2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 1 Mt.— Pf. 4. Mi⸗ 50 Pf. 2 Mk.— Pf. uswà ige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 80 te B. eſer f den 48 — 3 3 8—/„ / Kav e, Le', Lop!./ 3 3 re Menſchheit i m —˖V˖˖˖ęOQ·OQO—-B—— Zweyter Band. Dritte Auflage. LQeipzig, in der Sommerſchen Buchhandlung. 181 8. Sechs und dreißigſtes Kapitel. Wer hätte das gedacht! Je laͤnger ich die Unbekannte betrachtete, je mehr ſtand Julie im Schatten: Mein Herz und meine Liebe ſprachen fuͤr dieſe und ſtum⸗ mes unerſaͤttliches Anſchauen und Bewunde⸗ rung mußte ich jener zollen. Ich trat an ihrer Hand aus dem Gefaͤngniſſe, vor deſſen Thuͤre uns ein leichter Wagen mit zwei muthigen Fuͤchſen beſtand, erwartete. Steigen Sie ein, Herr Auditeur! ſagte ſie.— Ich war folg⸗ ſam wie ein Kind. Sie ſchwang ſich mir nach, ergriff die Zuͤgel und wir rollten durch die Straßen. Ich fragte oft, erhielt aber immer keine befriedigende Antwort.— Ueber die Ungeduld der Maͤnner! ſagte ſie endlich, und ließ die Fuͤchſe doppelt ſtark traben. Sie 1 2 lenkte und und regierte ſie, als waͤre ihr's ein Spielwerk. Nachdem wir ohngefaͤhr zwei Stunden zuruͤckgelegt hatten, kamen wir in ein Dorf, und fuhren zum Thor eines Edel⸗ hof's hinein. Ein Fenſter wurde aufgeriſſen, wieder zugeſchlagen, es ſtuͤrzte Jemand die Treppe herunter, und mein Freund Blauberg als Huſarenofficier gekleidet, und hinter ihm Julie eilten auf mich zu. Aus ſeinen Armen ſank ich in die ihrigen, und aus den ihrigen wider in Blaubergs Arme. Geſprochen wurde wenig; aber an die Bruſt gedruͤkt, und em⸗ pfunden deſto mehr.— Dieſe Srene des Wie⸗ derſehns ganz zu ſchildern, vermag ich nicht, ich wuͤrde ſie durch Beſchreibung herabſetzen; wer Gefuͤhl, einen Freund oder ein Maͤdchen hat, wird ſie ſich lebhaft genug denken koͤn⸗ nen.— Meinen Blauberg, meinen innigge⸗ liebten Freund, mit dem ich ſo manche frohe und traurige Stunde gehabt, den ich ſeit Jah⸗ ren nicht geſehen hatte,— und meine Julie, die ich aus der Gewalt eines Boͤſewichts gerettet hatte, die vielleicht wieder in den Haͤnden ihrer ſchaͤndlichen Mutter ſeyn konnte,— dieſe hatte ich wieder!— welche namenloſe unerſchoͤpf⸗ liche Freude lag in dieſem Gedanken fuͤr mich. — — — 02 Da muß ich nun zuſehn, unterbrach uns meine Befreierin, wie ihr euch freuet und um⸗ armt! und mir, die ich den Freund und Ge⸗ liebten euch wiedergeſchaft, ihm ſeine Ketten abgenommen habe, bietet niemand eine Beloh⸗ nung an. Geh Bruder, ſagte Blauberg zu mir, und kuͤſſe zum Dank meine Wodina, meine Braut, die morgen mein Weib werden wird. Es iſt eine kritiſche Sache, wenn man in Gegenwart ſeines Maͤdchens das Maͤdchen eines andern kuͤſſen ſoll. Ich blickte Julien an. Ich verſtehe die Frage, ſagte ſie, hier iſt die Antwort darauf. Sie ging auf Blaubergen zu, und kuͤßte ihn, auch ich kuͤßte Wodinen. Das war ein Kuß! So erwiedernd, ſo verweilend, ſo voll Gluth, ſo voll Milde, daß man den ſanften durchſtroͤmenden Druk immer noch fuͤhlte, als die Lippen ſi ſich ſchon laͤngſt wie⸗ der getrennt hatten. Freunde, rief ich, ihr ſprengt mir das Herz vor Freude! aber ich kann's nicht faſſen; die Ueberraſchung iſt ſo neu, der Zuſammen⸗ hang ſo unerforſchlich— ihr muͤßt mir alles erzaͤhlen. Das wollen wir! antwortete Blauberg. Oben iſt noch Jemand, der uns helfen ſoll. Willkommen, Herr Arreſtant! rief mir der Graf Haller mein General entgegen, als ich in's Zimmer trat. So geht’s!— wenn man große Schurken zuͤchtigt, kehrt die Gerechtig⸗ keit die Ruthe um, und klopft einen ſelbſt auf die Finger.— Sie duͤrfen nicht denken, daß Sie voͤllig frei ſind, ich habe mir Sie auf acht Tage zu meinem Gefangenen ausgebeten, und dann gehoͤren ſie wieder unter's Kriegsdepar⸗ tement. Wonach ſich zu achten, Herr Audi⸗ teur! daß Sie mir nicht etwa Reißaus machen. Doch hier(er faßte Juliens Hand) habe ich eine Feſſel, die er mir, denke ich, ſo leicht nicht zer⸗ brechen ſoll. Auch hier iſt eine! antwortete ch;; auf mein Herz zeigend) die iſt dhern und heißt Red⸗ lichkeit. Bin ſchon uͤberzeugt davon; 3 ich haͤtte mich auch wahrlich ſonſt nicht in's Mintel ge⸗ ſchlagen. Alſo acht Tage iſt mir's vergoͤnnt hier zu derweilen? Dieſe muß ich recht benutzen! Denn aus Ihrer und meiner Freunde Geſell⸗ ſchaft hin in's Gefaͤngniß, das iſt ein Schritt, 1 —— —— — wo der eine Fuß im Himmel und der andere in der Hoͤlle ſteht. Rappelt's? Herr! So ſpricht man auf dem Theater. Sie haben zwar einen Menſchen er⸗ mordet; aber warum? Wer war es? Haͤtte er nicht noch mehr ſchaͤnden, noch mehr Vaͤter ver⸗ giften koͤnnen? Wuͤrden Sie im jetzigen Augen⸗ blicke anders handeln? Nein! aber Ihre Philoſophie ſteht auf chr ſchwachen Fuͤßen. Papperlepap! alſo gereut Sie auch die That nicht? Nein! Und fehlt Ihnen doch an Muth? Der Ker⸗ ker muß dem, der ein gutes Gewiſſen hat, als Ruheſtuͤbchen ſeyn, wo er mit Muſſe uͤber die Bosheit und Thorheit der Menſchen nach⸗ denken kann. O ich habe daruͤber nachgedacht! Ihr Er⸗ cellenz; bin's aber ſo uͤberdruͤſſig geworden, daß ich fuͤr ſo ein Ruheſtuͤbchen unterthaͤnigſt danke. Kurz abgefoͤdert, meiner Seell Nu, nu, ich denke, die Sache ſoll eine gute Wendung nehmen; nur nicht aufgebraußt, und den Kopf an alle vier Waͤnde geſtoßen. Nein, ich will geduldig ſeyn, wie ein Lamm. Das war einmal ein vernuͤnftiges Wort! — Es waͤre auch unerhoͤrt, wenn ſo ein gutes liebevolles Maͤdchen, das ſo viel gelitten hat, ſich nicht bald durch einen braven Mann ent⸗ ſchaͤdigt ſaͤhe.(Ihr an's Kinn greifend.) Man ſieht ihr das Schmachten nach der Brautnacht ordentlich im Auge ſchwimmen. Hu! mir faͤhrt's durch alle Glieder wie eine Bouteille Champagner, wenn ich mir das Maͤdel und den Jungen da vorſtelle, wie ſie ſich zanken, wer zuerſt in's Brautbette ſteigen ſoll. Ich ſpreche, er faßt ſie unter den Armen, und— patſch, da tiegen ſie alle beide. Julie ſchlug die Augen nieder; Wodina ſchmiegte ſich an ihren Blauberg;; dieſer ſchlang ſeinen Arm um ſie, und in mir wur⸗ de die Neugierde verſtaͤrkt, theils Blaubergs Begebenheiten zu wiſſen, theils zu eerfahren, wie Julie hieher gekommen ſey. Ich drang auf die Erzaͤhlung. Ja, rief der Graf, ich hoͤr auch noch einmal zu, das Stuͤckchen mit ——— — —— —— —— — dem Paſche und dem Fuhrmann hat mir ge⸗ fallen.— Wir ſetzten uns und Blauberg erzaͤhlte: Sieben und dreißigſtes Kapitel. So mag ich in meinem Leben aus keinem Traume gewekt werden. Ab ich mich auf der Univerſitaͤt von Dir tren⸗ nen mußte, war mirs einerlei zu welchem Thor ich hinaus ging. Zu den Meinigen durfte ich nicht, alſo war die ganze Welt mein, und in Oſten hatte ich die nehmlichen Ausſichten wie in Weſten. Ich hatte zwar noch einen Onkel, der Obriſtlieutnant war; aber zu dieſem zu gehn durfte ich nicht wagen, weil er ein geſchworner Feind meines Vaters war, und unſre ganze Familie haßte. Ich wanderte auf gut Gluͤck immer vorwaͤrts, und wenn zwei oder drei Straßen zugleich vor mir lagen, waͤhlte ich die, welche meiner Naſe am geraͤdſten nachlief. So lange mein Geld dauerte, ging's gut; in P**war's aber ſo zuſammengeſchmolzen, daß ich eine ziemliche Weile in der Taſche ſuchen — 8— mußte, wenn ich etwas herausbringen wollte. Da wurde nun guter Rath theuer; ich mar⸗ ſchirte noch ein paar Tage, und da ich Abends in ein Staͤdtchen kam, hatte ich noch einen Groſchen, und einen verhungerten Magen, der ohne viele Muͤhe eine Schuͤſſel Erdaͤpfel und ein paar Pfund Rindſleiſch zu ſich genommen haben wuͤrde. Ich beſtellte mir eine Suppe, und ergriff vor Langeweile einen Zettel, der auf dem Tiſche[llag. Es war ein Komoͤdien⸗ zettel von der Geſellſchaft, die im Staͤdtchen ſpielte. Wie waͤr's, dachte ich, wenn du unter die Komoͤdianten gingeſt? Ich fand den Ein⸗ fall in meiner Lage fuͤr heilſam, verzehrte meine Suppe mit vielem Appetit, und legte mich ge⸗ troͤſtet auf die Streu. Neben mir lagen ein paar Fuhrleute. Meine Phantaſie beſchaͤftigte ſich die Nacht ſchon mit Ermorden und Ver⸗ lieben. Ich wurde aber ſehr nachdruͤcklich von der Taͤuſchung uͤberzengt. Es traͤumte mir, daß ich auf dem Theater eine Rolle ſpielte, wo ich meiner Geliebten Liebe ſchwoͤren ſollte. Ewig, rief ich, ewig, göttliches Maͤdchen, will ich Dich lieben. Ich gerieth ſo in Affekt, daß ich mich mit der rechten Hand vor die Bruſt ſchlug; allein ich mochte etwas zu weit ausge⸗ — 9— holt haben; denn ich hatte meinem Nachbar das Naſenbein ſo unſanft beruͤhrt, daß er wie ein Beſeßner aus ſeinem tiefen ſchnarchenden Schlafe auffuhr. Ehe, ſuhr ich zu dekla⸗ miren fort, ſoll mich die kalte Hand des Todes faſſen, ehe ich dich zu lieben aufhoͤren werde. J da muß ja gleich ein heiliges Krenz⸗ mohrendunnerwetter drinne ſitzen! bruͤllte der Fuhrmann; will's ihm ſchon einſtreichen, das bei der kalten Hand faſſen. Hier gab er mir mit dem Ellbogen ſo einen unerhoͤrten Stoß in die Ribben, daß ich beinahe das Athemholen vergeſſen haͤtte, und bis am hellen Morgen kein Auge wieder zuthun konnte. Ich blieb mit Willen ſo lange liegen, bis mein unhoͤflicher Nachbar angeſpannt hatte, und fortgefahren war. Hierauf erhob ich mich auch mit meiner verrenkten Ribbe, begab mich zum Schauſpiel⸗ direktor, und fragte ihn, ob er mich unter ſei⸗ ner Geſellſchaft annehmen wolle. Er wußte ſich ein Anſehen zu geben, als waͤren Reinike, Opitz, Flek und Schroͤder ſeine intimſten Freun⸗ de; er hatte ſogar an jedem etwas auszuſetzen. Wenn Sie vor der Hand mit geringer Gage vorlieb nehmen wollen, ſagte er, ſo will ich Sie anſtellen; und wenn Sie Talent zeigen und — 10— 1 Fleiß anwenden, koͤnnen Sie bei mir Ihr Gluͤk machen. Ich bekam eine große Idee; wie er⸗ ſtaunte ich aber, als ich die hochloͤbliche Geſell⸗ ſchaft in corpors ſah. Keine einzige ertraͤg⸗ liche Figur; einer war auf dem rechten Auge ganz blind, und ein anderer konnte nur in Stuͤcken gebraucht werden, wo ein Kruͤpel vorkam. Eine gewiſſe Demoiſelle Tiefenborn war noch die vorzuͤglichſte, ſie mochte vor zehn Jahren ein ganz leidliches Maͤdchen geweſen ſeyn; ihr Wuchs war gut, ihr Koͤrper voll und regelmaͤßig gebaut; aber ihre Augen lagen im ſchwarzen Grunde, ihre Geſichtsfarbe war et⸗ was verlegen, und ihre Auffuͤhrung aͤußerſt kokett. Ich bekam eine Proberolle, ſtudirte ſie ſo gut ich konnte, und wurde vom Publiko begaft und beklatſcht. Der Direkror lobte mich, und ſagte, daß mit der Zeit etwas Großes aus mir werden koͤnnte. Die uͤbrigen Schauſpieler ſahen mich mit neidiſchen Augen bis auf Ma⸗ demoiſelle Tiefenborn, bei der ich mich ſehr in Gunſt geſetzt zu haben ſchien. In einigen Wo⸗ chen hatte ich mich zu den erſten Helden⸗ und Liebhaberrollen emporgeſchwungen, und, da auch ſie die erſte Aktrice machte, ſpielten wir oft in ſehr genauer Verbindung. Wenn gekuͤßt — 11— 1 oder andere verliebte Dinge auf dem Theater abgehandelt wurden, war ſie ſo feurig, ſo we⸗ nig zuruͤckhaltend, als wenn ich ihr ſchon oͤfters bei der Toilette meine Aufwartung gemacht haͤtte; kurz ſie warf foͤrmlich ihr Netz nach mir aus. Ich haͤtte mich vielleicht nicht uͤbel dabei befunden; denn ſie wußte die jungen Herrchen ſo artig zu beſchneiden, daß keiner mehr eine Uhr in der Taſche hatte. Aber einer meiner Bekannten theilte mir einige mathematiſche Be⸗ obachtungen mit, die er in Anſehung der Laͤnge und Breite, des Diameters und der Peripherie an einigen ihrer Schoͤnheitstheilchen gemacht hatte, daß ich mich entſchloß, nicht erſt ſelbſt die Wahrheit davon, durch eine eigene Aus⸗ meſſung zu pruͤfen. Ich ſtellte mich ganz kalt gegen ſie; aber ſie benutzte jedes Mittel mit mir zu ſprechen oder allein zu ſeyn. Wenn ich unter ihren Fenſtern vorbei ging, rufte ſie mich hinauf, fragte mich, ob dieſe oder jene Klei⸗ dung ihr beſſer ſtuͤnde, ob die Locke auf der Schulter oder dem Buſen beſſer ſaͤhe; oder ſie kam wohl ſelbſt auf meine Stube, bat mich, ich moͤchte doch die Kleidung, in der ich auf den Abend agiren ſollte, anprobiren; wenn ich's ndlich, um ſie los zu werden, that, war ſie 8 — 12— unerſchoͤpflich im Loben; nur bisweilen entdekte ſie eine Falte an den Beinkleidern, und glaubte durch ihre ſchmeichelnden Worte, ſchmachtenden Blicke und die verfuͤhreriſche Stellung, mit der ſie ſich zu mir bog, etwas in mir rege zu ma⸗ chen, daß die Falte verſchwinden, und ſie Ge⸗ legenheit zu einer andern angenehmern Bemer⸗ kung erhalten moͤchte. Doch mir ging's aus Widerwillen wie dem alten Ovid aus Schwaͤ⸗ che. Sie ſtellte mir ihre Schoͤnheiten faſt ganz enthuͤllet vor, legte mir die feinſten Fallen; aber— nicht mir zum Verdienſte ſag ich'ss— immer vergebens. Ihr letzter Verſuch machte mir warm, und waͤre ich nicht ſo gut vorbe⸗ reitet geweſen, ich haͤtte mich gewiß noch uͤber⸗ toͤlpeln laſſen. Sie ſchickte einſt fruͤh zu mir, und ließ mich ſehr dringend bitten, ich moͤchte doch dieſen Morgen zu ihr kommen. Ich merkte wieder einen Plan; aber ich trank ein paar Glaͤſer friſches Waſſer, und ging noch in der nehmlichen Stunde zu ihr. Ei! Sie kommen ſchon, ſagte ſie, ich dachte recht lange warten zu muͤſſen. Freude belebte jede ihrer Bewe⸗ gungen; ſie glaubte aus dem Umſtande, daß ich auf ihr Bitten ſo ſchnell erſchienen war, recht viel Gutes hoffen zu koͤnnen. Ihr Anzug — 13— war zwar leicht und duͤnn, aber artig gewaͤhlt, und ihre Reize hattesſi ſie mit vieler Whihela aus⸗ ſtaffirt. 3 Wir haben heute beide aſchwere Rollen, ſagte ſie, ich daͤchte wir probirten ſie. Kom⸗ men Sie, ich will Ihnen zeigen, wie wir's machen! Ich eile mit geloͤßten Huceen und zerſtoͤr⸗ ter Kleidung auf dem Theater umher, und will mich aus Verzweiflung ermorden. Ich rufe Sie, Sie kommen nicht; ich erſteche mich end⸗ lich, ſinke nieder;— aber da wir's hier be⸗ quemer haben koͤnnen, nicht auf den Boden, ſondern auf's Kanapee. In dieſem Augen⸗ blick erſcheinen Sie, ſehen mich bluten, ſtuͤrzen auf mich hin, und— da wir allein ſind, wol⸗ len wir's recht natuͤrlich machen— ſuchen die Wunde. Sie entbloͤßen mir den Buſen, rei⸗ hen mir das Gewand auf;— ich habe mich deswegen nicht geſchnuͤrt, ſondern ganz leicht be⸗ kleidet;— endlich finden ſie die Wunde, ſuchen das Blut zu ſtillen, und ſie zu verbinden. Ich gebe noch Zeichen des Lebens von mir, ſchlage die Augen auf, erkenne Sie als meinen Ge⸗ liebten, ſchligge meine Arme um Sie, druͤcke Sie feſt an mich; dann folgt eine ſtumme Pauſe und die Scene hat ein Ende.— Gehn Sie jetzt zur Thuͤre hinaus, ich will mich unterdeſſen auf's Kanapee werfen; und verſehen Sie's nicht, wenn Sie auf mich hinſtuͤrzen, und die Wun⸗ de finden, daß Sie recht in Affekt gerathen; ich will's Ihnen ſo viel als moͤglich zu Aleiche tern ſuchen. Hundert andere wuͤrden dieſe Rolle mit Vergnuͤgen probirt haben, ich konnte mich aber kaum des Lachens enthalten. Verzeihen Sie, Mademoiſelle, ſagte ich, der Antrag iſt ſehr ſchoͤn, ich glaube auch, daß Sie 1 Ihre Rolle vortreflich ſpielen wuͤrden; allein ich kann keine Wunde ſehn, mir wird gleich weich um's Herz, und ich fuͤrchte, daß mir eine wuͤrkliche Wunde zu Geſichte kommen koͤnnte, die zu groß waͤre, als daß ich es wagen ſollte, ſie zu ver⸗ binden. Mit dieſen Worten verließ ich ſie, und bin nie wieder auf ihre Stube gekommen. Da dieſer Hauptverſuch ihr mißlungen war, unter⸗ nahm ſie keinen neuen, ſondern ſtrafte mich mit Gleichguͤltigkeit, und machte eine Attaque auf den Sohn eines reichen Kaufmanns, der noch auf der Schule war. Es gluͤckte ihr auch; das Buͤrſchgen beſtahl den Vater, und wurde in kurzen ſo treflich von ihr in den Geheimniſſen — 15— 8 der Liebe eingeweiht, daß er ſeine Zuflucht zu einem verlaufenen Barbiergeſellen nehmen mußte, der ihn ſo haͤufig mit Salben und Pflaſtern verſah, daß er endlich mit Trompe⸗ ten und Pauken umherging, und beinahe, wenn die Galanterie ſeinen Eltern nicht be⸗ kannt geworden, und einem verſtaͤndigen Mann zur Reparatur uͤbertragen worden waͤre, in ſeinem ſechzehnten Jahre ſchon haͤtte Erde kauen muͤſſen. Mein Schauſpielerleben hatte keinen lau⸗ gen Beſtand; der Herr Direktor war ſo mit Schulden uͤberhaͤuft, daß man es fuͤr noͤthig fand, ihn auf einige Zeit ſeine Talente im Schuldthurme uͤben zu laſſen. Wir konnten ohne Prinzipal nichts anfangen, und trennten uns, Mademoiſelle Tiefenborn ging nach Ber⸗ lin; der Einaͤugige kaufte ſich eine alte Violine, und zog in Schenken und auf Jahrmaͤrkten um⸗ her; der Gebrechliche ließ ſich ein paar Kruͤcken machen, und gab ſich ſuͤr einen bleßirten Sol⸗ daten aus, andere wurden Herrnbedienten oder Marqueurs, und ich— — 16— Acht und dreißigſtes Kapitel. Ja das wußte der tiebe Gott was aus mir werden ſollte. Jo war beſchaͤftigt auf meinem Dachſtuͤbchen meine ſieben Sachen zuſammenzupacken, als mein Wirth, ein ehrlicher Schneider, dem ich manche Gefaͤlligkeit erzeigt hatte, welcher wußte daß ich ſtudiret hatte, und mich fuͤr ein Wun⸗ der von Gelehrſamkeit hielt, zu mir kam, und mir einen Antrag machte. Hoͤren Sie, Herr Blauberg, ſagte er, Sie haben, weiß Gott! was Rechts gelernt, und es waͤre Schade, wenn Sie ſich ſo herumrackern ſollten; ich habe einen Schwager, welcher Kutſcher auf einem Edelhofe beim Herrn von Zweihorn iſt, der hat mir geſagt, daß ſeine Herrſchaft einen Hofmeiſter braucht, und, da er ſehr gut bei der gnaͤdigen Frau ſteht, ſo glaub' ich, daß Sie, wenn er ſie vor⸗ ſchlagt, angenommen werden. Die Empfeh⸗ lung eines Kutſchers, bei Beſetzung einer Hof⸗ meiſterſtelle, ſchien mir freilich etwas paradox, doch der Zuſatz, daß er bei der gnaͤdigen Frau ſehr gut ſtaͤnde, verwieß mich zum blinden — — 17— Glauben, wie mancher Paſtor ſeine Gemeinde. Da mir jetzt jede Ausſicht willkommen war, ſo bat ich ihn die Sache zu verſuchen. Der Kutſcher, ſeinen Schenkeln nach ein wuͤrdiges Subjekt fuͤr die Gunſt einer gnaͤdigen Frau— beſuchte den Herrn Schwager, nahm mich in hohen Augenſchein, und verſprach mir, ſich nach ſeinen Kraͤften fuͤr mich zu verwenden. Ich erfuhr bald, daß ſein Fuͤrwort viel gelten mußte; denn nach zwei Tagen wurde ich durch einen barfußen Expreſſen zum Herrn von Zwei⸗ horn eitirt. Ich fand einen langen hagern Mann, deſſen Anrede mich zweifelhaft machte, ob es der Reitknecht oder der Herr waͤre. Seine Gemahlin war eine wohlbeleibte freundliche Dame, die meinen ganzen Koͤrper vom Fuß bis auf den Kopf genau betrachtete, bei manchen Theilen mit den Blicken etwas lang verweilte, und mich dann in ſehr gnaͤdigen Ausdruͤcken niederſetzen hieß. Es war noch ein Fraͤulein und zwei Junkers zugegen. Die erſtere, die nicht mit zu meinen kuͤnftigen Zoͤglingen gehoͤrte, war eine dicke, voͤllig gerundete Figur, der die Natur ein paar rothe Klexe auf die Backen gemacht, und einen Buſch feuerfarbener Haare auf den Kopf gepflanzt hatte; ein mit gruͤnen 2 — 18— und gelben Sommerſproſſen bezweckter Sattel lag uͤber die kleine Stumpfnaſe; ein paar gruͤne Augen ſpruͤhten freche und verliebte Blicke um ſich; das ganze Gebaͤude ſchwappelte vor Fett, wenn es ſich bewegte; ein ungeheures Tuch be⸗ muͤhte ſich vergebens einige allzufleiſchreiche Stellen zu bedecken, und ein kurzer Rock er⸗ regte die Muthmaßung, daß ſie ſich ein paar große Kegelkugeln ſtatt der Waden an die Beine geſchnallt habe.— Die Junkers waren ein paar ruͤſtige Bauerjungen, die mir wie ein ſeit zehn Jahren mit Dorn und Diſteln bewachſener Acker vorkamen, wo ich das Unkraut ausjaͤten ſollte. Der gnaͤdige Herr fragte mich, ob ich Lateiniſch, Griechiſch, Franzoͤſiſch, Engliſch und Italiaͤniſch verſtaͤnde, ob ich Reiten, Fech⸗ ten, Tanzen und Schieſſen koͤnne, und ob ich mit dem Hunde⸗ und Pferdedreßiren umzu⸗ gehen wiſſe? Ich machte ihn mit meinen Kennt⸗ niſſen bekannt. Er zuckte die Achſeln, meinte, es fehle freilich viel, doch hoffe er, ich wuͤrde mich ſchon drein finden. Nun kam's auf den jaͤhrlichen Gehalt. Er bot mir vier und zwan⸗ zig Thaler. Zu einer andern Zeit wuͤrde ich ge⸗ ſagt haben: Herr, Sie ſind ein Eſel! aber jetzt mußte ich mich theils nach den Umſtaͤnden 4 4 — 19— fuͤgen, theils hatte ich mir auch vorgenommen, die Lebensart und die Perſonen dieſes adlichen Hauſes, die mir manchen Spaß und manchen komiſchen Auftritt verſprachen, naͤher kennen zu lernen. Ich aͤußerte alſo, daß dieſer Gehalt fuͤr die Pflichten, die mir oblaͤgen, zu gering ſey. Mehr bekommt keiner, ſagte er, in mei⸗ nem ganzen Hauſe, ſelbſt der Großknecht nicht. Aber, ſagte ich, es iſt doch ein Unterſchied, Kinder zu lehren, und Pferde zu fuͤttern. Sie reden wie Sie's verſtehn, antwortete er; Sie ſollten nur einmal meinen kaſtanienbraunen Hengſt ſehen, alle Hagel! der macht Kapriolen, baͤumt, ſchlaͤgt, beißt, daß man ſeines Lebens nicht ſicher iſt. Ich laͤchelte ſtatt der Antwort; denn ich merkte nun wohl, daß er beim Aus⸗ theilen der Schaafskoͤpfe zweimal gegangen ſeyn muͤſſe. Er iſt ein bischen gerade zu, ſagte ſeine Frau, als er hinausgegangen war, ſonſt aber ein guter geduldiger Mann; nehmen Sie's nur an, ich will’s Ihnen ſchon auf irgend eine Art zu verguͤten ſuchen. Nicht ſowohl dies Verſprechen, als die Erinnerung an meine Lage, bewog mich es anzunehmen. Ich bekam eine eigene Stube im Hintergebaͤude, wo ich denn am kuͤnftigen Morgen meine Lehrſtunden mit den Junkers aufing. Ich fand ſie ſo unwiſſend und verwildert, daß ſich mir die Vermuthung aufdrang, ſie muͤßten Haberſtroh, ſtatt des Gehirns im Kopfe haben. Fruͤh von acht bis eilf und Nachmittags von zwei bis ſechs Uhr, waren ſie bei mir, die uͤbrige Zeit war ihnen vom Papa zum Vergnuͤgen beſtimmt; ſie ge⸗ ſellten ſich dann zur uͤbrigen Dorfjugend, und nahmen Neſter aus, oder prellten Froͤſche. Den Kaffee brachte mir das gnaͤdige Fraͤulein oͤfters ſelbſt, in hoher Perſon, lund zwar nicht ſelten, wenn ich noch im Bette lag. Sie war dabei ſehr gefaͤllig und geſpraͤchig, fragte, wie ich geſchlafen haͤtte, und meinte, mein Bette waͤre ſehr geraͤumig, ich wuͤrde wohl manchmal nicht wiſſen, was ich mit dem vielen Platze an⸗ fangen ſollte. Da ich immer hoͤflich antwortete, wurde ſie dreiſter, klagte uͤber Froſt, und be⸗ liebte, um ſich zu waͤrmen, die Haͤnde unter die Decke zu ſtecken. Ich ſchmiegte mich an die Wand, nnd kroch zuſammen wie eine Schnecke; denn ich fuͤrchtete mich vor den rothen Haaren und den Katzenaugen, wie ein Schriftſteller vor den Klauen der Rezenſenten, und uͤberdieß mochte ich dem Großknecht, der mit mir einerlei Gehalt hatte, und der ihr auf dem Heuboden ſehr einleuchtend den Unterſchied zwiſchen Hen und Grummet gezeigt hatte, nicht gerne ins Handwerck pfuſchen. Ihre gnaͤdige Frau Ma⸗ ma ſchien mit ihr in den Gunſtbezeigungen ge⸗ gen mich zu wetteifern; ſie beehrte mich eben⸗ falls ſehr oft, beſonders nach Tiſche, wenn der Herr Gemahl auf die Jagd geritten war, mit ihrem Beſuche, oder ſchickte zu mir und bat ſich die Ehre des meinigen aus. Im erſtern Falle fragte ſie, ob mir es etwa an etwas mangle, oder ſie brachte mir Leckerbiſſen, Kuchen, eine halbe Bonteille guten Wein, oder ein Kaͤnn⸗ hen Chokolade. Sehen Sie, ſagte ſie, wie ich fuͤr die Leute ſorge, denen ich gut bin. Der Wein conſervirt die huͤbſchen rothen Backen, und die Chokolade giebt rechte Kraft; aber die brauchen Sie nicht, man hat ſeine Freude, wenn man Sie anſieht, wie alles ſo rund und voll iſt. Ihre kuͤnftige Fran hat ſich einmal zu freuen, die wird oͤfters das zu viel bekommen, was andere gern haͤtten. Und was mir an Ihnen gefaͤllt, Sie geben ſich mit niemanden im Hauſe ſehr ab, das iſt recht! es venomirt auch nicht. Wollen Sie ſich ja manchmal ei⸗ nen Spaß machen, ſo ſuchen Sie ſich etwas reelles aus.(Hier ſchlug ſie mit der Hand an ihre Bruſt.) Ueber die verdammte Steckena⸗ del; ſchrie ſie; hab ich mich geſtochen, daß es blutet; ich will auch gleich das Halstuch an⸗ ders ſtecken.(Sie trat vor den Spiegel, ſchlug das Halstuch einige Mal auf, und wie⸗ der uͤber einander, und ob ich gleich in einem Buche las, und mit keinem Blicke auf ſie ge⸗ ſehn hatte, ſagte ſie doch:) Pfui! Sie garſti⸗ ger Menſch, was gucken Sie nur beſtaͤndig her? Ich verſicherte ihr ſo dumm und albern, als möglich, das Gegentheil; ſie legte es fuͤr Schuͤchternheit aus, und wollte auf eine ſehr handgreifliche Art meine Lehrmeiſterin werden; allein ich fand ſo wenig Anlagen und Ge⸗ ſchmack an ihrem Unterricht in mir, daß ſie die Hoffnung, in mir einen Eheadjunktus zu erziehen, bald aufgab. Die Leckerbiſſen blieben nicht nur weg, ſondern meine ganze Bekoͤſti⸗ gung wurde auf einen ſehr einfachen Fuß re⸗ duzirt. Der Kaffee wurde ſo duͤnn, daß man die Bluͤmchen auf dem Boden der Taſſe er⸗ kennen konnte, das Morgenbrod war ſo duͤnn geſchmiert, daß man ein Mikroſkop gebraucht haͤtte, um die Buttertheilchen zu erkennen, und zu Mittage wurde mir das Eſſen unter dem Vorwande, daß vornehme Gaͤſte zur Ta⸗ fel waͤren, auf meine Stube geſchickt. Sogar die Junkers wollten mir das Leben ſauer zu machen anfangen, daß mir endlich das Knopf⸗ loch meiner Geduld ausriß, und ich ſie wacker auspruͤgelte. Sie liefen heulend und ſchrei⸗ end zum Papa, dieſer glaubte ſeinen adlichen Stolz beleidigt, kam auf meine Stube, und ſetzte mich ſehr unfreundlich zur Rede. Ich uͤberzeugte ihn, daß ich nur in gewiſſen Faͤl⸗ len albern und dumm, in manchen hingegen, beſonders beim Puͤnktchen der Ehre, deſto ernſthafter waͤre. Unſer Wortwechſel wurde hitzig, er rieb ſich aus Verwunderung uͤber meine nachdruͤcklichen Antworten die Stirne, und ich verſicherte ihm, daß er die Urſache dieſes Juckens nicht bei mir, ſondern bei dem Manne mit dem gewichsten Knebelbarte ſuchen muͤſſe. Wir wurden zuletzt rechte gute Freunde, er gab mir den vollen Jahrsgehalt, und ich ihm dagegen das Verſprechen, alles Gute von ſeinem Hauſe zu reden. Waͤre ich noch acht Tage geblieben, ſo haͤtte ich dem Kindtaufsſchmauſe des gnaͤdigen Fraͤuleins, die eines lebendigen Beweiſes jener Demonſtra⸗ tion zwiſchen Heu und Grummet entbunden wurde, beiwohnen koͤnnen; allein ich ſetzte — 24— meinen Stab, leider ohne zu wiſſen, wohin, weiter. n Neun und dreißigſtes Kapitel. „Es geht wider den Türken. Meinen vier und zwanzig Thalern, ging's wie der geſunden Vernunft im vorigen Jahrzehent, ſie wurden von mir und meinem Magen in die Pfanne gehauen, wie dieſe von den Beweiſen und Gruͤnden der**⸗ Theologen. Ich ſah mich genoͤthigt, eine Lebensart zu ergreifen, es 3 nun, welche es wolle. Zur nehmlichen Zeit brach der Krieg zwiſchen Oeſterreich und der Pforte aus, und ich entſchloß mich, unter dem nehmlichen Huſarenregiment, wo mein Onkel ſtand, mich anwerben zu laſſen. Ich wollte mich ihm nicht ſogleich entdecken, ſondern auf eine guͤnſtige Gelegenheit mich auszuzeichnen warten, um vielleicht durch meine Bravond ſei⸗ nen Familienhaß zu vernichten. Ich fuͤhrte die⸗ ſen Entſchluß aus, und zog als*s ſchet Huſat wider die Tuͤrken zu Felde. Wer's fuͤr eine Kleinigkeit haͤlt, mit ihnen zu fechten, dem wollte ich es wohl mit ein paar Schmarren beweiſen, daß er Unrecht hat. Sie machten uns manchmal tuͤchtig warm, dafuͤr ſchlugen wir aber unſeren Schwerdtern an ihren Hirnſchaͤdeln manche Scharte. Mir gluͤckte mein Wunſch ſchneller als ich vermuthete. Zwei Schwa⸗ dronen von unſerm Regiment, die mein Onkel an⸗ fuͤhrte, mußten einen Angriff auf eine ungleich ſtaͤrkere Anzahl Feinde machen; wir hatten ſie ſchon in die Flucht gejagt, als ploͤtzlich eine Verſtaͤrkung hervorbrach, und ſie mit erneutem Muthe auf uns eindrangen. Noch immer ſtraͤuben ſich meine Haare empor, wenn ich an den Tag denke. Vor und neben mir ſtuͤrzten meine Kameraden: war einem die rechte Hand wegge⸗ hauen, ſo wehrte er ſich mit der linken; die Sonnenſtrahlen, die ſich auf den blitzenden ge⸗ ſchwungenen Saͤbeln brachen, blendeten die Au⸗ gen; das Geklirre der Klingen, das Wiehern der Pferde, das Geſchrei der Fechtenden, und das Winſeln und Fluchen der Sterbenden be⸗ taͤubte die Ohren. Ich hatte zwei Wunden er⸗ halten, doch hinderte mich keine am Einhauen. Sieh dort unſern Oberſtlieutnant, rief mir ei⸗ ner zu, der iſt verloren, wenn wir ihm nicht Luft machen. Ich erblickte ihn und noch we⸗ nige von den Unſrigen dicht von Feinden um⸗ ringt, die ſich mit ihren eignen Saͤbeln uͤber ihren Koͤpfen verwirrten. Wie ein Raſender, faſt keines Sinnes maͤchtig, drang ich ein. Gott weiß, welche unwiderſtehliche Kraft mich beſeelte, und welches gluͤckliche Ohngefaͤhr mir unverſehrt eine Bahn durchs Getuͤmmel brechen half. Ich hatte mich durchgefochten bis nahe zu meinem Onkel, und mehrere meiner Kame⸗ raden waren mir muthig nachgedrungen. Ein hohlgeſchliffener fuͤrchterlicher Saͤbel ſchwang ſich uͤber ſeinem Haupte, der, waͤre er herab⸗ geſunken, es ihm bis aufs Kinn geſpaltet haͤtte. Er ſelbſt ſah uͤber ſich, wollte auspariren, konnte aber wegen dem Gedraͤnge nicht; ſchon war der Hieb im Herabfallen, als ich dem Arm, der ihn fuͤhrte, ſo kraͤftig mit meinem Saͤbel von unten herauf entgegen kam, daß der Beſitzer deſſelben wohl ſchwerlich einen Stroh⸗ hali damit wird wieder ſchwingen koͤnnen. Mein Onkle ſah mich an, und faßte mich ſcharf in'’s Auge. Haltet euch brav, Ihr Kinder, rief er, wir muͤſſen noch ſiegen! Und es geſchah auch! Kaum noch eine Viertelſtunde dauerte das Gefecht, und der Kampfplatz war unſer. —y— Als wir in's Hauptquartier zuruͤckkamen, muß⸗ ten ſich die Schwadronen ſtellen. Wie mancher vermißte