deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „— von.. Sduars Okltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8, Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.——. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 19— 3 7 2„„ 3„—„⸗„.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werven.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer dunn Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————-— ſ 7 — Roman — ͤͤͤͤͤſͤſſſſſ von 5 Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von a2 Profeſſor Dr. C. Wüchele. — 3 6 Erſter Theil. Stuttgart. Franckhiſche Verlagshandlung. 8 — 1 Schneltyreſfendruck von Aug, Wörner, 1 — 6 4 Einleitung. I. Laßt uns annehmen, wir befinden uns beim Beginn unſerer Erzählung in einer ſchönen Gegend von dem fruchtbaren Oſtgoth⸗ land; Zeit und Ort näher anzugeben, iſt nicht vonnöthen. Die Juniſonne war im Untergehen, als ein älterer Mann, „in dunkelblauem Uniformsrock und mit goldgeſtickter Mütze, einen Hügel hinanſtieg, welcher die Gegend beherrſchte. Er war be⸗ gleitet von einer jungen Frau mit ſchlankem Wuchſe, ſtolzer Hal⸗ tung und ſchönem Angeſicht. Als ſie auf der Höhe angekommen waren, nahm der Mann auf einem Baumſtumpen Platz und ſagte zu ſeiner Gefährtin: „Nun, Majken, was hältſt Du von unſerem prächtigen Oſt⸗ gothland? Fühlſt Du dich nicht glücklich, wiederum innerhalb deſſen Grenzen zu ſein?“ „Es iſt hier allerdings ſchön,“ antwortete Majken,„und noch dazu wenn man hier oben auf der Höhe frei athmet; aber ich fühle mich nicht glücklicher, in meinem Heimathland, als an irgend einem andern Orte zu ſein. Es iſt, dünkt mich, weder beſſer noch ſchlimmer als Weſtgothland, wo ich beinahe mein ganzes Leben zugebracht habe.“ 5 „Du würdeſt dich ſomit ebenſo zufrieden geben, wenn Du eine Weſtgothländerin wäreſt?“ fiel der Mann ein. „Ganz gewiß, theurer, geliebter Onkel. Ich war ja erſt drei Jahre alt, als ich dieſe Gegend verließ, und die zwei Jahr⸗ zehnte, welche vergangen ſind, ohne daß ich dieſelbe wiederſah, haben meinem Vaterlande mich entfremdet.— Hier iſt es indeſſen ganz herrlich,“ ſetzte Majken hinzu und ſchaute ſich ringsum. „Das möchte ich ganz ergebenſt glauben,“ fiel der Oheim ein, während er eine Schnupftabaksdoſe herauszog und eine ge⸗ waltige Priſe nahm;„Du wirſt überdieß, was den Bauernſtand betrifft, in ganz Schweden ſeines Gleichen vergeblich ſuchen. Das kann ich in meiner Eigenſchaft als Oberpolizeibeamter der Krone am beſten beurtheilen.“. „Iſt wirklich die Bauernſchaft ſo ausgezeichnet?“ fragte Majken lächelnd.„Nun, da werden die Herrenleute ganz unvergleichlich ſein.“ „Ei was! Mir gefallen die Bauern beſſer, wenigſtens finden ſich hier einige ſogenannte Herren, für welche ich nicht viel geben möchte.“ „Da ſind ſie wohl keine geborne Oſtgothländer?“ fiel Majken mit etwas boshaftem Tone ein. „Ja, leider, ſind ſie's.“ 2 Es trat eine Pauſe ein. 3 Wir benützen dieſe Gelegenheit, um unſern Leſern die beiden hier redenden Perſonen mit Namen zu bezeichnen. Sie waren Johann Ring und ſeines verſtorbenen Bruders einzige Tochter. Majken Ring war kürzlich nach Oſtgothland gekommen, um ihrem Oheim, dem Hofgerichtskommiſſär, welcher Junggeſelle war und beinahe ſeit dreißig Jahren als Polizei⸗Inſpektor der Krone die Ordnung im Bezirke von Oedesbro aufrecht erhalten hatte, einen Beſuch zu machen. Nachdem Ring und Majken lange Zeit ſchweigend die Land⸗ ſchaft betrachtet hatten, äußerte die letztere:— „Nenne mir die Namen der Beſitzungen, die man hier ſieht.“ „Du meinſt dieſe dort?“ Ring deutete dabei zuerſt nach Oſten und dann nach Weſten. „Ja wohl.“. „Das hier“(und er zeigte hiebei oſtwärts)„iſt, wie Du ſehen kannſt, ein alter, adeliger Herrenſitz und hat ehemals den Namen einer Burg geführt. Es gehörte dem jetzt ausgeſtorbenen vrſchen —— 7 Geſchlechte und iſt in ſpätern Zeiten Haraldshof genannt worden. — Das Gut dort“(jetzt wies der Stab oſtwärts)„iſt Aengsberga, eine von den Schöpfungen der neuern Zeit.“ Majkens Augen folgten der letztern Andeutung nicht, ſondern blieben nachdenklich auf Haraldshof gerichtet. Nach einer Weile nahm Ring wiederum das Wort:. „Die beiden Herrſchaftshäuſer da haben jedes ſeine eigene Geſchichte.“ „Wirklich!“ rief Majken,„das lautet intereſſant.— Aber Onkel, Du haſt mir noch nicht geſagt, wer der Beſitzer der alten Burg iſt.“ „Haſt Du es vergeſſen?“ „Liebſter Onkel, während der nun verfloſſenen zwanzig Jahre hatte ich ja Dich vergeſſen; wie kannſt Du dann begehren, daß ich mich des Beſitzers von Haraldshof erinnern ſoll?“ „Ich vergeſſe immerdar, daß Du ſo lang aus Oſtgothland fortgeweſen biſt. Nun wohl, der alte Herrenſitz gehört dem Oberſt Moriz Björnſtam. Er iſt Wittwer und hat eine einzige Tochter. Aengsberga dagegen gehört einer Couſine von ihm, Frau Waldner. Wittwe von einem Grundbeſitzer, welcher ein nicht un⸗ bedeutendes Vermögen hinterlaſſen haben ſoll, iſt ihr Leben, ſo viel ich weiß, ganz ſtill verfloſſen, ohne daß irgend große Küm⸗ merniſſe oder heftige Leidenſchaften den Frieden ihrer Seele ge⸗ ſtört haben. Eine gute Gattin und Mutter, eine rechtſchaffene Hausfrau, iſt ſie allezeit von ihren Nachbarn verehrt, von ihrer Umgebung geſchätzt und von den Ihrigen geliebt worden. Der einzige Kummer, welcher ſie getroffen hat, war der Verluſt ihres Mannes; aber den trägt ſie als eine gute Chriſtin.“ „Das lautet ja nach deinen Worten, Onkel, als wäre ſie eine leibhaftige Vollkommenheit,“ fiel Majken ein und richtete den Blick nach Aengsberga.—„Nun, wie ſieht ſie aus?“ „Um deine Neugierde ſo viel als möglich zu befriedigen, will ich Dir nur ſagen, daß ſie eine ſtattliche Frau von etlichen fünfzig Jahren iſt, mit regelmäßigen Geſichtszügen und Spuren einer Schönheit, welche nicht zu dem alltäglichen Schlage gehörte.“ „Ach, Gott bewahre mich, die Frau kommt mir ja furchtbar vor! Sie iſt eine von jenen ſchrecklichen Geſtalten, welche keinen 8 einzigen Fehler an ſich haben, welche ſo außerordentlicher Art ſind, daß eine andere arme Perſon, wie ich zum Beiſpiel bin, nicht einmal zu ihr aufzublicken wagt. Ich finde auch das gelbe „Holzſchloß“ da recht langweilig.“ In dieſem Augenblick vernahm man lauten Hufſchlag von der Landſtraße, welche am Hügel hinführte. Majken und Ring blickten dorthin. Es war ein Reiter und eine Reiterin. Der erſtere trug eine weiße Mütze und ſchien ein Jüngling von ſiebzehn bis achtzehn Jahren zu ſein. „Wer waren dieſe?“ fragte Majken. „Der junge Waldner und ſeine Couſine, Mamſell Lindal.“ „Ah ſo, das Kind mit der weißen Mütze iſt der Sohn von der Frau Vollkommenheit. Hat ſie mehrere Söhne?“ „Nur zwei; dieſer war der ältere.“ „Sie werden wohl ebenſo vollkommene junge Männer, wie ihre Mutter eine ausgezeichnete Frau iſt,“ bemerkte Majken kopf⸗ ſchüttelnd.„Nein, für die Herrſchaft hier habe ich keine Sym⸗ pathie.— Laß uns von Haraldshof reden. Dort die gebietende Frau ſein, hieße ſchon etwas; aber ich möchte Frau ſein ohne den Mann, das heißt Wittwe, ganz wie die Beſitzerin von Aengs⸗ erga.”— 3 Majken ſtreckte die Arme in die Luft aus und rief:„Ol die ihr reich, ſehr reich ſeid und mit vollen Zügen aller der Freuden genießen könnt, welche das Leben zu bieten hat. Ich begehe gewiß irgend eine Thorheit aus bloßem Verlangen, dem Looſe der Armuth zu entgehen.“ „Begehe immerhin die Thorheit, reich zu werden,“ fiel Ring lachend ein;„es wäre das Klügſte, was Du dir geſtatten könn⸗ teſt. Du haſt ſonſt keine ſonderlichen Ausſichten, eine Erbin zu werden; es liegt nicht in unſerem Geſchlechte, Vermögen zu ſammeln.“ „Das weiß ich leider,“ antwortete Majken,„aber warum mich daran erinnern? Erzähle mir ſtatt deſſen etwas über den Beſitzer von Haraldshof. Ich denke mir ihn als einen großen alten Mann, mit grimmigen Geſichtszügen, buſchigen Augenbraunen und ge⸗ waltigem Knebelbart.“ „Deine Vorſtellung entſpricht keineswegs der Wirklichkeit,“ 9 fiel Ring ein.„Der Charakter des Oberſts iſt von Granit wie die Mauern an ſeiner Burg; aber ſein Aeußeres hat keine Aehn⸗ lichkeit damit. Er iſt ein mittelmäßig großer, etwas ſchmächtiger Mann, mit großem Kopfe und feinen geſellſchaftlichen Manieren. Lebhaft iſt er wie ein Franzoſe, unbeugſam wie ein Finne und herzlos wie jeder Deſpot. Vor ungefähr elf Jahren brachte der Oberſt eine junge Frau nach Haraldshof; das war ſeine Gattin. Sie ſtammte aus fremdem Lande und verſtand kein Wort Schwediſch; ſie verließ niemals ihre Wohnung. So verlebte ſie vier Jahre. Eines Nachts vor ſieben Jahren— es war ungefähr um dieſe Jahreszeit— war ich bei der Landgerichtsſitzung geweſen und wollte nach Hauſe. Ich fuhr öſtlich von Haraldshof am Meeres⸗ ſtrande hin. Eben da ich zu dem alten Park gelangte, ſcheute das Pferd und machte einen Seitenſprung. Eine Frau ſtürzte nach dem Strande hinab; ſie trug ein Kind auf ihren Armen. In der nächſten Sekunde hörte ich einen Laut wie von auf⸗ rauſchenden Wogen und einen gellenden Kinderſchrei. Ich ſprang aus dem Wagen und eilte nach der See hinunter. Die Frau hatte ſich ſammt dem kleinen Kinde in das Waſſer geworfen; die Kleider hielten ſie noch oben. Ich riß den Rock ab und war in der nächſten Minute an ihrer Seite. Ich ſuchte ſie zu ergreifen, aber zu ſpät. Sie ſank in demſelben Augenblick unter und es war mir nur noch gelungen, einen kleinen Arm zu faſſen. Es war der des Kindes. Ich machte noch einige weitere angeſtrengte Verſuche, die Frau zu retten; ſie waren fruchtlos. Als ich mich wieder auf dem Trockenen befand, da ſtanden einige Diener von Haraldshof, die durch mein und des Kindes Geſchrei herbeigezogen waren, unten an der Brücke. Es war des Oberſts einzige Toch⸗ ter, welche ich in meinen Armen hielt. Wer die Frau war, welche umgekommen, ſagte man mir indeſſen nicht, aber ich ahnte ſchon damals, daß es die Mutter der Kleinen geweſen. Der Oberſt wurde ſogleich geweckt und von dem, was geſchehen war, unter⸗ richtet. Die Oberſtin wurde vermißt. Es war ſomit des reichen Mannes Gattin, welche ſich das Leben genommen hatte. Der Oberſt ſchien höchlich beſtürzt darüber; aber er beſaß noch Geiſtes⸗ gegenwart genug, um zu erklären, daß ſeine Frau ſchon längere 10 Zeit an Sinnesſtörung gelitten habe. Den Leichnam der Ertrunke⸗ nen fand man niemals auf. Der Bezirksarzt bezeugte gleichfalls, daß die Oberſtin ſeit der Zeit, da ſie in Haraldshof angekommen, an unheilbarem Irrſinn gelitten habe. Wie es ſich damit verhielt, laſſe ich dahingeſtellt. Jahre ſind vergangen und die kleine mut⸗ terloſe Dagmar iſt herangewachſen. Sie zählt jetzt elf Jahre, iſt von Frau Thorén erzogen worden und hat noch keine andere Lehrerin gehabt. Der Oberſt läßt das Mädchen wie ein wildes Gewächs aufſchießen, ohne ihm ſeine Fehler abzuthun oder die guten Eigenſchaften auszubilden. Alle ihre kindiſchen Launen wer⸗ den befriedigt und ſämmtlichen Hausgenoſſen iſt anbefohlen, der⸗ ſelben Gehorſam zu leiſten. Dagmar hat ihre eigene Wohnung und Bedienung, iſt im Beſitz eines Wagens und ißt an ihrem eigenen Tiſche. Vater und Tochter leben einzeln je in einem Flügel des alten Schloſſes, und es können Tage vergehen, ehe der Oberſt ſeine Tochter nur ſieht. In Dagmars Flügel herrſchen ſie und Frau Thorén unbeſchränkt; ſie findet dort ebenſo Ge⸗ horſam wie ihr Vater in dem ſeinigen. Sie hat keinen Umgang mit den Nachbarsleuten und kann fremdes⸗Volk nicht vertragen; ſie iſt ein ſcheues unzugängliches Kind, welches nichts als ſein einſames Leben, ſeine Hunde, Pferde und ſeine Wälder liebt. Die Freunde des Oberſts haben ihn einmal an die Nothwendigkeit ge⸗ mahnt, dem Mädchen für eine Lehrerin zu ſorgen; aber da ver⸗ bat er ſich hiebei ganz höflich jede Einmiſchung. Die Folge iſt, daß das Mädchen nichts lernt.“ Ring ſchwieg und Majken ſaß, das Kinn auf die Hand ge⸗ ſtützt, da und ſchien ſich das, was der Oheim ihr mitgetheilt hatte, in tiefem Nachſinnen zu überlegen. „Iſt das alles, was Du von dem Oberſt zu erzählen haſt,“ äußerte ſie endlich,„ſo ſehe ich wahrhaftig darin keinen Grund zu dem unfreundlichen Urtheil über ihn. Der Mann hat eine geiſteskranke Frau gehabt; nun, dafür kann er nichts. In einem Anfall von Irrſinn geht ſie hin und ertränkt ſich; deßhalb darf man ihn doch wohl nicht anklagen. Er iſt ſchwach gegenüber von ſeiner Tochter; das ſind viele Väter vor ihm geweſen, und dazu hat er ein Recht. In der That, Oheim, ich finde an dem Oberſt nichts, was einem Deſpoten gleich ſieht. Ich glaube daran ebenſo wenig, als daß die Herrin von Aengsberga aus eitel menſchlichen Tugenden zuſammengeſetzt iſt. Nein, haſt Du nichts Schlimmeres von dem Oberſt zu erzählen, ſo erſcheint er mir nur etwas originell, und für eine Burg von grauem Felsgeſtein hat er eine ent⸗ ſchiedene Vorliebe. Ich möchte nichts Höheres wünſchen, als...“ Ein gellender Pfiff ließ ſich ganz in der Nähe vernehmen, und Majken wandte ſich ſchnell zur Seite, um zu ſehen, wer im Anzuge wäre. Ring murmelte: „Der Oberſt!“ „Wo?“ rief Majken, aber dem Oheim blieb eine Antwort erſpart; zwei Männer wurden in demſelben Augenblick ſichtbar. Sie kamen zu der Stelle herauf, wo Ring und ſeine Bruders⸗ tochter ſaßen.— Ein großer, prächtiger Neuſundländer⸗Hund hüpfte bellend um den ältern von ihnen herum. Auf ihn richteten ſich auch Majkens Augen. Er hatte ein Aeußeres, welches Aufmerkſamkeit abnöthigte. „Komm, Majken, laß uns gehen,“ ſagte Ring;„ich treffe nicht gern mit dem Mann zuſammen.“ Majken rührte ſich jedoch nicht von der Stelle. Der ältere Herr wurde jetzt auch ihrer und Rings anſichtig. Er zog ſeine Uniforms⸗Mütze ab und grüßte den Oberpolizei⸗ Inſpektor ſo artig, als ob derſelbe eine Excellenz geweſen wäre. Als die beiden Herren ganz auf der Höhe angelangt waren, er⸗ hob ſich Majken. 3 „Das iſt ein glückliches Zuſammentreffen,“ ſagte Oberſt Björn⸗ ſtam, und reichte dem Inſpektor die Hand, nachdem er zuerſt gegen Majken ſich verbeugt hatte.„Ich ſprach eben mit meinem Schweſterſohn von dem Herrn Kommiſſär; er findet nun Ge⸗ legenheit, Ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen, wornach er eifrig begehrt hat.“ Der Oberſt ſtellte den Lieutenant Broolind vor, und Ring ſah ſich ſeinerſeits genöthigt, dem Oberſt ſeine Bruderstochter vor⸗ zuſtellen.— der Stirne des erſ 12 „Der Lieutenant wandte ſich ſogleich an Ring, um ſich zu er⸗ kundigen, um welche Zeit er denſelben am ſicherſten zu Hauſe treffen könnte. Es war etwas ganz Beſonderes, worüber er, ſeiner Aeußerung nach, mit dem Herrn Kommiſſär zu ſprechen wünſchte. Dem Anſchein nach ganz gleichgültig gegen das, was der Lieutenant redete, wandte ſich der Oberſt an Majken. Er ſprach von der Naturſchönheit der Gegend, von Aengsberga, gegen welches er ſcherzhafter Weiſe eine Antipathie zu haben behauptete, und von Haraldshof, welches, wie er meinte, zu einem Ruheſitz für einen alten Soldaten ganz paſſend war, u. a. m. Majken kam der Oberſt als ein ausgezeichnet angenehmer Mann vor. Als ſie und ihr Oheim ſich von den beiden Herren trennten, dachte Majken: „Iſt der Oberſt ein herzloſer Deſpot, ſo erſcheint er wenigſtens ſeinem Benehmen nach ſehr angenehm, und ich empfinde ganz und gar keine Abneigung gegen ihn, obwohl ſeine Frau ſich er⸗ tränkt hat.“ Ring und Majken gingen ſchweigend ihres Wegs weiter. Auf ſtern lagerte eine Wolke und ſeine Augenbraunen waren zuſammengezogen. Nach einer Weile äußerte Majken: „Es iſt ganz entſetzlich, wie ſtreng Du ausſiehſt, liebſter Onkel. Hat denn der junge Krieger etwas geſagt, was Dich in üble Stimmung verſetzte?“ „Ich möchte wünſchen, wir wären nicht mit dem Oberſt zu⸗ ammengeſtoßen, ſondern ich hätte in ungeſtörter Ruhe der Freude unende derh. 9 genießen können, Dich hier zu haben,“ antwortete Ring.„Der Oberſt und ſein Neffe haben mir Ereigniſſe in's Gedächtniß zurück⸗ gerufen, an welche man mit nichts weniger als behaglichen Empfindungen denken mag.“ „Lieber, lieber Onkel, erzähle mir dieſe Ereigniſſe,“ rief Majken;„Du ahnſt nicht, wie Alles, was das alte Schloß be⸗ trifft, mich intereſſirt.“ „Wirklich!“— Ring ſchaute mit mißvergnügter Miene ſeine Nichte an.„Nun, wie gefällt Dir denn der Oberſt?“ „Sehr!“ . 13 „Majken!“ rief Ring heftig,„was iſt das für ein Geſchwätz! Er kann unmöglich einen andern als unvortheilhaften Eindruck machen.“ „Irrthum, beſter Onkel; er iſt ein liebenswürdiger Mann, und ich habe die vollkommene Ueberzeugung, daß ich nicht die erſte bin, welche ein ſolches Urtheil über ihn fällt.“ „Leider biſt Du es nicht. Es iſt inzwiſchen ein Glück für die Frauen, daß der Oberſt kein Bewunderer des ſchönen Ge⸗ ſchlechts iſt. Wäre er das, ſo würde er immerhin noch eine Frau Numero 2 finden, um ſie zu Tode zu plagen.“ „Ei, Gott bewahre, wenn er mich haben wollte, ſo.. 4 Ring blieb ſtehen. „Majken,“ ſprach er in ſtrengem Ton,„ich fürchte, Du haſt dich in der Zeit, da wir von einander getrennt waren, zu etwas ganz Anderem entwickelt, als....“ „Da ich drei Jahre alt war,“ fiel Majken lachend ein. „Das iſt ganz ſicher; aber Du brauchſt dich nicht zu beunruhigen. Ich kann Dir heilig verſichern, daß ich ein gutes und braves Mädchen bin. Ueberdieß bin ich ſtark an Körper und Seele, von hübſchem Ausſehen, mit dreiundzwanzig Jahren auf dem Nacken, und feſt entſchloſſen— mein Glück zu machen.“ Majken lächelte ihrem Oheim ſo fröhlich zu, daß die Wolke auf ſeiner Stirne verſchwand. „Nun,“ fuhr Majken mit ſchmeichelnder Stimme fort,„er⸗ zähle mir jetzt die merkwürdigen Ereigniſſe, welche Dich in ſchlimme Laune verſetzt haben. Ich brenne vor Ungeduld zu erfahren, worin dieſelben beſtanden.“ „Aber ich brenne nicht vor Verlangen, deine Neugierde zu befriedigen. Laß uns darum von etwas Anderem reden.“ Majken war mit dieſer Entſcheidung nicht zufrieden. Man ſchwieg und näherte ſich der Heimath. II. 2 Falknäs war der Name der Behauſung des Oberpolizei⸗ Inſpektors. Sie lag am Rande eines großen Waldes, ganz .. 14 nahe an der Landſtraße, und war, als Wohngebäude betrachtet, ſehr ſauber. Johann Ring hatte hier ſchon etliche dreißig Jahre mit ſeiner unverheiratheten Schweſter Thereſe gelebt, welche ſeinem Haushalte vorſtand und unbeſchränkte Herrſcherin in Rings Heim⸗ weſen war. Allerdings geſchah es bei einer oder der andern außerordentlichen Veranlaſſung, daß Thereſe und er abweichender Meinung waren, daß Johann Muth faßte und ſeinen Willen geltend machte; dieſe Fälle kamen jedoch höchſt ſelten vor. Majken war das einzige Kind von deren Bruder. Ihr Vater war viele Jahre Verwalter auf einem Gute in Weſtgoth⸗ land geweſen. Das Mädchen hatte eine ſorgfältige Erziehung er⸗ halten und war in einem Alter von achtzehn Jahren Gouvernante bei ihres Vaters Principal geworden. Die Mutter ſtarb, als Majken ſiebzehn Jahre alt war, und der Vater vier Jahre ſpäter. Bei dieſem Ereigniß erbot ſich Ring ſeine Nichte zu ſich zu nehmen. Es ſtand jedoch ein Jahr an, ehe Majken von dieſer Einladung Gebrauch machte, weil ſie den Eltern ihrer Schülerin verſprochen hatte, bei ihnen zu bleiben, bis das Mädchen konfirmirt worden und zum erſten Abendmahl gegangen wäre. Die Natur hatte Majken eine heitere, wenn auch etwas über⸗ ſpannte Gemüthsart gegeben. Auf dem Lande, in einer Gegend aufgewachſen, wo es nicht viele Nachbarn gab, hatte Majlen keine Gelegenheit gehabt, des Lebens Stürme oder Verlockungen kennen zu lernen. Ihre Tage waren in einer friedlichen Einförmigkeit verfloſſen, welche ſie in völliger Unkunde über ihr eigenes Innere ließ. Sie hatte viel gelernt, noch mehr geträumt und mit un⸗ ruhiger Sehnſucht ſich ein Daſein, ganz anders als das gegen⸗ wärtige herbeigewünſcht. Stolz und eitel, liebte ſie die Unab⸗ hängigkeit und wünſchte ſich Reichthum als das einzige Mittel zum Glück. „Ich bin von der Natur nicht verurtheilt, eine arme In⸗ ſpektorstochter zu bleiben,“ pflegte ſie bei ſich ſelbſt zu ſagen, „und es iſt darum höchſt nothwendig, es darauf anzulegen, daß ich eine andere Rolle zu ſpielen bekomme.“ Daß ihr dieſes bei ihrem Oheim nicht gelingen würde, er⸗ . 15 kannte Majken ſehr wohl, ſchon ehe ſie zu ihm kam, und deßhalb war ſie auch nicht ſehr geneigt, für alle Zeit in Falknäs zu bleiben. Sie wußte überdieß aus der Beſchreibung, welche der Vater ihr zu ſeinen Lebzeiten von Schweſter Thereſe gegeben hatte, daß die Tante ihr den Aufenthalt in deren Nähe minder behaglich machen würde, und ihre Abſicht ging deßwegen dahin, nur auf eine unbeſtimmte Zeit daſelbſt zu bleiben. 4 Als Ring ſchrieb und Majken ſein Haus anbot, hatte Thereſe erklärt, Majken brauche nicht hieher zu kommen und zur Laſt da⸗ zuliegen, ſondern ſie könnte wie bisher Gouvernante bleiben. Aber da wurde Bruder Johann zornig, ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch und meinte, wenn Thereſe Einſprache dagegen erhöbe, daß er ſich des einzigen Kindes von ſeinem Bruder annähme, ſo wäre es am beſten, wenn ſie ſich ſchieden und dieſelbe eine andere Heimath für ihre Perſon auſſuchte. Thereſe fand für gut, Majkens Beſuche ſich nicht länger zu widerſetzen; aber das„Willkommen“, womit ſie Majken empfing,— 8* war kurz und gezwungen. III. Die Vögel ſtimmten ihren Morgengeſang rings um Falknäs 4 herum an, und Majken ſtand auf der Vortreppe und hörte dem 5 Chore der befiederten Sänger zu. Die Bruſt hob ſich ſchnell; ſie war von einer innern unruhigen, aber unbeſtimmten Sehnſucht 4 erfüllt. „O, wer Flügel hätte wie die Vögel,“ flüſterte Majken und ſtreckte die Hände nach einer Schaar derſelben aus, welche eben weit, weit fortzog. Plötzlich drehte ſie ſich nach dem Gitterthor am Hofe um. Ein Mann zu Pferd hielt vor demſelben an. 1 3 Majken erkannte ſogleich des Oberſts Neffen, den Lieutenant — Arvid Broolind. Er ſprang vom Pferde, band daſſelbe an dem Thorpfoſten an, trat in den Hof und näherte ſich von da der Freitreppe. „Iſt der Herr Kommiſſär zu Hauſe?“ fragte der Lieutenant, den Hut abnehmend. Majken antwortete, derſelbe befinde ſich in ſeinem Zimmer, und deutete zugleich nach einer Thüre rechts von der Freitreppe, 4 worauf ſie in den Garten hinunterging. Eine ältere Frau kam gleichzeitig aus dem Hauſe. Sie ſchickte Majken einen gereizten Blick nach und murmelte: „Die hoffärtige Dirne gedenkt ſomit immerfort die Prinzeſſin . zu ſpielen. In dieſem Fall werde ich mir wohl erlauben, ſchwediſ mit ihr zu reden. Taugenichtſe dulde ich nicht, das will ich der Manſell zu verſtehen geben.“ Thereſe eilte Majken nach, um ihr, ſo lang Johann Beſuch hatte, eine Privatunterweiſung in Zucht und Sitte zu geben. Sie durchſtöberte jedoch den ganzen Garten, ohne die Geſuchte zu. finden. Majken hatte nur ihren Weg durch denſelben genommen, um auf die Landſtraße zu gelangen. Während Thereſe in der Kuͤche ihrem Aerger darüber, daß ſie ihre Bruderstochter nicht gefunden hatte, Luft machte, ſpazierte Majken durch den Wald auf demſelben Wege dahin, welchen ſie am vorhergehenden Abend mit dem Oheim zurückgelegt hatte; aber anſtatt nach dem Hügel hinaufzuſteigen, folgte ſie der Landſtraße nach Haraldshof. Die Entfernung von der Stelle, wo ſie mit Ring die Gegend ſich betrachtet hatte, bis nach Haraldshof war um Vieles größer, als man nach dem Augenmaaß glauben mochte. Majken hatte gehofft bis zur Frühſtückszeit nach dem alten Herrenſitz gehen zu können und wieder daheim zu ſein; aber ſie ſah bald ein, daß ſich dieſes nicht ausführen ließ, und dachte: „Ich muß mich wohl ohne Frühſtück behelfen, da ich noth⸗ wendig das alte Schloß und deſſen Umgebung in der Nähe ſehen muß. 8 iſt noch frühe am Morgen. Um dieſe Stunde werde ich wohl nicht zu riskiren haben, daß ich auf den Beſitzer ſtoße. Er liegt wohl noch ganz gut auf den Ohren, wie es ſich für einen reichen Mann geziemt.“ Majken war ein Landmädchen, gewöhnt an lange Wan⸗ derungen und Kraſtanſtrengungen, ſo daß ſie ſich nicht abſchrecken — —— 17 ließ, wenn ein Spaziergang um eine oder die andere Viertels⸗ meile länger war, als ſie ſich vorgeſtellt hatte. Nachdem ſie eine Stunde zurückgelegt hatte, ſtand ſie vor einer Gitterthüre, welche in den ausgedehnten Park führte. Die Thüre war geſchloſſen und die Eiſenſtangen benahmen Majken jede Möglichkeit, unter den dichten, düſtern Bäumen eine Weile umherzuſchlendern. Sie warf neugierige Blicke durch das Gitterthor und überließ es ihrer Phantaſie, ſich Menſchen und Ereigniſſe zu ſchaffen, welche mit dem Alter der Eichen in Uebereinſtimmung waren. Während ſie alſo da ſtand, ſah ſie eine Perſon zwiſchen den Bäumen heraneilen. Es war vermuthlich Jemand von der Dienerſchaſt, welcher die Gitterthüre öffnen wollte. Sie brauchte nicht lange zu warten, bis der Nahende ſichtbar wurde. Es war ein Kind, ein Mädchen, welches auf dem breiten Wege daher⸗ geſprungen kam. Sie war unbedeckten Hauptes, ſo daß das reiche blonde Haar im Winde flatterte. „Die Tochter,“ ſprach Majken bei ſich. Des Mädchens ganze Aufmerkſamkeit war auf einen großen Hühnerhund gerichtet, welcher neben ihr herſprang. Plötzlich hielt der Hund an; dann ſtürzte er mit heftigem Gebell auf den Ein⸗ gang des Parks zu. Das Mädchen blieb ſtehen, betrachtete Majken einige Sekunden mit ſcheuem Blick und rief dann dem Hunde zu: „Hieher, Hektor! Wer wird ſo bellen!“ ſagte ſie verweiſend zu ihrem Liebling und erhob drohend den Finger. Hektor kroch demüthig zu ihren Füßen. Sie wandte ſich nun mit einer ge⸗ wiſße Unentſchloſſenheit zu Majken und fragte, ohne dieſelbe an⸗ zuſehen: 4 „Wünſchen Sie hereinzukommen?“ „Das war nicht ſo ganz meine Abſicht,“ antwortete Majken. „Die Neugierde hat mich hieher geführt, und ſo blieb ich vor der verſchloſſenen Pforte ſtehen.“ 3 „Die Pforte läßt ſich öffnen,“ meinte das Mädchen, näherte ch mit zögerndem Schritt und ſchloß auf, während ſie gegen den zund äußerte: „Aufgepaßt, Herr Hektor, du haſt dich ſchlecht betragen, du Schwartz, David Waldner. I. 2 mußt die Fremde um Entſchuldigung bitten; komm her und ver⸗ beuge dich.“ Hektor ging mit hängenden Ohren und eingezogenem Schweife auf Majken zu und machte eine Hundeverbeugung mit ſo betrüb⸗ tem Ausſehen, daß das Mädchen zu lachen anfing. Dann lockte ſie ihn zu ſich, nahm ihn in die Arme und gab ihm eine Menge Schmeichelnamen. Dieſe Zärtlichkeitsbezeugungen ſchienen ſie völlig von dem ſcheuen Weſen befreit zu haben, welches ihre Bewegungen vorher ausgezeichnet hatte. „Wollen Sie den Park betrachten?“ fragte ſie Majken, aller⸗ dings mit erröthenden Wangen, aber ohne eine weitere Spur von unfreundlichem Ausſehen.—„In dieſem Fall,“ ſetzte ſie hinzu,„kommen Sie mit mir, und ich will Ihnen deſſen Merk⸗ würdigkeiten zeigen. Aber wer ſind Sie eigentlich?“ „Ich bin die Bruderstochter von dem Kommiſſär Ring.“ Das Mädchen machte eine häßliche Grimaſſe bei dieſem Namen. „Das iſt Schade,“ ſagte ſie.„Ich kann den Alten nicht leiden; er nimmt die Diebe feſt und thut den Armen Leids an. Im Uebrigen mag ich keine andern Menſchen als diejenigen, welche in Haraldshof wohnen, und dieſe darum, weil ſie meines Vaters Brod eſſen und eines Tags meine Unterthanen werden.“ „Sie ſind ſomit Fräuleiu Björnſtam?“ fiel Majken ein. „Nein, nicht Fräulein; ich bin Dagmar Björnſtam,“ ſagte das Mädchen in rauhem Ton, ſetzte aber dann, einen lächelnden, ſchüchternen. Blick auf Majken werfend, hinzu:„Sie ſind ſchön, Sie, und ich glaube, ich kann Sie lieb gewinnen. Wollen Sie die Zimmer, die Gärten, den neuen Pavillon, die Ruinen der— Kapelle und die alte Grotte ſehen, ſo will ich Ihnen alles zu⸗ ſammen zeigen.“ 3 „Sie ſind allzu gütig, aber... 4 „Was?“ fiel Dagmar ein,„fürchten Sie ſich auch vielleicht vor meinem Vater? Thun ſie das nicht, er iſt ſo gut und im Uebrigen jetzt nicht daheim.“ „In dieſem Fall nehme ich Ihr Erbieten an,“ erwiederte Majken. 71 19 „Daran thun Sie Recht, denn ſonſt wäre ich böſe gewor⸗ den. Ich kann ſonſt Fremde nicht vertragen, aber Sie gefallen mir. Ihr Anblick reizt mich nicht, wie es geſchieht, wenn die Nachbarn zu meinem Vater kommen. Eben wollte ich auf den Weg nach Aengsberga hinaus, um David Waldner und ſeine Couſine im Vorbeireiten zu beobachten. Ich kann gerade nicht mit ihnen, aber ich will ihn zu Pferde ſehen. Sie kennen wohl Waldners?“ Majken gab eine verneinende Antwort, und Dagmar nahm davon Veranlaſſung zu erzählen, daß ihr Vater und Frau Wald⸗ ner, obwohl Couſin und Couſine zu einander, keine recht guten Freunde wären. Dagmar ſelbſt war den hochmüthigen Söhnen nicht ſehr hold, da ihrer Meinung nach dieſelben nichts beſaßen, was ihnen zum Stolze Veranlaſſung geben konnte, da deren Mutter nur ein Haus von Holz hatte, während dagegen ihr Vater Beſitzer eines von Stein aufgeführten Schloſſes war. Es lag in Dagmars Worten eine Miſchung von Uebermuth und Offenheit, welche um ſo mehr auffiel, da ſie zu Anfang ſo ſchüchtern geſchienen hatte. Dagmar führte Majken auf allen merkwürdigen Punkten herum und hatte von jedem einzelnen etwas Wunderbares zu erzählen. Endlich kamen ſie auf einen freien Raum vor dem alten Schloſſe. Es war ein großer, ſchöner Raſenplatz, in deſſen Mitte ein marmorner Neptun auf einem Piedeſtal von Granit aufge⸗ ſtellt war. Hier blieb Dagmar ſtehen. 3 e gefällt Ihnen dieſe Statue?“ fragte ſie, auf den Neptun ſeutend.— „Er iſt ausgezeichnet ſchön,“ antwortete Majken und be⸗ trachtete ihn mit künſtleriſchem Intereſſe. „Ich glaube, daß er ſehr häßlich iſt!“ rief das Mädchen, warf den Kopf zurück, erhob ihre kleine geballte Fauſt gegen das Bild und ſetzte hinzu:„wenn ich Beſitzerin von Haraldshof bin, ſollſt du fort. Ja, ich werde dich in Stücke ſchlagen laſſen und die Trümmer in die Tiefe werfen. Der häßliche Gott verdeckt 8 . 20 die Oeffnung zu einem Brunnen, welcher beinahe unergründ⸗ lich iſt.“— Dagmar ſchaute ſich ringsum und fügte dann mit leiſer Stimme noch hinzu: „Papa hat es dem Brunnen niemals vergeben können, daß er ſeinen Bruder verſchlang, und darum ließ er ihn ausfüllen. Des Abends, wenn ich hieher gehe, höre ich den Onkel da unten ſeufzen und zuweilen ſehe ich denſelben hervortreten und hier rings herum gehen.“ „Das iſt aber bloße Einbildung,“ fiel Majken ein. „Einbildung!“ rief die Kleine erſtaunt.„Nein, das iſt Tageswahrheit. Tante Thorén hat ihn auch geſehen. Wiſſen Sie, wie es ging? Ja, mein Vater hatte einen ſehr guten Bru⸗ der, welcher Wilhelm hieß, und welchen er innig liebte. Onkel Wilhelm war damals Herr zu Haraldshof. Eines Abends waren: Fremde da; als ſie Abſchied nehmen wollten, vermißte man den Onkel. Man ſuchte ihn und fand ſeinen Strohhut an der Seite des Brunnens. Mein Vater ließ ſogleich den Brunnen unter⸗ ſuchen und da entdeckte man meines Oheims Leichnam. Mein Vater erbte Haraldshof, aber ohne daß dieſes ihn zu tröſten ver⸗ mochte. Er betrübte ſich ſo ſehr, daß er eine Reiſe ins Ausland antreten mußte. Jetzt begreifen Sie wohl, daß meines Oheims Geiſt da unten ſeufzen muß. Der blieb zurück, als man den Körper heraufzog.“ 3 Majken beabſichtigte, einige Einwendungen gegen dieſe Be⸗ hauptung zu machen, wurde aber durch einen gellenden Pfiff, welcher dem am vorigen Tag gehörten völlig glich, daran ge⸗ hindert. Derſelbe große Hund, mit welchem ſie am geſtrigen Abend Be⸗ kanntſchaft gemacht hatte, kam herangeſprungen, um ſich munter mit Dagmars Hektor herumzutummeln. „Papa!“ rief Dagmar und eilte dem Oberſt entgegen, wel⸗ cher durch eine Glasthüre herauskam. Majken wurde mit der Bildſäule Neptuns allein gelaſſen, ſehr verdrießlich darüber, ſich hier an Ort und Stelle zu finden. Sie ſchaute ſich nach Dag⸗ „Der Oberſt!“ flüſterte ſie unwillkürlich und drehte ſich um. — 21 mar um, welche ganz ungenirt ihren Arm in den des Vaters legte und ſehr lebhaft mit ihm redete. Der Oberſt lachte. Vater und Tochter näherten ſich Majken. Der Oberſt begrüßte artig das junge Mädchen, ſagte ihr ei⸗ nige verbindliche Worte und verſicherte, er würde ungemein be⸗ dauern, wenn ſeine Ankunft ſie davon abhielte, ihre Abſicht zu erfüllen und„das alte Rattenneſt“ inwendig zu beſehen. Oberſt Björnſtam beſaß die glückliche Gabe, durch ſeine an⸗ genehmen Manieren allen Zwang zu verjagen und Vertrauen einzuflößen. Artig und zuvorkommend, wußte er ſeine Artigkeit dennoch von jedem Anſtrich der Galanterie frei zu erhalten. Als er Majken bat, ſich von der Beſichtigung des Innern von Haraldshof nicht abſchrecken zu laſſen, geſchah dieß auf eine ſolche Art, daß dieſe ſogleich einſah, eine Weigerung würde un⸗ höflich ſein. Sie folgte ſomit Dagmar und dem Oberſt. Sie⸗ kamen in einen Saal mit Wandgetäfel von Eichenholz, hohen, alterthümlichen, mit dunkelgrünem Plüſch überzogenen Stühlen. Hier verbeugte ſich der Oberſt vor Majken und entfernte ſich durch eine Thüre zur Linken. Dagmar erklärte,„der große Saal“ ſei eine langweilige Lo⸗ kalität, und beeilte ſich Majken hinwegzuführen. Sie wanderten zuerſt durch das ganze Erdgeſchoß, hernach durch die obern Stock⸗ werke, und nahmen endlich ihren Weg nach dem linken Flügel, wo Dagmar ihre Wohnung hatte. In Dagmars kleiner Behauſung vergaß man die alten Mauern, ſo modern und den Anforderungen der Neuzeit ent⸗ ſprechend erſchien die Einrichtung. Es war ein entzückendes Heimweſen für eine junge Frau. Majken ſeufzte und dachte an ihre eigene kleine anſpruchs⸗ loſe Kammer zu Falknäs. Der Wunſch ſchlich ſich bei ihr ein, allen dieſen Reichthum den ihrigen nennen zu dürfen. Die gegen⸗ wärtige Beſitzerin davon, das elfjährige Kind, bot ihr einige Er⸗ friſchungen an und unterrichtete ſie davon, daß der Vater Befehl gegeben habe, ſie in einer von ſeinen Equipagen nach Falknäs zu führen. Dagmar gedachte ſie zu begleiten. 22 IV. Der Vormittag verging, ohne daß Majken nach Hauſe kam. Thereſe reizte ſich dermaßen auf, daß, wenn ſie Bruder Johann zur Hand gehabt hätte, ſie ihm klar und deutlich bewieſen haben würde, was für einen Plagegeiſt er ſich auf den Hals geladen. Majken war ja ein Mädchen, das ſich, anſtatt zu arbeiten, auf den Landſtraßen herumtrieb. Hatte Thereſe ſich jemals ſo auf⸗ geführt? War ſie nicht ihr Leben lang ein arbeitſames und or⸗ dentliches Menſchenkind geweſen? Und nun ſollte eine ſolche Faulenzerin wie Majken daher kommen, und ihnen beiden Be⸗ ſchwerden und Koſten veruͤrſachen. Es ſchlug ein Uhr. Der Tiſch war gedeckt. Thereſe ging hin und her und ſchlug mit Nachdruck die Thüren zu. Sie hatte dreimal Botſchaft an Johann geſchickt, das Eſſen ſtehe auf dem Tiſche, und doch kam er nicht, ſondern hatte zur Antwort gegeben, er ſei verhindert. Majken ließ ſich gleichfalls nicht ſehen. Thereſe wurde halb wahnſinnig über all dieſes Mißgeſchick, welches zur Folge hatte, daß das leckere mit Dill zubereitete Fleiſchgericht aus⸗ trocknete, ein wahres Unglück in ihren Augen. Die Uhr im Saale ſchlug halb zwei. Jetzt konnte Thereſe es nicht mehr länger aushalten. Sie begab ſich raſch nach der Thüre des Polizei⸗Inſpektors, um ihm und dem Fremden deren unanſtändiges Benehmen vorzurücken, indem man ſie eine halbe Stunde über die beſtimmte Zeit das Eſſen warm halten ließe. Sie fand jedoch keine Gelegenheit, dieſen ſchönen Vorſatz auszu⸗ führen. Rings Thüre ging auf und Lieutenant Broolind trat heraus. In demſelben Augenblick fuhr ein leichter, eleganter Jagdwagen auf dem Hofe vor. Darin ſaß Majken, blühend und ſchön, mit Dagmar an ihrer Seite, und dem Oberſt auf dem Bock.. Thereſe bekam eine auffallende Aehnlichkeit mit Lot's Frau, als dieſe nach dem brennenden Sodom zurückſah. Ring wurde nicht minder verblüfft, als er das Weſen, welches er am höchſten liebte, mit dem Mann, welchen er am meiſten verabſcheute, da⸗ her fahren ſah. —— — 23 Wie ein Jüngling ſprang der Oberſt vom Bock, half Maj⸗ ken ausſteigen, verbeugte ſich vor ihr und nahm ſeinen Platz wieder ein. Der Lieutenant eilte zu ſeinem Pferde, und Ring rief, als Majken in die Hausflur trat: „Mädchen, was ſoll das bedeuten?“ „Daß Mamſell bei den Nachbarn herumrennt, anſtatt zu Hauſe zu bleiben und zu arbeiten,“ ſchrie Thereſe, welche ihren Zorn nicht länger zurückzuhalten vermochte.„So geht es, mein lieber Johann, wenn man junge Mädchen in's Haus nimmt. Das habe ich Dir geſagt, als Du ſo plötzlich ſie hier haben woll⸗ teſt. Dergleichen Damen müſſen ſelbſt ihr Brod verdienen, an⸗ ſtatt zu Verwandten zu gehen und da nichts zu thun, als zu eſſen und.... 4 „Thereſe!“ rief Johann mit einer Stimme, als ob die Schweſter auf friſcher That, bei Begehung irgend eines Ver⸗ brechens ertappt worden wäre;„was iſt das für ein Geſchwätz von Dir? Halte deine boshafte Zunge, ſonſt....