eernsee eesiesnSenseesenrei neo e e e O M.. I2 41.* 5—.-—— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Täg 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. d 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine⸗ dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 4—— 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3— — ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Sckadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt d der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen l. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen hapen.. ſ Ffoßs u b 8 —— Juzgewühlte TWlerke von Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864.— 8 ————— 5 ₰ Die Mittwe undl ihre Pindler. Von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. Büchele. Zweiter Band. Willſt du erkennen deine Pflicht, Brauchſt nur dein Herz zu fragen. 4 Gyllenborg. Stuttgart. Frauckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg. I. Die Zeit bis Weihnachten verging unter Arbeit und Fleiß ſehr ſchnell in dem kleinen Ackersberg. Eugen ſchrieb regelmäßig jede Woche, und aus ſeinen Briefen ließ ſich abnehmen, daß er in einer ernſten Gemüthsſtimmung war. Oft ſchien ein Ge⸗ präge von Schwermuth ihnen aufgedrückt zu ſein, aber dieß gab ſich nur in den Briefen an die Mutter deutlicher zu erkennen. Wäre Nina eine ſchwache Mutter geweſen, ſo hätte ſie darunter gelitten, aber ſie ſah ein, daß Eugens einzige Rettung darin beſtand, wenn er die bittern Früchte ſeines leichtſinnigen Lebens zu ſchmecken bekam. Elma hatte die Tage bis Weihnachten gezählt, wo ſie Eugen wieder ſehen ſollte. Thekla arbeitete eifrig für die neuen Lektionen, ohne jedoch eine ein⸗ zige von den Stunden zu verſäumen, welche die Mutter ihrem Unterricht widmete, und überdieß nahm ſie mit den andern Mädchen an allen Haushaltungs⸗ geſchäften Antheil. Obwohl der Kapitän ihr ein väterliches Wohlwollen bezeigte, blieb ſie doch ſchweig⸗ ſam und zurückgt zogen gegen ihn, ohne daß er je⸗ doch dieſe eben nicht ſehr freundliche Geſinnung im Mindeſten zu beachten ſchien⸗ „ 6 Thekla, das kleine häßliche Mädchen, war an und für ſich Eduard Oernſtjöld Nichts; aber ihre Wiß⸗ begier intereſſirte ihn, und er fand eine Freude daran, dieſe zu befriedigen. Außerdem hatte er zu Nina eine wirkliche Anhänglichkeit gefaßt und fand einen wahren Genuß darin, ihr bei der Erziehung der Kinder auf irgend eine Art behülflich zu ſein. In Folge der bevorſtehenden, durch Karls Hei⸗ rath mit Olga ſich anknüpfenden Verbindung war ſogar ein vertraulicherer Umgang zwiſchen ihm und den Bewohnern von Adersberg eingetreten. Die Mädchen nannten ihn Onkel, und Nina hatte das „Herr Kapitän“ gegen das freundſchaftlichere„Du“ ausgetauſcht. Die Einzige, welche ihn niemals mit dem ver⸗ traulichen Wort Oheim anredete, war Thekla; ſie vermied es überhaupt, ihm irgend einen Namen zu geben; aber auch dieſer Umſtand blieb von Eduard, der niemals auf Kleinigkeiten ein Gewicht legte, un⸗ beachtet. Dazu kam noch, daß ſeines verſtorbenen Bru⸗ ders Kinder, die nun in Warnäs angekommen wa⸗ ren, ſeine Gedanken mehrfach in Anſpruch nahmen. Wer aber genau auf Thekla Acht gab und ſo⸗ gar bemerkte, welche Mühe dieſelbe ſich gab⸗, der Benennung Oheim ſich zu entziehen, war Nina. So war man endlich in der Weihnachtswoche angelangt, und nun wurde Eugen erwartet. Er hatte geſchrieben, daß er am Donnerſtag oder Freitag eine treffen würde.. Schon früh am Donnerſtagmorgen war Elma in Bewegung und zur Seite von Debora, um ſich das 7 Vergnügen zu machen, zum hundertſten Mal mit der Alten die ſämmtlichen Lieblingsgerichte Eugens her⸗ zuzählen und noch einmal zu ſeinem Empfang zu wählen, was bereits ebenſo oft ſchon gewählt wor⸗ den war. „Glaubſt Du, daß er bis Mittag kommen wird?“ fragte Elma. „Nein, das glaube ich nicht; bei dieſem un⸗ menſchlichen Schneegeſtöber kann es wohl geſchehen, daß er heute überhaupt gar nicht kommt,“ antwor⸗ tete Debora unter dem Kaffeemahlen.„So, liebes fun⸗ jetzt gehe hinein und decke den Tiſch zum Früh⸗ ſtü. „Soll geſchehen, liebe Debora,“ ſagte Elma, ging in die Speiſekammer, kam aber ſogleich wieder zuruͤck. 1 „Weißt Du, was wir ganz vergeſſen haben? Das iſt doch unverantwortlich.“ „Nun, was denn?“ „Wir haben ja Eugens Zimmer noch nicht in Ordnung gebracht, und doch war meine Abſicht, dieß ſchon vorige Woche zu thun.“ „Ach, mein Gott, ich habe das Zimmer ſchon mehrere Tage geheizt, und Thekla hat ſich viel da⸗ rin zu ſchaffen gemacht; aber wer kann denn das ſein, der da die Allee heruntergefahren kommt?“ rief Debora, warf die Kaffeemühle von ſich und eilte an das Fenſter. Elma ließ den Brodkorb auf den Tiſch fallen und wäre beinahe mit dem Kopf durch das Fenſter gerannt. 1 „So wahr ich ein ſündiger Menſch⸗ bin, er iſt 8 8 es ſelbſt, der prächtige Junge rief Debora und ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen.„Nun, mein Herzchen, rühr’ Dich einmal, daß wir den Kaffee⸗ tiſch in Ordnung bringen.— Nun muß ich ſagen, das heißt Einen doch recht überraſchen! Der Junge, der böſe Junge.“ 3 Und Debora fuhr wieder anf die Kaffeemühle zu, während Elma ganz außer ſich mit einer Platte, voll von allen möglichen Dingen, in den Saal tanzte, und in aller Eile den Kaffeetiſch deckte. Sie wurde eben damit fertig, als der Schlitten vor der Haus- thüre hielt. Aber nun war es auch mit aller Selbſtbeherrſchung aus; ſie mußte die Erſte ſein, welche ihn willkom⸗ men hieß; und darum ging es auch trotz Sturm und Schneegeſtöber hinaus; und gerade als Eugen den Fuß auf die Thürſchwelle ſetzte, fühlte er ſich von ein Paar weichen Armen umſchloſſen, und eine freudige, holde Stimme rief: „Willkommen, willkommen, Du großer Ausrei⸗ ßer! Lieber Eugen, ſo haben wir Dich doch wieder bei uns!“ „Ach Elma, meine liebe, kleine Schweſter, Du biſt doch immer dieſelbe!“ ſtammelte Eugen, und folgte ihr auf die Hausflur, wo er beinahe Debora über den Haufen gerannt hätte, welche aus der Küche herbeieilte, um ihn vor allen andern zu be⸗ grüßen. „Gott tröſte mich über das Mädchen! Da ſchießt ſie hin und kommt mir doch noch zuvor!“ rief De⸗ bora. Eugen lies Elma los und drückte der alten treuen Dienerin die Hand. 3 9 Das Geräuſch von dem Fuhrwerk und der Laut der Stimmen hatte auch Nina's Ohr erreicht, wäh⸗ rend ſie in ihrem Schlafzimmer an der Arbeit ſaß. Die Wangen lebhaft geröthet, trat ſie in ihr Wohn⸗ zimmer hinaus, gerade als Elma und Debora Eu⸗ gen, nachdem die letztere ihm ſeinen Ueberrock ab⸗ genommen hatte, im Triumph hereinführten. „Eugen! Eugen, Tante!“ rief Elma mit freude⸗ ſtrahlendem Angeſicht. Ehe Nina ein Wort der Ueberraſchung ausſpre⸗ chen konnte, fühlte ſie ſich feſt umſchlungen von ih⸗ rem Sohne, welcher mit einer Bewegung, die nur ihr verſtändlich war, flüſterte: „So bin ich wieder unter dieſem geliebten Dache!“ „Und der Aufenthalt hier wird meinen Sohn wieder froh und glücklich machen, nicht wahr?“ flü⸗ ſterte Nina ſo leiſe, daß nur er es hörte. Im nächſten Augenblick hatte Elma auch Olga und Thekla von Eugens Ankunft unterrichtet, und er fand ſich bald wieder von allen denen umgeben, welche er liebte und welche ihn wieder liebten, aber unter den Freuden des ſtürmiſchen Studentenlebens bei ihm faſt in Vergeſſenheit gerathen waren. Als der Kaffee getrunken war und man von der erſten Freude ſich etwas erholt hatte, ſagte Thekla: „Eugen, willſt Du nicht Deinen Mantelſack in Dein Zimmer hinauftragen laſſen?“ „Gewiß, Schweſterchen, das will ich; zudem muß ich nach der Reiſe mich auch ein wenig aufputzen, beſonders da ich im Sturm hier eingefuͤhrt worden bin, ohne daß ich auch nur meinen Bart ein wenig 10 in Ordnung bringen konnte,“ antwortete Eugen mit Lächeln, aber es war nicht mehr das heitere Jugend⸗ lachen, wie ehedem. Mit ſeinem ganzen äußern Menſchen war eine große Veränderung vorgegangen, und er hatte etwas Männlicheres und Ernſteres— etwas beinahe Trau⸗ riges angenommen, was ganz und gar nicht an den frühern übermüthig fröhlichen und muntern Eugen erinnerte. Jedermann hatte dieſe Veränderung bemerkt, aber Niemand hatte ein Wort darüber geſagt. Die Mädchen dachten, er ſei von der Reiſe ein wenig derangirt und angegriffen. Nina kannte den Grund nur allzu gut, hütete ſich aber wohl, die Aufmerkſamkeit darauf zu lenken. Eugen ſtand auf, um in ſein Zimmer zu gehen. „Darf ich mit Dir?“ fragte Thekla;„nur Dich hinaufbegleiten; ich werde mich dann ſogleich wieder zurückziehen.“ „Gern, Thekla, aber ich fürchte, Du wirſt mir böſe, wenn ich Dir ſage, daß ich die Kleinigkeiten, wovon Du mir ſchriebſt, vergeſſen habe,“ bemerkte Eugen. „Glaube ihm nicht, Thekla; er ſagt nur ſo, er hat ſie nicht vergeſſen,“ rief Elma lebhaft. Eugen erröthete und ſah Elma mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdruck von Schmerz an, indem er ſagte: „Aber es iſt die wirkliche Wahrheit, daß ich alle Eure Kommiſſionen vergeſſen habe.“ „Bah! Das glaube ich nicht; aber geh nun auf Dein Zimmer, lieber Eugen, und putze Dich, Du 11 ſiehſt etwas unordentlich aus. Indeſſen habe ich mit Debora ein wenig zu ſchaffen, und die Tante bekommt auch dabei zu thun; denn wir haben zur Weihnachtsbackerei Vorkehrungen zu treffen, ſiehſt Du! Olga muß ſich auf den Empfang ihres Aus⸗ erwählten richten, welcher geſtern Abend in Warnäs angekommen iſt und bald hier ſein wird.— Ach! Die Verliebten, die Verliebten!“ ſetzte Elma mit einer philoſophiſchen Miene hinzu und eilte in die Küche. Thekla nahm ihren Bruder am Arm und führte ihn auf ſein Zimmer. Als Eugen die Thüre öff⸗ nete, blieb er auf der Schwelle ſtehen. Das Zim⸗ mer war neu tapezirt, die Möbel friſch angeſtrichen und mit neuem Kattun überzogen. Im Ofen brannte ein Feuer und das Ganze ſah höchſt behaglich aus. „Ei, was hat die Mama ſo viel Geld für mein Zimmer ausgegeben!“ rief Eugen. „Still!“ flüſterte Thekla, ſchloß die Thüre und zog den Bruder zum Bette hin. Auf einem kleinen Kißchen an der Wand über demſelben hing Eugen's Uhr, welche er verſetzt hatte und ſeitdem nicht ein⸗ zulöſen im Stande war.— „Was ſoll das heißen, Thekla,“ fragte er mit einem Ausdruck von Schmerz und Erſtaunen. „Ich will Dir es ſogleich ſagen, wenn Du nur erſt Deine Uhr genommen haſt,“ antwortete Thekla, indem ſie die Uhr von der Wand nahm und ihm darreichte. „Hat Mama— 2 „Nein, Mama weiß davon ganz und gar nichts, auch hat das Zimmer ſie nichts gekoſtet; ſondern 1² das habe ich gethan, um Dir und ihr eine Ueber⸗ raſchung zu bereiten.“ 1 „Thekla! Woher haſt Du ſo viel Geld bekom⸗ men?“ 3 „Komm und ſetz' Dich hieher, ſo will ich Dir Alles zuſammen erzählen. Sag; erſt, wie Dir das Zimmer gefällt?“ Dabei ſah ſie ihn mit ſtrahlenden Augen an. „Wie es mir gefällt, Thekla? Mehr als ich mit Worten auszudrücken vermag; aber es brennt mir in der Seele, wenn ich bedenke, was es Dich ge⸗ koſtet hat, und dann— die Uhr! Wenn Du ahnen könnteſt, wie dieſer Edelmuth mich demüthigt.“ Eugen kreuzte die Arme auf der Bruſt, ſenkte den Kopf und ſetzte hinzu: „Aber wie wußteſt Du, wo meine Uhr war?“ „Das ſollſt Du alsbald erfahren. Aber Du darſſt nicht ſo betrübt ausſehen.“ Mit dieſen Worten faltete Thekla die Hände über der Stirne des Bruders, drückte ihre Stirne darauf und fuhr mit einem Lächeln, welches das kleine häßliche Mädchen wirklich ſchön machte, fort: „Siehſt du, Eugen, ich will mit meinem kleinen Berichte der Ordnung nach verfahren, und darum kommt die Uhr zuletzt. Als Du vergangenen Win⸗ ter von hier abreisteſt, beſchloß ich, Alles, was ich verdienen konnte, zuſammenzuſparen, um Dein Zim⸗ mer auf nächſte Weihnachten ſchön und behaglich herzurichten, denn Du ſagteſt einmal: ‚ſobald ich die Mittel beſitze, laſſe ich das Zimmer hier neu tapeziren und mir recht behaglich machen.—„Am ſiebenundzwanzigſten Januar reisteſt Du von hier 13 für, daß ich ihm für ſeine Mutter eine Decke häckelte. Debora und ich, wir zogen die Tapeten ſelbſt auf und bekleideten die Möbel mit dem Kattun hier, den Muhme Greta mir kaufte. Anders ſtrich noch die Decke an, und auf dieſe Weiſe habe ich Dein Zimmer verſchönert.“ „Und all Dein Geld iſt darauf gegangen,“ fiel Eugen ein. „Ach nein, nicht Alles; ich hatte noch etwas zu eihnachtsgeſchenken für Mama und die Mädchen übrig.“ „Aber die Uhr, die Uhr?“. „Ja, ſiehſt Du, als Svante von Upſala heim⸗ kam, machte er hier zuweilen einen Beſuch, und eben ſo traf ich ihn jedesmal, wenn ich zum Spielen nach Warnäs ging, und er pflegte mich dann heimzube⸗ 14 gleiten. Eines Tags bat ich ihn, mir zu ſagen, was Du ſeiner Meinung nach wohl am gernſten auf Weihnachten haben möchteſt, und er antwortete: „Gewiß wäre es ihm am liebſten, wenn er ſeine Uhr wieder bekäme, welche er für dreißig Reichs⸗ thaler verſetzt hat.“—„Ich grübelte lang darüber nach, wie ich in einem Monat ſo viel Geld zuſam⸗ menbringen konnte, als Tante Klint mir einmal vor⸗ ſchlug, ob ich nicht eine Tiſchdecke, an welcher ſie angefangen hatte, fertig machen wollte. Ich ar⸗ beitete recht eifrig und kam damit vor einer Woche zu Stande und erhielt fünfundzwanzig Reichsthaler von der Tante. Das noch Fehlende verſchaffte ich mir auf andere Weiſe, und Svante beſorgte mir die Einlöſung der Uhr.“ „Aber wie haſt Du das Fehlende aufgebracht?“ „Willſt Du mir die Antwort darauf nicht er⸗ laſſen?“ „Nein, mein geliebtes Schweſterchen, das geht nicht an; ich bitte Dich; Du machſt mich in der That unruhig.“ „Nun ja, es iſt nichts ſo Gefährliches, lieber Eugen. Ich habe blos meine beiden Myrtenbäum⸗ chen verkauft,“ antwortete Thekla munter. „Die Bäumchen, von welchen Mama den einen, ich den andern pflanzte, als Du noch ganz klein wa⸗ reſt, und auf welche Du ſo viel hielteſt, daß Du immer ſagteſt, wenn ſie abſtürben, würdeſt Du ge⸗ nug weinen müſſen. Thekla, Thekla, ſieh mir in die Augen und ſage mir, haſt Du Dich ohne Thränen von ihnen zu trennen vermocht?“ „Ich verſichere Dich, daß“— Thekla war keine 1 15 Freundin vom Lügen, darum erröthete ſie und ſetzte kurz hinzu: „Daß es kein großes Opfer war.“ „Jetzt redeſt Du nicht die Wahrheit, geliebtes Schweſterchen. O, ſprich, ſage mir, was Du doch weißt, daß Du mit Thränen und Küſſen Dich von den Bäumchen, welche mit Dir aufgewachſen ſind, getrennt haſt.“ Thekla's Augen ſtanden voll Thränen, während ſie freundlich antwortete: „Es mag ſein, daß ich weinte, aber was hatte das zu bedeuten, gegen die Freude, welche ich bei dem Gedanken empfand, Dir eine Ueberraſchung be⸗ reiten zu können. Uebrigens habe ich von dem gro⸗ ßen Baume zwei Reiſer genommen, bereits geſteckt, und ſie werden Wurzel ſchlagen und mit der Zeit auch zu ein paar großen Bäumen werden.— Laß uns nicht davon reden. Ich bin jetzt ſo glücklich, ſo glücklich!“ 3 Eugen war allzu gerührt, um nur ein einziges Wort hervorzubringen. Er ſchlang die Arme um ſie, und Thekla legte die ihrigen um ſeinen Hals. So ſaßen ſie eine Weile, bis Thekla ein paar Thrä⸗ nen auf ihrer Stirne fühlte. Sie ſah auf und be⸗ merkte, daß ihres Bruders Angeſicht feucht war. „Eugen, biſt Du mir böſe?“ fragte ſie unruhig. „Nein, Thekla, ich bin zu gleicher Zeit ſo glück⸗ lich und ſo unglücklich, daß das Herz mir die Bruſt zerſprengen will. Glücklich, mich ſo geliebt zu ſehen; unglücklich in dem Bewußtſein, es nicht zu verdie⸗ nen. Du weißt nicht, Du armes Kind, wozu jenes Geld, welches ich für die Uhr erhielt und deſſen 16 Wiederaufbringen Dich ſo viel gekoſtet hat, ange⸗ wendet wurde; wüßteſt Du es, Du könnteſt mich nicht ſo lieb haben, wie Du jetzt thuſt.“ „O gewiß, Eugen, ich würde gerade ſo, wie Mama, Dich doch lieb haben, welche Fehler Du auch an Dir hätteſt; aber warum daran denken? Du biſt mein leiblicher Bruder, meiner geliebten Mama er⸗ ſtes Kind, und wie wäre es mir wohl möglich, Dich nicht von ganzer Seele zu lieben?“ „Danke, danke,“ murmelte Eugen.„Das iſt vielleicht eine der härteſten Strafen für meine be⸗ gangenen Fehler; denn gibt es wohl eine empfind⸗ lichere Züchtigung für die eigenen Verirrungen, als das Bewußtſein, die Zärtlichkeit, welche an uns ver⸗ ſchwendet wird, nicht zu verdienen?— Niemals werde ich dieſen Augenblick vergeſſen.“ „Darf ich hereinkommen?“ ließ ſich Nina's Stimme außen vernehmen,„oder habt ihr noch weitere Weih nachtsheimlichkeiten abzumachen?“ „Ach, komm' herein, Mama!“ rief Eugen und ſprang auf.. „Sage Nichts von der Uhr,“ flüſterte Thekla, „es könnte ſie vielleicht betrüben.“ Im nächſten Augenblick ging die Thüre auf; aber anſtatt einzutreten, blieb Nina ganz überraſcht auf der Schwelle ſtehen. Thekla ſprang auf, um⸗ ſchlang die Mutter und rief: „Iſt es hier nicht gemüthlich?“ 3 Eugen ſetzte mit einer Miſchung von Wehmuth und Freude hinzu: „Gibt es wohl Jemand, der eine ſolche Mutter und eine ſolche Schweſter hat, wie ich?“ 3 — — e 4 — ——— — 1 2 17 Nina ſchloß Thekla mit einem Ausdruck der wärmſten Mutterliebe an ihre Bruſt. Eine Weile hernach entfernte ſich Thekla, und Mutter und Sohn waren allein. „Sie iſt wirklich bewundernswerth, meine kleine Thekla, in ihrer Anhänglichkeit,“ ſagte Nina und ſah ſich rings im Zimmer um.„Denke nur, welche unerhörte Mühe es das arme Kind gekoſtet hat, dieß Alles durch ihre Arbeit zu Stande zu bringen. Von mir hat ſie dazu keinen Beitrag erhalten. „Und Du weißt noch nicht einmal Alles,“ ent⸗ gegnete Eugen;„aber Du haſt ſo viele kummervolle Stunden meinetwegen gehabt, und verdienſt alſo wohl die Genugthuung, zu erfahren, daß wenigſtens eines von Deinen Kindern Deiner würdig iſt.“ „Ihr ſeid beide meine lieben guten Kinder, denn eine Stimme in meinem Herzen ſagt mir, daß ein braver Mann aus Dir wird, wenn Du auch ein unbedachtſamer Jüngling geweſen biſt.“ „Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß es keine größere Qual auf Erden gibt, als das Bewußtſein, mich Deiner Liebe und Achtung unwürdig gemacht zu haben. Ach, meine Mutter! Wenn Du in meinem Herzen leſen könnteſt, ſo würdeſt Du finden, wie ſehr ich mich bei dem Gedanken an Alles, was Thekla für ihren leichtſinnigen Bruder gethan hat, gede⸗ müthigt fühle.“ „Eugen,“ ſagte Nina in mildem Tone,„Du haſt Dir ja in Bezug auf die kleinen Opfer, welche Thekla r mit Ausſchmückung dieſes Zimmers gebracht hat, Schwar, die Wittwe und ihre Kinder. II. 18 Nichts vorzuwerfen. Damit hat ſie ja Dir nur eine frohe Ueberraſchung bereiten wollen.“ „Aber, Mama, dieſe Uhr, welche ſie einlöste, nachdem ich ſie verpfändet hatte, um Geld zu... zu... ich ſchäme mich zu ſagen wozu, aufzutreiben, dieſe Uhr wird mich immer an die Augenblicke bit⸗ terer Demüthigung erinnern, welche ich jetzt durch⸗ lebe.“ „Haſt Du die Uhr verpfändet?“ fragte Nina erbleichend. „Ja, dieſe Uhr, welche Du mir zum Andenken an meinen Vater gegeben. Deine Tochter, noch ein Kind, hat durch ihre Arbeit ſo viel geſammelt, um ſie einlöſen zu können, um mir die Demüthigung zu erſparen, meine elende Handlungsweiſe, mein voll⸗ kommenes Vergeſſen aller Achtung gegen Dich und meinen dahingegangenen Vater, das mich zur Be⸗ friedigung meiner unedeln Lüſte das Andenken an meine erſte Communion zu verpfänden antrieb, vor Dir geſtehen zu müſſen.— Thekla wollte nicht, daß 9 Du es erfahren ſollteſt; ſie wollte Dir den Schmerz erſparen; aber ich wäre Deiner vollkommen unwerth, wenn ich nicht meine Fehler und ihren Edelmuth erkennen wollte. „Ich danke Dir, Eugen, nun erkenne ich meinen d d d Sohn wieder,“ ſprach Nina gerührt.„Alle Fehler p werden durch Aufrichtigkeit und Reue geſühnt.“ l Die Mutter drückte ihre Lippen auf die Stirne des Sohnes, und er umſchloß ſie mit ſeinen Ar⸗ ſt men. Es war ein feierlicher, heiliger Augenblick für h er beide. ſtehe, daß ich alle Eure Kommiſ 19 II. Ein paar Tage nach Eugens Ankunft zu Hauſe ſaßen er und Elma allein im Geſellſchaftszimmer. Elma hatte vollauf zu thun, um mit der letzten der Gardinen fertig zu werden, welche ſie, Olga und Thekla zum Weihnachtsgeſchenk für Nina gehäckelt hatten. „Nun, Eugen, Du haſt noch gar Nichts von den Kleinigkeiten, welche Du für mich kaufen ſollteſt, zum Siehſt Du, den Wachsſtock ſoll mein Schwager bekommen. Die Gla habe, geben. Für die Fräulein Klint haſt Du wohl ein paar ſchöne Nadelbüchschen gekauft? Die Bl menvaſe haſt Du doch nicht vergeſſen? die ſoll Olga haben, und die Gardinenroſette Tante ſammt den Gardinen. Ich bin überzeugt, daß Du es recht ſchön ausgewählt haſt. Geſtehe, ſt, meine Neugier zu beherr⸗ ſchen, weit gebracht habe, da ich zwei volle Tage vergehen ließ, ehe ich Dich bat, mich alle dieſe Herr⸗ lichkeiten ſehen zu laſſen. „Wirſt Du mir böſe werden, wenn ich Dir ge⸗ ſionen vergeſſen habe? ſagte Eugen, nicht im Scherze, ſondern ganz ernſthaft. „Das glaube ich nicht; ich weiß im Gegentheil, 2* daß Du nicht eines von allen dieſen Dingen ver⸗ geſſen haſt. Es verlohnt ſich gewiß nicht der Mühe, ſo feierlich darein zu ſchauen, um mich dadurch zu bewegen, Deinen Worten Glauben zu ſchenken. Ich thue es doch nicht.“ „Aber ich verſichere—“ 4 „Das hilft zu Nichts. Ich bin kein unverſtän⸗ diges Kind, wie vor Zeiten, welches Deinen Wor⸗ ten Glauben ſchenkt, wenn Du mich ärgern willſt. Nein, ich bin nun achtzehn Jahre alt und eine ver⸗ ſtändige Frau. Alſo, laß mich nur die Sachen ſehen; ich brenne vor Ungeduld.“ „Glaube nicht, daß ich ſcherze,“ erwiederte er, „wenn ich Dich verſichere, daß ich Euren Brief und den Auftrag, welchen er enthielt, ganz und gar ver⸗ geſſen habe, bis zu dem Augenblick, da Du mir hier entgegenkameſt; da erſt kam mir die Sache wie⸗ der in den Sinn.“ „Das iſt nicht möglich, Eugen, denn Du wuß⸗ teſt ja, wie betrübt wir in einem ſolchen Fall ſein würden.“. Auf Elma's Angeſicht brannte eine lebhafte Röthe, und ſie betrachtete ihn mit einer gewiſſen unruhigen Erwartung, welche zunahm, je länger ſie ihn anſah, denn ſeine ernſte Miene blieb dieſelbe, und ſeine Stimme klang ziemlich mißmuthig, als er ant⸗ wortete: „Leider iſt es möglich, denn ich bin in der That ſo unentſchuldbar vergeßlich geweſen, und es ſchmerzt mich mehr als Du glauben kannſt.“ Er wollte ihre Hand faſſen, aber ſie entzog ihm dieſelbe, und der heitere Ausdruck verſchwand aus 21 ihrem Angeſicht. Mit einer Stimme, der man wohl anmerkte, daß ſie nur mit Mühe den Ausbruch des Weinens erſtickte, ſprach ſie: „Du haſt einmal zu mir geſagt: ‚Glaube nie⸗ mals, daß ich Etwas vergeſſen kann, womit ich Dir eine Freude zu machen im Stande bin’;—„ſeitdem ſind anderthalb Jahre verfloſſen; aber damals hiel⸗ teſt Du noch ſo viel auf uns, daß Du Nichts ver⸗ geſſen konnteſt,— um was wir Dich baten; aber —— jetzt— jetzt— biſt Du ganz anders, merke ich. Du denkſt nicht an uns, wenn Du uns nicht zu Deiner Rückkehr die Tage zählte und mit ſo viel Freude an die bevorſtehenden Weihnachten ge⸗ dachte—“ Jetzt drangen die zurückgehaltenen Thränen hervor. „Elma, Elma, höre mich, und Du wirſt mir verzeihen.“ „Nein, Eugen, ich will Nichts hören. Ich habe on lang zu bemerken geglaubt, daß Deine Liebe zu der Heimath und zu uns eine Veränderung er⸗ litten hat. Es war Dir Nichts daran gelegen, heimzukommen, obwohl Svante's Kranheit nicht die ganze Zeit der Ferien dauerte. Nein, es wäre ein unnöthiger Koſtenaufwand, ſchriebſt Du. Und nun, da Du kommſt, haſt Du Alles vergeſſen, was uns erfreuen konnte. Und wo findeſt Du wohl anhäng⸗ lichere Herzen, als eben hier? Wie iſt es möglich, diejenigen, die man von Kindheit an geliebt hat, ſo vollſtändig zu vergeſſen?“ Elma hatte heftig und mit abgewendetem Ge⸗ 4 22 ſicht geſprochen, während Thränen die purpurnen Wangen benezten. Eugen ſprang auf, faßte lebhaft ihre Hände und rief: 4 „Elma, wenn Du ahnen könnteſt, in welcher tiefen Bekümmerniß ich mich vor meiner Abreiſe von Upſala befand, wie niedergedrückt ich mich fühlte von—— von—— Beſchwerde und Mühſeligkeit aller Art, ſo würdeſt Du nicht das Herz haben, mir meine Vergeßlichkeit vorzuwerfen. Ach! Du biſt glücklich, Du, weil Du in Deiner Unſchuld und Kindlichkeit nicht weißt, wie bitter die Wirklichkeit ſein kann. Glaube mir, wenn ich Dich verſichere, daß meine Vergeßlichkeit nicht eine Wirkung von Kälte, ſondern von allen den Bedrängniſſen war, welche mich in den letzten Tagen meines Aufent⸗ halts zu Upſala verfolgten.“ Es lag eine ſo ernſte Traurigkeit in dem Tone von Eugens Stimme, daß Elma augenblicklich ſich zu ihm umdrehte, und da ſein Angeſicht daſſelbe Ge⸗ präge wie ſeine Worte trug, ſo war ihr Zorn plötz⸗ lich verſchwunden. 4 „Eugen,“ ſagte ſie freundlich,„vergib, vergib, daß ich Dich betrübt habe. Ach, vergiß Alles, was ich ſagte. Ich verſichere Dich, daß ich es nicht böfe mit Dir meinte. Nein, ich war eben eine Närrin, * welche ſich über dergleichen Lappalien ärgern konnte. Sieh' nicht ſo bekümmert aus, ſonders laß uns Alles zuſammen vergeſſen. Jetzt finde ich es ſo natürlich, daß Du, der Du Kummer hatteſt, an ſolche Kleinig⸗ keiten nicht denken konnteſt. Ich will mich jetzt auf etwas Anderes zu den Weihnachtsgeſchenken beſin⸗. 23 nen, und wenn auch einmal Nichts daraus wird, was hat das zu bedeuten, wenn nur Du froh biſt, wenn nur Du nicht ſo mißmuthig ausſiehſt!“ „Aber was für Bekümmerniſſe haſt Du denn, Bruder?“ fuhr ſie nach einer augenblicklichen Pauſe fort,„und warum theilſt Du uns nicht mit, was Dich quält? Wir werden alle drei aufbieten, was in unſern Kräften ſteht, um Dir Troſt und Beiſtand zu bringen.“ 3 „Jetzt, Elma, meine liebe Schweſter, kann und will ich nicht von den Bekümmerniſſen ſprechen, welche mein Herz bedrücken. Aber eines Tages ſoll es geſchehen. Sage nur, daß Du mir vergeben haſt, und ich werde wieder froh ſein.“ „Vergeben? Beſter Eugen, ich bin Dir niemals böſe geweſen,“ erwiederte Elma lächelnd und ſetzte ſich wieder an ihren Rahmen.„Du haſt ſchon Sorge befi getragen, daß ich Dir niemals böſe werden lann.“ „Wirklich? Wie iſt das zugegangen? Sage es mir.“ „Das laſſe ich wohl bleiben, Freund. Ich bin keine Plaudertaſche; deßhalb ſchweige ich zu dem, was ich weiß.“. „Du ſchweigſt? Nein, das vermagſt Du nie. In einigen Minuten ſagſt Du mir doch Alles.“ „Ei ſieh', jetzt fährſt Du gar mit dem Arm durch meine Gardine! Lieber Eugen, geh' Deines Wegs, Du hinderſt mich nur.“ „Ja, wenn ich vorher weiß, warum Du. mir nicht böſe werden kannſt.“ „Dann gehſt Du?“ — 24 „Ganz gewiß.“ „Nun, dann denke ich gar nicht daran, es Dir zu ſagen, denn ich finde es ſehr langweilig, wenn ich allein bin.“ „Nun, ſo bleibe ich hier, und Du ſagſt mir, was ich wiſſen will.“ „Wenn Du blos deßhalb bleiben willſt, ſo kannſt Du eben ſo gut auch gehen; ich glaubte, Du wer⸗ deſt mir zu lieb bleiben!“ „Elma, ſei doch lieb und mach' ſchnell!“ „Ei, ich nähe ja, ſo fleißig als ich kann.“ „Nein, nähe weniger und ſage mir ſtatt deſſen, warum Du mir nicht böſe werden kannſt.“ „Nun, ich will Dir Deinen Willen thun.“ „Laß hören.“. „Darum, weil Du ein verzogenes Kind biſt. Ver⸗ zogen von allen Deinen Schweſtern, darum, mein Junge, kann ich Dir nicht böſe werden. Wo kein Verſtand vorhanden iſt, da thut man Unrecht, ſich Uber den Mangel daran zu ärgern; iſt das nicht ar?“ Elma lachte, und dieß klang ſo friſch und herz⸗ lich, daß Eugen unwillkürlich einſtimmen mußte. III. Gegen Abend in der Dämmerung waren alle drei Mädchen im Geſellſchaftszimmer beiſammen. Olga und Thekla hatten Debora und Nina beim Backen geholfen; jetzt war die Arbeit zu Ende und man wollte am Ofen Kaffee trinken und ſich das † 25 friſch gebackene Brod dazu ſchmecken laſſen, ſobald Nina draußen in der Küche vollends fertig und Karl von Warnäs, der jeden Abend bei Dunkelwerden ſich einfand, angekommen wäre. Keines von den Mädchen wußte anders, als daß Eugen längſt Karl entgegen gegangen wäre. Sie argwohnten nicht, daß er, in das Leſen von Zei⸗ tungen vertieft, auf dem Sopha im Schlafzimmer ſaß. „Hört, Mädchen,“ ſagte Elma,„ich habe Euch keine ſehr erfreuliche Mittheilung zu machen, aber ihr müßt mir verſprechen, darüber nicht ungehal⸗ ten zu werden, denn das Mißgeſchick hat mich ſo gut wie Euch getroffen.“ „Nun, was iſt es?⸗ fragte Olga;„Du haſt doch nicht eine von den Gardinen zerriſſen, mit welchen wir alle drei ſo ſchrecklich viel Arbeit ge⸗ habt haben.“ „Es iſt doch kein Unglück mit Mama's Haube geſchehen, welche wir ihr auf Weihnachten zu geben beabſichtigten?“ rief Thekla. „Nein, aber die Haube iſt gar nicht gekauft wor⸗ den, denn Eugen hat unſere Aufträge vergeſſen.“ „Sie vergeſſen?“ riefen Thekla und Olga aus einem Munde. „Ja, vergeſſen, als ob das etwas ſo Wunder⸗ bares wäre. Ihr müßt wiſſen, Eugen hat die letz⸗ ten Tage viel Widerwärtigkeiten in Upſala gehabt und iſt darüber ſo bekümmert geweſen, daß ihm die Lappalien aus dem Sinn gekommen ſind.“ „Was iſt ihm denn geſchehen?“ fragte Thekla eifrig. Olga ſchwieg.. 2 „Ja, ſeht, das weiß ich nicht; es kann jedoch ſein, daß wir es ſpäter erfahren; aber jetzt ſollt ihr mir verſprechen, kein einziges Wort des Vorwurfs gegen ihn fallen zu laſſen, ſondern freundlich aus⸗ zuſehen und es ſo einzurichten, daß wir ihn wieder ſo munter, wie er früher war, bekommen. Daß er einen Kummer auf dem Herzen het, iſt klar. Wel⸗ chen, das iſt mir unbekannt; aber das weiß ich, daß ich ſeine trüben Gedanken zu zerſtreuen verſuchen will und werde, Wie die Tante oft ſagt, ſind wir Frauen nur dazu da, Frieden und Ruhe um uns her zu verbreiten, die ſchweren Bürden zu erleichtern, die Sorgen zu verſcheuchen und den Kummer derer, die davon befallen ſind, zu mildern. Wenn ich an die Gardinen⸗Roſetten und an die Haube der Tante denke, iſt mir allerdings ſo übel zu Muthe, daß ich gleich weinen könnte: aber ich will mich aller Ge⸗ danken an die vereitelte Freude entſchlagen und ihr werdet es ebenſo machen, nicht wahr?