. 8——„ Leihbibliothek „ 4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 8 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und JSeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8§ Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe vor mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 3 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 2 —— Bleher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3.„„——, 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— IFſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer fun Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 4 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Ceiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 “ 3 Ausgewählte MWerke 4 von frau m. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. 4 Stuttgart. 1 Franckh'ſche Verlagshandlung. . 1864. Die Miittwe undl ihre Ninder. Von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. Büchele. Erſter Band. Willſt du erkennen deine Pflicht, Brauchſt nur dein Herz zu fragen. Gyllenborg. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung 1864. — 2 S — 5 . 2 — 2 2 S 2 8 — 2 — 8 2 2 8₰ Sinleitung. In dem Städtchen Weſterköping war eine kleine Geſellſchaft von Frauen bei der Doctorin Rolin zu einem ſogenannten Kaffeekränzchen verſammelt. Man ſchlürfte in allerſchönſter Ruhe den aromatiſchen Trank und machte, wie gewöhnlich, kleine Gloſſen über ſeine Nebenmenſchen. „Aber es iſt doch etwas Sonderbares mit der Kapitänin Ulrici,“ bemerkte die Paſtorin D.„Ich kann mich von meinem Erſtaunen und Argwohn in Bezug auf das Mädchen nicht erholen. Das geht doch nie mit rechten Dingen zu. „Ich bin ganz derſelben Meinung,“ warf die Bürgermeiſterin E. ein.„Ich war ja noch kurz vor des Mannes Tod oben, und da fiel mir wenig⸗ ſtens Nichts auf.“ „Und drei Wochen hernach wurde doch das Kind geboren,“ ſprach mit großem Ernſt die Stadt⸗ räthin H. 3 „Es wird ſich bald zeigen, daß das Mädchen ein untergeſchobenes Kind iſt,“ ſagte die Doctorin. „So denke ich auch. Irgend ein vornehmes Kind, das man vor der Welt verbergen will, und das Nina Ulrici gegen Bezahlung für ihr eigenes ausgibt,“ nahm die Bürgermeiſterin wieder das Wort. „Aber das wäre ja ein ſchändlicher Betrug,“ rief die Stadträthin,„wenn man auf ſolche Weiſe die Menſchen irre leiten wollte, und das Gericht ſollte ſich in die Sache legen und—“ „Ja, da magſt Du zuſehen,“ unterbrach ſie die Doctorin kopfnickend.„Dieſe Nina Ulrici hat alle unſere Männer ſo in der Hand, daß dieſelben Alles thun, was ſie will. Gott behüte, es heißt: ‚Sie iſt ſo unglücklich geweſen;— ſie iſt ein wahrer Engel u. ſ. w.⸗„Ich meines Theils habe ſie nie⸗ mals leiden können, und halte ſie für ein liſtiges Weibsſtück, eine tüchtige Ränkeſchmiedin, welche die Rolle der Demüthigen ſpielt, um alle Herren auf ihre Seite zu bringen. Auch iſt ja der Bürger⸗ meiſter, der Stadtrath H., der Paſtor und mein eigener Mann alsbald vereint geweſen, das kleine Mädchen für deren Kind auszugeben; der Tauf⸗ ſchein und Alles bezeugt, daß es drei Wochen nach des Kapitäns Tod geboren worden iſt.“ „Es iſt empörend, denken zu müſſen, daß ein ſchönes Geſicht die Männer dazu verleiten kann, mit einer ſolchen Abenteurerin gemeinſame Sache zu machen,“ ſeufzte die Paſtorin. „Du kannſt wohl ſagen, eine Abenteurerin,“ fiel die Stadträthin ein,„denn Niemand kann mit Be⸗ ſtimmtheit ſagen, woher ſie eigentlich kommt, oder was ſie geweſen iſt, ehe ſie den verſtorbenen Kapi⸗ tän dahin zu bringen wußte, ihr ſeine Hand zu reichen.“ —— — „O, das iſt mir ſchon bekannt, auch weiß ich, was ſie von Perſon iſt,“ verſicherte die Bürger⸗ meiſterin;„und eben darum ſcheint mir, daß alle die Lobeserhebungen, womit die Herren ſie über⸗ häufen, unziemlich ſind, da ſie allen Grund von der Welt hätte, Gott dafür zu danken, daß der Kapitän Ulrici ſie zur Frau nahm. Ich möchte nur wiſſen, was ohne denſelben aus ihr geworden wäre! Im höchſten Grad unſchicklich iſt es von Männern, welche mit ihren Frauen Vermögen bekommen haben, von denſelben zu verlangen, ſie ſollen ihnen gegenüber ebenſo unterwürfig ſein, wie eine Perſon, welche nicht einen Schilling in's Haus mitgebracht hat.“ „Ja, im höchſten Grade unbillig,“ riefen die Frauen im Chor, denn ſie hatten alle eine ſchöne Mitgift in die Ehe gebracht. „Aber, meine Liebe, von was für einem Men⸗ ſchenſchlag iſt ſie denn eigentlich? fragte die Doc⸗ torin. „Ihre Mutter hatte eine Schule oben in Fal⸗ köping und war die Wittwe eines kleinen Zoll⸗ beamten, welcher ſie und ihre Tochter in großer Armuth hinterließ. Sie gewann ihren Lebensunter⸗ halt von der Schule; das reichte aber nicht weiter, als von der Hand in den Mund, wie man zu ſagen pflegt.— Der Kapitän, welcher Verwandte in Fal⸗ köping hatte, machte einen Beſuch daſelbſt, ſah das Mädchen, verliebte ſich in ſie und führte Mamſell Nina Ahlſtröm als ſeine Frau heim. Nach meiner Anſicht konnte ſie niemals für ein ſo unverdientes Glück dankbar genug ſein, und ich vermag nicht zu begreifen, warum man ihre Demuth preiſen ſoll. Thüre klopft! Ein ſo armes Mädchen, das in aller Eile die Frau eines vermöglichen Mannes wurde und zu einem gewiſſen Rang in der Geſellſchaft gelangte—!“ „Aber es ſoll mit dem hinterlaſſenen Vermögen des Kapitäns ſoſo ſtehen, habe ich ſagen hören,“ ſiel die Stadträthin ein.„Es ſollen beträchtliche Schulden vorhanden ſein, und es wird ſich am Ende noch fragen, ob ſie nicht leer und kahl aus⸗ geht.“ gewiſſen Schadenfreude;„das gäbe dem Hochmuth der ſtolzen Dame einen gewaltigen Stoß;— und es geſchähe ihr ſchon recht, denn hochmüthig iſt ſie von jeher geweſen.“ „Ja das iſt wahr, und der Kleiderſtaat war auch immer zu groß.— Nun, nun, Hochmuth kommt vor dem Fall, und es wäre nicht mehr als gerecht, wenn ſie nun wieder Schule halten dürfte,“ ſagte die Paſtorin. „Schlimme Wünſche gehen nicht in Erfüllung, liebe Alte,“ ſprach eine männliche Stimme von der Thüre her. Die erſchreckten Frauen wandten ſich ſchnell um und auf der Schwelle ſtand der Paſtor. Er trat auf ſie zu und ſagte: „Es wäre chriſtlicher, wenn Sie Theilnahme für die von Sorgen Heimgeſuchte hegten, anſtatt ſich darüber zu freuen, daß ein unſchuldiges und edel⸗ müthiges Weib von Unglück betroffen worden iſt. Wer weiß, wann die Reihe an Sie kommt, und ob nicht das Unglück ſchon morgen an Ihre eigene Was übrigens Frau Ulrici betrifft, „Was Du ſagſt?“ rief die Doctorin mit einer — ——— — - 9 ſo ſteht dieſelbe ſo hoch über Ihnen allen, daß Sie niemals Ihre Stimme gegen dieſelbe erheben ſoll⸗ ten.— Gewiß iſt, daß der Herr, der unſere Tugen⸗ den wägt, die junge Frau nicht härter prüfen wird, als es bereits geſchehen iſt.“ Die Frauen ſchwiegen ſämmtlich. Sie kannten den Paſtor und wußten, daß er ſehr ſtreng ſein konnte, wenn man ihm Anlaß zum Zorn gab. Da wir nun nicht hoffen dürfen, von dem Ge⸗ klatſche noch mehr zu profitiren, wenn wir der klei⸗ nen Geſellſchaft länger zuhören, ſo wollen wir uns ſtatt deſſen zu dem Gegenſtand von allem dieſem Tadel, dieſer Mißgunſt und dieſen ſchlimmen Wün⸗ ſchen verſetzen und mit der Kapitänin Ulrici per⸗ ſönliche Bekanntſchaft machen. In einem ſchönen und ſtattlichen Hauſe am Markte finden wir an demſelben Nachmittag die hinterlaſſene Wittwe des Kapitäns Ulrici in einem kleinen Kabinet, mit einem jungen Mann von dreißig Jahren im Geſpräch begriffen. Die Kapitänin Nina Ulrici war eine hochge⸗ wachſene, ſchlanke Dame, noch im Sommer des Le⸗ bens und in ihrer vollen Schönheit. Sie konnte höchſtens vierundzwanzig Jahre alt ſein. Ihr Angeſicht war mehr einnehmend, als regel⸗ mäßig ſchön. Die dunkeln, großen Augen, mit ihrer unbeſtimmten Farbe, hatten einen ernſten, melan⸗ choliſchen und ſeelenvollen Ausdruck und verliehen dem ovalen Antlitz mit der hohen Stirn einen in⸗ telligenten und zugleich milden Ausdruck. Man las in dieſen Zügen, daß der Geiſt, welcher in der irdi⸗ ſchen Hülle wohnte, ſtarker und reicher Natur war. Die blendende Hautfarbe, das üppige, dunkle Haar, der ſchöne Wuchs— Alles hatte dazu bei⸗ getragen, ihr das Prädikat der Schönheit zu ver⸗ leihen, und machte ſie in der kleinen Stadt Weſter⸗ köping zu einem Gegenſtand der Bewunderung für die Männer, des Neides für die Frauen. Sie war jetzt in tiefe Trauer gekleidet, welche ihrer ſonſt friſchen Farbe Abbruch that und auf die Roſen der Wangen einen bleichen Schatten warf. Die junge Wittwe ſaß in dem obenerwähnten Kabinet, in eine Ecke des Sopha's zurückgelehnt, die andere hatte der vorbemerkte junge Mann ein⸗ genommen. Auch er war ſchwarz gekleidet. „Nun, Gotthard, habe ich Dir Alles auseinan⸗ dergeſetzt, was dieſe Angelegenheit betrifft. Sage mir aufrichtig: habe ich recht gehandelt?“ Dieſe Worte waren von Nina an ihren Schwa⸗ ger, Gotthard Ulrici, gerichtet. „Recht, Nina, das wäre viel zu wenig geſagt. Du haſt hochherzig gehandelt. Ich kann Dich nur bewundern und mich ſelbſt fragen: war er es wohl werth, daß Du ſolche Nachſicht mit ſeinen Schwach⸗ heiten hatteſt, daß Du ſo gewiſſenhaft die allge⸗ meine Achtung ſeinem Andenken zu bewahren ſuch⸗ teſt, dieſem Mann ohne Herz und ohne—“ „Schweige, Gotthard, und bedenke, daß die Feh⸗ ler des Todten mit ihm gleichfalls todt ſind. Nicht 3 11 darfſt Du, ſein Bruder, nicht darf ich, ſeine Wittwe, ihn ſo ſtreng beurtheilen.“. „Nein, wir beide, Du und ich, haben insbeſon⸗ dere Grund, ſchonend mit ihm zu verfahren,“ rief Gotthard bitter, indem er aufſtand und im Zimmer auf und abging.„Wir, die er ſo glücklich gemacht hat, wir haben ja allen Grund von der Welt, zu verſichern, daß er ein edler Menſch geweſen. Nina, Nina, was hat er uns nicht geraubt? Nenne mir eine einzige Tugend von dieſem Mann, welcher ſieben Jahre lang das Leben zu einer Hölle für Dich gemacht hat. Sage mir eine einzige gute Eigenſchaft von dieſem Bruder, gegen welchen ich noch im Grabe einen unverſöhnlichen Groll em⸗ pfinde.“* „Wenn Du in dieſem heftigen und aufgeregten Ton fortfährſt und in Deiner Erinnerung unaufhör⸗ lich die Vergangenheit zurückrufſt, ſo muß ich, mein Lieber, bedauern, daß ich, nach einer Trennung von ſieben Jahren, Dich als Verwandten und Freund gebeten habe, mich zu beſuchen,“ ſagte Nina ſorgen⸗ voll, aber mit Milde.„Und doch, wie ſehr bedarf ich jetzt eines Freundes und einer Stütze!“ „Ach Nina, vergib mir meine aufgeregten Ge⸗ fühle. Vergib, daß das Verfloſſene mit allen ſeinen bittern Erinnerungen mich beſtürmt und mein Inneres in Aufruhr ſetzt. O daß ich dieſe Vergangenheit vergeſſen und aus meiner Seele tilgen könnte!— aber ich vermag es nicht.“ Gotthard warf ſich wieder in die Ecke des Sopha's. Eine weiße, kleine Hand legte ſich auf ſeine Schulter, und eine ſanfte Stimme flüſterte: „Die Vergangenheit kann nicht getilgt werden, aber unſere Pflicht iſt es, erlittenes Unrecht zu ver⸗ geſſen. Ich habe vergeſſen und vergeben; ſollte es wohl Dir, einem Mann, an der Kraft und dem Willen gebrechen, Deinen Kummer zu bekämpfen, wenn ein ſchwaches Weib, wie ich, es gethan hat? Willſt Du, der ſo manche Pflichten zu erfüllen hat, Dich kleinmüthigen Klagen überlaſſen?— Soll das Vergangene, das ſich nicht ändern läßt, mich eines Freundes berauben? Gotthard faßte ihre Hand und drückte ſie mit Rührung an ſeine Lippen. „Du biſt ein Engel, Nina, und ich bin ein— elender Schwächling; aber Du ſollſt mich nicht mehr als ſolchen ſehen. Die erſten Eindrücke waren ſo ſtark, führten mich ſo plötzlich in die Zeit, die einſt geweſen, zurück— aber fort mit dieſen Erinne⸗ rungen! Laß mir den geringen Troſt, daß ich als Freund Dir von Nutzen ſein kann. Laß uns darum wieder auf die Gegenwart und auf die Lage zurück⸗ kommen, in welche er Dich durch ſeinen Tod ver⸗ ſetzt hat.“ „Mich und mein Kind— meine Kinder, ſollte ich ſagen,“ fiel Nina ein. Gotthards Miene umwölkte ſich. „Wenn alle Schulden bezahlt ſind, bleiben von Ulrici's ganzem Vermögen nach der von dem Bürger⸗ meiſter gemachten Berechnung noch ſechs bis ſieben⸗ tauſend Reichsthaler übrig. Darunter ſind alle Gegenſtände, ſelbſt die Möbel begriffen, und dieſes kleine Kapital iſt Alles, was ich mit meinen Kindern für die Zukunft beſitze. Nun, beſter Gotthard, han⸗ 13 delt es ſich darum, wie ich auf die vortheilhafteſte Weiſe dieſe kleine Summe anwenden kann, ſo daß ſie zu unſerem Lebensunterhalt ausreichend iſt.“ „Das mird wohl unmöglich ſein,“ antwortete Gotthard,„Ach!“ ſetzte der junge Mann bitter hin⸗ zu,„damit hat er ſeinem Werk die Krone aufge⸗ ſetzt, daß er Dich und die Kinder ſo gut wie mittel⸗ los der Zukunft entgegenſehen ließ.“ 9 Shon wieder Anklagen!— Gotthard, Gott⸗ ard!“ „Du haſt Recht, ſie führen zu Nichts.“ „Willſt Du meinen Vorſchlag anhören, und mik hernach Deine Meinung darüber ſagen? Ich habe gedacht, ich wolle mir ein kleines Beſitzthum auf dem Lande kaufen; aber nicht in dieſer Gegend, ſondern in einer ganz andern, wo ich vollkommen unbekannt bin, und wo ich nur für meine Kinder leben kann. Bei guter Haushaltung und Arbeit⸗ ſamkeit ſollte ich mich doch auf einem kleinen Be⸗ ſitzthum, das ungefähr in jenem Preiſe ſteht, fort⸗ bringen können,— oder was glaubſt Du, da Du ſelbſt Landwirth biſt?“ „Das glaube ich; aber wie wirſt Du ein Gut auf dem Lande bewirthſchaften können, und wenn es noch ſo gering an Umfang iſt?“ „Du, Gotthard, ſollſt mir zu ſo einem kleinen * Gut und einem zuverläſſigen Oberknecht, der es für mich bewirthſchaftet, verhelfen. Ueberdieß werde ich ſelbſt Alles, was nöthig iſt, zu lernen ſuchen, und durch Weberei, worin ich, wie Du vielleicht weißt, eeinige Geſchicklichkeit beſitze, und auch durch andere HFandarbeiten ſo viel wie möglich zum Ganzen bei⸗ tragen.— Ach! die Arbeit wird mir leicht, da ſie für meine Kinder geſchieht— für dieſe Kinder, die Niemand außer mir haben, der für ſie Sorge trägt. Jede Minute meines Lebens will ich anwenden, um ſie gewinnreich für die Weſen zu machen, welche hinfort meine ganze Welt in ſich ſchließen.“ In dieſem Augenblick kam ein kleiner Knabe von ſechs Jahren herein und hing ſich an die Kniee der Mutter, indem er ausrief: „Das Schweſterchen iſt aufgewacht, Mama.“ „Iſt Debora nicht bei ihr?“ fragte Nina und ſtreichelte das Lockenhaar des Knaben. „Ja, Debora iſt in der Kinderſtube; aber komm“ nur, damit Du ſiehſt, daß ſie wach iſt und doch nicht weint, komm', Mama.“ Der Knabe ergriff die Hände der Mutter und wollte ſie mit ſich fortziehen. „Willſt Du nicht den Onkel Gotthard begrüßen, Eugen?“ „Es bedarf deſſen nicht,“ antwortete Gotthard und ſchob das Kind mit ſichtbarem Widerwillen zu⸗ rück.„Laß ihn gehen, Nina, wir wollen unſer Ge⸗ ſpräch zu Ende füͤhren, ich muß noch dieſen Morgen abreiſen.“ Der kleine Eugen warf einen unfreundlichen Blick auf ſeinen Oheim, ſchlang die Arme um ſeiner Mut⸗ ter Hals und rief: „Ich will ihn nicht begrüßen. Komm' und ſieh nach dem Schweſterchen und laß ihn hier ſitzen. Er ſieht gar nicht artig aus. Komm', Mama, komm'!“ Nina nahm den Knaben an der Hand und führte 2¹ 15 ihn aus dem Zimmer. Als ſie zurückkehrte, rief Gotthard beinahe heftig. „Nina, erſpare mir in den wenigen Stunden, die ich hier zubringe, den Verdruß, dieſes Kind ſehen zu müſſen. Der Anblick ſeines und Deines Kindes iſt mir eine Plage.“ Nina ſchaute ihn mit bekümmerter Miene an. Darauf begann ſie wieder von ihren Angelegenheiten zu reden. Am ſolgenden Morgen reiste Gotthard Ulrici ab, um ſeiner Schwägerin eine kleine, unbemerkte Heimath auf dem Lande zu verſchaffen. Dreizehn Jahre ſpäter. I. Im mittleren Schweden, in einem Thale, welches von einem breiten Fluß durchzogen wird, liegt ein kleines Landgut, Ackersberg genannt, in der Nähe von dem großen, prächtigen Warnäs. Das Wohnhaus ſelbſt beſteht aus einem kleinen, einſtockigen Gebäude und ſieht mit ſeinen hellrothen Wänden, dunkeln Fenſterpfoſten und ſpiegelklaren und klein ſtellt ſich Alles dar. Der von einem grünen Spalier umgebene nd Scheiben, mit Blumentöpfen und weißen Gardinen ganz aus wie ein Dockenkaſten, ſo geputzt, ſo, fein * h 16 mit Schlinggewächſen überkleidete Vorbau, der mit Sand beſtreute, ſauber gehaltene Hof mit ſeinen 2 Ulmen und ſeinem Roſenbeete— Alles hatte etwas ſo Zierliches und Hübſches, daß man unwillkürlich auf den Gedanken gerieth, eine Frau müſſe hier als Beſitzerin ſchalten und walten. Auf der anderen Seite des Gebäudes lag ein kleiner Garten, deſſen nettes, leichtes Staket gleichfalls von der den Frauen eigenen Neigung, Alles ſo an⸗ zuordnen, daß es den Augen ſchmeichelte, Zeugniß gab. Der eine Giebel des Hauſes ging nach einem Hügel, welcher gegen den Fluß abfiel. Von dieſer mit Hängebirken bewachſenen Anhöhe hatte man eine ſehr reizende Ausſicht.— Im Uebrigen begeg⸗ neten dem Auge, wohin man es wandte, nur dicht⸗ belaubte Waldungen und lachende Wieſen. Die Glocken der benachbarten Kirche riefen eben zum Gottesdienſt, und ihr Klang vermiſchte ſich mit den Chören der Vögel, welche von Nah und Fern dem Schöpfer ihr Loblied ſangen. Ueber der gan⸗ zen ſonnenbeſchienenen Natur weilte eine andachts⸗ volle Stille, als ob jedes Blatt, jede Blume, jeder Grashalm in frommer Demuth den Sabbat des Herrn feierte.. In dem kleinen Hauſe war Alles ſtill geblieben, bis der mahnende Schall der Glocken ſich durch die Luft ſeinen Weg zu den Bewohnern des Thales bahnte. Da erſchienen plötzlich drei junge Mädchen unter dem Vorbau. Hinter ihnen zeigte ſich eine hohe, ſchlanke Frau, mit einem von jenen Geſichtern, welche niemals altern, und auf welchen der Blick 17 unwillkürlich mit einem eigenthümlichen Gefühl von Wohlbehagen und Intereſſe verweilt, da man daſelbſt das Gepräge reicher, ungewöhnlicher Seelenbegabung zu erkennen vermeint. Nach ihrem Ausſehen zu urtheilen, konnte ſie etwa dreißig Jahre alt ſein; in Wirklichkeit hatte ſie bereits ihr ſechsunddreißigſtes zurückgelegt. Ueber dem dunkeln Haar trug ſie eine einfache aber geſchmackvolle Haube, welche ihrem ganzen Aus⸗ ſehen etwas Ehrbares gab. An ihrer Kleidung be⸗ merkte man, daß ſie nicht die Abſicht hatte, mit den Mädchen in die Kirche zu gehen. „Adieu, ſüße Tante,“ ſagte die älteſte, eine hoch⸗ gewachſene, ſchlanke, ſiebzehnjährige Blondine, mit ruhigen und milden Zügen, und küßte die Frau. „Es iſt recht verdrießlich, ſüße Tante, daß Du nicht mit in die Kirche gehſt,“ rief die andere, ein kleiner Wildfang von ſechszehn Jahren, mit blauen Augen und allzeit lächelndem Munde.„Nun kann ich im Voraus ſagen, daß ich nicht im Stande ſein werde, meine Gedanken auf das, was der Prediger ſagt, zu richten, ohne daß ſie ſich wieder zu Dir und dem unerträglichen Eugen zurück wenden, der geſtern ſeine Heimkehr nicht bewerkſtelligen konnte. „Wenn dem ſo iſt, meine kleine Elma, ſo thäteſt Du beſſer, hier zu bleiben, als ohne Andacht in Gottes Haus zu gehen,“ antwortete die Tante und ſtreichelte lächelnd die blühenden Wangen des Mädchens. „Ah, ich gehe ſchon mit Andacht hin,“ bemerkte Elma lächelnd;„denn wenn ich an Dich denke, ſo denke ich an Jemand, der Gott nahe ſteht,— Lebe Scwart, die Wittwe und ihrs Findere T. 2 — wohl! Laß Dir in der Einſamkeit die Zeit nicht all⸗ zu lang werden!“ 5 Damit hüpfte ſie die wenigen Stufen der Treppe hinab in den Hof. 3 „Adieu, liebe Mama,“ ſagte die jüngſte, ein Mädchen von dreizehn Jahren, bleich, düſter und auf den erſten Anblick beinahe häßlich; betrachtete man ſie aber näher, ſo erſtaunte man darüber, daß man ſie hatte häßlich finden können, ſo magiſch feſſelnd waren die großen, ſchwarzen Augen mit ihrem tie⸗ fen, unergründlichen Ausdruck, und man bekam dann eine Ahnung, daß dieſes magere, gelblich⸗bleiche Kind mit ſeinem rabenſchwarzen Hagr, ſeinen farbloſen Lippen und ſeiner unregelmäßig geformten Naſe eines Tags viel ſchöner werden dürfte, als ihre bei⸗ den blühenden und jugendlichſchönen Begleiterinnen, Als ſie den Arm um den Hals der Mutter legte, und dieſe ſich niederbeugte, um das Mädchen zu küſ⸗ ſen. weilte ein Sonnenſtrahl gegenſeitiger Liebe auf beider Angeſicht. Etwas, das einem Ausdruck hefti⸗ ger Leidenſchaft glich, blitzte in den Augen des Mäd⸗ chens, während ſie flüſterte. „Mama, Du wirſt mich doch in der Freude über Eugens Wiederſehen nicht vergeſſen!“ 2„Dich vergeſſen, meine kleine Thekla? Habe ich jemals Dich vergeſſen?“ „Ach nein, aber ich möchte nur, daß Du mich allein lieb hätteſt. „Und Deinen Bruder nicht? „O ja, liebe ihn nur, aber mich am meiſten!? „Ich liebe Euch beide gleich ſehr,“ antwortete die Mutter und küßte das Mädchen, indem ſie —,— — 19 hinzuſetzte:„Gott ſei mit Dir, mein kleiner Lieb⸗ ling!“ Azögernden Schrittes folgte Thekla den andern Mädchen, welche bereits unter der Gitterthüre des Hofes ſtanden.. Die Kapitänin Nina Ulrici— denn der Leſer hat wahrſcheinlich ſchon in der beſchriebenen Frau die junge Wittwe erkannt, wit welcher wir zu An⸗ fang dieſer Geſchichte Bekanntſchaft gemacht haben— blieb ſtehen und ſchaute ihnen nach. Wie ſie dort ſtand, konnte Nina noch immer ſchön genannt werden. Es lag etwas ſo Einfaches und zugleich Lebensfriſches in ihrem ganzen Weſen, daß man ſie zu betrachten niemals müde wurde. Als die Mädchen aus ihren Blicken verſchwun⸗ den waren, kehrte ſie in das Haus zurück, und wir benützen dieſe Gelegenheit, um die Lokalitäten näher in Augenſchein zu nehmen. Aus dem geräumigen Hausflur gelangte man in ein großes Eckzimmer mit 4 Fenſtern. Daſſelbe war ganz einfach möblirt und ſah mehr wie ein Wohn⸗ oder Geſellſchaftszimmer, als wie ein Salon aus. Es befanden ſich daſelbſt zwei Sophas von gebeiztem Birkenholz mit ſelbſtgewobenem, roth und weißem Ueberzug; außerdem ein gebeizter Bücher⸗ ſchrank, ein Piano, zwei Nähtiſche vor zweien der Fenſter, ſammt einem großen runden Tiſch in der Mitte. Alle Möbel waren äußerſt einfach; aber Alles war ſo ſauber gehalten und mit ſo viel Geſchmack geordnet, daß es ein Gepräge von Eleganz erhielt. 353 2* 20 4 41 g Alle Fenſter waren mit Blumen angefüllt, welche einen angenehmen Geruch im Zimmer verbreiteten. Zur Rechten von dieſem Zimmer befand ſich Nina's Schlafgemach, auf der andern Seite die Küche. Ackersberg beſuchten, daſelbſt über Nacht bleiben wollte. Ue Ul in der Wohnung der Wittwe offenbarte ſich die größte Genügſamkeit mit dem höchſten Grade von Ordnung und Reinlichkeit. Man ſah, daß die Mittel beſchränkt waren, aber daß die Hand, welche in der kleinen Behauſung waltete, ihr alle mögliche Bequemlichkeit zu geben ſich bemüht hatte. In allen Zimmern waren weiße Gardinen, blanke Scheiben und Blumen, der einzige Luxus, der ſich in dieſem kleinen, einfachen aber reizenden Heimweſen fand. Als Nina in das große Gemach trat, welches von den Mädchen das⸗Geſellſchaftszimmer genannt wurde, wandte ſie ſich nach dem Eckfenſter und ſah auf die Landſtraße hinaus. An dem Ausdruck von Erwartung, der in jedem Zuge zu leſen war, ließ ſich erkennen, daß ſie mit ganzer Seele nach einer ihrem Herzen theuren Perſon ausſchaute. Während ſie dort, den Blick auf die Straße ge⸗ richtet, ſtehen bleibt, wollen wir Dich, mein lieber Leſer, mit dem Verhältniſſe, in welchem die jungen Mädchen zu Nina ſtanden, ein wenig bekannt machen. Als Nina durch ihres Schwagers Fürſorge Ackers⸗ 21 berg gekauft und ihren Wohnſitz dorthin verlegt hatte, war ihres Mannes Schweſter, eine Wittwe Melbéen gleichfalls mit Tod abgegangen. In ihrem Teſta⸗ ment hatte ſie verordnet, daß ihre beiden kleinen Mädchen bei Nina in die Koſt gegeben werden und unter deren Pflege verbleiben ſollten, ſo lang als dieſe ſelbſt am Leben, oder die Mädchen unverhei⸗ rathet wären. 3 Dieß war für Nina in ihren beſchränkten Um⸗ ſtänden eine große Hülfe, und wenn ihr daraus auch eine größere Verantwortlichkeit und mehr Ar⸗ beit und Mühe erwuchs, ſo fühlte ſie ſich für dieſe Zugabe zu ihrem Einkommen der Vorſehung zur Dankbarkeit verpflichtet. Unter unaufhörlicher Thätigkeit war die Zeit ſchnell vergangen. Nina's Sohn war jetzt neunzehn, ihre Tochter dreizehn Jahre alt, und ihre Pflegekin⸗ der waren zu ein paar blühenden Jungfrauen heran⸗ gewachſen. Nach dieſer kurzen Erläuterung kehren wir zu der noch jungen Wittwe zurück; denn für eine Wittwe ſind ſechsunddreißig Jahre kein hohes Alter, ganz anders als bei Frauenperſonen, die noch in ledigem Stande leben. Nina hatte das Fenſter geöffnet und ſtand vor demſelben, den Blick auf die Landſtraße geheftet und aufmerkſam auf jedes Geräuſch horchend, das ſich aus der Ferne vernehmen ließ. Aber wiewohl ein Wagen nach dem andern zur Kirche fuhr, kam der noch nicht zum Vorſchein, nach welchem ſie mit geſpannter Erwartung ſpähte.. Müde vom Stehen, ſetzte ſie ſich endlich nieder, hatte aber noch immer die Augen draußen, bemerkte ſomit nicht, daß Jemand die Thüre öffnete und in das Zimmer trat. Der Eintretende war ein hoch aufgeſchoſſener, ſchlanker Jüngling, mit einem Angeſicht, das in ſei⸗ nem lebhaften und friſchen Ausdruck ein Bild des lächelnden Frühlings war. Die großen, klaren, lichtbraunen Augen funkelten von Lebensluſt, Geſundheit und Freude; der halb⸗ offene Mund, mit den perlweißen Zähnen, lächelte ſchalkhaft. Eine Maſſe dunkelbrauner Locken um⸗ gab eine Stirne, ſo hoch und ſo wolkenlos, daß es ſchien, als könne dieſelbe niemals von Sorge oder Kummer beſchattet werden. Der Jüngling, welcher ſo unbemerkt eingetreten war, ſchlich ſich auf den Zehen zu Nina hin, wäh⸗ rend er mit einem Lächeln voll Glück und Liebe die⸗ ſelbe betrachtete. Als er hinter ihrem Stuhle ſich befand, legte er ihr beide Hände vor die Augen und rief mit verſtellter Stimme: „Nach wem ſchauen Sie, meine Gnädige?“ „Eugen!“ rief Nina und drehte ſich um, indem ſie auf ſolche Weiſe ſich von ihres Sohnes Händen befreite. Mutter und Sohn hielten einen Augenblick einan⸗ der umfaßt. Es war eine Umarmung, ſo voll von Wonne und Liebe, daß gewiß die Engel im Himmel auf dieſe Beiden, die ſich durch ihr gegenſeitiges Wiederſehen ſo beglückt fühlten, mit Freude her⸗ niederſchauten. Endlich machte ſich Nina aus ihres Sohnes Ar⸗ men los und betrachtete ihn mit einem Ausdruck, 23 wie ihn nur einer Mutter Liebe in ein menſchliches Auge legen kann. „Mein lieber Junge, ſo habe ich Dich alſo wie⸗ der!“ flüſterte ſie und drückte ihre Lippen auf ſeine Stirne. „Und ich, ich bin endlich wieder bei Dir, und in dieſer lieben, lieben Heimath!“— und damit ſchlang er noch einmal ſeine Arme um die Mutter und ſetzte mit gerührter Stimme hinzu:„Du gute, Du geliebte Mama!“ ** * Noch einige Augenblicke vergingen unter dem Austauſch einer Freude, die man ſich leicht vorſtel⸗ len kann, aber vergeblich zu ſchildern verſuchen würde. Sie erlitt endlich eine Unterbrechung durch das Er⸗ ſcheinen einer alten Frau, welche, ſobald ſie Eugens anſichtig wurde, die Hände über dem Kopf zuſam⸗ menſchlug und ausrief: „Herr, mein Schöpfer, da iſt Er ja! Wie in aller Welt iſt Er nur hereingekommen.— Und ich ſitze da und warte auf ihn ſeit heute früh vier Uhr! Iſt Er durch das Fenſter hereingekommen? Oder iſt Er durch die Luft géflogen? Hat Er—?“ „Debora in ſeinen Armen?“ fiel ihr Eugen in’s Wort und umſchlang die alte Frau und begann mit ihr im Zimmer herumzutanzen, während ſie ſich von ihrem Erſtaunen noch immer nicht erholen konnte. „Seh' Er zu, will Er mich nun loslaſſen und ſich ordentlich aufführen, oder iſt Er immer noch ein ſolcher Poſſenreißer wie ehedem? Laß⸗ Er mich 24 los, oder ich verſetze Ihm Eins hinter die Ohren!