von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für öochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ¹5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, bechniſbte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer zun. Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— d deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. * —, Ausgewälnte TWlerke von Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. — Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1863. Wilhelm Stjernkrona oder Iſt des Menſchen Charakter ſein Schickſal? Von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von * Dr. C. Büchele. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1863. J. Viel Heldenmuth und viel Blut hatte der acht⸗ jährige Freiheitskampf der nordamerikaniſchen Ko⸗ lonien gekoſtet, ehe deren Selbſtſtändigkeit feſt be⸗ gründet war. Beim Friedensſchluſſe zu Verſailles 1783 mußte England ſich darein ergeben, die Unabhängigkeit der amerikaniſchen Freiſtaaten anzuerkennen. Die Theilnahme der Franzoſen an dem Kriege hatte das Staatseinkommen von zwei Jahren aufge⸗ zehrt und überdieß dem Thron neue und unbekannte Feinde durch das bei Hoch und Nieder erwachte Be⸗ wußtſein bürgerlicher Würde geſchaffen. Voltaire und Rouſſeau begannen in ihren Schriften auch die höheren Klaſſen anzugreifen und ſuchten mit Wahrheit und Kraft den Beweis zu führen, daß auch das Volk Rechte beſitze, welche der Adel und die„Tyrannen“ ihm geſtohlen hätten. Die Nordamerikaner hatten dieſe Rechte geltend gemacht, und dieß diente zu einem ſprechenden Bei⸗ ſpiel für die andern Nationen, daſſelbe zu thun. Man begann auch wirklich in Frankreich daran zu denken, die in Amerika geweckten und entwickelten Freiheitsideen zur Anwendung zu bringen. Schon bei dem Friedensabſchluß im Jahr 1783 gährte es in den Gemüthern des franzöſiſchen Volkes. Ein dumpfes, unglückverkündendes Murren ging durch das Land, gleich einem warnenden Vorboten vor dem Ausbruch der großen und blutigen Revolution. Im Jahr 1788 war die Spannung zwiſchen dem Hof, dem Parlament und dem Volk von der Art, daß ſich leicht vorausſehen ließ, eine vollkom⸗ mene Spaltung werde die Folge davon ſein. Die Hofpartei, verblendet und völlig irre ge⸗ führt, wie immer, in Bezug auf die in ihrem Beſitz befindliche Macht, glaubte nicht an die Gefahr und wollte ſich die Möglichkeit nicht denken, daß das Volk ſich nunmehr anſchicke, über ſeine Unterdrücker das Richteramt zu üben und für die Leiden von Jahrhunderten an ihnen Rache zu nehmen. Es gab jedoch mehrere adelige Familien, welche, auf die Zeichen der Zeit achtend, erkannten, daß die Macht der Ariſtokratie ihrer Vernichtung nahe ſei, und deßhalb es für das Räthlichſte hielten, dem Sturm, welcher bevorſtand, zu entfliehen. Auch gab es einen und den andern Edelmann, welcher in Vorausſicht der innern Kämpfe Frankreich verließ, um nicht an dem Bruderſtreite Theil neh⸗ men zu müſſen. Während dieſe hiſtoriſchen Ereigniſſe ſich in Frankreich vorbereiteten, hatten mehrere innere und äußere Umſtände hier in unſerem lieben Schweden zuſammengewirkt, ſo daß Guſtav III. der Verſuchung nicht widerſtehen konnte, ſich gleichfalls die Helden⸗ krone zu erwerben, welche ſeine Vorgänger geſchmückt hatte. Genug, er entſchloß ſich ſehr ſchnell zu einem Kriege gegen Rußland. r — — Doch wir wollen nicht jezt, ſondern erſt weiterhin auf die Kriegsereigniſſe zurückkommen. Eines Abends, im Mai 1788, während die Flotte in der Ausrüſtung begriffen war, ſaßen zwei junge Männer in der Wohnung Wilhelms zu Karls⸗ krona bei einander. Zehn Jahre ſind verfloſſen, ſeitdem wir den le⸗ bensfrohen Jüngling das Vaterland verlaſſen ſahen, um ſich, Abenteuer und Chre ſuchend, nach fremden Ländern zu begeben. Hatte er gefunden, was er damals ſuchte? oder hatte er vielleicht nur die Erfahrung bittern Schmerzes und getäuſchter Hoffnungen davon getragen? Die mit Orden geſchmückte Bruſt ſchien zu be⸗ weiſen, daß er wenigſtens einige Blätter aus dem Lorbeerkranz der Ehre errungen hatte, und das ſorg⸗ loſe, unveränderte Ausſehen proteſtirte ganz und gar gegen jede Bekanntſchaft mit Kummer und Sorge. Mit Wilhelms Zügen war keine weitere Ver⸗ änderung vorgegangen, als daß ſie ein beſtimmteres männliches Gepräge erhalten hatten. Die Augen waren ebenſo lebhaft und wachſam wie ehedem, das Lächeln gleich friſch und keck, und die Naſe ſchien noch immer der ganzen Welt Trotz zu bieten.. Doch geſchah es zuweilen, daß ein Schatten über dieſe hohe Stirn flog, als ob eine peinliche Erinne⸗ rung in ſeiner Seele auftauchte; aber der Ausdruck 5 davon verſchwand ebenſo ſchnell, als er entſtanden war, ohne eine Spur von ſich zurückzulaſſen. Ein genauerer Beobachter wäre allerdings zu der Anſicht gelangt, daß es dem Feuer in ſeinem Blicke an Wärme gebrach, und hätte daraus den Schluß ziehen können, daß ſein Inneres jezt von einer Leidenſchaft der Seele und nicht des Herzens beherrſcht war. Man ſah, daß Wilhelms Gedanken von irgend einem größern und mächtigern Intereſſe, als Frauen⸗ liebe in Anſpruch genommen waren. Eine große Idee war es, welche jezt das Erz in ſeiner Seele zum Glühen brachte und ſein Blut in Wallung ſezte. Der junge Mann, mit welchem er in einer Un⸗ terredung begriffen, war ein Kamerad von der Ilotte, Premierlieutenant Otto Cellner, von gleichem Alter mit Wilhelm.. Otto Cellner war mehr klein als groß und von Körper nicht ſonderlich ſtark gebaut. Auf den erſten Blick erſchien er abſtoßend häßlich, nicht eigentlich deßwegen, weil ſeine Züge an ſich häßlich waren, ſondern vielmehr darum, weil ein lauernder, beinahe argliſtiger Ausdruck darin lag. Seinem Angeſicht war der Stempel eines ver⸗ zehrenden Verlangens nach Etwas aufgedrückt, wel⸗ ches er zu erlangen wünſchte, aber Andere, wie er fürchtete, ihm entreißen würden. Cellners Miene konnte, wenn er heiter war und ſcherzte, ſich gänzlich umändern, und in ſolchen Au⸗ genblicken erhielt ſie einen freundlichen und humo⸗ riſtiſchen Ausdruck; aber dies waren nur Lichtſtrah⸗ —-—.———————————— 9 len, welche ganz plötzlich zum Vorſchein kamen, ohne jedoch im Stande zu ſein, das neidiſche Gepräge, welches ſeinem Antlitz ſonſt eigen war, zu verdrängen. Stjernkrona und Cellner waren als Kadetten ſchon Kameraden geweſen und zu gleicher Zeit Offi⸗ ziere geworden. Bei Wilhelms Rückkehr ins Vaterland, wo er, noch nicht vierundzwanzig Jahre alt, nicht nur im Beſitz des franzöſiſchen Militärverdienſtordens, ſon⸗ dern auch des Schwertordens ſich befand— wurde er von Cellner auf's Herzlichſte begrüßt. Der eh⸗ malige Kamerade von der Kadettenſchule widmete ihm eine Freundſchaft, welche von Tag zu Tag an Stärke und Enthuſiasmus zu gewinnen ſchien. Trotz aller Beweiſe von Anhänglichkeit, welche Cellner Wilhelm gab, empfand unſer Held jedoch einen unerklärlichen geheimen Widerwillen gegen ihn, und die Folge davon war, daß Wilhelm nicht mit ſeinem gewöhnlichen offenen Vertrauen Cellners Freundſchaft entgegenkam oder ſie erwiederte. Wilhelm pflegte bei ſich zu ſagen: „Es liegt etwas in dieſem Blick, was mir Zweifel an ſeiner Aufrichtigkeit einflößt. Es ſieht aus, als ob er etwas im Schilde führe.“ Wie viel man aber auch mißtrauen mag, es iſt dennoch in die Länge unmöglich, daran feſtzuhalten, wenn der Zweifel durch Nichts Beſtätigung erhält. Als darum Cellner in ſeinem Benehmen ſich gleich blieb und bei jeder Gelegenheit als der un⸗ eigennüzigſte aller Freunde auftrat, kam es am Ende dahin, daß Stjernkrona's Widerwille ſich abſtumpfte, und in gegenwärtigem Zeitpunkt glaubte Wilhelm 10 wirklich an Cellners Freundſchaft, ſo daß der Um⸗ gang zwiſchen ihnen von ganz vertraulicher Natur war. Sie galten allgemein für ein paar intime Freunde. In Stjernkrona's Art und Weiſe gegen Cellner lag jedoch immer eine unbewußte, herablaſſende Freund⸗ lichkeit, welche den Beweis lieferte, daß er jenen als eine in gewiſſem Betracht ihm untergeordnete Per⸗ ſönlichkeit betrachtete. Dies war Cellner auch in Wirklichkeit, nicht blos ſeinem Aeußern, ſondern auch ſeiner Intelligenz und ſeinen Kenntniſſen nach. Er beſaß allerdings eine lebhafte Phantaſie, viel Erfindungsgabe und einen hohen Grad von Klugheit, aber es mangelte ihm an einem klaren und beſonnenen Urtheil, an einer geſunden und unparteiiſchen Auffaſſung, und was das Schlimmſte von Allem war— an gründlichem Wiſſen.. Es iſt wohl möglich, daß Cellner ſeine eigenen Mängel kannte, und daß dieſes Bewußtſein eine innere Bitterkeit, eine beſtändige Unzufriedenheit und eine geheime Mißgunſt erzeugte. In allen reicher ausgeſtatteten Perſonen mußte er ſomit Feinde ſeiner Zukunft und ſeines Erfolgs ſehen, beſonders da er von dem brennendſten Durſt nach Ehre beherrſcht wurde. Der Ehrgeiz war eine verzehrende Leidenſchaft ſeiner Seele. Sein Streben ging dahin, ſich emporzuſchwingen, ſich um jeden Preis zu einer ausgezeichneten Per⸗ ſönlichkeit zu machen und Fürſtengunſt zu ge⸗ winnen. Fürſtengunſt— dieß iſt die Seifenblaſe, welche 11 ſchon ſo Viele geblendet hat und welcher die Mittel⸗ mäßigkeit gewöhnlich nachjagt, in der Hoffnung, daß von dem Glanz, welchen die Krone verbreitet, Etwas auf diejenigen zurückfallen werde, welche ihr ganzes Leben der Schmeichelei gegen Perſonen opfern, welche eine Krone zu tragen bekommen haben. Dieſe Weſen, welche ſich auf den Hoftreppen drängen, wiſſen nicht, daß aller erborgter Glanz— ein Nichts iſt. Doch kehren wir zu den beiden jungen Männern zurück, welche nach vollbrachtem Tagewerk in ver⸗ traulichem Geſpräche bei einander ſitzen. „Kein Menſch kann anders ſagen, als daß wir bei dieſer beſchleunigten Ausruͤſtung recht viel für uns zu thun bekommen haben,“ bemerkte Cellner und fuhr ſich mit dem Taſchentuch über die Stirne. Nach einem Tage wie der heutige iſt es beinahe aus mit Einem.“ „Was für ein weichliches Geſchwätz, mein lieber Cellner!“ antwortete Stjernkrona.„Mir dünkt im Gegentheil, daß es eine herrliche Zeit iſt, wenn man ſo vollauf zu thun hat, daß kaum ein Augen⸗ blick zum Athemholen übrig bleibt, und hernach der bevorſtehende Krieg mit all ſeinen Verheißungen von Ehre und Sieg für unſer altes Schweden!“ „Ja, Du, Stjernkrona, wirſt wohl mit Ehre, Orden und Wunden bedeckt aus unſern Schlachten zurückkehren,“ entgegnete Cellner mit einem Seitenblick auf den Kameraden. „Das hoffe ich, im Fall nicht der Tod kommt und meinen Berechnungen ein Ende macht,“ ant⸗ wortete Wilhelm. 12 „Warum gebrauchſt Du das Wort„Hoffen“? Es klingt allzu anſpruchlos in Deinem Munde.“ „Wirklich?“ erwiederte Wilhelm lachend.„Wie ſollte ich denn mich ausgedrückt haben?“ „Daß nur der Tod Dich abhalten könne, die Lorbeern zu gewinnen, deren Du zum Voraus ſicher biſt. Gegenwärtig gibt es wohl Niemand, der ſich rühmen könnte, eine ſo glänzende Carridre wie Du gemacht zu haben. „Ja, ich habe, was man ſagt, Glück gehabt,“ antwortete Wilhelm, während eine leichte Wolke über ſein Angeſicht zog.„Wenigſtens ſieht es ſo aus.“ „Sieht ſo aus!“ wiederholte Cellner.„Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß Niemand weiß, welches Glück man macht, bevor man an der Grenze ſeiner Lebensbahn ſteht.“ „Allerdings; aber wenn man bedenkt, wie das Schickſal ſich für Dich geſtaltet hat, ſeitdem Du das Vaterland verließeſt, um nach zehn Jahren heimzu⸗ kehren, ſo muß man zugeben, daß Du eine glän⸗ zende Carriere gehabt haſt.— Wir dürfen zu dieſem Zweck nur eine Vergleichung zwiſchen Dir und mir anſtellen. Wir ſind von gleichem Alter, wir ſind zu gleicher Zeit Offiziere geworden, und dennoch— welcher Unterſchied! Mit einundzwanzig Jahren er⸗ hältſt Du den Militärverdienſtorden, mit dreiund⸗ zwanzig den Schwerdtorden; mit fünfundzwanzig biſt Du Premierlieutenant und mit dreißig Kapitän. — Ich dagegen habe es nur zum Premierlieutenant gebracht, ohne irgend Orden oder Band zu beſitzen. — 13 Doch das iſt ja natürlich, Du biſt mir ſo überlegen an Intelligenz und Kenntniſſen. „Bah! nicht meine vermeintliche Ueberlegenheit hat mich zu dem gemacht, was ich bin, ſondern mein kühner, verwegener Charakter. Ich habe von meinen Knabenjahren her Gefahren und Abenteuer geliebt. Mir wäre es unmöglich geweſen, unthätig daheim zu ſitzen. Ich mußte mitten in den Tumult der Ereigniſſe hinaus und an den Kämpfen mich bethei⸗ ligen. Das iſt ſomit mein Charakter, welcher mein Glück und meine Erfolge geſchaffen hat. Du hin⸗ gegen biſt ganz beſcheiden daheim geblieben und haſt gewartet, daß die Begebenheiten und Auszeich⸗ nungen Dich aufſuchen.“ „Vielleicht haſt Du Recht,“ ſagte Cellner und heftete ſeine ſpionirenden Augen auf Wilhelm.„Aber ich habe geglaubt, nur die Pflicht der Vertheidigung des Vaterlandes dürfte mich beſtimmen, zu dem Schwerdt zu greifen. Eine wilde, zügelloſe Jagd auf Abenteuer ſollte uns niemals antreiben, das Blut unſerer Nebenmenſchen zu vergießen.“ „Aber wie zum Teufel haſt Du dann jemals Soldat werden können,“ rief Wilhelm lachend,— „und dazu Seeſoldat?“ „Deßhalb, weil mein Sinn nach der See ſtand; aber dennoch finde ich in dem Krieg etwas Un⸗ natürliches. Als meine Liebe zur See bei der Wahl meiner Lebensbahn mich beſtimmte, ſo war auch mein Beſchluß gefaßt, niemals einen Tropfen Blut zur Befriedigung meines eigenen Ehrgeizes, ſondern nur da, wo des Vaterlandes Wohl es er⸗ heiſchte, zu vergießen.“ 14 „Aber es gibt Ideen von ſo ſtarkem Einfluß, daß ſie uns gleich theuer und heilig ſind, wie das Vaterland, weil ſie auf das Wohl der ganzen Menſch⸗ heit abzielen,“ entgegnete Wilhelm. „Möglich, aber es geſchah gewiß nicht zur För⸗ derung irgend einer großen Idee, daß Du an dem amerikaniſchen Kriege Theil nahmſt,“ erwiederte Cellner mit einem beinahe ironiſchen Lächeln. „Nein, mich beſtimmte nur mein brennendes Verlangen, an den wechſelnden Weltereigniſſen mich zu betheiligen und praktiſch zu einem tüchtigen See⸗ mann heranzubilden. Ich wünſchte kennen zu lernen, was das Leben von mir forderte.“ Wilhelm erhob ſich und ging einige Mal im Zimmer auf und ab, während er mit großer Leb⸗ haftigkeit fortfuhr: „Als ich aber hinaus kam unter Leute, welche mit Leib und Seele an den Kriegsereigniſſen ſich betheiligten, da wurde ich gleichfalls von der großen und mächtigen Idee ergriffen, welche Alles um mich her belebte. Ich lernte dann, daß es Ideen gibt, ſo groß, daß wenn es ſich um dieſelben handelt, alle Bewohner der Erde nur ein einziges Volk ausmachen, und jeder menſchliche Arm zum Schwerdt greifen ſollte, ſobald ſie von einem Angriff bedroht ſind. „Und dieſe Ideen, welche ſind ſie?“ „Fragſt Du im Ernſte?“ Wilhelm blieb vor ſeinem Kameraden ſtehen. „Ganz gewiß; was in Deinen Augen groß er⸗ ſcheint, kann in den meinigen das Gegentheil ſein. Du weißt, daß wir ſo verſchieden denken.“ 15 „Die Idee der Freiheit kann wohl nie etwas Anderes als groß ſein?“ „Ja, wenn Du unter Freiheit die Republik ver⸗ ſtehſt. Du ſtritteſt alſo für die republikaniſchen Ideen der nordamerikaniſchen Kolonien, ſo lang Du bei der franzöſiſchen Flotte gedient haſt.“ „Das iſt wahr, und ich werde es mir immerdar zur Ehre rechnen.“ Wilhelm begann wieder im Zimmer auf und abzugehen. „Ich würde dagegen, im Fall ich mit Deinem Hang zu Abenteuern behaftet geweſen wäre, mir einen Platz auf der engliſchen Flotte geſucht und es als eine Forderung der Pflicht angeſehen haben, für die beſtehende Ordnung gegen die Anarchie zu ſtreiten.“ „Du hätteſt ſomit lieber dem Unterdrücker, als dem Unterdrückten gedient?“ „Von meiner früheſten Kindheit an habe ich ge⸗ lernt, den König und den auf das Geſetz gegruͤn⸗ deten Staat zu lieben. Ich kann deßhalb nie⸗ mals die Sache eines aufrühreriſchen Volkes zu der meinigen machen. Und thäte ich es, ſo würde ich ja vor meinem König und Vaterlande als ein Menſch daſtehen, welcher die Verleugnung der Treue gegen die Obrigkeit gutheißt.“ „Ei, ei, lieber Cellner, Du hältſt nicht richtigen Strich. Du vergiſſeſt ganz und gar, daß ich von dem König eine Empfehlung an den Grafen d'Eſtaing bekommen hatte, und daß es ſich bei mir um Nichts handelte, als....“ „Um Deinen Durſt nach Auszeichnung.“ 16 „Mag ſein!“ antwortete Wilhelm, ſich auf den Sopha werfend, und ſetzte dann lachend hinzu: „Du wirſt vielleicht behaupten, daß Du niemals dieſen Durſt kannteſt?“ „Ja, das will ich. Wozu ſollte es auch dienen, ehrgeizig zu ſein? Nur, mich ſelbſt zu plagen. Ich weiß nur allzu wohl, daß ich ganz und gar zu der gewöhnlichen Sorte von Menſchen gehöre. Ueberdieß ſehe ich den Ehrgeiz als eine ganz niedrige Leiden⸗ ſchaft an. Derjenige, welcher ſich von ihr leiten läßt, handelt immerdar egoiſtiſch und opfert ge⸗ wöhnlich Alles und Jedes für die Befriedigung derſelben.“ Wilhelm pfiff und ſah zur Decke empor, ohne eine Antwort zu geben. „Höre, Stjernkrona, was willſt Du mit Deinem Pfeifen zu verſtehen geben?“ „Daß ich kein Wort von dem, was Du geſagt haſt, glaube. Schwatze Du gegen den Ehrgeiz, ſo viel Dir beliebt, ich weiß doch, daß er Deine Haupt⸗ leidenſchaft ausmacht,“ entgegnete Wilhelm, indem er Cellner auf die Schulter klopfte. „Das iſt beinahe eine Beleidigung,“ rief Cellner hitzig aus.“ „Sollen wir vom Leder ziehen?“ fragte Wilhelm lächelnd.“ Aber im Ernſt geſprochen, es verlohnt ſich nicht der Mühe, Dich deßhalb zu ereifern, denn auf —— mein Wort, Du biſt ehrgeizig trotz mir, und vielleicht noch etwas mehr. Wir gehen nur verſchiedene Wege. — Ich will die Lorbeern, welche möglicher Weiſe auf meinen Loosantheil fallen können, mir erkämpfen; 17 Du wünſcheſt dieſelben der Gunſt und Gnade abzu⸗ gewinnen. Wenn ich die Ehre an mich zu reißen ſuche, willſt Du Dich ihr anſchmiegen. Wir werden von demſelben Gefühl beherrſcht, obwohl wir zur alſo Befriedigung deſſelben ungleiche Mittel gewählt haben.