“ „Werde ich vielleicht um des ſchnippiſchen Dings willen vor die Thüre geſetzt,“ fiel Thereſe ein.„Das fehlte mir noch, daß Du mich, nachdem ich fünfundzwanzig Jahre lang mich für Dich abgeſchunden habe, nun hinwegweiſeſt, und zwar wegen eines Geſchöpfes, welches Dir niemals irgend einen Nutzen gebracht hat, ſondern nur hieher gekommen iſt, um das aufzuzehren, was Du mit Schweiß und Mühe verdienſt.“ Thereſe ſchwieg plötzlich; Ring war einen Schritt auf ſie zugetreten. In ſeinem Blick lag etwas, das den Strom ihrer Beredtſamkeit hemmte. Majken war bleich und ſtand mit erhobenem Kopfe und einem herausfordernden Blick auf die Tante da. Es war zum erſten Mal, daß Jemand ſie an ihre Armuth und Abhängigkeit von Anderer Güte gemahnt hatte. Der Stich traf um ſo tiefer und ſchmerzlicher, als er neu war. Ahnte Ring den Eindruck, welchen der Schweſter Benehmen auf Majken machte, oder wurde ſein Zorn nur dadurch erregt, daß der Angriff gegen ſeinen Liebling gerichtet war Wir ver⸗ mögen nicht zu entſcheiden, wie es ſich verhielt, ſondern können nur ſo viel angeben, daß er in ſtrengem Tone äußerte: „Wäre mir nicht deine hitzige Gemüthsart bekannt, Thereſe, ſo würden deine Worte einen unwiderruflichen Bruch zwiſchen Dir und mir in ſich ſchließen. Nun weiß ich, daß Du nicht immer denkſt, wie Du redeſt, und darum will ich vergeſſen, was Du geſagt haſt. Wie ſollte es Dir ſonſt wohl möglich ſein, das was ich für meine Bruderstochter thue, anders denn als eine Pflicht zu betrachten? Ihr Beide, ſie und Du, ſeid vollkommen berechtigt, daß ich für euch ſorge.— Du, Majken,“ ſetzte er hin⸗ zu,„brauchſt die Roſen von deinen Wangen nicht entfliehen zu laſſen, darum daß Tante Thereſe ſich von ihrem unſinnigen Zorn beherrſchen ließ. Sieh, denke nicht weiter daran, ſondern komm und ſage mir, wie es zuging, daß der Oberſt dein Kutſcher wurde.“. 3 Ring reichte Majken die Hand. Sie gab ihm die ihrige mit einem traurigen Lächeln. Eine Thräne ſchimmerte in ihren Au⸗ gen, während ſie ſtammelte: „Du-biſt und bleibſt doch mein geliebter Oheim, gut und freundlich, jetzt wie immerdar.“. Thereſe war in die Küche hinausgefahren. Ring und Maj⸗ ken gingen in den Saal. Nach einigen Augenblicken hatte das junge Mädchen ihre Bewegung überwältigt und erzählte nun, als ob gar nichts Unangenehmes vorgefallen wäre, wie es ge⸗ kommen, daß der Oberſt ſie heimkutſchirt hatte. Am Nachmittag hatte Ring eine Dienſtangelegenheit aus⸗ wärts zu beſorgen. Er fragte Majken, ob ſie mitfahren wolle; aber das junge Mädchen zog es vor, daheim zu bleiben. Sie reichte dem Oheim ihre Lippen zum Kuſſe und eilte ſodann auf ihr Zimmer. Man konnte von Majkens Fenſter auf das unten im Thale gelegene Dorf hinabſehen, und über die Gipfel der Waldbbäume ſchimmerten die Thurmſpitzen von Haraldshof herüber. Majken wandte mit einer ihr ſonſt fremden Niedergeſchlagenheit ihre Blicke dorthin. Zum erſten Mal fühlte ſie die ganze Bitterkeit der Ueber⸗ zeugung, daß ſie nichts als ihres Oheims Güte zu eigen beſaß. ——— — 1 25⁵ Sie war arm; dieſe drei Worte begriffen für ſie Alles in ſich, was das Leben demüthigendes hat. Peinliche Gedanken zogen durch Majkens Seele. Endlich ſchien ſie einen Entſchluß gefaßt zu haben und ging hinab, um die Tante aufzuſuchen. Sie traf Thereſe im Garten, wie dieſelbe über ein Gemüſe⸗ beet niedergebückt ſtand und beſchäftigt war, mit eigenen Händen Spinat abzuſchneiden. Die Alte war glühend roth. „Haſt Du viel zu thun, Tante?“ fragte Majken. „Das iſt ſo und wird wohl niemals anders werden,“ lau⸗ tete die nicht ſehr freundliche Antwort.„Mein Loos iſt immerdar geweſen, mich zu ſchinden und abzuarbeiten. Aber wer erkennt das von mir an? Niemand.“ „Kann ich Dir helfen?“ fragte Majken in ſanftem Tone. „Ah, Gott bewahre! Wie könnteſt Du deine feinen Finger mit ſolcher Arbeit beſchmutzen. Nein, das iſt gut genug für eine alte Frau, wie ich bin, welche niemals in der Lage geweſen iſt, ihre Hände zu ſchonen, ſondern immer, was eben kam, thun mußte.“— „Wozu dieſe Stichelreden, liebe Tante,“ unterbrach ſie Maj⸗ ken;„laß mich Dir helfen, und ſchenke mir hernach eine halbe Stunde deine Aufmerkſamkeit. Ich hoffe, daß Du ſodann beſſer gegen deine Bruderstochter geſtimmt wirſt.“ Es lag etwas in Majkens Stimme, das Thereſe bewog, zu ihr aufzuſehen. Einen Augenblick betrachteten ſie einander; darauf machte Theroſe einige lange Schritte über das Beet und ſtand dann an Majkens Seite, indem ſie einen Korb mit dem abgeſchnittenen Spinat in der Hand hielt. „Nimm das hier und gehe damit in die Laube,“ ſprach Thereſe und reichte der Nichte den Korb. Majken that wie die Alte befahl, und Thereſe kam hinter ihr her, nachdem ſie zuvor ihre große, ſteifgeſtärkte Schürze ge⸗ reinigt und ausgeſchüttelt hatte. Auf dem Tiſche in der Laube ſtanden eine irdene Schüſſel und ein kleiner Behälter von Birkenrinde. Sie waren von The⸗ reſe zur Reinigung des Spinats dorthin gebracht worden. Jetzt nahm ſie auf einer Bank davor Platz. —— 1 26 „Wenn Du etwas mit mir zu reden haſt,“ ließ ſich Thereſe nunmehr vernehmen,„ſo kannſt Du es jetzt thun, während ich den Spinat putze. Ich habe keine Zeit zum Müſſiggehen und zum Schwatzen, muß ich Dir bemerken.“ Majken lächelte. Dieß zeigte, daß ſie ſich von den Worten der Tante nicht verletzen ließ. Sie ſchickte ſich an, ihr bei dem Putzen zu helfen, während ſie folgendermaßen begann: „Sage mir aufrichtig, Tante, biſt Du dagegen geweſen, daß ich hieher käme?“ Thereſe's Naſe wurde ſpitziger als eine Pfrieme, und ihre Augen glichen einem Paar blanker Kugelknöpfe, als ſie in über⸗ legſamem Tone antwortete: „Ich habe meine Grundſätze, und einer davon iſt, daß die Jugend arbeiten muß; ſo habe ich gethan und muß es noch heute thun, und darum hielt ich es für ein Unrecht von Bruder Jo⸗ hann, daß er Dich nicht ſelbſt dein Brod verdienen läßt.“ „Du willſt mich alſo nicht zu Falknäs haben, Tante? Glaubſt Du, ich könne hier Kleidung und Nahrung nicht abver⸗ dienen?“ „Ich möchte wiſſen, was Du thun könnteſt!“ rief Thereſe, indem ſie mit großer Heftigkeit die Spinatſtiele in den leeren Korb warf.„Johann bedarf keiner Perſon, welche Klavier ſpielt und ſingt und an dergleichen Lumpereien hängt, womit Du dich beſchäftigſt.“ „Ich kann auch etwas Anderes thun,“ fiel Majken ein;„ich kann weben, ſpinnen, nähen und backen.“ „Da würdeſt Du dann meine Geſchäfte übernehmen,“ rief Thereſe.„Ja, das habe ich eben geahnt. Du beabſichtigſt, dich hier einzuquartieren, um eines Tags Johann allein zu beerben. Du biſt hergegangen, und haſt Bruder Johann die Einbildung beigebracht, daß ſeine einzige Freude darin beſtehe, Dich bei ſich zu haben, und ſomit benimmt er ſich undankbar gegen ſeine alte Schweſter. Mein Lohn wird wohl ſein, daß ich eines Ta⸗ ges außer Brod und Obdach komme.“. „Du thuſt Unrecht daran, Tante, wenn Du glaubſt, ich denke daran, den Oheim zu beerben,“ rief Majken.„Dafür habe 27 ich ihn wahrhaftig allzu lieb. Ich werde mir niemals die Nieder⸗ trächtigkeit beigehen laſſen, um zu berechnen, welche zeitlichen Vor⸗ theile ich aus der liebevollen Zuneigung ziehen könnte, welche er gegen mich an den Tag legt. Dieſe thut mir im Herzen wohl; dieſe iſt mein einziger Reichthum, und dieſen einzigen will ich nicht verlieren. Wenn er ſtirbt, ſo kannſt Du, Tante, meinet⸗ wegen wohl ſeine Hinterlaſſenſchaft einthun. Ich will nichts da⸗ von haben, da es mich niemals über den Verluſt meines einzigen Freundes tröſten könnte. Laß darum alle Gedanken fahren, daß ich die Abſicht habe, deinen Intereſſen, Tante, zu ſchaden, und ſage mir ſtatt deſſen, auf welche Weiſe ich mich, während ich hier verweile, nützlich machen kann; denn ich bleibe nicht lange, das kann ich Dir heilig verſichern.“ Thereſe's Naſe ſchien etwas weniger ſpitzig zu werden, und die knochigen Hände ſanken unthätig auf die Kniee herab. Sie ſchaute Majken an, als ob ſie vor Erſtaunen über das, was ſie gehört hatte, völlig aus dem Concept gekommen wäre. „Mamſell, Mamſell!“ rief eine Stimme vom Garten her, und Kajſa kam in die Laube hereingeſtürzt. „Nun, was gibt es?“ fragte Thereſe. „Die gnädige Frau von Aengsberga und die Mamſell ſind hier und wollen die Herrſchaft beſuchen.“ „Brauchſt Du dir deßwegen den Hals abzuſchreien?“ brummte Thereſe.„Das ſind doch wahrhaftig keine Perſonen von könig⸗ lichem Geblüte. Führe ſie für jetzt in das Gaſtzimmer und bitte ſie, einen Augenblick zu warten, bis ich mich ein wenig ſauber gemacht habe.“ Thereſe fuhr nach Kajſa ab, ohne Majken einzuladen, mit zu den Fremden heraufzukommen. Das junge Mädchen hatte keine ſonderliche Luſt, mit ihnen zuſammenzutreffen, ſondern blieb ſitzen und putzte den Spinat, indem ſie es der Tante überließ, ſich, ſo viel es ihr beliebte, ihren Gäſten zu widmen. Thereſe war nicht ſehr gaſtfrei und ſah es gerne, wenn ſie nur der Nothwendigkeit, Ankömmlinge zu bewirthen, ſich entziehen konnte, weßhalb ſie jeden Beſuch in Abweſenheit ihres Bruders Johann ſo einſylbig als möglich empfing. 3 8 ———— 5 4 28 Nach Verfluß einer Stunde fuhr auch Frau Waldner wie⸗ derum ab, und als Ring am Abend nach Hauſe kam, meldete Thereſe, daß an ſie alle eine Einladung auf Samstag nach Aengsberga ergangen ſei. Dort ſollte eine Tanzbeluſtigung ſtatt⸗ finden. Majken hatte nach der Unterredung mit der Tante ihre gute Laune wieder bekommen und verſicherte lachend, daß ihr nicht im Mindeſten daran gelegen wäre, die gnädige Frau zu Aengsberga kennen zu lernen. S Thereſe war in eine mildere Gemüthsſtimmung verſetzt wor⸗ den und traktirte den Bruder und die Nichte mit Spinat und brachte Schinken ſammt Pfannkuchen dazu. Das letztere war immer ein Beweis von beſonderer Freundlichkeit. Ring dachte „Es ſieht aus, als ob. Majken der Alten, da ſie zum Spen⸗ diren ſo geneigt iſt, Vernunft beigebracht hätte.“ V. Am andern Tag fuhren Ring und Majken nach Aengs⸗ berga, aber trafen Niemand zu Hauſe. Am Tage der Einladung uue Majken ſchweres Zahnweh, und konnte deßhalb nicht mit⸗ gehen. 3 Das Verhältniß zwiſchen Majken und Thereſe geſtaltete ſich nach der Erklärung etwas beſſer. Die Tante war gegen ſie nicht ſchnautziger, als gegen alle andern; auch ſah ſie weiterhin ein, daß Majken nicht die Abſicht hatte, ſie zu verdrängen. Es ha⸗ gelte allerdings noch ſcharfe, ſpitzige Anſpielungen darauf, daß Niemand anders als Thereſe arbeite; aber das war Brauch bei der Alten, ſich dermaßen auszulaſſen. Freundlich erſchien Thereſe niemals gegen Jemand, und. der höchſte Grad von Güte, wozu ſie ſich verſteigen konnte, war, daß ſie nicht vom Morgen bis zum Abend ſchalt und zankte, was ſonſt ihre liebſte Beſchäftigung zu ſeyn ſchien. Karg bis zum Aeußerſten, redete ſie beſtändig da⸗ von, wie viel die Haushaltung koſtete, ſeitdem es noch eine Per⸗ ſon weiter zu ernähren gab, und damit vermochte im Grunde 29 das ſtolze Mädchen ſich niemals zu verſöhnen. Dieſes tägliche Mißbehagen hatte zur Folge, daß Majken in aller Stille ihre Maßregeln zu treffen anfing, um ſich bis zum Herbſt eine paſ⸗ ſende Stelle zu verſchaffen. Rings Dienſt brachte es mit ſich, daß er oft auswärts war, und da ſaß denn Majken am Webſtuhle oder am Spinnrocken. War er daheim, ſo leiſtete ſie ihm Geſellſchaft, weil er es ſo wünſchte. Sie ſpielte und ſang ihm vor, gab ſich zu einem Spa⸗ ziergang oder zu einem Geſpräch mit dem lieben Oheim her; aber dieſer bemerkte allmälig dabei, daß mit Majken in den letzten Wochen eine ſichtbare Veränderung vorgegangen war. Weit ent⸗ fernt, die wahre Urſache davon zu errathen, begann Ring dar⸗ über nachzugrübeln, ob Majken nicht eine geheinie Neigung, irgend einen Herzenskummer hätte. Er beſchloß auch wirklich, ſich Kunde zu verſchaffen, wie es ſich damit verhielte. Eines Tags, da ſie im Garten beiſammen ſaßen, ſagte Ring: „Nun, Majken, Du haſt mir noch nicht geſagt, ob Du nicht dort in Weſtergyllen einen Herzensfreund zurückgelaſſen haſt. Wie ſteht es? Haſt Du vielleicht dein Herz an irgend einen See⸗ hund dort verſchenkt, da Du doch aus dieſer herrlichen Provinz hier gebürtig biſt?“... „Wenn ich mein Herz verſchenkt habe, ſo iſt es beſtimmt an einen Seehund geweſen, welcher damit auf und davon gegangen iſt,“ antwortete Majken lachend. „Mit andern Worten will das heißen: Du biſt nicht ver⸗ liebt.“ „Nein, nicht einmal in die Reize von Oſtgothland.“ „Mädchen, Mädchen, Du darſſt nicht ſo höhnen; verliebſt Du dich einmal, ſo darf es nur in einen Öſtgothländer geſchehen.“ „Onkel, ich verliebe mich niemals. Ich bin eitel und meine Gefühle ermangeln aller Tiefe. Sollte Jemand förmlich einmal gegen mich Sturm laufen wollen, ſo könnte ich möglicher Weiſe, ſo lang er mir ſeine Huldigung darbrächte, etwas empfinden, was einem Reflex von ſeinen Gefühlen gegen mich gleichkäme, aber dieß wäre auch Alles.— Nun, Onkel, haſt Du mein Glau⸗ bensbekenntniß in Rückſicht auf die Fähigkeit zu lieben, gehört.“ chwätz; deine Stunde wird 44 „Bah, das iſt eitel leeres Geſ auch ſchlagen, Majken, mein Kind, und dann.... illſt Du ſagen. elt mich verlieben, wi Ich habe einen andern ßig reich werden.“ „Werde ich ganz verzweif Den Tag erlebſt weder Du noch ich. Zweck; ich möchte... reich, unmä „Die Sorge würde dennoch Dich zu finden wiſſen,“ fiel Ring ein,„und erreichteſt Du auch, wornach Du ſtrebſt, könnteſt Du dich dennoch unglücklich fühlen. Wer weiß, in welcher Ge⸗ ſtalt das Leiden Dich aufſuchen mag! Vielleicht dürfte das Herz ſeine Stimme erheben und eine Glückſeligkeit begehren, welche Du um all dein Gold nicht zu erkaufen vermöchteſt.“ „Ich habe den Gefühlen den Abſchied gegeben, Onkel, und werde nur für zweierlei Zwecke leben: Gutes zu thun und meine Eitelkeit zu befriedigen.“ „Ohne Liebe?“ „Dieſer habe ich meine Thüre verſchloſſen. Die Liebe führt o viele Beſchwerde mit ſich, und Lieben iſt gewiß die größte Thorheit auf unſerer thörichten Erde. Wäre ich nur reich, ſo ſollte es für den Kummer keine Geſtalt geben, unter welcher er mich aufſuchen könnte.— Aber ſtill, was iſt das? Es kommt Jemand hergeritten.“ 3 Majken bog die Zweige eines Buſches, welcher die Ausſicht hemmte, aus einander und ſchaute auf die Landſtraße hinaus. Ein Reiter wurde ſichtbar. Er ritt ſchnell, bis er in die Nähe von Falknäs gekommen war; dann hielt er ſein Pferd an und ließ es im Schritte gehen. Majken 309 die Hand von den Zweigen zurück und ſie ſchlugen wieder zuſammen. Die Augen des Rei⸗ ters richteten ſich nach dem Garten, als ob er zwiſchen dieſen Büſchen und Blumen irgend einen beſtimmten Gegenſtand zu cht hätte. Es lag viel Neugierde in dem Ge⸗ der Hecke vorüber kam, hinter welcher Majken ſaß. Als er fort war, äußerte ſie: „Das war ja ein Sohn der Frau zu Aengsberga?“ „Ja, der ältere, David; Du haſt ihn früher einmal geſehen.“ „Ja, aus der Ferne, und da vermochte ich ſeine Geſichts⸗ züge nicht zu unterſcheiden.“ 1* 31 „Es iſt ein ſchöner Innge,“ meinte Ring. „Nicht nach meinem Geſchmack; ſein Ausſehen iſt allzu weichlich.“ „Er iſt ja erſt ſiebzehn Jahre alt.“ „Glücklich für ihn, daß er nicht älter iſt.... aber, die Wahrheit zu ſagen, da kommt Jemand, der mich viel mehr intereſſirt.“. Rings Blicke richteten ſich auf einen herankommenden Wagen. Es war Oberſt Björnſtams kleine Jagddroſchke. Der ehrliche Polizei⸗Inſpektor murmelte etwas zwiſchen den Zähnen, was Majken nicht verſtaud. Der Wagen des Oberſts fuhr in den Hof herein. „Er kommt hieher,“ rief Majken;„was kann er wollen? Vielleicht hat er im Sinne, uns nach Haraldshof einzuladen.“ „In dieſem Fall kommen wir nicht,“ antwortete Ring mit Beſtimmtheit.— „Aber warum?“ „Haraldshof iſt ein Ort, welchen ich, außer wenn der Dienſt mich dazu nöthigt, niemals beſuche.“ Eine Magd nahte. „Nun, Onkel, ſollſt Du Erlaubniß haben, deinen Gaſt zu empfangen; Du ſiehſt wohl, daß Kajſa im Anzug iſt, deſſen An⸗ kunft Dir zu verkündigen.“ Majken irrte ſich indeſſen; es war nicht der Polizei⸗Inſpektor, wachen der Oberſt ſuchte; er wünſchte mit Mamſell Majken zu prechen. Der alte Ring ſah verdrießlich aus, als Majken hinwegeilte, um zu erfahren, was der reichſte Mann der Gegend ihr wohl zu ſagen hätte. Sie fand in dem kleinen Saale den Oberſt, welcher bei ihrem Eintritt ihr ſehr artig mit den Worten entgegenkam: „Verzeihung, wenn ich ſtöre, da ich um meiner Tochter willen um eine Unterredung mit Ihnen anſuchte. Die Probſtin Wendius hat mir nämlich geſagt, daß Sie nach einer Stelle als Lehre⸗ rin trachten, und da ich mit Nächſtem eine Reiſe ins Ausland zu unternehmen beabſichtige, ſo wäre es mein Wunſch, wo möglich zuvor meines Kindes Leitung Ihnen zu übergeben. Die Be⸗ dingungen wegen des Gehalts u. ſ. w. mögen Sie ſelbſt be⸗ ſtimmen; ich füge mich in dieſer Hinſicht vollkommen in Ihre Forderungen, Mamſell Ring. Was ich von Ihnen begehre, iſt nur, ſogleich eine Antwort zu erhalten, ob Sie mein Anerbieten annehmen können und wollen.“ Majken ſchwieg eine Weile und betrachtete den Oberſt mit einem ernſten Blick. Was ſie ihm für eine Antwort gab, Verlaufe der Erzählung erfahren. VI. Aengsberga war ein ſonnenhelles weſen, wo man überall die Gegenwar verſpürte. Niing hatte von F ſtill verfloſſen, ohne daß ſie bekommen hätte. Wie weit dieß richtig oder unr wir dahin geſtellt; ſo viel iſt inzwiſchen gewiß, ner in der gegenwärtigen Zeit allgemein für ein Glücks angeſehen wurde. Wittwe von einem geachteten und, nach dem was man ſagte, Mutter von zwei hoffnungsvollen Söhnen, werden wir im fernern und angenehmes Heim⸗ t einer guten Hausfrau rau Waldner geäußert, ihre Tage wären die Bitterkeit des Lebens zu koſten ichtig war, laſſen daß Sally Wald⸗ Schooßkind des vermöglichen Mann, geliebt und geehrt von allen Menſchen, ſchien es, als ob ſie keinen Grund zu Unruhe oder Bekümmerniß hätte haben ſollen, und gleichwohl lag in ihrem ganzen Weſen ein Etwas, das zu er⸗ kennen gab, daß es in ihrer Seele nicht ſo ruhig war, als man hätte erwarten können. Etwas mehr als ein Monat war ſeit des Oberſts Beſuche zu Falknäs vergangen. 4 In einem großen Eckzimmer zu Aengsberga lag ein ſchlanker* Jüngling, auf einem Sopha ausgeſtreckt, mit einem Buche in der Hand, worin er nicht las. Der Kopf war zurückgebeugt und der Blick haftete an der Decke. Die Züge waren regelmäßig, aber der Geſichtsausdruck erſchien etwas weichlich. Die Augen, 33 obwohl nicht ſehr groß und etwas tief unter einer vorſpringenden Stirne liegend, waren nach Form und Ausdruck ungewöhnlich ſchön und verriethen deutlich, daß der Jüngling von Natur mit ſehr reichen Seelenkräften begabt war. 4 An einem der Fenſter in demſelben Zimmer ſaß ein anderer Jüngling, etwas jünger, aber dem erſtern ſo gleich, daß man ſogleich ſah, es ſeien Brüder. Der jüngere las eifrig in einem Buche. „Womit beſchäftigſt Du dich eben, Georg?“ fragte der ältere und rieb ſich die Stirne. „Mit Mathematik.“ „Lege die Scharteke weg und laß uns ſchwatzen; ich fühle mich zu einem kleinen Geſpräch ſehr aufgelegt.“ Georg ſchlug das Buch mit Widerſtreben zu und ſchaute den Bruder an, als ob er ſagen wollte: „Nun, was haſt Du wieder?“ „Du ſcheinſt zur Converſation nicht ſonderlich aufgelegt,“ bemerkte David Waldner, der ältere der Brüder, „Das iſt einerlei; ſprich und ich antworte Dir.“ Aus dem Geſpräch wurde jedoch nichts, denn die Thüre ging auf und ein Mädchenkopf ſchaute herein. 4 „David, komm heraus,“ befahl das Mädchen, zog ſich ſchnell zurück und ſchloß die Thüre wieder. David war mit einem Sprung vom Sopha, ſtürzte auf den Spiegel zu, machte einige raſche Striche mit der Haarbürſte, griff nach einer Studentenmütze und eilte hinaus. Georg öffnete ganz ruhig ſein Buch und nahm die unterbrochene Lektüre wieder auf. Der Garten zu Aengsberga war ausgezeichnet wohl gepflegt und mit Bäumen umgeben. Unter den Bäumen ſtanden Garten⸗ ſtühle und ein Tiſch. Auf einen dieſer Plätze hatte das junge Mädchen ſich begehen. David fand ſie hier, in eifriger Arbeit an einer Stickerei begriffen. „Hier bin ich nun, reizende Mathilde, was haſt Du zu ver⸗ kündigen?“ deklamirte David und ließ ſich auf einem der Garten⸗ ſtühle nieder.„Willſt Du fahren, reiten oder promeniren? Ich bin bereit, alles zu thun, was Dir beliebt.“ Schwartz, David Waldner. I.. 3 ———— Während er alſo ſich äußerte, ſuchte er eine von Mathilde's Händen zu faſſen; aber dieß war keine ſo leichte Sache; ſie ſchien im Augenblick nicht geneigt, ihm eine zu geben. „Du denkſt nie an etwas Anderes, lieber David, als Dich zu beluſtigen,“ ſagte Mathilde in altklugem Tone;„Du biſt er⸗ ſchrecklich leichtſinnig.“ „Haſt Du mich gerufen, um mir das zu ſagen?“ fragte David, welchem es inzwiſchen gelungen war, ſich ihrer rechten Hand zu bemächtigen;„in dieſem Fall hätteſt Du mich wohl die lebhafte Converſation fortſetzen laſſen können, welche ich mit meinem Bruder eingeleitet hatte.“ David küßte die kleine Hand trotz alles Widerſtandes. „Laß meine Hand los, oder ich werde böſe,“ erklärte Mathilde. „Iſt es deine Abſicht, mir eine moraliſche Vorleſung zu halten, ſo mußt Du auch geſtatten, daß ich deine Hand behalte,“ ſagte David. „Höre, Couſin, ich will Gehorſam haben,“ äußerte Mathilde und bemühte ſich, ihre Hand loszumachen. „Das glaube ich nicht,“ ſcherzte David. „Du biſt unerträglich.“ „Warum gerade das Gegenthei denkſt?“ „Beabſichtigſt Du mich zum Zorn zu reizen „Ja, im Fall Du fortfährſt, gegen deine Ueberzeugung zu reden.“ Jetzt riß Mathilde die Hand los mit den Worten: „Kannſt Du ſagen, warum Du letzterer Zeit täglich an Haraldshof vorbeigeritten biſt? Du pflegteſt ſonſt niemals dieſen Weg einzuſchlagen. Was iſt die Urſache, daß Du es jetzt thuſt?“ „Neugierde.“ 3 5 „Weßhalb? Dagmar mußt Du ja wohl geſehen haben; alſo brauchſt Du nicht ihr zulieb dahin zu reiten.” „Richtig bemerkt. Nun, um weſſen willen glaubſt Du, daß ich es thue?“ „Wegen der Gouvernante.“ „Wie Du doch redeſt, Mathilde; ſie iſt ja eine alte Perſon, l von dem ſagen, was Du 1 24 — und Garten, und da d 2 35 zählt eine ganze Reihe von Jahren mehr als ich— und im Uebrigen....“ „Haſt Du ſelbſt bekannt, daß Du ſie ſehen möchteſt.“ „Und dieß verargt mir meine kleine Braut?“ David beugte ſich nieder und ſah dem ſchönen Mädchen in's Geſicht. „Braut von einem Knaben, welcher nichts iſt und nichts thut.“ „Aber welchen Du deſſenungeachtet lieb haſt.“ „David, das war es nicht, wovon wir redeten, einen Fahrten nach Haraldshof. Willſt D dich für die Gouvernante ſehr intereſſirſt?“ „Nun wohl, gern, wenn es Dir eine Freude macht; ſonſt iſt es aber die reine Wahrheit, daß ich ſie noch nicht geſehen habe. Dieß hindert jedoch nicht, daß ich ſehr neugierig bin, ſie zu Geſicht zu bekommen.“ „Das iſt doch recht ſonderbar, daß es Dir nicht gelungen iſt, ſie auf deinen täglichen Promenaden zu treffen.“— Mathilde nähte mit verzweifelter Eile weiter. „Ich habe Unglück gehabt und das recht gründlich. Denke nur! Zuerſt kommt ſie mit Ring hieher zu Beſuch, da ſind wir ort; dann wird ſie krank gerade an dem Tage, wo hier Geſell⸗ ſchaft geladen war. Hernach folgt das Gaſtgebot im Probſthof; da hatte ich ein Gerſtenkorn am Auge und mußte zu Hauſe bleiben. Einige Zeit ſpäter mache ich einen Beſuch zu Falknäs, aber die junge Manſell iſt zu einer der Nachbarinnen gegangen. Auf dem Ball bei Kr— s war ſie nicht; ſie hatte eine Reiſe nach erköping gemacht; dann ſiedelte ſie nach Haraldshof über, und nun will es das Schickſal, daß Mama und der Oberſt, obwohl Couſin und Couſine, ſeit Jahren keinen Umgang mit einander haben. Sie iſt ſomit aus der Zahl der Lebenden wie verſchwun⸗ den. Trotz der Spannung zwiſchen dem Oberſt und meiner Mutter wage ich einen Beſuch bei dem Onkel. Er iſt na dem Ausland abgereist, und in Haraldshof wird nicht emp, gen. Nie ſah man die Gouvernante außerhalb des Umkreiſes von Park ieſe beſtändig für das Publikum geſehloſſen 3 8 3 ſondern von u zugeſtehen, daß Du 4 ſind, ſo muß man der Hoffnung entſagen, ſie von Angeſicht kennen zu lernen.“ „Sie iſt ja am Sonntag in der Kirche geweſen.“ „Aber da war ich nicht dort und am Sonntag zuvor war ſie es, welche ausblieb. Nun wird es mir Unterhaltung gewähren, dieſe Frau zu Geſicht zu bekommen, nachdem Jedermann be⸗ hauptet, daß ſie ein ſo originelles Ausſehen habe.“ „Und deßhalb ſtreifſt Du drei ganze Wochen um Haralds⸗ hof herum; Du, welcher ſagt, er könne das alte Schloß nicht leiden.“ „Darin haſt Du Recht; aber aufrichtig zu ſein, ich glaube, wir könnten von etwas Unterhaltenderem reden, da wir hier ſo unter vier Augen ſind.“.— „Allerdings; aber Du mußt mir etwas verſprechen.“ Mathilde legte ihre Arbeit bei Seite und ſah den Couſin an. „Ich verſpreche Alles, was Du willſt,“ meinte David. „Du darſſt den Weg nach Haraldshof nicht mehr einſchlagen. Du brauchſt dich nicht um Mamſell Ring zu kümmern.“ Mathilde legte die Hand auf ſeine Schulter und ſchaute ihm mit bittendem Blick in die Augen; es gehörte mehr als ſiebenzehn Jahre dazu, um hiegegen auch nur einen Widerſtand zu verſuchen. 4 „Ich gebe Dir mein Wort, daß dein Wille mir Geſetz ſein ſoll,“ betheuerte David, aber unter zwei Bedingungen. „Laß hören!“ „Fürs erſte gibſt Du mir einen Kuß und damit die feier⸗ liche Verſicherung, daß Du meine liebe kleine Braut biſt. Zum Zeugniß dafür wechſeln wir die Ringe. Ich nehme den, welchen Du an deiner rechten Hand trägſt, und ſieh hier, was ich zum Tauſche dafür gebe.“ Mathilde lächelte, 309 den Ring von ihrem Finger und 1 reichte ihn dem Jüngling. Was weiter folgte, brauchen wir nicht zu erzählen. Das neunzehnjährige Mädchen und der ſiebzehnjährige Jüngling ver⸗ ſprachen einander viel, was ſie in der Zukunft nicht halten ſollten, Dir 4 dieß übernehmen. David ſtellte ſich indeſſen, den bedeutungsvollen Blick nicht, ſondern blieb ſitzen. Als kurz darauf eine Magd durch den Gar aber woran ſie jetzt ebenſo feſt, wie an die Unveränderlichkeit ihrer Gefühle glaubten. Welches herrliche Alter, wenn man Alles glaubt, was das Herz wünſcht, und noch keine Erfahrung ſelbſt von ſeiner eigenen Veränderlichkeit hat! David und Mathilde hatten eben die Ringe gewechſelt, als die Gitterthüre aufging und ein junger Mann eintrat. David warf einen mißvergnügten Blick auf den Fremden, welcher ſie zu ſtören kam, gerade da ſie die herrlichſten Luft⸗ ſchlöſſer für die Zukunft bauten. „Arvid Broolind,“ ſagte Mathilde und ihre Wangen wur⸗ th. „Warum errötheſt Du?“ fragte David, welcher im Stillen ſehr lebhaft den Lieutenant dahi er Lieutenant grüßte vertraulich herablaſſend, wie ein Mann einen jungen Burſchen grüßt, und eilte dann auf Ma⸗ thilde zu. Er war gekommen, um Erkundigung einzuziehen, wie ſie ſich nach der Ausfahrt von geſtern befände. Auch wollte er hören, ob die Tante und Mathilde im Sinne hätten, zum Geburtstage der Probſtin ſich im Pfarrhofe einzufinden u, a. m. David fiel es ſchwer, all den Verdruß zu verbergen, welchen rvids vertrauliches Benehmen gegen Mathi Broolind erkundigte ſich allerdings nach T ſſ fwartung machen könnte; aber ließ er ſich keine Mühe dauern, Mathilde davon abzuhalten, der Tante von ſeiner Ankunft Mittheilung zu machen. Er verſicherte, daß er ſelbſt im Sinne habe, ſie aufzuſuchen; aber abei ſah er David an, als wollte er ihm damit ſagen, er ſolle als verſtände er ten ging, rief er dieſelbe herbei und gab ihr den Befehl, ihre Gebieterin von der Ankunft des Lieutenants zu unterrichten. Mathilde bat nun Arvid, in den Salon hinauf zu gehen, und alle drei begaben ſich dorthin. Einige Augenblicke hernach trat Frau Waldner ein, und während Arvid die Tante begrüßte, flüſterte David ſofort Mathilde ſeine Mißbilligung über ihre Freundlichkeit gegen Broolind zu. Der Junge war eiferſüchtig und konnte es nicht vergeben, daß ſie an einer andern Geſellſchaft als an der ſeinigen Freude fand. Während David auf ſolche Weiſe ſeinem Mißvergnügen Luft machte, hatten Broolind und Frau Waldner ein lebhaftes Geſpräch angeknüpft. Der Lieutenant erzählte unter Anderem, daß ſeine Couſine mit der Lehrerin Haraldshof verlaſſen würde, um einige Zeit bei des Oberſts Mutter in Schonen zuzubringen, „Dagmar Björnſtam wird einmal ein ſehr reiches Mädchen,“ äußerte darauf Frau Waldner;„ſie iſt ihres Vaters einzige Erbin und bekommt überdieß noch die Hälfte von der Hinter⸗ laſſenſchaft ihrer Großmutter.“ „Ja, mein Oheim hat ein anſehnliches Vermögen,“ beſtätigte Arvid und ein flüchtiger Schatten zog über ſein Angeſicht.„Er erhielt Haraldshof von ſeinem Bruder Wilhelm.— Sie erinnern ſich gewiß noch Wilhelm Björnſtams, Tante.“ „Ich und Wilhelm, wir liebten einander wie ein Paar Ge⸗ ſchwiſter,“ verſetzte Frau Waldner.„Es war ein ungewöhnlich liebenswürdiger Mann.“ „So hat mir meine Mutter zu ihren Lebzeiten ihn auch be⸗ ſchrieben. Die letzten Jahre ſeines Lebens brachte er ja im Aus⸗ lande zu und war nur auf kurzen Beſuch im Vaterlande. Ich kann mich nicht erinnern, ihn bei meinen Eltern geſehen zu haben. Weiß man nichts über die nähern Umſtände bei ſeinem entſetzlichen Ende?“ „Mir iſt nichts bekannt. Ich war allerdings in Haraldshof an dem Tage, da das Unglück geſchah, und meine, wie die Ueber⸗ zeugung aller Andern iſt, daß er durch ein bloßes Mißgeſchick in den Brunnen fiel. Es widerſprach ſeinem Charakter völlig, ſich 2 das Leben zu nehmen, auch wenn ein geheimer Kummer, wie man behaupten wlll, ihn bedrückt hätte „Aber,“ entgegnete Arvid,„es kommt mir beinahe uner⸗ klärlich vor, daß er durch ein bloßes Mißgeſchick häuptlings in den Brunnen gefallen ſein ſoll. Derſelbe war ja von einer Bruſtwehr umgeben.“. „Dieſe war ſo niedrig, daß, wenn man ſich darüber beugte und einen Schwindel bekam, ſie dem Unglück, hinunterzuſtürzen, nicht vorbeugen konnte. Wilhelm war von träumeriſcher Gemüths⸗ art, und öfters, wenn wir in Haraldshof uns befanden, konnte er davor hinſtehen und hinunterſchauen, indem er erklärte, es gewähre ihm ein eigenes Vergnügen, daß das Auge hier auf keinen Grund zu dringen vermöge.“ „Sind Sie damals oft in Haraldshof geweſen, Tante?“. „Sehr oft.“ „Und jetzt?“ 3 „Geſchieht es niemals. Der Oberſt und mein Mann ver⸗ feindeten ſich kurz nach Wilhelms Tod mit einander, und ſeitdem iſt weder von ihm noch von mir ein Verſuch gemacht worden, uns auf einen andern Fuß zu ſtellen.“ „Haben Sie die Frau des Oberſts geſehen, Tante?“ „Nein. Der Bruch zwiſchen meinem Mann und ihm trat vor ſeiner Verheirathung ein. Die Oberſtin war ohnedieß durch Kränklichkeit auf ihr Zimmer verwieſen.“ „Auch ſie fand ein trauriges Ende.“ „Ja, und es ſcheint eine Wahrheit in der Sage zu lie⸗ gen, welche an Haraldshof ſich knüpft, daß kein wahrhaftiges Glück in deſſen Mauern ſtattfinden kann. Wäre der Kommiſſär Ring nicht geweſen, würde ohne Zweifel der Oberſt zu gleicher Zeit Tochter und Frau verloren haben. Dagmar hat eine große Verpflichtung gegen den alten Ring.“ „Und jetzt iſt deſſen Bruderstochter Dagmars Lehrerin ge⸗ worden.“ „Ja, man erſtaunte nicht wenig darüber, als Mamſell Ring Gouvernante zu Haraldshof wurde,“ bemerkte Frau Waldner, vernehmen. offenbar begierig, etwas über Majken zu David und Mathilde machten nun ihrer kleinen Zänkerei ein Ende, um auf das zu horchen, was über Dagmars Lehrerin geſagt würde.. „Die Stelle iſt vortheilhaft,“ antwortete der Lieutenant,„und ich finde es ſehr natürlich, daß ſie dieſelbe annahm. Auch be⸗ trachte ich es als ein großes Glück für Dagmar; Mamſell Ring iſt eine ungewöhnliche Frau, mit mehr Verſtand als gar Vielen zu Theil geworden iſt, und von einer ſo natürlichen Würde, daß dieſe ihr bei dem Kinde, welches ſie zu erziehen hat, Achtung und Ehrerbietung verſchaffen muß.“ 4 Man fuhr fort noch eine Weile von Majken zu reden; darnach brachte Arvid das Geſpräch wieder auf den verſtorbenen Oheim mütterlicher Seite. Seine Fragen wurden ganz gleich⸗ gültig vorgebracht, aber deſſenungeachtet war leicht zu erkennen, daß ſie ein geheimes Verlangen bargen, gewiſſe Aufflärungen zu erhalten; dieß wollte jedoch nicht gelingen. 1 Für David, welcher Arvid nicht recht leiden konnte, ſchien etwas nnenihe in dieſem ewigen Fragen zu liegen, und er ſagte endlich: „Mein beſter Arvid, es kommt mir vor, als ob Wilhelm Björnſtams Tod Dir ein gar ſeltſames Intereſſe einflöße, da Du ſo viel von der Sache wiſſen willſt.“ Der Lieutenant verſicherte, dieß rühre nur davon her, daß er aus dem Munde ſeiner Mutter das Lob dieſes ihres Bruders ſo oft gehört habe, und daß darum Alles, was ſich auf deſſen Perſon beziehe, ſeine beſondere Theilnahme errege. Inzwiſchen kam ein anderes Thema auf die Bahn und die Todten wurden nun in Ruhe gelaſſen. VII. Eiine Menge Gäſte waren in dem Pfarrhofe an dem Ge⸗ burtstage der Probſtin. Alle Bewohner des Kirchſpiels hatten ſich dahin begeben, um derſelben ihre Aufmerkſamkeit zu beweiſen und zugleich ſelbſt einen angenehmen Tag zu bekommen. recht zu kommen, fand nunmehr, daß er ſich im vorliegenden Fall getäuſcht hatte, und mußte demnach ſeine Taktik ändern. „Die Urſache, warum ich dieſe Frage thue, findeſt Du dar⸗ in,“ ſagte er,„daß ich ſelbſt Mathilde liebe.“ Der Jüngling und der junge Mann befanden ſich am Ende der Allee. David blieb ſtehen und ſah Broolind an, welcher fortfuhr: „Wenn zwiſchen Mathilde und Dir gegenwärtig eine Nei⸗ gung beſteht, ſo kann dieſe unmöglich eine Zukunft haben. Sie iſt älter als Du, und ihr beide ſteht in einem Alter, wo die Ge⸗ fühle ſich noch nicht zu einer entſchiedenen und bleibenden Rich⸗ tung entwickeln konnten. Sie werden mit der Zeit ihren Cha⸗ rakter ändern, von andern verdrängt werden und zuletzt gänzlich erbleichen. So iſt es aber nicht mit meiner Liebe zu Mathilde; denn dieſe iſt tief und ernſt. Ich, ſtehe im Begriff, ihr meine Hand anzubieten; Du kannſt noch nicht über dich ſelbſt beſtim⸗ men, biſt nicht einmal mündig. Entſage darum Mathilden und laß nicht eine kindiſche Phantaſie dieſelbe von mir und einer glücklichen Zukunfſt ſcheiden, Vor Allem, David, trage nicht den Ring, welcher ihr zugehört! Das möchte zu Vermuthungen An⸗ laß geben, welche deiner Couſine ſchaden könnten.“ David war ganz bleich geworden. Ein unbehagliches ner⸗ vöſes Zittern fuhr ihm durch alle Glieder. Er ſchaute auf ſeinen Nebenbuhler mit Augen, welche jeden Schimmer ihrer urſprüng⸗ lichen Sanftmuth verloren hatten. „Was die Zukunft in ſich ſchließen mag, iſt weder Dir noch mir bekannt,“ entgegnete David,„und auf meine Anhänglich⸗ lichkeit an Mathilde dürfte ebenſo viel als auf die Deinige zu bauen ſein.“ „Du biſt ja erſt ſiebenzehn Jahre alt, lieber David!“ fiel Arvid ein. —„Das iſt kein Hinderniß, daß ich Mathilden von Herzen gut ſein kann,“ rief David heftig. „Allerdings nicht; aber es muß, Dich hindern, ihren Ring zu tragen. Meine Freundſchaft und Achtung erheiſchen übrigens von mir, daß ich Dich zwinge, es zu thun.“ 43 „Mich zwingen; das ſollte Dir wohl nicht ſo leicht wer⸗ den,“ meinte der Jüngling, und ſah den jungen kraftvollen Mann mit einem herausfordernden Blick an. „Das werden wir wohl ſehen,“ verſetzte Arvid, drehte ſich auf dem Abſatz um und entfernte ſich. David blieb. Er lehnte ſich an einen Baum und ſuchte ſich zu beruhigen. Ganz mechaniſch drehte er an dem kleinen Ring und ſchob ihn an dem Finger hin und her, als wollte er durch dieſe Bewegung ſich überzeugen, daß er in deſſen Beſitz war. Mit der Gewiſſenhaftigkeit eines unverdorbenen Herzens ſuchte er ſich klar zu machen, ob es wirklich zu irgend einer Unannehm⸗ lichkeit für Mathilde führen könnte, daß er ihren Ring trüge. Sie war ja ſeine kleine, liebe Braut, und ſie ſollte eines Tags ſeine Frau werden. Wem trat er alſo damit zu nahe, daß der Ring an ſeinem Finger ſaß? Niemand. David zog den Ring ab und blickte ihn liebevoll an. Ein Wagen nahte. David richtete die Augen auf denſelben. Es war ein Reiſewagen. Der Kutſcher trug die Björn⸗ ſtam'ſche Livree. Ein Kopf ſchaute durch eines der Wagenfenſter, zog ſich aber ſogleich wieder zurück. Bei dieſer Bewegung folgte jedoch der kleine Sammethut nicht in den Wagen nach, ſondern ſiel auf die Straße, und die Eigenthümerin rief ganz erſchrocken: „Ach, ich habe meinen Hut verloren!“ Der Wagen hielt an. David eilte augenblickl das kleine, hübſche Dingelchen aufzuheben. gleich den Ring wiederum an den fallen, gerade da er vor dem ve dieſen auf und überreichte ihn der Dame im Wagen, ohne die⸗ ſelbe anzuſehen, ſo beunruhigt war er über den möglichen Verluſt eines ihm ſo theuren Kleinods. Das Wort: Danke, wurde von einer geſprochen; der Kutſcher ſchwang ſeine Peitſt Wagen, es David überlaſſend, das Liebe aufzuſuchen. 