stockholm gebracht, wo er wenige Tage nachher ſtarb. Nun übernahm ſeine Gattin Chriſtine ſelbſt die Vertheidigung der Haupt⸗ ſtadt, welche von der Land⸗ und Seeſeite be⸗ lagert wurde; doch ſahe ſie ſich trotz der mu⸗ thigſten Entſchlüſſe, endlich, als der Mangel an Lebensbedarf und Vertheidigungsmitteln drückend wurde, durch die kleinmüthige Be⸗ ſatzung gezwungen, Stockholm dem Könige Chriſtiern zu übergeben, welcher auch ſogleich ſeinen Einzug hielt, und kurz nach den Krö⸗ nungsfeierlichkeiten ſeinen Namen mit unaus⸗ löſchlicher Schande brandmarkte, durch die gräuelvollſten Blutſcenen, welche auf ſein Ge⸗ heiß ſtatt fanden. Denn mehr als neunzig der edelſten Schweden, die durch Tugenden, Ge⸗ burt und Ehrenſtellen ausgezeichnetſten Männer des Königreichs, ließ er am Tage nach den Krönungsgaſtereien, wo er ſie freundlich be⸗ wirthet, wo er ihnen Frieden und Freundſchaft verheißen, auf die ſchmachvollſte Weiſe hinrich⸗ ten. Unter der Benennung des Stockholmer Blutbades, wird noch immer in Schweden mit Grauen jenes Schreckenstages gedacht 63 Guſtav Erichſon, wurde indeſſen von einem ſei⸗ ner Verwandten, einem Dänen, auf dem Schloſſe Callos in Jütland, auf Befehl Chriſtierns in Gewahrſam gehalten; doch gelang es dem von wahrer Vaterlandsliebe begeiſterten Jüng⸗ linge, welchem Chriſtierns Triumph und die Mordſcenen in ſeiner Taterſtadt nicht unbe⸗ kannt geblieben waren, ſich durch die Flucht ſeinen Feſſeln zu entziehen. Unterſtützt vom Senate der freien Hanſeſtadt Lübeck, landete er bei Calmar in Schweden, ſtreifte in Bauern⸗ kleidern im Lande umher, beſtändig verfolgt von den ihn überall aufſuchenden Feinden. Sy kam er endlich nach mancher glücklich überſtan⸗ denen Gefahr nach Dalecarlien, wo er ſich als arbeitſuchender Taglöhner kund gab, in den Kupfergruben zu Falun und hei mehrern Bauern an verſchiedenen Orten die niedrigſte Arbeit ver⸗ richtete, um nur unerkannt ſeinen Unterhalt zu erwerben. So hielt er ſich auch einige Zeit lang bei einem Bauer Siven Nilſon im Dorfe Iſala auf, wurde aber auch bis hierher von dä⸗ niſchen Söldnern verfolgt und flüchtete nach Rättwick. Dort gab er ſich zu erkennen, ſam⸗ 64 melte die Einwohner um ſich und forderte ſie mit glühender Beredſamkeit auf, das däniſche Joch von ſich zu werfen. Auch in Mora und den Weſterthälern ließ er ſeinen Aufruf ertö⸗ nen, und bald ſahe er ſich umringt von mehr als dreitauſend Bauern, welche ihren Kriegs⸗ ruf durch ganz Dalecarlien verbreiteten. Chri⸗ ſtiern war indeſſen nach Dännemark zuruückge⸗ kehrt, und Beldenake, der Vicekönig von Schweden, deſſen Truppen im Lande zerſtreut lagen, erkannte ſeine mißliche Lage im Falle ei⸗ nes allgemeinen Aufſtandes, raffte eilig unge⸗ fähr ſechstauſend Mann zuſammen und war im Begriff mit ihnen nach Dalecarlien zu ziehen. Doch da er auf dem Marſche dorthin nähere Nachrichten, über die Staͤrke des Feindes und den Charakter des Volkes, welches er bekäm⸗ pfen ſollte einzog, und man ihm ſagte: er wuͤr⸗ de mehr als zwanzigtauſend Bauern bewaffnet finden, welche abgehärtet durch ihre Lebens⸗ weiſe, jeder Anſtrengung trotzten, ja, ſelbſt dem Hunger nicht unterliegen würden, da ſie im Falle der Noth, aus zerſtoßener Baumrinde ge⸗ backenes Brod genöſſen und Waſſer ihr tägli⸗ —— — 65 ches Getränk ſey, da ſprach er erſchrocken jene merkwürdigen Worte, welche die Ge⸗ ſchichte noch bis jetzt aufbewahrt hat:„ein Volk das Holz frißt und Waſſer dazu trinkt, mag der Teufel bezwingen!“ und augenblick⸗ lich zog er ſich mit ſeinen Truppen zurück. Doch die Thalbauern griffen ihn bei Utſunda an und ſprengten ſeine Söldner aus einan⸗ der; er ſelbſt entkam durch ſchleunige Flucht nach Stockholm. Nach dieſem Siege wurde Guſtavs Heer von mehrern Provinzen an⸗ ſehnlich verſtärkt und er war unermüdet ſeine wackern Krieger in den Waffen zu üben und ſie vorzubereiten zum großen Werke, zur gänz⸗ lichen Befreiung ſeines Vaterlandes. Es ge⸗ lang ihm auch nach beinahe dreijährigen Kam⸗ pfe. Nachdem Chriſtiern auch in Copen⸗ hagen entthront worden war, vertrieb er die Dänen gänzlich aus ſeinem Vaterlande und gab dem Staate Frieden und Selbſtſtändig⸗ keit. Das dankbare Volk führte ihn zum Thro⸗ ne, den er nach längerer, ernſtlicher Weige⸗ rung, endlich durch unabläſſige Bitten aller Stände beſtürmt, beſtieg, und von dieſer Hohe Ir Thl. 5 66 herab, die ſein edles, nur von reiner Vater⸗ landsliebe glühendes Herz niemals erzielt hat⸗ te, bekannte er es oft mit unverhehlter Rüh⸗ rung, daß er die Befreiung Schwedens und ſeine eigne Erhebung hauptſächlich dem thäti⸗ gen, kräftigen Beiſtande der wackern Dalecar⸗ lier verdanke. Doch nur zu bald verkannten dieſe den Edelſinn ihres Monarchen, der mit der Regierung des gänzlich zerrütteten Reichs beinahe ein noch weit ſchwierigeres Geſchäft übernommen hatte, als das Zerbrechen des däniſchen Joches geweſen. Er fand das Land durch innere und äußere Kriege gänzlich ent⸗ nervt, die Geſetze verworren, Ackerbau und Handel vernachläſſigt, die Staatsſchulden be⸗ deutend und die Schatzkammer leer. Der Reichsrath war unter der vorigen Regierung gänzlich aufgelöſt worden, die edelſten Haup⸗ ter der angeſehenſten Familien waren unter Chriſtierus Henkersbeile gefallen und ihre Güter von ſeinen Helfershelfern geraubt wor⸗ den; Buͤrger und Landleute aber waren in die tiefſte Armuth verſunken und Geſetzloſigkeit und die roheſte Willkühr herrſchten überall. 67 Nur die Geiſtlichkeit hatte bisher ihre alten Rechte zu behaupten gewußt, ja, ihre Macht und ihren Reichthum bei der allgemeinen Un⸗ ordnung noch vergrößert. Deshalb war es auch Guſtavs erſte Sorge, welcher Luthers neuer Reformationslehre mit Wärme anhing, der päbſtlichen Gewalt, welche bisher den ſchrecklichſten Mißbrauch durch Ablaßkrämerei, Bannflüche und Anmaßungen aller Art geübt, Einhalt zu thun, und die größtentheils un⸗ rechtmäßig an ſich gebrachten Schätze der Geiſt⸗ lichkeit zum Heile des Staates zu verwenden. Auch war es nothwendig neue Steuern aus⸗ zuſchreiben, welche freilich drückend wurden, da kaum die gewöhnlichen: alten Abgaben von dem verarmten Volke aufgebracht werden konn⸗ ten. Gehaltloſe däniſche Münzen, womit Chri⸗ ſtiern das Land überſchwemmt hatte, muß⸗ ten herabgeſetzt werden, da ſie die mit Schwe⸗ den handelnden Nationen nicht annehmen woll⸗ ten; um Handel und Gewerbe empor zu he⸗ ben, wurden Ausländer begünſtigt; mehrere Klöſter mußten aufgehoben und die Mönche ge⸗ zwungen werden, ſich ihren Unterhalt ſelbſt 5* 8 zu erwerben, da ſie bisher in ſchwelgeriſcher Unthätigkeit vom Marke des Volkes gezehrt hatten. Noch eine Menge anderer neuer Ver⸗ fügungen mußten zum Wohle des Landes ge⸗ troffen werden, welche freilich von Vielen, deren unmittelbaren Vortheil ſie nicht bezweck⸗ ten, ja, weil ſie Andern wohl gar offenbaren Berluſt bringen mußten, verkannt und verlä⸗ ſtert wurden. Es gab gar bald eine Menge Unzufriedener in Schweden, beſonders aus geiſtlichem Stande, welche von einer Provinz zur andern eilten um Guſtavs Regierungs⸗ weiſe zu verdammen, ihn ſelbſt als den größ⸗ ten Tyrannen zu ſchildern, und ein noch ſchrek⸗ kenvolleres Bild von ihm zu entwerfen, als nnr je von ſeinem Vorgänger Chriſtiern ent⸗ worfen werden konnte. So war auch ſchon in Dalecarlien der Name des beſten Fürſten auf's ſchändlichſte verläſtert worden und hier und da wurde unter dem bethörten Landvolke ein Mur⸗ ren laut, wie es wohl öfters ſchon dem Sturme des Aufruhrs voranzugehen pflegte. 8 * Geſchichtlich. —— . 69 Im zweiten Monate des Jahres 1527 herrſchte dort ein ſtrenger Winter und die Be⸗ wohner der obern Thäler kamen nur ſelten aus ihren Hütten hervor, die der feſtgefrorne Schnee wie mit einem warmen Mantel be⸗ deckte. Die Straßen, beſonders in den ho⸗ hen Gebirgsgegenden, waren faſt angangbar geworden, von der ungeheuern Maſſe des vom Winde zuſammengeweheten und von den Fel⸗ ſen herabgeſtürzten Schnee's, und ſelten nur wurden ſie von Wanderern betreten. Doch an einem hellen Nachmittage zeigten ſich in dem engen Hohlwege, welcher von der nörd⸗ lichen Felſenkette, die ſich bis an Norwegens Grenzen ausdehnt, hinabführt bis zum Kirch⸗ ſpiele Iſala, zwei ruͤſtige Männer, welche durch ihr Aeußeres verriethen, daß das Waid⸗ werk ſie herausgelockt in die unfreundliche, todte Gegend. Sie waren bekleidet mit weiten, kurzen Röcken von Thierfellen, welche beſchmutzt und blutbefleckt, wie ſie waren, ihnen eben nicht zur Zier gereichten. Die Stiefeln von Wolfs⸗ leder reichten ihnen bis über die Kniee hin⸗ auf und eine Kappe von Seehundsfell bedeck⸗ 70 te den Kopf und einen Theil des Geſichts. In dem breiten Gürtel um ihre Hüfte, tru⸗ gen ſie den Mäcker, eine Art langem und breitem Dolchs und eine kurze, ſcharfe Axt; ein langer Wurfſpieß aber diente ihnen als Stab und Waffe zugleich, denn ſie be⸗ durften jetzt ſeiner auf dem glatten Boden faſt bei jedem Schritte als Stütze. Ihre ge⸗ bräunten Geſichter, faſt zur Hälfte von einem krauſen Barte beſchattet, hatten trotz der müh⸗ ſamen Wanderung doch einen frohen Ausdruck, und zuweilen wendeten ſie die blitzenden, klei⸗ nen Augen ſelbſtgefällig zurück, auf den klei⸗ nen Handſchlitten, den ſie beide vereint hin⸗ ter ſich herzogen; denn er war belaſtet mit der Beute des Tages, mit einem Bären von nicht gewöhnlicher Größe. Schweigend und langſam waren ſie ſo eine Strecke weit fort⸗ gewandert, doch die Laſt welche ſie nachſchlepp⸗ ten auf dem unebenen Wege, ſchien ihre Kraft nach und nach zu erſchöpfen und keuchend ſtan⸗ den ſie ſtill um Athem zu ſchöpfen. „S wird ſchon dunkel drüben im Fichten⸗ walde,“ begann der Eine, ſich ſtützend auf ſei⸗ 8 —— 11 nen gewichtigen Jagdſpieß,„und die Nacht wird einbrechen, mein' ich, ehe wir die Burg erreichen.“ „Immerhin!“ entgegnete der Andere und ſetzte ſich auf den erlegten Bären;„wenn wir auch nach Mitternacht erſt heimkehrten, Einar, ſo wird Dir der Ritter doch wohl ein freund⸗ liches Geſicht zeigen, hat er nur erſt die Beute mit ſeinen Augen verſchlungen, die wir ihm heimgebracht.“ Dabei ließ er ſeine Blicke for⸗ ſchend auf dem halbverhüllten Antlitze ſeines Waidgenoſſen haften, als ob er erſpähen wolle, wie viel Antheil Jeuner ſich beimeſſe an der Fällung des Wildes. „O, ſorge nicht, wackrer Ryningz“ erwie⸗ te Einar, Worte und Blicke des Andern wohl verſtehend.„Ich führte den erſten Stoß, und ungeſchickt genug, in die Eingeweide des zot⸗ tigen Brummers, und glaubte ſchon mein letz⸗ tes ave Maria zu beten unter ſeiner ſchlagfer⸗ tigen Tatze, da ſtießeſt Du ihm Deinen Spieß in den Rachen zur rechten Zeit, und halfſt ihm vom Leben, wie Du mir vom Tode halfſt.“ 72 „Kannſt es bei Gelegenheit wett machen, Einar!“ verſetzte Ryning nun zufrieden und reichte dem Kameraden die vom Froſt erſtarrte Hand.„Biſt wacker, daß Du Deinen erſten Stoß nicht höher rechneſt als er werth war; bleib nur vor unſerm Herrn auch Deiner Rede treu, ſonſt tritt ſein ruppiger Bube frech vor uns hin, und ſchwört bei allen Heiligen: er ganz allein habe das Thier erlegt. Sahs doch poſſirlich aus, wie der feige Junge, funf⸗ zig Schritte hoch über uns, aus der Felſen⸗ ſpalte auf uns herablugte, indeß wir uns mit dem beißigen Geſellen herumbalgten; und wie er nun keine Tatze mehr regte, und kaum noch ſo viel Athem hatte, ſo laut zu brummen wie eine Bremſe, da hatte der Leichtfüßler Muth genug herunter zu klettern, gaffte uns neidiſch auf die ſtarken Fäuſte und ſtieß dem ſchon Verendeten ſein Meſſer in die Gurgel. Das that er nicht umſonſt; das Bischen kalte Blut an ſeinem Meſſer, wird er dem Vater gar warm anpreiſen, als Minußräeichri einer Hel⸗ denthat.“ „Wo ſteckt der nichtsnutzige Burſche?“ ſprach Einar mürriſch.„Wir dürfen doch oh⸗ ne ihn nicht heimkehren zur Burg,“ und gel⸗ lend pfiff er durch die Finger, daß es hun⸗ dertfältig wiederhalte im engen Hohlwege. Beide ſtanden noch lauſchend, eine Ant⸗ wort auf ihr Zeichen zu vernehmen, da wur⸗ den eilige Schritte laut, und bald ſahen ſie den Vermißten die hohe Straße herabſprin⸗ gen. Nach wenigen Minuten ſtand er vor ih⸗ nen, doch in ſchnellen Zügen Luft ſchöpfend, war er noch keines Wortes mächtig und die beiden Waidmänner betrachteten indeſſen mit einer Miſchung von Verachtung und gezwun⸗ gener Unterthänigkeit in ihren Mienen, den Knaben. Er ſchien kaum vierzehn Jahre zu zählen, war in einen kurzen, gruͤntuchenen Jagdrock, dick mit feinem Pelz gefüttert, ge⸗ kleidet und trug leichte Jagdwaffen, Dolch, Bogen, Pfeile, auf ſeiner Schulter aber ru⸗ hete ein leichter Speer, an welchem ein jun⸗ ger Fuchs geſpießt, ſich noch in Todeszuckun⸗ gen krümmte. Noch ehe er ſich von ſeinem eiligen Laufe ſo weit erholt hatte, daß er auf die Frage: 74 wo er ſo lange verweilt? Antwort geben konn⸗ te, hatte Einar mit finſtern, mißbilligenden Blicken die Beute des Knaben betrachtet, und um die entſetzliche Qual des lebendig geſpieß⸗ ten Thieres zu enden, drückte er ihm, ohne daß Jener es bemerkte, mit kräftiger Fauſt die Gurgel zuſammen bis es ſtarr und re⸗ gungslos vom Speere herabhing.„Es ſteht Dir uͤbel an, Junker Lars,“ ſprach er dann im milden Tone zwar, aber doch mit dem Ausdrucke ernſten Vorwurfs,„mit einem Ge⸗ ſchöpfe Gottes ſolchen Frevel zu treiben. Ein Thier langſam zu quälen iſt nicht Waidmanns⸗ ſitte.“ „Einfältiger Knecht!“ erwiederte der Kna⸗ be mit zorniger Geberde,„willſt Du den Jun⸗ ker Jägersſitte lehren?— Mein Pfeil hatte der Beſtie den linken Hinterlauft gelähmt, ich ſprang hinzu, wollte ſie beim Ohr packen, aber ſie biß mich in die Hand daß mein Blut her⸗ vorſchoß. Da ſchwur ichs;: für jeden Tropfen meines Blutes der zur Erde ſiel, ſolle das Füchslein eine Minute Todesmarter leiden, bohrte ihm langſam den Spieß durch den —.—— 75 Leib, ſchonte vorſichtig das pochende Herz und ſprang mit dem Zappelnden fort über Stock und Stein Euch einzuholen. Nun haſt Du mir meine Freude verdorben, tölpiſcher Bube, nun tanzt er nicht mehr, nun kannſt Du ihn auch mit nach Hauſe ſchleppen, gehört er doch mit zu unſrer Beute.“ Und grimmige Blicke 8 auf Einar werfend, ſchleuderte er das veren⸗ dete Thier auf den Schlitten, dann neigte er ſein Ohr zur Seite hin, nach der hohlen Gaſſe, als ob er etwas erlauſchen wollte, und ſein bleiches, mageres Geſicht verzerrte ſich auf grauenerregende Weiſe, während die grauen Augen funkelnd hinaufſtarrten nach der Berg⸗ ſtraße. „Führt den Schlitten hinter jenen Felſen⸗ vorſprung!“ herrſchte er darauf dumpf und leiſe den Knechten zu, welche ihn nicht zu be⸗ greifen ſchienen, doch an Gehorſam gewöhnt, ſeinen Willen befolgten.„Ich denke noch ei⸗ nen köſtlichen Fang zu thun, ehe es völlig dunkelt. Von der Felſenſpitze oben ſah ich drei Reiter langſam den Hohlweg herabkommen. Zwei Männer, ſchon bei Jahren, in halbgeiſt⸗ 76 licher Kleidung, mit friedlichen Geſtchtern; der Dritte mag wohl der Diener ſeyn, ein dum⸗ mer Tölpel, wie es ſcheint, er führt ein Pack⸗ pferd an dem Zügel, belaſtet mit ledernen Säcken, vielleicht voll koſtbarer Schätze. Ihr greift ſie an, ſtoßt ſie mit den Spießen von ihren Roſſen, ich beſchütze indeſſen unſre Jagd⸗ beute und ſchicke ihnen aus dem Hinterhalte meine Pfeile zu; Ihr wißt, ich treffe ſicher.“ Die höhnenden Mienen und das Lächeln der Knechte bemerkend fuhr er trotzig auf:„Was greint Ihr Laffen? glaubt Ihr ich hätte nicht auch Muth zum offnen Angriff?— So geht Ihr und legt Euch auf die Bärenhaut, laßt mich allein den Angriff wagen! doch meine Hand iſt aufgeſchwollen, ich kann den Speer nicht mehr ſo kräftig führen wie ſonſt— be⸗ gegnet mir ein Unfall— dann wehe Euch! dann tragt Ihr die Schuld, daß Ihr mich zur Tollkühnheit reiztet, und mein Vater wird inich furchtbar rächen!“ „Beſorge nichts, Junker!“ erwiederte Ry⸗ ning ruhig;„Du ſollſt Dich keiner Gefahr ausſetzen. Wir ſind zwar heute nicht auf Men⸗ 71 ſchenjagd gerüſtet, doch wenn Du's willſt und es verhält ſich Alles ſo, wie Du geſagt, ſo wollen wir getroſt hier warten und denken wir zwei gegen drei wohl Stand zu halten. Drum geh' nur in den Winkel dort zum Bä⸗ ren und zum Fuchſe, Du hatteſt bei der heu⸗ tigen Jagd ſchon Müh' und Noth genug, ˙s iſt billig nun daß Du Dich ſchonſt.“ Der Knabe Lars knirſchte mit den Zähnen und warf wüthende Blicke auf den Knecht, doch ging er ohne weitere Erwiederung, Rache brütend, hinter den Felſenvorſprung, als man im Hohlwege ſchon deutlich den Hufſchlag der Roſſe vernahm. „Wie iſt Dir, Ryning?“ begann Einar nach einer Pauſe, in welcher Beide ſchweigend vor ſich hinausſtarrten.„Mich treibt eben kein groß Gelüſt zum Angriff; friedliche Rei⸗ ſende berauben, vielleicht gar geiſtliche Herrn, 's iſt bei meiner armen Seele nicht recht!“ „Recht oder unrecht!“ erwiederte Ryning: „das gilt unſerm Herrn gleich, und hat er uns nicht hundertmal befohlen, ſeinem Buben zu gehorchen, wie ihm ſelbſt. ˙S iſt freilich 78 hart, nach ſolches Rangen Pfeife tanzen; thun wir's aber nicht, ſo wird der Ritter uns ei⸗ nen Reigen lehren mit der Peitſche, nach dem mich eben ſo wenig verlangt. Mißglückts, ſo mags der Bube verantworten, gelingts uns, nun ſo iſt die Beute auch nicht zu verachten.“ Site traten zur Seite, nahmen ihre Jagd⸗ ſpieße in die rechte Hand, umfaßten mit der linken den Griff des breiten Dolchs, den ſie im Gürtel trugen, und ſchienen ſo, im Noth⸗ falle zum blutigen Kampfe bereit, die Ankom⸗ menden zu erwarten. Bald ſahen ſie auch den Zug, ſo eilig als es der tiefe Schnee geſtat⸗ ten wollte, ſich den Bergpfad herab bewegen, doch bemerkten ſie auch zugleich nicht ohne Miß⸗ behagen, daß des Junkers Ausſage nicht mit dem uͤbereinſtimme, was ſie hier erblickten. Freilich ſchienen die beiden Reiter, ihren Mie⸗ nen und ihrer Kleidung nach zu urtheilen, we⸗ der vorbereitet noch geſchickt zum offnen Kam⸗ pfe, doch der Diener, welcher ihnen mit dem ſchwer bepackten Handroſſe folgte, trug in ſei⸗ nen Zuͤgen das Gepräge eines kräftigen, trotzi⸗ gen Norwegers, und ein anderer Diener, der 79 den Blicken des Knaben entgangen war, oder von deſſen Geleit er vorſätzlich geſchwiegen, ritt, gut bewaffnet und vorſichtig umherſpä⸗ hend, eine geraume Strecke vor den beiden ältlichen Männern voraus. Die Wegelagerer erkannten ſogleich, daß ſie ſich hier mit un⸗ gleichen Kräften, ja vielleicht mit der Ueber⸗ macht zu meſſen haben würden; nach kurzem Bedenken aber waren ſie dennoch entſchloſſen den Angriff zu wagen. „Geht aus dem Wege, Ihr blödäugig Maulwürfe!“ rief ihnen der Vorreiter, der ſſt wohl bemerkt hatte, trotzig entgegen, hielt ſein Roß an und legte die Lanze ein.„Lafft die Straße frei, oder ich ſtoße Euch meinen Speer durch die dicken Pelze, daß Euer Blut die Schmutzflecken daran auswaſchen ſoll.“ „Kannſt auch unſer ſchwediſch Eiſen ko⸗ ſten, Du aufgeblaſener norweg'ſcher Auerhahn!“ gab ihm Ryning ſchnell zur Antwort und warf in demſelben Augenblicke ſeinen Spieß nach ihm, doch fehlte er damit ſein Ziel; er traf nur das Roß, das ſich hoch aufbäumte, und ſich uͤberſchlagend mit dem Reiter zu Boden ſtürzte. Kaum hatte der andere fremde Knecht die Gefahr überſchaut, welche hier drohete, als er eilig die Zügel des Packpferdes in die zit⸗ ternden Hände ſeiner Herrn legte, und ohne deren Befehle abzuwarten, vor ihnen hinab⸗ ſprengte zu jener Stelle, wo der Kampf be⸗ onnen. Ryning aber hatte ſeine Lanze wie⸗ er an ſich geriſſen, und war eben im Be⸗ riffe den geſtürzten Reiter, der ſich verzwei⸗ Ind muͤhete, ſich unter der Laſt des im To⸗ eskampfe ſich windenden Roſſes hervor zu arbeiten, das ſpitzige Eiſen in den Rücken zu bohren, als der zweite Gegner wüthend ſich auf ihn losſtürzte. Durch die geſchickte Füh⸗ rung ſeiner Jagdwaffe gelang es Ryning, deſ⸗ ſen hitzigen Angriff von ſich abzuhalten und mit Einars Beiſtande ſetzte er nun dem Rei⸗ ter, der ſein Roß auf dem glattholprigen Bergpfade ſchon mehrmals ſtraucheln ſah, ſo gewaltig zu, daß dieſer, ſchon aus mehrern Wunden blutend, am glücklichen Ausgange des Kampfes zu verzweifeln ſchien. In der 81 Hitze des Streites hatten ſie nicht bemerkt, daß ein Menſch in leichter Bauernkleidung, in der Richtung vom Kirchſpiele Iſala herauf, den Hohlweg betreten und immer eiliger feine Schrit⸗ te nach dem Kampfplatze gelenkt hatte. Hier angelangt, ſchien er ſchnell entſchloſſen, nach⸗ dem er die Scene flüchtig, doch mit ſcharfen Blicken überſchaut, Theil zu nehmen am Ge⸗ fechte, und ſich auf die Seite des Schwächern ſchlagend, über deſſen Haupte die augenſchein⸗ lichſte Todesgefahr ſchwebte, griff er die bei⸗ den Waidmänner mit einem gewichtigen Baum⸗ aſte im Rücken an und verſetzte Ryning einen ſo gewaltigen Schlag zwiſchen die Schultern, daß dieſer brüllend vor Schmerz zur Seite taumelte. Da ließ Einar plötzlich ab vom Kampfe mit dem Reiter und wendete ſich zor⸗ nig gegen den Fremden, welcher ſich geſchickt vertheidigend mit ſeiner plumpen Waffe, un⸗ abläſſig den beiden ältlichen Männern, die un⸗ gefähr hundert Schritte weit entfernt, noch immer unthätig und wie gelähmt auf ihren Roſſen ſaßen, zurief: ſelbſt zu ihrer Verthei⸗ digung die Hände zu regen. Nach kurzer Zoit 1r Thl. 6 82 waren auch Einar einige gewaltige Hiebe zu Theil geworden, von denen einer ihm den rech⸗ ten Arm lähmte, und wie verdutzt über das plötzliche Erſcheinen des kräftigen Gegners, der den ſichern Sieg ihrer Fauſt entwunden, zogen ſich die beiden Wegelagerer, da auch der Vorreiter ſich endlich wieder aufgerafft und zum neuen Kampfe bereitet ſich an den Frem⸗ den anſchloß, erſt langſam, dann immer eili⸗ ger zurück, und verſchwanden bald, bekannt mit den Windungen des Gebirgs, in enger Felsſchlucht. Die Sieger hielten ihre weitere Verfolgung nicht der Mühe werth und kehr⸗ ten zu ihren Herrn zurück, welche bleich und zitternd auf ihren Roſſen hingen. „Tritt her zu mir, mein wackerer Sohn!“ ſprach der älteſte von Beiden zu dem Juͤng⸗ linge der ſo unvermuthet ihr Retter gewor⸗ den, mit einer Stimme, welche Schrecken und Angſt geſchwächt hatten.„Empfange meinen Segen! der Herr der himmliſchen Heerſchaa⸗ ren ſtählte Deinen Arm, daß Du unſer Ret⸗ ter wurdeſt. Beſtimme ſelbſt Deinen Lohn, er ſoll Dir augenblicklich werden, wenn ein ar⸗ 83 — mer vertriebener Diener Gottes ihn zu leiſten vermag.“ Der Fremde, ein Jungling der wohl kaum zwanzig Jahre zählen mochte, mit einem offe⸗ nen, einnehmenden Geſichte, betrachtete die beiden Reiſenden einige Augenblicke ſchweigend mit geſpannter Aufmerkſamkeit, dann, wie von einem Gedanken plötzlich ergriffen, erwiederte er freimüthig:„Euer Aeußeres verräth mir, daß ich der hohen Gnade gewürdigt wurde, für zwei geiſtliche Herrn mich herumzubalgen mit räuberiſchen Schurken, und da ich eben jetzt eines kraͤftigen Schutzes bedarf, ſo käme mir's nicht ungelegen, wenn ich mich unters Dach der Kirche flüchten könnte, oder unter die Fit⸗ tiche ihrer würdigen Diener. Ich war im Be⸗ griff mich nach Norwegen zu wenden, doch hier, ſo nahe an der Grenze, beſiel mich Herz⸗ weh und Sehnſucht im lieben Vaterlande blei⸗ ben zu dürfen. Wollt Ihr mich nun ſchützen vor Verfolgung, ſo nehmt mich zu Euren Die⸗ ner an, und ich ziehe mit Euch wohin Ihr's nur begehrt.“ „Bei Sanct Petrus! eine auffallende Aehn⸗ 6* 84 lichkeit!“ fluͤſterte der, welcher den Juͤngling zuerſt angeredet hatte, ſeinem Begleiter zu, nachdem er lange ins Antlitz des muntern Bur⸗ ſchen geſchaut.„Es ſey Dir der Schutz der Kirche gewährt,“ fuhr er fort,„und Ablaß im Voraus verheißen, wenn Du irgend eines Ver⸗ brechens Dich ſchuldig machteſt. Ich verlange jetzt nicht zu wiſſen, weßhalb man Dich ver⸗ ſolgt; wäre auch Deine Sünde ſo groß, daß der heilige Vater ſelbſt ſie nur löſen könnte von Deiner Seele, ich verſpreche Dir Ablaß ohne weitere Buße, denn Du haſt durch un⸗ ſere Rettung ein gottgefälliges Werk voll⸗ bracht.“. „Nun ſo ſey der Knüppel, den ich im Kampfe ſchwang für Euch, hochwürd'ge Herrn, mir ein Heiligthum! Als ich ihn vom Baume brach, ſiel mir's nicht ein, daß ich damit auf ſo leichte Art einen ſo gewichtigen Ablaß mir verdienen könnte,“ verſetzte der Jüngling hoch⸗ erfreut, und drehete ſich luſtig im Kreiſe.— „Doch glaubt mir,“ fuhr er fort,„mein Sün⸗ denpäckchen iſt ſo ſchwer noch lange nicht, daß der heilige Vater ſelbſt Hand aulegen müßte, 8 6 ——— — 8 85 es von meinen Schultern herabzuwälzen. Jetzt aber laßt uns hier nicht länger weilen, folgt mir hinab nach Iſala, vertraut Euch meiner Führung, in einer halben Stunde ſollt Ihr unter Obdach ſeyn, denn ſchon ſenkt ſich die Nacht hernieder und wer weiß, ob die Schurken dort im Felsgeklüfte nicht Spießgeſellen herbei ru⸗ fen, den Angriff zu erneuern. Ich wollte mei⸗ nen geheiligten Knüppel gegen ein Paar war⸗ me Pelzſtiefeln verwetten, das Raubgeſindel hat ſein Neſt drüben in der Burg des Ritters Arend Pehrſon.“ „Ritter Pehrſon!“ riefen die geiſtlichen Herrn erſtaunt;„bei ihm gedachten wir un⸗ ſer Nachtlager zu halten.“ „Hm!“ entgegnete der Jüngling und ſtrich mit der flachen Hand über ſein Geſicht;„die Burſche dachten vielleicht auch auf eigne Fauſt ihr Gaunerſtückchen an Euch zu üben. Wollt Ihr hin zum Ritter? ſeine Burg liegt wohl noch eine Stunde uͤher Iſala hinaus.“ Nach kurzem Berathen erklärten die beiden Prieſter: daß ein Uebelbefinden es ihnen wün⸗ ſchenswerth mache, das nächſte Obdach bald zu erreichen, und ſo zogen ſie langſam den Bergpfad hinab. Der Juͤngling blieb ihnen zur Seite, luſtig plaudernd, die Knechte folgten dicht hinter ihnen, nachdem der, welcher vorhin die Vorhuth des Zuges gebildet, Sattel und Rie⸗ menzeug des getödteten Roſſes auf das Pack⸗ pferd geworfen hatte. Noch aber hatten ſie den Ausgang des Hohlwegs nicht erreicht, als ein Pfeil, wohlgezielt ihnen nacheilte, deſſen Spitze jedoch, wie es ſchien von kraftloſer Hand entſendet, im weiten Gewande des Ael⸗ teſten der beiden Geiſtlichen hängen blieb, ohne die mindeſte Verletzung weiter zu verurſachen. Doch ergriff den Getroffenen der heftigſte Schrek⸗ ken, und die Furcht vor fernerer Verfolgung trieb Alle zur gräßten Eile an. So gelangten ſie nach kurzer Zeit ſchon bis zum Kirchſpiele Iſala, als ſchon überall in den, im weiten Umkreiſe zerſtreut liegenden Hütten der Thalbewohner die flammenden Kien⸗ ſpäne das Einbrechen des nächtlichen Dunkels verkündeten, welches ſich um dieſe Jahreszeit ſchon in den erſten Nachmittagsſtunden auf die ganze Gegend herabſenkte. 8 87 4. Wirthshäuſer und Herbergen fand man in jener Zeit nur ſparſam in den größern Städ⸗ ten Schwedens, auf dem Lande aber übte, alter Sitte gemäß, jeder Bauer die Gaſtfreund⸗ ſchaft. So fanden auch die Reiſenden bei ih⸗ rer Ankunft in Iſala ins freund che Aufnah⸗ me unter dem Dache welcher zu den wohlhabendern Bewohnern des Kirch⸗ ſpiels gezählt wurde. Dtr ganze Wohnraum ſeiner Hütte enthielt zwar nur zwei Zimmer, deren erſtes zugleich zur Kuͤche diente, das zweite aber war für die Familie des Land⸗ manns beſtimmt, welche aus deſſen Weibe und einer erwachſenen Tochter beſtand. Zur Auf⸗ nahme der Fremden mußten die Frauen das 88 Gemach räumen, und ſie thaten dies gern, mit jenem offnen Ausdrucke von Gutmuͤthigkeit, welchen die meiſten Dalecarlier auf ihrem Ant⸗ litze trugen, ja, ſie prieſen ſich glücklich und gar hochgeehrt, als ſie erfuhren, daß die wei⸗ ten Reiſegewänder geiſtliche Herren vom hohen Range verbargen. Geſchäftig trugen ſie Alles zuſammen, was nur zur Bequemlichkeit und Erfriſchung der hohen Gäſte dienen konnte, doch dieſe ſchienen von den Anſtrengungen der Reiſe, von Angſt und Schrecken über den An⸗ griff der Räuber erſchöpft, und ſchweigend be⸗ merkten ſie kaum die Bemühungen der guten Frauen, die ein einfaches Mahl bereitet, wo⸗ bei das Beſte was ſie zu bieten vermochten, nicht geſpart war, die die weichſten Pfühle von Moos und Seegras zuſammengetragen und reinliche Decken von grober Wolle daruͤber aus⸗ gebreitet; kurz, ſo viel in ihren Kräften ſtand, nichts verſäumt hatten, was den geiſtlichen Herrn den Aufenthalt in ihrer Hütte behaglich 1 machen konnte. Dieſe genoſſen aber nur wenig von den ihnen vorgeſetzten Speiſen; deſto mehr zeigteder fremde Jüngling, weſchen ſe nicht — 89 von ihrer Seite ließen, einen trefflichen Appe⸗ tit, und ohne das heimliche Geflüſter ſeiner beiden Gefährten zu beachten, ſchien er nur darauf bedacht, ſeinen Hunger zu ſtillen. Nach⸗ dem dies geſchehen, wollte er ſich entfernen, denn er glaubte, ſeine Gegenwart ſtöre ihre heimliche Unterhaltung, auch hielt er es für ſchicklicher einen andern Platz für ſich zur La⸗ gerſtätte zu ſuchen; doch die geiſtlichen Herrn, welche ihn bisher mit forſchenden Blicken be⸗ trachteten, hielten ihn liebreich zuruͤck, und lu⸗ den ihn ein die Nacht über in ihrem Gemache zu bkeiben, indem ſie eine wichtige Unterredung mit ihm hätten. Der Jüngling fand keinen Grund ihren Wunſch zu verſagen, obgleich er nicht ohne Verlegenheit einer ſolchen Unterre⸗ dung entgegenſahe. Doch als er mit Offenheit ſeinen Namen und ſeine Schickſale berichtet hatte und hierauf jene beiden Männer unter den glänzendſten Vorſpiegelungen ihn ermahn⸗ ten, hinfort ſich gänzlich ihrer Leitung zu über⸗ laſſen, als ſie ihm ein Ziel im Nebel der Zu⸗ kunft zeigten, höher und glänzender, als er es jemals im kühnſten Traume erblickt, da war es 90 ihm, als ſey er bisher in tiefer Nacht gewan⸗ delt, als ſey ihm plötzlich ein dichter Schleier vom Auge genommen, und ſchwindelnd faſt vom bunten Gewirre niegeahnter Gedanken und Entwürfe, ſank er ſpät erſtrauf's Lager, als ſchon ſeit geraumer Zeit ſeine Gefährten ſich dem Schlummer überlaſſen hatten. Am andern Morgen trat Siven Nilſon in's Gemach der Fremden und fand die Geiſt⸗ lichen in vertrauter, lebhafter Unterhaltung mit dem jungen Manne, welches ſie jedoch gleich bei ſeinem Eintritte abzubrechen ſchienen. „Ich will nicht erſt lange nach Enren Wün⸗ ſchen forſchen, hochwuͤrdge Herrn,“ begann der ehrliche Bauer und beſetzte den Tiſch wieder mit kräftigen Speiſen.„Ich bringe Euch hier zum Imbiß, was meine Hütte vermag; mög's Euch der Herr geſegnen und ſeine Heiligen! Die Wunden Eurer Diener habe ich verbun⸗ den ſo gut ichs konnte; doch die armen Burſche ſind matt geworden und ein Paar Tage Pflege in meinem Hauſe, wäre ihnen wohl zu gönnen. Erlaubt es der Zweck Eurer Reiſe, ſo verleiht * — 91 mir die Gnade und weilt noch länger unter meinem Dache, es iſt ſchon reich geſegnet und wirds durch Eure Gegenwart noch mehr. Dien⸗ te es doch vor ungefähr ſechs Wintern unſerm gutem Könige Guſtav zum Schutz und Schirm, als er heimathslos und von den Dänen ver⸗ folgt umherirrte in den Thälern.“ „Bei Dir verbarg er ſich?