da ſeinen Nachbar oder ſeinen Freund! und keiner war, der nicht eine Wunde aufzu⸗ weiſen hatte. Der Oberſtlieutnant ritt an der Fronte hinunter, lobte uns unſrer Tapferkeit wegen, und verſprach es dem kommandirenden General zu ruͤhmen Ich mußte aus dem Gliede reiten. Komm Er einmal, wenn er abgeſattelt hat, zu mir, ſagte er. 1 Mir klopfte das Herz vor Erwartung der Dinge. War Et's nicht, redete er mich an, als ich zu ihm ins Zelt trat, der mit dem Saͤbel den Hieb auffing, der mir ſonſt gewiß den Kopf geſpaltet haͤtte? Ja, Herr Oberſtlieutnant, ich war ſo gläck⸗ lich, der Naͤchſte bei Ihnen zu ſeyn, um meine Schuldigkeit thun zu koͤnnen. Wie heißt Er? Blauberg. Blauberg? Hm! Woher gebuͤrtig? Aus Hrir in S'ert. Was Schwernoth! und ſein Vnter iſt... 2 Jetzt todt, er war Lehama Kammer⸗ rath. Kerl? Du lugſt, oder du 3 ein Ba⸗ ſtard. Das letztere weiß ich nicht, daß mſch aber die Frau meines Vaters; geboren hat, iſt gewiß. Du gefaͤllſt mir. Deine Antworten und Deine heutige That ſind mehr werth, als Deine ganze Familie; ich habe das Pack mein Lebe⸗ lang nicht leiden koͤnnen: Aber Du ſcheinſt mir ſchon werth, daß ich Dich fuͤr meinen Vetter erkenne. Halte Dich ferner brav, Du ſollſt Dein Gluͤck machen. Er ritt zum Chef, erzaͤhlte ihm, wie ich mich gehalten habe, daß ich ſein Vetter ſey, und dieſer ernannte mich ſogleich zum Kornet. Es fielen noch verſchiedene Scharmuͤtzel vor, die ich aber, theils, weil ſie zu viel Eigenlob verrathen waͤrden, theils weil ſie nicht zum Zweck der Er⸗ zaͤhlung gehoͤren, mit Stillſchweigen uͤbergehe. Da unſer Regiment oͤfters gebraucht wurde, blieben viele im Gefechte, noch mehr wurden durch Krankheiten, die das Klima verur⸗ ſachte, hinweggeraft, und ich war binnen — „— 29— einem Jahre bis zum Premierlieutenant avancirt. Ich wußte mich treflich in die Launen mei⸗ nes Onkels zu finden, und ich hatte mich ſo in ſeine Gunſt feſtgeſetzt, daß er mich wie ſeinen Sohn behandelte. Er verſprach mir ſogar, da er weder Weib noch Kind hatte, mich nach ge⸗ endigtem Feldzuge zum Erben ſeines Vermoͤgens einzuſetzen. Bald waͤre mir aber dieſe Freude verſalzen worden. Ich war mit vor Belgead, als es be⸗ lagert wurde. Die Feinde thaten oͤfters Aus⸗ faͤlle, ich war einſt unter denen, die ſie zuruͤck⸗ ſchlugen, und wagte mich mit noch einigen, mehr aus Tollkuͤhnheit als Tapferkeit, zu weit von den Meinigen in's ſeindliche Getuͤmmel, und wurde gefangen.. Der Begriff, den man ſich von der Grau⸗ ſamkeit der Tuͤrken gegen ihre Gefangenen macht, iſt nicht zu ſchrecklich. Man wollte die Rache, die man gegen die Belagerer nicht ausuͤben konnte, doppelt ſtark uns empfinden laſſen. Viele wurden auf die jaͤmmerlichſte Art hin⸗ gerichtet, und auch ich haͤtte vielleicht kein beſſer Loos gehabt, wenn meine Wodina nicht, die ich jetzt in meinem Arme halte, und rettet haͤtte. 2 e Vierzigſtes Kapitel. Da war's Lachen zu verbeißen. Jo fand noch mehr Geſangene von unſrer Ar⸗ mee in der Feſtung; wir wurden eines Mor⸗ gens, alle in eine Reihe geſchloſſen, auf einen großen Platz gefuͤhrt, wo uns der Paſcha, der das Kommando hatte, mit einem verſchleierten Frauenzimmer an der Hand beſah. Nachdem ſie einige Mal auf⸗ und niedergegangen waren, blieben ſie bei mir ſtehen. Das Frauenzimmer ſagte etwas zu ihm, und ein Dollmetſcher fragte mich nach Stand, Namen und Vater⸗ land. Sie ſprachen mit einander, und da ich waͤhrend meinem Aufenthalt in den dortigen Gegenden die Landesſprache etwas gelernt hatte, konnte ich ſo viel verſtehen, daß ſie fuͤr mich bat. Er ertheilte Befehle, wir wurden doppelt warm aus Dank noch an meine Bruſt druͤcke,— wenn meine Wodina mich nicht ge⸗ abgefuͤhrt, und ich ganz allein in ein anderes beſſeres Gefaͤngniß. Mein Waͤchter war kein Tuͤrke von Geburt, und etwas menſchlicher. Ich fragte ihn, wer das Frauenzimmer waͤre, der ich die Verbeſſerung meines Zuſtandes zu danken habe, und er erzaͤhlte mir, daß es eine junge Georgierin ſey, die dem Paſcha vor kur⸗ zen von einem Seeraͤuber in ſein Serail waͤre geſchenkt worden, und ſich bis jetzt noch gewei⸗ gert haͤtte, ſeine wuͤrkliche Beiſchlaͤferin zu wer⸗ den; da er ſie aber ſehr heftig liebe, wollte er ſie nicht mit Gewalt zwingen, ſondern uͤber⸗ haͤufe ſie mit Geſchenken und gewaͤhre ihr jede Bitte, und jeden Wunſch, den ſie aͤußere. Ei⸗ nige Stunden darauf wurde ich geſchloſſen vor den Paſcha gefuͤhrt; neben ihm ſaß die Ge⸗ orgierin, die er ſeine Gemahlin nannte. Du haſt Dein Leben meiner Gemahlin zu danken, redete er mich an, ſie hat ſich Dich zur Bedie⸗ nung ausgebeten, jeder ihrer Winke ſey Dir Befehl, und das kleinſte Verſehen koſtet Dir den Kopf. Man fuͤhrte mich in ein Gemach, wo ich in den Stand geſetzt werden ſollte, nach den Geſetzen ein Diener im Serail werden zu koͤnnen. Lieber haͤtte ich mein Leben verlieren wollen, als dieſe Operation mit mir vornehmen laſſen. Aengſtlich erwartete ich die Verſtuͤmm⸗ ler, als meine Befreierin ſelbſt hereintrat. Sie winkte mit der Hand und mein Waͤchter ent⸗ fernten ſich. Sie ſchlug den Schleierzzuruͤck, und ich ſah— entſcheidet ſelbſt, Freunde, ob es zu viel iſt, wenn ich ſage— ich ſah einen Engel. Ich habe Dich gerettet, Deutſcher, ſagte ſie, weil Deine Jugend mein Mitleid erregte, weil Du(hier ſchlug ſie die Augen nieder) mir nicht mißfielſt, der Preis, um den ich Dich erhielt, wird mir theuer werden; aber ich wage nach der Strenge dieſes Landes noch mehr, ich komme ſelbſt zu Dir. Iſt Dir's lieb, daß ich Dich zu meinem Diener erwaͤhlt habe?. 5 ich vergaß, antwortete ich, uͤber dieſen Befehl meine Gefangenſchaft; aber, ſchoͤne Ret⸗ terin, verzeih,— daß ich's ſage,— ich wollte lieber durch Deine Hand ſterben, als, meiner Mannheit beraubt, Dir dienen. Auch hier weiß ich vielleicht Rath.(Sie rufte meinen Waͤchter.) Dieſer Diamant, ſagte ſie zu ihm, der zehnmal mehr werth iſt, als Du, und wenn Du hundert Jahre lebteſt, verdienen kannſt, iſt Dein, wenn Du ein Mittel findeſt, wie ſtatt diefen ein andrer Sklave verſchnitten —-;— wird, und doch Jedermann glaubt, dieſer ſei verſchnitten. Eine glaͤnzende Lockſpeiſe fuͤr einen armen Sklavenwaͤchter, die mich, wenn es verrathen wird, um den Kopf bringt; antwortete er: doch ich wage es, er glaͤnzt zu ſchoͤn! Nur die Gardinen etwas tiefer vor die Fenſter, daß mehr Daͤmmerung im Zimmer herrſcht; ehe fuͤnf Minuten vergehen, inge ich meinen Mann.* Mir wurden die Ketten abgenommen, und ich wurde hinter eine Tapete verborgen. Mein Stellvertreter erſchien, wurde mit meinen Ket⸗ ten gefeſſelt, und ſtand geduldig die Operation aus. Vermuthlich war's ein Sklave, der durch dieſen Verluſt ſein Leben oder Freiheit erkaufte. Ich wurde hierauf dem Oberſten der Verſchnit⸗ tenen vorgeſtellt, wurde in's Serail gebracht, und meiner Wodina als Sklave uͤbergeben. Der Paſcha kam oft zu ihr und drang auf die Ertheilung des Preiſes, unter welchem er ihr mein Leben zugeſtanden hatte. Sie wußte im⸗ mer auf eine Art Aufſchub von ihm zu erlangen, daß ſein Zorn nicht gereizt, aber ſeine Begierde deſto mehr angefacht wurde. Ich wurde taͤg⸗ lich mehr mit der tuͤrkiſchen Sprache bekannt, 3 und konnte, wenn wir allein waren, mit ihr ſprechen. Die Standhaftigkeit, mit der ſie ſich gegen die Wolluſt des Paſchas vertheidigte, floͤßte mir Achtung und das ſanfte theilnehmende Herz, das ſie bei den Grauſamkeiten, die ver⸗ uͤbt wurden, zeigte, Liebe ein. Der Wunſch⸗ ſie aus dem Serail zu befreien, und aus der Feſtung mit ihr zu fliehen, entſtand in mir; aber er grenzte ſo ſehr an Unmoͤglichkeit, daß er mir zur Traurigkeit hinriß; doch wie ſchnell verſchwand dieſe, als ſie ſelbſt durch ein Geſpraͤch den Wunſch wieder in mir auf⸗ lebte. Bei Euch in Deutſchland, ſagte ſie, mag's wohl beſſer ſeyn? Da lebt unſer Geſchlecht gewiß freier, wird nicht ſo tiranniſirt? Ich ſchilderte ihr den Zuſtand, in welchem bei uns die Weiber leben, ſo gluͤcklich; mahlte ihr unſere Ehen ſo reizend, daß ſie ſchwermuͤ⸗ thig ihren Kopf auf den Arm ſtuͤtzte, und o Ihr Gluͤcklichen! ausrief; Ihr ſeid frei, koͤnnt heiß und ungetheilt den Mann lieben, der Euch gefaͤllt, und wir, die wir eben ſo ein Herz voll Liebe und Gefuͤhl haben, ſind Sklavinnen der Maͤnner, muͤſſen uns den Begierden deſſen, den wir haſſen und verabſcheuen, hingeben, — 35— oder ſeinen Zorn fuͤrchten! und auch Du mußt jenes Gluͤck, ein gutes zaͤrtliches Weib zu ha⸗ ben, entbehren! Armer Deutſcher! ich wollte ich koͤnnte Dich Deiner Nation wieder geben, daß Du Dir ein ſchoͤnes braves Weib waͤhlen, und ihr im Vollgenuß der Liebe ſagen koͤnnteſt: einer Sklavin, aber einem guten gefuͤhlvollen Maͤdchen hab ich's zu danken, daß ich mich jetzt an Deinen Buſen ſchmiegen kann. Ich haͤtte vor ſchwellendem innerlichen Ge⸗ fuͤhl zu ihren Fuͤßen ſinken möͤgen. Möoͤchteſt Du alſo wohl das Weib eines deutſchen Juͤnglings werden? fragte ich. O ich wollte ihn eben ſo warm und gluͤhend wie ein deutſches Maͤdchen lieben; ich wollte mich ihm ganz, ganz hingeben; mein Herz uͤberſtroͤmend von Zaͤrtlichkeit, ſollte nur fuͤr ihn ſchlagen; ſeine Tage ſollten ihm an meiner Seite Sekunden duͤnken, und auch beim Kuß und der Umarmung ſollte ihm zwiſchen Gluth und Feuer einer Georgierin, und einer Deutſchen die Ver⸗ gleichung ſchwer werden. Laͤnger konnte ich mich nicht halten; ich beugte mich, und umſaßte ihre Knie. Wodina, rief ich, meine Retterin, jetzt mei⸗ ne Gebieterin, Du wollteſt, wenn mir's gelaͤnge mit mir fliehen, mein Weib werden? Ja, Deutſcher, im Augenblick wollte ich Dir folgen! wie dieſe Perlenſchnur um mei— nen Leib ſich windet, wollte ich meine Arme um Dich ſchlingen und uͤber Meere und Fel⸗ ſen mit Dir eilen! aber vergebens iſt dieſe Hoff⸗ nung. Vielleicht weniger entfernt, als du glaubſt. Sind nicht meine Landsleute vor der Feſtung? Iſt's nicht die groͤßte Wahrſcheinlichkeit, daß ſie in ihre Haͤnde kommt? Jede Stunde muͤſſen wir uns gefaßt halten. Aber ſollte es uns gluͤk⸗ ken, ſo mußt Du unſre Sprache lernen, und unſre Religion annehmen. Dieſe erſtere ſollteſt Du mich lehren, daß ich ſie ſchneller faßte, und zu jeder Religion, die mir nicht verboͤte, Tugend und ein hoͤheres Weſen zu ehren, und Dich zu lieben, wollte ich mich bekennen. Trefliche Seele! rief ich: Wie wird man. mich in meinem Vaterlande beneiden! wie weit G wird manches deutſche Weib Dir nachſtehen! V Sie hatte ſich ausgebeten, daß ich, da ihr meine Huſarenuniſorm geſiel, ſie hatte bei⸗ h. — — behalten duͤrfen, und da ich ſie bei den letzten Worten umarmen wollte, blieb ich in der Per⸗ lenſchnur, die von großem Werthe war, und die ihr der Paſcha zum Guͤrtel geſchenkt hatte, mit einem Heftel haͤngen; ſie zerriß, eine Menge Perlen rollten auf den Boden umher, und zugleich trat der Paſcha ſelbſt in's Gemach. Verwegener! rief er, was wagſt Du? Seine Augen blitzten zornig auf mich.— Du haͤltſt den Sklaven eines Vergehens ſchuldig, ſagte Wodina unerſchrocken; allein Dein Ver⸗ dacht trift ihn ſchuldlos. Waͤr' er nicht gewe⸗ ſen, ich ſtaͤnd' vielleicht jetzt nicht ſo unverſehrt vor Dir. Mein Papagei flatterte, ich trat auf den Seſſel, wollte in den Kaͤfig ſehen, verlor das Gleichgewicht, und waͤre gewiß herabgeſtuͤrzt wenn er mich nicht mit ſeinen Armen aufgefan⸗ gen haͤtte; zufaͤlliger Weiſe zerriß die Schnur, die mir ſo werth war, weil ich aus Deinen Haͤnden ſie erhalten hatte. Seine Miene wurde heiterer. Zur Beloh⸗ nung Deiner Aufmerkſamkeit, ſagte er zu mir, nimm dieſe Schnur und die herabgefallenen Perlen. Dir, Wodina, bring ich noch heute einen koſtbarern Guͤrtel.— Jetzt, entferne Dich, Sklave. Ich begab mich in's Vorgemach, wo ich aber ihrem Geſpraͤche manches ablauſchen konnte. Soll ich noch laͤnger von meiner Wodina, das durch Bitten zu erhalten ſachen, was ich mir durch Gewalt verſchaffen koͤnnte? ſagte er. Wie lange habe ich jedem Genuß ſelbſt bei der Schoͤnſten nach Dir in meinem Serail entſagt, um die Fuͤlle meiner Kraft, meine volle Zaͤrt⸗ lichkeit bei der erſten Umarmung Dir zu zei⸗ gen. Ich duͤrfte winken, und Du muͤßteſt ge⸗ horchen, allein ich will ein freiwilliges Opfer. Verweigre mir’s nicht laͤnger! Wie jede Ade, jede Nerve Dir entgegen gluͤht! wie mein Blut braußt! wie ſich’s nach Kuͤhlung ſehnt!. Dies war gewiß der letzte bittende Verſuch, den er machte; denn das Feuer, mit dem er ſprach, zeugte von der hoͤchſten Spannung ſei⸗ ner Begierden. Ich zitterte vor Wodinas Ent⸗ ſchluß. Weigerung ſchien eben ſo gefaͤhrlich, als Gewaͤhrung fuͤr mich ſchrecklich geweſen waͤre; doch buͤrgte mir fuͤr dieſe ihre Stand⸗ haftigkeit. Mein Ohr war begierig auf ihre Antwort; aber ploͤtzlich ertoͤnten frendigere Worte in daſſelbe. Sturm! ſchallte es. Sturm! die Feinde ſtuͤrmen die Feſtung! Ein Offioier ſtuͤrtzte her⸗ ein. Iſt der Paſcha hier? fragte er athemlos. Er riß die Thuͤren auf, und kuͤndigte ihm die Naͤhe der Gefahr an. Der Paſcha eilte mit ihm fort. Ein und vierzigſtes Kapitel. Alle Hagel!— Braver Oberſter, Dich hätte ich mögen zum Vater haben. Horch! Wodina, rief ich ihr entgegen, Kano⸗ nen und Moͤrſer donnerten uns die Stunde der Erloͤſung. Es war ein fuͤrchterliches Getuͤm⸗ mel in der Stadt; alles lief im Pallaſte wider einander, und ein dumpfes Gemurmel ver⸗ breitete ſich, die Feſtung werde bald uͤbergeben werden. Dieſen Zeitpunkt benutzte ich; ich eilte mit ihr hinunter in den Garten, und wir verbar⸗ gen uns beide in ein Badehaus. Jetzt mußte unſer Schickſal entſchieden werden. Entweder — 40— die Stadt hielt ſich, wir wurden entdeckt, und waren verloren; oder die Feſtung kam in die Haͤnde der Feinde, und wir waren gerettet.„ Aber dieſe peinliche Ungewißheit, dieß Schwe⸗ ben zwiſchen Furcht und Hoffnung war ſchreck⸗ D lich, und lange mußten wir in dieſem Zuſtande bleiben. Das Gebruͤlle des Geſchuͤtzes dauerte fort; endlich wurde es ſtill, das Geſchrei des Poͤbels hoͤrte auf, und ich wagte es, hervorzugehn. Ich ſtieg auf eine Mauer, wo ich die Straße uͤberſehen konnte, und ich ſah die Unſrigen dar⸗ auf wimmeln. Selbſt Kameraden von meinem 4 Regiment ſprengten einher, ſie erblickten, er⸗ kannten mich, und wollten kaum glauben, daß ich's wuͤrklich ſei. Ich erkundigte mich nach dem Quartier meines Onkels, kehrte zu Wodinen zuruͤck, und fuͤhrte ſie zu ihm. Wie freute ſich der graue Krieger, als er mich, den er laͤngſt unter den Todten geglaubt, in dem er die Stuͤtze ſeines Alters gehoft hatte, wieder ſah! Er war Oberſter geworden; aber ſo ſtark bleſſirt, daß er außer Stand war laͤnger Dienſte zu thun: Er wollte auf ſeine Guͤter, um ſich beſſer kuri⸗ ren laſſen zu koͤnnen. Ich erzaͤhlte ihm die Art der Bekanntſchaft und Verbindung mit meiner ————— —— . „ —— „ —— — 41— Retterin, und bat um ſeine Einwilligung. Narrenspoſſen! ſagte er; aus Aethiopien oder aus Deutſchland; wenn's nur ein gutes Maͤd⸗ chen iſt, mit der Du gluͤcklich zu leben denkſt. Und wenn ſie keinen rothen Heller hat, ich hab des Plunders genug, und wenn ich ſterbe, iſt ja alles Dein. Wenn ſie nur Deutſch ver⸗ ſtuͤnde, daß ich mit ihr plappern koͤnnte. Ich ſagte ihr auf Tuͤrkiſch, daß dies mein zweiter Vater waͤre, dem ich mein ganzes Gluͤck zu danken habe. Sie umarmte ihn mit einer Em⸗ pfindung, die ganz das ausdruͤckte, was ſie nicht zu ſagen vermochte. Alle Hagel! rief er, das Maͤdel erdruͤckt mich beinahe, ſie hat mich um zwanzig Jahr juͤnger gekuͤßt. Wenn mir der Himmel's Leben nur noch ein paar Jahr friſtete, das ich die Art ſaͤhe, die's von Euch beiden gaͤbe! Weiſt Du was, Vetter, ich nehm ſie mit, und will ſie Dir wie meinen Augapfel halten; ſie mag mich unterdeſſen pflegen und und warten, bis Du ſelbſt aus dem Felde kommſt. Sie ging alſo mit ihm nach Deutſchland, und ich folgte bald nach. Ehe die Armee zu⸗ ruͤckmarſchirte, wurde ich noch Rittmeiſter. Ich koͤnnte dem Herrn Ehekandidaten hier auch — 42— ſten Wartung, geſtorben waͤre, und wir wegen der Trauerceremonie noch einige Zeit anſtehen mußten, die goldne Ermahnung, die einſt an Adam und Eva geſchah, in Erfuͤllung zu bringen. 4 Dieſes Gut gehoͤrt unter die Hinterlaſſen⸗ ſchaft meines Onkeis, noch ſchaäͤtzbarer iſt mir aber die auf mich uͤbertragene Freundſchaft des Herrn Grafen, der der Buſenfreund des Verſtorbenen war. Da ich vor acht Tagen ſchon meine Hochzeit feiern wollte, hatte ich ihn dazu gebeten. Er erzaͤhlte mir die Geſchichte und Gefangenſchaft ſeines Anditeurs, und ich er⸗ fuhr, daß Du es warſt. Ich wollte meiner Wodina die Freude mittheilen, daß ich den Freund, von dem ich ihr ſo oft geſagt, wieder gefunden habe. Ich ſuchte ſie lange vergebens, und fand ſie endlich in einem Waͤldchen, wohin ihr Lieb⸗ lingsſpaziergang iſt. Sie war mit einem ohn⸗ maͤchtigen Frauenzimmer beſchaͤftigt; es war Deine Julie, die den Aufruhr im Kloſter be⸗ untzt hatte, gluͤcklich entkommen war, ihren Weg zufaͤlliger Weiſe nach dieſem Dorfe ge⸗ 4 ſchon eine Skizze von meiner Brautnacht geben; wenn nicht mein Onkel trotz unſerer ſorgfaͤltig⸗ nommen hatte, und aus innerer und aͤußerer Ermattung beim Waͤldchen niedergeſunken war. Was ſie uns, nachdem ſie ſich erholt hatte, ent⸗ deckte, und weswegen wir unſere Hochzeit auf⸗ ſchoben, kannſt Du Dir nun denken. Der Herr Graf litt ſogleich fort, bewuͤrckte mit Verpfaͤndung ſeines Ehrenworts auf acht Tage Deine Echſung. und Wodina wollte ſich das Vergnuͤgen nicht nehmen laſſen, Dir mit eignen Haͤnden die Feſſeln abzunehmen, und Dich uns zu uͤberliefern. bhin endigte Blauberg, und auch ich koͤnnte hiermit ein Kapitel ſchließen. Ich wuͤrde noch dandt nicht die Mode nachahmen, und mich ſo geuͤbt im Kalkuliren zeigen, wie man⸗ che Schriftſteller, die in Kapiteln ſchreiben, und auf mancher Seite zwei endigen, und noch uͤberdies das dritte anfangen. Man rechne nur; wenn der Raum zur Ueberſchrift, und die weißen Felder dazwiſchen, die Splendoris causa nicht fuͤglich wegbleiben koͤnnen, ſechs Zeilen ausmachen; was bei einem Werke von drei maͤßigen Baͤnden fuͤr ein huͤbſcher Profit herauskommt. Der Herr Verfaſſer kann ſi ſich ja dafuͤr alle Morgen ſeine Phantaſie durch ein paar Glaͤs⸗ — 44— chen Aquavit erwaͤrmen; und wenn das Hono⸗ rarium gut iſt, wirft's wohl noch eine geſchmierte Semmel ab. Doch nach dieſem Zuſatze glaube ich mit gutem Gewiſſen, ohne mich gegen mei⸗ nen Herrn Verleger einer gelehrten fraudis ſchuldig zu machen, das jetzige Kapitel endigen zu koͤnnen; und alſo zum Zwei und vierzigſten Kapitel. Bei deſſen Ende ich aber, ſo wahr ich lebe, lieber Thor⸗ ſchreiber, als eudwig Daniel Hering ſeyn möchte. —— Am folgenden Morgen wurde Blauberg ge⸗ traut. Wir wollen dieſen Tag unter uns feiern! ſagte er, ich denke, es ſoll uns nicht an Stoff zur Freude mangeln;— Und wahrlich keiner noch hat mir ſo reines inniges Vergnuͤgen ge⸗ waͤhrt. Fuͤr ſolche die zden Damm nicht zu fruͤh durchbrachen, und der Hochzeit das Praͤvenire geſpielt haben, muß der erſte Tag nach derſel⸗ ben der gluͤcklichſte und ſchoͤnſte des Lebens 1 ſeyn. Man hat auf beiden Seiten, ſo ſuͤße angenehme Erfahrungen gemacht, und eins ſieht in dem andern den Stifter des genoßnen Vergnuͤgens. Stummes Sehnen nach Wie⸗ derholung zeigt ſich in dem Betragen, durch welches man ſich in den kleinſten Gefaͤlligkeiten zuvorzukommen ſucht; beide Seelen ſind von der tiefſten Baß⸗ bis zur hoͤchſten Discantſaite gleichgeſtimmt, ſie ſcheinen Wuͤnſche und Ge⸗ danken zu errathen. Man iſt unerſaͤttlich und unerſchoͤpflich in Liebkoſungen, vergißt die Un⸗ terhaltung ſeiner Freunde und Betreibung ſeiner Geſchaͤfte daruͤber. Man iſt ſo weich, ſo ein— pfaͤnglich fuͤr jeden Eindruck, ſo leicht vom Mit⸗ leid, Wohlthaͤtigkeit, und jeder ſanften Leiden⸗ ſchaft hinzureißen. In jeder Handlung, in jedem Worte, zeigt man das ungewohnte goͤtt⸗ liche Gefuͤhl, welches das Herz bis zum Ueber⸗ fließen erfuͤllt; und doch ſcheint man auf ſich zu zuͤrnen, daß man es nicht noch deutlicher und lebhafter zeigen koͤnne. Weſen moͤchte in We⸗ ſen uͤberſtroͤmen, Buſen an Buſen ſich zer⸗ druͤcken, und Lippe an Lippe vergluͤhn. Der Mann fuͤhlt ſich ſtolz und ſtark an der Seite des jungen Weibes, und ſie ſich ſicher und ſee⸗ lig an der ſeinigen:— O, wie lange muͤßte ich ſchildern, wenn meine Phantaſie das Ge⸗ * maͤhlde vollenden ſollte, wozu ihr Blaubergs und Wodinas Beiſpiel die Farben lieh!— Und mich ſelbſt ſollte Julie nun bald von der Wuͤrklichkeit dieſer Betrachtungen uͤberzeugen? Wie ſtolz entſpringt dieſer Gedanke! wie ſchoͤn wird er ſich in Handlung aufloͤſen!— Es wurde beſchloſſen, daß ſie vor jetzt auf Blaubergs Gute bleiben ſollte, bis mein Pro⸗ ceß geendigt ſeyn, und mich nichts in ihrem Be⸗ ſitze ſtoͤren wuͤrde. Die Zeit bis zu dem Tage, wo ich mit dem Graf Haller abreiſen mußte, verging ſchnell. Am Abend vorher wandelte ich noch Arm in Arm mit Julien auf das Waͤld⸗ chen zu, wo die Rittmeiſterin ſie gefunden hatte; der Fußſteig ſchlaͤngelte ſich am Ufer ei⸗ nes kleinen Fluſſes hin; wir beſprachen uns von der Zukunft, und waren, wie mein Freund Crrr in Peur wenn er unter ſeinem großen Birnbaume ſitzt, in unſerm Gott vergnuͤgt. Der nahe Abſchied wollte uns zwar traurig ſtimmen, aber die Hoffnung des baldigen und unzertrennlichen Weiderſehns, gab den Stimm⸗ hammer nicht her. Schon waren wir dem Waͤldchen nahe, es daͤmmerte, und wir woll⸗ ten umkehren: da ſprach uns ein Bettler in armſeliger geflickter Kleidung, und auf zwei — —— — 2, Kruͤcken geſtuͤtzt, um eine Gabe an. Ich ließ Juliens Arm los, langte den Geldbeutel her⸗ aus, und wollte ihm ſchon ein Viergroſchen⸗ ſtuͤck geben, als er die Kruͤcken wegwarf, und ſo heftig wider mich rannte, daß ich ruͤckwaͤrts in den Fluß ſtuͤrzte. Er umfaßte Julien und lief mit ihr ſo geſchwind er konnte aufs Gebuͤſch zu. Zwei Reuter mit einem ledigen Pferde ka⸗ men ihm entgegen, er hob ſie einem hinauf, ſchwang ſich aufs letztere, und ſie ſprengten davon. Dies alles ſah ich im Schreck und in der Betaͤubung uur fluͤchtig, auch ihre Stim⸗ me hoͤrte ich. Das Waſſer war tiefer als ich, ich ſank unter, kam wieder empor, ergriff einen Buſch, der Zweig riß, ich ſank nieder, und ſo marterte ich mich lange, bis ich endlich eine ſtarke Wurzel faßte, und mich herausarbeitete. So ſchnell es meine erſchoͤpften Kraͤfte erlaub⸗ ten, eilte ich zu meinen Freunden, und erzaͤhl⸗ te, was mir begegnet war. Alle Pferde wur⸗ den ſogleich geſattelt. Der Graf ſelbſt, Blau, berg, ich und alle Bedienten jagten nach. Wir theilten uns auf zwei Wege. Ich druͤckte meinen Tartar die Sporen in den Leib, daß das Blut herunterfloß. Daß Sie's nicht ver⸗ geſſen, Herr Auditeur! rief der Graf mir zu; morgen fruͤh Punkt ſechſe muͤſſen wir fort. Ich nickte mit dem Kopfe, und ſetzte uͤber einen Graben, den ich ſonſt haͤtte umreiten muͤſſen. Ich fragte einen Kerl, der am Wege ſtand, ob er drei Reiter mit einem Frauenzimmer geſehen habe. Ja, antwortete er, da zwiſchen den Kornfeldern ritten ſie hin; ſie jagten, als wenn der Teufel ſie verfolge.— Solſſt nicht gelo⸗ gen haben, dachte ich; wenn ich ſie einhole, will ich ſie packen trotz dem Teufel. Mein Tartar ſchnaubte, er triefte vor Schweiße, meine Be⸗ gleiter konnten nicht nachkommen; aber das kuͤmmerte mich wenig. Die Nacht war unter⸗ deſſen voͤllig hereingebrochen, und Mond und Sterne flimmerten am Himmel. Ploͤtzlich ſah ich etwas in einiger Entfernung von mir ſich be⸗ wegen, ich drauf los, und haͤtte mein Pferd keinen Seitenſprung gethan, ſo waͤre ich von ein paar Windmuͤhlenſtuͤgeln in die Luft ge⸗ ſchleudert worden. In jedem Dorſe erkundigte ich mich, aber niemand außer jenem Kerl wollte etwas geſehn haben. Ich ſchlug mich bald rechts, bald links, doch nirgends fand ich die geringſte Spur. Der Morgen graute; ſchrecklicher war mir noch nie die Morgenroͤthe erſchienen. Ich ſollte, ich mußte, wenn ich ſelbſt kein Schurke „ *. 4„ ſeyn, wenn ich den Grafen nicht zum Schurken machen wollte, zu meinem Regimente, war ſo⸗ gleich Arreſtant, um die Strafe fuͤr die Ret⸗ tung eines Mädchens zu erwarten, die mir, eben da ich gefaßt und muthig dem Gefaͤngniſſe wegen ihr entgegeneilen wollte, wieder entriſſen worden war. Liebe und Redlichkeit kaͤmpften; aber nur einen Augenblick ſchwankte ich, denn riß ich raſch mein Pferd herum und Bfos auf Viaubergs Gut zuruͤck. Dreiviertel auf ſechs brummte es, als ich zum Thor hineinſprengte, und nicht zehn Mi⸗ nuten vorher waren auch der Graf und der Ritt⸗ meiſter erſt angekommen. Brav! ſagte jener, nun ſei dem der Himmel gnaͤdig, der mir Ihre Rechtſchaffenheit verdaͤchtig machen will. Sind Sie gluͤcklicher als wir geweſen? Haben Sie eine Spur gefunden?— Keine; ein Kerl wollte ſie geſehen haben, ich verfolgte den Weg den er mir zeigte; aber ich fand nichts, und niemand konnte mir auch weiter Nachricht ge⸗ ben.— Eben ſo ging's auch uns; gewiß iſt's eine Liſt. Sie haben die Kerls, die an den Straßen ſtanden, beſtochen, daß ſie uns irre uͤhren ſollten, und ich denke, ich denke, es iſt 4 f u Srar hen von ihrer Mutter und dem — 50— Möͤnchsgeſchmeiße. Jetzt konnen wir weiter nichts unternehmen, wir muͤſſen fort! es iſt freilich eine Lage, die einem's Blut in den Adern herumpeitſcht; zaber opgttet heißt ein ein Bretnagel. Der Rittmeiſter„giebt uns die Verſicherung, daß er nichts unverſucht laͤßt, etwas zu erfahren, dann giebt er mir ſogleich Nachricht, und ich ſchwoͤr's Ihnen bei meiner Ehre, ich will handali e als wenn tilis, 2osſche⸗ hen waͤre. Das war nun wohl e ein Sttkes das uner⸗ ſchuͤtterlicher, wie ein Fels, ſtand, aber es blieb immer ein Troſt, der meinen Shmeiz wenig linderte. 8 1. Mit welchem Herzen ich afrcsſte kann man ſich leicht denken. Ich erhielt einen Ar⸗ reſt, den ich nicht ertraͤglicher wuͤnſchen konnte, und mein Proreß wurde ſchleunig und mit ſo viel Schonung betrieben, daß das Endurtheil mir ein Jahr Feſtung brachte. Drei Jahr wuͤrden mir Gnade geſchienen haben, wenn ich nur eine einzige beruhigende Nachricht wegen Julien erhalten haͤtte. Ich wurde auf die Fe⸗ ſtung gebracht; der Graf begleitete mich ſelbſt, und empfahl mich dem Gouverneur ſo bringend; daß ich mit der groͤßten Nachſicht behandelt —*— — 51— wurde. Neben mir ſaß ein Schriftſteller; der in ſeinen Schriften zu frei geſprochen haben ſollte. Der Aufſeher uͤber die Gefangenen, der den Titel als Inſpektor hatte, war ein roher wilder Mann von Anſehen; aber deſto menſch⸗ licher und gefaͤlliger in ſeinem Betragen. Er geſtattete oft, daß wir zu einander gehen, und uns unterhalten konnten, und dieſen Geſpraͤchen hatte ich die frohen Stunden zu danken, die meine Schwermuth verſcheuchten. Drei und vierzigſtes Kapitel. Für Schriftſteller und ſolche, die es werden wollen. Weſicher Gegenſtand war es, fragte ich ihn, uͤber den Sie in ihren Schriften zu frei geſpro⸗ chen haben? Betraf es den Landesherrn, die Re⸗ gierung, die Religion? G Er. Nichts weniger; das Beiſpiel von Maͤnnern, die durch die klaͤrſten Wahrheiten ſich in's tiefſte Elend geſchrieben hatten, warnte mich fuͤr dieſe Materien. — 52— Ich. Oder hatten Sie Derſonrucd von Nan⸗ ge angegriffen? 3 Er. Auch nicht; Ctewerden uchen, wenn ich's Ihnen ſage. Ich. Das muͤßte wahrhaftig ſehr komiſch ſeyn, wenn es mich jetzt zum Lachen bewegen ſollte. Laſſen Sie doch hoͤren! Er. Ich ſchrieb ein Werkchen voll lanni⸗ ger Einfaͤlle. Unter andern warf ich die Frage auf: Ob die Friſeurs nicht das entbehrlichſte Handwerk im Staate ausmachten? Ich ant⸗ wortete mir ſelbſt mit Ja; doch meinte ich, daß eine Regierung, die keine ſchickliche Gelegenheit mehr wiſſe, den Unterthanen Abgaben aufzu⸗ legen, hieraus Nutzen ziehen koͤnne. Sie duͤrſe nur den Befehl ergehen laſſen, daß fuͤr jedes Pfund Puder, das verbraucht wuͤrde, etwas Beſtimmtes erlegt werde, und jeder Kopf, der ſich friſiren laſſen wollte, nach der Hoͤhe und Groͤße der Figur eine verhaͤltnißmaͤßige Abgabe entrichten muͤſſe. Haͤtte ich gewußt, daß die Maitreſſe des**rXe die Tochter eines Pe⸗ ruͤckenmachers waͤre, ſo wuͤrde ich mich gehuͤtet haben, den Einfall zum Vorſchein zu bringen; allein dieſe Unwiſſenheit zog mir gegenwaͤrtige Strafe zu. Puderfabrikanten und Peruͤcken⸗ macher wurden ſtutzig, das Handwerk ſieckte ſich hinter den Vater der Maitreſſe, dieſe hatte ver⸗ moͤge des phyſiſchen Einfluſſes auf ſich wieder Einfluß auf hohe Perſonen, ich wurde fuͤr einen Aufwiegler erklaͤrt, der Unruhe und Verwir⸗ rungen ſtiften, Nahrungszweige hemmen, und mit der Regierung ſpotten wollte. Ich verthei⸗ digte mich; aber dadurch ſtoͤrte ich erſt in's We⸗ ſpenneſt, und mir wurde nolens volens, und noch beſonders aus hoher Gnade, zwei Jahr Feſtung zuerkannt. Ich. Wirklich ſeht ſonderbar! ich weiß nicht, ob ich zuerſt lachen, oder Mitleid mit Ih⸗ ren Richtern haben ſoll? Aber mir ſcheint's, als wenn Sie etwas Meues unter der Feder haͤtten. Er. Richtig; ich ſchreibe ein Werkehen, worinne ich theils behaupte, daß die Peruͤk⸗ kenmacher ein ſehr unentbehrliches Handweek ſind, theils eine neue Erfindung bekannt mache. Ich. Beides erregt meine Neugierde. Die Erfindung waͤre. Er. Ich ſage, daß ſich im Gehirne ge⸗ wiſſe Waſſerblaͤschen befinden, die die geſunde Vernunft und richtige Beurtheilungskraft ſchwaͤchen, und die ſogenannte Stupiditaͤt ver⸗ urſachen, wofuͤr ich aber ein Mittel wiſſe; indem ich einen Puder erfunden habe, der die Blaͤschen aufloͤſe, und die ſchaͤdlichen Feuchtigkeiten aus⸗ trokne, und an ſich ziehe. Ich.