2 ich herbei, um Er wollte dabei zu⸗ Finger ſtecken, ließ ihn aber rlornen Hute ſtand. Er hob Frauenſtimme aus⸗ che und fort eilte der Unterpfand von Mathilde's —— .. Eine ganze Stunde brachte er damit zu, ohne das, was er verloren hatte, wieder zu finden. 4 Als er endlich wieder in den Probſthof kam, war ſein Aus⸗ ſehen düſter und alle ſeine Freude verſchwunden. Das Schickſal wollte, daß ſich für David dieſen Abend leine Gelegenheit mehr bot, ſeines Verluſtes zu erwähnen. Er beab⸗ ſichtigte dieß auf dem Heimwege zu thun, aber Mathilde fuhr mit ſeiner Mutter, und ſo mußte er es auf den folgenden Tag auf⸗ ſchieben. VIII. 2 David ſchlief bis in den Morgen hinein; als er in den Speiſeſaal kam, um das Frühſtück einzunehmen, war der Mit⸗ tagstiſch gedeckt, und Mathilde ſaß im Nebenzimmer, in einem: lebhaften Geſpräche mit Broolind begriffen. Als David dieſelbe begrüßte, fluͤſterte er ihr zu: „Du machſt mich unglücklich, Mathilde, wenn Du dich im Mindeſten um Broolind kümmerſt.“ „Ei, ſei doch nicht kindiſch, David,“ antwortete Mathilde, als Broolind in den Saal hinausging,„Du weißt doch, daß...“ In dieſem Momente fielen Mathilde's Augen auf Davids linke Hand. Der Ring war fort. Sie faßte ſeine Hand und hielt ſie feſt. „Wo haſt Du meinen Ring?“ fragte ſie heftig. „Mathilde, ich hatte das Unglück, ihn zu verlieren; ich....“ „Kein Wort weiter!“ unterbrach ihn Mathilde und eilte hin⸗ weg. Sie ließ ſich den ganzen Tag nicht mehr ſehen, ſondern hielt ſich in ihrem Zimmer eingeſchloſſen. IX. „Bleibe,“ bat Arvid am folgenden Morgen, als er in den Pavillon zu Aengsberga trat und Mathilde bei ſeinem Anblick hinwegeilen wollte;„ich habe Dir etwas zu geben, was Du ver⸗ loren haſt.“ — 4⁵ Mathilde wurde ſtill. „Aber was fehlt der Schönſten unter Arvid fort.„Nicht ganz wohl, glaube ich.“ „Ich befinde mich vollkommen wohl,“ antwortete Mathilde ungnädig,„und ich wünſche nur zu erfahren, was Du haſt, das mir gehören ſoll?“ „Vermiſſeſt Du nichts?“ f „Nein, durchaus nichts.“ „Denke ein wenig nach.“ So viel auch Mathilde denken mochte, ſie konnte ſich nicht erinnern, irgend etwas verloren zu haben. „Ich hatte alſo wohl Unrecht, daß ich behauptete, Du habeſt das Kleinod verloren, welches ſich jetzt in meinem Beſitz befindet. Du haſt es vielleicht weggegeben.“ Arvid hielt einen Ring empor. Mathilde erröthete. Sie erkannte nur allzuwohl den Ring, welchen ſie David geſchenkt hatte. 1 den Mädchen?“ fuhr genommen,“ antwortete Broolind. „Hat David ſich denſelben nehmen laſſen?“ rief Mathilde, A —„Wie ſollte er nicht? Er iſt ja ein bloßer Junge, ein Kind, welches ſich fügen muß, wenn man ihm zeigt, wie unver⸗ ſtändig es von ihm iſt, deinen Ring zu tragen.“ Mathilde hatte große Mü⸗ ind ſei im Stande, einen Ring an zu betrachten, das für eine Weile ergötzlich iſt, aber im nächſten. Augenblick über dem Vergnügen, Kegel zu ſchieben e zu ſpringen, vergeſſen wird?“ „Das gehört nicht hieher,“ fiel Mathilde ein z ich will wiſ⸗ ſen, ob David Dir den Ring gegeben hat.“ 3 ii er sher dae eedae 1 46 „Er hat mir es wenigſtens möglich gemacht, ihn zu nehmen.“ „In dieſem Fall, Arvid, magſt Du ihn behalten,“ ſagte Mathilde und eilte aus dem Pavillon. Eine Strecke davon begegnete ſie David, welcher ganz wild auf ſie zukam. Auf der Schwelle des Pavillons ſtand ja Broolind. „Mathilde, biſt Du dort mit Arvid geweſen?“ fragte er. „Ja, allerdings, und wenn es mir Unterhaltung macht, mit ihm zu reden, ſo gedenke ich es zu thun, ohne Dich deßhalb um Erlaubniß zu fragen,“ entgegnete Mathilde und eilte an ihm vorüber. Einen Augenblick überlegte David, ob er ihr nacheilen und erklären, daß zwiſchen ihnen Alles aus und vorbei wäre, oder ob er ſich auf Broolind ſtürzen und ihn erwürgen ſollte. Er ver⸗ warf jedoch beide Vorſätze und begab ſich unter dem Vorwande, er leide an Kopfweh, auf ſein Zimmer. 3 Frau Waldner, über des Sohnes plötzliches Unwohlſein be⸗ unruhigt, wollte nach dem Arzte ſchicken. Es ging ein bösar⸗ tiges Fieber in der Gegend herum, welches gewöhnlich mit Kopf⸗ ſchmerz anfing. David empfand die ſchwerſte Gewiſſensqual über ſein vor⸗ gebliches Uebelbefinden, als er ſeiner Mutter Angſt gewahrte, und fand endlich für gut, zu erklären, daß er ſich wiederum beſſer fühle und bald vollkommen hergeſtellt ſein werde, wenn er nur ein wenig ſchlafen könnte. Frau Waldner zog ſich mit der Verſicherung zurück, der Kranke ſollte von Niemand geſtört werden. Allein gelaſſen, gereichte es David zu einer wirklichen Pein, ruhig liegen zu bleiben. Mathilde, dachte er, würde gewiß ſich einfinden, um von ſeinem Befinden Kunde einzuziehen; folglich mußte er mit ſeinem angenommenen Uebelbefinden fortfahren. Aber nachdem er vergeblich eine ganze Stunde gewartet hatte und keine Mathilde ſich ſehen ließ, ſprang er vom Sopha auf und trat an ein Fenſter. Die Rollgardine war herabgelaſſen, und er zog ſie ſachte etwas hinauf, um in den Hof hinausſehen zu können. Der Anblick, der ſich hier ſeinem Auge darbot, hätte ihm wirklich einen Blutſchlag verurſachen können. Da ſtand Mathilde und redete mit Arvid. Ihre Wangen waren warm 47 und ihre Lippen lächelten. Unten am Gitter hielt Arvids Wagen. Er nahm ſomit Abſchied von ihr, und ſie hörte auf das was er ſagte, und zwar mit holder Freundlichkeit. Das war ein Ver⸗ brechen, welches kaum geſühnt werden konnte. David ließ ſich nieder, ſtützte die Ellnbogen auf den Tiſch und verbarg das An⸗ geſicht in den Händen. Er war furchtbar unglücklich. Arvids Wagen rollte hinweg, aber David blieb unbeweglich ſitzen. Nach einer Weile öffnete ſich die Thüre des Zimmers. „Es iſt Mama,“ dachte David und hätte gern der Ein⸗ tretenden das Geſicht zugekehrt; aber er that es nicht, da er aus einem Grunde, welchen wir verſchweigen wollen, durchaus keine Luſt verſpürte, ſeine Augen ſehen zu laſſen. „David,“ rief eine ſchmeichelnde Stimme an der Thüre. Er rührte ſich nicht. „Biſt Du krank?“ etwas näher. Keine Antwort. „Aber, mein Gott, was fehlt Dir?“ Jetzt befand ſich die Redende hart neben ihm und dennoch beharrte er in derſelben Haltung.— „David, Du erſchreckſt mich.“ Eine kleine Hand berührte ſeine Sch Hauch ihres Athems ſtreifte ſeine Wange. Man iſt halsſtarrig und unverſöhnlich, wenn man in jungen Jahren ſich für beleidigt hält. David antwortete auch mit der Vermuthung, es würde ihr keinen Schrecken verurſachen, und wenn er im Sterben läge. Er bat ſie, ſich nicht um ihn zu bekümmern, er wünſche nur ganz ungeſtört zu bleiben. Nun hatte Mathilde mittlerweile gefunden, daß er doch reuen könnte, und es entſtand zwiſchen ihnen ein heftiger Zank. Mathilde konnte nie verzeihen, daß David entäußert hatte, und David ni avillon geweſen. Mathilde wollte Davids Erkle den Ring verloren, durch dem ſo geweſen, hätte A fragte die Stimme von Neuem, dießmal ulter und ein warmer ihres Rings ſich mit Arvid im ärung, daß er aus keinen Glauben ſchenken.... wenn Beſitz ſein kön⸗ „. nen, und, ſetzte ſie hinzu, da David einmal ihren Ring hin⸗ gegeben, ſo habe ſie Arvid erklärt, er möge ihn immerhin be⸗ halten. Hierauf betheuerte David, daß es für Zeit und Ewigkeit zwiſchen ihnen aus wäre: was jedoch nicht hinderte, daß ſie nach einigen Minuten Frieden ſchloſſen, ſo daß, als Frau Waldner bei ihrem kranken Sohn eintrat, das Kopfweh ſich verloren hatte, und er mit Mathilde völlig verſöhnt war. X. Breoolind ließ ſich nicht zu Aengsberga ſehen. Er war in ſeine Heimath nach Südermannland abgereist. Zwiſchen Mathilde und David blieb das gute Verhältniß beſtehen: aber es war doch nicht ganz wie früher. Etwas war zwiſchen ſie getreten, das deren Träume ſtörte und den Glauben an die Zukunft erſchütterte. David ſollte ſich inzwiſchen nach Upſala zur Fortſetzung ſeiner Studien begeben. Er hatte ſich entſchloſſen, Arzt zu werden. Somit trennten ſie ſich. Am Abend vor der Abreiſe erhielt David von Mathilde einen neuen Ring. Er ſollte ihm„ins Grab“ folgen. Mit dieſer Verſicherung ſagte er ſeiner ſchönen Couſine ein Lebewohl. Auf dem Wege zwiſchen wrköping und Aengsberga begegnete David einem Reiſewagen. Es waren die Kutſche und die Pferde von Haraldshof, und als die beiden Wagen an einander vorüber⸗ fuhren, ſah David einen Frauenkopf hervorſchauen; es war der von Dagmar. „Sonderbar, daß es mir niemals gelingt, die Nichte des Polizei⸗Inſpektors zu Geſicht zu bekommen,“ dachte David;„aber, im Ganzen genommen, was geht ſie mich an?“ 1 Brief von Majken Ning an Meine gute, liebe Amalie! Du klagſt mich zweier nach mir ſe und der ſchuldigung Mittheilung 1 ſelbſt rede. flächlich ſind, werth biſt. Du wende Mag ſo ſein; Freundin, und was Dichters Worte anw ſchloſſen, aber ds 1 hievon die ſchmeie nd nun zu m chwer verzeihen kannſt, näm Zurüchhaltung. anzugeben, daß ich nur dreimal im mache und dann von Das iſt deiner V. Mangel an Freundſchaft auf Ich kann nicht entſcheiden ſ aber ich kann verſt ſt vielleicht ein, Eins iſt indeſſen ſicher: meine einzige mein Herz betrifft, ſ i henden: des armen Manne helhafteſte Schlußft Erſter Theil. 9 1. Amalie K—. Fehler an, welche Du deiner Ausſage lich der Trägheit im Schreiben Du forderſt mich auf, etwas zur Ent⸗ Jahr von mir allem, nur nicht von mir ermuthung nach ein Beweis von meiner Seite. „ob meine Gefühle tief oder ober⸗ ſichern, daß Du meinem Herzen unerwieſen iſt. Du biſt o kann ich darauf des f us iſt ge⸗ Mache nun digung gegen deine Anklagen. erſt, daß ich 4 beinahe jeden Monat geſchrieben habe; dieß wird wohl nach menſch⸗ licher Berechnung zwölf Mal des Jahres ausmachen. Summa ſechsunddreißig Briefe in drei Jahren; obwohl Du deren Anzahl auf neun verminderſt. Undankbares und unwahrhaftiges Geſchöpf! Ich ſollte meine Feder niederlegen und nie mehr eine Zeile an Dich ſchreiben. Du legſt mir weiter zur Laſt, daß ich mich mehr dafür intereſſire, wie das Leben ſich für Dich geſtaltete, als wie die Tage für mich dahinſchleichen. Meine eigene werthe Perſon iſt etwas, woran ich nicht gern denke, womit ich mich nicht gern beſchäftige; dagegen gibt es nichts auf Dich Bezügliches, was nicht für Majken ein Intereſſe hat. Deine Fragen habe ich immer, wenn auch kurz beantwortet, aber da dieß Dir Unruhe macht, ſo will ich mich jetzt auf eine um⸗ ſtändlichere Schilderung dieſer drei Jahre, welche wir getrennt von einander durchlebt haben, einlaſſen. Du lächelſt und glaubſt recht gerathen zu haben, wenn Du behaupteſt, daß ich verliebt ſei. Noch iſt dieſes Gefühl meinem Herzen fremd. Traurig genug, muß ich hinzuſetzen, da ich in dieſen Tagen mein ſechsund⸗ zwanzigſtes Jahr zurücklege. Der letzte Brief, worin ich von mir ſelbſt rede, war der⸗ jenige, welchen ich nach meiner Ankunft in Falknäs ſchrieb. Den folgenden Tag gab es zwiſchen mir und Tante Thereſe einen minder angenehmen Auftritt, welcher mich beſtimmte, von Neuem mein Glück als Lehrerin zu verſuchen. Ich vertraute mich der Probſtin Wendius an, und Oberſt Björnſtam machte mir kurz nachher den Antrag, ſeiner Tochter Lehrerin zu werden. Ich nahm ſogleich das Anerbieten an, und zwar, obwohl mein herzens⸗ guter Oheim darüber beinahe einen Schlag zu bekommen glaubte: dieß Alles habe ich Dir ſchon einmal mitgetheilt. Der Widerwille meines lieben Oheims dagegen, daß einem Gehalt von ſechshundert Reichsthalern Dagmars werden ſollte, rührt daher, daß er ſich in den Kopf geſ der Oberſt ſei ein leiblicher Bruder des böſen Feindes, ein U theil, welches ich vom erſten Augenblick an unrichtig gefunden habe. ich mit 51 Oberſt Björnſtam iſt reich und der vornehmſte Mann in der Umg egend. Er iſt gefürchtet von allen ſeinen Untergebenen — und gegen ſie ſtolz und ſtreng, aber gerecht. Verleumdet von den Nachbarn, mit welchen er keinen Umgang hat, wird er gleichwohl von ihnen mit großer Achtung behandelt. Gegen ſeine Tochter iſt er gut bis zur Schwäche, und deren Erzieherin, Frau Thorén, wird von dem Oberſt mit viel Artigkeit behandelt. Es war ein ſchöner Abend, als ich auf von Haraldshof anfuhr. Als der Wagen durch das Thorgewölbe rollte und ein dumpfes, düſteres Geräuſch dabei verurſachte, empfand ich eine eigenthümliche Beklemmung, welche ich mir nicht zu erklären vermochte; wahrſcheinlich ging ſie von meiner allzu lebhaften Einbildungskraft aus, welche ſtets mich entweder irgend ein ſchweres Leiden oder irgend eine große Freude erwarten läßt. Ich dachte ganz unwillkürlich an des Oberſts junge Frau, welche ſich ins Waſſer geſtürzt hatte, an den frühern Beſitzer, welcher in einem Brunnen ertrunken war, und die Phantaſie ließ mich mein Grab in dem alten Wohngebäude erblicken. Der gegenwärtige Beſitzer hat den Hof ſo einladend als möglich zu machen geſucht. Er hat die Mauern mit Spalieren von üppigen Schlinggewächſen bekleidet. Auf den Ecken hat er Bä ä flanzt, und vier grüne Lauben ge⸗ hme Zufluchtsſtätte gegen die Sonnenhitze. Die Mitte des Platzes iſt mit Gras und prunken⸗ den Roſenbüſchen beſetzt. Der unbehagliche Eindruck, welchen ich empfand, als der Wagen unter dem Thorgewölbe hindurchrollte, verlor ſich auch ſogleich, als er einen Halbkreis beſchrieb und vor einer großen Treppe anhielt. Hier wurde ich von dem Oberſt empfangen. Mag die ganze Welt ihn als ein Ungeheuer anſehen, ich thue es nicht. Sein äußerer Menſch, ſeine Rede und ſein We⸗ ſen ſchmeicheln meinem Schönheitsſinn und ſtellen ihn als einen aann mit wahrhaft ritterlicher Denkart dar. Er bot mir den Arm und führte mich über einen langen Korridor, welcher nach dem öſtlichen Theil des Schloſſes führte. Hier vertraute er mich dem„Burgplatz“ Dagmar und Frau Thorén an, welche letztere mich zu woßes Eckzimmer, das zu meinem und Dagmar beſtimmt war, und von da in ein anſtoßendes Ka fort in mein Schlafgemach führte. Die beiden letztgenannten Räumlichkeiten, mir zum Privatbeſitz angewieſen, waren neu ta⸗ pezirt und elegant möblirt. Alles, was zu dem Zweck gethan werden konnte, ihnen ein heiteres Ausſehen zu geben, hatte man in Anwendung gebracht, und mit einem äußerſt angenehmen Ge⸗ fühl wiederholte ich mir, daß dieſelben für mich, für mich und Niemand anders beſtimmt waren. Von meinem Schlafzimmer führte ein Gang nach demjenigen von Dagmar, und aus dem⸗ ſelben gelangte man nach ihrer entzückenden kleinen Wohnung. Verwundere Dich nicht über den letzten Ausdruck. Das Mädchen hat wirklich ihre eigene Wohnung, wo ſie zugleich mit Frau Thorén lebt. Dagmar legte große Freude über meine Ankunft an den Tag und redete mit mir, als ob wir ſchon alte Bekannte und gute Freunde wären. Nachdem ich mich ein wenig umgelleidet hatte, ging ich mit ihr in den Pavillon hinunter. 4 Er liegt am Ende des großen Garkens, auf einem freien Platz am Strande der See, und die Ausſicht dahin iſt herrlich. Der Abend wurde dort auf eine ganz angenehme Weiſe zu⸗ gebracht. Der Oberſt erzählte einige alte Sagen, welche ſich an Haraldshof knüpften, und benahm ſich gegen mich, als ob ich ein Gaſt wäre, deſſen Gegenwart er ſich zur Ehre ſchätzte, und den er deßhalb mit Allem zu unterhalten ſuchte, was für ihn nach ſeiner Vorausſetzung von Intereſſe ſein konnte. Dagmar nahm am Geſpräche Theil, ganz wie wenn ſie eine erwachſene Perſon geweſen wäre. Ihr Benehmen unterhielt mich; es lag darin etwas Altkluges, das auf eine köſtliche Weiſe gegen ihr kindliches Antlitz und ihre zuweilen vorkommende Schüchternheit abſtach. Madame Thorén war eine gebildete Frau, etwas ſteif, aber mit einem verbindlichen Lächeln und mit freundlichen Augen. Den Tag nach meiner Ankunft kam Botſchaft von dem Oberſt, welcher mich unter vier Augen zu ſprechen wünſchte. Er * gedachte ſchon am Nachmittag eine Reiſe in die Hauptſtadt an⸗ zutreten und von da ſich in das Ausland zu begeben. Er erwartete mich in dem blauen Salon der großen Woh⸗ nung und kam mir mit ſeiner gewöhnlichen Artigkeit entgegen. 4 Er ſchob mir einen Fauteuil hin und nahm ſelbſt auf einem 2 Stuhle Platz. 3 „Wenn ich eben im Begriff bin, Ihnen, Mamſell Ring, meine Tochter anzuvertrauen, handle ich nicht ſo unbedachtſam, als man wohl annehmen möchte, wenn man bedenkt, daß Sie mir völlig unbekannt zu ſein ſcheinen. So verhält es ſich in⸗ deſſen keineswegs. Bevor ich meinen Wunſch gegen Sie aus⸗ ſprach, hatte ich mich genugſam über Sie unterrichtet, und die Aufllärungen, welche ich erhielt, ſind von der Art, daß ich Dag⸗ mar keinen beſſern Händen anvertrauen zu können glaube. Ich weiß, daß Sie die Verantwortlichkeit Ihres Berufs vollkommen faſſen. Ich habe ſomit Sie in Bezug auf meiner Tochter Unter⸗ weiſung um Nichts zu bitten. Daß Sie derſelben gute Kennt⸗ niſſe und alle die moraliſche Bildung beibringen werden, in deren Beſitz ein Kind gelangen kann, davon bin ich ganz und gar überzeugt. Auch wünſche ich nur mit Rückſicht auf deren Be⸗ 3 handlung in den Freiſtunden mich gegen Sie auszuſprechen.— Sie werden gewiß nicht mißdeuten, was ich Ihnen ſagen will?“ Der Oberſt heftete die Augen auf mich, um die Wirkung ſeiner Worte zu beobachten. Ich verſicherte ihm, daß es mir lieb ſein würde, wenn ich ſeine Wünſche entgegennehmen könnte. „Ich wünſche,“ nahm der Oberſt das Wort,„daß Dagmars Studien mit Eiſer betrieben werden, und daß ſie während der Lektionsſtunden zu emſiger Arbeit angehalten wird, aber daß ſie, wenn dieſelben vorüber ſind, ihre volle Freiheit habe und ſich deren ohne alle Einſchränkung bedienen dürfe. Sie brauchen nicht, wie es gewöhnlich iſt, ihr auf Schritt und Tritt zu folgen, ſondern können dieſelbe auf eigene Fauſt über ihren Zeitvertreib beſtimmen laſſen. Mag ſie ſo lang als möglich ſich frei fühlen, in Spielen und Luſtbarkeiten nur ihren eigenen Eingebungen fol⸗ gen, ohne jenen verhaßten Zwang, worunter die Mädchen ge⸗ wöhnlich aufwachſen, indem man ihnen unaufhörlich zuruft: ‚das 1 54 8 w. Manieren und Sitten ſind nicht Lektio⸗ nen, welche eingeübt werden, ſondern Eigenſchaften, welche von dem Verſtand und dem Herzen ausgehen müſſen. Haben ſie ihren Urſprung nicht aus dieſen Quellen, ſo ſind ſie nichts werth. Bilden Sie Dagmars Verſtand, unterweiſen Sie ihr Herz, und it wird dann von ſelbſt er⸗ 2 äußerer Anſtand wie innere Sittlichkeit wie Ideen nicht im Wider⸗ blühen.— Ich hoffe, daß dieſe meine ſpruch mit den Ihrigen ſtehen,“ ſetzte der Oberſt ganz verbind⸗ lich hinzu. Es war ſeine Tochter, und ich nach ſeinem Willen mich richten. Er dankte mir dafür und ſprach die Hoffnung aus, daß Dagmar kein ſchwer zu behandelndes Kind ſein dürfte. Ich begriff, daß die Unterredung zu Ende war, und erhob mich. Er äußerte, indem er gleichfalls aufſtand: 3 „Noch etwas: Sie haben wahrſcheinlich gar viel Schlimmes von Dagmars Vater gehört; glauben Sie nicht daran. Es muß immer unangenehm ſein, ein Kind anzuleiten, deſſen Vater im Verdacht ſteht, daß er zu dem Tode zweier ihm verwandter Per⸗ ſonen Anlaß gegeben. Verſuchen Sie. ſtark genug zu ſein und. auf dieſe unheimlichen Geſchichten nicht zu achten. Sie werden niemals Grund zur Reue finden, im Fall Sie unbedingt anneh⸗ men, daß ich ein Mann von Ehre bin.“ Er faßte meine Hand und fügte noch bei:— „Lieben Sie Dagmar, wenn es Ihnen möglich iſt, und leben Sie, ſoviel Sie können, getrennt von den Nachbarn. Ich würde es gern ſehen, daß Dagmars Urtheil und Verſtand entwickelt wären, ehe deren Ohren durch jene Erzählungen über mich ent⸗ ſie als Kind Eindrücke auf⸗ weiht werden. Ich will nicht, daß nimmt, ſondern daß ſie frei und ſelbſtſtändig zu einem ebenſo moraliſch ſtarken wie charakterfeſten Mädchen ſich entwickeln mag. 1 — Nun leben Sie wohl, vielleicht auf ein Jahr.“ 2 Er küßte der Gouvernante ſeiner Tochter die Hand. Vor ſeiner Abreiſe hatte er mit Dagmar eine lange Unter⸗ redung. Das elfjährige Mädchen ſah ganz ernſt aus, als ſie mit Thränen im Auge dem hinwegeilenden Wagen des Vaters ſchickt ſich nicht’ u. ſ. konnte nicht anders, als andern Vollkommenheiten auch den Stolz beſitzt, die pekuniären Verhältniſſe ihres verſtorbenen Mannes Niemand wiſſen zu laſſen, als Wittwe alle ſeine Schulden übernahm. In den erſten Jahren gelang es ihr, einen Theil davon abzubezahlen; aber in Folge mehrjährigen, nach einander eintretenden Mißwachſes kam es ſo weit, daß ſie ſich genöthigt ſah, Aengsberga zu verkaufen. Dieß wurde indeſſen von dem Oberſt verhindert, welcher durch einen Bevollmächtigten einen ſo vortheilhaften Pacht bieten ließ, daß die Gläubiger ihre Rechnung dabei fanden, denſelben anzunehmen. Der Betrag des Pachtes geht mittlerweile denſelben unverkürzt zu, und wenn die Zeit deſſelben abgelaufen iſt, ſind wahrſcheinlich auch die Schulden ſo gut als gedeckt. Frau Waldner wohnt für jetzt in erköping und beſitzt dort ein kleines Haus, deſſen Ertrag für ihre Bedürfniſſe genügend iſt. Noch eine Neuigkeit, und damit will ich meinen Brief ſchließen. Lieutenant Broolind, Schweſterſohn des Oberſts, hat ſich neulich mit Frau Waldners Schweſtertochter, Mathilde Lindal, verheirathet. Vor einigen Jahren ſagte man allgemein, Mamſell Lindal werde mit der Zeit des ältern Waldners Frau; aber das Mädchen wollte wohl nicht warten, da ſie nun den Lieutenant genommen hat. Sie ſoll einiges Vermögen beſitzen, und durch dieſe Heirath iſt es nun dem ehrenwerthen Herrn Broolind möglich geworden, Brovik, ein größeres, eine Meile von hier gelegenes Gut zu pachten. Nun lebe wohl, liebe Freundin; möge dieſer lange Brief Dich zufrieden ſtellen und Dir die Möglichkeit benehmen, in deinem nächſten wiederum auf mich zu ſchelten. Majken. II. Die Bäume verloren allmälig ihren grünen Schmuck— der Herbſt war gekommen. „Majfen, hier iſt ein Brief von Papa,“ rief Dagmar, als ſie eines Abends bei der Gouvernante eintrat, welche in ihrem kleinen Kabinet ſaß und ſich mit Leſen die Zeit vertrieb. „Ja, nun werden wir es recht angenehm bekommen,“ ſetzte ——— ſie hinzu und überreichte Majken ein Schreiben folgenden In⸗ halts: „Meine liebe Tochter! 4 „Den Tag, nachdem Du dieſe Zeilen empfangen haſt, hoffe ich in Haraldshof zu ſein; aber ich komme nicht allein. Ich habe zwei junge Männer bei mir. Der eine iſt Kandidat der Medicin und Stellvertreter für den Gutsarzt; den andern ſollſt Du zu deiner Unterhaltung haben. Unterrichte deine Tante hievon und halte Dich bereit zu umarmen deinen Vater.“ „Nun, was ſagſt Du dazu, Majken?“ ließ ſich Dagmar weiter vernehmen.„Zwei Herren! Den Papa wieder zu ſehen, freut mich von Herzen; aber was die zwei Herren anbelangt, ſo wird es mir um die Ohren heiß, wenn ich nur daran denke. Sie ſind gewiß nicht zum vierten Theil ſo gemüthlich, wie Hek⸗ tor, und ich kann fremdes Volk nicht leiden. Ich muß weinen,g wenn mir die unbekannten Menſchen einfallen.“ „Du haſt ſomit und„Leben nicht einförmig gefunden?“ fragte Majken. „Einförmig?! Was willſt Du damit ſagen, Majlen?“ „Daß Du der alleinigen Geſellſchaft von mir müde ge⸗ worden.“ 3 „Nein, niemals! Deiner wird man niemals müde; Du biſt ſo ſchön und ſo gut, daß....4 Es klopfte an der Thüre; Dagmar eilte zu öffnen. Der Oberſt ſtand auf der Schwelle und fragte, ob er ein⸗ treten dürfe.. Dagmar ſchrie vor Freude laut auf, und der heimgelehrte Vater wurde mit einem förmlichen Sturm von Liebkoſungen be⸗ willkommt. Er küßte das Mädchen auf Stirne, Augen und Mund, machte ſich dann von ihren Umarmungen los und begrüßte Maj⸗ ken, welche ganz beſtürzt mit dem Briefe in der Hand daſtand. „Ich bedaure, daß ich nicht heute Morgen in Haraldshof angekommen bin,“ ſprach der Oberſt und zog ein kleines Etui heraus, welches er Majken überreichte.„Mein Wunſch war, daß 61 Sie zu ihrem ſiebenundzwanzigſten Geburtstage dieſes kleine An⸗ denken von Dagmar auf Ihrem Kaffeetiſche finden ſollten.“ „Wie weißt Du, daß Majken heute geboren iſt?“ fragte Dagmar;„ich habe ja keine Ahnung davon gehabt.“ „Das iſt ſchlimm, daß Du in drei Jahren dir keine Ahnung davon verſchafft haſt, wann deine Lehrerin geboren iſt,“ be⸗ merkte der Oberſt. Majten öffnete das Etui. Es enthielt eine koſtbare Broche, welche unter einem von ihren mit ächten Perlen eingefaßten Blättern einen Knoten von Dagmars Haaren verbarg. Mit einer höhern Farbe, als ſonſt auf ihren Wangen, dankte Majken. Der Oberſt ſagte ihr einige verbindliche Worte, nahm hierauf Dagmar bei der Hand und betrachtete ſie. „Du biſt ſehr gewachſen, aber nicht zu deinem Vortheil.“ „Du findeſt mich ſomit häßlich?“ fragte Dagmar ganz nie⸗ dergeſchlagen. „Ja, aber das darf Dich nicht betrüben; ich vermuthe, daß Du um ſo mehr an Kenntniſſen gewonnen haſt, und damit er⸗ ſetzeſt Du ja, was Du an Ausſehen verloren haſt. Mir macht es mehr Freude, eine gebildete, als eine ſchöne Tochter zu haben.“ „ Dann wirſt Du mit mir wohl zufrieden ſein; Majken hat mich zu einem wahren Licht von Gelehrſamkeit gemacht.“ „Biſt Du eigenliebig?“ „Das darf Dich nicht betrüben,“ antwortete Dagmar und lächelte ihrem Vater zu, während ſie ſeine Worte wiederholte. „Immer gleich verzogen.“. Der Oberſt legte ſeine Hand auf ihr Haupt. Er ſah ihr mit forſchendem, ernſtem Blick in die großen, klaren Augen. „Du haſt mich ſo haben wollen,“ bemerkte Dagmar. Majlen betrachtete Beide. 4 Der Oberſt hatte in den drei verfloſſenen Jahren ſich nicht verändert. Er war ſich vollkommen gleich geblieben. Majken dachte, während ſie ihn ſo anſah:„Unmöglich kann ein Mann von ſchlechtem Charakter ein ſolches Ausſehen haben.“ In dieſem Momente flogen die Augen des Oberſts von der ——— Tochter zu der Gouvernante hinüber, und als ob er deren Ge⸗ dankengang geahnt hätte, ſagte er: „Das Aeußere täuſcht gewiß oft; aber ich glaube nicht, daß das Auge lügt, oder was meinen Sie, Mamſell Ring?“. „Ich bin Ihrer Anſicht, Herr Oberſt,“ antwortete Majken. Nach dem Austauſche von einigen weitern Worten entfernte ſich der Oberſt. III. Dagmar und Majken arbeiteten wie gewöhnlich am folgen⸗ den Tage den ganzen Morgen, und Frau Thorén hatte mit der Haushälterin und den Domeſtiken genug zu thun, um die Zim⸗ mer für die beiden jungen Herren in Ordnung zu bringen. Um Mittag erſchien der Kandidat der Medicin, Granſtedt, der ſtella vertretende Gutsarzt. Einige Tage ſpäter ſollte der zweite der von dem Oberſt eingeladenen Gäſte anlangen. Es gab nun ein anderes Leben auf dem alten Herrenſitz. Dagmar hatte nicht mehr ihren eigenen Tiſch. Man dinirte und ſoupirte zuſammen in dem großen Speiſeſaal. An den Abenden leiſtete man einander Geſellſchaft. Die Woche ging inzwiſchen zu Ende, ohne daß der erwartete Gaſt ſich ſehen ließ. Dagmar hatte dieſe ganze Zeit nicht ver⸗ mocht werden können, zwiſchen den Eßſtunden im Salon zu blei⸗ ben, wenn der junge Arzt da war, ſondern eilte von der Geſell⸗ ſchaft hinweg, ſcheu und unzugänglich, wie ein wilder Vogel. Des Mädchens außerordentliche Blödigkeit ſiel dem Oberſt in die Augen und erregte bei ihm etwas wie Mißvergnügen. So äußerte er denn eines Tages, es dürfte an der Zeit ſein, daß in Dagmars Lebensgewohnheiten eine Aenderung einträte. 5 An einem ſchönen Sonntagmorgen verreiste der Oberſt. Doktor Granſtedt machte Krankenbeſuche und die Frauen waren anz allein zu Hauſe. Am Nachmittag fuhr Frau Thorén nach dem Probſthof, und Dagmar begab ſich mit Hektor auf einen längern Streifzug. Es ging gegen Abend und die Luft war un⸗ gewöhnlich milde. Majken ließ ſich im Garten nieder, um eine M — 63 Stunde zu verträumen. Schritte und Laute von Sprechenden, welche ſich näherten, verhinderten jedoch alle Träumerei. Sie hörte eine jugendliche Stimme äußern: „Nun, wie findeſt Du es hier?“ „Gut; der Oberſt iſt artig, und die Damen liebenswür⸗ dig; das heißt, das Wort liebenswürdig paßt nur auf eine von ihnen.“ „Und wer iſt das?“ „Die Gouvernante.“ „Ah, Mamſell Ning. Ich bin als junger Burſche ganz neugierig auf ſie geweſen.“ „Dann biſt Du es wohl noch,“ meinte Granſtedt,„da Du die Jugendjahre noch nicht hinter dir haſt; aber ſtill, da ſehe 4 ich Jemand.“ 5 Die Redenden kamen auf einem Fußpfad heran und hatten jetzt Majken vor ſich. Granſtedt war von einem großen, ſchlanken Jüngling mit einer Studentenmütze auf dem Kopf begleitet. 3 „Kandidat Waldner, Mamſell Ring,“ präſentirte Granſtedt. David verbeugte ſich ſehr ungezwungen vor Majken, aber dabei trat eine lebhaftere Röthe auf ſeine etwas bleichen Wangen. Majken ſprach ihr Bedauern aus, daß der Oberſt und Frau Thorén nicht zu Hauſe wären, und die Herren deßhalb einſtwei⸗ len mit ihrer Geſellſchaft vorlieb nehmen müßten. Den jungen Männern ſchien dieß nicht ſonderlich leid zu thun. Majken bot auch all ihr Vermögen auf, unterhaltend zu ſein. Es ſtand nicht lange an, ſo fühlte ſich der junge Waldner ller Befangenheit, welche er immerdar zu Anfang ft empfand. Majken ſprach von Upſala, won Arztes u. a. m., und ſchien hiefür ſo viel In⸗ als ob ſie niemals an etwas Anderes gedacht jungen Männer ſchienen auch ganz vergnügt, etwas ſpäter am Abend heimkehrte, fand en Stimmung. agmar konnte nicht dazu gebracht werden, ſich vor dem Spouper ſehen zu laſſen, und da beantwortete ſie David Wald⸗ 4. 3 ners artige Begrüßung ganz unfreundlich. Sie war noch ſcheuer ihm gegenüber, als vor Granſtedt. Am Abend, als Majken ſich zur Ruhe begeben wollte, kam Dagmar noch zu ihr herein. „Wie gefällt Dir David, Majken?“ fragte ſie. „Sein Ausſehen erregt eine gute Vorſtellung von ſeinem Charakter,“ antwortete Majken. Dagmar hüpfte auf den Sopha und kauerte ſich in der Ecke wie ein Knäuel zuſammen. 4 4 7 „Schön iſt er wohl,“ ſagte ſie darauf ganz nachdenklich, „aber zum Entſetzen langweilig. Ich kann die Männer nicht lei⸗ den, darf ich wohl ſagen, und es wird mir übel, wenn ſie nur mit mir reden. Ach, wenn ſie alle zuſammen nur weit, weit von hier weg wären!“ 4 „Und dein Vater damit?“ 3 „Ach, ihn rechne ich nicht dazu, aber die andern. So ver⸗ gnügt, als wir es hatten, da wir allein waren, bekomme ich es niemals mehr.“ Majſken theilte die Anſicht des Mädchens nicht, aber ſie ſprach ihre Gedanken nicht aus, ſondern bemühte ſich ſtatt deſſen, es Dagmar klar zu machen, daß ſie darum, weil ſie ſchüchtern wäre, nicht unhöflich ſein dürfte. Majken meinte, Dagmar ſelbſt würde es unterhaltender finden, wenn ſie dieſem Gefühle entgegen arbeitete. Dagmar ſchüttelte den Kopf und konnte nicht begrei⸗ fen, warum man mit den Leuten leben ſollte, wenn man es ohne ſie angenehm und gemüthlich hätte: Rachdem ſie dieß ge⸗ ſagt hatte, warf ſie Majken eine Kußhand zu und ſprang aus dem Zimmer. IV. In Doktor Granſtedts Zimmer ſaßen die beiden Kameraden und rauchten. „Was hältſt Du von Mamſell Ring?“ fragte David. „Daß ſie einen ungewöhnlich guten Kopf hat, ſchön, und im Uebrigen eine ſehr angenehme Frau iſt.“ 6⁵ „Nun, das hätte ich auch ſagen können,“ .„Dazu gehörte kein fonderlicher Scharfſinn. welches deine Gedanken über ihren Cha „Sie iſt klug, kalt, berechnend genug, um kokett zu ſein, und wird darum ſehr gefährlich.“ „Das iſt keine ſehr vortheilhafte Schilderun David, indem er ſeine Cigarre von ſich warf. „Ich glaube das Gegentheil. Mamſell Ring gleicht dem Kryſtall; ſie iſt fleckenlos wie er, aber auch ebenſo gefühllos. Mir gefallen dergleichen Frauen.“ „Aber mir nicht,“ entgegnete David. „Kinder haben noch keinen Geſchmack. Du warſt indeſſen von der Gouvernante ganz entzückt.“ g von ihr,“ rief „O ja, ſie war auch gar zu artig.“ 5 „Und das erzeugt immer das gewöhnliche Verlangen bei Dir, Anmerkungen zu machen. Geh hin und lege Dich zu Bette und flehe zu Gott, daß er dein Kinderherz bewahre, damit Du nicht in irgend eine Gefahr geräthſt.“ daß g der Kopf verdreht wird; ja, gerade das ſetze ich voraus.“ „Sie iſt ja bereits etwas bei Jahren.“ „Bah, die Jahre bedeuten eigentlich nichts, am allerwenigſten, inige zwanzig auf dem Nacken hat, und dazu ein Ausſehen, einen Wuchs und einen Kopf beſitzt, deß⸗ gleichen man lange ſuchen darf Nimm hiezu das ſtündliche Zu⸗ ſammenſein und deine Jugend, ſo will ich Zeh „“ rief unſer zwanzig⸗ fähriger Heilkunſt⸗Laborant, welcher ſich zum indeſten für einen Hhielt, und kein Gefallen daran fand, daß man mit ihm ü welchen er ſich völlig befreit glaubte. Die beiden Kamer aden trennten ſich. Schwartz, David Waldner. 1I. V. ar war während der Lektionen der folgenden Tage im Dagm ſie das Buch von höchſten Grade zerſtreut. Eines Morgens warf ſich und rief: „Majken, es iſt mir unmöglich, heute etwas zu thun; gib mir für dieſen Tag Urlaub, und ich verſpreche morgen deſto fleißiger zu arbeiten.“ Dieſes Benehmen Dagmars war nichts Ungewöhnliches; es war bis jetzt öfters vorgekommen, und Majken hatte ſie unter ſolchen Umſtänden immer von der Arbeit dispenſirt, ohne ihr jedoch die Freiheit zu gewähren, ſich nach ihrer Weiſe zu unter⸗ halten. Auch jetzt wurde Dagmar das Lernen erlaſſen. Nachdem ſie eine Weile ſchweigend dageſeſſen war und durch das Fenſter geſchaut hatte, begann Dagmar davon zu reden, daß ſie ſchlimme Gedanken habe, gab aber keine weitere Rechen⸗ ſchaft von denſelben, ſondern erwähnte bloß, daß dieſelben ſich regen, ſobald ſie gezwungen würde, fremde Leute zu ſehen. Majken nahm davon Veranlaſſung, ihr die Nothwendigkeit vorzuſtellen, eine Menſchenſcheu zu überwinden, wodurch ſie ſich ſelbſt und andern unerträglich würde. Dagmar wollte davon nichts wiſſen, ſondern meinte, wenn ſie eines Tags Herrin von Haraldshof würde, brauche ſie ſich nicht Dingen zu unterwerfen, welche ihr keine Unterhaltung gewähren. Sie, Dagmar, ſei von den Mei⸗ maede Wünſchen und Urtheilen anderer Menſchen nicht ab⸗ ängig. Lange redete ſie in dieſem kindiſch übermüthigen Tone fort. Majken hatte in ihrer freundlichen und herzlichen Weiſe ihr das Lächerliche der Einbildung gezeigt, als ob ſie gewiſſe Privi⸗ legien beſäße, weil ſie eines reichen Mannes Tochter wäre. Dag⸗ hnlichem Verſtand begabtes Kind, hatte ſich mar, ein mit ungewö davor gehütet, lächerlich zu werden, aber heute waren alle ſchönen Lehren vergeſſen. „Wie,“ rief Majken,„ich glaube, Du redeſt davon, Dag⸗ mar, Beſitzerin von Haraldshof zu werden?“ 67 „Ja, das werde ich auch,“ antwortete „und da dem ſ ſoll.“ Dagmar ganz ſtolz, o iſt, weiß ich kaum, warum ich nicht davon reden „Darum, weil es ſo ſchlecht lautet und auch noch ungewiß iſt.“ „Ungewiß? Wer ſollte mir denn Haraldshof nehmen?“ „Dein Vater kann es verkaufen, Dagmar; widrige Umſtände können es mit ſich bringen, daß bei ſeinem Tode das Vermögen dahin iſt, und dann wirſt Du, Dagmar, aus einem reichen in ein armes Mädchen verwandelt, welches gleich mir ſelbſt für ſein Brod arbeiten muß.“ „Mein Vater hat nicht das Recht, Haraldshof zu verkaufen; darum kann ich auch nicht in Abhängigkeit von andern gerathen.“ „Jetzt redeſt Du— wie ein Kind, Dagmar,“ fiel Majken ein.„Haraldshof gehört dem Oberſt, und er kann demnach da⸗ mit machen, was ihm beliebt.“ „Nein, er kann es nicht verkaufen, es muß ſeinem Kinde zufallen,“ rief Dagmar heftig. „Und denkſt Du bereits daran, deinen Vater zu beerben?“ entgegnete Majken, jedes Wort betonend.„Wenn mein Vater mit meinen Ge⸗ danken bei den Vortheilen zu verweilen, welche ſein Tod mir bringen würde; aber Du k ilich thun, Dagmar.“ Das Blut ſchoß den äd in di Wangen und ver⸗ npfte einen innern nicht, ſondern nahm nach einer Pauſe wieder das Wort: „Ich will Dir ein kleines Mährchen erzählen, Dagmar. Es war einmal ein Vogel, welcher ſich ein großes und geräumiges Neſt auf einer Königseiche erbaut hatte. Sein Neſt war beſſer als die aller andern Vögel, und der Baum, worauf es ſich be⸗ fand, größer als alle Bäume weit herum. Der Vogel war ein ſtolzer und edler Vogel, aber ſchwach gegen ſein einziges Junges. Er pflegte zuweilen dem kleinen Unverſtand zu ſagen: Dieſe Eiche und dieſes Neſt gehen eines Tages in deinen Beſitz über, oren, ſei darauf r Vorzüge dich würdig machſt. du biſt zu Reichthum, Freiheit und Gluck geb bedacht, daß du gut wirſt und dieſe den geringern Bäumen wiederholten, obwohl in andern Ausdrücken, und ei beſſer, als die andern, ihm beliebe, und dahin leben, ohne daß es n ſeinesgleichen zu kümmern. Der thörichte Alle die andern Vögel auf was der Vater geſagt hatte, das unverſtändige Junge glaubte, es ſ könne thun, was nöthig habe, ſich um Vogel vergaß, daß ſein Vater der zärtlichſte der Väter war, er fragte nichts darnach, ihm Freude zu machen, ſondern ließ ſich nur von ſeinen ſelbſtſüchtigen Launen leiten. Er dachte nur daran, wie reich und mächtig er einſt würde, wenn der Vater ſtürbe und er allein Herrſcher auf der Eiche und im Neſte wäre. Wéhrend er ſo träumte, ſandte Gott einen heftigen Sturm über die Erde. Die Jahrhunderte alte Eiche wurde mit den Wurzeln ausgeriſſen und zu Boden geworfen. Das prächtige Neſt wurde zerſtört und deſſen Eigenthümer getödtet, und da ſaß nun der junge Vogel einſam und verlaſſen, ohne Vater, ohne Freunde und ohne Heimath. Die Vögel auf den geringern Bäumen waren von dem Verderben nicht betroffen worden; ſie ſangen munter und freuten ſich, als das Unwetter vorüber war. Und als nun jener, all ſeines Reichthums beraubt, ſich in ſeiner Noth an ſie wandte, antworteten dieſelben: Du wollteſt nicht mit uns halten, da du den großen Baum beſaßeſt, nun können wir dir ebenſo wenig helfen; und ſo mußte der unverſtändige kleine Vogel ſortfliegen, weit fort, um in andern Gegenden, unter fremden Vögeln, welche von ſeinem frühern Uebermuth nichts wußten, Hülfe und Unterſtützung zu ſuchen.. Majken ſchwieg. Eine lange Weile ſaßen Dagmar und ſie da, ohne ein Wort zu reden; endlich rief Dagmar: „Majken, biſt Du mir böſe?