“ Cellner öffnete den Mund, um zu antworten; aber in dieſem Augenblick trat Wilhelms Diener ein und meldete, ein Ausländer wünſche den Baron zu ſprechen. „Ein Ausländer!“ wiederholte Wilhelm etwas überraſcht.„Laß ihn hereinkommen.“ Wenige Augenblicke nachher trat ein junger Mann von lebhaftem, ſüdländiſchem, vortheilhaftem Aus⸗ ſehen ein. Bei ſeinem Anblick ſprang Wilhelm auf und rief: „Saint Sue!“ Im nächſten Momente drückten die frühern Ka⸗ meraden einander die Hände. II. „Aber, mein beſter Marquis,“ ſagte Wilhelm, als die erſten herzlichen Begrüßungen gewechſelt waren und Cellner ſich entfernt hatte,„was führt Sie hieher zu uns Barbaren?“ .„ Ich könnte ſagen: derſelbe Grund, welcher Sie einmal, mein lieber Baron, nach Breſt führte. Da⸗ mals befanden wir uns im Seekriege, und jetzt rü⸗ ſten Sie ſich zu einem ſolchen. Ich bin hier, um der ſchwediſchen Flotte zu dienen und das Blut, Schwartz, Wilhelm Stiernkrona. II. 2 18 welches Sie auf der franzöſiſchen vergoſſen haben, zurückzuzahlen. „Sie wären wirklich gekommen, um... „Mich noch einmal an Ihrer Seite zu ſchlagen. Ja, auf meine Ehre, und ich hoffe, es wird ſich dießmal nicht blos um die Landung auf irgend einer Inſel, ſondern nur um ſolche Wunden handeln, wie die ruſſiſchen Kugeln ſie beibringen.“ Bei dieſen Worten von Saint Sue flog eine Wolke über Wilhelms Stirne. Der Marquis, welcher es bemerkte, ſezte hinzu: „Wie, mein Lieber, ich glaube, das Wort„Inſel“ regte Sie auf?— Sollten Sie zufällig noch ebenſo kindiſch ſein, wie damals, als wir zuſammen kam⸗ pirten?“ „Nein, Marquis ich habe mich bedeutend verän⸗ dert, aber dieß hindert nicht, daß jede Erinnerung...“ „An die weſtindiſchen Inſeln Sie unangenehm berührt. Nun wohl, wir wollen nicht davon reden.“ „Nur eine Frage, und dann wollen wir niemals mehr auf den Gegenſtand zurückkommen.“ „ Das Wort„Niemals“ iſt nur vorhanden, um niemals ausgeſprochen zu werden, merken Sie ſich wohl! Was iſt es übrigens, das Sie zu fragen be⸗ abſichtigen?“ „Lebt Frau von Eſtrier noch?“ „Ich vermuthe es;— im Fall ſie nicht todt iſt,“ erwiederte Saint Sue und ſah zur Decke empor. „Sie wiſſen alſo Nichts von ihr?“ „Meine Unkenntniß in dieſem Fall rechne ich mir zur Ehre an. A propos, Baron, glauben Sie immer noch, Herr Ihres Schickſals zu ſein?“ ——— — ,— d 1, ie 19 „Ja, bis jetzt wenigſtens bin ich noch durch Nichts widerlegt worden.“ „Die Ereigniſſe ſind ſomit ganz artig gegen Sie geweſen. Sonſt pflegt man mit den Jahren ſich zwei gute Eigenſchaften zu erwerben, nämlich älter und vernünftig zu werden. Aber Sie ſcheinen ſich von dieſen Verdienſten noch keines angeeignet zu haben.“. „Was meinen Sie damit, Marquis?“ „Ich meine, Sie müſſen, ehe Ihre Sinne ſchwach werden, darnach ſtreben, die Welt, die Dinge und ſich ſelbſt im rechten Lichte zu betrachten, und ſich nicht für mächtiger zu halten, als Sie wirklich ſind.“ „Aber als Menſch muß ich doch wohl Herr über mein eigenes Schickſal ſein?“ „Wiſſen Sie, was gegenwärtig in Frankreich vorgeht?“ „Ein Streit zwiſchen dem Parlament und dem Hof. Aber, beſter Marquis, das war eine ſeltſame Frage, und hat mit meiner Auffaſſung unſeres Schick⸗ ſals nichts gemein.“ „Nur nicht ſo heftig! Man kommt auf vielen und verſchiedenen Wegen nach Rom; wenden wir uns alſo wieder nach Frankreich: was glauben Sie, daß dort bevorſteht?“ „Ein Staatsbankerott.“. Saint Sue legte ſeine Hand auf Wilhelms Arm und antwortete lächelnd: 1 „Etwas viel Schlimmeres—ein Volksaufſtand.“ „Und das ſagen Sie mir mit lächelnden Lippen.“ „Ich lache immer dem Unglück ins Angeſicht, damit dieſes nicht den Triumph erlange, es ſeiner⸗ 2* 20 ſeits zu thun. Auch haben wir alle Wahrſchein⸗ lichkeit dafür, daß revolutionäre Bewegungen ſtatt⸗ finden werden, und daß das franzöſiſche Volk, gleich den Nordamerikanern, das Joch, worunter es ſeufßzt, von ſich abwirft. Ein innerer Krieg wird daraus erfolgen. Der König und der Adel werden wohl gutwillig keine Zugeſtändniſſe machen. Nun wohl, ſind es die Individuen, welche es dahin gebracht haben, daß Landsleute auf einander losſchlagen, oder iſt es nicht eher der Gang der Ereigniſſe, der ſie dazu getrieben hat?“ „Die Ereigniſſe ſelbſt ſind nur Produkte der Individuen.“ „Das gebe ich nicht zu; denn wenn dem ſo wäre, ſo könnte man den Menſchen als einen Gott, und nicht als ein ſchwachen Sterblichen betrachten. Wir müſſen ſomit zugeben, daß der Herr des Schick⸗ ſals ſeine Hand mit im Spiele hat. Ich will als Beiſpiel ein Volk nehmen, welches Jahrhunderte lang das Joch des Despotismus getragen hat, aber endlich von einigen Jahren des Mißwachſes heim⸗ geſucht wird, ſo daß Noth und Elend entſtehen⸗ Die darauf folgenden Leiden wecken die Nation zue Betrachtungen über ihre Stellung in der Welt, und bei den Vergleichen, welche die Noth hervorruft, wird ſie von der Begierde ergriffen, ihre Lage zu verbeſſern. An die Stelle der trägen Gleichgültigkeit tritt nun Energie und treibt ſie zu Handlungen, welche nicht blos auf die nächſte Zukunft, ſond ern auch auf die Nachwelt ihren Einfluß ausüben. G iſt alſo eine höhere Macht, welche die Kette der Ereigniſſe an einander fügt, aber dieſe Macht hat uns ſolche Seelenkräfte gegeben, daß wir von der Erfahrung lernen können, zu berechnen, was die Zukunft im Schilde führt.— Unſer Schickſal gleicht einem Fahrzeug, welches auf den Ocean der Ereigniſſe hinausgeſtoßen wird. Wir ſelbſt ſind im glücklichſten Jall der Steuermann auf demſelben. In dieſer Eigenſchaft begegnet es uns zuweilen, daß wir deſſen Kurs zu beſtimmen vermögen, das heißt, ſo lang wir finden, daß es dem Ruder gehorcht. Es ge⸗ ſchieht jedoch oft, daß wir bei ſchlechtem Wetter vor dem Winde treiben, und zwar nach der entgegen⸗ geſetzten Richtung von der, welche wir einzuhalten wünſchten; ſehr oſt werden wir von einer Sturzſee begraben, ohne Rettung für uns oder das Fahrzeug zu finden. Sie, mein lieber Baron, ſind auch ſchon vor dem Wind der Creigniſſe getrieben, und was mich angeht, ſo iſt es dieſer, welcher mich hieher führt.“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Hören Sie mich an! Die Begebenheiten, welche ſich in Frankreich vorbereiten, werden aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit von der Art, daß das Beſte, was ein franzöſiſcher Edelmann thun kann, iſt, bis auf Wei⸗ teres la belle France zu verlaſſen. Der bevor⸗ ſtehende Kampf wird ein Kampf zwiſchen der Königs⸗ gewalt und dem Volk. Der Marquis Saint Sue kann nicht ſtreiten gegen den König, aber ebenſo wenig gegen das franzöſiſche Volk. In dem einen Fall bräͤche er ſeine Treue gegen den Monarchen, in dem andern ſeine Pflichten gegen die Nation.“ „Sie ſcheinen die Zukunft in ſehr dunkeln Far⸗ ben zu ſchauen,“ fiel Wilhelm ein. 22 „So glauben Sie, da Sie die Ereigniſſe aus der Ferne ſehen; aber ich habe dieſelben in der Nähe beobachtet und mußte zu der Anſicht gelangen, die ich eben als die meinige bezeichnete. Eines Tags wird mein Wort ſich bewahrheiten, und Alles, was ich vorausgeſagt habe, und noch viel mehr, in Erfüllung gehen. Doch möge dem ſein, wie ihm wolle, ich bin nun bei Ihnen, um gegen Rußland zu fechten und unter dem Kugelregen das Unglück zu vergeſſen, wovon mein Vaterland bedroht iſt. Mancher franzöſiſche Edelmann, welcher nicht gleich mir ſich von dem großen Schauplatz zurückgezogen hat, wird das Fahrzeug ſeines Schickſals zerſchellt ſehen.“ „Was beweiſt dieß?“ fiel Wilhelm ein.„Nur eben, daß Sie durch Ihren Charakter und Ihre Gemüthsart ſich das Vermögen angeeignet haben, Alles, was um Sie vorgeht, zu beobachten und daraus Schlüſſe für die Zukunft zu ziehen. Sie werden ja eben damit der Herr Ihres Schickſals.“ „Dieſe Anſicht iſt nur zur Hälfte richtig, denn wir alle hängen von einem höheren Willen und von der Einwirkung unſerer Mitmenſchen auf uns ab. Noch einmal, lieber Baron, unſere ganze Macht über das Schickſal beſteht in der Möglichkeit, unſeres Lebens Fahrzeug ſo zu ſteuern, daß es nicht an den Klippen, welche man Umſtände zu nennen pflegt, oder an der Einmiſchung anderer Menſchen in das, was uns betrifft, zerſplittert. Laſſen wir jetzt dieſen Gegenſtand bis auf Weiteres. Sie haben ſich noch viele Illuſionen bewahrt, und ich wünſche Ihnen Glück dazu. Wenn wir aus dem Kriege heimgekehrt 23 ſind, im Fall wir nicht umkommen, ſo wollen wir dieſes Geſpräch wieder aufnehmen. Vielleicht haben die feindlichen Kugeln dem Schickſal als Würfel ge⸗ dient, um über Leben und Tod Gerade und Ungerade zu ſpielen.“ Die beiden jungen Männer wechſelten nun den Gegenſtand der Unterhaltung. Sie wandte ſich ihrer frühern Kameradſchaft, allen den Ereigniſſen, die ſie durchlebt hatten, u. dgl. zu. Alles wurde berührt, mit Ausnahme deſſen, was auf Frau von Eſtrier und Fräulein von Outrouville Bezug hatte. Saint Sue ſcherzte, während er zu gleicher Zeit ſich in den ernſthafteſten Reflexionen erging, und dieß veranlaßte Wilhelm bei einer ſolchen Gelegenheit zu der Aeußerung: „Sie bilden, mein beſter Saint Sue, eine höchſt ſonderbare Zuſammenſetzung des größten Leichtſinns und des tiefſten Ernſtes. Sie raiſonniren und lachen in demſelben Augenblick über die ernſteſten Dinge von der Welt.“ „Ich bin Franzoſe; hiemit haben Sie das ganze Geheimniß. Der Franzoſe liebt es, mit dem Schick⸗ ſal Schach zu ſpielen und zum Voraus die Züge, welche der Gegner machen will, zu errathen; und dann über ſich ſelbſt zu lachen, wenn er matt ge⸗ ſetzt worden iſt. Seine Größe beſteht in ſeinem Leichtſinn und ſeinem verwegenen Muth. Während Sie als Nordländer unter düſtern Betrachtungen Gefahren und Tod entgegengehen, begrüßen die Franzoſen ſie mit lächelnden Lippen und mit ſcherz⸗ haften Worten. Die Freude iſt des Lebens höchſtes Gut; darum haben wir ſie zur Begleiterin durch 24 das Leben genommen und dulden nicht, daß ſie von unſerer Seite weiche. „Und Sie haben Recht.— Der Kummer iſt ein ſchlechter Gefährte, beſonders für Soldaten und Seeleute. „Auch Sie, mein Lieber, ſcheinen mir eine Ge⸗ müthsart zu beſitzen, die mehr franzöſiſch als ſchwe⸗ diſch iſt, obwohl Sie noch etwas zu romantiſch ſind. Aber à propos, ſchwärmen Sie noch ebenſo für die Ehre, wie damals, als wir uns trennten?“ „Damals war ſie nur ein ſchwärmeriſcher Traum, jezt iſt ſie eine Wirklichkeit und das Ziel, wornach ich ſtrebe. Als Jüngling ſtand mein Sinn nach Abenteuern, und ich machte mich auf, ſie zu ſuchen....“ „Und Sie haben auch gefunden, was Sie ſuchten,“ fiel Saint Sue lächelnd ein, „Ich fand mehr als ich ſuchte, und....“ „ Waren nahe daran, Ihre Ruhe und Ihren heitern Sinn zu verlieren; aber wie es nun war, ſie retteten beide und wurden ſeitdem.... „Ehrgeizig.“ „Ja, wir Männer zahlen immer zwei großen Thorheiten unſern Tribut, ehe wir klug werden. Die erſte iſt die Liebe, die andere der Ehrgeiz. Erſt nachdem uns beide geäfft haben, ſehen wir das Le⸗ ben im rechten Lichte an.“ „Ach, Marquis, Sie wollen doch nicht behaupten, daß der Wunſch nach Auszeichnung eine Thorheit iſt 5⸗ „Ganz gewiß will ich das. Der Chrgeiz wie die Liebe, iſt ein Fieber im Blut, welches uns die Ge⸗ genſtände auf und ab in einem vollkommen falſchen —..—·—— 25 Lichte ſehen läßt. Hat dieſer Schmuck da Sie glück⸗ lich gemacht?“ ſezte Saint Sue hinzu indem er auf das Ordensband in Wilhelms Knopfloch deutete. „Ich habe mich ſtolz darauf gefühlt.“ „Bravo, mein Lieber, das war mehr, als ich ſagen kann.“ „Aber Marquis, wollen Sie in vollem Ernſt be⸗ haupten, daß Sie nicht ehrgeizig ſind?“ rief Wilhelm. „Ich behaupte Nichts, aber es iſt mit dem Ehr⸗ geiz wie mit der Liebe. Ich habe beiden ſo viel geopfert, daß es mir jezt an der Luſt gebricht, ih⸗ nen Etwas zu ſchenken.“ „Warum ſind Sie aber noch immer Militär?“ „Darum, weil es mir Freude macht, mit dem Leben zu ſpielen.“ Der Marquis erhob ſich und ſezte hinzu: „Leben Sie wohl, lieber Baron; jezt will ich Sie für heute verlaſſen.“ Saint Sue ging, und Wilhelm blieb in Gedanken verſunken ſizen. Welche Erinnerungen hatte das Wiederſehen des Franzoſen hervorgerufen? An dem wechſelnden Aus⸗ druck in Wilhelms Miene war zu erkennen, daß ſie zugleich bitterer und ſüßer Natur waren. Endlich nachdem er eine Weile ſich denſelben überlaſſen hatte, ſtand er auf und murmelte: „Unbegreiflich, daß die Jahre nicht vermocht haben, das ſüße Bild zu verwiſchen! Es ſtand ſo lebendig vor meiner Seele da, daß mir dünkte, ich dürfe nur die Arme ausſtrecken, um es zu faſſen.. 26 O, Lucie, Lucie! Wann oder wo werde ich Dein Gegenbild finden?“ Wilhelm fuhr mit der Hand über die Stirne und ſezte hinzu: „Fort mit allen weichlichen Träumereien! Für einen höhern Preis, als für eine Frau habe ich jezt zu leben beſchloſſen!“ Fort waren die Schatten auf Wilhelms Stirne, und die Gedanken nahmen eine andere Richtung. III. Nun, mein lieber Leſer, nachdem wir die Be⸗ kanntſchaft mit unſerm Helden und auch mit Saint Sue erneuert haben, möchte es an der Zeit ſein, uns ein wenig mit den Vorbereitungen zu dem be⸗ vorſtehenden Streit zu beſchäftigen. Obwohl kein Menſch im Lande— am we⸗ nigſten unter den Einwohnern von Carlskrona— einen Zweifel hegte, daß es zu einer Kriegserklärung gegen Rußland kommen würde, waren doch die Meinungen, in Bezug auf die Art und Weiſe der Führung des Kriegs getheilt. Es gab Manche, welche der Meinung waren, ein Landkrieg würde am vortheilhafteſten ſein. Dennoch hatte, zur ewigen Ehre für Schweden, eine höhere Macht die ſchwellenden Wogen zu dem Schauplaz beſtimmt, auf welchem die Ereigniſſe von ſo merkwürdiger Art und von ſo außerordentlichem Intereſſe ſich abſpielen ſollten. Dieſe waren in der That ſo beſchaffen, daß die kommenden Geſchlechter 27 ihnen kaum Glauben ſchenken würden, wenn ſie nicht durch das Zeugniß der Geſchichte ihre Bekräftigung erhielten. Es war nicht blos die richtige Anſicht, daß Schweden durch ſeine Lage und Küſtenausdehnung zu einer Seemacht geſchaffen ſei, was zur Folge hatte, daß man einem Seekrieg den Vorzug gab, ſondern es war auch ein allgemeiner Wunſch, die Hoffnungen, welche man auf die Flotte geſezt hatte, verwirklicht zu ſehen, Hoffnungen, welche durch die zu dieſem Zweck gebrachten Opfer erweckt worden waren und Schwedens Ehre und Selbſtſtändigkeit zum Zweck hatten. Es war überdieß ein Angriffskrieg, von dem kleinen Schweden gegen den ruſſiſchen Koloß begon⸗ nen, welcher um jene Zeit unter Katharina's Re⸗ gierung eine ſo große Macht erlangt hatte, daß das Reich für das mächtigſte in Europa angeſehen wer⸗ den konnte. Man riſtete ſich auch nicht gegen dieſelben Halb⸗ barbaren von Ruſſen wie ehedem, welche eben erſt von den Schweden Krieg zu führen gelernt hatten. Was ſie jezt wußten, hatten ſie von uns einge⸗ than, und in der That hat wohl ſelten ein Lehr⸗ meiſter aufmerkſamere Lehrlinge gehabt, denn von jeder Niederlage, die ſie erlitten, hatten ſie ſich ir⸗ gend eine Lehre für die Zukunft angeeignet. Man konnte in Wahrheit ſagen, daß durch den Erfolg, welchen die ſchwediſche Flotte, gewann, der Ruhm, den ſie errang, ja, ſogar das Unglück, welches ſie betraf, für jezt und alle Zeit die See als einzige Baſis aufgeſtellt wurde, wenn es ſich darum handelte 28 dem ſchwediſchen Namen zu Glanz und Herrlichkeit zu verhelfen. Mit einer ſolchen Auffaſſung von der richtigen Art und Weiſe, das Anſehen der blaugelben Flagge aufrecht zu erhalten, begann die Ausrüſtung der Flotte. Das will ſagen: Schweden, deſſen König und Volk waren darüber einverſtanden, daß der Kampf zur See ausgefochten werden müſſe. Die innige Ueberzeugung von der Richtigkeit dieſer Anſicht bewirkte auch, daß, als die Ordre zur Ausrüſtung von zwölf Linienſchiffen nnd fünf Fre⸗ gatten den neunzehnten April 1788 zu Carlskrona anlangte, in der Bruſt und den Armen eines jeden Seemanns ſich verdoppelte Kraft zu regen ſchien. Jeder Officier bei der Flotte ſtrengte ſich aufs Aeußerſte an, die Ausführung der Befehle zu be⸗ ſchleunigen. 3 Mit dem ſichern Blick, welcher Guſtav dem Drit⸗ ten eigen war, überließ er nun die Verwirklichung einer von ſeinen größten Ideen Männern, welche gleich ihm wirkliche Patrioten waren, und denen die ſchwediſche Ehre über Alles ging. Kurz, die Flotte rüſtete, aber wie? Arbeit Tag und Nacht! Genügt das, ſo kann man mit Grund ſagen, ſie rüſtete. Sie hatte auch Etwas zu rüſten, denn die Mittel zur Ausführung des königlichen Ge⸗ bots, welches dahin lautete, daß die Flotte bis zum 30. Mai klar ſein ſollte, waren ziemlich mangel⸗ haft. Die Mannſchaft war nicht ſo eingeübt, wie ſie hätte ſein ſollen; die Vorräthe, deren man bedurfte, 29 ließen ſich nicht ſo leicht aufbringen, und die Art und Weiſe ihrer Beiſchaffung ging nicht ſo leicht wie heutzutage; aber Arbeit bei Tag und bei Nacht mußte all das erſezen. Ausdauer und feſter Wille überwinden alle Hin⸗ derniſſe und ſezen eine Ehre darein, troz aller Schwie⸗ rigkeiten zum Ziel zu gelangen. Die unzureichende Anzahl von Seeleuten mußte durch Landtruppen erſezt werden. Das Jönköping⸗, Calmar⸗, Weſtgöta⸗Dal⸗, Sprengtporten⸗ und ſelbſt des Königs Leibregiment mußten nicht nur an der Ausrüſtung Hand anlegen, ſondern wurden auch theil⸗ weiſe zur Bemannung beigezogen. Der Mangel an Seeleuten war ſo groß, daß nur zwei Schiffe auf einmal klar gemacht werden konnten. Als dieſe fertig waren, wurden ſie auf die äußere Rhede hinausbugſirt und dort vertaut, worauf die⸗ ſelbe Mannſchaft mit zwei neuen Schiffen wieder ans Werk ging. Nichts kam dem Eifer, der Emſigkeit und Uner⸗ müdlichkeit dieſer Söhne des Meeres gleich. Mühe, Anſtrengung und Nachtwachen waren für ſie Neben⸗ ſache. Das große Ziel war, zu beweiſen, wie viel der Menſch vermag, wenn er ernſtlich will. Am Abend des neunundzwanzigſten Mai traf der König in Carlskrona ein; am einunddreißigſten ging er, nachdem die Werfte und die Beſatzung in Augenſchein genommen war, an Bord des Admirals⸗ ſwiſs und wurde von der geſammten Flotte be⸗ grüßt. Ein Monat Arbeit, und Schweden konnte Ruß⸗ land die Spize bieten. 