“ brummte Debora, die ſich nur ſehr widerſtrebend im Kreiſe herumdrehen ließ; aber ſie ſchaute dabei den Jüngling ſehr freundlich an, und er lachte, ohne die mindeſte Furcht vor der verheißenen Ohrfeige. Endlich blieb er ſtehen und ſagte: „Was haſt Du nun davon, daß Du ſieben volle Stunden da geſeſſen biſt und auf mich gewartet haſt? Ich ſchlich mich gerade vor Deiner Naſe in's Haus, und Du haſt mich doch nicht geſehen.“ „Er iſt mir ein rechter Tanzmeiſter, muß ich Ihm ſagen, und Er verdiente einen tüchtigen Wiſcher da⸗ für, daß Er nicht geſtern gekommen iſt und dadurch heute eine arme Frau verhindert hat, in Gottes Haus zu gehen.“ „Warum biſt Du nicht hingegangen? Ich habe Dich nicht gebeten, daheim zu bleiben. „Ja, da könnte Er zuſehen! Ich ſoll wohl fort⸗ gehen, wenn Er heimkommt und dann kein ordent⸗ liches Frühſtück findet? Wie kann Er doch ſo dumm herausſchwatzen! Aber halt' Er mich nicht länger mit ſeinem Geplapper auf, denn ich muß Ihm Et⸗ was zum Eſſen herrichten. Er hat, kann ich mir vorſtellen, noch ſeinen guten Appetit wie ſonſt. Ein wohlgerathenes Kind iſt Er beim Eſſen immerdar geweſen, und—“ Damit ging Debora hinaus. 3 Eugen wandte ſich lächelnd zu der Mutter. „Sie iſt immer noch dieſelbe,“ ſagte er. „Immer dieſelbe warme Anhänglichkeit an uns.“ „»Nun— nun, ſie hat ſo gut wie Mutterſtelle bei Dir vertreten, liebe Mama; denn ſie iſt Deine 4 25 Amme und Wärterin geweſen, und zudem, wer ſollte Dich nicht lieben? Es würde mich wundern, wenn ſie es nicht thäte. Ach! ich erinnere mich noch ganz wohl, wie ſie des Abends, wenn ſie uns Kindern eine rechte Freude machen wollte, von Deinen Kin⸗ derjahren erzählte, wie geſcheit, wie ungewöhnlich klug und verſtändig Du geweſen— ein wahres Muſter von einem Kinde.“ „In Debora's Augen, aber wohrſcheinlich nicht in denen anderer Leute,“ erwiederte Nina und nahm ihres Sohnes Arm.„Laß uns jetzt zum Frühſtück in die Laube hinuntergehen. Wenn ich Debora recht kenne, ſo hat ſie Deine Vorliebe, dort zu eſſen, noch friſch im Gedächtniß bewahrt.“ II. Die Glocken verkündeten den Schluß des Gottes⸗ dienſtes, und eine Weile hernach wurden drei Mäd⸗ chen auf dem Wege, der nach Ackersberg führte, ſicht⸗ bar. Zwei kamen ganz ruhig gegangen, aber die dritte ſprang beinahe und war den andern eine große Strecke voraus. Eugen und Nina ſaßen auf der Bank vor dem Hauſe. „Kannſt Du errathen, welche von den Mädchen es iſt, die ſo heranſpringt?“ fragte Nina. „O, das iſt nicht ſchwer,“ antwortete Eugen la⸗ chend und ſtand auf.„Elma, natürlich; aber ich will ihr die Hälfte des Weges erſparen und Ungeduld verkürzen.““ 26 Mit einigen Sprüngen war Eugen an der Git⸗ terthüre, und einen Augenblick darauf hatte er Elma um den Leib gefaßt. ¹ Das junge Mädchen ſchlang unter ausgelaſſenem Lachen ihre Arme um den Hals ihres Pflegebruders. „Du böſer, garſtiger Eugen, warum biſt Du nicht geſtern gekommen? Aber um ſo luſtiger, ach, um ſo luſtiger, daß Du jetzt da biſt!“ Sie legte ihre Hände auf ſeine Schultern und betrachtete ihn, indem ſie fortfuhr: „Wie Du gewachſen biſt, und—“ „Schön geworden biſt,“ ergänzte Eugen, nahm Elma’'s Arm, legte ihn in den ſeinigen und ging den andern Mädchen entgegen. „O nein, das denke ich gewiß nicht,“ antwortete Elma, mit einem leiſen Naſerümpfen,„das brauchſt Du gerade nicht zu gkauben, weit entfernt.“ „Dann bildeſt Du Dir wohl ein, ich ſei häßlich geworden?“ fragte Eugen mit einer Miene, welche ernſt ſein ſollte. „Das biſt Du immerdar geweſen,“ erwiederte Elma lachend;„aber groß— biſt Du geworden.“ „Aber meine kleine Elma, ſo ſpricht man zu einem Schulknaben, doch nicht zu einem Studenten,“ bemerkte Eugen, indem er die weiße Mütze auf dem Kopfe zurecht ſetzte und ſich ein mächtig ſtolzes Aus⸗ ſehen gab. „Du mußt aber wohl bedenken, daß ich nicht mehr die kleine Elma, ſondern ‚Manmſell Elma bin, das ſoll heißen: ich bin erwachſen, ich bin be⸗ reits konfirmirt und zur Beichte gegangen und habe darum das Recht, alle mögliche Artigkeit und Auf⸗ 1 27 merkſamkeit zu verlangen; es iſt deßhalb ganz und gar unpaſſend, daß Du ſo daher geſprungen kommſt und mich ſo um den Leib faſſeſt, wie Du gethan haſt.“ Elma zog wieder die Naſe ein wenig in die Höhe und ſchaute etwas vornehm drein.. „Aber dann ſchickt es ſich auch nicht für eine ſolche Dame von gutem Ton, ihrer Geſellſchaft vor⸗ auszuſpringen, um ſich einem jungen Mann in die Arme zu werfen, ſo wie Du gethan haſt,“ entgegnete Eugen lachend,„und da ich um ganze zwei Jahre älter bin, als Du, ſo werde ich wohl Hand an Deine Erziehung legen müſſen, damit Du beſſer lernſt, was ſich ſchickt und nicht ſchickt.“ „Das iſt eine ganz überflüſſige Mühe!“ rief Elma. „Halt, Kamerad,“ fiel Eugen ein, und jetzt ſtan⸗ den ſie vor den beiden andern Mädchen. Eugen nahm die Mütze ab, beugte ein Knie vor der ältern und ſprach: „Ich grüße Sie, ſchöne Dame!“ „Und ich erlaube Ihnen, Herr Ritter, meine Hand zu küßen.“. „Schön, Olga!“ rief Eugen und küßte die dar⸗ gebotene Hand, ſprang auf und umarmte ſeine Pflege⸗ ſchweſter herzlich. Alsdann wandte er ſich zu Thekla, welche ihn mit einer Miſchung von Zärtlichkeit und Neid betrachtete. „Nun, mein kleiner Liebling, willſt Du nicht auch Deinen Bruder begrüßen? Was für ein fin⸗ ſterer Blick, Thekla; biſt Du nicht erfreut, mich zu ſehen?“. „Und was hat das zu bedeuten, ob ich mich 28* freue, oder nicht? Ich bin ja doch die letzte, welche Du grüßeſt, die letzte, an welche Du denkſt,“ ſtam⸗ melte Thekla, und eine aufſteigende Thräne verdüſterte das dunkle Auge. „Weißt Du denn nicht, wie herzlich ich Dich lieb habe, mein liebes, liebes Schweſterchen?“ ſagte Eu⸗ gen, indem er ſie mit einem ſonnenwarmen Blick anſah.„Soll ich, wenn ich meine Geſchwiſter be⸗ grüße,— denn das ſeid ihr ja alle— vorher mich darauf beſinnen, wem ich zuerſt oder zuletzt meinen Gruß zuwenden ſoll?“ Er küßte ſie und ſtreichelte die bleichen Wangen. Thekla ſchwieg und ſchmiegte ſich mit einem hal⸗ ben Lächeln, das indeſſen etwas mehr von Beküm⸗ merniß, als Zufriedenheit verrieth, an ihn an. Unter heitern Scherzen wanderten alle vier nach Hauſe. Thekla ſprach am wenigſten; aber ſie hielt ihres Bruders Hand und ſchien unter keiner Be⸗ dingung ihren Platz an ſeiner Seite aufgeben zu wollen. III. Am folgenden Tage finden wir Nachmittags un⸗ ſern jungen Studenten im Gras auf dem Hügel ausgeſtreckt, welcher ſich nach dem Fluſſe hernieder⸗ zog, in vollem Streite mit Elma, welche nicht weit davon ſaß und nähte. „Ci ſieh', liebe Elma, geſtehe nur, daß Du recht froh darüber biſt, mich wieder zu Hauſe zu haben?“ ſagte Eugen und warf einen ſchelmiſchen Blick auf ——— das junge Mädchen, welches in einem Anfall übler Laune mit größtem Eifer drauf losnähte. „Ganz und gar nicht, nachdem Du vergeſſen haſt, Gold⸗ und Buntpapier zu unſerem Maibaum zu kaufen. Außerdem haſt Du nicht Nagelsgroß mit⸗ gebracht, um uns eine Freude damit zu machen. Che Du Student wurdeſt, biſt Du viel artiger ge⸗ weſen.“ „O nein, ich bin nur ſparſamer geworden,“ ant⸗ wortete Eugen mit großem Ernſt.„Im Uebrigen war ich gezwungen, auf eigene Rechnung Ausgaben zu machen, mußt Du wiſſen, und dieß hat meine Mittel erſchöpft.“ „Du biſt Egoiſt geworden, und das iſt ganz häßlich. Ich kann Dich gar nicht mehr leiden.“ „Du biſt mir alſo fruͤher nur wegen meiner klei⸗ nen Geſchenke gut geweſen?— Da biſt Du eigen⸗ nützig, liebe Elma.“ „Eigennützig!— ich?“ rief Elma heftig. „Ja, gewiß! Du kannſt mich nicht mehr leiden, weil ich kein Geſchenk mitgebracht habe.“ „Ich bin aber doch überzeugt, daß Du Goldpa⸗ pier bei Dir haſt!“ Eugen faßte ihre Hände und zog ſie zu ſich ins Gras herab, während er ſagte: „Konnteſt Du wirklich glauben, daß ich etwas vergeſſen würde, was dazu beſtimmt iſt, Euch Freude zu machen?“ „Aber Du haſt ja ſo geſagt.“ „Dann hätteſt Du mir nicht glauben ſollen. Merke Dir das, Elma, ein für alle Mal, daß ich niemals Etwas vergeſſen kann, das zu Eurem Ver⸗ 30 4 gnügen dient, und lerne davon, daß wenn ich ein anders Mal ſage, es ſei doch geſchehen, dieß nur zum Scherz geſprochen iſt.“ Es ſollte eine Zeit kommen, wo Elma Eugen an unter muntern, kindlichen Scherzen. „Und wenn man es recht betrachtet, ſo haſt Du vielleicht auch für die Tante und uns ein kleines Geſchenk zur Hand.“. „Das iſt klar— was mich allein verwundert, iſt nur, daß Du anders glauben konnteſt.“ ßen,“ antwortete Elma. „Nur auf eine Weile?“ fragte Eugen. „Es wäre gar zu einförmig, wenn wir beſtän⸗ digen Frieden hätten,“ erwiederte Elma, V„Und ein wenig Zank und Streit Hat ſein Gutes allezeit,“ ſetzte ſie ſingend hinzu. „Eben dieſe Deine Neigung zur Zänkerei bewirkt aber, daß ich Dich, wenn ich mir die Sache recht überlege, nicht zur Frau haben mag,“ ſprach Eugen mit komiſchem Ernſt.„Bilde Dir alſo nur nicht ein, daß wir ein Paar werden.“ „Davon iſt bei mir ganz und gar keine Rede,“ antwortete Elma, den Kopf aufwerfend;„denn wir ſind niemals ſonderlich gute Freunde geweſen.“ „Ach!l das iſt wahr! Ich vergaß, daß Du noch viel zu ſehr Kind biſt, um zu wiſſen, was Freund⸗ Puppe, meine kleine Elma?“ dieſe Worte zu erinnern hatte, aber nicht, wie heute, 4„So wollen wir alſo eine Weile Frieden ſchlie⸗ ſchaft oder Liebe iſt. A propos— was macht Deine 31 Elma gab mit ihrer kleinen Hand Eugen einen leichten Schlag auf ſeine friſche Wange und ſprang dann davon, hätte aber beinahe Frau Ulrici, welche unbemerkt herangetreten war, über den Haufen ge⸗ rannt. „Ich glaube gar, Ihr zankt mit einander, Kin⸗ der,“ ſagte Nina freundlich. „Ach, Tante, er iſt ſo abſcheulich,“ antwortete Elma lachend. „Glaube ihr nicht, Mama, ſie iſt ſo händel⸗ ſüchtig.“ „Ihr ſeid beide ein paar ungezogene Kinder,“ bemerkte Nina und küßte Elma auf die Stirne. „Die Mädchen von Warnäs ſind da und halten Rath mit Olga und Thekla wegen des Maibaums; ſie wollen auch Dich im Concilium haben, meine liebe Elma.“ „Hal das iſt luſtig!“ rief Elma und ſprang davon. Nina ſetzte ſich ins Gras nieder und ſagte, indem ſie liebkoſend mit der Hand über das ſchöne Haupt des Sohnes fuhr: „Wie findeſt Du die Mädchen? Sind ſie ſich gleich geblieben?“ „Ja und nein.— Das heißt, Elma und Olga ſind in Bezug auf Gemüth und Charakter dieſelben wie zuvor, obwohl mit ihrem Ausſehen eine weſent⸗ liche Veränderung vorgegangen iſt;— aber Thekla—“ ‚Nun, warum fährſt Du nicht fort?“ „Deßhalb, weil ich, Mama, Dich nicht verletzen oder betrüben will.“ 3 „Die Wahrheit verletzt niemals, mein Knabe, und 32 überdieß, was ſollte es für Fehler bei meiner kleinen liebenswürdigen Thekla geben, welche Du mir nicht ſagen dürfteſt? Du haſt ja ſelbſt immer ſo viel auf ſie gehalten.“ „Und das thue ich noch, Mama; oder glaubſt Du, daß meine Anhänglichkeit an Thekla ſich ver⸗ mindert habe?“ „Nein, das glaube ich nicht; aber ſage mir, worin ſie ſich verändert hat?“ „Haſt Du das nicht ſelbſt bemerkt!“ „Nicht, daß ſie ſich verändert, wohl aber, daß ein Fehler, welcher in ihrer Gemüthsart und ihrem Charakter liegt, ſich ſtärker entwickelt hat und deut⸗ licher an's Licht getreten iſt.“ „Dieſen Fehler habe ich früher nicht an ihr be⸗ merkt.“ „Du allerdings nicht, mein Junge, wohl aber ich, und ich habe auch mit Beſorgniß erkannt, daß ich demſelben nicht entgegenzuarbeiten vermag.“ „Und dieſer Fehler, Mama?“ „Iſt Neid.— Iſt es nicht das, was Du mir ſagen wollteſt?“ „Ja. Aber konnte nur dieſes Gefühl in einem Herzen entſtehen, welches unter Deiner Leitung, meine gute, geliebte Mama, geſtanden iſt?“ „Ach! Eugen, bei Thekla kommt dieſer Neid nicht von einem Mißbehagen über die Vorzüge An⸗ derer, ſondern von einem Uebermaß des Gefühls her, und dieſes bewirkt, daß ſie ſich einbildet, Niemand liebe ſie ſo innig, wie ſie ſelbſt liebt.— Noch viel zu ſehr Kind, um die Anhänglichkeit Anderer klar beurtheilen zu können, unterſchätzt ſie dieſelbe und 33 bildet ſich ſtets ein, daß man auf ſie am wenigſten halte. Wäre Elma noch ſo ſchön, ſo reich und ſo vortheilhaft ausgeſtattet, Thekla würde ſie um dieſe Vorzüge nicht beneiden; aber die mindeſte Liebkoſung, welche ich meinerſeits Dir zu Theil werden laſſe, ſchmerzt ſie, und ſie glaubt ſich zurückgeſetzt, vergeſ⸗ ſen und verſtoßen. Sie ſelbſt hängt ſo herzlich an Dir, daß es kein Opfer gäbe, welchem ſie Deinet⸗ willen ſich nicht zu unterwerfen bereit wäre;— — aber wenn ſie ſieht, daß ich Dich liebkoſe, ſo umwölkt ſich ihr Blick, und ſie glaubt, daß Du von mir mehr geliebt werdeſt, als ſie. Der Neid ſchließt bei ihr mehr ein bitteres Leiden für ſie ſelbſt, als Verdruß gegen diejenigen in ſich, welche ſie ſich vor⸗ gezogen glaubt, und bildet ſomit eine Empfindung, der ſich nur ſchwer entgegenarbeiten läßt.“ „Wie ſeltſam, Mama, daß es mir niemals ein⸗ gefallen iſt, Zweifel darüber zu hegen, ob Du oder die Schweſtern mir zugethan ſind, oder auch nur dem Gedanken Raum zu geben, daß eine von ihnen mir vorgezogen würde. Ich bin davon ſo ſehr über⸗ zeugt, daß ich es für eine Unmöglichkeit anſah, ihr könntet mich nicht wieder lieben. Biſt Du im Stande, mir dieſe Verſchiedenheit zwiſchen mir und Thekla zu erklären? Wenn Du gegen Eines von uns bei⸗ den parteiiſch geweſen wäreſt, oder mich ihr vorge⸗ zogen hätteſt, ſo läge darin ein Erklärungsgrund,— aber ſo?—“ „Die Erklärung liegt in Eurer ungleichen Ge⸗ müthsart. Thekla mangelt jedes Selbſtgefühl, und die Folge iſt, daß ſie ihren eigenen Werth unter⸗ ſchätzt; aber Du, mein Sohn, haſt von der Natur Schwart, die Wittwe und ihre Kinder. I. 3 34 eine nicht ganz unbedeutende Doſis jenes Gefühls erhalten.“ „Mama, Du willſt doch nicht behaupten, daß ich eigenliebig ſei?“ fiel Eugen ein. „Noch biſt Du es nicht, da ich ſorgfältig Alles auszurotten geſucht habe, was dieſem Hauptfehler in Deinem Charakter Nahrung geben konnte; aber von dem Gefühl des eigenen Werthes bis zum Glauben an die eigene Unfehlbarkeit iſt der Ueber⸗ gang leicht, wenn Du nicht genau auf Dich ſelbſt Acht gibſt.“ „Weißt Du, Mama, was mich überraſcht, wenn ich Dich ſo von uns reden höre?“ „Nein, mein Junge, das weiß ich wahrhaftig nicht; denn was ich eben geſagt habe, enthält Nichts, was für Dich überraſchend ſein könnte.“ „Nun, die Genauigkeit, womit Du unſere Fehler, Schwächen oder guten Eigenſchaften vom Kleinſten bis zum Größten kennſt.“ „Wie wäre das wohl anders möglich. Von dem Augenblick an, da Gott mir Kinder ſchenkte, habe ich nur ein Lebensziel gehabt, nämlich das, ſo viel in meinen Kräften ſtände, den ernſten und heiligen Beruf einer Mutter zu erfüllen.— Um dieſes mein Beſtreben nicht gänzlich zu verfehlen, mußte ich zu⸗ erſt darnach trachten, meinen eigenen Verſtand aus⸗ zubilden und zu entwickeln, damit ich nicht ein ausſchließlich von ſeinen Gefühlen abhängiges Weſen würde, ſondern meine Handlungen auf der Waag⸗ ſchale des Verſtandes abwägen und meine eigene ſo wie die Beſtimmung der Kinder, welche ich zu leiten berufen war, klar erfaſſen könnte. Mein ſorgfälti⸗ 1 ⸗ 35⁵ ges Studium war zugleich die Gemüthsart und der Charakter dieſer Kinder. Klar wußte ich, daß alle Aufopferung verfehlt blieb, ſofern ſie ſich nicht auf eine vollkommene Kenntniß von den größern oder klei⸗ nern Mängeln der Kinder ſtützte. Ebenſo müſſen deren ſchlummernde oder ſpäter hervortretende guten Eigen⸗ ſchaften ſämmtlich der Perſon bekannt ſein, welche durch ihre Erziehung Nutzen ſtiften will, da ſie zum Zweck haben muß, das Gute hervorzurufen und das Böſe, ſo viel es möglich iſt, zu bezwingen und zu unterdrücken. Das war und iſt das Ziel, welches ich erreichen wollte; aber ſelbſt unvollkommen, fürchte ich, daß mein Werk es auch blieb und meinem warmen Wunſche, meinem innerlichen Streben nicht ent⸗ ſpricht.“ Eugen führte ihre Hand an ſeine Lippen und ſagte mit Rührung: „Mama, wir wären nicht würdig, Deine Kinder zu heißen, wenn wir nicht alle unſere Kräfte an⸗ ſtrengten, Deiner Erziehung Ehre zu machen.“ „So ſagſt Du jetzt, mein Sohn, aber kennſt Du wohl ſelbſt alle die Verſuchungen, welche in Deiner eigenen Bruſt ſchlummern?— Nein, Du ahnſt noch nicht, welche Feinde Du an Deinen Fehlern haſt.“ „Lehre mich dieſe Fehler kennen, und ich will dieſelben überwältigen,“ rief Eugen.„Es iſt eine Wahrheit, daß ich mich ſelbſt nicht kenne. In mei⸗ nem Alter hat man ſo vieles Andere, welches Ge⸗ danken und Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, daß jedes Selbſtſtudium das Allerletzte iſt, wozu man ſich hergibt. Aber Du, Mama, die Du ſeis in 84 meinem Innern liest, Du wirſt mir auch ſagen, von welcher Beſchaffenheit mein Charakter iſt.“ „Aber, mein Knabe, wie oft habe ich Dir nicht ſchon Deine Fehler geſagt!“ „Wahr— Du haſt mich ſchon oft vor meiner Unbedachtſamkeit gewarnt, ja, ich glaube, Du nann⸗ teſt es meinen Hang zum Leichtſinn, desgleichen vor meinem Vertrauen zu mir ſelbſt, meiner Chrbegierde und meinem Eigenſinn. Aber jetzt, Mama, mußt Du mich zeichnen, wie ich in Bezug auf meinen beſſern und ſchlimmern Menſchen bin;— gib mir ein anſchauliches Bild von meiner eigenen Seele, ſo daß ich recht klar einzuſehen vermag, worin meine Stärke und Schwäche beruht.“ „Gott gebe, daß es Dir für die Zukunft zum Nutzen gereiche! Siehſt Du, mein Sohn, Gott hat Dich in mancherlei Hinſicht mit vielen guten Eigen⸗ ſchaften ausgeſtattet. Er hat Dich mit einem guten Verſtand, desgleichen mit Fähigkeit, Dir auf leichte Weiſe Kenntniſſe zu erwerben, begabt. Auch ge⸗ bricht es Dir nicht an Scharfſinn. Du haſt nicht minder ein gutes und warmes Herz, einen offenen und uneigennützigen Charakter.— Das ſind Deine guten Eigenſchaften. Nun kommen wir zu den Feh⸗ lern.“ ein und küßte der Mutter die Hand. 2 „Nicht ſtreng werde ich ſein, aber die nackte Wahrheit muß ich Dir zeigen, ohne dieſelbe im min⸗ deſten zu vergolden. Du haſt von Natur ein großes Selbſtvertrauen, eine große Schwäche für Beifalls⸗ bezeugungen und eine krankhafte Empfindlichkeit ge⸗ „Ach, Mama, ſei nicht allzu ſtreng,“ fiel Eugen 4 37 gen den Tadel. Dieß kann ein Sporn für Dich werden, damit Du auf edle Weiſe die Achtung Dei⸗ ner Mitmenſchen zu verdienen ſuchſt; aber es kann Dich auch verleiten, für den Ruhm des Augenblicks Dein ganzes Leben aufzuopfern und Dich zum Nar⸗ ren zu machen.“ „Zum Narren, Mama?“ wiederholte Eugen, während ſein Geſicht mit einer dunkeln Röthe ſich überzog.„War dieß nicht etwas ſtark?“ „Nein, wenn man die Wahrheit ſehen will, muß man ſie mit beiden Augen ſehen und nicht mit dem einen blinzeln. Ein Narr, mein Sohn, iſt derjenige, welcher ſich durch den Ruhm, den einige für das Geſellſchaftsleben angenehme Eigenſchaften zur Folge haben, bethören läßt und für dieſen Ruhm ſeine Zu⸗ kunft aufopfert. Ein Narr iſt derjenige, welcher, um ſich nicht wegen ſeiner arbeitſamen und haushälteri⸗ ſchen Lebensweiſe dem Spotte auszuſetzen, ſich mit ausſchweifenden Kameraden einläßt, um nicht ſchlech⸗ ter zu ſein, als ſie. Ein Narr iſt derjenige, welcher aus Eitelkeit ſeine Mittel überſchreitet, um nicht als das zu erſcheinen, was er iſt.“ Nina hielt an. Sie hatte im Sprechen ihres Sohnes Angeſicht betrachtet, das wechſelsweiſe er⸗ röthete und erbleichte. Da er ſchwieg, ſo nahm ſie wieder das Wort: „Ein Mann aber wird der Jüngling, welcher den armſeligen Beifall von einem Haufen leichtſin⸗ niger Kameraden aufopfert, welcher jeder Theilnahme an ihren thörichten Vergnügungen, wodurch die Zeit getödtet und die Seele abgeſtumpft wird, entſagt, um mit Eifer darauf hinzuarbeiten, ein tüchtiger 38 Bürger zu werden, deſſen Name eines Tags von ſei⸗ nen Zeitgenoſſen, und vielleicht auch von der Nach⸗ welt mit Achtung genannt wird.— Nur der Jüng⸗ ling, welcher ſich aus der Arbeit eine Ehre und eine Freude macht, nur der kann mit der Zeit ein Mann werden.“ „Nun habe ich Dir klar gemacht, wohin Deine Eitelkeit Dich führen kann. Läſſeſt Du ſie von Dei⸗ ner Vernunft zügeln, dann, mein Sohn, wird Alles gut; läſſeſt Du Dich von Deiner angebornen Ge⸗ nußſucht, Deiner Schwäche, Dich wegen Deiner ſchö⸗ nen Stimme, wegen Deiner geſellſchaftlichen Talente u. ſ. w. gern gelitten zu ſehen, von Deinem Ver⸗ langen, die Seele aller Vergnügungen zu ſein, be⸗ herrſchen, dann, Eugen, wirſt Du nie etwas An⸗ deres werden, als ein gedankenloſer und leichtſinniger Thor, welcher eine koſtbare Zeit verſchwendet und ſeine Zukunft zerſtört. Dieß iſt Etwas, das ich gar ſehr befürchte, da Du unbedachtſam und ohne alle Selbſtbeherrſchung biſt. Es iſt wahr, Du biſt die Aufrichtigkeit ſelbſt, aber es gebricht Dir an Vor⸗ ſicht und an der Macht über Deine Gefühle, und Du biſt ein Sklave Deiner Neigungen und Begier⸗ den. Das iſt um ſo beunruhigender, da Du von Natur viel Eigenwillen beſitzeſt.— Wendet ſich Dein Sinn und Streben dem Guten zu und arbeiteſt Du Deinen lebhaften, leicht aufflammenden Eindrücken kräftig entgegen, ſo wird Dein Eigenwille ſich zum Herrn derſelben machen; aber gibſt Du blindlings nach und läſſeſt Dich von Deinen Leidenſchaften beherrſchen, dann wird Dein Eigenwille dieſe nur um ſo furchtbarer machen. Und nun, mein Junge 39 habe ich Dir Deinen Charakter gezeigt, ſo wie das, wovor Du Dich in Acht zu nehmen haſt. Du biſt, ſo wie wir Alle, aus zwei Elementen, einem guten und einem böſen, zuſammengeſetzt; ſiehe zu, daß Du das gute die Oberhand gewinnen läſſeſt und durch die Kraft Deines Willens und durch edeln Ehrgeiz Dich zum Herrn über das Böſe machſt.“ Mit dieſen Worten beugte ſich Nina wieder und küßte ihren Sohn auf die Stirne. Eugen ſprach mit tiefer Bewegung. „Dank Dir; ich werde Alles, was Du mir ge⸗ ſagt haſt, meinem Herzen einprägen, damit der ſchlimmere Menſch mich niemals beherrſche. Sollte es aber geſchehen, daß ich einmal unterliege, dann, Mama, brauchſt Du mir blos die Worte zu ſagen: Gedenke an Deine Mutter, und wenn ich ſchon auf dem halben Wege zum Abgrund bin, ſo weiß ich, daß der Gedanke an Dich, an Deine Zärtlichkeit für mich, daß die Bewunderung und Liebe, die mein Herz für Dich hegt, ſammt dem Bewußtſein des Kummers, den ich Dir machen würde, mich beſtim⸗ men wird, mit Kraft und Ernſt zu dem, was recht iſt, zurückzukehren. Können wohl Mütter, wie Du, fehlerhafte Kinder haben, da der Gedanke an eine ſolche Mutter ſie unwillkürlich von jeder niedrigen Handlung abhalten muß?“ „Ich danke Dir für dieſe Worte,“ flüſterte Nina. Eine Weile betrachteten Mutter und Sohn ein⸗ ander mit dem Ausdruck tiefen Gefühls. „Nun, da Du mein Bildniß mit ſo lebendigen Farben gemalt haſt, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß Du auch meine Geſchwiſter zeichneſt.— Oder 40 glaubſt Du vielleicht, liebe Mama, daß ich ſie beſſer als mich ſelbſt kenne? Im Fall es ſo iſt, muß ich Dir aufrichtig bekennen, daß das Charakterſtudium nicht meine ſtärkſte Seite ausmacht. Laß mir nun eine kurze Schilderung der Mädchen zu Theil wer⸗ den. Olga zum Beiſpiel mit ihrer unerſchütterlichen Ruhe, ihrem trockenen Weſen und ihrer ewigen Ar⸗ beitſamkeit, zu welchem Menſchenſchlage gehört ſie eigentlich?“ „Sie wird mit der Zeit eine in jeder Beziehung glücklich ausgeſtattete Frau, weil alle ihre Seelenkräfte ſich in harmoniſcher Einheit befinden. Sie iſt keiner herrſchenden Schwachheit, keinem einzigen Gefühle, welches ſich auf Koſten der andern geltend macht, unterthan.— Sie hat einen guten, der Bildung zugäng⸗ lichen Verſtand, aber dieſer Verſtand iſt nicht un⸗ gewöhnlicher Art, ſondern ſo beſchaffen, daß ſie ihre Stellung als Frau klar erkennt und auf kluge Weiſe ihren Platz im Leben auszufüllen ſucht. Sie iſt gut, theilnehmend und anhänglich, aber niemals auf Koſten des Vernünftigen. Sie hat Chrgeiz genug. um nach dem Guten zu ſtreben, aber ihre Citelkeit wird ſie niemals zur Sklavin der Memungen An⸗ derer machen. Sie hat genügendes Selbſtgefühl, um ihr Leben ſo zu geſtalten, daß ſie die Achtung vor ſich ſelbſt bewahren kann, ohne den Vorwurf er Eitelkeit auf ſich zu laden. Sie hat Sinn für as Schöne; aber ſie iſt nicht im Mindeſten ſchwär⸗ meriſch, ſondern nimmt das Leben, wie es iſt, und wird niemals daraus etwas Anderes, als ein heite⸗ res Familien⸗Zuſammenſein zu machen ſuchen.— Sie iſt arbeitſam von Natur und aus Grundſatz, 41 denn ſie erachtet es als eine Pflicht für jeden Men⸗ ſchen, ſo viel Nutzen zu ſtiften, als er vermag. Wahr⸗ haft religiös ohne fremdartigen Zuſatz, wird ſie mehr durch rechtſchaffenen Wandel und nutzenbringendes Leben, als durch äußere religiöſe Formen die Got⸗ tesfurcht, die in der Tiefe ihres Herzens lebt, an den Tag legen. So iſt Olga, oder vielmehr, ſo wird ſie als Frau werden. Sie iſt keine Verächterin von den Freuden und Genüſſen des Lebens, aber dieſe ſind für ſie nur angenehme Nebendinge.“ „Ach, mein Gott, Mama, Du machſt ſie ja zur Vollkommenheit ſelbſt,“ rief Eugen. „Kannſt Du ſie zu etwas Anderem machen?“ „Genau genommen, nicht, aber—“ Eugen brach in Lachen aus und fuhr dann fort: „Ich fühle eine wahrhafte Scheu vor ſo viel Vollkommenheit, und ſo viel iſt gewiß, dieſes ewige Weder zu viel noch zu wenig', ſo vortrefflich es auch ſein mag, flößt mir einen wirklichen Schauder ein, weil ich gleich das Vollkommene, welches daraus entſpringt, zu bewundern mich genöthigt ſehe. Ich ziehe mir einen kleinen Hang zu etwas Uebertrei⸗ bung vor.“ 4 „Aber jede Uebertreibung iſt ein Abweichen von dem Vollkommenen. Ein Menſch kommt dem Ideale am nächſten, wenn alle Seelenkräfte gleichmäßig in ihm entwickelt ſind.“ „Mama, ein ſolcher Menſch wird auf die Länge unausſtehbar langweilig.“ „Iſt Olga langweilig?“ „Gewiß nicht; aber ſie kann manchmal durch ihre ewige Ruhe, ihre Unzugänglichkeit einen armen * 42 Sünder, wie ich bin, faſt zum Tode bringen. Ich bin Olga herzlich zugethan, aber ich möchte ſie mit⸗ unter aus dieſer ununterbrochenen Ruhe aufrütteln und nur ein einziges Mal einen Ausbruch von Freude oder Entzücken ſehen, aber nein, ſie iſt immerdar gleich weiſe.“ „Weißt Du, woher es kommt, daß Du Dich durch dieſe ihre Eigenſchaften unangenehm berührt oder gereizt findeſt?“ „Wahrſcheinlich deßhalb, weil ich ſelbſt aus lau⸗ ter Extremen zuſammengeſetzt und in Folge davon nichts weniger als vollkommen bin,“ erwiederte Eu⸗ gen lachend. „Allerdings.“ Nun, wenn dem ſo iſt, ſo kann ich mich doch damit tröſten, daß ich wenigſtens nicht das Einzige von den Geſchwiſtern bin, welches von dem, was man die Mittelſtraße nennt, abweicht. Elma zum Beiſpiel iſt durchaus kein ſolcher Tugendſpie⸗ gel, ſondern juſt ein entzückendes Ding, voll von Fehlern und Extremen. Iſt ſie vielleicht nicht lie⸗ benswerth?“ „O, das iſt ſie gewiß. Sie iſt gut wie Gold.“ „Das ſage ich auch; aber beſchreibe ſie mir einmal.“ „Sie iſt, wie Du ſelbſt ſagteſt, aus großen Feh⸗ lern und großen Tugenden zuſammengeſetzt.— Sie iſt heftig, empfindlich, ſtolz und—“ „Und eigenliebig, nicht wahr, liebe Mama?“ „Nun, wenn Du es ſo willſt, ein kleiner Anflug von Selbſtzufriedenheit, welche jedoch niemals mit dem Namen Eigenliebe bezeichnet werden kann. Zu⸗ t 43 gleich iſt ſie unbeſtändig, ſelbſt etwas unbedachtſam, aber offen wie der Tag. Alle ihre Eindrücke und Gefühle ſpiegeln ſich auf ihrem Angeſicht ab, und ſie ſpricht ſich ungeheuchelt aus, ſo wie ſie denkt.“ „In freier Ueberſetzung, ſo wie Du von meinen Fehlern redeſt, will dieß heißen: unvorſichtig und ohne alles Vermögen, ſich ſelbſt zu beherrſchen.“ „Nicht ſo ganz; denn ſie iſt eine Frau und be⸗ ſitzt auch jene angeborne Schüchternheit, welche zur Folge hat, daß ſie vor jedem heftigen Ausbruch, welcher unpaſſend erſcheinen könnte, zurückbebt.“ „Nun, das iſt wohl eine Folge der Erziehung.