“ „Nur betrübt darüber, daß ich nicht ſo viel Gutes in Dag⸗ mar gewirkt habe, um Uebermuth und Hoffart zu erſticken.“ „Sprich nicht ſo,“ bat Dagmar und ſchlang ihre Arme um deren Leib;„verzeihe mir vielmehr. Ich war nicht übermüthig⸗ ich war erbittert, und darum redete ich ſo wie ich that.“ „Erbittert, und worüber?“ 3 5 „Ach, über viele, viele Dinge. Es plagte mich, daß David Waldner ein ſchöner Jüngling ſein ſollte während ich häßlich 3„Je nun, er war bei Papa, als 69 bin; es reizte mich, daß Papa über meine Schüch) gnügt war, und ſo konnte ich mich nicht mit dem verſöhnen, was Du, ajken, am Abend in Bezug auf ig zu ſein, geſagt haſt. Ich fand es ſo verdrießlich, daß Du, Majfken, bedürfte ich des Beifalls anderer nicht, und würde nicht gezwungen, in Geſellſchaft derer zu verweilen, welche ich nicht kannte. Ich wollte mich damit tröſten, daß ich eines Tages in den Beſitz von Haraldshof gelangen würde, und daß, wenn David ſchön, ich da⸗ gegen reich wäre. Ach, das war ſchlecht; aber ich bin ſo traurig, ſo traurig.“ Große Thränen rannen über Dagmars Wangen. Sie weinte heftig, wie nur Kinder weinen, wenn ſie durch etwas in Auf⸗ regung verſetzt werden.. Majfken verſtand jedoch die Kunſt, ſie zu beruhigen, ſo daß ſie, als einige Zeit darauf Botſchaft kam, Dagmar ſollte ſich zu ihrem Vater verfügen, ihr Angeſicht wieder lächelnd war. Nach Verfluß einer Stunde trat Dag mar wieder bei Maj⸗ ken ein.. „Wir haben noch einen Fremden,“ äußerte ſie;„kannſt Du rathen, Majken, wen?“ „Frau Waldner.“ „Beinahe, aber nicht ganz richtig, denn es iſt Georg Wald⸗ ner. Er iſt ſchöner als ſein Bruder und viel angenehmer. Ich war nicht ſo blöde bei ihm wurden gleich gute Freunde.“ „Das muß wirklich ſchnell ein,„denn es i*ſt noch nicht l geſchehen ſein,“ fiel Majken lächelnd verlaſſen haſt.“ ange her, Dagmar, daß Du mich ich hinkam, und er grüßte mich ſo freundlich, daß ich durchaus keine Blödi gkeit empfand. Nun ſollſt Du ſehen, Majken, daß ich hinfort mich ganz ange⸗ nehm mache. Ich werde nur an dein Mährchen denken und Dir — zu gleichen ſuchen.“ Dagmar hielt Wort. Sie kämpfte gegen ihre Blödigkeit. 70 Sie antwortete, ohne zu ſchnauzen, wenn einer der Herren ſie anredete, und ſchickte ſich beſſer an, als Majken zu hoffen ge⸗ wagt hatte.— Georg Waldner war ein ungewöhnlich ſchöner Jüngling, einfach und anſpruchslos. 7 Am Abend regnete es. Man verſammelte ſich in dem kleinen Salon und machte Muſik. David und Georg ſangen, Majken akkompagnirte, und der Abend verfloß ſchnell und angenehm. Am Morgen darauf war Majken krank und konnte mehrere Tage das Zimmer nicht verlaſſen. Endlich wurde ſie von dem Fieber frei, und von da an ging es immer beſſer. Als ſie zum erſten Mal nach ihrer Krankheit in den Speiſe⸗ Der erſtere eilte auf Majken zu und bezeugte in einigen herzlichen Worten ſeine Freude darüber, daß ſie endlich wieder⸗ hergeſtellt wäre. Sein Angeſicht hatte einen ſo theilnehmenden darin erkannte. Am Abend verſammelte man ſich wie gewöhn⸗ lich im Salon, und auch heute ſchwanden die Stunden wie in Vierzehn Tage verfloſſen auf ganz gemüthliche Weiſe. Alle waren fröhlich und Frau Thorén verſicherte, daß ſie ſich um zehn Jahre verjüngt habe, ſeitdem es in Haraldshof lebendiger geworden.. Das tägliche Zuſammenſein bewirkt, daß man ſchneller mit einander bekannt wird. Dagmars Blödigkeit verſchwand, die Freundſchaft zwiſchen ihr und Georg befeſtigte ſich, und ihr Be⸗ nehmen gegen David nahm einen vertraulichern Charakter an. ajken, immer artig, wurde, ohne ſelbſt darauf Acht zu geben, freundlicher gegen die jungen Herren Waldner, als ſie jemals gegen ein Mitglied des männlichen Geſchlechts, ihren Oheim natür⸗ David beſchäftigte ſich ausſchließlich mit Majken, und in ſeinen ausdrucksvollen Zügen ſtand zu leſen, daß es ihm unan⸗ genehm war, wenn Majken ſich mit einem andern als ihm abgab. — 71 VI. Am Schluß des Oktobers erhielt der Oberſt einen Brief von ſeiner Mutter, welcher ihn veranlaßte, eines Vormittags in das Arbeitszinmer von Majken und Dagmar zu treten. „Ich komme und ſtöre,“ ſagte der Oberſt,„aber Mamſell Ring wird entſchuldigen; ich habe etwas mitzutheilen, was Sie ebenſo nahe wie Dagmar angeht. Es iſt nämlich zwiſchen mir und meiner Mutter ausgemacht worden, daß Sie und Dagmar den Winter bei ihr in Stockholm zubringen ſollen.“ 4 Dagmar hörte den Vater mit ſchwellenden Adern und glühenden Wangen an; als er ſchwieg, erklärte ſie in beſtimm⸗ tem Ton: „Papa, ich will nicht zu der Großmutter nach Stockholm gehen und gedenke auch nicht, es zu thun.“ Ein heftiges Zucken in des Oberſts Geſichtsmuskeln bewies, daß die Sprache, deren ſich Dagmar von Kindheit an bedient hatte, ihm jetzt mißbehaglich war. „Ich finde, daß Dagmar von ihrer Selbſtſtändigkeit nichts verloren hat,“ bemerkte der Oberſt.„Ich hatte jedoch gehofft, daß das Zuſammenleben mit Mamſell Ring auf ſie einwirken müites aber ich ſehe zu meinem Leidweſen, daß dem nicht o iſt.“ „Papa,“ rief Dagmar,„ich verſtehe nicht, was Du meinſt; üer wenn Du mit Majken unzufrieden biſt, ſo thuſt Du Unrecht aran. „Unzufrieden mit Mamſell Ring, wie wäre das möglich!“ antwortete der Oberſt.„Ich beklagte nur, daß Du, meine kleine Dagmar, deine Lehrerin Dir nicht zum Vorbild genommen haſt, um in einem Alter von vierzehn Jahren einzuſehen, daß Du mit deinem Vater in einem andern Tone reden müßteſt.“ „Haſt Du nicht allezeit meinen Willen gelten laſſen, wenn es ſich darum handelte, was mir gefiel oder nicht gefiel?“ wandte Dagmar ein. „Das habe ich,“ ſagte der Oberſt, indem er die Tochter auf ſeine Kniee zog;„aber weißt Du, warum?“ 72 „Weil Du ſchwach gegen dein Kind geweſen biſt,“ flüſterte Dagmar und lehnte den Kopf an ſeine Schulter. „Ich ſchwach!?“ Der Oberſt ſprach dieſe Worte in einem Tone aus, welcher Dagmar beſtimmte, ſchnell aufzuſehen. Sein Angeſicht hatte einen Ausdruck, welcher in vollkommenem Gegenſatz zu einer ſolchen mezanund ſtand. Der Oberſt wandte ſich zu Majken und ragte: „Glauben Sie auch, Mamſell Ring, daß ich aus Schwäche gehandelt habe?“ 3 3 „Nein, Herr Oberſt.“ „Ich danke Ihnen; es beweist, daß Sie mich verſtanden haben, und es iſt Zeit, daß Dagmar es auch thue.“ Dagmar betrachtete ihn mit einem Blick, als wäre ſie nahe daran, in Thränen auszubrechen. Der Oberſt fuhr in milderem Tone fort: „Sieh nicht ſo ängſtlich aus, mein Kind, ſondern bedenke, daß nichts gefährlicher iſt, als wenn wir uns über die Beweg⸗ gründe zu den Handlungen derer täuſchen, mit welchen wir in naher Berührung ſtehen. Ich will nicht, daß Du fortwährend mich für einen ſchwachen Vater anſiehſt. Als deine Mutter ſtarb, that ich mir ſelbſt das Gelübde, Dich wo möglich zu einer guten Frau mit einem offenen und unverſtellten Charakter zu erziehen. Ich ließ Dich ohne allen Zwang, nur den Eingebungen deines ei⸗ genen Herzens Folge leiſtend, aufwachſen. Waren dieſelben gut, ſo ſollten dieſelben Dich zum Guten leiten; waren ſie ſchlecht, ſo ſollten ſie ohne Rückhalt hervortreten und mir dadurch Gelegen⸗ heit verſchaffen, ihnen entgegenzuarbeiten. Um deine Launen zu zügeln, hielt ich es für das Beſte, Dir eine Lehrerin zu geben, welche Du lieben könnteſt, und deren ganzes Weſen von der Ar wäre, daß Du ihr gleichzukommen ſuchteſt. Meine Wahl fiel auf Mamſell Ring. Ich bat ſie, Dir dieſelbe Freiheit zu geben welche Du immer gehabt hatteſt, weil ich nicht wollte, daß dein Herrſchſucht, deine Selbſtklugheit und dein Eigenwille ſich hinte⸗ einer Maske von Verſtellung verberge, vielmehr wünſchte, daß Du ſelbſt den Fehlern entgegenarbeiten möchteſt, welche Dich dem *—*— —————— 73 Vorbilde, das Du in Mamſell Ring hatteſt, ähnlich machten. Ich rechnete ſicher darauf, daß die Jahre, während welcher ich fort war, mein Naturkind zu einem liebenswürdigen Mädchen umgeſchaffen haben würden. Das erwartete ich, aber fand es nicht.“ „Papa, Papa!“ murmelte Dagmar. Die Thränen rollten ihr über die Wangen. „Herr Oberſt,“ fiel Majken ein,„der Fehler lag ſicherlich an mir; ich habe vielleicht nicht recht verſtanden, Dagmar zu leiten, und bin wohl ſelbſt nicht die Perſon, für welche Sie mich halten.“ „Geſtatten Sie mir, daß ich abbreche,“ ſagte der Oberſt. „Sie haben hiebei keine Schuld; dieſelbe liegt einzig an Dagmar, welche nicht begriff, daß ſie ein Muſterbild an ihrer Seite hatte. Ich wünſchte, daß meine Tochter ſich aus eigenem Antriebe aus einem launenhaften Kinde in eine gute Frau verwandeln möchte. Ich erwartete ferner, in ihr eine gehorſame Tochter zu finden. Ich habe deren Herz und Verſtand überſchätzt; aber ich bin über⸗ zeugt, daß der Tag kommt, wo Dagmar meine Hoffnungen ver⸗ wirklicht. Nun überlaſſe ich Dir ſelbſt, mein Mädchen, zu ent⸗ ſcheiden, ob Du entweder hier bleibſt, oder in die Hauptſtadt rei⸗ ſeſt. Meine Wünſche kennſt Du.“ Der Oberſt küßte ſeine Tochter auf die Stirne, ſchob ſie ſachte von ſich und ſtand auf. „Ich habe,“ ſagte er zu Majken,„es als eine Pflicht ange⸗ ſehen, dieſe Erklärung in Ihrer Gegenwart zu geben, und bitte Sie, nehmen Sie ſich meiner Tochter mit derſelben Sorgfalt an, welche Sie ihr während meiner Abweſenheit bewieſen haben.“ Der Oberſt verbeugte ſich und ging nach der Thüre. Dag⸗ mar blieb ſtehen, die Hände auf die Augen gedrückt. Das Schloß drehte ſich, die Thüre ging auf, und der Oberſt ſtand auf der Schwelle. Jetzt nahm Dagmar die Hände vom Geſicht und ſprang ihm nach mit dem Ausrufe: „Papa, ich bin und werde immerdar deine gehorſame ethier verbiaben. Wann willſt Du, daß wir nach Stockholm reiſen Und ſie ſchlang ihre Arme um des Vaters Hals. ——— 3* VII. Mittag war vorüber. Georg, welcher die Abſicht hatte, ſich dem Bergbau zu widmen und nun denſelben praktiſch ſtudirte, hatte bereits vor einer guten Weile ſich nach dem Hüttenwerk be⸗ geben. Dagmar verließ den Salon mit einem dankbaren Aus⸗ druck in ihrem Angeſicht, lockte Hektor zu ſich und nahm ihre Richtung auch dorthin. In einiger Entfernung ertönten die regelmäßigen Schläge des Eiſenhammers, und zwiſchen den entlaubten Bäumen flamm⸗ ten die Feuer von den Hütten und Schmieden. Sie blieb am Ende des Parks ſtehen und ſchaute ſich um. Hohe, düſtere Wäl⸗ der umgaben ſie, und dahin brauste der gewaltige Strom. Die Dämmerung ſenkte ſich über die Gipfel der Fichten, und der Himmel hatte jenen dunkeln Farbenton, wo die Sterne ſo hell ſtrahlen. Dagmar blieb lange ſtehen und betrachtete ſich die Land⸗ ſchaft, welche ihr ſo lieb war, und von welcher ſie bald ſcheiden ſollte. Sie fühlte, daß es eine bittere Stunde ſein würde, und daß ſie, entfernt von dieſer Heimath, niemals irgend ein Glück finden könnte. Plötzlich erinnerte ſie ſich, daß da unten auf dem Hüttenwerk ſich Jemand befand, welchen ſie ebenſo ſehr, wo nicht mehr vermiſſen würde, als dieſe Wälder, Gewäſſer und Thäler, und ſie ſetzte ihren Weg fort. Als die Dämmerung über der Erde ausgebreitet lag, ſtand Dagmar vor einer der Eiſenſchmelz⸗ hütten; hier traf ſie Georg.. „Laß deine Arbeit,“ ſagte Dagmar,„und komm mit mir; ich muß mit Dir reden.“. „In einer Viertelſtunde bin ich fertig,“ antwortete Georg und ging wieder hinein.. Dagmar ſetzte ſich auf einen Stein, und ſpielte mit Hektors langen Ohren, ohne wie gewöhnlich mit ihrem Liebling zu ſprechen. Der Hund legte ſeinen großen Kopf auf ihre Kniee und ſchaute mit ſeinen klugen Augen zu ihr auf, als wollte er ſie fragen, was ihr fehle. 8 nicht recht faſſen, warum Dagmar und Hektor ſo betrübt wären, herum. 7⁵ Nach Verfluß einer Viertelſtunde erſchien Georg. „Nun, Dagmar, wohin wollen wir gehen?“ „Heim,“ ſagte Dagmar und nahm ſeinen Arm, ohne daß er ihr denſelben bot. „Georg, Du weißt ja, daß wir uns trennen ſollen?“ be⸗ gann Dagmar mit bebender Stimme. „Ja, der Onkel ſagte davon, daß Du nach Stockholm gehen würdeſt,“ antwortete Georg ſehr ruhig. „Und das macht Dir keinen Kummer?“ fragte Dagmar. „Liebe, kleine Dagmar, davon wollen wir nicht reden, da dein Vater einmal beſchloſſen hat, daß Du reiſen ſollſt.“ Dagmar ließ ſeinen Arm fahren und brach in Thränen aus. „Geh, Georg, Du biſt boshaft, recht boshaft, und ich will mich gar nichts um Dich kümmern,“ ſtammelte ſie.„Du biſt niemals gut gegen mich geweſen, und ich werde Dich auch gar nicht vermiſſen.“ Hektor ſetzte ſich neben ſie, und ſchien auf ſeine Weiſe in ihr Weinen einzuſtimmen. Georg konnte bei ſeiner ruhigen, praktiſchen Gemüthsart aber da er der erſtern von Herzen gut war, und ſie nie zuvor in Thränen geſehen hatte, ſo wurde er unruhig. Er ſagte ihr das und noch viel mehr, was ein achtzehnjähriger Jüngling ei⸗ nem Kinde, an welchem er Wohlgefallen hat, zu ſagen haben kann. Es würde allerdings traurig, ſehr traurig werden, meinte er, wenn ſie fort wäre, und gewiß würde es ihm recht langwei⸗ lig werden; aber der Winter muͤßte ja vorübergehen und der Frühling kommen, und mit ihm ſollte auch Dagmar wieder⸗ ehren. 1 Dagmar hörte zu weinen auf. Der Winter und die Tren⸗ nung waren über dem Frühling und Wiederſehen vergeſſen. Sie nahm wieder Georgs Arm, und Hektor ſprang luſtig um ſie Dagmar hatte nun ſo viel zu erzählen: ſie ſollte bei Berg ſingen, bei van Boom ſpielen, und etwas ganz Außerordentliches werden. Dann wollte ſie Georg, wenn er ſang, aktompagniren, und da mußte es denn viele, viele Unterhaltung geben. Unter ſolchen Planen und Ausſichten kamen ſie nach Hauſe. Auf dem Hofe blieb Dagmar ſtehen, legte ihre Hände dem Jüngling auf die Schulter und ſagte ganz ernſt: lar⸗„Wirſt Du mich auch gleich lieb behalten, wenn ich fort in?“ Es verſtand ſich von ſelbſt, daß Georg das that. Warum er ſie nicht lieb behalten ſollte, konnte er gar nicht begreifen. Dagmar klopfte ihm zum Dank auf beide Wangen, und ver⸗ ſchwunden war alle Sorge, als ſie in den Salon traten. Der Nordwind hatte ſcharf geblaſen und auf Dagmars Wangen lebhafte Spuren zurückgelaſſen; ſie waren förmlich roth⸗ violett, und dieß kleidete das junge Mädchen nicht gut. David fand ſich auch veranlaßt, gegen Georg zu äußern: „Wie Dagmar häßlich iſt! Sie ſieht ja im Geſicht aus wie lauter Preiſelbeeren.“ Ggeoorg drehte ſeinem Bruder den Rücken und gab keine Antwort. Dabei fielen ſeine Augen auf Majken, und ſo fühlte er ſich beinahe verſucht, darauf zu entgegnen, wenn Dagmar einer Preiſelbeere gleiche, ſo habe Majtken eine auffallende Aehn⸗ lichkeit mit einer reifen Pfirſiche; nun könne es aber recht wohl geſchehen, daß nicht Jedermann Liebhaber von Pfirſichen ſei. Was Georg insbeſondere betraf, ſo hatte er eine große Vorliebe für Preiſelbeeren, und zum Beweiſe davon leiſtete er den ganzen Abend nur Dagmar Geſellſchaft. Allerdings mußte er zugeben, daß ſie nicht ſo außerordentlich ſchön ſei, aber dabei hielt ſie ſehr viel auf ihn, und dieß war vollkommen genug. Nach dem Souper äußerte der Oberſt gegen David: „Wann reiſeſt Du ab?“ David wurde glühend roth. Er hätte ſchon vor einer Woche in Stockholm ſein ſollen. „Morgen ſchon,“ antwortete David. Der Oberſt lächelte.— „Verſtehe mich wohl,“ erläuterte er;„ich will deine Abreiſe nicht beſchleunigen, ſondern nur mir Gewißheit verſchaffen, ob Du noch einige Zeit hier bleiben könnteſt.“ 77 „Ich ſoll ſo ba id als moglich bei dem Krankenhauſe eintte⸗ ten,“ erklärte David. 3 „Dann iſt es vielleicht das Beſte, wenn Du übermorgen ab⸗ gehſt. Nun, wo wirſt Du während des Hauptſtadt deine Wohnung aufſchlagen?“ „Ich habe mich bis jetzt nach keiner umgeſehen.“ „Um ſo beſſer, da ich es gethan habe, aber das wollen wir morgen verhandeln. Ich habe nämlich zu erwähnen vergeſſen, aß ich bei meinem Beſuche in erköping deine Mutter traf.“ Der Oberſt wandte ſich zu Majken und Frau Thorén mit den Worten: „Im Fall es keine allzu große Schwierigkeiten verurſacht, möchte ich, daß Mamſell Ring und Dagmar in vom November von hier abgehen.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, wünſchte er den Anweſenden gute Nacht und er Fenſter, ſchaute in die Finſterniß ſe nach Stockholm. Sie war früher d hätte jetzt gern ausgerufen ſo ſehr geſehnt habe. Mein länger in Einförmigkeit dahin fließen, ü eltbegebenheiten hineingeworfen.“ ajken war von dieſen Vorſtellungen ſo genommen, daß ſie die Gegenwart vergaß. Einige Akkorde vom Piano her riefen ſie jedoch in die Wirklichkeit zurück. David ſang: „So müſſen wir nun ſcheiden“ u. ſ. w. MNialjken horchte auf den Geſang, und unwillkürlich fiel ihr ein, was ſie von Davids Liebe zu Mathilde gehört hatte. „Es iſt wahrſcheinlich die Erinnerung an ſie, was ihn ver⸗ anlaßt ſo gern und ſo oft Wennerbergs Abſchied zu ſingen. zmer Junge,“ fuhr ſie in Gedanken fort,„der hat eine früh⸗ zeitige Er thrung gemacht, welcher ſchon mit zwanzig Jahren geliebt hat und verlaſſen worden iſt; und ich, die i ich meine Aufenthalts in der 1 —— mer um ſechs⸗ oder ſiebenundzwanzig zähle, weiß noch nicht einmal, was Liebe iſt.“ Der Geſang verſtummte. Majken drehte ſich nach dem Zim⸗ David trat zu ihr. „Sie ſind ſo nachdenklich,“ ſagte er. „Ich dachte an Stockholm und vergaß, daß ich hier war. Ihr Geſang hat mich in die Wirklichkeit zurückgerufen.“ „Und damit habe ich Ihnen gewiß einen ſchlechten Dienſt geleiſtet?“ 3 „Ganz und gar nicht. Das was iſt, hat-ſein eigenes Be⸗ hagen.“ 4 „Aber ein Behagen, welches Sie gerne gegen die Freuden der Hauptſtadt vertauſchen.“. „Ich leugne es nicht. Stockholm iſt etwas Neues, Unbe⸗ kanntes, und ich.... ich liebe das, was mir fremd iſt.“ 4 „Um deſſen überdrüſſig zu werden, womit Sie Bekanntſchaft gemacht haben. Haraldshof hat ſomit keinen Werth mehr für Sie?“ 1 „O ja, einen ſehr großen; aber in deſſen Mauern hat ein Tag dem andern ſo ſehr geglichen, daß ich ſie bisweilen lang gefunden. Nichts iſt vorgefallen, Alles hat ſeinen gewöhnlichen Gang gehabt, und man vergaß völlig, daß ‚ein Geiſt der Unruhe in uns lebte, und fühlte ſich in eine Schnecke verwandelt.“ „Das iſt ſehr niederſchlagend für diejenigen, welche Ihre tägliche Geſellſchaft ausmachten.“ „Sie irren ſich; ich dachte noch nicht an die Zeit nach der Rückkehr des Oberſt, ſondern nur an die drei Jahre, welche ich, kurz geſagt, einſam in dieſen Mauern verlebt habe. Dieſe letztern Wochen ſind ſehr angenehm geweſen, und dafür haben wir zu großem Theil Ihnen zu danken.“ David wurde über dieſe Antwort etwas verwirrt; er wußte nicht, wie er ſie deuten ſollte.“ Majken hatte geſagt, daß ſie morgen nach Falknäs reiſen wollte, und dieß gab David Veranlaſſung, beim Frühſtück zu fragen: — 79 Haben Sie im Sinn, Mamſell Ring, verlaſſen?“ „Nein, ich bleibe hier, da Sie mor „Wiederum ſpotten Sie meiner,“ „Geſtehen Sie ein, daß Sie faſt allzu oft luſtig machen.“ „Gegen dieſe Beſchuldigung halte ich vertheidigen,“ meinte Majken; Sie denken eben ausſprechen.“ „Wie können Sie das behaupten?“ „Ihre Augen ſagen, daß Herz und Mund in Bezug auf edanken nicht übereinſtimmen. Sie haben ſehr verrätheriſche Augen; durch ſie lernte ich Ihren Charakter kennen.“ „Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Worte bezweifle.“ „Thun Sie das immerhin; ich werde Ihnen in der Zukunft zur Genüge beweiſen, daß ich die Wahrheit geredet habe. Aber auf welche Weiſe beabſichtigen Sie dieſen Ihren letzten Tag in Haraldshof zuzubringen? „Mit der Sehnſucht nach den vergangenen Tagen.“ „Werden Sie den Abſchied ſingen und denken an... „Sie,“ fiel David haſtig ein.„Darf ich Sie um eine Gunſt bitten?“ „Ich kann eine Bitte Ihnen nicht abſchlagen, aber ich habe ein Nein zur Antwort beſtimmt.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Vollkommen.“ „Sie wiſſen ja nicht, um was es ſich handelt.“ „Mag ſein, aber ich fühle mich geneigt, allen Ihren Wün⸗ ſchen mich zu widerſetzen.“ 5 „Sie verkennen ſich ſelbſt; denn wenn ich dieſen Vormi i ormittag ein paar Stunden mit mir zu ten Sie da nei Haraldshof heute zu gen abreiſen.“ platzte David heraus. auf meine Koſten ſich nicht nöthig mich zu doch nicht ſo, wie Sie Sie nun bäte, muſiciren, könn⸗ „ ſie lächelte, und ſein Begehren 4 jten ſich an das Inſtrument ſetzen en Gemüthsſtimmung? fragte David. „Ich bin ärgerlich auf mich und auf die Muſik,“ lautete die Antwort. „Somit mißvergnügt darüber, daß Sie mein Begehren er⸗ füllt haben. Wir können es ja bei dem Anfang bewenden laſſen. Es würde mich ſchmerzen, wenn Sie um meinetwillen etwas thäten, was Ihnen unangenehm iſt.“ „Ei, jetzt werden Sie empfindlich. Meine üble Laune geht vorüber, wenn Sie ein Lied geſungen haben, und ich bin Ihnen gern zu Willen an dem letzten Tag, wo wir beiſammen ſind, wozu ich Ihnen Glück wünſche.“ „Was meinen Sie, iſt es ein Glück für mich, daß unſer Beiſammenſein zu Ende iſt? Mich dünkt, das iſt ein Unglück.“ „Sie ſind jung, ſehr jung,“ ſagte Majken, ohne ſich an ſeine Worte zu halten,„und Sie müſſen mit Perſonen in Be⸗ rührung kommen, welche ſich nicht überreden laſſen, Ihre Wünſche zu erfüllen. Sie werden ſonſt verzogen und erwerben niemals eine Gewohnheit, ſich ſelbſt zu beherrſchen; darum iſt es gut, daß wir, Sie und ich, nicht länger eine und dieſelbe Heimath mit einander haben.“. „Wieder ein Irrthum; aber wenn Sie erlauben, laſſen wir den Gegenſtand fahren.“ 4 Nun begannen ſie zu muſiciren, und die zwei Stunden, welche David ſich ausgebeten hatte, verfloſſen ganz gemüthlich und angenehm für Beide. Am Abend, als David von Majken Abſchied nahm, ſagte er: „Ich hoffe, Sie werden heute Abend einen Wunſch für mich haben, nämlich, daß ich in Stockholm eine Heimath finde, gleich derjenigen, welche ich nun verlaſſe, und daß ich dort irgend einen freundlichen Menſchen treffe, welcher mich zu verziehen geneigt iſt. Das wäre ein ſo glückliches Gefühl.“ „Aber nicht heilſam, und deßwegen werde ich Ihnen eine Heimath wünſchen, wo Sie eine Umgebung von klugen und ver⸗ ſtändigen Leuten finden, welche nicht geneigt ſind, junge Herren zu verzärteln.— Und nun leben Sie wohl; ich hoffe auf ein fröhliches Wiederſehen.“ X „Ich auch.... ich wünſche, daß Sie in der großen Stadt 81 ein ergebenes Herz und ein Weſen finden mögen, gegen das Sie recht gut ſein können. Daß die Heimath, die ich bekomme, die beſte iſt, die ich finden kann, davon bin ich überzeugt.“. „In dieſem Fall beklage ich Ihrer Mutter Sohn, und nun... gute Nacht.“ „ Wie ſchön ſie iſt,“ ſprach der Jüngling bei ſich ſelbſt, als ajken ſich entfernte,„und wie glücklich wäre ich, wenn ich eine ſolche Schweſter hätte. Wie Schade,.. daß ich erſt zwanzig Jahre alt bin.“ VIII. Die Oberlandrichterin Björnſtam war eine Srau.as ſechzig Jahren mit uumeeee Sie hatte d Von dieſen w 82 Möbel; der Lärm auf den Straßen machte ihr den Kopf ſchwindeln und erinnerte ſie auf ſchmerzhafte Weiſe daran, daß ſie weit ent⸗ fernt von der theuren Heimath war. Mit Mühe brachte Majken ſie dazu, daß ſie ſich umkleidete, um ihrem Vater und der Lehrerin zu der alten Dame zu folgen. In einem ſchönen Salon befand ſich die Oberlandrichterin, umgeben von einer kleinen Geſellſchaft, die zu ihrem vertrautern Umgang gehörte, größtentheils jüngern Perſonen. Frau Björn⸗ ſtam ſelbſt war, kurz geſagt, die einzige alte.— Sie ſaß in einem Fauteuil und plauderte mit einem jungen Mann, welcher den Eintretenden gerade den Rücken zukehrte. Die acbtundſechzigjährige Dame lachte und zeigte zwei Reihen glänzend⸗ alee Wan fühlte ſich faſt verſucht, ſie für ihre eigenen 1i chanealtärücdlane che ſich in ihrer chüaz ze küßte, ſagte e ihren Sohn, Dagmar au „Erklären Sie ſich.“ David lachte. 3 „Nun Sie dazu auffordern, werde ich wohl gezwungen, zu gehorchen.“. „Es fällt Ihnen allerdings, wie es ſcheint, ſehr ſchwer, Ge⸗ horſam zu leiſten.“ „Ich ſuche nach Worten, um auf würdige Weiſe meine Freude und meinen Stolz darüber zu verdolmetſchen, daß Sie mir ſo viel Aufmerkſamkeit widmeten, um zu beobachten, ob ich lebhaft geweſen oder nicht. Das beweist, daß ich Ihnen nicht ganz gleichgültig bin.“ 3 „Sie machen allzu große Sprünge in Ihren Schlußſätzen,“ wandte Majken ein;„ich gehöre zu den Menſchen, welche Alles nun daſür intereſſiren oder nicht.“ ch Ihnen eine vollkommen ſehen, mögen Sie ſich „Wollen Sie damit ſagen, daß i gleichgültige Perſon bin?“ „Ich rede nicht von etwas Vollkommenem, ſondern von Ihnen; aber nun dürfte es Zeit ſein, daß Sie Ihren Freundin⸗ nen gute Nacht ſagen. Alle die andern Gäſte haben ſich ſchon 4 entfernt.“ 3 „Mit Ihrer Erlaubniß bleibe ich noch.“ „Sie beabſichtigen wohl hier zu übernachten?“ „Ja, das iſt meine Abſicht. Ihre Wohnung iſt auch die 3 meinige.“ Der Oberſt nahm nun Abſchied, herzlich von ſeiner Tochter, artig von ſeiner Mutter, verbindlich von Majken, freundlich von 4 David. Einige Minuten hernach befanden ſich Dagmar und Majken auf ihrem Privatzimmer.’ Die erſtere warf ſich mit dem Geſicht in die Kiſſen und weinte unaufhaltſant. Es war nicht die Trennung von dem Vater, welche ſie betrübte— Dagmar war von den Kinderjahren daran gewöhnt, daß er unaufhörlich ab und zureiste— ſondern es war der Eindruck der neuen Heimath, welcher das Kind ſo ungluͤcklich machte. Majken nahm deren zerzausten Kopf in ihre Arme und 1 4 8⁵ ſprach herzliche und beruhigende Worte darüber, es würde, wenn Dagmar nach Haraldshof zurückkehrte, und wie angenehm ſie es da im Sommer wieder finden ſollten. Majken verſtand die Kunſt, durch heitere Bilder der Zukunft das Unbe⸗ hagen der Gegenwart zu vertreiben, und ihre Bemühungen hatten auch jetzt den entſprechenden Erfolg. IX. Ueber einen Monat hatten Dagmar und Majken ſich in der Hauptſtadt verweilt— für Majken eine Reihe von frohen Tagen, und für Dagmar von neuen Lehren und Prüfungen. Was er für David geweſen, iſt ſehr ſchwer zu entſcheiden. Nie war die Zeit ſchneller vergangen, aber ni fort, und nicht immer befanden ſich die jungen Leute dabei. David war dann deren Kavalier. landrichterin es ſich angelegen ſein ließ, daß Dagmar und Majken n möglichſt vielen Luſtbarkeiten Ihre Zeit war ſo eingetheilt, daß ſie an den Vormittagen arbeiteten, Nachmittags ſpazieren gingen und die Abend Geſellſchaftsleben widmeten. Die Stunden, Majken beſaß großen Einfluß auf David. Alles, was ihren Be arnach trachtete er; was ſie mißbilligte, dem ſtrebte er auszuweichen. Er ſuchte beſtändig ihre Geſellſchaft, — davon zu reden anfing. Majken wurde bei einer Andeutung, daß David ſo große Stücke auf ſie hielte, ärgerlich; aber dann lächelte ſie darüber und dachte: „Angenommen, der Junge hat mich gern, was ich wirklich glaube, was kann das wohl bedeuten? Er und ich, wir können gute Freunde ſein, ohne befürchten zu müſſen, uns in einander zu verlieben. Majken war hievon ſo feſt überzeugt, daß ſie ihr Benehmen in keiner Hinſicht änderte, ſondern freundlich, heiter und unge⸗ zwungen ihm gegenüber blieb. Was Mafken ſelbſt nicht beachtete, war der Umſtand, daß der Jüngling einen nicht ſo unbedeutenden Einfluß auf ſie aus⸗ übte. Wenn man ſie zum Beiſpiel gefragt hätte, warum ſie ihre Haare nicht mehr in breiten Flechten, ſondern gekräuſelt trüge, würde ſie in ſchwere Verlegenbeit gerathen ſein, weil ſie dann hätte anerkennen müſſen, daß ſie dieſe Veränderung vor⸗ genommen, weil David die Flechten nicht gefielen. Wenn man ferner Majken gefragt hätte, wie es käme, daß ſie, die anfänglich unter der Jugend ſo lebhaft und faſt übertrieben fröhlich ge⸗ weſen, nunmehr ihrer Luſtigkeit Zaum und Zügel anlege, ſo hätte ſie wiederum anerkennen müſſen, daß dieſe Veränderung von einem Abend herdatirte, wo David ihr Schuld gegeben, ſie wäre vergnügungsſüchtig. Genug, die Freundſchaft zwiſchen dem zwanzigjährigen Jüng⸗ ling und der ſiebenundzwanzigjährigen Frau war von einer Wechſel⸗ wirkung begleitet, welche für beide ſich wohlthätig erwies. X. Eines Sonntags, nachdem man zu Mittag geſpeist hatte, äußerte die Oberlandrichterin gegen David: „Du haſt heute einen Brief von verköping erhalten?“ „Ja, von Mama,“ antwortete David erröthend. „Was ſchreibt meine Schweſtertochter?“ „Sie läßt ſich Ihnen empfehlen,“ verſetzte David, der nicht geneigt ſchien, über den Inhalt des Briefes weitere Rechenſchaft zu geben. ———————nᷓ— 87 „So angenehm es auch ſein mag, einen ſolchen Gruß zu empfangen, vermuthe ich gleichwohl, daß dieß nicht den ganzen Inhalt des Briefes ausmachte.“ „Gewiß nicht; aber ich glaube kaum, Tante, daß das Uebrige Sie intereſſiren wird, da es meine Heimreiſe auf Weih⸗ nachten betrifft.“ „Will deine Mutter, daß Du nach erköping kommeſt?“ „Ja, das iſt ihr Wunſch.“ „Und Du wünſcheſt in Stockholm zu bleiben, was Dir Niemand verdenken wird. Mama's Verlangen bleibt alſo unberück⸗ ſichtigt.“ 8 „Gewiß nicht, ich habe im Sinne hinzureiſen.“ „Das iſt ſchön, mein Junge, obwohl ich möchte, Du würeſt in dieſem Fall ein minder gehorſamer Sohn. Ich habe für die Weihnachtsluſtbarkeiten auf Dich gerechnet. Aber wie lange wirſt Du ausbleiben?“ „Ich weiß es nicht; ich habe mich noch nicht darüber ent⸗ ſchieden.“. Dagmar ſeufzte und fragte, ob Georg auch über Weihnachten nach zköping käme. David gab hierauf eine bejahende Antwort. Die Oberlandrichterin zog ſich in ihr Schlafzimmer zurück. Sie wollte fort, und die jungen Leute ſollten ſich unterhalten, ſo gut es ihnen beliebte. Dagmar ließ ſich am Piano nieder. Majken ſetzte ſich an das Fenſter und betrachtete den Strom. David ging eine Weile im Zimmer auf und ab, wurde aber bald deſſen müde und nahm Platz neben Majfken. „ Iſt es entſchieden, daß Sie auf Weihnachten heimreiſen?“ fragte ſie. „Ja, ſofern nicht ein Hinderniß eintritt.“ „ In dieſem Fall wünſche ich, daß deren recht viele ſich ent⸗ gegenſtellen.“ „Ich begreife dieſen Wunſch nicht.“ 8 „Und dennoch ſollte es Ihnen nicht ſo ſchwer fallen.— Werden Sie verhindert zu reiſen, ſo bleiben Sie ja hier.“ „Wollen Sie das?“ „Ja.“¹ „Wenn ich meiner Mutter nicht das Verſprechen gegeben hätte, ſo würde aus der ganzen Reiſe nichts.“ „Das wäre ſchlimm, wenn Sie wegen einer bloßen Laune von mir Ihre Mutter der Freude beraubten, ihren Sohn zu ſehen. Ich werde mich mit der Leere, wenn Sie fort ſind, ſchon ver⸗ ſöhnen.“ Majken verließ ihren Platz und trat an das Piano. Dag⸗ mar rief: „Sing etwas!“ Majken ſchüttelte den Kopf und wollte eben David bitten, Dagmars Wunſch zu erfüllen; aber ſie wandte ſich ſogleich wie⸗ der zum Inſtrument zurück und begann in den Noten zu blät⸗ tern. Sie hatte geſehen, wie David ein Taſchentuch, welches ſie verloren hatte, aufhob und es an ſeine Lippen drückte. XI. 3 Weihnachten war vorüber. David war vier Wochen fort⸗ geblieben und dieſe Zeit für Majken langſam, ſehr langſam ver⸗ gangen. Sie hatte inzwiſchen die eine und andere Entdeckung ge⸗ macht. So fand ſie, daß Stockholm mit allen ſeinen Luſtbar⸗ keiten doch keine ſo berauſchende Unterhaltung gewährte, wie ſie ſich vorgeſtellt hatte; daß man auch hier etwas vermiſſen, ſich nach etwas ſehnen konnte. Ebenſo glaubte ſie an ſich zu erken⸗ nen, daß das Wohlwollen, welches ſie David widmete, gar ſehr der Anhänglichkeit glich, und daß die Zerſtreuungen alles Befrie⸗ digende verloren hatten, ſeitdem er fort war. Endlich, zu Ende Januars, erhielt die Oberlandrichterin Kunde, daß ihr Schweſtertochterſohn am folgenden Tag in Stock⸗ holm zu erwarten wäre. Man wollte eben in das Theater fah⸗ ren, als der Brief abgegeben wurde. Die Oberlandrichterin, welche ihn ganz flüchtig überlaufen hatte, äußerte: „Morgen kommt David.“ Majken wurde es warm um die Wangen. Am Tage, da man David erwartete, war die Oberland⸗ richterin auswärts. Majken und Dagmar erhielten den Auftrag, ihn zu empfangen. Um ſechs Uhr klingelte es an der Thüre der Hausflur. Dagmar eilte hinaus, um zu öffnen, kam aber mit einem Briefe zurück. Sie las: „Liebe, gute Dagmar! Ich komme erſt morgen. Grüße die Tante und Mamſell Ring von deinem brüderlichen Freunde Da vid.“ Majken ſagte nichts, aber der Abend kam ihr ſehr lang vor. Am Tage darauf ſollten Dagmar und Majken die Ober⸗ landrichterin in eine Kaffeeviſite begleiten. Dagmar bekannte ganz dreiſt, ſie habe im Sinne daheim zu bleiben; die Antwort der Oberlandrichterin auf dieſe Aeußerung des Widerſpruchs be⸗ ſtand darin, daß ſie der Enkelin erklärte, ſie dürfe nicht zu Hauſe bleiben. Während Dagmar und Majken ſich ankleideten, grü⸗ belte die erſtere darüber nach, wie ſie es deſſen ungeachtet dahin brächte, daß ſie wenigſtens nicht den ganzen Abend fort ſein müßte. Sie ging zu der Großmutter hinein„ um noch einen Verſuch zu machen. 3 Die Oberlandrichterin war eben im Begriff, die letzte Hand an ihre Toilette zu legen. Sie ſah des Mädchens Angeſicht im Spiegel und drehte ſich ſchnell gegen ſie um miit dem Ausruſe: 5„Mein Gott, Kind, wie Du meinem geliebten Wilhelm gleich ſiehſt!“ Sie erhob ſich, nahm Dagmars Kopf zwiſchen ihre Hände, und betrachtete ſie mit einem leidenſchaftlichen Ausdruck.„Daß ich das nicht früher geſehen habe!“ fuhr ſie fort;„das iſt ja ſein. Auge. O, mein armer Wilhelm!“ 1 Die Oberlandrichterin, dieſe ſonſt ſo gefühlloſe Frau, ver⸗ barg das Angeſicht in den Händen und weinte. 8 Dagmar ſah ihre Großmutter beſtürzt an. Nach Verfluß einiger Minuten hörte die Oberlandrichterin auf zu weinen. Sie fragte in ſcharfem Tone: „Was ſuchſt Du hier?“ b „Ich wollte Dich nur um etwas bitten,“ ſagte Dagmar. —— —— Die Stimme lautete ſo ſchmeichelnd, ihr Blick war ſo flehend. In dieſem Momente war Dagmar beinahe ſchön. „Du ſollſt mich nicht ſo anſehen,“ rief die Großmutter hef⸗ tig;„Du reißeſt die Wunde wieder auf, woran mein Herz blutet. Nun, was haſt Du?“ „Darf ich nicht daheim bleiben, David empfangen?“ Die Oberlandrichterin wandte ſich von Dagmar zu der Toilette. „Das geht nicht an; es iſt der Geburtstag der Frau von R., und es würde unhöflich ausſehen.“ Dagmar merkte an dem Accent, daß die Großmutter nicht ſo entſchieden war, wie ſie ſonſt zu ſein pflegte, und beſchloß, noch einen weitern Verſuch zu machen. „Beſte, beſte Großmutter, erlaß' es mir, zu Frau von R. zu gehen!“ Sie legte ihren Arm der Großmutter um den Hals. Die Oberlandrichterin drehte ſich um und antwortete kurz: „Nun, ſo mag es ſein; aber verlaß mich.“ Dagmar küßte ihre Hände und eilte, jubelnd über ihren Sieg, hinweg. Einige Minuten darauf kam Botſchaft an Majken von der Oberlandrichterin; ſie wollte mit ihr reden. „Dagmar wünſchte heute Abend daheim zu bleiben,“ äußerte die alte Dame,„und ich habe ihr Erlaubniß dazu gegeben; aber da es ſich nicht ſchicken würde, daß ſie allein iſt, ſo wollte ich Dir vorſchlagen, daß du mich zu Frau von R. begleiteſt, aber nach einer Stunde wieder heimkehrſt. Du mußt einem Vergnü⸗ gen entſagen, aber ich kann für dießmal nicht helfen.“ -Welin erklärte aufrichtigen Herzens, daß ſie ſich gern darein ergebe. Es ſchlug ſieben Uhr, als Majken von der Kaffeeviſite heimkehrte.. „Er iſt bereits angekommen!“ rief Dagmar. „Haſt Du ihn geſprochen?“ fragte Majfen, die erſte zu ſein wünſchend, welche David willkommen hieße. 91 „Nein, er iſt noch auf ſeinem Zimmer,“ bemerkte Dagmar. „Ach, wie erfreulich wird es ſein, etwas von Georg zu hören!“ Majken warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel, um ſich zu überzeugen, wie ſie ausſähe. In dieſem Augenblick ging eine Thüre auf und David trat ein.. Majkens Herz ſchlug heftig, als David vor ihr ſtand, und nur mit Mühe konnte ſie einen Gruß hervorbringen. Er lautete ſehr kalt; aber wahrſcheinlich las der Jüngling in ihren Augen einen wärmeren Willkomm; denn das ſeinige glänzte von Freude, als er ſich zu Dagmar wandte und ihr einen Brief von Georg übergab. Majken war im Herzen froh. Verſchwunden war alle Leere, und ein Gefühl inniger Zufriedenheit erfüllte ihre Seele. „Nun,“ ſagte ſie, nachdem man ſich um den Theetiſch nie⸗ dergelaſſen hatte,„ich brenne vor Ungeduld, zu vernehmen, was für eine Flamme ſich Ihrer in köping bemächtigt hat. Die Mädchen dort ſind ja ſo hübſch, daß ſich dergleichen kaum auf Erden findet.