30 IV. Am vierzehnten Juli verließ die ſchwediſche Flotte die Rhede von Mjölö, wo ſie noch weitere Ver⸗ ſtärkung an Schiffen von Carlskrona erhalten hatte. Sie machte nun die reſpectable Anzahl von fünfzehn Linienſchiffen, eilf Fregatten und vier Recognos⸗ cirungs⸗Fahrzeugen aus. Die Kämpfe, welche die ſchwediſche Flotte früher mit der ruſſiſchen ausgefochten hatte, waren ſicherlich der Art geweſen, daß die Ehre davon der erſtern zufiel, aber die Kräfte, welche damals auf beiden Seiten einander gegenübergeſtellt worden, hatten ſich verhältnißmäßig ſo klein gezeigt, daß ein großes Re⸗ ſultat dabei nicht herauskommen konnte. Es war ſomit nicht zu verwundern, wenn nun⸗ mehr, da eine Achtung gebietende Macht ſich mit der andern auf der See meſſen ſollte, das Intereſſe aufs Aeußerſte geſpannt war, beſonders da ſich mit Sicherheit vorausſehen ließ, daß der erſte Zuſammen⸗ ſtoß das Schickſal des Kriegs, ja vielleicht Schwedens entſcheiden mußte. Ob die ſchwediſche Flotte ſiegte oder beſiegt wurde, war der Wurf, worauf, wie man glaubte, Alles an⸗ kam, und darum war jeder Blick mit Aufmerkſam⸗ keit, Hoffnung und Furcht auf dieſelbe gerichtet. Früh am Morgen des ſiebzehnten Juli, als die ſchwediſche Flotte bei Oſtwind vor Steuerbordshal⸗ ſen auf Backbords⸗Seitenwindlinie lag, vernahm man ein dumpfes Rollen fern über die See her. Es war das Echo von Schüſſen, welche auf der 31 ruſſiſchen Flotte gelöst wurden. Sie konnte demnach nicht mehr weit ſein. Die Luft, neblig und dick, machte es jedoch unmöglich, Etwas von ihr zu Ge⸗ ſicht zu bekommen. Gegen Mittag zog ſich der Nebel über die Waſſer⸗ fläche des Finniſchen Buſens hinweg, und jezt kam die ruſſiſche Flotte zum Vorſchein, aus einem Drei⸗ decker, ſechszehn Linienſchiffen und acht Fregatten beſtehend und vor dem Winde auf die ſchwediſche zuſteuernd. Natürlicher Weiſe rückte die ruſſiſche Flotte immer näher, denn ſie hatte den Vortheil des Windes zur Beſtimmung ihrer Diſtanz für ſich. Sie war feſt entſchloſſen, ſich zu ſchlagen. Als ſie auf einige Kanonenſchußweiten herange⸗ kommen war, machte die ſchwediſche Flotte, um ihre Linie zu formiren, eine äußerſt gelungene Wendung und lag jezt ſüdwärts vor Backbordshalſen. In Folge dieſes Manövers luvten auch die ruſſiſchen Schiffe und hielten ſomit dieſelbe Richtung ein. Das Treffen began und dauerte ununterbrochen bis zehn Uhr Abends. Es iſt ganz und gar überflüſſig, die verſchiede⸗ nen Phaſen der merkwürdigen Schlacht zu beſchrei⸗ ben. Sie ſteht unauslöſchlich zur Chre des ſchwe⸗ diſchen Namens in den Annalen der Geſchichte auf⸗ gezeichnet. Es iſt überdieß die lezte, wo die große Flotte mit gewaltiger Hand die Saiten. der ſchwedi⸗ ſchen Gedächtnißharfe anſchlug, deren Töne die Welt mit Bewunderung erfüllt haben. Noch überflüſſiger wäre es, an Helden wie Bal⸗ thaſar Horn, den jungen Lagerſtral, Wachtmeiſter 32 und mehrere Andere zu erinnern, welche mit un⸗ zu beugſamem Muthe der Unmöglichkeit die Spize bo⸗ d ten und den Beweis lieferten, daß für das Herz, welches das Vaterland liebt, und für den Arm, er welcher des Vaterlandes Ehre vertheidigt, Alles vi möglich iſt. he O Schweden, wie ſtolz kannſt Du auf Deine ſie großen, heldenmüthigen Söhne ſein! m Wir wollen uns nicht bei der allgemeinen Zer⸗ de ſtörung aufhalten, welche auf allen Schiffen, auf ſie Batterien, auf Verdeck und im Takelwerk ihre Runde machte. m Die von Kugeln und Splittern zerriſſene Bruſt hatte ihr Herzblut für Schwedens Ehre gegeben zu Der lezte Blick, welcher aus dem gebrochenen Augée lie flammte, war feſt auf die wehende blaugelbe Flagge lel gerichtet, deren Anblick Schmerz und Qual erſtickte dit ſo daß die erbleichenden Lippen noch im Augenblicke des Todes lächelnd ſtammelten: mi „Es lebe Schweden!“ un Man kann von dieſem Treffen ſagen, daß deſſen So Ausgang nicht blos für die Flotte, die Armee undder den Krieg, ſondern auch für das Land von hohen moraliſchem Nuzen war. Er brachte Leben in die ich jenigen, die nichts weniger als enthuſiaſtiſch geder ſtimmt waren, und flößte der ganzen Nation politigri ſchen Muth ein.— In den Stunden dieſer Ereigniſſe finden witqui Wilhelm und Saint Sue an Bord von Guſtav IIlI.wer auf dem die Flagge Sr. Königlichen Hoheit dei, Großadmirals Karl wehte. Lie Ein eigenes Spiel des Schickſals hatte ſie zunzu S 33 n zweiten Mal auf dem Admiralſchiff eines Geſchwa⸗ do ders zuſammengeführt. rz Zehn Jahre waren vergangen, ſeitdem ſie das m, erſte Mal unter dem Kommando des Grafen d'Or⸗ es villiers gekämpft hatten. Wie viele Erfahrungen hatten beide ſeitdem gemacht!— Und dennoch, als ne ſie am Tage der Schlacht einander begegneten, hätte man glauben ſollen, es liege kaum eine Spanne Zeit er dazwiſchen, ſo vollkommen gleich und ſorglos waren uf ſie in ihrer äußern Erſcheinung. de Saint Sue reichte Wilhelm die Hand und ſagte munter: uſt„Ha, cher Baron, ich fühle mich verſucht, darauf en zu ſchwören, daß wir erſt geſtern mit Graf d'Orvil⸗ ge liers' Geſchwader nach Breſt zurückgekehrt ſeien, ſo gge lebhaft ſteht die Erinnerung an unſere erſte Expe⸗ te dition vor mir.“ lc„Der Anblick von Ihnen, Marquis, könnte auch mich wirklich auf den Glauben bringen, daß wir zuns noch am Bord von einem der franzöſiſchen ſen Schiffe befinden,“ antwortete Wilhelm und drückte anddem Franzoſen die Hand. en„Um ſo beſſer. Mit Ihnen in der Nähe werde ie ich mir einbilden, die Ruſſen ſeien Engländer, und gedenſelben mit jubelnder Freude meine wärmſten Be⸗ ſtigrüßungen zuſenden.“ „Sie dürfen vollkommen überzeugt ſein, Mar⸗ iqquis, daß wir es ebenſo heiß finden werden, als Iwenn wir es mit den Engländern zu thun hätten.“ de„Ich rechne darauf. Sie kennen meine entſchiedene iebhaberei, mit dem Tod um das Leben Würfel uzu ſpielen.“ Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. II. 3 34 „Und Chre oder Wunden zum Gewinn zu er⸗ halten.“ „In dieſem Fall ſtehe ich wohl als Franzoſe in Ihrer Schuld für all die Bravour und all das Blut, das Sie der franzöſiſchen Ehre geopfert haben. Aber für mich gilt der Lorbeer nichts, den können Sie für ſich behalten. Sorgen Sie nur dafür, daß nicht die Ehre Ihnen wie die Liebe einen häßlichen Streich ſpielt! Die eine iſt ſo unzuverläſſig wie die andere.“ Der Marquis ging weiter. Seine Worte wie die ganze Umgebung erweckten in unſerm Helden die Erinnerung an die froheſte Zeit ſeines Lebens, wo das Herz allen Eindrücken geöffnet war und ſich ohne Mißtrauen Allem hingab, was verlockend und ſchmeichelnd ſich darſtellte. Eſtella's und Luciens Bilder tauchten vor ſeiner Seele mitten unter dem Wirbel von Pulverdampf auf, welcher ihn kurz her⸗ nach einhüllte. Wilhelm fühlte, daß Jahre ver⸗ gangen waren, ohne im Stande zu ſein, ihn auch an Gemüth älter zu machen. Er war in dieſem Augenblick wieder nicht über die Zwanzig hinaus. Aus dem Eifer und der Umſicht, womit er ſeine Obliegenheiten als Befehlshaber der obern Batterie erfüllte, zeigte ſich, daß er mit der überlegenen Klugheit und Erfahrung des Mannes noch die glü⸗ hende Vorliebe des Jünglings für den Beruf ver⸗ einigte, welchem er ſein Leben und ſeine Kräfte geweiht hatte. Der Kampf dauerte inzwiſchen mit ununter⸗ brochener Wuth fort. Mehr als ein rechtſchaffener, 35 unerſchrockener Burſche wurde blutend, verſtümmelt oder ſterbend hinweggeführt. Der Wind hatte nachgelaſſen und endlich in Folge des vielen Schießens ſich ganz gelegt. Es war bei⸗ nahe unmöglich, Linien oder Signale zu unter⸗ ſcheiden. Die Flotten hatten im Verlaufe der Schlacht ſich noch mehr der ſüdlichen Küſte genähert, ſo daß Se. Königliche Hoheit, der Großadmiral, beſchloß, mit dem letzten Hauche, der noch die Waſſerfläche kräu⸗ ſelte, vor dem Winde zu wenden; aber die Signale waren, wie geſagt, nicht mehr zu unterſcheiden. Die Ordre zur Bewerkſtelligung dieſes Manö⸗ vers mußte ſomit durch Ruderſchaluppen mitgetheilt werden. Wilhelm erhielt den Auftrag, mit einem ſolchen zum Admiralſchiff gehörigen Fahrzeug die betreffende Ordre weiter zu befördern. Mit zwölf Mann, welche das Ruder führten, trat er ſeine Miſſion an. Es war in der That eine der unangenehmſten, die man erhalten konnte, und mit nicht geringer Gefahr verknüpft. Es hielt äußerſt ſchwer, in dem Rauche auf die ſchwediſchen, und nicht auf die ruſſiſchen Schiffe zu treffen. Noch ſchwieriger war es, nicht zwiſchen die beiden Feuer der unaufhörlich ſchießenden Schiffe zu gerathen. Wilhelm ſtieß ab und theilte den Commandanten der Schiffe ſeine Befehle mit, was jedoch nur all⸗ mälig und nicht ohne einige Unordnung zu bewerk⸗ ſtelligen war. Mehr als einmal auf ſeiner gefahrvollen Fahrt wurde Wilhelm ſammt ſeiner Mannſchaft von einem 36 Waſſerguß bedeckt, welchen eine dicht neben dem Boot ricochettirende Kugel über ſie hereintrieb. Zu⸗ weilen gerieth er mitten zwiſchen zwei unſinnig auf einander kanonirende Schiffe. Ueber ſeinem Haupte ſpannte ſich ſomit die Eiſenbrücke aus, auf welcher der Tod von dem einen zum andern Fahrzeug wan⸗ derte. Die Kugeln gingen jedoch über ihn hinweg, und er konnte hören, wie dieſelben auf beiden Seiten in ſeiner Nähe in den Rumpf der Schiffe ein⸗ ſchlugen. 4 Einen Augenblick war er hart an der Seite eines ruſſiſchen Fahrzeugs, während die Bootsleute ſich aus allen Kräften anſtrengten, aus dem Bereich der feindlichen Musketen hinwegzukommen; ein anderes Mal blieb ihm nichts übrig, als von dem flammen⸗ den Feuerſchein, der aus den Stückpforten zuckte, ſich auf ſeinem Wege leiten zu laſſen. Endlich hatte er, jedoch nicht ohne daß vier Leute von ſeiner Mannſchaͤft verwundet worden waren, ſeine Ordre vollzogen. 1 Nach dieſem Intermezzo kehrte er an Bord zu⸗ rück um die große Arbeit wieder aufzunehmen und mit verdoppelter Wuth Tod und Verderben auf die Feinde zu ſchleudern. Die Ruſſen hatten, als ſie das Manöver der ſchwediſchen Flotte bemerkten, gleichfalls gewendet und lagen nun in derſelben Richtung. Der Kampf hatte ſeinen Fortgang und erſt gegen zehn Uhr Abends wurde er gänzlich eingeſtellt. Als Saint Sue nach dieſem blutigen Tag mit Wilhelm zuſammentraf, ſagte er: „Baron, ich habe Sie um Ihre Luſtfahrt mit 37 der Ordre beneidet. Das wäre eine Expedition für mich geweſen. Es hätte mir ein wahres Entzücken gemacht, einmal ſo heiß um die Ohren zu haben.“ „Was das betrifft, ſo ſcheint mir, es ſei bei Ihnen auch nicht ſehr kühl hergegangen,“ antwortete Wilhelm lachend.—„Nun, Marquis, wie meinen Sie, daß wir Schweden uns gehalten haben?“ „Sie ſind Franzoſen, wenn es Heldenmuth gilt,“ verſicherte der Marquis. Am folgenden Tag war die Flotte mit Sonnen⸗ aufgang wieder in Schlachtordnung geſtellt und bot den Kampf an; der Wind war der gleiche, wie am vorhergehenden Tage, aber dennoch wagte der ruſſi⸗ ſche Admiral Greigh es nicht, denſelben zu erneuern. Somit ſegelte die ſchwediſche Flotte nach Sweaborg, die ruſſiſche nach Seeskär bei Kronſtadt. V. Den neunzehnten Juli begrüßten die Einwohner von Helſingfors die Ankunft des Kö nigs. Tags darauf wurden die eroberten Flaggen und Wimpeln von den Flottenofficieren in feierlicher Pro⸗ ceſſion zur Kirche gebracht und daſelbſt ein Tedeum unter Salutirung der ganzen Flotte abgeſungen. Unter denen, welche ſich in der Kirche eingefunden hatten, um der Feierlichkeit beizuwohnen, befanden ſich zwei Männer, welche ſeltſamer Weiſe ſich ſo viel als möglich unbemerkt zu machen ſuchten, wäh⸗ rend ſie ſelbſt mit großer Spannung auf Alles, was vorging, achteten. 38 Der Eine war ein älterer Mann, von ſchlauem und ſehr intelligentem Ausſehen; der Andere ſchien noch dem Jünglingsalter anzugehören. Als die Proceſſion in die Kirche trat, hatte der jüngere mit ſpähendem Blick jedes Angeſicht beob⸗ achtet, als ob er ängſtlich befürchtete, denjenigen, welchen er ſuchte, nicht zu finden. Plözlich wurden die unruhigen Züge von einem Freudenblitz erhellt; ein heftiges Zittern lief durch ſeinen ganzen Körper, ſo daß er ſich an den Pfeiler, neben welchem er ſtand, lehnen mußte. Zu gleicher Zeit murmelte er ganz leiſe: 1 „Das iſt er!“ Eben ging Saint Sue vorüber; er war in leb⸗ haftem Geſpräch mit ſeinem Nachbar begriffen und bemerkte die beiden Männer nicht. „Ihr Landsmann, Vicomte,“ flüſterte der ältere Herr auf Franzöſiſch dem Jüngling zu, welcher mit den Augen Sr. Königl. Hoheit dem Großadmiral und ſeiner Suite folgte. „Ich habe ihn geſehen,“ ſtammelte der Vicomte erregt. 4 Während des Tedeums verwandte der Fremd⸗ ling kein Auge von der Stelle, wo Saint Sue ſich befand. Seine Bruſt hob ſich unruhig, und der kurze, faſt keuchende Athemzug gab zu erkennen, daß ſein Inneres in Aufregung war. „Sie ſind unwohl, Vicomte,“ flüſterte ſein Be⸗ gleiter.„Wäre es nicht am beſten, wenn wir von hier wegzukommen ſuchten?“ ſezte er mit einem unruhigen Blick auf des Jünglings verſtörte Miene hinzu. 1 39 „Still!“ befahl der Vicomte, und zwar mit einer Stimme, welche deutlich bewies, daß er ge⸗ wohnt war, zu befehlen, und daß er denjenigen, zu welchem er redete, als einen Untergebenen be⸗ trachtete. Die Feierlichkeit in der Kirche ging zu Ende, und die Proceſſion ſezte ſich wieder in Bewegung, um mit den eroberten Trophäen abzuziehen. Sie kam abermals an dem Vicomte und ſeinem Begleiter vorüber. Während Aller Augen mit dem Ausdruck von mehr oder weniger Entzücken auf das lebhafte, im höchſten Grad intelligente Angeſicht des genialen Königs gerichtet waren, ſchien der Blick des Fremd⸗ lings gleichſam an das Gefolge des Herzogs, unter welchem ſich Saint Sue mit den Flottenführern be⸗ fand, gefeſſelt zu ſein. Als Alles die Kirche verlaſſen hatte, holte er tief Athem und flüſterte: „So habe ich ihn alſo wieder gefunden!“ „Dann wandte er ſich zu ſeinem Begleiter mit den Worten: „Kommen Sie, laſſen Sie uns gehen!“ Sie bahnten ſich einen Weg durch das Volk und von da auf den Marktplatz, wo der König in ſeiner glänzenden, geiſtvollen Weiſe mit Rückſicht auf die gewonnenen Trophäen, die neuen, von den Schweden geſammelten Lorbeern und die noch mit dem Fort⸗ gang des Kriegs in Ausſicht ſtehenden Ehren eine hübſche Rede hielt. Hernach wurden die Belohnungen ausgetheilt. Wilhelm wurde bei dieſer Veranlaſſung von dem 40 Herzog zu Sr. Königlichen Hoheit Kammerherrn ernannt. Unter den Kameraden Wilhelms war hiebei ein Angeſicht, das beinahe aſchgrau wurde. Es war das Cellners. Alle Wilhelm zu Theil werdende Ehre hätte Cellner ertragen können; aber daß derſelbe damit in den magiſchen Kreis der Fürſtengunſt geſtellt wurde, das war Etwas, das ſeinen Neid in ſo hohem Grad erregte, daß keine Anſtrengung im Stande war, den Ausdruck davon zu verbergen. Auch Cellner war an Bord des Admiralſchiffes geweſen; aber weder eine beſondere Belohnung, noch irgend eine Auszeichnung war ihm zugefallen. MNach dieſen Ceremonien wurden die gefallenen Oberofficiere mit großer Feierlichkeit zur Erde be⸗ ſtattet. 3 VI. Eines Abends, einige Tage nachdem die Flotte auf die ſogenannte Sweaborgsrhede bei der gleich⸗ namigen Stadt ſich zurückgezogen hatte, begab ſich Cellner von dort in einer dienſtlichen Angelegenheit nach Helſingfors. 3 Sein Geſicht zeichnete ſich noch durch einen größern Zug von Unzufriedenheit als gewöhnlich aus. Es ſtand darin zu leſen, daß er über Etwas brütete, das ſeiner Seele wahre Marter verurſachte. Ans Land geſtiegen, ſchlug er ſeinen Weg nach dem Hafen von Helſingfors ein und wanderte lang⸗ f. 41 ſam weiter. In Gedanken verſunken, den Blick zu Boden gerichtet, die Lippen feſt zuſammengepreßt, ging er zögernden Schrittes dahin. Alle ſeine Gedanken concentrirten ſich um einen Gegenſtand, und dieſer Gegenſtand war— Wilhelm. Wilhelm's Ernennung zum Kammerherrn des Herzogs ſchien Cellner gleichſam von allen andern Intereſſen losgeriſſen und direct in den wildeſten Wirbel des Neides geworfen zu haben. Er durchlief im Gedächtniß, wie Wilhelm im Kampfe ſch durch Kaltblütigkeit und unerſchütter⸗ lichen Muth, Etwas wofür ihm auch alle möglichen Lobſprüche geſpendet worden waren, ausgezeichnet hatte. Aber auch Cellner war ja mitten im Kugel⸗ regen geſtanden, und dennoch hatte auch nicht ein Einziger ſeiner Kameraden ihm nur ein Wort zur Aufmunterung für ſeinen Muth geſagt. Der Groß⸗ admiral hatte ihn nicht mit einem Blick, viel weniger mit einer Auszeichnung bedacht, und Cellner fragte ſich ſelbſt, ob er nicht, im Ganzen genommen, doch ein gleich tüchtiger und geſchickter Officier wie Wilhelm wäre. Die Antwort auf dieſe Frage fiel natürlich zu ſeinem Vortheil aus. Er betrachtete ſich demzufolge als zurückgeſezt und ungerecht behandelt, während ihm auf der andern Seite Wilhelm's Ernennung als die größte aller Parteilichkeiten erſchien. Die Urſache dazu ſuchte er nicht in Wilhelm's Verdienſten, ſondern darin, daß der alte Stjernkrona bei dem König ſo gut angeſchrieben war, der Sohn ſomit den Vortheil davon genoß. Während Cellner dieſe Betrachtungen anſtellte 42 und darüber nachgrübelte, wie er durch irgend einen glücklichen Zufall ſich auf die gleiche Höhe wie Stjernkrona emporſchwingen könnte, gab er nicht darauf Acht, daß ein junger Mann, mit großer Sorgfalt gekleidet und wie ein vollkommener Petit⸗ wuite ausſehend, ihm auf einige Schritte Abſtands olgte. 