“ „Mag ſein; aber dieſelbe Erziehung hat nicht dieſelbe Wirkung auf Dich gehabt, und warum? Eben deßhalb, weil Du in der Schule einen Aus⸗ bruch von Freude oder verletzter Eitelkeit und Ei⸗ genliebe als einen Beweis von Mannhaftigkeit zu betrachten lernteſt, während Elma dagegen niemals die Heimath verließ oder ein Exempel mitanſah, welches auf die Erziehung, die ſie erhielt, von großem Einfluß hätte ſein können.“ „Du haſt immer Recht, Mama,“ rief Eugen, „aber fahre fort.“ „Ich habe mit Elma's Fehlern angefangen, um mit ihren guten Eigenſchaften zu ſchließen. Sie hat ein ſo gutes, ſo reiches, ſo anhängliches und liebe⸗ volles Herz, wie ſehr wenige Menſchen eines ſolchen ſich rühmen können. Zu lieben, ſich für diejenigen, welche ſie liebt, zu opfern, und nur für Andere zu leben, ohne an ſich ſelbſt zu denken, das iſt ein Hauptzug in ihrer Gemüthsart.— Selbſt nach dem Vollkommenen, dem Edlen zu ſtreben, darnach ſteht ihr Verlangen nur deßhalb, weil ſie dadurch die⸗ jenigen, die ihr theuer ſind, glücklich machen kann. Ihre Güte iſt wahrhaftig, denn ſie kann keinen Be⸗ trübten ſehen, ohne ihm Troſt zu bringen, keinen Dürftigen, ohne ihm Hülfe zu leiſten.— Sie liebt ihre Mitmenſchen, und möchte der ganzen Welt ihren Glauben an das Gute, ihr warmes Vertrauen auf Gott und ihre goldenen Hoffnungen mittheilen. Die Welt kommt ihr wie ein Roſengarten vor, und das Leben viel zu kurz, um zu dem Genuß aller der Freuden, wovon ſie träumt, auszureichen. Arme kleine Elma, wie oft habe ich ſchon an den Tag mit Wehmuth gedacht, da ſie erfahren ſoll, daß der Le⸗ bensweg mit Dornen bewachſen iſt? Bei ihrer Leich⸗ tigkeit, Eindrücke in ſich aufzunehmen, ſpringt ſie ſchnell von Freude zu Zorn über, und dieß bewirkt, daß ſie der beweglichen Meereswoge gleicht, welche unaufhörlich wechſelt und Alles, nur nicht einför⸗ mig iſt.“ 9 Und eben dieß macht ihre größte Liebenswür⸗ digkeit aus,“ fiel Eugen ein. „Warum glaubſt Du das?“ „Vermuthlich deßhalb, weil ſie mir am nächſten ſteht, und weil unſere Gemüthsart die meiſte Ver⸗ wandtſchaft hat. Aber nun haſt Du noch Thekla i 85 „Thekla iſt ein noch ungelöstes Problem.— Sie iſt ein Kind, bei welchem man die hervorragen⸗ den Hauptanlagen deutlich erkennt, aber dieſelben haben es noch zu keinem harmoniſchen Zuſammen⸗ wirken gebracht.“ „Aber Du, Mama, die Du uns ſo genau kennſt, 45 Du weißt doch ſo ziemlich, wie dieſe Anlagen ſich geſtalten werden.“ „Unmöglich, mein Sohn, denn wir Menſchen hängen viel zu ſehr von äußern Einwirkungen, von dem Gang der Ereigniſſe, von der Geſellſchaft, in welcher wir leben, ab, als daß ſich zum Voraus be⸗ ſtimmen ließe, wie ein Charakter ſich entwickeln wird. Thekla gehört zu der Zahl derer, bei welchen es ſehr ſchwer hält, zu ſagen, was in der Zukunft aus ihr werden ſoll.“ „Aber wie iſt ſie jetzt?— Ein etwas eigenes und beſonderes Mädchen iſt ſie immerdar geweſen.“ „Ja, eigen, wenn Du ſo willſt, denn ihre An⸗ lagen ſind weſentlich verſchieden von denen, welche bei andern Frauen vorkommen. Thekla hat, was wenige Frauen beſitzen, nämlich einen unerhörten Durſt nach Kenntniſſen, eine Wißbegierde, welche ſie zu einem ausgezeichneten Mann machen würde, im Fall ſie ein Knabe wäre, und welche ſie zu einer ungewöhnlichen und überlegenen Frau machen wird. Sie hat überdieß eine mehr glühende, als eigentlich lebhafte Phantaſie, große Leichtigkeit, über Alles, was ſie gelernt hat, zu raiſonniren, und exaltirte Bewunderung für alles Große und Hochherzige, und eine außerordentliche Ehrfurcht vor intellectueller Ueberlegenheit. Alle dieſe Eigenſchaften würden für Thekla manche reiche Quelle des Gemüthes in ſich ſchließen, wenn ſie nicht von einem an's Krankhafte grenzenden Mißtrauen gegen ſich ſelbſt befangen wäre, und dieſes bewirkt, daß ſie nicht einmal eine Ahnung davon hat, wie reich die Natur ſie aus⸗. ſtattete, ſondern beſtändige Furcht hegt, geringer als Andere zu ſein. Gut bis zur Großmüthigkeit, vergißt ſie in demſelben Augenblick, da ſie eine ſchöne Handlung ausübt, daß ſie dieſelbe gethan, und glaubt, nur eine Pflicht erfüllt zu haben. Wie alle Charak⸗ tere mit ſtarken und mächtigen Gefühlen, ſchließt ſie ſich nur ſehr Wenigen an, liebt aber dieſelben bis zu einem ſolchen Uebermaße, daß ſie daraus mehr Leid als Glück ſchöpft und unaufhörlich bezweifelt, ob Andere für ſie denſelben Grad von Hingebung, wovon ſie beſeelt iſt, empfinden können. Dieß macht ſie neidiſch auf die Anhänglichkeit, welche einem Andern, als ihr gilt. Im höchſten Grade empfind⸗ lich gegen Tadel oder Lob von denen, welche ſie liebt, iſt ſie daneben ganz und gar gleichgültig ge⸗ gen das Urtheil anderer Menſchen. Verſchloſſen und feſt von Charakter, gehört ſie zu denjenigen, welche ohne eine Klage leiden und ſterben können. An den Spielen und Scherzen der Kinder hat ſie niemals Gefallen gehabt, ſondern ſie ſetzte ſich lie⸗ ber hin und las, oder verträumte die Stunden, da Andere ſich beluſtigten. Die einzige Rettung, welche es für ſie gibt, iſt angeſtrengte Arbeit, ein ununter⸗ brochenes Einheimſen von Kenntniſſen, bis zu dem Tage, da ihr Herz eine Wahl getroffen hat.— Aber einmal durch das Band des Herzens gefeſſelt, iſt ſie auch geſchaffen, einzig für den Gegenſtand ihrer Liebe zu leben.“ „Das iſt eine ganz eigenthümliche Zuſammen⸗ ſetzung, und ich wurde niemals klug daraus. Wie in aller Welt, theure, geliebte Mama, biſt Du im Stande geweſen, unſer Inneres ſo genau auszufor⸗ ſchen, daß Du all alle unſere Fehler und unſere 47 guten Eigenſchaften, ſelbſt die verborgenſten, bis auf das Tüpfelchen hinaus kennſt?“ „Ich bin Mutter und Erzieherin, und darum habe ich Eure Gemüthsart ausſchließlich ſtudirt, um in der Art und Weiſe, wie ich es bei Eurer Er⸗ ziehung anzugreifen habe, nicht fehlzugehen.“ „Ach, Du biſt wirklich ein Ideal von einer Mutter.“ „Aber Du findeſt ja an Vollkommenheit keinen Geſchmack, ſagteſt Du eben?“ „Du biſt aber auch kein, einer ewigen Ruhe, einem ewigen Einerlei anhängendes Weſen, ſondern Du vermagſt auch heftig und ſtark zu fühlen. Als Mutter biſt Du ein wirklich entzückendes Beiſpiel, und Gott gebe, daß wir alle eines Tags Deinen gewiſſenhaften Bemühungen entſprechen und uns zu guten und edlen Menſchen heranbilden!“ „Eugen küßte der Mutter beide Hände und ſetzte mit bewegter Stimme hinzu: „Deine ganze Jugend iſt unter der mühſamen Arbeit, uns zu erziehen, unſerem Thun und Trei⸗ ben zu folgen, unſere Fehler zum Guten zu wen⸗ den, dahingegangen. Du haſt um unſertwillen der Freude des Lebens entſagt.“ „Meine Freude, Eugen, machten und machen meine Kinder aus; mein Vergnügen beſteht darin, daß ich die guten Anlagen in Euch den Sieg über die ſchlimmen gewinnen ſehe: und meine Glückſelig⸗ keit wird es ſein, eines Tages zu erfahren, daß meine Arbeit nicht fruchtlos geweſen iſt. Dann meiß ich auch, daß ich meine Beſtimmung auf Er⸗ den erfüllt habe. Auf meinem Platze als Frau und 48 Bürgerin habe ich dann nach dem Geſetze Gottes und der Natur Nutzen geſtiftet; und dieß, mein Sohn, iſt das Ziel, wornach wir alle ſtreben müſſen. Wir haben die Friſche und Lebhaftigkeit der Jugend erhalten, damit wir, mit Ernſt und Eifer unſere Ar⸗ beit im Leben beginnen, und nur der hat ſeine ver⸗ floſſene Jugend zu beweinen, welcher ſie ohne Nutzen entſchwinden ließ. IV. Am Abend nach dem Eſſen waren die Mädchen und Eugen unter den Ulmen im Hofe verſammelt. „Morgen, mein lieber Eugen, gibt es etwas ganz Anderes zu thun, als träg im Graſe zu lie⸗ gen; Du mußt uns helfen,“ ſprach Elma und ſah ziemlich altklug aus. „Je nun, das wird ſich zeigen. Ich habe im Sinn, morgen die jungen Klints auf Warnäs zu beſuchen und den ganzen Tag dort zu bleiben,“ antwortete Eugen. „Wenn Du das thuſt, ſo iſt es recht ſchlecht von Dir,“ ſagte Elma. „Und der Katze wird bang,“ erwiederte Eugen. „Willſt Du eine Wahrheit hören?“ „Unendlich gern.“ „Du biſt im höchſten Grade unerträglich, ſeit⸗ dem Du Student wurdeſt. Früher wareſt Du im⸗ mer derjenige, welcher uns half, wareſt die Seele bei allen unſern Unternehmungen, und—“ „Ei, was iſt denn das für ein großes Werk, das vollbracht werden ſoll?“ 49 „Nun, die Majorin hat ihre Mädchen mit einem Korb von vierzig ausgeblaſenen Eiern für den Mai⸗ baum hieher geſchickt; und dieſe ſollen wir bemalen und mit Goldpapier überkleiſtern, denn, ſiehſt Du, die Fräulein Klint und wir, wir haben uns vorge⸗ nommen, daß der Maibaum von Warnäs der ſchönſte im ganzen Umkreiſe werden ſoll. Du begreifſt alſo wohl, daß wir allein, Thekla und ich, nicht mit den Eiern fertig werden, wenn Du uns nicht hilſſt, ſinte⸗ mal Olga der Tante und Debora beim Backen an die Hand gehen ſoll.“ „Und ich, ein Burſche, der in zwei Jahren mün⸗ dig wird, der ein ſtudirter Mann iſt, ich ſoll mich zu zwei kleinen Mädchen hinſetzen und Eier bema⸗ len? Mein Kind, Du weißt nicht, was Du be⸗ gehrſt; erinnere Dich, daß, während Du noch in den Tagen der Kindheit ſtehſt, ich ſchon längſt dieſelben hinter mir gelaſſen habe.“ „Du ſagſt alſo, ich ſei noch ein Kind?“ „Ja gewiß, und Beweis dafür, daß Du Dich noch mit dergleichen Lappalien abgibſt.“ „Du weißt demnach nicht, wie alt ich bin?“ „Um hundert Jahre jünger als ich.“ „Ganz und gar nicht; Du biſt nur drei Jahre älter, und für einen neunzehnjährigen Jungen iſt es ganz paſſend, Eier zu bemalen und Papier auf⸗ zukleben; das kann ich Dir wohl ſagen. Du haſt heute noch nichts Anderes gethan, als uns Aerger und Verdruß gemacht.“ „Wirklich?“ Damit ſprang Eugen auf und faßte Elma am Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. I. 50 Arm, während ſie aus Leibeskräften ſich von ihm loszumachen bemühte. „Ja, und Du hüätteſt wohl in Upſala bleiben können, wenn Du nicht artig ſein willſt.“ „Elma, ſieh' mich an und ſag' mir das noch einmal, wenn Du kannſt.“ „Das iſt nicht nöthig,“ antwortete Elma er⸗ röthend. 1 „Nun, und wenn ich Dir die Eier anmale, dann biſt Du wohl wiederum lieb?“ 8 „O nein, Du kannſt es jetzt bleiben laſſen.— Ich bitte Dich nicht mehr darum.“ „Wie Du willſt. Ich gehe morgen nach Warnäs.“ „Geſtehe nur, daß Du recht boshaft biſt,“ rief Elma. „Und Du, liebe Elma, daß Du recht närriſch biſt,“ fiel Olga ein, welche ganz ruhig den Streit mit angehört hatte, während ſie das Gewürze aus⸗ las, welches zu der Backerei am nächſten Tage be⸗ ſtimmt war.—„Du redeſt und handelſt, wie wenn Du Eugen nicht von Jugend auf gekannt hätteſt. Du weißt doch, daß es ihm die höchſte Freude machte, Dich zu reizen und immer Nein zu ſagen, obwohl er Ja meinte. Haſt Du wohl ein Beiſpiel davon, daß er ſich jemals uns entzog, wenn es ſich darum handelte, zu unſerem Vergnügen beizutragen?“ „Du, Olga, biſt auch ſo ein Original,“ rief Elma,„das ruhig daſitzen und ſeine Schlußfolgerun⸗ gen ziehen kann. Ich bin nicht ſo glücklich, lernen zu können, daß Nein ſo viel als Ja bedeutet.“ „Dieß kommt daher, daß Olga mein gutes Herz kennt; aber Du, armes Mädchen, Du urtheilſt i 51 mer in Deiner Heftigkeit, wie der Blinde von den Farben,“ fiel Eugen ein. 8„Ei ſieh' doch, jetzt behauptet er gar, daß ich ihm Unrecht gethan habe.“ „Ja, das haſt Du gewiß, und zur Strafe ſollſt Du mit mir nun eine Galoppade im Hofe herum⸗ tanzen.“ Elma lachte. Eugen faßte ſie um den Leib, und in wildem Galopp ging es nun in dem Hofe herum. Als ſie vor Olga, welche ruhig in ihrer Arbeit ſortfuhr, und vor Thekla, welche ihnen mit nachdenk⸗ licher Miene zuſah, ſtehen blieben, ſagte die letztere: „Singe uns Etwas, Eugen.“ „Soll geſchehen, meine kleine Sibylle; nur laß' mich vorher Athem holen. Was ſoll ich denn ſingen?“ „Irgend etwas von den Gluntliedern,“ antwor⸗ tete Thekla. „So, ſo; aber wer ſoll die erſte Stimme ſingen; ddenn Du weißt wohl, kleine Martha, das die Glunt⸗ lieder Duette ſind?“ — n—— .„Ich will die erſte Stimme ſingen,“ ſagte Thekla. „Du?⸗ 4 l„Ja, ich,“ antwortete Thekla lächelnd.„Ich 4 habe mir ſolche von Warnäs entlehnt und ſie in n den Morgenſtunden eingeübt, damit wir der Mutter eine Freude machen und ſie ihr vorſingen können.“ f Eugen betrachtete Thekla mit einem Ausdruck von Verwunderung; hernach küßte er ſeine Schwe⸗ ſter, nahm ihren Arm und legte ihn in den ſeinigen, indem er ſagte: „Sieh', ſieh', Kamerad', jetzt wollen wir eine Serenade veranſtalten. Kannſt Du Sewenaden ſingen?“ * 3 „Nun, wir können es ja verſuchen,“ antwortete Thekla, indem ſie ihren Bruder anſah, und mit ge⸗ dämpfter Stimme, aber warmem Ausdruck im Blicke hinzuſetzte: „Glaubſt Du, daß es Dir einige Unterhaltung gewähren wird, mit mir zu ſingen?“ „Ganz gewiß, liebe Thekla, aber am meiſten gefällt es mir von Dir, daß Du ſie gelernt haſt, um die Mutter damit angenehm zu unterhalten. Weißt Du, Thekla, Du biſt ein kleiner Juwel!“ „Was ſchwatzeſt Du da! Es iſt doch ganz na⸗ türlich, daß ich ihr eine Freude zu machen ſuche.“ Eine Weile darauf ſangen ſie vor dem Fenſter vom Schlafzimmer der Mutter. Thekla's Stimme war hell, obwohl noch etwas ſchwach. Die Eugen’s dagegen war ſtark und wirk⸗ lich ſchön. Als ſie geendet hatten, rief Thekla mit unverſtellter Bewunderung: „Wie Deine Stimme ſo ſchön geworden iſt, Eu⸗ gen! Singe mir noch Etwas allein, ſo daß ich ſie ordentlich hören kann.“ In dieſem Augenblick kam Elma auf ſie zu ge⸗ ſprungen, ſiel Eugen um den Hals und tätſchelte und küßte ihn unter den lauteſten Ausrufen ihres Entzückens. Thekla's Blick umwölkte ſich, aber ſie ſagte Nichts, ſondern ſetzte ſich auf die Treppe, welche nach der Hausflur führte. Sobald Elma ihrer Bewunderung Luft gemacht hatte, nahm ſie neben Thekla Platz, ſchlang ihre Arme um deren Leib und lehnte den Kopf an ih Schulter, ohne daß Thekla auch nur mit einer — 53 zigen Bewegung einen Schimmer von Wohlwollen für Elma zu erkennen gab. Dieſe ließ ſich jedoch nicht abſchrecken, ſondern blieb ſitzen, wie bisher, und hörte auf Eugen, welcher ein„Nordlands⸗Lied“ ſang, von welchem er aus alten Tagen wußte, daß es bei Thekla beſonders beliebt war. Elma horchte mit lächelnden Lippen und lächeln⸗ dem Blick auf den Geſang, ohne ſich in den Sinn kommen zu laſſen, daß er jetzt Thekla den Vorzug gab. Neid war dieſem fröhlichen Sommerkinde ein völlig fremdes Gefühl. Thekla dagegen hatte, ehe Eugen ſein Lied anſtimmte, mit innerer Bitterkeit gedacht: „Jetzt wird Eugen Etwas ſingen, das Elma ge⸗ fällt;“ aber als er anfing, erhellte ſich ihr Blick, und mit einem Gefühl von Reue ſchmiegte ſie ſich enger an ihre Pflegeſchweſter an. Elma beugte ſich nieder, ſchaute Thekla lächelnd ins Geſicht und flüſterte: „Siehſt Du, er erinnert ſich noch recht wohl da⸗ ran, was Dein Lieblingslied war.“ Dieſe von Elma's gutem Herzen und ihrem be⸗ ſtändigen Wunſche, Andere froh zu ſehen, diktirten Worte trafen Thekla's Seele gleich einer Anklage, da ſie lebhaft fühlte, wie unfreundlich ſie den Au⸗ genblick zuvor gegen Elma geſtimmt geweſen war. Sie riefen auch ein paar große klare Perlen in die ſchwarzen Augen des Kindes, und ſie küßte Elma, als wollte ſie dieſelbe um Vergebung bitten. Eine Weile hernach war Nina draußen und mit⸗ ten im Kreiſe ihrer Kinder. Thekla hatte ſich zu ihren Füßen niedergelaſſen, lehnte den Kopf an die 54 Kniee der Mutter und hörte ſtillſchweigend den Scher⸗ zen der Andern zu. „Was iſt Dir, mein Kind, heute Abend?“ fragte Nina und beugte ſich zu ihr nieder, während Eugen und die Mädchen luſtig herumſprangen und einander zu haſchen ſuchten. „Warum ſpielſtt Du nicht mit, mein kleines Mädchen?“ „s macht mir keine Unterhaltung, Mama,“ antwortete Thekla, nahm der Mutter Hand und legte ſie auf ihr Haupt.„Ich bin verdießlich dieſen Abend.“ „Worüber?“ „Darüber daß ich bösartig bin.“ „Was haſt Du denn gethan?“ „Mama, ſprich jetzt nicht mit mir, ſondern erſt wenn Alles ſchläft,“ ſagte Thekla. V. Olga und Elma waren auf ihr Zimmer gegangen. Eugen war bereits in die Arme des Schlafes ge⸗ ſunken; Nina und die kleine Thekla finden wir noch in dem Zimmer der erſtern. Nina ſaß in einem Armſtuhl; Thekla hatte auf einem Schemel vor ihr Platz genommen, hielt die Hände der Mutter in den ihrigen und ſchaute ihr ins Angeſicht, als wollte ſie darin leſen, was in Nina's Seele vorging. Die Augen von dieſer weil⸗ ten auf dem Mädchen mit einem Ausdruck voll Liebe und Wehmuth. 55⁵5 „Mein armes Kind, wie werde ich im Stande ſein, dieſem Fehler in Deinem Charakter entgegen⸗ zuarbeiten, wie werde ich Dir das Unrecht klar machen können, welches in den Gedanken liegt, denen Du in dieſem Augenblick Dich hingibſt!“ flüſterte Nina eher für ſich, als zu Thekla. „Ach, Mama, ich fühle mich eben jetzt ſo unglück⸗ lich, daß ich über mich ſelbſt weinen möchte.“ „Aber kam es Dir nicht in den Sinn, daß Du an Elma, die ſtets ſo gut und herzlich gegen Jeder⸗ mann iſt, verſündigeſt, als Du mit einem Gefühl von Bitterkeit ihre freundlichen Liebkoſungen auf⸗ nahmſt?“ „Nein, als ſie mir freundlich that, da war nur Bitterkeit in meinem Innern. Mama,“ rief Thekla heftig—„warum mußten dieſe fremden Kinder auch kommen und Dein Herz mit uns, die wir Deine eigenen ſind, theilen? Welches Recht haben ſie wohl auf meiner Mutter und meines Bruders Liebe?— Ich kann ſie nicht lieben, denn ſie haben mich um mein Erbtheil beſtohlen. Mein Herz kann Niemand außer Dir und Eugen lieben, allen Andern bleibt es fremd. O! daß ſie niemals zu uns gekommen wären!“ Jetzt verbarg Thekla ihr Angeſicht in den Hän⸗ den und weinte, weinte heftig und leidenſchaftlich. Nina ſaß ſchweigend da und ſchaute auf das geſenkte Haupt. Als Thekla mit Weinen nachließ, ſprach Nina langſam und ernſt: „Was Du da geſagt haſt, Thekla, thut mir meh, denn es verräth einen völligen Mangel an wahrem Wohlwollen. Haſt Du einen Augenblick bedacht, daß 56 dieſe Mädchen weder Vater noch Mutter haben und ganz allein in der Welt daſtehen? Und Du miß⸗ gönnſt ihnen dennoch die Heimath, die ſie unter einem fremden Dache erlangt, die Mutter, die ſie in mir geſunden haben.— Du, die Du den Vortheil haſt, daß Deine Mutter noch am Leben iſt, Du ſoll⸗ teſt eher Freude darüber empfunden haben, daß dieſe vater⸗ und mutterloſen Kinder an der Liebe, welche Du genießeſt, Theil haben. Das wäre Pflicht von Dir als einem guten Kinde und einer Chriſtin ge⸗ weſen.“ Thekla weinte noch immer im Stillen. Nach einer Pauſe nahm die Mutter wiederum das Wort. „Noch mehr; wir ſtehen in einer wirklichen Schuld der Dankbarkeit gegen dieſe Mädchen, denn durch die Einnahme, welche ich von ihnen habe, iſt es mir möglich geworden, mich ausſchließlicher Eurer Er⸗ ziehung zu widmen, als es ſonſt der Fall geweſen wäre; und dann, wie gut ſind ſie nicht von Herz und Geſinnung, wie weſentlich haben ſie nicht zu unſerer Freude und unſerem Wohlbefinden im Fa⸗ milienkreiſe beigetragen. Wie innig haben ſie mich und Euch geliebt. Wäre ich ihre eigene Mutter geweſen, hätten ſie mir nicht größere Achtung und Liebe beweiſen können, als von ihrer Seite geſchehen iſt; wären ſie Eure rechten Geſchwiſter geweſen, hät⸗ ten ſie nicht mehr auf Euch halten können, und Du, Thekla, Du hegſt nur bittere und neidiſche Empfin⸗ dungen gegen ſie.“ „Neidiſch!“ fiel Thekla ſchluchzend ein.„Nei Mama, neidiſch bin ich nicht.“ 57 „Ja, Neid iſt das Gefühl, welches Du gegen ſie hegſt. Neid iſt es, welcher Dich bitter macht; Neid iſt es, welcher Dich beherrſcht.— O. mein Kind, habe ich Dich ſo übel geleitet, ſo unvollkom⸗ men meine Pflicht, über Deine Fehler zu wachen, erfüllt, daß ein ſolches Gefühl in Deiner Bruſt Wur⸗ zel faſſen und wachſen konnte, ohne das Beſtreben meinerſeits, demſelben mit Kraft entgegenzuarbeiten? Kind, das würde mich tief betrüben.“ „Mama, geliebte Mama,“ rief Thekla unter lau⸗ tem Weinen, ſchlang ihre Arme um die Mutter und verbarg ihr Angeſicht an deren Bruſt;„klage Dich nicht ſelbſt an, ich bin ein gottloſes, undankbares und herzloſes Kind. Weine nicht, Du haſt Alles gethan, was Du konnteſt; der Fehler liegt an mir, da ich ſo manchen bösartigen Gedanken Raum ge⸗ geben habe, ohne Dir davon zu ſagen. Ach, ich weiß, ich fühle es, daß ich ſchlimmer als die Andern bin. O! daß ich wie ſie werden könnte!“ Nina drückte das Haupt des Mädchens an ihre Bruſt und flüſterte zärtlich: „Weine, mein Kind, weine Dich hier aus, und Alles wird beſſer werden.“ Und beſſer wurde es für die kleine Thekla. Als ſie wieder ruhig wurde, begann ſie ſelbſt davon zu erzählen, wie es ihr zuwider geweſen, als Elma ihre Freude darüber äußerte, daß Eugen Etwas ſang, an dem Thekla Gefallen hatte. „Mama, da fühlte ich, daß ſie viel beſſer war, und ich hätte gern über mich ſelbſt geweint.“ „ Und da beſchloſſeſt Du, niemals mehr gegen Elma bitter zu ſein?“ 58 „Nein, das that ich nicht, aber ich nahm mir vor, alle meine gottloſen Gedanken Dir zu erzählen. Ach! ich wußte, daß es dann hier beſſer würde.“ Bei dieſen Worten legte Thekla ihr Hand auf ihr Herz. „Ja, mein Kind, es wird beſſer werden; denn wir werden nun beide gegen das Gefühl, welches Dich beherrſcht und welches man Neid nennt, anzu⸗ kämpfen ſuchen. Laß uns nun unſere Andacht ver⸗ richten und zu ihm, der Alles vermag, beten, daß er Dir Stärke gebe, um ſiegreich aus dem Kampfe hervorzugehen.“ Thekla legte die Hände zuſammen, während ſie auf dem Schemel zu ihrer Mutter Füßen ſitzen blieb, und Nina faltete die ihrigen über denen der Tochter, ſo daß ſie dieſelben umſchloß. Dann ſchickten Mutter und Tochter geſenkten Haup⸗ tes ein warmes Gebet zu Gott empor. VI. Ehe wir unſere Leſer auf dem ſtattlichen Warnäs einführen, wollen wir über deſſen Beſitzer und der⸗ zeitige Bewohner eine kleine Aufklärung geben. Der frühere Eigenthümer von Warnäés, Oberſt Oernſkjöld, hatte das Gut von ſeiner Mutter geerbt, welche mit einem Major Oernſkjöld vermählt gewe⸗ ſen. Aus einer frühern Ehe deſſelben war noch ein Sohn da, dem nach ſeines Vater Tode nur ein ſehr mäßiges Vermögen zufiel, und der gegen ſeinen jün⸗ gern Bruder nichts weniger als freundſchaftliche C 59 ſinnungen hegte, da dieſer durch ſeine Mutter ein reicher Mann wurde, während er ſelbſt in Saus und Braus ſein väterliches Erbtheil bereits verſchwen⸗ det hatte. Der ältere Bruder heirathete indeſſen ein reiches Mädchen, brachte aber auch deren Vermögen durch. Die Frau ſtarb nach einer fünfzehnjährigen Ehe mit Hinterlaſſung einer Tochter. Nach zwei Jahren verehlichte er ſich zum zweiten Mal mit einer vermöglichen Wittwe und bekam noch zwei Söhne. Der jüngere davon, ein lebhafter und warmher⸗ ziger Jüngling, hatte bei einer gewiſſen Gelegenheit den Reſpect vor dem Vater vergeſſen, während er ſeine Mutter gegen einen Ausbruch von deſſen hef⸗ tiger Gemüthsart in Schutz nehmen wollte. Genug, es fand zwiſchen dem Vater und dem Sohn ein Auftritt ſtatt, von welchem Niemand die nähern Um⸗ ſtände kannte, der aber zur Folge hatte, daß der Sohn aus dem elterlichen Hauſe verwieſen wurde. Einige Wochen hernach ging die unglückliche Mutter mit Tod ab, und es ſtand zu vermuthen, daß ſie noch auf dem Sterbebette an ihren Schwa⸗ ger geſchrieben und ihn gebeten hatte, ſich des ver⸗ ſtoßenen Sohnes anzunehmen; denn kurz nach ihrem Hinſcheiden ſuchte Oernſtjöld ſeinen Neffen auf, der ſich in Upſala aufhielt und ſeinen Unterhalt mit Stundengeben erwarb. Er nahm ihn zu ſich und umfaßte den Jüngling mit väterlicher Zärtlichkeit. Als Eduard einen Lebensberuf wählen ſollte, entſchied er ſich für die Flotte; und als er zum 60 erſten Mal auf eine Seeexpedition ausziehen ſollte, ſtellte er ſich ſeinem Vater vor, um wo möglich eine Ausſöhnung zu Stande zu bringen, aber wurde ſo⸗ wohl von ihm, als ſeinem ältern Bruder zurückge⸗ wieſen. Dieſes Benehmen erbitterte den Oberſt dermaßen, daß er ſeinen Neffen adoptirte und zu ſeinem Uni⸗ verſalerben einſetzte. Eduard reiste ab und blieb zwei Jahre weg. Bei ſeiner Rückkehr erhielt er die Nachricht, daß ſein Vater geſtorben war und ihn von allem Erbrecht ausgeſchloſſen, ſomit ſein Bruder die ganze Hinter⸗ laſſenſchaft eingethan hatte. Dieſer war übrigens gleich nach des Vaters Tod ins Ausland gegangen und hatte ſich— wie Eduards Halbſchweſter, die Majorin Klint, erzählte— in England niedergelaſſen. Einige Jahre ſpäter ſtarb aub der Oberſt und Eduard war nun der alleinige Erbe von deſſen an⸗ ſehnlichem Vermögen. Aber weder Reichthum noch Auszeichnung ſchien auf die Düſterheit einzuwirken, welche ſich ſeiner ſeit dem Auftritt mit dem Vater bemächtigt hatte. Kurz nachdem er ſein großes Erbe angetreten, wurde ſeine Halbſchweſter Wittwe, mit 4 Kindern und ohne Vermögen. Cduard lud ſie ein, ihren Wohnſitz in Warnäs zu nehmen, dieſes als ihre Heimath und ſich ſelbſt als deſſen Eigenthümerin zu betrachten. Was ihre Kinder anbetraf, ſo ſetzte er eine jährliche Summe für deren Erziehung aus. Nachdem alle dieſe Anordnungen getroffen ware verließ er Schweden und trat in engliſche S dienſte. 4 — 61 Seitdem waren zehn Jahre vergangen, und Nie⸗ mand von den jungen Leuten auf dem kleinen, in der Nachbarſchaft liegenden Ackersberg hatten den wirklichen Beſitzer von Warnäs bis jetzt geſehen. Dagegen hatte die Majorin Klint ſich ſchon zu Anfang ihrer Beſitznahme von Warnäs ſehr artig und freundlich gegen die junge Wittwe, ihre nächſte Nachbarin, bezeigt. Die Folge davon war geweſen, daß die Kinder der Majorin und die von Ackersberg mit einander aufwuchſen und zum Theil gemeinſchaftlichen Unterricht genoſſen, da es auf Warnäs einen Informator, eine Gouvernante und einen Muſiklehrer gab. Nun endlich eine kurze Schilderung der Majorin. Sie war um fünfzehn Jahre älter, als ihr Bruder Eduard, eine kleine hellblonde, etwas wohlbeleibte Frau von wohlwollendem, phlegmatiſchem Ausſehen und Charakter. Ruhe und Friede war ihr über Alles theuer. Jede körperliche Bewegung, wie jede Geiſtesanſtrengung war ihr zuwider. Sie verab⸗ ſcheute Lärm und Tumult und brachte ihre ganze Zeit, bequem in einem Lehnſtuhl, oder auf einem So⸗ pha ausgeſtreckt, mit einem Buch in der Hand, dahin. Von Natur ganz gut, blieb dieſe Güte dennoch bei ihrem großen Phlegma ohne alle wohlthätigen Folgen, denn ſie gab ſich niemals in irgend einer Handlung kund. Ihre Vorliebe für Bequemlichkeit und Stille hatte die Wirkung gehabt, daß ſie, um jeder Mühe und Beſchwerde auszuweichen, die Sorge für ihre Kinder Miethlingshänden überließ. So lange ſie noch klein waren, ſtanden ſie unter der Hut einer alten armen Wittwe Grönwall, welche 62 auf Warnäs allgemein„Muhme Greta“ genannt wurde. Später wurden ſie dem Lehrer und der Gouvernante anvertraut, und Muhme Greta's Auf⸗ ſicht über ſie beſchränkte ſich nur auf deren körper⸗ liche Pflege. Die Mutter ſah ſie nur bei dem Eſſen, ſonſt aber niemals, wenn man nicht gerade ausfuhr oder Beſuch bekam. Die Folge davon war, daß ſie den Kindern fremd blieb, unbekannt mit deren Fehlern oder guten Eigen⸗ ſchaften. Die letzteren nahm ſie deßwegen als vor⸗ herrſchend an, weil ſie von den erſteren niemals be⸗ ſchwert wurde.. Wie mangelhaft dieſe Erziehung ſein mußte, läßt. ſich leicht denken, und daß dieſelbe mehr oder min⸗ der ungünſtig auf die heranwachſenden Kinder ein⸗ wirken mußte, iſt unſchwer einzuſehen. Zur Zeit unſerer Erzählung waren die Söhne Studenten, beide älter als Eugen. Die Mädchen ſtanden in einem Alter, die eine von achtzehn, die andere von vierzehn Jahren und waren ſchön und blühend, ganz dazu geeignet, einer Mutter Freude zu machen, im Fall es dieſe Mutter verſtanden hätte, ihre Pflichten zu erfüllen. Es waren ſehr reizende Weſen, welche einem Salon hätten zur Zierde ge⸗ reichen können, aber niemals Frauen in des Wortes wahrhafter Bedeutung zu werden verſprachen. Und nun, mein lieber Leſer verſetzen wir uns nach Warnäs am Vorabend vom Johannistag. So weit das Gedächtniß der jungen Leute in der Zeit rückwärts reichte, war ſowohl am Vorabend von Johannistag, wie an dem Johannistag ſelbſt von 63 Warnäs aus eine Einladung nach Ackersberg er⸗ gangen. 