250 11 ———— 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8. 1 93 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8————— auf 4 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Nt. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Auf der Veranda ſaßen zwei junge Männer, der Doktor der Medicin, David Waldner, und ſein Bruder Georg, jetzt Berg⸗ ingenieur, im Geſpräch mit einander begriffen. „Wie Alles verändert iſt, und wir nicht zum Mindeſten,“ äußerte David und betrachtete die Thurmſpitzen von Haraldshof, welche man über die Gipfel der Bäume herüberſchimmern ſah. „Man hat ja das alte Schloß dort reparirt,“ ſetzte er nach einer Weile hinzu. „Ja, ſeitdem der Eigenthümer nicht mehr dort wohnt,“ ant⸗ wortete Georg,„iſt das Gebäude dem Aeußern nach geputzt wor⸗ den, ſo daß, wenn der Oberſt einmal ſtirbt, Broolind, als deſſen geſetzlicher Erbe, Alles in dem ausgezeichnetſten Zuſtande erhält.“ „Geſetzlicher Erbe,“ wiederholte David mit einem bittern Lächeln.„Ihr Beide, Du und Mama, habt mir davon geſchrieben; aber ich habe gleichwohl nur eine undeutliche Vorſtellung davon, wie man Dagmar das Recht auf das Fideikommiß ſtreitig machen kann. Es würde mich deßhalb ſehr intereſſiren, ein klares Bild von den Verhältniſſen zu bekommen. Du, der du Disponent 1 Schwartz, David Waldner. II. — — auf dem Hüttenwerk biſt, und während der Zeit, da ich im Au te, täglich und ſtündlich mit den Björnſtams in Be⸗ lande leb rührung kamſt, mußt auch von Allem Kunde haben, was ſich zugetragen hat.“ „Ich will Dir mittheilen, was ich weiß,“ ſagte Georg,„aber ich fürchte dennoch, daß Dir die Sache dadurch nicht viel klarer werden dürfte. Ein Geheimniß liegt unter dieſem allem verbor⸗ gen, und der Oberſt hat allein Kunde davon, obwohl er gegen Niemand ſich darüber ausſprechen will. Ich habe zuweilen, wenn er ſich allein glaubte, ihn für ſich hinmurmeln gehört:„Ein einziges kleines Papierſtück, und Dagmars Recht wäre an den Tag gebracht.“ „Was kann das für ein Papier ſein?“ fragte David. „Das habe ich nicht ausfindig machen können.“ „Dann wollen wir uns auch nicht damit beſchäftigen, ſondern zu dem, was geſchehen iſt, übergehen.“ „Wie Du weißt,“ begann Georg wieder,„hat Broolind immer ſich mit dieſem oder jenem viel Arbeit und Mühe gemacht. Man brauchte nicht ſehr ſcharfſinnig zu ſein, um zu bemerken, wie er förmlich auf der Jagd nach Geheimniſſen war; endlich ſollte es ihm gelingen, etwas aufzuſchnappen, was ihm ſelbſt oder einem andern Vortheil bringen konnte. Anfänglich waren es Onkel Wilhelms Frau und Kind, welche ihm ſo viel Kopfzerbrechens machten. Aber dießmal gelang es ihm doch nicht, durch die bloße Kraft ſeines Willens Perſonen hervorzuzaubern, von welchen Nie⸗ mand außer ihm eine Ahnung gehabt hatte. Aber„anhaltender Fleiß überwindet Alles“. Während ſeiner Nachforſchungen, wobei er nicht einmal die Kirchenbücher in Ruhe und Frieden ließ, be⸗ kam er zu wiſſen, daß Dagmar nicht in Schweden getauft war. Dieſe Umſtände, ſammt verſchiedenen kleinen Beſonderheiten während ihrer ſpätern Jahre, da ſie wie eingeſchloſſen gehalten und vor 8 Dienern nicht ſichtbar wurde, mit Ausnahme von Frau Thorén und der engliſchen Amme, welche ſpäter in ihre Heimath zurück⸗ geſchickt wurde, brachte wohl den ſchlauen Broolind auf den Ge⸗ danken, daß das Mädchen früher, als man angegeben, zur Welt gekommen wäre. Nun befand er ſich ſo recht in ſeinem Elemente. er n 3 Er hatte auch eines ſchönen Tages die erfreuliche Entdeckung ge⸗ macht— ich denke gegen eine ſchöne baare Erkenntlichkeit an Sjöqviſt, welcher beſtimmt die Hand dabei im Spiele hatte— daß Dagmar ſechs Wochen vor des Oberſts Ehe mit ihrer Mutter geboren war, und ſomit nach dem ſtrengen Buchſtaben des Fideikommißbriefes ihres Rechtes auf das Beſitzthum verluſtig ging, welches nach des Oberſts Tod, ſofern derſelbe aus ſeiner gegenwärtigen Che keine Kinder bekommt, an Broolind fallen muß. „Derſelbe ſcheint gerade kein Geheimniß daraus gemacht zu haben, daß er bei Onkel Björnſtams Tod mit Anſprüchen auf Haraldshof aufzutreten beabſichtigte. Genug, es gelangte ſchnell zu des Oberſts Ohren, und eines ſchönen Tages vernahmen wir, daß der Oheim nach Eriksdal, einem kleinen Gute, welches er zum künftigen Wittwenſitz für Majken gekauft hatte, übergeſiedelt ſei. Dort führt er das einfache Leben eines Landwirths. Dis⸗ ponent über das Hüttenwerk von Haraldshof bin ich, wie Du weißt, und die Ländereien ſind verpachtet an— Broolind, welcher einen Flügel bewohnt. Ueber die andern Theile des Gebäudes hat er kein Verfügungsrecht.“ „Aber warum verpachtete der Oheim das Gut an Broolind?“ fragte David. „Dieſe Frage vermag Niemand außer ihm ſelbſt zu beant⸗ worten. Er bot Broolind den Pacht an, und da derſelbe ſehr vortheilhaft ſein mußte, zögerte jener natürlich keinen Augenblick. Als der Kontrakt unterſchrieben wurde, äußerte der Oberſt gegen ſeinen Schweſterſohn, Du erhältſt nun ſelbſt die Bewirthſchaftung der Ländereien, in deren Beſitz Du nach mir zu gelangen hoffſt; ſie können nicht wohl beſſern Händen, als denen des künftigen Eigenthümers anvertraut werden.“ Es trat eine Pauſe ein. David verſank in Gedanken und Georg ſah ganz ernſt aus. Dan Komnit ihr, Du und Broolind, oft zuſammen?“ fragte avid. „Nein, ich weiche ihm aus und bin, ſeitdem er ſeinen Wohnſitz in Haraldshof hat, noch nicht über ſeine Schwelle gekommen.“ „Und warum?“ ——— B LÜBroolind hat ſich nicht ſehr ehrenhaft benommen.“ „Er hat ja nur ſein Recht gewahrt.“ „So ſcheint es wirklich, und dennoch bin ich vollkommen überzeugt, daß dem nicht ſo iſt. Würdeſt Du handeln können, wie Broolind gethan hat?“ „Ich bin ein ſchlechter Oekonom; reden wir nicht von mir,“ antwortete David.„Aber wie hat Dagmar ihr Schickſal, daß ſie nicht mehr die künftige Eigenthümerin von Haraldshof ſein ſoll, aufgenommen?“ „Sie bleibt ſich vollkommen gleich. Sie ſcheint vergeſſen zu haben, daß Eriksdal nicht Haraldshof iſt; aber wenn man Broo⸗ linds Namen erwähnt, wird ſie glühend roth. Sie ſpricht ſich jedoch niemals über ihn aus.“ 2 „Nun, und Majken?“ „Mit ihr iſt eine große Veränderung vorgegangen. Sie war im Anfang ihrer Ehe ein wahres Kind der Eitelkeit, welches ſeine Freude und Luſt nur an ſchönen Kleidern und Vergnügungen hatte. Jetzt iſt ſie die arbeitſame und frohmüthige Frau eines arbeitſamen Landwirths. Sie ſchwärmt nicht mehr für prächtige Zimmer und Cquipagen oder großartige Feſte, ſondern ſetzt ihre Freude in ein geordnetes Hausweſen und eine nutzbringende Be⸗ ſchäftigung. Der Oberſt wollte bei der Ueberſiedlung nach Eriks⸗ dal nichts davon wiſſen, daß Majken ſich mit Haushaltungsge⸗ ſchäften und dergleichen befaſſen ſollte. Seine Einkünfte blieben ja unverändert und eine Einſchränkung war gar nicht nöthig. Majken erklärte, ſie allein habe in der Sache zu entſcheiden. Siie hatte vollkommen richtig ihres Mannes heimliches Streben aufgefaßt, nun da Dagmar keine Ausſicht mehr hatte, Haralds⸗ hof zu bekommen, das ganze Einkommen von dieſem Gute zu ſammeln, ſo daß das Mädchen nach ſeinem Tode dennoch ein ganz ſchönes Vermögen bekommen ſollte. Darum führt er zu Eriksdal ein ganz eingezogenes und arbeitſames Leben, und Majken unterſtützt ihn bei dieſem Beſtreben auf eine würdige Weiſe. Immerdar heiter und thätig, ſucht ſie in Allem ihm die Heimath angenehm zu machen. Dagmar, für welche ihre Stief⸗ 5 mutter ein Gegenſtand der Bewunderung iſt, thut Alles, ihr gleichzukommen.“ „Wann biſt Du das letzte Mal zu Eriksdal geweſen?“ fragte David. „Vor ein paar Wochen.“ „Haſt Du Dagmar noch immer gleich lieb?“ „Ja, nicht mehr und nicht minder,“ lautete die Antwort. Ein Wagen fuhr durch die Allee herauf. „Das iſt der Pächter von Haraldshof,“ äußerte Georg. David ſprang auf und rief: „Empfängt ihn die Mutter?“ „Gewiß thut ſie das. Arvid iſt ja mit ihrer Schweſter⸗ tochter verheirathet. Ihm die Thüre verſchließen, hieße demnach eben ſo viel, als Mathilde abzuweiſen.“ David verließ die Veranda und begab ſich in ſein Zimmer. Eine halbe Stunde darauf fuhr der Lieutenant Broolind wieder fort. Im Salon ſaßen Frau Waldner und Mathilde, als David eintrat. Fünf Jahre lagen zwiſchen dieſer und Davids letzter Be⸗ gegnung mit der Couſine. Als er ſie damals ſah, war ſie eine ſchöne, neugierige und vergnügungsſüchtige junge Dame, mit ſcharfer Zunge und unfreundlichem ÜUrtheil. Sie hatte ſich damals ver⸗ ſchiedene von ihres Mannes minder vortheilhaften Eigenſchaften angeeignet, und David erwartete nun, ſie noch mehr in dieſer Richtung entwickelt zu finden. Aber er täuſchte ſich und war nahe daran, einen Ruf der Beſtürzung auszuſtoßen, als Mathilde ihr Angeſicht ihm zuwandte. Die in tiefen Höhlen liegenden Augen, die pergamentfarbigen Wangen und der matte Ausdruck in dem Blicke hatten nichts, was ihn an die frühere Mathilde erinnerte. David ſtarrte ſie an, als ob es ihm ſchwer fiele, an die Verwandlung zu glauben. Ueber Mathilde's Antlitz flog ein trauriges Lächeln. „Du erſchrickſt über mein verändertes Ausſehen,“ ſagte ſie. „Ich bin ſehr krank geweſen, aber nun geht es beſſer, und ich hoffe recht bald wieder zu werden, was ich geweſen bin.“ „SDas dürfte lang anſtehen,“ war die Antwort, welche David ihr im Stillen gab. „Ich kann beſtimmt die Luft von Haraldshof nicht ertragen,“ fuhr Mathilde fort,„und darum habe ich die Tante gebeten, einige Tage hier bleiben zu dürfen, während Arvid in Brovik verweilt.“ 3 II. Mathilde blieb eine ganze Woche in Aengsberga. Am Abend des Tages, wo Arvid ſie heimzuholen verſprochen hatte, ſaßen ſie und David im Hofe unter demſelben Baume, wo wir ſie zum erſten Mal gefunden haben. Ein Zeitraum von mehr als zehn Jahren lag zwiſchen jenem Abend und dem gegen⸗ wärtigen. „Du behaupteſt ſomit,“ ſagte Mathilde,„daß das Uebel, wovon ich heimgeſucht wurde, eine Folge von Seelenleiden iſt. Du haſt wirklich die Wahrheit geredet. Ich habe einen nagenden Kummer, und er iſt um ſo bitterer, da ich nicht wagte, ihn irgend Jemand anzuvertrauen.“ „Nicht einmal deinem Mann?“ fragte David. „Ihm am allerwenigſten.“ Mathilde faßte Davids Arm, ſtützte ſich auf ihn und ſetzte mit leiſer Stimme hinzu: „öEr iſt es, der mir dieſen Kummer geſchaffen hat. Ol daß Arvid niemals darauf ausgegangen wäre, Dagmars Geburtsjahr nachzuforſchen. Ich habe ſeitdem keine Ruhe mehr gehabt.“ „Und warum? Was Arvid gethan, würden die meiſten an ſeiner Stelle gleichfalls gethan haben, um der Möglichkeit willen, einmal in den Genuß der Vortheile des Reichthums zu gelangen.“ „Möglich, aber wie iſt Arvid dazu gekommen, Nachforſchungen in Bezug auf Dagmars Geburtstag anzuſtellen?“ fragte Mathilde. „Es ſteckt etwas dahinter, was nicht ſein ſollte. Ach, es kommt mir vor, als ob irgend ein großes Unrecht begangen worden, und daß ich deſſen theilhaftig wäre.“ 4 Mathilde brach in Thränen aus. K* —————— —-———— ——— 4 * „Du biſt krank, Mathilde, und darum haſt Du der Eige bildung den Zügel ſchießen laſſen,“ ſagte David. 1 „Nein, ich war vollkommen geſund, als ich zu grübeln an⸗ fing. Meine Unruhe hat mir die Krankheit geſchaffen. Von dem Augenblick an, da wir nach Haraldshof zogen, ging mein Friede dahin und in Kurzem auch meine Geſundheit. Meine Kraft iſt gebrochen und mein Selbſtvertrauen zerſtört. An Körper und Seele iſt eine ſolche Veränderung mit mir vorgegangen, daß ich mich ſelbſt nicht mehr kenne. Die Fehler, welche früher am ſchärfſten in mir ausgeprägt waren, ſind verſchwunden. Ich, einſt neidiſch und bösartig, bemüht meine eigenen Fehler dadurch zu beſchönigen, daß ich an andern Fehler aufſuchte, fühle mich jetzt von einer ſchweren Bürde niedergedrückt, als ob eine große Schuld auf mir laſtete. Ich möchte Fluthen von Thränen über meinen armen Arvid weinen, welcher ſich irre leiten ließ, und über mich ſelbſt, die nichts Gutes gewirkt hat. Ol es iſt recht traurig, des Glücks und Friedens beraubt zu ſein!“ Abermals begann Mathilde aufs heftigſte zu weinen. David bot alle ſeine Kraft auf, ſie zu beruhigen, und es gelang ihm auch theilweiſe. Dann ſtellte er noch einige Fragen über die eigentliche Urſache von ihrer Vermuthung, daß irgend ein Unrecht an Dagmar begangen worden. Mathilde erzählte ſofort, daß ſie wiſſe, ihr Gatte habe ſich in Berührung mit einem Manne geſetzt, welcher einſt im Dienſte von Wilhelm Björnſtam geweſen. Wie dieſe Perſon hieß, war Mathilde unbekannt; aber darüber glaubte ſie Gewißheit zu haben, daß er es war, welcher Arvid alle die Aufklärungen, deren er ſich bediente, gegeben hatte. David hörte ihr mit geſpanntem Intereſſe zu. Der Mann, von welchem ſie redete, war Sjöqviſt, daran konnte er nicht zweifeln. „Mathilde,“ äußerte David endlich,„angenommen, ich hätte alle dieſe Fragen an Dich gerichtet, um das, was ich zu wiſſen bekam, gegen deinen Mann zu benützen, was würdeſt Du dazu ſagen?“ „Ich würde Dich ſegnen, im Fall du Dagmar das zurück⸗ en wird,“ antwortete Mathilde.„Weder Arvid und ich, noch unſere Kinder werden irgend ein Glück zu genießen haben, ſo lang wir in Haraldshof ſind. Arvid war, ſo lang wir zu Brovik wohnten, der beſte und freundlichſte aller Männer; nun aber iſt er argwöhniſch, heftig und ſo übermüthig, daß ich ihn nicht mehr kenne. Ach, könnten wir doch nach Brovik zurückkehren!“ „Das iſt vielleicht möglicher, als Du glaubſt.“ Das Geſpräch wurde dadurch unterbrochen, daß eine Equi⸗ page im Hofe vorfuhr. Broolind ſprang heraus und kam ſogleich auf ſeine Frau zu. Mit ungeheuchelter Zärtlichkeit erkundigte er ſich nach Mathilde's Geſundheit, und als ſie erklärte, daß ſie ſich beſſer fühle, äußerte er in ſcherzhaftem Tone: „Ich ſollte eiferſüchtig werden, da ich hier meine Frau mit ihrem ehemaligen Bräutigam überraſche.“ Mathilde's gelbe Wangen färbten ſich mit einer leichten Röthe. Es war ſo Vieles, was ſie an einen andern Abend, da ſie und David die Ringe austauſchten, erinnerte. David, welcher leine Parallele zwiſchen Ehemals und Jetzt zog, antwortete, die Vergangenheit ſei etwas, das ihm ganz in Vergeſſenheit gerathen, da die Zukunft ſeine Gedanken allzu ſehr in Anſpruch nehme.. „Ueber das Künftige nachzugrübeln, iſt eine Thorheit,“ meinte Broolind.„Wir wiſſen ja nichts davon und können mit all unſerem Sinnen und Dichten nicht einmal Kenntniß davon er⸗ halten, wie der morgende Tag ſich ge f „Bisweilen hält man ſich doch verpflichtet, vor dem zu warnen, was derſelbe in ſeinem Schooße mit ſich bringen kann.“ „Du willſt damit doch wohl nicht vor dem Tage, welcher noch nicht zu grauen an 3 el Arvid ein.„In ſolchem Fall geſchähe es wohl kraft deiner Eigenſchaft als Arzt?“. „Ein Arzt räth, aber warnt ſelten.“ „Nun, was könnte dann Mathilde von der Zukunft zu fürchten haben?“ „Ah, ſie und ihr Mann warten auf einen großen Reich⸗ geben könnteſt, deſſen Arvid ſie beraub thum; ich bat ſie dieſen Reichthum für eine Luftſpiegelung anzu⸗ ſehen, welche plötzlich verſchwinden könnte.“ Arvid wurde glühend roth. „Durch welche Zauberkunſt könnteſt Du ſo etwas zu Stande bringen?“ „Durch dieſelbe, durch welche Dagmar ihr Erbrecht verlieren ſollte. Ich brauche nur auf eines der Kinder hinzuweiſen, welche Du ſelbſt der ſeligen Tante Björnſtam ſo eifrig zu ſchaffen be⸗ müht wareſt. Wenn ich mich anders recht beſinnen kann, ſo warſt Du es ja, welcher der Oberlandrichterin gewiſſe Briefe lieferte, worin von Wilhelm Björnſtams Familie die Rede war. Die Briefe verſchwanden, aber das hindert nicht, daß Wilhelm Kinder hinterlaſſen haben mag, welche auf Haraldshof Anſpruch machen können. Es iſt auch möglich, daß ein gewiſſer Sjögviſt, welcher zuerſt die Briefe an die Oberlandrichterin verkaufte, und hernach dieſelben ſich wieder zueignete, geneigt iſt, mit den Ge⸗ heimniſſen Wucher zu treiben, und daß derjenige, welcher ſie ihm abkaufen würde, in ſeinen Nachforſchungen glücklicher iſt als Tante Björnſtam. In dieſem Fall, Arvid, wirſt Du für dein Alter dich damit zufrieden geben müſſen, Pächter von Brovik zu ſein.“ Arvid biß die Zähne übereinander und drehte David den Rücken. 2 „Meine arme Mathilde,“ ſagte er,„laß uns ſogleich ab⸗ reiſen. Du ſiehſt ja, daß David ſich ein Vergnügen daraus macht, ſeiner Mutter Gäſte zu beleidigen.“ „Iſt es eine Beleidigung, vorauszuſetzen, daß Du von dem⸗ ſelben Schickſal betroffen werden kannſt, welches Du Dagmar be⸗ reitet haſt? Mein lieber Arvid, deine Worte lauten höchſt ſonder⸗ bar; aber ich will mich mit einer Analyſe derſelben nicht auf⸗ halten.“ David ging in den Park hinunter. Etwas ſpäter am Abend reiste Broolind mit ſeiner Frau von Aengsberga ab. III. Es iſt etwas frühe am Morgen, da wir Eriksdal beſuchen, welches eine halbe Meile von rrköping gelegen iſt. Auf der Veranda ſtand eine junge und ſchöne Frau. Sie ſchaute mit einem träumeriſchen Blick um ſich, während ſie auf den Geſang der Vögel horchte. Ein leiſer, halb winſelnder Laut be⸗ ſtimmte ſie jedoch, daß ſie mit einem lächelnden Blick auf die Seite ſchaute. „Ah, du biſt es, alter Hektor,“ ſagte ſie und fuhr ſtreichelnd dem alten treuen Diener über den Kopf. Der Hund blickte auf, als ob er ſich von dem Befinden ſeiner Herrin hätte unterrichten wollen. „Biſt du im Stande heute eine Promenade zu machen?“ fragte die junge Frau, indem ſie mit ſeinen langen Ohren ſpielte. Hektor wedelte mit dem Schwanze, ließ aber zugleich ein Knurren vernehmen; er hatte ein mißliebiges Geräuſch aufgefangen. „Wie, Hektor, biſt du ſchon ſo früh am Morgen bei ſchlech⸗ ter Laune?“ ließ ſich die junge Frau vernehmen. In demſelben Augenblick öffnete ſich eine Glasthüre hinter ihr; der Hund ſtürzte bellend auf den Heraustretenden zu und bewog dadurch ſeine Ge⸗ bieterin, umzuſchauen. 4 „Georg!“ rief ſie und ſtreckte mit einem warmen Lächeln ihm ihre beiden Hände entgegen.„Recht ſchön, daß Du wieder kommſt, obſchon Du im Zorn von mir fortgereist biſt.“ „Gute, gute Dagmar!“ ſtammelte Georg und ſchloß die kleinen Hände in die ſeinigen. Dagmar war ſogleich in vollem Zuge eine Menge Fragen an il zu richten. Sie wollte wiſſen, ob Georg einige Tage in Eriksdal bleiben würde, wie ſich die Tante befände, ob ſie Nach⸗ richten von David hätten u. a. m. Sie ließ dem jungen Mann kaum Zeit auf ihre Erkundigungen zu antworten: er würde einige Tage in Eriksdal bleiben, David wäre in Aengsberga und die Mutter befände ſich bei guter Geſundheit. „Du weißt doch, daß David im Begriff iſt, einige Zeit zu reköping ſeinen ärztlichen Beruf zu treiben?“ forſchte Georg, als er zum Worte gekommen war. „Wie ſollte ich das wiſſen, da Du nichts davon geſchrieben haſt, und Niemand ſonſt ein Wort davon erwähnte?“ „Du haſt mir ja zu ſchreiben verboten.“ „Verzeih', ich habe es vergeſſen.“ Dagmar erröthete. „Wann geht David nach»köping?“ „Er iſt bereits dort.“ Dagmar ſah gedankenvoll aus. „Wird es Dir eine Freude machen, ihn bald wieder zu ſehen?“ „Ich weiß es kaum; es iſt Alles ſo anders als damals, wo wir, er und ich, uns zum letzten Mal trafen.“ Aber er iſt doch derſelbe und hofft in Eriksdal eben ſo gut empfangen zu werden, wie....“ „Dort,“ fiel Dagmar ein;„ja, das wird er auch.“ „Er kommt heute Nachmittag hieher. Und Du glaubſt, der Onkel und Majken werden ihn gerne ſehen?“ „Welche Frage! Sie ſind gewiß ſehr erfreut darüber.“ „Aber er iſt nicht der einzige, welcher deren Gaſtfreiheit in Anſpruch nimmt,“ bemerkte Georg.„Unſere Mutter iſt ſchon in Eriksdal.“ „O wie ſchön! Und Du haſt mir das nicht gleich geſagt. Wann kam die Tante, und wo iſt ſie?“ „Mama iſt bei Frau Thorén, um ein wenig der Ruhe zu pflegen. Wir ſind die ganze Nacht gereist und heute Morgen um vier Uhr hier angelangt. Es entſtand eine Pauſe. Dagmar unterbrach ſie. „Du biſt doch nicht böſe auf mich, Georg?“ „Nein, Dagmar, Du biſt mir immer gleich theuer. Es iſt unmöglich, auf Jemand böſe zu werden, den man ſo l glich lieb hat.“ „Und wirſt Du das immer thun?“ „Immer.“ 5 4 „Ich danke Dir; es macht mich ſo ruhig zu wiſſen, daß Du mein beſter und treuſter Freund verbleibſt.“ f 12 Georg gab keine Antwort darauf. Eine Weile hernach war Dagmar in voller Thätigkeit mit Zurüſtung des Kaffeetiſches, bei welchem Geſchäft Georg ihr hilf⸗ Leiihe Hand leiſtete. Als dieß gethan war, ging Dagmar zu Majfen hinein. „Weißt Du, daß wir Gäſte haben?“ fragte ſie. „Ja, Georg und Tante Waldner.“ „Am Nachmittag kommt noch ein weiterer.“ „Wer denn?“ Majken befeſtigte eine Nadel an ihrem Halskragen. „Jemand, der früher noch nie hier geweſen, und den wir ſchon lange nicht mehr geſehen haben.“ „Dann iſt es David,“ äußerte Majken in ſo ruhigem Tone, daß Dagmar dadurch überraſcht wurde. Nicht ein Zug in Maj⸗ kens Antlitz deutete einige Bewegung an. „Freut es Dich, ihn wieder zu ſehen?“ „Sehr.“ Majken küßte Dagmar auf die Stirne und ging zu dem Oberſt hinein. Ein paar Minuten ſpäter kamen die beiden Gatten auf die Veranda heraus, wo Frau Waldner und Georg ſie er⸗ warteten. IV. Das Mittagsmahl war vorüber. Die Frauen ſaßen im Garten in der großen Laube, und Frau Waldner unterhielt ſie damit, daß ſie mancherlei Neuigkeiten aus der Gegend von Aengs⸗ berga erzählte. Eine Perſon aus ihrer Bekanntſchaft war verlobt, eine andere geſtorben, eine dritte geheirathet u. ſ. w. Georg ſpazierte auf einem der Gartenwege auf und ab und berieth ſich mit dem Oberſt über einige Veränderungen in dem Betrieb des Eiſenhüttenwerks zu Haraldshof. Dagmar war oben in dem Wohnzimmer, um dafür Sorge zu tragen, daß Erfriſchun⸗ gen in den Garten hinuntergebracht würden. Sie war eben damit fertig geworden, dieſelben auf einer großen Platte aufzuſtellen, als ein Wagen in dem Hofe 13 vorfuhr. Ein ſchneller Blick durch das Fenſter ſagte ihr, wer der neue Ankömmling war. Verborgen hinter einer Epheuwand betrachtete ſie den Gaſt, und ging dann ſchnell durch das Zim⸗ mer nach der Glasthüre, wo ſie mit dem Rücken gegen den im nächſten Augenblicke Eintretenden ſich auffſtellte. Die Thüre vom Vorzimmer ging auf und David erſchien. Er ſtand einen Augenblick ſtill. Nach ſo langer Trennung ſollte er die einzige Frau wiederſehen, welche er wirklich geliebt hatte. Er ſchaute die an, welche ihm den Rücken zukehrte; ſie war es; es war Majkens Wuchs, Haltung und Haarfülle. Er bedurfte mehrerer Minuten, um ſeiner Bewegung Herr zu werden. Als es ihm endlich gelungen war, trat er einige Schritte gegen die Geſtalt vor. Sie verharrte in derſelben Stel⸗ lung; erſt als er ihr ganz nahe war, drehte ſie den Kopf um. Es war nicht Majken; es war Dagmar. Etwas wie Verdruß darüber, daß er ſich hatte täuſchen können, ſtieg in Davids Seele auf; aber Dagmar lächelte ſo liebreich, daß jedes unfreundliche Gefühl verſchwinden mußte. David bemerkte zugleich mit einer gewiſſen Freude, daß Dagmar im Laufe der Jahre ſich ſehr zu ihrem Vortheil verändert hatte. „Wie David ſo männlich geworden iſt!“ dachte Dagmar, während ſie ihn willkommen hieß. „Majken und die Tanten ſind im Garten, und dahin will ich Dich nun geleiten,“ ſagte Dagmar, nachdem die Begrüßungen ausgetauſcht waren. David ſeufzte. Das Wort„Tanten“ mißſiel ihm. Er hatte ſo innig gewünſcht, Majken wieder zu ſehen, ohne daß die Augen anderer auf ihn gerichtet wären. Dagmar nahm inzwiſchen ohne weitere Umſtände ſeinen Arm und führte ihn zu dem Vater. 14 der Oberſt.„Du biſt der liebſte Gaſt, den ich zu Eriksdal will⸗ kommen heißen könnte.“ „Ja, herzlich willkommen im Vaterlande,“ äußerte eine Stimme hinter ihm. Er fuhr zuſammen; die Stimme war ihm aus frühern Tagen wohlbekannt. Mafken ſtand da; ihre ruhige und freundliche Miene ſchien ihm zu ſagen: was geweſen, iſt nicht mehr, und was jetzt da, iſt nicht, was es ſonſt geweſen. David hatte noch nicht begreifen gelernt, daß die Gefühle Veränderungen unterworfen ſind. Majkens Angeſicht ſollte ihn nun davon überzeugen. Es that David wehe, daß er keinen andern Ausdruck, als den einer ruhigen Freundſchaft darin erblicken konnte. Sie war noch ebenſo ſchön, wie damals, als er ſie zum letzten Mal ge⸗ ſehen, und wie ſollte es wohl möglich ſein, daß die Gefühle des Herzens erkalteten? Aber es war nicht blos möglich, es war eine Wirklichkeit. Verheirathet mit einem Mann, für welchen ſie große Achtung und Ergebenheit hegte, begabt mit einer freundlichen Gemuthsart, gehörte Majken nicht zu den Frauen, welche ihr Leben unter einen ewigen Kummer oder eine hoffnungsloſe Liebe gefangen geben. Sie hatte gegen beide gekämpft und den Sieg davon ge⸗ tragen. Jetzt konnte ſie ohne Schmerz den Mann wiedeerſehen, den ſie einmal geliebt hatte. Er war ihr theuer als der edelſte und beſte der Männer; er war ihr theuer, denn an ihn knüpfte ſich die Erinnerung der ſchönſten Zeit in ihrem Leben; aber ſie liebte ihn nicht mehr. Die Liebe hatte der Freundſchaft Platz gemacht. Mit David war es anders. Er hatte gearbeitet und ſtudirt, mit ihrem Bilde beſtändig vor den Augen ſeines Geiſtes. Von dem Guten, das er zu Stande gebracht Theil ſein⸗ — ——— 15⁵ ſie. Er hatte ſich jede ſelbſtſüchtige Freude verſagt und ſich über ſein Leiden zu erheben geſucht. Dieß Alles war ihm nur mög⸗ lich geworden durch die Liebe zu ihr, und nun, da ſie ſich wieder begegneten, ſah es aus, als ob ſie ſelbſt die Erinnerung an das, was geweſen, vergeſſen hätte. Wünſchte David, daß es anders ſein ſollte? Nein, wir glauben es nicht; aber das ſchwache Herz murrte dagegen, trotz allem, was ſein beſſeres Gefühl einwenden mochte. Als David am Abend nach esköping zurückkehrte, war er niedergeſchlagen und düſter. Aber als der Tag wieder graute, hatte er vollkommen über dieſe Niedergeſchlagenheit wieder geſiegt. Ehe er ſeinen Beſuch in Eriksdal erneuerte, war es David gelungen, ſich mit dem Gedanken, daß er nicht mehr geliebt wurde, völlig vertraut zu machen. Die Praxis eines Provinzialarztes ließ ihm nicht ſonderlich viel Zeit zum Vergnügen oder zur Träumerei übrig, ſondern nahm beinahe jede ſeiner Stunden in Anſpruch, beſonders wenn er derſelben mit Eifer obliegen wollte. Er wurde auch bald durch ſeine glücklichen Kuren bekannt, und ſeines wohlwollenden Weſens halber geprieſen. Gleich gegen Reiche und Arme, behan⸗ delte er alle Leidenden mit derſelben Sorgfalt, und intereſſirte ſich lebhaft für ſeinen Beruf. V. Auf dem Gebiete von Eriksdal lag ein kleines Frohngütchen, wo die Frau ſchwer erkrankt war. Dagmar ſah täglich nach der Armen, und Doktor Waldner ſtellte ſich gleichfalls von Zeit zu Zeit ein, um derſelben ſeinen Beiſtand angedeihen zu laſſen. Eines Tags begab ſich Dagmar mit einem Korb voll Spei⸗ ſen dorthin. Nachdem ſie den Inhalt unter die Kranke und deren Kinder vertheilt hatte, ſetzte ſie ſich vor die Hütte und unterrich⸗ tete das älteſte Mädchen, wie ſie die Mutter und die Geſchwiſter zu verpflegen hätte. Die kleine Greta, erſt neun Jahre zählend, war ein gelehriges Kind und hörte ihr aufmerkſam zu. Greta hatte keinen höhern Wunſch, als die Zufriedenheit von Fräulein 16 Dagmar ſich zu erwerben; es gab dann immer irgend eine Extra⸗ ſpende von Zwieback, Brezeln oder andern Leckerbiſſen. „Sieh' nur zu, daß die Mutter friſches Waſſer hat, daß die Stube gekehrt, und daß die Geſchwiſter ſauber gewaſchen werden,“ ſagte Dagmar, und tätſchelte die kleine Greta auf den Kopf. „Erinnere Dich zugleich, daß die Suppe, welche ich mitgebracht habe, nur für die Mutter iſt, und laß die Geſchwiſter nicht da⸗ von eſſen; jetzt lebe wohl für heute, mein Kind.“ Das Mädchen machte einen Knix, und Dagmar ſtand auf, um zu gehen, nahm aber wiederum Platz, als ſie einen Reiter gewahr wurde, welcher auf dem ſteinigen, ungebahnten Wege her⸗ ankam. „Der Doktor!“ rief Greta. David grüßte zuerſt in aller Eile Dagmar, und begab ſich dann zu der Kranken hinein. Eine Weile darauf gingen er und Dagmar hinweg, beide zu Fuß, David ſein Pferd nachführend. „Ich möchte doch gern wiſſen, warum Du ſeit deinem erſten Beſuch dich in Eriksdal nicht, mehr ſehen ließeſt?“ begann Dag⸗ mar.„Biſt Du ſo ſchlecht daſelbſt aufgenommen worden, daß dir die Luſt vergangen, den Beſuch zu erneuern?“ „Gewiß nicht,“ antwortete David lächelnd.„Die zahlreichen Krankheitsfälle ſind die Urſache meines Ausbleibens.“ „Aber Du begleiteſt mich doch nach Eriksdal und bleibſt ein wenig daſelbſt. Papa und Mama ſind im Pfarrhauſe, und es wäre recht ſchön von Dir, mir in meiner Einſamkeit Geſellſchaft zu leiſten.“ „Gern, aber unter einer Bedingung.“ „Bedingung? Nun, Du biſt recht artig.“ „Ich kann nicht helfen, es iſt eben ſo.“ „Nun wohl, einmal will ich mich ſchon deinen Launen un⸗ terwerfen. Wie lautet die Bedingung?“ „Daß Du mich von einem Gegenſtande reden läſſeſt, welcher nichts weniger als angenehm iſt.“ „Meinſt Du denn, ich ſei allzu munter, da Du mir etwas Langweiliges vortragen willſt?“ 17 „Ich glaube, Du biſt nicht ſo munter, als Du ſcheinen willſt, und darum wünſchte ich mit Dir davon zu reden, was der Gegenſtand einer geheimen Sorge bei Dir oder bei allen iſt.“ „Ich verſtehe, Du meinſt Haraldshof.“ Dagmar wandte den Kopf ab. „Ilt es Dir ſehr peinlich, darüber dich auszuſprechen?“ fragte David. „Dir gegenüber nicht. Ich habe oft ſeit deiner Rückkehr ge⸗ wünſcht, Du möchteſt uns beſuchen, ſo daß ich mit Dir dieſes Thema berühren könnte; aber Du erſchienſt nicht, und ſo wurde nichts aus der Sache. Es kommt mir vor, als hätteſt Du früher eine Ahnung von dem gehabt, was nun eintreffen ſollte, und die Erinnerung an das Büllet, welches ich am Tage nach Papa's Hochzeit erhielt, hat mich in dieſer meiner Vermuthung beſtärkt. Ich habe oft daran gedacht, daß es auf Haraldshof Bezug hätte.“ „Du haſt wirklich Recht; ſchon damals waren große Intri⸗ guen in Bezug auf die Erbſchaftsverhältniſſe angezettelt,“ ſagte David,„aber nicht in der Richtung, welche ſie ſpäter nahmen.“ „Dann ſind ſie mir gleichgültig; ich bekümmere mich wenig um das Erbe; es iſt mir nur der Schatten, welcher an meines Vaters Ehre haftet, was mich quält. Alle die elenden Gerüchte, wozu die Großmutter durch ihre Unbeſonnenheit Anlaß gegeben hat, werden einmal wirkliche Wahrſcheinlichkeit erlangen. Sein Haar iſt ergraut, ſeine Stirne gefurcht, und ſein Geiſt unter der Bürde einer unverdienten Schmach, welche über ſein Haupt ge⸗ kommen, niedergedrückt. Che dieſe beſeitigt iſt, wird die Freude nicht wieder in unſere Familie zurücktehren.“ „Aber, Dagmar, es iſt nicht einmal denkbar, ihn davon befreien zu können. Es iſt erwieſen worden, daß Du älter biſt, als er angegeben hat.“ „Wahr, und doch hat er ſich keiner Betrügerei, zum Min⸗ deſten nicht in eigennütziger Abſicht ſchuldig gemacht.“ „Dann liegt alſo irgend ein Geheimniß darunter verborgen?“ fragte David. „Ja.“ Schwartz, David Waldner. II. 18 „Vertraue mir daſſelbe an,“ bat David;„ich kann vielleicht etwas zur Aufklärung der Verhältniſſe thun.“ „Gäbe Gott, daß ich es wüßte. Was ich argwöhne, will ich Dir indeſſen ſagen.“ Dagmar blieb ſtehen, ſchaute rings herum, legte ihre Hand auf Davids Schulter und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr. „Iſt es möglich!“ rief David und ſtarrte das junge Mädchen an. Sie lächelte traurig. „Die Beſtätigung dafür ſollſt Du erhalten, wenn wir heim⸗ kommen. Ich werde Dir ein Papier zeigen, welches meine Worte bekräftigt. Du fragſt vielleicht, wie ich in den Beſitz davon gekommen ſei? Es hat mir gehört, ſeitdem ich neun Jahre zählte. Mein Vater war damals verreist; ich bemächtigte mich der Schlüſſel in ſeine Wohnung und begab mich dorthin, was mir ſonſt während ſeiner Anweſenheit nicht geſtattet war. Ich wanderte durch alle Zimmer und durchſtöberte Alles. In ſeinem Arbeits⸗ kabinet angekommen, fand ich eine beſondere Freude daran, jeden Gegenſtand auf ſeinem Schreibtiſch genau zu unterſuchen, und entdeckte dabei, daß der Schlüſſel zu einer Schublade ſtecken ge⸗ blieben war. Ich zog ſie heraus. Da lagen größere und kleinere Haufen Silbermünze von ungleichem Werthe, und weiter hinein ein Etui von rothem Maroquin. Ich öffnete es. Darin befand ſich die Einfaſſung vermuthlich zu einem Porträt, welches jedoch fort war, und zugleich ein zuſammengelegtes Blättchen Papier mit meines Vaters Handſchrift. Ich hatte eben leſen gelernt; ich ſchlug es alſo auseinander, um mir von deſſen Inhalt Kunde zu verſchaffen; aber in demſelben Augenblick hörte ich Schritte im äußern Zimmer. Das Papier wurde in meine Taſche geſteckt, und als Tante Thorén eintrat, ſtand ich mitten im Zimmer. Am Abend nahm ich das beſchriebene Stück Papier heraus und buchſtabirte es durch. Der Inhalt war von der Art, daß ich ſeitdem das Schreiben nicht nur im Gedächtniß behielt, ſondern es auch wohl verſteckt aufbewahrte. Von dem Tage an fürchtete ich mich vor Fremden, und lange war es mir, als ob irgend ein Unheil mich verfolgte. In einem Alter von neun Jahren iſt es nicht leicht, ein Geheimniß zu verſchweigen. Ich bewahrte ——— 19 jedoch das meinige getreulich, und Du biſt der erſte, welchem ich es mitgetheilt habe.“ Sie langten inzwiſchen in Eriksdal an. Nachdem Dagmar ſich überzeugt hatte, daß Majken und der Oberſt noch nicht heim⸗ gekehrt waren, holte ſie ein Papier und übergab es in Davids Hände. 3 David las es und ſtellte es dann Dagmar mit den Worten zurück: „Moriz Björnſtam muß von dem unverdienten Schatten, welcher nach deſſen Tod auf ſeine Ehre fallen wird, befreit werden.“ „Aber wie ſoll das geſchehen?“ 3 „Die Art und Weiſe kenne ich noch nicht; ich weiß bloß, daß es geſchehen ſoll und muß.“ David ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand und verſank in Gedanken. Plötzlich ſprang er auf und rief: „Er beſitzt dieſes Papier, er, der die Briefe geſtohlen und das Geheimniß an Arvid verkauft hat! Aber vielleicht hat er auch dieſes Beweisſtück veräußert, welches Arvid die Ausſicht, Haraldshof zu bekommen, auf immer rauben würde. Ha, das wäre in Wahrheit ſo niederträchtig, daß....“ Eine längere Berathung erfolgte nun zwiſchen Dagmar und David. Erſt ſpät am Abend ritt er von Eriksdal hinweg, von Planen in Anſpruch genommen, wie er in den Beſitz des Doku⸗ mentes, worauf ſo viel ankam, gelangen könnte. Welche Genug⸗ thuung mußte es nicht für David ſein, wenn er Klarheit in dieſe Sache zu bringen vermochte; wie ſehr mußte ſich dann Majken mit ihm darüber freuen! Als David nach Hauſe kam, wartete ein Bote, der ihn zu einem Kranken auf einen Herrſchaftsſitz in der Nähe von erköping berief. Er begab ſich ſogleich dorthin. Das Gut hieß Marnäs und gehörte einem ehrlichen Landwirth, welcher neben allem andern Reichthum zwei Söhne und eine Tochter beſaß. Die Tochter hatte ſich kürzlich mit einem jungen Beamten verlobt; der glück⸗ liche Bräutigam war eben auf Beſuch anweſend und ſchwer er⸗ krankt. David wurde ſogleich zu dem Kranken geführt. Der Patient lag in vollem Fieber mit heftigem Kopfweh und hatte 20 eine Binde um das Haupt. David ließ ſie abnehmen und erblickte nun das volle Geſicht des Kranken vor ſich. Er erkannte ſeinen frühern Schützling Chriſtoph Alm. David widmete ſeinem neuen Patienten alle mögliche Sorg⸗ falt und hatte die Genugthuung nach Verfluß von ein paar Wochen ihn auf den Weg der Beſſerung zu bringen. Die Braut und die künftigen Schwiegereltern waren außer ſich vor Freude. Die häufigen Beſuche zu Marnäs hatten inzwiſchen David abgehalten, wieder nach Eriksdal zu gehen. Wohl hatte er in aller Eile die kranke Köthnersfrau beſucht, aber ohne mit Dagmar zuſammenzutreffen. Er war entſchloſſen, am Sonntag hinzu⸗ fahren, aber bekam auch jetzt eine Abhaltung, und am Montag begab er ſich wieder nach Marnäs, um nach Chriſtoph zu ſehen und wo möglich einige Worte unter vier Augen mit ihm zu reden. Es gelang ihm auch. Als David anlangte, war Chriſtoph allein. „Wo iſt dein Vater gegenwärtig?“ fragte David. „In Stockholm,“ lautete die Antwort. „Wie? Er iſt nicht mehr in Nordland?“ „Nein, er iſt vor ein paar Jahren von dort weggezogen?“ „Nun, wie geht es ihm jetzt?“ „Gut; er hat mehre glückliche und gewinnbringende Ge⸗ ſchäfte gemacht.“ „So, ſo? Iſt es lang her, daß ihr euch trafet?“ „Etwa ein Jahr, und auch da nur auf ganz kurze Zeit.“ „Weißt Du etwas Näheres über die Beſchaffenheit der glück⸗ lichen Geſchäfte, die er gemacht hat?“ fragte David, indem er Chriſtoph fixirte. Das Angeſicht des jungen Mannes gab Zeug⸗ niß für deſſen vollſtändige Unkunde und David ſtellte keine weitere Frage. gEhriſtoph lenkte das Geſpräch von ſeinem Vater ab und auf ſeine Schuld der Dankbarkeit gegenüber von David, welche nun wieder ſich beträchtlich vergrößert hatte. David fiel ihm plötz⸗ lich in die Rede: „Du mußt mir einen Dienſt leiſten,“ ſagte er. ———yö——— 21 „Was begehrſt Du von mir? Ich bin immer dazu ver⸗ pflichtet, und es ſoll mir eine wahre Freude machen.“ „Du willſt ja einige Zeit in verköping dich aufhalten? Du kannſt an deinen Vater ſchreiben und ihn bitten, Dich daſelbſt zu beſuchen; aber ohne deſſen zu erwähnen, daß ich Dich in deiner Krankheit behandelt habe; er braucht nicht zu wiſſen, daß wir uns getroffen haben. Ich wünſche mit ihm zu reden, aber ohne daß er auf die Begegnung mit mir vorbereitet iſt.“ Chriſtoph verſprach pünktlich Davids Begehren zu erfüllen und ſo trennten ſie ſich. VI. Tags darauf machte David in Eriksdal einen Beſuch. Er fand Dagmar im Garten. Der Oberſt war draußen auf den 8 Wüneun⸗ und Majken hatte Verſchiedenes im Treibhauſe zu be⸗ orgen. „Endlich ſieht man Dich hier,“ rief Dagmar.„Du biſt der launenhafteſte aller launenhaften Menſchen. Als Du das letzte⸗ mal in Eriksdal wareſt, verſprachſt Du oft wieder zu kommen, und doch ſind vier Wochen vergangen, ohne daß Du hier ge⸗ weſen. Nennſt Du das Wort halten? Wie willſt Du eine ſolche Aufführung entſchuldigen? Wo biſt Du geweſen und was haſt Du getrieben?“ „Ich bin bei Kranken geweſen, habe Kranke behandelt und Kranken Geſellſchaft geleiſtet.“ „Und die Geſunden haſt Du ganz vergeſſen?“ „Ich vergaß ſie nicht, aber ich mußte ſie verſäumen.— Nun, wie iſt es euch in dieſen vier Wochen ergangen?“ „Wir befinden uns immer wohl. Du findeſt kaum eine Gelegenheit, deine Praxis hier auszuüben. Ich möchte zuweilen faſt wünſchen, daß wir unwohl würden.“ Dabei flog ein leichter Schatten von Wehmuth über Dagmars Angeſicht. „in recht unverſtändiger Wunſch, meine gute Dagmar,“ fiel David ein. 4 22 „Nun ja; ich habe mich auch nicht dafür bekannt gemacht, daß ich beſonders verſtändig wäre. Aber laſſen wir das. Haſt Du Briefe von Georg? Es wäre mir recht lieb, etwas von ihm zu vernehmen.“ „Korrreſpondirt ihr denn nicht mit einander?“ „Nein.“ Dagmar ſpielte mit einigen Blumen und ſah verlegen aus. David merkte dieß und wollte keine weitere Frage machen. Zu⸗ dem kam Maſken aus dem Treibhauſe heran. Die blaſſen Wangen des jungen Arztes bekamen eine lebhaftere Farbe, als er die Hand, welche ſie ihm bot, ergriff und drückte. In dieſem Augenblick kam Botſchaft von Frau Thorén mit dem Erſuchen, Dagmar möchte hinauf kommen und ſo blieben Majken und David allein. David fühlte ſich äußerſt verlegen. Majken ſchien jedoch nicht darauf zu achten. Ihre Stimme klang ganz wie gewöhn⸗ lich, als ſie äußerte: „Scheint es Dir nicht, David, als ob mit Dagmar, ſeitdem Du fort geweſen, eine Veränderung vorgegangen?“ „Sie hat ſich auf eine wunderbare Weiſe vervollkommt und beſitzt in Haltung und Benehmen eine in die Augen fallende Aehnlichkeit mit ihrer Stiefmutter.“ „Sehr ſchmeichelhaft für mich,“ verſetzte Majken lächelnd. „Dagmar hat eine gute Haltung und gute Manieren. Aber das war es nicht, worüber ich dein Urtheil vernehmen wollte. Ich wünſchte zu wiſſen, ob Du ſie ebenſo munter und ſorglos fändeſt wie früher.“ „Dagmar ſcheint daſſelbe hurtige und lebensfriſche Mädchen zu ſein, das ſie immer geweſen; man ſieht keine Wolke des Kummers auf ihrer Stirne.“ „Nicht? Mir kommt es indeſſen vor, als ob ein Schatten von Kummer über ihrem ganzen Weſen liege.“ „Der Gedanke an den Vater iſt es, der denſelben hervor⸗ gerufen,“ antwortete David. „Ich glaube nicht, daß dieſes die Hauptſache iſt. Dagmar iſt ſo, ſeitdem wir von unſerer Reiſe in's Ausland zurückkehrten, ſomit ehe die Erbſchaftsfrage zur Sprache kam. Sie muß irgend 23 etwas zum Nachgrübeln haben. Ich möchte erfahren, was es iſt. Zuweilen beunruhigt mich meine Unkunde, aber ich fürchte gleich⸗ wohl, mir ein Vertrauen möglicher Weiſe zu erzwingen, das ſie mir zu gewähren Bedenken trägt. Um ihre Umgebung irre zu leiten, zeigt ſie ſich beſtändig froh, aber es gelingt ihr nicht immer, hinter der lächelnden Maske ihre Schwermuth zu verbergen.“ „Sollte dieß alles nicht eine Ausgeburt deiner lebhaften Ein⸗ bildung ſein, Majken?“ fragte David,„und daher kommen, daß Dagmar eine ungleichartige Gemüthsart hat?“ „Gäbe Gott, es wäre ſo!“ 3 Majken und David wechſelten einen ſchnellen Blick mit ein⸗ ander. Jetzt fiel ihm ein, daß Dagmars Mutter gemüthskrank ge⸗ weſen war. David empfand eine peinliche Bewegung bei dem Gedanken daran. Er verjagte jedoch ſogleich die Möglichkeit einer ſolchen Vorausſetzung und nahm wieder das Wort. „Dagmar hat einen ſtarken Körper, und von Seiten ihres Geiſtes haben wir, glaube ich, keine Kränklichkeit zu beſorgen. Grübelt ſie über etwas nach, ſo gilt es nur ihrem Vater. Sie liebt ihn mehr, als man nur zu ahnen vermag.“ David dachte an den Inhalt jenes Papiers, das er geleſen hatte, und glaubte darin eine Erklärung für Dagmars geheimen Kummer zu haben, im Fall ſie wirklich mit einem ſolchen be⸗ haftet. wäre. „Ich erwartete bei meiner Heimkehr Dagmar mit Georg ver⸗ lobt zu finden; aber zu meinem großen Erſtaunen erkenne ich, daß Alles ſo iſt, wie damals, als ich abreiste.“ „Wir haben auch daſſelbe gehofft,“ antwortete Majken,„und Georg glaubte ſich der Liebe von Dagmar ſo ſicher, daß er die Möglichkeit eines Korbes gar nicht vorausſetzte. Es fiel uns allen auch ſehr ſchmerzlich, als Dagmar mit Beſtimmtheit das Anerbieten ſeiner Hand ausſchlug.“ „Hat Georg um ſie angehalten?“ „Ja, und Dagmar hat mit Nein geantwortet.“ „Was war der Grund, daß ſie ihm einen Korb gegeben?? — —— —— 24 „Sie hat nichts weiter darüber geäußert, als daß ſie eben nicht heirathen wolle.“ „Wie lang iſt das her?“ „Es geſchah erſt einige Wochen vor deiner Ankunft in der Gegend. Dagmar war ſelbſt faſt in Kummer aufgelöst, als ſie Georg dieſen Schmerz verurſachte, und es dauerte lang, ehe ſie ſich mit dem Gedanken daran verſöhnen konnte.