“ „Obwohl dieß richtig iſt,“ antwortete David,„ſo kehre ich doch mit ebenſo freiem Herzen zurück, als ich abreiste.“ .„Das iſt ſchlimm. Ich habe mich die ganze Zeit darauf gefreut, in dieſer Richtung mit Ihrem Vertrauen beehrt zu werden.“ „Das ſoll gleichwohl geſchehen, wenn auch nicht dieſen Abend. Statt deſſen habe ich eine Bitte vorzubringen, und dieſe werden Sie gewiß nicht abſchlagen.“ „Wer weiß; ich bin nicht ſchwach für den Laut der Bitte; ſie reizt mich gewöhnlich.“ „Heute nicht,“ fiel Dagmar ein.„Am erſten Abend, da David daheim iſt, müſſen wir ihm Alles bewilligen, um was er bittet. Rücke nur mit deinem Begehren heraus. Ich gewähre es in meinem eigenen und Majkens Namen.“— Dieſe Aeußerung erregte große Munterkeit, und als man darüber ſcherzte, kam David mit dem Anliegen heraus, Majken ſollte ihn David nennen und als Bruder anſehen. Majken wußte nicht, ob ſie bewilligen oder abſchlagen ſollte; aber Dagmar half ihr aus der Verlegenheit, indem ſie ſagte: 3„Das wollte ich auch ſchon vorſchlagen. Alſo, Majken, meine Liebe, fort mit den Titeln.“ Nach dieſer ſo plötzlich geſchloſſenen Dutzfreundſchaft plau⸗ derte und ſcherzte man ganz ungenirt, und die Zeit eilte ſchnell dahin. Dagmar meinte, das ſei der gemüthlichſte Abend, welchen ſie in der Großmutter Hauſe erlebt hätte. „So kommt es Majken nicht vor,“ fiel David ein, welcher gern eine ähnliche Erklärung von dieſer gehört hätte. „Nein, warum ſollte es auch ſo ſein? Ich vermag dieſen Abend durchaus nicht gemüthlich zu nennen, und darum„ſage ich David gute Nacht.“ „Majken nickte lächelnd mit dem Kopfe und entfernte ſich. David war unzufrieden mit der Antwort, aber deſſen ungeachtet fühlte er ſich glücklich, wieder in ihrer Nähe zu ſein. XII. Majken war wieder froh und zufrieden mit dem Genuß, den die Stunde brachte. Mit jedem Tage wurde es deutlicher, daß David an nichts Anderes, als an Majken dachte. Er widmete ihr die ehrerbie⸗ tigſte Aufmerkſamkeit, ſtudirte ihre Wünſche und ſchien ſich zur Aufgabe gemacht zu haben, dieſelben zu befriedigen. Die Art und Weiſe, wie er ihr ſeine Ergebenheit bezeigte, war ſo zart und fein, daß Majken ſich davon bewegt und geſchmeichelt fühlen mußte.. Die Oberlandrichterin äußerte einmal gegen ſie: „Davids Bewunderung für Dich iſt ſehr groß. Du biſt die Gottheit, welche er anbetet. Es iſt inzwiſchen recht gut, daß die Neigung des Jungen auf ein kluges und verſtändiges Mädchen. gefallen iſt, für welche er nicht gefährlich werden kann.“ Dieſe Worte hätten Majken zur Prüfung von ihren und Davids Gefühlen beſtimmen ſollen; aber ſo geſchah es nicht. In ihren Augen gab es nichts Unſchuldigeres, als deren gegen⸗ und genoß ihr Glück in vollen Zügen. eine Weiſe mich verfehlt? Wenn dem ſo iſt, ſo gib mir meine ſeitige Freundſe älter. chaft. Er war ja ſo jung, und ſie um viele Jahre Majken verweilte nicht bei einem einzigen von allen den Zeichen, welche ſie beunruhigen mußten. Sie hatte eine lang⸗ weilige und einförmige Jugend durchlebt. Sie war jetzt glücklich So war der Winter verſchwunden und der Frühling näherte ſich. In einigen Wochen ſollten Majken und Dagmar nach Haraldshof zurückkehren. Mit wehmüthigen Empfindungen ſah Majken dieſem Scheiden entgegen. Sie ſollte jedoch die Hauptſtadt nicht verlaſſen, ohne daß das Glück, welches ſie genoſſen hatte, ihr verbittert wurde. Es fand ſich eine unbeſonnene Frau unter den Bekannten 8 der Oberlandrichterin, welche ſich vornahm, im Beiſein von Majken zu erzählen, wie man es im Allgemeinen minder in der Ordnung fand, daß Majken Davids Neigung aufmunterte. Majken fühlte ſich durch dieſe Anmerkung verletzt, änderte ihr Benehmen und wurde gegen David kalt und zurückhaltend.. Sie vermied ſorgfältig Davids Geſellſchaft. Sobald dieſer es merkte, wurde ſein Wunſch, mit ihr zuſammenzutreffen, nur um ſo lebhafter. So geſchah es eines Tags, als die Oberland⸗ richterin Dagmar zu ſich rief, daß Majken, welche ſich mit David allein befand, ſogleich das Zimmer zu verlaſſen beabſichtigte. David war inzwiſchen nicht geneigt, dieß geſchehen zu laſſen,* ſondern hielt ſie mit den Worten zurück:. „Ich wünſchte Dir einige Worte zu ſagen.“ „Iſt es von Wichtigkeit?“ fragte Majfken. „Für mich, ja.“ David faßte ihre Hand und ſetzte hinzu: „Warum biſt Du verändert, Majken? Habe ich auf irgend Strafe; aber ſei dann wieder gut und freundlich.“* „Du haſt dich in Nichts verfehlt, David,“ antwortete Majken. „Aber es iſt doch etwas.“ 1 „Beſter David, lege kein Gewicht auf meine Veränderlichkeit; 94 meine Gemüthsart iſt unſtet und nicht darauf zu bauen. Es be⸗ darf ſo wenig, um mein Intereſſe zu wecken und ebenſo es zum Erlöſchen zu bringen.“ „Willſt Du damit ſagen, Majken, daß es mit dem Wohl⸗ wollen, das ich bisher genoſſen, nun zu Ende iſt?“ fuhr David fort, während der Ausdruck von Angſt in ſeinem Geſichte zu leſen war.„In dieſem Fall würde ich zu beklagen ſein. Ich habe mich ſo innig an Dich gehängt, Majken, daß ich nicht zu begreifen vermag, wie ich leben ſoll, wenn ich der Freundſchaft beraubt bin, die ich zu beſitzen glaubte.“ „David, ich habe niemals geſagt, daß ich Dir Freundſchaft geſchenkt habe,“ fiel Majken ein. „Dieſe Worte könnten mich wahnſinnig machen, wenn ich vorausſetzte, daß Du ſo denkſt, wie deine Lippen reden,“ rief David.„Alle die Freundlichkeit, welche Du an mich verſchwendeteſt, iſt dann eine Grauſamkeit geweſen, welche nur traurige Folgen mit ſich bringen kann. Wie groß meine Ergebenheit iſt, das weißt Du, Majken; warum demnach ſo reden, wie Du jetzt thuſt? Damit ich fortwährend deine Freundſchaft verdiene, werde ich Alles thun, um deiner würdig zu bleiben; ohne dieß verliert das Leben ſeinen vornehmſten Reiz für mich. Es iſt ſomit nicht möglich, daß Du mir etwas rauben kannſt, an deſſen wirklichen Beſitz Du mich einmal glauben ließeſt.“ David blickte ſie mit einem Ausdruck an, welcher das Eis ſchmelzen mußte, womit Majken ihr Herz zu umgeben ſuchte. Sie lächelte ihm zu, während ſie ihm antwortete: „Verbleibe derſelbe edelgeſinnte David, der Du jetzt biſt, und ich werde eines Tags Dich wie einen Bruder lieb haben.“ David küßte Majkens Hände mit einer ſolchen Wärme, daß Majken haſtig ſie zurückzog. Er fühlte ſich allzu glücklich, als daß er im Mindeſten ge⸗ neigt geweſen wäre, mit ſeiner Vernunft nach der Urſache von ſeinem Glücke zu forſchen. Eine Woche darauf waren Dagmar und Maſken in Haralds⸗ hof. Dagmars Freude war unermeßlich, als ſie ſich wieder in ihrer alten geliebten Heimath befand. 4 — 95⁵ Majken dagegen war in der Seele betrübt. Drei Wochen waren verfloſſen, ſeitdem ſie Stockholm ver⸗ laſſen hatten. Majken glaubte, es ſei eine ganze Ewigkeit. Es war Abend. Mafſken ſtand auf dem freien Platze vor dem Schloſſe und horchte mit bellemmtem Herzen auf den Geſang der Vögel und das muntere Gelächter von Dagmar und Georg, welche ſich im Garten befanden. Es kam ihr vor, als ob ſie von Allem verlaſſen wäre; als ob Freundſchaft und Glück ent⸗ flohen wären, um niemals wiederzukehren, als ob ſie verurtheilt wäre, ewig das zu beweinen, was ihr Genuß gemacht hatte. Majken ſeufzte, drehte ſich aber in demſelben Augenblick um; es betrat Jemand den Raſenplatz. „ David!“ rief ſie und ſtreckte die Hände aus. Ihr Geſicht ſtrahlte vor Freude. „Majken, theuerſtes Majken!“ ſtammelte David, ganz erregt. Wir haben nicht die Abſicht, die ſchnellere oder langſamere Entwicklung der Gefühle aufzuzeichnen, wir erzählen ſchlecht und recht die wirklichen Ereigniſſe, verweilen darum nicht bei dieſer Begegnung und ſchildern ebenſo wenig Davids und Majkens ſteigende Neigung zu einander. David war von dem Oberſt eingeladen, zur Pflege ſeiner angegriffenen Geſundheit den Sommer in Haraldshof zuzubringen. Der Oberſt, welcher ſonſt an einem und demſelben Orte nicht lang Ruhe hatte, verweilte inzwiſchen den ganzen Sommer auf ſeinem Gute. Er war viel in Geſellſchaft von ſeiner Tochter, von Majken und den Herren Waldner. Immerdar artig und freundlich, mußte er ſich die Freundſchaft ſeiner Umgebung ge⸗ winnen. Auch hatte der Oberſt inſoferne noch eine Aenderung eintreten laſſen, als er nun mit den Nachbarn Umgang pflegte. Es gab inzwiſchen zwei Perſonen, welche man in Haralds⸗ hof nicht ſah, nämlich Lieutenant Broolind und Frau Waldner. Die letztere hatte dem Pachtkontrakt gemäß das Recht, ihr Gut zu bewohnen, ſtand aber davon ab. Es war ihr allzu ſchmerzlich geweſen, daſſelbe überhaupt verpachten zu müſſen, als daß ſie dort hätte weilen mögen. Erſt wenn die Schulden be⸗ zahlt, die Pfandverſchreibungen eingelöst waren, und Alles wieder ——— auf dem alten Fuß ſich befand, dann, und nicht eher, wollte ſie dorthin ziehen. Da ſie nun auf ihrem Gute ihren Wohnſitz nicht nehmen wollte, hatte ſie auch keine Luſt, die Gegend zu beſuchen, und darum kam ſie nicht nach Haraldshof trotz aller Einladungen von Seiten des Oberſts. Warum Broolind ſeinen Oheim nicht beſuchte, darüber blieb man in Unkunde. Vielleicht war David derjenige, welcher ihn davon abhielt. Man behauptete wenigſtens, der Lieutenant ſei eiferſüchtig. Die Tage verfloſſen deſſen ungeachtet ſehr angenehm. Majken vergaß der Anmerkungen zu Stockholm, war wieder glücklich und wünſchte, ihr ganzes Leben möchte ſo bleiben, wie es nunmehr war. XIII. Eines Abends, als man von dieſem und jenem redete, brachte Frau Thorén das Geſpräch auf ein Paar Cheleute, welche ſchon ſeit mehreren Jahren verheirathet waren. Der Mann ſtand da⸗ mals in jungen Jahren, die Frau war vergleichungsweiſe alt. Dieſe Ehe, unter dem Einfluß einer heftigen Neigung von beiden Seiten geſchloſſen, wurde ſeitdem ſehr unglücklich. Einer aus der Geſellſchaft war bösartig genug, ſich zu der Anſicht zu bekennen, die Frau habe alle die Leiden verdient, von welchen ſie nunmehr betroffen werde. Sie hätte die Vernunft und nicht das Gefühl zu Rathe ziehen ſollen; von ihren Jahren konnte man das fordern.„Aber damit ſie das thun konnte,“ äußerte der Oberſt,„müßten wir vorausſetzen, daß die Gefühle ſich be⸗ fehlen laſſen, daß ſie die demüthigen Diener des Verſtandes ſind.“ „So muß es auch ſein,“ fiel Majken ein;„ſonſt würden wir in Sklaven unſerer Leidenſchaften verwandelt.“ „Und das ſind wir auch in größerem oder geringerem Grade,“ verſicherte der Oberſt.„Ich glaube nicht, daß der Verſtand Kraft genug beſitzt, nein zu antworten, wenn das Herz ja ruft.“— „Ich habe eine entgegengeſetzte Ueberzeugung,“ meinte Majken. „Wirklich? Sie nehmen ſomit an, daß eine Frau, welche von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebt, dem Verlangen 4 97 entſagen kann, die Gattin des geliebten Mannes zu werden, deßhalb weil ſie um einige Jahre ihm voraus iſt?“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt; daß ſie älter, iſt ein Unglück, das ſich nicht ändern läßt, ein Unglück, welches fortbe⸗ ſteht und beſtändig mit bittern Leiden droht, wenn der Mann erwacht und ſich an eine alte Frau gekettet findet.“ „Geſtatten Sie mir die Behauptung,“ rief der Oberſt,„daß ein Menſch, welcher ſo redet, keinen rechten Begriff von dem hat, was Liebe iſt.“ „Mag ſein, ich vermag indeſſen nicht einzuſehen, wie man anders ſich ausſprechen kann.“ „Ich kann aber das leicht. Macht man die Jugend einer Frau zur Hauptſache in einer Ehe, ſo macht man auch die Liebe zu etwas rein Materiellem. Angenommen, daß ich mich in eine Frau verliebte, welche zehn Jahre älter iſt als ich. Was bewieſe das? Nun, daß dieſe Frau, welche nicht mehr den Reiz der Jugend beſitzt, mit Seelengaben ausgeſtattet iſt, welche mich ver⸗ geſſen laſſen, daß ſie die äußern Vorzüge verloren hat. Nun wohl, ich verheirathe mich mit ihr. Muß eine Che, welche auf die durch Schönheit der Seele erweckte Liebe gegründet iſt, minder glücklich ſein, als diejenige, welche von einer durch ſinnliches Wohl⸗ gefallen hervorgerufenen Liebe geknüpft iſt? Was antworten Sie darauf?“ „Natürlich müßte die erſtere ſtärker ſein,“ entgegnete Maj⸗ ken;„aber ich fürchte gleichwohl, daß dem nicht ſo iſt. Des Mannes Neigung iſt im Allgemeinen ſchwer zu erhalten. Einer ältern Frau wird es nicht gelingen, dieſelbe fortdauernd an ſich zu feſſeln. Er mag ſie noch ſo hoch lieben, wird er doch in einem unbewachten Augenblick darüber ſeufzen, daß die Wange der Frau eingefallen, ihre Stirne gefurcht und ihr Haar grau geſprenkelt iſt. Er wird mit dem Wunſche beginnen, daß ſie jung wäre, und mit dem Verdruß darüber enden, daß er eine Alte geheirathet hat. Die Freunde werden über deren Alter ſcherzen, ſeine Eigenliebe und Eitelkeit werden ſo oft verwundet, und dieſe Stiche werden endlich das Band drückend machen. Er wird dann Fehler ent⸗ Schwartz, David Waldner. I. 7 ————. decken, welche er früher nicht gefunden hat, und welche nun eine Folge ihres Alters ſind. Liebe und Glück werden erbleichen und die Reue über eine übereilte Ehe werden ihnen nachfolgen.“ „Majken, Du haſt vollkommen Recht,“ rief Frau Thorén. David ſchwieg. „Ich kann nicht einſtimmen,“ erklärte der Oberſt,„will aber gleichwohl mich darauf beſchränken, Mamſell Ring eine Frage vorzulegen: iſt es ein Fehler, wenn eine ältere Frau einen jün⸗ gern Mann liebt?“ „Ja, in meinen Augen iſt es nicht bloß ein Fehler, es iſt eine Unnatürlichkeit.“ „Erläutern Sie das näher,“ bat der Oberſt. „Die Erläuterung macht ſich ſelbſt, wenn wir uns bloß erinnern, daß die Frau in dem Manne ein an Verſtand, phyſi⸗ ſcher und moraliſcher Kraft ihr überlegenes Weſen ſehen muß, welches durch Rath und Erfahrung ſie zu leiten im Stande iſt. Dieß alles kann ein jüngerer Mann ſchwerlich für eine ältere Frau ſein.“ „Sie würden alſo nicht zugeben, daß Ihr künftiger Mann jünger wäre, als Sie?“ „Nein, unmöglich,“ verſicherte Majken lachend. David verließ das Zimmer und wurde für den Abend nicht mehr ſichtbar. Durch die Anſichten, welche Majken äußerte, waren auf ein⸗ mal die Träume von Glück zerſtört worden, in welche David Wochen und Monate lang ſich eingewiegt hatte. Niemals, als eben jetzt, da ſie ihr Verdammungsurtheil über eine eheliche Ver⸗ bindung zwiſchen einem jungen Manne und einer ältern Frau ausſprach, hatte er ſo tief gefühlt, wie innig er Majken liebte. Niemals hatte David an deren Alter gedacht; nur Eines war ihm klar geworden, daß Majken das Ziel all ſeines Stre⸗ bens war. Man iſt nicht geneigt zu entſagen, wenn man einundzwan⸗ zig Jahre zählt; man kann nicht einmal den Nutzen davon ein⸗ ſehen. Auch fragte David ſich ſelbſt, ob Majken ihn verſtoßen könnte, im Fall ſie Liebe fühlte. Nicht, wenn ſie liebte, lautete 99 die Antwort; aber nun kam die Frage: beſaß er deren Herz? David fühlte ſich unglücklich bei der Vorausſetzung, daß ſie nur eine laue Anhänglichkeit an ihn hege. Das Verlangen, Gewiß⸗ heit zu erhalten, wurde bei ihm immer mächtiger; er mußte ihr ſagen, was er empfand, hoffte und fürchtete. David ging mit dem Vorſatz zur Ruhe, vor dem nächſten Sonnenuntergang ſich das klar zu machen. XIV. Wiederum war es Abend; ein warmer und mondheller Abend im Auguſt. Majken ſaß ganz allein unten im Pavillon, als David ſie aufſuchte. „Endlich treffe ich Dich allein!“ rief er.„Wie dieſer Tag ſo lang geweſen! Ich habe an nichts Anderes, als an deine Worte von geſtern denken können. Sage mir, waren ſie wirklich ein Ausdruck deiner innerſten Gedanken?“ „Ich erinnere mich kaum deſſen, was ich geſagt habe,“ ant⸗ wortete Majken. „Du erinnerſt dich ſicherlich, Majken, daß Du es von einer Frau unverzeihlich fandeſt, einen jüngern Mann zu lieben.“ „Und dann?“ lächelte Majken. „Majken, wir ſcherzen nicht.“ „Willſt Du, daß wir im Ernſte reden, ſo wähle einen an⸗ dern Gegenſtand. Dieſer kann nicht anders als ſcherzhaft be⸗ handelt werden.“ 3„Aber ich bitte Dich, Majken, antworte mir ganz ernſt; für mich handelt es ſich um....“ Er ſchwieg und äußerte nach einer kurzen Pauſe in minder erregtem Ton:„Hältſt Du etwas auf mich, Majken?“ „Ich glaube es. Deine Gegenwart, David, iſt mir lieb, dein Umgang iſt mir angenehm, und ich vermiſſe Dich, wenn du nicht anweſend biſt.“ „Aber, Majken, das iſt nicht genug; meine Ergebenheit er⸗ heiſcht etwas mehr.“ 3 100 „David!“ „Höre mich!“ bat der Jüngling. Die Worte wiedergeben, womit David ſeine Gefühle ſchil⸗ derte, wäre nur eine Wiederholung deſſen, was Tauſende ſchon vor ihm geſagt haben, und wir ſtehen deßhalb gern davon ab. Wir wollen nicht über ſie urtheilen, da wir zu bekennen ge⸗ nöthigt ſind, daß Majken, von dem Glück des Augenblickes be⸗ herrſcht, ihrer Jahre vergaß, und nur auf die Stimme des Ge⸗ fühls hörte. Sie liebte, das ſagte ihr jeder Schlag ihres Herzens, und ſo verkündeten es jetzt auch ihre Lippen. Alles hat einen Anfang und ein Ende. So ging es auch mit Majkens und Davids Verzückung. Dagmars und Georgs Stimmen riefen ſie wiederum in die Wirklichkeit zurück. Majken wollte nicht mit ihnen zuſammentreffen; ſie entfernte ſich alſo In den erſten Stunden ihrer Einſamkeit war Majken glück⸗ lich. Sie fühlte mit Freuden, daß es einen Menſchen gab, welchem ſie Alles war, und in dieſem Bewußtſein lag eine große und reiche Quelle reiner und wahrhafter Freude. Ihre erſte Jugend war vergangen, ohne daß irgend eine zärtliche, wenn auch noch ſo vorübergehende Neigung ihre Seele in Anſpruch genommen hätte. Jetzt da ſie eine reife Frau war, hatte die Liebe ſich unter der Maske der Freundſchaft in ihr Herz eingeſchmeichelt. Aber wie viel Seligkeit auch der Augen⸗ blick verleiht, ſo kommt doch immerdar, früher oder ſpäter, das ernſte Nachdenken, um unſere Freude unter das Urtheil der Ver⸗ nunft zu ſtellen. Auch Majkens Verſtand erhob ſchließlich ſeine Stimme und rief unbarmherzig: was willſt Du mit deiner Liebe zu einem Jüngling machen? Willſt Du ſein Schickſal mit dem deinigen vereinen? Haſt Du vergeſſen, daß du älter biſt, als er? Majkens Herz bebte. Sie weinte; die kurze Seligkeit war vernichtet. Sollte ſie, die weder jung noch reich war, ſich zwiſchen Da⸗ vid und ſein zukünftiges Glück ſtellen? Nein, ſie hatte lieben gelernt, um auch entſagen zu lernen. So war es des Schickſals Wille. XV. Im Garten ſaßen Majken und Dagmar am folgenden Nachmittag. agmar ſang mit friſcher und klarer Stimme den erſten Vers eines Volksliedes. Als ſie zu Ende war, antwortete eine männliche Stimme vom Park her mit dem zweiten. „Georg,“ rief Dagmar und ſprang dem Sänger entgegen. Sie eilte an David vorüber, welcher in demſelben Augenblick auf Majken zuging. Die Gelegenheit dieſes„Unter vier Augen“ benützend, er⸗ zählte David in einem Athemzug, wie unausſprechbar glücklich er ſich ſeit dem geſtrigen Tage fühle, ſo daß er ſie ſehen und mit ihr reden müſſe, damit er zu glauben wage, das Ganze ſei kein Traum. David beugte ſich nieder und ſchaute Majken liebevoll an. Der lächelnde Ausdruck in ſeinem Angeſicht verſchwand ,als er ihre traurige Miene betrachtete. „Du biſt betrübt, Majken!“ rief er. „Ja, David.“ „Hat ein Kummer Dich betroffen?“ „Ein tiefer Kummer, man nennt ihn Reue!“ „Was haſt Du zu bereuen?“ fragte David. 1 „Daß ich Dich liebe; daß ich es Dir geſagt habe. Dieſe Schwäche werde ich mir niemals vergeben.“ 1 Du willſt ſomit zurücknehmen, was du einmal mir gegeben haſt?!“ ſtammelte David. „Das kann ich nicht; aber was ich vermag, iſt, Dich den lehren.“. Werth der Gabe, welche ich Dir gewährt habe, recht verſtehen zu ——— —— „Ihren Werth bin nur ich zu beurtheilen im Stande,“ fiel David haſtig ein.„Wenn Du mich ein Tauſendſtel ſo innig liebſt, als ich Dich liebe, ſo bin ich froh und zufrieden. Ich weiß und fühle es, daß ich auch des geringſten Theils deiner Liebe un⸗ würdig bin.“ „Ich möchte wünſchen, daß Du mich weniger liebteſt,“ ſagte Majken mit einem Seufzer;„ich werde ſo ſehr von meinem Stolze und meiner Eitelkeit beherrſcht, daß ich es niemals dahin bringen werde, vor der Welt anzuerkennen, daß meine Liebe auf einen Jüngling gefallen.“ ½ „Majken!“ „David, laß mich ausreden. Merke wohl, ich werde Dich niemals heirathen und mich dem Gelächter der Welt preisgeben Alle Zukunftsträume, an welchen Du mich geſtern Theil nehmen ließeſt, ſind Phantaſiebilder, welche von der Wirklichkeit nicht ein⸗ mal den Schein haben.“ „Du willſt alſo meine Gattin nicht werden? Du läſſeſt deinen Stolz unſer beider Glück vernichten?“ ſagte David mit erregter Stimme. 3 „Sprich nicht ſo,“ bat Majken ganz ernſt.„Ich fordere von Dir, du ſollſt die Stärke deiner Ergebenheit dadurch bewei⸗ ſen, daß du mit Ruhe mich anhörſt.“ „Du willſt es, und da muß ich wohl,“ ſtammelte der Jüngling. Majken ſaß ſchweigend einige Minuten da. Sie bedurfte derſelben, um fortfahren zu können. Endlich nahm ſie wiederum das Wort: „Wofern mein Friede Dir lieb iſt, wirſt Du jeden Gedan⸗ ken an die Möglichkeit, daß ich eines Tags deine Frau werden könnte, fahren laſſen. Ich werde es niemals. Du biſt jung und erſt am Beginn deiner Laufbahn; Du darfſt dich noch nicht an irgend eine Frau binden, am wenigſten an eine ältere. Du ſollſt hinfort mich nur als eine Schweſter betrachten, als eine liebe Freundin, deren Rathſchläge Du Folge leiſteſt, wenn ſie heilſam ſind, und der Du gut bleibſt, bis dieſes dein Herz einen würdigern Gegenſtand der Liebe gefunden hat.“ 103 „Ich kann meine Gefühle nicht umſchaffen,“ fiel David ein,„und meine ganze Zukunft verliert ihren Werth, wenn ich nicht daran denken darf, daß Du der Lohn für mein Streben werdeſt.“ „In dieſem Fall müſſen wir ſcheiden, um uns nie mehr zu begegnen.“ „Majken, beraube mich nicht aller Hoffnung! Laß mich von einer Seligkeit träumen, von welcher ich meine Gedanken nicht losreißen kann.“ „Wozu ſollte das nützen, da dieſe Träume niemals verwirk⸗ licht werden? Ich habe mir deine Liebe frei von jeder Selbſt⸗ ſucht gedacht. Nun wohl, Du haſt geſagt, wie hoch du mich auch liebteſt, ſo wäre das nicht genügend im Vergleiche zu dem, was ich verdiente. Beweiſe mir dieß dadurch, daß Du deine Er⸗ gebenheit von jeder Vorausſetzung fern hältſt, wir können jemals für einander etwas Anderes, als Freunde werden; unter dieſer Vorausſetzung bleibe ich in deiner Nähe.“ Ein langes Stillſchweigen erfolgte. Georgs und Dagmars Stimmen kamen näher. Endlich erhob David den geſenkten Kopf. Er ſchloß Majkens Hände in die ſeinen und ſagte mit etwas unſicherer Stimme: „Es gibt kein Opfer, das Du von mir begehren kannſt, welches ich Dir nicht bringen werde. Alle meine Hoffnungen auf Glück opfere ich, um dieſelbe Luft mit Dir zu athmen und durch Dich deiner würdig zu werden. Biſt Du zufrieden?“ „Ich bin nicht nur zufrieden; ich bin wieder glücklich,“ flüſterte Majken. 8 8 38 ½ 4 3 XVI. Eine neue Zeit trat ein. David redete nicht weiter von ſeinen Gefühlen, er legte ſo⸗ gar eine äußere Ruhe an den Tag, welche Majken vollkommen zufrieden ſtellte. Er ſuchte keine Gelegenheit zu einem Geſpräch unter vier Augen, und dieſer wurden es ſehr wenige, weil der. Oberſt faſt immer ſeiner Familie Geſellſchaft leiſtete. Des Abends, wenn man ſich trennte, pflegte David an Majken die Frage zu richten: „Wie biſt Du heute mit mir zufrieden geweſen?“ Der Oberſt beſchäftigte ſich viel mit Dagmar und kam da⸗ durch in beſtändige Berührung mit Majken. Sie konnten ganze Stunden mit einander ſprechen, und der Oberſt wählte immer ſolche Gegenſtände, welche Majken dahin brachten, ihre Anſichten auszuſprechen. Majken fand dieſe Geſpräche ſehr unterhaltend, und erſtaunte von Tag zu Tag mehr, wie der Oberſt zu dem Namen eines Deſpoten gekommen wäre. Er zeigte ſich allerdings ſtreng und zuweilen ungeduldig gegen ſeine Diener, aber zugleich immer gerecht und niemals hart. Er war jeder Art von Ver⸗ traulichkeit abgeneigt, aber niemals hochfahrend. Alle ſeine An⸗ ordnungen und Handlungen gaben Zeugniß von einem innigen Streben nach dem, was recht war. Wie hatte er alſo es dahin gebracht, daß man ſo viel von ihm redete? Majken konnte nur einen Erklärungsgrund finden, nämlich den, daß der Oberſt ſich ein Vergnügen daraus machte, vor Fremden die menſchlichen Vorurtheile anzugreifen und zuweilen die ſtärkſten Paradoxen zu verfechten. Daß der Oberſt ein ſcharfer Beobachter war, argwohnte Majken zuweilen, aber ohne ſich dadurch beunruhigen zu laſſen. Sie fürchtete keinen forſchenden Blick. Die Anhänglichkeit, welche David und ſie einander bewieſen, war frei von Allem„ was Mißbilligung erwecken konnte; ſo ſchien es wenigſtens Majken. XVII. Eines Sonntags im September fuhr Majken nach Falknäs, um ihren Oheim zu begrüßen. Als Majken im Hauſe des Polizei⸗Inſpektors den Saal be⸗ trat, wurde die Thüre von dem Zimmer des Oheims haſtig auf⸗ geriſſen, und eine gellende Sümme rief: „Peter, Peter, warum reiteſt Du nicht nach dem Doktor?“ „Mamſell, der gnädige Herr Oberſt iſt ſelbſt hingefahren,“ antwortete Peter. 105 Thereſe gewahrte nun Majken und ſtammelte unter Schluchzen:* „Was für ein Unglück! Was für ein ſchreckliches Unglück! Ach! ach! Ich glaube, das bringt mir den Tod; der Johann, der Johann!“— „Was iſt denn geſchehen?“ „Er hat umgeworfen, den Arm gebrochen und ſich den Kopf zerſchlagen. Ach, Herr Jeſus, ein ſolches Elend!“ Thereſe's Schluchzen ging in Geheul über. Majken eilte zu dem Oheim hinein, welcher wirklich ſehr übel zugerichtet war. Eine Stunde darauf langte der Doktor an, welchen der Oberſt, der mit Ring bei dem unglücklichen Ereigniß zuſammen⸗ getroffen war, ſelbſt geholt hatte. Der Arzt fand da zwei Pa⸗ tienten, denn Thereſe hatte ſich das Unglück des Bruders ſo ſehr zu Herzen genommen, daß auch ſie erkrankte. Majken wollte und konnte ihre Angehörigen nicht verlaſſen, ſondern blieb bei denſelben, und da ſie einſah, daß die Geneſung — des Oheims Monate erfordern würde, unterrichtete ſie den Oberſt 4. davon, daß ſie ſich verpflichtet halte, ihre Stelle als Dagmars Lehrerin aufzugeben. Jedermann in Haraldshof nahm den lebhafteſten Antheil an Rings Unglück, und alle wetteiferten mit einander in dem Beſtreben, Majken ihr Mitgefühl aufs Thätigſte zu bezeugen. Jeden Abend fand ſich David in der Wohnung des Polizei⸗ Inſpektors ein, und bisweilen gelang es ihm, Majken zu über⸗ reden, daß ſie ihn bei Ring wachen ließ, und ſomit ſelbſt einige Ruhe genießen konnte. David that Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, um Majkens Unruhe und Kümmerniß zu lindern. Mit Eintritt des Monats December war der Geſundheitszu⸗ ſtand zu Falknäs bedeutend beſſer. Tante Thereſe befand ſich 4 nun wieder wohl auf, und Ring war ſo weit wiederhergeſtellt, 1 daß er das Bett mit dem Sopha vertauſchen konnte, obwohl er ſich noch nicht im Stande ſah, ſich ſelbſt Hülfe zu geben. Majken war ſein Alles. Sie erſetzte ihm den Gebrauch des rechten Armes, ſie las ihm vor und plauderte mit ihm, ſo daß die endlos langen 6 Stunden verkürzt wurden, und ſelbſt Thereſe ſich zu der Meinung —— ——— —— bekannte, Majken ſei ihnen in dieſen ſchweren Prüfungen eine große Stütze und Tröſtung geworden. XVIII. Es war nur noch einige Tage bis zu Weihnachten. ho Man hatte ſich eben in Haraldshof vom Mittagsmahl er⸗ oben. Der Oberſt und David gingen im Saale auf und ab und rauchten ihre Cigarren. „Was iſt es, das Du an Mafjken Ring liebſt?“ fragte plötzlich der Oberſt. Der Jüngling wurde dunkelroth und ſchaute den Frager an, als ob derſelbe ſich eines wahrhaften Frevels ſchuldig gemacht hätte. Auch der Oberſt heftete ſeine Augen auf den Jüngling und ſetzte hinzu: „Kannſt Du meine Frage nicht beantworten? Daß Du ſie liebſt, wiſſen Alle, welche Dich und Majken beiſammen geſehen haben; aber ich wünſchte zu wiſſen, was Du an ihr liebſt.“ „ Iinden Sie es ſo wunderbar, Oheim, daß man dieſelbe iebt?“ „Ganz und gar nicht; ich glaube, es muß ſehr leicht ſein, ſich in ſie zu verlieben; ſie iſt eine ſchöne Frau.“ Der Ton des Oberſts hatte etwas Gleichgültiges, das die Empfindlichkeit reizte. „Ich habe niemals daran gedacht, ob Majken ſchön iſt oder nicht,“ antwortete David.„Sie gehört nicht zu den Frauen, welche durch äußere Vorzüge feſſeln; dafür iſt ſie an Herz und Seele zu reich begabt. Wäre Majken häßlich und alt, würde ich ſie heicnoch ebenſo innig lieben und ebenſo warm bewundern.“ „So, ſo!“ Der Oberſt ſetzte ſeinen Gang fort, aber David blieb an einem der Fenſter ſtehen, ſchaute in die dämmerung hinaus und horchte auf die Schläge ſeines Herzens, welche ihm erzählten, wie lieb er Majken hatte. „— 107 „Welche Zukunft hat deine Liebe?“ begann der Oberſt wieder in väterlichem Tone. „Keine. Majken wird niemals etwas Anderes für mich ſein, als ſie jetzt iſt.“. „Und warum nicht?“ 3„Darum, weil ſie nicht die Frau eines jungen Menſchen werden will. Sie ſteht ſo hoch in meiner Achtung, daß ihr Wille Alles für mich iſt und jeder Traum von eigenem Glück weichen muß, wenn derſelbe mit dem, was ſie wünſcht und von mir fordert, im Widerſtreite ſteht. Ich bin auch zufrieden und dank⸗ bar, daß ich nur in ihrer Nähe ſein darf.“ „Aber Du wirſt nicht immerdar in ihrer Nachbarſchaft weilen können. Du haſt für die Zukunft zu arbeiten; Du haſt Pflichten, welche du nicht verſäumen darfſt. Auf Neujahr mußt Du nach Stockholm zurückkehren und deinen unterbrochenen Kurſus fort⸗ ſetzen. Majken bleibt dann in Falknäs. Du reiſeſt von dort nach Upſala, und ſo vergeht ein Jahr, ohne daß Du ſie wieder⸗ ſiehſt.“ „Ich vermag eine ſolche Trennung nicht zu ertragen; eher verlaſſe ich die Laufbahn, welche ich gewählt habe, und werde Pächter auf Falknäs,“ ſagte David. „Liegt wohl eine ſolche Handlungsweiſe in dem Bereich der Möglichkeit? Du würdeſt deiner Mutter einen großen Kummer machen, wenn Du wegen Befriedigung einer heftigen Leidenſchaft ein undankbarer Sohn würdeſt.“ „Oheim, ich kann nicht helfen. Ich bin nicht im Stande, mir ein Leben ohne ſie zu denken. Mein Gefühl iſt keine Leiden⸗ ſchaft, ſondern mit meiner ganzen Seele verwachſen und läßt ſich davon nicht ſcheiden. Wäre meine Ergebenheit einzig und allein Leidenſchaft, ſo würde ſie ſich nicht darein finden, daß ſie von der Zukunft gar nichts zu hoffen hat. Ich begehre ja von dem Aei kein anderes Glück, als dieſelbe Luft mit ihr athmen zu ürfen.“ „Du biſt einundzwanzig Jahre alt, mein lieber David, und mußt dann auch einſehen koͤnnen, daß gerade dieß Einzige un⸗ 1 5 4 V . 108 möglich iſt. Ring kann ſterben, Majken verläßt die Gegend und... ſie kann ſich verheirathen.“ „Onkel, wenn Majken eines Andern Frau würde, jagte ich mir eine Kugel durch den Kopf.“ „Mein lieber David, da bleibt nur noch eine Rettung, nämlich— daß Du ſie beſtimmſt, deine Frau zu werden. Du biſt für jetzt allerdings als ein junger Mann ohne Vermögen zu betrachten, aber wenn deines Vaters Schulden bezahlt ſind, ge⸗ langt ihr wieder in den Beſitz von Aengsberga. Dann kannſt Du heirathen. Aber bis dahin bedenke, daß, wie auch dein Schickſal ſich geſtalten mag, Du nicht vergeſſen darfſt, was Pflicht und Ehre gebieten. Ehe Du verſtandeſt, was Liebe iſt, warſt Du der Gegenſtand der Zärtlichkeit einer Mutter; ſie zu vergeſſen oder aufzuopfern, kann ſomit nicht in Frage kommen.“ Der Oberſt verließ den Saal. ch David blieb ſtehen und lehnte den Kopf an die kalte Fenſter⸗ eibe. Ein undankbarer Sohn wäre der Liebe von Majken un⸗ würdig. Er darf nicht vergeſſen, was er ſeiner Mutter ſchuldig iſt, aber unmöglich war es, ohne Majken zu leben. Er mußte nach Falknäs, er mußte Majken das Verſprechen abnehmen, daß ſie ſeine Gattin werde, daß ſie niemals die Frau eines Andern werde. Sollte ſie ihn noch einmal verſtoßen? Nein und tauſend⸗ mal nein. Was bedeutete es, wenn ſie alt und häßlich wurde; ſie war ja doch immer Majken mit dem reichen Herzen und der erhabenen Denkart. Was berührte es ihn, ob ihre Wangen die Fülle, ihre Augen den Glanz, ihre Haare die Farbe verloren? Ihr Verſtand, ihr Gefühl, ihr moraliſcher Werth blieben ewig dieſelben. David liebte die Schönheit ihrer Seele, nicht die körperliche. Er wollte ihr dieß Alles ſagen; er wollte Majken beweiſen, daß ſein Glück und Erfolg von ihrem Beſitze abhingen, und ſie mußte der Wahrheit ſeiner Worte nachgeben und ihm ihre Treue verpfänden. David wollte ſogleich nach Falknäs reiſen. Er wollte nicht eher Majken verlaſſen, als bis es ihm gelungen wäre, ihr über⸗ 2 10⁰9 zeugend darzuthun, daß ſie nicht das Recht hätte, ihn zu ver⸗ ſtoßen. Es war beinahe dunkel, als David ſeinen Platz am Fenſter verließ. In demſelben Augenblick ging die Thüre vom Vorzim⸗ mer auf. In dem Halbdunkel unterſchied David die Umriſſe einer Frau. Die Geſichtszüge vermochte er nicht zu erkennen, aber das war auch nicht nöthig, ſein Herz ſagte ihm, wer die Eintretende war, und zwar, obwohl er es beinahe unerklärlich fand, daß ſie in Haraldshof weile. 4 „Majken!“ rief er und war augenblicklich an ihrer Seite. „David,“ flüſterte Majken; der Ton der Stimme klang trau⸗ rig, die Hand war kalt. „Steht es mit deinem Oheim ſchlimmer?“ fragte David. „Nein, dann wäre ich nicht hier,“ erwiederte Majken, tief Athem holend.„Mit dem Oheim geht es ungewöhnlich gut. Aber es war mir Bedürfniß, mit Dir zu reden, und darum komme ich hieher.“— Wiederum ſeußzte ſie. „Du biſt hier, um mir eine traurige Mittheilung zu machen!“ ſtieß David heraus. Es erfolgte keine Antwort; ein Diener trat ein und zündete ein paar Lichter an dem Kronleuchter an. Majkens Angeſicht war blaß. Es trug Spuren von Thrä⸗ nen und hatte ein Gepräge tiefer Betrübniß. Als der Diener die Lichter anzündete, deutete Majken auf die Thüre zu dem kleinen Salon und ſagte: „Sei ſo gut, und laß auch dort Lichter anzünden.“ Als dieſer Befehl vollzogen war und der Diener ſich entfernt hatte, reichte ſie David die Hand und ſagte: „Folge mir, ich habe Verſchiedenes mit Dir zu reden.“ „Ich fürchte mich, Dir zu folgen,“ antwortete David. „Aber Du thuſt es dennoch?“ „Ja, ich thue Alles, was Du willſt, ſelbſt wenn der Weg mit Dornen bedeckt wäre.“ „Ich komme ja nur, um die Wahrheit deiner Verſicherungen 4 fepohen ſagte Majken, nahm ſeinen Arm und ging in den alon. 3 — „Vor einer Stunde bin ich in Haraldshof angekommen,“ begann Majken.„Dagmar ſagte mir, Du und der Oberſt ſeien hier, aber ich wünſchte Dich allein zu treffen und wartete deßhalb, bis er ſich entfernt hatte.“ „Wozu dieſe Einleitung? Warum ſagſt Du mir nicht gleich, was dich hieher geführt hat?“ fragte David. „Sage mir zuerſt, David, glaubſt Du, daß ich mich von Launen oder unedeln Beweggründen leiten laſſen kann?“ „Nein, Majken.“ „Ich danke. Es wird mir nun leichter werden, zu reden. Bewahre den Glauben in deinem Herzen, daß Majken niemals ohne mächtige Gründe Dir einen Kummer bereitet.“ „Du kommſt ſomit zu dieſem Zwecke?“ „Ich muß.“ Es entſtand eine Pauſe. David wagte nicht, ſie anzuſehen, aus Furcht in dieſen theuren Zügen den Ausdruck des Kummers zu leſen, den ſie ihm zu verkündigen im Begriff war. „Wie bald gedenkſt Du wieder auf die Univerſität zurückzu⸗ kehren?“ fragte Majken. 3 „Ich weiß es noch nicht. Meine ſchwache Geſundheit hat mich genöthigt, die Studien zu unterbrechen,“ antwortete David mit einer gewiſſen Verlegenheit in Stimme und Miene. 5„Und darum bleibſt Du ſieben Monate in Haralds⸗ of?“ „Nein, nicht darum.“ David erröthete; er konnte vor Majken nicht lügen. „Nun, was iſt der Grund davon, daß Du eine ſo lange Zeit in Unthätigkeit verſchleuderſt, David?“ „Majken, Du mußt es wiſſen; Du, die in meinem Herzen liest und verſteht, daß ich nicht fern von Dir zu leben im Stande bin.“ „Ich war ſomit die Urſache. Und ich glaubte diejenige zu ſein, welche Dir Liebe zur Arbeit einflößen ſollte. David, es iſt bitter zu denken, daß deine Anhänglichkeit an mich ſtörend auf deine Studien einwirkt.“ Majken weinte. 111 „Thränen in Majkens Augen und meinetwegen!“ rief Da⸗ vid und warf ſich vor ihr auf die Kniee. Worte, von Liebe und Ergebenheit glühende Worte traten über ſeine Lippen. Worte, die alle die Betrübniß und Reue verdolmetſchten, die ihr Kummer ihr verurſachte. Allem wollte David ſich unterwerfen, nur nicht dem ſchmerzlichen Bewußtſein, Majken einen bittern Augenblick verurſacht zu haben. Sie hörte ſeine Verſicherungen unter heißen Thränen an. Ach, David ahnte nicht, wie unendlich qualvoll dieſe Stunde für Majken war; er ahnte nicht, daß dieſe Bezeugungen ſeiner Zärt⸗ lichkeit eine Tortur bildeten, welche Majkens Seelenſtärke auf eine harte Probe ſtellten. Endlich trocknete Majken ihre Thränen, legte ihre Hände auf ſeine Schultern und ſah ihm mit einem ernſten Blick in die Augen, indem ſie ſagte: „Du haſt erklärt, du wolleſt dich allem unterwerfen, nur nicht der Möglichkeit, mir Kummer zu bereiten. Ich glaube es. David, wir müſſen uns trennen.