h deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet werd. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und er. wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1: 1 Mt.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 2 Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ere eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 12. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und amentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der att werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt tz des Ganzen verpflichtet. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird mnerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen unden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ auch dafür zu ſtehen haben. —— Jusgewählte Merke von Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh' ſche Waee snndlan. 1863. Bie Tochter des Gilelmunns. Eine Schilderung aus der Wirklichkrit von Marie Sophie Sohwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. Otto gen. Reventlow. U Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlun g 1863. . S 8 = 5 85 2 — „ 8 — 8 8 — . G 8 5 8G Es gibt eine Klaſſe von Weſen, welche aus der Geſellſchaft und aus dem Familienleben gleichſam ausgeſtoßen zu ſein ſcheinen, und deren Schickſal man mit der größten Gleichgültigkeit betrachtet; dieſe ſind aber nichts deſtoweniger an der Verachtung ſowohl, wie an der Kälte, die man ihnen zeigt, vollkommen unſchuldig. Wir meinen diejenigen Kinder, welche durch be⸗ gangene Verirrung zur Welt gekommen ſind. Ihr Daſein kann man mit Recht ein Blatt aus der Nacht⸗ ſeite des Lebens nennen. Ein ſolches iſt es, welches ich Dir jetzt vorlegen werde, mein werther Leſer, aber erwarte nicht einige entſezliche Gemälde zu finden, wie man ſie aus elenden Hütten hervorziehen könnte, wo die Eltern⸗ loſe eine, wie die Zeitungen es nennen,„zärtliche und mütterliche Pflege“ erhalten. Nein es ſind keine Mißhandlungsſcenen, kein körperliches und moraliſches Elend, oder Züge der Herzloſigkeit, mit welchen ich aufzuwarten gedenke, ſondern ich will den ſtillen Fluch ſchildern, welcher über dieſen Kindern ruht, die durch ihr ganzes Leben entgelten müſſen, was die Eltern verbrochen. Ich werde ein wahres und trauriges Mährchen treu erzählen. 8 Es ſind die Schickſale eines Weibes, im Begriff bin zu ſchildern; Schickſale, die ein Sühn⸗ opfer für den Fehltritt zu ſein ſcheinen, dem ſie ihr Daſein verdankte. Gebe Gott, daß die Geſellſchaft daran dächte, jene Kinder in ihr Recht einzuſetzen; denn unrecht den ſollen; daß ſie nicht allein ihrer Eltern und ihrer Heimath, ſondern auch all ihres Erbtheils verluſtig erklärt werden. Doch, laſſen wir dieſe Betrachtungen, die Ereig⸗ niſſe werden beſſer reden als Worte. An einem Nachmittag Anfangs März vor eini⸗ gen und zwanzig Jahren, wanderte ein junges Mäd⸗ chen von Nybroplatz nach der Kapitänsſtraße auf Ladugaardsland. Das Wetter, welches den ganzen Tag ſchön geweſen, hatte ſich plözlich geändert und ein heftiges Schneegeſtöber war losgebrochen. Das junge Mädchen hatte den Wind gerade gegen ſich und da ſie außerdem durch keinen Schirm beſchüzt wurde, konnte ſie kaum aufblicken, ſo heftig wehten die Schneeflocken ihr ins Geſicht. Sie ſchien indeſſen nicht im Mindeſten dadurch beſchwert, ſon⸗ dern eher amüſirt zu werden. Die friſchen Lippen lächelten ſo herausfordernd gegen Schnee und Wind; und das ganze vom Winde geröthete Geſicht hatte etwas ſo Lebensfriſches und Heiteres, daß man da⸗ rin das Lächeln und den goldenen Frieden der erſten Jugend las. Als ſie vor dem Artillerieſtall ankam, war ſie iſt es, daß die Unſchuldigen für die Schuldigen lei⸗ 7 „ nahe daran, gegen einen jungen Mann anzuſtoßen, welcher in der Uniform des 2. Garderegiments ge⸗ kleidet war und von einem Kadet begleitet wurde. Der Gardelieutenant wich haſtig aus und zog di Mütze ab mit einem:— — Gehorſamer Diener! Das Mädchen erwiederte den Gruß und paſſirte vorbei. Der Kadet und der Lieutenant dagegen blieben ſtehen und blickten ihr nach: ein Manöver, welches 8 dem Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit gan gich ent⸗ ging, weil ſie den Kopf nicht umdrehte, ſondern ihren Weg weiter ging, ohne an ſie zu denken. 3 — Wer war jenes Mädchen? fragte der Kadet. 3 — Manſell Bencke,— antwortete der Lieute⸗ nant und nahm den Arm ſeines jungen Kameraden, indem er hinzufügte: — Ein hübſches Mädchen, nicht wahr? — Ganz hübſch. 8 Mit Widerſtreben folgte der Kadet dem Lieu⸗ tenant. — Wer iſt ſie?.— 4 — Das iſt mir nicht bekannt,— antwortete der Lieutenand lachend.— Ich weiß nur, daß ſie leb⸗ haft, fröhlich und ungekünſtelt wie ein Kind iſt, ſo⸗ wie, daß ſie tanzt wie ein Zephyr. 5 — Wie haſt Du ſie kennen gelernt? — Ich kenne das nette Kind nicht. Ich nur ein paar mal bei Major Grüeners, wo uns getroffen, mit ihr getanzt. die — Aber ſie wird doch wohl Eltern— — Das iſt höchſt wahrſcheinlich, ſintemal wir ohne dieſe nicht auf die Welt kommen; aber Du mußt entſchuldigen, wenn ich Dir über die ihrigen keine Auskunft geben kann. Uebrigens bete Dein Vaterunſer, mein Kind, und nehme Dich in Acht vor den Netzen des Teufels, das heißt, nehme dich in Acht vor Mädchen. Sie gehören gerade zu ſol⸗ chen Netzen, mit welchen Satan Sünder fängt. Fliehe die Verſuchung und mache die Augen zu, wenn Du ein ſchönes Mädchen ſiehſt, ſonſt biſt Du verloren. — Biſt Du davon geſprungen oder haſt Du die Augen zugemacht, da Du nicht verloren gegangen biſt?— fragte der Kadet lachend.— Es ſah in⸗ deſſen nicht ſo aus, weil Du wußteſt, daß Mamſell Bencke ſchön ſei. — Du haſt nicht meine philoſophiſche Natur und meine Jahre; Du biſt ein Kind und deßhalb thuſt Du am beſten, bis auf Weiteres, Deinem Cäſar und Ovid treu zu bleiben, ſonſt ſpringen die Mädchen mit Deinem Herzen und Deinem Verſtand davon. — Wie Du doch ſprichſt, lieber S.—, Du, wel⸗ cher im Rufe ſteht, der Freund aller ſchönen Mäd⸗ chen zu ſein.. Ja ha, ihr Freund, was am allerbeſten be⸗ weist, daß ich mich nicht auf dem Altar der Liebe ge⸗ opfert habe, ſondern ein geſetzter junger Mann bin. Der Lieutenant ſagte dieß mit einem komiſchen Ernſt. — Ja, Du ſollſt von geſetzt ſprechen, Du— Wildeſte unter allen Wilden in Karlberg— Du, 5 — 3 4 — welcher immer wegen Deiner tollen Streiche im Arreſ ſaßeſt! — Dieß da gehört einer längſt vergangenen Zeit an, wo Du noch von Deiner lieben Mama die Ruthe bekamſt. — Ahal das iſt nicht mehr als zwei Jahre her, daß Du dich in Karlberg aufhielteſt und wir Ka⸗ meraden waren. — Es war in der Zeit, wo ich im Arreſt ſaß, daß ich Philoſoph wurde. 3 — Und dort lernteſt Du die Augen zumachen wenn Du ein junges Mädchen ſahſt. Der Kadet lachte. — Halt] klang es von einer Perſon, die ihnen begegnete. Sie blieben ſtehen. — Zum Kukuk, geht ihr im Traum herum, daß ihr nicht die Leute ſehet. Ich glaube, meiner Seele, daß S.— damit beſchäftigt iſt, Dich zu erziehen, mein lieber Eldon. Dieß wurde von einem jungen in Civil gekleide⸗ ten Militär geäußert. — Wenn ich Dein Vater wäre,— fuhr er fort, nachdem ſie Handſchlag gewechſelt,— ſo ließe ich Dich nicht in Geſellſchaft mit jenem Patron da, welcher nur aus Thorheiten zuſammengeſetzt iſt. Er unterrichtet Dich gewiß in hübſchen Dingen. Wie alt biſt Du, mein Junge? Der junge Graf Arthur Eldon, an welchen die Frage gerichtet wurde, erröthete und antwortete mit dem bei Jünglingen ſo gewöhnlichem Aerger, wenn man von ihrem Alter ſpricht. 10 4 — Oh, ich bin im gleichen Alter mit S.—, denn wir waren Kameraden in Karlberg. — Bah! als Du noch in der unterſten Klaſſe Tatzen bekamſt, war er in der oberſten. Du biſt 2 noch zu jung, um etwas Anderes als Schaden in ſeiner Geſellſchaft zu haben. Schaden,— rief S.—,— ich war eben im Begriff ihn das Augenzumachen oder Davonſprin⸗ gen, wenn er ein hübſches Mädchen ſieht, zu lehren. ——Nach ihr zu ſpringen, meinſt du. Wo wollt ihr hin? — VWir haben für den Abend nichts ausgemacht. Jetzt gehen wir nach Hauſe zu mir,— antwor⸗ tete S.— — Gut, dann gehe ich mit,— antwortete Ba⸗ ron K Am Mittwoch nach der oben beſchriebenen kleinen Scene, wanderte Arthur Eldon die Königinſtraße hinab und über Königsholm Brückenſtraße, wo er plötzlich beim Anblick eines jungen Frauenzimmers ſtehen blieb, welches, ohne auf ihn Acht zu geben, vorbeipaſſirte; worauf er ihr bis zum Ende der Kapitainsſtraße, wo ſie in eines der letzten Häuſer hineinging, in einiger Entfernung folgte. Nachdem ſie im Thore verſchwunden war, blieb Arthur lange vor demſelben ſtehen und grübelte. darüber, was er jetzt thun ſollte. Plötzlich faßte er den Plan, durch irgend Jeman⸗ en im Hauſe zu erfragen, wer das junge Mädchen ei. Zu dieſem Zweck klopfte er an eine Thüre im Thouweg⸗ Ein altes Weib, die da ausſah, wie eine leben⸗ dige Plauderchronik, öffnete die Thüre. Wäre Arthur nicht ſo jung und unerfahren ge⸗ weſen, ſo hätte der Anblick jener Phyſiognomie ihn dazu bewogen, von allen weiteren Fragen abzu⸗ ſtehen. Aber jetzt hätte des Teufels Großmutter heraus⸗ treten können, ohne daß er an etwas Anderes ge⸗ dacht, als daran, ſeine Neugierde zu befriedigen. — Seien Sie ſo gut und ſagen Sie mir, wer hier im Hauſe wohnt?— begann Arthur. — Ja ſo, der Herr will wiſſen, wer hier wohnt, ach du lieber Gott, da ſind viele Leute. Das heißt, es ſind nicht ſo viele; aber iſt es irgend eine ein⸗ zln⸗ Perſon, über welche der Herr Auskunft haben wi Die Alte blinzelte den Jüngling forſchend an. Arthur fiel ganz richtig in die Schlinge, denn er antwortete: — Ich wünſchte zu wiſſen, ob hier irgend eine Familie mit Töchtern wohnt. Ja ſo, ich verſtehe, der Herr will über ir⸗ gende ein junges Mädchen Auskunft habe. Jaha, ich begreife. Wie ſoll ſie ausſehen? — Es iſt ein ganz junges Mädchen, hoch ge⸗ wachſen und ſchlank, mit einem unbeſ ſchreiblich ſchö⸗ nen Geſicht, hoher Stirne und. — Ja, ja, man hört ſchon, daß der Herr ſi für ſchön hält,— unterbrach ihn die Alte; e 12 war ſte gekleidet, denn ſehen Sie, dann erſt weiß ich, wer es iſt. — Sie hatte lange hellbraune Locken, einen kleinen, dunkelblauen Sammthut mit einem wei⸗ ßen Schleier. — Das iſt die Tochter der Wittwe, merke ich,— ſagte die Alte mit geringſchätzender Miene.— Du lieber Gott, ich glaubte, daß es eine von den Mam⸗ ſellen N.— wäre, ſiehe, das ſind ganz andere Mäd⸗ chen. — Wittwe, wer iſt denn die Wittwe? — Madame Toll, was weiß ich. Sie hält Schule, Du lieber Gott, und das Mädchen iſt ihre Schweſter⸗ tochter, ſo heißt es. Es iſt ja nichts mit ihnen, ſie ſind arm, weiß Gott, das Mädchen iſt aber prächtig genug gekleidet; obgleich Niemand daraus klug werden kann, woher ſie all ihren Putz bekommt. Die Alte hat nur eine kleine Penſion und verdient ihre Biſſen damit, daß ſie Kindern Unterricht im Leſen gibt. Hochmüthig ſind ſie obendrein, daß es eine Sünde und Schande iſt; aber man kriegt es wohl einmal heraus, woher das junge Ding ihren Staat hat, und dann wird es wohl mit dem Hochmuth bergab gehen, kann ich mir denken. Arthur hatte genug gehört. Er ging, ohne der Alten die Hand zu drücken oder auch nur für die Aufklärung zu danken, die er erhalten, was die Alte höchſt ungünſtig gegen ihn ſowohl wie gegen das Mädchen ſtimmte. 13 Wieder vergingen ein paar Wochen, während welcher Zeit unſer Kadet jeden Mittwoch und Sams⸗ tag mehrmals in der Kapitainsſtraße auf und ab ſpazierte; aber ohne daß ihm das Schickſal es ver⸗ gönnt hätte, einen Schimmer von Derjenigen zu erblicken, um deretwillen er ſo viel unnöthige Schritte gethan. Es war wieder ein Sonnabend und der junge Graf kam direkt von Karlberg; aber ſtatt zu ſeinen Eltern zu gehen, welche in der Königinſtraße wohn⸗ ten, nahm er ſeinen Weg nach dem Markte Karls des Dreizehnten. Gerade als er nach demſelben hineinbog, erblickte 5 einen weißen Florſchleier und einen dunkelblauen Hut. Die Perſon, welche mit dieſen für Arthur ſo beunruhigenden Artikeln bekleidet war, trug ein großes Portefeuille unter dem Arm und ging mit raſchen Schritten. Arthur beſchleunigte ſeine Schritte, um ſie ein⸗ zuholen, und ſann darüber nach, welchen Vorwand ebrauhen ſollte, um das junge Mädchen anzu⸗ reden. Der Zufall kam ihm indeſſen zu Hülfe, denn während er vergebens nach irgend einer Einleitung zu einem Geſpräch ſuchte, ſah er, wie der weiße Schleier ſich von dem Hut losmachte und eine Zeit lang in der Luft ſchwebte, ſich dann aber ſenkte und in einiger Entfernung von ihr niederfiel⸗ Denſelben aufzuheben und damit zu dem zungen Mädchen hinzueilen, war für Arthur das Werk elnes Augenblicks. — Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dieſes, welches Sie verloren, überreiche,— ſagte er und zog die Mütze ab. Als er dieſe Worte ausſprach, erröthete er eben ſo ſtark wie das junge Mädchen, welches ihr Geſicht gegen ihn wandte und mit verlegener Miene den verlorenen Schatz aus ſeiner Hand empfing. 3 Sie verbeugte den Kopf und ſtammelte einige Worte des Dankes, worauf ſie eine Weile ſchweigend neben einander wanderten; endlich hob Arthur wieder an: — Ich bin Ihrem Schleier zu großem Danke verpflichtet.. Er ſchwieg. Er war noch viel zu jung, um auf eine ganz ungenirte Weiſe eine galante Converſation anfangen zu können. Das junge Mädchen blickte ihn fragend an. — Weil er mir Gelegenheit geboten, Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen,— fügte er hinzu,— etwas, das ich lange gewünſcht. Wieder erröthete er. Eine Pauſe trat ein, welche Arthur mit den Worten unterbrach: — Manmſell Bencke kommt von einer Muſikſtunde, vermuthe ich. Das Mädchen betrachtete ihn mit Ueberraſchung und ſagte: — Wie kennen Sie meinen Namen? Ein Bekannter, welcher Sie grüßte, als ich Ihnen das erſte Mal begegnete, hat ihn mir ge⸗ nannt. — Lieutenant S—? 15 — Ganz richtig.— Es war ein ſtarkes Schnee⸗ geſtöber an dem Tage. — Ja, entſetzlich. Die beiden Kinder, denn etwas Anderes waren ſie nicht, fingen an vom Wetter, vom Schauſpiel zu ſprechen und unterhielten ſich mit jener reizenden Einfachheit und Unſchuld, welche der erſten Jugend eigen ſind, bevor Vorurtheile, die Tadelſucht der Menſchen und eigene Leidenſchaften die Seele mit ihrem Schatten verdunkelt, oder das Wahre erſtickt haben, ſo daß wir die unſchuldigſten Dinge für un⸗ recht und tadelnswerth halten. Sorenze Bencke, dies war der Name des Mäd⸗ chens, ſprach ohne alle Verſtellung davon, daß ſie Arthur wieder erkannt hätte. Er ſeinerſeits ſagte ihr aufrichtig, daß er es ſeit vierzehn Tagen gewünſcht habe, ſie wieder zu ſehen ꝛc.— Dies Alles geſchah indeſſen auf eine ſo naive Weiſe, daß jeder Anflug von Galanterie fehlte. Unter ſolchen Geſprächen ſetzten ſie ihren Weg nach der Kapitainsſtraße fort, wo Sorenza wohnte. Am Thor trennten ſie ſich, und da wußte Carl, daß Sorenze jeden Mittwoch und Samſtag um dieſe Zeit von ihren Lektionen zurückkehrte. Am folgenden Mittwoch, als Sorenza aus dem Thor des Profeſſors E— heraustrat, kam Arthur ihr entgegen. — Ich dachte mir's, daß ich Sie treffen wuͤrde, als ich die Treppe hinunterging,— ſagte Sorenza lächelnd.— Kommen Sie direkt von Karlberg? 16 — Ja, ich habe große Furcht ausgeſtanden, daß ich zu ſpät kommen würde. — Wohin? — Natürlich hierher. Ich fürchtete, daß Sie bereits von Profeſſor E— weggegangen wären. — Wir ſchließen nie vor drei Uhr. — Dann weiß ich ſo viel für ein anderes Mal. Oh! Ihr ſo gut inſtruirten Salondamen, wie werdet Ihr meine arme Sorenza tadelnswerth und ihr Betragen gegen alle Regeln der Convenienz ſtreitend finden. Das arme Kind iſt in Euren Augen ſchon ganz verloren, und Ihr glaubt wohl nicht fortfahren zu können, dieſe kleine Erzählung zu leſen; aber beruhigt Euch, die Zeit und die Er⸗ fahrung werden ſie in eine ebenſo gewandte Schau⸗ ſpielerin auf dem Theater des Lebens verwandeln, wie Ihr ſeid. Sie wird Euch lehren, daß ſelbſt die unſchuldigſten Handlungen mißdeutet und ver⸗ dreht werden können, daß das Weib nicht das Recht shat, einfach und wahr zu ſein. Jetzt war ſie ein Kind, welches nicht begriff, daß etwas Böſes darin läge, daß ſie mit einem jungen Menſchen plauderte. Während drei Wochen begegnete Sorenza immer Arthur jeden Mittwoch und Samſtag, wenn ſie vom Profeſſor EG— fortging. An einem Samſtag wanderten ſie von der Königs⸗ holm Brückenſtraße in heiterem Geſpräch über die Bälle in Karlberg, die Sorenza nie beſucht hatte und die Arthur ſchilderte, über die Tanzſoireen, auf denen Sorenza auch nicht welchen ſie ſich von ganzem Herzen ſehnte ꝛc. Während ſie von dergleichen Dingen ſprachen, geweſen, aber nach 3 ͤ———B 5 17 welche die Jugend freuen und erheitern, waren ſie an einem Wagen vorbeipaſſirt, in welchen ein ſtatt⸗ licher Herr hineinzuſteigen im Begriff war. Weder Sorenza noch Arthur gaben auf den Wa⸗ gen Acht, der vor einem Hauſe in dem Jakobs⸗ gäßchen hielt, obgleich ſie dicht an demſelben vorbei gingen; aber der Eigenthümer deſſelben, der durch kein heiteres Geſpräch abgehalten war, hatte die Augen auf die beiden Vorübergehenden geworfen, bei deren Anblick er eine Bewegung unangenehmer Ueberraſchung machte. Statt in den Wagen hinein⸗ zuſteigen, auf deſſen Tritt er bereits den Fuß ge⸗ ſetzt, zog er denſelben zurück und ſagte zum Ve dienten: 1— Laß den Wagen nach Hauſe fahren, ich gehe. 3 Damit ging er Ärthur und Sorenza nach, jedoch ohne ſie einzuholen. Er folgte ihnen auf einige Schritte Entfernung, bis ſie an Sorenza's Thor Abſchied von einander nahmen. 1 Er war ein Stück davon ſtehen geblieben; aber als das Mädchen verſchwunden war, ging er por⸗ värts, ſo daß Arthur, als er ſich umdrehte, Ange⸗ ſicht zu Angeſicht mit dem ſtattlichen Herrn ſich befand. — Papa!— rief Arthur und fuhr zuſammen. — Was machſt Du hier?— fragte der Graf mit gerunzelten Braunen. — Ich promenire. —— Ja, mit jungen Mädchen, merke ich. Kennſt Du dasjenige, welches Du begleiteteſt? — Ja, ſonſt würde ich es wohl nicht begleitet haben. 3 Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. I. 2 * — So— ol Du antworteſt ein wenig trozig, merke ich; aber laß das ſein und antworte ſtatt deſſen ehrlic. — Papa iſt böſe? — Du biſt es nicht, ſondern ich, der Fragen thun ſoll. Wie haſt Du ſie kennen gelernt? — Sie verlor vor einigen Tagen ihren Schleier; ich fand ihn und... — Und nachher verabredeten ihr ein Stelldichein? — Warum ſollten wir das thun? Ich weiß, daß ſie am Mittwoch und Samſtag bei Profeſſor E zeichnet, und ich nehme dann dieſen Weg, wenn ich von Karlberg komme, damit ich ſie nach Hauſe begleiten kann. 4 — Das iſt gerade der kürzere Weg von Karl⸗ berg nach der neuen Königsholmsbrückenſtraße zu gehen, da Deine Wohnung in der Nähe vom Königs⸗ hügel liegt, und dann nachher noch hierher zu pro⸗ meniren. Das kommt vermuthlich Alles daher, daß Du das Mädchen ſchrecklich häßlich findeſt. — Im Gegentheil,— antwortete Arthur lachend. Nun, dann haſt Du wohl nichts dagegen, wenn ich Dich ihr vorſtelle? — Papa kennt ſie alſo? Eine dunkle Flamme flog über Arthur's Stirn. — Folge mir! Der Graf ging hinein in daſſelbe Thor, durh welches Sorenza verſchwunden war. Arthur folgte ihm ſchweigend; aber mit lautklopfendem Herzen. Es wirbelte dem jungen Menſchen im Kopfe und er feagte ſich unaufhörlich: z0 ſi g. — Wie und auf welche Weiſe kennt Papa ſer n ch te 27 19 Als ſie zwei Treppen hoch hinaufgekommen waren, läutete der Graf an einer Hausflurthüre, welche ſofort geöffnet wurde, und Sorenza ſtand vor ihnen, welche gerade ihren Hut und ihren Mantel abgenom⸗ men hatte. Um das friſche Geſicht wogte eine Menge hellbrauner Locken. — Ah, der Graf! rief ſie mit einem Ausdruck von Freude und doch auch von Etwas, das Furcht glich. Sie zog ſich zurück und erröthete ſtark, als ſie Arthur erblickte, der nicht weniger verlegen ausſah. Der Graf ging, vom Sohne begleitet, durch die Hausflur in einen kleinen Saal hinein, wo ein älteres Frauenzimmer ſaß und nähte. Es ſtand auf und grüßte den Graf mit kalter Höflichkeit. Mein Sohn, Madame Toll,— ſagte der Graf, indem er jenen präſentirte. Arthur verbeugte ſich und die Madame erwiderte mit einer nichtsſagenden Höflichkeitsphraſe. Der Graf wandte ſich an Sorenza und nahm ihre Hand mit den Worten: — Hier, Arthur, ſiehſt Du eine Tochter von mir, Sorenza iſt ihr Name. Hätte man dem Jüngling ein Meduſenhaupt ge⸗ zeigt, oder ihn in's Geſicht geſchlagen, ſo hätte es ſicherlich nicht eine entſetzlichere Wirkung hervor⸗ gebracht. Die blühenden Wangen wurden bleich und er ſtarrte das junge Mädchen mit Augen an, die voll 8(Thränen waren. Der Blick des Grafen hatte auf dem Sohne ge⸗ ruht, und er bemerkte recht wohl die Wirkung ſeiner 20 Worte. Auf Sorenza machten ſie eher einen ange⸗ nehmen, als einen unangenehmen Eindruck, und ſie reichte lächelnd Arthur die Hand. — Nun,— Arthur,— wirſt Du nicht Sorenza ein freundliches Wort ſagen?— fragte der Graf. Mit einer Bewegung heftigen Schmerzes ergriff Arthur die dargereichte Hand, aber ohne im Stande zu ſein, ein Wort über ſeine Lippen zu bekommen. Der Graf wandte ſich jetzt an Madame Toll und fing an, von Sorenza's Lektion zu reden, und davon, daß ſeine Frau die Abſicht hätte, ſie den Sommer über zu ſich nach Hauſe zu nehmen, um die ſchöne Jahreszeit auf D— Königshof zuzubringen. Madame Toll antwortete einfach, und als der Graf die Zeichnungen Sorenza's angeſehen, entfernten ſich die beiden Herren. Arthur hatte kein Wort geſagt, ſondern war bleich und ſchweigend an einem der Fenſter ſitzen geblieben. Sein ganzes Ausſehen zeugte von einem innern Schmerz, welchen er nur durch eine gewalt⸗ ſame Anſtrengung zurückzuhalten vermochte, weil derſelbe ſich durch Thränen Luft machen wollte. Schweigend wanderten Vater und Sohn die Kapitainsſtraße hinab und dem gräflichen Hauſe zu. Arthur richtete keine Fragen an den Vater. Er fühlte, daß der zurückgehaltene Thränenſtrom, der eines künftigen Sohnes des Mars ſo unwürdig war, beim erſten Verſuch, zu ſprechen, losbrechen würde; und der Graf, hinreichend mit dem menſchlichen Herzen bekannt, ſah ein, daß der Sohn Zeit brauchte, um ſich von dem Fall zu erholen, welchen er aus ſeinen Illuſionen gethan. 21 Als ſie durch das gräfliche Thor hindurch gingen, ſagte der Graf: Daß Sorenza meine Tochter iſt, iſt ein Geheim⸗ niß, das Du bei Dir behalten mußt. Ich hoffe, daß Du, obgleich ein Jüngling, als ein geborener Eldon ein Vertrauen zu bewahren weißt. — Ich werde ſchweigen,— war die Antwort, die Arthur mit großer Anſtrengung hervorbrachte. — Gut Jetzt traten ſie in den Speiſeſaal, wo der Tiſch gedeckt ſtand. — Speiſeſt Du mit uns, fragte der Graf. — Nein, ich aß, bevor ich von Karlberg ging. — Das weiß ich; aber Du haſt es nöthig, noch einmal zu eſſen. d — Heute nicht. — Gehe hinein und begrüße Deine Mutter, während ich die Kleider wechſele. Der Graf nahm den Weg nach ſeinen Zimmern. — Papa, ich wünſche es jetzt überhoben zu ſein, Mama zu begrüßen, und ſtatt deſſen auf mein Zimmer hinauf zu gehen,— ſagte Arthur.. Der Graf drehte den Kopf um, betrachtete einige Augenblicke den Sohn und antwortete dann: — Nun wohl, thue wie Du willſt. Wenn wir uns in die Zeit zurückdenken, wo wir achtzehn Jahre alt waren, und die Ausbrügkagen von Freude und Schmerz durchgehen, welche dg⸗ unſere Seele erſchütterten, ſo wundern wir 1 4 4 22 wir dieſe Stürme haben durchleben können, welche durch die unbedeutendſten Verſehen hervorgerufen wurden;. die aber durch das Uebermaaß der Kraft in unſerm Innern mit einer ſolchen Stärke auf⸗ traten. Wie lächeln wir nicht in unſerem reiferen Alter über die Schmerzen unſerer Jugend, die ſo heftig waren und doch aus ſo geringer Veranlaſſung ent⸗ ſtanden; wenn wir dieſelben mit den Leiden ver⸗ gleichen, die wir ſpäter ertragen mußten, aber ohne zu ſtürmen und zu raſen. Ich habe Perſonen ge⸗ ſehen, welche in ihrer Jugend von einem paniſchen Schrecken bei dem Gedanken überfallen wurden, daß ſie denn Schmerz des Biſſes eines Blutigels aushalten ſollten, und einige Jahre darauf habe ich geſehen, wie dieſelben Perſonen, ohne das Geſicht zu ver⸗ ziehen, und ohne daß es ihnen einen Seufzer koſtete, ſich wirklich ſchmerzhaften Operationen unterwarfen. Ebenſo verhält es ſich mit unſeren Seelenleiden. Gerade ſo verhielt es ſich auch mit Arthur. Er ſollte im Laufe ſeines Lebens manchen bitteren Seelenkampf, manchen ſchweren und heftigen Schmerz durchmachen; aber kein einziger von dieſen ſollte ſich mit ſo entſetzlicher Gewalt Luft machen, wie dieſe erſte Vernichtung einer kindlichen und ſoeben ent⸗ ſtandenen Neigung, die eher eine Ahnung als eine Wirklichkeit war. Als er auf ſein Zimmer hinaufgekommen war, riegelte Arthur die Thüre zu, warf ſich heftig auß 1. Sopha und brach in ein wildes Schluchzen aus ſeinen n weinte, weinte wie ein unverdorbenes Kin 23 weint, bevor es gelernt hat, daß auch die Thränen Etwas ſind, deſſen man ſich ſchämen muß. Hätten ſeine Kameraden ihn jetzt geſehen, ſo würde er von dem älteſten wie von dem jüngſten ausgelacht worden ſein, und nicht ein einziger hätte Mitleid mit ihm oder Theilnahme für ihn Iniofunden. Eine Stunde nach der andern verging, und noch lag der junge Krieger auf dem Sopha ausgeſtreckt und wälzte ſich hin und her unter Schluchzen. Es war ſchon lange dunkel, als heftige Schläge an Arthur's Thüre erſchallten und eine heitere Stimme rief: — Biſt Du darin, Arthur, ich will mit Dir ſprechen. Arthur blieb unbeweglich und antwortete nicht. Er blieb ſtille liegen, bis er hörte, daß der Bruder ſich entfernte; und als es ſtille geworden, nahm er ſeinen Mantel und ſeine Mütze, ſchlich die hell er⸗ leuchteten Treppen hinab auf die Straße und ging nach Karlberg. Am folgenden Samſtag und Mittwoch kam er nicht nach Hauſe. Endlich, an einem Mittwoch, als vierzehn Tage vergangen waren, während welcher Zeit er Karlberg nicht verlaſſen, hielt Graf Eldon's Equipage im Burghofe daſelbſt an; und man wies dem Grafen die Wohnung, in welcher Arthur zu finden war. Er lag, mit den Armen über dem Kopf gekreuzt und mit dem Blick nach der Decke ſtarrend, auf ſeinem Bett ausgeſtreckt. Beim Schalle von Tritten richtete er die Augen auf den Eintretenden und als er ſeinen Vater er⸗ blickte, ſtand er ſofort auf. — Papa hier,— ſagte er und ſtand vor dem Grafen mit einem eigenen verlegenen Ausſehen. — Ich komme, um mich nach der Urſache zu erkundigen, warum Du es vergiſſeſt, Deine Mutter zu beſuchen. — Ernfried iſt ja hier geweſen und der hat wohl Mama geſagt, daß ich mich wohl befinde, ſo daß ſie nicht nöthig gehabt hat, ſich zu beunruhigen und dann meinte ich es überhoben zu ſein, in die Stadt hineinzugehen. — Ziehe Dich jetzt an; ich will, daß Du mich begleiteſt,— ſagte der Graf. Arthur ſchien indeſſen nicht aufgelegt zu ſein zu gehorchen. — Ich wünſchte, davon befreit zu ſein,— war die Antwort. — Das iſt möglich, daß Du das thuſt, aber wir ſind nicht derſelben Meinung und ich hoffe, daß Du nicht derjenige biſt, deſſen Wünſchen ich mich fügen ſoll, ſondern daß Du Deine Wünſche nach den meinigen richten mußt. Ziehe Dich deßhalb an. Mit ſichtbarem Widerſtreben kam Arthur dem Befehle des Vaters nach. Kurz darauf ſaßen beide im Wagen, welcher mit ihnen davon eilte. — Haſt Du Luſt, mich zu Sorenza zu beglei⸗ ten?— fragte der Graf nach einigem Schweigen. — Denn ich es überhoben ſein kann, ſo ſehe ich es am liebſten. — Warum? 2⁵ Darum, weil es mir unangenehm iſt, und es dürfte Papa nicht wundern, wenn man bedenkt, daß Sorenza nicht die Tochter meiner Mutter, aber doch meine Schweſter und um zwei Jahre jünger als ich iſt. Die Wangen des Jünglings hatten eine höhere Farbe angenommen, die Augen blitzten vor Aerger, als er ſie auf den Vater heftete, welcher ganz kalt⸗ blütig ein Cigarrenetuis herzorzog und eine Cigarre anzündete. Nachdem er einige Züge gethan, ſagte er ohne die geringſte Veränderung in der Stimme: Du fiddeſt Dich verletzt durch die Verwandt⸗ ſchaft mit Sorenza, glaube ich? — Nicht durch die Verwandtſchaft, aber wohl durch die Natur dieſer Verwandtſchaft, die ein Ver⸗ brechen gegen meine Mutter in ſich ſchließt und nach Papa's Worten an mich ein Geheimniß vor der Welt bleiben muß. — Darin haſt Du Recht, Deine Anklage gilt indeſſen nur mir allein und, wenn man es hoch nimmt, der verſtorbenen Mutter Sorenza's, ſie muß aber nie auf das Mädchen zurückfallen können. Sie iſt ja an dem Fehltritte ihrer Eltern unſchuldig. — Sie iſt ein Reſultat davon. — Und muß deßhalb mit ſo großem Unwillen behandelt werden, daß derjenige, der vor vierzehn Tagen wie ein Tollhäusler vom Karlberg hinein⸗ ſprang, um ſie begleiten zu dürfen, jetzt meint, ſie nicht ohne unangenehme Gefühle wiederſehen zu können. Mein lieber Arthur, ich glaubte, Du wäreſt 1 26 zu jung, um auf eine ſolche Weiſe Dich von Deinen Vorurtheilen leiten zu laſſen. — Papa, warum nicht eben ſo gern ſagen, daß ich von einem unverfälſchten Rechtsbegriff geleitet werde? Ich habe noch nicht gelernt, Recht mit Un⸗ recht zu vermiſchen. — Laß uns nicht weiter davon ſprechen. Ich will Dir blos ſagen, daß Du im Begriff warſt, Dich in das Mädchen zu verlieben und darum wurdeſt Du bei der Entdeckung der Verwandtſchaft zwiſchen Euch ganz aufgebracht auf mich und auf ſie. — Aufgebracht! Bn rthur betrachtete den Vater mit einem bitteren ick. — Nein, das konnte mir nicht einfallen; aber niedergeſchlagen, gedemüthigt und verletzt habe ich mich gefühlt. Widrige und zugleich traurige Ge⸗ danken ſind in meiner Seele entſtanden, und ſie galten beſonders Papa. — Gut, Du ſcheinſt geſonnen zu ſein, Deinem Vater eine Zurechtweiſung zu geben; nun wohl,. fahre fort, ich verſpreche Dich anzuhören, ohne mich über Deine Worte zu ärgern. Du findeſt alſo, daß ich ein ſehr leichtſinniger Mann bin. Der Graf ſah den Sohn an. — Ja,— antwortete dieſer und begegnete dem Blick des Vaters.* — Deine Gründe? — Ach, Papa, die brauche ich nicht zu geben Sorenza iſt ein ſo ſprechender Grund, daß jeden andere überflüſſig iſt. Vielleicht werden anderch Söhne lächeln und ſich weiter nicht mit der ganzen 27 Sache beſchäftigen, das weiß ich. Ich habe meine Kameraden über die Schwächen ihrer Väter ſcherzen gehört; aber ich hatte eine ſo tiefe und wahre Achtung vor Papa und hielt jede Schwäche der ſtrengen und ernſten Seele meines Vaters für un⸗ möglich. Die Entdeckung, daß jenes Mädchen ein Kind deſſelben Vaters ſei, wie ich, zerſtörte das ſchöne Gebäude und machte, daß... Arthur ſchwieg. Er lehnte ſeinen hübſchen Kopf in die Wagenecke. — Daß Du nicht dieſelbe Achtung vor Deinem Vater haben könnteſt, wie vorher? — Ja!— und nachher kam der Gedanke an meine Mutter— wie tief ſie gekränkt wurde. Pa⸗ pa's kalte Strenge gegen ſie bekam ein ganz ande⸗ res Gepräge; und ich klagte Papa wegen all der Thrä⸗ nen an, welche ich als Kind Mama vergießen ſah, und deren Quelle ich jetzt glaube gefunden zu haben. Es war ein bitteres Erwachen aus meinen ſchö⸗ nen Träumen von meinen Eltern; ein vollkommenes Zerreißen aller meiner Illuſionen. Arthur ſtrich mit der Hand über die Stirne und der Graf ſaß ſchweigend da. Auf dem ſtrengen und ſtolzen Geſicht des Letzte⸗ ren hatte ſich ein wehmüthiger Ausdruck gelagert. Man las dort, daß die Worte des Sohnes recht auf ſein Herz gewirkt. — Es thut ſo weh,— hob Arthur wieder an, — hei demjenigen, welchen man von der Kind⸗ heit) an nächſt Gott am höchſten verehrt, die ge⸗ wöPnlichen Schwächen wieder anzutreffen, und es be⸗ 1 4 darf Zeit, um ſich mit der Entdeckung zu verſöhnen, 1 28 daß derjenige, den man ſo hoch geſtellt, nicht das iſt, was er zu ſein ſchien. — Und in keinem Alter iſt man ſo ſtreng und unverträglich wie in dem Deinigen, mein lieber Ar⸗ thur,— fiel der Graf ein,— man hat noch nicht die Macht der Verführung erfahren, ſondern glaubt an ſeine eigene Kraft und verurtheilt die Schwächen Anderer, weil man ſeine eigene nicht kennt. Noch einige Jahre und Du wirſt durch Deine eigenen Fehler gezwungen werden, ſchonender gegen Andere zu ſein. Es iſt jedoch nicht meine Meinung, Deinen aus einer unverdorbenen Seele hevorgegan⸗ genen Unwillen gegen den Fehltritt Deines Vaters wegzuargumentiren; ich will Dich blos daran erin⸗ nern, daß je minder ſtreng wir bei der Beurthei⸗ lung der Mängel Anderer ſind, es um ſo beſſer für uns ſelber iſt. Bevor wir die Kraft unſerer Flügel abſchätzen können, müſſen wir mit ihnen zu fliegen verſuchen, und bevor wir uns zum Richter über Andere aufwer⸗ fen, müſſen wir wiſſen, wie viel unſere eigene Kraft werth iſt. Willſt Du jetzt zu Deiner Mutter hinaufgehen? — fügte der Graf hinzu, als der Wagen von der Roerſtrandsſtraße in die Königinſtraße einbog. Arthur richtete einen reuevollen Blick auf den Vater und ſagte mit leiſer Stimme: — Wenn Papa erlauben, ſo begleite ich Sie zu Sorenza. 1 Ohne zu antworten, rief der Graf dem Kut⸗ ſcher zu: 8 — Jahre nach der Kapitänsſtraße! 4 8 29 Kein zweites Wort wurde zwiſchen Vater und Sohn gewechſelt; aber auf dem Geſicht des Letzte⸗ ren kam und verſchwand das Blut unaufhörlich wie Ebbe und Fluth. Als der Wagen vor Sorenza's Thor hielt, war Arthur ſo bleich geworden, daß der Vater ſagte: — Vielleicht ziehſt Du es vor, im Wagen ſitzen zu bleiben, während ich hinaufgehe? — Nein, antwortete Arthur, und ſprang aus dem Wagen. Als die Thüre zu der Hausflur ſich öffnete, hör⸗ ten ſie eine heitere, aber ganz ſchwache Stimme unter Begleitung der Guitarre ſingen: „Aus Caprice geſchieht ja alles auf der Welt ꝛc.“ leder Graf ſah ſchlechtgelaunt aus und mur⸗ melte: 1 — Was ſoll das, daß das Mädchen ſingt und ſpielt; ſie hat ja gar keine Stimme. Arthur ſeinerſeits meinte, daß ſie wie eine Nachti⸗ gall ſänge; aber der arme Junge ſchwieg, denn es war ihm ſo ſonderbar zu Muthe. Die alte Dienerin öffnete die Saalthüre und die beiden Grafen traten ein. Sie fanden Sorenza allein an linem der Fenſter vor einer aufgeſtellten Staffelei ſitzend. Beim Anblick des Grafen ſprang ſie erſchrocken auf, als wäre ſie bei einer recht ſtrafbaren Hand⸗ lung getroffen worden, und warf die Guitarre zwi⸗ ſchen die Stühle. Ohne den ſchüchternen Gruß des Mädchens zu erwiedern, ſagte der Graf: — Ich meinte einmal für allemal den Wunſch 30 ausgeſprochen zu haben, daß Du Deine Zeit nicht an etwas ſo Unnützes verſchwendeſt wie Muſik, da Du dieſelbe auf das verwenden kannſt, wozu Du wirklich Anlage haſt. — Ich habe aus Freude darüber geſungen, daß ich heute von Profeſſor E— gelobt wurde,— ant⸗ wortete Sorenza ein wenig zitternd. — Da hätteſt Du wohl ohne Begleitung ſingen können. — Es klingt beſſer ſo. Jetzt lächelte Sorenza und erröthete,— und dann meine ich, wäre es unterhaltend zu... — Das zu thun, was dumm iſt,— fiel der Graf mit Härte ein. 3 Arthur ſchien es, daß der Vater unbarmherzig ſei und ſeine eigene, unangenehmen Eindrücke, welche er beim Wiederſehen Sorenza's empfunden, ver⸗ ſchwanden durch das Mitleid, das er für ſie fühlte; denn bei den letzten ſchonungsloſen Worten des Gra⸗ fen wurde er purpurroth und ſchlug die Augen nie⸗ der. Arthur ging hin zu ihr und ſagte: — Guten Tag, Sorenza.. Es lag etwas ſo Herzliches und Freundliches in der Stimme, daß das junge Mädchen mit einem dankbaren Blick zu ihm hinaufſah und ihm mit den Worten die Hand reichte: — CEs iſt lange her, daß wir uns trafen. Ich habe jeden Mittwoch und Sonnabend geglaubt, daß... Jetzt ſchwieg ſie, weil ſie im Zweifel war, wie ſie ihn benennen ſollte; dann fügte ſie aber gleich haſtig hinzu:— ich den Grafen treffen würde. Das Wort Graf wurdde mit ſichtbarer Anſtren 31 gung ausgeſprochen und wirkte ſo unangenehm auf Arthur, daß er einen Schritt zurücktrat. Währenddem war der Graf zur Staffelei hin⸗ gegangen und betrachtete das Bild, welches in der Arbeit war, ohne dem, was zwiſchen den beiden Ge⸗ ſchwiſtern vorfiel, irgend eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken.— Er begann die Arbeit zu kritiſiren und zu loben, aber in dem gewöhnlichen und harten Ton, ohne ſeinen Worten auch nut einen Schein von Freund⸗ lichkeit oder väterlicher Zärtlichkeit zu geben. So⸗ renza ſtand daneben und hörte ihm zu mit einem gemiſchten Gefühl der Bangigkeit, ſcheuer Zärtlich⸗ keit und unruhiger Furcht. Nachdem der Graf ſo viel geſagt, als er von dem Gemälde ſagen zu können meinte, machte er ſich zum Weggehen bereit. — Die Gräfin hat den Wunſch ausgeſprochen daß Du morgen zu ihr hinaufkommen möchteſt. Ganz unwillkürlich blitzten die bei ihrer Ankunft ſo freudeſtrahlenden Augen vor Schmerz. Man las in Sorenza's Geſicht einen Ausdruck der Demüthi⸗ gung, und es kam Arthur vor, als wenn er ſähe, wie die Thränen ſich gegen ihren Willen Bahn brechen wollten. — Lebe wohl, mein Kind,— fügte der Graf mit freundlicherer Stimme hinzu und küßte Sorenza auf die Stirne.— Du wirſt morgen den ganzen Tag bei der Gräfin bleiben.. Hätte man Sorenza geſagt, daß ſie ſich irgend zeiner ſchmerzlichen Operation unterwerfen ſolle, ſo 32 hätte ſie nicht unglücklicher ausſehen können, als bei den Worten des Grafen. — Wir ſehen uns alſo morgen,— ſagte Arthur. Sie lächelte ihm zu, aber ſo traurig, daß es dem Jüngling in's Herz ſchnitt. — Papa,— ſagte Arthur heftig, als der Va⸗ ter und er im Wagen ſaßen,— es liegt etwas ent⸗ ſetzlich Unnatürliches in Sorenza's Stellung. Wie peinlich iſt es nicht, Sie, ihren Vater, und auch mich, ihren Bruder, Graf nennen zu hören. Ich kann Ih⸗ nen den Eindruck nicht beſchreiben, welchen alles dieſes auf mich macht. Arthur warf ſich in die Ecke des Wagens zurück und fuhr mit dem Taſchentuch über ſein glühendes Geſicht. — Kleinigkeiten, mein lieber Arthur, an welchen Du ganz kindlich hängſt, weil Du von Deinen frühe⸗ ſten Kinderjahren an gewohnt biſt, mich Vater zu nennen. Für ſie bin ich dagegen, im Ganzen ge⸗ nommen, ein Fremdling, den ſie nie mit denſelben 4 . 3 Augen wie Du betrachtet hat. Darum verurſacht es ihr keinen Schmerz, mich mit einem fremden Titel zu benennen. Die Hauptſache iſt, daß ſie nie Grund bekommt, mich anzuklagen, daß ich es verſäumt hätte ihr eine Erziehung zu geben, ſondern daß ſie einräumen muß, ich hätte für ſie geſorgt, wie es meine Pflicht iſt. — Jetzt hat Papa beſtimmt Unrecht; denn auf ſie hat dieſes unnatürliche Verhältniß einen Ein⸗ fluß, obgleich ſie vielleicht noch zu jung iſt, daſſelbe i n —& —8Gnͤ na— 33 zu begreifen; wäre ich aber in ihrer Stelle, ſo würde ich— vor Scham vergehen. — Du ſprichſt wie ein exaltirter junger Menſch und wie ein Eldon; aber erinnere Dich, daß das Mädchen nicht mit Deinen ariſtokratiſchen Begriffen erzogen, ſondern bei den Verwandten ihrer eigenen Mutter als ein Pflegekind aufgewachſen und auf dieſe Weiſe gewohnt iſt, ohne Eltern zu ſein. Unſere Gewohnheiten ſind es, die unſere Gefühle beſtimmen und ausbilden. — Papa, Papa, ich fühle an der Aufregung, in welche mein eigenes Herz bei dieſem Auftritt ge⸗ räth, daß Papa's Raiſonnement nicht richtig iſt. — Mag ſein; ich mußte indeſſen uͤbereinſtim⸗ mend damit handeln. Der Graf rauchte ruhig ſeine Cigarre. Eine Pauſe trat ein. Plötzlich ſagte Arthur: — Warum behandelt Papa Sorenza mit ſo vieler Kälte und Strenge, als wäre ſie eine Skla⸗ vin und nicht ein Kind? — Weil ein vertraulicheres Benehmen von mei⸗ ner Seite gegen ſie uns einander zu ſehr nähern und die Welt von der Verwandtſchaft, in der wir ſtehen, in Kenntniß ſetzen würde, und darüber muß dieſelbe in Unkenntniß bleiben. Außerdem machte die Beſchaffenheit ihres Ur⸗ ſprungs es mir zur Pflicht, ihr nie den Gedanken beizubringen, daß ſie auf mich dieſelben Anſprüche habe, wie meine geſetzlichen Kinder. Zwiſchen uns darf deßhalb dieſe herzliche Vertraulichkeit, die zwi⸗ ſchen Eltern und Kindern ſtattfindet, nicht exiſtiren. Schwartz, Die Tochter des Edelmanns, I. 3 — 1 34 — Armes Mädchen,— ſeufßzte Arthur, und eine Thräne glänzte in ſeinen Augen. Wir wollen mit einigen Worten über Graf El⸗ don's frühere Schickſale Auskunft geben.. Karl Johann Eldon war der einzige Sohn ſeiner CEltern und erbte nach dem Vater Reichthum, Rang und— Hochmuth. Von einer Mutter erzo⸗ gen, die ihn vergötterte, hatte Karl Johann nie ge⸗ wußt, was es heiße ſich irgend eine Freude zu ver⸗ ſagen. In einem Alter von dreiundzwanzig Jahren ver⸗ liebte er ſich in ein junges, dem Mittelſtande ange⸗ höriges Mädchen, deſſen einziger Reichthum in ihrer Jugend, Unſchuld und Schönheit beſtand. Hier war er zum erſtenmal in ſeinem Leben gezwungen zu entſagen und er mußte, nach dem ausdrücklichen Villen ſeiner Eltern, ſein Geſchick mit einer Frau verbinden, die man ihm bereits im achtzehnten Jahre beſtimmt hatte..* Ohne Liebe, ohne den geringſten Grad von Sym⸗ pathie oder Zärtlichkeit für ſie verheirathete er ſich mit der unermeßlich reichen, ſehr hoch geborenen und häßlichen Aurora R—.— Aurora fehlte es an allen Eigenſchaften, den unruhigen, heftigen, geiſtreichen und excentriſchen Karl Johann Eldon zu feſſeln. Er ſollte für ſi immer ein ungelöstes Problem bleiben, und ſie ihrer ſeits ihm ſo trivial und alltäglich erſcheinen, daß e auf ſie wie auf eine ihm vollkommen untergeordn Perſon herabſchauen mußte. 35 e Jung und mit einem ungewöhnlich vortheilhaf⸗ ten und ſtattlichen Aeußern, hatte er dadurch Au⸗ rora'’s Herz gewonnen, ohne daß er ſich viel darum bemüht hätte. Die Partie zwiſchen ihnen war von . ihren Eltern ausgemacht und von dem Grafen deß⸗ khalb eingegangen worden, weil er ſeit ſeinem einund⸗ r zwanzigſten Jahre mit Aurora verlobt geweſen war. — In ſeiner aus allen möglichen Widerſprüchen . zuſammengeſetzten Seele, gab es einen hervorragen⸗ den Zug, welcher durch ſein ganzes Leben ging, . nämlich den, nie ſeinem Worte untreu zu werden; mochte es ſein eigenes, oder anderer Wohl und Wehe koſten, ſo hielt er es. Vor ſeiner Heirath zeichnete er ſich durch ein tolles Leben, durch eine bis an das Aeußerſte gren⸗ zende Lebensluſt und durch eine wilde Jagd nach Zerſtreuungen aus. Bevor er ſich in das junge bürgerliche Mädchen verliebte, hatte man nie etwas Anderes als Freude aus ſeinem Geſicht leuchten ſehen und nie⸗hatte eine Wolke des Ernſtes oder der Sorge dieſe hohe, breite 3 Stirne verdüſtert, welche nur für den Sonnenſchein des Glückes geſchaffen zu ſein ſchien. Von dem Augen⸗ b blick an, wo er ſeiner Liebe entſagte, wurde ſein ganzer äußerer und innerer Menſch geändert. 