“ „Und Georg, wie erträgt er ſein Schickſal?“ „So wie nur ein Waldner dergleichen Miſgeſchick erträgt,“ entgegnete Majken mit mildem Tone. Es lag in dieſen Worten der größte Lohn, den David wünſchen konnte. Es wurde ihm auch warm um's Herz. „Aber,“ nahm Majken wieder das Wort,„es wundert mich, daß Georg Dir nichts davon geſagt hat.“ „Ehe man mit, der Entſagung ſich vertraut gemacht hat, weicht man dem Reden davon aus.“ Dagmar kam jetzt zurück, und bald hatte ſie durch ihre muntern Scherze alle die Schatten verjagt, welche dieſe Unter⸗ redung hervorgerufen hatte. Sie ſchwatzte, lachte und hatte tau⸗ ſend Kindereien zu erzählen. Wenn man ſie ſah und hörte, hätte man geglaubt, zu Majkens Worten über den heimlichen Kummer lächeln zu können. David, welcher bisher für Niemand anders, als für Majken Sinn gehabt hatte, wurde genöthigt, Dagmar ſeine Aufmerkſam⸗ keit zu widmen. Majken war unruhig über Dagmar; folglich mußte David herauszubringen ſuchen, ob Majken Grund zu die⸗ ſer ihrer Unruhe hatte. Dadurch wurden ſeine Gedanken bis zu einem gewiſſen Grade von Majken abgezogen und Dagmar zu⸗ gewendet. Auf dem Heimwege von Eriksdal war er ausſchließlich durch ſie in Anſpruch genommen, und obwohl er der Meinung war, die Urſache von Dagmars Grübeleien zu kennen, ſo tauchte doch die Vorſtellung von der Geiſteskrankheit ihrer Mutter wieder vor ihm auf und erinnerte ihn daran, was für ein trauriges Erbe ſie zu fürchten hatte. 3 David beſchloß öfters nach Eriksdal zu fahren, um Dagmar 25⁵ genauer zu ſtudiren und ſich mit Sicherheit zu überzeugen, wie weit ſie wirklich von einer unerklärlichen Schwermuth, welche in Geiſteskrankheit übergehen könnte, gequält würde, oder ob ihr Kummer von minder gefährlicher Natur wäre. VII. Einige Tage vergingen und David war wieder in Eriksdal. Dagmar ſaß auf der Veranda und arbeitete, und als David ſie dort aufſuchte, ſah ſie ſchwermüthig und traurig aus; aber das Lächeln hatte ſeinen Weg zu ihren Augen und Lippen ge⸗ funden, als ſie ihn begrüßte. Dagmar vermochte jedoch den ge⸗ wöhnlichen heitern Ton nicht anzunehmen: ein Umſtand, der zur Folge hatte, daß ſie nach dem Austauſche der erſten Begrüßungen eine Weile ſchwiegen. David betrachtete Dagmar mit einem forſchenden Blick, als wünſchte er in ihrer Seele zu leſen. „Sage mir, Dagmar,“ begann er hierauf, ſeine Gedanken unter⸗ brechend,„warum haſt Du es abgelehnt, Georgs Frau zu werden?“ Dagmars Wangen färbten ſich purpurroth.. „Steht dieß etwa im Zuſammenhang mit dem Geheimniß, welches Du mir anvertraut haſt?“ fragte David weiter. Jetzt trat alle Farbe von Dagmars Wangen zurück, als ſie ihr Nein flüſterte. „Haſt Du aufgehört, Georg lieb zu haben?“ „Wie wäre das möglich? Mit Ausnahme von meinem Va⸗ ter und Majken gibt es Niemand, auf den ich ſo viel halte, wie auf Georg. Ich begreife nicht, wie meine Gefühle für ihn ſich verändern könnten.“ „Und doch beraubſt Du ihn des Glücks, in deſſen Genuß er eines Tags zu gelangen ſo ſicher war?“ „Ich konnte nicht anders handeln. Gott allein weiß, ob der Schmerz, welchen ich Georg verurſachte, bitterer ſein könnte, als derjenige, welchen ich damals ſelbſt empfand.“ „ 8Du haſt ihn empfunden,“ fiel David ein,„aber Georgs Leiden dauert noch fort.“ „Kummer und Schmerz erbleichen mit der Zeit. Georg wird vergeſſen, daß er mich zur Frau zu erhalten gewünſcht hat, und ſehr bald wird er in mir nur ſeine Schweſter ſehen.“ ,„ Das geht nicht ſo leicht.“ „Aber es geht doch. Allein warum hievon reden? Georg hat Dich wohl nicht mit dem Verſuch beauftragt, meinen Ent⸗ ſchluß umzuſtoßen?“ „Er hat ja nicht einmal mit einem einzigen Wort ſeiner Bewerbung erwähnt.“ „Wer hat es Dir dann erzählt?“ „Weißt Du, Dagmar, daß ich mir dein Benehmen nicht er⸗ klären kann? Du liebſt Georg, aber weigerſt dich, ſeine Frau zu werden. Du haſt dich beſtimmt von irgend einer phantaſti⸗ ſchen Laune beſtimmen laſſen.“ Jetzt lächelte Dagmar. 4 „Meiner Launen ſind es gewiß viele und große, aber ich will nicht, daß Du glauben ſollſt, ich wolle zu deren Befriedigung mir ſelbſt ein Leiden ſchaffen. Ich habe einen gültigen Grund, Georgs Anerbieten auszuſchlagen.“ „Willſt Du mir dieſen nicht ſagen?“ „Nein!— Haſt Du unſere Unterredung vergeſſen von da⸗ mals, als Du mich aus der Köthnerhütte heim begleiteteſt?“ be⸗ gann Dagmar nach einer Pauſe wieder. „Wie wäre das denkbar?“ „Sage mir, glaubſt Du, es laſſe ſich eine Möglichkeit finden, den Beweis zu liefern, daß mein Vater nicht aus Eigennutz ge⸗ handelt hat?“ 4 „Noch kann ich die Frage nicht beantworten, aber ich hoffe, hiezu in Kurzem im Stande zu ſein.“ Das Geſpräch ging nun auf einen gleichgültigen Gegen⸗ ſtand über. VIII. Alles Geheimnißvolle übt einen großen Einfluß auf uns Menſchen aus. Man darf nur argwöhnen, daß einer unſerer ——— 27 Nächſten etwas hat, das er verbergen will; und wäre derſelbe uns vorher noch ſo alltäglich vorgekommen, er erhält dadurch ſchnell ein gewiſſes Intereſſe für uns. David hätte ein Jahrzehnt mit Dagmar zuſammenleben können, ohne derſelben irgend eine Aufmerkſamkeit zu widmen, oder ſich durch ſie beſtimmen laſſen, ſeine Gedanken von Majken abzulenken. Aber ſo ſprach nun Majken ihre Vermuthung aus, daß Dagmar einen heimlichen Kummer habe, und deutete auf ihre Furcht vor den Folgen davon hin. Jetzt konnte er unmög⸗ lich von Dagmar mit ſeinen Gedanken ablaſſen. Er kam auch ſehr oft nach Eriksdal, verbrachte ganze Stun⸗ den daſelbſt in Geſellſchaft von Dagmar, ohne doch die Urſache, warum Georg einen Korb bekommen, oder den Gegenſtand, wor⸗ über ſie im Stillen nachgrübelte, ausfindig zu machen. Er nahm auch für ausgemacht an, er habe recht gerathen, wenn er voraus⸗ ſetzte, Dagmar leide nicht an einer krankhaften Melancholie, ſon⸗ dern werde nur von der Entdeckung geplagt, welche ſie in dem Alter von neun Jahren gemacht hätte. David vertiefte ſich in⸗ zwiſchen ſo ſehr in das Studium von Dagmars Anſichten, Ge⸗ müthsart und Charakter, daß dieſes Studium zuletzt alle ſeine Gedanken beſchäftigte, ſo oft ſein ärztlicher Beruf dieſelben nicht in Anſpruch nahm. Er pflegte die Feiertage in Eriksdal zuzubringen. Eines Sonntags, als man ihn dort am Morgen erwartete, und Dag⸗ mar mit Beſtellung des Früſtücktiſches zu thun hatte, fuhr ein Wagen in dem Hofe vor. „Kann David ſchon hier ſein?“ rief ſie und ſprang an das Fenſter. Sie erkannte allerdings Davids Droſchke; aber es war nicht David, welcher ausſtieg, es war Georg. Dagmar erröthete. Sie eilte dem willkommenen Gaſte entgegen. „Ach, Georg, das iſt ſchön!“ rief ſie;„aber was haſt Du aus deinem Bruder David gemacht?“ 3 3 „ Ja, Dagmar, Du ſiehſt, ich komme anſtatt Davids. Er iſt verhindert.“. —— — 28 Georg faßte ſie mit beiden Händen um den Leib und ſetzte zärtlich hinzu: „Es iſt doch recht erfreulich, Dich zu ſehen, in deinem Blicke zu leſen, daß Du meine liebe, liebe, gute Schweſter bleibſt.“ Ein feuchter Glanz erſchien in Dagmars Augen; ſie lehnte ſich an ihn und flüſterte: „Ich danke Dir, du guter, unvergleichlicher Georg!“ Empfindſamkeit gehörte nicht zu Dagmars Schwächen; ſomit erhob ſie ſich raſch und fragte in verändertem Ton: „Du haſt mir aber noch nicht geſagt, was es mit David wieder gegeben, daß er abgehalten iſt, hieher zu kommen.“ „Das mag er Dir ſelbſt ſagen. Ich kam geſtern in Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten nach rrköping und als ich heute zu dem⸗ ſelben Zwecke hieher fahren wollte, bat er mich, ihn zu ent⸗ ſchuldigen.“ Dagmar redete nicht weiter von David. Georg hatte Verſchiedenes, was das Hüttenwerk betraf, mit dem Oberſt zu verhandeln und verbrachte hierauf einige Stunden bei Dagmar, welche heute ihm ſehr nachdenklich vorkam. IX. David hatte frühe am Sonntagmorgen ein Billet folgenden Inhalts von Chriſtoph erhalten: „Beſter Waldner! „Mein Vater iſt vor einigen Minuten hier angekommen und bleibt nur einen oder vielleicht zwei Tage hier. 4 In Eile Ch. Alm.“ Dieß war die Urſache, warum die Reiſe nach Eriksdal ein⸗ geſtellt wurde. David begab ſich unverzüglich nach Alm's Wohnung, wo er wirklich Sjöqviſt traf. Dieſer war ſehr erſtaunt, um nicht zu ſagen beſtürzt, als er ſo unvermuthet Auge in Auge David enehes ſtand, welcher ſogleich Chriſtoph bat, ſie allein zu laſſen, “ 29 David ſchloß ſelbſt die Thüre hinter ihm, wandte ſich dann plötzlich zu Sjöqviſt und ſagte ohne Umſchweife: „Wo haben Sie Wilhelm Björnſtams Trauſchein?“ „Trauſchein?“ wiederholte Sjögviſt mit Erſtaunen;„wenn ein ſolches Papier vorhanden iſt, was unwahrſcheinlich ſein dürfte, ſo befindet es ſich nicht in meinem Beſitze.“ „Hüten Sie ſich zu leugnen!“ fiel David ein.„Ich weiß gewiß, daß Sie dieſes Dokument hatten, und ich rathe Ihnen jetzt, wenn auch zum erſten Mal in Ihrem Leben, ehrlich zu antworten. Sie haben bereits allzu oft meine Geduld auf die Probe geſtellt, indem Sie Ihren Verſprechungen untreu wurden, 1 als daß ich geneigt ſein ſollte, mich länger gegen Sie edelmüthig zu zeigen.“ „Ich habe kein Verſprechen gebrochen. Nein, Herr Doktor,“ fiel Sjögviſt ein und nahm dabei eine ganz zuverſichtliche Miene an. Es ſchien, als ob er wenigſtens in dieſer Beziehung ſich nichts vorzuwerfen hatte. David war auch wohl verſichert, daß er Unrecht hatte, als er gleich darauf äußerte: „Nun wohl!, ſo iſt es vielleicht ein Irrthum. Ich will mich darum bei dieſem Gegenſtande nicht länger aufhalten. Laſſen Sie uns ſtatt deſſen von dem reden, was Ihnen angenehmer ſein mag. Sie haben einen Sohn.“ Sjögqviſt runzelte die Stirne. „Er ſteht im Begriff, eine gute Partie zu machen und hat 3 eine ſehr ſchöne Zukunft vor ſich. Er wird nicht nur ein ge⸗ borgener, ſondern man kann ſagen, ein vermöglicher Mann wer⸗ den, im Fall Alles ſo bleibt, wie es jetzt iſt. Merken Sie ſich, ich ſagte: im Fall.“ Sjögviſt heftete einen finſtern Blick auf David, welcher, ohne darauf zu achten, fortfuhr: „Wie ganz anders hätte nicht ſein Schickſal ausſehen können, wenn....— „Herr Doktor,“ rief Sjöqviſt erſchrocken,„reden Sie nicht von den Fehlern und Irrthümern, welche ſich aus meines Sohnes früherer Jugend datiren; ſie ſind ja durch ſeinen ſpätern Wandel 30 verwiſcht, und zudem iſt die Verſchreibung ſchon längſt ein⸗ gelöst.“ „Wie Sie wollen; wir können uns an die Gegenwart halten. Fürs Erſte müſſen Sie wiſſen, daß die Schuldverſchreibung noch in meiner Gewalt iſt.“ David nahm ein Papier aus einem Taſchenbuche und zeigte daſſelbe Sjögviſt. „Wie Sie ſehen, iſt der Betrag quittirt; aber Chriſtoph ver⸗ langte von mir, ich ſollte dieſes Papier behalten, um dadurch, im Fall er ſeiner Vorſätze und Verſprechungen vergäße, meiner⸗ ſeits in den Stand geſetzt zu ſein, ihn zu ſeiner Pflicht zurück⸗ zurufen. Sollte ich und mein Vater, ſagte er, unſerer Verpflich⸗ tung gegen Dich vergeſſen, ſo wird der Anblick dieſes Papiers genügen, uns zum Bewußtſein unſerer Schuldigkeit zurückzurufen. — Somit iſt der Beweis für den begangenen Fehler noch vor⸗ handen,“ ſetzte David hinzu, indem er das Papier wieder in ſein Taſchenbuch legte;„ich kann davon jeden mir beliebigen Gebrauch machen.“ „Aber mein Sohn hat nie vergeſſen, was er Ihnen ſchul⸗ dig iſt!“ rief Sjögviſt. 3 „Nein, er hat wie ein Mann ſein Verſprechen gehalten, ein ehrlicher und rechtſchaffener Burſche zu werden; ſein Vater,“ rief David mit ſteigender Hitze,„er hat auch gehalten, was man von ſeinem vorangehenden Leben erwarten konnte; er iſt was er war — ein Schurke. Sie haben ſich an Broolind verkauft, um einem 2 mir Angehörigen Schaden zu thun. Und Sie haben mir gleicha wohl verſprochen, ſie wollen ſich nicht mehr überreden laſſen, dem Oberſt fernerhin irgend ein Leid zuzufügen.“ „Wer will beweiſen, daß ich mich verkauft habe?“ fragee Sjögviſt. „Wer?“ wiederholte David.„Nun ich.“ „Herr Doktor, ich wage Ihnen Trotz zu bieten.“ David erwiederte nicht ein Wort, ſondern legte nur ein zer⸗ knittertes Stück Papier auf den Tiſch vor Sjöqviſt und ſagte: „Kennen Sie dieſe Handſchrift, dieſe Unterſchrift und er⸗ rathen Sie möglicher Weiſe den Inhalt? Aber ich will Ihrem 31 Ahnungsvermögen zu Hülfe kommen. Es iſt ein gewiſſer Sjöqviſt, welcher in dieſem unbedeutenden Schreiben den Lieutenant Broo⸗ lind davon unterrichtete, daß Fräulein Björnſtam um ein Jahr älter iſt, als man angegeben hat.“ Sjögviſt ſchwieg. „Ihre Treuloſigkeit gegen mich iſt dadurch ſo ziemlich ſonnen⸗ klar bewieſen, möchte ich glauben. Die Reihe, dafür Rache zu nehmen, dürfte nun an mir ſein. Ich beklage tief, daß ich ge⸗ nöthigt bin, damit einen Unſchuldigen— Chriſtoph zu treffen; aber ich kann nicht anders handeln, wofern Sie mir nicht Wilhelm Björnſtams Trauſchein verſprechen. Ich laſſe Ihnen acht Tage, mir dieſe Urkunde zuzuſtellen. Sie liefern dieſelbe innerhalb dieſer Zeit in meine Hände, oder ich gehe zu Chriſtophs künftigen Schwiegereltern und ſage:! „Der Mann, welchem Sie Ihre Tochter zu geben beabſich⸗ tigen, war als Student ein überwieſener Dieb. Um zu erklären, wie er es werden konnte, will ich Ihnen ſeines Vaters Geſchichte erzählen. Der Vater, welcher noch lebt, war Kammerdiener bei einem reichen Mann. Unter andern artigen Thaten eignete er ſich auch bei dem Hingang ſeines Herrn deſſen Papiere und Briefe zu. Sie waren für ihn ſo gut wie baares Geld. Er treibt nun mit ihnen Wöcher, und ich glaube, daß ſie ihm ſchon recht ſchöne Summen eingebracht haben. Ich warne Sie, mit dem Mann in keine verwandtſchaftlichen Verhältniſſe zu treten, denn ich habe beſchloſſen, nicht eher zu ruhen, als bis ich ihn ins Zuchthaus gebracht habe! Nun, Herr Sjöqviſt, wiſſen Sie, was für Sie zu erwarten iſt.“ David trat auf die Thüre zu. „Aber, Herr Doktor, was Sie begehren, ſteht nicht in mei⸗ nem Vermögen.“ „Deſto ſchlimmer für Sie und Ihren Sohn.“ David drehte das Schloß und ſetzte ſeinen Fuß auf die Schwelle. „Ich beſitze dieſes Papier nicht,“ murmelte Sjöqpviſt. „Verſchaffen Sie ſich daſſelbe. Sie kennen den Ort, wo 32 Wilhelm Björnſtam ſich trauen ließ; Sie wiſſen den Namen des Geiſtlichen und Sie haben acht Tage für ſich.“ „Ich kenne nichts von allem dieſem.“ „Dann beklage ich Sie. Nur Wilhelm Björnſtams Trau⸗ ſchein kann mich abhalten, Sie nach Verdienſt zu ſtrafen.“ David ging. Sjögviſt ſtand unbeweglich im Zimmer und ſchaute nach der Thüre, als ob er erwartete, den jungen Doktor wieder eintreten zu ſehen; aber ſtatt deſſen wurde ſie von dem Sohne geöffnet. Chriſtoph ging auf. ſeinen Vater zu. ſchiedenes in Ihrem Leben, was mir unbekannt iſt, Rechenſchaft geben, und ich muß meinen Vater kennen lernen. Ich fürchte mich davor, aber es muß dennoch geſchehen.“ Sjöqviſt warf ſich auf den Sopha und ſtützte den Kopf auf die Hand, ohne eine Antwort zu geben. „Fürs Erſte, was iſt das für ein Papier, welches Waldner von Ihnen haben will?“ fragte Chriſtoph. „Eines, das ſich niemals vorfand.“ „Es hat ſich vorgefunden und es findet ſich vor,“ fiel Chriſtoph ein.„Waldner würde nichts Ungereimtes begehren.“ Sjöqviſt ſchaute auf und rief heftig: „Und wenn dem ſo wäre, ſoll es doch niemals in ſeine Hände gelangen!“ „Niemals,“ wiederholte Chriſtoph und faßte ſeines Vaters rm. „Du haſt mein Wort gehört, und Du kannſt noch mehr zu hören bekommen. Ich beſitze wirklich den Fetzen, aber Waldner erhält ihn nicht.“ Chriſtoph wurde todesbleich. „Nun wohl, ſo übergib ihn dem Eigenthümer.“ „Er iſt nicht mehr am Leben. Es gibt nur Einen, welcher eine Freude daran haben könnte, und das iſt der Oberſt; aber der Mann.... „Wie ſind Sie in den Beſitz dieſes Dokumentes gekommen?“ „Das geht Dich nichts an.“ „Es iſt Zeit, mein Vater,“ ſagte er,„daß Sie über Ver⸗ 33 „Ja, wofern mein Vater nicht will, daß ich ihn im Ver⸗ dacht haben ſoll, er habe daſſelbe geſtohlen.“ Vater und Sohn ſahen einander an. „Nun, mein Vater, geben Sie über den Erwerb deſſelben Rechenſchaft! Befreien Sie mich von der Furcht, denjenigen ge⸗ ringachten zu müſſen, den ich liebe und den ich hochſchätzen möchte.“ „Undankbarer, als Du mich mit Schande überhäufteſt, hatte ich nur Liebe und Nachſicht für Dich, und jetzt— jetzt ſtellſt Du dich an, als wollteſt Du mit deinem eigenen Vater ins Ge⸗ richt gehen. Habe ich Dir nicht das Geld angeſchafft, um jede Spur deiner Verirrung auszutilgen, und gleichwohl wagſt Du mich anzuklagen, und, was noch ſchlimmer iſt, Du haſt dieſen Waldner die unglückliche Verſchreibung behalten laſſen, damit er ein Mittel beſitze, mich zu dem, was er fordert, zu zwingen. Du haſt einen Bund mit ihm eingegangen, mich hieher gelockt, und glaubſt mich dahin zu bringen, daß ich nach deiner Pfeife tanzen werde. Nein, jetzt iſt es aus; ich opfere mich nicht weiter für einen Sohn, welcher weder Erkenntlichkeit noch Liebe gegenüber von ſeinem Vater hat.“ Sjöqviſt ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken. „Vater, haben Sie vergeſſen, wem ich dafür zu danken habe, daß ich ein rechtſchaffener Nann bin?“ fragte Chriſtoph.„Ohne Doktor Waldner wäre ich ganz gewiß jetzt ein Böſewicht, welcher Kummer und Schande auf Sie gehäuft hätte. Unſere Dankbar⸗ keitsverpflichtung gegen ihn iſt größer, als daß ſie jemals ausgeglichen werden könnte. Sie haben eine Gelegenheit, ihm Ihre Erkennt⸗ lichkeit zu beweiſen; laſſen Sie dieſelbe nicht aus den Händen.“ „Und damit ſoll ich Oberſt Björnſtam einen für ihn un⸗ ſchätzbaren Dienſt leiſten? Nein, das wäre allzu ſtark.“ „Sie wollen ſomit undankbar gegen Ihres Sohnes Wohl⸗ thäter bleiben?“ Der Vater wandte den Kopf weg. „Sie werden dadurch,“ fuhr Chriſtoph fort,„mich zu einem äußerſten Schritte treiben. Ja, ich werde ſelbſt mein Glück zer⸗ ſtören und mein Vaterland verlaſſen. Ich kann das erſtere nicht Schwartz, Dayid Waldner. II. 3 4 V 34 genießen, in dem letztern nicht bleiben, wenn ich mein Leben mit dem Bewußtſein von meines Vaters Unredlichkeit dahinſchleppen muß, wenn ich genöthigt bin, denſelben wegen der Handlungs⸗ weiſe gegen ſeinen verſtorbenen Herrn zu verachten.“ Chriſtoph wandte ſich von ſeinem Vater ab, um zu gehen. „Bleibe,“ murmelte Sjögviſt, legte die Arme auf den Tiſch, und ſtützte den Kopf darauf. „Was wünſchen Sie, Vater?“ fragte Chriſtoph. „Du willſt deinen Vater kennen lernen; es ſoll geſchehen.“ „Ich bin das Kind von Eltern, welche nicht im beſten Rufe ſtanden. Mein Vater war Kutſcher bei dem alten Björnſtam, wurde aber wegen Diebſtahls aus dem Dienſte gejagt. Er bekam hernach keinen neuen mehr, ſondern gerieth auf weitere Abwege und ſtarb im Kerker. Meine Mutter nahm mich dann mit ſich und wanderte in ihre Heimath in der Nachbarſchaft von Haraldshof, welches damals Fräulein Ingeborg Brandſtorm dehorde Ich kam als Laufburſche in das Herrſchaftshaus, und als Moriz Björn⸗ ſtam achtzehn Jahre alt war und Lieutenant wurde, nahm er mich als Bedienten an. Er war mein erſter Herr, als er mich eines Tags dabei betraf, wie ich in meines Vaters Handwerk pfuſchte. Wahnſinnig hierüber prügelte er mich durch und Jjagte mich aus dem Dienſte, trotz aller Fürbitten von Fräulein Inge⸗ borg. Dieß trug ſich zu vor ihrem Tod. Alles Volk deutete auf den Sohn des Diebs, der nun ſelbſt ein Dieb war. „Ich wanderte in die Welt hinaus, fand aber keinen Platz, weil mein ehemaliger Herr in ſeinem Zorn mir kein Entlaſſungs⸗ zeugniß geben wollte. In der Hauptſtadt hielt ich mich eine Zeit lang auf. Die Noth folgte mir dahin, und ich begann bereits darüber nachzuſinnen, wie ich durch irgend ein keckes Unternehmen der Gefahr des Hungertodes mich entziehen könnte. „Wer wäre die Urſache geweſen, wenn der Hunger mich zu einer Handlung verleitet hätte, welche zum Kerker führen mußte; wer außer ihm, der wegen der unbedeutenden Mauſerei eines Dieners mich der Möglichkeit berauben wollte, mir auf eine ehr⸗ liche Weiſe meinen Unterhalt zu erwerben. „Da begegnete ich glücklicher Weiſe eines Tages Wil helm 35⁵ Björnſtam. Er erkannte mich wieder und redete mich an. Ich erzählte ihm meine unglückliche Lage, und die Art und Weiſe, wie ich in dieſelbe gerathen. Er gab mir etwas Geld und befahl mir, am folgenden Morgen zu ihm zu kommen. „Wilhelm Björnſtam war nun Beſitzer von Haraldshof. Ich fand mich bei ihm ein und traf daſelbſt meinen frühern errn. 5„Nach der vorangegangenen Behandlung, welche mir von ihm widerfahren war, kannſt Du dir leicht denken, daß Moriz auch jetzt ſeinen Bruder abzuhalten ſuchte, mich, wie es deſſen Abſicht war, in ſeine Dienſte zu nehmen. Es wäre ihm beinahe gelungen, mich abermals in's Elend zu ſtürzen; aber das Mit⸗ leid des Bruders mit meiner Lage rettete mich, und ich bekam einen neuen Herrn. „Ich blieb in ſeinem Brode, bis er ſtarb. Er war ein Herr, dem Alles recht zu machen ſchwer hielt, heftig und auf⸗ brauſend, aber freigebig. Er bedurfte meiner und meiner Ver⸗ ſchlagenheit, und daher behielt er mich. Ein paar Mal ſuchte allerdings mein Feind ihm zu beweiſen, daß ich das Vertrauen, welches er mir erzeigte, nicht verdiene, aber ohne Erfolg. Kurz vor Wilhelms Tod war es indeſſen nahe daran, daß er ſeine Abſicht erreicht hätte; ich ſtand wirklich auf dem Punkte, meine Kammerdienerſtelle zu verlieren. Auf Fürbitten deiner Mutter durfte ich bleiben. „Ein paar Wochen hernach wurde Wilhelm Björnſtam vom Tode hinweggerafft. Die erſte Maßregel, welche ſein Bruder nun ergriff, war, mich zu verabſchieden. Aber ich ließ auch die Pa⸗ piere meines verſtorbenen Herrn nicht in des Bruders Gewalt; ich wußte, daß er, um dieſelben zu erhalten, gern ſein halbes Vermögen geopfert hätte; aber nach allem, was er mir zu Leide gethan hatte, durfte ich ſchon einige Rache an ihm nehmen. Hier⸗ über blieb jedoch deine Mutter in Unkunde. Sie würde es nie⸗ mals zugegeben haben. Alle ſeine ſpäteren Verſuche, mich zu be⸗ ſtechen und ſomit einige Aufklärung zu erhalten, blieben fruchtlos. Mein Stillſchweigen zwang ihn zu Maßregeln, welche ſeinen Stolz ebenſo viel koſteten, als ſie ſtörend in ſein Glück eingriffen. 36 „Nun frage ich: iſt es denkbar, daß ich durch Ueberlaſſung des verlangten Atteſtes an Waldner dem Oberſt, meinem bitter⸗ ſten Feinde, den größten aller Dienſte leiſten ſollte? Nein, mei⸗ netwegen kann der Doktor ſeine Drohung ausführen, und uns Beide, Dich und mich zermalmen.“ „In dieſem Fall, Vater, wollen wir keine weitern Worte darüber verlieren,“ bemerkte Chriſtoph.„Sie behaupten, Ihren Sohn zu lieben, und zwingen ihn dennoch, wegen der Befriedi⸗ gung eines niedrigen Rachefühls Alles aufzugeben, was ihm theuer iſt.— Ich gehe zur See. Ich will mich nicht meines Vaters ſchämen vor meinem Wohlthäter. Leben Sie wohl! Mögen Sie niemals Grund haben, Ihr Thun zu bereuen!“ Chriſtoph verließ eilig das Zimmer. X. Doktor Waldner ſaß am Abend deſſelben Tages in ſeinem Arbeitskabinet, als Alm bei ihm eintrat. „Mein Vater iſt abgereist,“ ſagte Chriſtoph, und nahm Da⸗ vid gegenüber Platz. 4 „Und Du haſt keinen Auftrag von ihm für mich?“ „Keinen.“ 3 David ſtand haſtig auf und begann das Zimmer mit ſchnellen Schritten zu meſſen. „Du biſt ſehr aufgebracht,“ bemerkte Chriſtoph. „Ich leugne es nicht,“ antwortete David. „Und bereueſt vielleicht deine Handlungsweiſe gegen mich,“ fuhr Chriſtoph fort. „Eine rechtſchaffene Handlung zu bereuen, iſt nicht meine Sache.“ „Mein Vater wird niemals hergeben, was Du zu erhalten wünſcheſt. Die Gewißheit davon hat mich beinahe vernichtet.“ „Und warum? Glaubſt Du, ich werde oder wolle etwas thun, was Dir ſchaden könnte?“ entgegnete David, indem er ein Papier aus ſeinem Taſchenbuche nahm.„Nein, ſo laſſe ich mich von dem auflodernden Zorn nicht beherrſchen. Aber um jedem 37 Mißbrauch von der Schrift hier vorzubeugen, ſo nimm Du die⸗ ſelbe, und opfere ſie der Vernichtung.“ „Ich habe nie befürchtet, daß Du irgend einen Gebrauch davon machen werdeſt,“ ſagte Chriſtoph und ſchob das Papier von ſich; aber ich habe eine ſchmerzliche Erkenntniß von meines Vaters Charakter erhalten, und darum glaube ich nicht die Hand der Frau annehmen zu können, welche ich liebe. Ich will ihr zum Schwiegervater keinen Mann geben, welchen ſie nicht zu achten vermag. Sie dadurch zu täuſchen, daß ich den Urheber meiner Tage vor ihr verleugne, iſt mir gleich zuwider. Ich muß fort von hier, um nicht Zeuge davon zu werden, daß mein Vater eines Tages ins Unglück geräth. Dieſer Vater hat doch nie etwas Anderes als Liebe für mich gehabt, und trotz aller ſeiner Fehler muß ich ihn lieben.“ David betrachtete Chriſtoph. „Nimm das Papier und weiſe es nicht ab,“ ſagte er,„Du kannſt es ja verſiegeln und deinem Vater zuſchicken. Ich werde durch andere Mittel den Zweck, wornach ich ſtrebe, zu erreichen ſuchen. Aber, mein lieber Chriſtoph, was redeſt Du davon, dich wegzubegeben? Schlage Dir dieſe Gedanken aus dem Sinn. Ver⸗ folge deine angetretene Laufbahn und verheirathe Dich ohne Furcht. Dein Vater wird niemals weder ſich noch Dich ins Unglück ſtürzen. Chriſtoph ſchwieg und blieb unbeweglich. David redete ihm noch lange zu; endlich erhob ſich Chriſtoph mit den Worten: „Ich will thun, was Du begehrſt, und die Verſchreibung meinem Vater zuſchicken; ich....“ „Das iſt nicht nöthig,“ ſagte Sjöqviſt unter der Thüre und trat ein.„Verzeihen Sie, Herr Doktor, daß ich ſo hier herein⸗ geflogen komme; aber mir dunkte, es ſei Schade um den armen Jungen, und ich kehrte um, nachdem ich ein Stück weit abge⸗ reist war.“ Sjöqviſt näherte ſich Chriſtoph. „Gib den Fetzen Papier her,“ ſagte er. Chriſtoph zog die Hand zurück und Sjöqviſt wandte ſich nun zu Waldner mit den Worten: „Wollen Sie vielleicht, Herr Doktor, ihn mir überlaſſen?“ 38 Ohne weitere Antwort nahm David die Verſchreibung Chri⸗ ſtophs und übergab dem ehemaligen Kammerdiener den Beweis für den von ſeinem Sohne begangenen Fehler. Sjöqpiſt betrach⸗ tete die Schrift eine Weile, machte dann Feuer mit einem Zünd⸗ hölzchen und hielt das Papier daran. Als die Flamme es ver⸗ zehrt hatte, zertrat er die Aſche mit dem Fuße und ſeufzte dann tief auf. „Der Väter Miſſethaten werden an den Kindern geſtraft,“ äußerte er.„Von meinem Vater habe ich einen entehrten Namen und einen unredlichen Charakter geerbt. Ich meinerſeits will nicht, daß mein Sohn durch ein ſolches Erbe leiden ſoll, und darum wandte ich alle mögliche Mühe an, ihm eine gute Er⸗ ziehung zu geben und ihn ſeiner Mutter ähnlich zu machen; aber als die Verſuchung kam, forderte die Natur ihre Rechte, und die Folgen ſeines Fehlers wurden ſchlimm. „Ich hatte allerdings die Papiere meines verſtorbenen Herrn mir zugeeignet, um dem Oberſt dadurch Verdruß zu erregen; aber es war niemals meine Abſicht, einen weitern Gebrauch davon zu machen. Erſt als Chriſtophs Eingriff in fremdes Eigenthum mir bekannt wurde, erwachte in mir der Gedanke, die Briefe an die Oberlandrichterin zu verkaufen und mir dadurch das Geld zur Bezahlung von Chriſtophs Schuld und zur Deckung der Koſten für ſeine Studien anzuſchaffen. Mein erſter Verſuch damit hatte keine ſo glücklichen Folgen, wie ich gehofft hatte, und die Urſache davon war der Herr Doktor. Ich hatte inzwiſchen einmal den Fuß auf einen Weg geſetzt, welcher Geld einbringen und einen nie ganz erloſchenen Groll gegen den Oberſt befriedigen konnte. Ich gelangte auch zu dieſem doppelten Ziele dadurch, daß ich dem Lieutenant Broolind verſchiedene Aufklärungen gab. Hätte Chriſtoph ſich nie an Ihrem Gelde vergriffen, ſo würde ich auch nie dazu gekommen ſein, mich von Neuem in die Angelegenheiten der Björnſtam'ſchen Familie zu miſchen.“ Sjöqviſt ſchwieg. Chriſtoph ſaß mit geſenktem Kopfe da. David hatte jetzt eine ſehr bequeme Gelegenheit, um wahrzunehmen, wie geneigt der Menſch immerdar iſt, die Schuld von ſich ſelbſt auf andere zu wälzen. 39 Nachdem Sjögviſt ſeinen Sohn eine Weile betrachtet hatte, nahm er wieder das Wort: „Das Zeugniß für deinen Fehler iſt jetzt zerſtört, und das Andenken daran ſchließt ſich mit mir und dem Herrn Doktor ab. Du haſt als ein braver Burſche deinen Fehler wiederum gut ge⸗ macht und gewährſt ſchöne Hoffnungen für die Zukunft; Du ſollſt nicht ſagen konnen, daß dein Vater ſie vernichtet habe. Herr Doktor, Sie werden gleichfalls finden, daß ich nicht ſo un⸗ dankbar bin, wie ich Ihnen ſcheinen möchte.“ Sjöqviſt ergriff Feder und Papier, ſetzte ſich an den Schreibtiſch, kritzelte einige Zeilen hin und unterzeichnete ſie mit ſeinem Namen. Darauf übergab er dieſelben David mit den Worten: „Jetzt, Herr Doktor, habe ich meiner Schuld mich entledigt. Indem ich mich hiedurch verpflichte, Ihnen das Dokument, welches Sie zu erhalten wünſchen, zuzuſenden, iſt es gerade ſo viel, als befände ſich daſſelbe bereits in Ihren Händen.“ Sjöqviſt nahm ſeinen Hut, forderte ſeinen Sohn auf, ihn zu begleiten, und ging. XI. Die Obſternte dieſes Jahr verſpricht nicht ſo reichlich aus⸗ zufallen, wie ſonſt,“ ſagte Dagmar zu dem alten Olle, welcher ſeit ſiebenundzwanzig Jahren als Gärtner in der Björnſtam'ſchen Familie diente. Er war einer der wenigen, welche ihr von Haraldshof nach Eriksdal hatten folgen dürfen. „Reichlich?“ wiederholte der alte, treue Diener ärgerlich;„ich möchte nur wiſſen, ob ſie jemals ſo elend geweſen, wie hier. Nein, es iſt ein wahres Elend mit dem Krautland da.“ Olle war eben damit beſchäftigt, Birnen an einem großen Baum zu pflücken; er kletterte mit einer Langſamkeit die Leiter hinauf, daß man wohl ſah, er habe durchaus nicht im Sinne, ſich allzu ſehr anzuſtrengen. „Nennſt Du den großen, ſchönen Garten hier ein Kraut⸗ land?“ rief Dagmar lachend. „Ja, allerdings, und etwas Anderes iſt er mit Ihrer Er⸗ laubniß nicht. Hier wachſen ja Blumen und Gemüſe wie anders⸗ wo. Gleicht dieß einem Herrſchaftsgarten, ſo will ich ein Kohl⸗ kopf werden. Anders war es in....“ „Ei, kein ſo dummes Geſchwätz, Olle,“ unterbrach ihn Dag⸗ mar;„laß mich vielmehr einige ſchöne Birnen auswählen, um ſie auf den Frühſtücktiſch zu ſetzen.“ Olle reichte ihr den Korb mit dem gepflückten Obſt. „Nichts als ſaures Zeug, taugt nur dazu, den Ferkeln vor⸗ geworfen zu werden; nein, anders war es in....“ „Da kommt Jemand angefahren,“ rief Dagmar.„Spring nach dem Gitterthor und ſieh, wer es iſt.“ Olle ſtellte den Korb beiſeite. Dagmar legte die ausgewähl⸗ ten Birnen auf eine kleine ſilberne Schale, welche ſie bei ſich hatte.’ Sie hatte allerdings Olle aufgefordert, ſich zu beeilen; aber Eilfertigkeit war nicht ſeine Sache; er ſchlenderte vielmehr ganz ſachte und behutſam nach dem Gitterthor und blieb dort ſtehen. Dagmar hörte ihn ausſtoßen: „Pfui Teufel! Der iſt es!“ Das junge Mädchen drehte ſich um, konnte aber nichts anderes als die groben Umriſſe des alten Gärtners ſehen. „Olle!“ rief ſie. Dießmal legte er ſeinem Eigenſinn Zügel an und gehorchte dem Rufe. 3 „War es ein Fremder, der angekommen?“ „Ja; der Doktor und ein Anderer.“ „Kannteſt Du den Andern?“ „ So gut als ich Sie kenne, Fräulein; aber ich bin nicht im Stande, ſeinen Namen auszuſprechen.“ „Aber ich wünſche es zu wiſſen.“ „Ich glaube es nicht ganz; mir dünkt vielmehr, das Fräu⸗ lein möchte lieber dem Herrn die Couſinſchaft aufkünden.“ „Couſinſchaft?“. Dagmar erbleichte. Sie hatte nur einen Couſin und an den konnte ſie ohne eine Empfindung bittern Verdruſſes nicht denken. 41 Der alte Olle ſah ſie an. Er hatte niemals auf andere Weſen außer Hektor und Dagmar viel gehalten. Wir räumen Hektor die erſte Stelle ein, weil er wirklich im Beſitz derſelben war. Olle hatte ihn in deſſen jungen Jahren gepflegt und ihm eine Erziehung gegeben. Dagmar nahm nur die zweite Stelle in ſeinem Herzen ein; aber dieſe war auch nicht zu verachten. Wäre Dagmar auch noch ſo arm geworden, Olle würde ihr ge⸗ folgt ſein und ihr gedient haben. Sie hatte er ganz wie eine Pflanze aufwachſen ſehen und ſich an ſie gehängt, wie er es bei den kleinen Blumen im Garten that; aber die Ergebenheit gegen die herangewachſene Frau hatte ſich mittlerweile dermaßen ent⸗ wickelt, daß ſie mit der treuen Freundſchaft Hektors gegenüber von ſeiner Herrin wetteifern konnte. „War Lieutenant Broolind bei dem Doktor?“ fragte Dag⸗ mar, als ſie ſich geſammelt hatte.„Das iſt wohl nicht möglich.“ „Ja, doch; ich ſchaute ihm gerade ins Geſicht.“ „Was kann er wollen, und wie kann er in Davids Geſell⸗ ſchaft kommen?“ äußerte Dagmar, mehr mit ſich ſelbſt als mit dem treuen Diener redend. Olle ſchwieg. Dagmar reichte ihm die ſilberne Schale mit den Worten: „Trage ſie hinauf zu Frau Thorén und ſage ihr, daß ich nicht zum Frühſtück komme.“ Sie ſchritt den Gang hinunter und verließ den Garten. XII. Der Mittagstiſch ſtand gedeckt, als Dagmar in den Salon trat, wo Majken eben damit beſchäftigt war, Blumen in einer der Vaſen zu ordnen. „Sind unſerer ſo viele beim Eſſen?“ fragte Dagmar. „Ja, dein Vater hat den ganzen Vormittag Gäſte gehabt, und dieſelben werden hier bleiben.“ „In dieſem Fall bin ich unpäßlich. Ich habe Kopfweh be⸗ kommen.“ 2 42 Dagmar äußerte dieß mit einem halben Lächeln. „Geht nicht an, nachdem dein Vater den Wunſch ausge⸗ drückt hat, daß Du bei Tiſche gegenwärtig ſein ſollſt.“ „Herr Gott, eine ſolche Tyrannei!“ rief Dagmar und warf ſich auf einen Stuhl.„Majken, ich kann nicht, ich will dießmal meines Vaters Wunſch nicht erfüllen.“ Majken ſah ſie an und lächelte. „Du mußt dich ein wenig zum Mittagsmahl putzen,“ ſagte ſie und küßte die Stieftochter auf die hohe Stirne.„Es wäre ver⸗ drießlich, wenn David Dich mit ſo unfriſirtem Haare zu ſehen bekäme. Er würde eine ſchlimme Vorſtellung von deinem Ord⸗ nungsſinn bekommen.“. „Hu, wie Du ſo boshaft biſt und verſchmitzt dazu. Du biſt eine rechte Mißgeburt von Liſt und Verſtellung!“ rief Dag⸗ mar, indem ſie ihre Arme um Majken ſchlang; dann ſetzte ſie in traurigem Tone hinzu:„Du ahnſt nicht, welche Plage es für mich iſt, mit dieſem Mann zuſammenzutreffen!“ „Ich ahne es nicht, darum weil ich es weiß; aber lieber wollen wir uns der größten aller Unannehmlichkeiten unterwerfen, als im Widerſpruch mit deines Vaters Willen handeln.“ Dagmar küßte ſie und eilte auf ihr Zimmer, wo ſie eiligſt Toilette machte. Sie kleidete ſich gleichwohl heute mit mehr Eleganz als ſonſt. Ihr Anzug war gewöhnlich geſchmackvoll, aber äußerſt einfach; jetzt wählte ſie einen ſehr zierlichen. Als ſie einen letzten Blick in den Spiegel warf, lächelte ſie. Der ſchweigſame aber aufrichtige Freund ſagte ihr, daß ſie ſchön war. 84 fand ſich da ein Reichthum, den Niemand von ihr nehmen onnte. Bei ihrem Eintritt in den Salon zog ein Lächeln über ihr Angeſicht. Man hätte ſagen können, ſie ſei erſchienen, um einen ſehr theuren Freund zu empfangen. Es fand ſich auch Niemand hier als David. Er eilte auf ſie zu. „Wie Du heute ſo ſchön biſt!“ rief er.. „Du glaubſt ſomit nicht, daß ich einer Preiſelbeere gleiche?“ bemerkte Dagmar lachend.. 43 „Wie wäre das möglich? Wer kann wohl in demſelben Augenblick an ſaure Beeren und Dich denken?“ „Nun, ein gewiſſer David Waldner; haſt Du es vergeſſen?“ „Ja, ich wahrhaftig,“ verſicherte David, aber mit einer Miene, welche ein böſes Gewiſſen verrieth. „Das glaube ich nicht; aber es mag auch einerlei ſein. Jetzt zu etwas Anderem. Was will Arvid?“ „Das kann ich unmöglich ſagen. Er kam vor ein paar Tagen nach»köping, und da machten wir aus, hieher zu gehen.“ „Jetzt biſt Du nicht aufrichtig,“ entgegnete dagmar.„Etwas Beſonderes muß es ſein, was ihn hieher führte.“ „Höchſt wahrſcheinlich. Es betrifft wohl den Pacht. Was weiß ich?“ „Du weißt, was es betrifft.“ „Beweiſe das, wenn Du kannſt,“ bat David. Er nahm eine von Dagmars Händen und legte ſie in ſeine Linke, während er ſchmeichelnd mit ſeiner rechten über dieſelbe fuhr. „Der Beweis ſteht in deinem Geſichte zu leſen.“ „Wie ſieht das aus?“ „Es ſieht aus, als wäreſt Du gekommen, um von einer unerwarteten Freude, glücklichen Begebenheit oder Entdeckung Kunde zu bringen; mit einem Wort etwas, das für eine Weile den ge⸗ wöhnlichen ernſten und wehmüthigen Ausdruck in deinen Augen verjagt hat.— Iſt es etwas, das mich und meinen Vater an⸗ geht; iſt es.... 2“ „Liebenswürdige Dagmar, hole doch Athem,“ fiel David ein. „Du redeſt und fragſt, daß mir ganz wirr im Kopfe wird. Fürs Erſte, was meinſt Du mit der gewöhnlichen Ernſthaftigkeit oder Wehmuth?“ „Beantworteſt Du auf ſolche Art meine Erkundigungen?“ „Wie Du hörſt.“. Davids Miene war in dieſem Augenblick ſo ſorglos, daß ſie an ſeine Jünglingsjahre erinnerte, da des Lebens Prüfungen ihm noch fremd waren.. 1 „Das iſt nicht artig von Dir,“ erklärte Dagmar. „Du klagſt mich ſomit an, unartig zu ſein. ¹ Dagmar fand keine Zeit zur Antwort; der Oberſt und Broo⸗ lind traten ein. Dagmar hatte ihren Vater den ganzen Tag nicht geſehen. Es kam ihr vor, als wäre er ſeit dem geſtrigen Abend um zehn Jahre jünger geworden. Seine Stirne war wolkenfrei, das Auge lebhaft, und um den ſtrengen Mund ſpielte ein heiteres Lächeln. Alle Sorgen, welche auf ſeine Seele gedrückt hatten, waren wie weggeblaſen. Frei und ohne alle bittern Erinnerungen ſchien er um ſich zu ſchauen. Er grüßte mit einigen ſcherzhaften Worten Dagmar und ſagte darauf, auf Arvid zeigend: „Heiße deinen Couſin willkommen, Dagmar; er bringt gute Kunde für Dich und mich.“ „Wie lauten ſie?“ hätte Dagmar gern gefragt, aber ſie that es nicht, ſondern reichte Broolind, obwohl etwas widerſtrebend die Hand und fragte ſtammelnd, wie Mathilde ſich befinde. Broolind ſah verlegen aus. Majkens Eintritt und die Meldung:„es iſt aufgetragen,“ befreite Dagmar von der Nothwendigkeit, das Geſpräch mit dem verhaßten Couſin fortzuſetzen. Der Oberſt und David waren ganz munter während des Mahles. Ihre Heiterkeit wirkte auch auf die allgemeine Stim⸗ mung. Sogar Broolind, welcher nicht ſonderlich vergnügt ſchien, ſuchte ein lächelndes Ausſehen anzunehmen, obwohl es Dagmar vorkam, als ob er ſich höchlich anſtrenge, um es dahin zu bringen. Dagmar wurde die ganze Zeit von der lebhafteſten Neugierde gequält. Sie brannte vor Ungeduld, die Löſung des Räthſels zu erfahren. Ein Räthſel war es, daß der Vater und David ſo froh und freundlich gegen Broolind waren. 3 Beim Deſſert beſtellte der Oberſt Champagner, und als die Gläſer gefüllt waren, erhob er ſich und brachte die Geſundheit ſeines Schweſterſohnes aus, während er ihm zugleich auf eine ſehr anerkennende Weiſe dafür dankte, daß er ihm, dem Oberſt, den Beweis dafür eingehändigt hätte, daß Dagmar ſeine geſetz⸗ liche Nachfolgerin in Haraldshof wäre. 4 45⁵ Dagmar wurde zuerſt ſchneeweiß, dann glühend roth; her⸗ nach füllten ſich ihre Augen mit Thränen. „Iſt es möglich? Iſt es wahr, Papa?“ ſtammelte ſie. Arvid Broolind, welcher jetzt ſeiner Handlungsweiſe Herr geworden war, und ſich klar gemacht hatte, daß er nunmehr ohne Unterbrechung die Glorie ſtrenger RNechtlichkeit, welche er auf ſo unverdiente Art ſich angeeignet hatte, beibehalten müſſe, wandte ſich zu Dagmar mit den Worten: 8„Ich bin wirklich in die glückliche Lage verſetzt, dem Oheim ein wichtiges Dokument zu übergeben. Es iſt....“ Arvid heftete zufällig hiebei ſein Auge auf David; ſein Blut kam in heftige Wallung, und ſchon mit den erſten Worten brach er in dem ab, was er hatte ſagen wollen. David ſtellte eben an Broolind im Stillen die Frage, ob er es nicht ſchicklich fünde, auf Dagmar einen Toaſt auszubringen. Broolind war nicht ſonderlich dankbar für dieſen Vorſchlag, fand es jedoch unmöglich, Nein zu ſagen. Er erhob ſomit ſeine Stimme, und ſprach in geſuchten und ſchwülſtigen Phraſen von dem Glück, das ihm beſcheert worden, einigermaßen auch ſeinerſeits dazu bei⸗ tragen zu können, daß Dagmar wieder in ihre Rechte eingeſetzt würde, und ſchloß mit der Erklärung, daß er beſtändig ſeiner liebenswürdigen Couſine ein getreuer Freund ſein würde. Man ſtieß mit den Gläſern an und ſtand hernach von der Tafel auf. Dagmar wußte nicht genau, ob das, was ſich zugetra⸗ gen hatte, Traum oder Wirklichkeit wäre. Majkens Angeſicht drückte wo möglich einen noch höheren Grad des Erſtaunens aus. Sie ſchien noch weniger als Dagmar zu begreifen, wie das Alles zuſammenhinge. Arvid verabſchiedete ſich bald, nachdem man den Kaffee ge⸗ trunken hatte, und Majken hörte den Oberſt gegen ihn äußern: „Wenn der neue Kontrakt aufgeſetzt worden iſt, werde ich denſelben Dir zur Unterſchrift zuſenden. Bei den Bedingungen, unter welchen ich Dir hinfort Haraldshof überlaſſe, kannſt Du mit Klugheit und Umſicht deinen Kindern ſchon ein kleines Ver⸗ mögen ſammeln, beſonders wenn ich lang lebe und Du inzwiſchen den Pacht behalten darfſt.