(Laͤchelnd.) Die Erfindung gefaͤllt mir. Ich gebe Ihnen tauſend Thaler, wenn Siie den Gewinnſt des erſten Jahres mit mir theilen. Er. Da wuͤrde ich gut zurechte kommen! das iſt kaum der vierte Theil von dem, was ich mir verſpreche. Ganze Departements, ganze Dibͤceſen ſollen zu mir ſchicken. Ich gebe das Pfund nicht anders als acht Groſchen, und füge ein Avertiſſement bei, worinne ich behaup⸗ te, daß der Puder wenigſtens ein Jahr ge⸗ braucht werden muͤſſe, wenn man die wohlthaͤti⸗ gen Folgen ſpuͤren wolle. Hier behaupte ich auch zugleich meinen erſten Satz. Ich ſage: ab⸗ gerechnet, daß ohne Peruckenmacher manche geiſtliche und weltliche Herrn, und manche Rathsverſammlung durch den Mangel an Stutz⸗ und Beutelperuͤcken ihre Ehrwuͤrdigkeit und Anſehn verlieren wuͤrden, ſo waͤren ſie deswe⸗ gen noͤthig, weil der Puder ſehr kuͤnſtlich auf dem Kopf zertheilt werden muͤſſe, und dieſe es am beſten verſtehen wuͤrden. Dadurch 3 8 —-⸗⸗ꝛxL⸗⸗⸗L⸗⸗—-—- werde ich dies Handwerk in Aufnahme brin⸗ gen, daß ſie mir viegeicht 35 eine Praͤmie er⸗ theilen. 1 „Ich. Sie haben viel Anlage zu Speku⸗ lationen. Wenn nun aber nach Verfluß eines Jahres die Wuͤrkung des Puders wezgbliebe, und man ſie angriffe, und fuͤr einen Betruͤger erklaͤrte? Er. O dafuͤr iſt mir nicht bange! dann wuͤrden die Herren ihre Dummheit erſt recht verrathen, wenn ſie oͤffentlich auftreten und bekannt machen wollten, daß ſie bei mir Pu⸗ der gekauft haͤtten, der ihre Stupiditaͤt vertrei⸗ ben, und ihnen geſunden Verſtand einfloͤßen ſollte. Ich Man wird ſich auf andre Art an Ih⸗ nen zu raͤchen ſuchen. Er. Dieſer Fall koͤnnte eintreten. Aber ha! ha! ha! der Vogel wird nicht warten, bis man ihm die Leimruthe ſteckt. Ich hoffe mir unterdeſſen ein Kapitaͤlchen zuſammengeſchmiſſen zu haben, daß ich in jedem andern Lande mit meiner Schriftſtellerei ſorgenfreier und ruhiger werde leben koͤnnen. Ich. Ich gratulire zu dem Projekt, ver⸗ ſichre Sie aber, daß Sie von mir nichts loͤſen — 56— werden.— Doch da Sie Schuiftſteller ſind, und in dieſem Fache Kenntniſſe haben, können Sie mir uͤber manches Aufſchluß geben, und mich uͤber manchen mir jetzt untegeeiſuchen Punkt belehren. Er. Sehr gerne; ich muß geſeeßne ich habe mich in meinem Bach brav benunge tummelt. Ich. Woher kommt's, daß in unſern; Zei⸗ ten ſo viel geſchrieben wird, da doch die Rezen⸗ ſtonen, die wahrlich ſelten glimpfüch lauken, d da⸗ von abſchrecken ſollten? etnyr hese Er. Ich gebe zu, daß manche Rezenſion gut und gerecht iſt, und daß mancher Schrift durch die bitterſten Ausdruͤcke nicht zu viel ge⸗ ſchieht; aber nicht immer trift das ein. Durch eine vortheilhafte Bekanntſchaft, oder fuͤr zwei, drei Louisd'or kann ich mir eine Rezenſion er⸗ kuppeln; die mich bis zum Himmel erhebt, im Gegentheil durch den geringſten Umſtand, durch die kleinſte Beleidigung mir ſo viel ſchaden, daß man mir wie den elendeſten Sudler den litterariſchen Staupbeſen giebt. Man reißt eine Stelle, die im Zuſammenhang paſſend war, heraus, mißdeutet ſie, und macht ſie laͤcherlich, doch iſt dieſer Nachtheil nicht immer B —y erheblich. Sie duͤrfen nicht glauben, das Je⸗ dermann Rezenſionen ließt, um richtige Urtheile uͤber Buͤcher zu finden. Man ließt ſie in eben der Abſicht, wie eine Pöſſe oder komiſche Er⸗ zaͤhlung; man will das Zwergfell erſchuͤttern, und die Herrn Rezenſenten ſind auch ſo uner⸗ ſchoͤpflich in witzigen Einfaͤllen, poßirlichen Wendungen und beißenden Ausdruͤcken, daß man recht artig unterhalten wird. Ich ſelbſt leſe fleißig Rezenſionen, beſonders nach Tiſche, wenn ich ſchwere unverdauliche Speiſen gegeſſen habe. Ich. Sie wiſſen Ihre Wahrheiten gut zu wuͤrzen. Ob nun gleich die Rezenſionen wenig Gewicht haben, ſo ſollte man doch glauben, daß wegen der zahlloſen Menge von Autoren, das Schreiben wenig einbringen muͤſſe. Er. Das hat freilich ſeine Mucken. Ehe ich mein erſtes Manuſcript wieder herum⸗ truͤge, wollte ich lieber Schwefelhoͤlzchen und Zahnſtocher machen. Iſt man aber einmal be⸗ kannt, gehn die Schriften gut ab, und gefal⸗ len ſie, dann hat man gewonnen Spiel. Durch aͤußere und innere Eigenſchaften eines Buchs, muß man ſich zu ſchwingen ſuchen. — 33— Die aͤußern ſind guter Druck, feines Papier, 4 ein ſchoͤnes Titelkupfer, und ein auffallen⸗ der Titel. Die innern beſtehen darinne, daß man einen fließenden Stil hat, den Stof nach dem herrſchenden Geſchmack des Publi⸗ kums waͤhlt; in Ueberraſchungen und Ver⸗ wickelungen gluͤcklich iſt, und das Ganze in ein modernes Gewand zu huͤllen weiß; doch gilt dies nur von belletriſtiſchen Werken. Es giebt auch noch einige andere Wege ſich be⸗ ruͤhmt zu machen. Ich habe dadurch, daß mir meine Schriften Feſtungsſtrafe zugezo⸗ gen haben, einen derſelben wider meinen Willen betreten. Denn es iſt ausgemacht, daß der, welcher ſeiner Schriften wegen, be⸗ ſtraft wird, oder deſſen Werke confiſcirt ſind, ein großer Mann ſeyn muß. Vor einiger Zeit war's auch Mode, in ſeinen eignen Vor⸗ reden, ſich vor der Leſewelt ein Anſehen zu geben; indem man theils fuͤr den großen Bei⸗ fall dankte, den verſchiedene Werke, ob man gleich noch keins geſchrieben hatte, erhalten haͤtten, theils mit Bekanntſchaften von Fuͤr⸗ ſten und gelehrten Maͤnnern, prangte, durch die man zur Herausgabe wider Willen aufge⸗ fodert worden waͤre: Allein, man hat einigen dieſer gelehrten Windbeutel die Larve abgezo⸗ grn, und dadurch ſind andere kluͤger gewor⸗ den. Einige haben es nicht uͤbel befunden, Anekdoten und witzige Einfaͤlle zu ſammeln, und ſie nach dem Tode eines Koͤnigs oder be⸗ ruͤhmten Regenten fuͤr die ſeinigen ausgeben; denn ſie von einem andern ehrlichen Manne zu erzaͤhlen, wuͤrde nicht auffallen, ſondern fuͤr gemein gehalten werden. Jetzt iſt eine gluͤckliche Epoche fuͤr unſer Metier; die Rit⸗ tergeſchichten ſind ein ganz neuer Nahrungs⸗ zweig. Da hat ein semper freier Schrift⸗ ſteller ein weites Feld, wo er ſich herumtum⸗ meln kann. Wenn nur die Sprache recht alt und unverſtaͤndlich iſt, haͤufige Turniere vor⸗ kommen, auf jedem Bogen wenigſtens einer erſtochen wird, und wo moͤglich ein Maͤdchen entfuͤhrt oder geſchaͤndet wird. Ich will nur in aller Welt ſehen, wenn auch dieſe Quelle er⸗ ſchoͤpft iſt, wo die Zunft nach dieſem ihre Ma⸗ terialien hernehmen wird. Er haͤtte mich noch eine lange Zeit unter⸗ halten, und ich haͤtte ihm auch mit Vergnuͤgen zugehoͤrt, wenn der Inſpektor uns nicht ange⸗ ruͤndigt haͤtte, daß es Zeit waͤre, ſich in die Federn zu begeben. — 60— Wir wuͤnſchten uns gute Nacht und ſchieden. Vier und vierzigſtes Kapitel. Eine neue Entdeckung und eine Erzählung. Am kuͤnftigen Morgen ſaß ich auf meinem Stuͤbchen vor dem Tiſche, nnd wollte an meine Freunde ſchreiben. Ein Spiegel hing vor mir, und zwar gerade der Thuͤre gegenuͤber, daß jeder, der hereinkam, mir ſögleich ins Geſicht ſehen konnte. Mancherlei Gedanken ſpazierten mir im Kopfe herum, und in dieſelben vertieft, kuppte ich meine Feder ſo lange, bis ſie weder Schnabel noch Spalt mehr hatte. Indem wur⸗ den die Thuͤren aufgeſchloſſen, und da ich glaubte, daß es der Gefangeninſpektor waͤre, der gemeiniglich das Fruͤhſtuͤck mir ſelbſt brachte, und ſein Pfeifchen bei mir ſchmauchte, bot ich ihm, ohne umzukehren, oder in den Spiegel zu ſehn, einen freundlichen guten Mor⸗ gen. Aber ſchnell, wie beim Musketier, der 1 — 61— links kommandirt wird, drebte ſich mein Kopf herum, als ich ein Herr Jeſus hoͤrte, das der Schreck aus einer weiblichen Kehle heraus⸗ preßte. Das erſte, was meinen Augen begeg⸗ nete, war eine fallende Kaffeekanne und Taſſe. die auf dem Boden in unzaͤhlige Stuͤcken zer⸗ klirrte. Ich ſah die Perſon ſelbſt an, und haͤtte beinahe vor Verwunderung, ſtatt der Feder einen neuen Schnabel zu ſchneiden, meinem Finger einen geſchnitten, als ich Hannchen, das Rau⸗ bermaͤdchen, erkannte. Sind Sie's wirklich? fragte ſie; und man ſah ihren Schreck lebhaft in Freude uͤbergehn. Dieſe Frage moͤchte ich thun, antwortete ich; aber Sie ſind's, kein Zug, keine Miene hat ſich veraͤndert, nur die Ueberraſchung hat Sie etwas blaͤſſer gemacht. Sie ſind immer noch das Maͤdchen, dem Unſchuld und Sanft⸗ muth aus jedem Blicke ſpricht. Ich kann mir Sie ganz denken, wie im Wald Ihre weiche Hand meine kalte erſtarrte faßte, wie in der Hoͤle Sie meine Kleider trockneten, mir ſo offenherzig Ihre Geſchichte erzaͤhlten, mich verlaſſen mußten, wieder zu kommen ver⸗ ſprachen, und ich den Riegel hinter Ihnen zu⸗ ſchob!— Geſchwind, Hannchen, befriedigen Sie meine Neugierde, und ſagen Sie mir, wie Sie hieher gekommen ſind, und warum Sie mir heute mein Fruͤhſtuͤck gebracht haben. Sie. Das letztere, weil mein Vater nicht recht wohl iſt. 18 n, Ich. Ihr Vater?— Der Inſpektor?— ſonſt Hauptmann jener Raͤuberbande?— So wunderbar haͤtte ich mir keine Fuͤhrung traͤumen laſſen. Was hat ihn denn zu dem gluͤcklichen Einfall bewogen, ſeine gefaͤhrliche Lebensart auf⸗ zugeben, und ſeiner Tochter ein verdienteres Loos zu verſchaffen? 1 Sie. Sie ſind die Urſache. Ich. Ich?— Sie. Ja, ja, Sie. Ar eh Ich. Weil ich den Gefangenen befreit habe? So haͤtte ich unwiſſend eine noch beſſere Handlung begangen, als jene war, die ich mit Vorſatz that. e Sie. Dem Gluͤck haben wir es mehr zu danken; denn Sie konnten uns dadurch auch in's tiefſte Elend ſtuͤrzen. Ich. So erzaͤhlen Sie doch den ganzen Vorfall! Weil ich nun fort war, und Sie Abends wiederkamen, und weder mich, noch den Ge⸗ fangenen antrafen?— —— — 63— Sie. Da haͤtte ich lieber nacheilen und mit Ihnen fliehen moͤgen; denn mein Vater hatte mir geſagt, wie viel von der Bewachung dieſes Gefangenen abhange. Ich entdeckte es nicht ſogleich, und es vergingen beinahe acht Tage, ehe es meinem Vater einfiel, ſelbſt ein⸗ mal nach ihm zu ſehen. Wie tobte er, als er ihn vermißte! Er war ſchon im Begriffe, mir ſeinen Zorn durch die haͤrteſten Behandlungen fuͤhlen zu laſſen; aber ich ſiel ihm zu Fuͤßen, geſtand ihm alles offenherzig, und beſchwor ihn, ſein einziges Kind, das nur aus Liebe zu ihm in dieſem ſchrecklichen Aufenthalte ver⸗ weile, das nur ſeinetwegen ſo großen Gefahren ausgeſetzt ſei, zu ſchonen. Ich flehte ſo drin⸗ gend⸗ legte meine Bitten ſo nahe an ſein vpaͤterliches Herz, daß es endlich erweicht wurde. Es ſei Dir vergeben! ſagte er; aber wiſſe, daß Dein Wohl und vielleicht mein und meh⸗ rerer Leben darauf beruhen kann. Nur unter der Bedingung, daß ich den Gefangenen genau bewachen ließe, bis man ihn wieder fodern wuͤrde, wurde uns Sicherheit verſprochen. Taͤglich erwarte ich dies; und da auf ihm und dem Geheimniß, das damit verbunden iſt, ſo — 64— viel beruht, wird man es mir nicht, wenn ich ihn nicht ausliefern kann, hart entgelten laſſen? Oder man hat ihn ſchon etwa entdeckt und im Stillen den Plan entworfen, uns insgeſammt aufzuheben? Daß man dann ohne Schonung mit uns verfahren wird, habe ich aus doppelten Gruͤnden zu befuͤrchten. Gluͤck iſt es noch, daß ich es in der Zeit erfahren habe, und einiger⸗ maßen mich darauf vorbereiten kann. Vor jetzt muͤſſen wir es geheim Halken, bis man ſich a ihm erkundigt. 1uns Nach einigen Tagen traf das ein, was mein Vater gemuthmaßt hatte. Es wurde ihm ein verſiegelter Brief gebracht, den man vor der Hoͤle gefunden hatte.„Der Hauptmann, Wetterburg,“ ſtand darinne,„wird morgen, ſo bald die Daͤmmerung einbricht, an den großen Scheideweg zu einer eeiedlüchen nterhaleunn beſchieden.“ Er machte ſch aups außelſte gefaß und befahl der Haͤlfte ſeiner Leute ſich in der Naͤhe verborgen zu halten, daß ſie ihm, im Fall man ſich ſeiner bemaͤchtigen wolle, ſogleich zu Huͤlfe eilen koͤnnten. Allein ſeine Beſorgniß war ungegruͤndet. Ein einzelner Mann zu Pferde war es, der ſich einige Zeit mit ihm beſprach, und dann eiligſt davon ſprengte. Seine Mienen und ſein Betragen verriethen, daß ihn etwas Wichtiges beſchaͤftige. Seid Ihr alle bei⸗ ſammen? fragte er, als er in die Hoͤle zuruͤck⸗ kam. Man bejahte es, und ſchloß einen Kreis um ihn. Kameraden! ſagte er, zehn Jahre ſind's beinahe, daß Ihr in dieſem Walde haußt; und acht Jahr, daß ich Euer Anfuͤhrer bin. In den beiden erſten vergoßt ihr Menſchenblut, jedem, der Ench nicht den letzten Heller gab, koſtete es das Leben: da Ihr mich zum Haupt⸗ mann waͤhltet, verbot ich dieſe Grauſamkeit, Ihr hattet Gefuͤhl genug mir zu gehorchen, und wußtet nach der Zeit mir es Dank. Ich fand Euch ſtets treu und tapfer; aber auch uͤber mich wird keiner Klage zu fuͤhren haben. Ich habe mir keinen Vorzug angemaßt; ich war immer da der erſte, wo es am hitzigſten her⸗ ging; der Rath, den ich gab, war nie Euch ſchaͤdlich, er hat uns mancher Gefahr entzogen, und zu manchem Zweck gefuͤhrt. Wollt Ihr auch jetzt einen Vorſchlag ruhig anhoͤren, und, wenn er Euch, wie ich hoffe, gut duͤnckt, an⸗ nehmen? — 65— Du warſt's werth unſer Anfuͤhrer zu ſeyn! riefen alle einſtimmig; Du warſt der Tapferſte, Dein Rath war ſtets der beſte, und auch jetzt wird Dein Vorſchlag weiſe ſeyn. Der Fuͤrſt von Hochfels, fuhr er fort, iſt todt, und das Land vermoͤge einer Erbver⸗ bruͤderung an den Kronauiſchen uͤbergegangen. Dieſer iſt alt und ſchwach, Moͤnche und Pfaf⸗ fen beherrſchen ihn und ſein Land, ſie wollen uns zu Werkzeugen ihrer Naͤnke und Plaͤne machen; allein ich kenne ihre Art zu handeln zu gut. Wenn ſie glauben, daß die, welche ihnen durch Mordthaten und Schelmſtuͤcke Wege zu ihren Abſichten gebahnt haben, zu viel wiſſen, und ihnen gefaͤhrlich werden koͤnnten, ſo wer⸗ ben ſie andere, die dieſen ein ewiges Still⸗ ſchweigen auflegen muͤſſen. So wuͤrde es auch uns gehen. Wir wuͤrden, wenn wir ihnen reif duͤnkten, aufgehoben werden, die Strafe jener Handlungen, die wir auf ihr Ge⸗ heiß vollbrachten, wuͤrde auf uns allein zuruͤck⸗ fallen, und man wuͤrde uns fuͤr Wahnſinnige erklaͤren, wenn wir ſie als die Urheber anzeigen wollten. Ich habe ſogar ſchon Spuren von — 67— den Plaͤnen, die ſie wider uns gemacht haben, denn unſre geſammelten Schaͤtze ſind eine glaͤn⸗ zende Lockſpeiſe fuͤr ſie. Allem dieſen koͤnnen wir ausweichen, wenn wir eine Lebensart auf⸗ geben, die bei der jetzigen Lage der Dinge uns mit jedem Tage mehr Gefahr droht. Gewiß ſind einige unter Euch, die das herannahende Alter fuͤhlen und ſich nach Ruhe und einem ge⸗ maͤchlichern Leben ſehnen. Ihr uͤbrigen noch in der Bluͤthe oder Mitte Eures Lebens habt Geſundheit und Kraͤfte genug, auf eine andere Art euer Brod zu verdienen. Keinem darf in den erſten Jahren fuͤr ſeinen Unterhalt bange ſeyn, da wir in der Zeit, die wir uns hier auf⸗ gehalten haben, ſo viel zuſammengebracht ha⸗ ben, daß jeder ruhig und ohne Sorgen eine Ausſicht zu ſeinem Unterkommen erwarten kann. Dies iſt mein Vorſchlag, den ich reiflich uͤberdacht und gepruͤft habe, den auch Ihr bei genauer Ueberlegung billigen werdet, und deſſen Annahme Euch gewiß nie reuen wird. Ich entledige mich alſo hiermit des Schwurs, den ich Euch leiſtete, als ich Euer Anfuͤhrer wurde, daß ich nehmlich ohne euer Vorwiſſen unnd ohne wichtige Gruͤnde Euch nie verlaſſen wollte. — 68— Dieſe Anrede hatte keiner vermuthet. Es folgte eine Pauſe, wo jeder der Sache nach⸗ dachte. Nach einigem Wortwechſel gaben die meiſten dem Vorſchlage Beifall; nur einige meinten, da man in Zukunft hier fuͤr die Si⸗ cherheit beforgt ſeyn muͤſſe, ſo koͤnne man einen andern Aufenthalt waͤhlen, wo man noch un— bekannt waͤre. Doch ſiegte auch uͤber ſie die Ueberredungskunſt meines Vaters, und ſie ent⸗ ſchloſſen ſich einmuͤthig ſeinem Rathe zu folgen. Die Ausfuͤhrung wurde auch ſo ſchnell betrieben, daß noch am nehmlichen Tage Anſtalten zur Trennung gemacht wurden, und an dem Tage, wo der Gefangene abgeholt werden ſollte, hatten alle die Gegend verlaſſen, und die Hoͤlen und Wohnungen waren zerſtoͤrt. 5 Hier wurde ſie unterbrochen; es entſtand ein Geraͤuſch, die Thuͤr oͤffnete ſich, und ihr Vater trat in Schlafrock und Pantoffeln her⸗ ein. Das gefaͤllt mir! ſagte er; gleich beim erſten Mal, ſo eine vertraute Unterredung, daß die Tochter den kranken Vater daruͤber vergißt. Kaun ich denn nicht auch Theil daran nehmen?— O ja, liebes Vaͤterchen! wenn ich Ihnen erſt ſagen werde, wer dieſer Herr eigentlich — 69— iſt, ſo werden Sie, ſtatt auf meine Nachlaͤ⸗ ßigkeit zu zuͤrnen, mich doppelt deswegen lie⸗ ben.— Der tauſend!(Mich genauer betrachtend.) Ich koͤnnte mich aber nicht entſinnen, den Herrn in meinem Leben je geſehen zu haben.— Laß doch die neue Entdeckung vortreten!— Sie ſehen den Unbekannten vor ſich; den ich in jener ſtuͤrmiſchen Nacht in die Baumhoͤle verbarg, der uns unſern Gefangenen entfuͤhrte, und der adurch die Urſache wurde, daß wir jetzt ſo ein frohes zufriednes Leben genießen koͤnnen. Ich habe ihm unſre Geſchichte bis auf den Punkt erzaͤhlt, wo wir den Wald verlie⸗ ßen; vollenden Sie ſie, und befriedigen Sie auch Ihre Neugierde, ich will unterdeſſen fri⸗ ſchen Kaffee fuͤr den Herrn Auditeur kochen; denn komme ich wieder, bringe auch Ihnen Ihr Glaͤschen Doppelnelken zum Fruͤhſtuͤck mit, und zur Entſchaͤdigung fuͤr meinen Schreck, und das zerbrochene Porzellain muß unſer lieber Gefangener die Begebenheiten erzaͤhlen, die er von der Zeit an, wo er mir entſorungen war, gehabt hat.— Dieß geſchah auch. Waͤhrend Hannchen fuͤr Freude uͤber den ſo angenehmen Zufall — 70— beinahe die Sahne haͤtte uͤberlaufen laſſen, er⸗ fuhr ich vom Inſpektor, daß er ſich in einer fremden Gegend ein maͤßiges Guͤtchen habe kaufen wollen, und von ohngefaͤhr erfahren habe, daß einer ſeiner erſten Goͤnner, dem er im Kriege einmal das Leben gerettet, und den er zweimal verwundet auf ſeinen Schultern aus dem Gefechte getragen hatte, Gouverneur auf dieſer Feſtung ſey. Er waͤre hierauf zu ihm ge⸗ gangen, haͤtte ihm ſeine Lage entdeckt, und durch ihn die eben erledigte Stelle eines In⸗ ſpektors erhalten. Ich theilte nach Hannchens Zuruͤckkunft beiden die Art mit, wie ich den Gefangenen aus der Hoͤle befreiet, ihn wieder verloren haͤtte, und wie nach ſo wunderbaren und traurigen Wendungen ich auf die Feſtung gekommen ſei. Hannchens Mienen zeugten von der Theil⸗ nahme, die ſie bei jeder Scene empfand. Bei den Stellen, da ich im Gefaͤngniß geſeſſen hatte, oder in Gefahr geweſen war, ſammelte ſich eine Thraͤne in ihrem Ange; bei Juliens Schilderung druͤckte ſie mir die Hand, als wollte ſie ſagen: das iſt ein Maͤdchen, wie ich Dir zur Gattin, und mir zur Freundinn wuͤn⸗ ſche; bei ihren Leiden getraute ſie ſich kaum vor — 71— banger Erwartung Odem zu holen, aber in ein frohes Ach brach der zuruͤckgepreßte Odem her⸗ vor, als ich auf ihre Rettung kam. Alſo ha⸗ ben Sie ſie wieder! rief ſie freudig; o die Strafe fuͤr den Mord an dem ſchaͤndlichen Abt muß Ihnen, daͤchte ich, ſuͤß ſeyn! Ju⸗ liens Beſitz wiegt die haͤrteſte Strafe nicht auf; und ſelbſt ich fuͤhle weniger Abſcheu gegen das Ungeheuer im heiligen Rock, da ich Sie ſonſt vielleicht nicht ſo bald wuͤrde wieder ge⸗ ſehn haben. Gute, liebevolle Seele, antwortete ich, dies Wiederſehn und der Umgang mit Ihrem Vater, haben mir auch die heiterſten Stunden gewaͤhrt. Glauben Sie mir's, Hannchen, kreuzweiß geſchloſſen wollte ich ſeyn, an jedem Arm und jedem Fuße mochten zentnerſchwere Ketten hangen, und verſchimmeltes Brod und faules Waſſer ſollte mir zu Nahrung dienen, wenn ich wuͤßte, daß am Tage meiner Be⸗ freiung Juliens Umarmungen mich erwar⸗ tete.— 3 Hannchen. Iſt Julie todt? denn un⸗ treu iſt ſie ohnmoͤglich.— Ich. Keins von beiden, und doch ſchreck⸗ licher fuͤr mich als beides. Mir entriſſen iſt „ ſie, und wenn meine Ahndungen mich nicht truͤgen, von Leuten entriſſen, wo ſie viel zu dulden haben wird. Ich vollendete hierauf den letzten Theil meiner Geſchichte bis auf den Tag wo ich meine Strafe antrat. Wer je ſeine Leiden einem fuͤhlenden theilnehmenden Maͤd⸗ chen geklagt hat, und ſich von ihm hat troͤſten laſſen, wird wiſſen, wie labend dies iſt; auch ich empfand es.— Fuͤnf und vierzigſtes Kapitel. Warum giebt es ſo viele grobe Poſtmeiſters. Daß ich manches Stuͤndchen noch mit Hann⸗ chen verplauderte, brauche ich wohl keinem meiner Leſer eidlich zu verſichern; aber daß mir die vier Wochen, die ich noch auf der Feſtung zuzubringen hatte, kuͤrzer geworden ſind, als manchem Superintendenten ſeine Predigt, wenn er befuͤrchten muß, daß ſeine Frau waͤhrend derſelben zu Hauſe, mit dem Informator —.— —.— praktiſche Gegenbeweiſe wider die Warnungen liefert, die er ſeiner Gemeinde vor den fleiſchli⸗ chen Luͤſten giebt; das glaube ich behaupten zu koͤnnen. Acht Tage vorher, ehe ich wieder zum Regiment gehen wollte, meldete mir der Ge⸗ neral, daß er mich ſelbſt wuͤrde abholen laſſen, und den letzten Tag vorher empfing ich durch einen Unbekannten einen Brief von Julien, der in den beiden Worten beſtand—„Rette mich!“ — Ich wollte mich bei dem Ueberbringer naͤ⸗ her erkundigen; aber er ſagte: wenn Ihnen etwas daran gelegen iſt, ſie zu retten, ſo eilen Sie, denn jede Minute Aufſchub kann Ihr Vorhaben vereiteln. Ich ließ ſogleich beim Gouverneur um Erlaubniß bitten, ihm auf⸗ warten zu duͤrfen, erhielt ſie und erſuchte ihn, noch den nehmlichen Tag abreiſen zu koͤnnen. Er fragte, warum ich nicht auf die Equipage des Generals warten wollte, ich gab wichtige Gruͤnde vor, und er gewaͤhrte meine Bitte. Ich beſtellte hierauf Courierpferde, und machte mich reiſefertig.— Herr Auditeur, ſagte der Inſpektor beim Abſchied, ich habe in mei⸗ nem Leben ehrliche und Schurkengeſichter ge⸗ nug geſehn: aber dieſes Kerls ſeins, gehört — 74— nicht unter die erſte Klaſſe; ſeyn Sie auf Ih⸗ rer Hut! Wen Julie an Dich um Huͤlfe ſen⸗ det, der kann kein Schurke ſeyn, dachte ich:— O uͤber den Schluß!— So vhnioföuhüe die Liebe! Das Geſtbic meines Begleiters gab mir keine Urſache zum Mißtrauen. Sie iſt in ge⸗ faͤhrlichen Haͤnden, ſagte er, der Bruder des Abts iſt ihr Entfuͤhrer, ſie ſitzt in einem Thurme, wo das Gekraͤchze der Eulen mit ihren Klagen wetteifert. Meine Schweſter iſt die Frau ihres Waͤchters, und durch dieſe iſt ihr's gelungen, dies Briefchen durch mich an Sie zu ſenden. Reite, ſagte meine Schweſter, und wenn drei Pferde unter Dir fallen, der Herr, wo Du hinkommſt, bezahlt ſie; und dies iſt auch bei meiner Seele ſchon das dritte: Sechs und dreißig Meilen in vier und zwanzig Stunden, iſt doch wahrlich kein Spazierritt. Aber dafuͤr wollen wir hauſen. Mein Herr, der Baron Schwank, der von der ganzen Sache weiß, und uͤberdies ein Pikchen auf den Bruder des Abts hat, iſt mit Fauſt und Beu⸗ tel auf unſrer Seite. Bei dieſen Worten hieb er unaufhoͤrlich auf meinen duͤrren Klepper. Immer vorwaͤrts! rief er, und wenn noch drei — — 75— ſtuͤrzen follten. Ich beſann mich jetzt erſt, daß meine Boͤrſe zu dieſem Vorhaben nicht gefuͤllt genug ſeyn möchte, und wollte einen Umweg von etlichen Meilen auf Blaubergs Gut ma⸗ chen. Seyn Sie ohne Sorgen, ſagte er, hier habe ich einen Beutel, mit dem wir ſchon rei⸗ chen wollen. Mein Herr dachte ſich dieſen Fall⸗ und um keinen Augenblick unnoͤthig anzuwen⸗ den, gab er mir zwanzig Louisd'ors mit, von denen Sie nach Belieben Gebrauch machen koͤnnen. Ein braver Mann! antwortete ich; er ſoll ſie ehrlich wieder erhalten, und meine Julie ſoll ſie ihm zu hundert Prozent mit Kuͤſſen verzinſen. Tief in der Nacht kamen wir in ein Staͤdt⸗ chen, und wollten ſo ſchnell als moͤglich Pferde wechſeln, um am andern Tage vor der Daͤm⸗ merung noch an Ort und Stelle zu ſeyn; allein wir trafen einen Poſtmeiſter an, der ohnſtrei⸗ tig der Superlativus von allen gewoͤhnlichen oder— soit dit sans Hatterie, ſpricht der Franzos— der groͤbſte von allen Poſtmeiſtern im deutſchen Reiche war. Er koͤnne nicht jedem Narren aufwarten, wenn's ihm beliebe, war die erſte Autwort, die er aus ſeinem Alkoven unter der Bettdecke hervormurmelte. Ich waͤr hinausgeſprungen, und haͤtt ihm mit der Peit⸗ ſche den Schlaf ſo derb aus den Augen gerie⸗ ben, daß er haͤtte denken ſollen, das ſind keine Narren, wenn nicht vor der Thuͤr ein unge⸗ heurer Hund gelegen haͤtte, der mir einen Ra⸗ chen mit ein paar Reihen Zaͤhne entgegenfletſchte, daß ich wirklich ein Narr geworden ware, wenn ich mich wegen dem Schlingel ſeinen Herrn, haͤtte von ihm uͤberzeugen laſſen wollen, daß ſeine zolllangen Zaͤhne ſchneller, oder— Gott verzeih mir die Suͤnde,— eben ſo ſchnell in meinen feſten Lenden geſeſſen haͤtten, als Joachim von Hornlieb unter den»rſchen Kriegs⸗ raͤthen.(Seine Frau war eine Freundin von grobem Geſchuͤtz.) Herr Poſtmeiſter, ſagte ich, wir wollen doppelt bezahlen, geben Sie uns nur Pfer⸗ de.— Vorn Teufel, Herr, laſſen Sie mich ſchlafen, ich kann und will jetzt nicht auf⸗ ſtehn.— Und vorn Teufel, Herr, Sie muͤſſen her⸗ aus, und uns Pferde ſchaffen, oder ich hole eine Piſtole, ſchieße die Beſtie da vor Ihrer Thuͤre nieder, und ziehe Sie aus dem Neſte, daß Ihr Grobiansſchaͤdel auf den Dielen her⸗ umtanzt.— Ho! ho!— muß mich doch einmal auf die andere Seite legen.(Zu ſeinem Hunde: 5 Nero, paß auf! Nun rathe ich's Ihnen, ver⸗ halten Sie ſich ruhig! bei der erſten Bewe⸗ gung, die Sie machen, hat er Sie bei der Gurgel, und ſchuͤttelt Sie ſo lange⸗ bis ich Halt rufe.— Ich haͤtte vor Wuth berſten moͤgen. So einen groben Kerl zu hoͤren, und ihn nicht zuͤch⸗ tigen zu duͤrfen, das iſt eine harte Pruͤfung der Geduld. Ich mußte meine Hoͤſlichkeit in eben dem Grade verdoppeln, wie er ſeine Grob⸗ heit. Haͤtten drei baumſtarke Kerls vor der Thuͤre geſtanden, ich waͤre muthig auf ſie los⸗ gegangen; aber dieſer Hund, wie er mit auf⸗ gerißnem Schlunde und ſpitzigen Zaͤhnen auf jede meiner Mienen und Bewegungen lauſchte, machte mich zahmer wie die*** ger Maͤdchen, die vor der Welt ſproͤde und keuſch wie eine Suſanne ſcheinen, im einſamen Kaͤmmerchen hingegen, oder an dunkeln ſchauerlichen Oert⸗ chen, wo weder Tanten noch Eltern bemerken, ſich ihrem Geliebten ganz hingeben, kein er⸗ zwungenes— Pfui doch— hervorpreſſen, wenn ſeine kuͤhnen Finger mit der Buſennadel ſpielen, noch weniger zuͤrnend ihn zuruͤckſtoßen, wenn er, feſt ſie an ſich gedruͤckt, Kuͤſſe auf die er⸗ wartenden, dargebotenen Lippen ſaͤet, ſondern vielmehr ihm zuvorkommen, ihm jeden Schritt erleichtern, und innerlich, mit wallendem Blu⸗ te, gluͤhenden Begierden wuͤnſchen, daß er kuͤhner und thaͤtiger ſeyn moͤchte. Da ſtand ich nun ſtumm und unbeweglich, konnte weder mich ſetzen noch von der Stelle gehn, und ſo gar einen Floh salva venia, der ſelbſt das Fleiſch des Herrn Poſtmeiſters zu grob fand, ſich aus ſeinem Bette in meine Stiefel verirrt hatte, und mich fuͤrchterlich knip, mußte ich ungeſtoͤrt ſein Weſen treiben laſſen, wenn ich nicht Gefahr lauſen wollte, daß ich wegen dem Todtſchlage, den ich an ihn veruͤbt haͤtte, haͤrter von einem Hunde geſtraft worden waͤre, als mancher Miniſter, der unzaͤhlige Untertha⸗ nen laͤchelnd vor Hunger ſterben laͤßt, von ſei⸗ nem Fuͤrſten. Während ich da ſtand, ſo ſteif wie ein narbiger Soldat vor ſeinem unbaͤrtigen Offi⸗ zier, hatte ſich mein Begleiter unbemerkt hin⸗ mir. ausgeſchlichen, kam jetzt zuruͤck, und winkte Herr Poſtmeiſter, ſagte ich, ich wuͤnſchte einmal friſche Luft zu ſchoͤpfen. Nero, rief er, kuſch dich! der Hund ließ ſeine geſpitzten Ohren fallen, und legte ſeine Schnauze ruhig auf den Boden. Ich ging hinaus und fand einen Po⸗ ſtillion willig, uns fuͤr ein gutes Trinkgeld Pferde zu ſchaffen. Ich bezeigte meinen Un⸗ willen uͤber ſeinen Herrn. Sie muͤſſen's ihm zu gute halten, ſagte er; wenn wir nicht immer auswetzten, was ſeine Grobheit verdirbt, er waͤre laͤngſt vom Dienſte. Was meine Mutter ſeeliger mir ſo oft vorgeſagt hat, finde ich hier beſtaͤtigt: aus einem Dreſchflegel, ſagte ſie, wird im Leben kein Spazierſtoͤckchen. Der Fall iſt auch bei ihm; denn Sie duͤrfen nicht etwa denken, daß es ein Poſtmeiſter von Ge⸗ burt iſt, ſo gut wie er koͤnnte ich's halter auch ſeyn. Stuͤckknecht iſt er geweſen im letzten Kriege, von jedem gemeinen Soldaten hat er ſich muͤſſen Du heißen und Hiebe aufzaͤhlen laſſen; aber wie's hergeht in der Welt; ſeinem Oberſten hat er immer eine huͤbſche Quinte in's Zelt bringen muͤſſen, und dadurch hat er ſich ſo ſehr bei ihm inſinuirt, daß er Reitknecht ber ihm wurde. Der Oberſte wurde hart bleſſirt, mußte ſeinen Abſchied nehmen, und er ging † — 80— mit ihm auf ſeine Guͤter. Hier befand ſich ſeine Gemahlin, die ſehr unzufrieden war, daß er ſo zerſtuͤmmelt zuruͤck kam. Aus den Wun⸗ den, die ihm die feindlichen Kugeln und Saͤbe! beigebracht hatten, haͤtte ſie ſich ſo viel nicht ge⸗ macht, wenn er ihr nicht durch die uͤbri⸗ gen ausgeſtandenen Strapazen und andere erworbene Maͤngel fuͤr ihr fuͤnf und zwan⸗ zigjaͤhriges Alter zu unbrauchbar geſchienen haͤtte.. Der Oberſte, als ein Liebhaber von Pfer⸗ den, beſaß eine kleine Stuterei, uͤber welche er ſeinen Reitknecht zum Aufſeher ſetzte. Die wildeſten wußte er zu baͤndigen, und ſeine Ta⸗ lente im Reiten ſielen ſeiner Prinzipalin ſo ſehr in die Augen, daß ſie ſich oͤfters von ihm ein Proͤbchen ablegen ließ, und ihm verſprach, fuͤr ſein Gluͤck zu ſorgen. Dazu fand ſich auch bald Gelegenheit. Ein gewiſſer Kriegsrath beſuchte faſt taͤglich den Oberſten, weil er Freund von ſchoͤnen Pferden und huͤbſchen Weibern war. Er brachte gemeiniglich Stadtneuigkeiten mit, die er der gnaͤdigen Frau ganz im Stillen, be⸗ ſonders wenn ihr Gemahl ſein Mittagsſchlaͤfchen hielt, entdeckte. Bei dergleichen Faͤllen wußte ſich der Herr Aufſeher bald in die Gunſt des — 81— Kriegsraths zu ſetzen, denn er hatte ein ſehr wachſames Auge, und pflegte waͤhrend der ge⸗ heimen Conferenzen auf dem Saale herum zu patrouliren. Die Empfehlung der Frau Ober⸗ ſten, zu gluͤcklichen Minuten angebracht, ver⸗ einigte ſich mit ſeinem Dienſteifer, und ſo ge⸗ ſchah's denn, daß aus dem Stuͤcknechte biunen drei Jahren ein Herr Poſtmeiſter wurde. Eine ſchoͤne Stufenleiter, dachte ich, nun wundere man ſich, warum ſo allgemein uͤber die Grobheit der Poſtmeiſter geklagt wird. Ich verzeih's ihm ſeiner Exiſtenz wegen, ſagte ich, indem ich mich auſſetzte, und's iſt immer noch gut, daß er nur Poſtmeiſter geworden iſt; das Gluͤck hat aus der nehmlichen Maſſe noch groͤßere Leute gekleiſtert. So ſchlecht unſre Pferde waren, ſo ſuch⸗ ten wir doch das einzubringen, was wir ver⸗ ſaͤumt hatten. Wir glaubten ſchon Nachmit⸗ tags an Ort und Stelle zu kommen, aber mein Begleiter klagte uͤber heftige Unpaͤßlichkeiten, und wir mußten oͤfters einkehren, daß ſchon der Abend herannahte, als wir ſeinem Vor⸗ geben nach, noch drei Meilen bis auf's Schloß ſeines Herren hatten; und dies ſollte noch eine 6 — 82— Stunde von dem Auſezehas meiner Talle 4 liegen. Die Nacht brach völlig herein, und— habe ich je ſeit jener, wo mich das Raͤuber⸗ maͤdchen rettete, eine dunkle rabenſchwarze Nacht erlebt,— ſo war es dieſe. Ich glaubte mich Julien naͤher, und Augenblicke wurden mir zu Stunden. Unaufhoͤrlich fragte ich, ob wir noch nicht bald am Schloſſe waͤren; aber die dichte Finſterniß und der Wald, in welchem das Schloß lag, und durch welchen wir jetzt ritten, dienten meinem Begleiter zur Entſchuldigung. Jeder Irrwiſch ſchien mir ein erleuchtetes Fenſter, und wenn ich einen ſah, verdoppelte ich meine Sporenſtoͤße. Alles ver⸗ einigte ſich mich zu bennruhigen. Das ſchauer⸗ liche Rauſchen in den Gipfeln der Baͤume, die unbetretenen Wege mit Wurzeln und Ge⸗ ſtraͤuch uͤberwachſen, das Stolpern der muͤden Poſtklepper, die undurchſchauliche Dunkelheit, die jeden Gegenſtand verbarg, die peinigende Ungeduld mein Maͤdchen zu retten, und zu dieſen allen noch Ahndungen, die ſich nach und. nach in mir zu vegen anfingen. Wahrlich ein ⁸ Zuſtand, in dem man nicht wußte, ob man beten oder fluchen ſollte! Ein innerer Drang heftete meine Hand unaufhoͤrlich auf die Pi⸗ ſtolenhalfter, und bei jedem Geraͤuſch, das mein Begleiter machte, zog ich das Piſtol halb heraus. Sehnlicher habe ich nie das Tages⸗ licht gewuͤnſcht, ſehnlicher nie gewuͤnſcht, in das Herz des Menſchen ſchauen zu koͤnnen. Hier iſt der Raſenplatz, rief endlich mein Be⸗ gleiter, nun ſind wir bald am Ziele; und nach einigen Minuten klopfte er an einem Thorwege an. Wer da? fragte eine Stim⸗ me von innen. Kneller! wurde geantwortet, der Thorwege flog auf und wir ritten hinein. Kommſt Du allein? rief Jemand zum Fen⸗ ſter herunter. Nein, gnaͤdiger Herr, ſagte er, in Geſellſchaft.