“ „Ja, Elma, das werde ich;“ antwortete Thekla; „aber recht verdrießlich iſt es dennoch. Nun bekommt Mama keine ſchöne Haube auf Weihnachten.“ „Und keine hübſchen Gardinen, weil die Zierathen dazu fehlen,“ ſetzte Elma hinzu. „ Aber wir haben Möbelkattun da und überziehen die Möbel und müſſen uns eben damit zufrieden geben,“ bemerkte Olga.. „Ja, leider! das iſt auch das Einzige,“ fielen Elma und Thekla ein. „Wir dürfen morgen zeitig aufſtehen, wenn wir damit fertig werden wollen, denn übermorgen iſt der heilige Abend,“ meinte Olga. Eugen, welcher das ganze Geſpräch mitangehört rt 27 hatte, ſtand leiſe auf, ſchlich ſich ganz ſtill in die Küche hinaus, wo nur Debora ſich befand, und ging von da aus über die Hausflur in das Geſellſchafts⸗ zimmer, und ſomit blieb den Mädchen völlig unbe⸗ kannt, daß er Zeuge ihrer Unterredung geweſen war. Eine Weile hernach kam Karl und bald hinter ihm trat auch Nina ein, gefolgt von Debora, welche den Kaffee brachte. Es wurde Licht angezündet, und man ſetzte ſich um den gemüthlichen Kaffeetiſch, auf deſſen ſchneeweißer Decke ein Korb mit dem verlockend⸗ ſten Weißbrod ſich darſtellte. Unter frohen und heitern Scherzen wurden die Herrlichkeiten verzehrt. Eugen war ſeit ſeiner An⸗ kunft daheim noch nie ſo aufgeräumt geweſen, wie dieſen Abend. Als Karl ſich verabſchiedete, ſagte Eugen: „Ich beabſichtige heute Abend Dich nach War⸗ näs zu begleiten und auch morgen dort zu bleiben; denn ich rechne auf Deine Geſellſchaft nach Skogstorp.“ „Was haſt Du dort zu thun?“ fragte Elma. „Ich will Alm einen Beſuch machen,“ lautete die Antwort, worauf Eugen und Karl aufbrachen. IV. Am folgenden Tage gab es in der kleinen Be⸗ hauſung viel Geſchäftigkeit und Unruhe. Man war allerdings nach Warnäs eingeladen, aber Nina feierte den Weihnachtsabend erſt daheim, ehe ſie ſich dort⸗ hin aufmachte. 4 Es hatte am Morgen dieſes Tages noch nicht 28 drrei Uhr geſchlagen, als Jemand ganz vorſichtig an das Küchenfenſter klopfte und eine wohlbekannte Stimme ganz leiſe rief: „Debora, erwache; ich bin es, Eugen, laß mich zu 1 8—. „Gott helfe mir, was treibt denn der Junge, daß er mitten in der kohlſchwarzen Nacht daher kommt!“ brummte Debora und warf ſchnell einige Kleidungsſtücke über. „Still, Debora, mach' keinen Lärm, ſondern laß Peter von Warnäs mit den Sachen, die er hat, herein.“ Debora ſchüttelte den Kopf, während Peter eine große Schachtel und einen Korb hereinbrachte und auf den Boden ſtellte.. Eugen zog Debora mit ſich in die Küche, und nach einer kurzen Unterredung mit ihr war das Miß⸗ vergnügen, das ſie einen Augenblick angewandelt hatte, verſchwunden, und die Alte ſah wieder ganz freundlich aus. Das Reſultat von dem Geſpräch war, daß De⸗ bora ſich völlig ankleidete, und hernach begann ein lebhaftes Treiben und Thun im Geſellſchaftszimmer. Als Alles daſelbſt nach Eugens Wunſch geordnet war, ſchlich ſich Debora mit einer Schachtel in das Schlafzimmer und ſtellte ſie, ohne Jemand zu wecken, vor Thekla's Bett. Auf dem Deckel ſtand:„Die vergeſſenen Aufträge auf Thekla's Rechnung.“ Dann trippelte ſie mit Eugen nach dem obern Zimmer, ſtahl ſich gleichfalls zu den Mädchen hinein und ſetzte einen großen Korb mitten auf den Boden, worauf ſie ſich in Eugens Zimmer begab. — 29 Debora wollte ihn beſtimmen, ſich ein wenig zur Ruhe zu begeben; aber es war jetzt ſechs Uhr und Eugen verſicherte, daß er durchaus nicht ſchläfrig ſei. „Nun, dann ſoll Er wenigſtens eine Taſſe Kaffee haben,“ ſagte ſie und ging wieder hinab. Eine halbe Stunde ſpäter hatte er eine Platte vor ſich und verzehrte mit gutem Appetit, was Debora auf derſelben ihm vorgeſetzt hatte. „Nun will ich die Mädchen wecken; es iſt bald Sieben und ich hätte ſie eigentlich um ſechs Uhr wecken ſollen. „Gut; aber laß Dir Nichts anmerken,“ ſagte Eugen. „Das verſteht ſich. Ich ſage, ich ſei verſchlafen,“ antwortete Debora und ging. Eugen hörte in dem Zimmer der Mädchen, wel⸗ ches ſich Wand an Wand mit dem ſeinigen befand, Elma rufen: „Was iſt denn das für ein Korb, Debora?“ „Ich weiß es nicht. Darüber wird Sie wohl beſſer Aufſchluß geben können. „Olga, Olga, ſieh hier! Sieh, was auf dem Deckel ſteht. Olga näherte ſich mit einem Licht in der Hand dem Korbe und hielt es über den Deckel, auf wel⸗ chem ein Papierſtreifen mit der Inſchrift:„Eine gute Fee hat Eugens Vergeßlichkeit wieder gut machen wollen,“ befeſtigt war. Im nächſten Augenblick war der Korb geöffnet, und es fanden ſich darin ſämmtliche Artikel, welche die Mädchen Eugen zu kaufen erſucht hatten. „Begreifſt Du das?“ fragte Elma. 30 „Recht wohl. Eugen iſt nicht in Skogstorp ge⸗ weſen, ſondern nach Malmköping gereist und hat dieſes dort gekauft. „Unmöglich! Es ſind ja ſieben Meilen dorthin!“ „Man nimmt die Nacht zu Hülfe und dann geht es ſchon.“ „Ei ſeht doch,“ fiel Debora ein,„will eine von Euch herabkommen und mir helfen; es iſt ja Mam⸗ ſell Olga's Woche.“ „Ja, ich komme.“ „Olga, Eins hat er doch vergeſſen!“ rief Elma. „Die Roſetten und vergoldeten Stangen zu den Gardinen; ich habe es gleich bemerkt;“ antwortete Olga. — „Nun ja, wir wollen Nichts davon merken laſſen. Wir wollen jetzt gehen.“ Elma ging mit hinunter. Sie wollte die Ueber⸗ züge abnehmen, welche den neuen Zeug, mit dem man Tags zuvor die Möbel geſchmückt hatte, noch verbargen, damit das Geſellſchaftssimmer bis zu Nina's Eintritt ganz fertig wäre. „Denke Dir nur, wie luſtig es geweſen wäre, wenn man die Gardinen gleichfalls hätte aufhängen können,“ ſagte Elma im Hinuntergehen. „Ja, dann wäre die Ueberraſchung vollkommen geweſen,“ erwiederte Olga und öffnete die Thüre zum Geſellſchaftszimmer, ſtieß aber einen Schrei des Erſtaunens aus, der von Elma wiederholt wurde und figürlich ſich in Thekla's Bild ausſprach, welche mit hängenden Armen und ſtarren Augen mitten im Zimmer ſtand.. Die Sache verhielt ſich ſo: das Zimmer war —— — —= ͤ— 31 hell erleuchtet, ein Feuer brannte im Ofen, die aus⸗ gezeichnet ſchönen gehäckelten und geſtrickten Gardi⸗ nen mit den neuen vergoldeten Zierathen waren an den Fenſtern aufgehängt, alle Ueberzüge von den Möbeln abgenommen, ſo daß ſie in der neuen Be⸗ kleidung ſich darſtellten. Die Freude der Mädchen war ſo groß, daß ſie eine Weile ſtumm daſtanden. Plötzlich aber fühlte ſich Elma um den Leib gefaßt und Eugen walzte mit ihr im Zimmer herum; die allgemeine Fröh⸗ lichkeit wurde ſo laut, daß Nina gegen die Tags zu⸗ vor getroffene Uebereinkunft, wornach ſie nicht eher im Zimmer erſcheinen ſollte, als bis ſie von den ädchen hiezu Erlaubniß erhielte, die Thüre ihres Schlafzimmers öffnete und eben ſah, wie Eugen und lma in einem wilden Walzer durch das für ſie Ihr Mütter, die ihr auf eine erfreuliche Weiſe chon von Euren Kindern überraſcht worden ſeid, begreift, was Nina empfand, und für die, welche deſſen nicht fähig ſind, verlohnt es ſich der Mühe nicht, eine Schilderung davon zu geben. Wie glücklich fühlte ſie ſich nicht, dieſe Mutter, im Kreiſe dieſer Kinder, welche alle wetteiferten, der⸗ ſelben ihre Liebe zu bezeigen, und wie dankbar ge⸗ war, daß ſie mit Angſt im Herzen ſich nach Upſala begeben hatte, um ihn womöglich von dem Wege zurückzuführen, den er betreten, und der, wenn er noch länger auf demſelben wandelte, ihn zu dem 3² Abgrund von Laſter und ſittlicher Verderbniß ge⸗ führt hätte. Würden wohl ſo viele Jünglinge der Verſuchung ſo völlig unterliegen, wenn ſie, wie Eugen, eine ſolche Mutter gehabt hätten?— Wir glauben es nicht, denn es iſt eine allgemein anerkannte Thatſache, daß beinahe alle ausgezeichneten Männer ausgezeich⸗ nete Mütter hatten, welche durch eine ſorgfältige und kluge Erziehung ihren Kindern eine ſo hohe und religiöſe Achtung gegen ſie einflößten, daß der Ge⸗ danke an die Mutter eine Schutzwehr zwiſchen ihnen und der Verſuchung bildete, und ſelbſt wenn ſie ſich Fehler oder Verirrungen hatten zu Schulden kommen laſſen, das Andenken an die Mutter der Talisman zwer der ſie wieder auf den Pfad des Rechtes leitete. Wenn nun die Mutter einen ſo mächtigen Ein⸗ fluß beſitzt, wie iſt es dann möglich, daß man ſo lang der Erziehung der Frauen ſo gar keine Auf⸗ merkſamkeit widmete? Sollte nicht auch der Staat dede Erzieherinnen nach dieſer Seite hin Pflichten aben? V. Weihnachten war vorüber und ein neues Jahr hatte das alte verdrängt. Eugen war in ſeinen In⸗ formatorpoſten zu Warnäs eingetreten, und Alles verlief wieder in ſeinem alten Gang zu Ackersberg. Der Januar neigte ſich zu Ende. Aber Eugen ſollte für dieſes Semeſter nicht nach Upſala zurück⸗ kehren, ſondern zu Warnäs bleiben und erſt mit dem 4. ——.= ——** — 82— ———— 1 33 Herbſte ſeine unterbrochenen Studien wieder auf⸗ nehmen. Eines ſchönen Vormittags ſah Olga, welche oben in dem kleinen Gaſtzimmer ſaß und webte, den Kron⸗ vogt Warén in den Hof fahren; da ſie jedoch ge⸗ hört hatte, daß Nina ihn erwartete, ſo blieb ſie am Webſtuhl, beſonders da Elma die Haushaltungs⸗ woche hatte. lma war in voller Thätigkeit in der Küche und bemerkte nicht, wie der erwartete Gaſt kam. Als ſie lles in Ordnung gebracht hatte, ging ſie in das Schlafzimmer, um Nina zu fragen, zu welcher Stunde Herrn Warén bereits im Geſellſchaftszimmer mit einander ſprechen. lma war gerade im Begriff, in die Küche zu⸗ rückzukehren, als folgende Worte ſie an der Stelle, wo ſie eben ſtand, wie gefeſſelt hielten: „Che wir, Madame, zu Ihren Affairen übergehen, ſprach der Kronvogt,„ſo geſtatten Sie mir, von Ihrem Herrn Sohn zu reden. Ich habe mit der Auftrag erhalten, ihn wegen einer Schuldverſchreibung von dreihundert eſprechen. Ich, der ich ſeit ſo vielen Jahren mit Ihrem Vertrauen in Geſchäftsangelegenheiten beehrt worden bin, glaube auch jetzt Ihnen einen Ausweg, wie dieſer Noth abzuhelfen iſt, andeuten zu können. Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. II. 3 34 Bei meinem Beſuche in Upſala habe ich mich ein wenig nach dem Stand von Eugens Affairen er⸗ kundigt, da man von mir über Ihre ökonomiſchen Verhältniſſe Auskunft zu erhalten wünſchte. Ich er⸗ fuhr da, daß Ihr Sohn ſehr verſchuldet iſt, und zwar bei mehreren ſchlechten Leuten, in deren Hän⸗ den die ausgeſtellten Schuldverſchreibungen in Folge von Umſatz und Zinſen täglich zu einem höhern Betrage anwachſen.— Da derjenige, welcher ihn jetzt gerichtlich belangen will, der ärgſte Wucherer iſt, den ich kenne, ſo wollte ich Ihnen vorſchlagen, den Schuld⸗ ſchein einzulöſen. Er würde zwar ohne Zweifel die Klage gegen Eugen auch fallen laſſen, wenn wir ihn umſchrieben und die Summe erhöhten, aber auf dieſe Weiſe wäre Eugen außer Standes, ſich herauszu⸗ reißen,“ Elma hörte Nina mit ſorgenvoller Stimme ant⸗ worten:. d„Sie wiſſen, meine Mittel ſind von der Art, aß—,. „Daß Sie dieſe Summe nicht aufzutreiben ver⸗ mögen, ſondern, daß Sie im Gegentheil eine neue Hypothek auf Ihr Beſitzthum aufnehmen müſſen.“ „Ja, ohne mich in Schulden zu ſtecken, wäre ich nicht im Stande, Eugen noch zwei Jahre auf der Univerſität zu erhalten.“ „Hm, hm,“ murmelte Herr Warén und räuſperte ſich.„Ich kann nicht läugnen, daß— daß— ich ſehr ärgerlich über den Satansjungen bin, der, wenn er ſo geblieben wäre, wie er anfing, ſchon ſeine Examina hinter ſich haben könnte, wie es auch, ſollte ich denken, ſeine Pflicht geweſen wäre.“ ‿ ᷣ—— ⏑☛ 3⁵ „Wir ſind alle jung geweſen, und—“ „Und es lohnt ſich nicht der Mühe, weiter von dem zu reden, was ſich nicht mehr ändern läßt, da haben Sie Recht. Aber wie ſollen wir nun die Sache recht klug und verſtändig anſtellen?— Der Junge, der Junge!... hm, hm!“ „Ich werde wohl genöthigt ſein, die Schuldver⸗ ſchreibung einzulöſen und ein größeres Anlehen auf Ackersberg, als ich urſprünglich im Sinn hatte, auf⸗ zunehmen,“ ſagte Nina mit einem Seufzer. „Ci, zum Teufel, das ſollen Sie nicht thun! Ich bitte um Entſchuldigung, das geht nicht an. Da habe ich einen andern Vorſchlag, welcher darauf hinzielt, daß der gnädige Herr ſeine Thorheiten ſelbſt bezahle.“ „Für einen ſolchen Vorſchlag wäre ich ſehr dank⸗ bar,“ fiel Nina ein,„denn ich halte es für das Richtigſte und Klügſte, daß die jungen Leute die Folgen ihrer begangenen Fehler ſelbſt fühlen müſſen, ſonſt lernen ſie in Zukunft niemals, ſich vor denſel⸗ ben in Acht zu nehmen.“ „Vortrefflich! Sie ſind eine kluge Frau und durchaus keine ſolche Affenmutter, die von nichts Anderem weiß, als von Verzärteln und Liebkoſen. Nun wohl, wenn Sie ſo verſtändige Anſichten hegen, ſo werden Sie ſchon noch mit der Sache zurecht⸗ kommen. Ich glaubte, Sie würden nicht ſo viel Muth haben, ſondern eher ſich zu jedem Opfer her⸗ geben, nur um den Jungen nicht die Folgen ſeines Leichtſinns empfinden zu laſſen.“ 4 „Ich habe nur ein Ziel— ſein Wohl. Meine Vernunft ſagt mir, daß dieſes nicht gefördert wer⸗ 3 3* 36 den könnte, wenn ich ihn vor den Widerwärtigkeiten zu bewahren ſuchte, die er ſich ſelbſt zugezogen hat.“ „Und Ihnen gleichfalls; denn ſeine Thorheiten laufen darauf hinaus, Sie um tauſend Reichsthaler ärmer zu machen; wir wollen jedoch offen und ge⸗ rade von der Sache ſprechen. Ich beabſichtige, die Schuldverſchreibung einzulöſen und durch den In⸗ haber auf mich übertragen zu laſſen. Eugen kann mich dann allmälig bezahlen und kommt mit den gewöhnlichen Zinſen davon. Auf ſolche Art findet er zugleich Gelegenheit, zuerſt die andern Gläubiger zu bezahlen, ehe die Reihe an mich kommt. Für den Anfang braucht der junge Herr von dieſer Ope⸗ ration gar nichts zu wiſſen, ſondern ich mache die Sache mit dem Beſitzer des Schuldſcheins ab. Und Sie ſtehen durchaus in keiner Verbindlichkeit gegen mich, denn ich beabſichtige, meine Zinſen regelmäßig an mich zu ziehen, davon dürfen Sie überzeugt ſein, und ob ich ihm oder Jemand anders mein Geld leihe, das iſt einerlei. Sind Sie nicht derſelben Meinung?“ „Ich bin der Meinung, daß Sie mir jetzt einen großen und unſchätzbaren Dienſt leiſten,“ ſprach Nina gerührt. „Lirum larum! Ich handle nur wie ein alter Praktikus. Wir wollen über die Sache kein Wort weiter verlieren. Verlaſſen Sie ſich auf mich, ich werde dem jungen Herrn ſchon warm machen und ihn zum Zahlen anhalten, denn in Geldſachen dulde ich keine Fahrläſſigkeit.“ 3 „Nun wollen wir an Ihre eigenen Rechnungen — gehen. Sie wollen ein Anlehen von tauſend Reichs⸗ 37 thalern gegen zweite Hypothek auf dieſen kleinen Vogelbauer hier aufnehmen?“. „Ja, wie Sie wiſſen, war ich vor zwei Jahren gezwungen, zur erſten Hypothek zu ſchreiten.“ „Ja wohl, Alles um des Jungen willen. Sie haben dadurch von ihrem elend kleinen Einkommen noch Zinſen zu bezahlen. Dazu kommt voriges Jahr eine Mißernte für Sie, der Verluſt von zwei Kühen und—“ 4 „Ich bin Ihnen hundert Reichsthaler ſchuldig und habe kein Saatkorn für das Frühjahr.“ „Was meine Schuld betrifft, ſo hat es damit keine Eile.“ „Allerdings hat es; ich will keine Schulden ha⸗ ben, denn fängt man einmal an, ſich in ſolche zu ſtecken, ſo iſt man ſicher verloren. Da ich die drauf⸗ gegangenen Kühe wieder erſetzen und mich außerdem mit Saatkorn und drgl. mehr verſehen muß, ſo habe ich beſchloſſen, die wenigen Werthgegenſtände, die ich noch in Silber und Gold beſitze, zu verkaufen. Da⸗ durch bekomme ich ein kleines Kapital, welches mir die Möglichkeit gewährt, die erlittenen Verluſte zu erſetzen, ohne mich in Schulden zu ſtecken. Wollten Sie mir nun dazu behülflich ſein, dieſe Sachen zu verkaufen? Sie würden mir damit einen großen Dienſt erweiſen.“— Nun gab es einen Streit. Der Vogt wollte Nina die Summo, deren ſie bedurfte, leihen; aber ſie beharrte feſt bei ihrem Entſchluß. 3 „Dieſes Geld, welches Sie mir leihen wollen, muß wieder bezahlt werden,“ entgegnete Nina,„und dazu ſehe ich keinen Ausweg.“ 38 Obſchon Waren noch einige Einwendungen machte, blieb Nina's Entſchluß unerſchütterlich, und er mußte am Ende iht ſeine Beihülfe zuſagen. Als Nina aufſtand und ſich der Thüre näherte, eilte Elma in die Küche hinaus, die Augen voll Thränen und das Herz von Kummer überwältigt. VI. Mittag war vorüber. Thekla war von Warnäs heimgekehrt, und Elma war ihr und Olga hinauf in das Zimmer gefolgt. Als die Mädchen allein waren, rief Elma: „Ach, Mädchen, das Herz will mir brechen, ſo weh iſt mir.“ „Ja, Du haſt ſchon bei Tiſch ſo ausgeſehen. Was fehlt Dir denn?“. „Wißt Ihr, warum der Vogt heute hier war?“ „Geſchäfte halber,“ antwortete Olga ruhig. „Geſchäfte, ja, das iſt ein Wort, aber was für Geſchäfte? Sag' an, wenn Du kannſt.“ Elma warf ſich auf einen Stuhl und bedeckte das Geſicht mit den Händen. „Mama will Geld auf Ackersberg aufnehmen,“ bemerkte Thekla ruhig;„das iſt gewiß kläglich, aber—“ 3 „Aber eine Lappalie gegen alles Andere. Die Tante beabſichtigt, all ihr Silberzeug zu verkaufen; aber dieß iſt noch nichts gegen, gegen—“ „Was?“ riefen die beiden Mädchen.. „Gegen das, daß ſie auch ihre Schmuckſachen 39 verkaufen will,“ rief Elma laut weinend und ſetzte unter Schluchzen hinzu:„Ich ſtand da und ſchaute durch die Thürſpalte, als ſie dieſelben herausnahm, und dabei rieſelte eine Thräne nach der andern ihr über die Wangen, beſonders als ſie die koſtbare Einfaſſung von ihres Vaters Portrait abnahm.— Ach, Olga, warum können wir ihr nicht helfen?“ „Mama will alſo ihren Schmuck und ihr Silber verkaufen?“ rief Thekla,„und warum denn?“ „Darum, weil Eugen bei Trinkgelagen und der⸗ gleichen das Geld verpraßt hat,“ wäre die richtige Antwort geweſen, aber Elma äußerte Nichts der Art, ſondern bemerkte nur ausweichend: „Weil wir Mißwachs gehabt haben.“ Nun folgte eine lange Berathung, ohne ein wei⸗ teres Reſultat, als daß Elma einen Plan nach dem andern aufbrachte. Thekla ſaß ſtill da und weinte. Olga machte nicht viel Worte, aber man ſah ihr an, daß ſie ſich überlegte, was zu thun wäre. Am folgenden Morgen hatten ſie und Elma ei⸗ nen Entſchluß gefaßt. Als Thekla ſich nach Warnäs begeben wollte, ſagte Elma, ſie habe gleichfalls da⸗ ſelbſt Etwas mit Muhme Greta abzumachen. In Warnäs hatte Elma eine lange Unterredung mit dem Kapitän, und als ſie wieder nach Hauſe zurückkehrte, ſtrahlte jeder Zug von Freude und Zu⸗ friedenheit. 3 Beim Mittagstiſch ſagte Elma:. „Weißt Du, Tante, was wir, Thekla und ich, beſchloſſen haben?“ drnn, Mädchen, das weiß ich ganz und gar nicht.“ 5. 40 „Wir haben beſchloſſen, uns, jedes einzelne, einen kleinen Verdienſt zu verſchaffen. Thekla wird mit des Kronvogts Mädchen, welche zweimal in der Woche hieher kommen, wenn Du es erlaubſt, Klavier ſpielen, und dann will ſie weiter Nachmittags den Kindern des Müllers Unterricht geben, denn Frau Eklund hat durch Muhme Greta anfragen laſſen, ob wir nicht, wenn ihre Mädchen hieher kämen, geneigt wären, dieſelben gegen Bezahlung im Leſen und Nähen zu unterweiſen. Was ſagſt Du dazu?“ „Ich fürchte nur, Thekla ſelbſt kann noch allzu wenig, um bei Anderen die Lehrerin zu machen.“ „Ah, ich werde mich beſtreben, mein Möglichſtes zu thun,“ antwortete Thekla,„und da es in Zukunft doch wohl ſo weit kommen wird, daß ich zu dem Lehr⸗ beruf als Mittel zu meinem Unterhalt greifen muß, ſo kann ich es jetzt ſchon verſuchen. Die Mädchen des Kronvogts haben noch nie geſpielt, und die von Eklund kennen kaum das ABC.“ „Wenn Du Dir zutrauſt, mit Ehren als Lehre⸗ rin auftreten zu können, ſo ſehe ich das gern; aber zu Anfang will ich wenigſtens gegenwärtig ſein, um zu hören, ob Du wirklich Unterricht zu geben im Stande biſt.“ „Alſo, liebe Tante, die Sache iſt abgemacht. Jetzt noch mein Plan. Es wäre mein Tod, wenn mir das Schickſal beſchiede, dazuſitzen und den Kin⸗ dern anderer Leute Kenntniſſe einzupfropfen, und ich bekäme die Lungenſucht, wenn ich Näherin werden müßte; auch zu einer Köchin verſpüre ich keine Luſt in mir. Alſo muß ich für mein Auskommen auf etwas Anderes ſinnen.“ 41 „Dein Auskommen, Kind, iſt wohl für immer geſichert.“ „Ganz und gar nicht; denn dreihundert Reichs⸗ thaler jährlich iſt eine ſehr kleine Summe, und gleich⸗ wohl haſt Du dafür uns Kleidung, Koſt und Unter⸗ richt gegeben. Arme Tante! Du biſt bei dem Ge⸗ ſchäft nicht reich geworden!— Nun will ich aber mich ſelbſt kleiden, und deßhalb beabſichtige ich, bei dem alten Küſter die Buchbinderei zu erlernen, da er ſie ſelbſt nicht mehr zu betreiben vermag, und außerdem gedenke ich durch den Kronvogt Manches zum Abſchreiben zu bekommen. Du ſollſt ſehen, was für ein kleines arbeitſames Ding Deine Elma wird.“ 3 „Das biſt Du ſtets geweſen, mein liebes Kind,“ antwortete Nina lächelnd,„und da, wie es ſcheint, ein allgemeines Uebereinkommen getroffen worden iſt, daß ein Jedes ſich durch Arbeit ein Einkommen ſuche, ſo nehme ich mir vor, mich auf die Kunſt⸗ weberei zu werfen und Damaſttiſchzeug u. dergl. zu fertigen.“ „Mama, Mama!“ rief Thekla und ſprang auf die Mutter zu. „Wie, mein Mädchen, ich glaube, Du weinſt? Hältſt Du Arbeit für eine Schande?“ „Nein, aber Du haſt Dein Leben lang gearbeitet und für uns Dich angeſtrengt, Du ſollteſt jetzt deſſen überhoben ſein.“ „Thekla, für Euch zu arbeiten iſt mein Glück, gerade wie es eines Tags, wenn ich zu höhern Jahren komme, für Euch ein Glück ſein wird, mir ein ruhiges und ſorgenfreies Alter zu bereiten.“ 42 VII. Während die Bewohner von Ackersberg mit ein⸗ ander wetteiferten, den Beweis zu liefern, wie ſehr ſie ſich gegenſeitig lieben, hatten ſich in Warnäs Dinge zugetragen, welche für die aus ihrer dumpfen Schläfrigkeit erweckte Majorin nichts weniger als angenehm waren. Die gemächliche Mutter, welche Alles gethan zu haben glaubte, was ſie ſchuldig wäre, wenn ſie ih⸗ ren Kindern Lehrer verſchaffte, war plötzlich aus ihren Illuſionen, zuerſt durch den Kapitän geweckt worden, welcher in ſcharfen Worten ihr Svante's Leben und Ausſchweifungen in Upſala vorhielt. Die Majorin konnte indeſſen unmöglich begreifen, wie ſie irgend daran betheiligt ſein könnte, ſondern meinte, dieß ſei Etwas, wofür ſie keine Rechenſchaft zu geben hätte. Svante hatte ja dieſelben Lehrer wie Karl ge⸗ habt, und da Karl ein braver Mann wurde, ſo hätte Svante es ebenſo werden können. Somit gelang es der Majorin, ſich zu überzeu⸗ gen, daß ihr Bruder Unrecht hatte. Aber aus dieſem glücklichen Irrthum wurde ſie durch eine ſchreckliche Entdeckung geweckt, nämlich* daß ihre älteſte Tochter Karolina ſich in den jungen ſchönen Inſpektor, allerdings einen braven und thä⸗ tigen Mann, aber einen Schneidersſohn verliebt hatte, und die Majorin nun die ſchmerzliche Demüthigung erfuhr, mit den plebejiſchen Angehörigen des In⸗ ſpektors in ein verwandtſchaftliches Verhältniß treten — 43 zu müſſen. Es blieb ihr jedoch keine andere Wahl, als Karolinens Verheirathung ſo ſchnell als mög⸗ lich geſchehen zu laſſen, worauf die jungen Eheleute aus dem Ort wegzogen und ſich auf einem kleinen Gut im ſüdlichen Schweden niederließen, das der Kapitän ihnen gekauft hatte, um der Schande zu entgehen, welche deren Verbindung über die Familie gebracht haben würde. Dieſes Ereigniß bewies der Majorin ſonnenklar, daß ſie auf unverantwortliche Weiſe ihre Kinder ver⸗ nachläßigt hatte, und daß das Unglück, welches ſie in Svante und Karolina getroffen, eine Folge der Gleichgültigkeit und Gemächlichkeit war, die in ihrer Gemüͤthsart lag und ſie beſtimmt hatte, ihre Kinder aus Scheu vor jeder Beſchwerde mit ihnen, 8 ganz und gar fremden Händen zu überlaſſen. Der verwundete Hochmuth weckte ſie aus ihrem trägen Schlummer, in welchem ihr Leben verfloſſen war, und ſie grämte ſich bitter bei dem Gedanken, daß der eine ihrer Söhne gemeiner Matroſe und die ſchöne Karolina eines Schneiders Schwiegertochter werden ſollte. Die bittern und ſcharfen Bemerkungen des Ka⸗ pitäns waren auch nicht dazu geeignet, die pein⸗ lichen Gefühle zu mildern, welche dieſe Demüthigung hervorrief, und das zweideutige Geflüſter und die Anſpielungen der Nachbarn waren unaufhörliche Stiche, welche ſchmerzhafte Spuren zurückließen. —— 44 VIII. Der Sommer mit ſeinen Blumen und ſeinem ſtrahlenden Sonnenſchein, ſeinen grünenden Auen und Geſängen der Vögel war nach dem Winter und Frühling eingetreten. Auf Ackersberg traf man jetzt die eifrigſten Vor⸗ bereitungen zu Olga's Hochzeit, welche am Vor⸗ abend des Johannistags gefeiert werden ſollte. Lächelnd und ruhig brach dieſer Tag an. Drau⸗ ßen im Hofe ſaßen Elma und Thekla in voller Thä- tigkeit und flochten Kränze und Kronen, während die junge Braut mit leiſem Schritt ſich in Nina's Schlaf⸗ zimmer ſchlich und auf ihren Schreibtiſch ein Käſt⸗ chen mit folgender Inſchrift ſtellte: „Empfange von dem Kinde, welches Du gepflegt haſt und welchem Du die zäértlichſte und liebevollſte Mutter geweſen biſt, dieſen ſchwachen Beweis ſeiner unauslöſchlichen Dankbarkeit.“ Eine Weile hernach trat Nina in das Schlaf⸗ zimmer und entdeckte ſogleich das Käſtchen. Etwas erſtaunt nahm ſie das Tuch, welches darüber lag, hinweg und las die wenigen, aber ausdrucksvollen Worte. .„Olga,“ dachte ſie und lächelte. Ohne zu ah⸗ nen, was das Käſtchen verbergen möchte, wunderte ſie ſich über das Gewicht deſſelben. Sie drehte den kleinen Schlüſſel, und als das Schloß aufging, be⸗ deckte eine glühende Röthe ihre Wangen, und un⸗ willkürlich ſtieg aus ihrer Bruſt ein Ausruf der 45 Ueberraſchung auf, denn ſie erblickte das verkaufte Silberzeug ſammt den Schmuckſachen. 4 Einige Augenblicke darauf wurde die Thüre zu Olga's Zimmer geöffnet, und Nina trat bei der jun⸗ gen Braut ein.. „Kind, wie kann ich Dir danken, wie Deine Handlungsweiſe mir erklären?“ flüſterte Nina und legte ihren Arm um den Hals der Pflegetochter. „Ach, Mutter, denn das biſt Du mir geweſen, was iſt dieſes gegen die Schuld, in welcher ich ewig bei dir ſtehe, Du gute, Du edle, Du zäärtliche Mutter!“ Eine Weile ſchwiegen beide; darauf erzählte Olga, daß Elma den Kapitän gebeten hatte, Alles zuſammen von dem Kronvogt zu kaufen, und daß Olga, ſobald Karl ſein kleines Erbe eingethan, es von dem Kapitän einzulöſen bedacht geweſen war. Er hatte Olga die gekauften Werthgegenſtände ſchen⸗ ken wollen, aber dieſe war unter keiner Bedingung darauf eingegangen, ſondern darauf beſtanden, ihm das ausgelegte Geld zu bezahlen. Der Kapitän hatte ihr dagegen zum Brautgeſchenk eine koſtbare Garnitur verehrt. IX. Anderthalb Jahre waren vergangen, und der Herbſt hatte ſich wieder eingeſtellt und Blumen und Blätter von der Erde hinweggeblaſen. Das gelbe Laub, das graue Feld, Alles ſprach von der Ver⸗ gänglichkeit des Sommers. — 46 In Ackersberg ſtand Alles auf dem gleichen Fuße wie ſonſt; man arbeitete mit Eifer und frohem Muth, denn ein jedes hatte ein Ziel für ſein Stre⸗ ben, und eine heitere Hoffnung lächelte ihnen aus ihrer Arbeit entgegen. Auf Warnäs war es leer und ſtill. Die Ma⸗ jorin, ihre jüngſte Tochter Agnes und ihre kleine Nichte Sally waren allein daſelbſt. Eugen und des Kapitäns Reffe, der junge Edwin, waren nach Up⸗ ſala abgegangen, und der Kapitän von ſeiner vor anderthalb Jahren unternommenen Reiſe nach Eng⸗ land noch nicht zurckgekehrt. Svante befand ſich auf vor dem nächſten Jahr. Die Majorin, welche, wie bereits erwähnt, durch ſeiner erſten Seefahrt, und man erwartete ihn nicht den Vorfall mit Karolina aus ihrem phlegmatiſchen Schlummer aufgeriſſen worden war, um recht tief zu empfinden, daß auch Svante in Folge der ihm abgehenden Erziehung ſein Leben und ſeine reichen Anlagen vergeudet hatte, war, obwohl zu ſpät, au der Erkenntniß gekommen, daß ſie ihre Pflichten ver⸗ ſäumt hatte, und ſuchte nun durch zärtliche Umſicht und wahre mütterliche Liebe in Bezug auf Agnes und ihre Nichte das, was ſie bei den andern ver⸗ ſchuldet hatte, wieder gut zu machen. Sie zeigte ſich ſo aufmerkſam auf dieſe beiden, als es ihr nur möglich war, denn ihre Bequemlich⸗ keitsliebe meldete ſich trotz aller guten Vorſätze im⸗ mer wieder an, und ſo viel ſie ſich auch Mühe gab, konnte ſie niemals ſich vollkommen von derſelben losreißen. Wir müſſen jedoch zugeben, daß ſie nach 3 47 beſtem Vermögen auf ihr Ziel hinarbeitete, wenn es ihr auch nicht immer damit gelingen mochte. Thekla zählte jetzt ſiebzehn Jahre und war im Sommer confirmirt worden. Ihre Geiſtesgaben wa⸗ ren ungewöhnlicher Art, und ihr Verſtand ging weit über ihr Alter. Die Majorin hatte, da die Gou⸗ vernante im Herbſt abzog, Thekla vorgeſchlagen, den Unterricht bei Sally zu übernehmen. Beide, Nina und Thekla, gingen auf den Vorſchlag ein. Jeden Morgen ließ nun die Majorin Thekla nach Warnäs holen, und dieſe widmete jeden Vormittag dem Un⸗ terrichte Sally's. Am Nachmittag fuhr ſie wieder heim nach Ackersberg. An einem klaren und kalten Novembertag, als Thekla wie gewöhnlich zu Warnäs anlangte und in das Gemach im Erdgeſchoß trat, wo ſie und Sally zu arbeiten pflegten, hörte ſie zwei Stimmen im Ge⸗ ſellſchaftssimmer. Der Ton der einen beſtimmte ſie, ſtehen zu bleiben. „Liebe Lina,“ lautete die Stimme,„wie kannſt Du ſo thöricht ſein und glauben, daß der Unter⸗ richt der kleinen Thekla für Sally von einigem Nutzen ſei? Selbſt ein Kind, iſt es derſelben unmöglich, ih⸗ ren Platz als Lehrerin auszufüllen, und obendrein haſt Du Herrn Meyer ziehen laſſen und keinen an⸗ dern Muſiklehrer ſtatt ſeiner angenommen, ſondern Alles dieſem Kinde überlaſſen. Ich gönne dem ädchen von ganzem Herzen den kleinen Verdienſt, aber ich habe gegen meines Bruders Kinder Vater⸗ pflichten übernommen, und dieſe Pflichten verbieten mir, die Erziehung des Mädchens einem Kinde zu überlaſſen, welches ſelbſt noch der Erziehung bedarf. 