“ 46 „Sie ſind allzu gütig, Oheim,“ ſtammelte Broolind. War es wohl Scham, was dießmal ſeine Wangen röthete? Es gibt kaum etwas, das ſchwerer zu ertragen iſt, als Edelmuth, der uns von denen erwieſen wird, denen wir ſelbſt Unrecht zugefügt haben. Auch höchſt ſelbſtſüchtige und eigennützige Menſchen fühlen die Demüthigung, welche darin liegt, und wür⸗ den vielleicht, wenn man ihnen die Wahl ließe, lieber einen Schlag ins Geſicht dafür hinnehmen. Wir können auch verſichern, daß Broolinds Gemüthsſtimmung, als er von Eriksdal abreiste, nichts weniger als angenehm war. Er fühlte ſich gallſüchtig, und würde, wenn die Vorſicht es ge⸗ ſtattet hätte, ſich eine Kugel vor den Kopf geſchoſſen haben, um ſich die Geſellſchaft ſeines eigenen Ichs und die Erinnerung an alle die mehr oder minder ſchönen Handlungen, wozu ſein Eigen⸗ nutz ihn verleitet hatte, vom Halſe zu ſchaffen. Er ſuchte aller⸗ dings dieſelben durch das Verſchönerungsglas der Eigenliebe zu betrachten, aber heute wollte es nicht recht gelingen, aus ſchwarz weiß zu machen. XII. Es war am Abend, nachdem Broolind von Eriksdal abge⸗ reist war. In der großen Laube finden wir die Familie Björnſtam, Frau Thorén und David. Der Oberſt nahm das Wort: „Der Zeitpunkt für eine nähere Aufklärung über die Familien⸗ verhältniſſe meines verſtorbenen Bruders dürfte jetzt da ſein. Ich kann nunmehr, ohne dem Andenken an Jemand zu nahe zu treten, auch Mittheilung darüber machen. „Wilhelm, ſeiner Mutter und ſeiner Geſchwiſter Liebling, war von der Natur an Herz, Verſtand und äußern Vorzügen reich ansgeſtattet. Nimmt man hiezu, daß er angenehme Manieren hatte, ſo erſcheint es ſehr natürlich, daß er Jedermanns Günſtling werden mußte, beſonders da ſeine Gemüthsart in den Jünglings⸗ jahren lebensfriſch und gefällig war. Der letztere Umſtand gab 47 wahrſcheinlich Veranlaſſung zu der Vorliebe unſerer Mutter für ihn; ſie hatte in ihren beiden andern Kindern ein paar ſtolze und ſchwer zu behandelnde Naturen. Wilhelm lohnte ihre Zärt⸗ lichkeit mit der hingebendſten Sohnesliebe. In ſeinen jüngern Jahren ſtieg nicht einmal der Gedanke in ihm auf, ſich ſeiner Mutter Willen zu widerſetzen. Er war für ihn Geſetz, und es machte ſein Glück aus, denſelben zu erfüllen. Er war der ge⸗ horſamſte und liebenswürdigſte Sohn, den eine Mutter ſich nur wünſchen konnte. Ein paar Jahre, ehe er Haraldshof antrat, hatte meine Mutter ihm eine Gattin auserſehen. „Das Mädchen, noch nicht konfirmirt, war in entferntem Grade mit uns verwandt und des reichen Freiherrn von Danne⸗ krona einzige Tochter. „Der Baron war für Wilhelm eingenommen und ebenſo eifrig für die Partie wie unſere Mutter, und ſo wurde zwiſchen ihnen beſchloſſen, wenn Dannekrona's Tochter zwanzig Jahre alt wäre, ſollte Wilhelm ſie als ſeine Frau heimführen. Sie war erſt vierzehn, als dieſer Plan entworfen wurde. „Hildur Dannekrona war ein ſchönes, einnehmendes Kind von feinem, zarkem Körperbau, einem empfindlichen und gefühlvollen Herzen. Sie war lieblich wie eine Frühlingsblume, aber empfind⸗ lich wie dieſe. Eine einzige ſcharfe Froſtnacht, und mit dem Leben der Blume iſt es aus. „In ihr ſeine künftige Gattin zu ſehen, mußte einem jungen Mann, welcher ſelbſt erſt aus dem Jünglingsalter getreten iſt, ſehr angenehm erſcheinen, beſonders da ſie, gleich Wilhelm, noch nie eine auch nur flüchtige Neigung empfunden hatte. „Nachdem man Hildur ihm zur Braut beſtimmt hatte, wurde Wilhelm ein täglicher Gaſt im Hauſe des Freiherrn, und er meinte nun ſelbſt, daß er ſie liebe. „Hildur, welche in ihm den Mann ſah, den der Vater ihr beſtimmt hatte, glaubte nicht nur, daß ſie ihn innig liebe; Wil⸗ helm war ihr theuer, wie das Schönſte unter allen ihren Spiel⸗ ſachen, der beſte unter allen ihren Spielkameraden und der zärt⸗ lichſte von allen ihren Freunden. Hildur feſſelte ſchon in den Kinderjahren ihr Herz an ihn, ihre Hoffnungen und ihre Begriffe von Glück für die Zukunft. „Sie hatte das fünfzehnte Jahr zurückgelegt, als Wilhelm in den Beſitz von Haraldshof gelangte. „Ein halbes Jahr darauf machte er eine Tour ins Aus⸗ land, um ſich in der Welt umzuſehen. „Er war fünf Monate fort und kam etwas verändert wieder. „Die gleichmäßige Gemüthsart war verſchwunden. Durch rauſchende Vergnügungen oder übertriebene Fröhlichkeit ſuchte er augenſcheinlich irgend eine Erinnerung, welche ihn quälte, zu verjagen. „Allzu unbekannt mit ſeinem eigenen Innern, vermochte er die Stärke ſeiner Leidenſchaften oder die Kraft ſeines Willens nicht zu beurtheilen, ſondern war überzeugt, daß er mit ſeinem Verſtand und ſeinem Ehrgefühl über ſeine Empfindungen und Handlungen beſtimmen könnte. „Er drang auch jetzt darauf, daß Hildur und er die Ringe wechſeln ſollten. Der Baron ſträubte ſich anfangs dagegen, mußte aber nachgeben, und ſo wurden ſie verlobt. „Wilhelms Bitte, die Heirath bald nachfolgen zu laſſen, traf dagegen auf eine beſtimmte Weigerung. Die Aerzte hatten er⸗ klärt, daß Hildur nicht allzu frühe in den Cheſtand treten dürfe und der Baron glaubte hierin ſich nach deren Willen richten zu müſſen.. „Ein Jahr verging. „Wilhelm wurde allmälig wieder ſich ſelbſt gleich und ſchien mit jedem Tage ſich inniger an ſeine Auserkorene anzuſchließen. Sie lebte gleichzeitig nur für ihn und ihre Liebe. „Im Frühjahr, nachdem ſie verlobt worden waren, unter⸗ nahm der Baron mit ſeiner Tochter eine Reiſe nach Italien. Wilhelm begleitete ſie. Ich machte daſſelbe Jahr im Sommer meinen erſten Ausflug in die Fremde; das Ziel derſelben war Paris, wo ich einige Zeit verweilte. „Die Dannekrona's und Wilhelm waren in Neapel, wo ſie zufolge eines Briefes von dem letztern zu überwintern gedachten. Wilhelm freute ſich darauf, die kalte Jahreszeit unter einem mil⸗ 490 den Himmel und in Geſellſchaft von ihr, welche er ſeiner Ver⸗ ſicherung nach immer höher liebte, zuzubringen. „Einige Zeit nach Empfang dieſes Briefes— es war im Herbſt— hatte der ſchwediſche Geſandte zu Paris eine größere Geſellſchaft bei ſich. Ich war auch unter den Gäſten. „Die Schönſte unter den Schönen war an jenem Abend ein Fräulein von Aveyron. Sie war ſo ſchön, daß ich niemals ein idealeres, engelmäßigeres Geſicht erblickt hatte, und zugleich excentriſch und phantaſtiſch, wie nur eine Franzöſin ſein kann. Jede ihrer Launen war ein Geſetz für ihre Umgebung. Sie würde ſich ſelbſt überraſcht gefühlt habeis, wenn Jemand auch nur voraus⸗ geſetzt hätte, daß ſie von einer einzigen derſelben abſtehen ſollte. Fräulein d'Aveyron war von Bewunderern umgeben und benahm ſich gegen ſie wie eine Königin gegen ihre Vaſallen. „Es ſchien mir, wie ich ſie betrachtete, als ob die launiſche Herrſcherin heute beſonders ungnädig gegen ihre Anbeter wäre. Sie zeigte ſich zugleich unruhig, und dieß gab mir zu der Ver⸗ muthung Anlaß, daß ſie einen Günſtling hatte, den ſie er⸗ wartete. „Ich konnte unmöglich meine Augen von der ſchönen Frau losreißen. Plötzlich ſah ich ihr einnehmendes Geſicht mit einer lebhaften Röthe ſich übergießen; ein Ausdruck von Freude und Schüchternheit verbreitete ſich darüber und die Unruhe verſchwand. „Der Erwartete war ſomit gekommen. „Ich ſuchte unter allen dieſen Männern zu entdecken, wer es ſein könnte, und gewahrte ſo einen jungen Mann, welcher ſich der Schönen näherte. Ich ſah ihn nur von der Rückſeite, aber deſſen ungeachtet kam er mir wie ein alter Bekannter vor. Sein lockiges Haupt hatte ich, ſo lang ich zurückzudenken vermochte, gekannt. 3 „Er grüßte mit einem ſanften Lächeln. Ich zog mich zur Seite, um ſein Antlitz zu ſehen. Ich hatte mich nicht getäuſcht, es war— Wilhelm.— „Was ich empfand, iſt zu ſchildern überflüſſig. Eine traurige Ahnung ſagte mir, daß mein armer Bruder verloren, daß Hil⸗ durs Glück vernichtet war.. Schwartz, David Waldner. II. 4 „Bei der nun folgenden Zeit zu verweilen, iſt unnöthig. „Erklärungsweiſe will ich jedoch erwähnen, daß Wilhelm bei ſeinem erſten Beſuch in Paris die Bekanntſchaft von Fräulein Anais gemacht und daß letztere einen ſolchen Eindruck auf ihn hervorgebracht hatte, daß er über Hals und Kopf von Paris ab⸗ reiste, um nicht zu einer Untreue gegen ſeine Braut verleitet zu werden. Bei der Heimkehr beſchleunigte er die Verlobung und hoffte, wenn das Band der Pflicht ihn an Hildur feſſelte, würde der Eindruck von Anais gänzlich verſchwinden. „Ein unfreundliches Geſchick wollte indeſſen, daß er ſie zu Neapel wieder ſehen ſollte. Mit dieſem Wiederſehen war ihr Sieg über ſein Herz ſo vollſtändig, daß weder Vernunft noch Pflicht etwas über ihn vermochte. Unter irgend einem Vorwand, Gott allein weiß welchem, trennte ſich Wilhelm von ſeiner Braut und reiste nach Paris. „Alles, was ich ſagte, um ihn zu beſtimmen, zu Hildur zu⸗ rückzukehren, blieb ohne Wirlung. Er konnte Paris nicht ver⸗ laſſen, und meine Worte hatten nur den Erfolg, daß er ſo all⸗ mälig mir auszuweichen anfing. „Sjöqviſt, welcher ſchon bei deſſen erſter Reiſe in's Ausland in ſeinem Dienſte ſtand, wurde nicht bloß der heimliche Brief⸗ und Blumenträger an Anais, ſondern er ſteigerte auch meines Bruders Leidenſchaft durch Erzählungen aus dem Munde von Anais' Kammerfrau, welche alle darauf hinausliefen, Wilhelm die Ueberzeugung beizubringen, daß er geliebt wäre. Es lag in Sjöqviſt's eigennützigem Intereſſe, auf alle mögliche Weiſe die Neigung ſeines Herrn zu der ſchönen Franzöſin anzufachen. Jedes Wort, welches er von ihr mittheilte, trug ihm eine frei⸗ gebige Belohnung ein. „Ich wollte unter ſolchen Verhältniſſen nicht in Paris blei⸗ ben, ſondern reiste ab, niedergeſchlagenen Sinnes, weil ich vor⸗ ausſah, wie es kommen würde. „Von Schweden aus ſchrieb ich an Wilhelm und ſtellte ihm vor, wenn er von Fräulein d'Aveyron nicht ablaſſen könne, er⸗ fordere es die Ehre, daß er wenigſtens die Verlobung mit Hildur auflöſe. Ich ſprach von dem Kummer, in welchen er unſere 51 Mutter verſetzen würde, wenn er das Glück der Braut zerſtöre, von Allem, was nur dazu beitragen konnte, ihn umzuſtimmen. „Ich erhielt eine Antwort, die unter dem Einfluß einer er⸗ regten Gemüthsſtimmung geſchrieben war. „Er hatte ein Duell mit dem Bruder von Anais gehabt, welcher in einer größern Geſellſchaft Wilhelm den Rath ertheilt hatte, ſich von ſeiner Schweſter in gehörigem Abſtand zu halten, weil ein Marquis von Aveyron es nicht dulden könne, daß ein unbedeutender ſchwediſcher Edelmann ihr ſeine Huldigung aufzu⸗ dringen ſuche. Bei dieſer Beleidigung gerieth Wilhelm in Zorn, und das Duell war eine Folge davon. Die Herren färbten bei dieſer Veranlaſſung ihre Degen mit dem Blute von einander, und jeder bekam ſeine Ritze in die Haut, und die Affaire war damit zu Ende. „Wilhelm ſchrieb, er würde unverzüglich Paris verlaſſen. Seine Abſicht war, das Bild von Anais aus ſeinem Herzen zu tilgen und ſein Leben Hildur zu widmen. Er wollte ihr Alles bekennen. Wenn ſie ihm ſeine Verirrung verzieh, ſollte nichts im Stande ſein, ihn von ihr abwendig zu machen. Seine und Anais' Liebe hatte keine Zukunft; das wußte er jetzt. Niemals würde der Marquis von Aveyron, ein Edelmann von altfranzö⸗ ſiſchem Geſchlecht und Katholik bis zur Bigotterie, geſtatten, daß ſeine Tochter ſich mit einem ketzeriſchen Edelmann, um von den Ahnen nichts zu ſagen, vermähle. „Nach dieſem Brief hörte ich ein halbes Jahr lang nichts weiter von Wilhelm. Unſere Mutter war in Verzweiflung. Sie erhielt von ihm ebenſo wenig Nachricht. Sie ſchrieb einen Poſt⸗ tag nach dem andern an Wilhelm und die Dannekrona's, aber ohne eine Antwort zu erhalten. Endlich im Frühjahr kam der Baron mit ſeiner Tochter nach Schweden, jedoch ohne Wilhelm. „Hildur hatte etwas über ein Jahr im Auslande zugebracht. Dieſe Zeit hatte ſie in einen Schatten von ſich ſelbſt verwandelt. Der erſte Blick genügte, mich darüber aufzuklären, daß der Tod der Bräutigam wäre, welcher ſie in ſeine Arme ſchließen würde. „Sie grüßte uns von Wilhelm. Er hatte ſie nach Lübeck begleitet, aber auf ihr beharrliches Begehren unterlaſſen, ihnen 5² nach Schweden zu folgen. Sie wünſchte, er ſollte noch ſo lang fortbleiben, bis die heimathliche Luft ihre Geſundheit wiederherge⸗ ſtellt hätte. Sie brachte einen Brief an meine Mutter von Wil⸗ helm mit. Hildur's Krankheit war die Urſache von Wilhelms langem Stillſchweigen geweſen. „Hildur wünſchte den Sommer in Haraldshof zuzubringen. „Ich hatte von Wilhelm den Auftrag erhalten, das Gut während ſeiner Abweſenheit in Verwaltung zu nehmen, ein Um⸗ ſtand, welcher zur Folge hatte, daß wir, Hildur und ich, täglich beiſammen waren. „Sie vertraute mir während dieſer Zeit an, daß das Band zwiſchen ihr und Wilhelm gelöst wäre, daß aber der Vater da⸗ von nichts wüßte, und ich ebenſo wenig unſere Mutter davon unterrichten dürfte. „Ich ſterbe noch vor dem Herbſt, ſagte ſie, und will als Wilhelms Braut ſterben, mit ſeinem Ring an meiner Hand, und ohne Jemand ahnen zu laſſen, daß er ſeine Treue mir gebrochen. Er iſt unſchuldig; den Gefühlen des Herzens läßt ſich nicht be⸗ fehlen. Ich habe ohne Groll ihm ſeine Freiheit zurückgegeben. Mein Vater und Wilhelms Mutter würden vielleicht ſtrenger ſein; ſie würden ihn anklagen, daß er die Urſache meiner Krankheit ſei, und das könnte ich nicht ertragen. „Zu Ende Auguſts erloſch Hildur's Leben. Ihr letzter Wunſch war, auf dem Gottesacker in der Nähe von Haraldshof begraben zu werden. „Er wird dann zuweilen mein Grab beſuchen, und freund⸗ lich an Hildur gedenken, hatte ſie geſagt. „Als Hildur ſtarb, war Wilhelm in England; er hatte von dort mehrere Briefe an ſie und auch an mich geſchrieben. „Unſere Mutter, welche fürchtete, ihr Sohn könnte den Ver⸗ luſt ſeiner Braut allzu tief nehmen, im Fall er ihm ſchriftlich mitgetheilt würde, forderte mich auf, nach London zu reiſen, und ſo ſchonend als möglich ihm die Trauerpoſt beizubringen. „Ich reiste. Es regte ſich in mir der lebhafte Wunſch, zu erfahren, warum Wilhelm ſich in der großen Weltſtadt aufhielt. War es eine neue Leidenſchaft, welche ihn an dieſelbe feſſelte? 53 Seine kurzen und lakoniſchen Briefe ließen mich etwas der Art vermuthen. „Ohne Schwierigkeit fand ich ſeine Wohnung in London. Sie ſah aus, als beabſichtigte er auf längere Zeit ſich daſelbſt anzuſiedeln. Der Portier erklärte indeſſen, daß er nur ausnahms⸗ weiſe daheim zu treffen wäre. Wo er dazwiſchen ſich aufhielte, darüber war der Portier in Unkunde. Ich ſchrieb einige Zeilen, gab meine Adreſſe ab, und gebot ihm das Billet, ſobald er nach Hauſe käme, zu übergeben. „Mehrere Tage vergingen deſſen ungeachtet, ohne daß er etwas von ſich hören ließ. „Von einem ſeiner Freunde, Mr. Scott, erfuhr ich, daß er ein heimliches Liebesverhältniß habe, und daß der Gegenſtand ſeiner Flamme irgendwo in der Nähe der Stadt wohne. Wo, war Mr. Scott nicht gelungen ausfindig zu machen. „Endlich beſuchte er mich. „Er trat mit freudeſtrahlendem Antlitz in mein Zimmer und war entzückt darüber, mich zu treffen. Er ſagte, er habe mir ſo Vieles mitzutheilen, was er dem Papier nicht anzuvertrauen wage. „Ich mußte indeſſen ſeine Freudenäußerungen unterbrechen und ihm die Trauerkunde eröffnen, mit welcher ich beauftragt worden war. Sie ging ihm tief zu Herzen. Den ganzen Tag widmete er Hildur's Andenken. Mehrmals mußte ich ihm deren letzten Gruß wiederholen, welcher eine vollſtändige Verzeihung und ein Gebet für ſein Glück in ſich ſchloß. „Den Tag darauf redete Wilhelm nicht mehr von Hildur. Er wollte mir jetzt ein Geheimniß anvertrauen, das ich ihm auf Chrenwort für mich zu behalten verſprechen mußte. Ein Ge⸗ heimniß zu bewahren, in welches mein Bruder mich einweihte, konnte mir nicht ſonderlich ſchwer fallen, und ich verpflichtete mich unbedingt dazu. „Er beſtellte hierauf einen Wagen, und wir fuhren von der großen Stadt ab. Er wollte nicht reden, ſagte er, ehe wir an Ort und Stelle wären.— „Ungefähr eine Stunde Wegs von London lag ein reizendes Landhaus; dahin führte er mich. Wir traten in einen Salon; 54 dort ſaß eine Dame von acht⸗ bis neunundzwanzig Jahren, hübſch, ſteif und ſtattlich. Sie wurde mir als Mrs. Dowſon vorgeſtellt. Ich betrachtete ſie mit forſchenden Blicken, bevor ich mich überzeugen konnte, daß ſie die Perſon wäre, von welcher Mr. Scott mir geſagt hatte. „Wilhelm grüßte die Dame artig und führte mich hernach durch mehrere Zimmer in ein kleines Boudoir. „Eine junge Frau lag hier auf einem Sopha halb ausge⸗ ſtreckt. Bei ihrem Anblick blieb ich ſtehen. Es war Anais von Aveyron. „Hier ſiehſt Du meine angebetete Frau vor Dir, ſagte Wil⸗ helm und umarmte ſie. Seit zwei Monaten ſind wir durch das heilige Band der Ehe mit einander vereint, obwohl dieß vor der Welt noch ein Geheimniß iſt. „Er erzählte hierauf, Anais habe kurz nach dem Duell zwi⸗ ſchen ihrem Bruder und Wilhelm ihrem Vater bekannt, daß ſie Wilhelm liebe. Der katholiſche Edelmann hatte die Tochter mit ſeinem Fluch bedroht, im Fall ſie die Gattin eines unebenbürti⸗ gen Ketzers würde. Er erklärte ihr ferner, er wolle ſie nicht ſehen, ehe ſie eine unwürdige Neigung überwunden hätte, und gab ihr den Rath, ſich in irgend ein Kloſter, ſo weit als mög⸗ lich von Paris entfernt, zurückzuziehen. Dort könnte ſie durch Wachen und Beten ihren Fehler ſühnen. Sie dürfte dieſe Frei⸗ ſtätte nicht eher verlaſſen, als bis ſie bereit wäre, aus ihres Va⸗ ters Hand einen würdigen Gatten zu empfangen. Der Bruder fügte dem, was der Vater geſagt hatte, noch bei, wenn er das erleben müßte, daß ſeine Schweſter mit dem Schweden ſich ver⸗ ehlichte, ſollte ihr Hochzeitstag des Bräutigams Todestag werden. „Anais zog ſich in ein Kloſter zurück und ſchrieb von da an Wilhelm. Ein halbes Jahr darauf hatte ſie den ſtillen Auf⸗ enthaltsort verlaſſen und die Reiſe nach England angetreten, wo ſie ſich mit Wilhelm trauen ließ. Ihr Vater und Bruder arg⸗ wohnten dergleichen nicht, ſondern glaubten ruhig ſein zu können, ſo lange ſie in dem Kloſter verbliebe. „Freigebige Geſchenke an die Oberin des Kloſters hatten dieſe zu einer Verbündeten der Liebenden gemacht. Anais ſchrieb 5⁵ immerdar an ihren Vater, aber die Briefe gingen zuerſt in das Kloſter und gelangten erſt von dort an ihren Vater. So lange dieſer lebte, wünſchte Anais, daß ihre Ehe nicht bekannt würde; ſie wollte ihm keinen Kummer machen, wollte nicht, daß er den Fluch des Himmels auf ihr Haupt herniederrufen ſollte, und da⸗ rum war eine ſtrenge Bewahrung des Geheimniſſes nöthig. „Mrs. Dowſon, eine geborne Schwedin und eine Frau, welcher Wilhelm in Paris einige wichtige Dienſte zu erweiſen Ge⸗ legenheit gehabt hatte, war die einzige Perſon außer Sjöqviſt, welche um das Geheimniß ihrer Che wußten. Auf dieſe Beiden glaubte Wilhelm ſich verlaſſen zu können.* „Drei Jahre war Wilhelm verheirathet, ohne daß die Wahr⸗ heit dem alten Marquis bekannt wurde. Anais verbrachte ein paar Monate jedes Jahr im Kloſter zu der Zeit, da der Vater ſie dort zu beſuchen pflegte. Während Anais dort weilte, machte Wilhelm einen Beſuch im Vaterlande und hielt ſich dann in Haraldshof auf. „Nach einjähriger Ehe ſchenkte ihm ſeine Frau eine Tochter. Ich ſtellte ihm in meinen Briefen vor, es würde am beſten ſeyn, Alles dem Marquis zu bekennen, wo möglich deſſen Verzeihung auszuwirken und es nicht ſo fortgehen zu laſſen, wie ſie es jetzt thaten. Früher oder ſpäter mußte Alles entdeckt werden; der alte Zorn war dann nur ſchwerer zu beſiegen, und die Folgen machten ſich trauriger. Anais' Einfluß auf ihn bewirkte, daß er meinen Rath verwarf. Er fürchtete, ſie ihres Vaters Fluch auszuſetzen. „Zum dritten Mal da Anais das Kloſter und Wilhelm Haraldshof beſuchte, war er ganz düſter. Ihre erſtgeborne Tochter war todt, und die Trauer über das Kind hatte Anais in wirk⸗ liche Schwermuth verſenkt. Sie ſah in dem Hingang des Kindes eine Strafe vom Himmel dafür, daß ſie ihren Vater betrogen hatte. Wilhelm beunruhigte ſich ſehr über ihr Zuſammentreffen mit dem Marquis, beſonders da der letztere in einem ſeiner Briefe an ſeine Tochter davon redete, daß es ſein Wunſch ſei, ſie mit einem franzöſiſchen Edelmann, den er ihr zum Gatten beſtimmt hatte, vermählt zu ſehen. Anais ſollte zum dritten Mal „ 4 56 Mutter werden, und es quälte Wilhelm, unter ſolchen Umſtänden von ihr getrennt leben zu müſſen. Auch war er beſorgt darüber, daß ihr jetzt noch lebendes Mädchen ſeiner ältern Schweſter bald ins Grab folgen ſollte, denn Mrs. Dowſon ſchrieb ja, daß das Kind ſchwächlich wäre und ſichtlich abzehrte. „Er hatte ſich erſt einen Monat in Haraldshof aufgehalten, als er plötzlich den Entſchluß faßte, durch eine Reiſe nach Frank⸗ f, reich ſeiner Qual ein Ende zu machen. Er hatte ſich vorgeſetzt, meinen Ermahnungen Folge zu leiſten und dem Marquis Alles zu entdecken.. „Den Tag vor ſeiner Abreiſe hatte Wilhelm Verwandte, Nachbarn und Freunde nach Haraldshof eingeladen. Kurz vor Mittag klagte er über Schwindel. Bei Tiſche trank er viel. Das Mahl zog ſich lang hinaus. Nachher machte er mit mir einen Spaziergang im Park und ſprach von der Möglichkeit, daß ihm etwas widerfahren könnte, ehe es ihm gelungen wäre, ſeinen Schwiegervater zu verſöhnen. Er nahm mir das heiligſte Ver⸗ ſprechen ab, in einem ſolchen Fall Alles, was in meinen Kräften ſtände, für ſeine Frau und für ſein Kind zu thun; aber ich— ſollte von ſeiner Ehe nicht eher in Schweden Kunde geben, als bis ich Anais unter meinen Schutz genommen hätte. Er ſchien vorauszuſetzen, daß er bei der Ankunft in Frankreich von ſeines Schwagers Hand fallen würde. „Ein paar Stunden nach dieſer Unterredung zwiſchen ihm und mir wurde Wilhelm vermißt. Das Uebrige wißt ihr.“ Der Oberſt ſchwieg. Nach einer Pauſe nahm er wieder das Wort: „In Folge von einem jener unbegreiflichen Vorfälle, welche uns beinahe an Ahnungen glauben laſſen, hatte Wilhelm am Morgen deſſelben Tags an Mrs. Dowſon geſchrieben und ſeine kleine Tochter ihrer Pflege anvertraut. Er bat ſie, im Fall er— ſterben ſollte, ſich ganz und gar auf mich zu verlaſſen. Dieſen Brief fand ich unverſiegelt auf ſeinem Tiſche. Es war derſelbe, welchen ich Dich leſen ließ, David, als Beweis dafür, daß er keinen Sohn hinterließ. 3— „Einige Tage vor ſeinem Tod hatte er mit mir davon ge⸗ —— „ 4 57 ſprochen, daß der Trauſchein von ihm in ſeiner Reiſetaſche läge. Er bemerkte damals, es würde nothwendig ſein, eine geſetzlich beglaubigte Abſchrift davon nehmen zu laſſen und letztere meinen Händen anzuvertrauen. Das Erſte, was ich that, nachdem der bitterſte Schmerz über ſein ſchreckliches Ende ſich etwas gelegt hatte, war, die Schatulle zu öffnen. Es fanden ſich keine andern Papiere darin, als ſein Paß und einige Geſchäftsbriefe. Ich nahm Sjögviſt ins Verhör, um zu erfahren, wo mein Bruder ſich hatte trauen laſſen, wie der Prieſter hieß u. ſ. w.; aber der Schurke ſtellte ſich, als wüßte er nichts davon, und verſicherte, Anais und Wilhelm ſeien nie verheirathet geweſen, und ſein ver⸗ ſtorbener Herr habe nur ſo geſagt, um das wahre Verhältniß zu bemänteln u. a. m. „Der Beweis für meines Bruders Ehe mußte nun aufs ſchnellſte herbeigeſchafft werden. „Sobald das Begräbniß vorüber war, begab ich mich auch nach England. „Ein Brief, welcher den Tag nach Wilhelms Tod ange⸗ kommen war, hatte mich davon in Kenntniß geſetzt, daß Anais verzweifelt und zerknirſcht nach ihrer Villa zurückgekehrt war. Sie hatte dem Vater Alles entdeckt und dieſer ſie verſtoßen. Sie rief Wilhelm zu ſich, damit er ihr in dieſer ſchweren Prü⸗ fung beiſtände und durch den Trauſchein ſie wenigſtens von der Anklage befreie, welche der Vater gegen ſie geſchleudert hätte, als ob ſie nicht einmal mit dem Mann verheirathet wäre, dem ſie Verwandtſchaft und Religion geopfert hatte. „Bei meiner Ankunft in England fand ich Anais ſchwer krank. Ich wagte ihr nicht zu ſagen, daß ſie Wittwe wäre, ſondern nur, daß Wilhelm ſich durch Krankheit verhindert ſähe, zu ihr zu eilen. Darauf durchſuchte ich alle ſeine Papiere, fand aber keinen Trauſchein. Ich fragte alle, welche mir meiner Meinung nach einigen Aufſchluß darüber geben konnten, jedoch vergeblich. Mrs. Dowſon war erſt, nachdem ſie getraut worden, zu ihnen gekommen. Sie wußte ſomit nichts von jenem Akt. Anais vermochte weder die Kirche, wo ſie getraut waren, noch den Namen des Geiſtlichen anzugeben. Sie wußte nur, daß die Trauung in England ſtattgefunden hatte. Ich würde meines Bruders Angabe bezweifelt haben, wenn mir Anais nicht ſo heilig die Wahrheit davon betheuert hätte. Sie verſicherte be⸗ ſtimmt zu wiſſen, daß Wilhelm das Dokument in ſeiner Scha⸗ tulle verwahrt hatte. „Als Anais ſo weit wieder hergeſtellt war, daß ich ihr mittheilen konnte, der Tod habe denjenigen von ihrer Seite ge⸗ riſſen, welcher ſie allein zu rechtfertigen vermochte, gerieth ſie in einen Zuſtand der Verzweiflung. Mit Grund befürchteten wir ſchon damals eine Geiſtesſtörung. Dieſe Verzweiflung milderte ſich nicht dadurch, daß ihre ein Jahr alte Tochter ſtarb. „Wie konnte ich unter ſolchen Umſtänden Wilhelm mein. Verſprechen halten, ſie und das Kind, welches ſie gebären würde, zu ſchützen, die Zukunft des letztern zu ſichern und es in ſeine legitimen Rechte einzuſetzen? Hier fand ſich nur ein Ausweg, nämlich der, daß ich mich mit Anais trauen ließ, das Kind für das meinige ausgab und ſo lang in England verweilte, bis ich das Kind heimbringen konnte, ohne befürchten zu müſſen, daß man deſſen wahres Alter argwöhnen könnte. „Stumpf und mit paſſiver Ergebung ging Anais auf den Vorſchlag ein. Ich glaube kaum, daß ſie ſich klar gemacht hatte, was ſie that. Sechs Wochen, ehe ſie mit mir getraut wurde, kam— Dagmar zur Welt. Auf dieſe Weiſe wurde meines Bruders Kind meine Tochter. „Als Dagmar drei Monate alt war, wurde Anais von dem Unglück betroffen, das ich befürchtet hatte. Sie wurde das Opfer einer Geiſtesſtörung, welche ſich in einer ſtillen, verwor⸗ renen Religions⸗Grübelei äußerte. Als alle ausgezeichneten Irren⸗ ärzte ſie für unheilbar erklärten, kehrte ich nach Schweden zurück. Ich nahm von England keine andere Dienerſchaft mit als Dag⸗ mars Amme und den alten John, welcher mir hieher folgte. In Yſad ſtieß ich auf Frau Thorén, die Wittwe des alten Verwalters von Haraldshof, und ihrer Pflege vertraute ich Anais an. Bei meiner Ankunft in Haraldshof ließ ich Dagmar in das Kirchenbuch einſchreiben, als ob ſie um zehn Monate ſpäter, als ſie zur Welt gekommen, geboren worden wäre, und glaubte — 59 dadurch Anais' Ehre gerettet und der Tochter Erbrecht geſichert zu haben. Das Verſprechen an meinen Bruder war, ſo dünkte mich, gleichfalls erfüllt worden. „Sechs Monate nach unſerer Ankunft in Schweden verab⸗ ſchiedete ich die Amme und ſchickte ſie heim nach England, aus Furcht, ſie möchte mein und Dagmars Geheimniß verrathen. „Frau Thorén war nun die einzige Pflegerin des Kindes und der Mutter. „Vier Jahre ſpäter, eines Nachts, da Frau Thorén in ge⸗ ſundem Schlafe lag, ſchlich ſich die unglückliche Anais in des Mädchens Zimmer, nahm es in ihre Arme, in der Abſicht, Dagmar mit ſich ſterben zu laſſen.. „Sie war in den letzten Wochen von der Vorſtellung ge⸗ quält worden, daß das Kind und ſie ſelbſt verdammt wären. „Wahrſcheinlich geſchah es in Folge dieſer Einbildungen, daß ſie ſich und ihm das Leben zu nehmen wünſchte. Daß es nicht gelang, hat Dagmar ganz und gar dem alten Ring zu verdanken.“ 4 Der Oberſt ſtreckte die Hand aus und zog Dagmar an ſich. „Er rettete mir die beſte und holdeſte aller Töchter,— und das werde ich ihm nie vergeſſen,“ ſetzte er hinzu. „Ach, Papa,“ ſtammelte das junge Mädchen gerührt und ſchlang die Arme um ſeinen Hals;„wie viel haſt Du nicht für dieſe Tochter aufgeopfert, welche ſeit ihrem neunten Jahre wußte, daß ſie nicht dein Kind war, und daß Du alle dieſe Zärtlichkeit an ein Weſen verſchwendeteſt, dem Du nicht das Leben gegeben hatteſt.“. „Du.... wußteſt es?!“ ſtammelte der Oberſt. Dagmar weinte heftig, den Kopf an ſeine Bruſt gelehnt. Als ſie ihre Thränen getrocknet hatte, erzählte ſie, wie ſie einen Brief zu ſehen bekommen, der auf ſeinem Schreibtiſch gelegen war. Derſelbe fand ſich noch in ihrem Beſitz. Das Schreiben war von Mrs. Dowſon, welche darin von Dagmar als Wilhelms Tochter redete. Mrs. Dowſon dankte dem Oberſt dafür, daß er in ſeiner Freigebigkeit ihr einen Unter⸗ halt auf Lebenszeit ausgeſetzt hatte. Sie verſicherte ihm, ſie 60 werde an ſeinem Edelmuth gegen ſeine Bruderstochter niemals zur Verrätherin werden. Dagmar war jetzt wieder ruhig, und der Oberſt erzählte weiter, wie Broolind die Erklärung gegeben, es ſei ihm gelungen, Sjöqviſt zu beſtimmen, über Wilhelms Trauung, bei welcher der ehemalige Kammerdiener einer der Zeugen geweſen, Nachweis zu geben u. a. m. „Ich für meinen Theil,“ ſetzte der Oberſt hinzu,„habe die Ueberzeugung, daß Broolind nur von demjenigen benutzt worden iſt, welcher wirklich Sjögviſt dahin brachte, daß er den Atteſt aus der Hand gab.“— Des Oberſts Augen richteten ſich auf David.„Wie es ſich damit verhält, werde ich ſeiner Zeit ſchon herausbringen. Indeſſen hat Broolind ſeine Rolle jetzt ausge⸗ ſpielt; ſie ſchließt eine ſchwere Strafe für ihn in ſich.“ Der Oberſt nahm aus ſeiner Bruſttaſche den Trauſchein und reichte ihn der Tochter. Mit Augen voll Thränen betrachtete Dagmar den Beweis für ihrer Eltern Verehelichung. Die Erzählung von deren Liebe, Vereinigung und Ende hatte ſie tief ergriffen. David dachte, als er ihr thränenfeuchtes Antlitz betrachtete: „Wird hinfort aller geheime Kummer aus Dagmars Seele verſchwinden? Werden Friede und Freude unverdunkelt aus dieſen Augen ſtrahlen? Darf vielleicht Georg noch hoffen, den Lohn für ſeine treue Liebe zu gewinnen?“ XIII. Einige Tage darauf ſaßen Dagmar und David allein in der Laube. Ueber dem Aeußern des jungen Mädchens ruhte ein milder Ernſt. .„Ich danke Dir, David,“ ſagte ſie und reichte ihm die Hand.„Du haſt als ein Mann von Ehre dein Wort gehalten.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Dagmar; was meinſt Du?“ fragte David mit der unſchuldigſten Miene von der Welt. „Ich meine, daß nicht Arvid, vielmehr Du den Trauſchein — —— ꝗ—— — 8 4 meiner Eltern Papa verſchafft haſt. Dir bin ich ewige Erkennt⸗ lichkeit ſchuldig. Ach, es iſt ein ſo ſüßes Gefühl, meinen Vater von jeder ungerechten Anklage befreit zu wiſſen, ihn, der ſo viel für ſeines Bruders Frau und Kind geopfert hat. Wie lieb habe ich Dich, du guter, guter David, daß Du ſo viel für uns ge⸗ than haſt!“ „Iſt es Erkenntlichkeit, welche Dich beſtimmt, mich lieb zu haben, ſo muß ich auf dieſe Zuneigung verzichten; ich habe kein Recht dazu.“ „Was nützt es, zu leugnen, daß Du allein es biſt, dem wir zu danken haben. Wir wiſſen es ja doch. Du haſt Arvid vor⸗ geſchoben, um dem Schein auszuweichen. Er gibt ſich prächtig dazu her und das iſt viel.“ „Armer Arvid, für ſeine Rechtlichkeit ſo belohnt zu werden!“ fiel David lächelnd ein.„Es iſt indeſſen peinlich, daß Du mit ſolcher Beharrlichkeit mir eine Handlung zuſchreiben willſt, woran ich durchaus keinen Theil habe.“ „Warum peinlich?“ „Darum, weil ich durchaus nicht der Gegenſtand einer un⸗ verdienten Dankbarkeit ſein will. Nein, lieber möchte ich, Du ſchenkteſt mir nicht die geringſte Aufmerkſamkeit.“ „Deſſen bin ich auch vollkommen verſichert, und ich glaube beinahe gute Luſt zu haben, mich deßhalb über Dich zu ärgern.“ „Aber Du thuſt es nicht.“ David ſchaute ſie mit einem herzlichen Blick an, indem er hinzuſetzte:„Lächle ein einziges Mal, das würde meinem Herzen ſo gut thun. Erinnerſt Du dich, wie Du vor einiger Zeit geſagt haſt, Du würdeſt dich froh und glücklich an dem Tage fühlen, da dein Vater von dem Schatten, der ſich an ſeine Ehre heftete, be⸗ freit wäre. Nun wohl, biſt Du jetzt glücklich?“ „David,“ flüſterte Dagmar mit niedergeſchlagenen Augen, „Du kannſt dich wohl nicht wundern, daß meiner Eltern Ge⸗ ſchichte einen ergreifenden Eindruck auf deren Tochter gemacht hat.“ „Nein, das wundert mich nicht, und dennoch möchte ich wünſchen, dein Angeſicht, Dagmar, immer von Freude ſtrahlen zu ſehen.“ 62 Dagmar ſah ihn an und lächelte. David küßte ihre Hand. In dieſem Augenblick trat Majken in die Laube. Davids Angeſicht bedeckte ſich mit einer dunkeln Röthe. Eine Empfindung des Verdruſſes erfüllte ſeine Bruſt, als er Majken lächeln ſah. Es freute ſie, daß er Dagmars Hand küßte, daß er ſeine Exgebenheit einer andern Frau widmete. David, welcher eine Minute zuvor ſich zufrieden und ver⸗ gnügt gefühlt hatte, wurde jetzt übler Laune. Es ärgerte ihn, daß er Dagmars Hand geküßt, daß er ſo lebhaft ſich für ſie intereſſirt hatte, um Majken darüber zu vergeſſen, und ſo meinte er, müßte auch Majken ein gewiſſes Unbehagen empfinden, daß ſie ihn ſo herzlich gegen Dagmar geſehen hatte. Majken faßte Dagmars Kopf und drückte ihre Lippen auf deren Stirne; darauf reichte ſie David mit den Worten die Hand: „SIch danke Dir dafür, daß Du Arvid dieſer Tage hieher begleitet haſt.“ Die Schatten auf Davids Stirne waren verjagt. Er ſchaute Majken mit einem Ausdruck an, welcher bewies, welchen hohen Werth dieſe Dankſagung für ihn hatte. XIV. Das Dunkel der Nacht lag über köping ausgebreitet, und noch war David nicht zur Ruhe gegangen. Er ſaß in nachdenklicher Haltung an ſeinem Schreibtiſch. Ein unbeſchriebenes Papier lag vor ihm und er hielt eine Feder in der Hand, aber ohne ein einziges Wort auf das Blatt zu zeichnen, über welches die Lampe ihren hellſten Schein warf. Was war es, das die Gedanken des jungen Arztes in An⸗ ſpruch nahm?. Eine genaue Prüfung ſeines eigenen Innern. David war nicht mit ſich ſelbſt zufrieden und ſah ſich da⸗ 63 durch veranlaßt, die Gefühle zu unterſuchen, welche ſich in ſeiner eigenen Bruſt regten. Er hatte einen Brief von Georg empfangen, welchen er beantworten ſollte. Er hatte bis jetzt ihm Wilhelm Björnſtams Ehegeſchichte noch nicht mitgetheilt und nun war er von Georg an die Er⸗ füllung ſeines Verſprechens gemahnt worden. Als David die Feder ergriff, um dieſem Begehren zu willfahren, wandelte ihn ein unbehagliches Gefühl an. Er hatte keine Luſt, an den Bruder zu ſchreiben. Dieſer Widerwille war es, welcher ihn zu einer genauen Selbſtprüfung zwang. Er legte ſich, unbegreiflich genug, die Frage vor, ob er Majken noch immer gleich ausſchließlich wie vormals liebe. Etwas Anderes vorauszuſetzen, kam David beinahe wie ein Verbrechen vor. Alſo, ſeine Liebe war dieſelbe. Die nächſte Frage lautete: Was war ſein Gefühl gegen Dagmar? Freundſchaft. Wenn dem ſo war, warum quälte es ihn, an ſeinen Bruder zu ſchreiben und ihm zu ſagen, daß ſeiner Ueber⸗ zeugung nach ſich für Georg kein Hinderniß mehr finde, ſeine Bewerbungen zu erneuern? Wäre es möglich, daß die Freund⸗ ſchaft für Dagmar ihn eiferſüchtig auf Georg machte und ſeine Liebe zu Majken verdrängte?. Bei dieſer Vorausſetzung ſprang er mit dem Rufe auf: „Wenn ich den Tag erlebte, wo ich Majken zu lieben auf⸗ hörte, würde ich mich ſelbſt verachten. Ich will nicht, daß mein Herz ſich an eine Andere heften ſoll.“ Ohne die Zeit länger mit zweckloſem Nachgrübeln über die Unbeſtändigkeit des Herzens zu verſchwenden, ergriff er die Feder und begann den Brief an Georg. Als er fertig war, ſchien die Ruhe auf Davids Angeſicht zurückgekehrt und er ſuchte, in Ge⸗ danken ausſchließlich mit Majken beſchäftigt, ſein Lager auf. „Sie iſt das Ideal alles Schönen und Edeln,“ ſprach David bei ſich ſelbſt.„Mein Intereſſe für Dagmar geht von Majken aus.“ Mit dieſer Ueberzeugung ſchlief er ein. XV. Einige Tage nachher ſaß Majken an einer Arbeit in dem kleinen Kabinet, welches zwiſchen dem Salon und dem Schlaf⸗ zimmer zu Eriksdal lag. Es hatte den ganzen Tag geregnet; aber gegen Abend wurden die Wolken allmälig von einem ſcharfen Nordweſtſturm verjagt. Majken war allein zu Hauſe. Der Oberſt und Dagmar waren Tags zuvor zu dem Be⸗ zirksrichter A. gereist. Sie ſollten erſt ſpät am Abend zurück⸗ kehren. Frau Thorén war damit beſchäftigt, Aufſchriften an Gelée-Büchſen und Liqueur⸗Flaſchen zu machen. Majken blieb es ſomit überlaſſen, ſich ſo gut als möglich ſelbſt zu unterhalten. Wer nicht wußte, daß Majken das dreißigſte Jahr über⸗ achritten hatte, konnte unmöglich vorausſetzen, daß ſie über fünf⸗ oder ſechsundzwanzig Jahre alt war. Sie nähte eifrig, erhob aber ſchnell den Kopf und hielt die Nadel an, als ſie das Geräuſch eines Schrittes vernahm. „Ah, Du biſt es, David!“ ſagte ſie und reichte dem Ein⸗ tretenden die Hand.„Es iſt recht angenehm, daß ich heute einen Beſuch von Dir erhalte. Ich bin allein und ſah mich den ganzen Tag auf das Zuſammenſein mit meiner eigenen Perſon beſchränkt.“ „Da biſt Du in guter Geſellſchaft geweſen, Majken,“ fiel David ein und ſuchte denſelben ungezwungenen Ton wie ſie an⸗ zunehmen, aber ohne daß es ihm glücken wollte. „Danke ergebenſt für die Artigkeit,“ antwortete Majken lächelnd; „aber ich habe es immer einförmig gefunden, mit meinem werthen Ich allein zu ſein, beſonders wenn es regnet und der Himmel bewölkt iſt.“ „Um ſo klarer muß dann der innere Sonnenſchein von Freude und Glückſeligkeit hervortreten.“ David nahm gegenüber von Majken Platz. 65 „Vollkommen wahr. Ich danke auch Gott von ganzem Herzen für mein gegenwärtiges Glück.“ „Du biſt alſo recht glücklich, Majken?“ Trotz aller Anſtrengung konnte David die Frage nicht anders als mit etwas bebender Stimme herausbringen. „Ja, ſehr.“ Die Wahrheit dieſer Verſicherung ſtand in Majkens Angen zu leſen. Ein ſtillſchweigender Vorwurf leuchtete aus denen von David hervor. „Wie ſehr mich das freut, vermag ich nicht auszuſprechen,“ bemerkte David. „Und dennoch,“ fiel Majken ein,„hatteſt Du nicht erwartet, dieſe Verſicherung von mir zu hören.“ David ſchwieg. Er konnte nicht recht begreifen, wie ſie mit einem einzigen Wort den Gegenſtand berühren mochte, auf welchen ſie nun hindeutete. Majken verſtand ſein Stillſchweigen und fuhr fort: „Es wundert Dich, daß ich mit Dir von längſt vergangenen Zeiten rede; aber Du wirſt mich verſtehen, im Fall Du mich an⸗ hören willſt.“ David ließ den Kopf ſinken. Er fühlte, daß die Wunde im Herzen noch immer gleich blutete, ſelbſt wenn man ſie nur berührte. Majken hatte beſchloſſen, es wie der geſchickte Chirurg zu machen, wenn er zuerſt den Schaden ſondirt, um hernach dem Uebel durch eine ſchnelle Operation abzuhelfen. Sie machte ſich gefühllos für den Schmerz, welchen ſie verurſachen mußte, um des Nutzens willen, den ſie damit erreichen zu können hoffte. „Du weißt,“ nahm Majken wieder das Wort,„daß ich Dich von ganzem Herzen geliebt habe; aber was Du nicht weißt, iſt die Thatſache, daß die Liebe zu einem Mann, der um ſo viel jünger iſt als ich bin, nicht fortleben kann. Sie trägt den Keim ihrer eigenen Verwandlung in ſich. Mein Gefühl für Dich war ſo poetiſch als nur eines in meinem Herzen Raum hatte; aber es war eine Dichtung des Herzens, ohne einen entſprechenden Schwarz, David Waldner. II. 5 5 66 1 8 Gegenſtand in der Wirklichkeit, und es wurde deßhalb bald genug nur eine theure Erinnerung. Es konnte als etwas Anderes nicht fortleben. Ich verheirathete mich. Mein Gatte war ein Mann, welchen ich von dem erſten Augenblick unſerer Bekanntſchaft hoch⸗ zuachten gelernt hatte. Ich würde die Wahrheit verleugnen, wenn ich nicht anerkennen wollte, daß es mir ſchwer fiel, meine Liebes⸗ dichtung aufzuopfern; aber meine neuen Pflichten und die er⸗ höhte Zuneigung zu meinem Mann eröffneten ein neues Feld für die Thätigkeit der Seele. Die Liebe zu Dir wurde durch die Zärtlichkeit gegen meinen Mann zurückgedrängt. Ich fühlte, daß an der Seite von demjenigen, deſſen Charakter ich bewunderte, der romantiſche Traum erbleichen und ſich in eine innige Freund⸗ ſchaft verwandeln mußte. Die Liebe zu meinem Gatten wurde eine Wirklichkeit. Sie befriedigte mein Herz und ſetzte mich in Harmonie mit meiner Lebensſtellung. Es wurde auch das ſtärkſte Gefühl in meiner Bruſt.“ „Welcher Unterſchied zwiſchen deiner und meiner Art zu lieben,“ murmelte David.„Für mich gibt es nur dieſe einzige Liebe und dieſe einzige Frau. Für mich war, was ich fühlte, Wirklichkeit; für Dich nur eine Schöpfung der Phantaſie.“ „Möchteſt Du wünſchen, daß es anders wäre?“ fragte Majken.„Möchteſt Du wünſchen, Majken wiedergeſehen zu haben, verzehrt von einer Liebe, welche im Widerſtreit mit ihren Pflichten ſtände, das Opfer einer weichlichen Empfindſamkeit, wodurch ſie verhindert würde, ihre Stellung im Leben recht auf⸗ zufaſſen und mit Ruhe Dir unter die Augen zu treten? Wäre es Dir lieb geweſen, ſie verwirrt durch deinen Anblick zu ſehen, ängſtlich Dir ausweichend, wie die verkörperte Anklage eines krankhaften Gewiſſens; eine Erinnerung an den Meineid gegen den Gattten, welcher zu ihr ein unbegrenztes Vertrauen hegte? Nein, David, Du vürdeſt dich in deinen Vorſtellungen von Majken grauſam getäuſcht gefunden haben.“ „Ich fürchte jedoch,“ fiel David traurig ein,„daß wenn das Schickſal mich zum Gatten einer andern gemacht hätte, ich deſſen ungeachtet nicht im Stande geweſen wäre, meine Liebe zu Dir zu überwinden.“ 67 „Du hätteſt dieß eher als ich gethan. Wenn ſie ſich jetzt erhalten hat, ſo lag dieß daran, daß Du ſie dir zur Wegweiſerin für all dein Streben erwählt hatteſt. Sie iſt ein Phantaſiebild geweſen, von welchem Du dich nicht trennen wollteſt; aber ſie wird deſſen ungeachtet von einem noch ſtärkern und mächtigern Gefühl verdrängt werden. Dann kommt dein wahres Glück in die Hände einer Frau zu liegen. Mich haſt Du geliebt, wie ein Katholik ſeine Heilige. Willſt Du dich von dieſer Wahrheit überzeugen, ſo frage dein Herz in einer einſamen Stunde, ob Du wünſchen möchteſt, ich wäre mehr für Dich als ich jetzt bin.“ David ſchwieg. Majken reichte ihm die Hand, indem ſie hinzuſetzte: „Und nun, David Waldner, reiche ich Dir die Hand als eine redliche und getreue Freundin. Die Freundſchaft zwiſchen uns iſt natürlich; die Liebe war es nicht.“ David ſchloß ihre Hand in die ſeinige und ſagte mit Innigkeit:— „Dein Freund, Majken, bin ich in Leben und Tod.“ Majken dankte ihm mit einem herzlichen Lächeln, deutete hernach auf die Allee hinaus und ſagte: „Da kommt mein Mann mit Dagmar.“ David folgte dem Wink mit den Augen. Ein bedeckter Wagen rollte in den Hof. XVI. Es verfloß einige Zeit nach dieſem Geſpräch zwiſchen David und Majken, ehe jener wiederum nach Eriksdal kam. Die Urſache wäre ſchwer anzugeben geweſen. Allerdings hatte der junge Arzt viel zu thun gehabt, jedoch nicht ſo viel, daß dieß ihn gehindert hätte, ſeine Verwandten zu beſuchen. Irgend ein anderer Grund lag gewiß vor; aber dieſen behielt David für ſich. Der Herbſtmonat war eingetreten. David hatte nach dem Mittageſſen ſich auf den Sopha ge⸗ legt, um eine mediciniſche Abhandlung zu leſen, als die Thüre 68 zu ſeinem Kabinet haſtig aufgeriſſen wurde und Georg, froh und erregt, eintrat. „Endlich bin ich alſo hier!“ rief er.„Ich glaubte niemals, daß es mir gelingen würde, ſo viel freie Zeit zu erübrigen, um auf einige Tage Haraldshof verlaſſen zu können.“— Er reichte David die Hand.„Du begreifſt wohl, daß ich vor Ungeduld brenne, den Oheim und Dagmar zu ſehen, nach allem, was von dieſer und von Dir ſchriftlich mir mitgetheilt worden iſt. Ich erhielt deinen Brief gleichzeitig mit dem von Dagmar.“ „Ach ſo, ſie hat geſchrieben,“ ſagte David.„Willkommen, lieber Bruder,“ ſetzte er hinzu.„Du ſiehſt aus, als ob Du mit einem Herzen voll Hoffnungen hier wäreſt und dich nun auf⸗ machen wollteſt, dein Glück zu erobern.“ „Dieß iſt etwas, das ich mir noch nicht klar gemacht habe,“ fiel Georg ein;„aber ich fürchte wirklich, daß ich den Verſuch wage. Dagmars Weigerung bonnte ja, wie Du ſchriebſt, eine Folge der verwickelten Familienverhältniſſe ſein.— Nun, ſie iſt jetzt wohl glücklich und froh?“ „Es ſind vierzehn Tage her, daß ich nicht mehr in Eriksdal mer; aber damals ſchien ſie in ſehr froher Gemüthsſtimmung zu ſein.“ „Vierzehn Tage,“ wiederholte Georg;„Du warſt ja ſonſt gewöhnlich zum Mindeſten jeden Sonntag dort.“ „Ich hatte keine Zeit.