5 Als Cellner aus dem Boote ſprang, welches ihn nach Helſingfors herüber brachte, war der junge Elegant am Strande geſtanden und hatte den Blic nach Sweaborg gerichtet, und als Cellner, ohne ihn wahrzunehmen, ſeine Promenade nach dem Hafen antrat, folgte ihm der junge Mann nach. Am Ende des Hafens wandte ſich Cellner ſchnel um und ſah ſich jetzt Auge in Auge demſelben ge⸗ genüber. Unſer Lieutenant ſtutzte, wie es immer der Fall iſt, wenn man ein unerwartetes Hinderniß ſich im Wege ſieht. Im nächſten Momente wollte jedoch Cellner an dem ſchlanken, ſchmächtigen Herrn vor⸗ übergehen, deſſen auf ihn geheftete Augen einen fa peinlichen Eindruck hervorbrachten. „Pardon, Monsieur!“ fragte der junge Mann mit einer artigen Verbeugung,„wollten Sie nicht die Güte haben, mir darüber Aufklärung zu geben, wie man nach Sweaborg hinüber gelangen kann. Ich habe einen Landsmann daſelbſt, welcher an Bord des Admiralſchiffes dient.“ Eeuiat antwortete ſogleich in fließendem Fran⸗ zöſiſch: „Sie ſuchen den Marquis Saint Sue?“ „Allerdings, mein Herr.“ 43 „Er iſt gegenwärtig nicht in Sweaborg, ſondern hier in Helſingfors.“ „Sie wiſſen wohl nicht, wo man ihn treffen kann?“ „Wenn er am Lande iſt, logirt er immer bei dem Baron C— g. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen den Weg dahin weiſen.“ „Sie werden mich dadurch ſehr verpflichten,“ antwortete den Franzoſe mit einem artigen Lächeln. Sie ſchlugen den Weg nach der Stadt ein, wäh⸗ rend der Fremde anfänglich die Converſation allein führte. Neben der bei ſeinen Landsleuten gewöhn⸗ lichen Leichtigkeit, ein Geſpräch einzuleiten, beſaß der junge Mann auch die Gabe, Intereſſe zu erregen, während er im Grunde nichts Anderes that, als daß er ſeinen Begleiter über dieſes und jenes ausfragte. Dieß geſchah jedoch auf ſo geſchickte Art, daß Cellner Nichts davon merkte. Er fand ſich im höchſten Grade angeſprochen, denn der Franzoſe bemäntelte jede Frage mit dieſem oder jenem Complimente, welches Cellners Alles verſchlingender Eitelkeit ſchmeichelte. Das Ausſehen des jungen Mannes war im höchſten Grade eigenthümlich. Fürs Erſte zeigte ſich darin etwas Unklares, um nicht zu ſagen, Räthſel⸗ haftes. Das Geſicht war fein, jeder Zug regelmä⸗ ßig, die Naſe untadelhaft, der Mund wohlgeformt und durch einen Ausdruck feſter Entſchloſſenheit, welche weit über ſein Alter ging, ausgezeichnet. Die ſorgfältig gepuderte, wohl friſirte Perrücke umſchloß eine Stirne, welche durch eine ſchwarze Binde, die von einem Ohr quer darüber hinwegging, ent⸗ ſtellt war. 44 Sein Geſicht erhielt dadurch ein eigenthümliches myſteriöſes Gepräge, ſo daß es beim erſten Anblic ſchwer fiel, die Züge zu unterſcheiden. Die Binde glich einer Maske, hinter welcher ein Theil des Ge⸗ ſichtes verborgen war. Was ſeinen Wuchs betraf, ſo war der jungt Mann eher klein, als groß, dünn und ſchmächtig deſſen ungeachtet lag in der Art und Weiſe ſeinen Haltung und ſeines Gangs ein unverkennbares Merk⸗ mal von Stärke und Gewandtheit. Das ganze Ausſehen deſſelben zeugte von Ener⸗ gie, unbeugſamer Feſtigkeit, unerſchütterlichem Muthe im Verein mit einer gewiſſen unruhigen Wach⸗ ſamkeit. Er ſchien erſt kurz die Tage des Knabenalterz hinter ſich gelaſſen zu haben. Mit einer Feinheit und einem Takt, welche be⸗ wundernswerth waren, hatte er das Geſpräch auf die Rüſtungen Schwedens zur Fortſetzung des Kriegs und dergleichen geleitet und erfuhr nun von Cellner Alles, was er nur ſich wünſchen konnte. Cellner, welcher einen Fremden vor ſich hatte, erzählte Alles, was er wußte, und ſuchte zugleich durch ſeine Worte ihm einen hohen Begriff von ſich ſelbſt beizubringen, indem er zu verſtehen gab, das er bei dem Herzog Karl in hoher Gnade ſtände— Etwas, das unſerem armen Lieutenant bis jetzt nur im Traume widerfahren war, aber eben darum ge⸗ ſprächsweiſe einen deſto höhern Genuß gewährte. Er hatte überdieß den feſten Entſchluß gefaßt, koſte es was es wolle, eines Tags dieſe Gunſt zu 45 gewinnen, welche für ihn das Ziel war, wornach er mit allen Kräften ſtrebte. Als ſie vor der Wohnung von Baron C—g an⸗ gelangt waren, äußerte Cellner artig: „Vielleicht geſtatten Sie mir, Erkundigung ein⸗ zuziehen, ob der Marquis noch hier iſt, oder wider mein Vermuthen ſich auf das Admiralſchiff zurückbe⸗ geben hat.“ „Sie ſind allzugütig,“ antwortete der junge Mann mit einer Verbeugung. Cellner trat in das Haus von Baron C-— g. Der Fremde wartete vor demſelben und murmelte, jenem nachblickend, bei ſich ſelbſt: „Der da ſieht mir ganz ſo aus, wie ich es wünſche, eh bien! Aus ihm kann ein vortreffliches Werkzeug werden.— Für den Augenblick hätte ich auf keinen brauchbarern Narren ſtoßen können, als auf ihn.“ Jetzt kam Cellner zurück und meldete, der Mar⸗ quis befinde ſich allein auf ſeinem Zimmer. Der Franzoſe dankte ihm für alle verurſachte Mühe und bat ſich den Namen ſeines Wegweiſers aus. Cellner nannte ihm denſelben und erhielt zum Austauſch deſſen Karte, unter dem Anfügen des Fremden, wie ſehr er wünſche, während ſeines Aufenthalts in Helſingfors eine Bekanntſchaft fort⸗ zuſetzen, welche auf ſo angenehme Weiſe für ihn be⸗ gonnen hätte. Nach dieſen und ähnlichen Complimenten trenn⸗ ten ſie ſich. Cellner war außer ſich vor Entzücken; ſeine Ei⸗ telkeit fand ſich durch das artige Benehmen des 46 Fremden geſchmeichelt, und er glaubte, niemals mit Anert intereſſantern Perſönlichkeit zuſammengetroffen zu ſein. Auf der Karte, welche der Franzoſe zurückgelaſ⸗ len hatte, ſtand:„Vicomte Philipp von Outrou⸗ ville.“ VII. Es iſt bekannt, daß die Gaſtfreiheit in Finnland denſelben Charakter trägt, wie in Schweden, und daß es dort wie bei uns für eine heilige Pflicht an⸗ geſehen wird, Fremdlingen alle mögliche Artigkeit zu erweiſen. Die Wahrheit davon erprobte Saint Sue, denn kaum hatte er das Schiff verlaſſen und ſich in Be⸗ gleitung von Stiernkrona ans Land begeben, ſo trug man ihm von allen Seiten die offenſte Gaſtfreund⸗ ſchaft entgegen. Baron C=g, mit Wilhelm weitläufig verwandt, lud ſowohl dieſen, wie deſſen franzöſiſchen Freund ein, ſo oft ſie ans Land kämen, in ſeiner großen und ſtattlichen Wohnung abzuſteigen. Eine Weigerung, von dieſem Anerbieten Gebraug zu machen, wäre von dem finnländiſchen Edelmann übel aufgenommen worden, und ſomit ging man dankbar auf den Vorſchlag ein. Demnach wurde ein Theil des erſten Stockwerkes den beiden Offizieren überlaſſen. Saint Sue benüzte S=Sͤ n ReXn& SSESS zwei Zimmer; desgleichen Wilhelm. Ein ſchöner, g ro. 44 ßer Salon war beiden gemeinſchaftlich. en iſ⸗ 47 Wilhelm und der Marquis waren an dem oben⸗ genannten Tage früh Morgens ans Land gegangen und brachten denſelben in Helſingfors zu. Eine der höhern Magiſtratsperſonen der Stadt gab einem Theil der Flottenoffiziere, unter welchen ſich auch Wilhelm und Saint Sue befanden, ein großes Diner. Sogleich nach dem Mahle ſchlich ſich Saint Sue davon, um nach Hauſe zu gehen. Stjernkrona, der Günſtling von Allen und ihr Stolz, vermochte ſich nicht ſo ſchnell loszureißen, ſon⸗ dern verweilte noch einige Zeit unter den fröhlichen Gäſten.. In dem innern von ſeinen beiden Zimmern ſaß der Marquis. Er lehnte ſich in die Sophaecke. Hut, Handſchuhe und Degen lagen auf dem Tiſche vor ihm. Die Arme waren über der Bruſt gekreuzt, und die lebhaften Augen ſtarrten gerade vor ſich hin. Es ſah wirklich aus, als wäre der muntere und leichtſinnige Franzoſe in dieſem Augenblick von ern⸗ ſten, um nicht zu ſagen düſtern Gedanken in Anſpruch genommen. Doch die Sache geht ihn allein an. Wir haben nicht im Sinn, ſein Inneres zu analy⸗ ſiren, um auszuforſchen, wie viel Gutes oder Schlim⸗ nes Freud oder Leid, Ernſt oder Leichtfertigkeit es irgt. Nachdem er eine Weile unbeweglich ſitzen ge⸗ blieben war, erhob er ſich plötzlich und begann, eine belte Melodie pfeifend, im Zimmer auf und abzu⸗ gehen. Jetzt ließen ſich Schritte im großen Saal, welcher zwiſchen Saint Sue's und Stjernkrona's Zimmern lag, vernehmen. 48 „Sind Sie es, lieber Baron?“ rief der Marquis und ging in das äußere Zimmer hinaus. „Nein, mein Herr,“ erwiederte eine helle Stimme, und Cellners neuer Bekannter erſchien in der gegen⸗ über befindlichen Thüre. Sobald er ihn gewahr wurde, blieb Saint Sue unbeweglich ſtehen und ſah den Vicomte an, als ob er ſeinen Augen nicht traute.— Dieſer aber trat mit lächelnden Lippen auf ihn zu und ſagte: „Wie, Marquis, erſchreckt Sie mein Anblick. Sollte er Sie überraſchen? In dieſem Fall gäbe es alſo doch Etwas was Sie in Erſtaunen ſetzen könnte.“ „Sie irren ſich, Vicomte! Ich habe ſchon ſeit mehreren Wochen auf. Ihr Erſcheinen gewartet,“ antwortete der Marquis in ſeinem gewöhnlichen leichten Ton. Als die ruſſiſchen Kugeln uns um die Ohren ſausten, glaubte ich immer, Sie in Geſtalt einer Bombe auf das Admiralſchiff niederſchlagen zu ſehen. 3 „Wirklich! Es macht Ihrer Menſchenkenntniß alle Ehre, daß Sie mich verſtanden haben, als ich erklärte, wir werden uns entweder in Finnland oder in Schweden wieder treffen. Der Vicomte legte Hut und Handſchuhe ab und warf ſich dann auf den Sopha mit den Worten: „Nun, was Neues bei Ihnen?“ „Wir haben uns bei Hogland geſchlagen,“ ant⸗ wortete der Marquis lächelnd und ſetzte ſich an die Seite ſeines Gaſtes, indem er ihn mit einem for⸗ ſchenden Blick betrachtete. 49 „Das nennen Sie etwas Neues? Ich war ja auch dabei und habe an dem Kampfe Theil ge⸗ nommen.“ „An Bord der ruſſiſchen Flotte?“ „Allerdings— da Sie unter ſchwediſcher Flagge ſtreiten, ſo blieb mir Nichts übrig, als den Ruſſen zu helfen.. „Die Nothwendigkeit davon ſehe ich nicht ein.“ „Nicht?“ „Nein. Allerdings iſt es wahr, daß wir Tod⸗ feinde ſind, daß wir einander haſſen, aber, mon Dieu, deßhalb waren Sie nicht genöthigt, ſich den ſchwedi⸗ ſchen Kugeln auszuſetzen. Es gibt ſo manche andere Art und Weiſe, ſeinen unverſöhnlichen Geſinnungen Genüge zu thun.— Wir können uns ja zum Bei⸗ ſpiel duelliren,“ ſetzte der Marquis lachend hinzu. Der Vicomte ſah ihn einen Augenblick ſchweigend an; darauf ſagte er mit einem bedeutungsvollen Lächeln: „Sie ſind der angenehmſte und furchtbarſte Feind, den ein Menſch haben kann.“ Alsdann ſprang er auf und rief mit geballten Fäuſten: „Ha, wenn ich daran denke, wie infernaliſch Sie gehandelt, wie Sie mein Glück durchkreuzt, alle meine Träume von Seligkeit zerſtört haben, dann iſt es mir, als wünſchte ich, daß Sie ebenſo viele Leben haben möchten, als es Martern in meiner Seele gibt. Ich möchte ſie alle nehmen, eines nach dem andern, und Tropfen um Tropfen, ſo daß Sie tauſendfache Todesqual leiden müßten!“ „Da hört man, Vicomte, daß Sie Millionär Schwartz, Wilhelm Stjernkrong. II. 4 ſind, denn Sie ſind im höchſten Grade freigebig. Es wundert mich wirklich, daß ich noch am Leben bin. Warum haben Sie nicht mit dem einen Leben, das ich wirklich beſitze, vorlieb genommen?“ „Weil es bis jetzt zu wenig geweſen iſt, meine Rache zu befriedigen, meinen Haß zu ſtillen, Ihr Verbrechen zu ſühnen.“ 3 Philipp warf ſich wieder auf das Sopha. Saint Sue ſaß mit ſeiner ſorgloſen Miene un⸗ beweglich da, als ob es ſich um die unterhaltendſten Dinge von der Welt handelte. „Sie ſind ein Verſchwender gegen ſich ſelbſt, wenn Sie mich das Einzige behalten laſſen, was ich nicht zu vertheidigen beabſichtige,“ nahm Saint Sue wieder das Wort. „Sie beabſichtigen alſo nicht, Ihr Leben zu ver⸗ theidigen?“ „Gegen Sie nicht, Vicomte.“ „Aber doch Ihren Frieden, Ihre Ehre?“ „Die ſind für Sie unantaſtbar.“ „Rechnen Sie ſicher darauf?“ „Vollkommen.“ „Wir werden wohl ſehen. Merken Sie wohl, nicht Sie ſind es, gegen welchen ich den Streich rich⸗ ten werde, ſondern—“ „Wie befindet ſich Madame d'Eſtrier?“ fiel Saint Sue, ihn unterbrechend, mit unnachahmlichem Tone ein. Wäre der Vicomte mit einer ſcharf geſchliffenen ——— Waffe berührt worden, er hätte keine heftigere Be⸗ wegung des Schmerzes machen können. Er ſprang auf und rief: „Marquis, dieſen Namen..“ 2 haſtig den Kopf und horchte. 51 „Wage ich auszuſprechen,“ antwortete Saint Sue ruhig und ſah den jungen Mann feſt an; „aber Ihnen fehlt es an Muth, den Laut davon zu hören. Nun wohl, Vicomte, wer von uns beiden iſt der ſtärkere, Sie oder ich. Sie, der Sie vor einem Namen beben— ich, der ſich durch Sie nicht um ſeine Ruhe bringen läßt? Ich bin wohl ſomit allein Herr über Ihren Frieden und Ihre Ehre. Ich brauche ja blos Eſtelle d'Eſtrier zu nennen, um Sie zum Zittern zu bringen.“ Der Marquis ſchlug die Beine übereinander, ſchaute zur Decke auf und ſetzte gleichgültig hinzu: „Läugnen läßt ſich auch nicht, daß wenn Sie an die ſchöne, bezaubernde Eſtelle denken, Ihr Herz von Qual erbeben muß. Deren düſteres Schickſal kann nicht anders als ſchwer auf Ihrem Gewiſſen ruhen.“ Der Vicomte hatte ſich vollkommen wieder gefaßt, und ſagte deshalb, indem er von Neuem Platz nahm, mit Ironie: „Sie ſind doch nicht geſonnen, Marquis, als ihr Rächer aufzutreten?“ „Nein, ich greife der Vorſehung niemals vor. Ich laſſe dieſe, ohne jegliche Einmiſchung von meiner Seite, das Rad der Ereigniſſe drehen. Hier wurde das Geſpräch durch Tritte im Salon unterbrochen. Ein männliche Stimme trällerte fol⸗ gende Strophe:. „So findet nie ein Unterſchied Sich zwiſchen Mein und Dein.“ Bei dem Laut dieſer Stimme erhob der Vicomte 4* 52 Saint Sue beantwortete dieſe Bewegung, indem er ſagte: „Es iſt mein Freund, Baron Stjernkrona.“ Darauf erhob er ſich und ging Wilhelm in den Saal entgegen. „Ah, Sie ſind zu Hauſe, Marquis!“ rief Wil⸗ helm.„Sie haben ſich davon geſchlichen, ohne daß ich es merkte.“ „Was wollen Sie, daß ich hätte thun ſollen. Nachdem man ein ſo gründliches finnländiſches Mittags⸗ mahl zu ſich genommen hat, iſt man nicht mehr im Stande, zu denken oder zu ſprechen; darum bleibt nur Eins übrig, nämlich die Ruhe zu ſuchen,“ ant⸗ wortete der Marquis und ſetzte ſich in einen Fauteuil. Wilhelm folgte ſeinem Beiſpiel. Eine Weile re⸗ vein ſie noch von dem Diner, darauf bemerkte Wil⸗ elm: „Wie gefällt Ihnen mein Freund Cellner?“ „Nicht ſonderlich. Aber Sie haben mich ſchon einmal deshalb gefragt, und ich gab Ihnen damals die gleiche Antwort.“ „Ich erinnere mich jetzt,“ erwiederte Wilhelm und ſah nachdenklich vor ſich hin.„Ich habe ihn eben getroffen, da ich vom Diner kam, und ſein düſteres Ausſehen iſt mir aufgefallen. Seit der Affaire von Hogland kommt er mir ganz verändert Tr.“ „Vereitelte Hoffnungen! Doch laſſen wir ihn und—“ 8 „Nur noch ein Wort. Glauben Sie nicht, Cellner ſei ſo ehrgeizig, daß—“ „Er Auszeichnung gewinnen will? Ja, das glaube G 53 ich, aber, wenn es Ihnen beliebt, kein Wort mehr von ihm—“ „Wie Sie wollen. Bleiben Sie am Lande über Nacht?“ „Ja, ſo weit ich bis jetzt weiß. Ueberdies habe ich Beſuch von einem Landsmann.“ „Einem Landsmann!“ rief Wilhelm. Der Marquis ſtand auf, machte eine Bewegung mit der Hand nach der Thüre, indem er ſagte: „Er iſt da drinnen, und es würde mir Vergnügen machen, Ihnen denſelben vorzuſtellen.“ Wilhelm hatte ſich ebenfalls erhoben und erwie⸗ derte verbindlich, indem er auf ſeine Uhr ſah: „Sie treiben die Artigkeit zu weit, Marquis, da Sie auf ſolche Weiſe Ihres Gaſtes vergeſſen, um mir Geſellſchaft zu leiſten. Ich meinerſeits muß Sie jetzt verlaſſen und mich zu dem Herzog begeben. Die Bekanntſchaft mit Ihrem Landsmann muß ich demnach, ſo angenehm ſie mir wäre, aufſchieben.“ Wilhelm reichte Saint Sue die Hand. „So viel Zeit, um Ihnen denſelben vorzuſtellen, werden Sie mir wohl noch ſchenken?“ „Ich habe nicht mehr über eine Minute zu dis⸗ poniren. Aber warum ſagten Sie es mir nicht ſogleich, daß Sie etwas ſo Ungewöhnliches wie einen Franzoſen hier, mitten in Finnland, zu bieten hätten? Leben Sie wohl, Marquis: wir treffen einander ſpäter, heute Abend.“ Wilhelm drückte Saint Sue die Hand und eilte auf ſein Zimmer, um noch einige Verbeſſerungen an ſeiner Toilette vorzunehmen, ehe er ſich zum Groß⸗ admiral begab. 54 Saint Sue ſah ihm lächelnd nach und murmelte: „Das iſt ſchade.“ Dann drehte er ſich auf dem Abſatz herum und kehrte zu dem Vicomte zurück. „Ihr Freund hatte große Eile,“ bemerkte Philipp von Outrouville mit einem feinen Lächeln.„Ich habe vergeblich darauf gerechnet, ſeine Bekanntſchaft zu machen.“ „Wie Sie hörten, lag der Fehler nicht an mir,“ antwortete Saint Sue.„Ich that Alles, was an mir war; aber was heute nicht geglückt iſt, kann—“ „Morgen glücken, wollen Sie ſagen.“ Der Vicomte ſtand mit den Worten auf: „Ich beklage wirklich, Ihren Wünſchen hierin nicht entſprechen zu können, denn ich will morgen eine längere Reiſe in das Innere von Finnland an⸗ treten.“ „Verlaſſen Sie Helſingfors ſo ſchnell?“ „Ja, was hätte ich ſonſt noch hier zu thun, nach⸗ dem ich Sie getroffen habe?“ „War dies der einzige Grund, warum Sie ſich hierher begeben haben, allen Gefahren Trotz bietend, welche doch unter den gegenwärtigen Verhältniſſen nothwendig mit einem ſolchen Beſuch verbunden ſein mußten??“ Saint Sue ſah den Vicomte an. „Für den, welcher liebt, wie für den, welcher haßt, gibt es weder Gefahren noch Tod. Leben Sie wohl, Marquis! ich hoffe, wir treffen uns bald wieder.“ 3 Der Vicomte that einige Schritte gegen die Thüre; aber der Marquis trat ihm in den Weg und ſagte: 5⁵ „Einen Augenblick, mein Herr, ehe wir ſcheiden. Was iſt Ihre Abſicht bei dieſem ſonderbaren Auf⸗ tritte? Sie ſollten ſich erinnern, daß ich gewiſſer⸗ maßen zu dieſer Frage berechtigt bin.“ „Marquis, ich will Ihre Frage durch eine an⸗ dere beantworten. Haben Sie unſere letzte Begeg⸗ nung zu Paris vor ſechs Monaten vergeſſen?