— 3 g— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 3 Eduard Oftmaun in Gießen, Scloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 3 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: fuͤr 1ochentlich 2 Bücher: 4à4 Bücher: 6 Bücher: „——ã————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 5 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. K8 —— 84———y— 4 2— f———— ————— ‿* — „ 1; Ae. aſreft, O. 4,be. „—. AAr E 4/ 1 KS + 7 Nenſchhei Ein Romannach dem Leben. Mit einem Titelkupfer. Dritte Auflage. Leipzig⸗ in der Sommerſchen Buchbandlung. 1 8 1 8. —y— 4 ‿ Erſtes Kapitel. Wenn ich mein Buch in der hebräiſchen Sprache geſchrie⸗ ben hätte, würde dies das letzte Kapitel ſeyn. K In der Lotterbube noch ein Schriftſteller ge⸗ worden! wuͤrde mein Vater ausrufen, wenn er noch lebte,— er iſt jetzt ſechs und funfzig Jahr alt.— Mancher hat vielleicht mehr Vaͤ⸗ ter, ich habe nur zwei. Der eine war ein Edelmann und der andere hatte einen großen Schnurbart, einen blauen Rock mit ſilbernen Treſſen, ſaß oft auf einem hohen Dinge und ſagte immer Ber! Brr! Ich habe zwar noch einen Vater, der meine Mutter geheirathet hat und mir zu eſſen und zu trinken giebt, aber dor nenne ich nur Papa.— Ja, ja, ein Schriftſteller bin ich gewor⸗ den, der alles, was er geſehn, gehoͤrt und er⸗ A fahren hat, treulich erzaͤhlen will. Es iſt aber heut zu Tage ein kitzliches Ding um die Schrift⸗ ſtellerei. Wenn man der Natur folgt und die Wahrheit ſchildert, wie ſie iſt, ſo kommen Cha⸗ raktere zum Vorſchein, die man haͤufig und faſt uͤberall findet, und da giebt's Leute, die alles zu deuten wiſſen. Bei jeder Handlung und je⸗ dem Geſchichtchen muß nach ihrer Unze Ver⸗ ſtand eine Perſon gemeint ſeyn, die ſie kennen, und an die man doch nie gedacht hat; als wenn's nicht genug Narren in der Welt gaͤbe und man erſt ſeine Zuflucht zu den ihrigen nehmen muͤßte. Auf dieſe Art kann ein ehrlicher Mann wider ſeinen Willen in Verdacht und Feindſchaft ge⸗ rathen.— Himmel! wenn man alle Narren ſchildern wollte, das wuͤrde ein huͤbſches Stuͤck⸗ chen Arbeit geben; man darf ja nur einen Tin⸗ tenkleks auf's Papier machen, da ſtehn ein paar Dutzend mit Leib und Seele in ihrer wah⸗ ren Geſtalt da. Und wenn auch einige Aehn⸗ lichkeit zwiſchen einem und dem andern vor⸗ kommt, iſt denn das die Folge, daß man gerade den gemeint hat, auf welchen die Allerwelts⸗ ausleger es deuten? Giebt's denn in andern Laͤndern nicht eben ſowohl dumme und kluge, ſchlechte und brave Leute, als hier? Es iſt ge⸗ rade, als wenn einer zu mir kommen und ſagen wollte: Herr, das Bild an ihrer Wand, dem ein Bret vor den Kopf gemahlt iſt, zielt auf mich, ich bin ſo ein vernagelter Kerl. O sancta simplicitas! Nein, meine lieben Leſer, die Originale werden Sie nicht finden; aber Copien in Menge. Madam Experientia und ihre Schweſter die Menſchenkenntniß ſind ein paar alte Baaſen von mir, zu welchen ich des Abends ſchleiche, eine Pfeife Tabak ſchmauche, und mir etwas erzaͤhlen laſſe. Ich haͤtte meine Perſonen nackend auftreten laſſen köͤnnen, wenn es nicht wider die Ehrbar⸗ keit geweſen waͤre; ich habe ſie alſo ihr Negli⸗ gee anziehen laſſen. Sollten aber dennoch ſich einige Falten verſchoben haben, ſo bin ich außer Schuld; beim Negligee nimmt man's nicht ſo genau. Wer ſich hinzuſehn ſchaͤmt, halte die Hand vor die Augen und— ſchiele durch die Finger. Mancher wird ſagen, ich glaub's nicht, daß Johann Schlau es ſelbſt iſt, der ſeine Geſchichte erzaͤhlt. Das gilt mir gleichviel. Ich koͤnnte meinen Namen vorſetzen, denn ich kann, Gott ſey Dank! der ganzen Welt mit gutem Gewiſſen in's Auge ſehen, aber ich habe meine Launen. Wenn das Werk meiner froͤhlichen Stunden auch meinen Leſern eine frohe Stunde macht, kann ich mich im Stillen daruͤber freuen; ich kann unerkannt das Urtheil hoͤren, das man daruͤber faͤllt, und das Gute mir ad notam nehmen; ich kann auch laͤcheln, wenn man's verdruͤßlich hinter'n Ofen wirft. Zweites Kapitel. Meine Mutter war eine Beckerstochter und ihr Vater buk den beſten Zwieback im Staͤdtchen. Bei jedem Kaf⸗ feebeſuch mußte der Zwieback beim Plapperbecker geholt werden. Dieſen Namen hatte er erhal⸗ ten, weil er ſehr geſchickt war, die Leute, die bei ihm buken, mit Hiſtorchen zu unterhalten, daß ſie nicht bemerkten, wenn er ein paar Haͤnde voll Teig abknipp und unter den Backtrog warf. Meine Mutter war von Jugend auf ein aller⸗ liebſtes Maͤdchen; ein Geſichtchen wie Milch und Blut, ein paar ſchwarze verliebte Augen, eine gefaͤllige Schwatzhaftigkeit und etwas Flin⸗ — — 5— kes und Muntres im Betragen machte ſie uͤber⸗ all beliebt.'s iſt eine muthwillige Zeterkroͤte, ſagte immer der Vater, ich muß'r auf’'m Dache ſeyn, ſonſt macht ſie's wie mein Backofen, wenn ich Kuchen hineinſchiebe. Sie wußte im achten vom Platze und größere und aͤltere mußten ihr nachſtehen. Huͤbners Fiekchen wird ein Kern⸗ maͤdchen, ſagten die jungen Mannsperſonen. Im zwoͤlften Jahre mußte ſie ſchon manches Kuͤßchen austheilen, und wurde nicht ſelten zu einem Abendſpaziergange eingeladen; ihre bluͤ⸗ henden Wangen und ihr huͤbſcher Wuchs ſielen immer mehr in die Augen; ſie wußte auch, wenn ſie ſich manchmal weggeſchlichen hatte oder zu lange wo geblieben war, ihren Aeltern ſo eine feine Naſe zu drehen, daß ſie's glau⸗ ben mußten. Der Herr Actuarius, der Herr Regiſtrator und die uͤbrigen Herren Advoka⸗ — 6— ten, die nicht lange von der Univerſitaͤt gekom⸗ men waren, ſchielten oft nach ihr und geſtan⸗ den ſich ſelbſt, daß Fiekchen ein recht fetter Biſſen waͤre. Wenn ſie auf die Acciſe ging, mußte ſie allemal in die Stube kommen und 5 zwar ſtraͤubte, aber ſo artig, daß noch ein paar Kuͤſſe auf den weiſſen Hals kamen. Im vier⸗ zehnten Jahre ſprach man allgemein vom ſcho⸗ nen Fiekchen; ſie ſing an vollends aufzubluͤ⸗ hen, alles wurde vollkommener, der Wuchs wurde elaſtiſcher, die Hand runder, das Auge feuriger und ſchalkhafter, der Gang maͤnnlicher und einladender, und der Buſen hob und ſenkte ſich zum Entzuͤcken. Man konnte ſie nicht ſe⸗ hen, ohne etwas zu wuͤnſchen, und wenn man ihre Hand faßte, war's, als fuͤhr ein elektri⸗ ſcher Funke durch alle Glieder. Kuͤſſen durfte man ſie gar nicht, ſie kuͤßte einem die Gedan⸗ ken aus dem Kopfe und das Herz aus dem Leibe heraus, und man konnte gewiß ſeyn, daß man die folgende Nacht nicht gut ſchlafen, ſondern den ſanften Druck ihrer gluͤhenden Lip⸗ pen auf den ſeinigen fuͤhlen wuͤrde. Im funf⸗ zehnten Jahre hatte ſie ſchon manche Liebes⸗ avantuͤre gehabt, manchen Liebhaber abgedankt, manchen angenommen, und ſchon einigemal hatte man ſich wegen ihr auf dem Tanzboden die Koͤpfe gewaſchen. Um dieſe Zeit war's, daß ſie die Woche zweimal auf einige benach⸗ barte Edelhoͤfe mit Zwieback geſchickt wurde. Sie mußte allemal durch ein kleines Tannen⸗ hoͤlzchen, und da pflegte ſie gemeiniglich es den Abend vorher einem ihrer Lieblinge zu ſagen, der ſie begleiten und das Handkoͤrbchen tragen helfen mußte. Man ſollte glauben, in einem Tannenwaͤldchen muͤßte es recht huͤbſch kuͤhle ſeyn: aber ihre Backen gluͤhten ſtaͤrker, wenn ſie heraus kam, als wenn ſie hinein ging, und uͤberdies hingen die Aeſte ſo tief, daß die Haare immer ein wenig in Unordnung ge⸗ riethen. Auch das Röͤckchen mußte ſie ſich ab⸗ ſchuͤtteln, denn in einem Walde laͤßt ſich's nicht ſo bequem gehen wie im freien Felde; wie leicht haͤngt ſich ein Dorn an! wie leicht bleibt 1 — 8— man an einem Strauche haͤngen! wie ſeicht kann man nicht gar fallen!— unter den Edelhoͤfen, auf welche ſie ihre Waare trug, waren beſonders zwei merkwuͤr⸗ dig. Auf dem einen reſidirte ein alter Huſa⸗ renrittmeiſter mit ſeinem Sohne; jener hatte nur ein Auge und einen Stelzfuß aus dem ſiebenjaͤhrigen Kriege mitgebracht, und dieſer war blödſinnig und mondſuͤchtig. Auf dem an⸗ dern trieb eine geizige Kammerherrin ihr We⸗ ſen, die ſiebzig Jahre auf dem Buckel und noch einmal ſo viel Tauſende im Vermögen hatte, ihr groͤßter Aufwand beſtand in friſchem Zwieback, den ſie, um ſich nicht ganz zu rui⸗ niren, wie ſie ſagte, in Kraͤuterthee tuͤtſchte. Auf beiden Seiten waͤre Fiekchens Tugend ge⸗ ſichert geweſen, wenn der alte Kuͤras,(ſo hieß der Rittmeiſter) keinen jungen Geſellſchafter bei ſich gehabt haͤtte, und der Sohn der Frau Kammerherrin nicht zehn Jahr auf Univerſi⸗ taͤten herumgeirrt, und zwei Jahr in Paris geweſen waͤre. Auf den Univerſitaͤten war ſein Kopf und Koͤrper einem Folianten in Schweins⸗ leder gebunden aͤhnlich geworden, und in Pa⸗ ris hatte er ſich franzöͤſiſche Noten zum Texte 8 geholt, die ihn manchen Louisd'or in die Apo⸗ 4 theke zu ſchicken noͤthigten. Drittes Kapitel. Fiekchen erhält für drei Küſſe einen Dukaten. Ein paar bluͤhende Wangen und volle Waden,. Laune und Anſtand bei Taͤndeleien ſind den Maͤdchen oft lieber als brillantene Ringe, ſchoͤne 1 Kleider und fade Schmeicheleien. Ich brauche ₰ mit gutem Bedacht das Woͤrtehen oft; denn es giebt eine Art von Maͤdchen, die beim Anblick eines blanken Species ſchon mit dem Finger nach dem Halstuch fahren, um es vortheilhaft zu verſchieben, und dann, wenn die Oefnung bemerkt, und mit Wohlgefallen betrachtet wird, durch einen verbuhlten Blick ſo viel ſagen wol⸗ len, als: Mir dieſen Species, ſo kannſt du das Halstuch noch weßßer verſchieben! Allein was gehn mich jetzt dieſe Maͤdchen an? Ich mag's — auch nicht geradezu mit ihnen verderben, denn ſie haben zu gewiſſen Stunden Einfluß auf Leute, die durch einen Wink Brod geben und nehmen koͤnnen, und ich habe einen Bruder, der ſchon ſeit zehn Jahren vergebens nach einem Aemtchen ſeufzet, weil er weder Kammerjung⸗ fern heirathen noch kuppeln will. Genug Fiek⸗ chen— denn damals war ſie meine Mutter noch nicht— gehörte nicht zu dieſer Klaſſe und aus der Urſache gefiel ihr auch der geſunde wohl⸗ gebildete Hochhelm, Vetter des alten Kuͤraß, beſſer, als der duͤrre ausgemergelte Herr von Schmalfeld mit zwei Uhren und blitzenden Schuhſchnallen. Er wurde zwar bald nach dem raſchen, ſchwarzaͤugigen Baͤckermaͤdchen luͤſtern und lauerte ihr oft auf, wenn ſie von der gnaͤ⸗ digen Mama kam, erhielt aber fuͤr ſeine Schmei⸗ cheleien nichts als ſpoͤttiſches Laͤcheln und kurze Antworten, und dabei wuͤrde es auch geblieben ſeyn, wenn nicht ein ungluͤcklicher Zufall, der Fiekchen begegnete, ihren Trotz gemildert haͤtte. Sie hatte auf dem Heimwege das ganze Geld, das ſie fuͤr ihre Waaren geloͤßt hatte, verloren, und kehrte um, es wieder zu ſuchen. Der Herr von Schmalfeld, der ihr nachgeſchlichen war, hatte es gefunden, und freute ſich, durch dieſe Gelegenheit vielleicht gluͤckticher zu ſeyn. Angſt und Furcht vor dem Zorn ihrer Aeltern trieb ſie auch bis vor den herrſchaftlichen Garten zuruͤck, durch welchen ſie, weil ſie naͤher kam, zu gehen 4 — — 4 —— —— pflegte. Hier uͤberraſchte er ſie, fragte, was ſie ſuche, und ſtellte ſich ſo theilnehmend und ge⸗ ſchaͤftig, daß ſie ihm eine freundliche Miene nicht verſagen konnte. Erſt wollte ſie ihm ih⸗ ren Verluſt nicht geſtehn, endlich that ſie es. O! wenn's weiter nichts iſt, ſagte er, als vier⸗ zehn Groſchen, die will ich dir doppelt und drei⸗ fach erſetzen, es waͤre Schade, wenn ſo ein huͤbſches Maͤdchen wegen ſo einer Kleinigkeit Verweiſe bekommen ſollte; komm mit in dies Gartenhaus, kleiner Engel, da will ich dir dei⸗ nen Verluſt wieder geben. Erſt Angſt und Schrecken, jetzt unvermuthete Freude; beides vermehrte die Gluth ihrer Wangen und Augen. Sie folgte ihm froh und getroſt. Er holte die Boͤrſe hervor, und nahm vierzehn Groſchen und einen Dukaten heraus. Siehſt du, ſagte er, hier ſind vierzehn Groſchen, dafuͤr giebſt du mir einen Kuß, und fuͤr drei andere iſt auch dieſer Dukaten dein. Sie nahm die vierzehn Gro⸗ ſchen, gab ihm einen Kuß, der wie Feuer ſeine matten Lippen durchbebte, und wollte fort.— Nun, dieſen Dukaten willſt du nicht haben?— Wenn Sie mir ihn ſo geben?— Nicht fuͤr drei Kuͤſſe?— Nein!— So mußt du auch die — 12— vierzehn Groſchen zuruͤckgeben, das war mit einbedungen.— Straͤubend gab ſie auch dieſe drei Kuͤſſe hin, aber dieſe machten ihn noch hitziger. Er hielt ſie immer noch feſt, kein Winden, kein Wider⸗ ſtand half, er wurde freier, Worte wurden mit Handlungen vertauſcht, und,— wozu kann die Angſt nicht treiben, beſonders ein Maͤdchen, das nicht aus Grundſaͤtzen, ſondern aus Abnei⸗ gung tugendhaft iſt?— Fiekchen erhielt den Dukaten, und huͤpfte froͤhlich durch den Garten über die Wieſen hin und der Stadt zu. Doch, ſo ſehr ihr die ſeidene Schuͤrze geſiel, die ſie ſich füͤr den Dukaten kaufte, ſo konnte ſie doch we⸗ der den Herrn von Schmalſeld noch das Gar⸗ tenhaus leiden, es regte ſich ein gewiſſer Ekel in ihr, den ſie ſich um zwei Dukaten nicht wie⸗ der zugezogen haͤtte. Ganz anders ging's ihr mit dem jungen Hochhelm; dieſem ging ſie nie aus dem Wege, ſie ließ ſich gern von ihm die Hand druͤcken oder in die Backen kneipen, und ſtraͤubte ſich nicht, wenn er ein Kuͤßchen ver⸗ langte. Die Bekanntſchaft zwiſchen beiden war auch geſchwinder errichtet. Schon das erſtemal, als ſie einander ſahen, wurde er durch einen einzigen Blick mit ihr vertrauter als Schmal⸗ feld durch wochenlanges Bemuͤhn, und doch konnte er nicht wie dieſer fuͤr drei Kuͤſſe einen Dukaten geben. Den erſten hatte er ſie blos gegruͤßt, den zweiten ſprach er mit ihr, den dritten kaufte er ihr auf ſeiner Stube ab, den vierten kam ſie ſelbſt, und fragte, ob er etwas brauche, den fuͤnften dauerte das Handeln we⸗ gen ein Dutzend Zwiebacke ſchon eine ganze Stunde, und nun mache man die Rechnung ſtufenweiſe vom ſechſten bis zum hundertſten ſelbſt weiter, und ſehe was fuͤr ein herrliches Facit herauskommen wird. Gluͤck war's, daß das Facit den Aeltern nicht in die Augen fiel, ſonſt wuͤrden ſie ſie gewiß nicht mehr mit Zwie⸗ back auf's Land geſchickt haben. Doch nach und nach hob ſich das von ſelbſt auf. Fielchen wurde aͤlter, bekam Freier und durfte nicht mehr auf die Edelhofe gehen. Viertes Kapitel. Vorne einen Zoll kürzer und hinten einen länger. Viele bewarben ſich um ſie, theils Handwerks⸗ leute, theils Maͤnner von hoͤherm Range; aber eben dieſe Menge vermehrte den Stolz, den Fiekchen beſaß. Sie war beinahe ſiebzehn Jahr, und allgemein als das ſchoͤnſte Maͤdchen in der Stadt bekannt. Der Ruf davon und ihr Spie⸗ gel hatten ſie ſelbſt von ihren Reizen überzeugt, und ſie bemuͤhte ſich ſie durch ihr Betragen noch lockender zu machen. Leider miſchte nur in daſ⸗ ſelbe das Bewußtſeyn ihrer Vorzuͤge etwas, das zu ſehr an den hohen gezwungenen Ton graͤnzte; und dem gemeinen Buͤrger bange machte, daß er ſtatt einer Wirthin eine Naͤrrin, und ſtatt eines braven Weibes eine galante Dame erhal⸗ ten moͤchte. Da ſie von ihren Aeltern eine gute Ausſteuer zu hoffen hatte, ſo glaubte ſie auch Anſpruͤche auf einen vornehmen Mann machen zu koͤnnen, und gab den Freiern von niederm Stande den Korb. Auch unter der an⸗ dern Klaſſe, die meiſt aus Gelehrten, oder— daß dies Wort nicht zu ſehr herabgewuͤrdigt wird— aus Maͤnnern beſtand, die auf Univer⸗ 4 ſitaͤten geweſen waren, waͤhlte ſie lange. Bei jedem hatte ſie etwas auszuſetzen. Der eine war zu ernſthaft und konnte nicht taͤndeln; ein anderer war zu geizig; beim dritten mußte ſie ſich zu tief buͤcken, wenn ſie ihn kuͤſſen wollte; der vierte war zu groß und ſtark, daß ſie ſich fuͤrchtete bei der Umarmung von ihm erdruͤckt zu werden; der fuͤnfte war zu hager und ver⸗ ſprach zu wenig fuͤr die Gardinenunterhaltun⸗ gen; der ſechſte war nicht gut gewachſen, trug weite Beinkleider, oder konnte nicht tanzen; kurz, jeder hatte ſeine Fehler. Sie gab keinem abſchlaͤgliche Antwort, keinem ihre Hand, aber manchem etwas mehr als die Hand, bis endlich viele es uͤberdruͤßig wurden, aus dem Ernſte Spaß machten, und wenn ſie lange genug ge⸗ ſpaßt hatten, ſich ein ander Maͤdchen zur Frau waͤhlten. Doch ſpuͤrte ſie immer keine Abnahme an ihren Liebhabern; ihre Reize waren ſo aus⸗ zeichnend, ſo hinreiſſend, daß mancher manches uͤberſah, und dem ſchoͤnen Fiekchen alles an den Augen abſah, um ſich im Brautbette recht ſatt an ihr kuͤſſen zu können. Aber je mehr ſich um ſie bewarben, je ſtolzer wurde ſie und je zwei⸗ felhafter und laͤnger ihre Wahl. Drei Jahre hatte dies ſo gedauert und eben wollte ſie fuͤr — 16— einen gewiſſen Inſpector Werner, einen jun⸗ gen liebenswuͤrdigen Mann, der die meiſten der Vorzuͤge, die ſie von ihrem kuͤnftigen Gat⸗ ten verlangte, beſaß, entſcheiden, als ein ein⸗ ziger Zoll, den ihr Rock hinten laͤnger war, als vorne, dieſen und alle uͤbrige Liebhaber mit einmal verſcheuchte. Das war ein Don⸗ nerſchlag fuͤr Fiekchens Stolz und Wuͤnſche, und fuͤr die Erwartungen ihrer Aeltern. Wie frohlockten die andern Maͤdchen, die ſie ſich mit neidiſchen Augen bei jeder Feierlichkeit hatten vorziehen ſehen! Wie laͤchelten die jun⸗ gen Herrn, die genoſſen hatten und mit hei⸗ ler Haut davon kamen! Wie froh waren die, die ſich ſo eifrig um ſie beworben, daß ſie keine hochgeoͤhrten Herren geworden waren! Schaam⸗ roͤthe miſchte ſich jetzt unter ihre bluͤhende Far⸗ be; ihre Augen irrten nicht mehr frei und of⸗ fen umher und ſtahlen Herzen; der ſchlanke Wuchs war entwichen; ſie war zwar noch das ſchoͤne, aber das entehrte Fiekchen. Fuͤnftes Kapitel. d weih! Hot ſich das Jüngferle loſſen übertölpeln! ˙ muß werden wos rores. Nu, nu, wos weent ſie? Golt behüt!'s war ja nur äh kleener Schaeker. See haͤtte nun gerne einen ehrlichen Hand⸗ werksmann geheirathet, wenn ſich einer haͤtte entſchließen können, fremde Kinder zu ernaͤhren. Ihr Zuſtand wurde traurig. Keine theilneh⸗ mende Freundin, die ſie getroͤſtet haͤtte; keine Stunde, wo ſie nicht die bitterſten Vorwuͤrfe ihrer Aeltern haͤtte dulden muͤſſen; kein einſa⸗ mer Ort, wo ſie ihren Kummer im Stillen haͤtte tragen können, und hierzu noch die Stimme ih⸗ res Gewiſſens, das bei jedem Schritt ihr zu⸗ rief: du könnteſt gluͤcklich ſeyn, du allein biſt Stifterin deines Schickſals. 1 Unterdeſſen nahte die Zeit ihrer Niederkunft. Wie ſchnell lief am Tage derſelben von Mund zu Mund die Nachricht: Baͤckers Fiekchen iſt in die Wochen gekommen. Wer mag Vater ſeyn? fragte eins das andere. Vielleicht ich! dachten mit innerm Zagen wohl zwanzig Herren bei ſich ſelbſt. Aber Fiekchen wußte es ſelbſt nicht. Vor funfzig Thaler gab einer, der Hun⸗ B ger und keine Ehre im Leibe hatte, ſeinen Na⸗ men her, und die Sache war abgethan. Die Kindermutter hatte den ſchwerſten Poſten dabei; wohl hundertmal des Tages wurde ſie gefragt, wem der Knabe aͤhnlich ſaͤhe, und als er ſelbſt zum Vorſchein kam, da war er ſaͤmmt⸗ lichen unverheiratheten Herren im Staͤdrchen wie aus den Augen geſchnitten. Es war auch wirklich ein allerliebſter Knabe.— Propria laus sordet! wollen Sie ſagen, meine Leſer! Weit gefehlt! ich war's noch lange nicht, ich hatte ganz andere Schickſale, ehe ich aus Mut⸗ terleibe kam. 5 3— Nach und nach hoͤrte man auf von Fiekchens Falle zu ſprechen, am meiſten trug dazu bei, daß das Kind nach acht Wochen wieder ſtarb. Sie bekam ihre Taille wieder und bluͤhte ſchö⸗ ner als vorher. Aber die Katze laͤßt das Na⸗ ſchen nicht. Es ſammelten ſich wieder eine Menge Liebhaber um ſie; ſie war nicht mehr ſproͤde aber behutſamer; ſie ſchwaͤrmte mit ih⸗ nen von Vergnuͤgen zu Vergnuͤgen, gewaͤhrte, was ſie konnte, wurde des Freudenlebens ge⸗ wohnt und vergaß daruͤber, daß ſie mit jedem Tage einen Schritt weiter vom Brautbette ruͤcke, und daß Schmetterlinge nur ſo lange auf Roſen — 19— verweilen, als ſie bluͤhen und ſuͤß ſind. Jetzt war ſie vier und zwanzig Jahr, man ſah ihr nicht an, daß ſie ſchon ſo viel aus dem Wonne⸗ kelch des Lebens getrunken hatte, Uebung im Genuß hatte ihre Zuͤge lockender, ihr Betragen feſſelnder gemacht. Wer ſie ſah und nichts von ihrer Auffuͤhrung wußte, wurde bezaubert. Um dieſe Zeit traf's, daß ein reicher Landedelmann durch's Staͤdtchen reiſte, ſie ſah und ſich in ſie verliebte. Er bemuͤhte ſich ſie zu ſprechen, und das gelang ihm bald. Sie war klug genug, ihn durch ihr Betragen noch mehr zu gewinnen. Freiheiten wurden mit Anſtand verwieſen, kuͤnſt⸗ lich wurde jeder Reiz im vortheilhafteſten Lichte gezeigt, im Geſpraͤch war ſie launig, bei jeder Handlung munter und raſch, ihr Anzug gewaͤhlt und reizend, und bei jeder Gelegenheit gefaͤllig, ohne dreiſt oder zudringlich zu ſcheinen. Der Herr von Weilburg, ledig, reich, ein Freund von huͤbſchen Maͤdchen und ſein eigner Herr, faßte ſogleich den Vorſatz, ſie als Haushaͤlterin mit ſich zu nehmen. Auch bei dieſem Antrag ſpielte ſie ihre Rolle gut, nach vielen Einwen⸗ dungen und Zweiſeln reiſte ſie mit. Er reiſte auf eins ſeiner Guͤter in einer der ſchoͤnſten Ge⸗ genden Deutſchlands. Das Gut war in dem beſten Zuſtande, Gebaͤude und Feldbau waren unverbeſſerlich, die Gaͤrten geſchmackvoll nichts mangelte, was zum Nutzen und Vergnuͤgen gehoͤrte. Sie lernten einander in kurzem ge⸗ nauer kennen. Am dritten Tag war ihr Schlaf⸗ gemach ſchon neben dem ſeinigen, ſie wußte ſich ſo in ſeine Liebe einzuſchmeicheln, daß ſie nur winken durfte, wenn etwas geſchehen ſollte. Auf ihr Bitten wurden Zimmer verbeſſert, Baͤ⸗ der gebaut, Grotten errichtet, Alleen gepflanzt, und Wagen und Pferde nach dem neueſten Ge⸗ ſchmack angeſchafft. Binnen einem halben Jahre kannte man Baͤckers Fiekchen nicht mehr, es war eine Dame, die ſeidne Kleider und eine goldne Uhr trug. Aber da alle ihre Wuͤnſche befriedigt wurden, und ſie ſich zur unumſchraͤnk⸗ ten Beherrſcherin gemacht hatte, wurde ſie Ver⸗ ſchwenderin. Der Herr von Weilburg ſah wohl die Zerruͤttung ſeiner Finanzen, aber ein ſchmei⸗ chelndes Wort, ein Kuß, eine verſagte Umar⸗ mung machte ihn ſtumm und nachgiebig. Er uͤberließ ſich blos der Ruhe und der Liebe, und wurde dabei ſo dick und fett und allmaͤhlig Fiek⸗ chen ſo ſchwerfaͤllig, daß ſie ſich nach andern ruͤ⸗ ſtigen Leuten umſah: Sie ſetzte nach ihrem Gutduͤnken Gerichtshalter und Verwalter ab, — — 21— und nahm Kutſcher und Bediente an, und be⸗ fand ſich bei dieſem Leben ſo wohl, daß man eine Freude hatte, wenn man die geſunde raſche Haushaͤlterin ſah. Fruͤh ließ ſie ſich vom Be⸗ dienten friſiren, der dies Geſchaͤft recht gerne that, weil er bei dieſer Gelegenheit mit ſeinen Fingern uͤber den vollen duͤnnbedeckten Buſen wegſtreichen konnte; dann ordnete ſie im Haus⸗ weſen an, ging mit ihrem Herrn in den Gar⸗ ten und fruͤhſtuͤckte. Nach Tiſche nahm ſie die Kanthariden und legte ſich aufs Ruhebette, ließ ſich vom Gerichtshalter uͤberraſchen, oder rufte den Bedienten und ſagte: ſie wiſſe nicht was ſie ſteche, es muͤſſe eine Nadel vom Halstuche in den Nacken gefallen ſeyn; nach dem Kaffee wurde weggefahren, am Abend geſpielt, und um eilfe half ſie dem Herrn von Weilburg in's Bette und lohnte ihn dann fuͤr ſeine Geduld und ſein Stillſchweigen. — 22— Sechſtes Kapitel. Meine Schickſale im Mutterleibe⸗ Ihre Gnaden wurden von Tage zu Tage ſtaͤr⸗ ker und unbehuͤflicher, und da ihn meine Mut⸗ ter alle Abende in's Bette heben mußte, ſo war's kein Wunder, daß ſie ſich manchmal Scha⸗ den that, nur mit dem Unterſchied, daß die Spuren der Verrenkung am entgegengeſetzten Orte, wo ſich andere Leute Schaden zu thun pflegen, zum Vorſchein kamen; doch war's ge⸗ meiniglich nur eine Geſchwulſt, die ſich nach ein paar Monaten und einigen Ueblichkeiten wieder ſetzte. Auch außerdem ſielen kleine Unpaͤßlich⸗ keiten vor, beſonders wenn der gnaͤdige Herr verreiſt war, da mußte Johann in die Stadt zum jungen Doktor reiten, der wegen dem Magnetiſiren ſo beruͤhmt war, und dieſer konnte binnen einer halben Stunde helfen; er mußte die Kur recht par force betreiben, denn ſie konnten beide kaum Odem holen, wenn ſie aus dem Kabinet kamen. Der gnaͤdige Herr wurde auch nach und nach phlegmatiſch und bekam ei⸗ nen außerordentlich harten Schlaf, daß er es nicht mehr hoͤrte, wenn ſein Fiekchen des Nachts — 23— 4 huſtete oder uͤber Hitze klagte. Er wurde ſogar unfreundlich, wenn ſie ihn kitzelte, ſich zu nah an ihn anſchmiegte, oder ihn fragte, warum er ſo ſtill liege. Sie machte ſich daher den tiefen Schlaf zu Nutze, und ſchlich ſich, wenn er recht derb ſchnarchte, aus dem Bette, um zu ſehen, ob alles im Hauſe noch in Ordnung waͤre; es mochte aber immer etwas in Unordnung ſeyn, denn ſie kam gemeiniglich erſt nach ein paar Stunden wieder. Vermuthlich gingen um dieſe Zeit die Geſpenſter umher, denn man wollte immer in der Kammer des Kutſchers ein er⸗ ſchreckliches Gepraſſel gehört haben. Dem ſey nun wie ihm wolle; genug der gnaͤdige Herr war Fiekchen nicht mehr ſo gut als im Anfang, und er haͤtte gern geſehn, wenn er ſie auf eine gute Art haͤtte los werden koͤnnen. Geld und ſchoͤne Kleider haͤtte er ihr gerne noch gegeben, wenn ſie nur nicht immer etwas anders ver⸗ langt haͤtte, das er zu geben uͤberdruͤßig war. Es mag auch kein Spas ſeyn, ganz allein einer ſo ſchoͤnen ungeſtuͤmen Forderin ſechs Jahre lang nichts abſchlagen zu duͤrfen. Fiekchen war dreißig Jahr alt, und in dieſem Jahre fiel eine Verrenkung vor, die eine Geſchwulſt nach ſich zog, welche keine Mittel vertreiben konnten. Man hoͤrte auch in dieſem Jahr ein erſchreckli⸗ ches Gepolter in Johanns Kammer, und ſiehe da! die ganze Geſpenſtergeſchichte kam an den Tag. Ich war das kleine Geſpennſt, das ſich im Leibe meiner Mutter zu regen anfing. Man holte zwar aus der Apotheke Spruͤchelchen wi⸗ der alle boͤſe Geiſter, aber ich war ſchon im Mut⸗ terleibe ein ſchlauer Vogel, ich ließ mich durch nichts zum Abzug bewegen, ſondern wuchs und rüͤſtete mich zum Anmarſch auf die Welt zum groͤßten Mißvergnuͤgen meiner Mutter und des gnaͤdigen Herrn.— Alſo ſchon vor meiner Ge⸗ burt trotzte ich den Kunſtgriffen, womit die verfeinerte Kultur Menſchen im Entſtehen mor⸗ det, um den guten Namen vor den Augen der Welt nicht zu ſchmaͤlern! Haͤtte mich das nicht ſtolz auf die Talente machen ſollen, durch die ich in meinem Leben der Chikane und den Ver⸗ folgungen meiner Mitbruͤder ausweichen und mich zu einem außerordentlichen Menſchen em⸗ porheben wuͤrde? Oder haͤtte ich nicht vielmehr im voraus zagen ſollen, daß harte und ſchwere Schickſale meiner warten wuͤrden, da ich noch ungebohren ſchon ſo ein hartes zu beſtehen hatte? Daß ich zu etwas außerordentlichem beſtimmt war, bewieſen die Anlagen, mit denen mich die — — — — — 7 —— ——— — — 25— Natur ſchon vor meiner Geburt begabte, denn ich hatte ſogar ſchon im Mutterleibe ein ſo fei⸗ nes Gehoͤr, daß ich alles hören konnte, was außer mir vorging. Eines Tages hoͤrte ich einen ſtarken Wort⸗ wechſel, ich ſpitzte die Ohren und vernahm, daß es der gnaͤdige Herr und meine Mutter war, die ſich uͤber meine Wenigkeit beſprachen. Kein Wort entging mir, das Geſpräch lautete ganz ſo, wie es hier folgt. 1 Der gnaͤdige Herr. Iſt's wirklich wahr, daß deine Schwangerſchaft ſo nahe iſt, liebes Fiekchen? Fiekchen. Nicht anders. D. g. H. Aber ſag mir nur, wie du das verſehen haſt? Fiekchen. Das weiß der Himmel, an mir hat's nicht gelegen. D. g. H. Ich daͤchte, da die Sache einmal ſo weit boͤſe iſt, ich ſaͤhe, wie ich Dich mit Eh⸗ ren unter die Haube braͤchte? Flekchen. So! Ei ſeht einmal! ſo lange bin ich gut geweſen und nun—— D. g. H. Nu, nu, werde nur nicht boͤſe; ich dachte Du ſaͤhſt es ſelbſt gerne, wenn Du Deine eigne Wirthſchaft bekaͤmſt. Ich gaͤb Dir dann ein paar tauſend Thaler und ſuchte Dir einen Mann mit einem huͤbſchen Aemtchen aus.. 3 Fiekchen. Wen denn ohngefaͤhr? D. g. H. Wie waͤr's denn mit dem Ober⸗ einnehmer Hering? Er hat jaͤhrlich doch ge⸗ wiſſe ſechshundert Thaler. Fiekchen. Pfui! das duͤrre krummbeinige Maͤnnchen? D. g. H. Was ſchad't denn das? Nur ſo pro forma. Du bleibſt alsdann immer noch mein liebes Fiekchen.. Fiekchen. Aber wie denn das geſcheit an⸗ fangen? 3 D. g. H. Naͤrriſches Maͤdchen! das fragſt Du? Als wenn Du nicht ſelbſt klug genug waͤrſt, ihn in die Schlinge zu locken? Er hat ja ſchon ein Auge auf Dich, und wenn er ein⸗ mal A geſagt hat, muß er auch B ſagen. Mor⸗ gen will ich ihn herbitten, nach Tiſche eine ſchleunige Reiſe vorwenden, und dann darfſt Du nur einmal lieber Herr Obereinnehmer ſa⸗ gen, und etwas naͤher zu ihm ruͤcken, ſo brennt das Maͤnnchen hellerlichterloh. Fiekchen. Mir graut ſchon im Vor⸗ aus, doch—(ſie dachte, beſſer jetzt einen 4 à 7— A— — 27— ſchwaͤchlichen Mann, als ſpaͤter hin gar kei⸗ nen.) D. g. H. 8' bleibt dabei, liebes Fiekchen! (Er kuͤßte ſie, ſie ruͤckten naͤher zuſammen und das Geſpraͤch war zu Ende.) Siebentes Kapitel. Au weh, wie das ſticht! So rief meine Mutter, und brachte den gnaͤ⸗ digen Herrn aus der ganzen Faſſung. Ich war's, der dieſen Stich verurſachte, denn ich aͤrgerte mich, daß man mir einen krummbeini⸗ gen Vater geben wollte, der ſo dumm war, mit der Mutter zugleich den Sohn zu heira⸗ then. Nun ſtelle man ſich erſt meine Wuth vor, als der Obereinnehmer mit allen Cere⸗ monien zu meinem Vater eingeweiht wurde! Haͤtte ich reden koͤnnen, ich haͤtte aus vollem Halſe geſchrien: Alter Narr, thu's nicht, du machſt dich ungluͤcklich! Aber konnte ich's gleich nicht hindern, ſo nahm ich mir doch ſeſt vor, es ihm nach meiner Geburt bei Gelegenheit beizubringen.— Iſt's aber nicht Suͤnde und 1 Schande, daß Aeltern ihren Kindern ſchon ſo fruͤh mit uͤbelm Beiſpiele vorgehen? Wenn ich mich nun darnach haͤtte bilden wollen, wie weit haͤtte ich's bringen können? Und ich glaube ge⸗ wiß, daß dieſer Fall oft eintritt. Wie gut alſo, wenn alle Kinder ſo begabt wuͤrden, als ich! Was ſollte das fuͤr eine Kinderzucht werden, und wie ſollten ſich luͤſterne Weiber zu huͤten haben, wenn das Kind im vierten oder fuͤnften Jahre, wenn es Schlaͤge bekommen ſollte, ſa⸗ gen koͤnnte: Wenn du mich ſchlaͤgſt, Mutter, ſo ſag ich's dem Vater, was du gemacht haſt, als ich noch in Mutterleibe war.— Das Projekt wurde gluͤcklich ausgefuͤhrt. Indem ſich der Obereinnehmer zur Wuͤrde mei⸗ nes Vaters mit Muͤhe und Schweiß hinauf⸗ marterte, erſchien der gnaͤdige Herr wieder und ſtellte ſich hoͤchſt unwillig. Vor'n Teufel, Herr, ſchrie er, ich glaube, Sie wollen mein Schloß zum Bordell machen. Der Ertappte zitterte an Haͤnden und Fuͤßen. Verzeihung, Leidenſchaft, Liebe, Gefuͤhle, dieſe Worte ſtolperten aus ſei⸗ nem Munde hervor, wie dumme Dorfjungen, die zum erſtenmale in die Stadt zum Herrn Amtmann kommen. Hat ſich was um Verzei⸗ hung zu bitten, fuhr der gnaͤdige Herr fort, wenn was paßirt, auf wen kommt's dann, als auf mich? Herr! machen Sie die Sache wieder gut, ſonſt mache ich Sie vor aller Welt zu Schande. Wollen Sie ſie zur Frau nehmen, ſo will ich aus Ruͤckſicht, daß mir Mamſell ſo lange treu gedient hat, mein Verſprechen nicht zuruͤcknehmen, und ihr die dreitauſend Thaler auszahlen, die ich fuͤr ſie beſtimmt habe. Nun wozu entſchließen Sie ſich? Der arme Schelm haͤtte in der Angſt eine Zigeunerin geheirathet. — Wie Sie befehlen, gnaͤdiger Herr, ſtotterte er.— Und Sie, Mamſell, iſt Sie's zufrie⸗ den?— Ich kann vor Schaam und Reue kein Wort hervorbringen. So auf einmal von Ih⸗ nen verſtoßen!—'s iſt alſo richtig?— Beide ſchlugen die Augen nieder. Er nahm beider Haͤnde und legte ſie in einander.