“ fragte der Eine der Geiſtlichen mit geſpannter Aufmerkſamkeit; „und wußteſt Du nicht, daß ein hoher Preis auf ſeinen Kopf geſetzt war? gelüſtete Dich nicht nach dieſem Preiſe?“ „Ei, behüte Gott und alle Heiligen!“ er⸗ wiederte Nilſon lebhaft;„hätte ich doch lie⸗ ber mit eigner Hand meine Hütte in Brand ge⸗ ſteckt, ehe ich ihn verrathen, den wackern Herrn! Der Ritter Arend Pehrſon, dem vor zwei Jahren das feſte Schloß Skadaborg, nicht weit von hier, durch Erbſchaft zugefallen, wo er jetzt hauſt, als ein gar gefürchteter, geſtrenger Herr, der dachte freilich anders. Er ſaß zu Chriſtierns Zeiten auf ſeiner Stammburg Säteri Arnäs, hinter Dahlsjö, und der flüchtige Guſtav, der 92 ſchon in den Bergwerken zu Falun im Gruben⸗ kittel die niedrigſte Arbeit verrichtet, um uner⸗ kannt ſein Leben zu friſten, wanderte, ſolcher Lebensweiſe überdrüſſig, zu P ehrſon, entdeckte ſich ihm, dem Waffenfreunde mit Vertrauen, der einſt für Schwedens Freiheit mit ihm gegen die Dänen gefochten unter dem Banner des Reichsverweſers Sture. Mit offnen Armen wurde der arme Flüchtling zwar aufgenommen, aber Habſucht hatte des Ritters Herz verhär⸗ tet; der hohe Preis, den die Dänen auf Gu⸗ ſtavs Haupt geſetzt, lockte ihn mächtig und zur Nachtzeit verließ er den Gaſtfreund unter dem Vorwande: die Gegend zu durchforſchen und die Verfolger von der rechten Spur abzulocken. Er aber, Verrath brütend, begab ſich zum näch⸗ ſten däniſchen Befehlshaber, erbot ſich Guſtav auszuliefern, und erhielt zwanzig Söldner zum Geleit, mit welchen er zurückkehrte nach ſeinem Schloſſe. Indeſſen aber hatte Frau Barbro, ſeine brave Ehegattin— Gott hab' ſie ſelig! ihres Mannes Falſchheit erkannt; ſie verhalf dem Gaſtfreunde zur ſchleunigen Flucht, ver⸗ ſah ihn mit Pferd und Schlitten und als der 93 Ritter heimkam ihn zu fangen, war er ſchon weit entfernt von deſſen Bereiche.“* Die Geiſtlichen hörten mit Aufmerkſamkeit der Erzählung des Bauers zu, und als dieſer dies bemerkte, fuhr er redſeliger fort:„ja hochwürd'ge Herrn, ein guter Geiſt wachte über Guſtavs Haupte! Er wendete ſich nun nach Swerdſö und traf dort einen Pfarrer, den er gar wohl kannte, denn er hatte mit ihm auf der hohen Schule ſtudirt zu Upſala. Dieſer würdige Mann Gottes verbarg ihn acht Ta⸗ ge lang in ſeiner Kirche, ſicherte ihn ſo vor den Nachſtellungen ſeiner Feinde und als dieſe ſich aus der Gegend entfernt hatten, brachte er ihn zu mir, vertrauete mir ſeinen Namen und ſeine Schickſale, und ich ahnete es da⸗ mals nicht, daß der Arme, der mich um Knech⸗ tesdienſte anſprach, einſt Schwedens König werden würde. Er trug ein grobes, unſchein⸗ eres Wams, ſeine Haare waren kurz ver⸗ hnitten und auf ſeinem Kopfe hatte er ei⸗ en runden Filz, auf ſeinen Schultern aber . Geſchichtlic trug er eine Axt. Sein Geſicht war bleich und entſtellt, ſein Bart verworren und ich glaubte um Gottes Barmherzigkeit willen den Flüchtling, wie er bittend vor mir ſtand, auf⸗ nehmen zu müſſen. Er war fromm und flei⸗ ßig, arbeitete tüchtig; obgleich ich's nicht ge⸗ ſtatten wollte, daß er wie ein gemeiner Knecht hanthierte, ſo meinte er doch oft: er müſſe das thun, um ſeinen Stand zu verbergen und jeden Verdacht von ſich zu entfernen. Da ſaß er nun eines Nachmittags hier auf demſelben Seſſel, wo Eure Hochwürden ſitzen und ru⸗ hete aus vom ſchweren Tagwerke; mein Weib und ich, wir ſaßen bei ihm und klagten leiſe zuſammen über Chriſtierns Tyrannei, und das Unheil, welches er über unſer Vaterland gebracht, doch plötzlich wurden wir aufgeſchreckt durch einen heilloſen Lärmen vor unſerer Hütte. Däniſche Rei⸗ ter hielten draußen und gaben bald kund, daß ſie gekommen wären den flüchtigen Guſtav Erichſon aufzuſuchen. An Flucht war nicht zu denken, denn ſie durchſpäheten ſchon Haus, Scheuern und Ställe, ja, Einige drangen frech bis zu uns in's Gemach hinein und begafften 95 8 den Guſtav vom Scheitel bis zur Fußſohle. Mein Weib aber, entſchloſſener als ich, ſchalt unſern Gaſt einen faulen Müßiggänger, nahm eine Hacke, die im Winkel ſtand, verſetzte ihn damit einen derben Schlag auf den Rücken, trieb ihn ſcheltend zur Thür hinaus und be⸗ fahl ihm ſeine Arbeit zur Hand zu nehmen. Nach ſolcher Behandlung kam es den dummen, däniſchen Grützköpfen nicht in den Sinn: der Geſcholtene ſey mehr als ein gemeiner Knecht und ſie zogen fluchend von dannen. Doch von dieſer Stunde an glaubte ich ihn nicht ſicher mehr in meinem Hauſe. Ich lud meinen Wagen voll Stroh, packte ihn hinein, ſo daß er eben Luft genug behielt zum Athemholen und wollte ihn ſo nach Rättwick fuͤhren. Die Dänen aber hat⸗ ten alle Päſſe und Brücken beſetzt und ſchon nach einigen Stunden hielten ſie mich an, ſchno⸗ berten um das Strohfuder herum, wie Jagd⸗ hunde die auf der Färthe ſind, und ſtachen end⸗ lich mit ihren langen Spießen hinein. Mit pochte mein Herz gewaltig: doch ich wußte was galt, wenn ich mich verriethe und ich verzog keine Miene in meiner ſchrecklichen Angſt. Dem armen Guſtav aber, war eine Lanzenſpitze in den Schenkel gedrungen, doch gab er durch kei⸗ nen Schmerzenslaut, nicht durch die leſeſte Be⸗ wegung ſein Daſeyn kund. Scheltend, daß ſie das edle Korn nicht im Stroh gefunden, zogen die Soldknechte ab und ließen mich ruhig wei⸗ ter fahren; aber zu meinen Schrecken bemerkte ich jetzt, daß Guſtav verwundet ſeyn mußte, und zwar nicht wenig, denn es träufelte ſein Blut durch das Stroh hindurch und ließ eine Spur auf unſerm Wege zurück. Aber die drin⸗ gendſte Gefahr giebt oft Verſtand; ich ſchnitt ſogleich das eine meiner Pferde ins Bein, daß Blut hervorquoll, um die Spurer zu täuſchen, die uns vielleicht noch aufſtoßen könnten, und ſo brachte ich meinen Schützling glücklich nach Rätt⸗ wick, wo er die beſte Aufnahme fand, die Bauern zuſammenrief, und von dort aus, mit den Waf⸗ fen in der Hand, gegen die Dänen zu Felde zog.* Ja, hochwürdge Herrn, ſo habe ich un⸗ ſern wackern König gerettet! Tauſendmal ſchon habe ich die Stunde geſegnet, die ihn u 88 * Geſchichtlich.. 97 mein Dach geführt und Gott gelobt und ge⸗ prieſen, daß er mir ein Werk gelingen ließ, das mir einſt ein weicher Pfühl auf meinem Sterbebette werden ſoll.“ „So? meinſt Du das, Verblendeter?“ wendete ſich einer der geiſtlichen Herrn zu ihm, mit ſtrenger Miene und fuhr eifrig fort;„dem Satan haſt Du gedient, indem Du ein gott⸗ gefällig Werk pollbracht zu haben glaubteſt. Wiſſe denn, Kurzſichtiger, dieſer Guſtav iſt ein ärgerer Tyrann, als der däniſche Chri⸗ ſtiern es je geweſen. Dem Böſen hat er ſich ergeben, ein hlutdürſtiger Ketzer iſt er gewor⸗ den; nicht den milden Scepter, nein, ein zwei⸗ ſchneidiges Schwert ſchwingt er über den Häup⸗ tern ſeines Volks. Sein Hauch iſt Gifthauch, ſein Blick iſt Baſiliskenblick, ſein Herz eine Mördergrube; ſeine Hand ſegnet nie, ſie greift nur räuberiſch nach Kirchengute; lechzend nach dem Schweiße und Blute ſeiner Unterthanen, ſetzt er ſeinen Fuß auf ihren Nacken und was in Schweden athmet, trägt ſein Sklavenjoch. Die treueſten Diener Gottes verunglimpft er mit falſcher Auklage, hört ihre Unſchnldsſtim⸗ 1r Thl. 7 98 me nicht, und jagt ſie, ſpottend ihrer Würde, aus dem Lande. Oeffne Dein blödes Auge weit und erblicke in uns Opfer ſeiner Tyran⸗ nei! öffne Dein Ohr, Knut, der Erzbiſchoff von Upſala ſpricht mit Dir! Er wurde ſei⸗ ner Guͤter beraubt, ſchmählich verfolgt, weil man es ihm zum Verbrechen angerechnet, daß er die Unſchuld ſeines Freundes Sunnan⸗ wäder, Biſchoffs zu Weſteräs, gegen den man falſche Klage erhoben, laut gegen den gottloſen König vertheidigte. Unſere Namen ſind wohlberufen in den Thälern; man kennt uns hier als rüſtige Streiter für Gott und unſer Vaterland! Bald wird die Sonne der Freiheit heraufſteigen aus dieſen Thälern, viele tauſend Arme mit blitzenden Waffen werden ſich ihr verlangend entgegen breiten, viele tauſend Stimmen werden ihr zujauchzen im lauten Jubel und der Stern des Glaubens wird im erneuten Glanze dahinziehen über d⸗ Häupter wackrer Kämpfer und den Strahl d Segens herniederſenden auf Schwedens Ve ker.. Der ehrliche Bauer erſtarrte und war 5 99 nes Wortes mächtig, nachdem der Prieſter ſeine eifrige Rede beendigt hatte. Lange ſtand er regungslos und blickte bald mit weit auſ⸗ geriſſenen Augen und offnem Munde den Red⸗ ner an, bald deſſen geiſtlichen Gefährten, der, wie im Zuſtande körperlichen Leidens, auf ei⸗ nem Seſſel ſich niedergelaſſen, nur zuweilen beifällig lächelnd, ſein Auge nach dem Freunde erhob. Siven Nilſon hatte die Namen der beiden Biſchöffe oft ſchon nennen gehört, doch nicht vermuthet, ſie ſelbſt in ſeinen Gäſten zu finden, und ihre ſchreckliche Schilderung ſei⸗ nes angebeteten Guſtavs mußte ihn tief er⸗ hüttern. Die beiden Männer ſtanden in ho⸗ em Anſehen in ganz Dalecarlien, denn ſie atten ſich, ehe ſie nach Norwegen gefluͤchtet, raume Zeit in den Thälern aufgehalten. urch ihre Würde, die ſie früher bekleideten, rch übertriebene Berichte von Leiden und erfolgungen die ſie erduldet haben wollten, und durch ſie ſich geſchickt in ein mitleiderregen⸗ s Märtyrergewand zu hüllen wußten, ſo e durch den Ausdruck glühender Vaterlands⸗ ze, worin faſt jede ihrer Reden abgefaßt 1 7* 100 war, errangen ſie ſich bald eine hohe Achtung und aufrichtige Theilnahme der einfachen Thal⸗ bewohner, die, wie abgeſchieden von dem übri⸗ gen Schweden, in ihrem engen Lebenskreiſe über den wahren Zuſtand ihres Vaterlandes und Guſtavs Regierungsweiſe, faſt ſtets im Dunkel bleiben mußten. Auch waren die Thä⸗ ler angefuͤllt mit Guſt avs Feinden, größten⸗ theils verkriebenen Prieſtern oder mißvergnüg⸗ ten Edelleuten, die bei der neuen Einrichtung der Reichsverwaltung, durch Gewaltthat und widerrechtliches Verfahren nicht mehr wie ſonſt ihre Untergebenen brandſchatzen und tyranni⸗ ſiren durften. Deshalb verlaͤſterten ſie des Königs Regiment auf alle nur erdenkliche Weiſe und ſuchten durch Herablaſſung und an⸗ ſcheinende Vaterlandsliebe ſich das Landvolk geneigt zu machen und es zur Empörung ge⸗ gen den König zu reizen. Wirklich waren auch ihre Bemühungen nicht fruchtlos, denn in mehrern Kirchſpielen hatten ſchon Verſamm⸗ lungen ſtatt gefunden, das dumpfe Mur⸗ ren brach bald in laute Klagen und Ver⸗ 3 wünſchungen aus und es fehlte den zahlrei⸗ — 101 chen Unzufriedenen nur ein Oberhaupt nach ihrem Sinne, um die Fahne des Aufruhrs zu erheben. Wohl oft ſchon hatte Siven Nilſon von ſeinen Thalnachbarn, wenn er in Geſchäf⸗ ten oder bei feſtlichen Gelegenheiten mit ihnen zuſammenkam, mißbilligende Aeußerungen über Guſtavs Regierungsweiſe mit angehört; aber er achtete den Mann, den die Daleearlier noch vor wenig Jahren gleich einem Heiligen prie⸗ ſen und anbeteten, dem er ſelbſt Leben und Freiheit gerettet, zu hoch, um in dergleichen verläumderiſche Reden mit einzuſtimmenz, und wies gewöhnlich jeden Angriff auf die Ehre und Tugenden ſeines geliebten Fuͤrſten mit der einfachen Bemerkung zurück: daß ein König es nicht allen ſeinen Unterthanen recht machen könne. Doch jetzt, da er aus dem Munde des Erzbiſchoffs ſelbſt die gräßlichen Beſchul⸗ digungen gegen ſeinen Liebling vernahm, da er die beiden geiſtlichen Herrn, die überall in den Thälern in ſo hohem Anſehn ſtanden, jetzt ſelbſt vor ſich erblickte, und er keinen Grund fand, die Wahrheit ihrer Worte in Zweifel 102 zu ziehen, da unterlag ſein ſchlichter Verſtand dem tiefen Eindrucke, den ihre Reden in ſei⸗ nem Innern hervorgebracht hatten, und er wagte es nicht, irgend eine Entſchuldigung oder Rechtfertigung für den einſt ſo ſehr ver⸗ ehrten Guſtav hervorzubringen. Thränen, welche bittre Täuſchung und Wehmuth ihm erpreßt, ſtürzten aus ſeinen Augen, und ſchweigend verließ er das Gemach, nachdem er demüthig die Gewänder der geiſtlichen Herrn geküht und ihren Segen empfangen hatte. Die geiſtlichen Herrn blieben allein zurück mit dem jungen Manne, in deſſen ganzem Weſen ſeit vergangener Nacht eine auffallende Veränderung vorgegangen zu ſeyn ſchien. Denn die muntre Laune und frohe Lebensluſt, die ſich geſtern auf ſeinem Antlitze zeigten, waren einem ſtillen Ernſte gewichen, und ſeine Worte und Bewegungen waren, ſo oft er ſich beobach⸗ tet ſahe von den Prieſtern, abgemeſſen und überlegt; ſein Gang war ſtolzer geworden, ſein Auge glühender. Wohl über zwei Stun⸗ den lang hatte er wieder im heimlichen, eif⸗ rigen Geſpräche zugebracht mit den beiden 10³ Geiſtlichen, wichtige Dinge hatte er vernom⸗ men, und obgleich er oftmals ein lebhaftes Staunen nicht unterdrücken konnte, ſo ſchien er doch leicht und mit Gewandheit in ihre Pläne einzugehen. Mit Entſchloſſenheit und jugend⸗ lichem Eifer, ergriff er die Rathſchläge, die ſie ihm, mit dem Ausdrucke zuverſichtlichen Gelingens vorlegten, und mit einem ſchweren Eide machte er ſich am Schluſſe ihrer Unter⸗ redung verbindlich: ſich ihrer Leitung gänzlich zu überlaſſen, und jede ſeiner Handlungen nur nach ihren Wuͤnſchen zu formen. „Glaube ja nicht, daß ein lediglicher Zu⸗ fall Dich uns zugeführt!“ ſprach hierauf der Erzbiſchof Knut feierlich zu ihm.„Die Hei⸗ ligen ſind ihren treuen Dienern gnädig und üben oft ſichtbaren Einfluß auf ihr Schickſal. Sie gaben Dich in unſere Hand, Dich zu wei⸗ hen und auszurüſten zum Streiter fuͤr unſern heiligen Glauben. Du wirſt kämpfen, Jüng⸗ ling wie ein Mann, denn Gott wird Deinen Arm erſtarken laſſen im gerechten Kampfe. Dein Lohn wird königlich ſeyn; denn ſchreiteſt mit Muth und Klugheit Du rüſtig fort, auf 1 104 jener Bahn, die wir Dir vorgezeichnet, ſo führt ſie Dich geradeswegs zum Throne. Nur wenige Tage dürfen wir noch bei Dir weilen, dann ziehn wir weiter, nach Stockholm; denn wir erhielten frei Geleit vom Ketzerkönige un⸗ ſere Unſchuld öffentlich darzuthun, und Ge⸗ nugthuung zu fordern für an uns verübten Schimpf und Unrecht. Du bleibſt indeſſen in den Thälern zurück und handelſt thätig, klug für unſre Sache. Die wenigen Tage, die wir noch beiſammen ſind, will ich anwenden, Dich zu unterrichten in Allem was Dir nöthig ſeyn mag zu unſerm Werke. Jetzt laßt uns auf⸗ brechen; der Ritter Arend Pehrſon wird uns freundlich aufnehmen, denn wir ſind an ih empfohlen von unſerm würdigen Bruder, dem 5 Erzbiſchoffe zu Drontheim, der uns bisher eine Freiſtatt gewährte in ſeinem Hauſe. Beim 4 Ritter wartet unſrer beſſere Pflege als in die⸗ ſer Bauernhuͤtte, und mein Freund hier ſcheint ungeſtörter Ruhe zu beduͤrfen, ſein Antlitz iſt bleich und krank.“ Mühſam erhob ſich der andere geiſtliche Herr, Sunnauwäder, ehemaliger Biſchoff von 105 Weſteräs, ergriff Knuts Hand, und hauchte aus ſchwerbeklommener Bruſt die ängſtlich lei⸗ ſen Worte hervor:„Laß uns hier in den Thä⸗ lern bleiben, Freund! auch von hier aus wird die Vertheidigung unſrer Unſchuld ganz Schwe⸗ den durchdringen; nur laß uns nicht des Tie⸗ gers Höhle nahen, wir ſind verloren im Be⸗ reiche ſeiner Klauen.“ „Was ſicht Dich an?“ erwiederte ihm Knut mit übermüthigem Stolze.„Keck will ich dem Ketzerfürſten unters Auge treten, und er ſoll es ſcheu zu Boden ſchlagen im Gefühle ſeines Unrechts! Bezähme Deinen Kleinmuth, baue auf den Herrn, dem wir mit Blut und Leben dienen und auf unſre Freunde in Stock⸗ holm. Die päbſtliche Kirche ſey unſer Schild, die Heiligen werden unſre Häupter decken da⸗ mit, kein Teufel ſolls zertrümmern!“ Hierauf ließ er von Nilſous Knechte die Roſſe vorführen. Die beiden verwundeten Nor⸗ weger, die ihn bis hierher geleitet hatten, beſchenkte er reichlich und entließ ſie ihrer Dienſte, nachdem er den Bauer gebeten ſie zu beherbergen, bis Geneſung ihrer Wunden ih⸗ 106 nen vergönnen wuͤrde, nach ihrer Heimath zurückzukehren. Auch für den Jüngling war ein Roß herbeigeſchafft worden und er folgte, das Packpferd am Zügel leitend, den beiden Prieſtern nach der Veſte Skadaborg, wo der Ritter Arend Pehrſon hauſte. Der wackre Siven Nilſon aber, ſank ſchwerbekümmert auf einen Seſſel nieder, als die Gäſte ſein Haus verlaſſen hatten. Er rief ſein Weib Brigitta herbei und ſeine Tochter Sigrid, ein blühendes Mädchen, kaum achtzehn Winter alt und ſprach ſchmerz⸗ lich, mit gedämpfter Stimme:„Nehmt meine Streitaxt von der Wand, Speer und Mäcker und alle Waffen, die Ihr ſonſt noch findet, tragt hinaus, und vergrabt ſie im Garten. Ich habe für den geächteten Guſtav wacker damit geſtritten, denn ich hielt ihn für einen braven Herrn, wohl würdig unſre Krone zu tragen. Nun ja, des Menſchen Herz iſt ſchwach, das Seinige hat die Gewalt ver⸗ härtet die vertrauensvoll das Volk ihm lieh; ſein Auge hat der Glanz des Throns geblen⸗ det, er ſoll ein blutig Scepter führen, und 107 ein ungerechtes Regiment. Drum vergrabt mir meine Waffen tief in der Erde Grund, daß mich ihr Aublick nimmermehr verſucht, ſie gegen ihn zu wenden, wie ich ſie einſt Lehand⸗ habt für ſein Heil!“ Die Frauen erſchöpften mit gutmüthigem Eifer ihre ganze Beredſamkeit ihn zu tröſten, ja, ſie verſuchten es ſogar Zweifel in ihm zu erregen, an der Wahrheit der Ausſage jener Geiſtlichen, doch hart verwies er ihnen dies und ſprach:„Ein Ketzer nur kann frech ſo würd'ge Männer Lügen zeihen! Ich hänge feſt an Gottes Wort, wie meine Urväter vor hun⸗ dert Jahren und achte die Diener der Kirche⸗ vom Makel der Verläumdung rein. Wie könnt' ich ihrer Predigt Glauben ſchenken, ihrem Se⸗ gen, ihrem Ablaß, ihren Tröſtungen, dächt' ich ſie ſelbſt mir als ein Spielwerk niederer Leidenſchaften. Geht, grabt die Waffen ein! für Guſtav trage ich ſie wohl nimmer wie⸗ der in den Streit, doch gegen ihn— dafuͤr bewahre mich mein Herr und Gott!“ Sein befehlender Wink war den Frauen genug, um ungeſäumt ſeinen Willen zu voll⸗ ziehen, und als ſie ſämmtliches Waffengerä⸗ the, welches ſich im Hauſe vorfand, im Gar⸗ ten eingeſcharrt hatten, da ſchien dem ehrli⸗ chen Bauer leichter ums Herz zu werden, und mit dowohnter Thätigteit ging er ſeinen Ge⸗ ſchäften nach. 109 —— 5. Als an demſelben Morgen der Ritter Arend Pehrſon aus ſeinem Schlafzimmer ins Trink⸗ gemach trat, fand er ſeine beiden Söhne, Sigurd und Lars ſchon dort, ihn erwar⸗ tend. Oſft ſchon beſtätigte ſich es, daß der Ausdruck und die Bildung des Geſichts ein treuer Spiegel des innern Menſchen war, und auffallend deutlich zeigte ſich dies bei den bei⸗ den Sprößlingen des Ritters. Sigurd, der Aeltere, ein Jüngling von neunzehn Jahren, trug auf ſeinem offenen, ſchöngeformten Antlitze, das unverkennbare Gepräge der Herzensgüte und eines milden redlichen Sinnes. Seine Wangen waren nur leicht geröthet und der wehmüthige Blick ſeines reinen blauen Auges 1 4 110 verkündete einen ſtillen Gram, doch das ſanfte Lächeln auf ſeinen Lippen, der ruhige Ernſt auf ſeiner Stirn, zeugten von Duldung und Ergebung. Die blonden Locken, welche in reicher Fülle von ſeinem Haupte herabfloſſen, gaben ſeinem Antlitze einen ſchwärmeriſchen Ausdruck, und die faſt weichen, mädchenhaf⸗ ten Züge ſprachen laut für die ſanfte Bildung ſeines Herzens. Seine Kleidung war einfach, doch ſorgfältig gewählt und erhalten. Sein Bruder Lars, noch im Knabenalter, lieferte ein widriges Gegenbild; denn in ſeinem blei⸗ chen, hagern Geſichte ſand man, beim erſten Anblicke ſchon, deutliche Spuren verderblicher Leidenſchaften. Sein brandrothes Haar be⸗ deckte, verworren und wild herabhängend, die eingedrückte Stirn, unter welcher die kleinen, grünen Augen ſcheu hervorblitzten; ſeine Wan⸗ gen waren eingefallen, ſeine Lippen ſchmal, ſtets geöffnet und verzogen zu einem grinſen⸗ den Lächeln. Seine Kleidung war bei wei⸗ tem koſtbarer, als die ſeines Bruders, aber nachläſſig und unſauber gehalten. Sigurds herzlichen Morgengruß hatte er froſtig erwie⸗ 111 dert, und war ſchweigend zum Fenſter getre⸗ ten und ſo ſtanden Beide entfernt von einan⸗ der, ſtill vor ſich hinausblickend, als ihr Va⸗ ter ins Gemach trat. Er grüßte ſeinen Erſtgebornen nur nach⸗ läſſig, obgleich ihm dieſer freundlich ſeine Hand zum Morgengruſſe bot; doch Lars hielt er lieb⸗ koſend lange in ſeinen Armen, als dieſer mit heuchleriſcher Zärtlichkeit an ſeinen Hals ſit ſich hing. „Laß ab, wilder Bube!“ ſprach der Ritter endlich und lächelte wohlgefällig herab auf das Söhnlein.„Ich ſollte Dir zürnen wegen Dei⸗ nes Herumſchwärmens und vermags doch nicht, der ritterliche Sinn giebt ſich fruͤhzeitig kund in Dir, wie ſollte ich Dich drum ſchelten?— So ſchlägt doch einer meiner Söhne nach des Vaters Art,“ fügte er mit einem finſtern Sei⸗ tenblicke auf Sigurd hinzu—„wenn auch der Andere, gleich einem kranken Fuͤllen ſich ſcheut die warme Stallung zu verlaſſen.) Lars ſchlug über den rohen Scherz ſeines Vaters ein gellendes Gel ichter auf, doch Si⸗ gurd, tief verletzt, trat um Fenſter, richtete 112 ſeine thränenſchweren Blicke nach den Wolken und ſeufzte aus tummervoller Bruſt:„Mut⸗ ter! Mutter!6 „Und was bringſt Du mir für Beute heim, Du wilder Jagdgeſell? bliebſt geſtern lange aus!“ begann der Ritter wieder, zu Lars ge⸗ wendet, ſtrich ihm das rothe Haar von der Stirn und ſtreichelte ſeine bleichen Wangen. „Haſt Du einen Dachs erwiſcht, oder gapes ei⸗ nen Fuchs?“ 1 „Höher hinauf, mein Vater, wenn 1 Dr doch einmal rathen willſt;“ erwiederte der Knabe und blickte mit uͤbermuͤthigem Hebne auf ſeinen Bruder. 3„Herzensbube! haſt Dich doch nicht an ei⸗ nen Wolf gewagt?“ rief der Vater erſtaunt und legte beide Hände auf die Schultern des Lieblings; doch mit ſtolz emporgeworfenem Haupte und mit frecher Stirn entgegnete die⸗ ſer:„Einen Bären hab' ich gefällt! drunten auf der Kellerdecke liegt die Beſtie, will mit ſeinem weichen Felle Dein Lager bedecken, ſollſt ſanft darauf ruhen, Vater!— Ich bin ge⸗ wiß, Du wirſt mein Geſchenk hoch halten, — 113 denn Dir es zu erkämpfen ſetzt' ich Blut und Leben d'ran. Die beiden Knechte, die mich geſtern begleiteten, ſind feige Schurken, ſie ließen mich im Stiche, als wir das Thier aus ſeiner Höhle aufgeſtört. Ich ſtand der wü⸗ thenden Beſtie allein gegenüber; ſchon hatte ich meinen Spieß ihm in die Gurgel gerannt, da brüllte er laut auf und faßte mit der Tatze meine Hand— da ſeht— die Spuren ſeiner ſcharfen Krallen hat er als ein Denkmal mir zurückgelaſſen, doch in höchſter Noth gewann ich Rieſenkraft, bohrte kräftig ihm mein Jagd⸗ meſſer in die Gurgel, ſtuͤrzte ihn zu Boden— und ſo wahr ich Dein Sohn bin! klebt ſein Blut an meinem Mäcker. Da kamen denn die Buben auch herbei, als die Gefahr vor⸗ über, erlaubten ſich zu ſpotten über meine Kühnheit, verkleinerten die That und maßten einen guten Theil davon ſich an, obgleich ſie keine Hand dabei gerührt hatten.“ M „Die feigen Hunde!“ rief der Ritter zür⸗ nend; Dich, meinen Liebling, konnten ſie ver⸗ laſſen, Dich der Gefahr Preis geben, da ich ſte zu Deinem Schutze Dir beigeſellte! wo ſind Ir Thl. 114 ſte? ich will ſie peitſchen laſſen bis ihr Blut das Pflaſter meines Zwingers röthet!“ Doch Lars hielt ihn mit heuchleriſchem Flehen zurück, ſein ſtrenges Urtheil erfüllen zu laſſen und ſprach:„Gnade, Gnade! mein Vater, für die armen Wichte! überlaß mir ihre Züchtigung, ich will ſie milder richten.“ Und der leichtgläubige Vater ſchloß hochent⸗ zückt und ſeiner Bitte willfahrend aufs Neue den Buben in ſeine Arme, führte ihn dann zur Tafel, legte ihm ſelbſt die beſten Biſſen vor und reichte ihm ſüßen Meth und ſcharfes gebranntes Waſſer, wovon er ſelbſt ein gro⸗ ßer Freund war; denn der Wein ſtand da⸗ mals in ſo hohem Preiſe in Schweden, daß nur die Reichſten ihn erkaufen konnten und dieſe mußten ſich noch dazu mit dem ſchlechteſten Gewächſe begnügen, weil man gute Sorten nicht einführte. Sigurd, den er ſtumm und unfreundlich, nur durch einen herriſchen Wink eingeladen hatte am Morgenimbiß Theil zu nehmen, genoß nur wenig und entfernte ſich bald. Der Ritter aber und Lars blie⸗ ben bis zum hohen Mittage an der Tafel ſitzen, . 2 1 XN 115 zechten weee, un und nachdem es der Sohn im Trunke beinahe dem Vater gleich gethan, tau⸗ melten ſie Beide halbberauſcht von ihren Sitzen empor, denn das Schmettern des Wächter⸗ horns vom Wartthurme verkündete Fremde die Einlaß begehrten. Kaum aber hatte Lars vom Fenſter aus einen Blick hinab in den Burghof geworfen und die drei Reiter be⸗ merkt, welche am Thore hielten, als er, ſo ſchnell es ſein Zuſtand erlaubte, hinabtaumelte ins innre Gehöfte und mit ängſtlicher Eile den Befehl gab, die beiden Knechte Einar und Ryning ſogleich ins Burgverließ zu wer⸗ fen auf unbeſtimmte Zeit. Augenblicklich ließ der Burgvoigt ſeinen Willen befolgen, und die beiden armen Burſchen, welche von hohem Lohne geträumt für den gefällten Bären, den ſie als Jagdbeute mit heimgebracht, ſtiegen zähnknirſchend hinab in den dunkeln Kerker, und ſchon waren die äußern Thüren hinter ihnen geſchloſſen, als die Fremden einritten in den Schloßhof. Es waren die beiden Biſchöffe Knut und Sunnanwäder, welche in Begleitung des 8* ———y——— 116 fremden Junglings vom Burgherrn auf der breiten Schloßtreppe freundlich empfangen wurden. Kaum aber hatte der Ritter die bei⸗ den geiſtlichen Herrn genauer betrachtet, als er, ſie erkennend, ſich immer tiefer vor ihnen neigte, denn er hatte ſie bei ihren fruͤhern Streifzügen durch die Thäler ſchon einigemal geſehen und hegte die tiefſte Ehrfurcht für ſie; denn ihre Pläne, die, wie er wohl wußte, nichts weniger als den gänzlichen Umſturz der Regierung in Schweden bezweckten, fanden ſei⸗ nen lauten Beifall, indem auch er dabei mehr zu gewinnen dachte, als ihm das Gewerbe eines Wegelagerers, dem er jetzt ergeben war, einbringen mochte. Mit allen Zeichen der tieſ⸗ ſten Unterwürfigkeit führte er ſeine Gäſte in den großen Ritterſaal und behauptete wieder⸗ holt: es hätte des Empfehlungsſchreibens vom Erzbiſchoffe zu Drontheim, welches ſie ihm ein⸗ gehändigt, nicht bedurft, um ſo würdigen Männern die Herrſchaft über ſeine Burg ein⸗ zuräumen, ſo lange es ihnen nur belieben wuͤr⸗ de daſelbſt zu verweilen. Manchmal ſchweiſ⸗ ten ſeine lauernden Blicke nengierig an dem jun⸗ 117 gen Menſchen vorüber, der in ſeiner groben Bauerntracht, gleich einem der niedrigſten Die⸗ ner, neben den hohen Herrn ſtand, und doch wieder mit zuverſichtlichem, gewandtem We⸗ ſen und in vertraulicher Haltung ſeinen Be⸗ ſchützern zur Seite blieb, die ihn mit großer Aufmerkſamkeit, ja, mit Auszeichnung behan⸗ delten. ſel, doch ſollte es ihm bald durch den Erzbi⸗ ſchoff Knut ſelbſt gelöſt werden, welcher ſeine fragenden Blicke wohl bemerkend, endlich den Juͤngling bei der Hand ergriff und ihn näher zu Pehrſon führend, begann:„ich ſtelle Euch in dieſem jungen Manne ein neues Opfer von Guſtavs Grauſamkeit und Rache vor. Ihr erblickt in ihm den jungen Nils Sture, äl⸗ teſten Sohn der heldenmuͤthigen Chriſtine, des hochſeligen Reichsverweſers Sten Sture Wittwe. Ihr werdet Euch entſinnen, daß vor einigen Jahren mein würdiger Freund Sun⸗ nanwäder nebſt mehrern hohen geiſtlichen Brüdern, den Plan entworfen hatte, den ver⸗ haßten Guſtav vom Throne zu ſtürzen und Dies Verhältniß ſchien dem Ritter ein Räth⸗ 4 ——ÿ——— ü 118 Nils, dem älteſten Sohne Chriſtinens die Krone zu erringen, worauf ein Juͤngling aus dem durch Fuͤrſtenblut veredelten Stamme der Sturen eben ſo gerechte Anſprüche hat, als jener Guſtav aus dem Hauſe Waſa. Leider ſcheiterte das Unternehmen, man beraubte mich und meinen Freund unſrer Aemter und wir mußten flüchtig werden. Auch Chriſtine hatte, wie es ſcheint, den Plan, die Erhebung ihres Sohnes betreffend, aufgegeben und ihn vor ei⸗ niger Zeit auf die hohe Schule nach Upſala geſendet, um ſich in den Studien zu vervoll⸗ kommnen. Da vernahmen wir, als wir nur noch wenige Stunden von Schwedens Gren⸗ zen entfernt waren, durch unſre Kundſchafter, der junge Nils ſey zu Upſala eines plötzli⸗ chen Todes verblichen, und heimlich gehe das Gerücht, der König ſelbſt habe ihn umbringen laſſen, um ſich eines ſo gefährlichen Neben⸗ buhlers zu entledigen. Trauer erfuͤllte unſre Herzen und wir zogen betrübt in unſer Vater⸗ land ein, wo die Sprößlinge der edelſten Fa⸗ milien nicht ſicher ſind vor dem Mörderdolche des Tyrannen. Als wir aber die Grenzen 119 Norwegens ſchon überſchritten hatten und in den dalecarliſchen Bergſchluchten, die hinab nach Iſa⸗ la führen, fortwanderten, wurden wir aufgehal⸗ ten durch einen räuberiſchen Anfall auf unſer Le⸗ ben und Habe. Unſere beiden Knechte wären ſicher unterlegen, wir aber in die Hände der Buben gefallen, wenn nicht wie ein Engel Gottes dieſer Jüngling uns zu Hülfe geeilt wäre und mit einfacher Waffe, aber mit ei⸗ nem Arme, den die Heiligen mit wunderbarer Stärke begabt, die Schurken in die Flucht ge⸗ jagt hätte. Mein würdiger Freund Sun⸗ nanwäder, der ehemals Kanzler war im Hauſe der Sturen, und die beiden Knaben des Reichsverweſers oft auf ſeinem Schooße gewiegt, beſonders aber Nils, dem Aelteſten, mit ganz beſonderer Liebe zugethan war, fand ſogleich im Antlitze unſers Retters die Züge des edeln Stammes, und bald wurde es uns klar, daß der Verlorengeglaubte, der Todtbe⸗ weinte, lebend vor uns ſtehe, aber flüchtig und hart verfolgt vom böſen Könige. Er ent⸗ deckte uns, wie es ihm durch einige aufrich⸗ tige Freunde ſeiner Familie gelungen ſey dem 120 Verderben zu entgehen; wie zwar ſein Tod öf⸗ fentlich in Upſala bekaunt geworden ſey, aber ein fremder Leichnam ſtatt ſeiner in die Gruft verſenkt worden; wie er dann in dieſer nie⸗ dern Kleidung geflüchtet und im Begriff ge⸗ weſen ſey ſich nach Norwegen zu wenden, von wo aus er ſeiner trauernden Mutter Nachricht zu geben gedachte von ſeinem Leben.— So weit iſt es gekommen in unſerm Vaterlande, daß die hoffnungsvollſten Zweige der edelſten Stäm⸗ me Schwedens nicht ſicher ſind vor dem Mord⸗ beile des Tyrannen, und Ihr, Ritter, ſammt Euren Freunden und Genoſſen, die Ihr von Jugend auf Euer Schwert gezogen für Glau⸗ ben und Recht, Ihr wollt dies Regiment noch länger dulden, wollt Euch mit Schwert und Lanze nicht bewaffnen, dem Ketzerfürſten ſein blutig Scepter zu entreißen?“ Er ſchwieg und heftete forſchend feinen Blick auf Pehrſon, als wolle er in deſſen Zügen leſen, welchen Eindruck ſeine Rede her⸗ vorgebracht; dieſer aber ſtand lange ſchwei⸗ gend und betrachtete mit Staunen und nicht ohne Ehrfurcht den Jüngling, welcher hoch⸗ — 121 aufgerichtet, in dreiſter Haltung ihm gegenü⸗ ber ſtand. Dann aber ergriff er deſſen Hand, und als ob ein Gedanke plötzlich in ihm auf⸗ geſtiegen, ſprach er:„tauſendmal willkommen, edler Sture! meine Burg ſey Eure Frei⸗ ſtatt!— Täglich wächſt die Zahl der Miß⸗ vergnügten, ihre Drohungen werden laut wie das Brüllen des Donners, und nur eines Hauptes bedarf es, die zuckenden Glieder zu lenken. Seyd Ihr, Herr Sture, unſer Füh⸗ rer und freudig folgen wir Euch zu unſers Vaterlandes Rettung.