“ „Ganz und gar nicht. Es war am Tage nach—“ „Sie brauchen nichts von dem zu wiederholen, was dieſelbe veranlaßte, ebenſo wenig was die Per⸗ ſonen betrifft, welche damit in Verbindung ſtanden, ſondern blos—“. „Meines Verſprechens Ihnen gegenüber mich er⸗ innern,“ fiel der Marquis mit einer Verbeugung ein. „So iſt es.“ „Nun wohl, mein Herr, Sie finden doch, daß ich daſſelbe gehalten, da ich im Laufe einer ganzen Stunde keinen Augenblick vergaß, was die Artigkeit erfordert. Aber, Vicomte, wir führen Krieg. Ich habe folglich das Recht, zu fragen: wird es eine ehrliche Fehde ſein, wobei blos unſer Leben als Einſatz dient, oder—“ „Das Menſchenleben iſt im Allgemeinen ein ſchlech⸗ ter Einſatz, Marquis, weil man, ſobald es zu Ende iſt, weder Etwas zu gewinnen, noch zu verlieren hat. Ich will darum ganz und gar nicht an Ihr Leben.“ Der Vicomte trat dem Marquis einen Schritt näher, legte ihm ſeine Hand auf die Schulter und fuhr in ſcherzendem Tone fort: „Wäre es Ihr Leben, nach dem ich trachtete, ſo würden Sie niemals nach Schweden gekommen ſein. „ 56 Nein, es iſt etwas Anderes, was ich für meine Rache haben will.“ „Das iſt jedoch das Einzige, was Sie mir nicht nehmen können,“ verſicherte Saint Sue. „Wir werden wohl ſehen,“ entgegnete der Vicomte, ſeine Hand von der Schulter des Marquis zurück⸗ ziehend, und ſetzte dann in gleichgültigem Tone hinzu: „Ich hörte einmal von ein Paar jungen Männern erzählen, welche Nebenbuhler waren. Zur Schlich⸗ tung des Streites beſchloſſen ſie, um den Gegenſtand ihrer Liebe eine Partie Schach zu ſpielen. Derjenige, welcher gewann, ſollte ſie ſein nennen. Nun wohl, Marquis, wir ſind auch ein Paar Schachſpieler.“ „Doch wohl nicht um eine Geliebte?“ fragte der Marquis lächelnd. „Nein! Sie wiſſen am beſten, um was wir ſpielen. Wenn Sie matt, wenn Sie aller Ihrer Figuren beraubt ſind und Ihr König genommen iſt, dann— dann werde ich den Schlag führen und.... Adieu, Marquis!“ „Adieu, Vicomte!“ ſagte der Marquis mit einer artigen Verbeugung.„Ich hoffe, daß wir im Ver⸗ lauf des Spiels wieder zuſammentreifen, und bin überzeugt, daß es Ihnen nicht gelingen ſoll, mich mit dem erſten Zuge matt zu machen.“ „Das glaube ich wohl, denn Sie ſind ein ge⸗ ſchickter Spieler. Aber das hindert mich nicht, die Partie zu gewinnen. Ich werde nichts unverſucht laſſen, um....“ „Sieger zu werden,“ fiel Saint Sue ein.„Er⸗ innern Sie ſich jedoch, daß es in unſeren menſchlichen Berechnungen nur Eins gibt, das gewiß iſt— näm⸗ 57 lich das, was wir nicht berechnet haben. Es iſt ge⸗ fährlich, allzu viel auf ſeine eigene Kraft zu ver⸗ trauen.. Der Marquis trat auf die Seite und der Vicomte näherte ſich der Thüre mit den Worten: „Iſt dieſer Satz wahr, dann fürchte ich, daß Keiner von uns Beiden die Partie gewinnt.“ „Ja, wer weiß, die Ereigniſſe können ja eine völlige Störung in das Spiel bringen.“ „Das wäre ſchade.— Leben Sie wohl!“ Der Vicomte ſetzte den eleganten Hut auf das Haupt und entfernte ſich.. Als die Thüre hinter ihm ſich ſchloß, rief Saint Sue ſehr heiter: „Ruf' Deinen ganzen Anhang ſataniſcher In⸗ triguen zu Hülfe, Du ſollſt dennoch matt werden, ſofern nicht die ruſſiſchen Kugeln mir den Kopf nehmen, und nun ſchnell ans Spiel.“ Der Marquis klingelte. Ein kleiner magerer, ſchmächtiger Diener erſchien. Sein ſchwarzes Haar und ſeine kleinen braunen Augen ſchienen zu beweiſen, daß er von den in Finnland in großer Anzahl herumſtreichenden Tartaren ab⸗ ſtammte. Simon ſtand in Dienſten des Baron C—g, hatte in ſeinem Hauſe ſchon manches Jahr hingebracht und mit ſeinem Herrn auch längere Zeit in Frank⸗ reich verweilt. Er ſprach daher, wiewohl ziemlich ſchlecht, franzöſiſch, war zuverläſſig und aufmerkſam und ein Muſter von einem Dienſtboten; lauter Eigen⸗ ſchaften, welche den Baron beſtimmten, ihn dem Mar⸗ quis und Wilhelm zur Aufwartung beizugeben. 58 „Haſt Du den Herrn, welcher eben fortging, ge⸗ ſehen?“ fragte der Marquis, als Simon mit einer Verbeugung eintrat. „Ja, mein Herr!“ „So folge ihm, aber ohne daß er es merkt, und ſieh, wohin er ſeinen Weg nimmt. Ich wünſche es zu wiſſen. 4 Simon verſchwand. VIII. Als der Vicomte von dem Marquis herunterkam, blieb er eine Weile, unſchlüſſig, welchen Weg er ein⸗ ſchlagen ſollte, ſtehen, blickte die Straße bald auf bald ab, und ging augenſcheinlich mit ſich über Etwas zu Rathe. Plötzlich ſchien der Anblick einer Uniform ihn zu beſtimmen. Er ging dem herannahenden Militär ſchnell entgegen, während er bei ſich ſprach: „Der Zufall wäre mir wirklich ſehr gewogen, wenn er mir wieder den Lieutenant Cellner in den Weg würfe.“ Inzwiſchen war der Officier näher gekommen, und es zeigte ſich in der That, daß es Cellner war, welcher ſeinen Auftrag in Helſingfors nunmehr voll⸗ zogen hatte und auf dem Rückwege nach dem Hafen begriffen war, um ſich wieder nach Sweaborg zu begeben. Das Zuſammentreffen verurſachte auf beiden Sei⸗ ten eine große Ueberraſchung. Man ſagte einander verſchiedene Artigkeiten, worauf der Vicomte fragte, ob Cellner für den Reſt des Abends frei wäre. —— 59 Cellners Antwort lautete, er habe über ein paar Stunden zu disponiren, ehe er nach Sweaborg zurück⸗ kehren müßte. Der Vicomte und er begaben ſich alſo nach dem vornehmſten Keller der Stadt; dort wurde ein ein⸗ zelnes Zimmer genommen und die beiden jungen Männer begannen nun, während ſie eine Flaſche ausſtachen, vom Krieg zu reden, ein Thema, welches von dem Vicomte mit großer Geſchicklichkeit einge⸗ leitet wurde. Cellner trank gern, ohne eigentlich ein Trinker zu ſein, und wenn er einige Gläſer zu ſich genom⸗ men hatte, wurde er immer ſehr mittheilſam. Cellner achtete nicht darauf, daß der liebenswür⸗ dige Fremdling äußerſt wenig trank, dagegen ihn. ſehr fleißig nöthigte, ſein Glas zu leeren. Der Vicomte folgte aufmerkſam der Wirkung des Weins und ſtellte nach dem Maße, als Cellner red⸗ ſeliger wurde, ſeine Fragen. Nach einem Zuſammen⸗ ſein von ein paar Stunden, als ſie ſich endlich trenn⸗ ten, wußte der Vicomte nicht nur Alles, was Cellner in Perſon betraf, ſeine Beſtrebungen und Schwach⸗ heiten, ſondern auch eine Menge anderer Dinge, welche von mehr oder weniger Intereſſe für den Franzoſen waren. Philipp von Outrouville begleitete Cellner bis an das Boot und ſagte ihm endlich, für den Fall, daß ſie einander nicht mehr treffen ſollten, Lebewohl. Als Cellners Boot vom Lande ſtieß, blieb der Piente ſtehen und ſagte, ihm nachſehend, bei ſich elbſt: „Dieſer Menſch gibt ein paſſendes Werkzeug in 60 meiner Hand zur Beförderung meiner Plane. Er iſt aus Elementen zuſammengeſetzt, woraus man einen Feind für das Glück und die Erfolge Anderer ſchafft; denn wenn ein edler Ehrgeiz zur Tugend leitet, ſo glaube ich beſtimmt, daß ein leidenſchaft⸗ liches Verlangen nach Auszeichnung zum Verbrechen führt. Doch welche von den menſchlichen Leiden⸗ ſchaften könnte nicht dahin ausarten! Das Schönſte und Höchſte, was in dem Herzen Raum haben mag, verwandelt ſich leicht in eine ganze Welt ſchlimmer Leidenſchaften. Aber was geht das mich an? Jetzt handelt es ſich darum, ganz unbemerkt an den Ort des Stelldicheins zu gelangen, um von dem, was mir einzuthun gelungen iſt, Mittheilung zu machen.“ Der Vicomte drehte ſich um und zog langſam vom Hafen ab. Simon hatte inzwiſchen Saint Sue rapportirt, daß ſein Beſucher mit dem Lieutenant Cellner zu⸗ ſammengetroffen ſei und ſich in deſſen Geſellſchaft nach dem Rathhauskeller begeben habe. Nach Einzug dieſer Nachrichten ging Saint Sue von Hauſe weg, um gleichfalls einen Beſuch in dem Keller zu machen und ganz unbemerkt den Vicomte zu beobachten. Er ſah, wie er von dort wegging und Cellner nach dem Hafen begleitete, und brachte dann bald heraus, wohin er von da ſeinen Kurs ſteuerte. Der junge Franzoſe logirte bei einem deutſchen Kaufmann Namens Keineroth, welcher vor zehn Jah⸗ 61 ren ſich in Helſingfors niedergelaſſen hatte und für ſehr reich galt. Keineroth ſtand in Handelsverkehr mit den mei⸗ ſten auswärtigen Plätzen und machte ſehr bedeutende Geſchäfte. Der Vicomte war einige Tage vor ſeinem Be⸗ ſuche bei Saint Sue, wie man ſagte, auf einem von Keineroths Schiffen, das Wein in Marſeille ge⸗ laden hatte, zu Helſingfors angekommen. Der junge franzöſiſche Edelmann war, wie es hieß, auf einer Vergnügungsreiſe nach Schweden und Finnland begriffen.— Er ſtreute Gold nach allen Seiten aus, war äu⸗ ßerſt freigebig und ſprach von Nichts, was Politik oder Krieg anbelangte. Folglich hatte er während, ſeines kurzen Aufenthalts zu Helſingfors durchaus keine Veranlaſſung zu irgend einem Argwohn gege⸗ ben, ſondern war mit, der gewöhnlichen Gaſtfreundſchaft von den adeligen Familien aufgenommen worden, mit welchen er durch den Landeshauptmann, dem er ſeinen Paß vorgezeigt hatte, in Berührung ge⸗ kommen war. Keineroth lebte auf großem Fuß, wie es für einen reichen Mann ſich ziemte und hatte dem Fran⸗ zoſen einige Zimmer in ſeinem Hauſe eingeräumt. Nach dieſer Wohnung alſo nahm der Vicomte ſeinen Weg, als er den Hafen verließ. Einige Au⸗ genblicke nachher in ſein Zimmer getreten, wurde er hier von ſeinem Diener empfangen, einem Bur⸗ ſchen von mongoliſchem Ausſehen, obwohl er fran⸗ zöſiſch wie ein Eingeborner ſprach und ein Pariſer zu ſein behauptete. 62 Der Vicomte reichte ihm Hut und Handſchuhe mit den Worten: „Hat Jemand nach mir gefragt?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete der Diener. „Um ſo beſſer!— Wir müſſen heute Nacht fort von hier, verſtehſt Du?“ „Ja, mein Herr.“ In dem Augenblick, da der Vicomte in das in⸗ nere Zimmer ſich zurückziehen wollte, öffnete ſich die Thüre, und Saint Sue ſtand auf der Schwelle. War der Marquis durch den Anblick des Vi⸗ comte, als derſelbe ihn beſuchte, überraſcht worden; ſo war es hier mit dem letzteren, als er Saint Sue's anſichtig wurde, nicht minder der Fall. 3 Er wich einen Schritt zurück und rief: „Sie hier, Marquis? Was führt Sie hierher?“ „Der Wunſch, Sie zu überraſchen, mein Herr,“ antwortete Saint Sue. Dann warf er einen Blic auf den Diener, firirte ihn ſcharf und ſprach in be⸗ ſtimmtem und befehlendem Ton: „Verlaß uns; ich habe Deinem Herrn Etwas zu ſagen. Der Diener wechſelte einen Blick mit dem Vicomte. Wahrſcheinlich enthielt derſelbe von Seiten Outrou⸗ ville’s die Aufforderung, zu gehorchen, denn der Die⸗ ner entfernte ſich ſogleich. Die beiden Franzoſen waren allein. „Vicomte! Der erſte Zug Ihres Spiels begann mit dem Beſuch, womit Sie mich beehrten 2“ nahm der Marquis das Wort, während er ſeinem Wirth in das anſtoßende Zimmer folgte. 1 „Wenn Sie ſo wollen, ja!“ antwortete der Vi⸗ * 63 comte artig und bot ſeinem Gaſt mit all der Zuvor⸗ kommenheit, welche den wohlerzogenen Franzoſen auszeichnet, einen Sitz an. „Nun wohl, ich bin jetzt hier, um das Spiel fortzuſetzen,“ fuhr der Marquis ſcherzend fort,„und wo möglich eine oder die andere Ihrer Figuren zu nehmen.“ „Sie!“ rief der Vicomte mit blitzenden Augen. „Gerade ich!“ antwortete Saint Sue lachend. „Wiſſen Sie was, Vicomte, Sie haben einen dum⸗ men Zug gethan und Ihren Läufer ungedeckt gelaſ⸗ ſen. Ich ſchlage ihn, ohne daß Sie dagegen einen Bauern als Erſatz nehmen können. „Ich bin ſehr neugierig zu ſehen, wie das ge⸗ ſchehen ſoll,“ erwiderte der Vicomte. Man erkannte indeſſen wohl, daß es aller Macht, die er über ſein Geſicht beſaß, bedurfte, um ruhig zu erſcheinen. „Sie beabſichtigen heute Nacht von hier abzuge⸗ hen, um der ruſſiſchen Flotte einige Aufklärungen zu geben, welche Sie hier einzuziehen ſo glücklich waren.“ „Nun, und dann? was geht das Sie an?“ Ganz und gar Nichts, wenn es Ihnen beliebt, und doch wieder ſehr viel. Es kommt darauf an, von welchem Standpunkt aus man die Dinge be⸗ trachtet. Vicomte, Sie ſind nach Finnland als ruſ⸗ ſiſcher Spion gekommen. Ich bitte, ſuchen Sie mich nicht zu widerlegen! Wenn ich Etwas deutlich aus⸗ ſpreche, ſo bin ich meiner Sache gewiß. Sie haben Verſchiedenes zu erfahren gewußt, was den Ruſſen 64 vortheilhaft ſein kann, aber eben darum den Schwe⸗ den Schaden bringen muß, wenn es vor der Zeit zur Kenntniß von deren Feinden gelangte. Genug, Sie werden dieſe Nacht nicht abreiſen! Unter keiner Bedingung iſt es Ihnen geſtattet, Helſingfors zu verlaſſen. „Und wer will mich daran hindern?“ Der Vicomte heftete einen langen, finſtern Blick auf den Marquis, welcher fortfuhr: „Wiſſen Sie vielleicht, wie?“ „Das wäre intereſſant genug.“ 5 „Sicherlich; aber Sie müſſen entſchuldigen, wenn ich mich für den Augenblick einzig darauf beſchränke, Ihnen den Rath zu geben, daß Sie von der Reiſe abſtehen; im andern Fall zwingen Sie mich zu Schritten, die ich gegen einen Landsmann nicht er⸗ greifen möchte.“ „Marquis, ich habe Ihr Wort, daß—“ „Ich nie vergeſſen werde, was Sie als Lands⸗ mann mit Recht von mir fordern können. Aber ich vergeſſe ebenſo wenig meine Pflichten gegen das Volk, auf deſſen Flotte ich diene; darum bin ich ge⸗ nöthigt, Sie in Helſingfors zurückzuhalten.“ Der Marquis erhob ſich. „Weder Sie noch alle Schiffe der ſchwediſchen Flotte werden mich hindern können, Helſingfors zu verlaſſen, bevor die Sonne aufgeht!“ rief der Vi⸗ comte heftig,„ſofern Sie nicht zum Verräther an Ihrem Wort werden.“ „Sie wiſſen nur allzu wohl, daß ich Niemand 65 und Nichts verrathe; aber Sie ſollten inzwiſchen auch zur Erkenntniß gekommen ſein, daß Sie immerdar Unglück haben, wenn ich Ihr Gegenſpieler bin. Alſo, ſtehen Sie davon ab, Ihre Wohnung zu ver⸗ laſſen!“ „Ich habe Ihnen ja geſagt, daß der Menſch, der mich dazu beſtimmen kann, noch nicht gebo⸗ ren iſt.“ „So leben Sie wohl; wir treffen uns morgen.“ Der Marquis ging, verſchloß aber die Thüre hinter ſich, zu nicht geringer Ueberraſchung für den Vicomte, der nicht eher, als bis das Schloß von außen umgedreht wurde, bemerkte, daß Saint Sue den Schlüſſel zu ſich nahm. Philipp von Outrouville war ſomit in ſeinem ei⸗ genen Zimmer gefangen. Saint Sue nahm nun ſeinen Weg zu Herrn Keineroth, welchen er auf ſeinem Comptoir arbeitend antraf. Gott allein weiß, was der Marquis dem Deut⸗ ſchen ſagte, aber Herr Keineroth war ganz blaß um die Naſe, als Saint Sue ihn verließ. Von dem Deutſchen begab ſich Saint Sue eiligſt nach ſeiner und Wilhelms Wohnung, wo er ſchnell einige Worte an Stiernkrona niederſchrieb. Simon erhielt Befehl, das Billet dem Baron zu über⸗ geben, ſobald derſelbe von dem Herzog zurückgekom⸗ men wäre. Saint Sue kehrte darauf in Keineroths Haus zurück, wo er ſich in dem großen Vorzimmer vor des Vicomte's Gemach niederließ. Schwartz, Wilhelm Stiernkrong. II. 5 66 IX. Der Abend war eben in Begriff, der Erde, welche in die Arme der Nacht ſank, Lebewohl zu ſagen, als Wilhelm eiligen Schritts die Treppe in Keineroths Hauſe hinaufſtieg und in das Vorzimmer, wo Saint Sue ſich befand, eintrat. „Was, mein beſter Marquis, bedeutet Ihr my⸗ ſtiſches Billet?“ rief Wilhelm. „Es bedeutet fürs Erſte, daß Sie leiſe ſprechen ſollen, und fürs Zweite, daß es Franzoſen gibt, welche lieber unter ruſſiſcher als ſchwediſcher Flagge dienen, und daß Sie bei Gefahr eines dienſtlichen Vergehens heute Nacht hier bleiben müſſen.“ Saint Sue theilte nun Wilhelm in der Kürze den Grund mit, der ihn beſtimmte, ſeinen Lands⸗ mann für einen ruſſiſchen Spion zu halten. Er ſchloß mit den Worten: 3 „Bei einer Gelegenheit, gleichviel welcher, gab ich dem Schelmen, welcher hier eingeſchloſſen iſt“— er deutete auf die Thüre zu des Vicomte’'s Zim⸗ mer—„das Verſprechen, mich niemals an ſeiner Perſon zu vergreifen. Zugleich wünſche ich, daß ſich kein Anderer ſonſt in dieſe Affaire miſche. Deßhalb müſſen Sie vor ſeinem Fenſter Poſto faſſen und einen Jeden feſtnehmen, welcher von dieſer Seite des Hauſes herauszukommen ſucht, in welcher Geſtalt der Ausreißer auch erſcheinen möge. Ich habe das Haus auf allen Seiten unterſucht. Außer dem Aus⸗ gang, welchen ich bewache, iſt nur noch einer vor⸗ handen, nämlich der in den Garten. Das Innere * 67 des Hauſes kenne ich nicht genau; darum wäre es möglich, daß man von dem Zimmer meines Gefan⸗ genen auf irgend eine unbegreifliche Weiſe dorthin gelangen könnte. Uebrigens wird er, wenn ich ihn recht kenne, kein Bedenken tragen, zum Fenſter hinauszuſpringen, im Fall kein anderer Ausweg übrig bleibt. Alſo, ſeien Sie auf Ihrer Hut; wir haben es mit einem ruſſiſchen Spion zu thun.“ „Ha, ſeien Sie ruhig, ich werde es nicht ver⸗ geſſen, und im Fall Ihr Landsmann nicht die Eigen⸗ ſchaft beſitzt, ſich unſichtbar zu machen, ſoll er nicht entkommen,“ verſicherte Wilhelm. Er begab ſich nach dem Garten und nahm hier einen ſo verſteckten Platz ein, daß man ihn von dem Fenſter aus nicht ſehen konnte. Eine Stunde nach der andern verging, ohne daß irgend eine Bewegung in dem ganzen Hauſe zu be⸗ merken war. Endlich gelangte Wilhelm zu dem Glauben, der franzöſiſche Gefangene habe es für das Räthlichſte gehalten, keine Flucht zu verſuchen. Der Wächter rief: Die Glocke hat Eins ge⸗ ſchlagen, und das Dunkel der Auguſtnacht war über die Erde ausgebreitet. Wilhelm beſaß jedoch die bei Seeleuten gewöhn⸗ liche Eigenſchaft, ſelbſt in der Finſterniß ſehr gut zu ſehen. Auch bemerkte er eine Weile, nachdem des Brandwächters Ruf verhallt war, daß eine Thüre aufging, welche auf die Terraſſe führte. Sehr vor⸗ ſichtig ſchlich eine Geſtalt heraus. Wilhelm vermochte mit einiger Anſtrengung zu unterſcheiden, daß die Geſtalt Seemannskleider zu tragen ſchien. 5* 68 „Da haben wir ihn,“ dachte Wilhelm und blieb ganz unbeweglich. Der Seemann ging gerade auf die Ecke zu, hin⸗ ter welcher Wilhelm verborgen war. Dort blieb er lauſchend ſtehen und ſchien einen ſpähenden Blick um ſich zu werfen. Als Alles ſtill blieb, und Nichts ſich be⸗ merken ließ, was Unruhe erregen konnte, war er im Begriff, ſeine nächtliche Wanderung fortzuſetzen; aber in dem Momente, da er vorbeigehen wollte, faßte ihn Jemand ſehr artig aber auch ſehr feſt am Arm, und eine Stimme ſagte: „Pardon, Monſieur; aber die Zeit zu Promena⸗ den iſt übel gewählt; wollten Sie nicht die Güte haben, und in Ihr Zimmer zurückkehren?