— Brav, Kneller! fuͤhre den Herrn in das bewußte Zimmer, es iſt alles auf ihn vorbereitet, ich werde gleich bei ihm ſeyn.— Ich wollte meine Piſtolen mit mir nehmen, aber die Pferde waren ſchon verſchwunden, und ich mußte auf gut Gluͤck folgen. Ich ſtieg drei ſteinerne Stufen hin⸗ auf, ein Bedienter kam mit Licht, ſtolperte, und ſiel, daß das Licht ausloͤſchte. Toͤlpel! ſagte Kneller, geh und hole ander Licht, daß ſich der Herr nicht ſtoͤßt. Der Bediente rafte ſich auf, und lief eine Treppe hinan. Wir —õÿõÿÿoʒ 34— gingen anterdeſſen durch einen langen Gang, und er pruͤfte immer mit dem Fuße, vermuth⸗ lich, wie ich glaubte, ob eine Treppe kaͤme. Wo auch der Kerl ſo lange mit dem Lichte bleibt! rief er unwillig;*s iſt doch wahrlich keine Behandlung fuͤr einen Fremden. Treten Sie hierher und bleiben Sie ruhig ſtehen, ich will ſelbſt hinauf und ihnen mores lehren. Ich trat auf die Stelle, die er mir zeigte; ſchurr ging's, und ich fuhr in die Tiefe hinab. Gluͤckliche Reiſe! rief er mir ſpoͤttiſch nach, Sie werden Unterhaltung ſinden, es giebt gar aller⸗ liebſte Thierchen von Ottern und Maͤuſen da unten, und ſind ſo kirre, daß ſie Ihnen aus der Hand freſſen. —yy— Sechs und vierzigſtes Kapitel. Lieber ſo ein Spitzönbe, als eine niedrige Menſchenma⸗ ſchine, der der Zufall einen Stern auf die Bruſt geklebt hat. Jetzt toͤnten mir recht lebhaft die letzten war⸗ nenden Worte des Inſpektors— er hat ein Schurkengeſicht— in die Ohren. O wie ein⸗ faͤltig hatte ich mich in die Falle locken laſſen! Aber wer haͤtte an meiner Stelle anders ge⸗ handelt? Waren nicht die Worte— vette mich! — mit Juliens eigner Hand geſchrieben?— Ja wohl!— aber konnte Julie nicht zu dieſer Schrift gezwungen worden ſeyn? Hatte ſie nicht vielleicht ſtatt der uͤbeln, gute Folgen vermu⸗ thet? Konnte nicht an der Verweigerung ihre Unſchuld, ihr Leben gehangen haben? Ueber alle dieſe Wahrſcheinlichkeiten öffneten ſich jetzt ſchrecklich meine Augen, und wer hatte ſie mir vorher blind gemacht?— Die Liebe, dieſe Zauberin, die die Sinne blendet, die Vernunft betaͤnbt, und am Rande des fuͤrchterlichſten Ab⸗ grunds, uns Seligkeiten zeigt. Liebe, in — 36— deinem Hafen ſchlaͤft ſich's ruhig, aber ehe wir da landen, giebt's tauſend Klippen, wo wir ſcheitern, und wilde Stuͤrme die uns vernich⸗ ten koͤnnen. Kapers kreuzen umher, und wollen unſre Ruhe rauben, und Crocodille in menſch⸗ licher Geſtalt umſchleichen uns, ſich an unſerm Elende zu laben.— Eine Stimme aus der Hoͤle ſchreckte mich Moͤrder meines Bruders! rief ſie, den Du einer Dirne wegen, auf dem Altar er⸗ ſtachſt, dies iſt der Ort, wo ich Dich meiner Rache aufopfern will; aber ehe ich Dich vernich⸗ te, will ich Dich noch mit einem Schauſpiele beluſtigen. Ploͤtzlich wurde mein Aufenthalt erleuch⸗ tet. Das Ungeziefer, das mich ſchaarenweiſe umgab, und des Lichts ungewohnt war, ver⸗ barg ſich mit Geraͤuſch in ſeine Schlupfwinkel. Ich ſah mich in einem Gewoͤlbe mit vermoder⸗ ten Waͤnden, mit fauler ſtinkender Luft ange⸗ fällt, der Boden war mit Unrath und todten Inſekten bedekt, ein ſteinerner Sitz mit Blut beſpritzt, ragte in der einen Ecke hervor, Kno⸗ chen und Gebeine lagen zerſtreut umher, und eine Schuͤtte friſches Stroh war das einzige —— — -— Troͤſtliche was ich erblickte. An der einen Sei⸗ te befand ſich eine eiſerne Thuͤre, wo ploͤtzlich ein kleines vergittertes Fenſter aufgeſchoben wurde. Geh, fuhr die Stimme fort, und weide Dich an dem Anblick, den Du durch dieſe Oeffnung haben wirſt, ich will Dir das ſchon erklären, uͤber was Deine Haare ſich empor⸗ ſtraͤuben werden. Ich ſah ein ſchwarzes Behaltniß, vom duͤſtern Scheine einer Lampe erleuchtet, einen vermummten Kerl mit einem Dolche in der Hand, und zwei verdeckte Saͤrge. Er oͤffnete einen derſelben, und— welch Entſetzen!— ich er⸗ kannte meine Julie. Bleich und abgezehrt wie ein Skelet und in ein Todtenkleid gehuͤllt, lag ſie da. Es kuͤhlt meine Rache nicht genug, ſagte die Stimme von oben, Dich zu quaͤlen; auch an dem, was Dir das Liebſte auf Erden iſt, mußte ich meine Wuth ausuͤben. Sieh hier Deine Dirne, ſo ſchrecklich habe ich ihre Geſundheit zerſtoͤrt, ſo tief habe ich ſie geſtuͤrzt, daß ſie den feilſten ſchaͤndlichſten Buhlſchweſtern gleicht, die der niedrigſte Matroſe zu beruͤhren ſcheuet, aus Furcht, von ihrem Hauch vergif⸗ tet zu werden. Gebunden hab ich ſie, und meinen Dienern und Knechten Preis gegeben. — 38— Ich bin taub getveſen gegen ihr Wimmern, ich habe gefrohlockt, da ſie ſich in der Verzweiflung die Haare ausriß, die Haͤnde blutig vang, und den Buſen wund ſchlug. Laͤngſt haͤtte ich ſie zu Tode martern, und unter einen Baum ver⸗ ſcharren laſſen, wenn ich ſie Dir nicht in ihrer lebendigen Verweſung noch haͤtte zeigen wollen.— Julie! Du lehſt noch? ſchrie ich, und rannte mit aller Kraft wider die Thuͤre. Du rufſt vergehens, ſagte er, ſehen ſollteſt Du ſie; aber nicht ſprechen. Erbarmen, Grau⸗ ſamer! rief ich, martere„toͤdte mich, nur laß mich ſie lebend ſehen, nur zwei Worte mit ihr reden.— Umſonſt iſt Dein Flehn. Der Schlaftrunk, den ich ihr gegeben, iſt zu ſtark, daß Dein NRufen ſie erwecken ſollte, und auf mein Mitleiden darfſt Du nicht rechnen. Eine Wohlthat will ich Dir noch gewaͤhren; Hun⸗ ger und Durſt ſoll Dich toͤdten, und dann ſoll Dein Leichnam in den andern Sarg geworfen, und Ihr beide neben einander verſcharrt wer⸗ den. Daß Dir die Verzweiflung aber den Tod noch erleichtere, will ich ſie vor Deinen Augen ermorden laſſen. Geweihter, vollziche meinen Befehl,. *½ 39— aun Der vermummte Kerl zuckte den Dolch, und ſtach ihn ihr in's Herz. Ein Seufzer ertoͤnte, eine Klappe ſiel uͤber das kleine Gitterfenſter, das Licht verſchwand und ich ſank ohnmaͤchtig auf’s Strohlager zuruͤck. Als ich erwachte, hoͤrte ich ein Haͤmmern in der Wand, bald darauf bemerkte ich den Schein eines Lichtes⸗ durch eine Ritze in den Steinen; ein Stein be⸗ wegte ſich, wurde durch ein Brecheiſen voͤllig herausgehoben, ihm folgten mehrere, und durch die Oeffnung kroch ein Mann mit einer Blendlaterne hervor. Ich lauſchte und hielt mich ganz ruhig. Ob ich gleich nichts Gutes vermuthete, ſo war ich doch mehr ruhig als furchtſam; denn ich hatte mehr zu hoffen als zu fuͤrchten. Es kamen noch acht Perſonen nachgekrochen, und alle waren mit Piſtolen und Hirſchfaͤngern bewaffnet. Seyd Ihr alle da? fragte der, weicher zuerſt hereingekommen war. Alle, antworteten ſie; das war ein har⸗ tes Stuͤck Arbeit, die Mauern der Hoͤlle kon⸗ nen kaum ſo dick und feſt ſeyn. Und waͤren ſie feſter als unſer Muth und zehnmal dicker, als der Praͤlat, dem wir die zehn Faͤſſer Stein⸗ wein ſtahlen, ſagte einer der Juͤngſten, dem Feuer und Verwegenheit aus den Augen blitzte, — 90— wir wollten uns durcharbeiten, wenn wir nur wuͤßten, daß beim Teufel eine Kiſte voll Gold zu holen waͤre.— Nun wußte ich auf einmal, in was fuͤr Geſellſchaft ich war. Der eine, welcher der Anfuͤhrer zu ſeyn ſchien, ſah ſich mit ſeiner Laterne uͤberall um, und bemerkte natuͤrlich auch mich. Was Schwerenoth liegt denn da? rief er, und leuchtete mir in's Geſicht. Ich, auf meinen Ellbogen geſtuͤtzt, antwortete nicht, ſondern ſah ihn mit trotzigen ſtarren Au⸗ gen an. Da ich meine ganze Uniform an hatte, mochte ich ihm nicht ganz gleichguͤltig ſcheinen. Alle verſammelten ſich nun, und die Ruhe mit der ich da lag, und nichts weniger, als durch ihre Ankunft und ihr fuͤrchterliches Anſehn außer Faſſung gebracht ſchien, befremdete ſie. Dem ſtehts auf der Stirne geſchrieben, daß er ein braver Kerl iſt, ſagte der Anfuͤhrer, und Courage hat er auch im Leibe, er ſieht uns wie Alltagsgeſichter an, mit denen ſich's ſpaßen laͤßt, wie mit andern ehrlichen Leuten. Solche Maͤnner kann ich leiden, die uͤber nichts ſtau⸗ nen, denen Koͤnig und Bettler ſtets nur Menſch iſt, die mit der rechten Hand ſich auf Leben und Tod ſchlagen, und mit der linken eine Butter⸗ bemme eſſen, und denen's eins iſt, ob ſie vor — - 91— der Muͤndung einer Kanone ſtehen, oder am Buſen eines Maͤdchens ſchwelgen. Ich wette, der hat ſeine Faſſung dem nnaläc zu danken. (zu mir) Nicht wahr, Freund?— Die Lage, in der Ihr mich nmda, mas Euch antworten.— (Er reicht mir die Hand.) Jeder Un⸗ gluͤckliche iſt uns willkommen. Gewiß hat auch an Dir der Beſitzer dieſes Schloſſes eine Schandthat veruͤhbt. Erzaͤhl's uns mit drei Worten, und dann ſei auf unſrer Seite, wir wollen ihn zuchtigen. Schon zwei von uns hat er ungluͤcklich gemacht, wehe thmt wenn unſre Arme ihn treffen! Ich erzaͤhlte üglieh was ſie zu wiſſen brauchten. Unerhoͤrt! rief er. Auf Kameraden! Scho⸗ net nichts! verwuͤſtet und pluͤndert!(zu mir) Wiſſe unſern Entſchluß! Er hat ungeheure Schaͤtze zuſammen geſcharrt, dieſe wollen wir in beßre Haͤnde bringen, denen, die er in's Elend geſtuͤrtzt hat, damit aufhelfen, ihn mit uns nehmen, ſeine Bubenſtuͤcke geſtehen laſſen, und zu einer Genugthuung, wie wir ſie ihm vorſchreiben, zwingen. Haben wir ihn und ſeine Schatze in Sicherheit, dann wollen wir — 22— uns und unſre Schickſale naͤher kennen ler⸗ nen. Jetzt zur Arbeit! vorſichtig, daß wir ſie uͤberraſchen! unermuͤdet, daß ſie uns nicht entrinnen! und gefuͤhllos, weil es Boͤſewichter ſind 1 So ſchnelle Befreiuug haͤtte ich mir nicht traͤumen laſſen. Juliens Ermordung ſchwebte meiner Phantaſie noch lebhaft vor, wer haͤtte da nicht nach Rache gluͤhen ſollen? Kneller und ſein Herr kamen vielleicht in meine Haͤnde, von ihnen konnte ich genauere Nachricht wegen Juliens Schickſal erpreſſen, und ſie ſelbſt noch einmal, zwar als Leichnam ſehen, und an mein treues Herz druͤcken. Binnen einer halben Stunde waren dret eiſerne Thuͤren erbrochen; durch die letzte ge⸗ langten wir an eine Treppe, auf welcher wir hinauf ſtiegen und in eben den Gang kamen, wo ſich die Fallthuͤre befand, durch welche ich hinab geſtuͤrtzt war. Alle Oerter, wo jemand entwiſchen konnte, wurden beſetzt, und ich, der Anfuͤhrer und noch drei Mann ſtiegen hinauf, 4 um uns des Beſitzers, der eigentlich von Ra⸗ benau hieß, und den Rang eines Oberſtallmei⸗ ſters hatte, mit den Seinigen zu bemaͤchtigen. Unſre Ankunft, die mit Thuͤrenzerſchmettern ———;— ———-yx— und gezognen Hirſchfaͤngern geſchah, weckte ſie aus dem Schlaf. Die Bedienten entſpran⸗ gen, und entkamen auch durch ihre geheimen Schlupfwinkel gluͤcklich. Den Oberſtallmeiſter trafen wir mit einer Weibsperſon noch in den Federn an. Bei unſerm Eintritt, der ihm ſein Urtheil ſchon prophezeihte, griff er nach einer Pi⸗ ſtole, die uͤber dem Bette hing, und erſchoß ſich. Iſt das Deine Schweſter? ſagte der Haupt⸗ mann zu Stammern, der eben Knellern bei den Haaren hereinſchleifte, und in eine Ecke ſchleu⸗ derte. Ja ſie iſt's, antwortete er, das Ungeheuer, daß das Haus uͤber dem Kopfe uns anſteckte, daß der Vater in den Flammen umkam, und der Bruder kaum nackend ſich retten konnte. Laß ſie ſich ankleiden, Hauptmann, und in Ver⸗ wahrung bringen, ſie ſoll uns dann beichten und beſtraft werden. Dieſen Kerl hier habe ich im Pferdeſtalle unter'm Heu hervorgezogen, weiter hab' ich nichts Lebendiges im ganzen Schloß gefunden, und hab doch gewiß jeden Strohhalm umgewandt.— 3 — Nun wenn Stammer nichts findet, kann wahrlich keine Fliege mehr ſumſen. Fuͤhr 8 den Patron hier unterdeſſen in das kleine Ge⸗ woͤlbe hinunter, Deine Schweſter will ich nach⸗ ſchicken, und Greif mag Wache bei ihnen ſte⸗ hen. Panther patroulirt im Hauſe umher, und Du neben den uͤbrigen kommt ſogleich herauf, daß wir die Goldminen ſuchen. Der Befehl wurde ſchnell befolgt, und hierauf wurden Koffer, Schraͤnke und Kommo⸗ den aufgeſprengt. Silberzeug und Sachen von Werth wurden in Kiſten gepackt und hin⸗ weggetragen. Papiere und Briefſchaften wur⸗ den auf einen großen Tiſch geworfen; aber baa⸗ res Geld wollte lange nicht zum Vorſchein kommen. Wir kamen in ein Zimmer, wo jene beiden Saͤrge ſtanden; ich riß ſie haſtig auf, der eine war leer, und in dem andern lag Julie, leblos natuͤrlich; denn ihr Geſicht war von Wachs boſſirt, und ihr Koͤrper mit Flachs und Stroh ausgeſtopft. Ich druͤckte vor Freude die Wachsſigur in tauſend Stuͤcken. Dieſe Er⸗ ſcheinung gab mir Hoffnung, daß ſie noch lebe, und die Gewißheit, daß Kneller in meiner Ge⸗ walt war, gewaͤhrte mir den Troſt, daß ich vielleicht durch ihn ihren Aufenthalt erfuͤhre. Wir hatten faſt alle Getnaͤcher durchſtrichen, als wir auf eine kleine eiſerne Thuͤre ſtießen, mit ungeheuren Schloͤſſern und Riegeln ver⸗ wahrt. Viele Muͤhe koſtete es, ſie zu erbrechen. Weg! rief Stammer, Ihr verhindert mich mehr. Mit bloßer Hand faßte er das Haupt⸗ ſchloß an, und drehte es ſammt den Haſpen heraus, als waͤr's von Waizenteige gebacken. Er ſetzte das Brecheiſen ein, und in zwei Mi⸗ nuten war die Thuͤre aus den Angeln gehoben. Drei Kerls wie Du, ſagte der Hauptmann, und ich wage es, die Erde aus der Arxe zu ſchrauben.— Wir fanden vier eiſerne Kaſten, ſie wurden erbrochen, und ſtarr ſtanden wir vor Erſtaunen; drei waren voll Silber und einer voll Gold. Gut, daß wir den Mammon haben, ſagte Norder;— ſo hieß der Hauptmann.— Was Fuͤrſten und reiche Geizhaͤlſe thun ſollten, will ich durch ihn erſetzen. Das Elend meiner Mit⸗ menſchen will ich lindern; denn ich bin ein klei⸗ ner Raͤuber geworden, um große Naͤuber zu pluͤndern, und es denen wieder zu geben, wel, chen ſie es ungerechter Weiſe entriſſen haben. (zu ſeinen Leuten.) Ihr bringt das Geld nebſt den uͤbrigen Sachen auf die Waͤgen, die im Walde bereit ſtehen, und Horſt und Wald⸗ mann begleiten ſie zur Bedeckung in unſte Woh⸗ 96— unng. Du Stammer fuͤllſt Deinen Hutkopf wie ich mit Gold an, und folgſt mir mit i unſetmn neuen Freund. 2* Wir gingen in das Zimmer, wo die Brief⸗ ſchaften lagen. Stammer mußte eine NRolle mit zweihundert Stuͤck Louisd'ors packen; er ſelbſt ſchrieb verſchiedene Briefe, und packte noch drei Rollen ein. Dies ſind vor der Hand die Ungluͤcklichen, von denen ich weiß, daß ſie es durch ihn ſind, ſagte er. Dieſe tauſend Thaler kommen an ein Maͤdchen, deren Vor⸗ mund er war, und das er um ihr Vermoͤgen brachte. Dieſe Rolle mit vierhundert Thalern kommt an eine arme Gemeinde, der er durch beſtochne Advokaten und Richter einen gerechten Proceß abgewann. Dieſe mit funfzig Thalern kommt an einen alten Mann, der zwanzig Jahr ſein Bedienter war, ſich aber nicht zu ſei⸗ nen Bubenſtuͤcken wollte brauchen laſſen, und der deswegen den Bettelſtab ergreifen mußte, weil ihm ſein Herr funſzig Thaler ruͤckſtaͤndigen Lohn abſchwor; und dieſe letzte mit hundert Dukaten, erhaͤlt eine arme Bauersfrau, die er bei einer Parforcejagd uͤber den Haufen ritt, daß ſie zum Kruͤpel wurde, und ſich nicht mehr ihren Unterhalt erwerben konnte. Stammer Du beſorgſt dies alles, und morgen ſollen einige meiner Leute dreißig Meilen in die Runde her⸗ umreiten, und wo ſie eine Klage hoͤren, oder Ungluͤckliche ſinden, da ſoll geholfen werden. In den Briefſchaften glaube ich noch mehr Ge⸗ heimniſſe zu finden, dieſe wollen wir mit Muße nachſehen. Jetzt zum Aufbruch! In unſrer Wohnung, Freund, wollen wir mehr reden. Stammer, ruf unſre Leute zuſammen, außer die, ſo auf Poſten ſtehn! rnen Sie kamen. Iſt alles in Sicherheit? fragte er.— — Alles, Hauptmann, bis auf die Ge genen, und dieſe Papiere.—. — Bringt beide nach! keiner zußre⸗ etwas weiter an! Zwei durchſuchen noch einmal das ganze Schloß, und machen den Ort unkenntlich, durch welchen wir eingebrochen ſi ſind. — 98— eiben und lieines Raua. 36 etwas da und hat kein nde 15 Ja ua begleitete h in⸗ ſanne Wußtung die m entgegengeſetzten Theile des Waldes, ohngefaͤhr zwei Stunden entfernt lag. Sie war wohl be⸗ feſtigt, und fuͤr Raͤuber mit allen Bequemlich⸗ lichkeiten verſehn. Die ganze Bande beſtand aus nicht mehr als zwoͤlf Mann, wovon neune der Aetion beigewohnt hatten, und drei zur Be⸗ ſatzung zuruͤckgeblieben waren. Einer der letztern hieß Arter, und hatte ſeine Schweſter bei ſich, die die Wirthſchaft fuͤhrte. Ich lernte in ihr eben das Roͤschen kennen, Hannchens Freundin, von der meine Leſer im zweiten Theil bei meinem Aufenthalt in der Baumhoͤle gehoͤrt haben. Sie fiel mir vor Freude um den Hals, und kuͤßte mir meine Lippen wund, als ich ihr meine Zuſammenkunft mit Hannchen, und ihren gluͤcklichen Zuſtand ſchilderte. Bring her, Noͤschen, ſagte Norder, was Du zu eſſen haſt, und hohl' vom beſten Weine herauf! Ich will noch etwas beſorgen, was — ——ʒ— —x; ich vergeſſen habe, dann wollen wir ſchmauſen und plaudern. Forſt! Du ſattelſt den Daͤnen, ehe der Morgen voͤllig anbricht, mußt Du noch einen Brief beſtellen.. Er ſchrieb, und gab mir den Brief zu leſen. Hier iſt ohngefaͤhr der Inhalt deſſelben. „Jedem, der in dem Rabenauiſchen Wald⸗ „ſchloſſe die Thuͤren erbrochen, den Beſitzer im „Bette ermordet, und Geld und Koſtbarkeiten „geraubt ſinden wird, thue ich hiermit kund „und zu wiſſen, daß ich, Wolf Heinrich Norder, „Hauptmann einer Raͤuberbande, mich von „der Vorſehung zu dieſem ehriſtlichen Werke „auserſehn glaubte, weil er der Thraͤnen der „Wittwen und Waiſen ſpottete, die Armen „unterdruͤckte, Maͤdchen verfuͤhrte und ſchaͤn⸗ „dete, kein Menſchenleben zu Befriedigung „ſeiner Leidenſchaften ſchonte, Unſchuldige mar⸗ „terte, mit Gott und Religion ſcherzte, weil „die ganze Gegend uͤber ihn ſchrie, und vor „ihm zitterte, und weil ſein Gold die blendete, „die ihn beſtrafen ſollten. Alle ſollen Theil haben „an den geraubten Schaͤtzen, die er ungluͤcklich ge⸗ „macht hat, uͤberall ſoll man hoͤren, daß Nor⸗ „der baid als Bettler, bald als Graf in die „Huͤtten ſchleicht, und Elend und Aemuth, lin⸗ „dert, und von dem, was mir in vollem „Maaße uͤbrig bleiben wird, will ich mit mei⸗ nnen braven Kameraden ein ruhiges Leben fuͤh⸗ „ren.— Wir wollen ſeha, wie groß an jenem „Tage der Raum zwiſchen mir und manchem „großen Fuͤrſten ſeyn wird. Am Morde des „Beſitzers bin ich unſchuldig; denn kein Men⸗ „ſchenblut hat noch meine Haͤnde beſudelt; er „hat ſich ſelbſt, da wir mit gezognem Hirſch⸗ „faͤnger in ſein Zimmer drangen, mit einer Pi⸗ „ſtole erſchoſſen. Seine Briefſchaften ſind in „meiner Gewalt; die Herren, die in ſeine „Begebenheiten verknuͤpft ſind, moͤgen ſich huͤ⸗ „„ten; ich werde zwar jetzt ſchweigen, aber mein „Auge wird wachſam auf ſie ſeyn, und wehe „ihnen! wenn ihre Handlungen mich zwingen, „oͤffentlich mit Belegen und aufzutreten, und „ſie Schurken zu nennen. So viel zur Nach⸗ „richt und Warnung!— Gegeben in meiner „Raͤuberwohnung am Morgen nach der Pluͤn⸗ „derung. Wolf Heinrich Norder, Hauptmann. Dieſen Brief mußte Forſt uͤber die Schloß⸗ mauer werfen. Hierauf ſetzten wir uns um eine lange Tafel, auf welcher kalte Kuͤche, zwei ————— 1 rr . — 101— große ſilberne Humpen mit Wein, und fuͤr jede Perſon ein ſilberner Becher ſtand. Norder ergriff den ſeinigen. Auf's Wohl der Bieder⸗ maͤnner, und das Verderben der Schurken? rief er. Es gilt! riefen wir einſtimmig, und leerten die Becher.— Dies war das Signal zu einer froͤhlichen Unterhaltung. Jeder wußte eine luſtige Scene aus ſeinem Leben zu erzaͤhlen, nicht einer war unter ihnen, der das Vergnuͤgen geſtoͤrt haͤtte, und fuͤr jeden haͤtte ich meine Ehre verbuͤrgen wollen, daß er ein braves men⸗ ſchenliebendes Herz im Leibe habe. So waren unbemerkt einige Stunden ver⸗ gangen, als meine Blicke den Hauptmann in ernſten Gedanken uͤberraſchten. Ein truͤber Zug ſchwebte auf ſeinem Geſichte, und ſeine Zaͤhne rieben ſich knirſchend auf einander. Der Mann mag viel erfahren haben, dachte ich; er koͤnnte deine Menſchenkenntniß bereichern. Freund, ſagte ich, indem ich ihm meinen Becher zum Anſtoßen hinreichte; hinunter mit dem Schlamm von Mismuth und Grillen, und dann gewaͤhren Sie mir eine Bitte.— — Wenn ich kann, herzlich gern.— — Ihre Geſchichte moͤchte ich wiſſen!— Wenn es Ihnen gnuͤgt, ſie mit wenig Worten zu hoͤren, ſo ſollen Sie ſie erfahren; denn ausfuͤhrlich darf ich nicht werden, ſonſt tritt mir die Galle uͤber, und ich werde auf Tage und Wochen der unverſoͤhnlichſte Men⸗ ſchenfeind.— Dazu moͤchte ich warlich nicht die Urſache ſeyn; lieber nur zwanzig Worte, und doch Stoff zu eben ſo viel Folianten.— — Meine Jugendjahre will ich ganz uͤber⸗ gehn, ſie ſind mit wunderbaren„ aber nicht merkwuͤrdigen Vorfaͤllen angefuͤllt. Ich ſtudirte Medicin, und ſchwang mich durch Gluͤck und einige Kenntniſſe bis zum Leibarzt des Fuͤrſten von Hochfels. —(Ich betrachtete ihn genauer.) Himmel! jetzt geht mir ein Licht auf. Der Leibarzt Forbig?— —=— Eben der. Woher kennen Sie mich? (Er betrachtete auch mich genauer.) — Sollten Sie den Sekretair des Mini⸗ ſters nicht kennen, der Sie wegen dem kranken Graf Ehrich in der Nacht im Schloſſe ſuchte, und deswegen fuͤr einen Meuchelmoͤrder des Fuͤr⸗ ſten gehalten wurde!— — Ja bei, Gott! Sie ſind es; ich kenne Sie. Uns hat beide Rechtſchaffenheit geſtuͤrzt. —-—— 193— Hoͤren Sie! mein Schickſal gleicht faſt dem Ihrigen. Der Fuͤrſt war umpaß, und ich ver⸗ ordnete ihm ein Laxirpulver. Eines Abends als ich ihm ſelbſt das erſte gebracht hatte, ſielen mich zwei Kerls, die ich nicht kannte, auf der Straße an, und ſchleppten mich in ein entlege⸗ nes Haus. Hier iſt ein Wechſel, ſagten Sie, von zehntauſend Thalern, wenn Du dem Fuͤrſten noch heute ein Pulver, mit Gift vermiſcht, be⸗ reiteſt, und uͤberbringſt. Du laͤufſt keine Ge⸗ fahr; es wird heißen, er iſt am Schlage ge⸗ ſtorben.— Ich bin ſchon bei ihm geweſen, und habe ihm Mediecin gebracht, antwortete ich ſchaudernd.— Das wiſſen wir, aber Du, als Leibarzt, kannſt ſagen, daß noch ein Puͤlverchen voran geſchickt werden muͤſſe. Nun geſchwind, willſt Du? Nimmermehr! und bötet Ihr mir Millio⸗ nen, rief ich; lieber will ich mich ſelbſt vergif⸗ ten. Herunter mit den Larven! daß ich hin⸗ gehn, und Euch verruchte Boͤſewichter entdecken kann.—. Ich haͤtte ſollen behutſamer ſeyn, nicht mit ſo großer Entſchloſſenheit ſprechen; ſondern nur ſchwache Ausfluͤchte machen, und halb und halb einzuwilligen ſcheinen; dadurch haͤtte ich 104— ſie eher in eine Falle locken koͤnnen: allein das Feuer, in welches mich ihr ſchaͤndlicher Antrag verſetzte, beſtegte die Klugheit. Da ſie ſahen, daß ich nicht zu gewinnen war, und zugleich fuͤrchteten, daß ich das Vorhaben verrathen moͤchte, hielten ſie es fuͤr rathſam, mich ſelbſt aus dem Wege zu ſchaffen. Sie ſchmiedeten ſo einen abſcheulichen Plan, daß mich die Welt der Handlung, zu der ich mich nicht beſtechen laſſen wollte, doch faͤhig halten mußte. Das Pulver, das ich dem Fuͤrſten mit eigner Hand gegeben hatte, wurde mit Gift vermiſcht, und er beim Einnehmen dafuͤr gewarnt, indem ſein Leben in Gefahr ſtuͤnde. Der gute Fuͤrſt, von meiner Redlichkeit uͤberzeugt, wollte es nicht glauben. Du buͤrgſt mir mit dem Kopfe fuͤr dieſe Beſchuldigung, ſagte er zum Kammer⸗ diener. Ja, antwortete unerſchrocken der Nie⸗ dertraͤchtige, ich will Ew. Durchl. augenblick⸗ lich Beweiſe geben. Er holte ein kleines Huͤndchen, ruͤhrte etwas von dem Pulver in Milch ein, und der Hund endete unter den graͤß⸗ lichſten Verzuckungen ſein Leben. Der Fuͤrſt ſtaunte, man machte mich ihm noch mehr ver⸗ daͤchtig, ich wurde in's Gefaͤngniß geworfen, ſeine und meine Feinde, fuͤhrten durch Gold 1 und Kabale den Prozeß, man vermied ſorgfaͤl⸗ tig, daß ich den Fuͤrſten nicht ſelbſt zu ſprechen bekam, es wurden ihm falſche Berichte und Geſtaͤndniſſe von mir zu Obren gebracht, und das Schavot haͤtte ich betreten muͤſſen, wenn nicht ein Page, von meinem Ungluͤck geruͤhrt, Mittel gefunden haͤtte, mich aus dem Gefaͤng⸗ niß zu befreien, und mit mir entſliehn. Er ging in Rußiſche Dienſte, und ich mußte lange als ein Bettler Staͤdte und Laͤnder durchſtrei⸗ chen, bis mich endlich Panther, mein jetziger Kamerad, aufnahm. Sein Vater war Pach⸗ ter von einem des Oberſtallmeiſters Guͤtern; er konnte ihm einmal wegen Miswachs und ein⸗ gefallnem Wetterſchaden, den Pacht nicht puͤnkt⸗ lich bezahlen, wurde von ihm abgeſetzt, und durch niedrige Liſt noch um alles das Seinige gebracht. Vor Gram ſtarb er, ſein Sohn und ich, wollten unſer Fortkommen ſuchen, und fanden Stammern, von deſſen Elend auch der Oberſtallmeiſter der Stifter war. Wir wurden mistrauiſch und aufgebracht gegen das Men⸗ ſchengeſchlecht, und es geſellten ſich nach und nach alle die Maͤnner zu uns, die Du hier ver⸗ ſammelt ſiehſt; die warlich keine Bubenſeelen haben, aber von Menſchen und dem Schickſal — 106— verfolgt wurden, und ſich nicht mehr von ihnen wollten hudeln laſſen. Unſer Vorſatz war, uns an großen Boͤſewichtern zu raͤchen, und Du warſt von dem erſten Verſuch Zeuge. Das Schloß in dieſem Walde, hat ſich der Oberſtall⸗ meiſter blos erbaut, um ſeine unrechtmaͤßigen Schaͤtze hier aufzuhaͤufen, unbemerkt Grauſam⸗ keiten veruͤben und ſeinen Luͤſten froͤhnen zu koͤnnen; aber wir ſetzten ſeinen Schandthaten ein Ziel, und ich glaube, daß ſelbſt an meinem Sterbetage ich dieſe Handlung nicht bereuen werde.— Dies waͤre ohngefähr die Skizze meiner Geſchichte— — Die mir die Naͤuber verehrungswuͤrdi⸗ ger gemacht hat, als die Bewohner der Pallaͤſte. Nun, daͤchte ich, verhoͤrten wir die beiden De⸗ linguenten.— Sogleich wurde Anſtalt dazu gemacht. Stammers Schweſter, ein Maͤdchen ganz fur ſinnliche Liebe geſchaffen, groß, mit fun⸗ kelnden Augen und vollem Gliederbau, ſchob alle Schuld auf ihren Verfuͤhrer und Leicht⸗ ſinn. Er hatte ſie durch Geſchenke und Ver⸗ ſprechungen geblendet, und die Gefuͤhle fuͤr Tu⸗ gend und Unſchuld unterdruͤckt. Bei dem Ver⸗ dacht, der ſie als Mordbrennerin täal, — 207— ſuͤrzten Thraͤnen uͤber ihre Wangen, die keine Heuchlerin verriethen. Die That war von ihm allein vollbracht, es war einer von ſeinen ſchaͤndlichen Kunſtgriffen, und ohnſtreitig einer von ſeinen unerhoͤrteſten Streichen. Da ſeine glatten ſchmeichelnden Worte nicht die Wuͤrkung thaten, wie er wuͤnſchte, ließ er einſt des Nachts ihr Haus von ſeinen Leuten an verſchie⸗ denen Orten anſtecken. Er ſelbſt ſtieg, da die Flamme ausbrach, auf einer Leiter an ihr Kammerfenſter, pochte ungeſtuͤm an, und zeigte ihr die Gefahr, in welcher ſie ſchwebte. Er ſagte, er ſei durch Zufall vorbei geritten, habe das ausbrechende Feuer geſehen, und ſo⸗ gleich ſich entſchloſſen, ſie— und ſei es mit Verluſt ſeines Lebens— zu retten. Sie hielt ihn einer ſolchen Handlung nicht faͤhig, glaubte in ihm jetzt den edlen Mann zu ſehn, und ver⸗ traute ſich ihm an. Er fuͤhrte ſie auf ſein Schloß; hier da ſie ganz in ſeiner Gewalt war, und er alle ihre ſchwachen Seiten beſtuͤrmte, wurde ſie das, was ſich die Leſer aus der Lage, in welcher man ſie mit ihm fand, denken koͤnnen. Ihr Gewiſſen erwachte oft, aber er beſaß Feinheit und Ueberredungskunſt genug, es immer wieder einzuſchlaͤfern. Jetzt erſt .