“ „Majken!“ rief David aufſpringend. „Ich weiß, was ich von Dir begehre, iſt ein großes Opfer, aber ich weiß auch, daß Du es mir bringen wirſt. Du wirſt unverzüglich Haraldshof verlaſſen, Du wirſt nach»köping reiſen und die Weihnachtsfeiertage bei deiner Mutter zubringen. Das neue Jahr wird Dich in voller Wirkſamkeit finden. Unter be⸗ ſtändiger Arbeit wirſt Du deiner Liebe vergeſſen und an Majken nur als an eine theure Freundin denken, für welche es der Tod wäre, wenn Du deine Tage in einer den Mann erniedrigenden Unthätigkeit, nur auf die weichliche Klage des Gefühls hörend, dahin lebteſt.“ Mit milder und ſeſter Stimme ſchilderte ihm Majken ihre Verzweiflung, im Fall er dieſer Mahnung nicht Folge leiſtete, und ſie ſtellte ihm das Opfer, welches er von ihr begehrte, in möglichſt wenig abſchreckender Geſtalt vor. David ließ ſie reden. Als ſie zu Ende war, erhob er den Kopf; das Angeſicht war ruhig, aber aus den Augen leuchtete tiefer Schmerz, als er äußerte: „Ich reiſe!“ 112 Majken begriff, wie viel Liebe in dieſen zwei Worten lag. David drückte ihre Hand an ſeine Lippen, Augen und Stirne. „Ich reiſe,“ nahm er wieder das Wort;„aber laß mich die Hoffnung mitnehmen, die Hoffnung, daß ich einmal mich des Glücks würdig machen kann, Dich meine Gattin zu nennen.“ „David, Du darfſt durchaus nicht auf mich hoffen,“ ant⸗ wortete Majfken. „Majken, Du haſt niemals geliebt!“ Keine Antwort. „Aber,“ begann David wieder,„kannſt und willſt Du meine Gattin nicht werden, ſo wirſt Du doch niemals die eines andern?“ „Mein armer David,“ flüſterte Majken,„Alles muß ich Dir rauben, denn es kann geſchehen, daß ich einmal meine Hand ver⸗ ſchenke, um..“ „Um mich zu tödten,“ murmelte David. „Nicht ſo,“ unterbrach ihn Majken;„ich liebe in Dir einen Mann, nicht einen jungen Menſchen, welcher an ſeiner Liebe ſtirbt. Entziehe mir jetzt nicht dieſe Ueberzeugung, jetzt, da ich Dich bitte zu gehen, um niemals wiederzukehren.“ David ſah Majken an, ſchlang ſeine Arme um ſie und drückte einen Kuß auf ihre hohe Stirn, indem er flüſterte: „Lebe wohl; möge Gott Dir deine Grauſamkeit vergeben!“ Er ließ ſie los und eilte aus dem Zimmer. Majken ſank auf den Sopha nieder und ſtammelte: „So iſt denn mein Schickſal vollendet!“ Da ging leiſe die Thüre auf. Majken fuhr erſchrocken em⸗ por. Vor ihr ſtand der Oberſt, welcher ſehr ruhig äußerte: „Noch nicht!“ XIX. Majken Ring an Frau Amalie K. „Meine liebe, theure Amalie! „Ein halbes Jahr iſt vergangen, ſeitdem ich Dir geſchrieben habe; aber ich bedurfte dieſer Zeit, um den Muth zu gewinnen, ganz aufrichtig von mir ſelbſt zu reden. 5 8 113 Es ſind etwa zwei Jahre, ſeitdem ich gegen Dich über die Einförmigkeit meines Lebens klagte. Ich wünſchte damals, irgend eines Glücks für die Erinnerung theilhaftig zu werden, von irgend einem Schmerz als Quelle eines Leidens heimgeſucht zu werden. Der Herr des Schickſals hat meine Wünſche erfüllt. Ich bin glücklich geweſen und werde es nie mehr werden. In dieſen zwei Jahren habe ich eine große Erfahrung ge⸗ wonnen; ich habe gelernt, wie großer Schwäche ich mich ſchuldig machen kann, aber auch, wie viel Kraft mein Wille beſitzt. Das iſt mein Gewinn. Aber neii c. mnrecht: es dibt nach Ich habe eine e— weis dafür erhältſt Du damit, daß ic oir von der Verlobung Majten Rings mit dem Oberſt Moritz Björnſtam Kunde gebe. Es war eine Zeit, wo ich mir Reichthum als des Lebens höchſtes Gut wünſchte; nun ſcheint es mir, daß ein Minus von zehn Jahren und der Beſitz von ihm als Gatten mir ſelbſt die Armuth ſüß machen könnte; aber vielleicht würde ich anders denken, wenn meine Wünſche erfüllt wären. Es iſt ſomit nicht das Verlangen nach Reichthum, welches mich beſtimmte, die Braut des Oberſts zu werden? Aber was iſt es wohl dann? Du, die du niemals einen andern Mann als deinen Karl geliebt haſt, das Leben an ſeiner Seite von deinem achtzehnten Jahre hingebracht haſt und die CEhe von dem idealſten Geſichts⸗ punkt der Liebe aus betrachteſt, Du wirſt es ſchwer begreiflich finden, wie ich ſo handeln konnte, als es geſchehen. Das Leben, meine Freundin, gleicht dem Meere: wenn Ruhe auf demſelben herrſcht, da iſt es leicht zu beſtimmen, welchen Kurs man ſteuern muß und wo man in den Hafen einlaufen wird; aber ſchwer hält es, wenn die Stürme raſen. Als ich Dir das letzte Mal ſchrieb, war Onkel Ring bett⸗ lägerig. Ich redete damals von dem Glück, ſo geliebt zu ſein, wie ich es von David wurde. Es war eine Zeit der Freude und Seligkeit; aber ſie war kurz; es erforderte nur eine Stunde, um mein Glück zu zermalmen. 3 Schwartz, David Waldner. I. 8 114. b Es war in der Weihnachtswoche. Ein Wagen fuhr in den Hof von Falknäs herein. Eine Dame ſtieg aus und verlangte mit mir zu reden. Sie wurde in das Gaſtzimmer geführt. Frau 1 Broolind ſtand vor mir. Sie iſt jünger als ich, dieſe Frau, welcher Davids erſte . Liebe gehörte; aber ſie iſt gleichwohl älter als er. Sie grüßte verbindlich, redete davon, wie lange es her wäre, daß wir einander geſehen, und beklagte den Unfall, der meinen Oheim betroffen, während ſie gleichzeitig mir zu ſeiner Beſſerung gratulirte. Sie ließ mir keine Möglichkeit, ihr für ihre Theilnahme zu danken oder ihre Fragen zu beant⸗ worten, ſondern fuhr unaufhaltſam zu reden fort. Während ſie noch von des Oheims Geſundheit ſprach, äußerte ſie plötzlich mitten hinein: „Haben Sie neulich meinen Couſin David geſehen?“ „Erſt geſtern,“ lautete meine Antwort. „Die eigentliche Urſache, warum ich herkomme, iſt gerade er.“ Sie machte eine Pauſe und fixirte mich. Mein Herz jagte mir das Blut ins Angeſicht. 3 „Iſt es wahr, was das Gerücht ſagt, daß David heimlich mit Ihnen verlobt iſt?“ begann ſie dann wieder. Dieſes Gerücht zu widerlegen, fiel mir nicht ſchwer. 3 Frau Broolind beliebte ſofort, ihre Mißbilligung darüber auszuſprechen, daß dem nicht ſo war. Ich bat ſie, ſich zu er⸗ klären, was ſie ungefähr in folgenden Worten that: „Der Grund, warum David fortwährend in Haraldshof bliebe, ſeiner Studien und ſeiner Mutter vergäße, hätte dann keinen für Ihre Ehre verletzenden Charakter angenommen, wenn man nur Ihre Unklugheit zu beklagen hätte, daß Sie durch eine Verbindung mit einem Jüngling ſtörend in deſſen Zukunft ein⸗ greifen. Nun iſt es höchſt betrübend zu wiſſen, daß David ſich 5 einer Neigung überläßt, welche Alles gegen ſich hat. Sie nehmen 8* ſeine Beſuche an, Sie muntern ſeine Liebe auf, und ſind ſomit um ſo tadelnswerther, da Sie bereits ein Alter erreicht haben, wo man mit Recht fordert, daß die Vernunft das Wort führen —— ſoll. Daß er, ein unerfahrener Junge, ſeine Mutter mit Kum⸗ 11⁵ nier uͤberhäuft, iſt beklagenswerth; aber daß Sie ſich dieſes Fehlers theilhaftig machen, iſt mehr als zu beklagen.“ Es war ein bitterer Augenblick, denn in ihren Worten lag ein gewiſſer Grad von Wahrheit. Ich war ſelbſtſüchtig genug geweſen, zu vergeſſen, daß ſein Aufenthalt in Haraldshof eine Verſäumniß ſeiner Studien mit ſich brachte. Ich war ſomit in ſchwerer Schuld. Als Frau Broolind ihre Rede geſchloſſen hatte, übergab ſie mir einen Brief. Er kam, ſagte ſie, direkt von erköping und von Frau Waldner. Die betrübte Mutter hatte Frau Broolind aufgetragen, das Schreiben mir einzuhändigen. Nachdem ſie dieſen Auftrag vollführt hatte, gedachte ſie, ihren Worten zufolge, nach Haraldshof zu fahren, um David zu er⸗ klären, wie unrecht er handelte. Davids Mutter drückte ſich in milden Worten aus und appellirte an mein Herz und meinen Verſtand, indem ſie mich auf das Unglück hinwies, daß David in ſo jungen Jahren ſich an eine Frau feſſelte. Sie bat mich, den Einfluß, welchen ich über ihn beſäße, zu benützen, um ihn zur Arbeit zurückzuführen. Jede Zeile in dem Briefe ſprach zu meinem beſſern Gefühle. Ich erklärte auch Frau Broolind, ich hoffe, daß David unverzüglich aus der Gegend abreiſen werde, bat ſie aber zugleich, die Sache ganz und gar mir zu überlaſſen. Am Nachmittag fuhr ich nach Haraldshof. Frau Broolind blieb in Falknäs. In derſelben Nacht reiste David nach weköping, ohne ſeine Couſine geſehen zu haben.. Wie ich das Opfer ertrage, welches meine Pflicht mir auf⸗ erlegte, davon wollen wir nicht reden. Ich glaube, Niemand ahnte, wie viel es mich koſtete. Hätte ich eine ſchwächere Körper⸗ konſtitution und reizbarere Nerven gehabt, ſo iſt es wahrſchein⸗ lich, daß ich mir eine Krankheit zugezogen haben würde. So blieb ich geſund; aber ich fühlte, daß, wenn Falknäs meine Hei⸗ math bleiben müßte, es mir nicht gelingen dürfte, meinen Kum⸗ mer zu beſiegen. Der Geſundheitszuſtand des Oheims beſſerte ſich inzwiſchen mit jedem Tage, und ich war für ihn nicht mehr unentbehrlich. Ich ſehnte mich fort aus dieſer Gegend, wo Alles mich an mein entflohene Seligkeit erinnerte. Dagmar beſuchte mich täglich, aber mit ihr durſte u konnte ich nicht von meinem Herzenskummer reden. Der Oberſt verreiste ſogleich nach Weihnachten. Er hat während der langen Krankheit des Oheims uns tauſend Artig keiten und eine Theilnahme bewieſen, wofür ich ihm allezeit Rech⸗ nung tragen werde. Zu Ende vom März erzählte Dagmar bei einem ihrer Be⸗ ſuche, daß er zurückgekehrt ſei. Eines Tags, es war der letzte in dem genannten Monat, kam der Oberſt nach Falknäs herüber. Er grüßte mich von David. „Unſer junger Kandidat arbeitet mit raſtloſem Eifer auf ſein Examen,“ ſagte er. Ich gab keine Antwort, und der Oberſt begann wieder: „Fährt David ſo fort, wie er angefangen hat, ſo muß er ſchon in drei Buſd Doktor der Medicin ſein. Seine Zukunft verſpricht ſehr glänzend zu werden; mit ſechsundzwanzig 2 ordentlicher Arzt zu ſein, gehört wohl zu den Ausnahmen. 4 Wiederum ſchwieg er. Ebenſowenig hatte ich ein Wort zu dem, was er ſagte, beizufügen. Nach einer Weile ließ er ſich alſo vernehmen: „Geſtatten Sie mir, Mamſell Ring, Ihnen als Frrund einen Rath zu geben?“ Wie konnte ich anders als bejahend antworten. „Ich werde wohl mitleidlos aufrichtig ſein,“ ſprach er. „Sie lieben David Waldner, und er vergöttert Sie. Warum verurtheilen Sie dann ſich und ihn zu allen dieſen Entſagungen und Leiden? Davids Verſtand iſt reif, ſein Charakter befeſtigt, und ſeine Gefühle ſind ausſchließlich Ihnen gewidmet. Was können Sie mehr begehren? Glauben Sie wirklich, daß dieſe ſechs Jahre, welche ihn und Sie ſcheiden, ſtörend auf Ihr oder ſein Glück einwirken können, wenn Sie ſeine Frau würden? In dieſem Fall kann ich Sie verſichern, daß Sie nicht zu den F Frauen 4 Jahren gehören, welche der Jugend und Schönheit bedürfen, um den MNann, welchen Sie lieben, glücklich zu machen.“ Alles zu wiederholen, was er ſagte, wäre nutzlos. Der „Oberſt ſetzte mein ſchwaches Herz auf eine harte Probe, und mein Verſtand ſchwieg anfangs ſtill. Wahrſcheinlich merkte der Oberſt, daß ſeine Worte Eindruck machten, und mein Beſchluß zu wanken begann, denn er faßte meine Hand und ſetzte hinzu: „Laſſen Sie mich an David ſchreiben, daß er in Haralds⸗ hof willkommen ſein werde, ſobald er in Stockholm fertig iſt, daß der Lohn für ſeine Anſtrengungen die Frau werden ſoll, welche er liebt. Wenn er in drei Jahren ſeine Studien ge⸗ ſchloſſen hat, verheirathet er ſich, und das Glück von Ihnen Beiden iſt dann begründet.“ In dieſem Augenblick war der Zauber gebrochen und die Verſuchung verſchwunden. Die Stimme der Pflicht rief:„nein, niemals!“ klar und beſtimmt ſtand wiederum vor meiner Seele, wie ich handeln mußte. Ich antwortete auch, nichts könnte mich vermögen, für David etwas mehr zu werden, als ich ihm nun wäre. Der Oberſt bat mich, reiflich mit mir noch einmal zu Rathe zu gehen, ehe ich unwiderruflich das Todesurtheil über Davids Glück ausſpräche. Die Nacht war ſchwer; aber ich verſöhnte mich damit, als ich am folgenden Morgen einen Brief von Frau Waldner empfing, worin ſie mir dafür dankte, daß ich ihren Sohn zu den ver⸗ ſäumten Studien zurückgeführt hätte. Ihre Hoffnungen auf ihn waren groß, und ſie redete davon, wie ſie ſich ſeine Zukunft ächte. Als der Oberſt wiederkehrte, ſagte ich ihm, nichts auf Erden vermöchte meinen Entſchluß zu ändern. Der Kampf, welchen ich auch dießmal mit ihm zu beſtehen hatte, war hartnäckig; aber ſiegend ging. deine Freundin aus dem Streite hervor. Dceerr Sieg iſt ſüß, auch wenn wir ihn mit blutendem Herzen erringen. Bei der Abreiſe des Oberſts war mein Gemüth ruhiger, als es ſeit der Trennung von David geweſen. Ich war verſöhnt mit meinem Schickſal. 4 Eine Woche verfloß, ohne daß ich Jemand von Haraldshof ſah. Dieß war ſo ungewöhnlich, daß ich zu fürchten begann, es ſei irgend etwas Unangenehmes vorgefallen. Um mir hierüber Gewißheit zu verſchaffen, ſchrieb ich an Dagmar, aber ehe der Brief abgeſchickt wurde, war der Oberſt wieder in Falknäs. Er unterrichtete mich davon, daß Dagmar ſich von der nächſten Woche an auf ihre erſte Nachtmahlsfeier vorbereiten würde. „Dagmar hat,“ ließ ſich der Oberſt vernehmen,„eine talentvolle Lehrerin, aber ſie iſt eine Franzöſin und katholiſch, und meine Tochter bedürfte eben jetzt einer mütterlichen Freundin, welche deren Religionslehrer unterſtützen könnte. Ich weiß, daß Sie Ihren Oheim nicht verlaſſen und nach Haraldshof zurück⸗ kehren wollen; aber Sie werden ſicherlich Dagmar die Gefällig⸗ keit erweiſen, dieſelbe an den Tagen, da ſie zum Probſt fährt, dahin zu begleiten und für den Reſt des Tags bei ſich zu be⸗ halten.“ Mit Freude nahm ich dieſen Vorſchlag an. Es war ein ſchönes Werk, zugleich mit Dagmars Seelſorger mich ihrer religiöſen Erziehung zu widmen. Je verantwortlicher meine übernommene Verpflichtung war, deſto größere Aufmerkſamkeit auf mich ſelbſt erheiſchte ſie. Ich wollte während des Vollzugs derſelben nach Vervollkommnung von mir ſelbſt ſtreben. Dagmars Vorbereitung dauerte vom Anfang Aprils bis zum Juni. Auf Pfingſten ging ſie zu ihrem erſten heiligen Abend⸗ mahl. Ich brachte das Feſt bei ihr in Haraldshof zu. Am vierten Tage kehrte ich nach Falknäs zurück.— Am Morgen darauf empfing ich von dem Oberſt einen Brief, welcher folgendermaßen lautete: 3 Beſte Mamſell Ring! (Die Anrede gab keinen Grund zu der Vermuthung, daß der Inhalt ſo bedeutungsvoll ſein würde.) „Dagmar hat nun das Kindesalter verlaſſen und befindet 7 4 ſich in der Periode des Lebens, wo der Verluſt einer Mutter tiefer als je gefühlt wird. Wollen Sie ihr dieſen Verluſt ere ſetzen? Wollen Sie, die Sie dem Glück der Liebe entſagt haben, Ihr Leben den heiligen und theuren Pflichten einer Mutter weihen? Ich frage nicht: wollen Sie Ihre Hand einem Manne ſchenken, welcher Ihnen aufs innigſte ergeben iſt? Ich frage nur: wollen Sie die Gattin von Dagmars Vater werden, um auf ſolche Weiſe ihr eine mütterliche Freundin zu ſichern, welche nicht durch die Ereigniſſe zu einer Zeit, wo ſie deren am meiſten bedarf, von ihrer Seite geriſſen wird? Wenn Sie es wollen, ſo werden Sie niemals bereuen, daß Sie Ihr Schickſal mit dem meinigen vereinigt haben. Eine liebevollere und dankbarere Toch⸗ ter als Dagmar werden Sie niemals finden; ein beſſerer Freund, ein treuerer Gatte als deren Vater dürfte auch ſchwer zu finden ſein. Wagen Sie darum Ihre Zukunft den Händen desjenigen anzuvertrauen, welcher u. ſ. w.“ Vier Tage, nachdem ich dieſen Brief empfangen hatte, langte Hehnnar in Falknäs an. Sie kam, um meine Antwort zu olen. Ich hatte dieſe Zeit angewendet, um mein Inneres zu prü⸗ fen, und ich glaubte recht zu handeln, wenn ich dem Oberſt mein Jawort gäbe. Zwiſchen Davids Hoffnungen und mir wurde dadurch eine unüberſteigliche Scheidewand errichtet, und ich ſelbſt erhielt ein edles Ziel in den neuen Pflichten, welche ich mir auferlegte. Möglich, daß dieſe Beweggründe für Schließung einer Ehe minder ſtichhaltig erſcheinen, aber mir kamen ſie nicht ſo vor. Dagmar brachte ſomit ihrem Vater meine Einwilligung heim, aber damit war noch nicht Alles abgemacht. Die des Oheims zu erhalten, hielt beträchtlich ſchwerer. Derr Oberſt übernahm es, mit ihm zu reden. Nach einer Unterredung zwiſchen Beiden, welche ſehr lang dauerte, verkün⸗ digte der Oberſt, daß meines Vaters Bruder meiner Verheirathung kein Hinderniß in den Weg legte. Morgen werden wir die Ringe wechſeln, und hernach wird die Verlobung bekannt gemacht. Auf Weihnachten iſt die Hoch⸗ zeit beſtimmt. Heute ſchreibe ich an David und unterrichte ihn von dem Schritte, den ich gethan. Es wird mein erſter Brief an den, welchen ich liebe. Es erfordert Muth an ihn zu ſchreiben. Wird er begreifen, welche Beweggründe mich leiteten, oder wird er in dieſer Verbindung Eigennutz und Citelkeit bei einer armen Frau erblicken, welche zu Unabhängigkeit und Anſehen gelangen will? Ich hoffe, das erſtere. Nun lebe wohl, meine theure, geliebte Amalie; denke ohne Mißbilligung an deine Freundin Majken. XX. Der Herbſtkurſus hatte ſchon ſeit Wochen angefangen, und die Vorleſungen waren zu Upſala in vollem Gang. In der Wohnung des Kandidaten der Medicin, David Waldner, waren einige Kameraden verſammelt, aber nicht um unter munterem Geplauder einige Gläſer Punſch zu leeren. Ihre Zuſammenkunft hatte einen ernſtern Zweck. Das Zimmer, worin ſie ſich befanden, war groß und hatte ein Kunihes Ausſehen. Eine offene Thüre führte zu dem Schlaf⸗ gemach. Auf einem runden Tiſche ſtanden Lichter, und rings herum ſaßen ſechs Studenten, junge Männer von drei⸗ bis fünfund⸗ zwanzig Jahren. David, der jüngſte in der Verſammlung, führte das Wort.— „Hörberg, ſchließe die Thüre zu dem innern Zimmer,“ ſagte er. Als dieß geſchehen war, fuhr David fort: „Ihr habt es mir, dem Beſtohlenen, überlaſſen, bei dieſer Berathung das Wort zu führen. Nun wohl, wie ihr Alle wißt, verlor ich vor etlichen Tagen auf eine ſeltſame Weiſe eine Summe von ſiebenhundert Reichsthalern. Die Banknoten waren größten⸗ theils von höherem Betrag, und ich hatte Werth und Da⸗ tum u. ſ. w. mir aufgezeichnet. Der Zufall fügt es, daß eine davon in Blom's Hände fällt. Durch genauere Nachforſchungen 121 erfährt er bald, daß Chriſtoph Alm dieſelbe vorher gehabt hat. Ohne zu ahnen, daß er hier auf den Dieb getroffen, fragt er denſelben in Hörbergs und meiner Gegenwart, wie er zu der Note gekommen. Die ausweichende und unzuſammenhängende Antwort gab ſogleich Anlaß zum Verdacht gegen ihn. Es war uns wohl bekannt, daß Alm in letzter Zeit ein unordentliches Le⸗ ben führte und ein Spieler war. Wir vermutheten deßhalb, er habe ſie im Spiel gewonnen, und wolle darum von deren Er⸗ langung keine nähere Rechenſchaft geben. Erſt ſein eigenes Be⸗ kenntniß verſchaffte uns die traurige Kunde, daß der Verbrecher.... ein Kamerade war. Das Spiel, dieſe Alles verſchlingende Lei⸗ denſchaft hatte auch ihn zu Fall gebracht. Er war eines Abends mit einigen Reiſenden bekannt geworden, aller Wahrſcheinlichkeit nach Spielern von Profeſſion, und nach einigen Gläſern Punſch kam ein Kartenſpiel zu Stande. Uhr und Börſe waren bald dahin, und ehe ſie ſich trennten, hatte er zugleich eine ihm ſel⸗ bigen Tag anvertraute Geldſumme verloren. Der Morgen war nun da. Er ſtürzte fort, um das durchgebrachte Geld anzu⸗ ſchaffen. Wie er wußte, hatte ich von Hauſe eine größere Summe erhalten. Ich hatte ihm früher mit kleinern Vorſchüſſen ausge⸗ holfen, warum jetzt nicht mit einem größern? Er war ſchnell in meiner Behauſung; die Thüre war wie gewöhnlich unverſchloſſen, und er trat ein. Die Verzweiflung des armen Burſchen, als er mich nicht zu Hauſe fand und dadurch ſeine einzige Hoffnung vereitelt ſah, läßt ſich leicht denken. Aber es geht über mein Vermögen, die Qual und den Kampf zu ſchildern, welche er durchgemacht haben muß, ehe die Verſuchung die Oberhand über das Gewiſſen gewann, und das Geld aus meinem Taſchenbuch, welches auf dem Tiſche lag, entwendet wurde. Es war ſeine Ab⸗ ſicht, mir den Betrag in Kurzem wieder zuzuſtellen.“ David machte eine Pauſe und begann dann von Neuem: „Wegen dieſes Vergehens gerichtliche Klage zu erheben, wie Blom in der erſten Hitze wollte, hieße nicht allein die ganze Zu⸗ kunft eines Jünglings vernichten, ſondern zugleich einen unver⸗ ſchuldeten Schatten auf die Studentenſchaft im Allgemeinen wer⸗ 122 fen; deßhalb kamen wir überein, zugleich mit euch, ſeinen älteſten Kameraden, in der Stille Gericht über ihn zu halten.“ 4 „Ich meines Theils muß immer mißbilligen, daß Alm ſo ungeſtraft dem Geſetz entgehen ſoll,“ rief Blom.„Das Anſehen des Studentenkorps erfordert nach meiner Auffaſſung, daß wir einen Dieb dem ordentlichen Gerichte überlaſſen, um damit unſere Achtung vor der Gerechtigkeit auszudrücken.“ „Und damit der Univerſität in den Augen des Publikums einen Flecken anzuhängen,“ fiel David ein.„Glaubſt Du, daß die aufgeklärte Menge es unterlaſſen wird, über das glänzende Exempel zu ſchreien, das man nunmehr von der Sittenverderb⸗ niß in Upſala’ habe? Nein, ſo lang ich hier noch ein Wort mit⸗ reden darf, ſoll das nicht geſchehen.“ Die Diskuſſion wurde nun allgemein und lebhaft. Es wurde dafür und dagegen geſprochen; aber endlich ſchienen die meiſten David beizuſtimmen, daß man der Sache keine Oeffent⸗ lichkeit geben dürfe. Aber Alm ſollte nichts deſto weniger ſeiner wohlverdienten Strafe unterworfen werden. Er hatte ſelbſt ver⸗ ſprochen, das geſtohlene Geld wieder zu bezahlen, und eine Nach⸗ ſicht hiebei konnte natürlich nicht in Frage kommen. Indeſſen wollte es den Richtern nicht gelingen, etwas über die verſchiedenen Strafvorſchläge, welche im Lauf der Verhandlung geſtellt wurden, feſtzuſetzen. 3 Darüber war man ſo gut wie einſtimmig, daß Alm ſogleich die Univerſität verlaſſen ſollte. Die Berathung ſchien geſchloſſen, und die jungen Leute machten ſich zum Aufbruch fertig. Waldner bat ſie, noch zu verziehen. Er hatte lange Zeit ihren Reden zugehört, ohne ſich ſelbſt zu äußern. David erin⸗ nerte ſie nun daran, daß ſie geſagt hätten, ſie werden keinen Beſchluß faſſen, ehe er ſeine Meinung ausgeſprochen haben würde. „Nun ja,“ fiel Blom ein,„es kann doch zum Teufel nicht deine Meinung ſein, daß wir den Gauner fortwährend herum⸗ laufen und für unſern Kameraden gelten laſſen ſollen?“ „Darüber möchte ich mich eben ausſprechen„“ entgegnete Da vid. Beredt und ruhig ſchilderte er ſofort, wie Alm auf Abwege 123 gerathen; wie er dadurch, daß er aus dem Kreiſe der Kameraden— verſtoßen würde, alle Neigung zu einem fleckenloſen Wandel zu⸗ rückzukehren, ſofort verlieren und ſich ſo gut wie gezwungen ſehen dürfte, auf der Bahn, welche er unter dem Einfluß einer unglück⸗ lichen Spielleidenſchaft betreten, fortzuſchreiten, um früher oder ſpäter in irgend einem Kerker zu endigen. David ging hierauf zu der Wahrſcheinlichkeit über, daß Alm wieder ein braver Burſche würde, welcher vollkommen gut zu machen ſtrebte, was er verbrochen hätte, wenn ſie nach dem Grundſatze chriſtlicher Milde handelten und Gnade für Recht er⸗ gehen ließen. Dazu komme noch, daß er immerdar unter der Aufſicht der Kameraden ſtehe, was ſeine Bemühungen, zu einem geordneten Leben zurückzukehren und den Frevel zu ſühnen, we⸗ ſentlich erleichtern würde. Es war Davids gutes Herz, welches redete, und ſeine Worte ſielen auf einen guten Boden. Nicht Einer unter den Anweſenden wollte Alm's verlorene Zukunft auf ſeinem Gewiſſen haben; nein, er ſollte in ihrer Mitte bleiben, aber unter der be⸗ ſondern Aufſicht von Waldner und den übrigen. Wenn Alm's Aufführung den Beweis lieferte, daß es ihm mit ſeinem Ent⸗ ſchluß, das Verbrechen zu ſühnen, Ernſt wäre, ſollte Alles ver⸗ geſſen werden; aber bei dem erſten Verſehen, oder dem Verſäum⸗ niß der Arbeit als des Mittels, ſich wieder Achtung zu gewinnen, ſollte er aus deren Kreiſe ausgeſchloſſen werden. Um eine weitere Handhabe in Bezug auf ſeine Perſon zu haben, trug Blom noch darauf an, von Alm an David eine Verſchreibung ausſtellen zu laſſen, und ſchlug folgende Faſſung vor, welche er alsbald zu Papier brachte. „Ich, Chriſtoph Alm bekenne hiemit, daß ich von dem Kan⸗ didaten der Medicin, Herrn David Waldner, eine Summe von ſiebenhundert Reichsthalern Reichsgeld unerlaubter Weiſe mir an⸗ geeignet habe, und verpflichte mich hiemit, dieſelbe ihm innerhalb —— Tagen(Monaten) von heute an zu bezahlen; außerdem erkenne ich Herrn Waldner das Recht zu, meinen vorerwähnten Diebſtahl nach dem Buchſtaben des Geſetzes zu beſtrafen, wenn 124 er bis dahin durch meine künftige Aufführung ſich hiezu veran⸗ laßt finden ſollte. Upſala u. ſ. w.“ David drückte ſeine Mißbilligung darüber aus, daß Alm auf dieſe Weiſe ſeine Ehre verſchreiben ſollte; aber da er fand, daß die übrigen für den Vorſchlag waren, ſo glaubte er ſich fügen zu müſſen. Der junge Verbrecher wurde aus dem innern Zimmer her⸗ ausgerufen. Blom wandte ſich mit. folgenden Worten an ihn: „David Waldner iſt ſo edelmüthig geweſen, daß er deinen Diebſtahl nicht vor Gericht gebracht wiſſen will; und im Ver⸗ trauen, daß deine künftige Aufführung uns keinen Grund geben werde, unſere Schonung zu bereuen, ſind wir übrigen darauf ein⸗ gegangen. Aber damit Du dich nicht der Einbildung hingeben mögeſt, daß wir mit dieſem Tage dein Benehmen vergeſſen ha⸗ ben, iſt von uns beſchloſſen, Dir eine Verpflichtung folgenden Inhalts abzufordern. Blom las ſofort ſeinen genehmigten Vorſchlag ab. Als dieß geſchehen war, ſetzte er hinzu: „Dort auf dem Tiſche haſt Du Papier, Feder und Tinte; ſchreibe!“ Alm ging ſchweigend und dem Ausſehen nach wie vernichte an den Tiſch. Als das Schreiben fertig war, übergab er e⸗ Blom, welcher es ſodann an David mit den Worten abgab: „Wenn Alm die ſiebenhundert Reichsthaler bezahlt hat, ſo wirſt Du ihm dieſe Verſchreibung in unſerer Gegenwart zurück⸗ geben; aber macht er ſich inzwiſchen irgend einer Handlung ſchul⸗ dig, welche dem Gebot der Pflicht widerſtreitet, ſo fordern wir dieſes Papier von Dir, um davon jeden Gebrauch zu machen, welchen wir für gut finden.“ Die fünf Jünglinge verabſchiedeten ſich hierauf von Waldner und gingen ihres Wegs, um ſich am Abend noch ein wenig zu beluſtigen und ihrer richterlichen Function zu vergeſſen. 4 5 * XXI. Alm und David waren allein. Der erſtere, welcher bis jetzt kein Wort gehabt hatte, um ſeine Dankbarkeit auszudrücken, ſo lang die Kameraden noch ge⸗ genwärtig waren, ſtürzte nun auf David zu, faßte ſeine Hand und ſtammelte mit gerührter Stimme: „Waldner, wodurch kann ich Dir meine Erkenntlichkeit be⸗ weiſen? Wie kann ich mich deines Wohlwollens würdig machen?“ Thränen der Reue und Demüthigung ſtürzten dem Jüngling über die Wangen. „Werde ein braver Burſche, und Du haſt alles gethan, was wir von Dir begehren,“ antwortete David.„Schon dieſen Abend ziehſt Du inzwiſchen zu mir; auf dieſe Weiſe wird es Dir leichter, zur Arbeit zurückzukehren.“ In demſelben Augenblick klopfte es an die Thüre. „Herein!“ rief David. Ein Mann nittleren Alters in anſtändiger Kleidung trat ein. „Wohnt der Kandidat Waldner hier?“ fragte er, gewahrte ber in demſelben Augenblick Alm und rief: „Chriſtoph!“ 3 „Mein Vater!“ murmelte der Jüngling und ließ den Kopf f die Bruſt ſinken. Dapvid ſtarrte den Mann an. Er hatte niemals früher von reden gehört, daß Alm noch einen Vater hatte. Der, welcher ſo benannt worden war, trat auf Chriſtoph mit den Worten zu: „Hier bin ich nun, um Dir zu helfen. Ich bekam erſt geſtern Abend deinen Brief und reiste ſogleich ab.“ Chriſtoph verbarg das Angeſicht in den Händen und David entfernte ſich unbemerkt. Lars Sjögviſt, Chriſtophs Vater, war Wittwer, fünfzig Jahre alt und ein Mann, welcher in ſeinen jüngern Jahren ſich nicht durch beſondere Gewiſſenhaftigkeit ausgezeichnet hatte. Er „gte jedoch, ſeitdem er Vater geworden, ein edles Beſtreben an den Tag, aus ſeinem Sohn einen ehrlichen Mann zu machen, im Gegenſatz zu dem, was er ſelbſt geweſen. Dem Jungen zulieb oferte er ſeine böſen Gewohnheiten auf und ſuchte ſich eine ge⸗ achtete Stellung in der Geſellſchaft zu erwerben; aber aus Furcht, die Vergangenheit möchte ihren Spuk noch üben, hatte er bei Chriſtophs Eintritt in die Schule ihm den Namen Alm ge⸗ eben. 3 Sjöqviſt hatte ſeine Laufbahn als Dienſtburſche angetreten. Schlau, anſtellig, geſchmeidig war er ſtufenweiſe vom Knecht zum Kammerdiener aufgeſtiegen und hatte als ſolcher ſich mit einer Haushälterin verheirathet. Als Chriſtoph noch ein Kind war, verließ der Vater ſeinen Dienſt mit ſo großen Erſparniſſen, daß er ſich als Kaufmann in der Hauptſtadt niederlaſſen konnte. So lang ſeine Frau lebte, ging alles gut und recht; aber nach deren Hin⸗ gang erfolgten für ihn mehrere bedeutende Verluſte. Der Handel war nicht mehr, was er geweſen und ein Mißgeſchick folgte auf das andere. Der Sohn wurde älter, ſeine Erziehung koſtete immer mehr, und die Noth nahm zu. Deſſen ungeachtet wollte der Vater dem Jüngling nichts abgehen laſſen, und die Folge war, daß Sjögviſt einige Monate, bevor Chriſtophs Name zuerſt in dieſer Erzählung erwähnt wird, zur Befriedigung ſeiner Gläubiger ſeines Beſitzthums ſich entäußern mußte. Um das Maß des Mißgeſchicks voll zu machen, empfing er nun aus dem Munde ſeines eigenen Sohnes das Bekenntniß des Diebſtahls, den er begangen hatte. Das war eine vernichtende Mittheilung. Doch die Liebe iſt langmüthig und verſöhnlich, auch in der Bruſt eines noch ſo unmoraliſchen Menſchen. Sjöqviſt verzieh dem Verirrten und erklärte, er werde keine Ruhe ſinden, bis die übernommene Verpflichtung eingelöst wäre. Koſte es was es wollte, dieſes Geld mußte angeſchafft werden, und der Vater ſagte ſich zu, daß er es zu Stande bringen könnte. Nach Verfluß von ein paar Stunden kam David zurück, völlig überzeugt, daß der Mann, welchen Chriſtoph Vater nanm fort ſein würde; aber er fand ihn noch in ſeiner Wohnung; Sjöqviſt hatte auf David gewartet, um ihm zu danken und ihn zugleich zu bitten, von ſeiner verwandtſchaftlichen Beziehung zu — S—,—,—,— 2 —— 127 Chriſtoph nichts zu erwähnen. Dabei gab er David die heiligſten Verſicherungen, daß er niemals vergeſſen würde, was Chriſtoph ſeinem edelmüthigen Kameraden ſchuldig wäre. XXII. Die Vorleſungen waren zu Ende. David verließ Upſala einige Tage vor Weihnachten, um ſich nach Hauſe zu begeben, und hatte Chriſtoph eingeladen, ihn zu begleiten. Der Jüngling nahm das Anerbieten dankbar an. 3 David wollte ein paar Tage in Stockholm bleiben, um Georg zu erwarten, welcher jetzt an der Bergbauſchule in Fahlun war und gleichfalls die Weihnachten daheim zubringen wollte. Am zweiten Abend nach ſeiner Ankunft in Stockholm wohnte David einer Vorſtellung im königlichen Theater bei. Als er von dort ſich wieder entfernte, nahm er den Weg über die Friedens⸗ ſtraße, um nach der Wohnung der Oberlandrichterin Björnſtam zu gelangen, wo er während ſeines Aufenthalts in der Haupt⸗ ſtadt ſein Abſteigequartier hatte. In Gedanken verſunken, mar⸗ ſchirte er dahin und ſtieß ſo an eine Perſon an, welche vor ihm ſtand und eben mit Jemand redete. Der Geſtoßene gab ſein Mißfallen durch einen Fluch zu erkennen. Der Lichtſchein fiel auf es Arrvid Broolinds Angeſicht. de„Wie, Du in der Stadt?“ ſtieß David hervor und warf ſch dabei einen Blick auf denjenigen, mit welchem Broolind im Ge⸗ iſt ſpräch begriffen. Es war ein Mann in einem Pelz. n,„Vor einigen Stunden bin ich angekommen,“ antwortete as Broolind und machte dabei eine unmerkliche Bewegung mit dem ter Kopf gegen den Mann in dem Pelze, welcher alsbald den Rück⸗ zug antrat. Davids ſcharfe Augen hatten jedoch denſelben er⸗ ick, kannt. Es war Chriſtophs Vater. 1 *. Sder iſt der Mann, mit dem Du geſprochen haſt?“ fragte 6. avid. 9„Ein Landwirth aus der Gegend, wo ich wohne,“ antwor⸗ zu tete Arvid und nahm Davids Arm, indem er hinzuſetzte:„wir 128 da wir beide bei Tante Björnſtam . machen wohl denſelben Weg, wohnen.“ David und Arvid wanderten auf der Straße weiter. „Biſt Du völlig gewiß, daß der Mann in dem Pelze aus derſelben Gegend iſt wie Du?“ fragte David. 4„Welche Frage! Ich lenne ihn ſehr wohl.“ „Ich auch,“ verſetzte David.„Er heißt Sjöqviſt und iſt ein vormaliger Kaufmann hier in der Stadt.“ „Ein Irrthum, ſein Name iſt Körnberg. Du haſt dich durch eine zufällige Aehnlichkeit täuſchen laſſen.“. Broolind begann darauf von des Oheims bevorſtehender Verheirathung auf eine für den Oberſt nicht ſehr ſchmeichelhafte Weiſe zu reden. 3 Auf der Hausflur der Oberlandrich Magd entgegen und meldete dem Lieuten wünſche ihn zu ſprechen. Arvid reichte Abſchied; aber unſer Kandidat meinte, wäre, ſo wolle er ihr gute Nacht ſagen. Im Saale trat die Oberlandrichterin auf Arvid zu und rief, ohne auf David Acht zu geben: „Was hatte er Dir mitzutheile terin kam ihnen eine ant, die gnädige Frau David die Hand zum da die Tante noch auf n2* Broolind gab ihr ein Zeichen; ſie gewahrte nun David. „Oh, ich habe Dich nicht geſehen, lieber David; Arvid hat ein Geſchäft für mich übernommen, und ich war neugierig, zu erfahren, ob er es ausgerichtet.“ „Es geht gut,“ erwiederte Arvid,„der⸗ Mann kauft das Getreide.“⸗ 3— Rach einer Weile begab ſich David auf ſein Zimmer. Broo⸗ linds Benehmen fiel ihm ſehr auf. Was war es wohl, das David eine ſolche Vorſtellung beibrachte? Vielleicht das von Ju⸗ Arvid, das ſich geltend machte, Arvid eine Kommiſſion zum der Oberlandrichterin hatte. deer Familie ſtände, und da erzählte Chriſto 129 dennoch zerbrach er ſich den Kopf damit, herauszugrübeln, was Arvid eigentlich in Stockholm zu thun hätte.. Schon frühe am folgenden Morgen begab er ſich zu Chri⸗ ſtoph. Er hatte ſeit ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt Sjögviſt noch nicht geſehen, und auch jetzt war er fort. Chriſtoph meinte, derſelbe ſei ausgegangen, um mit einer den Björnſtams ver⸗ wandten Perſon zuſammenzutreffen; aber dieß ſollte ein Geheim⸗ niß bleiben. David fragte, in welchem Verhältniß Sjöqviſt zu ph, ſein Vater ſei Kammerdiener bei Wilhelm Björnſtam geweſen. Erſt nach deſſen Tod wurde er Kaufmann. David bekam durch dieſe Aufklärun⸗ gen neue Nahrung für ſeinen Argwohn, daß Broolind irgend eine Intrigue angezettelt habe. Chriſtoph ſprach überdieß die Verm Vater die Hoffnung hege, die Oberlandrichterin Björnſtam werde ihn mit Geld unterſtützen; darum habe er einen Verwandten — derſelhen angegangen, bei der alten Dame für ihn das Wort zu führen. 5 Das war ja auch ein ſehr gewöhnliches Ereigniß. David kehrte nach Hauſe zurück, um der gnädigen Frau Tante aufzuwarten, welche ihn ſehr freundlich empfing. Sie erzählte, Broolind habe bereits nach nur eintägigem Aufenthalt Stockholm verlaſſen. Während des Geſprächs fragte David, ob die Tante einen Mann Namens Lars Sjöqviſt kenne? Ddie Oberlandrichterin runzelte die Stirne und antwortete in etwas rauhem Tone:.. „Mein verſtorbener Sohn hatte einen Diener dieſes Namens, o viel ich mich erinnere.— Warum machſt Du dieſe Frage?“ „Darum, weil ich den Mann auch kenne,“ ſagte David. „Sind Sie, Tante, letzterer Zeit mit dieſem Manne in Berührung gekommen?“. „ Nein!“ entgegnete die Oberlandrichterin, indem ſie auf ihre Uhr ſah.„Es iſt Zeit ſich zum Mittagsmahl anzukleiden,“ ſetzte ſie hinzu;„ich werde bei H. diniren. Du kannſt Georg empfangen, wenn er kommt; ich bleibe bis ſpät zum Abend fort. Du feiſeſt ja morgen bei Zeiten ab? Ich fahre erſt in zwei oder Schwartz, David Waldner. I. 3 uthung aus, daß ſein 9 3. drei Tagen nach Haraldshof. Es iſt zum erſten Mal, daß ich dieſen Ort beſuche, ſeitdem mein geliebter Wilhelm ſtarb, und ich ſoll nun auf eine Hochzeit dorthin.“ Die Augen der alten Dame blitzten.—„Meine Miſſion iſt jedoch nicht, an dem Freudenfeſte Theil zu nehmen, ſondern ganz anderer Natur. Adieu, mein beſter David; glückliche Reiſe, und grüße deine Mutter.“ Die Oberlandrichterin entfernte ſich. David wiederholte: dere.“ „Sondern eine ganz an Auf der Hausflur begegnete er Georg. angekommen, als man erwartet hatte. Abend in das Theater. Als 3 Die beiden Brüder gingen am ſie heimkehrten, übergab der Portier David einen Brief mit den Worten: „Ein Fremder i*ſt hier geweſe daten geſucht. Er gab mir dieſes, zu Hauſe wären.“ David erbrach den Umſchlag und fand darin zwei Briefe; der eine war von Chriſtoph und lautete folgendermaßen: elche Du heute Vormittag an mich „Nach den Fragen, wel ich, daß Du meinen Vater zu ſprechen wünſch⸗ ß er verreist iſt, ſtellteſt, vermuthe ich, teſt, und ich will Dich deßhalb unterrichten, da ſetzen, wohin. Einen auf ffenen Brief ſende ich Dir, im ohne mich davon in Kenntniß zu ſeinem Tiſche liegen gebliebenen o Fall deſſen Inhalt Dir einige Aufflärung über meines Vaters Geſchäfte mit der Björnſtam’ſchen Familie geben könnte. Dein dankbarer Chriſtoph.