“ Wilhelm fühlte, daß der Arm, welchen er um⸗ ſchloſſen hielt, zitterte, und er ſetzte, um den Ertapp⸗ ten zu beruhigen, hinzu: „Sie haben Nichts zu fürchten, mein Herr; ich beabſichtige nicht, Ihnen ein Leid anzuthun. Aber ich fordere, daß Sie zurückkehren und bis auf Wei⸗ teres in Ihrem Zimmer bleiben; im andern Fa legen Sie mir die Pflicht auf, Sie mit Gewalt hiezu zu nöthigen.“ Wilhelm ſchwieg. Es entſtand eine Pauſe. Er hörte, daß ſein Gefangener ſchwer athmete. Nach einigen Minuten nahm Stjernkrona wieder das ort. „Geſtatten Sie mir, Sie zu begleiten.“ „Nein, Herr Baron,“ antwortete der Vicomte haſtig und mit einer Stimme, deren heller Ton Wil⸗ helm lebhaft ergriff. Die Hand, welche den Arm des Vicomte umſpannt hielt, ließ nach. Der Fran⸗ 1 69 zoſe machte ſogleich eine haſtige Bewegung, als ob er ſich von dem lebendigen Schraubſtock, der ihn feſt hielt, befreien wollte; aber bei dieſem Manöver ſah er ſich auch wieder ebenſo feſt am Arm gehalten. „Wenn Sie meinem Wunſche nicht Gehör geben wollen, ſo bleibt mir Nichts übrig, als Sie zu zwin⸗ gen,“ bemerkte Wilhelm, nachdem er ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte. „Wir werden ſehen!“ ſprach der Vicomte mit derſelben hellen Stimme, welche auf Wilhelm einen ſo lebhaften Eindruck gemacht hatte.„Angenommen, wir ſprechen erſt eine Weile mit einander. Es iſt jetzt ein Uhr. In dritthalb Stunden geht die Sonne auf; und vor dieſer Zeit müſſen Sie aufgehört ha⸗ ben, mein Gefangenwächter zu ſein.“ „Es hängt nur von Ihnen ſelbſt ab, mein Herr, ob ich dieſen Augenblick davon abſtehen ſoll.“ „Ja, ich weiß, was Sie ſagen wollen; aber wenn ich einmal gefangen bleiben muß, ſo will ich lieber Sie, als Saint Sue zum Wächter haben. Baron Stjernkrona, es iſt noch nicht ſo ganz ſicher, daß die aufgehende Sonne mich als Ihren Gefangenen fin et.“ „Wollen Sie vielleicht damit ſagen, daß ich mög⸗ licher Weiſe der Ihrige werde?“ entgegnete Wilhelm lachend. „Ich will Nichts ſagen, nur den Wunſch aus⸗ drücken, daß Sie es geſtatten, uns auf die Bank hinter der Hecke, welche Sie eben verlaſſen haben, zu ſetzen, wornach ich Ihnen Etwas mittheilen möchte was unſere gegenſeitige Stellung verändern könnte.“ 70 Wilhelm legte des Vicomte's Arm in den ſeini⸗ gen, indem er ſcherzend bemerkte: „Sie geſtatten wohl, daß ich Sie behandle, wie wenn Sie eine Dame wären. Stützen Sie ſich auf meinen Arm, Monſieur.“ „Ich weiß Ihre Artigkeit vollkommen zu faſſen,“ antwortete der Vicomte, aber dießmal mit einem Ausdruck des Verdruſſes. Es lag etwas höchſt Eigenthümliches in der Art und Weiſe, wie er ſeine Worte ausſprach. Er that dieß langſam, und als ob er ein ganz beſonderes Gewicht darauf legte, daß der Ton ſeiner Stimme recht deutlich in Wilhelms Ohren falle. Die Wir⸗ kung war, daß unſer Held bei jedem Satze, welchen der Vicomte von ſich gab, ſeinen Athem anhielt, um zu lauſchen. 4 Als der Vicomte und Wilhelm auf der kleinen Bank Platz genommen hatten, begann der Erſtere: „Hat der Marquis, als er Ihnen auftrug, mich zu bewachen, meinen Namen nicht geſagt?“ „Nein, mein Herr, und es befremdet mich wirk⸗ lich, daß Sie wiſſen, wer ich bin.“ „Das befremdet Sie?— Ach mein Herr, nicht alle Menſchen vergeſſen ſo leicht wie Sie!“ Wiederum griff dieſe Stimme Wilhelm ans Herz, und er rief: „Ich möchte einen Lichtſtrahl von dem Tag ent⸗ lehnen um—“ „Mein Angeſicht zu ſehen,“ fiel der Vicomte ein. „Das iſt überflüſſig. Mein Name wird Ihnen Auf⸗ klärung über das geben, was Sie in meinen Zügen zu leſen wünſchen.“ 71 „Und dieſer Name iſt?“ „Philipp von Outrouville.“ „Luciens Bruder!“ rief Wilhelm und ſprang auf; dann faßte er des Vicomte's beide Hände und ſetzte mit erregter Stimme hinzu: „Nein, Sie ſind nicht Philipp von Outrouville; Sie haben dieſen Namen entlehnt, um—“ „Ihr Gewiſſen zu dem Gefühl der Schuld zu erwecken, womit Sie vor Luciens Bruder ſtehen,“ fiel der Bicomte mit einer Stimme ein, welche etwas Drohendes hatte. Nach einer augenblialichen Pauſe fuhr er fort: „Als Sie nach Ihrer Theilnahme an dem Kriege Frankreich verließen, war ich erſt eilf Jahre alt. Sie erinnern ſich gewiß unſerer Begegnung im Garten vom Hotel Outrouville?“ „Nur allzu wohl.“ „Sie ſtanden ſchon damals im Verdacht, an meiner Schweſter Tod ſchuld zu ſein—“ „Ich,“ fiel Wilhelm lebhaft ein,„ich, der ich ſie von ganzer Seele liebte, der für ſie ſein wärmſtes Herzblut hergegeben hätte! Ich, der ich noch heute den Verluſt von ihr beweine und ganz gewiß nie⸗ mals mehr meine Gedanken irgend einer Frau zu⸗ wenden kann.“ „Sie wollen damit alſo ſagen, daß Sie Ihren Erinnerungen treu geblieben ſind?“ ſagte der Vi⸗ comte mit unſicherer Stimme. „Ich will nur ſagen, daß derjenige, welcher Lucie d'Outrouville gekannt und geliebt hat, niemals vergeſſen kann—“ „ Und was beweiſt dieß? Nur, daß Ihre Liebe 72 unheilbringend und zzerſtörend wie Feuer iſt. Sie ſind und bleiben ihr Mörder, und darum haſſe und verabſcheue ich Sie. Ihr Tod wird immer ſchwer auf Ihrer Seele laſten und gleich einem Fluche Ihnen folgen.“ „Wiſſen Sie denn, Vicomte, wie Lucie ſtarb?“ fragte Wilhelm erregt. „Jdl. „In dieſem Fall wiſſen Sie Etwas, was Andern unbekannt geblieben iſt.— Sie verſchwand,“ ſezte Wilhelm mit einem unterdrückten, ſchmerzlichen Seufzer hinzu. Und das geſchah nach Ihrer Zuſammenkunft mit derſelben im Japaniſchen Tempel,“ antwortete der Vicomte, in ein bitteres Hohngelächter ausbrechend. „Man hat ſie niemals vom Rendezvous zurückkehren ſehen.— Doch wozu hilft es, daß Sie ſich zu recht⸗ fertigen ſuchen; ich glaube nicht an Ihre Worte, und wenn ich auch daran glaubte, ſo würde ich E Ihnen doch nie verzeihen, daß ſie todt iſt. Ich frage Sie deßhalb: Wagen Sie, der Urheber von dem Ende meiner unglücklichen Schweſter, ſich zum Wäch⸗ ter ihres Bruders zu machen? In einem ſolchen Fall haben Sie niemals wahre Liebe zu ihr em⸗ pfunden.“ Während der Vicomte ſprach, ſchlich ſich ein Schatten ganz unbemerkt um die Hecke und blieb hier ſtehen. Vicomte, was mein Herz verbirgt oder nicht verbirgt, gehört nicht hieher. Mir vollkommen be⸗ wußt, wie unſchuldig ich an Allem bin, was jene betrifft, kann ich Ihnen und Jedermann ſonſt gegen⸗ 73 über treten. Im Uebrigen handelt es ſich jetzt darum, meine Pflicht zu erfüllen. Und wären Sie mein eigener Bruder, ich würde Ihnen dennoch die Frei⸗ heit nicht ſchenken, ehe es Ihnen gelingt, den Be⸗ weis zu führen, daß Sie nicht mit den Ruſſen verbündet ſind. Alle perſönlichen Fntereſſen müſſen ſchweigen.“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „a.⸗ Der Vicomte nahm jetzt den breitkrämpigen Hut ab und zog ein weißes Taſchentuch hervor, welches er mit einer lebhaften Bewegung ſchüttelte und dann über die Stirne führte. Gerade als er es zum zweiten Mal ſchüttelte, faßte ihn Wilhelm wieder an und ſagte: „Unſer Geſpräch hat jetzt lang genug gewährt; ich muß Sie deßhalb ſogleich zu dem Marquis führen.“ Wilhelm hob ihn von der Bank auf, um ihn in das Wohnhaus zu tragen. „Baron Stjernkrona, laſſen ſie mich los!“ ſprach der Vicomte mit gedämpfter Stimme.„Brauchen ſie nicht Gewalt, ſonſt müſſen Sie es mit Ihrem Leben bezahlen!“ Er riß eine Piſtole aus ſeiner Bruſttaſche. „Meine Pflicht gilt mir mehr als mein Leben; das letztere können Sie möglicher Weiſe mir rauben, aber Nichts iſt im Stande, mich zum Verräther zu machen.“ „Laſſen Sie mich los, ſonſt jage ich ihnen eine Kugel durch den Kopf. Ich will Ihnen gutwillig folgen!“ 74 Wilhelm, welcher den Vicomte auf ſeinem Arm hatte, fühlte die kalte Mündung einer Piſtole an ſeiner Schläfe. Anſtatt ſeinen Gefangenen ſogleich los zu laſſen, hielt er ihn noch einige Augenblicke feſt, als ob er ihn reizen wollte, ſeine Drohung auszuführen; her⸗ nach ſtellte er den Vicomte mit den Worten auf den Boden: „Wenn es Ihnen beliebt, mir zu folgen, ſo er⸗ ſparen Sie mir die Unannehmlichkeit, Sie wie ein Kind zu behandeln, aber vielleicht ziehen Sie es vor, mit einem Piſtolenſchuß ſich die Freiheit zu erkaufen. Ich bin völlig unbewaffnet. Aber was geſchehen ſoll, muß ſchnell geſchehen.“ Der Vicomte ſchleuderte ſeine Piſtole weit von ſich weg und ſagte munter: „Sie haben Recht. Die Nacht beginnt ſchon ihren dunkeln Schleier von Aurora's Purpurwange hinwegzuziehen; ehe dieſe ſichtbar wird, müſſen wir getrennt ſein, darum begeben wir uns jetzt zu dem Marquis.“ Mit leichtem Schritt ging der Vicomte vor Wil⸗ helm her, welcher einen forſchenden Blick auf die Bank warf. Der Vicomte ſprang ſchnell die Treppe hinauf. Wilhelm folgte ihm. Als Philipp von Outrouville in das Vorzimmer trat, wo Saint Sue ſaß, rief Wilhelm dem Mar⸗ quis zu: „Bewachen Sie den Gefangenen den ich Ihnen hiemit überliefere!“ 75 Mit dieſen Worten eilte er wieder die Treppe hinunter. „Ah, Vicomte, Sie haben ſich alſo erwiſchen laſſen,“ ſprach Saint Sue auf ſeinen Landsmann zugehend.„Sie hätten beſſer von mir denken ſollen, als daß Sie Etwas dergleichen wagten.“ Das Zimmer war nur ſehr ſchwach von einer Lampe erhellt. Der Vicomte nahm den Hut ab und ſchleuderte ihn auf einen Stuhl. Dann warf er ſich auf den Divan. „Sie ſehen ſehr aufgeregt aus,“ nahm Saint Sue wieder das Wort.„Sollte mein Freund, der Baron, zufälliger Weiſe ein allzu unfreundlicher Vogelfänger geweſen ſein?“ Der Vicomte ſtützte den Kopf auf die Hand und ſchwieg. Der Marquis betrachtete ihn eine Weile; dann begann er im Zimmer auf⸗ und abzugehen. So verſtrichen mehre Minuten. Endlich ſprang der Vicomte mit den Worten auf: „Nicht wahr, Marquis, Sie glauben, in unſerem Spiel einen glücklichen Zug gethan zu haben?“ „Sollten Sie etwa der entgegengeſetzten Mei⸗ nung ſein?“ „Sie glauben vielleicht mich dadurch matt ge⸗ macht zu haben?“ „Nein, mein Herr, dazu kenne ich Sie zu gut; aber ich glaube meine Figuren ſo geſtellt zu haben, daß ich Sie zwang, Ihren Angriffsplan zu ändern.“ „Und was ſollte mich dazu vermögen?“ „Stjernkrona.“ 76 „Marquis!“ rief der Vicomte mit geballter Fauſt. „Es iſt ja möglich, daß ich mich irre,“ bemerkte Saint Sue achſelzuckend;„aber Ihr zorniger Blick ſchien mir dennoch Recht zu geben.“ Der Vicomte entgegnete mit dumpfer Stimme: „Wenn es mir möglich wäre, Sie noch mehr zu haſſen und zu verabſcheuen, als ich bereits thue, ſo würde dieſer neue und gemeine Zug meine Erbit⸗ terung aufs Aeußerſte geſteigert haben.“ „ Ich rechnete darauf,“ antwortete der Marquis lächelnd.„Je mehr Sie mir von Ihrem Haß ſchenken, deſto weniger haben Sie an Andere abzu⸗ geben; mir iſt deſſen Beſitz werth.“ „Gut!“ ſagte der Vicomte, die Arme über der Bruſt kreuzend, und ſezte dann hinzu:„Sie haben mich dieſe Nacht verhindert, Helſingfors zu verlaſſen, aus dem Grunde, weil Sie glaubten, ich beabſichtige den Ruſſen gewiſſe Kundſchaften zu überbringen. Sie hatten Recht.— Ich habe wirklich mein Wort darauf gegeben, ihnen darüber Mittheilung zu machen, welche Transportſchiffe Sie erwarteten; aber dieß war auch Alles. Nun wohl, während Sie mich gefangen hielten, hat mein Diener ſich beeilt, meinen Auftrag zu vollziehen. Sie haben mich zu⸗ rückgehalten; aber was ich in Erfahrung brachte, darauf vermochten Sie nicht Beſchlag zu legen. Geſtehen Sie, Marquis, daß wenn Sie mir einen Läufer genommen, ſo iſt dieß eigentlich nur ein Tauſch der Figuren geweſen. Für den Augenblick ſteht das Spiel gleich; und nun gute Nacht, oder vielmehr guten Morgen. Es dämmert bereits im Oſten. Sie werden wohl ſo artig ſein, mir die —— 77 Thüre zu meinem Zimmer zu öffnen und mir einige Ruhe zu vergönnen?“ „Ich beeile mich, Ihren Wunſch zu erfüllen,“ antwortete der Marquis und geleitete Philipp von Outrouville in ſein Zimmer. Der Marquis warf in dem erſten derſelben einen forſchenden Blick rings herum, und da er fand, daß es mehre Thüren hatte, ſo ſagte er lächelnd: „Sicherlich haben Sie Ihr Schlafzimmer da drinnen. Er deutete auf das nächſte Zimmer, wel⸗ ches nur eine Thüre hatte, nämlich diejenige, durch welche man eintrat. „Sie mißtrauen mir, Marquis,“ ſagte der Vi⸗ comte und begab ſich in das innere Zimmer. 5 6739 frage Sie ſelbſt, ob ich nicht Grund dazu abe?“ „Aber ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß von einem Feldräumen nicht die Rede iſt.“ „Sie ſind allzugütig, Vicomte; aber mit Ihrer Erlaubniß traue ich mehr einer verſchloſſenen Thüre, als Ihrem Worte.“ Der Marquis zog ſich zurück und ſchloß die Thüre hinter ſich. „Alſo überliſtet!“ murmelte er, in das Vor⸗ zimmer zurückkehrend, nachdem er den Schlüſſel in die Taſche geſteckt hatte. Man vernahm Schritte auf der Treppe. Die Thüre ging auf und Wilhelm trat ein, den Diener des Vicomte mit ſich führend. Beim Anblick des letztern ſprang ihnen Saint Sue entgegen und rief: „Ah, lieber Baron, haben Sie ihn wirklich ge⸗ fangen?“„ — — — 78 „Ja, Marquis, und auch dieſes da,“ antwortete Wilhelm und reichte Saint Sue einen Brief.„Wir haben da kein ſo ſchlechtes Geſchäft gemacht,“ ſezte er lächelnd hinzu. b Aber wie ſind Sie auf die Idee gekommen, a— „Ich auf den da Jagd gemacht habe?“ fiel Wil⸗ helm ein.„Nichts iſt einfacher. Während meines kurzen Gefangenwächteramtes habe ich ſcharfe Ausſchau gehalten und dabei Verſchiedenes aufgeſchnappt, was mir verdächtig vorkam.“ Der Marquis rieb ſich die Hände und ſagte lächelnd: 3 „Bravo! Die Ruſſen werden vergebens auf Botſchaft warten.“ Er zog ein Notizbuch aus der Taſche, riß ein Blatt heraus und ſchrieb darauf mit Bleiſtift: „Vicomte, nun ſage ich Schach, und zwar durch den Ueberbringer dieſer Zeilen. Ihr Brief iſt in mnehnen Händen. Ich brauche Nichts weiter beizu⸗ ügen.“ Der Marquis faltete das Blatt zuſammen und gebot dem Diener des Vicomte, damit zu ſeinem Herrn hineinzugehen. Es ſtand nicht lange an, ſo überreichte der Diener bann Marquis ein anderes Billet, worin geſchrieben ſtand: „Bin ich wirklich matt? Erlauben Sie mir, dies zu beſtreiten; denn wenn Sie dieſes leſen, iſt der Vogel ausgeflogen. Schach, Marquis!— Ich habe Ihnen ja geſagt, daß keine menſchliche Gewalt mich hier zurückhalten könne.“ — 79 Der Marquis ſprang auf und ſtürzte in des Vicomte's Zimmer. Es war leer. Der Vogel war ausgeflogen; aber auf welchem Wege? das ſchien unerklärlich. Das Fenſter war im Giebel des Hauſes. Außen befand ſich ein ſenkrechter Felſen, deſſen Fuß in den Fluthen der See ſich verlor.. Eine andere Thüre, als diejenige, durch welche Saint Sue eingetreten war, gab es nicht in dem Zimmer. Es ſah wirklich aus, als hätte der Vicomte ſich durch den Schornſtein davon gemacht. Alle die vereinigten Bemühungen und Nachfor⸗ ſchungen von Wilhelm und Saint Sue waren frucht⸗ los. Der Vicomte war und blieb verſchwunden. Von dem zurückgelaſſenen Diener ließ ſich unmöglich einige Aufklärung erhalten. X. Kurz nach den oben beſchriebenen Ereigniſſen wurde ein ſchwediſches Transportſchiff, die Seeſchwalbe genannt, von den Ruſſen genommen. Das Schiff war mit Tauwerk befrachtet und wurde von der Flotte zu Sweaborg mit großer Ungeduld erwartet. Neben dieſer Ladung hatte es auch eine große An⸗ zahl Briefe bei ſich, ſowohl für die Officiere wie für die Beſatzung. Einige Tage nachdem dieſe Priſe in die Hände der Ruſſen gefallen war, langte auf der Rhede von Mjölö ein ruſſiſches Parlamentärfahrzeug an. Admiral Greigh hatte die Ritterlichkeit, die Be⸗ 80 ſatzung von der Seeſchwalbe frei zu laſſen, und über⸗ ſandte den Schweden zugleich alle Briefe. Die Artigkeit von einem Gegner konnte dem Groß⸗ admiral nur im höchſten Grad erfreulich ſein. Zur Antwort darauf erließ der Prinz ein verbindliches Schreiben an Greigh. Lieutenant von Klint wurde damit nach Reval abgeſchickt. Die Schweden ſind von Natur viel zu ritterlich, als daß ſie eine Artigkeit empfangen, ohne dieſelbe wieder zu vergelten; und darum wurden, der Be⸗ mannung der Seeſchwalbe entſprechend, ein ruſſiſcher Unterofficier und ſieben Kriegsgefangene mitgeſandt, und überdies ein Kauffahrteiſchiff mit einer Frau und drei Töchtern, deren Fahrzeug aufgebracht wor⸗ den war, mitgeſchickt. Admiral Greigh bemerkte gegen den Ueberbringer des Schreibens ſehr artig: „Ich bedaure, dieſes letztere Geſchenk nicht er⸗ wiedern zu können; leider bin ich nicht ſo glücklich geweſen, einige Mitglieder des ſchönen Geſchlechts zu Gefangenen zu machen.“ Aus allem dieſem iſt deutlich zu erſehen, daß die beiden ſtreitenden Parteien ein hoher Grad franzö⸗ ſiſcher Ritterlichkeit auszeichnete; und daß, wenn auch Rußland damals wohl mit Recht noch als eine halb⸗ barbariſche Nation zu betrachten war, die wahrhaft trefflichen und verdienſtvollen Befehlshaber der Ruſſen Alles, was in ihren Kräften ſtand, thaten, um dem Volke, unter deſſen Flagge ſie dienten, ein civiliſirtes Gepräge zu geben. Unter den von der Seeſchwalbe überbrachten Briefen war einer an Saint Sue, einige an Stiern⸗ ————— 81 krona. Unter den letzteren befand ſich einer, deſſen Aufſchrift von derſelben Hand, wie der an Saint Sue herzurühren ſchien. Am Abend des Tages, wo ſie die Briefe em⸗ pfangen hatten, trafen ſich der Marquis und Wil⸗ helm in ihrer gemeinſchaftlichen Wohnung zu Hel⸗ ſingfors. „Nun, haben Sie einen Brief erhalten, lieber Baron?“ fragte Saint Sue ganz gleichgültig. „Deren mehrere,“ antwortete Wilhelm lächelnd. „Das weiß ich; wenn aber von einem Briefe die Rede iſt, ſo wird vorausgeſetzt, daß ich einen gewiſſen Brief meine.“ „Ach ja!