4 Am erſtgenannten Tage, Morgens, wanderten Eugen und die Mädchen von Ackersberg nach Warnäs. Nina pflegte erſt gegen Abend nachzukommen. 4 „Habt ihr ſchon gehört, daß Kapitän Oernſkjöld aus England heimgekehrt ſein und jetzt zu Warnäs ſich befinden ſoll? Geſtern Abend, heißt es, ſei er angekommen,“ ſagte Olgg. „Nein, davon haben wir Nichts gehört,“ riefen die andern drei. „Wer hat Dir die Neuigkeit erzählt?“ fragte Eugen. „Der Laufburſche von Warnäs, welcher den Korb mit den Maibaum⸗Verzierungen holte.“ „Und Du haſt uns nicht bälder Etwas davon geſagt!“ rief Elma lebhaft. „Ich hatte heute früh noch ſo viel zu thun, daß ich keine Luſt hatte, die Zeit zu verplaudern,“ ant⸗ wortete Olga ganz ruhig,„beſonders da die Sache an ſich nicht von beſonderer Wichtigkeit war.“ „Nicht von beſonderer Wichtigkeit, ſagſt Du?“ fiel Elma ein;„das macht Epoche für den ganzen Ort. Hätte der Laufburſche Anders es mir geſagt, ich würde nicht eher Ruhe gehabt haben, als bis auch ihr von dem großen Ereigniß in Kenntniß ge⸗ ſetzt worden wäret.“ „Und dadurch hätteſt Du Dich nur ſelbſt aufge⸗ halten und wäreſt mit dem Kranzbinden nicht fertig geworden,“ bemerkte Olga. 1 „Das iſt ſehr wahr; aber es iſt mir unmöglich, 64 eine ſolche Verſtandesmaſchine zu werden. Es wäre mir erſchrecklich, wenn ich ſo ſein müßte, wie Du.“ „Bin ich denn ſo ſchreckenerregend?“ fragte Olga und ſah ihre Schweſter mit einem ſanften Lächeln an. „Nein, das biſt Du gewiß nicht, aber— die Geduld ſtellſt Du auf eine wahrhaft furchtbare Probe.“ „Beſonders die Deinige, liebe Elma, da Du von beſagtem Artikel ſo großen Vorrath haſt,“ fiel Eu⸗ gen ein.. „Ah, ich habe noch immer ebenſo viel wie Du.“ „Weit gefehlt.“ „Beweiſe mir das, wenn Du kannſt.“ „Sogleich. Habe ich nicht vielleicht Engelsgeduld mit Deiner zänkiſchen Gemüthsart?“ ſprach Eugen, indem er mit komiſchem Ernſt Elma anſah, welche auf der Stelle losbrach: „Und ich mit Deiner Eigenliebe?“ „Nur ruhig, ma chare,“ fuhr Eugen in zurecht⸗ weiſendem Tone fort,„Nimm ein Beiſpiel an Dei⸗ ner Schweſter, ſonſt bekommſt Du Dein Leben lang keinen Mann. Ich wenigſtens möchte eine ſo kleine Wespe, wie Du biſt, niemals zur Frau.“ „Wirklich nicht? Kennſt Du die Fabel von dem Fuchs und den Weintrauben? Du weißt wohl, daß ich Dich gar nicht zum Manne haben will.“ „Ich möchte wiſſen, wie er ausſieht,“ fiel Thekla ein, welche ſchweigend neben Eugen einherſchritt. „Der Mann, welcher einmal Elma's Auserwähl⸗ ter ſein wird?“ fragte Eugen.„Sieh mich an, dann weißt Du es.“ „Ach nein, Kapitän Oernſtjöld.“ „Das will ich Dir ſogleich ſagen,“ rief Elma. 65 „Er hat einen olivenfarbigen Teint, kohlſchwarze Haare, ſchwarze Augen, ſchwarzen Bart und— „Schwarze Zähne,“ warf Eugen lachend ein. „Aber wie in aller Welt weißt Du denn, wie der Mann ausſieht? Du haſt ihn doch niemals geſehen.“ „Das iſt wohl nicht nöthig, um zu wiſſen, wie ein Menſch ausſieht,“ entgegnete Elma. „Aber wer konnte ihn Dir ſo beſchreiben?“ fragte Olga. „Tante Klint gewiß nicht, denn ſie redet ungern von ihm. „Muhme Greta vielleicht,“ fiel Thekla ein. „Ihr irrt euch alleſammt. Niemand hat ihn mir beſchrieben. Gerade als ob ich mir nicht ſelbſt einen Schluß in Bezug auf ſeine äußere Erſcheinung bilden könnte!— Es iſt ganz unmöglich, daß er anders ausſehe,“ behauptete Elma mit Beſtimmtheit. 4„Und warum?“ fragte Eugen. „Darum, weil er düſter iſt— weil er in Indien geweſen iſt, weil er ein Hageſtolz iſt, von welchem die ganze Gegend Etwas zu erzählen weiß, und end⸗ lich, weil—“ „Weil Du eine Phantaſie beſitzeſt, die auf lauter Schein und Einbildung ausgeht,“ fiel ihr Eugen ins Wort und öffnete das Gitterthor, welches in die Allee von Warnäs führte. VII. Bei der Mittagstafel war der kürzlich angelangte Eigenthümer von Warnäs nicht ſichtbar, und auf Schwarz, die Wittwe und ihre Kinder. I. 66 alle Fragen, welche Elma, die beinahe vor Neugierde verging, an die Mädchen vom Hauſe ſtellte, bekam ſie zur Antwort, daß ſie ihren Oheim auch noch nicht zu Geſicht bekommen hätten. Er war ſehr ſpät am Abend zuvor angekommen, hatte ſich gleich nach ſei⸗ ner Ankunft zur Ruhe begeben und ſich ſeitdem noch nicht ſehen laſſen. Am Nachmittag vergaß Elma ihre Neugierde faſt gänzlich über dem Maibaum. Olga hatte ſich fort⸗ während ihrer Gewohnheit nach ruhig verhalten; aber die kleine Thekla ſah ſehr nachdenklich aus und ſchien bei der Arbeit an dem Maibaum ſehr zerſtreut. Vor ihrer Einbildung ſpukte irgend etwas My⸗ ſtiſches in der Geſtalt von Kapitain Oernſkjöld. Der Gedanke an ihn verſchmolz immerdar mit dem Ge⸗ danken an irgend ein Weſen aus der Sagenwelt, und ſie glaubte unter den Blättern am Maibaum ein paar ſchwarze funkelnde Augen zu ſehen, ſo wie er ſie nach Elma's Behauptung unbedingt haben mußte. Wenn der Maibaum fertig war und aufgerichtet werden ſollte, war es immer gewöhnlich, daß die Majorin, welche den Gutsherrn repräſentirte, zu⸗ gleich mit Nina anweſend war. Der älteſte Sohn der Majorin, Karl, ging hinauf und bat ſie herab⸗ zukommen. Eine Weile darauf erſchien die Majorin, auf den Arm eines jungen Mannes geſtützt. Aller Blicke richteten ſich auf ihn. Die Hinterſaßen von dem Gute nahmen ihre Mützen ab, das Weibervolk ver⸗ neigte ſich, und Alle zuſammen riefen: * ——⸗—— 67 „Gott ſegne unſern braven Gutsherrn!“ Elma ließ die Blumen, welche ſie an ihre Schärpe zu heften im Begriff war, zu Boden fallen und ſtarrte ihn mit halboffenem Munde und weit auf⸗ geriſſenen Augen an. Thekla ſah ganz erſtaunt aus. „Unmöglich,“ dachte ſie,„kann dieſer Mann der vielbeſprochene Seebär ſein, der, wie man ſagt, ſo finſterer Natur iſt, daß er niemals den Mund öffnet oder mit Jemand redet! Unmöglich, unmöglich!“ Aber ſo unmöglich es ihr vorkam, es war doch ſo. Eduard Oernſfjöld hatte nichts Melancholiſches, Menſchenfeindliches, Finſteres oder Unheilverkünden⸗ des an ſich. Er war ein Mann von mittlerer Größe und ſchlankem Wuchſe, obwohl die hochgewölbte Bruſt und die breiten Schultern Körperſtärke an⸗ deuteten, Die Geſichtszüge waren edel, ernſt und ſchön. Die großen, klaren blauen Augen hatten einen ſinnenden Ausdruck, vereint mit etwas Scharfem im Blicke. Die Naſe war gerade, die Stirne hoch, das Haar hellbraun und voll, Der Mund hatte einen Zug von Strenge; aber wenn er, ſo wie jetzt, redete, war das Lächeln, ſelbſt wenn ſich in daſſelbe eine gewiſſe Ironie miſchte, ohne Bitterkeit. Auf der andern Seite der Majorin ging Nina, und neben ihr der Muſiklehrer der Mädchen, ein junger Deutſcher. Dann kamen die Gouvernante, der junge Inſpektor und Muhme Greta. Als ſie vor den mit Laub und Kränzen ge⸗ ſchmückten Bänken, welche für die Zuſchauer oder die ältern Herrſchaften beſtimmt waren, anhielten berief die Majorin die jungen Leute durc einen * 68 Wink zu ſich heran und ſtellte zuerſt ihre eigenen, dann Nina's Kinder vor. Für jedes derſelben hatte der Kapitän ein freund⸗ liches Wort und ein artiges Lächeln, aber Elma be⸗ hauptete, daß alles zuſammen ſchrecklich kalt aus⸗ ſehe. 3 Eine Weile hernach war der Tanz in vollem Gang. Die Perſon, welche Eduards beſondere Auf⸗ merkſamkeit erregte, war Elma. Lebhaft und fröh⸗ lich wie ein Vogel, ſchwebte ſie im Tanze herum. Man erkannte an den ſtrahlenden Augen, an den lächelnden Lippen, dem Elaſtiſchen in allen ihren Bewegungen, daß ſie froh und glücklich war, wie die Jugend es ſein muß. Die Fräulein Klint be⸗ wegten ſich mit etwas geſuchter Eleganz, und die ältere kokettirte recht anſehnlich. Olga ſah heiter und zufrieden aus, aber es ließ ſich deutlich erkennen, daß die Freude nicht mit dem nüchternen Verſtand davon geflogen, wie es bei Elma der Fall war. Thekla tanzte wenig; ihre Geſundheit war ſchwäch⸗ lich, und ſie konnte ſtarke körperliche Bewegung nicht gut ertragen. Eugen's Angeſicht ſtrahlte von Friſche und Le⸗ bensluſt. Als er und Elma mit einander tanzten, bemerkte Eduard gegen Nina: „Wenn man dieſe beiden Kinder anſieht, ſo fühlt man ganz, was man mit der Jugend verloren hat. Wie ſchade, daß man alt werden muß!“ 4 „Der Herr Kapitän rechnet ſich doch wohl noch nicht zu den Alten,“ antwortete Nina. „Es ſind nicht die Jahre, welche uns älter ma⸗ 69 chen, ſondern die Erfahrungen, die wir vom Leben einthun. Sie, Madame, können, obwohl Sie einen erwachſenen Sohn haben, ſich noch nicht unter die Alten zählen, da Gott es Ihnen erſpart hat, ſo viel von der Welt zu ſehen, als mir beſchieden war.“ „Und ich möchte behaupten, daß es weder die Jahre noch die Erfahrungen ſind, welche uns älter machen, ſondern unſer Mangel an der Stärke des Gemüths, um die Prüfungen, welche die Vorſehung uns ſendet, zu ertragen. Bewahren wir unter allen Wechſelfällen des Schickſals unſere angeborne Ela⸗ ſticität des Geiſtes und die feſte Ueberzeugung, daß Alles, was geſchieht, zu unſerem Beſten dient, dann bleiben wir an Herz und Gefühl jung, wenn auch die Jahre unſern Körper gebeugt haben.“ „Sie wollen doch nicht behaupten, daß das Böſe, welches geſchieht, uns zum Nutzen diene?“ Es kommt darauf an, was man Böſes nennt. Haben wir ſelbſt es uns zugezogen, dann müſſen wir es wieder gutzumachen ſuchen; haben Andere es gethan, ſo ſollen wir es aus unſerem Gedächtniß vertilgen.“ „Das iſt eine allzufromme Lebensphiloſophie, als daß ſie von einem Andern, als demjenigen adoptirt werden könnte, der ein frommes Gemüth hat,“ be⸗ merkte Eduard lächelnd;„ich, der ich damit nicht begabt bin, kann mir eine ſolche auch nicht bilden. Ich bin an der Seele alt geworden, obwohl ich den Jahren nach immer noch jung genannt werden könnte.“. „Geſtatten Sie mir, zu behaupten,“ antwortete Niina,„daß dieſes vermeintliche Alter der Seele 70 eher eine Krankheit in der Einbildung, als etwas Wirkliches iſt. Es bedarf Nichts weiter, als daß ein Gegenſtand Ihr Intereſſe erweckt, und Sie wer⸗ den ſelbſt finden, daß Ihre Seele noch ihre ganze Jugendkraft bewahrt hat.“ „Aber wie glauben Sie denn, daß dieſer Ge⸗ genſtand ſein würde, den ich jetzt erſt träfe, nach⸗ dem ich ihn vergebens in der ganzen Welt geſucht habe?“ „Gerade darum, daß Sie ihn auf der ganzen Welt und in allen möglichen Geſtalten geſucht ha⸗ ben, iſt er vor Ihnen geflohen. Einer unſerer Dichter ſagt: Ein Thor ſucht draußen, was daheim er hat.“ „Sehr wahr; auch bin ich nun daheim. Aber ſehen Sie dort eine Perſon“— er deutete auf Thekla, welche in einiger Entfernung, die Hände in den Schoos gelegt und den Blick nicht auf die Tan⸗ zenden, ſondern auf die Mutter gerichtet, im Graſe ſaß—„die, obwohl noch ein Kind, dennoch ausſieht, als ob ihre Seele die Jugend bereits hinter ſich ge⸗ laſſen hätte.“ „Sie irren ſich, Herr Kapitän. Sie urtheilen nach der gelben Hautfarbe, den bleichen Lippen, nach dem zarten, ſchwachen Körper, und glauben, daß die Seele gleich dem Antlitz erbleicht ſei— aber be⸗ trachten Sie einmal ihr Auge, und Sie werden darin warme, ſtarke und jugendfriſche Gefühle leſen. Glauben Sie mir, meine kleine gelbe Lilie hat ſo viel Jugendleben und Feuer in ihrer Bruſt, daß ſie gern von dem Uebermaaß Etwas ablaſſen könnte. 71 „Geſtatten Sie mir eine Einwendung zu machen. Ich ſage nicht, daß es Ihrer kleinen Tochter an Gefühl gebricht, wohl aber an kindlicher Fröhlichkeit. Ihre Seele iſt früh reif, vielleicht eben darum, daß ihre Gefühle glühend und ſtark ſind; aber das iſt nur ein Beweis für die Wahrheit meiner Worte: daß ſie, obwohl ein Kind an Jahren, in Bezug auf die Seele bereits dem Alter verfallen iſt.“ „Vielleicht haben Sie Recht,“ antwortete Nina mit einem unterdrückten Seufzer und richtete einen lächelnden Blick auf die Tochter;„wenn es ſich aber hinſichtlich meiner kleinen Thekla wirklich ſo verhält, ſo habe ich auch Recht mit meiner Behauptung, daß es nicht die Erfahrung iſt, welche uns alt an der Seele macht, ſondern unſer eigenes Innere, und die größere oder geringere Elaſticität unſeres Gemüths. Glauben Sie wirklich, daß ein Gemüth, wie das Elma’s“— Nina deutete auf dieſe—„jemals alt werde?“ „Nein; denn es wird ſtets die lächelnde Hoff⸗ nung ſie begleiten und auf den Ruinen jeder erfah⸗ renen Täuſchung oder Widerwärtigkeit ſich mit neuen Illuſionen in ihrem Schooße wieder erſtehen. Au⸗ ßerdem liegt in dieſen bis zum Extrem lebhaften Gemüthern ein eigenthümliches Vermögen, unauf⸗ hörlich die Gefühle zu wechſeln, was ſie für alle Eindrücke empfänglich macht und zur Folge hat, daß Sorge und Bekümmerniß nur flüchtige Gäſte in der Seele ſind.“ „Sie haben einen ſicheren Blick, Herr Kapitän,“ entgegnete Nina.„Ach! möge das Schickſal mein 72 fröhliches, lächelndes Kind dort mit Sorge und Be⸗ kümmerniß verſchonen!“ 4 Am Johannistag zog man von Warnäs aus insgeſammt zur Kirche. Zu Mittag kamen alle Nachbarn, und am Abend tanzte die Jugend wieder. Aber jetzt geſchah es in dem großen Saal zu War⸗ näs, und es ging dabei ſehr hoch her. Nach einem der Tänze wanderte der älteſte von den Söhnen der Majorin, Karl Klint, mit Olga an ſeinem Arm, hinaus in den von jungen Leuten er⸗ füllten Park. Man flüchtete dahin, um ſich ein wenig abzu⸗ kühlen. „Weißt Du, Olga,“ ſprach Karl und umſchloß mit der freien Hand die Olga's, welche auf ſeinem Arm ruhte,„daß ich nun meine Studien beendigt habe und im Herbſt mich für den Staatsdienſt in⸗ ſcribiren zu laſſen gedenke?“ „Das iſt ſchnell mit Dir gegangen, Karl,“ ant⸗ wortete Olga. „Weißt Du, wem das Verdienſt daran gebührt?“ „Dir ſelbſt, natürlich. Dem Eifer, womit Du Deine Studien betrieben haſt.“ „Du irrſt Dich; denn dieſer Eifer hätte nicht ſtattgefunden, wenn Du nicht vor meiner Seele als Ziel und Lohn meines Strebens geſtanden wäreſt.“ „Ich!“ rief Olga lächelnd und ſah unbeſchreiblich verlegen aus. „Ja Du; oder ſollte Olga wohl alle unſere ent⸗ zückenden Luftſchlöſſer für die Zukunft, unſere Ge⸗ lübde vergeſſen haben?— Olga, ſieh mich an und ſprich: haſt Du ſie vergeſſen?“ 4 73 Er beugte ſich zu ihr nieder und ſchaute ſie mit einem warmen und fragenden Blick an. „Sie vergeſſen? Nein, Karl; aber ich wagte nicht und wage jetzt noch nicht, mein Herz an dieſe Träume zu hängen; denn ſollteſt Du Deine Gedanken und Neigungen ändern, dann will ich, daß Du vollkom⸗ men frei biſt und Dich nicht durch irgend ein Ver⸗ ſprechen an mich gebunden erachteſt. Dein Glück, Karl, iſt mir viel theurer als mein eigenes.“ „Aber, Olga, kommt dieſe Furcht nicht daher, daß Dein eigenes Herz ſich nur ſchwach zu mir hin⸗ gezogen fühlt?“ „Mein Herz iſt ein ſehr eigenſinniges Herz,“ antwortete Olga;„und es hängt ſo feſt an Dir, daß es ſich wahrſcheinlich niemals einem Andern er⸗ geben wird; aber es iſt auch ein ſtolzes Herz, wel⸗ ches durchaus nicht will, daß Du eines Tags nur aus Pflichtgefühl unſere Geſchicke vereinigſt. Es fordert unbedingt, daß Du ebenſo viel auf mich hal⸗ ten ſollſt, wie jetzt.“ „Und ſo wird es bei mir auch ſtets ſein, geliebte Olga. Aber ſiehſt Du, ich will nicht nach Stockholm reiſen, ohne den Beweis am Finger mitzunehmen, — Du mir Dein Herz und Deine Treue verpfändet haſt.“ „Das wäre alsbald eine Feſſel, Karl,“ wandte lga ruhig aber ernſt ein;„und ich wünſche, daß Du Dich als vollkommen frei betrachten ſollſt.“ „Gut, wir wollen jetzt nicht weiter davon reden, aber bei meinem nächſten Beſuch in Ackersberg den Gegenſtand wieder aufnehmen.“. 8 In dieſem Augenblick lenkten ſie in die große 74 Allee ein und ſtießen auf den Kapitän, welcher mit einiger Ironie gegen ſeinen Neffen bemerkte: „Du biſt ein ſchöner Kavalier, der nicht aufpaßt, wenn die Muſik ruft, ſondern ſeine Dame vergeb⸗ lich warten läßt; aber in einer ſo liebenswürdigen Geſellſchaft läßt ſich Deine Vergeßlichkeit leicht er⸗ klären und entſchuldigen,“ ſetzte er, gegen die er⸗ röthende Olga gewendet, mit Artigkeit hinzu. VIII. Am folgenden Tage, nachdem man den Bewoh⸗ nern von Ackersberg noch ein Stück weit das Ge⸗ leite gegeben, und die Majorin ſich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, um ſich von allen den Anſtren⸗ gungen, denen ſie die zwei vergangenen Tage aus⸗ geſetzt geweſen war, zu erholen— finden wir den Kapitän und den jungen Herrn Karl in einer Pro⸗ menade in dem großen Park begriffen. „Es ſollte mich intereſſiren, Etwas von der lie⸗ benswürdigen Wittwe, unſerer Nachbarin, zu ver⸗ nehmen,“ bemerkte der Kapitän.„Als ich vor zehn Jahren beim Antritt des mir von meinem Oheim hinterlaſſenen Gutes hieherkam, hielt ich mich nur ſo kurze Zeit auf, daß mir keine Muße blieb, die Bekanntſchaft unſerer Nachbarn zu machen. Du aber wohnſt ſeit zehn Jahren hier, ſtehſt mit den Leuten in jenem Hauſe auf vertraulichem Fuße und kannſt mir ſomit eine Schilderung der Familie geben, beſonders da es nach Allem, was ich beobachtet habe, das Wort. 75 ſo ausſieht, als ſollte ich mit derſelben noch verwandt werden.“ „Du haſt richtig gerathen, Oheim; ich kenne nicht allein die ganze Familie, ſondern hänge auch mit meines Herzens wärmſten Hoffnungen an einem der Mädchen, an welchem, das will ich Dir hernach ſagen.“ „Ah, das iſt ganz überflüſſig.“ „Um ſo beſſer,“ erwiederte Karl, indem er mit einem freimüthigen Lächeln ſeinen Oheim anſah. „Sie braucht ſich ihrer Perſon nicht zu ſchämen, ſollte ich glauben.“ „Nein, Du haſt einen guten Geſchmack, zum Mindeſten was das Aeußere betrifft. Sie iſt ein ganz hübſches Mädchen. „Das iſt gleichwohl ihr geringſtes Verdienſt; doch jede von einem Liebhaber ausgehende Schilderung ſieht immer übertrieben aus; deßhalb will ich lieber auf ihre Erzieherin übergehen.“ „Und daran thuſt Du ganz recht, denn ich glaube niemals, was ein verliebtes Menſchenkind in Bezug auf den Gegenſtand ſeiner Liebe ſagt.“ Karl ſah ſeinen Oheim einen Augenblick ſchwei⸗ gend an und machte ſich im Stillen noch einige Be⸗ trachtungen über den Mann, welcher nur um wenige Jahre ihm ſelbſt an Alter voranſtand und doch ſei⸗ nem ganzen Reden und Thun nach ſo bedeutend älter erſchien. Da indeſſen dieſe Betrachtungen zu keinem Re⸗ ſultate führten, ſo nahm er nach einigem Schweigen, welches Eduard gar nicht zu beachten ſchien, wieder 76 Von Frau Ulrici's Ehe und früherem Schickſal weiß ich blos, daß ihre Mutter ein Mädchenpen⸗ ſionat hielt, und daß die Tochter bis zu ihrem ſieb⸗ zehnten Jahr, wo die Mutter mit Tod abging, ihr dabei behülflich war. Tante Nina hatte ſich, wie man ſagt, kurz zuvor mit Kapitän Ulrici verheirathet. Nach einer ſiebenjährigen Ehe— ob glücklich oder unglücklich, weiß ich nicht— ſtarb ihr Mann mit Hinterlaſſung einer Wittwe und zweier Kinder, ſammt einer Maſſe Schulden, welche ſein Vermögen ſoweit verſchlangen, daß nur ſechs tauſend Reichsthaler übrig blieben.— Dafür kaufte ſie Ackersberg, und von da an datirt ſich meine eigentliche Kenntniß von der Familie. Das Uebrige hat mir eine alte Magd erzählt, denn Frau Ulrici, welche aus dem nördlichen Schweden kommt, war bei ihrem hieſigen Erſcheinen für Jedermann ein Fremdling. Ihr Schwager, der Hüttenwerksbeſitzer Ulrici, kaufte für ſie das kleine Gut hier und verſchaffte ihr einen tüchtigen und zu⸗ verläßigen Mann von ſeinem Werke, welcher das⸗ ſelbe bewirthſchaftet. Als ſie das Beſitzthum antrat, ſah es in Ackersberg, wie es heißt, ſehr ſchlimm aus. Ihre Mittel geſtatteten ihr nicht, weitere Re⸗ paraturen, als an den beiden Zimmern im Erdge⸗ ſchoß, vorzunehmen.— Als ſie ein Jahr hier war, ſtarb ihre Schwägerin und vertraute deren Obhut ihre beiden Töchter an, wofür Tante Ulrici die Zin⸗ ſen von dem Kapital der Mädchen, was ſich für beide jedoch nicht höher als auf ſechshundert Reichs⸗ thaler jährlich belief, erheben ſollte.“ „Das will mit andern Worten ſagen, daß ſie ſo gut wie arm iſt, die Wittwe hier.“ 77 Es kam Karl vor, als ob in dem Ton ſeines Oheims ein gewiſſer Hochmuth läge, weßhalb er ſchnell und mit einiger Heftigkeit antwortete: „Nicht arm, denn ſie bedarf Niemands Hülfe; aber ihr Einkommen iſt gering.“ „Nun, das iſt daſſelbe, wie arm; aber fahre ort.“ „Mit vollem Vertrauen auf den Großknecht An⸗ ders legte ſie die Bewirthſchaftung des Gutes in ſeine Hand und er hat dieſelbe als ein ganzer Mann betrieben.“ 6 „Ohne ſie zu beſtehlen?“ fragte Eduard ironiſch. „Ja, ohne ſie zu beſtehlen. Es ſind nur ſchlechte Gutsherrn, welche Diebe zu Dienern bekommen.“ „Da muß ich ſelbſt einer dieſer ſchlechten Guts⸗ errn ſein, denn mein Inſpektor war, ſcheint es, we⸗ niger gewiſſenhaft, als Großknecht Anders;— aber kommen wir auf die Wittwe zurück, welche ſich wohl zur Ruhe ſetzte und Romane las, während der Knecht das Land baute.“ A „Ganz und gar nicht.— Sie that etwas viel Beſſeres; ſie bildete ſich ſelbſt, indem ſie ihre kleinen Kinder erzog, um ſie auch ſpäter, wenn ſie groß geworden, leiten zu können. Ueberdieß eröffnete ſie ſich mehrere kleine Einkommensquellen. Sie ſchaffte ſich Hühner an und verkaufte die Eier. Sie ſtickte Hauben und machte Sonntagskleider für die Bäuerin⸗ nen der Gegend und nahm bei unſerem gelehrten Paſtor Unterricht in verſchiedenen Gegenſtänden, um hernach die ihrer Pflege anvertrauten Kinder ſelbſt darin zu unterweiſen. Ich war erſt ein vierzehn⸗ jähriger Junge, mit der Behaglichkeit des Familien⸗ 78 lebens, der Pflege einer Mutter u. dergl. völlig unbekannt, als ich Beſuche in Ackersberg zu machen anfing. Die Mädchen waren damals ſieben, ſechs und vier Jahre, Eugen neun alt. Wie oft ſaß ich nicht ſchweigend abſeits am Kachelofen und be⸗ trachtete Tante Ulrici, wenn ſie Abends während der Arbeit durch kleine, leichtfaßliche Erzählungen die Aufmerkſamkeit ihrer Kinder ſeſſelte und deren Verſtand und Herz auf das Gute und Edle zu richten bemüht war. Wie glücklich fühlte ich mich nicht, wie aufmerkſam lauſchte ich nicht auf dieſe kleinen Erzählungen, und wie einſam und ver⸗ laſſen fühlte ich mich hier zu Hauſe, wenn ich zu⸗ rückkam, nachdem ich in den kalten, finſtern Winter⸗ abenden allein den Weg von Ackersberg zurückge⸗ legt hatte. Keine Mutter ſaß hier am Heerde, wie zu Ackersberg, und erzählte uns Kindergeſchichten, die Gemüth und Verſtand bildeten; keine Mutter pielte hier einen muntern Tanz für uns auf, keine Mutter folgte mit Intereſſe unſern Spielen, und gab Acht, wie unſere Gemüthsart ſich äußerte. Die Folge von dieſen Beobachtungen war, daß ich, ſo⸗ bald unſere Lectionen am Abend geſchloſſen waren, nach Ackersberg eilte und dort meine freien Stun⸗ den zubrachte. Du ſiehſt wohl, Oheim, daß ich auf dieſe Weiſe mit allen den kleinen Familiengewohn⸗ heiten bekannt wurde und erfuhr, wie dort die Zeit verfloß. Ich wußte, daß Tante Ulrici jeden Mor⸗ gen zwiſchen vier und fünf Uhr aufſtand und an ihren Stickereien und Hauben arbeitete und durch dieſen Nebenerwerb eine kleine Summe zuſammen⸗ brachte, welche für Eugens Studien beſtimmt war. —— —, 79 Bis zu ſeinem eilften Jahre hatte er niemals einen andern Lehrer gehabt, als ſeine Mutter; aber von da an kam er alle Vormittage zu uns, um gegen eine dafür feſtgeſetzte Bezahlung den Unterricht un⸗ ſeres Informators zu genießen.“ „Aber Frauenerziehung iſt in der Regel für junge Burſchen nicht von ſehr hohem Werth. Die Mütter verziehen gewöhnlich ihre Söhne,“ fiel der Kapitän ein. „Das war bei dieſer Mutter nicht der Fall, ver⸗ ſichere ich Dich. Sie hatte ſich nicht nur bei allen ihren Kindern in deren verſchiedene Gemüthsart hineingelebt, ſondern auch klar eingeſehen, daß der Sohn körperlich und geiſtig zum Mann herange⸗ bildet werden müſſe. Sie ließ ihn darum in ſei⸗ nen Freiſtunden Anders begleiten, an deſſen Be⸗ ſchäftigungen, ſo weit ſeine Kräfte es geſtatteten, Theil nehmen. Er mußte ſich ſeine Kleider, Stiefel und Schuhe ſelbſt putzen. Sie ließ ihn in Holz ar⸗ beiten und gewöhnte ihn daran, ſelbſt beim S iele irgend etwas Rützliches zu treiben.“ „Gerade ſo verfuhr ſie bei den Mädchen. Sie erzog dieſelben ſo, daß ſie tüchtige Hausfrauen wer⸗ den ſollten, ohne deßhalb an der jugendlichen Friſche und Fröhlichkeit eine Einbuße erleiden zu müſſen. Sie ließ dieſelben von Anfang, gleichſam zur Be⸗ lohnung, an den Haushaltungsgeſchäften Theil neh⸗ men und machte dieſe dadurch zu Etwas, das ihnen lieb und werth war. Sie waren noch ganz jung, als Tante Nina mit ihnen, unter meinem Bei⸗ tritt, den alten verwilderten Garten auszuputzen begann. Mit welcher Freude arbeiteten wir nicht 80 alle! Wie ſehnten wir uns nicht nach dem Abend, wenn dieſe Arbeit ihren Anfang nehmen ſollte; denn ſie war nur auf dieſe Feierſtunden beſchränkt wor⸗ den. Ich legte gewöhnlich den Weg zwiſchen War⸗ näs und Ackersberg ſpringend zurück, ſo groß war meine Ungeduld, dahin zu gelangen. Unter unſerer zum Spiel betriebenen Arbeit verwandelten wir den Garten in ein kleines Reich der Flora, mit Küchen⸗ gewächſen hinter den regelmäßig angelegten, ſauber gehaltenen Fliederhecken.“ „Einige Wochen hernach wurde eine Reparatur in den obern Zimmern vorgenommen, und dieſe Auf⸗ gabe gleichfalls in den freien Stunden unter vieler Luſt und Freude von Tante Ulrici und den drei ältern Kindern zu Stande gebracht. Eugen ſtrich die Decke an, und Tante Ulrici mit den Mädchen klebte die Tapeten auf. Aber die fröhliche Zeit verging nur allzuſchnell. Ich. reiste nach Upſala und Eugen begleitete mich, um daſelbſt zur Schule zu gehen, denn ſeine Mutter erachtete es für höchſt nothwendig, daß er durch Kameradſchaft und Dis⸗ ciplin einen ernſtern Begriff von Erwerbung der Kenntniſſe erhielte, als ſich dieß im Umgang mit meinem jüngern Bruder als Kameraden und Vor⸗ bild bewerkſtelligen ließ; mir, damals einem ſiebzehn⸗ jährigen Jüngling, übertrug ſie die Aufſicht über ihren Sohn, aber ſie that dieß auf eine Art und Weiſe, welche deutlich zeigte, daß ſie meinen Charak⸗ ter kannte, denn ſie bewies mir ein Vertrauen, wor⸗ auf ich ſtolz war, und welches zu rechtfertigen ich mir heilig vornahm— und ich habe es nicht ge⸗ täuſcht.— Wir wohnten zuſammen, und ich wandte 81 meine Mußeſtunden an, Eugen Hülfe zu leiſten. Ich, der ich Tante Nina's beſchränkte Mittel kannte, machte es mir zu einer Ehrenſache, daß unſer Haus⸗ 4 halt ſo wenig als möglich koſtete, da ſie die Hälfte davon tragen ſollte; und noch in dieſem Augenblih 2 thut es mir wohl, zu denken, daß ich dieſer aus⸗ gezeichneten Frau einigen Nutzen ſchaffen konnte, da ich durch ſie geworden, was ich bin. Denn ohne den Beſuch in ihrem Hauſe, ohne das Beiſpiel, das ich dort ſah, ohne die Gewohnheiten, die ich mir dort aneignete, wäre ich, wie mein Bruder Svante, nichts als ein Müßiggänger.“ „Du ſprichſt nicht mit ſonderlichem Lobe von Deinem Bruder. Iſt es etwa Deine Abſicht, ihn bei mir herabzuſetzen?“ „Ganz und gar nicht. Ich habe nur eine Wahr⸗ heit ausgeſprochen. Svante hat nicht geringere An⸗ lagen als ich; im Gegentheil, er iſt lebhafter, ge⸗ wandter und im Beſitze größerer Fähigkeiten zur Erwerbung von Kenntniſſen als ich. Aber er hat, der gehörigen Aufſicht entbehrend und Miethlings⸗ händen überlaſſen, ſich der Unthätigkeit und dem Hang zur Genußſucht hingegeben.“ „Aber dieß macht die Sache nicht beſſer; denn Du klagſt nur indirekt Deine Mutter an, daß ſie ihre Pflichten gegen Euch nicht erfüllt hat.