1 Er wurde kalt, düſter, ſtreng und verſchloſſen. Die excentriſche Lebhaftigkeit brach nur wie Blitze 3 hervor, aber nie mehr mit tobender Munterkeit, ſon⸗ dern gleich einem wilden Wunſch, irgend eine Erinne⸗ rung zu betäuben. Seine Heftigkeit glich einer ver⸗ Bodeen Flamme, deren Vorhandenſein man wohl ſahnte, die aber hinter der Strenge berſtadt 1ag 1* 1 ———— 8 8 z 36 Die Veränderung war ſo in die Augen fallend, daß jeder, der den Grafen kannte, einſah, dieſelbe ſei dadurch hervorgebracht, daß ſeinen Gefühlen auf irgend eine Weiſe Gewalt angethan worden. Er wurde ein harter Ehemann, ein gerechter, aber ſtolzer und unbeugſamer Hausherr, ein zärt⸗ licher und ernſter Vater. 5 Während der erſten Jahre ſeiner Ehe hatte man keine Helle in dem düſtern Schwermuth, welcher ſich am Hochzeitstage über ſeine Seele gelagert, je durch⸗ blicken geſehen.— Aber nach Verlauf dieſer drei Jahre fing es an hell zu werden und man ſah oft Züge leidenſchaftlicher Lébhaftigkeit und Enthuſiasmus. Dieſe Veränderung trat nach einem längeren Aufenthalt in Yſtad ein. Man fing an Verdacht zu ſchöpfen, daß Yſtad irgend einen mächtigen Mag⸗ net berge, welcher den Grafen dorthin zog, denn er machte jede Woche von ſeinem Gute Roerbro Neeiiſen dahin. Die Gräfin, welche ihren Mann liebte, war nicht blind gegen dieſe neue Unwandlung, welche mit ſei⸗ ner Stimmung vor ſich gegangen, und während ſie früher über ſeine Düſterkeit getrauert hatte, fing ſie jetzt an über das Glück und die Freude zu grü⸗ beln, die aus dieſen Augen leuchteten, welche nie auf den ihrigen mit Liebe geruht. Der Kummer wurde um ſo mächtiger, weil ſie wußte, daß ſie nicht diejenige ſei, die dieſe Verände rung hervorgerufen. Er war und blieb kalt und verſchloſſen in ſeinem 1 Benehmen gegen ſeine Gattin. Es gab alſo irgen eine Andere, welche dieſe Ausdrücke eines ihm inne 27 37 wohnenden Glückes hervorzauberte, und nach dieſer Andern ſehnte er ſich mit fieberhafter Ungeduld; dieſe war es, welche ihn von dem heimathlichen Herd wegzog. Nach dem Grübeln kam die Eiferſucht und mit ihr der Beſchluß, ſich Gewißheit zu verſchaffen, wer oder was es ſei, das ihn veranlaßte, unaufhörlich nach Yſtad zu reiſen. Sie beſchloß zu ſpioniren. Der Graf, viel zu viel von dem Gegenſtand, der ſein Herz feſſelte, in Anſpruch genommen, be⸗ ſchäftigte ſich gar nicht damit, was ſeine Frau den⸗ ken oder fühlen möchte, ſondern überließ ſich dem Glücke des Augenblicks. Nach vielem Spioniren gelang es der Gräfin, 1 dem Geheimniß auf die Spur zu kommen. Der Graf war in eine junge Madame Bencke die Frau eines deutſchen Kaufmanns, verliebt. Der b Mann war zufällig in Geſchäften weggereist. Bei dieſer Entdeckung wurde die Gräfin raſend vor Eiferſucht, gab dem erſten Eindrucke nach und verklagte den Mann auf Scheidung. 3 Kaum war der Prozeß angefangen und die junge Frau rettungslos compromittirt, als die Gräfin es 1 bereute. Der ſtolze Graf wußte durch Aufopferung einer 4 größeren Geldſumme den Mann von Madame Bencke zu beſänftigen und die Sache niederzuſchlagen, bevor penn Mublikum zu viel von der ſkandalöſen Geſchichte ſerfuhr. Das Opfer ſeiner Liebe und der Eiferſucht der Gräfin, welches keinen gräflichen Namen und auch — 38 kein fürſtliches Vermögen beſaß, war ſowohl ihrem Manne, wie auch ihren Freunden gegenüber ſo entehrt worden, daß ſie, um all der Erniedrigung, die ſie traf, auszuweichen, den Ort verließ, ohne daß der Graf oder ihr Mann erfahren konnten, wohin ſie ſich gewendet. War der Graf im Anfang ſeiner Ehe düſter und verſchloſſen geweſen, ſo wurde er es nach dieſen Ereigniſſen noch mehr, und weder Zeit noch Jahre vermochten es, den kalten und unverſöhnlichen Un⸗ willen zu mildern, welchen er gegen ſeine Frau ge⸗ faßt, mit der er nur noch zuſammenlebte, damit das Gerücht von dem beabſichtigten Prozeß nicht Be⸗ ſtätigung erhielte. So verliefen fünf Jahre, ohne daß er etwas von ihr gehört, die er in's Unglück gebracht. Eines Tages erhielt er einen Trauerbrief.— Der Graf öffnete denſelben und fand darin eine Karte. Er nahm dieſelbe und darauf ſtand: „Amalie Bencke, geborene Bill, geſtorben in ihrem 27. Jahre.“ Sie war alſo in der Blüthe ihrer Jahre geſtorben, dieſes einzige Weib, das ſein Herz geliebt.— Sie, welche er ſchon als junger Mann ſo hoch geliebt, daß er ihre Unſchuld reſpektirt hatte; die er aber, als der Zufall ſie wieder zuſammenführte, dergeſtalt mit ſeinen Bitten eiſchläferte, daß die Folgen Scham uud ein frühzeitiges Grab wurden. Sie hatte den Frieden des Grafen mit in dießt Gruft genommen, denn von jenem Augenblicke an wo er die Nachricht von ihrem Tode erhielt, war e5 1 39 als wenn eine ewige Unruhe ihn von einem Ort zum andern jagte. Er gedieh nirgends, ſondern reiste unaufhörlich, als wenn er hoffte, ſeinem Gewiſſen entfliehen zu können. Man konnte ſagen, daß der düſtere und ſtrenge Mann zum Begleiter durch's Leben einen nagenden Vorwurf bekommen, welcher veranlaßte, daß er auf der Bahn des Lebens ein friedloſer Flücht⸗ ling blieb. So vergingen zehn Jahre. Der Graf war eben auf Roerbro angekommen, nachdem er zuerſt im Auslande geweſen und nachher während des Winters unaufhörlich zwiſchen ſeinen Gütern hin und her gereist war. Die Gräfin hatte alſo nach einer Trennung von einem ganzen Jahr die traurige Freude, ihren kalten und düſtern Mann wieder zu ſehen, welcher nach ſeinen eigenen Worten den Sommer über in der Hei⸗ math zu weilen gedachte. Aber nach Verlauf einiger Tage kam ein Brief folgenden Inhalts an den Grafen: „Als Amalie Bencke vor zehn Jahren ſtarb, hin⸗ „terließ ſie zwei Kinder. Das eine war ein Sohn, „den ihr Mann nach ihrer Flucht von ihm mitnahm, „als er ſich in Koppenhagen niederließ, das and ere, „ein lebender Zeuge ihrer Schwäche, war ein Mädchen, „welches von Amalie's Schweſter als ihr eigenes „Kind aufgenommen wurde. Unglück und Verluſte „änderten innerhalb einiger Jahre die Lage der Pfle⸗ „gemutter des Kindes und brachten ſie in Armuth. „Sie arbeitete und ſtrebte indeſſen für dieſes „Kind, deſſen ſie ſich angenommen, und das mit Vddem beſtimmten Vorſatz, ſich nie an den zu wen⸗ 4 „den, welcher der Urheber ihrer Exiſtenz und der „Schande ihrer Mutter war.— Jetzt iſt das Mäd⸗ „chen fünfzehn Jahre alt,— Sie ſoll das erſte Mal „das heilige Abendmal genießen und dann in die „Welt hinaustreten. Ihre Pflegemutter würde auch „jetzt es verſchmähen, die Hülfe des Mörders ihrer „Mutter anzurufen, wenn das fünfzenhnjährige Kind „ſolche Eigenſchaften beſäße, welche ſie befähigtea, „ſich durch Arbeit und Abhängigkeit ihr Auskom⸗ „men zu verſchaffen; aber die Natur ſcheint ihr ſo „ungewöhnliche Anlagen gegeben zu haben, daß ſie „zu einer ganz andern Erziehung berechtigt iſt, als „diejenige, welche ihr Pflegemutter ihr zu verſchaffen „vermag. „Sollte darum Graf Eldon die Tochter Amalie „Bencke's kennen lernen wollen, ſo trifft er ſie bei „ihrer Tante, Madaͤme Toll, wohnhaft in der Kapi⸗ „tainsſtraße Nro 0. 3 Guſtafva Toll.“ Dieſer Brief wirkte auf den Grafen, wie wenn man eine halbgeheilte Wunde wieder aufreißt. Alle dieſe ſo ſchmerzlichen und ſo wehmüthigen Erinnerungen, welche die Zeit nicht zu verwiſchen, wohl aber etwas in den Hintergrund zu drängen vermocht hatte, erwachten wieder mit erneuerter Kraft, und ein heftiger Wunſch, dieſes Kind des Kummers zu ſehen, dieſe lebendige Erinnerung an das Böſe, das er der Mutter gethan, ergriff ſeine Seele. Am Tage darauf war er auf der Reiſe nach Stockholm. Wie ſeine erſte Begegnung mit Sorenza ablief, iſt überflüſſig zu ſchildern. 3 Unſere Erzählung begann ein Jahr darauf, we geprüft, oder den Umfang ihrer Herzensgüte unter⸗ N 41 der Vater zum Erſtenmal ſein elternloſes Kind ge⸗ ſehen. Der Graf hatte mit der Allmacht ſeines Willens die Gräfin bewogen, Sorenza zu ſehen und ihr ein Intereſſe zu zeigen, welches ganz und gar eine Sache des Verſtandes war. Die Gräfin hatte ſeit dem unglücklichen Prozeſſe nur ein Ziel vor Augen gehabt, nämlich durch eine vollkommene Nachgiebigkeit gegen die Wünſche des Mannes das, was ſie verbrochen, wieder gut zu machen. Ach, ſie wußte nicht, daß es Fehler gibt, die ein ſtolzer und unbeugſamer Charakter nie verzeiht, ſelbſt wenn man ſein wärmſtes Herzblut als Sühn⸗ opfer darbrächte. Wie widerlich und peinlich es ihr auch vorkam, das Kind von dem Weibe zu ſehen, das der Mann geliebt, ſo war ſie doch dem vom Grafen ausge⸗ ſprochenen Wunſche nachgekommen.* Der Inſtinkt fagte ihr ganz richtig, daß ſie durch Wöhlwollenz gegen das Kind die Achtung nnd Zu⸗ neigung des Mannes gewinnen konnte. Sie wollte ſich dieſe Schäze erwerben; aber die Gräfin Aurora gehörte nicht zu denjenigen,, welche das, was ſie wollen, vermögen, oder die wegen des Erreichens eines großen Zieles Kraft genug beſizen, ihre perſönlichen egoiſtiſchen Gefühle zu opfern. Der Graf hatte gewünſcht, daß Sorenza den Sommer auf dem Lande bei ihnen zubringen ſollte, Etwas, wozu die Gräfin ihre Einwilligung gegeben. Dabei hatte ſie indeſſen nicht ihre eigene Kraft 42 ſucht, um beurtheilen zu können, ob ſie auch mit Freundlichkeit und Unpartheilichkeit ein Kind würde behandeln können, das an den Fehltritten der Eltern unſchuldig war. An Sorenza dachte ſie nicht, ſondern blos daran, wie dankbar der Graf ihr werden müßte. Er ſeinerſeits dachte recht und gewiſſenhaft zu handeln, wenn er das Mädchen nach Hauſe nahm, ohne aber den ſchwachen Charakter und den beſchränk⸗ ten Verſtand ſeiner Frau in Betracht zu ziehen. Hätte er das gethan, ſo würde er von vorn herein auch eingeſehen haben, daß die Gräfin durch die tägliche Berührung mit dieſer lebendigen Erin⸗ nerung an eine Liebe, welche ſie nie beſeſſen. unwill⸗ kürlich einen Groll gegen das Pfand derſelben faſſen würde. Auch bedachte der Graf nicht, daß Sorenza durch tägliches Zuſammenſein mit ſeinen geſetzlichen Kindern gezwungen werden würde, Parallelen zu ziehen, welche in dem Herzen des jungen Mädchens den Grund zur Bitterkeit und zu einem heimlichen Neide legen würde. Sie würde ja als ein Fremdling an der Seite des Vaters und der Geſchwiſter zu ſtehen kommen, und was noch ſchlimmer war, als eine untergeordnete Perſon, die weder den Namen, noch das Herz des Vaters beſaß. Bald genug ſollte der Graf ſeinen Mißgriff ein⸗ ſehen, obgleich zu ſpät, um im Stande zu ſein, den⸗ ſelben wieder gut zu machen. Arthur war aufgeſprungen und nach dem Gitter⸗ 43 Die gräfliche Familie war einige Zeit vor Jo⸗ hannis nach ihrer Sommerwohnung in der Nähe von D— s Königshof gezogen. Acht Tage darauf fuhr der Graf fort, um Sorenza zu holen. Es war ein milder Sommerabend, als der Wagen des Grafen vor der ſchönen Villa hielt. Der Be⸗ diente half ihm und Sorenza heraus. In der Veranda ſaßen die Gräfin und ihre Toch⸗ ter, Fräulein Jenny, ſowie die Gouvernante der Lez⸗ tern, ein Fräulein Gyllenſparre. Arthur lag im Graſe auf dem Hofe ausgeſtreckt. Ernfried, das älteſte der Kinder, war im Begriff, ſich nach beſten Kräften mit Jenny, die die jüngſte war, zu necken, ohne daß die wiederholten Ermah⸗ nungen der Gräfin, daß er damit aufhören möchte, irgend eine Wirkung hatten. Bei der Ankunft des Grafen mit Sorenza rich⸗ teten ſich alle Blicke auf ſie. — Ahl! da iſt Papa und jene Sorenza, die ich als meine Aufwärterin haben ſoll, rief Jenny, ein faſt bildſchönes Mädchen von fünfzehn Jahren; ſie ſoll ſogleich meine Vögel in den neuen Käfig hin⸗ überſetzen. — Still, Jenny, ermahnte die Gräfin, deren Geſicht einen gemiſchten Ausdruck von Furcht und Hochmuth annahm. — Ich glaube, daß Du böſe werden wirſt gegen jenes Sündenopfer, das Dir Geſelſſchaft leiſten ſoll, — ſagte Ernfried. * 44 thor geeilt, um dem Vater und Sorenza entgegen zu gehen. Als er ſie begrüßt, erſchrack er faſt über ihr ver⸗ ſtörtes Ausſehen. Man konnte ſagen, daß ſie aus⸗ geweint ausſah. Bei dem herzlichen Gruße Arthur's begannen die Thränen reichlich zu fließen, obgleich ſie ſich offen⸗ bar bemühte, dieſelben zurückzuhalten. Der Anblick der tiefbetrübten Sorenza wirkte ſchmerzlich auf Ar⸗ thur und als ſie ihre Augen nach der Veranda warf und dort die weniger freundlichen Bliche auffing, mit welchen die Mutter und die Schweſter ſie be⸗ trachteten, dä fühlte er ſich auch zun Weinen bei dem Gedanken aufgelegt, wie unglücklich die arme j Sorenza ſich fühlen mußte: ſie, welche eine anſpruch⸗ loſe, aber freundliche Heimath verlaſſen, um in eine einzutreten, wo ſie von Hochmuth und Kälte umgeben ſein würde. Während der Wanderung vom Gitterthor bis zur Veranda ſuchte er durch Herzlichkeit Sorenza mit den kalten und abgemeſſenen Worten, die ihrer war⸗ teten, auszuſöhnen. 3 Als ſie in der Veranda angekommen waren, küßte der Graf Jenny auf die Stirne, reichte der Gräfin die Hand, machte eine gnädige Verbeugung mit dem Köpfe gegen Fräulein Gyllenſparre und ſagte: 9— Ich briuge Fräulein eine neue Schülerin und für Jenny eine Konkurrentin mit. Ich hoffe, daß ſie nicht einen zu großen Vorſprung auf der Bahn der Kenntniſſe gewinnen wird; denn obgleich ſie e 8 45 Jahr älter iſt, ſo hat ſie doch nicht denſelben Un⸗ terricht gehabt, wie Du, meine liebe Jenny. Hierauf fügte er hinzu, indem er ſich an die Gouvernante wandte: — Sorenza Bencke iſt meine Pflegetochter. Ich habe in Verbindung mit ihren Verwandten geſtanden und mich deßhalb ihrer Zukunft angenommen. Während dem hatte Sorenza mit ſcheuen Blicken und thränenbenezten Wangen ſich der Gräfin ge⸗ nähert, um zu grüßen und die dargereichte Hand zu küſſen. Guten Tag,— war Alles, was die Gräfin ſagte. Fräulein Gyllenſparre, welche fühlte, daß die ſcharfen Augen des Grafen auf ſie gerichtet waren, ſagte mit erkünſtelter Freundlichkeit: — Willkommen, meine kleine, oder richtiger, große Schülerin. — Nun, wirſt Du mich nicht begrüßen,— rief Jenny, als Sorenza, etwas ſchüchtern und verlegen, nicht wußte, was ſie thun ſollte. Sorenza reichte dem Fräulein die Hand. — Abh, meine Liebe, Du ſollſt mir nicht die Hand reichen, wenn ich es nicht thue; aber das iſt einerlei, wir können uns ja doch vertragen, wenn wir auch einander nicht die Hand reichen,— ſagte Jenny in ihrem ſtolzen und übermüthigen Tone. — Was iſt das da, Jenny,— rief der Graf. — Reiche Sorenza ſofort die Hand! Jenny hatte, wie Alle, großen Reſpekt vor dem Zorn des Vaters und ſie kam deßhalb ſofort ſeinem Befehle nach; aber die einmal zurückgewieſene Hand Srenze's wurde nicht mehr dem Fräulein hinge⸗ reicht, ſondern die Erſtere machte vor Jenny eine tiefe Verbeugung und ſagte mit klarer Stimme. — Fräulein braucht nicht meine Hand anzufaſſen. Das von Thränen und Demüthigung vorher ſo erhizte Geſicht war bleich geworden, und es trug jetzt denſelben Stempel unbeugſamen Stolzes, wel⸗ chen man bei dem Grafen und allen ſeinen Kindern wiederfand. Bei Sorenza's Worten wurde die Gräfin glühend roth und ſagte mit ungewöhnlich ſcharfer Stimme: — Nehmen wir wieder Deine Aufgabe vor, Jenny, ich meine, daß die Begrüßungen lange genug gedauert haben.. Der Graf zog die Augenbrauen zuſammen und ſagte zum Bedienten: — Rufe Mamſell Ekberg her! Einen Augenblick darauf ſtand ein Frauenzimmer in den mittleren Jahren vor dem Grafen. — Seien Sie ſo gut und führen Sie Mamſell Bencke nach dem Zimmer, welches für ſie in Bereit⸗ ſchaft geſetzt iſt. Ich vertraue ſie der Obhut der Mamſell an. Er wandte ſich jetzt an Sorenza, welche das mar⸗ morbleiche Geſicht emporgerichtet und die tiefliegen⸗ den Augen auf Jenny gerichtet, ſtehen geblieben war,. und ſagte: — Begleite Mamſell Edberg auf Dein Zimmer! Sorenza gehorchte. 4 Ernfried hatte während des Begrüßungspro⸗ ceſſes unter der Veranda geſtanden und war von Epheu, das ſich an den Eſpaliers heraufſchlange 47 verborgen geweſen. Er hörte und ſah alles, ohne geſehen zu werden. Arthur hatte ſich ſeinerſeits hinter Sorenza be⸗ funden und war dem Benehmen der Schweſter mit funkelnden Blicken gefolgt. Als Sorenza ſich entfernte, ohne daß die Gräfin, oder irgend Jemand ein Wort ſagte, warf er ſich in einen Stuhl neben Jenny und brach mit Heftig⸗ keit aus: — Du verdienſt, als ein ungezogenes Kind eine Züchtigung zu bekommen. — Nun, das iſt amüſant,— brach Jenny aus und fing an zu weinen. — Nur wegen jener Sorenza da ſoll ich ſo viele Unannehmlichkeiten ertragen. Das ſage ich von vorn herein, daß ſie mir gar nicht gefällt. — Jenny, komm mit mir,— klang die kalte und ſtrenge Stimme des Grafen. Das Fräulein ſtand erſchrocken auf, die Gräfin warf einen ängſtlichen Blick auf den Mann, wel⸗ cher, Jenny mit ſich führend, in das Wohnhaus hineinging. — Jetzt wird es Jenny ſchlecht gehen,— flü⸗ ſterte Ernfried aus ſeinem Verſteck. — Alles dieſes um jenes Mädchens willen, murmelte die Gräfin. — Mama ſollte Jenny lehren, nicht ſo ſchlimm zu ſein, wie ſie iſt, dann würde ſie nicht ſo viel ro⸗ Böſes anrichten. Jetzt gönne ich ihr alles, was ſie on bekommt,— meinte Arthur. 19 — Es ſieht aus, als wenn Unfrieden und Zwiſt mit Sorenza in mein Haus eingezogen, da 1 ihr erſtes Auftreten bereits ſo viel Aergerniß her⸗ vorgerufen hat,— ſagte die Gräfin und ſtand auf. — Mit dem Frieden hat man gerade nie prah⸗ len können,— fiel Ernfried ein. — Der iſt, wenigſtens hier im Hauſe, immer auf Krücken gegangen. — Will Ernfried es unterlaſſen, Dummheiten zu reden,— rief die Gräſin hitzig. — Ei, ei, ich traf da wohl irgend einen empfind⸗ lichen Punkt, da Mama ſo böſe werden. Wahr iſt es indeſſen, daß das Mädchen recht hübſch ausſieht, obgleich die Augen roth ſind, wie ein Stück rohes Fleiſch; aber das macht nichts. Der junge Graf that einen Saltomortale über das Staket und ſprang in den Park hinein. Arthur ſaß unbeweglich und kaute an den Nägeln. Die Gräſin ging hinein und Fräulein Gyllen⸗ ſparre, eine Schönheit in den dreißiger Jahren, ſchielte nach Arthur und dachte: — Ein recht hübſcher Junge. Und hübſch war Arthur mit der hohen Stirne und den tiefliegenden hellblauen Augen, in welchen die edelſten und beſſeren Gefühle ſich wiederſpielten. Die Naſe war fein und ein wenig gebogen; der Mund wohlgeformt und mit ungewöhnlich ſchönen Zähnen verſehen; das Haar hellbraun. So war das Aeußere des 18jährigen Grafen, und man ſah daraus, daß er mit der Zeit ein wirklicher Adonis werden würde. 4 3 Ernfried, der ältere Zwillingsbruder Arthurs hatte viel Aehnlichkeit mit“ ihm, aber während 4 49 der Ausdruck in Arthur's Geſicht mild, excentriſch und lebhaft war, war der in Ernfried's energiſch, unbeugſam und trotzig. Man ſah, daß die beiden Jünglinge nicht von ganz ungleichen Impulſen ge⸗ leitet werden würden; denn während Arthur blos von ſeinen Gefühlen, ſeiner Phantaſie und Eraltation beherrſcht werden und dadurch oft auf dem Ocean der Leidenſchaften Schiffbruch leiden würde, ſollte Chrenfried ſich durch eine unbeugſame Feſtigkeit und durch ſeinen ſtolzen Charakter zum Herren über die Ereigniſſe machen und Andere unter ſeinen Willen und ſeine Launen beugen. Arthur war dazu geſchaffen, vom Augenblicke hingeriſſen und vom Strome der Ereigniſſe fortge⸗ führt zu werden. Ernfried dagegen ſollte ſich nie hinreißen, nie die Ereigniſſe über ſich herrſchen laſſen. Das einzige ſeiner Kinder, welches Graf Eldon begünſtigte, war Arthur. Wenn er ſich ſtreng gegen Ernfried und Jenny zeigte, war es immer Arthur, der durch ſeine Bitten die Strenge milderte. Man konnte ſagen, daß der Graf ſich von dem ſchwachen Sohne beherrſchen ließ. Nachdem die Gowvernante eine Zeit lang den jungen Graf betrachtet, bemerkte ſie: — Wird das junge Mädchen immer hier bleiben? 84 Arthur blickte haſtig auf, als wenn er geweckt worden wäre, fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete, indem er vom Stuhle aufſprang: — Gott behüte das arme Kind davor! Mit zwei Sprümgen war er die Veranda⸗Treppe hinun⸗ Schwartz, Die Tochter des Edelmanns 1. 50 ter und über den Hof nach dem Gebäude, wohin Mamſell Ekberg Sorenza geführt. Das Fräulein ſeufzte, ſah ihm nach und dachte in ihrem Innern, daß jene Sorenza nur zum Aerger⸗ niß in's Haus gekommen. Unſere betagte Jungfrau hegte deßhalb einen Widerwillen gegen das junge Mädchen, weil ſie glaubte in Sorenza eine gefähr⸗ liche Rivalin gefunden zu haben. In einem hübſchen, kleinen, elegant möblirten Zimmer finden wir Sorenza; ſie hatte ſich nachläſſig auf ein Sopha geworfen und weinte dergeſtalt, daß das Schluchzen in der kleinen Kammer wieder⸗ hallte. Sie weinte ſo heftig, daß ſie nicht eher hörte, wie die Thüre geöffnet wurde, und da Jemand hereintrat, als eine freundliche und jugendliche Stimme ganz in ihrer Nähe ſagte: — Sorenza, Du mußt nicht ſo weinen. In demſelben Augenblick wurde ihr Kopf in die Höhe gehoben und ein paar milde Augen blickten voll Thränen auf ſie. — Warum weinſt Du?— fragte Arthur mit weicher Stimme und ergriff ihre Hände. 6 — Ich fühle mich ſo ungluͤcklich, ſo einſam, ſeufzte Sorenza,— ſo verſtoßen von der ganzen Welt, ſeit ich von meiner Heimath und meiner gu⸗ ten, guten Tante getrennt wurde. Du lieber Gott, hätte ich doch bei ihr bleiben dürfen! Sie liebt mich ſo innig, aber hier finde ich Nismanden, der G ſich um mich kümmert. 8 — .— 51 — Du haſt Unrecht;— ich mag Dich ja leiden. Er ſtreichelte ihre Hände, ohne ſeine Thränen zu⸗ rückhalten zu können. Noch eine Weile tröſtete er ſie und ſchlug endlich vor, als ſie etwas ruhiter 1 geworden, daß ſie mit einander in den Park gehen ſollten. — Ich weiß nicht, ob ich es des Grafen wegen wagen darf, wandte Sorenza ein. — Papa iſt lange nicht ſo gefährlich, wie er ausſieht. Komme Du nur, ich verſpreche Dir, für das Uebrige zu ſorgen. a Kurz darauf wanderten die beiden Kinder nach g dem Park Arm in Arm. , Die Gouvernante, welche in der Veranda ſaß, ſah ſie. Bei dieſem Blick wurde ihr Geſicht noch 2, ſchärfer. Sie ſtand auf und ging hinein zur Grä⸗ d fin, welche, ſich in einem kleinen Kabinet befand. e— Sollte es übereinſtimmend mit dem Willen der Gräfin ſein, daß. Graf Arthur um dieſe Zeit, n die Uhr iſt halb Zehn, mit Mamſell Sorenza e Arm in Arm im Parke ſpazieren geht,— ſagte das l Fräulein. Die Gräfin ſtand mit den Worten auf: it— Es iſt ſehr vernünftig vom Fräulein, daß 6 Sie mich von einer ſolchen Unſchicklichkeit in Kennt⸗ niß ſezen. Ich werde meinem Sohne ſagen, daß ſo en etwas nicht geſchehen darf. Ach, wie viel Unan⸗ u⸗ nehmlichkeiten wird jenes Mädchen uns verurſachen,— tt, fügte ſie ſeufzend hinzu und läutete. bt— Sage dem Grafen Arthur, daß ich ihn zu er eſprechen wünſche. Er iſt im Parke. Kurz darauf am der Bediente und meldete, daß man den Gra⸗ 7 5² fen den Weg nach*** hätte einſchlagen ſehen und daß er nicht im Parke ſei. — Du lieber Gott, welches Leben werde ich bekommen, ſeufzte die Gräfin.— Jenes Mädchen wird mir eine ſchwere Laſt werden. Erſt ſeit eini⸗ gen Stunden in meinem Hauſe und ſchon alle Unannehmlichkeiten. Als Sorenza Abends in ihrem Zimmer allein war, ſetzte ſie ſich hin, um an Madame Toll zu ſchreiben: 1„Liebe, geliebte Tante! „So bin ich jetzt von Dir und der kleinen, ein⸗ „fachen Heimath getrennt, wo Alles ſo gemüthlich,“ „ſo warm und ſo gut war. Ach, wenn Du ahnen: „könnteſt, wie unglücklich Dein armes Kind ſich „fühlte, als der Wagen fortrollte und ich ſah, wie „Dein mildes Angeſicht mir ein ſo trauriges Lebe⸗ „wohl durch das Fenſter zunickte. Es kam mir vor, „als wenn ich all meine Freude und all mein Glück „bei Dir zurückgelaſſen. Ich klagte Dich an, weil „Du es erlaubt, daß ich Dich verließ... „Was ſoll ich denn in dieſem Hauſe? Warum „durfte ich nicht bei Dir bleiben? Du wirſt wieder⸗ „holen, was Du mir ſagteſt, als ich abreiste: Kind, „es iſt Deiner Zukunft wegen, daß ich Dir und mir „dieſe ſchmerzliche Trennung auferlege. Du lieber „Gott! Iſt es wirklich. nützlich, alles das zu erfah⸗ „ren, was ich ſeit meiner Trennung erfahren habe 2) „Doch, ich will nicht länger weinen, ich will Dir ero 53 „zählen, wie man mich bei meiner Ankunft hier be⸗ „grüßte, und Du magſt mir dann nachher ſagen, „ob ich nicht Grund gehabt habe, tief betrübt zu „ſein. Tante, Tante, warum biſt Du nicht bei mir, „um mit Deiner liebkoſenden Stimme mein unru⸗ „higes Herz zu beruhigen! Hier folgte eine genaue Beſchreibung von So⸗ renza's Ankunft bei der Familie des Grafen und von Allem, was uns bereits bekannt iſt. Der Brief ſchloß mit dieſen Worten: „Jetzt, da Du weißt, wie wenig Freundlichkeit „und Liebe Deine Sorenza hier zu erwarten hat, „wirſt Du einſehen, daß ich nicht hier bleiben „kann. Du wirſt hierher kommen und mich wieder „zu Dir zurückholen, und ich werde mich wieder „glücklich und zufrieden an Deiner Seite fühlen. „Wenn ich dieſes Schreiben abgeſchickt habe, ſo „zähle ich die Stunden, bis Du kommſt, was Du „gewiß am folgenden Tage thuſt. Du kannſt nicht „anders handeln gegen Deine einzige Sorenza.“ Am Tage nach Sorenza's Abreiſe von Stock⸗ holm wurde ihr Brief der Madame Toll einge⸗ händigt. Den Kopf auf die Hand geſtützt und das Geſicht von Thränen benetzt, las Madame Toll die Klagen ihres Lieblings; und obgleich ihr Herz ihr gebot, ſo zu handeln, wie Sorenza es hoffte, ſo kam doch der Verſtand und befahl ihr im Namen der Klugheit, nicht die Schwäche die Oberhand bekommen zu aſſen. Es war die Zukunft Sorenza's, und nicht die ————— 54 augenblickliche Unannehmlichkeit, auf welche ſie Rück⸗ ſicht nehmen mußte. Madame Toll hatte ja vom Grafen ſowohl wie von der Gräfin das Verſprechen erhalten, daß ſie beide die Erziehung Sorenza's übernehmen und für ſie ſorgen würden. Madame Toll, welche die Mutter Sorenza's ver⸗ göttert hatte und bei dem unglücklichen Schickſal derſelben nur einen Fehlenden ſah, nämlich den Grafen, hatte auch vom erſten Augenblick an, wo ſie ihn um ſeine Hülfe anging, die etwas kindliche Illuſion gehegt, daß der Graf, um ſein Verbrechen gegen die Mutter zu ſühnen, die Tochter adoptiren würde. In ſeinem und der Gräfin Wunſche, daß Sorenza ſich in ihrem Hauſe aufhalten möchte, ſah ſie die Einleitung zu der Adoption. Madame Toll hatte mit einer fanatiſchen Liebe und Sorgfalt den Fehler Amalie's zu verbergen geſucht, etwas, das ihr um ſo viel leichter wurde, als Amalie's Mann während der zwei erſten Jahre nach dem unglücklichen Ereigniß, wo man nicht wußte, wo Amalie ſich aufhielt, an Madame Toll geſchrieben und den Wunſch ausgedrückt hatte, daß das wenig ehrenhaſte Ereigniß mit ſeiner entflohenen Gattin ſo wenig als möglich erwähnt werden möchte, ein Verlangen, welchem Madame Toll und ihr da⸗ mals noch lebender, wohlhabender Mann mehr als gerne entſprachen.. Als Madame Toll ein Jahr darauf durch einen Pfarrer in einer der entlegenſten Provinzen Schwe⸗ dens die Nachricht erhielt, daß Amalie lebte, aber ſich in einer äußerſt dürftigen Lage befinde und kränklich ſei, ſo reiste ſie ſelbſt hin und holte ſie. ¹ — 55⁵ Bei Amalie's Ankunft in der Hauptſtadt diente ihre zunehmende Kränklichkeit als Vorwand, daß ſie in dem Toll'ſchen Hauſe blieb, wo ſie dann ſtarb. Als der Graf ſich ſpäter Sorenze's annahm, hatte Madame Toll den Verwandten die Erklärung ge⸗ geben, daß Amalie's Mann dem Grafen einige Dienſte geleiſtet, welche dieſer jezt der Tochter vergelten wolle. Alle hielten es für ausgemacht, daß Bencke, welcher nach Kopenhagen gezogen war und nie von ſich hatte hören laſſen, geſtorben ſei, und in dieſer An⸗ ſicht beſtärkte ſie Madame Toll. 4 Bei den ſanguiniſchen Erwartungen, daß der Graf Sorenza adoptiren würde, hatte Madame Toll gedacht:„Will er dieſe Genugthuung geben, dann muß ich, um Sorenza's Wohls willen, Amalie's jezt ſo ſorgfältig geheim gehaltene Schwäche an's Tages⸗ licht treten laſſen. Dieſes wird ſie in ihrem Grab mir ganz gewiß verzeihen, weil es für das Glück ihres Kindes geſchieht.“ 4 Madame Toll raiſonnirte bei allem dieſem mit der gewöhnlichen Kurzſichtigkeit der Frauenzimmer. Sie hatte überſehen, daß ſie nicht zu gleicher Zeit die Ehre der Todten und der Lebendigen wahren konnte und daß, wenn ſie das Andenken der Mutter Sorenza's vor jedem Schatten bewahren wollte, ſie Sorenza bloßſtellte. Aber laſſen wir das bis auf Weiteres. Abends ſchrieb Madame Toll einen Brief folgen⸗ den Inhalts an Sorenza und wir geben denſelben hier wieder, weil er keinen geringen Einfluß auf das ſunge Mädchen ausübte: 56 „Mein liebes, geliebtes Kind! „Dank für Deinen Brief, der mich gefreut haben „würde, wenn ich nicht in jeder Zeile eine Unver⸗ „träglichkeit und eine Unzufriedenheit mit Deiner ge⸗ „genwärtigen Stellung geſunden hätte, was mich „tief ſchmerzt. Kaum in Deiner neuen Heimath „ngelangt, forderſt Du von mir hinzukommen, um Dich „von dort abzuholen, und aus welchen Gründen? „Weil das Fräulein Dir nicht Freundlichkeit genug „bewieſen, weil die Gräfin Worte geſagt hat, die „Dein kindlicher Stolz verlezend gefunden. Wenn „ich Deinen Wunſch erfüllte, ſo würdeſt Du mit „Grund mich einer unverzeihlichen Schwäche anklagen „können, und dann wäre meine Liebe zu Dir nicht „ſo wirklich und ſo tief, wie ſie iſt. „Mein Herzenskind, wenn Dir Deine Umgebung „kalt und hart erſcheint, ſo denke daran, daß Du „als Chriſtin geduldig und verträglich ſein mußt; „ſuche bei Dir ſelbſt die Urſache ihrer Kälte heraus⸗ „zufinden. Der Fehler, daß unſere Mitmenſchen nicht „freundlich ſind, liegt oft bei uns ſelbſt, und darin, „daß wir nicht gegen ſie ſind, wie wir ſein ſollen. „Denke über Dein eigenes Benehmen nach, bevor „Du über das Anderer klagſt, und ſuche die Wurzel „des Uebels bei Dir ſelbſt.— „Dein Schmerz hat mich Thränen gekoſtet und „ich hätte wohl bei Dir ſein mögen, um Dich zu „tröſten und aufzuheitern. Jezt konnte ich nur leiden „und lange, mein Kind, wird der Schmerz Deinen „Klagen in meinem Herzen wiederhallen. Wenmn „Du mich liebſt, wenn mein Friede und Dein ei „genes Glück Dir lieb ſind, ſo verſuche Dich u——— — 57 „Deine neue Heimath und in Deine neue Umgebung „hineinzuleben. Thue Alles, was Du kannſt, damit „die Gräfin Dich leiden mag; denn dieſes, mein „Mädchen, iſt Deine Pflicht gegen ſie, welche Dich „aus Güte in ihre Familie aufgenommen. Laſſe „mich den Troſt beſizen, daß, da Du von mir getrennt „biſt, Du Deiner Pflegemutter Ehre machſt, und „Andere Dich auch lieb haben werden. Dieſes ſſt „die Bitte meines Herzens an Dich und dieſer Bitte „wirſt Du Aufmerkſamkeit ſchenken. Sie kommt von „Deiner ergebenen Pflegemutter.“ Madame Toll glaubte jezt, daß ſie an Sorenza's Herz und Verſtand geſprochen, was ſie auch zum Theil gethan. Sie hatte ſo geſprochen, daß die Wir⸗ kung unwillkürlich die werden mußte, daß Sorenza lieber als die Tante zu beleidigen, künftig mit ihrem Schmerz ſchweigen und auf dieſe Weiſe ohne Stütze den Kampf mit ihrem lebhaften Temperament, ihrem ſtolzen Charakter und unerfahrenen Herzen auskämpfen würdé. Wie der erſte Abend von Sorenza's Auftreten in der Familie des Grafen war, ſo wurde auch ihr Aufenthalt. Obgleich Sorenza nach Empfang des Briefes der Tante einen feſten Entſchluß gefaßt hatte, Alles zu thun, was in ihrer Macht ſtand, um der Gräfin zu gefallen, ſo ſchienen doch alle ihre Bemü⸗ hungen an all der Feindſeligkeit zu ſcheitern, welche ſie umgab. Man konnte ſagen, daß es der erſte Akkord jener 58 Disharmonie war, welcher auf den Herzensſaiten d des jungen Mädchens geſpielt werden ſollte. re Jenny, die vom Grafen eine ſcharfe Zurecht⸗ weiſung und den ausdrücklichen Befehl erhalten hatte, Sorenza gut zu behandeln, wurde ſtatt übermüthig jeindſelig gegen dieſe. Das verzärtelte und ſelbſt⸗ ſuchtige Kind konnte es der neu Angekommenen nicht verzeihen, daß ſie an dem Verweiſe ſchuld geweſen, welchen ſie erhalten. 3 Die Gräfin, die ihren Kindern gegenüber in übertrieben ſchwach war, fand es im höchſten Grade er unverzeihlich von ihrem Mann, daß er wegen der 1 Tochter eines Weibes, welches ſie ſo tief verlezt ft hatte, Jenny zurgchtwies. n Die Gräfin wollte nicht, oder richtiger, wagte 8 nicht, dem Grafen ein Wort darüber zu ſogen; ihr Unwille richtete ſich deßhalb gegen die Urheberin, b und dies um ſo mehr, als Arthur als der Verthei⸗ 8 diger Sorenza's auftrat. l Das ausdrückliche Verbot der Gräfin, daß So⸗ l renza die jungen Leute nicht Du nennen ſollte, wurde auf das Beſtimmteſte von Arthur und Ernfried b zurückgewieſen, weil die jungen Herren nicht wollten, C daß ſie Graf ſagen ſollte. g — Nun, da ihr nicht gehorcht— ſagte die Gräfin,— ſo werde ich wohl es der Sorenza ſelbſt v ſagen, daß ich durchaus nichts von einer Duzerei ſe wiſſen will. Dieſes führte ſie indeſſen nicht aus, denn ſie kannte die Söhne und mußte, daß ſie nicht ſo bald wieder freundlich werden würden, falls ſie ihren Wünſchen entgegenhandelte. All dieſes trug indeſſen 8 1 1 8 e— 18.* 117 fof„—.— 8 59 dazu bei, daß es ihr unmöglich wurde, ſich mit So⸗ renza zu vertragen. Fräulein Gyllenſparre, welche mit älteren Mäd⸗ chen den Fehler gemein hatte, daß ſie die jüngeren nicht vertragen konnte, hatte beim erſten Anblick Sorenza's ein Gefühl unüberwindlichen Neides em⸗ pfunden. Sie hatte keine Ahnung von der Verwandtſchaft zwiſchen dem Grafen und Sorenza, ſondern ſah mit innerem Aerger, daß Arthur dem jungen Mädchen eine Freundlichkeit zeigte, wie er ſie nie dem Fräu⸗ lein erwieſen. Indeſſen hatte ſie doch ſo ſanfte Ge⸗ fühle für den Jüngling gehegt. Die natürliche Folge war, daß Sorenza auch in der Gouvernante eine Feindin bekam. Ernfried, der Erſtgeborene von den Zwillings⸗ brüdern und der Fideicommiſſarius der Eldon'ſchen Fideicommiſſe, hatte einen herrſchſüchtigen, befeh⸗ leriſchen und ſtolzen Charakter, mit einem wilden, luſtigen Temperament und einem abſoluten Willen. Bei Sorenza's Ankunft in D— war es ihm un⸗ bekannt, daß Sorenza und er denſelben Vater hatten. Er hatte weder Theilnahme für ſie, noch Abneigung gegen ſie. Wie er gegen ſie geſinnt werden würde, hing da⸗ von ab, bis zu welchem Grad ſie ſeiner Eigenliebe ſchmeicheln oder dieſelbe verletzen würde. Es war alſo Arthur allein, welcher mit warmem Intereſſe dem armen Kinde zugethan war, das gleich eiaen Fremdling in den Kreis von Geſchwiſtern efen wurde, die es nicht als ſolche betrachten und neben einen Vater geſtellt wurde, dem es 60 nie wagen durfte, ſich anders zu nähern, als wie ein Untergeordneter ſeinem Herrn. Ein paar Tage waren verfloſſen, als Arthur eines Morgens zum Vater hereintrat. — Ich wünſchte, daß Papa davon abkäme, Sorenza bei Fräulein Gyllenſparre zugleich mit Jenny Stunden nehmen zu laſſen. — Warum?— Das Fräulein hat ja Befehl erhalten, Sorenza zugleich mit meiner Tochter zu unterrichten, und ich vermuthe, daß Niemand mich ſo wenig achtet, daß man mir nicht gehorcht. — Hier iſt nicht die Frage die, ob man ge⸗ horcht, ſondern daß Sorenza die Stunden bei Fräu⸗ lein Gyllenſparre weder fortſezen kann noch darf. Jenny mag Sorenza nicht leiden und auch das Fräu⸗ lein iſt übel gegen ſie geſtimmt; dadurch wird dieſer Unterricht nur eine Quelle drr Demüthigung. — Hat Sorenza Dir den Auftrag gegeben, mir dieſes zu ſagen? — Papa ſagt ſo.— Ich bin wohl derjenige, welcher das, was er denkt, auszuſprechen pflegt, ohne von Andern dazu ermahnt zu werden. — Gut.— Ich werde an die Sache denken. Der Graf fuhr in die Stadt und Abends, als die Unterrichtsſtunden zu Ende waren, beliebte es Jenny, Reif zu ſpielen. Ernfried, Jenny, Arthur und Sorenza hatten ſich eine Weile damit unterhalten, als Ernfried bemerkte: — Mein Gott, Jenny, wie ſchlecht Du Vergleich mit Sorenza wirfſt. Siehe, welche 61 tigen Bogen ihr Reif macht; fange ihn auf, wenn Du kannſt. Jenny ſprang vor, um den Reif aufzufangen; aber derſelbe fiel zu ihren Füßen nieder. — Wie ungeſchickt Du biſt, neckte Ernfried. — Nun, warum nimmſt Du den Reif nicht auf und wirfſt ihn mir zu? Jenny war vor Aerger purpurroth geworden und ſagte in ſpöttiſchem Tone: — Diejenige, die ſo ſchlecht wirft, muß auch den Reif aufnehmen. Ich brauche mich nicht zu bücken. 3 Jenny blickte Sorenza an, die unbeweglich blieb. Arthur ſprang vor, nahm den Reif mit ſeinem Stecken auf, warf denſelben Ernfried zu und ſagte: — Jenny wird ausgeſchloſſen, weil ſie es nicht laſſen kann, böſe zu werden. Ernfried lachte und bat die Schweſter, auf⸗ zupaſſen, wie Sorenza den Reif auffinge. — Sorenza, werfe ihn ſofort mir zu,— rief das Fräulein und ſtampfte mit dem FJuß.— Ich will nicht daſtehen und zuſehen, wie Ihr Euch un⸗ terhaltet; ich will mit dabei ſein.. — Nehme ihn denn,— ſagte Sorenza in einem nachläßigen Tone und warf ihr den Reif zu, aber auch jetzt ſiel derſelbe auf's Feld.— Ei, ei, auch jetzt konnte das Fräulein ihn nicht fangen. Sorenza lachte, nahm den Reif für Jenny auf und fügte hinzn. und doch warf ich ſo ſchlecht als im möglich. Manyaa, rief Jenny und ſprang hin nach 62 der Veranda,— Sorenza wirft mit Fleiß ſo ſchlecht, e damit ich den Reif nicht ſoll fangen können. d — Ueber eine ſolche Bosheit mußt Du Dich u hinwegſetzen, mein Mädchen,— antwortete die Gräfin. 1 — Sorenza kann übrigens hieher kommen und mir b die Seide halten, dann könnt Ihr Euch in Frieden a amüſiren. U — Dann kannſt Du mit den Bäumen Reif ſpielen, mit uns wird es nicht, verſicherte Arthur und warf den Stecken von ſich. 0 Ernfried rief: d — Nein, da wird nichts daraus, daß Sorenza Seide halten ſoll; ich will, daß ſie fortfahren ſoll, mit uns Reif zu ſpielen. Jenny kann ſich ja hin⸗ i ſezen und zuſehen. 5 d — Sorenza! rief die Gräfin. Das Mädchen gehorchte dem Ruf und ſtand d jetzt mit hochgetragenem Kopf vor der edeln Dame. Beim Anblick der mißvergnügten Miene der Gräfin erinnerte Sorenza ſich des erſten Briefes der d Tante und der Worte:„Wenn Du mich lieb haſt, ſo zeige es dadurch, daß Du mir Ehre machſt und daß man Dich gerne hat.“ 1 Sie bereute, daß ſie ſich mit Jenny gezankt. — Wie kommt es, daß Du Dich immer ſo ſchlecht beträgſt, ſo oft ich Dir erlaube, an den Spielen meiner Kinder Theil zu nehmen? bemerkte die Gräfin. Begreifſt Du nicht, daß für ein Kind, welches aus Güte in ein Haus aufgenommen mird, Demuth und Nachgiebigkeit die größte Zierde ausmachen.— Du mußt Dich erinnern, daß Du Dich in einer unter⸗ 4 geordneten Stellung befindeſt.— Statt deſſen ſcheint 3 1 8 Fand der Dankbarkeit dieſes Herz an ſich gefeſſelt 63 es, daß Du dieſelben Anſprüche machſt, wie meine Kin⸗ der und ganz und gar den Unterſchied zwiſchen Euch vergißſt. Ich habe dieſe Streitereien ſatt und ver⸗ lange von Dir, daß du künftig ein anderes Benehmen beobachteſt und Jenny mehr Aufmerkſamkeit zeigſt, als es bisher der Fall geweſen.— Haſt Du mich verſtanden? Das ſonſt ſo nichtsſagende Geſicht der Gräfin nahm einen ſchärfern Ausdruck an, der Blick ruhte auf dem Mädchen mit einem Gepräge von Strenge, die faſt etwas hartes an ſich hatte. Sorenza hatte die Gräfin angehört, ohne ihre Haltung zu verändern und ohne ihre Augen von ihr wegzuwenden; der Stolz kämpfte mit dem Ge⸗ danken an die Tante und jagte die Flammen des Bluts von den Wangen fort und wieder hinauf in dieſelben. Man konnte es ſehen, daß ſie einen hef⸗ tigen Kampf mit ihrem Innern kämpfte. Als die Gräfin ihre Harangue geſchloſſen, war der Stolz gewichen, und Sorenza trat vor, ergriff ihre Hand, die ſie küßte. — Ich werde mir Mühe geben, daß die Gräfin mit mir zufrieden wird. Seien Sie mir nicht böſe! Die lezten Worte wurden mit einer ſo bitten⸗ den Stimme ausgeſprochen, daß ſie jeden gerührt haben müßte. Die zurückgehaltenen Thränen ſtürzten die Wan⸗ gen hinab und Sorenza's ganze Haltung zeugte von bitterem Schmerz. Ein einziges freundliches Wort, eine einzi armſelige Liebkoſung, und die Gräfin hätte mit de 64 aber jetzt, wie ſo oft im Leben Sorenza's, ſollte man ſie gerade in dem Augenblicke kalt von ſich ſtoßen,( wo ſie am meiſten der Zärtlichkeit bedurfte. — Wozu dieſe Komödie da, liebe Sorenza, und f dieſe erkünſtelten Thränen,— ſagte die Gräfin kalt i und zog ihre Hand zurück. Bei mir ſind dergleichen g Scenen überfluſſig. Viel beſſer, daß Du durch ein a paſſendes Betragen die Ehrfurcht an den Tag legſt, ſſt die Du mir und meiner Familie ſchuldig biſt. Halte die Seide,— fügte ſie hinzu. Die Thränen hörten auf zu fließen. Das de⸗ müthig geſenkte Haupt richtete ſich empor und die b flehenden Blicke änderten ſich. Sorenza ſtand jetzt ft wieder aufgerichtet, aber mit einem ſo unverkenn⸗ m baren Ausdruck des Stolzes da, daß ſie höher als gewöhnlich erſchien. 3 Ohne ein Wort nahm ſie den Seideſtrang, den ſe die Gräfin ihr hinreichte. ſi Arthur war mit geſpannter Aufmerkſamkeit dem Auftritte gefolgt, deſſen auch Ernfried Zeuge ge⸗ w weſen. J Jenny, welche neben der Mutter ſaß, betrachtete Sorenza mit jenem Ausdruck der Schadenfreude, die G Kindern ohne Herz ſo eigen iſt, wenn dem Gegen⸗ au ſtand ihres Unwillens irgend etwas Unangenehmes paſſirt. at — Da haſt Du Recht gethan!— rief Ern⸗ fried, daß Du nicht weinſt und mit den Lippen E hängſt, ſondern Gleiches mit Gleichem vergiltſt Vetzt gefällſt Du mir ein„Bischen, ſonſt pflegſt D u weinerlich zu ſein. 65 eine ſo unpaſſende Sprache führſt?— fragte die Gräfin. — Das bedeutet, liebe Mama, daß es mir ge⸗ fällt, wenn ich Andere ſo handeln ſehe, wie ich es in ihrer Stelle thun würde.— Lieber Gott, wie gerne möchte ich Dich nicht mit einer kleinen Lektion aus Upſala tractiren, weil Du immer die Freude ſtörſt, wenn man ſich ein wenig amüſirt; aber warte Du, Papa kommt wohl nach Hauſe und dann... — Schweigſt Du!— fiel die Gräfin ein. — Nein, dann wird Jenny eine Züchtigung bekommen.— Uſch! wie langweilig iſts hier! Ern⸗ fried begann mit kleinen Steinen in die Luft zu werfen.. — Wollen wir eine Promenade machen? fing Jenny an, naͤchdem ſie ſich eine Weile damit be⸗ ſchäftigt hatte, das Stickgarn des Fräulein Gyllen⸗ ſparre zu zerſchneiden. Ja, mein Engel, ſobald ich die Seide aufge⸗ wunden,— antwortete die Gräfin und lächelte dem Mädchen zu.. — Nun, Jungen, geht Ihr mit?— fragte die Gräfin, als ſie kurz darauf mit Hut und Shawl auf der Treppe der Veranda ſtand. — Nein, ich bleibe zu Hauſe, fuhr Arthur ſie an,— und legte ſich auf einen Grasfleck im Hofe. — Und ich beabſichtige, auszureiten, erklärte Ernfried. — Dann müſſen wir wohl allein gehen. Die Gräfin, Fräulein Gyllenſparre und Jenny wanderten hinunter nach dem Park. . wart, Die Tochter des Ebelmanns. I. 5 66 Sorenza blieb in der Veranda ſitzen und arbeitete eifrig an einer Stickerei. Als die Gräfin durch das Gitterthor verſchwunden war, ſprang Arthur auf und war mit vier Sprün⸗ gen in der Veranda; dort warf er ſich nieder auf einen Schemel zu Sorenza's Füßen, nahm ihre beiden Hände, legte ſie an ſeine Wangen und ſagte: — Sieh mich an, Sorenza! Du biſt eine wirk⸗ liche, hochherzige Eldon. — Ich bin nicht hochherzig,— flüſterte Sorenza und beugte ſich ſeufzend über den Bruder. Arthur ſchlang ſeine Arme um ihren Leib und ſagte, indem er ſie liebkoſ'te: — Hochherzig iſt der, der ſchön und großmüthig iſt, der keinen Flecken hat, und ſo biſt Du.