— Der Him⸗ mel gebe, daß Ihr Probeſtuͤck gute Folgen ha⸗ ben möge! Und daß der Handel gleich ganz be⸗ endigt wird, ſo will ich den Pfarrer holen und Sie kopuliren laſſen. Fuͤr Weitlaͤuftigkeiten und Koſten ſtehe ich. So war der Weg, auf welchen meine Mut⸗ ter Madam, und ich der kleine Monſieur He⸗ ring wurde. Ein anderer wird vielleicht auf eben dieſem Wege Magiſter, Doktoh Hofrath und Miniſter. Ehe ich zu meiner Geburr fortſchreite, muß ich noch der Kompoſition erwaͤhnen, aus der ich verfertigt war. Vom Kutſcher hatte ich das Starke und Ge⸗ ſunde; vom gnaͤdigen Herrn das Adeliche und Zarte; vom Gerichtshalter die Anlage zu Schwaͤnken und Schelmereſen; vom Verwalter den guten Appetit zum Eſſen und Trinken; vom zungen Doktor die Luſt zum magnetiſiren; von meiner Mutter die ſchwarzen ſchalkhaften Au⸗ gen, das Verliebte und Feurige; wo ich aber mein bischen Verſtand her habe, weiß der liebe Gott. Achtes Kapitel. Meine Geburt. Binnen vier Wochen war meine Mutter in der ganzen Gegend als Frau Obereinnehmerin bekannt, und mein Vater wußte ſich recht viel, daß er neben einer huͤbſchen anſehnlichen Dame in ſchönen Kleidern, nach welcher die Offieiers — mit Fernglaͤfern gukten, herwatſcheln konnte. Doch fing nun auch allmaͤhlig ihre bluͤhende Farbe zu verſchwinden an, und Kunſt mußte das, was Natur verſagte, erſetzen. Ein Proͤb⸗ chen davon weiter unten. Waͤre mein Vater ſtolz geweſen, ſo haͤtte er es billig uͤber die Wunderkraft ſeiner Maͤnnlichkeit werden muͤſ⸗ ſen, als er eines Morgens die Schwangerſchaft ihm, als er die ungewohnliche Erhöhung be⸗ merkte! Er rieb ſich den Schlaf wohl zwanzig⸗ mal aus den Augen, und immer dlieb der fatale Huͤgel. Ohnmöoͤglich kannſt du die Urſache da⸗ von ſeyn, dachte er, ſprang aus dem Bette und beſah ſeine Perſon vor dem Spiegel. Zornig uͤber den Spiegel und die Entdeckung ſchlich er wieder hinein und beſah ſich's genauer. Blaͤ⸗ hungen werden es ſeyn, ſchloß er; oder hat etwa gar das liebe Weib eine Kroͤte oder ein ander garſtiges Thier im Waſſer mit hinunter getrunken? Er ſeufzte tief bei dieſem Gedanken, und uͤber den Seufzer wachte ſie auf. Was ſoll denn das bedeuten? fragte ſie unwillig. Nichts, liebes Weibchen, ich weidete mich an deiner Schoͤnheit, ſagte er; aber nimm mir's nicht uͤbel, was iſt denn das da? Soll ich den Dok⸗ um Verdachte haſt, das wollte ich mir ſtark ver⸗ bitten. Hier warf ſie ungeſtuͤm die Bettdecke uͤber ſich, und hielt ihm ſo eine kraͤftige Straf⸗ predigt uͤber ſein Vergehn und ſeine Unglaͤubig⸗ keit, daß er nur froh war, als ſie ſtill ſchwieg, und ſich gern bequemte, bald den Kindtauf⸗ ſchmauß auszurichten. Einige Tage nach dieſem Zwiſt machte ich guch wirklich der Welt mein Antrittskompli⸗ ‿ — 235— ment. Ich brachte alle Beine im Hauſe und alle Zungen in der Stadt in Bewegung. Mein Vater, ſo zweifelhaft er war, ob ich aus ſeinen Lenden entſproſſen war, konnte doch nicht um⸗ hin, mich in ſeine Arme zu ſchließen. Der Name Papa, den er nun bald zu hoͤren hoffte, deuchte ihm ſo ſuͤß, daß er die uͤbrigen Serupel darüber vergaß. Nun wurde ſich uͤber meine Taufe, meine Vornamen, und meine Pathen berathſchlagt; doch ehe dieſe drei Punkte in Richtigkeit gebracht wurden, fielen noch ſtarke Debatten vor. Zu Pathen wurden endlich der Herr von Weilburg, der Herr Accisinſpektor und die Frau Amtmannin gewaͤhlt. Mit den Taufceremonien und den Vornamen ging's nicht ſo geſchwind. Mein Vater wollte mir einen bibliſchen und meine Mutter einen wohlklingen⸗ den franzoͤſiſchen Namen geben; der Streit dauerte bis eine Stunde vor der Taufe, wo denn der Kuͤſter fragte, wie das Kind heißen ſolle. Louis! ſagte meine Mutter.— Alſo nur einen Vornamen?— Den andern mag mein Mann geben.— Er ging und fragte mei⸗ nen Vater; aber dieſer war ſelbſt noch nicht mit ſich daruͤber eins. Nun, Herr Obereinnehmer, es wird Zeit, ich muß das Taufwaſſer beſorgen, C ſagte er endlich, nachdem er der Deliberation lange genug zugeſehn hatte. Wenn Sie ſich nicht gleich auf einen beſinnen koͤnnen, ſo ge⸗ ben Sie ihm Ihren Namen.— Ja meinetwe⸗ gen, antwortete mein Vater freudig, da geh⸗ ich unterdeſſen ſo,(ich heiſſe Daniel) immer fort damit!— Noch eins, ſagte der Kuͤſter, indem er laͤchelnd fortgehen wollte, ſoll das Kind mit oder ohne Exorzismus getauft wer⸗ den?— Was iſt Exorzismus fuͤr ein Ding?— Die Formel, durch welche der Teufel aus den neugebornen Kindern getrieben wird.— So muß mein Kind mit Exorzismus getauft werden, denn den Teufel mag ich nicht im Hauſe behal⸗ ten.— Hier trat der Aceisinſpector in völliger Galla herein; er hatte die letzten Worte gehoͤrt. Was? rief er, Herr Gevatter, Sie wollen ein Mann bei der Stadt ſeyn, und glauben in un⸗ ſern aufgeklaͤrten Zeiten an ſolche Sachen? Ohne Exorzismus! oder ich ſpreche vorm Tauf⸗ ſteine ſtatt Ja, Nein.— Aber bedenken Sie, wenn der Satan im Kinde bleibt. Ich glanbe, meine Frau iſt auch ohne Exoreismus getauft. — Wenn ich Sie nun verſichere, daß an dieſer Formel gar nichts lieget, daß Gott auch ohne dieſelbe Ihr Kind nicht verdammen wird, und daß es blos auf Sie ankommt, ob Sie das Kind gut und fromm erziehen und zum Chri⸗ ſtenthum und zur Tugend anhalten?— Kann ich Ihnen glauben?— Ich nehm's auf meine Seele.— Verzeihen Sie, unterbrach ſie der Kuͤſter, die Meinung des Herrn Magiſters iſt, daß auf beide Art das Kind unter die Zahl der Chriſten gehoͤre; deswegen hat's das Conſiſto⸗ rium auch in eines Jeden Willen geſetzt, wie er ſein Kind taufen laſſen will. — Nun mein Pathchen muß ohne Evorzis⸗ mus getauft werden. Wenn es drei oder vier Jahr alt iſt, und einen Starrkopf hat, und Ihnen nicht folgen will, ſo treiben Sie die Teufelchen mit der Ruthe heraus. Das iſt der rechte Exorzismus. Hiermit waren die Streitigkeiten geendet, und die Taufe ging vor ſich. Als die Ceremonie vorbei war, und die Gevattern nach Hauſe ka⸗ men, war mein Vater verſchwunden, und nie⸗ mand wußte wohin. — 86— Neuntes Kapitel. h⸗ 8 Was will aus dei Kindlein werden?: Un ihn aufzuſuchen, muͤſſen wir in dem abge⸗ legenſten Winkel der Stadt drei Treppen hoch in ein verrauchtes Dachſtuͤbchen kriechen, wo er bei einer alten Schuhflickerin ſaß, und ſich wegen mir die Karte ſchlagen und Schaͤtchen gießen ließ. Die Probe, die er ihr auflegte, um ihre Geſchicklichkeit zu pruͤfen, war die Fra⸗ ge: ob ſein neugeborner Sohn ein Knabe oder ein Maͤdchen waͤre; und als ſie das richtig be⸗ antwortet, war er vollig von der Wahrheit ihrer Kunſt uͤberzeugt, und glaubte, daß jede ihrer Prophezeihungen puͤnktlich eintreffen muͤſſe. Nach ihrer Ausſage ſollte ich ein muthwilliger Bube werden, der den Nachbarn die Fenſter einſchmeißen, und ihm manchen Verdruß machen wuͤrde; er ſolle ſich aber daruͤber nicht graͤmen, ich wuͤrde einſt ein großer beruͤhmter Mann werden. Er ſolle mir das Ruͤckgrad biegſam machen, denn ich wuͤrde mit großen Herrn Um⸗ gang bekommen, und ich ſolle viele Eier eſſen, daß ich eine helle Stimme bekaͤme, denn es wuͤrde eine Krankheit einreiſſen, durch welche —— die Kammerdiener der Maitreſſen das Gehoͤr verlören. Solch einfaͤltiges Geſchwaͤtz brachte die Frau noch viel hervor. Mein Vater gab ihr einen Gulden, bat ſich ihren Rath in die Zukunft aus, und eilte zufrieden nach Hauſe, wo die Gevattern und Anverwandten tuͤchtig ſchmaußten und ſich berathſchlagten, was einſt aus dem Kinde werden ſolle. Er muß ſtudiren, ſagte der Amtmann, und zwar Jura, ich habe in meinem Bezirk fette Bauren, die wegen zwei Schritte Land hundert Thaler verproceßiren. — Nicht Jura, Cammeralia, rief der Accisin⸗ ſpektor und mein Vater zugleich, das Fach laͤßt nie ſinken; ein Auge zu, das andere auf, mit der rechten Hand geſchriehen, die linke aufge⸗ halten, und huͤbſch geglaubt, was die Leute ſa⸗ gen, da kommen Kaͤlberviertel, Huͤthe Zucker, Gaͤnſe, Butterfaͤſſer und was noch weiter zur Leibes Nahrung und Nothdurft gehoͤrt, in's Haus geflogen, daß man vor lauter Wohlleben den Bauch auf dem Schiebekarrn vor ſich her⸗ fahren moͤchte— Lieber ſchöne Wiſſenſchaften, liſpelte die Frau Amtmaͤnnin; ſchöne Geiſter, o das ſind liebenswuͤrdige Leute, die koͤnnen ſchöne Verſe machen, ſind ſo empfindſam, wiſſen die Damen ſo artig zu unterhalten, koͤnnen die Hand ſo ſanft druͤcken, ſo feurig kuͤſſen, ſagen immer ſo viel ſuͤßes, bitten ſo dringend, ſo ein⸗ ſchmeichelnd; kurz einem ſchönen Geiſte koͤnnte ich keine Gefaͤlligkeit abſchlagen. Hier preßte ſie die Bruſt empor, daß die Buſenſchleife ſprang.— Wenn die ſchoͤnen Geiſter nur beßre Waden und mehr zu beißen haͤtten, ſagte ein Anverwandter, der Rathsherr und zugleich Obermeiſter unter den Schneidern war; ein Handwerk gelernt, das hat einen goldnen Bo⸗ den. Ich kenne ſchoͤne Geiſter, denen der Rauch durch die Backen dampft, wenn ſie Suppe eſ⸗ ſen, und denen die Tiſcher nachſchleichen, daß ihnen der Sarg nicht entgeht. Wie mancher hingegen hat nicht allein durch unſer Handwerk ſein Gluͤck gemacht. Einer erfand fuͤr die Leute, die duͤnne Schenkel haben, die Hoſen mit Stahl⸗ federn, und wurde Hofſchneider; ein andrer wußte aus fuͤnf Ellen ein eben ſo ſchönes Kleid zu machen, als aus drei Ellen, und wurde ein reicher Mann; ein dritter borgte in allen Ge⸗ woͤlbern, hielt ſich ein Reitpferd, kaufte ſeiner Tochter eine goldne Uhr, beſuchte alle Schmäuße und Baͤlle, und ging dann mit Weib und Kin⸗ dern in ein fremdes Land, wo er jetzt fuͤr einen Schneider aus Paris gilt, und mit zwanzig, —— ——— Stichen mehr verdient, als ein anderer mit einem einzigen verſchwendet. Und wie hoch werden'’s in kurzem Handwerker und Kuͤnſtler nicht noch bringen? Ein Maler hat ſchon an⸗ gefangen Kriegsraths⸗ und Generalsphyſiogno⸗ mien zu malen, die man nach Belieben vorſte⸗ cken und die Welt damit taͤuſchen kann. Ein Mechanikus will kuͤnſtliche Buſen verfertigen, die auch entbloͤßt von den natuͤrlichen nicht zu unterſcheiden ſind; und eben denſelben hat ein gewiſſer Fuͤrſt gebeten, ihm eine Maſchine zu machen, die, wenn er auf der Jagd iſt, ſtatt ſeiner Privilegia und Todesurtheile unter⸗ ſchreibt.—. „Kaum glaublich! ſiel der Herr von Weilburg in die Rede; aber wie vielen gluͤckt auch ſo et⸗ was? Ich will das liebe Pathchen lieber adeln laſſen, da kann es im ſechzehnten Jahre ſchon Offizier ſeyn, und die Musketiers nach Gefallen herumfuchteln, und wenn's Krieg wird, nimmt er ſeinen Abſchied, kauft ſich den Hauptmanns⸗ titel, und kommt auf mein Gut; dann mag ſich todtſchießen wer da will, wir hetzen Haſen und eſſen Rebhuͤhner. Was meint Sie dazu? fragte er die Kindmutter, die ſtumm und neugierig dabei ſaß und immer ausſpuckte, weil ihr die — 40— Erinnerung, wie die Rebhuͤhner ſo delikat ſchme⸗ cken muͤßten, das Waſſer im Munde zuſam⸗ menzog. Ich einfaͤltige Frau, antwortete ſie, kann dazu gar nichts ſagen; aber ich daͤchte ſo nach meinen dummen Gedanken, daß man erſt ſehen muͤſſe, zu was der Knabe, wenn er aͤlter wird, Luſt und Kopf hat.— So wollen wir's auch machen, riefen alle. Jetzt die Geſund⸗ heit des Kleinen und der Wöchnerin! Es wurde angeſtoßen und ausgetrunken. Auch der Herr Kindtaufsvater ſoll leben! Gott ſtärke ſeine Kraͤfte, daß wir bald wieder hier zuſammen⸗ kommen! der Schmauß war zu Ende, die Gaͤſte gingen nach Hauſe, und mein Vater hing das Bratenkleid wieder in den Schrank. Zehntes Kapitel. Meine Erziehungsgeſchichte, eine Erbauung für Aeltern und Kandidaten. Nun komme ich auf meine Erziehung. Meine Mutter ſaͤugte mich nach Art der großen Damen nicht ſelbſt, ſondern ich bekam eine Amme, eine ——— — 41— geſunde rothbaͤckigte Dirne, die mir Kraft und Mark einfloͤßte. Ueberhaupt hatte meine Mut⸗ ter wenig Zeit auf meine Wartung zu wenden. Bis um neun Uhr brachte ſie vor der Toilette zu, dann ließ ſie mich auf ein halbes Stuͤndchen zum Zeitvertreib zu ſich bringen, und wenn ich ſchrie, hieß es: Fort mit dem ungezognen Bu⸗ ben! Den uͤbrigen Theil des Tages brachte ſie mit Eſſen, Trinken, Zanken und Romanenle⸗ ſen zu. Mein Vater brach noch eher ſeinen Ar⸗ beiten eine Stunde ab, und beſchaͤftigte ſich mit mir; ich mußte auf ſeinem Schooße reiten, und er war vor Freuden außer ſich, als ich zum er⸗ ſtenmal Papa lallte. Die uͤbrige Zeit war ich unter der Aufſicht des Geſindes, das, nachdem die Amme abgedankt war, aus einem Kinder⸗ maͤdchen, einer Köchin und einem Schreiber beſtand. Da war ich nun von manchem Ge⸗ heimniß und Auftritt Zeuge. Ein gewiſſer jun⸗ ger Advokat, der in unſerm Hauſe bekannt war, hatte ſich in das Kindermaͤdchen verliebt. Er ſtellte ſich ein Freund von kleinen Kindern zu ſeyn; wo er mich auf ihrem Arme ſah, taͤndelte er mit mir, lobte meine weichen vollen Backen; aber alles das, um mit ihr zu reden, ihr mit zwei Fingern am Kinne, und mit einem am 1 H 1 1 — —ꝛõÿõÿõÿä öö — 42— Halſe zu ſpielen, und ſie an ein einſames Oert⸗ chen zu beſtellen. Hannchen war auch wirklich ein huͤbſches niedliches Maͤdchen, die ich noch jetzt zur Waͤrterin haben moͤchte. Da ſie immer mit mir ſpazieren ging, hatte ſie auch oft Gele⸗ genheit mit ihm zu ſprechen. Im Sommer tra⸗ fen ſie gemeiniglich einander zwiſchen ein paar hohen Kornfeldern, ſie ſetzte mich in's Gras, gab mir Blumen zum ſpielen, und ſpielte un⸗ terdeſſen mit ihm. Es war recht artig anzuſe⸗ hen. Bald hatte er etwas verloren, und ſuchte es wieder, bald ſagte er ihr etwas in's Ohr, bald gingen ſie tiefer ims Korn und ſuchten mir friſche Bluͤmchen, und wenn's Zeit zum Ruͤck⸗ wege war, gaben ſie mir Gebacknes, daß ich nicht plaudern ſollte. Die Koͤchin hatte auch einen Liebſten, den beſuchte ſie allemal in der Daͤmmerung, wenn ſie Waſſer am Borne holte, und ſteckte ihm taͤglich ein Packt mit Brod, kal⸗ ten Braten, Zucker und Kaffee zu; er gab ihr was anders davor; ich weiß es nur daher, daß ſie einſt von meiner Mukter gefragt wurde, von wem ſie es habe, und als ſie antwortete: von einem Soldaten; ſogleich aus dem Dienſte gejagt wur⸗ de. Mit dem Schreiber hatte ich nicht viel Ge⸗ meinſchaft, er mußte ſchreiben und meine Mut⸗ 8 ter friſiren; und dieſe ließ ſich des Tags mehr als einmal friſtren. Ich war alſo unter Leuten, von denen ich Dinge ſah, die ich zehn Jahr ſpaͤter immer noch zu fruͤh erfahren haͤtte. Als ich drei Jahr war, und ſich mein Verſtand auf⸗ zuhellen anfing, war ich mehr unter den Augen meiner Aeltern. Meiner Mutter geſielen die luſtigen ſchnurrigen Einfaͤlle, die ich vorbrachte, und in der Freude uͤberſah ſie mir alle Fehler, die ich beging. So auch mein Vater; ich ſchimpfte die Maͤgde, wenn ſie nicht alles nach meinem Willen thaten, ich kratzte, ich warf ih⸗ nen wohl gar Taſſen und Spielſachen nach, und wenn ſie ſich beklagten, hieß es: Der kleine Schelm hat Courage. Ich konnte das R nicht recht ausſprechen, ſondern brauchte ſtatt deſſen das W, meine Ausſprache erhielt dadurch etwas komiſches, das man gern hoͤrte; wenn ich alſo Gott ſchwewnoth oder tauſend Sakwement ſag⸗ te, lachten ſie und freuten ſich, daß ich ſo artig fluchen könnte. Wenn ich etwas verlangte und nicht ſogleich erhielt, ſchrie ich aus vollem Halſe und drohte alles zu zerſchmeißen. Gieb's doch dem armen Kinde, hieß es, es ſchreit ſich ja den Hals wund. Wenn man mir etwas verbot, rief ich: Ich will aber! ich mag nicht! und ſtampfte mit den Beinen dazu. So konnte ich durch meinen Starrkopf alles durchſetzen: doch wurde meine Mutter, wenn ich's zu arg machte oder ihr uͤber den Putztiſch gerieth, manchmal unwillig, und gab mir eine Ohrfeige, beſonders da ich aͤlter wurde, und das Drollige in Spra⸗ che und Betragen verlor. Man mußte nun auch ernſthafter auf die Art des Unterrichts denken, den man mir geben wollte. Ich ſollte bis in's zwoͤlfte Jahr einen Hausinformator ethalten; es wurde deshalb an einen guten Freund auf eine beruͤhmte Univerſitaͤt geſchrie⸗ ben, der einen geſitteten und geſchickten jun⸗ gen Menſchen ausleſen ſollte. Die Bedingun⸗ gen, die ihm vorgelegt wurden, waren nicht zu verwerfen. Er ſollte jaͤhrlich funfzig Tha⸗ ler und alles frei erhalten, und dafuͤr mich im Chriſtenthum, Wiſſenſchaften und Sprachen zu einer hoͤhern Schule vorbereiten. Es fand ſich bald einer, der dieſen Antrag annahm; er hatte Theologie ſtudirt, war ſchon ſieben Jahr auf Univerſitaͤten geweſen, hatte ſich kuͤmmer⸗ lich behelfen muͤſſen, und hatte ſo viel, als er zu einem Aemtchen brauchte, redlich gelernt. Aber wie erſtaunte ich und meine Mutter, als wir ihn ankommen ſahen? Meine Mutter — 1 hatte ſich einen artigen bluͤhenden Juͤngling vorgeſtellt, der tanzen, franzöſiſch reden, Floͤte und Klavier ſpielen und Verſe machen köoͤnnte, der ihr nach Tiſche auf dem Sopha aus einem ſchönen Buche etwas vorleſen würde, deſſen Kleider nach dem neueſten Geſchmack gemacht waͤren, Himmel! und etblickte ein kleines ſchwarzes Maͤnnchen, das Garderobe und Bi⸗ bliothek auf dem Nuͤcken trug, dem zu einem alten grauen Ueberrocke eine zerkaute Pfeifen⸗ ſpitze herausgukte; der ſchwarze Tuchbeinklei⸗ der, ſchwarze wollene Struͤmpfe und kalble⸗ derne Stiefeln an hatte; der bei'm erſten Com⸗ pliment mit dem rechten Fuß hinten auskratzte, daß er dem kleinen Joli, der um ihn herum⸗ ſchwaͤnzelte, eins vor den Kopf gab, daß er ſich ein paarmal uͤberpurzelte; der, als er ihr die Hand kuͤſſen wollte, ſich zugleich die Naſe daran abwiſchte; der, als er das Schnupftuch herauszog, zugleich einen Haufen alter Brod⸗ rinden, Wurſtſchalen, Pſeifenraͤumer nebſt Stahl, Schwamm und Stein in die Stube warf. Er konnte es meiner Mutter am Ge⸗ ſichte anſehen, welchen Eindruck ſeine Figur und ſein Betragen auf ſie gemacht hatte. Seine Anrede, die er vermuthlich im Koncepte bei — 46— ſich und auf dem Wege auswendig gelernt hatte, dauerte eine gute halbe Stunde. Mir wird nicht wohl, unterbrach ihn meine Mutter, laſſen Sie ſich nieder, ich werde bald wieder bei Ih⸗ nen ſeyn. Die Magd mußte ihm Kuchen und Wein auftragen, und mein Vater folgte mei⸗ ner Mutter in's Nebenzimmer, zu ſehn was ihr fehle. A ha! dachte er, kommen die Ueb⸗ lichkeiten wieder, da wirſt du bald wieder Kindtauſe ausrichten muͤſſen; Du biſt doch ein ganzer Kerl! Aber wie ſank ihm der Muth bei der Anrede ſeiner Frau! Und du kannſt auch dem Menſchen ſo lange zuhoren, ſagte ſie, ohne ihn ſogleich wieder ſeiner Wege zu ſchi⸗ cken? So einem ſteifen Tabaksbruder ſollte ich meinen Louis anvertrauen? Nimmermehr! Gieb ihm was fuͤr ſeine Muͤhe und ſchick ihn fort, ich mag ihn gar nicht wieder ſehn. Das war ein harter Befehl fuͤr meinen Vater; er erfüllte ihn beinahe eben ſo laͤcherlich, wie der Herr Candidat ſelbſt war. Ich hatte mir un⸗ terdeſſen mit dieſem einen Spaß gemacht, und ihm unvermerkt, weil ich glaubte, daß er ein Liebhaber von Wuͤrſten ſeyn muͤſſe, einen Wurſtzipfel hinten an die Peruͤcke gebunden. Er merkte es auch nicht eher, bis er auf die Schleife ſeiner Halsbinde haͤtte man fuͤglich Straße kam, und ein großer Fleiſcherhund den fetten Biſſen bemerkte, nach demſelben ſprang, ihn erhaſchte, und mit dem Wurſtzipfel zu⸗ gleich Hut und Peruͤcke herunterzog. Eilftes Kapitel. Ein Wink ſür Hofmeiſter und Erzieher. Einen Hofmiſter mußte ich haben; denn mich mit den Kindern gemeiner Buͤrger in die Schule zu ſchicken, war nach den Begrif⸗ fen meiner Mutter zu niedrig; ich ſollte auf eine vornehme Art lernen, daß mich Gott er⸗ ſchaffen haͤtte. Es wurde alſo ein neuer Hof⸗ meiſter verſchrieben, der mehr Lebensart beſaͤße, und es erſchien ein ſchlankes Herrchen in einer großen Friſur, unter welcher das kleine Ge⸗ ſichtchen wie eine friſche Quitte hervorbluͤhte; er duftete von Eau de Lavande und wohlrie⸗ chender Pomade; um die Augen hatte er ſich ſchwarze Ringe ſtudirt; um die Waden zu fin⸗ den, brauchte man ein Mikroſcop; aus der — 48— ein paar Windmuͤhlenfluͤgel machen koͤnnen; das dritte Wort, wenn er ſprach, war fran⸗ zöſiſch, und gehorſamſt bedankte er ſich nie, ſondern allemal unterthaͤnigſt; er hatte haupt⸗ ſaͤchlich Poeſie ſtudirt, und ſich auf Leibesü⸗ bungen gelegt. Das war nun eher ein Hof⸗ meiſter nach meiner Mutter Geſchmack; was ihm an Koͤrper abging, glaubte ſie, wuͤrde er durch Höflichkeit und Manieren erſetzen. Der Akkord wurde geſchloſſen und er zu meinen Hofmeiſter erklaͤrt. Nun, mon cher Louis, ſagte er in der erſten Lehrſtunde, geben Sie wohl acht auf ce que ich ihnen ſagen werde. Fruͤh wollen wir Chriſtenthum, dann un peu Geographie et après Naturgeſchichte vorneh⸗ men. Nach Tiſche will ich Ihnen eorire ler⸗ nen und die Anfangsgruͤnde de la lateiniſchen und franzöͤſiſchen langue beibringen.— Wohl zu merken, daß ich noch nicht deutſch leſen konnte.— Ich ſagte es ihm. Bagatel! ant⸗ wortete er, das will ich Ihnen au moment lernen, machen Sie's nur comme moi. Er nahm ein Buch und buchſtabirte V, o, r, r, e, re, Vorre, d, e, de, Vorrede. ſagte es ihm nach. Sehen Sie mon cher Louis, ſo machen wir's alle Tage, und binne einem Jahre ſollen Sie Geographie, Naturge⸗ ſchichte, Lateiniſch, Franzoͤſiſch und Deutſch leſen koͤnnen comme il faut. So ging's einen und alle Tage, 3 ſagte mir Dinge, die ich nicht verſtand. Der einzige Nutzen, den ich von ſeinem Unterricht hatte, beſtand darinne, daß ich taͤglich ein Wort buch⸗ ſtabiren lernte, und in vier Wochen wußte, wie viel Gebote waren, daß wir in Deutſchland liegen, und daß Eſel lange Ohren haben.— Die letzte Bemerkung haͤtte ich naͤher haben koͤnnen.— Ein Beweiß, daß mich die Vorſe⸗ hung zu lieb hatte, mich laͤnger unter ſeiner Aufſicht verwildern zu laſſen, war, daß ich ſei⸗ ner bald los wurde. Er hatte ſich ſchon in den erſten Tagen in meine Mutter verliebt, und ihr, da er ihr immer vorleſen mußte, einſt ſeine Leidenſchaft in den ſuͤßeſten Ausdruͤcken geſtan⸗ den. Ob nun Erhoͤrung ſeiner Liebe oder eine abſchlaͤgliche Antwort zu ſehr auf ſeine ſchwachen Nerven mochte gewirkt haben, weiß ich nicht. Er wurde ſo hinfaͤllig, daß die Knie unter ihm zuſammenknickten; das wenige Fleiſch, das ſei⸗ nen Korper noch bedeckte, verſchwand, und doch ſprach er noch von Feuer, das in ſeinen Adern tobe. Der Tod uͤberraſchte ihn, ſein D — 50—— letzter Odemzug geſchah, als er eine Angloiſe traillerte, die er componirt hatte, und die er auf dem naͤchſten Balle mit meiner Mutter vor⸗ tanzen wollte. Das hat man davon, ſagte ſie, wenn man ſchwaͤchliche Informatores nimmt, man muß ſie noch obendrein begraben laſſen; entweder gar keinen wieder, oder einen recht dauerhaften. Sie entſchloß ſich, es in die Zei⸗ tungen ſetzen zu laſſen, damit ſich mehrere mel⸗ den moͤchten, und ſie ſich den beſten und geſchick⸗ teſten ausleſen koͤnnte. Kaum war die Nach⸗ richt in den Zeitungen erſchienen, ſo fielen ſie auf das arme Staͤdtchen herab wie Heuſchrecken; viele wollte man gar nicht zum Thore herein⸗ paßiren laſſen; weil ſie verdaͤchtig ſchienen; die meiſten fragte man nach der Kundſchaft; andere, wenn ſie an den Fenſtern fragten, wo der Herr Obereinnehmer Hering wohne, und es nicht recht deutlich ſagten, hielt man fuͤr Bettler, und wieß ſie mit der Antwort ab: Geht einmal ein Haus weiter! Es konnten vielleicht viele unter ihnen ſeyn, die das Amt meines Lehrers haͤtten verwalten koͤnnen, aber es fehlte ihnen das aͤußere Empfehlende und anſtaͤndige Klei⸗ dung. Und die, ſo Anlage, Geſchicklichkeit und alle uͤbrigen Eigenſchaften zu einem tuͤchtigen Jugendlehrer beſaßen, und ſelbſt eine annehm⸗ liche Stelle wünſchten, glaubten vermuthlich, daß ein Hofmeiſteramt, das in Zeitungen ange⸗ kuͤndigt wuͤrde, und nicht durch Privatbekannt⸗ ſchaften beſetzt werden könnte, mit Nebenbe⸗ dingungen verbunden ſeyn muͤſſe, die zu erfuͤl⸗ len nicht Jeder Luſt hat. Unter allen, die ſich weldeten, ſtand meiner Mutter faſt keiner an; da doch aber einer wieder angenommen werden mußte, waͤhlte ſie einen Juriſten, der ſchon auf der Akademie mit Damen mochte Umgang ge⸗ habt haben; der klug genug war, die Neben⸗ pflichten, die ihm obliegen wuͤrden, am erſten Tage einzuſehen, und dem die Gelehrſamkeit aus Backen und Waden hervorſtrotzte. Er wußte ſich auch gut in ſein Fach zu ſchicken. Bei meinem Vater ſchmeichelte er ſich durch Er⸗ zaͤhlung von Studentengeſchichtchen ein. Meine Mutter war ihm gewogen, weil er ihr aus den Augen leſen konnte, was ſie wuͤnſchte, weil er ſchlau und verſchwiegen war, und weil er der einzige im Hauſe war, der Gefäͤlligkeiten erwei⸗ ſen konnte, wozu viel Staͤrke und Kraͤfte ge⸗ hörten: Zum Beiſpiele, ſchwere Kiſten oder ſie ſelbſt zu heben, wenn ſie ſich etwas verrenkt hatte, das Poͤkelfaß zu ſchrauben oder die — 52— Schnuͤrbruſt feſt zu ſchnuͤren. Ich konnte ihn wohl leiden, weil er mir Ballſchlagen und Schmetterlinge fangen lernte, und er haͤtte ſich gewiß lange in ſeinem Poſten erhalten, wenn ihn nicht die Luſt zu Veraͤnderungen aus dem⸗ ſelben vertrieben haͤtte. Er merkte, daß ihm der Schreiber ins Handwerk pfuſchte, und wurde in ſeinem Dienſteifer kaͤlter. Zu gleicher Zeit miethete meine Mutter eine neue Köchin, die einige ledige Landprediger, die ſie hatten miethen wollen, mit der ſchoͤnen Suſanna ver⸗ glichen hatten. Da ſie ihm alle Morgen den Kaffee auf die Stube bringen mußte, ſielen ihm einſt die runden vollen Arme in die Augen, und er unterſuchte, ob ſie weiſſer waͤren, als ihre Schuͤrze. Er ſetzte die Unterſuchungen ſo lange fort, daß unterdeſſen die Milch am Feuer uͤber⸗ lief, meine Mutter das Ziſchen hoͤrte, die Koͤ⸗ chin ſuchte, und auch in die Stube des Herrn Informators kam, wo ſich beide ſo vertieft hat⸗ ten, daß ſie nicht ſahen und hoͤrten. Die Magd mußte noch dieſen Abend wieder fort; mit ihm ging's aber nicht ſo geſchwind, er wollte ſich vor dem Herrn Obereinnehmer ſelbſt rechtfertigen. Da es aber ein weitlaͤuftiger Prozeß haͤtte wer⸗ den können, ſo verglich man ſich in der Guͤte. 5 8 „ — 55— Den Leuten wurde geſagt, der Herr Informator wolle mit einem jungen Herrn auf Reiſen, und er erhielt fuͤr die Bejahung vier Louisd'ors. So kam ich auch dießmal wieder um mei⸗ nen Hofmeiſter, und war mir nun wieder ſelbſt üͤberlaſſen. Was ich in einem Jahre gelernt hatte, war in einer Woche vergeſſen, und haͤtte ein Zufall nicht beſſer fuͤr mich geſorgt, als die Bemuͤhungen meiner Aeltern, ſo waͤre ich vielleicht heute noch ſo dumm, wie Rektors Fritze, der im funfzehnten Jahre noch glaub⸗ te, daß der Klapperſtorch die kleinen Kinder braͤchte. Zwoͤlftes Kapitel. Ein neues Mittel Zähne auszubrechen. Ehe ich einen neuen Lehrer erhielt, verging ein halbes Jahr, und da faſt kein Monat in meinem Leben war, der ſich nicht durch eine ſonderbare Begebenheit auszeichnete, muß ich erſt eines Vorfalls erwaͤhnen, der ſich in die⸗ ſer Zwiſchenzeit ereignete. Dann will ich zur * 8— 54— Schilderung des Mannes fortgehen, dem ich meine meiſte Bildung zu danken hatte. Sieben Jahtr hatte ich auf dieſer Welt ge⸗ lebt, und Schelmerei und Trotz waren, wie meine Leſer wiſſen, zwei meiner Eigenſchaften, die mich ſchon aus Mutterleibe begleiteten, mich in meinem Leben manchem Ungemach ausſetzten, mir manches Loch im Gewande der Menſchheit zeigten, mich aus Pallaͤſten in Bett⸗ lerhuͤtten, vom Gipfel des Gluͤcks in's Elend ſtürzten, mir manche heimliche Freude gewaͤyr⸗ ten, mich bald mit vier Pferden, bald barfuß durch Staͤdte und Laͤnder jagten, mich in Maͤd⸗ chenarme und Ketten ſchmiedeten, mir unterm blitzenden Sterne ein Schurkenherz und unter'm geflickten Leinwandkittel Gefuͤhl und Edelmuth entdeckten, und mir doch mit Ehren graue Haare tragen laſſen, daß am Tage, wo mir der Sen⸗ ſenmann zur Reiſe ins beßre Land winkt, kein Vorwurf, kein Seufzer, keine Thraͤne Arreſt auf melne ſcheidende Seele legen, ſondern ich mit froher Ahndung rufen kann: Ich habe ge⸗ lebt, genoſſen, geduldet, mein Haus iſt beſtellt, ſtoß in’s Horn, Poſtillon! und fahr mich mit verhaͤngten Zügeln hin zu meinem Vater, daß er mir ſage, was ich hienieden nicht ergruͤnden .* — à5— konnte, daß ſich meine Zweifel loſen, und ich mich uͤberzeuge, daß ſich's lohne um einer Ewigkeit willen unſere Lebensſekunde gut zu durchleben. Wahrlich ein großer Sprung von dieſen Betrachtungen zu den Milchtöpfen, von wel⸗ chen ich meiner Mutter alle Morgen die Haut wegnaſchte! Aber was ſchad't's? Springt doch mancher von der Schuhbuͤrſte oder dem Kutſch⸗ bocke in ein Amt, wo er andere ehrliche Leute, die im kleinen Finger mehr Verſtand haben, als zwanzig ſolche— wie heißt doch das Wort— Herrn?— meinetwegen!— nach Noten ku⸗ jonnirt. Nun zuruͤck auf die Heerſtraße meines Le⸗ bens! Ich pflegte alle Morgen in die Speiſekam⸗ mer zu ſchleichen, und die Haut von den Sahn⸗ töͤpfen zu naſchen oder ſie wohl gar auszuſchlu⸗ cken. Lange blieb es unentdeekt; die Schuld kam immer auf die Koͤchin, oder den großen Hauskater; bis ich einmal auf eine komiſche Art ertappt wurde. Ich ſchlich einſt fruͤher als ge⸗ woͤhnlich, aus dem Bette, in die Speiſekammer und pluͤnderte alle Milchtöpfchen. Der Haus⸗ kater, der ſchon manchen Schlag wegen mir be⸗ kommen hatte, ſah mir zu; er machte es, wie es manche machen muͤſſen, er ſchmunzelte, leckte mit der Zunge, als ich vor ſeinen Augen die dicke, fette Haut verſchluckte. Ich hatte meinen Naub gluͤcklich vollendet, und wollte wieder leiſe uͤber den Saal zuruͤckſchleichen, als ich eine Thuͤre knarren und Fußtritte hoͤrte. Plötzlich ſtand eine unbekannte Frau vor mir. Sie ging in einem Nachtanzug, der ſie nur leicht bedeck⸗ te; ihre Augen lagen hohl und tief; im Ge⸗ ſichte ſah ſie bleich; Hals und Buſen waren voll, aber gelblich; im Munde hatte ſie nur wenig Zaͤhne; auf der Stirne Runzeln, und die Haare waren unterm Kopfzeuge verborgen. Wie froh war ich, daß es meine Mutter nicht war! Schon wollte ich vorbeiſchluͤpfen. Halt! rief ſie, hab' ich den Muſge erwiſcht? Wo geweſen? Gewiß uͤber den Milchtöpfen.— Was hat die alte Hexe darnach zu fragen, dachte ich und fragte, was ihr's anginge. Schwib, ſchwab, hatte ich ein paar Maulſchellen, daß meine di⸗ cken Backen noch einmal ſo dick aufliefen. Wei⸗ nend lief ich in das Schlafgemach meiner Mut⸗ ter mich uͤber das Unrecht zu beſchweren; aber ſie war ſchon aufgeſtanden, und ſtatt ihr fand ich den kleinen Joli im Bette. Ich kroch zu ihm hinein, und wollte ihre Ankunft erwarten. —I Kurz darauf hörte ich Jemanden kommen, und ſah die naͤmliche Frau zur Thuͤre hereintreten, die mich geſchlagen hatte. Aus Furcht, ſie mochte ihre Finger noch einmal an mir in Be⸗ wegung ſetzen, verbarg ich mich unter die Bett⸗ decke; aber meine Furcht war ungegruͤndet, ſie hatte mich entweder nicht geſehn, oder die Hand ſchmerzte ſie noch vom Schlage auf meine der⸗ ben elaſtiſchen Backen. Sie riegelte die Thuͤre zu, ging an den Putztiſch, der unter'm Fenſter ſtand, zog die Vorhaͤnge vor und nahm ein klei⸗ nes viereckigtes Kaͤſtchen zur Hand. Ich faßte Muth und ſchielte hinter den Vorhaͤngen her⸗ vor. Aus demſelben holte ſie erſt einen Buſch langer ſchwarzer Haare hervor und befeſtigte ihn am Kopfe; dann eine Menge ſchoͤner weiſ⸗ ſer Zaͤhne, und ſetzte ſie in den Mund; hierauf nahm ſie zwei Buͤchſen, durch die eine wurde ihr Geſichte und Hals weiß und blendend, durch die andere erhielten ihre Wangen die ſchoͤnſte bluͤhende Rörhe. Sie ahmte mit der groͤßten Kunſt und mit Geſchmack der Natur nach. Kurz ich ſah die Frau, die ich verklagen wollte, und die ich eine alte Hexe geſchimpft hatte, durch Huͤlfe des wunderthaͤtigen Kaͤſtchens zu meiner Mutter umgeſchaffen. Als ſie fertig war, rie⸗ 8 . 8 — 58— gelte ſie die Thuͤre wieder auf, zog ihr Nacht⸗ habit aus, und wollte die Schnuͤrbruſt anzie⸗ hen. Sie nahm das große ſchwarzſeidene Tuch vom Buſen,— Himmel, was ſah ich da!— zwei ungeheure Fleiſchhuͤgel rollten hervor. In⸗ dem knarrte die Thuͤre, und es ſteckte Jemand den Kopf herein. Es war Friedrich, der Schrei⸗ ber. Als er meine ſchöne Mutter ſo entkleidet ſah, war ſchnell die Thüre wieder verriegelt und er bei ihr. Einen Arm ſchlang er um ihren Leib und mit der andern Hand machte er es wie mein Vetter, der Hofbaͤcker, wenn er den Ku⸗ chenteich knetet. Pfui doch! ſagte ſie, wenn nun mein Mann kommt? Aber er ließ ſich durch nichts hindern. Ungluͤcklicher Weiſe lagen Spuren von dem ſchwindſuͤchtigen Huſten mei⸗ nes Vaters umher, ſie traten darauf, glitſchten aus und fielen auf das Bette. Hier ſah ich auch, daß meine Mutter ſchwerer war, als Friedrich, denn ſie kam unten zu liegen. Ich und Joli krochen ſo nahe als moͤglich zuſammen, aber ich war ſchon zu groß, daß nicht meine Beine wenigſtens haͤtten ſollen getroffen wer⸗ den. Der Fall, der darauf geſchah, war ſo kraͤftig und that ſo weh, daß ich uͤberlaut ſchreien mußte. Wie ein Blitz ſprangen beide — — auf. Meine Mutter bemuͤhte ſich vergebens den Buſen unter's große ſchwarzſeidene Hals⸗ tuch zu verbergen, und der Schreiber ſtellte ſich, als wenn ihm die Schuhſchnalle aufgefahren. waͤre.— Ja wenn nichts anders als die Schuh⸗ ſchnalle aufgeweſen waͤre!— Hierauf ſchluͤpfte er fort, und meine Mutter nahm die Bettdecke weg, und fragte mich, ob ich die Maulſchellen habe verſchlafen wollen. Ich habe nicht geſchla⸗ fen, antwortete ich. Das ſchien ihr nicht gele⸗ gen zu ſeyn. Haſt alſo wohl geſehn, wie mir Friedrich einen Zahn herausnehmen wollte, und ich vor Betaͤubung aufs Bette ſtel? O das war ein Schmerz! In meinem Leben laß ich mir keinen wieder herausreiſſen und ſollte ich vor Zahnſchmerzen vergehn. Ich antwortete nicht, denn ich hatte die Schlaͤge noch nicht vergeſſen. Sie ſtreichelte mir die Backen. Warte, kleiner Schelm, ſagte ſie, ich will Dir ein Stuͤck Torte fuͤr die Maulſchellen, die ich dir vorhin gab, holen. Sie ging und brachte mir dreimal mehr, als ich gewöhnlich bekam.— Hier, Louischen! Du brauchſt dem Papa nichts zu ſagen, daß mir Friedrich einen Zahn herausgenommen hat; alte Leute ſind wunderlich. Hoͤrſt Du's— Ich verſprach's, ſie gab mir noch ein paar Kuͤſſe, — 1 und ich huͤpfte mit meinem Stuͤck Torte in den Garten. 1 Dreizehntes Kapitel. Einmal etwas ernſthaftes; nur dann und wann eine kleine Schnurre. 