“ Der beigeſchloſſene Brief war von Broolind geſchrieben, er⸗ mangelte aber ſowohl der Ueber⸗ als Unterſchrift. „Wenn Sie,“ hieß es darin,„beweiſen können, daß ſich ein geſetzlicher Erbe in abſteigender Linie zu dem Gut findet, welches der überlebende Bruder nunmehr in Beſitz hat, ſo verpflichtet ſich die Oberlandrichterin, Ihnen die ganze Summe, welche ie Sie bringt dieſes große Geld⸗ Derſelbe war zeitiger n und hat den Herrn Kandi⸗ als er hörte, daß Sie nicht von ihr begehren, auszubezahlen. opfer, um dem Kinde des Abgeſchiedenen ſein Eigenthum zurück⸗ 1 131 zugeben und denjenigen zu ſtrafen, welcher auf ungeſetzliche Weiſe ſich in den Beſitz davon geſetzt hat. Treffen Sie nach der Ab⸗ rede mit mir zuſammen, dann wollen wir weiter darüber reden, und ſeien Sie bereit, mich zu begleiten.“ Dasvid begriff ſogleich, daß es ſich hier um den Oberſt Björnſtam handelte. Dieß war ſomit die Miſſion der Oberlandrichterin. Was konnte David hiebei machen? Durchaus nichts. Die Ereigniſſe mochten ihren Gang nehmen, und der, welcher unredlich handelte, mußte ſeine Gefahr beſtehen. Was hatte auch David mit dem Oberſt zu ſchaffen? David konnte und durfte ſich nicht in die Sache miſchen. Welcher Schmerz konnte wohl Björnſtam treffen, der dem⸗ jenigen ſich vergleichen ließe, welchen David empfunden hatte, als er die Nachricht von Majkens Verlobung erhielt? Bei der Er⸗ innerung daran meinte David, er müßte mehr als Menſch ſein, wenn er derjenige wäre, welcher den Oberſt warnte. David nahm aus ſeinem Taſchenbuch einen Brief, ſchlug* ihn auseinander und las ihn. Sein Angeſicht nahm jetzt einen milden Ausdruck an. Als er mit dem Leſen fertig war, legte er den Brief wieder mit einer Chrerbietung zuſammen, als ob es ein heiliges Schreiben geweſen wäre, und murmelte:„Majken, ich kann Dich niemals verkennen, niemals vergeſſen, wie Du liebteſt, niemals mich deiner Achtung und Liebe unwürdig machen. Nein, fort mit allen ſelbſtſüchtigen und gemeinen Empfindungen! Möge ich mich hinfort nur erinnern, daß ſeine Ehre die deinige iſt, daß jeder Flecken an ſeinem Namen auf Dich zurückfällt, und ich will darüber wachen, daß deines Mannes Anſehen un⸗ angetaſtet bleibe. Der Weg, welchen ich gehen muß, liegt offen vor mir. Oberſt Björnſtam iſt in einigen Tagen Majkens Gatte; er iſt überdieß derjenige, welcher meiner Mutter dazu beiſtand, ihr Vermögen zu retten: er iſt unſer Wohlthäter. Ich habe ſo⸗ ni Pflichten gegen ihn, auch wenn er ſich gegen mich verfehlt ätte.“ Am folgenden Tag reisten die drei jungen Männer von Stockholm nach erköping. 4 XXIII. Zu Aengſtberga herrſchten Leben und Bewegung. Frau Waldner hatte wieder von ihrer ſchönen Wohnung daſelbſt Beſitz genommen. Vier Jahre war ſie davon entfernt geweſen; vier Jahre war das Gut verpachtet geweſen; und während dieſer Zeit hatte ſie ſich alle möglichen Entſagungen auferlegt, um eines Tags das Ziel ihres Strebens zu erreichen, ihres Mannes Schul⸗ den bezahlt zu ſehen. Als ſie nach reköping zog, hatte ſie nicht gehofft, ſo bald wieder das Gut ihr eigen nennen zu dürfen. Daß es ſo geſchah, hatte ſie einzig den klugen Anordnungen des Oberſts zu verdanken. Im Herbſte nach Davids Abreiſe von Haraldshof waren die Schulden des verſtorbenen Waldner bezahlt, die Pfandverſchrei⸗ böungen eingelöst, und ſeine Wittwe hatte die hohe Genugthuung, in ihre geliebte Heimat zurückkehren und dort, umgeben von ihren Söhnen, welche zu kommen und an ihrer Freude Theil zu nehmen verſprochen hatten, die bevorſtehenden Weihnachten zu feiern. Den älteren, David hatte ſie das ganze Jahr gar nicht, und Georg nur ganz flüchtig geſehen. Man befand ſich in der Weihnachtwoche, und es waren nur noch ein paar Tage zu dem heiligen Abend. Frau Waldner ging ab und zu; bald war ſie in der Küche, bald in der Wohnſtube, bald im Salon. Die Dämmerung brach ein, die Lichter wurden angezündet, und ſie machte nur noch einen Gang nach den Zimmern der jungen Leute, um zu ſehen, ob es dort auch warm wäre, ob das friſche Bettzeug auch trocken wäre u. a. m., wovon ſie ſich ſchon zwanzig Mal überzeugt hatte. Ein Feuer wurde im Salon angezündet und der Kaffeetiſch ge⸗ deckt. Bei allen dieſen Anordnungen lächelte die glückliche Mutter vor Vergnügen. In den vorangehenden Tagen war Schnee gefallen, ſo daß es eine gute Bahn gab, und die jungen Leute auf die beſtimmte Zeit eintreffen mußten. ich⸗ B Die Schellen klingelten auf dem Hofe; die Uhr in der Wohn⸗ ſtube ſchlug fünf. Frau Waldner eilte au öhne zu empfangen. „Guten Abend, geliebte Tante,“ ertönte es aus dem Munde einer in Pelz gehüllten Dame, welche ſich ihr in die Arme warf. „Wir kommen einen Tag früher als beſtimmt war,“ ſetzte ſie hinzu;„aber ich hoffe, Tante, Du wirſt deßhalb nicht unzufrieden ſein.“ Frau Waldners Angeſicht drückte einen hohen Grad verei⸗ telter Erwartung aus, als ſie anſtatt der„jungen Leute“ Ma⸗ thilde Broolind mit Mann, zwei Kindern und Magd vor ſich ſah. Sie waren allerdings zur Weihnachtsfeier eingeladen worden, aber Frau Waldner erwar Tage vor dem heiligen Abend, und ſie hatte ſich einige Stunden mit ihren Söhnen allein Mathilde herzlich gern, denn dieſe war von ihr erzogen worden, aber natürlich ſtand die Schweſtertochter ihr ni⸗ ie i eigenen Kinder. Sally W fühlende Frau, um Mathilde merken zu laſſen, was in ihrem Innern vorging; ſie hieß alſo ihre Gäſte auf das freundlichſte willkommen. Als die Reiſenden ſich aus ihren Pelzen herausgewickelt m gemüthlichen Salon um den Kaffeetiſch. hatten, verſammelten ſich alle in de Mit einem erſtickten Seufzer ſervirte Frau Waldner ihren Verwandten den Kaffee, welcher für ihre Söhne beſtimmt ge⸗ weſen war. Mathilde und Broolind hatten viel von aber als ſie damit in vollem Zuge ware brochen. Die Schellen klingelten von Neuem auf dem Hofe, und die ſehnſüchtige Mutter eilte hinaus. Dießmal wurde ihre Er⸗ wartung nicht getäuſcht. Der warme Kaffee blieb uneingeſchenkt, und Frau Waldner trat wieder ein, gefolgt von ihren ſtattlichen Söhnen und neben ihnen Chriſtoph Alm. Das Angeſicht der glücklichen Mutter vekbping zu erzählen, n, wurden ſie unter⸗ * f die Hausflur, um deſto bälder ihre ſtrahlte vor Freude. Georg ſah blühend friſch aus und war ſich ziemlich gleich geblieben. David dagegen hatt iich bedeutend verändert. Er war bleich und hatte einen ſo ernſen Geſichts⸗ ausdruck bekommen, daß jede Spur von Weichlichkeit daraus ver⸗ ſchwunden. Dieſes einzige Jahr hatte ihn um deren zehn älter gemacht. Er war mit einem Mal zum Mann gereift, während er zuvor ein ſchwärmeriſcher Jüngling geweſen. Artig aber kalt war ſein Gruß gegenüber von Mathilde und Broolind. Sein Benehmen gegen die Mutter war herzlich und liebevoll, und mit einem freundlichen Lächeln gehorchte er deren Aufforderung, am Kaffeetiſche Platz zu nehmen. Georg verſicherte, daß er ſich recht gütlich zu thun gedenke. Frau Waldner, welche ſich erinnerte, wie die beiden Brüder ſonſt darüber zu ſcherzen pflegten, welcher von ihnen am meiſten äße, warf einen bekümmerten Blick auf den älteren, welcher kaum von dem leckern Kaffeebrode koſtete. „Du biſt doch wohl nicht krank, mein lieber David?“ forſchte ſie. „Nicht im Mindeſten,“ verſicherte David.„Ich befinde mich vollkommen wohl und bin, ſoweit ich mich erinnern kann, nicht krank geweſen, ſeitdem ich Student wurde. Das heißt ſeit fünf Jahren.“ „Aber, mein Kind, Du biſt bleich und mager geworden.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo kommt es von der Arbeit her und darf Dich nicht beunruhigen, Mama; es beweist ja, daß dein läſſiger David fleißig geworden iſt. Mathilde wird nicht länger Grund haben, mir„meine entſetzliche Faulheit“ vorzuwerfen, wie ſie ſonſt zu thun pflegte.— Du erinnerſt dich wohl, daß ich gar viele Verweiſe von Dir zu hören bekam, als wir noch Bräutigam und Braut ſpielten?“ ſetzte er hinzu. „Du biſt auch in deinen Jünglingsjahren recht faul ge⸗ weſen,“ antwortete Mathilde. 3 Nach einer Weile äußerte David: „Wenn ich mich recht erinnere, ſo ſchrieb mir Mama, Du ſeieſt, Mathilde, kurz vor meiner Abreiſe von Haraldshof ver⸗ gangenes Jahr in erköping geweſen. Du haſt ja gleichzeitig einen Beſuch in Haraldshof gemacht?“ „Ja, ich erinnere mich, daß ich es that,“ ſagte Mathilde etwas verlegen über die Frage.„Wie ſteht es mit dem alten Ring?“ äußerte ſie gleich darauf gegen Frau Waldner gewendet. „Er iſt vollkommen wiederhergeſtellt.“ „Das iſt recht erfreulich,“ fiel Broolind ein.„Der Vorfall bei der Fahrt über den Hügel lautet ſonſt etwas myſtiſch; es ſcheint, als ob Jemand ihm nach dem Leben getrachtet hätte.“ „Und wer ſollte das ſein?“ fragte David. „Der, welcher Grund haben mochte, Rings Kenntniß von dieſem oder jenem zu ſürchten.“ „Das heißt bei dem einfachſten Ereigniß geheime Beweg⸗ gründe ſuchen,“ meinte David.„Der alte Ring hat eine Vor⸗ liebe für feurige Pferde. Er fährt mit einem Fohlen aus, das kaum noch ein Gebiß im Maule getragen hat; ein paar Wanderer begegnen ihm, die eben einen großen Lärm machen, das Pferd wird ſcheu, macht einen Seitenſprung, wodurch der Wagen an einen Stein anſtoßt und umgeworfen wird. Der Fußſack iſt zugeknöpft, und Ring wird ein Stück weit fortgeſchleppt. Der Zufall fügt es dabei ſo glücklich, daß Oberſt Björnſtam daher gefahren kommt. Er hält das Pferd an, führt Ring nach Hauſe und holt dann ſelbſt den Arzt. Das ſind lauter Dinge, von welchen Du keine Kunde zu haben ſcheinſt.“ „Höchſt ſeltſam, höchſt ſeltſam,“ murmelte Broolind. Davids Wangen färbten ſich bei dieſen Worten mit einer lebhaften Nöthe. r trank ſeinen Kaffee aus und ſtand mit einer ungeduldigen Bewegung auf. „Findeſt Du auch, Mama, etwas Beſonderes in dem Er⸗ eigniß?“ fragte er. „ Nein, mein Junge, gewiß nicht, und es iſt ſehr zu be⸗ dauern, daß man ſogleich mit Geſchichten fertig iſt, welche doch ſammt und ſonders ſeltſam, zum Mindeſten geſagt, unwahrſchein⸗ lich ſind.“ „So, ſol Man iſt wohl wiederum niederträchtig genug ge⸗ weſen, den Namen von Oberſt Björnſtam in die unglückliche Be⸗ ——— * 136 gebenheit einzumiſchen. Es würde mich ſehr intereſſiren, den Ur⸗ heber von allen dieſen Gerüchten zu erfahren.“— Davids Augen hefteten ſich auf Broolind.—„Erhalte ich Kunde von dem Ver⸗ leumder, ſo will ich ihm die Hölle ſchon heiß machen.“ „Ich glaube, ihr habt euch vorgeſetzt, recht langweilig zu werden,“ rief Georg.„Was lohnt es ſich der Mühe, bei der Verleumdung zu weilen? Onkel Björnſtam iſt über dergleichen er⸗ haben, das weiß Jedermann, der ihn kennt. Nun ſind wir da⸗ heim, um Weihnachten zu feiern und vergnügt zu ſein, aber nicht, um von unangenehmen Dingen zu reden.“ „Georg hat Recht,“ verſicherte Mathilde,„beſonders da wir am dritten Weihnachtfeiertag auf eine Hochzeit ſollen.“ Dabei warf ſie im Vorbeigehen einen raſchen Blick auf Da⸗ vid, konnte aber nicht ſehen, welche Wirkung ihre Worte hervor⸗ brachten. Er hatte ſein Angeſicht von ihr abgewendet. „Mamſell Ring macht eine glänzende Partie,“ ließ ſich Ar⸗ vid vernehmen,„und es war eine große Ueberraſchung für uns Alle, als wir hörten, daß der Oberſt von Neuem in den Cheſtand treten wollte.“ „Die Gouvernante hat ihre Karten gut geſpielt, daß ſie Gebieterin auf Haraldshof wird,“ fiel Mathilde ein.„Das be⸗ weist ſehr viel Schlauheit und Berechnung. Sie ſoll von ihrer früheſten Jugend den Wunſch gehabt haben, reich zu werden.“ David trat an ein Fenſter. „Liebe Mathilde, ich kenne Dich nicht mehr,“ platzte Georg heraus;„Du haſt einen häßlichen Fehler angenommeu, nämlich andere zu verleumden. Würdeſt Du Majken Ring kennen, ſo dürfteſt Du ſicherlich dein Urtheil bereuen. Sie heirathet nicht aus Eigennutz, das kann ich verſichern.“ „Aus Liebe alſo?“ „Höchſt wahrſcheinlich,“ antwortete Georg. Damit waren alle weitern Aeußerungen über Majken für den Abend abgethan. XXIV. Schon frühe am folgenden Morgen fuhr Georg nach Ha⸗ raldshof. Dagmar war nun ein erwachſenes Mädchen, und ſeit mehr als einem halben Jahre hatte er ſie nicht geſehen. m Gaſtzimmer zu Aengsberga ſtand Mathilde an einem der Fenſter und ſchaute dem Schlitten nach, welcher mit Georg und Arvid hinwegeilte. Der letztere hielt es gleichfalls für ſeine Schuldigkeit, in Haraldshof einen Beſuch zu machen. David trat ein, und Mathilde wandte ſich zu ihm mit lächelndem Angeſicht. „Ein herrlicher Wintertag,“ äußerte ſie. „Ja, ich glaube, es iſt ſehr ſchön Wetter,“ antwortete Da⸗ vid.„Ich möchte beinahe wünſchen, daß die Sonne nicht ſo hell ſchiene.“ „Und warum?“ „Weil ich Dir etwas zu ſagen habe, was mit einem klaren Himmel und einer ſtrahlenden Sonne nicht zuſammenſtimmt.“ „Du erſchreckſt mich! Gedenkſt Du mir traurige Mitthei⸗ lungen zu machen?“ „Falſchheit und Tru eine Verhandlung.“ „Behalte ſie noch für Dich, bis wir einen umwölkten und ſtürmiſchen Tag haben.“ „Auf morgen verſchieben, was man heute thun muß, iſt einer meiner frühern Fehler, von welchen ich mich jetzt frei ge⸗ macht habe.“ „In dieſem Fall werden wohl die Sonne und ich unſerem Schickſal uns unterwerfen müſſen; denn ich nehme an, daß dein Eigenſinn nicht zu den Fehlern gehört, welchen Du entſagt haſt.“ „Nun für jetzt bin ich eigenſinniger als je,“ antwortete Da⸗ vid,„und dazu habe ich ein ſehr gutes Gedächtniß bekommen, etwas das mir früher abging.“ g ſind immer traurige Gegenſtände für „Sind es einige Erinnerungen von ehemals, womit Du mich zu erbauen gedenkſt?“ „Gewiſſermaßen allerdings. Ich wollte Dir für dein Wohl⸗ wollen vom vergangenen Jahre danken.“ Das Blut ſchoß David in die Wangen. „Wirklich, darauf habe ich nicht gerechnet,“ verſetzte Mathilde lachend. „Davon bin ich überzeugt; aber Du ſollteſt vorausgeſehen haben, daß ich ausfindig machen würde, wer es geweſen, der meine gute Mutter in Schrecken verſetzte, ſo daß ſie in meiner Liebe zu Majken eine Gefahr erblickte. Du ſollteſt weiter berech⸗ net haben, daß ich mir Kenntniß davon verſchaffen würde, warum Du einen Beſuch in Haraldshof machteſt. Ich weiß jetzt auch, daß Du es eigentlich thateſt, damit dein Weg Dich an Falknäs vorbeiführen mußte. Mathilde, ich werde es Dir nicht ſo bald verzeihen, daß Du dich in meine Herzensangelegenheiten einge⸗ miſcht haſt.“ „Sagſt Du mir das, um mich zu erſchrecken?“ fragte Ma⸗ thilde in ſpottendem Tone. 5 „Ja!“ „Was ſollte ich wohl zu fürchten haben?“ „Daß ich möglicherweiſe mich an dem rächen könnte, welcher Dich zu allem dem verleitet hat. Du haſt dich ſehr verändert, ſeitdem Du Broolinds Frau geworden biſt. Ich warne Dich da⸗ vor, in ſeinen Aufträgen zu handeln. Melde ihm von mir, daß er hinfort mich zum Widerſacher hat, und daß es ihn wenig hel⸗ fen wird, die Oberlandrichterin auf ſeiner Seite zu haben. Ueber⸗ redet von deinem Mann, welcher mich von Haraldshof weg zu haben wünſchte, haſt Du meiner Mutter Schrecken eingejagt, und Gott allein weiß, was Du Majken aufgetiſcht haſt. Dein Mann glaubte nach meiner Entfernung wiederum den Oheim beſuchen zu können, ohne beſorgen zu müſſen, daß er von meinen wach⸗ ſamen Augen durchſchaut würde. Er iſt dießmal nicht ſehr ſchlau geweſen, denn ſo lang ich in Majkens Nähe war, gab es nur ein Intereſſe für mich. Entfernt von ihr, ſuchte ich die Urſache von ihrem Benehmen herauszubringen, und ich fand es ohne Schwierigkeit. Du biſt das Werkzeug geweſen, deſſen man bediente, um die Fäden zu gewiſſen eigennützigen Intriguen an⸗ ſpinnen zu können.“ „Ich begreife nicht, was Du mit allem dem ſagen willſt,“ entgegnete Mathilde,„und ich wünſche auch gar nicht es zu be⸗ greifen. Du biſt indeſſen in einem großen Irrthum befangen, wenn Du glaubſt, Arvid habe mit deiner Entfernung von Ha⸗ raldshof etwas zu thun gehabt. Ich bin es allein, welche Du anklagen mußt.“ „In dieſem Fall wünſche ich deine Beweggründe zu er⸗ fahren.“ „Und wenn ich ſie Dir nicht ſage?“ „So nehme ich an, daß Du auf deines Mannes Befehl ge⸗ handelt haſt.“ Mathilde beobachtete einige Minuten Stillſchweigen, nahm aber dann wiederum das Work: „Ich weiß nicht, warum ich die Wahrheit verſchweigen ſollte. Du biſt treulos genug gegen mich geweſen, daß ich wohl ein Recht gehabt hätte, Rache zu nehmen.“ ie gab nun eine kurze Schilderung von der Art und ncrie wie ihrer Anſicht nach David ſich gegen ſie benommen atte. Er war ſchon bei Majkens erſtem Auftreten in der Gegend in ſie verliebt geworden, obwohl er läugnete, Mamſell Ring auch nur geſehen zu haben. Der Beweis dafür war der verlorne ing, um welchen er, Mathilde's Behauptung zufolge, gekommen war, als er hinging, um Majken bei ihrer und Dagmars Reiſe nach Schonen noch einmal zu ſehen. Weiter hatte er deſſen un⸗ geachtet betheuert, daß er Mathilde lieb habe, und ſie in dieſen Glauben eingewiegt, bis ihr endlich die Augen aufgingen, und ſie im Verdruß uͤber ſeine Treuloſigkeit Arvid heirathete. Ma⸗ thilde war beinahe vier Jahre glücklich verheirathet geweſen, als das Gerücht von Davids Liebe zu Majken ihr zu Ohren kam und ſie erfuhr, daß er um dieſer Neigung willen ſeine Studien verſäumte und ein unthätiges Leben zu Haraldshof führte, in⸗ dem er für eine ränkevolle Kokette alles aufopferte. 140 „Meine Anhänglichkeit an die Tante,“ ſchloß Mathilde,„be⸗ ſtimmte mich nach*föping zu reiſen und ſie darüber aufzuklären, wie Du deine Zukunft wahrteſt. Die Tante ſchrieb an Dich, er⸗ hielt aber keine Antwort, und ich erbot mich nun, mit Mamſell Ring zu reden und einen Brief von der Tante an ſie zu über⸗ bringen. Nun wohl, was liegt darin Tadelnswerthes? Ich er⸗ füllte meine Pflicht. Nur Unglück und Kummer wären die Fol⸗ gen einer Verbindung mit einer Frau von Mamſell Rings Cha⸗ rakter und Alter geweſen. Sie muß mir überdieß danken, daß ich ihr den Dienſt leiſtete, ihr den Weg zu einer reichen Heirath zu bahnen!“ „Ein für alle Mal, Mathilde, ſchweige mit allen den bos⸗ haften Anſpielungen auf Majken. Sie iſt eine edle Frau, und jedes Wort über ihr Thun und Benehmen bringt mein Blut in Wallung. Wir haben nun genug über den Gegenſtand geſprochen. Ich will Dich nur bitten, daß Du deinen Mann vor dem Ver⸗ ſuche warneſt, dem Oberſt Schaden zu thun.“ „Dem Oberſt!“ wiederholte Mathilde.„Biſt Du auch ſein Ritter? Wenn es um und um kommt, biſt Du ihm noch innig dankbar dafür, daß er ſich verheirathet mit....“ „Mathilde!“ rief David. Die junge Frau ſchwieg. Sie wagte nicht weiter zu gehen. Es entſtand eine Pauſe. David ging mit haſtigen Schritten auf und ab. Er befand ſich in einem Zuſtande großer Aufregung. Plötzlich blieb er ſtehen und zeigte Mathilde einen Ring, welchen er an ſeinem Uhrgehänge trug. „Weiß dein Mann, daß Du mir dieſen gegeben haſt?“ Mathilde erbleichte. „Ich bin erſt zweiundzwanzig Jahre alt,“ fuhr David fort; „aber ich habe doch in dieſem letzten Jahr eine ſehr traurige Er⸗ fahrung eingethan. Du haſt mich der Treuloſigkeit angeklagt. Mich zu vertheidigen, wäre überflüſſig; ich will Dich nur an etwas erinnern, was Du vergeſſen zu haben ſcheinſt. Erinnerſt Du dich des Tages, da Arvid hier war, um Abſchied zu nehmen, und Du ihn den Ring, welchen er gefunden hatte, enäet —— 1—y— „Das iſt des Lebens Gang,“ antwortete der Oberſt.„Du verließeſt Tante Waldner, um Broolinds Frau zu werden; Tante Waldner hat ihre Eltern verlaſſen, um ihrem Mann zu folgen, und Majken thut daſſelbe, was viele andere Frauen vor ihr ge⸗ than haben.“ „Zugegeben, aber vor einem Jahr hieß es allgemein, Majken Rings Neigung ſei auf einen ganz jungen Mann gefallen.“ „Davon habe ich nichts gehört.“. Wiederum lächelte der Oberſt. Mathilde fühlte ſich dadurch gereizt und wußte nicht, wie ſie dieſes Lächeln verdolmetſchen ſollte. Sie empfand ein un⸗ widerſtehliches Verlangen, den Oberſt dafür zu ſtrafen. „Sie ſpielen den Unwiſſenden, Onkel!“ rief ſie munter;„es iſt Ihnen ſicherlich bekannt, daß David in Mamſell Ring ganz verſchoſſen war und daß ſie nicht gefühllos gegen ſeine Hul⸗ digungen blieb.“ Zu ihrem Verdruß konnten Mathilde's lebhafte Augen nicht die geringſte Bewegung in des Oberſts Miene wahrnehmen. „Möglich, daß dem ſo war,“ verſetzte der Oberſt.„Die Ungleichheit des Alters bewirkte dann wohl, daß eine Partie zwiſchen ihnen nicht in Frage kommen konnte. Du weißt ſelbſt, daß die Jahre, welche Du vor David voraus hatteſt, Dich be⸗ ſtimmten, Broolind zu nehmen. David hat einen großen Verluſt erlitten, ich einen Gewinn davon getragen.“ „Sie hätten ihm wohl nicht gern gerathen, Onkel, ſich mit Mamſell Ring zu verbinden.“ „Ja, wenn er mich um Rath gefragt hätte, würde ich es gethan haben.“ „Aber bedenken Sie doch, wie jung er iſt.” „Dieſer Fehler beſſert ſich mit der Zeit.“ Mathilde konnte nicht begreifen, wie es möglich war, gleich dem Oberſt zu ſprechen. Davids Ankunft unterbrach inzwiſchen jedes weitere Geſpräch. Mathilde wurde Zeugin von der Begegnung der beiden Neben⸗ buhler. Davids Angeſicht zog ſich in heftigem Schmerz zuſammen, als er den Oberſt begrüßte. 3 „Ich habe Dir etwas zu ſagen,“ äußerte der Oberſt;„es iſt deßhalb am beſten, wir gehen auf dein Zimmer.“ Er verabſchiedete ſich von Mathilde, wünſchte ihr vergnügte Weihnachtfeiertage und verließ mit David das Gemach. XXV. „In vier Tagen findet meine Hochzeit mit Majken ſtatt,“ ſagte der Oberſt, als er und David allein waren. „Ich weiß es.“ David ſprach dieſe Worte mit einiger Anſtrengung aus. „Majken hat Dich ſelbſt von unſerer Verbindung unter⸗ richtet?“ Ie u „Ja. „Du weißt ſomit auch, daß weder Ueberredung noch Zwang auf ihren Entſchluß eingewirkt haben, und daß ſie dieſen wich⸗ tigen Schritt aus freiem Willen gethan hat.“ „Auch das hat Majken mir mitgetheilt.“ Davids Bruſt hob ſich ſehr bemerklich. „Mit welchen Empfindungen haſt Du dieſe Nachricht auf⸗ genommen?“ „Mit Erbitterung.“ „Gegen Majken?“ „Nein, gegen ſie hegt mein Herz keine andere als liebe⸗ volle und milde Gefühle. Ich begreife allerdings nicht recht klar, warum Majken ſo gehandelt hat, wie ſie that, aber mein Glaube an ſie iſt ſo groß, daß ich verſichert bin, ſie hat nach ihrer Ueberzeugung wahrhaft und recht gehandelt.“ „Deine Erbitterung war ſomit gegen mich gerichtet?“ „Ja; Sie haben mich, Oheim, wie ein Dieb um des Lebens höchſtes Glück beſtohlen.“ „Beſtohlen!“ wiederholte der Oberſt. „Ja, ſo nenne ich wirklich Ihr Benehmen, Oheim,“ rief avid.„Sie haben meiner Mutter Vermögen gerettet und da⸗ durch meine und meines Bruders Dankkarkeit ſich gewonnen; aber dieß hindert mich nicht, zu erklären, Oberſt Björnſtam iſt mit unvergleichlicher Schlauheit und Beharrlichkeit zu Wege ge⸗ gangen, um ſich der Beute zu bemächtigen, welche er in ſeinen Beſitz zu bringen wünſchte.“ Der Oberſt ſtand ruhig vor dem jungen Mann. „Ich bin neugierig zu erfahren, was Dich zu dieſem Urtheil berechtigt. Ich erwarte auch, daß Du dafür Rechenſchaft gibſt.“ „Das kann ich,“ fiel David immer in derſelben erregten Gemüthsſtimmung ein.„Von dem erſten Zuſammentreffen mit Majken waren Sie entſchloſſen, Oheim, ſie zu Ihrer Frau zu machen. Drei Jahre vergingen, welche Sie auswärts zubrachten. Dieſe Jahre waren darauf berechnet, den gegen Sie übel ge⸗ ſinnten Polizei⸗Inſpektor zu beruhigen. Sie ſpielten den Un⸗ intereſſirten; aber Sie waren es gleichwohl, Oheim, der zuerſt durch das Geſpräch über Herrn und Frau D. ihre Aufmerkſamkeit darauf richtete, daß ſie älter war als ich. Sie waren es, der am letzten Abend, da ich in Haraldshof verweilte, mit väterlichem Wohlwollen mir die Nothwendigkeit bewies, einen entſcheidenden Schritt zu thun. Sie thaten es, weil Sie erkannten, daß es das ſicherſte Mittel wäre, mich von Majken zu trennen. Sie kamen ſodann nach Stockholm, verſprachen bei Majken mir das Wort zu reden und bewirkten ſo, daß dieſelbe Ihre Braut wurde. Sie gewannen den Schatz, für deſſen Beſitz ich Alles gern auf⸗ geopfert hätte, und ich durfte ſchicklicher Weiſe nicht einmal mich beklagen; aber in dieſem Augenblick wäre ich verſucht, die Ver⸗ pflichtung der Dankbarkeit gegen Sie zu verwünſchen, welche mich hindert, meinem Haſſe Luft zu machen.“ Als David ſchwieg, äußerte der Oberſt mit einem gewiſſen Nachdruck: „David Waldner, ich verzeihe Dir, was du jetzt ſagſt. Ich werde es vergeſſen, wie ich den Schimpf vergeſſen habe, welchen dein Vater mir einmal angethan hat. Nur wenn eine Anklage wahr iſt, erzürnt man ſich darüber. Sieh mir in die Augen, Junge, und ſage dann, ſehe ich wie ein Mann aus, welcher durch Liſt und Ränke ſein Ziel zu erreichen ſucht?“ Einige Sekunden betrachteten ſie einander. David fuhr mit der Hand über die Stirne und murmelte: 145 „Ich kann an Majken nicht zweifeln und will an Den nicht glauben, welcher ſie mir geraubt hat.“ „An ihr zu zweifeln, hieße an dem Guten ſelbſt zweifeln.“ „Aber,“ rief David,„wie Majkens Benehmen ſich erklären? Sie verheirathet ſich mit Ihnen, Oheim, und ſie.... „ Liebt Dich,“ fiel der Oberſt ein.„Das letztere hat Majken zugegeben.“ „In dieſem Fall, wie kann ſie....“ „Meine Frau werden?⸗ ergänzte der Oberſt, indem er ſeine Hand auf Davids Schulter legte.„Da wir die Beweggründe nicht kennen, welche hinter den Handlungen liegen, ſo wollen wir uns hüten, Vermuthungen darüber anzuſtellen und vor allem anzunehmen, daß ſie verwerflicher Art ſind. Einmal wird Dir Majkens Benehmen klar werden.“ Wiederum entſtand eine Pauſe. Der Oberſt betrachtete den jungen Mann mit theilnehmenden Blicken. Nach langem Still⸗ ſchweigen begann er wieder: „Kommſt Du mit auf die Hochzeit?“ „Ja.“ „Du weigerſt dich wohl nicht, Marſchall zu werden?“ „Nein, auch dem werde ich mich ihr zulieb unterwerfen.“ Der Oberſt reichte ihm die Hand, indem er beifügte: „Und nun, lebe wohl!“. 4 David ſchob die dargebotene Hand zurück und ſagte in mehr traurigem, als erbittertem Tone: „Jetzt iſt es mir unmöglich, Majkens Bräutigam die Hand zu drücken.“ 8 Der Oberſt ging. David lehnte ſich an den Thürpfoſten, als ob er nicht im Stande wäre, ohne dieſe Stütze ſich aufrecht zu halten. Bitter war die Qual, welche ſeine Bruſt erfüllte. „Nach einigen Augenblicken richtete David ſich auf. Er warf einen Blick im Zimmer rings umher. Hier hatte er den erſten Schmerz, der ihm von einer Frau zugefügt worden war, durch⸗ lebt. Hier hatte er geſehen, wie Mathilde einſt Arvid zulächelte. ie unglücklich war er ſich damals nicht vorgekommen! Fünf Schwartz, David Waldner. I. 10 146 Jahre lagen zwiſchen jener Zeit und der Gegenwart; David hatte ſeitdem tief und ernſt geliebt; er war glücklich geweſen und hatte auf die Zukunft gehofft; aber jetzt, jetzt ſtand er da, be⸗ raubt der Liebe, des Glückes, der Hoffnung. David hatte Thränen für ſeinen erſten Schmerz gehabt; für das, was er jetzt empfand, ſtand ihm nicht einmal eine Klage zu Gebot. Einige Minuten ſpäter kehrte David in den Salon zurück, wo er ſeine Mutter, Mathilde und Chriſtoph fand. „Was wollte der Oberſt?“ fragte Frau Waldner. „Mir zumuthen, Marſchall bei der Hochzeit zu werden,“ antwortete David. „Du ſchlugſt es ab, wie ich mir denken kann?“ „Gewiß nicht. Warum ſollte ich es auch wohl thun?“ Frau Waldner ſprach die Vermuthung aus, dieſer Ehren⸗ poſten würde ihm nicht ſonderlich angenehm ſein. „Wir wollen doch ſehen, ob David nicht unwohl wird, wenn der Hochzeittag kommt,“ ſagte Mathilde bei ſich.„Mich kann er mit ſeiner gut geſpielten Gleichgültigkeit nicht täuſchen.“ XXVI. Die Tage, welche zwiſchen dem Beſuche des Oberſts und ſeiner Hochzeit lagen, waren von Gäſten und von Einladungen in Anſpruch genommen. Am vierten Weihnachtstage wurde die Hochzeit gefeiert. Die Trauung ſollte in Haraldshof ſtatt finden. Zwiſchen ſieben und acht Uhr nahm der Geiſtliche ſeinen Platz hinter den bedeutungsvollen Brautſtühlen ein. Die Thüre zur Rechten des großen Salons ging auf und der alte Ring trat heraus, die Braut an der Hand führend. David war bleich wie der Tod. Er hätte ſich Majken zu Füßen werfen und mit verzweif⸗ lungsvoller Stimme ihr zurufen mögen: „Wie kannſt Du dich an einen Andern verheirathen! Dieſer Trauungsakt iſt das Todesurtheil über mein Glück.“ 8 147 Jetzt ſtand ſie an der Seite des Oberſts und der Geiſtliche begann die heilige Handlung. Das Blut ſtürzte David ſo heftig nach dem Kopfe, daß er einige Minuten eigentlich nicht recht wußte, was vorging; erſt als das Wort„Amen“ ausgeſprochen wurde, kam er wieder zum Bewußtſein ſeiner ſelbſt. Nur halbverſtändlich und wie im Fiebertraume ſchlugen die Glückwünſche an ſein Ohr. Endlich, als alle dieſe Ceremonien vorbei waren, hatte er auch den vollen Gebrauch ſeiner Sinne und ſeines Verſtandes wieder gefunden. Majken hatte einmal gewünſcht, reich zu werden. Aber wie war es nun? Hatte ſie mit dem gewonnenen Reichthum es noch dahin gebracht, auch dem Gefühle Stillſchweigen aufzuerlegen, ſo daß ſie ſich jetzt froh und zufrieden wußte? Ihr Aeußeres ſtrafte wenigſtens dieſe Vorausſetzung nicht Lügen. Man konnte aller⸗ dings ſehen, daß ſie den Schritt, welchen ſie gethan, in ſeiner vollen Bedeutung erfaßte; die Stirne war jedoch wolkenfrei und der Blick ruhig. Von Dagmar hieß es allgemein, daß ſie mit den Jahren ſich ungemein zu ihrem Vortheil verändert hätte. Sie war jetzt wirklich ein hübſches, einnehmendes Mädchen, und verſprach allem nſchein nach eines Tages eine ſchöne Frau zu werden. Dagmar und Georg waren auch ſehr vergnügt. Ihnen waren die Sorgen und Kämpfe des Lebens noch fremd. Im blauen Salon ſaß die Oberlandrichterin auf dem Chren⸗ platz. Ein Ausdruck von Bitterkeit lag in ihrem Angeſichte. Von Zeit zu Zeit flog ein Blick hinüber zu Broolind. 3 Der Oberſt ſtand mitten im Salon, mit einigen Herren im Geſpräch begriffen, und David näherte ſich der Braut, um ſie anzureden. „Glaubſt Du, Maſken, es ſei Jemand hier, der wärmere Gebete für dein Glück zum Himmel geſendet hat, als ich?“ fragte David. „Nein, David.“ „Mag jebt.. 4 Hier wurde David von einer Stimme an der Thür unter⸗ brochen, welche rief:. „Es hilft nichts, mich hindern zu wollen; ich muß hinein.“ David ſah es und eilte von Majken hinweg nach der Thüre; indem er murmelte: „Das darf nicht geſchehen.“ Broolinds Angeſicht hatte ſich erhellt, die Augen der Ober⸗ landrichterin blitzten, und der Oberſt ſammt allen im Salon ver⸗ ſammelten Gäſten ſchaute nach der Thüre. Auf der Schwelle ſtand ein Mann mit graugeſprenkeltem Haare und in einen Oberrock gekleidet. Des Oberſts Geſichtsfarbe veränderte ſich beim Anblick des Mannes. Es herrſchte völlige Stille in dem überfüllten Saale. Jeder⸗ mann erwartete, der Mann würde eintreten oder irgend eine weitere Aeußerung machen. Davids plötzliche Dazwiſchenkunft hatte indeſſen den Fremden zum Verſtummen gebracht. „Suchen Sie mich, Herr Sjögviſt?“ fragte David, indem er den Mann ſtark fixirte;„dann ſeien Sie ſo gut und folgen Sie mir; hier iſt nicht der Ort zum Sprechen.“ David verließ den Salon und nahm den Mann mit ſich. Eine Viertelſtunde war David fort; als er wieder ein⸗ trat, ſuchte er Chriſtoph auf und ſagte ihm einige Worte in’s Ohr, worauf dieſer perſchwand. David war eben im Begriff, mit Dagmar und den jungen Mädchen ſich in ein Geſpräch ein⸗ zulaſſen, als die Oberlandrichterin Björnſtam ihre Hand auf ſeinen Arm legte. „Laß uns einen Gang durch den Salon machen,“ ſagte die alte Dame. David bot ihr den Arm; ſie wanderten der ganzen Länge nach durch den Salon und die anſtoßenden Gemächer und blieben endlich in einem kleinen Eckzimmer ſtehen. Die Oberlandrichterin hatte bis jetzt nicht ein Wort geſprochen; aber hier unterbrach ſie das Stillſchweigen mit der Frage: „Du kennſt den Sjöqviſt?“ „Ja, ich glaube deſſen ſchon gegen Sie erwähnt zu haben, Tante,“ antwortete David. „Weißt Du, was er in früheren Tagen geweſen?“ 149 „Sie klärten mich ſelbſt darüber auf, Tante, daß er im Dienſte von Wilhelm Björnſtam geſtanden.“ „Warum haſt Du ihn entfernt?“ fragte Frau Björnſtam. „Aus dem einfachen Grunde, weil er nicht zur Hochzeit ge⸗ laden war.“ „Nun, wo iſt er jetzt?“ „In meinem Zimmer, in Geſellſchaft von Chriſtoph Alm.“ „Schicke den Jüngling fort; ich muß unter vier Augen mit dem Mann ſprechen.“ „Beſte Tante, ich habe Alm verſprochen, ihn ungeſtört mit Sjögviſt reden zu laſſen.“. Die Augen der Oberlandrichterin ſprühten Feuer. „Es beliebt Dir, Spaß mit mir zu treiben?“ rief ſie. „Durchaus nicht; aber ich halte mich durch mein Verſprechen gebunden. Wünſchen Sie mir etwas Anderes zu ſagen, Tante?“ „Nein, Du kannſt gehen.“ David verbeugte ſich und eilte fort. Die alte Dame warf ſich auf einen der Sopha's, indem ſie murmelte: „Es gibt nichts, was mich abhalten kann, den Verbrecher zu ſtrafen.? XXVII. Mehrere von den Hochzeitsgäſten, welche keine Aufforderung erhalten hatten, in Haraldshof zu übernachten, waren abgereist und wollten ſich am folgenden Tage wieder einfinden, um den Ball mitzumachen, welchen die Neuvermählten gaben. Frau Waldner und ihre Söhne waren jedoch unter denen, welche blieben; der Oberſt hatte Frau Waldner überredet, bis über Neujahr in Haralds⸗ hof zu Gaſt zu bleiben. David war am folgenden Morgen frühzeitig in Bewegung und begegnete, als er ſein Zimmer verließ, Dagmar, welche ihm mit unruhigem Ausſehen entgegenkam. „ Gott ſei gelobt, daß ich Dich treffe,“ rief ſie;„ich befand mich in großer Sorge.“ 3 150 „Was hat dieſe veranlaßt, meine gute Dagmar?“ fragte David. „Ein Billet, welches ich heute Nacht, da ich zur Ruhe gehen wollte, auf meinem Nachttiſche fand.“ Dagmar reichte David einen kleinen, mit Bleiſtift beſchriebe⸗ de Streifen Papier. David brachte nur mit Mühe Folgendes eraus: „Unterrichten Sie Ihren Couſin David davon, daß geſtern Abend trotz aller Vorſicht ein Paket Briefe dem Lieutenant Broo⸗ lind übergeben worden iſt. Durch dieſe Briefe iſt Oberſt Björn⸗ ſtam bedroht. Ihr Couſin iſt der Einzige, welcher der Gefahr vorbeugen kann.“ David betrachtete mit großer Aufmerkſamkeit die veränderte Handſchrift. Er irrte ſich nicht, das Billet war von Chriſtoph geſchrieben; aber warum wandte er ſich an Dagmar, da er wohl David, was geſchehen war, hätte ſagen können? Die Zeit ge⸗ ſtattete jedoch nicht, ſich mit Vermuthungen aufzuhalten; hier galt es zu handeln. „Nun, David,“ rief Dagmar,„was ſagſt Du dazu?“ „Ich ſage, Dagmar, daß Du dich deßhalb durchaus nicht zu beunruhigen brauchſt. Wird dein Vater wirklich von einer Gefahr bedroht, ſo hoffe ich ſie abwenden zu können.“ David und Dagmar trennten ſich. Dagmar begab ſich wieder auf ihr Zimmer. Um elf Uhr war David beim Frühſtück und begrüßte die Neuvermählten. Trotz aller Anſtrengungen war ſein Ausſehen düſter; auch Dagmar ſtrengte ſich vergeblich an, ihr gewöhnliches frohes und munteres Weſen anzunehmen. Im Vorbeigehen fragte ſie David: „Nun, iſt etwas vor der Hand zu befürchten?“ „Nein, Du kannſt vollkommen ruhig ſein.“ XXVIII. Der Ball in Haraldshof war zu Ende und der Morgen begann zu grauen, als David bleich und verſtört in Chriſtophs Zimmer trat. Auf dem Bette lag ein völlig angekleideter Mann und ſchlief. „Aufgewacht!“ rief David und ſchüttelte ihn. Sjögviſt ſchlug die Augen auf. Als er David gewahrte, ſprang er vom Bette empor. 1„Haben Sie die Briefe?“ fragte David. Sjöqviſt zog ein Paket Briefe hervor, welches er unter dem Kopfkiſſen verborgen hatte. „Sind alle hier?“ „Alle?“ „Wie haben Sie dieſelben wieder bekommen?“ „Ich habe ſie aus der Schatulle der Oberlandrichterin ge⸗ nommen, während alle in dem großen Salon verſammelt waren.“ „War die Schatulle unverſchloſſen?“ „Nein, aber ſie hatte meinem frühern Herrn angehört, und ich beſaß zu derſelben einen Nachſchlüſſel.“ David wandte ſich mit nachdenklicher, düſterer Miene zu dem Paket, ohne daß er es der Mühe werth hielt, weiter zu fragen, wie er den Nachſchlüſſel in frühern Tagen benützt hätte. Nach einem langen Stillſchweigen äußerte David: „Sie wünſchen, daß Ihr Sohn ein ehrlicher Mann werden oll?“* „Ja, mein Herr, das wünſche ich, und den Beweis davon haben Sie hier,“ antwortete Sjöqviſt.„Wäre meines Sohnes Ehre nicht in Ihren Händen gelegen, und hätte ich nicht die Ueberzeugung, daß Sie allein ihn zu einem braven Mann machen können, ſo würde es Ihnen nicht gelungen ſein, mich zur Wieder⸗ ergreifung der Briefe zu nöthigen, welche ich gemäß dem Ueber⸗ einkommen mit dem Lieutenant der Oberlandrichterin übergab.