48 „Der Kapitän,“ murmelte Thekla und blieb un⸗ beweglich mitten in dem Gemach ſtehen. Die Majorin gab mit ihrer ruhigen und gleich⸗ mäßigen Stimme zur Antwort: „Du urtheilſt vorſchnell, Eduard, wenn Du Thekla für ein Kind hältſt. Den Jahren nach iſt ſie es, aber nicht in Bezug auf ihre Geiſtesanlagen. Wohne einer Lection an und urtheile hernach. Thekla iſt ein Mädchen von ſo großer Begabung, daß man ihr mit Erſtaunen zuhört, und ich habe, nach meinem beſten Wiſſen und Gewiſſen, Sally keinen beſſern Händen an⸗ vertrauen zu können geglaubt. Was die Muſik an⸗ belangt, ſo haſt Du Thekla niemals gehört und kannſt alſo auch ihr Talent nicht beurtheilen. Hät⸗ teſt Du Dich nicht eigenſinniger Weiſe geweigert, Dir Etwas von ihr vorſpielen zu laſſen, ſo wüßteſt Du jetzt, daß ſie ſchon vor Deiner Abreiſe es ſehr weit gebracht hatte, und daß ſie während Deiner Abweſenheit nicht zurückgekommen iſt, verſteht ſich von ſelbſt, beſonders da ſie während des Frühjahrs mit mir in Stockholm war und dort Lectionen von Herrn is erhielt.. „Wie viele Lectionen waren es denn?“ Dieſe Frage wurde, wie es vorkam, in gering⸗ ſchätzigem Tone geſtellt. „Wir waren drei Wochen in der Hauptſtadt und Thekla ſpielte alle ander Tage eine Stunde.“ „Neun Stunden alſo. In einem ſolchen Zeitraum kann man es ſchon zur Vollendung bringen.“ „Wenigſtens iſt ſie ſolchen Lectionen, wie Sally bedarf, vollkommen gewachſen. Noch einmal, lieber Eduard, zuerſt höre und dann tadle.“ 49 „Das will ich auch; aber im Allgemeinen habe ich wenig Vertrauen zu Frauenunterricht; denn er iſt immer mangelhaft.“ Ehe Thekla ſich zurückziehen, oder eine Bewegung machen konnte, ſtand der Kapitän vor ihr; ſo plötz⸗ lich war er in das Zimmer getreten. Ebenſo über⸗ raſcht wie Thekla war, als ſie ſich auf einmal ihm gegenüber ſah, ebenſo ſehr ſchien er durch ihren An⸗ blick in Erſtaunen verſetzt zu werden. Er blieb eine Minute ſtehen und betrachtete ſie mit Verwunderung; hernach trat er auf ſie zu und ſprach: „Wahrhaftig, Thekla, mit Ihnen iſt eine ſolche Veränderung vorgegangen, daß ich Sie nur ſchwer wieder erkannt habe.“ Damit ergriff er des jungen Mädchens Hand und ſetzte mit einem väterlichen Lächeln hinzu: „Ich fürchte, wenn Sie eben meine Aeußerungen gegen meine Schweſter gehört haben, ſo werden Sie Ihren früheren Lehrer in der engliſchen Sprache nicht eben mit freundlichen Gefühlen wiederſehen.“ Thekla erröthete leicht legte aber in ihre Ant⸗ wort eine gewiſſe Würde, welche mit ihren ſiebzehn Jahren nicht recht harmonirte. „Meinen früheren Lehrer zu ſehen, macht mir Pede Zeit Freude, auch wenn er mich für ein Kind ä 1.“ 4 „Was Sie im Vergleich mit ihm auch ſind,“ er⸗ widerte Eduard, indem er ihre Hand noch immer in der ſeinigen behielt und das junge Mädchen mit unverſtellter Bewunderung betrachtete. So wie alle Mädchen, welche eben aus den Kin⸗ Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. II. 4 50 derjahren getreten ſind, wollte Thekla nicht gern von ſich als einem Kinde reden hören; und vielleicht noch weniger, als andere, weil bei ihr längſt der Ver⸗ ſtand den Jahren vorausgeeilt war. Sie betrachtete darum auch Eduard mit etwas mißvergnügtem Blick. Ohne ein Wort zu ſagen, entzog ſie ihm ihre Hand, als ob ſie mit dieſer Berührung andeuten wollte, wie ſie es nicht in der Ordnung fände, daß er ſie ſo lang in der ſeinigen behielte. „Wie befinden ſich Mama und die Geſchwiſter?“ fragte Eduard mit ſeiner freundlichen Stimme. „Sie ſind alle wohl und ſehen gewiß mit Freu⸗ den den Herrn— Kap—.“ Thekla erröthete und ſchlug die Augen nieder. Das Wort„Onkel“ wollte as ebenſo wenig, wie ehedem, über ihre Lippen gehen. „Wen?“ fragte der Kapitän mit einem Blick, welcher deutlich zu erkennen gab, daß ihm Theklas Verlegenheit einigen Spaß machte. „Den Herrn Kapitän,“ antwortete Thekla, durch ſeinen faſt ſpöttiſchen Blick gereizt. „Ei, ei, ich muß mich wohl unverzeihlich ver⸗ ſündigt haben, da ich mich nicht mehr zur Verwandt⸗ ſchaft rechnen darf,“ bemerkte er lächelnd. Zu großer Erleichterung für Thekla ging jetzt die Thüre auf und Agnes trat in Begleitung von Sall) ein. Beide ſprangen auf den Kapitän zu, welcher mit Liebkoſungen völlig beſtürmt wurde. Er war Abends zuvor angekommen, nachdem ſie ſich ſchon zur Ruhe begeben hatten, ſo daß ſie ihn erſt jetzt zu Geſicht bekamen. Die Lectionen wurden für die⸗ ſen Tag eingeſtellt, und ſtatt deſſen ſchickte die Ma⸗ 51 jorin Botſchaft an Nina und ließ ſie nebſt Elma nach Warnäs einladen. „Ich ſoll Grüße von Eugen ausrichten,“ ſagte der Kapitän zu Elma.„Ich habe ihn zu Upſala getroffen.“. „Da haben Sie, Onkel, gewiß einen Brief von ihm,“ rief Elma lebhaft. „Und warum gewiß?“ „Weil es nicht anders ſein kann.“ „Aber wenn ich nun keinen habe?“ „Dann kündige ich Eugen alle Freundſchaft auf.“ „Das wäre recht ſtreng.“ „Ganz und gar nicht; denn ich ſchreibe ſtets an ihn, wenn ein Bote nach Upſala geht.“ „Oefter nicht?“ „Ei, bewahre! Einmal in der Woche. Aber wo haben Sie den Brief, Onkel?“ „Ich habe keinen Brief.“ „Sie treiben nur Ihren Scherz mit mir,“ ent⸗ gegnete Elma und fühlte, daß ſie vor Ungeduld er⸗ röthete. Der Kapitän lachte und verſicherte beharrlich, daß er keinen Brief habe. „Nun, aber an die Tante?“ „Ja, aber der iſt nicht an Elma.“ „O, dann liegt in dem der Tante ſchon einer an mich,“ rief Elma und ſprang auf Nina zu, um ihren Brief in Empfang zu nehmen. Aber Nina hatte keinen. Die frohe Miene verſchwand augenblicklich, und es ſtand zu befürchten, daß Thränen an die Stelle des Lächelns treten wollten, wenn der Kapitän hr 4* A. 52 nicht in dieſem Augenblick ein kleines Paket gereicht hätte. „Ein Paket iſt kein Brief,“ ſagte er.„Du haſt hach einem Brief gefragt, Elma, und ich hatte blos dieſes.“ Das Paket enthielt einige Kleinigkeiten für die Mädchen, ſammt Briefen an ſie Alle. Am Nachmittag kamen der Propſt und der Ba⸗ ron H. von Skalbo mit ihren Familien, um den Kapitän zu begrüßen. Als man Kaffee getrunken hatte, wandte ſich der Kapitän an Thekla mit den Worten: „Wollen Sie mir eine Freude machen, Thekla?“ „Wenn ich kann.“ „Spielen Sie mir Etwas.“ Ohne ein Wort zu erwidern, ſtand Thekla auf und trat an das Piano. Eduard folgte ihr. „Sie ſcheint viel Selbſtvertrauen zu beſitzen,“ dachte er. „Was ſoll ich ſpielen?“ fragte ſie. „Sie erlauben mir alſo, ſelbſt zu wählen?“ „Natürlich.“ „Aber wenn ich Etwas wähle, das Sie nicht können?“ Warum Eduard ſich gegen Thekla des Wortes Sie bediente, während er Elma mit Du anredete und dieß auch früher ſtets bei Thekla gethan hatte, wußte er ſelbſt nicht. Aber Thekla achtete nicht darauf. „So werde ich wenigſtens einen Verſuch damit machen, und wenn ich ſchlecht ſpiele, ſo rechne ich 4 7 1 53 buf die Nachſicht deſſen, welcher die Wahl getroffen at.* „Gut.“ Der Kapitän blätterte nun in den Noten, fand aber Nichts, das ihm gefiel, und ſagte ſofort: „Ich habe einige neue Muſtkalien mitgebracht; wollen Sie es nicht mit einem Stücke darunter ver⸗ ſuchen?“ „JJa wohl; aber machen Sie keine Anſprüche darauf, daß ich fehlerfrei ſpiele,“ antwortete Thekla mit einer Sicherheit, die ihr ſonſt fremd war, da ſie immer die Erſte war, welche ihre eigenen Fä⸗ higkeiten in Zweifel zog. 3 Eduard entfernte ſich und erſchien ſogleich wieder mit neuen Notenheften. „Spielen Sie das einmal,“ ſagte er und ſchlug ein Stück um, welches den Titel„Souvenir d'Espagned führte. Während er das Heft ihr überreichte, lä⸗ chelte er mit einer Miene, welche gewiſſermaßen ſa⸗ gen wollte: „Mein Kind, Du würdeſt am Klügſten thun, uſeichtig einzugeſtehen, daß Du das nicht ſpielen annſt.“ Aber eben dieſe Miene ſchien Thekla zu reizen. Das junge Mädchen, ſonſt nicht anſpruchsvoll und ebenſo wenig darauf ausgehend, mit ſeinen Talenten. glänzen zu wollen, war jetzt in eine ganz eigenthüm⸗ liche Gemüthsſtimmung gerathen. Es verdroß ſie, daß Eduard, der ſchon von ihrer Kindheit an einen entſchiedenen Widerwillen gegen ſie empfunden hatte, mit ſo großer Geringſchätzung von Frauen⸗ K 54 unterricht reden und ſie als Lehrerin Sally's ganz verwerfen ſollte. Warum ärgerte ſich Thekla darüber?— Hätte ſie Jemand anders ſich ſo wie Eduard äußern hö⸗ ren, ſie würde ſich darüber betrübt und ſelbſt ihre Fähigkeit zu bezweifeln angefangen haben; aber die Worte des Kapitäns kamen ihr ungerecht vor, nicht blos gegen ſie, ſondern auch gegen die Erziehung, die ſie erhalten hatte. Sie ergriff daher das Notenheft, ohne ein Wort zu ſagen, und legte es auf das Pult. „Sie wollen alſo dieſe Nummer ſpielen?“ fragte Eduard, indem er ſie lächelnd anſah. „Ja,“ erwiederte ſie. Thekla's eine Hand ruhte auf dem Inſtrument, und ihr Auge heftete ſich eine Sekunde mit einem beinahe herausfordernden Blick auf den Kapitän. Ohne eine Miene zu verziehen, ſchob ihr der Kapi⸗ tän einen Stuhl hin. Thekla ſetzte ſich und ließ eine kleine Weile prä⸗ ludirend die Finger über die Taſten laufen. Das junge Mädchen war ſehr bleich geworden, und in dem Momente, da ſie die Augen auf die Noten warf, ging ein eigenthümliches nervöſes Beben durch ihren ganzen Körper. Jetzt erſt erinnerte ſie ſich, daß der Saal daneben voll von Fremden war. daß dieſe kommen würden, ihr zuzuhören, daß ſie ſich bloßſtellte, wenn ſie ſchlecht ſpielte, und für ihre Keckheit Spott zu erwarten hatte. Und dieß Alles mit Recht. Dieſe Gedanken flogen ihr mit Blitzesſchnelle durch den Kopf; der alte Mangel an Selbſtvertrauen 5⁵ ſtellte ſich mit verdoppelter Stärke wieder ein. Sie fühlte ein unüberwindliches Verlangen, von dem Inſtrument aufzuſtehen und zu erklären, daß ſie die vorgelegte Piece nicht ſpielen könnte. Eduard, welcher ſie fixirte und ihr Erbleichen und das Zittern, welches durch ihre Glieder lief, gewahrte, bückte ſich zu ihr nieder und flüſterte: 3 „Mein Kind, nehmen Sie etwas Anderes, das Sie ſchon früher geſpielt haben.“ Thekla fuhr auf, als hätte man ſie mit einem glühenden Eiſen berührt. Anſtatt eine Antwort zu geben, ſah ſie zu ihm auf und begann darauf mit farbloſen Wangen das vor ihr liegende Stück zu ſpielen. Als ſie einmal angefangen hatte, war alle Furcht hinweg, da jeder Gedanke an etwas Anderes, als die Muſik in den Hintergrund trat. Thekla gehörte zu jenen ſeltenen Naturen, welche mit ganzer Seele das, was ſie einmal vorgenommen haben, umfaſſen, und ſie nahm niemals Etwas vor, wofür ſie nicht Intereſſe fühlte. Was die Muſik insbeſondere betraf, ſo konnte man ſagen, daß ſie einen Theil ihrer Seele ausmachte. Sie liebte die⸗ ſelbe mit der ganzen Gluth ihres warmen, reichen Herzens. Bei dem Anſchlag der melodiſchen Töne war die äußere Welt rings um ſie her ſammt der Furcht eines Mißlingens verſchwunden. Sie ſpielte, ſpielte, vergaß Eduard, vergaß ihren Unmuth und Alles, außer den Tönen, welche ſie dem Inſtrument entlockte. An die Ecke deſſelben gelehnt, hörte Eduard zu, und der ſcharfe, ironiſche Ausdruck, welcher gewöhn⸗ lich auf ſeinem Angeſicht weilte, machte einer ſicht⸗ 56 baren Ueberraſchung Platz. Sein Blick ruhte auf Thekla mit einem ſo milden und väterlichen Aus⸗ druck, daß dadurch die an und für ſich ſchönen Züge gleichſam erhellt wurden und in noch ſchönerem Lichte ſich darſtellten. Als Thekla zu Ende war und erröthend aufſtand, ſagte er mit leiſer Stimme:. „Ich danke Ihnen. Sie haben die Prüfung ſiegreich beſtanden.“ Aller Verdruß war nun aus Thekla's Seele wie hinweggeblaſen. Der milde Ton hatte das bittere Gefühl vertilgt, wovon ſie zuvor ergriffen geweſen, und da ſtand ſie nun ſo demüthig und ſo anſpruchs⸗ los, beinahe reuevoll über den Ausbruch von Trotz, der ſie den ganzen Tag beherrſcht hatte. „Danken Sie mir nicht,“ ſagte ſie;„ich verdiene keinen Dank. Ich ſpielte nicht, wie ich weiß, daß daß Stück geſpielt werden ſoll, und ſelbſt wenn ich noch ſo gut geſpielt hätte, ſo ſetzte ich mich in ſo unfreundlicher Stimmung an das Inſtrument, daß ich wahrhafte Reue darüber empfinde.“ Eduard lächelte ihr freundlich zu und antwortete: „Bereuen Sie nicht, daß Ihr Verdienſt mir den Genuß verſchaffte, Sie ſpielen zu hören.“ Den ganzen Abend ſprach Eduard nicht mehr mit Thekla. Sie dagegen war nachdenklicher als ſonſt, und oft flog ihr Blick nach der Richtung hin, wo er ſtand, aber da ſie jederzeit dem ſeinigen bee gegnete, ſo nahm ſie ſich am Ende vor, gar nicht mehr hinzuſehen. 57 X. Am folgenden Tag, als Thekla die Lection mit der kleinen Sally begonnen hatte, wurde die Thüre geöffnet und Eduard trat ein. Thekla ſtand erröthend auf. Es lag etwas „ eigenthümlich Verwirrendes in dem Gefühl, womit ſie ihn nach dem geſtrigen Auftritt wieder ſah. Die⸗ ſer Eindruck war ihr um ſo fühlbarer, da Eduards Angeſicht nun den gewöhnlichen ſtrengen und ernſten EGharakter trug. „Laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ ſprach er und verbeugte ſich ein wenig, um ſie zu begrüßen.„Ich wünſche nur der Lection anzuwohnen, im Fall Sie Nichts dagegen haben.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er einen Stuhl an den Tiſch und ſetzte ſich Thekla gegenüber, welche, als ſie ihn Platz nehmen ſah, eine Antwort nicht für nöthig erachtete, ſondern mit ſcheinbarer Ruhe die Lection fortſetzte. Für einen ſo erfahrnen Beobachter, wie Eduard, war es ein Leichtes, alle die Unruhe, welche unter der äußern Oberfläche ver⸗ borgen lag, zu entdecken. 1 Thekla erklärte ſpäterhin wiederholt, es ſei ihr niemals in ihrem Leben banger ums Herz geweſen, und ſie habe niemals größeres Mißtrauen und un⸗ boedingteren Zweifel an ihre eigenen Fähigkeiten, als bei dieſer Gelegenheit empfunden. Sie hätte weinen können, ſo niedergeſchlagen war ſſie, und dennoch bewahrte ſie noch Geiſtesgegenwart 58 genug, um mit äußerer Ruhe und in vollkommener Ordnung den Unterricht fortzuſetzen. Eduard ſprach die ganze Zeit nicht ein Wort; aber als die Lection zu Ende war und Thekla auf⸗ ſtand, näherte er ſich ihr und ſagte mit einer ge⸗ wiſſen Milde in der Stimme: „Sie ſind wirklich eine gute Lehrerin, Thekla, und haben eine erſtaunliche Klarheit in Ihrer Dar⸗ ſtellung. Sally darf ſich Glück wünſchen, und ich habe Unrecht gehabt, meiner Schweſter Wahl zu tadeln. Vergeben Sie mir mein übereiltes Urtheil! Man gewöhnt ſich ſchwer daran, Perſonen, die man als Kinder gekannt hat, mit der Zeit groß und ver⸗ ſtändig geworden wieder zu finden. Als meine Schweſter von Ihnen als der Lehrerin meiner Nichte redete, ſah ich die kleine Thekla, welche ich im Eng⸗ liſchen unterrichtet hatte, und nicht eine erwachſene „Dame“ vor mir.“ 3 Das letzte Wort wurde mit einer gewiſſen Ironie geſprochen. „Dame? Dieſes Wort war—“ Thekla ſtockte. „Was?“ „Ein Spott.“ „Thekla, Sie ſind ſehr empfindlich. Geſtern war ich in Ungnade, daß ich Sie als ein Kind anſah, und heute werden Sie mir böſe, daß ich Sie eine Dame nenne.“ „Wenn dem ſo iſt,“ antwortete Thekla,„ſo kommt es daher, daß das Beiwort Kind zu wenig, und das Beiwort Dame zu viel iſt.“ 59 „Dann wird es mir wohl ſehr ſchwer werden, ein paſſendes zu finden.“ „Thekla' ſchlechtweg iſt das Beſte. Uebrigens iſt es ganz und gar gleichgültig, wie— wie— ich benannt werde, wenn ich nur weiß, daß Sally's Oheim mit mir als deren Lehrerin zufrieden iſt.“ „Wenn ich alle Lectionen nach dieſer beurtheilen darf, ſo bin ich es vollkommen.“ „Ich danke Ihnen!“ flüſterte Thekla ſchüchtern und reichte ihm erröthend die Hand. Kurz hernach begann Thekla mit mehr Muth, als ſie in der vorangehenden Lection empfunden hatte, mit Sally zu ſpielen; auch hier war der Kapitän gegenwärtig. Als ſie Nachmittags mit der Droſchke von War⸗ näs nach Hauſe fuhr, machte der Kapitän ſelbſt den Kutſcher Er blieb bis ſpät am Abend in Ackers⸗ erg. Einmal, als der Kapitän und Nina allein waren, ſagte er: „Thekla hat ſich, ſowohl ihrem äußeren als innern Menſchen nach, auf das Vortheilhafteſte entwickelt. Aus dem kleinen, gelblich bleichen, häßlichen Kinde iſt ein ſchönes und reizendes Mädchen mit unge⸗ wöhnlichen Geiſtesgaben geworden. Ich war heute, als ich der Lection anwohnte, ordentlich überraſcht. Ich fragte mich ſelbſt, ob es möglich wäre, daß ſie, welche niemals eine Schule beſucht hat, ſich ſo gründliche Kenntniſſe verſchaffen konnte. „Du hältſt es alſo für unmöglich, daß der häusliche Unterricht gründlicher Natur ſein könne.“ 60 „Ich habe ihn für höchſt mangelhaft gehalten, aber nach dem Beiſpiel, das ſich mir in Thekla dar⸗ bot, bin ich anderer Meinung. Doch geſtehe ich, daß ich mich noch immer nicht beſtimmen könnte, im Allgemeinen den Müttern anzurathen, die Lehrerin⸗ nen ihrer Kinder zu machen.“ „Und warum?“ 5 „Weil die Mütter, allgemein betrachtet, weder die Bildung, noch die Geduld, noch die Zeit haben, welche erforderlich ſind, um einen ordentlichen und gründlichen Unterricht zu ertheilen. Die meiſten würden ihn als eine Nebenſache anſehen, mit welcher ſie ſich nur in freien Stunden zu befaſſen hätten. Ueberdieß ſind die meiſten Mütter als Leh⸗ rerinnen ſehr ungeduldig und beinahe niemals für dieſen Theil der Erziehung ihrer Kinder intereſſirt. Sie glauben Alles, was Ihnen zukommt, gethan zu haben, wenn ſie ihnen eine Gouvernante halten. Wie beſchaffen dieſe iſt, welche Kenntniſſe ſie beſitzt, wie ſie ihren Beruf erfüllt, das Alles überlaſſen Sie dem Zufall. Endlich iſt ihre eigene Bildung ſo mangelhaft, daß ſie wirklich auch am klügſten daran thun, ſich nicht in den Unterricht, welchen ihre Kin⸗ der genießen, zu miſchen, da ſie Nichts davon ver⸗ ſtehen.“ „Ich glaube, Du thuſt jetzt den Müttern Un⸗ recht. Der Fehler liegt ſicherlich bei den meiſten darin, daß ſie ſich nicht Kenntniſſe oder Bildung genug angeeignet haben, um ihren Kindern Unter⸗ richt zu ertheilen; aber in manchen Fällen ſind auch die Männer daran ſchuld.“ „Die Männer?— Beſte Nina, ich glaube kaum, 61 daß Du einen einzigen Ehemann findeſt, welcher nicht mit Freuden ſehen würde, daß er die Koſten, welche die ſogenannte Ausbildung der Töchter mit ſich bringt, erſparen könnte.“ „Das glaube ich auch; der Fehler liegt aber in ſofern an den Männern, daß dieſelben, ſobald ſie an ihre Frauen Anſprüche zu machen beginnen, ih⸗ nen zumuthen, ſie ſollen ſo gar Viel in ſich vereini⸗ gen. Sie ſoll Hausmutter ſein; das iſt nicht mehr als billig; aber ſie ſoll auch Köchin, Näherin, Kinds⸗ wärterin und überdieß Geſellſchafterin ihres Mannes ſein. Da wird es für ſie unter ſolchen Umſtänden unmöglich, auch die Lehrerin für ihre Kinder zu werden und zu dieſem Zweck die Kenntniſſe oder Talente zu unterhalten und zu kultiviren, welche ſie einmal ſelbſt beſaß und nun ihren Kindern beibrin⸗ gen ſoll. Glaube nicht, daß dieß von Mangel an Intereſſe herkommt. Nein, ich getraue mir, ver⸗ ſichern zu können, daß jede Mutter, wie mangelhaft ſie auch in Bezug auf Gewohnheiten, Erziehung und Charakter ſein mag, doch von ganzem Herzen ihrer Kinder Wohl zu foördern wünſcht. Daß die meiſten Mütter ſich mit dem, was den Unterricht ihrer Kin⸗ der berührt, ſo wenig befaſſen, hat darin ſeinen Grund, daß wenn ſie ihnen eine dem Namen nach geſchickte Lehrerin angeſchafft haben, ſie ſich ſelbſt nicht mehr die Geſchicklichkeit zutrauen, dieſelbe be⸗ urtheilen zu können.— Weißt Du, was in unſerer Geſellſchaft fehlt?“ „Mütter', wie Napoleon ſagte. „Das iſt allerdings wahr; aber Mütter werden nur zu Hauſe gebildet; der Staat kann ſie nicht er⸗ 62 ziehen. Die Geſellſchaft kann nur dazu beitragen, daß die heranwachſenden Mädchen ihren Verſtand ausbilden, um ihre Pflichten richtig aufzufaſſen und die mütterlichen Gefühle durch die Vernunft leiten zu laſſen. Die moraliſche Richtung, die häuslichen Tugenden, welche eine Mutter beſitzen muß, können nur von einer Mutter erkannt werden. Was der Staat den Frauen ſchuldig iſt, beſteht darin, zu ſorgen, daß auf ſeine Koſten Lehrerinnen gebildet werden und Gelegenheit finden, ſich alle die Kenntniſſe anzueignen, welche ihnen zur Erfüllung ihres ernſten und wichtigen Berufs nothwendig ſind.— Niemand wird Lehrer an einer Knabenſchule, ohne daß er ſeine Geſchicklichkeit dazu dokumentirt hat; aber jeder Frau ſteht es frei, eine Schule zu halten, ſelbſt wenn ſie nicht einmal ihre Mutterſprache ſchreiben kann. Ich kenne Schulvorſteherinnen, welche ſo völlig unwiſſend ſind, daß ſie nicht viel über einer gewöhnlichen Dienſtmagd ſtehen, und dennoch zur Errichtung von Penſionaten Erlaubniß erhalten. Wahr iſt es aller⸗ dings, daß ſie Lehrer beiziehen, aber wie unvollkom⸗ men und elend muß ein ſolcher Unterricht bleiben, welcher unter der Aufſicht ſolcher Perſonen ertheilt wird und nunmehr den Namen von Ausbildung beanſpruchen kann.“ „Du haſt vollkommen Recht, Nina, und unbe⸗ greiflich iſt es, daß der Staat einen ſo wichtigen Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit ſo ganz und gart entgehen läßt. Die Urſache dieſer Vergeßlichtei dürfte wohl darin liegen, daß die Frauen im Allge⸗ meinen ſo wenig Verlangen nach Bildung zeigen. Es fehlt ihnen die Lernbegierde, und ſie hegen 63 gar keinen Wunſch, in das Reich des Wiſſens ein⸗ zudringen, ſondern ſie begnügen ſich mit ihrer Kennt⸗ nißloſigkeit, ohne nach etwas Beſſerem zu ſtreben. Ihre Lebensanſchauung iſt niedrig und im höchſten Grade beſchränkt. Sie ſind ohne Theilnahme für allgemein wichtige Fragen und vollkommen gleich⸗ gültig gegen den Fortſchritt in der Welt. Welches Intereſſe ſoll dann der Staat für ſo indifferente Weſen haben?“ „Geſtatte mir ein Gleichniß. Wenn Du einen Acker brach liegen läßeſt, ſo ſchießt das Unkraut daſelbſt auf, und es wäre ſehr albern von Dir, wenn Du erwarten wollteſt, er ſolle Weizen oder Roggen tragen, während Du ihn nicht eingeſäet haſt. Der Verdruß darüber, daß er voll Unkraut iſt, wird ſogar lächerlich, da Du es niemals ausge⸗ jätet haſt. So iſt es auch mit uns Frauen. Ihr Männer fordert von uns alle möglichen Tugenden und Vollkommenheiten, aber denkt nicht einen Au⸗ genblick daran, wie wenig Ihr, die Geſetzgeber und Ordner des Staats, dafür gethan habt, um uns zu dem, was wir werden ſollten— nämlich zu Frauen zu erziehen. Erndten wollt Ihr, aber nicht ſäen, und dennoch haltet Ihr für nöthig, beides zu thun, ſobald es ſich um die Erziehung von Männern für den Dienſt des Staates handelt. Ihr ſollt doch bedenken, daß dieſe Männer auch Frauen, und deren Söhne Mütter haben ſollen, und daß es in Wirk⸗ lichkeit eines nicht geringen Grades von Geiſtesbil⸗ dung bedarf, um dieſe beiden Beſtimmungen im Leben zu erfüllen. 5 „Auf magerem Boden wächst keine Erndte,“ 64 antwortete Eduard lachend,„und iſt der Boden der Seele gut, da braucht der Staat ihn nicht erſt urbar zu machen. Ein Beiſpiel hievon biſt Du ſelbſt.— Wer hat bei Dir alle die Eigenſchaften entwickelt, welche Deine Seele ſchmücken?“ „Das Leiden,“ antwortete Nina mit tiefem Ernſt.„Ich bitte Gott, daß er Jeden davor bewahre, in dieſer Schule ſeine Pflichten lernen zu müſſen; denn nicht Alle beſitzen die Kraft, die mir eigen war. Manches Herz würde vielleicht im Kampfe mit dem Schmerz brechen und nicht Stärke genug beſitzen, um ſich zur Kenntniß der Pflichten, welche der Gattin und Mutter obliegen, durchzuarbeiten.— Die Schule des Leidens iſt bitter.“ Es entſtand eine Pauſe, welche der Kapitän mit den Worten unterbrach: „Du ſagteſt, die Frauen hätten nicht immer Zeit, die Lehrerinnen ihrer Kinder zu machen. Wie haſt Du es möglich gemacht, Zeit zu finden, nicht nur ſie zu unterrichten, ſondern auch Deinen eigenen Vor⸗ rath von Kenntniſſen zu erweitern.“ „Ich bin, ſo zu ſagen, mein eigener Herr ge⸗ weſen und habe nicht nöthig gehabt, die Zeit zwi⸗ ſchen Mann und Kindern zu theilen, und ſomit konnte ich ausſchließlich jede Stunde meines Lebens den letztern widmen.“ „Du glaubſt alſo, daß eine Frau nicht zu glei cher Zeit ihre Pflichten als Gattin und als Mutter erfüllen kann?“ „Als Mutter wohl, aber nicht als Lehrerin. Darum iſt es Pflicht des Staates, darauf zu ſehen, daß die Mädchenſchulen ebenſo wie die Knabenſchu⸗ * 65 len unter öffentliche Controle geſtellt werden und ſomit die Eltern mit Hoffnung auf wirklichen Gewinn ihre Kinder dahin ſchicken können.“ XI. Der Herbſt ſchwand, und der Winter kam mit dem Weihnachtsfeſt als ſeinem Herold. Auf Weih⸗ nachten kam auch Eugen wieder, und mit ihm Freude und Fröhlichkeit für alle Bewohner von Ackersberg. Das Feſt ſelbſt verbrachte er zu Hauſe; aber auf Neujahr ſollte er ſeine Hauslehrerſtelle wieder in Warnäs übernehmen, welche er bis jetzt mit einer Pünktlichkeit und einem Eifer, die den Kapitän ſehr erfreuten, verſehen hatten. Am vierten Tage der Weihnachtswoche finden wir Elma und Eugen allein im Geſellſchaftszimmer. „Was iſt das für ein Brief, den Du empfangen haſt?“ fragte Eugen plötzlich, von ſeiner Zeitung aufſehend. „Ich habe keine beſondere Luſt, Dir das zu ſagen,“ antwortete Elma erröthend. „Willſt Du, daß ich rathen ſoll?“ 3 iie Dir beliebt; errathen wirſt Du es doch nif t.“. „Laß das meine Sorge ſein. Vorerſt erlaube ich mir die Frage: glaubſt Du, daß ich blind bin?“ „Verblendet von Eigenliebe biſt Du meiner An⸗ ſicht nach ſtets geweſen,“ entgegnete Elma, indem ſie ihn ſchalkhaft anſah. Schwartz, die Wittwe und ihre Kinber. II. 5 66 „So, ſo; aber ich kann Dich verſichern, daß ich geſtern bei dem Probſt gar nicht verblendet war. „Nun, was ſchwazeſt Du denn für wunderliche Dinge?“ „Nichts Wunderliches, ſondern etwas ganz All⸗ tägliches.“ 3 „Daß der Unterpfarrer ein wenig zu tief in's Glas geſehen?“ 3 „Nein, wohl aber, daß der Hüttenwerksbeſitzer Aſtröm Dir zu tief in die Augen geſehen.“ „Nichts weiter?“ „„O ja, denn ich bemerkte auch, daß Du Dich bei ihm und dem Lieutenant H. einzuſchmeicheln ſuchteſt.“ „That ich das? Nun da biſt Du einmal auf beiden Augen blind geweſen.“ „Wirklich, mit wem kokettirteſt du wohl dann?“ „Ich habe noch gar nicht zugegeben, daß ich über⸗ haupt kokettirte.“ „Ich brauche Dein Geſtändniß gar nicht, denn ich habe es geſehen. Wenn Du es alſo nicht gegen⸗ über von denen thateſt, welche ich genannt habe, wie es nichts deſto weniger doch geſchehen iſt, ſo müßte es jemand anders gegolten haben.“ „Das kann wohl ſein.“ „Nun, wem dann?“ „Erräthſt Du es nicht ſelbſt, ſo ſollſt Du es auch nicht erfahren,“ ſagte Elma und lächelte Eugen freundlich an; aber dieſes friſche Lächeln hatte nicht ſeine gewöhnliche Wirkung, nämlich ein gleiches auf den Lippen ihres Couſins hervorzurufen; ſondern ſein mürriſches Ausſehen blieb ſich gleich „Ich bin nicht ſo glücklich, etwas Anderes er⸗ 67 rathen zu koͤnnen, als was ich ſehe, und ich habe nichts weiter geſehen, als Deine Koketterie gegen⸗ über dem Hüttenwerkbeſitzer und ſeine naſeweiſe Be⸗ harrlichkeit.“ „Eugen, was iſt Dir? Warum biſt Du ſo ver⸗ drießlich?“ „Verdrießlich? Gewiß nicht; aber es iſt doch meiner Meinung nach nicht ſehr luſtig, finden zu müſſen, daß Du ein eitles und gefallſüchtiges Mäd⸗ chen geworden biſt, welches mit Vergnügen ſich die Artigkeit jedes Burſchen gefallen läßt, wenn er nur ihr ſchön thut und ihrer Eigenliebe ſchmeichelt.“ „Du biſt recht gottlos, Eugen, und das verdiene ich nicht. Wenn Du in mein Herz ſehen könnteſt, wie innerlich froh und glücklich ich geſtern war, ſo würdeſt Du meine Freude nicht Koketterie nennen.“ „Ich brauchte nicht erſt in Deinem Herzen zu leſen, um Deine Freude zu ſehen; die las ich auf Deinem Angeſicht. Ich wünſche dem Hüttenwerks⸗ beſitzer Gluͤck, daß er ein ſolches Gefühl von Wonne, wie Du zu empfinden ſchieneſt, hervorzu⸗ rufen vermochte.“ Soſe“ n Dich in Acht; ich werde am Ende noch öſe.“ „Das glaube ich ſchon. Für mich haſt Du Deine Launen und Deinen Mißmuth, für ihn Lächeln und Fröhlichkeit; aber er hat freilich ein großes Hütten⸗ werk, während ich dagegen nur meine Jugend, mein warmes Herz und meine Arbeitſamkeit habe.“ „Still, Eugen, nun biſt Du mehr als boshaft,“ rief Elma, ſprang auf und wollte das Zimmer ver⸗ laſſen; aber ehe ſie die Hand auf das Schloß legte, 5 8 68 hatte Eugen ſie um den Leib gefaßt und ſagte mit bebender Stimme: „Elma, laß' mich den Brief ſehen, welchen Du bekommen haſt; ich will, ich muß ihn leſen. Siehſt Du nicht, daß ich— ich— aufgeregt bin.“ Elma verſuchte ſich loszumächen, während ſie mit einer Miene, in welcher Verwunderung mit Aer⸗ ger ſich miſchte, ihn betrachtete; aber Eugen hielt ſie mit ſeinem Arm feſt umſchloſſen. „Den Brief, Elma. Wenn Du noch einiges Mit⸗ leid mit mir haſt., „So laß' mich los,“ ſagte Elma. Eugen gehorchte, und Elma zog aus ihrer Taſche einen Brief und reichte ihm denſelben, worauf ſie das Zimmer verlaſſen wollte, aber Eugen faßte ſie bei der Hand und ſagte: zu ſagen.“ „Nein, Eugen, Du haſt mich bitter gekränkt.“ „Womit?“ „Mit Deinen Worten. Ich will gehen.“ Elma's Augen ſtanden voll Thränen. „Vergib, Elma, vergib, ich bin ein Narr. Aber bleibe bei mir, wenn Du noch einige Anhänglich⸗ keit an Deinen Bruder haſt.“ Eugens Blicke baten zärtlicher als ſeine Lippen. ihn mitten durch die Thränen anlächelten. „Ich habe wohl keine andere Wahl,“ antwortete Elma mit einer Miſchung von Freundlichkeit und „Wehmuth.