— Sturz dem Könige! Euch unſre Huldigung!“ In ſeiner Aufregung, die zum Theil wohl eine Folge der im Ue⸗ bermaaße genoſſenen, hitzigen Getränke war, beugte er ſein Kniee vor dem Jünglinge, und ſichtbar gerieth dieſer, der bisher im ſtolzen Uebermuthe um ſich geſchaut, in Verlegenheit. Doch ein ermuthigender Wink des Erzbiſchoffs Knut gab ihm bald ſeine Faſſung wieder, und mit dem Ausdrucke milder Herablaſſung zog er den Ritter empor an ſeine Bruſt und dankte ihm mit wenigen Worten für Schutz und Freundſchaft; auch erklärte er, unterſtützt 122 durch ſeine geiſtlichen Rathgeber, ſeinen Ent⸗ ſchluß, die Führung der Unzufriedenen zu übernehmen, das Volk laut aufzurufen zur Empörung und ſein Leben zu wagen im Kampfe gegen König Guſtav. Pehrſons eifrigſtes Geſchäft war nun, ihn mit ritterlicher Kleidung zu verſehen, und Alles aufzubieten, was zur Bequemlichkeit ſei⸗ ner hohen Gäſte dienen, und ihnen den Aufent⸗ halt in ſeinem Schloſſe angenehm machen konnte. Nach der Mittagstafel aber, welche nach damaliger Weiſe mit kräftigen Fleiſch⸗ ſpeiſen, Hülſenfrüchten, Mehlbrei, Bier, Meth und gebrannten Waſſern reichlich genug aus⸗ geſtattet war, zogen ſich die geiſtlichen Herrn mit Nils Sture in die ihnen angewieſenen Gemächer zurück, und brachten dort den Reſt des Tages in heimlichen Unterredungen hin. Der Ritter aber gewann dadurch Zeit und Muſe, das Heil welches ſeinem Hauſe wie⸗ derfahren war, in reiflicher Erwegung aller wichtigen Folgen, welche die Erſcheinung der beiden Biſchöffe in Schweden und der Bei⸗ tritt des jungen Sture zur Sache der Miß⸗ 123 vergnügten, nach ſich ziehen mußten, erſt recht zu erkennen, und in wilder Freude, die Flam⸗ men des Aufruhrs bald ringsum lodern zu ſehen, rief er ſeine beiden Söhne herbei, ſei⸗ nen Jubel zu theilen. Lars warf ſich ſchmeichelnd an ſeine Bruſt; Sigurd aber ſtand ernſt und ſchweigend ihm gegenüber und ſchien geduldig zu erwarten, bis der Vater, der faſt kindiſch mit dem Knaben tändelte, ein Wort an ihn richten würde. Endlich begann der Ritter:„Die Zeit iſt ge⸗ kommen, die große Ereigniſſe gebähren wird. Bald muß der Aufruhr losbrechen in den Thä⸗ lern und wer mit kräftiger Fauſt ſein Schwert zu führen weiß, der kann ſich Reichthum, Ruhm und Ehre erwerben. Drei wichtige Männer für unſere Sache ſchließen die Mauern meines Schloſſes ein, ſie ſind gekommen um das Werk zu leiten, deſſen Gelingen uns dem Throne nahe ſtellen wird. Gedenke ich des wilden 3 Sturms, ſo will michs bedünken ich ſey dem Alter noch ſo fern als Ihr und Kampfesluſt ſchwellt mir die Adern, gilts dem Guſtav einen Streich zu verſetzen. Dir, mein Lars, 4124 wünſchte ich wohl der Jahre mehr, Du wuͤr⸗ deſt kräftig mir zur Seite ſtehen; Du aber, Sigurd, erhebe Dich endlich, und zeige daß Du Deines Vaters Namen trägſt. Ein Kopf⸗ hänger mit geſunden, kräftigen Gliedern iſt ein verächtliches Geſchöpf; ermanne Dich— ſonſt donnre ich Deiner Mutter noch in die Gruft den gerechten Vorwurf nach: daß ſie mit ihrer Zärtlichkeit, womit ſie vorzugsweiſe das geliebte, erſtgeborne Söhnlein bald er⸗ ſtickte, Dich ſelbſt zum Weibe machte; Du aber, greifſt Du jetzt nicht ritterlich zum Schwerte, ſollſt ausgeſtrichen ſeyn aus meinem Herzen, und ich werde Dich, bleibſt Du hin⸗ fort ein traͤumeriſcher Feigling, nur unter mei⸗ nen Knechten dulden, die mein Vieh beſchicken.“ Da flammte es wie ein Blitzſtrahl auf in Sigurds Augen, jähe Röthe überflog ſeine Wangen, ſein geſenktes Haupt erhob ſich und mit kräftiger Stimme entgegnete er:„Du biſt mein Vater, ich bin Dir Ehrfurcht ſchuldig, und deren reichen Zoll will ich Dir gern ent⸗ richten; doch wenn Du täglich ſo nach meinem Herzen zielſt, das oft verwundet, nimmer auf⸗ 125 hört langfam zu verbluten, mit was ſoll ich den Keim der Kindesliebe nähren?— Du ſchmäheſt meine Mutter ſelbſt im Grabe noch, daß ſie mir ihre ganze Liebe ſchenkte, doch die edle gute Mutter wußte ja, daß wie ſie mir, ſo auch Du Dein ganzes Herz nur meinem Bruder Lars zugewendet; nur für das, was Du mir entzogſt wollte ſie mich entſchädigen durch doppelte Zärtlichkeit. Nicht zum Weibe wollte ſie mich bilden, unauslöſchlich ſind die weiſen Lehren noch in meine Bruſt gegraben, die ſie mir gab, wenn ich ſo ganz allein bei ihr ſaß im traulichen Gemache. Einem edeln, wahrhaft ritterlichen Sinne war ſie hold und pflegte ſeine Keime auch in meiner Bruſt, doch Wegelagerung war ihr verhaßt, und ſolch Ge⸗ werbe kann auch mein Gefühl für Recht nicht billigen. Gieb mir Gelegenheit meinen Muth zu erproben in offuer, redlicher Fehde, und ſtehe ich dann nicht meinen Mann, dann ſtoße mich zu den Knechten; gern will ich dann den Buͤgel halten, wenn Du Dein Roß be⸗ ſteigſt, bis dahin bitte ich, ſchmähe meine edle 2 Mutter nicht und laß zuich ruhßig meine Stiaßr wandeln.“ Da fuhr der Vater zornig auf und rief, ergluͤhend im Geſichte, mit drohender Geber⸗ de;„ſchweig, frecher Bube, oder ich vergeſſe es daß Dich mein Weib gebar! Willſt Du mich meiſtern, daß ich Wegelagerung treibe, wie ſo viele meiner Genoſſen? Geſchieht es nicht zu meiner Kinder Wohl, wenn ich dies Handwerk übe? ſoll ich Euch die kahlen Wän⸗ de vererben und leere Truhen?— Womit ſoll ich meine Freunde bewirthen, die zuweilen einſprechen auf meiner Burg, womit die Knechte füttern, brächte ich nicht zuweilen wohlbela⸗ dene Roſſe heim, dem bittern Mangel abzu⸗ helfen, dem wir ſonſt erliegen müßten?— Deiner klugen Mutter danke ich meine Noth; denn als jener Guſtav flüchtig bei mir ein⸗ ſprach auf meinem alten Stammſchloſſe Sä⸗ teri Ornäs, und ich mich in der Nacht ent⸗ fernte, den gefährlichen Aufwiegler den Dä⸗ nen zu übergeben, da beging Deine Mutter den ſchimpflichſten Verrath an mir, an ihrem Eheherrn, entdeckte dem Geächteten mein 127 Vorhaben und verhalf ihn zur Flucht. Hätte ſie ihn mit Stricken an ſein Lager feſt ge⸗ bunden, bis ich heimgekehrt, ſie hätte klü⸗ ger gehandelt und ganz Schweden würde es jetzt ihr Dank wiſſen und ihren Namen ſegnen im Grabe, daß ſie ihr Vaterland ge⸗ rettet vom ſchmählichen Joche des Tyrannen. Was habe ich, was habt Ihr wohl zu hoffen von dem Manne, der es mir wohl nie ver⸗ geſſen wird, daß ich ihn ſeinen Feinden über⸗ liefern wollte? Hat er nicht Ritter mit ge⸗ ringern Namen, als der meinige, in den Kreis ſeiner Höflinge gezogen, ſie mit reichen Gü⸗ tern belehnt und mit hohen Aemtern und Wür⸗ den bedacht? muß ich nicht täglich befürchten, daß ſein Haß, ſeine Rache mich heimſuchen auf meiner Burg. Drum ſey ihm Fehde ge⸗ ſchworen und Allen die ihm anhängen, und kann ich ihn nicht von ſeiner Höhe herabſtür⸗ zen, ſo will ich wenigſtens an ſeinem Throne rütteln und mich freuen wenn er wankt.“ „Der Verrath, deſſen Du meine edle Mut⸗ ter zeiheſt, muß doch wohl keine ſchlechte That geweſen ſeyn;“ erwiederte Sigurd ernſt, „denn auf ihrem Sterbelager hat ſie mirs noch zugeflüſtert, wie gleich einem himmliſchen Tro⸗ ſte die Erinnerung ihre Seele erquicke: daß es ihr gelungen Guſtav den Feſſeln ſeiner Feinde zu entziehn. Vielleicht hat ihr gerade die⸗ ſe That den Tod gebracht; denn ſeit jener Zeit hatte Dein Auge keinen freundlichen Blick mehr für ſie, Deiner Stimme Laut hörte ſie nicht an⸗ ders als in Schmähungen ertönen, bittrer Gram zernagte ihren Lebenskeim und doch goß der Gedanke an Guſtavs Rettung ſüßen Balſam ihr ins wunde Herz, obgleich ſie da⸗ durch Deine Liebe eingebüßt. Auch ich geſtehe es offen, kann den Mann nicht haſſen, den meine liebe Mutter ehrte, und aufrühreriſch gegen ihn mein Schwert zu ziehn, halte ich nicht für Ritterpflicht.“— Auf der Stirn des Ritters zogen immer drohendere Wolken herauf, und der Ausbruch des heftigſten Zorns ſchien nicht mehr fern, als er, ſich vom Seſſel erhebend, mit geball⸗ ter Fauſt auf ihn zuſchritt und in die Worte ausbrach:„Hüte Dich, daß ich Dein ſches Geſchwätz nicht männlich dente⸗ e endet 6 129 Bube!— Willſt Du Deine Feigheit verſte⸗ cken hinter hochtrabender Rede? mich hinter⸗ gehſt Du nicht!— Die Gefahren der Wege⸗ lagerung flieht Dein weibiſcher Sinn, gegen den König Dein Schwert zu ziehen, meinſt Du ſey gegen Ritterpflicht? nun ſo laß es roſten in der Scheide, laß Dir eine Glatze ſcheeren und verdorre im Kloſter, aber meide meinen Blick hinfort, das rath' ich Dir!— Komm Du zu mir, mein Lars,“ fuhr er fort, nach ſeinem Lieblinge die Arme ausbreitend, „Du wirſt des Vaters Stütze ſeyn im wilde⸗ ſten Sturme, wenn jenes ſchwache Röhrlein ſich ſelbſt nicht aufrecht halten kann, beim leiſe⸗ ſten Windeswehen.“ „Baue nur getroſt auf meinen Arm, mein Vater,“ erwiederte der Bube ſich feſt an ihn ſchmiegend;„ſtellte ich mich doch ganz allein der wüthenden Beſtie gegenüber und wußte ſie zu fällen, wahrlich, kräftiger will ich dem Seinde entgegenſtehn, Dein Schild in jegli⸗ chem Kampfe will ich ſeyn, und wär' mein Leben auch der Preis— mit 2 Freuden wollt! ir Thl. 9 n 130 ichs opfern, könnt' ich uns von dem veshaß⸗ ten Könige befreien.“ Entzückt uͤber die prahleriſche Rede ſeines Söhnleins, ſuchte der Ritter das Aufwallen ſeines Zorns niederzukämpfen, und ſchien jetzt ruhiger Sigurds Rede zu hören, der tief im Innerſten verletzt, und näher zu ihm tretend, ſprach:„wirſt Du mich niemals denn verſte⸗ hen, mein Vater? wenn unſere Gefühle auch nicht die gleiche Richtung finden, warum willſt Du denn Dein Herz erfüllen mit feind⸗ licher Regung gegen mich?— Gedachteſt Du nie mehr an die letzten Worte meiner Mut⸗ ter, als ſie mit halbgebrochnem Auge lag im Scheiden, zitternd unſre Hände in einander fügte, und nur mit Anſtrengung die Worte zu Dir ſprach: nimm Deinen Sigurd auf in Deinem Herzen, damit er nicht verwaiſt ſtehe auf der Welt, ſobald die Mutter heimgsgan⸗ gen.— Da drückteſt Du mich feſt an Deine Bruſt; es war das erſte Mal ſeit langen Jah⸗ ren und auch das letzte Mal bis jetzt, daß ich an meinem Herzen den Schlag des Dei⸗ nigen gefuͤhlt. Ich bin kein Weichling und 131 ritterlicher Kunſt nicht abhold; werf ich nicht den Speer ſo ſicher als Einer nach dem fern⸗ ſten Ziele? ich weiß mit dem Schwerte um⸗ zugehen und die Schwalben ſchieße ich mit dem Pfeile im Fluge. Auch Feigheit kenne ich nicht und bin gern bereit, vor Deinen Augen meinen Muth zu erproben, kann es geſchehen nach Recht und Ritterpflicht.“ „Wohlan!“ ſprach Pehrſon nach kurzem Bedenken, und ſeine Züge wurden milder, „iſts wie Du ſagteſt, iſt Dir der Muth nicht untergegangen in läſſiger Träumerei, ſo magſt Du ihn gleich morgenden Tages bewähren. Dein Bruder hier, an Jahren und an Kraft noch nicht ſo reich als Du, hat geſtern ein Waidwerkſtück geliefert, wie's nur dem kräf⸗ tigen, erfahrenen Manne zuweilen gelingt. Leer kamſt Du ſtets nach Hauſe zogſt Du auf die Jagd und triebſt Du Dich auch Tage lang, der Himmel weiß, wo? herum; er allein, wie Du ihn hier an meiner Seite ſiehſt, fällte ei⸗ nen gar gewaltigen Bären, drum rüſte Dich mit Sonnenaufgang, ziehe hinaus, und thue es ihm gleich. Gelingt Dirs ohne Hülfe, wie . 1 9*⅔ es Lars volbbracht, ein gleiches Beuteſtück zur Burg zu liefern, ſo ſollſt Du nimmer wieder hören daß ich Dich der Feigheit zeihe; doch kehrſt Du leer daheim, dann meide mein Ant⸗ litz, bette Dich zu den Knechten in den Stall, nimm Speiſe und Trank von ihrem Tiſche, und laß Dich nimmer wieder bewaffnet vor mir blicken.“ 3 Den Knaben Lars umſchlingend, verließ er den Saal; Sigurd aber trat zum Fen⸗ ſter, blickte hinauf in die Wolken, und indem er mit unnennbarer Sehnſucht der geliebten, zu früh geſchiedenen Mutter gedachte, erglänz⸗ ten Thränen der tiefſten Wehmuth in ſeinen Augen. 133 6. Der Biſchoff Sunnanwäder hatte faſt die ganze Nacht ängſtlich durchwacht. Unerklär⸗ liche Ahnungsſchauer durchbebten ſein Inures, und tolle, ſchreckhafte Träume ſcheuchten den Schlummer von ſeinem Lager, ſobald er dem Ermatteten nahete. Noch hatten die Strah⸗ len der Sonne die Dämmerung nicht gelich⸗ tet und nur ein ſchwacher Lichtſtreifen beleuch⸗ tete am öſtlichen Horizonte die eisbedeckten Kuppeln hoher Felſen, ſo daß ſie in der Fer⸗ ne heruͤberſchimmerten, wie ſtahlbedeckte Rie⸗ ſenhäupter.— Das düſtre Gemach, welches dem Prälaten zum Obdache diente, wurde nur ſchwach erhellt von einer, von der Decke herabhangenden kupfernen Ampel, deren flal⸗ 134 kerndes Flämmchen ſeinen huͤpfenden Schein rings herum wandeln ließ, auf der grobge⸗ webten Tapete, welche die Wände bedeckte. Sunnanwäders mattes Auge haftete ſtarr auf einer, ſeinem Lager gegenüber befindlichen, Schilderei, die Enthauptung Johannis des Täufers vorſtellend und kalte Schweißtropfen rollten von ſeiner Stirn, indem er unverwandt das Schreckensbild betrachtete. „Blut! Blut! wohin mein Auge blickt!“ rief er endlich leiſe wimmernd aus, und be⸗ deckte ſein bleiches Antlitz mit der flachen, zit⸗ ternden Hand.„Und wenn ich mein Auge ſchließe, läßt der böſe Geiſt nicht ab, mir ſelbſt im Traume die entſetzlichſten Bilder vor⸗ zugaukeln. Selbſt im Traume ſchau' ich nur Flammen, Blut und Henkerstod!“ Er ſank auf die wollenen Decken zuruͤck, auf welche er, vergeblich Ruhe ſuchend, die müden Glieder gebettet und ſtöhnte ängſtlich und leiſe, ja, zuweilen drang auch ein zag⸗ haftes Gebet über ſeine Lippen. Im weiten Gemache war es ſtill und öde, nur das ein⸗ tönige Picken des Holzwurms wurde zuweilen 135 hörbar, welcher im alten Schranke und in den unförmlichen Seſſeln niſtete; doch plötzlich drang es vom hohen Bogenfenſter, das aus vielen kleinen Scheiben zuſammengeſetzt war, wie ein dumpfes Rauſchen herüber, und ein durchdringendes, heiſeres Krächzen ſchreckte ihn von ſeinem Lager auf. Zwei ungeheure Raben hatten ſich am Fenſtergeſims feſtgekrallt und der Eine der beiden Nachtvögel hielt mit ſcharfer Klaue ein funkelndes Kleinod feſt, welches er mit ſpitzem Schnabel und gewich⸗ tigem Flügelſchlage zu behaupten ſuchte. Der Biſchoff erhob ſich und ſchlich gekrümmt zum Fenſter, die läſtigen Ruheſtörer zu verſcheu⸗ chen; doch kaum hatte er einen Blick hinaus⸗ geworfen auf die unheimlichen Kämpfer, als er entſetzt zurücktaumelte, denn er glaubte in dem funkelnden Ringe mit dem waſſergrünen blitzenden Steine? der die Urſache des Strei⸗ tes zu ſeyn ſchien und ſeinen herumſchweifen⸗ den Blicken nicht entgangen war, ſein Ei⸗ genthum zu erkennen. Zitternd ſtreifte er ab⸗ wechſelnd über beide Hände und ſeinen maſſi⸗ ven Fingerreif, auf deſſen grünem Steine ſein 136 Familienwappen kunſtvoll eingeſchnitten war, vermißte er jetzt erſt. Er zweifelte nicht, daß dies Kleinod, welches ihm theurer war wie die heiligſte Reliquie, das er nie von ſich leg⸗ te, daſſelbe ſey, welches die Raben ſich zum Kampfpreis auserſehen, und durch eine un⸗ willkuͤhrlich drohende Bewegung gegen das Fenſter, ſchreckte er die ſchwarzen Vögel auf, die im Fluge ſich erhebend die Scheiben zer⸗ trümmerten und mit gellendem Geſchrei die Luft durchkreiſten, bis zu einem nahen Felſen, wo ſie, ſich niederlaſſend, jetzt in Eintracht, wie höhnend, ihr heiſeres Krächzen herüber⸗ ſchallen ließen. Zitternd an allen Gliedern öffnete Sun⸗ nanwäder das Fenſter, fand den Ring auf dem Geſimſe und kaum hatte er ſich beim Scheine der Lampe überzeugt, daß das Klei⸗ nod wirklich ſein Eigenthum ſey, kaum hatte ſein ſcheuer Blick ſich unwillkührlich wieder nach der Enthauptung Johannis gerichtet und das Bild im grellſten Lichte ſich ihm gezeigt, als ob die handelnden Figuren ſi ſich geſchäftig ſchweigend regten, da erloſch durch den Luft⸗ — — —— 137 zug die flackernde Flamme der Ampel, un⸗ heimliche Dämmerung umhüllte ihn und mit einem Ausrufe des Schreckens ſank er ohn⸗ mächtig zu Boden. So fand ihn ſein Freund Knut, als er mit ſeinem Schützlinge, den er dem Ritter Pehrſon als den jungen Nils Sture auf⸗ geführt, leiſe ins Gemach trat. Knut war beſtürzt, als er Sunnanwäder im Zuſtan⸗ de völliger Bewußtloſigkeit erblickte und erſt nach geraumer Zeit gelang es ihm, den Ohn⸗ mächtigen ins Leben zurückzurufen, der lange noch ſchweigend vor ſich hinſtarrend, kaum den Freund erkannte, der ihm Hülfe geleiſtet hatte. Den Ring hielt er krampfhaft mit ſei⸗ ner rechten Hand feſt und zuweilen, wenn ſein Blick darauf fiel, erbebte er aufs Neue und lehnte ſein mattes Haupt an die Bruſt Knuts, der ihn mit aͤngſtlicher Theilnahme umfangen hielt und indem er ſeinen gereizten Seelen⸗ zuſtand errieth, ihn mit dem Vorgeben zu tröſten ſuchte: daß nur die Anſtrengungen und Unbequemlichkeiten der Reiſe ſeinen Körper geſchwächt hätten. Auch bereitete er ihm ein 138 kühlendes Getränk aus Honig, ſauern Frucht⸗ ſäften und Quellwaſſer, und nachdem der Kranke ſeinen brennenden Durſt damit geſtillt, wurde das heftige Klopfen ſeines Herzens un⸗ merklicher und ruhiger ſtrömte das, durch ſchre⸗ ckenvolle Phantaſien aufgeregte, Blut durch ſeine Adern. Er hatte ſein Lager wieder ein⸗ genommen, und als er ſeine Gedanken zu ord⸗ nen vermochte, ergriff er des Erzbiſchoffs Hand und bat den jungen Sture, er möchte ihn mit dem Freunde kurze Zeit allein laſſen, in⸗ dem es ihn dränge dieſem die Quaalen ſeines Innern zu offenbaren. Der Jüngling verließ das Gemach und mit matter Stimme begann Sunnanwäder: „Freund, ich beſchwöre Dich, laß uns nicht weiter ſchreiten auf unſrer Bahn! geh' nicht nach Stockholm, dort drohen Schlingen un⸗ ſern Fuͤßen und Ketten unſrer Hand. Ein fürchterlicher Traum hat in vergangner Nacht mir unſer Schickſal offenbart, das unſer harrt, wenn wir uns tollkühn in des Tiegers Höhle wagen. Nein, lieber will ich hier in den un⸗ wirthbaren Gebirgen, ohne Glanz und Ruhm, * 139 in Noth und Armuth mein Leben friſten, als dort unter Todesgefahr ein blendendes, ach! ſo ungewiſſes Ziel erjagen! Gedenke unſrer Schuld! wir ſind nicht rein vor Gott, wir werden ſchlecht beſtehen im Gerichte hier und dort.— Höre meinen Traum, und urtheile dann ſelbſt, ob nicht ein höheres Weſen die fürchterlichen Bilder aufgerollt vor meinem An⸗ ge, zu unſerer Warnung und Erkenntniß. Als Du mich geſtern ſpät am Abende hier verlie⸗ ßeſt, da hatte Dein Feuerwort meinen Muth erregt und ich lag hier auf meinem einſamen Lager in behaglicher Ruhe, denn glänzende Hoffnungen erfüllten meinen Geiſt mit wahr⸗ haft ſeliger Luſt und ſcheuchten den Schlum⸗ mer von meiner Ruheſtatt. Doch endlich ſchloß die Mattigkeit meine Augen und in jenem läſ⸗ ſigen Zuſtande zwiſchen Schlaf und Wachen, ſchwirrte es um mich her wie wunderbare Mu⸗ ſik, helle Funken und Flämmchen tauchten vor mir auf und nieder, und flimmernde Licht⸗ ſtrahlen ſchienen auf mich einzudringen, ob⸗ gleich ich meine Augenlieder feſt geſchloſſen hatte. Da war es mir als fühlte ich mich 1⁴⁰0 verſetzt nach dem Brunkenberge zu Stockholm, und Du ſtandeſt mir zur Seite und viele geiſt⸗ liche Brüder in verſchiedener Ordenstracht. Die Reſidenzſtadt lag ausgebreitet zu unſern Füßen, das geſchäftige Volk belebte die Stra⸗ ßen, die kupfernen Zinnen der Kirchen und Palläſte erglänzten im Sonnenſtrahl und die Raſendächer der niedern Hütten grünten und blüheten wie unzählige Gärten, denn es war Sommer und die ganze Natur athmete Won⸗ ne. Bald aber zogen. Wolken auf heitern Himmel, recht ſchwere, dräuende Wolken und wälzten ſich näher und näher und ſenkten ſich jmmer tiefer herab auf die Stadt. Wetter⸗ leuchten und Donnergebrüll verſcheuchten das geſchäftige Volk in ſeine Wohnungen, die Straßen wurden leer und öde; nur hier und da zog eine Proceſſion ſingender Mönche ein⸗ her, welche ein hohes ſchwarzumflortes Kreuz und heilige Reliquien vor ſich hertragen lie⸗ ßen. Doch ihr frommer Geſang wandelte ſich bald in lautes Angſtgeſtöhne und Wehgeſchrei, denn plötzlich theilten ſich die ſchwarzen Wol⸗ ken und ein feuriger Wagen wurde ſichtbar, 141 auf dem Martinus Luther, der deutſche Ke⸗ tzerfuͤrſt einherfuhr in fremdartiger Prieſter⸗ tracht, ihm zur Seite ſtand in ſtolzer Haltung König Guſtav und ſeine rechte Fauſt hielt ein blutiges Schwert, mit ſeiner Linken aber ſchleuderte er zündende Blitze auf unſre fried⸗ lichen Klöſter und Kirchen. Die heiligen Stät⸗ ten gingen in Flammen auf, die Diener Got⸗ tes ſanken betäubt zu Boden und bargen ihr bleiches Antlitz in den Staub, denn ſie ertru⸗ gen den Anblick des ſchrecklichen Unheils nicht; nur wenige fluͤchteten zu uns auf den Brun⸗ kenberg und trugen Baugeräthe herbei und gruben rüſtig einen tiefen Grund, ein neues Gotteshaus hineinzubauen. Wir Beide hal⸗ fen emſig, legten die Grundſteine, führten ſtar⸗ ke Säulen auf und mit wunderbarer Schnel⸗ ligkeit erhoben ſich die Mauern, wölbte ſich die Kuppel und das Innere des Tempels ge⸗ ſtaltete ſich glanzvoll und prächtig, denn es mangelte uns nicht an edeln Metallen und koſtbaren Stoffen. Wir ſchmückten den Haupt⸗ altar mit köſtlichem Geſchmeide und goldenen Gefäßen, zündeten unzählige Wachskerzen an, à 142 und der Glanz blendete unſer Auge, daß wir es abwenden mußten von ſo vieler Pracht und hinausgingen aus dem Tempel. Als wir aber draußen unſre Blicke ſchweifen ließen über die verheerte Stadt, da lagen unſre Kirchen und Klöſter in Trümmern, unſre Altäre und Heil⸗ genbilder waren in den Staub getreten und ein dicker Qualm ſtieg empor, der unſre Bruſt beengte wie Schwefeldampf; ein Roſenſchim⸗ mer aber, wie fernes Morgenroth, goß tau⸗ ſend Strahlen aus und durchbrach die dich⸗ ten Rauchſäulen. Balſamiſche Lüfte weheten vom Himmel herab und trieben ſäußelnd wie Harfengetön die Dampfwolken auseinander, daß ſie ſpurlos vergingen und bald wurde es wieder hell und freundlich in der Stadt, und regſam jubelte das Volk und auch die letzte Spur von unſern Gotteshäuſern war ent⸗ ſchwunden; aber Martinus Luther, der deutſche Reformator, fuhr noch immer einher auf feurigen Wolken, hielt die heilige Schrift in ſeiner Hand und predigte laut, daß ſeine Worte widerhallten wie Donnerrollen. Eine ungeheure Volksmenge horchte ſeiner Rede, ſtreckte die Arme flehend empor, und man hörte ſie keinen Heiligen mehr anrufen, ſie heteten zu Gott unter freiem Himmel. Betrübt ob ſolchen Anblicks, wagten wir keine Deutung und gingen zurück in den neuerbauten Tem⸗ pel, um dort zu beten nach unſrer Art, doch ſchreck⸗ lich hatte ſich ſein Inneres geſtaltet. Schwarze Bahrentücher deckten den Glanz der Wände, ſtatt der Heiligenbilder waren Marterſäulen aufgerichtet und ſtatt des Hauptaltars erblick⸗ ten wir einen Richtblock auf hohem blutge⸗ tünchtem Geruͤſte und einen Richterſtuhl, wor⸗ auf der König thronte mit dem zweiſchneidigen Schwerte. Unter Wehgeſchrei zerſtoben alle unſere Freunde, welche rüſtig uns beim Baue geholfen, wir Beide aber blieben ganz allein zurück, denn wir ſchienen feſtgebannt an die furchtbare Stätte. Guſtav der Ketzer ſprach ein ſchrecklich Urtheil über uns, er gab das Schwert den Henkern, die uns hohnlachend umringten und verſchwand von ſeinem Throne. Betäubt und keines Wortes mächtig ließen wir uns zum Blocke ſchleppen, wie ohnmäch⸗ tige Schlachtopfer, mir war's als ſähe ich 8 das Heukerſchwert ſchon über meinem Haupte blitzen, als fühlte ich ſchon den Todesſtreich, da erbebte der Boden, der neue Tempel ſtürzte krachend uͤber uns zuſammen und ich erwachte mit einem Angſtgeſchrei und ſah die ganze Nacht hindurch nur Flammen, Blut und ſchre⸗ ckenvolle Bilder.“ Knut, welcher ſich ſelbſt eines beängſtigen⸗ den Eindrucks, den die Mittheilung des Freun⸗ des in ſeinem Innern hervorgebracht hatte, nicht erwehren konnte, gewann doch bald wie⸗ der Faſſung, und ſuchte durch ernſte Ermah⸗ der zu erwecken. Aber Sunnanwäder, wel⸗ fort, unter ängſtlichen Wehklagen, ſeinem Ge⸗ fährten zu erzählen: wie ihm noch ein ande⸗ res Zeichen ſeines nahen Unterganges gewor⸗ den, indem er nicht im Traume, ſondern wa⸗ nungen und leichten Spott ſeinen Muth wie⸗ cher ungeachtet ſeiner hohen, geiſtlichen Wür⸗ de, nicht frei vom Aberglauben war, fuhr chend und bei vollem Bewußtſeyn, ſeinen Wappenring, ein Familienheiligthum, in den Klauen der Raben wiedergefunden, welche man damals, ſowie auch die Elſtern, in ganz 61 61 5 Schweden für myſtiſche Vögel hielt und aus ihrem Fluge und Geſchrei Heil oder Unheil wahrſagte. Doch lachend ſuchte ihm Knut dies Ereigniß ganz natürlich zu erklären, in⸗ dem er ihn erinnerte, wie leicht es möglich ſey, daß er beim Abſteigen vom Roſſe, im Burghofe, den Ring von der Hand geſtreift, und daß die Raben in der Morgendämmerung, durch den Glanz des Steines angelockt, darauf geſtoßen und um das Kleinod in Streit ge⸗ rathen. So gelang es ihm endlich durch eifri⸗ ge Bemühungen jeden Zweifel niederzukämpfen, den Kleinmuth des Freundes zu beſiegen und deſſen Angſt zu verſcheuchen. Sunnanwä⸗ der erhob ſich von ſeinem Lager und freier ſtrömten jetzt ſeine Athemzüge aus der, vor wenigen Minuten noch ſchwer bela ſteten Bruſt und leichter ging er jetzt ein in Knut's Ideen und Pläne, wodurch dieſer ihre ehemalige Würde und Glanz wieder zu erringen ſtrebte, ja, er ſtimmte nach und nach der Meinung bei, die Reiſe nach Stockholm, wo ſie ihre Rechtfertigung öffentlich zu führen gedachten, ohne Verzug fortzuſetzen. ir Thl. 10 146 Hierauf rief Knut den jungen Sture herbei, den er in den Thälern zurückzulaſſen gedachte, damit er von hier aus den Empö⸗ rungsruf durchs ganze Land erſchallen laſſen möchte; denn er zweifelte nicht, daß die Un⸗ zufriedenheit des Volks mit Guſtavs Regie⸗ rung aufs Höchſte geſtiegen ſey und daß Tau⸗ ſende herbeiſtrömen würden, einen Sprößling des allgemein verehrten Sture'ſchen Hauſes zu rächen und zu erheben. Der Jüngling ſchien die ihm zuertheilte Rolle eines Hauptes der Empörer mit ganzer Seele aufgefaßt zu ha⸗ ben und in wenigen Stunden zu dem feſten Entſchluſſe gelangt zu ſeyn, ſich der Leitung der beiden Prälaten gänzlich zu uͤbeklaſſen, weshalb er auch mit der größten Aufmerkſam⸗ keit ihren Rathſchlägen ſein Ohr lieh, und ſein Benehmen ganz nach ihren Wünſchen zu formen verſprach. So hatten ſie wieder ge⸗ raume Zeit in geheimer Unterredung zuſam⸗ men zugebracht, und die Sonne hob ſich gleich einem Feuerballen über die Eisgebirge empor und ſendete gluthrothe Strahlen ins düſtre Gemach, es zu erhellen mit blutigem Scheine, 147 als ob es der Blutrath den die drei Männer dort hielten ſo erfordere. Da öffnete ſich die Thür und ein Mann trat langſam und leiſe herein, von ungewöhnlich hoher Geſtalt und ſeltſamen Aeußern. Sein Haupt war unbe⸗ deckt und lange weiße Locken ſielen über ſei⸗ nen Scheitel herab; ſein Antlitz war bleich und eingefallen, die finſtern, menſchenfeindli⸗ chen Züge deſſelben, nahmen zuweilen den Ausdruck des tiefſten Seelenleidens an, und obgleich die blauen Augen ſtarr und faſt un⸗ beweglich vor ſich hinaus ſchaueten, ſo ſtrahl⸗ ten ſie doch wieder auf Momente milden, freundlichen Glanz aus und ihr wehmüthiger Blick flößte Mitleiden ein. Von einem gel⸗ ben, grobwollenen Zeuge, womit man die Kin⸗ der in den Thälern gewöhnlich bekleidete, war ſein langes, faltenreiches Gewand, welches faſt einem Mönchsgewande glich, und ſeine rieſige Geſtalt von den Schultern bis zu den Knöcheln herab verhüllte. Seine Füße waren bloß und nur mit Riemenſchuhen von Elens⸗ han verſehen, auch reichten die kurzen Aermnel * 10* 3 148 des Faltenrockes nicht hin die Arme zu be⸗ decken, deren ſtarke, feſte Muskeln ſeltne Kraft verriethen. In ſeiner Rechten hielt er einen Runenſtab mit ſeltſamen eingeſchnittenen Cha⸗ rakteren und die Linke hielt er weit hinaus⸗ geſtreckt, nach der auftauchenden Sonne damit deutend. Langſam und feierlich ſchritt er bis zum Fenſter vor und ſchien die Anweſenden nicht zu beachten, welche ſich wechſelsweiſe verwun⸗ dert anblickten über die plötzliche Erſcheinung des ſonderbaren Fremdlings, der ſich ſo un⸗ berufen in ihre heimlichen Berathungen zu drängen ſchien; doch wagten ſie es nicht ihn anzureden, denn ſein Auge war unverwandt nach der Sonne gerichtet und ſeine Züge ſtarr, wie die eines Steinbildes. Bald aber wur⸗ den ſeine Mienen ſanfter und über ſeine Lip⸗ pen drang ein leiſes Gebet, welches jedoch das Staunen der geiſtlichen Herrn noch er⸗ höhete, denn ſie glaubten in ſeinem Geflüſter deutlich die Namen heidniſcher Gottheiten zu unterſcheiden, wie ſie nur noch in den Büchern 1 149 der Edda“ und in uralten Sagen, welche Enkel auf Enkel im Volke vererbten, aufbe⸗ wahrt wurden.. Da erſchien Ritter Pehrſon, zog ſie in den entfernteſten Winkel des Gemachs und bat ſie dort leiſe und mit ſichtbarer Aengſtlichkeit, die Nähe jenes Mannes zu meideun und ſich nach dem großen Saale zu begeben. Näheren Auf⸗ ſchluß üͤber den Räthſelhaften zu geben, ſchien er ungeachtet der dringenden Bitten ſeiner Gäſte, ſelbſt nicht vermögend oder nicht ge⸗ neigt; nur ſo viel theilte er ihnen flüchtig mit: daß jener ſonderbare Mann bei den Thal⸗ bauern im Rufe hoher Wiſſenſchaften und ge⸗ heimer Zauberkünſte ſtehe, daß er beſonders den Prieſtern abgeneigt ſey und ſchon ſeit vie⸗ len Jahren in den unwirthbarſten Gebirgen * Die Edda war eine Sammlung aller Glaubens⸗ punkte, und zugleich eine National⸗Sittenlehre und Mythologie der Scandinavier und Gothen, welche bei Einfuͤhrung des Chriſtenthums von den Mönchen vertilgt wurde. Doch ſammelte hundert Jahre ſpaͤ⸗ ter ein Islaͤnder, Snorre Sturleſon, einige Bruch⸗ ſtücke, die noch vorhanden ſind. 150 ein einſiedleriſches Leben führe und nur ſelten den Wohnungen der Menſchen ſich nähere. Der Erzbiſchoff Knut nahm dieſe Mit⸗ theilung, welche der Ritter mit dem Ausdrucke ängſtlicher Scheu und mit einer Miene her⸗ vorbrachte, die deutlich ausdruͤckte wie ſehr er den Volksglauben theilte, ſpottend auf, und erwiederte in übermüthigem Tone:„Nur feile Betrüger hüllen ſich in die Maske der Zau⸗ berer und Wahrſager, und auf der Stelle will ich Euch, mein Freund, ein Beiſpiel geben, daß jener Graukopf, ſo gut wie jeder Andere ſeiner Zunft, zum Galgen reif iſt!“ Ohne auf die Bitten und Beſchwörungen Pehr⸗ ſons zu achten, nahete er ſich keck dem rieſi⸗ gen Greiſe, welcher durch das ihn umgebende Ge⸗ räuſch geſtört, ſein Gebet beendet hatte; doch die Wildheit des ſtarren Blickes der ihn traf⸗ als er auf ihn zuſchritt, ſchien den bittern Spott, der auf Knuts Lippen ſchwebte, zu verſcheuchen, und mit einer unwillkuͤhrlichen Geberde der Achtung, die ihm die majeſtäti⸗ ſche Haltung des alten Mannes abnöthigte, der finſter auf ihn niederblickte, blieb er vor ihm ſtehen, und nachdem er einige Augenblicke ſchweigend nach Faſſung gerungen, ſprach er verlegen:„Die Kunde von Deiner hohen Wiſſenſchaft trieb mich an, mich Dir zu na⸗ hen; ich leugne es nicht, daß mir der Glau⸗ be mangelt, bei Lenten Deiner Art ein über⸗ menſchliches Wiſſen zu finden, weil aber Dein Aeußeres abweicht von dem, gemeiner Gauk⸗ ler, ſo bitte ich Dich, mir und meinen Ge⸗ fährten unſer künftiges Geſchick zu verkünden, daß ich mit der Zeit erkennen lerne, ob ich wirklich gefrevelt durch meinen Unglauben an ſolche Kunſt.