4 Einige Wochen nach dieſem Vorfall ließ ſich ein fremder Herr melden. Es war ein junger wohlgebildeter Menſch, ohngefaͤhr von zwei und zwanzig Jahren, in einem braunen Ueber⸗ rocke, runden Hute, Stiefeln und reinlicher Waͤſche. Er ſagte in einem geſetzten einneh⸗ manden Tone, er habe gehört, daß der Herr Obereinnehmer einen Informator brauchten, und er waͤre Willens, eine ſolche Stelle anzu⸗ nehmen. Meine Mutter fragte, ob er Empfeh⸗ lungen habe. Keine, antwortete er, als mein ehrliches Geſicht und die Verſicherung, daß, wenn ſie binnen einem Monat die geringſte Urſache haben mit mir unzufrieden zu ſeyn, ich Ihr Haus unentgeldlich verlaſſen will. Die Miene, mit der er ſprach, erweckte Zutrauen, 8 —— — 61— ſein Betragen und Anſtand geſiel und er wurde angenommen. Dieſer war's, der meine rohen Sitten mil⸗ derte, meinen Verſtand bildete, und den Grund von Kenntniſſen in mich legte. Zwar koſtete es ihm im Anfange viel Muͤhe meine verwilderte Erziehung auszurotten, und ich machte ihm manche ſaure unangenehme Stunde; aber ſeine kluge Behandlung, ſeine Strenge mit gehöͤriget Nachſicht gemaͤßigt ſiegte uͤber meine Hartnaͤ⸗ ckigkeit, und er entwickelte in Kurzem die An⸗ lagen, deren die Natur ſo viele und treffliche in mich gelegt hatte. Er wußte ſich im ganzen Hauſe Anſehen zu verſchaffen. Aus ſeinem Geſpraͤch leuchtete Erfahrung und Geſfchicklich⸗ keit. Mein Vater hielt ihn fuͤr ein Wunder von Gelehrſamkeit, meine Mutter hatte eine Art von Ehrfurcht gegen ihn, und ich, ſo hart er mich oft zuͤchtigte, haͤtte das Leben fuͤr ihn laſſen wollen. Er hatte erſt meinen Charakter und meine Leidenſchaften unterſucht, und dieſen gemaͤß behandelte er mich. Ich war fuͤchtig und er marterte mich nicht durch unndthiges Auswendiglernen; ich war ehrliebend, und er ſtrafte mich durch Geringſchaͤtzung; ich faͤßte ſchnell, und ſeine Lehrart war nicht ermuͤbend, — 62— ſondern unterhaltend; mein Eifer war im An⸗ fang am waͤrmſten, und er benutzte ihn; er lernte mir durch Handlungen das Anſtaͤndige vom Ungeſitteten unterſcheiden, und ſpornte mich durch Beiſpiele, durch das Lob, das er an⸗ dern beilegte, zur Nachahmung des Guten an. Auf Spaziergaͤngen lernte ich von Geographie, Natur⸗ und Weltgeſchichte mehr, als in den beſtimmten Lehrſtunden; außer denſelben war er gefaͤlliger Freund, und in Erholungsſtunden begleitete er mich zu meinen kindiſchen Spielen, lernte mir auch dieſe geſchickter zu treiben, und brachte mir nach und nach Geſchmack zu ernſt⸗ haftern Unterhaltungen bei. Er verwechſelte beim Unterricht nicht eins mit dem andern, und ging ſchrittweiſe vom Leichten zum Schwerern uͤber. Auf meine Neinlichkeit und mein Betra⸗ gen hatte er eben ſo ſehr Acht, als auf mein Betragen in Geſellſchaften, und wenn ich mich noch ſo unbemerkt glaubte, entging doch keine meiner Handlungen ſeinen Blicken. Er be⸗ ſchaͤmte mich nie vor fremden Leuten, aber ich wußte jeden ſeiner Winke zu deuten. Binnen einem Jahre war ich ganz umgeſchaffen. Dacht ich's doch, ſagte mein Vater, daß die alte Schuhflickerin Recht haben wuͤrde; mein Da⸗ — 63— niel wird wohl einmal ein großer beruͤhmter Mann werden. Meine Mutter konnte mich gegen fremde Leute nicht genug loben. Wenn Geſellſchaft bei uns war, hieß es: Louis, hol' doch Deine Schreibebuͤcher! Spiel uns doch was auf dem Klaviere vor! bete doch das fran⸗ zöſiſche Vater⸗Unſer! erzaͤhle uns doch was von den Hottentotten, vom Kameele, oder aus dem dreißigjaͤhrigen Kriege! und hatte ich mich in meiner ganzen Groͤße gezeigt, ſo vrieß man mich als ein Genie, als einen Ausbund von Gelehrſamkeit. Kamen die Gaͤſte nach Hauſe, ſo machte man ſich uͤber meine Aeltern und mich luſtig. Was auch Obereinnehmers fuͤr Weſens von ihrem Kinde machen, hieß es, ſie haben ordentlich einen Narren an ihm gefreſſen, er iſt noch lange nicht Generalſuperdent, ſie ma⸗ chen den Jungen ſtolz. Das letzte haͤtte auch eintreffen köͤnnen, wenn Herr Thal, ſo hieß mein Lehrer, nicht verſtanden haͤtte, durch den Beifall, den ich erhielt, deſto mehr Wißbegierd in mir anzufachen. Aber man wird ſich wundern, warum ſo⸗ ein trefflicher Mann, den mancher fuͤr vieles Geld zum Lehrer ſeiner Kinder erkaufte, ſich ſelbſt zu einer Stelle angeboten habe, die andere nicht — 64— annehmen wollten, und die mit ſo vielen Be⸗ ſchwerden verbunden war. Gluͤckliche Schickung war's auf der einen Seite fuͤr mich, und auf der andern ungluͤcklicher Zufall, der ihn gerade 3 zu jener Zeit einer beſſern Ausſicht beraubte. Er war arm, ohne Aeltern, Anverwandte und Unterſtuͤtzung; ſein Fleiß allein hatte ihm auf der Univerſitaͤt Unterhalt verſchafft. Er hatte drei Jahre unermuͤdet ſtudirt und war ſei⸗ ner Beſtimmung ſchon nahe, als eine einzige annaäͤberlegte Handlung die volle Bluͤthe ſeiner Hoffnungen zertrat. Er wußte nicht, daß heut zu Tage Wahrheit predigen, Verbrechen iſt. Er wollte der blinden Madam Juſtitia den Staar ſtechen, da er aber zugleich manchen in den guten Namen und den Geldbeutel wuͤrde geſtochen haben, wurde er noch vor der Opera⸗ tion relegirt. Weiter darf ich nichts ſagen, ſonſt kommt der Stab Wehe uͤber mich, und klopft mich ſo lange, bis ich pater peccavi rufe. Ich wollte einmal das ganze Spruͤchelchen beten, pater peccavi, crimina feci, asinus fui; ich fing aber beim letzten Worte zu ſtottern an und ſagte, ſtatt fui-fuisti, da wurde geklingelt und ich in ein Stuͤbchen gebracht, wo man mir das üͤberſluͤßige Blut abzapfte, bis ich ſo leichte — 65— war, baß ich auf dem Kopfe nach Hauſe gehen konnte, ohne in Gefahr zu ſeyn, einen Heller aus den Taſchen zu verlieren. 6 Herr Thal hatte alſo, nachdem er relegirt worden war, erfahren, daß beim Herrn Ober⸗ einnehmer Hering in*** eine Hofmeiſterſtelle ledig waͤre, und hatte ſich entſchloſſen, und waͤ⸗ ren noch ſo viel kritiſche Punkte dabei zu beod⸗ achten, ſie getroſt anzunehmen. Ich will nun nicht geradezu behaupten, daß er alle kritiſche Punkte vermieden haͤtte, denn er ſprach mit meiner Mutter manchmal ſo vertraut, wie ich mit meinem Klaviere, wenn ich ein Allegro ſpiele; doch nur ich, der ich jedes Aſtlochelchen und jeden Ritz zu benutzen verſtand, wußte es; wußte aber damals weiter noch nichts, als daß es Aehnlichkeit mit Zaͤhneausbrechen habe. Vier Jahr hatte ich ſeinen Unterricht genoſ⸗ ſen, als ihm eine anſehnliche Hofmeiſterſtelle in Liefland angetragen wurde. Ich war zwoͤlf Jahr, da ich ihn verlor. Er hatte Anlage zu Grundſaͤtzen, Kenntniſſe und unauslöſchlichen Dank in meiner Seele zuruͤckgelaſſen. Ich ſah ihn einſt wieder, druͤckte ihn als Mann, der nach Verdienſten belohnt war, an meine Bruſt, und dachte oft an ſeine Lehren, E — 66— wenn mir auf der Höhe ſchwindelte oder ich Pruͤfungen zu dulden hatte. — Vierzehntes Kapitel. Kurz; aber nicht langweilig. Da ich Kopf zum Studiren verrathen hatte, wurde beſchloſſen, mich auf eine hohe Schule zu ſchicken, und zu ſehn, zu welchem Fache ich Luſt bekommen wuͤrde. Es wurde alſo Anſtalt dazu gemacht, ein Koffer mit Waͤſche und Klei⸗ dern und ein Kaſten mit Schinken, Wuͤrſten, Buttertopfen und Kuchen gepackt; mein Vater ſollte mich begleiten. Ehe ich abreiſte, mußte ich bei allen Vornehmen in der Stadt Abſchied nehmen, und auch bei dem Herrn von Weilburg. Ich mußte einige Tage bei ihm bleiben, er hatte ſich wieder eine junge Haushaͤlterin angeſchafft, und lebte recht eintraͤchtig mit ihr. Es war ein ſchlaues verbuhltes Maͤdchen, das ihm ſeine ſchwachen Seiten trefflich abgelernt hatte, und einen armen Teufel, den ſie fuͤr ihren Vetter ausgab, ſtudiren ließ, weil er ihr verſprochen — 367— hatte, wenn er eine Pfarre haben wuͤrde, ſie zu heirathen. Sie ſagte, ich waͤr ein rechter huͤbſcher Junge und gab mir manches Kuͤßchen, wenn wir allein waren. Ich war ihr auch recht gut. Eines Nachmittags, als alles im Schloſſe ſchlief, ging ich uͤber den Saal, ihre Stubenthuͤre ſtand auf, ich ſah hinein, ſte lag auf dem Kanapee und ſchlief. Sie hat dich ſo oft gekuͤßt, du mußt ſie auch einmal kuͤſſen, dachte ich, und trat zu ihr. Ich kuͤßte ſie leiſe, aber ſie erwachte nicht. Ein Flortuch bedeckte ihren Buſen, er war weiß, wie Schnee, wallte ſo hoch, ſank ſo tief, daß ich gar nicht wußte, wie es zuging. Indem ſetzte ſich eine Fliege darauf, ich wollte ſie wegfangen, ritzte mich in die Nadel, und machte ein kleines Blut⸗ fleckchen auf den Flor. Ich wollte den Fleck wegwiſchen, der Buſen ſtieg, beruͤhrte meine Hand; da fuhr mir's durch alle Glieder. Ich vergaß den Blutfleck, zog meine Hand nicht weg, ließ ſie mit heben und fallen. Die gar⸗ ſtige Nadel, dachte ich, daß ſie dich geſtochen und einen Fleck gemacht hat; ich zog ſie un⸗ willig, doch ſachte heraus, der Flor fuhr aus⸗ einander, der Buſen draͤngte ihn hinweg; aber ungluͤcklicherweiſe ſiel die Nadel hinein. — 68— Slie haͤtte ſtechen köͤnnen, ich mußte ſie wieder herausholen. Meine Hand ſchlich hinein, die Nadel war tief gefallen, meine Hand eilte nach— da erwachte Lottchen, ich erſchrack, wurde ſeuerroth, erzaͤhlte ſtotternd die Urſa⸗. che, vergaß aber immer die Hand herauszu⸗ ziehen. Sie laͤchelte: laß nur die Nadel, klei⸗ ner unſchuldiger Schelm, ſagte ſie, bewegte ſich, und ich hatte mit einmal die Nadel. Sie ſtrich meine erhitzten Backen, kuͤßte mich, draͤngte mich von ſich und ſagte, Du wirſt einſt manchem Maͤdchen gefaͤhrlich werden. Du ſollteſt mich dauern, wenn ich Dich wieder ſaͤh und Deine bluͤhende Farbe verſchwunden waͤre. Gewiß edel geſprochen und gehandelt von einer zwanzigjaͤhrigen Haushaͤlterin bei einem faſt funfzigjaͤhrigen Landjunker! Beim Abſchied gab ſie mir eine ſeidne Brieftaſche, auf welche das Wort vertu mit zwei Vergißmeinnicht geſtickt war, und der Herr von Weilburg gab mir ein paar gelbe Fuͤchſe, denen drei Lilien auf den Ruͤcken ge⸗ praͤgt waren, und mit denen ich froͤhlich nach Hauſe trabte. 352 . Funfzehntes Kapitel. Meine Schuljahre. Nun wurde aufgepackt und die Reiſe ging fort. Es war eine der anſehnlichſten Schulen im Lande, wo ich hinkam. Nun, Danielchen, ſagte mein Vater, als er mich verließ, folge huͤbſch und lerne ſleißig, daß ich Freude an dir erlebe. Werde nicht etwa krank, ſondern ſchreib oft, wie Dir's geht. Ich will ein Schwein maͤſten, da ſollſt Du wieder Wuͤrſte kriegen und auf Weihnachten ſoll die Mutter Fladen und Stollen backen, da kannſt Du uns beſu⸗ chen. Horſt Du, Danielchen, da wollen wir recht vergnuͤgt ſeyn. Hier weinte er bitterlich, umarmte mich und wir trennten uns. Ich duͤnkte mich recht groß, daß ich nun uͤber meine Sachen eigner Herr war, und uͤber mein Taſchengeld ſchalten konnte, wie ich wollte. Die erſte Woche verging gut, aber in der zwei⸗ ten bekam ich ſchon von einem Primaner, weil er mich weggeſchickt hatte, und ich zu lange ge⸗ blieben war, Knipſe auf die Finger, daß die Naͤgel mit Blut unterliefen. So ging es meh⸗ rern, und ich haͤtte keinem rathen wollen, wenn — 70— er geſunde Glieder behalten wollte, ſich zu be⸗ ſchweren. Alles mußte puͤnklich geſchehen. Mit dem Glockenſchlag wurde aufgeſtanden, in der halben Stunde mußte angezogen, gewaſchen, die Schuhe geputzt, und friſirt ſeyn, und wo etwas ſehlte, ſchwung ſich der Stock der Obern. Die Strenge waͤre nuͤtzlich geweſen, weil ſie uns zur Ordnung gewoͤhnte, wenn einige nicht Unmenſchen geweſen waͤren, und das Recht, die Untern zu ſtrafen, nicht gemißbraucht haͤt⸗ ten. Man troͤſtete ſich es wieder zu vergelten, wenn man Oberer wuͤrde. Doch wurde dieſem Unweſen Einhalt gethan, und die Gewalt der Obern ſo eingeſchraͤnkt, daß, als ich Primaner war, eine Ohrfeige oder ein Stockſchlag mit Ausſtoßung aus der Schule beſtraft wurde. Dieß war wieder uͤbertrieben; da die Lehrer bei der großen Menge nicht immer zugegen ſeyn konnten, haͤtte denen, die ihr Alter verſtaͤndi⸗ ger machte, einige Gewalt über die Jungern gelaſſen werden ſollen. Einige Lehrer hatten Schuͤler an ſich gelockt, die ihnen heimlich ſagen mußten, was vorfiel, oder was von dieſem oder jenem begangen wurde. Dadurch fand Partheilichkeit ſtatt; Kleinigkeiten wurden oft ſtark geahndet und 8 —— Schaͤndlichkeiten aͤberſehen. Ueberhaupt herrſch⸗ ten Vorurtheile und Pedanterie. Wer kleine Locken trug, ſich die Haare recht wichſte, den Zopf knapp an den Kopf band, in einer Stunde zwanzig lateiniſche Verſe machen konnte und keine Stiefeln anzog, war ein fleißiger hoff⸗ nungsvoller Juͤngling und empfing die beſten Zeugniſſe; wer aber auf Baͤume kletterte, ſeine Pflichten zwar verrichtete, doch hie und da jugendliche Fehler beging, die nicht von Bos⸗ heit ſondern Uebereilung zeugten, hieß luͤder⸗ lich; und doch trafs gemeiniglich, wenn jene einſt Schulmeiſter oder Kopiſten waren, daß dieſe, nachdem ihre Hitze verraucht, ſich weit uͤber ſie empor ſchwungen. Lateiniſch und grie⸗ chiſch wurde ihnen eingeblaͤut, wer aber im Gellert oder Haller las, durfte nicht Anſpruch auf das Lob eines Fleißigen machen. Jenes war Hauptſache und Grundlage; man haͤtte aber mehr Wiſſenſchaftliches damit verbinden ſollen. Bei allen dieſen Maͤngeln hat dennoch dieſe Schule bis jetzt den Vorzug behauptet, daß ſie den Akademien die geſchickteſten Juͤnglinge lie⸗ fert, und ob ich gleich oft wegen unſchuldiger Fehler hart gezuͤchtigt worden bin, werde ich — 52— ihr doch nie vergeſſen, was ich ihrem Unter⸗ richt zu danken habe. Da ich mir aber einmal vorgenommen habe, alles im Negligee zu zeigen, darf ich nichts uͤber⸗ ſpringen. Vier Jahre meiner Schulzeit waren mir ſchnell verfloſſen, und nichts wichtiges hatte ſich ereignet, als daß der Herr Rektor mich allemal tuͤchtig anfuhr, wenn ich Erlaubniß zu verreiſen 4 haben wollte. Ich ſchrieb meinem Vater, er 1 ſolle kuͤnftig Jemand ſchicken, der mir den Ur⸗ laub auswirke; er fragte meine Mutter um Rath, und dieſe war kluͤger als ich. Sie ſchickte eine wilde Schweinskeule und ein halb Dußend Bouteillen guten Frankenwein; die konnten beſſer bitten als ich. Wenn du auch gleich brummſt, dachte der Rektor, ſie hoͤren's nicht. Er ließ mich rufen und ſagte, weil ich zeither ſo fleißig geweſen waͤre, koͤnne ich auf ein paar Wochen zu meinen Aeltern reiſen. Die pedantiſche Geißel, die jeden Fehler beſtrafte, ſpornte junge thaͤtige Koͤpfe noch mehr zu liſtigen Erfindungen an, die Blicke ihrer Vorgeſetzten zu taͤuſchen. Es durfte kein Tabak geraucht werden, und oft wurde unvermuthet nach Pfeifen viſitirt; um dieſe zu ſichern, wur⸗ ———,— — 73— den große Bilder an die Waͤnde genagelt, unter ihnen Löcher in die Mauer gegraben, und hier Pfeifen und Tabak verſteckt. Es durfte ohne Erlaubniß nicht aus den Schulgebaͤuden gegan⸗ gen werden, und es wurden kuͤnſtliche Stroh⸗ maͤnner verfertigt, ihnen die gewoͤhnlichen Klei⸗ der angezogen, man ſetzte ſie vor den Arbeits⸗ tiſch, breitete Buͤcher und Schreibereien vor ihnen aus, befeſtigte Zwirnfaden an die Arme, daß ſie von andern bewegt werden konnten, und ging unterdeſſen ſpazieren oder auf nahgelegene Doͤrfer. So wurden noch viele andere liſtige Streiche veruͤbt, um ſich einigermaßen das Joch zu erleichtern. Stiefeln anzuziehn war verboten, weil die Lehrer gleich unter den Schuͤlern wohnten, und das harte Auftreten ſie am Studiren hinderte. Man wollte ſagen, ſie haͤtten einmal Solo ge⸗ ſpielt, und es waͤre dem Einen ein Kalkſtaͤub⸗ chen in's Auge gefallen, daß er falſch ausgeſpielt und ein Solo Couleur mit vier Matadoren ver⸗ loren haͤtte. Daher waͤre das Verbot geſchaͤrft worden.—'s waͤre doch komiſch, wenn die Sa⸗ che Grund haͤtte! 1— Doch genug von dieſer Periode! Ich muͤßte zu viel erzaͤhlen, wenn ich alles erſchoͤpfen wollte. Die Zeit meines Abgangs nahte, und man mußte mir das Zeugniß geben, daß ich das Mei⸗ nige redlich gelernt haͤtte, und tuͤᷣchtig waͤre, auf die Univerſitaͤt zu gehen. Sechs Jahr war ich Er genannt worden, jetzt nannte man mich Sie und Herr; ich verließ die Schule mit allen Feier⸗ lichkeiten, kam als ein achtzehnjaͤhriger, raſcher und geſunder Juͤngling in meine Vaterſtadt zu⸗ ruͤck, und ward von Maͤnnern und Maͤdchen mit Wohlgefallen betrachtet. 1* Sechzehntes Kapitel.„ Sein Diener, mein Herr Fuchsl eto. —ʒ⅓: ◻ Ich wartete mit Ungeduld auf den Tag, an welchem es nach Bluͤthenfeld auf die Univerſitaͤt gehen ſollte, und an welchem ich die Laufbahn antreten wuͤrde, die meine Phantaſie mit ſo goldnen, vergnuͤgten Tagen durchwebt hatte; von der ich mir nur Freuden verſprach, und kei⸗ nen traurigen Augenblick denken konnte; die mich zum unumſchraͤnkten Herrn meiner Hand⸗ lungen machen wuͤrde; die mir aber auch die — 25— 1 große Wahl ließ, durch Laſter Ruhe, Geſund⸗ heit und zeitliches Wohl zu vernichten, oder durch Fleiß und Tugend Stifter einer slüchie chen Zukunft zu werden. Waͤhrend meiner Abweſenheit hatte ſich man⸗ ches im vaͤterlichen Hauſe veraͤndert. Mein Vater hatte die Auszehrung im hoͤchſten Grade, er war ſo hager, daß, wenn's möͤglich geweſen waͤre ein brennend Licht in ſeinen Magen zu ſe⸗ tzen, man ihn ſtatt Laterne in der ſinſtern Nacht haͤtte brauchen köͤnnen. Wenn er meiner Mut⸗ ter das eheliche A, B, C,. beten ſollte, mußte er bei jedem Buchſtaben eine Pauſe machen, um friſchen Odem zu ſchoͤpfen; bis zum tz brachte er es ſelten, er konnte es nicht herausbringen, und wenn's ihm der Herr Aktuarius, der jetzt ein Freund vom Hauſe war, zwanzigmal vor⸗ geſagt haͤtte. Meine Mutter befand ſich aber recht wohl dabei; ſie hatte dem jungen Diako⸗ nus, der in die Stadt gekommen war, ſchon verſprochen, daß er ihrem Manne die Leichen⸗ predigt halten ſollte, und dieſer hatte fuͤr ſeine Koͤchin in Hoffnung eines guten Honorariums ſchon ſeidnes Zeug zu einem Anzuge in dem La⸗ den geborgt.. Es war auch ein neuer Schreiber angenom⸗ men worden, denn der alte war zum Kopiſten avancirt, weil ihn meine Mutter der Frau Amt⸗ maͤnnin als einen geſchickten Menſchen empfoh⸗ len hatte. Und ſo war an lebendigen und leb⸗ loſen Dingen noch vielerlei veraͤndert und ver⸗ beſſert; da es aber keinen Einfluß auf mich hatte, will ich's uͤbergehen. Ich wurde neu equipirt und mit einem ge⸗ ſpickten Beutel auf die Univerſitaͤt geſchickt, wo ich nach meinem und meiner Aeltern Willen Jura ſtudiren wollte. Ich reiſte mit der Poſt in Geſellſchaft einer Galanteriehaͤndlerin, eines Geiſtlichen und eines Juden. Die Galanterle⸗ haͤndlerin, die an den beiden letzten keine arti⸗ gen Nachbaren zu haben glaubte, ſetzte ſich ne⸗ ben mich. Der Geiſtliche wollte ſich Anfangs nicht neben den Juden ſetzen, da aber nur fuͤr vier Perſonen Sitze gemacht waren, mußte er ſich endlich dazu bequemen. Ich hatte mich mit meiner Nachbarin in ein Geſpraͤch eingelaſſen, das uns bald bekannter machte; da die Luft kalt war, bot ſie mir die Haͤlfte ihres Mantels an, mich mit hinein zu verhuͤllen; ich wollte es durch eine Schmeichelei ausſchlagen, indem ich ſagte, daß es Schande ſeyn wuͤrde, neben einem ſo huͤbſchen feurigen Weibchen zu frieren. Aber —— ——— —— ———— dadurch hatte ich ihren Dienſteifer erſt recht er⸗ regt; ſie warf mit einer ſo gefaͤlligen Zudring⸗ lichkeit den einen Theil des Mantels uͤber mei⸗ nen Schoß, und druͤckte zugleich meine Hand unter demſelben ſo ſanft, daß ich es geſchehen laſſen mußte: Sie ſagte auch, wenn ich etwas von ſchöͤnen Uhrbäͤndern, Geldbeuteln, Ringen und dergleichen brauche, ſolle ich ihr mein Lo⸗ gis ſagen, ſie wolle zu jeder Stunde zu mir kommen, und mich um billige Preiſe bedienen. Ich ſagte, daß ich noch kein Logis habe.— So kommen Sie in das meinige; fruͤh bis um achte und den ganzen Abend bin ich allein zu Hauſe.— Ich verſprach's einſtweilen. Es wurde dunkel und ſie ruͤckte dicht an mich. Wie's bei Ihnen ſo warm iſt, ſagte ſte, und legte ihre Hand auf mein Bein; aber ich möͤchte wohl noch ein Tuch uͤberwerfen, der Thau faͤllt ſo kuhl und mein Halstuch iſt ſo duͤnne; Sie ſind wohl ſo gut und helfen mir ein Bischen, ich kann in dem Mantel mich nicht gut bewe⸗ gen. Ich erfuͤllte die Bitte, ohne ſie zu uͤber⸗ ſchreiten, und ſo unterhielten wir uns noch tange. Ob wir gleich in den Schranken der Ehrbarkeit geblieben waren, mochte doch der Herr Paſtor vor uns ein Aergerniß an unſerm paarmal— entſetzlich!— heillos! und derglei⸗ chen Worte mehr in den Bart. Ich entſchloß mich, ihn um die Urſache ſeines Unwillens zu fragen. Sie ſcheinen ſehr mißvergnuͤgt, Herr Paſtor, ſagte ich. Moͤchte wohl auch nicht mißvergnuͤgt ſeyn, antwortete er, wenn man die Welt taͤglich tiefer in ihr Verderben ren⸗ nen ſieht!— Wie ſo?— und Sie fragen noch? Mich geht's zwar nichts an; aber glau⸗ ben Sie's einmal verantworten zu koͤnnen, wie Sie ſich da vor einem Lehrer der chriſtli⸗ chen Kirche auffuͤhren. Auf oͤffentlichem Poſt⸗ wagen! Unter freiem Himmel! Wenn ich doch geſtorben waͤre, ehe Gottes Langmuth ermuü⸗ det!— Ich habe alſo wohl in Ihren Augen Suͤnde begangen?— Das kann ich nicht rich⸗ ten; Gottes Augen ſehen auch unter einen Weibermantel.— Wir mußten alle drei la⸗ chen— Spotten Sie! immer ſpotten Sie! es wird Ihnen ſchon vergehn, wenn Gott das Strafgericht von Sodom und Gomorrha er⸗ neuern wird.— Sie reiſen gewiß in's Kon⸗ ſiſtorium, weil Ihnen die Gemeinde den De⸗ zem nicht richtig gegeben hat?— O wenn ich keine wichtigern Urſachen haͤtte! Man hat Geſpraͤch genommen haben. Er brummte ein — ñᷓ-̃— —— — 9— mich verklagt, weil ich einen Mann, den man des Ehebruchs uͤberfuͤhren konnte, und den man neben meine ſelige Frau begraben hatte, wie⸗ der ausgraben und hinter die Kirchhofmauer habe ſcharren laſſen.— Und da befuͤrchten wohl Ew. Wohlehrwuͤrden abgeſetzt zu werden? — Das ſoll das Konſiſtorium wohl bleiben laſ⸗ ſen; ich fuße auf die heilige Schrift; da ſteht: Der Gottloſe ſoll ſein Haupt nicht legen neben das Haupt des Gerechten.— Hier iſt, glaub ich, nicht vom Grabe die Rede. Ueberdieß koͤn⸗ nen Sie auch nicht wiſſen, ob ſich der Mann nicht vor ſeinem Ende noch bekehrt hat, und eben ſo ſelig wie Ihre Frau geſtorben iſt.— Er brachte noch viele unſinnige Einwendun⸗ gen zum Vorſchein, daß ich uͤberdruͤßig wurde mich mit ihm zu ſtreiten. Ich ſing mit dem Juden ein Geſpraͤch an, nnd fand bei ihm zehn⸗ mal mehr geſunden Verſtand als bei jenem⸗— Der Geiſtliche ſprach kein Wort mehr, und ich unterhielt mich trotz ſeiner Prophezeihungen die uͤbrige Zeit der Reiſe mit meiner Nachbarin und handelte ſchon im Voraus wegen einer neumodiſchen Uhrkette mit ihr. Die Nacht brach herein, wir wurden ſchlaͤf⸗ rig und nickten eins nach dem andern ein. — ⁄ſ⁄n — 80— Durch das Nicken und Ruͤtteln des Poſtwagens traßs denn oͤfters, daß unſre beiden Geſichter an einander kamen. Sie liſpelte mir in's Ohr, ich ſollte meinen Arm um ſie ſchlagen, und mei⸗ nen Kopf auf ihre Schulter legen. Da ich Luſt zu ſchlafen hatte, that ich's; durch das Ruͤtteln kam ich manchmal noch weicher zu liegen, und ſo erſchien die Morgendaͤmmerung und wir er⸗ blickten die Spitzen von Bluͤthenfeld. Es war eine herrliche fruchtbare Ebene bis an die Stadt, die von dem Wohlſtand der Bewohner zeugte. Mein erſter Weg, als wir angelangt waren, war zu einem gewiſſen Blauberg, mit dem ich ſchon auf Schulen Freundſchaft geſchloſſen hatte, und der ein halbes Jahr eher dort abgegangen war. Ich traf ihn und wir gingen ſogleich mir eine Wohnung zu miethen. Ich waͤhlte eine in einer lebhaften Straße, und kaum hatte ich meine Sachen hinſchaffen laſſen, und war mit dem Auspacken beſchaͤftigt, als von meinen uͤbrigen Bekannten vor meiner Thuͤre das ſo⸗ lenne Fuchslied angeſtimmt wurde. Mein fluͤch⸗ tiger aufgeweckter Charakter ſand Wohlgefallen daran, und ich kam gleich den erſten Tag mit einer Menge luſtiger Brüder in Verbindung, die bruͤderlich dafuͤr ſorgten, daß ich mit allen — Studentenfreuden und oͤffentlichen Oertern bald bekannt wurde. Morgen mußt Du Dich inſeri⸗ biren laſſen, ſagte einer, Du darfſt Dich nur recht arm ſtellen, ſo bekommſt Du die Haͤlfte geſchenkt. Weil ich zum Nektor kam, fragte er mich, wer mein Vater ſey. Einnehmer, ſagte ich. O das ſind gute eintraͤgliche Dienſte, fuhr er fort, da koͤnnen Sie ſchon etwas auf's Stu⸗ diren wenden. Ich verſicherte ihm, daß unter allen Einnehmern in der Gegend mein Vater die wenigſte Einnahme habe, daß ich mich kuͤm⸗ merlich behelfen, und alſo ſehr dringend bitten muͤſſe, mir an dem Inſcriptionsgelde etwas zu erlaſſen. Sie haben ja ganze Kleider, antwor⸗ tete er; doch Sie ſollen ſehen, daß ich billig bin. Die Inſeription koſtet fuͤnf Thaler, die muͤſſen Sie zahlen; aber in die Armenbuͤchſe kommen gemeiniglich vier Groſchen, da ſollen Sie aus Ruͤckſicht Ihrer Umſtaͤnde nur zwei geben. Auf Koſten der Armen, ſagte ich, mag ich nichts geſchenkt haben, und ſteckte einen hal⸗ ben Gulden in die Buͤchſe. — 82—. Siebzehntes Kapitel. Eine ſtarke Revolution. Jo waͤhlte Kollegia und beſuchte ſie anfangs fleißig, bis nach und nach kleine Abhaltungen vorfielen. Meine ſaͤmmtlichen Kleider ließ ich mir in der erſten Woche aͤndern, denn meine Freunde ſagten, ich ginge wie ein Handwerks⸗ purſche. Du mußt Dir auch eine Uniform machen laſſen, ſagte Windſack, einer meiner ſidelſten Bekannten, ich will Dir meinen. Schneider ſchicken, der pumpt brav. Herr. Niedlich kam, ich ließ mir anmeſſen, Windſack, der ſelbſt zugegen war, raunte ihm ins Ohr: ' iſt ein reicher Kanz, Sie koͤnnen in's Zeug mit ihm gehen, und er war's wohl zufrieden, als ich ihm halb jetzt, halb in einem Viertel⸗ jahre zu bezahlen verſprach. Ich nahm Fri⸗ ſeur, Stiefelwichſer, Barbier an, und wurde bald als ein reicher und flotter Burſche bekannt. Jedem, der mich ſah, flößte ich Hoffnung ein, mich prellen zu koͤnnen, und mancher machte ſchon Plaͤne, wie es am ſchicklichſten anzufan⸗ gen waͤre. Ich wohnte einem Kaffeehauſe ge⸗ — 85— gen uͤber, und das erſtemal, als ich es beſuchte, erbot ſich der Markeur, mir das Billard zu lernen. Aber um etwas muͤſſen wir ſpielen, ſagte er, ſonſt lernen Sie's nimmermehr, er ließ mich manchmal gewinnen, lobte meinen guten Stoß und meine Anlage und nahm mir fuͤr die Lobeserhebung taͤglich einen Thaler ab. Ein Herr in anſtaͤndiger Kleidung, zwei Uhren und einem brillantenen Ringe am Finger⸗ machte ſich mit mir bekannt, bot mir eine Par⸗ thie Piket an, ließ mir einen Gulden gewin⸗ nen, ſagte, mit mir waͤre kein Auskommen, ich habe zu ſchreckliches Gluͤck im Spiele, und gewann mir den andern Tag einen blanken Friedrichsd'or ab. Den Abend darauf machte er Pharaobank, und die geraͤnderten Mutter⸗ pfennige gingen alle zu ihm uͤber; er hatte ſo ein feines Gefuͤhl, daß er die Karten alle von außen kannte. Er hatte ſich vom Haarkamme und der Pomadenbuͤchſe bis zum Mann, der täglich ſeinen Rheinwein trinken kann, und vor dem ehrliche Leute ein Kreuz machen, em⸗ porgeſpielt. Die Juſtiz hatte ihn ſchon etliche⸗ mal unter den Haͤnden gehabt, aber er hatte den Gerichtsdienern die Finger verſilbert; dafuͤr ließen ſie ihn ſein Weſen treiben Ein lieflaͤn⸗ — 84— diſcher Edelmann, der wegen ihm zum Thore hinaus mußte, und dem Schneider und Schu⸗ ſter, die er nicht bezahlt hatte, folgten, ſoll ihm aus Deſparation einen Bruch getreten haben. Binnen vier Wochen hatte ich mein ganzes Geld verſpielt, bis auf einen alten hundertjaͤhrigen gehenkelten Gulden, den meine Großmutter zum Pathengeſchenke erhalten hatte. Von die⸗ ſem brach ich den Henkel ab, und gab ihn mei⸗ ner Waͤſcherin, weil ſie mich bat, ihr das Waſch⸗ geld im Voraus zu bezahlen, indem ſie ſich großen Vortheil damit erwerben könnte. Den naͤmlichen Gulden ſah ich an eben dieſem Abend in der Pharaobank von einem Kaufmannsdie⸗ ner verſpielen.— Waͤre mein Friſeur nicht ein dienſtfertiger Mann geweſen, ſo haͤtte ich kei⸗ nen Heller Geld aufzutreiben gewußt. Warum ſo muͤrriſch? fragte er eines Morgens.— Weil die Moneten geſchmolzen ſind, antwortete ich. — Sie haben ja noch eine ſchoͤne Uhr, dort lie⸗ gen ein paar ſilberne Schnallen, da iſt bald Rath zu ſchaffen.— Ich beſann mich; Geld mußte ich haben, ich gab alſo beides hin, er ging zu einem Wuchrer und borgte zwanzig Thaler darauf. Ich bekam aber nur achtzehn Thaler und acht Groſchen, denn der Wuchrer —₰— — 85— hatte vom Thaler einen Groſchen fuͤr ſeine Muͤhe, und er eben ſo viel fuͤr den Weg ab⸗ gezogen. In kurzer Zeit war auch der groͤßte Theil meiner Waͤſche und Kleider fort; ich war noch uͤberdieß in eine Menge Schulden verfallen, daß, wenn mein Vierteljahrswech⸗ ſel kam, er kaum zur Bezahlung hinreichte. Das waren die goldnen Tage, die ich vom Studentenleben getraͤumt hatte. Ich ſaß und ſann uͤber meine traurige Lage nach, als ich einen Brief von meinem Vater erhielt, der mich noch tiefer beugte. Hier iſt er:— Mein lieber Daniel! „Erſchrick nicht, daß ich Dir eine Nach⸗ „richt melden thun muß, die uns beide in's „Maleer ſtuͤrzt. Deine Mutter, das infame „Weib, iſt mit dem Johann, meinem „Schreiber, davon gelaufen, und hat fuͤnf⸗ „hundert Thaler aus der landesherrlichen „Kaſſe mitgenommen, und die dreitauſend „Thaler vom Herrn von Weilburg ſind auch „durchgebracht, und die ſilbern Löffel und „Kannen, und alle Prezioſen ſind fort. Ich ⸗ — 96— „weiß meinem Leibe keinen Rath, ich bin ein „geſchlagner Mann, denn es iſt eine Kom⸗ „miſſion da, die die Rechnungen viſentirt, „und ich habe zwei Soldaten vor der Stube. „Das Gott erbarm! ich köͤnnte auch ſo nicht „fort mit meinen gebrechlichen Beinen. Wenn „ſie doch vollends zerbraͤchen, und ich in's „Grab ſtuͤrzte, daß ich den Spuk und die „Schande nicht erleben thaͤte. Die Leute ſa⸗ „gen von meiner Frau noch recht viel garſti⸗ „ges. Du wirſt nun auch nicht mehr ſtudiren „koͤnnen, denn wenn ich abgeſetzt bin, kann „ich Dir kein Geld mehr ſchicken. Komm „doch zu mir, daß ich Jemanden um mich habe, „der's gut mit mir meint, und an den ich „mich anhalten kann, denn ich kann vor „Schwaͤche und Mattigkeit kaum uͤber die „ Stube gehen. Die Leute ſprechen auch, ich „waͤr ein dummer Eſel geweſen, daß ich Deine „Mutter geheirathet haͤtte,'s war aber da⸗ „mals gewiß eine huͤbſche Frau. Ich kann „nichts weiter ſchreiben, die Augen vergehn „mir, und meine Haͤnde zittern wie Eſpen⸗ „laub. Komm ja bald, lieber Daniel, ſonſt „ſterb ich, ehe ich Dich wieder ſehe, und ich „moͤchte doch gerne meine duͤrren Haͤnde auf — * — 37— „Dich legen und Dich ſegnen. Ich ver⸗ „bleibe Dein guter Vater.“ Dieſer Brief bewegte mich bis in's In⸗ nerſte. So gewiß es iſt, daß viele Papa's nicht Vaͤter ihrer Kinder ſind, wußte ich auch, daß er der meinige nicht war; aber er hatte mich als Sohn geliebt, viel an meine Erzie⸗ hung gewandt, und, ſo dunkel und ſchwach ſein Verſtand war, mußte man ihm doch den Ruhm eines ehrlichen Mannes laſſen. Er war bei ſeinem Alter und kraͤnklichen Koͤrper un⸗ gluͤcklicher als ich; ich vergaß uͤber ſeinem Zu⸗ ſtand meine eignen Leiden. Gern waͤr ich ſogleich zu ihm geeilt, haͤtte ich Sachen und Reiſegeld gehabt. Ich hatte von einem reichen Manne gehört, der ſich Kutſche, Pferde und Bedienten hielt, der den ganzen Tag nichts that, als eſſen, trinken, ſpazieren gehen und Romane leſen, dem manches Maͤdchen die ſchönen Kleider zu danken hatte, durch welche ſie für eine Putzmacherin paßirte, der als ein Freund von Phyſik fuͤr eine handgreifliche Be⸗ ſichtigung einen Dukaten gab. Zu dieſem ent⸗ ſchloß ich mich zu gehen und ihm mit ruͤhrender Herzensſprache meine Lage zu ſchildern. Wen ſeine Geſchaͤfte nicht hindern, Menſchen zu be⸗ obachten, wer ſo viele Reichthuͤmer beſitzt, wer fuͤr ſein Vergnuͤgen kein Geld ſpart, wird, dachte ich, dir nicht einige Thaler verſagen, die du bedarfſt, einen ungluͤcklichen Vater zu troͤſten. Ich ging zweimal in ſeine Wohnung und traf ihn nicht; mißmuthig wandelte ich auf einem Spaziergange hin, um auf ein ander Mittel zu denken; da kam er mir entgegen; ich faßte Muth und redete ihn an. Meine Worte zeugten gewiß von dringender Nothwen⸗ digkeit, mein Ton war gewiß innig und ver⸗ rieth, daß ich nicht zum Betteln geſchaffen war, ſondern daß Unmöglichkeit einer andern Huͤlfe mich zu dieſem Schritte trieb. Ich ſagte, daß ich in dieſem Augenblicke eben ſo nuede he Fuͤrſten anreden wuͤrde, daß in dieſe 8 tunde vielleicht mein Vater mit dem letzten Odemzug ſich nach mir ſehnen wuͤrde. Er ſah mich mit finſtrer Miene an. Ich werde den ganzen Tag nicht fertig Bettlern zu geben, ſagte er, ich wuͤrde ſelbſt zu einem werden, wenn ich jeden befriedigen wollte. Hier griff er in die Taſche und ſuchte aus einer Hand voll Geld zwei Gro⸗ 8* —— ſchen heraus, die er mir geben wollte. Eine Thraͤne, die ich weinen wollte, ſtockte in mei⸗ nem Auge. Unwille und Mitleid mit dem ge⸗ fuͤhlloſen Wolluͤſtling ſtritten in meiner Seele. Sie verkennen mich, rief ich, ich bin kein Bettler, der um ein Almoſen bittet, ich wollte zu einer Neiſe zu meinem Vater nur die Haͤlfte von dem haben, was Sie in einer Nacht ver⸗ ſchwelgen. Beſchaͤmt und ſprachlos ſtand er da; ich verließ ihn, und ging aus Mißmuth in das erſte Bierhaus, um meinen letzten Gro⸗ ſchen zu vertrinken. Ich ſetzte mich in einen Winkel und dachte uͤber Menſchen und ihre Handlungen, uͤber mich und die Zukunft, die meiner wartete, nach. So auf einmal waren die glaͤnzendſten Ausſichten in fuͤrchterliche Ge⸗ witterwolken verhuͤllt. Sie ſind ja recht in Gedanken vertieft, Herr Hering! ſchallte es plötzlich neben mir. Es war ein Tagelöhner, der im naͤmlichen Hauſe, wo ich wohnte, ein Hinterſtuͤbchen bewohnte, und jetzt ein Glas Schnapps trank. Ich hab' auch Urſache dazu, antwortete ich, mein Vater iſt gefaͤhrlich krank. — So muͤſſen Sie zu ihm reiſen.