“ erwiederte Wilhelm, und reichte dem Marquis einen Brief, indem er hinzuſetzte:„Führt mich das Schickſal noch einmal mit Ihrem Lands⸗ mann zuſammen, Marquis, ſo ſoll er für den Ver⸗ luſt, welchen die Flotte erlitten, mir bezahlen.“ „O, ich fürchte eher, er wird Sie das Porto für dieſen Brief bezahlen laſſen.“ Der Marquis ſchlug langſam den Brief ausein⸗ ander, während Wilhelm ganz ärgerlich äußerte: „Zuerſt auf eine infernaliſche Weiſe genarrt zu werden, und hernach den ſchriftlichen Spott noch hin⸗ nehiten zu müſſen, iſt wirklich eine ſolche Beleidigung, a—„ „Sie dem kleinen Herrn den Degen durch den Leib rennen möchten,“ fiel der Marquis lachend ein. „Che es aber ſo weit käme, würden Sie ſich wohl zweimal deshalb beſonnen haben. In dem Namen ſelbſt, beſter Baron, liegt eine Zauberformel; aber Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. II. 6 82² jetzt ſtill, laſſen Sie mich ſehen, was der liebe Vicomte ſchreibt. Saint Sue las: „Mein Herr! „‚Dank für Ihr angenehmes téte-Atéte!— Dank ebenſo ſehr für die Mühe, welche Sie ſich gaben, dem Marquis einen Boten in meinem Diener zu verſchaffen. Alle Ihre Artigkeit hat jedoch nicht ver⸗ mocht, mich von dem Vorſatz abzubringen, Helſingfors Lebewohl zu ſagen. Sie und der Marquis glaubten mich gefangen zu haben; ſtatt deſſen fingen die Ruſſen die Seeſchwalbe, damit mir die Möglichkeit würde, ein Compliment für die Art und Weiſe, wie Sie eine des Spionirens verdächtige Perſon bewachten, an Sie gelangen zu laſſen. Mein Herr, man iſt zuweilen minder mächtig, als man ſich ſelbſt einbil⸗ det. Das ſollte Ihnen jetzt wohl zur Erkenntniß gekommen ſein. „Leben Sie wohl; ich hoffe, daß wir einander recht bald wieder ſehen.“ „Philipp von Outrouville.“ „O ja, gar nicht übel,“ bemerkte Saint Sue und gab den Brief zurück.„Es hätte jedoch etwas pi⸗ kanter ausfallen können. Der Vicomte iſt kein Styliſt. Vielleicht aber gewährt es Ihnen einige Unterhal⸗ ud den Brief zu leſen, den er an mich geſchickt at.“ 3 Mit dieſen Worten reichte er denſelben Wilhelm, der ihn ſchweigend in Empfang nahm. Der Inhalt lautete: „Marquis, Sie ſind ein ſchlechter Schachſpieler. Ich ſehe voraus, daß Sie matt werden. Wann und 83 wo der nächſte Zug geſchehen wird, weiß ich— aber Sie wiſſen es nicht. Ich ſage Ihnen auch zum Voraus: achten Sie auf die Königin! Auf Wieder⸗ ſehen!“ Wilhelm gab den Brief mit den Worten zurück: „Ich verſtehe Ihre Stellung zu dem Vicomte ebenſo wenig, wie die Schonung, welche Sie ihm beweiſen.“ „Glauben Sie mir, es iſt zuweilen ein Glück, Nichts zu verſtehen. Die Unwiſſenheit iſt wie die Unſchuld für ihre Handlungen unverantwortlich.“ „Sehr möglich. Aber das Facit von meiner Unwiſſenheit iſt, daß die Flotte ein Transportſchiff verloren hat, was niemals geſchehen wäre, wenn wir ganz einfach den feinen Herrn gefangen genommen und in ſichere Verwahrung gegeben hätten.“ „Einen Outrouville gefangen nehmen,“ ſprach der Marquis und ſah Wilhelm an.„Das möchte für Sie oder für mich beinahe unmöglich geweſen ſein.“ „Das Intereſſe des Individuums muß dem Wohl des Ganzen weichen.“ „Gewiß; aber da wir keine Spartaner ſind, ſo geſchieht es manchmal, daß wir menſchlich handeln und uns nicht zu Verräthern am Individuum machen, ſelbſt wenn es das Wohl des Ganzen gilt.— Doch, wir wollen nicht weiter davon reden; geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern. Wenn das Schickſal. denſelben Ihnen wieder in den Weg führt, ſo ſoll er den Streich entgelten, den er uns geſpielt hat.“ „Mit Degen oder Piſtolen?“ fragte Wilhelm lächelnd. 6* 84 „Mein Lieber, Sie werden ſich mit dem Vicomte von Outrouville niemals ſchlagen.“ „Da kennen Sie mich nicht. Ich muß dieſe Ver⸗ rätherei rächen.“ „Es wäre ein Glück, wenn es ſeine letzte bliebe; aber kenne ich ihn recht, ſo dürften wir uns bald auf noch Schlimmeres gefaßt machen.“ „Worauf bauen Sie dieſe Vermuthung?“ „Er haßt die Schweden, weil Sie ein Schwede ſind; mich haßt er, weil—“. „Nun?“ ſagte Wilhelm, als der Marquis ſchwieg. „Weil ich kein Schwede bin,“ ſetzte Saint Sue lächelnd hinzu.„Eh bien, wir werden mit ihm und ſeinen Intriguen ebenſo viel zu ſchaffen bekommen, wie mit den ruſſiſchen Kugeln.“ „Beluſtigend wäre es gleichwohl zu wiſſen, wel⸗ ches der eigentliche Grund ſeines Haſſes iſt,“ fuhr Wilhelm fort. „Hat er Ihnen das nicht anvertraut, als Sie ihm Geſellſchaft leiſteten?“ be Saint Sue warf einen prüfenden Blick auf Wil⸗ helm. „Was er da ſagte, war nicht annehmbar.“ „Um ſo beſſer; dann müſſen Sie eben einen an⸗ deren Grund vorausſetzen; aber vertiefen Sie ſich nicht in Vermuthungen.“ „Seien Sie ohne Sorgen,“ antwortete Wilhelm lächelnd;„ich räume ihm gern das Recht ein, mich zu ſeinem Vergnügen zu haſſen, vorausgeſetzt, daß ſeine Anſchläge nur bei der Verfolgung gegen meine Perſon ſtehen bleiben.“ 85⁵ „Bei ihm läßt ſich nichts vorausſetzen,“ ver⸗ ſicherte der Marquis. „Ach, Marquis, wie iſt es möglich, daß dieſer Engel von Schweſter einen Bruder hat, welcher aus ſolchen Elementen zuſammengeſetzt iſt, wie diejenigen, welche Ihrer Andeutung zufolge den Grundton in des Vicomte's Seele ausmachen?“. „Ach, da geſchehen viel wunderlichere Dinge auf der Welt, als dieſe; im Uebrigen war der andere Bruder des Fräuleins von Outrouville ihr auch nicht ſonderlich gleich.“ Wilhelm ſaß lange nachdenklich da. Ueber die helle, freie Stirne legte ſich ein leichter Schatten von Schwermuth. „Haben Sie nicht auf den Ton von des Vicomte's Stimme Achtung gegeben?“ fragte er plötzlich. „Ja, ich glaube wirklich, er erinnert an das Or⸗ gan ſeiner Schweſter,“ antwortete Saint Sue ganz gleichgültig. Bei dieſen Worten ſah Wilhelm haſtig auf. Seine Augen begegneten jenen des Marquis. Sie betrachteten einander eine Weile. Ihre Gedanken hatten ſich berührt; das war an dem Ausdruck der Blicke ſichtbar. „Iſt des Mannes Schickſal ſein Charakter?“ fragte der Marquis mit einem bedeutſamen Lächeln. „Ja, Saint Sue,“ rief Wilhelm und ſetzte, mit⸗ der Hand über die Stirne fahrend, hinzu:„jetzt muß ich Sie verlaſſen.“ Er ging raſch aus dem Zimmer. Saint Sue ſah ihm nach und murmelte: 86 8 „Dein kühner Muth, Deine kecke Zuverſicht zu Dir ſelbſt gefällt mir.“ Darauf begab er ſich in ſein eigenes Zimmer, während er bei ſich weiter ſprach: „Er verſtand mich. Es gibt doch noch ein Ver⸗ gnügen in dieſer erbärmlichen Welt, und dies iſt, mit Menſchen zu thun zu haben, welche den Gedanken ahnen, ohne daß es eines Wortes zu deſſen Erklärung bedarf. Und nun— nun werde ich wohl auf der Hut ſein müſſen, daß dieſer ſataniſche Vicomte mir nicht noch einen häßlichen Streich ſpielt.“ XI. Tage, Wochen vergingen nach einander, ohne daß man Etwas von dem Vicomte hörte. Es war, als hätte die Erde ihn verſchlungen, ohne auch nur eine Spur von dem jungen Mann zurückzulaſſen. Mittlerweile gingen Parlamentäre zwiſchen der ſchwediſchen und der ruſſiſchen, bei Hangö ſtationirten Flotte hin und her. Die Kommunikation mit Schwe⸗ den war gänzlich abgebrochen. Plötzlich lief die Nachricht ein, daß Dänemark Kriegsrüſtungen treffe. Dieſer Umſtand im Verein mit den damaligen unangenehmen Vorfällen bei der finniſchen Armee beſtimmte den König, ſich ſchleunig nach Schweden zu begeben. Der Oberbefehl über die Armee wie über die Flotte wurde dem Herzog Carl übertragen. Der Großadmiral verließ alſo Helſingfors den 87⁷ ſiebenundzwanzigſten Auguſt und reiste nach dem Hauptquartier in Lowiſa ab.— Wilhelm begleitete den Prinzen als ſein Kavalier. Als der Herzog das Admiralſchiff Guſtav III. verließ, wurde ſeine Schaluppe von Officieren ge⸗ rudert. Unter ihnen befand ſich auch Cellner. Dieſer war ſeit einigen Tagen unerklärlicher Weiſe von dem Großadmiral mit beſonderer Gnade beehrt worden. Wann oder warum der Prinz Veranlaſſung nahm, Cellner ſolche Aufmerkſamkeit zu Theil werden zu laſſen, war bis jetzt nicht bekannt. Nur ſo viel wußte man, daß Cellner kurz vor dem Abgang des Herzogs von Sweaborg eine Privataudienz gehabt hatte, und daß Se. Königliche Hoheit von da an ſich beſonders gnädig gegen ihn bezeigte. Saint Sue dagegen konnte ſich nicht mehr der⸗ ſelben Gunſt wie früher rühmen, denn der Herzog behandelte ihn mit ſichtbarer Kälte, welche mit dem auffallenden Wohlwollen, das der Herzog ihm bis⸗ her bewieſen hatte, einen ſtarken Contraſt bildete. Ob der Marquis dieſe Veränderung wahrnahm oder nicht, ließ ſich ſchwer beſtimmen, denn er blieb ſich vollkommen gleich, immer der verbindliche, artige, ſorgloſe und heitere Saint Sue. Bei dem Abſchiede von Wilhelm bemerkte der Marquis in ſeinem ſcherzhaften Tone: 1 3 „Nehmen Sie ſich in Acht, lieber Baron, wir haben hier in der Nähe einen Feind, der uns leicht ebenſo viel Unbehagen verurſachen könnte, wie mein Landsmann, der Vicomte. Die Freundſchaft iſt zuwei⸗ len hinterliſtiger als die Feindſchaft. Leben Sie wohl.“ 88 Unwillkürlich wandten ſich Wilhelms Gedanken Cellner zu; aber den Augenblick darauf verbannte er dieſen Argwohn als ſeiner ſelbſt unwürdig. Auf der Reiſe nach dem Hauptquartier ſollte er jedoch Urſache finden, die Worte des Marquis in Erwägung zu ziehen.. Bei Gelegenheit eines Pferdewechſels, der einigen Aufenthalt mit ſich brachte, bemerkte der Herzog gegen Wilhelm: „Stjernkrona, kennen Sie den Marquis Saint Sue näher?“. „Ja, Eure Hoheit, wir haben drei Jahre zuſam⸗ men kampirt,“ antwortete Wilhelm. „Graf d'Eſtaing ſoll ihn auf die vortheilhafteſte Wai bei dem König empfohlen haben, und den⸗ no— Der Herzog zögerte und ſah Wilhelni an. Nach einer Pauſe fuhr er jedoch fort: „Sind Sie, Stjernkrona, mit einem jungen Fran⸗ zoſen zuſammengetroffen, welcher ſich kurze Zeit in Helſingfors aufhielt?“ Bei dieſer Frage wechſelte Wilhelm unwillkürlich die Farbe. Der Herzog, welcher ihn firxirt hatte, bemerkte es ſehr wohl. Wilhelm antwortete jedoch ſogleich: „Ja, Eure Hoheit, ich bin mit ihm zuſammen⸗ getroffen. „Wie war ſein Name? „Vicomte von Outrouville.“ Wiederum entſtand eine Pauſe., welche der Her⸗ zog mit den Worten unterbrach: „Er verſchwand ſehr ſchnell von Helſingfors. *89 Wiſſen Sie, Stjernkrona, welchen Weg er ein⸗ ſchlug?“ „Nein, Eure Hoheit, das iſt mir völlig unbe⸗ kannt.“ „Man darf mit ziemlicher Gewißheit annehmen, daß er ein ruſſiſcher Spion war. Es gibt ſogar Leute, welche zu wiſſen glauben, daß ihm Saint Sue verſchiedene Aufklärungen über die von uns erwar⸗ teten Transporte gegeben habe.“ „Eine ſolche Behauptung, Eure Hoheit, iſt voll⸗ kommen falſch. Ich kann mit meiner Ehre und mit meinem Leben für Saint Sue bürgen,“ entgegnete Wilhelm warm.„Ich kenne keinen ritterlichern und edlern Charakter als den des Marquis.“ „Um ſo beſſer, wenn man Unrecht hat. Die Zukunft wird es lehren.“ Der Herzog gab nun dem Geſpräch eine andere Wendung, und ſo gern Wilhelm die Frage aufge⸗ worfen hätte, wer es gewagt habe, mit einer ſolchen Beſchuldigung einen Schatten auf Saint Sue's Ehre zu werfen, ſo mußte er doch ſchweigen und auf das, was Se. Königliche Hoheit zu ſagen hatte, Acht geben. Während der Prinz im Hauptquartier verweilte, brachte er das Geſpräch nicht ein einziges Mal mehr auf Saint Sue. Im Oktober machte der Großadmiral einen kur⸗. zen Beſuch in Helſingfors. Beim Wiederſehen des Marquis ſchien es, als ob der Argwohn des Herzogs von Neuem erwachte, und er brachte wieder neue Fragen vor, welche be⸗ 90 wieſen, daß es Jemand gab, der ſeinen Zweifel an⸗ fachte. Einmal als Wilhelm ſeinen Freund mit mehr Wärme als Klugheit vertheidigte, äußerte der Her⸗ zog ſein Mißvergnügen darüber, und ein Schatten von Ungnade war der Lohn für den Eifer, welchen er bei deſſen Vertheidigung bewieſen hatte. Inzwiſchen beſchloß Wilhelm auszuforſchen, wer es war, der eine ſo ungünſtige Geſinnung gegen ſei⸗ nen Freund hegte. Dieß war jedoch Etwas, das er bis auf Wei⸗ teres verſchieben mußte, denn die öffentlichen Ereig⸗ niſſe ſollten nunmehr ſein Intereſſe ganz und gar in Anſpruch nehmen. Der mit ſtarken Schritten nahende Winter rief ſowohl bei den Offizieren, als bei der Mannſchaft der ſchwediſchen Flotte große Beſorgniß hervor, da die ruſſiſche fortwährend das Abſegeln derſelben von Sweaborg verhinderte und zu einer Sache der Un⸗ möglichkeit machte. Endlich, zu Anfang Novembers, lief die frohe Nachricht ein, daß die ruſſiſche Flotte nach Kronſtadt abgeſegelt ſei. Bei dieſer Kunde übertrug der Großadmiral den Oberbefehl über die Armee dem Grafen Poſſe und langte den zehnten November wieder in Helſing⸗ fors an. Den zwanzigſten November ging das ganze Gaſcwäden von Sweaborg nach Karlskrona unter egel. Die Kälte war auf dieſer Fahrt ſo heftig, daß Saint Sue erklärte, er wolle lieber mitten im heiße⸗ 91 ſten Kugelregen ſtehen, als eine ſo kalte, nebelige Luft aushalten. Nach mancherlei Beſchwerden paſſirte man am ſiebenundzwanzigſten November die Außenklippen und lief in Karlskrona ein. Den dreißigſten wurde Gottesdienſt in der Ad⸗ miralitätskirche gehalten und ein Tedeum geſungen. Hierauf reiste der Herzog mit Wilhelm und ſeinem uͤbrigen Dienſtgefolge nach Stockholm ab. Der Prinz hatte, ohne daß ſich Wilhelm den Grund davon erklären konnte, auch Saint Sue den Befehl gegeben, ihn zu begleiten. Wie der Großadmiral bei ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt empfangen wurde, iſt Jedermann bekannt. Der Enthuſiasmus war ſo groß, daß die Bürger⸗ ſchaft ſogar die Pferde von des Herzogs Wagen ausſpannte und ihn nach dem Schloſſe zog. „Die Operationen zur See während des erſten Kriegsjahres waren jetzt geſchloſſen,“ ſagt Gyllen⸗ granat in ſeiner ſchwediſchen Geſchichte,„und wenn die ſchwediſche Flotte nicht alle die Erfolge errang, welche man beim Beginn des Feldzugs zu hoffen Grund hatte, ſo kann dieß nur Ereigniſſen, die ſich nicht vorausſehen ließen, zugeſchrieben werden. Die egs de Vr te jedoch Nichts verloren, d gewonnen, denn die ſchwediſche Flotte hatte nicht blos einen überlegenen Feinde. Widerſtand geleiſtet, ſondern ihm auch einen viel größern Verluſt beigebracht, als ihr ſelbſt zugefügt worden war. 92 XII. Einige Zeit nach des Herzogs Ankunft wurde Saint Sue zu dem König berufen. Guſtav III. begrüßte den Franzoſen mit der ein⸗ nehmenden Artigkeit, welche ein ſo bemerkenswerther Zug im Charakter des genialen Königs war. Er machte dem Marquis verſchiedene Compli⸗ mente über ſein Benehmen in der Schlacht bei Hog⸗ land und unterhielt ſich geraume Zeit mit ihm über die für dieſes Jahr geſchloſſenen Operationen zur See. Während der König gewiſſe Maßregeln lobte, andere tadelte und ſich bei einer Menge von Ein⸗ zelheiten aufhielt, weilte ſein Auge auf Saint Sue, als ob er deſſen Angeſicht ſtudiren und daraus ſeine Schlüſſe ziehen wollte. Saint Sue ſprach ſich mit Leichtigkeit und Sach⸗ kenntniß über den betreffenden Gegenſtand aus. Dieß gefiel Guſtav III. Er hörte immer mit Wohlgefallen auf jedes ſcharfſinnige und treffende ſer Unterredung? Unmögli berufen haben, um meine atanſicht Schlacht bei Hogland zu vernehmen.“ Der König kam allmälig auch auf die erlittenen Verluſte zu ſprechen und äußerte in Folge davon plötzlich: „Man hält für ausgemacht, daß die Ruſſen 93 Spione benützten, um herauszubringen, welche Trans⸗ porte die Flotte bei Sweaborg erwartete. Was halten Sie davon, Marquis?“ Jetzt fixirte der König Saint Sue. „Aha,“ dachte der Marquis,„darauf will es alſo hinaus:“ ohne das geringſte Zeichen von Unent⸗ ſchloſſenheit oder Verlegenheit antwortete er: „Eure Majeſtät, ich meinestheils bin davon voll⸗ kommen überzeugt.“ „Parbleu, ſind Sie es, und aus welchem Grunde?“ „Weil man ſich gegen einen heldenmüthigen Feind gewöhnlich aller möglichen Mittel bedient, um ihn minder gefährlich zu machen. Die Ruſſen, Majeſtät, haben viel zu viel von den Schweden zu lernen ge⸗ habt, um ſie nicht zu fürchten.“ Guſtav III. lächelte bei dieſer feinen Schmei⸗ chelei, welche angenehm auf ſeinen Nationalſtolz wirkte. „Aber Schweden ſollte einer ſo großen und mäch⸗ tigen Nation wie Rußland keine Furcht einflößen,“ ſagte der König. „Daß Schwedens König von entgegengeſetzter Ueberzeugung iſt, beweist dieſer Krieg, Majeſtät. Der Heldenmuth einzelner Individuen, und nicht die Maſſe derſelben iſt es, was den Sieg be⸗ ſtimmt, das lernen wir aus der ſchwediſchen Ge⸗ ſchichte.“ „Recht, Marquis, Sie verleugnen keineswegs das Talent Ihrer Landsleute, Complimente zu machen.“ Guſtav ſchritt einige Mal im Zimmer auf und ab; dann blieb er ſtehen und begann wieder: 94 „Haben Sie Grund zu der Vermuthung, daß wir in Finnland ruſſiſche Spione gehabt haben.“ „Allerdings, Majeſtät.“ Saint Sue's Augen begegneten denen des Königs. „Foi de gentilnomme*), Sie ſetzen mich in Er⸗ ſtaunen,“ rief der König überraſcht. Saint Sue verbeugte ſich. „Er hat ein feines Spiel mit mir vor. Eh bien! Da bleibt Nichts übrig, als offen mit ihm zu ſpie⸗ len,“ dachte Saint Sue. Der König fuhr fort: „Wen oder welche hatten Sie in Verdacht?“ „Majeſtät, ich hatte Niemand in Verdacht, denn der ruſſiſche Spion war mir bekannt.“ „Und Sie haben ihn nicht angegeben?“ fragte der König mit gerunzelter Stirne. „Er war mein Landsmann, und überdieß ein Jüngling, Majeſtät.“ „Marquis, ſo lang man bei einer Nation dient, gibt es keine beſondere Landsleute; da handelt es ſich blos um das Intereſſe des Volkes, deſſen Sache man zu der ſeinigen macht. Laſſen Sie einen Sniun des Feindes entkommen, ſo verletzen Sie Ihre icht.“ „Ich weiß es, Majeſtät, und ich habe nicht einen Augenblick vergeſſen, was Chre und Pflicht gebieten.