— 108— erwachte ſie ganz aus ihrem Traume, da ſie die ganze Reihe ſeiner teufliſchen Thaten erfuhr; und daß ſie Reue, tiefe und wahre Reue fuͤhlte, zeigten ihre Worte und ihr Betragen, und noch mehr ihre kuͤnftige Auffuͤhrung. Sie erhielt Verzeihung, und ihr Bruder verſprach, ſich ihrer anzunehmen und fuͤr ihr Wohl zu ſorgen. Kneller wurde hierauf vorgefuͤhrt. Um ihn bald und ganz zum Geſtaͤndniſſe zu bringen, waren ſchreckbare Anſtalten zu ſeinem Verhoͤre gemacht worden. Ich und Norder ſaßen oben an, die uͤbri⸗ gen in einem halben Cirkel um uns herum. Zwei, hatten ſich als Henker gekleidet und wa⸗ ren mit Marterinſtrumenten verſehen. Die Stille konnte bei keinem Vehmgerichte ſchauer⸗ licher herrſchen, und alle Zubereitungen und Gegenſtaͤnde waren ſo fuͤrchterlich, daß der ver⸗ worfenſte Miſſethaͤter nicht ganz gleichguͤltig haͤtte bleiben können. Die Anrede ſtimmte mit allem dieſen uͤberein, und der Eindruck, den es machte, war uͤber unſer Erwarten. Wir fanden ihn nicht ſo verhaͤrtet, als wir geglaubt hatten. Er geſtand alles, was er von ſeinem Herrn wußte. Gott! was kamen da — 109— fuͤr Dinge an den Tag. Wollte ich ſie alle her⸗ ſetzen, meine Leſer wuͤrden glauben, ich habe etwas erſonnen, das noch ſchrecklicher waͤre, als die Grauſamkeiten des galliſchen—(ich will nicht falſch verſtanden ſeyn)— Poͤbels.— Als er wegen Julien und mir befragt wurde, bat er ſich aus, dies mir unter vier Augen entdecken zu duͤrfen; indem Sachen von Wich⸗ tigkeit, damit verbunden waͤren. Du kannſt dreiſt reden, ſagte ich, es ſind viel Augen; aber nur eine Seele, und aus dieſer thue ich Dir die Geluͤbde: was Du willſt, ſoll verſchwie⸗ gen bleiben. Ich glaub's, ſagte er, ſo hoͤrt denn! An Juliens Entfuͤhrung war ihre Mutter Schuld. Sie hatte geſchworen, daß ſie eher ein gemeines Freudenmaͤdchen, als die Ihrige werden ſollte. Ihre Abſicht war, ſie in die Haͤnde meines Herrn zu bringen; deſſen Reich⸗ thuͤmer und Geſinnungen ſie kannte; er nahm den Antrag willig an, und durch ihn wurde ſie Ihnen bei jenem Waͤldchen geraubt. Er ſperrte ſie in ſein Schloß ein, und glaubte ſie bald zur Erfuͤllung ſeiner Wuͤnſche zu zwingen, allein weder Gold, noch Drohungen, — 110— noch Schmeicheleien, konnten ſſe Geinrgein ſe 4 blieb ſtandhaft. Waͤhrend dieſer Zeit geſachte ich meinen Bruder in Kronau, der Bediente beim Kriegs⸗ rath Mellwitz war, und eben der iſt, welchen Sie nebſt dem Pater Selmo in die Haberkaſten geſperrt hatten. Er war durch Huͤlfe der Pfaf⸗ ſen der Strafe entgangen, und gluͤcklich wieder auf freien Fuß gekommen. Er erkundigte ſich nach meinem Herrn und ſeiner Lebensart, ich erzaͤhlte ihm manches Stuͤckchen, unter andern auch, daß wir nicht laͤngſt ein huͤbſches Maͤd⸗ chen ihrem Geliebten entfuͤhrt haͤtten. Ich nannte hierbei ihren Namen, er ſtutzte, fragte weiter, und, ſiehe da! es kam heraus, daß Sie der nehmliche waren, der ihn ſo tuͤchtig bei der Gurgel geſchuͤttelt hatte, und dem Kronau⸗ iſchen Komplot ſo ein garſtiger Dorn im Auge war. Er lief ſogleich zum Pater Schandwich, machte ihm die neue Entdeckung bekannt, und dieſer bot mir taufend Stuͤck Dukaten, wenn ich Sie in ſeine Haͤnde liefern koͤnnte. Tau⸗ ſend Stuͤck Dukaten, dachte ich! ſind nicht zu verachten; aber wie die Sache anfangen? Ohne meinen Herrn geht's nicht, ſagte ich; allein dieſer iſt leicht zu gewinnen, machen Sie einen Verſuch; da wir dem Heern ſein Maͤd⸗ chen in Haͤnden haben, glaube ich, daß es gluͤcken wird, ihn zu kapern. Er ſchrieb ſo⸗ gleich an meinen Herrn, verſprach ihm ein Rit⸗ tergut, und einen brillanten Poſtzug, und ich uͤberbrachte den Brief ſelbſt. Wir üͤberlegten es, und fanden bald einen Weg. Ich ſtellte mich theilnehmend und geruͤhrt gegen Julien, und gewann bald ihr Zutrauen. Ich ſchlug ihr vor, Sie von ihrer Lage zu benachrichtigen, und auf dieſe Art erhielt ich das Briefchen von ihrer Hand, wodurch Sie ſich fangen ließen. Aber waͤhrend meiner Abweſenheit hatte ſich ihr eine guͤnſtige Gelegenheit dargeboten zu entkom⸗ men, und als wir hier anlangten, war ſie ſchon fort.... Wo ſie hin iſt, weiß ich bei meiner armen Seele nicht, ein Koͤhler hat ſie noch einige Tage darauf im Walde herumirren ſehn.— So muß ich noch heute fort, und ſie aufſu⸗ chen, ſagte ich, und ſprang auf. Arme Julie! was wirſt Du wegen mir dulden muͤſſen! Noch zwei Augenblicke hoͤren Sie mich noch an; das Wichtigſte folgt nach. Bei meinem Aufenthalt in Kronau hatt' ich durch ein Ohnge⸗ faͤhr Gelegenheit eine geheime Unterredung zu — 112— belauſchen, die der Pater Schandwich mit eini⸗ gen angeſehnen Maͤnnern hielt. Da erfuhr ich, daß Sie, ehe Sie nach Kronau gekommen ſind, in einer Baumhoͤle ſich verborgen gehalten, und hier einen Gefangenen befreit haben, an dem ſehr viel gelegen war, und von dem die Ruhe und Feſtigkeit der Kronauiſchen Regierung ab⸗ haͤngt. Man fuͤrchtet Sie, weil Sie einen Plan durchſchaut haben, der ausgefuͤhrt, aber bis jetzt verſchwiegen iſt; man weiß, daß Sie unbeſtechlich und klug ſind, und aus dieſer Urſache bietet man alles auf, Ihnen durch ewi⸗ ges Gefaͤngniß oder den Tod ſelbſt Stillſchwei⸗ gen aufzulegen. Man gluͤht vor Rache gegen Sie, und der Hauptgrund dazu iſt, weil Sie den Gefangenen befreit haben. Dieſer Ge⸗ fangene— hoͤren Sie wohlund ſtaunen Sie!— Dieſer Gefangene war——— — z —,— Acht und vierzigſtes Kapitel. Daß doch auch mir Hymen bald die Gardine aufzöge! — Adolph, Prinz von Hochfels, den die Moͤnche ſchon aus der Wiege raubten, um ſich den Weg zu reinigen, auf welchem ſie durch Nord und Kabale zu ihrem ſchaͤndlichen Zweck gelangten. Hier ſchwieg er, und wir alle. Heller Tag brach durch die Daͤmmerung, in welche der letzte Punkt, den ich nicht ergruͤnden konnte, gehuͤllt war. Der Wink, den mir einſt der Oberſte Baͤrenklau uͤber die Lage meines Vater⸗ landes gab, war entraͤthſelt.— Adolph— Julie— dies waren zwei Funken, die die ſchnellſten und groͤßten Entſchluͤſſe in meiner Seele anflammten, und Heil mir und meinem Vaterlande! wenn dieſe in Thaten uͤbergingen, wie ich ſie wuͤnſchte: dann war Adolph Fuͤrſt von Hochfels, Pfaffen und Buben ſtanden ent⸗ larvt, Tauſende waren dem Verderben und der Sklaverei entriſſen, und ich hatte meine Julie 3 im Arme, und Jubel der Edeln, Dankesthraͤ⸗ nen der Ungluͤcklichen, Wuͤnſche der Heuchler, Zaͤhnknirſchen der Bosheit und Grinſen der be⸗ ſtegten Chikane machten ein Konzert, in wel⸗ chem mein Gewiſſen praͤſidirte, wo fuͤr die Redlichkeit ein Allegro das andere jagte, das ſich aber mit einem jaͤmmerlichen Adagio fuͤr die Schurken endigte; nach deſſen Endigung mir Hymen die ſeidene Gardine aufzog, und dann ſeine Fackel beim Schalle eines wonnetrunkenen Achs! im Phantaſienmeere irrdiſcher Gluͤckſelig⸗ keit ausloͤſchte. 8 Ich wuͤnſchte fuͤnf Minuten mit Ihnen allein zu ſeyn, ſagte ich zu Nordern. Der Wunſch war augenblicklich erfuͤllt.— Freund, redete ich ihn an, uns rufen gleiche Pflichten; wir muͤſſen unſer Vaterland retten, und ihm ſei⸗ nen Fuͤrſten wieder geben.— 1 Sa. Bin ich nicht vor ſeinen Augen gefluͤch⸗ teter Fuͤrſtenmoͤrder? Hat man nicht meine Ehre gebrandmarkt? Bin ich nicht ver⸗ bannt?— 86 — Dennoch blieb Ihnen Edelmuth genug, dem geblendeten Vaterlande zu verzeihn, und ſich an ihm zu raͤchen, indem ſie es gluͤcklich machen. O aus ihren Blicken ſtrahlt ſchon die — — 115— Harmonie mit meinen Geſinnungen, und jene Ausfluͤchte kamen nicht aus dem Her⸗ zen.— — Ja, Freund!(mir mit Feuer die Hand reichend) geſchloſſen ſei hiermit der Bund! ge⸗ than das heiligſte Geluͤbde! ehe ſoll unſer Arm kein Maͤdchen umſchlingen, ehe ſoll kein Dach uns auf immer Schutz geben, bis wir den un⸗ gluͤcklichen Adolph gefunden haben; es ſey im Glanz des Hofes, im Getuͤmmel der Schlacht, oder im Gewand der Duͤrftigkeit. Hier dies Glas auf Bruͤderſchaft und ewige Freund⸗ ſchaft.— Wir tranken und ein biedrer Maͤnnerkuß beſiegelte das Buͤndniß. Nun laß uns die Mittel entwerfen, fuhr er fort, die uns am ſchnellſten zum Ziele fuͤhren koͤnnen! Muth und Geld haben wir genug; aber keinen Wink, keine Spur. — Da muß denn freilich Gluͤck das Beſte thun. Mein Vorſchlag waͤre: Du bliebſt zu⸗ ruͤck, und hielteſt Dich in der Naͤhe von Hoch⸗ fels und Kronaus Grenzen auf, beobachteteſt genau die Lage und Veraͤnderungen der Dinge, naͤhmſt zu Verſtellung und Liſt Deine Zuflucht, ſpielteſt bei Geizigen den Reichen, bei Wei⸗ — 116— bern den Galanten, bei Maitreſſen den Lie⸗ benswuͤrdigen, bei Matronen den Heiligen, bei Stolzen den Schmeichler, bei Pfaffen den Bigotten, bei Dummen den Duͤmmern, beim Poͤbel den Klugen, und ſuchteſt Dich ſo in Bekanntſchaften und Geheimniſſe einzuſchleichen, die Dir Licht uͤber Dunkelheiten geben, und uns in der Zukunft heilſam, und mir in der Entfernung nuͤtzlich ſeyn koͤnnten. Ich hinge⸗ gen reiſe, durchſtreiche Staͤdte und Laͤnder, laſſe keinen Winkel undurchſpaͤht, ſchleiche in Audienzzimmern, auf Paradeplaͤtzen, an Toi⸗ letten und auf Promenaden umher, krieche aber auch in's niedre Schindeldach, und forſche nach jedem Fremdling; und welche namenloſe Freude! wenn ich ihn finde, wie jeder unſrer Mitbruͤder ſeyn ſollte, den die Geburt zum Herrſchen beſtimmt hat. Gepruͤft auf dem Probeſtein des Schickſals, bekannt mit der Menſchheit en galla und im Negligee, abge⸗ haͤrtet durch Leiden, bereichert durch Erfahrun⸗ gen, nicht verwoͤhnt durch Schmeichler, nicht entnervt durch Ausſchweifungen, ſondern mit unverfaͤlſchtem Blut in Adern, gefuͤhlvoll gegen das Elend, ſtreng gegen das Laſter, klug im Kabinet, und der als Vater ſeiner ——————— ———— ,—— „— m— Unterthanen ſich nicht ſchaͤmt, zu Fuß ſein Land zu durchwandeln, die Klagen der Niedern zu hoͤren, und die Bedruͤckungen der Großen zu ahnden. Zur Ausfuͤhrung des Plans, brauchen wir noch zwei von Deinen Kameraden; einer muß ſich an einem beſtimmten Orte auf immer nie⸗ derlaſſen, daß wir durch ihn puͤnktlich und ſicher Briefe wechſeln koͤnnen, und der andere muß mich begleiten.— „Norder billigte meinen Vorſchlag; er kaufte Stammern ein Gut, dieſer bezog es mit ſeiner Schweſter, und wurde unſer Ver⸗ trauter, und Panther, als ein junger Mann von Muth und Kopf, ſollte mein Geſellſchafter werden.. Ich beſchloß, ſo viel als moͤglich zu Fuß zu reiſen, und nur im aͤußerſten Fall mit der Poſt zu fahren: denn auf dieſe Art iſt man ganz ſein eigner Herr, man iſt gegen die Grobhei⸗ ten der Poſtbedienten geſichert, kann zu halben und ganzen Stunden ſeine Reiſe fortſetzen, bald links bald rechts kleine Einfaͤlle wagen, jeden Gegenſtand genau und ſo lange, als man will beobachten, iſt beſſer im Stande mit Leuten von gemeiner Klaſſe ſich zu unterhalten, und — 118— kann im Allgemeinen mehr Bemerkungen und Erfahrungen ſammeln. 4 So ſchnell der Entſchluß gefaßt worden war, ſo ſchnell wurde auch zur Ausfuͤhrung ge⸗ ſchritten. Wir entwarfen uns eine kleine Marſchroute, ſpickten unſre Beutel mit Talenten zu Aemtern, mit Schluͤſſeln zu Geheimniſſen und Feſtungen, mit großen Verdienſten, mit Anſpruͤchen auf Ruhm und Achtung, oder wie die Namen alle heißen mögen, mit welchen man heutzutage Louisd'ors, Dukaten, und die ganze Muͤnzenbande zu belegen pflegt, und am dritten Morgen hoͤrten wir ſchon auf freiem Fußſteige die Lerche der aufgehenden Sonne entgegenſingen, und jedem, der uns nach un⸗ ſerm Stande fragte, antworteten wir: Wir ſind reiſende Virtuoſen. d 9 — 119— Neun und vierzigſtes Kapitel. Ein paar Worte von einem alten deutſchen Degenknopfe und dem heiligen Geiſte. Ein Juͤngling und ein Maͤdchen waren die Perſonen, die wir ſuchten. Der Juͤngling ſollte eine Menge Menſchen begluͤcken, und mit dem Maͤdchen wollte ich meine Tage verleben. Beides waren wichtige Abſichten, von beiden hing irdiſche Gluͤckſeligkeit ab, und ſelbſt ein Schimmer der ewigen daͤmmerte hindurch. Ihn hatten vielleicht Gluͤck und Anlagen erho⸗ ben, ein glaͤnzender Cirkel, ein Schwarm von Neidern und Schmeichlern umgab ihn, durch welchen es einem Mann ohne Ruhm ſchwer iſt, hindurchzudringen.— Sie lebte vielleicht ent⸗ fernt vom Geraͤuſch der Welt, in Duͤrftigkeit, in einer elenden Huͤtte, wo man nur eine Bett⸗ lerin ſucht, und friſtete kuͤmmerlich ihr Leben hin.— Hoͤhe und Tiefe in unermeßlicher Ent⸗ fernung,— auf jene und in dieſe mußte geſtie⸗ gen werden. Wie verſchieden waren die Ge⸗ genſtaͤnde! wie ausgebreitet das Feld, welches — 120— wir durchſpaͤhen ſollten! Verſahen wir das ge⸗ ringſte Fleckchen, ſo konnte eben hier verborgen ſeyn, was wir ſuchten, und waren wir ein⸗ mal vorbei, ſo konnte nur außerordentlicher Zu⸗ fall uns auf die Spur zuruͤckfuͤhren. Unſre Blicke mußten uͤberall herumirren und tief drin⸗ gen, nichts durfte unſrer Aufmerkſamkeit zu klein ſcheinen, und Dinge und Begebenheiten mußten uns alſo aufſtoßen, die bei fluͤchtigem Forſchen, bei leiſem Tritt auf bloßer Oberflaͤche uns unentdekt geblieben ſeyn wuͤrden. Nun wuͤnſchen Sie uns gluͤckliche Reiſe, meine Leſer! es iſt ſchon Mittag, wir haben ſechs Stunden zuruͤckgelegt, und ein Gaſthof in einem kleinen Doͤrfchen ſoll der Hoͤrſaal ſeyn, in welchem unſre Magen ſich beſſer erbauen ſollen, als im Churkreiſe Sachſens die Zuhoͤ⸗ rer bei einer Predigt, wo ich ſelbſt Ohrenzeuge war, daß der Prediger mit ernſter Miene und nachdruͤcklicher Stimme ausrief: Ich glaube faſt behaupten zu koͤnnen, daß alle Menſchen ſterblich ſind. Wir traten in die Gaſtſtube, der Wirth ſaß an einem Tiſche bei zwei Gaͤſten, und be⸗ ſprach ſich mit ihnen; er nickte uns freundlich entgegen, ſchob ſeine Muͤtze vom rechten Ohr zum linken, und fragte, was zu unſern Dien⸗ ſten ſtehe. Wir verlangten zu eſſen, er beſtellte es und ſetzte ſich wieder zu ſeiner Geſellſchaft. Den einen erkannte ich ſogleich fuͤr den Schul⸗ meiſter, er wiegte ſich gravitaͤtiſch mit gelehrter Amtsmiene auf dem hoͤlzernen Lehnſtuhle, glattgekaͤmmtes Haar durch einen Kamm zier⸗ lich zuſammengehalten, und ein grauer Kaftan mit ſchwarzen Knoͤpfen gaben ihm ein ehrwuͤrdi⸗ ges Anſehn, ſeine Reden waren mit lateiniſchen Floskeln ausſtaffirt, und daß der geiſtliche Stand ſchwarz gekleidet ſeyn muͤſſe, ſah man ihm ſogar an der Waͤſche an. Man merkte, daß er gern ein Geſpraͤch mit uns anfangen wollte; er ruͤckte naͤher, raͤuſperte ſich, nahm eine Priſe, zog das Schnupftuch heraus; bei dieſer letzten Handlung aber fiel ein gedrucktes Papier auf den Boden. Ich hob es auf, ſah es fluͤchtig an, und uͤberreichte es ihm; es war ein Blatt aus dem Catechismus, wo die Frage; wie viel ſind Goͤtter? mit der Antwort: nur Einer, aber drei Perſonen, Vater, Sohn und heiliger Geiſt; darauf ſtand. Verzeihn Die⸗ ſelben, ſagte er, daß Sie ſich incommodiren thun muͤſſen; die Teufelsjungen, meine Scho⸗ laren, ſind daran Schuld. Ich examinirte ſie * 1 — 122— dieſen Morgen im Chriſtenthum, aber die ignorantia war ſo groß, daß mich der Zorn uͤberlief, und ich einem den Catechismus an den Kopf warf. Zufalligerweiſe behielt ich dies Blatt in der Hand, und habe es in Gedanken in die Taſche geſteckt; aber ſobald ich nach Hauſe komme, muß meine Frau Kleiſter kochen, daß ich es wieder einleimen kann; denn es waͤre augenſcheinlich peccatum contra spiritum zanctum, wenn man den heiligen Geiſt ſo ſchimpflich zerreißen, oder ſeinen heiligen Na⸗ men zu einem andern Gebrauch anwenden woll⸗ te. Denken Sie nur, was wir ihm alles zu danken haben, die inspiration der Propheten, den Ausgang vom Vater und Sohn, und quod maximum est, die Ueberſchattung der Maria. Was waͤren wir ohne dieſe? Wir waͤlzten uns noch immer im Schlamm unſrer Suͤnden her⸗ um. Er kam hier ſo in Hitze, daß es der Kamm auf dem Kopfe nicht mehr aushalten konnte, ſondern von den ſtraͤubenden Haaren empor gehoben wurde, und herabſiel. Ich haͤtte ihm geantwortet, wenn nicht mein Mund mit dem Rinoͤfleiſch, das etwas zaͤh war, volle Arbeit gehabt haͤtte. Er mochte auch bemerken, daß einige Falten auf meiner Stirne keine 1 8 — — — 123— Zeichen des Beifalls waͤren, deshalb ſchwieg er, und ließ ſich die Antwort von ſeinem Glaſe Schnaps geben. Nun, Herr Salbe, ſagte der Wirth zu dem andern Gaſte, fahr Er doch fort, Er wollte uns ja die Geſchichte mit dem fremden Weibſen erzaͤhlen. Herr Salbe war ein Mann in einem gruͤnen Rocke mit gelben Knoͤpfen, in einer rothen Weſte, gelbledernen Beinkleidern und ſchwarzen Kamaſchen, der ganz das Ge⸗ praͤge eines Dorfbarbiers trug; er ſchien ſchon tief in die Jahre zu ſeyn, und dennoch hatte er ſeine ſieben Haare in einem Zopfe auf dem Wirbel zuſammengeſchraubt; er ſprach noch mit vielem Feuer, und in ſeinen Mienen lag etwas Biedres, das ihm ſogleich meine Achtung ſchenkte. Was man im gemeinen Leben unter einem alten ehrlichen deutſchen Degenknopfe ver⸗ ſteht, das war Herr Salbe. Ich ſaß, fing er zu orzaͤhlen an, vorige Woche in der Abenddaͤmmerung ruhig auf mei⸗ nem Grosvaterſtuhle, und ſchmauchte mein Pfeiſchen. Da oͤffnete ſich ploͤtzlich die Stuben⸗ thuͤre, ein junges Frauenzimmer mit blaſſem Geſcht ichwanlte herein, und ſank halb ohn⸗ * maͤchtig auf die Ofenbank. Nur einen Trunk Waſſer und zwei Biſſen Brod! ſtammelte es. Ich ſprang auf, ſchmiß meine Pfeife weg, trug das arme Geſchoͤpf auf's Bette„ und rufte meine Frau, die in der Wirthſchaft etwas zu thun hatte. Dieſe kochte ſogleich eine gute Kraftſuppe, und ich holte meine Hausmedizin herbei, eine Flaſche Kraͤuterwein; dadurch ge⸗ lang mir's, daß ich ſie wieder zu ſich ſelbſt brachte. Es war ein liebes? Maͤdchen, Unſchuld und Sanftmuth, aber auch Kummer und Lei⸗ den ſahen ihr aus den Augen, und ihr Anzug und Betragen veriethen„ daß ſie nicht von niederm Stande war. Ein duͤnner Schimmer von Roͤthe uͤberzog ihr Geſicht, ſte reichte mir die kleine weiche Hand, und druͤckte mir die meinige. O wie gluͤcklich bin ich, ſagte ſie mit einem Blick gen Himmel, daß meine Kraͤfte noch hinreichten, dies Haus zu betreten, wo ich einmal brave gefuͤhlvolle Menſchen finde! Noch zwei Sekunden laͤnger, und ich haͤtte auf freier Straße muͤſſen liegen bleiben. Denken Sie, guter Alter, anderthalben Tag bin ich umhergeirrt, meine Fuͤße haben nicht geraſtet, meine Augen ſich nicht geſchloſſen, kein Biſſen iſt uͤber meine Lippen gekommen, und nur ein⸗ mal habe ich bei einer Quelle meinen Durſt lo⸗ ſchen koͤnnen. Sie dauern mich von ganzen Herzen, ant⸗ wortete ich; aber— Hier brachte meine Frau die Suppe, und wir ſetzten uns beide zu ihr;— aber, fuhr ich fort, was war die Urſache, daß Sie unbekannte Wege waͤhlten, ohne Vesleitung, ohne Geld, ohne Lebensmittel. Gewiß eine entlaufene Kammerjungfer von einem Edelhofe, ſiel der Schulmeiſter in die Rede, oder eine ungerathene Tochter, die zu Falle gekommen, und von ihren Eltern verſto⸗ hen worden iſt. Haben Sie nicht etwa Blut an ihr bemerkt, daß ſie wohl gar das Kind umge⸗ bracht haͤtte? Sie haͤtten ſie als eine verdaͤchtige Perſon anzeigen ſollen. Pfui! Herr Schulmeiſter, ſagte der red⸗ liche Barbier mit Feuer, wer wird von ſeinem Nebenmenſchen ſo entehrend denken. Sie war keins von beiden; aber waͤre ſie auch gefallen geweſen, und haͤtte ſie ſich durch Verzweiflung zu einem Vergehen hinreißen laſſen, ſo war ſie doch eine Ungluͤckliche, die Anſpruͤche auf unſer Mitleid und Huͤlfe machen konnte. Hoͤren Sie nur, Sie werden bald gelinder urthei⸗ len.— — 126— Schon die Freiheit, antwortete ſie auf meine Frage, ſelbſt mit der traurigen Ausſicht, Hunger, Durſt und Mangel an jedem Beduͤrf⸗ niß ertragen zu muͤſſen, war die groͤßte Wohl⸗ that fuͤr mich in der Lage, in welcher ich mich befand, und aus welcher ich mich mit Gefahr des Lebens rettete.— Indem ſie dies ſagte, trat der Forſter, mein Nachbar, her⸗ ein, und brachte die Neuigkeit, daß in voriger Nacht das Waldſchloß des Oberſtallmeiſters von Raͤubern gepluͤndert, und er ſelbſt ermordet worden waͤre.— Dieſe Nachricht ſchien ſie zu uͤberraſchen; halb Freude, halb Schmerz druͤck⸗ ten ihre Mienen aus. Faſt ſollte ich glauben ſagte ſie, als der Foͤrſter wieder fort war, daß die Vorſehung mich und noch unzaͤhlige Ungluͤck⸗ liche geraͤcht habe. Eben jener Oberſtallmeiſter war's, der ein ganzes Jahr mich einkerkerte, und mich auf das haͤrteſte behandelte, um meine Tu⸗ gend zu beſiegen. Er wollte weiter erzaͤhlen; aber ich mußte ihn unterbrechen. Mit jedem Worte ſeiner Erzaͤhlung war meine Erwartung mehr geſpannt worden, Erſtaunen und Ahndung hatten meine Gedanken ſchon ſo hingeriſſen, daß ich oft mit dem Biſſen ſtatt in die Schuͤſſel in das Salzfaß — 127— gefahren war, und jetzt, da mir faſt kein Zwei⸗ fel uͤbrig blieb, daß das verirrte Maͤdchen Julie waͤre, mußte ich Gewißheit und genauere Nachricht haben. Ich haͤtte ſo gern den klein⸗ ſten Umſtand gewußt: denn wenn ein Unpar⸗ theiiſcher von dem Gegenſtand ſpricht, den man liebt, wuͤnſcht man gewiß recht ſehnlich viel von ihm zu hoͤren, weil man ſich ſchmeichelt, daß es vortheilhaft ſeyn wird. Hundert Fragen ſtie⸗ gen in mir auf, und doch wußte ich nicht, mit welcher ich anfangen ſollte. Ihr jetziger Zu⸗ ſtand intereſſirte mich am meiſten. Wenn Sie noch bei dem ehrlichen Barbier ſich aufgehalten haͤtte, und ich mit ihm in ſeine Stube getreten waͤre, wo ſie vielleicht an einem Tiſche ſaß, und mitedem Kopfe auf den runden Arm geſtuͤtzt in Gedanken ſich mit mir beſchaͤftigte! Wenn ſie die Augen aufgeſchlagen, und den, welchen ſie entfernt glaubte, uͤber deſſen Schickſal ſie zweifelhaft war, und dem ſie vielleicht eine Sehnſuchtsthraͤne weinte, erkannt haͤtte! Wenn die Thraͤne vor Ueberraſchung im Auge geſtockt, und nur dann erſt ſich geloͤßt haͤtte, und auf meine Wange gefallen waͤre, da ſie im Taumel des Widerſehns, ſtumm und ſtarr vor Gefuͤhl in meinen Armen gelegen haͤtte! Wenn ſie dann nach einer wonnigen, Lippe auf Lippe gefeierten Pauſe— Ludwig, Du?— Mein?— Jetzt an dieſem freudeklopfenden liebenden Buſen?— geſtammelt, und ich mit verdoppeltem Druck an mein klopfendes Herz, mit ſtroͤmenden Kuͤſſen auf ihren Mund— ja— Julie— Dein Ludwig iſt's,— iſt gluͤcklich, daß er Dich wie⸗ der gefunden hat— tauſcht dieſen ſeligen Au⸗ genblick fuͤr keine Krone nicht— geruft haͤtte; was waͤr' das fuͤr eine himmliſche Freude, welch fuͤßer Lohn fuͤr ſo viele Leiden, ſo harte Pruͤfun⸗ gen geweſen!— Deutſche Maͤdchen und Juͤnglinge! ich fordre Euch auf! koͤnnt Ihr mir's znüchfühlen? Koͤnnt Ihr die Empfindun⸗ gen, die dieſe Srene hexrvorgebracht haben wuͤrde, mit Eurer Phantaſie erſchoͤpfen? Ja, gewiß viele von Euch koͤnnen es! ich wollte es aus der Seele manches Maͤdchens die ich kenne, beſchwoͤren. Waͤret Ihr in dieſem Augenblick hier, koͤnnte ich Euch an meine wallende Bruſt mit reinem dankbaren Gefuͤhle, daß Ihr mit empfindet, was ich nicht ſagen, nur denken kann, druͤcken, ich wuͤrde mich gluͤcklicher preiſen, als wenn ich durch Schmeichelei die Gnade eines Fuͤr⸗ ſten, oder durch einige hundert Thaler und fremde Federn den Doktorhut erhalten haͤtte! Wir wollen ſehn, ob dieſe Freude mir be⸗ ſchieden war. Weiß Er nicht, fragte ich den Barbier, wo das Maͤdchen her war?— Aus Gesr, die Tochter eines Muſikdi⸗ rektors. Ihr Vater iſt geſtorben, es mag ein braver Mann geweſen ſeyn; aber ihre noch le⸗ bende Mutter muß ein gefuͤhlloſes Weib ſeyn. Wenn ich erzaͤhlen wollte, wie ſie dem armen Maͤdchen mitgeſpielt hat! Hier ſtellte ſich ploͤtzlich das Schreckliche ih⸗ rer Leiden meinen Gefuͤhlen dar, ich vergaß mich, und rief haſtig: Arme Julie! Ja, ja, fiel er ein, ſo hieß ſie. Sie muͤſſen ſie kennen, und bekannt mit ihrer Ge⸗ ſchichte ſeyn, wie ſollten Sie ſonſt ihren Namen wiſſen. Meine Uebereilung zog mir eine Schaam⸗ roͤthe zu, und beſtaͤrkte ſeine Muthmaßung. Ich habe den Vater gekannt, ſagte ich. Haͤlt ſich das Maͤdchen noch hier bei Ihnen auf? Nein, erwiederte er; ſie wollte auf das Gut eines gewiſſen Rittmeiſters Blaubergs, 8 9 1 0 da aber der Weg weit, und ihr unbekannt war, konnte ich ſie ohnmoͤglich allein gehen laſſen. Meine Frau entſchloß ſich, ſie ſelbſt hin zu be⸗ gleiten, und dieſe vermuthe ich nach einigen Ta⸗ gen wieder zuruͤck. Haͤtte ich's Geld gehabt, ich haͤtte das arme Maͤdchen warlich mit Extra⸗ poſt zu ihren Bekannten geſchickt; doch ich denke ſie ſoll auch ſo geſund und wohl dort angekom⸗ men ſeyn. Die Hoffnung alſo, ſie hier zu ſehn, war vereitelt; allein ich wurde durch den Gedanken entſchaͤdigt, daß ſie bei Blaubergen und ſeiner Gattin eben ſo ruhig und ſicher ſeyn wuͤrde, als in meinen Armen. Der Barbier ſprach noch von verſchiede⸗ nen Dingen, und dann entfernte er ſich. Spre⸗ chen Sie doch in meiner Huͤtte noch einmal ein, meine Herren, ſagte er, wenn Sie fortgehen, ſie liegt am Wege, und es iſt die letzte im Dor⸗ fe. Wir thaten es; er ſaß auf ſeinem Großva⸗ terſtuhle, ſchmauchte ſein Pfeifchen, und auf ſeinem Beine ſchaukelte ſich ein muntrer Knabe. Sehen Sie, ſagte er, das iſt die Freude mei⸗ nes Alters, es iſt mein Enkel, den ich zu mir — — 131— genommen habe, und den ich ganz nach meiner Art, wie ich es die Zeit uͤber, die ich mich in der Welt herumgeworfen habe, gelernt habe, erziehe. Wollen ſehen, ob der Saame gute Fruͤchte bringen wird! Ich ſtelle mir's als das groͤßte Gluͤck auf Erden vor, eine junge Seele gebildet zu haben, die Erinnerung daran bettet uns das Sterbelager weich, und das Hinſcheiden muß einem Schlummer gleichen, wie man ihn an einem Abend wuͤnſcht, deſſen Heiterkeit einen noch ſchoͤnern Morgen pro⸗ phezeiht. Guter Alter, ſagte ich, wuͤßte Er, wie vie⸗ len Dank ich Ihm ſchuldig waͤre! Mir? antwortete er, mich genauer betrach⸗ tend.— Da haͤtte ich Ihnen einen Dienſt ohne mein Wiſſen geleiſtet.— Hm!— Lud⸗ wig! ſagte das Maͤdchen einſt mit einer Thraͤne im Auge, wuͤßteſt Du, was dieſer Greis an mir gethan hat, wie er mich gepflegt, und dem Tode entriſſen hat, Du muͤßteſt ihn ſe⸗ hen, um mit warmen Dank ſeine Hand druͤk⸗ ken zu koͤnnen.— Ob ich wohl das noch erle⸗ ben werde!— Schauerliches Entzuͤcken durchlief mich. Und zwar in dieſer Sekunde noch! rief ich. Her die zitternde Hand!— ich bin Ludwig!— Fuͤhlſt Du's, braver Alter, im Druck? Mein Dank, mein Gefuͤhl, meine ganze Seele liegt in demſelben. Ja, ich fuͤhl's! ſagte er, faltete meine Hand in die ſeinigen, und blickte gen Himmel. Dank Dir da oben fuͤr dieſe Frende, Vater, der mit Ehren mein Haupt grau werden, und mich ruhig bis auf wenig Schritte noch zum Grabe wandeln ließ! Bricht die morſche Huͤlle — gut— ich bin bereit, bei Dir iſt's beſſer, als hienieden. Aber ſegne dieſen und ſein kuͤnf⸗ tiges Weib! ſegne meinen Enkel!