“ Nach einer kurzen Pauſe nahm David wieder das Wort: „Ich bitte Dich indeſſen, mein lieber Georg, gib Dich in Bezug auf Dagmar keinen allzu ſichern Hoffnungen hin. Es iſt wenigſtens ſehr wohl möglich, daß ich mich geirrt habe, und daß ſie dieſelben noch einmal täuſcht.“ „Das habe ich mir ſelbſt tauſendmal geſagt,“ antwortete Georg;„aber die Hoffnung gleicht der Sonne; wir ſagen ihr jeden Abend Lebewohl, um ſie mit dem nächſten Morgen wieder willkommen zu heifen. So geben wir der Hoffnung heute den Abſchied und ſprechen zu uns ſelbſt: wir dürfen nicht darauf bauen; aber graut der Morgen wieder, ſo ſteht ſie doch an unſerer Seite, flüſtert uns ihre verlockenden Verheißungen zu, und wir 3 —,— 69 leihen ihr willig unſer Ohr. So iſt es auch mit mir ergangen. Ich habe zu mir ſelbſt geſagt: denke nicht mehr an Dagmar, als ob ſie eines Tags Freud und Leid mit dir theilen würde. Ich habe jedoch mich von dieſem Gedanken nicht loszureißen ver⸗ mocht. Die Hoffnung hat mir vorgeſpiegelt, ich ſollte glauben und warten. Wenn Dagmar mir einen Grund für ihre Wei⸗ gerung gegeben, wenn ſie geſagt hätte: Ich liebe Dich nicht, dann wäre Alles entſchieden geweſen, aber jet....4 „Jetzt hoffſt Du noch.“ „Ja, und warum ſollte ich es nicht, da es ſich hier um meines Lebens höchſtes Glück handelt?“ „Von ganzem Herzen wünſche ich, daß deine Hoffnungen. in Erfüllung gehen,“ äußerte David. „Davon bin ich überzeugt. Du begleiteſt mich doch morgen nach Eriksdal?“ fragte Georg eine Weile darauf. „Nein, ich bin verhindert.“ „Warum weigerte ich mich, Georg zu begleiten, und gab Abhaltungen vor?“ fragte David ſich ſelbſt, als er allein ge⸗ blieben war.„Bin ich unedel genug, ſie nicht beſuchen zu wollen, ſeitdem ich mich überzeugt habe, daß Majken glücklich iſt? Oder beneide ich meinen Bruder um die Möglichkeit, in den Beſitz eines Glücks zu gelangen, welches ich niemals ſchmecken werde? Bin ich auf dem Wege, ein niedriger Egoiſt zu werden, welcher ſich nicht über die Intereſſen der Selbſtſucht zu erheben vermag? Bin ich nicht länger ein Mann, welcher weiß, wohin er will und wie er ſeinen Pfad gehen muß? Fort mit jedem Schatten kleinlicher Geſinnung! Ich fahre mit nach Eriksdal.“ Ein Gerber in der Stadt legte indeſſen der Ausführung dieſes Beſchluſſes Hinderniſſe in den Weg. Aldermann B. er⸗ krankte plötzlich in der Nacht. 3 David wurde zu ihm gerufen. Der Zuſtand des Mannes war bedenklich, und als Arzt wagte David nicht einen Patienten zu verlaſſen, welcher ſeine Anweſenheit mehrmals des Tags erwartete. 70 XVII. Der Brandwächter ging in»rköping herum und rief aus rauhem Halſe ſein„Unſere Glock hat elf Uhr g'ſchlagen,“ als David nach einem Beſuch bei dem Gerber ſeine Wohnung betrat. Die Lampe in ſeinem Arbeitszimmer brannte mit halber Flamme. David bemerkte nicht eher, daß Jemand vor ihm ſich darin befand, als bis er die Lampe hinaufgeſchraubt hatte und gleich⸗ zeitig ein leichter Seufzer ſein Ohr traf. Er drehte ſich um. Georg lag auf dem Sopha. „Ah, Du biſt ſchon wieder zurückgekehrt! Ich glaubte, Du würdeſt zu Eriksdal über Nacht bleiben,“ ſagte David.„Nun, wie geht es dort?“ „Gut,“ war die lakoniſche Antwort. „Du ſcheinſt nicht ſehr froh geſtimmt zu ſein.... Hat Dagmar....21 „Meine Hoffnungen getäuſcht; ja das hat ſie. Jetzt iſt es mit Allem vorbei. Zum zweiten Mal habe ich ihr mein Herz angeboten, und zum zweiten Mal hat ſie dieſes Anerbieten ab⸗ gelehnt. Sie hat mich gebeten, ihr den Schmerz zu verzeihen, den ſie mir verurſache; aber ſie könne nicht anders handeln. Meine Gattin würde ſie nicht werden. Ich glaube ſogar an die Verſicherung Dagmars, ſie würde niemals als ſolche einem an⸗ dern angehören.“ Georgs Kopf ſank auf die Bruſt nieder. David betrachtete ihn ſchweigend. „Aber warum, warum konnte ſie nicht?“ fragte er endlich. „Das hat ſie nicht geſagt, und was kümmert mich auch ihr Grund? Die Hauptſache iſt, daß Dagmars Liebe mir nicht zu⸗ gehört. Sie liebt vielleicht einen andern, oder weiß ſie auch nicht, was Liebe iſt. Alles was ſie mir zu geben hat, iſt ihre ſchweſterliche Liebe.“ Georg erhob ſich kopfſchüttelnd. Er wünſchte aller der pein⸗ 71 lichen Gedanken, welche ſein Herz bewegten, los zu werden.— Er ſetzte mit kräftiger Stimme hinzu: „Jetzt, David, kein Wort mehr in dieſer Sache. Dagmar iſt von dieſem Augenblick an die theuerſte Freundin meiner jün⸗ gern Jahre, und ich möchte nicht mehr wünſchen, daß ſie etwas anderes würde. Jetzt gute Nacht. Ich reiſe morgen früh⸗ zeitig ab.“ Die beiden Brüder drückten einander die Hände und ſchieden. XVIII. „Sie liebt vielleicht einen Andern, oder weiß ſie auch nicht, was Liebe iſt,“ hatte Georg geſagt, und ſo ſehr ſich David auch darüber ärgerte, die Worte erklangen immer in ſeinen Ohren. Er konnte das Erſtere nicht vorausſetzen, wollte über das Letztere nicht nachgrübeln und vermochte Dagmars Benehmen durchaus nicht zu faſſen. Sie hatte ja geſagt, Georg wäre ihr theuer; hatte ſie einer Unwahrheit ſich ſchuldig gemacht, als ſie dieſe Verſicherung gab, oder war ſie mit der Allmacht der Liebe noch nicht bekannt geworden und hatte in Folge davon ihre Freiheit höher als das Glück des Freundes ihrer Kindheit an⸗ geſchlagen? David fühlte ſich durch dieſe Vermuthungen etwas gereizt. Dagmars Benehmen erweckte ſeinen Zorn; es war herzlos gegen den redlichen und treuen Georg. David wußte, wie ſchwer es hielt, ſich mit dem Schiffbruch ſeines Glücks zu verſöhnen, und es quälte ihn, daß er die Beweggründe zu Dagmars Hand⸗ lungsweiſe nicht kannte, ſondern an allen möglichen Voraus⸗ ſetzungen herumzutappen ſich genöthigt ſah. Obwohl David am Morgen ſehr frühe vom Lager ſich er⸗ hoben hatte, war Georg doch ſchon fort. Der Gerber war jetzt entſchieden auf dem Wege der Beſſe⸗ rung, und David entſchloß ſich alſo, einen Beſuch in Eriksdal zu machen. 72 XIX. Der Oberſt war auswärts, und Majken empfing ihn im Wohnzimmer. Sie hieß ihn herzlich willkommen, machte aber keine Bemerkung darüber, daß er ſo lang nicht mehr da geweſen wäre. Sie begann ſogleich von Georg zu reden. Es war recht verdrießlich, daß er ſo große Eile hatte und nicht im Stande geweſen, ein paar Tage zu bleiben u. ſ. w. Aus Majtkens Aeußerungen ſchloß David, daß ſie von dem, was zwiſchen Dagmar und ſeinem Bruder vorgefallen war, keine Kunde hatte. „Dagmar iſt nach einer Köthnerhütte gegangen,“ ſagte Majken, „aber ſie wird bald wieder kommen.“ David vermißte Niemand, wenn er in Majkens Geſellſchaft war; aber ſeine Zufriedenheit war heute nicht ſo groß wie ge⸗ wöhnlich. Er fühlte ſich allerdings ungezwungener und ruhiger, als er ſeit ſeiner Heimkehr geweſen war, aber er wünſchte dennoch Dagmar bald zu ſehen zu bekommen. David ſpähte heute nicht nach einem Ausdruck in Majkens Angeſicht, welcher bewieſe, ob ſie ihn noch liebe. Majkens Er⸗ klärung hatte aller Ungewißheit ein Ende gemacht. Sein Jugend⸗ roman war abgeſchloſſen, die Phantaſiebilder waren zerſtört, und jetzt blieb nur noch die einfache, ungeſchminkte Wirklichkeit zurück. Majken redete davon, daß ſie und der Oberſt, aus Anlaß eines Briefes von Frankreich, welcher die Erbſchaftsangelegenheit nach dem kürzlich erfolgten Ableben von Dagmars Großvater be⸗ traf, genöthigt wären, ſchon im Oktober eine Reiſe nach Frank⸗ reich zu unternehmen. Dagmar ſollte in Eriksdal bleiben. Ihrer eigenen Verſicherung gemäß hatte ſie einen entſchie⸗ denen Widerwillen gegen das Ausland, und beſonders gegen das Vaterland ihrer Mutter; und deßhalb wünſchte ſie, dieſelben nicht begleiten zu müſſen. Während Majken noch redete, trat Dagmar ein. Sie war warm und ſchön. 73 Im Fall es ſie wirklich geſchmerzt hatte, Georg zum zweiten Mal einen Korb zu geben, ſchien es jetzt wenigſtens vergeſſen zu ſein. Ihr Ausſehen verrieth nichts von Bekümmerniß. „Ah, ſiehe da, David!“ ſagte ſie mit ungnädiger Miene und ohne ihm die Hand zu reichen.„Du biſt wohl von Kran⸗ ken jetzt wieder ſehr in Anſpruch genommen geweſen, daß Du dich bei uns nicht ſehen ließeſt? Du mußt zugeben, daß es doch gut iſt, die Schuld auf die Kranken ſchieben zu können, wenn man es an der Aufmerkſamkeit gegen ſeine Angehörigen fehlen läßt.“ Ihr Ton reizte David. „Ich ſchiebe die Schuld nicht auf die Kranken, und ich kann es nicht einmal; wir haben es ungewöhnlich geſund in der Stadt und Umgegend gehabt. Ich mußte ſtudiren und machte deßhalb keinen Beſuch.“ „Deine Bücher ſind ſomit die Feinde deiner Artigkeit. Gut, daß man es weiß. Nun, bleibſt Du heute hier?“ Dagmar ordnete ihr Haar vor dem Spiegel. Sie war ſich heute nicht recht gleich, dachte David. Ihr Benehmen ermangelte der Herzlichkeit; es war gleichgültig, und dieß verdroß den jungen Doktor. „Majken iſt ſo gut geweſen und hat mich dazu aufgefor⸗ dert,“ antwortete er. „In dieſem Fall kann ich nicht begreifen, warum ihr hier ſitzet, anſtatt auf der Veranda an einem ſo ſchönen, ſommerlichen Tage, wie dieſer, ſich niederzulaſſen. Kommt mit mir; ich will nicht zwiſchen vier Wänden bleiben, ſo lange man eine milde, warme Luft athmen kann.“ „Und was Du willſt, müſſen auch alle andern wollen; iſt es nicht ſo?“ fragte David. „Wahr. Ich bin nun einmal ſo. Natur, Erziehung und Gewohnheit haben mich ſelbſtſüchtig gemacht. Sieh' nur Majken an; ſie macht ſich ſogleich fertig, meinen Wunſch zu erfüllen.“ Dagmar warf der Stiefmutter eine Kußhand zu und eilte auf die Veranda. Die andern folgten ihr. 74 Majken verweilte jedoch nicht lange. Sie hatte Frau Thorén etwas zu ſagen, und David blieb unter vier Augen mit Dagmar. Das junge Mädchen rechnete an einem Stickmuſter nach und beugte ſich auf daſſelbe nieder. Sobald Majken fort war, ſchaute ſie auf und fragte: „Iſt Georg nach Haraldshof zurückgekehrt?“ „Heute Nacht.“. Es entſtand eine Pauſe. Dagmar hörte zu rechnen auf. „Glaubſt Du, Dagmar, jetzt recht gegen Georg gehandelt zu haben?“ fragte David. „Allerdings. Mit der Gewißheit, einen Mann unglücklich zu machen, darf keine Frau ſich verheirathen. Beſſer, unter früh⸗ zeitig vereitelten Hoffnungen zu leiden, als ſein Leben lang der Reue zu verfallen.“ „Die Gewißheit, einen Mann unglücklich zu machen, er⸗ ſcheint mir etwas phantaſtiſch, ſofern ſie nicht bloß daher kommt, daß Du den wirklichen Grund für deine Antwort verbergen willſt.“ „Ich habe keinen andern.“ Dagmar beugte ſich noch mehr auf das Muſter nieder. „Georg mußte jedoch ſo etwas glauben.“ Dagmar erbleichte. „Du fürchteſt, es möchte Jemand dieß ahnen, merke ich?“ Dagmar ſchwieg: David wurde von einer unwiderſtehlichen Begierde beherrſcht, für einen Augenblick wenigſtens ſie zu quälen. „Damit eine Frau ohne alle Barmherzigkeit das Glück eines 4 Mannes zermalmen kann, welcher ihr eine treue Liebe widmet, muß ſie— einen andern lieben,“ ſagte David. Er ſah Dag⸗ mar feſt an. Das Blut kehrte in die bleichen Wangen zurück, und ſie lächelte mild. „Das wäre ſomit ein Grund? In dieſem Fall ſcheint er ſehr gültig,“ ließ ſich Dagmar vernehmen und griff wieder zu ihrer Arbeit. 75 David wurde beinahe aufgebracht über ihre Antwort. Um ſie es jedoch nicht merken zu laſſen, erhob er ſich, aber Dagmar ſtreckte die Hand aus und rief mit ſchmeichelnder Freundlichkeit: „Gehe nicht; ich habe ſo viel mit Dir zu reden. Du biſt auf mich erzürnt.“ Sie neigte den Kopf auf die Seite und ſah zu ihm auf. „Beſte Dagmar, wir thun am Beſten, es jetzt zu unter⸗ laſſen,“ antwortete David und wandte ſich ab. „Warum?“ „Es iſt mir unbehaglich. Ich vermag meine Gedanken nicht von Georg loszureißen.“ „Iſt es Dir unangenehm, an ihn zu denken?“ „Ich bitte, Scherzen iſt hier durchaus nicht am Platze,“ ſtieß David ungeduldig hervor. „Du wirſt heftig. Mein lieber Doktor, ein Arzt muß mit Ruhe jede Krankheit unterſuchen; die Liebe iſt, wie Du weißt, ein Uebel, womit nicht zu ſpielen.“ „Eine betrogene Liebe iſt wirklich etwas weit Schlimmeres, als ein Uebel; es iſt ein moraliſches Unglück, welchem nicht ſo leicht abzuhelfen. Gegen den Tod des Herzens vermag die Kunſt ebenſo wenig, wie gegen den des Körpers. Kein Arzt iſt im Stande, es ins Leben zurückzurufen. Aber Du biſt allzu leicht⸗ ſinnig, um mich zu verſtehen. Ich wünſche darum, des Redens davon überhoben zu werden.“ „Aber ich nicht,“ rief Dagmar und warf die Arbeit von ſich.„Du ſcheinſt deinen Bruder viel weniger als ich zu kennen. Georg iſt keiner von jenen weichlichen Männern, welche die Liebe über ihres Lebens Wohl und Wehe entſcheiden laſſen. Er hat einen ſtarken Charakter. Schon dieſen Morgen hat er ſeine Ge⸗ fühle unter das Gebot des Willens geſtellt, und die kalte Hand der Vernunft darauf gelegt. Wüßte ich das nicht, ſo wäre ich ſehr zu beklagen. Georg hätte mir glauben ſollen, als ich zum erſten Mal Nein ſagte. Daß Du dich über das ärgerſt, was wir, Georg und ich, mit einander haben, kann ich dagegen nicht verſtehen. Die Sache geht ja nur ihn und mich an.“ „Erlaube, beſte Dagmar, Dich daran zu erinnern, daß er 76 mein Bruder iſt, und dann darf es Dich nicht wundern, wenn ich nicht gleichgültig an ſeinen Kummer denken kann, beſonders wenn derſelbe durch eine ſeltſame Grille von Dir hervorgerufen wird.“ „Seltſame Grille,“ wiederholte Dagmar,„wie wagſt Du ein ſolches Urtheil zu fällen?“ „Ganz einfach darum, daß, wenn es eine Neigung zu ei⸗ nem andern wäre, welche Dich beſtimmte, Du es Georg geſagt hätteſt.“ Dagmar lächelte traurig. „Es thut mir wehe, Dich ſo reden zu hören,“ ſagte ſie. „Du biſt allzu gut, daß Du ein ſolches Gewicht auf meine Worte legſt,“ fiel David kalt ein. Er war in ſchlechter Stim⸗ mung und ließ ſeine üble Laune rückſichtslos hervortreten. „Ich kenne Dich nicht mehr, David,“ rief Dagmar;„iſt es deine Abſicht, mich zu verletzen?“ „Eine Abſicht der Art habe ich nicht, und wenn Du erlaubſt, wollen wir den Gegenſtand des Geſprächs wechſeln.“ „Wie Dir beliebt.“ Dagmar nahm ihre Arbeit wieder auf. David griff nach einer Zeitung, welche auf dem Tiſche lag. Eine lange Pauſe. David, welcher von Dagmars Ankunft an in eine üble Stimmung verſetzt worden war, fühlte dieſe durch ihr Stillſchwei⸗ gen noch mehr als durch ihre Worte verſchlimmert. „Habt ihr, Georg und Du, von mir geſprochen?“ fragte Dagmar plötlich. „Nur einige Worte. Warum von Neuem dieſes Thema auf⸗ nehmen?“ „Deßhalb, weil ich wiſſen will, wie weit in Georg's Ge⸗ müthsſtimmung ein Wechſel eintrat, ſeitdem wir uns getrennt hane Eine Urſache muß ſich wohl zu deiner Erbitterung nden.“ „Georg hat keinen Theil daran, und ich vermuthe, Du trauſt mir genügendes Urtheil zu, um ſelbſt entſcheiden zu können, was ich billigen oder mißbilligen muß.“ · —————᷑—᷑—ꝛ—ꝛ———-—— 77 „Vollkommen; aber ich darf wohl erfahren, worin ich mich verfehlt habe.“ „Nun wohl, da Du mich zwingſt, meine Gedanken auszu⸗ ſprechen, ſo muß ich bekennen, daß Du mir herzlos erſcheinſt. Du haſt von deiner früheſten Jugend Georg eine Zärtlichkeit bewie⸗ ſen, welche ihn berechtigte, es für ausgemacht anzunehmen, daß Du ihn liebeſt. Als Mann ließ er ſich noch mehr in dieſe Ge⸗ wißheit einwiegen. Dieß heiße ich wie eine gefühlloſe Kokette handeln.“ „David!“ rief Dagmar auſſpringend. Er ſah das junge Mädchen ruhig an. Ihre Augen blitzten hinter den Thränen, welche hervorbrechen wollten; ihre Wangen flammten. Zorn, Kummer, Schmerz und Stolz waren in ihrem Angeſicht ausgedrückt. „Wie unglücklich bin ich!“ murmelte Dagmar, legte die Hand über die Augen und wandte ſich ab. Sie unglücklich, ungeachtet jede Veranlaſſung zum Kummer hinweggeräumt war! Sie, ſo ſchön, reich und liebenswürdig! Was war es, das dieſes Unglück hervorrief? Seine Worte! Hatten dieſe demnach eine ſo große Bedeutung für ſie? In einer Sekunde fuhren dieſe Gedanken David durch den Kopf; in der nächſten ſtand er an Dagmars Seite. „Verzeihe, verzeihe,“ bat er und faßte ihre Hand. Dagmar weinte. „Kannſt Du nicht verzeihen?“ „Das habe ich bereits gethan, aber das ändert nichts an meinem Schickſal,“ flüſterte ſie.. „Iſt es dein Schickſal, welches dieſe Thränen und dieſen Ausruf, der Dir ſo eben entfiel, veranlaßt?“ „Ja,“ flüſterte Dagmar. Sie ſtanden hart neben einander. Dagmars Hand ruhte ſtill in der von David. Fortgeblaſen waren alle bittern und unfreundlichen Gefühle aus ſeiner Bruſt. 78 „Du haſt ſomit andere Sorgen, Dagmar?“ „Ja, eine, aber die gehört mir an.“ Sie trocknete ihre Thränen ab.—„Laß uns nicht mehr davon reden,“ ſetzte ſie mit einem matten Verſuch zu lächeln hinzu. „Eine einzige Frage: Du liebſt, aber Du liebſt nicht Georg?“ ten die Farbe; aber die Lippen lächelten, als ſie antwortete: „Wenn Du eine freundliche Empfindung für mich haſt, ſo frage nicht. Ich bin von Natur zugleich offen und verſchloſſen. Alles kann ich mit Dir theilen: Freude, Glück, Unruhe und Be⸗ kümmerniß; aber die Sorgen, welche mich ſelbſt berühren, die be⸗ halte ich für mich. Frage darum nicht, ich werde nicht antwor⸗ ten; forſche nicht, Du wirſt nichts herausbringen. Und nun fort mit allen traurigen Gedanken und allen Mißverſtändniſſen zwiſchen uns. Glaube an Dagmar, daß ſie nicht im Stande iſt, aus freiem Willen irgend Jemand— am wenigſten denen, welche ſie lieb hat— ein Leid zuzufügen.“ Sie reichte David auch ihre andere Hand und ſetzte in heiterem Tone hinzu: „Wenn ich recht nachdenke, glaube ich beſtimmt, daß ich es war, welche zu deiner gereizten Laune Anlaß gab. Ich war, als ich Dich traf, in einer Gemüthsſtimmung, welche einer gewiſſen Nachläſſigkeit bei mir den Urſprung gab, und dann geſchieht es, daß ich von den kitzeligſten Dingen ſo rede, als ob ſie mir ganz gleichgültig wären. Vergib mir das und verſprich, nicht böſe zu ſein.“ Es lag etwas ungemein Liebliches in Dagmars Weſen, als ſie das ſagte. „Welcher bezaubernden Frau hat Georg nicht entſagen müſſen,“ dachte David bei ſich.„Es iſt ja natürlich, daß er ſie innig lieben muß.“ Daß der junge Arzt zur Antwort auf das, was Dagmar ſagte, ihre Hände küßte und verſicherte, die Schuld liege auf ſeiner Seite, verſteht ſich von ſelbſt. Die Freundſchaft zwiſchen ihnen war nach der Verſöhnung gewiß größer als zuvor. Dagmars Hand zitterte in der ſeinigen; ihre Wangen wechſel⸗ —— 79 Sie ſprachen nicht mehr von Georg, und der Wahrheit ge⸗ treu zu bleiben, müſſen wir geſtehen, daß David nicht mehr an ſeines Bruders Herzenskummer dachte. Als er von Eriksdal heimfuhr, nahm Dagmar ſeine Ge⸗ danken lebhafter als je in Anſpruch. XX. Zu Eriksdal rüſtete man ſich eifrig auf die Reiſe ins Aus⸗ land, welche zu Anfang Oktobers vor ſich gehen ſollte. Der Oberſt hatte Dagmar vorgeſchlagen, mit Frau Thorén den Aufenthalt in dem ihr lieben Haraldshofe zu nehmen, ſo lang er und Majken abweſend wären; aber ſie hatte das An⸗ erbieten abgelehnt. Er hatte ihr dann die Wahl gelaſſen, ent⸗ weder nach Aengsberga zu Tante Waldner zu ziehen oder in Eriksdal zu bleiben. Dagmar entſchied ſich für Eriksdal. Sie behauptete, ſie habe ſich entſchloſſen, mit Glanz in der Geſell⸗ ſchaft zu»rköping aufzutreten; zugleich gedachte ſie, eine ſplendide Lebensweiſe in Eriksdal zu führen. Der Vater hatte ihr ja das Recht gegeben, über die Hälfte des Jahresertrags von Haralds⸗ hof zu verfügen, und da mußte es wohl für ſie ausreichen, wie eine Prinzeſſin zu leben. Ein paar Tage vor der Abreiſe von dem Oberſt und Majken waren David und einige vertrautere Freunde zum Mittagsmahl nach Eriksdal eingeladen. Es ging dabei ſehr lebhaft und an⸗ genehm her. Dagmar war jedoch die am wenigſten aufgeräumte. Nach dem Eſſen ſaßen Majken und David in einer der Fenſtervertiefungen und ſprachen mit einander. „Nicht ohne Beſorgniß verlaſſe ich Dagmar,“ ſagte Majken und ihr Blick ruhte auf dem Gegenſtand ihrer Unruhe, während des Mädchen neben dem alten Major Kroner ſtand und mit ihm herzte. „Dagmar iſt zweiundzwanzig Jahre alt,“ ließ ſich David vernehmen.„Sie iſt mit guter Geſundheit, guter Gemüthsart begabt und ſo erzogen, daß ſie ſich ſelbſt zu berathen weiß. Dazu 4 kommt, daß Frau Thorén und der alte Olle bei ihr ſind; ſo kann ich nicht begreifen, Majken, warum Du dich ängſtigen ſollteſt.“ „Und doch thue ich es. Seitdem ich Dagmars Stiefmutter wurde, ſind ſie und ich nicht getrennt geweſen. Jetzt wird ſie ſich ungehindert ihrer Vorliebe für die Einſamkeit und ihren Träumereien überlaſſen. Dieſe letztern bringen nichts Gutes.“ „Um was drehen ſie ſich?“ „Es iſt mir noch nicht gelungen, es herauszubringen, und an deiner Frage merke ich, daß Du auch noch nicht glücklicher geweſen.“ „Ich muß geſtehen, daß ich annahm, ihre Grübelei rühre von dem Umſtande her, daß ſie wußte, ſie ſei nicht des Oberſts Tochter.“ „Aber das nimmſt Du nicht länger an?“ „Nein.“ „Verſprich mir Eins, und mein Gemüth wird ruhiger werden.“ „Ich verſpreche Alles, wodurch ich Dich beruhigen kann,“ verſicherte David. „Beſuche Dagmar oft; überrede ſie, in Geſellſchaft zu gehen, und halte ſie, ſo viel Du vermagſt, davon ab, ſich ihrem Wunſche nach einer abgeſchiedenen Lebensweiſe hinzugeben. Wache über ſie, wie ich gethan häabe. Trachte darnach, daß Dir gelingt, was mir nicht glückte, nämlich von ihrer Seele den geheimnißvollen Schatten hinwegzunehmen, welcher ſeit unſerer Reiſe in’s Aus⸗ land darüber gelagert iſt.“ „Ich verſpreche es,“ antwortete David und drückte Majkens Hand. 4 In demſelben Augenblick hörte man Dagmar laut lachen. David ſah ſie an und würde ſicherlich Majkens Behauptung, daß in Dagmars Seele etwas anderes als Sonnenſchein weile, bezweifelt haben, wenn ihm nicht ihr Ausruf:„Wie bin ich ſo unglücklich!“ in lebhafter Erinnerung geblieben wäre! 81 XXI. „Hu, wie es ſtürmt und regnet,“ äußerte Dagmar gegen Frau Thorén, als ſie vor dem flammenden Feuer in ihrem Ar⸗ beitszimmer im Erdgeſchoß zu Eriksdal ſaß.„Tante, wir werden uns wohl Thee machen dürfen, und dann ſoll„Herr Peter“ den Kronleuchter und die Lampen anzünden, ſo daß wir es recht ge⸗ müthlich bekommen. Hu, wie die Straßen ſo beſchwerlich ſein müſſen, und wie ſchauerlich trübe und rauh es für die ſein mag, welche in einem ſolchen Wetter draußen ſind! Gottlob, daß man in ſeinem ruhigen Heimweſen iſt.“ Dieſe Worte wurden eben ausgeſprochen, als Frau Thorén ſich erhob, um Befehl zu Thee und Licht zu geben. Die gute Frau wollte ſelbſt nachſehen, daß Dagmar das Backwerk bekam, das ſie am gernſten aß. „Herr Peter,“ wie Dagmar den Diener zu nennen pflegte, trat ein und zündete alle Lichter und Lampen an, welche ſich im Zimmer fanden. Dagmar ſaß unterdeſſen in einen Fauteuil zurückgelehnt, ſchaute in das Feuer und ſpielte mit Hektors langen Ohren. Der alte vierbeinige Freund lag auf einem Bärenfell zu ihren Füßen. Das Zimmer war plötzlich ganz erhellt. Als Peter ſich entfernt hatte, ſtand Dagmar auf und trat vor ein Oelgemälde, welches über dem Piano hing. Daſſelbe zeigte einen italieniſchen Fiſcherknaben, welcher auf einem Stein an der Küſte ſaß, mit dem herausgezogenen Netz voll Fiſche zu ſeinen Füßen; die Arme waren über der Bruſt gekreuzt und der Blick richtete ſich nach der untergehenden Sonne. Das Gemälde war ein wirkliches Meiſterwerk. Dagmar hatte es vom Ausland mit gebracht. Ihre Augen weilten nun auf dem Fiſcherknaben mit einem Intereſſe, als ob er ein Porträt von irgend einem lieben Freunde geweſen wäre.. Man muß geſtehen, daß des Knaben Angeſicht eine genauere Betrachtung ſchon verdiente. Es war von ſeltener Schönheit; Schwartz, David Waldner. II. 6 82 das Haar ſchwarz und lockig wogte von einer Stirne hoch und frei wie„der Himmel an einem wolkenloſen Tage“ herab; unter derſelben ſchauten ein Paar große, ſtrahlende Augen hervor, deren lange Wimpern einen mildernden Schatten über ihren Glanz warfen. Die Naſe war gerade, die friſchen, von Lebensluſt ſchwellenden Lippen waren halb geöffnet, als ob er im Begriff wäre, mit Worten auszudrücken, wie glücklich er ſich fühlte. Alle Sorgloſigkeit und Leidenſchaft des Südländers ſpiegelten ſich in dieſem Angeſicht ab, über welchem ein Schimmer von Poeſie ruhte, welcher zur Folge hatte, daß man niemals es zu betrachten müde wurde. Je länger Dagmar darauf hinſchaute, deſto mehr nahmen ihre Augen einen Ausdruck von Kummer und Schmerz an. Es ſah aus, als ob Thränen der Wehmuth und des Grames über ihre Wangen ſich ergießen wollten. Dagmar war in die Betrachtung des Bildes ſo vertieft, daß ſie nicht merkte, wie Jemand eintrat. Der Schritt war auch lautlos auf der weichen Matte. „Wiederum!“ äußerte der Eintretende und ſtand an Dag⸗ mars Seite.. Das Blut ergoß ſich ſchnell in ihre Wangen, als ſie den Kopf umdrehte und ausrief: „David! Nun, das iſt recht ſchön! Ich habe Dich in dieſem rauhen Wetter nicht erwartet.“ „Nicht? Ich meinerſeits habe nicht erwartet, Dich wiederum vor dieſem Gemälde zu finden. Was iſt es, das Dich an daſſelbe feſſelt?“ „Deſſen Schönheit,“ antwortete Dagmar mit etwas unſicherer Stimme.„Iſt er nicht ſchön, dieſer Junge, der hier ſitzt, in die Betrachtung der untergehenden Sonne verſunken?“ Sie faßte David am Arm und ſetzte mit großer Lebhaftig⸗ keit hinzu: „Ich werde niemals müde, dieſes Angeſicht zu betrachten. Es iſt ein ganzes Buch, aber ein Buch ganz andern Inhalts, als man Anfangs glauben ſollte. Der Einband iſt fein, aber der Inhalt traurig.“ 83 „Schwärmſt Du für das Bild hier, Dagmar?“ fragte David und ſah ſie an. Dagmar lächelte matt, indem ſie antwortete: „Ich liebe ihn gleichzeitig als meine höchſte Freude und meine größte Plage.“ „Wie läßt ſich das erklären?“ „Betrachte dieſen lockigten Kopf, dieſe ſtrahlenden und doch beſchatteten Augen, dieſen halboffnen Mund mit ſeinem ſorgloſen Lächeln, dieſe friſche Farbe und ſage hernach: iſt es möglich, jemals dieſe Züge zu vergeſſen, ſie aus dem Gedächtniß zu ver⸗ wiſchen? Muß man ſich nicht darüber betrüben, daß ſie ſich nur auf dieſer Leinwand erhalten haben und daß man nie mehr ſie in der Wirklichkeit wiederſehen wird; muß man nicht beklagen, daß etwas ſo Schönes der Vergänglichkeit unterworfen iſt?“ Dagmar fuhr mit der Hand ſchnell über die Stirne und nahm ihren Platz am Ofen wieder ein, indem ſie auf einen Fau⸗ teuil deutete, welcher neben ihr ſtand. „Komm' und ſetze Dich hieher,“ ſagte ſie.„Wir bekommen ſogleich Thee und Punſch für Dich. Wir werden einen recht an⸗ genehmen Abend haben.“ „Iſt das Gemälde ein Porträt?“ fragte David. „Ja.“ Dagmar beugte ſich nieder und ſtreichelte Hektor. „Von einem Fiſcherknaben?“ „Nein.“ Die kurzen Antworten gaben zu erkennen, daß Dagmar nicht geneigt war, in nähere Aufklärungen einzugehen. David war ſcharfſinnig und legte Bedeutung genug in äußere Zeichen. Er erkannte ſogleich, daß es unzart wäre, mit ſeinen Fragen fortzufahren, und wechſelte das Thema des Geſprächs. Die abweſenden Familienmitglieder wurden Gegenſtand deſſelben. Frau Thorén kam mit Thee und Punſch; der junge In⸗ ſpektor, ein Sohn von Major Kroner, fand ſich gleichfalls ein, und der Abend verging recht angenehm. Dagmar war heiter und lebhaft. Beinahe allzu lebhaſt, ſchien es David; aber er hütete ſich, eine Anmerkung darüber zu machen. Die Zeit war längſt vorbei, da David alles, was er dachte, ausſprach. Eine genaue Beobachtung ſeiner ſelbſt hatte ihn verträglich gegen andere gemacht und das Verlangen beſeitigt, welches es möglich fand, an ſeinem Nebenmenſchen Fehler und Mängel aufzuſuchen. 4 Ein Arzt würde allzuviel treffen, was ihn von ſeinem Be⸗ rufe abzöge, wenn er ſich etwas der Art überließe. Er kommt allzu oft in Berührung mit den menſchlichen Schwachheiten, um ſie erſt noch aufſuchen zu müſſen. David blieb in Eriksdal über Nacht. Als man das Abend⸗ eſſen eingenommen und der junge Inſpektor ſich entfernt hatte, ſaßen er und Dagmar noch eine Weile beiſammen, ehe ſie ſich trennten. Dagmar hatte ihren Platz vor dem Gemälde eingenommen und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf daſſelbe, während David laut ein paar poetiſche Stücke von Runeberg las. David hielt mitten im Leſen an, ſchlug das Buch zu und ſah Dagmar an. Sie beharrte in derſelben Stellung, ohne darauf Acht zu geben, daß er ſchwieg. „Wie gefällt Dir Runeberg?“ fragte er. Dagmar erröthete. „Ach, ich verſank in Gedanken,“ ſtammelte ſie. „Du biſt in der letzten Zeit ſehr nachdenklich geworden,“ entgegnete David.. „In dieſem Fall ſchelte mich. Ich will es nicht ſein.“ „Gut, willſt Du dem, was ich ſage, einige Aufmerkſamkeit ſchenken?“ „Ganz gewiß. Ich höre immer mit Vergnügen zu, wenn Du redeſt.“ „Aber nicht, wenn ich leſe.“ „Verzeihe, ich werde es nicht mehr thun. Nun, was haſt Du mir zu ſagen?“ Dagmar drehte den Stuhl, ſo daß ſie das Gemälde nicht mehr vor ſich hatte.. „Es iſt über einen Monat, ſeitdem der Oheim verreist iſt, und dieſe ganze Zeit biſt Du nicht ein einziges Mal in der 8⁵ Stadt oder auf Beſuch bei einem der Nachbarn geweſen. Du haſt hier gelebt in der ausſchließlichen Geſellſchaft von dem Ge⸗ mälde hier, von Frau Thorén und dem jungen Kroner, welcher letztere jedoch niemals wagt in deiner Gegenwart ein Wort zu äußern. Du haſt indeſſen deinem Vater und Majken etwas ganz Anderes verſprochen.“ „That ich das, ſo war ich recht einfältig; ich ſähe mich dann gezwungen, mein Wort zu halten, und das wäre peinlich.“ „Mag ſein; aber ich werde nicht zugeben, daß Du deines Verſprechens vergiſſeſt.“ „Nicht? Nun, ſo werde ich wohl, ſobald die Wege beſſer werden, rings herum ſtreifen müſſen. Du entgehſt damit der Plage, ſo oft hieher reiſen zu müſſen.“ „Ich danke pflichtſchuldigſt für deine wohlwollende Rückſicht; aber es handelt ſich nicht um mich, ſondern um Dich. Du darffſt nicht auf das Beſſerwerden der Wege warten, Du mußt mit dem heutigen Tag deine Lebensweiſe verändern. Begleite mich morgen nach köping. Du biſt ja ſo dringend zu Major Kroners eingeladen.“. „Dahin habe ich bereits ſchriftlich abgeſagt.“ „Hilft nichts; Du mußt hinfahren. Ich habe der Majorin mein Chrenwort gegeben, daß Du kommen werdeſt. Sie hat im Vertrauen darauf ein paar Zimmer für Dich eingerichtet. Am Freitag iſt Oskarball; Du biſt wohl noch nicht dazu ge⸗ kommen, den erſten Walzer zu verſchenken; ich beabſichtigte darum anzuhalten.“ „David, ich will nicht. Es quält mich; ich bin am glück⸗ lichſten hier in der Einſamkeit.“ „Du weigerſt Dich alſo?“ David ſah ſtreng aus. „Ich vermag deinen Wunſch nicht zu erfüllen.“ „Auch ein Majken und deinem Vater gegebenes Verſprechen nicht zu halten?“ 45 „Der Winter iſt lang; ich werde es ſchon noch halten, aber jetzt nicht.“ b —— 5 4 ¹ V — — ᷣ--— 86 „Aber ich bitte Dich, Dagmar, thue aus Wohlwollen für mich Dir in dieſem Fall ein wenig Gewalt an.“ „Nach Weihnachten werde ich Dir zu Willen ſein.“ David ſtand auf. „Gute Nacht,“ ſagte er.„Nun haſt Du mir einen neuen Beweis davon gegeben, daß Du ſtets dich bei deinem Handeln durch deine Launen beſtimmen läſſeſt.“ „Habe ich denn das Gegentheil behauptet?“ Dagmar reichte ihm die Hand. „Du ſagteſt einmal, es ſchmerze Dich, daß ich ſo etwas von Dir denken könne.“ „Wahr; aber damals war die Frage von Georg.“ „Gute Nacht,“ war Davids einzige Antwort und damit ver⸗ ließ er ſie. Dagmar ſtreckte die Arme nach dem Fiſcherknaben aus und murmelte: „Wie viel haſt Du mich ſchon gekoſtet! Mein armer Lieb⸗ ling, warum lächelſt Du, da Alles hier im Leben ſo traurig iſt; da Du weißt, daß ſich das Glück weder für Dich noch für mich ſindet?“ Sie ließ die Arme ſinken. Nach einer Weile ſprang ſie auf und rief: „Nun werde ich nicht länger träumen; ich will vergeſſen und froh ſein.“ XXII. Der Morgen war trübe und ſtürmiſch. Alles hatte ein naſſes und ſchmutziges Ausſehen. Des Doktors Droſchke ſtand vor der Treppe mit zwei Pfer⸗ den beſpannt. In der Wohnſtube ſaß David am Frühſtück mit dem In⸗ ſpektor und Frau Thorén. Dagmar ließ ſich nicht ſehen, es war noch ſo frühe. „Es iſt am beſten abzuziehen,“ ſagte David.„Grüße Dag⸗ mar, ich kann nicht warten, um ihr Lebewohl ſagen zu können; 87 ich muß um halb zehn Uhr daheim ſein und Krankenbeſuche an⸗ nehmen.“ David hüllte ſich in ſeinen Pelz und ging zugleich mit dem Inſpektor ab, um ſich in ſeine Droſchke zu ſetzen. Er hielt einen Augenblick an, ganz erſtaunt darüber, daß er auf dem Bock noben dem Kutſcher eine ganze Menge Schachteln aufgeſtapelt fand.“ „Was hat das zu bedeuten?“ „Das hat zu bedeuten, daß Du Reiſegeſellſchaft bekommſt,“ antwortete Dagmar, welche bereits in der Droſchke ſaß und unter ihrer Kaputze hervorſchaute. „Welche angenehme Ueberraſchung!“ rief David und nahm an ihrer Seite Platz.„Du biſt doch die aller....“ 4 „Launenhafteſte von allen Launenhaften,“ fiel ihm Dagmar ins Wort, reichte dem Inſpektor die Hand zum Abſchied, ver⸗ ſprach Grüße von ihm an des Majors auszurichten, und ſo rollte der Wagen davon. Frau Thorén ſtand am Fenſter im Wohnzimmer und ſchaute der forteilenden Droſchke nach. Sie murmelte für ſich hin: „Gut, daß er. ſie fortbrachte. Ich möchte wünſchen, er hätte auch das Gemälde mit ſich genommen. Seitdem ſie es in ihrem Zimmer aufgehängt hat, iſt Dagmar ſich nicht mehr gleich. Ich kann nicht begreifen, warum der Vater ihr einen ſolchen Unglücks⸗ engel verſchaffte. Fürchtete ich nicht, eine unrechte Handlung zu begehen, ſo könnte ich die ganze Herrlichkeit in Stücke ſchneiden; aber wir werden ja ſehen, ob ich nicht eines Tages das Blatt vom Munde nehme und vor dem Doktor die Wahrheit rede.“ Frau Thorén behielt jedoch nicht lange Zeit, ſich ihren Grübeleien zu überlaſſen; ſie mußte ihre Aufmerkſamkeit den häuslichen Geſchäften widmen. Der alte Olle, welcher am Gitterthor ſtand, als Dagmar abfuhr, hatte eine ſtrenge Ermahnung erhalten, für Hektor eifrige Sorge zu tragen, die Blumen in Dagmars Zimmer zu begießen und nach den Vögeln im Saal zu ſehen. Dieß alles waren Verpflichtungen, welche dem Alten beſtändig oblagen, aber jetzt erſchienen ſie um ſo wichtiger, da Dagmar abweſend war. 88 Olle wanderte auch geraden Wegs vom Gitterthore nach dem Zimmer des jungen Mädchens, wo ſich Hektor ganz nieder⸗ geſchlagenen Sinnes befand. Als er jedoch ſeinen Erzieher ge⸗ wahrte, wurde er wiederum munter. Olle hatte inzwiſchen Manches zu beſorgen, ehe er wieder abging und ſeinen Pflegbefohlenen mitnahm. Alle Blumen vor den Fenſtern ſollten beſorgt werden, und hernach mußte Olle Dagmars Zimmer unterſuchen und nachſehen, ob Alles in gehöriger Ordnung wäre. Er lüftete die Decke, die über der Staffelei hing, blätterte in den Noten auf dem Piano, guckte in die Bücher im Schranke, und warf endlich einen forſchenden Blick in Dagmars Schlaf⸗ zimmer. Seine Abſicht war nicht hineinzugehen. Olle wollte ſich bloß überzeugen, wie es ausſah, als ſeine junge Gebieterin abreiste, um darüber zu wachen, daß nichts in⸗ ihrer Abweſenheit wegkäme oder verrückt würde. Er bemerkte indeſſen, daß die Schublade im Arbeitstiſchchen noch offen ſtand und die Schlüſſel ſteckten. Dieſe Schlüſſel ge⸗ hörten zu allen geheimen Behältniſſen, die Dagmar hatte. Olle machte einige raſche Schritte, ſchloß die Schublade und nahm die Schlüſſel zu ſich, indem er einige Worte von allzu großem Ver⸗ trauen murmelte, und warf noch einen prüfenden Blick rings im Zimmer herum... Sein Auge fiel auf ein kleines Etui, welches auf dem Toi⸗ lettentiſche lag. Er öffnete es und betrachtete den Inhalt, klappte es wieder zu und ſteckte das kleine Ding in ſeine Taſche. „Nun habe ich doch endlich die Teufelei hier in meinen Händen,“ äußerte er laut.„Es wird wohl lang anſtehen, ehe ſie es wieder zu ſehen bekommt.“ Nach dieſer ſeiner eigenen Perſon gegebenen Verſicherung trotteten er und Hektor nach der kleinen hübſchen Gärtnerwohnung hinunter. XXIII. Dagmar blieb über Weihnachten und Neujahr in der Stadt. Frau Thorén und der junge Inſpektor waren auch über die Feiertage in erköping geweſen. Den Tag nach dem Heilig⸗ dreikönigsfeſt fuhren ſie heim; aber Dagmar ſollte noch über den bevorſtehenden Ball bleiben. Das junge Mädchen hatte alle möglichen Luſtbarkeiten mit⸗ gemacht; das Theater, wo eine beſſere Truppe vom Lande Vor⸗ ſtellungen gab, beſucht, einem Schauſpiel, das eine Liebhaberge⸗ ſellſchaft veranſtaltete, beigewohnt, und war durch Major Kroners in die vornehmſten Kreiſe der Stadt eingeführt worden. Bei dem Landeshauptmann und dem Biſchof waren ein paar glänzende Bälle geweſen, wo Dagmar umworben und gefeiert wurde und die Huldigungen als das ſchönſte und reichſte Mädchen der Gegend empfing. Dagmar hatte ſomit ſich von Herzensgrund vergnügt. Sie war heiter und freundlich gegen Jedermann, lebhaft ohne alle Gefallſucht und machte ſich bei Männern und Frauen beliebt. Man fand, daß der ſo viel beſprochene Oberſt Björnſtam eine ſehr liebenswürdige Tochter hatte. Die guten erköpinger konnten nicht begreifen, warum Oberſt Björnſtam ein ſo einge⸗ zogenes Leben führte, ſeitdem er nach Eriksdal übergeſiedelt war. Dem Vater hätte doch daran gelegen ſein ſollen, ſeine Tochter in die große Welt einzuführen. Und die„große Welt“ das war die Geſellſchaft von*rköping. Die Offiziere der Stadt thaten alles, um ſich Dagmar be⸗ merklich zu machen, und mehr als ein hoffnungsvoller Sohn des Mars hatte Plane zur Eroberung ihres Herzens fertig in ſeinem kriegeriſchen Haupte. Durch eine glückliche Ausführung derſelben wäre er mit einem Male in den Beſitz von Schönheit, Liebens⸗ würdigkeit und Reichthum gelangt. Die Artigkeiten der Herren unterhielten Dagmar zu nicht geringer Ueberraſchung für David. Er war es auch, welcher 90 trotz der Behauptung aller Andern, daß ſie ſich frei von jeder Koketterie hielte, das Gegentheil entdeckt zu haben glaubte. Dieß ärgerte David; aber er behielt ſeinen Verdruß für ſich und beklagte in ſeinem Herzen, daß Dagmar nicht beſſer als andere Frauen wäre. Er fuhr indeſſen fort, Dagmars Charakter zu ſtudiren, war aber nicht unparteiiſch genug, um den Namen eines gerechten Richters zu verdienen. Da ihre Heiterkeit und ihre ſcherzhafte Laune ihm mißfielen, ſo theilte er ihr Fehler zu, die ſie gewiß nicht hatte, und ärgerte ſich darüber, ohne nach der Urſache ſeines Mißvergnügens zu forſchen. . Endlich beſchloß er gar nicht mehr an ihren mangelhaften Charakter zu denken, ſondern nur als Arzt ſich damit zu be⸗ ſchäftigen, daß er die Urſache zu der Melancholie und Vorliebe zur Einſamkeit, welche Dagmar gehabt hatte, aber nun vergeſſen zu haben ſchien, herausbrächte. Der Balltag erſchien, aber ohne daß David nach Verfluß von dieſen ſechs Wochen und nach einem faſt täglichen Beiſammen⸗ ſein über Dagmar klüger geworden wäre, als er damals, da er von Eriksdal abfuhr, geweſen. Am Sonnabend nach dem Knutstage kehrte Dagmar nach Hauſe zurück. David begleitete ſie. Als der Wagen auf den Hof fuhr, kam Hektor Dagmar entgegengeſtürzt, und alle Leute im Hauſe zeigten große Freude, ſie wieder zu ſehen. Die froheſte von Allen war jedoch ſie ſelbſt. Sie eilte auf ihr Zimmer, blieb eine Weile vor dem Ge⸗ mälde ſtehen und rief: „Nun bin ich wieder bei dir, mein armer Liebling!“ XXIV. Man hatte Thee getrunken. Frau Thorén trippelte ein 94 wenig in die Küche umher, zu wachen, daß das Souper ſo aus⸗ fiele, um von ihrer Freude, Dagmar wieder daheim zu wiſſen, genügendes Zeugniß zu geben. Am Ofen in dem großen Arbeitszimmer ſaßen David und Dagmar, der erſtere ſo, daß er den Fiſcherknaben vor ſich hatte. Sie ſprachen von»köping. Dagmar durchging die Liſte ihrer neuen Bekanntſchaften, über welche ſie ihr Urtheil ausſprach. David war einſylbig. Seine Augen weilten auf dem Gemälde. Es ſah aus, als ob es ihn in ſchlechte Laune verſetzte. Gerade, als Dagmar nachweiſen wollte, wie ihr Kroners Mädchen geſielen, äußerte David: „Wenn ich das Gemälde anſehe, komme ich unwillkürlich auf den Gedanken an ein altes Theaterſtück, welches ich in meinen Jünglingsjahren geleſen habe.“ „Wie hieß es?“ „Das Portrait. Es handelte von einem armen Mann, welcher ſich in ein Portrait verliebt hatte.“ „Nun, in welchen Zuſammenhang willſt Du es mit meinem Fiſcherknaben ſetzen?“ fragte Dagmar. „Ich möchte ſagen, daß der Junge die Rolle des Porträts ſpielt, und Du ſolche des Verliebten.“ „Du vergiſſeſt, daß wenn ich verliebt bin, es wohl in das Original, und nicht in das Gemälde ſein dürfte. Ich ſah das Urbild lang ehe ich das Gemälde hatte.“ „Davon haſt Du mir nie etwas geſagt.“ „Es iſt mir doch, als ob ich es gethan hätte.“ „Möglich, ich kann mich jedoch deſſen nicht entſinnen. Wann und wo haſt Du das Original geſehen?“ „Zuerſt in Paris, hernach in Neapel, und zum letzten Mal in der Schweiz. Aber warum ſollten wir heute Abend davon reden. Der Gegenſtand gehört zu denen, welche nicht zur Freude ſtimmen.“ „Beantworte mir bloß eine Frage; ich flehe Dich darum an.“ Davids Stimme hatte etwas innig Bittendes. Dagmar ſah ihn an, ſchlug aber dann die Augen wiederum nieder. 92 Es entſtand eine Pauſe. Dagmar ergriff den Feuerhaken und ſchürte die Flamme; nach einer Weile ſagte ſie: „Ich will deine Frage beantworten, aber hernach verlaſſen wir das Thema.“ „War die Perſon, welche hier dargeſtellt iſt, vielleicht die Urſache zu der Antwort, welche Du Georg, als er um deine Hand anhielt, gegeben?“ David beugte ſich vor, um in ihren Augen leſen zu können. Es ſah aus, als ob Dagmars Antlitz zitterte, eine ſo heftige Be⸗ wegung hatten ſeine Worte verurſacht. „Ja!“ lautete die Antwort, welche flüſternd gegeben wurde, ohne daß ſie David anſah. Wie ſtand es mit dem jungen Arzte? Das kleine Wörtchen Ja hatte ſicherlich Eindruck auf ihn gemacht. Er lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück und legte die Hand über die Stirne. „Komm und ſinge!“ bat Dagmar und ſetzte ſich an das Piano. „Unmöglich, ich kann nicht.“ Im Augenblick war Dagmar an ſeiner Seite. „Du mußt; nun bin ich es, welche bittet!“ Sie ſah ihn an und lächelte, aber erſchrak, als ſie die Bläſſe von ſeinem Antlitz gewahrte. „Biſt Du krank?“ „Nein,— und da Du es wünſcheſt, ſo will ich ſingen.“ Er trat zu dem Inſtrument. David ſang beinahe den ganzen Abend, und Dagmar akkom⸗ pagnirte. Er ſchien auf einmal ausſchließlich von der Muſik in An⸗ ſpruch genommen. Bald nach dem Souper ſagte er Dagmar gute Nacht und begab ſich auf ſein Zimmer. XXV. David fiel es ſchwer, ſeine Gedanken von dem Fiſcherknaben abzulenken. 93 Dieſer verfolgte ihn die ganze Nacht, und dieſe Beharrlichkeit war nichts weniger als angenehm. Am Sonntagmorgen, während David ſich ankleidete, trat Olle in ſein Zimmer. „Mit Verlaub, Herr Doktor, ich habe etwas auf dem Her⸗ zen; aber es muß ganz unter uns bleiben.