— Ach! Sorenza, wenn Du Dich ſelber geſehen hätteſt, als Du weinteſt und Mama bateſt, nicht böſe zu ſein, wie ſchön Du da warſt; und wenn Du nachher ge⸗ ſehen, wie ſtolz Dein Geſicht ausſah, als Du Dich emporrichteteſt, dann würdeſt Du begreifen, wie gut ich Dich leiden kann,— wie lieb es mir iſt, Dich Schweſter zu nennen. — Das iſt blos Mitleid, lieber Arthur. Sorenza ſtand auf und betrachtete den Bruder mit einer gewiſſen Verlegenheit. — Mitleid, bah!l ich mag Dich leiden, und das that ich, bevor ich wußte, daß wir verwandt wären. — Damals war es viel unterhaltender,— meinte Sorenza und trocknete ihre Thränen. — So kam es auch mir vor.— Du glaubſt nicht, wie ärgerlich ich auf Papa wurde, und wie unglücklich ich mich fühlte, als er ſagte, daß 8 — 8H—,—“ 4 1 —— 277 ubſt wie Su eine ganz königliche Stirn, nicht wahr? 67 meine Schweſter wäreſt. Wir hatten es ja vorher ſo gemüthlich gehabt. — Wir könnten es auch noch ſo haben, wenn... — Wenn was? — Wenn es nicht Allen ſo ſchwer fiele, mich zu vertragen. Arthur, ſage mir Eines aufrichtig. — Und das wäre? — Bin ich häßlich? — Arthur lachte laut auf. — Ja, Du lachſt, Du! aber da iſt nichts zu lachen. Ich glaube bisweilen, daß das der Grund iſt, daß es der Gräfin und den Fräulein ſo ſchwer fällt, mich zu vertragen. Ich weiß, daß ich nicht böſe bin. Es iſt Unrecht, es zu ſagen; aber ich weiß auch, wie ſchwer es mir ſelber fällt, mit häßlichen Menſchen umzugehen. Jetzt kann es ſich ja treffen, daß ſie mich abſcheulich finden. — Und das glaubſt Du? — Ganz gewiß. 4 Arthur ſprang hinein in's Zimmer, kam aber gleich wieder mit einem kleinen Handſpiegel von Silber zurück, welchen er vor Sorenza hinhielt. — Nun, wie meinſt Du, daß das Mädchen aus⸗ ſieht?— fragte er. Sorenza erröthete und lächelte, denn wahrſcheinlich meinte ſie, daß das Geſicht im Spiegel ganz nett ausſah. — Aber, Du Lieber, es war nicht die Frage davon, was ich, was Andere von mir hielten, das war das, was ich wiſſen wollte. — Das wmöge geſchehen. Du haſt eine ſtattliche, 68 Sorenza warf einen Blick in den Spiegel, ſeufzte und antwortete: — Nach den Regeln der Kunſt und den Geſetzen des Schönen iſt ſie zu hoch. — Das iſt nicht meine Meinung. Sie iſt ja ſo weiß und ſo breit. Ferner haſt Du ein paar ſchöne Augenbrauen. — Nein, die eine iſt ungerade. .— Bah! das iſt nur eine Caprice, die originell ausſieht; denn Du haſt ein paar ausdrucksvolle, leb⸗ hafte und geiſtvolle Augen. — Jetzt haſt Du etwas recht Dummes geſagt. Habe ich ſchöne Augen? Sie ſind klein, grau und liegen ſo tief, daß man Vergrößerungsgläſer bedarf, um ſie zu entdecken. Sie gleichen Schweinsaugen. Du lieber Gott! wenn ich doch nur ein Paar wie die Deinigen hätte. Du haſt recht hübſche Augen, und das habt ihr Alle. — Aber Keiner von uns hat den wunderbaren Ausdruck in den ſeinigen, wie Du bisweilen in den Deinigen. — Ohl wie Du ſprichſt; meine Augen gleichen ein paar Talglichtern; ſie ſind häßlich. — Das war unwahr. Du verleumdeſt ſie. Ich räume niemals ein, daß ſie häßlich ſind. — Iſt auch überflüſſig. Ich bin Künſtlerin und verſtehe die Sache beſſer als Du. — Schön; aber ich prophezeihe, daß Deine kleinen Augen mehr Unheil anſtiſten werden, als manche große. Es liegt ſo etwas Eigenes in ihnen. — Laßt uns jetzt zu der Naſe übergehen. — Nun, die iſt untadelhaft, ſollte ich meinem 69 Sorenza betrachtete ihre Naſe im Spiegel mit vieler Aufmerkſamkeit und mit einer ſo wichtigen Miene, als wenn es eine Sache von großer Bedeu⸗ tung ſei. — O ja! ſie geht an; aber ganz untadelhaft 2 iſt ſie nicht. — Was Du da ſagſt. Wir haben ja ganz die⸗ ſelben Naſen. I— Nun, und wenn dem ſo iſt, ſo hindert das ⸗ nicht, daß wir Beide unregelmäßige haben. — Durchaus nicht; wir haben feine, gebogene t. Naſen. d— Mag ſein. f,— Und dann haſt Du einen kleinen, unbeſchreib⸗ i. lich kleinen Mund mit weißen Zähnen... ie— Und ein langes Kinn. Das Alles wird zum n, Schluß etwas Schönes. — Sorenza, Du biſt nicht gerecht. en— Gegen mein Ausſehen, meinſt Du? Nun, en ich werde mich ſchon bemühen, mir ſelbſt dieſe Un⸗ gerechtigkeit zu verzeihen. en Wieder lachte Sorenza wie ein Kind, welches über die Freuden des Augenblicks ſeine Sorgen zch vergißt. — Du haſt eine ſehr ſchöne Haut. nd— Etwas zu ſtark geröthet,— ſekundirte Sorenza. — Und das allerſchönſte Haar. 1 ꝛen— Etwas zu hellbraun. ſcche— Den ſchlankeſten und ſtattlichſten Wuchs. — Gar zu lang. 3 zu= Du haſt... Ein geſtreiftes Kleid und eine ſchwarze 70 Schürze,— unterbrach Sorenza Arthur und reichte ihm den Spiegel.— Die Summe unſerer Verglei⸗ chung wird... — Daß Du ſchön biſt. — Keinesweges; ich bin ſo ziemlich weder ſchön noch häßlich, wie die Leute im Allgemeinen ſind. — Du ſiehſt nicht aus, wie die Leute im All⸗ gemeinen. Nein, Du haſt ein ganz ariſtokratiſches Ausſehen, ganz wie eine Eldon. — Ahl lieber Arthur, das iſt doch nicht etwas ſo Rares, wie eine Eldon auszuſehen. Man hat mir geſagt, daß meine Mutter ſehr ſchön war, und ich wollte lieber ihr ähnlich ſehen. Sorenza's Geſicht war wieder traurig geworden. Hier wurden ſie durch die Equipage des Grafen, welche an dem Gitterthor hielt, unterbrochen. — Jetzt iſt der Herr Graf zu Hauſe,— ſagte Sorenza ſeufzend,— und jetzt iſt es wieder vorbei mit der Freude. — Warum das? — Ich habe ſo eine Angſt vor ihm. Ach, Arthur! was Ihr glücklich ſeid, daß Ihr Euch ihm nähern dürft und von ihm geliebkoſ't werdet. Mit hat er noch nie eine Zärtlichkeit erwieſen. — Guten Abend, Kind! klang die Stimme des Grafen ungewöhnlich mild.— Womit unterhaltet Ihr Euch zu Zwei?— Er ſtreichelte Sorenza's Kopf. — Wir haben darüber Unterſuchungen angeſtellt, ob Sorenza ſchön oder häßlich ſei,— antwortete Ar⸗ thur und drückte die Hand des Vaters. H — Wirklich; und zu welchem Reſultate ſe gekommen? 4 u gleicher Zeit ihm ſo nahe und doch ſeinem Herzen 71 Der Graf ſetzte ſich in das kleine Sopha in der Veranda. — Daß ſie ſchön iſt, natürlich,— ſagte Arthur lächelnd. — O nein,— ſtammelte Sorenza erröthend. — Darin liegt ja nichts Böſes. Der Graf betrachtete ſie. — Du haſt ein ganz hübſches Ausſehen, richte es nur ſo ein, daß die Eigenſchaften Deiner Seele nicht ſo ſehr mit dem des äußern Menſchen contra⸗ ſtiren, dann wird Alles gut. Apropos! Eigenſchaften der Seele, ſo habe ich es arrangirt, daß der Künſtler H§— ein Zimmer hier in der Nachbarſchaft bewohnen wird, und unter ſeiner Leitung ſollſt Du einige Ge⸗ mälde im Schloſſe kopiren. Der Schloßkämmerer hat ſeinen Saal dazu hergegeben, daß Du darin ar⸗ beiten kannſt, und ſchon morgen ſollſt Du damit anfangen. — Ahl ich werde dann wieder malen dürfen,— rief Sorenza und ſchlug die Hände zuſammen. Ihr Geſicht leuchtete von der reinſten Freude, von dem aufrichtigſten Vergnügen. Sie hätte ſich in die Arme des Vaters werfen, ſeine Hände mit ihren Küſſen bedecken und ſich an ihn ſchmiegen mögen; aber nach dem erſten Ausbruch der Freude blieb er unbeweglich ſtehen. Ach! für ſie war er nicht Vater, ſondern der ſtolze Graf, welcher zwiſchen ihnen eine unüberſteigliche Scheide⸗ wand errichtet hatte. Ahnte der Graf, daß Sorenza es fühlte, wie ſie 2 ſo ferne ſtand? Wir wiſſen es nicht; genug, er reichte ihr die Hand und ſagte mit Güte: — Es macht Dir ein großes Vergnügen, daß Du wieder anfangen darfſt zu malen? 4 — Ja, vieles, vieles Vergnügen,— flüſterte das junge Mädchen mit Wärme und führte die Hand des Vaters an ihre Lippen. Als ſie ihren Kopf neigte, legte der Graf ſeine andere Hand auf hhren Scheitel und ſtreichelte ſie mit den Worten: — Gut, mein Kind, Du ſollſt malen dürfen,“ ſo viel Du willſt; aber unter einer Bedingung. 1 — Und die iſt? — Daß Du es vermeideſt, in irgend einen Streit mit Jenny zu gerathen, und daß Du in Deinen zwei Unterrichtsſtunden fleißig biſt. — Bei Fräulein Gyllenſparre? — Nein, bei Magiſter Eke. 1 Wieder küßte Sorenza die Hand des Vaters lebe haft und mit Wärme; aber wahrſcheinlich meinte er, daß er jetzt viel zu weit in ſeiner Vertraulichkeit gegen dieſes junge Kind gegangen ſei, denn er zog die Hand zurück, ſtand auf und ging hinein. Sorenza ergriff Arthur's Hände und rief freudig: 5 — Ach, wie bin ich glücklich! Wie der Graf gut iſt, und wie undankbar ich geweſen bin. Am folgenden Morgen kam Mamſell Ekberg zu Sorenza mit einer ſchönen, hellrothen, ſeidenenn Kaputze und ſagte: 73 — Der Graf hat mir befohlen, daß ich dieſes hier Mamſell übergeben ſolle. Kurz darauf wanderte Sorenza mit der eleganten Kaputze auf dem Kopf hinauf nach dem großen Ge⸗ bäude. Als ſie in den Speiſeſaal hineintrat, fand ſie Jenny dort, die auf dem Kopfe eine ganz ähn⸗ liche hatte. Jenny warf einen forſchenden Blick fauf Sorenza, ſprang dann in's Gemach hinein und rief:. — Mama, Sorenza hat eine ganz ähnliche Ka⸗ putze, wie die meinige erhalten, ſie iſt ganz ähnlich. — Das iſt nicht möglich, hörte Sorenza die Gräfin ſagen. Im nächſten Augenblick ſtand ſie vor Sorenza. — Gebe mir Deine Kaputze,— befahl die Gräfin mit harmvoller zitternder Stimme. Die ⸗ Gräſin nahm ſie und ging ſchweigend zum Grafen. e Sorenza blieb im Salon ſtehen und hörte, wie it die Gräfin in demſelben Augenblicke, wo ſie zum Grafen eintrat, ſich folgendermaßen äußerte: — Es iſt wohl nicht Deine Meinung, daß So⸗ ef renza mit meiner Tochter gleich gekleidet ſein ſoll? Zu gleicher Zeit wurde die Thüre zum Zim⸗ uf ner des Grafen geſchloſſen und man hörte weiter nichts. Nach einer Weile kam die Gräfin wieder; ſie ging auf Sorenza zu. — Der Graf hat durch einen Irrthum zwei gleiche Kaputzen bekommen, und Dein eigener Ver⸗ ſtand ſagt Dir wohl, daß Du mit unſerer Tochter nicht gleich gekleidet ſein kannſt. Alle Anſprüche 74 darauf ſind im höchſten Grade unrichtig und unpaſ⸗ ſend. Du bekommſt morgen eine andere.. Die Gräfin entfernte ſich, hinterließ aber in der jungen Bruſt Sorenza's eine tödtliche Wunde; denn das mit den Vorurtheilen der Welt unbekannte Ge⸗ müth empörte ſich über dieſe unaufhörlichen Strei⸗ che, welche gegen ſie geführt wurden, und die von einer Urſache herſtammten, an welcher ſie keinen Theil hatte. Kurz darauf wanderten der Graf und Sorenza nach dem Schloß. Er ſprach den ganzen Weg kein Wort. Bei dem Schloßkämmerer trafen ſie Herrn — und Sorenza begann der Uebereinkunft gemäß ſchon denſelben Tag unter ſeiner Leitung zu arbeiten. Bei dieſer für ihre wirklich künſtleriſche Seele ſo lieben Beſchäftigung vergaß ſie Alles und gub ſich den entzückenden Bildern der Phantaſie hin. Mittags kam Arthur, um ſie zu holen. Sie wanderten Arm in Arm durch den Park nach dem gräflichen Hauſe. — Es ſind große Verdrießlichkeiten zu Hauſe geweſen,— ſagte Arthur.— Du mußt Dich darauf vorbereiten, Mama in minder froher Stimmung zu finden. Papa iſt nach der Stadt gereiſt. — Haben die Verdrießlichkeiten meinetwegen ſtattgefunden?— fragte Sorenza. — Freilich biſt Du unſchuldig daran, arme So⸗ renza; es iſt Mama's eigener Fehler, daß ſie mit der Kaputze zu Papa hineinſprang. — Wurde der Graf böſe? — Sehr. — Du lieber Gott, Arthur, was ſagte er? 75 — Nichts. Das iſt ſeine Gewohnheit, wenn er böſe wird. Du merkteſt wohl ſelbſt, daß er ſtilt war, als er Dich zum Schloſſe begleitete. — O, ja; aber das iſt er ja immer gegen mich! — Nicht wie heute. Als er nach Hauſe kam, ging er hinein zu Mama und ſagte blos dieſe Worte:„Künftig dürfte in meiner Familie mir die Achtung erwieſen werden, daß das, was ich für paſſend halte, auch von meiner Frau und meinen Kindern als ſolches betrachtet wird.“ Dann reiste er nach der Stadt, und ſeitdem hat Mama geweint und nur geweint. 4 — Und Alles, Alles um meinetwillen; das iſt ſchrecklich verdrießlich. Sorenza ſah unbeſchreiblich niedergeſchlagen aus. — Mama, welche Papa kennt, ſollte Papa nicht reizen,— meinte Arthur. Nun iſt ſie zu beklagen, denn Du mußt wiſſen, daß wenn Papa böſe wird, Wochen vergehen können, bevor er ſie anredet, und e während der Zeit trauert und weint ſie. Es iſt ff betrübend, daß Mama nie recht Papa kennen u lernt.. Sie gingen eine Zeit lang ſchweigend neben en einander. — Aber, Arthur, meinſt Du nicht, daß es beſſer o⸗ wäre, wenn ich nicht bei Euch wäre? tit— Nein, das meine ich nicht. Es wird ſchon gut, wenn nur Mama dahin gelangte, ſich an Dich zu gewöhnen.. — Es wird nie gut; der bloße Anblick von mir hiſt widerlich für die Gräfin. 4 — ◻ 76 — Nicht widerlich, Sorenza... — Aber was? — Derſelbe erinnert ſie an... — Warum ſchweigſt Du? — An meines Vaters Liebe zu Deiner Mutter und daran, daß Du das Kind ihres Mannes und nicht das ihrige biſt. d Hätte Arthur ein Meſſer in die Bruſt Sorenza's geſtoßen, ſo hätte es nicht weher thun können. Sie fuhr zuſammen, ſtarrte Arthur an und warf 1 ſich dann mit den Händen vor dem Geſicht auf eine Bank nieder. Zum Erſtenmale trat es recht klar vor ihre Seele, daß ihr Daſein eine Schande ſei; daß ihre Mutter ein ſtrafbares Weib geweſen, deren Anden⸗ ken die Gattin verletzte, welche ihr Vater beſaß. In einem Nu erſchienen ihr ihre Eltern als Perſo⸗ nen, welche ſich gegen Gott und Menſchen tief verſündigt hatten, und ſie betrachtete mit den ſtrengen Augen der Jugend den Fehltritt Derer, welche ihr das Leben gegeben. Es war eine bittere Entdeckung der Wahrheit, die gleichſam beim Scheine eines Blitzes von ihrem Innern wahrgenommen wurde. Mit einem Gefühle das Eckel glich, dachte ſie an ihr Daſein und an die Laſt von Sünde, Schande und Erniedrigung, welche ſie als Erbe erhalten.. Arthur hatte ſich ſchweigend neben Sorenza ge⸗ ſetzt, ohne mit einem Worte den Verſuch zu machen, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken oder das auf eine ſo ſchmerzliche Weiſe’ unterbrochene Geſpräch! wieder anzuknüpfen. Er faßte die ſchmerzliche Be⸗ 77 wegung Sorenza's vollkommen richtig auf; und ob⸗ gleich er das, was er geſagt, bitter bereute, ſo ſah er doch ein, wie fruchtlos es ſei, mit Troſtgründen den verletzenden Eindruck zu mildern. Als Sorenza, das Geſicht in den Händen ver⸗ borgen und den Buſen unruhig arbeitend, eine Weile ddageſeſſen, ſagte Arthur:— — Laß uns unſeren Weg fortſezen, Sorenza, ſonſt gibt es noch mehr Verdruß, falls wir zu ſpät nach Hauſe kommen. Als Sorenza noch unbeweglich blieb, fügte er mild bittend hinzu: 1b— Verzeihe mir, daß ich Dir mit meinen Wor⸗ ten wehe gethan! Folge mir jetzt, ſonſt glaube ich, daß Du wirklich gegen mich aufgebracht biſt. Ach, . Sorenza, ich bin ſo traurig, wenn ich Dich betrübt ſehe. Ich habe Dich ſo gerne, ſo gerne, daß es t Niemanden gibt, der mir ſo lieb iſt. Sei nicht n traurig. r Er zog mit ſanfter Gewalt die Hände von ihrem Geſicht. Es war todtenbleich und in den trockenen 3 Augen las man das Gefühl der Scham. Sorenza n ſtand auf, ſie wanderte ſchweigend nach Hauſe. e Arthur's Worte hatten den trotzigen Stolz des ie jungen Mädchens gebeugt. Sie empfand mit ent⸗ e ſetzlicher Klarheit, daß ihr Leben ein Schimpf für die Gräfin ſei. e⸗ Niedergeſchlagen trat ſie Mittags in den Speiſe⸗ ſaal, wo ſie den kalten und unzufriedenen Blicken der Gräfin begegnete. Bei Tiſch herrſchte eine allgemeine Verſtimmung. Rein. Wort wurde während der Mahlzeit geſprochen. 8 Ernfried warf ſeinen Wein um und fuhr den Be⸗ dienten an; dieſes war das Einzige, was das Schwei⸗ gen unterbrach. Nachmittags erklärte Jenny, daß ſie Sorenza begleiten wolle, wenn dieſe nach dem Schloſſe ginge. Die Gräfin, welche ihren Kindern nie Nein ſagte, ſondern ſie alles bekommen ließ, was ſie haben wollten, gab auch jetzt ihre Einwilligung. Ernfried, welcher eben ein brennendes Verlan⸗ gen hatte, ſich mit der ganzen Welt zu ſtreiten, er⸗ klärte, daß Jenny erſt Sorenza fragen müßte, ob ſie ſie mit haben wollte. — Das iſt überflüſſig,— meinte Jenny, Mama ſagte vor einigen Tagen, daß dergleichen Kinder wie Sorenza keinen Willen und keine Meinung haben dürfen, weil ſie ſo viel zu ſühnen haben; und da⸗ rum muß ſie mit meiner Geſellſchaft zufrieden ſein, ob ſie nun will, oder nicht. — Ja ſo, ſie hat alſo etwas zu ſühnen; fuhr Ernfried mit gereizter Stimme fort.— Haſt Du in der Küche geſtohlen, Sorenza, oder was haſt Du böſes gethan? 5* — Ich bin geboren worden,— antwortete So⸗ renza düſter. r — Das wäre etwas ſehr Schlimmes und iſt eine ſchwere Sünde, denn ſie läßt ſich nicht wieder gut machen,— fuhr Ernfried fort. Ahfl jetzt verſtehe ich,— fügte er nach einigem Nachſinnen hinzu,— darum darfſt Du nicht dieſelbe Kaputze haben, wie Jenny. Ja, ja, ſei Du fromm und g ſo werde — 79 ich thun, was ich kann, um bei Dir jene Tugend zu erhöhen. Kurz darauf wanderten Jenny und Sorenza von Fräulein Gylllenſparre begleitet nach dem Schloß. Als ſie ein ziemliches Stück weit gekommen waren, kam Ernfried ihnen nachgeſprungen, faßte Sorenza und flüſterte ihr in's Ohr: — Jetzt habe ich die Löſuüng des Räthſels:— Du iſſeſt Gnadenbrod. —/ ℳ △☛— Wir wollen den Leſer nicht mit einer detaillirten Beſchreibung all der Stiche ermüden, welche Sorenza verſetzt wurden. Kein einziger Tag verging, wo ſie nicht auf die eine oder andere Weiſe empfinden mußte, daß ſie aus Barmherzigkeit in die gräfliche Familie aufgenommen war. Man konnte ſagen, daß dieſe kleinen unaufhör⸗ lichen Mahnungen an ein Unglück, an welchem ſie unſchuldig war, ſo im höchſten Grade unvortheilhaft auf ſie wirkte, daß das erſte klare Bewußtſein ihrer erniedrigenden Geburt, welches durch Arthur's Worte hervorgerufen worden war und welches ſie ſo demü⸗ thigend und unglücklich gemacht, durch die ſtets un⸗ gerechte und unſanfte Behandlung in einen empfind⸗ lichen Schmerz verwandelt wurde, aus welchem eine unbegränzte Bitterkeit, ein heimlicher aber beunru⸗ higender Neid gegen Diejenigen, die alles beſaßen, was ihr fehlte, hervorging, das heißt, gegen dieſe Kinder deſſelben Vaters, welche im Uebermuth des Glücks ſie ſo hart die Laſt ihrer Stellung im Leben fuͤhlen ließen. 80 Der Friede in der Seele des Mädchens war ge⸗ ſtört und die düſtern Leidenſchaften des Menſchen⸗ herzens geweckt worden. Eine Rettung lag noch in ihrem jugendlich friſchen und lebhaften Temperament, welches ſie davor bewahrte, daß die Bitterkeit des Neids einen dauernden Einfluß auf ſie gewann. Außerdem hatte ſie einen reichen und mächtigen g. Ableiter in der Liebe zur Kunſt. Alles dieß konnte indeſſen nicht hindern, daß Sorenza litt, daß ſie ſich in einem unaufhörlichen Streit mit ihrem Stolz und dem Gefühl der Erniedrigung befand, die gleich einem Bleigewicht über ihrem Leben hing, welches noch durch den immer zunehmenden Unwillen der Gräfin und durch Jenny's Tyrannei an Schwere zunahm. Als Sorenza eines Abends mit dem Malen zu Ende war und nach Hauſe gehen ſollte, traten Arthur und Jenny in den Saal, um ſie abzuholen. Jenny ging hin zur Staffelei und betrachtete das Bild. — So wirſt Du nie malen können, meine liebe Jenny,— ſagte Arthur.— Weißt Du warum? — Weil ich nicht habe malen lernen wollen. — Künſtler zu werden lernen! Oh, da irrſt Du Dich. Man wird zu einem ſolchen geboren. — Nun ja, es iſt doch recht und billig, daß Sorenza auch etwas erhielt. Ich meine eben, daß ſie es nöthig hat, damit man, wie Mama ſagt, vergeſſen kann, wer ſie iſt. — Jenny, nehme Dich in Acht? Ich ſage es dem Papa,— rief Arthur. Jenny ſchwieg. So⸗ f renza war jetzt bereit, zu gehen. — Es iſt ſo warm, daß ich den Shawl nicht haben mag. Trage ihn, Sorenza! Jenny warf desnſ 9 . 81 ſelben Sorenza zu, welche ihn aber auf dem Boden liegen ließ. Das Fräulein wurde glühendroth. Ar⸗ thur nahm den Shawl und man entfernte ſich vom Schloſſe. Sorenza ging ſchweigend einher, aber in dem ganzen Aeußern des jungen Mädchens war zu leſen, daß jetzt der verletzte Stolz ſie beherrſchte. — Warum gehſt Du ſo und ſchweigſt?— fragte Jenny. — Weil es mir ſo gefällt. — Aber ich finde es langweilig und Du darfſt doch nicht thun, was Andern mißfällt. Mama pflegt immer zu ſagen, wenn ſie von Dir ſpricht:„daß Du keine Fähigkeit beſitzeſt, Deine untergeordnete Stellung aufzufaſſen, ſondern daß Du mit aller Ge⸗ walt uns gleich ſein willſt.“ — Und weißt Du, was Papa verboten hat,— fiel Arthur ein.— Daß Du gegen Sorenza böſe ſeiſt. — Lieber Gott, ich wiederhole ja nur, was Mama geſagt hat. Nun warum ſprichſt Du nicht? — Sprechen oder ſchweigen iſt wohl Etwas, was ich das Recht habe zu thun, und wenn ich noch ſo gering bin! — Da Du ſchweigſt, ſo biſt Du alſo ärgerlich. — Ganz wie das Fräulein, wenn es ſpricht,— fiel Sorenza heftig ein.— Jetzt brachen die Thränen Hervor und ſie fuhr fort:— ich werde den Grafen fſeagen, ob ich nöthig habe, es zu dulden, daß alle af mich ſticheln, da ich doch nichts Böſes thue. Ja, 1 us Schwartz, Die Tochter des Ebelmanns. I. ch werde ihm ſagen, wie man mich plagt, und ihn 82 bitten, daß er mir erlaubt, nach Hauſe zu meiner Tante zu fahren. — Du willſt alſo aus der Schule ſchwatzen? Jenny blieb ſtehen und betrachtete Sorenza. Arthur faßte etwas unſanft die Schweſter mit den Worten: — Jetzt ſchweigſt Du und läßſt Sorenza in Ruhe! 4 — Du haſt kein Recht, über mich zu befehlen; aber ich werde es Mama ſagen, daß Sorenza ge⸗ droht hat, ſich bei Papa zu beklagen, und dann wird ſie ſehen, was Mama ſagt. — Ja, thue das,— rief Sorenza heftig.— Ich bin denen nicht Dankbarkeit ſchuldig, welche mich unaufhörlich demüthigen. Sorenza fing an mit raſchen Schritten davon zu gehen, ſo daß ſie Jenny und Arthur vorauseilte. — Sorenza,— bat Arthur, welcher ſich beeilte ſie einzuholen,— ſage Papa nichts, er wird ſo böſe, und dann iſt Mama zu beklagen! — Ja, Alle ſind zu beklagen, nur ich nicht. Ich will nicht die Wohlthaten der Gräfin wider ihren Willen empfangen; ich will nicht in einem Hauſe bleiben, wo Alle, ſogar die Dienerſchaft, mir Mienen zeigen, welche mich demüthigen und verletzen. Nein, Arthur, ich will fort, fort! — Sorenza weinte. — Biſt Du mir gar nicht gut? — Ja, Arthur, das bin ich; aber auch Du wis daͤß ich auf mich treten laſſen ſoll wegen eines d⸗ glücks, an dem ich nicht ſchuld bin. Ich habe nicht ſelbſt das Leben gegeben. 1 ——,——— ZͤG=F .— 83 — Erinnere Dich, Sorenza, daß es die Ruhe meiner Mutter iſt, für welche ich bitte Arthur blickte dem jungen Mädchen in die Augen. — Sage Papa nichts! Jenny hatte ſie zuerſt vorausgehen laſſen; aber endlich hatte ſie ſie eingeholt, ſo daß ſie Arthur's letzte Worte hörte. — Ich glaube, Du bitteſt Sorenza, das Schwatzen zu laſſen? — Nein, das thut er nicht, er bittet mich blos, mit Fräuleins Boshaftigkeit Nachſicht zu haben, und das verſpreche ich. Der Graf ſoll durch mich nichts erfahren. Ich verzeihe dem Fräulein. Es lag ſo viel Stolz im Tone, daß Jenny's Blut ganz überwallte. 8 Maßloſe, vom zügelloſen Zorne eines verzoge⸗ nen Kindes dictirte Worte flogen von Jenny's Lippen. Alle Ausdrücke, welche die Mutter unbe⸗ dachtſam über Sorenza hatte fallen laſſen, ſchleuderte ſie mit der ganzen Unbarmherzigkeit der Unvernunft gegen dieſe.— Vergebens verſuchte Arthur zu vermitteln und Jenny zum Schweigen zu bringen; der durch Seiten⸗ hiebe ausgeſprochene Unwillen in Verbindung mit der vernunftloſen Verachtung, welche die Mutter er⸗ weckt, machte ſich jetzt Luft und glich einem Strom, welcher wild dahinbraust. Auch Sorenza ließ ihrem vorher gereizten Zorn die Zügel ſchießen und gab mit fürchterlicher Bitter⸗ keit die demuthigenden Ausdrücke zurück, indem ſie ihren Aerger über die ſchonungsloſe Behandlung ausſpraßh, welche ihr zu Theil wurde. 84 Es war ein ſtürmiſcher Auftritt zwiſchen den beiden Schweſtern, ein Auftritt, welcher auf ihre n Stimmung gegen einander während des ganzen Le⸗ bens einwirken ſollte, Als ſie in den Hof eintraten, glühten beider Ge⸗ n. ſichter vor Zorn. Als Sorenza das Gitterthor öff⸗ nete und Jenny vorbeipaſſiren ließ, ſagte ſie mit ſt einem gewiſſen Hohn: 4 — Gehen Sie jetzt, Fräulein Eldon und be⸗p klagen Sie ſich bei der Gräfin! Sorenza Bencke da⸗ gegen wird edelmüthig genug ſein und dem Grafen kein Wort ſagen, ſondern ganz geduldig die Folgenſ unſerer Zänkerei hinnehmen. Ich werde dabei den⸗. ken, daß ich Fräulein dieſen Unverſtand verzeihen muß. — Sorenza, Sorenza, Du machſt Dich unglück⸗ lich,— ſagte Arthur mit einem unruhigen Blick nach der Veranda, wo ſowohl der Graf wie die Gräfin ſaßen. Sorenza blickte ihn an mit Augen, d die voll Thränen des Zornes und des Aergers ſtan. g den; dann lenkte ſie, ohne erſt wie gewöhnlich das te gräfliche Paar zu begrüßen, ihre Schritte nach ihre Kammer. Ku i Als Sorenza in ihre Kammer hinein gekommen. war, warf ſie ſich auf den Boden und brach in ein wildes Weinen aus. 2 Während des Ausbruchs dieſes Gefühlsorkan hörte ſie nicht, daß die Thüre geöffnet wur e h daß die Haushälterin Mamſell Edberg ſag e: 2 8⁵ n— Das Soupée iſt in Ordnung; der Graf hat e nach Manſell gefragt. 3 Eine Stunde darauf wurde die Thüre geöffnet, aber dieſesmal auf eine eigene heftige Weiſe, als „ väre ſie aufgeriſſen worden. ⸗ Sorenza richtete ſich erſchrocken auf. Vor ihr it ſtand der Graf. — Du folgſt mir zur Gräfin,— befahl er. e⸗p Sorenza fuhr zuſammen. Sie las in dem a. ſtrengen Geſicht des Vaters, daß ihr etwas ſehr en Schweres bevorſtände. Sie trocknete die Thränen en und glättete mit den Händen die ungeordneten Locken, n.. worauf ſie dem Grafen folgte. en Im Vorgemach ſaß die Gräfin mit verweinten Augen. Der Graf ſchloß die Thüre doppelt hinter d⸗ ſich und ſagte dann, indem er ſich an Sorenza ich wandte; die— Wie beträgſt Du Dich gegen meine Kin⸗ en, der und welche Auslaſſungen erlaubſt Du Dich ge⸗ an⸗ gen die Gräfin? Gebe Rechenſchaft über den Auf⸗ das tritt zwiſchen Dir und Jenny! rer— Ich habe Fräulein verſprochen zu ſchweigen und dieſes Verſprechen heabſichtige ich zu halten,— antwortete Sorenza mit zitternder Stimme. „— So-o, Du biſt trotzig.— Der Graf trat ihr einen Schritt näher;— das geht bei mir nicht. me Ich befehle Dir, hier vor mir und der Gräfin Re⸗ di henſchaft uͤber das abzulegen, was von Dir und Jenny geſagt worden iſt. Verſtehſt Du, ich ſpreche kant jetzt im Ernſt, und will, daß man mir gehorche. Soorenza blickte dem Vater feſt in die zornigen Augen. 8⁶ — Ich werde gehorchen. Darauf wollte ſie anfangen Aufklärung über die Er Zänkerei zu geben; aber bei der Erinnerung an all die ſchimpflichen Worte, welche Jenny geſagt, war es vorbei mit ihrer Selbſtbeherrſchung und der ſch Strom der Gefühle riß ſie dergeſtalt mit ſich, daß ſie in Thränen ausbrach. ße Der Graf ging im Zimmer auf und ab, wäh⸗ rend das Schluchzen Sorenza's der einzige Laut 4 war, welcher die Stille unterbrach. Mit etwas un⸗ ſicherer Stimme ſagte die Gräfin: 3— Es iſt überflüſſig, daß Sorenza das wider⸗ ſie holt, was wir ſchon wiſſen.* — Durchaus nicht. Ich habe gehört, was So⸗ Ge renza geſagt; aber ich habe nicht gehört, welcher un Aeußerungen Jenny ſich bedient; um in der Sache gerecht zu urtheilen, muß man beide hören. — Ich glaubte nicht, daß ein ſolches Urtheil nothwendig ſei, da wir das Factum haben, daß Sorenza mich und meine ganze Umgebung angeklagt, we daß wir ſie auf eine herzloſe Weiſe behandeln und 3 außerdem gedroht hat, ſich bei Dir darüber zu be⸗ bi klagen. Dieſes glaubte ich, ſei genug, um zu be⸗ be weiſen, daß ſie undankbar iſt. — Ich beabſichtige auch, ſie dafür zu beſtrafen. Nun, fahre jetzt fort,— fügte er hinzu, indem er ſich an Sorenza wandte. — Ich kann nicht, ich darf nicht fortfahren,— flüſterte Sorenza demüthig. Der warnende Brief der Tante ſtand ihr vor dem Gedächtniß; ſie wollte die Gräfin nicht reizen. 8.. 87 — Du kannſt nicht, weil Du nichts zu Deiner Entſchuldigung anzuführen haſt?— Der Graf ſtand mit gekreuzten Armen vor ihr. — Nein, ich habe nichts, womit ich mich ent⸗ ſchuldigen könnte. — Du geſtehſt alſo, alle dieſe undankbaren Aeu⸗ ßerungen über die Gräfin gemacht zu haben. — Ja. 6— Aus welchem Grund?— Iſt die Gräfin nicht gut gegen Dich? — Nein,— hätte Sorenza rufen wollen, aber Dich, daß es meine Mutter iſt.“ Das im Grunde Großmüthige in dem Mädchen gewann die Oberhand und ſie antwortete:. 4 — Die Gräfin iſt gut. — Nun, über was klagſt Du denn? Sorenza trat auf den Grafen zu und ſagte: — Verzeihen Sie mir, was ich geſagt habe; ich war gereizt. 3 — Ich bin es nicht, den Du um Verzeihung bitten ſollſt, denn ich werde Dir nicht verzeihen, bevor es die Gräfin gethan.— Kann ſie Dir nicht oerzeihen, ſo mußt Du fort von hier. — Ach ja, laſſen Sie mich von hier fort⸗ kommen!— Ich gebe blos Aergerniß,— flüſterte Sorenza. — Du willſt alſo lieber fort, als ein Verbrechen abbitten? Aber damit haſt Du nicht das Böſe ge⸗ ſhnt, das Du gethan. Weißt Du, wo Dein Platz tiſt?— Auf den Knieen zu den Füßen der Gräfin. ſie erinnerte ſich der Worte Arthur's:„erinnere Du haſt Dich ſchwer gegen ſie vergangen. Haſt Du mich verſtanden? Sorenza blieb unbeweglich. Zu den Füßen des Vaters hatte ſie ſich wohl werfen, ſeine Kniee umklammern und ihn fle⸗ hentlich bitten wollen, daß ſie zu der Tante zurück⸗ kehren dürfte; aber auf den Knieen dafür Abbitte thun, daß ſie ſo oft und ſo ſchonungslos gedemüthigt worden ſei, dagegen empörten ſich des jungen Mäd⸗ chens Stolz und Rechtsgefühl. .— Du ſiehſt jetzt, daß Sorenza mir keine Ent⸗ ſchuldigung ſchuldig zu ſein glaubt,— ſiel die Grä⸗ fin ein.. 3 — Hörteſt Du nicht, was ich ſagte?— fragte* der Graf. Sorenza machte eine Bewegung, um zu der Gräfin hinzugehen; warf aber den Kopf trotzig zurück. In demſelben Augenblick fiel die Hand des Va⸗ ters mit einem Klatſch auf des Mädchens blühende Wange. — Trotze nur nicht,— rief der Graf,— denn ich werde Dich dann zermalmen. Gehe ſofort hin und thue Abbitte wegen Deiner Undankbarkeit! — Ich bin nicht undankbar,— rief Sorenza heftig.— Ich habe Alle um mich her lieben wollen, und ich würde ſo dankbar, ſo ergeben geweſen ſein, wenn man mich mit Wohlwollen behandelt hätte.— Jetzt kann ich es nicht. O, ich bin ſo unglücklich, 5 ſo unglücklich! 4 Sie that einen Schritt gegen den Grafen und fügte hinzu: — Schicken Sie mich fort, weit fort von hier; nn in za en, in, ich. ind er 89 denn hier werde ich böſe, böſe bis ins Herz hinein. Ich werde nie im Stande ſein, die Wunden, die man mir beigebracht, oder den ungerechten Schlag zu vergeſſen, welcher auf meinem Geſicht brennt. Jahre werden kommen und vergehen, und ich werde noch dieſe Demüthigung empfinden. Sorenza verbarg ihr Geſicht in den Händen. — Du willſt alſo nicht gehorchen, nicht die Grä⸗ fin um Verzeihung bitten? Der Graf war bleich geworden. — Nun wohl, dann kann ich Dich nicht länger unter meinem Dach behalten. Gehe, morgen wirſt Du dieſes Haus verlaſſen, in welchem ich ein un⸗ dankbares und meiner Güte unwürdiges Kind nicht beherbergen will. — Sage nicht ſo,— bat Sorenza, und wollte die Hand des Vaters ergreifen; aber er zog ſie zu⸗ rück, zeigte nach der Thüre und ſagte in einem be⸗ fehlenden Ton: — Gehe, ſage ich, und gehorche wenigſtens, wenn ich Dir befehle, mich von Deiner Gegenwart zu befreien! Ohne ein Wort zu ſagen, verließ Sorenza das Zimmer; aber ſie war kaum aus der Thüre heraus, als Arthur durch das offene Fenſter ſprang und it großer Heftigkeit rief: — Wie kann Mama und Papa ſich einer ſo gro⸗ zen Ungerechtigkeit und Parteilichkeit ſchuldig ma⸗ chen, wie eben geſchehen iſt? Sorenza iſt die Be⸗ kdid und Jenny hat ſich ſo ſchlecht gegen So⸗ renza bed ragen und iſt immer ſo böſe gegen ſie, daß ich mich hnur darüber wunders, daß Mama und 90 Papa es haben zugeben können; aber nicht genug damit, auch Fräulein Gyllenſparre und die Diener⸗ ſchaft beleidigen ſie unaufhörlich durch Hin⸗ deutungen darauf, daß ſie Gnadenbrod ißt u. ſ. w. Kann ſie dafür, daß ſie der Schwäche Anderer das Leben verdankt? Daraus eine Strafe für das unſchuldige Kind zu machen, iſt grauſam un herzlos. Arthur, welcher von der Ungerechtigkeit in dem Betragen der Eltern ergriffen war, vergaß, daß er Worte ausſprach, die der Mutter ſchaden würden. Der Graf betrachtete einen Augenblick den Sohn, dann warf er ſich in einen Lehnſtuhl und ſprach: — Warſt Du bei dem Auftritt zwiſchen Jenny und Sorenza gegenwärtig? — Ja, das war ich. — Erzähle! Die Gräfin ſtand auf und ſagte mit aufgeregter Stimme: — Das ganze Haus würde bezeugen können, daß Arthur gegen ſeine Schweſter feindlich geſtimmt und es geworden iſt, ſeit jene ariſtokratiſche So⸗ renza ins Haus gekommen. Ihre Partei nimmt er bei allen Gelegenheiten. — Weil Alle ſie ſchlecht behandeln,— umn tete Arthur. Die Gräfin wollte das Zimmer verlaſſen. — Sei ſo gut und bleibe hier, bis Arthur ülber das, was paſſirte, Bericht erſtattet hat,— ſagt e der Graf kalt.— OA Ddie Gräfin ſetzte ſich wieder und Art hur er⸗ zählte den Auftritt zwiſchen den beiden WRudchen, 3 3 N 8 8 91 Als er damit fertig war, ſchwieg der Graf lange und ſtützte den Kopf auf die Hand. Sein Ausſehen war mehr traurig als gereizt. Es lag darin eine bittere Selbſtanklage. Endlich ſtand er auf und ſagte zu Arthur, in⸗ dem er ſeine Hand auf ſeine Schulter legte: — Du haſt Recht, mein Junge, es iſt grauſam, den Unſchuldigen für das, was Andere verbrochen, die Strafe erleiden zu laſſen, das darf nicht ſo fortgehen. Gehe und laſſe mich mit Deiner Mutter allein. Bei dieſen Worten und als er die Augen auf ddie Mutter warf, erinnerte ſich Arthur, daß er jetzt den Zorn des Vaters gegen ſie heraufbeſchworen. Er würde viel darum gegeben haben, wenn er ihr den Schmerz hätte erſparen können, welchen die Strenge des Vaters ihr bereiten würde. Er ergriff die Hand des Vaters und ſagte mit leiſer, bewegter Stimme: .— Arme Mama! t— Gehe, mein lieber Arthur, und ſei ruhig; 4 Deine Mutter hat nichts von Deinem Vater r zu fürchten. Ach, wenn der Graf einen Augenblick hätte ⸗ ahnen können, wie entſetzlich es in den Ohren der Gräfin klang, als er ſie nicht ſeine Gattin, ſondern nur die Mutter ſeiner Kinder nannte, dann würde ber er eingeſehen haben, daß ſie, trotz allen ihren Män⸗ der geln, die Tugend hatte, daß ſie ihn von ihrem gan⸗ zen Herzen liebte. er⸗— Seine Kälte war ihr zehnmal ſchmerzlicher, den, als wenn er ſich gegen ſie vergangen hätte, denn dann 92 hätte ſie die Hoffnung gehabt, daß er ſich im näch⸗ ſten Augenblicke herzlich und freundlich gegen ſie zeigen würde; aber nein. Immer daſſelbe abge⸗ meſſene Weſen, daſſelbe eiskalte Benehmen. Seine Worte trafen ihr Herz ſo ſchmerzlich, daß ſie ihre Thrä- nen nicht zurückhalten konnte. Als Arthur das Zimmer verließ, ſah er, daß die Mutter ſich niederbeugte und weinte. Was zwiſchen den beiden Gatten vorfiel, wiſſen wir nicht, ſondern nur, daß der Graf nach einer Stunde Unterhaltung mit der Gräfin Jenny und Fräulein Gyllenſparre zu ſich rufen ließ. Die Tochter erhielt eine ſcharfe Zurechtweifung und das Fräulein eine förmliche Vorleſung über das, was der Graf für ihre Pflicht anſah, wobei er zugleich den beſtimmten Wunſch ausſprach, daß ſie ſich durchaus nicht mit Sorenza befaſſen möchte. Er hoffte, daß ſie als Lehrerin der Tochter darüber wachen würde, daß dieſe ein paſſendes Benehmen gegen Sorenza beobachtete. Alle dieſe Ereigniſſe hatten bloß eine Wirkung, nämlich: die Gemüther noch feindlicher gegen Sorenza 5 zu ſtimmen. Am folgenden Morgen reiſte der Graf nach der Stadt. Sorenza ſah den Wagen fortrollen, während ſie gänzlich in Thränen aufgelöſt an ihrem Kammerfen⸗ ſter ſaß. Sie hatte die ganze Nacht mit Weinen zugebracht, und ohne Arthur die Thüre zu öffnen, an welcher er mehrmals geklopft. ſie n⸗ 93 Sie fühlte ſich durch den Schlag, welchen ihr der Graf verſetzt, ſo gedemüthigt, daß ſie ſich nie mehr vor andern Menſchen zeigen zu können meinte. Nachdem ſie die ganze Nacht geweint, hatte die Morgen⸗ ſonne das arme Kind müde und niedergeſchlagen überraſcht. Der Sturm in ihrem Innern war zu Ende, und nach demſelben folgten jene traurige und peinliche Qualen, welche für die jungen Gemüther ſo ſchmerzlich ſind, weil das Gewiſſen die Frage ſtellt: — Haſt Du wirklich gehandelt, wie Du ſollteſt? Biſt Du ein demüthiges und gehorſames Kind ge⸗ weſen? Dieſe Fragen richtete Sorenza an ſich, als ſie nach dem klaren Sommerhimmel emporblickte und mit einer Beklemmung meinte ſie, daß der Vater da oben mißbilligend auf ſie herabblickte. Sie ge⸗ ſtand ſich, daß ſie nicht das fromme und nachgiebige Kind geweſen, das ſie hätte ſein ſollen. — Ach,— dachte Sorenza,— ich hätte ſofort die Gräfin um Verzeihung bitten ſollen. Ich hätte mich nicht auf eine ſolche Weiſe von den Wunden beherrſchen laſſen ſollen, welche Jenny mir verſetzt. Ich hätte ſie vergeſſen und nur gehorchen müſſen. Gott und Vater, wie ſoll ich das Alles wieder gut machen, daß Tante keine Schande von mir hat und ich ſie nicht betrübe! Sie ſtützte das verweinte Geſicht auf die Hände. Ihr Kopf war ſchwer und that ihr weh, ihre Seele war müde und gänzlich niedergebeugt. Lange ſaß ſie ſo und grübelte und betete. Endlich ſtand ſie 1 —* 3 1 4 8 94 auf, brachte ihre Kleider in Ordnung und ging mit 1 haſtigen Schritten über den Hof nach dem großen 1 1 3 ( Gebäude.. — Vo iſt die Gräfin?— fragte Sorenza Mamſell Edberg, welche in der Veranda ſtand. — Im kleinen Cabinet,— war die Antwort. — Flauben Manſell, daß ſie allein iſt? 3 — Ja, ganz allein. — Mit faſt ſchüchternen Tritten und fürchtend, — Jemanden zu begegnen, ſchlich Sorenza durch die Zimmer. Leiſe und unbemerkt trat ſie ins Cabinet. 4 Es war das Erſtemal, daß ſie es wagte, ſich der Gräfin zu nähern oder ungerufen zu ihr einzu- treten. Die Gräfin ſtand am Fenſter und war damit beſchäftigt, einige Topfgewächſe zu ordnen. Sie hörte nicht, daß Sorenza eintrat. Dieſe trat hin zu ihr und als ſie ſich dicht hinter der edlen Dame befand, flüſterte das arme Kind, welches jetzt mit ſeinem Herzblut ſie hätte beſänftigen mögen. — Verzeihen Sie mir! Ich bin ſo unglücklich bei dem Bewußtſein, mir die Unzufriedenheit der Gräfin zugezogen zu haben. Das Schluchzen unterbrach ſie. Die Gräfin drehte ſich um, beim Anblick der Sorenza wechſelte ſie die Farbe. — So— o, Du haſt Dich beſonnen und kommſt jetzt, um einen Fehltritt abzubitten, den Du nur nicht vor dem Grafen eingeſtehen wollteſt. Das geſchieht wohl, weil ich jetzt allein bin. 4 — Spyrechen Sie nicht ſo zu mir,— flehte So⸗ 9⁵ renza;— ich will vor der ganzen Welt die Gräfin um Entſchuldigung bitten, ſagen Sie mir, daß mir verziehen werde. Ich werde Alles thun, um das zu ſühnen, was ich verbrochen. Gute, gute Frau Gräfin, ſehen Sie mich ein wenig freundlich an! Sorenza hatte die Hände gefaltet, und ſah auf zu der Gräfin mit einem bittenden Blick. Gewiß lag jetzt im Geſichte des Mädchens ein Ausdruck der Wahrheit und der Reue, welcher das Eis um das Herz der Gräfin ſchmolz und ſie rührte; denn ſie reichte dem Mädchen die Hand und ſagte: — Ich will Dir diesmal des Grafen halber ver⸗ zeihen; aber ich vermag nicht, es noch einmal zu thun, falls Du Dich eben ſo. undankbar und hals⸗ ſtarrig zeigſt. Ich hätte geglaubt, Du wäreſt alt genug und beſäßeſt Verſtand genug, um einzuſehen, daß ich mich wirklich nachſichtig und gut bewieſen, als ich Dich in mein Haus aufnahm. Ich hatte darauf gerech⸗ net, daß Du durch Demuth und Milde mein Wohl⸗ wollen wieder zu vergelten ſuchen würdeſt. Statt deſſen iſt Deine Anweſenheit eine ſtete Quelle zu Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten geweſen, was mich veranlaßt hat, das, was ich ge⸗ than, zu bereuen. Mache, daß es künftig beſſer wird. 3 Dieſe letzten Worte begleitete die Gräfin mit einer ungewöhnlich milden Betonung. Sorenza führte ihre Hand lebhaft mit der Verſicherung an ihre Lippen, daß ſie Alles thun würde, damit man mit ihr zufrieden ſei. 96 Als ſie etwas ſpäter am Vormittage nach dem M. Schloſſe ging, um zu malen, fühlte ſie ſich ruhig, M und hoffte, daß es gut werden würde; auch faßte ſie die allerſchönſten Vorſätze, der Gräfin nie Aer⸗ be gerniß zu geben oder ſich von Jenny reizen zu laſſen. Sorenza war fünfzehn Jahre und glaubte des au halb an ihre Vorſätze und an ihre Kraft. Glück ſie liches Alter! ““ da⸗ Einige Zeit verging, ohne daß Sorenza ihrer Ar Umgebung den geringſten Anlaß zur Unzufriedenheit gab, obgleich Jenny mit ausgeſuchter Unbarmherzig⸗ mit keit Alles that, um den Gegenſtand ihres innern ſoll Haſſes mit Worten zu reizen. Sorenza blieb jedoch ihrem Vorſatz treu, ſich ant nicht von ihrem Zorne beherrſchen zu laſſen, ob⸗ ſein gleich das heiße, unruhige Blut bei jeder Hindeutung kom auf ihre abhängige Stellung kochte. Der Aerger, welcher in ihrem Innern glimmte und täglich Nah⸗ rung erhielt, nahm nach und nach den Charakten eines bitteren Neides gegen dieſe Kinder an, umd trac zuletzt ging derſelbe in einen zwar noch unentwicke⸗ ten aber beſtimmten Unwillen gegen jene Claſſe nan der Geſellſchaft über, zu welcher der Vaͤter und die irge Geſchwiſter gehörten. 5 Der Uebermuth, welcher der Erziehung Fwil Grunde lag, die die gräflichen Kinder erhielten, un die oft in Sorenza's Gegenwart ausgeſprochenetich; ariſtokratiſchen Anſchauungen veranlaßten, daß ſtmir frühzeitig anfing, Vergleiche zwiſchen der gebildetet e 97 Mittelklaſſe, in welcher ſie zuvor gelebt, und den Mitgliedern der höhern Ariſtokratie anzuſtellen. Die Folge davon war, daß ſie die Letzteren für bedeutend ſchlechter hielt, als die Erſteren. Das Band der Anhänglichkeit zwiſchen Sorenza und Arthur blieb unverändert. Er begleitete ſie haufs Schloß und oft ſaß er die ganze Zeit, während * ſie arbeitete, an ihrer Seite. Abends pflegten ſie nach irgend einem ſchönen Punkt zu promeniren, und dann konnten die beiden Kinder da ſitzen und ſich die reizendſten Luftſchlöſſer für die Zukunft bauen. * Arthur pflegte dann zu ſagen: „ti— Wenn ich mündig werde, dann ſollſt Du zu mir ziehen und Eldon heißen und die ganze Welt n ſoll wiſſen, daß Du mein Schweſter biſt. — Ich will nie den Namen Eldon tragen,— h antwortete Sorenza;— aber bei Dir will ich ſchon ſein und wir werden es ſehr gemüthlich be⸗ ng kommen. — Ja, und Du wirſt mich innig lieben. — Ganz gewiß.