— Ich waͤre ſchon heute fort, wenn mich nicht ein Umſtand abgehalten haͤtte.— Er las in dem 8 8 — 90— niedergeſchlagnen Blick, mit dem ich ſprach, ei⸗ nige Verlegenheit, und kam, als ich fortging, mir nach. Nehmen Sie mir's nicht uͤbel, ſagte er,'s iſt, als wenn es Ihnen an Geld fehlte. Ich ſah ihn bedenklich an, und meine Miene heiterte ſich auf. Sie brauchen ſich vor mir nicht zu ſcheuen, fuhr er fort, offenherzig, brauchen Sie Geld, ich habe ein paar Thaler erſpart, und, um einen kranken Vater zu war⸗ ten, will ich ſie Ihnen borgen, Sie werden einen armen Mann, der's mit ſauerm Schweiße verdienen muß, nicht betruͤgen. Ich hab's im⸗ mer mit Freuden geſehen, wenn Sie dem alten blinden Bettler mit den Kruͤcken, den der Dok⸗ tor Schwindel einmal auf die Straße werfen ließ, einen Groſchen zur Erquickung gaben. Kommen Sie mit auf mein Stuͤbchen, da will ich Ihnen's Geld geben, und dann reiſen Sie noch heute fort, daß Sie den armen Vater auf ſeinem Krankenbette pflegen können.— Ich haͤtte vor Ruͤhrung den braven Holzhacker um⸗ armen mögen, ich nahm ſein Anerbieten an, und binnen einer Stunde trat ich ſchon meine Reiſe zu Fuße an. Ich hatte mich ſchon auf einen traurigen Anblick des vaͤterlichen Hauſes vorbereitet, aber —— weit ward meine Ahndung noch übertroffen. Mehr einem Todten als Lebendigen aͤhnlich ſaß mein Vater auf einem Armſtuhl, als ich zu ihm hineintrat. Die Freude, mich zu ſehn, erweckte die letzten ſchwindenden Kraͤfte, er wollte ſich aufrichten, ſank aber ohnmaͤchtig zuruͤck und ich iin ſeine ausgebreiteten Arme. Das vergelte Dir Gott, rief er mit ſchwacher bebender Stim⸗ me, daß Du Deinen ungluͤcklichen Vater nicht verlaͤßt! einen Tag ſpaͤter, und Du begegneteſt vielleicht meinem Sarge. Deine Mutter— fluche ihr nicht— hat uns elend, recht elend gemacht. Komm, ſetze Dich neben mich, daß ich meinen Schmerz Dir klagen kann.— Er zog mich neben ſich auf einen Stuhl, und heiße Thraͤnen rollten uͤber die abgezehrten Wangen auf meine Haͤnde herab. — 9²2— Achtzehntes Kapitel. So kommt vielleicht mancher aus ſeinen Schulden. Er wat ſchon ſeines Dienſtes entſetzt; aber die Unterſuchung dauerte noch fort, und alle. Sachen,ſelbſt die zum noͤthigſten Gebrauch ge⸗ hörten, waren verſtegelt. Mein Vater lebte blos von dem, was ihm der Herr von Weilburg, der Haupturſache ſeines Ungluͤcks war, aus edler Regung ihm zufließen ließ. Schuldigkeit war's eigentlich von ihm: aber Schuldigkeiten, die Große gegen Niedere erfuͤllen, werden edel genannnt, weil ſonſt dieß ſchoͤne Woͤrtchen zu wenig gebraucht werden koͤnnte. Von den mei⸗ ſten Kraͤnkungen, die mein Vater bei der Un⸗ terſuchung hatte dulden muͤſſen, war ein gewiſ⸗ ſer Kommiſſarius Stifter, dem ein Landlaͤufer, der aus Frankreich wegen Giftmiſcherei entflo⸗ hen, und in Deutſchland zur lutheriſchen Reli⸗ gion uͤbergegangen war, ſeine Tochter zur Mai⸗ treſſe angeboten hatte, wenn er ihm meines Vaters Dienſt verſchaffte. Dieſer erlebte es aber nicht. Ich ſtand eines Tages an ſeinem Lager und reichte ihm ein Glas friſches Waſſer, 7 —— —-— 46 als der Kommiſſarius ungeſtuͤm ins Zimmer trat, und ihn wegen eines Vergehens zur Rede ſetzte. Mein Vater rechtfertigte ſich, aber jener gebot ihm Stillſchweigen, und nannte ihn mit teufliſcher Stimme und Miene einen Betruͤger. Tief ſeufzend blickte mein Vater gen Himmel, ſein Auge vermochte kaum den Blick zu vollen⸗ den. Verzeih's Ihnen Gott! ſtammelte er, ſiel zuruck, und ein Schlagfluß endete ſein Le⸗ ben. Starr und ohne Empfindung ſah ich einige Augenblicke den Entſchlafenen an; dann war's, als wenn ſich der Grimm in meiner Seele em⸗ porwaͤlzte. Fort, Unmenſch! Moͤrder! rief ich, daß ich meines Vaters Tod nicht an Dir raͤche. Nicht zu hitzig, junger Herr, antwor⸗ tete er, wiſſen Sie, wen Sie vor ſich haben? Einen Schurken! ſagte ich.— Menagiren Sie ſich oder ich ſchicke nach dem Gerichtsdiener!— Geh, hol ihn ſelbſt! rief ich, faßte ihn wuͤthend bei der Bruſt und ſtuͤrzte ihn ſo kraͤftig zur Thüre hinaus, daß er in der Eil die Treppe verſah, und ſich erſt auf der unterſten Stuſe entſchloß, wegen Kopfſchmerzen und Muͤdigkeit auszuruhen. Meine Faͤuſte hatten ſo ſtark auf ihn gewirkt, daß er ſich! waͤhrend meines uͤbri⸗ gen Aufenthalts nicht mehr vor mir ſehen ließ, und ſich zugleich mit den Beinen die Drohung ausgefallen hatte, mich arretiren zu laſſen. Als ich zu den Herren kam, die alle Wochen einmal bei meinen Aeltern zu Gaſte geweſen waren, und ſich ſchon gefreuet hatten, mir, wenn ich einſt Amtmann oder Stadtſchreiber ſeyn wuͤrde, ihre Toͤchter zur Frau anzuſchmei⸗ cheln, ſagten ſie, ich habe mich erſtaunt veraͤn⸗ dert, und fragten, ob ich etwa nun eine Pro⸗ feſſion lernen wollte. Ja, antwortete ich, ein Beſenbinder, um Ihren edeln Geſtinungen den Staupbeſen zu geben. Nachdem mein Vater beerdigt war, ging ich zum Herrn von Weilburg, um ſeinen Rath we⸗ gen meiner kuͤnftigen Beſtimmung zu hoͤren. Nicht ſowohl innerer uneigennuͤtziger Trieb, ſondern Stolz, weil man allgemein wußte, daß er Antheil an meiner Exiſtenz hatte, brachte ihn zu dem Entſchluß, mir noch eine gewiſſe Summe zu meinem Studiren auszuſetzen. Ich ſollte auf zwei Jahr halbjaͤhrig funfzig Thaler von ihm erhalten. Mit verbeſſertem und uner⸗ ſchuͤtterlichem Vorſatz re e ich alſo auf die Uni⸗ verſttaͤt zuruͤck. Ich nittirte meine vorigen 4 —.,.— ————,—— —— — Bekanntſchaften, akkordirte mit meinen Schuld⸗ nern, loͤſte die nothwendigſten meiner Sachen ein, und bequemte mich zu einer eingezognern maͤßigern Lebensart; meine Kollegia beſuchte ich fleißiger, und beſtrebte mich eifrigſt nach zwei Jahren mich examiniren laſſen zu koͤnnen. Mein Schneider klagte mir, daß ihn Windſack umddreißig Thaler geprellt haͤtte. Er war mit einer Peruͤckenmacherstochter unter die Komd⸗ dianten gegangen, und hatte uͤber zweihundert Thaler Schulden hinterlaſſen. Einige Wochen nach meiner Zuruͤckkunft kam auch Blauberg athemlos auf meine Stube. Bruder, rief er, das Blaͤttchen hat ſich gewendet, Du ſitzeſt jetzt in Ruhe, und ich muß zum Thor hinaus. Denk nur, was vor ein verdammter Streich mir paſ⸗ ſirt. Du weißt, daß ich bis uͤber den Haar⸗ kamm in Schulden ſtak, und auf einmal mich herausgeriſſen hatte. Wie das aber zuging, iſt Dir bis jetzt gewiß noch ein Raͤthſel. Eines Tages, als die Schuldner doppelt heftig mich beſtuͤrmten, und mit Citationen und Karzer drohten, lief ich aus Deſperation in's freie Feld, mir die Grillen zu verjagen. Ich hatte mir Muth wider alle fernern Anfaͤlle gefaßt, und kehrte vergnuͤgt zuruͤck; ich ging bei einem Gartenhauſe vorbei, wo die Fenſter aufſtanden und auf dem Polſter ein weiſſes Schnupftuch mit einem Etui lag; der Wind ſpielte mit dem Schnupftuch, verfing ſich hinein, und wehte beides herunter. Ich hob es auf und wollte es in den Garten zum Beſitzer tragen; aber die Chuͤre war verſchloſſen; indem rufte eine weib⸗ liche Stimme zum Fenſter heraus: Ich will den Augenblick aufmachen. Ich ſah in die Hoͤhe und erblickte einen Frauenzimmerkopf, auf welchen ein gruͤner Sommerhut gedruͤckt war, unter welchem ein paar blaue Augen hervor⸗ ſtrahlten, die mich neugierig auf den Anblick der ganzen Geſtalt machten. Sie kam herun⸗ ter, riegelte die Thuͤre auf, und da ich ſie ſchon von Perſon kannte, war ich ſo angenehm uͤber⸗ raſcht, daß die Freude daruͤber, die mir gewiß aus jeder Miene leuchtete, zu meinen Vortheil auf ſie wirkte. Mein ganzes Feuer, und alles was ich Empfehlendes hatte, war in die An⸗ rede gedraͤngt, mit der ich das Verlorne zuruͤck⸗ gab. Es war eine junge artige Kaufmannsfrau, von ohngefaͤhr zwei bis vier und zwanzig Jah⸗ ren. Du kennſt ſie ſelbſt die**.* in der*** Straße, und haſt oft gegen mich, wenn wir ihr begegneten, Deine Verwunderung uͤber i Schoͤnheit und ihren Anſtand geaͤußert. Sie hatte ein weiſſes leichtes Kleid an, und ein Buch in der Hand. Verzeihn Sie, ſagte ſie, daß ich durch meine Unachtſamkeit Ihren Spa⸗ ziergang unterbrochen habe. Ich kuͤßte die weiſſe kleine Hand. Und ich bin ſtolz, antwor⸗ tete ich, auf den gluͤcklichen Zufall, der ſo un⸗ vtrmuthet einen meiner ſchoͤnſten Wuͤnſche er⸗ fuͤllt.— Einen Wunſch? fragte ſie laͤchelnd und bedaͤchtig.— Ja, den Wunſch— verzeihn Sie meiner Dreuſtigkeit— Ihnen eine Gefaͤl⸗ ligkeit erzeigen zu köͤnnen.— Sie verbeugte ſich, und ihr Blick ſchien nicht unzufrieden zu ſeyn. Nun haͤtte ich aber auch eine Bitte, fuhr ich fort; nur einen Zahnſtocher aus dieſem Etui zum Andenken an den heutigen Tag.— Daran waͤr' Ihnen ſo viel gelegen?— Sie öffnete es und zog ein Meſſerchen heraus— Ein Zahn⸗ ſtocher waͤr' zu zerbrechlich, ſagte ſie, hier will ich Ihnen lieber ein Trennmeſſer ſchenken, das koͤnnen Sie zum Federmeſſer gebrauchen, und ſo oft Sie eine Feder ſchneiden, an mich denken; aber ſchneiden Sie ſich nicht in die Finger, ſonſt moͤchte die Erinnerung ſchmerzhaft werden. Ich druͤckte wieder einen Kuß auf ihre Hand; bei der Biegung ſtieß ich an die Thuͤre, die bis jetzt G nur angelehnt war, und ſchnappte ſie zu. Sie haben zugeſchloſſen, ſagte ſie, und ſah ſichnſchücheen tern um. Aus Verſehn, antwortete ich, und lobte die Anlage des Gartens und die Ausſicht vom Gartenhauſe. Sie wehte ſich mit dem Tuche Kuͤhlung zu; ihre zarten Muskeln waren durch die Hitze reizend angeſchwollen, ihre Wangen gluͤhten, und in ihren Augen ſchwamm eine ſchmachtende Mattigkeit. Der Nachmittag iſt ſehr heiß, ſagte ich, Sie werden ſich nach dem Sopha zuruͤckſehnen, den Sie wegen mir verlaſſen haben? So dauerte unſer Geſpraͤch noch einige Zeit fort, bis ich mit der Verſiche⸗ rung von ihr ſchied, daß kuͤnftig dieß mein Lieb⸗ lingsſpaziergang ſeyn ſolle, beſonders wenn ich hoffen könnte, daß er durch Ihre öftere Gegen⸗ wart noch reizender gemacht werden wuͤrde. Ich werde zuweilen hier ſeyn, antwortete ſie mit einem Blicke, indem ich ſtatt— zuweilen— ge⸗ wiß las. Das war der Anfang unſrer Bekannt⸗ ſchaft; die aber bald vertrauter ward. Schließe ſelbſt vom erſten Geſpraͤch auf das zwanzigſte, und das zwanzigſte war bei weitem nicht das letzte; beim dritten wußte ſie meine ganze Lage, beim vierten war ich ſchuldenfrei, und bei den uͤbrigen dankte ich ihr ſo warm und thatig, daß 12 — — 99— mir's an nichts mangelte, und ich froh und gluͤcklich wie ein Koͤnig war. Aber wir waren verrathen worden. Ihr Mann, der ſchon an ſich im hoͤchſten Grad eiferſuͤchtig war, ſpuͤrte unſern Zuſammenkuͤnften nach, und haͤtte uns gewiß in die Falle gelockt, wenn unſre Liſt und Klugheit ſeine Verſuche nicht immer vereitelt haͤtte. Heute erwiſchte er uns; er war geſtern mit Extrapoſt auf die Frankfurter Meſſe gereiſt, und wir glaubten uns recht ſicher. Wir hatten uns ſchon in der Nacht auf den Genuß dieſer drei ſeligen Wochen vorbereitet, und ſaßen am Morgen, ich in ſeinem Schlafrocke und ſeinen Pantoffeln und ſie in einem duͤnnen Nachtkleide, am Tiſche, und ſchluͤrften eine Taſſe Chokolade, als die Koͤchin blaß und zitternd mit den Wor⸗ ten— Herr Jeſes! der Herre kommt— her⸗ ein trat, und er im Augenblick darauf ſelbſt folgte. Bruder! das war ein Auftritt halb zum Lachen, halb zum Entſetzen. Anfangs war mir nicht wohl zu Muthe; ich dachte, er haͤtte noch Gehuͤlfen mitgebracht, aber er war's allein, und ich entſchloß mich, die Sache kaltblütig ab⸗ zuwarten. Seine Augen funkelten, er konnte vor Wuth kaum ſprechen. Das Weibchen, bleich wie eine Wand, bebte an allen Gliedern, ſie — 100— ank vor Schreck und Angſt vor ihm nieder, und umfaßte bittend ſeine Knie. Fort, ſchrie er, und ſchleuderte ſie ſo unbarmherzig in einen Winkel, daß ſie ſinnlos liegen blieb. Nun ge⸗ rieth ich in Wallung; haͤtte ich mich nicht ſchul⸗ dig gefuͤhlt, ich haͤtte ihn fuͤr dieſe Behandlung zermalmt. Und auch Dich will ich lohnen, Weiberſchaͤnder! rief er, und holte unter'm Ue⸗ berrock eine Hetzpeitſche hervor. Das Bewußt⸗ ſeyn, ihn an Kraͤften uͤberſehn zu konnen, er⸗ hielt mich gleichguͤltig. Indem er ausholte, mir einen kraͤftigen Hieb zu verſetzen, zog ich ſchnell den Schlafrock aus, parirte damit den— Hieb aus, warf ihm zugleich denſelben uͤber den Kopf, legte ihn etwas unſanft auf den Boden, wand ihm die Peitſche aus der Hand und ſchnuͤrte ihn damit ſo feſt in dem Schlafrocke zu⸗ ſammen, daß ich Zeit genug hatte, in die Stie⸗ feln zu fahren, Rock und Hut zu ergreifen, und mich aus dem Staube zu machen. Das arme Weib wird erſt ſeinen Zorn recht buͤßen muͤſſen, und da er ſie wenig liebt, ſon⸗ † dern ſie durch heimliche Ausſchweifungen zu aͤhn⸗ lichen Fehlern verleitet, wird er ſie auch nicht ſchonen, vielmehr die Sache weiter treiben, 1 — 10— und mich gewiß aufſuchen laſſen. Das will ich aber nicht abwarten; ich wuͤßte auch nicht, wo⸗ von ich kuͤnftig leben ſollte; denn die Quelle, aus der ich zeither ſchoͤpfte, iſt nun verſtopft, keine Unterſtuͤtzung weiß ich weiter, ich muß alſo mein Gluͤck auf einem andern Wege ſu⸗ chen. Ich will einen Theil meiner Sachen ver⸗ kaufen, und unter die Soldaten gehen, da hat ſchon mancher ſein Gluͤck gemacht.— Aber auch mancher ſchon den Schritt zu ſpaͤt bereuet, wendete ich ein, im Kriege kann zwar Gluͤck und Muth heben, im Frieden iſt aber ohne au⸗ ßerordentliche Faͤlle keine Ausſicht dazu. Der Stand iſt gezwungen, zu verſchieden von Dei⸗ nem jetzigen, Du mußt jedem Kerl, der vom Pflug oder aus dem Pferdeſtall zum Soldaten genommen worden, und vielleicht Korporal iſt, auf den Wink folgen, wenn er Dir nicht nach Gefallen den Buckel ausgerben ſoll, und Du kommſt mit Menſchen in Verbindung, die oft duͤmmer ſind als die Thiere, aus deren Fellen ihre Schuhe geſchnitten ſind.— Er blieb trotz meinen Bitten und Vorſtellungen auf ſeinem Vorſatz, ſchon am andern Morgen verließ er Bluͤthenfeld, und ſein erſter Brief meldete mir, daß er unter einem oſterreichi⸗ ſchen Huſarenregimente Dienſte genommen habe. Neunzehntes Kapitel. Selbſt die Sonntagsperücke war nicht ſicher. Meinen Entſchluß, mich durch Fleiß bald zum Examen tuͤchtig zu machen, hatte ich bis jetzt treulich befolgt, und meine Oeconomie ſuchte ich mit jedem Tage genauer einzurichten. Ich veraͤnderte meine Wohnung, weil ſie mir zu theuer war, und miethete mir in einem andern Hauſe ein Stuͤbchen hinten heraus, wo ich recht ungeſtoͤrt ſtudiren zu können hoffte. Ich be⸗ reuete es aber bald; es wohnte mir gleich ge⸗ genuͤber die verwittwete Profeſſorn Kalbsauge, die mich unaufhoͤrlich in eine Atmoſphaͤre von Kaffeedampf huͤllte, in welcher die kreiſchenden Stimmen alter Troͤdelweiber, die Stadtneuig⸗ keiten brachten, wirbelten. Ihr Mann war ein angeſehner Profeſſor von vielem Vermögen geweſen, den ihr weiter Schlund arm gemacht, und ihre gelaͤuſige Zunge unter die Erde ge⸗ — — 103— bracht hatte. Wenn der fromme Maͤnn vor der Bibel ſaß, tunkte ſie Zwieback in die Chokolade; wenn er zu einer Feierlichkeit gehen wollte, war das gute Sammetkleid verſetzt; ſelbſt die Sonntagsperuͤcke war nicht ſicher, wenn ſie Appetit zu Kirſchpaſteten hatte. Die groͤßten Schmauſereien wurden gehalten, wenn er pre⸗ digte, oder wenn er im Kollegio die Stelle des neuen Teſtaments von der Hochzeit zu Cana erklaͤrte. Nach ſeinem Tode kamen die Schuld⸗ ner, und was dieſe uͤbrig ließen, erhielten die Troͤdelweiber, denn ſie hatte die Geluͤbde ge⸗ than, ſo lange ſie Geld auftreiben konnte, taͤg⸗ lich durch vier und zwanzig Taſſen ſchwarzen Kaffee um ihren ſeligen Mann zu trauern. Die puͤnktliche Beobachtung dieſer Geluͤbde brachte ſie ſo weit, daß ſie nur ein Kleid behielt, und jedesmal, wenn ſie ſich in einem andern zeigen wollte, ſo lange im Unterrocke auf der Stube ſitzen mußte, bis die Troͤdlerin es beim Wucherer umgetauſcht hatte. Sie machte bald Bekanntſchaft mit mir, und wußte, wenn ſie ein paar Bogen Papier haben wollte, das Ver⸗ ſprechen, mir Stipendia zu verſchaffen, ſo wahrſcheinlich zu machen, daß ich ſchon die An⸗ wendung derſelben ausrechnete. Nicht fuͤnf — 104— dinuten konnte ich ruhig arbeiten: bald fragte ſie, bald verlangte ſie, bald erzaͤhlte ſie etwas, und wollte ich nicht in der ganzen Stadt als ein hochmuͤthiger oder luͤderlicher Menſch aus⸗ geſchrien ſeyn, ſo mußte ich meine Ohren mit Geduld ruͤſten und in einer Stunde ſo vielmal Ja ſagen, als mancher Doktor oder Rathsherr, wenn er um ſein Gutachten gefragt wird. Nur dann war ich vor ihrer Unterhaltung ſicher, wenn die Schuldner kamen und ſie ſich einge⸗ ſchloſſen hatte. Sie waren Urſache, daß ich ih⸗ rer ganz los wurde, denn ſie belagerten die Thuͤre ſo ſtandhaft, daß ſie ſich entſchließen mußte, bis friſche Gelder ankamen, aufs Land zu einer Frau zu reiſen, die ihr aus Erkennt⸗ lichkeit, weil ſie ihr jaͤhrlich ſo viel Eier und Milch abkaufte, ein Dachkaͤmmerchen einraͤum⸗ te. Nach ihrer Abreiſe kehrte Stille und Zu⸗ friedenheit in's ganze Haus zuruͤck. Die Furcht vorr ihrer Ruͤckkunft und die vielen Neuigkeiten, die ſie aus Berlin, Prag, Wien und andern großen Staͤdten, wo ſie wuͤrde geweſen ſeyn wollen, zu erzaͤhlen haben wuͤrde, trieb mich doppelt ſtark an, mich zum Examen vorzuberei⸗ ten. Ich erreichte auch meinen Wunſch; am Ende des zweiten Jahres nach meines Vaters — 105— Tode, diſputirte ich, ließ mich examiniren, und erhielt eine Cenſur, die mir Anſpruͤche auf eine baldige Verſorgung gab. Ich ging in die Reſi⸗ denz, weil man mir geſagt hatte, daß ſich hier bfterer Gelegenheiten unterzukommen anboten. Meinen Unterhalt ſuchte ich mir durch Infor⸗ mationen zu verſchaffen. Aber da waren Kan⸗ didaten Theologiae und Iurisprudentiae wie Sand am Meer. Sie wimmelten wie Inſek⸗ ten durch die Straße, wenn ein Aemtchen ledig war. Ich erlebte ſelbſt den Fall, daß zwei Theologen, die aus Mangel an Haaren Peruͤ⸗ cken trugen, ſich im Hauſe ihres Patrons zank⸗ ten, wer ſich zuerſt melden laſſen ſolle, und als keiner nachgeben wollte, von verbis ad verbera kamen, und ſich ſo tapfer herumzauſten, daß beide die Peruͤcken verloren, und der eine, der beim Thorſchreiber den Tiſch und noch ziemliche Kraͤfte hatte, dem andern die Haͤlfte des ſchwar⸗ zen Rocks, den die Motten zu dieſem Trauer⸗ ſpiele ſchon vorbereitet hatten, vom Leibe riß. Der Patron, der ſelbſt dazu kam, und Mord und Todtſchlag befuͤrchtete, verſprach in der Angſt allen beiden die Pfarre, und gabs ſie kei⸗ nem. Mir ging's nicht beſſer. Ich lief in acht Tagen zwei Paar Sohlen entzwei, pochte mir — 106— an den Bedientenſtuben alle zehn Finger wund, und immer hieß es: Ihre Excellenz, Ihre Gna⸗ den, oder der Herr Nath haben jetzt nicht Zeit. Gluͤck war's, wenn ich einmal vorgelaſſen wur⸗ de, und da habe ich immer noch den Fleck auf meinem Kleide, wenn mich die Herrn mit der Hand, womit ſie ſich den Schweiß des Mittags⸗ eſſens von der Stirne rieben, auf die Achſel klopften und ſagten: Gedulden Sie ſich nur, wir wollen fuͤr Sie ſorgen. Wenn ich zehn Jahr umſonſt arbeiten, und dann einen 2 Dienſt von hundert Thalern annehmen wollte, ver⸗ ſprach man mir, mich aus hoher Gnade anzu⸗ ſtellen. Am beſten waͤr's geweſen, es waͤre ein Friedrich der Einzige gekommen, waͤre mit mir ſelbſt in's Kriegs⸗ oder Finanzkollegium gegan⸗ gen, und haͤtte geſagt: Meine Herren, Sie haben nun Ihre Vettern alle untergebracht, hier habe ich auch einen, den ich bald verſorgt wiſſen moͤchte. Endlich, da ich's am wenigſten vermuthete, wurde ich durch ein Ohngefaͤhr verſorgt. Ich ging in Geſchaͤften bei einem großen praͤchtigen Hauſe vorbei, als mir etwas ſo derb auf die Naſe ſiel, daß ſie ſogleich zu bluten anfing. Es — 107— war zwar nur ein Ring, der aber durch die Hoͤhe, aus der er herabgefallen war, einen ſo ſtarken Eindruck auf meine unſchuldige Naſe ge⸗ nacht hatte. Ich blickte an dem Hauſe hinauf, aber niemand, der das Verlorne vermißt haͤtte, ſah heraus; ich hielt es alſo fuͤr Schuldigkeit, den Beſitzer ſelbſt aufzuſuchen. Um deſto ge⸗ wiſſer zu gehen, wollte ich in der erſten Etage zu fragen anfangen. Die Saalthuͤre war ver⸗ ſchloſſen und ich klingelte. Wer dal rufte es. Ein Fremder, ſagte ich. Kannſt warten, bis die Köchin kommt! antwortete es wieder. Ich wartete eine Viertelſtunde, die Koͤchin kam nicht, und ich klingelte von neuem. Wer da? rief es wieder. Ein Fremder, ſagte ich etwas ſtaͤrker. Kannſt warten bis die Koͤchin kommt! antwortete es gelaſſen. Ich wartete noch eine Viertelſtunde, und da niemand kam, wieder⸗ holte ich das Klingeln, und wurde wieder mit der Ankunft der Köchin getroͤſtet. Wo iſt denn die Köchin? fragte ich. Beim Kutſcher, ant⸗ wortete es ſchnarchend. Ich war des Spaßes uͤberdruͤßig und wollte fortgehen, als ein praͤch⸗ tig gekleideter Mann kam, und mich fragte, was ich wollte. Ich ſagte die Urſache und er⸗ zaͤhlte zugleich, daß ich ſchon dreimal geklingelt, — 108— man mir auch geantwortet, aber nicht geoffnet haͤtte. Der Mann laͤchelte: Ich bedaure, ſagte er, daß Sie nicht nur eine blutige Naſe erhal⸗ ten haben, ſondern auch bei derſelben herumge⸗ fuͤhrt worden ſind. Der Graf Schnurr, der hier wohnt, iſt auf's Land verreiſt, was Sie fuͤr einen Menſchen gehalten haben, iſt ein Papagei, und ich bin hochgraͤflicher Papagei⸗ fuͤtterer. Ich habe jaͤhrlich dreihundert Thaler Gehalt, dafuͤr muß ich den Papagei fuͤttern, darf keine Fliege in den Zimmern leiden, und mache den Sommer uͤber Fidibuſſe und Zahn⸗ ſtocher; denn Ihre Excellenz bringen den Win⸗ ter hier zu, und ſind ein Freund von Wildpret⸗ eſſen und Tabakrauchen. Wegen des Ringes muͤſſen Sie alſo eine Treppe höoher ſteigen. Wer doch auch Papageifuͤtterer waͤre! dachte ich, und kam in die zweite Etage— /— — 109— Zwanzigſtes Kapitel. Fort mit dem Hunde ¹ ſchmeißt ihn die Treppe hinunter! e horte ich hier eine ungeheure Baßſtimme rufen, und im naͤmlichen Augenblicke wurde eine Thuͤre geöffnet, und zwei Bedienten ſchleuderten einen alten Mann heraus. Der eine Bediente ſoh mich und fragte nach der Urſache meiner Gegen⸗ wart: ich ſagte ſie ihm und wurde mit einem trotzigen—„hier iſt nichts verloren worden — abgewieſen. Das Gott erbarm! winſelte der alte Mann, ich glaub' ich hab's Bein ge⸗ brochen; wenn Sie mir doch aufhelfen wollten! Ich hob ihn auf, und er mußte ſick an den Waͤnden anhalten, um fortzuſchleichen.'s iſt himmelſchreiend, fuhr er fort, wegen einen Ha⸗ ſen einen ſo zu behandeln. Denken Sie, lieber Herr, ich hatte mit meinem Weibe und Kinde in drei Tagen nichts gegeſſen, hatte nichts zu arbeiten, und wußte auch nirgends einen Heller zu Brode auſzutreiben, da ſchlich ich aus De⸗ ſperation des Abends in's Haus des Jaͤgers im Dorfe, nahm eine geladene Flinte und wollte ein paar Haſen ſchießen, um ſie zu verkaufen — und den Hunger der Meinigen ſtillen zu können. Aber ich wurde bei der That ertappt und ge⸗ mißhandelt; ich ſollte Strafe erlegen, und da ich's nicht konnte, nahm man mir das Bette zum Unterpfande, bis ich Geld ſchaffen wuͤrde. Ich nahm mir vor, ſelbſt zum Oberforſtmeiſter zu gehen, und ihm meine Noth vorzuſtellen; aber er mag in ſeinem Leben nicht erfahren ha⸗ ben, wie Hunger ſchmerzt, ich haͤtte eher ſeine Jagdhunde bewegen wollen, als ihn; Sie ha⸗ ben ſelbſt geſehn, wie er mich abweiſen ließ. Der Mann dauerte mich, ich fragte, wie viel er Strafe geben muͤßte, und da die Summe meine Kraͤfte nicht uͤberſtieg, gab ich ſie ihm, erkundigte mich, wo er wohnte, und verſprach ihn zu beſuchen. Ich ſtieg nun noch eine Treppe hinan; die Saalthuͤre war angelehnt, im Saale lag auf einem Tiſchchen ein Strickſtrumpf, und ſonſt war niemand zu ſehn noch zu hoͤren. Ich ſtand eine gute Weile und nichts regte ſich. Auf ein⸗ mal hoͤrte ich in dem einen Eckzimmer ein Ge⸗ raͤuſch; ich ging darauf zu und pochte an. So ſchnell und ungeſtuͤm, als waͤr' ich ein Haͤſcher, und man befuͤrchtete von mir geholt zu werden, — 111— wurde im Zimmer aufgeſtanden, hin und her gelaufen, und Seitenthuͤren auf⸗ und zuge⸗ macht. Nach einigen Minuten war alles wie⸗ der ſtille, ich klopfte wieder an, und es offnete mir ein vornehm und geſchmackvoll gekleidetes Frauenzimmer die Thuͤre. Artigkeit, Anzug und Geſicht verriethen, daß ſie noch jung und von Stand ſeyn muͤſſe; aber ich war zweifelhaft, ob ſie noch Maͤdchen oder ſchon junges Weib waͤre. Ich fragte, ob etwa aus Verſehn ein Ring zum Fenſter hinuntergefallen. Sie er⸗ ſchrack, lief ſogleich an das eine offne Fenſter, auf welchem ein Schoßhuͤndchen lag und ſuchte. Ja, ſagte ſie, und kam freudig auf mich zu, ich hatte ihn auf's Polſter gelegt, und meine kleine Lady hat ihn mit dem Pfoͤtchen hinuntergewor⸗ fen; haben Sie ihn etwa geſunden? Hier! antwortete ich, und uͤberreichte ihn ihr. Die kleine Wunde, die meine Naſe durch den Fall bekommen hat, wird durch das Vergnuͤgen er⸗ ſetzt, Ihren ſchönen Haͤnden etwas uͤberreicht zu haben. Die gefaͤllige Miene, die auf dieß Kompliment folgte, bewieß, daß es ein Frauen⸗ zimmer war. Der Degen, den man in der Eil hatte ſtehen laſſen, und die Art, wie ſie mit mir ſprach, ließ mir vermuthen, daß eine — 112— Mannsperſon im Nebenzimmer ſeyn muͤſſe. War mein Kammermaͤdchen nicht auf dem Saale? fragte ſie. Ich verneinte es. Sie iſt gewiß zum Papageifuͤtterer des Grafen geſchli⸗ chen, fuhr ſie fort: Ich mußte ihr hierauf er⸗ zaͤhlen, wer ich ſey, wie ich heiße, wo ich wohne und warum ich mich hier aufhalte. Alſo ein Juriſt, ſagte ſie, der eine Verſorgung wuͤnſcht! So kann ich vielleicht aus Erkenntlichkeit fuͤr Ihre Bemuͤhung etwas fuͤr Sie thun.— Ich empfahl mich Ihr Gnaden,— denn daß ſie wenigſtens von Adel ſeyn wuͤrde, glaubte ich gewiß,— ging in meine Wohnung zuruͤck und vermuthete, daß die Verſprechung eben ſo leer, als alle vorige ſeyn wuͤrde. Aber falſch geſchloſ⸗ ſen. Den dritten Tag darauf kam ein Bedien⸗ ter und ſagte, ich ſolle ſogleich zum Miniſter *** kommen. Sie ſind mir wegen Ihrer Ta⸗ lente empfohlen worden, redete mich dieſer an, ich brauche einen Sekretair, wollen Sie die Stelle annehmen? Meine Antwort kann man ſich denken. Ich wurde angenommen, erhielt zweihundert Thaler Beſoldung, hatte alles frei, und meine ganzen Geſchaͤfte beſtanden darinne: daß ich die Woche uͤber einige franzoͤſiſche und deutſche Briefe ſchrieb, und einigemal mit ihm —2——— —2——— — — 115— auf die Jagd eitt.— Und dieſen Poſten hatte ich einer Hofbarbierstochter zu danken. Sie war ſchoͤn, gefiel dem Miniſter, und wurde ſeine Maitreſſe. Mir ſiel ein Ring, den ſie von ihm zum Geſchenke erhalten hatte, auf die Naſe, ich gab ihn zuruͤck, erſparte der kleinen Lady einige Schlaͤge, war mit einmal ein Menſch von Talenten und wurde Sekretair. Ich glaube mancher ließe ſich mit Freuden die Naſe blutig ſchmeißen, wenn er dadurch eine Stelle von zweihundert Thalern erhalten koͤnnte. Einige Tage nach dem Antritt meines neuen Poſtens wurde mir ein Brief folgenden Inhalts uͤberbracht: Herr Sekretair! „Sie ſehen, wie puͤnktlich und ſchnell ich „mein Verſprechen erfuͤllt habe. Es waͤre „Schade geweſen, wenn ein Mann von ſo „viel aͤußern und innern Vorzuͤgen nicht haͤtte „Gelegenheit erhalten ſollen, von beiden Pro⸗ „ben abzulegen. Ich habe gehort, daß Sie „Meiſter auf dem Klaviere ſind, mein Fluͤgel „iſt ſehr verſtimmt, wollten Sie wohl Ihren „ Geſchaͤften ein Stuͤndchen abbrechen, und „ihm ſeine Harmonie wiedergeben. Sie tref⸗ H * — 114— „fen mich jeden Morgen; am gebviſſeſten, „wenn der Miniſter im Departement iſt. „Sollte mein Kammermaͤdchen auch nicht zu⸗ „gegen ſeyn, ſo wiſſen Sie das Zimmer zu „finden, in welchem mit Vergnuͤgen auf Sie „wartet Ihre Freundin Auguſte Bellmann.“ Die eigentliche Abſicht dieſes Briefes ſah ich bald ein; ich haͤtte eigentlich ſchon eher fuͤr ihre Empfehlung danken ſollen; da ich beſon⸗ ders vermuthen mußte, daß ihr meine Perſon nicht mißfallen hatte. Ich zog mich den an⸗ dern Morgen ſo vortheilhaft als moͤglich an, und Schlag neun Uhr, als der Miniſter in's Departement gegangen war, ging ich zu ihr. Das Kammermaͤdchen war, wie ſie vorher ge⸗ ſagt hatte, nicht da, ich klopfte an ihr Zimmer, und ſie rufte: Herein! Noch im Negligee ſaß ſie auf einem Sopha; erſchrocken, als ſie mich erblickte, warf ſie mit nachlaͤßiger Grazie die aufgeloͤßten Locken, die zerſtreut um den Hals hingen, zuruͤck, ſtand auf, und kam mit ſanft wankendem Schritt, als haͤtte ſie ſich — kaum ſeit fuͤnf Minuten dem Bette entwunden, mir entgegen.— Schon heute und ſo fruͤh! ſagte ſie.— Und doch zu ſpaͤt, antwortete ich, fuͤr den Wunſch einen Ihrer Beſehle zu befol⸗ gen. Meinen waͤrmſten Dank zugleich fuͤr Ihre Empfehlung!(ich kuͤßte ihre Hand)— Nicht Urſache, Herr Sekretair; aber wirklich Sie haben mich ſehr uͤberraſcht, noch ganz un⸗ angekleidet.— Deſto beſſer fuͤr mich noch, ſo komme ich in die angenehme Verlegenheit, ob ich Ihr Herz oder Ihren Koͤrper mehr bewun⸗ dern ſoll.— Hier uͤberfloh ſie raſch und feu⸗ rig mein Blick, er ſchien mit jedem Augen⸗ blick gefeſſelter zu ſeyn, verweilte ſich auf dem durch den Milchflor durchſchimmernden Buſen und verlor ſich in ihren Augen, die mir mit bedeutendem Laͤcheln—„immer dreuſter!”— zuriefen. Auguſten konnte man auszeichnende Reize nicht abſprechen. Sie beſaß alles, was ſie zur Maitreſſe eines Miniſters hatte erheben koͤn⸗ nen. Ihr Köͤrper war ganz zum Vergnuͤgen geſchaffen, ihr Anſtand und Geſpraͤch verrie⸗ then in der Geſellſchaft von Hofdamen nicht 8 die Barbierstochter, nur daß ihre erregten 3 Begierden oͤfters, wenn ſie der Miniſter ent⸗ kraͤftet verließ, nach hoͤherer Befriedigung ſtrebten. Ich ſetzte mich neben ſie, das Fluͤgelſtim⸗ men wurde vergeſſen, die Unterhaltung brachte uns ſo nahe, daß ſich mein Arm ſchon um den elaſtiſchen Leib wand, und es nur eines leich⸗ ten Drucks bedurft haͤtte, ſie ruͤckwaͤrts zu beugen; aber eine Staatsmaxime, die mir mein ganzes Leben durch anhing, ließ mich nicht uͤber den Punkt ſchreiten, der mir viel⸗ leicht manche vergnuͤgte Stunde gewaͤhrt haͤtte, und von welchem ich Schritt vor Schritt uͤber grau gediente und lahmgeſchriebene Maͤnner hinweg in ein glaͤnzendes Amt haͤtte ſchreiten koͤnnen. Eine Saite, die auf dem Fluͤgel ſprang, erinnerte uns an das vorgenommene Geſchaͤft. Ich ſtimmte ihn, ſpielte einige Stuͤcke, und da unterdeſſen die Zeit nahte, wo der Miniſter aus dem Departement kam, mußte ich mich empfehlen. Die paar Stunden ſind ſchnell vergangen, fagte ſie, wir koͤnnen öͤfterer einen ſolchen, wohl noch vergnuͤgtern, Morgen haben, wenn Ihnen meine Unterhal⸗ tung nicht zu langweilig ſcheint.— Hier die⸗ ſer Kuß mag Ihnen antworten.— Wenn er wahr ſpricht, ſeh; ich Sie bald wie⸗ der.— Ich floh die Treppe hinunter und in meine Wohnung. Wieder zu ihr zu gehen, befahl die Klugheit, da ſie zu viel Einfluß auf mein Gluͤck haben konnte; aber eben ſo vorſichtig mußte ich ſeyn, daß theils der Miniſter von den Beſuchen nichts erfuhr, theils daß ich mich ſtets in gehoriger Entfernung hielt, ohne in ihrer Gunſt zu ſinken. 3 Ein und zwanzigſtes Kapitel. Rur eine Tagelöhners Frau! fahr zu Kutſcher. Jo will heute auf mein Schloß fahren, ſagte der Miniſter uͤber der Tafel, und Sie ſollen mich begleiten. Um zwei Uhr fuhr die Jagd⸗ chaiſe mit ein paar raſchen Fuͤchſen beſpannt vor die Thuͤre, ich und der Miniſter ſtiegen hinein, der Leibjaͤger ſchwang ſich hinten drauf, und wir jagten zum Thore hinaus. Langſam durfte nicht gefahren werden; wenn der Kut⸗ ſcher in der Stunde nicht vorm Schloſſe hielt, das eigentlich drei Stunden von der Stadt lag, ſo konnte er immer den naͤmlichen Tag ſeine Sachen noch zuſammenpacken, denn am kuͤnftigen Morgen mußte er fort. Wir waren ohngefaͤhr eine halbe Stunde gefahren, als wir uns in einen Hohlweg wenden mußten. Gleich bei der Schwenkung kam uns eine alte Frau entgegen, die Pferde waren im Rennen, riſſen ſie, da ſie nicht geſchwind genug auf die Seite weichen konnte, uͤber'n Haufen, und beide Seitenraͤder gingen uͤber ſie weg. Der Kutſcher hielt an, und der Miniſter fragte, wer's geweſen ſey. Eine Tagelöhnersfrau, antwortete jener.— Wenn's weiter nichts iſt, immer fahr zu!