“ „Das iſt ſicherlich nicht meine Abſicht, aber da⸗ rum nicht minder wahr. Doch, wenn Du es er⸗ laubſt, Oheim, ſo wollen wir davon abbrechen.“ „Und zu der Wittwe zurückkehren;— gern, aber ich fürchte, daß über ſie nun Alles, was ſich ſagen läßt, auch geſagt iſt, denn der Sohn iſt ja Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. I. 6 82 erſt Student und die Mädchen ſind noch nicht alle erwachſen. Was ſie auch für eine vortreffliche Frau ſein mag, ſo hat ſie doch wohl nicht ihre Mädchen zu etwas Anderem, als zu tüchtigen Haushälterin⸗ nen erzogen? Oder haben ſie auch noch andern Un⸗ terricht gehabt?“ „Ja, von ihr ſelbſt, ſonſt von Niemand, mit Ausnahme Thekla's, welche hieher kommt und bei Herrn Meyer ſpielt, da ſie ungewöhnliche muſikali⸗ ſche Anlagen hat, „Aber können ſie wirklich gebildet heißen?“ „Es kommt darauf an, Oheim, was Du unter dem Wort Bildung verſtehſt. Hältſt Du für Bil⸗ dung, daß ſie irgend ein halsbrechendes Stück auf dem Piano ausführen, daß ſie Franzöſiſch plappern, kleine Blumen zeichnen, häkeln und ſticken können, daß ſie die neueſten Romane leſen, die neueſte Mode kennen und ſo weiter, dann ſind die Mädchen Mel⸗ bén nicht gebildet; nennſt Du es hingegen Bildung, Oheim, ohne Schwierigkeit jedes Werk aus dem Deutſchen oder Franzöſiſchen leſen zu können, in der Geſchichte ſo weit bewandert zu ſein, um nicht blos die Jahrszahlen, den Geburts⸗ oder Todestag eines Königs zu wiſſen, fondern auch über die Kultur und den ſittlichen Zuſtand jedes Zeitalters Aufſchluß zu geben, um in der Geographie, der Naturgeſchichte zu Hauſe zu ſein, die Mutterſprache richtig zu ſchrei⸗ ben und endlich einzuſehen, daß man einen Zweck im Leben hat, dann ſind ſie wirklich gebildet. Sie haben gehört, daß Arbeiten eine Ehre iſt, und daß kein Menſch das Recht hat, ſein Leben und ſeine Zeit zu verſchwenden, ſondern daß Jedermann, ob 83 reich oder arm, irgend Nutzen zu ſtiften ſuchen muß. Wenn Du das Bildung nennſt, Oheim, dann ſind Tante Ulrici's Mädchen gebildet,“ „Gut, ſtimmt auch nur die Hälfte von dem, was Du von Frau Ulrici und ihren Kindern ſagſt, mit der Wirklichkeit überein, dann iſt ſie eine ſeltene Frau. Willſt Du, ſo gehen wir morgen hin.“ IX. Am Abend des folgenden Tags wanderten Kapi⸗ tän Eduard und Karl nach Ackersberg und über⸗ raſchten dort die kleine Familie, wie ſie eben da⸗ mit beſchäftigt war, den blühenden Garten zu be⸗ gießen und zu ſäubern. Eugen ſtand im Begriff, ein paar Spalierpfähle zu ſchneiden, und Elma hüpfte um die Rabatten herum, begoß die Blumen aus der Kanne, die ſie in der Hand hielt, während ſie ganz munter mit ihrer kindiſch ſchwachen Stimme ſang: Die Blume mir befreundet iſt,. Die Blume kennt nicht Trug noch Liſt. u. ſ. w. Thekla kniete vor einem Epheu, den ſie eben aufbinden wollte. Nina und Olga waren damit beſchäftigt, die Beete von Unkraut zu reinigen, und hinter der Fliederhecke nahm Debora den Spinat in genauern Augenſchein. Niemand hatte die Ankömmlinge eher bemerkt, als bis Eduard und Karl die Gartenthünt. öffneten 84 und eintraten, wo dann Nina und Olga, die ſich zunächſt befanden, ihrer zuerſt gewahr wurden. Nina erhob ſich lächelnd und ging Eduard ent⸗ gegen. Ohne das mindeſte Zeichen von Verlegen⸗ heit zog ſie ihre Handſchuhe ab und reichte dem Kapitän die Hand.— „Herzlich willkommen, Herr Kapitän, obwohl ich befürchte, Ihnen meine Hand kaum reichen zu kön⸗„ nen.“ Der Kapitän faßte die ihm zur Hälfte darge⸗ reichte Hand und führte ſie an ſeine Lippen, in⸗ dem er mit einem Ausdruck von Hochachtung hin⸗ zufügte: 4 „Ich bin ſtolz darauf, eine ſo fleißige Hand zu küſſen.“ Hier wurde er von Elma unterbrochen, welche mit der Gießkanne in der Hand herangeſprungen kam und von Eugen verfolgt wurde. „Tante, Tante, beſchütze mich!“ rief ſie, drehte ſich um und befand ſich, Auge in Auge, Eduard gegenüber. Sie erröthete, verbeugte ſich und zog ſich verlegen hinter Nina zurück, während Eugen mit einem Spalierpfahl in der einen, und einem Meſſer in der andern Hand heranſtürzte. Als er den Kapitän erblickte, blieb er ſtehen, grüßte mit V ſeinem frohen, muntern Gelächter und ſchüttelte Karl die Hand. Nina wollte ihre Gäſte in das Haus führen, der Kapitän aber bat ſie, bleiben zu dürfen, wo ſie wären.— Der Abend verfloß ſehr angenehm. Der Kapitän wußte das Geſpräch ſo geſchickt einzuleiten, daß auch 8⁵ die Mädchen ſich bewogen ſahen, daran Theil zu nehmen, und er erſtaunte über deren einfache und gefällige Ausdrucksweiſe und über den Bildungs⸗ grad, welcher ſich in ihren Aeußerungen zu erkennen gab. Karl betrachtete ſeinen Oheim und lächelte im Stillen über den Ausdruck von Ueberraſchung, wel⸗ cher ſich auf des Kapitäns Angeſicht zeigte. Endlich, als Nina ihre Gäſte nöthigte, in das Haus zu treten, um ein einfaches Abendbrod zu ſich zu nehmen, ſagte der Kapitän, indem er der Wirthin den Arm bot: „Ich habe gehört, Frau Ulrici, daß Ihre jüngſte Tochter ungewöhnliche muſikaliſche Anlagen beſitzt. Es iſt ſchade, daß ſie hier auf dem Lande keine Ge⸗ legenheit hat, dieſelben auszubilden.“ „So viel Thekla deſſen bedarf, wird es ſich, wie ich hoffe, ſchon machen laſſen, wenigſtens ſo lang Herr Meyer in Warnäs iſt. Mein Wunſch geht nicht dahin, daß Thekla eine Künſtlerin wird, ſon⸗ dern ſie ſoll blos ſo viel Kenntniſſe erwerben, daß ſie in Zukunft Nutzen daraus ziehen kann. Thekla hat große Lernbegierde im Allgemeinen, und dieſe, wünſche ich, ſoll befriedigt werden, damit ſie nicht, indem es ihr an einer vernünftigen Richtung fehlt, auf Abwege geräth.“ „Aber Madame, die Laufbahn einer Künſtlerin iſt durchaus nicht zu verachten.“ „Zu verachten nicht, aber doch ſo abenteuerlich, daß eine Mutter, bei wahrer Liebe zu ihrem Kind, niemals den Wunſch hegt, ihre Tochter dieſelbe be⸗ treten zu ſehen; denn ſelbſt im glücklichſten Fall, 86 wenn der Erfolg einer Künſtlerin lächelt, iſt dieß etwas ſo Vorübergehendes, daß ſie, an Huldigung und Ruhm gewöhnt, eines Tags mit Schmerz ſich vom Publikum vergeſſen ſehen wird, und dann be⸗ ſitzt ſie nicht mehr das Vermögen, ihr Glück und Wohlſein im Familienleben zu ſuchen und zu fin⸗ den.“ „Wenn aber die Anlagen Ihrer Tochter ſich ſo entwickeln ſollten, daß ſie nur als Künſtlerin ſich glücklich fühlen kann, ſo wäre es ein Unrecht, ſie daran zu hindern.“ „Das iſt auch nicht meine Abſicht; aber ſie ſoll erſt in das Alter gelangen, wo ſie ſelbſt beurtheilen kann, was für ſie das Beſte und Nützlichſte iſt, und klar zu beſtimmen vermag, ob ſie den Muth beſitzt, um der in Ausſicht ſtehenden Vortheile willen mit Schwierigkeiten zu kämpfen; aber niemals werde ich ſie dazu erziehen, oder ihren Sinn auf ein Lebens⸗ ziel richten, welches mehr der Eitelkeit ſchmeichelt, als dem Herzen Befriedigung gibt.“ „Sie ſcheinen mir etwas zu ſtreng zu ſein, Ma⸗ dame,“ fiel Eduard lächelnd ein. „In welcher Beziehung denn?“ „Sie wollen der Frau die Genüſſe, welche die Ehrbegier bietet, verweigern und ſie in einen allzu engen Kreis einſchließen. Dem Genie, wo es ſich findet, beim Mann oder bei der Frau, muß es frei⸗ geſtellt werden, ſeine eigene Bahn zu gehen, ohne daß es ſich durch irgend welche Rückſichten daran gehindert ſieht.“ „Darin haben Sie vollkommen Recht, aber das Genie muß doch vorher ſich entwickelt haben, ſo daß 87 es klar erkennt, was es will und wohin es geht. Bei dieſem Kinde findet ſich dieſe Entwicklung noch nicht, und es iſt die Pflicht des Erziehers, das junge Gemüth zu unterweiſen und ihm eine geſunde Rich⸗ tung zu geben. Wenn das Gemüth ſeine völlige Ausbildung hat, dann iſt es erſt an der Zeit, mit gereifter Einſicht ſeine Kräfte zu prüfen und ſelbſt ſeine Bahn zu wählen. ** 4 4 „Nun, Onkel, was hältſt Du von den Bewoh⸗ nern von Ackersberg?“ fragte Karl, als er und Eduard ſpät am Abend heimkehrten. „Die Wittwe Ulrici iſt nicht nur eine ungewöhn⸗ liche Frau, ſondern eine in jeder Hinſicht reich be⸗ gabte Perſon, welche ihre Vernunft weder durch Einbildung, noch durch Eitelkeit irre führen läßt.“ „Und dennoch, Onkel, beſitzt Frau Ulrici einen wahrhaft poetiſchen Schwung und etwas wirklich Geniales in ihrem ganzen Weſen.“ „Wie wenn es einer andern, als einer überlege⸗ nen Seele möglich wäre, das Leben ſo richtig auf⸗ zufaſſen. Es liegt immer wahre Poeſie darin, das Schöne überall aufzufinden.“ X. Es würde uns zu weit führen, Tag für Tag den Einwohnern von Ackersberg zu folgen. Der Sommer verfloß wie ein heiterer Jugend⸗ 88 traum. Der Herbſt kam und mit ihm die Trennung von der Heimath für Eugen, welcher dießmal ohne Karl, aber in Geſellſchaft von Svante Klint ſich nach Upſala begab. Als der Wagen an der Krümmung der Straße verſchwand, blieb Nina unbeweglich auf der Vor⸗ treppe ſtehen, die Augen ſtarr auf die Straße ge⸗ richtet. Ein eigenthümliches Gefühl von Ruhe und Beklemmung ergriff ihr Herz, und ſie betete mit tiefer Andacht für ihr Kind, deſſen ſämmtliche Feh⸗ ler ihr ſo genau bekannt waren und nicht unbe⸗ gründete Furcht einflößten, um ſo mehr, als er jetzt den zuverläßigen und beſonnenen Karl nicht mehr zur Seite hatte. Es war als ob eine Ahnung von irgend einem Unglück ſich ihres Herzens bemächtigt hätte, als ſie ſo daſtand und dem abreiſenden Sohn nachſchaute. Aus dieſen ihren ängſtlichen Gedanken wurde ſie durch eine kleine Hand, welche die ihrigen faßte, und durch ein Lippenpaar, welches ſich darauf drückte, erweckt. Nina blickte hernieder auf Thekla, welche mit Thränen in den Augen ſie betrachtete. In dieſem Augenblick ſchlug ein heftiges Schluch⸗ zen an ihr Ohr und als ſie nach der Seite ſah, von wo es herkam, bemerkte ſie, daß Elma auf einer Bank lag und weinte. Olga hatte bereits die Thränen getrocknet, welche durch den Abſchied hervorgerufen worden waren, und ſuchte ihre Schweſter zu beruhigen. Nina beugte ſich zu Thekla herab und küßte ſie auf die Stirne. 89 „Wird es nicht recht leer bei uns ſein, da Eu⸗ gen fort iſt?“ fragte ſie. „Ja wohl,“ antwortete das Kind und legte ſei⸗ nen Arm um der Mutter Hals, indem es fluͤſterte: „glaubſt Du, daß er uns gleich lieb haben wird, wenn er wieder zurückkommt?“ „Ganz gewiß!“ „Soll ich denn nicht Frieden haben!“ rief Elma weinend.„Rede nicht mit mir, Olga, ich bin ſo unglücklich, ſo unglücklich Denke, wenn wir ihn nie wieder ſehen ſollten.“ „Elma, mein Kind, überlaß' Dich nicht ſo ganz Deiner Heftigkeit. Steh' jetzt auf, wir wollen in den Garten hinunter und den Baum begießen, wel⸗ chen Eugen gepflanzt und unſerer Pflege ſo ernſtlich empfohlen hat.“ Einige Augenblicke hernach lächelte Elma, ob⸗ wohl ihre Wangen noch von Thränen feucht waren, und eine Stunde ſpäter hörte man ſie leiſe trillern und davon reden, wie ſie Eugen bei ſeiner Wieder⸗ kehr mit etwas Angenehmem überraſchen könnte. Ihre fröhliche, lebhafte Seele wandte ſich von der Gegenwart, die ſo voll von Betrübniß war, ab und griff mit Eile nach der Zukunft, welche ihr voll Hoff⸗ nung und Freude entgegenlachte. Olga ſuchte der allgemeinen Betrübniß durch ihre Freundlichkeit entgegenzuwirken und zerſtreute ſich ſelbſt durch Arbeit.. Thekla blieb ſtill, ohne eine Milderung des Kum⸗ mers, der ihr Herz bedrückte, zu wünſchen oder zu verſuchen. Nina erkannte als das beſte Mittel zur Linde⸗ 90 rung des Schmerzes eine kurze Entfernung vom Schauplatze deſſelben und ſchlug darum vor, einen Beſuch im Pfarrhauſe zu machen. Nun hatten die Mädchen daran zu denken, und ſobald Mittag vorüber war, ſpannte man das ein⸗ zige Pferd vom Gute an den kleinen vierſitzigen Wagen. Nina machte ſelbſt den Kutſcher und ſo ging es fort nach dem Pfarrhauſe. XI. Wir überſpringen ein Jahr. Es war zu An⸗ fang des Frühlings, und Upſala wieder von der Jugend bevölkert. Die Vorleſungen waren in vol⸗ lem Gang. Die Fleißigern widmeten ſich mit Ei⸗ fer ihren Studien; die minder Ordentlichen führten ein luſtiges Kneipenleben. In einem ſehr dürftig möblirten Zimmer in der Schwarzbachſtraße ſaß an einem ſtürmiſchen Februar⸗ abend ein Jüngling von einundzwanzig Jahren. Das Zimmer war kalt, und er hatte zum Schutz gegen die Kälte ſeinen Ueberrock angezogen. Er ruhte mit dem Elnbogen auf dem Tiſch und ſtützte den Kopf mit der Hand. Sein Blick war ſtarr auf das mit langem Docht brennende Licht⸗ ſtümpchen, welches beinahe ganz niedergebrannt war, gerichtet; der Ausdruck in ſeinen Augen war düſter, das Antlitz bleich, das reiche Lockenhaar wirr und unordentlich; die Lippen waren feſt zuſammenge⸗ preßt, als ob ſie die Bitterkeit, die in ihm ſich regte, zurückhalten wollten. 91 Auf dem Tiſch lag neben ihm ein erbrochener Brief.— Er war in ſeine Grübeleien ſo vertieft, daß er nicht hörte oder nicht beachtete, wie die Treppe unter einem haſtigen Tritt knarrte und eine muntere Stimme ſang: „Da hab' ich mich jetzt warm und müde geſprungen.“ Im nächſten Augenblick flog die Thüre ſperrweit auf und ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren kam in das Zimmer hereingerauſcht. „Holla, Eugen, ſieh' was ich aufgefiſcht habe. Jetzt können wir wieder flott leben,“ rief er aus und hielt Eugen einen Fünfundzwanzigthaler⸗Schein unter die Augen. „Du haſt alſo Geld mit der Poſt erhalten?“ fragte Eugen, ohne den Kopf zu erheben. „Mit der Poſt? Ja, da kannſt Du zuſehen. Nein, mit der erhielt ich weiter Nichts, als einen langen Brief von vier Seiten, lauter Moral, in meines Oheims nichtswürdigem Styl. Es wäre nicht nöthig geweſen, den ganzen Tag draußen herumzulaufen, wenn er ſtatt deſſen nur vier Zeilen geſchrieben und ſie mit vier ſolcher Bürſchchen be⸗ gleitet hätte. Jetzt mußte ich in der ganzen Stadt herumrennen, um nur dieſen hier aufzutreiben.“ Mit dieſen Worten warf ſich Svante Klint auf einen Stuhl Eugen gegenüber, ſchleuderte die Mütze auf den Tiſch und rief: „Pfui Teufel, wie kalt iſt es hier!“ Dann ſprang er auf, eilte auf die Hausflur und begann zu rufen: 92 „Brita! Brita!“ „Was iſt nun das wieder für ein Geſchrei!“ ließ ſich eine nicht ſehr harmoniſche Stimme von unten herauf vernehmen. „Komm' herauf! Ich will einen Bankzettel wechſeln laſſen. Dieſe Worte wurden ſehr ſtolz ausgeſprochen; dann kehrte er in das Zimmer zurück, wo Eugen noch immer unbeweglich daſaß. „Ei der Tauſend! was haſt Du denn? Siehſt Du nicht, daß wir Geld gefaßt haben? Fürs Erſte laſſen wir Feuer machen und dann Speiſe herbei⸗ ſchaffen. Es iſt heute bei uns beiden ziemlich hung⸗ rig hergegangen. Wir können ſagen, daß wir Faſten gehalten haben; denn wenn ich die paar armſeligen Taſſen Kaffee abrechne, welche ich Brita abſtreiten mußte, ſo habe ich nicht einen Biſſen zu mir ge⸗ nommen.— Doch, das iſt gleich, ja wohl,“ ſang Svante,„wir werden unſern Schaden wieder nach⸗ holen. In einer Stunde haben wir Hök, Lundgviſt und Blom hier, und dann brauen wir uns eine dampfende Bowle.“ Jetzt ging die Thüre auf und eine alte Frau von abſtoßendem Ausſehen trat ein. 3 „So kommſt Du endlich, Häßlichſte aller Häß⸗ lichen,“ rief Svante ihr entgegen;„begreiſſt du nicht, Abbild des Geizes, daß wir ein Feuer im Ofen haben wollen. Siehſt Du“— und damit hielt er ihr den Bankzettel unter die Augen—„kann dieß Dein edles Herz nicht rühren?“ Brita's Angeſicht erhellte ſich, und ſie antwor⸗ tete mit ſauerſüßem Lächeln: 3 93 „Ich will ſogleich nach Holz hinuntergehen, aber Sie müſſen auch billig ſein und dürfen ſich nicht wundern, wenn ich jede Woche baar bezahlt ſein will. Wer, wie ich, ſchon ſo viele Jahre die Herrn Studenten bedient hat, der hat auch gelernt, vor⸗ ſichtig zu ſein und—“ „Und weil mich friert, ſo will ich Feuer haben, und darum Marſch!“ Damit faßte Svante Brita am Arm und ſchob ſie zur Thüre hinaus. Als dieſe ſich hinter ihr Fejchioſſe hatte, ſagte Eugen, indem er den Kopf erhob: „Was ſind das für Dummheiten, dieſe drei hie⸗ herzuſchleppen; da gibt es doch nur ein Saufgelage, und morgen ſtehen wir wieder auf demſelben Fuß wie heute.“ „Saufen wollen wir allerdings,“ rief Svante. „Und bleiben ſitzen den lieben langen Tag, Und rauchen, zechen, ſo lang es halten mag.“ „Und machen damit den armſeligen paar Pfen⸗ nigen den Garaus,“ fiel Eugen mit bitterem Lächeln ein. „Nun ja, was iſt's dann? Wir haben einen fidelen Abend gehabt, ſchlafen ein Stück in den Vormittag hinein und—“ „Wachen ohne Geld wieder auf.“ „Mein Sohn, ſorge nicht für den andern Tag, ſondern gedenke, daß ein jeder Tag ſeine eigene Plage hat Kommt Zeit, kommt Rath.“ „Eine ſchöne Lebensphiloſophie, auf Ehre.“ 94 „Weißt Du eine beſſere? Aber was iſt denn das für ein Brief?“ Spante ſtreckte die Hand nach dem Briefe aus, welcher neben Eugen auf dem Tiſche lag. „Darf man ihn leſen?“ „Ja wohl.“ Jetzt kam Brita mit Holz und zündete, während Svante mit höchſt komiſcher Miene den Brief las, ein tüchtiges Feuer an. Als dieß geſchehen war, ſagte ſie: „Ich vermuthe, daß die Herrn ſich Etwas nach „Hauſe holen laſſen, denn zum Ausgehen iſt es gar zu abſcheuliches Wetter.“ „Ja ſo, Du vermutheſt es, Du zäértliches, mit⸗ leidiges Herz, das uns heute nicht einmal Kaffee geben wollte, weil es ein Tag über die Woche war, und Du die verfloſſenen ſieben Tage noch gut hatteſt.“ „Ich verſichere, daß—“ „Du eine Hexe biſt, das weiß ich. Jetzt ſchaffe uns vier Portionen Eſſen, Bier, Branntwein und Brod her, beſtelle in dem Keller da unten eine Bowle Punſch, ſo, jetzt mach' daß Du fortkommſt.“ Als Brita fort war, zog Svante einen Stuhl an den Ofen und begann wieder mit komiſchem Ernſt an dem Brief zu leſen. „Nun, was ſagſt Du zu dem Inhalt?“ fragte Eugen. „Ach, das iſt rührend und ganz meiſterhaft. Ich hätte wahrhaftig Luſt, ihn auswendig zu lernen. Denke, was mein Onkel, der arme Kerl, für eine Arbeit gehabt hat, mit derſelben Poſt zwei ſolche 95⁵ Briefe zu ſchreiben, einen an mich, der mich ſchwarz macht, wie den ſchwärzeſten Mohren, mich einen Verführer, Zechbruder, Verſchwender, Tollkopf und Gott weiß was nennt, und dieſen da an Dich, mein Junge, worin er Dir zärtlich ans Herz legt, meine Geſellſchaft als ſchädlich, verderblich zu fliehen u. ſ. w.“ oiéJer Oheim hat mit dem, was er ſagt, ganz recht.“ „Vollkommen recht, das verſteht ſich.“ „Ei, mein Gott, die Herren ſitzen ja im Fin⸗ ſtern,“ rief Brita. „Natürlich, ein Lichtſtümpchen kann nicht in Ewigkeit dauern; ſchaffe zwei Lichter her.“ Das Eſſen wurde gebracht, Licht angezündet, und Brita richtete das Bett, während Svante und Eu⸗ bn mit günſtigſtem Appetit in die Schüſſeln ein⸗ ieben. Während ſie ſo daſaßen und tranken, klärte ſich Eugens Geſicht auf. Als das Mahl zu Ende und das Bier ausgetrunken war, zeigte er ſich ebenſo froh und munter wie Svante. „Nun wollen wir unſere Rechnung abmachen, Mutter,“ ſprach Svante, zu der Aufwärterin gewen⸗ det. Er bezahlte ihr ſofort das Geld für Kaffee und Holz, das ſie ihr ſchuldig waren. „Das hier iſt für die verfloſſene Woche; aber das ſage ich Dir zum Voraus, wofern Du noch ein⸗ mal ſo grob biſt wie heute, ſo kannſt Du Deinen Kaffee ſelbſt trinken und brauchſt uns dann nicht mehr weder mit Holz noch Kaffee zu verſehen oder uns Deine Dienſte zu widmen.“. In dieſem Augenblick hörte man einige junge 96 Leute, mehr ſchreiend als ſingend, die Treppe her⸗ auf kommen. „Die ſind bereits angeſtochen, das hört man am Laute,“ ſagte Eugen. „Um ſo luſtiger wird es,“ antwortete Svante lachend. Und luſtig wurde es. Die beſtellte Bowle wurde ſchnell getrunken und dann kam noch eine dazu. Als es Eins ſchlug, taumelte Eugen auf wan⸗ kenden Beinen nach ſeinem Bette. Er hatte ſich am längſten und beſten gehalten. Die übrigen ruhten bereits auf ihren Lorbeeren. XII. Die Februarſonne ſtand hoch am Himmel, als Eugen die Augen aufſchlug. Die drei fremden Zech⸗ genoſſen waren ſchon lang erwacht und hatten ſich nach Hauſe begeben, um in ihren eigenen Betten zu ſchlafen. Eugen ſtreckte ſich, gähnte und rief: „Schläfſt Du, Svante?“ „Ei zum Teufel, freilich ſchlafe ich, und etwas Anderes zu thun, verlohnt ſich der Mühe nicht,“ antwortete Svante ärgerlich. „Welche Zeit kann es wohl ſein?“ 1 „Das geht mich Nichts an; meine Uhr iſt übrigens bei dem Uhrmacher.“ Eugen ſprang aus dem Bett, während er lächelnd antwortete: „Seltſam genug, auch die meinige befindet ſich bei demſelben Uhrmacher.“ Dann rief er Brita. „Willſt Du ſchweigen und mich in Ruhe laſſen, damit ich wieder ſchlafen kann.“ „Aber wir müſſen heute in die Vorleſung von Profeſſor***.⸗ „Der Profeſſor mitſammt ſeiner Vorleſung mag zum Teufel gehen; oder glaubſt Du, daß man Luſt hat, gelehrte Vorleſungen anzuhören, wenn man auf⸗ wacht, ohne mehr als ein armſeliges Zwölfſchillings⸗ ſtück zu beſitzen. Was iſt das doch für eine erbärm⸗ lich Welt, in der wir leben!“ Damit drehte ſich Svante nach der Wand herum. „Das habe ich Dir ja ſchon geſtern geſagt. Du hätteſt meinen Rath befolgen ſollen.“ Jetzt trat Brita mit Kaffee ein. „Was für erbärmliches Zeug bringt Sie da?“ ſchrie Spante.„Glaubt Sie, daß ich von ein paar ſo kleinen Dingern da ſatt werde?“ Bei dieſen Worten deutete er auf das Körbchen, worin vier Zwiebacke lagen.„Schaffe Sie wenigſtens deren zwanzig herbei.“ „Aber nach unſerer Uebereinkunft ſollte ich nur zwei Zwiebacke auf jede Portion legen.“ „Ich glaube, Du willſt raiſonniren, Du Herxe. Mehr Zwiebacke her, ſage ich, und ſetze ſie auf die Rechnung.“ Während Svante auf ſolche Art ſeiner üblen Laune Luft machte, hatte Eugen ſich angekleidet. 1 Als Brita mit weitern Zwiebacken kam, tranken ſie ihren Kaffee, und Svante unterhielt ſich damit, daß er Eugen nachäffte. „Das habe ich Dir ja ſchon geſtern geſagt— Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. I. 7 98 Du hätteſt meinen Rath befolgen ſollen.““—„Weißt Du was, Eugen? Es gehört ein ziemlicher Grad von Dummheit dazu, um herzukommen und ſo Etwas zu ſagen. Als ob mit ſolchem Schnickſchnack unſere Lage verbeſſert würde. Aber man hört Dir an, daß Du von Frauen und unter Mädchen erzogen worden biſt, ſonſt würdeſt Du kein ſolcher Pedant ſein.“ „Ich ein Pedant?“ rief Eugen lachend, jedoch ohne ſich eines Erröthens erwehren zu können. „Ganz gewiß.— Weißt Du, wie ich zu den Fünfundzwanzig gekommen bin, die jetzt ſchon wieder zum Teufel ſind?“ „Auf eine Verſchreibung hin, natürlich.“ Svante richtete ſich auf den Elnbogen auf und ſah Eugen mit komiſchem Ernſt an. „Sehe ich wirklich aus, als ob für mich noch irgend Etwas von weitern Verſchreibungen zu hoffen wäre. Mein guter Junge, Du biſt ein Narr. Ich wäre nicht im Stande, auch nur noch einen Schilling auf dieſem Wege aufzutreiben.“ „Dann haſt Du wohl von irgend einem Kame⸗ raden geborgt.“ „Als ob noch irgend einer da wäre, von dem ich nicht ſchon gepumpt hätte. Nein, mein Sohn, ich habe ſie im Spiel gewonnen.“ „Pfui! Im Spiel!“ „Biſt Du nicht ein ächtes„Mammenkind“, ſo gibt es deren keines. Ach, mein Sohn, geh und beichte Deine Sünden bei dem erſten beſten Prieſter, denn zu zechen und mit wackelnden Beinen ſich ins Bett zu legen, iſt gewiß eine große Sünde. Du biſt ein wahrer Haubenſtock.“ 99 „Svante, jetzt iſt es genug, höre auf, ſonſt—, „Sonſt— was?“ fragte Svante lachend.„Sollte es vielleicht möglich ſein, daß mein Mammenkind böſe würde? Lohnt nicht der Mühe, mein Junge, denn Du haſt Dich wirklich gut angelaſſen, ſeitdem ich Hand an Dich legte. Trinken kannſt Du ſchon wie ein ächter Burſche; lerne noch ſpielen, dann habe ich Ehre von Dir.“ „Schöne Ehre, ein Säufer zu ſein.“ „Das iſt vielleicht beſſer, als ſein Leben lang ein Haubenſtock zu bleiben. So ein Leander, wie Du früher warſt, der unter Mädchen im Grünen ſitzt und Kränze windet und den Geruch von Punſch nicht ertragen kann. Pfui tauſend! Aus ſolchen Thee⸗ waſſerhelden wird nie etwas Großes.“. „Aber aus ſaufenden Studenten werden große Männer.“ „Ganz gewiß. Es iſt ein Uebermaß von Leben und Feuer, welches zu Thorheiten führt, wenn man jung iſt, und welches, ſobald das Blut ſich abkühlt, zur Wirkung hat, daß man Etwas in der Welt aus⸗ richtet. Ich fühle an mir, daß ein großer Geiſt in meiner Bruſt wohnt. Du wirſt ſehen, daß ich ein großer Mann werde.“ „Du!“ rief Eugen lachend.„Ein großer Säu⸗ fer, ja; aber darin wird gewiß Deine einzige Größe beſtehen.“ „Beſſer Etwas als Nichts. Lebe wohl. Ich gedenke jetzt den ganzen Tag zu ſchlafen, und hoffe, daß Du, wenn es dunkel wird, deinerſeits mir einen fröhlichen Abend bereiteſt. Ich ſorgte für geſtern, und nun biſt Du verpflichtet, für die Vedürniſſ 100 von heute zu ſorgen, ſonſt wäreſt Du das einzige Weſen, an das ich eine Forderung zu ſtellen hätte. Denke über die Sache nach, wenn Du der dummen Vorleſung von Profeſſor*** anwohnſt. Ich lege Dir meinen hungrigen Magen an's Herz; vergiß nicht Deine Schuld an ihn zu bezahlen.“ Damit drehte ſich Spante an die Wand, indem er noch hinzuſetzte: „Ich bin durch Unpäßlichkeit verhindert, die Vor⸗ leſung heute zu beſuchen.“ Eugen hatte unter Svante's Geplauder unauf⸗ hörlich die Farbe gewechſelt, und man konnte in ſeinem Angeſicht den Ausdruck verletzter Eigenliebe, der Scham und des Aergers leſen. Ohne eine Antwort zu geben, ging er nach der Thüre und legte die Hand auf das Schloß; in dem⸗ ſelben Augenblick wurde angeklopft. Eugen drehte den Schlüſſel, und vor ihm ſtand ein Briefträger. „Herr Ulrici hat auf der Poſt einen rekomman⸗ dirten Brief in Empfang zu nehmen,“ meldete der Mann und übergab den Rekommandationszettel. Mit einem Sprung war Svante aus dem Bett und an Eugen's Seite, und reichte dem Poſtoffician⸗ ten das einzige Zwölſſchillingsſtück, das ihm noch von den fünfundzwanzig Reichsthalern übrig geblie⸗ ben war. „Nehmen Sie das für Ihre Mühe,“ ſprach Spante und ſchloß die Thüre wieder, worauf er ſich zu Eugen wandte:„Laß' ſehen; wenn es eine ver⸗ ſchloſſene Rekommandation iſt, ſo handelt es ſich nicht 101 um Geld, ſondern um eine Citation. Nun, laß mich ſehen;“— und damit riß er Eugen das Papier aus der Hand. „Fünfhundert, ſage fünfhundert Reichsthaler!“ rief Svante überraſcht aus.„Mein Freund, Du mußt einen Engel zur Mutter haben, welche Dir fünfhundert Reichsthaler ſendet. Das iſt ſublim, rührend, großartig.“ „Schweig', Unglücksvogel, und nenne meine Mut⸗ ter nicht,“ rief Eugen und warf ſich auf einen Stuhl.—„Ja, ſie iſt ein Engel, und wie lohne ich ihr!“ „Schwatze keine Dummheiten. Du genießeſt das Leben, ſie bezahlt die Fiedeln dazu, und das iſt ganz in der Ordnung. Wenn Du in das geſetzte Alter kommſt, gibſt Du ihr Revanche, denn es iſt edel von ihr, dem Sohne fünfhundert Reichsthaler zu ſchicken.“. „Willſt Du ſchweigen; der Brief kommt nicht von meiner Mutter; Du ſiehſt doch, daß er von Nord⸗ land kommt.“ „Von Nordland!— ganz richtig, aber von wem? Vielleicht haſt Du eine Eroberung, welche dort wohnt und von unſerer bekümmerten Lage Kunde erhalten hat. Nun, was der Tauſend, ſitzeſt Du nun da und hängſt den Kopf? Du biſt doch ein wahrhaft blöder Junge; man braucht nur den Namen Deiner ſüßen Mutter zu nennen, ſo verziehſt Du gleich die Lip⸗ pen.— Komm, laß' uns Deinen rekommandirten Brief abholen und hernach ein Frühſtück einnehmen; dann beſtellen wir ein gutes Mittageſſen, und her⸗ 10² nach folgt bei uns ein ſtattliches Gelage. Es lebe die Freude!“ Eugen nahm ſchweigend ſeine Mütze, und dann begaben ſie ſich nach dem Poſtbüreau. Unterwegs fragte Svante: „Aber von wem kann der Brief ſein?“ „Von meines Vaters Bruder.“ „Ei der Teufel, das iſt ein honneter Oheim, etwas ganz Anderes, als mein Moral predigender Mutterbruder, welcher anſtatt Geldes mir, wie Ham⸗ let ſagt„Worte, nur Worte“ ſchickt.