— 3 — Aber warum willſt Du unſern Namen nicht nd tragen? — Weil ich kein Recht dazu habe. Ich bin ſſ namenlos; ich habe kein Recht zu dem Namen von di irgend Jemandem. l. Aber wenn Papa Dir den unſrigen geben will? . Das wäre ein Almoſen, und ein ſolches will degich nicht haben. Einen Namen zu tragen, den man ſümir wie eiſt Gnadengeſchenk gäbe, nachdem man mir Schwarh, Die Tochter des Edelmanns. I. 98 täglich geſagt, daß mein Daſein ein Schandfleck für denſelben ſei, wäre mir nicht möglich. — Du biſt ſehr hochmüthig, Sorenza. — Hochmüthig?— Nein, Arthur, wegen was ſollte ich hochmüthig ſein? — Wie willſt Du dann dieſes Dein Gefühl be⸗ nennen? 3 — Wie Du es nennen würdeſt, falls man Dir zumuthete, ein Gnadengeſchenk anzunehmen. — Nur ein Gnadengeſchenk?— Arthur warf mit einer ſtolzen Bewegung den Kopf zurück,— wie wäre das möglich, mir, einem Eldon, ſo etwas anzubieten. 3 — Siehſt Du, Arthur, der bloße Gedanke daran empört Deinen Stolz, und ich, die ich daſſelbe Blut in meinen Adern habe, wie Du, ich bin hochmüthig, weil ich das verſchmähe, woran Du mit Verachtung denkſt. — Zwiſchen mir und Dir iſt doch wohl ein großer Unterſchied,— fiel Arthur lebhaft ein. — Welcher denn?— Sorenza's Wangen brank⸗ ten purpurroth. 8 — Ich bin mit dem Recht zu dem Range und zu dem Namen, welchen ich trage, geboren, und i bin auf beide ſtolz; außerdem habe ich es auch durchaus nicht nöthig, irgend eine Gabe anzunehmen, da alles mir gehört, während Du.... Arthur hielt inne. — Warum fährſt Du nicht fort?— rief ſie. — Laßt uns das Thema aufgeben. — Ja ſo, Du willſt Deine Gedanken nicht aus ſprechen? Nun wohl, dann werde ich 4 99. Sie auszuſprechen fällt nicht ſchwerer, als zu wiſſen, daß Du denkſt: für ein Kind, wie ich bin, und das Niemandem angehört, ſondern vom Gnadenbrod der Verwandten ihres Vaters lebt, iſt es nicht er⸗ laubt, ſtolz zu ſein.— Sorenza verbarg ihr Geſicht in den Händen. — Verzeihung, Verzeihung,— bat Arthur. Es— gelang ihm wirklich ihr leicht aufgeregtes und eben ſo ſchnell verſöhntes Gemüth zu beruhigen. In Arthurs Seele hatten indeſſen Sorenzas Worte:„ich bin ein Kind, das das Gnadenbrod der Verwandten meines Vaters ſowohl, wie derjenigen meiner Mutter ißt,“ Gedanken und Pläne in ihm erweckt, die er in ſeiner Unbekanntſchaft mit den Vorurtheilen und ſchiefen Begriffen des Lebens für leicht zu verwirklichen hielt. Er hegte nämlich den innigen Wunſch, daß der Vater Sorenza adoptiren und ihr dieſelben Rechte wie den andern Kindern geben möchte. Während mehrerer Tage beſchäftigte er ſich mit dieſem Ge⸗ danken. Als eines Tages er und die Gräfin allein im Salon ſaßen, fing die Mutter an ihre Unzufrieden⸗ heit darüber auszuſprechen, daß Arthur bei allen möglichen Gelegenheiten ſich in der Geſellſchaft So⸗ renza's befände. 6 Du weißt ja, daß ſie nur bei uns als ein arnſes Kind iſt, welches alles von unſerer Barmher⸗ it hat, aber in keiner Beziehung Euresgleichen 100 iſt. Die Vertraulichkeit, welche Du gegen ſie an den Tag legſt, iſt alſo unpaſſend. il — Mama, ich weiß, daß Sorenza meine Schwe⸗(. ſter iſt, und weder von mir noch irgend Jemandem in er dem Hauſe meines Vaters muß ſie als ein Gegen: m. ſtand unſerer Barmherzigkeit behandelt werden. fc — Hat Dein Vater Dir geſagt, daß Sorenza ſein Kind iſt? I — Ja; aber nur mir. z1 Eine Pauſe trat ein, worauf die Gräfin fort⸗ w fuhr er — Und Du ſindeſt Dich nicht durch die Ver⸗ di wandtſchaft erniedrigt? Du ſiehſt nicht ein, wie kränkend dieſelbe iſt? K — Mama, ich ſehe blos ein, daß Sorenza nichts ni dafür kann, daß ſie geboren iſt, und will Mama fü wiſſen, wie ich meine, daß Papa handeln müßte, um we Sorenza mit ihrem unglücklichen Schickſal zu ver⸗ ſöhnen, ſo werde ich es ſagen: Er müßte ſie adop⸗ we tiren und.. no — Was in Gottesnamen ſagſt Du!— rief he die Gräfin.— Dieſes Kind adoptiren, deſſen Daſein ihr eine Schande für ihn und eine Beleidigung gegen be⸗ mich, ſeine Gattin, iſt. wi — Mama hat Papa nie verſtanden und thuk ob es auch jetzt nicht. Mama mußte dadurch, daß ſie ver Sorenza mit Güte behandelte, zeigen, daß der be⸗ gangene Fehltritt vergeſſen iſt und daß Mama wünſchte, alles aus dem Wege zu räumen, was auf eine verlezende Weiſe an die Vergangenheit erinnert, fes Glauben Sie mir, Papa's Herz würde Mama für me eine ſolche Handlungsweiſe Rechnung tragen; ſpatgte 101 a deſſen iſt das Benehmen Mama's geeignet geweſen, ihn zu reizen und zu demüthigen. Ein ſo ſtolzer ⸗ Charakter, wie der ſeinige, verträgt nicht dieſe n ewigen Ausfälle, welche Mama gegen Sorenza * macht, und die unwillkührlich auf ihn zurück⸗ fallen. d Die Gräfin ſaß ſchweigend da; aber ohne dieſen Worten des Sohnes eine beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sie glitten an ihren Ohren vorüber, während ihre Seele von einem einzigen Gedanken erfüllt wurde, von der Möglichkeit nämlich, daß dieſes verhaßte Kind adoptirt werden würde. Die Gräfin that jetzt, wie es alle beſchränkte Köpfe thun, ſie nahm den Charakter des Mannes nicht in Betracht, ſondern ſah nux das, was ſie be⸗ na fürchtete, und was ihr um ſo wahrſcheinlicher wurde, im weil es ihr verhaßt war. er⸗ Als nun Arthur kurz darauf die Mutter verließ, èe war auch die erſte Handlung der Gräfin, an die noch lebende Mutter des Grafen zu ſchreiben, wel⸗ ches das einzige Weſen auf der Erde war, das auf ein ihn irgend einen Einfluß hatte.“ Der ſtolze und un⸗ gen beugſame Sohn hatte für ſeine alte Mutter eine wirkliche Ehrfurcht und Anhänglichkeit beibehalten, hut obgleich er ſorgfältig vermied, ſie in ſeine Privat⸗ verhältniſſe ſich miſchen zu laſſen. 1 Als rinige Tage nach der Abſendung des Brie⸗ ſae der/ Gräfin die Familie in dem Salon verſam⸗ un melt war, hielt der Wagen der Gräfin vor der tepf e der Veranda. 10² Der Graf ging ſelbſt hinaus, um der Mutter aus dem Wagen zu helfen. Er fühlte ſich durch den Beſuch etwas überraſcht, weil die alte Gräfin nie ſo unverſehens zu kommen pflegte, ohne daß ſie einen wichtigen Grund dazu hätte. Als die alte Dame, auf den Arm des Grafen geſtützt, die Treppe der Veranda hinaufging, fielen ihre Augen auf Sorenza, welche dort ſaß und ar⸗ beitete. — Wer iſt jene Perſon dort?— fragte ſie. — Ein junges Mädchen, deſſen Erziehung ich zu beſtreiten übernommen habe. — Und ihr Name? Dieſe einfache Frage machte einen unangenehmen Eindruck auf den Grafen, denn Sorenza'’s Namen war der alten Gräfin zu wohl bekannt aus jener Zeit, wo die Liebe des Grafen zu der Mutter beinahe den Skandal einer Eheſcheidung veranlaßt hätte. — Sie heißt Bencke,— anwortete er indeſſen ſofort. — Ja ſo— war alles was die alte Gräfin ſagte, worauf ſie an Sorenza vorbei paſſirte, ohne auch nur mit einem gnädigen Nicken die demüthige Verbeugung des Mädchens zu erwiedern. Als die Gräfin die Frau und Kinder ihres Sohnes begrüßt, und Jedem etwas Verbindliche geſagt hatte, das den Schein der Herzlichkeit haben ſollte, bemerkte ſie gegen den Sohn: — Ich bin wegen einer Jamilienangelegu eir 8 hierher gekommen und wünſche deßhalb mit ſprechen; in ein paar Stunden fahre ich wieder nat Haufe. Dein Arm, mein Sohn! 1 1 —— 103 Der Graf und die Mutter gingen hinein in das Zimmer des Erſteren. Die Gräfin ſah ihm mit einem unruhigen Blicke nach, in welchem man deut⸗ lich leſen konnte, daß ſie befürchtete, ſie möchte viel⸗ leicht wieder eine Handlung begangen haben, die ihr den Unwillen des Mannes zuziehen würde. Jetzt erſt erinnerte ſie ſich der Worte Arthur's und bereute, wie immer, wenn man ſich von ſeinen Gefühlen leiten läßt, daß ſie denſelben nicht Gehör geſchenkt. Sie fühlte in ihrem Innern, daß das Einzige, was ſie gewinnen würde, ein Auftritt mit ihrem Manne ſei. Wir überlaſſen es indeſſen der Gräfin ſelbſt, über ihren Mißbegriff nachzudenken und werden ſtatt deſſen darüber Auskunft geben, was zwiſchen Mut⸗ ter und Sohn vorfiel. Die alte Gräfin hatte im Sopha Platz genom⸗ men und der Sohn ſich auf einen Stuhl neben ihr geſetzt, um abzuwarten, was ſeine Mutter ihm mit⸗ zutheilen haben würde. 3 — Ich erhielt vor ein paar Tagen einen Brief von Deiner Frau, in welchem ſie mir mittheilte, daß Du die Tochter der Amalia Bencke in den Schoos Deiner Familie aufgenommen hätteſt. Es wunderte mich, daß Du Deine Mutter nicht davon hei in Kenntniß geſetzt. Ich hätte geglaubt, daß Du in einer ſo delicaten Sache den Rath Deiner Mut⸗ at ter eingeholt haben würdeſt. — Eine Handlung der reinen Pflicht iſt viel 104 zu einfach, als daß ich einen andern Rathgeber, als meine Ehre nöthig haben ſollte. — Das iſt wahr; aber man darf ſeine Pflicht nicht ſo erfüllen, daß man einen Schatten auf ſeine Ehre wirft. Welche Abſichten haſt Du mit dem Mädchen? — Ihr eine Erziehung zu geben, welche mit ihren ungewöhnlich geiſtigen Fähigkeiten überein⸗ ſtimmt und wie ſie die Tochter Karl Johann Eldon's erhalten muß. Uebrigens beabſichtige ich für ihre Zukunft ſo zu ſorgen, daß ſie ein ruhiges Leben fuͤh⸗ ren kann, ohne von Nahrungsſorgen zu leiden. — Es ſteht Dir frei, das zu thun, obgleich es im höchſten Grade unklug iſt. Dergleichen lebendige Beweiſe begangener Schwächen muß man auf einen ſo untergeordneten Platz im Leben ſtellen, daß die Welt ſie nicht ſieht und man darf nicht, wie Du es thuſt, ihnen durch eine glänzende Erziehung eine Bildung geben, die ſie zu Anſprüchen veranlaßt, welche bei Weſen ohne Namen und Verwandte lä⸗ cherlich ſind. Warum haſt Du ſie in Dein Haus aufgenommen? — Weil ich dieſes Kind kennen lernen wollte, die einzige Erinnerung an das Weib, das ich liebte, die mir übrig geblieben iſt. Ich hätte gewünſcht, es als mein Pflegekind meiner Familie einzuver⸗ leiben. 4 — Deine Frau hat alſo Recht gehabt mit ihrer Befürchtung, daß Du die Abſicht hätteſt, es zu adoptiren? — Hat meine Frau eine ſolche Befürchtung gehegt? 2——S—õ Ju t 1u u und für die Todte verletzend ſein würde. g 3 Jungen Sorenza„Du“ nennen? 105 — Ja; und es ſollte mich nicht wundern, wenn ihr ganzes Innere ſich gegen eine ſolche Handlung empörte, die für ſie im höchſten Grade kränkend wäre. — Ich erwartete, daß meine Frau ſowohl wie meine Mutter mich hinreichend genug gekannt hät⸗ ten, um einzuſehen, daß ich weder etwas thun kann noch will, das vor der Welt eine Geringſchätzung gegen das Weib, das meinen Namen trägt, mit ſich brächte. Wie wenig ich auch in meinem Innern eine Gattin achten mag, die in ihrer blinden Eifer⸗ ſucht ihren Mann dem Tadel der Welt Preis geben wollte, ſo ſoll ſie doch nie mich anklagen können, daß ich ihr nicht alle äußern Rückſichten geſchenkt. — Du haſt alſo nie die Abſicht gehabt, jenes Kind zu adoptiren? — Nein, niemals, ſo lange meine Frau lebt, und jetzt, meine Mutter, laſſen wir dieſes Thema. — Noch nicht, mein Sohn. Deine Frau klagte darüber, daß Du es jenem Mädchen erlaubſt auf einem ſo vertraulichen Fuß mit Deinen Kindern um⸗ zugehen, daß dieſes unwillkürlich jenen Trotz und jene großen Anſprüche, welche ſie an den Tag legt, hervorrufen muß. Dieſes iſt unklug, denn dadurch machſt Du die Welt mit der Verwandtſchaft bekannt, in welcher Du zu dem Mädchen ſtehſt. Du mußt dieſes vermeiden, falls ihre Mutter Dir lieb war und Du ſelbſt dem vorbeugen willſt, daß man die alte Geſchichte von Dir und Madame Bencke wieder hervorſucht, was für Deine Frau, für Dich ſelbſt — Was Verletzendes liegt wohl darin, daß die 106 — Nichts; aber wohl darin, daß ſie ſie auf dieſe vertrauliche Weiſe benennt. Es muß immer für Aurora unangenehm ſein, daß Du Deiner na⸗ türlichen Tochter das Recht gibſt, ihre Söhne als ihre Brüder zu behandeln. Folge dem Rath Deiner Mutter und verbeſſere dieſen Mißgriff. Noch mehr, behalte das Mädchen nicht in Deiner Familie, weil es natürlich iſt, daß Deine Frau beim Anblick deſ⸗ ſelben leiden muß. — Erlaube, ich bitte zum zweitenmale darum, daß wir dieſen Gegenſtand verlaſſen und laſſe mich hier handeln, wie es mir am beſten ſcheint. — Denke indeſſen über meine Worte nach. Wenn Du ſie bei näherem Nachdenken billigſt, ſo werde ich das Mädchen zu mir nehmen und es zu einer tüchtigen Kammerjungfrau erziehen, was nach meiner Ueberzeugung das Beſte für ſie ſein würde. — Sie iſt von Natur zur Künſtlerin geſchaffen und das ſoll ſie auch bleiben. Nie, meine Mutter, 3 wird Amalia's Kind eine Dienerin werden. — Du biſt ein Thor mit Deinen romantiſchen Ideen. Die Gräfin ſtand auf und reichte dem Sohne die Hand mit den Worten: — Wir werden ſpäter auf dieſes Kapitel zurückkom⸗ men, und dann dürften unſere Anſichten vielleicht übereinſtimmen. Die Erfahrung wird Dich vielleicht lehren daß meine Rathſchläge nicht zu verachten iind. — Ich achte ſie immer; wir haben aber in die⸗ ſer Sache eine verſchiedene Auffaſſungsweiſe, beſon⸗ ders da Mama heute nur für meine Frau das 107 Wort geführt hat; es wäre klüger geweſen, wenn ſie das ſelbſt gethan.. — Mißbilligſt Du denn, daß ſie ſich an mich gewandt hat? — Ja! Es demüthigt mich, weil es Mangel an Vertrauen zeigt. — Vertrauen zwiſchen Euch, weißt Du, was Du jetzt verlangſt? — Ich verlange, daß, da ſie nicht geglaubt hat, mit mir offen ſprechen zu können, ſo hätte ſie ihre Gedanken bei ſich ſelbſt behalten und ſich nicht bei meiner Mutter beklagen müſſen. Eine Stunde darauf reiste die alte Gräfin ab, worauf der Graf mit ſtrenger Miene und ohne der Gräfin ein Wort zu ſagen, ſich in ſein Zimmer einſchloß. 4 4 Der ganze Gewinn, den die Gräfin aus der Ein⸗ miſchung der Schwiegermutter in die Sache zog, beſtand darin, daß das Benehmen des Grafen gegen ſie noch kälter und ſteifer wurde. Sorenza kam es vor, als hätte er nach dem Beſuche der Gräfin noch eine Mauer zwiſchen ſich und ſie errichtet. Nur wenn er ihr irgend einen Befehl zu geben hatte, redete er ſie an; ſonſt that er, als wenn ſie nicht exiſtirte. Einige Zeit darauf promenirten Arthur und So⸗ renza Arm in Arm durch den Park und nach einem hübſchen Hügel, von welchem man eine reizende Ausſicht hatte. Es war ihr Lieblingsplatz. — Laß uns hier ruhen,— ſagte Arthur. 108 Sie ſetzten ſich — Gedenkſt Du zu heirathen?— fragte er ſie und legte ſeinen Kopf auf die Kniee der Schweſter. — O, nein, Du Lieber, daran denke ich gewiß nicht. Warum ſoll ich nich verheirathen? — Weil Du mit der Zeit Dich verlieben könn⸗ teſt. Weißt Du, Sorenza, daß ich denjenigen, mit welchem Du Dich verheiratheſt, nie werde leiden können. werden und mir einen Namen zu verſchaffen, den ich mir ſelber gegeben. Wenn ich mich verheirathe, dann bekomme ich den Namen meines Mannes und das iſt nicht ſo ehrend, wie ſich ſelber einen zu ge⸗ ben. Ich will nichts geſchenkt haben. — Auch nicht einmal meine Zuneigung? — Lieber Arthur, ich beabſichtige Künſtlerin zu — Die habe ich mir eingetauſcht. Ich gebe ſie Dir zurück.. — Das glaub ich nicht. 4 Arthur ergriff ihre Hand, legte ſie auf ſeine Stirne und fuhr fort: — Ich habe Dich ſo lieb, ſo lieb, daß ich bis⸗ weilen wünſche, Du wäreſt nicht meine Schweſter. Ich würde ſehr unglückllich werden, wenn Du Dich verheiratheteſt. Wir können ja einander verſprechen, unverheirathet zu bleiben. — Ja, darauf gehe ich ein. Sorenza reichte ihm die Hand. — Gut, jetzt iſt die Sache abgemacht. Wir heirathen nicht. Sie reichten einander die Hand. Das Schickſal —,S= S,y— 109 lächelte gewiß über die beiden Kinder, welche über ihre Zukunft Beſchlüſſe faßten, als wenn dieſelbe ih⸗ nen gehört hätte. — Wenn Du nicht meine Schweſter wäreſt, ſo würde ich mich mit Dir verheirathet haben,— fuhr Arthur fort. — Sollteſt Du Sorenza zur Frau haben wol⸗ len?— rief eine junge Stimme hinter ihnen. Es war Ernfried. — Ganz gewiß,— antwortete Arthur. — Nun, das wird eine hübſche Geſchichte ſein, ſich mit einem Mädchen zu verheirathen, welches ſingen kann:„Du lieber Gott, wer mag mein Vater ſein?“ Wenn man dann fragte:„Was iſt denn Gräfin Eldon eigentlich?“ ſo würden die Leute antworten:„ſie. iſt nichts; ſie iſt ein Pflege⸗ kind.“ Ha, ha, ha, lachte Ernfried,— jetzt habe ich es errathen, was Pflegekinder für eine Sorte von Leuten ſind. Ernfried warf ſich in's Gras und fuhr fort aus vollem Halſe zu lachen. Sorenza wechſelte die Farbe und ſprang in der lobenswerthen Abſicht auf, den Platz zu verlaſſen; aber Ernfried war in der Laune, irgend Jemanden zu plagen, um ſich zu zerſtreuen, darum faßte er Sorenza, hielt ſie zurück und fragte: — Wohin? warum ſpringſt Du fort? Thuſt Du es, weil ich der Anſicht bin, daß Du nicht Gräfin werden kannſt? — So, Ernfried, laß Sorenza in Ruhe. Wozu nützt es, daß Du ihr eine Menge Dummheiten ſagſt, 110 — fiel Arthur ein.— Komm, Sorenza, dann gehen wir heim. — Ich begleite Dich bis in den Tod, ich theile Dein Schickſal, ſang Ernfried und ſprang auch auf.— Sonſt möchte ich wiſſen, was Böſes in meinen Worten lag. Hörte ich nicht Papa, als Graf S— ihn vor einer halben Stunde fragte, wer das hübſche Mädchen ſei, das ſich in unſerem Hauſe aufhielt, zur Antwort geben:„Sie iſt meine Pflege⸗ tochter.“ Graf S— lächelte auf eine eigene Weiſe und ſagte ſcherzend:„Mein guter Eldon, Du haſt einen guten Geſchmack, wenn Du Dir Pflegekinder wählſt; aber was ſagt Deine Frau.“ Papa ſchleu⸗ derte dem Grafen einen raſenden Blick zu und mir ging ein Licht auf. Wieder lachte Ernfried und fuhr fort: — Du biſt ein Pflegekind, ſo ein wenig hier und ein wenig dort, wenn man Alles zuſammen⸗ nimmt. Sorenza's Geſicht glühte; ſie ſeufzte tief, als wenn ſie damit die Thränen erſticken wollte, und richtete ihre Augen mit einem Ausdruck unbändigen Zornes auf Ernfried. — Wiederhole die Worte noch einmal,— rief ſie. — Unerdlich gern, wenn es Dich amüſirt; aber warum? 3 6 Ernfried blickte ſie mit knabenhaftem Hohne an. — Ich würde ſie dann dem Grafen wiederholen und fragen... Sorenza brach in Thränen aus. — Und Du wilſtt darüber weinen, daß Papa 12 Dich Pflegekind nennt. Ha, ha, hal was Böſes liegt b 1 4 ſ —— —————— 111 denn darin? Das klingt ſo hübſch; Graf Eldon's Pflegetochter oder zärtliche Freundin. — Höre auf, Ernfried, oder ich weiß nicht, was ich thue,— ſagte Sorenza und faßte heftig ſeinen Arm. Ernfried lachte. — Wenn Du noch ein Wort zu Sorenza ſagſt, ſo bekommſt Du es mit mir zu thun,— erklärte Arthur hitzig. 3— Will Niemand hier retten, ſagte der Bauer, 2 als er vor dem Haſen davonlief, bemerkte Ern⸗ t fried. Wenn es Händel geben ſoll, ſo kann ich an⸗ r fangen, wann Du willſt; das wird mich nicht hin⸗ ⸗ dern zu ſagen, daß Sorenza meines Vaters Pflege⸗ r tochter, oder richtiger meines Vaters... 1 Die Fortſetzung kam nicht über ſeine Lippen, denn Arthur warf ihn über den Haufen. Einen Augen⸗ er blick balgten die Brüder ſich im Graſe; aber im a⸗ nächſten Augenblick war Arthur wieder auf den Beinen, ergriff Sorenza's Hand und zog ſie mit ls ſich fort. nd Ernfried hatte ſich indeſſen erhoben. Er be⸗ en gleitete ſie nicht, ſondern nahm einen andern Weg nach Hauſe, ſo daß er vor ihnen eintreffen würde. je. Arthur und Sorenza gingen ſchweigend neben der einander. Das ganze Ausſehen der Letzteren zeugte von Aerger. Arthur ſah aufgebracht aus. Der an. Graf ſei im Pavillon, ſagte der Bediente, und dort⸗ len hin richtete Sorenza ihre Schritte. Im Pavillon fand ſie den Grafen und die Gräfin nebſt Ernfried. Als ſie eintrat, rief der Graf ihr entgegen: pa— Was ſind das jetzt wieder für Auftritte geweſen? 8 11² Mit großer Heftigkeit und unter dem Einfluſſe ſag des Schimpfes, der ihr angethan worden, brachte Sorenza ihre Klagen vor, und das auf ſo energiſche bre Weiſe, daß der Graf ſie überraſcht betrachtete; dar⸗ Ki⸗ auf wandte er ſich an Ernfried mit den Worten: — Spricht Sorenza die Wahrheit? — Ja; aber was Böſes liegt wohl in dem, de was ich geſagt? Alle im Hauſe lächeln, wenn ſie ho ſagen, daß Sorenza Papa's Pflegetochter iſt. Es fällt Niemandem ein, ſie Mama's zu nennen; denn H daß Mama ſie nicht leiden kann, weiß Jedermann en im Hauſe. Pte Der Graf ſtand auf und ſagte zu Ernfried: — Du begleiteſt mich. 3 Die Gräfin, welche im Geſichte ihres Mannes las, daß ein Sturm ausbrechen werde, ſprang auf und rief heftig: — Sollen jetzt wieder meine Kinder wegen So⸗ renza Verdrießlichkeiten haben. Das iſt wirklich zu viel. Ich bin dieſer Auftritte müde. Ach! wie viel habe ich nicht durch die Mutter gelitten und jetzt ſollen meine Kinder durch die Tochter leiden, aber.. — Sei ſo gut und beſinne Dich,— fiel der Graf kalt ein, nahm die Gräfin bei der Hand und führte ſie nach dem Sopha zurück. — Sowohl Deine Leiden, wie die der Kinder ſollen mit dem heutigen Tage ein Ende nehmen. „Ich hätte indeſſen das Recht gehabt, zu verlangen daß Du als Frau ſo viel Takt gehabt hätteſt, daß es Dir eingeleuchtet, daß jede Aeußerung des Un willens gegen Sorenza ein Schimpf gegen Deinen Mann ſei. Dein eigenes, feines Gefühl hätte Dir D Di e n 113 ſſagen müſſen, daß die Domeſtiken nicht in Deine 2 Antipathie gegen Sorenza eingeweiht zu werden brauchten, weil Du dadurch auf den Vater Deiner „Kinder einen Schatten warfſt. Was Dich anbekrifft, Ernfried, ſo begleiteſt Du mich; Sorenza geht auf ihr Zimmer,— fügte u, der Graf hinzu, nachdem er die Gräfin gezwungen e hatte, ſich zu ſetzen. Hierauf verließ er den Pavillon. 8 Am Tage darauf verließ Sorenza das gräfliche n Haus, nachdem ſie ſich drei Monate in demſelben n aufgehalten. Der Schatz von Erfahrungen und bit⸗ teren Eindrücken, welchen ſie dort geſammelt, ſollte ein buntes Gewimmel auf ihren Charakter zurück⸗ werfen. es uf. Die Septemberſonne ſchien hinein in Madame o⸗ Toll's Schulſaal, in welchem ſie umgeben von eini⸗ zu gfen und zwanzig Kindern ſaß, die von ihr Unterricht iel Fin den erſten Anfangsgründen des Wiſſens erhielten. etzt Auf Madame Toll's mildem und ernſtem Geſicht ..ruhts ein Schatten von Kummer, und aus den gatten, braunen Augen ſprachen Schmerzen und Küdigkeit.⸗ Ails die Uhr drei ſchlug, verkündigte ſie den indern ihre Befreiung von ihren Aufgaben und lihrer Arbeit. Es entſtand eine außerordentliche Be⸗ im Saale. Madame Toll erhob freilich een uwegung daf Pihre Stimme und gebot Stille; aber der wilde 1 den nemlich, ſo Haufen hatte unr einen Gedanken, aſch als möglich in die freie Luft hinauszukommen⸗ m vom Zwange der Schule frei zu ſein. Schwartz, Die Tochter des Edelmanns I. 114 Als die Thüre ſich nach der letzten ihrer Schülerin il geſchloſſen, ſtrich Madame Toll mit der Hand über w die bleiche Stirn, ſtützte ſich gänzlich erſchöpft gegen die Rücklehne ihres Fauteuils und flüſterte: ti — Ach! wenn ich Sorenza hier hätte! das arme, A geliebte Kind! D Ein paar Thränen rannen über ihre Wangen und ſie verſank in ſo tiefe Gedanken, daß ſie nicht hä hörte, daß die Hausflurthüre ſich langſam öffnete, 2 Jemand mit zögernden Schritten in's Zimmer trat m. und an der Thüre ſtehen blieb. Nach Verlauf längerer Zeit erhob Madame Toll ihren Kopf und ihre Blicke fielen auf Diejenige, welche an der de Thüre ſtand. Vo — Sorenza, mein Kind!— rief Madame Toll. ge⸗ Sorenza ſtürzte zu ihren Füßen, umfaßte ihre Kniee 3 und ſtammelte unter Schluchzen: — Tante, geliebte, gute Tante, ſtoße mich nit 8 von Dir, wie die Andern es gethan, ſondern ver⸗Sec gebe mir, wenn ich ein unartiges Kind geweſen und ia laſſe mich bei Dir bleiben! Madame Toll beugte ſich herab, hob das Mäd⸗ 1 chen auf und ſagte: 5 — Mein armes Kind, was in Gottes Namendder hat ſich zugetragen? Du erſchreckſt mich. Komm No und ſetze Dich an meine Seite und ſage mir, 5 Dich ſo aufgeregt hat. Sie zog Sorenza neben ſich auf das So drückte ihren donf an ihre Bruſt und ſtrich liwgeſ 115 rin ihre Arme um den Leib der Tante ſchlang und ber weinte. Schließlich blickte ſie auf. gen— Tante, ſage mir, ob ich ein böſes und unar⸗ tiges Kind geweſen? ob ich Dir oft Kummer und ne, Aerger verurſacht? O! ſpreche, nachher werde ich Dir Alles erzählen, was ſich zugetragen hat. gen— Mein Liebling! Du weißt ja ſelbſt, daß ich ſccht höchſt ſelten nöthig gehabt habe, Dir böſe zu ſein. ete, Du biſt ein gutes, nachgiebiges, fröhliches und rat munteres Kind geweſen, und das biſt Du noch, mein auf Mädchen. ind— Und doch, Tante, bin ich aus dem Hauſe der des Grafen deshalb verwieſen, weil ich zu ſo vielen Verdrießlichkeiten und zu ſo vielem Aergerniß Anlaß oll. gegeben, daß die Gräfin mich dort nicht haben iee wollte. Tante, geliebte Tante, werde Deiner armen Sorenza nicht böſe! Ich habe, ſeit der Graf mich 81 von Dir nahm, mich ſelbſt nicht wieder erkannt. eer⸗Schon ſeit dem erſten Abend, wo ich bei der gräf⸗ und ichen Familie war, kam es mir vor, als wenn mein üheres Ich bei Dir geblieben wäre. Ich war ein äd⸗ nderes Weſen, voll Bitterkeit und böſer Gedanken. Sorenza verbarg wieder ihr Geſicht an der Bruſt en der Pflegemutter. Madame Toll ſaß ſchweigend da. um Nach einer Pauſe ſagte ſie: Jetzt mußt Du Dich beruhigen, mein Mäd⸗ chen, und mir nachher mittheilen, was paſſirt iſt. Warum, Sorenza, haſt Du mir nicht geſchrieben und zeigeſagt, wie es in Deinem Innern ſtand? Ich würde Kdann in meinen Briefen verſucht haben, Dich zur nit Demuth gegen Gott und Diejenigen, denen Du Dank ſchuldig warſt, zu ermahnen. Ach! ich würde, 116 wenn ich gewußt hätte, daß meine nachgiebige und herzensgute Sorenza ſich unfreundlichen Gefühlen hingäbe, Dich nicht ſo lange in der gräflichen Fa⸗ milie haben bleiben laſſen, ſondern ich hätte Dich zurückgenommen. Wir dürfen uns auf Koſten unſeres beſſern Ichs keinen Vortheil kaufen. — Tante! ich konnte nicht beten, wie früher, weil Niemand gut gegen mich und Alles in meinem Innern ſo bitter war. — Ich kann Dich jetzt nicht beurtheilen, Kind, ſondern will Dich erſt anhören. Du hätteſt Dich, mein Liebling, indeſſen des Beiſpiels Chriſti erin⸗ nern ſollen, und daraus gelernt haben, geduldig und hingebend zu leiden, Unrecht und Demüthigung zu ertragen. Was beſitzen wir armen Sterblichen, auf das wir ſtolz ſein könnten? Nichts!— Wenn die Vorſehung findet, daß unſer Stolz zu groß iſt, dann ſendet ſie Demüthigung, um denſelben zu beugen. Du haſt unter dem Einfluß Deiner ſchlimmeren Gefühle Dein Chriſtenthum vergeſſen, Deinen allgütigen Vater vergeſſen, und darum, Sorenza, iſt es Dir ſchlecht gegangen. Doch, das wird ſchon wieder gut werden. — Oh! Du geliebte Tante! Deine milden, ernſten Worte ſind wie Muſik für Dein armes Kind. Es iſt ja ſo lange, lange her, daß ich Jemanden mich ſo anreden hörte. Und nicht wahr, Du, welche mir eine ſo holde Mutter geweſen, Du wirſt mich nicht von Dir fortſchicken. — Nein! Madame Toll küßte die Stirne des Mädchens, —-—— ϑ¶ꝙ SASSSͤ 117 während ein Zug des Schmerzes auf ihrem Ge⸗ ſicht ruhte. Ein paar Stunden nachher finden wir ſie noch auf demſelben Platze ſitzen. Sorenza hatte den Be⸗ richt über ihren Aufenthalt in der gräflichen Familie beendigt. Ohne mit einem Worte ſich entſchuldigen zu wollen, hatte ſie die einfache Wahrheit erzählt und nicht die Ausbrüche der Heftigkeit, deren ſie ſich ſchuldig gemacht, verſchwiegen. Als ſie zu ſprechen aufhörte, betrachtete Madame Toll das Mädchen mit einem zärtlichen und traurigen Blick. — Bin ich ſehr ſtrafbar?— fragte Sorenza. — Ach! Ich fürchte, mein Mädchen, daß die ei⸗ gentlich Behlenden der Graf und ich ſind. — Du! — Ja, ich, welche es hätte einſehen müſſen, in welche ſchiefe und unrichtige Stellung Du in jener vornehmen Familie kommen würdeſt. Ich hätte vorausſehen ſollen, daß Du nicht von Seiten der Gräfin auf die Güte und das Wohlwollen rechnen konnteſt, welches Dein Temperament und Dein Cha⸗ rakter fordern. Ich dachte nur an Deine Zukunft und als ich mich mit blutendem Herzen von Dir trennte, glaubte ich nach Pflicht gehandelt zu haben. Ueberzeugt, daß ich Deinem Glück ein Opfer ge⸗ bracht, überlegte ich nicht, daß Du zu jung und mit dem Leben zu unbekannt warſt, um richtig Deine Stellung beurtheilen zu können. Meine Liebe zu ſeiinr Mutter und mein Unwillen gegen Deinen Vater bewirkten, daß ich nie mit Dir über Deine unglückliche Herkunft geſprochen, welche der Graf Dir gegen meinen Wunſch entdeckte. Ich hätte ge⸗ 118 wünſcht, daß Amalia's Tochter nie den Fehltritt ihrer Mutter kennen gelernt hätte. Darin habe ich Unrecht gehabt. Es wäre meine Pflicht und Schul⸗ digkeit geweſen, nachdem es Dir bekannt geworden, wer Dein Vater ſei, Dich darüber aufzuklären, wie die Welt ſolche Fehltritte beurtheilt, wie der iſt, dem Du Dein Leben verdankſt. Ich hätte Dich da⸗ rin einweihen ſollen, daß Du, ſo ungerecht es auch erſcheinen mag, ganz demüthig den Schatten von Verachtung ertragen mußt, welcher auf Dich zurück⸗ fällt. Datz ich dieſes nicht that, kam daher, daß ich Deine Mutter bis zur Vergötterung geliebt habe. Es fehlte mir an Kraft, mit ihrem Kinde von den Fehltritten zu ſprechen, die ſie begangen. Ich machte Dich nicht mit der traurigen Erbſchaft bekannt, welche Deine Eltern Dir hinterlaſſen; dieß hatte ſei⸗ nen Grund in meiner Liebe zu Dir, welche es mir nicht erlaubte, daß ich Deinen unſchuldigen Frieden mit dieſen düſtern und peinlichen Bildern ſtörte. Die Wirklichkeit, dieſe harte und unbewegliche Lehrerin in der großen Schule des Lebens, hat es anders gewollt, und ſie hat mich wegen meiner Schwäche beſtraft. Jetzt, mein Kind, wollen wir nicht mehr davon ſprechen, ſondern dann, wenn Du und ich ruhiger geworden, dieſes Thema wieder auf⸗ nehmen. Kommt der Graf hieher? — Ja, dieſen Nachmittag. — Gut, ich werde dann mit ihm reden. Du Sorenza, ſollſt an die Gräfin ſchreiben und ſie we⸗ gen all der verdrießlichen Stunden, die ſie Deinet⸗ wegen gehabt, um Verzeihung bitten. —,—, 119 — Tante, gute Tante, darf ich davon befreit werden? Sorenza legte die Hand auf's Herz und fügte mit höher gerötheten Wangen hinzu: — Es iſt etwas hier, das ein ſo bitteres Ge⸗ fühl verurſacht, wenn ich an ſie denke. Es iſt eine Wunde, die ſie mir verſetzt, und die thut ſo wehe, daß ich nicht... — Einen Fehler abbitten kann!— fiel Madame Toll ernſt ein. Sie ſtand auf, legte ihre Hand auf den Kopf des Mädchens und fügte hinzu; — Weißt Du, welche Wunden Dein Vater und Deine Mutter ihr beigebracht haben? Weißt Du wohl, ob nicht der unausſtehliche Schmerz dieſer Wunde ſie ungerecht gemacht hat? Wie ſollſt Du Dich im Gebet Gott nähern können, wenn Du es nicht verſtehſt Deinen eigenen Schmerz zu vergeſſen, um Andere zu verſöhnen? Meine einzige Sorenza iſt krank bis in ihr Innerſtes, ſonſt würde ihr Herz ſie dazu ermahnen, der Gräfin zu ſchreiben und ſie um Verzeihung zu bitten. — Das, was ſie zu verzeihen hat, iſt ja, daß ich— geboren bin; und dafür kann ich nicht. — Du haſt den Fehltritt Deiner Mutter zu ſühnen. Sorenza verbarg ihr Geſicht in den Händen und weinte. Eine lange Pauſe entſtand. 8 Madame Toll ſah ein, daß Sorenza es nothwendig hatte auszu⸗ weinen. Sie kannte genug von den Schmerzen der Jugend, um zu wiſſen, daß die Thränen gleich Bal⸗ ſam auf einer Wunde ſind. 120 Als das Schluchzen des Mädchens ſich nach und nach legte, ſagte Madame Toll mit milder Stimme: — Jetzt mein Mädchen, ſollſt Du zu Liſette hin⸗ ausgehen und ſie an das Mittagseſſen erinnern, das ſie ganz zu vergeſſen ſcheint, weil ſie Niemand daran erinnert. Madame Toll ſtreichelte den Kopf Sorenza's und fügte hinzu: 3 — Ich bin ganz hungrig und das Eſſen wird mir heute doppelt gut ſchmecken, da ich Dich wieder bei mir habe. Du weißt nicht, wie ich Dich ver⸗ mißt habe, und wie froh es mich macht, Dich wieder bei mir zu haben.— Sie küßte die hohe Stirne des Mädchens, welche ſich bei dieſen Worten aufflärte. Die noch mit Thränen gefüllten Augen lächelten der mütterlichen Freundin zu, welche ſo mild und ſo liebreich war. Sorenza führte ihre Hände an ihre Lippen, bedeckte ſie mit ihren Küſſen und flüſterte: — Tante, geliebte Tante, ich werde und ſoll an die Gräfin ſchreiben, denn da Du ſagſt, daß ich es thun muß, ſo iſt es meine Pflicht. — Danke, jetzt fühle ich wieder, daß Du mein Kind biſt. Im nächſten Augenblick war Sorenza im Begriff den kleinen Mittagstiſch zu decken und obgleich die rothen Augen Spuren von Thränen trugen, hatten die übrigen Züge doch ihren jugendfriſchen, hoffnungs⸗ vollen Ausdruck angenommen. Das glückliche Alter, in welchem die Sorgen nur ein Nebel ſind, welcher von den Sonnenſtrahlen der Freude durchbrochen wird und wo die Wunden des Schmerzes über den Verſprechungen der Hoffnung raſch vergeſſen mfcden +——————-———..— — 121 Wie glücklich iſt nicht unſere erſte Jugendzeit mit ihrem Uebermaß an Glaube, Hoffnung, Lebenskraft und Unerfahrenheit— es iſt ein ſchnell dahinfliegender und goldener Traum, den wir nie wieder bekommen! Ruhig und friedlich war für Sorenza die Zeit, welche jetzt im Hauſe der Pflegemutter folgte. Die Unterredung von Madame Toll mit dem Gra⸗ fen an demſelben Tage, wo Sorenza widerkehrte, war lang und ernſt geweſen. Nach dem Tage erſchien der Graf nicht mehr und Sorenza glaubte wieder in die lächelnden Tage der Jugend verſetzt zu ſein, wo die Demüthigung und Schmerzen ihr fremd waren. Madame Toll hatte wo möglich ihre Zärtlichkeit gegen die Tochter verdoppelt, weil ſie etwas wußte, was Sorenza nicht einmal ahnte, nemlich, daß ſie recht bald einſam ſtehen würde, ohne irgend ein Herz, das ſie liebte oder ſie verſtand, wie Madame Toll es that. Sorenza arbeitete fleißiger und eifriger als je. Sie hatte jetzt wieder ihre Unterrichtsſtunden bei Profeſſor E— angefangen, und man konnte ſa⸗ gen, daß das junge Mädchen ſich mit Seele und Herz ihren künſtleriſchen Inſpirationen hingab. Oft wenn ſie mit kecker und ſicherer Hand einen leichten Entwurf irgend einer Idee machte und dieſen ihrem Meiſter zeigte, ſo pflegte er ihren Kopf zu ſtreicheln und zu ſagen: — Aus Dir muß etwas Großes werden; Gott hat Dir das verliehen, was wenige Künſtler be⸗ kommen haben,— Genie, 122 — Glücklich, als wenn ſie eine ganze Welt be⸗ ſeſſen, kehrte Sorenza, nachdem ſie ein ſolches Lob erhalten, in die liebe Heimath zurück, wo die Abende, nachdem die Schuljugend ſich entfernt, damit zuge⸗ bracht wurden, daß ſie der Pflegemutter, welche auf einem Sopha auszuruhen pflegte, laut vorlas. Daß Madame Tolls bleiche Wangen eine höhere Farbe hatten, daß der Athem kürzer war, darauf gab Sorenze in ihrem jugendlichen Leichtſinn nicht Acht. Sie war im Laufe mehrerer Jahre gewöhnt geweſen, daß die Tante Abends nach den Anſtren⸗ gungen des Tages ſich ausruhte, und daß ihre Bruſt dann beſchwert war. Daß die Röthe an den Wangen und das heftige Athmen die Symptome eines tödtlichen Uebels ſeien, welches von Jahr zu Jahr an dem Leben der ſchweig⸗ ſamen, milden Tante zehrte, das argwöhnte So⸗ renza nicht. Madame Toll hatte auch geſucht es ſorgfältig vor ihr zu verbergen. Sie dachte: — Der Schmerz kommt früh genug, warum ſoll ich wegen langer Jahre ihr Leben mit der Vor⸗ ſtellung von einem Schmerz verbittern, dem ſie nicht entgehen kann, und warum ſie mit Angſt den Fort⸗ ſchritten folgen laſſen, welche die Krankheit macht. Nein, mag ſie ſo lange als möglich darüber in Un⸗ kenntniß bleiben. Mein armes Kind wird ja doch nicht auf Roſen tanzen. Das Leben wird für ſie eine bittere Prüfung werden.. Etwas mehr als ein Monat war verſloſſen, ſeit Sorenza das gräfliche Haus verlaſſen. Sorenza hatte dieſe Zeit zugebracht, ohne irgend eine Sehn⸗ ſucht nach den Vergnügungen dieſer Welt zu em⸗ 5 123 pfinden, nur in ihrer Artbeit und von der Liebe le⸗ bend, mit welcher die Pflegemutter ſie umgab. Eines Nachmittags kehrte ſie ſtrahlend vor Freude von ihrer Stunde bei Profeſſor E— heim. Unge⸗ duldig der Tante von all den goldnen Hoffnungen zu erzählen, welche die Worte des Profeſſors her⸗ vorgezaubert, läutete ſie heftig an der Hausflurthüre; ſie wurde aber heftig erſchrocken über das verweinte Ausſehen Liſettens, als dieſe die Thüre öffnete. — Wie ſteht es, liebe Liſette, hat ſich etwas Unangenehmes zugetragen?— fragte Sorenza und klopfte die alte Dienerin auf die Schulter.) — Ach, liebes Herz, noch ſteht es gut mit mir, aber ſehen Sie, mit der Madame ſteht es ſchrecklich ſchlecht, ſie... — Mit Tante!— rief Sorenza todtenbleich und wollte hineineilen, aber Liſette hielt ſie zurück und ſagte: — Jetzt müſſen Sie einige verſtändige Worte hören, denn ſehen Sie, Sie müſſen ja doch einmal erfahren, wie es ſteht. — Liſette, Liſette, laß mich hinein! laß mich zu meiner Tante hineingehen,— bat Sorenza. — Nein, ſehen Sie, Sie dürfen nicht hinein⸗ gehen, bevor Sie mich vernünftig angehört haben. Die Sache iſt ſo, kleine Sorenza daß... daß... Die Thränen erſtickten die Stimme der alten Dienern. 3 — Um Himmelswillen, Liſette, was iſt der Tante paſſirt? — Sie iſt krank... Sie hat mehrere Jahre die Schwindſucht gehabt... 124 Sorenza faßte verzweifelnd Liſettes Arm. Sie war ſo bleich, daß ſie die alte Dienerin erſchreckte. — Sprich, ſtammelte Sorenza. — Die Madame hat es nie haben wollen, daß Sie es wiſſen ſollten; aber ſehen Sie, wenn die Hand des Todes auf Jemandem ruht, ſo kann man es in die Länge nicht verbergen und ſo iſt es jetzt gegangen. — Jeſus, Chriſtus! Liſette, iſt ſie todt? — Ja!— ſchluchzte Liſette. Ohne einen Laut ſank Sorenza auf ihre Kniee; die Beine vermochten ſie nicht zu tragen. Es kam ihr vor, als wenn der Schmerz, welchen dieſes einzige Wort in ihr hervorrief, ſo groß ſei, daß derſelbe in ihrer Bruſt nicht Raum fände. Sie hätte durch einen Schrei der Verzweiflung ihrer unermeßlichen Qual Luft machen mögen. Das Auge hatte keine Thränen, und ſie lag da auf ihre Kniee hingeſun⸗ ken, gleich einem Marmorbild, ſo kalt und leblos war ſie. — Herr Jeſus, Kind, wie ſteht es?— fragte Liſette und ſchüttelte ſie. Sorenza wollte antwor⸗ ten, aber ſie vermochte es nicht einen Laut, ge⸗ ſchweige ein Wort über ihre Lippen zu bringen. Es kam ihr vor, als wenn der Schmerz ſie erſtickt hätte. de⸗ — Gott Vater, helfe ihr, um meinetwillen! der Sorenza, mein Herzenskind, ſprich, ſage nur der 3 alten Liſe ein einziges armſeliges Wort! Aber als Sorenza trotzdem unbeweglich blieb, 5 nahm Liſa ihre eiskalten Hände zwiſchen die ihri⸗ jetz 4 I 125 gen, rieb ſie und bedeckte ſie mit ihren Küſſen und Thränen. Da wurden Tritte im Saale gehört und beim Schalle derſelben rief die verzweifelte Alte: — Der Doctor, Herr Du mein Gott, wie gut iſt das! Als der Doctor in die Hausflur hineintrat, blieb er auf der Schwelle ſtehen und ſagte: — Wie ſteht es mit Mamſell Bencke? Er beugte ſich zu dem von ihrem Schmerz be⸗ ſinnungsloſen Mädchen herab. — Mache die Kleider los,— ſprach er zu Liſe, welche dem Befehle ſofort nachkam. Als dieß geſchehen war, bewegte ein ſchwerer Seufzer ihre Bruſt. Der Doctor hob ſie auf und brachte ſie in den Saal hinein. Eine Woche darauf war der kleine Schulſaal ſchwarz ausgeſchlagen und mit Lichtern erhellt. Dort lag Madame Toll auf ihrer Bahre. Die milden, ernſten Züge waren nach dem Tode noch milder. 126 Gedanken, nur ein klares Bewußtſein, daß ſie, u welche ihr an Mutter⸗, Vater⸗ und Geſchwiſterſtelle ſi geweſen, fort ſei; und daß ſie ſelbſt einſam in der ganzen Welt ſtände, ohne ein einziges Herz zu ha⸗ ei ben, an das ſie ſich anlehnen könnte, ohne Jeman⸗ den, der ſie liebte. Schon ſeit dem Tode der Madame Toll hatte ne Sorenza nur einen Wunſch, den Wunſch, ihr in's Grab folgen zu dürfen. Der Graf hatte ſich am Tage nachher, wo Ma⸗ W dame Toll das Irdiſche verlaſſen, ſich bei Sorenza ſe eingefunden. Eine verheirathete Niece der Verſtorbenen und. Couſine der Sorenza, die Majorin Grüner, hatte di die Beſorgung des Begräbniſſes übernommen, weil Si Madame Toll die Anordnung getroffen, daß ſie es Th beſorgen ſollte. Der kleine Nachlaß, welchen Ma⸗ Jh dame Toll hinterließ, reichte gerade hin, um damit die Begräbnißkoſten zu decken. Neben der knieenden Sor nza ſtand jetzt die Ma⸗ ter jorin Ida Grüner. 3 folg — Liebe Sorenza, Du mußt Dich jetzt entfer⸗ ihr nen,— ſagte ſie.— Die Leute, welche Tante ſehen wollen, warten in der Hausflur. Komme deßhalb. füg Als Sorenza dennoch unbeweglich blieb, fügte Ida ungeduldig hinzu: Leb — Herr mein Gott, was Du für ein ſonder⸗ auf bares Weſen biſt, Du haſt ja nichts gethan als weinen, ſeit Tante todt iſt und dann meine ich, daß Sor dieſes unaufhörliche Knieen bei ihrer Leiche eine herc Komödie iſt. Wenn Du wirklich trauerteſt, p hre 4 ben 127 vuürdeſt Du wohl, wie ein anderer Menſch, Thränen für Deinen Schmerz haben; aber jetzt———— — Die Sache verſteht die Majorin nicht,— fiel leeiinne ernſte Stimme hinter Ida ein. Sie drehte ſich um und ſah den alten ſonſt ſo rauhen Doctor C— daſtehen und Sorenza mit theil⸗ nehmenden Blicken betrachten. — Das iſt möglich,— antwortete Ida und grüßte verbindlich den allgemein geachteten Arzt.— „ Vill der Herr Doctor mir nicht den Dienſt erwei⸗ a ſen, Sorenza zu ſagen, daß ſie ſich entfernen muß? Sie ſind der Einzige, der Macht über ſie hat. d— Nicht Ihnen, meine Gnädige, will ich den de Dienſt erweiſen; aber wohl der Mamſell Bencke. il Sie haben gegen eine junge Verwandte viel zu wenig 8 Theilnahme gezeigt, daß ſie etwas aus Rückſicht auf v Ihre Wünſche thun ſollte. it Doctor C— gieng hin zur Sorenza und ſagte: — Nehme jetzt Abſchied von Deiner Pflegemut⸗ a⸗ ter, mein Kind! ſage ihr das letzte Lebewohl und ſolge mir dann! Ich habe Dir einige Worte von r⸗ ihr mitzutheilen, welche ſie mich zu überbringen bat. en Der Alte ſtreichelte den Kopf des Mädchens und . ſüͤgte hinzu: te— Es iſt für eine lange Trennung, daß Du ihr Lebewohl ſagen ſollſt.— Das Wiederſehen wird erſt er⸗ auf der andern Seite des Grabes ſtattfinden. ls Etwas einem Schluchzen Aehnliches ſchüttelte aß Sorenza's ganzes Weſen, als ſie ſich über die Todte ne herabbeugte und ihre Lippen einige Sekunden auf ſo ihrer Stirne ruhen ließ. Als ſie ſich wieder erhe⸗ en wollte, brachen die lange zurückgehaltenen Thränen — 128 hervor. Es war das Erſtemal, daß ſie ihre von Schmerz gepeinigte Bruſt erleichterte. Sie warf ſich unter wildem Schluchzen und ſchmerzlichen Ausrufen über die liebe Leiche, welche ſie mit den zärtlichſten 3 Namen nannte. — Mein Gott, Sorenza, du verſtehſt dich auf g die Einwicklung! rief Ida. fc .