“ 3 Noch immer blickte der hohe Greis mit fin⸗ ſterm Ernſte auf den Erzbiſchoff und ſeine Züge geſtalteten ſich zürnend und verächtlich, als er ihm nach minutenlangem Schweigen erwiederte:„Warum ſenkt Dein Auge ſich ſcheun vor mir zur Erde; ich bin ein Erdge⸗ ſchöpf wie Du, und mein Wiſſen reicht nicht über die Grenzen des menſchlichen Geiſtes, doch iſt mein Blick wohl ſcharf genug bis in Dein Herz zu dringen. Der Geiſt des Ver⸗ 152 füchers, der böſen Locke“* ſpricht aus Dir, ſeine Liſt und Falſchheit wohnen Dir im Bu⸗ ſen. Denke an Hela's** Reich, die alles ver⸗ zehrende Zeit iſt flüchtig! Kalt und unwirth⸗ bar iſt das Land der Todten, es grünt kein Baum dort, es ſproßt kein Halm, es rinnt kein Tropfen, eine ewige Eisrinde deckt den ſtarren Boden, aber reich iſt es an Quaalen für Alle die es aufnimmt.“ Er ſchwieg ei⸗ nige Augenblicke und heftete ſein Auge auf die beiden Biſchöffe, dann ſprach er mit furcht⸗ barer Stimme:„Sieben Welten werdet Ihr durchwandern müſſen, ehe Ihr das Licht der Verſöhnung ſchaut! Den Prahler und den Stolzen wird ein feuriges Gewand umgeben, langſam wird es ſeine eiserſtarrten Glieder ausdorren bis die Wanderung vollendet. Dem Lügner und Verläumder werden hungrige Ra⸗ ben die Augen aushacken, wer aber ein ſchlech⸗ ter Diener ſeines Gottes war, deſſen Hände * Gott des Feuers, Satan der alten heidniſchen Schweden.— er* Göttin des Todes, aͤhnlich der Hecate der Griechen. 15³ werden an feurige Felſen geſchmiedet.“ Nach kurzem Schweigen heftete er ſeine Augen auf Ritter Pehrſon und fuhr eifrig fort mit er⸗ hobener Stimme:„Wer fremdes Gut ohne Recht an ſich gebracht, wer ſeinen Menſchen⸗ brüdern Leben und Eigenthum geraubt, der ſoll eine Ewigkeit hindurch ſchwere Bleimaſſen nach Hela's Burg ſchleppen und gewaltige Drachen ſollen ſeine Bruſt zerfleiſchen mit gif⸗ tigem Schnabel.“ Faſt mitleidig ruhete, nach⸗ dem er dieſe Worte geſprochen, ſein Bkick auf dem Jünglinge, deſſen Züge ſchmerzliche Er⸗ innerungen in ſeinem Innern zu erwecken ſchie⸗ nen, und mit milderem Tone ſprach er weiter, zu dieſem gewendet:„Die Sorgkoſen und Leichtſinnigen wird aber ein ewiger Trübſinn quälen und ihr künftiges Leben wird eine un⸗ endliche Kette ſeyn von martervollen Stunden und giftiger Seelenpein.— Flüchtig iſt die Alles verzehrende Zeit,“ fuhr er nach kurzer Pauſe wieder fort im prophetiſchen Tone und trat vom Fenſter hinweg in die Mitte des Gemachs, daß die rothen Strahlen der Sonne, welche vorhin ſich brachen an ſeiner hohen 8 154 Geſtalt, jetzt ungehindert eindringen konnten und die bleichen Geſichter der vor ihm Ste⸗ henden färbten:„Opfert nicht länger dem Hidur,* betet Balder** an, damit er Euch einen Strahl ſeines Lichtes ſende, Eure Beſſe⸗ rung zu fördern vor Eurem Ende, denn Eure Häupter ſind in Blut detancht⸗ nah' iſt die Stunde des Gerichts! nah' Euer Unt⸗rgangte Nachdem er ſeine Rede geendet, ſtanden die vier Männer vor ihm, verlegen zur Erde blickend und Su nnanwäder konnte ein lei⸗ ſes Zittern nicht verbergen. Knut aber war der Erſte, welcher ſtolz ſein Haupt empor⸗ warf, und mit erzwungener Faſſung lachend in die Worte ausbrach:„Beim St. Erich! ein Seher aus der grauen Porzeit! ein lächer⸗ licher, hirnverrückter Burſche, denn nur der Wahnſinn kann uns zumuthen längſt verſcholle⸗ ne Heidengötter anzurufen. Kommt Freunde, * Der blinde Gott des Iruthums und der Finſterniß;z als Haupteigenſchaft wurde ihm der Haß beigelegt. ** Gott der Sonne; ſeine Haupteigenſchaften: Guͤte und Tugend. 455 laßt den tollen Greis in ſeinem Traume, zu ſeiner Bekehrung fühle ich mich jetzt nicht be⸗ rufen.“ Er verließ ſchnell das Zimmer und zog Sunnanwäder und den Jüngling mit ſich fort, der Ritter Pehrſon aber blieb zurück in ſcheuer Ehrfurcht und ſprach demüthig zum Alten: „Verzeihe, weiſer Ingiald, wenn Dich die Worte meines Gaſtfreundes beleidigten und räche nicht den Unglimpf, der Dir ohne mei⸗ nen Willen widerfuhr in meinem Hauſe.“ f Mit einer Miene, welche die tiefſte Ge⸗ ringſchätzung deutlich ausſprach, entgegnete Ingiald:„Nur Du willſt mich beleidigen, der Du glaubſt, ein prahlend, freches Wort verletze mich; der Du meinſt, ich ſey ſo nie⸗ derer Natur, daß ich mich rächen müſſe für Unglimpf. Hörteſt Du je, daß ich ſelbſt mei⸗ nen Feinden Böſes that? der Gott, den ich im Herzen trage, lehrt mich Tugend üben, Gutes thun; drum finden böſe Geiſter keinen Raum in meiner Seele. Damit Dir aber kund wird, warum ich Deiner Wohnung mich genähert, ſo wiſſe: eine Warnung fuͤhrt mich 156 zu Dir. Deinem Erſtgebornen droht ein Un⸗ heil. Ich traf ihn auf der Haide, zur Bä⸗ renjagd gerüſtet, als noch Nacht die Erde deckte und Orwandels Zehen* ſtanden uber ſeinem Haupte und ein Kattlo** ſtreifte ſchreiend über ſeinen Weg. Er aber erwie⸗ derte auf meine Mahnung heimzukehren: Du hätteſt ihm befohlen, noch heute einen Bären als Probe ſeiner Tapferkeit zu fällen, drum könne nur Dein eigener Befehl ihn beſtimmen, ſein Vorhaben bis zu einem glücklicheren Tage auszuſetzen. Laß Dein ſchnellſtes Roß ſatteln und ſende einen Boten ihm nach, daß er ihn zurückrufe, ſonſt, wenn ein guter Geiſt ihn nicht geleitet, geht er in den Tod, auf Dein Geheiß. Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ver⸗ ließ er den Ritter und war ſchon nach weni⸗ * Ein unheil bringendes Sternbild der alten heidni⸗ ſchen Schweden. *» Wilde Katze, Katzenluchs. Der Aberglaube häͤlt ſie 3 noch jetzt in Schweden für verwunſchte Thiere, und behauptet: ihr Begegnen bedeute beſonders den Bas renjaͤgern Ungluͤck. gen Minuten aus der Burg verſchwunden, Arend Pehrſon aber rief eilig einen Knecht herbei, und gab ihm den Befehl: ſeinem Soh⸗ ne nachzueilen und ihn zurückzurufen; doch Lars erbot ſich, ſobald er vernommen was den Vater zu dieſer Sendung veranlaſſe, deſſen Auftrag ſelbſt zu übernehmen. Er warf ſich auf ein Roß und jagte den Pfad hinab, wel⸗ cher nach dem Kirchſpiele Iſala führte. 4 7. 4 4444 2. Als Sigurd die väterliche Burg verließ, zur Bärenjagd gerüſtet, war die winterliche Gegend noch in nächtliches Dunkel gehüllt, und nur der bleiche Schimmer des Mondes, der kalt herniederſchaute auf die erſtarrten Felſen und das Flimmern einzelner Sterne am wolkenloſen Himmel beleuchtete den Pfad des Jägers, der mit düſtern Gedanken ringend, eilig dahinſchritt. Nur ſeinen Weg verfol⸗ gend, hatte er kaum aufgeblickt; das donnern⸗ de Herabſtuͤrzen ungeheurer Schneemaſſen von den nahen Felſen, das Geſchrei der Raben und Eulen, die ringsum ihre nächtliche Jagd trieben, das Geheul hungriger Wölfe, die im — — Bedeutung beilegte. 159 Tannenbuſche lagerten, hatte ihn nicht auf⸗ geſchreckt aus ſeinen finſtern Träumen und ſo war auch das Herannahen einer rieſigen Men⸗ ſchengeſtalt, welche die öde ſchneebedeckte Haide zu ſeiner Linken durcheilt hatte, von ihm un⸗ bemerkt geblieben. Erbebend richtete er ſein tiefgebeugtes Haupt empor, als Ingiald, der räthſelhafte Greis vor ihm ſtand, wie ein geſpenſtiſcher Schatten, vom magiſchen Glanze des bleichen Mondlichtes umfloſſen, den rech⸗ ten Arm zum Himmel emporgeſtreckt und mit dem Runenſtabe nach einem Sternbilde über ſeinem Haupte deutend. Schweigend ſtanden Beide einige Augenblicke lang einander gegen⸗ über und ehe Sigurd noch Worte gefunden, den ſeltſamen Alten anzureden, ſchoß in wun⸗ derlichen Sprüngen und in wilder Eile, ein Thier quer über den Weg und ſein widerlich ängſtliches Geſchrei ließ keinen Zweifel, daß es ein Katzenluchs geweſen, deſſen plötzlichem Erſcheinen der Aberglauben oft Munderlichr Da nahm Ingiald zuerſt das Wort und ſprach ernſt zu dem erſtaunten Jünglinget 8 8 160 „Kehre zuruͤck zur Skadaborg, außerhalb ih⸗ rer ſichern Mauern droht Dir Unheil!“ Sigurd aber, obgleich er den Aberglau⸗ ben ſeiner Umgebung von ſeiner Kindheit an eingeſogen, und die ungünſtigen Zeichen für ſeine, an ſich ſchon gefährliche, Jagd gar wohl erkannt hatte, verweigerte es doch ſtandhaft ſeine Schritte zurückzuwenden zur ſichern Burg und theilte dem Greiſe in wenigen Worten mit, wie ſein Vater geſtern die Fällung des Bären als Probeſtuͤck ſeines Muthes von ihm gefordert und geſchworen: ihn nie mehr ſeinen Sohn zu nennen, kehre er ohne die verlangte Beute heim.— Hierauf erwiederte Ingiald nach kurzem Bedenken:„So ziehe Deine Straße bis nach Iſala; dort harre bis die Sonne emportaucht uͤber dem Giallarhorne— der Fels wird Dir bekannt ſeyn— und erſcheint in dieſer Zeit kein Bote Deines Vaters der Dich zurückruft, dann flehe den großen Thor an, den Herrn der Stärke und der Macht, der den Erdge⸗ bornen in Gefahren ein ſchützender Gott iſt; 2 161 vielleicht daß er einen ſeiner Lios⸗Alfaren, ei⸗ nen Lichtgeiſt, Dir zur Hülfe ſendet.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ver⸗ ließ er ihn eilig wieder, den Weg verfolgend, welchen Sigurd bereits zurückgelegt hatte und verſchwand bald in der Dämmerung wie ein ſchwebender Schatten. Lange blickte der Jüng⸗ ling ihm nach und wußte ſich den ſeltſamen Rath des Alten nicht zu erklären, einen heid⸗ niſchen Gott anzurufen und Hülfe von ihm zu erwarten, in der Stunde der Gefahr. Doch bald gedachte er der unzähligen Sagen, die, den Greis betreffend, in den Thälern von Munde zu Munde gingen, welche Furcht und Aberglauben bereits ſeit Jahren zu Wunder⸗ märchen umgewandelt hatte, und ohne weiter uͤber die ihm unerklärlichen Worte zu grübeln, bog er in einen Seitenpfad ein, der über ei⸗ nen Berg führte, nach dem Kirchſpiele Iſala hinab. Die ungeſchwächte Kraft der Jugend ließ ihn die Anſtrengung leicht überwinden, die das Erſteigen des ziemlich ſteilen Berges in jener Jahreszeit erforderte und mit Huͤlfe ſeiner Stachelſchuhe und des ſchweren Jagd⸗ ir Thl. 11 162 ſpeers, der ihm oft zur Stütze diente, legte er den glatten Weg bis zum Gipfel der beeiſ'⸗ ten Anhöhe ohne Unfall zurück; doch beſchloß er hier oben auf einem Runenſteine, der viel⸗ leicht ſeit Jahrhunderten dort verwitterte, kurze Zeit zu raſten und den Aufgang der Sonne zu erwarten, indem ihm das Licht des Tages zum gefährlichern Herabſteigen des Berges weit nöthiger ſchien, als zum Erklimmen deſ⸗ ſelben. Er ſchlug den kurzen Mantel feſter um ſeine Schultern, drückte den Filzhut tiefer ins Geſicht und ſein Haupt mit der Rechten ſtützend, ließ er ſchwermuͤthig ſeine Blicke über die traurige Gegend ſchweifen. Endlich ſenkte der Mond ſich tiefer hinab und ſchien ſchon die ſcheinbare Grenze des Horizontes erreicht zu haben; er wurde bleicher und immer blei⸗ cher wie das Antlitz einer ſterbenden Jung⸗ frau und im Oſten tauchte die Morgenſonne auf, glühend wie die Wangen eines Kindes nach ſanftem Schlummer, und wie roſenfarbe⸗ ne Bäche ergoſſen ſich ihre ſchimmernden Strah⸗ len weit hin über die todte Ebene. Die ſtarre Schneedecke erglänzte wie ein ungeheurer, ſil⸗ 163 — berner, perlendurchwirkter Teppich und in der Ferne erhoben ſich die kegelförmigen, mäch⸗ tigen Felſen, gleich Geiſtern in weitſchim⸗ mernden weißen Gewändern, mit Alühenden Häuptern. 234 Der Anblick des freundlichen Morgenlichts, die Pracht der Natur, der ſelbſt ihr Winter⸗ ſchimmer eigne Reize verlieh, für die der Nordländer empfänglicher iſt als der Sohn ei⸗ ner mildern Zone, erweckten in der ſorgenvol⸗ len Bruſt des Jünglings ein erhebendes Ge⸗ fühl, und Gedanken, minder trübe als ſein nächtlicher Begleiter, erheiterten ſein Antlitz. Er faltete ſeine Hände und zu dem allgütigen Gotte, der ſeine fromme Mutter ihn verehren lehrte, wendete er ſein brünſtiges Morgenge⸗ bet. Geſtärkt erhob er ſich, ergriff den ſchwe⸗ ren Jagdſpeer und war eben im Begriffe den ſteilen Weg hinabzuſteigen, flüchtig ſchweifte ſein Blick nochmals über die ſchimmernde Ge⸗ 1 gend und er konnte jetzt ſchon im mächtig her⸗ aufdringenden Morgenglanze, zwiſchen hohen, uralten Felſen, die Veſte Jötniſtern(Rieſen⸗, ſtein) deutlich erkennen, wo der Landeshaupt⸗ 11* 164 mann in ben Thälern, der edle Olofſon, ein treuer Freund und Anhänger König Gu⸗ ſtavs, mit ſeinen Söoͤldnern hauſte. Sein ſcharfes Auge unterſchied ſogar die Wachten, die in größerer Anzahl als ſonſt auf den ho⸗ hen Ringmauern umherwandelten, und die un⸗ geheuern eiſernen Feuerkörbe, die ringsum an den Spitzthürmen hingen und deren Flammen nur matt erglänzten im Sonnenſtrahle, ſchie⸗ nen ihm von übler Vorbedeutung, denn ſie galten als Zeichen naher Gefahr. Er erbebte als er dieſe Warnungszeichen erblickte, denn ihre Veranlaſſung wurde ihm klar, als er der Worte ſeines Vaters gedachte, welche dieſer erſt geſtern zu ihm geſprochen den nahen Aus⸗ bruch einer neuen Empörung verkündend, und ſo geſtalteten ſich ſeine Züge wieder ernſt und trübe und ſeufzend ſtieg er den Berg hinab. Als er aber nun zu ſeinen Füßen die zerſtreuten Huͤtten des Kirchſpiels Iſala ausgebreitet ſahe, und in der Ferne, faſt hart am Ufer eines ſpiegel⸗ glatten See's— deſſen Eisfläche die Wind⸗ ſtöße hier und da ſtrichweiſe und in verſchied⸗ ner Richtung vom Schnee befreit, ſo, daß er 165 von Morgenſtrahlen beleuchtet, wie ein ifreund⸗ licher Stern ihm entgegenglänzte— eine ihm wohlbekannte Hütte deutlich erblickte, die ge⸗ räumiger, wie die meiſten der Uebrigen, und mit Stallungen und weitläuftigen Gebäuden umgeben, einen gewiſſen Wohlſtand ihrer Be⸗ wohner verrieth— da ſchlug ſein Herz wie⸗ der freudiger und es war, als zöge ihn ein glänzender Hoffnungsſtern wie mit unſichtba⸗ rer Gewalt im Fluge dorthin. Glücklich hatte er den Fuß des Berges erreicht und den ſich krümmenden Pfad zwiſchen den hölzernen Häu⸗ ſern der Thalbauern hindurch, legte er in ei⸗ liger Haſt zurück, ſo daß er nach kurzer Zeit athemlos am Ziele ſtand, wohin ihn unnenn⸗ bare Sehnſucht gezogen. Doch indem er den Schnee von ſeinen Füßen ſchüttelte, blieb er unentſchloſſen ſtehen, und die ausgeſtreckte Hand mit welcher er ſchon die Thür der Hütte öffnen wollte, ſank langſam wieder herab und forſchend ſchien er umherzuſpähen, als be⸗ dürfe es erſt einer Einladung unter das wirth⸗ liche Obdach zu treten. Die Hütte war nach Landesart von Baumſtämmen aufgerichtet, die 466 Ritzen mit Moos verſtopft, die Wände aber von innen und außen mit rohen Bretern ver⸗ kleidet. Das Dach war hier, wie bei den wohlhabenden Bauern, mit Birken⸗ und Tan⸗ nenrinde, darüber aber mit einer dichten Stroh⸗ ſchicht bedeckt, welche man aber an einigen Stellen wieder abgenommen und dafür Torf und Raſenſtücke eingeſchoben hatte. Die nie⸗ dern Fenſter beſtanden aus dünnen Häuten mit Oel getränkt, weshalb auch, ſo lange der Winter gebot ſie ſtets verſchloſſen zu halten, eine ewige Dämmerung in ſolchen Wohnungen herrſchte. Ohne alle äußere Zier und gefäl⸗ lige Form, boten daher dieſe Hütten einen traurigen Anblick dar, und doch dienten ſie, ohne von den älteſten Zeiten bis auf den heu⸗ tigen Tag eine merkliche Veränderung in ih⸗ rem Aeußern erlitten zu haben, einem kräf⸗ tigen, lebensluſtigen und heiterm Volke zum genügenden Obdache. Endlich öffnete Sigurd eutſchloſſen die Thuͤr und trat auf die geränmige Vordiele, welche zugleich zur Scheuer diente; doch auch hier zeigte ſich ihm kein menſchliches Weſen. 167 Aus dem Wohngemache aber ſchallte ihm eine fremde, rauhe Stimme entgegen, die ein wi⸗ derwärtiges Gefühl in ihm erweckte, weshalb er wieder zögernd ſtand und erſt nach kurzem Be⸗ denken in's düſtre Zimmer trat. Hier fand er, an einem langen Tiſche ſitzend, einen Mann von wildem Aeußern. Er trug Bauernkleider, der runde Filz verbarg nur zum Theil das glatt herabhängende dunkle Haupthaar und der krauſe Bart, der Kinn, Lippen und einen Theil der Wangen bedeckte, ließ erkennen, daß er ſeit ſeinen Jünglingsjahren wohl ſchon zehn Win⸗ ter zurückgelegt hatte. Sein Geſicht war hochge⸗ röthet, und die wilden, ſtarren Zuͤge, das feurig rollende Auge, das frech umherſchweifte, ver⸗ kündeten Kraft, Rohheit und Trotz. Er ſchien durch Sigurd's Eintreten in einem eifrigen Geſpräche mit dem Herrn der Hütte, dem wackern Siven Nilſon, geſtört worden zu ſeyn und mit feindlichen Seitenblicken auf den Jüngling, ſetzte er den vollen Methbecher, der vor ihm ſtand, an die Lippen und leerte ihn in gewaltigen Zügen. Der Wirth des Hauſes ſtand auf, reichte Sigurd, der nicht ohnt 8 168 Befangenheit zu ihm trat, mit Biederkeit die Rechte dar, doch mit ungewohntem Ernſte und nicht ohne Zurückhaltung lud er ihn ein Platz am Tiſche zu nehmen, ohne weiter nach der Urſache ſeines frühen Zuſpruchs bei ihm zu fragen. Der Jüngling ſetzte ſich ſchweigend neben den Alten und richtete ſeine Blicke nach jener Thür, welche in das zweite Gemach der Hütte führte, als erwarte er von dort das Erſcheinen irgend Jemandes, und geraume Zeit ſaßen die drei Männer ſchweigend bei⸗ ſammen. Doch endlich begann der Fremde wieder mit rauher Stimme, nachdem er den Jüngling wild betrachtet:„wo ſteckt Dein Mädel, Nilſon, laß ſie kommen daß ſie mir den Becher fülle, iſt mir's doch als müßt' ich nüchtern bleiben, bis ich ihr an's Kinn ge⸗ faßt.“„Sie wird wohl kommen mit der Mut⸗ ter, wenn ſie fertig iſt mit ihrer Arbeit,“ er⸗ wiederte Nilſon halb verdrießlich und blieb unbeweglich ſitzen, während Sigurd, der ſich erbleichend abwendete, die Lippen zuſammen⸗ preßte. Der Fremde aber murmelte einen lei⸗ ſen Fluch durch die Zähne, fuͤllte ſeinen Becher 169 wieder und verſetzte, indem er trank, mit höh⸗ niſcher Miene:„was habt Ihr denn für wich⸗ tige Arbeit jetzt?“ „Ei, was fragſt Du doch, Gren?“ ver⸗ ſetzte Nilſon, kaum Herr mehr ſeiner uͤbeln Laune.„Ein Mann im Kirchſpiel Rättwick, in der fruchtbarſten Gegend Dalarne's, der ſeine fetten Felder hat, wie Du, dem der Sil⸗ jan⸗See ſeine Triften wäſſert, kann freilich Vorrath aufſpeichern in Menge für die Zeit der Noth. Doch hier bei uns, die wir das dritte Korn kaum erndten, die wir das Gras oft mühſam in den Felſenritzen ſuchen, da muß man wohl im Winter auch die Hände regen, wenn ſchon drei Jahre hintereinander Mißwachs war und Tbeunung herrſcht im ganzen Lande. Mein Dach iſt ſchon zur Hälfte faſt abgedeckt um mit dem Stroh das Vieh zu füttern und die Weiber ſtehen ſchon ſeit mehrern Tagen draußen und ſchälen Föhren ab, daß wir die Rinde miſchen unter unſer letztes Bischen Mehl, was uns noch uͤbrig blieb. Da ſchau,“ fuhr er fort und zeigte nach der Decke des Gemachs⸗„dort hängt 170 —x; mein ganzer Brodvorrath bis zur nächſten Erndte.“ Gren blickte empor und betrachtete mit Geringſchätzung und übermüthigem Stolze die eylinderförmigen Reihen der zirkelrunden, kaum einen halben Zoll dicken Brode, welche man noch jetzt Knackebröd(Hartbrod) nennt, und die nach Landesſitte auf lange Stangen ge⸗ reihet an der Decke hingen, wo ſie dem Rau⸗ che und Staube ausgeſetzt waren, ſo daß ſie beim Gebrauch jedesmal erſt von der äußern ungenießbaren Kruſte gereinigt werden muß⸗ ten; dann ſprach er lachend:„s iſt wahr, man ſchilt bei uns gar arg auch über Theurung, doch ſuchſt Du mich in Rättwick heim, mit Deiner Alten und der Sigrid, ſo ſchwör' ichs beim Sct. Erich! Ihr ſollt Euch keinen Zahn ausbeißen am Knackebröd; noch kann ich Euch mit Limpa(weiches Brod) und Krydlimpa (ſüßes Weichbrod), bewirthen. Doch ſchlägt die nächſte Erndte um, dann wird wohl auch bei uns ſo Mancher bittre Rinde ſchlucken müſſen. Zehntauſend Tonnen Teufel!“ fuhr er wild empor und ſchlug mit der geballten 171 Fauſt auf den Tiſch, daß die kupfernen Trink⸗ gefäße zuſammenklirrten;„Theurung, Noth im Lande, und neue Steuern will der König? Hat er nicht genug an den Kirchenſchätzen, die er aus ganz Schweden zuſammenſchleppen läßt nach Stockholm? bringen ihm die Berg⸗ gruben Salo's nicht jährlich Silber genug? wozu vom Bauer noch die ſchweren Steuern fordern?— Ich ſteure nichts mehr! keinen Klippinger ſoll mir der Ketzer jetzt noch aus der Taſche locken! Blödſinnig müßte man ſeyn, wenn man im Mißwachs, Nachtfroſt und Ha⸗ gelſchlag nicht Gottes Zorn erkennen wollte. Mit Peſt und Seuchen werden uns die Hei⸗ ligen noch heimſuchen, wenn wirs dulden daß der König unſre Pfaffen länger noch verfolgt wie gehetztes Wild und unſre Kirchen aus⸗ räumt wie ein Dieb. Sagte doch neulich ein Mann, der aus Upſala kam, bei uns aus: es ſolle nächſtens ein Befehl ergehen, uns die Kirchenglocken wegzunehmen, um Geld daraus zu prägen. Che das geſchieht, ſoll lieber je⸗ der Bauer zum Spieße greifen und die Ketzer⸗ brut morden, die ſolche Frevel ausheckt. Aber 172 nur Geduld, Vater Nilſon, bald wirds laut werden in den Thälern; die Biſchöffe Knut und Sunnanwäder ſind zurück ins Land, die werden ihre Sache ſchan verfechten und die Unſrige!“ „Haben die hochwürd'gen Herrn auf Dei⸗ nes Vaters Burg Herberge genommen, oder find ſie weiter gezogen?“ wendete ſich Nil⸗ ſon an Sigurd mit bedenklicher Miene, und dieſer erwiederte: 8 „Noch ſind ſie auf der Skadaborg; auch iſt, wie ich hörte, der junge Nils Sture mit ihnen gekommen, der bei uns bleiben wird noch auf längere Zeit.“ „Nils Sture!“ riefen Nilſon und Gren, wie aus einem Munde, hocherſtaunt und Erſterer ſtand vom Tiſche auf und trat, in tiefes Sinnen verloren, mit finſtrer Miene ans Fenſter, der Letztere aber, der auch vom Sitze aufgeſprungen, drehete ſich wild im 4 Kreiſe, hob den vollen Becher hoch empor ſchrie, ihn leerend bis auf den Grund:„Au zu den Waffen! nieder mit Guſtav Erich ſon, Nils Sture ſoll unſer König ſeyn! 173 Heil! Heil, dem jungen Nils!— Aind nun, Vater Siven,“ fuhr er fort in ausgelaſſener Laune,„was bedenkſt Du Dich noch länger, als muͤßteſt Du die Heiligen abſchwören und dem Pabſte fluchen; verſprich mir Deine Dirne heute noch zum Weibe und ehe dreimal die Sonne mit dem Monde gewechſelt ſoll mich niemand nüchtern ſchelten!“ Nilſon blieb ſchweigend ſtehen mit in ein⸗ ander geſchlagenen Armen, Sigurd aber ſprang von ſeinem Sitze auf und konnte eine heftige Aufregung kaum noch verbergen; doch Gren ſchien weder das Schweigen des Einen noch die Bewegung des Andern zu beachten, und fuhr prahlend fort:„Denn ſieh, Alter, ich möchte vor dem Waffentanze gern meinen Hochzeitsreigen halten; wenn das Donnerwet⸗ ter losbricht, bin ich der Erſten Einer der ins Feld zieht, dann aber brauche ich eine Haus⸗ frau, die mein Eigenthum zuſammenhält, da⸗ heim aufs Hausrecht ſieht, indeß ich draußen fürs Recht der Kirche und des Landes mich herumſchlage. In Mora könnte ich ein Mäd⸗ chen freien, deren Hemdenſaum den Boden 174 fegt,* wenn ſie im Feſttagsputz einhergeht; doch bin ich ſelbſt mit Hab und Gut gar wohl bedacht und Sigrids feines Lärvchen iſt mir mehr werth als reiche Mitgift. Drum gieb mir nur Dein Wort, die Dirne muß wohl, wenn der Vater will.“ Da konnte Sigurd ſeine Bewegung nicht länger mehr zurückhalten, heftig ergriff er Nil⸗ ſons Hand, der noch immer ſchweigend vor ſich hinblickte, drürkte ſie krampfhaft und ſprach mit bebenden Lippen:„Leb wohl, Vater Si⸗ ven, gruͤß Dein Weib und Deine Tochter, mir ſcheints, ich kam zur ungelegenen Stunde.“ „Ei, was ſicht Dich an?“ erwiederte Nil⸗ ſon faſt beleidigt.„Hab ich Dir nicht die Hand gereicht zum Willkommen, hab ich Dir nicht geboten Dich an meinen Tiſch zu ſetzen, an meinem Feuer Dich zu wärmen? hab ich Dir nicht den Becher gefuͤllt? was kann ſo'n * Im Kirchſpiel Mora herrſcht noch jetzt die alte Sit⸗ te, daß die Maͤdchen unter den kurzen rothen Roͤcke den Hemdenſaum hervorſtehen laſſen und nach der Breite dieſes Saumes wird die Groͤße ihres Reich⸗ thums geſchäͤtzt.. 175 junger Burſche mehr noch heiſchen von dem Manne, der alte Sitte kennt und Gaſtfreund⸗ ſchaft noch nie verletzte?“ „Was will der Junker?“ fuhr Gren wild empor und maß den Jüngling mit blitzenden Augen.„Iſt meine Geſellſchaft nicht nach ſei⸗ nem Sinne? ja, freilich bin ich nur ein Bauer, doch nehm' ichs auf mit zehn ſolchen ritterlichen Bürſchchen— oder halt! beim Höllenabgrund ſo wirds ſeyn! der Bube geht mir bei der Sigrid ins Gehege! da wäre ihm beſſer, daß—“ und mit drohender Be⸗ wegung ſprang er auf ihn zu, doch Nilſon trat mit weitausgeſtreckten Armen zwiſchen Beide und ſprach:„Haltet Frieden unter mei⸗ nem Dache, verletzt das Gaſtrecht nicht, das wie den Einen ſo den Andern vor Unglimpf ſchützen muß in meiner Hütte!— Bleib Si⸗ gurd!“ rief er dann dem Jünglinge zu, der ſich bleich und mit allen Zeichen eines gewalt⸗ ſam verhaltenen Zornes entfernen wollte,„be⸗ kenne, was Dich vermochte mich alſo zu be⸗ ſchimpfen, daß Du meine Hütte aufgereizt ver⸗ 176 laſſen wollteſt, ohne den Becher an die Lippen zu ſetzen, den ich Dir freundlich bot?“, „Nicht beſchimpfen wollt' ich Dich, Vater Nilſon!“ erwiederte Sigurd mit bittenden Blicken,„es wurde mir plötzlich ſo zu Muthe, als ſollten die ſchweren Balken Deines Daches über meinem Haupte zuſammenſtürzen, als Gren dieſelbe Werbung mit ſo rohen Wor⸗ ten an Dich brachte, die mir bei meinem Ein⸗ tritt ſchüchtern auf den Lippen ſchwebte. Ja, ich geſteh's nun offen, ich liebe Sigrid heiß und innig und ohne ſie würde mir das Leben nur eine bittre Quaal ſeyn, ich würde gren⸗ zenlos elend werden. Jetzt entſcheide! Du weißt nun, weshalb ich heute Deine Schwelle betrat.— Ich werbe um Deine Tochter, doch denke nicht, ein Junker ſteht vor Dir, der Burgen erbt und Ländereien, an Sigrids Hand wird meines Vaters Segen mich nie ge⸗ leiten zum Altare— ach! der Mann, der mir der treueſte Freund ſeyn ſollte in der ganzen, weiten Welt, verſagt mir ſeine Liebe, ſein Vertrauen. Haß ſpricht aus ſeinen Augen, ſeinen Mienen und ſeinem und des Bruders —— 177 Wunſche, meiner gänzlich entledigt zu werden, will ich begegnen, indem ich mich freiwillig losſage von ihnen. Sieh, alter Mann, nun ſteh ich aber ganz verlaſſen, ich habe keinen Vater, keinen Bruder mehr— die Mutter iſt bei Gott— drum nimm mich auf bei Dir, ſey Du mein Vater! ſey mein Herr, ich will Dein Knecht ſeyn, ich will mich mühen, im Schweiße meines Angeſichts für Dich, arbei⸗ ten will ich für Dich, mehr als ein Sohn ver⸗ mag! ich will vergeſſen Stand und Rang und alle Herrlichkeit der Welt, leicht ſoll mirs wer⸗ den mich zu überreden, ich hätte unter Deiner Huͤtte Dach das Licht der Welt erblickt, will dienen ſieben lange Jahre um Dein Kind, ver⸗ ſprichſt Du mir die Sigrid dann zum Weibe. Entſcheide nun— ich bitte Dich— jetzt gleich! um aller Heiligen willen, zaudre nicht! nach dieſem offenen Geſtändniß ertrüg ich nicht ein zweifelhaftes Bangen. Jetzt muß ichs wiſſen, ob mir der Himmel leuchtet, ob mich Höllen⸗ nacht umfängt auf Erden. Wähle zwiſchen uns, da ſteht der andre Freier— er iſt ein reicher Mann, ich bin ein armer Jüngling, ir Thl. 12 178 aber denke:'s gilt mein Heit— mein Eeben gilts!“ Gren, der hochaufgehorcht hatte, brach in ein ſchallendes Gelächter aus und verſetzte ſpottend:„Die Wahl wird unſerm wackern Nilſon große Sorge machen!— Das Bürſch⸗ lein wird wohl ſeines Vaters Haß verdienen, mir klingts ſo vor den Ohren, als ſänge mir Jemand ein wohlbekanntes Lied von ſtiner Feigheit.“ Da blitzten Sigurds Augen wild auf den Spötter, und ſeiner nicht mehr mächtig riß er das kurze Jagdmeſſer aus der Scheide und ſtürzte wüthend auf ihn los; doch Nilſon warf ſich zwiſchen Beide, rief mit kräftiger Stimme:„Frieden unter meinem Dache!“ und ſprach dann im milderm Tone zu dem Jünglinge:„Deine Werbung, mein Sohn, weeiſe ich beſtimmt zurück, auch dann noch, wenn Dein Vater ſelbſt für Deine Wuͤnſche ſtimmte; denn nicht zur Edelfrau erzog ich meine Tochter und möchte ſie um Alles in der Welt nicht an der Seite eines Stegreifritters ſehen, was Du doch werden müßteſt, ſollte ſich — 179 Deines VYaters Haß in Zuneigung verkehren. Sagſt Du Dich aber los von ihm, trittſt aus dem Stande heraus, in welchem Du geboren und wollteſt mein Knecht ſeyn und müheteſt Dich täglich ab in Arbeit zu der Du nicht ge⸗ ſchickt biſt, auch dann kann ich Dir meine Tochter nicht verſprechen. Ich würde Deines Vaters Haß und Rache, ich würde den Spott meiner Nachbarn und den ſchmählichen Ver⸗ dacht auf mich laden: ich und mein Kind, wir hätten Dich verlockt zu ſolchem Thun. Ermanne Dich, Sigurd, mein Kind kann nie die Deine werden!— Feſt wie die tauſend⸗ jährigen Felſen iſt mein Wort, wenn ichs im Ernſt geſprochen,— d'rauf kennt man mich im ganzen Umkreis— drum hoffe nichts mehr, weder jetzt, noch in der kuͤnft'gen Zeit..— Die Rede ſcheint Dir hart, doch Vaterpflicht: hat mir ſie abgezwungen, ich kann nicht au-⸗ ders und iſt Dir meines Hauſes Ruhe heilig, ſo überſchreite ſeine Schwelle nimmer wie⸗ der, ſo lange der leiſeſte Gedanke der Liebe 12*½ oder des Verlangens für meine Tochten noch⸗ 180 in Deinem Herzen wohnt. Sey mannhaft, Gott tröſte Dich! ich kanns ja leider nicht!“ Wie betaͤubt wankte Sigurd aus dem Gemache und wagte es nicht dem ſtrengen Manne auch nur ein Wort zu erwiedern, mit einer Sylbe nur eine mildere Entſcheidung zu erflehen, denn er kannte des Alten ſtarreu, unbeugſamen Sinn. Gren aber ſandte ihm noch ein höhniſches Gelächter nach und rief dann triumphirend zu Nilſon gewendet:„der hat ſeinen Beſcheid! ich denke, der meinige wird beſſer lauten, doch nur kein langes Ge⸗ ſchwätz! mach's kurz! gieb mir den Handſchlag drauf, daß ich Deine Tochter heirathen ſoll noch ehe der Auerhahn balgt und laß uns die Becher leeren auf künftigen Eheſegen!“ Nilſon aber zog ſeine Hand, die jener ergreifen wollte, ernſt zuruͤck und ſprach ru⸗ hig:„bringe Deine Werbung nach drei Win⸗ tern wieder an, jetzt ſprech ich nein! und dabei bleibt es!“ Mit offnem Munde ſtarrte ihn Gren an und lange ſtand er lautlos vor dem Alten, bis endlich eine dunkle Zorn⸗ röthe ſich uͤber ſein Antlitz ergoß und er un⸗ 181 ter unzähligen Flüchen ſeinen Reichthum auf⸗ zählte und mit gräßlichen Beſchwörungen ſeine Liebe zu Sigrid betheuerte, doch Nilſon blieb kalt und ernſt, ließ ſich dadurch nicht 3 bewegen auch nur im mindeſten ſeinen Aus⸗ ſpruch zu ändern, ſo daß der rohe Bewerber ſich endlich voller Ingrimm auf eine Bank 8 hinſtreckte und durch übermäßigen Genuß des berauſchenden Getränkes ſich zu betäuben ſuchte. 