„Schon von unſerer Kindheit an habe „Bleibe bei mir, Elma, wir haben einander viel Er ſchaute tief in die unſchuldsvollen Augen, welche ich ja keinen andern Willen als den Deinigen ge⸗ 69 habt, und die Gewohnheit iſt mir zur andern Natur geworden.“ „Ich danke Dir,“ erwiederte Eugen und zog ſie neben ſich auf den Sopha herab, wornach er den Brief öffnete. „Nein, lieber Eugen, das iſt zu viel verlangt, wenn ich hier neben Dir ſitzen ſoll, während Du das hier lieſt. Laß mich gehen, ich komme gleich wieder zurück.“ „Elma, regt der Inhalt dieſes Briefes Dich ſo auf, daß Du, ſo lang ich ihn leſe, nicht bei mir bleiben kannſt? Wenn dem ſo iſt, will ich ihn lie⸗ ber gar nicht leſen.“ „Wahrhaftig, ich kenne Dich nicht mehr. Eu⸗ gen. Was in aller Welt geht mit Dir vor?“ „Bleib ſitzen und Alles wird wieder gut.“ Elma legte ihre Hände auf ſeine Schulter und ſtützte ihre Stirne darauf, während Eugen las. Sie fühlte, wie er zitterte, als er mit den Augen die erſte Zeile des Briefs überlief. Da ſtand: „Geliebte Elma“ von zierlicher Mannshand geſchrieben. Als er zu Ende war, faltete er den Brief wieder zuſammen und ſprach mit bitterer Ironie: „Es ſcheint, der Hüttenwerksbeſitzer hat zum Vor⸗ aus gewußt, wie Deine Antwort ausfallen würde. Es iſt ihm wohl den Winter über klar geworden, daß er Grund zu hoffen habe. Du liebſt ihn alſo?“ „Was in aller Welt ſagſt Du da?“ rief Elma und erhob ſich heftig. 3 „Ich vermuthe, daß Du den glücklichen Freier, den ſchönen und reichen Hüttenwerksbeſitzer liebſt?“ 70 „Wie iſt es möglich, daß Du ſo Etwas vermuthen kannſt?“. „Darauf bringt mich die Zuverſicht, womit er von ſeiner Liebe ſpricht.“ „Eugen, haſt Du aufgehört, mich zu lieben, da Du ſo reden kannſt?“ „Elma,“ rief Eugen und ſchaute überraſcht zu dem jungen Mödchen auf, welches mit bleichen Wan⸗ gen vor ihm ſtand;„welche Frage?“ „Sie iſt ganz natürlich, denn wenn Du mich wie ehedem liebteſt, ſo hätteſt Du wiſſen können, daß mein ganzes Ich jetzt wie allezeit Dir ange⸗ hört.“ „Und Deine Antwort auf dieſen Brief?“ „Brauche ich ſie Dir noch zu ſagen? Fühlſt Du nicht, daß es nur eine gibt? Oder glaubſt Du, daß ich einen Andern zum Mann nehmen werde, wenn ich Dich liebe?“ „Elma! Elma! Ich athme wieder! Wie qual- voll ſind dieſe Stunden für mich geweſen!“ „Und warum das 9 „Du fragſt noch, Elma? Bedenke doch die Un⸗ gewißheit, in der ich lebte!“ „Und wie konnteſt Du überhaupt der Ungewiß⸗ heit Raum geben?“ „Ich wußte ja nicht, ob Du den Hüttenwerkbe⸗ ſitzer nicht liebteſt.“ „Das wußteſt Du nicht? Du wußteſt aber doch, daß ich mit ganzer Seele an Dir hänge.“ „Ja, wie eine Schweſter.“ „Eugen, ich verſtehe den Unterſchied nicht, den Du damit machſt. Ich verſtehe nur Eins, daß ich 71 mir niemals die Möglichkeit gedacht habe, Du könn⸗ teſt eine Andere, als mich lieben.“ „Aber, Elma, wir haben doch niemals von Liebe geſprochen. Wie konnteſt Du denn wiſſen, wen ich liebte?“ „Bedarf es hier der Worte? Das habe ich nie geglaubt; mein eigenes Herz ſagte mir, daß Du mich liebteſt. Nach der Stärke meiner Liebe beur⸗ theilte ich die Deinige, und es iſt mir oft vorgekom⸗ men, als ob Deine und meine Empfindungen in Eins verſchmolzen wären. Den bloßen Gedanken, mich an einen Andern ſo anzuſchließen, wie ich es bei Dir gethan, würde ich als einen Betrug gegen Dich an⸗ geſehen haben.“— Elma ſtand vor Eugen, welcher ihre Hände in die ſeinigen geſchloſſen hielt. Es lag Etwas ſo Ein⸗ faches, Wahrhaftes, Unſchuldvolles und rührend Zu⸗ verſichtliches in der Stimme und dem Blick des jun⸗ gen Mädchens, daß Eugen, der Eingebung ſeines Ge⸗ fühls folgend, vor ihr das Kniee beugte und mit gerührter Stimme flüſterte: „Elma, haſt Du ſo in meiner Seele leſen können? Haſt Du das gethan, ſo mußt Du auch verſtehen, was ich fühlte, als ich Dich zu verlieren fürchtete. Bisher habe ich mir niemals die Möglichkeit gedacht, daß Jemand in Dir Etwas Anderes als meine Ver⸗ lobte ſehen könnte. Ich ſtellte mir vor, die ganze Welt müßte begreifen, daß wir für das ganze Leben an einander gefeſſelt wären.“ „Er bedeckte Elma's Hände mit Küſſen, welche viel zu warm waren, als daß ſie von einem Bruder kommen konnten. 72 Elma gehörte nicht zu denen, welche ſich dem Ausdruck ihrer Gefühle lang hingeben. Sie entzog ihm deßwegen ihre Hände, küßte Eugen auf die Stirne und ſagte mit freundlichem Ton: „Steh' auf und mach' allen dieſen Kindereien ein Ende. Du weißt jetzt Alles, was Du wiſſen willſt, und ſogar, mit wem ich geſtern Deiner Be⸗ hauptung nach kokettirte.“ „Mit mir?“ „Das iſt klar. Man will allzeit Dem gefallen, welcher in unſerm Herzen den erſten Platz einnimmt.“ „Und den räumſt Du mir ein?“ „Du haſt mir ja keine andere Wahl gelaſſen. Du beraubteſt mich meines freien Willens, ſchon als wir noch Kinder waren.“ „Und ich darf alſo dieſe Gewalt über Dich auf Lebenszeit verlängern.“ „Das iſt überflüſſig, da ich keinen Andern Dir vorziehen will.“ „Und Du willſt das niemals?“ „Niemals.“ „Elma, Elma, Du biſt eine kleine Zauberin,“ rief Eugen, umſchlang Elma, raubte ihr einen Kuß und walzte mit ihr im Zimmer herum. XII. Weihnachten war vergangen, und der Winter mit. Eugen war wieder nach Upſala abgereist, um ſeine Univerſitätsſtudien zu beſchließen und ſodann ſeine praktiſche Laufbahn im Staatsdienſt anzutreten. 73 Durch Kapitän Oernſkjölds Vermittlung fand er in Stockholm eine Stelle als Informator bei einem Verwandten von jenem, einem Major K., welcher einen kränklichen und verkrüppelten Sohn hatte. Dieß war für unſern jungen Extraordinarius ein großes Glück, da ſein Aufenthalt in Stockholm für ſeine Mutter dadurch mit geringern Koſten verknüpft wurde. Thekla fuhr fort, in Warnäs Unterricht zu geben. Elma arbeitete mit frohem Sinn und niemals wan⸗ kendem Vertrauen auf die Zukunft. Sie pflegte ihre Blumen, liebkoste ihre Vögel, beſchäftigte ſich in ihrer kleinen Buchbinderwerkſtätte, lieferte Kopialien für Kanzleien und ſchrieb nebenbei lange Briefe an Olga und Eugen. Ueberall ſah man die Spur ihres lebhaften, für alle Leidenden gefühlvollen Herzens. War irgend eine Arbeiterfamilie in Noth oder von Krankheit heimgeſucht, alsbald erſchien Elma, um zu helfen und zu tröſten. Sollte eine Braut ſchön herausge⸗ putzt werden, ſo mußte Elma Anleitung geben; gab es eine Wittwe aufzurichten, ſo kam man zu Elma; wurde ein Kind zur Taufe gebracht, ſo war es Elma, welche das Taufhäubchen nähte und entweder für ſich oder in Anderer Namen zu Gevatter ſtand. Sie war der Liebling von Jedermann, Rathgeberin, Freude und Troſt von Allen, ſowohl in als außer dem Hauſe.— Niemals fiel ihr Etwas zu ſchwer, niemals ſah ſie Etwas als unmöglich an; immer war ſie bereit, Jedem, der ſich an ſie wandte, unter Luſt und Sang zu dienen. So vergingen anderthalb Jahre. 74 Thekla war immer hübſcher und hübſcher ge⸗ worden, ſo daß ſie mit achtzehn Jahren für wirklich ſchön gelten konnte, ohne daß ſie ſelbſt eine Ahnung davon hatte. Mit Eifer und Intereſſe widmete ſie ſich ihrem Beruf als Sally's Lehrerin, und es ge⸗ ſchah oft, daß der Kapitän den Lektionen anwohnte und, wenn Thekla ihren Unterricht geſchloſſen hatte, beiden, der Schülerin und der Lehrerin einen leicht⸗ faßlichen Vortrag aus der Geſchichte oder Natur⸗ wiſſenſchaft hielt. Mit ſtrahlenden Augen lauſchte Thekla ſeinen Worten und trank mit vollen Zügen aus der Quelle, welche ihren Wiſſensdurſt ſtillte. Eines Tags, als die Majorin Thekla gebeten hatte, länger zu verweilen, ſprach der Kapitän, während die ganze Familie im Geſellſchaftszimmer verſammelt war, mit Thekla, Agnes und Sally über den Fortſchritt der allgemeinen Kultur und zeigte, daß damit der menſchliche Geiſt ſich zur Freiheit und Selbſtſtändigkeit entwickelte. Das Bewußtſein der Menſchenrechte, ſagte er, ſei die Macht, welche den Sturz der Tyrannei und Unterdrückung herbei⸗ geführt habe. Als er zu Ende war, äußerte Thekla mit Leb⸗ haftigkeit: „Es bleibt aber doch noch viel davon übrig.“ „Das iſt wahr, aber mit jedem Tage löst ſich ein Glied von der Feſſel ab, welche noch in Folge . nen Vorurtheil oder ſchlechter Geſetzgebung exi⸗ ſtirt.“ „Ja, für den Mann, aber nicht für die Frau. Sie iſt und bleibt eine Sclavin unter dem Deſpo⸗ tismus ihrer Geſetze.“ ———-———-— 75 „In welchen Fällen?“ fragte Eduard und be⸗ trachtete lächelnd das junge Mädchen. „In allen. Ihr iſt die Thüre des höhern Wiſ⸗ ſens verſchloſſen, ſie klopft vergeblich an das Heilig⸗ thum, das den Männern ſo leicht zugänglich iſt. Sie wird ihr ganzes Leben lang als ein Kind be⸗ trachtet, unvermögend für ſich ſelbſt zu ſorgen. Sie iſt ein unmündiges Weſen, ſelbſt wenn ihr Haar vor Alter ergraut, ſofern ſie nicht einen ge⸗ wiſſen Werth durch den Mann erlangt, deſſen Namen ſie annehmen muß. Mit wenigen Worten: ſie iſt noch heute in voller Wirklichkeit eine Sclavin, nur mit dem Unterſchied, daß ihre Ketten mit Blumen umwunden ſind, alſo nicht ins Auge fallen.“ „Ei, ei, ich glaube, Ihre Mutter hat, ohne es zu wollen, Sie zu einer emancipirten Frau herange⸗ zogen.“ „Ich fürchte, diefſe Gedanken haben ſich mir als verbotene Waare in den Kopf eingeſchmuggelt,“ antwortete Thekla lächelnd;„aber gewiß iſt, daß ich es für unrecht halte, uns von einer höhern wiſſen⸗ ſchaftlichen Bildung ‚auszuſchließen, und für eine wirkliche Rechtsverletzung, daß das Geſetz uns nicht ebenſo, wie die Männer, mit einem gewiſſen Alter für mündig erklärt.“. „ Ich will mich jetzt nicht hierüber ausſprechen,“ erwiederte der Kapitän mit väterlichem Wohlwollen, „ſondern bitte Sie nur, Thekla, mit Ihrer Mutter darüber zu ſprechen. Sobald Sie, mein Kind, deren Gedanken über die Sache gehört haben, wollen wir weiter davon reden.“ „Warum nicht eher?“ 76 „Weil eine Mutter leichter als ein Vater einer jungen Perſon Alles klar machen kann, was ihre Stellung im Leben betrifft, und obſchon ich eine wirkliche väterliche Zuneigung für Sie hege und in Folge davon nach beſter Ueberzeugung ſprechen würde, ſo möchten Sie doch bei meinem Urtheil immerdar, da ich ein Mann bin, eine gewiſſe Par⸗ teilichkeit argwöhnen.“ „Ich glaube auch blindlings an meiner Mutter Worte,“ antwortete Thekla. „Aber an die meinigen nicht.“ „O ja, auch,“ antwortete Thekla, indem ſie mit einem vertrauensvollen Blick ihn anſah. „Selbſt wenn ich mich zum Nachtheil der Frauen ausſprechen ſollte?“ „Auch dann.“ „Wirklich, und aus welchem Grunde?“ „Einfach deßhalb, weil Sie mir ſo unendlich überlegen ſind, und weil ich ſtets denken würde, daß Sie mit Ihrem ſcharfen Verſtande und Ihrer höhern Bildung eine tiefere Einſicht in die Sache haben, als ich, die ich nur nach meinen Gefühlen urtheile.“ „Ich danke Ihnen!— Sie haben alſo daſſelbe Vertrauen zu mir, wie eine Tochter zu ihrem Va⸗ ter?“ „Nicht ſo ganz.— Sie kommen mir nicht wie ein Vater vor.“. „Als was denn?“ fragte er.„Es liegt in der Art und Weiſe, wie Sie ſich gegen mich benehmen, Etwas, das geeignet iſt, mich auf den Gedanken zu bringen, daß Sie mich ſo betrachten, als wäre ich 77 Ihr Vater, und dieß hat mich auch veranlaßt, Sie als meine Tochter anzuſehen.“ „Das hätte ich nicht geglaubt; denn ein Vater Pdegi zum Beiſpiel nicht zu ſeiner Tochter Sie zu agen.“ Vauun dabei lächelte Thekla auf eine ſo entzückende, ſchalkhafte Weiſe, daß Eduard von dieſem einnehmen⸗ den, ſo ſeelenvollen und intelligenten Geſichte die Augen gar nicht abwenden konnte. „Das war keine Antwort auf meine Frage,“ ſagte er. „Auf welche Frage?“ „Warum Sie mich nicht als Ihren Vater an⸗ ſehen, und worin Ihre ſo oft vorkommende Schüch⸗ ternheit ihren Urſprung hat?“ „Sie kommen mir viel zu jung vor, um mein Vater zu ſein.“ „Zu jung?“— Ich bin ja zweiundzwanzig Jahre älter als Sie.“ „Das macht Nichts aus, wenn es auch vierzig Jahre wären, ſo ſehen ſie doch nicht wie ein Vater aus.“ „Alſo etwa wie ein Mentor?“ ſagte der Kapi⸗ tän lachend,„vor welchem Sie große Furcht hegen?“ „Nein, Furcht nicht.“ „Reſpekt alſo?“ „Auch das nicht.“ „Nun, ſo erklären Sie ſich, mein Kind.“ „Bedarf es deſſen? Achtung und Bewunderung iſt das, was ich empfinde.— Ach! Sie machen mich ſo klein in meinen eigenen Augen, daß es mir zu⸗ 2 . 78 weilen wie eine große Vermeſſenheit meinerſeits vor⸗ kommt, wenn ich, ſo unwiſſend wie ich bin, dennoch ſo frei mit Ihnen rede. Sie ſind nicht meines⸗ gleichen. Sie ſtehen ſo hoch über mir, ſind mir ſo überlegen, daß ich niemals etwas Anderes thun, als Ihren Worten lauſchen ſollte.“ „Ei, Eduard, das iſt ja die lautere Schmeichelei,“ bemerkte die Majorin mit ihrem matten Lächeln. „Ja, in der Thät,“ antwortete er, beſonders deßwegen, weil mir damit nicht geſchmeichelt iſt. Hegt Thekla wirklich eine ſo hohe Vorſtellung von meiner Ueberlegenheit auf Koſten der Zuneigung, ſo fühle ich mich dadurch nur wenig geſchmeichelt.“ „Zuneigung fühle ich nur zu ſehr Wenigen,“ ent⸗ gegnete Thekla.„Mein Herz iſt ſo eng, daß es nicht Raum für Viele hat. „Das will ſagen, für mich iſt darin kein Platz. Sie haben alſo keine Zuneigung zu mir?“ „Wahrhaftig, das weiß ich kaum ſelbſt,“ er⸗ wiederte Thekla lachend;„jedenfalls kann dieſelbe nicht groß ſein, denn in jüngern Jahren war ich gegen den Beſitzer von Warnäs keineswegs freund⸗ lich geſinnt.“ Was Cduard bei dieſer Antwort dachte, wiſſen wir nicht; ſo viel iſt gewiß, daß ſeine Miene un⸗ verändert blieb. „Verſuchen Sie einmal, Onkel zu mir zu ſagen,“ fuhr er lächelnd fort. „Unmöglich,“ erwiederte Thekla lachend. „Warum? Sie hegen alſo noch immer feind⸗ ſelige Geſinnungen gegen mich?“ „Man iſt dem nicht feind, den man bewundert.“ 79 „Nun wohl, eigenſinniges Kind, warum ſagen Sie nicht zu mir Onkel?“ „Darum, weil ich dieß Wort nicht über die Lip⸗ pen bringen kann; und wenn ich es auch ausſpre⸗ chen könnte, wollte ich es doch nicht. In dieſem Namen ſähe ich eine Art von Verwandtſchaft durch⸗ ſchimmern, welche es mir zur Pflicht machen würde, Zuneigung zu empfinden, und ich bin in dieſem Fall ſehr karg, da ich wohl weiß, daß ich, je weni⸗ 5 ich davon mittheile, deſto mehr für mich be⸗ alte.“ Die Majorin lachte. Eduard ſtand auf und ſagte, während er das Zimmer verließ: „Nun, da werde ich wohl einſtweilen mit der Achtung vorlieb nehmen müſſen.“ XIII. Als Thekla eine Stunde ſpäter nach Hauſe wan⸗ derte, fühlte ſie ſich zu gleicher Zeit wehmüthig und froh geſtimmt. Oft blieb ſie ſtehen, nahm den Hut ab und ließ den Wind mit ihren Locken ſpielen, während ſie mit träumeriſchem Lächeln auf den Ge⸗ ſang der Vögel, das Rauſchen des Windes und das Murmeln des Baches hörte. 4 Sie hatte eben auf einer kleinen Anhöhe Halt gemacht, um die herrliche Ausſicht, die ſie hier vor ſich hatte, zu genießen, als ſie plötzlich den Huf⸗ ſchlag eines Pferdes hinter ſich vernahm. Sie wandte ſich um und ſah den Kapitän in charfem Trab herankommen. Sie wich zur Seite, 80 um ihn vorüber zu laſſen; er aber hielt, als er ſie erreicht hatte, an und ſprang vom Pferde. „Warum verſchwanden ſie ſo plötzlich von War⸗ näs?“ ſagte er.„Meine Abſicht war, Sie nach Hauſe zu begleiten und damit zugleich einen Be⸗ ſuch in Ackersberg abzuſtatten; als ich aber nach Abweſenheit von einer Stunde wieder heimkehrte, waren Sie fort.“ Bei dieſen Worten warf er den Zügel über den Arm und ſchritt neben Thekla weiter. „Davon habe ich nichts gewußt, und ſo war es mein Wunſch, bei Zeiten heimzukommen.“ Es entſtand eine kleine Pauſe. „Wiſſen Sie, Thekla, worüber ich inzwiſchen viel nachgedacht habe,“ begann der Kapitän.„Nun, welche Benennung wir eigentlich ſtatt des Wortes Onkel ausfindig machen könnten, die Ihnen als Titel für mich genehm wäre?—— Couſin viel⸗ leicht?“ „Pfui, das iſt ſo altmodiſch.“ „Nun, ſo geben Sie mir einen Rath. Onkel wollen Sie mich nicht heißen, mag das Wort Mut⸗ ter⸗ oder Vatersbruder bedeuten. Woher ſollen wir alſo einen Namen auftreiben, der Sie nicht ver⸗ pflichtet, eine gewiſſe Zuneigung zu mir zu hegen, deren Sie mich nicht würdig erachten?“ „Nicht würdig? Habe ich das geſagt?“ „Nicht genau, aber Etwas der Art. Couſin— das verbindet zu gar nichts.“ „Deßhalb verwerfe ich es; denn ich ſtehe in großer Verbindlichkeit gegen Sie für alle Ihre Güte gegen mich und meinen Bruder. 81 „Ganz und gar nicht. Sie ſind mir keine Dankbar⸗ keit ſchuldig. Es würde mir aber wohl gethan haben, wenn Sie eine töchterliche Zuneigung zu mir gehegt hätten. Ich halte Zuneigung ſehr hoch und fühle mich oft einſam genug, weil mir Jemand ab⸗ geht, der Freundſchaft für mich empfindet.“ „An Zuneigung fehlt es Ihnen nicht. Ihre Schweſterkinder, Ihre Schweſter, Ihre Bruderskinder, Alle hängen an Ihnen.“ „Ach ja, aber die ſind dennoch Fremde für mich. Der Reſpekt hat die Freundſchaft verdrängt.“ „Das kommt daher, daß Sie, wie ich früher ge⸗ ſagt habe, ſo hoch über Allen ſtehen, daß man ſo⸗ mit, im Gefühl ſeiner eigenen Kleinheit nicht wagt, ſich Ihnen anders als mit Achtung und Bewunde⸗ rung zu nähern.“ „Ein ſehr trauriges Schickſal, welches alle Zärt⸗ lichkeit ausſchließt und mich auf dieſe Weiſe ganz einſam in der Welt hinſtellt.— Ich ſehe auch nie⸗ mals ein Ehepaar, ohne einen Seufzer ſehnſüchtigen Bedauerns.“ „Warum haben Sie ſich denn aber nicht ver⸗ heirathet?“ „Weil ich niemals eine Frau ſo ſehr geliebt habe, um ſie zu meiner Gattin machen zu wollen, und nun iſts wohl zu ſpät für mich, noch ans Hei⸗ rathen zu denken.“ „Selbſt an Geiſt überlegen, werden Sie auch niemals eine andere Frau lieben können, als eine ſolche, die Ihnen in dieſer Beziehung gleichſteht.“ „ Angenommen, daß ich eine ſolche Frau liebte, iſt es darum wohl ausgemacht, daß ſie mich wieder Schwartz, bie Wittwe und ihre Kinder. II. lieben würde? Ich bin nicht mehr in dem Alter, daß man Liebe einflößt.“ „Die Perſon, die von Ihnen geliebt wird, liebt gewiß auch Sie.“ „Wie wiſſen Sie das?“ „Weil ich es für unmöglich halte, daß Sie nicht Liebe einflößen, wenn Sie es nur wollen.“ „Sie widerſprechen ſich, Thekla. Erſt heute haben Sie behauptet, es liege Etwas in mir, was die Zuneigung fern halte.“ „Das iſt wahr; aber eine Frau bewundert ja gern denjenigen, welchen ſie liebt. Sie kann dann ihre eigene Inferiorität anerkennen, ohne ſich da⸗ durch beängſtigt oder gedemüthigt zu fühlen. Um Freunde zu werden, dazu iſt erforderlich, daß beide auf gleicher Höhe ſtehen.“ „Sie irren ſich, mein Kind. Ein Vater flößt ſowohl Chrerbietung, als Zuneigung ein. „Ja, aber er fühlt ſelbſt Zärtlichkeit nur für die, welche ihn lieben. Sie dagegen erfüllen gewiſſen⸗ haft ihre Pflichten gegen Ihre Umgebung; aber Sie lieben dieſe nicht.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Von Ihrer Kälte.— Sie ſind freundlich, nie⸗ mals herzlich. Sie ſind gut, niemals zärtlich; aber gegen Jemand, welchen Sie liebten, würden Sie ganz gewiß ſowohl zärtlich als herzlich ſein.“ „Wer weiß? am beſten iſt es, wenn ich gar nicht liebe. Nicht Jedermann iſt für die Liebe ge⸗ ſchaffen. In meinem Alter muß man ohnedieß die Kinderkrankheiten überſtanden haben.“ 83 „Sie betrachten demnach die Liebe als eine Kin⸗ derkrankheit?“ bende. ganz wie die Maſern oder das Scharlach⸗ eber.“. „Dann wünſche ich, daß Sie auch noch davon angeſteckt werden, da Sie ſo wenig Achtung für dieſes Gefühl haben.“ „Achtung? Hat man je Achtung vor Thorheiten? Und unter allen großen Thorheiten iſt die Liebe die größte,“ Thekla ſah ihn mit einem mißvergnügten Blick an; dann wandte ſie den Blick ab, und ſie ſetzten ſchweigend ihren Weg fort.. XIV. Am folgenden Tage ſaßen Nina und Thekla bei einander auf einer der Bänke unter den Bäumen im Hofe. Elma war mit einem Schüſſelchen Suppe zu einem Kranken gegangen. 3 du biſt ſo nachdenklich, Kind,“ ſagte Nina zu ekla. „Ich denke an ein Geſpräch, welches ich geſtern mit dem Kapitän hatte.“ „Und wovon handelte es?“ „Von der meiner Anſicht nach verkümmerten Stellung der Frauen in der Geſellſchaft.“ „Nun, laß hören, wie Du ſie aufgefaßt haſt.“ Thekla antwortete: „Nun, ſiehſt Du, Mama, mir ſcheint, es ſollte der Frau, wie dem Mann, geſtattet ſein, ſich wiſſen⸗ 6 84 ſchaftliche Kenntniſſe einzuthun. Sie ſollte dieſelbe Freiheit haben, wie er, die Univerſitäten zu beſu⸗ chen, um zu derſelben Höhe intellektueller Vollkom⸗ menheit ſich emporzuſchwingen. Es ſollte für ſie keine ſo eng begrenzte Wirkſamkeit geben, während ihm die ganze Welt offen ſteht. Ich will damit nicht ſagen, daß ſie eine ſtaatsmänniſche oder Be⸗ amten⸗Stellung einnehmen ſoll; aber mir dünkt, die wiſſenſchaftlichen Forſchungen ſollten beiden gleich zugänglich ſein, ſo daß Frauen, welche die Natur mit großer Wißbegierde ausgeſtattet hat, auch die Gelegenheit zu deren Befriedigung fänden. Warum ſollten wir nicht das Recht haben, Chemie, Phyſik, Philoſophie und dergleichen zu ſtudiren, wenn wir uns dazu berufen fühlen? Warum ſoll die Univer⸗ ſität uns verſchloſſen ſein, während ſie dem Mann Gelegenheit gibt, in alle Wiſſenſchaft einzudringen? Es läßt ſich nicht läugnen, daß es Frauen gibt, die vollkommen ebenſo viel Fähigkeit zu wiſſenſchaft⸗ licher Bildung wie irgend ein Mann beſitzen. Iſt es da nicht eine Ungerechtigkeit von der Geſellſchaft, die eine Hälfte der Menſchheit von der Befriedigung des edelſten Gefühls in unſerer Bruſt, des Verlan⸗ gens nach Kenntniſſen auszuſchließen? Mögen die Frauen, welchen die Natur dieſes höhere Streben verſagt hat, in ihrer Unwiſſenheit beharren; aber möge auch denjenigen, welche den ganzen Werth ei⸗ nes wiſſenſchaftlicher Beſchäftigung geweihten Lebens erkennen, die Erreichung dieſes Zwecks ermöglicht werden. Das iſt meiner Anſicht nach ein ganz bil⸗ liges Begehren, eine Gerechtigkeit, welche die Geſell⸗ ſchaft der Frau ſchuldig iſt.“ 8⁵ Nina hatte ihrer Tochter ohne alle Ueberraſchung zugehört. Es war, als ob die vorausſehende Mut⸗ ter erwartet hätte, daß die in Bezug auf geiſtige Fähigkeiten ſo reich ausgeſtattete Thekla eines Tags nothwendig dieſe Fragen aufwerfen und gegen den Zwang, innerhalb des engen, den Frauen angewie⸗ ſenen Kreiſes verharren zu müſſen, ſich empören würde. Als Thekla zu Ende war, nahm Nina das Wort: 4 „Alle dieſe Bemerkungen von Dir, mein Kind, kommen daher, daß Du Dir den Zweck bei jedem geſchaffenen Weſen noch nicht klar gemacht haſt. Wenn Du Dich umſiehſt, ſo findeſt Du, daß jedes Gewächs, jedes ſelbſt noch ſo geringe Ding auf un⸗ ſerer Erde von der Vorſehung ſeine eigenthümliche Beſtimmung erhalten hat.— Nun wohl, wenn dieß vom Kleinſten bis zum Größten gilt, ſo gilt es auch vom Menſchen. Mann und Weib, beiden iſt von Gott eine eigene Beſtimmung zugewieſen worden, und zur Erfüllung derſelben haben ſie von Gott ent⸗ ſprechende körperliche und geiſtige Fähigkeiten erhal⸗ ten. Das Weib iſt von Natur an Verſtand karger, an Gefühl reicher als der Mann ausgerüſtet wor⸗ den. Ihre Intereſſen ſind beſchränkter, ihr Bedürf⸗ niß an Thätigkeit iſt kleiner als beim Mann. Sie iſt von Gott für das Haus, für das Familienleben als Gattin und Mutter beſtimmt.— Was ſoll nun der Staat thun? Nun, er ſoll beiden Gelegenheit geben, ihre Anlagen ſo auszubilden, daß ſie dem Zweck ihres Daſeins auf edle Weiſe zu entſprechen und ſich der Vollkommenheit zu nähern vermögen. 86 — Daß der Staat ſich ſonach in erſter Linie mit der Ausbildung des Mannes beſchäftigt, iſt natür⸗ lich, darum weil er für die Geſellſchaft der wichtigſte Theil iſt. Der Fortſchritt der Zeit und das Be⸗ dürfniß des Mannes, in ſeiner Gattin und Mutter ſeiner Kinder etwas Anderes als ſeine Sclavin zu ſehen, haben auch allmälig die Nothwendigkeit mit ſich gebracht, die Rechte der Frau auf moraliſche) und intellektuelle Entwicklung in Betracht zu ziehen. Aber ſiehſt Du, Thekla, jeder Verſuch, ſie zu etwas Anderem, als dem zu machen, wozu Gott ſie be⸗ ſtimmt hat, iſt eine Thorheit; denn jede Verbeſſerung, die von Gottes Abſichten abweicht, iſt verfehlt und kann niemals zu einem Nutzen oder Gewinn führen.. Ein Mädchen muß zur Frau erzogen werden; wie ihre geiſtigen Anlagen auch beſchaffen ſein mögen, die Aufgabe ihres Lebens bleibt immer die, daß ſie als Frau ihren Platz ausfülle. Eine ſolche Erzie⸗ hung kann nicht auf einer Akademie erlangt, ſon⸗ dern muß zu Hauſe gegeben werden. Was hinge⸗ gen ihre intellektuelle Vervollkommnung betrifft, ſo hat der Staat hier allerdings noch Pflichten zu er⸗ füllen; aber auch, wenn eines Tags dieſen Pflichten Genüge geſchieht, ſo iſt doch niemals weder durch 3 die Anſprüche der Frau, noch durch das Wohl der Zukunft geboten, daß ihre Unterweiſung der des Mannes gleich werde; denn ſowohl die intellektuelle als die moraliſche Ausbildung ſoll in erſter Linie zum Zweck haben, ihr eine ſolche Richtung zu ge⸗ ben, daß ſie eine kluge und verſtändige Hausfrau, eine einſichtsvolle und ihrer häuslichen Pflichten voll⸗ kommen bewußte Mutter werde, welche ihren Söh⸗ 87 nen und Töchtern eine ſolche Anleitung zu geben vermag, daß dieſe ihrerſeits die Aufgabe des Lebens zu löſen im Stande ſind. Jede andere Erziehung iſt und bleibt ohne irgend einen wirklichen Nutzen für die Zukunft.“ „Aber, Mama, wenn nun die Natur einen Trieb in mich gelegt hat, welcher bewirkt, daß ich auf dem beſchränkten Platze, welchen man der Frau anweist, nicht gedeihen kann, daß ich vor Ungeduld brenne, mir Wiſſenſchaft und Kunſt anzueignen, warum ſoll ich dieſem Trieb nicht Folge leiſten?“ „Fern ſei es von mir, Dich daran hindern zu wollen. Haſt Du Luſt zur Malerei, zur Muſik oder Literatur, ſo magſt Du dieſen Studien Dich wid⸗ men, als einem edeln Genuſſe, wenn Du reich biſt, als einem Mittel zur Verſorgung, wenn Du arm biſt, aber Tu darfſt niemals darüber vergeſſen, daß Du Frau biſt. Früher oder ſpäter kommt ein Tag, wo die Stimme des Herzens ſich Gehör verſchafft. Du wirſt lieben und geliebt werden. Die Liebe zur Kunſt und Wiſſenſchafft wird dann nicht ſo viel über Dich vermögen, daß Du die Liebe zu dem Mann, wel⸗ chem Du Dein Herz geſchenkt haſt, aufopferſt; er wird jenen zum Trotz Dich als ſeine Gattin heimführen. Dann ſiehe zu, daß Du die Pflichten erfüllen kannſt, welche Du am Altare übernommen haſt, und glaube. nicht, daß irgend eine Kenntniß, irgend ein Genie oder Talent ihm den Mangel an einer zärtlichen und holden Gattin, oder den Kindern den Mangel an der Liebe und Fürſorge einer verſtändigen Mutter erſetzen werde.“. „Aber nicht alle Frauen treten in den Eheſtand, und es wäre doch einſeitig, nicht an die zu denken, welche unverheirathet bleiben.“ „Darin haſt Du vollkommen Recht, deßhalb muß jede Erziehung zum Zweck haben, die heranwachſen⸗ den Mädchen zu tüchtigen und klugen Gattinnen und Müttern zu ziehen; ſodann iſt je nach den An⸗ lagen einer jeden auf diejenige Beſchäftigung Be⸗ dacht zu nehmen, welche zu einer Quelle der Ver⸗ ſorgung, oder, wenn ſie Vermögen haben, zu einem Mittel der Thätigkeit und Förderung des Nutzens werden kann. Dieß wird den Vortheil mit ſich brin⸗ gen, daß nicht ſo viele Ehen leichtſinnig geſchloſſen werden. Kann ein Mädchen durch Arbeit ſich die Mittel zu einer unabhängigen Stellung verſchaffen, ſo wird ſie nicht, um verſorgt zu werden, ſich als Sclavin an einen Mann verkaufen, der ſie nähren und kleiden kann. Bei der Wohlhabenden wird die Ausbildung des Verſtandes und die Möglichkeit, ſich auf eine nützliche Weiſe zu beſchäftigen, zur Folge haben, daß ſie nicht ihr ganzes Streben darauf richtet, ihr Leben zu einem Roman zu machen, in dem ſie ſelbſt, von ihren Einbildungen verblendet, gewöhn⸗ lich zur Betrogenen wird. Glaube mir, Thekla, es gehört kein ſo geringes Maß von Kenntniſſen und Adel der Seele dazu, um den Namen einer gebil⸗ deten Frau zu verdienen, und mir dünkt, daß das wißbegierigſte Mädchen, ohne die Akademie zu be⸗ ſuchen und ſich in die Löſung wiſſenſchaftlicher Pro⸗ bleme zu vertiefen, immerhin zureichende Nahrung für ihre Seele finden kann. Der Fehler bei den Frauen, welche darüber klagen, daß ihnen alle Wege zur Befriedigung ihrer Wißbegier abgeſchnitten ſeien, 89 liegt darin, daß ſie noch viel zu wenig eingeſammelt haben, um einzuſehen, daß ſie nichts verſtehen, ſonſt würden ſie ohne alles Deklamiren ſich das Wiſſen, wornach ſie ſo laut rufen, einzuthun ſuchen; denn kein Geſetz verbietet den Frauen, zu ſtudiren, was ſie wollen, ohne daß es hiezu der Theilnahme an den Collegien der Studenten bedarf. Die Frauen, welche wirklich einen ſo überwiegenden Beruf in ſich em⸗ pfunden, eine Wiſſenſchaft ſich anzueignen, haben ſich auch davon nicht zurückhalten laſſen. Sophie Ger⸗ main zum Beiſpiel zeichnete ſich durch ihre Kennt⸗ niſſe in der Mathematik aus; aber es wäre thöricht, deßhalb, weil ſie eine ſolche Neigung und Anlage hatte, alle Frauen zu Mathematikern machen zu wollen.— Frau Lenngren war ein ausgezeichnetes Talent, aber dieß hinderte ſie nicht, auch eine aus⸗ gezeichnete Frau zu werden.— Siehſt Du, mein Kind, ich habe noch niemals eine beſtimmte und über⸗ wiegende Anlage geſehen, welche nicht trotz aller Schwierigkeiten ſich einen Weg gebahnt und Gele⸗ genheit zur Entwicklung geſchaffen hätte. Aber auf dergleichen außerordentliche Fälle kann man unmög⸗ lich die Erziehung gründen, denn auch als Künſt⸗ lerin oder Gelehrte iſt die Frau immer dem. Na⸗ turgeſetz unterworfen, welches in ihre Seele geſchrie⸗ ben iſt, nämlich daß ſie eines Tages ihr Herz an einen Mann hängt und Gattin wird.— Dann. aber, Thekla, wäre es übel mit ihr beſtellt, wenn ſie dieſen ihren Platz nicht auszufüllen vermöchte.