“ David verſicherte lächelnd, was Olle ihm anvertrauen würde, ſollte ein Geheimniß vor der übrigen Welt bleiben. „Wie der Herr Doktor weiß, ſo bin ich geboren und erzogen in Haraldshof, wo mein Vater vor mir Gärtner war. Ich habe unter den beiden Gutsbeſitzern, Wilhelm und dem Oberſt, ge⸗ dient. Ich ſah das Fräulein von dem Augenblick, da ſie im Garten herumzuſpringen begann, und ich kann beinahe ſagen, daß ich bei ihrer Erziehung gewiſſermaßen mitgewirkt habe. Sie und ihr Hektor ſind mir auch vor allem andern an's Herz ge⸗ wachſen. Sie iſt immer eine wilde Blume geweſen, mein kleines Fräulein, und es iſt klar, daß es nicht für Jedermann ſo leicht ſein wird, ſich auf ſie richtig zu verſtehen. Aber der alte Olle hat das gethan, immerdar, bis ſie hinaus in die fremden Länder ging; ſeitdem iſt ſie. ganz verwunderlich geworden. Es gibt be⸗ ſtimmt etwas, das ihr im Sinn liegt, und das ſie vor Niemand ausſprechen will. Es kommt zu gewiſſen Zeiten eine ſolche Un⸗ ruhe über ſie, daß ſie ganze Nächte nicht ſchläft. Dann wankt ſie herum und macht zuweilen lange, lange Spaziergänge. Aber es müßte zum Teufel ſein, wenn ich jetzt nicht herausgebracht hätte, was es iſt, das ſie ſo ſeltſam macht.“ „Und was ſollte das ſein?“ fragte David mit dem lebhaf⸗ teſten Intereſſe. „Ja, ſehen Sie das zuerſt an,“ antwortete der Alte und zog ein Etui heraus, welches er David reichte;„und dann, wie das Gemälde iſt, welches ſie bei ſich aufgehängt hat, ſeitdem die Herrſchaft verreist iſt.“ David öffnete das Etui und ſtutzte. Er hatte ein Porträt vor ſich, welches dem Fiſcherknaben glich; aber das Original zu dem letztern ſchien viel älter geweſen zu ſein; die Geſichtsfarbe war bleich und kränklich. Es war ein Mann, welcher ſchon 94 etliche dreißig Jahre zurückgelegt hatte. Er war in einen Mantel gekleidet, welcher Bruſt und Schultern bedeckte, und nur den Hals mit dem niederfallenden Hemdkragen frei ließ. Der Kopf, von einem Walde dunkler Locken umgeben, war mit einer kleinen Sammtmiütze bedeckt. In dem Antlitz des Fiſcherknaben lag ein Ausdruck ju⸗ gendlichen Uebermuths, jugendlicher Sorgloſigkeit und Lebensluſt; in dieſem hingegen ein Gepräge von Erſchöpfung, durch verhee⸗ rende Leidenſchaft hervorgebracht. David hatte ſich in die Betrachtung des Porträts ſo ver⸗ tieft, daß er Olle's Gegenwart ganz vergaß. 5 Der Alte hatte ſeine klugen und wachſamen Augen auf ihn geheftet. Nach einer Weile äußerte der letztere:„So lang wir noch in Haraldshof waren, pflegte das Fräulein mehrere Stunden hin⸗ ter einander zur Nachtzeit im großen Garten oder im Park her⸗ umzuwandern. Sie war dann bleich, rang die Hände, weinte und konnte, wenn ſie ſich müde gegangen hatte, dann Stunden lang da ſitzen und den Teufel da anſehen. Winters ging ſie meiſtens in die Gallerie; aber war die Unruhe allzu groß, dann blieb ſie nicht, ſondern trabte hinaus in Sturm und Schnee. Zuweilen am Tag, wenn ſie allein war, brachte ſie Stunde um Stunde damit zu, daß ſie ſich an dem Scheuſal hier das Ver⸗ derben holte. Als der Couſin dann die Stänkerei anſtellte und wir hieher zogen, wurde es beſſer. Sie hatte da andere Dinge zum Nachgrübeln erhalten, und die Unruhe kam nicht ſo oft über ſie; aber ſeitdem Herr Georg das letzte Mal hier war, iſt es ſchlimmer als je. Ich weiß Nächte, wo ſie bis vor Morgen gar nicht zur Ruhe ging. Sie war in Wald und Feld herum⸗ gewandert, hatte ſich auf die Brücke geſetzt, wenn der Mond auf⸗ gegangen, und das Ding da angeſtarrt, ganz wie wenn ſie ver⸗ hext wäre; aber am Tage zeigte ſie ein heiteres Angeſicht, und dann wußte Niemand, als der alte Olle, wie ſchlimm es ihr bei Nacht geweſen war.“— Olle ſchwieg. David ſah traurig aus. 9⁵ „Was hältſt Du, mein lieber Olle, von dem Allem?“ fragte er endlich und ſchloß das Etui. „Ich glaube zuvörderſt, daß das Fräulein irgend wie krank iſt, und dann ſo.... ſo.... hängt es mit dem da zuſam⸗ men, was ihr Kummer macht.“ „Haſt Du, während Du ſorgſam über ihr wachteſt, ſie nie⸗ mals während des Ausbruchs von Unruhe und Kummer zu ſtören geſucht?“ „Das ginge wohl an, daß ich das thun ſollte!“ „Aber wie biſt Du in den Beſitz von dem Porträt hier ge⸗ kommen?“ fragte David. Olle erzählte, wie das zugegangen und fügte bei: „Ich ließ einen Boten mit den Schlüſſeln nach der Stadt reiten; aber dieſes behielt ich und gab, als ſie mich fragen ließ, ob ich nicht ein kleines Medaillon geſehen, zur Antwort, wenn das der Fall geweſen wäre, würde es mit den Schlüſſeln gefolgt ſein. Nun glaubt ſie es verloren zu haben. Sie will ihren Kummer für ſich tragen, und will es nicht leiden, daß Jemand ſie weinen ſieht.“ „Haſt Du noch mit Niemand von dem geredet, was Du mir jetzt erzählſt?“ „Nein, nie. Ich bin ihr nur nachgegangen und habe über ſie gewacht. Es wäre auch gar nicht in der Ordnung, daß ich ihre Geheimniſſe verriethe.“ „Aber Du haſt es doch gethan.“ „Ah, das iſt etwas anderes. Der Herr Doktor iſt Doktor und muß dem Uebel abhelfen können, ohne daß ſie Kunde be⸗ kommt, daß Jemand davon weiß. Ueberdieß iſt es wohl von dem Herrn Oberſt und ſeiner Gemahlin ſo beſchloſſen, daß der Herr Doktor ihr helfen ſoll. Einen Waldner will der Oberſt zum Tochtermann haben, das iſt klar wie der Tag.“ „Du irrſt dich, Alter,“ fiel David ein. „Ich glaube nicht. Der alte Olle hat viel geſehen und ge⸗ hört, und er erinnert ſich noch der Zeit, da Moriz Björnſtam einen harten Kampf für ſeine Liebe zu des Herrn Doktors Frau Mutter kämpfte; es iſt wohl die alte Liebe, welche bewirkt, daß 96 ihre Kinder ihr lieb ſind; aber nun will ich gehen, ehe die Früh⸗ ſtücksglocke läutet.“ Olle ging nach der Thüre, aber blieb mit der Hand auf dem Schloſſe ſtehen und äußerte: „Herr Doktor, Sie ſind ſo geſchickt, die Leute zu kuriren; geben Sie ihr ein paar Tropfen, daß ſie ſchlafen kann. Sie können, Doktor, alle andern Uebel beſeitigen, und müſſen wohl im Stande ſein, ihr von ihrer Unruhe zu helfen, ſonſt wäre es mit Ihrer Kunſt nicht ſo weit her, wie man ſagt. Nun ſollen Sie mir verſprechen, Herr Doktor, zu thun, was in Ihren Kräf⸗ ten ſteht, ſo daß ich meine junge Gebieterin nicht verrathen habe, ohne ihr einen Nutzen zu bringen.“ David verſprach zu thun, was er vermöchte. Zufrieden mit dieſem Verſprechen, entfernte ſich der Alte. Peter öffnete kurz darauf die Thüre und meldete, das Fräu⸗ lein erwarte den Herrn Doktor beim Frühſtück. XXVI. Im Speiſeſaale war Dagmar. 3 mie kam blühend und mit heiterem Lächeln David entgegen und rief: „Siebenſchläfer! Glaubſt Du, es ſei ſchicklich, die Tante und mich auf den Kaffee warten zu laſſen? Dann biſt Du kein auf⸗ merkſamer Kavalier.“ „Aerzte ſind es nur ausnahmsweiſe,“ antwortete David, anf welchen nach dem, was er von Olle gehört hatte, ihre Mun⸗ terkeit einen peinlichen Eindruck machte. „Willſt Du vielleicht mir einbilden, Du ſeieſt auf einem Krankenbeſuch geweſen?“ fuhr Dagmar fort und ſchenkte den Kaffee ein. „Wenn auch nicht auf einem Beſuch, bin ich doch mit meinen Gedanken bei einem Kranken geweſen. Ich habe darüber nachgedacht, wie es mir gelingen möchte, einen meiner Patienten von ſeiner Schlafloſigkeit zu befreien.“ 97 3„Das muß ein ganz unbehaglicher Zuſtand ſein, nicht ſchlafen zu können,“ bemerkte Dagmar ganz ruhig.„Gibt es ein Heilmittel gegen ein ſolches Uebel?“ „O ja, Opium; aber im gegenwärtigen Fall kann es nicht angewendet werden.“ „Das iſt zu beklagen. Es iſt wohl recht peinlich, krank zu ſein? Ich habe keine Erfahrung davon; ich habe niemals ein körperliches Leiden gehabt, nicht einmal Zahnweh. Jahr aus Jahr ein daſſelbe unerſchütterliche Wohlbefinden. Es iſt gewiß nicht gut, eine ſolche Felſengeſundheit zu haben. Es macht ſich ein⸗ förmig und man ſetzt keinen Werth darauf, wenn man niemals das Gegentheil empfunden hat.“ „Es gehört zum Björnſtam'ſchen Geſchlecht, geſund zu ſein. Dein Vater, deine Großmutter, ja alle, die ich kannte, ſind in dieſer Hinſicht von der Natur begünſtigt worden.“ „Ich beſitze ſomit meine Geſundheit als väterliches Erbe.“ Dagmar lenkte damit das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand. Nach dem Frühſtück begaben ſie ſich auf Dagmars Arbeits⸗ zimmer. 3 „Ich möchte etwas von Dir entlehnen,“ ſagte David. „Was könnte das ſein?“ „Etwas, das Du ſehr werth hältſt.“ „Dergleichen Dinge leiht man nicht aus.“ „Nicht? Dann unterlaſſen wir es, davon zu reden.“ David ſetzte ſich an das Piano und ſchlug einige Alkorde an. Dagmar ſtand ſtill und ſah ihn an. „Ich glaube feſt, daß meine Verpflichtung gegen Dich nicht geringer Art iſt.“. „Ah, Du ſcherzeſt.“ David ſpielte einen prächtigen Marſch. „Wem habe ich dafür zu danken, daß....“ „Um Vergebung, willſt Du das nicht auf eine andere Ge⸗ legenheit verſchieben?“ unterbrach ſie David und ſpielte noch ſchneller. Schwartz, David Waldner. II. 7 98 „Nun ja, ich muß wohl deinen Wunſch mir zur Richt⸗ ſchnur nehmen.“ Dagmar ſtand jetzt hinter Davids Stuhl. Er ſpielte immer fort. „Was iſt es, das Du von mir entlehnen wollteſt?“ fragte ſie. Die Stimme war ſo mild. David hörte ſogleich zu ſpielen auf und drehte ſich zu ihr um. Er ſchloß ihre Hände in die ſeinigen und ſagte: „Du haſt es mir jetzt unmöglich gemacht, Dich darum zu bitten.“* Dagmar machte ihre eine Hand los, legte ſie auf ſeine Schulter und flüſterte flehend: „David, ſag es jetzt gleich!“ David, wie ſtand es jetzt mit der Kaltblütigkeit des Arztes? Wie mit deinem Verſtand, deiner ewigen Liebe zu Majken und allen deinen vernünftigen Vorſätzen, Dich nie mehr von einer Frau bezaubern zu laſſen? Was wurde aus dieſem allem? Nichts. Zwiſchen Dich und Dagmar ſtellte ſich nicht mehr Majkens Bild, um dein Herz zu hindern, daß es mit erhöhter Heftigkeit ſchlug. Nein, Du drückteſt Dagmars Hand an deine Lippen und ſtam⸗ melteſt in großer Erregung: „Dagmar, es war das Gemälde dort.“ Er deutete auf den Fiſcherknaben. „Alles außer dieſem.“ David ließ ihre Hand los. Er war wiederum der ruhige Arzt. „Haſt Du Luſt, das hier zu ſpielen?“ fragte David.„Es iſt aus der Weißen Frau, vierhändig geſetzt. Jahre ſind ver⸗ gangen, ſeitdem ich es geſpielt habe; aber ich hoffe dennoch damit fertig zu werden.“ „Du und Majken, ihr habt es oft in frühern Tagen ge⸗ ſpielt,“ ſagte Dagmar und ſetzte ſich neben ihn an das Piano. Sie ſprachen beinahe den ganzen Vormittag nichts, ſondern muſicirten unaufhörlich. um Nittagsmahl kamen Major Kroners, welche von dage mar eingeladen worden waren. Sie zeigte ſich als liebens⸗ würdige Wirthin, aufmerkſam und artig und unterhielt die Gäſte durch ihre muntern Scherze. durch. Sie ſuchte wohl nach dem, was ich ihr genommen habe, 99 Der junge Arzt nahm wenig oder vielmehr gar keinen An⸗ theil an dem Geſpräche. Am Nachmittag machte er ein Brett⸗ ſpiel mit dem Major nnd leiſtete den Damen nicht Geſellſchaft. Er folgte jedoch allen Bewegungen Dagmars. Als das Souper vorüber war, fuhren Major Kroners nach vrköping. David blieb und wollte erſt am Montagmorgen ſich nach Hauſe begeben. 1 Etwas kalt war das„Gute Nacht“, welches er Dagmar ſagte. Als er von ihr ging, waren ſeine Gefühle nichts weniger als freundlich. Er wäre beſtimmt von Eriksdal abgereist und lange nicht mehr zurückgekehrt, wenn er es nicht für ſeine Pflicht gehalten hätte, Dagmar ärztliche Aufmerkſamkeit zu widmen. Er begab ſich nach der Trennung von Dagmar in Olle's kleine Wohnung. Olle ſaß vor dem Feuer und ſchnitt Stäbe für ſeine Pflanzen. „Potz Tauſend, der Herr Doktor!“ rief Olle und warf einen Blick auf die Uhr. „Ja, ich komme in Folge des Vertrauens, welches Du mir ge⸗ ſoeuit haſt,“ bemerkte David und nahm dem Alten gegenüber Platz. „Verſteht ſich. In einer Stunde werde ich nachſehen, ob das Licht dort oben brennt. Iſt es finſter, dann ging ſie wohl aus, wie ich mir vorſtelle.“ „Iſt dein Fräulein vergangene Nacht draußen geweſen?“ „Nein, das Licht brannte bei ihr faſt die ganze Nacht hin⸗ glaube ich, oder ſaß ſie auch hin und ſchaute das häßliche Ge⸗ mälde an. Meine Meinung geht inzwiſchen dahin, wenn das Fräulein es nicht hätte, würde Alles viel beſſer werden.“ Darvid gab keine Antwort darauf. Er ſaß da und ſtarrte in das Feuer. David, welcher mit Leichtigkeit die richtige Behan ſeine Patienten zu finden pflegte, wenn die Krankheit t einem Seelenleiden beruhte, vermochte kein Heilmittel für 100 Uebel zu entdecken, welches nicht von phyſiſchen Leiden begleitet war. Ebenſo wenig war er im Beſitz ſeiner gewöhnlichen Kalt⸗ blütigkeit. Es lag ſo viel Dunkles und Unklares vor, ſowohl in ſeinen eigenen Empfindungen, wie in Dagmars Benehmen, daß er ſich auf einem völlig fremden Gebiet befand. Er hatte in⸗ zwiſchen feſt beſchloſſen, ſie von dem Ausbruch eines Kummers zu befreien, welchen ſie Niemand anvertrauen wollte. Er mußte unbedingt in einer aufgeregten Phantaſie liegen. Die ganze Kunſt beſtand ſomit darin, daß ſie verhindert wurde, unaufhör⸗ lich in der Welt der Einbildung zu weilen. War es eine unglückliche Liebe, welche ihr Frieden und Ruhe raubte, ſo mußte Alles, was ſie daran erinnerte, von ihr ent⸗ fernt werden, bis ſie entſagen lernte. David, welcher ſelbſt gelitten, gekämpft und geſiegt hatte, mußte wohl das Recht haben, ſie von dieſem zweckloſen Beweinen einer Glückſeligkeit, welche ihr nicht zu Theil werden konnte, ab⸗ zubringen. Die Zeit rückte vor, während David hierüber nachdachte. Endlich erhob ſich Olle, nahm Kappe und Pelz und ging hinaus. David zog Dagmars Etui hervor und betrachtete das Porträt. Das Feuer im Kamin warf ein wechſelndes Licht darauf. Bald ſchienen die Wangen zu glühen, und dann nahm das Antlitz einen rein weiblichen Ausdruck an; bald verdunkelten ſich die Züge wieder, dann wurden ſie männlich und zeigten ſich von Leidenſchaften verheert, von Körper⸗ und Seelenleiden verzehrt. Nach einer langen Pauſe kehrte Olle zurück. „Es iſt dunkel im Fenſter. Das Fräulein iſt alſo auf der Promenade und ganz ſicher auf dem Pfade längs des Fluſſes, welcher zu der Hütte des alten Mattes zur Seite des Waldwegs führt. Am beſten, der Herr Doktor geht allein. Der Mond hat ſich eben hinter Wolken verkrochen, ſo daß er ganz unbemerkt von ier abkommen kann, im Fall das gnädige Fräulein möglicher Weiſe in dem Gärtchen wäre.“ ganz gut ausgetreten. David wandte ſich nach dem bezeichneten Pfade. Er war 101 Leichte Schneeflocken tanzten von dem umwölkten Himmel nieder. David wanderte bis nach der Hütte hin, ohne daß er ein Geräuſch von Schritten vernahm oder die Spur von einem Men⸗ ſchen gewahr wurde. Bei dem Lichtſcheine, welchen von Zeit zu Zeit der hervortretende Mond verbreitete, hatte David indeſſen Fußſpuren in dem friſchgefallenen Schnee bemerkt. Es waren deutliche Kennzeichen eines kleinen Frauenfußes. Bei dem kleinen Gehäge des Köthners angelangt, blieb David ſtehen und ſuchte die Richtung ausfindig zu machen, welche ſie verfolgten; aber in demſelben Augenblick rief eine Frauenſtimme von einem Gebüſche aus:— „Wer da?“ David hütete ſich zu antworten. Er drückte die Mütze über die Stirne, zog ſeinen Rockkragen hinauf und blieb im Schatten der Hütte ſtehen. „Biſt Du es, Mattes?“ fragte die Stimme und eine Frau trat hervor. Noch immer keine Antwort. Dagmar warf einen furchtſamen Blick auf die dunkle Ge⸗ ſtalt neben der Hüttenthüre und ging ganz nahe an ihr vorüber. Der Mond war in Wolken verborgen, und der unbewegliche David ſchien keinen ſehr angenehmen Eindruck hervorzubringen. Sie beſchleunigte ihre Schritte. Als ſie ein Stück Vorſprung hatte, folgte David mit ſchwerem Schritt, ſo daß Dagmar wohl hören konnte, es komme Jemand hinter ihr her. Von Zeit zu Zeit warf ſie einen Blick rückwärts und ſah ſich dann fortwährend verfolgt. Dagmar ging nicht, ſondern ſprang. Aber in demſelben Maße, als ſie ihre Bewegung beſchleunigte, förderte auch David ſeine Schritte. Dagmar fürchtete ſich zum erſten Mal. Von Kindheit an gewöhnt, in Wald und Feld vom frühen Morgen bis ſpät am Abend, ja mitten in der Nacht herumzu⸗ ſtreifen, hatte ſie niemals unangenehme Folgen davon gehabt oder irgend eine Störung erfahren. 3 10² Dagmar war kaum auf halbem Wege nach Hauſe angelangt, als der Laut von rauhen Männerſtimmen ihr Ohr traf. Sie kamen von der Seite her, wo Eriksdal lag. Vorwärtsgehen wäre ſo viel geweſen, als ſich der Begegnung betrunkener, unordentlicher Burſche auszuſetzen; umwenden war ebenſo gewagt, da ſie dann auf denjenigen ſtoßen mußte, welcher ſie verfolgte. Erſchöpft von ſchnellem Laufen und von Schrecken murmelte ſie: „Gott helfe mir!“ de„Dagmar, es iſt nichts zu fürchten,“ antwortete ihr Ver⸗ olger. „David!“ rief Dagmar. Er ſtand jetzt an ihrer Seite. „Warum haſt Du auf meinen Ruf: Wer da? keine Ant⸗ wort gegeben?“ fragte Dagmar.„Jetzt haſt Du mich recht ordent⸗ lich in Schrecken gejagt.“ „Meine Antwort darauf ſollſt Du erhalten, wenn wir heim⸗ kommen. Jetzt nimm meinen Arm.“ XXVII. Die lauten Stimmen kamen immer näher, und bald ge⸗ wahrte man einen Haufen von Burſchen, welche auf ſie zukamen. Sie ſangen, ſchrieen und machten großen Lärm. Dagmar faßte Davids Arm und flüſterte: „Es iſt am beſten, wir ziehen uns hinter das Gebüſch zu⸗ rück, bis ſie vorüber ſind.“ „Dieſe Vorſicht dürfte zu ſpät kommen. Sie haben uns ſchon bemerkt. Wir gehen weiter, an meiner Seite haſt Du nichts zu fürchten.“ Der Mond hatte nun ſein Angeſicht hinter der Wolkendecke den waren mit Ranzen und Knütteln ausgerüſtet, und ihr Aus⸗ ſehen war nichts weniger als einladend... „ Aha, was iſt das für eine Dirne, die um dieſe Zeit noch wieder vorgeſchoben und beleuchtete jeden Gegenſtand. Die Nahen⸗ da draußen iſt?“ brüllte einer von ihnen.„Und ſie hat einen 103 Kerl bei ſich. Nun, wir können ſie wohl von einander ſcheiden. Höre, Kamerad, hieher mit dem Mädel; ſie paßt beſſer zu unſers Gleichen. Nun, Du verſtehſt doch ſchwediſch, oder ſollen wir es Dich lehren?“ Die Burſchen ſtellten ſich dagmar und David in den Weg. „Macht Platz, gute Freunde,“ ſagte David ruhig. „Gut Freund mit Dir, du Tellerlecker; Du kannſt ſelbſt Platz machen,“ ſchrie einer der Lümmel. „Laß die Dirne los; ſie ſoll uns begleiten,“ rief ein anderer. „Nun, du Hundefott, haſt Du nicht zu gehorchen gelernt?“ ſchrieen die übrigen. Einer derſelben ſtreckte die Hand aus, um Dagmars Arm zu faſſen. „Nimm Dich in Acht,“ rief David und gab ihm mit ſeinem Stock einen Schlag über die Hand. „Ah ſo, Du willſt dich mauſig machen; Du glaubſt mit ehrlichen Arbeitern Streit anfangen zu dürfen; aber dafür ſollſt Du bezahlen. Wir Leute wollen Dich Mores lehren, wir.“ Vier Knüttel wurden gegen Davids Kopf erhoben. Seine Lage war nicht ſehr beneidenswerth. „Hieher Olle,“ rief David und ſchlug den nächſten Knüttel mit ſeinem Stock zurück. „Du rufſt um Hülfe, du Wicht,“ brüllte der Betrunkenſte von ihnen und ging David auf den Leib, wurde aber von einem der Kameraden zurückgehalten. „Nicht allzu hitzig, Petterſon, da kommt Jemand, und wir könnten mit dem Polizei⸗Inſpektor zu thun bekommen.“ Die Knüttel ſenkten ſich, und deren Eigenthümer zogen ſich auf die Seite, mit Ausnahme des Mannes, welcher Petterſon genannt wurde. Er ſchien nicht geneigt, den Auftritt zu einem ſo fried⸗ lichen Schluß gelangen zu laſſen. Der Friedensvermittler nahm ihn deßhalb unter den Arm, in der Abſicht, ihn mit ſich fortzu⸗ ziehen. Aber da ſie an Dagmar und David vorbeigingen, paßte Petterſon die Gelegenheit ab und verſetzte dem jungen Arzt einen mörderiſchen Streich auf den Kopf, ehe David denſelben pariren konnte. David wankte und fiel der Länge nach in den Schnee. Nun folgte der Frevler ſeinen Kameraden ohne Widerſtand. 104 Che Olle zur Stelle kam, waren die Ruheſtörer auf und davon, und Dagmar lag auf den Knieen neben David, um ihn zum Bewußtſein zurückzurufen. Mit Olle's Hülfe gelang dieß auch, und nach einer Weile vermochte David, auf des alten Gärtners Arm geſtützt, heimzu⸗ wandern, obwohl dieß mit großer Schwierigkeit geſchah. Er hatte ſich im Fallen den Fuß verrenkt. David war noch von dem Schlage auf den Kopf ganz ſchwindlig, blieb aber doch bei voller Beſinnung, und wollte nicht, daß Jemand von den Domeſtiken beigezogen würde, ſondern Olle ſollte in aller Stille ihn nach ſeinem Zimmer geleiten. Dort angekommen, bat er Dagmar, ihn Olle's Pflege zu überlaſſen. Er ſelbſt verſchrieb ſich, was er unter den Umſtän⸗ den für nöthig fand. In der Nacht verlor David wieder das Bewußtſein, und konnte ſomit nicht bemerken, daß es Dagmar war, welche ihm die kalten Umſchläge machte. Am Montag Morgen kehrte die Beſinnung wieder zurück, und nach Verfluß einiger weitern Tage war er von den Folgen des Schlags wieder vollkommen herge⸗ ſtellt; aber der verrenkte Fuß hielt ihn noch in Eriksdal zuruͤck. Er mußte ſich ſtill halten, und Dagmar leiſtete ihm Ge⸗ ſellſchaft. Wenn es etwas Behagliches ſein konnte, unthätig mit einem unbrauchbaren Fuß auf einem Sopha zu liegen, ſo mußte es wohl in einem Fall ſein, wo man gleich David eine einnehmende Frau neben ſich hatte, welche alle ihre Kräfte aufbot, um dem Patienten die einförmige Stille, zu welcher er verurtheilt war, in Vergeſſenheit zu bringen. Es iſt indeſſen ein Unglück dabei, wenn man eine allzu liebenswürdige Pflegerin hat, und die Worte des Dichters treffen hier zu: —— bald ſind vorbei der Wunde Schmerzen, Nur eine Narbe bleibt zurück, Die Bruſt von außen heilt mit Glück, Doch ach! wie geht es mit dem armen Herzen! — Zwei Wochen ſtündlichen Beiſammenſeins vermögen viel. 10⁵ Man lernt da einander näher kennen, als ſonſt in einem Jahre, und manche liebenswürdigen Eigenſchaften, welche vorher verborgen waren, kommen jetzt an den Tag. 3 Endlich war Davids Fuß geheilt, und er konnte in die Stadt zurückkehren; aber wie es mit ſeinem Herzen ſtand, dar⸗ über vermögen wir keine Aufklärung zu geben. XXVIII. Es war am zweiten Sonntag, nachdem David den nach⸗ drücklichen Schlag erhalten hatte. Am Montag ſollte er Eriksdal verlaſſen. David und Dagmar ſaßen im Arbeitszimmer. Dagmar hatte ſo eben davon geredet, wie ſehr ſie es ſchmerze, die Urſache von dem Unheil, das ihn betroffen hatte, geweſen zu ſein. Mit kaltem, ſteifem Ton hatte David ſie gebeten, nicht ſo zu ſprechen. Sowohl die Worte, als der Ton, womit ſie geäußert wur⸗ den, hatten Dagmax verletzt, und jetzt ſaßen beide ſchweigend da. David war erſichtlich von ſeinen Gedanken in Anſpruch ge⸗ nommen. Er gab nicht darauf Acht, daß Dagmars Antlitz von einer traurigen Stimmung zeugte. Dagmar ſtand endlich auf und trat an das Fenſter. Die Abenddämmerung begann ſich allmälig über der Erde zu lagern. Frau Thorén war in ihr Zimmer gegangen, um nach dem Mittagsmahl ein Schläfchen zu machen. Alles war ruhig und ſtill. Dagmar blieb lange ſtehen und ſchaute hinaus. David be⸗ harrte in ſeinem Schweigen. Dagmar konnte ſich nicht enthalten, das Stillſchweigen zu unterbrechen. Sie klingelte.„Herr Peter“ erhielt den Befehl, Licht anzu⸗ zünden. Als er ſich wieder entfernt hatte, erwachte David aus ſeinen Grübeleien, wandte ſich zu Dagmar und fragte: „Warum ſtehſt Du am Fenſter? Langweilſt Du dich?“ „Wenn es ſo wäre, bliebe ich nicht hier,“ antwortete ſie. 106 „O ja, es iſt ſo.“ „Wie kannſt Du das behaupten?“ „Ganz einfach darum, weil ich Dich kenne. Du magſt dich für verpflichtet erachten, aus Erkenntlichkeit deinen eigenen Wünſchen Gewalt anzuthun!“ Es lag etwas Ironiſches in dem Tone. „Aus Erkenntlichkeit bringe ich Dir nicht ein ſo unbedeuten⸗ des Opfer.“ „Sondern ein größeres?“ „Nicht einmal das. Man verſchwendet ſeine Gaben nicht an den, welcher ſie nicht zu würdigen verſteht.“ „Darin thut man Recht. Komm und ſetze Dich her, Dag⸗ mar, ich möchte gern mit Dir reden.“ „Es geht ebenſo gut, wenn ich hier ſtehen bleibe.“ David ſtand auf und trat zu ihr. „Biſt Du beleidigt, Dagmar?“ fragte er. „Ja.“ „Das freut mich; es iſt mir dann gelungen, in Zukunſt uns beide von deinen Dankesbezeugungen zu befreien. Ich würde dergleichen gern von der ganzen Welt empfangen, nur nicht von Dir.“ „Ich werde Dir den Verdruß erſparen, von mir etwas an⸗ nehmen zu müſſen,“ fiel Dagmar ein. „Das wäre ſchlimm. Ich hätte mir ſonſt darauf Rechnung gemacht, Du würdeſt mir doch eines und das andere kleinere Opfer bringen, um welches ich Dich zu bitten beabſichtigte.“ „Du widerſprichſt dir ſelbſt. Du haſt ja erklärt, Du wolleſt mir nicht das allergeringſte zugeben.“ „Verſtehe mich recht. Opfer, wie ſo vieles andere, haben ihren Werth einzig und allein aus dem Gefühl, wovon ſie aus⸗ gehen. Iſt es die Pflicht oder Dankbarkeit, welche ſie hervorruft, ſo erſcheinen ſie mir ohne allen Werth; aber iſt es Zuneigung oder Liebe, ſo bilden ſie Schätze, welche durch nichts aufgewogen werden.“ David ſchwieg. Dagmar blickte noch immer durch das Fenſter. 4 107 Nach einer kurzen Pauſe nahm David wieder das Wort: „Jetzt, Dagmar, ſtehe ich von allem ab, was ſeinen Ur⸗ ſprung in deiner vermeintlichen Erkenntlichkeit hat, hoffe aber da⸗ gegen, Du werdeſt aus Freundſchaft die Bitte erfüllen, welche ich an Dich richte.“ Auch jetzt ſchwieg Dagmar. David ſetzte mit Innigkeit hinzu: „Ich rechne alſo darauf, daß Du etwas auf mich hältſt.“ Dagmar ſah ihn an und lächelte. „Nun, welche Opfer ſoll meine Freundſchaft Dir bringen?“ fragte ſie. „Einige von deinen übeln Gewohnheiten.“ „Deine Anſprüche nehmen einen ernſten Charakter an,“ rief Dagmar und zog ſich von ihm zurück. 1 David ſtand auf und folgte ihr nach. „Ja, es handelt ſich auch um völligen Ernſt.“ Das junge Mädchen ſchaute ihn lächelnd an, aber er ſah deſſen ungeachtet ſehr feierlich aus. „Wie dem nun ſei,“ bemerkte Dagmar,„hoffe ich, ſie wer⸗ den nicht allzu ſchwer ſein, als daß ich mich ihnen unterwerfen könnte; im entgegengeſetzten Fall erhältſt Du eine abſchlägige Antwort.— Alſo, was willſt Du, daß ich thun ſoll?“ David faßte ihre beiden Hände und ſagte mit Nachdruck: „Du mußt von deinen nächtlichen Wanderungen abſtehen.“ „Nichts weiter? Die habe ich bereits aufgegeben.“ „Du mußt auch verſprechen, nicht bei Nacht dir den Schlaf zu verſagen, nicht unaufhörlich über Dingen zu brüten, welche deinen Seelenfrieden ſtören, nicht an Abenden, wenn Du allein biſt, vor dem Gemälde träumen.“ Dagmar hatte die Augen geſenkt. Sie ſchwieg. 5.„Wie, Dagmar, weigerſt Du dich, mir dieſes Verſprechen zu geben?“ Seine Hände umſchloſſen die ihrigen noch feſter. „Ich weigere mich nicht; aber ich kann nur ein bedingtes Verſprechen geben, nämlich ſo weit es in meinem Vermögen ſteht, zu thun, was Du begehrſt. Zur Nachtzeit meine Wohnung nicht 108 zu verlaſſen, dazu will ich mich verpflichten; aber zu ſchlafen, wenn der Schlaf mich flieht, nicht zu denken, wenn meine traurigen Ge⸗ danken mich überwältigen, das überſteigt die Kraft meines Willens.“ „Das will ich beſtreiten,“ fiel David ein.„Gib mir nur dein Verſprechen, und es wird Dir hernach ein Leichtes, Dich eines Bruchs von demſelben zu enthalten. Ich kenne Dich, Du wirſt deinem Wort nicht untreu werden.“ „Eben darum kann ich es nur in einem Fall geben, der in meinen Kräften ſteht.“ Dagmar ſchaute zu ihm empor. „Deine Kräfte ſind groß, wenn Du dieſelben anwenden willſt.“ Frau Thorén trat ein und unterbrach deren Geſpräch. David und Dagmar blieben nicht weiter allein, und am fol⸗ genden Morgen reiste unſer Doktor ab. XXIX. Olle rapportirte von Zeit zu Zeit über bedeutende Beſſerung. Das Licht brannte nicht mehr ganze Nächte in des Fräuleins Zimmer u. a. m. Auch Frau Thorén, welche in einem Geſpräch unter vier Augen David ihre Unruhe über Dagmars Vorliebe zu dem ab⸗ ſcheulichen Gemälde anvertraut hatte, erzählte, ſie treffe Dagmar nicht mehr träumend vor demſelben. Die junge Dame war über⸗ haupt ruhiger und gleichmäßiger in ihrer Gemüthsſtimmung. Sie las, ſchrieb, muſicirte und arbeitete, wenn ſie allein war. Dag⸗ mar beſuchte die Nachbarn, empfing Gäſte und war froh und munter. Allerdings konnte ſie manchmal ein trauriges Ausſehen haben; aber dieß kam ſelten vor und glich einer vorübergehen⸗ den Wolke, welche mit der Geiſtesabweſenheit, die früher ſo ge⸗ wöhnlich war, nichts gemein hatte. David war zufrieden und vergnügt. Je öfter er wieder⸗ kehrte, deſto inniger wurde ſeine Anhänglichkeit an Dagmar. Sie war ihm lieb wie die Freude nach dem Leid, wie der 109 Friede nach dem Streit. Er hing an ihr, nicht mit der Abgötterei, welche er Majken gewidmet hatte, ſondern mit der Freundſchaft des Mannes für die Frau, deren Schutz und Stütze zu ſein er ſich bewußt iſt. Sie war nicht wie Majken das Ideal, zu welchem er mit ſchwärmeriſcher Verehrung aufſchaute, ſondern ein Abbild all des Guten und Edeln, was ſich in ihm ſelbſt fand. Mit jedem Tag nahm Davids Freundſchaft einen wärmeren Charakter an. Sie wurde ihm etwas mehr als was ſie geweſen, und er fühlte ſich nicht immer ſo zufrieden mit ſeiner Freundes⸗ rolle, welche er ſich auflegen zu müſſen glaubte. Es war jetzt nicht wie damals, da er als Jüngling für Majken ſchwärmte, daß er zufrieden war, nux in ihrer Nähe leben, ſie ſehen und mit ihr ſprechen zu dürfen. Nein, David fühlte gewiſſermaßen ein unwiderſtehliches Bedürfniß, Alles für Dagmar zu ſein und in ihr alle ſeine Freude zu finden. Er hatte keine Ruhe, wenn er von ihr getrennt war; aber er empfand ſie ebenſo wenig an ihrer Seite. Ein dunkles Gefühl der Unzufrieden⸗ heit mit deren gegenwärtiger Stellung ſchlich ſich dann in ſeine Seele ein. War er in sköping, ſo ſehnte er ſich nach Eriksdal; dort angekommen, wollte er oft ſich wieder von da entfernen. Trat er in Dagmars Zimmer und ſeine Augen fielen auf das Gemälde, ſo war auf einmal ſeine gute Laune dahin und eine peinliche Reizbarkeit überfiel ihn; und dieß zuweilen bis zu dem Grad, daß er nicht, wie er wünſchte, dieſelbe beherrſchen konnte. Und gleichwohl hatte David eine ſehr große Gewalt über ſeine Empfindungen und wurde von den meiſten Leuten für ruhig gehalten. Er war es auch im Allgemeinen, nur nicht gegen Dagmar. Sie wurde zuweilen ein Gegenſtand für die Aeußerung ſeiner Ungeduld und dieß, obwohl er getreulich im Gedächtniß zu halten ſuchte, daß er⸗ Arzt war. Er beſaß großen Einfluß auf Dagmar. Sie richtete, ſich in allem nach ihm. Auch dieß erweckte mitunter ſeinen Verdruß. Ddieſe Nachgiebigkeit war ja) eine Folge davon, daß ſie in einer Verpflichtung bei ihm zu ſtehen glaubte. Sie wollte auf 4 110 dieſe Weiſe ihre Dankbarkeit an den Tag legen. Das war es, was David kränkte. Durch ſolche Vorausſetzungen unterhielt er in ſeinem Innern ein beſtändiges Mißvergnügen, und ſein Benehmen bekam etwas Kaltes, gerade während ſeine Anhänglichkeit an Dagmar ſich mehr und mehr entwickelte.. XXX. Der Mai war mit Wärme und einer lächelnden Sonne ge⸗ kommen, welche Leben und Wachsthum hervorlockte. Die Kronen der Bäume ſtanden nicht länger kahl, und die Anemonen waren aus ihrem Winterſchlaf erwacht. Tauſend geflügelte Sänger jubelten dem Frühling im Norden entgegen. Es war ein Samstag Abend. Die Kirchenglocken verkündeten aus der Ferne, daß ein Feſttag bevorſtand. 3 Auf der Veranda ſtand Dagmar und ruhte mit der einen Hand auf dem Geländer; die andere hielt einen erbrochenen Brief, welchen ſie ſo zu eben zu Ende geleſen hatte. Der Friede des Abends war für ſie vergeſſen. Sie ſtand in Gedanken verſunken. Die Töne der Kirchenglocken verhallten in der Luft, nur das 3 Gezwitſcher der Vögel unterbrach noch die Stille der Gegend. V Plötzlich fuhr ſie zurück und ſchaute zur Seite. Auf der Schwelle, welche den Saal und die Veranda trennte, ſtand David. 1 Ein einziger Blick genügte, um zu bemerken, daß Dagmars Gedanken nicht heiterer Art waren. „Guten Abend, Dagmar,“ ſagte er.„Ein herrlicher Abend! Haſt Du nicht Luſt, einen Spaziergang zu machen?“ „Nein, Du magſt nach der Fahrt hieher der Ruhe bedürfen, und ich habe Dir eines und das andere mitzutheilen.“ „Du haſt Nachrichten von dem Oheim?“ David deutete auf den Brief, welchen ſie in der Hand hatte. „Ja, ich habe einen Brief ſowohl von Papa als von Majken.“ 111 „Was ſchreiben ſie; wann kommen ſie heim?“ „Erſt am Schluß des Sommers,“ erwiederte Dagmar bitter lächelnd.„Sie haben keine Eile, ihre Tochter wiederzuſehen.“ „In ihren frühern Briefen hieß es ja, ſie werden unver⸗ züglich zurückkehren.“. „Ja, aber nun finden ſie es angenehmer, eine Tour nach Italien zu machen.— Lies ſelbſt!“ Dagmar reichte David die Briefe, ſtieg dann die Treppe hinab und ging in den Garten. David ſah ihr nach. Es lag viel in dem Blick; aber wir wollen nicht verſuchen ihn zu verdolmetſchen. Als Dagmar unter den Bäumen verſchwunden war, las David die Briefe von Majken und vom Oberſt. Er las ſie mit Aufmerkſamkeit, nicht ſo wie Dagmar gethan hatte. Dann würde er wie ſie über den ſcheinbar gleichgültigen Ton in dem Briefe des Oberſts und die beinahe ſcherzhafte Stimmung in Majkens Schreiben ſich verwundert haben. David las nicht bloß, was in Worten gekleidet daſtand, zwiſchen den Zeilen fand er manchen Gedanken, welchen Dagmar überſehen hatte. Der junge Arzt kannte den Oberſt und Majken allzu wohl, als daß er ſich durch den Ton in deren Briefen irre leiten ließ. Er ſah ſogleich, daß es eine andere Urſache zu deren verlänger⸗ tem Aufenthalt im Auslande gab, als den, welchen ſie ſelbſt vor⸗ ſchützten. Des Oberſts Brief war kurz. David kam es vor, als er ihn zum zweiten Mal durchlief, als ob eine gewiſſe Eilfertigkeit darin herrſchte. Er erinnerte ſich nun, daß der Oberſt in keinem ſeiner Briefe des Erbes von dem Marquis d'Aveyron erwähnt, ſondern im Vorbeigehen geſagt hatte, er würde darüber Rechenſchaft geben, wenn er nach Hauſe käme. Mochte David nicht das Rechte treffen, wenn er annahm, der Aufſchub ſeiner Heimkehr ſtehe hiemit in einigem Zuſammenhang? In dieſer Annahme wurde er um ſo mehr beſtärkt, als ſich in Majkens Brief ein eifriges Beſtreben zu ſcherzen kund gab, als ob ſie dadurch der Möglich⸗ keit vorbeugen wollte, daß Dagmar die wahre Urſache für deren 112 verlängerte Reiſe herausfände. Es war ohne Zweifel etwas, das ſie beunruhigen konnte, und das wollten ſie verhindern. David erkannte hierin wieder beide. 5 Er legte die Briefe zuſammen und ging Dagmar aufzu⸗ ſuchen. Sie ſaß auf einer Moosbank unten am Strand. Das Antlitz trug Spuren von Thränen. „Wie, Dagmar, ich glaube, Du weinſt?“ rief David. „Ja, es thut mir wehe, daß Papa und Majken ihren Aufenthalt im Auslande verlängern. Es ſind ſchon ſieben Monate, daß ſie abgingen, und dazu jetzt noch weitere drei. Ich hatte mich ſo innig gefreut, ſie heim zu bekommen.“ „Aber es kann ja irgend einen gültigen Grund geben, welchen ſie nicht ausſprechen wollen. Uebrigens kennſt Du deines Vaters Vorliebe für Reiſen. Er iſt allzu viele Jahre daheim geblieben, als daß er nach ſeinem langen Aufenthalt in Frankreich von einem Ausflug nach Italien abſtehen könnte.“ Dagmars Stirne erheiterte ſich. „Weißt Du, David, Du haſt große Aehnlichkeit mit einem Engel des Troſtes; Du findeſt allzeit irgend ein Mittel, wodurch Du Mißtrauen und Zweifel verjagſt. Du biſt allzu gut.“ Davids Herz hatte bei Dagmars erſtem Satze ſchneller ge⸗ ſchlagen; aber ſtand beinahe ſtill bei dem letzten. „Beſte Dagmar, die Vergleichung mit einem Engel des Troſtes iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft für einen Mann; und was die Güte betrifft, ſo thuſt Du am beſten, nicht viel Worte davon zu machen.“ „Nun, für heute will ich davon abſtehen,“ rief Dagmar. „Statt deſſen will ich Dir anvertrauen, daß ich nach Durchleſung der Briefe ganz betrübt war. Ich fühlte mich eiferſüchtig und dachte: ſie ſind einander genug, ich bin für ſie— nichts.“ „In dieſem Fall wären ſie ja vollkommen glücklich.“ „Aber glücklich ohne mich!“ Die Thränen ſtanden ihr in den Augen. „Und das ſollte Dich betrüben?“ „Ich liebe ſie allzu innig, als daß ich nicht wünſchen ſollte, 113 für ſie etwas zu ſein. Ich bin ja trotz aller zeitlicher Vortheile doch recht arm, wenn es ſich um Zuneigung handelt. Ich habe nur Papa und Majken zu lieben, für ſie zu leben und mich aufzuopfern; wenn ſie meiner nicht bedürfen, was wäre dann mein Beruf auf Erden?“ „Du haſt es ſelbſt ſo haben gewollt,“ fiel David kalt ein. „Ich?!“ rief Dagmar.„O, du kurzſichtiger David, der Du nicht verſtehſt, daß ich mehr als Jemand anders es bedarf, geliebt zu werden, zu lieben; aber es fiel mir nicht zum Looſe und darum.... reden wir nicht mehr davon. Deine Worte erinnerten mich, wie unrecht es war, meinen Vater eines Mangels an Liebe anzuklagen. Er, welcher ſo viel für mich aufgeopfert hat, muß wohl das Recht haben, einmal ein wenig von des Lebens Freude für ſein eigen Theil zu genießen.— Willſt Du, ſo machen wir jetzt eine Promenade.“ „Ich habe die Luſt dazu verloren; aber wenn Du es wünſcheſt, ſo bin ich bereit, Dich zu begleiten.“ „Iſt nicht nöthig; ich bleibe ebenſo gern, wo wir jetzt ſind.“ „Ich beabſichtigte Dir vorzuſchlagen, in dein Zimmer hinauf⸗ zugehen.“ 5 David zeichnete mit dem Stock in den Sand. 2 Auch darauf gehe ich ein, obwohl ich nicht einſehe, was wir an dieſem entzückenden Abend innerhalb der vier Wände thun ſollen.“ „Leſen oder Muſik machen.“ „Nun wohl, ich ſtimme für das letztere.— Komm!“ „Einen Augenblick,“ bat David.„Du ziehſt es beſtimmt vor, unter freiem Himmel zu bleiben. Du haſt ja keine Freude daran, drinnen zu ſitzen.“. „Ich liebe vor allem das hohe Himmelsgewölbe, der Wälder auſchen und der Blumen Duft; aber es macht mir ein Ver⸗ gnügen, einen Wunſch von Dir zu erfüllen, auch wenn ich da⸗ durch genöthigt würde, innerhalb der vier Wände zu weilen.“ „Und warum macht es Dir ein Vergnügen?“ Dagmar gab keine Antwort. Schwartz, David Waldner. II. 8 ——— 114 David wandte ſich mit unzufriedener Miene ab. „Soll ich Dir es ſagen?“ fragte er. „O ja, laß hören.“ „Seitdem der betrunkene Kerl mir einen Schlag gegeben, ſiehſt Du es für eine Pflicht an, mir die größte Artigkeit zu er⸗ weiſen, theils dadurch, daß Du mir zu verſchaffen ſuchſt, was ich gerne haben möchte, wenn ich hieher komme, theils dadurch, daß Du allen meinen Einfällen Dich fügſt. Dieß quält mich. Ich ſähe es dann lieber, wenn Du auf keinen einzigen meiner Wünſche Rückſicht nähmeſt, ſondern ſie mit Gleichgültigkeit be⸗ handelteſt.“ David ſprach mit abgewandtem Angeſicht. Als er ſchwieg, war Dagmar ganz bleich geworden. Sie erhob ſich, um zu gehen; aber dieſe Bewegung veranlaßte David, ſie anzublicken. „Wohin, Dagmar?“ rief er und hielt ſie zurück. Keine Antwort. David beugte ſich vor, um ihr ins Antlitz zu ſehen. Dag⸗ mar verbarg es in den Händen. „Du weinſt; was iſt es, das dieſe Thränen hervorruft?“ „Deine Worte.“ Sie verſuchte ſich von ihm loszureißen. „Haben ſie Dich verletzt? Wenn dem ſo iſt, ſo vergib ſie mir!“ 3 Dagmar ſetzte ſich, ohne zu antworten. „Dagmar,“ bat David,„wirf mir vor, ich ſei ein unge⸗ ſchickter Arzt, ein ſchlechter Freund, ein ſchwacher Charakter, aber weine nicht. Deine Thränen brennen mir auf dem Herzen. Ich verſtehe nicht, was ich ſchmerzen konnte.“ „Verſtehſt Du es wirklich nicht?“ entgegnete Dagmar, ihre Thränen trocknend;„dann will ich es Dir ſagen, dein Mangel an Zartgefühl. Hätte meine Freundſchaft einigen Werth für Dich, würdeſt Du mich nicht um Gleichgültigkeit gebeten, es würde Dich nicht gequält haben, wenn ich Dir deinen Aufenthalt hier angenehm machen wollte; Du würdeſt nicht dadurch beſchwert, daß ich auf deine Einfälle einzugehen ſuchte, würdeſt Dich nicht darüber ärgern, daß ich mich nach deinem Urtheil richtete. Du hätteſt dann auf 11⁵ dieſe kleinen Beweiſe von Anhänglichkeit einigen Werth gelegt und ich hätte fortwährend die Freude gehabt, ſie Dir zu widmen. Nun haſt Du mir zu verſtehen gegeben, daß ich nichts für Dich bin, daß jeder Schein davon, als wäreſt Du etwas für mich, Dir eine Plage iſt. Das, David, ſchmerzt mich. Ich war ſo froh, in Dir einen guten und treuen Freund zu ſehen, und nun.... nun weiß ich ja, daß Du es am liebſten ſiehſt, wenn ich Dich nicht ſo betrachte.“ „Du weißtes?“ fragte David ruhig und ſah ihr in die Augen. „David,“ ſtammelte Dagmar und lehnte ihren Kopf an ſeine Schulter. Jetzt war David völlig Herr über ſeine Gemüthsſtimmung. Er mißbilligte die Worte, welche er ſich hatte entfallen laſſen. Wir unſeres Theils nehmen inzwiſchen an, daß er ſie nicht zurückzunehmen gewollt hätte, wenn es auch in ſeinem Vermögen geſtanden wäre, weil ſie ihm die Gewißheit verſchafften, daß es Freundſchaft und nicht Erkenntlichkeit war, was Dagmars Hand⸗ lungen zu Grunde lag. In demſelben Augenblick, da David einſah, daß er einen Mißgriff begangen hatte, ſtand deutlich und beſtimmt vor ſeinen Augen, daß er nicht weiter ſeine Gefühle über die Vernunft herrſchen laſſen dürfte, und er gewann auch wieder eine gewiſſe äußere Ruhe. „Ich brauche mich nicht zu erklären,“ ſagte er;„Du haſt bereits eingeſehen, wie ſehr, was auch meine Lippen ausſprechen, dennoch eins gewiß iſt: daß ich dein Freund bin; aber gerade darum will ich nicht, daß Du aus andern Beweggründen als aus Freundſchaft auf mein Urtheil Rückſicht nimmſt. Ich fürchtete, Du wollteſt auf dieſe Weiſe die kleinen Dienſte bezahlen, welche ich, wie Du glaubſt, Dir geleiſtet habe.“ 8 „Dir bezahlen dadurch, daß ich mich ſelbſt beſſere und meinem Streben etwas beſſeres als eine blinde Nachgiebigkeit gegen meine eigenen Einfälle zum Ziele ſetze. Nein, David, das läßt ſich nicht wohl denken.“ „Ich werde nicht ſobald dieſe Stunde und dieſe deine Worte vergeſſen.“ 8 David war es ganz warm ums Herz geworden. 116 XXXI. Als die Abendluft kühl zu werden anfing, gingen Dagmar und David ins Haus. Sie ſahen froh und munter aus, als der alte Olle ihnen begegnete. Er blieb ſtehen und murmelte für ſich: „Es ſieht aus, als ob es Ernſt damit werden könnte.“ Der Alte lächelte und ſetzte hinzu:„Nun, dann wäre es fiſe rechte Freude, daß ich meine Hand dabei im Spiel gehabt habe.“ Dagmar und David traten in das Arbeitszimmer. Die unter⸗ gehende Sonne warf durch das Fenſter ihre letzten Strahlen auf das Gemälde über dem Piano. Der Farbenton deſſelben bekam dadurch ein ſo belebtes Ausſehen, daß man zu ſehen glaubte, wie des Blutes warme Wellen durch die Adern des Knaben ſich ergoſſen. Nie hatte derſelbe ſchöner als in dieſer Beleuchtung ſich gezeigt. Dagmar trat zuerſt ein. Die Schönheit des Gemäldes hemmte auf einen Augenblick ihre Schritte. Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus, wandte ſich von dem Gemälde ab und ſagte zu David: „Gib mir Papa's Brief; jetzt glaube ich die Veranlaſſung zu ſeiner Reiſe nach Italien zu errathen. Daß es nicht ſogleich geſchah! Wie war es möglich, das zu vergeſſen.... 2“ Dagmar durchlief den Brief. Sie ſeufzte hernach und ſagte mit einem wehmüthigen Lächeln: „Du biſt daran ſchuld, David, daß mir nicht einfiel, warum er ſich dorthin begibt; Du haſt mich meiner Freunde vergeſſen gemacht.“ „Wenn ich es wirklich vermöchte, da....“ Hier wurde David von Frau Thorén unterbrochen, welche zur Thüre hereinſchaute, um Dagmar davon zu unterrichten, daß die Fräulein Kroner zu Eriksdal angelangt wären. deit Der Doktor und Dagmar bekamen nun etwas anderes zu enken. 117 David war allzu artig, als daß er nicht bei Ankunft der⸗ ſelben in die Rolle des Weltmanns ſich ſchickte und den jungen Damen alle die Aufmerkſamkeit erwies, welche ſie von ihm fordern konnten. Es waren heitere, ſchöne und lebhafte Mädchen. Von den jungen Männern verzogen, machten ſie auch nicht geringe An⸗ ſprüche auf deren Artigkeit und erkannten es als eine unabweis⸗ liche Pflicht der Herren, in erſter Linie ſich mit ihnen zu be⸗ ſchäftigen. Alle drei hatten einen guten Kopf und gute Manieren und waren eine angemeſſene Geſellſchaft für Dagmar. Ohne Zweifel auf Grund davon gab David auch Dagmar den Rath, dieſelben einzuladen, über den Sommer in Eriksdal zu bleiben. Es wurde auch ganz lebhaft nach ihrer Ankunft. Ihr Bruder, der Inſpektor auf Eriksdal, brachte jeden Abend mit den Uebrigen unter Geplauder und Scherz zu. Man trennte ſich ſpät, und wenn die Damen auf ihre Zimmer ſich verfügt hatten, machten David und der junge Kroner noch einen kurzen Spazier⸗ gang im Garten, um zu rauchen. Als David ſich auf ſein Zimmer begab, warf er einen Blick nach Dagmars Fenſter hinauf. Es brannte dort Licht. Sie wachte ſomit. Er zündete eine friſche Cigarre an und blieb auf der Veranda, um wo möglich zu warten, bis das Licht erlöſchen würde; aber dieſes Warten dauerte für ihn allzu lang und er mußte ſich zur Nuhe begeben. — Hätte David an demſelben Abend ſich herbeigelaſſen, ſeine Freundſchaft für Dagmar näher zu unterſuchen, ſo fürchten wir, er wäre zu einem Schlußſatz gelangt, der ihn ſelbſt überräſcht hätte. Er enthielt ſich auch weislich aller Selbſtprüfung. David fand es mehr nach ſeinem Geſchmack, ſich mit Dagmar ſelbſt zu beſchäftigen und im Gedächtniß zu durchgehen, was ſie im Laufe ihrer Unterredung gegen ihn geäußert hatte. Obwohl David ſpät zur Ruhe ging, war er doch bei Zeiten auf. Das Erſte, was ihm unter die Augen kam, waren Briefe, die der Bote aus der Stadt mitgebracht hatte. 118 David ließ ſich auf der Veranda nieder, um ſie zu leſen, überzeugt, daß die andern alle noch ſchliefen. Das eine Schreiben kam von Georg, und dadurch wurde David unterrichtet, daß der Bruder eine Reiſe nach England zu unternehmen gedachte und dort längere Zeit zu verweilen beab⸗ ſichtigte. Georg reiste direkt von Haraldshof ab, ohne*rköping zu beſuchen, und bat David, einen herzlichen Gruß an Dagmar aus⸗ zurichten. Das andere Schreiben kam von Majken. Sie bat David Alles zu thun, um Dagmar mit ihrem verlängerten Aufenthalt im Ausland zu verſöhnen. Majken war unruhig über die Stieftochter und beſchwor David, ſie mit einigen Zeilen von Dagmars gegenwärtiger Ge⸗ müthsſtimmung in Kenntniß zu ſetzen. In einem Poſtſcript vom Oberſt ſprach ſich dieſelbe Unruhe aus; auch er wünſchte zu erfahren, wie es Dagmar zu Muth wäre. David war eben mit dem Leſen der Briefe fertig geworden, als er eine Stimme vom Garten aus ſingen hörte: „Ein kleiner Zank zuweilen u. ſ. w.“ „Dagmar bereits auf!“ rief David, ſteckte die Briefe in die Taſche und eilte ſie aufzuſuchen. Sie war damit beſchäftigt, einen großen Kranz von Wieſen⸗ blumen zu winden. „Was, Du biſt ſchon wach?“ begann David. „Wie Du ſiehſt; aber daß Du es biſt, wundert mich ſehr.“ „ Ich pflege im Allgemeinen nicht zu verſchlafen,“ erklärte David.„Aber Du ſollteſt wirklich es zuweilen thun, beſonders da Du Nachts wachſt,“ ſetzte er hinzu. Dagmar machte eine verneinende Bewegung mit dem Kopfe, und David nahm wieder das Wort: „Ich habe gerechten Grund, Dir zu zürnen.“ „Haſt Du Grund dazu,“ fiel Dagmar ein;„nun ſo erkläre mir die Veranlaſſung.“ 119 „Du haſt dein Verſprechen nicht gehalten. Deine Freund⸗ ſchaft iſt doch, ſtreng genommen, nicht ſo groß, daß ſie Dich be⸗ ſtimmen kann, eine deiner Gewohnheiten aufzuopfern.“ „David!“— Dagmar erhob drohend den Finger;—„Du biſt der launenhafteſte Menſch, den ich kenne; es iſt ungemein ſchwer Dir es zu Dank zu machen. Geſtern verbateſt Du dir meine Aufopferung; heute findeſt Du ſie zu klein.“ 3„Geſtern war es mir nicht ſo gewiß, daß Du etwas auf mich hielteſt; heute weiß ich es, und meine Anſprüche haben nun dieſelben Dimenſionen angenommen, wie meine Anhänglichkeit.“ „Da werden ſie nicht ſo groß ſein.“ Nicht?“ David bückte ſich, um einige Blumen außzuheben, welche Dagmar verloren hatte. Er reichte ihr dieſelben. Ihre Augen begegneten ſich und ſie lächelten bei dieſem„nicht“, was vielleicht am richtigſten mit„viel“ überſetzt werden ſollte. „Nun, darf ich nicht erfahren, worin mein Verbrechen be⸗ ſteht?“ nahm Dagmar wiederum das Wort. „Du haſt verſprochen, Nachts nicht zu wachen. Heute Nacht brannte jedoch Licht in deinem Arbeitszimmer. Was thateſt Du? Du vergaßeſt dein Verſprechen und den Beſehl des Arztes, daß Du ſchlafen ſollteſt.“ „Du fragſt, was ich gethan habe. Laß ſehen, ob Du es errathen kannſt.“ Dagmar maß, ob der Kranz rings um den Tiſch reiche, an welchem ſie ſaß. „Willſt Du, daß ich es thun ſoll?“ „Ich bitte darum.“ „Du betrachteteſt das Gemälde und träumteſt von dem Füſcher⸗ knaben. Du weinteſt und quälteſt Dich damit, daß Du deine Phantaſie aufregteſt.“ Dagmars Angeſicht wurde von einer leichten Wolke be⸗ ſchattet. „Dießmal begegnete dem Herrn Doktor ein kleiner Irrthum. ch ſchrieb.“ „War dieß ſo wiheddi daß es bei Nacht geſchehen mußte?“ 120 „Nein, wenn Du meinſt, daß es dringend war; wohl aber wenn Du mich kennſt und weißt, daß ich mir nicht zu ſchlafen befehlen kann, wenn der Schlaf mich fliehen will. Um mich aller düſtern Gedanken zu entſchlagen und mein Dir gegebenes Ver⸗ ſprechen zu halten, ſchrieb ich an Majken und Papa.“ „Warum ſchläfſt Du denn nicht?“ „Frage die Anemone hier, warum ſie nicht ein Veilchen iſt. Die Antwort wird ihr ebenſo unmöglich werden, als mir.“ „Nicht ſo ganz. Die Anemone iſt zu dem geboren, was ſie iſt, aber Du biſt nicht geboren zum Wachen. Schlafloſigkeit iſt ein Uebel, welches Du dir ſelbſt geſchaffen haſt.“ „Das bezweifle ich.“ Dagmar legte den Kranz von ſich, ſtützte die Wange auf die Hand, und ſetzte nach einer kurzen Pauſe hinzu: „Glaube mir, ich habe viel gegen dieſes Uebel gearbeitet.“ „Auf dieſelbe Weiſe wie ein Ertrinkender, wenn er, da man ihm ein Brett zuwarf, ſeine ganze Rettung in dieſer elenden Planke ſuchte und nicht verſtand, daß ſie nur ein Mittel zu der Rettung wäre. Die Folge war natürlich, daß er umkam.“ „Das Gleichniß paßt nicht auf mich.“ „So will ich deutlicher reden. Nun Du ſeit einigen Jahren von Schlafloſigkeit geplagt biſt, glaubſt Du, dieſelbe gehöre zu deiner Natur. Hätteſt Du der Urſache ſelbſt nachzuforſchen ge⸗ ſucht, ſo würdeſt Du zu einem andern Schlußſatz gelangt ſein.“ „Woher weißt Du das Alles?“ „Ich bin Arzt, und ein Arzt weiß Vieles. Geſtatte darum, daß ich fortfahre. Deine Schlafloſigkeit iſt nicht ein Uebel, welches von ſich ſelbſt gekommen, ſondern ganz und gar durch deine Ein⸗ bildungskraft hervorgerufen. Du haſt etwas, worüber Du nach⸗ grübelſt. Dieſes ſteht wieder im Zuſammenhang mit dem Ge⸗ mälde. Anſtatt nun Alles, was dein Grübeln erregen kann, zu entfernen, und deinen Geiſt an andere Gegenſtände zu feſſeln, gibſt Du dich allem hin, was demſelben Nahrung verſchafft. Du ſchwelgſt in deinem eigenen Schmerz. Du haſt dich eine Zeit lang enthalten, gleich einem ruheloſen Irrſinnigen ganze Nächte herumzuſchweifen; Du haſt auch auf dieſe Art deinem ſelbſtge⸗ G 121 ſchaffenen Kummer entgegengearbeitet; aber Du haſt gleichwohl alles beibehalten, was Dich daran erinnert. Hätteſt Du im Ernſt dich davon zu befreien geſucht, ſo würdeſt Du auch jeden Gegen⸗ ſtand entfernt haben, welcher Dich daran erinnerte, und dann wäre es nicht nöthig geweſen, das Schreiben Nachts anzuwenden, um den traurigen Phantaſiegebilden zu entfliehen.“ David ſchwieg. Dagmar blieb einige Minuten ſtill ſitzen, erhob aber darauf den Kopf und ſagte ganz munter: „Nein, jetzt iſt Zeit, den Kaffeetiſch zu beſtellen. Ich habe den Kranz hier gewunden, um ihn damit zu ſchmücken. Weißt Du, was heute für ein Tag iſt?“ „Es iſt der zwanzigſte Mai.“ „Und der Tag trägt den Namen Carolina, und ſo heißt Majken. Demnach muß Alles zur Feier ihres Namenstages recht feſtlich gerichtet ſein. Daß Du das vergeſſen konnteſt! Was be⸗ weist das? Nun ja, daß Du ein ungetreuer Ritter gegen Maj⸗ ken geworden biſt.“ Dagmar nahm den Kranz, legte ihn um den Arm, nickte ihm zu, und begab ſich nach der Veranda hinauf. „Du biſt ein ungetreuer Ritter gegen Majken geworden,“ wiederholte David, und ihm fiel dabei die Ruhe ein, womit er Majkens Brief geleſen; dieſen Brief, welcher in ſeiner Bruſttaſche ruhte, und woran er nicht ein einziges Mal gedacht hatte, ſeitdem er mit Dagmar zuſammengetroffen war. Im Laufe der nun vergangenen Monate hatte David bei⸗ nahe gänzlich Majken vergeſſen. Lag ſomit eine Wahrheit in Dagmars Worten, daß er ſeiner vieljährigen Liebe ungetreu ge⸗ worden? Vor einem Jahre hatte er Majken nach vieljähriger Tren⸗ nung wieder geſehen. Damals liebte er ſie ebenſo warm, wie zu der Zeit, da er mit ihr das Geſtändniß ihrer gegenſeitigen Ge⸗ fühle ausgetauſcht hatte, und jetzt, nach kaum zwölf Monaten war dieſe Liebe erkaltet. 4 Es war eine Wahrheit, welche David nicht länger ableugnen 12² konnte. Er war zugleich ſich deſſen vollko nmen bewußt, etwas das er bisher zu werden gefürchtet hatte. Unſer Doktor entging jedoch der Nothwendigkeit, vor ſich ſelbſt die Veränderung in ſeinem Innern entſchuldigen oder recht⸗ fertigen zu müſſen, denn ein Bote erſchien mit der Aufforderung, ſich am Kaffeetiſche einzufinden. Die Veranda war durch Fürſorge von Olle und den Gar⸗ tenknechten mit hohen Schlinggewächſen aus der Orangerie ge⸗ ſchmückt worden. Dagmar hatte den Kaffeetiſch mit Wieſenblumen beſetzt, und rings um eine Paradetaſſe für die abweſende„Caroline“ lag ein ausgezeichnet ſchöner Kranz von Myrten, Immortellen und Drangeblüthen. Zum Mittagsmahl kamen Gäſte, und Major Kroner brachte einen Toaſt für Diejenige aus, deren Namenstag man zu feiern gekommen war. Nach dem Eſſen zerſtreuten ſich die Gäſte. Ein Theil ſtreifte im Garten umher; ein anderer blieb oben im Zimmer oder auf der Veranda.” Frau Thorén und Dagmar hatten indeſſen noch von etwas Anderem zu reden, und hielten ſich in Folge davon noch ein wenig im Saale auf. David ſaß auf der Veranda, rauchte und grübelte über das Gemälde nach, welches gleich einem dunkeln Geheimniß ſich un⸗ aufhörlich einſtellte und alle Ruhe aus ſeiner Bruſt verjagte. „So lang das Original zu dem Fiſcherknaben für Dagmar Alles iſt, wird auch das Gemälde ſeinen Platz behalten,“ dachte er und fühlte dabei eine lebhafte Erbitterung ſowohl gegen das erſtere als gegen das letztere. „Gute Nacht, David!“ ertönte es von der Saalthüre. Dag⸗ mar ſtand auf der Schwelle. David warf ſeine Cigarre von ſich und trat ihr näher. „Während des Geräuſches vom Tage habe ich Dir mitzu⸗ theilen vergeſſen, daß Georg nach England reist. Er kommt vor der Abreiſe nicht mehr in die Gegend, ſondern trägt mir einen herzlichen Gruß an Dich auf.“ 123 „Georg verreist, ohne mir Lebewohl zu ſagen?“ rief Dagmar. „Kann Dich das wundern?“ „Ich leugne nicht, daß es mich mit Erſtaunen erfüllt; aber ich habe wohl Unrecht. Wenn Du ſchreibſt, ſo ſage ihm, daß es mich ſehr gefreut haben würde, wenn ich ihn noch hätte ſehen können.“ „Das werde ich nicht verſäumen.— Nun, Dagmar, wie gefällt Dir Alfred H—g?n „So, ſo.“ „Warum durfte er nicht den Neapolitaner kopiren? Deine Weigerung gab Anna viel zu denken. Ich fürchte, Du haſt da⸗ mit Anlaß zu manchen Vermuthungen gegeben.“ „Möglich, aber das kann ich nicht verhindern. Derjenige, welchem ich eine ſolche Erlaubniß gäbe, müßte ſehr hoch in mei⸗ ner Achtung oder Freundſchaft ſtehen. Herr Alfred H—g iſt mir ein Fremdling. Um ſeines Vergnügens willen kann ich einen Gegenſtand, welchen ich lieb habe, nicht profaniren.“ 5„Angenehme Nacht, Dagmar,“ antwortete David. Er wollte gehen. „Wir ſehen uns doch noch, ehe Du morgen abreiſeſt?“ ſagte Dagmar und ließ ihn gehen. Er hielt indeſſen ſeine Schritte an und fragte: „Gedenkſt Du heute Nacht zu ſchreiben, Dagmar?“ „Nein.“ „Vielleicht zu wachen und zu träumen?“ „Ich werde verſuchen zu ſchlafen und zu vergeſſen,“ ver⸗ ſetzte Dagmar ihm die Hand reichend, und fügte hinzu:„Geh' nicht mißvergnügt von mir. Es quält mich im Herzen, wenn Du unfreundlich an mich denken ſollteſt. Ich möchte ſo gerne Dir zu Willen ſein.“.— „Dagmar!“ David ergriff die dargebotene Hand. „Ein einziges Opfer, und....“ loj nedehts nicht, daß ich etwas thun ſoll, das mir unmög⸗ ich iſt.“ 3 David ließ ihre Hand los. 124 „Verzeihe, ich hätte einſehen ſollen, daß die gemalte Lein⸗ wand Dir mehr als alles Andere iſt.“ Der Ton war kalt und er entfernte ſich haſtig. „Undankbarer,“ murmelte Dagmar und begab ſich auf ihr Zimmer. David reiste am folgenden Morgen ſo frühe ab, daß er und Dagmar einander nicht mehr ſahen. XXXIII. Der Monat Mai ging zu Ende, ohne daß David wieder in Eriksdal, außer zu einem kurzen Beſuch ſich einſtellte, und dann blieb er kaum eine halbe Stunde. Er wollte ſich nur unterrich⸗ ten, wie Dagmar ſich befand, und da er ſie bei guter Geſund⸗ heit traf, entfernte er ſich ſogleich. Sein Benehmen war artig, aber kalt.. Zu Anfang Juni's machte Dagmar mit den Fräulein Kro⸗ ner einen Ausflug nach Haraldshof. Sie verweilten dort ein paar Wochen, und kehrten erſt einige Tage vor Mittſommer zurück. Ein Brief, welcher gleichzeitig von David anlangte, unter⸗ richtete Dagmar, daß er ſich eine Woche frei gemacht hätte und die Feiertage bei ſeiner Mutter zubringen wollte. Sie würde ſonſt nach Georgs Abreiſe ihre beiden Söhne entbehren müſſen. Der Eindruck des Briefs war nichts weniger als angenehm. Den ganzen Tag war ſie ſchweigſam und nachdenklich. Die Fräulein Kroner ſollten über den Sommer zu Eriksdal bleiben. Sie befanden ſich dort ſo„göttlich wohl,“ und Dagmar hatte an ihnen eine angenehme Geſellſchaft. Mittſommer war vorüber, und damit auch Davids Aufent⸗ halt zu Aengsberga. Er kehrte nach»köping zurück. Er war an Eriksdal vorübergefahren, ohne dort auf einen Augenblick vorzuſprechen. Es war am Abend geweſen, und er wollte um dieſe Zeit nicht mehr beſchwerlich fallen, hatte er ſich ſelbſt geſagt; aber wir fürchten, daß er dießmal ſich ſelbſt etwas weiß machte. 125⁵ Als er in ſeine Wohnung trat, empfing er einen Brief, welcher vor Kurzem angelangt war. Er kam von Dagmar David betrachtete das Billet, wie zweifelhaft, ob er das Sie⸗ gel erbrechen ſollte. Er legte es endlich bei Seite, machte einige Schritte durch das Zimmer, ſtellte verſchiedene Fragen an den Diener, und erſt nachdem derſelbe Rechenſchaft abgelegt hatte und verabſchiedet worden war, nahm er Dagmars Billet wieder auf, öffnete es und las: „Beſter David! „Deine Unzufriedenheit mit mir muß nun fort ſein. Ich nehme dieß für ausgemacht an; es kann nicht anders ſein. Würdeſt Du Dagmar kennen und ſie recht verſtehen, wäreſt Du niemals in Zorn gerathen, ſondern nachſichtig gegen ſie geweſen. Nun haſt Du Unrecht gethan, ein Gleichgültigkeit blicken zu laſſen, welche nicht natürlich ſein kann. Man hat mir geſagt, daß Du am Samstage, d. h. heute, nach viköping heimzukehren gedenkeſt. Au Sonntage reiſeſt Du von der Stadt ab und trinkſt deinen Morgenkaffee mit Dagmar.“ „Seltſames Mädchen!“ murmelte David,„man könnte doch recht viel Ergebenheit an ſie verſchwenden.“ XXXIV. Frühe am Sonntagmorgen waren die Fräulein Kroner und Frau Thorén in die Kirche einer benachbarten Gemeinde gefah⸗ ren, um einen vielgeprieſenen Prediger von Stockholm zu hören. Dagmar hatte ganz ehrlich erklärt, ſie würde nicht von der Ge⸗ ſellſchaft ſein, da ſie David erwartete. Auf der Veranda ſtand der Kaffeetiſch. Dagmar befand ſich in ihrem Arbeitszimmer und hatte „Herrn Peter“ befohlen, den Herrn Doktor, wenn er ankäme, hieher zu weiſen. Sie ſetzte ſich an das Piano. 25 Es war etwa halb neun Uhr, als Davids Wagen im Hofe vorfuhr. 126 Er trat mit haſtigen Schritten in Dagmars Zimmer, blieb aber plötzlich ſtehen, während ſie in demſelben Augenblick ſich vom Inſtrument erhob. Aber es war nicht dieſe Bewegung Dagmars, welche ſeine Schritte hemmte; es war etwas Anderes, das ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Das Gemälde mit dem Fiſcherknaben war verſchwunden, und an ſeiner Stelle hing ein ſchönes Porträt von Mozart. „Willkommen!“ ſagte Dagmar. „Welche Ueberraſchung!“ rief David. „Biſt Du jetzt zufrieden mit mir?“ Davids Antwort beſtand darin, daß er ihre beiden Hände mit Küſſen bedeckte. Dagmar äußerte eine Minute darauf: „Weißt Du, was heute für ein Tag iſt?“ „Vielleicht wieder ein Namenstag? In dieſem Fall iſt es wohl der meinige, da Du mir eine ſo große Freude bereiteſt!“ „Es iſt der Jahrestag deines erſten Beſuches hier. Ach! wie ich heute mich ſo glücklich fühle!“ Aber mit dieſen Worten eilte ſie von ihm hinweg und rief: „Komm! Nun wollen wir Kaffee trinken.“ David gehorchte jedoch dem Rufe nicht ſogleich. Er blieb ſtehen und warf einen prüfenden Blick rings in dem Zimmer umher. Es war vollſtändig anders möblirt worden. Bücherſchrank, Sopha, Seſſel, ſelbſt das Piano— Alles war neu. Das letztere hatte ſeinen alten Platz behalten, ſonſt war die Anordnung nicht mehr dieſelbe. Das Zimmer hatte ein freundlicheres Ausſehen bekommen. Die ſchweren Seidegardinen waren mit weißen von feinem faſt durchſichtigem Stoffe vertauſcht. r Tag war voll reiner und unverfälſchter Freude für David und Dagmar. Vergangenheit und Zukunft waren für ſie gleichgültig; die Gegenwart war Alles. David blieb nicht über Nacht in Eriksdal. Er ſollte zeitig am folgenden Morgen daheim ſein, und zog es vor, am Abend heimzufahren. 127 Dagmar widerſetzte ſich dieſem Vorhaben nicht, aber flüſterte, als ſie ihm Lebewohl ſagte: „Denke recht freundlich an mich, wenn Du heimkommſt.“ „Denke freundlich“ wiederholte David für ſich. XXXIV. Als David nach Hauſe kam, war es Nacht, aber eine Juni⸗ nacht. Er blieb noch eine Zeit lang in ſeinem äußern Zimmer; es war ihm unmöglich, ſogleich zur Ruhe zu gehen. Endlich, als der Tag wieder anzubrechen begann, wollte er ſich in ſein Schlaf⸗ gemach begeben. Er trat in das Kabinet. Neben ſeinem Schreibtiſch befand ſich ein ſeltſames Geſtell, über welches ein weißes Tuch geworfen war. „Was ſoll das bedeuten? Wäre ich ein Geſpenſter fürch⸗ tender Junge, würde ich glauben, es habe Jemand ſich einen Spaß gemacht, mir Schrecken einjagen zu wollen,“ rief David beinahe etwas geärgert und ſchob das Tuch hinweg. Das Geſtell wackelte, aber fiel nicht. David hatte den neapolitaniſchen Fiſcherknaben, auf einer Staffelei befindlich, vor ſich. An dem Gemälde war ein Strei⸗ fen Papier angeheftet, worauf die Worte zu leſen waren: „Ich leihe nicht aus, was ich einmal lieb gehabt habe; aber ich kann es dem geben, welcher die Gabe verſtehen wird.“ „Dagmar, geliebte Dagmar!“ rief David. In dieſem Augenblick wurde die Erde von den erſten Strah⸗ len der Sonne begrüßt. Sie ſchauten durch das Fenſter zu dem jungen Arzt herein; wir benützen dieſe Gelegenheit, um ihm ei⸗ nen guten Morgen zu wünſchen. XXXVI. Das ſchöne Gemälde wurde in des Doktors Kabinet auf⸗ gehängt. — 128 Wir ſinden David am folgenden Morgen vor demſelben, die Augen auf dem Antlitz des Knaben ruhend. Jeder Schlag ſeines Herzens ſagte ihm, wie innig er Dag⸗ mar liebte. Die Liebe, welche ganz unvermerkt in ſeinem Herzen ent⸗ ſproſſen war, drängte ſich jetzt ſtark, warm und mächtig hervor. Es lag in dieſem Gefühl etwas Heftiges und Unbezähmbares, welches er früher nicht empfunden hatte, und David gerieth über deſſen Tiefe und Stärke in Beſtürzung. Wohin ſollte dieſe Liebe ihn führen? Sollte er zum zweiten Mal ſein Glück durch eine Frau zerſtört ſehen? Oder ſollte er nun die Glückſeligkeit ge⸗ winnen, welche er kaum an Majkens Seite zu träumen gewagt hatte, aber welche er jetzt an Dagmars Seite zu finden, mit lei⸗ denſchaftlicher Wärme zu finden begehrte? „Liebte ſie ihn?“ Er durchging jedes Wort von Dagmar, rief ſich jeden Blick, jede Bewegung zurück, um eine Antwort auf ſeine Frage zu fin⸗ den. Seine Gedanken blieben endlich bei der Gabe des Gemäldes ſtehen. Was bewies daſſelbe? Daß Dagmar ihm die Vergan⸗ genheit opferte. Dieſes wäre wohl ein ſprechender Beweis, wie lieb ſie ihn hatte. Durfte er es wagen, darauf zu trauen? Aber auf der andern Seite, wie viele Proben hatte Dagmar nicht Georg davon gegeben, daß ſie etwas auf ihn hielt, und doch, als er ihr ſein Herz anbot, hatte ſie ſich geweigert, die ſeinige zu werden. Doch hatte ſie vor David erklärt, daß das Gemälde an die⸗ ſer abſchlägigen Antwort theilweiſe Schuld war. Sie hatte ſomit einmal dieſe myſtiſche Perſönlichkeit geliebt; aber dieſe Liebe war nun von einer wärmeren und ſtärkeren Liebe zu David verdrängt; dieß war wenigſtens eine Möglichkeit. Er hatte ſelbſt ſeine Liebe von Majken auf Dagmar übergetra⸗ gen; er hatte eine ſtille und ſchwärmeriſche Empfindung gegen ein tiefes, ernſtes Gefühl eingetauſcht. Wenn er, der zehn Jahre lang Majken geliebt hatte, ſie um Dagmars willen vergeſſen konnte; warum ſollte nicht auch Dagmar derſelben Wandelbarkeit unterworfen ſein? 1 129 So dachte David, und wir müſſen bekennen, daß ſeine Vor⸗ ausſetzungen nicht allen Grundes ermangelten. Deſſen ungeachtet gelang es ihm nicht, ſich ſelbſt eine wirkliche Ueberzeugung beizu⸗ bringen. Sein Herz war von Zweifel erfüllt. David war nun in dem Alter, wo die Heftigkeit in den Ge⸗ fühlen ſich etwas legt und einen ruhigern, wenn auch anſpruchs⸗ vollern Charakter annimmt. Er war jetzt einer großen Leiden⸗ ſchaft mächtig, aber auch großer Opfer, wenn der Verſtand es ſo forderte. Er wollte nicht aus einem ungeduldigen Verlangen nach Gewißheit ſeines Herzens Geheimniß bloß ſtellen. Nein, er wollte prüfen, ehe er Dagmar ſagte:„Du biſt das Leben in meinem Leben.“ Er wollte ihr nicht früher ſagen, wie innig ſie geliebt wurde, als bis er ſich überzeugt hatte, daß er Gegenliebe gefunden. Gewann er dieſe Ueberzeugung nicht, ſo ſollte auch ſeine Zunge niemals die Sprache der Liebe führen. Die nun folgende Zeit war eine unaufhörliche Ebbe und Fluth in Davids Hoffnungen. Es war Sommer; alles redete von Liebe, das Herz wollte unaufhörlich ſich verrathen, aber die Vernunft gebot Stillſchwei⸗ gen; noch hatte David nicht Gewißheit erlangt. Den einen Tag fuhr er von Eriksdal hinweg, in voller Ge⸗ wißheit geliebt zu werden; aber wenn er wiederkehrte, war Dag⸗ mar nicht mehr daſſelbe holde, milde und liebenswürdige Mäd⸗ chen, welches er das letzte Mal geſehen, ſondern glich einem muntern und launenhaften Wildfang. Er entfernte ſich dann, völlig überzeugt, daß es nur Freundſchaft war, welche er für ſie hegte. Wenn er hernach ſich einfand, war die Stirne umwölkt und der Blick düſter; aber da bot ſich immer eine Gelegenheit, wo Dagmar ihm einen neuen Beweis von Zuneigung gab. Fort war dann die Wolke auf der Stirne und die Hoffnungsloſigkeit im Herzen. Zuverſicht und Mißtrauen lösten einander in Davids Seele ab. So verging Woche um Woche, und der Sommer neigte ſich allmälig ſeinem Ende zu. Man war bereits im Monat Auguſt. Die Fräulein Kroner hielten ſich noch immer zu Eriksdal auf. Zuweilen ärgerte es David, die Urſache geweſen zu ſein, Schwartz, David Waldner. II. 9 130 daß ſie hierher gekommen waren, und daß ihm in Folge von deren Anweſenheit nur auf kurze Augenblicke ungeſtört mit Dag⸗ mar zu reden vergönnt war. Dieſe hatte ſich, ſeitdem ſie ihm das Gemälde gegeben, be⸗ ſtändig heiter, obwohl ſtets auf ungleiche Weiſe gezeigt. Die Be⸗ weglichkeit ihres Gemüths geſtattete nicht, daß ihre gute Laune ſich immerdar gleichmäßig äußerte. Sowohl von Frau Thorén als von Olle erfuhr David, daß jede Spur von Dagmars Traurigkeit bleibend verſchwunden wäre. Dagmar wachte nicht mehr bei Nacht; ſie ſuchte nicht die Einſamkeit, um zu weinen. Ueberraſchte man ſie, wenn ſie allein war, ſo hatte ihr Angeſicht immer einen ruhigen Ausdruck. Bei ſolchen Aufklärungen kam es ihm vor, als ob dieſe Veränderung für Dagmar daher entſpringen müßte, daß etwas ſie der Welt ihrer Träume entrückt und deren Gedanken und Gefühle an die Wirklichkeit gefeſſelt hatte. Dieſes Etwas konnte ja die Liebe zu ihm ſein. Unſere Gefühle gleichen zuweilen ſprungfertigen Rennern. Iſt es ein kräftiger Wille, ein ſtarker Arm, welcher den Zügel hält, ſo werden ſie dadurch gehindert, blindlings dahin zu ſtürzen; man muß die Augen offen und die Aufmerkſamkeit geſpannt halten; die geringſte Nachgiebigkeit und ſie eilen in wilder Flucht davon. Jetzt bedarf es verdoppelter Anſtrengungen, um die verlorene Gewalt wieder an ſich zu bringen. David war der Meinung geweſen, er könne ſich vollkommen auf die Kraft der Selbſtbeherrſchung verlaſſen und gab nicht Acht darauf, wie ſeine Neigung in dieſer Zeit der Ungewißheit immer ſtärkere Macht über ihn erlangte, ſo daß ſie eines Tags alle ſeine Vorſätze vereiteln mußte. XXXVII. An einem ſchönen Sonntagmorgen ritt Doktor Waldner von Einige heftige Krankheitsfälle hatten ihn die ganze Woche daran gehindert, Dagmar zu beſuchen, und jetzt war er ungeduldig⸗ 131 ſie zu ſehen. Er kam auch gerade zu rechter Zeit an, um an Dagmars und Thoréns Kaffee⸗Frühſtück Antheil zu nehmen. Die Fräulein Kroner hatten Eriksdal verlaſſen. Dagmar war ſomit allein. Frau Thorén hatte nach dem Frühſtück gewöhnlich ſo viel zu richten, daß ihr keine Zeit übrig blieb, den jungen Leuten Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Dagmar hieß David mit einem einnehmenden Lächeln will⸗ kommen. Sie war in ihrer liebenswürdigſten Stimmung. Sie und David gingen zu der Moosbank am Strom hinab. Sie redeten über den letzten Brief von dem Oberſt und Majken, von deren Rückkehr zu Ende Septembers; hernach ging das Ge⸗ ſpräch auf verſchiedene kleine Reiſeabenteuer über. David erzählte von einigen, welche ihm vorgekommen, und Dagmar bellagte, daß ſie nicht ſagen konnte, ſie hätte auch nur ein einziges erlebt. „Das ſchlimmſte, was mir unterwegs vorkam, war jenes, da Du mich vor den betrunkenen Kerls retteteſt. Es war das einzige Mal in meinem Leben, daß ich einen wirklichen Schrecken empfand. Seltſam genug warſt Du es, welcher mir den meiſten Schrecken einjagte, daß Du ſchweigend hinter mir hergingeſt. Kannſt Du ſagen, warum Du es gethan haſt?“ „Ich wünſchte, Du ſollteſt dich recht gründlich fürchten.“ „Und wozu ſollte das nützen?“ „Du ſollteſt die Luſt zu deinen nächtlichen Wanderungen verlieren. Ich erreichte auch meine Abſicht.“ „Glaubſt Du alſo, daß die Furcht mich davon abgehal⸗ ten hat?“ „Was anderes?“ David fühlte es wie eine Ahnung, daß auf ſeine Selbſtbe⸗ herrſchung nicht ſehr viel zu bauen ſein dürfte. „Du weißt, daß es etwas ganz Anderes war, das mich davon abzuſtehen vermochte.“ „Ich weiß es?“ David hütete ſich, ſie anzuſehen. „Ja, davon bin ich überzeugt.“ 132 „In dieſem Fall geſchah es wohl darum, daß ich bei der Gelegenheit einen Schlag auf den Kopf bekam?“ „Ich würde Dich wohl nicht bloßgeſtellt haben, wenn ich meine Spaziergänge, da Du in köping wareſt, wieder aufge⸗ nommen hätte?“ „O nein, darin kannſt Du Recht haben.“ „Alſo konnte das wohl nicht die Urſache ſein.“ „Dann iſt es mir unmöglich, es zu errathen.“ „Wirklich? Ich hätte doch geglaubt, Du würdeſt nicht ver⸗ geſſen haben, daß es meine Anhänglichkeit war, welche mich be⸗ ſtimmte, davon, wie von vielem anderem, abzuſtehen.“ „Nimm Dich in Acht, Dagmar, Du mußt nicht ſo ſagen.“ David wurde ganz warm. „Vor was ſoll ich mich in Acht nehmen?“ Anſtatt zu antworten, fragte David: „Biſt Du noch von Schlafloſigkeit geplagt?“ „Nicht ſonderlich.“ „Du träumſt ſomit nicht mehr von dem Fiſcherknaben oder ſeinem Original in der Wirklichkeit?“ Davids Herz ſchlug heftig. „Ich habe beide faſt vergeſſen. Es iſt wenigſtens ſchon lange her, daß ich ihnen einen Gedanken widmete.“ „Er hat jedoch einmal deine Liebe beſeſſen?“ Dagmar ſchwieg nun ihrerſeits. David wurde gezwungen, ſie anzuſehen. Ihr Antlitz war ernſt, aber zeigte zugleich einen ſo milden und ſchönen Ausdruck, daß David viel klüger daran gethan haben würde, wenn er es nicht angeſehen hätte. „Wie innig liebe ich ſie nicht,“ ſprach er bei ſich ſelbſt;„es wäre der Tod für mein Herz, wenn ſie einen andern liebte.“ „Du ſchweigſt,“ nahm er laut wieder das Wort, in einem Ton, welcher der gewöhnlichen Ruhe ermangelte.„Sollte deine Liebe noch an den Fremdling gefeſſelt ſein, und Du zögerſt, wenn dem ſo wäre, mir es zu geſtehen?“ 4 „Ich zögere niemals, die Wahrheit auszuſprechen; aber ich 133 ſchwieg, weil Du eine ſo ſeltſame Frage ſtellteſt. Ich überlegte bei mir ſelbſt, was dieſe Neugierde veranlaſſen könnte.“ „War denn dieſe meine Vorausſetzung, Du habeſt den ver⸗ geſſen, den Du einmal liebteſt, etwas ſo Beſonderes?“ „Man liebt nicht, um zu vergeſſen, aber ich weiß noch nicht, was lieben iſt.“ „Wie, Du weißt es nicht?“ „Wenigſtens nicht, ſo weit es den betrifft, deſſen Züge der Fiſcherknabe entlehnte,“ flüſterte dagmar, und wandte ſich von ihm ab, um zu gehen. „Alſo Georg?“ fragte David völlig unter dem Eindruck ſeiner Gefühle. „Auch ihn nicht.“ Die Worte glitten beinahe lautlos über Dagmars Lippen. Im Augenblick gewann David wieder die Herrſchaft über ſich ſelbſt. Nicht mit bebender Stimme und leidenſchaftlicher Heftigkeit redete er jetzt, ſondern mit jenem ergreifenden Ernſte, welcher einem ſtarken und edeln Gefühl angehört. Vernunft und Wille waren allerdings beſiegt, aber das Herz führte auf eine würdige und doch offene Weiſe ſeine eigene Sprache. Es war der gebil⸗ dete und hochgeſinnte Mann, welcher der Frau, die er liebte, ſeine heiligſten Gefühle anvertraute. Es war nicht die Sprache der Leidenſchaft, ſondern der Liebe. Er flehte nicht, daß ſie ihn wie⸗ derlieben möchte; er wünſchte es als das höchſte Glück. Er for⸗ derte nicht ihr Herz, er bat darum; er erlaubte ſich keine unver⸗ nünftigen Drohungen, im Fall ſie ihn nicht lieben könnte; aber ſie mußte deſſen ungeachtet einſehen, welchen Werth ihre Gegen⸗ liebe für ihn hatte. Es war kein Jüngling, welcher zu den Füßen ſeiner Göttin bettelte; es war der Mann, welcher ſagte:„Ich gebe Dir mein Herz, was haſt Du mir zu geben?“ Jeder Tropfen Bluts war aus Dagmars Wangen entflohen, während ſie auf ſeine Worte hörte. Ihr Herz ſtand ſtill. Als ſie ſchwieg, ſaß ſie da, ſtumm und athemlos, den Blick zu Boden geſenkt, und die Hände feſt in einander gelegt. Endlich flüſterte ſie: 134 „Mein ſchöner, herrlicher Traum...“ „Herr Peter“ ſtand jetzt vor ihnen. Es war ein Vater, welcher gekommen, um den Arzt zu ſei⸗ nem ſchwer erkrankten Sohne zu holen. Jede Minute Zögerung brachte Gefahr mit ſich. 4 Die Pflicht rief; ihr mußten alle Sonderintereſſen weichen, und David war ſogleich bereit, dem betrübten Vater zu folgen. Kaum eine Stunde darauf fuhr ein großer Reiſewagen in den Hof von Eriksdal ein. XXXVIII. Es war wiederum Morgen. Hudes Doktor war ſo eben von dem kranken Jüngling zurück⸗ gekehrt. Er warf ſich auf den Sopha, um einige Augenblicke zu ruhen, ehe die Empfangsſtunde ſchlug. Der Schlaf floh jedoch von ſeinen müden Augen. Hätte der Bote an dem Krankenbette nur einige Minuten gezögert, ſo wäre Alles zwiſchen ihm und Dagmar klar geworden; aber von dieſen Minuten hing vielleicht das Leben des Kranken ab. Er gab ſich alſo zufrieden, ſo wie es war. David hätte jedoch gern ein Jahr darum gegeben, wenn er in dieſem Augen⸗ blick Dagmars Worte zu deuten im Stande geweſen wäre. Kurz vor der Einpfangszeit ſiel David in einen leichten Schlummer; derſelbe hatte jedoch kaum einige Sekunden gewährt, als er durch den Bericht erweckt wurde: „Es iſt ein Bote von Eriksdal da; der Herr Doktor ſoll unverzüglich nach Eriksdal kommen; es iſt Jemand erkrankt.“ Jemand krank? Wer? Das wußte der Bote nicht; nur daß der Oberſt am geſtrigen Abend heimgekehrt war. Der In⸗ ſpektor hatte geſagt, man ſollte den Doktor holen. Nachdem David denen, welche ihn um Rath zu fragen ge⸗ kommen waren, ſeine Verhaltungsbefehle und Vorſchriften gegeben hatte, fuhr er nach Eriksdal. 3 Der Oberſt und ſeine Frau waren heimgekehrt, und befanden 13⁵ ſich, wie der Knecht verſicherte, bei guter Geſundheit. Sollte es alſo Dagmar ſein, welche erkrankt war? Bei ſeiner Ankunft wurde er von„Herr Peter“ empfangen, welcher ihn erſuchte, zu dem Fräulein hinaufzugehen. Ohne die Zeit mit Fragen zu verlieren, begab er ſich dorthin. Im Arbeitszimmer befand ſich nur ein Domeſtike. David ging nach dem Schlafzimmer, ſchob die Gardinen zurück und trat ein. Am Bette ſaß Majken, und auf der andern Seite ſtand der Oberſt. Jemand lag auf den Knieen neben Majken. Es war Dagmar. „Wer war alſo der Kranke?“ David trat näher. Dislar richtete ſich auf. Ihr Angeſicht war in Thränen gebadet. „Gott ſei gelobt, daß Du kommſt,“ riefen ſie und Majken zu gleicher Zeit.„Hilf, wenn es noch Hilfe gibt!“ ſetzte Dagmar hinzu und zog ſich auf die Seite. David ſtand vor dem Bett, hätte aber beinahe einen Ruf der Beſtürzung ausgeſtoßen, als ſein Blick auf den fiel, welcher dort ruhte. Die Züge waren David nur allzu wohl bekannt, obwohl ſie jetzt, von Krankheit verſtört, nur ein Schatten des ſchönen Bildes waren. Es gab einen kurzen aber peinlichen Streit zwiſchen dem Arzt und dem Menſchen, beim Anblick dieſes Geſichtes, welches ihm ſchon ſo manchen bittern Schmerz verurſacht hatte; aber der Kampf war ausgekämpft, als David die Hand des Patienten faßte. David unterſuchte den Kranken, welcher in vollkommen bewußtloſem Zuſtande dalag, und ſtellte darauf einige Fragen, welche der Oberſt beantwortete. Arthur d'Aveyron— ſo lautete deſſen Name— war ſeit mehreren Jahren krank geweſen. Zuerſt am Geiſte, ſo daß er in eine Irrenanſtalt gebracht werden mußte. Als er ſeinen Ver⸗ ſtand wieder fand, war die Bruſt angegriffen. Er hatte hernach längere Zeit in Italien verweilt, und ſchien in den letzten Mo⸗ 136 naten ſo bedeutend beſſer, daß der Oberſt ſeinem eifrigen Wunſche, ſie nach Schweden zu begleiten, willfahren zu können glaubte. Während der letzten Tage der Reiſe wurde er unpäßlich und war, als ſie in Eriksdal ankamen, ſo ſchwach, daß man ihn aus dem Wagen hinwegtragen mußte. In der Nacht war er in den Zu⸗ ſtand verfallen, worin er ſich noch jetzt befand. David hörte dem Oberſt mit jener kalten Aufmerkſamkeit zu, welche dem Arzte bei einem ſolchen Berichte eigen iſt. Noch ein⸗ mal unterſuchte er den Kranken und traf darauf ſeine Anord⸗ nungen mit ſo glücklichem Erfolge, daß Arthur wieder zum Be⸗ wußtſein kam. Der Athem wurde regelmäßiger, der Puls ruhiger, die Lippen bewegten ſich. David beugte ſich zu ihm nieder. Der Kranke flüſterte Dagmars Namen. Langſam öffneten ſich ſeine Augen und er ſagte etwas; David konnte nicht unterſcheiden, was es war, aber Dagmar eilte herbei und reichte ihm etwas zu trin⸗ ken. Darauf blieb ſie an ſeiner Seite ſitzen, ſeine Hand in die ihrige geſchloſſen. „Gibt es noch einige Hoffnung für ihn, zum Leben wieder⸗ zukehren?“ fragte Dagmar, ehe David ſich entfernte.. „Noch kann ich nichts ſagen,“ antwortete David;„was ich vermag, will ich thun, um ihn für dieſes Mal zu retten; aber lang dauert ſeine Lebensbahn nicht.“ „Gott lohne Dich dafür; ich vermag es nie zu thun,“ ſetzte ſie ganz traurig hinzu. „Der Lohn des Arztes iſt, daß der Kranke wiederhergeſtellt wird,“ war Davids kalte Antwort. Der Lohn blieb nicht aus; Arthur genas ſo allmälig. Eine ſchwere Probezeit war inzwiſchen dieſe Krankheit für un⸗ ſern Doktor. Wie er auch ſein Herz ſtählte, konnte David doch nicht hin⸗ dern, daß er unter der Zärtlichkeit litt, welche Dagmar dieſem Arthur widmete. Sie war beſtändig bei ihm, ſuchte ſeine Wünſche zu errathen, und bot alle ihre Kräfte auf, ihn, da es beſſer mit ihm wurde, zu zerſtreuen. Sie unterwarf ſich ganz bereitwillig ſeinen Launen, und widmete ihm jede Stunde des Tags. Zu ſehen, wie die Frau, welche von ganzer Seele geliebt wird, ſich für einen jüngern Mann aufopfert, deſſen Stellung zu ihr nicht recht erkennbar iſt, mußte für ein von Natur eiferſüch⸗ tiges Gemüth höchſt peinlich ſein. David fühlte ſich auch zuweilen verſucht, Dagmar zu ſagen, daß ſeine ärztliche Rolle unter ſolchen Verhältniſſen beinahe ſeine Kräfte überſtiege, und daß er recht daran zu thun glaubte, wenn er ſeinen Amtsbruder mit der Behandlung Arthurs beauftragte; aber ſein Gewiſſen ließ ihm eine ſolche Handlungsweiſe nicht zu. Doktor D. war nicht als beſonders eifrig bekannt, und hier war Eifer und Geſchicklichkeit erforderlich. Davids Stolz gebot ihm überdieß, ſich aller dieſer Marter, welche ihm Liebe und Eiferſucht ſchufen, zu unterwerfen. Er konnte indeſſen ein Gefühl der Bitterkeit gegen Dagmar nicht unterdrücken, welches den Beweis lieferte, wie lieb ſie ihm war, und dennoch die Maske der vollkommenſten Gleichgültigkeit annahm, die ihm mauche ſchwere Plage verurſachen ſollte. Dagmar hatte keinen Gedanken mehr für ihn und ſie hätte ihm doch einige Rechnung dafür tragen ſollen, daß er mit ſolcher Sorgfalt und Gewiſſenhaftigkeit dieſen Arthur behandelte, für welchen ſie ihn aufopferte. Woche um Woche verging. Der Kranke war auf dem Wege der Beſſerung und konnte jetzt ganze Tage auf dem Sopha ruhend zubringen. Majken und Dagmar umgaben ihn mit allem, was ihn zerſtreuen und auf⸗ muntern konnte. Die Gefahr, in der ſein Leben ſchwebte, war für dieſes Mal verſchwunden; aber die Krankheit war von der Natur, daß wenn Arthur auch den Winter überlebte, er doch höchſt wahrſcheinlich nicht mehr ſehen durfte, wie die Erde ſich in die Pracht des Sommers kleidete. Dieß hatte David ſowohl dem Oberſt als Majken mitgetheilt, und beide hatten dabei geäußert: „Am beſten für ihn, wenn er ſterben kann.“ Arthurs Zuſtand erheiſchte jedoch nicht länger die tägliche und ſtündliche Gegenwart des Arztes, und. David beſuchte ihn deßhalb nur ein paar Mal in der Woche. 4 138 Eines Tags, da er nach Eriksdal kam, waren der Oberſt und Majken abweſend. Dagmar ſaß bei ihrem Couſin und las; aber als David eintrat, entfernte ſie ſich ſogleich. Der Beſuch bei dem Kranken dauerte jedoch nicht lange, und David ſchaute ſich hierauf nach Frau Thorén um, ihr einige Verordnungen, die er nöthig fand, mitzutheilen. David war gerade im Begriff, der guten Frau Lebewohl zu ſagen, als Dagmar eintrat und ſie bat, zu Arthur hinaufgehen. Sie ſelbſt wollte einen kleinen Spaziergang machen. „Willſt Du mir Geſellſchaft leiſten?“ fragte ſie David. „Meine Zeit erlaubt es mir nicht; ich muß ſogleich nach der Stadt zurück,“ war die kalte Antwort. „Iſt es wirklich ſo nothwendig, daß Du ſogleich abfährſt? Kannſt Du mir nicht eine Stunde opfern?“ David konnte es nicht. Dagmar hatte ihn allzu lang leiden laſſen, ohne mit einem Blick oder mit einem Wort den bittern Schmerz, den ſie ihm ver⸗ urſachte, zu lindern, als daß er jetzt ſich nach ihren Wünſchen richten mochte. XXXIX. Eines Morgens, einige Tage ſpäter, erhielt David einen Brief. Er erbrach eilig den Umſchlag. Ein langes Schreiben war eingeſchloſſen. Wir geben daſſelbe hier: „Lieber, theurer David! „Du wollteſt mir die Stunde nicht ſchenken, um welche ich Dich bat, und jetzt danke ich Dir dafür. Ich werde es leichter finden, ſchriftlich mich Dir mitzutheilen. Vielleicht wird es mir gelingen, mich verſtändlich zu machen. Ich hoffe es, obwohl ich in Allem, was meinen Couſin Arthur berührt, ein geheimniß⸗ volles Stillſchweigen bewahren muß. „Kennſt Du meinen Charakter und meine Gemüthsart, ſo mußt Du mich auch richtig zu beurtheilen vermögen. 139 „Schon lange haſt Du meine Antwort auf deine Frage er⸗ erwartet: ob ich Dich liebe? „Dieſe Antwort ſchwebte einmal auf meinen Lippen, aber ſie ging nicht über dieſelben. „Eine lange peinliche Zeit iſt ſeitdem vergangen. „Gezwungen, alle meine Zeit und alle meine Aufmerkſam⸗ keit Arthur zu widmen, hat es ausgeſehen, als ob ich vergeſſen hätte, was ich Dir ſchuldig war. Dieß iſt aber nicht der Fall. „Du haſt jedoch in deinem Herzen mich wegen der Qual angeklagt, welche Du durch die Zärtlichkeit, die ich an Arthur verſchwendete, gelitten haſt. „Du hatteſt das Recht, eine Erklärung über mein Benehmen zu fordern; ich nahm meine Zuflucht zu dem Arzt und ſchien deſſen uneingedenk zu ſein, was ich David ſchuldig war. „Ach, ich konnte nicht anders handeln! „Ich hatte nicht bloß einen Kranken, ſondern auch einen Unglücklichen vor mir, welcher um ſeines ſchweren Leides willen aller möglichen Sorgfalt bedurſte. Es wurde eine Pflicht, ſeine Schmerzen zu lindern. Ich mußte unter der Ausübung derſelben ſogar Dich verſäumen. „Gäbe Gott, daß ich Dich vergeſſen könnte oder noch Seelen⸗ ſtärke genug hätte, Dich in dem Gefühle der Mißbilligung, welches Du jetzt gegen mich hegſt, zu belaſſen. Es wäre Dir dann leichter geweſen, die Liebe zu mir zu vertilgen. „Mir fehlt jedoch dieſe Selbſtverleugnung, und darum, David, werde ich Dir die Geſchichte meiner Seele erzählen. Beurtheile mich hernach mit all der Unparteilichkeit, welche ich von Dir er⸗ warte. „Damit Du das zu thun im Stande biſt, muß ich alle Umwälzungen in meinem Innern durchgehen. „Bis zu meinem neunten Jahr war ich ein eigenwilliges Naturkind. Ich wurde allerdings von dem Umgang mit den Nachbarn ferngehalten, aber ich war noch nicht ſcheu vor allen fremden Perſonen. Meine Umgebung ſprach niemals von meiner Mutter; die Erinnerung an ſie wurde ſomit nicht wieder ins Leben gerufen. 