8. Sigurd war indeſſen ſeiner ſelbſt kaum be⸗ wußt, durch eine Hinterthür in das geräumi⸗ ge Gehöfte getreten. Hier lagen eine Menge ſchlanker, friſch gehauener Föhrenſtämme auf⸗ geſchichtet, welche Sigrid eben ganz allein beſchäftigt war, mit einem breiten Meſſer ab⸗ zuſchälen. Die untere, weiße und narbige Rinde löſte ſie geſchickt von der rauhen Ober⸗ 3 rinde— denn nur die Erſtere wird in Zeiten der Noth, nachdem ſie getrocknet, gemahlen der zerrieben und mit Mehl oder Kleie ver⸗ miſcht worden, zur Nahrung gebraucht und zuweilen pflückte ſie die zarten, weißen Blätterchen in den Mund und der Pterii 183 milde Geſchmack derſelben ſchien ihr eben ſo wohl zu behagen, als ob ſie die köſtlichſten Leckerbiſſen genöſſe. Die feinen Züge ihres Madonnengeſichts waren ſanft und freundlich und mußten ſchon beim erſten Anblicke die in⸗ nigſte Theilnahme erwecken. Nur zuweilen, zog ein ernſtes, trübes Wölkchen über die weiße, ſpiegelglatte Stirn, doch zeigte ſich dann auch der Ausdruck ſeltener Seelenſtärke und hohen Muthes in allen ihren Mienen und der reine Stern ihres tiefblauen Auges ſtrahlte Glauben und Liebe. Das blonde Haar fiel in drei langen Flechten über ihre Schultern herab, und ein ſaubres, weißes Tuch, ein⸗ fach zuſammengefaltet, deckte nach Landesſitte ihr Haupt. Der kurze weite Faltenrock, wel⸗ cher ihre Hüften umſchloß, beſtand aus ſchwar⸗ zem Wallmar, einem grob⸗ wollenen Zeuge, die Strümpfe aber waren feuerroth. Den Buſen verhüllte ein knapp anliegendes, gruͤ⸗ nes Camiſol mit weiten bauſchigten Aermeln, und ein ſilbernes Kettchen, der einzige Schmuck den ſie trug, ſchmiegte ſich um ihren Hals. Mehrere Minuten lang ſtand Sigurd hinter 184 ihr, und betrachtete ſchmerzlich das muntre, harmloſe Geſchöpf, welches in weitem Um⸗ kreiſe als das ſchönſte Mädchen genannt wur⸗ de und tief aus ſchwerbeladener Bruſt drängte ſich unwillkührlich ein lauter Klagelaut über ſeine Lippen. Erſchrocken ſprang ſie vom Bo⸗ den auf, wo ſie halb knieend ihre Arbeit ver⸗ richtet hatte, ein freudiger Ausruf entfloh ihr bei Sigurds Erblicken, doch plötzlich geſtal⸗ teten ſich die lächelnden Züge ihres blühenden Antlitzes ernſter, als ſie ihn jetzt ſchärfer betrachtete und den ſchweren Kummer las auf ſeiner trüben Stirn. „Was iſt denn das mit Dir?“ ſprach ſie angſtvoll und drückte die linke Hand auf das bangklopfende Herz, indem ſie ihm die Rechte bot zum freundlichen Gruſſe.„Sigurd,“ fuhr ſie fort mit inniger Theilnahme—„wie ſiehſt Du aus, ſo bleich, ſo verſtört? mein Gott! ſo hab' ich Dich ja nie geſehen!“ Da ſchloß ſie Sigurd, Alles um ſich ver⸗ geſſend, feſt in ſeine Arme; einzelne, kalte Thränen des dumpfen Schmerzes rollten über ſeine bleichen Wangen und verzweifelnd rief 185 er:„Alles verloren! ich darf Dich nimmer wieder ſehen! bete für mich— der Tod iſt meine einz'ge Hoffnung— Gott ſey mir gnä⸗ dig!“ Er wollte ſich losreißen von ihr, doch zitternd hielt ſie ihn zurück, ſchlang ihre Arme feſt um ſeinen Hals und flehete um Aufſchluß ſeiner räthſelhaften Worte. Flüchtig theilte er ihr mit, wie er die offne Werbung gewagt bei ihrem Vater und welche Antwort ihm ge⸗ worden ſey! da füllten auch ihre Augen ſich mit heißen Thräuen, wie gelähmt ſanken ihre gefalteten Hände herab und aus tiefſtem Her⸗ zensgrunde drängten ſich die Worte über ihre Lippen:„o heil’ge Mutter Gottes! dann bin auch ich ja elend!“ Noch einmal drückte Sigurd die Wei⸗ nende ans Herz, ſeine Lippen brannten heiß auf ihrer Stirn und nachdem er kaum hörbar ein Lebewohl hervorgeſtammelt, riß er ſich los von ihr und eilte aus dem Gehöfte, nördlich ſich wendend nach dem wilden Felsgebirge. „Sigurd! Sigurd! höre mich!“ rief ſie ihm nach und folgte ihm mit wankenden Schritten. „Wohin gehſt Du?“ N In den Tod!“ ſchrie er verzweifelnd und eilte unaufhaltſam den weitſchimmernden Fel⸗ ſen entgegen. Sigrid aber, von dieſen Wor⸗ ten getroffen, wie von einem vernichtenden Blitzſtrahle, ſtammelte mit gebrochner Stimme: „Halt ein! o weile, weile noch und nimm mich mit Dir!“ und ſank erſchöpft in die Knie. So lag ſie mehrere Minuten lang bewußtlos, mit der rechten Hand ſich am Boden ſtützend, mit der Linken ihr Geſicht verhüllend; doch die plötzliche Aufregung ihres Innern war zu heftig, um von langer Dauer zu ſeyn. Bald kehrten die entflohenen Sinne ihr zuruͤck, aber eine Menge quälender Gedanken ſtürmten nun auf ſie ein und ließen ſie nicht zur ruhigen Ueberlegung gelangen. Endlich ſprang ſie, wie entſchloſſen, empor— wollte ihm nachei⸗ len und ſtand plötzlich wieder ſtill; dann eilte ſie zurück nach dem Gehöfte und rief mit herz⸗ 4 durchdringender Stimme:„Vater! Mutter!“ 3 doch keine Antwort wurde ihr, kein menſchli⸗ ches Weſen war Zeuge ihres Schmerzes. Un⸗ willkührlich raffte ſie das breite Meſſer vom Boden auf, mit welchem ſie die Föhrenſtämme 187 abgeſchält, und ihr ſtarrer, verworrener Blick, mit dem ſie das blanke Eiſen lange betrath⸗ tete, verrieth einen ſchrecklichen Gedanken der plötzlich in ihr aufgekeimt; doch als ſie nun ihr Antlitz zum Himmel wendete wie zum letz⸗ ten Gebete, da war es, als ob die milden Strahlen der Morgenſonne, die ſanft zerfloſſen im blauen Wolkenmeere, ſich freundlich wie⸗ derſpiegelten in ihren glänzenden Augenſternen und das aufgehobene Meſſer entſank ihrer zit⸗ ternden Hand. Weinend verhüllte ſie ihr Ge⸗ ſicht und wurde nach geraumer Zeit erſt durch den Hufſchlag eines Roſſes aus ihren wild⸗ d. verworrenen Träumen aufgeſchreckt, und eine widerliche Stimme rief ihr zu:„Sieh da! ich komme zur gluͤcklichen Stunde, wie es ſcheint; Du biſt allein, ſchöne Sigrid, ſo 145 uns denn ein Weilchen koſen!“ Es war der Junker Lars, welcher, fein V Pferd am Zügel leitend, den Hof betreten hatte und eilig ſich ihr näherte. Seine blei⸗ chen Wangen rötheten ſich und aus ſeinen ein⸗ geſunkenen Augen loderte ein wildes Feuer auf, als er die ſchlanke Geſtalt des Mädchens 188 unzart umfaßte, doch Sigrid ſtieß den Zu⸗ dringlichen kräftig zurück und rief ihm zornig entgegen:„Wag' es nicht mich zu beruͤhren! — Wiſſe Herzloſer, Dein Bruder eilt dem Tode in die offnen Arme; wenn menſchliches Gefühl in Deiner Seele wohnt, ſo eile ihm nach, beſchwöre ihn bei ſeinem ew'gen Heil, bei ſeiner Mutter heil'gem Angedenken, ach! bei meiner Liebe, zurückzukehren.— Schau hin— dort weht ſein Mantel noch— gleich biegt er um die Felſen, eile— fort!“ „Deswegen kam ich eben her, Du ſchönes Kind! mein Vater ſendet mich,“ erwiederte Lars lächelnd, ohne ihre dringenden Bitten zu beachten,„den träumeriſchen Buben zurück⸗ zurufen von der Bärenjagd, die er heute hel⸗ denmüthig zu beſtehen gedachte; doch ſind vor Tagesanbruch ihm gar böſe Zeichen worden, wie der Hexenmeiſter Ingiald meinem Va⸗ ter mitgetheilt und dieſer mit ſeinem weichen Herzen, will ſeinen Erſtgebornen nun vor Un⸗ heil wahren. Doch hats noch Zeit, ich treffe wohl den kühnen Bruder noch vor Sonnenun⸗ tergang mit heiler Haut, auf irgend einem — 189 Felſenblocke ſitzend, die Hände in den Schooß gelegt, die Blicke träumeriſch zum Himmel richtend. Sey ohne Sorgen, der geht fein klug den Bären aus dem Wege. Komm, ſetz Dich lieber zu mir, Mädchen, die Sonne ſcheint hier warm und freundlich, und an Dei⸗ ner Seite könnte ich wirklich träumen, die ſchneebedeckten Berge wären grün und voller Blumen wie im Sommer. Biſt Du doch ſelbſt die ſchönſte Blume in der Gegend, laß mich, ich muß die Thränen Dir vom Auge küſſen.“ Mit widerlicher Vertraulichkeit umfaßte er aufs Neue das Mädchen, welches ſtarren Blickes ſeine Worte vernommen; doch kräftig ſchleuderte ſie ihn zurück, daß er auf die Föh⸗ renſtämme niedertaumelte, entriß ihm ſeinen Jagdſpeer, und rief ihm zu, mit wilder Ge⸗ berde die Waffe ſchwingend:„Wag es nicht, mir wieder nah zu treten, ſchändlicher Bube! oder ich ſtoße Dir den eignen Speer durchs ſchwarze Herz. Zaudre hier, ſo lange Dirs gefällt, den Bruder zu retten! bei allen Hei⸗ ligen! ich bring' ihn unverſehrt zurück, ich richte Deines Vaters Auftrag aus!“ Der 8 190 Muth der Verzweiflung blitzte aus ihren Au⸗ gen und den Spieß über ihrem Haupte ſchwin⸗ gend, ſtürzte ſie aus dem Hofe, verfolgte, wie im Fluge, Sigurds Fußtapfen, und war ſchonn nach wenigen Minuten hinter hohen Fel⸗ ſen verſchwunden. Lars hatte ſich indeſſen in ohmmächtiger Wuth wieder aufgerafft und rief mit drohen⸗ der Geberde und verzerrtem Geſichte der Flüch⸗ tigen nach:„Wartt, ſpröde Hexe— bei allen Teufeln! das gedenk ich Dir!“ 8 Indeſſen war Sigurd ohne Ziel auf engen, gefährlichen Pfaden dahingeeilt zwiſchen einer unabſehbaren Felſenkette, an tiefen Abgrün⸗ den vorüber und an Schluchten, die zuſam⸗ mengeweheter Schnee trügeriſch verdeckte— Tod, war ſein einziger Gedanke, denn er glaubte das Leben nicht länger ertragen zu können. In ſeinem Vaterhauſe ſchlug kein Herz für ihn, dort bot man ihm Haß und Hohn zum Morgen⸗ und Abendgruſſe. Der holde Stern der Liebe, der, ſeit er in der Ge⸗ gend von Iſala heimiſch geworden, freundlich tröſtend ihm ſeines Lebens öde Nacht erhellte, 191 war ihm untergegangen, Vater Nilſons har⸗ gtes Wort hatte ihn verſcheucht. Mit unaus⸗ ſprechlicher Liebe hing er an Sigrid, denn in der ganzen, weiten Schöpfung war ſie das einzige Weſen, welches mit ihm fühlte; ihr vertrauete er jedes Leid und ihren unſchulds⸗ vollen, herzlichen Worten war es noch immer gelungen, des Troſtes Balſamworte in ſein kummerbelaſtetes Herz zu träufeln. Mit ih⸗ rem kindlichen unerſchütterlichen Gottesglau⸗ ben wußte ſie den Tiefgebeugten zu erheben und der Gedanke an ſie ließ ihn duldend lei⸗ den. So hatten ſich ſeit zwei Jahren ihre Herzen vereint zum reinſten Bunde inniger Liebe, und kaum wurde der Zukunft gedacht, welche ſie unauflöslicher verbinden ſollte, ſie dachten nicht der Möglichkeit einer Trennung, weder Hoffnung noch Furcht erhob oder be⸗ drängte das heilige Gefühl in ihrer Bruſt, welches alles ihre Gedanken umfaßte. Der biedere Nilſon und ſeine wackere Hausfrau ſahen es gern, wenn der Junker Sigurd in ihrer Hütte einſprach, denn ſie ſchätzten ihn gar hoch, weil er ſich zurückzog von ſeines 192 Vaters wildem Treiben, ſie waren wohl be⸗ kannt mit ſeinem Kummer, den ihm die näch⸗ ſteu Blutsverwandten täglich bereiteten, fühl⸗ ten inniges Mitleid mit ihm, freueten ſich herzlich, wenn er unter ihrem Dache, in ih⸗ rem Kreiſe heitrer wurde, und hörten ihm gern zu, wenn er ſprach; denn ſeine einfachen Worte trafen ihr Herz; ſie erkannten darin ſein un⸗ erſchütterliches Gefühl für Recht, ſeinen wahr⸗ haften Edelſinn. So war er ihnen ein lieber Gaſt geworden und obgleich er ſtets zur Jagd gerüſtet bei ihnen eintrat, gedachte er doch nie der rohen Jagdluſt im trauten Kreiſe, und ohne ſeine Waffen gebraucht zu haben, kehrte er zur Skadaborg zuruͤck und duldete dort ge⸗ laſſen den beißenden Spott uͤber ſeine jedes⸗ malige Heimkehr ohne Beute. Seit einigen Monden aber hatte der alte Nilſon aus unzähligen Zeichen, welche das trauliche Ver⸗ hältniß zweier Liebenden dem unbefange⸗ nen Auge des kalten Beobachters ſo leicht verrathen, den wahren Grund erkannt, wel⸗ cher den Jüngling ſo häufig nach ſeiner Hütte führte und der Empfang deſſelben wurde nun 193 ernſter, obgleich noch immer freundlich. Si⸗ gurd aber ſchien das gemeſſenere Benehmen der beiden Alten nicht zu bemerken, denn Si⸗ grid blieb ſich gleich, war unbefangen und hei⸗ ter wie ſonſt; ſie ſelbſt ahnete es nicht, daß ihr Vater ſie mit ſchärfern Blicken beobachte⸗ te. Nach und nach erſt war dem Jünglinge Nilſons Ernſt auffallender geworden, er glaubte den Grund davon in dem, durch wach⸗ ſende Noth erzeugten, allgemeinen Mißmuthe der Landbewohner zu finden, und ſo oft ihn auch ſein Herz dorthin zog, ſo betrat er doch, aus einer ihm unerklärbaren Scheu, in der letzten Zeit nur ſelten die befreundete Hütte. Geſtern hatte ſeines Vaters ſchneidendes Wort, ihn tiefer und ſchmerzlicher als jemals verletzt, und der Hoffnungsſchimmer, der bis jetzt noch immer den ſchwachen Glauben in ihm wach erhalten: des ſtarren Mannes Herz und des, ihm faſt gänzlich ſchon entfremdeten, Bruders Liebe zu gewinnen, war ihm ſpurlos ent⸗ ſchwunden. Da ſtieg nun der erſte Gedanke in ihm auf, ſich loszuſagen von den Seini⸗ gen, in einen niedrern Kreis zu treten und 1r Thl. 13 164 unter den biedern Thalbauern ein ſtilles Le⸗ bensglück ſich zu gründen. Er zweifelte nicht, daß Siven Nilſon ihn bei ſich aufnehmen würde, wärs auch nur als Knecht— hatte doch auch der König Guſtav in derſelben Huͤtte Knechtesdienſte verrichtet— und Sigrid ſich redlich zu verdienen, war ihm ein erhebender Gedanke. So hatte er ſich in vergangener Nacht entſchloſſen, frei und offen ſeine Wün⸗ ſche auszuſprechen gegen Nilſon, redlich ſeine Werbung anzubringen, und um ſo tiefer muß⸗ ten ihn die Worte des Alten zu Boden ſchmet⸗ tern, je weniger er, keine Lebensverhältniſſe und Rückſichten beachtend, einen ſolchen Be⸗ ſcheid erwartet hatte. Jetzt erſt wurde es ihm klar, wie unbeſonnen er ſich ſeinen ſorgloſen Träumen hingegeben, jetzt traten all' die fin⸗ ſtern Geiſter einer troſtloſen Zukunft höhnend vor ihn hin, und der fromme Glaube an eine allgütige Vorſehung ſchien unter den Folter⸗ qualen ſeines zerriſſenen Herzens langſam zu erſterben. Verzweiflung ſprach ſich aus in al⸗ len ſeinen Zügen und ſein ſtarres Auge beach⸗ tete nicht mehr die gefährlichen Felſenpſade, die er, ohne eines Zieles ſich bewußt zu ſeyn, eilig verfolgte. So war er endlich in ein en⸗ ges Thal gelangt, welches verſteckt lag im Gebirge und eingeſchloſſen wurde von hohen Felswänden, die finſter und grauenerregend himmelan ſtrebten. Nur ſelten verirrte ſich in der Sommerzeit ein menſchliches Weſen hier⸗ her, doch im Winter wurde dieſer Ort faſt unzugänglich, indem ungeheure Maſſen Schnee welche der Wind hier zuſammengehäuft, das Fortſchreiten hinderten. Auch Sigurd hatte kaum wenige Schritte zurückgelegt in der en⸗ gen Schlucht, als er faſt bis unter die Arme verſank im lockern Schnee und nur mit der größten Anſtrengung vermochte er es ſich her⸗ auszuarbeiten aus dem tiefen, unſicherm Grun⸗ de. Während er aber nun alle ſeine Kräfte aufbot, den feſten Boden wieder zu gewinnen, war es, als ob die Gefahr in der wilden Ein⸗ öde langſam. umzukommen, ſein klares Be⸗ wußtſeyn wieder erweckt hätte, und als er nun endlich einen hervorſpringenden Felsblock erreicht, der ihm einen ſichern Ruhepunkt bot und er nun erſchöpft an der rauhen Felswand 43* 196 lehnte, da drang ein tiefer Seufzer aus ſei⸗ ner Bruſt herauf. Sein Auge erhob ſich ſtrah⸗ lend im mildern Glanze zum blauen Himmel empor, als ob er von dort noch Hülfe und Troſt erwarte in ſeinem Leid, doch bald ſenkte ſich ſein Blick, wie ein ſchwarzer Schleier ſenkte ſich's vor ihm herab, und wie ein ſin⸗ ſtrer Dämon ſchüttelte ihn der Gedanke aus ſeinen Träumen empor: Sigrid verloren— Alles verloren!—„Ja, es iſt aus!“ rief er leiſe zum Himmel hinauf— nimm mich auf zu Dir, mein Herr und Gott! ich kann nicht länger leben!— Lange blieb er in dieſer Stel⸗ lung und immer wilder wurden ſeine Blicke, und Gebete, wie ſie Verzweiflung den Troſt⸗ loſen eingiebt, entrangen ſich ſeiner Bruſt, doch kein milder Strahl der Hoffnung fiel in ſein zerriſſenes Herz, denn eine nächtliche Wolke hatte ihm die Sterne des Glaubens und der Liebe entzogen und bald begann der finſtre Geiſt ſich wieder mächtig zu regen in ſeiner beäugſtigten Seele, der ihm mit ſtarrer Be⸗ harrlichkeit nur den einzigen Ausweg aus dem undurchdringlichen Labyrinthe— durch Selbſt⸗ 197 mord zeigte. Er verſuchte es emporzuklimmen an den rauhen Granitblöcken, und fand end⸗ lich eine Felſenſpalte, welche ihm einen engen Fußpfad darbot, den er rüſtig verfolgte; denn immer weiter hinaus trieb es ihn, er ſchau⸗ derte zuſammen wenn er rückwärts blickte, oder durch unüberwindliche Hinderniſſe gezwungen ward, ſeine Schritte zurückzulenken. Als er die Felſenſpalte muͤhſam durchkrochen, fand er ſich oben auf einer geräumigen Berghöhe, welche im hintern Halbkreiſe, von hohen, auf einander gethuͤrmten Steinmaſſen, gleich wie von einer natürlichen Schutzmauer begrenzt wur⸗ den. Hier ſtand er ſtill auf ſeinen Jagdſpieß ge⸗ ſtützt und ſchauete von der freien Seite des ſteilen Felſen hinab in das ſchneeerfüllte Thal, wel⸗ ches er vor wenigen Minuten erſt verlaſſen hatte. Der einzige Gedanke, hier ſein Leben zu enden, ſchien alle ſeine Sinne gefeſſelt zu haben und erſt nach geraumer Zeit wurde er aufgeſchreckt durch ein dumpfes Geräuſch, wel⸗ ches, wie fernes Donnerrollen in enger Fels⸗ kluft, zu ſeinen Ohren drang. Er lauſchte mit vorgeneigtem Haupte, ſein bleiches Antlitz ro⸗ 198 thete ſich und muthiger blitzte ſein Auge im Kreiſe ſpähend umher, denn er ſchien die Tö⸗ ne, die immer näher, wie aus tiefer Höhle her⸗ aufſchallten, zu erkennen.„Habe Dank, mein Gott! Du willſt vor feigem Selbſtmord mich bewahren, ich ſoll im Kampfe untergehen!“ rief er laut und freudig und ſprang hinuͤber nach der Felsmauer, in deren Mitte er jetzt ganz dent⸗ lich eine tiefe Höhle gewahrte. Hoch ſchwang er den Speer um ſein Haupt, und bald wur⸗ de ihm die Gewißheit, daß ſein Ohr ihn nicht getäuſcht, denn ein Bär von ſeltner Größe, drang eilig aus der finſtern Kluft herauf. Si⸗ gurd ließ ihn Zeit ſeinen ſchweren Körper aus der engen Höhlung hervorzuarbeiten und das heiſre Gebrüll, welches jetzt aus weitgeöffne⸗ tem Rachen des blutgierigen Thieres die Lüfte durchdrang, ſchreckte den Jüngling nicht, der ſich dem Tode geweiht hatte. Er ſtand unbe⸗ weglich und blickte muthig dem Bären ins rol⸗ lende Auge, der jetzt vor der Höhle lag, zu⸗ ſammengekrümmt und ſeinem Gegner die Zäh⸗ ne entgegenfletſchend; doch bald ſtieß er ein gräßliches Geheul aus und erhob ſich zum wü⸗ — 199 —— thenden Sprunge, aber auch Sigurd, feſt ent⸗ ſchloſſen nicht ohne blutigen Kampf ſein Le⸗ ben Preis zu geben, raffte ſich zuſammen und führte mit dem Speere einen gewaltigen Stoß nach dem Rachen der wilden Beſtie, blitzſchnell jedoch, jede Bewegung des Feindes genau beobachtend, erfaßte der Bär die ſchwere Jagd⸗ waffe mit den Zähnen, und zermalmte ſie wü⸗ thend daß die Splitter weit umherflogen. Da erkannte der kuͤhne Jäger die nahe Todesge⸗ fahr, und wie ein dunkler Flor ſchien es plötz⸗ lich vor ſeinen Augen niederzurollen; der Mo⸗ ment, der ihn befreien ſollte von der drücken⸗ den Laſt ſeines Lebens, den er verzweifelnd herbeigewünſcht hatte, ſchien nicht mehr fern. Unwillkührlich aber ergriff er ſein ſcharfes Jagd⸗ meſſer, welches er im Guͤrtel trug und erwar⸗ tete ſo mit bewaffneter Fauſt, in kalter Ruhe den wilden Gegner, der bisher ſeine Wuth am Schaft des Speeres ausgelaſſen, den er mit ſcharfem Gebiß in zahlloſe Splitter zermalm⸗ te. Doch bald richtete er das rollende Auge wieder auf den Jüngling, hochaufgerichtet kam er ihm näher und der gräßliche, dumpfe Ton 200 ſeiner Stimme hallte furchtbar wieder an den dden Felſen, wie Todesruf. Da raffte Si⸗ gurd noch einmat ſeine Kraft zuſammen, er⸗ hob den Arm hoch über ſeinem Haupte, die Spitze des Meſſers nach der Gurgel des Thie⸗ res gerichtet; doch ehe er noch den Stoß voll⸗ führte, hatte der lauernde Bär, ſeine Abſicht errathend, im wilden Sprunge ihn mächtig umfaßt, ihn zu Boden geſtürzt, und in dem⸗ ſelben Augenblicke ſah der Unglückliche die Pfor⸗ ten des Todes dicht vor ſich geöffnet und die Sinne entflohen ihm. Die funkelnden Augen des Bären ſtarrten geraume Zeit in Sigurds bleiches Geſicht, der regungslos, gleich einer Leiche am Boden ausgeſtreckt lag, doch end⸗ lich ſtieß der Blutlechzende ein wildes Geheul aus, wie jubelnd über den leichten Sieg, und ſchon erhob er die kräftige Tatze, mit weit⸗ ausgeſpannten Krallen die Bruſt des Opfers gierig zu zerfleiſchen. Da ertönte ganz nahe aus der Felſenſpalte herauf, ein ängſtlich krei⸗ ſchender Ruf, flüchtige Schritte wurden hör⸗ bar und tiefe Athemzüge einer keuchenden Bruſt. Neugierig lauſchte der Bär dem plötzlichen Ge⸗ 201 — räuſche, zog die Krallen ein, und ließ die Ta⸗ tzen, doch ohne ihn zu verletzen, ſchwer auf den Körper des Juͤnglings niederſinken, als wolle er die Beute am Boden ſcch feſthalten,* aber faſt in demſelben Augenblicke erhob er aufs Neue ſein furchtbares Gebrüll, denn ein Jagdſpieß, von kräftiger Hand geſchleudert, hatte dicht unter dem Herzen ſeine Bruſt durch⸗ drungen und ein dunkler Blutſtrom ergoß ſich aus der tiefen Wunde. Wüthend ſprang er auf und ließ ſeine Beute fahren; im Kreiſe ſich drehend ſuchte er mit den Zähnen den Schaft des Speers zu erhaſchen, der mit ſei⸗ nen Widerhaken feſt haftete in ſeiner Bruſt, doch umſonſt. Jeder neue Verſuch bereitete ihm die entſetzlichſten Schmerzen und in ſei⸗ ner blinden Wuth, geſteigert durch den An⸗ blick ſeines eigenen Bluts, war er bis an den Rand des Abgrundes getaumelt, ohne die Nähe des Feindes zu bemerken, der ihn verwundet. Aufs Neue durchdrang ein gellender Schrei die Luͤfte, eine kühne Hand erfaßte mit der Kraft der Verzweiflung den Schaft des Speers, deſſen Spitze ſich immer tiefer in die Bruſt des 202 Thiers eingewühlt, und ſtürzte mit raſchem Stoße die heulende Beſtie den ſteilen Felſen hinab, in die grundloſe Tiefe. Da erwachte Sigurd aus ſeiner Betäu⸗ bung und ſein Auge, das ſich geſchloſſen, als ihn der Hauch aus dem Rachen des blutlech⸗ zenden Thieres geſtreift hatte, haftete jetzt voll Staunen und Freude auf Sigrids Antlitze, dem der Ausdruck der Angſt mit hoher Won⸗ ne gemiſcht, einen unausſprechlichen Reiz ver⸗ lieh. Der Jüngling hatte ſich halb vom Bo⸗ den emporgerichtet und wendete den Blick nicht von der lieblichen Geſtalt, die ihm, im Au⸗ genblicke der höchſten Gefahr, wie ein retten⸗ der Engel, vom Himmel herabgeſandt, erſchie⸗ nen war. Sigrid aber, noch immer an ſeiner Seite knieend, lehnte erſchöpft ihr Haupt an ſeine Bruſt und rief mit dem Ausdrucke des ſeligſten Wonnegefühl:„Du lebſt, mein Si⸗ gurd?“ „Ich lebe wieder,“ rief dieſer entzückt, mit neuer Lebenskraft erfüllt vom Boden auf⸗ ſpringend und all' der Leiden der Vergangen⸗ heit, der Qualen, welche die Zukunft noch in 203 ihrem Schvoße fuͤr ihn barg, nicht mehr ge⸗ denkend, ſchloß er ſie feſt in ſeine Arme, mit dem Ausrufe:„Gott will es ſo! ich ſoll le⸗ ben, darum hat er durch ein Wunder mich gerettet.“. „Ja, leben mußt Du!“ entgegnete Si⸗ grid, die leuchtenden Blicke zum Himmel dan⸗ kend gerichtet.—„Der Allmächtige rief mich auf zu Deiner Rettung und wunderbar durch⸗ ſtrömte Manneskraft des ſchwachen Mädchens Arm. Ich war es— fuhr ſie fort, wie be⸗ geiſtert vom Gelingen ihrer That, die Arme zu den Wolken ausgebreitet;—„ich ſchirmte Dein Leben unter Gottes Schutze, drum ſey Dir's heilig, wie die Liebe die Du mir ge⸗ weiht. Vergönne jetzt der Hoffnung Raum in Deiner Bruſt, ſcheint auch die Zukunft trübe, ein einz'ger milder Strahl kann ſie erhellen. Trennt man uns auch jetzt, der gute Geiſt, der hier auf dieſer öden Felfenſpitze uns un⸗ zertrennlich wieder einte, wird unſrer Liebe treuer Schutzgott ſeyn. Ich reiche niemals einem andern Manne meine Hand, dies ſchwör' ich bei der heiligen Jungfrau!— Von 204 Dir will ich keinen Treuſchwur, nur einen Eid verlang' ich und ich kann ihn fordern— daß Du nicht eigenmächtig an Dein Leben greifſt, ob auch das größte Unheil Dir be⸗ gegnet.“ „Als ein Geſchenk von Dir, will ich mein Leben heilig wahren!“ rief Sigurd tief ge⸗ rührt—„ich ſchwöre Dir's bei Gott, dem Allerbarmer! doch löſe mir das Räthſel, fuhr er fort und blickte ſtaunend um ſich;—„erſt jetzt tritt die entſetzliche Gefahr, der ich ſchon unterlegen, wieder recht lebendig hin vor meine Seele. Wie gelang Dir's mich zu retten?“? Lächelnd führte ihn Sigrid bis zum blut⸗ beſpritzten Rande des Abgrunds, zeigte in die grauſige Tiefe hinab und ſprach:„Dort liegt Dein Feind begraben!“ und in wenigen Wor⸗ ten berichtete ſie ihm: wie ſie ſeinen Fußtapfen eilig durch die Gebirge gefolgt, und wie es ihr gelungen das wuthende Thier zu beſiegen.“ Staunen und Entſetzen malten ſich in Si⸗ gurd's Zügen, während ihrer Erzählung, und Beide, nur der glücklichen Gegenwart le⸗ — bend, wandelten Arm in Arm, die Gebirgs⸗ pfade zurück im traulichen Geſpräche; doch je näher ſie der bewohnten Gegend zuſchritten, deſto einſilbiger wurde ihre Unterhaltung, als ob die Nähe jener Menſchen, welche ihrem Glücke entgegenſtanden, ihre Bruſt wieder mit truͤben Ahnungen erfüllte. Und als ſie nun den letzten Berg hinabſtiegen und die Hütten von Iſala vor ihnen ausgebreitet lagen, da ſanken ſie einander unwillkührlich in die Arme und wie zum letzten Abſchiede brannten Lippe auf Lippe. Schweigend gingen ſie weiter, Beide feſt entſchloſſen zu dulden, und der Er⸗ langung eines faſt unerreichbaren Zieles mu⸗ thig entgegen zu hoffen; da trat mit finſtrer Miene aus dem dunkeln Tanuenbuſche unweit ſeiner Wohnung, der alte Nilſon hervor, ergriff ſeiner Tochter Hand, nachdem er die Liebenden einige Augenblicke lang mit mißbil⸗ ligenden Blicken betrachtet hatte, und ſprach zu Sigurd in ſtrengem Tone:„Du haſt nur allzubald mein Wort vergeſſen! Laß Dich nimmer wieder in der Nähe meiner Tochter finden, ich darf's nicht dulden und müßte ſonſt . 206 für meines Hauſes Ehre ſchärfere Waffen ge⸗ gen Dich gebrauchen.“ Sigrid ſuchte ihren Vater zu beſänftigen, doch ihre kindlichen Bit⸗ ten, die ſonſt ſtets den Weg zu ſeinem Her⸗ zen fanden, ſchienen diesmal an ein taubes Ohr zu klingen und unwillig zog er ſie mit fort nach ſeiner Wohnung. Lange noch ſtand Sigurd, ſeine Blicke nach der einfachen Huͤtte gerichtet, die ſein einzi⸗ ges, ſein theuerſtes Gut auf Erden barg. Die wilde Verzweiflung, die ſich ſeiner vor weni⸗ gen Stunden bemeiſtert hatte, ſchien gebro⸗ chen durch die wunderbare Lebensrettung, wel⸗ che die ſanfte Flamme des reinen Gottesglau⸗ bens wieder in ſeiner Seele entzündete, und nur ein ſtiller Trübſinn war in ſeiner Bruſt zurückgeblieben, der zwar einer tröſtenden Hoff⸗. nung wenig Raum vergönnte, doch ſeinen wie⸗ dererwachten Lebensmuth nicht gänzlich zu feſ⸗ ſeim vermochte. So richtete er endlich ſeufzend ſeine Blicke zum Himmel und ging langſam und in ſich ge⸗ kehrt an den hölzernen Häuſern vorüber, über⸗ ſtieg den ſteilen Berg, auf deſſen Gipfel ihm 207 heute die erſten Strahlen der Morgenſonne ſo freundlich entgegengelächelt, ohne die leiſeſte Ahnung in ſeiner Bruſt zu erregen, daß ſie ihm den trübſten und ſchreckenvollſten Tag ſei⸗ nes Lebens heraufführen wuͤrden. Schon ſank die Sonne, als er ermattet die äußern Wälle der Skadaborg erreichte, und in düſtern Träu⸗ men verloren, nahete er ſich der aufgezogenen Bruͤcke. Doch ehe er noch das übliche Zei⸗ chen, welches den Schloßbewohnern Einlaß ge⸗ währte, gegeben, wurde es lebendig im öden Burghofe, neugierige Knechte lugten über die Bruſtwehr und ſein Vater ſelbſt mit finſterm Antlitz beſtieg die Warte; ihm folgten Lars und der Bauer Gren. Sigurd rief einen freundlichen Gruß hinuber, doch aus des Rit⸗ ters Munde wurde ihm die ſchreckliche Erwie⸗ derung:„fliehe das Haus Deines Vaters, ſchändlicher Bube! es ſtößt Dich aus für im⸗ merdar!— Aus meinem Herzen biſt Du aus⸗ geſtrichen, mein Auge ſoll hinfort in Dir den Fremdling ſchauen, der hinterliſtig meines Stam⸗ mes Ehre ſchändete; deshalb verſagt Dir meine Hand den Labetrunk, wenn trocken die Zunge 208 Dir am Gaumen klebt, verweigert Dir den Biſſen Brod, wenn Hunger wühlt in Deinen Eingeweiden, jagt Dich hinweg von meines Heerdes Flamme, wenn der Froſt die Glieder Dir erſtarrte. Jetzt ziehe hin, geächtet in die Welt! Du wollteſt Vater, Bruder verlaſſen, Deinen Stand und Namen, Ruhm und Ehre freiwillig von Dir werfen— nun wohl! dies Aules nehm ich jetzt von Dir zurück, eh⸗ es ſchändlich in den Staub getreten, und nie⸗ mand ſoll darum mich ſchelten. Geh jetzt zu Deiner Dirne, mühe Dich ab im niedern Knech⸗ tesdienſt um ſie; doch meinen Namen nehme ich von Dir, wie Dein Erbe, mit Recht ge⸗ bührt dies meinem wackern, ungſten Sobur Dich verſtoße ich!“— Slemalrt Zornſchnaubend verließ er die Warte und ſeine beiden Begleiter folgten ihm ohne nur einen Blick des Mitleids auf den Unglückli⸗ chen zu werfen, der wie niedergedonnert von des Vaters furchtbarer Erklärung, ſich an den Ketten der Bruͤcke feſtklammerte, denn ſeine Glieder bebten und kaum noch vermochte er es ſich aufrecht zu erhalten. Erſt nach geraumer 209 Zeit, als es wieder ſtill und öde geworden im Gehöfte drüben, gelangte er nach und nach wieder zur Beſinnung. Wie mit Feuerſchrift waren ihm die ſchrecklichen Worte des Vaters ins Herz gegraben, und das höhniſche Lächeln das ihm nicht entgangen war auf Gren's tüͤ⸗ ckiſchem Autlitze, löſte ihm plötzlich das Räth⸗ ſel dieſer unnatürlich harten Begegnung. Die Sonne ſank hinab hinter die hohen Felſen, noch ſtand er irren Blickes nach der Warte ſtar⸗ rend; die Dämmerung breitete ihren düſtern Schleier über die ganze Gegend und auch in ſeine Bruſt zog finſtres Grauen und Entſetzen ein. Da ſträubte ſich ſein Haar empor, wie mit Tiegerkrallen ſchien ihn das entſetzliche Ge⸗ fühl ſeines Unglücks zu erfaſſen, und wie von Furien verfolgt, ſtürzte er fort in dämmernde Nacht hinaus. Ueber Moor und Haide, durch Wälder und Felsſchluchten ſtürmte er dahin, bis er endlich, bis zum Tode erſchöpft, in ei⸗ ner ihm gänzlich unbekannten Gegend, am Fuße eines Berges zuſammenſtürzte. Sein brechen⸗ des Auge war zum Himmel gerichtet, der Mond warf ſeine Silberſtrahlen auf ſein bleiches Antlitz, 1r Thl. 14 210 der Unglückliche ſchien ſeiner Auflöſung nahe. Doch ehe ſeine Sinne ihn völlig verließen, da ſchien es ihm, als ſchwebe uͤber ſeinem Haupte eine rieſenhafte, ehrwuͤrdige Greiſengeſtalt, wel⸗ che eilig und geräuſchlos den Berg herabgli⸗ tend, freundliche Blicke voll unendlicher Milde auf ihn gerichtet. Sein Auge ſchloß ſich, die Sinne ſchwanden, er lag regungslos.— Da trat Ingiald zu ihm, umſchloß den Entſeel⸗ ten kräftig mit ſeinen ſtarken Armen, trug ihn eilig fort und verſchwand mit ihm hinter him⸗ melanſtrebenden Felſen. 