(zu mir ſich wendend) Dieſen empfehle ich Ihnen, glau⸗ ben Sie mir einige Verbindlichkeit ſchuldig zu ſeyn, ſo laſſen Sie es ihm entgelten. Wer weiß, wo Sie ihm einmal nuͤtzen koͤnnen. Nun noch etwas. Als ſie mich verließ, wollte ſie mir etwas zum Andenken hinterlaſſen, und hatte doch nichts. Sie nahm ein Meſſerchen heraus, und ſchnitt ein Verschen in meine bre⸗ terne Wand. Kommen Sie, ich will's Ihnen zeigen. Er fuͤhrte mich in einen Winkel der Stube, und ich las: Beſturmt vom härtſten Erdenloos, Sank ich in dieſer Hütte nieder; Es rufte mich in's Leben wieder Ein Greiß an Seel und Tugend groß. Ich ſchied,— wollt' danken,— welcher Schmerz! Was ſollt' dem guten Greis ich geben? Ich hatte nichts, als nur ein— Herz. Aus dieſem ſchnitt, von Dankesbeben Durchſtrömt, in dieſe Wand ich hier:— Vergiß mich nimmer! Gott belohne Mit der Verklärung Strahlenkrone Es einſt an jenem Tage Dir! Auf jeder Silbe ſchwebt ihr ſanfter treflicher Charakter, rief ich: daß ſie doch der Himmel gluͤcklich inmeines Blaubergs Haͤnde geleitete! An dieſem Knaben will ich die Schuld abtragen, die Ihre That mir auferlegt hat. Erziehen Sie ihn bis an Ihr Ende, dann will ich ſein zwei⸗ ter Vater ſeyn. — 134— Funfzigſtes Kapitel. Meine Kapitel feiern ein Jubiläum. Da wird es recht luſtig hergehen! Hierauf ſchrieb ich an Blauberg und den Ge⸗ neral Haller die Veraͤnderung und Lage der Dinge, bat ſie bald zu antworten, und die Briefe an den Oberſt Baͤrenklau zu addreſſiren, weil ich meinen Weg uͤber ſeine Guͤter nehmen wollte; und dann ſetzten wir unſern Stab wei⸗ ter. Einige Zeit verſtrich, und nur Vorfaͤlle ereigneten ſich, wie ſie auf Reiſen vorkommen. Wir fanden Wirthshaͤuſer, wo die Zeche nach der Kleidung der Gaͤſte gemacht wurde; wo huͤbſche Maͤdchen zur Bedienung waren, welchen zur Gefaͤlligkeit man Wein ſtatt Bier trank: wo eine junge Wirthin dem wohlgebildeten Fremden ſelbſt das Schlafgemach anwies, und ihm ſo eine angenehme Ermuͤdung einzufloͤßen wußte, daß ſie es fuͤr ihre Schuldigkeit hielt, ihn am Morgen wieder zu wecken, und ſich zu erkundigen, wie er geſchlafen habe; wir fanden Döoͤrfer, wo Bauern in Schlafroͤcken vor den — 135— Thuͤren ſtanden, und es bei dem Bewußtſein — wir haben Geld, kaum der Muͤhe werth hielten unſern Gruß zu erwiedern; wir kamen aber auch in welche, wo die Kinder halb nak⸗ kend herumliefen, wo die Erwachſenen bleich und mißmuthig hinter dem Pfluge herſchlichen, und wo die Urſache davon an den gemaͤſteten Baͤuchen der Beſitzer und Gerichtshalter ge⸗ ſchrieben ſtand, in welche ſie Bauerguͤter, Wieſen und Aecker durch eine Gurgel zu leiten wußten, an der ein Halsband vom Seiler ſich beſſer wuͤrde ausgenommen haben, als der De⸗ gen an der Seite unbaͤrtiger Knaben, die beſſer fluchen, ſaufen und galanter Krankheiten ſich ruͤhmen koͤnnen, als leſen und beten, und die eher Offiziers werden, als ſie Verſtand be⸗ kommen. Wir reiſten durch Städte, wo Baͤk⸗ kers⸗ und Bierſchenkenstoͤchter goldne Uhren trugen, und Schneiderweiber wie Graͤfinnen ſich bruͤſteten, und man uns doch verſicherte, daß dieſe oͤfters gar jaͤmmerlich ihre Zaͤhne ſtra⸗ pazieren muͤßten, um die harten Brodrinden zu zerkauen, weil der Fleiſcher nicht mehr bor⸗ gen wolle; wo die Polizei eine Menge Leute unterhielt, die auch ohne Befehl ihrer Obern die armen Buͤrger bis auf'’s Blut peinigten; — 136— wo man nur Schuhputzer oder maitre de plai- sir eines Hochedlen Rathsglieds zu ſeyn brauch⸗ te, um auf die eintraͤglichſten Poſten Anſpruͤche machen zu koͤnnen. 4 Wir trafen oft ein Gewuͤhl von Menſchen, das nicht bunter und unterhaltender fuͤr den Beobachter haͤtte ſeyn koͤnnen. Der finſtre Ge⸗ lehrte arbeitete ſich aͤngſtlich hindurch, ſeine Figur war der Gegenſatz von den Folianten, die er durchgeleſen hatte, ſeine Gedanken waren deſto groͤßer, er ſah den großen Baum vor ſich nicht eher, bis er eine Spanne weit von ſeiner Stirne war, er wollte ausweichen, trat mit dem weißſeidnen Strumpfe in eine Pfuͤtze, be⸗ ſpruͤtzte einer alten Jungfer die ſchoͤne neue Schuͤrze, durch welche ſie noch im vierzigſten Jahre auf nicht gleichguͤltige Dinge hatte ſchlie⸗ ßen laſſen wollen, und erhielt dafuͤr eine Stand⸗ rede nach weiland Nantippens Methode. Der Kaufmann ging gravitaͤtiſch einher, ſeine Seele ſchien ein großer Kaſten voll Zahlen zu ſeyn, er ſah alle Leute fuͤr Nullen an, und betrachtete ſich als den Zaͤhler vor denſelben;— aber das waͤre augenſcheinlich ein Druckfehler geweſen:— Er berechnete im Geiſte den Ge⸗ — 132— winnſt, den er haben wuͤrde, wenn es ihm er⸗ laubt waͤre, eine Auktion von Eigenſchaften an⸗ zuſtellen. Advokaten und Richter, glaubte er, wuͤrden haufenweiſe herbeiſtroͤmen, um ſich die Chikane zu erſtehn. Seinen eignen Stolz und ſeine Dumm⸗ heit hoffte er auch bei dieſer Gelegenheit an den Mann zu bringen, beſonders bei Landedelleuten und Perſonen mit erkauften Titeln, die auch auf etwas bieten muͤſſen, daß ſie bemerkt werden. Gefuͤhl und Redlichkeit, fuͤrchtete er, wuͤrden am wenigſten abgehen, es muͤßte denn einem armen Tageloͤhner oder andern gemeinen ein⸗ faͤltigen Leuten einfallen, ſolche verlegne Waare zu erſtehen. Der zierliche empfindſame Stutzer ſchwebte in einer Atmosphaͤre von Kan de Lavande und Puder à la Marechal; um das Quent⸗ chen Klugheit warm zu halten, hatte er den Kopf in eine ungeheure Friſur huͤllen laſſen, und um ſeine Leichtigkeit zu zeigen, huͤpfte er uͤber einen Stein, der im Wege lag, hinweg; allein— welchen Streich ſpielte ihm ſein Miß⸗ geſchick!— die falſchen Waden fuhren ihm beim Sprung auf die Hacken herab, er murmelte ein paar franzoͤſiſche Schwuͤre her, und ent⸗ — 138— fernte ſich in's naͤchſte Haus, um ſie wieder feſt zu ſchnallen. Der reiche Dummkopf waͤlzte ſeine durch Unthaͤtigkeit und Wohlleben augeſchwollene Exi⸗ ſtenz umher, und betrachtete ſich mit innerm Wohlbehagen als ein unentbehrliches Glied in der Schoͤpfung. Viele, die mit einem Gedan⸗ ken ſeine ganze Seele aufwogen, beugten ihren Ruͤcken vor ihm, weil er ſie, entweder aus Be⸗ gierde zu glaͤnzen, oder vielleicht aus einer beſ⸗ ſern Abſicht in den Stand ſetzte, bei Talenten oder Kenntniſſen nicht verhungern zu muͤſſen. Der Dummkopf bleibt mir deswegen, wenn ſein Gold ihm nicht die Gefuͤhle raubt, immer ſchätzbar; denn waͤr' er nicht Commendant von geraͤnderten Siegern uͤber Unſchuld und Recht⸗ ſchaffenheit, wie elend wuͤrde ſein Zuſtand ſeyn! der Edle wuͤrde ihn bemitleiden und der Poͤbel verſpotten. 1 Wie ungerecht, bei meiner Ehre! Wenn um ein ſchlechtes hingeklextes Bild, Das kaum zwei blinde Dreier gilt, Nicht noch ein goldnes Rähmchen wäre, Man riß es ab und brennte dran 1 Ea gratia ſein Pfeifchen Kuaſter an. Der alte Hypochondriſt und die Betſchwe⸗ ſter ſchlichen mißmuthig einher; ſie zuͤrnten auf —— — 139— die arge Welt und die boͤſe Jugend. Die Suͤn⸗ de hatte ſie verlaſſen, weil ſie es fuͤr vergebliche Muͤhe hielt, aus den ausgemergelten Körpern noch ein Opfer zu erpreſſen. Jener klapperte bei jedem Schritt, weil das wenige Fleiſch die Colliſion der Knochen nicht verhindern konnte, und ſein ſchwindſuͤchtiger Huſten ſchien das Praͤ⸗ ludium zu ſeinem Sterbeliede zu ſeyn. Dieſer hatten die Jugendfreuden ein memento mori auf's Geſicht geſchrieben; ihr Toilettenzimmer hatte ſie in ein Betſtuͤbchen verwandelt, auf dem Tiſche lagen ſtatt Romanen Gebetbuͤcher, ſtatt der Schminkbuͤchſe ein Cruzifix, und ſtatt Riechflaͤſchchen ein Todtenkopf. Nur der Spie⸗ gel prangte noch am alten Orte, denn, obgleich die Wuͤrmer ſchon auf ihren Leichnam harrten, wie Studenten in der Zeit der Noth auf ein ge⸗ ſchmiertes Dreierbrod, ſo konnte ſie doch nicht unterlaſſen, ſelbſt beim eifrigſten Gebet hinein⸗ zuſchauen, um vielleicht hie und da noch Reize zu entdecken. Der Theologe hatte einen engſamnen chriſt⸗ lichen Gang, ſein ganzes Weſen war orthodox. Geſpraͤch, Vortrag, Betragen; man wollte ſo⸗ gar behaupten, daß er orthodor Kinder zeugen ſollte. Er war zwar noch unverheirathet: aber — —— 8, — — — 140— wie viel kann nicht ein ſchwarzer Prieſterrock ver⸗ bergen! und ein Monat Beichtgeld, beſonders wo es große freigebige Suͤnder giebt, hat ſchon dadurch, daß es ein Zoll fuͤr Suͤnden, und eine heilige Waͤſche des Gewiſſens ſeyn ſoll, Kraft genug, dergleichen Kleinigkeiten den Schein der Verläͤumdung und Schmaͤhſucht zu geben. Eine Dame zog die Augen auf ihre glaͤn⸗ zenden Kleider. Sie war die Tochter eines ge⸗ meinen Buͤrgers, der durch Wucher und andere privilegirte Betruͤgereien ſich ein anſehnliches Vermoͤgen zuſammengeſcharrt hatte, und ſeine Tochter einem Mann mit einem großen Titel gab, der dadurch vom Schuldthurme befreit wurde. Sie war ſtolzer, als eine Hochwohl⸗ gebohrne, die ſich hatte entſchließen koͤnnen, ei⸗ nen Tiefedelgebohrnen zu heirathen. Man ſah ihr zwar die Muͤhe an, mit der ſie den gro⸗ ßen Ton nachzuahnmen ſuchte; allein uͤberall ſchielte ihre Erziehung durch. Und waͤre ſie auch nicht eitel geweſen, haͤtte ſie durch ihr Betragen manche von hoͤherm Range beſchaͤmt, ſo wuͤrde ſie doch das Geſpraͤch bei Wochen⸗ und Kaffeeviſiten geweſen ſeyn, Doktors⸗ und Hof⸗ rathsweiber wuͤrden in ihrer Geſellſchaft die Naſe geruͤmpft und wohl gar hoͤhniſch gefragt — 4 † † — 141— haben; Wie lange iſt's, meine Gute, daß Sie vom Lievater weg ſind? Eine andre Dame blendete uns durch ihre Figur und ihren diamantenen Schmuck. Jene ſchien einem Erdengotte Erholung nach einer Sauhetze zu gewaͤhren und dieſen hatte ſie ſich auf einem elaſtiſchen Sopha durch gefällige Nachgiebigkeit gegen phyſiſche Eindruͤcke erwor⸗ ben. Dennoch waren ihr Reize genug geblie⸗ ben, einen Mann zu feſſeln, der ein gutes Herz beſaß;(denn heut zu Tage heißt ein gutes Herz haben faſt eben ſo viel, als ein Schaafkopf ſeyn) der's fuͤr eine Gnade hielt, ſo einen hohen Vor⸗ gaͤnger zu haben und zum Andenken an dieſe Gnade in einer ſchoͤn lackirten Kutſche fahren und in dem erſten, freilich etwas zu fruͤh gebor⸗ nen Soͤhnchen einen jungen Offizier oder Dom⸗ herrn umarmen zu koͤnnen. Ein und funfzigſtes Kapitel. wohlehrwuͤrden ſtinken! Aper, du lieber Gott, welche muͤhſame und langwierige Arbeit wuͤrde es ſeyn, alle die klei⸗ nen und groͤßern Bloͤßen im Gewand, und be⸗ ſonders im Negligee der Menſchheit zu zeigen. Bei dem foemineſen Theile derſelben wuͤrden bei mancher Falte, die etwas verbirgt, ſich meine Finger oͤfters recht angenehm beſchaͤftigt finden, und wollten ſie hie und da einige verſchobene Faͤden noch weiter verſchieben, oder gar manche Stellen ganz entbloͤßen, ſo koͤnnte vielleicht der Abſtand von der ſeidnenen Huͤlle ſo widrig aus⸗ fallen, daß ſich meine Augen auf einen Gottes⸗ acker oder eine Anatomie verſetzt glaubten! aber ſie koͤnnten auch ſo ſchoͤn uͤberraſcht und unter⸗ halten werden, daß noch uͤberdies ein paar Louisdor's zu verdienen waͤren, wenn ich— nicht hinzufuͤhlen—(denn es iſt hier kein fin⸗ ſtres einſames Plaͤtzchen) nur hinzuſchielen einem reichen Wolluͤſtling erlaubte, der mit waͤßern⸗ Eine Spekulation Geld zu verdienen. Hu! wie ihre Hoch⸗ „ 5 143— dem Munde und luͤſternen Blicke die Naturſcene durch das Perſpectiv beaͤugelte, deſſen Kraͤfte, wie die Leute ſagen, zwar ſchon ſehr abgenom⸗ men haben, daß ſie weit hinter den Begierden herkeuchen, der aber doch jeden Tag wenigſtens ein paar Stunden auf Promenaden umher⸗ watſchelt und die kleinen gierigen Augen umher⸗ wirft, um etwa einen neuen oder auch ſchon ge⸗ brauchten, nur nicht abgenutzten Gegenſtand zu entdecken, der ſeinen Augen und Haͤnden, weil er im reellern Fache Invalid iſt, einen Zeitver⸗ treib gewaͤhren koͤnnte.— Daß doch irgend wo ein großer Schneider aufſtaͤnde, der es unternaͤhme das Negligee der Menſchheit zu flicken! Es haben ſich zwar ſchon unterſchiedliche Maͤnner an das Geſchaͤft ge⸗ wagt, Horaz und Juvenal in alten und Rabner nebſt vielen andern in neuern Zeiten; aber das Handwerk will weder frommen noch lohnen. Einige haben dabei hungern muͤſſen, einige hat man ſo nachdruͤcklich auf die Finger geklopft, daß ihnen die Nadel aus den Haͤnden gefallen iſt, einigen hat man das Haudwerk ganz gelegt, und noch andere haben durch Verluſt zeitlicher Wohlfahrt und ſelbſt des Lebens dafuͤr buͤßen muͤſſen. Alſo waͤr' dieſer Wunſch vergeblich, ———y und auch ich mag mich nicht dazu aufwerfen. So ein Woͤrtchen mit unter geſagt, wie ich thue, denke ich, ſoll nichts zu bedeuten haben. Ich ſags ja nur ſo hin und meyne niemanden damit, und wer es ſich annehmen wollte, der trete ja dem großen Orden bei, der ſich jetzt ſo ſehr aus⸗ breitet, und der zum Ordenszeichen eine Schel⸗ lenkappe hat.— Ueberdieß will ich das Negligee nur zeigen, nicht flicken; da man mir beſonders in's Ohr geraunt hat, es waͤre alles ſo morſch, daß kein Stich mehr hielt; welches wohl oͤfters wahr ſeyn mag, aber es allgemein gelten laſſen, das waͤre zu menſchenfeindlich von unſern Bruͤdern und Schweſtern gedacht. Und nun zuruͤck mit einem ſchriftſtelleri⸗ ſchen Chaſſee auf die Straße, welche nach** einem kleinen Staͤdchen fuͤhrt. Wir wollten noch am nemlichen Tage hin, und langten alſo erſt des Nachts um zwoͤlf Uhr daſelbſt an. Es waren zwar Thore und auch ein Thorſchreiber, wie wir nachher erfuhren, vorhanden; aber es war gleich darneben ein Stuͤck Mauer eingefal⸗ len, daß man fuͤglich vier Mann hoch haͤtte hin⸗ einmarſchiren koͤnnen. Dieſen Eingang waͤhlten wir und ſuchten einen Gaſthof; wir waͤren aber beinahe noch eher zur Ruhe gekommen. Wir fielen uͤber etwas, das im Wege und zwar in einer Pfuͤtze lag, und haͤtte der wohlweiſe Rath nicht beſſer fuͤr das Wohl unſrer Naſen ge⸗ ſorgt, denn es war wenig Pflaſter im Staͤdt⸗ chen, ſo haͤtten wir ein ſehr empfindliches An⸗ denken davon getragen. Wir wollten uns naͤ⸗ her uͤberzeugen, woruͤber wir gefallen waren; unſre Haͤnde faßten etwas haariges und unſre Augen entdeckten beim Mondenſchein eine ſchwarze beſchmutzte Menſchenfigur, die wir, waͤre es nicht an dieſem Orte und in dieſem Zu⸗ ſtande geweſen, fuͤr einen Geiſtlichen gehalten haͤtten. Und doch war es ſo. Unſer Fall und Ruͤtteln mochten ihm einigermaßen fuͤhlbar ge⸗ weſen ſeyn. Er waͤlzte ſich um und rief ſtam⸗ melnd:—„Kann meiner Seel nicht mehr, Herr Confrater, trinken Sie's dem Herrn Superintendent zu.“— Hier kollerte er ſich wieder auf eine andere Seite, ſeufzte und aͤchz⸗ te, und ein Strom ſchoß aus dem Munde her⸗ vor, der ſich ſogleich mit der Pfuͤtze vermiſchte und vermuthlich ſeine Lage bequemer machte, denn er fing kurz darauf tuͤchtig zu ſchnarchen an. Waren wir nicht vorſichtiger geweſen, ſo haͤtten wir auf aͤhnliche Art noch mehrmal fallen 10 — 146 tonnen⸗ indem wir die ganze Saſt mit See⸗ lenhirten beſaͤet fanden. Ich wunderte mich mit meinem Reiſege⸗ 4 faͤhrten, welcher Zufall die geiſtlichen Herren, welche vielleicht in der letzten Predigt wider das Laſter des Trunkes geeifert hatten, zu die⸗ ſem boͤſen Beiſpiel muͤſſe verleitet haben; allein wir wuͤrden ſchwerlich die wahre Urſache gefun⸗ den haben, wenn uns nicht der Nachtwaͤchter, der ſich eben mit ſeiner Laterne zu uns geſellte, das Raͤthſel geloͤſt haͤtte. Es iſt Convent, ſagte er; da ſind alle Geiſtliche der Dibces auf der Superdentur ver⸗ B ſammelt, und eſſen, trinken und ſpielen bis am hellen Morgen. Dieſe haben ſich vermuthlich, weil ſi ſie aus der Naͤhe ſind, noch genug Krafte zugetraut, nach Hauſe zu gehen, und ruhen hier ein Bißchen aus. Ich. Wenn nun ungluͤcklicher Weiſe ein Wagen durch dieſe Gaſſe gefahren waͤre?— Er. J, nu, da waͤren ſie auch hinge⸗ fahren; aber wohin?— das waͤre darauſ an⸗ kommen. 1 Ich Aus welcher Abſi icht wird denn Sone vent gehalten. v —— —— ————— Er. Das erfaͤhrt unſer einer nicht! So gar viel wichtiges aber, dachte ich, ſollte nicht ausgemacht werden koͤnnen. Ich. Und wer giebt die Koſten zum Schmauſe? Er. Die muß die Kirche geben. Ich. Iſt denn dieſe ſo reich? Er. So arm wie ich, nur etwas baufaͤl⸗ liger; der Herr Supertend, beſonders wenn er in Eifer kommt und mit Haͤnden und Fuͤßen arbeitet, iſt allemal in Gefahr, mit der ganzen Kanzel herabzuſtuͤrzen, dennoch muß der Schmaus puͤnktlich gehalten werden. Es iſt einmal Obſervanz, ſagen die Herren, und da darf nichts abkommen. Nun meinetwegen.— Aber hier liegen kann ich ſie nicht laſſen, ich will ſie auf die Su⸗ perdentur ſchaffen, da moͤgen ſie den Rauſch vol⸗ lends ausſchlafen.(Er huckte den erſtern auf.) Hu, wie der ausſieht! wie der leibhaftige Gott ſei bei uns. Wirr ließen uns einen Gaſthof zeigen, und da wir muͤde waren, legten wir uns ſogleich zu Bette. Wir uͤberlaſſen alſo den Leſern die — 148— Bemerkungen, die wir bei dieſem Vorfall zu machen Stoff genug hitten bei ſich ſelbſt an⸗ zuſtellen. Zwei und funßzigſtes Kapitel. Ein modernes Studentengemählde, und eine Stufenleiter zu Ehrenſtellen. Am Morgen bekamen wir einen Reiſegefaͤhr⸗ ten. Es war ein alter Kandidat, der um einen Kantordienſt angehalten hatte, und jetzt ſeine Probe ablegen wollte. Wir wurden bald mit einander bekannt und ich fand Behagen an ihm. Sein Betragen war zwar nicht nach der feinern Welt; aber er ſchien ein rechtſchaffener geſchick⸗ ter Mann zu ſeyn, dem zur Erlangung eines Amtes nichts fehlte, als die Kunſt zu heucheln und zu ſchmeicheln; und ich fand dies Urtheil durch das Geſpraͤch, das ſich zwiſchen uns an⸗ ſpann, beſtaͤtigt. — 149— Wie ſtark, fragte ich, ſind die Einkuͤnfte des Dienſtes, um welchen Sie angehalten haben? Er. Genau berechnet gegen hundert und dreißig Thaler. Ich. Und Ihre Geſchaͤfte dafuͤr ſind? Er. Taͤglich fruͤh von acht bis eilf und Nachmittaas von ein bis vier eine Menge Kin⸗ der mit dem Stocke in der Hand zu unterrich⸗ ten, die Muſik in der Kirche zu beſorgen, und in den Nebenſtunden, wenn die hundert und dreißig Thaler voll werden ſollen, noch Privat⸗ unterricht zu geben.— Ich. Viel Arbeit und wenig Lohn! Da Sie aber, wie ich aus Ihren Zeugniſſen ſehe, im Examen gut beſtanden haben und auch wider Ihre Auffuͤhrung nichts eingewendet iſt, ſo, daͤchte ich, gaͤbe Ihnen dieſes Anſpruͤche auf ein eintraͤglicheres Amt. Er. Ich ſelbſt glaube in den vier Jahren, die ich auf der Univerſitäͤt zugebracht habe, ſo viel Kenntniſſe erlangt zu haben, daß ich mit eben ſo viel Nutzen, als tauſend andere Pre⸗ diger, die Kanzel haͤtte betreten koͤnnen. Aber mein Schickſal hat's nun einmal nicht gewollt, und ich muß, um nicht laͤnger mit Hunger und — 150— jedem Beduͤrfniſſe zu kaͤmpfen, einen Dienſt an⸗ nehmen, der mich wenigſtens kuͤmmerlich er⸗ naͤhrt. „Ich. Wie lange is, daß Sie die Uni⸗ verſität verlaſſen haben? Er. Achtzehn Jahr, und dies iſt das vier und zwanzigſte mal, daß ich um eine Verſor⸗ gung angehalten habe, und vielleicht auch dies⸗ mal vergebens. Ich. Unglaublich! Er. Aber gewiß nicht mehr in ſo hohem Grade, wenn ich Ihnen ſage, daß ich weder einen Vetter im Conſiſtorio, und ſollte er auch nur Stubenheitzer ſeyn, noch eine Kammer⸗ jungfer in der Reſidenz zur Muhme habe. Hierzu kommt noch, daß ich bei P** Philo⸗ ſophie gehoͤrt habe, und in meiner Gegend— erſchrecken Sie nicht— glaubt man, daß die boͤſen ſchaͤdlichen Grundſäͤtze aller Secten, die ſich auf iſten und aner endigen, in einem Schuͤ⸗ ler dieſes Mannes vereinigt ſeyn muͤſſen und es fuͤr das Wohl ihrer Seelen gefaͤhrlich ſey, im ein Lehramt anzuvertrauen. Ich. Sie koͤnnten mich faſt berreden, daß wir im ſechzehnten Jahrhunderte lebten. Solche Vorurtheile! Solche Finſterniß! bei —— — 151— Gokt, es koſtet mir Muͤhe, Sie fuͤr keinen Luͤgner zu halten! Aber warum gingen Sie nicht in eine andere Gegend Ihres Vaterlands, wo man heller denkt? Er. Auch dies habe ich gethan. Der Stand des Gelehrten wird mit jedem Tage miß⸗ licher, ihre Zahl iſt in dieſem Lande zu unge⸗ heuer. Die Theologen moͤchten ſelbſt Gemein⸗ den bilden, um nur predigen zu koͤnnen, und die Advokaten moͤchten ſich ſelbſt pruͤgeln, um Proceſſe zu bekommen. Mit jedem Jahr wird die Zahl groͤßer und ihr Loos trauriger; denn jeder J Junge, der einen geſunden Einfall hat oder eine Seite Vokabeln ſchnell auswendig lernen kann, hat Genie zum Studiren, und die Eitern ſehen ſchon im Voraus einen Doktor oder wenigſtens einen Magiſter in ihm. Er muß ſtudiren und ſollte der Vater Haus und Hof wegen ihm verpfaͤnden. Der Sohn, der weder Luſt noch Anlage dazu hat, ſondern dem's blos nach dem freien Studentenleben luͤſtert, kommt, wenn er anders noch die Schul⸗ jahre mit Ehren uͤberſteht, auf die Univerſitaͤt, ſieht Reichere und Vornehmere Staat machen und will es nachthun, findet Geſchmack an Aus⸗ ſchweifungen, und ſein Beutel erlaubt keins — 152— von belden; er peinigt den Vater um Geld, macht Schulden und ſieht dabei weder Buͤcher 3 an, noch hoͤrt er Kollegia; kurz! er ſpielt den Studenten, wie er jetzt Mode wird: das heißt: er ſteht fruͤh um neun Uhr auf, laßt ſich friſiren, geht auf die Wachtparade, oder wo keine iſt und er Geld hat, zum Fruͤhſtuͤck, dann wieder ſpatziren und hierauf zu Tiſche. Nach Tiſche wird ein Stuͤndchen geſchlafen oder, wenn’s hoch kommt, ein Roman geleſen, dann geht's auf einen öffentlichen Ort, hier wird getrunken, charmirt oder von Pruͤgeleien und Zoten geſprochen, hierauf iſt's Zeit zum 8 Abendeſſen, nach dieſem wird geſpielt, und endlich gegen Mitternacht nach Hauſe gegangen und ſich auf's Ohr gelegt. Hat er den Tag uͤber das Geld verthan oder verſpielt; ſo ſchlaͤft er noch nicht ein, die Maͤuſe machen ihm ein Conzert und er deliberirt, was er den andern Tag verſetzen, oder wo er ſonſt Geld hernehmen will. Hat er ſich nun auf dieſe, jetzt ſo ge⸗ woͤhnliche, Art drei Jahr herumgetummelt, und die Eltern glauben fuͤr das ſauer verdiente Geld Freude und eine Stuͤtze ihres Alters an ihm zu haben, ſo kommt er als ein entnervter unwiſſender Greis zuruͤck, und ſie muͤſſen ihn — 153— zu Tode fuͤttern oder er geht in die weite Welt und wird ein Landlaͤufer. Ich wollte faſt wet⸗ ten, wenn die Wuth Gelehrter zu werden ſo fort geht, daß in zehn bis zwanzig Jahren die Halfte der Studirenden Soldaten, Comoͤdi⸗ anten, Spieler, oder wohl gar Bedienten werden muͤſſen. Und in meinem Fache wird die alte Erklaͤrung des Worts Candidat, bei den Roͤmern von candidus, weißgekleidet, die neuere verdraͤngen; man wird Candidat von candeo, ich werde grau, herleiten muͤſſen, weil keiner eher eine Verſorgung erhalten wird, bis er graue Haare hat. Ich. Wahr, ſehr wahr! und die Erfah⸗ rung giebt Ihren Worten doppeltes Gewicht. Sie ſcheinen uͤberhaupt nicht Urſate zu haben, mit der Welt allzu zu frieden zu ſeyn, und doch, waͤre ſie gefaͤlliger gegen Sie geweſen, haͤtte man Ihnen einen groͤßern Wirkungskreis gege⸗ ben, ihr Kopf und Herz wuͤrde in derſelben auch mehr genuͤtzt haben. Er. Herz?— Das ſieht hier zu Lande nur Gott an; man muß ſich oft ſchaͤmen eins zu haben, jeder Schlag deſſelben wird von Schurken belauſcht, in Worte geſetzt und man heißt dann Narr, Dummkopf oder Rebell.— 4 — 154— Kopf?— Dieſer iſt ein Spielwerk der Mo⸗ narchen. Denkt er, ſo kommt Politik, Des⸗ potismus oder Orthodorie und will trepaniren; gehn aus ihm die Gedanken wie Rieſen hervor, die bereit ſind, fuͤr Licht und Wahrheit zu kämpfen und fuͤr Menſchenwohl zu ſtreiten, ſo drohen Elend, Kerker und Blutgeruͤſt.— Ein Herz hart wie Sklavenjoch und ſchwarz und oͤde wie das Chaos der Welt; ein Kopf, fein und ſchlau, der Beifall nickt, wenn Fuͤrſten ſprechen, in deſſen Gehirn Neid, Stolz. Geiz und Rache ſich begatten und die Ungeheuer, Kabale und Tyrannei, erzeugen; eine freche Stirne, ein feſter Blick, eine gelaͤufige Zunge und ein geſchmeidiges Ruͤckgrat, das ſind die Stufen, auf welchen man, von Blut und Thraͤnen umſchwemmt, von Seufzern und Fluͤ⸗ chen gegeißelt, und durch Verachtung des Wei⸗ ſen beſchaͤmt, auf die ſteilſte Hoͤhe irrdiſchen Glanzes hinanklimmt. Ich.(Mit Feuer und Waͤrme.) Herr! Sie haben die Gedanken aus meiner Seele ge⸗ ſtohlen. Jede Sylbe iſt wahr, mein Schiek⸗ ſal beſchwoͤrt es. Sie ſind der zweite, der ſo ganz vom hoͤchſten bis zum tiefſten Tone, mit mir gleich geſtimmt iſt.— Norder! waͤrſt du — 155— hier, ſaͤhſt du dieſen Mann, haͤtteſt du ihn ſprechen hoͤren, du wuͤrdeſt dich ausſoͤhnen mit der Menſchheit, weil es unter ihr noch Edle giebt. Laſſen Sie uns feſter an einander kotten, vielleicht koͤnnen wir ausjaten und beßre Fruͤchte pflanzen! 4 Panther, der nur wenig geſprochen, aber mit Augen und Ohren den Frenden faſt ver⸗ ſchlungen hatte, blieb hier ſtehen, faßte ſeine Hand und ſagte mit ſchwaͤrmeriſch funkelndem Blick: Ja, bei Gott! bei meiner Seele! So habe ich noch keinen reden hoͤren. Alles, was Sie ſagten, ſchlummerte in meiner Seele; jetzt iſt es erwacht und tobt. Zwanzig Manner wie Sie, vertheilt durchs Vaterland, ver⸗ knuͤpft durch das engſte Band, und wir woll⸗ ten dem Abſchaum der Menſchheit Vorgefuͤhl der Hoͤlle einfloͤßen, weder Vater noch Bruder, weder Gatte noch Freund duͤrfte geſchont wer⸗ den, wenn er ſchlecht handelte und das Wohl des Ganzen ihn zum Opfer verlangte.— Sie muͤſſen unſer Freund werden! Wir ſind „brav und doch auch wie Sie vom Schickſal verfolgt; aber Hoffnung daͤmmert uns und eine edle Rache. — 156— Ja, ich bin euer Freund, rief er und wir umarmten uns. 5 Sie oder wir, ſagte ich hierauf, moͤgen uns aufhalten, wo es auch ſey, ſo muͤſſen wir Briefe wechſeln. Ich werde Ihnen die Ad⸗ dreſſe geben, unter welcher ich ſie richtig er⸗ halte. Was meinſt du, Panther, wenn die Abſicht unſrer Reiſe erfuͤllt wird; ſo koͤnnen wir einen Mann wie dieſen brauchen.— Dann ſoll er handeln, antwortete dieſer, wie ſeine Grundſaͤtze und Erfahrungen es ihn lehren.— Wir erkundigten uns hierauf nach ſeinem Namen. Er hieß Rollo. Ich erzaͤhlte ihm einiges aus meiner Geſchichte, beſonders das, was mit der Urſache zuſammenhing, weswegen wir dieſe Reiſe unternommen hatten, und hier⸗ aus erwuchs Stoff genug, uͤber verſchiedenes, dieſen Gegenſtand betreffendes zu ſprechen. Wir waren indeß dem Orte nahe, wo er ſeine Probe ablegen ſollte, und ich entſchloß mich, einen Zeugen dabei abzugeben. Es waren außer ihm noch drei Competenten, die aber in jeder Ruͤck⸗ ſicht ihm weit nachſtanden und mich deſto mehr hoffen ließen, daß er die Stelle erhalten wuͤrde. Und es waͤre auch geſchehen, wenn er ſich haͤtte ———— entſchließen koͤnnen, eine Bedingung, die vlel⸗ leicht mancher mit Freuden bewilligt haͤtte, ein⸗ zugehen. Er kam noch am nemlichen Tage zu mir. Freund, ſagte er, es iſt das fuͤnf und zwanzigſte mal, daß ich umſonſt angehalten habe. Man will mir den Dienſt geben, wenn ich die Tochter des Stadtſchreibers, welcher der Schreiber die Taille verdorben hat, heirathen will. Ich dankte fuͤr die Ehre und erhielt zu⸗ gleich die Verſicherung, daß ich in Gottesnamen wieder abreiſen koͤnnte, indem ich die Stelle ſchwerlich erhalten wuͤrde.— Ich laͤchelte. Nun, fuhr er fort, ſcheint Ihnen das ſo laͤcherlich? Mein Zuſtand iſt nun trauriger, als vorher. Er ſoll es nicht ſeyn! antwortete ich ent⸗ ſchloſſen, holte mein Taſchenſchreibzeug heraus, ſetzte mich und ſchrieb: Lieber Norder! „Hier ſende ich Dir einen Mann, der Kopf „und Herz, aber zugleich das Loos hat, von „ſeinen Mitbruͤdern verfolgt und unterdruͤckt zu „werden, weil er hell denkt, Wahrheit „ſpricht, brav handelt und nicht kriechen kann. — 158— „Wir werden vielleicht einſt ſolche Maͤnner „brauchen, deswegen habe ich ihn zu unſerm „Freunde angeworben, und Du ſelbſt wirſt ihn „wuͤrdig findeu. Daß ich meine Julie gefun⸗ „den habe und ſie in Sicherheit weiß, hat Dir „mein letzter Brief gemeldet.— Daß ich Dir „doch im naͤchſten ſchreiben koͤnnte, auch „Adolph iſt unſer!— Unſre Reiſe geht nun „gerade auf B*r, der Reſidenz des Fuͤrſten „von B***, zu. Da ich hier vielleicht eine „Rolle ſpielen oder durch Geld Thuͤren oͤffnen „und Zungen loͤſen muß, ſo ſchicke mir einen „Wechſel von tauſend Thalern. Ich heiße jetzt „Eichthal und die Addreſſe iſt nach Z3** an „den Oberſten Baͤrenklau. Dieſen Biedermann „muß ich ſehen und ſprechen; ich reiſe zwar „zehn Meilen um, aber ich hoffe durch ſeine „Unterhaltung und vielleicht auch durch Ent⸗ „deckungen entſchaͤdigt zu werden.— Pan⸗ „ther hat ein ſcharfes Auge auf Menſchen und „ihre Handlungen; er denkt viel und ſpricht „wenig; aber was er ſpricht hat Gewicht und „zeugt von Beobachtungsgeiſt und heller Ver⸗ „nunft. Ich denke, er ſoll uns nuͤtzlich wer⸗ „den. Daß der Kronauiſche Fuͤrſt krankelt iſt „mir nicht lieb, ich hatte viel auf ſein lenkſa⸗ — 129— „mes Herz gerechnet. Deſto mehr freu't mich's, „daß Pater Selmo mit dem uͤbrigen Pfaffen⸗ „geſchmeiß zerfallen iſt. Er hat gedroht, „ſchreibſt Du, und iſt verſchwunden. Das „macht mir Hoffnung; denn dieſer Schlau⸗ „kopf weiß ihre ganzen Geheimniſſe. Ueber⸗ „haupt ſind Deine Nachrichten ſehr verſpre⸗ „chend fuͤr unſern Plan. Immer ſpuͤr' und „forſche, daß wir dann deſto ſchneller handeln „koͤnnen.“ Ewig der Deine* Anmerk. Daß zwiſchen Norder und unſerm Helden Brieſe gewechſelt wurden, wiſſen meine Leſer, ſie alle einzurücken, hielt ich für überflüſſig. Die wichtigſten Nachrichten ſind in dieſem Briefe enthalten. Ich ſiegelte den Brief zu und gab ihn Rollo. Dieſer Brief, ſagte ich zu ihm, wird Ihnen Verſorgung und noch einen Freund ver⸗ ſchaffen. Hier iſt der Ort Ihrer Beſtimmung und die Tour, die Sie dahin nehmen muͤſſen, und hier ſind ſechs Louisd'ors Reiſegeld. Leben Sie wohl, vergeſſen Sie nicht, was unter uns voorgefallen iſt, und nie, daß Menſchenwohl der Punkt iſt, nach welchem alle anſe Kraͤfte ſtreben. 4 — 160— Er ſtaunte uͤber dieſe Wendung, die er ſich nicht erklaren konnte, druͤckte uns dankend an ſeine Bruſt und reiſte, und auch wir ſahen einige Tage darauf Z** vor uns liegen, wo ich wußte, daß ich in die offnen Arme eines Freun⸗ des eilen wuͤrde. Drei und funfzigſtes Kapitel. Helden ſind mit Stahl, Höflinge mit Fürſtengnade, und noch andere mit Eſelshaut verpanzert. 8*** war eins von den Guͤtern des Oberſten; er war General geworden, hatte ſeinen Ab⸗ ſchied genommen und hielt ſich jetzt hier auf. Aber noch eine Perſon, die ich und auch die Leſer ſo ſchnell verlaſſen mußten, fand ich wie⸗ der. Der Kriegsrath Mellwitz war es, dem ich auf der Redoute zu Kronau das⸗Leben ret⸗ . tete. Er hatte ſich vom Hofe entfernt, um ruhiger an der Seite eines Freundes zu leben, und gewiß haͤtten ihn Treue und Redlichkeit um Ehre und Leben gebracht. Ein Beweis davon war, daß die Regierung, die von den Pfaffen am Gaͤngelbande geleitet wurde, den Pater und ſeinen Bedienten, die ich in die Haberkaſten ge⸗ ſperrt hatte, nicht nur fuͤr frei und unſchuldig erklaͤrt, ſondern auch durch die feinſten Kunſt⸗ griffe der Chikane aus eben den Umſtaͤnden, die ſo laut fuͤr ihn ſprachen, einen Schein des Ver⸗ dachts, der wider ihn war, und ihn ſo gar eines geheimen Staatsverbrechens ſchuldig machte, heraus gegruͤbelt hatte. Er hatte alſo das Beſte erwaͤhlt und, ehe die Mine der Bosheit in unſichtbaren Gaͤngen ſeinen guten Namen und ſeinen Kopf erreichte, in Gnaden um Entlaſſung aus ſeinem Poſten gebeten. Die Freude, die er und der General bei meiner Erſcheinung em⸗ pfanden, ward noch um vieles ethoͤht, als ich ihn mit der Urſache dazu bekannt machte. Wie ſtarr und verwunderungsvoll waren ihre Augen auf mich gerichtet, als ich durch meine Erzaͤhlung ihre Muthmaßungen, daß ein Prinz von Hoch⸗ fels, den man im erſten Jahre ſeines Lebens fuͤr todt ausgegeben habe, entfuͤhrt ſeyn muͤſſe, be⸗ ſtaͤtigte! Wie ſpiegelte ſich in denſelben ſtummes freudiges Erſtaunen, als ich ihnen ſagte, daß 11 ich ihn aus der Gefangenſchaft errettet, wieder verloren, hierauf ſeinen Stand und Schickſal erfahren haͤtte, jetzt im Begriff waͤre ihn wieder zu ſuchen, und, faͤnd' ich ihn, alles wagen und aufbieten wollte, ſein Land ihm, und ihn ſeinen Unterthanen wieder zu geben. Noch nie, rief der General, ſind mir die Wege der Vorſehung ſo labyrinthiſch vorgekom⸗ men! Wiſſen Sie noch, als in jenem Wald ich Sie zuerſt ſah; als Sie unbeſorgt nach Kronau reiſten, und dort ſchon als der Moͤrder ihres Fuͤrſten, von deſſen fehlgeſchlagner Ermordung ich Ihnen die erſte Nachricht gab, vor ihrer Ankunft bekannt waren; als ich Ihnen laut und deutlich genug die Gefahr ihres Vaterlands und Fuͤrſten prophezeihte, und ich Sie durch die Worte— wenn Adolph nicht zu fruͤh geſtorben waͤre— die ich ſo bedeutend ausſprach, auf die Spur meiner eignen Vermuthungen zu leiten ſuchte?