— Ich bat um Erlaub⸗ niß ausſteigen zu duͤrfen und zu ſehn, ob die Frau verungluͤckt waͤre. Wozu die Umſtaͤnde? ſagte er unwillig; ſie wird nicht krepiren; im⸗ mer zugefahren!— Ich ſchauderte zuruͤck, ſchon etliche Beweiſe eines gefuͤhlloſen Herzens hatte er mir gegeben, dieſe Handlung ver⸗ loͤſchte den letzten Funken Achtung, die ich ge⸗ gen ihn hatte. Der goldne Orden an ſeiner — Btuſt ſchien mir Galgen und Rad auf der Stirne eines Böſewichts zu ſeyn, und das war der Miniſter eines Fuͤrſten, dem's gewiß die erſte Sorge war, jeden ſeiner Unterthanen gluͤcklich zu machen. Als wir auf dem Schloſſe ankamen, wurde Anſtalt zur Jagd gemacht. Mein Blut war ſo in Wallung, daß ich keinen geraden Schuß thun konnte. Der Miniſter ſchoß aus Verſehn einen ſeiner Lieblingshunde, er ſchleuderte zor⸗ nig die Flinte wider einen Baum, und die Jagd wurde aufgehoben. Hundert Thaler, ſagte er, wollte ich geben, wenn mir die Flinte verſagt haͤtte, und dem Dorfbarbier, der den Hund zu kuriren verſuchen wollte, verſprach er fuͤnf Louisd'ors, wenn's ihm gelaͤnge. Es fing an zu daͤmmern und wir kehrten zuruͤck. Als wir an den Ort kamen, wo die Frau niedergefahren worden war, trat, trotz des ſchnellen Fahrens, ein großer ſtarker Kerl in den Weg, und fiel mit verwegenem Blick den Pferden in die Zuͤ⸗ gel. Halt! rief er, mit mir geht's nicht ſo ge⸗ ſchwind. Wer iſt der Kerl? fragte der Mini⸗ ſter. Ich bin ein Geſchopf, wie Ihre Peſtileuz, das eſſen, trinken und ſchlafen kann, wie Sie; das auf dem Flecke, wo Sie das goldne Ding haͤngen haben, ein braves Herz hat; dem Gott ſtatt Kutſche, Pferde und Ritterguͤter geſunde Arme und Beine gegeben hat, mit denen er ſein Brod verdienen kann; dem aber heute ein vornehmer Flegel ſeine alte kranke Mutter zu Schanden gefahren hat. Sind Sie's etwa ſelbſt?— Der Miniſter kochte vor Wuth, und doch brachte ihn der ernſte nachdruͤckliche Ton dieſes Kerls ſo außer Faſſung, daß er einige Verlegenheit verrieth. Hau den Kerl uͤber die Ohren! rief er endlich dem Kutſcher zu.— Da fliegt er bei meiner armen Seele todt vom Bocke, ſagte jener: Ich frage Sie hiermit, ob Sie meine Mutter heilen laſſen und ihr Schmerz⸗ geld geben wollen?— Das ſteht bei mir.— So! Und das koͤnnen Sie ſagen, ohne bis uͤber die Ohren roth zu werden? Deshalb hat Ihnen der Landesherr gewiß nicht das Kreuz geſchenkt, daß Sie ſeine Unterthanen zu Kruͤppeln ma⸗ chen ſollen.—'s iſt unerhoͤrt, mich auf oͤffent⸗ licher Straße anzufallen und zur Rede zu ſetzen. Jaͤger! vor die Schwerenoth! ſo ſpring er doch herunter und zieh erin Hirſchfaͤnger! er ſieht ja, wie ſeinem Herrn mitgeſpielt wird.— Bleib er, oder er ſoll in ſeinem Leben nicht wieder hinauf ſteigen koͤnnen!— Der Kerl ſah ſo wuͤthend aus, daß ſich keiner getraute, Hand an ihn zu legen. Ich glaube Kutſcher und Jaͤ⸗ ger hatten ſelbſt ihre Freude daran; ich wenig⸗ ſtens freute mich uͤber die Dreuſtigkeit des Kerls.— Nun, ſing er, nachdem er eine Weile ſtillgeſchwiegen hatte, wieder an, was wird's? Haben Sie ſich entſchloſſen?—— Hier hat er aus Kommiſeration etwas!— Es war ein Gulden; der Kerl beſah ihn und lachte. Bei mir ſind die zerbrochnen Beine nicht ſo wohlfeil, ſagte er, und ſchmiß den Gulden wie⸗ der in die Chaiſe. Zwanzig Thaler und keinen Pfennig anders!— Waͤr ich nur in der Stadt, den Kerl ließ ich in's Hundeloch werfen.— Das ſteht Ihnen morgen und alle Tage noch frei; jetzt aber nicht eher von dannen, bis Sie zwan⸗ zig Thaler zahlen.— Wollte ſich der Miniſter nicht noch groͤßern Grobheiten und wohl gar Thaͤtlichkeiten ausſetzen, ſo mußte er die vier Louisd'or hingeben. Er war aber ganz muͤr⸗ riſch uͤber die Begebenheit; Jaͤger und Kutſcher wurden noch in der naͤmlichen Woche fortgejagt, und mir waͤr's gewiß nicht beſſer gegangen, wenn die Maitreſſe nicht meine Fuͤrſprecherin geweſen waͤre. Sie warnte mich, als ich ſie — — 122— das naͤchſtemal beſuchte, mit vieler Theilnahme fuͤr ſeinen Launen und ſeiner Hitze, die ſie ſelbſt zu manchen Zeiten zu mindern nicht im Stande waͤre. Ich erhielt bald einen Beweiß davon. So oft es ohne Aufſehn zu erregen geſchehen konnte, war ich bei ihr; eine ſchwermuͤthige Miene, die ich ſeit kurzem in ihrem Geſichte ſelbſt beim froheſten Geſpraͤch entdeckte, und einer meiner ſcharfſichtigen Blicke verriethen mir, daß Auguſtens Taille nicht mehr ſo ſchlank blieb; doch da ich ſie meiſtentheils im Negligee und ungeſchnuͤrt ſah, ſetzte ich Mißtrauen in meine Vermuthung und glaubte, der leichte und nachlaͤßige Anzug gaͤbe mir Stoff zu dieſer Bemerkung; ſelbſt als ſie uͤber Unpaͤßlichkeiten klagte, blieb ich noch zweifelhaft. Faſt zur naͤmlichen Zeit waren theils bei ihr, theils beim Miniſter einige Sachen von Werth vermißt worden, und man wußte nicht, auf wen man den Verdacht werfen ſollte. Mir war daran gelegen den Dieb herauszubringen; ich ſpuͤrte alſo aufmerkſam nach und gab auf jede Perſon genau acht, die in den Zimmern Geſchaͤfte hat⸗ ten. Der neue Bediente des Miniſters, der auch zuweilen zu Auguſten geſchickt wurde, war mir am verdaͤchtigſten; ich konnte ihn aber nie uͤberzeugen. Einſt an einem ſchoͤnen Morgen nahm ich mir vor meinen Kaffee in einem öf⸗ fentlichen Garten zu trinken. Es war erſt fuͤnf Uhr, und ich ſah ſchon völlig angekleidet zum Fenſter heraus. Der Bediente war wider ſeine Gewohnheit auch ſchon auf, und ſchlich zur Hausthüre hinaus; ich ahndete etwas und ging ihm nach. Er ging in's Haus, wo Auguſte wohnte, und ich trat hinter die Ecke einer Seitengaſſe, um ſeine Zuruͤckkunft abzuwarten. Bald darauf kam er zuruͤck; er hatte eine Schachtel unter dem Arme und ſah ſich uͤberall ſchuchtern um, ob er bemerkt wuͤrde. Gewiß ſteckt er mit der Kammerzungfer unter einer Decke, dachte ich, und folgte ihm von ferne zum Thore hinaus. — 124— Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Was mag wohl in der Schachtel ſeyn? —.— Er ging ins freie Feld, und ich verdoppelte meine Schritte, ihn unbemerkt einzuholen, weil ich befuͤrchtete, er moͤchte ſich umſehen, und, wenn er mich erblickte, die Flucht ergrei⸗ fen. Die Angſt ſchien ihn zu befluͤgeln, denn ich konnte kaum nach; endlich, da er ſich um ein Kornfeld geſchwenkt hatte, erreichte ich ihn. Ich fragte ihn mit ſtarker drohender Stimme, was in der Schachtel waͤre, und wo er damit hinwolle. Er konnte vor Schreck nicht ant⸗ worten, und mir wurde nun meine Vermu⸗ thung zur Gewißheit. Hab' ich dich erwiſcht! Spitzbube! rief ich, faßte ihn bei der Bruſt, und nahm ihm die Schachtel ab. Er entſprang durch's Korn. Meine Hitze war zu uͤbereilt: ich haͤtte kluͤger ſeyn und ſehen ſollen, was er mit der Schachtel machen wuͤrde, dann ihn ruhig nach Hauſe gehen laſſen, die Sache un⸗ terſuchen, und hierauf erſt offenbaren ſollen. Eben ſo vergaß ich aus zu großer Hitze und Freude uͤber die Entdeckung, die Schachtel zu „ 125— offnen, ſondern lief, ohne mich weiter um den Bedienten zu bekuͤmmern, zuruͤck und in's Vorzimmer des Miniſters. Der Kammerdie⸗ ner ſagte, er waͤr' eben aufgeſtanden; ich ließ mich melden, und da er etwas wichtiges ver⸗ muthete, wurde ich ſogleich vorgelaſſen. Ich bin ſo gluͤcklich geweſen, Ihre Excellenz, ſagte ich, den Dieb zu entdecken, dem wir ſo lange vergebens nachgeſpuͤrt haben. Hier in dieſer Schachtel, die er vermuthlich in Sicherheit hat bringen wollen, und die ich durch Zufall in meine Haͤnde bekommen habe, werden wir vielleicht alles ſinden, was Sie zeither vermißt haben. Ohne auf die veraͤnderte Farbe ſeines Geſichts acht zu haben, noch eine Antwort abzuwarten, oͤffnete ich voll Erwartung die Schachtel, riß haſtig einige Tuͤcher hinweg, und erblickte— ein todtes Kind. Ich erſchrack und ließ die Schachtel fallen; der Miniſter verrieth Unruhe und Unwillen, er ſuchte aber beides zu verbergen und in Scherz zu verwan⸗ deln. Ein artiges Fruhſtuͤck zur Chokolade, ſagte er. So etwas iſt mir nicht geſtohlen worden; es muͤßte aus Ihrer eignen Garde⸗ robe ſeyn. Sie müſſen ſehen, wie Sie's wie⸗ der an Mann bringen. Ich erzaͤhlte den gan⸗ * — 126— zen Vorfall, er ſchien erſtaunt und meinte, es waͤre vielleicht aus einer Liebſchaft des Bedien⸗ ten entſproſſen, er wolle es unterſuchen„ und ich ſollte unterdeſſen die Schachtel in Verwah⸗ rung behalten. Ich wanderte alſo mit dem Kleinode auf mein Zimmer, und hier konnte ich mir das ganze Raͤthſel bald aufloͤfen. Au⸗ guſtens ſchwermuͤthige Miene und verunſtaltete Taille hatten ihre Urſachen geaͤußert; ſie und der Miniſter waren deswegen verlegen gewe⸗ ſen; das Kammermaͤdchen und der Bediente waren heimlich beſtochen, und ich mußte durch die redlichſte Abſicht die ganze Heimlichkeit ent⸗ decken. Der Sache wurde dennoch ein ander Gewand umhangen. Der Bediente, der theils aus Furcht vor mir, daß ich den ganzen Handel kund machen und er beſtraft werden moͤchte, theils aus Furcht vor dem Miniſter, weil er den Auftrag ſo einfaͤltig ausgefuͤhrt hatte, ent⸗ ſprungen war, hatte ſich unter den Soldaten anwerben laſſen, und geſtanden, daß er im naͤmlichen Hauſe, wo Auguſte wohnte, eine Waͤſcherin zur Liebſte haͤtte, die mit einem tod⸗ ten Kinde niedergekommen waͤre, welches er im Seillen haͤtte begraben wollen. Ich war's wohl zufrieden, denn. auf dieſe Art wurde ich die ——— — — 127— Schachtel, die ſchon meine Stube mit Wohlge⸗ ruͤchen zu erfuͤllen anfing, wieder los. Der. Miniſter war nach dieſem Vorfall guͤtiger gegen mich als vorher. Einige Tage vergingen, als mich der Miniſter zu einer ungewoͤhnlichen Stunde rufen ließ. Herr Sekretair, ſagte er, Sie fangen an ſehr nachlaͤßig in Ihren Geſchaͤf⸗ ten zu werden.— Wie ſo? Ihre Excellenz.— Ich habe nun ſchon ſeit vorgeſtern zwei Briefe nach Lyon beſtellt und habe ſie noch nicht.— Ich entſinne mich nicht den Befehl von Ihnen erhalten zu haben.— Nicht? So hat mir's bei der vielen Arbeit, mit der ich jetzt uͤberhaͤuft bin, nur ſo geſchienen. Ich konnte mir kaum vorſtellen, daß Sie, als ein ſo thaͤtiger Mann, wie Sie ſich immer gezeigt haben, etwas ſo lange verſchieben ſollten; ich nehme alſo meine vorige Anrede zuruͤck. Aber die Briefe muͤſſen heute noch fertig werden, ſie ſind wichtig; hier habe ich Ihnen ohngefaͤhr den Inhalt entworfen. Wenn Sie fertig ſind, kommen Sie in mein Kabinet, ich habe noch einen ſehr wichtigen Auftrag, den ich gerne durch Sie vollzogen wiſſen moͤchte. Schneller, als er vermuthete, hatte ich die Briefe geſchrieben, und war wiederr bei ihm. Er las die Briefe: Recht ſchon! ſagte — 128— er; nun ſetzen Sie ſich, wir muͤſſen von einer andern Sache ſprechen. Ich habe Nachricht, daß mein Bruder, der in Kronau als Oberſter geſtanden, geſtorben iſt, und ein anſehnliches Vermöͤgen hinterlaſſen hat. Da es aber außer Landes iſt, und die Hebung der Erbſchaft einige Schwierigkeiten vorausſetzt, iſt es hoͤchſt noͤthig, daß ich perſoͤnliche Vollmacht hinſchicke. Ich habe hier mein ganzes Zutrauen auf Sie geſetzt, und wenn Sie dieſe Reiſe unternehmen wollen, ſollen Sie bei Ihrer Ruͤckkunft gewiß Urſache haben, mit meiner Erkenntlichkeit zufrieden zu ſeyn. Die Reiſe iſt zwar weit, aber es ſoll Ih⸗ nen an nichts mangeln. Ich verlange keinen erzwungenen Entſchluß, uͤberlegen Sie es, und ſagen Sie mir morgen Antwort. Die Berathſchlagung, die ich bei mir ſebſt uͤber dieſen Vorſchlag hielt, dauerte nicht lange. Ich haͤtte zwar wegen des Poſſens, den ich ihm wider Willen mit der Schachtel geſpielt hatte, eine kleine Rache oder ein Mittel, ſich meiner auf eine gute Art zu entledigen, hinter der auf⸗ getragnen Reiſe vermuthen können; aber war⸗ um hierzu die großen Koſten, die ihm dieſe Reiſe machen mußte? Er haͤtte es als Mann, — 129—* deſſen Winke Machtſpruͤche ſind, kuͤrzer, und als geuͤbter Hofmann feiner anfangen können. Gleichguͤltig konnte die Urſache zur Reiſe und wenn auch jene erdichtet geweſen waͤre, nicht ſeyn; Vortheile mußten fuͤr ihn daraus ent⸗ ſpringen; und fuͤhrte ich das Unternehmen gluͤcklich aus, ſo war mein Gluͤck nach meiner . Zuruͤckkunft gegruͤndet; das Anſehn, in dem er bei Hofe ſtand, der maͤchtige Einfluß, den er uͤberall hatte, konnte mich in einen der glaͤn⸗ zendſten Poſten erheben. Was haͤtte mich alſo ohne beßre Ausſichten, ohne Aeltern und An⸗ verwandte zuruͤckhalten ſollen? Mein Entſchluß iſt gefaßt, Ihre Excellenz, ſagte ich mit heiterer Stirne, als ich den andern 3 Morgen in ſein Zimmer trat; ich reiſe, und wenn meine Kraͤfte nicht zu ſchwach ſind, will ich gewiß das Zutrauen, deſſen Sie mich wuͤr⸗ digen, verdienen.— Dieſe Antwort habe ich von Ihrer Ehrliebe im voraus erwartet, und ſchon Wechſel, Vollmacht und Briefe in Bereit⸗ ſchaft. Wenn die Wechſel nicht langen, habe ich dem Graf Burg Auftrag gegeben, Ihnen einen dritten auszuzahlen.— 22 — 130— Ich erhielt zwei Wechſel, jeden von hundert und funfzig Stuͤck Dukaten, und viele Briefe an Miniſters und Raͤthe des Kronauiſchen Ho⸗ fes. Den Tag darauf reiſte ich mit Extrapoſt ab. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Donner, Sturm und Wellen brauſten, Alle Elemente hauſten; Da kam eine Mädchenhand Und die Todesahndung ſchwand. Meine Neiſe ging geſchwind; nur zwei Bege⸗ benheiten, eine komiſche und eine traurige, muß ich erwaͤhnen. Ich kam in einem kleinen Staͤdtchen an, wo eben Jahrmarkt war. Da ich Pferde wechſeln mußte, hielt ich mich eine Stunde auf, und nahm mir vor, den Markt auch zu beſuchen. Am Ende deſſelben ſah ich einen großen Haufen Menſchen verſammelt; es war ein Marktſchreier mit ſeinem Hannswurſt, der auf einer hocherbauten breternen Bude ſtand, und den Leuten ſeine Medizin und Quak⸗ ſalbereien anbot. Er hatte Glaͤſer mit Kroͤten, Schlangen und großen Wuͤrmern aufgeſtellt, die er kranken Perſonen aus dem Leibe getrie⸗ ben und geſchnitten haben wollte. Das Volk ſtaunte voll Verwunderung, Bauer und Buͤr⸗ ger, ſchwangre Weiber und Maͤdchen kauften in Menge ſeine Puͤlverchen und Saͤftchen, und der Hannswurſt wußte ſie durch ſeine Poſſen und Bocksſpruͤnge immer mehr anzulocken und zu unterhalten. Ich machte einige Betrachtun⸗ gen uͤber die Thorheit dieſer Leute, und den Nachtheil, der fuͤr ihre Geſundheit daraus ent⸗ ſpringen konnte, als mit einmal der Hanns⸗ wurſt rief: He! Bruder Hering! biſt denn Du auch da? Willſt Du meinem Herrn etwa ein Succeßionspuͤlverchen fuͤr Deine Manichaͤer ab⸗ kaufen? Es entſtand ein Gelaͤchter, man ſah mich, und ich ſah den Kerl an. Er hatte ſich im ganzen Geſichte beſchmiert, er ſchien mir vöͤllig unbekannt, bis ich endlich in ihm Wind⸗ ſacken entdeckte, der, wie meine Leſer wiſſen, auf der Univerſitaͤt ſo viel Schulden gemacht hatte und davon gegangen war. Verdruͤßlich uͤber ſeine Unverſchaͤmtheit verließ ich den Ort und ging in den Gaſthof zuruͤck. Bald darauf kam er in anſtaͤndigerer Kleidung mir nach, bat — 132— ſeine Unbeſonnenheit mir ab, erzaͤhlte mir ſeine Schickſale, daß er ſchon Komoͤdiant, Seiltaͤn⸗ zer und Taſchenſpieler geweſen waͤre, und jetzt aus Noth bei dem Marktſchreier haͤtte Dienſte nehmen muͤſſen. Ich gab ihm aus Mitleid zwei Dukaten, und er verſprach mir, auf ei⸗ nem andern Wege ſein Fortkommen zu ſuchen. Ich ſetzte meine Reiſe fort, und nahte mich dem großen Speſſerwalde, durch welchen mich mein Weg fuͤhrte. Da es in demſelben unſi⸗ cher zu reiſen iſt, nahm ich Gewehr und Bede⸗ ckung mit. Wir waren ſchon tief hinein, als uns bei anbrechender Daͤmmerung ſechs Reiter umringten. Es waren Raͤuber, wir kamen mit ihnen in's Handgemenge, mußten der Menge, da wir nur viere waren, weichen und die Flucht ergreifen. Ich rettete mich ins dickſte Gebuͤſch, und war nur froh, daß ich meine Brieftaſche mit Wechſeln und Briefen gerettet hatte. Aber mein Zuſtand wurde ſchrecklich; ich hatte die Straße verloren, und war mitten im Walde; es wurde Nacht und kein Stern funkelte am Himmel; ſchwarze Gewitterwolken waͤlzten ſich heran, es donnerte, und auf den Donner folg⸗ ten fuͤrchterliche Blitze; der Wind heulte durch —— — 133— die hohen hundertjaͤhrigen Eichen; von ferne brauſte ein Strom, und dicht ſtuͤrzte der Regen auf mich herab. Ich arbeitete mich durch das Gebuͤſch, fand aber immer keinen Weg; faſt glaubte ich hier ſterben zu muͤſſen. Aeußerſt entkraͤftet entſchloß ich mich endlich ſtill zu ſte⸗ hen, und allem Trotz zu bieten. Der Regen hoͤrte wieder auf, ich hatte ohngefaͤhr eine halbe Stunde mich ruhig verhalten, als ich nicht weit von mir etwas rauſchen hoͤrte. Ich vermuthete eine Schlange, aber ein Blitz, der die Gegen⸗ ſtaͤnde um mich etwas erleuchtete, zeigte mir zu meinem groͤßten Erſtaunen eine menſchliche Fi⸗ gur. Auch ſie mochte beim Blitz mich geſehen haben und ſtand ſtill. Wer du auch biſt, Unbe⸗ kannter! habe Mitleid mit einem Verirrten, und fuͤhre mich an einen Ort, wo ich nur einige Stunden von dem Toben dieſer graͤßlicheu Nacht ausruhen kann.— Armer Fremdling! antwortete eine ſanfte Stimme, die ich ſogleich fuͤr eine weibliche erkannte, komm, folge mir! Ich kann dich zwar nur in eine Hohle fuͤhren; acber ich will deine Kleider trocknen, dich ſaͤtti⸗ gen und deiner pflegen. Sie reichte mir eine Hand, weich wie Sammt, die meine erfrorne zitternde mit angenehmer Waͤrme durchſtroͤmte. — 134— Weg war Furcht und Schrecken, ich fuͤhlte keine Beſchwerden mehr, ſondern folgte getroſt mei⸗ ner unbekannten Fuͤhrerin. Vier und zwanzigſtes Kapitel. 1 Iſt etwas lang, und handelt von Spitzbuben, aber nicht von wohlweiſen, ehrenfeſten, hochwürdigen, wohl⸗ unb hochgebohrnen, ſondern von Spitybuben, die ſich nicht ſchämen, ſo zu heißen. Sie fährte mich durch's dickſte Gebuͤſch; ich wollte zu reden anfangen, aber ſie gebot mir Stillſchweigen. Schweig jetzt! ſagte ſie mit leiſem warmen Haͤndedruck, jedes Wort hallt in weiter Entfernung wieder, und es ſind Waͤch⸗ ter ausgeſtellt, denen kein Schall entgeht, wir werden bald an einen Ort kommen, wo wir ge⸗ nug reden koͤnnen. Mit jedem Tritt kamen wir tiefer ins Gehoͤlze, wir mußten uns durch Straͤucher und Dornen arbeiten, uͤber herabge⸗ ſchleuderte Aeſte und zerſplitterte Baͤume hin⸗ wegſchreiten. Unermuͤdet bahnte ſie mir uͤberall den Weg, und doch waren meine Kraͤfte faſt —— —— — 155— erſchöpft. Eine halbe Stunde waren wir ohn⸗ gefaͤhr gegangen, als ſie ſtill ſtand. Das Ge⸗ witter hatte ſich unterdeſſen völlig verzogen, der Himmel war heiter und unbewoͤlkt, und der Mond ſchien hell und freundlich herab. Er ſpiegelte ſich in den blauen Augen meiner Fuͤh⸗ rerin; ich entdeckte in ihr ein Maͤdchen von ohngefäͤhr ſiebzehn Jahren, ihr Geſicht war voll, aber etwas blaß, ihr Haar blond und vom Wind und Geſtraͤuche zerzauſt, und ſie ſelbſt hatte ſich in einen Mannsrock gehuͤllt. Ge⸗ trauſt du dir wohl, ſagte ſie, auf dieſe Eiche da vor uns zu klettern? Es iſt leicht, die Aeſte ſind faſt Stufen aͤhnlich. Die Frage befremdete mich. Ich getrau' mir's wohl, antwortee ich, aber wenn ich nun hinauf bin, was dann?— Dann ſind wir ſicher, du kannſt deine Kleider trocknen und dich erholen. Ich ſeh', du wun⸗ derſt dich, ich will dir das Raͤthſel loͤſen. Wenn du hinauf biſt, wirſt du den Baum hohl finden; ſteig in die Oefnung, du wirſt auf ein Bret treten„ daß ſich ſogleich mit dir hinabſenken wird. Zage nicht, halte dich an den Stricken, die an beiden Seiten ſind, an, und fahr getroſt hinunter. Wenn du auf dem Boden biſt, tritt vom Bret herunter und drei Schritte ruͤckwaͤrts; — 136— im Augenblick wird das Bret wieder in die Höhe ſchnellen, ich folge dann und fuͤhre dich weiter. Nun, was zanderſt du? Furchtſamer! Was ein Maͤdchen wagt, kann ein Mann doch wohl auch wagen: Oder ſetzeſt du Mißtrauen in meine Rede? Wohlan! ſo ſteig' ich zuerſt hinab. — Sie ſprach ſo ſchuldlos, ſo mir an's Herz, daß ich mich meines Zoͤgerns ſchaͤmte. Ich klet⸗ terte hinauf, fand das Steigen leicht, und alles, wie ſte's geſagt hatte; binnen zwei Se⸗ kunden war ich im Stamme hinabgeſunken, und noch zwei, ſo war auch ſie wieder bei mir. Nur wenig Licht ſiel von oben herunter; in einer Oefnung in der Wand ſtand ein Feuerzeug, da⸗ durch erhielten wir brennendes Licht. Um uns war ein leerer Raum ohngefaͤhr von zehn Schrit⸗ ten in die Runde, links fuͤhrten fuͤnf Stufen in einen unterirdiſchen Gang. Ehe ich ihr in den⸗ ſelben folgte, wollte ich meine Neugierde befrie⸗ digen, und mich von der Art, wie ich herunter gekommen war, genauer uͤberzeugen. Was ich nicht bemerken konnte, erklaͤrte ſie mir; die Sache ging ganz natuͤrlich zu. Es waren oben an beiden Seiten Kloben befeſtigt, zwiſchen welchen an doppelten Stricken ein rundes Bret hing; die Stricke gingen hinter den Kloben — 137— herunter, und an ihnen hingen eiſerne Gewichte unter der Schwere eines Menſchen. Trat je⸗ mand anf das Bret, ſo ſank er herab und rollte die Gewichte an den Kloben in die Hoͤhe, trat man herunter, ſo ſchnellte es von ſelbſt wieder hinauf. Die Eiche war von großem Umfang, faſt ganz eingegangen, und der Wipfel abgetra⸗ gen, doch hatte man die Oefnung kuͤnſtlich mit den Aeſten der naͤchſten Baͤume verborgen. Da ſie uͤberdies im unzugaͤnglichen Gebuͤſch ſtand, konnte niemand, als wer davon wußte, etwas ahnden. Mich befremdete der Zweck dieſer Ein⸗ richtung, und ich hoffte ihn vielleicht zu erfah⸗ ren. Wir gingen nun in den finſtern Gang; das erſte, worauf wir ſtießen, war eine eiſerne Thuͤre: meine Fuͤhrerin oͤffnete ſie, und ſo noch zwei, deren jede in einer Entfernung von zehn bis zwoͤlf Schritten folgte. Die letzte brachte uns in ein Zimmer, das voͤllig ausmoͤblirt und mit jeder Bequemlichkeit verſehen war; es ſtie⸗ ßen noch mehr kleine Gemaͤcher dran, in wel⸗ chen Kiſten, Faͤſſer und Lager von Matratzen ſtanden. Wir blieben in den erſtern. Hier, ſagte ſie, indem ſie mir einen langen leinenen Schlafrock reichte, entkleide dich, ich will indeß fuͤr deinen Magen ſorgen, und dann mich ein — 138— Stuͤndchen neben dich ſetzen und dir Dinge er⸗ zaͤhlen, die zu wiſſen ich dir die Begierde auf der Stirne leſe. Sie ging, ich warf meine trie⸗ fenden Kleider von mir, ich hoͤrte Feuergepraſ⸗ ſel, ſie holte meine Kleider zum Trocknen, und bald darauf kam ſie wieder und brachte in irde⸗ nen Gefaͤßen eine labende Suppe, Zugemuͤſe, und Fleiſch und Wein. Iß und trink, lieber Fremdling, ſagte ſie, auf wenig Augenblicke verlaſſe ich dich, ich habe noch einen Gaſt, den ich erquicken muß. Warum eß ich nicht mit ihm in Geſellſchaft? fragte ich.— Sei froh, daß du es nicht darfſt, wenigſtens nicht in ſei⸗ ner Wohnung, es wuͤrden dir ſonſt auch Schlan⸗ gen Tafelmuſik ziſchen.— Und du retteſt ihn nicht?— Wenn ich's koͤnnte! Oft ſchon haben ſich dieſe Arme, die Kraft genug hatten Buben von ſich zu ſchleudern, an eiſernen Stangen und Riegeln, ſtaͤrker als ſie, blutig geriſſen;— doch mehr davon nachher, jetzt muß ich hin, daß ſich der Arme labe. Sie eilte fort, Thuͤren knarr⸗ ten, Schlöſſer raſſelten, und das Getöſe hallte in meiner Seele wieder. Unruhe wuchs in der⸗ ſelben eben ſo ſtark, als mein Leib durch Ruhe und Ergnickung genas. Haͤtte nicht jedes Wort, jede Miene von ihr Sanftmuth prophezeiht, — 139— ich haͤtte Urſache gehabt alles zu fuͤrchten. Meine Phantaſie ſchuf aus dem Schreckbaren der Hoͤle tauſend ſchaudernde Ahndungen. Ich hatte ge⸗ geſſen und beſah die Gegenſtaͤnde um mich naͤ⸗ her. Ich öͤffnete einen Schrank und Dolche und Saͤbel blitzten mir entgegen; Fallthuͤren entdeckte ich auf dem Boden; mit Blut waren die Waͤnde beſpritzt, und uͤberall waren Spu⸗ ren von Mord. Mitten im Gemiſch der Ge⸗ danken, die mich erfuͤllten, kam meine Retterin zuruͤck. Nun haſt du dich erholt? fragte ſie laͤ⸗ chelnd.— Erholt zwar, aber nicht beruhigt; ich kann dein frohes Laͤcheln, deinen heitern Blick mit dieſen Werkzeugen des Todes und dieſen blutbeſpritzten Steinen nicht reimen.— Sie ſoll bald ſchwinden deine Unruhe. Ver⸗ ſprich mir Verſchwiegenheit, und du ſollſt meine und dieſer Hoͤle Geſchichte erfahren.— Hier meine Hand, und, wenn du's erlaubſt, einen Kuß ſtatt des heiligſten Schwurs!— Zum Schwur braucht's keinen Kuß, aber du duͤnkſt mir brav und gut; deswegen, und— dir die letzten Schaner der ſtuͤrmiſchen Nacht zu ver⸗ ſcheuchen,— ſollſt du ihn haben. Jetzt hoͤre, denn nur noch zwei kurze Stunden ſind es, ehe — 140— der Morgen anbricht und wir uns trennen muͤſ⸗ ſen.— Sie erzaͤhlte: 1 Fruͤh, als ich noch nicht ihren Namen ſtam⸗ meln konnte, verlor ich meine Mutter. Mein Vater war ein Kaufmann, er wollte ſich Kut⸗ ſche und Pferde halten, und machte einen an⸗ ſehnlichen Bankerot; der eine Regierungsrath war ſein Schwager, in den Keller des andern ließ er ein Dutzend Eimer alten Rheinwein ſchroten, und die Sache wurde ſo geſchlichtet, daß er vierzig Procent gab. Drei Tuchmacher und ſechs Leineweber mußten ſeinetwegen ihre Stüͤhle eingehen laſſen, er kaufte ſich ein Rit⸗ tergut, lebte flott und guter Dinge, machte neue Schulden, bis endlich kein Halm auf dem Felde und kein Ziegel auf dem Dache mehr ſein war. Die Schuldner klagten ihn aus, das Gut wurde angeſchlagen, und ihm blieb keine Aus⸗ ſicht uͤbrig, als auf gut Gluͤck alles zu unterneh⸗ men. Zur naͤmlichen Zeit brach jener kurze Krieg aus; es wurden Freikorps errichtet, und durch Kopf und Verwegenheit ſchwang er ſich bald zum Offizier. Mich nahm eine Anver⸗ wandte zu ſich, der ich meine geringe Bildung zu danken habe. Nach einem Jahre hatte der — — — 141— Krieg ein Ende; die freiwilligen Truppen er⸗ hielten ihre Dimiſſion, und mit ihnen auch mein Vater. Da es meiſt zuſammengelaufnes Geſindel war, das ſich ehrlich zu naͤhren ſich ſchaͤmte, und entweder keine Luſt oder keine Geſchicklichkeit zu arbeiten hatte, ſo war die ganze Gegend bald mit Taugenichtſen uͤber⸗ ſchwemmt, die dem Staate Unruhen drohten, und, um nicht zu verhungern, zum Rauben und Pluͤndern ihre Zuflucht nahmen. Mein Vater ging in die Reſidenz ſeines Vaterlandes, hielt um einen Thorſchreiber⸗ oder Viſitator⸗ dienſt an, und wurde zur Geduld verwieſen; als ihm endlich der Kutſcher, der ihm vormals, als er noch reich und beguͤtert war, auf den Wink folgen mußte, vorgezogen wurde, weil er die Magd des Bedienten beim Sekretair des Finanzraths heirathete, verließ er mißmuthig ſein Vaterland und ging an den Kronauer Hof, in Hoffnung hier vielleicht eher ſein Unterkom⸗ men zu finden: Aber auch dieß ſchlug fehl, denn er war nicht katholiſch, und alſo weder ein Je⸗ ſnit noch ein franzöſiſcher Landlaͤufer. Ver⸗ zweiflung trieb ihn zum Entſchluß, in Amerika⸗ ſein Gluͤck zu ſuchen, und ſein Weg fuͤhrte ihn durch dieſen Wald, wo eine Menge verabſchie⸗ 8 — 142— deter Soldaten und anderer luͤderlichen Leute eine Raͤuberbande gebildet hatte, die ſich durch Mord⸗ und Schandthaten der ganzen Gegend furchtbar machte. Auch mein Vater ſiel in ihre Haͤnde, wurde von einigen, die mit ihm unter einem Regimente gedient hatten, er⸗ kannt und uͤberredet, einige Zeit bei ihnen zu bleiben und zu ſehen, wie ihm das Leben be⸗ hage. Die ganze Rotte beſtand aus rohen ver⸗ wegnen Kerls, die keine Handlung zu abſcheu⸗ lich fanden, und nicht einer war unter ihnen, der mit Kuͤhnheit Klugheit und einige Menſch⸗ lichkeit verbunden haͤtte. Deſto mehr zeichnete ſich mein Vater aus, er gab keinem nichts an Muthe nach, uͤbertraf alle an liſtigen und fein uͤberdachten Anſchlaͤgen, und ſuchte ihnen Wi⸗ derwillen gegen Morden und Blutvergießen einzufloͤßen. Wozu er den Plan entwarf, das ging jederzeit gluͤcklich von ſtatten, oft rettete ſeine Vorſicht ſie aus Fallen, die man ihnen gelegt hatte, und wo andere nur durch Feuer und Schwerdt durchzukommen gedachten, ge⸗ langte er durch Liſt zum Ziel. Dadurch ver⸗ ſſchaffte er ſich allgemeine Achtung und Zutrauen. Man unternahm nichts ohne ſeinen Rath, un⸗ terließ alles, was er mißbilligte, und als bei — 145— einem Ueberſalle der Anfuͤhrer getoͤdtet wurde, erwaͤhlte man ihn einſtimmig dazu. Er fuͤhrte nun ſtrenge Unterwuͤrſigkeit ein; was er befahl, mußte puͤnktlich befolgt werden. Wer einen Mord begeht, wer einem Reiſenden den letzten Zehrpfennig raubt, wer ein Maͤdchen ſchaͤndet, dem ſpaltet mein Hirſchfaͤnger den Kopf, ſagte er, und niemand uͤbertrat das Gebot. Man ſprach uͤberall von der Raͤuberbande, aber man ſagte, es ſind edle Raͤuber. Einſt ritt der Ober⸗ kammerherr des Kronauiſchen Hofes mit eini⸗ gem Gefolge durch den Wald; man ſiel ihn an, und er hetzte ſeine engliſche Docke unter die Raͤuber. Laß das ſeyn! rief mein Vater, gib uns deine Koſtbarkeiten und dein Geld bis auf ſo viel, als du zur Heimreiſe brauchſt, und zieh in Frieden. Der Kammerherr wollte nicht hö⸗ ren, er kannte ſeine Docke, ſie riß drei Mann zu Boden und verwundete ſie hart. Mein Va⸗ ter wurde hitzig, jagte dem Hunde eine Piſto⸗ 4 lenkugel durch den Kopf, ließ ihn rein auspluͤn⸗ dern und machte ſich davon. Den Kammer⸗ herrn ſchmerzte der Verluſt ſeines Geldes, und noch mehr ſeiner Docke; er erzaͤhlte den Vorſall bei Hofe, vergroͤßerte ihn, und bewirkte, daß ein ſtarkes Kommando in den Wald abgeſchickt —— — 144— wurde, die Bande aufzuheben. Es ſielen hitzige Scharmüͤtzel auf beiden Seiten vor, doch den Hauptſitz konnten die Soldaten nicht ausſpaͤ⸗ hen, und haͤtten ſie ihn auch ausgeſpaͤhet, ſo war's faſt unmoͤglich, ihn ſeiner Feſtigkeit we⸗ gen, ohne Kundſchaft und grobes Geſchuͤtz zu erobern. Aber ein faſt nicht minder ungluͤckli⸗ cher Zufall ereignete ſich. Bei einem Gefecht wagte ſich mein Vater zu weit von den Seini⸗ gen, und wurde gefangen. Dies ſpornte die Raͤuber zu doppelter Tapferkeit an; ſie raͤchten die Gefangenſchaft ihres Anfuͤhres hart an den Koͤpfen ihrer Feinde. Wir muͤſſen unſern Hauptmann retten! trat einer der Kuͤhnſten einſt in die Verſammlung, denn wie lange wird's dauern, ſo fuͤhrt man ihn zum Tode, und der Kopf, der alle unſre Anſchlaͤge beſeelte, kollert auf das breterne Blutgeruͤſt. Wir wol⸗ len ihn retten, riefen alle zugleich, und riſſen ihre Hirſchfaͤnger aus den Scheiden. Sengen und brennen, morden und wuͤthen wollen wir, bis er wieder in unſrer Mitte iſt! So wurde es beſchloſſen, und ſchon am kuͤnftigen Morgen wwoollte man anfangen, die fuͤrchterlichſten Plaͤne in Erfuͤllung zu bringen. Am Abend ſaß man noch und dachte uͤber die beſten Mittel der Aus⸗ —— 2 — 145— fuͤhrung nach, als plötzlich am Eingange der Höle das gewoͤhnliche Zeichen, wenn einer von ihnen abweſend war und eingelaſſen werden wollte, gegeben wurde. Staunend ſah man einander an, denn keiner von ihnen fehlte, und es war alſo nichts gewiſſer, als daß Liſt und Verraͤtherei ihnen drohe. Das Zeichen wurde mit Nachdruck wiederholt, und der, dem man bisher die Anfuͤhrung abertragen hatte, befahl, daß einige mit leiſem Tritt ſich dem verborgnen Eingange naͤhern ſollten, um zu erſorſchen, ob vielleicht Gefahr zu befuͤrchten ſey. Sie ſchli⸗ chen unbemerkt hinzu, ihrem Ohr entging keine Bewegung, aber weder Menſchenſtimmen, noch Pferd⸗ und Waffengeraͤuſch war zu vernehmen, nur der ſtarke Othemzug eines Mannes ſchien ihnen hoͤrbar. Schon wollten ſie zuruͤckkehren, als der Unbekannte huſtete. Wie ſchnell wan⸗ delte ſich ihre Ahndung der Gefahr in ein freudiges Erſtaunen um. Sie erkannten ihren gefange⸗ nen Hauptmann. Iſt's Wetterburg, unſer Hauptmann, oder taͤuſchen wir uns? riefen ſie. Er iſt's, Kammeraden! antwortete er. Im Augenblick ſenkte ſich die bemooſte Fallthuͤre, und ſie fuͤhrten ihn jubelnd in die Verſamm⸗ lung. Kaum konnten dieſe ihren Augen trauen. K — 146— Dein Geiſt, ſchrien ſie einſtimmig, oder du ſelbſt?— Das mag euch dieſer bruͤderliche Haͤndedruck beweiſen. 4 Er ſollte nun die kurze Geſchichte ſeiner Ge⸗ fangenſchaft und Befreiung erzaͤhlen. Dieſe Freude, fing er an, waͤre mir bald verbittert worden; denn der Scharfrichter hatte ſich ſchon ein neues Schwerdt beſtellt, weil ihm das alte fuͤr meinen Hals zu ſchwach ſchien. Ich wurde in ein Loch geworfen, wo mich die Ratten mit ihren Schwaͤnzen um's Maul herum ſchlugen, wenn ich mein Waſſer und Brod verzehren— wollte. Taͤglich wurde ich auf das ſtrengſte ver⸗ hört, ich ſollte erzaͤhlen, was wir veruͤbt häͤt⸗ ten, wer und wie viel wir waͤren, wo wir uns beſonders aufhielten, und was dergleichen dum⸗ me Fragen mehr waren. Bald verſprach man mir Gnade, bald drohte man mir mit dem ſchrecklichſten Tode; bei jener ſah ich finſter aus, bei dieſem laͤchelte ich. Ich haͤtte nichts geſtan⸗ den, und wenn man mich auf die Folter ge⸗ ſpannt und zuſammengeſchraubt haͤtte, daß das Blut unter meinen Fußzehen mir zu den Augen heraus gequollen waͤre. Dinge, die man mir beweiſen und ich nicht laͤugnen konnte, waren — 147— die Urſache zu meiner Verurtheilung, und ſchon häͤtte ſich mancher Rabe an meinem Aaſe ſatt gefreſſen, wenn nicht die zweite Nacht vor mei⸗ ner beſtimmten Hinrichtung ploͤtzlich die eiſerne Thuͤre meines Kerkers aufgeraſſelt und eine Perſon, in einen weiſſen Mantel gehuͤllt, her⸗ eingetreten waͤre. Iſt dir an Freiheit und Leben etwas gele⸗ gen, redete ſie mich an. Konnte es eben nicht ſagen, antwortete ich.