140 „Ich war bis zu dieſem Zeitpunkt ein glückliches Kind. „So kam der Tag, da ich Mrs. Dowſons Brief fand. „Die Entdeckung davon, daß ich nicht meines Vaters Tochter war, übte einen wunderbaren Einfluß auf mich aus. „Sie machte mich betrübt und ließ mich in einem Dunkel über meine Geburt, welche aufzuklären für ein Kind unmöglich war. Zu begreifen, daß ich nicht die Tochter von meiner Mutter Gatten war, ſiel mir ſchwer, und noch ſchwerer wurde mir, zu begreifen, wie ſein Bruder mein Vater ſein konnte. Ich wollte Niemand darüber befragen, aber ſuchte nach meiner kindlichen Faſſungskraft mir das Verhältniß aufzuklären. Meine Phantaſie wurde dadurch in eine allzu lebhafte Thätigkeit verſetzt. „Die Erinnerung an den Abend, da meine Mutter mich auf die Arme nahm und in die See ſprang, erwachte nunmehr zum Leben und wurde mit mährchenhaften Ereigniſſen in Verbindung gebracht, welche nur in meinem Gehirn ſich vorfanden. Ich wurde leutſcheu und träumeriſch. Von meinen heitern Spielen konnte ich wegſpringen, um meinen düſtern Phantaſien über meine Eltern mich zu überlaſſen.. „Tante Thorén fand mich ganz ſeltſam, und um mich während dieſer Stunden zu zerſtreuen, ſprach ſie oft von Tante Waldner, Dir und Georg. „Ihr wurdet auch die einzigen Weſen aus dem wirklichen Leben, welche außer meiner Umgebung mich intereſſirten. Aber es war ein ſchmerzhaftes Intereſſe. Ich beneidete euch darum, daß ihr eurer Eltern rechte Kinder waret; ich ſah euch ſtolz darauf und dieſes reizte mich. „Ein Zuſammentreffen mit euch fürchtete ich; aber daran zu denken und unbemerkt Dich oder Georg zu ſehen, war mir eine Freude. „Ich begann ſo allmälig anzunehmen, daß meine Eltern nicht todt wären, daß ſie noch irgendwo lebten und daß ſie eines Tags wieder auftreten würden. An dieſem wichtigen Ereigniß ſollteſt Du ſammt Georg einigen Theil haben. „Ich überließ mich mehr und mehr ſolchen Vorſtellungen, lebte meiſtens in denſelben und ſchuf unaufhörlich neue und 141 wunderliche Begebenheiten, bis daß Majken ihre Hand an meine Erziehung legte. „Mit ihrer Bekanntſchaft fing eine neue Zeit an. „Ihr Einfluß auf mich wurde groß. „Ich vergaß die Mährchenwelt um der Liebe willen, die ich zu ihr empfand. Sie flößte mir Luſt zum Lernen ein, und meine Gedanken hefteten ſich auf vernünftige Gegenſtände. „Ich übergehe auch die drei erſten Jahre ihres und meines Zuſammenlebens. „Du trateſt hernach zu Haraldshof auf. „Dein Anblick erweckte meinen Neid. „Ich ſuchte mich damit zu tröſten, daß Haraldshof mein werden ſollte; aber dieſen Troſt entzog mir Majken, und ich mußte mich nach einem andern umſehen. Ich beſchloß eine gleich gute Tochter zu werden, wie Du dem Gerüchte nach ein guter Sohn warſt. Ich hatte eben dieſen ſchönen Entſchluß gefaßt, als Georg zu uns kam. „Er war jünger als Du und bewies mir vom erſten Augen⸗ blick an ein Wohlwollen und eine Aufmerkſamkeit, welche Du Majken widmeteſt. Mein Herz heſtete ſich ſogleich an ihn. Er wurde mein Freund, mein Vertrauter, mein Spielkamerade und Theilnehmer an Freud und Leid von mir. „Bald entdeckte ich, daß Du Majken lieb hatteſt. Dieß ſetzte wieder meine Phantaſie in Bewegung. „Du wurdeſt der Held in dem Roman, welchen ich mir ſelbſt diktirte. „Meine verſtorbenen Eltern bekamen Ruhe in ihrem Grabe. Ich brachte alle einſamen Stunden damit zu, daß ich an Ereig⸗ niſſe dachte, in welchen ihr, Du und Majken die Hauptfiguren werden ſolltet. 3 „Ich wurde unter dieſen Träumereien Dir weniger fremd; Du gehörteſt gleichſam mir an, und ich legte Dir und Majken höhere und edlere Eigenſchaften bei, als diejenigen, welche auf mein und Georgs Loos gefallen waren.. „Am erſten Abend bei der Großmutter wurdeſt Du mein Vertheidiger. 142² „Du bekamſt dadurch etwas wirklich Ueberirdiſches und ſchieneſt zu Majkens Gatten geſchaffen. Mir beweiſen zu wollen, daß Du es nicht würdeſt, wäre ſo viel geweſen, als mir einen wahr⸗ haften Schmerz zuzufügen. „Aus dieſen ſchönen und Dir ſchmeichelnden Vorſtellungen wurde ich von der Großmutter geweckt, welche eines Tags mir erzählte, daß meine Mutter geiſteskrank geweſen. Dieſe Eröffnung rief ein Chaos von Kummer und ſeltſamen Gedanken in mir hervor, und ich wurde von der Verwirrung in meinem Innern nicht eher befreit, als bis ich wieder in Haraldshof war. Da nahm ich meinen Roman bezüglich deiner und Majkens wieder auf, während ich mich an der Geſellſchaft von Georg erfreute. „Deine plötzliche Entfernung von Haraldshof und Majkens ſtumme Betrübiß zerſtörten auf einmal meinen Roman und zwangen mich, Majken alle meine Zärtlichkeit zu widmen. „Darauf folgte mein erſter Nachtmahlsgenuß und gab mir einen ernſten Gegenſtand zur Beſchäftigung. „Gott und die Religion nahmen während dieſer Zeit meine Seele in Anſpruch. „Des Lebens Ernſt, unſere Pflichten gegen den Höchſten und unſern Nebenmenſchen bekamen nun eine beſtimmte und feierliche Bedeutung. Ich verſtand nun, daß all mein Streben darauf hinzielen müßte, eine gute Chriſtin zu werden. „Nach dieſem für mein Leben einflußreichen Zeitpunkt kam meines Vaters Heirath mit Majfken. „Du wurdeſt nun für mich ein hochherziger Märtyrer, welcher vi mehr mit andern Sterblichen verglichen werden konnte oder urfte. „Als Du von meines Vaters Haupt die heimliche Gefahr abwandteſt, welche in dem anonymen Billet angedeutet war, feſſelteſt Du noch unauflöslicher meine Bewunderung und Dank⸗ barkeit an Dich. „Wir wurden getrennt. „Georg blieb fortwährend mein beſter Freund, und meine Anhänglichkeit an ihn wuchs von Tag zu Tag. „Wir reisten auf den Kontinent. 143 „Nach ſiebenmonatlichem Aufenthalt im Auslande kehrte ich mit Kummer im Herzen zurück und fort war mein Friede und alle meine Hoffnung auf Glück. „Was es war, das eine ſolche Verwandlung bei mir her⸗ vorbrachte, kann ich Dir nicht ſagen. Ich kann bloß erwähnen, daß an die Bekanntſchaft mit Arthur ſich ſolche Umſtände knüpf⸗ ten, wie ſie ſtörend in meine ganze Zukunft eingreifen mußten. „In meinem Innern ging eine vollſtändige Umwälzung vor. „Alles was ich mir von Glück im Leben gedacht hatte, er⸗ bleichte; Freude und Wonne entflohen, und meine Zukunft wurde der Entſagung geweiht. 6„So war ich, als Georg mir zum erſten Mal ſeine Hand anbot. „Hätte er es vor unſerer Reiſe ins Ausland gethan, wäre meine Antwort darin beſtanden, daß ich mich in ſeine Arme warf und ſagte:„Ich gehöre Dir.“ „Daß ich ſeine Hoffnungen täuſchen mußte, war mir eine bittere Prüfung; ich wußte, wie innig er mich lieb hatte. „Es drängte ſich inzwiſchen bei dieſer Veranlaſſung trotz meines Schmerzes ein dunkles Gefühl von Zufriedenheit damit ein, daß ich ihm meine Hand nicht ſchenken durfte. Dieſes Ge⸗ fühl würde mich jedoch niemals beſtimmt haben, ihm dieſelbe zu verweigern, wäre nicht ein mächtigerer Grund vorhanden geweſen. Ich unterſuchte nicht gern, aus welcher Quelle es entſprang; aber als Georg einige Zeit ſpäter uns beſuchte und ſagte: David lhuun heim, da verſtand ich zum erſten Mal mein eigenes erz.. „Es war die Erinnerung an den Helden in meinem ge⸗ träumten Roman. Ich hatte der Bewunderung, welche ich für Dich hegte, keine Form gegeben; aber ich that es, als Du nach einer Abweſenheit von mehreren Jahren an meiner Seite ſtandeſt. „Mit innerem Kummer las ich in deinem Angeſicht, daß Du in mir Majken zu ſehen erwarteteſt. Was ich da empfand, klärte mir auf, daß jeder Schlag meines Herzens Dir gehörte. „Ja, ich hatte als Kind Dich geliebt, da ich dein Glück be⸗ neidete; ich hatte Dich als ganz junges Mädchen geliebt, da ich 144 für deine und Majkens Liebe ſchwärmte; ich liebte Dich, als Du hinwegreisteſt, um ſie zu vergeſſen, und ich liebte Dich, als Du nun zurückkehrteſt, ohne daß es Dir gelungen war, ihr Bild aus deiner Seele zu tilgen. „Ich wollte Dir meine Liebe nicht ſchenken, aber ich konnte ſie nicht von Dir losreißen. „Eine Gegenliebe wünſchte ich nicht; ich wußte ja, daß Du mir keine zu geben hatteſt. „Du ſollteſt niemals erfahren, was Du für mich warſt, ſo hatte ich es beſchloſſen; aber nicht alle Seelen ſind ſtark genug, um dergleichen Vorſätze halten zu können. Noch ſchwerer wurde es, als es Dir gelang, Licht über meine Geburt zu verbreiten und ich wiederum mit Dankbarkeit und Bewunderung an Dich denken mußte. Du kamſt mir vor, als wäreſt Du meines Lebens guter Genius. „Während Majken daheim in Eriksdal war, hatte ich auch Stunden von Schwäche, da ich ſie um die Liebe von Dir be⸗ neidete; nicht minder litt ich dadurch, daß Du Georgs Bewerbung mit Wärme umfaßteſt und für dieſelbe zu arbeiten ſuchteſt. Als Du mir mein Benehmen gegen ihn vorwarfeſt, hätte ich Dir gern zugerufen: willſt Du, daß ich mich mit deinem Bruder verheirathen ſoll, da ich Dich liebte?— „Es gab andere Stunden, wo ich Dir gern den Grund anvertraut hätte, welcher mir zuerſt meine abſchlägige Antwort an Georg diktirte; aber mein düſteres Geheimniß Dir anzu⸗ vertrauen, ſchien mir unmöglich. Möge es mir ins Grab folgen. „Majken reiste ab. „Du und ich, wir ſahen einander täglich. „Deine Macht über mich wurde ſo unbegrenzt, daß Sorgen und düſtere Gedanken entwichen. „Zu lieben und mich zurückgezogen zu halten, überſtieg mein Vermögen. „Mich als den Gegenſtand deiner Neigung zu ſehen und Dir keinen Beweis der meinigen zu geben, war ebenſo unmög⸗ lich, obwohl ich dabei niemals vergeſſen durfte, daß die Seligkeit, welche von der Liebe geſchenkt wird, nicht für mich war. 145 „Ich ſetzte ebenſo wenig voraus, daß Du deine Zärtlichkeit für Majken auf mich übertragen könnteſt; ich fühlte mich nur vergnügt und dankbar, wenn ich Dir Opfer bringen durfte, welche Du wünſchteſt, und ich war glücklich an dem Tage, da ich Dir das Gemälde ſchickte, welches mir ſo lieb geworden. „Die Zeit, welche nun folgte, war reich an Freude; aber ſie war doch nur ein Traum, und das Erwachen wurde deſto bitterer. „Was hatte ich Dir wohl im Austauſch gegen deine Liebe zu geben? Nichts— wenn nicht das Herz, welches Du bereits beſaßeſt. „Du, der Du einmal deinen ſüßeſten Hoffnungen Lebewohl ſagen mußteſt, Du mußt auch verſtehen, was ich fühlte, als die Wonne, mich geliebt zu wiſſen, mir das Bewußtſein des Schick⸗ ſals zurückführte, welches das meinige war und in dem Wort: Entſagung ſich zuſammenfaßte. „Gott, welcher in meinem Innerſten liest, weiß auch, wie ſchwach ich bin. Er allein kann entſcheiden, ob ich unter dem Einfluß deiner Worte und meiner eigenen Empfindungen Stärke genug gehabt hätte, dieſem ſtrengen Gebot Folge zu leiſten, wofern Du nicht abberufen worden wäreſt, ehe meine Lippen zu bekennen Zeit fanden, was Du für mich wareſt. „Du gingeſt. „Eine Stunde darauf kam Arthur, um durch ſeine Gegen⸗ wart mich daran zu erinnern, was ich Dir und meinem Gewiſſen ſchuldig war. „Nun ſind die Looſe gefallen. „Ich kann niemals deine Gattin werden. „Lieben werde ich Dich, ſo lange mein Herz ſchlägt, aber mein Schickſal mit dem deinigen zu vereinen, dazu kann nichts mich vermögen. „Wir müſſen uns trennen. „Verzeih', daß die Liebe Dagmar ſo ſchwach machte, daß ſie dieſelbe nicht in ihres Herzens Tiefe verbergen konnte; verzeih', daß ſie bei Dir eine Zärtlichkeit hervorgerufen hat, welche Dir nur Leiden ſchaffen wird. „Geliebter, geliebter David, denke ohne Bitterkeit an Dagmar.“ Schwartz, David Waldner. II. 10 4 146 XL. Sobald David den Brief geleſen hatte, begab er ſich nach Eriksdal. Dagmars Schreiben war ein Bild ihres Ichs, aufrichtig und doch geheimnißvoll. In demſelben Augenblick, da ſie ihm ihre Liebe ſchenkte, nahm ſie dieſelbe wieder zurück, ohne von den Gründen, welche ſie dazu zwangen, Rechenſchaft zu geben. Dieſe konnte David indeſſen nicht bei ſich finden; ſie mußte dieſelben angeben, oder ihm das Glück ſchenken, welchem er zu entſagen nicht geneigt war. David trieb das Pferd unbarmherzig an, wodurch das Thier um ſo mehr überraſcht wurde, als es bisher gewohnt war, mit einer gewiſſen Schonung behandelt zu werden; aber David war nicht in der Stimmung, andern Gefühlen, als der Ungeduld, welche ihn beherrſchte, Gehör zu geben. . Es war um vier Uhr Nachmittags, als David ſein Pferd an dem Gitterthore in Eriksdal anhielt. Er ſprang ab, warf die Zügel dem Stalljungen zu und ſtand in der nächſten Minute im Vorzimmer. Die Saalthüre ging auf und Majken trat heraus. David begrüßte ſie und fragte ſogleich nach Dagmar. Majkens Angeſicht nahm einen betrübten Ausdruck an, als ſie antwortete: „Dagmar hat Eriksdal verlaſſen.“ „Dagmar iſt abgereist?“ rief David in einem Tone, der auf einmal darüber aufklärte, was Dagmar für den jungen Arzt war. „Ja, ſie hat ſich nach Haraldshof begeben und wird eine Zeit lang dort bleiben.“ David ſagte nicht ein Wort. Er folgte Majken ſchweigend in ein Kabinet. „Wie befindet ſich der Kranke?“ fragte er nach einer Weile. „Arthur begehrte, ſich nach Haraldshof begeben zu dürfen. Er wünſchte dort zu ſterben, und nichts konnte ihn beſtimmen, 147 von ſeinem Wunſche abzuſtehen. Heute moörgen reiste er ab mit Björnſtam und Dagmar. Ich werde mich in einigen Tagen auch dahin begeben. Wir bleiben dort, bis es dem Höchſten gefällt, Arthur von ſeinem traurigen Daſein zu befreien.“ Eine augenblickliche Pauſe. Davids Stirne war bleich; ſeine Bruſt hob ſich unruhig. „Wie iſt Dir, David?“ fragte Majken und legte ihre Hand auf ſeine Schulter.„Du ſcheinſt aufgeregt.“ „Vergib mir dieſe Schwäche und geſtatte, daß wir uns mit etwas anderem, als mit mir beſchäftigen. Sage mir,“ ſetzte er hinzu,„aus welchem Grunde Dagmar dieſem Arthur ſo viele Zärtlichkeit beweist, daß ſie ihr eigenes und das Glück derer, welche ſie lieben, für ihn aufopfert?“ „Dieſe Frage kann nur Dagmar beantworten; ich fürchte jedoch, daß ſie es nicht thun wird. Es ſteckt ein Geheimniß hinter dem allem. Wenn ich es jetzt ahne, ſo glaube ich doch kein Recht zu haben, zu verrathen, was ich nur bei mir ver⸗ muthete.“ David begann auf und ab zu gehen. Eine heftige Be⸗ wegung fand in ſeinem Innern ſtatt. Er blieb nach einer Weile ſtehen und rief plötzlich: „Warum lehrteſt Du mich Dagmar lieben? Warum feſeelteſt Du mein Intereſſe an ſie, da Du doch ahnen mußteſt, daß auch ſie meine Hoffnungen täuſchen und auf immer mein Glück zer⸗ ſtören würde? Ohne Dich wäre ſie nicht geworden, was ſie jetzt für mein Herz iſt. Du haſt wiederum Unglück und Kummer über mein Haupt gebracht.“ „David, ſprich nicht ſo. Meine Abſicht war, Dich zum Glück zu führen. Ich kannte Dagmar, ihr weiches Herz, ihren milden Charakter, ihre romantiſche Gemüthsart, ihre lebhafte Seele und die excentriſche Auffaſſung alles Schönen und Edeln. Ich kannte Dich, wie reich Du nicht bloß an Herz und Verſtand, ſondern auch an Charakter ausgeſtattet warſt. Du ſollteſt Dagmar verſtehen, ſie lieben, wie ſie es verdiente, und ſie war wiederum die Frau, welche unter allen am beſten Dir anſtand. Ihr Alter, ihre Schön⸗ heit, alles bewirkte, daß Du nicht wohl eine beſſere Gefährtin 148 durch das Leben finden konnteſt. Als ich abreiste, hoffte ich, dieſer phantaſtiſche Kummer, welchem ſie ſich überließ, würde in demſelben Augenblick verſchwinden, da ihr Herz ſich an Dich feſſelte. Ach, ich wurde leider von dem gewöhnlichen Mißgeſchick betroffen, welchem der Menſch ausgeſetzt iſt, wenn er die Vor⸗ ſehung ſpielen will; ich kam heim, um meine ſchönen Träume von Glück für Dich und ſie zerſtört zu finden. Eine fixe Idee beherrſcht Dagmar, ſo daß ich nun Dich bitten muß: vergiß ſie!“ Majkens Augen ſtanden voll Thränen. David ſah es nicht. „Dagmar, Dagmar!“ hätte er mit dem Schmerz der Ver⸗ zweiflung rufen mögen; aber er äußerte mit gedämpfter Stimme: „Dagmar vergeſſen! Und Du, Majken, forderſt mich dazu auf. Es gibt alſo keine Hoffnung mehr?“ „Nein, ich glaube nicht,“ flüſterte Majfken. Majken wagte nicht, David anzuſehen, aus Furcht, in ſeinem Angeſicht den Schmerz zu leſen, welchen dieſe Worte verurſachten. Nachdem er eine lange Weile ſtillſchweigend dageſeſſen, er⸗ griff der Doktor ihre Hand und ſagte mit wiedergewonnener Ruhe: „Weine nicht, Majken. Ich bin ein Mann und werde als ſolcher mein Schickſal ertragen. Lebewohl! ehe Du nach Haralds⸗ hof fährſt, ſehen wir einander noch einmal.“ XLI. Während des nun folgenden Winters gab es viele Kranke in*rköping. Doktor D., einer von Davids Amtsgenoſſen, war auch er⸗ krankt, ſo daß David deſſen Praxis neben ſeiner eigenen zu be⸗ ſorgen hatte. Dieß that er auf eine ſo ausgezeichnete Weiſe, daß er bei⸗ nahe in dem ganzen Landvogtei⸗Bezirk als einer der geſchickteſten Aerzte geprieſen wurde.. Von nah und fern kamen Kranke, um ſich bei ihm Raths zu erholen. 3 149 Er lebte ausſchließlich ſeinem Berufe und ſeinen mediciniſchen Studien. Er wurde der Kranken irdiſche Vorſehung und der Betrübten Troſt, immerdar bereit beizuſtehen, zu helfen, zu tröſten und zu lindern. Wie ſehr er durch ſeine getäuſchten Hoffnungen, ſein zer⸗ ſtörtes Glück zu leiden hatte, behielt er für ſich. Nicht der ge⸗ ringſte Schatten davon ſpiegelte ſich in ſeinem Angeſicht ab, welches ſtets ernſt und mild, niemals düſter oder ſtreng war. Seine Art und Weiſe war freundlich und theilnehmend, niemals ſtraff oder zurückſtoßend. Gleich gegen Jedermann, jung oder alt, arm oder reich, mußte er auch der Gegenſtand des Lobs von allen werden. Es gab kein hübſches Mädchen, keinen reichen Gutsbeſitzer, der ſich rühmen konnte, mit größerer Theilnahme von ihm be⸗ handelt worden zu ſein, als das alte gebrechliche Weib oder der geringe Taglöhner.. XILII. Im Frühjahr kehrte Georg aus England heim. Im April erhielt David einen Brief von ihm mit der über⸗ raſchenden Nachricht, daß er im Begriff ſtände, mit Agnes, der— Tochter des Hüttenwerkbeſitzers Hammars ſich zu verloben. Georg hatte die Bekanntſchaft mit der Familie in England gemacht, und die Heimreiſe war in deren Geſelſſchaft erfolgt. Der Schluß davon war, daß Georg und Agnes die Ringe wechſeln ſollten. W Georg ſchloß dieſe Mittheilung mit folgenden Worten: „Es wundert Dich vielleicht, daß ich, von den Jünglings⸗ jahren her an Dagmar gefeſſelt, nach ſo kurzer Zeit mich tröſten lue und mein Glück an der Seite einer andern Frau uchte. „Verſuche Dich in meinen Charakter und meinen auf die Wirklichkeit gerichteten Sinn zu verſetzen, und Du wirſt finden, daß was geſchehen, ganz natürlich iſt. 3 „Dagmar iſt mir immerdar lieb, als die beſte, theuerſte 15⁰ Freundin; aber von der Stunde an, da ich wußte, daß ſie nie⸗ mals mir ihre Liebe ſchenken würde, ging all mein Streben dahin, die Natur meiner Gefühle für ſie zu ändern und ſie zu dem zu machen, was ſie ſein ſollten: zu den Gefühlen eines Bruders gegenüber von ſeiner Schweſter. „Entziehe der Liebe die Hoffnung und ſie ſtirbt hernach von ſelbſt ab. Die Hoffnung iſt für die Liebe ebenſo nothwendig, wie die Luft für den Menſchen. „Lange zu beweinen, was man auf immer verloren hat, heißt auf unwürdige Weiſe ſeine Kräfte vergeuden. Die Welt, in welcher wir leben, iſt voll von Schätzen für die Förderung unſeres Glücks. Wir ſündigen gegen den Geber, wenn wir nicht neue aufſuchen, zum Erſatz für die, welche wir verloren haben. „Ich bin glücklich genug geweſen, ein Mädchen zu finden, welche mich mit dem, was ich verloren habe, verſöhnt. An ihrer Seite hoffe ich das Glück aufblühen zu ſehen, welches mir von Dagmar verſagt worden iſt————————— 4 Zu wie vielen Betrachtungen gab dieſer Brief nicht Ver⸗ anlaſſung. Wie ſeltſam ſchienen nicht Schickſal und Ereigniſſe mit David geſpielt zu haben! Georg hatte ſich über den Verluſt ſeiner Jugendliebe ge⸗ tröſtet. David hatte die ſeinige vergeſſen und mit des Mannes ſtärkern Gefühlen ſich an diejenige gefeſſelt, welche einmal das Ziel der wärmſten Wünſche ſeines Bruders geweſen war. Sie dagegen war für beide verloren. David legte den Brief zuſammen und murmelte: „Dagmar iſt niemals für Georg geweſen, was ſie für mich iſt; dann vermöchte er nicht, dieſelbe zu vergeſſen. Getrennt, wie wir ſind, für Zeit und Ewigkeit, weiß ich ich doch, daß mein Gefühl für ſie daſſelbe bleiben wird.“ Da klopfte es an die Thüre des Kabinets und Davids Diener trat mit einem Briefe ein. „Von dem Oberſt!“* David öffnete ſogleich das Billet und las folgende eilig niedergeworfene Zeilen: 15¹ „Mein lieber David! „Komm ſogleich nach Haraldshof. Arthur liegt im Sterben. Der Arzt vom Hüttenwerk und wir Alle wünſchen Dich hier zu haben. Dein ergebener M. Björnſtam.“ David hätte mit allem Grund von der Welt ſich entſchuldi⸗ gen können. Aber er that es nicht. Doktor D. hatte einen Amts⸗ verweſer erhalten, einen geſchickten jungen Arzt; ihm trug David die Beſorgung ſeiner Praxis auf und reiste in aller Eile von vrköping ab. XLIII. Der Abend war eingebrochen, als David nach Verfluß ſo mancher Jahre wieder durch das Thorgewölbe von Haralds⸗ hof fuhr. Wie hatte ſich nicht alles verändert, ſeitdem er zum letzten Mal von dort weggegangen war. Auf dem Hofe begegnete er einem Wagen, und darin ſaß der Paſtor der Gemeinde. David achtete jedoch nicht auf dieſes Zuſammentreffen, ſondern ſprang aus ſeiner Chaiſe, ſobald dieſelbe anhielt. In demſelben Gemache, wo David von Majken ſich getrennt hatte, als er auf ihr Zureden Haraldshof verließ, kam ihm Mathilde entgegen. Sie führte ihn ſchnell in des Oberſts früheres Schlafzimmer. Arthur d'Aveyron ſaß in einem Lehnſeſſel mit dem Gepräge des Todes in ſeinen Zügen. Dagmar war an ſeiner Seite und der Arzt des Hüttenwerks ſtützte ſich auf die Rücklehne des Seſſels und betrachtete den Kranken. Wer ſonſt im Zimmer war, ſah David nicht; ſeine ganze Aufmerkſamkeit war auf Arthur und Dagmar concentrirt. Er trat auf den erſtern zu. „Es iſt vorüber,“ flüſterte der Arzt. 3 David faßte deſſenungeachtet Arthurs Hand, ließ ſie aber 152 ſogleich wieder los und warf einen erſtaunten Blick auf die knieende Dagmar. Sie trug einen Myrtenkranz in ihrem Haar und war mit einem einfachen Brautkleid angethan. Ein leichtes Zittern zuckte durch ſeinen Körper und er ge⸗ dachte der Begegnung des Geiſtlichen. Der Hüttenwerks⸗Arzt legte ſeine Hand auf deſſen Schulter und rief ihn zu ſich ſelbſt zurück. Die beiden Aerzte gingen aus dem Zimmer. Der erſtere wünſchte von dem Verlauf der Krankheit, von der plötzlich ein⸗ getretenen Verſchlimmerung u. ſ. w. Rechenſchaft zu geben, unter⸗ ſtellte Davids Prüfung die Maßregeln, die er getroffen, und wollte wiſſen, ob etwas Anderes, das ein glücklicheres Reſultat herbei⸗ geführt hätte, zu thun geweſen wäre. David verſicherte, daß nach ſeiner feſten Ueberzeugung ſich nichts erdenken ließe, was zur Verlängerung von dem Leben des Abgeſchiedenen gedient hätte. Als die beiden Aerzte ſich trennen wollten und David wieder von Haraldshof abzugehen gedachte, trat Frau Waldner bei ihnen ein. David hatte nicht bemerkt, daß ſie ſich in der Nähe des Todten befand. Die Mutter nahm ihres Sohnes Arm. Sie gingen durch einige Zimmer, bis Dapid ſich wieder von Neuem in dem erſten Gemache befand. „Geliebte Mutter!“ rief David,„was iſt hier vorgefallen? Was bedeutet Dagmars Anzug?“ „Daß dieſelbe einige Minuten, ehe Arthur d'Aveyron ſeinen letzten Seufzer aushauchte, mit ihm getraut wurde,“ antwortete Frau Waldner.„Ich wurde von dem Oberſt erſucht, dem traurigen Akte beizuwohnen.“ David machte keine weitere Frage, ſondern ſagte ſeiner Mutter Lebewohl, indem er verſicherte, daß ſeine Zeit ihm nicht geſtatte, ſeinen Beſuch mehr als nöthig war zu verlängern, und fuhr wieder ab, ohne ein Wort mit Majken oder dem Oberſt gewechſelt zu haben, 3 153 XLIV. Die ſchnelle Reiſe und die ſtrenge Luft hatten David eine Erkältung zugezogen, welche ihn mehrere Tage an das Bett feſſelte. Als er wieder geneſen war, fühlte er die Nothwendigkeit, ſeinen Aufenthaltsort zu wechſeln. Er hatte während ſeiner Krank⸗ heit die Ueberzeugung gewonnen, daß er ſich ein größeres Feld für ſeine Wirkſamleit ſuchen müßte. Die Hauptſtadt war der Ort, welchen er für die Befriedigung des brennenden Verlangens, etwas Großes zu leiſten, erwählte, und er beſchloß erköping zu verlaſſen. Einen Monat nach dem Beſuche in Haraldshof begab ſich David nach Stockholm. Er unterrichtete in einigen Zeilen den Oberſt von der Ver⸗ änderung ſeines Lebensplanes. Dagmar ließ er grüßen und be⸗ klagte den Verluſt, den ſie in dem Augenblick erlitten hatte, da andere Frauen wenigſtens der Hoffnung ſich hingeben, das Glück erobert zu haben.. Als David von eköping abfuhr, war ſein Entſchluß gefaßt, in Jahr und Tag nach dieſen Gegenden nicht mehr zurückzukehren. XLV. Zwei Jahre vergingen, ohne daß unſer Doktor ſeine Heimath beſuchte. Er hatte ſich im Laufe derſelben einen hervorragenden Namen als einer der verdienſtvollſten Aerzte der Hauptſtadt er⸗ worben.. David kam in die Mode und wurde geſucht. Seine Praxis war ſo groß geworden, daß er bereits ſich ge⸗ nöthigt ſah, neue Patienten abzulehnen, nur um denjenigen ſich widmen zu können, welche er bereits hatte. Mit Leib und Seele war er ſeinem Beruf ergeben. Alles, was ſich nicht darum drehte, war ihm gleichgültig. Er verfolgte 1⁵4 jeden Fortſchritt in der Medicin und verſäumte ſeine Studien nicht; etwas, das den Ruf, welchen er ſich gemacht hatte, recht⸗ fertigte. Er hatte inzwiſchen die Freude gehabt, in Stockholm mit ſeiner Mutter zuſammenzutreffen, da ſie Georgs Vermählung an⸗ wohnte. Seine Mutter wiederzuſehen, war für David ein Feſttag. Björnſtams waren damals eben in Kopenhagen geweſen, ſo daß ſie nicht auf die Hochzeit kommen konnten. David hatte Niemand von ihnen geſehen, ſeitdem er föping verlaſſen; aber ſchon einige Monate nach ſeiner Anknnft in der Hauptſtadt war ein langer Brief von Majken an ihn eingelaufen. Den Inhalt deſſelben kennen wir nicht; aber David hatte ſich von da an wo möglich nur noch eifriger als zuvor ſeinem ärzt⸗ lichen Berufe hingegeben. Ein lebhafterer Briefwechſel hatte ſich ſofort zwiſchen Majken und ihm angeknüpft und wurde bleibend unterhalten. Er erfuhr auch durch ihre Briefe, daß Arthur, welcher Wittwer war, da er nach Schweden kam, eine kleine Tochter hinterlaſſen hatte, und daß dieſes Kind nunmehr von Dagmar, welche be⸗ ſtändig in Haraldshof wohnte, erzogen würde. Während des Winters verweilte ſie einige Wochen bei ihrem Vater in Eriksdal, kehrte aber hernach wieder in die liebe Heimath ihrer Kindheit zurück. Sie hatte dort ihren eigenen Haushalt, welcher von Frau Thorén beſorgt wurde. Im dritten Frühjahre ſeines Aufenthalts in der Hauptſtadt glaubte David der Erholung zu bedürfen und entſchloß ſich, den Sommer eine Reiſe zu machen. Er überließ ſeine Praxis einigen ſeiner Kollegen auf die drei Monate, welche er fortzubleiben be⸗ abſichtigte. Mit einem innigen Gefühl von Zufriedenheit ging David an einem ſchönen Sommermorgen an Bord des Dampſſchiffes, welches ihn aus dem Getümmel der Hauptſtadt entführen ſollte. Es war ihm, als ob er aus einem Kerker befreit würde, und er genoß in vollen Zügen die neugewonnene Freiheit. Auf dem Dampfſchiff traf er ein junges Paar, welches ſeit einem Jahre Mann und Frau war— nämlich Chriſtoph⸗Alm mit . 155 ſeiner Gattin. Die Begegnung erſchien auf beiden Seiten gleich angenehm, und die früheren Univerſitäts⸗Kameraden ſprachen gegen einander ihre Freude darüber aus, ſich ſo unvermuthet zu treffen. David gewahrte auch, daß Alm in tiefer Trauer war, und fragte ihn nach dem Grunde derſelben. Chriſtoph hatte ſeinen Vater begraben. Sjöqviſt, welcher das letzte Jahr krank geweſen, war im Frühling mit Tod abgegangen, ehe der Sohn herbeieilen konnte, um ihm die Augen zu ſchließen. Chriſtoph betrauerte ſeinen Vater aufrichtig, aber er war allzu glücklich, als daß der Kummer ſonderliche Macht über ihn haben konnte, um ſo mehr als er vor dem Vater eigentlich keine Achtung zu hegen vermochte, ſondern nur die nachſichtige An⸗ hänglichkeit eines Kindes gegenüber von ihm empfand. XLVI. Zu Aengsberga gab es eine Menge Geſchäfte im Garten. Frau Waldner ſelbſt hatte vollauf zu beſorgen. Das Haupt von einem breiten Strohhut beſchattet, war ſie gerade eifrig daran, einige ſeltene Blumen zu verſetzen, als eine muntere Stimme von einem der Gänge her rief: „Wo in aller Welt weilt denn gerade Frau Waldner?“ „Hier, liebes Kind,“ antwortete die gute Tante und erhob ſich aus ihrer gebückten Stellung. Eine ſchlanke Frauengeſtalt eilte unter den Bäumen hervor, und in der nächſten Sekunde ſtand Dagmar an Tante Waldners Seite. Sie hielt einen kleinen, mit friſchen Blättern bedeckten Korb in der Hand.. „Willkommen,“ ſagte Frau Waldner und nickte ihr ganz freundlich zu.„Wie Du heute Abend warm und ſchön ausſiehſt, mein ſüßes Mädchen.“ „Theuerſte Tante, vergiß nicht, daß ich Frau bin,“ fiel ihr Dagmar ins Wort.„Aber nicht davon wollen wir reden, ſondern von der Urſache, warum ich ſo warm habe. Ja, ſiehſt Du, das — 156 kommt daher, daß wir, Agnes und ich, eine Wette eingegangen haben, wer von uns beiden Dir zuerſt Erdbeeren anbieten könnte. Wir hoben gleichzeitig an, und nach langem Suchen habe ich einen kleinen Vorrath davon geſammelt. Es galt Eile, und hier bin ich nun mit meinem Schatze. Ich bin auch tüchtig zugefahren. In einigen Minuten iſt Agnes hier, aber da haſt Du meine Beeren bereits erhalten, du gute, liebe Tante.“ „Glaubſt Du wirklich, daß es für eine Marquiſin d'Aveyron ſich ſchickt, auf ſolche Weiſe von dannen zu ſchießen?“ rief eine Stimme von einem der Gänge her, und Georgs junge Frau kam auf die Schwiegermutter zu. Bei dem Namen d'Aveyron flog eine leichte Wolke über Dagmars Stirne; dieſe verſchwand jedoch gleich, und Dägmar verſicherte, es ſchicke ſich eben ſo gut für ſie wie für Agnes, welche Mann und Kind im Stich gelaſſen, um Dagmar eine Freude zu rauben.. „Du darfſt nicht vergeſſen, daß ich in meiner Eigenſchaft als Georgs Frau Pflichten und Rechte habe, welche Du nicht be⸗ ſitzeſt,“ fiel Agnes ein;„ich komme als Georgs zweites Ich.“ „Ganz ſchön, aber ich— ich bin hier mit den Beeren als Davids Repräſentant. Er iſt der ältere Sohn und muß wohl den Vortritt haben.“ Frau Waldner ſtreichelte und küßte die Wangen der jungen Frauen, und dankte. ihnen für ihr Wohlwollen; ſie wollte, die⸗ ſelben ſollten mit ihr heraufkommen und ſich mit etwas Him⸗ beerſaft und Waſſer erfriſchen; aber Agnes konnte nicht länger von ihrem Kinde wegbleiben, und Dagmar wollte nach Hauſe zu ihrem kleinen Mädchen, das ſie mit dem Verſprechen, ſogleich wiederzukehren, verlaſſen hatte. Als die jungen Frauen eine Weile mit der alten Dame geplaudert hatten, nahmen ſie. Ab⸗ ſchied und fuhren, jede in ihrem Wagen, nach Hauſe. Agnes eilte an der Allee, welche nach Haraldshof führte, vorüber, und lenkte nach dem Hüttenwerk hinab, wo ein neues, ſchönes Gebäude auf Rechnung des Disponenten errichtet worden war. Dagmars Equipage ſchlug den Weg nach dem alten Herren⸗ ſitz ein,. 1⁵7 Die Staubwolke hinter den beiden Fuhrwerken hatte ſich noch nicht gelegt, als ein leichter Reiſewagen auf dem Hofe von Aengsberga anhielt. Frau Waldner hatte jedoch keine Ahnung von dem neuen Beſuch; die kleinen Körbe mit den Beeren waren bei Seite ge⸗ ſtellt worden, und ſie beſchäftigte ſich wieder mit ihren Pflanzen. Es rauſchte im Laube; es bewegte ſich in den Gängen des Gartens; aber der Arbeitenden waren rings herum ſo viele, daß dieſe Laute die Aufmerkſamkeit der guten Frau nicht erregten. Plötzlich fühlte ſie ſich von ein paar ſtarken Armen umfaßt und eine kraftvolle männliche Stimme rief: „Iſt bas auch recht und in der Ordnung, daß F Frau Wald⸗ ner in den Blumenbeeten herumſtochert und ſich die Finger mit Erde beſchmutzt?“ „David!“ ſtammelte die überglückliche Mutter und ſchlang ihre Arme um des Sohnes Hals.„Herr mein Gott! liebſtes, liebſtes Kind, wie bin ich ſo erfreut!“ „Davon iſt mein Hemdkragen ein ſprechender Beweis,“ ſcherzte David;„aber zur Strafe dafür, daß Du mich ſo übel zugerichtet haſt, ſollſt Du mich auch den ganzen Sommer hegen und pflegen; ich beabſichtige von Herzens Grund zu faulenzen.“ David küßte der Mutter die Hände, trotz der beſchmutzten Finger. Er war ſo glücklich ſie wiederzuſehen. Frau Waldner weinte und lachte faſt zu gleicher Zeit bei der Vorſtellung, daß ſie den geliebten Sohn ſo lang bei ſich behalten dürfte. Die Pflanzen wurden nun dem Gärtner anvertraut. Frau Waldner nahm hierauf die kleinen Erdbeerkörbe und führte David in das Haus hinauf, um dort ungeſtört den erſten Abend nach ſeiner Wiederkehr ſich mit ihm zu unterhalten. „Was willſt Du dich da mit dem Tragen ſelbſt beſchweren?“ fragte David.„Kannſt Du die Körbchen nicht mir anvertrauen?“ „Ich fürchte, Du wirſt ſie verderben; ſie ſind, wie Du ſiehſt, nur von Blättern und Stielen.“ „Nun, was enthalten ſie denn Außerordentliches?“ „Etwas, womit ich Dich bewirthen will. Es hat ſie mir ſelbſt erſt vor einer halben Stunde Jemand zum Geſchenk gemacht.“ 158 „Wer?“ „Welche? mußt Du ſragen.“ Frau Waldner hielt Dagmars Körbchen, welches mit Maßlieben verziert war, in die Höhe. „Dieſes hier iſt von Dagmar und das andere von Agnes.“ Nun erzählte Frau Waldner von deren Wetteifer und fügte bei, daß Dagmar geſagt hätte, ſie ſtelle David vor. Der Doktor ſagte nichts; aber als die Mutter etwas ſpäter ihm mit den Beeren aufwartete, nahm er nur von denen, welche Dagmar gepflückt hatte. Nach dem Souper wollte Frau Waldner die Körbchen wieder an ſich nehmen und aufheben, aber zu ihrem großen Leidweſen war das von Dagmar verſchwunden. Später am Abend hätte die gute Mutter einen Blick in das „Zimmer der jungen Leute“ werfen ſollen; ſie würde dann wohl dahinter gekommen ſein, welchen Weg das verlorne Körbchen ge⸗ nommen hätte. XLVII. In einem Salon zu Haraldshof, deſſen nach dem Garten gehende Glasthüre geöffnet war, finden wir Dagmar in einem hochlehnigen Fauteuil zurückgebeugt. Ihr Angeſicht war bleich, ihr Auge müde und über ihrem ganzen Aeußern weilte ein Ge⸗ präge von Niedergeſchlagenheit. Man wäre beinahe verſucht ge⸗ weſen, Dagmar für kränklich zu nehmen, wenn die Fülle ihrer Geſtalt eine ſolche Annahme nicht Lügen geſtraft hätte. Auf ihren Knieen lag ein Buch, welches ſie noch nicht ge⸗ öffnet hatte. Die eine Hand hing zur Seite nieder, die andere ruhte auf dem Buche. So war Dagmar, Gott allein weiß, wie lange dageſeſſen, als Schritte von der Glasthüre ſie aus dem Nachdenken, worein ſie verſunken war, erweckten. „Guten Morgen,“ ſagte Olle. Dagmar beantwortete den Gruß, ohne ihre Lage zu ändern. „Wie geht es heute mit deiner Gicht, lieber Olle?“ fragte ſie. — 159 „Ziemlich gut; aber es ſieht aus, als ob Ew. Gnaden ſich nicht ganz wohl befänden.“ Olle betrachtete ſie mit einem mißvergnügten Blick. „Du meinſt nur ſo,“ entgegnete ihm Dagmar.„Mir iſt immer wohl.“ „Es mag ſo ſein, verſteht ſich; obwohl es erkünſtelt aus⸗ ſieht. Wenn meine kleinen Blumen ihre Kelche zur Erde neigen, anſtatt ſie zur Sonne zu erheben, und wenn die Vögel unruhig bei Nacht herumflattern, ſo iſt es kein gutes Zeichen.“ „Darin kannſt Du recht haben, obwohl ich nicht begreifen kann, welcher Zuſammenhang zwiſchen deinen Blumen und Vögeln und meinem Geſundheitszuſtand ſtattfinden mag. Aber von wegen der Blumen, ich habe Frau Waldner verſprochen, ihr einige von den hellen Levkojen nach Aengsberga zu ſchicken. „Es verlohnt ſich kaum der Mühe; dort haben ſie jetzt an etwas Anderes zu denken.“ „Was ſoll das ſein?“ „Ach mein Gott, der Doktor iſt ja geſtern Abend angekom⸗ men, und heute ſah ich ihn nach dem Hüttenwerk hinabreiten.“ Dagmars bleiche Wangen färbten ſich mit einem leichten Roth. Olle bemerkte die zarte Farbe und begann ſich mit den Blumen in den Rabatten zu beſchäftigen. Er lächelte für ſich ſelbſt ſo hin und begab ſich nach einer Weile in andere Gegen⸗ den des weitläuſigen Gartens. Dagmar ſtreckte die Hand nach einem Sommerhut aus, welcher auf einem Stuhle daneben lag, ſetzte ihn auf und erhob ſich, wahrſcheinlich in der Abſicht, einen Spaziergang zu machen; aber in dieſem Augenblick öffnete ſich eine der Salonthüren und ein kleines Mädchen von ſieben oder acht Jahren kam herein⸗ gehüpft. „Guten Morgen, Mama, Adele will Dich begleiten, Adele will ausgehen,“ rief ſie, und man konnte ſagen, daß Adele un⸗ endlich viel wollte. Dagmar lächelte, hob die Kleine empor und küßte ſie; aber nachdem das Mädchen ihre Liebkoſungen mit ein paar Küſſen beantwortet hatte, wollte ſie hinaus. Dagmar folgte der Kleinen, — ͦ 160 welche nun ganz deſpotiſch die Frau Mama zwang, mit ihr herumzuſpringen und zu ſpielen, gerade als ob Dagmar ihr an Alter völlig gleich geweſen wäre. ALdele lachte aus vollem Halſe; zuweilen hörte man auch Dagmars Lachen mit dem des Kindes ſich miſchen. Während ſie in ihrem Spiele fortfuhren, hatte Frau Thorén die Thüre zum Salon geöffnet und David mit den Worten ein⸗ gelaſſen: „Dagmar ſitzt dort in dem Fauteuil.“ Nachdem ſie ihm dieſen Beſcheid gegeben hatte, ſchloß ſie die Thüre hinter ihm. David trat auf den hochlehnigen Fauteuil zu, aber keine Dagmar fand ſich dort. Jeetzt vernahm er Dagmars und des Kindes Stimmen vom Garten her. Er ſchaute auf, woher ſie kamen, und gewahrte Dagmar, welche ſich hinter einem Buſch zu verbergen im Begriff war, während Adele herumſprang und nach ihr ſuchte. Endlich fand Adele die Mama und jubelte laut vor Freude. David wandelte bei dem Anblick des Kindes ein unbehag⸗ liches Gefühl an. Der minder angenehme Eindruck wurde jedoch ſchnell wieder zurückgedrängt, als ſeine Augen ſich wieder auf Dagmar hefteten. Er ging hinaus in den Garten. David ſtand vor Dagmar in demſelben Augenblick, als ſie ihre Arme um das leichtfüßige Mädchen ſchloß, welches gefangen wurde, eben da es entfliehen wollte. „David!“ rief Dagmar, ließ das Mädchen los und reichte ihm ihre Hände hin. „Wie ſchön, wie gut iſt es von Dir, daß Du kommſt; ſo lange haſt Du mich auf dieſes Wiederſehen warten laſſen.“ David lächelte und küßte ihre Hände. „Du haſt mich ſomit erwartet?“ „Ich wußte ja, daß Du kommen würdeſt. Obwohl zwei Jahre verfloſſen ſind, ohne daß Du etwas von dir hören ließeſt, war ich doch verſichert, daß Du eines Tags mich aufſuchen würdeſt.“ 161 „Du hätteſt mir niemals, Dagmar, einen willkommeneren Gruß bieten können, als in dieſen Worten enthalten iſt,“ ant⸗ wortete David.„Daß ich Dich wieder aufſuchen würde, war ge⸗ wiß und ſicher; aber ungewiß, ob es zur rechten Stunde ge⸗ ſchehen dürfte.“ „Ich fürchte, daß der Freund länger zögerte, als er ſollte,“ fiel Dagmar haſtig ein. „Das hat weniger zu bedeuten, wenn David nur nicht zu ſpät kommt.“ Dagmar konnte keine Antwort geben; ſie rief Adele. David ſetzte hinzu: „Heute hatte ich nebenbei andere Pflichten, welche mich hie⸗ her führten. Ich komme nämlich, um einige Monate daheim zu bleiben, und mußte ſomit in Haraldshof einen Beſuch machen, um dafür zu danken, daß Du es übernommen haſt, während meiner Abweſenheit meiner Mutter ältern Sohn zu repräſentiren.“ „Und Du biſt ein berühmter Arzt geworden!“ unterbrach ihn Dagmar. „Darüber kann ich mich nicht ausſprechen; aber das erſte, worauf ich in meiner Mutter Hauſe ſtieß, war eine Gabe von Dir; das, kann ich betheuern, machte mir eine wirkliche Freude. Eine gute Vorbedeutung war die Gabe, obwohl ein Korb.“ Dagmar wich Davids Blicken aus, nahm Adele an der Hand und ſtellte ſie dem Doktor mit den Worten vor: „Adele d'⸗Aveyron, Arthurs hinterlaſſene Tochter.“ Dagmar ſchaute zärtlich das Mädchen an, welches dem fremdem Herrn zunickte und hierauf davon ſprang. Sie hatte den alten Olle zu Geſicht bekommen und eilte auf ihn zu. Das Geſpräch zwiſchen David und Dagmar nahm jetzt einen mehr allgemeinen Charakter an. Man redete von Georg. Dag⸗ mar erinnerte David an das Urtheil, welches ſie über ſeinen Bruder gefällt hatte, und David bekannte mit einem Lächeln, daß ſie dem Anſchein nach bei der Beurtheilung von Georgs Gefühlen einen ſicherern Blick als er gehabt hätte. Darauf bemerkte er: „ch, ich habe Dir ja noch keine Mittheilung von der eigent⸗ lichen Urſache meines Beſuchs gemacht.“ Schwartz, David Waldner. II. 11 ——— 162 3 „Bedurfte es einer beſondern Urſache?“ fragte Dagmar lächelnd.„Ich glaube nicht.“ „Wenn ich auch deſſen nicht bedürfte, könnte ich doch wohl einen ſolchen haben.„Ich beabſichtige nämlich, Dir ein lang vermißtes Kleinod wieder zuzuſtellen.“ „David!“ rief Dagmar;„Du willſt doch nicht zurückgeben, was ich Dir einmal geſchenkt habe.“ „O nein, ich gebe nicht zurück, was ich erhalten. Hier handelt es ſich um etwas, das ich in Verwahrung habe.“ David reichte ihr das Etui, welches Olle von Dagmars Toi⸗ lettentiſch weggenommen hatte. Sie empfing es mit vollkommen gleichgültiger Miene, indem ſie ſagte: „Du haſt es von Olle erhalten; das hat er mir erſt kürzlich bekannt.“ „Ich glaubte, es würde jetzt einen höhern Werth für Dich haben, als damals, als Du es verloreſt.“ „Ach, mein Freund, es iſt ein Porträt von meiner Mutter Bruder. Deſſen Werth lag bloß darin, daß es mich an Arthur erinnerte. Willſt Du, ſo behalte es immerhin. Ich liebe dieſe Erinnerungen nicht mehr.“ Dagmar pflückte eine Penſée und reichte ſie David. „Eine ſchöne Blume,“ ſagte ſie. „Unleugbar.“. „Warum nimmſt Du ſie nicht? Weißt Du, was ſie gleicht?“ „Dem Sammet.“ „O nein, ſie erinnert an ſchöne aber ernſte Gedanken, tiefe und heilige Gefühle. Du kannſt ſie ja in ein Knopfloch deines Rockes ſtecken.“ „Dagmar! Ich werde ſowohl ſie als das Etui aufbewahren, bis Du beides zurückbegehrſt.“ „Dann kannſt Du es für immer bewahren. Weißt Du, daß Majken und Papa etwas ſpäter im Sommer hieher kommen?“ „Majken hat mir davon geſchrieben.“ „Steht ihr in Korreſpondenz?