— eben da war die Hauptperſon, ohne daß wir's wußten, ſo nahe; Sie hatten Adol⸗ phen gerettet, er verirrte ſich wieder, wir ſuch⸗ ten ihn;— und wahrlich zu ſeinem und Ihrem Gluͤck! Denn er haͤtte Sie nach Kronau beglei⸗ tet, und, waͤre er dort erkannt worden, ſo — 163— waͤr's um Sie beide geſchehen geweſen: aber ſo muthig Sie ſich durch Ihre Verfolger gearbeitet, ſo brave Freunde und reiche Quellen Sie haben, ſo ſchoͤn die Hoffnung iſt, daß Adolph lebt, ſo ſind Sie, auch wenn Sie ihn finden, noch lange nicht am Ziele, Sie haben noch Klippen und Schluͤnde zu uͤberſteigen; Schlangen in Tonſur und Kutte, Hoͤflinge und Fuͤrſtenkreaturen ſind gefaͤhrliche Feinde, jene machen die Religion zur Maſke der Schandthat und dieſe ſind mit Regentengnade verpanzert. Nur außerordent⸗ liche Zufaͤlle koͤnnen Sie an das ferne Ende Ihrer Wuͤnſche geleiten und amit Miſchung von Feuer und Rührung) kann mein Geber, das ich mit ent⸗ bloͤßtem grauen Haupte und gefaltenen Haͤnden zum Himmel ſchicken will, Ihnen Ihr Vorha⸗ ben erleichtern, ſo ſeh ich Sie ſchon im Geiſte an der Hand eines Fuͤrſten und im Kreiſe meh⸗ rerer Edlen auf Tauſende herabblicken, die frei von der Tyrannenkette und gluͤcklich durch erlaubten Gebrauch der Menſchenrechte Sie ſegnen. Ich fuͤhlte, daß der Graf recht hatte, ich ſah die Hinderniſſe, die wir zu bekaͤmpfen hat⸗ ten; aber deſto groͤßer ſchien mir auch das Ver⸗ dienſt, wenn wir ſie beſiegt hatten, und ſtaͤrker — 164— gluͤhte die Begierde in mir, den Kampf zu be⸗ ginnen. Eines Abends waren ich und Panther al⸗ lein auf der Stube. Muß Ihnen doch etwas erzaͤhlen, ſagte dieſer. Sie wiſſen, daß ich mich heute nach Tiſche von der Geſellſchaft entfernte; ich ſchlich hinter den Gaͤrten des Dorfs herum und ſetzte mich endlich auf einen Raſenhuͤgel, wo ich auf die Landſtraße ſehen konnte. Ich ſah in einiger Entfernung eine menſchliche Fi⸗ gur ſich bewegen, die aber immer auf der nem⸗ lichen Stelle blieb. Neugierde trieb mich hin und ich fand einen aͤltlichen Mann mit zwei Kruͤcken, der auf einem Grenzſtein ſaß und ein Stuͤck trocken Brod verzehrte. Er nahm ſeine geflickte Muͤtze ab und gruͤßte mich. Schmeckt's Vater? fragte ich.— Er. Gott ſey Dank! Wenn nur die mor⸗ ſchen Glieder fort wollten, daß Ehe etwas verdie⸗ nen koͤnnte. Ich. Habt ihr keine Kinder? Er. Gehabt; zwei Jungen geſund und brav. Lebten ſie noch, ich aͤß' kein trocken Brod und ihre Schultern waͤren meine Kruͤcken. Der eine erſchoß einen Kammerjunker, weil er ihm ſein Weib verfuͤhrt hatte, und mußte ſter⸗ 1 * — — 165— ben; und der andre zog wider die Franzoſen, um mit Feuer und Schwert ſie zu ariſtokratiſis ren, und iſt geblieben. Ich. Armer Alter! und Ihr muͤßt euch nun in's Grab betteln. Er. Ich ſpreche keinen um eine Gabe an. Wer meinen Gruß fuͤr eine Bitte haͤlt, und mir etwas giebt, dem dank ich's, und Gott wird's ihm lohnen. Ich.(Sch grif in die Taſche und gab ihm einen Dukaten. Da, Alter! thut eurem Koͤrper einmal eine Guͤte. Vielleicht ziehn hundert vorbei, die euch nichts geben, fuͤr dieſe ſey dieß mit⸗ gegeben. 3 5 Er. Wohl wahr, lieber Herr! danke, danke herzlich. Aber wenn Sie bei jedem Bett⸗ ler ſo denken wollten, wuͤrden Sie bald ſelbſt einer werden.(Hier betrachtete er mich ge⸗ nauer; meine Kleidung und das Allmoſen eines Dukaten ſchien ihm widerſprechend und man ſah's ihm an, daß er meinen Stand zu wiſſen und naͤher mit mir bekannt zu ſeyn wuͤnſchte:) (Vertraulich.) Setzen Sie ſich doch ein Bischen zu mir! Ein paar Worte mit einer theilneh⸗ menden Seele geſprochen ſind Labſal fuͤr mich⸗ — 166— Sie ſind gewiß ein Fremder? reiſen hier durch? Mit ſo unbefangnem gutmüthigen Tone ſuchte er mich auszuforſchen. Da unſer Grund⸗ ſatz ſeyn muß, keinem Unbekannten reine Wahr⸗ heit zu ſagen, ſo wich ich ſeinen Fragen ſo viel als moͤglich aus. Er merkte es und ſeine Re⸗ den wurden behutſamer aber auch verfuͤhreriſcher. Er wußte ſich ſo an mein Geheimniß zu ſchmie⸗ gen, daß er's bald erlauſcht haͤtte. Ich ſagte ihm, daß wir einen jungen Menſchen ſuchten, und er wurde aufmerkſamer; er wollte naͤhern Grund haben, da er aber durch keine ſchlauen Umwege mehr erſahren konnte, ſchwieg er nach⸗ denkend. Nichts kleinesz und nichts boͤſes iſt es nicht, ſagte er endlich, es muͤßte mich meine Menſchenkenntniß truͤgen, alſo Gluͤck und Se⸗ gen mit Ihnen! Noch eins! Ich bin zwar ein Bettler und doch kann's Ihnen vielleicht nuͤtzen, 84 daß Sie mich kennen gelernt haben. Sollten Sie vielleicht auf ihrer Reiſe in große Staͤdte. kommen, ſollte ihr Aufenthalt Aufſehn machen, ſollten Perſonen ſich an Sie draͤngen und auf⸗ merkſam auf ihre Worte und Handlungen ſeyn und ſollten Sie dies laͤſtig finden, ſo legen Sie die linke Hand an die Stirne und rufen Sie — 167— Cato; man wird Ihnen die rechte Hand mit ein⸗ geſchlagenem Daume reichen, faſſen Sie ſie und trauen Sie dem Manne, der dies thut, wie ihrem erſten Freund; er wird den Bettler kennen.(SHier ſtützte er ſich auf ſeine Krücken und ſtand auf.) Um Ihren Namen bitte ich noch!(Sch ſah ihm ſtarr in's Auge.) Getroſt jedes Wort lregs wie im Grabe. Er hatte mich hingeriſſen. Ich heide Pan⸗ ther, ſagte ich. Er. Panther?— Hm!(er holte eine ver⸗ ranchte Schreibtaſel hervor und las:) den zehnten Au⸗ guſt iſt ſein Schloß gepluͤndert und er ermordet gefunden worden. Raͤuber ſind uns zuvorge⸗ kommen, ihr Anfuͤhrer heißt Norder.(Er blickte mich an; ich ſtaunte, dann las er weiter.) Die Na⸗ men einiger anderer ſind: Stammer, Forſt, Greif, Panther, auch iſt ein Offizier dabei ge⸗ weſen.(Er ſteckte die Tafel wieder ein; dann zu mir.) Biſt du dieſer Panther? Keinen Laut vermochte ich hervorzubringen, ich konnte es nicht faſſen. Antwort genug, rief er; leb' wohl bis auf Wiederſehn. Er hinkte fort; einige Minuten ſtand ich wie eingewurzelt, dann eilte ich nach und wollte — 168— Erklaͤrung. Kein Wort, keine Silbe mehr⸗ ſagte er.— Ich laſſe dich nicht!— So bleibe ich; aber wenn ich ein Wort bede, 7 7 ſo fluche mir die Menſchheit!— Er ſtand und ſah mich unverwandt an. Was wollte ich machen? Ich mußte ihn laſſen, und, ich daͤchte, Sie muͤßten bei meiner Zuruͤck⸗ kunft in die Geſellſchaft mir die Zerſtreuung an⸗ geſehn haben. Wunderbar, antwortete ich, und fuͤr mich unerklaͤrbar! Ein Bettler an der Landſtraße! ſo einen ſcharfen Blick! ſo dunkel! ſo entſchloſ⸗ ſen! und von den geheimſten Umſtaͤnden einer Geſchichte unterrichtet, die ich in dieſer Gegend fuͤr ganz unbekannt hielt! Unter der geflickten Muͤtze ſteckt kein gemeiner Kopf, noch ein Bett⸗ ler unter dem groben Kittel. Nachtheiliges kann er von uns nichts wiſſen, alſo verſpricht mir dieſer Vorfall mehr, als er mich fuͤrchten laͤßt. — Morgen hoffe ich auf Briefe, dann wollen wir fort! Ich habe keine bleibende Staͤtte, bis ich zur Daͤmmerung vorgedrungen bin. Meine Hoffnung wurde auch erfuͤllt. Ich erhielt am andern Tage Briefe, theils von Blaubergen wo einer von Julien und einer von *— 169— dem General Haller eingeſchlagen war, theils von Nordern, der mir den verlangten Wechſel ſchickte. Julie war gluͤcklich bei Blauberg angekom⸗ men und bluͤhte, zwar ſehnſuchtsvoll, aber in friedlicher Ruhe meiner Umarmung entgegen. Blauberg und der General waren durch meinen Brief aus den traurigſten Ahndungen wegen meines ploͤtzlichen Verſchwindens geriſſen worden, und lobten und billigten meinen Entſchluß. Norder meldete mir, daß er ſeinen Namen in Schildbach verwandelt habe, daß der Pater Schandwich nebſt einigen Raͤthen und Miniſtern, die Land und Unterthanen am meiſten gedruͤckt hatten, in einer Nacht, ohne zu wiſſen von wem, ermordet worden waͤren; daß er von ei⸗ nigen Unbekannten beobachtet und ausgeforſcht wuͤrde; und daß man ihn oft bei ſeinen Unter⸗ nehmungen heimlich zu unterſtuͤtzen ſuche. Alles dieſes waren Dinge, die theils ſon⸗ derbar waren, theils nicht erwuͤnſchter haͤtten kommen koͤnnen. Denn durch die Ermordung des Paters und jener Raͤthe und Miniſters hatten wir unendlich fuͤr unſre Abſicht ge⸗ wonnen. — 170—, 4 Wirr beſchleunigten unſre Abreiſe von I*** und nahmen den Weg gerade nach Brau, der Reſidenz des Fuͤrſten von B**r. Wir mie⸗ theten uns hier in einem der angeſehnſten Ho⸗ tels ein und ſpielten die Rolle reicher Auslaͤnder, die auf Reiſen waͤren. Neun und funfzigſtes Kapitel. Kein ſeltner Fürſt, ein ſchönes Weib, eine Tafel mit Gold und eine blecherne Maske. An Hofe ging es ſehr glaͤnzend her. Der Fuͤrſt war ein ſchwacher Kopf, ohne ein böſes Herz zu haben. Phlegma laͤhmte die Bewe⸗ gungen ſeines Koͤrpers und ſeines Geiſtes. Wenn er ſich in den damaſtnen, mit Gold geſtickten NRuheſeſſel pflanzen konnte; wenn neben ihm die reizende ſchlaue Baroneſſe Gluth ſaß, und vor ihm ein Tiſchchen mit Paſteten und Cy⸗ perwein ſtand, da fuͤhlte er ſich am gluͤck⸗ lichſten. 3 — Die Baroneſſe war ein ſchoͤnes ganz zur Liebe geſchaffenes Weib. Koͤniglich und vollge⸗ rundet ihr Gliederbau und Wuchs; ſchwarz und flammend ihr Auge; ſtolz und geiſtvoll, zugleich feſſelnd und guͤtig, hier Liebe dort Ehrfurcht fordernd der Blick, der aus demſelben ſtrahlte; und einladend Gang, Stimme und jede ihrer Bewegungen. Sie benutzte zwar die Gewalt, die ſie uͤber den Fuͤrſten hatte, fuͤr ihr Intereſſe; aber in Geſchaͤfte den Staat betreffend miſchte ſie ſich nie, noch weniger ſuchte ſie zu heben oder zu ſtuͤrzen; blos eine kleine Goldader in ihre Boͤrſe ſuchte ſie unverſtopft zu erhalten. Der Fuͤrſt war dem raſchen feurigen Weibe in der kuͤhlſten Stunde zu kalt, er konnte kaum gewaͤhren, vielweniger befriedigen. Sie war des Taͤndelns uͤberdruͤſſig und ſehnte ſich nach ungeſchwaͤchter Jugendkraft. Ein Juͤngling, der Page beim Fuͤrſten war, ſchien ihr fuͤr jeden Wunſch, der ihre Begierden entflammte, befriedigend. Mehr als die vortheilhafteſte Schildrung, wird fuͤr ihn der Umſtand bei meinen Leſern ſprechen, daß ihn ein Weib von Geiſt und Geſchmack, wie die Baroneſſe, mit dem erſten Blick aus einer Menge von Maͤnnern waͤhlte, deren — 172— viele Guͤnſtlinge einer Khniain hͤtten ſeyn koͤnnen. Er war noch unſchuldig, und zwar in jeder Ruͤckſicht; denn gemeiniglich ſagt man dies nur, wenn ſich ein Juͤngling noch nicht in den Armen eines Maͤdchens oder Weibes berauſcht hat.— Als wenn die feinere Welt ſich nicht ſchrecküicher zu entſchädigen wuͤßte!— Da der Page in Auftraͤgen des Fuͤrſten oft zur Baroneſſe gehen mußte, entdeckte ſie mit jedem Male neue Vollkommenheiten an ihm. Sie bemerkte ſeine Unſchuld, ſeine Unbefangen⸗ heit und dieſe Bemerkung ließ das Blut heftiger durch ihre Adern rollen. Sie wollte ihn nicht zu fruͤh einweihen, ſondern ſich an ſeiner all⸗ maͤhlichen Hingebung, an dem ſanften Hinſin⸗ ken zum nahen Genuß weiden. Daß ihr dieß Muͤhe koſten wuͤrde, glaubte ſie nicht; allein ſie fand Grundſaͤtze bei ihm, die ſie erſt betaͤu⸗ ben, verſcheuchen mußte, und die ihr den heiß⸗ gewuͤnſchten belohnenden Augenblick in weitere Entſernung hinausſchoben. Der Page hatte einen Freund am Hofe, einen gewiſſen Kriegsſekretair, der ſein ganzes Zutrauen beſaß. Gegen dieſen hatte er kein Ge⸗ heimniß und ſeinem Umgange hatte er einen — 173— Theil ſeiner Bildung und die meiſten ſeiner Grundſaͤtze zu danken. Wen ſollte es wohl wundern, daß er ſich gegen ihn der auszeichnen⸗ den, gefaͤlligen Behandlungen der Baroneſſe ruͤhmte, daß er ihm mit einigem Erroͤthen ſagte, er habe ſich neben ſie auf das Kanapee ſetzen muͤſſen, ſie habe ſeine Hand gefaßt und ihn gefragt, warum er ſo blöde, ſo zuruͤckhaltend nicht offner und dreiſter ſey? Daß dieß dem Sekretair, der gereiſt war und Menſchen ken⸗ nen gelernt hatte, auffiel, daß er hinter dieſen Schleier, der ſo viel Lockendes durchſchimmern ließ, feine feurige Koketterie lauſchen ſah, war gewiß; und da er den Pagen liebte, da er in ihm den Keim zu außerordentlichen Eigen⸗ ſchaften und Anlage zu Groͤße entdeckte, wollte er ſeine Geſundheit nicht den Verfuͤhrungen ei⸗ nes uͤppigen Weibes preisgeben, wollte er ihn den Gefahren enrtziehen, in welche ihn Neid oder Rache heimlicher unbeguͤnſtigter Neben⸗ buhler oder wohl gar die Ungnade des Fuͤrſten haͤtten ſtuͤrzen koͤnnen; er warnte ihn alſo, und ſchrieb ihm das Betragen vor, das er annehmen muͤſſe, um weder durch Gleichguͤltigkeit ihren Zorn zu reizen, noch durch Nachgiehigkeit ihren Lockungen zu unterliegen. — 174— Daß ihm die Befolgung dieſer freundſchaft⸗ lichen Warnung, als einem Juͤngling von fluͤchtigem ſanguiniſchen Temperament, oft ban⸗ ge und heiſſe Minuten machte, wird jeder fuͤh⸗ len, beſonders der, welchen ſein Minnegluͤck in den vertraulichen Umgang eines jungen ſchoͤ⸗ nen Weibes brachte, und welchen leichte ver⸗ fuͤhreriſche Kleidung, ein einſamer mit jeder Bequemlichkeit verſehner Ort, Geſpraͤch, Stel⸗ lung, gluͤhende Wangen und unruhiges wildes Toben unter dem duͤnnen Milchflor, mit der angenehmen gewiſſen Zuverſicht belebten, daß er blos dies alles zu benutzen, mit gefaͤlliger Dreiſtigkeit zu umſchlingen brauche und das uͤbrige der lieben Natur, die in die Luͤcken ſol⸗ cher Sceuen ſich zu ſchmiegen am beſten lehrt, allein zu uͤberlaſſen habe. Ich ſehe auf den Geſichtern einiger mei⸗ ner Leſer eine befremdende Miene, die mich zu fragen ſcheint: Wie ich als ein Reiſender in den erſten Tagen meines Aufenthalts die ge⸗ heimern Umſtaͤnde einer Sache habe erfahren koͤnnen, die vielleicht ausgelernte Hoͤflinge, ſelbſt in Naͤhe und Verbindung mit den handelnden Perſonen, nicht ſo genau wußten. — — 175— Man rathe!— Aus einem gefundenen Briefe?— 1 Falſch!— Aus dem Munde des Sekretairs oder Pa⸗ gen ſelbſt? Falſch!— Durch Kammermaͤdchen oder Bedien⸗ ten?— Das waͤre eher moͤglich; aber falſch!— Durch eignes Lauſchen hinter Thuͤren und Waͤnden? 7— Sie ſind gewiß ein Lrrs Ehemann, der zu dieſen Mitteln ſeine Zuflucht nehmen mußte, um einige Aehnlichkeit zwiſchen der Stirne eines Ziegenbocks und der ſeinigen zu finden? Oder ſind Sie ein beſtochner Spion, der jeden, welcher ein Wort ſpricht, das von geſunder Vernunft zeugt, der Obrigkeit als Aufwiegler bekannt machen ſoll? Doch Sie moͤgen der Er⸗ ſtere ſeyn, den ich bedaure; oder der Letzte, dem eine Hand voll geſunder Finger in's Ge⸗ ſicht und ein Blech an den Hals gehoͤrt, wie beim Hundeſchlag den Hunden, daß man ihre — 176— Bande kennt; ſo verſichre ich Ihnen, Sie haben falſch gerathen. Ich will den Knoten loͤſen und Sie wer⸗ den mit mir ſtaunen. Am zweiten Abend war Maskenball, wo jedermann freien Zutritt hatte. Auch wir be⸗ gaben uns hin. Nachdem wir dem Gewuͤhl und dem Tanz einige Zeit zugeſehen hatten, durchſtrichen wir auch die Nebenzimmer. In einem derſelben wurde Pharo geſpielt. Ein Indianer verlor am meiſten, ſeine Karten mit Gold bedeckt wurden faſt alle abgeſchlagen, Wild ſchlug er ſich vor die Stirne, als eine der ſtaͤrkſten verlor: er ſetzte ſeine beiden Uhren, und auch dieſe verſpielte er. Ver⸗ dammt! murmelte er und knirſchte mit den Zaͤhnen; die Heftigkeit ſeiner innern Wuth ſchien ſo groß, daß ſie nicht in Worte ausbre⸗ chen konnte.— Banko auf den Koͤnig! rief ploͤtzlich eine Maske, ganz in ſchwarzes Blech gehuͤllt, die lange da geſtanden und dem Spiele zugeſehn hatte. Aller Augen richteten ſich ſchnell auf ſie; tiefe Stille herrſchte durch das ganze Zimmer, Neugierde malte ſich auf jedem Ge⸗ ſicht und der Bankier zoͤgerte abzuziehen; es ſey — 177— nun daß er's aus einiger Furcht, oder, was wahrſcheinlicher war, aus Mißtrauen gegen die Boͤrſe des Unbekannten gethan habe. Die⸗ ſer merkte die Urſache, zog ein Papier hervor, zeigte es einer andern Maske, die dabei ſtand, ſich ſogleich demaſkirte und mit feſtem Ton,— ich ſtehe fuͤr alles— rief. Es war ein Hof⸗ juwelier, der als der reichſte Mann in der Reſidenz bekannt war. Der Bankier zog hier⸗ auf fort; die allgemeine Erwartung wurde auf's hoͤchſte geſpannt, denn es war nur noch ein Blatt in der Taille, welches gewinnen konnte— und dies Blatt war der Koͤnig. So gelaſſen der Bankier geſchienen hatte, ſo zeigte doch ſein Betragen von Schreck und heimlichen Grimm; bei den uͤbrigen Spielern und Zuſchauern ſtiegen Verwunderung und Neugierde, wer die Maſke ſeyn muͤſſe: Nur dieſe ſtrich ganz gleichguͤltig das Geld zuſam⸗ men, ſteckte es ein und naͤherte ſich dem In⸗ dianer, der ſo viel verſpielt hatte. Duͤrfte ich wohl um ihre Geſellſchaft bei einer Bouteille Champagner bitten? ſagte er zu ihm. Dieſer machte eine bejahende Beugung mit dem Kopfe und ſie ſetzten ſich beide in ein ander Zimmer. Zafaͤlliger Weiſe befand ſich in demſelben nie⸗ 1² — 178— mand, als Panther, der gleich im Aufange, ohne von mir bemerkt zu werden, vom Spiel⸗ tiſch wieder weggeſchlichen war, und ſich hier nachdenkend auf einen Stuhl in eine Ekke geſchmiegt hatte. Ich wollte ihn nicht ſeoͤren, weil ich vermuthete, daß man ihn nicht bemer⸗ ken oder nicht achten wuͤrde und er vielleicht von dem Geſpraͤch etwas hoͤren koͤnnte. Meine Vermuthung traf ein. Nach einer halben Stunde, da ich durch das nemliche nen ging und jene beiden fort waren, winkte er mir. Es war ihm faſt kein Wort entgangen. Die blecherne Maske hatte zu dem Indianer geſagt:„Wie ſehr werden Sie den heutigen Tag bereuen! ich kenne Sie, Sie ſind Regi⸗ mentsquartiermeiſter, haben landesherrliche Gel⸗ der angegriffen, wollten ſich heute retten und haben alles verſpielt. Sie haben viel und große Feinde, die ihre Handlungen belauren, ſelbſt Zeugen bei Ihrem vorigen Ungluͤcke und Ihrer Hizze waren, und die alles anwenden werden, Sie zu ſtuͤrzen. Allein ich weiß daß Verzweif⸗ lung Sie zu dieſem Schritt trieb; Sie waren zu gewiſſenhaft, zu treu, zu gutwillig gegen heuchleriſche Buben, die ihr Herz mißbrauchten und dadurch ſind Sie um ihr Vermoͤgen — — 279— gekommen. Sie ſind ein braver Mann, nur zu leichtſinnig und zu lenkſam. Sie haben edle Handlungen, und, wie Sie glauben im Stillen begangen, und doch weiß ich Sie. Der Oberſte G dankt Ihnen ſeine ſchwankende Ehre, das Fraͤulein Mer* ihre Unſchuld, die Familie Herr ihren Wohlſrand. Sinnen Sie nicht! ich bin allgegenwaͤrtig, und niemand kennt ich. Forſchen Sie nicht! ich bin ſtumm wie die Zukunft. Sie werden mich ſehen und nicht kennen. Gedanken zu boͤſen und guten Thaten haben Zungen fuͤr mich, und meine Hand beſtraft jene und lohnt dieſe. Ein Beweis hiervon ſey Ihnen dieß.(Er gab ihm unbemerkt das gewonnene Geld). Nehmen Sie ohne Wei⸗ gerung! danken Sie nicht! fragen Sie nichts, wenn ich Ihr Freund bleiben ſoll! Handeln Sie künftig vorſichtiger! Bleiben Sie Troͤſter der leidenden und werden Sie Naͤcher der druͤkkenden Menſchheit! Hier war er aufgeſtanden, hatte ſich entfernt und den Regimentsquartiermeiſter ſtumm fuͤr Freude und ſtarr von dem ſchnel⸗ len Uebergange von Ungluͤck zu Gluͤck ſeinen Empfindungen uͤberlaſſen. — 180— 4 Fůnf und funfzigſtes Kapitel. Eine Erſcheinung, die niemand vermuthen wird. Es wer⸗ den aber wohl welche ſeyn, die, wenn ſie das Kapitel ge⸗ leſen haben, ausrufen: das dachte ich! Das iſt bald ein Mann, ſagte ich, wie dein Bettler mit den Kruͤkken. Die Reden ſind ſo myſtiſch, das Schwaͤrmeriſche, das ſie begeiſtert, ſchmeichelt den Ohren, reißt die Sinne hin. Die Zwekke des Handelns liegen tief, ſcheinen uneigennuͤtzig. Sieh! dort kommt die blecherne Maſke wieder; wie ſie ſo gleichguͤltig und doch ſo beobachtend umherſchleicht, jetzt lehnt ſie ſich hinter die Saͤule, vor welcher die Amazone mit dem jungen Roͤmer ſo vertraulich ſpricht; ein paar auszeichnende Figuren! Sie kennt ſte gewiß und will ihr Geſpraͤch behorchen. Sie treten zum Tanze an. Ein Walzer wie leicht! wie harmoniſch beide! wie an einander ge⸗ ſchmiegt! wie ſo ſchmachtend ſie ſich auf ſeine Schulter ſtuͤtzt; wie ſich die Kniee begegnen! Ich daͤchte, es muͤßte dem Roͤmer durch alle 3 Nerven beben. Die blecherne Maſke draͤngt — — 181— ſich durch die Menge. Warte, Panther, ich will ihr folgen, ſie hat etwas im Sinne. Ich draͤngte mich ihm nach. Er zupfte einen Spanier und zog ihn in einen Winkel mit ſich fort. Ich ſchien nicht auf ſie zu achten. Herr Sekretair, ſagte ſie leiſe mir kaum hoͤr⸗ bar zum Spanier, Sie ſind ein Freund des Pagen, Sie haben ihn bis jetzt fuͤr die Verfuͤh⸗ rungen der Baroneſſe geſchuͤtzt; warnen Sie ihn! Heute glaubt ſie zu ſiegen; ſie walzt mit ihm, ihr Anzug, ihre Bewegungen ſind hoͤchſt wolluͤſtig, ſie will ihn erhitzen und es iſt ſchon ein Gemach beſtellt, wo ſie ſich mit ihm abkuͤh⸗ len will. Dank fuͤr dieſen Wink! lispelte der Spa⸗ nier, ſo weit ſoll es nicht kommen. Er nahte ſich dem jungen Roͤmer, der eben ſeine Taͤnze⸗ rin an einen Stuhl gefuͤhrt hatte und ſich neben ſie ſetzen wollte. Er zeichnete mit dem Finger ein paar Buchſtaben in die Hand, der Roͤmer ſprach ein paar Worte mit der Amazone, kuͤßte ihr die Hand und entfernte ſich mit dem Spanier. Der blecherne Mann muß allwiſſend ſeyn! dachte ich. Diesmal ſchien ſeine Stimme mir etwas bekannt geweſen zu ſeyn. Ich haͤtte — 1582— meine Boͤrſe hingeben wollen, wenn er ſich demaſkirt haͤtte.— Aber auch ihn nur laͤnger zu ſehn, war mir nicht vergoͤnnt. Er war nach einiger Zeit Verichwunden und kam nicht wieder.⸗ M 1 Den Tag Satauf ging ich zum Mittags⸗ eſſen in ein Hotel, wo die meiſten Fremden und Perſonen von Stande ſpeiſeten. Panther war nicht mit; wir⸗ hatten verabredet, uns bei unſern Auswonderungen zu trennen, um mehr Bekanntſchaften zu machen und mehr Erkundigungen einzuziehn. Ich fand eine zahlreiche Geſellſchaft; aber nur noch einen leeren Platz, dieſen waͤhlte ich. Ich beſah mir die Gaͤſte, ſie waren ſehr ver⸗ ſchieden. Offizi ers, Maͤnner mit Ordensbaͤn⸗ dern und Sternen, einige in einfacher Klei⸗ dung, doch alles keine auffallende Geſichter. Nur einer zog meine Aufmerkſamkeit auf ſich: er ſaß ganz am Ende der Tafel, hatte einen dunkelgruͤnen Ueberrock an, einen runden Hut tief in die Augen gedruͤckt, und vom linken Ohr bis zum Munde ein großes ſchwarzes Pflaſter. Er ſprach nicht, ſah immer vor ſich auf den Teller, nur zuweilen blickte er auf, uͤberlief fluͤchtig die Anweſenden, verweilte *. bei manchen einige Augenblicke laͤnger; aber auch dies wußte er mit ſo einer geſchickten Wendung der Hand zu thun, daß man ſeine Bildung nie erkennen konnte. Auffallend war es mir, daß er mich genauer zu betrachten ſchien, beſonders wenn ich auf das Geſpraͤch meiner Nachbarn acht gab und es alſo unge⸗ ſtorter geſchehen konnte. Er hatte den Zeit⸗ punkt, wd ich meine Serviette fallen ließ und wieder aufhob, benutzt, war aufgeſtanden und ſchon an der Thuͤre. Vermuthlich hatte er mein Bemuͤhen, ihn zu erkennen, bemerkt und ihm ausweichen wollen. Als ich nach einigen Stunden in meinem Logis ans Fenſter trat, ſah ich ihn vorbeigehn, und noch zweimal am nemlichen Tage erblickte ich ihn, wenn ich auf der Straße mich um⸗ ſah, dicht hinter mir. Gemeiniglich ſchlug er ſich dann in ein Seitengaͤßchen. Als ich nach Hauſe kam, ſagte mein Lohnbedienter, es haͤtte ein Bedienter in reicher Livree nach meinem Namen und Stande ſich erkundigt. Wer hat ſich um dich zu kuͤmmern? dachte ich mit einigem Unwillen, und beſchloß, den Kerl das naͤchſtemal ernſtlich anzureden und ich fand bald Gelegenheit dazu. In der Daͤmme⸗ — 184— rung ging ich noch einmal aus, mein Weg fůhrte mich durch einen engen Durchgang; er begegnete mir und konnte nicht ausweichen. Schon wollte ich ihn mit feſtem Tone fragen, warum er mir auf jedem Tritte nachſchliche, als mir das einfiel, was der Bettler Panthern in dergleichen Faͤllen gerathen hatte. Als ich ihm nahe war, legte ich die linke Hand an die Stirne und nannte den Namen Cato. Er ſtand ſtill und ſchien verwundert; ſein Geſicht konnte ich der Dunkelheit wegen nicht genau erkennen, er reichte mir die rechte Hand mit eingeſchlagnem Daumen und ſagte: Morgen fruͤh Schlag neun Uhr bin ich bei Ihnen, aber ich muß Sie allein treffen. Meine Neugierde war nicht befriedigt, ſie war doppelt hoch ge⸗ ſpannt, und meine Phantaſie zauberte mir tauſend moͤgliche Faͤlle. Er hielt puͤnktlich Wort. Mit dem Schlag neune meldete mir der Lohnbediente, es wolle mich ein Mann in einem Mantel ſprechen. Panther, der Zeuge von unſerm Gefpraͤch ſeyn wollte, verbarg ſich in einen Tapetenſchrank und hierauf ließ ich den Fremden hereinkommen. Das halbe Ge⸗ ſicht hatte er in den Mantel gehuͤllt, der Hut verbarg faſt den andern Theil deſſelben, und * — 185— was noch unbedeckt war, wurde durch das Pflaſter verunſtaltet. Kennen Sie mich ſo wie ich daſtehe? fragte er gleich beim Eintritt. Ich. Nein. Er. Wer hat Ihnen das Zeichen mit der Hand vor die Stirne und den Namen Cato gelehrt. Ich. Mir niemand; aber mein Reiſege⸗ faͤhrte Panther hat es von einem Bettler an Kruͤkken auf der Landſtraße. Er. Cindem er den Mantel wegwarf und Hut und Pflaſter wegriß) Kennen Sie mich nun? Ich. Himmel!— Graf Ehrich?— Er.(ſtuͤrzte in meine Arme) Und noch Ihr Freund, nur waͤrmer und feſter an Sie gekettet durch die Beweiſe Ihres unerſchuͤtter⸗ lichen Muthes fuͤr die gerechte Sache. Ihre eifrigſte Sorge fuͤr mich wurde die erſte Stufe zu der Hohe Ihrer Leiden. Sie ſuchten den Arzt fuͤr mich und ſollten den Fuͤrſten haben 8 — 286— ermorden wollen. Sie ſollten geſtehn, daß ich Sie dazu beſtochen haͤtte, und waren ſo ſtand⸗ haft⸗ daß ſelbſt Ihre Feinde vor Ihnen zitter⸗ ten. Mir half's nichts, ich wurde doch geſtuͤrzt. Ich konnte den Fuͤrſt nicht retten, aber ihn zu raͤchen ſchwur ich, und das will, ich halten. Der Wirkungskreis, den ich jetzt habe, iſt weit umfaſſend und reich an Gelegenheiten zu Thaten.— Koͤnnen wir ungeſtoͤrt, unbelauſcht ſprechen Ich. Ja!(ich oͤffnete den Schrank und Panther trat heraus) denn dieſer kann alles hoͤren, ich ſtehe mit Leib und Ehre fuͤr ihn. Panther prallte erſchrocken zuruͤck. Das iſt bey meiner Seele, rief er, der Bettler mit der Kruͤkke! Willkommen Cato! D. Graf. Willkommen! Sagte ich's nicht, wir wuͤrden uns wieder ſehn. Sind wir nun ſicher von niemand geſtoͤrt zu werden? Ich. Unſre Pulſe und die Fliegen muͤß⸗ ten uns ſtoͤren. 4 D. Gr. So laßt uns ſetzen, ich habe euch Dinge zu ſagen, wo ihr vor Schauder beben und vor Freude jauchzen ſollt! Aber 8 — 187— ſchweigen muͤßt ihr, keine Silbe darf uͤber eure Lippen, ſonſt,— und waͤrt ihr meine leiblichen Bruͤder, eure Herzen wuͤrden lühlen. wie die Dolchſtiche ſchmerzen. Wir gaben ihm die Haͤnde und das war ihm der heiligſte Schwur. „„Sechs und funfzigſtes Kapitel. Licht über vieles. Der Graf erzaͤhlte; Ich bin jetzt nichts als Menſch, der Graf gilt nichts mehr; aber ich kann jetzt weiter wuͤrken, als da ich Praͤſident war, und wei⸗ ter, als wenn ich ein Regent waͤre. Ich bin Glied einer Verbuͤndung, deren Arm durch die meiſten Laͤnder geht. Die Zahl der Ver⸗ buͤndeten iſt groß, ſie ſitzen in Kabineten, ſchmeicheln Maͤdchen und Weibern, tragen die Muskete und das ſilberne oder goldene — 188— Portd'epee, ſie fahren in Poſtzuͤgen und pfluͤ⸗ gen das Feld, ſie ſitzen auf Lehrſtuͤhlen und in Hoͤrſaͤlen. Ihre Haͤupter wiſſen was in Norden und Suͤden, in Oſten und Weſten vorgeht. Unſre Abſicht iſt Menſchen kennen zu lernen, gute Abſichten zu unterſtuͤtzen und boͤſe zu hintertreiben. Einen Beweis, daß ich wahr rede will ich Ihnen dadurch geben, daß ich Ihre ganzen Schickſale weiß. Leſen Sie dieſen Brief, es ſteht unterſchiedliches darinne, was Sie nichts angeht, aber das ſchadet nichts, Er gab mir einen Brief und ich las: Lieber Graf. „Endlich kann ich dir mehr von dem be⸗ „wußten Auditeur ſchreiben. Warum er auf „die Feſtung kam und daß ihn von da der „Oberſtallmeiſter Rabenau, der Bruder des „Abts, in ſeine Gewalt bekam, weißt du. „Hier fand er ſich durch Zufall zu einer Ge⸗ „ſellſchaft von Maͤnnern, die von der Menſch⸗ „heit verfolgt wurden und ſich entſchloſſen hat⸗ ten, ſie an ihren Geißlern zu raͤchen.