“ Eugen marſchirte ſchweigend weiter, ohne nur ein Wort auf des Andern Geplauder zu erwiedern. Als ſie den Brief in Empfang genommen, und Eugen denſelben geöffnet hatte, lag in dem Couvert neben dem Geld ein Brief, Als Svante dieſen ſah, rief er: „‚Mein Jungo, folge meinem Rath und verbrenne den Brief ungeleſen, denn von Geld begleitete Briefe ſind ſtets deſſelben Inhalts; ſie beginnen und ſchlie⸗ ßen mit: ‚ſpare, werde verſtändig, lerne einſehen, daß Geld Etwas iſt, das man nicht verſchleudern darf. Studire wie ein Pferd, ſchinde Dich wie ein Vieh, ſo wirſt Du mit der Zeit ein braver Kerl.“— Aber was zum Teufel machſt Du? Ich glaube, Du beabſichtigſt in vollem Ernſt, die abſcheuliche Epiſtel von einem Oheim zu leſen, der das Podagra hat und darum gottesfürchtig geworden iſt und ganz und gar vergeſſen hat, daß er ſelbſt einſt jung ge⸗ weſen. Nein, mein Bruder, laß uns frühſtücken und blos die honnete Seite Deines Oheims, nämlich ſein 103 Geld, im Auge behalten. Man darf niemals Galle in den Freudenkelch des Lebens gießen.“ Ob Svante's Argument wirkte, oder ob Eugen einen andern Grund dazu hatte, können wir nicht ſagen, aber ſo viel iſt gewiß, daß der Brief in die Bruſttaſche geſteckt wurde, und ſie zum Frühſtück ſich aufmachten. Als dieß vorüber war, ſtand Eugen auf und ſprach: „Beſtelle Du das Mittageſſen und den Abend⸗ ſchmaus, Svante, aber höre noch, was ich Dir zu ſagen habe: Dieß iſt das letzte Mal, daß ich noch ein Trinkgelage mitmache. Ich ſtecke tief in Schul⸗ den. Ich will einen Theil dieſes Geldes dazu an⸗ wenden, mich davon los zu machen, und dann wie⸗ der mit vollem Ernſt an die Arbeit gehen. Ich habe ein ganzes Jahr verſchleudert, ohne ein einziges Examen erſtehen zu können, und ſo darf es nicht ſortgehen.— Ich würde vor Scham ſterben, wenn man zu Hauſe eine Ahnung davon hätte, wie ich meine Tage hinbringe und zu welchen elenden Vergnügungen Zeit und Geld verſchwendet wird.“ „Tra—la— la, tra—la— la, wie ſchön das lau⸗ tet.— Weißt Du was, Eugen? Du biſt durchaus kein guter Kamerad, denn Du ſetzeſt Dich, ſo oft Dir Geld eingeht, auf das hohe Pferd; das thue ich niemals. Da theile ich allemal meine Freude mit Dir und bin glücklich und vergnügt. Lebe wohl, ich hoffe, Du biſt nach dem Mittageſſen in beſſerer Stimmung. Ein gutes Mittageſſen belebt die Seele, denn, wie ein gewiſſer Dichter ſagt,„ohne Bier und Speiſe iſt der Held ein Nichts.— Bei Norberg treffen wir uns.“ 22 104 XLIII. Oft hängen unſere Handlungen von der Einwir⸗ kung eines einzigen Wortes ab. So war es auch mit Eugen der Fall. Die Worte:„Deine Mutter muß ein Engel ſein“, welche Svante in ſeinem Leicht⸗ ſinn ausgeſprochen, hatten alle die beſſern Gefühle in ihm erweckt. Er glaubte ſie zu ſehen, dieſe zärt⸗ liche Mutter, wie ſie mit Kummer und Schmerz ihren auf Abwege gerathenen Sohn betrachtete. Er glaubte ihre liebevolle Warnung, ihr mildes Wort zu hören, und faßte den ernſtlichen Vorſatz, von der gefähr⸗ lichen Bahn, welche er betreten hatte, ſich abzu⸗ wenden. Mit dieſem ernſtlichen Entſchluß war er abge⸗ gangen, um ſeinen Brief zu holen. Mit dem feſten Entſchluß, wieder arbeitſam und ordentlich zu wer⸗ den, kehrte er heim und zog ſeines Oheims Brief heraus. Aber nun ſollte es ſich auch zeigen, wie wenig es in der Welt bedarf, um die beſten Vorſätze zu erſchüttern. Als Eugen ſeines Oheims Brief zu Ende geleſen hatte, veränderte ſich plötzlich ſein Geſichtsausdruck; vorher ernſt und bekümmert, wurde er jetzt zornig und höhniſch.— Mit unbändiger Heftigkeit knitterte er den Brief zuſammen und warf ihn auf den Tiſch. „Er glaubt alſo das Recht zu haben, mir einen Verweis zu geben. Mir dünkt, er wagt ſogar zu drohen. Bildet er ſich etwa ein, ich ſei ein Sclave 105 1 und müſſe mir von ihm Geſetze vorſchreiben laſſen, Nein, daraus wird Nichts, da er ſo wenig Zartge⸗ fühl beſitzt, um in ſo geringſchätziger Weiſe ſich über meinen Vater zu äußern, ſo will ich ihm beweiſen, daß meine Abſicht iſt, zu leben, wie mir beliebt.“ Eugen blieb vor dem Tiſche ſtehen und ballte die Fauſt über dem Gelde, während er mit unterdrücktem Zorn murmelte: „Warum muß ich ſo arm ſein, daß ich ihm nicht dieſes Geld zurückſchicen kann? Ha, es iſt entſetz⸗ lich, Gaben von denjenigen annehmen zu müſſen, welche uns demüthigen!“ Der Brief lautete folgendermaßen: „Zur Zeit meines Beſuchs bei Deiner Mutter im vorigen Jahr verſprach ich ihr einen Beitrag zu den Koſten Deiner Studien, da ſie zu deren Beſtreitung keinen andern Ausweg hatte, als ihr kleines Gut zu verpfänden. Wie Du ſelbſt weißt, erſparte ich ihr den größern Theil der Ausgaben für Dich im ver⸗ floſſenen Jahre, und ſie wäre deinetwegen nicht das geringſte Geldopfer zu bringen genöthigt geweſen, wenn Du ordentlich und ſparſam gelebt hätteſt. Aber Du biſt, wie Dein Vater, ein ächter Egoiſt. Du haſt nicht nur die von mir ausgeſetzten fünfhun⸗ dert Reichsthaler, ſondern auch verſchiedene kleinere Summen von Deiner armen Mutter durchgebracht und ſollſt noch dazu, wie ich mir habe ſagen laſſen, tief in Schulden ſtecken. Ich erkläre Dir demnach, daß ich, wenn Du Deinen ſchlechten Gewohnheiten nicht entſagſt, meine Hand von Dir abziehe und Deine Mutter wiſſen laſſe, was Du für ein Leben 106 führſt. Bedenke, daß dieſe Unterſtützung die letzte iſt, die Du von mir erhältſt, wofern ich hören muß, daß Du es forttreibſt, wie bisher.— Ich bin nicht der Mann, der ſich zum Narren halten läßt, und dulde keinen Ungehorſam gegen mich; am allerwenig⸗ ſten leide ich es von Dir, der von jeher mir zuwider geweſen iſt, da ich ſtets die Ueberzeugung gehegt habe, daß aus Dir ein ebenſo herzloſer Egoiſt und leichtſinniger Menſch würde, wie Dein Vater. Wäre es nicht um Deiner Mutter willen, ſo hätte ich nie⸗ mals Etwas für den Sohn meines Bruders gethan. Erinnere Dich deſſen, im Fall Du etwa Dir einbil⸗ den ſollteſt, Du könnteſt mich zur Nachſicht gegen Deine Ausſchweifungen bewegen. „Gotthard Ulrici.“ Wenn man bedenkt, daß Eugen ſeinen Oheim beinahe gar nicht kannte, daß er ſeit ſiebzehn Jah⸗ ren niemals perſönlich mit ihm zuſammengetroffen war, ſowie, daß er von Natur eitel und ſtolz war, ſo wird man leicht einſehen, daß dieſer Brief, der erſte und einzige, den er jemals von ſeinem Oheim bekam, nicht gerade dazu geeignet war, beſſere Ge⸗ fühle zu erwecken. Alle ſeine guten Vorſätze ver⸗ ſchwanden; das Bild der geliebten Mutter wurde von dem gereizten Stolz und der verwundeten Eitelkeit verdrängt, und eine unbezwingliche Begierde, dem Oheim zu trotzen, bemächtigte ſich ſeiner. Er wollte dieſem Oheim eben dadurch, daß er deſſen Befehlen zuwiderhandelte, beweiſen, wie wenig Achtung er vor ihm hatte. —O—O—O——ę—ę—ę—QC—COQ—C—C—Q—Q—Q—ę—ꝭQꝭQꝭC—Q—Q— 107 XIV. Wie das Semeſter ſo ſchnell zu Ende ging, war Etwas, das weder Eugen, noch Svante begreifen konnte. Es war dahin geſchwunden wie ein Fieber⸗ traum. Weit entfernt, nur den fröhlichen Theilnehmer an Trinkgelagen, bacchanaliſchen Geſängen und Spie⸗ len zu machen, war Eugen die Seele von allen die⸗ ſen Luſtbarkeiten geworden. Seine ſchöne Stimme, ſein munteres fröhliches Weſen ſetzte ihn bei dem ſingenden und trinkenden Theil der Studentenſchaft in die höchſte Gunſt. Die Vorleſungen wurden ver⸗ ſäumt, die Studien bei Seite gelegt; denn man war höchſt ſelten dazu disponirt. Im Uebrigen verging die Zeit ſchnell, getheilt zwiſchen Geldpumpen und munterer Geſellſchaft. 1 Svante hatte ausgeſtreut, daß Eugen, ein Neffe von dem Hüttenwerksbeſitzer Ulrici, nur Geld zu verlangen brauche, um alsbald es zu bekommen. Dieß erleichterte Eugens Anleihe⸗Operationen und diente dazu, ihn dem Rande des Abgrunds immer näher zu bringen. 3 Das Semeſter war geſchloſſen; aber weder Eugen noch Svante ſahen ein Mittel, von Upſala weg⸗ zukommen, da ihre Gläubiger ihnen auf dem Nacken waren. 1 Genug, Svante, der ſich immer zu helfen wußte, kam auf den Einfall, Eugen ſollte nach Hauſe ſchrei⸗ ben, daß ſein Freund Svante krank wäre und daß 108 er es für ſeine Pflicht hielte, bei ihm zu bleiben und ihn zu pflegen. Obgleich dieſe Unwahrheit Eugens noch nicht ganz verdorbenem Herzen widerſtrebte, ging er doch am Ende auf den Vorſchlag ein. Schon der Ge⸗ danke, ſeine Mutter wieder zu ſehen, war ihm pein⸗ lich. Er fühlte, daß er ihrem Blick nicht begegnen konnte, daß er in demſelben Augenblick, da er vor ihr ſtände, vor Scham vergehen würde. Wenn er ſich dann all das Elend vorhielt, wel⸗ ches ſein Leichtſinn zur Folge haben mußte, wenn ſeine Gläubiger, des Wartens müde, ſich endlich an die Mutter wenden würden, ſo konnte er nicht ein⸗ mal die Vorſtellung ertragen, ſie wieder zu ſehen, welche Alles für ihn geopfert hatte. Eugen machte es, wie ſo Viele vor ihm: um dem Anblick des Böſen, das er verſchuldet hatte, zu entgehen, ſuchte er die Erinnerung daran zu betäu⸗ ben; anſtatt es beſſer zu machen, machte er es nur ſchlimmer durch die Mittel, welche er anwandte, das murrende Geyviſſen zu beſchwichtigen. Die Geſchichte von Svante's Krankheit machte Glück, denn er erhielt Geld von ſeiner Mutter und⸗ überdieß von ſeinem Oheim. Eugen erhielt gleichfalls einen Brief von ſeiner Mutter ſammt einer kleinen Geldſumme. Aus dem ganzen Brief war erſichtlich, daß es die Mutter An⸗ ſtrengung gekoſtet hatte, auch dieſes Wenige zu ſen⸗ den: denn ſie hatte mehrmals ſchon während des Semeſters ihm Geld übermacht, da weder er noch ſein Oheim ſie von der Gabe des letztern in Kennt⸗ niß geſetzt hatte. ——,—,— 9 109 Zwei Tage ging Eugen mit dem Brief der Mutter in der Taſche herum, ohne daß er den Muth hatte, ihn zu öffnen. Endlich als er allein war, zog er ihn hervor und las ihn unter Thränen. Den Augenblick darauf ſtellten ſich zwei Gläu⸗ biger ein, und von einem Dritten bekam er einen Brief, und als dieſe Maſſe von Schulden, ohne Aus⸗ ſicht, ſie bezahlen zu können, auf ihn drückte, da nahm er ſeine Zuflucht wieder zum Glas, um mit⸗ telſt deſſelben ſeinen Kummer zu vergeſſen. 1 Mit Hülfe der letzterhaltenen Gelder halfen ſich Eugen und Spante über die Ferien in Upſala durch, ohne daß ſie die Heimath beſuchten. Beim Beginn des neuen Semeſters erhielt Eugen einen Brief von ſeiner Mutter, angefüllt mit den wärmſten Bitten, an ſeine Examina zu denken und deren Abſchluß möglichſt zu beſchleunigen. Jedes Wort athmete die unbegrenzteſte Liebe, die zärtlichſte Unruhe. Auch die Mädchen ſchrieben Briefe voll Anhäng⸗ lichkeit und Aufmunterung. Der Brief der Mutter rührte Eugen, diejenigen der Mädchen machten einen lebhaften, obſchon nicht dauern⸗ den Eindruck auf ihn. Er faßte die ſchönſten Entſchlüſſe, blieb ganze vierzehn Tage lang ein Muſter von Fleiß und Ordnung, aber in der dritten Woche war der Eifer wieder erkaltet; die Luſtbarkeiten und die heitern Geſellſchaften mit Kameraden lächelten ihm ſo verführeriſch entgegen, und die vierte Woche ſiedie er wieder mitten in den alten übeln Gewohn⸗ heiten.. XV. Eines Abends im October hatte ſich ein Haufe luſtiger Studenten in einem der Keller von Upſala verſam⸗ melt. Es wurde ſtark pokulirt und fröhlich dazu geſungen. Die berauſchenden Dünſte waren den meiſten der Anweſenden zu Kopf geſtiegen; der Ju⸗ bel wurde ſtürmiſch, das Singen ging in Geſchrei über, und die Schwächern ſtützten den Elnbogen auf den Tiſch, um dadurch den Körper aufrecht zu er⸗ halten. Zu denen, welche erſt in dem Stadium ausge⸗ laſſener Fröhlichkeit angelangt waren, gehörte auch Eugen Ulrici. Er ſtand aufrecht da mit dem Glas in der Hand und ſang mit ſeiner vollen klaren und ſchönen Stimme eines von Bellmanns Liedern. Wenn man ihn ſo ſah, mit den von Wein blitzenden und freudeſtrahlenden Augen, dem zurückgeworfenen Haupte, der wolkenfreien Stirne, ſo hatte er etwas ſo edel Schönes, daß man unwillkürlich von einem ſchmerzlichen Bedauern beſchlichen wurde, ihn an dieſem Orte, umgeben von Tabakrauch und berauſch⸗ ten Kameraden, zu finden. In einem dunkeln Winkel des Saales ſaß ein Mann in einen Mantel eingehüllt und betrachtete Eugen mit beharrlicher Aufmerkſamkeit. Er war die ganze Zeit ſo dageſeſſen und hatte die ganze Stu⸗ fenleiter der jugendlichen Luſtbarkeit verfolgt. Während er auf Eugens ſchöne Stimme hörte und ſein von jugendlichem Frohſinn und Uebermuth 111 ſtrahlendes Antlitz betrachtete, murmelte er bei ſich ſelbſt:. „Wie ſchade, wenn er hilflos zu Grunde ginge.“ Der Fremdling blieb jedoch unbeweglich, ſo ſehr auch dieſe Worte ein Intereſſe an dem, was vor ſeinen Augen vorging, zu verrathen ſchienen. Unter Schreien, Lärmen und Toben verging noch eine Stunde. Die Uhr auf der Domkirche ſchlug Zwölf und man machte Anſtalt, ſich auf den Heim⸗ weg zu begeben. „He da,“ rief Eugen, welcher jetzt gleichfalls ſchwach in den Knieen geworden war,„nimm mich unter den Arm, Svante, und laß uns einen Marſch im Saale herum verſuchen.“ Mit wackelnden Beinen und lärmender Stimme wurde der Verſuch ausgeführt. Gerade als Svante und Eugen an dem in den Mantel gehüllten Fremdling vorübergingen, erhob ſich dieſer und trat einen Schritt näher. Ohne Angeſicht zu entblößen, flüſterte er Eugen in's hr: „Wenn Ihre Mutter Sie jetzt ſähe, würde ihr das Herz brechen.“ Eugen blieb wie vom Donner gerührt ſtehen. Der wackelnde Gang, das trunkene Ausſehen ver⸗ ſchwand augenblicklich. Er ſtand aufrecht da und ſtarrte den Fremden an, welcher langſam an ihm vorbeiging und den Saal verließ. „Nun, zum Teufel, warum bleibt ihr denn ſtehen? Vorwärts, marſch!“ ſchrie man hinter dem nüchtern gewordenen Eugen und dem noch trunkenen Svante her. 11² Ohne eine Antwort zu geben, oder in den Ge⸗ ſang einzuſtimmen, zog Eugen ſeinen Kameraden mit ſich aus dem Saale und führte ihn nach Hauſe, während unaufhörlich die Worte des Fremdlings in ſeinem Ohr wiederhallten. Zugleich damit trat das Bild der Mutter vor ſeine erhitzte Phantaſie. Er ſah, wie ſie ihn mit Schmerz und Verzweiflung be⸗ trachtete; es war ihm, als fragte ſie: „Lohnſt Du ſo meine Liebe?“ Es war ihm, als ob alle böſen Geiſter ihm folg⸗ ten, und ſich an ſeiner Demüthigung freuten. Mit einem Gefühl von Eckel betrachtete er ſeinen taumeln⸗ den Kameraden, und jetzt, wo er in Folge des hef⸗ tigen Eindrucks, den des Fremdlings Worte auf ihn gemacht hatten, nüchtern geworden war, erſchien ihm dieſer Anblick ſo widrig, daß er mit wirklichem Ab⸗ ſcheu daran dachte, wie oft er ſelbſt ſich in einem ſolchen Zuſtand befunden hatte. Endlich ſtand er vor der Hausthüre, und es ge⸗ lang ihm mit vieler Mühe, ſeinen Kameraden die knarrende Treppe in ihr Zimmer hinaufzubringen. Hier ſchaffte er denſelben in das Bett, ſchleuderte ihn beinahe hinein, um nur ſein lärmendes Gelall nicht länger anhören zu müſſen, zündete Licht an, ſtieß aber faſt einen Schrei des Entſetzens aus, als er den Fremdling im Mantel ſich gerade gegenüber ſtehen ſah. Das von ſtarkem Getränke erhitzte Blut ſchoß beim Anblick des Unbekannten, eines Augenzeugen von ſeiner Erniedrigung, eines Anklägers von ſeinem Thun, wie Feuer ihm durch die Adern. Die Eigen⸗ 113 liebe erwachte und fragte:„Mit welchem Recht. drängt dieſer Fremde ſich an mich?“ Unter dem Einfluß dieſes Gefühls trat er einen Schritt auf den Unbekannten zu und ſprach mit ſtol⸗ zer, befehlender Stimme: „Herunter mit dem Hut, zurück mit dem Mantel! Was haben Sie hier zu ſchaffen?“ Der Unbekannte zog langſam den Hut ab, warf den Mantel von ſich, und vor Eugen ſtand Kapitän CEduard Oernſkjöld, ruhig und ernſt den jungen Mann betrachtend, welcher bei ſeinem Anblick unnatürlich bleich wurde und, das Geſicht in den Händen ver⸗ bergend, auf einen Stuhl ſank. Der Kapitän ſagte, indem er Eugen einen Brief reichte: „Sehen Sie hier die Urſache, warum Sie mich zu ſolcher Zeit in dieſem Zimmer treffen, obwohl ich wirklich, auch ohne dieſen Brief, einiges Recht zu haben glaube, zu jeder Stunde mich hier einzufin⸗ den, da es unglücklicher Weiſe von dem dort be⸗ wohnt iſt.“ Hiebei deutete der Kapitän auf den ſchnarchen⸗ den Svante. Eugen erhob den Kopf und machte dem Kapitän eine ſtumme Verbeugung, als er den Brief aus deſ⸗ ſen Hand nahm. Eduard ſetzte ſich ihm gegenüber, beſchattete die Augen mit der Hand, betrachtete hinter dieſem Schirm Eugens Angeſicht, während derſelbe den Brief las, und ſuchte den Eindruck der wenigen Worte, die er enthielt, zu entdecken. Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. I. 8 114 Eugen, ſchon vorher bleich, wurde beinahe aſch⸗ grau, und ein Zucken des S Schuterzes fuhr ihm durch die Glieder. Gleichwohl ſtanden in dem Brief der Mutter nur die Worte: „Eugen, denke an Deine Mutter!“. Klar ſtand nun vor ſeinem Gedächtniß der Au⸗ genblick, wo er die Mutter gebeten hatte, mit dieſen Worten ihn zu warnen, wenn es nöthig werden ſollte. Lebhaft erwachte wieder die Erinnerung an ihr Geſpräch, an ſeiner Mutter Schilderung von ſei⸗ nem Charakter, an die Unruhe, womit ſie von ſei⸗ nen Fehlern geſprochen hatte, welche, wie ſie fürch⸗ tete, ihn Verführungen ausſetzen würden, denen er keinen Widerſtand zu leiſten vermöchte. Wie hatte er damals ihr das Gegentheil verſichert, und jetzt — jetzt— hatte er alle ſeine Vorſätze vergeſſen, und ſie— wußte nun davon. Es lag etwas unſäglich Bitteres in dem Gefühl der Schaam, welches ihn ergriff, wenn er bedachte, wie viel Unruhe und Sorge die Kenntniß von ſei⸗ nem unordentlichen Leben ihr ohne Zweifel verur⸗ ſacht hatte. Er ſaß unbeweglich, wie eine Bildſäule, da und ſtarrte die paar Worte an. Er ſchien ganz und gar die Gegenwart des Kapitäns vergeſſen zu haben. Als dieſer eine lange Weile ebenſo unbeweglich wie Eugen ſeinen Sitz behauptet hatte, ſtand er auf. „Ich verlaſſe Sie jetzt,“ ſprach er,„werde mich aber morgen wieder einfinden, um dieſen da in die Kur zu nehmen.“ Damit deutete er wieder auf Svante. Als Oernſtjöld auf die Thüre zuging, ſolgte 4 115 ihm Eugen einige Schritte und ſagte mit unſicherer Stimme: 8 „Ich wünſchte noch eine Frage an Sie zu rich⸗ ten, Herr Kapitän.“ „Ich ſtehe zu Ihren Dienſten.“ „Wie befindet ſich meine Mutter?“ Seine Stimme zitterte. „Sie iſt ſehr unruhig und tief betrübt über die Gerüchte, welche ihr von hier aus zugekommen ſind. Ich kann Sie jedoch verſichern, daß dieſe Gerüchte Nichts übertrieben haben. Dieſe Entdeckung machte ich ſchon geſtern bei meiner Ankunft hier. Gute Nacht.“ Eugen war nun allein— allein mit ſeinen von der Trunkenheit und ſchmerzlicher Betrübniß konvul⸗ ſiviſch erregten Sinnen. In dieſem Zuſtande konnte er nicht an Schlaf denken. Er begann im Zimmer auf⸗ und abzugehen, um wenigſtens durch Bewe⸗ gung in ſich ſelbſt das Gleichgewicht einigermaßen herzuſtellen. Die Nacht verging und der Tag begann zu grauen; aber noch ſetzte er ſeine unruhige Wande⸗ rung fort. Endlich, da es beinahe voller Tag ge⸗ worden, warf er ſich völlig erſchöpft auf das Bett und ſchlief ein. XVI. Es hatte eben zehn Uhr geſchlagen, als die Thüre zu Eugen's und Spante's Zimmer aufging und der Kapitän eintrat. Eugen war gerade aufgeſtanden, Svante ſchlief noch. 92 116 Er iſt noch nicht erwacht, wie ich merke,“ ſagte der Kapitän, nachdem er Eugen, der bei ſeinem An⸗ blick erröthete, begrüßt hatte. „Ein ſchönes Leben das hier,“ ſezte der Kapitän mit einem höhniſchen Lächeln hinzu;„den Tag in die Nacht verwandeln und die Nacht in Völlerei zu⸗ zubringen. Ein hübſches Leben, wahrhaftig! Und das Geld, welches es koſtet, vollkommen werth. Er näherte ſich Svante, ohne ſcheinbar zu be⸗ achten, wie Eugen die Farbe wechſelte und den Kopf ſinken ließ. „Svante,“ rief der Kapitän, indem er ſeinen Neffen an der Schulter faßte und heftig ſchüttelte. „Schieb Dich zum Teufel!“ rief dieſer, ohne die Augen zu öffnen,„und laß mich ſchlafen. Was willſt Du denn von mir?“ 1 „Ich will, daß Du ſogleich aufſtehſt,“ antwortete der Kapitän in befehlendem Ton. Der Laut dieſer Stimme wirkte kräftig auf Svante, denn er öffnete die Augen und ſetzte ſich aufrecht. Als er ſeines Oheims gerunzelte Stirne und finſtern Blick wahrnahm, ſprang er aus dem Bett und rief: „Du hier, Onkel!“ „Ja, ich bin gekommen, um zu ſehen, welche großen Fortſchritte Du auf der Bahn des Wiſſens gemacht haſt.“ Die ernſt geſchloſſenen Lippen des Kapitäns kräuſelten ſich zu einem ironiſchen Lächeln. Svante brach in ein lautes Gelächter aus. Er warf ſich auf einen der Stühle und antwortete: „Das kommt darauf an, wie man die Sache — — — 117 eben nimmt, Siehſt Du, Onkel, ich ſtudire die prak⸗ tiſche Seite des Lebens.“ „Ja, das Kneipenleben,“ fiel der Kapitän ein und ſetzte ſich Svante gegenüber, welcher ganz unbe⸗ fangen eine Cigarre anzündete. „Will man die Welt, die Menſchen und den Lebensgang kennen lernen, ſo muß man Alles und beral ſtudiren,“ entgegnete Svante mit großer uhe. „Aber Du wirſt vielleicht entſchuldigen, wenn ich Deine Studienweiſe minder zweckmäßig finde.“ Spvante nickte bejahend und anſtandsvoll mit dem Kopf. Der Kapitän fuhr ſort; „Deßgleichen wirſt Du entſchuldigen, daß ich hieher gekommen bin, um Deine intereſſanten Stu⸗ dien zu unterbrechen und Dich von hier fortzu⸗ nehmen.“ „Belieben Sie ſich zu erinnern, Herr Oheim, daß ich mündig bin.“ „Ganz richtig und daß Du über all Dein Eigen⸗ thum frei disponiren kannſt, ohne Dich von Jemand kontroliren zu laſſen,“ bemerkte der Kapitän ironiſch. „Das Unglück iſt nur, daß ich über Nichts als Schulden disponiren kann. Dieſes Dispoſitionsrech⸗ will ich ohne Bedauern auf denjenigen übertragen welcher die Gabe anzunehmen Luſt hat.“ „Möglicher Weiſe findet ſich dennoch Jemand. welcher ſich dazu herzugeben geneigt wäre; aber natürlich auf gewiſſe Bedingungen hin. Du ſieht wohl ein, daß es ohne ſolche nicht angeht.“ „Das iſt mir vollkommen klar. Und wenn die⸗ 118 ſelben billig ſind, bin ich natürlich auch erbötig, darauf einzugehen.“ „Höre,“ ſprach der Kapitän ernſtlich,„der Un⸗ verſchämtheit iſt es jetzt genug. Vernimm nun, was ich Dir zu ſagen habe. Du haſt wie ein ausſchwei⸗ fender Geſell gelebt, und ich habe aus unverzeihlicher Schwachheit Deiner Mutter Bitten nachgegeben und Dich hier ein Semeſter nach dem andern bleiben laſſen, obwohl Du Nichts gethan haſt. Jetzt muß das ein Ende haben. Du haſt Geld genug ver⸗ ſchwendet, und ſofern Du noch auf mich rechnen zu können hoffeſt, iſt es mein beſtimmter Wille, daß 2 ſogleich Upſala verläſſeſt und auf immer den Stu⸗ dien, die Du niemals betrieben haſt, abſagſt. Dein unordentliches Leben, Deine verderbten Sitten laſſen deshalb nichts mehr von Dir erwarten, und darum bleibt Dir nur eine Wahl: ſogleich Upſala zu ver⸗ laſſen und im Frühjahr zur See zu gehen, oder Deinem Schickſal Dich preisgegeben zu ſehen. Du weißt, daß ich Wort zu halten pflege.“ Spante hatte den Kopf auf die Hand geſtützt und ſchien über die Worte ſeines Oheims nachzu⸗ denken. Als der Kapitän ſchwieg, antwortete er, ohne ſeine Stellung zu verändern. „Ich wünſchte, Onkel, daß Du mir Bedenkzeit gäbeſt.“ „Die ſollſt Du haben,“ erwiederte der Kapitän, indem er ſeine Uhr zog.„Es iſt jetzt halb eilf; Schlag Zwölf erwarte ich Dich, und da wirſt Du mir Deine Antwort geben.“ „Aber, Onkel, nur anderthalb Stunden, um für das ganze Leben einen Entſchluß zu faſſen.“ 119 „Höre, wenn ein Menſch in Gefahr iſt, zu er⸗ trinken und Du reichſt ihm die Hand zur Hülfe, dann bedarf er gewiß keine Sekunde Bedenkzeit.— Du biſt ein ſolcher Menſch, welcher im Begriff ſteht, in die bodenloſe Tiefe des Laſters zu verſinken. Ich reiche Dir meine Hand, aber ich ſtelle es Dir frei, ob Du untergehen, oder Dich retten laſſen willſt. Dazu bedarf es nicht vieler Minuten, ſcheint mir, und dennoch erhältſt Du von mir deren beinahe ein Hundert.“ Damit entfernte ſich der Kapitän. Ja, der hat gut reden, der,“ rief Svante und ſetzte ſich auf den Rand des Bettes.„Ich ſoll zur See, ich mag wollen oder nicht; denn kein vernünf⸗ tiger Menſch wird behaupten können, daß mir noch eine Wahl bleibt. Oder nennſt Du es eine Wahl, mich zwiſchen das Seeleben, wo ich der Gefahr aus⸗ geſetzt bin, von den Haifiſchen gefreſſen zu werden, und zwiſchen das Univerſitätsleben zu ſtellen, wo die Gläubiger mich zu verſchlingen drohen?“ Mit dieſen Worten warf er ſich auf das Bett zurück. „Mir ſcheint, Dein Oheim hat Recht,“ fiel Eugen mit düſterer Miene ein. „Du würdeſt wahrſcheinlich anders denken, wenn es Dir gälte; aber ſieh, Du biſt ein Mutterſöhn⸗ chen und bleibſt ganz ruhig da ſitzen, im Bewußt⸗ ſein, unſer luſtiges Univerſitätsleben unbeſchwert fort⸗ ſetzen zu können. Aber ich, ich armer Teufel muß Seemann werden, ich mag wollen oder nicht.“ ** * 120 Am Abend erſchien der Kapitän wieder bei Eu⸗ gen, welcher einſam in dem dürftigen Zimmer über einem Buche ſaß. „Störe ich vielleicht?“ ſagte der Kapitän. „Durchaus nicht.“ „Der Grund, warum ich hieher komme, iſt der, daß ich wünſchte, Sie nähmen an einer kleinen Col⸗ lation Theil, welche mein Neffe heute Abend ſeinen Kameraden zum Abſchied gibt. Er iſt eben damit beſchäftigt, ſie zuſammenzubringen.“ „Ich danke. Aber ich habe mir ein Gelübde ge⸗ than, an keinem Trinkgelage mehr Theil zu nehmen.« „Wann haben Sie das gelobt?“ „Heute Nacht.“ „Gut; aber es iſt hier von keinem Trinkgelage die Rede. Sie können alſo, ohne Gefahr, Ihre Vor⸗ ſätze zu übertreten, bei der Zuſammenkunft ſich be⸗ theiligen. Svante reist morgen von hier ab, und Sie werden nicht der Einzige ſein wollen, der bei dem Abſchied fehlt, welchen er ſeinen Kameraden gibt.“ „Ich werde mich einfinden.“ XVII. Das Zimmer des Kapitäns war einige Stunden ſpäter hell erleuchtet und voll junger Leute. Man ſchwazte, man rauchte, man ſcherzte, aber Alles mit der Zurückhaltung, welche eine natürliche Folge von der Gegenwart des Kapitäns war. Eine dampfende Bowle wurde hereingebracht, 121 wurau man um den großen runden Tiſch Platz nahm. Man trank auf des Kapitäns Geſundheit. Ohne ſcheinbar auf Eugen Acht zu geben, folgte dieſer ihm aufmerkſam mit den Augen; er ſah, daß ſein Glas unberührt ſtehen blieb. Als die Stimmung aufge⸗ räumter wurde, nahm der Kapitän das Wort: „Wenn ich Sie ſo verſammelt ſehe, ſo erinnere ich mich wieder der kurzen Zeit, die ich ſelbſt hier verweilte. Zu meinem nähern Umgang gehörte da⸗ mals ein Jüngling, der jetzt todt iſt. Man nannte ihn allgemein„den Sohn der Wittwe““, und be⸗ ſonders hat ſich meiner Erinnerung feſt eingeprägt, was ich von ſeiner Mutter erzählen hörte.“ „Das iſt gewiß eine ſehr intereſſante Geſchichte. Haben Sie die Güte, dieſelbe zu erzählen,“ ſagte ein Student. „Gern,“ antwortete der Kapitän.