9. Am fruͤheſten Morgen des andern Tages, be⸗ 3 merkte man in der ſonſt ſo öden Umgegend der Skadaborg, ein reges Leben, welches bis zum hohen Mittage ſich immer mehr ausbrei⸗ tete, durch die von Felſen begrenzte Haide. Auf flüchtigen Rennthierſchlitten, auf Roſſen und zu Fuß, ſtrömten in größern und kleinern Zügen, die kräftigen Thalbauern, mit Wei⸗ b bern und Kindern, aus den nächſtgelegenen Kirchſpielen von allen Seiten herbei und ſchie⸗ nen Iſala zum Ziele ihrer Wanderung be⸗ 8½ ſtimmt zu haben. Auch in der Skadaborg ſelbſt Jbherrſchte ſchon vor Anbruch des Tages ein leb⸗ haftes Getümmel, denn es waren am vergan⸗ 14* 1 212 genen Abende und noch während der Nacht⸗ zeit viele Fremde dort eingekehrt, Prieſter und Edelleute, in deren Mienen ſich die geſpann⸗ teſte Erwartung wichtiger Ereigniſſe deutlich offenbarte. In den weitläufigen Höfen erblick⸗ te man uͤberall aufgezäumte Roſſe, dazwiſchen die Knechte, jubelnd durcheinander ſchreiend, hier und da einzelne Gruppen bewaffneter Land⸗ leute, welche in leiſen Geſprächen begriffen ſchienen und häufig hörte man die Namen „Nils Sture“ und die der beiden Biſchöffe mit froher Zuverſicht ausſprechen. Endlich, als die Mittagszeit herannahete, öffnete ſich die bisher ſorgfältig verſchloſſene Thür des Ritterſaales, wo die zahlreichen Gäſte des Ritters Pehrſon ſeit frühem Morgen, in faſt ſtürmiſcher Berathung zugebracht und Knut, der vormalige Erzbiſchoff von Upſala trat her⸗ aus, in ſeinem vollen Kirchenornate, als ob er die ihm abgenommene Würde durch ſeine beabſichtigte Rechtfertigung in Stockholm be⸗ reits ſchon wieder errungen hätte. Er fuͤhrte den jungen Nils Sture an ſeiner Hand, welcher im einfachen ſchwarzen Sammetkleide, — 1 213 doch mit feinen Spitzen, einem ſeltenen Luxus⸗ artikel damaliger Zeit, reichlich geziert, an ſei⸗ ner Seite dahinſchritt, mit kecker Miene und gezwungener Haltung. Ihnen folgten mehrere Prieſter und Mönche aus der Umgegend in ihren Ordenstrachten und ein Troß mißver⸗ gnügter Edelleute, worunter der Ritter Pehr⸗ ſon mit ſeinem Sohne Lars, beſchloß den Zug, welcher ſich langſam und feierlich die breite Schloßtreppe hinabbewegte. Sobald die Fremden den großen Hof betreten hatten, herrſch⸗ te ehrfurchtsvolles Schweigen rings umher, wohl einige Minuten lang; nach und nach aber ließ ſich hier und da ein frohes Gemurmel ver⸗ nehmen, welches bald in ein lautes jauchzen⸗ des Geſchrei ausartete und ein jubelndes Le⸗ behoch, welches Knut und dem jungen Nils Sture galt, durchſchallte die Lüfte, als dieſe ihre Roſſe beſtiegen hatten. Bauern und Knech⸗ te drängten ſich näher an ſie heran, beugten ihre Kniee, kuͤßten ihre Kleider, umringten Bei⸗ de mit allen Zeichen der tiefſten Ehrfurcht, wie ſie gewohnt waren ſich den Bildern ihrer hei⸗ ligen Märtyrer zu nähern, und laute Verſiche⸗ 8 1 214 rungen ihrer Treue, ihres Schutzes, Schwüre ihres Eifers für Glauben und Freiheit, und Verwünſchungen gegen den König Guſtav ſtrömten von den Lippen der Verblendeten. Die alſo Gefeierten winkten nach allen Sei⸗ ten gnädig herab von ihren Roſſen und mit freundlich herablaſſenden Blicken überſchaueten ſie die tobende Menge, welche in ihnen die Retter aus wirklicher Noth und aus ſo man⸗ cher eingebildeten, drohenden Gefahr zu erbli⸗ cken glaubten und es dauerte lange, ehe ih⸗ nen der Weg aus dem Schloſſe durch den dich⸗ ten Kreis geöffnet wurde. Nach und nach erſt ſetzte ſich der Zug in Bewegung und ernſt und feierlich durchwallte er die öde Gegend, nach⸗ dem ſich hier und da noch zahlreiche Bauern⸗ rotten demſelben angeſchloſſen hatten. Die Kirche von Iſala lag faſt in der Mitte des Kirchſpiels auf einer ſanften Erhöhung und war geräumig genug, eine große Anzahl Menſchen zu faſſen, doch gleich den Hütten der Landbewohner, war ſie nur von rohen Baumſtämmen und Bretern aufgeführt und mit einem hölzernen Glockenthurme verſehen. — 215 Hier war das Ziel der Wallfahrt, und ſobald 3 ddeer Zug ſich der Kirche bis auf einige hun⸗ dert Schritte genähert hatte, ertönten die Glo⸗ cken und das Volk, welches bereits rings ver⸗ ſammelt war, ſtrömte herbei, die Männer von denen es das Heil des Landes erwartete, zu M ſehen und zu begrüßen. Ein tauſendſtimmiger Frreudenruf erſchallte, als Knut und Nils Sture von ihren Roſſeu ſtiegen und ſich un⸗ verzüglich in die Kirche begaben. Ungeſtüm drängte ſich Alles nach, Prieſter und Bauern, Ritter und Knechte, Männer, Weiber und Kin⸗ der im bunten Gemiſch, durch die großen Flü⸗ 4 gelthuͤren des Haupteinganges, welche jedoch nicht geradezu in die Kirche führten, ſondern in ein geräumiges Vorgemach, Wapen⸗Hus genannt, wo der Sitte gemäß, die Männer Waffen und Stöcke ablegen mußten, bevor ſie das Innere des Gotteshauſes betraten. Doch nur von Wenigen wurde dieſe Sitte heute be⸗ folgt, die Meiſten ſtuͤrmten bewaffnet, wie ſie waren, nach den Betſtühlen und beobachteten auch hier nicht den herkömmlichen Gebrauch, welcher die Frauen während des Gottesdien⸗ 216 ſtes von den Männern trennte, jenen die lin⸗ ke, den Letztern die rechte Seite der in zwei gleiche Hälften getheilten Kirche anweiſend; denn der den Männern beſtimmte Platz war heute viel zu klein, ihre Ueberzahl zu faſſen. Nachdem nun der Gottesdienſt nach dem gewöhnlichen Ritus begonnen und Knut ſelbſt das Hochamt gehalten hatte, ergriff er die Hand des jungen Nils Sture der bisher ſeit⸗ wärts unter den Prieſtern geſtanden und führ⸗ te ihn zu den Stufen des Hauptaltars, indem er ihm winkte niederzuknieen. Hierauf hielt er ein Dankgebet für die wunderbare Rettung des Jünglings, indem er der verſammelten Menge in kurzen, ergreifenden Worten die Gefahr ge⸗ ſchildert, in welcher dieſer Sprößling des edel⸗ ſten ſchwediſchen Geſchlechts geſchwebt, forder⸗ te ſie auf zu ſeinem Schutze und zur Ergrei⸗ fung der Waffen gegen den König Guſtav, den er als Ketzer, Meuchelmörder und Volks⸗ bedrucker verläſterte und die empörendſten An⸗ klagen gegen ihn erhob. Lautlos hatte die Ver⸗ ſammlung ſeine eifrige Rede vernommen; doch als nun geendet, erſcholl wie auf einen Zau⸗ 217 berſchlag ein fuͤrchterliches Getöſe von Ver⸗ wünſchungen, Rachegeſchrei und Waffengeklirr. Die triumphirende Miene des Prälaten ver⸗ kündete deutlich ſeine innere Zufriedenheit über die Wirkung ſeiner Rede und mit dem erzwun⸗ genen Ausdrucke einer tiefen Rührung, blickte er auf den Jüngling herab, der noch immern auf den Stufen des Altars knieete und ſprach: „faſſe Muth, mein Sohn! das treue, biedre Volk der Dalecarlier wird Dir Schirm und Schild ſeyn, feierlich, im Angeſichte des Dreiei⸗ nigen übergebe ich Dich hiermit ſeinem Schutze. Durch den Segen der Kirche weihe ich Dich zum Führer der wackern Thalbauern, deren Tapferkeit berühmt iſt ſeit den älteſten Zeiten und beſonders gewürdigt in der Geſchichte un⸗ ſers Vaterlandes. Wer dem Tyrannen Feind iſt und dem Ketzer, wer Gott und ſeine Hei⸗ ligen ehrt, wer Recht und Freiheit ſeines Va⸗ terlandes liebt, der ſchwöre Treue dem Ver⸗ folgten, der von Gott erſehen iſt zum wackern Rüſtzeug, er wird an Eurer Spitze Euch vor⸗ anziehn, als ein Held zum Ziele!“ „Blut und Leben für Nils Sture!“ hallte 218 es wieder, wie aus einem Munde, durch die Verſammlung, und nur Wenige hielten unbe⸗ merkt den Eid der Treue zurück; denn es wa⸗ ren unter den Anweſenden Einige, auch Si⸗ ven Nilſon befand ſich unter dieſen, welche Guſtav verehrt hatten, gleich dem Schutzgot⸗ te ihres Vaterlandes und die nicht leicht ent⸗ zündbar, ſich von der einmal vorgefaßten, gu⸗ ten Meinung für ihren König, ſo ſchuell nicht losreißen konnten. Sture erhob ſich, dankte in wenigen Wor⸗ ten der Verſammlung und leiſtete ihr einen Ge⸗ geneid; doch ſeine Blicke, die fruͤher keck um⸗ hergeſchweift, waren dabei auf den Boden ge⸗ heftet und eine gewiſſe Unſicherheit in ſeinem Benehmen war nicht zu verkennen, die er je⸗ doch zu uͤberwinden ſuchte, nachdem ihm Knut einige ernſte Worte zugefluͤſtert hatte. Nun rief der Prälat die Sprecher und Wähler ver⸗ ſchiedener Gemeinden herbei, ermahnte ſie treu zu halten an ihrem Eide, das begonnene Werk zu fördern und auch in die entferntern Gegen⸗ den, durch Abgeordnete den Aufruf zur Em⸗ örung erſchallen zu laſſen und ertheilte ihnen 219 dazu im Namen des Papſtes leinen beſonde⸗ ren Segen. Sie gaben Alle laut und ohne Rückhalt ihren Eifer kund, für Glauben und Freiheit den Aufruhr zu befördern, der Bauer Gren aber, als Abgeordneter des Kirchſpiels Rätt⸗ wick, trat keck hervor, küßte das koſtbare Ge⸗ wand des Erzbiſchoffs und ſprach trotzig:„Da⸗ larne iſt freilich nur ein armes Land, aber ein tapferes Volk wohnt drinnen. Ein Dale⸗ carlspferd und ein Dalecarl ſind Beide ſtör⸗ riſch und zieht man ihre Zügel zu feſt an, ſo ſchlagen ſie aus.— Sorge nicht hochwürdi⸗ ger Herr, bald ſolls auch in Rättwick leben⸗ dig werden, ſchlafen auch bis jetzt die tapfern Männer dort noch ihren Winterſchlaf, ich will als Dein Spögubbe’ unter ſie treten daß Du ſollſt Deine Freude d'ran haben!“ * Spoͤgubbe waren Kirchenvoigte, welche waͤhrend des Gottesdienſtes auf Ruhe hielten, doch auch zugleich die allzugroße Ruhe der Andaͤchtigen ſtoͤrten, denn es war ihr Amt, mit einer ſechs Ellen langen 5 Stange die Schlaͤfer in der Kirche zu enwecken. Ber 5 Der Prälat belächelte huldvoll Grens Worte, ertheilte noch der allgemeinen Ver⸗ ſammlung ſeinen Segen und lärmend ging man auseinander. In der vorigen Ordnung begab ſich der Zug wieder nach der Skada⸗ borg, und die Landleute zogen jubelnd in kihre Heimath Furück „Sunnanwäder war zurückgeblieben in Pehrſous Schloſſe, denn eine anhaltende Un⸗ päßlichkeit hielt ihn an ſein Lager gefeſſelt, auch konnte er nicht bei dem feſtlichen Mahle erſcheinen, welches der Ritter ſeinen zahlrei⸗ chen Gäſten zu Ehren angeordnet hatte. So mancherlei, ſchnell auf einander folgende, au⸗ ßergewöhnliche Ereigniſſe, welche der Aber⸗ gläubige als trübe Vorzeichen betrachtete, hat⸗ ten die peinigendſten Ahnungen in ſeiner Bruſt erweckt, ſeinen Muth gelähmt und ſeine ohne⸗ hin ſchwache Körperkraft faſt gänzlich zerrüttet. Das Bild des räthſelhaften Greiſes, welcher am gleich ſey es bemerkt: daß der Dalarner Jedermann, ſelbſt den Koͤnig und hohe Geiſtliche, noch jetzt mit dem traulichen Du anredet. 221 Morgen des vorigen Tages ſo plötzlich vor ihn getreten, ſchien ihn überall zu verfolgen und ſeinen furchtbar ernſten Worten legte er, ſo viel ihn ſein Freund Kunt auch deshalb verſpottete, den Werth einer Weiſſagung bei. Die Einſamkeit im düſtern Gemache, die plötz⸗ liche Todtenſtille, welche ſeit dem geräuſch⸗ vollen Auszuge der Gäſte, in allen Räumen der weiten Burg herrſchte, hatten ſeine Lei⸗ den nur noch vergrößert und völlig abgeſpannt an Geiſt und Körper, fand ihn Kunt bei ſeiner Rückkehr von Iſala. Letzterer erkann⸗ te nun wohl, daß es längerer Zeit bedür⸗ fen würde, die gänzliche Wiederherſtellung des Freundes zu bewirken, die er hier nicht glaubte abwarten zu dürfen, indem ſein eifrigſtes Streben dahin gerichtet war, vor Allem ſeine Aemter, Würden und Macht, durch eine Rechtfertigung über die ihm zur Laſt ge⸗ legten Verbrechen, in Stockholm ſich wieder zu erringen. Seinen Freunden, die dort und in Upſala, dem Sitze der ſinkenden geiſtlichen Gewalt, fuͤr ihn zu wirken verſprochen hatten, ſchenkte er ein ungemeines Vertrauen, und ſo ſchmeichelte er ſich mit der Hoffnung, es be⸗ dürfe weiter nichts, als ſeines perſönlichen Erſcheinens und einer kühnen Sprache gegen ſeine Feinde, um den Sieg uͤber dieſe davon zu tragen und ſich ſein Erzbißthum wieder zu verſichern, welches nach der, vor kurzer Zeit erfolgten Entweichung des, an ſeiner Stelle erwählten, Erzbiſchoffs Maguus wieder erle⸗ digt war. Dann erſt glaubte er, es ſey Zeit zum Ausbruche der Empörung und bis dahin würde der Anblick und die Thätigkeit jenes jungen Mannes, in welchem das Volk einen der letzten Zweige des ſo allgemein geliebten Sture'ſchen Stammes verehrte, deſſen Unglück allgemeine Theilnahme erweckte, die Gemüther immer mehr erhitzen und in dem Entſchluſſe befeſtigen, ſeinem Panier zu folgen. Deshalb ſchied er auch am nächſten Mor⸗ gen ſchon von ſeinem kranken Freunde, nach⸗ dem er ihm nochmals kräftigen Troſt zugeſpro⸗ chen, die glänzendſten Hoffnungen vor ihm ent⸗ faltet und ihn dringend beſchworen hatte, ſo⸗ bald als möglich ihm nachzufolgen nach Stock⸗ holm, um dort, in kürzeſter Friſt ihre Angele⸗ 223 genbeiten ordnen zu können. Nach einer lan⸗ gen geheimen Unterredung nahm er Abſchied von Nils Sture, nachdem er ihm Sun⸗ nanwäder als ſeinen fernern Rathgeber nach⸗ druͤcklich empfohlen, ihm auch Empfehlungs⸗ ſchreiben an den Erzbiſchoff von Drontheim zurückgelaſſen hatte, im Fall ſeine Sicherheit in den Thälern gefährdet werden ſollte. So verließ er die Skadaborg in Begleitung von ſechs reiſigen Soldknechten, welche ihm der Landeshauptmann Olofſon von der Veſte Jötniſteen hatte zu ſeiner Verfügung ſtellen müſſen, wie es der königliche, freie Geleits⸗ brief erheiſchte. In Upſala wurde er vom ganzen Domka⸗ pitel und der übrigen zahlreichen Geiſtlichkeit jubelnd empfangen, und er benutzte die kurze Zeit ſeines Aufenthaltes daſelbſt, ſich durch freundliche Herablaſſung und glänzende Ver⸗ ſprechungen ihre fernere Gunſt zu verſichern. Spät am Abende vor ſeiner Abreiſe nachStock⸗ holm aber, ſchlich er vermummt und nur von einem alten, ihm ſchon in fruͤherer Zeit ganz ergebenen Kirchenvoigte begleitet, nach der 224 Domkirche. Durch eine kleine Seitenthür, die ſie feſt wieder hinter ſich verſchloſſen, waren ſie eingetreten in das öͤde Gotteshaus und ſchrit⸗ ten nun beim Scheine einer Laterne dem Hoch⸗ altare zu. Hier legte der alte Kirchenvoigt mit zitternder Stimme einen ſchweren Eid ab, der ihn zum tieſſten Stillſchweigen verpflichtete über Alles, was Knut in der nächſten Stunde, in ſeiner Gegenwart unternehmen würde. Dann ſtiegen ſie hinab in die Begräbnißgewölbe und erſt nach geraumer Zeit verließen ſie den Dom wieder. Am andern Morgen aber, in der Stunde des Scheidens, theilte Knut einigen ſeiner vertrauteſten Freunde mit, daß der jun⸗ ge Nils Sture, deſſen Tod man in Upſala nicht bezweifelte— denn Tauſende waren Zeugen ſeines prächtigen Leichenbegängniſſes geweſen— noch am Leben ſey, in den Thä⸗ lern für Ausführung ihrer Pläne wirke, und die Anführung der Empörer übernommen habe. Auch in Stockholm erfreute ſich der Prä⸗ lat eines freundlichen Empfanges im Hauſe des Reichsmarſchalls Thure Jönßon. Dieſer unverſöhnliche Feind Guſtavs, den die be⸗ 225 drängte Geiſtlichkeit als ihre mächtigſte Stütze betrachtete, hatte indeſſen eifrig und insgeheim ſeine Pläne verfolgt, und den gänzlichen Um⸗ ſturz der gegenwärtigen Regierung ſich zum Ziele geſetzt. Von Knuts und Sunnan⸗ wäders Rückkehr nach Schweden unterrichtet hatte er nichts verſäumt, was die Rechtferti⸗ gung dieſer, mit ſchwerer Anklage belaſteten Männer unterſtützen konnte. Seinen Sohn Johann hatte er in aller Stille und ohne die Zuſtimmung des Königs nachzuſuchen, mit Chriſtinen vermählt,* der Wittwe des Reichsvorſtehers Sten Sture, und dieſe ehrgeizige Frau ließ ſich willig finden, an dem boshaften Gewebe Thure Jönßons heim⸗ lich mit zuarbeiten, indem ihre Phantaſie ihr ſelbſt die lockendſten Bilder webte, welche ih⸗ ren Sohn ihr auf dem ſchwediſchen Throne zeigten. Mit dem Reichsmarſchall, mehreren hohen Geiſtlichen und Edeln des Reichs hielt ſie oft geheime Verſammlungen in ihrem Hau⸗ ſe; doch ihren Gatten, der unerſchütterlich an * Geſchichtlich. 1r Thl.. 15 226 ſeinem Könige hing, mit in dieſen Bund zu ziehen, war bis jetzt weder ihren Bitten, noch ſeines Vaters ernſten Ermahnungen gelungen. Demungeachtet liebte ſie ihn mit einer faſt ſchwärmeriſchen Leidenſchaft und alle ihre zärt⸗ lichen Bemühungen waren dahin gerichtet, ein gleiches Gefuͤhl für ſie in ſeiner Bruſt zu er⸗ wecken, doch die ſchmerzliche Entſagung ſeiner erſten Liebe, ſchien ſein Herz erſtarrt zu ha⸗ ben. Er begegnete ſeiner Gattin mit unge⸗ heuchelter Achtung, zu welcher er ſich durch die Erkenntniß ihres hohen, männlichen Gei⸗ ſtes verpflichtet fühlte, ſuchte durch ſanfte Vor⸗ ſtellungen und Bitten die Flammen ihres Ehr⸗ geizes, die, obgleich ſie dieſelben ſorgfältig vor ihm zu verbergen ſtrebte, doch zuweilen ſeinem Scharfblick nicht entgingen, zu däm⸗ pfen, und ihrer liebevollen Annäherung begeg⸗ nete er mit der zarteſten Schonung und ſuchte unter der freundlichen Maske heitrer Gefül⸗ ligkeit die Kälte ſeines Herzens zu verbergen. So hatte er das Band der Ehe, welches ihm der Wille ſeines Vaters aufgezwungen, mit ſtandhafter Duldung ertragen, ohne durch Wi⸗ 227 derſpenſtigkeit oder offne Abneigung auch nur ein Fädchen deſſelben zu löſen; doch eben ſo wenig vermochte er es, ſich feſter zu knüpfen an die ihm beſtimmte Lebensgefährtin, durch die Gewalt der Liebe. Er hatte kurz vor ſeiner Vermählung die Würde eines Reichsrathes erlangt, ſeine Ge⸗ ſchäfte feſſelten ihn den größten Theil des Tags an den Hof, und um ſo eifriger kam er ſeit einiger Zeit ſeinen Verpflichtungen nach. je deutlicher ſich jetzt in des Königs Beneh⸗ men ein ungewohntes Mißtrauen gegen ihn ausſprach. Seine Vermählung mit Chriſti⸗ nen, deren Geheimhaltung bis dieſelbe förm⸗ lich vollzogen, ſein Vater ausdrücklich von ihm gefordert hatte, ſchien der König auf ein Anzeichen deuten zu müſſen, daß er auf die Treue ſeines jungen Günſtlings nicht feſt mehr bauen dürfe, ja, wohl gar deſſen gänzlichen Abfall von ſich zu erwarten habe. Denn ihm waren die geheimen Ränke Chriſtinens und des Reichsmarſchalls nicht völlig unbekannt geblieben, obgleich es ihm die Zeitumſtände noch nicht erlaubten, denſelben jetzt ſchon 15*¼ 228 öffentlich und mit Gewalt entgegen zu ar⸗ beiten. Chriſtine ſaß an demſelben Tage, an welchem Knut in Stockholm eingetroffen war, einſam auf ihrem Zimmer, und weihte auf⸗ richtige Thränen des tiefſten Schmerzes dem Andenken ihres zärtlich geliebten älteſten Soh⸗ nes Nils, deſſen Hinſcheiden in Upſala, ihr am Tage nach ihrer Vermählung kund gewor⸗ den war. Die kühnſten Hoffnungen hatte ſie auf dieſen Sohn gebaut, dem das reifere Jüng⸗ bedeutende Rolle in ſeinem Vaterlande zu ſpie⸗ len, und dieſen Sohn hatte ihr der Tod ge⸗ raubt, gerade zu einer Zeit wo er ſeinen Flug beginnen ſollte bis zur höchſten Staffel des Reichs. So waren ihre ehrgeizigen Pläne zum Theil gänzlich vernichtet, zum Theil ihrem Ziele entrückt worden, denn ihr zweiter Sohn Swante, der noch im Knabenalter ſtand und von Kindheit an kränklicher Natur war, gab ihrem ſtolzen Herzen nur wenig Stoff zu glän⸗ zenden Erwartungen fuͤr eine ferne Zukunft, 1 lingsalter ſchon vergönnte, von Geburt, Reich⸗ thum und der Liebe des Volks unterſtützt, eine 229 die ſie bei ihrem vorgerückten Lebensalter, in ewiger, unbefriedigter Sehnſucht nach der Er⸗ füllung ihrer eifrigſten Wünſche kaum zu er⸗ reichen gedachte. Einſam in ihrem Zimmer 4 weilte ſie ſeit jener Todesbotſchaft, in tiefe Trauer verſunken und die Bläſſe ihres Ange⸗ ſichts, deſſen edle Formen noch immer ſchön zu nennen waren, bezeugte, daß ein unver⸗ ſtellter Gram an ihrem Herzen nage. Der Feuerblick ihres dunkeln Auges war ermattet, und nur zuweilen, wie ein Blitz in der Abend⸗ dämmerung, ſchien ein zündender Strahl ih⸗ res Geiſtes den leidenden Zuͤgen ihres Antli⸗ tzes einen feſtern Ausdruck zu geben, welcher mehr Trotz als ſanfte Duldung verkündete und dann erhob ſie ſtolz ihre hohe Geſtalt und ſchritt majeſtätiſch auf und nieder, als ob ſie in tiefes Sinnen verloren, eifrig beſchäftigt ſey, die, durch den Tod ihres Sohnes zerriſſe⸗ neu oder verwirrten, Fäden ihres Gewebes aufs Neue zu ordnen oder zu knüpfen. So fand ſie auch heute eine ihrer dienenden Frauen und überraſchte ſie mit der Meldung, daß der vormalige Erzbiſchoff Knut, mit welchem ſie 230 ſchon ſeit Jahren ein Bündniß gegen den Kö⸗ nig geſchloſſen, bereits im Vorzimmer harre und ſie um eine geheime Unterredung bitten laſſe. Ein Strahl der Freude flammte aus ihren Augen, röthete ihre bleichen Wangen 5 und ſo plötzlich erheitert, gab ſie den Befehl, den Prälaten augenblicklich zu ihr zu geleiten. Lebhaft ging ſie dem Eintretenden entgegen, der, nachdem ſich die Dienerin entfernt und die Thuͤr hinter ſich verſchloſſen, ſeine ehrer⸗ bietige Stellung verließ, und mit Anſtand, doch vertraulich der hohen Frau ſich näherte, ihre Hand an ſeine Lippen drückend. Einige Augenblicke lang ſtand er ſchweigend ihr ge⸗ genüber, und ſchien in ihrem Antlitze leſend, die Bewegung ihres Innern erforſchen zu wol⸗ len, dann ſprach er:„nicht allein um Euern Beiſtand, Euern Schutz zu erflehen, edle Frau, naht ſich Euch heute der Vertriebene, er bringt auch Balſam mit für das zerriſſene Mutter⸗ herz.“ V „Seyd meines Danks dafür verſichert!“ erwiederte Chriſtine wieder in ernſte Trauer verſinkend.„Wohl oft brachten die Tröſtun⸗ 231 gen des frommen Glaubens aus Euerm Mun⸗ de Harmonie in meine Seele, wenn ein Zwie⸗ ſpalt ſie feindlich aufgeregt hatte; doch was mich jetzt ſo ſchwer darnieder drückt iſt nicht ein Streit des Innern, es iſt der wahre tiefe Schmerz der Mutter, die den Tod des hoff⸗ nungsvollſten Sohnes beweint. Dieſer unge⸗ heure Schmerz hat ſich zu tief in meine Bruſt gewuͤhlt und ſchon vergeblich hab' ich ſelbſt die Mahnungen der Vernunft, die Tröſtungen der Kirche aufgeboten, ihn zu bannen; nur von der Zeit, die Dornen langſam, Freudenroſen ſchnell verweſen läßt, erwarte ich Linderung.“ „Und wenn ich nun als Ener Seelenarzt,“ verſetzte Knut mit geheimnißvollem Lächeln, „die Dornen aus der wunden Bruſt Euch ſchon jetzt zu ziehen wüßte, um ſie auf ewig der Verweſung Preis zu geben, und Eure Bruſt dafür mit Freudenroſen ſchmückte?“ „O wie vermöchtet Ihr dies?“ entgegnete Chriſtine, ungläubig ihr Haupt neigend.„Könnt Ihr Todte erwecken?“ Ein Geräuſch wurde in dieſem Augenblicke auf der Straße hörbar, und ein dumpfes Ge⸗ 232 murmel vieler Menſchen, bald von lauten Stimmen unterbrochen, drang herauf. Schwe⸗ re Tritte und Waffengeklirr ertönten ſchon auf dem Gange, welcher zu den Zimmern Chriſtinens führte.„Was ſoll das?“ ſprach dieſe beſtürzt zum Fenſter tretend„ und von hier aus erblickte ſie das Haus mit Wachen umſtellt und von einem Haufen Neugieriger umlagert. Knut war erbleichend zu ihr ge⸗ treten, ſtarrte ſchweigend hinab auf die Men⸗ ge, und ein lautes Klopfen an die verſchloſ⸗ ſene Thur ließ ihn erbeben. Zitternd ſtand er und ſchien mit einem Entſchluſſe zu ringen, ſein Blick hatte ſich ſcheu zu Boden geſenkt, Chriſtine aber flüſterte ihm mit ängſtlicher Haſt die Worte zu:„ermannt Euch, hochwürd'ger Herr, folgt Guſtavs Schergen nur getroſt. Er kann ein offenes Gericht Euch nicht ver⸗ ſagen und die ſchriftlichen Belege, die als Zeugniß gelten könnten gegen Euch, ſind, hoff' ich, heute noch in meinen Händen, daß ich ſte auf ewig vernichte. Baut nur getroſt auf Eu⸗ rer Freunde Schutz, geheim und öffentlich ſind 233 ſie bereit für Euer Wohl zu handeln, Ihr müßt als Sieger aus dem Kampfe gehen!“ „Das walte Gott!“ rief Knut leiſe, freier aufathmend, während eine Stimme draußen im Namen des Königs zu öffnen gebot.„Die Minuten ſind gezählt!“ fuhr der Prälat fort; „Lebt wohl, edle Frau und denkt: Ihr han⸗ delt fuͤr die Kirche und den wahren Glau⸗ ben, wenn Ihr einem Streiter Gottes beiſteht gegen ſeine Feinde. Laßt Euern ſtarken Geiſt nicht länger erlahmen unter Schmerzensfeſ⸗ ſeln, erhebt Euch!— Der Name Nils Sture geht in den Thaͤlern ſchon von Mund zu Mun⸗ de und ſcheucht wie Donnerſchall das Volk aus ſeinem Schlafe; bald wird der kühne Jüng⸗ ling ſich den Heldenruf erwerben, des edeln Namens, den er trägt, ſich würdig zeigen.“ Da wurde, weil der wiederholten Auffor⸗ derung zu öffnen, nicht Folge geleiſtet worden war, die Thür gewaltſam aufgeriſſen und Knut gewann kaum ſo viel Zeit, Chriſtinen, welche die Worte des Prälaten, obgleich ſie ihren Sinn noch nicht zu faſſen vermochte, in das lebhafteſte Staunen verſetzt hatten, unbemerkt zuzuflüſtern:„bald, denk ich, ſeh' ich Euch wie⸗ der, dann die Löſung aller Räthſel!“ Ein Ofſtzier der königlichen Leibwacht, wel⸗ cher mit vier Trabanten ins Zimmer getreten war, gebot nun in ziemlich rauhem Tone dem Prieſter zu folgen, der in ſtolzer Zuverſicht ſich augenblicklich bereit erklärte, vor ſeinen Richtern zu erſcheinen. Doch bald wurde ſein Muth gelähmt, als ihm die Gewißheit wur⸗ de, daß man ihn, ohne vorläuftges Verhör, in ſtrenge Haft führe, und kalt durchſchauerte ihn bange Ahnung, als er den für ihn beſtimm⸗ ten Kerker betrat, und die ſchweren Eiſenpfor⸗ ten, ihn trennend von der übrigen Welt, ſich raſſelnd hinter ihm verſchloſſen. t ann 10. Der Reichsrath Johann Thureßon, Chri⸗ ſtinens Gatte, hatte an demſelben Nachmit⸗ tage eben das königliche Schloß verlaſſen wol⸗ len, um ſich nach ſeiner Wohnung zu begeben, als er unter dem düſtern Portale, welches nach dem äußerſten Hofe führte, leiſe ſeinen Namen hinter ſich rufen hörte. Er blickte um ſich und bemerkte gar bald einen kleinen dicken Mann, in ſaubrer ſchwarzer Kleidung, der ihm, ſo ſchnell er es nur vermochte, uͤber Trep⸗ pen, Gänge und Gehöfte bis hierher gefolgt war. Johann betrachtete den kleinen Mann, der jetzt kenchend vor ihm ſtand, glaubte der Kleidung nach einen der Secretarii in könig⸗ 236 lichen Dienſten vor ſich zu ſehen und hatte ſich in dieſer Vermuthung nicht getäuſcht, denn Jener ſtellte ſich ihm ſelbſt, mit der ehrerbie⸗ tigſten Verbeugung und mit folgenden Wor⸗ ten vor:„verzeiht mir, ſehr edler und hoch⸗ weiſer Herr Reichsrath, daß ich es gewagt habe den fluͤchtigen Lauf Eurer Schritte durch meinen ſubmiſſeſten Zuruf zu hemmen; indem mich ein wichtiges Anliegen, welches ich ſo— bald als möglich von mir zu entladen den Wunſch hegte, Euch nachzueilen anſpornte. Mein Name iſt Birger Bieler, ich ſtehe als Schreiber in des hochpreislichen Herrn Reichskanzlers Dienſten, kann mich zwar kei⸗ ner beſondern Gelehrſamkeit rühmen, doch wird, meine Handſchrift als die ſauberſte und zier⸗ lichſte, ohne Ruhm zu melden, geſchätzt, wes⸗ halb auch alle wichtige Urkunden, Documen⸗ te und Briefſchaften meines edlen Herrn und Kanzlers durch meine Hand zu Tage geför⸗ dert werden. Obgleich nun meine Perſon, ſehr verehrteſter Herr Reichsrath, Euch bisher viel⸗ leicht gänzlich unbekannt geblieben, ſo wird Euch doch wahrſcheinlicher Weiſe, vielleicht 237 hier und da, der Anblick meiner Handſchrift, welche, ohne Ruhm zu melden, ſich vor allen andern rühmlichſt auszeichnet, einen deutlichen Begriff von meinen Fähigkeiten beigebracht ha⸗ ben, welche mich der Gunſt meines edlen Herrn und Reichskanzlers dermaßen verſicherten, daß er mir die Schluͤſſel zum Archive mit dem ſchmei⸗ chelhafteſten Vertrauen zuweilen einhändigte, um dies oder jenes wichtige Papier daraus hervorzuſuchen und ihm zu übergeben. Eure edle und hochachtbare Hausfrau hatte wohl längſt ſchon mit ihrem ſeltenen Scharfblick, dies, mein beſonderes Gewicht erkannt, der ich das Glück habe, ihr überhaupt kein Fremd⸗ ling zu ſeyn, indem ich ſchon als Jüngling, treue Schreiberdienſte bei ihrem verewigten Gemahl, dem über Alles verehrten Herrn Reichs⸗ verweſer Sten Sture, glorreichen Andenkens, verrichtet, und es geſiel ihr, mich vor gar nicht langer Zeit zu ſich rufen zu laſſen und mir den Auftrag zu ertheilen: einiger Papiere, wel⸗ che im Archive niedergelegt worden, habhaft zu werden und ihr unter dem Angelöbniß des tiefſten Stillſchweigens einzuhäudigen. Damir 238 die Papiere nun überhaupt unwichtig erſchie⸗ nen, ſintemal ſie Anklagen gegen längſt ver⸗ ſchollene Perſonen betrafen, ich auch die Bür⸗ de der Dankbarkeit, für unzählige, im verehr⸗ ten Sture'ſchen Hauſe empfangene Wohltha⸗ ten, in etwas durch dieſen kleinen Dienſt mir zu erleichtern dachte, ſo benutzte ich heute, als mir mein Herr und Reichskanzler die Archiv⸗ ſchlüſſel wieder übergeben, die günſtige Gele⸗ genheit, ſuchte beſagte Papiere hervor und ſteckte ſie in der Abſicht zu mir, ſie noch vor Abend Ener tugendbelobten Gattin einzuhän⸗ digen. Dies aber zu vollbringen, mangelt mir anjetzo aber leider die edle Zeit, da eine Han⸗ delsvertrags⸗Urkunde mit der freien Hanſeſtadt Lübeck, mich vielleicht bis gegen Mitternacht an den Schreibtiſch bannen wird, und ich dankte dem Zufalle, der mich vom Fenſter aus Euch ſelbſt, hochweiſer Herr, erblicken ließ, eilte Euch nach und lege nun öfters beſagte Schriften, deren Inhalt, ſo wie der Grund ihres erwünſchten Beſitzes Euch ſowohl, als Eurer allverehrten Gemahlin bekannt ſeyn wer⸗ den, in Eure Hände nieder, indem ich jedoch 239 zugleich mich vor allen übeln Folgen, welche vielleicht mein Dienſteifer nach ſich ziehen könn⸗ te, mich gnädigſt zu verwahren bitte.“ Hierauf empfahl er ſich, mit den Verſiche⸗ rungen der aufrichtigſten Verehrung und Dank⸗ barkeit gegen das Sture'ſche Haus, und eilte ſo ſchnell wieder von dannen, daß der ſtau⸗ nende Reichsrath, der weder den Inhalt der Papiere, noch Chriſtinens Wunſch ſie zu er⸗ halten, kannte, ſich allein ſahe, ehe er noch alle die Fragen, welche ihm der ſeltſame Vor⸗ fall aufdrängte, auszuſprechen vermochte. Er hatte den Schreiber, während deſſen langer Rede aufmerkſam betrachtet und in ſeinen Zü⸗ gen eine Miſchung von Gutmüthigkeit, Gei⸗ ſtesbeſchränkt! heit, mit einem Anſtriche von Ei⸗ genduͤnkel, nirgends aber eine Spur von Ver⸗ ſchlagenheit und Tücke gefunden, weshalb er auch ſogleich ahnete, daß er kein Eingeweiheter in die Ränke der Gegner Guſtavs ſey, ſon⸗ dern von ſeiner Gattin nur als ein ſeelenlo⸗ ſes Werkzeug gebraucht worden war, welches ſich willig benutzen läßt ohne den Zweck ſeiner Dienſtleiſtungen zu kennen. Deshalb hielt er 240 auch den Eilenden nicht auf, da er von ihm keine genuͤgende Antwort auf ſeine Fragen zu erhalten hoffte, trat hinter einen Pfeiler, wel⸗ cher die äußere hohe Schloßmauer ſtützte und entfaltete hier haſtig die erhaltenen Papiere, die er, der Meinung des Schreibers von ih⸗ rer Unbedeutenheit nicht beipflichtend, für be⸗ ſonders wichtig hielt. Er hatte ſich auch nicht getäuſcht, denn mehr noch als ſeine Bermu⸗ thungen ihn fürchten ließen, fand er bei flüch⸗ tiger Durchſicht der verſchiedenen Schriften, welche der Zufall in ſeine Hand gegeben. Im heftigſten Zorne, wie er ihn nur ſelten über⸗ fiel, ſtieß er den Namen ſeiner Gattin aus, hob die Papiere zum Himmel empor und ſprach dumpf vor ſich hin:„warum mein Gott, auch dieſe Prüfung noch?— Soll ich der Anklä⸗ ger meines Weibes werden, meines Vaters? des Hochverraths ſie zeihen?“ Er ſtand eini⸗ ge Minuten in tiefes Sinnen verloren, dann verbarg er die Schriften in ſeinem Buſen, ging gefaßt nach dem Schloſſe zurück und ließ ſich beim Könige melden. Guſtav der Erſte empfing ihn ernſt, doch 1 241 freundlich, ließ ſich dann auf einen Seſſel nie⸗ der, und betrachtete nun ruhig, mit einer Miſchung von Wohlwollen und heimlichen Miß⸗ trauen, den jungen Mann, der unentſchloſſen, fern von ihm ſtehn blieb, wie im ſichtbaren Kampfe mit ſich ſelbſt. Als nun aber endlich Johann, in heftiger Bewegung ſich ihm zu Füßen warf, da ſtand der König auf und ſprach überraſcht:„Was ſoll das? ſteh't auf! — Vor Gott geziemt nur ſolche Demuth, nicht vor Menſchen.“ „Nein, laßt mich knieen, mein Herr und König!