——— ——— Pan⸗ „ither iſt mit ihm verreiſtt, die wahre Urſache ——————— — 1 99— „habe ich noch nicht erforſchen koͤnnen. Nor⸗ „der ſelbſt, der ſich jetzt Schildbach genannt „hat, iſt mir unergruͤndlich, er iſt ſchlau und „kuͤhn, beredt und ſtumm,— jedes zu ſeiner „Zeit; kurz ſein Charakter paßt in jedes Ver⸗ „haͤltniß. Er iſt aber auch edel und gefuͤhlvoll. „So ſcharf ich ihn beobachte, ſo habe ich ihn „doch nie auf verdaͤchtigen Plaͤnen ertappt. „Er hat im Stillen und unerkannt Dinge zum „Wohl ſeiner Mirbruͤder ausgefuͤhrt, wofuͤr „mir ſelbſt gebangt haͤtte; allein ich unterſtuͤtzte „ihn auch nach meinen Kraͤften. Das Ra⸗ „benauiſche Schloß muß mit unermeßlichen „Schaͤtzen angefuͤllt geweſen ſeyn; denn wenn „er's fuͤr noͤthig haͤlt, ſind ihm Tauſende ſo „gleichguͤltig wie dem groͤßten Millionair. „Jetzt hat ſich ein gewiſſer Rollo zu ihm geſellt, „der ganz mit ihm gleichgeſchaffen ſcheint. Er „hat Weltkenntniß und iſt brav. „Wenn wir doch dieſe beide bei der erſten „Bundesfeier als Bruͤder einfuͤhren koͤnnten! „Wir wuͤrden viel an ihnen gewinnen. „Es iſt als lebten die Unterthanen neu „auf, da Peter Schandwich und die Naͤdels⸗ „fuͤhrer ſeiner Rotte nicht mehr ſind. Pater — 190— „Selmo ſoll nach Nachrichten aus Zuͤrch in „den daſigen Gebuͤrgen als Einſtedler leben. „Haben wir dieſen in unſern Haͤnden, ſo wird „manches Geheimniß an den Tag kommen. „Er iſt ein lebendiges Buch von Schandtha⸗ „ten. Anbei folgen Briefe aus Neapel, „Frankreich und Rußland. Wir werden große „Veraͤnderungen erleben. Am*** Hofe, weiß „keiner woran er iſt. Prinzeßin Louiſe und „Graf Duur,*er dieſe beide gaͤben Manchem „Stof zum Nachdenken. Viele rathen, faſt „jeder anders, und doch vielleicht keiner recht. „Da ich morgen Briefe aus dem Reiche „von den Armeen erwarte, wird dieſem Briefe „unverzuͤglich ein anderer folgen. So viel „diesmal. Der Bundeseid verſichert dir, Daß ach klg bin Dein Sndwig Holder. r . Brav, Norderz rief ich, wenn ſolche Leute dich rühmen, muͤße du's verdienen. Aber bei 7.* Wer die ſchwarzen Brüder von M. 3. 8. ehsſen unt, W wird dieſe Namen kennen. — 191— Gott! wer ſie handeln ſieht und nicht hinter dieſen Vorhang ſchauen darf, haͤlt es vor uͤber⸗ natuͤrlich. Alſo wiſſen Sie wohl auch den Fall, der ſich auf dem letzten Maskenball mit einer blechernen Maske ereignete? Er. Wenn Sie mich begleiten wollen, will ich Ihnen den Spaß machen, und das blecherne Kleid noch einmal auziehn. Ich. Auch dieß waren Sie? Er. Ich war's, und verruͤckte einer Menge Boͤſewichter dadurch das Conzept. Daß Sie, lieber Panther, mein ganzes Geſpraͤch mit dem Indianer gehoͤrt haben, weiß ich. Ich verſtattete es Ihnen mit Willen, weil Sie mich nicht kannten, und es alſo, wenn Sie es auch oͤffentlich bekannt gemacht haͤtten, nur die allgemeine Neugierde vermehrt haͤtte. Sie wiſſen aber noch nicht alles, der Kriegs⸗ rath war von einem auslaͤndiſchen Windbeutel beſtochen worden, ihm den Dienſt des Regi⸗ mentsquartiermeiſters zu verſchaffen. Man wußte, daß er durch ſeine Gutwilligkeit um vieles gekommen war und wollte ihn ſo weit bringen, daß er die Regimentsgelder angreifen muͤſſe und man ihn dann mit Recht ſtuͤrzen — 192—— koͤnne. Sein Leichtſinn und die Abſicht, ſeinen Umſtaͤnden aufzuhelfen, hatten ihn auch an jenem Abend zu dieſem Schritt hingeriſſen, einige ſeiner Gegner, worunter der Bankier ſelbſt war, haiten ſich wider ihn verbunden, und haͤtte ich ihn nicht gerettet, ſo waͤr' er ſchon am folgenden Tag ſeines Dienſtes ent⸗ ſetzt geweſen. Denn da man nichts wußte von dem, was zwiſchen uns vorgeſallen war, ſo kam eine Commißion und revidirte ſeine Kaſſe, in der gewiſſen Hoffnung ſie leer zu ſinden; aber wie erſchraken ſie, als ſie ſie voll und alles in der beſten Ordnung antrafen. Ich. Wie fein und ſchwarz iſt das Ge⸗ ſpinnſt der Kabale! Wie tief wird erſt bes Erblickung der Commiſſion der Gerettete ſein Vergehn gefuͤhlt, wie feſt den Entſchluß gefaßt haben, kuͤnftig behutſamer zu handeln! und wie wird er die Reihe ſeiner Freunde gemuſtert, haben, um ſeinen Wohlthaͤter zu errathen! Er. Und ich werde ihn gewiß zu jeder guten Handlung, zu jedem beſchwerlichen Ge⸗ ſchaͤft bereitz ſinden, wenn ich ihm melde, daß ſein Retter ihm darum bittet. 9 Ich Gewiß!— Da Sie aber über ſo vieles mir mir Licht gegeben haben, ſo befrie⸗ digen Sie mich auch noch uͤber einen Punkt. Warum baten Sie einen Spanier, den Sie Sekretair nannten, ſo angelegentlich, daß er den Pagen vor der Baroneſſe warnen ſollte, die durch den raſchen Walzer und ihre leichte verfuͤhreriſche Kleidung, ihn in Flammen ſetzen und ſich dannn mit ihm in ein abgelegnes Zimmer entſernen wollte? Er. Ihre Abſicht koͤnnen Sie errathen, und die meinige war, ihn dieſer ſchluͤpfrigen Epoche zu entziehn; weil das unerſaͤttliche Weib ihn theils durch unmaͤßigen Genuß wuͤrde ent⸗ nervt haben, theils er ſelbſt ſein Ungluͤck durch die Ungnade des Fuͤrſten haͤtte gruͤnden koͤnnen. Er erzaͤhlte hierauf alles, was ich meinen Leſern, weil es mein Plan mir rieth, im vor⸗ letzten Kapitel mitgetheilt habe, wo ich ſie ra⸗ then ließ, ſie ſo oft falſch riethen, und ich ihnen den Knoten zu loͤſen verſprach. Der Graf ſchloß mit den Worten: Noch heute werde ich ungeſehn einem Geſpraͤch zwi⸗ ſchen dem Pagen und dem Sekretair beiwoh⸗ nen. Ich weiß, daß ſie dieſen Nachmittag in 13 —-— 194— dem fuͤrſtlichen Garten in der Eremitage zu⸗ ſammenkommen, wo eigentlich nur der Fuͤrſt hingeht, wo aber der Page den Schluͤſſel dazu hat; und wo auch ich hinkann und ein ver⸗ borgnes Plaͤtzchen weiß.— Doch jetzt faͤllt mir ein, ich habe heut viele und wichtige Briefe zu beantworten, und werde ſie nicht belau⸗ ſchen koͤnnen. Ein verwuͤnſchter Streich! es liegt mir viel an dem Pagen, er hat treffliche Anlagen, die ihn zu etwas Großem beſtim⸗ men, und ich moͤchte ihn gerne unverfuͤhrt ſteigen laſſen. Eben aus der Urſache moͤchte ich auch dem heutigen Geſpraͤch zuhoͤren, es 3 verraͤth gewiß Zuͤge ſeines Charakters, und er verſchweigt gewiß dem Sekretair kein Wort, keinen Vorfall zwiſchen ſich und der Baroneſſe. Ich. O ſo laſſen Sie mich Ihre Stelle an dem verborgnen Orte einnehmen. Nichts ſoll mir entgehen und ich will Ihnen alles treulich wieder erzaͤhlen. Er. Wollten Sie das? Sie haben nicht das geringſte dabei zu befuͤrchten. Um zwei Uhr hole ich Sie ab und weiſe Ihnen ihren Platz an.— Aber nun erwiedern Sie auch Offenherzigkeit mit Offenherzigkeit. Daß die Abſicht ihrer Reiſe iſt, eine Perſon zu ſuchen, — 195— habe ich aus Panthers eignem Munde; allein wer dieſe Perſon iſt, weiß ich bis jetzt noch nicht. Ich. Sie fragen das im Ernſte? Alſo haͤtten wir trotz ihrer Kundſchafter und aus⸗ gebreiteten Bekanntſchaften doch noch ein Ge⸗ heimniß? Entſinnen Sie ſich noch, daß dem ermordeten Fuͤrſten von Hochfels ein Sohn ge⸗ bohren wurde, der Adolph hieß, und in dem erſten Jahre wieder ſtarb. Er. Wohl entſinne ich mich's. Chöchſt begierig) Weiter! Ich. Dieſer lebt noch. Er. Sie machen mich zum Juͤngling, zum Kind vor Freude. Ich. Die Peaffen hatten ihn aus Vor⸗ ſicht, daß ihr Plan nicht ſcheitern moͤchte, entfuͤhrt, ihm aus mir unerklaͤrbarer Scho⸗ nung das Leben geſchenkt, ihn in einem Kloſter erziehen und von Raͤubern gefangen halten laſſen. Er war's, den ich aus der Naͤuberhoͤle befreite; durch einen Bedienten des Oberſtall⸗ — 196— meiſters, deſſen Bruder mit dem Pater Selmo im Einverſtändniß ſtand, erfuhr ich den gan⸗ zen Zuſammenhang. Er iſt's, den wir jetzt ſuchen. 1 Er.(freudig an8 entſchloſſen aufſpringend.) Adolph! Dich muͤſſen wir finden und lebteſt du in einem Planeten!— Jetzt wird mir ein Umſtand klar. Holder ſchrieb mir einſt, daß die Kronauiſche Regierung im Stillen um einen Gefangenen, den man aus geheimen Abſichten genau habe bewachen laſſen, und der entkommen ſey, ſehr in Verlegenheit waͤre.— Das warſt alſo du, Adol lph? Bei Gott! dich muͤſſen wir finden, dir muͤſſen wir dein Land wieder geben! und haſt du's, dann wollen wir in demſelben wuͤrken! Vorurtheile ſollen aus⸗ gerottet und heller Tag ſoll verbreitet werden! Es ſoll das gluͤcklichſte Land auf dem Erd⸗ boden ſeyn. Augenblicklich will ich fort, die Feder ergreifen und die Nachricht in dem wei⸗ ten Kreiſe unſres Bundes kund machen— Freunde, ich moͤchte euch vor Entzuͤcken uͤber dieſe Neuigkeit ſo feſt an meine Bruſt druͤcken, daß die Herzen einander im Schlage hinder⸗ ten—(zu ſich) Fort mit dir, Alter! Deinen grauen Haupte iſt vielleicht noch Freude be⸗ — —., ͦ——— ſchieden!— Gott!— laß mich's noch erleben, daß ich alle Menſchen, die ich kenne, nach meinen Kraͤften gluͤcklich machen kann.— Daß doch keiner ſey, der, wenn der Ruf er⸗ ſchallt— er iſt todt!— mich nicht ſeegne! Daß doch mein Geiſt ſich in den Thraͤnen beſpiegle, die Bruͤder und Schweſtern auf den Sarg weinen, in welchem meine Gebeine hin⸗ abgeſenkt werden.— Ich weiß, daß ich ſchwaͤrme; aber es iſt ſuͤß! Ich gaͤbe das Ge⸗ fuͤhl dieſer Minute um keine Million hin.— — Lebt wohl vor jetzt Freunde! Um zwei Uhr hohl ich Sie in den fuͤrſtlichen Garten ab, lieber Auditeur; ihre Kleidung waͤhlen Sie ganz einfach. Wir waren begeiſtert von dem Feuer des Mannes, der ſo nahe am Alter des Grei⸗ ſes war. Schon alles beſorgt! rief er, als er zur beſtimmten Stunde wieder kam. Holder weiß die ganze Sache; fuͤr ihn hat die Menſchheit nur eine Seele, an welcher ſein Ohr haftet, daß ihm kein Gedanke entwiſchen kann. Ich begleitete ihn in den Garten; wir kamen durch unbetretene verwachſene Wege zu der Eremitage und er wieß mir ein beque⸗ — 198— mes, dicht mit Roſenhekken umgebnes Raſen⸗ lager an, wo ich jede Silbe, die geſprochen wurde, hoͤren konnte. Nicht lange hatte ich gewarter, ſo kam der Page mit dem Sekretair. Sieben und funfzigſtes Kapitel. Man wird ſchon ſehen, was in demſelben vorkommt. — Sie waren ſchon in einem Geſpraͤch begrif⸗ fen, das, wie ich ſogleich merkte, die Baroneſſe anging. Immer heraus, lieber Walter, ſagte der Sekretair; wollen Sie erſt heute anfangen zu⸗ ruͤckhaltend zu werden. Haben Sie nicht eben ſo wohl den nachſichtsvollen als den beſorgten Freund in mir geſehen? Nachſichtsvoll?— Ich glaube Sie ſehen den Gefallenen in mir! Nein, wahrlich nichts, als eine gewiſſe Art von Schaam iſt Schuld daran, daß ich nicht ſogleich, auch ohne Ihre Aufforderung, den ganzen Vorfall Ihnen er⸗ ——— zaͤhlte. Hoͤren Sie. Sie ließ mich geſtern nach Tiſche rufen; ich fand ſie im Pavillon, wo ſie dies geſchmackvolle Bad nur neulich erſt hatte anlegen laſſen. Ich glaubte in ein Feenſchloß verſetzt zu ſeyn; die mit Weinreben und Jaſmin verwachſenen Fenſter ſchufen ein angenehmes Dunkel; ein Duft, als waͤre er von der ganzen Natur erborgt, ſtroͤmte mir entgegen, die Sonnenſtralen ſchienen ermuͤdet von dem Beſtreben ſich durch das Laubwerk zu draͤngen und ſie lag auf einem Ruhebette ganz in eine roſenfarb⸗ſeidne Dekke gehuͤllt. Ich fuͤhlte ein wonniges Beben durch alle Glieder, der Uebergang von der Schwuͤle, die im Freien ſelbſt die Luft in ein zitterndes Wal⸗ len geſetzt hatte, zu der ſanften Kuͤhlung, die hier herrſchte, ſchwellte meine Adern. Ich wußte nicht, ob ich umkehren oder ſtehen blei⸗ ben ſollte. Es war, als wenn ein zauberiſcher Hauch mich vorwaͤrts wehte. Ein leiſer Wind⸗ ſtoß drang durch einen offenen Fenſterfluͤgel, in deſſen Naͤhe ich eben ſtand, wuͤhlte den Puder aus einer meiner fliegenden Locken; ich ſchauerte vom Wirbel bis zum Fuß, meine Wangen gluͤhten, mein Herz klopfte in jagen⸗ den Schlagen, meine Nerven zuckten. Immer — 200— naͤher, lieber Walter, rief ſie in dieſem Au⸗ genblicke mit einem Tone, der wie der feinſte Laut einer Harmonika mich durchſtroͤmte. Mehr taumelnd als gehend nahte ich mich ihr. Sie wand einen Arm ennd, voll und blendendweiß hervor, reichte mir die Hand, und ließ mich zugleich bemerken, daß ihr Koͤrper eben ſo ent— bloͤßt, nur von der ſeidnen Huͤlle bedeckt ſey. Meine Phantaſie riß dieſe hinweg, ſah Mor⸗ genwolken, Roſenknospen, Narmorrundungen; aber meine Haͤnde wagten es nicht, ſich zu uͤberzeugen. Walter, ſagte ſie, das Portrait, das in meinem Zimmer auf dem Tiſche liegt, trag ſogleich zum Fuͤrſten!— Jetzt? fragte ich ſtam⸗ melnd.— Warum nicht? antwortete ſie. Willſt du lieber hier bleiben?— Jch ſchwieg, aber meine Blicke ſprachen gewiß deſto mehr. Ihre Hand ſchien mich ſanft an ſie zu zichen, ich wankte— ſteh doch feſte!— Auch der linke Arm draͤngte ſich hervor, ſie ſchob eine Locke vom Schwanenhals zuruͤck. Warum trugen Sie mir nicht dieſes dieſes Geſchaͤft auf?— Du haͤtteſt von der Locke abgleiten koͤnnen. Und waͤre ich nun abgegleitet?—(uevevoll.) So hatte ich dir verziehn.— O daß die Locke wieder vorwaͤrts fiele!— Dann wollteſt du mir erſt Stoff zur Verzeihung geben. Ich daͤchte, du ſchoͤbſt die Lokke vor, um ſie wie⸗ der zuruͤck ſchlagen zu koͤnnen, oder legteſt wohl lieber deine Locke hieher.(auf ihren Buſen zeigend.) Laͤnger, und haͤtte es meinen Kopf ge⸗ koſtet, konnte ich mich nicht halter, ich ſank auf ihren Mund, die Decke verſchob ſich, ich wallte mit empor und ſank wieder, ihr um⸗ ſchlingender Arm grub eine Furche in meinen Leib, unſer Hauch floß ſindend in einander. Ich fuͤhlte mich ſtark, eiſerne Staͤbe wie Stroh⸗ halme zu zerknicken, aber auch ſo ſchwach, ſo angenehm ſchwach, daß ſie mit der kleinſten Bewegung mich in Eliſium geſchwungen haͤtte. Die Sekunde drohte, da ſchallte eine Stimme im Garten: der Fuͤrſt! der Fuͤrſt! Verdamm⸗ ter Zufall rief ſie durchgluͤht. Walter geſchwind ins Badgemach, dann durch's Fenſter linker Hand! er kann Sie nicht ſehen. Schneller beinahe, als ſie mir dieſen Rath gab, hatte ich ihn ausgefuͤhrt, und kam unbemerkt aus dem Garten.— Was ich empfand, als ich auf meinem Zimmer war, mag ich Ihnen nicht ſchildern; Sie kennen mein Herz und Temperament und koͤnnen ſich's denken. D. Sekr. Ich bin ganz uͤberzeugt, wie innig froh Sie geweſen ſind, daß Sie dieſer gefaͤhrlichen Epoche ſo gluͤcklich entronnen wa⸗ ren. Allein fuͤr die Zukunft iſt mir bange. Das Feuer der Baroneſſe iſt durch dieſen miß⸗ lungenen Verſuch mehr in Flammen gekommen, ſie wird die naͤchſte Gelegenheit ſicherer waͤhlen. Am beſten waͤr's, der Fuͤrſt ſtellte Sie bei der Armee oder wenigſtens außerhalb der Re⸗ ſidenz an.“ Vor jetzt muͤſſen Sie ſo viel als moͤglich alle Zuſammenkuͤnfte mit ihr vermei⸗ den, und, können Sie nicht ausweichen, ſo muͤſſen Sie gefaͤllig ja ſelbſt zaͤrtlich ſcheinen. Wird ſie zudringlich, ſo ſchuͤtzen Sie wichtige Geſchaͤfte des Fuͤrſten vor, und troͤſten Sie ſie mit einem Kuſſe auf eine guͤnſtigere Stunde. Kaͤlte und Reue duͤrfen ſie nicht verrathen. Verſchmahte Liebe gebiehrt Rache. Ich will uͤber Ihre Lage bei mir ſelbſt reiflicher nach⸗ denken, vielleicht ſinne ich einen Weg heraus, auf welchem ich Sie dieſem Strudel entreiſſen und auf eine eben ſo glaͤnzende Bahn fuͤhren kann. Wenn wir nur einiges Licht wegen Ihrer Herkunft haͤtten! Daß ihre Eltern vor⸗ nehm waren, bezweifle ich nicht; das beweißt Ihre Erinnerung an die biendenden Gegen⸗ 1 . 4 * *n —— ſtaͤnde, an die Koſtbarkeiten, an die Leute in Kleidern mit Gold und Silber geſtickt, die Sie in ihrer fruͤheſten Jugend umgeben haben! aber Sie haben mir auch immer alles ſo kurz er⸗ zaͤhlt. Wiſſen Sie nichts ſpecielles? nichts auszeichnendes? Er. Nichts. D. Sekr. So erzaͤhlen Sie mir das hauptſaͤchlichſte noch einmal; ich will genau Acht geben, vielleicht finde ich etwas auffallen⸗ des, das uns einige Erklaͤrung geben koͤnnte. Er. Als ich die glaͤnzenden Gegenſtaͤnde nicht mehr um mich ſah, befand ich mich an einem Orte, wo ſchwarze muͤrriſche Maͤnner meine Geſellſchafter waren. Es war ein Kloſter, in welchem ich unter dem Namen Wolf, ſehr ſtreng und hart erzogen wurde. Als ich mich durch die Laͤnge der Zeit daran gewoͤhnt hatte, uͤberlieferte man mich rauhen wilden Kerls, die mich in eine Hoͤle brachten, in welche man durch einen hohlen Baum ſteigen mußte. Hier wurde ich in ein finſtres ſchmuziges Loch gewor⸗ fen, mein Lager war eine Schuͤtte Stroh, wel⸗ ches aber nach und nach verfaulte: mein Zu⸗ ſtand waͤre ſchrecklich geweſen, und ich waͤre nicht lebendig herausgekommen, wenn nicht zwei Maͤdchen, die Schweſtern von ein paar Raͤubern,— denn in ſolche Haͤnde war ich ge⸗ rathen,— Mitleid mit mir gehabt und mich heimlich und mit vieler Gefahr mit Waͤſche und Speiſe und Trank verſorgt haͤtten. Hannchen, das gefuͤhlvollſte der beiden Maͤdchen hatte einſt einen verirrten Fremdling im Walde gefunden und auch ihn in die Baumhoͤle gebracht, um ihn zu erquicken und dann auf den rechten Weg zu bringen. Dies ging fuͤglich an, weil der eigent⸗ liche Hauptſitz der Raͤuber eine große Strecke entfernt war. Da ſie aber vorſichtig ſeyn mußte, ſollte er bis in die andere Nacht in der Hoͤle bleiben. Sie hatte ihm auch geſagt, daß noch ein Gefangener hier bewacht werde. Als ſie, um keinen Verdacht zu erregen, zur beſtimmten Stunde zu den Raͤubern zuruͤckgekehrt war, trieb ihn die Neugierde an mich zu ſprechen, mein Zuſtand ruͤhrte ihn, er zerbrach die Gitter meines Gefaͤngniſſes, vettete mich, und noch in der nemlichen Nacht verließen wir die Hoͤle. Es war ſtockfinſter, keinen gebahnten Weg hatten wir, ich war der freien Luft und des Gehens nicht gewohnt, und blieb alſo oft zu⸗ ruͤck, bis lich endlich, trotz des oͤftern Wartens und der Geduld meines Retters, doch einmal zu —————— — — 205—. weit hinter ihm blieb und in eine Wolfsgrube ſiel. Ich ſuchte mich herauszuarbeiten, aber vergebens, meine Kraͤfte waren zu ſchwach, und ich verhielt mich ruhig, aus Furcht die Raͤu⸗ ber moͤchten mich entdecken. Mein Befreier aus dieſer Lage war, wie Sie ausfuͤhrlicher wiſ⸗ ſen, der verſtorbene Miniſter Walter. Ich ge⸗ wann ſeine Liebe und ſein Zutrauen; er hatte keine Kinder, ließ mich adeln und nahm mich an Kindesſtatt an. Da er der Liebling des Fuͤrſten war, kam ich oft an den Hof, auch der Fuͤrſt gewann mich lieb und ernannte mich zu ſeinem Pagen. Der Sekretair wollte hier zu reden anfan⸗ gen; allein wer haͤtte an meiner Stelle dies an⸗ hoͤren koͤnnen und nicht aufſpringen und hinſtuͤr⸗ zen ſollen?— Wie verſteinert ſaßen ſie da. Fuͤrſt Adolph! rief ich; dieß ſind die Worte, die den Zauber loͤſen koͤnnen. Das iſt der junge Mann, Hr. Sekretair, ſagte er, der mich aus der Rauberhoͤle rettete. Jetzt ſah ich auch den Sekretair an, und ſehn, erkennen und in ſeine Arme fliegen war eins. Es war Thal, der Lehrer meiner Jugend, der die meiſten Kenntniſſe und Grundſaͤtze in mich gelegt hatte.— — 206— Nachdem, erſt das Stumme, und dann das Brauſende der uͤberraſchenden Freude des Wie⸗ derſehns vorbei war, fragte er mich: Aber was ſollte der Ausruf: Fuͤrſt Adolph? Ich. Fuͤrſt Adolph iſt dieſer,(auf den Pagen zeigend) der Sohn des ermordeten Fuͤrſten von Hochfels. Er. Schwaͤrmen Sie? Ich. Wahrheit rede ich, ſo gewiß meine Seele unſterblich iſt. Er.(Ernſt.) Haben Sie Beweiſe? Ich. Lebende, die zu jeder Stunde auf⸗ treten und es bezeugen koͤnnen. Der junge Fuͤrſt hing ſprachlos am Halſe des Sekretairs. Ich ahndete große Dinge, ſagte dieſer, aber faſſen kann ich ſie noch nicht. Zu erzaͤhlen, wie ich ihnen alles bis auf den kleinſten Umſtand begreiflich machte, wuͤrde nicht unterhalten, da man es ſchon weiß. Das Betragen und Staunen Adolphs und Thals zu ſchildern vermag ich nicht. Worte wuͤr⸗ den ſchaamroth in weiter Entfernung hinter den Gefuͤhlen ſtehen. Man denke ſich die Sphaͤre, aus welcher jener geriſſen wurde, und die Hoͤhe, welche er vor ſich ſah, den kritiſchen Zeitpunkt, in welchem es geſchah, und die ſchnelle außeror⸗ dentliche Wendung, die alles entdeckte! Gewiß Entſchuldigung genug fuͤr mein Stillſchweigen bei dieſer Scene! Acht und funfzigſtes Kapitel. Dies folgt gleich auf das vorhergehende und iſt das lette. Mei erſter Weg war zum Grafen. Ich bringe frohe Nachrichten, ſagte ich. Und ich wette, antwortete er, ich habe noch frohere. Ich. Die Wette gilt! Er. Sehr zuperſichtlich! Wir wollen ſehen! Eine Stunde darauf, als ich einen Brief an Holdern auf die Poſt gegeben hatte, erhielt ich einen von ihm. Er ſchreibt mir, daß der Pater Selmo in der Schweiz unſer iſt. Unſre Bun⸗ desbruͤder daſelbſt haben ihn auf ihre Seite ge⸗ bracht und er iſt zu Geſtaͤndniſſen und Beweiſen bereit.— Nun Ihre Nachricht, daß wir ſehn welche wichtiger iſt! Ich. Der Page Walter iſt Fuͤrſt Adolph. Ich erzaͤhlte ihm alles, was vorgefallen war und man wird ſich den Ausbruch ſeiner Freude leicht denken koͤnnen, wenn mann ſich nur einige Stunden zuruͤckerinnert, wo ich ihm auf meiner Stube ſagte, daß ich Adolph gerettet haͤtte und er vielleicht noch lebe. Wir uͤberlegten, wie es am kluͤgſten anzu⸗ fangen ſey, daß er wieder zum Beſitz ſeines Landes kaͤme. Laſſen Sie mich jetzt allein, ſagte er, mein Kopf war ja ſonſt immer gluͤcklich im Erfinden. beſtellen Sie den Sekretair auf Ihr Zimmer, binnen zwei Stunden will ich bei Ihnen ſeyn. Kaum eine halbe war verfloſſen, als er kam. Freunde! rief er uns entgegen, ich habe einen Plan, der uns gluͤcken ſoll. Der Pater Selmo weiß gewiß die genaueſten Umſtaͤnde von der Entfuͤhrung des Prinzen. Seine Spießgeſel⸗ len haben ihn beleidigt und er wird gewiß alles offenbaren. Wir beſtimmen ihm einen Ort, wo wir vier nebſt dem Prinzen ihn treffen. Gold ſoll er haben ſo viel als er will, wenn er uns alles geſteht und bezeugen will. Dann reiſen wir nach Kronau, wo ich ſchon Vorbe⸗ reitungen zu unſrer Ankunft machen laſſen will, ſuchen erſt im Stillen auf dem Weg der Guͤte unſern Zweck zu erreichen, und will man uns nicht hoͤren, ſo treten wir oͤffentlich auf, machen Schandthat auf Schandthat bekannt, wenden uns an. hoͤhere Gerichte, wo man Recht und Billigkeit uns gewiß nicht abſpre⸗ chen wird: Aber wenn es ſo weit kommt, wenn man uns nicht durch eignen Antrieb unſre Forderungen gewaͤhrt, dann ſollen Dinge ge⸗ ſchehen, uͤber welche die Welt ſtaunen und erſchrecken wird. Hier muß vor der Hand alles verſchwiegen bleiben. Daß der Fuͤrſt Adolphen die Erlaubniß giebt auf einige Mo⸗ nate zu verreiſen, will ich durch den Kammer⸗ herrn Serr bewuͤrken. Heute ſchreib ich Briefe und uͤbermorgen reiſen wir! Es geſchah auch; am beſtimmten Orte trafen wir den Pater. Nan ſoll uns nicht abweiſen, ſagte dieſer. Laſſen Sie Extrapoſt nach Kronau beſtellen! Der Fuͤrſt iſt krank, das iſt mir bekannt; ich bin ſein Beichtvater geweſen und weiß ſeine Schwaͤchen, ich kenne ſeinen ganzen Charakter und ſeinen Hang zur Froͤmmelei. Ich will ihm nur zehn Worte ſagen, und er ſoll mit Zittern und Beben an den Tod denken, er ſoll mich mit Thraͤnen bitten ſein Gewiſſen zu keruhigen. Aber haͤtte man auch ſein Herz taub gegen die Stimme der Gerechtigkeit 14 8 8 bei, als man den Prinz Adolph aus der Wiege raubte; durch mich blieb er am Leben; ich kann beweiſen, daß Pater Schandwich den Fuͤrſt voon Hochfels ermordet hat, und ich habe in meinen Haͤnden ſchriftlich den Entwurf und die Ausfuͤhrung des ganzen abſcheulichen Plans. Nicht eher nehm ich einen Pfennig zur Be⸗ lohnung bis Sie, mein Prinz, als Fuͤrſt zu den Thoren von Hochfels hineinfahren. Noch am nemlichen Tage, gings auf Kronau zu. Ohne Aufſehen zu erregen kamen wir daſelbſt an. In einem Privathauſe war unſre Wohnung. Drei Maͤnner kamen uns hier entgegen, Norder, Rollo und— Holder. Das Bild, das ich mir von dieſem letztern entworfen hatte, fand ich noch weit uͤbertrof⸗ fen. Er nahm es auf ſich den Pater Selmo bei dem Fuͤrſten, der ſeiner Krankheit wegen das Bette nicht verlaſſen durfte, einfuͤhren zu laſſen, ohne daß es ein Hoͤfling bemerke. Es war in der Abenddaͤmmerung. Nach einer Stunde kam Holder athemlos wieder. Prinz, Graf und Auditeur ſollen gleich zum Fuͤrſten kom⸗ men, ſagte er. 4 Wir fanden ihn aͤußerſt bewegt und ent⸗ gemacht, ſo kann ich laut rufen. Ich war da⸗ V — 211— kraͤftet auf dem Bette ſitzen. Prinz, ſprach er mit leiſer ruͤhrender Stimme, ich habe Ihnen ihr Land geraubt; aber Gott weiß es, ohne mein Verſchulden. Boͤſewichter haben meine Schwaͤche benutzt und mich hintergan⸗ gen. Sie wußten, daß ich aus blindem Reli⸗ gionseifer den Geiſtlichen viel Vorrechte erlaubte und aus dieſer Urſache wollten ſie Hochfels an Kronau bringen, daß ſie deſto mehr Unter⸗ thanen druͤcken und deſto groͤßre Schaͤtze er⸗ preſſen koͤnnten. Nichts war ihnen zu Erlan⸗ gung ihrer Abſicht zu heilig. Sie ließen Sie wie einen Miſſethaͤter im Kerker ſchmachten, und Ihren Vater ermordeten ſie gar. Mein Herz hat mir geblutet, da ich's hoͤrte. Ich wollte es nicht glauben, bis mich Pater Selmo zu meinem Entſetzen davon uͤberzeugte. Was ich verguͤten, erſetzen kann, das will ich bei Gott und allen Heiligen thun. Pater Selmo, ſetzen Sie die Namen derer auf, die an dem Verbrechen Theil hatten und ſich noch am Hofe befinden, ſie ſollen in dieſer Stunde Arreſt haben und verhaͤltnißmaͤßig beſtraft werden, und Ihnen, Prinz, will ich morgen in Ge⸗ genwart meiner Miniſter und Raͤthe, Ihr Land wieder abtreten und da Ihnen vermoͤge der Erbverbrüderung zwiſchen unſern Haͤuſern auch das meinige bald zufallen wird, ſo hoͤren Sie die Worte und Lehren eines Fuͤrſten auf ſeinem Krankenlager: Zum Herrſchen uͤber Tauſende beſtimmte uns die Vorſehung und machte uns zu Scla⸗ ven von Creaturen, die unter der Maske der Treue als Raͤthe und Miniſters, wie Ottern und Schlangen den Fels, der ihnen ihre Hoͤ⸗ len gewaͤhrt, uns umſchleichen. Kabale, Liſt und Privat⸗Intereſſe lenkt unſern Willen und Handeln am Gaͤngelbande; Freundſchaft und Liebe, die ſich beide von der Kette der See⸗ ligkeit losriſſen, uns hienieden zu begluͤcken, ſcheuen ſich vor unſern Pallaͤſten. Prinz, Prinz, trauen Sie denen nicht, die ſich Ihre Freunde nennen, die Ihre Einfaͤlle fuͤr goͤtt⸗ lich, Ihre Urtheile fuͤr Orakelſpruͤche halten; aber denen geben Sie Gehoͤr, die ungeſcheut widerſprechen, die ſelbſt Ihren Lieblingswuͤn⸗ ſchen entgegen ſind, und zu dieſem allen durch Menſchen⸗ und Vaterlandsliebe angetrieben werden. Zufall machte uns in einem Augen⸗ blicke zu Fuͤrſten, wo wir Bettter haͤtten wer⸗ den koͤnnen, und, glauben Sie, mancher Bett⸗ ler tauſcht ſeine Gefuͤhle nicht mit den unſrigen. — — 213— Sie ſind jung, haben geduldet und erfahren; handeln Sie meinem Rathe gemäß, zeigen Sie, daß Herz und Thaten und nicht Geburt Sie zum Regenten machte, und wenn die Thraͤne der Armuth, der Beifall des Edeln Sie belohnt, denken Sie, daß ein Fuͤrſt auf ſeinem Sterbelager Ihnen dieſe Ermahnungen gab, und daß er ſich ſeeliger fuͤhlen wird, wenn Menſchen dadurch gluͤcklicher wurden. . So ſrach der getaͤnſchte edle Fuͤrſt und alle Anweſende waren geruͤhrt. Ich, Norder, Rollo, Stammer und Pan⸗ ther eilten voran nach Hochfels und verkuͤndig⸗ ten die frohe Rachricht. Alles frohlockte und alles wetteiferte den wiedergefundenen Fuͤrſten mit Pracht und Glanz zu empfangen. Die Unterthanen ſahen den Geiſt ſeines Vaters im voraus in ihm wieder aufbluͤhn. Am Tage ſeines Einzugs war die Landſtraße eine Meile weit mit Menſchen beſaͤet. Der Adel und alle Perſonen von Stande hatten ihn im groͤßten Pomp eingeholt. Greiße, die nicht mehr ge⸗ hen konnten, hatten ſich auf den Ruͤcken ihrer Enkel hinaustragen laſſen und falteten dem kommenden Fuͤrſten die duͤrren Haͤnde entgegen. Kinder, die noch nie geredet hatten, ſtammel⸗ . ten an dieſem Tage zuerſt: wir wollen den Fuͤrſten ſehn und Saͤuglinge ſchienen froͤhlicher an der Bruſt ihrer Muͤtter zu ſaugen. Nachdem die Feierlichkeiten und Feſte eini⸗ germaßen zu Ende waren, eilte ich zu meiner Julie, und Blauberg mit ſeiner Frau nebſt dem General Haller begleiteten mich nach Hochfels, wo ich ſie als meine kuͤnftige Gattin bekannt machte. Auf kuͤnftigen Sonntag ſagte der Fuͤrſt, richte ich Ihnen die Hochzeit auf meinem Schloſſe aus! Er hielt Wort, denn den Montag fruͤh begruͤßte mich die Morgen⸗ roͤthe ſchon in Juliens Armen. In dem Regierungsweſen ging eine große Revolution vor. Mellwitz wurde berufen, und er und der Graf waren die Freunde des Fuͤr⸗ ſten, durch deren Rath und Erfahrungen er neue Anſtalten machte, alte Abgaben abſchafte, druͤckende Laſten von ſeinen Unterthanen waͤlzte und Wohlſtand und Seegen verbreitete. Ich verbat mir jede Stelle, ich wollte ohne Amt deſto mehr nuͤtzen, immer an der Seite des Fuͤrſten mich aufhalten, um ihn auf jede Ge⸗ legenheit aufmerkſam zu machen, wo er ſeinem Lande aufhelfen koͤnnte. 3⸗ 2 Norder, Rollo, Stammer und Panther, alle erhielten angeſehne Aemter in Faͤchern, welche ihren Kenntniſſen und Faͤhigkeiten am angemeſſenſten waren. Thal blieb der Rath⸗ geber des Fuͤrſten und wurde Miniſter. Alle Maͤnner, die durch Redlichkeit, Treue und Geſchicklichkeiten ſich auszeichneten, wurden ver⸗ ſorgt und alle vereinigten ſich in dem großen Zwecke Menſchen zu begluͤcken. Leſern, die Adolphen als Fuͤrſten kennen zu lernen wuͤnſchen, und die mich vielleicht be⸗ ſchuldigen, daß ich einige Perſonen eben in dem Zeitpunkt habe abtreten laſſen, wo ſie die beſten Proben ihrer Erfahrungen und Men⸗ ſchenkenntniß haͤtten ablegen koͤnnen, verſichere ich, daß der Plan dieſes Buchs da erreicht war, wo Adolph ſein Land wieder erhielt; daß eben jene Ausdehnung laͤſtig wuͤrde ge⸗ worden ſeyn; daß aber bald ein Werkchen unter einem bis jetzt noch unbeſtimmten Titel folgen wird, wo Adolph Beweiſe von Herz, — 216— und Geiſt geben und Hochſels ein Schauplaß ggroßer Begebenheiten werden ſoll; wo unſer Held, Graf Ehrich, Norder, Rollo und meh⸗ rere Maͤnner wichtige Rollen ſpielen werden; wo das Wunderbare dem Wahren die Hand bieten und mancher Wink gegeben, manches nuͤtzliche Wort geſprochen werden ſoll. — ſſſſiſiſſſnmimſſſſſſſſinſnſſnſſnſnſſſni 9 10 11 12 13 6 7 8 e