— Starrkopf! ich will durch mein Verſprechen kein Geſtaͤndniß deiner Thaten erpreſſen; antworte auf meine Frage! — Freilich iſt mir mein Kopf auf dem Rumpfe lieber, als auf dem Rade.— Kannſt du ſchwei⸗ gen?— Wie ein Stummer. Kannſt du auch Wort und Schwur halten?— Was ich gelobte brach ich nie, und werde es auch nie brechen, ſo wahr ich laͤcheln werde, wenn uͤbermorgen das Schwerdt meine Gurgel durchſchneidet.— So kannſt du dieſe Nacht noch das Gefaͤngniß verlaſſen.— Sie legte mir Bedingungen und eine Boͤrſe mit hundert Stück Lonisd'ors vor. Dieſe nahm ich, und jene muß ich halten. Dringt nicht auf weitere Erklaͤrung, ich habe geſchworen, keinem Menſchen die Bedingungen zu entdecken, und auch Raͤuber muͤſſen Wort halten. Genug, daß ich euch, daß ihr mich wieder habt. Morgen um Mitternacht holen wir einen Gefangnen, den wir in der Baumhoͤle bewachen werden, und binnen einem Monat duͤrfen wir nichts unternehmen, dann koͤnnen wir nach und nach unſer Handwerk wieder anfangen. Der Ge⸗ fangne wurde in dies Gefaͤngniß gebracht, wel⸗ ches nun ſchon ſechs Jahre lang ſein Aufenthalt iſt. Vor zwei Jahren holte auch mich mein Vater von meiner Anverwandten; er taͤuſchte mich mit Hoffnung eines ruhigen Lebens, und fuͤhrte mich in eine Raͤuberhoͤle, wo wilde, ge⸗ fuͤhlloſe Maͤnner meine Geſellſchafter wurden. Mein und noch eines andern Maͤdchens, der Schweſter eines Raͤubers, Geſchaͤft iſt nun, die Wirthſchaft zu beſorgen, und die uͤbrigen weib⸗ lichen Arbeiten zu verrichten. Dein Blick, lie⸗ ber Fremdling, verraͤth Beſorgniß, ob in ſo verworfner Geſellſchaft ſich die Unſchuld eines Maͤdchens habe erhalten koͤnnen. Sie wuͤrde es nicht vermögend geweſen ſeyn, wenn das Anſehen meines Vaters, der bei der Niedrig⸗ keit ſeiner Lebensart doch noch die Tugend ſeiner — F—̈⏑ÿ⏑———n— — — 149— Tochter ehrt, und eher ſein Leben verlör, als dieſe entehrt ſaͤhe, mich nicht vor jeder Nach⸗ ſtellung und Gewaltthaͤtigkeit ſchuͤtzte. Der größte Troſt in meiner Lage iſt, daß meine Ge⸗ faͤhrtin, ein gutes empfindſames Herz beſitzt, und mit meinen Geſinnungen ſo ziemlich uͤber⸗ einſtimmt. Unſer groͤßtes Vergnuͤgen beſteht darinne, dieſen armen gefangnen Juͤngling, der aͤußerſt ſtreng gehalten werden ſoll, mit weiſſer Waͤſche zu verſehen, und ihn faſt alle Naͤchte mit Trank und warmen Speiſen zu er⸗ quicken. Dies iſt kuͤrzlich meine Geſchichte, und nun genug vor jetzt; die Zeit, da ich dich verlaſſen muß, iſt da, den heutigen Tag mußt du hier zubringen, ſo bald die Nacht wieder ein⸗ bricht, bin ich wieder bei dir, und geleite dich ſicher auf die Straße, wo du hin willſt.— Sie gab mir reichlich zu eſſen und zu trinken, und entfernte ſich; aber ſie konnte nicht wieder durch den Baum aus der Hole kommen, durch dieſen konnte man blos hinabſteigen; es war ein eig⸗ ner Ausgang. Ich ging mit ihr durch einige Gemaͤcher und einen langen Gang, an deſſen Ende ſie uͤber ſich einen Riegel hinwegſchob. Zwei Steine gaben ſich von einander, ich druͤckte — 150— noch einen warmen Kuß auf ihre Lippen, und ſie ſtieg hinauf. Hingeriſſen von der Erzaͤhlung und dem ſ Charakter dieſes ſonderbaren Maͤdchens, haͤtte bei der Verſicherung, daß ſie die Meinige wer⸗ den ſollte, wenig geſehlt, daß ich ſelbſt Raͤuber geworden waͤre, um ſie vielleicht bei guͤnſtiger Gelegenheit aus ihrer Lage zu befreien, und dann mit ihr gluͤcklich zu leben. Doch bei kaͤl⸗ terer Ueberlegung ſchienen mir auch ohne dieſen Schritt Mittel hierzu vorhanden zu ſeyn. Ihre Geſchichte hatte mich ſo ſehr mit Verwunderung erfuͤllt, daß mir jetzt erſt eine Menge Fragen einfielen, die ich mir ſo gerne von ihr haͤtte be⸗ antworten laſſen. Deſto mehr ſoll ſie dir kuͤnf⸗ tige Nacht erzaͤhlen muͤſſen, dachte ich, und ſchlich in das Gemach, wo wir geſeſſen haunen, 1 zuruͦck. — 151— Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. Was das für dummes Geſchwätz iſt⸗ Jo warf mich auf einen Stuhl, ſtopfte mir eine Pfeife Tabak und blies dicke Rauchwolken gegen die ſchwarzen Waͤnde. Es war eine Lage ganz fuͤr die Phantaſie zu duͤſtern Bildern ge⸗ ſchaffen. Ein finſtrer dunkler Raum von keinem Sonnenſtrahl, nur vom blaſſen Scheine einer Lampe erleuchtet— dies eine Raͤuberhoͤle— ich hier, weder ſelbſt Raͤuber noch ihr Gefang⸗ ner,— ſitzend auf einem Stuhl, wo vielleicht ein Maͤdchen um ihre Unſchuld gewimmert,— tretend auf dem Steine, wo vielleicht das Blut eines unſchuldig Gemordeten vertrocknet war, — vor meiner Seele noch die Erzaͤhlung des Maͤdchens, die ich jetzt erſt von einer andern Seite zu betrachten anfing. Wetterburg war reich, verſchwendete ſein Vermoͤgen und wurde Soldat; Schickſal und Erfahrung hatten ihn klug gemacht, er hielt um ein Aemtchen an, und wuͤrde hier vielleicht ſeine Pflichten treulich er⸗ fuͤllt haben; aber uͤberall wieß man ihn ab, Verzweiflung trieb ihn fort, er ſah keinen Weg — nnnInn — 152— ſein Brod zu verdienen, und wurde durch Zufall Raͤuber; er raubte, weil's nun ſein Geſchaͤft war, er flößte ſeinen Kammeraden Menſchlich⸗ keit ein, raubte nur, mordete aber nicht; er fuͤhrte Dinge aus, die den Beherzteſten wie den Kluͤgſten zum Erſtauen hinriſſen; haͤtte man 4 ihm Regimenter zur Anfuͤhrung gegeben, und ihn in's Getuͤmmel der Schlacht geſchickt, er waͤr laͤngſt durch Blut und Gehirn zur Hoͤhe eines Generals hinangewadet, oder haͤtte ein Feind, der ſeinen Vater gemordet, ſeine Mut⸗ ter geſchaͤndet hatte, und aus Deſperation un⸗ ter die Soldaten gelaufen war, ihm eine Kugel. durch's Herz gejagt, ſo waͤr er in Marmor ge⸗ 1 hauen und ausgeſtellt zur Bewunderung und ½ Nachahmung der ſpaͤtern Enkel: Aber ſo wurde — er in den Kerker geworfen, nicht weil die Klage des beraubten Unterthanen bis zum Throne ge⸗ langt war, ſondern weil er den Hund eines Kammerherrn erſchoſſen hatte. Man verhoͤrte ihn, und er geſtand nichts, er ſollte durch die Hand des Henkers ſterben und ſein Koͤrper auf's Rad geflochten werden.— Gerecht?— Auch ich muß Gerecht! rufen, ſonſt waͤr's morgen Toiletten⸗ und Expeditionsgeſpraͤch, daß auch ich unter ſeine Bande gehbre.— Ein Ohnge⸗ — 153— fäͤhr rettet ihn vom Tode. Aber wie nennt ihr dieſen Mann? Einen Verruchten, einen Böͤſe⸗ wicht! Ich nenn' ihn einen Gefallnen. Wer den Grund wiſſen will, komme auf den juͤngſten Tag wieder, da will ich's ihn im Buche der Vorſehung leſen laſſen. Weiter in dieſer Ge⸗ dankenkette. Ich will mich einmal ſatt fragen bei euch, ihr Geſchöpfe, die man Menſchen nennt.— Den Fuͤrſten, der eines wilden Schweins wegen Saaten und Felder verwuͤſtet; der am durchwuͤhlten Buſen einer Maitreſſe ſchwelgt, wenn ſeine großen Fleiſcherknechte mit Port'epees und Orden Tauſende der Hoff⸗ nung entgegenfuͤhren, Kruͤppel zu werden oder zu machen, zerſtampft und vernichtet zu werden, oder ſelbſt zu zerſtuͤmmeln und zu morden; der, auf den Wink ſeiner Buhlerin, Maͤnner von Verdienſt ihrer Aemter entſetzt und Schurken erhebt; der ſeinem Lande Abgaben aufbuͤrdet, daß eer ihr jaͤhrlich zehntauſend Thaler Nadel⸗ gelder geben kann, daß ſich zwei brillantne Uh⸗ ren in ihrem Schooße wiegen koͤnnen, und daß woͤchentlich neumodiſcher Stoff ihre uͤppigen Glieder umwalle; der den Weiſen, welcher zu laut Wahrheit ſpricht, in Feſſeln ſchmieden laͤßt; deſſen Ohr taub iſt gegen das Wimmern der Armuth; der fuͤr ein Feuerwerk ſo viel verſchleu⸗ dert, daß die Haͤlfte hinreichend waͤre, Hun⸗ derte vom Bettelſtabe oder Hungertode zu ret⸗ ten. Wie nennt ihr dieſen Mann?— Hung⸗ rige Dichter ſingen ſein Lob und Buben lecken ſeinen Speichel.— Den Miniſter, der das Ruder des Staats in ſeiner Rechte fuͤhrt, von deſſen Rediichkeit das Wohl Unzaͤhliger ab⸗ haͤngt; der aber ein Herz kalt wie Eis und hart wie Stahl im Buſen traͤgt; dem Stolz, Geiz, Verſchwendungsſucht oder ein andres Laſter der Sporn zu jeder Handlung iſt; bei dem der Rei⸗ che mit goldgefuͤllter Hand mehr gilt, als die Thraͤne des Unglücklichen; vor deſſen Thuͤre der Bedraͤngte um Recht fleht und hinabgeſtoßen wird, daß er ſeinen letzten Groſchen in die Apo⸗ theke tragen muß, um den Schmerz ſeiner ver⸗ letzten Glieder zu lindern; bei dem der Bediente oder die Kammerjungfer entſcheidet, ob das er⸗ ledigte Amt ein Dummkopf oder ein brauchba⸗ rer Mann erhaͤlt; der jeden Rechtſchaffnen, der ſeiner Größe furchthar ſcheint, zu entfernen weiß, es ſey durch Gift oder Dolch— das ſind leere Toͤne fuͤr ſein Gewiſſen;— der wie ein Blutigel ſich an das Mark des Landes ſetzt, es bis auf den letzten Tropfen ausſaugt, dann frei⸗ — — — 155— willig aus ſeinem Poſten tritt und ruhig auf ſei⸗ nen Schlöſſern das zerruͤttete, Einſturz drohende Gebaͤude betrachtet.— Wie nennt ihr dieſen Mann?— Die Räͤthe, die bis um acht ſchla⸗ fen, dann in's Kabinet fahren, zwei Stunden von Stadtneuigkeiten reden und an den Federn kauen, dann zum Souper, dann zum L'hombre, dann in die Oper, und endlich wieder in's Neſt fahren.— Wie nennt ihr dieſe?— Faul⸗ St! keine Sylbe mehr, ſonſt erhaltet ihr in eurem Leben keinen Viſitatordienſt.+ Amt⸗ leute, die sub specie recti den Bauern das Fell uͤber die Ohren ziehen, daß ſie zuletzt Haus und Hof verkaufen muͤſſen; Advokaten, die euch durch Liſt und Chikane den Beutel ausfegen; Prieſter, die auf der Kanzel mit borſtigen Augbraunen und ſtraͤubender Stutz⸗ peruͤcke wider Unkeuſchheit, Geiz und Zwie⸗ tracht eifern, und ſich eine junge Koͤchin hal⸗ ten, keinen abſolviren, ehe er den Beichtgro⸗ ſchen zahlt, und mit Gemeinde, Edelmann und Schulmeiſter in ſtetem Zanke leben; Phi⸗ loſophen, die auf dem Lehrſtuhl ſich Götter der Erde dünken, das Ohr des Zuhörers mit Wort⸗ pomp betaͤuben, von Seelengroͤße, Gefuͤhl und Eitelkeit predigen, und in ihren Wohnungen— — 156— keinem Bettler einen Pfennig geben, ihren Weibern die neuſten Moden kaufen, und im gemeinen Leben ein Ball jeder Leidenſchaft ſind. Schulmonarchen, die jeden fuͤr einen Pinſel halten, der nicht Griechiſch und Lateiniſch ver⸗ ſteht, die durchleſne Folianten fuͤr Stufen in den Himmel anſehen, die ihre Zöglinge wie eine gelehrte Schweineheerde betrachten, die nichts freſſen ſoll, als Varianten, Noten zum Tert und lateiniſche und griechiſche Verſe.— Den Kaufmann, der bei einer Gaſterei Hun⸗ derte verſchwendet, und einen armen Hand⸗ werksmann wegen zehn Thaler Schuld aus⸗ pfaͤnden und hinſetzen laͤßt, der nicht das Wehkla⸗ gen ſeines Weibes und halbnackender, uner⸗ zogner Kinder hört, ſondern ruhig ſeine Taſſe Chokolade ſchluͤrft, und dieſe der Folter des Hungers und der Verzweiflung uͤberlaͤßt.— Wie nennt ihr dieſe?— Geiſſeln der Menſch⸗ heit! Narren! Heuchler! Peiniger! und doch eure Bruͤder!— So haͤtte ich gewiß noch laͤnger mit mir ſelbſt geeifert, wenn meine Pfeife nicht aus⸗ gegangen waͤre, und auch das Licht zu verlö⸗ ſchen angefangen haͤtte. Der Gedanke, mit —— —— — 157— dem Gefangenen zu reden, und vielleicht ver⸗ ſchiednes von ihm zu erfahren, fuhr mir durch den Kopf. Ich ſprang auf, zuͤndete ein neues Licht an, und ſuchte das Gefaͤngniß. Sechs Stufen tiefer fand ich es; ein kleines Gitter⸗ fenſter ging hinein, und eine eiſerne Thuͤre mit ſtarken Riegeln verwahrte es. Er hatte mich an meinem maͤnnlichen Tritt fuͤr einen Raͤuber gehalten, und nur dann uͤberzeugte ich ihn vom Gegentheil, als ich ihm ſagte, was ich durch meine Retterin von ihm wußte, und den Wunſch aͤußerte, ihn retten zu koͤnnen. Auch dich hat das edle Maͤdchen gerettet, rief er mit einem Ausdruck, der Gefuͤhl verrieth; „ wenn wir ihr doch recht thaͤtig danken koͤnn⸗ ten. Hierauf erzaͤhlte er mir, daß er von ſei⸗ ner erſten Kindheit an, aus welcher er ſich nur noch zu erinnern wiſſe, daß die Gegen⸗ ſtaͤnde um ihn ſehr glaͤnzend geweſen waͤren, in ein Kloſter gebracht, daſelbſt aͤußerſt ſtreng erzogen, und dann ohne das geringſte Verge⸗ hen in dies Gefaͤngniß geſetzt worden waͤre, wo ſein Zuſtand ſehr klaͤglich ſeyn wuͤrde, wenn Hannchen und Röschen, ſo nannte er die bei⸗ den Raͤubermaͤdchen, ihn nicht auf jede Art zu lindern ſuchten. Hinter ſeinem Schickſale ſchien mir etwas Wichtiges verborgen zu liegen, und deſto groͤßer wurde meine Begierde, ihn zu be⸗ freien. Sogleich ſchritt ich zu einem Verſuch. 19 Die Thuͤre vermochte ich ohne außerordentliche Werkzeuge menſchlicher Kraͤfte nicht zu erbre⸗ chen, aber die eiſernen Gitterſtaͤbe duͤnkten mir weniger feſt, und waren dieſe weggebrochen, ſo konnte fuͤglich durch die Oefnung ein Menſch von mittlerer Größe kriechen. Ich fand ein Beil und ein großes Meſſer; der Stein, in welchem die Staͤbe befeſtigt waren, war etwas. muͤrbe; binnen einer halben Stunde hatte ich drei Staͤbe losgearbeitet, und binnen einer* ganzen war das Gitter völlig in meinen Haͤn⸗ den. Ich leuchtete hinein, und erblickte einige Schuͤtten verfaultes Stroh und einen blaſſen hagern Juͤngling von ohngefaͤhr ſechzehn Jah⸗ ren. Ich half ihm heraus, und durchſtroͤmt vog namenloſer Freude, ſank er in meine Arme. Engel! Retter! rief er, koͤnnte ich nur den tau⸗ ſendſten Theil meines Gefühls in Ihre Seeie uͤberhauchen, daß Sie auf das Entzuͤcken meines Juͤnglings ſchließen könnten, der nichts verbro⸗ chen hat, als daß er Menſch iſt, der, vielleich die Schuld ſeines Vaters zu buͤßen, oder als ein Opfer der Rache, faſt von ſeiner Geburt an —— unter der Zucht grauſamer Moͤnche leben, dann ſechs Jahr im elendeſten Kerker ſchmachten mußte, und der jetzt den erſten freien Augen⸗ blick genießt. Und dieſen Ungluͤcklichen, Schuld⸗ loſen haben Sie gerettet! Dieſe einzige That uͤberwiegt ein ganzes Leben gemeiner Thaten; bei der Erinnerung derſelben muß kein Schmerz Ihnen zu bitter und jede Freude doppelt ſuͤß ſeyn. Aber fort aus dieſem Aufenthalte! laſſen Sie uns fliehen, wohin es ſey, ſelbſt Madrits Inquiſitionsgebaͤude können kaum ſchrecklicher fuͤr mich ſeyn.— Mich ſelbſt trieb ein innerer Drang zur ſchleunigen Flucht. Wir nahmen jeder aus dem Schranke, wo die Gewehre hin⸗ gen, einen Hirſchfaͤnger, packten die vorhande⸗ nen Speiſewaaren ein, und ſo verließen wir die Hole. Wolf,— ſo hatte man meinen Befreiten bisher genannt— wußte ſich noch zu erinnern, daß man ihn von der Seite, wo die hohen Ei⸗ chen ſtanden, hergebracht hatte, wir gingen alſo auf der entgegengeſetzten, um ſo viel als moͤglich zu vermeiden, daß wir den Naͤubern nicht in die Haͤnde fielen. Bald kamen wir auf betretene Wege, bald waren wir mit Dickigt umgeben, — —— 4 — 160— und ſahen keinen Ausweg. Immer war ich der Vorderſte, um meinem Begleiter den Weg zu bahnen, denn des Gehens in ſo langer Zeit un⸗ gewohnt, war dieſer in kurzem ſo entkraͤftet, daß er oft auf dreißig Schritt zuruͤckblieb und ich auf ihn warten mußte. Schon begann die Sonne unterzugehen, und noch irrten wir um⸗ her, ohne eine Hauptſtraße gefunden zu haben, und ohne Ausſicht eine Herberge fuͤr dieſe Nacht zu finden. Plötzlich hoͤrte ich einen Hund bellen, Hoffnung wachte wieder in mir auf, und ich ſprach meinem Begleiter Muth ein, ſeine letzten Kraͤfte aufzubieten. Noch mehr wuchs meine Freude, als ich von ferne ein Licht durch die Baͤume ſchimmern ſah; ich arbeitete mich uner⸗ muͤdet durchs Gebuͤſche, und ſchon war ich dem erleuchteten Ort ſehr nah, als ich ſtehen blieb, um meinen Gefaͤhrten zu erwarten. Ich war⸗ tete faſt eine Viertelſtunde und er kam nicht; ich rufte, keine Antwort erfolgte; ich ging ſo⸗ gar eine Strecke ruͤckwaͤrts, aber vergebens, ich fand ihn nicht. Haͤtte ich weiter zuruͤckgehen wollen, ſo haͤtte ich mich vielleicht ſelbſt wieder verirren koͤnnen; ich glaubte, wenn ich ſelbſt erſt bei Menſchen waͤre, koͤnnte ich durch deren Mithuͤlfe mehr fuͤr ihn thun; ich nahte mich — 161— alſo dem Lichte, und ſand eine Menge Leute, die mit einer Kutſche beſchaͤftigt waren, woran die Achſe zerbrochen war. Meine Erſcheinung befremdete ſie, man mochte mich fuͤr einen Spion der Raͤuber halten. Als ich aber mit dem Herrn ſelbſt ſprach, ihm meine Briefſchaften und Paͤſſe zeigte, wurde dieſer Verdacht bald getilgt. Es war ein öſterreichiſcher Oberſter mit ſeinem Sohn; der eine kleine Reiſe gemacht hatte, und auf ſeine Guͤter gehen wollte. Ich bat ihn mir behuͤlflich zu ſeyn, meinen verirrten Freund zu ſuchen, und er wandte alle Mittel an, ſelbſt einer ſeiner Bedienten ſtieg mit der Laterne auf einen hohen Baum, ihn dadurch auf den rech⸗ ten Weg zu leiten, jedoch alle Muͤhe war frucht⸗ los; er kam nicht, und ich mußte ohne ihn das gefaͤllige Anerbieten des Oberſten, mich in ſei⸗ nen Reiſewagen zu ſetzen, und bis nach Kronau, wo er durchreiſte, mitzufahren, annehmen. — 162— 5 Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Das wäre mein Caſus, mich aus dem Bette holen zu laſſen. Das Geſpraͤch kam auf verſchiedene Gegen⸗ ſtaͤnde; unter andern ſagte er: da Sie aus Hochfels, der Reſidenz Ihres Vaterlandes, kom⸗ men, wird es Ihnen nicht unbekannt ſeyn, daß man den Fuͤrſten hat ermorden wollen.— Den Fuͤrſten? frug ich erſtaunt; das iſt mir eben ſo unbekannt, als es mein Entſetzen erregt.— Wenn ſind Sie von Hochfels abgereiſt?— Am vergangenen Donnerſtage ſehr fruͤh.— Und in der Mittwochs Nacht iſt es geſchehn.— Hat man Verdacht, oder iſt der Thaͤter ſchon be⸗ kannt?— Letzteres noch nicht; man hat ver⸗ ſchiedene Muthmaßungen. Einige glauben, daß der abgeſetzte Praͤſident, Graf Ehrich, der Anſtifter ſey; einige raunen ſich Dinge ins Ohr, die man öffentlich nachzureden nicht wa⸗ gen darf.— Graf Ehrich ſcheint mir einer ſolchen abſcheulichen Handlung nicht faͤhig; ich kenne ihn genau, und er hat mich ſeiner Freund⸗ ſchaft gewuͤrdigt. Es iſt der bravſte Mann, — 463— deſſen Rechtſchaffenheit die Hoͤflinge nicht dulden konnten, und deſſen Klugheit ihnen gefaͤhrlich duͤnkte; ſie ſuchten ihn beim Fuͤrſten zu ver⸗ laͤumden, buͤrdeten ihm die Vereitlung von Projekten auf, die ſie ſelbſt hintertrieben hat⸗ ten, und bewirkten dadurch ſeinen Fall. Es draͤngt ſich mir ſogar die Vermuthung auf, daß man bei dieſer That den Verdacht auf ihn ge⸗ worfen hat, um ihn vollig zu ſtuͤrzen. Der Fuͤrſt iſt, glaube ich, mehr zu bedauern, als der Graf.— Sie reden aus meiner Seele.— Nachdem wir noch verſchiednes hieruͤber geſprochen hatten, brach er ab, und redete von gleichguͤltigen Dingen, bis wir in der Entfer⸗ nung die Thuͤrme von Kronau hervorragen ſa⸗ hen. Was halten Sie von der Erbverbruͤde⸗ rung zwiſchen dem Kronauer und Hochfelſer Hofe? fragte er mich unerwartet.— Ich be⸗ fürchte bei dem wahrſcheinlichen Fall, daß der Kronauer Fuͤrſt ſeines hohen Alters wegen eher ſtirbt, als der Meinige, eine ſtarke Revolution in der Regierung, weil jener katholiſch, dieſer lutheriſch iſt, und dort Pfaffen und Jeſuiten ſo viel Gewalt haben, welche zu entfernen oder einzuſchraͤnken wahrlich keine Kleinigkeit iſt.— — 164— Richtig;(lächelnd) aber ich halte es nach Ihren Gruͤnden fuͤr eben ſo wahrſcheinlich, daß Sie Ihren Fuͤrſten bei ungleich juͤngern Jahren doch eher verlieren koͤnnen,— weil der Tod keine Blut, mit Tonſur und Kutte. Moͤnchsliſt und Pfaffenwuth kennen keine Schranken.— Das war der Kommentar uͤber Ihr voriges Still⸗ ſchweigen. Ich bebe fuͤr mein Vaterland.— Sie haben Urſache, denn wenn meine Ahndung wahr wird, wehe dann Ihren Landsleuten!— Wenn unſer Fuͤrſt nur noch Kinder haͤtte, wenn Prinz Adolph nicht im erſten Jahre wieder ge⸗ ſtorben waͤre!— Hier haͤngt ein Vorhang, hinter welchen weder ich noch Sie zu ſchauen vermag.— Deutlicher, Herr Obriſter, viel⸗ leicht kann ich meinem Vaterlande nuͤtzlich wer⸗ den.— Vergebens, ein Sandkorn gegen eine brauſende Fluth.— Sie reden ſo beſtimmt, als wenn man Sie zum Vertrauten gemacht haͤtte. Alſo waͤre keine Rettung fuͤr mein Vaterland? Das will ich nicht behaupten. Wenn eine mei⸗ ner Vermuthungen gegruͤndet waͤre, koͤnnte eine einzige Entdeckung viel vereiteln.— Lauter Raͤthſel!— die ich Ihnen auch weiter nicht aufloͤſen kann. Wollen Sie die Winke, die ich Ausnahme macht?— Der Tod mit Fleiſch und — 165— Ihnen gegeben habe, benutzen, ſo handeln Sie waͤhrend Ihrem Aufenthalt in Kronau vorſich⸗ tig, ſcheinen Sie kein ſo eifriger Patriot, hal⸗ ten Sie keine Bekanntſchaften fuͤr zu gering, vielleicht können Sie hinter manches Geheimniß kommen. Wollen Sie freier ſprechen, ſo gehen Sie zum Kriegsrath Wellwitz, meinem ver⸗ trauten Freunde; ich werde ihm ſelbſt die Art unſrer Bekanntſchaft ſagen, und Sie werden in ihm einen wackern Mann von Erfahrung und Kenntniſſen finden.— Treulich werde ich Ih⸗ ren Rath befolgen, aber ſollte der Sturm un⸗ aufhaltſam hereinbrechen; dann, leb wohl, Vaterland, wo ich ſo viel dulden mußte.— Und hin zum Oberſten Baͤrenklau, der von heute an Ihr Freund iſt.— Ich fuͤrchte viel, aber Sie entſchaͤdigen mich durch Ihre Gnade ſchon im voraus fuͤr mehr als ich nur immer fuͤrchten kann.— Er druͤckte mie die Hand und endigte mit dem Ausruf: Da liegt nun Kronau in ſei⸗ ner ganzen Pracht vor uns. Stillſchweigen herrſchte bis wir zum Thor hineinfuhren. Der Oberſte gab mir noch ſeine Adreſſe und wir trennten uns. Ich entledigte mich ſogleich meiner Auftraͤge, uͤbergab dem Grafen die Brieſe des Miniſters, erkundigte mich nach den Umſtaͤnden und der Erbſchaft ſeines Bruders, und fand ſo wenig Schwierigkeiten, daß ich die Sache bald zu en⸗ den⸗ Kacoſtte 8* übe von der Reiſe begab ich mich am er⸗ ſten Abend bald zur Ruhe. Ich hatte ohnge⸗ faͤhr eine halbe Stunde ge ſchlafen, als ein hef⸗ tiges Pochen an meiner Thüre mich weckte. Ich rufte: Wer da? und eine Baßſtimme ant⸗ wortete: Aufgemacht! Ich öffnete die Thuͤre, und der Wirth trat mit einem Lichte nebſt ei⸗ nem Offizier und zwei Soldaten herein. Sind Sie der Sekretair Hering aus Hoch⸗ fels? fragte er.— Ja.— So ſind Sie mein Arreſtant!— Auf weſſen Befehl?— Auf Beſehl der Polizei.— Ohnmöͤglich! ich bin heute erſt angekommen, mein Zweck iſt, die Erbſchaft des verſtorbnen Oberſten fuͤr ſeinen Bruder in Empfang zu nehmen, und ich habe Briefe an Perſonen vom erſten Range bei mir gehabt.— Kann ſeyn, geht mich aber nichts an. Hier iſt die ſchriftliche Ordre, die unbe⸗ dingten Gehorſam fordert.— Ein Irrthum —, — 167— muß es ſeyn, der ſehr beleidigend fuͤr mich iſt, doch ich folge Ihnen.— 8 Ich kleidete mich an, und wurde in ein Gefaͤngniß gebracht, das mich uͤberzeugte, man muͤſſe mich fuͤr einen Moͤrder oder Straßen⸗ raͤuber halten. Wie ich die Nacht zubrachte, kann man ſich denken. Gedanken durchkreuz⸗ ten meine Seele. Sollte der Oberſte ein Schurke ſeyn, und dir das aufgebuͤrdet haben, was er vom Kronauiſchen Hofe gegen dich aͤußerte? Kaum denkbar! Oder ſollte Rache des Miniſters wegen jenem Vorfall mit der Schachtel zum Grunde liegen? Oder hat man dich zum Opfer einer Kabale auserſehn? Schaͤndlich waͤre beides, aber mein gutes Ge⸗ wiſſen bürgt ja fuͤr alles. O ich Thor! gutes Gewiſſen und Unſchuld ſind Wuͤrmer, die ſich unter'm Fuß des Boͤſewichts kruͤmmen. Am Morgen wurde ich in das Verhoͤr ge⸗ fuͤhrt. Man betrachtete mich genau, und mit Blicken, wie ſie ein Miſſethaͤter verdient. Tief gekraͤnkt fuͤhlte ich mich, aber mit heite⸗ rer Stirne und beſcheidenem ruhigen Blick ſtand ich vor meinen Richtern. 1 — 168——⸗ Perſon und Kleidung trifft ein, liſpelte einer von ihnen; mein Auge traf auf das ſei⸗ nige, er ſenkte es zu Boden und ſchwieg. Man erkundigte ſich zuerſt nach meinem Namen, Stand und Gebuttöorr⸗ Dann fragte man: Kennen Sie den aügelebzen Priſdenten Graf Ehrich? Ja!— Haben Sie genauen Umgang mit ihm ge⸗ habt?— Ich hatte freien Zutrit bei ihm, und haße ſeinem guten Rathe und ſeiner Erfahrung viel zu danken.— 1 Hat er ſich gegen Sie nie uͤber Ungerech⸗ tigkeit beklagt, oder Verwuͤnſchungen gegen ſein Vaterland und den Fuͤrſten ausgeſto⸗ ßen?— Nie! er hat mich blos verſichert, daß er ohne Schuld ſeinen Poſten verloren ha⸗ be.— Hat er nie von Rache geſprochen, oder Sie uͤberreden wollen, ihm dazu behuͤlflich zu ſeyn? Nein, dazu war er zu edel.— — Es bedarf Ihres Lobes nicht, rief einer — — 169— der Richter, ein Rabe hackt nie dem andern die Augen aus. Sie beantworten die vorge⸗ legten Fragen kurz und richtig, und die uͤbri⸗ gen Worte koͤnnen Sie zu einem Monolog in Ihrem Gefaͤngniß verſparen. Das Blut fing heftiger in meinen Adern zu rollen an, es zuckte mir in allen Finger⸗ ſpitzen, und uͤber die Bruſt wurde mir's ſo enge, daß ich mit einem Athemzug alle Knoͤpfe von der Weſte haͤtte ſprengen wollen. Man fuhr fort:„ Wenn ſind Sie aus Hochfels abgereiſt?— Am vergangenen Donnerſtage fruͤh um ſechs Uhr.— Haben Sie die Mittewochsnacht in Ihrer Wohnung zugebracht? Nein! Wo ſonſt? Beim Graf Ehrich. Aus was fuͤr Gruͤnden? Weil er ſehr krank war, und mich bat, ihm vor meiner Abreiſe noch einige Briefe an ſeine Anverwandten in der Schweiz zu ſchrei⸗ ben. Sind Sie in dieſer Nacht nicht im fuͤrſtli⸗ chen Schloſſe geweſen? 1. Ja!. Was bewog Sie dazu? Der Graf bekam einen Anfall vom Schlage, die Bedienten waren eingeſchlafen, und ich eilte, wegen Naͤhe der Gefahr, ſelbſt zum Arzte. Un⸗ glücklicherweiſe traf ich ihn nicht; er war zu einem kranken Pagen in's Schloß gerufen worden, und ich hielt es fuͤr meine Schuldig⸗ keit ihn auch da zu ſuchen. Dies war ai die Urſache. Welche Zeit war's, da 4Sie 1 im eataſ befanden 2) gwiſchen zwei und drei uhr Hatten Sie den naͤmlichen Rock an, den Sie ſebe anhaben⸗ 2 Iſt Ihnen im Schloſſe eine Treppe bekannt, die durch eine verborgne Thuͤre in 56 Schlafge⸗ mach des Fuͤrſten fuͤhrt? 2 Nein!. 1 4s IiaL, Haben Sie nicht in der letzten Mittewochs⸗ nacht den Fuͤrſten mit einem Dolche im Bette uͤberfallen, ihn ermorden wollen, aber weil Sie durch ſeinen Kammerdiener geſtoͤrt worden, ihm nur eine gefaͤhrliche Wunde beigebracht? ——— —y——— — 71ů— „Ich der Moͤrder meines Fuͤrſten?« rief ich, und Zorn und Schmerz hemmten mir die Sprache, daß ich kaum fortzureden vermochte. „Nein, bei Gott! das geht zu weit. Schwarz und abſcheulich muß die Seele deſſen ſeyn, der ein ſolches Verbrechen mir ſchuld zu geben, im Stande war.“— und Sie wollen noch laͤugnen, da alles wi⸗ der Sie zeugt? fragte der oberſte Richter. Sie waren in der naͤmlichen Nacht beim Graf Eh⸗ rich, der als Anſtifter im gegruͤndetſten Ver⸗ dacht ſteht, haben ſich in der naͤmlichen Stunde, da der Angriff geſchehen iſt, im Schloſſe befun⸗ den, und der Kammerdiener hat bei ſeinem Eintritt in's Schlafgemach eine Perſon entflie⸗ hen ſehn, die an Kleidung, Statur und Ge⸗ ſichtsbildung ganz Ihnen geglichen hat. Alſo geſtehen Sie, Sie werden dadurch Ihre Strafe um vieles vermindern. Nicht wahr, Sie ſind dazu uͤberredet, beſtochen worden?— Nein!— bei der Hoffnung einſt ſelig zu werden, ſchwoͤr ich's Ihnen, ich bin unſchul⸗ dig.— Sie ſind alles, wie wir ſehen, Moͤrder Heuchler, Frevler.— Wuth kochte in mir, meine Augen ſpruͤhten Funken umher, meine Faͤuſte ballten ſich, ich haͤtte ihnen die Schurkenphyſiognomien al⸗ len von den Koͤpfen reiſſen moͤgen; allein eine innre Stimme rief mir zu: Maͤßige dich, jetzt biſt du unſchuldig, Uebereilung kann dich ſchul⸗ dig machen. Laſſen Sie mich in's Gefängnis zuruͤckbrin⸗ gen, ſagte ich gelaſſen. Sie wollen durch Be⸗ leidigungen meine Hitze reizen; aber es ſoll Ihnen nicht gelingen. Unterſuchen Sie die Sache meiner Ausſage gemaͤß, ich erwarte ru⸗ hig und getroſt die Zukunft. Meine Maͤßigung mochte ihnen weniger be⸗ hagen, als meine Hitze. Sie ließen mich ab⸗ fuͤhren, mit dem Befehl, mich genau zu bewa⸗ chen und ſtrenge zu halten. Bei kalter Ueber⸗ legung ſchien mir's gewiß, daß Rache des Mi⸗ niſters mit im Spiele ſey, denn wie ſollte man ſonſt die kleinſten Umſtaͤnde, die einigen Ver⸗ dacht wider mich erregen konnten, wiſſen. Ich dachte dem Zuſammenhange der Dinge weiter nach, und es ſank eine Huͤlle von meinen Au⸗ gen, die ich mir bis jetzt ſelbſt verborgen hatte. Das Geſpraͤch mit dem Oberſten Baͤrenklau fiel mir ein, und es fing ſich allmaͤhlig eine Helle — — 173— an uͤber meine jetzige Lage auszubreiten, die mich mit Erſtaunen ſehen ließ, wie fein das Ge⸗ webe der Bosheit geſponnen werden koͤnne.— Der Miniſter, ein Katholik und heimlicher Feind ſeines Fuͤrſten— mit dem Kronauiſchen Hofe in Verbindung— brauchte in ſeinem Plane eine Perſon, die das buͤßen ſollte, was ein anderer verbrochen hatte, ich hatte ihn un⸗ wiſſend beleidigt, und er ſah mich dazu aus. Unter dem ſcheinbarſten Vorwande mußte ich ſchleunig verreiſen, in der Nacht vorher wurde ein Verſuch gemacht, den Fuͤrſten zu ermorden; der Kammerdiener,— vermuthlich auch Ver⸗ buͤndeter,— mußte in dem Möorder mich erkannt haben; meine Reiſe ſah alſo mehr einer Flucht aͤhnlich. Durch Zufall traf's, daß ich in eben dieſer Nacht beim Graf Ehrich war, und aus den beſten Abſichten in's Schloß ging. Der Miniſter erfuhr es, benutzte es zu ſeinem Plan, ſchickte die ſaͤmmtlichen Nachrichten mir voran, und ſchlug mich ſeinen Spießgeſellen zum Opfer ihrer teufliſchen Kabale vor. In den Haͤnden ſolcher geuͤbter Böſewichter zu ſeyn, haͤtte mir bange machen ſollen; aber der Blick, den ich in ihr Geheimniß geworſen hatte, floͤßte mir Muth ein. Nach acht Tagen wurde ich wieder in das Verhöͤr gebracht, wo ich unveraͤndert meine erſte Ausſage wiederholte. Man ſtieg diesmal ſtu⸗ fenweiſe in der Behandlung mit mir. Erſt ſuchte man durch die gelindeſten Worte und Er⸗ mahnungen mich zu einem Bekenntniß zu be⸗ wegen. Wir verſprechen Ihnen, redete man mich an, im Namen des Fuͤrſten und auf unſer Ehrenwort die groͤßte Nachſicht, wenn Sie uns nur geſtehn, daß Graf Ehrich, der noch wegen einer Menge gleich großer Verbrechen im Ver⸗ dacht iſt, Sie dazu verleitet hat.— Ich! danke Ihnen, antwortete ich, fuͤr das guͤtige Zutrauen, das Sie in meine Dummheit und Niedertraͤch⸗ tigkeit ſetzen, aber nie werde ich mich zu dem Bubenſtuͤcke bereden laſſen, einen ehrlichen Mann ſtuͤrzen zu helfen. Ich ſchwoͤre Ihnen— nicht bei Ihrer Ehre; denn des Spaßes bin ich uͤberdruͤßig,— ſondern bei Gott, dem's einen Wink koſtet, Buben zu entlarven, daß ich kein Wort von jener fehlgeſchlagnen Mordthat ge⸗ wußt habe. Ich hatte die ganze Verſammlung in Be⸗ wegung gebracht. Man gaffte mich an wie einen Igel, von dem man nicht gewußt haͤtte, daß er Stacheln habe. Aus jedes Augen blitzten mir Galgen und Rad entgegen. 5. — 175—. Man ſuchte mich nun durch die haͤrteſten Drohungen in Furcht zu jagen; da ich aber keine Miene veraͤnderte, bediente man ſich der nie⸗ drigſten Schmaͤhungen mich zu uͤbereilten Reden oder gar Thaͤtlichkeiten hinzureiſſen. Die innere Wuth, die meine Gelaſſenheit in ihnen hervorbrachte, war unterhaltend für mich; endlich verging mir die Luſt, ihre ver⸗ zerrten Geſichter laͤnger anzuſchauen. Schonen Sie Ihre Lungen, meine Herren, ſagte ich: Ich will zu dem Fuͤrſten ſelbſt gebracht ſeyn, zu deſſen Moͤrder man mich erniedrigen will; ich will ihm unter vier Augen nur zehn Worte ſa⸗ gen, und es ſollen Dinge geſchehen, daß Ihnen der Verſtand ſtill ſtehen, und der Schlag Ihrer Herzen das Raſſeln Ihrer Kutſchen uͤbertaͤnben ſol.. Man that noch eine Menge Fragen an mich, aber ich oͤffnete meinen Mund nicht wieder, und man mußte mich abfuͤhren. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Es ſoll ein Verſuch gemacht werden, ob eine eiſerne Thüre feſter iſt, als ein Hirnſchädel. 1 Alls ich nahe an das Gefaͤngniß war, ſah ich nicht weit von mir einen kleinen Jungen; er ſchien mich und meine Fuͤhrer nicht zu bemer⸗ ken, ſondern ſtellte ſich aͤußerſt luſtig, und traͤl⸗ lerte bald franzöſiſche bald deutſche Worte. Un⸗ ter andern vernahm ich die Worte: Mon cher prisonnier cherchez sous la table!— Kaum war ich allein im Gefaͤngniß, ſo ſah ich unter den Tiſch und fand in einer Ritze ein geſchrieb⸗ nes Papierchen. Ich las: „Man freut ſich uͤber Ihr kluges Beneh⸗ „men und Ihren Muth; Ihre Feinde werden „bald gezwungen werden, Sie frei zu laſſen; „doch werden Ihnen noch Fallſtricke gelegt „werden. Man wird Sie durch Beſtechungen „zu einer ſchlechten Handlung verleiten wollen; „aber bleiben Sie ſtandhaft! Nach Ihrer Be⸗ „freiung werde ich mich Ihnen entdecken, und „dann koͤnnen wir mehr ſprechen.“ Nicht viel Nachdenken bedurfte es, daß ich an dieſem Briefe den Kriegsrath Wellwitz er⸗ kannte. Seine Prophezeihung traf auch puͤnkt⸗ lich ein. Ein Mann, an dem ich bei dem we⸗ nigen Licht, das in's Gefaͤngniß herabfiel, nichts erkennen konnte, als einen braunen Ueberrock und eine Stutzperuͤcke, trat noch am naͤmlichen Abend zu mir herein. Freuen Sie ſich, ſagte er, ich habe von einigen Maͤnnern, die Ihre Lage zur Theilnahme bewogen hat, einen Auf⸗ trag, deſſen Annahme Sie nicht nur ſogleich in Freiheit ſetzen kann, ſondern Ihnen auch die glaͤnzendſten Ausſichten darbietet.