“ „Ach, Mama, es iſt ein wahrer Genuß, Dich ſprechen zu hören. Du entwickelſt mit erſtaunlicher Klarheit das, was wahr und recht iſt; aber laß' 90 uns einen Augenblick bei dieſem Gegenſtand ver⸗ weilen, welcher für eine jede Frau von einem nie⸗ mals ſich abſchwächenden Intereſſe ſein muß. Sage Du mir, welche mit ſo bewundernswerther Sorgfalt über uns gewacht und unſere Kindheit geleitet hat, nach welchen Prinzipien Du handelteſt; denn du haſt uns eine umfaſſendere Bildung gegeben, als Mädchen gewöhnlich beſitzen, und uns zugleich bei Zeiten gelehrt, das häusliche Leben hochzuſchätzen, mit Bedacht auf den Nutzen der Sparſamkeit zu halten und den Werth des Geldes einzuſehen. Ich erinnere mich noch ſehr lebhaft, wie ich noch als kleines Kind Namenstags⸗Gratulationen malte und Verſe mit großen Buchſtäben darauf ſchrieb, wie ſtolz ich war, daß ich damit einen ganzen Reichs⸗ thaler zuſammenbrachte. Ich bildete mir ein, alle Schätze der Welt damit erkaufen zu können. Du ließeſt mich das Geld verwenden, ohne ein Wort zu ſagen, oder durch einen Rath mein Urtheil zu lei⸗ ten. Aber als ich Dir mit tiefer Betrübniß erzählte, was ich für meinen Reichsthaler gewünſcht, und wie wenig ich in Wirklichkeit dafür bekommen hatte, da machteſt Du mir klar, daß man niemals, wenn es Ei⸗ nem gelungen iſt, eine gewiſſe Summe zuſammenzuſpa⸗ 1 ren, ſich einbilden darf, unerſchöpfliche Mittel zubeſitzen, ſondern daß man berechnen muß, wie viel man hat und wie hoch das, was man zu erhalten wünſcht, ſich beläuft, daß man darum, weil man größere Ein⸗ nahmen hat, nicht auch die Bedürfniſſe wachſen laſ⸗ ſen ſoll, ſondern daß man ſparen muß, um auch für unvorhergeſehene Fälle Etwas zu haben.“ „Du weißt nicht, Thekla, welche ſüße Schmei⸗ —— 8 91 chelei in Deinen Worten liegt, und wie glücklich ich mich darüber fühle.“ „Schmeichelei?— Nein, Mama, das iſt nur die Wahrheit, was ich ſage; aber theile mir nun die Grundſätze mit, nach welchen Du Dein Erzie⸗ hungsſyſtem eingerichtet haſt.“„ „Gern. In den erſten Jahren meiner Ehe, da ich nur einen Sohn zu erziehen hatte, dankte ich Gott dafür, denn ich fühlte tief, daß ich ſelbſt nicht die Anleitung erhalten hatte, um mit Erfolg ein Mädchen zu erziehen, ſo daß ſie ſich als Frau glück⸗ lich fühlte und ein nützliches Glied in der Kette des großen Ganzen würde.— Jahre vergingen, und während ich eifrig an meiner eigenen Erziehung und Bildung arbeitete, um für meinen Sohn eine tüch⸗ tige Führerin zu werden, verſchaffte ich mir auch eine deutlichere Vorſtellung von Ziel und Aufgabe des Frauenlebens. Meine Begriffe wurden klar, meine Ueberzeugung feſt, und ich fühlte, daß wenn die Vorſehung mir eine Tochter gäbe, ich alle meine Kräfte aufbieten müßte, um ſie zum Abbild der Idee einer Frau zu machen, wie ich dieſe in meiner Seele aufgeſtellt hatte.— Deines Vaters Tod und Deine Geburt legten mir nicht nur die Pflicht auf, euch zu erziehen, ſondern ich mußte auch in ökonomiſcher Hinſicht und aus Vorſorge für euer Auskommen euch den erlittenen Verluſt, da ihr vaterlos wurdet, erſetzen.— Ach, Thekla, ſelbſt das Mißgeſchick und die Bekümmerniſſe, welche auf Deines Vaters Tod ſolgten, waren mir von großem Nutzen, denn ſie bil⸗ deten— durch die Nothwendigkeit, euch und mir zu retten, was noch übrig blieb— ſchnell meine Be⸗ 9² dachtſamkeit aus und gewährten mir eine gewiſſe Einſicht in das Geſchäftsleben.— Oft habe ich ſeit⸗ dem bei mir ſelbſt die Erziehung beklagt, welche die Frauen im Allgemeinen erhalten, in Folge deren ſie bei Allem, was Geſchäfte betrifft, ſo völlig unwiſ⸗ ſend bleiben. Hätte es der Zufall nicht ſo gefügt, daß ich von ehrenhaften und achtungswerthen Män⸗ nern umgeben geweſen wäre, meine Unkenntniß in dieſem Fall würde ſicherlich einen vollkommenen Ruin herbeigeführt haben. Mit dem Wenigen, was von meines Mannes Vermögen übrig blieb und ſeinem Willen zufolge meiner Dispoſition überlaſſen wurde, übernahm ich die doppelte Verantwortlichkeit, euch zu erziehen und euer väterliches Erbe zu verwalten, ſo daß ihr den möglichſten Nutzen davon haben könntet. — Da dieſes Erbe zu klein war, um auf irgend eine Weiſe eure Zukunft ſicher zu ſtellen, ſuchte ich es ſo anzuwenden, daß dabei der größtmögliche Vor⸗ theil für euch herauskäme. Der vornehmſte Ge⸗ winn, den ihr dabei ernten konntet, war eine gute Erziehung. Ueberdieß wurden noch zwei andere Mädchen meiner Obhut anvertraut. Auch für ſie war ich Gott und Menſchen verantwortlich, und dar⸗ um ſuchte ich für mich ſelbſt die Grundſätze feſtzu⸗ ſtellen, wornach ich handeln mußte. Wornach trach⸗ tete ich?— Euch zu Weſen zu bilden, welche auf eine würdige Art ihre Beſtimmung zu erfüllen im Stande wären, gleichzeitig aber durch Erziehung euch zu tugendhaften Menſchen zu machen, welche unabhängig von dem andern Geſchlecht ſich im Le⸗ ben ſelbſt fortbringen könnten. Ich ſtudirte eifrig eure ungleiche Gemüthsart, und das Reſultat davon 93 ſiehſt Du nun.— Olga, ſich ſelbſt oder einer ein⸗ ſeitigen häuslichen Richtung überlaſſen, wäre ein höchſt alltägliches Mädchen geworden, ohne Intereſſe für das Allgemeine, ohne Streben nach Ausbildung und Veredlung, ohne Auffaſſung ihres Berufs als Frau, mit geringfügigen und verſchrumpften Ideen, unfähig zu begreifen, daß ſie ſich nach einer höheren Löſung von dem Räthſel des Lebens, als nur mit⸗ telſt Kochens und Nähens, umthun müſſe. So wäre Olga geworden, denn ſie hat ein phlegmatiſches Tem⸗ perament und einen Charakter, welcher allzu ruhig iſt, um ſie zu lebhafter Anſtrengung ihrer Seelen⸗ kräfte zu treiben. Ich erkannte dieß bereits, als ſie noch klein war, und darum ſuchte ich bei Zeiten und mit Fleiß ihr Denkvermögen zu üben, ſo daß ſie durch eine unaufhörliche Thätigkeit die erforderliche Entwicklung erhielte. Ich ſah recht wohl ein, daß ihre Neigung ſich allezeit dem rein Häuslichen, und weniger dem Intellektuellen zuwenden würde; aber eben deßhalb ſuchte ich, da ſie ein Kind war, flei⸗ ßiger ihre Gedanken zu beſchäftigen, als ihre Luſt zur Handarbeit zu befriedigen, weil ich ſie zu einer guten, häuslichen, aber auch zu einer denkenden und gebildeten Frau machen wollte. Und dieß iſt mir mit Gottes Hülfe gelungen; denn ohne daß Olga irgend eine geiſtige Ueberlegenheit beſitzt, iſt ſie doch eine im höchſten Grad verſtändige Frau, im Beſitz von Bildung und erfüllt von der Neigung, ihr Wiſſen zu erhalten und zu erweitern, welche ſie jetzt zu einer liebenswürdigen Geſellſchafterin macht und zugleich ſpäter zu einer arbeitſamen und klugen ausmutter machen wird.“ 94 5„Sparſam und unſichtig iſt Olga auf jeden Fall, aber—“ „Aber was?“ „Aber allzu lau.“ „Das iſt wahr. Olga fühlt minder heftig als Du;— aber ſie iſt aus Vernunft, aus Ueberzeugung, aus Begierde, ihren Beruf gewiſſenhaft zu erfüllen, ebenſo im Stande, das Rechte zu thun, wie Du es aus Enthuſiasmus biſt.— Elma dagegen war ein Kind der Freude, deſſen friſcher und leichter Sinn niemals gelernt hätte, an irgend einer Arbeit oder geiſtigen Anſtrengung Gefallen zu finden, ſondern wohl zufrieden geweſen wäre, den ganzen Tag zu ſpielen und jedem Nachdenken ſelbſt von mindeſter Dauer auszuweichen. Sie war ſchwerer zu erziehen als Olga, weil kein Zwang, kein Geſetz, wie ſtreng es auch geweſen wäre, etwas Anderes, als eine Weckung ihres Widerwillens gegen jede ernſte Be⸗ ſchäftigung ausgerichtet hätte. Man mußte ſpielend ihr Kenntniſſe beibringen, im Spiel ſie beſchäftigen, und dadurch, daß man zu ihrer Eitelkeit, ihrer Her⸗ zensgüte und ihren religiöſen Gefühlen redete, es ihr zu einer lieben Pflicht machen, zu nützen, wäh⸗ rend man ſie ihre heitere Anſchauung, ihre goldenen Träume vom Leben als gute Begleiter auf dem Pfade deſſelben behalten ließ. Während ich auf ſolche Weiſe mich in ihre Gemüthsanlage verſetzte, gelang es mir, ihren leichten Sinn an eine ernſte Thätig⸗ keit zu heften, weil ſie ſingend und tanzend lernte, was ſie lernen ſollte. Erinnerſt Du Dich zum Bei⸗ ſpiel noch, wie ſchwer es ihr wurde, die Geographie 95⁵ zu lernen, und wie naiv ſie erklärte, ſie frage gar nichts darnach, ob der Welttheil, den ſie bewohne, Amerika oder Europa hieße, und es komme ihr ganz gleichgültig vor, ob ſie das wüßte oder nicht.“ „Ja, ich erinnere mich deſſen noch recht wohl, und wie Du da ſagteſt, Du wollteſt ſie eine Woche lang von dem Unterricht in der Geographie dispen⸗ ſiren. Am Abend erzählteſt Du uns dann eine Ge⸗ ſchichte von einem Mädchen, welches, wie Elma, ſich zu lernen geweigert hatte, was jeder gebildete Menſch wiſſen muß, und wie ſie im herangewachſenen Alter zum Gegenſtand allgemeinen Gelächters wurde, als ſie einſt ſagte, Oeſterreich ſei in Wien gelegen.“ „Ja, und dieſe Erzählung und Eugens Verſiche⸗ rung, ſie würde einſt auch eine ſo kluge Dame, wie jenes Mädchen werden, machte auf Elma einen ſol⸗ chen Eindruck, daß ſie ſchon am folgenden Tag ſich auf die Geographie warf. Jeder Zwang wäre für ihren frohen Sinn unerträglich geweſen und würde abſtumpfend gewirkt haben; darum mußte ich ſie auf ſolche Weiſe zur Arbeitſamkeit anleiten und zu einem klaren Bewußtſein von dem Nutzen des Wiſſens führen.“ „Und auch mit ihr iſt es Dir gelungen. Was für ein unbeſchreiblich liebenswürdiges Weſen iſt nicht Elma geworden. Selbſt die Freude und Seele des Hauſes, iſt es, als ob ſie nur zu ihrer eigenen Unterhaltung arbeitete, und wenn ſie in ihrer häus⸗ lichen Beſchäftigung begriffen i*ſt, ſieht es aus, als ob ſie nur zu ihrem Vergnügen ſich damit abgäbe. Alles athmet bei ihr nur Fröhlichkeit und Lebens⸗ 96 luſt, und dennoch, wie unermüdet thätig iſt ſie dabei nicht!“ „Gott iſt ſehr gnädig gegen mich geweſen, daß er meine Arbeit ſo gute Früchte tragen ließ.“ „Noch haben wir nicht geſehen, ob alle Früchte gut werden; denn ich bin noch übrig,“ bemerkte Thekla und ſtützte nachdenklich den Kopf auf die Hand. Nach einer Pauſe ſetzte ſie hinzu: „Laß mich die Grundzüge in meinem künftigen Gemüth ſchildern und ſelbſt die Motive für Deine Behandlungsweiſe darzuthun ſuchen. Ich war ein nicht ſehr liebenswürdiges Kind, neidiſch, mißtrauiſch, ſchwermüthig, mit wunderlichen Ideen, einer allzu frühreifen Denkfertigkeit und dem ausſchließlichen Verlangen, meinen Verſtand zu beſchäftigen, behaf⸗ tet. Was ich nicht begriff, intereſſirte mich nicht. Ich träumte mehr, als ich handelte, und fand alle körperliche Arbeit für die Dauer langweilig.“ „Ja, Du hatteſt die Gemüthsart und die Nei⸗ gungen eines Knaben. Du hatteſt einen männlichen Verſtand erhalten und fühlteſt nur Luſt zu männ⸗ lichen Beſchäftigungen; und obwohl Du daneben ein weiches Herz und eine leidenſchaftliche Hingebung beſaßeſt, legteſt Du doch eine Charakterfeſtigkeit und Hingebung an den Tag, welche, wenn ſie unbehin⸗ dert ſich hätte entwickeln können, Dich zu einer höchſt unweiblichen Frau gemacht haben würde.“ „Deßhalb ging Deine ganze Erziehung darauf hinaus, mein gutes Herz zum Führer für meine Handlungen zu machen? Wenn ich mich widerwil⸗ lig zeigte, redeteſt Du mit mir auf eine Weiſe, daß meine Abneigung verſchwand, und es blieb dann ————— 97 nur noch ein Wunſch zurück, der nämlich, Dir Freude zu machen. Du brachteſt mir bei, daß ich nähen lernen müßte, daß ich keine Frau wäre, wenn ich nicht einen Haushalt zu führen verſtände, und für jede weitere Beſchäftigung, zu der ich mindere Neigung verſpürte, aber auf Deine liebevollen Bitten mich hergab, wußteſt Du mir immer Etwas zum Lohne zu ſchenken, ſo daß ich mit wirklicher Freude und Luſt Alles that, was Du von mir haben wollteſt, und am Ende ſelbſt an häuslichen Geſchäften und Nähereien Geſchmack fand. Du brachteſt mir eine ſo verſtändige Anſicht von der Handarbeit dadurch bei, daß Du mir zeigteſt, auch ſie ſei ein Mittel zu künftiger Verſorgung, und ich wüßte jetzt keine Be⸗ ſchäftigung, welche mir zuwider wäre.— Aber damit iſt noch nicht geſagt, daß ich alles das bin, was Du aus mir machen wollteſt.“ „Doch, mein Kind, Du biſt wirklich viel mehr ge⸗ worden, als ich hoffte. Du biſt ein gutes und edles Mädchen, welches mit Kraft ſeinen Fehlern entgegen⸗ arbeitet, und zu gleicher Zeit ein in moraliſcher und intellektueller Hinſicht reich begabtes Mädchen, wel⸗ ches, wie auch das kommende Leben ſich geſtalten möge, die von Gott geſchenkten Gaben zu eigenem und Anderer Nutzen anwenden wird.“ 1 „Ach, Mutter, wie tief gerührt und dankbar bin ich für dieſes Lob von Dir, die Du ſelbſt ſo hoch über Allen ſtehſt, die ich kenne.“ 4 Thekla warf ſich ihrer Mutter an die Bruſt und eine warme und innige Umarmung war der Schluß dieſes Geſprächs. Schwar, die Wittwe und ihre Kinber. II. 7 98 XV. Wieder verging einige Zeit. Theklas Benehmen gegen den Kapitän war ſeit der oben erwähnten Unterredung zwiſchen ihnen weniger ſchüchtern ge⸗ worden; er ſelbſt zeigte ſich gleichfalls herzlicher gegen ſie. Er behandelte ſie nicht mit einer kalten Freundlichkeit, ſondern es lag zuweilen etwas wirk⸗ lich Zärtliches und Väterliches in dem Ton, womit er in ſeinen Geſprächen ihr einen Theil ſeines eige⸗ nen Wiſſens beibrachte. Thekla's Bewunderung ging auf dieſe Weiſe in eine wahre Zuneigung über, und die Lektionen in Warnäs wurden zu einem Gegenſtand der Sehnſucht für ſie. d So war man wieder mitten in den Sommer hineingekommen. Olga und ihr Mann wurden zu 2 Warnäs, und Eugen zu Ackersberg erwartet. Karl er habe einen ſehr vortheilhaften Auftrag erhalten und ſei dadurch verhindert, einen Sommerbeſuch daheim zu machen.. Elma war tief betrübt. Sie hatte ſich ſo innig darauf gefreut, ihn nach einer Trennung von andert⸗ halb Jahren wieder zu ſehen. Aber mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Leichtigkeit, die Sorgen von ſich abzu⸗ ſchütteln, begann ſie ſogleich daran zu denken, was wo er doch nothwendig nach Hauſe kommen müßte. Wenn bei ihr eine Hoffnung zu nichte wurde, und Olga kamen auch wirklich an; aber Eugen ſchrieb, für ein Feſt es nun auf Weihnachten geben würde, ☛ 99 hatte ſie ſogleich eine andere zur Hand, um ihr Herz daran zu hängen, und darum behielt ſie ſtets ein ſo reines und kindliches Vertrauen zu Gott und hegte ſo wenig Furcht vor der Zukunft. Kurz nach dem Johannisfeiertag, als Olga und ihr kleiner Knabe vom Morgen bis zum»Abend in Ackersberg verweilten, ſaßen Olga und Thekla außen bei einander im Hofe. Elma war ausgegangen, einen Kranken zu beſuchen, und Nina hatte Etwas mit Debora zu ſchaffen. „Du ſiehſt Eugen ſehr oft?“ fragte Thekla. „Ja, er iſt faſt täglich eine Weile bei uns. Du kannſt Dir nicht vorſtellen, Thekla, wie gut er aus⸗ ſieht; er iſt ein thätiger und geſetzter Mann gewor⸗ den; aber arbeiten muß er auch von Herzens Grund, um ſeiner Studentenſchulden los zu werden, wofern es mit ſeinem Wohlgefallen an Sophie K., des Ma⸗ jors Tochter, nicht Ernſt würde.“ „Hat Eugen eine Neigung für Fräulein K. ge⸗ faßt?“ rief Thekla;—„das iſt nicht möglich.“ „Und warum nicht, liebe Thekla? Sie iſt un⸗ gewöhnlich ſchön und liebenswürdig, und dabei ſehr reich. Ich meines Theils bin der Meinung, es wäre ein wahres Glück, wenn es ſich ſo verhielte.“ „Wie kannſt Du ſo reden, Olga! Denkſt Du denn nicht an Elma?“— „An Elma? Aber was in aller Welt hat Elma damit zu ſchaffen? Sie hängt an Eugen, wie Du und ich, und muß ſich doch über Alles freuen, was ihm Glück bringt,“ antwortete Olga. „Nein, Olga, Elma liebt Eugen, und die Hoff⸗ nung, eines Tags ſeine Gattin zu werdes, macht 1⁰⁰ ihre ganze Zukunft aus. Von dieſer Hoffnung hängt ihr ganzes Glück ab.“ „Das wäre recht betrübt, wenn es ſich ſo ver⸗ hielte; denn dieſe Hoffnung wird niemals verwirklicht, und es wäre ſogar thöricht, wenn Elma ſie länger nährte.— Ich will ihr darum ſagen, wie vortheil⸗ haft eine Verbindung mit Sophie K. für ſeine Zu⸗ kunft wäre, ſo daß Elma, wenn ſie ihn wirklich lieb hat, ihre, lindifchen Erwartungen ſeiner wahren Wohlfahrt zum Opfer bringen muß.“ „Liebe Olga, was Du da redeſt! Glaubſt Du, daß irgend ein Mädchen ohne Schmerz und Trauer von dem Mann, den ſie liebt, ſich betrogen ſehen kann?— Uebrigens ſteht Eugen nicht einmal das Recht zu, ſo zu handeln, wie er thut. Er hat ein⸗ mal das Geluͤbde der Treue mit Elma gewechſelt, und ſeine Pflicht iſt, dieſes Gelübde heilig zu halten.“ „Wahr; aber ſiehſt Du, Thekla, das iſt ein kin⸗ diſcher Traum, dem ſich Elma niemals mit Ernſt hätte hingeben ſollen, denn ſie konnte doch auf die Wahrſcheinlichkeit rechnen, daß er, einmal mit der Welt in Berührung kommend, Mädchen, die Elma in jeder Beziehung überlegen ſind, kennen lernen und dann an Elma keinen Geſchmack mehr finden würde.“ „Aber Du ſelbſt, als Du auf Karl warteteſt, räumteſt Du da der Vernunft Sitz und Stimme neben Deinem Herzen ein und brachteſt Du die Möglichkeit in Anſchlag, daß Du von ihm betrogen werden könnteſt?“ „Ja, das that ich,“ antwortete Olga ernſt.„Ich ſagte immer zu mir ſelbſt: er kann vielleicht ein Mädchen ſehen, das ſeiner Liebe würdiger iſt, als — — 101 ich, und im Fall dieß geſchieht, darf ich ihn der Treuloſigkeit nicht anklagen.“ „Aber das traf nicht ein.“ „Nein, und dafür danke ich Gott; aber das darf mich nicht hindern, Elma darauf aufmerkſam zu ma⸗ chen, wie thöricht es iſt, ſeine ausſchließliche Hoff⸗ nung auf etwas ſo Vergängliches, wie die aus der Kindheit ſtammende Neigung eines jungen Mannes zu bauen. Sie verdunſtet gewöhnlich, wenn er hin⸗ auskommt und von der Welt und den Menſchen mehr zu ſehen Gelegenheit findet.“ „Höre mich, Olga,“ ſagte Thekla und legte ihren Arm um den Hals der Pflegſchweſter;„Du mußt mir verſprechen, von dieſer Neigung, welcher dem Gerücht zufolge Eugen ſich hingegeben hat, weder Elma noch Mama ein Wort zu ſagen. Elma würde der bloße Gedanke an eine ſolche Treuloſigkeit ſo tief ſchmerzen, daß zu befürchten ſtände, die Elaſti⸗ cität ihres Geiſtes möchte dadurch gebrochen werden. Mama dagegen würde hierin Etwas erblicken, was ſie mißbilligte, und was ihr Kummer bereitete, da Eugen ſich damit als einen leichtſinnigen und ge⸗ wiſſenloſen Menſchen bezeigen würde.— Alles kann ja ein leeres Gerücht ſein, und warum ſie betrüben, dh. man Gewißheit über den wahren Sachverhalt a 2 „Aber—“ „Olga, geliebte Olga, glaube mir, es iſt das Beſte, ſo zu thun, wie ich es von Dir haben will. Ich kann nicht ohne Schmerz mir den bittern Eindruck denken, welcher Elma's jetzt ſo lächelnden Lebens⸗ himmel verdunkeln würde.“ 102 „Iſt es denn beſſer, daß ſie fortwährend eine Illuſion nährt, welche früher oder ſpäter durch die Wirklichkeit verdrängt wird?“ „Nein, das will ich nicht behaupten; aber wir müſſen zuerſt wiſſen, ob es wahr iſt, daß Eugen die Liebe ſeiner Knabenjahre vergeſſen hat. Sofern er Dir ſein Wohlgefallen an Fräulein K. nicht an⸗ vertraut hat, ſteht uns das Recht nicht zu, ſo ſchlecht von ihm zu denken.“ „Eugen ſelbſt hat niemals davon geſprochen, und als ich ihn einmal fragte, bat er mich, meine Phantaſie nicht mit dergleichen Vorſtellungen zu be⸗ ſchäftigen; aber er wechſelte die Farbe und ſah ver⸗ legen aus. Später ſah ich ihn in Geſellſchaft mit der Familie von Major K. im Theater, und auch verſchiedene Male zu Hauſe bei ihnen, und da be⸗ wies er Sophie K. eine ſo lebhafte Aufmerkſamkeit, daß ich keinen Augenblick an den Wünſchen ſeines Herzens zweifelte. Was dagegen Sophie betrifft, ſo macht ſie aus ihrer Neigung zu Eugen gar kein Geheimniß; dieſelbe leuchtet vielmehr durch all ihr Reden und Thun hindurch. Wenn er zugegen iſt, ſieht und hört ſie nur ihn; entfernt er ſich, ſo iſt ſie ohne Intereſſe für alles Andere.“ „Armes Mädchen!— Eugen thut ſehr übel daran, wenn er durch ſeine Aufmerkſamkeiten ein ſolches Gefühl bei ihr unterhält, da er weiß, daß er durch Herz und Ehre an Elma gebunden iſt. Ver⸗ ſprich mir indeſſen, nicht eher Etwas zu ſagen, als bis ich an Eugen geſchrieben und Antwort von ihm erhalten habe.“ „Das verſpreche ich.“ —ꝙꝙ—— — o* b 103 In dieſem Augenblick zeigte ſich Elma, friſch, lächelnd und ſtrahlend wie der klare Sonnenhimmel unter der Gitterthüre. „Denke Dir dieſes Angeſicht, bleich von Kum⸗ mer, dieſe Augen getrübt von Thränen, ohne Glanz und ohne den Ausdruck von Freude und Frohſinn, und ſage mir, ob Du das Herz haſt, die Spuren von Betrübniß auf dieſem heitern Angeſicht hervor⸗ zurufen?“ fragte Thekla. „Wollte Gott, daß es auf mich ankäme! Dann würde Elma niemals die Sorge kennen lernen; aber ein Glück, welches auf Illuſionen beruht, iſt kein Glück.“. „Wovon ſprecht ihr da?“ fragte Elma auf ſie zukommend. „Von Illuſionen,“ antwortete Olga.—„Ich finde ſie gefährlich, aber Thekla nimmt Partei dafür.“ „Ich halte es mit Thekla und ſpreche mit dem Dichter: Was iſt's, wenn auch der Irrthum mich bethört, Wenn er das Leben mir nur glücklich macht.“ „Du liebſt alſo den Irrthum?“ „Ja, im Fall er mich Glauben und Hoffnung behalten läßt. Der Freund, welcher mir die Wirk⸗ lichkeit ohne dieſe beiden Schätze zeigen und mir be⸗ weiſen wollte, daß ich mit meinem Glauben an das Gute und mit meiner Hoffnung auf die Zukunft lntech hätte, würde mir einen ſehr ſchlechten Dienſt eiſten.“ Thekla ſah Olga an, welche einen Seufzer unter⸗ drücte und dem Geſpräch eine andere Wendung gab. 104 Elma nahm wieder das Wort: „Karl und ich, wir begegneten einander nicht fern von Sven Eriks Hütte, und er begleitete mich eine Strecke weit, aber kam nicht mit hieher, weil er verſprochen hat, Onkel Eduard bei dem Probſt zu treffen. Auf den Abend werden ſie ſich hier ein⸗ „Das iſt ſchön, daß der Onkel auch mitkommt,“ ſagte Olga. „Wißt Ihr, Mädchen, was Karl mir erzählte?“ fragte Elma, während ſie den Hut abnahm und die Locken von der Stirne ſtrich. „Nein.“ „Erräthſt Du es nicht, Olga?“ forſchte Elma weiter. „Dein heiteres Ausſehen gibt mir keine An⸗ deutung.“ „Gut; das will alſo ſagen, wenn ich traurig ausgeſehen hätte, würdeſt Du es errathen haben.— Nein, meine liebe Schweſter, es bedarf wirklich mehr als eines leeren Gerüchtes, um meinen Glauben zu Fall zu bringen.“ „Nun, was erzählte denn Karl?“ fragte Thekla. „Er erzählte, Eugen ſei in Fräulein Sophie K. verliebt. Könnt Ihr euch etwas Närriſcheres denken?“ „Was liegt denn Närriſches darin? Sophie K. iſt ſehr ſchön,“ antwortete Olga. „Recht wohl; aber das ändert an der Lächer⸗ lichkeit einer ſolchen Behauptung Nichts, und Der⸗ jenige, welcher daran glaubt, kennt Eugen nicht. Ich könnte darauf leben und ſterben, daß das Gerücht 10⁵ ebenſo viel Grund hat, wie jenes, welches mich in den Hüttenwerksbeſitzer Aſtröm verliebt ſein ließ.“ „Aber iſt es Dir niemals in den Sinn gekom⸗ men, daß Eugen möglicher Weiſe eine Andere, als Dich, lieben könnte?“ fragte Thekla. „Nein, warum ſoll ich mir eine Unmöglichkeit vorſtellen? Ich würde ja damit nur mich ſelbſt quä⸗ len, mir das Leben verbittern und ihm Unrecht thun. Mißtrauen gegen den Mann, den man liebt, iſt ein Beweis von der Unvollkommenheit unſerer eigenen Gefühle.— Auf wen in der Welt ſollen wir ver⸗ trauen, wenn nicht auf den, welchem wir unſere Liebe geſchenkt haben?“ „Das iſt wahr; aber es geſchieht oft, daß man gerade von dem betrogen wird, den man liebt.“ „Ja, und dann bricht das Herz, und dann— ſtirbt man,“ ſagte Elma mit einem milden und weh⸗ müthigen Lächeln. „Man ſtirbt nicht vor Kummer,“ ſagte Olga. „Nicht Alle ſterben vor Kummer; aber die, welche, wie ich, ein unbegrenztes Vertrauen hegen, die ſter⸗ ben, wenn ſie auf den Betrug nicht vorbereitet ſind.“ „Du würdeſt alſo ſterben, wenn Eugen Dich be⸗ tröge?“ „Ja, ich würde ſterben, im Fall ich die Gewiß⸗ heit davon erhielte. Ich würde ſterben, darum, weil ich nicht leben könnte;— aber Eugen wird mich nicht betrügen.“ 106 8 XVI. Der folgende Poſttag brachte keinen Brief an Elma, und ſie dachte einen Augenblick:„ſeine Briefe kommen jetzt ſehr ſelten!“ Zugleich mit dieſem Gedanken erwachte auch die Erinnerung an das Gerücht, wovon Karl ſie in Kenntniß geſetzt hatte, und über ihr heiteres Ge⸗ müth legte ſich gleichſam ein ſchwerer Schleier. „Das Mädchen ſoll ja ſehr ſchön und liebens⸗ würdig ſein. Eugen iſt täglich mit ihr zuſammen, und es wäre ja doch nicht unmöglich, daß er mich vergäße,“ dachte Elma, und dabei rollten einige Thränen über die roſigen Wangen herab; wurden aber ebenſo ſchnell wieder getrocknet, und glaubens⸗ und hoffnungsvoll wieder lächelnd, ſprach ſie bei ſich ſelbſt:„Nein, Du thuſt ihm Unrecht; er kann Dich nicht vergeſſen.“ Dabei ſchüttelte ſie mit dem Kopf, als ob ſie alle traurigen Gedanken von ſich abthun wollte. Am folgenden Poſttag kam allerdings ein ſehr freundlicher, aber ganz kurzer Brief an Elma. Sie ſeufzte über den unbedeutenden Inhalt, als aber Thekla bemerkte:„Es iſt zum Verwundern, wie kurz Eugens Briefe geworden ſind,“ da antwortete Elma entſchuldigend:„Er hat ſo viel zu thun.“ Und ſo ging es den ganzen Sommer fort. Eu⸗ gen ſchrieb ſelten, und wenn er ſchrieb, ſo hatte er ſtets große Eile, aber ſeine Briefe waren alle herz⸗ lich, voll Anhänglichkeit und voll Sehnſucht nach der 107 lieben Heimath. Zuweilen fand ſich auch in dem Brief an Elma Etwas, das ihr allzu brüderlich vor⸗ kam und ſie immer auf eine halbe oder Viertelſtunde in üble Laune verſetzte; aber ihr eigenes reines und treues Herz verwarf jeden Gedanken, daß er ihr un⸗ treu werden könnte. Den ganzen Sommer über hatte Lieutenant H. auf Hellefors, der einzige Sohn des reichen Beſitzers von dieſem ſtattlichen Gute, häufig Beſuche auf Ackersberg gemacht, und man flüſterte allgemein, Elma werde zuverläßig die Frau des jungen Man⸗ nes werden. Alle Mütter, welche heirathsfähige Töchter hat⸗ ten, ärgerten ſich darüber, und die Töchter waren unermüdlich, Fehler an Elma außzufinden, welche, unbekannt mit dem Verdruß, den ſie erweckte, ſich ſtets freundlich und heiter in der Geſellſchaft des jungen Mannes zeigte. So verging die Zeit, und man befand ſich im Anfang Septembers. Olga und Karl ſollten in eini⸗ gen Tagen abreiſen, weshalb Elma ſich Thekla, als dieſelbe nach Warnäs ging, anſchloß, um noch den ganzen Tag bei der Schweſter zuzubringen. Als Thekla den Unterricht mit Sally geſchloſſen hatte und im Begriff war, das Arbeitszimmer zu verlaſſen, um ſich zu Olga zu begeben, trat der Kapitän ein. Er ſah ungewöhnlich ernſt aus. 3 „Ich wünſchte, einige Worte allein mit Ihnen zu ſprechen, Thekla,“ ſprach er;„wollen Sie nicht mit mir in die Bibliothek kommen?“ Thekla folgte ihm mit einem etwas unruhigen 108 und beinahe furchtſamen Ausdruck im Geſicht. In der Bibliothek angelangt, fanden ſie Elma daſelbſt. Der Kapitän runzelte ein wenig die Stirne, aber dieſer Ausdruck des Mißvergnügens verſchwand eben⸗ ſo ſchnell, als er gekommen war, und er ſagte: „Ich wünſche einige Worte mit Thekla zu ſpre⸗ chen; entſchuldige deßhalb, liebe Elma, wenn ich ſo unhöflich bin, Dich zu bitten, dieſes Zimmer auf eine Weile zu verlaſſen, und werde mir wegen dieſes Mangels an Artigkeit nicht böſe.“. „O, eine ſo unartige Aufführung nehme ich Ih⸗ nen, Onkel, ſehr übel,“ erwiederte Elma lachend und hüpfte aus dem Zimmer. „Sie verwundern ſich ohne Zweifel über die vie⸗ len Umſtände, womit ich zu Wege gehe; aber ich habe wirklich ein ernſtes Wort mit Ihnen zu reden. Setzen Sie ſich alſo, mein Kind.“ Der Kapitän ſchob bei dieſen Worten Thekla einen Fauteuil hin und nahm ſelbſt ihr gegenüber atz.. „Die Sache iſt die, daß ich von meinem Ver⸗ wandten, Major K., in deſſen Haus Eugen ſich be⸗ findet, einen Brief erhalten habe und durch dieſen Brief mich wirklich in Verlegenheit geſetzt. ſehe.— Aber ſagen Sie mir, welcher von Ihnen beiden, Elma oder Thekla, der junge H. ſeine Huldigung darbringt?“ Der Kapitän ſtützte die Stirne auf die Hand, ſo daß die Augen dadurch verdeckt wurden. Hinter dieſem improviſirten Schirm konnte er Thekla fixi⸗ ren, welche bei dieſer Frage lebhaft erröthete. „Ich verſtehe nicht, was Sie mit der Huldigung 109 meinen,“ ſtammelte Thekla, die ſcheinbar keine große Luſt hatte, dieſe Frage zu beantworten. „Nicht?— das iſt viel. Kann einem Mädchen von neunzehn Jahren die Bedeutung dieſer Worte fremd ſein?“ „Ich ſagte, was hier damit gemeint wäre,“ erwiederte Thekla, indem ſie haſtig den Kopf erhob und den Kapitän, deſſen ironiſche Worte ſie reizten, einen zornigen Blick zuwarf. „Nun wohl, in welche von Ihnen iſt er ver⸗ liebt? das iſt doch deutlich.“ „Sehr deutlich, aber die Frage kann nur er ſelbſt beantworten.“ 2 „Wirklich, und Sie haben ſein Geheimniß noch nicht errathen?“ „Ich beſchäftige mich niemals mit den Heimlich⸗ keiten Anderer!“ 1 „Hören Sie, jetzt antworten Sie nicht ehrlich und ſo wie Sie einem Freunde gegenüber thun ſollten,“ fuhr der Kapitän in wohlwollendem Tone ort. „Ein Freund weiß, wenn er zartfühlend iſt, daß es Fragen gibt, die man nicht immer mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten kann.“ „Das iſt wahr, und zu der Zahl ſolcher Fragen gehört die, ob ein junges Mädchen einen jungen Mann liebt. Zu einer Frage ſolcher Art iſt ihrer Meinung nach nur derjenige, den ſie liebt, berech⸗ tigt, und nur ihm gibt ſie eine Antwort darauf.“ 5 Wiederum war ſeine Stimme ironiſch, beinahe itt er. 3 „Es war nicht die Frage, wen ich liebte; dieſe 110 Frage würde ich ganz aufrichtig beantwortet haben. Sie fragten, wer der Gegenſtand von der Aufmerk⸗ ſamkeit des Lieutenants H. wäre, und dieß kann ich natürlich nicht wiſſen, da ich nicht ſeine Vertraute bin— und wenn ich es wäre, ſo beſäße ich doch nicht das Recht, ſein Vertrauen zu verrathen.