„In einer der nördlichen Provinzen wohnte eine Wittwe mit ihrer einzigen Tochter. Die Mutter war von ſtrengem, ſtolzem Charakter und von herrſchſüchtiger Gemüths⸗ art. Frühzeitig Wittwe und der Armuth preisge⸗ geben, erſchwerte ſie ſich ihre einſame Lage und ihre traurige Stellung noch durch die unnatürliche Strenge und Unbeugſamkeit ihres Charakters. „Die Armuth war für ſie das größte aller Uebel, und Jahre lang hatte ſie nur einen Wunſch, einen Zweck, nämlich ihre Tochter einmal reich zu ver⸗ heirathen. „Die Tochter war von der Natur mit ungewöhn⸗ lichen Geiſtesgaben ausgerüſtet; ſie fand jedoch we⸗ nig Gelegenheit, dieſelben auszubilden. Der größte 12² Theil ihrer Zeit ging damit hin, daß ſie ihre Mutter bei dem Unterricht in einer kleinen Mädchenſchule zu unterſtützen hatte. Man kann ſich leicht vor⸗ ſtellen, wie die lebhafte und wißbegierige Ina— ſo wollen wir ſie nennen— ſich durch die einförmige, die Geduld auf eine ſo harte Probe ſtellende Be⸗ ſchäftigung, kleine Kinder das ABC zu lehren, be⸗ ſchwert fand. „Dazu kam, daß der ſtrenge, beinahe harte Cha⸗ rakter und das faſt gefühlloſe Herz der Mutter ihr die Heimath kalt und wüſte machte; deſſen unge⸗ achtet bezeigte ſie ſich immer als eine gute und ge⸗ horſame Tochter. „In derſelben Stadt und demſelben Hauſe, wohnte ein Rathsherr, der ſeinen Schweſterſohn bei ſich hatte und wie ſein eigenes Kind erzog. Der Rath war zwar nicht reich, gab aber ſeinem Neffen eine gute Erziehung. Dieſer, den wir Gotthard nennen wollen, erhielt, nachdem er das Gymnaſium abſolvirt hatte, eine Anſtellung als Hilfslehrer in der Schule der Wittwe. Von ihm empfing nun Ina in den Frei⸗ ſtunden Unterricht in denjenigen Gegenſtänden, welche ihr bisher noch gänzlich fremd geweſen waren. Der Jüngling und das Mädchen faßten ſchnell eine leb⸗ hafte Zuneigung zu einander. „Als er abzog, um eine Stelle bei einem Hütten⸗ werk zu übernehmen, gelobten ſie einander ewige Treue. „Sie zählte ſechszehn, er zwanzig Jahre; beide ſtanden ſomit in einem Alter, wo man an die Un⸗ veränderlichkeit deſſen glaubt, was man hofft und ſich in glücklichen Träumen von der Zukunft wiegt. 123 „Auf dem Wege an ſeinen neuen Beſtimmungs⸗ ort beſuchte Gotthard ſeinen um zehn Jahre älteren Bruder, welcher Wittwer war und durch Beerbung ſeiner Frau und deren frühzeitig verſtorbene Kin⸗ der ein großes Vermögen erlangt hatte. Gotthard vertraute dem Bruder ſeine Neigung an, ſchilderte ihm ſeine Geliebte und erhielt von ihm das Verſprechen, im Fall ſie in vier Jahren einan⸗ der noch liebten, ihn in den Stand zu ſetzen, ſich zu verheirathen.— Wir wollen dieſen Bruder Kapitän nennen. „Gotthard reiste ab, nachdem er dem Kapitän die Hand darauf gegeben hatte, Ina von der Hülfe, die er ihm verheißen, Nichts wiſſen zu laſſen. Kurz darauf unternahm der Kapitän eine Reiſe in die kleine Stadt, wo Ina wohnte, um ſie zu ſehen und kennen zu lernen. „Die Folge davon war, daß er ſelbſt eine heftige Liebe zu dem Mädchen faßte, und als er ſah, daß alle ſeine Bemühungen, deren Neigung zu gewinnen, fruchtlos waren, wandte er ſich an die Mutter. Durch tauſend kleine Artigkeiten gelang es ihm, ſie ganz und gar für ſich einzunehmen und die Verbindung von ſeinem Bruder und Ina, wovon die Mutter bisher noch gar keine Kunde gehabt hatte, als die größte aller Thorheiten darzuſtellen. „Die Wittwe, welche ihre ganze Hoffnung, ihre Lage verbeſſert zu ſehen, auf eine Heirath ihrer Tochter geſetzt hatte, hielt derſelben ihr Verhältniß zu Gotthard in ſcharfen Worten vor und erklärte ihr zugleich, daß ſie niemals auf ihre Einwilligung dazu rechnen dürfte. 124 „An Gotthard ſchrieb ſie einen ernſten Brief, wo⸗ rin ſie ihm zu wiſſen that, daß jeder Briefwechſel zwiſchen ihrer Tochter und ihm aufhören müßte, und daß er niemals ſich auf Ina's Hand Hoffnung ma⸗ chen dürfte. „Nun trat der Kapitän als Freier auf, aber Ina wies trotz aller Bitten, Thränen und Drohungen der Mutter ſeinen Antrag ab. „Unbekannt damit, daß ihre Mutter an Gott⸗ hard geſchrieben hatte, verwunderte ſich Ina über deſſen Stillſchweigen und litt deshalb tief im Her⸗ zen. Inzwiſchen verfiel ihre Mutter in eine ſchwere Krankheit und ſchwebte mehrere Tage zwiſchen Leben und Tod. Unter dem Kampfe mit ihren Schmer⸗ zen und beim Anblick der in Thränen aufgelösten Tochter, entriß die Mutter ihr das Verſprechen, den Kapitän heirathen zu wollen. Ina gab dieſes Ver⸗ ſprechen, um deren letzten Willen zu erfüllen. Und die Mutter wurde darüber ruhiger. Sie bildete ſich ein, zu der glücklichen Zukunft ihrer Tochter beige⸗ tragen zu haben, ſofern dieſe nun eines reichen Mannes Frau werden ſollte. „Gegen alles Vermuthen erholte ſich die Mutter wieder; aber dieſe Beſſerung war nur eine ſchein⸗ bare; denn ihre Krankheit war unheilbar tödtlich. Dieß bewirkte, daß ſie ihrer Tochter Verehelichung beſchleunigte. „Genug, der Kapitän wurde mit Ina vermählt. Eine Stunde nach der Trauung traf Gotthard in der kleinen Stadt ein, um ſich nach Ina zu erkundi⸗ gen, da er von Allem was ſich bisher zugetragen hatte, Nichts wußte, — 125 „Das Zuſammentreffen der Brüder war ſehr ſtürmiſch, und nur Ina's offene Erklärung, daß ſie aus freiem Willen dem Kapitän die Hand gereicht hätte, konnte Gotthards Zorn eine andere Richtung geben. Er wandte ſich jetzt von dem Bruder gegen Ina. Aber da erklärte die Mutter, daß die Tochter nur ihrem Befehle gehorcht hätte. „Ina wurde demnach mit einem Mann verhei⸗ rathet, den ſie nicht liebte, ein Opfer des Eigen⸗ nutzes ihrer Mutter. „Sie trat in den Eheſtand, ohne daß die Mutter nur einen Augenblick die Aufmerkſamkeit der Tochter auf die Pflichten lenkte, welche ſie hiemit übernom⸗ men hatte. Sie war ein unwiſſendes und uner⸗ fahrnes Kind von ſiebzehn Dahren, welches nun ſo plötzlich in eine Gattin und Hausmutter umgewan⸗ delt wurde. „Wäre Ina eine der gewöhnlichen modernen Frauen von gutem Kopfe geweſen, ſo würde ſie es gleich dieſen unter ihrer Würde gehalten haben, als ein freies und denkendes Weſen ſich in die häus⸗ lichen Tugenden hineinzuarbeiten, ſie würde darüber nachgegrübelt haben, wie ſie es anſtellen könnte, um ſich der natürlichen Sphäre frauenhafter Thätigkeit zu entziehen, über die verkümmerte Stellung der Frauen und die Ungerechtigkeit, womit ſie von der Geſellſchaft behandelt wurden, deklamirt haben. Das Reſultat hievon wäre ein beſtändiger Streit zwiſchen beiden Eheleuten geweſen. Und die Sache würde damit geſchloſſen haben, daß Ina mit einigen Schrif⸗ ten über die Emancipation der Frauen und über die Art und Weiſe, wie ihr Geſchlecht von dem Joch 126 der Sclaverei erlöst werden könnte, an die Oeffent⸗ lichkeit getreten wäre. „Aber Ina beſaß viel zu viel wirkliche und über⸗ legene Bildung des Verſtandes und Herzens, um ſich ſolcher Phantaſtereien, die im Grunde von nichts Anderem, als der höchſten und gröbſten Unwiſſen⸗ heit Zeugniß geben, ſchuldig zu machen. „Hätte das junge unaufgeklärte Mädchen ſich denſelben überlaſſen, ſo wäre dieß ganz verzeihlich geweſen, da ſie niemals ein Wort von den Pflichten, welche das Leben ihr auferlegte, vernommen hatte. Aber der angeborne Inſtinkt von dem, was recht iſt, ſagte ihr, daß ſie nur in dem Beſtreben, ſich mit den neuen, ihr zufallenden Pflichten völlig ver⸗ traut zu machen, ihre Zufriedenheit ſuchen und finden dürfe. „Nach der Hochzeit wurde es mit der Mutter ſchlimmer und ſchlimmer, und daraus folgte, daß die neuvermählte Ina die erſten Wochen ihres Eheſtan⸗ des an dem Krankenbette der Mutter zubrachte. Mit bewundernswerther Zärtlichkeit und Sorge pflegte ſie eine Mutter, welche ihr ſelbſt niemals Zärtlich⸗ keit und Liebe bewieſen hatte. Treu und ergeben ſaß ſie an dem Lager der krittlichen und unruhigen kranken Frau. „Durch Leſen in der Bibel und durch Unter⸗ redung mit dem Geiſtlichen, welcher ihre Mutter be⸗ ſuchte, verſchaffte ſie ſich in dieſer Prüfungszeit eine klare Einſicht in die Natur ihrer neuen Stellung und der Pflichten, welche damit verbunden waren, und nach dem Tode der Mutter folgte ſie ihrem Mann in die neue Heimath, nicht als ein gedanken⸗ 127 loſes Kind, ſondern als eine ernſte, überlegſame Frau. „Man hätte glauben ſollen, daß ein Mann, dem ein ſolches Kleinod zugefallen war, auch wiſſen würde, deſſen Werth zu ſchatzen und mit Zärtlichkeit und Liebe das junge warmherzige Weſen zu umfaſſen, deſſen Beſchützer er als Gatte ſein mußte. Aber nein; der Mann, der ſeinem Bruder das Verſpre⸗ chen gebrochen, der ihn um ſein Glück beſtohlen hatte, war aus lauter Egoismus zuſammengeſetzt, ſo daß nichts Gutes von ihm zu erwarten ſtand. „Die Frau war in ſeinen Augen weiter Nichts, als ein Beſitzthum von ihm, eine Leibeigene, die er unterdrücken und moraliſch peinigen konnte, ſo viel ihm beliebte, ohne daß weder ein Geſetz noch ein Menſch damit zu ſchaffen hatte. „Er wurde eiferſüchtig, wie jeder Egoiſt, welcher auf die eine oder andere Weiſe, aber gegen deren Neigung, ſich eine Frau gewonnen hat. Er wußte, daß ſie niemals ſeine Gattin hatte werden wollen, daß ſie ſeinen Bruder geliebt hatte, und dieß konnte er ihr nicht verzeihen. Selbſt unſittlich und ohne allen Begriff von Achtung vor den Pflichten, welche er gegen ſeine Frau zu üben ſchuldig war, glaubte er ſie jeder verwerflichen Handlung fähig. „Die neue Heimath wurde für ſie ebenſo düſter wie die alte. Ihr Gatte war ein ſelbſtſüchtiger, hartherziger Mann, der ſie bald auf das Grauſamſte mißhandelte. „Ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne irgend ein Weſen, welches ſeine Stimme zu ihrer Verthei⸗ digung erheben konnte, war ſie ſeiner ungerechten * 128 und liebloſen Behandlung völlig preisgegeben. Zu gleicher Zeit wollte er aber dennoch mit ſeiner jun⸗ gen, ſchönen und liebenswürdigen Frau glänzen, und ſo machte er dieſelbe dadurch, daß er ſie die theuer⸗ ſten Kleider tragen ließ, das prächtigſte Haus in der ganzen Stadt führte, zu einem Gegenſtand des Nei⸗ des für die Frauen, der Bewunderung für die Männer. „Die Geburt eines Sohnes brachte in ihres Mannes Benehmen und Handlungsweiſe keine Ver⸗ änderung hervor. „Nachdem dieſer Mann ſieben Jahre ihr Henker geweſen war, ſtarb er und hinterließ Frau und Kin⸗ dern ein höchſt unbedeutendes Vermögen. „Die Frau, noch in der Blüthe ihrer Jugend, ſchön, geiſtvoll, liebenswürdig, erlöst von einer im höchſten Grade unglücklichen Ehe, widmete nun ihr Leben ausſchließlich der Pflege und Erziehung ihrer beiden Kinder. „Nachdem ſie über ein Jahr Wittwe geweſen, bewarb ſich Gotthard, welcher durch Erbſchaft ein reicher Mann geworden war, um ihre Hand. Aber ſie ſchlug ſeinen Antrag aus. Sie entſagte dem Glück der Liebe, dem Reichthum und allen den Ge⸗ nüſſen, welche er verſchaffen kann; ſie entſagte allen Freuden und Bequemlichkeiten des Lebens, nur deß⸗ halb, weil Gotthard ihre Kinder nicht leiden mochte, den Anblick ihres Sohnes nicht ertrug, und Ina wollte ihren Kindern keinen Stiefvater geben, die Pflicht, ſie ſelbſt zu erziehen, ſich nicht nehmen laſſen; ſie wollte ihnen nicht Geſchwiſter geben, welche der Zärtlichkeit eines Vaters theilhaftig waren, während 2. —— —— 129 jene einer ſolchen entbehren mußten.— Sie opferte Alles für die Mutterliebe. „Von dem ſiebenten Jahre des Sohnes, bis er Student wurde, und ſelbſt nach dieſer Zeit noch, ſtand ſie jeden Morgen in aller Frühe auf, um durch Handarbeit ſich die Mittel zu ſeiner Erzie⸗ hun zu verſchaffen. Seine erſte Lehrerin war ſie elbſt. „Nun wohl, meine jungen Freunde, was ſagen Sie dazu? Würde wohl Einer unter Ihnen, im Fall er eine ſolche Mutter gehabt hätte, es über ſich bringen, eine einzige Stunde bei einem Trinkgelage oder leerem Zeitvertreib zu verſchleudern? Gibt es wohl Einen unter Ihnen, welcher zum Lohn für ſo viele Leiden, für ſo große Liebe ihr den bitterſten aller Schmerzen, der eine Mutter treffen kann, näm⸗ lich den, ihr Kind dem Laſter und der Ausſchwei⸗ fung ſich hingeben zu ſehen, je verurſachen möchte?“ Der Kapitän hielt an und ſchaute ſich um. Auf den Geſichtern der Jünglinge war ein Ausdruck von Scham zu leſen. Endlich brach ein Student das Stillſchweigen, indem er ſein Glas faßte und aus⸗ rief: 1 „Die Wittwe und ihr Sohn ſollen leben, denn ich hoffe, daß er einer ſolchen Mutter Ehre gemacht hat. Ich fühle lebhaft, wäre ich an ſeiner Stelle geweſen, ich hätte es wahrlich gethan.“ Alle ergriffen ihre Gläſer, um auf den ausge⸗ brachten Toaſt zu trinken, als ein„Halt Kameraden!“ von Eugen ihnen Einhalt that. Der Kapitän richtete einen ſcharfen Blick auf Eugen, welcher unnatürlich bleich war. Er hatte Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. I. 9 130 den Kopf erhoben, aber es lag kein Ausdruck von Stolz in der Art und Weiſe, wie er ihn trug, ſon⸗ dern etwas Edles und Entſchloſſenes. „Du irrſt Dich,“ ſprach er,„der Sohn der Wittwe machte ihr keine Ehre, denn dieſer Sohn bin— ich!“ „Du!“ riefen die Kameraden. „Ja, ich— der mit leichtſinnigen Vergnügungen, Ausſchweifungen und lärmenden Trinkgelagen alles, was jene Mutter unter Nachtwachen und Mühen erſpart hatte, verſchwendete;— ich, der mit eben dem Frevelmuthe wie ihr leben wollte, weil Eitel⸗ keit und Eigenliebe ihm nicht geſtatteten, offen ſich für einen armen Burſchen zu erklären. Dieſe elenden Beweggründe haben mich dahin gebracht, eine Mutter, welche ihr ganzes Leben für mich aufopferte, zu vergeſſen, und auf die undankbarſte Weiſe ihre Liebe zu lohnen. Kameraden, ich ver⸗ diene Eure Achtung nicht, und wir trinken darum nur auf die Geſundheit der Wittwe, und nicht auf die ihres Sohnes.“ Alle leerten ihre Gläſer. Die Geſundheit wurde ſchweigend getrunken. Dann fuhr Eugen fort: „Und nun, Kameraden, vernehmt das Gelübde, das ich mir ſelbſt thue. Ich ſchwöre auf Ehre und Gewiſſen, daß dieß das letzte Glas iſt, welches ich leere. Bis zu dem Tage, da ich mit Ehren meine akademiſche Laufbahn beſchloſſen habe, ſoll kein an⸗ derer Tropfen, als Waſſer, über meine Lippen kom⸗ men.“ „Brav geſprochen!“ rief man rings herum. 131 „Du biſt ein wackerer Burſche, Ulrici. Und darum trinken wir noch Eins auf den Sohn der Wittwe.“ Einer der jungen Leute wandte ſich nun zu dem Kapitän und hob ſein Glas in die Höhe mit den Worten: „Und nun die Geſundheit des edeln Erzählers, welcher durch Mittheilung der Geſchichte von der Wittwe den Beweis geliefert hat, daß er das Herz der Jugend kennt.“ Hierauf ergriff Svante ſein Glas und rief: „Und nun, lebt wohl, Kameraden. Habt Dank für alle frohen Stunden, die nun vorüber ſind, denn ich bin verurtheilt, meinen Durſt mit Salzwaſſer zu löſchen; aber kehre ich wieder, dann lade ich Euch Alle zu einem donnernden Gelage ein, und wenn ich einmal meine eigene Schüte habe, ſo wollen wir an Bord meines Fahrzeugs trinken aus Herzens⸗ freude. Laßt uns mit einem Abſchiedsgeſang ſchlie⸗ ßen, dann wollen wir ſcheiden.“ Die luſtige Stimmung war aber verſchwunden, und Svantess heiterer Trinkſpruch wurde mit Still⸗ ſchweigen aufgenommen. Das Herz der Jugend iſt allen Eindrücken zu⸗ gänglich, und gelingt es, ſie von den Thorheiten loszureißen, welche die erſten Verirrungen kenn⸗ zeichnen, und mit Ernſt die edlern und beſſern In⸗ ſtinkte inzuſclagen, ſo iſt man immerdar gewiß, daß dieſelben wenigſtens eine Zeit lang die niedrigen Leidenſchaften überſtimmen. Ob dieſe Eindrücke Dauer haben oder nicht, das hängt von dem ungleichen Charakter der Individuen und von den äußern Umſtänden ab. 9*† 132 XVIII. Alle Gäſte des Kapitäns waren nach Hauſe ge⸗ gangen, und er hatte Svante merken laſſen, daß ſie am folgenden Tage abreiſen würden. Eduard Oernſkjöld ſaß, in ſeinen Schlafrock ge⸗ hüllt, an dem Kamin. Da klopfte es an die Thüre, und ein Mann trat ein, übergab dem Kapitän ein Billet und entfernte ſich wieder, ohne auf eine Ant⸗ wort zu warten. Als Eduard das Billet geöffnet und mit den Augen durchlaufen hatte, ſtieß er einen Ruf der Ueberraſchung aus, warf ſeinen Schlafrock ab und ſtand bald völlig angekleidet zum Aus⸗ gehen da. In einem der kleinen unbehaglichen Zimmer in einem Gaſthauſe von Upſala ſaß an demſelben Abend auf dem Sopha dem Fenſter gegenüber eine Frau von etlichen dreißig Jahren. Sie ſtützte die bleiche ſorgenvolle Stirne auf die Hand, und den Elnbogen auf einen kleinen, vor ihr ſtehenden Tiſch. Aus dem unruhigen Geſichtsausdruck ließ ſich ab⸗ nehmen, daß ſie einen Beſuch erwartete. Endlich ließen ſich Schritte auf der knarrenden Treppe hö⸗ ren, die Thüre ging auf, und Eduard Oernſkjöld trat ein. „Sie hier, Madame? Und doch hatten Sie mir verſprochen, meine Rückkehr abzuwarten.“ „Ach, Sie wiſſen nicht, was mich zu dieſer wei⸗ ten Reiſe gezwungen hat. Glauben Sie mir, ich befand mich in einer ſolchen Angſt, daß ich nicht daheim bleiben konnte. Ich mußte hieher, um klar ——— ———— 133 2. zu erkennen, was ich zu thun hatte. Haben Sie meinen Sohn geſehen?“ „Es iſt noch keine Stunde, daß ich mich von ihm trennte.“ „Und wie haben Sie ihn gefunden?“ fragte Nina— denn ſie war es— indem ſie ihre Hände an die Bruſt drückte, um den unruhigen Schlag des Herzens zu hemmen. „Beruhigen Sie ſich um Gotteswillen, Madame. Ich kann Sie auf Ehre und Gewiſſen verſichern, daß ich mit Ihrem Sohne vollkommen zufrieden bin.“ Nina ſeufzte tief auf, und die Thränen, welche in ihren Augen zitterten, fielen nieder auf ihre Hände. „Darf ich wagen, Ihnen zu glauben?“ ſtam⸗ melte ſie.„Aber wie ſoll ich dieſes Alles verſtehen? Sehen Sie hier, welche Nachrichten ich erhalten habe.“ Mit dieſen Worten reichte ſie ihm einen B ief. Der Kapitän ſetzte ſich neben ſie auf den Sopha unn ſagte, während er den ihm dargebotenen Brief öffnete:. „Ich verſichere Sie, daß Sie keinen Grund zur Unruhe mehr haben.“ „Ich fürchte, Sie wollen mich nur ſchonen. ejen Sie meines Schwagers Brief und Sie werden ehen.“ „Auf Koſten der Wahrheit, Madame, ſchone ich niemals, denn ich habe gefunden, daß aller Troſt, welcher zum Zweck hat, den wahren Sachverhalt zu verhehlen, ein elender und unwuͤrdiger Troſt iſt.“ 134 Der Kapitän las nun Gotthards Brief. Dieſer theilte Nina darin mit, daß er von verſchiedenen Kaufleuten in Upſala wegen einer Menge Schulden, welche Eugen gemacht habe, angegangen worden ſei, und daß die Gläubiger ſeines Neffen ſich an ihn gewandt haben, weil Eugen ihnen das Verſprechen gegeben, ſie ſollten von ſeinem Oheim Bezahlung erhalten. Er halte es für ſeine Pflicht, Nina dar⸗ über aufzuklären, daß ihr Sohn ein ausſchweifender und ſittenloſer Jüngling ſei, für welchen weitere Opfer zu bringen ganz unrecht wäre. Dennoch wolle er erforderlichen Falls ſeine Schulden bezahlen, doch halte er für das Beſte, Eugen einige Zeit für ſeine Sünden büßen zu laſſen. Inzwiſchen ſah er die Sache ſo an, als ob alle Hoffnung verloren wäre, und gab Nina den Rath, ihn zur See zu ſchicken, da dieſer Ausweg allein noch offen ſtände. ls der Kapitän den Brief geleſen hatte, ſagte er nicht ohne ein bitteres Lächeln: „ Gotthard fällt es ſchwer, Eugen zu verzeihen, daß Sie ihn ſelbſt um Ihrer Kinder willen geopfert haben. Darum iſt er ſo übel auf Ihren Sohn zu ſprechen und ſieht Alles ſo ſchwarz.“ Nina ſah den Kapitän erſtaunt an, worauf dieſer, als er es bemerkte, noch hinzuſetzte: „Sie verwundern ſich darüber, daß ich von ſei⸗ ner Bewerbung weiß. Ei, Madame, Sie haben mir ja ſelbſt ſeine Geſchichte erzählt. Aber laſſen Sie uns wieder auf Eugen kommen.“ „Ach ja!“ Der Kapitän erzählte ihr nun, daß er bei ſeiner Ankunft in Upſala ſeinen Neffen und Eugen aufge⸗ 13⁵* ſucht und ſie in einem Keller, in einer jener lär⸗ menden Geſellſchaften, wo die Zeit zwiſchen Würfel⸗ ſpiel und Trinken getheilt wird, aufgefunden habe. Er ſuchte die Schilderung nicht zu mildern, ſondern hielt ſich ſtreng an die Wahrheit. Er beſchrieb ihr die Wirkung der Worte, welche er Eugen geſagt, und den Eindruck, welchen Nina's wenige Zeilen hervorgebracht hatten, ſo wie endlich den Auftritt, welcher bei der Mittheilung von Nina's Geſchichte erfolgt war. Nina hörte ihm mit einer Miene zu, als ob ſie in jedem kommenden Worte ihr Todesurtheil er⸗ wartete. Als der Kapitän geſchloſſen hatte, faßte ſie ſeine Hand und dankte ihm mehr mit den in Thränen ſchwim⸗ menden Augen, als mit den Lippen. Es trat eine kurze Pauſe ein, denn Nina war allzu bewegt, als daß ſie ſprechen konnte. Endlich nahm ſie wieder das Wort. „Glauben Sie wirklich, daß Eugens Vorſatz ernſt⸗ lich gemeint iſt, und daß er zu einem ordentlichen Leben zurückkehren wird?“ „Ja, Madame, das glaube ich ganz entſchieden. Die Hauptſache iſt nun, ſeine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Eugen iſt zu dieſer Lebens⸗ weiſe großentheils durch meinen Neffen Spante ver⸗ leitet worden, und darum habe ich mir vorgenommen, ſeine Schulden zu bezahlen und es mir in Zukunft allmälig von ihm erſetzen zu laſſen.“ „Herr Kapitän, ich bin von Ihrem edelmüthigen Anerbieten, deſſen ganze Zartheit ich anerkenne, tief gerührt, aber gleichwohl muß ich es ablehnen.“ 136 „Und warum? Sind Sie zu ſtolz, um dieſen kleinen Dienſt von mir anzunehmen?“ 4„Gewiß nicht; aber ich wäre eine ſchwache Mut⸗ ter, wenn ich es thäte, eine Mutter, die in ihrer Anhänglichkeit nicht berechnete, daß ihr Sohn, um die ganze Schwere der von ihm begangenen Fehler tief genug zu empfinden, auch die Folgen davon tra⸗ gen muß. Nein, Eugen ſoll ſelbſt arbeiten, um zu bezahlen, was ſeine Thorheiten gekoſtet haben. Er iſt arm, und das hat er vergeſſen. Nun wohl, jetzt iſt es Zeit, daß er ſich daran erinnere. Was die Koſten ſeines Aufenthalts auf der Univerſität betrifft, ſo werde ich dieſe wie bisher für ihn bezahlen, aber die Schulden, welche er gemacht hat, muß er da⸗ durch abarbeiten, daß er während der Ferien in irgend eine vorübergehende Kondition zu kommen und ſelbſt in der Studienzeit durch Privatunterricht Etwas zu verdienen ſucht.“ „Aber dieß wird zwei Uebelſtände mit ſich brin⸗ gen; fürs Erſte, daß es mit ſeinen Studien viel langſamer geht, und zweitens werden Sie ihn dann in der Heimath gar nicht zu ſehen bekommen.“ „Das iſt wahr, aber es wird für die Zukunft ihn lehren, welche betrübenden Folgen es hat, wenn man ſich von ſeinen Leidenſchaften regieren läßt. Wären Sie nicht geweſen, Herr Kapitän, ſo hätte er ſich ſelbſt helfen müſſen, und es hieße ſehr un⸗ überlegt verfahren, wenn ich ihn ſo leichten Kaufs den Folgen der von ihm begangenen Fehler ent⸗ ſchlüpfen ließe. Wiſſen Sie, wozu eine ſolche Schwach⸗ heit führen würde? Zu weiter nichts, als daß er, eben weil er die Bitterkeit ſeiner Verirrungen nicht zu 137 4 koſten bekam, auch leicht wieder in dieſelben zurück⸗ fallen könnte.“ „Sie ſind eine ſeltſame, bewundernswerthe Frau, denn Sie zeigen ſich nicht blos als eine zärtliche und liebevolle Mutter, ſondern auch als eine kluge und ſtarke Schützerin von dem wahrhaften Wohl Ihres Kindes. Aber Eugens Gläubiger werden ihm keine Ruhe laſſen, und das Murren derſelben wird ſchmerzlich auf ſein Gemüth einwirken und ſelbſt ſeine Kräfte abſtumpfen.“ „Darin können Sie Recht haben, aber nichts deſto weniger muß Eugen die Koſten ſeiner Verſchwendung und die Ausgaben, die ihm ſo wenig Ehre machen, ſelbſt bezahlen.“ „Nun wohl, ſo geſtatten Sie mir, daß ich mich für ihn verbürge.“ „Nein, Herr Kapitän, nicht einmal dieſe Mil⸗ derung darf ich zugeben; nur mit ſeinen Gläubi⸗ gern mögen Sie reden, damit ſie ihm erlauben, ſeine Schulden allmälig zu bezahlen, und nicht allzu hart zuſetzen. Aber Sie müſſen mir Ihr Ehren⸗ wort geben, ihm nicht durch eine Bürgſchaft irgend welcher Art die Bezahlung erleichtern zu wollen.“ „Sie zeigen eine ſpartaniſche Strenge,“ ſagte der Kapitän lächelnd. „Ach, Herr Kapitän, in manchen Fällen wäre es recht gut, wenn wir die ſpartaniſchen Erziehungs⸗ principien zum Muſter nähmen,“ erwiederte Nina mit wehmüthigem Lächeln.„Glauben Sie jedoch nicht, daß ich Ihren Edelmuth ſo ganz unbenützt zu laſſen gedenke. Ich habe ein Bitte an Sie.“ „Ich werde mich ebenſo ſtolz als glücklich füh⸗ 4 138 len, Madame, jeden Wunſch von einer ſo hochge⸗ ſinnten Frau wie Sie zu erfüllen.“ Nina verneigte ſich leicht und fuhr mit jenem bezaubernden, milden und liebenswürdigen Ausdruck, welcher ihr ſo eigenthümlich war, fort: „Ich wünſche wohl, Ihr Lob zu verdienen, aber leider bin ich weder ſo hochgeſinnt noch ſo bewun⸗ dernswerth, als Sie von mir glauben. Ich bin recht und ſchlecht nur eine etwas ſtolze Frau, welche das Bewußtſein nicht ertragen könnte, ihre Pflichten nicht nach beſten Kräften erfüllt zu haben. Ueber⸗ dieß treibt mich die Liebe zu meinen Kindern, nach beſter Ueberzeugung zu handeln. Glauben Sie, daß es eine Mutter gibt, ſo mangelhaft ihre Erziehung auch geweſen ſein mag, welche nicht den Wunſch hegte, ihr)e Bemühungen gelingen zu ſehen?⸗ „Das glaube ich ſicherlich, wofern das Reſultat von ſelbſt’, ohne all ihr Zuthun, käme. Aber Ma⸗ dame. laſſen Sie mich nunmehr hören, in welcher Hinſicht ich Ihnen von Nutzen ſein kann,“ „Sie ſagten, Sie haben Freunde in Upſala. Wollten Sie nicht durch dieſelben meinem Sohn einige Schüler, oder, wenn es möglich wäre, eine Stelle als Informator verſchaffen?“ „Ich will mir alle Mühe geben und hoffe, daß es gelingen ſoll.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Nina und reichte ihm die Hand. „Bewilligen Sie mir jetzt auch eine Bitte!“ „Recht gern.“ „Beſuchen Sie Eugen nicht eher, als bis wir uns morgen Vormittag wieder getroffen haben.“ 139 „Das verſpreche ich, warum wünſchen Sie es?“ „Erlauben Sie mir, Ihnen das morgen zu ſagen.“ „Aber verſetzen Sie mich nicht in die Nothwen⸗ digkeit, die traurige Freude, meinen Sohn wieder zu ſehen, allzulang hinausſchieben zu müſſen. Ach! Sie begreifen wohl, wie theuer er unter allen Um⸗ ſtänden und bei allen ſeinen Fehlern mir noch im⸗ mer iſt!“ „Sie ſollen nicht lange warten dürfen.“ XIX. Es war noch nicht acht Uhr Morgens, als der Kapitän vor der Thüre von Svante's und Eugens Zimmer ſtand. Er gedachte eben dieſelbe zu öffnen, als er Svante's Stimme vernahm und einen Augen⸗ blick, um zu horchen, ſtehen blieb. „Ja, Du Eule, jetzt ſollſt Du zur Strafe für Deine Grobheit von geſtern um Bedienung und Feuerung bei uns kommen. Du kannſt nun Deinen Kaffee ſelbſt trinken, Du Drache, und was ſchlimmer iſt, Du bekommſt keinen Heller Trinkgeld. Wollte ich nach Recht verfahren, ſo gäbe ich Dir noch eine ordentliche Tracht Prügel zur Strafe dafür, daß Du uns Lumpenkerle geſcholten haſt, aber ich will meine Hand nicht damit beſchmutzen, daß ich Deinem Alte⸗ weiberfell nahe komme. Jetzt haſt Du Deine Be⸗ zahlung erhalten und damit marſch.“ Im nächſten Augenblick wurde die Thüre aufge⸗ riſſen und Brita buchſtäblich dem Kapitän in die Arme geſchleudert. 140 Als er dieß bemerkte, brach Svante in ein ſo heftiges Gelächter aus, daß er ſich ſetzen mußte. „Was iſt das für ein Leben?“ ſprach der Kapi⸗ tän, wenig erfreut, auf ſo unerwartete Weiſe ein weibliches Weſen in ſeinen Armen zu finden. Brita erſchrack und begann nun ſich über ein ſolches Verfahren aufzuhalten. Svante konnte vor „Larhen kein Wort hervorbringen. Der Kapitän drückte er tief beleidigten Jungfrau Brita einen kleinen Bankzettel in die Hand, gebot ihr zu ſchweigen, und trat dann in das Zimmer, welches er hinter ſich verſchloß. „Das iſt ja ein ſauberes Leben; trinkſt Dich Abends voll und legſt Morgens Hand an Frauen,“ ſprach der Kapitän ernſt. „Ich lege Hand an ſie; nein, pfui Teufel, Oheim, dazu habe ich gewiß keine Luſt, dazu iſt ſie viel zu garſtig. Uebrigens, lieber Onkel, mußt Du dieſes Ungeheuer keine Frau nennen, oder Dir einbilden, ich habe Hand an ſie legen wollen, da ich als artiger junger Mann der Alten nur zur Thüre hinaushalf.“ „Willſt Du mit Deinen Unverſchämtheiten ſchwei⸗ gen,“ fiel der Kapitän ſtreng ein. „Du haſt Unrecht, dich über mich zu ärgern, Oheim, denn ich bin ein närriſcher Kerl und ſonſt nichts; ein raſcher, kräftiger Burſche, ganz paſſend für das Seeleben.“ „Wohl, wohl; willſt Du jetzt ſo gut ſein und Dich ruhig verhalten; mein Beſuch gilt nicht Dir. Du wirſt Dich um eilf Uhr bei mir einfinden, dann wollen wir weiter reden. Für jetzt habe ich Eugen Etwas zu ſagen.“ 141 „Soll ich das Zimmer verlaſſen?“ fragte Svante in ſeinem unverbeſſerlichen ſcherzenden Tone. „Das iſt unnöthig.