“ „J.4 4 163 Agnes kam und machte dem Geſpräch unter vier Augen ein Ende. XLVIII. Daß Dagmar und David von dieſem Tage an einander öfters ſahen, verſteht ſich von ſelbſt. Bald kam ſie nach Aengsberga, bald fuhr er nach Haralds⸗ hof, und dazwiſchen trafen ſie ſich auch bei Georg. Sie gingen als gute Freunde mit einander um, aber hüteten ſich gegenſeitig, auf irgend ein zärtlicheres Gefühl hinzudeuten. Dagmar war recht herzlich, aber es ruhte auf dieſer Herzlichkeit eine ſolche Ruhe, daß es Niemand einfiel, darin etwas Anderes als Freundſchaft zu ſehen. Davids Benehmen war vielleicht kälter und hatte zuweilen einen Schein von Gleichgültigkeit, welcher Frau Waldner ein wenig ärgerte. Doch gab es trotz dieſes Kaltſinns keine Perſon, deren Ge⸗ ſellſchaft er ſo eifrig ſuchte, als diejenige Dagmars, aber ohne daß er wie früher ſich in ihr Thun miſchte oder ihre Gefühle auszu⸗ forſchen ſuchte. Es kam niemals vor, wenn er zu Haraldshof vorſprach und Dagmar bleich und ermüdet ausſah, daß er eine Anmerkung darüber machte oder nach der Urſache fragte. Er ſtellte ſich, als ob er nichts merke, und ſchien anzunehmen, daß Dagmar ſo zu⸗ frieden und froh war, wie ſie ſich zeigte. Eines Abends war David bei einem der Nachbarn geweſen und begab ſich etwas ſpät nach Hauſe. Er kam an Haraldshof auf demſelben Weg vorüber, welchen Ring gefahren war, als er Zeuge davon wurde, wie Dagmars Mutter ihr Leben beſchloß. Die See lag ruhig und klar da in der hellen Sommernacht. Ueberall war es ſtill in der Nähe und Ferne. Es ſah aus als ob die Natur in einen lieblichen Traum verſunken wäre. Plötzlich hielt David ſein Pferd an. Eine Frau ſaß am Strande. Sie war zur Hälfte von den 164 Bäumen verborgen. Er konnte nicht unterſcheiden, wer es war; aber er glaubte es doch zu wiſſen. Er ſchwang ſich ſogleich vom Pferde, deſſen Zügel von einem Mann gefaßt wurden, der hinter dem Stamm einer großen Eiche ſich verborgen hielt. Der Mann war Olle. Er deutete auf die Frau am Strande und flüſterte: „Dieſelbe Stelle, wo die Mutter ſich hineinwarf.“ David blieb einen Augenblick ſtehen, wie von einer plötz⸗ lichen Offenbarung getroffen. Eine kleine Weile, und er hatte ſeine Handlungsweiſe be⸗ ſtimmt. Ein Liedchen pfeifend, ging David mit gleichgültiger Miene und Haltung zum Strand hinab. Sein Schritt war laut; er kam aber deſſen ungeachtet ganz nahe zu der Frauengeſtalt heran, ehe ſie ſich rührte; aber da fuhr ſie auf, als ob ſie aus einem Traume erwachte. „Was ſeh' ich!“ rief David;„biſt Du es, Dagmar?“ Er ſtand ganz in ihrer Nähe. Dagmars Angeſicht war von Thränen benetzt. David erkannte, daß die Zeit zu Bemerkungen nicht tauglich war. Er nahm auch, ohne ein Wort beizuſetzen, ihren Arm, legte ihn in den ſeinigen und führte ſie vom Strande hinweg über die Straße, durch den Park und nach dem Salon, deſſen Glasthüre offen ſtand. Nicht ein Wort wurde unterwegs geäußert. Beim Eintritt in den Salon zog Dagmar ihren Arm aus dem von David und ſchaute zu ihm auf, indem ſie flüſterte: „Wie gut biſt Du gegen mich!“ „Und Du— wie grauſam biſt Du gegen David,“ ant⸗ wortete er.. „Sprich nicht ſo!“ Dagmar verbarg ihr Angeſicht in den Händen. David zog dieſelben hinweg und bemerkte mit ruhiger und milder Stimme: 3 „Haſt Du vergeſſen, was Du einmal verſpracheſt? Es würde mir leid thun, Dagmar, wenn Du dein gegebenes Wort brächeſt. 16⁵ Hat Davids Friede einigen Werth für Dich, ſo gehe zur Ruhe, Suche zu ſchlafen, und nun: gute Nacht!“ „Ich werde zu gehorchen ſuchen,“ ſtammelte Dagmar und eilte hinein. Die Thüre wurde geſchloſſen. David kehrte zu ſeinem Pferde und dem alten Olle zurück. „Mein Gott, Herr Doktor, ſo ſchlecht ſteht es nun wieder. Sie haben jetzt zum zweiten Mal Anlaß uns zu helfen.“ David klopfte den Alten auf die Schulter und verſicherte, daß es wieder recht werden ſollte; darnach ſchwang er ſich auf ſein Pferd und ritt hinweg. XLIX. Am folgenden Morgen erwartete Dagmar mit einer gewiſſen Unruhe, daß David von ſich hören laſſen würde. Der Vormittag war jedoch ſchon ziemlich weit vorgeſchritten, ohne daß er ſichtbar wurde. Um elf Uhr fuhr Frau Waldners kleine Droſchke im Hofe vor, und ſie ſtieg allein aus derſelben. Dagmar und Adele hießen die Tante mit großer Herzlichkeit willkommen. Sie ihrerſeits erklärte ſogleich, ſie ſei gekommen, um ſie nach Aengsberga mitzunehmen. Allerdings fiel es Dagmar ſchwer, ſich von allen ihren mancherlei Beſchäftigungen zu trennen; denn ſie ſollte ja einigen armen Frauen zu arbeiten geben; es ſollten einige Kinder der Dienſtleute vom Hüttenwerk Kleider erhalten, denen ſie ſolche ſelbſt verfertigt hatte und auch ſelbſt austheilen zu müſſen glaubte; aber Frau Waldner meinte, das Alles könnte Frau Thorén eben ſo gut beſorgen. Die Folge war, daß die junge Wittwe und Adele nach Aengsberga fuhren. Georg und Agnes ſollten zum Mittageſſen dorthin kommen, und Alles ließ hoffen, daß es ganz unterhaltend würde, verſicherte Frau Waldner. 8 Dagmar ſcherzte über Tante Waldners Tyrannei, ſah aber ganz heiter aus, als ſie zu Aengsberga ankamen, wo David ihnen aus dem Wagen half. Es regte ſich anfänglich eine gewiſſe Verlegenheit bei Dagmar, 166 als David ſie anredete, aber ſie verſchwand bald. Er war ja ſo aufgeräumt, ſah ſo gut und freundlich aus, daß Dagmar ſich von ſeinem Anblick ganz belebt fühlte. 3 Das Frühſtück wartete auf der Veranda. Als man damit f war, nahm Frau Waldner Adele mit ſich in den Garten inab.. David und Dagmar blieben allein. Dagmar hatte Adele und die Tante begleiten wollen, aber David erklärte ſich dagegen. „Geſtehe, Dagmar,“ ſagte er,„daß Du dich beinahe vor mir zu fürchten ſcheinſt.“. „Fürchten?“ fragte ſie, ihn anſchauend.„Wie wäre das möglich? Von Dir habe ich ja wohl nichts zu fürchten?“ „Nicht gerade; aber Du weißt, daß ich als Freund und Arzt Dich ſchelten muß.“ „Nicht als Arzt, aber wohl als Freund. Zu dem erſtern habe ich niemals meine Zuflucht nehmen dürfen.“ —„Aber Du biſt gleichwohl krank und biſt es ſchon lange ge⸗ weſen.“ „Beweiſe es, wenn Du kannſt. Ich glaube, es würde mir ein Vergnügen machen. Worin beſteht denn meine Krankheit?“ Dagmar hatte dieß in ganz ſcherzhaftem Tone geſagt. „In einer krankhaft gereizten Einbildung, welche endlich eine noch ſchwerere Geiſteskrankheit herbeiführen könnte.“ „Sprich nicht ſo, aus Barmherzigkeit,“ rief Dagmar und legte ihre Hand auf ſeine Lippen. Sie war todesbleich geworden. Davids ſtrenger Blick nahm nun einen Ausdruck inniger Theil⸗ nahme an. „Iſt denn was ich eben ſagte, ſo Schrecken erregend?“ fiel er ein.„Dieß war alſo das Uebel, woran Du litteſt; der Kum⸗ mer, welcher Dich verzehrte; die Angſt, welche Dir deinen Frieden raubte? O Dagmar, warum haſt Du dich mir nicht anver⸗ traut?“ Dagmar ließ den Kopf ſinken und ſagte mit tiefer Nieder⸗ geſchlagenheit: 1 „Ich vermag nicht über dieſen Gegenſtand zu reden. Ich 167 kann nicht von einem Unglück ſprechen, welches mir ſo furchtbar ſcheint, und aus welchem es keine Rettung gibt.“. „Wenn Du ſelbſt nicht davon reden kannſt, mußt Du wenigſtens auf das hören, was ich Dir zu ſagen beabſichtige.“ „Nein, David, nicht einmal das iſt mir möglich,“ fiel Dag⸗ mar ein. „Wir ſetzen jedoch voraus, daß Du es thuſt; daß Du mich lieb genug haſt, um Dich dieſer Plage zu unterwerfen. Ich will Dir übrigens bloß ein kleines Ereigniß aus der Wirklichkeit er⸗ zählen. Du mußt hören, ohne mich zu unterbrechen.“ „Ich hatte einen Freund,“ fuhr David fort,„einen jungen Arzt, welcher mir einmal die Geſchichte ſeiner Liebe erzählte. Du ſollſt erfahren, wie ſie lautete: „Er hatte eine junge Verwandte gehabt, ein heiteres und liebenswürdiges Mädchen, welches er von den Kinderjahren an kannte. „Einige Jahre lang ſahen ſie einander nicht; aber da ſie ſich wieder begegneten, ſagte man ihm, das junge Mädchen leide an einem heimlichen, unerklärlichen Kummer. Man bat den jungen Arzt, demſelben entgegenzuarbeiten. Er widmete ihr ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit und ſuchte durch genaue Beobachtung die Urſache zu erforſchen, um hernach ihre Schwermuth vertreiben zu können. Das erſtere gelang ihm nicht, dagegen ging es mit der letztern beſſer als er zu hoffen gewagt hatte. Sie vergaß allmälig zu weinen und zu grübeln. Sie vergaß die Phantaſie⸗ welt und lebte mit ihm in der Wirklichkeit. Sie liebte den Arzt und wurde von ihm geliebt. Was ſie für ſein Herz war, ver⸗ traute er ihr einmal an, und ihre Antwort war ein Bekenntniß, wie lieb er ihr gleichfalls war. Das Glück öffnete ihnen ſeine Arme, aber das Mädchen ſtieß die Seligkeit von ſich und forderte ihren Geliebten auf zu entſagen. Sie erklärte, ein unheilvolles, ein myſteriöſes Geſchick trenne ſie von einander. „Er ſuchte die auf, welche Alles für ihn war; er fand ſie an dem Krankenbett eines Verwandten, den letztern mit einer Zärtlichkeit umgebend, welche ihn beſtimmte, von jeder Erklärung abzuſtehen. Er verſuchte deſſen ungeachtet ihr Benehmen ohne 168 Bitterkeit zu beurtheilen und die Beweggründe dafür zu erklären; aber es wollte nicht gelingen. Er hatte jede Stunde ihres Bei⸗ ſammenſeins durchgangen; jedes Wort, das ſie ausgeſprochen, jede Bewegung, die in ihren Zügen ſich ausprägte, ſich vorge⸗ halten. Alles rief ihm zu: Sie liebt dich! und doch vergaß ſie ihn jetzt für einen Andern, einen Fremdling. Vorauszuſetzen, daß in ihrem Herzen Trug und Treuloſigkeit wohnte, das vermochte er nicht; dazu liebte er ſie allzu innig. War es Mitleid, welches ihre Handlungen diktirte? So glaubte er bis zuletzt und ahnte einigen Zuſammenhang zwiſchen dieſem Verwandten und dem unerklärlichen Geſchick, wodurch ſie ihrer Ausſage nach von ihm geſchieden wurde. Er beſchloß der Zeit zu vertrauen und geduldig zu warten, bis deſſen Tod ſie von der Rolle einer Kranken⸗ wärterin befreite. Da wollte er ſie aufſuchen; er wollte nicht von ihr laſſen, ehe ſie ihm eine Erklärung gegeben hätte, nicht eher als bis ſie eingewilligt hätte, die Seinige zu werden. „Da wurde er plötzlich an ein Sterbebett gerufen; es war ihr kranker Verwandter, welcher ſeinen letzten Kampf mit dem Tode beſtand. „Der Arzt kam erſt, als das Leben erloſchen war, aber der Todte hatte für ihn jede Hoffnung auf Glück vernichtet; in der Todesſtunde hatte er ſich mit derjenigen trauen laſſen, welche der Arzt liebte. Sie hatte dem Sterbenden dieſelbe Hand gegeben, welche ſie dem, den ſie liebte, verweigerte. „Eine ſolche Handlungsweiſe konnte der Arzt nicht verſtehen. Er ging fort, um ihr nicht mehr zu verzeihen.“ „Aber er verzieh,“ flüſterte Dagmar. „Daß er es konnte, daran war des Mädchens Stiefmutter ſchuldig. Sie verſtand ſein Unglück und gab ihm den Schlüſſel zu dem Räthſel. Sie rettete ihm den Glauben an die Geliebte. „Aber reden wir nicht weiter von ihm. Wir wollen uns mit dem Mädchen beſchäftigen. Du weißt, daß ihr geheimniß⸗ volles Thun bitteres Leiden mit ſich geführt hatte. Wie anders, wenn die Liebe ſtärker geweſen wäre, als die Zurückhaltung! Sie hätte ihm dann geſagt, was es war, das ſie in eine arme von Schreckbildern geplagte Träumerin verwandelte, das ſich zwiſchen 169 ſie und das Glück ſtellte. Manche bittere Stunde hätte ſie dann ſich ſelbſt und dem Geliebten erſpart.“ David faßte Dagmars Hand und ſetzte hinzu:„Was Du damals ſollteſt, wirſt Du jetzt thun.“ Dagmar ſchwieg, ſah aber David mit einem bittenden Blicke an. „Dagmar,“ begann David wieder in ernſtem Tone:„Du haſt mit deinem geheimnißvollen Thun einen Fehler begangen, welchen Du gut machen mußt. Es wäre ſchlimm, wenn Du nicht den Muth hätteſt, mit mir die Quelle deines ſtillen Kum⸗ mers ſelbſt zu erforſchen; oder ſollte David Unrecht gethan haben, daß er wieder gekommen iſt?“ fragte der Doktor. „Nein, das hat er nicht!“ rief Dagmar.„Ich werde reden,“ ſetzte ſie hinzu;„obwohl Du nicht weißt, wie viel Du von mir forderſt. Ich habe niemals früher meinen Kummer in Worte gekleidet, und nun, da ich es thun ſoll, ſcheue ich vor dem Laut meiner eigenen Stimme zurück.“ „Aber hernach wird der Kummer,“ fiel David ein,„ſeinen Stachel verlieren, und Du wirſt darüber erſtaunen, daß ein ein⸗ gebildetes Unglück Dir ſo großen Schmerz verurſachen konnte.“ Dagmar erhob den Kopf, aber der bekümmerte Ausdruck war verſchwunden. „Mag es denn geſchehen,“ und ohne weitere Vorbereitungen begann Dagmar ihre Erzählung. L. „Während unſeres Aufenthalts in Paris beſuchten wir das Atelier eines ausgezeichneten Malers. Unter den Gemälden, welche meine Aufmerkſamkeit feſſelten, war ein neapolitaniſcher Fiſcher⸗ knabe. Das Gemälde war von einem jungen Marquis d'Aveyron beſtellt, welcher ſich in Geſtalt eines Fiſchers hatte porträtiren laſſen. Mein Vater wurde nachdenklich bei dem Laute dieſes Namens, den auch meine Mutter geführt hatte. „Der Eindruck des Gemäldes verſchwand jedoch bald vor den übrigen, welche einander ablösten. 4 170 „Eines Abends, einige Zeit darauf, beſuchten wir die italieniſche Oper. In die Loge uns gegenüber trat ein junger Mann und eine einnehmende Dame in Geſellſchaft des ſchwediſchen Legations⸗ ſekretärs. „Unſere Aufmerkſamkeit richtete ſich ſogleich auf ihn. Wir hatten das Modell zu dem ſchönen Fiſcherknaben vor uns. „Sein ganzes Ausſehen zeugte von Jugend, Geſundheit, Lebens⸗ frithe Er hatte ſichtbarlich ſeine Freude daran, jung und ſchön zu ſein. „Mit ſeinem Opernglaſe überſchaute er das Publikum und endlich haftete ſein Auge auf uns. „Er wandte ſich zu dem Legationsſekretär, ſagte etwas zuerſt zu ihm, hernach zu der Dame, und hernach verließen die Herren die Loge. „Einige Augenblicke darauf traten ſie in die unſrige und der Legationsſekretär ſtellte uns den Marquis Arthur d'Aveyron vor. „Arthur ſagte dem Papa einige verbindliche Worte, welche das Vergnügen ausdrückten, das er darüber empfand, daß er ſeine Bekanntſchaft machte, und fragte, ob er derſelbe Oberſt Björnſtam wäre, welcher mit Anais d'Aveyron ſich verheirathet hätte. „Mein Vater bejahte die Frage, und Arthur nannte ſich einen Brudersſohn von Anais. „Er und ich, wir waren folglich Couſin und Couſine. „Sein Vater und Großvater wohnten auf dem Familienſchloß. Als Arthurs Mutter ſtarb, hatte der Vater ſich von der Welt zurückgezogen, und der Sohn hatte weder den Vater noch den Großvater in den letzten drei Jahren zu Geſicht bekommen. „Er war eben von einer Reiſe ins Ausland, welche er mit ſeiner jungen Frau gemacht hatte, zurückgekehrt. Unter anderem äußerte er auch, daß zwiſchen ſeiner Frau, welche in der Loge uns gegenüber ſaß, und zwiſchen mir eine erſtaunliche Aehnlich⸗ keit ſich fände, welche ihm ſogleich aufgefallen wäre. „Er verließ nach einer Weile unſere Loge, nachdem er ſich ausgebeten hatte, mit ſeiner jungen Frau uns einen Beſuch machen zu dürfen, 3 3 171 „Zwei Wochen lang waren wir beinahe täglich mit ihnen zuſammen. Beide jung, liebenswürdig, glücklich und heiter, be⸗ trachteten das Leben von deſſen ſonnigſter Seite. 1 „Eines Tags fand ſich Arthur mit einer Wolke auf der ſonſt ſo freien Stirne ein. Er hatte einen Brief von ſeinem Vater erhalten, welcher aus Anlaß eines umlaufenden Gerüchts über die Religion ſeiner Schwiegertochter zu erfahren wünſchte, ob es mög⸗ lich wäre, daß ſein Sohn eine von dem allein ſelig machenden Glauben abtrünnige Frau zu ſeiner Gattin habe machen können. Arthur beabſichtigte nun zu ſeinem Vater zu reiſen, um ihn damit zu verſöhnen, daß ſeine Schwiegertochter Proteſtantin wäre— ein Unternehmen, das auf ſchriftlichem Wege keinen Erfolg ver⸗ ſprach. „Arthur hatte, als er die Einwilligung des Marquis zu ſeiner Vermählung nachſuchte, es nicht für nöthig erachtet, von dem Glaubensbekenntuiß ſeiner geliebten Zoë Rechenſchaft zu geben, aber nunmehr beunruhigte es ihn, daß er es nicht gethan hatte. Er hatte ſeines Vaters Einwilligung ſomit eigentlich erſchlichen, da er die ſtrengkatholiſche Denkart von ihm und ſeinem Groß⸗ vater nur allzuwohl kannte. „Es liegt in unſerem ganzen Geſchlecht,“ äußerte Arthur, „eine angeborne Anlage zur Narrheit, und jede Generation hat ihre Opfer davon gehabt. Mein armer Vater, welcher aus einem übermüthigen jungen Mann ein bigotter Alter geworden iſt, ſteht auf der Grenze von religiöſem Wahnwitz und wird mir vielleicht meine Heirath nicht verzeihen.“ „Arthur und ſeine Frau reisten nach dem Aveyron'ſchen Familienſchloß, und wir verließen Paris. „Etwas über zwei Monate waren vergangen, als wir eines Abends mit Zoë und Arthur in Neapel zuſammentrafen. Der letztere war beinahe unkenntlich. Sein blühendes Ausſehen war verſchwunden, und aus jedem Zuge leuchtete ein verzehrendes Seelenleiden. Auch bei Zos ſchien es, als ob ſie von einem bittern Kummer niedergedrückt wäre. Ein ſchweres Unglück hatte ſie demnach getroffen. „Nach einſtündigem Zuſammenſein entdeckten wir mit Schrecken, 172 daß Arthur einen Anfall von Geiſtesverwirrung hatte. Er ſtand auf der Grenze des Wahnſinns.“ Dagmar drückte die Hand auf die Stirne und fügte hinzu: 4„Dieſe Entdeckung war furchtbar und wurde es für mich in noch höherem Grade, als ich meinen Vater gegen Majken äußern hörte: „Sein Zuſtand erinnert mich auf ſchmerzliche Weiſe an Dag⸗ mars Mutter.“ „Ich ſchlief jene Nacht nicht. „Vor meinen Ohren erklangen Arthurs Worte:„Es liegt in unſerem Geſchlecht eine Anlage zur Narrheit.“ Meine Mutter war irrſinnig geweſen und mehrere in ihrer Verwandtſchaft waren demſelben Unglück anheimgefallen. Dieſes entſetzliche Erbe bezog ſich demnach auch auf mich. „Dieß war der Anfang zu all den endloſen und qualvollen Nächten, welche nun folgten.“ Dagmar ſtand auf und machte einen Gang durch den Garten. Ai ſie ihren Platz an Davids Seite wieder einnahm, war ſie ruhig. „Die Urſache zu Arthurs Geiſtesſtörung war in der Kürze folgende: Er war zu ſeinem Vater gekommen, bereit auf einen ſtürmiſchen Auftritt: aber zu ſeiner Beſtürzung fragte der Vater ihn nur:„Iſt deine Frau nicht eine Ketzerin?“ Da Arthur mit Ja antwortete, entfernte ſich der Vater ohne ein Wort und ſchloß ſich in ſeinem Zimmer ein. Am folgenden Morgen fand der Kammerdiener ihn todt im Bette. Der Marquis hatte mehrere Jahre an einem Herzübel gelitten, welches nun, wahrſcheinlich in Folge der ſtarken Gemüthsbewegung, ſeinen Tod herbeiführte. „Arthurs Kummer wurde ſo heftig, daß er ihn von vorn herein dem Wahnwitz nahe brachte. Er klagte ſich an, ſeines Vaters Mörder zu ſein, und als der Großvater in ſeinem Zorne ihn verſtieß und ihm den Tod deſſelben ſchuld gab, wurde es zur firen Idee bei ihm, daß er ſeinen Vater um's Leben gebracht hätte. Verzehrt von Kummer und des Verſtandes beraubt, kam er mit Zoë in Italien an. 3 „Während unſeres Zuſammenſeins wechſelte ſein Zuſtand 173 zwiſchen vollem Verſtande und Anfällen wahnwitziger Verzweiflung, wo er in wilde Klagen ausbrach und ſich als den größten Ver⸗ brecher auf Erden anſah. Wenn dieſe Anfälle über ihn kamen, ertrug er nicht einmal den Anblick ſeiner Frau, ſondern floh vor ihr wie vor einem böſen Gewiſſen. Ich war dann die einzige, welche ihn zur Ruhe bringen konnte. Wenn ſeine Gedanken ſich wieder zu klären begannen, weinte er über das Schickſal, welches über Zos gekommen. Er erklärte, alle diejenigen, in deren Adern das Blut der Aveyrons flöße, ſeien zum Wahnwitz verurtheilt, und bat mich, mein Schickſal nicht mit dem eines andern Men⸗ ſchen zu verknüpfen. Ich ſollte unverheirathet ſterben, um nicht auf mein Gewiſſen die Schuld zu laden, ein ſo unheilbringendes Erbe fortgepflanzt zu haben. „Ich ſah wie unglücklich Zoö geworden; ich war Augenzeugin von Arthurs Anfällen. Ich hörte ſeine Klagen, wenn die Ver⸗ nunft wiederkehrte; ſeine Reue darüber, daß er ſo viel Elend auf die Frau, die er liebte, gehäuft hatte, und ich prägte dieß alles meinem Gedächtniß ein. Meine Mutter ſtarb wahnſinnig; meine Pflicht war, auf Arthurs Worte: ich möchte niemals mein Schick⸗ ſal mit dem eines andern verknüpfen, ernſtlich zu hören. „Nach vierwöchigem Zuſammenſein in Neapel reisten die Avey⸗ rons plötzlich von dort ab, ohne uns auf ihre Entfernung vor⸗ zubereiten oder uns zu ſagen, welchen Weg ſie nahmen. „Mein Friede war inzwiſchen für immer dahin. Ueber meiner Seele lagerte eine Schwermuth, welche, wie ich fand, meinen Vater und Majken beunruhigte. Ich begann jetzt zu fürchten, ſie möch⸗ ten von der Furcht vor demſelben Unglück, welches ich als mein unausweichliches Schickſal betrachtete, geplagt ſein. Es brachte mich an den Rand der Verzweiflung, denken zu müſſen, daß ſie mit Beſorgniß in meinem Angeſicht nach jeder Spur davon forſchen würden. Ich wollte nicht, daß ſie von einer Angſt wie die meinige gemartert würden, und ich begann eine Rolle zu ſpielen und mich eben ſo munter und ſorglos wie früher zu zeigen. 1„Von Italien nahmen wir unſern Weg nach der Schweiz. Wir durchreisten die dortigen Landſchaften. Die Wirkung davon 174 war wohlthuend für meine Seele. Ich vergaß zuweilen mein unglückliches Muttererbe und fühlte mich wieder froh und glücklich. „Nach einer Reiſe von einigen Wochen kamen wir eines Abends in einen höchſt reizenden Ort, wo wir zu bleiben be⸗ ſchloſſen. „In einiger Entfernung von dem Gaſthauſe erhob ſich ein ſchönes und großartiges Gebäude, welches etwas von einer Burg und einem Schloß in ſich vereinigte. Es hatte eine romantiſche Lage. „Ich fragte ſogleich, wem es gehöre, und erhielt zur Antwort: „Einem Arzte, der hier eine Irrenanſtalt habe. „Ein Narrenhaus in einer ſo ſchönen Gegend. „Ich ſchauderte und konnte meinen Blick nicht von dem Ge⸗ bäude abwenden. Es übte auf mich einen gleichzeitig anziehenden und abſchreckenden Einfluß aus. „Ich ſprach bei mir ſelbſt: „In einer ſolchen Anſtalt wirſt Du eines Tags eingeſperrt werden. „Am Morgen nach unſerer Ankunft ſtand ich frühe auf und begab mich, ehe Papa und Majken erwachten, nach dem großen Irrenhauſe. „Ich wollte eine ſolche Anſtalt in der Nähe ſehen; ich wollte Bekanntſchaft mit den Unglücklichen machen, welche dort weilten. „Nach einer Unterredung mit dem Arzte war er ſo artig, mich durch ſeine Heilanſtalt zu führen. Ich ſah Irrſinnige und betrachtete ſie mit demſelben Intereſſe, womit die zum Tod Ver⸗ urtheilten den Richtblock betrachtet haben mögen. Wir kamen endlich zu der Abtheilung für die Tobſüchtigen. Der Doktor öffnete eine Klappe von einer Zelle, aus welcher man wildes Geſchrei vernahm. Ich ſchaute mit Entſetzen hinein. „Der Narr, welcher hier raste, war— Arthur. „David, ich ſehe ihn, wenn ich will, ſo wie er vor meinen Blicken ſtand; ich werde niemals ſeine wildrollenden Augen, ſeine verwitterten Geſichtszüge vergeſſen, und ich weiß kaum, wie ich von ſeiner Thüre hinwegkam. 3 * „Ol denken zu müſſen, muß, das iſt ſchrecklich!“ Dagmar verbarg ihr Angeſicht in den Händen. David ſchwieg ſtill. Lange konnte Dagmar ihre Faſſung nicht wieder finden. Endlich gelang es ihr dennoch. „Es iſt ein bitterer Kelch, den Du mir zu leeren gibſt, indem Du mich zwingſt, dieß zu erzählen, aber ich thue es, wie ich Alles thun würde, was Du von mir forderteſt. Darum wollen wir zu meinem Beſuche in dem Irrenhauſe zurückkehren. „Als wir, der Doktor und ich, uns wieder in ſeinem eigenen Zimmer befanden, unterrichtete ich ihn davon, daß ich die Couſine des Unglücklichen wäre und etwas über Zoé's Aufenthaltsort zu erfahren wünſchte. „Sie wohnt in einiger Entfernung von hier,“ antwortete der Doktor.„Die Marquiſin iſt viel kränklich und wird bald Mutter werden, aber deſſen ungeachtet will ſie nicht getrennt von ihrem Manne leben, ſondern ſo nahe ſein, daß ſie ihn täglich ſehen kann. Sie wünſcht jedoch unerkannt zu bleiben.“ „Der Doktor ſagte auch, daß er gute Hoffnungen in Bezug auf Arthurs Wiederherſtellung hege, aber daß es wahrſcheinlich langſam gehen würde. „Unglücklicher als je kehrte ich in das Wirthshaus zurück. Ich erzählte Majken und Papa meinen Beſuch im Irrenhaus, ſagte ihnen, daß Arthur ſich daſelbſt befände, und bat ſie, ein paar Tage hier zu bleiben, damit ich Zoë beſuchen könnte. „Ich hätte allerdigs nicht nöthig gehabt, ſie zu ſehen, um mich in meinem Entſchluß, nicht zu heirathen, zu beſtärken, aber wie die Umſtände nun waren, hatte ihr von Kummer und Ver⸗ zweiflung niedergedrückter Gemüthszuſtand genügt, mir zu zeigen, welches Verbrechen derjenige begeht, welcher einen andern Menſchen an ein Schickſal kettet, wie es desjenigen wartet, der ſich mit einer irrſinnigen Perſon verheirathet. Zoë war wirklich grenzen⸗ los unglücklich, und zwar, ohne daß etwas geſchehen konnte, um ihr Schickſal zu mildern. 3 daß man einmal ſein Schickſal theilen 176 „Nach einem Aufenthalt von ein paar Tagen traten wir die Rückreiſe nach Schweden an und nahmen den Weg über Paris. „Dort kaufte Papa auf meinen Wunſch den ‚Fiſcherknabent. „Arthur, welcher in ſeinen glücklichern Tagen ſich in dieſem bizarren Koſtüm hatte porträtiren laſſen, war es nach der Heimkehr von dem Vater in Vergeſſenheit gekommen, die Affaire mit dem Maler abzumachen, welcher nun froh war, das Gemälde ver⸗ kaufen zu können. „Ich gab bei Papa vor, ich wollte daſſelbe haben, um mich an Arthur zu erinnern, wie ich ihn das erſte Mal geſehen hatte. Die eigentliche Urſache war jedoch, daß ich das Bild meines un⸗ glücklichen Couſins vor Augen zu haben wünſchte, um niemals in Verſuchung zu gerathen, von meinem Vorſatz in Bezug auf künftige Eheloſigkeit abzuweichen.. „Während unſeres Aufenthalts zu Haraldshof hing das Ge⸗ mälde in der Gallerie, und ich brachte dort manchmal ganze Stunden zu, dieſes oder das Porträt von dem Vater meines un⸗ glücklichen Couſins zu betrachten, wobei ich mir Arthurs trauriges Schickſal vergegenwärtigte. „Als wir nach Eriksdal überſiedelten, wurde es in der Bibliothek untergebracht; aber von da verſetzte ich es ſpäterhin in mein Zimmer. Ich war verſichert, Niemand würde die Art von Intereſſe argwöhnen, welches mir daſſelbe eingeflößt hatte. Das Gemälde war mit meinen traurigen Zukunftsträumen verwachſen und wurde mir darum theuer wie ein Unglücksgenoſſe. „Du warſt es, David— Du, der meine Gedanken von ihm und meinem Muttererbe ableitete; Du warſt es, der mich, außer meiner Anhänglichkeit an Dich, Alles vergeſſen machte. „Ich liebte, liebte eben ſo heftig, ſo ausſchließlich, wie meine Mutter, wie Arthur geliebt hatte. Es war auch nahe daran, daß ich mir aus dem Sinn ſchlug, ich müßte mich auf⸗ opfern, wenn ich Dir ein gleiches Schickſal, wie das von Zos, erſparen wollte. „Arthur kam, um mich zu meinem unglücklichen Geſchick zu⸗ rückzurufen. Ich ſollte mich nie verheirathen!“ „Nie!“ wiederholte David. 6 177 „Du kannſt nach dieſer Schilderung nicht daran zweifeln.“ „Dagmar! Noch haſt Du deine Erzählung nicht geſchloſſen.“ Dagmar ſtützte den Kopf auf die Hand, als wäre ſie ihres Berichtes müde. Sie fuhr jedoch einen Augenblick ſpäter fort: „Du erinnerſt Dich gewiß meines Leidweſens, als ich die Nachricht erhielt, daß Papa und Majken über den Sommer aus⸗ bleiben würden. Nun wohl, als ich genauer füber die Sache nachdachte, überzeugte ich mich, daß Papa's verlängerte Reiſe in irgend einem Zuſammenhang mit Arthur ſtand. Ich wußte, daß Arthur ſeine Frau verloren, daß er das Irrenhaus verlaſſen hatte und mit ſeiner Tochter ſich in Italien aufhielt; aber man hatte mir keine näheren Aufklärungen geben können. „Mein Großvater mütterlicherſeits, welcher bis in ſeinen Tod eine fanatiſche Unverſöhnlichkeit ſowohl gegen ſeinen Enkel, wie gegen mich, ſeine Enkelin beibehalten hatte, vermachte ſein ganzes Vermögen an die Kirche und an fromme Stiftungen und ent⸗ erbte ſomit mich und Arthur. „Dieſes Vermögen war niemals groß geweſen und in ſpätern * Jahren ſehr zuſammengeſchmolzen, ſo daß ſeine ökonomiſche Stellung ebenſo bedenklich wie ſein Geſundheitszuſtand wurde. Alles dieß erfuhr Papa in Paris. „Mein Vater, welcher nach Frankreich gereist war, um meines Erbrechts wahrzunehmen, ſuchte nun Arthur auf und leiſtete ihm Hülfe in der Noth. „Arthurs Schwiegervater war ruinirt geſtokben. Von Seiten ſeiner Frau hatte er ſomit nichts zu erwarten. „Papa fand meinen Couſin in der Gegend von Rom in einem ſehr betrübten Zuſtande, arm und beinahe ſterbend. Er hatte das Wenige, was von ſeinem Vermögen übrig geblieben, einer franzöſiſchen Familie übergeben, damit ſie ſeine Tochter zu einem entfernten Verwandten in Frankreich brächte und ihn bäte, ſich des verlaſſenen Kindes anzunehmen. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Papa ſich Arthurs an⸗ zu folgen. Schwartz, Dapid Waldner. II. nahm. Von Majken mit liebevoller Theilnahme gepflegt, wurde es mit ihm allmälig beſſer, und er wünſchte, ihnen nach Schweden 178 „Hier kam er krank an Geiſt und Körper an. Ich wurde ſeine Tröſterin und diejenige, welche ihn mit ſeinen Leiden zu verſöhnen vermochte. Er ſah in mir das Abbild ſeiner geliebten Z06, und meine Gegenwart machte den Schluß ſeines Lebens ruhig und friedvoll. „Deine Liebe war mein Glück, aber ein Glück, welches ich nur im Traume beſitzen ſollte. Auch als Arthur wünſchte, ſein Leben an dem Orte zu beſchließen, wo ſeine Tante das ihrige geendet hatte, gelang es mir, Majken und Papa dahin zu be⸗ ſtimmen, daß ſie den Winter in Haraldshof zubrachten. „Mir war es Bedürfniß, aus deiner Nähe fortzukommen; ich ſagte das Majken; ebenſo daß wir, Du und ich, niemals ein Paar werden könnten. Hernach ſchrieb ich Dir, und ſo reiste ich von Eriksdal ab, ehe mein Brief abgeſchickt wurde. „Während unſeres Aufenthalts in Haraldshof wurde Arthur von Angſt über die Zukunft ſeines Kindes befallen. Dieſe Un⸗ ruhe nahm ſchnell den Charakter der Geiſtesſtörung an. Er wollte es wiederſehen, forderte von mir und Majken das heiligſte Verſprechen, es wieder unter unſere Pflege zu nehmen, und konnte dennoch ſich nicht beruhigen. „Papa ſchrieb nach dem Mädchen. Wir verſicherten Arthur täglich, daß er ſie wiederſehen ſollte, daß ſie auf dem Wege nach Schweden wäre; aber deſſen ungeachtet wurde er von einer Ver⸗ zweiflung gequält, welche ihm die Sinne verwirrte. In dieſer Zeit der Unruhe war es, daß er mich anflehte, mich mit ihm trauen zu laſſen, um dadurch ſeiner Tochter eine Mutter zu ſichern. „Bewegt von ſeinen Bitten und ſeinem Zuſtande gab ich endlich nach und verſprach ſein Begehren zu erfüllen. Er wurde nun ruhiger und erwartete geduldig das Ende ſeines Lebens. „Den Tag vor Arthurs Tod langte die kleine Adele in Haraldshof an und eine Stunde, ehe er ſeinen letzten Seufzer ausathmete, wurde ich mit ihm getraut. Ich glaubte damit ein gutes Werk gethan zu haben, und in Adele bekam ich ein Weſen, für das ich leben konnte. Ich ſollte ja niemals mein Leben ihm, den ich liebte, zu widmen haben, —.,— „Adele, das arme Kind, welchem gleich mir ein unglückliches Vermächtniß zugefallen war, mußte mir lieb werden. Ich wollte mich ihrer mit aller Zärtlichkeit annehmen und hoffte, die Pflichten gegen ſie würden meinen eigenen Kummer verjagen; aber mein Pflichtgefühl war bisher noch nicht ſtark genug. „Ich hatte in dem armen Kinde eine beſtändige Erinnerung an den Vater. Sie rief mir unaufhörlich das Andenken an Arthur zurück, ſo wie ich denſelben in den Stunden ſeines Irr⸗ ſinns geſehen, und ich weinte jetzt nicht nur über mich ſelbſt, ſondern auch über dieſes Kind. Ich war unglücklich.“ „Aber Du biſt es nicht länger,“ fiel David ein,„und Du wirſt es auch nicht werden. Jetzt bin ich an deiner Seite. Das Uebel, worunter Du gelitten, muß weichen; und es wird um ſo leichter gehen, wenn Du zu der Einſicht gekommen biſt, daß dein ganzes Unglück in der Einbildung lag. Ich bedurfte allerdings dieſer Rechenſchaft von Dir nicht; ich wußte ſchon ſeit zwei Jahren Alles, was Du mir eben ſagteſt. Majken ſchrieb darüber kurz nach Arthurs Tod. Für Dich war es indeſſen nothwendig, ein⸗ mal über deine ſelbſtgeſchaffenen Leiden Dich auszuſprechen; darum veranlaßte ich Dich zu reden.“ „David!“ rief Dagmar,„Du wußteſt, woran ich litt, und kamſt nicht, mich zu tröſten und mir beizuſtehen.“ „Nein, ich war damals noch nicht ſtark genug und deine Phan⸗ taſie daneben von den vorgefallenen Ereigniſſen noch allzu aufgeregt, als daß Du etwas Anderes, als was ſie Dir eingab, hätteſt hören können. Wäre ich damals gekommen, würde ich auch wieder weggegangen ſein, ohne durch meine Anweſenheit irgend einen Nutzen geſtiftet zu haben. In dem Streite, welcher ſich zwiſchen uns erheben mußte, wäreſt Du bei der lebhaften Erinnerung an Arthur nur ſchwer zu überwinden geweſen. Ich wartete darum, bis der Sieg über ihn mir werden mußte. Bis das geſchehen konnte, mußte ich die Zeit, die Abweſenheit und dein Herz zu meinen Bundesgenoſſen machen.“ „Sitzet ihr immer noch auf der Veranda?“ rief Frau Waldner, welche zugleich mit Adele die Stufen herauf ſtieg. „Georgs Wagen iſt eben auf dem Hof vorgefahren; komm deß⸗ halb, lieber David, und empfange deinen Bruder und deine Schwägerin.“ „Sogleich, liebe Mama,“ antwortete David. Che er und Dagmar der Aufforderung nachkamen, ſagte er mit bewegter Stimme: „Ein Wort, ehe wir gehen. Glaubſt Du, daß ich, gleich Georg, mir eine andere Gattin an Dagmars Stelle ſuchen werde?“ „Nein, das glaube ich nicht. Du wirſt niemals eine andere lieben.“ .„In dieſem Fall ſtehſt Du in einer großen Schuld gegen mich. „Ich weiß es,“ flüſterte Dagmar. „Nun wohl, bezahle ſie dadurch, daß Du mich zu deinem Arzte annimmſt.“ „Gern, aber ich bin nicht krank, und für mein Uebel gibt es kein....4 „Bleiben wir hier ſtehen. Ich begehre ja nur von Dir, daß Du meinen Vorſchriften zu gehorchen verſprichſt. Dieß, Dagmar, ſollte doch nicht ſo ſchwer ſein.“ Dagmar reichte ihm die Hand und lächelte wehmüthig. „Du haſt mein Verſprechen.“ „Gut, dann bin ich zufrieden. Nimm nun meinen Arm und laß alle düſtern Schatten fahren.“ Sie gingen durch den Salon, das Wohnzimmer und hinaus auf den Hof, wo ſie gerade zur rechten Zeit ankamen, um Georg mit Frau und Kind willkommen zu heißen. Es kam Dagmar vor, als ob ſie nach der Schilderung ihres Kummers eine ſchwere Bürde von ihrer Seele abgewälzt hätte. Freude, Glück und Zufriedenheit umgaben ſie. David war liebevoll, herzlich und aufmerkſam. Aengsberga war ſo hell, lächelnd und friedvoll, daß ſie es niemals früher in einem ſolchen Licht geſehen zu haben glaubte. Am Abend langte Dagmars Cquipage an, um ſie abzuholen. Tante Waldner erklärte jedoch, es liege gar nicht in ihrer Abſicht, Dagmar heimfahren zu laſſen, vielmehr wolle ſie dieſelbe über Nacht behalten. 3 181 Dagmar wandte dagegen ein, dieß wäre eine Unmöglichkeit; ſie hätte ſo Vieles zu beſorgen und könnte darum nicht von Hauſe fern bleiben. Da ſie die Nutzloſigkeit jedes weitern Ver⸗ ſuches, ſie zu überreden, einſah, ſtand Frau Waldner davon ab. Agnes hatte inzwiſchen ſich über Mancherlei mit der Schwieger⸗ mutter zu berathen. David näherte ſich Dagmar und ſagte in gleichgültigem Tone: „Iſt es Dir wirklich Ernſt damit, heute Abend heimzu⸗ fahren?“ „Ja, warum fragſt Du?“ „Ich wollte Dich bitten zu bleiben.“ „Ich kann nicht.“ „Du kannſt nicht?“ David faßte eine ihrer Hände und ſpielte mit den Fingern. In dieſem Augenblick rief Adele: „Unſer Wagen iſt da.“ David betrachtete Dagmars einen kleinen Finger ganz auf⸗ merkſam. „Du haſt niemals eine Nacht unter Mama's Dach zugebracht, Dagmar. Man ſchläft ſonſt ruhig und gut hier in Aengsberga.“ Dagmar ſah ihn an; aber Davids Blick war nicht auf ſie gerichtet. Sie wandte ſich zu Adele mit den Worten: „Friedrich kann heimfahren. Wir bleiben bis morgen bei Tante Waldner.“ Adele eilte hinweg, dieſen Auftrag zu vollziehen. LI. Dagmar blieb nicht nur den folgenden Tag, ſondern eine ganze Woche in Aengsberga. Der Aufenthalt daſelbſt bekam ihr ſehr gut. Ihre Augen waren nicht mehr matt, wenn der Morgen anbrach, und die Wangen nicht ſo bleich. Sie war heiter und die Anwandlungen von Düſterheit verſchwanden.. 8u Ende der Woche langte der Oberſt mit ſeiner Frau in Aengsberga auf dem Wege nach Haraldshof an, wo ſie den Winter zuzubringen gedachten. Dagmar begleitete ſie nach Hauſe; aber Majken und der Vater forderte ſie auf, Tante Waldners Einladung zur Wieder⸗ kehr nach Aengsberga anzunehmen. Nachdem ſie eine Woche Majken auf dem alten Herrenſitz Geſellſchaft geleiſtet hatte, begann Dagmar ſich nach Aengsberga zurückzuſehnen, und als David ſie abzuholen kam, hatte ſie durchaus nichts gegen eine Ueberſiedlung dahin einzuwenden. Sie fühlte ſich glücklicher und zufriedener, ſo lang ſie dort war. Sie ſah ja doch täglich Majken und ihren Vater. Wenn Dagmar einen Tag in Haraldshof zugebracht hatte, kehrte ſie des Abends mit einem innigen Gefühl von Zufrieden⸗ heit nach Aengsberga zurück, und die Heimath ihrer Kinderjahre mit deren traurigen Erinnerungen kam ihr nunmehr ſo düſter vor, daß ſie ihre frühere Vorliebe für den alten Herrenſitz nicht mehr begreifen konnte. Auch der Oberſt und Majken blieben ſehr oft zu Aengsberga über Nacht. Alle fühlten ſich dort ſo wohl. Das innige Verhältniß zwiſchen David und Dagmar be⸗ feſtigte ſich von Tag zu Tag. Er war der Vertraute ihrer Seele, und ſie ſprachen oft von dem, was ihr früher ſo bittern Kummer bereitet hatte. Er brachte ſie bei ſolchen Unterredungen zu dem Bekenntniß, daß ſie ihre Leiden ſich ſelbſt geſchaffen hatte. Er redete von ihrer Gemüthsart, ihrem Charakter, ihrer Körper⸗ konſtitution und überzeugte ſie, daß ſich kein vernünftiger Grund zu der Vermuthung vorfand, als ob ſie eine Anlage zu Geiſtes⸗ krankheit geerbt hätte. David behandelte den Gegenſtand mit Ruhe und legte in ſeine Beweisführung nichts, was ſeinerſeits ein ſpecielles Intereſſe, ſie zu überzeugen, verrathen hätte. David ſprach allerdings oft davon, wie theuer ſie ihm wäre; er forderte auch verſchiedene Beweiſe der Anhänglichkeit von Dag⸗ mar, aber die warme Sprache der Liebe führte er nicht. Manch⸗ mal wollte Dagmar glauben, daß er ſie nicht mehr wie früher liebe, aber dann fand ſich wieder ſo Vieles, was den Beweis lieferte, daß ſie ſeine Liebe noch beſaß.— ſeinem Schluß. Die Zeit eilte inzwiſchen vorüber und der Sommer nahte ſich ——— 183 Dagmar war glücklich geweſen; ihre Unruhe, Sorge und Schlafloſigkeit waren verſchwunden; aber in demſelben Maße, als dieſe weichen mußten, war ihre Liebe an Stärke gewachſen und nun ſo gut wie unbeſchränkte Herrſcherin über ihre Seele. LII. David und ſie ſaßen eines Abends neben einander und plauderten, als er plötzlich äußerte: „Am Schluſſe der nächſten Woche bin ich gezwungen, nach der Hauptſtadt und zu meinen Patienten zurückzukehren. „So bald wirſt Du mich verlaſſen!“ rief Dagmar. „Die Pflicht ruft mich, und ich muß gehorchen. Wir wer⸗ den uns trennen.“ Dagmar wandte ſich ab, während ſie mit trauriger Stimme bemerkte: „Wenn Du reiſeſt, wird auch meine Freude und mein Frie⸗ den wieder verſchwinden. Die Sehnſucht nach Dir wird dann, wie in den zwei Jahren, da wir getrennt waren, mir endloſe Qualen ſchaffen. Die Urſache, warum wir getrennt von einander leben müſſen, wird ſich mir dann wieder aufdrängen und mein Daſein verbittern. In deiner NRähe flieht der Kummer; ich ver⸗ geſſe deſſelben und bin glücklich. Entfernt von Dir, wird das Leben mir zu einer drückenden Laſt.“ „Wenn dem ſo iſt, warum uns trennen?“ fragte David. „Warum uns beide zu thörichter Entſagung verurtheilen? Siehſt Du nicht ein, daß meine Liebe deine Schutzwehr gegen Dich ſelbſt iſt, und daß, wenn Du durch dieſelbe gedeckt biſt, die Geſpenſter der Einbildung verjagt werden? Folge mir, und die Glückſeligkeit gehört uns. Ich kann nicht länger ohne Dich leben. Ich habe Jahre vergehen laſſen, ohne Dich zu ſehen, damit Du erkennen ſollteſt, daß die Liebe ſtärker iſt als deine Phantaſie. Ich wußte, Du würdeſt mich vermiſſen, und ich hoffte Alles von dieſer Sehn⸗ ſucht. Ich wartete und glaubte an deine Liebe. Habe ich ver⸗ gebens gewartet und gehofft? Soll ich reiſen.... reiſen ohne Dich?“ David hatte ſeinen Arm Dagmar um den Leib gelegt. Ihre Wangen glühten; ſie hatte keinen andern Gedanken als ihn; kein anderes Gefühl als die Liebe zu ihm. Sie legte die Arme um ſeinen Hals und ſtammelte: „David, ich kann nicht von Dir ſcheiden. Möge Gott, mögeſt Du mir dieſe Schwachheit vergeben!“ Was weiter geſagt wurde, wiſſen wir nicht; aber als Majken eine halbe Stunde ſpäter zu ihnen eintrat, fand ſie David auf den Knieen an Dagmars Seite, ſie mit ſeinen Armen umſchließend. Er ſprang auf und rief: „Majken, ich habe geſiegt; Dagmar iſt mein. Du wurdeſt es dennoch, der ich mein Glück zu danken haben ſollte, ohne deinen Rath hätte ich ſicherlich in meiner Ungeduld alles zerſtört.“ David faßte Majkens Hand und fügte, ſie an ſeine Lippen drückend, mit Wärme hinzu: „In Dagmar habe ich Majken wieder gefunden.“ In dieſem Augenblick war Majkens Glück vollkommen. Sie ſah ihren liebſten Wunſch verwirklicht und konnte nun in vollen Zügen das Glück an der Seite ihres trefflichen Gatten, den ſie von ganzer Seele und von ganzem Herzen liebte, genießen. Frau Waldners Freude war die einer glücklichen Mutter, als ſie ihr geliebteſtes Kind mit der Frau ſich verheirathen ſah, die ſie am gernſten unter allen ihre Schwiegertochter nannte. LIII. Sechs Wochen nach dem eben bezeichneten Tage wurde Da⸗ vids und Dagmars Hochzeit zu Eriksdal gefeiert. Als der Oberſt und Frau Waldner die Neuvermählten um⸗ armt und geſegnet hatten, reichte der Oberſt ſeiner Couſine die Hand mit den Worten: Nun, Sally, ſind unſere beiderſeitigen Wünſche in Erfüllung gegangen. Ich hoffe auch durch meine Freundſchaft für Waldners Söhne es geſühnt zu haben, daß ich in jungen Jahren und unter 185 dem Einfluß einer heftigen Leidenſchaft in einem unbewachten Augenblick die Sprache der Liebe zu deſſen Frau redete und da⸗ durch zu ſo manchen ungerechten Verdächtigungen und bittern Stunden für Dich Anlaß gab. Die vieljährige Spaltung zwiſchen uns, welche eine Folge davon war, iſt durch unſere Kinder ge⸗ heilt worden, und nun haſt Du mir gewiß vergeben, was ich in den Jünglingsjahren gefehlt habe. Möge Dagmar eine eben ſo gute Gattin werden, wie ſie eine Tochter geweſen, und das Alter von uns beiden wird ſich dann froh und glücklich geſtalten!“ „Amen,“ flüſterte Frau Waldner und drückte dem Oberſt die Hand. Den Tag nach der Hochzeit reisten die Neuvermählten in die Hauptſtadt. Majkens Wunſche gemäß blieb Adele zu Eriksdal. Dagmar, eine Feindin des Stadtlebens, nahm nun ihren Wohnſitz in Stockholm und befand ſich wohl dabei. Sie war glücklich, ſo glücklich als nur ein Menſch werden kann, der tief und ernſt zu lieben vermag. Den Sommer brachten David und ſeine Frau gewöhnlich in Aengsberga zu. Dagmar hatte ihre Vorliebe für Haraldshof gänzlich verloren. Es barg allzu viele traurige Erinnerungen, als daß ſie dafür länger eingenommen ſein konnte. David fand niemals Grund, ſeine Heirath mit einem Ab⸗ kömmling der Aveyron’ſchen Familie zu bereuen. Das traurige „Erbe, welches Dagmar fürchtete, ging weder auf ſie noch auf Adele über. Rſiſiiſ fffffffff 7 8 9 10 11 12 13 14 15 “ 8 „ 1 —