— Seien Sie ſo gut, Frau Majorin und ver⸗ ic laſſen Sie uns,— fiel Doctor C— ein, nahm Ida ül bei der Hand und führte ſie mit den Worten zur zu Thür fe e: — Ihre Couſine ſoll und muß jetzt ausweinen ſofern Sie nicht das Ordnen der Einwicklung der Todten höher ſtellen, als das Leben und die Ge⸗ ſel ſundheit des jungen Mädchens. Si Hätte irgend ein anderes Weſen es gewagt, ſo ter ohne Umſchweife der Majorin Grüner die Thüre zu dor zeigen, ſo wäre ſie ganz ſicher diejenige geweſen, toi welche ihm denſelben Dienſt erwieſen hätte. Si Jetzt war es ein ausgezeichneter und tüchtiger Arzt. welcher daneben das Verdienſt hatte, das eigene theure hin Leben der Majorin ein paarmal gerettet zu haben. und darum ließ ſie ſich von ihm gefallen, was ſie für ſich nie von einem Andern würde gefallen laſſen Kre haben. Sie wagte es nicht denjenigen zu beleidi Pfl gen, welcher nach ihrer Anſicht Leben und Tod in ſeinen Händen hatte und darum gehorchte ſie ganz willig. 8 b Eine halbe Stunde darauf traten der Doctot daß und Sorenza aus dem Leichenzimmer in das früher iſ. Schlafgemach der Todten. Hier ſetzte ſich der Docton d 129 man Sorenza's Seite und fing an ruhig und ernſt mit ihr zu ſprechen.. — Die Todte hat mich gebeten, dieſen Brief aus ihrem Schreibtiſch zu nehmen,— begann der Doctor und zog einen Brief hervor.— Als ich, gleich nachdem ich gerufen worden, mich bei ihr ein⸗ fand, hatte ſie einen ſchweren Blutſturz gehabt und „ ich ſah gleich, daß ſie nicht mehr ſo viele Minuten a übrig hätte, wie nothwendig wäre, um nach Ihnen r zu ſchicken. Sie bat mich, dieſen Brief zu nehmen und den⸗ u ſelben ſo lange aufzuheben, bis Sie ruhig genug r würden, um ihn zu leſen, und daß ich Ihnen den⸗ „ ſelben unter vier Augen übergeben möchte, weil nur Sie allein den Inhalt deſſelben kennen lernen ſoll⸗ ſo ten. Ich glaube, daß jetzt der rechte Augenblick ge⸗ zu kommen, und habe es deßhalb ſo eingerichtet, daß 7 wir allein ſind. Ich bin vollkommen überzeugt, daß Sie, nachdem Sie ihn geleſen, ruhiger ſind. t.. Er ſtand auf, ergriff Sorenza's Hand und fügte hinzu: 1n— Ihre letzten Worte enthielten einen Segen ſie für Sie; und Sie, armes Kind, beſitzen immer den en Troſt, eine liebevolle und gute Tochter gegen Ihre di Pflegemutter geweſen zu ſein, welches denn auch in bewirkte, daß ſie ſelbſt im Tode mit Zärtlichkeit an n Sie dachte. Tragen Sie jetzt Ihren Kummer, wie es ſich einem Chriſten geziemt, und erinnern Sie ſich, tor daß nichts geſchieht, was uns nicht gut und nützlich ere iſt. Er entfernte ſich. Nichts geſchieht, das uns nicht gut und nüz⸗ ſ1ſt,— wiederholte Sorenza, während ſie den dzwartz, Die Tochter des Edelmanns.. 9 130 Brief mit Thränen und Küſſen bedeckte.— O, Gott! — fügte ſie mit gefalteten Händen hinzu,— helfe mir meinen Kummer tragen und lehre mich, daß auch das möglich iſt! Mutter! Mutter! denn die⸗ ſes warſt Du für mich, ſiehe herab von Deinem Himmel zu Deinem Kinde und ſtehe mir bei. Hierauf erbrach ſie den Brief. Derſelbe enthielt freundliche und mütterliche Rathſchläge, ſowie einen innigen Wunſch, daß ſie mit Sorgfalt das Andenken ihrer verſtorbenen Mutter gegen jeden erniedrigenden Schatten zu ſchützen ſuchen möchte. Der Brief ſchloß mit einer freundlichen Ermah⸗ znung, demüthig und geduldig gegen den Grafen und die Gräfin zu ſein, welche die einzigen Stützen wären, die ſie jetzt beſäße. Ein Jahr war verſtrichen. Es war wieder Mai. I dem damaligen Palaſt des Prinzen Carl ware einige Zimmer für Gemäldeausſtellungen eingeräumt und dieſe waren voll von Leuten. Vor einem klei neren Genregemölde im erſten großen Zimmer fin den wir eine Gruppe von Perſonen, die aus eime ungewöhnlich ſchönen Dame, von einigen und zwan zig Jahren, einem jungen Mädchen und drei Herre beſtand. Eine Strecke von ihnen ſtanden vor einem ande Gemälde zwei Herren, deren Augen auf die erſtge nannte Gruppe gerichtet waren. — Iſt es das Kind da mit den langen Locke welches La Valliere gemalt hat— ſagte einer uſ ihnen. X 131 1— Ja, gerade ſie. 1— Da hat ſie wohl die Luft nicht ohne Hülfe ß gemalt? e⸗— Ja, das hat ſie. m— Das ſcheint mir unglaublich. Selbſt ein Kuünſtler, weiß ich, was dazu gehört, eine ſolche Cor⸗ Ut rectheit in der Zeichnung und ſo viel Wahrheit in en der Ausführung zu erreichen. en— Sei dem wie ihm wolle, ſo viel iſt gewiß, en daß Fräulein Bencke dieſes Stück gemalt hat. Ich weiß das zu gut, weil ich, während ſie daran arbei⸗ h tete, faſt täglich im Atelier der Profeſſors E— ge⸗ n weſen bin. n,— Ach! das iſt wahr; Sie ſind verwandt mit der jungen Künſtlerin. Stellen Sie mich ihr vor. Die Majorin und den Major Grüner kenne ich ſeit lange. — Unendlich gerne.— Meine Schwägerin wird mit wirklichem Vergnügen die Bekanntſchaft mit n Ihnen erneuern. Sie hat ſich ſchon längere Zeit di darüber gewundert, daß Sie ihr ſeit Ihrer Rückkehr in nach Schweden keinen Beſuch gemacht. ne Die beiden Herren näherten ſich der Gruppe. an Nachdem ſie die ſchöne Dame, Majorin Ida Grüner, begruͤßt hatten, präſentirte Kapitain Grüner Mam⸗ ell Bencke dem Herrn Porry, einem ausgezeichneten Künſtler. Sorenza, welche ſich eifrig mit einem der Herren unterhielt, blickte bei der Präſentation raſch auf. Vor ihr ſtand ein Mann, deſſen Aeußeres Jeden, geſchweige einen Künſtler frappiren mußte. Er war hochgewachſen und ſchlank, mit einer 1 7 132 untadelhaften Figur und freien Bewegungen. Sei⸗ nen Kopf trug er hoch, und es kam Einem vor, als wenn er das Recht hätte, dieſes ſtattliche Haupt ſo zu tragen. Die Stirne war hoch und keck, die Augen ſo dunkelbraun, daß ſie faſt ſchwarz zu ſein ſchienen. Die Naſe war ſcharf gebogen und der Mund, von einem dunkeln Bart umgeben(etwas, das zu jener Zeit nicht Mode war), hatte ſo weiße Zähne und ſo rothe und friſche Lippen, daß ſie ſelbſt bei einer Schönheit Neid hätten erregen können. Die Haut war faſt olivenbraun und es fehlte ihr, wie gewöhnlich bei ſtark brunetten Perſonen, an allem Colorit. Das von der Stirne und den Schlä⸗ fen zurückgeſtrichene Haar war ſeidenweich und glänzend. Die Geſichtsbildung war untadelhaft und oval und hatte einen Ausdruck, welcher einen Menſchen von heftigen und lebhaften Gefühlen und von einem hohen Grade von Excentricität andeutete. Sein Alter würde man ſchwer haben beſtimmen können. Die Meiſten würden ihn für einen Mann von einigen und dreißig Jahren angenommen haben; aber er war nur einige und zwanzig. 3 So war der Mann, welcher Sorenza vorgeſtellt wurde, und deſſen Ausſehen ſie dergeſtalt frappirte daß ſie einen Schritt zurückthat. Aus dem Geſichte des jungen Mödchens, welches noch nicht ſo weit gekommen war, eine Maske aufzuſetzen, hinter welchen die Eindrücke verborgen werden könnten, leuchtet die Ueberraſchung hervor, die ſie ergriff. 4 Nils Porry bemerkte, indem er ſeine Bliche i 133 die mit Bewunderung auf ihn gerichteten Augen ver⸗ ſenkte, mit klarer und tiefer Stimme: — Es iſt für mich ein großes Vergnügen, die Bekanntſchaft einer ſo jungen und ſo viel verſprechen⸗ den Künſtlerin zu machen. Ich wünſchte in der That wirkliche Beredſamkeit zu beſitzen, um die lebhafte Bewunderung auszudrücken, welche ihre La Vallidre bei mir erregt hat. 3 — Ach! Sie ſchmeicheln,— ſagte Sorenza, in⸗ dem ſie erröthete und lächelte.— Ich fürchte, daß Sie mich zum Beſten haben, weil Sie mein erſtes Gemälde, das ich ausſtelle, ſo hoch ſchätzen. — Ich ſchmeichle nie, Mamſell Bencke; und ich habe nie Andere zum Beſten, als diejenigen, welche ſich ſelbſt lächerlich machen. Es kann deßhalb nicht von derjenigen die Rede ſein, welche Ihr Talent und Ihre Jugend beſitzt. Einen Beweis dafür, daß mein Lob aufrichtig iſt, werde ich ſofort dadurch liefern, daß ich Ihnen ſage, daß Ihr Gemälde, trotz ſeinen großen Verdienſten an einem Fehler leidet. — An einem?— Sorenza lächelte. Ich, für meinen Theil, glaube, daß es viele hat. Es würde mir ein Vergnügen machen, wenn Sie mir dieſelben nennen wollten. — Gerne! Es lag etwas im höchſten Grad Einfaches in Porry's Manieren, für den ſcharfen Beobachter viel⸗ leicht etwas, das von großem Selbſtvertrauen zeugte. Sorenza und er gingen in das angrenzende Zim⸗ mer. Sie blieben vor einem kleinen Gemälde ſtehen, während die Andern, die demſelben hinreichende 134 Aufmerkſamkeit geſchenkt zu haben glaubten, weiter b gingen, um die übrigen in Augenſchein zu nehmen. — Sagen Sie mir,— ſagte Porry,— welche d Fehler Sie ſelbſt meinen, das dieſes Stück hat? l Merken Sie ſich, daß es eigentlich nur einen einzi⸗ 2 gen hat. Sorenza betrachtete ihr Gemälde aufmerkſam g. 31 und ſagte darauf in einem etwas zögernden Tone: — Die Figuren treten zu wenig hervor und das Licht iſt nicht gut vertheilt. — O, nein, die ganze Scene mit Licht und Schat⸗ h. ten iſt ja auf einen kleinen Raum beſchränkt, und ke die Figuren ſind Fondfiguren. Es ſind alſo Fehler, b welche Ihre Einbildung für den Augenblick geſchaf⸗ ich fen hat. Nein, es iſt ein anderer Fehler. Sehen m w Sie genau nach. — Je länger ich es betrachte, je mehr Mängel ve finde ich,— rief Sorenza niedergeſchlagen.— pr Gerade darum wird es mir ſo ſchwer die richtigen anzugeben. Wollen Sie, daß ich alle diejenigen her⸗ nenne, welche ich jetzt entdeckt habe? — Ich fühle, daß Sie dann ebenſo wenig gerecht werden würden, wie Sie es eben waren; darum werde ich Ihnen helfen. Was iſt das für ein Pa⸗ pier, worin La Vallidre liest? — Die erſten Zeilen, die der König ihr ſchrieb. ſol⸗ — Nun gut? Lei Sorenza blickte Porry fragend in's Geſicht; aber, vor als wenn ſie die Antwort in ſeinen Zügen zeleſen i ät rief ſie: — Es iſt der Ausdruc des Geſichts, welcher.. ſter ſie hielt inne. 135 V— Zu mild, zu ruhig iſt... fiel Porry mit gedämpfter Stimme ein. Erinnern Sie ſich, daß es die erſten Worte von ſeiner Liebe ſind, welche ſie liest.— Es iſt La Vallidre's Geſicht, aber nicht La 3 Vallidre's Herz, welches Sie gemalt. — Sie haben Recht,— flüſterte Sorenza mit n glühenden Wangen, ohne ihre Augen zum Redner : zu erheben. 83— Sie ſind auch zu jung, um das Herz malen zu können, da Sie noch nichts davon verſtehen. Sie haben die junge, ſchüchterne, unſchuldsvolle und A d keuſche La Vallidre gezeichnet. Wenn es ein Gebet⸗ r, buch wäre, das ſie in ihrer Hand hält, ſo würde f⸗ ich ſagen: Sie haben ihr Inneres meiſterhaft ge⸗ malt. Jetzt iſt es ein Liebesgedicht von dem Lud⸗ wig, den ſie mit Leidenſchaft liebte, und ich ſuche el vergebens in dieſen reizenden Zügen nach jenem Ge⸗ — präge glühender Entzückung und unnennbaren Glücks, en das ſie empfinden mußte! r⸗ Er hielt inne. Beide ſchwiegen eine Zeit lang. Darauf fragte er plötzlich: ht— Wie alt ſind Sie? m.— Siebenzehn Jahre,— antwortete Sorenza. a⸗— Sie werden mit der Zeit eine große Künſt⸗ lerin und meine Bemerkungen ſind ungehörig. Wie b. ſollten Sie, die Sie noch ein Kind ſind, auf der Leinwand das wieder geben können, was Ihnen er, vollkommen fremd iſt. Für ein ſo junges Mädchen en, iſt dieſes Gemälde gelungen. Würden Sie es im nächſten Jahre malen, dann würde daſſelbe Sie un⸗ . ſterblich machen. 136 V — Warum im nächſten Jahre?— Sorenza blickte zu ihm auf. — Weil Sie dann geliebt haben. Dieſe Worte wurden leiſe und mit einer magiſchen Betonung geſagt. Sorenza ſenkte wieder die Blicke und ging, um die Majorin Grüner und die Uebrigen, welche ein Stück davon ſtanden, aufzuſuchen. Porry verweilte einen Augenblick vor dem Gemälde, worauf er ſich der Majorin näherte, mit welcher er ſich ausſchließ⸗ lich unterhielt. Am Abend deſſelben Tages ſaßen die Majorin Grüner und Sorenza nebſt einigen fremden Damen im Salon, als man Herrn Porry anmeldete. Nils trat ein und nachdem er die Majorin, den Major und die Uebrigen gegrüßt hatte, näherte er ſich Sorenza, die an einem der Fenſter ſaß. Er ahn Platz auf einem Stuhl ihr gegenüber und agte: — Ich fürchte, daß ich Sie beleidigt habe und darum mache ich bereits heute einen Beſuch hier, um Sie um Ihre Nachſicht zu bitten, falls meine Worte Ihre Unzufriedenheit erweckt haben ſollten. — Wie können Sie glauben, daß ich beleidigt worden bin?. — Sie verließen mich ſo plötzlich. — Das geſchah nicht aus Unzufriedenheit, im Gegentheil; ich fühle mich dankbar für die Bemer⸗ kung, die Sie machten. Ach! Ich habe ja ſo viel zu lernen, bevor ich darauf Anſpruch machen kann, eine Künſtlerin genannt zu werden. Ich bin ja ein Kind,— fügte ſie lächelnd hinzu. 1 137 — Ja; aber ein ungewöhnliches und reichbe⸗ gabtes Kind, das eines Tages etwas Großes wer⸗ den wird. — Jetzt ſchmeicheln Sie wieder. — Man ſchmeichelt nicht Kindern. Nils lachte. — O, ja, man ſchmeichelt ihnen, damit ſie nicht weinen ſollen. Sie wollen mich mit den Mängeln meines Gemäldes dadurch verſöhnen, daß Sie mir ſagen, was ich möglicherweiſe werden kann. — Wenn Sie verliebt werden,— fiel er mit leiſer Stimme ein. — Werde ich dann eine große Künſtlerin? Jetzt lachte Sorenza wie ein Kind. 1 — Es wird nie etwas Ausgezeichnetes aus einem Weibe, bevor ſie dieſe größte und weſentlichſte Thor⸗ heit der Welt würdigen gelernt hat. Der Charak⸗ ter deſſelben nimmt dann ein beſtimmtes Gepräge an. Die Liebe iſt die geiſtige Sonne, welche die Früchte des Innern reift. So lange wir mit die⸗ ſem Gefühle unbekannt ſind, iſt unſer Inneres ein Chaos und unſer geiſtiges Daſein dasjenige eines Kindes; und werden wir noch ſo alt von Jahren, ſo ſind wir uns doch der Kräfte bewußt, welche ſich in uns bewegen. Die Liebe iſt das Erwachen zum Kampfe, zum Siege oder Untergang. — Sie ſchildern die Liebe wie eine ſchwere Krank⸗ heit,— meinte Sorenza,— und nicht beſonders lockend, denn ein ſolches Erwachen müßte wenig angenehm ſein. Auch hoffe ich, daß es recht lange dauern wird, bevor etwas Großes aus mir wird, falls es nicht unter anderen Bedingungen geſchehen kann. ₰4 138 — Fürchten Sie ſich vor dem kleinen Gott? — Fürchten!— Sorenza lächelte trotzig.— Ich fürchte mich vor nichts; aber ich fühle mich zufrie⸗ den und wünſche, daß es immer ſo bleiben möge, wie es jetzt iſt. — Hegen Sie keinen andern Wunſch? — Ja, daß meine Gemälde gelingen mögen. — Ehrgeizig alſo? 3 Nils betrachtete Sorenza mit einem ironiſchen Ausdruck. — Iſt es für einen Künſtler nicht erlaubt, das zu ſein. — Wenn der Künſtler ein Mann iſt, ja. Iſt es ein junges Mädchen, welches ſich zum Weibe entwickeln ſoll, nein. — Und warum? — Ihre Aufgabe iſt— — Speiſen zuzubereiten? — 3u lieben. Wieder hatte die Stimme einen eigenen Ton, welche Purpurflammen in Sorenza's Wangen trieb. — Dieſe Ihre Worte von Liebe reizen mich,— ſagte ſie heftig. — Und der Grund? — Daß ich zu jung bin, ſie anzuhören, und Sie mir zu unbekannt, um ſie auszuſprechen. — Es iſt nicht paſſend, wollen Sie ſagen. — Daran habe ich nicht gedacht; aber ſie wir⸗ ken unangenehm. — Sind Sie ſo aufrichtig gegen Alle? — Ja. 139 — Sie ſind wirklich ein Hind und haben Vieles vom Leben zu lernen. 4 Er ſtand auf und ging hin, um ſich mit dem Major zu unterhalten. Sorenza fühlte ſich wieder ſonderbar zu Muthe und war ärgerlich darüber, daß er ſie verließ. Die ſchwarzen, wunderbaren Augen begegneten indeſſen jedesmal den ihrigen, wenn ſie aufblickte; wo auch Nils ſeinen Platz nahm, hatte er ſie auf Sorenza geheftet.* Nach dem Tode der Madame Toll hielt Sorenza ſich in dem Hauſe ihrer Couſine, der Majorin Grü⸗ ner, auf, wo Graf Eldon für ſie bezahlte. Madame Toll hatte der Majorin nichts von der nahen Ver⸗ nandtſchaft mitgetheilt, welche zwiſchen Sorenza und dem Grafen ſtattfand, ſondern ihr nur geſagt, daß er ſich der Zukunft Sorenza's angenommen, weil die Mutter des Mädchens in der Familie des Gra⸗ fen geweſen. Madame Toll hatte mehrere Male während ihrer langwierigen Krankheit mit Ida Grüner über So⸗ renza geſprochen und ihr dann immer an's Herz ge⸗ legt, daß Ida Sorenza in Schutz nehmen ſolle, wenn Madame Toll ſtürbe; und dieſes verſprach Ida; ein Verſprechen, welches bis jezt nicht beſonders ſchwierig zu erfüllen geweſen war, da der Graf ſehr freigebig die Koſten beſtritt. Am Tage nach der Ausſtellung ging Sorenza vom Hauſe ihrer Couſine fort, um ſich in die Woh⸗ nung des Grafen zu begeben, wo er ein Atelier für ſie hatte herrichten laſſen. 140 Sie war nicht viele Schritte gegangen, bevor ſie Porry begegnete. Er kam auf ſie zu und ſagte, b nachdem er gegrüßt: — Sie müſſen heute die Ausſtellung beſuchen; das Gemälde des jungen G. iſt vor einer Stunde dort aufgeſtellt worden und verdient geſehen zu werden. Nachdem er dieſe Worte geſprochen, verabſchie⸗ dete er ſich. Etwas ſpäter am Tage finden wir Sorenza eifrig damit beſchäftigt, ein Gemälde in ihrem kleinen Atelier zu placiren. Das Gemälde war ein kleines Genreſtück,„den Abſchied Maria's von Arel, bevor ſie ſtirbt“ darſtellend. Nachdem es ihr gelungen war, daſſelbe in ein paſſendes Licht zu ſtellen, blieb ſie vor ihm ſtehen und betrachtete es aufmerkſam. Das Geräuſch einer Thüre, welche geöffnet wurde, machte, daß ſie raſch den Kopf umdrehte. Graf Eldon und Profeſſor E— traten herein und wurden von einem langen, ſchlanken Jüngling begleitet, der kein anderer war, als Ernfried. Profeſſ or E— ſprach einige freundliche Worte zu ſeiner jungen Schülerin, worauf er das Bild zu unterſuchen begann. Es trat eine Stille ein. Während derſelben wechſelte Sorenza unaufhörlich die Farbe und man las in ihren Zügen all die Unruhe, welche das Herz mit doppelten Schlägen klopfen⸗ macht. Endlich be⸗ merkte der Profeſſor: — Du haſt Dich ſelbſt übertroffen, mein Kind. Mit dieſem Bilde hier haſt Du auf der Bahn der 141 r Kunſt einen großen Schritt vorwärts gethan— das Gemälde iſt gelungen. Sorenza ſprang auf den Profeſſor zu und ergriff . lebhaft ſeine Hand, die ſie küßte. Ein paar Freu⸗ ddeenthränen fielen auf dieſelbe. Der Profeſſor ſtrei⸗ cheelte ſie.. Als er und der Graf kurz darauf ſich entfernt hatten, blieb Sorenza mit gefalteten Händen und einem freudeſtrahlenden Blick, den ſie dankbar in die Höhe richtete, vor ihrem Gemälde ſtehen. Ohne zu merken, daß ſie nicht allein war, flüſterte ſie: — O meine geliebte, geliebte Tante, habe Dank! r Dein Geiſt iſt es, welcher Deinem armen Kinde Segen bringt! — Ja ſo, Du biſt während des vergangenen 6 Jahres eine ausgezeichnete Künſtlerin geworden,— 3 bemerkte eine neckende Stimme hinter ihr. 9 Sie wandte ſich heftig um. Ernfried ſtand n 8 da. Seine Augen ruhten nicht auf dem Gemälde, ſondern auf Sorenza. — Ernfried! rief ſie.— Ich ſah Dich nicht und wußte nicht einmal, daß Du in Stockholm ſeiſt. e Willkommen.. 1 Sie reichte ihm die Hand; aber er nahm ſie nicht, ſondern antwortete in einem ſtolzen Tone: n Es iſt das erſte Mal, daß wir uns wiederſehen, n ſeit ich auf D.— um Deinetwillen von meinem 4 I Vater förmlich abgeſtraft wurde. Glaubſt Du, daß 4 das Jahr, welches ſeither vergangen, hingereicht hat, um den Schimpf auszulöſchen, welchen ich da⸗ d. mals erlitten? Glaubſt Du, daß ich Dir vergeben 14² habe?— Ich, Ernfried Eldon, habe Sorenza's wegen eine Züchtigung erhalten. — Ernfried! kannſt Du, noch darüber böſe ſein, daß ich Deine verlezenden Worte nicht ertragen konnte? Ach, Du weißt nicht, wie unglücklich ich mich durch dieſe ungerechten Ausfälle fühlte. Vergebe mir, wenn ich in meinem Schmerz die Urſache zu einem Verdruß für Dich geworden bin. V Wieder reichte ſie ihm die Hand. Sorenza hatte einen Augenblick vorher ſich ſo glücklich und dankbar gegen Gott gefühlt, daß ſie ein unbeſchreibliches Be⸗ dürfniß empfand, alles Unrecht zu vergeben und zu vergeſſen und Andere freundlich zu ſehen; aber es fehlte Ernfried an dem, was man Herz nennt, und darum ſchob er auch jezt die Hand mit den Worten zurück: — Ich verzeihe Dir nicht, denn ich fühle im Herzen Bitterkeit gegen Dich. Dein Auftreten in unſerer Familie iſt die Urſache zu Verdrießlichkeiten für uns Alle geweſen. Der Ton des Jünglings war hart. Indem er auf das Gemälde deutete, fuhr er fort: — Du glaubſt alſo durch dieſes einen Namen als Künſtlerin zu erhalten. Iſt es ſo? — Ja, und ich glaube auch die Achtung Anderer zu gewinnen. Man wird verzeihen, daß— Sorenza hielt inne. — Verzeihen, daß Du ein Weſen biſt, das Alles durch die Güte und Barmherzigkeit Anderer iſt. Nein, und wenn Du die größte Künſtlerin von der Welt würdeſt, ſo würde man doch hinzufügen: Sie iſt ein unehliches Kind.. 143 — Ernfried!— rief Sorenza, und warf den Kopf zurück.— wie elend iſt es von Dir, ſo zu ſprechen? — Elend!— So— o, hätte ich früher gewußt, daß Du dem Leichtſinn meines Vaters das Leben zu danken haſt, ſo würdeſt Du niemals ſo freundlich behandelt worden ſein, wie Du es wurdeſt.— Du ſprichſt von etwas, das elend iſt, was kann elender ſein, als Deine Herkunft? Ich hätte mich nicht hier eingefunden, wenn es nicht geſchehen wäre, um Rache zu nehmen. Weißt Du, welche? — Nein.— Ich überlaſſe es Ernfried Eldon, alle unedeln Methoden, zu verletzen und zu beleidigen, zu erſinnen. — Daran thuſt Du Recht. Sage mir, wie lange haſt Du an dieſem Bilde gearbeitet? — Ein halbes Jahr. — Sechs Monate; und ich könnte mit einem einzigen Schlag Dein Meiſterwerk zerſtören, um Dich noch weitere ſechs Monate daran arbeiten zu laſſen, ein ähnliches hervorzubringen, was Dir viel⸗ leicht nie gelingen wird. Wenn ich hier ſo thäte— er erhob ſeine geballte Fauſt mit einem höhniſchen Lächeln— ſo würde Dein Gemälde in einen Lumpen verwandelt werden. — Ja; aber das wirſt Du nicht thun,— ant⸗ wortete Sorenza beſtimmt. — Und was ſollte mich hindern? — Die Furcht vor dem Grafen. — Furcht ſagſt Du!— rief Ernfried.— Au⸗ genblicklich ſiel ſeine geballte Fauſt auf die Leinwand des Gemäldes, daß es barſt.. 144 Sorenza ſchrie auf und faßte ihn heftig am Arm. Während einiger Minuten betrachteten die beiden Geſchwiſter einander ſchweigend. Ein ſchallendes Gelächter veranlaßte Sorenza, ihren Kopf raſch umzuwenden; in demſelben Augen⸗ blick bemerkte eine heitere Stimme: — Brav gemacht, Ernfried! Was iſt jezt aus dem großen Rufe und aus dem glänzenden Namen geworden, den Du Dir ſchaffen wollteſt? Ich glaube, er iſt in Fezen zerriſſen. Sieh' mal! Jenny, denn ſie war es, ging hin zur Staffelei und nahm das zerſtörte Bild, welches ſie vor So⸗ renza hinhielt, die bei dieſem Anblick in Thränen ausbrach. Mit einem Ausdruck tiefen Schmerzes flüſterte Sorenza: — Mein ſchöner Traum zerſtört! Meine reine Freude verbittert! — Ja Du, ſo geht es, wenn man übermüthig iſt, ohne ein Recht dazu zu haben,— ſagte Jenny höhniſch. Ernfried ſtand da mit gekreuzten Armen und be⸗ trachtete das Opfer ſeiner Bosheit. Eine Pauſe trat ein. Der Schall von Schritten in dem angrenzenden Zimmer veranlaßte Ernfried und Jenny, etwas be⸗ ſtürzt auszurufen: — Papa! Raſch wie der Gedanke riß Sorenza das Bild aus den Händen Jenny's und ſtellte es hinter einen Haufen Plunder. Ernfried folgte ihren Bewegungen mit einem Ausdruck der Verwunderung. Sorenza trocknete darauf ihre Thränen. Der Graf trat ein. n 2⸗ 145 — Nun, Sorenza, Du biſt wohl ganz glücklich über das Lob Deines Lehrers?— bemerkte der Graf mit ungewöhnlich milder Stimme. — Ja, ich war ſehr glücklich. Die Thränen drohten ſie zu erſticken; ſie vermochte es, trotz allen Anſtrengungen nicht, dieſelben zurückzuhalten; ſie drangen unwillkürlich hervor. — Wasl ich glaube, Du weinſt? Der Graf ſah erſt ſie, dann Ernfried und Jenny nit einem fragenden Blicke an und fügte dann inzu: — Das wäre eine ſehr ſonderbare Weiſe, ſein Glück zu erkennen zu geben, beſonders da ich kam, um Dir zu ſagen, daß Dein Bild vor ein Uhr nach der Ausſtellung geſchickt werden muß. Bei dieſen Worten floſſen die Thränen noch häufiger. — Was bedeutet dieſes?— fragte der Graf ſcharf.— Warum weinſt Du? Er trat an die Staffelei; und fügte, als er es leer fand, hinzu: — Wo iſt das Bild? — Ich habe es bei Seite geſtellt,— ſtammelte Sorenza. Ernfried wurde bleich; blieb aber doch mit hochgetragenem Kopfe ſtehen. — Nehme es hervor! Sorenza rührte ſich nicht. Der Graf richtete einen befehlenden Blick auf ſie. — Hörſt Du nicht, was ich ſagte? — Es iſt mir ein Unglück paſſirt,— flüſterte Sorenza. Schwartz, Die Tochter des Ebelmanns. 1. 10 146 — Ich habe das Unglück gehabt, die Leinwand zu zerſprengen.— Sie wagte nicht aufzublicken. — Die Leinwand zu zerſprengen? Haſt Du das Bild zerſtört?— rief der Graf heftig.— Was ſind das für Geſchichten? Wo iſt es? — Ich habe es da hinten hingeſtellt,— ſagte Sorenza. — Nehme es hervor! Mit zögernden Schritten gehorchte ſie. 3 Als der Graf das Bild zu Geſicht bekam, ver⸗ finſterte ſich ſeine Stirne und er fragte mit gedämpf⸗ ter Stimme: — Wie iſt das zugegangen? — Es kam ſo, daß... daß... daß... daß ich mit dem Ellbogen die Leinwand durchſtieß. — Das iſt nicht wahr, jetzt lügſt Du. — Das ZBild iſt zerſtört; wie es zuging, kann ja einerlei ſein,— antwortete Sorenza mit Feſtig⸗ keit;— beſonders da ich es ſelbſt gethan, und ſelbſt unter den Folgen leiden muß. — Ja ſo, darum, weil es Deine Arbeit iſt und Du das Bild zerſtört haſt, glaubſt Du nicht nöthig zu haben, mir Rechenſchaft darüber abzulegen, wie es zu⸗ gegangen. Aber ich denke anders. — Da das Unglück geſchehen iſt und da ich ſo bitter dafür büßen muß, ſo bin ich ja hart genug für meine Unachtſamkeit geſtraft. — Ich will wiſſen, wie es zugegangen iſt. Sonſt glaube ich, es ſei auf eine Weiſe geſchehen, daß Du einen Grund haſt, es geheim zu halten. Ver⸗ muthlich irgend ein neuer Zug in Deinem wilden Temperament. leriſche Ausbildung auf Dich zu verwenden. 147 Sorenza ſchwieg. Ernfried betrachtete ſie mit Ueberraſchung. — Du ſchweigſt.— Du willſt alſo nicht ſagen, auf welche Weiſe das Unglück geſchehen iſt? — Ich würde genöthigt ſein zu lügen und das will ich nicht. — Genöthigt ſein zu lügen! Der Graf faßte ſie hart am Arm.— Und wa⸗ rum ſprichſt Du nicht die Wahrheit? Er ließ ihren Arm los und fügte, indem er im Begriff ſtand das Zimmer zu verlaſſen, hinzu; — Deine Unterrichtsſtunden bei Profeſſor E— ſind mit dem heutigen Tage zu Ende. Ich gedenke nichts mehr für Deine weitere kunſt Der⸗ jenige, welcher, gleich Dir, Züge eines ſchlechten Charakters an den Tag legt, muß auf einen un⸗ tergeordneten Platz im Leben geſtellt werden, damit er nicht ſchaden kann. Der Graf legte die Hand auf den Thürgriff. Ernfried blickte Sorenza an, ob ſie den Vater gehen laſeen würde. Das junge Mädchen blieb unbeweg⸗ 65: aber als der Graf die Thüre aufmachte, rief rnfried: — Papa, ich bin es, welcher das Bild Ooranaas * 148 zerſtört, und daß iſt der Grund, daß ſie nicht ſagen will, wie es zugegangen. Bei dieſen Worten wandte der Graf ſich haſtig um und rief: — Du, Ernfried! — Ja, ich, Papa. Wahrlich ich habe Sorenza mit Verwunderung angehört; denn warum ſie das nicht geſagt, weiß ich nicht. Sie hatte allen mög⸗ lichen Grund, auf mich erbittert zu ſein. Aus reiner Bosheit und Rache habe ich meine That begangen. Jetzt reut mich dieſelbe. Mein Aerger iſt verſchwun⸗ den, und ich wollte wünſchen, daß ich das Geſchehene ungeſchehen machen könnte, ſo wirklich großherzig hat Sorenza ſich gegen mich betragen. Glaube mir, Sorenza, Deine Rache war weit fürchterlicher, als die meinige. Du haſt mich gedemüthigt. Jetzt reichte Ernfried Sorenza die Hand mit den Worten: — Sollten wir noch einmal in Streit gerathen, und ich mich gegen Dich vergehen, ſo erinnere mi an dieſe Stunde, und ich werde Alles thun, was Du von mir verlangſt.. Ohne Groll, ohne einen Schein von Unwillen⸗ nahm Sorenza die dargereichte Hand und ſagte mit Herzlichkeit: — Danke, Ernfried! Ich werde mich dieſer Stunde mit Erkenntlichkeit gegen Gott erinnern. — Für was ſollteſt Du denn erkenntlich ſein, armes Kind? fiel der Graf ein und ging zu ihr hin.— Dafür, daß er aus Bosheit Deine ſchöne Arbeit zerſtört und ich harte Worte zu Dir ge⸗ ſprochen? 149 — Mein Bild werde ich wieder malen; die harten Worte ſind vergeſſen; aber ich habe Ernfried wegen der Unannehmlichkeiten verſöhnt, die ich ihm einmal verurſachte und dafür bin ich dankbar. — Du biſt ein wunderliches Mädchen,— ſagte der Graf gerührt und küßte Sorenza's Stirne, hierauf fügte er, indem er ſich an Ernfried und Jenny wandte, hinzu: — Das Atelier iſt Sorenza's und ich verbiete Euch einzutreten, ſofern Ihr von ihr nicht eine be⸗ ſondere Erlaubniß habt. Um die Mittagszeit wanderte Sorenza, von Ern⸗ fried begleitet, nach Grüner's Haus. Die beiden jungen Leute ſahen ganz vergnügt und glücklich aus. Ernfried, von Natur mit einem ungewöhnlich guten Kopf begabt, bot Alles auf, um Sorenza zu unterhalten. Man ſah es dem ſonſt ſtolzen Jüng⸗ ling an, daß ſie einen großen Sieg gewonnen, wel⸗ chen er gern als den ihrigen anerkannte. — Wie lange bleibſt Du in Stockholmo— fragte Sorenza, als ſie in der Nähe des Thores des Majors waren. — In zwei Tagen kehre ich nach Upſala zurück. Ich beabſichtige ſo zu ſtudiren, daß ich im nächſten Jahre den Grad nehmen kann. — Und dann? — Dann will ich ſehen, was ich zu werden mich entſchließe. Adieu, liebe Sorenza! Ich komme viel⸗ leicht dur Nachmittag mit Arthur hinauf zu dem 8 4 150 Major; er beabſichtigt ſeinem früheren Compagnie⸗ chef auf Karlberg einen Beſuch abzuſtatten. Ernfried nickt Sorenza zu und entfernte ſich. Als Sorenza bei der Majorin Grüner hinauf⸗ kam, wurde ſie mit folgenden Worten empfangen: — Ich bekomme Beſuch den Nachmittag, ſo daß Du ein wenig Toilette machen mußt. — Welchen Beſuch denn? — Einige von Grüner's Kameraden und die Profeſſoren M.— und E.—, ſowie ein paar Künſt⸗ ler und... Jda hielt inne. — Und ferner? — Rathe mal. — Deinen Liebling, den jungen von B.—? — O, nein, meine Liebe, Jemanden, der weit intereſſanter iſt. — Ah! Herrn Porry? — Richtig. Wir werden dieſen Sommer Nach⸗ barn, weil er die ſchöne Jahreszeit auf Alnäs bei ſeinem Vetter, dem Gutsbeſitzer Sturm, zubringen wird. — So— oh,— antwortete Sorenza gedan⸗ kenvoll und ging auf ihr Zimmer, um ſich anzu⸗ kleiden. Ein Gefühl der Unruhe und Beklemmung legte ſich auf ihre Bruſt und ſie hatte faſt vor Ungeduld ein vollſtändiges Fieber, als alle die andern Gäſte angekommen waren, Porry aber noch nicht erſchien. — Der kommt gewiß nicht,— dachte Sorenza und ſtützte ihre Stirn gegen eine der Fenſterſchei⸗ ben.— Das wäre recht verdrießlich,— füg Gedanken hinzu. 6 ſie in —-——,— e ⸗ 151 In demſelben Augenblick hörte man den Gruß eines Fremden in dem angrenzenden Salon und kurz darauf trat Jemand in das Kabinet, wo Sorenza ganz allein ſtand. Sie drehte ſich um; es war Porry. — Was er ſchön iſt!— dachte Sorenza und reichte ihm ſchweigend die Hand, welche Porry zergriff. — Profeſſor E— hat mir geſagt, daß wir ein neues Bild von Ihnen in der Ausſtellung bekom⸗ men; iſt das wahr?— bemerkte er, als Sorenza nach dem ſtummen Gruß ganz raſch ihre Hand zu⸗ rückzog, die er in der ſeinigen behalten. — Es war ſo beabſichtigt; aber es wird nichts daraus,— antwortete ſie. — Und warum?. — Es hat ſo viele Fehler. — Sind Sie jetzt ebenſo aufrichtig, wie das letztemal, wo wir uns trafen? — Man kann nicht immer ſich ſelbſt gleich ſehen, — antwortete Sorenza lächelnd. .— Irdeſſen behaupteten Sie damals, daß ſie immer aufrichtig wären. — Das bin ich auch. — Jetztt nicht. — Woher wiſſen Sie das? — Daher, daß Profeſſor E— neulich mit dem größten Lob von Ihrem Bilde ſprach; ein Lob, in welches die Künſtler D— und W— einſtimmten. — Ach ja, es war leider meine am beſten ge⸗ lungene Arbeit. Sorenza ſeufzte. 152 — Leider? — Ja; denn es iſt durch einen Unfall zerſtört worden. 3 — Was ſagen Sie?— Zerſtört? — Laſſen Sie uns nicht davon ſprechen; was geweſen iſt, iſt nicht mehr. Mein Bild gehört zu dem, was nicht mehr iſt. Das Wort„ſervirt“ veranlaßte Porry ihr ſeinen Arm zu bieten, etwas, das Ida's Neid erregte, denn ſie hatte darauf gerechnet, daß der berühmte und hübſche Künſtler ihr dieſe Aufmerkſamkeit geſchenkt haben würde. Die Mittagstafel ging ihren gewöhnlichen Gang; als ſie endlich vorbei war und ein Theil der Herren, welche nicht zu einer Spielpartie eingeladen waren, Abſchied genommen hatte, kamen einige Damen an, die von der Majorin auf den Nachmittag eingeladen waren, ſo daß es eine, wie man es nennt ausge⸗ wählte Verſammlung werden ſollte. Alle Gäſte waren angekommen und man war eben im Begriff, nach beſten Kräften durch Erzählun⸗ gen von dieſem und jenem, was den Nächſten betraf, ſich zu zerſtreuen, als der Bediente meldete: — Die Grafen Eldon! Einen Augenblick darauf traten Ernfried und Arthur ein; als ſie auf die Wirthin zugingen und grüßten, flüſterte man ringsum: — Was ſie ſchön ſind. Und ſchön waren die beiden Jünglinge. Nach⸗ dem ſie die Pflichten der Höflichkeit gegen den Wirth und die Wirthin erfüllt hatten, näherten ſie ſich Sorenza. — 153 — Das Haus iſt voll von Leuten,— ſagte Ern⸗ fried und ließ ſich bei ihr nieder. — Ja, hier iſt ja eine wahre Sammlung von ſchönen Damen,— ſagte Sorenza lächelnd. — Unter welchen Du indeſſen die ſchönſte biſt,— meinte Arthur lachend. — Erinnere Dich, daß wir in Geſellſchaft ſind und daß das Du zwiſchen uns verbannt ſein muß. Ihr ſeid die Grafen Eldon und ich die Mamſell Bencke. — Sorenza, was ſollen dieſe Worte bedeuten? Arthur ſah ſie mit einem traurigen Blick an. „— Sie bedeuten den Willen der Gräfin und die Ehre meiner Mutter. Vor der Welt ſind wir nicht verwandt, denke daran. Arthur ſchwieg und Ernfried fuhr fort: — Das wird gewiß langweilig. Es gibt ja hier kaum ein halbes Dutzend Mädchen, ſo daß man keine Ausſicht hat, einen Walzer zu bekommen. Da ſehe ich kein Hinderniß dafür; wir haben nicht weniger als zehn junge Frauen, die gewiß ebenſo gern tanzen, wie wir Mädchen,— verſicherte Sorenza. — Sorenza ſieht ganz vergnügt aus heute Abend? Ernfried blickt Sorenza forſchend an und fuhr ort:.. — Und doch hätteſt Du allen Grund verdrießlich zu ſein. 3 — Wegen was?— fragte Arthur. — Nun, laß uns nicht davon ſprechen,— fiel — 154 Sorenza munter ein.— Ich habe dreiviertel Elle Leinewand verloren und gewann... — Ein Herz,— meinte Ernfried lachend. — Dann verliert Mamſell Bencke nicht durch den Tauſch,— ſagte eine klare Stimme hinter Sorenza. — Das meine ich auch,— verſicherte Sorenza und präſentirte:„Herr Porry, unſer ausgezeichneter Künſtler. Die Grafen Eldon.“ 5 Mit einer nachläſſigen Miene der Ueberlegenheit grüßte Porry die beiden Jünglinge, wie ein Mann im Allgemeinen junge Leute behandelt. — Es kommt indeſſen darauf an, welches Herz ſie gewann,— ſagte Porry, zog einen Stuhl hervor und ſetzte ſich neben Sorenza. — Ein ſehr ſtolzes Herz. — Ich gratulire. War es eines der beiden Grafen, ſo erlaube ich mir zu behaupten, daß es— zu jung ſei. Kinderherzen ſind unbeſtändige Dinge⸗ Sein Auge ruhte auf Sorenza. 5* Ernfried ſah Porry ſtolz an und antwortste: — Glauben Sie das, Herr Porry? Ich kann Ihnen indeſſen die Verſicherung geben, daß die Ju⸗ gend in ihrer Antipathie und Sympathie beſtändiger iſt, als die Aelteren. — Wirklich?— Wie alt ſind Sie, Graf? Es lag etwas unbeſchreiblich Aufreizendes in Porry's Ton. — Ich halte es nicht für nothwendig, dieſe Frage zu beantworten, weil ſie unpaſſend zu ſein ſcheint. Ernfried ſtand auf. ( 5 A 155 — Sie finden ſich durch meine Worte verletzt, aber Sie haben Unrecht. Porry blickte Ernfried an. — Ich wollte mit meiner Frage nur ſagen: Wie viel haben Sie, noch ein junger Menſch, vom Leben geſehen, oder von Menſchenherzen kennen gelernt, das Sie dazu berechtigt, mit der Zuverſicht zu ſprechen, mit welcher Sie ſprechen. Ich vergaß, daß Selbſtvertrauen und Unverträglichkeit die hervorra⸗ gendſten Eigenſchaften der erſten Jugend ausmachen. Porry entfernte ſich, ohne Antwort abzuwarten. Ernfried äußerte etwas über Unverſchämtheit. Sorenza unterbrach ihn mit einem Scherz über eine der Damen in der Geſellſchaft, worüber er lachen mußte, und bald ſchien der Aerger vergeſſen zu ſein. 4 Jeder, welcher das Temperament der Jugend kennt, weiß, daß die Eindrücke raſch einander ablöſen. Ernfried gehörte zu denjenigen, welche über einen guten Einfall ihren auflodernden Zorn vergeſſen, aber man irrte ſich jedoch, wenn man glaubte, daß er die Urſache vergeſſen hätte, die jenen hervorge⸗ rufen. Nein, die Wunden, welche ſeiner Eigenliebe verſetzt wurden, ſollten weder durch Zeit noch Jahre verwiſcht werden. Sie ſollten auf ſeine Handlungen einwirken und den Grund legen zu einem unverſöhn⸗ lichen Unwillen gegen Denjenigen, der ihm dieſelben zugefügt. In dieſem Falle half er Sorenza, Mehrere in der Geſellſchaft recht herzlich auszulachen. Einige junge Mädchen, welche ſich bei Sorenza niedergelaſſen, trugen noch zur Vermehrung des Scherzes bei, und 156 mit der bei der Jugend gewöhnlichen ſorgloſen Un⸗ barmherzigkeit wurden die Späße über die Anderen fortgeſetzt, ſo daß Jeder ſeinen Theil von den kind⸗ lich übermüthigen Sarkasmen bekam. — Betrachte doch Ida,— bemerkte ein junges Mädchen über Majorin Grüner,— wie unbeſchreib⸗ lich liebenswürdig ſie ausſieht und welche Augen ſie Herrn Porry macht. — Er iſt recht hübſch,— meinte eine Andere⸗ — Kann der Mann den Namen„hübſch“ verdie⸗ nen?— fiel Ernfried ein. Er ſieht ja aus wie ein Mulatte. Er hat etwas Infernaliſches in ſeinem Blick. — Durchaus nicht,— ſagte ein etwas älteres Mädchen. Er iſt magiſch hübſch. Betrachten Sie ihn, wie er jetzt daſteht, und der Graf wird es zugeben. Aller Blicke richteten ſich auf Porry, wie er da⸗ ſtand, nachläſſig gegen eine Sophalehne geſtützt, und mit der Majorin ſprach. — Hübſch, das wäre zu wenig geſagt,— mur⸗ melte Sorenza. — Schön, meinſt Du,— flüſterte Arthur. Er hatte von dem Augenblicke an, wo Porry ihnen vorgeſtellt wurde, ein ununterbrochenes Schweigen beobachtet. Beim Klange von Arthur's Stimme fuhr Sorenza zuſammen und wandte ſich gegen ihn. — Hab ich nicht Recht?— fragte Arthur. — Vollkommen! Sorenza ſtand auf und verließ die Gruppe. Einige Minuten darauf erklangen aus dem Salon die fröhlichen Töne eines Walzers. Porry kam gerade auf Sorenza zu. — 157 — Sie ſchenken mir wohl dieſen Walzer? Sorenza blickte, überraſcht über die Art und Weiſe, auf welche er ſie aufforderte, zu ihm hinauf; ſie ſenkte ſofort ihren Blick vor dem ſeinigen. — Sie antworten nicht? Haben Sie den Tanz bereits vergeben? Vielleicht an einen der jungen Grafen? — Nein, das habe ich nicht. — Dan iſt es der Meinige? — Ja! Es kam Sorenza vor, als wenn ſie die Schläge ihres Herzens hörte. Warum es ſo ſchlug, wußte ſie nicht. Zum zweitenmale erregte Porry die Eiferſucht der Couſine gegen das junge Mädchen. Die Majorin hatte darauf gerechnet, daß er ſich zuerſt an ſie wen⸗ den und ſich nicht eine ſolche Unhöflichkeit zu Schulden kommen laſſen würde: aber ſtatt ſich über Porry zu ärgern, welcher eigentlich der Fehlende war, wurde ſie förmlich aufgebracht gegen Sorenza. Einige Augenblicke darauf wimmelte der Salon von Walzenden. Das vorderſte Paar waren Porry und Sorenza. Während der erſten Runde war kein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt worden. Als ſie aber ausruhten, ſagte Porry: — Ein recht hübſcher junger Mann, der Graf Eldon! — Ja, er iſt ganz hübſch,— antwortete Sorenza, und betrachtete Arthur, welcher in demſelben Augen⸗ blick vorbeiwalzte. 4 — Sie ſind von ſeinem Aeußeren ganz einge⸗ nommen? 158 — Das bin ich geweſen ſeit dem erſten Augen⸗ blick, wo ich ihn ſah,— antwortete Sorenza ganz aufrichtig und vergaß alle Vorſicht in ihren Aus⸗ drücken. — Ich wünſche Ihnen Glück. Porry legte ſeinen Arm um ihren Leib und der Walzer wurde fort⸗ geſetzt. — Das nächſte Bild, welches Sie malen, wird untadelhaft,— ſagte Porry, während ſie walzten. — Warum glauben Sie das? — Weil Sie verliebt ſind. — Ich? Sorenza blickte ganz verwundert zu ihm hinauf. Ihre Miene drückte den höchſten Grad der Ueberraſchung aus. — Ich hatte Unrecht zu ſagen, ſind;— ich hätte ſagen ſollen,— im Begriff ſind, es zu werden. — In wen? en. — In jenen Jüngling, deſſen Herz Sie gewonnen. — In Graf Ernfried! Sorenza lachte. — Sie lachen! — Mein Gott, Ja!— das wäre ſo lächerlich. — Und worin läge das Lächerliche? — In dem Unmöglichen.— Wieder lachte So⸗ renza. — Unmöglich! Erklären Sie mir das. Sorenza erröthete. Jetzt erſt ſah ſie ein, daß ihre Ausdrücke unbedachtſam geweſen, und dies machte ihr nicht einen Grad von Kopfzerbrechen. Mit ſieben⸗ zehn Jahren fällt es uns nicht ſo leicht, eine be⸗ gangene Unvorſichtigkeit wieder gut zu machen. Währenddem hatte Porry ihr gar zu deutlich ſpre⸗ chendes Geſicht betrachtet. ———, 159 — Es fällt Ihnen ſchwer, jene Unmöglichkeit zu erklären? — Durchaus nicht; aber ich weiß nicht, warum ich es thun ſoll, beſonders Ihnen gegenüber. — Sie wollen damit ſagen, daß meine Frage nicht am Platze geweſen. — Herr Porry, wir haben uns bisher nur dreimal geſehen, und alle drei Mal haben Sie das Geſpräch auf ein Thema gebracht, das ich nicht be⸗ greife, weshalb wir darüber ſprechen ſollen. — Es mißfällt Ihnen. Sie ſagten es mir vor⸗ geſtern. — Nun wohl, warum ſollen wir dann darüber ſprechen? — Einſt werden Sie es verſtehen. Der Walzer war zu Ende und Porry führte Sorenza hin zu einem kleinen Sopha, wo er neben ßbr Platz nahm. 1 b Mamſell Bencke, erlauben Sie mir, Ihnen Etwas iu ſagen, das mein Betragen erklären wird. Es gibt zwiſchen gewiſſen Menſchen ein gewiſſes Band, das wir Sympathie nennen; ein Wort, womit wir glauben Etwas erklärt zu haben, das wir nicht per⸗ ſtehen können. Wenn zwei ſolche Perſonen, welche von der Na⸗ tur für einander beſtimmt ſind, mit einander zuſam⸗ mentreffen, mag es nun in der Geſellſchaft, auf der Straße oder wo ſonſt ſein, mögen ihre Augen ſich nur begegnen, ſo iſt es, als wenn ein geiſtiges Wie⸗ dererkennen ſtattfände. Es iſt Etwas in unſerem erzen, das uns ſagt:„Du haſt Denjenigen gefun⸗ den, den d ſuchteſt.“ 160 Bisweilen begegnen und trennen ſich zwei ſolche Perſonen gleich ſchnell; aber eine ſolche plötzliche Offenbarung und ein ſolches Verſchwinden unſeres zweiten Ichs hinterläßt in unſerer Seele das Gefühl eines unausſprechlichen Verluſtes, einer Leere, die nicht ausgefüllt werden kann. Fügen ſich die Ereigniſſe ſo, daß ſie ſich einander nähern dürfen, dann geſchieht das nicht unter Beobachtung der gewöhnlichen For⸗ men. Wir reden dieſe Perſon mit einer Vertraulich⸗ keit an, die wir ſelbſt natürlich finden, weil die See⸗ len alte Bekannte ſind. Es iſt ein Bild, das wir ſeit den Kinderjahren im Herzen getragen, ein Freund, den wir erwartet haben, ſicher ihn einmal zu finden, und haben wir ihn gefunden, dann haben wir ihn im erſten Augenblick wiedererkannt.— Haben Sie mich verſtanden? Porry beugte ſich vor und betrachtete Sorenza. — Ich glaube es,— flüſterte das junge Mäd⸗ chen, zu gleicher Zeit aufgeregt und faſt ängſtlich. — Nun wohl, als ich Sie zum erſtenmale ſah, kannte ich Sie wieder, und mein Herz rief, als un⸗ ſere Augen ſich begegneten, laut:„Das iſt ſie!