“ „Sie wollen mir alſo meine Frage nicht be⸗ antworten?“ „Ich kann nicht.“ „Gut, ſo behalten Sie Ihr Geheimniß für ſich; ich will mich nicht in daſſelbe eindrängen.“ „Ich habe kein Geheimniß zu behalten.“ „Die Ihnen beliebt. Wollen Sie mich auch nicht darüber aufklären, wie weit es zwiſchen Elma und dem Lieutenant H. gekommen iſt? Ich mache dieſe Frage nicht aus Neugierde, ſondern weil ich wiſſen möchte, auf welchem Fuße ſie und Eugen mit einander ſtehen.“. „Zwiſchen Elma und dem Lieutenant H. iſt es zu gar Nichts gekommen. Ihr Herz iſt Eugen all⸗ zu ſehr ergeben, als daß es ſich von einem andern feſſeln ließe.“ „Beſſer, wenn es anders wäre; denn ſo ſtände ſie nur ſeinem Glück im Wege. Die Sache verhält ſich ſo, daß des Majors Tochter eine heftige Zunei⸗ gung für ihres Bruders jungen, ſchönen und lie⸗ benswürdigen Lehrer gefaßt hat. Major K. iſt ein ſehr reicher Mann mit nur zwei Kindern, und nun ſchreibt er mir und begehrt Aufklärung über Eugens Verhältniſſe in der Heimath und bittet mich, ihn wiſſen zu laſſen, ob Eugen hier irgend eine zärtliche Verbindung habe, weil er, der Maior, im 111 Fall Eugen frei wäre, ihm ſeine Tochter zur Frau geben würde.— Sagen Sie mir nun, auf Ihr Gewiſſen, was ſoll ich Major K. antworten?“ „Eugen habe ſchon vor anderthalb Jahren ſeine Liebe und ſeine Treue einem ſo guten und edeln Mädchen geſchenkt, daß er allen andern Reichthum wohl miſſen könne,“ erwiederte Thekla heftig. „„Aber Thekla, wiſſen Sie denn gewiß, daß Eu⸗ gen dieſer Jugendliebe treu geblieben iſt? Karl be⸗ hauptet das Gegentheil.“ „Eugen hat nicht Alles, was die Ehre gebietet, ſo weit vergeſſen können,“ rief Thekla, aber mit einem Stich im Herzen erinnerte ſie ſich an die un⸗ beſtimmte und ſeltſame Antwort, auf den Brief, worin Thekla ihn über ſeine Neigung zu Fräulein K. befragt hatte. Die Antwort war geweſen:„man könne ſich für ein junges Mädchen intereſſiren, ohne in ſie verliebt zu ſein; er habe niemals nur einen Augenblick die Abſicht gehabt, ſein Elma gegebenes Wort zu brechen, und begreife deßhalb nicht, warum Thekla in ſo feierlichem Styl an ihn ſchriebe u. ſ. w. „Sie ſind ein Kind, Thekla, und verſtehen allzu wenig von den Geheimniſſen, welche im Menſchen⸗ herzen vorgehen, wenn Sie davon reden, er werde ſich durch die Ehre abhalten laſſen, zu lieben.— Nein, dieſe kann ihn höchſtens vermögen, ſeine Liebe aufzuopfern und aus Pflichtgefühl Elma die Hand „zu reichen; ob ihr aber an der Seite eines Mannes, der, ohne Liebe, nur aus Ehrgefühl ſeinem Gelübde treu blieb, ein Glück erblühen könnte, das laſſe ich dahin geſtellt ſein.“ „Dann hat alſo ein Menſch das Recht, unter 11² dem Vorwande, daß er über ſeine Gefühle nicht gebieten könne, das Herz eines Andern zu zermal⸗ men? Das iſt eine abſcheuliche Lehre, welche mit dem, was Eugen von Kindheit auf gelernt hat, nicht übereinſtimmt.— Ich will nicht ſo ſchlecht von meinem Bruder denken, daß er derſelben hul⸗ digen könnte.“ „Er wird ihr nicht huldigen, aber wider ſeinen Willen ſich unter die Leidenſchaft beugen. Bedenken Sie überdieß, daß dieſe Heirath mit einem Mal Eugen unabhängig macht. Sie wiſſen nicht, wie tief er ſich als Student in Schulden geſteckt hat, und wie dieſe Schulden noch heute ſich ihm anhän⸗ gen und auf manches Jahr hinaus ſeine Unabhän⸗ gigkeit erſchweren und ihm die Möglichkeit benehmen, Elma als ſeine Frau heimzuführen. Unter der Zeit können auch ihre Gefühle ſich ändern, und der Lohn für ſeine Aufopferung könnte der ſein, daß er ſich betrogen ſieht.“ „Elma betrügen! Elma ihre Neigung ändern und ihrer Liebe zu Eugen untreu werden!— Un⸗ möglich! Er macht ihr ganzes Leben aus, und ein Betrug von ihm wäre hier ſo viel wie ein Mord. O9l ich würde es ihm niemals verzeihen! Und un⸗ ſere Mutter, wie glauben Sie, daß dieſelbe eine ſolche Handlung von ihrem Sohn anſehen würde? — Glauben Sie mir, eine ſo ehr⸗ und gewiſſen⸗ loſe Handlung von dem Sohne, in deſſen Herz ſie von Kindheit auf Chre und Treue zu pflanzen ge ſucht hat, würde ihr den größten Kummer bereiten und ihr Leben um Jahre verkürzen. — — u 4o— u 2 113 „Ich muß alſo Major K. antworten, daß Eugen verlobt iſt,“ ſagte der Kapitän. „Ja, weil es die Wahrheit iſt!— im andern Fal würden Sie wie ein Mann ohne Ehre han⸗ eln.“ 3 „Brav geſprochen, Thekla! Ich erwartete nichts nderes, als dieſe würdige Vertheidigung der In⸗ wereſen Ihrer Pflegeſchweſter, und Alles, was ich im Widerſpruch mit Ihnen geſagt habe, hatte ſeinen Grund nur darin daß ich ſehen wollte, welche Ge⸗ fühle in Ihrer Bruſt die herrſchenden wären.— Ich verſichere Sie, daß ich, ſchon ehe ich mit Ihnen redete, meinen Entſchluß gefaßt hatte; denn ich bin ſcharfſinnig genug und ſo weit mit dem menſchlichen Herzen bekannt, um geſehen zu haben, daß Elma Eugen von ganzem Herzen zugethan iſt, und daß Lieutenant H. Sie liebt und auch Hoffnung hat, eines Tages wieder geliebt zu werden.“ Der Kapitän hatte ſich erhoben. Thekla war ſeinem Beiſpiel gefolgt. Sie ſtand jetzt vor ihm, ruhig dem beinahe ſcharfen Blick begegnend, welchen er auf ſie heftete, und ſprach: „Hat dieſe Ihre Menſchenkenntniß Ihnen ge⸗ ſagt, daß ich eines Tags den Lieutenant H. lieben werde?“ „Ja!“ „Dann hat Ihre Menſchenkenntniß Ihnen einen ſchlimmen Streich geſpielt,“ entgegnete Thekla ernſt. „ Iſt das gewiß?“ „Ja, vollkommen,“ antwortete Thekla und wollte gehen. „Einen Augenblick! Ich bitte.“ Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. II. 8 114 Der Kapitän faßte ihre Hand und hielt ſie feſt. „Ich wünſche, daß dieſes Geſpräch ein Geheim⸗ niß zwiſchen Ihnen und mir bleibe.“ „Das verſpreche ich.“ „Und ich verſpreche, es ſo einzurichten, daß Eu⸗ gen nicht in Verſuchung geführt werden ſoll, die⸗ jenige zu vergeſſen, welche er hier zurückgelaſſen h.4 „Ich danke Ihnen! Ich habe auch nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß Sie recht handeln würden,“ antwortete Thekla mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit und Vertrauen. „Dank für dieſe Worte.“ Ehe Thekla wußte, wie es geſchehen war, hatte der Kapitän ihre Hand geküßt. Das junge Mäd⸗ chen erröthete und ſah ſo beſtürzt aus, daß Eduard ſich der lächelnden Frage nicht erwehren konnte: „Sind Sie erſchrocken?“ „Ja,“ antwortete Thekla ganz aufrichtig. b „Und warum?— Man küßt nur der Frau die Hand, welcher man ſeine Hochachtung ſchenkt.“ „Aber ein geringes Mädchen, wie ich bin, läßt ſich die Hand nicht von dem küſſen, der ihrer An⸗ ſicht nach ſo hoch über allen Andern ſteht, und an deſſen Seite ſie ſich ſo ganz und gar unbedeutend vorkommt. Dies iſt das Gefühl, welches mich er⸗ ſchreckte.“. 3 „Sie halten mich vielleicht für zu alt, um einem neunzehnjährigen Mädchen die Hand zu küſſen?“. „Nein. Ich habe Sie niemals für alt gehal⸗ ten; Sie kommen mir im Gegentheil viel zu jung 115⁵ an Jahren vor, wenn ich an Ihre große intellektuelle Ueberlegenheit denke.“ „Sie hätten alſo gewünſcht, daß ich ein völliger Greis wäre?“ „Ach nein, es iſt ganz recht ſo, wie es iſt; aber auf alle Fälle würde meine Bewunderung dieſelbe geblieben ſein.“ 4 XVII. Einige Augenblicke, nachdem Thekla die Biblio⸗ thek verlaſſen hatte und während der Kapitän noch auf demſelben Punkte ſtand, wo er mit Thekla ge⸗ ſprochen, ging die Thüre auf, und ein unnatürlich bleiches Antlitz kam zum Vorſchein. Als die Eintretende ſich überzeugt hatte, daß der Kapitän allein war, ſchlich ſie ſich in das Zimmer und verſchloß die Thüre hinter ſich. Bei dieſem Geräuſch drehte ſich der Kapitän um und rief, indem er ihr entgegenging: „Elma, mein Gott, was iſt geſchehen, was hat Sie ſo erſchreckt?“ „Still!“ flüſterte Elma und ſank auf einen Seſſel, völlig außer Standes, ſich aufrecht zu erhalten. Sie drückte ihre Hände auf das Herz, als wollte ſie deſſen Schläge hemmen, holte tief Athem und reichte dem Kapitän die Hand mit den Worten: 3 „Onkel, ich habe das Geſpräch zwiſchen Ihnen und Thekla mit angehört.“. „Du haſt alſo gehorcht, mein Kind,“ ſagte der Kapitän mit ſanftem Vorwurf. 32. 116 „Ganz unwillkürlich. Als ich die Bibliothek verließ, begab ich mich hinunter in den Garten, um einige Georginen zu pflucken. Gerade als ich an dieſem Fenſter vorüber ging“— Elma deutete auf ein offenes Fenſter in der Bibliothek—„hörte ich Sie Eugens Namen erwähnen. Dieß feſſelte meine Füße und ich horchte.“ Wieder drückte Elma die Hände auf die Bruſt und athmete ſchwer auf. „Nun, mein Kind,“ ſagte der Kapitän freundlich, „dieſes Geſpräch enthielt nichts, was Dich betrüben konnte.“ „Betrüben!— das iſt zu wenig.— Zermalmt hat mich jedes Wort davon; denn es hat mich mit einem Male ſehen laſſen, was mir niemals nur im Traume vorgekommen wäre, daß ich— ich, die nur für Eugens Glück und Wohlfahrt leben möchte— ein Hinderniß daran werden könnte.“ „Du irrſt Dich.“ „Nein, nein, ich habe mich geirrt. Ich habe mich in den holden Träumen meines Herzens einge⸗ wiegt und dabei vergeſſen, daß Eugen mit ſeinem ſchönen Aeußern, ſeinem reich ausgeſtatteten Geiſte auf eine mir weit überlegene Frau Anſpruch machen kann;— ein Mädchen, welches neben Liebe, Tugend und Schönheit ihm auch Reichthum bringen und ihn dadurch auf einmal von all dem Jammer, welchen die Armuth mit ſich bringt, befreien kann.— Ach, Onkel, ich glaubte niemals, daß das Leben einen ſo bittern Schmerz, wie derjenige iſt, den ich ſeit einer Stunde empfinde, in ſich ſchlöße.“ „Aber was für einen Werth hat wohl der Reich⸗ 8 117 thum, wenn Eugen gegen die Perſon, welche ihm denſelben darbietet, keine Liebe empfindet?“ „Und warum ſollte er ſie nicht lieben?“ „Weil er Dich liebt.“ „Thut er es wohl jetzt noch? Erinnern Sie ſich deſſen noch, Onkel, was Sie vorhin ſagten, daß die Ehre Niemand abhalten kann, zu lieben, und was ſollte ich mit einer Treue anfangen, die ſich einzig und allein nur auf die Ehre gründet?— Nein, mag er glücklich, reich und mächtig werden, mag er mich vergeſſen, im Fall ſein Herz einem würdigeren Gegenſtand zugewendet iſt. Ich will und kann jener das Glück, ſeine Liebe zu beſitzen, niemals ſtreitig machen.“ „Das iſt Etwas, wovon wir nicht wiſſen, ob ſie es beſitzt, und dieſer edelmüthige Vorſatz, Dich auf⸗ opfern zu wollen, kann Eugen zum Unglück aus⸗ ſchlagen, im Fall er Dich gleich warm und treu liebt, wie Du ihn liebſt. „Onkel, wenn er das thut, dann— dann— mache ich ſein Glück aus, und von einem Opfer kann meinerſeits nicht die Rede ſein; aber ich muß mir ſelbſt dieſe Gewißheit verſchaffen, da ich jedem Andern mißtrauen würde, deßwegen bin ich zu Ihnen gekommen, Oheim.“ 1 „Was kann ich in der Sache thun, mein Kind? Daß Alles, was in meinen Kräften ſteht, geſchehen ſoll, darauf darfſt Du Dich verlaſſen. Sprich offen.“ „Verſprechen Sie, Onkel, mir beizuſtehen und meine Bitte zu erfüllen?“ „Im Fall mein Gewiſſen mir ſagt, daß es recht iſt.“. 4 118 „Glauben Sie, Onkel, daß ich, von Tante Nina erzogen, Sie um Etwas bitten könnte, was Ihr Leuiſen mißbilligen würde?“ fragte Elma mit edlem rnſte. „Nein, aber Du könnteſt aus reinem Edelmuth mich beſtimmen wollen, Dir auf eine Weiſe bei⸗ zuſtehen, welche mit Deinem Glück im Widerſpruch ſtände.“ „Es handelt ſich hier nicht um mein Glück, das kommt gar nicht in Rechnung, ſondern um das Eugens.“ Nun, ſo laß hören.“ „d’Onkel,“ begann jetzt Elma und ſchloß flehend ſeine Hand in die ihrigen,„ſchlagen Sie mir meine Bitte nicht ab! ich wäre dann grenzenlos unglück⸗ lich, denn Sie würden mir den einzigen Ausweg verſperren, auf welchem ich zu der Ueberzeugung gelangen kann, ob— ob— Eugens Gefühle un⸗ verändert ſind. Bedenken Sie, daß es noch weit mehr iſt, als mein Leben, um das ich Sie bitte.“ „Nun wohl, es geſchehe Dein Wille, armes Kind, ich will thun, was Du von mir begehrſt,“ antwor⸗ tete der Kapitän. „Ich danke Ihnen!“ ſagte Elma und eine Thräne glänzte in den vorher trockenen Augen.„Nun wird es beſſer in mir.“ Sie ſaß eine Weile ſtumm da. „Was willſt Du aber, daß ich thun ſoll?“ fage der Kapirän, das Stillſchweigen unterbre⸗ hend. „Sie müſſen dem Major antworten, und dieſe Antwort muß enthalten, Onkel, daß es Ihnen voll⸗ 119 kommen unbekannt ſei, ob Eugen hier eine Verbin⸗ dung habe— es ſei Ihnen davon Nichts zu Ohren gekommen.“ „Aber dann ſage ich eine Unwahrheit.“ „Iſt das eine Sünde, wenn es für eine gute Sache geſchieht?“ „Es iſt immer ein Unrecht, und als einem Mann von Chre widerſtrebt es mir.“ „Aber, Onkel, dadurch allein kann ich die für mein Herz beruhigende Gewißheit mir verſchaffen.“ Der Kapitän ſchwieg eine Weile, und Elma betrachtete ihn mit ängſtlicher Miene. Endlich ſagte er: 8 „Gib mir erſt an, was Du weiter zu thun im Sinn haſt.“ „Ich will mit Olga auf ein paar Wochen in die Hauptſtadt gehen;— ich will, ohne daß Eugen eine Ahnung davon hat, ihn und Fräulein K. bei⸗ ſammen ſehen, und wenn er ohne Bedauern und ohne den Schein eines zu bringenden Opfers das Anerbieten des Majors von der Hand weist, dann — weiß ich Alles, was ich zu wiſſen brauche.“ „Gut, ich werde Dein Begehren erfüllen; hier haſt Du meine Hand darauf.“ „Ich danke Ihnen, guter Onkel! Aber ich habe noch zwei Bitten übrig. Fürs Erſte, daß Sie mit keinem Wort, weder ſchriftlich noch durch Karl's Mund Eugen an mich, oder an die Pflichten, welche er nach Ihrer Meinung gegen mich hat, er⸗ innern.“ „Auch das verſpreche ich.“. „Und endlich ſollen Sie mir dazu behülflich ſein, 12⁰ Olga, ohne daß Eugens Aufmerkſamkeit dadurch er⸗ regt wird, begleiten zu können.“ „Dazu will ich Dir gern Hülfe leiſten, und da⸗ mit Du in Bezug auf die Heimkehr durch nichts behindert biſt, will ich mit Sally gleichfalls einen Beſuch in der Hauptſtadt machen und Du kannſt dann die Rückreiſe mit mir antreten.“ „Wie ſoll ich Ihnen genugſam danken!“ ſtam⸗ melte Elma. „ Dadurch, daß Du mir Deinerſeits auch ein Ver⸗ ſprechen gibſt, ſonſt müßte ich Alles, was ich Dir zugeſagt habe, wieder zurücknehmen.“ „Onkel!“ „Höre mich an, Elma! Ich verlange nur, daß Du, welches auch die Entdeckungen ſein mögen, die Du in Bezug auf Eugen in Stockholm zu machen glaubſt, nicht handelſt, ohne mir vorher zu ſagen, was Du beſchloſſen haſt, und daß Du unter allen Umſtänden Eugen ſich zu erklären Gelegenheit gibſt. Oft betrügt der Schein, und wenn wir uns da⸗ durch verleiten laſſen, ſo trifft es ſich wohl, daß wir Handlungen begehen, welche uns ſelbſt und Andere in's Unglück ſtürzen. Ich habe allzu viel in der Welt geſehen, um dieß nicht zu wiſſen, und unter keiner Bedingung will ich, daß Du aus falſchem Edelmuth oder irriger Auffaſſung Deine und Eugens Zukunft zerſtörſt. Willſt Du mir verſprechen, was ich begehre?“ „Ja, ich verſpreche es Ihnen, Onkel.“ „Dann bin ich zufrieden.“ 121 XVIII. Am Abend, als Thekla und Elma nach Ackers⸗ berg heimkehrten, verwunderte ſich Nina darüber, daß Elma ſo bleich und bekümmert ausſah. „Was fehlt Dir, mein Kind?“ ſagte ſie und ſtreichelte ihr über die blaſſen Wangen. Elma legte ihren Arm um den Hals der Pflege⸗ mutter und flüſterte, den Kopf an ihre Schulter lehnend: „Ich befinde mich nicht ganz wohl.“ Nina, welche ihr Kind ſo gut kannte, ſah deut⸗ lich, daß es kein körperliches Uebel war, welches Elma quälte, ſondern ein Seelenleiden; aber da das junge Mädchen es für ſich behalten wollte, unterließ es Nina, weiter in ſie zu dringen, wohl wiſſend, daß vieles Fragen am wenigſten geeignet iſt, ein betrübtes Herz zu beruhigen. Die Erfahrung hatte ſie gelehrt, daß Elma ihr früher oder ſpäter die Ur⸗ ſache ihres Kummers mittheilen würde; als aber das junge Mädchen ihr gute Nacht ſagte, ſchloß Nina ſie in ihre Arme und ſprach: „Mein geliebtes Kind, wenn Du Kummer haſt, ſo denke daran, wo Du Deinen Troſt ſuchen mußt.“ Mit dieſen Worten küßte ſie dieſelbe auf die Stirne. „Ich weiß es, im Gebet und bei Dir,“ flüſterte Elma und entfernte ſich. „Was hat mein fröhliches Sommerkind ſo tief 12² betrüben können?“ dachte Nina.„Selbſt Thekla ſah leidend aus.“ Sie ſaß eine Weile nachdenklich da, aber plötz⸗ lich fuhr ſie zuſammen. „Es wird doch Eugen kein Unglück begegnet ein?“ Bei dieſer Vorſtellung wurde ſie todesbleich, und von ſchmerzlicher Unruhe, die in ihr erwachte, ge⸗ trieben, ging ſie zu den Mädchen hinauf. Aber als ſie an die Thüre kam, blieb ſie ſtehen; denn der Ton von Thekla's Stimme, welcher deutlich zu er⸗ kennen gab, daß ſie weinte, bewog ſie, zu horchen. „Wir, die wir das Vorrecht beſitzen, uns unſicht⸗ bar zu machen, laſſen Nina vor der Thüre und wer⸗ fen indeſſen einen Blick in das Zimmer. Auf dem Rande von Elma's Bett ſaß Thekla, ihre Arme um den Leib der Pflegeſchweſter ge⸗ ſchlungen. Elma hatte Thekla'’s Angeſicht emporge⸗ richtet, ſo daß ſie ihr gerade in die Augen ſehen konnte. „Thekla,“ ſagte ſie,„warum ſprichſt Du ſo mit mir, wie Du eben thuſt? Warum beunruhigſt Du Dich über mein Unwohlſein? Schau mir in die Augen und geſtehe mir auf Dein Gewiſſen: woher kommt Deine Unruhe?“ „Es iſt etwas in mir, das mir ſagt, daß Du nicht krank biſt, ſondern daß Deine Seele leidet,“ antwortete Thekla. „Du biſt nicht aufrichtig. Du täuſcheſt mich in der falſchen Vorausſetzung, mir einen Schmerz er⸗ ſparen zu können. Gibt es denn Niemand, der ſo V 123³ viel Liebe zu mir fühlt, um mir die Wahrheit zu geſtehen?“ Elma lehnte ſich mit dem Kopf an Thekla an und weinte. „Höre mich, Elma! Schon lang habe ich das Bedürfniß gefühlt, mein Herz vor Dir auszuſchütten und Dich in meinem Inneren leſen zu laſſen, und vielleicht iſt es jetzt, da Du betrübt biſt, der rechte Augenblick dazu. Ich kenne die Urſache Deiner Niedergeſchlagenheit nicht; aber ich weiß, daß ich mit Aufopferung meiner eigenen Hoffnungen auf das Leben Dir jeden Schmerz erſparen möchte.— Es gab eine Zeit, da ich neidiſch auf Dich war, da ich Dir Eugens und Mamas Liebe mißgönnte, da mein Herz kalt gegen Dich war; aber Mama hat mich gelehrt, dieſe Gefühle zu verabſcheuen, und Du haſt mich durch Deine Herzensgüte, Deine Zärtlichkeit ge⸗ zwungen, Dich zu lieben. Und jetzt, Elma, würde ich demjenigen wahrhaft zürnen, welcher Dir einen Kummer verurſachte, und wäre es mein eigener Bruder.“ „Ich glaube Dir,“ flüſterte Elma,„aber Du weißt ja, daß ich dem harten Geſchick, das mich treffen muß, nicht entgehen kann.“ „Elma, Elma,“ rief Thekla weinend;„ſprich nicht ſo; ſage mir, was Du meinſt.“ „Sage Du mir zuerſt, was der Onkel in der Bibliothek mit Dir geſprochen hat,“ wandte Elma ein. Thekla erröthete. „Du ſchweigſt, Du wechſelſt die Farbe, Du willſt es mir nicht ſagen, denn Du weißt, daß— daß mir. nicht zu helfen iſt.“ 124 „Um Gotteswillen, ſei ruhig, dann will ich Dir jedes Wort von unſerem Geſpräch erzählen.“ g„Verſprichſt Du, ganz aufrichtig zu ſein?“ fragte ma. 2 g. Thekla erzählte nun in etwas gemilderten Wor⸗ ten, was Kapitän Oernſkjöld ihr geſagt hatte, jedoch mit Ausſchluß aller ſonſtigen Bemerkungen, die von ihm beigefügt worden waren. Als ſie fertig war, ſagte Elma: „Ich habe das ganze Geſpräch gehört, und—.“ „Und— was?“ 4 „Die Worte des Onkels waren ſcharf wie Dolche,“ rief Elma ſchluchzend.„O! Thekla, Thekla, Du ahnſt nicht, was es heißen will, ſo plötzlich von der Höhe ſeiner ſchönſten Hoffnungen herabgeſtürzt zu werden und ſich ſagen zu müſſen: Deine Liebe iſt ein Hinderniß für ſein Glück.“ „Eugen kann ſein Glück nur bei Dir und in der Erfüllung deſſen finden, was Ehre, Pflicht und Ge⸗ wiſſen ihm gebieten,“ ließ ſich eine wohlbekannte Stimme von der Thüre her vernehmen, auf deren Schwelle Nina ſtand. „Ach, Tante!“ flüſterte Elma. „Ja, Deine mütterliche Freundin, welche nicht ſo gering von ihrem Sohn denken will, daß er ſich ſo weit vergeſſen könnte, für irdiſchen Gewinn ſeine Treue und ſeine Liebe aufzuopfern.“ „Aber ich muß mich ſelbſt und ohne Einmiſchung von Jemand anders überzeugen, daß er mich noch liebt,“ rief Elma heftig. 125 „Wohl mein Herz ſagt mir, daß er Dich nicht vergeſſen hat.“ „Aber er hat einmal Dich vergeſſen,“ warf Elma ein, hatte aber kaum dieſe Worte geſprochen, ſo er⸗ röthete ſie und empfand lebhafte Reue. „Es iſt wahr, Eugen hat, umgeben von leicht⸗ ſinnigen Kameraden und verleitet von Eitelkeit, meine Warnungen aus dem Sinn geſchlagen,“ erwiederte Nina ruhig!„aber er hat mich nicht vergeſſen, denn nur wenige Worte von ſeiner Mutter haben ihn auf den Pfad des Guten zurückgeführt, und wie ſuchte er nicht ſeitdem durch verdoppelte Liebe zu ſühnen, was er verſchuldet hat!“ „Ach! wenn Eugen nur einen einzigen Tag mich vergeſſen und an dieſem Tage Sophie K. geliebt hätte, ſo— ſo“ „So würdeſt Du ihm dieß verzeihen.“ „Verzeihen, ja wohl; aber wir könnten niemals mehr etwas weiter als Geſchwiſter für einander ſein: denn dann wäre meine Liebe ſtärker, da ich ihn nie⸗ mals, auch nur einen Augenblick vergeſſen habe.“ „Du biſt eine Frau, und die Liebe der Frau iſt immer ſtärker, als diejenige des Mannes. Sie gibt ihm ihre ganze Seele, und er vergönnt ihr nur einen kleinen Raum in ſeinem Herzen.“ Elma ſchwieg. Nina redete noch lang mit ihr und erhielt zuletzt auch Mittheilung von dem Plan, welchen ſie entworefn hatte, um ſich Gewißheit da⸗ rüber zu verſchaffen, wie weit ſie noch geliebt wäre. Nina gab ihre Einwilligung zu dieſem Vorhaben und verſprach ſogar, in ihren Briefen an Eugen mit 126 keinem Worte Elma's zu erwähnen, bis dieſe wieder nach Hauſe käme. XIX. Drei Tage waren ſeit Elmas Ankunft in der Hauptſtadt verfloſſen, ohne daß Eugen die geringſte Ahnung von ihrem Aufenthalt daſelbſt hatte. Von einer Seitenloge im königlichen Theater hatte Elma eines Abends ihn zum erſten Mal in Geſellſchaft mit der Familie von Major K. geſehen. Das Stück, die Muſik, das ganz dicht beſetzte Haus, Alles war vor ihr verſchwunden, als ſie den Kopf an die Wand gelehnt und hinter Olga verborgen, ihre Nebenbuh⸗ lerin mit den Augen beinahe verſchlang. Wie blendend ſchön fand ſie dieſelbe nicht! Thrä⸗ nen, namenlos qualvoll, ſchlichen über ihre Wangen; aber kein Atom von Bitterkeit miſchte ſich in ihren Seelenſchmerz. Ueber ſich ſelbſt weinte ſie, nicht aus Mißmuth darüber, daß Sophie K. ſo ſchön war, auch nicht darüber grämte ſie ſich, daß Eugen ſo lebhaft ſich geberdete. Nein! Sie fand dieß ſo natürlich, daß ſie nicht einen einzigen unfreundlichen Gedanken gegen Je⸗ mand von ihnen aufkommen ließ, ſondern nur das Gefühl in ſich hatte, wie grenzenlos unglücklich ſie ſelbſt war. 3 Einmal richtete Eugen ſein Glas gegen die Loge. Elma zog ſich noch tiefer zurück, ſah aber, wie er 127 mit ſeinem ſonnenwarmen Lächeln ſeine Schweſter begrüßte. Alles hat ein Ende. So war es auch mit die⸗ ſen Stunden geiſtiger Tortur für die arme Elma; und als ſie ſich wieder allein in ihrem Zimmer be⸗ fand und ſich dem Ausbruch ihres Schmerzes über⸗ ließ, da betete ſie warm aus ihrem kindlich reinen Herzen zu Gott, daß er ſeinen Beiſtand ihr ſchenken möchte. Als endlich der Schlaf ſich einſtellte, um ihr Ver⸗ geſſenheit aller Qual, welche ihre Seele erfüllte, zu ſchenken, da kam es ihr vor, als ob Gott ſie in ſeine Arme genommen und ſie aufgefordert hätte, ihren Kummer an ſeinem Vaterherzen auszuweinen. Als Elma aus dem ſchweren Schlaf, in welchen ſie verſunken war, erwachte, ſtand die Herbſtſonne ſchon hoch am Himmel und Olga lehnte ſich über ihr Bett. „Du haſt ſehr lang geſchlafen, liebe Elma,“ ſagte die Schweſter freundlich und fuhr liebkoſend mit der Hand ihr über die heiße Stirne.„Und während Du noch ſchliefſt, habe ich einen Morgen⸗ beſuch empfangen. Kannſt Du errathen, wer hier war?“ „Eugen,“ rief Elma und richtete ſich ſchnell im Bett auf. „Ja, er kam und ſchalt Karl und mich, daß wir nicht ſogleich bei unſerer Ankunft ihn davon unter⸗ richtet hätten. „Olga! Olga! Warum haſt Du mich nicht ge⸗ weckt, daß ich wenigſtens den Laut ſeiner Stimme 8 hätte vernehmen können.“ 128 „Deßhalb, liebe Elma, weil Du ſeine Stimme dieſen Nachmittag, wenn er hierher kommt, hören kannſt.“ „Er kommt hierher?“ „Ja, und ich wollte Dir eben vorſchlagen, Deine romantiſchen Ideen fahren zu laſſen und ganz ein⸗ fach ihm vor Augen zu treten.“ „Nein, nein, Olga,— bedenke, was ihr, Du und Karl mir und dem Onkel verſprochen habt.“ „Das thue ich auch; und darum handle ich nicht, ohne Dich vorher zu fragen. Der Onkel wird ſich gleichfalls einfinden.“ Der Nachmittag kam. Verborgen hinter den herabgezogenen Alkovgardinen im Schlafzimmer, ſaß Elma mit zuſammengepreßten und zitternden Händen. Im Nebenzimmer befanden ſich Olga und Eugen in vertraulichem Geſpräch begriffen. Olga erzählte von der Heimath, und Eugen ſtellte eine Frage nach der andern, welche ſämmtlich mit — Elma anfingen und ſchloſſen. Jedesmal da er ihres Namens erwähnte, zitterte die Alkovengardine. „Weißt Du, Olga, was ich mir den ganzen Sommer hindurch eingebildet habe, während ich wie ein Sklave arbeitete und mit Sehnſucht an die Hei⸗ math dachte?“ „Nein.“ „Nun, ich dachte, Du ſollteſt Mama und Elma bitten, Dich hieher zu begleiten; aber vielleicht wollte Elma ſelbſt nicht von Hauſe fort—,“ ſetzte er in verändertem Tone hinzu. 3 „Was Elma in dieſem Fall wollte, weiß ich nicht, denn das kommt nie in Frage.“ 129 „Nicht einmal von ihrer Seite? „Nein.“ „Nun, nun, ſie hat wohl Jemand, der ſie über die Unmöglichkeit, ihren Pflegebruder wieder zu ſehen, tröſtet. „Und wer ſollte das ſein?“ „Bah, liebe Olga, Du weißt das wohl ſo gut als ich. „Ganz und gar nicht; beliebt es Dir, mich dar⸗ über aufzuklären?“ „Wirklich? Und doch iſt es mir ſelbſt hier zu Ohren gekommen, daß Lieutenant H. ein täglicher Gaſt zu Ackersberg ſein ſoll, und daß man in der ganzen Gegend nur darauf wartet, die Verlobung öffentlich bekannt gemacht zu ſehen.“ „Aber wenn es ſich alſo verhielte, würde Elma Ui ibren Briefen gewiß davon Erwähnung gethan ha en.“ „Nun, das hat ſie in ihrer Art und Weiſe auch gethan, denn ſie hat mich in jedem Brief darauf vorbereitet, daß ich eines ſchönen Tages etwas den Lieutenant H. Betreffendes hören würde.“ „Nun, damit hat ſie vollkommen recht, denn H. iſt bis über die Ohren verliebt.“. „Das brauchſt Du nicht zu wiederholen,“ unter⸗ brach ſie Eugen kurz, indem er aufſtand und im Zimmer auf⸗ und abging. 4 „Aber, lieber Eugen, Du weißt ja nicht, in wen?“ „Auf Ackersberg gibt es nicht mehr als ein Mäd⸗ chen, und das iſt Elma.“ „So, ſo, Du rechneſt alſo Thekla für Nichts?“ Schwartz, Die Wittwe und ihre Kinder. II. 9. 3 130 „Thekla!“ rief Eugen und blieb vor Olga ſtehen. „Du ſcherzeſt, Olga.“ „Nicht im Mindeſten. Vor anderthalb Jahren erhielten Lieutenant H. und Hüttenwerksbeſitzer Aſtröm, jeder ſeinen Korb von Elma, und deßhalb, dünkt mir, hätteſt Du dieſem Mährchen keinen Glauben beimeſſen ſollen. Thekla, welche ſchon damals ſchön zu werden verſprach, ſteht nun an äußerem Reize ſo hoch über Elma, daß man es dem Lieutenant H. wohl verzeihen kann, wenn er über ihr Elma ver⸗ geſſen hat.“ „Weißt Du was, Olga, ich athme leichter, ge⸗ rade als ob mir eine ſchwere Laſt vom Herzen ge⸗ nommen wäre. Meinetwegen mag der junge H. die ganze Welt für ſchön halten, wenn er nur ſeine Au⸗ gen nicht auf Elma richtet.“ „Wie Du da ſprichſt, lieber Eugen! Sollteſt Du nicht als Elma's Pflegebruder es gern ſehen, daß ſie durch eine gute Partie dem traurigen Geſchick, unverheirathet zu bleiben, entgeht? Bedenke, daß ſie zweiundzwanzig Jahre alt iſt, da iſt es hohe Zeit, in den Stand der Che zu treten.“ „Olga, Du haſt unmöglich ſo verblendet ſein können, um nicht längſt erkannt zu haben, daß meine Gefühle für Dich und Thekla anderer Natur ſind, als diejenigen, welche mich zu Elma ziehen, und daß wir, Elma und ich, in einem ganz anderen Verhältniß zu einander ſtehen, als Du und ich.“ „In welchem Verhältniß ſteht ihr denn?“ fragte Olga lachend. 3 „In einem ſolchen, daß Elma niemals das Recht — ſt 131 hat, ihr Herz einem Andern zu ſchenken,“ antwortete Eugen munter. „Aber das iſt eine reine Thorheit. Bedenke, daß Aſtröm und H. reiche Männer ſind, und hättet ihr euch nicht in eine ſo thörichte Verbindung eingelaſ⸗ ſen, ſo könnte Elma jetzt ine reiche und angeſehene Frau ſein.“ „Bah! Reichthum macht nicht glücklich. Wir ſind niemals reich geweſen, haben daheim niemals von Ueberfluß Etwas gewußt, und wie glücklich wa⸗ ren wir dennoch! In dieſer Beziehung mache ich mir keine Bedenklichkeiten. Elma muß noch einige Jahre auf mich warten, wie ich auf ſie; aber wir ſind jung, und die Liebe wird erſetzen, was wir an Zeit verloren haben.“ Aus dem Schlafzimmer vernahm Olga eine Be⸗ wegung, wie wenn Jemand mit einem Sprung durch daſſelbe gegangen wäre. Eugen achtete nicht darauf, ſondern fuhr fort: „Laſſen wir das auf eine Weile ruhen. Ehe Karl und der Onkel kommen, habe ich noch Etwas mit Dir zu reden. Ich muß nämlich von Major K. ausziehen. 7 In dem Schlafzimmer wurde es wieder vollkom⸗ men ſtill. „Und warum das?— Du wirſt ja dort mit ſo viel Güte überhäuft.“ „Ja, mit allzu viel Güte, und eben darum muß ich fort.“ „Erkläre Dich deutlicher.“ „Das wird etwas ſchwierig hergehen,“ antmor tete Eugen halb lächelnd, halb verlegen. 9* 13² „Sollte es Dir ſchwer fallen, Dich mir gegen⸗ über zu erklären? Sind wir nicht von unſerer Kind⸗ heit an Vertraute geweſen?“ „Allerdings.“ Eugen trat zu dem Piano, nahm an demſelben Platz und ließ ſich, ein wenig präludirend, alſo ver⸗ nehmen. 