“ entgegnete Johann;„denn vor Eurem Angeſichte drückt mich die ſchwere Schuld zu Boden, die ich Euch enthüllen muß. Eure Gnade, mit der Ihr mich überhäuftet, habe ich mit dem ſchändlichſten Undanke vergolten; doch ſehet Ihr mich reuig hier zu Euren Fu⸗ ßen, Eures Urtheils gewärtig. Ich habe ei⸗ nen Raub begangen— doch freiwillig geb' ich ihn in Eure Hand zurück, da von dem Augen⸗ blicke ſeines Beſitzes an, die ſchrecklichſte Ge⸗ wiſſenspein mich folterte. Hier nehmt zurück, mein König, was ich Euch, was ich dem Va⸗ 1r Thl. 16 4 242 terlande entwendete; fragt nicht: weshalb ich mich erniedrigte zu ſolcher Schandthat? forſcht nicht nach meinen Helfern, ich that's allein— ich bin allein der Schuldige! nur mich ſoll Euer Zorn und die gerechte Strafe treffen!“ Mit finſtrer Miene empfing der König jene Papiere, welche ihm Johann, noch immer knieend, darreichte; doch als er nun die Schrif⸗ ten durchblättert hatte, da blitzte ſein Auge wild und zornig nieder auf den jungen Reichs⸗ rath, doch wie ſich ſchnell bezwingend, ſtrich er mit der flachen Hand über ſein Antlitz, die freundlichſte Milde ſprach ſich aus in ſeinen edeln Zuͤgen und mit ſanftem, wehmüthigen Tone rief er aus:„Nein, mein Johann, das haſt Du nicht gethan!“ Mit glühender Schaamröthe uͤberzogen ſich die Wangen des jungen Mannes und den Blick zu Boden ſenkend, erwiederte er mit er⸗ zwungener Feſtigkeit:„Ich that's, mein. Herr und König; doch fragt mich nicht weshalb?“ Da erwiederte Guſtav tief ergriffen, nach⸗ dem er den Knieenden lange ſchweigend be⸗ trachtet hatte:„wahrlich, eine Lüge, edler 243 als die Wahrheit ſelbſt!— Die glühende, erſte Liebe opferteſt Du dem Freunde— dem Vater und der Gattin— Deine Ehre! denn wiſſe jetzt: ich ahne Dein Geheimniß; Du brauchſt die Räuber jener Schriften nicht zu nennen, ich kenne ſie, doch— will ich ſie nicht kennen um Deinetwillen.— Du biſt ein treues Herz, von nun an will ich Dir mein Vertrauen bis zum Tode bewahren, denn wen ſein Edelmuth zu ſolchen Opfern kann vermögen, in deſſen Bruſt kann nie Verrath aufkeimen gegen ſeinen Freund und König. Geh' hin, Du wackrer Mann, Du wirſt auf Erden Deinen Lohn nicht finden, ein Herz wie Deines gilt nur im Himmel ſeinen Preis.— Fürchte nichts für die Deinen, denn ich fürchte ſie nicht.— Geh' hin mit Gott! Dank für Deine Treue jetzt, vielleicht in Zukunft kann ich einen Theil des wohlverdienten Lohns Dit abtragen.“— Er zog Johann empor an ſeine Bruſt, drückte ihn in herzlicher Umarmung an ſich, und dieſer wankte mit thränenſchweren Augen, ohne ſeinen Gefühlen Worte leihen zu können, 16* 244 aus dem Zimmer. Der König aber gab ſo⸗ gleich Befehl: ſich der Perſon des abgeſetzten Erzbiſchoffs zu verſichern, da der Raub jener Papiere, welche die unleugbarſten Beweiſe von Knuts und Sunnanwäders hochverrätheri⸗ ſchem Treiben enthielten, ließ ihn mit Recht befürchten, daß man darnach eifrig ſtrebe, die Schuldigen der wohlverdienten Ahndung ihrer Verbrechen zu entziehen. 1 Als die Geiſtlichkeit nun Knuts ſtrenge Haft erfuhr, ſchrie ſie freilich laut über die Verletzung des freien Geleites, welches der König den beiden Prälaten bis nach Beendi⸗ gung ihres Prozeſſes zugeſagt hatte, doch die⸗ ſer wußte ſich deshalb, in einer geheimen Un⸗ terredung mit den vornehmſten Räthen des Reichs, genügend zu rechtfertigen und ſo blieb der Angeklagte in ſeinem feſten Kerker, meh⸗ rere Wochen lang, leidlich gehalten doch ſtreng verwahrt, ohne daß es ſeinen Freunden ge⸗ lungen wäre, durch alle nur erdenkliche Mit⸗ tel ſich ihm zu nähern, oder ſeiner gefährlichen Lage eine andere Wendung zu geben. Am meiſten beklagte Chriſtine Knuts Ver⸗ 245 haftung; ſie ſchwebte, ſeitdem er jene räthſel⸗ haften Worte, ihren Sohn betreffend, ihr mit⸗ getheilt hatte, zwiſchen Trauer und freudiger Hoffnung, der ſie jedoch keine beſtimmte Rich⸗ tung zu geben wußte, indem ſte jetzt von den ſeltſamſten Zweifeln am Tode wie am Leben ihres Nils gequält wurde. Liſt und Gewalt hatte ſie ſchon angewendet bis in den Kerker des Erzbiſchoffs zu dringen, oder wenigſtens ein Schreiben an ihn gelangen zu laſſen; doch vergebens blieben ihre Bemuͤhungen, welche wohl theils an der unerſchütterlichen Treue der Gefangenwärter, theils an der nimmer ruhen⸗ den Beobachtung ihres Gemahls, welcher je⸗ den ihrer Schritte verfolgte, ſcheiterten, und ihre heiße Liebe zu dieſem, der jetzt erſt begann ihr entſchiedene Kälte zu zeigen, fing an in Furcht und Haß ſich zu verwandeln. Der Schreiber Birger Bieler, den ſie an ſein Verſprechen, jene Papiere betreffend, gemahnt, hatte ihr es offen geſtanden, daß es ihm gelun⸗ gen die Schriften zu beſeitigen und daß er die⸗ ſelben, in Vorausſetzung eines Einverſtändniſſes mit ihr, in die Hände ihres Gatten übergeben 246 hätte; doch habe er ſeit jener Zeit ein auffallen⸗ des Mißtrauen ſeines Herrn und Reichskanz⸗ lers gegen ſich verſpüren müſſen, der auch die Archivſchlüſſel von jener Zeit an nie wieder in ſeine Haͤnde gelegt. Jetzt erſt wurde Chri⸗ ſtinen das abgemeſſene, kalte Benehmen ih⸗ res Gemahls, welches ſie ſonſt nie an ihm be⸗ merkt, völlig klar, und ſie entſagte der Hoff⸗ nung gänzlich, ihn jemals für ihre Pläne zu gewinnen. Auch der Reichsmarſchall, ſein Vater, empfahl ihr die größte Behutſamkeit und ſchuͤttete in ungemeſſener Wuth die größ⸗ ten Schmähungen gegen ſeinen Sohn aus. Chriſtine aber ertrug dieſe immer zunehmen⸗ de Spannung aller Seelenkräfte— welche der Tod ihres Sohnes und nun wieder die dunkle Hoffnung ihn noch am Leben zu finden, ſo wie die ſtete Gedankenbeſchäftigung mit ihren hochfliegenden Plänen, hervorgebracht hatten— nicht lange, ſie verfiel in eine ſchwere Ner⸗ venkrankheit und lag lange Zeit beſinnungslos. Die ganze Cleriſei und die übrigen Freun⸗ de Knuts in Stockholm ſahen von Tage zu Tage, mit immer ſteigender Unruhe dem Au⸗ 247 genblicke entgegen, an welchem der Verhaftete vor ein Gericht geſtellt werden ſollte. Doch blieb dieſer Zeitpunkt allen ein Geheimniß und obgleich ihrer Meinung nach ein Mann, der die Weihe empfangen und ein ſo hohes Kir⸗ chenamt verſehen hatte, vor kein anderes als ein geiſtliches Gericht, aus den Biſchöffen des Landes beſtehend, wie es Sitte war im Reiche ſeit undenklichen Jahren, geſtellt werden konn⸗ te, ſo ſahen ſie doch der Ankunft jener geiſt⸗ lichen Richter— auf welche ſie das Vertrauen gebaut, daß ſie ihren Amtsbruder, ſelbſt im Falle die Beweiſe gegen ihn ſprächen, nicht verdammen würden— vergebens entgegen. Endlich verbreitete ſich eines Tages plötz⸗ lich das Gerücht durch ganz Stockholm, Knut ſolle nach wenig Stunden ſchon vor Gericht geſtellt werden um ſeine Rechtfertigung an⸗ zubringen. Eine ungeheure Volksmenge ſtrömte nach dem großen Rathhausſaale, welcher viel zu klein war die Maſſe der Zuſchauer zu faſ⸗ ſen, denn es war Gebrauch bedeutende Rechts⸗ ſachen öffentlich zu ſchlichten. Aber Staunen malte ſich auf den Geſichtern aller Anhänger 248 der neuen Glaubenslehre, Entſetzen ergriff die Prieſter und Freunde des Angeklagten, als ſie an der ſchwarzen Richtertafel nur eine Verſammlung weltlicher Richter, aus den treue⸗ ſten Verehrern Guſtavs, Reichsräthen und Senatoren beſtehend, erblickten.* Auch Knut erbebte ſichtbar, als er ſich ſo von allen Freun⸗ den und Beſchützern verlaſſen ſahe, deren feier⸗ liche Zuſage ihres Beiſtandes ihn nur allein vermocht hatte nach ſeinem Vaterlande zurück⸗ zukehren, und verzweifelnd proteſtirte er ge⸗ gen das Tribunal, dem er ſich, als den Ge⸗ ſetzen des Reichs und der Kirche zuwider, nicht zu unterwerfen vermaß. Doch der Reichs⸗ kanzler Anderßon verkuͤndete mit lauter Stim⸗ me den Willen des Königs, welcher dies Ge⸗ richt ſelbſt alſo angeordnet, mit dem aus⸗ drücklichen Befehle: daß in Zukunft alle Ver⸗ brecher geiſtlichen Standes, ſobald ihre An⸗ klage nicht einzig und allein kirchliche Sachen betreffe, von einem weltlichen Tribunale ge⸗ richtet werden ſollten. Ein lautes Beifalls⸗ * Geſchichtlich. 249 jauchzen erſchallte durch den weiten Saal, denn die bei weitem größere Anzahl der Zuſchauer beſtand aus Anhängern der neuen Glaubens⸗ lehre und die katholiſchen Prieſter und deren Verehrer ſchlichen ſich ſtill und mit heimlichen Verwuͤnſchungen davon. Der Reichskanzler eröffnete nun mit allen üblichen Formalitäten das Gericht, und der Angeklagte, der ſchon ſeit Monden eine kräf⸗ tige Vertheidigungsrede erſonnen, womit er ſich die Herzen ſeiner Richter und des ganzen Volks zu gewinnen hoffte, verſtummte erblaſ⸗ ſend und vermochte es kaum, auf die ihm vor⸗ gelegten Fragen zu antworten. Seine eigen⸗ händigen Aufruhrsſchriften an die Thalbauern, welche er theils auf ſeiner Flucht aus dem Reiche, theils von Norwegen aus an ſie ge⸗ richtet hatte, wurden ihm vorgelegt, und zit⸗ ternd wagte er es nicht ſeine Handſchrift zu leugnen. Die Richter erkannten ihn des Hoch⸗ verraths ſchuldig und ſprachen das Todesur⸗ theil über ihn aus.* Wie durch einen Blitz⸗ * Geſchichtlich. 250 ſtrahl betäubt, ließ er ſich in ſeinen Kerker zurückführen und hier erſt brach ſeine Ver⸗ zweiflung aus in ohnmächtiger Wuth gegen ſich ſelbſt, in den ſchmählichſten Gottesläſte⸗ rungen und Verwünſchungen gegen ſeine Feinde. Doch ſchon am andern Tage wurde er wieder aus ſeinem Kerker geführt, um eine Demüthigung zu erleiden, wie ſie die rohe Sitte jener Zeit erſonnen. Man hatte Nach⸗ richt erhalten, daß der Gefährte des Verur⸗ theilten, der ehemalige Biſchoff Sunnanwä⸗ der, von ſeiner Krankheit geneſen, ſich eben⸗ falls zur Reiſe nach Stockholm entſchloſſen hatte, und mit jeder Stunde erwartete man ſeine Ankunft daſelbſt. Der Reichsmarſchall Jönßon und mehrere ſeiner Freunde hatten ihm zwar Boten entgegen geſendet, welche ihn bewegen ſollten wieder umzukehren; doch von Guſtavs Spähern waren dieſe aufgefan⸗ gen worden, ehe ſie Sunnanwäder erreicht hat⸗ ten und deſſen königliches Geleit empfing den ſtrengen Befehl, ihn nach der Reſidenz zu füh⸗ ren. So erwartete man mit Gewißheit ſeine Ankunft und beobachtete bei ſeinem Einzuge 251 eine altherkömmliche Sitte, welcher zufolge uͤberführte Miſſethäter mit den grauſamſten Ce⸗ remonien zur Schau ausgeſtellt wurden. Viel⸗ leicht war es der Haß gegen die katholiſchen Prieſter, der immer mehr in den Herzen der Bürger Stockholms zu wuchern begann, viel⸗ leicht die Abſicht, die ſchon ſo tief gedemü⸗ thigte Cleriſei aufs Neue dem Spotte des Volkes Preis zu geben und den letzten Schat⸗ ten ihres ehemaligen Anſehens zu vernichten, welche einen alten Gebrauch mit Grauſamkeit an Knut zu befolgen befahl, dem ſich zu un⸗ terwerfen, dem ſtolzen Manne weit ſchmerzli⸗ ſcher war als der Tod. Daß der König, der wahrhaft edle Mann, ſelbſt ein ſo hartes Ver⸗ fahren geboten, oder nur ſtillſchweigend gebil⸗ ligt— läßt ſich kaum glauben.— Nachdem man Knut aus ſeinem Kerker geführt hatte, legte man ihm ein altes, zer⸗ lumptes Meßgewand an, ſetzte ihm einen Strohkranz aufs Haupt, umgürtete ihn mit einem hölzernen Schwerte und band ihn rück⸗ wärts auf einen alten, magern Gaul. Zwei Lappländer— deren man ſich als Henkers⸗ knechte bediente, weil zu dieſem, in damaliger Zeit als ehrlos verrufenen, Geſchäfte kein Schwede ſich herabließ— ergriffen die Zügel des Roſſes und zogen es fort durch die Stra⸗ ßen unter Verfolgung des zahlreichen Pöbels, welcher auf die niedrigſte Weiſe den ſo zur Schau Geſtellten beſchimpfte, bis man au's Norderthor gelangte, durch welches Sun⸗ nanwäder ſeinen Einzug halten ſollte.* Sunnanwäder war nach ſeiner Tren⸗ nung von Knut, von der peinigendſten Un⸗ ruhe befallen worden; er hatte faſt ſtets im Einverſtändniſſe mit ſeinem Gefährten gehan⸗ delt und oft Schutz und Troſt bei ihm gefun⸗ den. Doch jetzt, obgleich er ſich faſt den größ⸗ ten Theil des Tages mit jenem Jünglinge be⸗ ſchäftigte, den man zum Verbreiter und Len⸗ ker eines neuen Aufruhrs in Dalecarlien ſich erſehen hatte, obgleich ſehr oft feindlich gegen Guſtav geſinnte Edelleute auf der Burg des Ritters Pehrſon einſprachen, ſo fühlte er ſich doch ohne ſeinen Freund wie von aller Welt * Geſchichtlich. 2⁵³ verlaſſen, und ſo ängſtlich er ſonſt einer Neiſe nach Stockholm widerſtrebt hatte, ſo eifrig er⸗ ſehnte er jetzt eine Wiedervereinigung mit Knut. Nur von Upſala aus hatte er Nach⸗ richt von dieſem erhalten, welche nur günſtig für ihre Pläne lautete, doch waren die ferne⸗ ren Schickſale des Prälaten in Stockholm ihm und ſeiner Umgebung völlig unbekannt geblie⸗ ben, welche ihn nun, an einem glücklichen Aus⸗ gange ihres Unternehmens nicht zweifelnd, faſt ſtündlich bedrängte, ſeinem Freunde nachzuei⸗ len. So entſchloß er ſich endlich zur Reiſe nach der Reſidenz; doch je mehr er ſich ſei⸗ nem Ziele näherte, deſto mehr ſank auch ſein gewaltſam aufgeregter Muth herab und mit bangen Vorgefühlen kämpfend, zog er ein in die Thore Stockholms. Schrecklicher aber, als er in ſeinen trübſten Stunden jemals geah⸗ net, fand er hier alle ſeine Hoffnungen ver⸗ nichtet, und der traurige Anblick des auf's Grauſamſte gemißhandelten Gefährten, den man ihm unter dem rohen Zujauchzen des Volkes entgegenführte, gab ihm die ſchreckliche Gewißheit eines ähnlichen Schickſals und ei⸗ 254 ſiger Todesſchauer durchrieſelte ſein Gebein. Mit unnennbarer Angſt blickte er im weiten Kreiſe der anſtuͤrmenden Volksmaſſe umher, doch auf allen Geſichtern zeigte ſich nur Spott und bittrer Hohn, in keinem Antlitze gewahrte er die Züge eines Freundes oder die Bewe⸗ gung des Mitleids. Und als er nun, in leiſe Wehklagen ausbrechend, ſcheu ſeine Blicke nach Knut hinwendete, als er den ſtolzen Mann, der oft mit ſeiner unerſchütterlichen Seelen⸗ ſtärke gegen ihn geprahlt, unter der Bürde ſeiner Schmach erliegen ſahe, einer Leiche gleich auf dem Roſſe hängend, für keinen äußern Eindruck mehr Empfindung verrathend, ihn ſelbſt kaum wieder erkennend, da erſtarrte auch er vor grauſendem Entſetzen und willenlos ließ er ſich vom tobenden Pöbel mit fortreißen, bis zum großen Markte. Hier raſtete der lärmende Haufe und ſchloß einen weiten Kreis um die beiden unglückli⸗ chen Opfer ihres Ehrgeizes. Schimpfwörter, Läſterungen und Verhöhnungen aller Art ſchall⸗ ten ihnen entgegen, und das Volk, angezogen von dem niegeſehenen Schauſpiele, welches 2⁵⁵ Männer, die noch vor kurzer Zeit mit der höchſten geiſtlichen Würde bekleidet waren, die von einer zahlloſen Menge mit Kniebeugun⸗ gen verehrt wurden, ſeinen Blicken jetzt in der armſeligen Geſtalt gemeiner Verbrecher vor⸗ führte, uͤberließ ſich den zuͤgelloſeſten Aus⸗ ſchweifungen. Selbſt die beiden Lappländer, welche Knuts Roß geleitet hatten, empfan⸗ den nach und nach, durch das unaufhörliche Toben aus ihrem Stumpfſinn erweckt, ein Ge⸗ lüſt Theil zu nehmen an der allgemeinen ro⸗ hen Luſt. Es waren kleine Männer, aber mit breiten Schultern und unterſetzt, ſchwar⸗ zes Haar hing ſchlicht herab über ihre an bei⸗ den Seiten eckigen, oben flachen und hinten zugeſpitzt en Schädel. Ihr Geſicht war braun, die Stirn breit, die graugelben Augen trübe und die Naſe platt. Spitz und faſt bartlos war das Kinn, Arme und Schenkel aber ſchief und verſchränkt. So boten ſie ein Bild der widrigſten Ungeſtalt dar, und mit dumpfer Gleichguͤltigkeit hatten ſie bisher dem Geſchäft obgelegen, Knuts Roß zu leiten, ohne auch nur einen Blick auf den Unglücklichen zu wer⸗ fen. Doch jetzt, als der ſie umgebende Lärm immer tobender wurde, dreheten ſie unaufhör⸗ lich die langen Hälſe und wendeten ihr Ge⸗ ſicht nach den Gegenſtänden des allgemeinen Spottes. Ein dummes Lächeln zog ihre auf⸗ geworfenen Lippen in die Höhe, als ſie nun Knuts Schandkleidung muſterten und der Eine wagte es ſogar ihm höhnend zuzurufen, daß die umſtehende Volksmenge es deutlich hörte:„biſt ein gar ſtattlicher Rittersmann! denkſt Du denn noch mit Deinem hölzernen Schwerte den König vom Throne zu ſtoßen?“ Ein weitſchallendes Gelächter, rings im Kreiſe des Volks, folgte dieſen Worten, Knut aber, wie plötzlich erwachend, zuckte in dem⸗ ſelben Augenblicke, wie von ungeheurem Schmerze ergriffen, zuſammen, ein wuͤthender Blick traf den Spötter und mit geballter Fauſt ſchlug er ihn in's Geſicht. Da ſtieß der Lappe, der ſein Blut vom heftigen Schlage fließen ſahe, ein ſchreckliches Geheul aus und das rohe Ge⸗ lächter des Pöbels ertönte auf's Neue. Doch traten bald Mehrere hervor, welche, aufgereizt durch Knuts raſche That, mit Prieſterhaſſe ¹ 257 erfüllt, jetzt Gelegenheit gefunden zu haben glaubten, zu noch empfindlicherer Demüthi⸗ gung der, ihrem Hohne Preis gegebenen Prä⸗ laten. Sie näherten ſich dem heulenden Lapp⸗ länder, ſuchten ihn mit unterdrücktem Lächeln, über die ihm gewordene Züchtigung zu beruhi⸗ gen und begehrten nun laut, ſich zum Volke wendend: der Beleidiger ſolle den Verſöhnungs⸗ becher leeren mit dem Beleidigten. Mit lau⸗ tem Beifallsjauchzen wurde dieſer Einfall rings im weiten Kreiſe aufgenommen; man brachte einen Becher, mit Meth gefüllt, herbei, reichte ihn erſt dem Henkersknechte, dann den beiden Prälaten und zwang ſie, unter den fuͤrchter⸗ lichſten Drohungen, Beſcheid zu thun. Mit ei⸗ nem ſchrecklichen Blicke gen Himmel ſetzte Knut den Becher ſchweigend an die ſchäumenden Lippen und auch der zitternde Sunnanwäder muß⸗ te ſeinem Beiſpiele folgen.* Hierauf wurde der bereits Verurtheilte nach ſeinem Kerker zu⸗ rückgeführt, der andere Prälat aber erhielt leidlichere Haft, doch unter ſtrenger Wacht. *F Geſchichtlich. 1r Thl. 17 258 Dieſe Vorfälle ſetzten die ganze Prieſter⸗ ſchaft Stockholms und deren Anhänger in die fürchterlichſte Wuth und ſie begannen nun ſich ernſtlich zu rüſten, zum nachdrücklichſten Wi⸗ derſtande gegen die ſo gewaltſamen Maßre⸗ geln ihrer Gegner. Ganze Schaaren von Mön⸗ chen, theils aus Stockholm, theils aus der Umgegend, verließen, unter dem Vorwande Almoſen für ihren Unterhalt zu ſammeln, ihre Klöſter und durchſtreiften alle Provinzen, war⸗ ben dem katholiſchen Gottesdienſte neue Freun⸗ de, beſtärkten den Eifer der Andächtigen und hetzten, durch die ſchändlichſten Erdichtungen und Läſterungen, das Volk in Städten und Dörfern gegen den König auf. Auch bemerk⸗ ten die Anhänger Guſtavs gar bald die Fol⸗ gen davon. Doch war die Zahl der am Pab⸗ ſte hängenden Prieſter in Schweden und ihre Macht immer noch zu groß, um ſie durch ge⸗ waltſame Mittel mit einem Schlage zu ver⸗ nichten; nur nach und nach ſollte, nach dem Plane des Königs, ihr Einfluß gänzlich ge⸗ ſchwächt werden und der Glanz ihres Anſe⸗ hens ſpurlos dahinſchwinden. Der Prozeß ge⸗ gen die beiden hochverrätheriſchen Biſchöffe, gab Gelegenheit dem Volke zu zeigen, daß geiſtliche Würde nicht gegen die ſtrenge Ahn⸗ dung der Geſetze ſchützen dürfe, und indem er dieſe Verbrecher, ohne Rückſicht auf ihren Stand nach Recht und Gerechtigkeit richten ließ, glaub⸗ te er den Heiligenſchein zu vernichten, den die Prieſter ſich angeeignet und den ſie bisher als Schild gebraucht, gegen jede Verletzung ihrer Perſon. Doch da Guſtav ſelbſt in Verfolgung ſeiner eifrigſten Pläne eine weiſe Mäßigung zu beobachten wußte, gab er den Vorſtellun⸗ gen ſeiner Räthe Gehör, welche die aufs äu⸗ ßerſte geſtiegene Wuth der katholiſchen Parthei fürchteten, wenn man auch Sunnanwäder auf dieſelbe Weiſe wie ſeinen Gefährten in Stockholm verurtheilen wolle und ließ den Be⸗ klagten nach Upſala führen, wohin er ihm ſelbſt folgte. Hier ſetzte er ein gemiſchtes Gericht gegen ihn nieder, aus Reichsräthen und Geiſt⸗ lichen beſtehend, wobei der Monarch ſelbſt Klag⸗ führer war. Biſchöffe und weltliche Richter erſchienen nun zugleich im Tribunal, allein die Erſteren proteſtirten öffentlich: daß ihre 1 1 7* 1 260 Gegenwart nicht als eine Billigung, des von Ungeweihten über einen Geiſtlichen zu fällen⸗ den Urtheils angeſehen werden ſollte. Der Kö⸗ nig achtete jedoch alle Einwendungen nicht, ſon⸗ dern befahl den Reichsräthen das Gericht zu eröffnen. Er klagte nun ſelbſt den Prälaten Sunnanwäder an: daß er auf einer Miſ⸗ ſion nach Danzig Reichsgelder unterſchlagen, als Kanzler des verewigten Reichsverweſers Sture, ſchon Landesverrath ausgeübt, und endlich un⸗ ter ſeiner Regierung Aufruhr gegen ihn in den Thälern geſtiftet. Dieſe Klagpunkte wurden 9 durch des Angeſchuldigten eigenhändige ſchriftli“. che Belege bekräftigt und dieſer durch die letz⸗ ten Vorfälle in Stockholm gänzlich entmuthigt, legte ein reuiges Bekenntniß aller ſeiner Ver⸗ Prechen ab, und vernahm mit ſtiller Ergebung in ſein trauriges Schickſal, wie es Traum und Ahnung ihn ſchon lange vorher angezeigt hatten, ſein Todesurtheil. An demſelben Tage 1 noch wurde er vor den Thoren von Upſala auf das Schaffot geführt; und als der Hen⸗ ker ihn nun das Prieſtergewand wſtreiir, 261 mit dem grünen Steine vom Finger zog und ſein Wappenſchild mit dem Kolben zerſchlug; da traten die Schreckensbilder ſeiner Ahnun⸗ gen alle wieder höhnend und drohend vor ſei⸗ nen nachtumflorten Blick und zum Himmel em⸗ por rief er in gräßlicher Todesangſt:„geh' gnädig mit mir ins Gericht, mein Herr und Gott!“ Darauf führten ihn die Henker zum Richtblocke, der vor ihm ſtand wie er ihn im Traume geſehen in der erſten Nacht ſeines Anfenthaltes auf der Skadaborg. Schaudernd erhob er noch einmal ſein todtenbleiches Ant⸗ litz zum Himmel, beugte dann ſeinen Nacken, — da blitzte das Nichtbeil hoch über ihm, im blutrothen Strahle der ſinkenden Abendſonne, ſein Haupt rollte vom Blocke herab und ein dunkler Blutſtrom rieſelte über die ſchwarze Decke, womit man das Schaffot bekleidet hat⸗ te.— Sein Körper wurde aufs Rad gefloch⸗ ten. Ein gleiches Loos traf auch, einige Ta⸗ ge nachher, ſeinen Gefährten Knut, vor den Thoren von Stockholm.— Die Prieſter wü⸗ theten, faſt mehr noch wegen der Verurthei⸗ lung geweihter Männer durch weltliche Rich⸗ 262 ter, als wegen der, durch ihren ſchmählichen Tod dem geiſtlichen Stande zugefügten Schmach. Die Eifrigen der römiſchen Kirche erblickten nun in dieſen Landesverräthern, nur Märtyrer, die als Opfer des Haſſes gefallen waren, deſſen man Guſtav gegen die päbſtliche Lehre und deren Verbreiter beſchuldigte. Allen katholi⸗ ſchen Gläubigen in Stockholm und Upſala wa⸗ ren die auf das Rad geflochtenen Körper der verbrecheriſchen Biſchöffe ein ſchrecklicher wuth⸗ erregender Anblick. Sie tobten deshalb unab⸗ läſſig und reizten den Pöbel ihres Anhanges zu den gröbſten Ausſchweifungen, bis endlich Guſtav, dieſen Einhalt zu thun, ſich bewogen fuͤhlte, die Leichname von den Rädern neh⸗ men, nach Upſala führen und dort in einem Kloſter beerdigen zu laſſen.* * Geſchichtlich. 11. Der König glaubte nun durch die, öffentlich an den Aufwieglern vollzogene, Todesſtrafe, die feindlichen Bewegungen in den Thälern gänzlich unterdrückt und das Volk zu einer neuen Empörung entmuthigt zu haben. Doch die daſelbſt ſchon lange vorher eingeleiteten Maßregeln der beiden Prälaten, welche dem Hofe bis jetzt faſt gänzlich unbekannt geblie⸗ ben waren, wirkten noch nach ihrem Tode kräf⸗ tig fort; denn ſie hatten jenen Jüngling, den ſie dem Schutze des Volkes empfohlen, in ihre geheimſten Pläne eingeweiht und durch ihre Lehren und Rathſchläge in den Stand geſetzt, das angefangene Unternehmen weiter zu ver⸗ 264 — folgen, wobei ihn der allgemein gefeierte Name der Sturen kräftig unterſtützte. So wende⸗ ten jetzt die Mißvergnügten ihre Blicke hoffend auf dieſen kühnen Jüngling und die Hinrich⸗ tung der Biſchöffe, von denen ſich bald das Gerücht bis in die rauheſten Gebirgsgegenden verbreitete, ſchuͤrte die Flamme des Aufruhrs nur noch eifriger an, anſtatt ſie zu erſticken. Der junge Mann entzog ſich nun dem engen Kreiſe, der ihn bisher auf der Burg des Rit⸗ ter Pehrſon umſchloſſen und trat öffentlich auf als erklärter Feind des Königs, ja er ahmte das Verfahren nach, welches Guſtav befolgte, als er, von Chriſtiern geächtet, ſchute⸗ los in den Thälern umherirrte. Er begab ſich nach den Bezirken Mora, Lexand und Orſa, nannte ſeinen Namen und hielt Reden an die Bauern, von denen er wußte, wie ſehr ſie ſchon ſeit den älteſten Zeiten das Geſchlecht der Sturen ehrten und liebten. Er bezeich⸗ nete Guſtav als den gefährlichſten Feind des katholiſchen Glaubens, ſprach von Beraubung der Kirchen, Ermordung der Biſchöffe, Ver⸗ folgung der Prieſter und theilte ihnen endlich 26⁵ — auch ſein eignes Schickſal mit. Er behauptete: daß ihn der König haſſe, als ſeinen Neben⸗ buhler um den ſchwediſchen Thron, daß er ihm oft ſchon mit dem Tode gedrohet und daß er nur wie durch ein Wunder, dem gegen ihn gerichteten Mordanſchlage in Upſala entgan⸗ gen ſey; Guſtav— fuhr er fort— rechne es ihm als ein ſchweres Verbrechen an, der Sohn eines um Schweden hochverdienten Man⸗ nes zu ſeyn, deshalb flehe er um den Schutz und Beiſtand des Volkes, obgleich ihm ſein Leben weit weniger, als die Rettung des Va⸗ terlandes theuer ſey. Zum Schluß ſeiner Rede zählte er die nähern Umſtände des, vom Kö⸗ nige gegen ihn beabſichtigten, Mordes auf, und wie man an ſeinem wirklich erfolgten Hinſchei⸗ den, ohne Guſtavs Schuld zu ahnen, weder in Upſala noch in Stockholm zweifle; dann beſchrieb er ſein prächtiges Leichenbegängniß und bejammerte ſeine trauernde Mutter und ſeinen juͤngern Bruder Swante, welche Beide am Hofe des Königs ebenfalls in beſtändiger Todesgefahr ſchwebten. Thränen rollten da⸗ bei über ſeine Wangen herab, er ſtürzte auf 266 ſeine Kniee nieder, bat die umſtehenden Land⸗ leute ſeinem Beiſpiele zu folgen, um für die Seele ſeines für Schwedens Freiheit gefalle⸗ nen Vaters zu beten. Die gutmüthigen Bauern ſtanden in dichten Haufen um ihn herum und ergriffen von ſeiner Rede, durchdrungen von Rührung und Mitleiden, beugten ſie unwill⸗ kührlich ihre Kniee und beteten und weinten mit ihm. Dann aber traten ſte zuſammen, ſich ernſt berathend, und der Anblick ihrer hohen, kräftigen Geſtalten erregte die kühnſten Hoff⸗ nungen in der Bruſt des Aufwieglers.* Der Dalecarlier zeichnet ſich von allen übrigen Volksſtämmen Schwedens auf eine beſondre Weiſe aus. Mag das Clima dieſes Landes, die freie Gebirgsluft, die erhabene Natur der gewaltigen Seen, Ströme und Ge⸗ birge, dort in dem edelſten Bilde der Welt, im Menſchen ſich wieder abdrücken, und ihre geheime Einwirkung in die Geſtaltung und Bildung des edelſten Geſchöpfes ſich offenba⸗ ren, mag dies Volk von einem eignen Stamme * Geſchichtlich. 267 entſproſſen ſeyn, wie eine Menge Wörter zu bekräftigen ſcheinen, die nur hier heimiſch ſind — kurz, von den älteſten Zeiten an fand man dort ganz eigne Erſcheinungen in Sitte, Ge⸗ müth und Geſtalt. Gewöhnlich iſt der Dale⸗ carlier hoch geſtaltet, von ſtarkem und ſchlan⸗ kem Gliederbaue; er trägt ſeinen Körper auf⸗ gerichtet, ſein Antlitz erhaben und frei und ſeine ſtarken Knochen ſprechen für ſeine gewal⸗ tige Körperſtärke. Eine breite, hohe Stirn, tiefe, dunkelblaue Augen, eine längliche Naſe, ein ſcharfgeſchnittener Mund mit vollen Lip⸗ pen, ein breites, oft geſpaltenes Kinn bilden ſein Antlitz. Sein Weſen iſt ernſt und freund⸗ lich, doch liegt auch in vielen Geſichtern das Kolloſſiſch⸗Ideale, das Ungeheure des Nordens, das unentwickelt in ſich ſelbſt erſtarrt. So zeichneten ſie ſich ſchon zu Guſtavs I. Zeiten aus, durch Kraft und Tapferkeit, womit ſie oft ihren faſt unbeugſamen Willen zu erzwin⸗ gen wußten und mehr als alle übrige Pro⸗ vinzen Schwedens fürchtete man dies muthige Völkchen. Der tiefe Eindruck den die Rede des Jüng⸗ 3 . 268 1 lings in ihrem Innern hervorgebracht, zeigte ſich auf ihren ernſten Geſichtern, und bald wa⸗ ren ſie entſchloſſen ihn mit Gut und Blut zu vertheidigen. Sie hatten ſich ſchnell zu ihm mit Liebe und Vertrauen hingeneigt, und um ihn vor jeder Gefahr ſicher zu ſtellen, wurde ſogleich aus ihrem Kreiſe eine Leibwache der ſtärkſten Männer ausgehoben und ihm zugeord⸗ net, welche ihn uͤberall begleiten ſollte.* Dies geſchahe im Kirchſpiele Orſa, nach⸗ dem er ſchon in andern Bezirken ein ähnliches Spiel getrieben hatte. Er ſprach in beredten Worten ſeinen gluͤhenden Dank und gelobte treu ſeinen Eid zu halten, für die Freiheit ſei⸗ nes Vaterlandes Blut und Leben zu opfern. Schweigend umringten ihn dann die biedern Landleute, und wünſchten ihm im Herzen Glück und Heil zu ſeinem großen Unternehmen; da wurde eine Stimme laut im dichteſten Haufen und man konnte deutlich die oft wiederholten Worte unterſcheiden:„wo iſt er? wo iſt er? laßt mich hin zu ſeinen Fuͤßen?“— Auch der b 9 Geſchichtlic 269 Jüngling hatte dieſe Worte vernommen und verließ erbleichend den Hügel, von welchem herab er zu dem verſammelten Bolke geſpro⸗ chen. Doch die Landleute bemerkten ſeine ſelt⸗ ſame Bewegung nicht und fuͤhrten einen Frem⸗ den zu ihm, der mit ungeſtümer Freude ihn zu ſprechen begehrt hatte. Der fremde Mann ſchien ſchon das vorgerückte Mannesalter erreicht und wohl beinahe ein halbes Jahrhundert ge⸗ lebt zu haben; er trug ein abgetragnes, ſchlich⸗ tes Prieſtergewand, ohne beſondere Abzeichen irgend eines Mönchsordens, oder geiſtlichen Amtes; ſein Geſicht war bleich und hager und deſſen Züge wenig Vertrauen erweckend, denn unverkennbar hatten Liſt und Tücke ihren Sitz darin, ſein Auge aber war feurig und ſte⸗ chend und verrieth einen lebhaften Geiſt. Ei nige Augenblicke lang ſtand er unbeweglich vor dem Jüuglinge, den man ihm als den jungen Nils Sture bezeichnet hatte, betrachtete ihn erſtaunt mit ſcharfen Blicken, dann überſchauete er den Kreis der Umſtehenden und als er den finſtern Ernſt auf ihrer Stirn bemerkte, da ſtͤrzte er, wie ſich plötzlich beſinnend, zu den 270 Füßen des jungen Mannes nieder, ergriff ſei⸗ ne Hand, bedeckte ſie mit Kuͤſſen und mit al⸗ len Zeichen der lebhafteſten Freude, pries er gegen die ihn umgebenden Bauern ſein Glück, den Sohn ſeines geliebten Wohlthäters gefun⸗ den zu haben, und ihm ſeine Liebe und Ver⸗ ehrung beweiſen zu können. Enger ſchloß ſich der Kreis der neugierigen Landleute, immer bleicher wurden des Jünglings Wangen und ſeine Hand zitterte in der Hand des Frem⸗ den. Doch dieſer, die immer heftiger werden⸗ de Bewegung des jungen Aufwieglers wahr⸗ nehmend, ſprang ſchnell gefaßt vom Boden auf und ſprach, halb zu ihm, halb zu den Landleuten gewendet:„warum erbebt Ihr bei . meinem Anblicke, mein lieber Junker? iſt Euch mein Antlitz denn gänzlich entfremdet? Oder fürchtet Ihr in mir einen Späher des Königs zu erblicken? ei, lieber wollt ich verbannt in die tiefſte Berggrube von Faluhn nimmermehr das Licht der Sonne erblicken, als Euch nur mit einem Worte, einem Winke, einem leiſen Augenzucken dem Ketzerkönige verrathen. Ver⸗ traut mir unbedingt! nur Euch gehört mein 271 8 Herz, mein Leben, und auch das gefährlichſte Geheimniß weiß ich treu in meiner Bruſt zu wahren. Doch damit auch Ihr, wackre Män⸗ ner, die Ihr dem Sprößlinge des edelſten Ge⸗ ſchlechtes Beiſtand leiht, mein Zudringen zu Euerm Schiützlinge nicht falſch deuten mögt, ſo wißt: ich nenne mich Gryns und verwal⸗ tete eine Zeit lang das Amt eines Kaplans beim hochſeligen Reichsverweſer Sten Sture. Doch durch deſſen Tod und König Guſtavs Verfolgung bin ich ein heimathloſer Wande⸗ rer geworden. Drum vergönnt es mir, mich feſt zu ketten an den Sohn des edeln Man⸗ nes, der mein Wohlthäter war, der ſein gan⸗ zes Leben nur zum Heile Schwedens opferte.