“ Dieſes geiſtige Wiedererkennen hat bewirkt, daß ich Sie nie als einen Fremdling werde behandeln kön⸗ nen. Sie ſind das Weſen, welches naturgemäß meine Seele vervollſtändigen mußte, damit ſie ein geiſtiges Ganzes wurde. Glauben Sie nicht, daß ich mit dieſer Erklärung Ihnen es anvertraue, daß ich Sie liebe. Nein!— Dieſes iſt Etwas, das noch unentſchieden in mir liegt Vielleicht werden wir nie Liebe zu einander empiin⸗ den. Mag es damit werden, wie es will, ſo wird 161 es doch immer zwiſchen Ihnen und mir ein Band geben, das nicht zerriſſen werden kann. Solte ich eines Tages ein anderes Weib, als Sie lieben, ſo wuͤrde ich doch nie mit ihr glücklich werden, ſondern ein Gefühl haben, daß mir etwas fehlte, eine Leere empfinden, die durch Nichts aus⸗ gefüllt werden könnte. In meinem Innern würde mir immer eine Stimme zuflüſtern:„das iſt ſie nicht!“ Und ich würde dann für die ganze übrige Zeit meines Le⸗ bens von Sehnſucht nach Ihnen verzehrt werden. Ich will nicht behaupten, daß Sie daſſelbe für mich empfunden haben; aber ich glaube es.— Sie haben eine dunkle Ahnung, daß ich auf irgend eine Weiſe in Ihr Leben eingreifen werde. — Das iſt wahr,— flüſterte Sorenza;— j habe bei Ihrem Anblick ein ſo unerklärliches Beben empfunden, als wenn Sie für mich der Vorbote irgend etwas Traurigen für die Zukunft wären. Sie kommen mir vor wie eine Gefahr, die ich fliehen muß. Das war mein erſter Eindruck, als ich Sie ſah. Vielleicht war dieß der Grund, daß Ihre Worte, welche Sie von... von Gefühlen ſprachen, mich verletzten. — Ich hätte indeſſen geglaubt, daß ich Ihnen Vertrauen einflößte; daß Sie ſich zu mir hingezo⸗ gen fühlten. Als Künſtler;— ja. In dem Punkte glaube ich an Sie und bewundere Ihre Ueberlegenheit. — Als Mann? Fürchte ich Sie. Schwarz, Die Tochter des Ebelmanns. I. 11 . meinen 162 Hier wurden ſie durch Ernfried unterbrochen, welcher auf Sorenza zukam und ſagte: — Darf ich um dieſen Walzer bitten? Sorenza ſtand ſofort auf und flog dahin im Wirbel des Tanzes. Porry blieb ſitzen und blickte ihr mit gedanken⸗ voller Miene nach. Er hatte ganz und gar ver⸗ geſſen, was die Convenienz von ihm forderte, und es wäre Gefahr vorhanden geweſen, daß unſer Künſtler während des ganzen Walzers da ſitzen ge⸗ glieben wäre, wenn nicht das Rauſchen eines ſeide⸗ nen Kleides dicht neben ihm ihn veranlaßt hätte, die Blicke von Sorenza wegzuwenden, um zu ſehen, wer es ſei, die ihn faſt mit ihrem Kleide berührte. Es war die Majorin Ida Grüner. Ihre Augen waren, als ſie an Porry vorbeipaſſirte, auf ihn ge⸗ richtet, und ſie ging in den Salon hinein. Es lag Etwas in ihrem Blick, was Nils darauff aufmerkſam machte, daß er ſich gegen die Wirthin verfündigt, worauf er ſofort aufſtand und dabei dachte: — Wenn ich jetzt nicht jene hübſche Dame mit einigen ſchmeichelhaften Redensarten bediene, ſo wird ſie meine Feindin; beſonders da ich vor meiner Reiſe ins Ausland ein wenig in ſie verliebt war, Etwas, wo⸗ für ſie ſich gar nicht undankbar zeigte. Die Menſchen ſind recht lächerlich. So z. B. intereſſirt mich Ma⸗ dame Grüner nicht im Geringſten mehr. Ich würde ſie kaum eines Blickes würdigen oder an ſie denken, wenn es nicht Sorenza's wegen wäre. Sorenza, wie⸗ derholte er, und ſeine Gedanken nahmen eine andere Richtung. Was will ich mit dieſem Mädchen? 163 Warum wünſche ich ihr Herz zu gewinnen? Das weiß ich ſelber nicht.— Ich fühle die Macht, welche mich entzückt und mich zu ihr zieht. Jetzt ſtand er vor der Majorin, welche ſich in ein kleines Sopha geſetzt. — Ich wagte nicht ſo keck zu ſein bei Ihnen um den erſten Walzer anzuhalten. Es waren viel zu Viele hier, die einen größeren Anſpruch auf dieſe Gunſt hatten, als ich. Es würde mich unbeſchreib⸗ lich glücklich machen, wenn Sie mir jetzt die Ehre erwieſen, mit mir zu walzen. Nils gehörte zu denjenigen Männern, welche viel in der Welt gelebt und daraus reiche, wenn auch etwas traurige Erfahrungen über die Frauen geſammelt. Wenn er wußte, daß er der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit, oder des Wohlwollens einer Salondame ſei, gebrauchte er in ſeinem Umgan mit ihr jenen Ton der Galanterie, durch welchen die Frauen ſo geſchmeichelt werden, und dem ſie eine ſo große Bedeutung beilegen. Wenn die Frauen im Allgemeinen es begriffen, wie wenig Bedeutung es ⸗hat und wie wenig ſchmei⸗ chelhaft es für ſie als Menſchen ſei, gleich Kindern behandelt zu werden, denen man ein hübſches Spiel⸗ zeug hinwirft, damit ſie zufrieden ſein ſollen, ſo würden ſie nicht mit Begierde, wie jetzt der Fall iſt, dergleichen Plattheiten aufnehmen und aufmuntern. — Ich glaube nicht, daß es Furcht davor ge⸗ weſen, zu keck zu erſcheinen, welche Sie davon ab⸗ ielt, mich zum erſten Walzer zu engagiren,— ant⸗ wortete Ida. Und was ſonſt ſollte mich denn abhaltene * 164 — Sie folgten Ihrer Neigung! — Meine Gnädige, das iſt nicht Ihre Meinung. Sie wiſſen ſelbſt, wie weit Sie alle anderen Da⸗ men an Schönheit und Anmuth übertreffen. Sie wiſſen auch, daß wenn man ſich einer Perſon nicht zu nähern wagt, man mit deſſen Schatten ſich be⸗ gnügt. Schenken Sie mir dieſen Walzer? — Nein, ich walze heute Abend nicht. — Sie tanzten doch den vorigen Walzer. — Ich konnte es Kapitain T. nicht ausſchlagen. — Nun wohl, dann tanze ich auch nicht. Porry ſetzte ſich neben Ida und fing an von anderen Gegenſtänden zu ſprechen; aber ihre ganze Unterhaltung hatte das Gepräge eines Pflichtgeſprächs und der faden Artigkeiten, durch welche die Salon⸗ converſation ſich auszeichnet. Während Nils Porry Ida eine Artigkeit nach der andern ſagte, folgten ſeine Blicke Sorenza. Die Majorin, welche zufrieden war, wenn man nur ihrer Eitelkeit opferte, bemerkte nicht das geſpannte Intereſſe, womit Nils ihre junge Couſine beobachtete. Zu wohl merkte Porry, daß, obgleich Sorenza mit ſichtlichem Vergnügen tanzte, doch ein gewiſſer gedankenvoller Ausdruck auf ihrem vor der Unter⸗ redung mit ihm ſo kindlich freudenſtrahlenden Ge⸗ ſichte ruhte. Nach einer halbſtündigen Unterredung mit derf Majorin und nachdem mehrere andere Herren ge⸗ kommen waren, um der hübſchen und gefallſüchtigen Wirthin ihre Aufwartung zu machen, zog Porrh ſich zurück und verließ das Zimmer. Er ging hinein „ —,- gen gen in ein angrenzendes Gemach und nahm Platz anſetw 165 einem Spieltiſch, wo er den ganzen Abend blieb. Erſt beim Souper näherte er ſich Sorenza, welche ſich in eine Fenſtervertiefung zurückgezogen hatte und in den hellblauen Himmel hinausblickte. — Sie haben den ganzen Abend getanzt?— — Ja, und Sie haben geſpielt. — Ich wünſchte es überhoben zu ſein mit Jemandem zu tanzen, als mit Ihnen, und darum ſpielte ich. Sie ſehen traurig aus?— Haben meine Worte Sie erſchreckt? — Faſt. — Und warum? — Das kann ich wahrhaftig nicht ſagen; aber ich fühle das jetzt recht tief, daß ich einſam bin. ch Mir iſt vor Ihnen angſt geworden, Herr Porry; denn ich verſtehe Sie nicht, und beſitze keinen älte⸗ ren Freund, der mir das erklären könnte, was ich ſelbſt nicht faſſen kann. —= Sie haben ja eine Couſine.— Porry lächelte ironiſch. Sorenza antwortete nicht, ſondern betrachtete ihn nur mit einem ernſthaften Blick. — Verzeihen Sie,— flüſterte er,— ich wollte nur prüfen, wie Sie ihr Temperament und ihren Charakter auffaſſen. Sagen Sie mir, was iſt es, ſas Ihnen vor mir Furcht einflößt? — Alles! Sie haben ſich ungleich Anderen ge⸗ gen mich benommen. Ihre Worte ſind ſo ſonderbar ein geweſen und in Ihrer ganzen Art und Weiſe liegt an etwas Beunruhigendes. 8. 166 — Mamſell Bencke! Sie ſind gewöhnt, wie alle andern hübſchen Mädchen behandelt zu werden, eine Menge artige Worte und leere Schmeicheleien anzuhören, und Sie ſind noch zu jung, Ihren eige⸗ nen Werth und Ihre eigene Ueberlegenheit zu begreifen. Dieſes macht, daß Sie durch meine Aufrichtig⸗ keit eingeſchüchtert werden, und durch eine Sprache, welche der anderer Männer ungleich iſt, beun⸗ ruhigt werden. Sie haben Unrecht! Sehen Sie in mir, was ich bin— einen Freund, und glauben Sie mir, daß Derjenige, der den Muth hat, wie ich, mit einem jungen, hübſchen Mädchen nur die Sprache der Wahrheit zu reden, wahre Ach⸗ tung vor ihr haben muß. Ich habe ja geſagt: „Sie ſind die Zwillingsſeele, welche ich geſucht.“ Sie ſind ſeit langer Zeit die Vertraute meiner Ge⸗ danken, wie ſie mir meine Einbildung geſchaffen, bevor ich Sie ſah, und meiner Seele einverleibt, ohne daß ich auch nur hoffte, Sie in dieſem Leben zu finden. Von mir haben Sie nichts zu befürch⸗ ten.— Suchen Sie deshalb mich als Ihren beſten Freund zu betrachten; denn das bin ich, bei Chre und Seligkeit. Mit dieſen Worten entfernte er ſich, um ſichge während und nach dem Souper nur mit Ida zu be⸗ ſchäftigen. Wir wollen jetzt einen flüchtigen Blick in di Familie des Grafen Eldon werfen.. Seit Sorenza das gräfliche Haus verlaſſen, wan ſie nur einigemal mit der Gräfin zuſammengetroſ 2 find ag daß die vie en, ien ge⸗ en. ig⸗ ce, un⸗ Sie und hat, nur lch⸗ gt: ht.“ Ge⸗ fen, eibt f ben rch⸗ ſten öhre ſich be⸗ ieſagen, wohin ſie gehen. Sie ſind ſchon ſo 167 fen. Der Graf hielt ſeine Frau von jeder Berüh⸗ rung mit Sorenza zurück. Als er ihr eines ſeiner Zimmer als Atelier öffnete, geſchah es mit dem ausdrücklichen Befehl, daß Niemand in der Familie dieſes Zimmer, welches nur für die Arbeit Sorenza's beſtimmt war, be⸗ ſuchen dürfe. Dieſe Anordnung bewirkte, daß die Gräfin ihren Fuß nie über die Schwelle des Ate⸗ liers ſetzte. Arthur war freilich dort geweſen und hatte zu⸗ geſehen, wie Sorenza malte; aber Jenny wagte ſich nur dann dahin, wenn ſie ſicher war, nicht vom Va⸗ ter überraſcht zu werden. Ernfried hielt ſich wieder das ganze Jahr in Upſala auf. Wie ſein erſter Beſuch bei Sorenza ablief, wiſſen wir.. An demſelben Nachmittag, wo die jungen Gra⸗ len bei des Majors waren, ſaßen Jenny und die Gräfin im Cabinet der letztern. Jenny war ein bildſchönes ſechzehnjähriges Mädchen mit einem hoch⸗ müthigen, leidenſchaftlichen Temperament; ohne daß ſie von Natur oder durch Erziehung irgend eine höhere moraliſche Richtung erhalten, welche als Ge⸗ gengewicht gegen dieſe unglückſeligen Fehler hätte dienen können. — Wiſſen Mama, wo die Jungen heute Abe find?— begann Jenn)y. — Nein, mein Engel, ſie brauchen mir nich daß ſie für ſich ſelbſt ſorgen können,— an die Gräfin. D ia, das iſt wahr; aber ich glau 168 daß es Mama gefällt, wenn ſie Umgang mit So⸗ renza's Couſine pflegen. Sie ſind nämlich auf förm⸗Ge lichen Beſuch bei Major Grüner. Sc — Biſt Du deſſen gewiß? erh Bei der Nennung von Sorenza's Namen nahm dasar Geſicht der Gräfin eine höhere Farbe an. Sc — Vollkommen. Ich hörte, daß Arthur zu Ernhr fried ſagte:„Wir nehmen als Vorwand, daß witso meinem frühern Kompagniechef auf Karlberg unſert Aufwartung machen, und da kannſt Du gerne mitan kehen⸗ Bei Grüners pflegt es ſehr gemüthlich zuhr ein.“ — Und Ernfried begleitete Arthur? eſß — Er nahm den Vorſchlag mit Vergnügen anpon Nach der gutgeſpielten Komödie Sorenza’s dieſelas Vormittag iſt Ernfried eben ſo für ſie eingenommenhte wie Arthur. Mama hat nicht viel Freude voſha⸗ ihren Bewühungen, Ernfried ſchlecht gegen Sorenzz zu ſtimmen. Sie hat Alles in einer Minute zund nichte gemacht. Jenny lachte verächtlich. rie — Es möchte der Tag kommen, an welchem ſiag⸗ ſich dergeſtalt bei Papa einniſtet, daß er ihr alt Erſaz für alles, was ſie durch uns gelitten zu ha en behauptet, ſeinen Namen gibt. Mama wirſeg ohl die Erſte ſein, die ihn zur Adoption aufmun t. Es iſt unverzeihlich, ſo ſchwach zu ſein, wi ich ama iſt. ebe äulein Jenny blickte die Mutter mit einen ſck der Geringſchäzung an. ß Papo, daß die Jungen zu Grüner gie ſind? 169 So⸗— Das weiß ich nicht. Seitdem er mir in dom⸗Gegenwart Sorenza's verboten hat, das Atelier Sorenza's zu betreten, ohne daß ich ihre Erlaubniß erhalten, bin ich nicht dazu aufgelegt, mit ihr zu⸗ dasammenzutreffen. Mama müßte einſehen, was mein Schickſal werden wird, wenn man nicht bei Zeiten Ern hrem Einfluſſe entgegenarbeitet; ich werde mich wiSorenza unterordnen müſſen. iſer Jenny's Geſicht nahm eine höhere Farbe an und mitan der Stimme hörte man, daß ſie nahe daran ſei, ahrem Aerger durch Thränen Luft zu machen. — Ah! Ich werde nicht die Demüthigung ver⸗ eſſen, aus dem Zimmer jener Sorenza ausgewieſen anvorden zu ſein, von dem Aergerniß nicht zu reden, leſehas ich ihretwegen gehabt; und das alles, ohne daß meptama irgend etwas zu meiner Genugthuung ge⸗ voſhan. 8 enz Das Fräulein warf ſich in das Sopha zurück 2 zund kaute an den Nägeln. — Mein Engel, Du darſſt nicht mit mir unzu⸗ rieden ſein; Du weißt ja zu gut, wie wenig ich zu n ſiagen habe. al— Wer iſt Schuld daran, als Mama ſelbſt. ha— Ich habe Deinen Vater zu ſehr geliebt, um wirſegen ſeinen Willen ankämpfen zu können. 3 nun— Das klingt ganz hübſch; aber daß er Mama wizicht ebenſo ſehr geliebt hat, dafür iſt Sorenza ein ſbendiger Beweis. inen Die Gräfin erblaßte. Dieſes entging Jenny's Aufmerkſamkeit, und wen ſe es auch bemerkt hätte, ſo würde es ſie auch ni Geringſten gerührt haben. Das verzärtelte =— 170 hochmüthige Mädchen hatte für Niemand als ſich ſelbſt ein Gefühl. — Du ſprichſt Dich viel zu frei aus Jenny,— ſagte die Gräfin und verſuchte einen würdigen Ton anzunehmen.— Es paßt ſich nicht für ein junges Mädchen, dergleichen empfindliche Thema's zu be⸗ rühren. — Wenn dem ſo iſt, ſo hätte Mama mich in dergleichen delicate Sachen nicht einweihen ſollen. Jetzt begreift Mama wohl, daß ich nicht mit Ach⸗ tung von denſelben ſprechen kann. Die Gräfin trat zu der Tochter, ſtreichelte lieb⸗ koſend ihre Wange und ſagte:. — Mein Liebling darf nicht ſo unzufrieden ſein. — Ich bleibe es, ſo lange Sorenza's Gegen⸗ wart mich fortwährend plagen ſoll. Es iſt mir un⸗ möglich zu ertragen, daß ſie im Beſitz eines Talen⸗ tes ſein ſoll, welches ich nicht beſitze und welches ich trotz meinem Rang und all meinem Reichthum nicht im Stande ſein werde, mir anzueignen. Mama, ſie darf nicht eine ausgezeichnete Künſtlerin werden. — Aber, mein Kind, dieſes kannſt weder Du noch ich hindern. — Doch, wenn Mama beſtimmt erklärt, daß es Papa's Pflicht wäre, ſie weit hinaus aufs Land zu ſchicken; dann wäre es vorbei mit ihrer künſtleri⸗ ſchen Carriere. Erinnern Sie ſich, daß ich, die eigene Tochter von Mama, ihretwegen aus den Zimmern meines Vaters ausgewieſen worden bin. In demſelben Augenblick trat der Graf unver uthet herein. Bei ſeinem Anblick ſtand Jenny ſo⸗ auf, um das Zimmer zu verlaſſen. 171 ſich— Wo willſt Du hin?— fragte der Graf. — Ich entferne mich aus Jurcht, daß Papa — mich ſonſt ausweiſen wird,— antwortete Jenny Ton ſpöttiſch. ges— Du bleibſt, weil ich um Deinetwillen gekom⸗ be⸗ men bin. . Jenny blieb an der Thüre ſtehen. in— Nimm wieder Deinen Platz ein, Du brauchſt len. mich nicht ſtehenden Fußes anzuhören. ch⸗ Die ſtrengen Worte des Grafen deuteten darauf, daß er nicht in der Laune ſei, Trotz zu dulden, weß⸗ eb⸗ halb Jenny es auch für gut befand, zu gehorchen. .— Was führte Dich heute in Sorenza's Ate⸗ ein, lier?— fragte der Graf. gen⸗— Mein Wunſch, das fertige Gem älde zu ſehen. un⸗— Indeſſen hatte ich es Dir doch verboten, das⸗ len ſelbe zu betreten. ches— Es iſt doch etwas zu ſtark,— fiel die Grä⸗ um fin ein, daß meine Kinder unaufhörlich Sorenza's ma wegen Verdrießlichkeiten haben ſollen. Mir ſcheint's, den, daß Jenny ihr eine Ehre angethan hat, als ſie das och Bild zu ſehen wünſchte. Ich begreife nicht, warum Du darin einen Fehler ſuchſt. Der Uebermuth So⸗ es renza's muß unwillkürlich zunehmen, wenn ſie ſieht, zu daß ſie unſeren Kindern vorgezogen wird. Es wäre eri wünſchenswerth geweſen, daß zwiſchen ihnen und ihr ene keine ſolche Vertraulichkeit entſtanden wäre, welche err die Folge gehabt hat, daß Arthur ganz und gar ſein Herz von ſeiner Mutter ſowohl wie von ſeinen ver Geſchwiſtern weggewandt und Sorenza ſeine Zu⸗ ſo neigung zugewandt hat. Er ſucht alle Gelegenhei⸗ tten auf, um mit ihr zuſammen zu ſein, und hat jetzt 172 den Vorwand gebraucht, bei Grüner einen Beſuch zu machen, nur um in Sorenza's Geſellſchaft zu ſein. Der Einfluß, den ſie auf ihn ausübt, iſt im höchſten Grad unvortheilhaft. Die Gräfin, über ihre eigene Keckheit erſchrocken, ſchwieg. — Biſt Du fertig?— fragte der Graf kalt. — Ja, und das was ich geſagt habe, hielt ich für eine Pflicht auszuſprechen. — Und wenn es aus Pflicht geſchah, ſo haſt Du wohl irgend eine beſondere Abſicht mit Deinen Worten. Die Blicke des Grafen ruhten eiskalt auf der Gräfin. — Was iſt Dein Wunſch? Die Gräfin ſchwieg einige Augenblicke. Sie war im Zweifel, ob ſie es wagen ſollte, ihre Ge⸗ danken auszuſprechen; als aber ihr Blick auf Jenny fiel, die ihr eine aufmunternde Miene machte, fuhr ſie fort: — Ich glaube, daß es für unſer Aller Frieden und für das eigene Wohl des Mädchens am Beſten wäre, wenn Du ſie hinaus auf's Land brächteſt. und... — Sie von der Bahn entfernte, auf welcher ſie als Künſtlerin ſich auszeichnen könnte. O ja, das hieße in der That ſie dafür beſtrafen, daß die Natur ſie reicher ausgeſtattet hat als Jenny. Der Graf betrachtete ſeine Frau mit einem iro⸗ niſchen Lächeln. Darauf wandte er ſich ganz plötz⸗ lich an die Tochter und ſagte: —— 173 — Wer hat Dich davon in Kenntniß geſetzt, daß Sorenza Deine Schweſter iſt. — Niemand hat mir geſagt, daß ich und ſie Geſchwiſter ſind,— antwortete Jenny ſtolz;— aber Mama hat mir anvertraut, doß ſie die Tochter Papa's iſt. — So—o. Die Gräfin fühlte ihr Herz heftig bei der Erin⸗ nerung ſchlagen, daß ſie ihrem Manne verſprochen, dieſes Niemanden anzuvertrauen. — Wer hat Ernfried davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt?— fragte der Graf. — Das hat Mama. Es entſtand eine lange Pauſe, worauf der Graf ſich mit den Worten erhob: — Binnen einem Jahr wird Sorenza bis auf ihren Namen für Euch verſchwunden ſein; denn ich ſende ſie dann nach Rom. Jetzt fordere ich, merkt es Euch, daß ich fordere ſage, daß ihr Name niemals in meiner Familie ausgeſprochen werde, und daß Alle es vergeſſen, daß ſie während des Sommers in dem Atelier hier arbeitet. Betrachtet dieſes Zim⸗ mer, als wenn es einem Fremden überlaſſen worden wäre. Dieſem meinem Willen zu gehorchen, dürfte um ſo viel leichter werden, als Jenny ihre Mutter nach Ems begleiten wird und auf dieſe Weiſe Beide von Sorenza getrennt bleiben. Eins will ich nur noch hinzufügen, daß Derjenige, welcher in meiner egenwart ſie zu nennen wagt, mir nicht mehr unter die Augen treten darf; und ähnlich wird mit Demjenigen verfahren, welcher ſich im Geringſten 174 V gegen ſie vergeht. Nach dieſer Stunde exiſtirt ſie nicht mehr für Euch. „Der Graf verließ das Zimmer. h. ₰ Jenny gehörte indeſſen nicht zu denjenigen Cha⸗ rackeren, welche einen gefaßten Entſchluß auf Be⸗ fehl aufgeben. Nein, ihr eigener Wille war ihr Alles —,—,— Der Vater hatte ſich auch kaum entfernt, als das junge Mädchen darüber nachzudenken anfing, welche Maßregeln ſie ergreifen und welche Schritte ſie thun müſſe, um womöglich die künſtleriſchen Studien Sorenza's zu unterbrechen.. Man ſagt, daß die Jugend die Periode der Milde und der Güte ſei; aber mit Unrecht. Be⸗ trachten wir die Menſchen in ihrer erſten Jugend, ſo finden wir, daß ſie ſich durch weit mehr Rach⸗ ſucht auszeichnen, als in ſpäteren Jahren. Zorn, ſe Unwille und Abſcheu erſcheinen weit unbarmherziger ne bei den jungen Leuten, als ſpäter, wenn der Ver⸗ ſo ſtand und die Erfahrung die aufbrauſenden Gefühle G gemildert und das Blut abgekühlt haben. Die Ju⸗ fir gend liebt oder verabſcheut mit der ungezügelten Wildheit des Inſtinkts. Iſt ſie dann auch noch àe gleich Jenny aufgewachſen, ohne daran gewöhnt zu ſp ſein, ihre ſchlechten Gefühle zu beherrſchen, ſo wird ſie für ſich ſelbſt und Andere gefährlich. 190 Nachdem der Graf ſeine Frau und Tochter ver⸗ M laſſen, entſtand eine lange Pauſe, die ſchließlich von Jenny mit den Worten unterbrochen wurde: 2EZS—O=—Z ſe ha⸗ Be⸗ ihr als ng, ſie dien der Be⸗ end, ach⸗ rn, ger zer⸗ hle Ju⸗ ten och T zu ird 175 Ich will Großmutter beſuchen, aber ich wünſche es allein, ohne Mama, zu thun. Sie ſah die Mutter an. — Gerne, mein Kind,— antwortete die Gräfin. Ohne zu fragen, was die Tochter bei der Groß⸗ mutter thun wollte, läutete ſie und gab Befehl, daß der Wagen angeſpannt werde. Eine halbe Stunde darauf fuhr Jenny zu der alten Gräfin, deren be⸗ ſonderer Liebling das hübſche Kind war. Was zwiſchen der Großmutter und der Enkelin verhandelt wurde, iſt überflüſſig zu berichten. Ge⸗ nug, Jenny wußte von Sorenza, von Arthurs Par⸗ teilichkeit in Beziehung auf die Leztere und von des Vaters Ungerechtigkeit auf eine ſolche Weiſe zu ſpre⸗ chen, daß die Großmuttter Alles in Ordnung zu bringen verſprach. Mit dieſem Verſprechen begab ſich Jenny, froh und glücklich, als wenn ſie eine gute Handlung ausgeführt, nach Hauſe. Das Schickſal, dieſes myſtiſche Etwas, welches ſehr oft mit der Bosheit und dem Neide im Bünd⸗ niß iſt, begünſtigte Jenny's Plan, denn ſchon am folgenden Tage machten Arthur und Ernfried der Großmutter einen Beſuch, um ſich nach ihrem Be⸗ finden zu erkundigen. Nachdem die alte Gräfin mit ihrem gewöhnlichen gakt von verſchiedenen gleichgültigen Dingen ge⸗ ſprochen, bemerkte ſie: — Könnt Ihr mir ſagen, was aus jenem Mäd⸗ chen geworden iſt, welches draußen auf D— bei der⸗ Mama und Papa war? von Großmutter meint Sorenza?— ſagte Arthur. — Jawohl; ich glaube, daß ſie ſo hieß. Wo 176 iſt ſie jetzt? Hat ſie einen paſſenden Dienſt er⸗ halten? — Dienſt?— fiel Arthur heftig ein.— Das Kind meines Vaters braucht wohl nicht zu dienen. — Sie iſt übrigens eine ausgezeichnete Künſt⸗ lerin, fügte Ernfried hinzu. — Ein großes Glück für ſie; obgleich ich glaube, daß es beſſer wäre, wenn ſie ihr Leben in einer untergeordneten Stellung verbrächte. — und warum?— fragte Arthur, welcher ſich durch die Worte der Großmutter gereizt fühlte. — Weil man dergleichen Beweiſe begangener Schwächen nicht an's Tageslicht bringen muß; be⸗ ſonders wenn mit denſelben ſo viel Kummer und Demüthigung verbunden ſind, wie das Daſein dieſes Mädchens fuͤr Eure Mutter und für die ganze El⸗ don'ſche Familie mit ſich gebracht hat. — Auf welche Weiſe denn?— fragte Ernfried. Die alte Gräfin führte ihre Riechflaſche an die Naſe, als wenn die Erinnerung an dieſe Ereigniſſe ihre Nerven angegriffen hätte; darauf berichtete ſie die Geſchichte der Mutter Sorenza's, aber bedeutend ſtark gefärbt und mit einigen Zuthaten. Sie ſchil⸗ derte die Verſtorbene als eine ſchlechte und herzloſe Kokette. Die adelige Dame meinte, daß ſie ungenirt dieſe und jene Fehler derjenigen andichten könnte, welche nicht aus ihrem Grabe heraußzuſteigen und ſich zu vertheidigen vermochte. Die Graͤfin verſtand es, alle möglichen Schatten auf das arme Opfer der ungezügelten Leidenſchaſt ihres Sohnes zu werfen. Lebendig und rührend ſchilderte ſie der Schwiegertochter Leiden und den 4 177 Skandal, welcher nahe daran geweſen war, auszu⸗ brechen, als der Graf vor Gericht geſtellt wurde. Die beiden Brüder hörten ſie mit einem ganz verſchiedenen Ausdruck in ihren Geſichtern an. Die ganze Erzählung war ihnen fremd. Alles, was der Graf Arthur geſagt, war, daß Sorenza ſeine Tochter und daß ihre Mutter ihm ſehr lieb geweſen ſei; aber er war nie auf eine genauere Auskunft ein⸗ gegangen.— Auf Ernfrieds ſtolzer Stirne las man Verach⸗ tung und Unwille; auf Arthur's einen Ausdruck tiefer Betrübniß. Als die Gräfin zu Ende war, ſagte Lezterer: — Arme, arme Sorenza. — Was,— rief Ernfried,— ich glaube, Du beklagſt Diejenige, deren.Leben eine Quelle ſo vieler Demüthigung für unſere Mutter und ihre Familie geweſen! — Ja, ich beklage ſie von meinem ganzen Her⸗ zen; denn obgleich ſie an allem dieſem unſchuldig iſt, ſo ſucht man doch gegen ſie den Zorn von uns llen zu lenken. Für mich wird es nur ein Grund ſein, ſie lieb zu haben. — Deine Worte ſind im höchſten Grade ſonder⸗ bar und zeugen von einer ſchlechten Moral,— fiel die alte Gräfin ein.— Wir müſſen das lieben, was reinen und edeln Urſprungs iſt; aber alles verachten und fliehen, was aus dem Schlechten entſpringt. — Der Urheber des Lebens Sorenza's iſt mein ater. Will Großmutter, daß ich ihn verachten ſoll? Arthur hatte ſich erhoben.. Schwartz, Die Tochter des Ehelmanns. 1. 12 178 Oder was iſt der Großmutter Meinung? Ich kann nur Diejenige lieben, welcher er das Leben geſchenkt? — Du liebſt alſo jenes Mädchen? — Ja, von meiner ganzen Seele; mehr als ich irgend ein anderes Weſen auf der Erde liebe. Mein Leben werde ich gerne für ſie opfern. — CErxaltirtes Kind,— murmelte die Gräfin. Ernfried ſtand auf und ſagte: — Jezt wollen wir Großmutter verlaſſen. Er küßte die weiße, etwas runzelige Hand. Die Alte ſtreichelte ſeinen Kopf und ſagte zum Abſchied: — Es dürfte ein Glück für die Familie Eldon ſein, daß Du und nicht Arthur deren Haupt gewor⸗ den biſt. — Ein Haupt ohne Herz wird nie Jemandes Glück,— meinte Arthur. — Viel beſſer, als ein Herz ohne Haupt,— antwortete die Alte ſcharf und reichte Arthur die Hand, welche er mit einer Miene küßte, als wenn er ſich zu dieſer Achtungsbezeugung hätte zwingen müſſen. Einige Tage verfloſſen, während welcher Sorenza's Name in der gräflichen Familie nicht genannt wurde und Alles wie gewöhnlich ſeinen Gang ging. Vor⸗ mittags malte ſie in ihrem Atelier, ohne von Ern⸗ fried oder Jenny geſtört zu werden. Arthur dagegen begrüßte ſie, ſo oft der Vater abweſend war. We⸗ der Jenny noch die Gräfin ließen es merken, da ſie dieſen ſeinen Ungehorſam beobachteten.. Eines Tages war die ganze Familie zu Mittal 179 bei der alten Gräfin eingeladen. Nach Beendigung der Mahlzeit nahm ſie den Arm des Sohnes und ging mit ihm in ein kleines Kabinet. Sie fing an von Arthur und von ſeinem veränderten Betragen gegen die Seinigen, beſonders gegen Mutter und Schweſter, zu ſprechen. Sie fragte den Grafen, ob er es bemerkt habe, und als er antwortete, daß frei⸗ lich Arthur ſich ſelbſt ungleich geworden, daß aber dieſe Veränderung von der geringen Sympathie herrühre, welche er für die Geſchwiſter empfinde, meinte die Gräfin, daß ſie anderer Anſicht ſei. — Welcher denn?— fragte der Graf lächelnd. — Der Junge iſt in irgend Jemanden verliebt. — Wenn dem ſo iſt, ſo iſt das ſeinem Alter gemäß und man handelt am Beſten, wenn man thut, als ob man es nicht merke. — Ganz richtig, mein Sohn, falls es eine ge⸗ wöhnliche Liebe wäre; aber das iſt nicht der Fall. — In einem Alter von 18 Jahren, beſte Mama, iſt die Verliebtheit eines jungen Menſchen nichts, als eine vorübergehende Phantaſie. — Nicht immer; und was Arthur betrifft, ſo gebietet Dir Deine Pflicht, daß Du Dich in die Sache miſcheſt. — Das klingt bedenklich. Der Graf lachte.. — Was würdeſt Du ſagen, wenn Arthur in Sorenza verliebt wäre? — Sorenza!— rief der Graf und ſah die Mutter an. — Wie hat ein ſo unſinniger Gedanke bei Mutter 180 entſtehen können. Er weiß ja, daß das Mädchen meine Tochter iſt. — Die Bahn war jezt gebrochen und die alte Gräfin, welche den Sohn vollkommen genau kannte, verſtand es, auf eine ganz geſchickte Weiſe zu manöpriren. Sie erweckte in der That bei ihm die Furcht, daß ſie möglicher Weiſe Recht haben könnte. Es gelang ihr zu beweiſen, daß der Graf eine große und unverantwortliche Unvorſichtigkeit be⸗ gangen hätte, indem er Sorenza in ſein Haus auf⸗ genommen und ferner, als dieſer Verſuch mißglückte, es ſeinen Söhnen erlaubte, fortwährend mit ihr auf eine vertrauliche Weiſe umzugehen. Der Graf, welcher Anfangs der Mutter wider⸗ ſprach, hörte damit auf, daß er ihren Worten Gehör gab. Aus früherer Zeit wußte die Gräfin, daß, wenn er ihr ſchweigend zuhörte, ihre Worte Eindruck auf ihn gemacht hätten. Sie ſchloß damit, ihm an's Herz zu legen, den begangenen Mißgriff zu ändern. — Mama wird nicht noch einmal nöthig haben, mir zu zeigen, daß ich in Beziehung auf Sorenza Unrecht gehabt habe,— ſagte der Graf.— Sie wird von aller Berührung mit meiner Familie ge⸗ trennt werden. Ich hatte einmal den thörichten Ge⸗ danken, ſie derſelben einverleiben zu können, denn ſie war mir lieb als ein Andenken an ſie, die ich am höchſten auf der Erde geliebt. Wäre ich ein Mann geweſen, der der Mittelklaſſe angehörte, ſo würde es mir vielleicht gelungen ſein, dieſe meine Abſicht zu verwirklichen; jezt ſtellen ſich dem ſo viele Hinderniſſe entgegen, daß es mein eigener Wunſch geworden iſt, das Mädchen von mir und 181 den Meinigen zu entfernen, damit nicht neue Ge⸗ ſchichten von dem Geſchlechte der Eldon's in Umlauf geſezt werden. Porry war nicht ferner im Hauſe des Major Grüner erſchienen. Ida war nach ſeinem lezten Beſuch ſehr ungnädig gegen Sorenza geſtimmt. Sie ſtichelte auf Alles, was die Couſine that, und eines Tages hatte ſie ſogar die Aeußerung gethan: — Es wäre recht intereſſant, zu wiſſen, warum Graf Eldon Deinen Unterricht beſtreitet. Mir ſcheint es, daß es weit klüger geweſen wäre, wenn Du, gleich andern armen Mädchen, eine Kondition ange⸗ nommen und Dein Leben ganz unbemerkt zugebracht hätteſt, ſtatt, wie jezt die Gnadengaben des Grafen anzunehmen. — Gnadengaben!— wiederholte Sorenza mit glühenden Wangen. — Ja, oder welchen Namen willſt Du denn ſeinem Werk der Barmherzigkeit gegen Dich geben? Ich befürchte ſogar, daß dieſe Benennung noch die ſchönſte iſt. Sorenza ſchwieg und ging, um ſich anzuziehen und zum Arbeiten im Atelier zu gehen. Die Thränen wollten ſich unwillkürlich hervordrängen, ſo ſchmerz⸗ lich kam es ihr vor, daß ſie nicht ſagen durfte: „Er iſt mein Vater; was er für mich thut, iſt ſeine Pflicht.“ Mit ſchwerem Herzen und von einigen der bitteren Gefühle bewegt, welche von D her in ihrem Innern übrig geblieben waren, wanderte Sorenza nach dem Hauſe ihres Vaters. In Ge⸗ 182 danken klagte ſie das Schickſal als ungerecht an und ihre Eltern dafür, daß ſie ihr das Leben gege⸗ ben, u. ſ. w. Was hatte ſie denn Böſes gethan? Nichts! Und doch wurde ſie von unverdienter Verachtung getroffen. Wie verzärtelt und verhätſchelt waren nicht die geſetzlichen Erben des Vaters; wie lächelte ihnen nicht das Glück des Lebens zu? Waren ſie wohl durch ihre Geiſtesgaben mehr berechtigt dazu, als ſie? Sorenza empfand einen heftigen Aerger und eine Erbitterung gegen ihr Daſein. Sie fühlte tief, daß ſie ganz allein in der Welt ſtände. — Ach, Du meine gute, gute Tante,— dachte ſie,— warum gingſt Du fort von Deinem armen Kinde? — Guten Tag, Mamſell Bencke!— klang eine Stimme dicht neben ihr 3 Es war Porry. Sorenza grüßte ihn mit einer ſtummen Kopfverbeugung. — So gedankenvoll und ſo traurig; iſt irgend ein neues Unglück einem von Ihren Bildern paſſirt? — O nein. Dergleichen Widerwärtigkeiten ſind von einer ſolchen Natur, daß ſie reparirt werden können. — Iſt Ihnen denn etwas begegnet, was ſich nicht wieder gut machen läßt? — Ja, gewiß. — Sorenza lächelte bitter und dachte: — Daß ich geboren worden bin, wird ſich ſchwer⸗ lich ändern laſſen. Porry ging eine Zeit lang ſchweigend an ihren Seite. — — +——+ 8=8 183 — 3u Hauſe hat man ſich darüber gewundert, daß Sie ſich nicht haben ſehen laſſen,— begann Sorenza. — Man. Welche ſind in dieſem Worte in⸗ begriffen? — Meine Couſine und ihr Mann. — Das heißt,— Sie nicht? — Ich habe gedacht, was die Andern laut aus⸗ ſprachen. — Dank! Wann beabſichtigt die Grüner'ſche Herrſchaft nach Roſensvik zu ziehen? — In einer Woche, heißt es. — Heute Abend werde ich die Ehre haben, einen Beſuch abzuſtatten.— Er zog den Hut ab; grüßen Sie mich mit einem freundlichen Lächeln,— fügte er hinzu. Der Gedankengang Sorenza's hatte eine andere Richtung bekommen, und als ſie die Treppe zum Atelier hinaufging, grübelte ſie über Porry's ſonder⸗ bares Benehmen gegen ſie. — Vielleicht muß ich mehr Würde beobachten, dachte ſie;— aber es liegt etwas ſo Anziehendes in ſeinem Weſen, und dabei iſt er ſo ungewöhn⸗ lich hübſch. Du lieber Gott, damit, wie er aus⸗ ſieht, darf ich mich nicht beſchäftigen, wenn er anders gegen mich iſt, als er ſein ſollte. Sie trat in das Atelier, nahm den Hut ab, ordnete darauf Pinſel und Farben und fuhr in Ge⸗ danken fort: — Sollte ſein? Ja, aber wie ſollte er gegen mich ſein? Mehr achtungsvoll und weniger vertrau⸗ lich. Ha! nein, das wäre unerträglich. Beſſer ſo 184 wie es iſt. Es gibt jezt Augenblicke, wo ich mich ordentlich glücklich in ſeiner Geſellſchaft fühle; aber wieder andere, wo ich mit wahrhaftem Schrecken daran denke.... — Der Graf wünſcht Mamſell zu ſprechen,— klang die Stimme des Bedienten vor der Thüre. Mit einem Vorgefühl, daß ihr etwas Unange⸗ nehmes bevorſtünde, gehorchte Sorenza dem Befehle. Als ſie in das Kabinet des Vaters eintrat, fand ſie Ernfried, Arthur und Jenny dort. Der Graf ſaß in einem Lehnſtuhl und rauchte. Er nickte So⸗ renza kalt zu. — Ich habe Dich rufen laſſen, weil ich meinen Kindern ſowohl wie Dir etwas zu ſagen habe. Wie Ihr wißt, ſo reiſe ich meiner Geſundheit wegen nach Egypten. Ich werde alſo auf längere Zeit getrennt von der Heimath leben. Die Gräfin und Jenny gehen nach Ems. Arthur wird als Seekadet ſeine erſte Expedition mitmachen. Ernfried bleibt mit ſeinem Hofmeiſter hier. Bevor wir uns ſolcher⸗ geſtalt nach verſchiedenen Gegenden begeben habe ich Euch meinen Willen in Beziehung auf Sorenza mittheilen wollen, und ich verlange, daß Ihr deſ⸗ ſelben genau eingedenk ſeid. Ich erkenne an, daß es ein großer Fehler von mir war, es meinen Kindern zu erlauben, vertrau⸗ lich mit ihr umzugehen, und gerade im Bewußtſein deſſen iſt es, daß ich daran gehe, denſelben wieder gut zu machen. Künftig habt ihr nichts mit ihr zu thun. Sie iſt für Euch eine vollkommen fremde Perſon. Merkt Euch, was ich ſage: Sie ſt der Schützling Eures Vaters, und weiter nichts. 8 S. it 185 Eure und ihre Wege ſind getrennt und dürfen nie mehr einander kreuzen. Ihr ſeid für ſie die Kinder des Grafen Eldon, ſie die Mamſell Bencke. Habt Ihr mich verſtanden? — Vollkommen,— antwortete Ernfried. Arthur ſtand unbeweglich und lehnte ſich an das Kamin. — Was Dich, Sorenza betrifft,— fuhr der Graf fort,— ſo iſt es mein Wunſch, daß Du Dir meine Worte zu Herzen nimmſt, damit Du künftig nicht ſolche Parallelen ziehſt, wie Du es bisher ge⸗ than, oder von Anſprüchen ſprichſt, welche Du kin⸗ diſch genug geweſen biſt zu hegen und welche un⸗ paſſend ſind. Deine Pflicht iſt, zu vergeſſen, daß irgend eine Blutsverwandtſchaft zwiſchen Dir und Graf Eldon ſtattfindet; jede Anſpielung darauf iſt ein Schimpf für Diejenige, die Dir das Leben ge⸗ ſchenkt, und etwas ſehr Kränkendes für meine Kinder, die Anſprüche darauf haben, daß der ſtolze Namen, den ich ihnen hinterlaſſe, nicht auf irgend eine Weiſe befleckt werde. Die Achtung vor ihrer Mutter veranlaßt mich, von Dir zu fordern, daß Du Deine Eitelkeit beherr⸗ ſcheſt und nicht den Leuten zu verſtehen gibſt, daß Du mit mir verwandt biſt. Eine ſolche Verwandt⸗ ſchaft gilt nicht vor dem Geſetz, und die Moral ge⸗ bietet, daß wir ſie verſchweigen. Ich bin Dein Be⸗ ſchützer, und meine Kinder Dir fremde Perſonen. Die Vertraulichkeit, mit welcher ihr bisher mit ein⸗ ander umgegangen ſeid, hat mit heute aufgehört. Verſtehſt Du?— — Ja,— flüſterte Sorenza todtenblaß.— Beſonders wünſche ich, daß Du dem Stolze 186 entgegenarbeiteſt, welcher in Deinem Charakter liegt und welcher eine paſſende Eigenſchaft für Dich ge⸗ weſen wäre, wenn das Schickſal Dich auf einen andern Platz im Leben geſtellt hätte. Du beſitzeſt nicht Namen, Rang oder Geburt, worauf Du Dir etwas einbilden könnteſt. Die Natur hat Dir künſt⸗ leriſche Anlagen gegeben; für dieſe Gabe mußt Du ganz anſpruchslos Gott danken. Wenn Du beſchei⸗ den und anſpruchslos biſt, ſo werden dieſe Gaben Dir eines Tages das ſchenken, was Dir fehlt, Na⸗ men und Anſehen. Durch Stolz und Hochmuth wirſt Du nur Neid erwecken, und um Dir ſchaden zu können wird man ſagen: Wer iſt ſie? Du muſt es vermeiden, eine Antwort auf dieſe Frage zu veranlaſſen. 3 Künftig wirſt Du unter der Vormundſſchaft des Profeſſors E— ſtehen. Das heißt, er wird Deinen Unterricht überwachen und für Deine Bedürfniſſe in meiner Abweſenheit ſorgen. Während des Som⸗ mers darfſt Du dieſes Dein Atelier behalten, den Herbſt werde ich es auf eine andere Weiſe arran⸗ giren. Du wirſt im Hauſe Deiner Couſine bleiben, ſofern ſie Dich dort haben will; andernfalls ſorgt Profeſſor E— für Dich. Wo nun auch Deine Woh⸗ nung werden mag, verbiete ich meinen Söhnen förm⸗ lich, unter irgend, einem Vorwand in derſelben zu verkehren. Jetzt kannſt Du Dich entfernen. Der Graf reichte Sorenza die Hand. Das Blut des ſtolzen Mädchens wogte ſo hef⸗ tig, daß ſie keine Herrſchaft über ihre aufgeregten Gefühle hatte. Sie ergriff nicht, und noch weniger kuüͤßte ſie die dargereichte Hand. Sie inaght nut 187 eine tiefe Verbeugung vor dem Grafen und eilte hinaus. Draußen vor der Thüre angekommen, ſprang ſie faſt durch die Zimmer, welche zwiſchen dem Kabinet und dem Atelier lagen. Im letzteren angelangt, riegelte ſie die Thür zu, worauf ſie die Arme über die keuchende Bruſt ge⸗ kreuzt eine lange Zeit ſtehen blieb, als wenn ſie auf dieſe Weiſe es verſuchte, den Ausbruch des Stur⸗ mes zurückzuhalten, welcher in ihrem Innern raſte. Sie verbarg das Geſicht in ihren Händen und brach in Schluchzen aus. — Sei demüthig und unterwürfig,— wieder⸗ holte ihr milderes Gefühl. O mein Gott, kann ich es wohl ſein!— rief der gekränkte Stolz. Nein, und tauſendmal Nein! 3 Sie drückte die geballten Hände gegen die Schläfe. Ein Klopfen an die Thüre und der Befehl des Grafen, daß ſie öffnen ſollte, hemmte den wilden Ausbruch. Beſſer wäre es indeſſen geweſen, wenn der Graf ſie in der Einſamkeit ſich hätte beruhigen laſſen; jetzt konnte er mit Sicherheit vorausſehen, daß der geringſte Druck von außen einen Sturm hervorrufen würde. Beim Eintreten des Grafen flammte eine dunkle Röthe auf Sorenza's Wangen, und ſie ſtand vor ihm mit ſo hoch getragenem Kopfe, daß ſie einer Perſon glich, welche zu einer Anklage bereit iſt. Sein ganzes Leben lang gewohnt, daß ſein Wil⸗ len Geſetz für ſeine Umgebung ſei, und von ſtolzem und hrrſchſüchtigem Charakter, hatte der Graf ſich * r 188 dadurch gereizt gefühlt, daß Sorenza die Hand, welche er ihr gereicht, nicht erfaßt und geküßt hatte. Er kam jetzt, ſie wegen dieſer Vernachläſſigung zur Rede zu ſtellen. — Wie kam es, daß Du meinteſt, die Hand Deines Vaters nicht ergreifen zu müſſen?— fragte der Graf. — Meines Vaters!— wiederholte Sorenza mit blitzenden Augen.— Graf Eldon, ich beſitze keinen Vater. — Was bedeutet das? — Das bedeutet, daß ich die Worte des Grafen an mich vollſtändig verſtanden und begriffen habe: „Deine Pflicht iſt, zu vergeſſen, daß es irgend eine Blutsverwandtſchaft zwiſchen Graf Eldon und Dir gibt.“ Ich habe es jetzt vergeſſen. Die Hand mei⸗ nes Vaters hätte ich mit Freude und Stolz geküßt. Graf Eldon hatte kein Recht auf dieſen Tribut töch⸗ terlicher Ehrfurcht von meiner Seite.„Jede Anſpie⸗ lung auf eine Verwandtſchaft zwiſchen Graf Eldon und der armen Sorenza iſt ja ein Schatten, der auf den edlen Namen geworfen wird.“ Nun wohl, jede CEhrfurchtsbezeugung von mir würde ja eine ſolche Anſpielung in ſich ſchließen. Seien Sie ſicher, daß ich mich davor hüten werde. Sorenza ſprach dieſe Worte keuchend und eilig aus. — Iſt es auf dieſe Weiſe, daß Du meine Güte lohnſt, Du... 1 — Sprechen Sie nicht zu mir von Güte,— rief ſie ohne alle Beſinnung,— berufen Sit ſich nicht auf das, was für mich gethan worden iſt, denn dieſe Güte, dieſe Wohlthaten ſind Flüche, di,m 189 1* Herz verbittert und meine Seele verſchlimmert ha⸗ ben. Warum mir ſagen:„Ich bin Dein Vater,“ während mein Herz ſich nie meinem Vater nähern darf; während es für ihn, für meine Mutter, fuͤr mich ſelbſt und für Alle eine Schande iſt, daß er der Urheber meines Lebens war? Warum durfte ich nicht in Unkenntniß von dieſer Verwandtſchaft leben, die ſo viel Demüthigung für mich umfaßt? Warum wurde ich mit dieſen Kindern in Berührung gebracht, die von demſelben Blute ſind, wie ich, und welche alle die Rechte beſitzen, die mir verweigert werden, und und denen mein Leben ein Abſcheu iſt? O, Gott! glauben Sie denn, Graf Eldon, daß dieſe Tochter, welche Sie aller Rechte beraubt, auch ihres Herzens beraubt wurde, nachdem Sie demſel⸗ ben ſo entſetzlich Gewalt angethan? Und jetzt, jetzt, nachdem Sie meinen Geſchwiſtern geſagt haben: „Dieſes Mädchen iſt für Euch eine Fremde,“ werfen Sie mich einſam in die Welt hinaus jetzt, wo ich kein einziges Weſen beſitze, das mich liebt, und nur ieß von meinem Vater mit mir hinausbringe: „Deine Pflicht iſt, die Blutsverwandtſchaft zu ver⸗ geſſen, welche zwiſchen Dir und mir ſtattfindet.“ Und Sie ſind es, welcher ſchließlich noch ſagt:„Du beſitzeſt weder Namen, Rang noch Geburt!“ Daß ich nichts von alldem beſitze,— wer iſt Schuld daran, Sie oder ich? O, gab es denn kein einziges Gefühl in Ihrer Bruſt, welches Ihnen gebot, mit mir, der Sie das Leben gegeben, aber Namen und Verwandtſchaft entriſſen, Erbarmen zu haben. Gab es in Ihrer Seele nicht eine einzige Stimme, die von Schonung ſprach, als Sie vor dieſen ſtol⸗ 190 zen Kindern mich in den Staub traten und zwiſchen ihnen und mir die Scheidewand des Hochmuths er⸗ richteten? Sagen Sie mir, daß Sie mich nicht lie⸗ ben und mir die Rechte eines Kindes geben konn⸗ ten, warum ließ man mich denn nicht weit getrennt von Ihnen und Ihrem Geſchlecht mein Leben zu⸗ bringen? O Vater, Vater, Sie haben mein jun⸗ ges Herz durch dieſes gefährliche Spiel mit dem⸗ ſelben vergiftet, und bitter werden meine Gefühle, und böſe meine Gedanken werden, wenn der Name Eldon mein Ohr erreicht! Möge Gott Ihnen ver⸗ zeihen! Sie haben mir viel Böſes gethan. Sorenza ſchwieg, vom Schluchzen erſtickt. Graf Eldon betrachtete lange Zeit ſeine Tochter Darauf verließ er ſchweigend das Zimmer. Die Vernunft des ſtolzen Mannes gab ihr Recht, ſein Stolz fühlte ſich dagegen tödtlich verwundet. Alz die Thür ſich hinter ihm ſchloß, blickte Sorenza auf und rief verzweifelnd; — Fort! Sie ſtürzte ihm nach; als ſie abel die Thür öffnete, ſchob ſie der Graf mit den Wor⸗ ten zurück: — Du und ich haben einander züm letztenmal geſprochen. — Aus Erbarmen, ein einziges freundliche⸗ Wort; ich weiß ja nicht, was ich geſagt,— bat Sorenza und wollte ſeine Hand ergreifen.. — Ich habe Dir verziehen. Lebe wohl! Di Thür wurde zugeſchloſſen und doppelt zugeriegelt. — — 2—.