3 „Die Sache iſt die, daß der Major ſich in den Kopf geſetzt hat, ich ſei ein ſehr hoffnungsvoller, junger Mann.“— „Nun, darin liegt doch wohl nichts Arges?“ „Nein, gewiß nicht; aber er hat ſich außerdem die Ueberzeugung beigebracht, daß ich auch mit der Zeit ein Muſter von einem Ehemann würde.“ „Und deßhalb willſt Du ſein Haus verlaſſen?“ „O nein, nicht gerade deßwegen; aber er iſt in ſeinem Vorbedacht ſo weit gegangen, mir für eine Frau zu ſorgen, und ſiehſt Du, Olga, darauf habe ich ſchon vor ihm mein Augenmerk gerichtet, und da ſeine und meine Wahl nicht auf dieſelbe Perſon ge⸗ fallen iſt, ſo—“ „Ziehſt Du ab.“ „Allerdings.“ „Aber wer iſt denn die Perſon, womit er Dich verheirathen wollte?“ „‚Das kann Dir doch gleichgültig ſein.“ „Durchaus nicht. Es iſt ein Gerücht herumge⸗ gangen, das, wenn es ſich beſtätigte, einen großen Leichtſinn von Deiner Seite an den Tag legen würde.“ 41 „Und was meldet dieſes Gerücht?“ V —— 133 „Du ſeieſt in Sophie K. verliebt, und Deine zärtliche Flamme würde von ihr getheilt.“ „So, ſo? Und daran haſt Du geglaubt und da⸗ für geſorgt, dieſe Ueberzeugung auch Thekla beizu⸗ bringen, ſo daß ſie mir in einer langen Epiſtel meine Pflichten vorhielt. Gerade, als ob ich eben im Begriff ſtände, mich mit Sophie K. zu verhei⸗ rathen.“ 4. „Willſt Du mir aufrichtig antworten, Eugen?“ „Ich antworte immer aufrichtig,“ ſagte Eugen. „War es ſeine Tochter, welche der Major Dir zur Frau geben wollte?“ „Ja.⸗ 8 „Und was haſt Du darauf erwidert?“ „Daß eine andere Liebe mein Herz binde, das iſt klar. Ich konnte ja keine andere Antwort geben.“ „Haſt Du denn niemals an Sophie K. Wohlge⸗ fallen gefunden?“ „Gewiß! Sie gefällt mir als ein ſchönes, gutes und liebenswürdiges Mädchen, aber zur Frau will ich ſie darum doch nicht haben, denn ich liebe von ganzem Herzen und von ganzer Seele eine Andere. Du weißt wohl, wen, Du weißt wohl, wen,“ ſetzte Eugen ſingend hinzu. „Aber Deine und Elma's Ausſichten in die Zu⸗ kunft ſind, wie mir ſcheint, nicht ſehr glänzend.“ „Mit Gottes Hülfe werden ſie, was ſie noch nicht ſind,“ und damit begann Eugen zu ſingen: „Denkſt Du daran, Du ſtandeſt So ſchön im hohen Saal, Wie Du mich damals bandeſt, Dein Reiz das Herz mir ſtahl. 134 Jetzt will das Herz ich wieder, Doch bleibſt Du ſein Gebieter, Schenkſt Du Dein Herz dafür! Bedenke nun, ob Du Biſt auch bereit dazu.“ Eben als Eugen die letzten Worte ſang, legten ſich zwei kleine weiche Hände ihm über die Augen, n eine fröhliche, obwohl zitternde Stimme flü⸗ ſterte: „Ich denke ganz wie Du⸗ Und bin bereit dazu.“ 4A „Elma, Elma!“ rief Eugen und ſprang auf. Im nächſten Augenblick hielt er die Freundin ſeiner Ju⸗ gend umſchlungen, während ſie durch Thränen glück ſelig ihm zulächelte.. XX. 8 Elma war längſt ſchon froh und glücklich nach Ackersberg zurückgekehrt. Mit friſchem Muth und heiterem Sinn hatte ſie ihre gewöhnliche Beſchäfti⸗ gung wieder aufgenommen. Sie arbeitete mit dop⸗ peltem Eifer und Fleiß. Es war, wie wenn nach einem regneriſchen Som⸗ mertag die Sonne wieder ſcheint; ſie ſieht dann klarer und wärmer als ſonſt aus. 2 Der Herbſt verging und man näherte ſich Weih⸗ nachten mit ſtarkem Schritt. Mit erhöhter Freude ſah man dem Feſte entgegen, da der Allen ſo 135 lheuee Eugen daſſelbe in der Heimath zubringen wollte. Thekla ſetzte ihre Lektionen in Warnäs fort und fand immer größeres Vergnügen daran. Dieß hinderte jedoch den Lieutenant H. nicht, an den Beſuchen in Ackersberg gleichfalls immer größeren Geſchmack zu finden, und obwohl er noch kein Wort geſagt hatte, begann man doch allmälig einzuſehen, daß nicht Elma der Gegenſtand ſeiner Verehrung war, ſondern daß er dieſe auf Thekla übergetragen hatte. Thekla dagegen ſchien für ſeine Artigkeiten völlig gefühllos und behandelte ihn mit einer Gleichgültig⸗ keit, welche für den jungen Mann ſehr verletzend ge⸗ weſen wäre, wenn er nicht zu jenen Glücklichen ge⸗ hört hätte, welche beſtändig in ſich ſelbſt verliebt ſind und aller erlittenen Niederlagen ungeachtet blind⸗ lings an ihre Eigenſchaft, unwiderſtehlich zu ſein, glau⸗ ben, weil die Natur ihnen ein ſchönes Geſicht und ein ſchönes Vermögen verliehen hat. Aber es bedarf nicht einmal dieſer, oft gefähr⸗ lichen Vortheile, um einen Mann zu beſtimmen, ſich für unwiderſtehlich zu halten. Das ſtärkere Ge⸗ ſchlecht iſt von der Natur mit dem Gefühl des eigenen Werths ſo reich begabt, daß die einzel⸗ nen Individuen davon oft mehr als lächerlich wer⸗ den. Wie oft hört man Männer, die ſo häßlich wie dumm ſind, von Erfolgen ſprechen, die ſie nur in der Einbildung errungen haben. Ihre Beſchränkt⸗ heit entſchuldigt ſie jedoch, denn einfältige Leute glauben immerdar an ihre eigene Vollkommenheit; wie aber Eigenliebe die Männer verblenden kann, 136 das hat man am beſten Gelegenheit zu beurtheilen, wenn man von geiſtreichen Männern, ja ſelbſt Grei⸗ ſen, die durch ungewöhnliche Bildung ſich auszeich⸗ nen, zu hören bekommt, daß jede Frau, mit welcher ſie in Berührung gerathen wären, ſich in ſie ver⸗ liebt hätte. Dieſe ſich ſelbſt vergötternden Männer ſcheinen nicht begreifen zu können, daß eine Frau mit ihnen eine ganze Stunde lang zu reden vermag, ohne da⸗ durch ihrer Ruhe verluſtig zu gehen. Könnten die Männer einen Blick in manches Frauenherz werfen, das ſie erobert zu haben ſich einbilden, ſie würden mit Beſtürzung gewahr wer⸗ den, daß ſie ſich blos als dünkelhafte Narren prä⸗ ſentirt haben. Eben dieſe Selbſtvergötterung bei dem männ⸗ lichen Theil der Menſchenkinder iſt es, was eine ſolche Steifheit in dem Umgang zwiſchen beiden Ge⸗ ſchlechtern hervorbringt, denn jede denkende Frau. fürchtet, der Beſchuldigung, verliebt zu ſein, ſobald ſie an dem Geſpräche mit einem gebildeten Mann das mindeſte Intereſſe verräth, ſich auszuſetzen. In dieſer Zeit der Reformen, wo die Frau ſich von ihrer Eigenſchaft als Frau zu emancipiren trach⸗ tet, wäre es ſehr wünſchenswerth, wenn der Mann ſich von ſeiner lächerlichen und elenden Eigenſchaft emancipiren und davon abſtehen wollte, ſich für ein ſo höchſt vortreffliches und unwiderſtehliches Weſen zu halten, wie er zu ſein ſich in den Kopf ge⸗ ſetzt hat.— Doch überlaſſen wir es ihm, ſich gleich Narciſſus 1 1 137 in ſein eigenes Ich zu verlieben— und kehren zu den Bewohnern von Ackersberg zurück. Eines Tags, zu Anfang vom December hatte Nina am Morgen von Lieutenant H. einen Brief erhalten, worin ein anderer an Thekla eingeſchloſſen war. Der Inhalt beider Briefe war eine förmliche Werbung um die Hand der letztern. Wie die Antwort ausfallen ſollte, darüber ließ Nina einzig Thekla ſelbſt entſcheiden, und das junge Mädchen bedurfte, um ihren Entſchluß zu faſſen, nicht mehr Zeit, als zum Durchleſen des Briefs er⸗ forderlich war; denn als dieß geſchehen, rief ſie: „Aber iſt denn der Menſch blind, um nicht ein⸗ zuſehen, daß ich ihn gar nicht leiden kann?“ „Eine ſolche Blindheit, mein Kind, iſt bei Indi⸗ viduen ſeines Geſchlechts etwas ſehr Gewöhnliches,“ bemerkte Nina lächelnd. 4 „Willſt Du ſo gut ſein, Mama, und ihm ant⸗ worten, daß—“ „Du ſchon verſagt biſt,“ fiel Elma lachend ein,“ und nicht die Ehre haben kannſt.“ „Still, Elma!“ ſagte Nina. „Ach, liebe Tante, ſoll man nicht lachen über Henrik H., welcher vergangenes Jahr, zu derſelben Zeit, um mich freite, und jetzt, ein Jahr darauf, es bei Thekla verſucht. ‚Die Zeiten ändern ſich', ſagte der Bürgermeiſter, als er Nachtwächter wurde. Thekla lachte, Nina lächelte, und das Reſultat war ein Korb, oder artiger ausgedrückt, eine Ab⸗ lehnung des Antrags. Am Nachmittag fuhr Nina nach dem Pfarrhofe, * 138 und Elma war eifrig auf ihrem Zimmer beſchäftigt; ſie hatte vollauf mit einer Arbeit zu thun, welche bis zum folgenden Tag fertig werden ſollte. Thekla ſaß allein im Geſellſchaftszimmer und ſpielte, als Debora die Thüre halb öffnete und her⸗ einrief: „Der Herr Kapitän von Warnäs iſt da.“ Thekla hatte kaum Zeit, von dem Inſtrument aufzuſtehen, als Eduard eintrat. „Wir fürchteten, Sie wären krank geworden, da Sie dieſen Vormittag nicht nach Warnäs kamen,“ begann der Kapitän. „Hat denn Anders mein Billet der Tante nicht überbracht?“ fragte Thekla;„ich konnte nicht mit ihm, als er mich hier abholen wollte, und ſo ſchrieb ich an die Tante und erklärte ihr die Urſache mei⸗ nes Ausbleibens.“ „Die Wahrheit zu ſagen, ich habe meine Schwe⸗ ſter gar nicht gefragt. Ich habe blos Sie vermißt, Thekla, und darum bin ich nun hier. Es iſt für mich eine ſo liebe Gewohnheit geworden, Sie zu ſehen und mit Ihnen zu ſprechen, daß mir ganz übel zu Muthe iſt, wenn ich darauf verzichten muß.“ „Gewohnheit?“ Ja, eine Gewohnheit, welche Sie mir zu einem „ L Bedürfniß gemacht haben, ſo daß, wenn Sie fehlen, das Haus für mich leer und öde iſt.“ „Aber wie alle andern Gewohnheiten wird auch dieſe von einer andern verdrängt, oder, im Fall Sie nicht mehr Sclave derſelben ſein wollen, durch die Macht Ihres Willens verbannt werden.“— Thekla's Wangen nahmen eine lebhaftere Fär⸗ 139 bung an, und ſie ſchaute nicht auf, während ſie dieſe Antwort gab. „Sie irren ſich. Haben unſere Gefühle die Ge⸗ wohnheit angenommen, nach einer gewiſſen Richtung hin zu wirken, ſo iſt es ſchwer, oft unmöglich, ih⸗ nen wieder eine entgegengeſetzte Wendung zu geben. Bevor ich anfing, Ihren Lectionen anzuwohnen und mit Ihnen mich in ein Geſpräch einzulaſſen, hatte ich niemals die Gewohnheit gehabt, mein Intereſſe an ein einzelnes Individuum zu feſſeln, ſondern ließ mich ausſchließlich von dem Allgemeinen beherrſchen. — Sie, Thekla, haben ein neues Bedürfniß hervor⸗ gerufen, nämlich Ihr freundliches Antlitz mich an⸗ lächeln zu ſehen und von Ihnen meine Handlungen billigen oder tadeln zu hören. Sie haben in mir die Sehnſucht nach einem Familienleben erweckt, und oft habe ich gewünſcht, daß Sie, gerade Sie meine Tochter wären. „Sonderbar,“ erwiderte Thekla,„daß Sie einen ſolchen Wunſch hegten. Ich meinerſeits habe Sie mir niemals als meinen Vater denken können.“ „Nicht?— Und doch glaube ich mich als einen väterlichen Freund von Ihnen betrachten zu dürfen.“ „Freund und Lehrer, ja.— Vater nicht.“ „Und warum?“ „Eigentlich weiß ich kaum ſelbſt; aber wenn Sie mich Ihr Kind nennen, da wandelt mich eine un⸗ widerſtehliche Luſt an, zu lächeln.“ 3 „Wirklich?“ ſagte der Kapitän zerſtreut und be⸗ trachtete aufmerkſam ein Briefcouvert, welches auf dem Tiſche lag. Es entſtand eine Pauſe. Plötzlich nahm der Ka⸗ 140 Henrik H.? Da wird es wohl mit der Verlobung ſchnell gehen?“ pitän wieder das Wort und ſagte, indem er nach dem Couvert griff:„Sie correſpondiren alſo mit Eduard hob den Umſchlag in die Höhe, und auf demſelben ſtand:„An Mamſell Thekla Ulrici.“ „Von einer Verlobung zwiſchen ihm und mir kann niemals die Rede ſein, und was die Corre⸗ ſpondenz anbelangt, ſo iſt ſie mit dieſem Brief be⸗ gonnen und wohl auch geſchloſſen worden.“ „Sie haben ihm einen Korb gegeben,“ rief der Kapitän, indem er aufſtand und auf Thekla zuging. „Und warum? Henrik H. iſt ein reicher und liebens⸗ würdiger junger Mann.“ „Zugegeben! Er hat manche gute Eigenſchaften; aber er iſt doch nicht der Mann, welchem ich mein Glück anvertrauen möchte.“ „Er ſelbſt iſt entgegengeſetzter Ueberzeugung ge⸗ weſen, denn erſt geſtern noch nahm er es, als er mit mir von Ihnen redete, für ausgemacht an, daß Sie ſeiner Bewerbung mit Ja antworten würden.“ „Es würde mir ſehr leid thun, wenn ich gegen meinen Willen ihm zu einer ſolchen Ueberzeugung Anlaß gegeben hätte,“ erwiederte Thekla ruhig;„aber ich glaube mich wirklich von dieſer Schuld freiſprechen zu dürfen.“ 3 „Aber warum haben Sie ihm einen abſchlägigen Beſcheid gegeben? Er iſt ſehr reich.“ „Sollte ich, um in den Beſitz ſeines Geldes zu gelangen, meine Zukunft und mein Glück ver⸗ kaufen?“ 141 „Sie ſind arm, Thekla, und ſomit in einer mehr oder minder abhängigen Lage.“ „Ich bin arm, das iſt wahr; aber ich habe eine gute Erziehung genoſſen, und kann mir durch ſie immerdar mein Auskommen und eine gewiſſe Un⸗ abhängigkeit verſchaffen, zu der ich als verheirathete Frau, und wäre ich noch ſo reich, niemals gelangen könnte. Wann oder in welcher Lebensſtellung iſt die Frau awoyl abhängiger, als in der Che?“ „Das heißt ſtreng geſprochen. Haben Sie viel⸗ leicht mit neunzehn Jahren ſchon den Entſchluß ge⸗ faßt, unverehlicht Ihr Leben zu beſchließen?“ fragte der Kapitän ironiſch. „Nein, das nicht; aber meine Mutter hat mir ſolche Grundſätze beigebracht und mir ſo ohne alle Illuſionen gezeigt, was für ein ernſter Schritt es ſei, in den Stand der Ehe zu treten und damit große und heilige Pflichten zu übernehmen, daß ich der vollen Ueberzeugung bin, wie nothwendig es iſt, ſich erſt mit ganzer Seele zu dem Mann hinge⸗ zogen zu fühlen, für welchen man jene Pflichten ſich auferlegt, wenn man nicht Gefahr laufen will, die eigene und ſeine Zukunft aufs Spiel zu ſetzen. Gibt es wohl ein Unglück, das mit einer unglücklichen Ehe zu vergleichen wäre? Und dennoch iſt dieſes Unglück eine gerechte Strafe für je den, welcher ohne wahre Liebe ſein Schickſal mit dem eines Andern, und das nur aus weltlicher Berechnung vereinigt. 4 „Der Mann, welchen Sie wählen, muß Ihnen alſo Liebe einflößen. Aber, mein Kind, die Liebe iſt blind, und mancher hat, von dem kleinen Gott 14⁴² verleitet, einen ſchlechten Gewinn aus der Eheſtands⸗ lotterie gezogen.“ „Die wahre Liebe iſt nicht blind,“ antwortete Thekla lächelnd,„denn ſie ſtüzt ſich auf Vernunft und Achtung.“ „Ei, ei, Thekla! Da haben Sie wohl die Axt nach einem Stein geworfen!“ rief der Kapitän lachend.„Wer hat jemals von der Liebe im Verein mit Vernunft ſprechen hören? Wir ſind ja dahin übereingekommen, daß die Liebe die größte Unver⸗ nunft in der Welt ſei!“ „Das iſt unrichtig,“ fiel Thekla eifrig ein; „gerade eine ſolche Anſicht beweist, daß Sie ſich niemals recht klar gemacht haben, was die Liebe wirklich iſt.“ „Haben Sie das gethan?“ „Ja, denn es iſt Liebe, was ich für meine Mut⸗ ter empfinde. Und dieſes Gefühl ruht auf einem ſo edeln, ſo heiligen Grunde, daß es niemals einem unwürdigen Gegenſtand ſich zuwenden kann.“ „Kind, die Anhänglichkeit an Ihre Mutter, und die Anhänglichkeit an den Mann, welchen Sie künf⸗ tig einmal wählen, ſind ganz verſchiedene Dinge.“ „Und warum ſollten ſie verſchieden ſein? Ich kann niemals einen andern Mann lieben, als den, welcher meiner Anſicht nach an Verſtand und Geiſtes⸗ gaben hoch über mir ſteht, für welchen ich den höch⸗ ſten Grad von Achtung und Bewunderung hegen, in welchen ich ein uneingeſchränktes Vertrauen ſetzen, auf welchen ich in Freud und Leid mit Zuverſicht bauen,— an deſſen Bruſt ich meinen Schmerz aus⸗ weinen und einen Schild gegen die Stürme des —— 143 Lebens ſinden kann, ganz wie ſolches bei meiner Mutter der Fall geweſen. Sie iſt mir ſtets das Theuerſte auf Erden, meine Freude, meine Stärke, mein Schutz und Troſt, mein Alles geweſen. Mehr kann ein Menſch für den andern nicht ſein, als ſie für mich iſt.“ „Aber Sie haben es ertragen, daß Ihre Mutter Ihre Geſchwiſter ebenſo, wie Sie liebt; von einem Mann würden Sie das nicht ertragen.“ „Früher iſt es in dieſer Hinſicht auch eine recht mißliche Sache geweſen,“ erwiederte Thekla.„Ich war ein ſehr neidiſches Kind und litt ſehr bitter, daß ich nicht ganz allein ihrer Zuneigung mich er⸗ freuen durfte. Jetzt iſt es mit ihrem Beiſtand mir gelungen, dieſe neidiſche Geſinnung zu beſiegen.“ „Ich fürchte aber, daß Sie niemals einen Mann ſinden werden, welcher Ihnen das volle, ungetheilte Gefühl, das Sie beanſpruchen, einflößen kann, denn wir Männer haben, wie die Frauen, nicht ſehr viele Vollkommenheiten an uns. Denken Sie nur, wie gar ſelten Frauen gleich Ihrer Mutter ſind.“ „Das iſt wahr, ich kenne keine, welche Mama gleicht.“ 3 „Und doch wollen Sie, ehe Sie ſich zu verhei⸗ rathen wagen, ein Exemplar von ihr in männlicher Geſtalt haben? Das heißt ja das Unmögliche fordern. Wir dürfen im Allgemeinen keine ſo großen An⸗ ſprüche an unſern Nächſten machen.“— „Ich mache auch gar keine übertriebenen An⸗ ſprüche; ich mache gar keine; denn im ſchlimmſten Fall habe ich keine ſo große Angſt davor, eine alte Jungfer zu werden, was ſonſt für Mädchen im All⸗ 144 gemeinen ein ſo erſchrecklicher Gedanke iſt. Ich glaube vielmehr, das Leben hat ſtets ſeinen Werth, wenn man nur auf dem Platz, auf den man von der Vorſehung geſtellt iſt, Nutzen zu ſtiften ſucht.“ „Und was würden Sie in eheloſem Stande vornehmen? Die vollkommenſte Erziehung eines Mädchens hat doch zum Hauptziel, ſie zur Chefrau zu bilden, und es wäre ſomit immer etwas Halbes, wenn Sie ſich genöthigt ſähen, unverheirathet zu bleiben. Was ſoll eine vereinzelte Frau für ſich anfangen?“ „Sie kann immerdar etwas Nützliches ausrich⸗ ten, immerdar ſich, wenn ſie nur will, auf irgend eine Weiſe brauchbar machen. Sie fragen, was ich anfangen würde. Ich würde Lehrerin werden, weil ich von Natur eine Freude daran habe, mir Kennt⸗ niſſe zu erwerben, Andern dergleichen beizubringen. Dadurch gewinne ich zweierlei. Fürs Erſte ſchaffe ich mir ein Auskommen durch meine Arbeit, fürs Zweite nütze ich wirklich, wenn ich mit Eifer und Gewiſſenhaftigkeit meinen Platz als Lehrerin auszu⸗ füllen ſuche. „Nun, das mag für Sie gelten; aber nicht alle können Lehrerinnen werden, und die meiſten unver⸗ heiratheten Frauen ohne Vermögen müſſen durch Handarbeit ſich ein knappes und unzureichendes Aus⸗ kommen zu verſchaffen ſuchen. „Darin haben Sie recht, und ein ſolcher Erwerb des Unterhalts iſt in der That traurig.. „Nun wohl, iſt es dann zu verwundern, wenn dieſe Mädchen, welche keine andere Ausſicht für das Leben haben, ſich verheirathen, um ihre Verſor⸗ 145 gung zu finden, und einem ſolchen Daſein ohne Hoff⸗ nung auf hellere Tage damit zu entgehen?“ In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und Nina trat ein, „Mama,“ ſagte Thekla,„komm und hilf mir in einem Streit mit dem Kapitän über die Frauen. Ich bin viel zu ſchwach, um damit allein fertig wer⸗ den zu können.“ „Wovon iſt denn die Rede?“ fragte Nina, über Theklas Eifer lächelnd. „Davon, daß das Schickſal unverheiratheter Frauen, ſofern ſie ohne Vermögen ſind, ſo düſter erſcheint, daß ich es ganz natürlich finde, wenn ſie, um einem ſolchen zu entgehen, den erſten Beſten heirathen, welcher ihnen eine unabhängige Stellung im Leben zu bieten vermag.“ „Das iſt leider eine ſehr beklagenswerthe Wahr⸗ heit,“ erwiederte Nina;„aber der Fehler liegt in der Erziehung. Wenn die armen, ſo gut wie die vermöglichen Mädchen, von ihren Kinderjahren an lernten, das Leben von einer ernſteren und prakti⸗ ſchen Seite anzuſehen, ſo würde das Verhältniß ganz anders ſein. Wenn ſie ſich zeitig daran gewöhnten, ſich ihre eigene Perſönlichkeit als ein Individuum für ſich ſelbſt zu denken, welches unter den alltäg⸗ lichen Umſtänden des Lebens auf eigene Fauſt han⸗ deln, welches in den ökonomiſchen und materiellen Dingen Einſicht haben und im Stande ſein muß, ſich ſelbſt darin zurecht zu finden, ſo würde auch deren Skellung ganz verſchieden ſein. Die wohlhabenden würden durch ihr Vermögen zu nützen ſuchen und in einem thätigen Leben eine viel ſicherere Genug⸗ Schwartz, Die Wittwe und ihre Kinder. IU. 10 146 thuung finden, als in dem geiſtesarmen Jagen nach Zeitvertreib, welches jetzt ihre Gedanken beſchäftigt. — Die Unbemittelten würden nicht, wie nunmehr, ſitzen und hoffen und warten, daß ein reicher Freier komme und ſie von den düſtern Ausſichten erlöſe, welche ſich einer Näherin in der Regel eröffnen; ſondern ſie würden mit Eiſer und Ernſt ihre Ge⸗ danken auf die Möglichkeit richten, ſich durch eigene Kraft eine unabhängige Stellung zu ſchaffen. Jede Mutter ſollte bei ihren heranwachſenden Töchtern deren natürliche Geneigtheit zu irgend einer Be⸗ ſchäftigung erforſchen und ihnen daraus ein Mittel zu einer gewiſſen Verſorgung an die Hand zu geben verſuchen.— Nicht alle Frauen taugen zu Köchin⸗ nen, Näherinnen oder zu Gouvernanten, und dennoch ſcheint es, als ob man nur unter dieſen drei Ka⸗ tegorien ſich die Möglichkeit der Verſorgung denken könnte, und man vergißt dabei ganz und gar, daß es oft ein ſehr ſchweres Loos iſt, Andern zu dienen, und daß viele, um demſelben auszuweichen, ohne eine Spur von Neigung zu dem Manne, den ſie gewählt haben, in die Ehe treten. Warum die Frauen vom Gewerbebetrieb ausſchließen? Gewiß paßt nicht jedes Handwerk für ſie, da manche eine Körperſtärke vorausſetzen, welche ihnen abgeht; alle leicht eren Gewerbe aber, welche eigentlich auf bloßer Handarbeit beruhen, ſollte das Mädchen ebenſo un⸗ gehindert, wie der Knabe erlernen dürfen.“ „Was Sie da ſagen, ſchmeckt ſtark nach Eman⸗ cipations⸗Ideen; bemerkte der Kapitän. „Ganz und gar nicht; denn ich verabſcheue alle Reſormen, welche mit der Erfahrung, geſunder Ver⸗ 147 nunft, und was noch mehr iſt, mit Gottes Abſicht in Bezug auf die Frauen im Widerſpruch ſteht. Emancipations⸗Ideen im Allgemeinen weichen von der Wahrheit, von der Natürlichkeit ab, wenn ſie der Frau die Rechte des Mannes in der Geſellſchaft erobern und die Behauptung auſfſtellen wollen, daß ſie in intellektueller Beziehung ſeinesgleichen ſei. Das iſt falſch, widerſtreitet vollkommen den wirk⸗ lichen Verhältniſſen, und dergleichen Behauptungen können der Sache der Frauen nichts als ſchaden, weil der Mann im Allgemeinen, wie geſagt, in in⸗ tellektueller Hinſicht unbeſtritten reicher ausgeſtattet iſt, als ſie. Von der Natur iſt er mit einem ſtärke⸗ ren und für eine größere Wirkſamkeit tauglicheren Charakter begabt. Aber etwas ganz Anderes iſt es, jedem menſchlichen Weſen ein Mittel zu einem ehrlichen Fortkommen in der Welt an die Hand zu geben; Gelegenheit zu geben, durch eine lohnende Arbeit ſich dem demoraliſirenden Einfluß zu ent⸗ ziehen, welchen eine unglückliche Ehe durch die Kin⸗ der, die daraus hervorgehen, auf die Geſellſchaft ausübt.— Noth, Kummer und eine trübe, hoff⸗ nungsloſe Zukunft ſind, glauben Sie mir, ſchlechte Rathgeber, und mancher verfällt in Laſter und mora⸗ liſches Elend in Folge der niederdrückenden, von dort entſtammenden Einwirkung auf die beſſern Gefühle ſeiner Seele. Unter dem Kampfe damit geht man⸗ ches im Grunde edle Herz verloren.“ Hier wurde das Geſpräch durch Debora un⸗ kerbrochen, welche die Thüre öffnete und herein⸗ rief: 10* 148 „Der Wagen des Hüttenwerksbeſitzers Ulrici hält vor der Thüre.“ XXI. Zum zweiten Mal weilte Gotthard Ulrici unter dem Dach der Frau, welche er einmal von ganzer Seele geliebt, und welche zweimal ſeine Hoffnungen auf Glück und Liebe getäuſcht hatte. Das erſte Mal opferte ſie ihn für ihre Mutter und wurde ſeines Bruders Frau; da der Tod die Bande löste, welche ſie an den Bruder gefeſſelt hatten, ſchlug ſie das Anerbieten ſeiner Hand aus, weil ſie ihren Kindern nicht einen Stiefvater geben wollte, der es ihnen niemals verziehen hätte, daß ſie ſeines Bru⸗ ders Kinder waren. Gotthard Ulrici, ein Mann von redlichem, aber ſtolzem Charakter, hatte lange Zeit bedurft, um zu vergeſſen und Nina zu verzeihen, daß ſie ihn ihren Pflichten als Mutter aufgeopfert hatte. Als er ſie das erſte Mal beſuchte, war dieſer Groll, ſelbſt nach Verfluß von zwölf Jahren, noch nicht milder, ſondern beim Anblick des häuslichen Lebens, das die Wittwe mit ihren Kindern führte, eher bitterer geworden. Mit einem Gefühl ſchmerzlicher Sehnſucht dachte er:„ein ſolches Heimweſen hätte ſie mir ſchaffen lſnene wenn ſie mich ſo geliebt hätte, wie ich ſie liebte.“. 1 Bei allen daran ſich reihenden Gedanken wurden ſeine Gefühle immer feindſeliger gegen den Urſächer 149 der abſchlägigen Antwort, welche Nina ihm gegeben hatte, und dieſer Urſächer war ſeiner Vorſtellung nach Eugen, weil es ihn ſelbſt ſo ſchwer ankam, ſich jemals mit Nina's Sohn zu befreunden. Alles dieß hatte zur Folge, daß, als er das Nina gegebene Verſprechen, Eugen auf der Univerſi⸗ tät zu unterſtützen, erfüllen ſollte, dieß auf die Art und Weiſe geſchah, wie wir ſie ſchon weiter oben geſchildert haben. Nachdem er von Eugens Gläu⸗ bigern wegen der Schulden ſeines Neffen angegan⸗ gen worden war, ſchrieb er in der Eingebung des Zorns an Nina und entdeckte ihr, wie der Sohn wäre, für welchen ſie ihn aufgeopfert hatte, und wie ihre mütterliche Liebe von Eugen belohnt würde. Wir haben geſehen, wie Nina darauf handelte. Allerdings bereute es Gotthard ſpäterhin und erbot ſich, ſeines Neffen Schulden zu bezahlen; aber dieß lehnte Nina mit Beſtimmtheit ab. Verletzt durch dieſe Weigerung hatte er ſeitdem nur in Geſchäftsangelegenheiten als Vormund ſeiner Schweſtertöchter geſchrieben, aber ſich nicht zu Olga's Hochzeit eingefunden, ſondern Krankheit vorgeſchützt. Es war ſomit eine große Ueberraſchung für die Bewohner von Ackersberg, als Debora ſo unver⸗ muthet ſeine Ankunft verkündigte; aber dieſe Ueber⸗ raſchung verwandelte ſich in ein eigenthümliches trauriges Gefühl, als Nina ihm entgegen ging und anſtatt des früher ſo kraftvollen Mannes einen blei⸗ chen, abgezehrten Greis aus dem Wagen ſteigen und auf ſie zukommen ſah. Das Geſicht war das Gotthards; aber wie die 8 150 Möglichkeit ſich erklären, daß mit dem ſtarken und kräftigen Mann in der kurzen Zeit von ein paar Jahren eine ſolche Veränderung vorgegangen war! Aus jedem Zug glaubte man ſich den Tod entgegen⸗ ſtarren zu ſehen, und unauslöſchlich ſtand auf der bleichgelben Stirne geſchrieben, daß der Senſenmann Gotthards wankenden Schritten folgte, um die we⸗ nigen, die er ihm noch zu gehen erlaubte, nachzu⸗ zählen, ehe er mit ſeiner verhängnißvollen Waffe ihn völlig zu Boden ſtreckte. r Die ſchmerzlichen Gefühle, welche bei ſeinem An⸗ blick Nina's Bruſt erfüllten, dem Anblick des einzigen Mannes, den ſie jemals geliebt hatte, waren zu deutlich auf ihrem Angeſicht geſchrieben, als daß ſie ſeinem noch ſcharfen Blick entgehen konnten. Mit einem ſchmerzlichen Lächeln ſagte er: „Mein Ausſehen erſchreckt Dich? Es fällt Dir ſchwer, zu denken, daß ich es wirklich bin, und den⸗ noch iſt es nicht länger als ein Jahr her, daß ich noch geſund und ſtark war.“ Nina trat ihm näher. Mit der Herzensgüte, welche ihren größten Schmuck ausmachte, faßte ſie ſeine zitternde Hand, legte ſie auf ihren Arm, wäh⸗ rend der Diener auf der andern Seite ſeinen wan⸗ kenden Schritt unterſtützte, und ſo geleitet, trat er in das Geſellſchaftszimmer, während Nina mit herz⸗ licher, wiewohl bebender Stimme ſagte: „Wie wahrhaft willkommen Du hier biſt, brauche ich Dir nicht zu ſagen. Krank oder. geſund, biſt Du Nina immer ein theurer Freund, und wir wollen hoffen, daß die Krankheit, ſo ſchnell ſie Deine Kräfte ——— 151 mitgenommen hat, auch von kurzer Dauer ſein werde.“ Gotthard lächelte traurig und reichte Eduard die Hand, da er ihn von jüngeren Jahren her kannte und mit ihm auch in ſpäterer Zeit in der Haupt⸗ ſtadt zuſammengetroffen war. Thekla betrachtete er mit einer Miene, welche deutlich bewies, daß er ſie nicht kannte. Thekla näherte ſich ihm nun, und er begrüßte ſie mit einem matten Kopfnicken. Jetzt trat auch Elma ein, um ihren Verwandten zu begrüßen, und es wurde ihr ganz melancholiſch zu Muthe, als ſie wahrnahm, wie betrübend er ausſah. 4 Eine Stunde hernach verließ der Kapitän Ackers⸗ berg, und Gotthard erklärte, er habe mit Nina Et⸗ was unter vier Augen zu beſprechen, worauf die beiden Mädchen ſich gleichfalls zurückzogen und auf ihr Zimmer begaben. „Nina,“ ſagte Gotthard mit der Heftigkeit, welche ihm eigenthümlich war,„weißt Du, warum ich hieher komme und woher ich komme?— Das wirſt Du freilich niemals errathen.“ „Ei nun, Du kommſt wohl hieher, um mich noch einmal zu ſehen und mir als Freund ein vielleicht ruhiges und ewiges Lebewohl zu ſagen,“ antwortete Nina ſanft. 3 „Nein, ich bin hieher gekommen, um zu ſter⸗ ben.— Du erbleichſt. Ach, Nina, dem Mann, deſſen Leben Du nicht beglücken wollteſt, wirſt Du wenigſtens nicht abſchlagen, den Tod zu erheitern und zu verſüßen.— Ich komme eben aus der Haupt⸗ 92 152 ſtadt und habe dort von den Aerzten mein Urtheil empfangen, daß mir nur noch wenige Wochen zu leben vergönnt iſt. Dieſe Wochen wünſche ich in Deinem Hauſe zuzubringen, wo ich Dich vor Augen ſehe, den Laut Deiner Stimme höre, und von Dir ge⸗ pflegt, meinen letzten Seufzer in Deiner Nähe aus⸗ hauchen kann.— Sprich, wirſt Du auch jetzt Nein ſagen?“ „Gewiß nicht,“ antwortete Nina, während die hellen Thränen ihr über die Wangen rannen. „Ich danke Dir!— Der Tod wird mir alſo ein Glück ſchenken, welches das Leben mir verſagt hat.“ XXII. Eine Woche war vergangen, und in dem Schlaf⸗ gemach neben dem Geſellſchaftszimmer einquartirt, verlebte Gotthard ſeine körperlich qualvollen Tage mit Geduld und Ergebung. Nina war in das einzige Gaſtzimmer hinaufge⸗ zogen, welches ſich zu Ackersberg befand, aber für den Kranken allzu klein und unbequem war. Sie verbrachte ihre Tage an Gotthards Seite und bot alle ihre Kräfte auf, die letzte kleine Strecke auf dem Lebenspfade des Mannes, an deſſen Seite ſie ſich einſt das höchſte Glück auf Erden geträumt hatte, mit Blumen zu beſtreuen; wenn ſie einmal des Tags ihn verließ, waren Elma und Thekla zur Hand, um ihm Geſellſchaft zu leiſten und ihm die langen Stunden zu verkürzen. 4 153 Eines Nachmittags hatte Nina einige Geſchäfte zu beſorgen, welche ſie zwangen, ihn auf ein paar Stunden zu verlaſſen. Elma mußte ausgehen, um eine Braut anzuklei⸗ den, und ſomit ſaß Thekla allein bei dem Kranken. „Du liebſt Deine Mutter wohl ſehr?