— Sie erregen meine Neugierde. Dieſen Morgen habe ich unter meinen Richtern nicht einen einzigen entdeckt, der nur einen mitleidi⸗ gen Blick auf mich geworfen haͤtte, und ein paar Stunden haͤtten ſchon mehrere zu Wohl⸗ thaͤtern umgeſchaffen?— Nicht anders. Man ſah in Ihnen den fe⸗ ſten entſchloßnen Mann, der lieber den Verdacht auf ſich allein laſſen, als ſeinen Freund verra⸗ then wollte, und man glaubte Sie ſchonen zu muͤſſen, weil ein Mann von Ihren Talenten noch viel Nutzen ſtiften koͤnnte.— M — 178— Wirklich! alſo beim Ehrgeiz wollen Sie mich faſſen? Halten Sie nicht zu feſt, ſeine Bande ſind ſehr morſch; Sie köͤnnten zuruͤck⸗ taumeln, und ſollten wahrlich dort auf jenen Steinen nicht allzu ſanft niederſinken.— (etwas verlegen) Daß Sie mich doch unterbre⸗ chen muͤſſen! Ich will auch den Fall annehmen, daß alle ſo feſt, wie ich, uͤberzeugt waͤren, daß Sie unſchuldig ſind; ſo ſtimmen doch Ihre eigne Ausſage und alle uͤbrigen Umſtaͤnde ſo ſehr wi⸗ der Sie, daß, wenn Sie auch nichts geſtanden, und man Sie frei laſſen muͤßte, doch der groͤßere Theil Sie nicht fuͤr ſchuldlos erkennen, ſondern Sie im geheim immer noch fuͤr den Verbrecher halten wuͤrde.— Ihrer Ehre wird ſtets ein Schandfleck anhangen, und man wird Sie, ſo lange Sie ſich in hieſigen Gegenden aufhalten, mit einer gewiſſen Gleichguͤltigkeit und Verach⸗ tung behandeln, die Sie zu Entſchluͤſſen von noch uͤblern Folgen hinreiſſen kann. Mein und deren Rath, die mich zu Ihnen geſandt haben, waͤre alſo in ein fremdes Land zu gehen. Einer der angeſehnſten Maͤnner will Ihnen Empfeh⸗ lungen nach Frankreich geben, die Ihnen im erſten Monate die Stelle eines Hauptmanns verſchaffen ſollen; eine Boͤrſe mit zweihundert Stuͤck Louisd'ors ſollen Sie aus meinen Haͤn⸗ den erhalten, und fuͤr dies alles brauchen Sie nichts zu thun, als zu geſtehn daß der Graf Ehrich Sie uͤberredet habe, den Fuͤrſten zu er⸗ morden.— Sie haͤtten ſich kuͤrzer ausdruͤcken koͤnnen. Sie haͤtten nur ſagen duͤrfen: Ich gebe Ihnen zweihundert Stuͤck Louisd'ors, und dafuͤr wer⸗ den Sie der großte Schurke auf Gottes Erdbo⸗ den! Danken Sie es meinem Entſchluß, der mich zu Anhoͤrung der abſcheulichſten Nieder⸗ traͤchtigkeiten gefaßt gemacht hat, daß ich Ihren Antrag nur woͤrtlich beantworte; aber entfernen Sie ſich auch ja ſo bald als moͤglich, denn je mehr ich Sie anſehe, je heftiger wankt dieſer Entſchluß, und dann moͤchte es, bei meiner Seele! nicht bei Worten bleiben.— Sie verſchmaͤhen alſo meinen Vorſchlag? uͤberlegen Sie, daß in dem einen Fall Ihr zeit⸗ liches Gluͤck gegruͤndet iſt, und Sie nur wenig zum Ungluͤck des Grafen beitragen,— denn er iſt auch ohne dies verloren— und daß im andern Fall Sie ſich Vorfaͤllen ausſetzen, woruͤber ich — 180— mich nicht deutlicher ausdruͤcken kann. Noch⸗ mals ich rathe— ich bitte— ich moͤchte Sie gern retten.— Und ich rathe— ich bitte— packen Sie ſich! ich möͤchte Sie nicht gern uͤberzeugen, daß jene eiſerne Thuͤre feſter iſt, als Ihr Gehirn. Ich werde ein ehrlicher Kerl bleiben, und wenn Sie und Iain hes Genoſſenſchaft, die Hoͤlle, mich bei den Haaren zu einer Schandthat reiſſen wollten.—. Gut, ich gehe; aber wenn etwas vorſallen ſollte, ſo denken Sie an den Mann in dem braunen Rocke und der Stutzperuͤcke.— Er verließ mich; ich fuͤhlte innern Beifall uͤber meine Entſchloſſenheit. Wie's den Buben wurmte, daß ich ſein Geld ausſchlug! wie er ſeine Wuth verbeißen mußte, als ich eine Ver⸗ gleichung zwiſchen der Feſtigkeit ſeines Schaͤdels und der eiſernen Thuͤre anſtellen wollte! wie haͤmiſch Rache aus ſeinen Augen flammte, als er's fuͤr das Wohl ſeiner Arm und Beine am rathſamſten hielt, ſich zu entfernen! O ich haͤtte fuͤr Freude jauchzen und fuͤr Aerger uͤber dieſe Schlangenbrut mit den Fuͤßen die Erde zer⸗ ſtampfen moͤgen! Aber auch doppelt neugierig war ich nun auf die fernere Entwickelung. Sie war wider mein Erwarten. Nach einigen Tagen wurde ich zum letzten⸗ male vor die verſammelten Richter gefuͤhrt und vollig freigeſprochen. Man bedauerte, daß man nach Recht und Billigkeit durch die vielen ver⸗ daͤchtigen Umſtaͤnde genöthigt geweſen ſey, mich ſo lange als einen Verbrecher zu behandeln. Der wahre Moͤrder ſey entdeckt, er habe auch ſchon geſtanden, daß er die That veruͤbt habe, und zwar durch den Graf Ehrich dazu uͤberredet und beſtochen worden ſey. Schaudern und Entſetzen faßte mich, als ich höͤrte, daß man noch den Zweck erreicht hatte, den Graf zu entehren und in's Elend zu ſtuͤr⸗ zen; und welcher Abſcheu erfuͤllte mich erſt, als ich auch dies fuͤr ein Werk des Miniſters er⸗ kannte: denn ſchon am zweiten Tag darauf hieß es, der Gefangene ſey entſprungen, und ich er⸗ fuhr, daß es ſein Kammerdiener geweſen war, der ſich vermuthlich ſchon im Geiſt als franzöoſi⸗ ſcher Hauptmann, und durch den Klang von zweihundert Louisd'ors ſein Gewiſſen uͤbertaͤu⸗ ben zu koͤnnen glaubte. — 182— So bald ich nach erlangter Freihett in den Gaſthof zuruͤckkam, wartete ſchon ein Bedien⸗ ter auf mich, der mich zum Kriegsrath Wellwitz berief. Willkommen Herr Sekretair! rief er mir entgegen; ich ſehe Sie zwar jetzt zum er⸗ ſtenmale, aber ich war ſchon Ihr Freund, als Sie durch Ihre Standhaftigkeit einer Menge Boͤſewichter das Konzept veryuckten. Ich freue mich, daß ich einmal das Geſicht eines redli⸗ chen Mannes zu ſehen bekomme; man ſieht's hier ſelten.— Und ich, antwortete ich geruͤhrt, kann's 1 der Vorſehung nicht genug danken, daß ich wenigſtens Einen gefunden habe, der ein bra⸗ ves theilnehmendes Herz im Buſen traͤgt. Wie ſollte jetzt ohne Sie meine Lage ſo unausſprech⸗ lich traurig ſeyn? Trauriger faſt, als im Ker⸗ ker, wuͤrde ſie mir in den erſten Augenblicken meiner Freiheit ohne Freund duͤnken, dem ich, wie Ihnen jetzt, in die Arme ſinken und an dem Schlag des edlen Herzens fuͤhlen könnte, daß ich noch unter Menſchen waͤre!— 3 Wenn warme Freundſchaft und das eifrigſte Bemuͤhn fuͤr Ihr Wohl Ihnen Entſchaͤdigung —jj — ö“ fuͤr Ihre Leiden gewaͤhren kann, ſo ſoll ſie Jh⸗ nen bei mir gewiß werden. Sie logiren von heute an in meinem Hauſe, und betrachten alles,(lächeind) nur meine Frau nicht, als Ihr Eigenthum.— Waͤhrend dieſem Geſpraͤch trat eben der Knabe ins Zimmer, der mir vor dem Gefaͤng⸗ niß die franzoͤſiſchen Worte vortraͤllerte. Das iſt unſer kleiner Unterhaͤndler, ſagte der Kriegs⸗ rath; durch ihn und zwei Dukaten, die ich der Frau des Kerkermeiſters geben ließ, gluͤckte mir's, Ihnen das Brieſchen in die Haͤnde zu bringen.— Fritz! du kannſt ſtolz ſeyn, fuͤr ſo einen wackern Mann etwas gethan zu ha⸗ ben! Ich umarmte den Knaben; ſein Vater bluͤhte in ihm empor. Ich ſchrieb hierauf an den Miniſter, und bat um Auslieferung meiner hinterlaßnen Sa⸗ chen; indem mich meine jetzige Lage noͤthigte, um meine Entlaſſung anzuhalten. Ich erhielt beides, und berathſchlagte mich nun mit dem Kriegsrath uͤber die Wahl meiner kuͤnftigen Le⸗ bensart. In dieſem Lande, ſagte er, ſind keine vortheilhaften Ausſichten fuͤr Sie. Da man ſie genau kennt, und uͤberzeugt iſt, daß Sie zu — 184— viel wiſſen und wenig Spaß verſtehn, ſo wuͤrde man jede Gelegenheit ergreifen, ſich wegen dem vereitelten Plane an Ihnen zu raͤchen. Ich ſelbſt muß taͤglich einen Angriff befuͤrchten, denn ich bin der Pfaffenbrut ein Dorn im Auge, den ſie gern ausjaͤten moͤchte, daß ſte dann ungehindert in jedem Fache der Re⸗ gierung ihr Spiel treiben koͤnnte. Jetzt blei⸗ ben Sie einige Wochen bel mir, ich will unterdeſſen meine Bekanntſchaften muſtern, und ſehen, durch welche ich am meiſten für Sie wirken kann. — — 185— Acht und zwanzigſtes Kapitel. Ein andermal will ich das Fragen leigen taſſen Tage wurden mir in ſeinem Umgange zu Stun⸗ den, die kleinſten Wuͤnſche wurden, ehe ich ſie noch außerte, erfuͤllt, und ich fand im ganzen Hauſe durchgaͤngig rechtſchaffene Leute; nur der eine Bediente wurde mir durch verſchiedene Handlungen verdaͤchtig. Wollen Sie nicht heute einen Spazierritt auf mein Gut machen? ſagte eines Morgens der Kriegsrath zu mir; das Wetter iſt ſo ſchoͤn, und der Weg kurz und angenehm. Der Vor⸗ ſchlag kam mir erwuͤnſcht, ich ſehnte mich nach einer Aufheiterung in freier Luft. Aber ich ſaͤhe gern, fuhr er fort, wenn Sie heute Abend bei guter Zeit wieder hier waͤren. Es iſt freier Maskenball bei Hofe, wo ich Sie bei mir zu haben wunſchte; wir koͤnnen vielleicht unter der Maske unerkannt, manches belauſchen, was wir bis jetzt noch nicht wiſſen. Ich verſprach; s, ein muthiger Englaͤnder wurde vorgefuͤhrt, und ich trabte fort. — 186— Unterwegens begegnete mir ein baumſtarker Bauerkerl mit einem aͤltlichen Manne, den ich fuͤr. ſeinen Vater hielt. Meine Gewohnheit iſt, auf der Straße, wenn es die Umſtaͤnde erlau⸗ ben, mit jedem, der mir begegnet, ein Geſpraͤch anzufangen; man erfaͤhrt ſo manches, und lernt ſo manchen Charakter kennen. Dies that ich auch hier. Der Alte trug ein hoͤtzernes Kreuz unter dem Arme, und dadurch bekam ich Gelegenheit zu einer Frage. Gott gruͤß euch, meine Lieben! ſagte ich; wo ſoll der Weg mit dem Kreuze da hinge⸗ hen?— Sie gafften 8 an, als wollten 5. ſe ſagen: Du biſt ein Dummkopf.. Ihr wollt's gewiß auf das Grab eines Ver⸗ ſtorbnen ſtecken? fragte ich weiter; indem ich mir ſelbſt einen Verweiß gab, daß ich dieſe ur⸗ ſache nicht gleich errathen hatte. Sie maßen mich von oben bis Vnlen, u lachten mir ſpottiſch in's Geſicht. Oder braucht ihr's zu einem Gebrauch in der Wirthſchaft?— Ich glöb, der Herr well uns huzen? ſagte — — — — 187— endlich der Juͤngere; aber's werd niſcht ſin, wir ſin uh nich afen Stuppeln gemacht. Weß h'er's?— Ihr denkt falſch, lieben Leute, ich wollte euch nicht beleidigen; ich verſichre euch, daß ich ſonſt keinen Behuf weiß, wozu ihr's gebrau⸗ chen koͤnntet.— Alſu aͤh Kaͤtzer! hm! hm! Wir wullen's Kreuz do zun Pfarrer trahn, der ſoll's weihn.— Und wozu das? Wie haͤ och ſo dumm fraen kann! wir ſte⸗ cken's of's Feld, daß der Hogel's Getroͤde nicht rungenirt.— Eine meiner Mienen mochte ſich wider mei⸗ nen Willen in ein mitleidiges Laͤcheln verziehn, und dies von dem Kerl bemerkt werden. Nul was lacht der Herr? rief er, ich gloͤb doch nich, daß haͤ ſich uͤber unſre Relgon mun⸗ kiren will. J da ſollt ihn ja gleich der Dunner erpochen. Hier hob er ſeinen ſtarken Knoten⸗ ſtock in die Hoͤhe; ich wollte mich verantworten, aber er holte aus, und haͤtte mir gewiß einen Hieb uͤber's Ruͤckgrad gegeben, daß ich vom Pferde geſunken waͤre, wenn ich nicht die Spo⸗ „ — 188— ren eingeſetzt haͤtte und davon geſprengt waͤre. Ich beſchloß, zu dem Pfarrer, der dieſes Kreuz 4 weihen ſollte, ſelbſt zu gehn, und ſeine Mei⸗ nung uͤber dergleichen Dinge zu hören. — Das Schloß des Gutes war ſehr geſchmack⸗ voll angelegt, und die herrliche Gegend umher mußte jedem den Wunſch entlocken, hier auf immer leben zu bürfen. Ich ging zum Geiſtli⸗ chen, und fand einen Mann uͤber meine Er⸗ wmartung. Sein Betragen war gefaͤllig und einnehmend, und ſein Geſpraͤch zeugte von vie⸗ ler Aufklaͤrung. Wie weit war er üͤ er man⸗ chen lutheriſchen Prediger erhaben!— Ich er⸗ zaͤhlte ihm den Vorfall. Es befremdet mich nicht, ſagte er laͤchelnd, ol ich wollte Ihnen noch groͤßere Beweiſe von dem Aberglauben un⸗ ſerer Glaubensgenoſſen geben.— Sollten Sie nicht von der Thorheit deſſelden uͤberzeugt wer⸗ den können?— Eher koͤnnte man einen Mohren weiß wa⸗ ſchen. Ich wollte es nicht wagen, ihnen etwas von der Art abzuſchlagen, oder einen Verſuch zu machen, ſie belehren zu wollen. Man kuͤn⸗ digte mir den Gehorſam auf, draͤnge auf meine — 189— Abſetzung, ich wuͤrde zum Kinderſpotte werden, und muͤßte in Gefahr ſchweben, daß man mich zum Dorfe hinaus ſteinigte. Er unterhielt mich ſo angenehm, daß ich beinahe das Verſprechen vergeſſen haͤtte, vor der Daͤmmerung noch zuruͤckzukehren. Schon ſah man einzelne Sterne am Himmel flimmern, als ich mich auf meinen Englaͤnder ſchwang, und der Stadt zueilte. Lange hatte ich mich nicht ſo aufgeheitert durch mein ganzes Weſen gefuͤhlt; mein Buſen hob ſich ſo frei, ich ath⸗ mete ſo froh die reine Abendiuft ein, und mein Herz ſchwoll ſo von Empfindungen, daß ich nicht an Leiden und Schickſal dachte, ſondern vom Pferde ſteigen, und der Vorſehung fuͤr dieſe ſeligen Augenblicke haͤtte danken moͤgen. Aber dieſe Zufriedenheit haͤtte mir das Leben koſten koͤnnen. Meine Gedanken ſchweiften zu ſehr umher, als daß ich genau auf den Weg haͤtte Ach⸗ tung geben ſollen. Ich ritt auf einem Fußſteig, an deſſen Seite ein ziemlich breiter Graben vor⸗ deilief. Ein Schuß, der in einiger Entfernung geſchah, machte mein Pferd ſcheu, es gleitete aus, und ſtuͤrzte mit mir hinab. Der Graben war zwar nicht mit Waſſer angefuͤllt, deſto em⸗- pfindlicher war aber der Fall; ich hatte mir den einen Arm faſt ganz ausgefallen und beide Beine ſehr gequetſcht, daß ich eine Zeit lang nicht auf⸗ zuſtehn vermochte. Das Pferd hatte ſich, ohne mich weiter zu beſchaͤdigen, aufgeholfen, und blieb ruhig ſtehn, Endlich verſuchte ich es auch mit vieler Noth aufzuſtehen, aber aufſteigen konnte ich nicht wieder, ſondern mußte das Pferd fuͤhren, und ſachte neben her hinken. Der Abend war unterdeſſen ganz eingebrochen, und ich mußte alſo aus doppelten Gruͤnden die Hoffnung aufgeben, den Kriegsrath auf die Maskerade begleiten zu koͤnnen. Ueber die Stunde, die ich noch zuruͤckzulegen hatte, hatte ich beinahe drei zugebracht. Mein Weg fuͤhrte mich noch beim Gottesacker vorbei, und dann waren's kaum noch hundert Schritte bis zur Stadt. Plötzlich hoͤrte ich etwas reden und z-=. gleich ſah ich einige Perſonen in Maͤnteln an der Mauer herumſchleichen. Meine Neugierde wurde in eben dem Grade rege, als eine Ahn⸗ dung in mir emporſtieg, daß hier vielleicht der Plan zu irgend einer Handlung gelegt werden 4 ſollte. Ich fuͤhrte mein Pferd von der Straße ab, band es an einen Baum, und ſchlich mich in einiger Entfernung und unbemerkt hinzu. 3 — 191— Sie oͤffneten das Thor des Kirchhofs, und gin⸗ gen hinein. Ich folgte ihnen, das Thor war nur angelehnt, ich ging hinein, und verbarg mich hinter einen großen Leichenſtein, wo ich ſie beobachten konnte. Sie waren weit hinter gegangen, ſahen ſich oft um, kamen endlich zu⸗ ruͤck, und blieben nicht weit von mir ſtehen. Neun und zwanzigſtes Kapitel. Eine Sammlung von Schurken in Haberkaſten! Wer kauft? Wer kauft? Mir wurde bange. Wo mag der Kerl auch ſo lange bleiben, fragte der eine. Dort im Schatten ſeh' ich eine weiſſe Figur, das wird er ſeyn. Ja er iſt's, er kommt durch's Thor.— Er trat hinzu. Guten Abend, ehrwuͤrdige Herren, ſagte er, Sie haben lange warten muͤſſen; aber ohne meine Schuld, mein Herr iſt den Augenblick erſt fort.— Ich erkannte ſogleich in dieſem den verdaͤch⸗ — 192— tigen Bedienten des Kriegsraths, und in jenen beiden ein paar Pfaſſen. Und der Sekretair iſt doch auch mit? frag⸗ ten ſie?— 3 3 Nein, dieſer iſt uͤber Land geritten, und noch nicht zu Hauſe, er wird nun ſchwerlich auf den Ball gehen.— Alſo muͤßte man ihm auf ſeinem Zimmer ei⸗ nen Beſuch machen. Deſto beſſer! ſo koͤnnen wir ihn mit wenige⸗ rer Gefahr in die andere Welt ſchicken. Ich habe die uͤbrigen Bedienten ſchon zu entfernen geſucht.— Was hat der Kriegsrath ſuͤr einen Domi⸗ no?— i6 Einen tuͤrkiſchen; das Kleid iſt von himmel⸗ blauer Seide, und der Turban weiß und roth geſtreift.— Hier dies Paket nimm mit zu Hauſe, daß ſich Pater Selmo, wenn er mit dem Sekretair ſertig iſt, ſogleich auskleiden kann, und hier cer gab ihm einen Beutel) iſt auch das Verſproch⸗ ne.— — 193— Dank Ihnen! dank Ihnen! Sie koͤn⸗ nen ſicher kommen, ich will ſchon alles vor⸗ bereiten.—. Dies— und Verſchwiegenheit ſey dir auch gerathen, ſonſt moͤchteſt du ſtatt Gold Stahl blitzen ſehn.— Ich habe einen natuͤrlichen Abſcheu gegen die Stahlfarbe, und ich moͤchte es nicht gern mit Ihnen verderben, Sie koͤnnen mir noch manches zu verdienen geben.(Er ging ab.) Nun, lieber Selmo, ſind wir bald auf's reine! Wenn der Kriegsrath und der Sekretair, die uns zu tief in die Karte geſchielt hatten, aus dem Wege geraͤumt ſind, wuͤßte ich keinen mehr, den wir ſonderlich zu fuͤrchten haͤtten. Pater Schandwich iſt auch heute fruͤh nach Hochfels abgereiſt, morgen iſt Privatkonzert beim Fuͤr⸗ ſten, wo er ſich ſelbſt hoͤren laſſen wird. Ich denke, es ſoll ſeine letzte Freude auf dieſer Welt ſeyn.— Vortrefflich! und das Meiſte von dieſen Plaͤnen haben wir Ihnen zu danken.— Ich ſchmeichle mir's, doch genug vor jetzt, wir duͤrfen keine Zeit mehr verlieren. Wir ge⸗ N — 194— hen in meine Wohnung, wo ich Ihnen einen Dolch geben will, der ſelbſt in Rom und Vene⸗ dig wenig ſeines gleichen haben wird; dann ge⸗ hen Sie in's Haus des Kriegsraths, wenden eine wichtige Urſache vor, mit dem Sekretair allein ſprechen zu muͤſſen, und ſtoßen ihn nie⸗ der. Hierauf werfen Sie ſich ſogleich in den Do⸗ mino, und kommen auf den Ball, wo Sie mich ſchon treffen werden. Das Zeichen der gluͤckli⸗ chen Ausfuͤhrung ſind drei in die Hohe geſtreckte Finger. Der Kriegsrath ſoll uns dann wenig Muͤhe machen, den koͤnnen Sie mir ganz allein uͤberlaſſen.— Sie huͤllten ſich in ihre Maͤntel und gingen. Da ſtand ich nun auf den verweßten Gebeinen meiner Mitbruͤder, und hatte gehört, wie man mich ſelbſt bald zur Verweſung befoͤrdern wollte. Der Entſchluß, den ich faßte, mußte raſch und gut ſeyn. Ich ſelbſt haͤtte dem Streiche leicht entgehen koͤnnen, wenn ich gar nicht nach Hauſe gegangen waͤre. Aber wie ſollte ich den Kriegs⸗ rath retten? dieſer war ohne mich perloren. Ihn zu warnen, bedurfte zu viel Zeit; ich haͤtte ſelbſt einen Domino haben muͤſſen, um auf den Ball gehen zu koͤnnen.— Ich ſtand und ſann— — 195— Als faͤhr ein Blitz in den Erdboden, ſo ſchnell durchflog mich ein Gedanke. So— und nicht anders! dachte ich und eilte mit verdoppelten Schritten nach Hanſe. Der Bediente beklagte mit heuchleriſcher Miene, daß ich zu ſpaͤt kaͤme, um ſeinen Herrn beglei⸗ ten zu koͤnnen. Ich klagte uͤber Muͤdigkeit und begab mich auf meine Stube. Hier nahm ich eins von meinen Piſtolen, verbarg es üngela⸗ den unter den Schlafrock, ſtopfte mir eine Pfeife, und erwartete gefaßt meinen Beſuch. Nicht lange dauerte es, ſo kam der Bediente herein, und meldete, daß ein fremder Herr mich zu ſprechen verlange. Er mag hereinkommen, ſagte ich; doch— er kann einige Augenblicke warten. Leuchte er mir erſt, ich habe noch ein Geſchaͤft. Ich nahm ein Vorlegſchloß mit, und wir gingen durch einige Seitengemaͤcher, bis wir an eine Treppe kamen, die in's vierte Stock auf einen Boden fuͤhrte, wo ich wußte, daß zwei große leere Haberkaſten ſtanden. Der Kerl mochte bei dieſem Wege wohl nichts Gutes vermuthen; aber da er zweiſelhaft war, glaubte er durch Fragen und Weigern mehr zu verra⸗ then. — 296— Auf der letzten Stuſe faßte ich ihn bei der Gurgel, druͤckte ihn ſo feſt, daß er keinen Laut von ſich geben konnte, und ſchleppte ihn zu ei⸗ nem der Kaſten. Er wollte ſich wehren; aber einige Hiebe meiner ziemlich nervigten Arme machten ihn bald geduldiger. Ich warf ihn in den Kaſten, und legte das Schloß davor. Hier zaͤhle die Dukaten, ſagte lch, die du heute fuͤr deine Judasthat erhielteſt. Ich will dir bald einen Geſellſchafter bringen, der dich recht artig unterhalten ſoll. Ich ging hierauf in meine Stube zuruͤck. Den Bedienten hatte ich mit Willen zuerſt in Sicherheit gebracht, daß er mir theils nicht ent⸗ ſpringen, theils durch ſeine Dazwiſchenkunſt nicht den ganzen Handel verderben moͤchte. Mit einer Miene, die nicht den geringſten Verdacht verrieth, oͤffnete ich die Thuͤre, noͤthigte den Pfaffen herein, und bat um Verzeihung, daß ich ihn ſo lange haͤtte warten laſſen. Aber ich muß geſtehn, noch weit mehr uͤbertraf er mich in der Verſtellungskunſt. Die Gruͤnde, die er, noch ſo ſpaͤt mich ſprechen zu muͤſſen, vorgab, waren ſo wahrſcheinlich, ſein Ton ſo feſt, ſein Geſpraͤch ſo fein durchdacht, und uͤber ſein Ge⸗ — ſicht ſo ein Schein von Ehrlichkeit verbreitet, daß er den groͤßten Menſchenkenner getaͤuſcht haben wuͤrde. Ich drehte mich abſichtlich ein⸗ mal gegen das Fenſter, und griff unter den Schlafrock nach dem Piſtol. Ich bemerkte, daß auch er eine Bewegung mache und ſah ihn ſchnell wieder an. Er hatte die Hand in der Taſche und ſchien verlegen. Dieſen Augenblick benutzte ich, um ihn voͤllig aus der Faſſung zu bringen. Ich zog das Piſtol mit geſpanntem Hahn her⸗ vor, und ſetzte es ihm auf die Bruſt. Heraus mit dem Dolche, rief ich, den du in deiner Ta⸗ ſche haſt, und mit dem du mich ermorden woll⸗ teſt!— Er wollte reden.— Kein Wort! den Doolch weggeworfen, oder ich druͤcke los.— Zitternd brachte er ihn heraus und warf ihn auf den Boden. Er fiel vor mir auf die Knie nie⸗ der, und flehte um Gnade. Glatt und heuchle⸗ riſch floſſen Bitten und Entſchuldigungen von ſeinem Munde; Thraͤnen ſtuͤrzten aus ſeinen Augen. Armuth nicht Bosheit, ſagte er ſchluch⸗ zend, verleiteten mich zu dieſem Schritt; ich habe Weib und Kinder, die nach Brod ſeufzten, die kaum ihre Bloͤſe bedecken konnten. Ich war lange zweifelhaft, ob ich das Gold, das man mir bot, annaͤhme, bis endlich die Thraͤ⸗ — 198— nen der Meinigen, und der Aablick lhres Elends ſi degten. Verruchter, verworfner Bube! rief ich gluͤ⸗ hend vor Zorn, und riß ihm die falſchen Haare ab, daß man den geſchornen Kopf ſah. Ich koͤnnte dir ſogleich unvorbereitet deinen Lohn geben, doch ich will barmherzig ſeyn.— Ich nahm in die eine Hand das Licht und ein Schloß, und in die andere das⸗ Piſtol.— Nun geh vor mir her, wie ich dir den Weg zeigen werde; aber beim erſten verdaͤchtigen Schritt jag ich dir die Kugel durch's Gehirn. — Ich fuͤhrte ihn auf den Boden zu dem an⸗ dern Kaſten.— Hier ſteig hinein! Er bat wieder; aber ich zielte, bewegte den rechten Zeigefinger, und mit einem Sprung, war er hinein.— Nun will ich dir noch etwas zum Rachdenken geben. Hier in dieſem Kaſten ſteckt der Schurke, der unſer Leben an euch verhandelt hatte; nicht er, wie du vielleicht vermutheſt, hat mir's verrathen, ſondern ich ſtand ſelbſt hinter dem Leichenſteine, bei wel⸗ chem ihr den Plan ſchmiedetet. Dies Piſtol, vor dem du zitterteſt, iſt nicht geladen; zum Beweis will ich's losdruͤcken. Den Domino, — 199— der fuͤr dich hier bereit liegt, werde ich jetzt an⸗ ziehn, auf den Ball gehen, deinem Mitgenoſ⸗ ſen das Zeichen mit den drei Fingern geben, und wenn er im Begriff iſt, den Kriegsrath zu uͤberfallen, ihn mit ſeinem eignen Dolche nie⸗ derſtoßen.— Laßt euch die Zeit nicht lang wer den! Hiermit ſchmiß ich den Klen zu, und legte das Schloß davor. Dreißigſtes Kapitel. Sin prakriſches Percar, Waͤhrend der Zeit waren einige Bedienten zuruͤckgekommen, die ihr Kammerad auf eine liſtige Art entfernt hatte. Ich kannte ihre Treue, und erzaͤhlte ihnen die ganze Sache. Sie freuten ſich uͤber den gluͤcklichen Ausgang derſelben, und boten ſich ſelbſt an, bei den Kaſten Wache zu ſtehen. b Da ich mit dem Kriegsrath bei dem Auf ruhr, der vielleicht entſtehen wuͤrde, wenig — 280— ſprechen zu koͤnnen glaubte, ſchrieb ich ihm den ganzen Vorfall und ſteckte das Papier zu mir. Ich zog den Domino an, verbarg den Dolch unter denſelben, ließt mir das beſte Pferd ſat⸗ teln, einen Mantelſack mit meinen ordinairen Kleidern und den nothigſten Sachen aufpacken, und vor dem Thor bereit halten; hierauf begab ich mich auf den Ball. Was mich bei meinem Vorhaben am meiſten beguͤnſtigte, war der Umſtand, daß ich mit dem Pater Selmo in gleicher Groͤße und Staͤrke war. Als mich der andre Pater bemerkte, naͤherte er ſich mir; ich gab ihm das Zeichen, und er nickte zum Beweis ſeines Beifalls mit dem Kopfe. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, er beobachtete jeden Schritt des Kriegsraths, und folgte ihm uͤberall in einiger Entfernung; aber immer wollte ſich keine guͤnſtige Gelegenheit darbieten. Dieſer tanzte, und nach dem Tanz ging er, vermuthlich um ſich abzukuͤhlen, in ein entlegnes Nebenzim⸗ mer, wo kein Menſch ſich befand. Der Pater folgte, und ich auch. Der Kriegsrath ſtellte ſich mit dem Geſicht gegen ein Fenſter und trock⸗ nete ſich den Schweiß ab. Unvermerkt naͤherte ſich ihm der Pater, zuckte den Dolch, rufte ihn beim Namen, und als er ſich umkehrte, wollte 1 1 *½— 201— er zuſtoßen. Ich war mit einem Schritt bei ihm, fing mit der Hand den ſtoßenden Arm auf und druͤckte ihm meinen Dolch bis an den Heft in's Herz. Er ſank ſeitwaͤrts auf einen Stuhl; ich hatte ſo gut getroffen, daß er kaum noch lal⸗ len konnte.— Vermaledeit! ſtammelte er; Selmo— du— Verraͤther!—— Nicht Sel⸗ mo! ſagte ich, und riß die Maske vom Geſicht. Kennſt du mich?—— Blend— werk der— Hölle!— und er roͤchelte ſein ſchaͤndliches Leben aus. Ich gab dem Kriegsrath das Papier, draͤngte mich durch die Thuͤre und die Menge, und kam glacklich in den Hof. Hier höͤrte ich erſt Mord! Mord! ſchreien. Ein Bedienter wartete meiner mit Hut und Mantel, ich warf dieſen um, druͤckte jenen in die Augen, eilte zum Thore hinaus, ſchwang mich auf's Pferd und jagte davon. In drei Stunden war ich uͤber die Graͤnze, der Morgen war noch nicht angebro⸗ chen, ich ritt ſeitwaͤrts in ein Gebuͤſch, zog den Domino aus und meine Kleider an. Vielleicht kannſt du auch deinen Fuͤrſten noch retten, dachte ich, und ließ meinen Tartar laufen, daß er keuchte. Die Tour bis zur Reſidenz war lang, 4 4 — 202—* doch erreichte ich, ehe es dunkel wurde, das letzte Dorf vor derſelben. Da ich weder in ei⸗ nem Gaſthof einkehren, noch mich Jemanden zu erkennen geben wollte, hielt ich's fuͤr's beſte, zu Fuß in die Stadt zu gehen. Einige hundert Schritte von der Heerſtraße ſtand der Galgen, und ich benutzte die Furcht, die, wie ich wußte, das gemeine Volk fuͤr dieſen Ort hatte, indem es feſt und gewiß glaubt, daß ein gewiſſer hingerichteter Miſſethaͤter hier ſpuke. Auf dem Rade lagen noch einige geröſtete Ueberbleibſel von ihm, ich ritt hinzu und band mein Pferd an den Pfahl deſſelben. Als ich nicht weit mehr von der Stadt ent⸗ fernt war, begegnete mir ein Mann. Wenn Sie in die Stadt wollen, redete er mich an, ſo iſt Ihr Weg vergebens. Ich bin der Letzte, der durch's Thor gekommen iſt, ſie ſind alle geſchloſſen; der Fuͤrſt iſt todt.— Wie ein Donnerſchlag durchbebte mich dieſe Rede, und noch mehr der Anblick des Kerls, den ich ſo⸗ gleich an der Sprache fuͤr den Mann im brau⸗ nen Rocke und der Stutzperuͤcke, erkannte; und der gewiß kein anderer war„ als Pater Schandwich, den man abgeſchickt hatte, den X —————— — 205— Fuͤrſten um's Leben zu bringen. Der Schreck preßte mir die Worte heraus: Alſo zu ſpaͤt!— Er ſtutzte, ſah mich ſcharf an: Ich wollte ihn faſſen, aber er kam mir zuvor. Mit Anſtren⸗ gung ſeiner ganzen Kraͤfte rannte er wider mich; ich wankte einige Schritte zurück, und er ſprang querfeldein. Ihm nachzuſetzen, waͤre bei eintretender Finſterniß und meiner Muͤdigkeit Thorheit ge⸗ weſen. Das Kluͤgſte war, zu meinem Pferde zuruͤck zu kehren, und ſo bald als möglich, das Land zu verlaſſen, wo ich nichts mehr zu hof⸗ fen hatte, das nun in den Haͤnden meiner geſchwornen Feinde war, und das ich ſchon im voraus unter der tyranniſchen Geißel der Pfaffen und den haͤrteſten Bedruͤckungen ſeuf⸗ zen hirte — 204— en Ein und dreißigſtes Kapitel. Für ſolche, die Luſt und Belieben haben ein Sommerſtüb⸗ 1 chen zu miethen. X ——C⸗——- Aus ich mein Pferd losbinden wollte, ſah ich aus dem Gaigen Rauch emporſteigen und be⸗ merkte durch eine Ritze der Thuͤre eine Erhel⸗ lung. Das iſt der Teufel, der die Markkno⸗ chen der armen Suͤnder auskocht, würde mein Vater ſeligen Andenkens geruft haben, und ausgeriſſen ſeyn, wie die Franzoſen bei Roß⸗ bach, da ihnen die Todtenkopfe nachjagten. Ich dachte nichts, als: was mag's wohl ſeyn? und ging hinzu. Ich guckte durch die Ritze, und ſah eine Frau bei einem Feuer ſitzen, an wel⸗ chem auf einem Dreifuße ein großer Topf ſtand. Wen haͤtte ſo etwas nicht zur Neugierde reizen ſollen? Ich pochte an, ſie erſchrack, daß ſie vor Angſt den Topf bald in's Feuer geworfen haͤtte. Mache ſie auf, ſie hat nichts zu befuͤrch⸗ ten, ſagte ich, und ſie offnete die Thuͤre. Ihre Furcht legte ſich, da ſie einen einzelnen Mann, und zwar in Reiſekleidern erblickte. Herein! ſagte ſie, daß niemand das Feuer ſieht. Ich — — — — 205— trat hinein und ſie verſchloß die Thuͤre wieder. Die Frau war mir ihrer Stimme und Geſichts⸗ bildung nach bekannt; aber wo und wenn ich ſie geſehn hatte, konnte ich mich nicht entſinnen. Ich fragte, was ſie an dieſem Ort mache? Man wollte mich unter den Menſchen nicht mehr lei⸗ den, antworte ſie, da trieb mich die Noth hier her. 1 Glaubt ſie denn hier unentdeckt zu bleiben? Wenigſtens eine geraume Zeit. Man haͤlt dieſen Ort fuͤr unſicher und glaubt, daß boͤſe Geiſter hier umgehen. Ich beſtaͤrke die Leute in dieſem Wahne, denn alle Nachte von eilf bis zwoͤlf Uhr gehe ich in einer Verkleidung, als wenn ich keinen Kopf haͤtte, und meinen gan⸗ zen Leib mit faulem Holze behangen, auf dem Platze umher.— Sie muß wunderbare Schickſale gehabt ha⸗ ben, daß ſie jetzt ihre Zuflucht zu dergleichen Nitteln nehmen muß? 3 Ja wohl, daß Gott erbarme! Aber Sie 4 werden mich doch nicht verrathen? Nein, nein. Dafuͤr muß ſie mir auch ihre Geſchichte erzaͤhlen.— — 206— 1 Ol ich könnte jetzt eine geehrte angeſehne Frau ſeyn, die an allem Ueberfluß haͤtte.— Woher bekommt ſie denn Lebensmittel und die uͤbrigen Beduͤrfniſſe?— Es kommen des Nachts einige Bettelweiber zu mir, die mir alles bringen; deswegen koche ich auch in dieſem Topfe Erdaͤpfel, daß wir un⸗ ſere Mahlzeit halten können. Sie wollen gewiß in die Stadt? Ich wollte, aber ich kann nicht. Die Thore ſind verſchloſſen, weil der Fuͤrſt todt iſt. Da haben ſie ihn gewiß ums Leben gebracht, den lieben Herrn. Es iſt ſchon einmal ſo etwas voorgefallen; da ſollte es ein gewiſſer Sekretair Hering geweſen ſeyn: Aber der war gewiß un⸗ ſchuldig!—. Ja, ich weiß davon, er war unſchuldig. Kennt ſie ihn denn, daß ſie ſo fuͤr ihn ſpricht?— Ob ich ihn kenne?— So gut, als ihn kein Menſch kennen kann. Ob er nur noch leben, und wie's dem guten Menſchen gehen mag? Ich betrachtete jetzt die Frau genauer, und — 207— man ſtelle ſich mein Erſtaunen vor,— ich er⸗ kannte meine— wen wohl?— meine Mut⸗ ter!— Es geht ihm nicht zum beſten, fuhr ich fort. Wenn ſie ihn ſaͤhe, wuͤrde ſie ihn wohl noch kennen?