“ „So, ſo? Und doch war es erſt geſtern Abend, als Broo⸗ lind Sie beſuchte und Sie ihm dieſelben übergaben, daß Sie ihm das Verſprechen entlockten, mir nichts davon zu ſagen. Und doch hatten Sie ſich verpflichtet, nichts ohne mein Wiſſen vorzu⸗ nehmen. Welches Beiſpiel von Treuloſigkeit und Unredlichkeit 152 haben Sie hiedurch nicht Ihrem Sohn gegeben? Sie haben ihm bewieſen, wie leicht es geht, ſein Wort zu brechen. Thun Sie ſofort das nicht, was ich von Ihnen verlange, ſo übe ich durch⸗ aus kein Erbarmen gegen Ihren Sohn. Enthalten Sie ſich jeder Berührung mit der Oberlandrichterin und dem Lieutenant Broo⸗ lind. Verlaſſen Sie dieſe Gegend, ſiedeln Sie ſich fern von hier an, damit Sie nicht in Verſuchung geführt werden, weitere Streiche zu begehen, und Ihr Sohn ſoll dann wohl werden, was Sie in ihm zu ſehen wünſchen. Findet ſich Jemand, der durch den Oberſt zu Schaden gekommen iſt, ſo ſoll das wieder gut ge⸗ macht werden, aber ohne Skandal oder Ihre Einmiſchung. Geben Sie wohl auf Ihr Thun Acht und reiſen Sie ſogleich von „hiir ab.“ Eine Stunde nach dieſer Unterredung hatte Sjöqviſt Ha⸗ raldshof verlaſſen. Am Morgen gab es große Aufregung im Schloſſe. Der Oberlandrichterin waren einige wichtige Briefe geſtohlen worden. Sie hatte ſich mit dem Oberſt nach der Entdeckung des Diebſtahls eingeſchloſſen. Die Unterredung zwiſchen Mutter und Sohn dauerte zwei Stunden, und ſchloß damit, daß die Oberlandrichterin Ha⸗ raldshof verließ. Als der Oberſt ſich ſeinen Gäſten wieder zeigte, war er ruhig und ſah aus, als ob nichts geſchehen wäre. „* XXIX. Am Neujahrstage war zu Aengsberga großes Gaſtgebot zu Chren der Neuvermählten. 4 David hatte bereits am vorangehenden Tage ſich unwohl gefühlt, und als das Mahl vorüber war, konnte er nur mit Mühe ſo viel Kräfte ſammeln, daß er von dem Tiſche aufſtehen und Dagmar den Arm zu bieten vermochte. An der Thüre des Vorzimmers wankte er und fiel darauf beſinnungslos zu Boden. Endlos lang waren die Tage, welche nun folgten. Die arme Mutter wachte mit Verzweiflung im Herzen an ihres Soh⸗ nes Krankenlager. David hatte ſich ein ſchweres Nervenfieber 1⁵³ zugezogen. Er phantaſirte während ſeiner ganzen Krankheit; aber nicht ein einziges Mal ſprach er Majkens Namen aus. Er rief oft nach Dagmar; was er von ihr wollte, ſagte er jedoch nicht. Dagmar war mehrere Tage nach einander zu Aengsberga; aber ungeachtet ſie an ſein Bett trat„ wenn er ſie rief, erkannte er ſie dennoch nicht. Der Oberſt und Majken kamen auch täglich. Die letztge⸗ nannte ſah ſehr bleich aus. Eines Morgens— es waren zwanzig Tage, ſeit David ſich gelegt hatte, und noch zeigte ſich keine Beſſerung— kamen Maj⸗ ken und der Oberſt wie gewöhnlich, um ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen. Der Oberſt trat in das Krankenzimmer. David ſchlummerte, aber ſeine Lippen bewegten ſich von Zeit zu Zeit. Zu hören, was er ſagte, war unmöglich, aber nach der Bewegung der Lip⸗ pen konnte man ſchließen, daß er einen Namen flüſterte. Der Oberſt verließ das Zimmer. „Bewillige mir eine Bitte, Majken,“ ſagte er;„geh' zu David hinein!“ Majken erfüllte ſogleich ihres Mannes Wunſch. Frau Waldner beabſichtigte ihr zu folgen; aber der Oberſt faßte die Hand der verweinten Mutter mit den Worten: „Bleiben Sie hier! Laſſen Sie Majken allein hineingehen!“ Der Oberſt ſehloß die Thüre hinter Majken. Innen bei dem Kranken herrſchte Dämmerung. Majken blieb einen Augenblick ſtehen und drückte die Hand auf das Herz. Sie war ſo bleich, daß ſie mehr einem Todten als Lebenden glich. Einige Augenblicke darauf trat ſie zu dem Bett vor und ſank auf die Kniee nieder. Sie weinte nicht beim Anblick ſeines ab⸗ gezehrten Geſichtes; Majken flüſterte nur ſeinen Namen und dieſen beinahe lautlos. Eine ſchwache Röthe färbte Davids Wangen; die Augen öff⸗ neten ſich langſam und hefteten ſich auf ſie. „Majken!“ murmelte er und verſuchte ihre Hand zu erreichen, aber vermochte es nicht. Sie ergriff dieſelbe und ſchloß ſie in die ihrigen. „Dank!“ ſtammelte David. Nur wenige Worte wurden gewechſelt, und nur eine kurze Weile blieb Majken im Krankenzimmer. Als ſie aus demſelben herauskam, war ihr Angeſicht ruhig, obwohl von Thränen feucht. „David iſt vollkommen beim Bewußtſein,“ ſagte ſie,„und wir können das Beſte hoffen.“ Majken ſprach die Wahrheit. Die Gefahr war vorüber. David kehrte zu Leben und Geſundheit zurück. Er war jung, und als das Fieber aufgehört hatte, ging es ſchnell mit der Geneſung. Chriſtoph war während der ganzen Krankheit deſſelben außer ſich geweſen und hatte in unermüdetem Eifer mit Frau Waldner und Georg die Sorge für David getheilt. Seine Freude, als es mit David ſich zur Beſſerung wandte, war ebenſo groß als ſein Kummer zur Zeit der Krankheit. Es war ein allgemeines Freudenfeſt zu Aengsberga, als David zum erſten Mal den Salon mit dem Krankenzimmer ver⸗ tauſchte. Dagmar war da und nahm Theil an der Freude, welche ſich auf jedem Angeſicht wiederſpiegelte. Sie war nicht die am mindeſten Beglückte. 3 XXX. Die angehäuften Schneemaſſen begannen vor den milden Strahlen der Sonne zu ſchmelzen. An einem wirklichen Frühlingstage im Monat März langte t unverſtellter Freude von David in Haraldshof an, wo er mi Dagmar empfangen wurde. Sie wollte ihn im Triumph zu Maj⸗ ken führen; aber David erklärte beſtimmt, ſeine Zeit geſtatte dieß nicht; er war nur gekommen, um den Oberſt zu ſprechen. Dagmar mußte ihm ſomit ſagen, daß der Vater in ſeinem Zimmer wäre. David begab ſich ſogleich dahin. „Ah, Du biſt es,“ rief der Oberſt, trat.„Willkommen wieder zum Leben!“ „Ich habe Ihnen für alle Theilnahme zu danken, Oheim, als der Jüngling ein⸗ 15⁵ welche Sie meiner Mutter während meiner Krankheit bewieſen haben,“ ſagte David mit einer leichten Verbeugung. „Du bleibſt doch heute in Haraldshof?“ fuhr der Oberſt fort, indem er ihn bat, ſich auf dem Sopha niederzulaſſen. „Nein, ich reiſe von hier ab, ſobald ich mit Ihnen ge⸗ ſprochen habe, Onkel. Morgen begebe ich mich nach Upſala.“ „Fühlſt Du dich ſo ſtark, daß Du das zu thun wagſt?“ „Der Doktor hat es geſtattet.“ „Das iſt ſehr erfreulich.“ Es trat eine Pauſe ein. An dem Wechſel der Farbe auf Davids Angeſicht erkannte man, daß es ihm ſchwer fiel, das Geſpräch einzuleiten, wegen deſſen er nach Haraldshof gekommen war. Nach Verfluß einiger Minuten äußerte der Oberſt: „Du haſt mir etwas Beſonderes zu ſagen?“ „Ja.“ „Und es ſteht wohl im Zuſammenhang mit dem Mann, welcher an meinem Hochzeittag hier auftrat, und welchen Du ſo⸗ dann in Verwahrung nahmſt? Du hinderteſt ihn, einen ſaubern Auftrag zu vollziehen. Du haſt Unrecht daran gethan. Meiner Mutter Wunſch, daß der Burſche vor der ganzen Verſammlung mir zurufen ſollte: ‚Kain, wo iſt dein Bruder?⸗ hätteſt Du in Vollziehung gehen laſſen ſollen. Es würde Anlaß zu einer effekt⸗ vollen Scene gegeben haben, und meine Mutter liebt dergleichen.“ Der Oberſt redete mit Bitterkeit. „Ich glaube nicht,“ fiel David ein,„daß er gefragt hätte: Wo iſt dein Bruder? wohl aber: Wo iſt deines Bruders Kind?“ „Wirklich? Und warum ſollte er denn dieſe Frage ſtellen? Siebzehn Jahre ſind vergangen, ſeitdem mein Bruder ſtarb. Sein Kind muß nun nach dem hier herrſchenden Geſetze volljährig ſein, ſomit ſelbſt etwas von ſich hören laſſen. Es wäre inzwiſchen meiner Mutter leicht geweſen, an meinem zweiten Hochzeittage mich wegen des verſchwundenen Kindes zur Rede zu ſtellen, von deſſen Exiſtenz man erſt jetzt Nachricht erhält. Mein Bruder ſtarb, wie alle Umſtände ausweiſen, ohne daß er auch nur ver⸗ heirathet geweſen.“ „Sind Sie deſſen ſo gewiß, Oheim?“ fragte David. „Ich habe wenigſtens keinen Grund, das Gegentheil anzu⸗ nehmen.“ „Nicht!“ David ſprang auf. „Wenn Du glaubſt, daß mein Bruder Erben hinterlaſſen hat, warum hinderteſt Du dann jenen Mann, von mir Rechen⸗ ſchaft wegen derſelben zu fordern?“ fragte der Oberſt ſtolz. „Ich that es, weil ich Ihrer zu ſchonen wünſchte.“ „Du glaubteſt jedoch an die Anklage?“ „Damals argwohnte ich nur; jetzt habe ich Gewißheit.“ „Wirklich?“ Der Oberſt riß die Augen weit auf. David zog ein Paket Briefe aus der Taſche. „Dieſe Korreſpondenz zwiſchen Ihnen, Oheim, und Wilhelm, hat mich über das Verhältniß aufgeklärt.“ „Ah, die Briefe, wegen deren Entwendung meine Mutter mich im Verdacht hatte!“ rief der Oberſt. „Ja, dieſelben, ſie ſind jetzt in meinen Händen, und werden in einigen Augenblicken in die Ihrigen übergehen.“ Der Oberſt hielt ſich an der Lehne des Fauteuils. „Durch welche teufliſchen Ränke ſind dieſe Briefe zuerſt in meiner Mutter Hände und hernach in die deinigen gekommen?“ fragte der Oberſt. „Ah, Wilhelm Björnſtam's Kammerdiener war das Werk⸗ zeug hiezu. Nach dem Tode des erſtern eignete ſich Sjögviſt die Briefe deſſelben an, und er war es, welcher Sorge trug, daß ſie in die Gewalt der Oberlandrichterin und hernach in die meinige gelangten. Ich habe ſie geleſen. Ich glaubte mich dazu berech⸗ tigt, um Gewißheit zu erlangen, wie weit Sjögviſt's Angaben wahr oder falſch wären.“ „Meiner Mutter Abſicht war ſomit, einen gerichtlichen Pro⸗ zeß oder etwas dergleichen gegen mich einzuleiten, vermuthe ich?“ Der Oberſt machte einen Gang durch das Zimmer und blieb dann vor David ſtehen. „Und Du beabſichtigſt ſie mir zu übergeben?“ 15⁵57 „Ja.“ „Nun wohl, wenn ſie in meinen Händen ſind, werde ich ſie zerſtören; Du beraubſt dadurch die beſtohlene Perſon jeglicher Ausſicht, das zu erlangen, was ihr zukommen ſollte, und ich bleibe fortwährend im Beſitze des mit Unrecht an mich gebrachten Eigenthums.“ „Sie ſollten bedenken, Oheim, daß die Briefe noch in meiner Hand ſiud. Die Bedingungen für deren Uebergabe habe ich noch nicht genannt.“ „Du knüpfſt ſomit Bedingungen daran? Nun, wie lauten dieſelben?“ „Aus dieſen Briefen erfährt man, daß Wilhelm Björnſtam in England verheirathet geweſen, und daß er dort Frau und Kind hinterlaſſen hat, was bisher für Alle, außer ſeinem Bru⸗ der und Kammerdiener ein Geheimniß blieb. Sjögviſt erhielt bei ſeines Herrn Tod ſeinen Abſchied von Ihnen und eine ſehr an⸗ ſehnliche Geldſumme. Er hat auch eine lange Reihe von Jahren über das geſchwiegen, was er von der Sache wußte. Aber man kann ſich doch niemals auf ein erkauftes Stillſchweigen verlaſſen. Als die Noth kam, verkaufte auch Sjögviſt das Geheimniß an die Oberlandrichterin, welche nicht geneigt war, es fernerhin gleichſam begraben ſein zu laſſen. Sie hatte nicht einmal im Sinn, ihren eigenen Namen zu ſchonen, ſondern wollte unter dem Beiſtand des Geſetzes Sie, Oheim, zwingen, dem rechtmäßigen Beſitzer oder Wilhelms Kinde das, was ihm zugehörte, zu überlaſſen. Dieß war Tante Björnſtams Abſicht; meine weicht etwas davon ab. Man kann auf verſchiedenen Wegen zu demſelben Ziel gelangen. Sjöqviſt mußte ſomit die Briefe wieder von derjenigen herſchaf⸗ fen, welche durch einen Skandal dem vaterloſen Kinde zu ſeinem Rechte verhelfen wollte. Ich glaube, dieſes Recht läßt ſich erlan⸗ gen, ohne daß man die Sache der Oeffentlichkeit preisgibt.“ „Und wie willſt Du, daß dieß zugehen ſoll?“ „Ganz einfach; Sie erfüllen nur Ihre Pflicht, Oheim.“ „Gut; und dieſe Pflicht beſteht darin, daß ich meinem Eigenthum entſage. Das, mein lieber David, bin ich nicht ge⸗ neigt zu thun. Behalte Du deine Briefe; ich will ſie nicht haben. 158 Mir können ſie nicht ſchaden, wie Du ſogleich ſehen ſollſt, da Du dich für die Sache ſo ſehr zu intereſſiren ſcheinſt.“ Der Oberſt öffnete eine Schublade und nahm einige Papiere heraus. „Ehe ich Dir Einſicht hievon geſtatte, will ich Dir in der Kürze die Geſchichte von Haraldshof mittheilen und Dir nach⸗ weiſen, wie daſſelbe in Björnſtams Hand kam. Du weißt ja bereits vorher, daß es lange Zeit dem berühmten vrſchen Ge⸗ ſchlecht angehörte. Hernach gelangte es an die Brandſtorm. Der letzte männliche Inhaber dieſes Namens war Kanzleirath, und in Folge eines genehmigenden Artikels in der Fideicommiß⸗Urkunde ging Haraldshof bei dem Tode des Kanzleiraths auf deſſen ein⸗ ziges überlebendes Kind über, wiewohl daſſelbe eine Tochter war. „Obgleich Beſitzerin eines anſehnlichen Vermögens und dabei ſchön, ſtarb Ingeborg Brandſtorm unverheirathet. Sie und mein Vater waren mit einander aufgewachſen, und man be⸗ hauptete, Ingeborgs unerwiederte Liebe zu dem Jugendfreunde ſei die Urſache geweſen, daß ſie ſich nicht entſchließen konnte, in den Eheſtand zu treten. Warum mein Vater ihre Neigung nicht theilte, kann nicht hieher gehören, auch glaube ich Dir eine ver⸗ läßliche Aufflärung darüber nicht geben zu können. Genug, als mein Vater mit Tod abging, nahm ſich Ingeborg meiner Er⸗ ziehung an. Ich wuchs hier in Haraldshof auf, getrennt von meiner Mutter, ein Umſtand, welcher nicht geeignet war, deren ſchon vorher nur geringe Zuneigung zu mir zu erhöhen. Bei Ingeborgs Abſcheiden war Wilhelm der nächſtberechtigte zu dem Fideikommiß, welches er auch erhielt. Wilhelm ſtarb und Haralds⸗ hof wurde mein. 8 „Meine Mutter konnte ſich unmöglich mit dem Gedanken verſöhnen, daß Wilhelms Hingang mir einen ſo großen ökono⸗ miſchen Vortheil bringen ſollte; anders kann ich mir den Urſprung zu ihrem Argwohn, daß ich einigen Theil an meines Bruders Tod hätte, nicht erklären. Aus meiner Erinnerung kann keine Zeit es verwiſchen, wie ſie, meine Mutter, es war, welche nach dem traurigen Ereigniß auf ſolche Unterſuchungen hinarbeitete, daß man in Folge davon auf mich gerade wie auf meines Bruders Mörder hindeutete. Den Flecken, welcher dadurch auf meine Chre geworfen wurde, hat die Zeit nicht zu verwiſchen vermocht. Nicht zufrieden damit, beginnt ſie jetzt, nachdem ſo viele Jahre vergangen ſind, neue Geſchichten aufzubringen, um dadurch an mir Rache zu nehmen, daß ich Wilhelm überlebte und beerbte. Mag ſie meinetwegen eine ganze Familie aufſtellen, welche mei⸗ nem Bruder gehören ſoll, ich fürchte dennoch nicht, es werde ihr der Beweis gelingen, daß er einen einzigen Abkömmling hinter⸗ laſſen hat, welcher mir mein Recht ſtreitig machen kann.“ Der Oberſt übergab David ein kleineres Papierſtück. David durchging das Schreiben. Der junge Mann war ſehr bleich, als er äußerte: „Hieraus ergibt ſich indeſſen, daß Wilhelm Björnſtam eine Tochter hinterlaſſen hat, und obwohl Sie, Oheim, ſicherlich zu dem Fideikommiß berechtigt waren, ſollte....“ „Sollte Wilhelms Tochter dennoch einen gewiſſen jährlichen Unterhalt davon genießen, ſo lang ſie unverheirathet iſt. Das war es, was Du ſagen wollteſt. Aber dazu iſt erforderlich,“ ſetzte der Oberſt hinzu, ohne Davids Antwort abzuwarten,„daß ſie in geſetzlicher Ehe geboren war, und das iſt noch nicht an den Tag gebracht. Hier redet mein Bruder nur von ſeinem kleinen Mädchen. Der Brief iſt, wie Du an Jahreszahl und Datum finden kannſt, den Tag vor Wilhelms Tod und zwar an eine Mrs. Dowſon geſchrieben, in deren Pflege das Kind über⸗ geben worden war.“ „Geſtatten Sie mir eine Frage: iſt Wilhelm Björnſtam ver⸗ heirathet geweſen oder nicht?“ „Laß uns annehmen, daß er es geweſen, aber unter ſolchen Verhältniſſen, daß die Ehe ſich nicht beweiſen läßt.“ „In dieſem Fall bleibt es eine moraliſche Pflicht, welche....“ „Ich nicht erfüllt habe?— Du kannſt dich darüber aus dem Inhalt dieſes Schreibens belehren,“ fuhr der Oberſt fort, und überreichte David ein weiteres Papier;„dann glaube ich, daß wir von dieſem unangenehmen Gegenſtand ablaſſen können.“ Der Merf ging aus dem Kabinet und blieb vor dem Ofen im nächſten Zimmer ſtehen. Hier brannte ein Feuer und warf einen röthlichen Schein auf ſein Angeſicht. Es war düſter. Mehre Minuten verfloßen. Endlich vernahm man eine Be⸗ wegung innen im Kabinet. David trat heraus. Er gab dem Oberſt das Schreiben mit den Worten zurück: „Sie haben mir geſtattet, Oheim, mit Wilhelm Björnſtams Briefen anzufangen, was mir beliebt.“ „Allerdings,“ lautete die Antwort des Oberſts. Er hatte dieſe Worte noch nicht ganz ausgeſprochen, ſo lag das Briefpaket mitten in dem Feuer. Die Flammen verzehrten augenblicklich das vergelbte Papier. Als nur die Aſche noch übrig war, äußerte David: „Und nun will ich Ihnen Lebewohl ſagen, Oheim. Unſere Rechnungen dürften beinahe abgeſchloſſen ſein. Sie haben ſich herbeigelaſſen, meiner Mutter, meinem Bruder und auch mir beizuſtehen. Ich habe der Unannehmlichkeit eines Skandals vor⸗ gebeugt, welcher nur die Fehler und Schwächen eines bereits Ab⸗ geſchiedenen aufgedeckt hätte. Wir können uns ſomit als quitt anſehen, was Dienſte und Gegendienſte anbetrifft. In Einem ſind und bleiben Sie noch mein Schuldner. Dieſe Rechnung kann nicht ausgeglichen werden, denn wie wären Sie wohl im Stande, mir Das wiederzugeben, was mir geraubt worden iſt? Was mich jedoch mit meinem Schickſal verſöhnen könnte, wäre die eines Tags mir zugehende Kunde, Oheim, daß Sie das Glück von ihr beſſer in Acht nehmen, als das von Dagmars Mutter. Jahre werden vergehen, ehe unſere Wege ſich wieder begegnen. Möge Gott Majken beſchützen!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich David. Der Oberſt blieb ſtehen und ſtarrte in das Feuer, Der Ausdruck des Stolzes in ſeinem Angeſicht war verſchwunden und hatte einer Empfindung des Schmerzes daſelbſt Platz gemacht. „Nimm ihr Glück beſſer in Acht als das von Dagmars Mutter!“ murmelte er. Ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt. „Lieber Papa, laß die Todten ruhen,“ äußerte eine ſchmei⸗ chelnde Stimme ganz nahe bei ihm, und eine lleine Hand ſtreichelte ſeine Wange. —, 161 „Du biſt es? Wer hat Dich hieher gerufen?“ „Mein Herz,“ antwortete Dagmar, welche ſich durch den ſtrengen Ton nicht abſchrecken ließ.„Weißt Du, was es ſagte?“ Dagmar ſchaute zu dem Vater auf. 8 Der Oberſt gab keine Antwort, ſondern wandte ſich von ihr ab. „Ja, es rief: geh ſogleich hinein zu deinem Vater. Er iſt nicht froh, das ſah man an David, als er von ihm herauskam. Er bedarf deiner Geſellſchaft, und Du darfſt es dich nicht ver⸗ drießen laſſen, wenn er ſtreng ausſieht. Ich gehorchte ſogleich dem, was das Herz befahl, und nun bin ich hier. Du kannſt mich nicht fortweiſen.“ Wiederum ſtreichelte die kleine Hand des Vaters Wangen. Der Oberſt wandte ſich nicht mehr ab; ſeine Stirne erheiterte ſich. Er ſah liebevoll zu ihr herab und lächelte halb traurig. „So darfſt Du nicht lächeln,“ rief Dagmar.— Jetzt legten ſich beide Arme um des Vaters Hals.—„Du könnteſt mich ſonſt dazu bringen, daß ich weine, rothe Augen bekomme und dann noch häßlicher werde, als ich bereits bin. Du glaubſt ja doch, daß ich recht häßlich bin? Nicht wahr?“ „Ja, mein Kind, Du biſt wirklich recht häßlich,“ ſagte der Oberſt, aber lächelte dabei auf eine Weiſe, welche zu erkennen gab, daß dieß nicht wörtlich zu nehmen ſei. Dagmar war in dieſem Augenblick nicht häßlich, ſondern eher ſchön. „Nun biſt Du wieder gut,“ rief Dagmar und drückte ihre Lippen auf des Vaters Wange.„Zum Lohne dafür ſollſt Du mich jetzt zu Majken begleiten.“ Der Vater ſchien nicht geneigt dazu, aber es half nichts; man wurde Dagmar nicht ſo leicht los, wenn ſie ſich etwas feſt vorgenommen hatte. Sie begaben ſich alſo zu Majken. 4 XXXI. Später im Frühjahr trat der Oberſt mit ſeiner jungen Frau und Tochrheine Reiſe ins Ausland an. 3 1 Schwartz, David Waldner. I. 11 — 162² Während ihres Aufenthalts daſelbſt ſchrieb Dagmar lange, lange Briefe an Georg. Sie mußte ihm ſchildern, was ſie ſah und auch was ſie erfuhr. Georg war für das ſechszehnjährige Mädchen daſſelbe, was eine geliebte Schulkamerädin für andere Mädchen zu ſein pflegt. Was ſie dachte und fühlte, mußte ſie ihm erzählen, und der zwanzigjährige Jüngling nahm all dieſes Vertrauen an und bezahlte es mit derſelben Münze. In ſeinen Briefen lag vielleicht etwas mehr Herzenswärme; aber im Ganzen war ihre Correſpondenz von der Art, daß wenn ein Unbekannter dieſe Briefe geleſen hätte, er auf den Glauben gerathen wäre, ſie rühren von zwei einander lieben Geſchwiſtern her. Erſt im Herbſt kam der Oberſt wieder mit ſeiner Familie nach Haraldshof. Es war ſeine Abſicht geweſen, den Winter in Stockholm zuzubringen, aber er begegnete bei dieſem Vorſchlag einem entſchiedenen Widerſtand, nicht blos von Seiten Dagmars, ſondern noch heftiger von Majken ſelbſt. Sie wünſchten beide nach Haraldshof zurückzukehren und erklärten, ſie würden alles, nur nicht glücklich ſein, im Fall er ſie zwänge, den ganzen Winter in der Hauptſtadt zu verweilen. Dagmar meinte, ſie ſei zweimal in ihrem Leben recht unglücklich geweſen; das erſte Mal, als ſie der Großmutter in Schonen einen Beſuch gemacht, das zweite Mal, als ſie ſieben Monate in Stockholm zugebracht habe. „Aber, liebe Dagmar,“ wandte der Oberſt ein;„für Dich wäre ein Winter in der Hauptſtadt noch ſehr nützlich; Du haſt noch viel zu lernen, bis Du die Talente und Geſellſchafts⸗Gewohn⸗ heiten, welche nothwendig ſind, dir angeeignet haſt.“ „So magſt Du reden,“ rief Dagmar,„und ich habe doch mich ſo lang im Auslande aufgehalten, und muß wohl ausge⸗ zeichnet angenehme Manieren beſitzen. Was die Talente anbe⸗ trifft, ſo verſchreiben wir Lehrerinnen von Stockholm, wenn Du glaubſt, daß es vonnöthen ſei.“ „Du meinſt ſomit in den Salons auftreten zu können, ohne dich gegen die Geſetze der guten Lebensart zu verſündigen 20 , Ja, in den Salons zu Haraldshof, wenn auch nicht in der Hauptſtadt. Die Schuld liegt an Dir, lieber Pag⸗ an Dir, wenn ich niemals für das Stadtleben taugen werde, Du haſt — ——— 9*r. 163 mich wie einen freien Vogel aufwachſen laſſen, welcher im Käfig ſich nicht wohl befindet, wäre dieſer Käfig auch ſo groß, wie Schwedens erſte Stadt.“ „Du wirſt eines Tags dich verheirathen, und da bekommſt Du vielleicht einen Mann, welcher dort wohnhaft iſt,“ wandte der Oberſt ein. „Das möge Gott verhüten,“ deklamirte Dagmar.„Aber für's Erſte iſt es überhaupt ſehr ungewiß, ob ich jemals hei⸗ rathe; für's Zweite nehme ich niemals einen Stadtbewohner zum Mann, und drittens will ich in dem lieben Haraldshof leben und ſterben.“ XXXII. Zu Falknäs hatte Thereſe mit dem Einſchlachten im Herbſte vollauf zu thun. Sie zankte und brummte wie gewöhnlich, wäh⸗ rend ſie, umgeben von Mägden, im Brauhauſe ſtand. Es regnete draußen, wie es gewöhnlich im Oktober der Fall iſt; aber trotz Sturm und Räſſe fuhr doch ein Reiſewagen bei dem Polizei⸗Inſpektor vor und wandte Thereſe's Aufmerkſamkeit von Fleiſch und Speck den Reiſenden zu. Sie ſtürzte an das Fenſter, um Fuhrwerk und Perſonen in Augenſchein zu nehmen. Das erſtere war ein bedeckter Reiſewagen; aber das ſah Thereſe deutlich, daß er keinem der Bewohner des Kirchſpiels angehörte; zudem ſaß ein Poſtknecht neben dem livreebekleideten Kutſcher. Eine Dame ſtieg aus dem Wagen; aber Wetterhaube und Flor hinderten Thereſe, die Geſichtszüge zu unterſcheiden. Daß ſie alt war, erkannte man indeſſen aus ihren Bewegungen. Thereſe mußte ſich jedoch Kunde verſchaffen, wer es war, und Kaſſa wurde deßhalb abgeſchickt, ſich darüber zu unterrichten. Sie kehrte mit dem Beſcheide zurück, es ſei die Oberlandrichterin Björnſtam. Wir überlaſſen es Thereſe, ausfindig zu machen, was die Oberlandrichterin Bruder Johann zu ſagen haben möchte, und beeilen uns ſtatt deſſen, zu erfahren, was zwiſchen der alten Dame und dem Polizei⸗Inſpektor des Bezirks verhandelt wurde. Die erſten Höflichkeitsbezeugungen waren ausgetauſcht; die 8 Hand und an Wilhelm gerichtet. Da nun alle meine Anſtren⸗ Oberlandrichterin hatte ihren Mantel abgelegt und in dem be⸗ quemen Lehnſtuhl des alten Ring Platz genommen. „Die Urſache zu meinem Beſuch,“ begann ſie,„iſt mein verſtorbener Sohn. Sie waren derjenige, welchem die Unter⸗ ſuchung der nähern Umſtände bei ſeinem Tode anvertraut wurde; Sie waren es gleichfalls, dem ich meine ſchmerzlichen Verdachts⸗ gründe mittheilte.“ Ring verbeugte ſich. Die Oberlandrichterin fuhr fort: „Ich komme nun zu Ihnen, um mich Raths zu erholen und vielleicht einige Aufklärungen zu erhalten. Die Sache iſt einfach die, daß ich während meines Aufenthalts zu Haraldshof vergangene Weihnachten in den Beſitz eines Briefwechſels ge⸗ gte, aus welchem ſich ergab, daß mein Sohn Wilhelm in England Frau und Kind hinterlaſſen hatte. Meine Abſicht ging dahin, einen Prozeß gegen den Oberſt einzuleiten, aber eines ſchönen Tags waren die Briefe aus meiner Schatulle verſchwun⸗ den. Der Dieb konnte nicht wohl ein anderer ſein, als derjenige, für welchen ein Grund vorlag, den Prozeß zu fürchten. Er hatte auch den ehemaligen Kammerdiener Wilhelms, welchen wir als Zeugen bei der Sache vorzuführen beabſichtigten, auf die Seite geſchafft. Ich ſagte meinem Sohn dieß Alles geradezu in's Ge⸗ ſicht und verließ darauf Haraldshof, feſt entſchloſſen, nicht zu ruhen, bis ich über das Kind mir Nachricht verſchafft hätte. Meine und meines Tochterſohns erſte Bemühungen gingen dahin, Sjögviſt— dieß war, wie Sie ſich erinnern werden, der Name des Kammerdieners— wieder aufzufinden, aber dieß wollte uns nicht gelingen. Er war und blieb verſchwunden.“ „Vielleicht waren die Briefe falſch.“ „O nein, ſie waren von meines jüngern Sohnes eigener gungen, von Sjögviſt Kunde zu erlangen, vergeblich waren, un⸗ ternahm ich eine Reiſe nach England. In London, wo mein älterer Sohn während ſeines langen Aufenthalts im Auslande vorzugsweiſe verweilte, beſuchte ich die Familien, mit welchen er, ſo viel ich wußte, Umgang gehabt hatte; aber von ſeiner Ver⸗ heirathung war ihnen nichts bekannt. Eine Perſon, mit welcher er durch innige Freundſchaft verbunden geweſen, klärte mich end⸗ lich darüber auf, daß Wilhelm ein Verhältniß mit einer Frau gehabt habe; doch über die Art und Weiſe deſſelben wußte auch er nichts Näheres anzugeben. Er wußte nicht einmal, wo die⸗ ſelbe ſich gegenwärtig aufhielt. Als der Oberſt bald nach des Bruders Tod in England ankam, war Mr. Scott ihr dazu be⸗ hülflich geweſen, daß ſie eine jährliche Leibrente von dem Oberſt bekam, welche ſie bei einem der Londoner Bankiers zu erheben hatte. Mein Sohn reiste kurz darauf ab, und als Mr. Scott, welcher es auf ſich genommen hatte, nach der Frau und dem Kinde zu ſehen, eines Tages ihre Wohnung auſnuchte, welche in der Gegend von London gelegen war, hatte ſie dieſelbe verlaſſen und, wie es hieß, ſich nach einer der kleinern Städte Englands übergeſiedelt; welche, war ihm unbekannt, und er vermochte mir nur den Namen des Bankiers anzugeben, der ihr die Leibrente ausbezahlte. Der Bankier nannte mir die Stadt, wo ſie wohnte, und ich verließ London, um Mrs. Dowſon aufzuſuchen. Ich fand ſie auch ganz richtig. Die Frau war etliche fünfzig Jahre alt, und von ſtolzem Ausſehen. Mrs. Dowſon gab ohne Zögern zu, daß ſie meinen älteſten Sohn gekannt hatte, und daß ſie von dem Oberſt eine Leibrente bezog, gerieth aber bei der geringſten Andeutung, daß zwiſchen ihr und Wilhelm ein Verhältniß be⸗ ſtanden haben möchte, in förmlichen Zorn. Ich mußte England verlaſſen, ohne daß ich ſie vermocht hatte, mir die geringſte Auf⸗ klärung üͤber die Vergangenheit oder auch nur eine Erklärung zu aus welchem Grunde ſie das Geld empfing. Was ich uch that, um ſie umzuſtimmen, blieb fruchtlos, und ich kehrte nach Schweden zurück, ohne eine Spur von Wilhelms Kinde ent⸗ deckt zu haben. Sind ſie todt wie der Vater, und vielleicht mit ihm auf eine unnatürliche Weiſe umgekommen?“ Die Oberlandrichterin war nicht leicht zu erregen; aber nun fuhr ſie mit dem Taſchentuch nach den Augen und weinte. Ring fühlte ſich verlegen und unſchlüſſig und ſagte endlich: „ Ich kann an die Behauptung nicht glauben, daß Wilhelm Björnſtam heimlich verheirathet war. Wir leben nicht in Ro⸗ manen, ſondern in der Wirklichkeit. Man geht heut zu Tage mich gewinnen, mit meinem Sohn zuſammenzutreffen. Ich werde nicht heimliche Ehen ein, und was ſollte außerdem Herrn Björn⸗ ſtam auch dazu veranlaßt haben? Ich meinestheils bin der Mei⸗ nung, daß man Sie betrogen hat, gnädige Frau, als man Ihnen * horſchihaßie, Ihr verſtorbener Sohn habe Frau und Kind hinter⸗ aſſen. —„Man hat mich in dieſem Fall nicht betrogen,“ rief die alte Frau;„ich habe ja die Briefe in meiner eigenen Hand ge⸗ habt. Sie ſprachen nur allzu deutlich von Wilhelms Familie. Nein, Herr Kommiſſär, man hat achtzehn Jahre mich betrogen, als man dieſes Kindes Daſein mir verbarg, und mein Sohn be⸗ trügt mich zu dieſer Stunde. Glauben Sie, daß ich Moriz all ſeine Niederträchtigkeit verzeihen kann? Nein, ich will und werde ihn ſtrafen.“ „Ich glaube, Frau Oberlandrichterin, Sie müſſen Ihrer Sache ſehr gewiß ſein, ehe Sie Oberſt Björnſtam eines ſo ſchwe⸗ ren Verbrechens anklagen, wie dasjenige iſt, welches Sie ihm jetzt zur Laſt legen.“ „Ich bin es auch. Als ich nach der Entdeckung des Brief⸗ diebſtahls ihn aufforderte, mir Alles, was ſeines Bruders Heirath betraf, mitzutheilen, zog er in Abrede, daß Wilhelm verheirathet geweſen, und bat mich blos, alle Mittel aufzubieten, welche in meiner Macht ſtänden, um die Wahrheit hievon an's Licht zu bringen. Er verließ mich mit den Worten: Reiſen Sie nach England, Mutter; ſuchen Sie dort in jedem Hauſe, und Sie werden keine Frau finden, welche Ihres Sohnes Gattin geweſen, ſo wenig, als ein Kind, welches ihm das Leben zu danken hat.“ Die Oberlandrichterin ſchwieg. „Ich habe ſelbſt die größten Vorurtheile gegen den Herrn Oberſt gehegt,“ äußerte der Kommiſſär;„ich habe in Folge von dem, was Sie gegen mich erwähnten, ihn im Verdacht gehabt, als trüge er eine Mitſchuld an des Bruders Tode, und wäre der Urheber von dem traurigen Ende ſeiner Frau, aber....“ „Seine Frau,“ ſiel die Oberlandrichterin, ihn unterbrechend, ein.„Sie hatte ich vergeſſen. Auch ſie war eine Engländerin. Ich habe ſie niemals geſehen; ich konnte es damals nicht über — nie vergeſſen, wie erbittert ich wurde, als ich erfuhr, daß er ſich verheirathet hatte, und zwar drei Monate nach ſeines Bruders Hingang.“ „Die Oberſtin Björnſtam war keine Engländerin,“ bemerkte Ring;„ſie war aus Frankreich.“ „Aber er verheirathete ſich mit ihr in England und ſchrieb von dort an mich, daß er eine Frau gefunden, für welche er gern ſeine Freiheit aufopfere.“ „Sie erinnern ſich wohl noch ihres Geſchlechtsnamens, Frau Oberlandrichterin?“ fragte Ring. „Nein, ich wurde ſo aufgebracht über ſeine Keckheit mir zu ſchreiben, daß ich ſogleich den Brief in's Feuer warf. Ich wollte niemals dieſe Frau ſehen, welche den meinem geliebten Sohne abgenommenen Raub mit ihm theilte. Erſt als die Tochter ein Alter von elf Jahren erreicht hatte, gelang es Moriz, eine Ver⸗ ſöhnung zwiſchen ihm und mir zu Stande zu bringen.“ „In dieſem Fall kann ich Sie darüber aufklären, daß die verſtorbene Frau Oberſtin eine geborne Marquiſin d Aveyron war.“ „Und der Oberſt zeigte ſich ja ſo bösartig gegen ſie, daß ſie geiſteskrank wurde, und ſich das Leben nahm? Ah, Herr Kom⸗ miſſär, er wird ſeine Verbrechen ſchwer zu büßen haben! Sie, als ein erfahrener Mann, ſollen mir einen Rath geben, wie ich ihn zu dem Geſtändniß zwingen kann, was aus meines Sohnes Kind geworden iſt. Sie müſſen ihn haſſen; er hat Ihnen Ihre Bruderstochter entriſſen, um ſie zu Tode zu plagen, wie er es mit ſeiner erſten Frau gethan hat.“ „Frau Oberlandrichterin, ich 168 „Ihre Bruderstochter hat einen reichen Mann, und der Reichthum hat Ihnen den Geiſt verblendet. Darum ſind Sie in Bezug auf den Oberſt andern Sinnes geworden.“ „Und wenn ich, als der Oberſt um Majken ſich bewarb, dieſelben Gedanken von ihm wie früher gehabt hätte, ſo wäre Majken wahrſcheinlich ſeine Frau nicht geworden. Alles was ich inzwiſchen Ihnen rathen kann, gnädige Frau, iſt, daß Sie ſich nicht übereilen, ſondern die Vorſicht das Wort führen laſſen.“ Die Oberlandrichterin erhob ſich. „Ich kam hieher,“ ſagte ſie,„in der Hoffnung, Ihr Ge⸗ rechtigkeitsſinn würde Sie geneigt machen, mir zu helfen, und ich reiſe von hier ab, dieſer Hoffnung beraubt. An wen ſoll ich mich jetzt wenden, um den Schlüſſel zu dem Räthſel zu finden, ſo daß meines geliebten Sohnes Kinder, wenn ſie noch am Leben ſind, nicht Mangel leiden dürfen, ſondern in ihre legitimen Rechte eingeſetzt würden? Vielleicht werden ſie im Elend ſterben, während ihres Vaters Bruder im Ueberfluß ſchwelgt.“ „Haben Sie, Frau Oberlandrichterin, noch nie mit Frau Thorén geredet,“ fragte Ring, gerührt von dem betrübten Aus⸗ ſehen der alten Dame.„Sie iſt die einzige, außer dem Oberſt ſelbſt, welche die Vergangenheit kennt.“ „Frau Thorén,“ wiederholte die Oberlandrichterin.„Sie haben Recht, ich danke Ihnen für dieſen Rath.“— Sie reichte Ring die Hand.—„Meine Reiſe hieher iſt alſo doch nicht ganz vergeblich geweſen.“ 4 Einige Minuten ſpäter ſah Thereſe den Wagen hinweg⸗ rollen. Ring ſtand auf der Schwelle und murmelte ihr nachſehend: „Die Frau hat eine furchtbare Hartnäckigkeit. Sie wird nicht eher aufhören, als bis es ihr gelungen, Schimpf und Schande über ihren Sohn und ſich ſelbſt zu bringen.“ XXXIII. Es war ein finſterer Herbſtabend, als Frau Thorén den —— — 169 Oberſt mit ſeiner Familie nach der Reiſe ins Ausland wieder in Haraldshof willkommen hieß. Der erſte Blick auf ſie ſagte dem Oberſt, daß etwas Widerwärtiges ihm daheim in den Weg kommen würde. Er reichte darum Frau Thorén die Hand mit den Worten: „Was iſt geſchehen?“ „Die Frau Oberlandrichterin iſt geſtern angekommen und....“ „Iſt hier,“ unterbrach ſie der Oberſt mit gerunzelter Stirne. „Sie haben wohl die Güte gehabt und dafür Sorge getragen, daß meine Mutter wohl aufgenommen wurde und die Zimmer, welche ſie wünſchte, erhielt.“ „Die Frau Oberlandrichterin war von der Reiſe unpäßlich. und wünſchte mein Schlafzimmer zu benützen; ſie hielt es für das wärmſte,“ antwortete Frau Thorén. „Und Sie haben in Wilhelms ehemaliger Wohnung ein⸗ heizen laſſen, damit ſie morgen dieſelbe beziehen kann?“ „Nein, das Befinden der Frau Oberlandrichterin hat ſich ſehr verſchlimmert; ſie iſt jetzt ernſtlich krank. Der Doktor iſt hier geweſen und hat ihren Zuſtand bedenklich gefunden.“ „Meine Mutter ſchwer krank!“ rief der Oöberſt. Das war ihm kaum begreiflich. Er konnte ſich nicht erinnern, daß ſie je⸗ mals unpäßlich geweſen war. Um ſo wunderbarer klang es in ſeinen Ohren.* Der Obexſt warf ſeinen Reiſepelz von ſich und folgte Frau Thorén zu der Kranken. XXIV. Drei Wochen kämpften Leben und Tod um die beinahe ſiebzigjährige Frau. Sie hatte allzu ſehr auf ihren ſtarken Körper vertraut, da ſie vom Mai bis Oktober ununterbrochen auf Reiſen begriffen war und ohne Rückſicht auf Jahreszeit oder Witterung ſich allen möglichen Anſtrengungen unterwarf, und dieß alles, um Licht in dem Dunkel zu ſuchen, welches die Familienverhält⸗ niſſe ihres verſtorbenen Sohnes umgab. Man ſtürmt jedoch nicht ungeſtraft auf ſeine Kräfte ein, wenn man ihr Lebensalter er⸗ — 170 reicht hat. Die Oberlandrichterin hatte ſich eine ſchwere Erkäl⸗ tung zugezogen, welche mit dem Tod enden ſollte. Sie wurde von ihrem Sohn auf das liebevollſte verpflegt. Die zwei letzten Tage war ſie beinahe ununterbrochen mit dem Oberſt allein. Frau Björnſtam ſchloß ihre Tage mit einem warmen Segenswunſch für den, welchen ſie zuvor beinahe ver⸗ flucht hatte, und mit einer innigen Bitte um Vergebung für all das Unrecht, welches durch ſie ihrem Sohn zugefügt worden war. Der Oberſt betrauerte aufrichtig ſeine Mutter zu nicht ge⸗ ringem Erſtaunen von allen, welche das geſpannte Verhältniß zwiſchen ihnen gekannt hatten. Das Begräbniß war, wie man zu ſagen pflegt, würdig der Verſtorbenen und des Vermögens von ihrem Sohne. Die Oberlandrichterin Björnſtam wurde in derſelben Gruft, wo ihr verſtorbener Sohn bereits ſchlummerte, beigeſetzt. In unſerem Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buch⸗ handlungen zu beziehen: Erzählungen von Hermann Kurz. Verfaſſer von„Schiller's Heimathjahre.“ Neue vermehrte Sammlung. 3 Bände eleg. broch. à Band Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr. 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Zwanzig Jahre nachher 3„„ 1. 18„„ 2. 24 ⸗ Der Graf von Bragelonne 4 oder zehn Jahre nachher 7„„ 4.=„—„ 6.536 4 Denkwürdigkeiten eines Arztes„„ 2. 24„—„ 4. 12„ Das Halsband der Königin 3„„ 1. 18„=„ 2. 24„ Der Frauenkrieg.... 2„„ 1. 2„—„ 1. 36„ Die Dame von Monſoreau 3, 1. 18„—„ 2. 24„ Der Chevalier v. Maiſon⸗Rouge?2„„ 24„=„ 1. 12 Der Graf von Monte Chriſto 6„„ 2. 28„—„ 4. 24„ Ange Piton...... 3„„ 1. 6„=„ 1.43„ Jeder Roman wird einzeln verkauft. Stuttgart. A Franckh'ſche Verlagshandlung. „„ nninnnnnmFynmnnnnſſiüſſſſſſſſſſſſſſſſſ nnſinnſnſimnſminnſſſſt 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 8 4 8 8 6 1 . * 6 6 8 5 4 4 3 —