“ ſagte Gotthard zu dem jungen Mädchen, nachdem er mit derſelben eine Weile über ihr häusliches Leben ge⸗ ſprochen hatte. „Mehr als ich mit Worten ausdrücken kann.“ „Du hegſt wohl daſſelbe Gefühl für ſie, als ob ſie Deine wirkliche Mutter wäre.“ Thekla fuhr zuſammen, begann aber ſogleich wie⸗ der zu lächeln und ſagte: „Nun, das iſt ja natürlich, denn ſie iſt meine Mutter, welche mir das Leben geſchenkt und mich gelehrt hat, es zu meinem und Anderer Nutzen an⸗ zuwenden. „Aber weißt Du nicht, daß—“ Gotthard ſtockte und blickte Thekla an, welche, als er nicht fortfuhr, mit bebender Stimme fragte: „Was?“ „Hat Nina Dir niemals geſagt, daß Du nicht ihr Kind biſt?“ fragte Gotthard. Kaum waren dieſe Worte über ſeine Lippen ge⸗ gangen, ſo ſtürzte Thekla auf ihn zu, faßte ihn am Arm und rief mit dem Ausdruck unbeſchreiblicher Angſt:; 4 „Sie iſt nicht meine Mutter?— Ich bin nicht das Kind dieſer edeln Frau?— Ol das wäre ent⸗ ſetzlich, das wäre bitterer als der Tod!“ 4 25 154 „Kind, beruhige Dich und höre mich an,“ ſagte Gotthard, erſchreckt durch die Wirkung ſeiner Worte. „Mich beruhigen!“ rief Thekla leidenſchaftlich; „mich beruhigen, wenn Sie ſagen: ‚Dieſe Frau, deren Kind zu ſein Du bisher ſo ſtolz geweſen biſt, iſt nicht Deine Muttere Dieſe Mutter, welche den größten Reichthum Deines Herzens ausmachte, darum weil ſie Dein war, ſie iſt es nicht.,—„Noth, Armuth, Krankheit— Alles, Alles könnte ich ertra⸗ gen; aber die Gewißheit, ihr Kind nicht zu ſein, wäre zu viel für mich. O! lügen Sie, erſinnen Sie irgend eine Unwahrheit, aber laſſen Sie mich in dem Glauben leben und ſterben, daß ſie meine Mutter iſt, daß ich ein Theil von ihr bin, und daß meine Seele von ihr ausgegangen iſt!“ Thekla ſank auf die Kniee, und heftiges Schluch⸗ zen erſtickte ihre Stimme. Mit Mühe vermochte ſie zu ſtammeln:— „Reden Sie, reden Sie, um Gottes willen!“ „Hier bedarf es keines andern Zeugniſſes, als deſſen von Deinem eigenen Herzen,“ ſagte Nina, welche während der Worte Thekla's eingetreten war. „Stehe auf, mein Kind, betrachte mich und ſprich: bin ich Deine Mutter, oder bin ich es nicht?“ Nina hatte ihren Arm um die Tochter geſchlun⸗ gen und ſie aufgehoben. Thekla drehte ſich zu ihrer Mutter um, faßte ihre beiden Hände und blieb ſo ſtehen, indem ſie ihr ins Geſicht ſchaute.* Nach Verfluß einiger Minuten ſchlang ſie ihre Arme um Nina's Hals und rief: „Du biſt meine Mutter. Nur ein Engel 15⁵ oder eine Mutter kann einen ſolchen Ausdruck im Blicke haben.“ „Ich danke Dir, mein Kind!“ ſtammelte Nina, welche in dieſem Augenblick von Gott reichlich belohnt zu ſein glaubte, ſo glücklich fühlte ſie ſich. Nina ſtrich mit den Händen über Thekla's Stirne und ſetzte hinzu: „Die Worte Deines Oheims, daß Du nicht mein Kind ſeieſt, gründen ſich auf ein Gerücht, welches die tadelſüchtigen Zungen in Weſterköping, um mich zu erniedrigen, ausbreiteten. Man war dort nicht gut auf Deine Mutter zu ſprechen, deßhalb wollte man durchaus etwas Tadelnswerthes und Unerklär⸗ liches in Allem, was mich betraf, finden.“ „Ich bedarf Deiner Erklärung nicht, liebe Mut⸗ ter. Mein Herz, Dein Blick ſagt mehr, als man mir immer ſagen könnte.“ Gotthard lehnte ſich in ſein Kiſſen zurück und ſchloß die Augen. Er war ſehr gerührt. Später am Abend, als er und Nina wieder allein waren, bemerkte er: „Nur ein Engel oder eine Mutter kann einen ſolchen Ausdruck im Blicke haben“,“ hat Thekla ge⸗ ſagt.„Sie hätte ſagen ſollen: Nur ein Engel kann ein ſolches Herz haben wie Nina. 5 „Still, Gotthard! Dieſes Kind iſt mein, denn ich habe ihm das Leben gerettet;— aber die Ge⸗ wißheit, daß ich nicht ihre Mutter wäre, würde Thekla unglücklich machen. Ich ſelbſt habe gänzlich vergeſſen, daß eine Andere ihr das Leben gegeben hat, und möge nun dieſes Geheimniß mit Dir und mir ſterben 4 156 Aber er, der in unſer Herz ſieht, er kennt Dein Geheimniß und er hat Dir zum Lohn für Deine Mühe die Liebe dieſes Kindes geſchenkt. Gott be⸗ wahre mich davor, ihren Frieden zu ſtören. Eins aber wünſche ich dennoch, nämlich daß Du mir die nähern Umſtände von Thekla's Geburt erzählteſt; denn Alles, was Du mir nach Deines Mannes Tod ſagteſt, beſchränkte ſich darauf, daß das Mädchen meines Bruders Kind ſei. Willſt Du dieſen meinen Wunſch erfüllen? n „Gern,“ ſagte Nina,„und nachdem ſie ſich über⸗ zeugt hatte, daß Niemand im Geſellſchaftszimmer war, verſchloß ſie die Thüre und erzählte mit leiſer Stimme wie folgt: „Du erinnerſt Dich vielleicht noch, daß eine Zeit lang eine Verwandte von mir, eine Couſine Eva Sandér in meinem Hauſe wohnte. Ein halbes Jahr vor meines Mannes Tod verließ ſie unſer Haus und kehrte, wie es hieß, zu ihrer Mutter zurück. Am Morgen deſſelben Tages, da mein Mann ſtarb, kam ein Brief an ihn an. Da er bereits mit dem Tode kämpfte und ohne Bewußtſein war, nahm die Magd den Brief in Empfang und legte ihn auf ſei⸗ nen Tiſch, ohne mir ein Wort davon zu ſagen. Drei Tage ſpäter, als mein Mann beerdigt war, ſah ich zufällig den Brief und erbrach ihn, gerieth aber in nicht geringe Beſtürzung, als ich ihn von Eva unter⸗ zeichnet fand und aus dem Inhalt erfuhr, daß ſie ſchon vor drei Tagen, alſo zu derſelben Zeit, da mein Mann geſtorben war, einer Tochter das Leben gegeben hatte, und daß ſie mit ihm ſprechen wollte. Der Brief war augenſcheinlich in exaltirter Gemüths⸗ 157 ſtimmung geſchrieben und ſchloß mit der Erklärung, daß, wenn ſie nicht unverzüglich mit meinem Mann zu ſprechen Gelegenheit fände, ſie ſich und ihrem Kinde das Leben nehmen würde, da ſie von ihrer Mutter niemals für die Schmach, welche ſie über die Familie gebracht, Verzeihung zu hoffen hätte. Da ſie zugleich den Namen der Frau nannte, bei welcher ſie ſich verborgen hielt, ſo beſchloß ich noch denſelben Abend in der Dämmerung mich zu ihr zu begeben. Ehe ich aber noch meinen Vorſatz aus⸗ führen konnte, kam ein Bote von der genannten Frau, welche mich erſuchen ließ, zu Eva zu kommen, da dieſelbe wahnſinnig geworden ſei.“ Nina fuhr fort: „Ich begab mich dahin, und werde niemals ver⸗ geſſen, wie ich erſchrack, als man mich in ein kleines Gemach führte, wo Eva in einem Anfall von Raſerei dalag und ihr Kind mit beiden Händen feſt hielt, während die Frau alle ihre Kräfte aufbot, es der⸗ ſelben zu entreißen. Aber die Unglüclliche hatte es bereits ſo feſt am Halſe gefaßt, daß das kleine Ge⸗ ſicht ſchon blau und geſchwollen war, und man war nicht im Stande, die zuſammengepreßten Hände auf⸗ zureißen. Ich ſtürzte auf ſie zu und rief:„Eva, Eva! Ich will Deinem Kind eine Mutter werden.— „Der Laut meiner Stimme wirkte wie ein elektriſcher Schlag; ſie ließ das Kind los, ſtarrte mich an, mur⸗ melte dann: Nina!e— und verfiel wieder in De⸗ lirium. Ich blieb die ganze Nacht bei ihr. Am folgenden Morgen ſtarb ſie; aber vor ihrem Tod erhielt ſie den Gebrauch ihrer Sinne wieder, und da verſprach ich ihr, daß Niemand von ihrem Fehltritt 158 halten ſollte. Ich gelobte ihr ſogar, bei ihrem und meines verſtorbenen Mannes Kinde Mutterſtelle zu vertreten.— Wie Du weißt, gab ich es für das meinige aus, und trotz allen Muthmaßens und Flü⸗ ſterns in Weſterköping hat man doch immerdar Thekla als mein Kind angeſehen; und dieß iſt ſie auch, denn ich liebe ſie ebenſo ſehr, wie wenn ich ihre rechte Mutter wäre.“ XXIII. Weihnachten ging in Ackersberg ungewöhnlich ſtill vorüber. Es konnte auch nicht anders ſein, denn Gotthard näherte ſich mit großen Schritten dem Grabe. Eines Morgens während der Feiertage klopfte es an Eugens Thüre. Er war erſt kürzlich in der Heimath angelangt. 8 Als er die Thüre öffnete, ſtand Elma vor ihm, wie zum Ausgehen völlig angekleidet. „Eugen, ich habe ein Geſchäft drunten im Dorfe, — willſt Du mich begleiten?“ „Das iſt klar, meine klein er und griff nach Ueberrock und rraut,“ antwortete ütze. 1 „Ei, mein Lieber, Deine Braut bin ich noch nicht,“ ſagte Elma lächelnd. „Ja ſo, was biſt Du denn?““ „Deine Schweſter.“ „Danke ſchön dafür, aber dieſer Art von Ver⸗ 4 und von meines Mannes Treuloſigkeit Kunde er⸗ 159 wandtſchaft haben wir längſt abgeſagt. Ich will Dich nicht zur Schweſter haben.“ Sie waren nun unten im Hofe. „Da ich noch keinen Ring trage, ſo verbitte ich mir ſowohl den Titel Braut, als Frauchen,“ ſagte Elma lachend und nahm ſeinen Arm. So zogen ſie unter Scherzen ihres Wegs. Als ſie ſo weit vom Hauſe weg waren, daß man ſie nicht mehr ſehen konnte, begann Elma mit einem Aus⸗ druck von Verlegenheit: r „Ich habe Dir Etwas zu ſagen, aber ich fürchte, Dich zu betrüben.“ „Du!— Unmöglich, Elma.“ „Höre, Eugen, wenn wir ein Paar werden ſol⸗ len, ſo iſt doch Alles, was wir, Du und ich, haben, gemeinſchaftlich?“ „Das iſt klar. Wir ſind zwei Hälften, die ein Ganzes werden ſollen, und darum iſt Alles, was wir jetzt und künftig beſitzen, unſer gemeinſchaftliches Eigenthum. Aber warum dieſe Frage?“ „Deßhalb, weil, wenn ich Etwas von Dir haben wollte, dieß ja nur ein Theil von dem wäre, was mir zugehört.“ „Natuͤrlich. Was wünſcheſt Du denn?? „Wenn ich eine Schuld hätte und Dich bäte, ſie zu bezahlen, wie würdeſt Du das anſehen? „Gerade als ob ich eine von meinen eigenen Schulden bezahlte.“ „Biſt Du vollkommen überzeugt, daß ich ohne alle Demüthigung für meine Perſon Dich bezahlen laſſen könnte, was ich ſchuldig wäre?“ 4 8 160 Elma ſprach dieſe Worte mit hochgerötheten Wangen. „Vollkommen. Siehſt Du, liebe Elma, ſeitdem Du mir Dein Herz geſchenkt und meine Frau zu werden verſprochen haſt, gibt es Niemand, welcher Dir ſo nahe ſtände, wie ich. Die Schulden des einen ſind die des andern, gerade wie das Einkom⸗ men, wenn wir einmal dazu gelangen. Es ver⸗ lohnt ſich gar nicht der Mühe, davon zu reden. Ein Mein und ein Dein gibt es nicht für uns. „Schön, ſchön!“ rief Elma mit ſtrahlenden Au⸗ gen.“ Du haſt ſelbſt geſagt: ein Mein und ein Dein gibt es nicht. Nimm' alſo dieß als Weihnachts⸗ geſchenk von mir an; ich habe es auf den Grund hin, daß Deine Schulden auch die meinigen ſind, eingelöst.“ Mit dieſen Worten reichte ſie Eugen ein durch⸗ ſtrichenes Papier. Es war die Schuldverſchreibung, welche der Kronvogt Warén auf ſich hatte übertra⸗ gen laſſen. Eugen ſtarrte das Papier an und warf dann einen Blick auf Elma. Er ſah aus, als ob man ihm einen ſchimpflichen Schlag ins Geſicht gegeben hätte. Als Elma den Eindruck, welchen der Anblick der Schuldveeſchreibung auf ihn machte, wahrnahm, ſchmiegte ſie ſich an ihn und flüſterte: „Liebſt Du mich ſo wenig, daß Dein Stolz ſich darüber empört, wenn ich Dir bei Hinwegräumung der Hinderniſſe, die unſerer Verbindung im Wege ſtehen, ein wenig behülflich ſein will? Eugen, Eu⸗ gen! Biſt Du zu ſtolz, um mir das ſüße Bewußt⸗ 161 ſein zu mißgönnen, Etwas dazu beigetragen zu ha⸗ ben, daß wir dem Ziele unſerer Wünſche um einen Schritt näher kommen?“ „Elma,“ ſagte Eugen,„ſiehſt Du nicht das De⸗ müthigende ein, welches für mich darin liegt, alg Mann eine ſolche Gabe von Dir anzunehmen?“ „Wenn man liebt, wenn man im Begriff ſteht, ſeine Geſchicke zu vereinigen, da gibt es kein Mein und Dein. Dieß haſt Du ſelbſt geſagt, und laß mich nicht glauben, daß Deine Liebe zu mir niedri⸗ ger ſteht, als Dein Stolz.— Niemand außer uns beiden ſoll wiſſen, wer dieſen Schuldſchein eingelöst hat; und nicht wahr, Du wirſt Dich nicht gedemü⸗ thigt fühlen?“ „Aber weißt Du, theure Freundin, wozu ich die⸗ ſes von mir entlehnte und von Dir bezahlte Geld angewendet habe?“ „Ja, ich weiß es, Du biſt unbedachtſam gewe⸗ ſen; aber da ich ohne Zweifel in denſelben Fehler verfallen wäre, wenn ich mich an Deiner Stelle be⸗ funden hätte, ſo laſſen wir das Vergangene mit den Winde davon fliegen, und ſprechen nie mehr avon.“ 3 Damit zerriß Elma die Schuldverſchreibung und ſtreute ſie in kleinen Stückchen in die Lüfte. „Elma! Elma!“ rief Eugen und ſchlang die Arme um ſie. „Nun, nun, keine ſentimentalen Ausrufe und beſonders keine Umarmungen auf offener Landſtraße!“ „Aber ſage mir, wie biſt Du zu ſo viel Geld gekommen?“ hob Eugen nach einer Weile wieder an. „Ja, ſiehſt Du: ein Drittel davon habe ich mir Schwartz, Die Wittwe und ihre Kin der. I. 11 „ „ 8 * 162 erſpart, und die zwei andern Drittel habe ich bei Onkel Gotthard auf unſer kleines Kapital, das zu unſerer häuslichen Einrichtung beſtimmt iſt, aufge⸗ nommen.“ „Dein Kapital, willſt Du ſagen,“ fiel Eugen mit hochgerötheten Wangen ein. „Eugen, wenn Du ſo von Mein und Dein redeſt, ſo werde ich böſe, und ſiehſt Du, da glaube ich nicht, daß Du mich ſo liebſt, wie ich von Dir geliebt ſein will.“ XXIV. Das Jahr darauf im September herrſchte ein unruhiges Treiben und große Geſchäftigkeit in Ackers⸗ berg, das buchſtäblich mit Beſuch vollgepfropft war. Olga mit Mann und Kind ſammt Eugen waren als Gäſte da; außerdem zwei Nähmamſells. Das ganze weibliche Perſonal war vom Morgen bis zum Abend an der Arbeit; denn den zwanzigſten Sep⸗ tember ſollte zu Ackersberg eine Hochzeit gefeiert werden, über welche Jedermann ſich freute, das heißt, Elma und Eugen ſollten die Rolle der Pflegegeſchwi⸗ ſter gegen die der Gatten vertauſchen. Gotthard war in den erſten Tagen des Januar geſtorben und hatte bei ſeinem Tode ſein anſehn⸗ liches Vermögen in drei Theile getheilt. Ein Drit⸗ tel hatte er Nina vermacht, das zweite Drittel er⸗ hielten Eugen und Thekla, das dritte Olga und Elma. Dieſer Umſtand hatte Eugens und Elma's Aus⸗ 163 ſichten in die Zukunft weſentlich verändert und deren Vereinigung beſchleunigt. Glücklich und froh ſahen dieſe beiden, die von Kindheit auf einander geliebt hatten, dem Augen⸗ blick entgegen, da ſie vor Gott und Menſchen Eins werden ſollten. Zu Anfang Oktober mußte Eugen wieder in der Hauptſtadt ſein, da ſein Urlaub auf dieſe Zeit ab⸗ lief. Nina und Thekla ſollten die Neuvermählten nach Stockholm begleiten und einige Wochen bei ihnen zubringen. Olga hatte Eugen geholfen, ſeine häuslichen Einrichtungen in einer Weiſe zu treffen, daß ſie vorausſichtlich Elma's Geſchmack entſprechen mußten. Die erſte Woche ihrer Ehe ſollten dem⸗ nach die jungen Leute noch in derſelben Heimath zubringen, in der ſie aufgewachſen waren, wo ſie unter Spiel und Arbeit einander zu lieben gelernt und Freud und Leid getheilt hatten. Einige Tage vor der Hochzeit, während man an dem Brautkleid nähte, und Olga, Elma und Thekla um den großen Tiſch herumſaßen, welcher mit Stof⸗ fen und Arbeiten aller Art bedeckt war, ſagte eine der Mamſells, welche aus der Stadt gekommen waren, um hilfreiche Hand zu leiſten: „Dieß iſt der zwanzigſte Brautanzug, den ich verfertige, ſeitdem ich auf das Kleidermachen mich verlege, und— merkwürdig genug— aus der Farbe, welche die Braut zu ihrem Anzug wählt, habe ich dabei auf deren Gemüthsart zu ſchließen gelernt.. „Das wäre viel!“ ſagte Olga;„worauf grün⸗ den Sie dieſe Schlüſſe?“ 11* 164 „Auf die Erfahrung. Die Kindiſchen, die Schö⸗ nen, die Eiteln und die ſehr Verliebten wählen immer die weiße Farbe.— Die Ernſten, ſtreng Sparſamen und feierlich Geſinnten wählen die ſchwarze. „Nun, und welche wählen denn Couleur?“ fragte Olga. „Die Beſonnenen und Verſtändigen, welche das Elegante mit dem Zweckmäßigen vereinen wollen.“ „Das heißt,“ fiel Elma ein,„Olga gehört zu den Beſonnenen und Verſtändigen; denn ſie hatte ein hellgraues Brautkleid.“ „Und Du rechneſt Dich zu den Kindiſchen,“ ſagte Olga lachend,„denn Du wählteſt weiß.“ „Oder zu den ſehr Verliebten,“ ſetzte Thekla hinzu. „Nun, was glauben Sie, Mamſell, daß Thekla für eine Farbe wählen wird?“ fragte Elma. „Schwarz,“ antwortete die junge Näherin. „Ja, im Fall ich jemals Braut werde, ſo will ich ſchwarz gekleidet ſein.“ „Und warum das?“ fragte Olga. „Weil Schwarz eine feſtliche Farbe iſt, und weil ich die Heirath für die feierlichſte Handlung im gan⸗ zen Leben anſehe.“ „Habe ich nicht geſagt, Mamſell Ulrici wird die ſchwarze Farbe wählen?“— 165 XXV. Endlich kam der große Tag. Die Zahl der Hochzeitgäſte war aus mehr als einem Grunde ſehr beſchränkt. Oben in dem Zimmer der Mädchen wurde Elma von Nina's Hand bräutlich geſchmückt. Es war dieß nun das zweite der von ihr auferzogenen Kinder, welches ſie jetzt zu dieſem heiligen Act ankleidete, der für Nina im vorliegenden Fall eine doppelte Wichtigkeit hatte, da ihr Sohn der Mann war, milchei die Pflegetochter als Gattin heimführen ollte. Thekla und Olga waren Nina hiebei behülflich geweſen; aber als ſie den Kranz aufſetzen wollte, erhob ſich Elma und flüſterte: „Laßt uns allein, Schweſtern.“ Thekla und Olga entfernten ſich, und Elma ſtand nun in dem weißen wallenden Seidenkleide ſo ſchön vor Nina, daß der Blick derſelben mit eigenthüm⸗ lichem Wohlgefallen auf dem von lebhaften Empfin⸗ dungen gerötheten Antlitz der Pflegetochter weilte. „Mutter,“ flüſterte Elma und faßte, ſich auf die Kniee niederlaſſend, Nina's beide Hände.„Mut⸗ ter, habe Dank für Deine Liebe, für alle die gren⸗ zenloſe Mühe, welche Du gehabt haſt, um mich zu einer guten Frau heranzubilden. Mit Deinem Se⸗ gen als Brautgabe fühle ich, daß mein ganzes Streben darauf gerichtet ſein wird, bei Erfüllung. der theuren Pflichten, die ich zu übernehmen im Be⸗ *das Gebet dieſer Mutter, 166 griff, Dir wenn auch nur annäherungsweiſe gleich zu kommen. Du wirſt als das Ideal der Vollkom⸗ menheit, nach dem ich trachte, vor meiner Seele ſtehen; und daß es ſo iſt, dafür danke ich Dir auf meinen Knieen, glücklich in dem Bewußtſein, daß mein Gatte Dein Sohn iſt. Gott lohne Dir für das, was Du mir vater⸗ und mutterloſen Kinde ge⸗ weſen biſt!“ Nina legte ihre Hände auf das geſenkte Haupt und ſprach mit tiefer Rührung: „Gott ſegne und behüte Dich, mein Kind, auf dem Wege, den Du jetzt betrittſt.“ Dann ſetzte ſie ihr den Kranz auf und um⸗ armte ſie. Eine lange Weile hielten ſie einander umſchlun⸗ gen, unfähig ein Wort zu ſprechen. Es war einer von jenen Augenblicken, wo die Gefühle überſtrömen und kein Wort zu dolmetſchen vermag, weſſen das Herz voll iſt. Wie innig war das Gebet, welches aus Nina's Herzen aufſtieg, als der Sohn und die Pflegetoch⸗ ter vor dem würdigen und allgemein beliebten Probſt knieten! Welche Erinnerungen rief nicht die⸗ ſer Augenblick in ihrer Seele hervor, und wie warm flehte ſie nicht zum Höchſten, Elma mit jedem Kum⸗ mer zu verſchonen und Eugen zu einem guten Ehemann zu machen, damit die Freundin ſeiner Kindheit nie⸗ mals eine Ahnung von den grenzenloſen Leiden er⸗ halte, welche der Frau beſchieden ſind, die gleich ihr ſelbſt, das Opfer der Launen eines grauſamen und tyranniſchen Mannes wird. Gewiß hörte Gott welche ſo gewiſſenhaft 167 ihre Pflichten gegen die eigenen und fremden Kin⸗ der erfüllt hatte. Sollte nicht eine Frau wie Nina auf edle und hochherzige Weiſe genützt haben? Und ſollte nicht ein ſolches Streben, wie das ihrige, viel edler und höher ſein, als wenn ſie ſich dadurch, daß ſie gegen die traurige Stellung der Frauen im Leben zu Felde zune vor der Welt bemerklich zu machen geſucht ätte? XXVI. Am Tag vor der Abreiſe nach Stockholm, als Nina, Olga und die junge Frau mit Einpacken zu thun hatten, war Thekla nach Warnäs gefahren, um ihrer kleinen Schülerin Lebewohl zu ſagen. Als ſie in den Salon trat, fand ſie den Kapi⸗ tän daſelbſt. „Ich komme, um mich von Sally vorübergehend zu verabſchieden,“ ſagte Thekla;„ich habe ihr ver⸗ ſprochen, ſie noch einmal zu beſuchen.“ „Ja, es iſt wahr, Sie wollen uns auf einige Zeit verlaſſen,“ erwiederte der Kapitän.„Arme Sally!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu! „In drei Wochen bin ich wieder hier.“ Der Kapitän faßte ihre Hand und ſagte: „Und die Trennung von den Freunden in War⸗ näs koſtet Ihnen, Thekla, keinen Seufzer des Be⸗ dauerns? Sie freuen ſich ſo ſehr auf die Reiſe nach der Hauptſtadt, daß Sie ganz vergeſſen, wie man Sie hier vermiſſen wird.“ 168 Thekla ſchaute mit ſchüchterner Miene zu ihm auf und ſagte: „Werden Sie mich vermiſſen?“ „Sehr.“ Seine Stimme hatte einen eigenthümlich weichen Accent. „Nicht ſo ſehr, wie ich mich ſehnen werde, Sie wieder zu ſehen, mein theurer Lehrer.“ „Woher wiſſen Sie das, Thekla?“ „Sie vermiſſen mich, wie man eine alte Ge⸗ wohnheit vermißt, aber ich— ich—„. Thekla ſchwieg. „Aber Sie?“ fragte der Kapitän. „Ich vermiſſe das Geſpräch mit Ihnen, die Be⸗ trachtung Ihrer Ueberlegenheit, den Genuß, den es mir ſtets bereitete, Ihren Lehren zuzuhören?“ „Sie vermiſſen mich als Lehrer,“ fuhr er fort und ließ ſeufzend ihre Hand los. „Ein Freund und Lehrer iſt mehr als eine Ge⸗ wohnheit,“ erwiederte ſie. „Thekla, Sie werden in der Haupſtadt viel höher und reicher begabte Männer, als ich bin, finden, und da geräth der alte Freund und Lehrer in Ver⸗ geſſenheit.“ „Niemals.“ „Kind, um dieſes Wort auszuſprechen, ſind Sie noch zu jung; aber ich werde daheim vergeblich in meinen Büchern einen Erſatz für Ihre Geſellſchaft ſuchen. Der todte Buchſtabe entſchädigt wenig für die Freude, welche mir der Austauſch der Gedanken mit Ihnen gewährte. Es wird ſehr leer werden hinter Ihnen, Thekla; aber es iſt gut ſo, daß man 169 ſich bei Zeiten an einen Verluſt gewöhnt, welcher früher oder ſpäter uns treffen muß.“ „Wenn Sie mich ſo ſehr vermiſſen, warum reiſen Sie nicht mit nach Stockholm?“ ſagte Thekla. „Und wozu ſollte dieß dienen?“ „Um den Aufenthalt daſelbſt für uns alle— und insbeſondere für mich, noch angenehmer zu ma⸗ chen. Jetzt werde ich bei jedem neuen Gegenſtand, den ich zu ſehen bekomme, wünſchen, daß Sie an meiner Seite wären und auf Ihre einfache, aber geiſtvolle Weiſe die Bedeutung deſſelben erklärten. Ich werde Sie als den beſſeren Theil meiner ſelbſt vermiſſen.“. „Aber wiſſen Sie, Thekla, was ich einzuſehen beginne?“ „Daß mein Vorſchlag gut iſt.“ „Nein, daß ich noch nicht alt genug bin, um Ihr Mentor zu ſein?“ „Und warum ſollten Sie denn alt ſein? das be⸗ greife ich gar nicht.“ „Aber ich begreife, daß Sie zu jung für mich ſind— und daß ich nicht alt genug bin, um unge⸗ ſtraft Ihr Freund und Lehrer zu ſein.“ „Das iſt ein Räthſel, das ich nicht zu löſen vermag.“. „Wollen Sie, Thekla, daß ich Ihnen die Löſung gebe?“. „Ja.“** „Sie ſind allzu jung, um mich lieben zu können; aber ich bin noch nicht alt genug, um Sie nicht lieben zu können.“. Thekla wich unwillkürlich einen Schritt zurück, f en, 170 wie wenn ſie auf Etwas getreten wäre, und der vorher gehobene Blick ſenkte ſich plötzlich. Es kam ihr vor, als hätte man ihr einen betäubenden Schlag gegeben, welcher eine unerklärliche Empfindung her⸗ vorrief. „Sehen Sie, Thekla, ſchon die bloße Vorſtellung von ſo Etwas erſchreckt Sie. Sie ſind ja ganz bleich geworden und zittern. Kommt es Ihnen ſo widerlich vor, von mir geliebt zu werden? Antwor⸗ ten Sie aufrichtig. 4 „Widerwärtig gewiß nicht, aber—“ „Was?“ Jetzt ſah Thekla wieder auf. Mit einem kind⸗ lich demüthigen Ausdruck in Blick und Stimme ſagte ſie: „Ich komme mir ſelbſt Ihnen gegenüber zu ge⸗ ring vor. Wie wäre es möglich, daß Sie mich lieben könnten, Sie mit Ihren ungewöhnlichen Geiſtes⸗ gaben und tiefen Kenntniſſen?“ „Thekla, es iſt hier nicht die Frage von dem, was möglich, ſondern von dem, was wirklich iſt, und das Wirkliche eben iſt, daß ich Sie ſo liebe, wie ich niemals lieben zu können geglaubt habe. Aber meine Liebe zu Ihnen iſt keine thörichte Lei⸗ denſchaft, ſondern ein ſtarkes und warmes Gefühl, welches vor allen Dingen auf Ihr Glück ſein Ab⸗ ſehen hat. Darum würde ich Ihnen von dem, was in mir vorgeht, kein Wort geſagt haben, wenn nicht Ihre Reiſe nach Stockholm mir die Nothwendigkeit gezeigt hätte, mich von Ihnen fern zu halten und nicht wie ein Träumer noch länger ein Gefühl zu nähren, welches Sie niemals erwiedern können?“ 171 „Und warum ſollte ich es nicht erwiedern können?“ flüſterte Thekla mit glühenden Wangen. „Deßhalb, weil ein junges Mädchen wie Sie nicht gern einem Mann von meinem Alter ſeine Liebe ſchenkt. Ich bin Ihr Freund, Ihr Lehrer, für welchen Sie Freundſchaft hegen, und es thut Ihnen weh, daß ich durch die Zärtlichkeit, welche in meinem Herzen erwacht iſt, leiden ſoll; aber ein Mann in meinen Jahren und mit meiner Gemüths⸗ art ſpielt nicht die Rolle eines Werther.— Die Liebe floh mich, da ich jung war— jetzt will ich meinerſeits vor ihr fliehen und während Ihres Auf⸗ enthalts in Stockholm eine Reiſe ins Ausland an⸗ treten. Wenn ich dann zurückkehre, ſind Sie ver⸗ heirathet und ich— geheilt.“ „Ich werde nicht verheirathet ſein,“ flüſterte Thekla. „Und warum nicht? Sie ſind jung und der Tag wird kommen, daß Ihr Herz ſeine Wahl trifft.“ „Eben weil es ſeine Wahl getroffen hat, werde ich, wenn Sie wiederkommen, nicht verheirathet ſein.“ „Und wen hat es gewählt?“ fragte der Kapitän. mit einer Stimme, in welche er vergeblich einen Ausdruck von Ruhe zu legen ſuchte. „Sie,“ antwortete Thekla mit geſenktem Haupte und beinahe lautloſer Stimme. Schluß. Die jüngſte Tochter der Majorin Klint heirathete den Lieutenant H., welcher trotz der zwei in Ackers⸗ 2 172 berg empfangenen Körbe doch nicht müde wurde, ſein Glück zum dritten Mal zu verſuchen— und dießmal mit beſſerem Erfolg. Die Majorin nahm ihren Wohnſitz bei ihnen. Svante wurde ein tüchtiger Seemann, der nach einigen Jahren ein eigenes Fahrzeug befehligte. Nina genoß die ſeltene Freude, alle ihre Kinder glücklich zu ſehen. Thekla mit ihrem thätigen, reich⸗ begabten Geiſte paßte vortrefflich als Gattin für Eduard Oernſkjöld, welcher, ſelbſt überlegenen Geiſtes, niemals ſein Glück an der Seite einer andern, als einer denkenden Frau, die im Stande war, das Le⸗ ben im Großen zu faſſen und ſich dafür zu intereſſi⸗ ren, gefunden hätte. Thekla vergötterte ihrerſeits ihren Mann und be⸗ wunderte ihn als ein Weſen, zu welchem ſie beſtändig emporſchaute. Daneben war es ihr vergönnt, in der Nähe der Mutter zu bleiben, welche der Gegen⸗ ſtand ihrer grenzenloſen Liebe war und Alles dazu beitrug, um ſie unausſprechlich glücklich zu machen. Einige Jahre ſpäter erhob ſich auf dem Hofe zu Ackersberg, dem alten Gebäude gegenüber, ein neues und ſtattliches Haus, welches der Diſtriktsrichter Eugen Ulrici mit ſeiner Familie bezog. Er war die erſte Magiſtratsperſon der Gegend geworden. Karl war gleichzeitig zum Kronvogt für denſel⸗ ben Bezirk ernannt worden und ließ ſich mit Frau und Kindern ebenfalls in der Nachbarſchaft von Ackers⸗ berg und Warnäs nieder.. Nina ſah ſich ſomit in ihren alten Tagen von allen ihren Kindern und Kindskindern umgeben, ge⸗ liebt und verehrt von Allen. 4 —— —— 173 Kann es einen Beruf auf Erden geben, welcher, recht erfüllt, ſchöner wäre, als der einer Mutter? Gibt es eine Stellung im Leben, worin eine gute und denkende Frau auf edlere Weiſe nützen kann, als eben in dieſer Eigenſchaft?— Und bietet das Erdenleben wohl eine höhere Wonne dar, als die⸗ jenige, welche eine Mutter empfindet, wenn ſie ſich von ihren Kindern geliebt und geehrt ſieht? Ende des zweiten und letzten Bandes. — In unſerm Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Allgemeine Geſchichte der Literatur. Ein Handbuch von Johannes Scherr. Zweite, umgearbeitete und erweiterte Auflage. 37 Bogen Lex.⸗So. broch. Thlr. 2. 6 Sgr.— fl. 3. 36 kr. Der Herr Berſaſſer ſagt in der Vorrede zu dieſer Auflage:„Mein Buch erſcheint in ſeiner zweiten Auf⸗ lage weſentlich umgeſtaltet. Nur we ige Seiten dürften aanz unverändert geblieben ſein. anche Abſchnitte find neu geſchrieben, das Ganze iſt erweitert und ver⸗ vollſtändigt, überall wurde nachgebeſſert, durchgehends der Ton zu objectiv⸗ruhigem Vortrag geſtimmt und in Folge deſſen alles näch zur Sache Gehörige ſtrengſtens ausgemerzt. Auch iſt die zweckdienliche Verbeſſerung eines Regiſters angebracht worden.“ Der ungewöhnliche Anklang, den dieſes Buch in ſeiner erſten Auflage gefunden hat, läßt uns erwarten, daß das Publikum dieſe zweite, in angedeuteter Weiſe verbeſſerte Auflage gleich günſtig aufnehmen werde. Stuttgart. Iranckh'ſche Verlagshandlung — * Buchhandlungen zu beziehen: Dumas, Alexander, ausgewählte Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Sgr.— 6 kr. rh. Die beiden Dianen, 16 Bändchen.— Königin Margot, 10 Bdch.— Die Fünfundvierzig, 15 B. — Iſaak Laquedem, 5 Bdch.— Olympia von Cleves, 15 Bdch.— Eine Tochter des Regenten, 7 Bdch.— Ange Pitou, 12 Bdchn.— Die Gräfin Charny. 32 Bdchn.— Das Brautkleid, 3 Bdch.— Eine corſiſche Familie, Geſchichte eines Todten, Gabriel Lambert, 4 Bdch.— Der Baſtard von Mauleon, 11 Bdch.— Tauſend und ein Geſpenſt, 13 Bdch.— Die ſchwarze Tulpe, 4 Bdchn.— Die Taube, 2 Bdch.— Gott lenkt, 17 Bdch.— Gott und Teufel, 7 Bdch.— Der Pfarrer von Aſhburn, 11 Bdch.— El Salteador, 5 Bdch.— Catharine Blum, 4 Bdch.— Abenteuer eines Schauſpielers, 4 Bdch.— Ingenue, 14 Bdch.— Der Page des Herzogs von Savohen, 14 Bdch.— Die Mohikaner von Pheris, 25 Bdch.— Salvator, 47 Bdch.— Heinrich IV., 6 Bdch.— Der Haſe meines Groß⸗ vaters, 3 Bdch.— Der Wolfsführer, 8 Bdch.— Die Genoſſen Jehu's, 15 Bdch.— Die Gräfin von Verrue, 10 Bdch.— Meiſter Adam, der Ca⸗ labreſe, 3 Bdch.— Karl der Kühne, 10 Bdch.— Die Wölfinnen von Machecoul, 30 Bdch.— Das Horoskop, 12 Bdch.— Black, 12 Bdch.— Horaz' Memoiren, 14 Bdch.— Garibaldi's Memoiren, 15 Bdch.— Der Pechvogel, 8 Boch. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle 4 * 4 5.. 3 Fnſnſſſſſ 8 9 10 11 ſſſſſſſſſſiiſſſſſſſſſſfſſfiſüſſſſſſ 12 13 14 15 16 17