— Sie blickte mich ſtarr an. Himmel, wenn's wahr waͤre! Ludwig! wenn du's biſt, ſo verab⸗ ſcheue mich nicht! Mieeine kindlichen Gefuͤhle erwachten. Ja, Mutter, ich bin's! Sie haben zwar den Grund zu meinem Ungluͤck gelegt; aber ich habe Ihnen laͤngſt vergeben. Sie haben auch genug gebuͤßt, das zeigt die elende Lage, in der Sie ſich jetzt befinden. Ich hab's auch verſchuldet. O ich hab' viel Boͤſes geſtiftet! wenn ich dir's erzaͤhlen werde, wirſt du ſprechen: Mutter, ihr ſeyd ein Unge⸗ heuer, ein Abſchaum der Menſchheit. Willſt du meine Schandthaten hoͤren? 3 O meine Augen und Ohren ſind jetzt an La⸗ ſter gewoͤhnt! Wenn nur die Weiber uns nicht ſtoͤren! 7 — 208— Doch ſie ſind gewiß in der Stadt verſchloſſen, und werden nicht kommen; hoͤr' alſo! Als ich mit dem Schreiber davon ging, be⸗ gaben wir uns in ein fremdes Land, und legten mit dem Gelde, das wir mitgenommen hatten, einen kleinen Handel an. Einige Zeit ging's gut, bis Friedrich nach und nach meiner ſatt wurde, das Geld, das wir loͤſten, verthat, wir in Schulden geriethen und den Handel aufge⸗ ben mußten. Wir ſahen uns nun gezwungen zu einem andern Erwerb zu ſchreiten. Ich wuſch fuͤr die Leute, und er wichſte Stiefeln und machte den Lohnbedienten. Endlich wurde er auch dieſer ſauern Art uns zu ernaͤhren uͤber⸗ druͤßig, verließ mich und nahm alle Habſeligkei⸗ ten mit ſich. Dadurch gerieth ich in die kuͤm⸗ merlichſten Umſtaͤnde. Waͤr' ich jung geweſen, oder haͤtte ich wenigſtens anſtaͤndige Kleider ge⸗ habt, ſo haͤtte ich mir durch Ausſchweifungen etwas verdienen können; aber ſo flößte ich je⸗ dem Ekel und Widerwillen ein. Es war in der naͤmlichen Stadt eine Univerſitaͤt, und ich un⸗ ternahm es, den Studenten auf Pfaͤnder Geld zu ſchaffen. Dabei befriedigte ich auch meinen noch immer nicht erloſchnen Trieb nach Wolluſt. „ — 209— Wenn ein huͤbſcher Junge zu mir kam, mir ſeine Noth klagte, und ich's ihm anſah, daß ihn der aͤußerſte Geldmangel druͤckte, weigerte ich mich, ſagte, daß ich keinen Heller zu ſchaffen wiſſe. Er bat, nahm ſeine Zuflucht zu Schmei⸗ cheleien, meine Begierden wurden rege, ich bot alle meine wenigen Reize auf, mein ſtarker Koͤrperbau, mein noch ziemlich voller Buſen, ſchien ihm nicht ganz gleichguͤltig, kurz ich wußte es ihm ſo nahe zu legen, daß er mir ein Opfer ſeiner jugendlichen Kraft geben mußte, wenn er Geld haben wollte. Das genuͤgte mir nicht, ich borgte, um mich beſſer kleiden zu koͤnnen, mehr auf die Pfaͤnder, verkaufte ſogar einige, und wurde beim Einloͤſen in die größten Ver⸗ druͤßlichkeiten verſetzt, bis ich endlich keine Ret⸗ tung mehr ſah, und mich bei Nacht und Nebel davon machen mußte. Ich wurde eine Land⸗ ſtreicherin, und hatte keine Mittel uͤbrig, wenn ich nicht verhungern wollte, als vor den Thuͤren betteln zu gehn. Aus mancher Stadt wurde ich durch den Bertelvoigt gebracht, von mancher Thuͤre mit Fußtritten geſtoßen; Verzweiflung bemaͤchtigte ſich meiner, und ſchon wollte ich mich in einen Fluß ſtuͤrzen, als ſich eine wohl⸗ thaͤtige Seele fand, die Erbarmen mit mir O — 210— hatte*). Ich log ihr eine Geſchichte vor, die mich zu dieſem Entſchluß gebracht haͤtte, und erregte dadurch ihr Mitleid. Sie nahm mich zu ſich in's Haus, ich mußte ihr in den haͤusli⸗ chen Arbeiten helfen, und erhielt dafuͤr Eſſen und Trinken, und die alten Kleider, die ſie abſetzte. Unermuͤdet und unaufgefodert verrich⸗ tete ich die ſchwerſten Geſchaͤfte, ich wußte mich ſo zu verſtellen, daß man von meiner Redlich⸗ keit uͤberzeugt zu ſeyn glaubte, und das gröͤßte Zutrauen in mich ſetzte. Doch nach und nach wurde mir die gezwungene Lebensart laͤſtig, und ich ſann auf Raͤnke, mir eine bequemere zu verſchaffen. Der Schulmeiſter hatte eine Tochter von ſechzehn Jahren, und vorzuͤglicher Schönheit, ſie beſaß ein raſches feuriges Tem⸗ perament, das ſie oft zu den leichtſinnigſten Handlungen hinriß. Wenn ſie eine Mannsper⸗ ſon ſahe, wurde ihr ganzes Weſen heiterer, ſchon manchem hatte das huͤbſche geſunde Maͤd⸗ chen in die Augen geſtochen, und ſie waͤre ge⸗ wiß nicht ſo lange unverfuͤhrt geblieben, wenn ſie von ihren Aeltern nicht aͤußerſt ſtreng gehal⸗ ten worden waͤre. Aber dieſe Strenge machte *) Es war die Schulmeiſterin vom nächſten Dorfe. —,— — — 211— ſie mißmuthig, und erweckte den Wunſch in ihr, ihre Aeltern verlaſſen zu können. Ich glaubte alſo, daß es mir wenig Muͤhe koſten wuͤrde, ſie zur Flucht aus dem vaͤterlichen Hauſe zu bereden. Ich machte einen Verſuch, ich ſagte, daß ich ſie bei einer vornehmen Herrſchaft als Kammerjungfer anbringen wollte, und malte ihr dieſen Stand ſo reizend, daß ſie bald einwilligte. Wir ſtahlen ihren Aeltern das kleine Vermögen, das ſie ſich erworben hatten, und noch andere Sachen von Werth, und fuͤhr⸗ ten einſt in der Nacht unſern Entſchluß aus. Ich nahm meinen Weg mit ihr nach Hochfels, weil ich eine große volkreiche Stadt zu der Ab⸗ ſicht, die ich hatte, am bequemſten hielt. Wir mietheten uns ein Logis, gaben uns fuͤr Putz⸗ macherinnen aus, und nahmen Beſuche von jungen Herren an. Die Sache wurde bekannt, Lottchen gefiel, und wir hatten unſer reichliches Auskommen. In kurzer Zeit ſah man uns, wenn wir ausgingen, fuͤr Frauenzimmer von Stande an. Mit unſrer Tracht und der Meub⸗ lirung unſrer Zimmer ſtieg auch der Preis der Gunſtbezeugungen. Ich ſuchte noch mehr Maͤd⸗ chen an mich zu locken, und formirte bald ein vöͤlliges Bordell, das ſo in Anſehen kam, daß — 212— die reichſten und erſten Kavaliers bei mir abtra⸗ ten. Aber Satanas fuhr unter die Saͤue. Lott⸗ chen bekam eine Krankheit, die jetzt jeder ga⸗ lante Mann wenigſtens einmal gehabt haben muß; ſie ſchonte ſich nicht, brauchte unrechte Mittel, das Uebel griff um ſich, und mancher bluͤhende Juͤngling wurde von ihr angeſteckt, verlor ſeine Geſundheit, und fand wohl gar durch ſie ſein Grab. Sie ſelbſt war mir nun bei meiner Handthierung mehr nachtheilig, denn jedermann betrachtete ſie mit Abſcheu, und hielt ſchon ihren Athem fuͤr gefaͤhrlich. Ich ließ ſie in's Lazareth ſchaffen, wo ſie die jaͤmmerlichſten Schmerzen ausſtehen mußte. Sie fluchte mir als ihrer Verfuͤhrerin, und ſtarb endlich, als ihr Koͤrper ſſchon halb verweſt war, auf die elendeſte Art. Ein gleiches Schickſal hatten noch mehrere meiner Schülerinnen. Mein Haus wurde fuͤr die ganze Stadt eine Pflanz⸗ ſchule von veneriſchen Seuchen. Blaß und aus⸗ gemergelt ſchlichen die einher, die es vor kurzem mit voller Geſundheit betreten hatten. Aeltern hoffnungsvoller Kinder ſeufzten und murrten. Zaͤrtliche Eheweiber verwuͤnſchten mich; bis die Klagen lauter wurden. Der Arm der Gerech⸗ tigkeit faßte mich. Ich wurde mit meiner gan⸗ —.— —,.—— — 213— zen Geſellſchaft aufgehoben und in's Gefaͤngniß geworfen. Was ich zuſammengeſcharrt hatte, ging vor Unkoſten auf, und als ich nur noch eine einzige Kleidung hatte, wurde ich aus der Stadt verwieſen. Wer haͤtte ſich jetzt meiner annehmen ſollen? Selbſt der Weichgeſchaffenſte, Mitleidigſte nicht.— Ich fluͤchtete alſo hieher und friſte auf dieſe Art mein Leben.— Du ſtaunſt, du willſt deinen Abſcheu gegen mich verbergen.— Ja, Ludwig, ich verdiene ihn; entferne dich, ohne mich zu bedauern, uͤberlaß mich meinem Schickſale, es kann nicht haͤrter werden, als ich's verdiene.— Mutter! Mutter! ich wollte, ich koͤnnte eure Thaten ungeſchehn machen, ich wollte Jah⸗ relang als der niedrigſte Sklave leben. Harte Laſten druͤcken euer Gewiſſen. Das Leben und Wohl Unzaͤhliger liegt auf eurer Seele. Doch verzagt nicht! noch iſt's Zeit Vergebung jenes großen Richters zu erhalten. Verlaßt dieſen ſchauderhaften Ort, wo ihr uͤber lang oder kurz verrathen werden koͤnntet; waͤhlt einen andern Weg, euch redlich zu naͤhren. Was ich dazu beitragen kann, will ich thun. Meine ganze Baarſchaft beſteht aus dreißig Thalern, zwanzig 5 — 214— davon ſollen eure ſeyn. Lebt wohl! eure Ge⸗ ſchichte hat zu ſtarken Eindruck auf mich gemacht, als daß ich laͤnger hier verweilen koͤnnte. Sie faßte meine Hand, uͤberſchwemmte ſie mit Thraͤnen, ich riß mich los, warf mich auf's Pferd, und jagte, da mir die Wege bekannt waren, trotz der Nacht, auf die Graͤnze los. — Zwei und dreißiigſtes Kapitel. Reiten Sie zu! reiten Sie zu! daß Sie dem Teufel deſto eher in die Klanen kommen. 4 Noch vor Tagesanbruch erreichte ich das letzte Dorf. Ich ſtieg im Gaſthof ab, ließ mein Pſerd fuͤttern und beſtellte mir Kaffee. Ich hatte kaum einzge Taſſen getrunken, als eine Frau mit verweinten Augen zum Wirth herein⸗ ſtuͤrzte. Um Gottes willen, Herr Gevatter, ſchrie ſie, komm er doch gleich mit, mein Mann liegt in den letzten Zuͤgen, und der Herr Paſtor will ihm das heilige Abendmahl nicht reichen. Ich bin ihm ſchon zu Fuͤßen gefallen, habe ihn —:.— —.,— — 215— um die Wunden Chriſti gebeten; aber umſonſt. Er ſpricht: man duͤrfe die Perlen nicht vor die Saͤue werfen, und droht dem Sterbenden mit Hoͤlle und ewiger Verdammniß. Vielleicht aͤßt er ſich durch ihn bewegen. Das Abendmahl muß er ihm reichen, rief der Wirth, ſo wahr ich Hanns Sichel heiße! und wenn er nicht will, ſo mag er ſich zum Teu —— Gott verzeih mir die Suͤnde!— ſcheren, ſo reite ich aufs naͤchſte Dorf und hole einen andern Pfarrer.— Warte er, Herr Wirth! ſagte ich, ich gehe mit, vielleicht kann ich etwas dazu beitragen. Die Frau vergaß die Thraͤnen uͤber mein Anerbieten und der Wirth fragte, wenn der Paſtor das Abendmahl nicht reichen wolle, ob ich's ihm nicht reichen koͤnnte? Er wollte mit die Gebuͤhren doppelt bezahlen. Wir gingen. Als wir i in die Stube traten, ſah ich ein kleines hagres Maͤnnchen vor'm Bette ſtehen, das mit den Fuͤßen ſtampfte, und mit beiden Haͤnden um ſich ſchlug. Es ſchilderte dem Kranken die Qualen der Holle ſo fuͤrchter⸗ lich und unſinnig, daß mir die Haare zu Berge ſtanden, und ich mir eher einen Raum von zehn Meilen mit Feuer, Pech und Schwefel ange⸗ fällt, vorſtellte, als eine göͤttliche Strafe. Sein Geſicht war kirſchbraun vor Eifer. Ja, wenn ich's thun wollte, rief er mit ſchaͤumenden Munde, nicht einmal ein ehrliches Begraͤbniß ſollte er erhalten, hinter der Kirchhofsmauer ſollte er verſcharrt werden. Was! fing der Wirth an, weinem Gevatter kein ehrliches Begraͤbniß! 1 Der Paſtor ſah ihn mit funkelnden Augen au. Er iſt auch einer von denen, kreiſchte er, die Gottes Langmuth mißbrauchen, uͤber die Gottes Strafgericht hereinbrechen wird, wie ein Dieb in der Nacht. Laͤnger konnt' ich nicht an mich halten; ich trat hervor. Aber warum, fragte ich mit ernſt⸗ haftem nachdruͤcklichen Tone, wollen der Herr Paſtor dem Sterbenden das Abendmahl ver⸗ weigern? Weil er in einem ganzen Jahre nicht einmal zur Kommunion geweſen iſt; weil er die Feinde unſers Heilandes bewirthet, ja ſogar gepflegt hat; weil er nicht alles glauben will⸗ was in der Bibel ſteht. nae: — 5 —yy— — — — 217— Verzeihen Sie: wenn er nach Ihrer Mei⸗ nung gefehlt hat, ſo ſollten Sie ihn in ſeiner letzten Stunde nicht mit Vorwuͤrfen martern, ſondern ihm Troſt einſprechen; und wenn er uͤberzeugt iſt, daß durch den Genuß des Abend⸗ mahls ſein Gewiſſen beruhigt wird, ihm daſſelbe mit willigem Herzen reichen. So? daß ſich andere ein Beiſpiel naͤhmen, keiner zur Kommunion mehr ginge, und ich das Beichtgeld einbuͤßte! Von was ſollte ich denn leben? Denken Sie nur, des Jahrs vier⸗ mal, und jedesmal 2 Gr., das macht 8 Gro⸗ ſchen. So viel habe ich nur allein bei dieſem eingebuͤßt. Unerhoͤrt! einen Diener des Herrn, den Hirten der Seele um das Seinige zu brin⸗ gent Lieber Herr! ſiel die Frau in die Rede, mein Mann wurde allemal krank, wenn er aus der Kommnnion kam, der Wein war ſo ſauer, ſo ſchlecht, daß man ihn nicht trinken konnte. Luͤgen! Laͤſterungen!— hoͤren Sie weiter! Nicht genug, daß er den Leib und das Blut Chriſti verſchmaͤht hat, auch Chriſti Feinden hat er Gutes gethan. Vor'm Jahre im Winter kam ein Jude, dem die Suͤnden aus dem lan⸗ 4 — 218— gen Barte heraus ſahen, in's Dorf, er war halb erfroren und verhungert, und flehte vor den Thuͤren um Brod und ein Obdach. Ich. warnte die Leute, aber dieſer ließ ſich nicht war⸗ 6 nen; er nahm den Juden in's Haus, ſaͤttigte ihn, und als er krank wurde, pflegte er d. ihr auch. Was ſagen Sie dazu?— 8 Daß es eine gute That war, die ihn noch jetzt auf dem Sterbebette beruhigen muß, und wofuͤr er nun bald die Belohnungen erndten wird. 3 aunten Ohnmͤglich koͤnnen Sie ein* Lneheraner feyn! Ich bin ein Lutheraner; aber ich wuͤrde mich ſchaͤmen, einer zu ſeyn, wenn ich mich durch Stand oder Religion hindern ließe, meinen lei⸗ denden Mitbruder zu helfen. Aber bedenken Sie nur, einen Nachkommen von denen, die den Meſſias getödtet, an⸗ 5 Kreuz geſchlagen haben. Ich habe keine Luſt, mich mit Ihnen weiter zu ſtreiten. Hier iſt ein Gulden, alſo doppelt ſo viel, als Sie eigentlich Beichtgeld von dieſem — — — — — 219— Manne haͤtten erhalten ſollen. Wollen Sie ihm nun das Abendmahl reichen? Ei gehorſamer Diener!— Ich haͤtte zwar noch verſchiedene Bedenklichkeiten, beſonders wegen den Zweifeln an einigen Stellen der hei⸗ ligen Schrift; aber ihnen zur Gefaͤlligkeit will ich eines meiner chriſtlichen Augen zudruͤcken. (Er beſah den Gulden.) Ei, ein ſchöner neuer Saͤchſiſcher! Czu dem Kranken.) Nun, mein Lie⸗ ber, er iſt im Begriff dieſe arge Welt zu verlaſ⸗ ſen, und er verlangt nach dem Leibe und Blute ſeines Erlöͤſers. Ich habe es bei mir.—— Doch was erzaͤhle ich die einfaͤltige und a⸗ cherliche Art ſeines Betragens! Der Kranke konnte nicht mehr ſprechen, er blickte gen Him⸗ mel, und druͤckte mir dankbar die Hand. Als die Ceremonie geendet war, entfernten wir uns insgeſammt. Der Paſtor begleitete und unter⸗ hielt mich noch bis an den Gaſthof. Er erzaͤhlte mir noch von dem Unglauben des Sterbenden. Stellen Sie ſich vor, ſagte er, der Mann wollte nicht glauben, was ich auf der Kanzel predigte. Ich redete von den Wundern Gottes und Chri⸗ ſti, und bewies es durch verſchiedene Stellen der Bibel; zum Beiſpiel, dadurch, daß der — 220— Eſel Bileams habe reden koͤnnen. Da hat er im ganzen Dorfe ausgeſprengt, ich habe un⸗ recht, es ſey nicht wahr, daß Bileams Eſel habe reden künnen.— Ich achtete wenig auf ſein Geſchwaͤt, ließ mein Pferd vorfuͤhren und bezahlte die Zeche. Aber er mochte durchaus auch meine Meinung hieruͤber wiſſen wollen, er faßte mich beim Arme, ſchuͤttelte mich und fragte: Was glau⸗ ben Sie? Nicht wahr, der Eſel Bileams hat reden konnen?— Ich glaube, ſagte ich, indem ich auf's Pferd ſtieg, daß Bileams Eſel kluͤger war, als Sie.— Unerhort! ſchrie er; mir— einem berufenen und verordneten Diener des Herrn ſo etwas zu lezezte Sie brennen ſchon lichterloh in der Hölle!— — Ich antwortete nicht, ſondern gab: meinem Pferde die Sporen. „Reiten Sie zu! rief er noch nach, teiten Sie zu! daß Sie dem Teufel deſto eher in die Klauen kommen. ——+ ———— — 221— Drei und dreißigſtes Kapitel. Hop! hop! da tag der Fächer im Staube! Und das will ein lutheriſcher Geiſtlicher ſeyn, dachte ich, der eine Menge Seelen zum Him⸗ mel fuͤhren ſoll! Ich haͤtte noch lange uͤber den reichhaltigen Stoff, den mir dieſe Begebenheit gab, nachdenken können, wenn nicht hinter mir eine Poſtchaiſe hergerollt waͤre, aus der, als ſie bei mir vorbei fuhr, ein Maͤdchenkopf mit ſchwarzen funkelnden Augen und iühen, den Wangen mich anſah. iei29 Es iſt eine wunderbare Sache mit dem er⸗ ſten Anblick eines Maͤdchens. Man kann hun⸗ dert ſehen, und denkt nichts, als: Es war ein huͤbſches Maͤdchen!— Aber Manche uͤberraſcht beim erſten Blick ſo ſehr, daß man mit einem mal aus der ganzen gehabten Gedankenreihe ge⸗ riſſen wird, alles um ſich vergißt, ein gewiſſes wonniges banges Behagen in ſich fuͤhlt, Ahn⸗ dungen und Bilder im bunteſten Gemiſch vor ſich ſchweben ſieht, und den Wunſch, den ſeh⸗ nenden Wunſch nicht unterdruͤcken kann, dies Maͤdchen kennen zu lernen. ren, und nahm mir feſt vor zu erforſchen, wer das Maͤdchen ſey. Sie reichte einen weiſſen Arm heraus, den ich ergreifen und kuͤſſen haͤtte mögen, und ſtreckte den Faͤcher nach einer Ge⸗ gend hin, vermuthlich um der Mannsperſon, die bei ihr ſaß, etwas zu zeigen. Hop! hop! und abermals hop! hop! gings. Die Kutſche ſtieß an ein paar große Steine, und der Faͤcher lag im Staube. Ehe der Kut⸗ ſcher hielt, war ich ſchon vom Pferde geſprun⸗ gen, hatte ihn aufgehoben, war an die Chaiſe geſprengt und uͤberreichte ihn. Mit hinreiſſen⸗ dem Laͤcheln und Tone dankte ſie mir. Ein gluͤcklicher Zufall, ſagte ich, der einen meiner angenehmſten Wuͤnſche erfuͤllt! Und der waͤre? Bekanntſchaft mit Ihnen zu machen. So war denn das Geſpraͤch angefangen, und wurde mit jeder Minute unterhaltender fortgeſetzt. Ihr Begleiter war ihr Vater, ein Mann, dem Redlichkeit und Biederſinn auf der Stirne lagen. Er fragte nach meinem Namen, Stand, und woher ich kaͤme, und als ich ihm den Kriegsrath Wellwitz nannte, war er außer So ging auch mir's jetzt. Ich blieb hinter der Chaiſe, ſie mochte langſam oder ſchnell fah⸗ — — ſich vor Freude. Den Kriegsrath kennen Sie? ſagte er; o wie viel hab' ich dieſem Edeln zu verdanken, ihn werde ich nie vergeſſen, ſo lange ich lebe. Wenn er Ihr Freund iſt, erwiderte ich, ſo glaube auch ich Anſpruͤche auf Ihre Freundſchaft machen zu koͤnnen. Ich erzaͤhlte ihm hierauf, wie ich ihm ſein Leben erhalten hatte. Ver⸗ dammt! rief er; man hat den braven Wellwitz ermorden wollen! Das muͤſſen Erzſchurken ge⸗ weſen ſeyn! und ſie haben ihn gerettet? Dafuͤr fordern Sie die Belohnung von mir! Der Tartar, den ich reite, iſt ſein, auf ihmn mußte ich die Flucht ergreifen. Weil Sie ſeinen Moͤrder Kiebergeſohen hatten? Nicht anders. Um Ihnen das deurſich an machen, bedarf es einer weitlaͤuftigern Zer⸗ gliederung. Aha! ich merk's ſchon! Sie wiſſen manches, was ich wiſſen möchte; aber, bei meiner Ehre! Sie muͤſſen mir alles haarklein ſagen. Wo wollen Sie jetzt hinreiſen? Auf die Guͤter des Oberſten Barenklau. Auch dieſen kennen Sie? So haben Sie die wackerſten Maͤnner zu Freunden. Sie muͤſſen — 224— meiner Seel der Meinige werden. Wiſſen Sie was? Sie reiſen mit zu uns, und halten ſich ei⸗ nige Zeit in meinem Hauſe auf. Ich bin Mu⸗ ſikdirektor in G**, wo Sie Ihr Weg vorbei⸗ fuͤhrt. Ich ſah das Maͤdchen an, als wollte ich ihre Meinung uͤber dieſes Anerbieten aus ihren Au⸗ gen leſen. Sie ſchlug ſie nieder; ich legte das Niederſchlagen fuͤr ein gefaͤlliges Nicken aus, und—— O wie einfaͤltig waͤre ich, wenn ich meinen Leſern erſt ſagen wollte, daß ich den Vorſchlag annahm. Uunverwandt hatte ſie mich wäͤbrend der Erzaͤhlung angeſehn. Als ich die Gefahr ſchil⸗ derte, in welcher ich und der Kriegsrath ge⸗ ſchwebt hatten, wie aͤngſtlich hob ſich da ihr Buſen! als ich aber auf den Punkt kam, wo ich uns ſo gluͤcklich gerettet hatte, wie froh ſchopfte ſie Athem, wie maaßen mich ihre ſpre⸗ chenden erſtaunten Blicke! Den uͤbrigen Theil der Reiſe wurde von verſchiedenen Dingen geſprochen. Ich erfuhr, daß ſie aus dem*** Bade kamen, wo er ei⸗ ner Unpaͤßlichkeit ſeiner Tochter wegen ſich vier Wochen aufgehalten hatte. In drei Tagen ſahen wir G*** vor uns I — 229— liegen. Beim Anblick der Stadt quoll ein tie⸗ fer Seufzer aus des Maͤdchens Bruſt. Das veerrieth mir keine Freude uͤber die Zuruͤckkunft in ihre Vaterſtadt. Sey heiter, liebe Julie! ſagte der Muſikdirektor, der Herr Sekretair ſoll uns manche angenehme Stunde machen! Sie ſchwieg und ſah dem Traben meines Pfer⸗ des zu. Feſter habe ich wohl in meinem Leben nicht geſchloſſen, als in dieſem Augenblicke. Als die Chaiſe hielt, ſprang ich vom Pferde, und reichte Julien die Hand zum Ausſteigen. Es fiel eine Thraͤne darauf; die Quelle davon ſchien ich in dem Blick ihrer Mutter, mit dem ſie uns empfing, zu errathen. Ich fand bald, daß ich mich nicht geirrt hatte. So ſanft und gut ihre Tochter, ſo rechtſchaffen ihr Gatte war, ſo zaͤnkiſch und boshaft, ſo niedrig war ſie. Beide mußten viel von ihr dulden, am meiſten das nachgiebige Maͤdchen, das als Kind den harten Behandlungen nichts entgegenſetzen konnte, als Stillſchweigen, und deſto mehr heimlich ſich kraͤnkte. Keine ruhige Stunde hatte ſi ſi e, faſt immer waren ihre Augen roth vom Weinen, oder wohl gar ihre Wangen ge⸗ ſchwollen von Ohrfeigen, die jede Kleinigkeit, jedes Wort, das nicht nach den eigenſinnigen Pp — 230— Launen ihrer gefuͤhlloſen Mutter war, ihr zu⸗ zog. Erſt, als eine guͤnſtige Gelegenheit mir einige Stunden gewaͤhrte, wo ich ungeſtoͤrt uͤber ihre traurige Lage mit ihr ſprechen, und ſie mich ganz in ihr leidendes ſchuldloſes Herz blicken laſſen konnte, erfuhr ich die Haupturſache von den Mißhandlungen, denen ſie ausgeſetzt war, und doppelt hoch ſtieg meine Verachtung gegen das Weib, das ſich ihre Mutter nannte. Ihr Vater wurde mir mit jedem Tage ſchaͤtz⸗ barer. Ich machte ihn mit der ganzen Reihe meiner Schickſale bekannt, oͤffnete ihm uͤber ſo manches die Augen, was ihm bisher dunkel ge⸗ weſen war, enthuͤllte ihm die ganze Kabale, durch die der Hochfelſiſche Hof nunmehro mit dem Kronauiſchen verbunden worden war, und machte ihn auf noch verſchiedenes aufmerkſam, was noch geſchehen wuͤrde. Er ſtaunte, und konnte kaum die labyrinthiſchen Gaͤnge der Pfaffenintrigue begreifen. Sie koͤnnen ſich gluͤcklich preiſen, ſagte er, daß Sie den Boͤſe⸗ wichtern entronnen ſind. Wo Moͤnche ihre Haͤnde im Spiele haben, da iſt keine Tugend ſicher. Religion iſt die Maske, unter der ſie handeln, nichts iſt ihnen heilig, und kein Mit⸗ tel zur Erlangung ihres Zwecks zu ſchaͤndlich. — 231— Ich ſelbſt hab' es in meiner Familie erfahren, und bin noch taͤglich Raͤnken und Verfolgungen ausgeſetzt.— Soſ ließ er ſich oft uͤber ſeine haͤuslichen Leiden etwas entſchluͤpfen; aber nie machte er mich ganz mit ihnen bekannt. Julie war offner. Wir waren an einem Abend, da ihre Mutter ohne ſie in die Komoͤdie gegangen war, beide allein, und beide zur Schwermuth geſtimmt. Ich, weil ich's fuͤr Zeit hielt, bald abzureiſen; ſie, weil ſie dies ahndete. Nun werde ich Sie bald verlaſſen muͤſſen, ſagte ich mit traurigem Tpne. Daß doch die frohen Stunden am ſchnellſten entfliehn!— Leider! Aber warum wollen Sie uns ſchon verlaſſen? Freilich ein armes leidendes Maͤdchen kann Ihnen wenig Unterhaltung verſchaffen. Ich verſichre Sie, wenn dies Maͤdchen nicht waͤre, mich nicht ſo ſehr an ſich gekettet haͤtte, ich waͤre laͤngſt fort. Und ich verſichre Sie, wenn Sie fort ſeyn, wird dies Maͤdchen noch unendlich mehr leiden. Iſt das Sprache des Herzens? Wenn Sie ſie nicht mißdeuten— ja.— Fuͤr was halten Sie mich? Fuͤr einen braven edlen Mann! Lieben Sie brave edle Maͤnner? Sie legen die Fragen zu nah an's Gewiſſen. Sie blicken mich ſo ernſt, ſo forſchend an. Schonen Sie meiner! Ich kann ſo ſelten reden, wie ich empfinde, daß ich, wenn ich's kann, zu offen mich dem hingebe, den ich theilnehmend gegen Ungluͤckliche finde. Ihr Zoͤgern, ihre ſchuͤchterne Zuruͤckhaltung erhoͤht ihren Charakter, Julie!— Maͤdchen,— das beim erſten Blick ich liebte, köͤnnen Sie durch dieſen Haͤndedruck errathen, was fuͤr ein Geſtaͤndniß aus meiner Seele zu den Lippen ſich draͤngt, und nicht in ſeiner Waͤrme und Fuͤlle heraorſtroͤmen kann, weil Worte zu ſchwach ſind es auszudruͤcken?— Julie! lieben Sie mich?——. (Erröthend) Wenn ich's nun nicht leugnete, was wuͤrde Ihnen ein Herz helfen, das ſchon fruͤh durch Leiden niedergebeugt wurde. O an meiner Seite ſoll Heiterkeit es erfuͤl⸗ len! Die kleinſte meiner Handlungen ſoll Be⸗ ruhigung deſſelben zur Abſicht haben. Nun dann!—— Sie ſank in meine Arme und der Bund war geſchloſſen. Aber, Ludwig, ſagte ſie, dn haſt weder Amt noch Brod!* — 233— So hab' ich doch Kopf, und Hoffnung beides zu erhalten. Du biſt mein; und von heute an iſt mein einziges Beſtreben einen Weg auszu⸗ ſpaͤhen, der mich zu einem Amte und dann auf ewig in deine Arme führe. Meine Mutter wird nie einwilten, das ich dir meine Hand gebe. Hab ich nur Deines Vaters Segen! Doch hier iſt noch ein Geheimniß, das ich nicht durch⸗ ſchauen kann. Du haſt mir noch nie den Haupt⸗ grund von den Mißhandlungen Deiner Mutter angegeben. Eben hier iſt der Abgrund, wo mir ſchwin⸗ delt. Mir bangt's, daß ich Dir's erzaͤhlen ſoll; aber wiſſen mußt Du's.— Der Abt zu St. Firma,— reicher und dabei wolluͤ⸗ ſtiger ſchaͤndlicher Mann, der ſchon manches unſchuldige Maͤdchen verfuͤhrt hat, will auch mich zum Opfer ſeiner Luͤſte machen. Er hat meiner Mutter ein Gut von zwanzig tauſend Thalern verſprochen, wenn ſie mich ihm in die Haͤnde liefert, und meine Mutter, deren Geiz und Habſucht Du kennſt, war auch dazu bereit. Sie ſuchte meinen Vater dazu zu bereden, aber was dieſer ihr geantwortet, kannſt Du leicht denken. Und wenn der Kaiſer mich zum Fuͤr⸗ — 234— ſten erheben wollte, ſagte er, wuͤrde um dieſen Preis mir die Tugend meiner Tochter nicht feil ſeyn. Da dies fehlſchlug, glaubte ſie mich durch Liſt und glaͤnzende Verſprechungen dahin zu bringen, daß ich mich ihm freiwillig uͤberließ. Und da auch dies und noch tauſend andere Ver⸗ ſuche nicht gluͤckten, bemuͤht ſie ſich durch die haͤrteſten Beleidigungen, durch die unerhörteſten Zuͤchtigungen meine Geduld zu ermuͤden, und hofft, daß ich vielleicht aus Verzweiflung mich entſchließen werde, nach ihrem Willen zu thun. Aber vergebens; ehe unterliege ich, als ich mich zu dieſer Abſcheulichkeit verleiten laſſe. Selbſt meinem Vater hat man ſchon nach dem Leben getrachtet, weil er zu kraͤftige Ma legeln nahm, mich zu ſchuͤtzen.— Das ſind alſo die Verfolgungen und Leiden, die den redlichen Mann druͤcken! Nein, bei Gott! Julie, es ſoll ihnen nicht gelingen, ich will Dich ihnen entreiſſen und durch meine Liebe entſchaͤdigen. Bleib ſtandhaft und dulde! Gott und mein Eifer ſollen uns bald zum Gluͤck fuͤh⸗ ren.— Wir mußten uns trennen, weil ihre Mutter zuruͤckkam. —— — 235—. Vier und dreißigſtes Kapitel. Sonnenſchein, und dann Sturm und Donner, daß die Felſen zittern. 4 Ungewöͤhnlich fruͤh, als ich noch im Bette lag, trat am kuͤnftigen Morgen der Muſikdirektor in mein Zimmer. Ich habe geſtern mit dem Grafen Haller geſprochen, ſagte er, der zugleich General eines Dragonerregiments iſt; er braucht einen Sekretair, der gerade die Kennt⸗ niſſe haben ſoll, die Sie beſitzen. Wollen Sie die Stelle annehmen? Der Gehalt iſt anſehn⸗ lich, und wenn Sie ſich in ihn zu ſchicken wiſ⸗ ſen, können Sie binnen ſechs Monaten Audi⸗ teur ſeyn, weil der alte um ſeine Dimiſſion an⸗ gehalten hat. Ihr Rath ſoll entſcheiden, antwortete ich. Nein Rath waͤre, Sie naͤhmen es an, es kann Ihr Gluͤck ſeyn. Gut, ich folge! So muͤſſen Sie ihm noch dieſen Morgen Ihre Aufwartung machen. Uebermorgen mit dem fruͤheſten reiſt er ab, und wenn, wie ich „1ö — 256— ſicher hoffe, die Sache auf's Reine kommt, muͤſ⸗ ſen Sie ſogleich mit ihm fort. Ich ging, wurde gut aufgenommen, erhielt die Stelle, nahm Abſchied von meinem Freunde und meiner Julie, ſagte jenem, daß ich ſeine Tochter liebe, und erhielt ſeine Einwilligung, empfahl dieſer Muth und Standhaftigkeit, und reiſte mit dem Grafen zu ſeinem Regimente. Ich hatte mir bald durch meine Arbeiten ſeinen Beifall und durch mein Verhalten ſein Zutrauen und ſeine Gunſt erworben. Ich lebte ruhig und zufrieden; nur Juliens Briefe, die zwar von ihrer Treue und unerſchuͤtterlicher Tugend zeug⸗ ten, aber von den ruͤhrendſten Schilderungen ihres Zuſtandes angefuͤllt waren, truͤbten meine Heiterkeit. Endlich brach durch die Daͤmme⸗ rung meines Gluͤcks die Morgenröthe. Was der Muſikdirektor mir prophezeiht hatte, wurde erfuͤllt. Der Auditeur des Regiments ging ab, und ich bekam ſeinen Poſten. Nun iſt Julie auf ewig dein, dachte ich, nun willſt du hin⸗ fliehn und ſie zu deiner Gattin machen. Gott! ſo viel geduldet, ſo nah am Ziele, und doch hinabgeſchleudert von dem Gipfel der — 237— Hoffnung in ſchwarze dunkle Nacht! das iſt un⸗ erforſchlich! ſcheint hart! und muß doch heilſam, doch weiſe ſeyn! wie waͤrſt du ſonſt der gute ge⸗ rechte Gott? 1 Ich ging zum General, bat um Urlaub und wollte eben abreiſen, als ein expreſſer Bote mir folgenden Brief brachte: Mein Ludwig. „Mach Dich auf's Schrecklichſte gefaßt! „wenig kann ich ſchreiben, aber fuͤrchterliche „Dinge. Die Bosheit hat gewuͤhlt, bis die „große Eiche geſtuͤrzt iſt, die mich beſchirmte. „Ich ſchreibe auf dem Sarge meines vergifte⸗ „ten Vaters. Laß Dich das aufdonnern und „eile! denn Deine Julie iſt ohne Schutz, ohne „Freund und Troͤſter. Keine frohe Sekunde „hab' ich mehr. Der Abt martert mich durch „Schmeicheleien, Geſchenke und Verſprechun⸗ „gen, und meine Mutter durch Schmaͤhungen, „Fauſtſchlaͤge und Fußtritte. Ich kaͤmpfe wie „eine Heldin, aber meine Kraͤfte ermatten; „meine Haͤnde ſind wund gerungen, meine „Augen koͤnnen nicht mehr weinen, und bald „wird auch mein Herz zu ſchlagen aufhören. „ — 238— „Doch dies eine Dir zum Troſt! Untreu wirſt „Du mich nicht finden, aber vielleicht todt Ewig Deine Julie.“ Julie todt! rief ich. Dann moͤge der Himmel euren Seelen gnaͤdig ſeyn, die ihr ſie zur Verzweiflung triebt!— Gottfried, ſattle den Tartar! die Piſtolen doppelt geladen in die Halftern! binnen fuͤnf Minuten muß ich aufſi⸗ tzen koͤnnen.— Ich konnte nicht's denken, das Blut brauſte in mir, ich ſah alle Augenblicke zum Fenſter hinaus, ob der Tartar bereit ſtuͤnde, und als er vorgefuͤhrt wurde, ſteckte ich jenen Dolch in den Buſen, ſtuͤrzte die Treppe hinun⸗ ter, ſchwang mich auf, und fort ging's, als fuͤhrte mich der Sturmwind davon. Schon warfen mein Pferd und ich Rieſengeſtalten auf die Felder, als ich vor G** anlangte. Ich ſprengte in den erſten beſten Gaſthof, gab mein Pferd dem Hausknecht und eilte in Juliens Wohnung. Ich floh auf den Zehen die Treppe hinauf vor ihrer Mutter Zimmer, wo ich ſtark reden hoͤrte, vorbei, und gerade auf das ihrige zu. Sie ſaß am Tiſche und ſchrieb, auf demſel⸗ —.— .,— — 259— ben ſtand ein Kelch und zwei Lichter. Als ſſe die Thuͤre aufreiſſen hoͤrte, griff ſie haſtig nach dem Kelche und ſetzte ihn an den Mund. Starr ſah ſie mich an. Ludwig, ſagte ſie, kaum ihren Augen trauend, biſt Du's wirklich? Ich glaubte, es waͤren meine Peiniger. Julie! wie finde ich Dich? Ich ahndete ihren Entſchluß und wollte nich aͤberzeugen. Ich riß ihr den Kelch aus der Hand, und ſtellte mich, als ob ich trinken wollte.— Um Gotteswillen nicht, Ludwig! rief ſe, es iſt Gift! Gift? und Du ſchwurſt mir Standhaftigkeit bis auf die letzte Minute! Dieſe war auch nahe. Noch heute muß ich mich entſchließen, die Buhlerin des Abt's zu werden; oder man zwingt mich mit Gewalt. Entſetzlich! Lebt ihr Ungeheuer, der Naͤcher iſt da! Indem wir ſo ſprachen, trat ihre Mutter herein. Sie waͤr faſt vor Schreck zu Boden ge⸗ ſunken, als ſie mich erblickte. Wuͤthend rannte . — 240— ſte auf ihre Tochter zu. Beſtie! und du haſt dich unterſtanden, ſchrie ſie, und ſchlug mit der geballten Fauſt ihr ins Geſicht. Das war der Punkt, der beruͤhrt werden mußte, um mich zu allem faͤhig zu machen. Ich faßte ſie beim Arme und ſchleuderte ſie zur Thuͤre hinaus. Fuͤnf und dreißigſtes Kapitel. Dolche blitzen; Blut fließt; Ketten raſſeln, und ein Engel erſcheint. 1 e 4 Julie war betaͤubt, ich nahm ſie in meine Ar⸗ me, eilte die Treppe hinunter, und wollte in der naͤmlichen Stunde noch mit ihr fliehn. Als ich vor die Hausthuͤre kam, vertraten mir drei Kerls den Weg. Sie packten mich an, ich wehrte mich wie ein Loͤwe, aber ſie uͤberwaͤltig ten mich, riſſen mich von ihr los und ſchleppten mich fort. Sie verſtopften mir den Mund, ich ſchaͤumte vor Wuth. Mit allgewaltiger Kraft durchſchauerte mich der Gedanke an Julien und die Gefahr, in der ſie ſchwebte, ich fuͤhlte Rie⸗ ſenſtaͤrke, arbeitete, focht, tobte, bis es mir gelang, mich aus den Klauen meiner Fuͤhrer los zu winden. Ich ſtuͤrzte in's erſte Haus, das ich offen ſah; niemand bemerkte mich, ich ging in den Hof, fand eine Mauer, die nicht allzu hoch war, und in ein ander Haus fuͤhrte, ich ſtieg hinuͤber, kam in einen Garten, der eine Hinterthuͤre hatte; ſie war angelehnt, durch ſie kam ich in ein enges Gaͤßchen, und durch dies und noch einige andere Straßen wie⸗ der vor Juliens Haus. Es war verſchloſſen, ich hörte kein Geraͤuſch in demſelben, lauſchte lange, bis ein Maͤdchen, das ſie zu ihrer Be⸗ dienung gehabt, und immer theilnehmend ge⸗ — 242— das Thor war verſchloſſen, ich pochte, und der Waͤrter machte auf. Iſt der Abt ſchon lange herein? fragte ich. Meine Eilfertigkeit und das Beſtimmte meiner Frage, machte den Mann ſo verlegen, daß er in der Geſchwindigkeit nicht antworten konnte, noch weniger mich aufhielt. Aber wo ſollte ich ihn nun ſinden? Ich ging durch die Kreuzgaͤnge, ſah und hoͤrte kein menſch⸗ liches Weſen; uͤberall war's dunkel, nur der Mond ſchien blaß durch die kleinen Fenſter. Ich kam an die Kirche, die Thuͤre ſtand auf, ich trat hinein, ich ſah den Schimmer eines Lichtes und hoͤrte eine wimmernde Stimme. Ich ging dem Schalle nach, und— tauchte ich meine Feder in hoͤlliſche Flammen, ich wuͤrde nicht ſchildern koͤnnen, was ich erblickte. 1 7 —— — 245— Seine viehiſche Begierde hatte ihn ſo der Sinne beraubt, daß er mich nicht auf ſich zu ſtuͤrzen ſah. Worte konnte ich nicht hervorbrin⸗ gen, aber mit dem Dolche zu bohren wurde ich nicht muͤde. Er ſchrie jaͤmmerlich um Häͤlfe, daß es dumpf in den hohlen Gebaͤuden wieder⸗ hallte. Moͤnche und Knechte eilten herbei, ich wurde ergriffen, nach der Stadt geſchafft, hier in einen Kerker geworfen, und an Haͤnden und Fuͤßen geſchloſſen. Ich hatte einen Abt ermor⸗ det! das war ein unerhoͤrtes Verbrechen. Er hatte den Vater eines Maͤdchens vergiftet, die er dann auf den Stufen des Altars ſchaͤnden wollte! das war eine Kleinigkeit; er beſns ja Tonnen Goldes im Vermögen. Den Tag vorher, ehe ich zu meinem Regi⸗ mente abgeliefert werden ſollte, trat eine weib⸗ liche Figur zu mir in den Kerker. Schlank und majeſtaͤtiſch war ihr Wuchs, edel und erhaben ihr Geſicht, ſtolz ihr Gang, feſſelnd und ſanft ihre Zuͤge, und ihr Auge ſtrahlte Wuͤrde und Hoheit. Die Finſterniß um mich her ſchien vom Glanz des Himmels erleuchtet zu ſeyn⸗ in welchem ein Engel ſtand. Sie naͤherte ſich mir. — 244— Sind Sie Tuliens Geliebter: fragte ſie.— Jal— Und der Freund eines wiſfn Blaubergs.— Jal— So ſollen meine Haͤnde Ihre Ketten loͤſen. Sie beugte ſich zu mir herab, und iffnete die Schleſſe meiner Feſſeln. Wer iſt meine Retterin? fragte ich ſtaunend. Das ſollen Sie erfahren. Ich bin weit von hier geboren; 3 mein Vaterland iſt Georgien; aber ich habe Gefuͤhl fuͤr Freundſchaft und Liebe, wie eine Deutſche. Mein Erſtaunen wurde graͤnzenlos. Schö⸗ ner hatte ich bis jetzt kein Maͤdchen geſehn, und ſchöner werde ich auch kein's wieder ſehn. Anſſinſinfffffnffnfſfff 9 3 14 15 16 17 7 8 10 11 12 1 1. Lul 1 11!