“ Der Kapitän wandte ſich zu Eugen, welcher mit einem aufgeſchlagenen Buch vor ſich am Tiſche ſaß. „Es wäre mir lieb, Eugen, wenn Sie mir Ge⸗ ſellſchaft leiſten wollten; ich habe Etwas mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte der Kapitän. Einige Augenblicke darauf wanderten der Kapi⸗ tän und Eugen über die Brücke nach der Carolina rediviva. „Wenn Sie mit einverſtanden ſind, mein junger Freund,“ ſagte der Kapitän unterwegs,„ſo früh⸗ ſtücken wir zuſammen. Ich habe Ihnen Etwas mit⸗ zutheilen.“ Sie gingen weiter bis zu dem Gaſthaus. „Ich habe hier oben ein Zimmer beſtellt.“ Mit dieſen Worten ſtieg er die Treppe hinauf; Eugen folgte ihm. Als ſie vor Nina's Thüre ſtanden, öffnete der Kapitän ſchnell dieſelbe und ſchob Eugen hinein. „Mama!“ rief dieſer und ſtürzte vorwärts; aber plötzlich blieb er ſtehen, ohne daß er wagte, ſie zu umarmen. „Eugen, mein geliebter Sohn,“ flüſterte Nina mit halberſtickter Stimme und ſchloß ihn an ihr Herz. Eugen ſchlang haſtig ſeine Arme um ſie, und ein un⸗ terdrücktes Schluchzen hob ſeine Bruſt. An den Thürpfoſten gelehnt, eine Thräne in ſei⸗ nem klaren Auge, betrachtete der Kapitän ſie einige Augenblicke; dann ſchlich er unbemerkt davon. Als Nina ſich ſanft aus ihres Sohnes Armen 14² los machte und ſich umſah, war der Kapitän fort. Sie reichte ihrem Sohn die Hand mit den Worten: „Komm' und ſetze dich zu mir, Eugen; es iſt mir, als ob wir einander nach ſo langer Trennung viel zu ſagen hätten.“ Eugen führte der Mutter Hand an ſeine Lippen. „O, meine geliebte, theure Mutter. Du weißt nicht, wie ſehr ich mich vergangen, wie tief ich Dich gekränkt habe, dadurch, daß ich mich einem Leben hingab, welches Deines Sohnes unwürdig war. Ach! ich fürchte, wenn Du wüßteſt, wie ſchuldig ich bin, Du würdeſt mich nicht ſo, wie es eben geſchah, umarmt haben. „Ich kenne Deine Verirrungen,“ antwortete Nina; „ich weiß Alles. Eine Mutter beweint die Fehler ihr Kinder, aber ſie verzeiht, denn ſie liebt.“ „O, meine Mutter, Deine Güte und Deine Nach⸗ ſicht enthalten eine bittere Anklage, da ich fühle, daß ich beide nicht verdient habe. Vorwürfe wür⸗ den mir viel weniger ſchmerzlich geweſen ſein,“ ſtam⸗ melte Eugen tief gerührt. „Eugen, laß uns nicht mehr von der Vergangen⸗ heit reden, halten wir uns vielmehr an die Gegen⸗ wart. Welchen Entſchluß haſt Du für die Zukunft gefaßt, mein Knabe?“ „Mama, ich habe mir vorgenommen, durch ſtrenge und anhaltende Arbeit die verlorne Zeit hereinzu⸗ bringen und für die nächſten Ferien mir eine Haus⸗ lehrerſtelle zu ſuchen.“ „Es freut mich, ſo Dich reden zu hören; aber wie ſoll es mit deinen Schulden gehen?“⸗ Nijna betrachtete ihren Sohn aufmerkſam. Eine — 143 dunkle Röthe bedeckte ſeine Stirn, und er ließ das gebeugte Haupt noch tiefer ſinken. „Ich, mein Sohn, kann bei dem beſten Willen von der Welt ſie nicht bezahlen.“ „Ich würde vor Scham und Gewiſſensqual ſter⸗ ben, wenn ich zu den Anklagen, welche mein Herz gegen mich erhebt, noch die fügen müßte, daß, durch meinen elenden Leichtſinn Deine Sorgen meine geliebte Mutter, noch vergrößert worden ſind. O, wenn ich daran denke, wie ich in meinem Wahnſinn verſchleudert habe, was Du unter Nacht⸗ wachen viele Jahre hindurch für meine Studien zu⸗ ſammengeſpart haſt, da könnte ich Blut weinen. Tauſendmal lieber wollte ich als einfacher Taglöhner arbeiten, als mir ſagen, daß Du durch Verpfändung Deines kleinen Beſitzthums meine Schulden bezahlen müßteſt.“ „Es würde mich auch tief geſchmerzt haben, wenn ich bei Dir eine andere Denkart gefunden hätte; Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe, und doch würde dieſe Liebe mich niemals verleitet haben, Deine Schulden zu bezahlen. Nein: Alles, was ich thun kann, iſt, daß ich auch fernerhin Deine nothwendigen Ausga⸗ ben auf der Univerſität beſtreite: Dir kommt es da⸗ gegen zu, durch eigene Arbeit ſo viel zu verdienen, daß Du, was Deine Luſtbarkeiten gekoſtet haben, bezahlen kannſt. Darum mußt Du eine Hauslehrer⸗ ſtelle ſuchen. Dieß wird zwar Deinen hieſigen Auf⸗ enthalt etwas verlängern, aber mit Arbeitſamkeit und gutem Willen kann noch Alles gut gehen. Nicht wahr, mein Sohn?“ 3 „Ach, wenn ich nur nicht denken müßte, daß jeder 144 Tag, den ich hier verlebte, ein Entbehrung für Dich einſchließt.“ 3 „Keine Klage, Eugen! Bedenke, die Reue offen⸗ bart ſich am beſten dadurch, daß wir durch unſere Handlungen, was wir gefehlt haben, gut zu machen ſuchen.— Kapitän Oernſkjöld wollte Deine Schul⸗ den einſtweilen ins Reine bringen und ſich von Dir in Zukunft dafür bezahlen laſſen.“ „Ach, Mama, das würde meine Bemühungen bedeutend erleichtern,“ fiel Eugen ein und ſchaute mit einem Hoffnungsſtrahl im Auge zu ihr auf. Nina ſah ihn mit bekümmertem und liebevollem Blick an und antwortete: „Ja, es würde Deine Rückkehr zur Arbeit und zu einem ordentlichen Leben erleichtert haben, aber ich lehnte ſein edelmüthiges Anerbieten dennoch ab. Ich wollte nicht, daß mein Sohn einer andern Hülfe, als ſeiner eigenen bedürfte, um die Folgen ſeiner unbedachten Handlungen zu tragen. Ich wollte den Troſt haben, mir ſelbſt ſagen zu können: ‚Mein Sohn hat durch eigene Arbeit jede Spur ſeiner Ver⸗ irrungen vertilgt, ohne dabei eines andern Beiſtan⸗ des, als ſeines feſten Willens zu bedürfen. Es wäre für mich eine grauſame Demüthigung geweſen, wenn ich auf Deine Rechnung hin die Hülfe einer fremden Perſon hätte in Anſpruch nehmen müſſen, und ich hielt es für ausgemacht, daß Du ſelbſt nicht für eine Unterſtützung zu danken haben wollteſt, welche zu dem Glauben hätte Anlaß geben können, daß Du ohne ſie nicht im Stande geweſen wäreſt, ein ordent⸗ licher und fleißiger Jüngling zu werden.— Habe 145 ich mich geirrt? Oder hat mein Sohn ebenſo viel Stolz wie ſeine Mutter?“ „O, meine theure Mutter!“ rief Eugen, vor ihr auf die Kniee fallend, und faßte ihre beiden Hände. „Wie wahr beurtheilſt Du meine Lage! Ja, ich will arbeiten, Tag und Nacht, um mit eigener Kraft meine Fehler wieder gut zu machen und Deiner würdig 3 zu werden!“ Nina umarmte ihn herzlich, während ſie unter Thränen flüſterte: „Gott ſegne Dich, mein Kind!“ 1 XX. Wir haben uns lang genug in der gelehrten Stadt aufgehalten, welche den allen Städten gemein⸗ ſamen Fehler hat, mehr oder minder langweilig zu ſein; denn langweilig ſind ſie alle. Wir wollen uns dadurch wieder erquicken, daß wiir in dem kleinen, aber gemüthlichen Ackersberg eeinen Beſuch machen. 1 Die Novemberwinde heulten um die Ecken des Hauſes. In dem Ofen des großen, geräumigen Ge⸗ ſellſchaftszimmers brannte ein munteres Feuer. Vor ddeem Ofen ſtand ein Tiſch, um welchen drei junge Maädchen herumſaßen. Olga befand ſich etwas ſeit⸗ wärts und ſpann an einem Rocken mit zwei Spin⸗ deln. Thekla war mit Notenſchreiben beſchäftigt, und Elma legte eben die letzte Hand an einen brau⸗ nen Sammethut, welchen ſie für ſich verfertigt hatte. „Schau' her, Olga,“ rief ſie;„iſt mein Hut nicht Schwartz, die Wittwe und ihre Kinder. I. 10 vielleicht ebenſo ſchön wie der Deinige, obwohl ihr alle behauptet, ich würde riemals im Leben damit zu Stande kommen; ſieh' nur, wie gut er ſitzt; wie hübſch die Roſette rechts ſich ausnimmt.“. Sie hob den Hut in die Höhe und wandte ihn, um die Prüfung zu erleichtern, nach allen Seiten herum.— Olga drehte den Kopf nach der Schweſter herum und betrachtete den Hut; Thekla erhob die Augen von den Noten. Nun, iſt er nicht ſchön?“ fragte Elma. „Er iſt recht ſchön, und Du haſt alle Ehre von Deiner Arbeit. Das Einzige, was ich zu bemerken habe, iſt, daß die Roſetten etwas zu kokett ausſehen,“ ſagte Olga. „Kokett? Ja, da ſteckt eben der Knoten; ich will durchaus nicht, daß ſie ſo ſymmetriſch daſtehen, wie die Deinigen. Nein, es ſoll etwas Ungezwun⸗ genes, Originelles daran ſein. Was hältſt Du da⸗ von, Thekla?“ „Ich glaube, daß der Hut, ſo wie er iſt, für dich paßt; aber daß er für Olga nicht paſſen würde,“ erwiederte Thekla lächelnd. „Und der Grund?“ fragte Olga. „Zu Deinem ruhigen, milden und geſetzten We⸗ ſen paßt das Symmetriſche und ſtreng Ordentliche im Anzug; aber Elma, mit ihrer Lebhaftigkeit, würde ſpaßhaft ausſehen, wenn ſie ſich ſo wie Du kleidete. Sie muß Etwas haben, das ein wenig beſonders ausſieht, und wenn es auch in der Anordnung an das Nachläſſige und Uebertriebene ſtreifte,“ antwor⸗ tete Thekla. 8 147 „Du biſt göttlich, kleine Thekla!“ rief Elma, ſprang mit dem Hut in der Höhe auf, tanzte um den Tiſch herum auf Thekla zu, ſchlang den freien Arm um ihren Hals und küßte ſie; dann ließ ſie dieſelbe ebenſo ſchnell wieder los und rief mit einem Ausdruck von Unruhe: „Herr Gott, wie das heute bläst, und die Tante iſt noch nicht zu Hauſe?“ „Ich habe ſchon lang mit Beben gehört, wie es draußen ſtürmt,“ ſagte Olga.„Die Tante wird doch nicht bei ſolchem Wetter unterwegs ſein.“ Sie ließ von dem Spinnen ab und horchte von Neuem auf das Heulen des Windes. „Mir war es ganz unmöglich, heute Abend zu arbeiten,“ fiel Thekla ein,„ſo ſehr habe ich die ganze Zeit Angſt gehabt. Gott bewahre, daß Mama in dieſem Wetter nicht draußen iſt.“ „Ja, ich habe wohl bemerkt, daß Du Stunden lang daſaßeſt und auf den Sturm hörteſt, ohne die Hand vom Fleck zu bringen,“ ſagte Olga und begann wieder zu ſpinnen. „Aber, Mädchen, warum ſollen wir uns beun⸗ ruhigen? In ihrem letzten Briefe ſagt uns ja Tante, daß ihre Angelegenheiten ſie noch einige Tage auf⸗ halten werden und wir uns deßhalb keine Sorgen machen dürfen. Ganz gewiß kommt Sie nicht vor Samstag oder Sonntag heim,“ ſagte Elma.„Ent⸗ ſetzlich dringende Geſchäfte müſſen es geweſen ſein.“ ſetzte ſie hinzu und begann wieder an ihrem Hut herum zu zupfen—„welche die Tante beſtimmen konnten, die weite Reiſe in die Haupiſtadtu unter⸗ ehmen Ich möchte wiſſen, was es wohl ſein ann.“ Olga ſpann fort und ſchwieg. Thekla antwortete: „Mama brauchte Geld und beabſichtigte, ſolches auf unſer kleines Ackersberg aufzunehmen.“ „Und deßhalb reiſte ſie nach Stockholm?“ be⸗ merkte Elma, indem ſie Thekla mit einem eigen⸗ thümlichen forſchenden Blick anſah. „Mama hat uns ja ſo geſagt.“ „Glaubſt Du wirklich, daß dieß die einzige Ur⸗ ſache war?“ „Nein, das glaube ich nicht.“ „Nun, was glaubſt Du denn, daß der Grund zu dieſer plötzlichen Reiſe war?“ „Eugen,“ antwortete Thekla. Jetzt ſprang Elma wieder vom Stuhl auf, ſchleu⸗ derte den Hut weit weg und rief: „Er wird doch nicht krank ſein?— Der Brief, welchen die Tante erhielt, und welcher ſie zur Reiſe beſtimmte, war vielleicht eine Nachricht, daß Eugen gefährlich krank darnieder lag. Erinnert ihr euch noch, wie bleich ſie wurde, als ſie ihn geleſen hatte. Mein Gott! Mädchen, denkt, wenn Eugen krank wäre?“ Elma ſchlug mit dem Ausdruck der größten Angſt die Hände zuſammen. „Mamazs letzter Brief war von Upſala, und darin ſchrieb ſie, daß Eugen ſich wohl befinde und uns grüßen laſſe,“ fiel Thekla ein; aber ihre nieder⸗ geſchlagene Miene ſchien den tröſtlichen Worten zu widerſprechen; deßhalb faßte ſie Elma heftig am Arme und ſagte: 14⁴9 „Aber Du glaubſt nicht daran? Du glaubſt, daß Tante uns nicht beunruhigen will und deßhalb die Wahrheit verſchweigt. Mädchen, was habe ich gedacht, daß ich nicht ſchon früher darauf gekommen bin?— Gott im Himmel, wie kann ich nach Upſala gelangen? Wie kann ich mit all dieſer Angſt es nur aushalten?“ „Liebe Elma, ſei doch nicht ſo heftig! Wäre Eugen gefährlich krank geweſen, ſo hätte ſich die Tante nicht die Zeit genommen, einen ſo langen Brief zu ſchreiben, und es würden ſich da und dort im Brief Ausdrücke von Unruhe gefunden haben; nun aber war der Ton heiter und zufrieden,“ ſagte Olga. „So ſagſt Du, mit Deinem ewigen Phlegma,“ rief Elma;„aber ich— ich, welche nicht leben könnte, wenn Eugen ſtürbe, ich—“ „Still, da fährt Etwas!“ rief Thekla, und mit einem Sprung war ſie an der Thüre und auf der Hausflur. „Nun, Liebe, wer iſt es?“ fragte ſie Debora, welche von der Küche gleichfalls auf die Haus⸗ flur kam. 3 „Mir war, als hörte ich die Stimme von An⸗ ders; es iſt gewiß die Frau,“ antwortete die Alte und öffnete die Hausthüre. An Thekla und Debora vorüber ſtürzte Elma, ſchnell wie ein Wirbelwind, hinaus vor die Thüre. „Tante, geliebte Tante, wie ſteht es mit Eugen?“ rief ſie mit bebender Stimme. „Gut, mein Kind,“ antwortete Nina, welche mit Anders' Hülfe eben im Begriff war, aus dem Wa⸗ gen zu ſteigen. „Gott ſei gelobt!“ tönte es aus dem Munde der drei Mädchen, und ſie führten Nina im Triumph in das Wohnzimmer. „Du lieber Himmel, wie naß Sie ſind?“ rief Debora. „Es ſollte mich nicht wundern, wenn Sie ſich bei einem ſolchen Herrgotts⸗Wetter recht erkältet hätten. He, Thekla, gib mir den naſſen Mantel, dann will ich ihn hinaustragen. Sie muß durchaus etwas Warmes zu ſich nehmen, das arme Kind!“ Sobald man Nina den Pelz abgenommen, und Debora mit Olga's Beihülfe den Theetiſch in Ord⸗ nung gebracht hatte, nahmen alle um das Feuer herum Platz, um die Freude zu genießen, die von allen ſo hoch geliebte Nina wieder in ihrer Mitte zu haben. Debora hatte ſich in eine Ecke am Ofen geſetzt, während man plauderte und Thee trank. „Nun, liebe Tante, erzähle uns, wie es mit Eugen ſteht. Kommt er zu Weihnachten heim? Sieht er noch aus wie ſonſt? Sehnte er ſich nach uns? Iſt er krank geweſen? Iſt—“ „Halt ein, Mädchen, ſonſt bekomme ich allzu viele Fragen zu beantworten. Eugen kommt wahrſchein⸗ lich auf Weihnachten nicht nach Hauſe, denn er muß eine Stelle annehmen.“ „Und warum ſoll er das?“ fragte Elma leb⸗ haft.„Er iſt im Sommer nicht zu Hauſe geweſen, und nun ſoll er auch zu Weihnachten nicht heim kommen! Das iſt allzu grauſam! Was braucht er Stellen!“ 8 15¹ „Ja, das braucht er, und es iſt mein Wunſch, daß er es thut.“ „Dein Wunſch?“ fragte Elma und ſah Nina zweifelnd an. „Ja, mein Eugen iſt ein armer Junge und muß ſelbſt zu ſeinem Unterhalt beitragen; aber in den Sommerferien kommt er hieher.“ „Es iſt lang bis dahin,“ ſeufzte Elma. „War er geſund?“ fragte Olga. „Vollkommen geſund und guten Muths. Er läßt Euch alle herzlich grüßen.“ „Gedenkt er meiner noch?“ fragte Thekla mit einem ſchüchternen Erröthen. „Ich habe Briefe von ihm an jede,“ erwiederte Nina und redete noch lang von Eugen, ohne mit einem Wort der eigentlichen Urſache, wodurch ſie zur Reiſe beſtimmt worden, zu erwähnen, und die Mäd⸗ chen waren weit entfernt, Etwas davon zu ahnen. „Der Kapitän auf Warnäs und ich, wir haben die Reiſe von Upſala her in Geſellſchaft gemacht,“ bemerkte Nina weiter.„Er hat ſich dorthin begeben, um Svante heimzuholen.“ „Iſt Svante daheim? Soll er nicht mehr ſtu⸗ diren?“ fragte Olga. „Nein; er will zur See gehen.— Von Karl kann ich Dich grüßen. Er kommt zu Weihnachten hieher.“ Olga lächelte und erröthete. XXI. Eine Woche nach Nina's Wiederkehr, gerade als alle Bewohner von Ackersberg mit Wurſten beſchäf⸗ 15² tigt waren und die Mädchen mit allem Eifer Speck und Fleiſch ſchnitten, kam des Kapitäns kleiner Schlit⸗ ten im Hofe angefahren. „Der Kapitän von Warnäs iſt hier, Tante,“ ſagte Olga, welche ihren Platz gerade vor dem Kü⸗ chenfenſter hatte. Die Andern blieben, ohne ſich durch dieſe Worte irgend erſchrecken zu laſſen, unbeweglich auf ihrem Platze, und machten ſich Nichts daraus, wenn auch der Kapitän ſie in voller Arbeit finden ſollte. Sie waren nicht gelehrt worden, ſich zu ſchämen, wenn man bei einer häuslichen Beſchäf⸗ tigung ſie beträfe, und ſahen darum auch nicht ſo verlegen aus, wie es wohl bei andern Mädchen zu geſchehen pflegt, die in einer ſolchen Situation ſich befinden. Mit ihren großen weißen Leinwandſchür⸗ zen und mit den um den Kopf gebundenen baum⸗ wollenen Halstüchern ſahen ſie recht häuslich und gemüthlich aus. Nina, gerade ſo ausſtaffirt und in voller Thätig⸗ keit an einem Schweinskopf befindlich, befahl Debora, den Kapitän in das Geſellſchaftszimmer zu weiſen, und begab ſich dann, nachdem ſie Schürze und Hals⸗ tuch abgelegt hatte, zu ihrem Gaſt hinein. „Ich komme wohl recht ungelegen und ſtöre Sie,“ begann der Kapitän. „Das hat Nichts zu bedeuten. Ein Gaſt, bei welchem ich in einer großer Schuld der Dankbarkeit ſtehe, kann niemals ungelegen kommen.“ „Ich danke Ihnen. Der Urſachen, die mich hie⸗ her führen, ſind es drei. Fürs Erſte komme ich als Karls Fürſprecher und ſchlage vor, daß die jungen Leute ſich auf Weihnachten verloben und gegen den -.——V—V—V—V——— —— —,——-—— — 153 Sommer heirathen. Ich habe Karl in eine Lage geſetzt, daß er, ohne wegen der Zukunft beſorgt zu ſein, Olga wohl auffordern kann, Luſt und Leid mit ihm zu theilen.“ „Gegen dieſen Vorſchlag habe ich Nichts einzu⸗ wenden, und ich glaube, auch Olga wird es zufrie⸗ den ſein.“ „Gut.— Nun zu der zweiten Urſache meines Beſuchs. Ein Brief von Gothenburg, den ich heute erhalten habe, meldet mir, daß mein Bruder in Eng⸗ land mit Tod abgegangen iſt und zwei vater⸗ und mutterloſe Kinder hinterläßt. Er hat einen Englän⸗ der beauftragt, dieſelben mir zuzuführen und in ſei⸗ ner letzten Stunde den Wunſch ausgeſprochen, daß ſeine Kinder bei unſerer Schweſter erzogen würden und ich die Stelle des Vormundes bei ihnen über⸗ nähme. Da aber ſeine Angelegenheiten in einiger Verwirrung zu ſein ſcheinen, ſo muß ich ſelbſt nach England reiſen. Was die Kinder betrifft, ſo ſind ſie, ein Mädchen von acht, und ein Knabe von neun Jahren, wohl ſchon in Gothenburg angekommen und können deßhalb eheſtens hier eintreffen.— Für den Knaben bedarf ich eines Informators, welcher Eng⸗ liſch verſteht. Haben Sie Etwas dagegen, wenn ich Eugen die Stelle anbiete?— Für mich wäre es angenehmer, in meinem Hauſe einen Jüngling zu haben, den ich kenne, als einen Fremden. Dieß könnte zugleich inſofern von Nutzen ſein, als mein Neffe, wenn er in die Schule nach Upſala ſoll, Eu⸗ gen ſelbſt dort als Informator behalten könnte.— Haben Sie Etwas gegen den Vorſchlag, Madame?“ „Im Gegentheil, ich bin Ihnen für dieſes freund⸗ 154 ſchaftliche Anerbieten zu unbeſchreiblichem Danke ver⸗ pflichtet. Das einzige Bedenken, welches ich dabei habe, iſt, daß Eugen dabei gezwungen iſt, die Stelle aufzugeben, welche Sie ihm zu verſchaffen die Güte gehabt haben.“ „Das hätte auf alle Fälle geſchehen müſſen, da er nur für das Semeſter angenommen worden war.“ Man ſprach noch eine Weile von Eugen und ſeiner Zukunft. Dann fuhr der Kapitän fort: „Ich habe Ihnen noch einen Vorſchlag zu machen, Madame. Thekla kommt zweimal in der Woche nach Warnäs, um bei Herrn Meyer zu ſpielen. Würden Sie nicht erlauben, daß ſie nach den Muſik⸗ lektionen ein paar Stunden mit mir Engliſch treibt? Ich habe mit einem gewiſſen Erſtaunen bemerkt, daß ſie den brennendſten Eifer zum Lernen hat, und dieß iſt eine ſo ſeltene Eigenſchaft, daß es mei⸗ ner Meinung nach ſehr ſchade wäre, wenn ſie den⸗ ſelben nicht befriedigen könnte. Mir gewährte es eine Freude und einen Zeitvertreib“ Nina nahm das Anerbieten mit Dank an und der Kapitän verabſchiedete ſich. Am Abend, als man das Tagewerk beendigt hatte und um den Theetiſch, welcher von Debora zum Lohn für die ausgeſtandene Mühe im Geſell⸗ ſchaftszimmer hergerichtet worden, verſammelt war, nahm Nina das Wort: „Nun, Mädchen, ihr möchtet wohl gerne wiſſen, was der Kapitän mit mir geſprochen hat?“ „Ach ja!“ „Für's Erſte wünſchte er, daß Olga und Karl—“ Nina hielt an und betrachtets Olga. e 4 „Alle Gedanken an einander ſich aus dem Sinn ſchlagen ſollten; war es nicht ſo?“ rief Elma. „Ganz und gar nicht; er will, daß ſie ſich ver⸗ loben, und daß die Hochzeit im Sommer gefeiert werden ſoll. Was ſagſt du dazu, liebe Olga? „Gar nichts. Ich erwarte zu hören, was Du davon denkſt, Tante,“ antwortete Olga, und ſtrickte eifrig an ihrem Strumpfe fort. „Mir ſcheint, daß Du in dieſem Fall nach der Eingebung Deines eigenen Herzens handeln ſollſt! und da kein äußeres Hinderniß ſtattfindet, ſo halte ic den Vorſchlag des Kapitäns für ganz annehm⸗ ar.“ „Ich ſehe die Sache auch ſo an,“ antwortete Olga, jedoch ohne aufzuſehen. „Ha, dann haben wir alſo eine Hochzeit auf den Sommer; ich werde natürlich Brautjungfer, und tanzen wollen wir. Ach, wie luſtig!“ rief Elma und ſtieß im Ausbruch ihres Entzückens das Rahm⸗ kännchen um. „Herr Gott, ſo benimm dich doch ordentlich, Elma,“ ſagte Olga;„Du biſt doch zum Entſetzen heftig.“ „Und Du unerträglich ruhig und kannſt mit der Ausſicht auf Deine nahe bevorſtehende Hochzeit wegen eines umgeworfenen Rahmkännchens ein gewaltiges Weſen machen.“ „Und hätte ich das umgeworfene Kännchen nicht zu rechter Zeit noch gefaßt, ſo würde die Tante den ganzen Inhalt auf die Kniee bekommen haben,“ meinte Olga, während ſie ruhig den Rahm wieder auflöffelte. „Nun, was ſagte er weiter?“ fragte Thekla. „Er wünſchte, daß Eugen—“ „Was?“ unterbrach ſie Elma.„Er will ihn doch nicht auch etwa verheirathen?“ „Wer kann das wiſſen,“ fiel Olga ſcheinbar ſchnippiſch ein.„Thereſe Klint iſt in Thekla's Alter und gäbe ſomit eine paſſende Frau für Eugen.“ „Wie Du doch ſchwatzeſt. Nein, das iſt ganz unmöglich. Was war es, liebe Tante?“ „Wäreſt Du mir nicht in das Wort gefallen, ſo wüßteſt Du es bereits, mein Kind,“ antwortete Nina.„Er bot Eugen die Stelle eines Hauslehrers in Warnäs an für—“ „Für wen? Für ihn ſelbſt, oder für den alten Svante?“ rief Elma. nich„Mein Kind, Du unterbrichſt mich unaufhör⸗ i. „Vergib mir, liebe Tante, ich will meiner Zunge den Zaum anlegen.“ Nina erzählte nun, was der Kapitän ihr geſagt hatte. Als ſie zu Ende war, riefen Thekla und Elma zu gleicher Zeit: „Dann bekommen wir Eugen ja auf Weihnachten hieher.“ „Ja, meine Kinder, dieſe Freude wird uns zu Theil. Aber dies iſt noch nicht Alles. Er redete nooch von einer anderen, und das betrifft dich, Thekla.“ Die bald fünfzehnjährige Thekla ſah ihre Mutter mit einem fragenden Blick an. „Der Kapitän hat ſich erboten, Dir Unterricht in der engliſchen Sprache zu geben, ein paar Stun⸗ den an den Tagen, da Du des Klavierſpielens wegen nach Warnäs kommſt. Iſt das nicht ſehr gefällig von ihm, mein kleines Mädchen?“ Thekla ſchwieg ſtill. „Nun, Kind, Du ſagſt ja gar nichts? Freuſt Du Dich nicht über die Gelegenheit, die ſich Dir darbietet, Deine Kenntniſſe zu erweitern?“ „Ich thäte es wohl, wenn—“ „Nun, warum redeſt Du nicht aus?“ „Wenn es nicht der Kapitän wäre. Ich kann ihn nicht recht leiden,“ wiederholte Thekla, indem ſie net der Mutter ruhigem Blick die Augen nieder⸗ ug. Es lag etwas ganz Eigenthümliches in Thekla, das zur Folge hatte, daß ſie in allem ihrem Reden und Thun altklug erſchien. Ihr Körper war klein und unausgebildet, an Wuchs nicht größer, als der eines zwölfjährigen Kindes; das Angeſicht bleich und von kränklichem Ausſehen; aber die Augen hatten einen ſo denkenden Ausdruck, waren ſo klug und voll Verſtandes, daß ſie eine Tiefe der Seele, die weit über ihr Alter hinausging, verriethen. Dieß im Verein mit einem gewiſſen Stolz in ihren Be⸗ wegungen und der beſtändig nachdenklichen Haltung ihres Kopfes gab ihr, wie geſagt, etwas Altkluges, was zu der Zahl ihrer Jahre nicht paßte. „Was haſt Du gegen ihn?“ Thekla ſchwieg. Aber Elma konnte ſich jetzt nicht länger halten und fiel ein: „Das will ich ſagen. Thekla iſt der Meinung, liebe Tante, Du findeſt allzu viel Gefallen an dem Kapitän, und er desgleichen an Dir, und ich bin der Meinung, daß Thekla närriſche Ideen im Kopf hat.“ „Elma,“ rief Thekla mit glühenden Wangen. „Still, mein Kind,“ fuhr Elma fort,„ich weiß viel, was Du niemals ahnteſt. Ich weiß, daß Du die Menſchen nicht leiden kannſt, für welche Tante ſich intereſſirt. Sie ſind Dir eine Qual, und da es hier herum Niemand gibt, als den Kapitän und den Probſt, ſo haſt Du einen unüberwindlichen Wider⸗ willen gegen dieſelben gefaßt. Ich erinnere mich noch recht lebhaft, wie Du als kleines Kind zu ſchreien pflegteſt, wenn der Probſt nur der Tante die Hand küßte, und ich glaubte damals, Du hätteſt Angſt, er würde ſie beißen, ſo daß ich alle mögliche Mühe anwenden mußte, um Dich zu überzeugen, daß der gute Probſt keine ſolche Abſicht hatte.“ „Ich vermuthe, Thekla hat einen ganz andern Grund für ihre Abneigung gegen den Kapitän, als den, welchen Elma angibt, oder iſt es ſo, mein liebes Mäd⸗ chen?“ ſagte Nina, indem ſie Thekla am Kinn faßte und ihr geſenktes und erröthendes Antlitz emporhob. Thekla ſtanden Thränen in den Augen, und ſie ſagte mit einem eigenthümlichen, freimüthigen Ausdruck: „Mama, Elma hat Recht,“ „Du glaubſt alſo, die Hantbarkeit, welche ich dem Kapitän für alle Freundſchaft und alle uns er⸗ wieſenen Dienſte ſchuldig bin, werde meiner Liebe zu Dir einigen Abbruch thun?“ „Nein, Mama, das glaube ich nicht; aber es iſt Etwas in mir, was mich in üble Stimmung gegen diejenigen verſetzt, welche auf die geringſte Weiſe Deine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen. Es iſt, —9— — —— 159 als ob ich beſtändig fürchtete, Dich zu verlieren; es peinigt mich, einen Fremden in Deiner Nähe zu ſehen. So iſt es geweſen, ſo lang ich zurückdenken kann, und ſo wird es auch wohl immerdar bleiben.“ „Nein, mein Kind, wenn Du zu einem klaren Bewußtſein Deines Innern gelangſt, ſo wirſt Du dieſen Fehler überwinden; denn es iſt ein großer Fehler; es iſt—“ „Neid,“ fiel Thekla heftig ein.„Ja, ich weiß, daß Du es ſo nennſt; aber ich möchte ſagen, daß es ein Uebermaß von Liebe zu Dir, Mama, iſt.“ „Wir wollen nicht mehr davon reden, Thekla, Du biſt erregt und außer Standes, Deine Gefühle richtig zu beurtheilen; aber wir wollen den Gegen⸗ ſtand wieder aufnehmen, wenn Du ruhig biſt, mein Kind. Laß uns nun von den engliſchen Lektionen reden. Willſt Du darauf verzichten?“ „Nein, das will ich nicht; aber der Gedanke iſt mir peinlich, ihm Etwas zu danken zu haben. Gute Mama, jetzt wirſt Du wieder böſe; aber thue es nicht. Ich will die häßlichen Gefühle, welche mich beherrſchen, zu erſticken ſuchen.“ „So iſt es recht, mein Mädchen, und ich erwar⸗ tete nichts Geringeres von Dir. Am Montag alſo beginnen Deine engliſchen Lektionen.“ „Nun, hatte der Kapitän nicht auch für mich einen Vorſchlag zu machen?“ rief Elma munter. „Olga gab er einen Mann, Eugen eine Hauslehrer⸗ ſtelle, Thekla einen Lehrer im Engliſchen. Was iſt auf mein Loos gekommen? Doch nicht auch Engliſch lernen zu müſſen, hoffe ich, denn dazu fehlt mir alle Luſt. Die Gelehrſamkeit in allen Ehren, aber ſie 160 iſt niemals meine ſchwache Seite geweſen. Ich bin ein Sommervogel, der die Freude liebt, ſcherzt und tanzt, habe aber einen wirklich paniſchen Schrecken vor Allem, was wie Ernſt ausſieht.— „Auf Dein Loos iſt Nichts gefallen, mein kleiner Wildfang,“ erwiderte Nina;„er hat nicht einmal Deinen Namen genannt.“ „Hat man je dergleichen gehört! Vielleicht hat er ſogar vergeſſen, daß ich überhaupt am Leben bin. O! das erheiſcht Rache, oder was hältſt Du davon, Tante?“ Nina hatte keine Zeit, darauf zu antworten, denn Debora trat mit einem Korb in der einen, und einem Käſig in der andern Hand ein. „Der Kapitän von Warnäs ſchickt das hieher mit dem Billet da,“ ſagte ſie. Elma ſprang auf und riß Debora den Käfig aus der Hand, während Nina das Briefchen erbrach und folgende Zeilen las: „Madame, Bei meinem Beſuche heute Vormittag vergaß ich, ein paar Vögel, die ich erhalten habe, mitzubringen. Da ich kein Freund von ſolchen kleinen Schreihälſen bin, ſo nehme ich mir die Freiheit, Ihnen anheim⸗ zuſtellen, ob ſie nicht ein Plätzchen unter Elma's kleinen Lieblingen finden könnten. Hiebei folgt auch ein Korb mit Obſt; und ich hoffe, die jungen Leute werden ihn ſich ſchon gefallen laſſen von ihrem künf⸗ tigen Onkel Eduard Oernſfjöld.“ Elma ſang und tanzte vor Entzücken über das Geſchenk. Ende des erſten Bandes. ſſſiſſnnnſin nſnſſnſſnniſim ‚ammeini 8 9 11 12 13 14 15 16