-— e—§————,—-—„ 191 Als Sorenza den folgenden Morgen mit ſchwe⸗ rem Herzen die Treppen zum Atelier hinaufwan⸗ derte, hatte ſie feſt beſchloſſen, nicht eher das Haus ihres Vaters zu verlaſſen, bis es ihr gelungen ſei, ihn zu beſänftigen. Sie konnte und wollte es nicht glauben, daß es dem Graf mit ſeinen Worten wirk⸗ lich ernſt geweſen:„Wir haben uns zum letztenmale geſprochen.“ Nein, es war ein Ausdruck des Zor⸗ nes, welchen ihre Keckheit hervorgerufen. Er konnte nicht ſo hart ſein, ihr es zu verweigern, ihren be⸗ gangenen Fehler abbitten zu dürfen. Obgleich die Hoffnung Sorenza alles dieſes zu⸗ flüſterte, ſo gab es doch etwas in ihrem Innern, das ihr eine ziemliche Angſt einflößte. Mit Unruhe, Furcht und Hoffnung öffnete ſie die Thüre zum Atelier und trat ein. Sie hätte vor Schrecken beinahe geſchrieen, als ſie Ernfried vor ihrer Staffe⸗ lei ſitzen ſah. Sein Geſicht hatte einen ſo über⸗ müthigen Ausdruck, daß Sorenza darin las, es ſtände ihr eine neue Demüthigung bevor. — Ich habe eine ganze Viertelſtunde auf Sie gewartet, Mamſell,— ſagte Ernfried kalt.— Graf Eldon, mein Vater, hat mir den Auftrag gegeben, Ihnen zu ſagen, daß er mit meinem Bruder Arthur nach Karlskrona gereist iſt, und wenn Arthur mit ſeinen Kameraden an Bord der Najade gegangen iſt, mein Vater ſeine Reiſe nach dem Ausland fortſetzt.. Sorenza ſtand unbeweglich und bleich wie eine Marmorſtatue. Ernfried fand in ſeinem knaben⸗ haften Hochmuth, daß es etwas ſehr Unterhaltendes ſei, ſo ungeſtraft den Spötter ſpielen und einen 192 Andern vernichten zu können. Er war jetzt, mit ſeinen achtzehn Jahren hinter ſich, Chef de famille, und Sorenza ſollte es recht erfahren, daß er in der Abweſenheit des Vaters das Recht hätte, ihr zu ſagen, was ihm beliebte. — Iſt der Graf abgereist, ohne ein einziges ſchriftliches Wort für mich zu hinterlaſſen?— fragte Sorenza nach einer langen Pauſe. — Er hat an Ihre Couſine und an Profeſſor E— geſchrieben. Das war ja Alles, was nöthig war. Sie haben wohl nicht ſeinen geſtern ausge⸗ ſprochenen Willen vergeſſen, daß Sie keine lächer⸗ liche Anſprüche hegen dürfen, daß... — Graf Ernfried, ſeien Sie ſo gut und erinnern Sie ſich ſelbſt der Worte, welche Ihr Vater Ihnen ſagte,— rief Sorenza. — Seien Sie ruhig, ich werde ſie nicht ver⸗ geſſen, wenn Sie nur dieſelbe Achtung vor ſeinem Willen an den Tag legen. Ernfried machte eine leichte Verbeugung mit dem Kopf und verließ das Zimmer. Es war ein bitterer Augenblick für Sorenza, als ſie allein war. Sie fühlte ſich ſo grenzenlos ein⸗ ſam; und einſam war ſie auch, das arme Kind. Sie beſaß ja kein einziges Weſen, welches ihr mit Zärtlichkeit und Freundſchaft zugethan war⸗ Sie empfand ein ſo unwiderſtehliches und mächtigen Bedürfniß, einige Worte des Troſtes zu hören, daß ſie mit der Sehnſucht des Verlaſſenen ihre Arme in die Höhe ſtreckte. Sie kam ſich wie eine Ausſätzige vor, wie eine Fremde für Alle, wie eine durch Geſet und Moral von allen Denen Verſtoßene, die ſie hätte 193 beſchützen ſollen. Wenn ſie nur ein paar freundliche Worte der Verzeihung vom Vater, nur eine Er⸗ innerung gehabt hätte, daß ſein Herz, wenn auch nur in der Stille, ſie liebte, ſo würde es für ſie ein tröſtender Schatz geweſen ſein. Jetzt beſaß ſie nichts. Einige ſpärliche Thränen rannen über ihre Wangen, ſie waren viel zu bitter, daß ſie reichlich hätten werden können. — O, mein Gott! verlaſſe mich nicht,— flüſterte ſie. Es gibt alſo in der ganzen Welt kein einziges Weſen, welches Theilnahme für mich hegt. Ich bin von Allen verſtoßen. Vater! Vater dort oben, er⸗ barme Dich meiner... Ein Klopfen an die Thür zur Hausflur machte Sorenza zuſammenfahren und ihre Thränen abtrock⸗ nen. Bevor ſie hinaus konnte, wurde die Thür geöffnet und Porry trat ein. — Verzeihen Sie, daß ich ſtöre; aber Profeſſor E— hat mir ein paar Croquis von Ihnen gezeigt, über welche ich einige Bemerkungen machte. Er bat mich dann, daß ich Ihnen dieſelben ſelbſt mittheilen möchte. Aber, mein Gott, was Sie jetzt wieder be⸗ trübt ausſehen. Iſt es irgend ein Kummer, der auf Ihrem jungen Herzen laſtet? Porry ergriff Sorenza's Hand und fügte mit warmer Theilnahme hinzu: — Warum habe ich nicht das Glück, Ihr Bruder zu ſein, da die Natur Sie doch zu meiner Schweſter geſchaffen? Ich würde dann das Recht haben, Ihren Kummer zu theilen. Vergebens verſchluckte Sorenza ihre Thränen, Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. 1. 13 194 vwergebens rieth ihr der Stolz, jeden Ausbruch der Rührung zu erſticken. Die theilnehmenden Fragen, die freundlichen Worte zauberten gleichſam einen Aus⸗ bruch hervor, und trotz allen Anſtrengungen ſing ſie an, heftig zu weinen. Porry's Worte waren gerade geeignet, die Ge⸗ danken an ihre einſame und verlaſſene Lage zu wecken. Es gibt wohl Nichts, das raſcher eine zärtliche Erklärung veranlaßt, als wenn ein Mann ein Weib, für welches er ſich intereſſirt, tief betrübt ſieht; darum bemerkte Nils mit Wärme: — Sorenza! Aus Barmherzigkeit ſagen Sie mir, was es iſt, das Sie ſchmerzt. Ich gebe Ihnen die heilige Verſicherung, daß Sie in mir einen wahrhaſt ergebenen Freund beſitzen, welcher gern Alles opfern würde, wenn ich Ihnen damit eine Freude erkaufen könnte. Sie ſind zu jung, um nur zu ahnen, ge⸗ ſchweige denn zu begreifen, wie lieb Sie ſchon ſeit un⸗ ſerem erſten Zuſammentreffen mir ſind und geweſen ſind. Geben Sie mir deshalb das Recht eines Freundes, Ihren Kummer zu theilen und womöglihh denſelben zu mildern. Sorenza hatte ihr Geſicht in den Händen ver⸗ borgen; Porry zog ſie mit milder Gewalt weg.⸗ Ihre thränengefeuchteten Augen richteten ſich auf die ſeinigen, welche ihnen mit einem Ausdruck wirklichen Zärtlichkeit begegneten. Seine Blicke glichen ein pact Sternen des Troſtes mitten in dieſer Wolke von Sorgen, die ſie umgaben. — Ach, ich bin ſo allein in der Welt,— ſtam⸗ melte Sorenza, ohne einen einzigen Freund zu be⸗ ſiten. In den Augenbliceen, in welchen dieſes rech ₰ρ½ S 195 deutlich vor meiner Seele ſteht, bin ich ſehr, ſehr unglücklich. — Aber jetzt, Sorenza, jetzt weiß Ihr Herz, daß Sie einen Freund beſitzen. Porry blickte tief in ihre Augen. — Einen Freund, der Sie mehr liebt, als ſich ſelbſt. Blicken Sie nicht weg, fürchten Sie ſich nicht vor meinen Worten. Ich verlange ja, armes Kind, nur Vertrauen von Ihnen, nur die Stelle eines Bruders in Ihrer Seele und das Recht, Ihre Sorgen zu theilen. Gibt es nichts in Sorenza's eigener Bruſt, welches Ihnen ſagt, daß Sie ſich ruhig und getroſt auf mich verlaſſen können; daß Sie dem Manne trauen können, welcher immer die Sprache der Wahrheit mit Ihnen geſprochen und in deſſen Blicken Sie deutlich leſen müſſen, daß er Ihnen ergeben iſt? Sorenza's Lippen brannten purpurroth, als ſie mit leiſer und unſicherer Stimme ſtammelte: — Ich fühle hier,— ſie legte die Hand ans Herz,— daß Gott Erbarmen mit mir gehabt, weil er gerade in dem Augenblick, wo ich mich ſo namenlos unglücklich und verlaſſen fühlte, Sie geſandt hat. Ich glaube an Ihre Worte, und ich bitte Gott, lieber ſterben zu dürfen, als den Tag zu erleben, wo ich aan Ihnen zu zweifeln nöthig haben ſollte. — Dank!— war alles, was Porry antwortete; aber Sorenza fühlte, daß ſeine Lippen ganz flüchtig ihre Stirne berührten, etwas, das ſie ſo erſchreckte, daß ſie lange Zeit nicht aufzublicken wagte. Porry näherte ſich dem Tiſche; zog ein Paar Stühle an denſelben heran und ſagte ganz heſte 196 — Nun, meine kleine Schülerin, denn das wer⸗ den Sie wohl künftig werden, kommen Sie und ſetzen Sie ſich jetzt an meine Seite, ſo werden wir von Ihren Entwürfen ſprechen. Sorenza trat näher. Porry hatte ſich bereits ge⸗ ſetzt und ſtreckte die Hand gegen ſie aus mit den Worten: — Es gibt Nichts, was ſo alle verdrießliche Gedanken und Sorgen verjagt, wie Arbeit; darum wollen wir ganz verzweifelt arbeiten. Sie wiſſen nicht, welch ſtrenger Meiſter ich zu werden gedenke. — In dem Falle habe ich keine Furcht,— ant⸗ wortete Sorenza lächelnd und ſetzte ſich. — Sie beſitzen eine üppige Phantaſie,— ſagte Nils, viele Erfindungsgabe und Originalität, aber es fehlt Ihnen an Geduld; und dieſes macht, daß Iüre Bilder oft ſchlecht ausgeführt ſind; ſehen Sie hier... Wir gehen über das, was jetzt folgte, hinweg. Während der Stunde, die Porry im Atelier verweilte, beſchäftigte er ſich ausſchließlich damit, die Croquis Sorenza's zu corrigiren. Dieſes geſchah mit einer Genauigkeit und Strenge, welche Sorenza's Aufmerk⸗ ſamkeit ganz und gar in Anſpruch nahm. Sie ver⸗ gaß alle ihre Sorgen und folgte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit jeder Bemerkung dieſes als Künſtler ſo ungewöhnlich reichbegabten Mannes. Das Gemülh der Jugend verweilt im Allgemeinen nicht lange bei traurigen Gedanken, am allerwenigſten wenn es von Natur lebhaft und heiter iſt. Sorenza beſaß eine natürliche Leichtigkeit darin, vom Kummer zur Freude überzugehen.. e ðU N———— — ——- S— SS= 197 Als ſie Mittags nach Hauſe ging, erſchien ihr auch das Leben in einem bedeutend helleren Lichte und wir müſſen zum großen Nachtheile für Sorenza zugeben, daß ihre Gedanken ausſchließlich mit Porry beſchäftigt waren. Freilich zeugte dies von einem hohen Grad von Flüchtigkeit in ihrem Temperament, aber, mein lieber Leſer, Du mußt Dich in der vorliegenden kleinen Arbeit mit den Porträts begnügen, wie ſie aus der Wirklichkeit genommen wurden, und nicht nach Idealen ſuchen, die man der Phantaſie entnimmt. „Ein leicht verſcheuchter Traum iſt Frieden hier auf Erden.“ Dieſes ſollte Sorenza erfahren; denn ebenſo plötzlich wie ſie von Porry aus ihren trau⸗ rigen Gefühlen entrückt worden war, ebenſo plötzlich ſollte ſie bei ihrer Heimkehr wieder in den Wirbel derſelben geriſſen werden. Sobald ſie in ihr Zimmer eingetreten war, wurde die Thür, die von dort in das Schlafgemach Ida'’s führte, aufgeriſſen und dieſe kam herein, einen Brief in der Hand haltend. — Es war recht gut, daß es Dir endlich einmal beliebte, nach Hauſe zu kommen, damit ich Dir meine gerechte Mißbilligung Deines und Tante Toll's Betragen erklären kann. Gleich nachdem Du heute fortgegangen warſt, erhielt ich dieſes Schreiben von Graf Eldon; was enthält das wohl? Nun, die aller⸗ ſcandalöſeſte Geſchichte von Deiner Mutter. Der Graf erklärt darin ganz ungenirt, daß er Dein Vater ſei; daß Deine Mutter von ihrem Manne geſchieden 198 worden iſt ꝛc. Hübſche Sachen, wahrhaftig, über die ich in vollſtändiger Unkenntniß gelebt habe. Ein derartiger Scandal iſt alſo in meiner Familie paſſirt und vielleicht einer ganzen Menge Menſchen bekannt. Aber nicht genug hiermit, Tante Toll, welche Dich nach dem Tode Deiner Mutter bei ſich aufnahm, gibt Dir den Namen, welchen Deine Mutter als verheirathet gehabt, und erklärt dreiſt, daß Du meine Couſine hiſt. Sie hätte wohl zuerſt mit der Familie zu Rathe gehen ſollen, ob ſie Dich anerkennen wollte oder nicht. Statt deſſen legt ſie es mir auf ihrem Sterbe⸗ bette an's Herz, Dich in mein Haus aufzunehmen und als eine Verwandte zu behandeln, was ich auch alles mit meiner gewöhnlichen Güte in der vollen Ueberzeugung verſprach, es ſei Deine Geburt eine ſolche, daß ich nicht nöthig haben würde, über die Verwandtſchaft zu erröthen. — Aber, liebe Ida,— fiel Sorenza ein, für ſo gütig Du Dich auch hältſt, ſo hätteſt Du mir doch nicht Dein Haus geöffnet, wenn Graf Eldon für meinen Aufenthalt in demſelben nicht bezahlt hätte und für Geld würdeſt Du jede beliebige andere fremde Perſon aufgenommen haben. Du dürfteſt deshalb verzeihen, wenn ich es nicht begreifen kann, wozu Deine ganze Rede dienen ſoll. — Kannſt Du es nicht begreifen; dann werde ich mir wohl erlauben müſſen, Dich darüber aufzu⸗ klären. Falls Du als eine nichtverwandte Perſon bei mir einakkordirt worden wäreſt, dann hätte ich durchaus nicht nöthig gehabt, mich bei der Frage nach Deiner Geburt zu ſchämen, welches jetzt der Fall —zB—— †Qᷣ 2— S SSeSs 199 iſt, da Du die Tochter meiner Tante biſt. Du be⸗ greifſt wohl gerade ſo viel, daß man ſich nie zur Verwandtſchaft mit ſolchen Kindern rechnet, wie Du biſt. Als Tante Toll es auf ſich nahm, für Dich zu ſorgen, wäre es ihre Pflicht geweſen, Dir nur die Rolle eines armen Pflegekindes, und nicht die einer Verwandten, zuzuweiſen. Auf dieſe Weiſe hätte man ſich manche Unannehmlichkeit erſpart. Jetzt werde ich ja bei jeder Nachfrage in Beziehung auf Dich in der tödtlichſten Angſt leben. — Dieſem kann dadurch abgeholfen werden, daß ich Profeſſor E— bitte, mir eine andere Heimath zu verſchaffen,— antwortete Sorenza kalt. — Das glaubſt Du? Gerade, als wenn man Dich nicht allgemein für meine Couſine hielte. Folg⸗ lich werde ich, wohin Du auch Deine Schritte lenkeſt, immer dem Scandal bloßgeſtellt ſein, den Deine Mutter Dir als Erbe hinterließ. Uebrigens, meine Liebe, hat mein Mann Graf Eldon die Hand darauf gegeben, daß Du bis zur Rückkunft des Grafen bei uns bleiben ſollſt. Mit dieſen Worten fuhr Ida aus dem Zimmer heraus und ließ Sorenza allein. Ida freute ſich, in ihren Händen ein Mittel zu haben, mit welchem ſie Sorenza demüthigen und plagen konnte, denn ſie hatte immer ein klein wenig Neid gegen ſie empfunden, welcher dadurch bedeutend vermehrt worden war, daß ſie ſah, wie Porry Sorenza ein größeres Intereſſe als irgend einer Anderen, ſie ſelbſt miteingerechnet, zu ſchenken ſchien; und dies war Etwas, was ihre Eitelkeit nicht er⸗ tragen konnte. 200 Einige Tage nach dem oben beſchriebenen Auf⸗ tritt zog die Familie des Majors hinaus in die kleine reizende Sommerwohnung Roſensvik am Ufer des Mälarſees. Es dauerte eine ganze Woche, bevor Porry auf Alnäs anlangte, welches ein Beſitzthum ſeines Vetters, des Gutsbeſitzers Sturm, war. Gleich nach Nils' Ankunft auf Alnäs machte er eine kurze Viſite bei dem Major. Es war an einem derjenigen Tage, an welchem Sorenza wegen ihrer Stunden bei Profeſſor E— nach der Stadt reiſte. — Ich habe eine Bitte, welche Sie mir nicht abſchlagen dürfen,— bemerkte Porry während ihrer Unterredung gegen Ida. — Wirklich! Nun, wie lautet die? — Daß Sie mir erlauben, meinen Vetter Gunnar Sturm, Ihren nächſten Nachbar, vorzuſtellen. — Unendlich gerne,— antwortete Ida verbind⸗ lich. Der Gutsbeſitzer iſt dafür bekannt, ein ſonder⸗ barer und ſehr reicher Mann zu ſein, über welchen verſchiedene Gerüchte im Umlauf ſind. — Er iſt wirklich wegen ſeiner vielſeitigen Bil⸗ duns und ſeines Reichthums berühmt;— antwortete ils. Am Tage darauf war Sorenza nicht in der Stadt, ſondern leiſtete Ida Geſellſchaft, die in der aller⸗ liebenswürdigſten Laune und in ihre ausgeſuchteſte Toilette gekleidet war. Als Sorenza Nachmittags in den Pavillon hinunterkam, rief Ida: — Liebe Sorenza, Du wirſt Dich umkleiden müſſen. Ich erwarte Beſuch. — Ueberflüſſig,— meinte der Major. Sorenza ——ᷓ 201 iſt recht, wie ſie iſt. In ihrem Alter braucht man nicht hübſche Kleider, um liebenswürdig zu ſein. — Willſt Du damit ſagen, daß man in dem meinigen die Hülfe der Toilette nöthig hat? Ida's Geſicht war im Begriff, jenen fröhlichen und lächelnden Ausdruck zu verlieren. — Durchaus nicht; aber Du biſt Frau und ſollſt repräſentiren, Etwas, wovon ein junges Mädchen befreit iſt. Der Major, ein Ehemann von der verliebten Sorte, betrachtete ſeine Frau als ein Muſter, welches mit allen den Vollkommenheiten ausgerüſtet ſei, die ihr abgingen. Er küßte alſo Ida's Hand und ſetzte einige Worte von ihrer Schönheit ꝛc. hinzu. — Was kommt für ein Beſuch?— fragte So⸗ renza gleichgültig und blickte gedankenvoll hinüber nach Alnäs, welches man vom Pavillon aus ſehen konnte. Sie wußte nicht, daß Porry dort angekom⸗ men ſei. — Dein Bewunderer Porry und der Werkbeſitzer Sturm; nicht zu reden von all den gnädigen Frauen. — Wer hat geſagt, daß Porry Sorenza's Be⸗ wunderer iſt?— fiel Ida ärgerlich ein. — Meine eigenen Augen, mein Engel! Sorenza beugte ſich erröthend über ihre Arbeit herab und nähte mit verzweifelter Eile. Seit zwei Wochen hatte ſie Porry nicht geſehen. Während dieſer Zeit war das Bedürfniß, ihn zu ſehen, der⸗ geſtalt gewachſen, daß ſie ordentlich an Sehnſucht nach ihm gelitten. Dieſe ſollte jetzt befriedigt wer⸗ den, und doch kam es ihr beſchwerlich vor, ihn ſo vor Fremden wiederzuſehen. Sie war ſo in dieſe 5 202 Gedanken verſunken, daß ſie nicht die Verſtimmung Ida's über die Aeußerung des Majors bemerkte, daß Porry ein Bewunderer Sorenzas ſei.. Die Ankunft einiger Gäſte brachte ſie indeſſen bald in die äußere Welt zurück. Dieſe hatten kaum Platz genommen, als Porry und der Gutsbeſitzer eintraten. Nachdem die Vor⸗ ſtellung vorüber war, ließ ſich der Letztere neben der Wirthin nieder und Porry ging gerade auf Sorenza zu. Er ſetzte ſich neben ſie mit den Worten: — Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, ſeit ich mich an Ihrem Anblick erfreuen durfte. Haben Sie Dank für unſer letztes Zuſammentreffen! Haben, Sie während der verfloſſenen Zeit einmal an den Freund gedacht? — Das habe ich,— ſagte Sorenza, und blickte zu ihm hinauf. 4 Sie wunderte ſich darüber, daß ſie ſich gar nicht genirt fühlte. Sie empfand im Gegentheil beim Klange ſeiner Stimme eine ſo wirkliche Freude, daß alle andern Eindrücke verſchwanden.. — Sie haben ſich gewiß darüber gewundert, daß ich ſo lange unſichtbar geweſen? — Das gebe ich zu. — Haben Sie nicht die Urſache errathen? — Nein. — Es liegt etwas unerklärlich Scheues in Ihrem ganzen Weſen, welches bewirkt, daß Sie ſich fürchten, ſich mir zu nähern, obgleich eine innere Sympathie damit im Streite iſt. Mein Gefühl iſt wiederum keine auflodernde Leidenſchaft; es iſt nicht einmal Liebe, ſondern ein inneres Bedürfniß, Ihnen mit ———— 5 B 203 Ergebenheit entgegenzukommen. Jeder übereilte (Schritt, den ich thun würde, um mir Ihr Ver⸗ trauen zu gewinnen, müßte mich nur davon ent⸗ fernen. Werden Sie dagegen ſich ſelbſt überlaſſen, dann muß das Bedürfniß der Gegenwart des neuen Freundes in Ihnen erwachen. Ich will Ihr Herz zwingen, mich zu vermiſſen. — Und das iſt Ihnen gelungen. — Dies war mir indeſſen nicht genug. Porry beugte ſich näher zu Sorenza hin, als wenn er ihre Arbeit anſehen wollte, und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu: — Ich wünſchte, daß das Wiederſehen von mir Ihnen Freude verurſachen möchte. Mein erſter Blick auf Sie ſagte mir auch, daß es ſo war. Meine JEntſagung, Sie nicht geſehen zu haben, wurde da⸗ durch reichlich belohnt. Profeſſor E— wird heute Abend herauskom⸗ men, um mit Ihnen von den Lectionen zu ſpre⸗ chen, welche Sie während des Sommers in ſeiner Abweſenheit bei mir nehmen werden. 3 — Bei Ihnen?— Sorenza blickte haſtig auf. — Erſchreckt Sie das? Sie ſind ein ſonderbares Kind, zu gleicher Zeit von der Leichtgläubigkeit Ihres Alters eingenommen— und doch auch von Geſpenſter⸗ furcht erfüllt. Woher kommt dieſer Widerſpruch? — Von meiner verlaſſenen Stellung im Leben, — antwortete Sorenza.— Ich fürchte unaufhörlich Etwas zu thun, was unrecht iſt, und ich habe Nie⸗ manden an meiner Seite, welcher mir ſagt, wie ich handeln muß. 4 — Sie haben ja mich. 5 204 — Gerade in Beziehung auf Sie iſt es, daß ich mich auf mich ſelbſt nicht verlaſſen kann. Sie ſind zu jung, um mein Freund zu ſein, und obgleich meine Vernunft mir dieſes ſagt, ſo ſind Sie doch der einzige Freund, den ich beſitze, der einzige, den ich beſitzen will. — Dank! Sie werden nie Grund bekommen, es zu bereuen. Der Werkbeſitzer Sturm hatte, während er ſich mit Ida unterhielt, Sorenza und Nils verſtohlen betrachtet. — Manſell Bencke iſt ja mit der Herrſchaſt verwandt?— fragte er, ſich gegen den Major wendend. — Eine Couſine meiner Frau,— war die Antwort. Ein ſeltſam anziehendes Geſicht.— Bei dieſen Worten wechſelte Ida die Farbe.— Mein Vetter Porry ſcheint ſich auch für das junge Mädchen zu intereſſiren. 8 — Daſſelbe behaupte auch ich,— ſagte der herzliche, freundliche, aber etwas einfältige Major; aber meine Frau will es durchaus nicht einräumen. — Wirklich? Der Werkbeſitzer richtete einen blinzelnden Blick auf Ida und fügte hinzu: — In ſolchen Fällen ſind die Frauenzimmer gewöhnlich ſcharfſinniger als wir Männer. Was mir als ein gewöhnliches Intereſſe vorkommt, kann ja ganz einfach ein rein künſtleriſches ſein. Ich hörte Porry ſagen, daß Profeſſor E— meinen Vetter ge⸗ beten hätte, während der Profeſſor einige Wochen S. S Se SSnSSS— —— — ——⁸— 205 abweſend ſei, der Lehrer der Mamſell Bencke zu ſein, eine Beſchäftigung, die viel zu angenehm für einen jungen Mann iſt, als daß ſie nicht mit Ver⸗ gnügen angenommen werden ſollte. — Soll Profeſſor E— verreiſen? Ida's Stimme verrieth zu deutlich eine innere Ungeduld. — Nur vier bis fünf Wochen. Die Ankunft von E— und einigen andern Gäſten unterbrach das Geſpräch. Der Werkbeſitzer näherte ſich Sorenza und Porry. Er ſagte einige ſchmeichelhafte Worte in Beziehung auf ihr Talent und ging dann zu den feinen Kün⸗ ſten im Allgemeinen über. Der Werkbeſitzer beſaß eine blendende Bered⸗ ſamkeit in Verbindung mit großer Lebendigkeit in der Darſtellungsweiſe. Dieß machte, daß er mit Gewalt Denjenigen mit ſich riß, der ihn anhörte und dergeſtalt das Intereſſe an ſeine Worte feſſelte, daß man ſich nicht davon losmachen konnte. Die Kunſt hinzureißen, welche der Werkbeſitzer in ſo reichem Maaße beſaß, lag nicht allein in der geiſtreichen Weiſe ſeiner Converſation, ſondern noch mehr darin, daß er immer den Gegenſtand der Unterhaltung den Perſonen anpaßte, mit welchen er ſprach. Gelehrt mit den Gelehrten, war er dagegen Künſtler mit den Künſtlern, Dichter mit den Dichtern und Mate⸗ rialiſt mit den Materialiſten, Sprach er mit einer hübſchen und gefallſüchtigen Dame, ſo war der Gegenſtand der Unterhaltung die Toilette, Bälle und Vergnügungen. Er behandelte dann die unbedeutendſten Dinge auf eine ſolche Weiſe, daß ſie intereſſant wurden. Es war deshalb 206 nicht zu wundern, daß Sorenza während des Ge⸗ ſprächs mit dieſem intereſſanten Manne lauter Ohr wurde. Etwas ſpäter wurde eine Promenade vorgeſchla⸗ gen und während dieſer manövrirte unſere gefall⸗ ſüchtige Majorin ſo, daß Nils und ſie das letzte Paar wurden. — Iſt es wahr, daß Sie die Leitung des Unter⸗ richts der Sorenza, während Profeſſor E— abweſend iſt, übernehmen werden?— fragte Ida. Ja, inſofern als ich verſprochen habe, die Auf⸗ ſicht über Mamſell Bencke's Arbeiten zu führen. Porry ſagte dieß mit einer eigenen kalten Be⸗ ſtimmtheit in der Stimme, als wenn er allem wei⸗ teren Reden über dieſe Sache hätte. vorbeugen wollen. — Aber mir dünkt, daß eine ſolche Veränderung nicht hätte ſtattfinden dürfen, ohne daß E— erſt meine Anſicht eingeholt. Sie ſind durchaus zu jung um Sorenza's Lehrer ſein zu können. — Meinen Sico, daß meine künſtleriſchen Kennt⸗ niſſe nicht groß genug ſind? Porry lächelte ironiſch. — Ah! Sie wiſſen ſelbſt zu gut, daß Sie in dieſer Beziehung einen europäiſchen Ruf haben. — Nun wohl, Meine Gnädige, dann wird es ja immer ein Gewinn für Mamſell Bencke, unter meiner Leitung zu arbeiten. — Ein Gewinn, welchen ſie auf Koſten ihres Rufes erkauft. Ida's Wangen brannten und ihre Augen blitzten. 8 Sie hätte weinen mögen, ſo durch und durch erbit⸗ tert war ſie. —=— Erlauben Sie mir, Ihnen die Verſicherung zu geben, daß ich noch nie einen Schatten auf den Ruf eines Weibes geworfen, und am allerwenigſten wird es mit dem der Mamſell Bencke der Fall ſein. Einige Wochen lang iſt ſie eine Schülerin, die Pro⸗ feſſor E— mir anvertraut hat, und ich wage zu behaupten, daß nicht einmal der Neid etwas Böſes darin wird finden können. Uebrigens bin ich, Frau Majorin, nicht dafür bekannt, ein Liebhaber von Frauenzimmern zu ſein; Sie wiſſen das zu gut. Ich bin dazu zu viel Künſtler. Ida ging eine Zeit lang ſchweigend an Porry's Seite; darauf fuhr ſie fort: — Wo ſoll Sorenza arbeiten? — In ihrem Atelier. Wieder entſtand eine Pauſe. Plötzlich blieb Ida ſtehen und ſagte mit Heftigkeit: — Sie werden zugeben, daß es doch gegen alle unſere Begriffe vom Schicklichen ſtreitet, daß ſie mit Ihnen unter vier Augen ſein ſoll. — Sie vergeſſen eine Sache, nämlich die, daß ein Künſtler, welcher malt, nicht einen Lehrer nöthig hat, welcher an ſeiner Seite ſteht und ihm jeden Pinſelſtrich ſagt, den er thun ſoll, ſondern daß die Rolle des Meiſters von einer ganz andern Natur iſt. Uebrigens, Frau Majorin, denke ich, daß der alte E— hinreichend gut bekannt ſei, ſo daß Sie wenigſtens. Vertrauen zu ihm haben müßten, wenn Sie auch keines zu mir hegen. Mamſell Bencke iſt nicht die einzige ſeiner Schülerinen, die ich übernommen habe. 208 Weder E noch ich haben es ſo ſchlecht arrangirt, daß ſie während der Arbeitsſtunden mit mir allein bleiben wird. Sie können vollkommen ruhig ſein. — Ich bin nie unruhig geweſen; aber es dürfte Sie doch nicht wundern, wenn ich wegen der Ehre eines Mädchens, das ſich in meinem Hauſe aufhält, beſorgt bin. Mich wundert nichts. Ich wünſche nur, daß Sie in allen Dingen ebenſo zärtlich über ſie wachen möchten. Sie ging ſchweigend einige Schritte weiter. — Herr Porry, Sie ſind piquirt,— ſagte Ida lächelnd. — Ich werde nie gegen ein Frauenzimmer piquirt. — Und warum nicht? 4 — Weil Weiber und Kinder nicht im Stande ſein dürfen, Männer zu reizen. — Das wäre beinahe eine Unartigkeit. — Da hätte ich einen Fehler begangen; aber einen Fehler, den ich nicht wieder gut machen will. — Und einen Fehler, den ich erſt heut bei Ihnen entdeckt habe. — Wirklich! Das iſt alſo ein Tag für Ent⸗ deckungen. Ich habe auch eine in Beziehung auf Sie gemacht. — Und welche? — Erlauben Sie, daß es bis auf Weiteres mein Geheimniß bleibt. Nils ſagte dies mit einem bedeutungsvollen Lä⸗ f cheln, welches machte, daß Ida die Farbe wechſelte. Vielleicht gab es Etwas in ihrem Innern, was ſie fürchtete, daß er es ahnte. 4 — AN 8 A 209 Genug, ſie fing an, von gleichgültigen Dingen zu ſprechen, und bald nahm die Unterhaltung den gewöhnlichen Salonton an, bei welchem die Worte der Dame Coquetterie und die des Cavaliers Galan⸗ terie athmen. — Tage und Wochen vergingen nach der oben be⸗ ſchriebenen Unterredung, ohne daß ſich etwas Bemer⸗ kenswerthes zutrug. Abends kam Porry hinüber zum Major, und dann waren er und Sorenza gewöhnlich damit be⸗ ſchäftigt, Entwürfe zu machen. Während dieſer Wochen hatte Nils weder ein ort von Freundſchaft, noch von Liebe zu Sorenza geſprochen; aber zwiſchen ihnen entſtand eine natür⸗ liche Vertraulichkeit, welche bewirkte, daß Sorenza mit ihrem ganzen unverdorbenen Herzen ſich an ihren neuen Lehrer hing. Falls er einmal, wenn ſie allein waren, während der Unterhaltung ihre Hand ergriff, ſo ließ ſie die⸗ ſelbe ohne Widerſtand in der ſeinigen ruhen. So verging ein Monat. Ida, welche mit den Augen der Eiferſucht die Couſine und Porry be⸗ trachtete, hatte indeſſen nichts gefunden, das ſie in dem Gedanken beſtärken könnte, als hege Nils ein lärtliches Gefühl für Sorenza. Durch dieſe, wie ſie glaubte, beſtimmte Entdeckung beruhigt, wurde ſie ſeundlicher und gerader in ihrem Benehmen gegen orenza, und dieſer kam es vor, als wenn die Zeit gleich einem heiteren Traume dahinflog. Oft, wenn e ſpäter an dieſe Periode ihres Lebens zurückdachte, Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. I. 14 210 nannte Sorenza ſie den kurzen Frühlingstraum ihres Glückes. t Der Werkbeſitzer beſuchte während dieſer Zeit nur ein paar Mal die Familie des Majors, und g dann ſprach er gar nicht mit Sorenza. m Sie ihrerſeits war zu zufrieden mit der Gegen⸗ d wart, als daß ſie auch nur daran hätte denken, ge⸗ ſchweige denn darauf Acht geben ſollen, daß der r Werkbeſitzer that, als wenn ſie gar nicht exiſtirte.(m Durch nichts und ſelbſt nicht durch Ernfried's Be⸗ ſuch in ihrem Atelier geſtört, hatte ſie dieſen Monatſ m dahin gelebt, und es ſchien ihr, daß ſie wieder das⸗m ſelbe gute und fröhliche Kind geworden ſei, welches G ſie vor ihrem Eintritt in Graf Eldon's Haus war. Eines Tages, Anfangs Juli, kamen der Werk⸗ in beſitzer und Porry zum Major; auch jetzt war der G. Erſtere ausſchließlich mit Ida beſchäftigt. Er theilte ihr mit, daß er einen kurzen Beſuch auf einem ſeiner Güter in Soermland gemacht habe, und daß er jetzt hoffe, ein paar Wochen ungeſtört auf dem ſchönen Alnäs verbleiben zu können. Nach dem Souper war man auf die Terraſſ hinausgegangen. Gegen einen Baum gelehnt, blickt Sorenza hinaus über die ſpiegelklare Fläche und die füg lächelnden Ufer des Mälarſees. Porry und einig andere Herren converſirten mit Ida über eine Kunſt ſpr reitergeſellſchaft, welche im Thiergarten Vorſtellungen Sie gab. Der Werkbeſitzer näherte ſich Sorenza. wa — Ein hübſches Bild, dieſes da; er deutete m der Hand auf die Ausſicht. Rö — Mehr als hübſch, es iſt ſchön!— antworte von Sorenza. 211 res— Kann wohl irgend ein Künſtler etwas Derar⸗ tiges auf der Leinwand wiedergeben? 4 eit Ach nein! Der großen Meiſterin, der Natur, ind gegenüber, müſſen wir demüthig unſere Unvollkom⸗ menheit anerkennen, denn eine Copie wird niemals en⸗ daſſelbe, was das Original iſt. ge⸗— Das iſt wahr; aber dann müſſen Sie ein⸗ der räumen, daß Ihre Kunſt etwas ziemlich Unvollkom⸗ . ſmenes iſt? Be⸗— Nein, das räume ich nicht ein. Sie iſt nat menſchlich und kann nur etwas menſchlich Vollkom⸗ as⸗ menes hervorbringen. Die Natur iſt dagegen von hes Gott ausgegangen und alſo göttlich. ar.— Sie ſind jung und haben Illuſionen, ſowohl ert⸗ in Beziehung auf das Menſchliche, wie auf das Göttliche,— ſagte der Werkbeſitzer lächelnd. Sie ſind nebenbei Künſtlerin.— nem— Ja, von Herz und Seele, wenn auch meine dai Fähigkeiten gering ſind. dem — Bei Ihnen gehen die Fähigkeiten Hand in Hand mit Seele und Herz. Die Blicke des Werkbeſitzers waren gleichſam feſtgenagelt an Sorenza's Zügen, als er hinzu⸗ ügte: nig— In dieſen Tagen iſt ein junger vielver⸗ nſtſ ſprechender Künſtler, mit demſelben Namen wie ge, Sie, hier angekommen. Wahrſcheinlich ein Ver⸗ wandter. Sorenza's Wangen wurden von einer hohen Röthe übergoſſen, und ihr ganzes Ausſehen zeugte tee von wirklicher Verlegenheit. Der Werkbeſitzer war⸗ ittte nicht ihre Antwort ab, ſondern fuhr fürt: 212 — Mit ſeinem Vater, dem Großhändler Bencke, und auch mit ſeiner Mutter, der hübſchen Amalie Bill, war ich ſehr gut bekannt. Nachdem Bencke Wittwer geworden, zog er mit ſeinem Sohn hinüber nach Kopenhagen und ſtarb dort einige Jahre nach dem Tode der Frau. Der Sohn iſt nach dem Willen des Vaters in Dänemark erzogen worden und be⸗ gann dort ſeine künſtleriſche Laufbahn, welche er jetzt, wo er mündig geworden iſt, hier in ſeinem wirklichen Vaterlande, Schweden, fortzuſetzen gedenkt. Er beabſichtigt, ſich hier ein Jahr aufzuhalten und dann nach Düſſeldorf zu gehen. Der Werkkeſitzer hielt inne. Sorenza's Herz ſchug unruhig. Nach einer Pauſe fuhr der Gutsbeſitzer fort:. — Ich traf während meines kurzen Aufenthalts in Gothenburg mit Rudolph Bencke zuſammen, und da ſagte er mir, daß er in drei Wochen in Stock⸗ holm einzutreffen gedenke, wo er einige unbekannte Verwandte habe. Vielleicht ſind Sie eine von Ihnen? Der Major hat mir geſagt, daß Sie die Tochter eines Kaufmanns Bencke ſind. Ich wüßte nicht, je gehört zu haben, daß Rudolph's Vater einen Bruder gehabt. Die Augen des Gutsbeſitzers ſuchten in dem Innern des jungen Mädchens zu leſen, welches um ſo viel leichter war, als ihre heftigen Gemüthsbe⸗ wegungen ſich auf ihrem Geſichte wiederſpiegelten. Ich war ſo klein, als... als... meine El tern... ſtarben,... ſtammelte Sorenza. 1 — Daß Sie nicht darüber Beſcheid wiſſen, wiſ nahe verwandt ihr Vater mit dem Manne i u 213 Tante war. Denn Rudolph Bencke iſt ein Ge⸗ ſchwiſterkind der Majorin. Ich handelte auch un⸗ recht darin, daß ich mich mit dieſen Fragen an Sie wandte, ich hätte leichter von der Majorin, die 10 Jahre älter iſt, eine Antwort auf ſie erhalten können. Der Werkbeſitzer wollte ſich entfernen, aber es geſchah mit einer eigenthümlichen Langſamkeit, welche deutlich bewies, daß er erwartete, es würde Sorenza irgend etwas bemerken. Sie war indeſſen zu auf⸗ geregt, um auf ſeine zögernde Bewegung Acht zu geben und ſie empfand nur ein eigenes, peinliches Gefühl bei dem Gedanken, daß er einige Fragen über denſelben Gegenſtand an Ida richten würde. Als ſie merkte, daß er im Begriff ſtand, ſie zu ver⸗ laſſen, erhob ſie haſtig den Kopf und ſagte mit ban⸗ ger und unſicherer Stimme: — Ich habe eine Bitte an den Werkeeſitzer. — Seien Sie verſichert, daß ich, ſoweit es inner⸗ halb der Grenzen der Möglichkeit liegt, ſie erfüllen werde. — Machen Sie meiner Couſine keine Fragen be⸗ treffs meiner Eltern. Sorenza's Augen waren voll Thränen. ji Der Werkbeſitzer ergriff ihre Hand und fügte inzu: — Seien Sie verſichert, daß ein Wunſch von hnen mir immer heilig ſein wird. Während der Werkbeſitzer mit Sorenza ſprach, endlich mit Symptomen der Eiferſucht, als der hatten ein paar ſchwarze Augen ſie genau beobach⸗ tet; erſt mit Verwunderung, dann mit Aerger und 214 Werkbeſitzer die Hand des jungen Mädchens er⸗ f. Endlich wurde es Porry unmöglich, auf ſeinem Poſten zu bleiben und er richtete ſeinen Cours hin nach Sorenza und dem Werkbeſitzer. — Ich glaube, daß es Zeit iſt ſich nach Hauſe zu begeben,— bemerkte er gegen den Letzteren und ſah auf ſeine Uhr. — Wenn das der Fall iſt, ſo bin ich bereit Dich zu begleiten,— antwortetete der Werkheſitzer und verbeugte ſich verbindlich vor Sorenza. — Nils’ Blick war kalt und finſter, als er ihr gute Nacht ſagte und das, obgleich in dem Geſichts⸗ ausdruck des jungen Mädchens etwas ſo Trauriges lag, daß es ihm hätte ſagen müſſen, ſie ſei gerade jetzt eines freundlichen Wortes vom Freunde bedürf⸗ tig; aber die Unzufriedenheit des Liebhabers hatte die Theilnahme des Erſteren verjagt. Das Abge⸗ meſſene und Fremde in Porry's Abſchied ſchmerzte Sorenza. Als die Gäſte ſich entfernt hatten, blieb Sorenza auf der Terraſſe ſitzen. Die Familie des Majors war in den Saal hineingegangen und Sorenza hörte, wie Ida's Kinder zu Vater und Mutter„Gute Nacht“ ſagten. Die zärtlichen, liebkoſenden und freundlichen Worte, welche der Major an den Kindern verſchwen⸗ dete, waren gleichſam Dolche, die die Seelenwunde trafen, an welcher das Innere Sorenza'’s blutete. Als die Kinder zur Ruhe gegangen waren, hötte ——ͤͤ 8ͤöASͤͤeͤ—=—. 215 ſie, wie der Vater lange und mit Zärtlichkeit von ihrer Zukunft ſprach und Pläne für ihr Glück und Wohl machte. Endlich gingen auch die beiden Gatten hinein in das Schlafgemach und Sorenza befand ſich allein auf der Terraſſentreppe, den brennend heißen Kopf auf die Hände geſtützt. Sie dachte: — 3u welchem bittern Schickſale bin ich nicht geboren. Ich bin wie ausgeſtoßen aus der Geſellſchaft; denn ich beſitze weder Geſchwiſter, noch Eltern, Namen oder Heimath. Keine Mutter hat fröhlich an meiner Wiege von der Freude der Zukunft geträumt, kein Vater hat meine Geburt ge⸗ ſegnet, oder mich an ſein Herz geſchloſſen, um mir eine Freiſtätte und einen Schutz an ſeiner Bruſt zuzuſichern. Ich habe kein elterliches Haus, deſſen ich mich erinnern kann; keine fröhlichen Spiele im Kreiſe lieber Geſchwiſter; keine nachahmungswerthen Beiſpiele der Tugend und der Liebe ſchweben vor meinem Gedächtniſſe in der Geſtalt des Bildes mei⸗ ner Mutter. Sorenza weinte. — Kann ich wohl ſagen, daß ich Eltern gehabt? Nein, wehrlos, verlaſſen, bin ich aufgewachſen, ohne daß ich je in den Kinderjahren von Denen, welche mir das Leben gegeben, geliebkost oder geſegnet wurde; und nachher— nachher, als man mir ſagte, dieſer Mann iſt Dein Vater, dann fügte man dieſe Schmerzensworte hinzu: Aber ein Vater, deſſen Leichtſinn Deine Mutter erniedrigte; Schande über ſie häufte und Dein Leben unauslöſchlichem Schimpfe weihte. Ueber mich, mich, welche ſchuldlos iſt, kommt 216 die Verachtung, und er, dieſer Vater, den ich nicht achten kann, und nicht lieben darf, genießt allge⸗ gemeines Anſehen. Er geht mit emporgehobenem Haupte und ruhiger Stirne vor derſelben Welt einher, welche mir, ſeiner Tochter alle Rechte genommen hat. Sein ſtolzer Name verſchafft ihm Achtung und im Schat⸗ ten deſſelben lebt er ſein ſchuldbelaſtetes Leben da⸗ hin, während ich zittere, wenn man von dem Namen ſpricht, den ich trage, und der ein Diebſtahl iſt. Sorenza warf ſich ins Gras und brach in hef⸗ tiges Schluchzen aus. Den folgenden Tag brachte Sorenza einſam auf Roſensvik zu. Eine eigene ſchmerzliche Schwermuth ruhte auf ihrer Seele. Gegen Abend unternahm ſie eine Promenade hinunter in den Park. 3 Einige Augenblicke darauf kam Porry und ſuchte die Herrſchaft; er bekam zur Antwort, daß die Familie des Majors in der Stadt und daß die Mamſell in den Park hinuntergegangen ſei. Er lenkte ſeine Schritte dorthin. Auf einer Treppe zum Pavillon ſitzend, überließ Sorenza ſich all den traurigen Betrachtungen, welche der vorhergehende Abend veranlaßt hatte. Beim Schalle von Tritten blickte ſie auf. — Nils!— rief ſie unfreiwillig und erhob ſich. — Erſchreckt der Anblick von mir Sorenza?— fragte Porry und eilte auf ſie zu. — Nein, im Gegentheil!— ſtammelte Sorenza und erröthete über den Ausruf, der ihr entfallen war. Porry zog ſie ſachte die Treppe hinab, ſetzte ſich an ihre Seite und ſagte mit vibrirender Stimme: —,—,—- ſͤͤ 217 — Als wir uns das letztemal trafen, hatte ich nur einen Wunſch, den, eine Gelegenheit zu bekom⸗ men, mit Sorenza zu ſprechen. Zwiſchen uns muß es vollkommen klar werden, ſofern ich nicht von all dieſen Martern beherrſcht werden ſoll, welche ge⸗ ſtern meine Bruſt erfüllten, als Sturm mit Ihnen ſprach. Sorenza, ich kann nicht Dein Freund ſein, es iſt mir zu wenig. Ich muß Dein Herz beſitzen, oder weit von hier fliehen. Ich liebe Dich, liebe Dich tief, heilig und ernſt. Wende Dich nicht weg, ſondern ſpreche zu mir; laß mich in Deinem Blicke leſen, daß Dein Inneres etwas Beſſeres ſür mich birgt, als jene kalte und farb⸗ loſe Freundſchaft....... Was antwortete wohl Sorenza? Der Sommer⸗ wind lauſchte den Worten, und nur der und Nils fingen ſie auf. Liebesworte, welche zwei Liebende austauſchen, ſind für Andere im höchſten Grade fade, darum ſuſſe wir den Weſtwind ſie auf ſeinen Flügeln fort⸗ ühren. Am folgenden Morgen wollen wir in aller Eile einen Beſuch auf Alnäs abſtatten. Strahlend war die Sonne am goldenen freien Himmel aufgeſtiegen und goß ein Meer von Gold aus über die cryſtall⸗ klare Oberfläche des Mälarſees. Nicht der geringſte Luftzug bewegte das Laub, oder kühlte die Gluth ab, mit welcher die Königin des Tages die Erde umarmte.—. Auf dem Balkon zu Alnäs war ein ſtattlicher 218 Kaffeetiſch gedeckt und in einem der kleinen Sopha's dort finden wir den Werkbeſitzer Sturm eine Zeitung in der Hand haltend. Seine Augen waren indeſſen nicht auf ſie gerichtet, ſondern irrten gedankenvoll im Raum umher. Sein ganzes Ausſehen zeigte, daß ſeine Seele mit etwas für ihn Unangenehmem be⸗ ſchäftigt war. Er glich einem Feldherrn, welcher eine Schlacht verloren hat, aber den Plan zu einer neuen ausdenkt, die er ſich vorgenommen hat zu ge⸗ winnen. Er wurde indeſſen bald von Porry geſtört, welcher auf den Balkon hinaustrat. Das Geſicht des jungen Mannes glänzte von innerer Genugthuung und der Ausdruck in ſeiner Stimme war, als er grüßte, ſo fröhlich und klangvoll. Sie glich einem Echo von dem, was er in ſeinem Innern von Glück und Freude barg. Bei ſeinem herzlichen Morgen⸗ gruß wurden die Geſichtszüge des Werkbeſitzers ſchär⸗ fer und er warf einen durchbohrenden Blick auf Nils, als wenn er hätte ſagen wollen: — Dein Glück, werde ich bald zerſtören. Nachdem man während des Kaffeetrinkens von den Tagesneuigkeiten und gleichgültigen Dingen ge⸗ ſprochen, bemerkte der Werkbeſitzer: — Die Majorin Grüner iſt ein ganz einnehmen⸗ des und hübſches Frauenzimmer; es iſt wahrlich unbegreiflich, mein lieber Nils, daß Du Dich nicht in ſie verliebt haſt, da ſie gar nicht gegen Deine Perſon gleichgültig iſt, ſondern Dir mit den Augen folgt, als wenn ſie fürchtete, Dich aus dem Geſicht zu verlieren. — Sehr ſchmeichelhaft für mich,— antwortete à — ☛ᷣ=8u 219 Nils nachläſſig und fügte mit leichtſinnigem La⸗ chen hinzu: — Ich habe, leider, lange genug gemerkt, daß ſie mich zu ihrem Opfer auserſehen, aber ich kann nicht die Ehre haben, es zu werden.— Sie iſt in⸗ deſſen ein Weib, welches dazu geſchaffen iſt, das⸗ Blut eines Mannes in Wallung zu bringen. — Möglich, aber ich gehöre wenigſtens nicht zu Denjenigen, welche für ſie brennen. — Und der Grund? — Fragſt Du das im Ernſt? — Ganz gewiß. Du haſt bisher wie ein äch⸗ ter Künſtler ein wenig da und ein wenig dort geliebt. — Geliebt! Lieber Sturm, jetzt hauteſt Du mit der Axt in Stein; ich habe nie geliebt. — Wenn Du nicht geliebt haſt, ſo biſt Du doch zwanzigmal für Weiber eingenommen geweſen. — Das iſt wahr; aber noch nie für eine ver⸗ heirathete Frau. — Bahl das Gefühl berechnet gewiß nicht, ob der Gegenſtand verheirathet oder unverheirathet iſt, es ſtellt keine ſolche Betrachtungen an. — Du haſt vielleicht Recht; aber ich glaube es nicht. Was mich anbetrifft, ſo habe ich es mir ein⸗ mal zum Grundſatze gemacht, daß, wenn eine ver⸗ heirathete Frau mich in Verſuchung bringen ſollte, ich ſie fliehen würde, und dieſem Vorſatz bin ich treu geblieben. Mir gefallen Kämpfe nicht, wo der Sieg ungewiß iſt, dann fliehe ich lieber. Das iſt ganz achtungswerth von einem ſo leichtſinnigen Patron wie Du biſt. 3 220 — Leichtſinnig!