* Rings im Kreiſe ließen ſich beifällige Aeu⸗ ßerungen für das Verlangen des Fremden vernehmen und er wurde mit Achtung und Gaſtfreundſchaft unter den Bauern aufgenom⸗ men, die nun weiter zogen und uͤberall auf ihrem Wege den Saamen der Empörung aus⸗ ſtreuten. Dies geſchahe vorzüglich in den obern *Geſchichtlich. 272 Thälern, die jetzt der Sammelplatz vieler Miß⸗ vergnuͤgten geworden waren und wo ſich das Gerücht von der Ankunft des jungen Nils Sture, den man bald allgemein nur den Dal⸗Junker nannte, ſchnell ausbreitete. In den untern Thälern aber, wohin ſich der Aufrührer auch begab, Reden hielt und ſeine Erzählung, die ihm ſchon ſehr geläufig geworden war, mittheilte, fand er durchaus keine günſtige Meinung fuͤr ſein Unternehmen und die Landleute erklärten feierlich: daß ſie ihrem Könige, den ſie vor wenigen Jahren erſt mit Blut und Leben vertheidigt, den ſie freiwillig auf den Thron erhoben hätten, nicht untreu werden würden.* Dieſe Stimmung ſchien den Muth des Dal⸗ Junkers bedeutend gelähmt zu haben, doch Gryns, der ſeit ſeinem erſten Erſcheinen, ſein unzertrennlicher Gefährte geworden war, und oft Stunden lang in heimlichen Unterredun⸗ gen mit ihm zubrachte, wo er ſich das Ge⸗ wicht einer gewiſſen Oberherrſchaft uͤber ihn *Geſchichtlich. — 273 anmaßte, welche der Juͤngling auch mit ängſt⸗ licher Scheu vor ihm anzuerkennen ſchien, wuß⸗ te ſeine Hoffnungen bald aufs Neue zu bele⸗ ben. Er machte ihn aufmerkſam auf die Em⸗ pfehlungsſchreiben, welche ihm die hingerich⸗ teten Prälaten an den Erzbiſchoff von Dront⸗ heim eingehändigt hatten, und forderte ihn auf, dort um Hülfe zu flehen; denn er wußte wohl: daß Knut und Sunnanwäder in Norwegen ſich vielvermögende Anhänger für ihre Sache erworben hatten. Der Herzog Friedrich von Holſtein hatte zwar ſeit Chriſtierns Entthronung den däniſchen Scep⸗ ter ergriffen, war auch bereits als König von Norwegen anerkannt, aber noch nicht gekrönt worden, und die große Mehrzahl des Volkes wünſchte weit lieber mit Schweden verbunden zu ſeyn. Daraus ſchloß der liſtige Rathgeber, daß es leicht ſeyn wuͤrde, auch dort eine Em⸗ pörung zu Gunſten des neuen ſchwediſchen Kronprädendenten zu erregen. Auch brauchte man vorzüglich Geld, und der in alle Ge⸗ heimniſſe und Verhältniſſe des Sture'ſchen 1r Thl. 3 18 274 Hauſes Eingeweihte wußte genau: daß der verſtorbene Reichsverweſer Sten Sture, noch große Summen von den Ständen Norwegens zu fordern gehabt hatte, deren Rückzahlung deſſen Sohn, da er ſich in ſo bedrängter Lage befand, vielleicht ohne Schwierigkeit erlangen konnte, wenn er ſich, unterſtützt vom Erzbi⸗ ſchoffe von Drontheim, dort perſönlich darum bewürbe. In Dalecarlien ſchien der Zwieſpalt der Meinungen eine offene Empörung jetzt noch nicht zu begünſtigen; obgleich ein großer Theil des Volks, und viele Prieſter und Edle an deſſen Spitze, jeden Tag bereit waren, das blutige Panier des Bürgerkriegs zu erhe⸗ ben, ſo rieth doch der verſchlagene Gryns dem Dal⸗Junker, ſein Uuternehmen nicht zu übereilen. Er kannte die feindlichen Geſin⸗ nungen, welche ſehr bedeutende Männer, mit hohen Staatsämtern, gegen den König hegten und mit dieſen in nähere Verbindung zu tre⸗ ten, empfahl er dem Jünglinge nachdrücklich. Vor Allem war ihm der Haß des Reichsmar⸗ ſchall Jönßon gegen Guſtav wohl bekannt und ſich mit dieſem Manne, der die geſammte Prieſterſchaft Schwedens zu leiten wußte, zu vereinen, hielt er für wichtig, ja, ſogar fuͤr nothwendig. Doch der Dal⸗Junker ſchien jeder nähern Verbindung mit Männern höhern Standes gefliſſentlich ausweichen zu wollen, indem er bemerkte: er ſtrebe darnach, ſich mehr durch Thaten, als durch ſeinen Namen, ihre Gunſt und Beiſtand zu erwerben, obgleich er die Nothwendigkeit weitverbreiteter, wichtiger Verbindungen wohl erkannte. Denn es war faſt zu vermuthen, daß der Reichsmarſchall ſelbſt vielleicht geneigt ſey, eine offne Leitung der Empörung zu uͤbernehmen; mußte er dann nicht fürchten dem ſtolzen, ehrgeizigen Manne untergeordnet zu werden? ja, ihn vielleicht ſo⸗ gar als Nebenbuhler um die Krone feindlich gegen ſich gewendet zu ſehen?— So viel be⸗ hauptete man wenigſtens allgemein: daß Thure Jönßon nur allein der heimliche Anſtifter des Aufruhrs ſey, welcher bereits in Smaland und Weſtgothland ausgebrochen war. Die Theurung war dort noch größer, als in an⸗ 18*¾ dern Provinzen und die neuen Steuern fan⸗ den unzählige Widerſacher, die königlichen Beamten wurden ſchrecklich gemißhandelt und mehrere ermordet. Alles ſchrie über die neue Lehre, die faſt unerſchwinglichen Auflagen und die immer zunehmende Theurung, welches letztere Rebel eben ſo ſehr das Mißvergnügen der lutheriſch Geſinnten erregte. Die Noth des Landes wurde von den blinden Religions⸗ eiferern als die Rache Gottes wegen der kirch⸗ lichen Veränderungen dargeſtellt, und von allen Kanzeln herab durch die Mönche noch weit ärgere Strafgerichte verkuͤndet. Zwar erſchöpfte der König faſt ſein ganzes Privateigenthum, da die kärglich verſehenen Kaſſen des Landes dazu nicht hinreichten, dieſer Noth zu ſteuern; er ließ Getraide aus Liefland und Preußen kommen und es um ſehr billige Preiſe in allen Provinzen verkaufen; doch ſtellten auch dieſe Opfer das, an mehrern Orten ſo geneigte, Volk nicht zufrieden. Bei der noch immer großen Anzahl eifriger Katholiken, dem noch nicht gänzlich erloſchenen Anſehen der Geiſtli⸗ 277 chen, und der in ihnen durch Hinrichtung der Prälaten aufgereizten Rachſucht, ſo wie bei dem gegen Guſtav herrſchenden Neide des Adels fand ſich noch immer Stoff genug zur Empörung der Gemüther und es fanden ſich Männer in großer Anzahl, welche es geſchäf⸗ tig übernahmen, dieſe ungünſtige Stimmung gegen den König in voller Gluth zu erhalten. Deshalb hoffte auch Gryns, daß der Eifer der Thalmänner, den ſie wenigſtens zum Theil für eine offne Empörung gezeigt hatten, nicht erkalten würde durch eine kurze Abweſenheit des Dal⸗Junkers, daß dieſer mit Geld reichlich verſehen, ja, vielleicht mit einer Streit⸗ macht Norwegens zurückkehrend, allgemeine, willige Theilnahme an ſeinem Unternehmen finden würde und dann im Stande ſey dem Reichsmarſchall ſelbſt die Spitze zu bieten, wenn dieſer ihn vielleicht in Verfolgung ſeiner Pläne durch Entgegenwirken für ſein eigenes Intereſſe zu hindern gedächte. Dem Dal⸗ Junker leuchteten dieſe Rathſchläge ſeines verſchmitzten Gefährten, an den er jetzt wie 278 durch Zaubermacht gekettet ſchien, wohl ein, und nach wenigen Tagen reiſte er mit dieſem nach Norwegen ab, nachdem er den Thal⸗ männern die Verſicherung gegeben hatte, er werde ſpäteſtens mit dem Eintritte des Früh⸗ lings wieder in ihre Mitte zurückkehren.* * Geſchichtlich. 12. Auf der Skadaborg war es ſeitdem der Dal⸗ Junker ſie verlaſſen hatte, wieder ſtill und it⸗ öde geworden, nur zuweilen, wenn der 2 ter von einem Streifzuge heimkehrte, erwachte wieder ein reges Leben, doch nur auf kurze Zeit, denn wie der Tieger von ſeiner Höhle aus das vorüberziehende Wild belauert, ſo lugte Pehrſon ſammt ſeinen Knechten von den hohen Wällen finſter und ſchweigend in die Gegend hinaus, ob er nicht irgendwo wieder eine neue Beute gewahre? Das Ei⸗ genthum der benachbarten Edelleute und des Landvolks ſchonte er weislich und nur gegen 280 öffentliche Beamte, königliche Güter und frem⸗ de Reiſende, welche ſich jedoch nur ſelten in den rauhen Gebirgsgegenden zeigten, richtete er ſeine Anſchläge. Mehr als jemals fühlte er ſeit einiger Zeit unwiderſtehliche Neigung zu ſeinem wilden Treiben, denn faſt von früheſter Jugend an dem räuberiſchen Gewerbe ergeben, fand er auch nur in deſſen Ausübung eine Zerſtreuung, die er jetzt eifrig ſuchte, weil ſein lange ſchlummerndes Gewiſſen ſich endlich zu regen begann. Obgleich er in ſeinen An⸗ griffen auf fremdes Eigenthum, welche in je⸗ nen rohen Zeiten häufig von verarmten oder habgierigen Edelleuten, als eine durch das Fauſt⸗ recht hergebrachte Sitte, ausgeübt wurden, weder etwas Entehrendes noch Widerrechtli⸗ ches fand, ſo hatte doch mehr als mancher Mord im wilden Kampfe, den er an wehrlo⸗ ſen Opfern ſeiner Raubſucht begangen, die Verſtoßung ſeines Sohnes Sigurd den Sta⸗ chel ſeines Gewiſſens geſchärft. Der gräß⸗ liche Fluch, mit dem er ihn als Bettler in die Welt hinausgeſtoßen, erſchien ihm ſelbſt, — 281 kaum waren einige Tage verfloſſen, unmenſch⸗ lich, grauſam. Die Mittheilung des Bauers Gren, welcher durch Eiferſucht angetrieben, die Werbung Sigurds um Siven Nil⸗ ſons Tochter, ihm von Wort zu Wort mit den ſchändlichſten Verdrehungen hinterbracht hatte, die hämiſche Verläumdung des Buben Lars, der ſeinen Bruder haßte, weil er nach deſſen Erbe trachtete und in ſeiner Knaben⸗ bruſt eine ſchändliche Leidenſchaft für Sigrid nährte, hatten ſeinen Zorn auf's Aeußerſte gereizt und nur im höchſten Ausbruche ſeiner Wuth ſtieß er jene Verwünſchungen aus, de⸗ eren er ſpäter, bei kälterm Blute, ſelbſt nicht ohne Schaudern gedachte. Zwar geſtand er ſich, daß er Sigurd nie geliebt, weil er der Liebling ſeiner Gattin geweſen, welcher er ſchon ſeit dem Beginn ſeiner Ehe mit ihr, mit der größten Gleichgültigkeit begegnete, die er mit bitterm Haſſe gekränkt, ſeitdem ſie den flüchtigen Guſtav vor ſeinem Verrathe ge⸗ warnt, und ihm die Mittel zum Entkommen geboten hatte. Doch jenes Naturgefühl, wel⸗ 282 ches ſelbſt das wildeſte Thier gegen ſeine Jun⸗ gen nicht verleugnet, ließ es ihn bald erken⸗ nen, daß er ein ſchweres Verbrechen auf ſich geladen durch die Verſtoßung ſeines Erſtge⸗ bornen, ohne ihm auch nur das Recht eines ruhigen Gehörs vergönnt zu haben. Lars ſuchte zwar eifrig mit heuchleriſcher Rede und den niedrigſten Schmeichelkünſten den finſtern Geiſt des Vorwurfs aus des Vaters Seele zu verbannen, doch ob ihm dies auch zuwei⸗ len gelang, ſo ſchien es doch, als wenn die peinigende Unruhe, welche den Ritter in der einſamen Burg raſtlos umhertrieb, ihn hinaus jage zum wilden Kampfe, und nur von den Gefahren der Wegelagerung umringt, verließ ihn der marternde Gedanke des ſchweren Un⸗ rechts, welches er ſeinem Sigurd zuge⸗ fügt hatte. So zog er auch eines Tages hinaus mit ſeiner Bande, um im weitentlegenen Gehölze einem beträchtlichen Transporte von Lebens⸗ mitteln aufzulauern, welche unter reichlicher Bedeckung nach dem Jötniſteen geführt werden 283 ſollten; denn der Landeshauptmann Olofſon hielt es für rathſam, bei den aufruͤhreriſchen Bewegungen der Landleute, ſeine feſte Burg hinlänglich und auf längere Zeit mit Proviant zu verſehen. Sein Sohn Lars, der alte Burgvoigt und nur wenige Knechte, welche Wunden oder Alter am Raubzuge Theil zu nehmen hinderten, blieben zur Bewachung des Schloſſes zurück, die Rückkehr des Ritters erſt ſpät am andern Tage erwartend. Lange noch ſtand Lars auf der hohen Warte und blickte dem Zuge nach, der eilig und ſchweigend durch die Ebene ſchwankte, bis er ſich in der Ferne zwiſchen einzelnen Felſenparthieen ver⸗ lor. In der öden Burg herrſchte Todten⸗ ſtile. Der alte Voigt hatte ſich nach der Rüſtkammer begeben, ſeinem Lieblingsaufent⸗ halte, wo er oft Tage lang zwiſchen alten Harniſchen, Schildern und Kampfgeräthe zu⸗ brachte, hämmernd und nietend mit großem Geräuſch, denn er hielt ſich für einen der ge⸗ ſchickteſten Waffenſchmiede ſeiner Zeit, obgleich er dies Handwerk nicht eigentlich erlernt, ſon⸗ 284 dern nur hinein pfuſchte, doch mit Liebe und Luſt. Die übrigen wenigen Knechte welche zuruͤckgeblieben waren, hatten ſich in ein, zu ebener Erde gelegenes, dunkles Gemach im Hintergebäude der Burg zuruckgezogen und mü⸗ heten ſich mit ihren Bechern einen heimlich bei Seite gebrachten Methſchlauch zu leeren, wobei ſie gar bald ſämmtlich auf die langen Bänke hinſanken, im Rauſche entſchlafend. Der Wächter auf dem hohen Wartthurme ſtarrte gedankenlos, in ſeinen Wolfspelz ge⸗ hüllt, in die winterliche Gegend hinaus und nur Lars ging mit großen Schritten im Burg⸗ zwinger auf und ab. Eine innere, heftige Bewegung ſchien alle ſeine Gedanken zu be⸗ ſchäftigen, ihn raſtlos umherzutreiben von Hof zu Hof, von Gemach zu Gemach, Trep⸗ pen auf und nieder. Er hatte ſelbſt, da er in Abweſenheit ſeines Vaters als Herr der Veſte galt, das große Schlüſſelbund im Gür⸗ tel hängen, und mehrere weitentlegene, faſt verſteckte Zimmer hatte er ſchon geöffnet, war hineingetreten, die Wände, die Gitter der 285 Fenſter genau unterſuchend und hatte ſie im⸗ mer wieder kopfſchüttelnd verlaſſen. Lange ſtand er in einem finſtern Gange, wie in tie⸗ fes Sinnen verloren, und plötzlich wie von einem Gedanken ergriffen, ſchritt er weiter über eine verfallene Stiege hinab, öffnete eine Thür, nachdem er den lange nicht gebrauch⸗ ten verroſteten Schlüſſel dazu hervorgeſucht hatte und trat nun in einen Erdgang, welcher außer ihm nur ſeinem Vater und dem alten Burgvoigte bekannt war. Vorſichtig tappte er, von dichter Finſterniß umgeben, an den feuchten Wänden hin und gelangte bald an eine zweite Thür, welche hier den einzigen Eingang in einen alten Thurm darbot, wel⸗ cher entfernt von den übrigen Schloßgebäuden dicht an der nördlichen Mauer ſich erhob. Auch dieſe öffnete er mit Hülfe ſeiner Schlüſſel und die kaum handbreiten Manerlucken, ließen hier und da ein ſpärliches Licht hereinfallen auf die ſich emporwindende Treppe. Der Thurm bot nur zwei Gemächer dar. Das Erſte, wel⸗ ches er, nachdem er wohl vierzig Stufen hin⸗ 286 aufgeſtiegen, betrat, war voller Unrath, und dumpfe Kerkerluft drang ihm daraus entgegen aus der lange nicht geöffneten Thür. Unwill⸗ kuͤhrlich zuſammen ſchaudernd, verließ er es wieder, nachdem er nur flüchtige Blicke hin⸗ eingeworfen und ſtieg höher hinauf, wo un⸗ ter der gewölbten Kuppel des alten Thurmes ein zweites Gemach ſich zeigte, welches rein⸗ licher und wohnlicher als das Erſte, ſeine forſchenden Blicke länger gefeſſelt hielt. Nur ſpärliches Licht drang von der gewölbten Decke durch drei kleine, engvergitterte Löcher hinein, auch zeigte der vom Rauch geſchwärzte Kamin und einige wenige Geräthſchaften, daß es wohl früher ſchon bewohnt geweſen ſey. Mit einer wiederholten Neigung ſeines Hauptes, welches innere Zufriedenheit uber ſeine Ent⸗ deckung verkündete, ſtieg er eilig wieder hin⸗ ab, ſchlüpfte durch den Erdgang und war ſchon nach wenigen Minuten wieder im In⸗ nern des Schloſſes. Hier belaſtete er ſich mit warmen Decken und Thierfellen, ſo viel er de⸗ ren nur fortzuſchleppen vermochte und nach⸗ 187 dem er uͤberall vorſichtig um ſich geblickt, ob auch kein Lauſcher ſein heimliches Thun be⸗ merke, ſchlich er eilig mit einem brennenden Kienſpane wieder denſelben Weg zurück. Im obern Thurmgemache legte er die Decken und Felle nieder, bereitete mit froher Haſt ein weiches Lager daraus und nachdem er ſchon lange dies Geſchäft beendet, fand er doch immer auf'’s Neue hier und da etwas zu ordnen, ſtrich jede Falte von der Decke und ſchüttelte die Felle locker auf. Sein Blick war dabei faſt ſtarr vor ſich hin gerichtet und ſein Auge erglänzte von einem wilden Feuer; ſein Herz klopfte ungeſtüm, ſeine Athemzüge waren hörbar und über ſein bleiches Geſicht hatte ſich ein fluͤchtiges Roth verbreitet, denn ſein Blut war erhitzt von einem heimlichen, leidenſchaftlichen Verlangen. Sorgfältig über⸗ ſchaute er das Gemach noch einmal mit glü⸗ henden Blicken und hämiſchem Lächeln, ver⸗ ſchloß es dann ſorgfältig und begab ſich eilig auf dem verborgenen Wege ins Schloß zurück, wo er ſeine Fackel verlöſchte. Doch nicht lange vermochte er auszudauern in den 7 288 einſamen Gemächern, tiefe Athemzuͤge entran⸗ gen ſich ſeiner bewegten Bruſt und in ſeltſa⸗ mer Unruhe trieb es ihn wieder hinaus in die Gehöfte der Burg. Doch auch die kalte, ſchneidende Winterluft, welche ihm hier ent⸗ gegenſtrömte, löſchte die Flamme nicht, die wild emporloderte in ſeinem Innern. Die Sonne neigte ſich ſchon ihrem Untergange und keuchend beſtieg er die Warte wieder, hin⸗ überblickend nach jenem Berge, welcher die Hütten von Iſala ſeinen Blicken verbarg. Lange ſtand er ſo mit verſchränkten Armen und ſein Blick ſchien bald weder nahe noch ferne Gegenſtände mehr aufzufaſſen, denn ſeine Phantaſie umgaukelte ihn mit den üppigſten Bildern. Da wurde er, als die Dämmerung ſchon ihren Mantel uͤber Berg und Ebene ge⸗ breitet hatte, aufgeſchreckt durch einen lauten Zuruf, welcher vom jenſeitigen Ende der Zug⸗ brücke zu ihm herüberſchallte und der tiefe, kräftige Ton zitterte dumpf an den hohen Mauern dahin, wie Donnerrollen an glatter Felſenwand. Doch kaum hatte er ſeinen Blick 289 nach der Gegend gewendet, woher der Ruf ertönte, als er aufs Neue erbebend zuſam⸗ menfuhr, denn drüben, jenſeits des breiten Wallgrabens ſtand wie ein drohender Geiſt, die hohe Geſtalt Ingialds, des räthſelhaf⸗ ten Greiſes. Wohl einige Augenblicke waren vergangen, ehe der Knabe ſo viel Faſſung ge⸗ wonnen hatte, mit lauter Stimme, ſo daß es Jener vernehmen konnte, hinüberzurufen:„Was iſt Dein Begehr, Alter?“. „Deinen Vater zu ſprechen!“ ertönte die Antwort kurz und rauh. „Ei, Du Allwiſſender!“ erwiederte Lars nach kurzem Bedenken höhniſch,„reicht Deine Wiſſenſchaft nicht hin, Dir einen vergeblichen Gang zu erſparen? Haben Deine Geiſter Dir nicht vertraut, daß mein Vater ausgezogen und erſt morgen ſpät am Abend wieder heim⸗ kehrt?“ Der Greis betrachtete mit mitleidigen Blik⸗ ken den Spötter und ſprach lächelnd:„Ich höre eine giftige Schlange ziſchen im alten Gemäuer, doch ihr Stachel trifft mich nicht!“ Ir Thl. 19 290 Darauf wendete er ſich von der Zugbrücke und wollte ſich entfernen. Doch Lars, kühn geworden, durch die e, mit welcher der Greis ſeinen Spott ig, rief ihm mit lauter Stimme nach: „Weile noch einen Augenblick, ich habe eine ernſtliche Frage an Dich; giebſt Du mir eine Weiſung darauf, die mir von Nutzen iſt, ſo will ich ferner keinen Zweifel hegen gegen Deine Zauberkunſt.— Sage mir, was bedarf ich um zu meinem Ziele zu gelangen?“ „Einen Strang!“ war die Antwort des Greiſes, die dumpf herübertönte an die hohe Warte und ohne um ſich zu blicken eilte der Alte mit Rieſenſchritten den Fußweg hinab, der fern hinüberführte durch die Ebene, bis nach dem Jötniſteen. Ein eiſiger Schauder durchrieſelte den Kna⸗ ben, als er die kurze Antwort vernommen hatte, die noch immer, wie mit Geiſterlauten ausgeſprochen, in ſeinen Ohren wiederhallte und bald verfiel er in tiefes Sinnen, aus welchem ihn endlich ein plötzlich aufſteigender * 3 Gedanke erweckte.„Du magſt Recht haben, Alter!“ ſprach er leiſe vor ſich hin.„Dein Rath iſt trefflich! das könnte glücken!“ Eilig ſtieg er nun die Stufen der Warte hinab. Dann ſchlich er leiſe nach der Schloß⸗ kapelle, doch vor der Pforte blieb er ſtehen und horchte rings umher, ob auch kein menſch⸗ liches Weſen ſich in ſeiner Nähe befinde. Alles war ruhig; die Knechte ſchliefen noch heim leeren Methſchlauche und fern aus der Rüſt⸗ kammer ertönte das Hämmern des Burgvoigts. Da öffnete er raſch die Thüre der Kapelle, doch nicht ohne Beben betrat er den heiligen Ort; zitternd, die Blicke zu Boden gerichtet, eilte er nach dem kleinen Glockenthuͤrmchen, hier ſtieg er eine Leiter hinauf, ſchnitt raſch mit ſeinem Jagdmeſſer den Strang von der Betglocke und entfernte ſich mit ſeinem Raube eben ſo ſchnell wieder, als er das kleine Got⸗ teshaus betreten hatte. In ſeinem Gemache ſank er, wie erſchöpft, in einen Seſſel nieder, das lange Seil noch immer in der Hand hal⸗ tend, unverwandt es betrachtend, doch je län⸗ 19* 292 ger ſein Blick darauf haftete, deſto höher ſtieg das unerklärbare Grauſen, welches ſich ſeiner bemächtigt hatte, ſeitdem er den Strang von der Glocke gelöſt und unter Fieberſchauern legte er ihn endlich von ſich. Indeſſen war die Dämmerung völlig hereingebrochen, doch der aufgehende Mond zerſtreute bald das nächt⸗ liche Dunkel und ſein mildes Licht erhellte freundlich die öde Gegend. „Nun wird's Zeit!“ ſprach Lars endlich, nachdem er lange unruhig im Zimmer auf und ab geſchritten war, zündete eine Kienfa⸗ ckel an und ſtieg eine Treppe hinunter, welche tief hinabfuͤhrte in die Kellerräume der Veſte. Mehrere Gänge kreuzten ſich hier, und die dumpfe Luft drohete die Flamme der Fackel zu erſticken; doch vorſichtig ſie immer wieder durch ſeinen Hauch entflammend, ging er wei⸗ ter und ſtand endlich ſtill vor einer niedern Thür, mit Eiſen reichlich beſchlagen und mit ſchweren Riegeln verſehen. Er zog einen Schlüſ⸗ ſel hervor und kaum vermochte es ſeine ſchwa⸗ che Kraft, die ſchwere Pforte, nachdem das — 293 Schloß geöffnet und die Riegel zuruͤckgeſcho⸗ ben waren, in ihren Angeln zu bewegen. Nicht ohne Scheu trat er hinein in den dunkeln Raum, der ungefähr zwölf Schritte in Länge und Breite meſſend, einen elenden Kerker bil⸗ dete. Von der Decke und den Wänden herab tropfte unaufhörlich Feuchtigkeit, der Boden war ſchlammig wie Moorgrund und nur an den Seiten mit verfaultem Strohe bedeckt, worauf zwei menſchliche Geſtalten lagen mit ſchweren Ketten belaſtet.— „Um Chriſti Wunden willen! ende unſre Pein geſtrenger Junker!“ wimmerte dem Ein⸗ tretenden eine klaͤgliche Stimme entgegen;— „laß uns nicht umkommen hier in der ſcheuß⸗ lichen Höhle!— Was haben wir verbrochen, daß Du uns alſo marterſt? Gieb uns die Freiheit wieder, oder laß uns zurückführen in unſern vorigen Kerker, willſt Du nicht mit ei⸗ nem Morde an uns Unſchuldigen Deine Seele belaſten!“ „Habt Ihr auch oft der letzten Bärenjagd gedacht in Eurer Einſamkeit und Eure höh⸗ 294 nenden Worte bereut, die mich zur Wuth reiz⸗ ten gegen Euch?“ ſprach der Knabe hämiſch zu den beiden Gefangenen, die iſich, an ſchwere Ketten gefeſſelt, auf dem faulen Strohe kruͤmm⸗ ten.—„Habt Ihr nun ſchweigen gelernt, Ihr thörichten Burſche?“ fuhr er nach einer Pauſe fort, in welcher er die Unglücklichen mit ſchadenfrohen Blicken betrachtet hatte.— „War ich's, der den Bären erlegte? War't Ihr es, die mich feig im Stich gelaſſen bei der Jagd?— Sprich, Einar, wirſt Du be⸗ kennen daß Du Strafe verdient, wenn ich Dich frei laſſe?“—. „Meine Worte will ich ſetzen wie Du's nur verlangſt, Junker!“ entgegnete Einar, von Hoffnung belebt;— das ſchwöre ich Dir bei Sct. Erich! beim Heil meiner armen Seelel bei der Mutter Gottes und ihrem Sohne! beim Allvater ſelbſt!“ „Und Du, Ryning?“ wendete ſich Lars zum Andern, der bisher ſchweigend mit ſei⸗ nen Ketten geraſſelt und nur zuweilen feind⸗ 295 liche, tückiſche Seitenblicke auf den Junker ge worfen hatte. „Ich muß dem Sohne meines Heerrn ge⸗ horchen, denn ich bin leibeigner Knecht und Du biſt mein geſtrenger Junker!“ verſetzte er endlich finſter vor ſich hin blickend, und nach einer Pauſe, in welcher er ſichtbar mit ſich ſelbſt gekämpft, fügte er hinzu:„ich ſchwör's Euch! ich will ſchweigen! bei St. Stephan, meinem Schutzpatron!“ „Wohlan!“ ſprach der Knabe,„ſo will ich Euern Hohn vergeſſen, doch nur unter der Bedingung kann ich Euch die Freiheit ſchen⸗ ken, daß Ihr ſogleich mit mir hinauszieht auf die Jagd.“ Die Knechte blickten ihn mißtrauiſch an, doch er fuhr fort:„Beſorgt nichts!'s giebt heute keinen Bären zu fällen, ein Vöglein ein⸗ zufangen ſollt Ihr mich begleiten, und liefert Ihr mir's ſicher in den Käfig, ſo ſchenk' ich Jeden außer ſeiner Freiheit noch eine Marb des feinſten Silbers. Doch wehe Euch! wenn Ihr mit einem Laute, einem Winke meinen Fang verrathet! Was wir jetzt unternehmen werden, muß für Jedermann, auch für mei⸗ nen Vater ein Geheimniß bleiben. Am Altare müßt Ihr mir den Eid drauf ſchwören, und brecht Ihr ihn, dann— „Wir kennen Deine Art ſchon uns den Mund zu ſtopfen!“ ſiel ihm Ryning in die Rede.—„uUm dieſe Ketten los zu werden, verſchrieb ich mich dem Böſen; drum laßt mich nur heraus aus der Mordgrube, ich ſchwöre, was Du nur verlangſt!“ Auch Einar zeigte ſich bereitwillig, ſich in Al⸗ lem dem gefürchteten Knaben zu unterwerfen und dieſer befreite ſie jetzt mit Huͤlfe ſeiner Schlüſſel von ihren Feſſeln und führte ſie aus dem ſcheuß⸗ lichen Kerker, in welchen ſie der Bube erſt vor wenigen Tagen hatte bringen laſſen, um das Verlangen nach ihrer Freiheit, um jeden Preis, nur um ſo dringender in ihrer Bruſt aufzureizen. Bald gelangten ſie ins Schloß; willig folgten ſie ihm dann nach der Kapelle und legten dort einen ſchrecklichen Eid vor dem Altare ab: über Alles, was er mit ih⸗ —*—— 297 nen noch in dieſer Nacht beginnen werde, das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten. Hierauf führte er ſie in ſein Gemach, bot ihnen mit heuchleriſcher Freundlichkeit ein kräftiges Mahl und füllte ihren Becher ſelbſt mit ſüßem Meth, reichte auch Jedem eine kleine Quantität ge⸗ branntes Waſſer zur Stärkung. Ihre halb⸗ vermoderte Kleidung mußten ſie ablegen und ſich mit anderer, die er vorher ſchon beſorgt hatte, verſehen, ſo daß ſie ſich nach kurzer Zeit wieder wie neubelebt fühlten und ſich be⸗ reit erklärten, ihm zu folgen wohin er begeh⸗ 5 ren würde. 4 Er befahl ihnen, ſein Roß, das Einzige welches noch im Schloſſe zurückgeblieben war, zu ſatteln, er ſelbſt rüſtete ſich, wie zu einem ſchweren Kampfe, ergriff dann den Glocken⸗ ſtrang, betrachtete ihn nochmals in ſeltſamer Bewegung und beſtieg dann den Wachtthurm, wo der Knecht, auf ſeinen Spieß gelehnt, die Wacht hielt. „Haſt Du nichts bemerkt in der Geqende redete er dieſen finſter und herriſch an. 298 „Nichts Lebendiges, als Naben und Käuz⸗ lein, die um den Thurm flattern!“ erwiederte der Knecht. 1 „So leih' Dir ihre Augen und blicke ſcharf durch die Nacht!“ fuhr Lars fort.„Ich wittre Gefahr für unſre Veſte; der alte Hexen⸗ meiſter wendete ſeine Schritte nach dem Jöt⸗ niſteen und wirds dort wohl verrathen, daß mein Vater nicht daheim iſt. Ich ziehe hin⸗ aus mit zwei Kuechten, um zu ſpähen ob ſich's drüben feindlich regt; Du bleibſt auf Deinem Poſten, Niemand ſoll um meinen ſpäten Aus⸗ zug wiſſen, drum ſchweigſt Du, ſonſt wehe Dir!“ Der Kuecht verſprach getreu den Willen ſeines ſtrengen Junkers zu befolgen und ſtieg hinab, um die Zugbruͤcke niederzulaſſen. Lars hatte indeſſen ſein Roß beſtiegen und ritt, von Einar und Ryning begleitet, aus der Burg, der Wächter blickte ihnen verwundert nach, zog die Bruͤcke hinter ihnen auf und beſtieg⸗ das Thürmchen, ſeinen Wachtpoſten wieder einnehmend. So ſchnell nur die beiden Knechte dem Roſſe des Junkers zu folgen vermochten, zo⸗ en ſie durch die Ebene, bogen um den Berg, en man zur Nachtzeit nicht ohne Gefahr über⸗ ſteigen konnte, und erreichten noch vor Mitter⸗ nacht das Kirchſpiel Iſala. Mit kurzen Wor⸗ ten hatte Lars ſeine Begleiter mit dem Zwecke ihrer heimlichen Wanderung bekannt gemacht, und nur die Gewohnheit blind zu gehorchen und der Reiz des verſprochenen Lohnes, konnte ihren Abſcheu unterdruͤcken, der ſich zuweilen in ihnen regte bei dem Gedanken: dem Buben bei ſeinem ſchändlichen Vorhaben hulfreiche Hand leiſten zu müſſen. Schon als ſie die erſten Hütten erreicht hatten, war Lars vom Roſſe geſtiegen und leitete es am Zügel. Kein Licht ſchimmerte mehr durch die niedern Fenſter der einfachen Wohnungen, kein Laut unterbrach die nächt⸗ liche Stille, Alles Lebende ſchien tiefor Schlaf gefeſſelt zu haben. Endlich erreichte man die einſam gelegene Hütte Siven Nilſons, der, wie der Knabe wußte, mit ſeinem Weibe Bri⸗ 9 d gitta ſchon ſeit fruͤheſtem Morgen auf ſeinem Rennthierſchlitten das Haus verlaſſen hatte, um einen Freund in einem benachbarten Kirch⸗ ſpiele heimzuſuchen und einige Tage bei ihm zuzubringen. Nur ein alter, tauber Knecht, eine Magd und Sigrid, welche das Haus hüten ſollte, waren zuruͤckgeblieben. Die Rück⸗ ſeite der Hutte war mit Gehöften und Stal⸗ lungen umgeben, die Vorderſeite aber erhob ſich frei und dicht an der Landſtraße. Den Zügel des Pferdes um den Arm geſchlungen, lauſchte der Knabe nach allen Gegenden; doch rings blieb es ſtill wie zuvor und der Mond leuchtete ſo hell, daß man jeden Gegenſtand deutlich erkennen konnte. Ohne Geräuſch zer⸗ ſchnitt nun Lars eines der, an der äußerſten Ecke des Hauſes niedrig angebrachten, Fen⸗ ſter, welches nur aus öhlgetränkter, dünner Lämmerhaut beſtand, mit ſeinem Dolche, und bald bor ſich eine Oeffnung dar, eben groß genug, daß ein Mann hineinſteigen konnte ins Gemach. „Steigt hinein!“ rief nun Lars den Knech⸗ * 301 ten leiſe zu, ſein Roß an einen Baum bin⸗ dend.„Ich folge Euch ſogleich, doch berührt mir das Mädchen nicht eher mit Euren rohen Fäuſten, bis ich ſie mit dieſem Seile um⸗ wunden.“ Die Knechte gehorchten und der Schein des Mondlichtes zeigte ihnen bald die liebliche Sigrid, ſanft ſchlummernd auf ihrem Lager. Einige Augenblicke ſtand Lars, der den bei⸗ den Helfershelfern eilig durchs Fenſter gefolgt war, vor ihr und betrachtete mit gierigen Blicken die Schlummernde, die nicht im Trau⸗ me die Gefahr zu ahnen ſchien, die ſchon dro⸗ hend dicht über ihrem Haupte ſchwebte. Doch plötzlich von dem brennenden Verlangen ge⸗ trieben, die holde Schläferin ganz in ſeiner Gewalt zu ſehen, umſchloß er ſie, an ihrem Lager knieend, feſt mit ſeinen Armen, und ehe ſie noch den erſten Schreckensſchrei ausgeſtoßen, hatte er ihr das Glockenſeil um Bruſt und Arme zugleich geſchlungen und die herzuge⸗ ſprungenen Knechte ihr den Mund mit Tü⸗ chern verſtopft. Eilig riß er ſie nun fort, 30² ſchleppte ſie mit ſeinen Raubgehülfen durch das große Wohngemach, wo die Magd, durch das Geräuſch erweckt, von ihrem Lager auf⸗ taumelte, ſchlaftrunken um ſich ſtarrend, doch von Ryning's ſtarker Fauſt zurückgeſchleu⸗ dert, ſank ſie betäubt zu Boden. Die Haus⸗ thür, nur durch einen vorgeſchobenen Riegel von innen verwahrt, wurde mit leichter Mühe geöffnet, Sigrid, trotz ihres verzweifelnden Sträubens, in einen Mantel gehüllt, aufs Roß gehoben, und ſo, von beiden Seiten unterſtützt von Lars und den Knechten, führte man die Unglückliche, der bald die Sinne ſchwanden, eilig mit ſich fort nach der Skadaborg. Ende des erſten Theils, “ nfſniſfſfffffſiſſnſſiſff 3 9 10 l1 12 1 14 15 16 1⸗ 8 4 4 3 1 5 4 2 1 . . 8 4 8