— wiederholte Porry und be⸗ trachtete ſeine Cigarre. Es liegt eine gewiſſe Wahr⸗ heit in Deinen Worten. Ich bin wirklich leichtſinnig geweſen; aber ich bin es nicht mehr. — Glaube nicht daran, daß Du Deinen Charak⸗ ter veränderſt. — Das glaube ich auch nicht; aber mein Cha⸗ rakter iſt nicht flüchtig. Der Werkbeſitzer lachte aus vollem Halſe. — Lache nicht; ich ſpreche im Ernſt. Mein Cha⸗ rakter iſt eigenſinnig und ſtolz. Ich verabſcheue aus Hochmuth Alles, was erniedrigt, und dieſes hat mich von Laſtern und Schwächen abgehalten, deren Du und andere Männer ſich ſchuldig gemacht. Es gibt kein elternloſes Weſen, welches mir ſein un⸗ glückliches Leben verdankt. Alſo iſt mein Charakter nicht leichtſinnig. — Nun, wo willſt Du Deinen Leichtſinn hin⸗ placiren? — Ins Temperament. Ich habe einen flüchtigen Sinn, welcher leicht von Schönheit und Jugend exal⸗ tirt wird, aber an den oft ſich wiederholenden An⸗ fällen von Entzündungsfieber hat mein Herz nie Theil gehabt. Alle dieſe hübſchen Weſen, welche mein Auge entzückten, waren nur Blumen, und konn⸗ ten mich nur ſolange feſſeln, als ihre Schönheit die Anmuth der Natur beſaß. Bei keinem von dieſen fand ich dieſes Etwas, welches ſchon beim erſten Zu⸗ ſammentreffen uns eine Zwillingsſeele wieder erken⸗ nen läßt. Ich wußte, daß wenn das Schickſal mir ein ſolches Weib in den Weg würfe, ich ſie, wenn unſere Augen ſich das Erſtemal begegneten, wieder 4 1——2— &—— 8 221 erkennen würde. Nachher würde ich ſie ſo mächtig und heilig lieben, daß mein Gedanke nie bei einer Andern verweilen könnte. Porry hielt inne und blickte hinaus auf den Mälar. Der Werkbeſitzer ſah ihn mit einem ſpöttiſchen und höhniſchen Blicke an. — Aber das wird wohl nicht hier in der Welt werden, daß Du eine ſolche Schweſterſeele findeſt, ſondern wohl erſt in der andern Welt. Wie zum Teufel, kann ein verſtändiger Mann, wie Du, der⸗ gleichen Nonſens ſchwatzen? — Du kannſt Recht haben. Wie konnte ich ge⸗ gen Dich, einen alten, verbiſſenen Materialiſten, meine phantaſtiſchen und ſpiritualiſtiſchen Träume ausſprechen? — Die einem Manne gar nicht anſtehen,— fiel Sturm mit Nachdruck ein.— Ein aufgeklärter Mann, muß die Erfahrung und ſein Wiſſen zu Strebepfei⸗ lern ſeines Urtheils machen und nicht, gleich einem gedankenloſen unaufgeklärten Weibe, die Phantaſie ſeine Vernunft irre leiten laſſen. Was der Ver⸗ ſtand nicht erklären kann, muß das Gefühl als un⸗ wahr, falſch und thöricht verwerfen. — Lieber Sturm, laß uns nicht auf jenes Thema kommen. Laſſe Du Deine Proſelytenmacherei; denn die Erfahrung, welche Du ſo hochachteſt, hätte Dich lehren müſſen, daß Deine Lebensphiloſophie nicht für Alle paſſend iſt und am allerwenigſten für Gemüther, wie die der Dichter und Künſtler. — Das will mit andern Worten heißen: Der Verſtand iſt ein Luxusartikel bei den Ausübungen der freien Künſte. 222 Der Werkbeſitzer lachte verächtlich. Eine Pauſe entſtand, die Sturm mit den Wor⸗ ten unterbrach: — Jenes Mädchen, welches bei Grüner's iſt,— ſie heißt Sorenza, glaube ich,— hat wirklich unge⸗ wöhnlich künſtleriſche Anlagen. — Ja, das iſt ein von der Natur ſeltſam reich begabtes Kind— antwortete Porry mit einem glän⸗ zenden Blick. — So-ol dieſes Dein Urtheil erklärt es, wie ein ſonſt ſo verſtändiger Mann wie Graf Eldon bis zu dem Grade für jenes Kind eingenommen ſein konnte, daß ſein zärtliches Gefühl für daſſelbe zwi⸗ dhen ihm und ſeiner Frau Uneinigkeit veranlaßt at. 4 Der Ton des Werkbeſitzers war im höchſten Grade gleichgültig; aber ſeine halbgeſchloſſenen und inquiſitoriſchen Augen ruhten auf Porry, deſſen Züge bei dieſen Worten ihren freudigen Ausdruck verlo⸗ ren und finſter wurden. — Was ſind das für dumme Geſchichten!— rief Nils heftig. Du willſt wohl nicht damit auf etwas recht Infames und Skandalöſes hindeuten. Erinnere Dich, daß es der Ehre eines jungen Mäd⸗ chens gilt. — Nun zum Kukuk, ich bin es ja nicht, der ihr dieſelbe ſtiehlt. Iſt ſie geſtohlen worden, ſo muß Graf Eldon die Verantwortung der Schuld auf ſich nehmen, falls ſie ihm nicht dieſelbe geſchenkt. Sonderbar geht es indeſſen zu; Mamſell Sorenza hat durch die Macht des Geldes einen Platz in Grüner's Haus erhalten, 223 wird für die Couſine der gnädigen Frau ausgegeben, und ſo hält man die Welt für Narren, die mit Wohlgefallen Graf Eldon's Geliebte in ihren Sa⸗ lon's empfängt, und... — Du lügſt, ſie iſt nicht die Geliebte Eldon’s, — unterbrach ihn Porry und ſchlug mit der geball⸗ ten Fauſt ſo nachdrücklich auf den Tiſch, daß die ächten Ssvres⸗Porzellaintaſſen hinunter auf den Boden tanzten. — Was iſt mit Dir, daß Du mein ſchönes Por⸗ zellan zerſtörſt? Sollteſt Du zufälligerweiſe in das Mädchen verliebt ſein? In dieſem Falle ſchweige ich; obgleich es weniger angenehm wäre, wenn der Schweſterſohn meines Vaters ſich mit einer ſolchen Perſönlichkeit liirte. — Hier iſt nicht die Rede von mir, ſondern von Sorenza. Auf welche Gründe hin wagſt Du es, ſo ſchamloſe, entehrende Beſchuldigungen gegen ſie auszuſprechen? — Auf die Wahrheit; aber was hat das für Dich zu bedeuten? Im Ganzen habe ich meiner Seele an etwas Anderes zu denken, als an Mamſell Sorenza's Liebesgeſchichten. Der Werkbeſitzer ſtand auf. — Fährſt Du mit nach der Stadt?— fügte er hinzu. — Ja! Sturm ſtand im Begriff, den Balkon zu ver⸗ laſſen. Porry hielt ihn zurück. — Ein Paar Worte! Woher haſt Du jene Ge⸗ rüchte von Sorenza?“ — Vom Grafen R., einem Verwandten der / 3 224 Gräfin. Aber, mein lieber Nils, wenn das Mäd⸗ chen Dich bis zu dem Grade intereſſirt, wie Deine Gemüthsbewegung andeutet, ſo ſchaffe Dir ſelbſt Aufklärungen über ſie und übergebe meine Worte der Vergeſſenheit. Es iſt immer unangenehm, die Rolle des Angebers zu ſpielen. Was ich indeſſen weiß und beweiſen kann, iſt, daß ſie durchaus nicht die Tochter des Großhändlers Bencke iſt, für welche ſie ſich ausgibt, und daß ſie trotz dem Willen der Gräfin Eldon im Hauſe des Grafen ſich aufgehalten hat, iſt ebenfalls ſicher. Sturm ging ſeiner Wege. Nils blieb ſtehen und blickte ihm nach. Die Bruſt hob ſich unruhig und ein Sturm von heftigen Gefühlen raste darin. Sturms Worte waren ganz gut berechnet und dem leichtbeweglichen Temperament und ſtolzen Charakter Porry's angepaßt. Anfangs hatten ſie nur ſeinen Unwillen erregt; aber nachher ſtiegen unruhige Zweifel auf, welche eine Menge von unbedeutenden Ereigniſſen aus der Vergangenheit gleichſam hervorzauberten und die denn. was Sturm geſagt, Wahrſcheinlichkeit ver⸗ iehen. So fand es Porry z. B. jetzt höchſt ſonderbar, daß Sorenza ein Atelier im Hauſe des Grafen hatte; daß ihre Lectionen bei Profeſſor E— vom Grafen be⸗ zahlt wurden; lauter Dinge, welchen er früher keine Aufmerkſamkeit geſchenkt, weil er ſich ausſchließ⸗ lich für die Perſon Sorenza's intereſſirt hatte. Jetzt erinnerte er ſich, daß er Sorenza überraſcht hatte, wenn ſie traurig geweſen, daß ſie aber nie den Grund angegeben. Auch fiel es ihm ein, wie 4 3 6 —— 225 verlegen ſie jedesmal wurde, wenn die Rede auf die Familie Eldon kam. Genug, die Furie des Arg⸗ wohns war jetzt, wie immer, unermüdlich, Alles auf⸗ zuſuchen, was den Worten Sturms Wahrſcheinlichkeit geben konnte. Sollte er ſich in dieſem Mädchen, das er ſeit dem erſten Male, wo er ſie ſah, geliebt hatte, ge⸗ täuſcht haben? Das war eine Frage, die ihm das Blut gleich einem Feuerſtrom durch die Adern jagte. Er mußte von Sorenza ſelbſt erfahren, in wel⸗ chem Verhältniß ſie zum Grafen ſtände. Er liebte ſie ſo redlich, ſo aufrichtig, daß ſie ihm Wahrheit ſchuldig wäre, ihm, der ihr ohne Mißtrauen ſein ganzes Herz geſchenkt. Ohne die geringſte Ahnung von dem Gewitter zu haben, welches ihrer Liebe ſchon in der Morgen⸗ dämmerung derſelben drohte, hatte Sorenza ſich Morgens bei Zeiten nach der Stadt nach ihrem Atelier begeben. Mit einem vor Glück jubelnden Herzen träumte ſie von einer Zukunft voll Seligkeit. Sorenza hatte ihre Arbeit angefangen; aber heute wollte es nicht recht gehen: Gedanken und Gefühle waren bei ihm. Sie erwartete jeden Au⸗ genblick, Porry wieder zu ſehen. Er konnte es nicht unterlaſſen, ſich heute wieder einzufinden. Wie wür⸗ den ſeine hübſchen Augen ihr nicht voll Liebe zu⸗ lächeln; und wie unnennbar glücklich würde ſie ſich nicht in dem Augenblick fühlen, in welchem er ein⸗ träte. Das Herz klopfte bei dieſem Gedanken und Schwartz, Die Tochter des Ehelmanns. 1. 15 8 1 — die Phantaſie ſchmückte dieſe Wünſche mit den reizend⸗ ſten Gaukelbildern, jugendfriſche Hoffnung blendete die arme Sorenza und wiegte ſie ein in die Welt der Illuſionen. Endlich hörte ſie Tritte auf der Treppe. — Er iſt es,— dachte Sorenza. Die Thüre flog auf. Es war wirklich Porry; aber Sorenza, welche ihm entgegengeſprungen war, blieb bei ſeinem Anblick plötzlich erſchrocken ſtehen. Er war bleich, ſein Blick finſter und die Stirne umwölkt. Sein ganzes Geſicht hatte einen krampf⸗ haften Ausdruck von Schmerz. Sorenza ſtand unbe⸗ weglich und blickte ihn an, als wenn ſie geglaubt hätte, unter dem Einfluß irgend eines peinlichen Traumes zu ſtehen. 4 Sein auf ſie gerichteter kalter und düſterer Blick that weh bis in die Seele hinein. Nils trat vor und ſagte, indem er ihre Hand faßte und ſie in die ſeinige ſchloß, mit vollkommen ruhiger Stimme: — Der Anblick von mir erſchreckt Sorenza. Bin ich nicht wilkkommen? — Ach ja; aber.... aber.... ich meinte, daß daß. Sorenza ſchwieg; ſie war darüber in Verlegen⸗ heit, wie ſie ihn anreden ſollte. Sein düſteres Aus⸗ ſehen verſcheuchte ſie weit weg von ihm, und die Erinnerung an den vorherigen Abend machte ihr jede fremde Benennung unmöglich. — Sprich es aus, was Du meinſt. Spreche aufrichtig und ungekünſtelt mit mir.. Porry warf ſich auf einen Stuhl und legte So⸗ renza's Hand an ſeine heiße Stirne. 3 227 — Ich habe es nöthig, den Klang von Sorenza’s Stimme zu hören, damit es mir wohler werde. — Iſt Nils krank? Sorenza ſah ihn unruhig an und ſtreichelte mit der Hand über ſeine Stirne. — Ja, aber ich kann wieder geſund werden; alles beruht auf Dir. Er ſchlang ſeinen Arm um den Leib des jungen Mädchens. — Sage mir, Sorenza, liebſt Du mich wirklich? Waren Deine Worte geſtern Abend wirklich aus den tiefen und ernſten Gefühlen Deines Herzens ausge⸗ gangen, oder nur hervorgerufen von der Eingebung des Augenblicks? Blicke mir ins Auge und antworte mir. Es iſt nicht unter dem Impuls meiner aufge⸗ regten Gefühle, daß ich jezt frage, ſondern mit wa⸗ chem Verſtande. Antworte mir deßhalb ehrlich. — Gott, welcher in mein Herz ſieht, weiß, daß ich Nils aus meiner ganzen Seele liebe,— ant⸗ wortete Sorenza mit einem ſolchen Ausdruck der Wahrheit in jedem Geſichtszug, daß eh unmöglich war, die einfachen Worte zu bezweifeln. — Dank, Dank! Nils drückte ſie heftig an ſeine Bruſt. Darauf erhob er ſich haſtig und ging einige Male im Zim⸗ mer auf und ab; ſchließlich blieb er vor ihr ſtehen und fragte: — Bin ich der erſte Mann, welcher die Sprache der Liebe zu Dir geſprochen? — Welche Frage! Wer ſollte früher dieſe Sprache zu mir geſprochen haben! ich bin ja ſo jung. Als Sorenza hocherröthend dieſes ſagte, war ihr 228 Ausſehen ſo unſchuldig, daß Porry, welcher aus⸗ rufen wollte: Graf Eldon, inne hielt. Sein beſſeres Gefühl zwang ihn, dieſen Namen, mit wel⸗ chem er unwillkürlich verletzen mußte, nicht auszu⸗ ſprechen. — Verzeihe mir, meine geliebte, geliebte So⸗ renza, ich weiß nicht mehr, was ich ſage, ſo aufge⸗ regt ſind meine Gefühle. Ich habe Dich ſo lieb, daß ich daran leide. Er ſchwieg. — Wie ungleich! ich bin wieder ſo glücklich. — Würdeſt Du es auch ſein, wenn man Dir etwas recht Unvortheilhaftes von mir ſagte? — Wie ſollte man das thun können? — Ich könnte ja dazu Veranlaſſung gegeben haben. — Möglich; aber ich würde nicht daran glauben. — Du würdeſt Dich zu überzeugen ſuchen, daß man gelogen; nicht wahr? — Warum ſoll ich das thun? Würden wohl Andere mir den Glauben an Dich beibringen können, falls ich ſchwach genug wäre, durch Anderer Worte denſelben erſchüttern zu laſſen?— Nein, ich fühle, daß mein Vertrauen aus einem Guſſe iſt, daß nichts daſſelbe ſchwächen kann. Iſt es nicht auch ſo mit Dir? Sie neigte den Kopf ſeitwärts und ſah lächelnd zu ihm hinauf. 4 — Nein, Sorenza, ich habe zu viel Böſes in der Welt erfahren, um zu irgend Jemandem ein blindes Vertrauen zu hegen. Wenn ich Dich ſehe wie jezt, dann werde ich gezwungen, an Dich zu ·—,,. r 229 glauben; ader in der Tiefe meines Innern wurmt der Zweifel. 3 — Und Du haſt mich doch lieben können? Doch mich bitten können, daß ich Vertrauen zu Dir haben möchte? Doch geſagt, daß Du in mir Deine Zwil⸗ lingsſeele wieder erkannt haſt? — Ach, Kind, es ſind nur einige Stunden, daß mein Inneres von dem bitterſten Verdacht gemartert wird. Man hat über mein fröhliches Erwachen zur Gewißheit, Deine Liebe zu beſitzen, einen Schatten geworfen, welchen nicht einmal Dein Lächeln weg⸗ zaubern kann. — Hat man mich verleumdet? Sorenza lächelte ſorglos. — Aber mein Gott, was kann man wohl Böſes von mir ſagen, was im Stande wäre, Dich zu zu betrüben und zu beunruhigen? — Haſt Du Dich im Hauſe des Grafen Eldon aufgehalten?— fragte Porry und heftete ſeine Blicke feſt auf Sorenza's Züge. Dieſe einfache Frage machte, daß ſie die Farbe wechſelte. Sie antwortete: — Ja. — In welcher Eigenſchaft? Als.. Als... Pflegetochter,— ſtammelte Sorenza und wagte nicht die Augen aufzuſchlagen. — Pflegetochter des Grafen!— wie⸗ derholte Porry mit Betonung und ließ ihre Hände los.— Nicht der Gräfin! Warum verließeſt Du as Haus Deines Pflegevaters? Die Stimme hatte etwas Höhniſches. — Nils!— rief Sorenza und warf den Kopf 230 mit einer Bewegung wirklicher Würde zurück.— Laſſen wir das! Ich will weder noch kann ich Deine Fragen in dieſer Beziehung beantworten; und jedes bittende Wort iſt ein Dolchſtich für mein Herz. — Und was ſind dieſe Worte für mich? Weißt Du, was das heißen will, über den Charakter der⸗ jenigen, die man liebt, in Ungewißheit zu ſein und nicht zu wiſſen, was man glauben ſoll, ob... Nils hielt inne und fügte mit unterdrückter Hef⸗ tigkeit hinzu: — Sorenza, aus Mitleid mit mir und mit Dir ſelber, ſage mir, in welchem Verhältniß ſtehſt Du zu Graf Eldon. Ich beſchwöre Dich bei Allem, was heilig iſt, ſpreche. Sorenza verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. Sie weinte. 4 — Man hat,— fuhr Nils fort,— Dinge von Dir und ihm geſagt, die einen Schatten auf Deine Ehre werfen. Spreche deßhalb aufrichtig mit mir undm wenn es auch noch ſo ſchlimm wäre, ſo laſſe mich klar ſehen. Porry hatte Sorenza mit beiden Händen um den Leib gefaßt. Es lag ein Ausdruck von Angſt in ſeiner Stimme. Sorenza fühlte ſich ihrerſeits gleichſam niedergedrückt von dem Schmerz, welchen ſeine Worte hervorriefen. Sie wollte Anfangs nicht begreifen, daß ſie nur ein Mittel beſaß, um eine unge⸗ rechte und erniedrigende Beſchuldigung von ſich abzu⸗ wälzen, und dieſes beſtand darin, daß ſie jene auf die Aſche ihrer Mutter zurückwarf. Konnte ſie wohl ihn, welchen ſie von ihrem ganzen, jungen, wei⸗ chen Herzen liebte, irgend einen Zweifel über ſich 231 hegen laſſen. Nein! Alles Andere, nur das nicht. Und doch, wie entſezlich bitter war es, zu ſagen: Ich bin die uneheliche To chter dieſes vornehmen Mannes; meine Mutter war eine Ehebrecherin. Sorenza hatte, während Porry ſprach, heftig ge⸗ weint. Als er zu Ende war, blickte ſie zu ihm hin⸗ auf und ſagte: — Kann Nils mir nicht glauben, ohne nach dem zu fragen, was den Grafen Eldon und mich be⸗ trifft? Gibt es denn nichts in meinem Blick, was Dir ſagt, daß ich Deiner würdig bin? Hat die Wahrheit kein Gepräge, welches Dich überzeugen kann, daß jeder Angriff auf meine Ehre unver⸗ dient iſt? — Wenn dem ſo iſt, Sorenza, warum mir nicht die Wahrheit ſagen? Warum mich nicht durch That⸗ ſachen überzeugen? — O! ich kann es nicht! Aber bei dem Gott, welcher in's Herz ſieht, betheure iich, daß mein Leben rein iſt, wie der Tag. Ach, Nils! ich flehe Dich an: Glaube mir; Dein Herz kann nicht Diejenige verkennen, welche Du bereits beim erſten Anblick als einen Theil Deiner ſelbſt wieder erkannteſt. Sorenza war in dieſem Augenblick ſo hübſch und jeder Zug zeugte ſo unfehlbar von einem un⸗ verdorbenen Herzen, daß Porry dadurch beſiegt wurde. — Mein geliebtes, armes Kind, ich glaube an Dich und werde niemals zweifeln,— rief er und bedeckte ihre Hände mit Küſſen. Du biſt un⸗ ſchuldig, das leſe ich in Deinem Blick, das höre ich am Klange Deiner Stimme. Die folgende Scene war gleich allen andern 232 Verſöhnungsſcenen zwiſchen Liebenden, bei welchen verſprochen wird, was man im nächſten Augenblick nicht halten kann. Sie wurde indeſſen bald durch einen Bedienten unterbrochen, welcher hereinkam, um zu ſehen, ob Sorenza im Atelier ſei. Graf Ernfried wünſchte ſie zu ſehen. Bei dieſen Worten verfinſterte ſich das Geſicht von Nils. — Ich werde mich entfernen,— ſagte er und ſtreckte die Hand nach dem Hute aus; in demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thüre, welche nach den gräflichen Gemächern führte, und Ernfried trat ganz ſchwarz gekleidet herein. Beim erſten Blick auf ſeine tiefe Trauertracht und auf ſein aufgeregtes, faſt verſtörtes Ausſehen, ſtürzte Sorenza ihm ent⸗ gegen und rief: — Gott, Vater im Himmel, was iſt paſſirt, wer iſt todt? Mein Vater— war die Antwort des Jüng⸗ ings. Ohne einen Laut von ſich zu geben, fiel Sorenza leblos zu Boden. Der Schlag war ſo unerwartet gekommen, daß er ſie traf wie ein Donnerſchlag. Als es nach vielen Bemühungen endlich gelang, ſie wieder in's Leben zu rufen, war ſie ganz ver⸗ worren und wiederholte unaufhörlich; — Todt, todt, ohne daß ich ihn wieder zu ſehen bekam! O, mein Gott, mein Gott! Mit düſteren Blicken folgte Porry dieſem Auf⸗ tritt. Er horchte auf ihre Worte mit Eiferſucht im Herzen. Auf Ernfrieds Anordnung wurde Sorenza nach Hauſe zu Major Grüner's gebracht. Nils warf ſich in einen Wagen und fuhr hinaus e———————— 233 nach Alnäs, wo er ſich in ſein Zimmer einſchloß. Gegen Abend ſchickte er ſeinen Bedienten hinüber zum Major, um zu erfahren, wie die Herrſchaft ſich befinde und erhielt dann zur Autwort, daß Mamſell Bencke bedenklich krank ſei. — Die Nachricht von ſeinem Tode wird ſie vielleicht das Leben koſten,— wiederholte Porry, — und ich ſollte noch bezweifeln, daß zwiſchen ihnen ein zärtliches Verhältniß ſtattgefunden hat? Als Sorenza's Zuſtand nach mehreren Tagen fort⸗ fuhr, höchſt gefährlich zu werden, verſchwand die Eiferſucht vor der Beſorgniß, ſie zu verlieren. Porry meinte dann, daß er um jeden Preis ihr Leben wie⸗ der erkaufen wollte. Er wurde faſt erſchrocken über die Stärke ſeines Gefühls. Er hatte erſt jezt be⸗ griffen, wie theuer Sorenza ſeinem Herzen ſei und wie unerſezlich er den Verluſt dieſes Mädchens finden würde, welches, wie es ihm vorkam, gerade für ihn geſchaffen war. Vier Wochen gingen zu Ende. Sorenza war jezt nach ihrer ſchweren Krankheit reconvalescent. Während der verfloſſenen Zeit war Porry jeden Tag bei Major Grüner geweſen, um ſich nach dem Be⸗ finden Sorenza's zu erkundigen; aber Niemand brachte einen Gruß von ihm an ſie. Als die Beſ⸗ ſerung eintrat und ſie über ihre Lage nachdenken konnte, trat noch zu dem Kummer über den Tod des Vaters auch der Schmerz, daß er, welcher ihr 234 Alles war, ihr während der langen Leidenszeit nicht einen einzigen Gruß geſandt. Die Krankheit hatte auf eine unvortheilhafte Weiſe auf Sorenza's Seelenzuſtand eingewirkt. Sie war nach derſelben in eine ſtille Schwermuth verſunken, die ſie nie in Worte kleidete, die aber gleich einer nächtlich ſchwarzen Wolke über ihrem jungen Gemüthe ruhte. Unaufhörlich klangen die lezten Worte ihres Vaters in ihrer Erinnerung:„Ich verlaſſe Dich, aber wir ſind getrennt.“ Ja, ſie waren jezt für ewig getrennt. Eines ſchönen Tages, Ende Auguſt, hatte der Doctor ihr Erlaubniß gegeben, ein wenig friſche Luft einzuathmen. Gleich Nachmittags trug der Major, welcher So⸗ renza mit beſonderer Güte behandelte, ſie ſelbſt hin⸗ aus auf die Veranda. Nachdem er ihr Erlaubniß gegeben, dort zu bleiben, bis er wieder kam, ent⸗ fernte er ſich. Die Sonne ſchien ſo mild auf die Erde herab. Bleich und traurig, den matten Kopf auf die Hand geſtüzt, ruhte Sorenza auf dem Sopha und blickte die noch üppige Natur an. Ein paar Thränen ran⸗ nen über die abgezehrten Wangen und ſie richtete ihre troſtloſen Blicke auf ein Paar Tauben, welche unter Liebkoſungen auf der Treppe herumtrippelten. Dieſe beſaßen einander; ſie aber beſaß Niemanden, welcher ihre Wiederkehr zum Leben mit einem freund⸗ lichen Worte begrüßte. In dieſen traurigen Betrachtungen wurde ſie ganz plötzlich durch eine Stimme geſtört, die die Fibern ihres Herzens zittern machte. Es war die er he 235 von Nils Porry. Er trat in den Salon, während er ſich mit Ida unterhielt. Die Glasthüren zur Veranda ſtanden offen. Sorenza's Sopha ſtand ſeitwärts, ſo daß es im Salon nicht geſehen werden konnte. Porry bemerkte, wie es Sorenza vorkam, in etwas ſtolzem Ton: — Sie fragen mich, Frau Majorin, welche Arr von Intereſſe mich an Sorenza feſſelt. Ich werde Ihre Fragen ganz aufrichtig beantworten: Das der Liebe. Ich liebe ſie und darum habe ich Ihnen die Iragen vorgelegt, welche Sie nicht vermeiden können, ehrlich zu beantworten, nämlich: in welchem Ver⸗ hältniß ſteht Sorenza zu Graf Eldon's Familie? Ich habe das Recht, zu wiſſen, ob das Mädchen, welchem ich mein Herz gegeben, auch meines Na⸗ mens würdig iſt. — Ich hätte geglaubt, daß, da Sorenza ſich in meinem Hauſe aufhält, dieſes eine hinreichende Bürgſchaft dafür ſei, daß ſie Ihrer würdig iſt,— antwortete Ida. — Zugegeben; aber da Sie ſowohl als So⸗ renza ſelbſt mir keine Aufklärung in Beziehung auf Graf Eldon geben wollen, ſo haben Sie mir die Freiheit gelaſſen, zu bedenken, ob nicht die Gerüchte, welche über ſie cirkuliren, wahr ſind. — Gerüchte!— rief Ida,— und was ſind das für Gerüchte? — Man ſagt, daß Sorenza in irgend einem zärtlichen Verhältniſſe zu Graf Eldon geſtanden; daß ſie gegen den Willen der Gräfin ſich in ſeinem Hauſe aufgehalten; und daß der Graf derjenige ge⸗ weſen iſt, welcher ſie unterhalten hat. Sie werden 236 wohl finden, daß wenn nichts den zwei letzten Punk⸗ 45 widerſpricht, der erſte alle Wahrſcheinlichkeit erhält. — Mein Gott! iſt ein derartiges Gerede über eine Perſon im Umlauf, die ſich in meinem Hauſe aufhält?— rief Ida.— Ein Theil davon muß un⸗ willkürlich auf mich zurückfallen und einen Schatten auf meinen fleckenloſen Namen werfen. Es iſt ent⸗ ſetzlich, Herr Porry, dergleichen bloßgeſtellt zu wer⸗ den, weil man aus Güte ſich überreden läßt, eine angebliche Verwandte in ſein Haus aufzunehmen. — Iſt denn die Majorin nicht mit Sorenza verwandt? — Meine verſtorbene Tante hat Sorenza für meine Couſine ausgegeben. Graf Eldon hatte, nach ihrer Angabe, es auf ſich genommen die Ausgaben für den Unterricht und die Exiſtenz Sorenza's zu beſtrei⸗ ten, weil Sorenza's Mutter in ſeinem Hauſe gewe⸗ ſen; und ich weiß nichts, als was man mir ge⸗ ſagt hat. — Halten Sie dieſe Angabe für wahr? — Ja, ich hielt ſie dafür, ſonſt wäre ſie wohl nie in mein Haus gekommen, wo ſie aber, nach⸗ dem, was Sie geſagt haben, nicht verbleiben kann. Ich verabſcheue alle zweideutigen Verhältniſſe, und deßhalb muß Sorenza, ſo wie ſie geſund wird, ſich eine andere Heimath wählen. — Frau Majorin, ſo dürfen Sie meine Worte nicht nehmen. Was ich geſagt habe, iſt nur durch das Verlangen veranlaßt, daß mir die Stellung und Beziehungen Sorenza's klar werden möchten; denn meine Liebe wird mich nie dazu verleiten, eine Per⸗ 7 ſon zur Gattin zu wählen, deren Ehre den gering⸗ ſten Fleck hat. — Wenn dem ſo iſt, dann ſchlagen Sie alle Gedanken an Sorenza aus dem Sinn. — Aber, Sie ſagen ja, daß dieſe Gerüchte un⸗ gegründet ſind. — Mag ſein; ſie hat aber doch durch Graf Eldon einen Fleck auf ihrem Namen, der ihr durchs Leben folgen wird. — Erlauben Sie, daß ich ſie ſehe? — Nein, mein Herr, nicht ſo lange ſie in mei⸗ nem Hauſe iſt. Sorenza hörte, daß Porry Ida Adieu ſagte. Gleich darauf rief Ida ihren Kindern und begab ſich mit ihnen fort. Wie es in Sorenza's Innerem ausſah, läßt ſich eher denken, als beſchreiben. Das kranke, wehrloſe, aber ſtolze Mädchen fühlte tief, daß es verſtoßen und daß es ſich ſelber genug ſein müßte. Sie hatte bereits einen Entſchluß ge⸗ faßt. Sie mußte fort aus dieſem Hauſe, wo man nicht einmal ſo viel Wohlwollen beſeſſen, daß ihre eigene Couſine, wo es ihr Glück galt, ihre Ehre in Schutz genommen hätte. Kalt und bleich lag ſie auf dem Sopha, als der Major wieder kam. — Wie ſteht es mit Dir, mein liebes Kind,— fragte er freundlich. — Gut,— war die Antwort. — Jetzt darfſt Du nicht länger draußen bleiben. Der Major reichte ihr die Hand, um ihr hinein⸗ zuhelfen.. e* 238 — Warte einen Augenblick,— bat Sorenza.— Setze Dich hierher, ich habe Dir etwas zu ſagen. — Laß hören. — Graf Eldon iſt todt, und ich bin alſo ohne meine eigene Schuld ganz einſam in der Welt, und Herr meiner ſelbſt. 4 — Nicht ſo ganz; der Graf hat eine teſtamen⸗ tariſche Beſtimmung zu Deinem Vortheil getroffen. Bis die Söhne mündig werden, ſollen ihre Vormün⸗ der die jährlichen Koſten Deines Unterhalts ſo aus⸗ bezahlen, wie ſie früher angeſchlagen worden ſind. Du ſtehſt alſo unter Vormündern, und wenn Du Dich nicht nach ihren Vorſchriften richteſt, wie die⸗ ſelben im Teſtamente ausgeſprochen ſind, ſo wirſt Du der Leibrente verluſtig, die man für Dich aus⸗ geworfen hat. 3 — Gut, dann werde ich mich nicht nach ihnen richten,— ſagte Sorenza beſtimmt. — Biſt Du närriſch, Kind? — Nein; ich bin mir nur vollkommen bewußt, wie ich handeln muß. Sie drückte die Hand gegen die Bruſt. — Doch, das wird meine Privatſache. Jetzt zu dem, was ich eigentlich ſagen wollte: Ich wünſche ſofort Dein und Idas Haus zu verlaſſen. — Was ſchwatzeſt Du da für Zeug? — Höre mich an. Willſt Du mir einen Dienſt erweiſen, mein beſter, guter Knut, ſo ſchaffe mir eine andere Wohnung, und das ſobald als möglich. Wenn Du es nicht thuſt, ſo muß ich Euer Haus berlaſſen. ohne zu wiſſen, wohin meine Schritte enken.— — v—* 239 Der Major ſuchte durch Vernunftgründe und Bitten Sorenza dazu zu bewegen, von ihrer Phan⸗ taſie, wie er ihren Entſchluß nannte, abzuſtehen; aber vergebens. Sie blieb bei ihrem Vorſatz, und als er ſah, daß nichts half, ſo mußte er verſprechen, ſich ſchon am folgenden Tage nach einem Platz für ſie zu erkundigen. Abends theilte der Major der Majorin Sorenza's Vorſätze mit. Ida bemerkte nur: — Deſto beſſer. Am folgenden Morgen erhielt Ida ein kleines Billet untenſtehenden Inhalts: — Bis Dein Mann mir eine Wohnung ver⸗ ſchafft, muß ich bedauerlicher Weiſe in der Deini⸗ gen bleiben; ich bitte Dich aber, während dieſer Zeit mir ſowohl als Dir ein Zuſammentreffen zu erſparen. Ich werde mein Zimmer nicht verlaſſen. Du hatteſt geſtern meine Ehre, meine Recht⸗ fertigung und mein Glück in Deinen Händen, und Du beſaßeſt kein Wort zu meinen Gunſten. Möge Gott es Dir verzeihen! In dieſem Augenblick iſt es mir unmöglich es zu thun. Sorenza. Ida empfand Etwas gleich Reue wegen ihrer Handlungsweiſe, aber nur für einen Augenblick; denn der Neid und die Eiferſucht beherrſchten ſie dergeſtalt, daß ſie ſich lieber, was es auch geweſen wäre, unterworfen hätte, als mit einem Worte So⸗ renza's und Porry's Verbindung zu befördern. 240 Porry ſtand draußen auf dem Balkon von Alnäs und betrachtete gedankenvoll die Ausſicht, während Sturm laut aus einer Zeitung vorlas. Die Mor⸗ genſonne warf ihre Strahlen auf das thauige Gras, als wenn ſie die Thränen der Erde wegküſſen wollte. — Ich kann einen Eid darauf ſchwören, daß Du nicht ein Wort von alledem gehört haſt, was ich vorgeleſen,— bemerkte der Werkbeſitzer und blickte den Vetter an. — Darin haſt Du Recht; es iſt für den Augen⸗ blick vergeblich, den Verſuch zu machen, mich für die Streitigkeiten in Europa zu intereſſiren. Ich habe wollauf mit denjenigen zu thun, welche in meinem eigenen Innern vor ſich gehen. — Das kann man verhext ſein nennen. Wenn das Mädchen Dir ſo verd-—t lieb iſt, ſo ſcheint es mir das Einfachſte zu ſein, das Vergangene zu ver⸗ geſſen und Dich mit ihr à tout prix zu verhei⸗ rathen. — Das Vergangene,— wiederholte Porry;— aber gibt es wirklich in dem Vergangenen etwas Strafbares? — Ha, Ha, Du glaubſt alſo ganz einfältiger⸗ weiſe, daß ein reicher Edelmann aus reiner Barm⸗ herzigkeit das für das Mädchen thut, was Eldon gethan? Du glaubſt, daß dieſe Barmherzigkeit ſo weit geht, daß er, trotz dem Unwillen ſeiner Frau, ſein Pflegekind in's Haus nimmt; und ſchließlich glaubſt Du, daß das Mädchen aus lauter Dankbar⸗ keit, ſich ſeinen Tod ſo ſehr zu Herzen nimmt, daß ſie darüber beinahe das Leben verloren hätte? Entweder ——ü ——̈̃ SSO—— ☛ 8⸗ GRn 2 NR —8 E n8ð— — ⏑—— a davon ab, zu erlangen. muß man ein Kind, oder ein Dummkopf ſein, um 8 dergleichen zu glauben. 6 Porry ſchwieg. — Haſt Du mit der Couſine des Mädchens ge⸗ ſprochen?— fragte der Werkbeſitzer nach einer Pauſe. — Ja! Und ſie betheuerte wohl Sorenza's Un⸗ ſchuld ꝛc.; alles in der Hoffnung, den reichen Porry fangen zu können, ſo daß er mit ſeinem Namen und ſeinen Reichthümern das Vergangene bedecken könnte? — Nein, ſie that das Gegentheil. Sie rieth mir ferner an Sorenza zu denken. — Höchſt achtungswerth Sturm lächelte höhniſch. — Ah, Sturm, ich weiß nicht, was ich geben wollte, um einen klaren Blick in alles dieſes zu er⸗ halten. Wenn ich an Sorenza denke, ſo gibt es eine Stimme in meinem Herzen, welche ſagt:„Sie iſt unſchuldig.“ Aber wenn ich dann mit einem zweideutigen Lächeln von ihr ſprechen höre, gleich jenem, welches Du, Graf R—, Kapitän D O— und 8 mehrere Andere auf den Lippen haben, ſobald ihr Name genannt wird, dann möchte ich mein Leben darum geben, Gewißheit zu erhalten. Kann wirklich dieſes Geſicht lügen, dann... kann ſelbſt die Un⸗ ſchuld beͤtrügen.. 3 — Nun wohl, da Du die ſchlimmſte Gewißheit der Ungewißheit vorziehſt, ſo will ich Dir helfen, ſie Du ſollſt dieſen Mittag mit dem jun⸗ Schwartz, Die Tochter des Ebelmanns. I. 16 242 gen Bencke diniren. Ich habe ihn zu mir in der Stadt eingeladen. — Nun, was hat das mit der Sache zu thun? — Sehr viel. Mat hat Sorenza für die Toch⸗ ter der Amalie Bill und des Großhändlers Bencke ausgegeben, iſt das nicht ſo? — Der Major Grüner hat es mir wirklich ge⸗ ſagt, und als ich einmal Sorenza fragte, wie nahe ſie mit Madame Grüner verwandt ſei, antwortete ſie, daß ihre Mutter und die der Majorin Geſchwi⸗ ſter geweſen wären. — Nun wohl, hierüber kann Rudolph Bencke die beſte Auskunft geben. Willſt Du oder willſt Du nicht der Wahrheit in's Geſicht ſehen? — Ich will und muß ſie kennen lernen, darum eſſe ich zu Mittag bei Dir,— antwortete Porry. Ein Bedienter trat jetzt ein und übergab Porry ein Billet von der Majorin auf Roſensvik. Daſſelbe lautete folgendermaßen: Herr Porry! „Mein Mann hat heute eine Geſchäftsreiſe an⸗ „treten müſſen, welche ihn zwingt, eine Woche fort „zu bleiben; während dieſer Zeit bin ich, ſeinem „Willen gemäß, gezwungen Sorenza in meinem „Hauſe zu behalten, und ſehe mich deßhalb genöthigt, „Sie zu bitten, mit Ihren Beſuchen aufhören zu „wollen, bis ſie meine Familie verlaſſen hat. Es „iſt eine ſo kurze Zeit, daß Sie während derſelben „es müſſen ertragen können, ſie nicht zu ſehen. „Meine Ehre gebietet mir, ſo zu handeln, wie „ich es jetzt thue. Mit Achtung Ida Grüner.“ 243 Einige Tage darauf erhielt Sorenza einen Brief, welcher Ernfried unterzeichnet war, und in welchem er ſie aufforderte, ſich um zehn Uhr Vormittags im Atelier einzufinden, weil er ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Der Bote, welcher den Brief hinausbrachte, hatte einen Wagen bei ſich, ſo daß Sorenza, obgleich matt und ſchwach, ſich ſofort nach der Stadt begab. Im Atelier begegnete ſie Ernfried, welcher ſie ſtolz und kalt begrüßte. Sorenza war ſchwarz ge⸗ kleidet. Es war ihr unmöglich geweſen, hellfarbige Kleider anzuziehen. — Hat Mamſell Bencke Trauer bekommen?— war das Erſte, was Eldon ſagte. — Ja Sorenza trug ihren Kopf hoch. — Wer von Ihrer Verwandtſchaft iſt ge⸗ ſtorben? — Eine Perſon, welche meinem Herzen nahe ſtand, obgleich wir vor der Welt einander fremd waren. Es war wohl nicht, um dieſe Frage zu thun, daß der Graf mich hat rufen laſſen? — Nein, es war, um Ihnen den Willen meiner Mutter in Beziehung auf Sie mitzutheilen. Selbſt wünſcht ſie es überhoben zu ſein, Sie zu ſehen. Außerdem lag es mir, als dem Haupterben meines Vaters, ob, Ihnen eine Abſchrift des Teſtaments zu überreichen.. Ernfried reichte Sorenza ein zuſammengelegtes Papier. Sie ſchob es von ſich und ſagte mit Stolz: — Sie haben mir nur den Willen der Gräfin Eldon mitzutheilen; denn was das Teſtament ent⸗ 244 hält, iſt mir gleichgültig. Ich will keinen ökonomi⸗ ſchen Vortheil von einer Familie entgegennehmen, welche nicht die meinige iſt. Es ware ein Gna- dengeſchenk, und mit ſolchen iſt es jetzt zu Ende, nachdem der Graf geſtorben iſt. — Haben Sie zufälligerweiſe irgend eine Erb⸗ ſchaft gemacht, welche Sie ſorgenfrei macht? — Ja, eine, nämlich den Stolz jener Perſon, wegen deren Tod Sie das Recht haben, Trauerklei⸗ der zu tragen, über die ich aber nur mit dem Her⸗ zen trauern darf. — Sorenza, Ihr Hochmuth verblendet Sie,— ſagte Ernfried faſt verblüfft. Er ergriff Ihre Hand und fügte hinzu: — Du biſt ſehr krank geweſen, komm und ſetze Dich. Mit einer kalten Bewegung zog ſie ihre Hand zurück. — Erſparen Sie mir die Demüthigung Ihres V Mitleids, Graf Eldon; ich bedarf deſſelben nicht und habe es nie geſucht. Laſſen Sie uns zu dem übergehen, was Sie mir zu ſagen haben. — Was ich zu ſagen habe, wird Dich betrüben. Ernfried, der ſonſt hartherzige Jüngling, fühlte einen gewiſſen Grad von Mitleid mit Sorenza. Es 4 fehlte ihm an Muth, ihr die Worte der Mutter zu— wiederholen. — Möglich,— antwortete Sorenza.— Das bleibt indeſſen etwas, das zwiſchen mir und Gott ſteht. Welchen Gruß ſendet mir die Gräfin Eldon. Gewiß einen, welcher von der Theilnahme für die verlaſſene Tochter des Todten zeugt. mit Theilnahme; darauf ſagte er ganz plötzlich: 245 3 Einige Augenblicke betrachtete Ernfried Sorenza — Mag, wer Luſt hat, den Auftrag meiner Mutter ausrichten, ich thue es nicht. 2 — Sollte es Ernfried Eldon an Muth fehlen, mir einen Schmerz zu bereiten, ſo laſſen Sie dieſes Sie beruhigen: ich werde mich nicht von den Wor⸗ ten der Gräfin vernichten laſſen. — Sieht denn Sorenza nicht ein, daß ich tief und lebhaft all das Unrecht fühle, welches gegen Dich begangen worden iſt; warum denn dieſe Worte, um mich zu reizen. — Graf, ich erwarte, was Sie mir mitzutheilen haben. — Was ich Dir zu ſagen hatte, habe ich ver⸗ geſſen, und jetzt ſollen dieſe Worte weder durch mich, noch durch irgend Jemanden ſonſt Dir überbracht werden und ſollte ich meine Mutter zwingen müſſen, ſie zurückzunehmen.= — Deſſen wirſt Du überhoben, Mama kommt ſchon ſelbſt. um Sorenza zu ſagen, was ihr Wille iſt,— rief Jenny. Sorenza wandte ihren Blick nach der Eintretenden. Vor ihr ſtanden die Gräfin und Jenny. Bei dieſem Anblick fühlte Sorenza einen Schauder ihr ganzes Weſen durchfahren; und ſo viel Muth ſie ſich auch gegen die Demüthigungen einzureden geſucht hatte, welche ſie von Ernfried erwartete, ſo fühlte ſie doch, daß ihre Kraft ſie beim Anblick dieſer Feinde ihres Friedens verließ, welche jetzt all den Unwillen, den ſie gegen ſie gehegt, auslaſſen würden. Sie brauchten ſich nicht mehr irgend einen Zwang anzulegen. Nur 246 einen Augenblick fuhr ſie bei dem Gedanken daran zuſammen; denn im nächſten war ihre natürliche Widerſtandsluſt erwacht. Sie heftete mit Stolz ihren lick auf Jenny und ſagte: — Ich erwarte, was die Gräfin ſelbſt oder durch das Fräulein zu ſagen hat. Die Gräfin trat auf ſie zu. Das Geſicht der edlen Dame war bleich und kränklich; aber man konnte ſehen, daß die Trauer über den Verluſt des Mannes ihr Herz mehr erbittert als gebeugt hatte. Er war geſtorben, ohne daß ſie ſagen konnte, wäh⸗ rend ihres langen Zuſammenlebens auch nur einen Tag ſeine Liebe beſeſſen zu haben. An Sorenza's Mutter dagegen hatte er alle die Schätze verſchwendet, welche er ſeiner Gattin geraubt. r letzte Name, den er während ſeines letzten To⸗ deskampfes ausgeſprochen, war Amalia geweſen. An dieſem Weibe hingen alſo noch ſeine Gedanken ſelbſt im Tode. Dieſes war etwas, was die Gräfin nie der Tochter Amalias verzeihen konnte. Als die Gräfin gerade vor Sorenza ſtand, ſagte ſie mit aufgeregter Stimme: — Ich hätte gewünſcht, mir und Ihnen dieſes Zuſammentreffen zu erſparen, weil zwei Perſonen die einander haſſen, ſich nicht begegnen ſollten, wenn ſie es vermeiden können. Aber da ich von früher weiß, welche Intriguen Sie immer angewandt haben, um ſich bei meinen Kinder einzuniſten, ſo hielt ich mich für gezwungen, mich davon zu vergewiſſern, wie mein Sohn meinen Auftrag erfüllte. Seine Schwäche, meinen Willen nicht ausſprechen zu wollen, bewies am Beſten, daß meine Beſorgniſſe 247 gegründet waren. Ich bin alſo gezwungen, Ihnen ſelbſt zu ſagen, daß dieſes Zimmer mit dem heutigen Tage aufgehört hat, das Ihrige zu ſein. Sie be⸗ ſitzen durch das Teſtament meines Mannes mehr als hinreichend, um ſich ein anderes Atelier anſchaffen zu können. Ich verabſcheue Sie bis auf den Klang Ihres Namens und ich wünſche, daß er, wenn Sie dieſes Haus verlaſſen haben, mir nie mehr zu Ohren kommen möge. Was ich von Ihnen fordere, iſt, daß ſofern es nur einen Schatten von Ehrenhaftig⸗ keit in Ihrem Innern gibt, Sie nie Jemandem zu erkennen geben, in welchem Verhältniß Sie zu dem Todten geſtanden. Merken Sie ſich, daß es füͤr mich eine Schande iſt, falls man nach ſeinem Weggang das wiederholen würde, was mich blutige Thrä⸗ nen gekoſtet. Die Gräfin ſtand auf, durch einen Hu⸗ ſtenanfall dazu veranlaßt. Während ihrer Rede hatte Niemand der Anwe⸗ ſenden darauf Acht gegeben, daß die Thüre zur Hausflur geöffnet wurde, und daß zwei Perſonen auf der Schwelle ſtehen blieben. Als die Gräfin ſchwieg, ſchloß die eine von Ihnen wieder die Thüre. Dieſe Bewegung veranlaßte Alle, ausgenommen Sorenza, dorthin zu blicken. Beim Anblick dieſer zwei frem⸗ den Perſonen fügte die Gräfin nur hinzu: — Sie haben meinen Wunſch gehört, ſuchen Sie denſelben zu erfüllen. Damit kehrte ſie Sorenza den Rücken, um das telier zu verlaſſen. Der jüngſte der unerwarteten Gäſte, ein junger Mann von einigen und zwanzig Jahren, eilte auf die Gräfin zu und ſagte: 218 — Um Verzeihung, Frau Gräfin, daß ich es wage, Sie um eine Aufflärung in Beziehung auf jenes Frauenzimmer zu bitten. Er deutete auf Sorenza. — Iſt ſie Graf Eldon's Tochter? — Wenn ſie das wäre, mein Herr, dann trüge 3 auch ſeinen Namen,— antwortete die Gräfin tolz. — Sie iſt alſo durchaus nicht verwandt mit ihm. — Nein, mein Herr, durchaus nicht; aber wozu dieſe Fragen? — Das wird ſich bald aufklären. Mein Name iſt Bencke, ich bin der Sohn des Großhändlers Bencke und der Amalia Bill. Bei dieſen Worten verzog die Gräfin die Augen⸗ brauen. — Die Mamſell hier,— er deutete wieder auf Sorenza,— hat ſich für eine Tochter meiner Mut⸗ ter ausgegeben. Meine Eltern hatten blos ein Kind. Man hat mir weiß machen wollen, daß meine Mut⸗ ter in irgend einem zärtlicheren Verhältniß zum Grafen Eldon geſtanden und daß dies die Urſache geweſen, daß Mamſell ſich Bencke nennt; ein Name, wozu ſie durchaus kein Recht hat. — Mein Herr, ich kenne Ihre Mutter nicht,— ſagte die Gräſin;— Alles, was ich weiß, iſt, daß die Mamſell mit meinem verſtorbenen Mann nicht verwandt iſt.. — In dieſem Falle bleibt mir nur noch übrig zu erklären, daß ich Mamſell alles Recht abſpreche, den Namen Bencke zu tragen. Der junge Mann entfernte ſich mit einer Ver⸗ beugung vor der Gräfin. 249 — Ich glaubte, daß ich Skandal genug gehabt hätte, ohne daß es nöthig geweſen wäre, daß dieſer Auftritt an dem letzten Tage, wo Sie ſich unter meinem Dache aufhalten, ſtattgefunden,— rief die Gräfin und eilte von Jenny begleitet aus dem Zim⸗ mer hinaus. Sorenza ſtand wie verſteinert. Ihr Blick war auf einen von denen geheftet geblieben, welche Bencke begleiteten. Es war Porry. In ſeinem Geſicht las man einen ſo unverkenn⸗ baren Ausdruckder Verachtung, daß ſie endlich die Augen ſchloß, um es nicht zu ſehen. Als die Gräfin das Atelier verließ, ſagte Porry: — Leben Sie wohl, Manmſell Bencke, möge Gott es Ihnen verzeihen, daß Sie mich betrogen. Er öffnete die Thüre und verſchwand durch die⸗ elbe. Mit einem Ausdruck der Verzweiflung und des Zornes ſtürzte Sorenza auf Ernfried zu und rief: — Du, welcher der Sohn eines ſchwediſchen Edelmanns biſt, Du haſt es mit anhören können, daß man auf eine ſolche Weiſe eine Unſchuldige be⸗ handelt, ohne Deine Stimme zu ihrer Rechtfertigung zu erheben. Gehen Sie und erſparen Sie mir die Pein Ihres Anblicks, Graf Eldon. Ich könnte ſonſt verſucht werden, Worte zu ſagen, welche auszuſpre⸗ chen ich mich nicht herablaſſen will. Ernfrieds eigenes Bewußtſein klagte ihn an und da er auf die leichteſte Weiſe der Demüthigung we⸗ gen ſeines wenig edelmüthigen Betragens dadurch: Nenen konnte, daß er ſich entfernte, ſo wählte er ieſes. 250 Als die Thüre ſich nach ihm geſchloſſen, warf Sorenza, außer Stande, ſich länger aufrecht zu er⸗ halten, ſich auf die Kniee. Sie murmelte mit einem Ausdruck zerfleiſchenden Schmerzes vor ſich hin: — O, Jeſus Chriſtus! Wie unglücklich und ver⸗ laſſen bin ich nicht. — Sie ſind nicht verlaſſen, Sie beſitzen einen Freund, welcher an Ihnen Vaterſtelle vertreten wird, wenn Sie ſich ihm anvertrauen wollen. Sorenza hatte nicht darauf Acht gegeben, daß ſie nicht allein ſei. Bei dieſer Anrede fuhr ſie zu⸗ ſammen und blickte auf. Der Werkbeſitzer Sturm ſtand vor ihr mit einem ſo milden und theil⸗ nehmenden Ausdruck in ſeinen lebhaften Augen, daß das junge Mädchen beim Anblick davon etwas em⸗ pfand, das einem Strahle von Hoffnung glich; be⸗ ſonders weil dieſer Mann mit ſeinen hellgrauen Locken nicht gut irgend ein Beſorgniß bei einem jun⸗ gen unerfahrenen Mädchen erwecken konnte. — Sie ſind,— ſagte der Werkbeſitzer ge⸗ rührt,— ohne Namen, ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne Schutz und ohne Heimath. Laſſen Sie mich zuerſt Ihnen das Letztere bei meiner Schweſter anbieten, die weit von hier wohnt, und ich verſpreche Ihnen bei Ehre und Gewiſſen, daß gis nachher Alles erhalten ſollen, was Ihnen jetzt ehlt. Sorenza ſprang auf und ergriff eine der Hände des Werkbeſitzers mit den Worten: — O, führen Sie mich weit, weit weg von die⸗ ſen Menſchen und ich werde Ihnen mein ganzes Le⸗ 251 ben dankbar ſein. Ich verdiene nicht alle dieſe Ver⸗ achtung, ich bin vollkommen unſchuldig. — Ich weiß es, Bencke iſt der Sohn Ihrer Mutter, und Graf Ernfried der Ihres Vaters. Beide wiſſen dieſes und darum verabſcheuen ſie Sie. Ar⸗ mes Kind, ſo jung und ſo unſchuldig. Künftig wer⸗ den Sie in mir einen Beſchützer beſitzen. — Gott ſegne Sie,— ſtammelte Sorenza und reichte dem Werkbeſitzer die Hand. Ende des erſten Bandes. ——yyy— 3 S 5 ſſnſn ſſnſſ 10 11 1 16 17 ſ 3 ſün 2 innih 8 Trmnnm ſfffff 9 15 14 1 1 4