“ 4 Saint Sue ſprach dieſe Worte in ſo einſachem und würdigen Tone, daß Guſtav mit ſeinem ſcharfen Blick erkannte, der Franzoſe habe, wenn er ſich auch *) Auf Kavaliers⸗Parole. A. d. U. 95⁵ eines Fehlers ſchuldig gemacht, doch niemals eine betrügeriſche Handlung begangen. g Der König nahm einen Brief vom Tiſch und reichte ihn dem Marquis mit den Worten: „Man hat einen Schatten auf Ihren Charakter werfen wollen, Marquis, indem man behauptete, Sie und der als ruſſiſcher Spion verdächtige Franzoſe haben gemeinſchaftliche Sache gemacht. Sehen Sie hier einen Brief, der in Ihrer Kajüte gefunden und Sr. Königlichen Hoheit, dem Großadmiral übergeben worden iſt.“ 3 Mit einer Miene wirklicher Verwunderung nahm Saint Sue den Brief; aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, ſo ſchaute er wieder auf und ſprach mit einem eigenthümlichen Lächeln. 3 „Dieſer Brief, Majeſtät, ſollte allerdings an den Feind befördert werden. Er wurde aufgefangen und kam wieder in meine Hände; aber inzwiſchen ent⸗ ſchlüpfte der Schreiber deſſelben, welchen ich in ſeiner Wohnung bewachte.“ „Ich will die nähern Umſtände in der Sache wiſſen,“ bemerkte der König. Saint Sue theilte nun Alles mit, was auf den Vicomte Bezug hatte; aber ohne dabei den Namen von Stjernkrona oder ſeinem Landsmann einzu⸗ miſchen. Als der Marquis ſchwieg, ging der König im Gemache auf und ab, ohne ein Wort zu ſprechen. Endlich, nach Verfluß einer langen Pauſe, blieb er wieder vor Saint Sue ſtehen und ſprach mit einem Ton, welcher faſt ſtreng lautete: „Geſtehen Sie, mein Herr, daß die von Ihnen 96 abgegebene Erklärung Sie nicht von der Anklage, die man gegen Sie erhoben hat, zu befreien vermag.“ „Wenn dem ſo iſt, Majeſtät, ſo erdreiſte ich mich meinerſeits zu behaupten, daß die gegen mich geſtellte Beſchuldigung ſo lahm iſt und ſo deutlich die Spu⸗ ren des Verlangens, zu ſchaden, an ſich trägt, daß ſie vor einem Richter von. Eurer Majeſtät ſcharfem Blick nicht beſtehen kann. Rührte dieſes Schreiben hier von meiner Hand her, ſo wäre es nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ich es ſelbſt behalten, noch weniger, daß ich es, als ſich keine Gelegenheit zur Abſendung bot, bei mir verſteckt hätte. Doch ſollte dieſe falſche Beſchuldigung bei Eurer Majeſtät und bei Sr. Kö⸗ niglichen Hoheit dem Großadmiral mehr Glaubwür⸗ digkeit finden, als das Zeugniß des Grafen d'Eſtaing über meine Perſon, ſo bin ich ſogleich bereit, den Dienſt bei der ſchwediſchen Flotte zu verlaſſen.“ Saint Sue hatte mit jener kühnen Zuverſicht ge⸗ ſprochen, welche das innere Bewußtſein der Unſchuld immerdar hervorbringt, ſelbſt wenn man vor einem König ſteht. „Foi de geptilhomme! Sie ſetzen Ihre Worte wie ein Mann von Chre. Wir können auch ver⸗ ſichern, daß wir nicht einen Augenblick der Beſchul⸗ digung Glauben geſchenkt haben. Unſer Bruder, der Herzog, hat allerdings großes Gewicht darauf gelegt; aber derjenige, deſſen Graf d'Eſtaing rüh⸗ mend gedenkt, kann nicht anders, als ein guter Edel⸗ mann ſein. Gleichwohl haben Sie zwei Umſtände nicht berührt, welche uns bekannt ſind, und im Fall Sie mit dem Herzog geſprochen hätten, Ihrem gan⸗ —0oa—. 97 zen Benehmen dennoch ein verdächtiges Gepräge ge⸗ geben haben würden.“ „Wenn ich vor Eurer Majeſtät Etwas verſchwie⸗ gen habe, ſo iſt es nur darum geſchehen, weil ich ganz allein für Alles, was dieſe Sache betrifft, ver⸗ antwortlich ſein wollte.“ „Und jede Einmiſchung Stjernkrona's dabei un⸗ terlaſſen werden ſollte?“ 3 Der Marquis verbeugte ſich. „Sie hätten aber, wenn Sie mit dem König von Schweden redeten, wohl vollkommen aufrichtig ſein können.“ „Das bin ich auch geweſen, Maijeſtät, in Allem, was mich perſönlich berührte.“ „Wir glauben Ihnen und Wir verſtehen Ihr Zartgefühl zu ſchätzen, beſonders da es dem Ge⸗ fangenen gelang, ſowohl Ihre als Stjernkrona's Wachſamkeit zu täuſchen. Wir wünſchen blos den Namen deſſen kennen zu lernen, welcher den Verluſt unſeres Transportſchiffes verurſacht hat.“) „Sollte ich mich auch dem Unglück ausſezen müſſen, Eurer Majeſtät Ungnade auf mich zu laden, ſo zwingt mich doch ein heiliges Verſprechen, die⸗ ſen Namen zu verſchweigen. „Parbleu, mein Herr, Sie ſcheinen Unſerer Gnade ſehr ſicher zu ſein, da Sie ſo zu reden wagen,“ ſagte der König, ihn fixirend, und fügte nach einer kurzen Pauſe hinzu:„Sie haben ſich auch nicht verrechnet. Zum Beweis dafür geben wir Ihnen Unſer könig⸗ liches Wort darauf, daß der Vicomte von Outrou⸗ ville von Schwedens König nichts zu fürchten hat, Schwarz, Wilhelm Stiernkrona. II. 7 98 und ſollte er auch Unſere Grenzen zu überſchreiten wagen.“ Der König reichte Saint Sue die Hand. Der Marquis küßte ſie mit einem Gefühl wirklicher Ehr⸗ erbietung, indem er ſagte: „Mein Arm, mein Blut und mein Leben gehören Schwedens König!“ „Welcher leider nicht daſſelbe wird ſchonen kön⸗ nen,“ antwortete der König. Damit war die Audienz zu Ende. Als Saint Sue ſich entfernte, dachte er: „Das iſt einmal ein Mann, vor deſſen gekrön⸗ tem Haupte man mit Bewunderung das ſeinige beugt.“ Von dieſem Tage an war Saint Sue oft am Hofe ſichtbar. Guſtav III. bewies ihm eine ſtets zunehmende Gunſt, Etwas das einigermaßen den Unmuth von Herzog Carl erregte, denn er konnte ſich unmöglich des Gedankens entſchlagen, daß der Fran ine doppelte Rolle ſpiele. Die Strahlen der welche auf Saint Sue fielen, ſchrieb der H n Umſtande zu, daß derſelbe das Ver⸗ mög⸗ deſaß, den König zu unterhalten und zu intereſſiren, und ſomit das Urtheil des Königs irre zu leiten. XIII. Das Weihnachtsfeſt 1788 war vorbei und man ſchrieb nun 1789. Im Geſellſchaftsleben rüſtete man ſich, den Ernſt der Tagesfragen zu vergeſſen, um ſeine Huldigung der Göttin der Freude darzubrin⸗ 99 gen. Man mußte durch Zerſtreuungen das Gemüth auffriſchen, und von all dem Denken und Sprechen über Krieg, Reichstag und dergleichen ſich einige Ruhe gönnen. Genug, man gab Bälle und Feſte. Die ganze höhere Geſellſchaft war eines Abends zu Anfang Januars zu einem glänzenden Ball bei dem Grafen A. eingeladen. Graf A. war ein Mann, welcher ſowohl im öffentlichen als Privatleben große Achtung genoß und, im Beſitz von manchen äußern und innern Vor⸗ zügen, zu jenen glücklichen Sterblichen gehörte, welche bewundert werden, weil ſie zu leben wiſſen und ſich Tadel zuziehen, weil ſie Geiſt haben. An dem obengenannten Ballabend finden wir im Salon des Grafen unter Andern auch Saint Sue, Wilhelm und Cellner. Wilhelm und Saint Sue hatten in einer der Fenſtervertiefungen Poſto gefaßt, ganz wie einſt anf dem Ball zu Breſt. Sie muſterten von dieſem Plaze aus die Gäſte, von welchen es im Salon wimmelte. Stjernkrona gab dem Marquis eine Beſchreibung aller der Perſonen, welche irgend eine hervorragende Eigenſchaft beſaßen. Dieſe Charakterſkizzen waren oft von einem herzlichen, aber leiſen Lachen be⸗ gleitet. Wilhelm war eben daran, mit einigen recht ſcharfen Zügen eine gewiſſe Madame S. zu zeichnen, als ein paar Kameraden von der Flotte ſich näher⸗ ten. Nach dem Austauſch der gewöhnlichen Be⸗ grüßungen nahm der Eine von ihnen das Wort. 7* 100 „Nun, Marquis, kennen Sie auch ſchon die große Neuigkeit?“. „Welche denn?“ fragte Saint Sue und betrach⸗ tete mit beſonderem Intereſſe Madame S., welche eben vorüberging. „Wann haben Sie den franzöſiſchen Geſandten zum lezten Mal beſucht? „Am Neujahr. Iſt das die Neuigkeit, worauf ſie hindeuteten?“ fragte Saint Sue. „Nicht ſo ganz; aber ſie ſteht im Zuſammen⸗ hang damit; Sie wiſſen alſo noch nicht, daß dieſer Tage eine vornehme franzöſiſche Dame in der Haupt⸗ ſtadt angekommen iſt, welche—“ Hier wurde das Geſpräch durch ein Sumſen unterbrochen, welches eben durch den Salon lief. Aller Augen richteten ſich nach der Thüre, von wo es uacig. Selbſt Wilhelm und Saint Sue blick⸗ ten hin. Wenn eine ruſſiſche Bombe dieſen Augenblick mitten in dem von Blumen und Lüſtern ſo pracht⸗ voll geſchmückten Salon geplazt wäre, ſie hätte keine größere Beſtürzung bei Wilhelm erregen können, als der Anblick, der ſich an der Thüre bot. Der unerſchrockene, kühne, verwegene Seemann, welcher mit Ruhe das Brüllen der See, das Pfeifen der Kugeln gehört und alle Gräuel des Krieges mit angeſehen hatte, zeigte nun die Farbe des To⸗ des auf ſeinen Wangen. Die Erſcheinung ſchritt durch den Salon hin. Ein nervöſes Zittern lief über Wilhelms ganzen Körper. Er vermochte kaum Athem zu holen. Auch Saint Sue ſah überraſcht aus, aber nur — — 101 ein paar Sekunden lang; dann nahm ſein Geſicht wieder den gewöhnlichen Ausdruck an. Er flüſterte Wilhelm leiſe zu: „Nehmen Sie Ihr Geſicht in Acht, ehe wir die Augen der Anweſenden auf uns lenken!“ Was war es nun, was dieſes Sumſen unter der Menge, dieſe Beſtürzung bei Wilhelm hervor⸗ brachte? War es ein Geſpenſt aus dem Todten⸗ reiche? Ganz und gar nicht. Es war ganz einfach der franzöſiſche Geſandte, an ſeinem Arm eine Dame führend von ſo ſeltſamem und wunderbarem Aus⸗ ſehen, daß der Anblick derſelben unwillkürlich einen Ausbruch der Ueberraſchung hervorbringen mußte? Wie konnte dieſes entzückende Weſen auf Wil⸗ helm eine Wirkung äußern, die ſich ganz ſo kund gab, als hätte er das Haupt der Meduſa geſehen? Wir wollen in ihrem Aeußern die Löſung des Räthſels ſuchen. 3 Die Dame, welche lächelnd und ſtrahlend am Arm des Geſandten einherging, war weder klein noch groß, aber von einem Wuchs, ſo untadelhaft wie der einer Antike, ſchlank und doch üppig. Ihr gelblicher, lebhafter Teint und die großen, ſchwarzen Augen gaben zu erkennen, daß ihre Wiege nicht in Europa geſtanden hatte. Die Geſichtszüge waren übrigens ſo regelmäßig, daß ſie ohne alle Uebertrei⸗ bung ſchön genannt werden konnte. Sie glich einem leuchtenden Sonnenſtrahl, welcher ſich in dieſen von Wachskerzen erhellten Salon ver⸗ irrt hatte, um alle dieſe matten und bleichen Lichter zu verdunkeln, die einen Augenblick zuvor ſo klar erſchienen waren. Sie hatte ſich mit einer Pracht gekleidet, welche bewies, daß ſie Schmuck und all den Luxus, wodurch ſich die Schönheit erhöhen läßt, zu ſchätzen wußte. Wilhelms Augen waren an ſie gefeſſelt. Ganz unwillkürlich zog er ſich in eine Fenſtervertiefung Zurück, als ob er unbemerkt bleiben wollte. Sie ging auch an ihm und Saint Sue vorüber, ahne ſie zu ſehen, und nahm ihren Weg nach dem nächſten Salon, wo die Gräfin A. reſidirte. Die beiden Officiere, welche die Neuigkeit zu melden beabſichtigt hatten, entfernten ſich ſogleich von Wilhelm und Saint Sue und folgten der ſchö⸗ nen Unbekannten. Als der Marquis und Stjernkrona ſich allein in der Fenſtervertiefung befanden, ſahen ſie eine Weile ſchweigend einander an. Alsdann nahm Saint Sue lächelnd das Wort: 3 „Nach Verfluß ſo vieler Jahre führt das Schick⸗ ſal eine Begegnung mit ihr herbei— und zwar auf einem Ball. Das war. mehr, als ich voraus⸗ ſehen konnte. „Ha, Marquis, ich weiß kaum, wie ich meiner Beſtürzung mich erwehren kann,“ antwortete Wil⸗ helm mit erregter Stimme.„Was führt ſie in den Norden— nach Schweden?“ „Was weiß ich. Vielleicht der Wunſch, Sie wiederzuſehen.“ Der Marquis und Wilhelm betrachteten einander ſchweigend. Darauf nahm Saint Sue mit Lachen das Wort: — — 103 „Wie, lieber Baron, ſollten Sie, den weder Feind noch Gefahr zu ſchrecken vermochte, wirklich bei dem Anblick einer Frau zittern? Die Furcht vermag oft mehr als die Liebe; darum muß man auch in einem noch ſo kritiſchen Augenblick des Lebens ſeine Kalt⸗ blütigkeit bewahren und unerſchrocken dem Feinde entgegengehen. Laſſen Sie uns eilen, unſere Hul⸗ digung Frau von Eſtrier zu Füßen zu legen und ſie in dieſem abgelegenen Winkel der Welt will⸗ kommen zu heißen.“ 6 „Sie haben Recht, Marquis, das iſt eine Pflicht, welche die Artigkeit und Dankbarkeit uns auferlegt, und da alle Bewegungen in dem Menſchenherzen flüchtiger Natur ſind, ſo hat auch meine Beſtürzung dem aufrichtigen Wunſch Raum gemacht, Frau von Eſtrier für die Gaſtfreiheit, welche ſie uns gewährte, meinen Dank abzuſtatten. „Da iſt gerade nicht viel zu danken,“ meinte der Marquis lachend.„Sie mußten dieſe Gaſt⸗ freundſchaft mit einem Andenken für das ganze Le⸗ ben bezahlen. Nehmen Sie ſich vor der Vergangen⸗ heit in Acht! Dieſelbe wird ſchon wiederkommen, ohne daß ſie darnach zu rufen brauchen.“ „Um ſo beſſer; ich wünſche nichts lebhafter! Aber das Unglück will, daß ich jezt nicht einund⸗ zwanzig, ſondern dreißig Jahre alt bin.“ „Sie ſind verloren, mein Freund, in derſelben Minute, da Sie ſich außer Gefahr glauben.“ Der Marquis und Wilhelm nahmen ihren Weg in den innern Salon. Frau von Eſtrier ſaß auf einem Divan, in leb⸗ haftem Geſpräch mit der Gräfin A. begriffen. 104 Saint Sue und Wilhelm blieben in einiger Entfer⸗ nung ſtehen. Der Leztere betrachtete ſie mit einem for⸗ ſchenden Blick, als ob er ſich überzeugen wollte, ob nicht die Zeit im Stande geweſen wäre, dieſen Zügen Etwas von der mächtigen Zauberkraft zu rauben, welche ſie ehemals ſo unwiderſtehlich gemacht hatte. Nein, die Zeit war vorübergegangen, ohne der Anmuth Etwas zu benehmen, welche einſt einen ſo gefährlichen Eindruck auf ihn geübt hatte. Neun Jahre waren verfloſſen, ſeitdem Wilhelm auf St. Vincent Eſtelle Lebewohl geſagt hatte. Sie war damals zwanzig Jahre alt. Sie hatte alſo die eigentliche Jugend hinter ſich und ſtand auf der Mittagshöhe des Lebens. Die Kinder des Südens, welche zeitig reifen, pflegen auch ſchnell zu altern. Dieſe Regel fand auf Eſtelle keine Anwendung, denn dieſe war mit neunundzwanzig Jahren noch ebenſo ſchön, wie mit neunzehn, und doch hatte ſich ihr Ausſehen verändert. Dieß galt jedoch nur von dem Ausdruck ihres An⸗ geſichts. Daſſelbe trug jezt den Stempel ausgeprägter Leidenſchaften und feſter Entſchloſſenheit, welcher ſich nicht darin fand, als wir ſie zuerſt ſahen. Sie er⸗ ſchien jezt noch gefährlicher, als zu der Zeit, da die heftig wechſelnden und leidenſchaftlichen Eindrücke wie Feuerflammen aufloderten und ein Mal nach dem andern ihren Schein auf jene Züge warfen. Die Lebhaftigkeit in ihren Bewegungen, der Bliz in ihren Augen, die Veränderlichkeit ihrer Miene, Alles war jezt von einer äußern Selbſtbe⸗ herrſchung eingegrenzt, welche jedoch immer noch be⸗ 10⁵ merken ließ, daß ihre ganze Seele eine Zuſammen⸗ ſetzung mächtiger Gefühle ausmachte, deren Stärke ſie ſelbſt vollkommen kannte und eben deshalb durch dir Macht ihres Willens in ihrer Bruſt gefangen hielt. Saint Sue plauderte von ganz gleichgültigen Dingen, während Wilhelm Eſtelle betrachtete. Wil⸗ len und Vernunft zum Troze, bezauberte ſie ſein Auge, ſo daß er die Worte des Marquis nicht hörte. Mit beinahe ſchmerzlicher Spannung erwartete Wilhelm den Augenblick, wo Eſtelle ihn bemerken würde. 4 Endlich, und es ſtand lang genug an, fielen die Augen der Gräfin A. auf Saint Sue. Sie ſagte Etwas zu Frau von Eſtrier, und dieſe drehte haſtig den Kopf um. Im nächſten Augenblick ſtanden Wilhelm und Saint Sue mit einer artigen Verbeugung vor der „ſchönen Indianerin.“ Sie begrüßte dieſelben mit einer graziöſen Nei⸗ gung des Kopfes und mit einem Lächeln, als ob ſie einander erſt kürzlich getroffen hätten. „Es freut mich, Herr Baron, Sie wiederzuſehen,“ ſagte ſie verbindlich zu Stjernkrona.„Ich rechnete nicht auf dieſes Vergnügen, denn man ſagte mir, Sie ſeien durch den Krieg in Anſpruch genommen.“ Ohne Wilhelm Zeit zu einer Antwort zu laſſen wandte ſie ſich zu dem Marquis. „Wie erſtaunlich, Marquis, Sie in Schweden zu finden. Es ſieht wirklich aus, als hätte das Schick⸗ 106 ſal beſchloſſen, Sie mir in den Weg zu führen, wohin ich auch ziehen mag.“ „Oder auch umgekehrt, Madame,“ antwortete der Marquis lächelnd. „Nur keinen Wortkrieg, mein Herr!“ Sie wandte ſich wieder zu Wilhelm, welcher jezt mit einigen verbindlichen Worten ihr ſeine Ueberraſchung, ſie in ſeinem Vaterlande wieder zu ſehen, bezeigte. Eſtelle unterbrach ihn mit einem Scherz über das Wort Ueberraſchung, was ſogleich Anlaß zu einem pikanten Meinungsaustauſch zwiſchen ihr und Wilhelm gab. Eſtelle hatte mit ausgeſuchtem Takt das Geſpräch ſo eingeleitet, daß ſie es von da leicht auf das Gebiet des Scherzes verpflanzen konnte, und ſomit allen Zwang und jede Anſpielung auf die Vergangenheit fern hielt.. Die Tanzmuſik ſpielte. Saint Sue hielt um den erſten Contretanz an; aber Eſtelle ſagte lachend: „Den habe ich bereits an Baron Stjernkrona vergeben. Als ich auf den Ball ging, beſtimmte ich ihm denſelben in Gedanken. Bemerken Sie wohl, ich ſage, in Gedanken. Ich erwartete nicht, den Ba⸗ ron zu treffen; ich beſchloß darum nur, denſelben mit ihm in der Einbildung zu tanzen.“ Wilhelm verbeugte ſich und ſagte lächelnd: „Ihre Güte, Madame,—“ „Beweist nur, daß ich meinen Gaſt auf St. Vincent nicht vergeſſen habe,“ fiel Eſtelle ein.„Die Erinnerung an Sie mußte ſich mir ja in demſelben Momente aufdrängen, wo ich meinen Fuß auf den —.— —— 107 Boden Ihres Vaterlandes ſetzte. Alſo den erſten Contretanz!“ Frau von Eſtrier winkte hierauf dem franzöſiſchen Geſandten, welcher ſogleich herbei eilte. Im nächſten Augenblick war ſie von verſchiedenen jungen Män⸗ nern umgeben, welche der Geſandte ihr vorſtellte. Wilhelm und Saint Sue traten ab, um Platz zu machen. Der Wink von jener gegen den Ge⸗ ſandten galt ihnen als Zeichen, ſich zurückzuziehen. „Ach, mein Lieber, ich glaube, wir haben bald hier ebenſo heiß, wie auf St. Vincent,“ flüſterte Saint Sue.„In dieſem Fall bekomme ich ſicherlich das gelbe Fieber.“ 5 „Es hat keine Gefahr, Marquis; die Luft iſt hier bedeutend kühler,“ antwortete Wilhelm.„Die Jahre haben uns überdieß klüger gemacht.“ „Seien Sie ſo gut, mein Freund, und ſprechen Sie nur von ſich. Was mich betrifft, ſo bin ich immerdar klug geweſen.“ Ein weiteres Wort konnten ſie nicht wechſeln. Sie wurden von Neugierigen umringt, welche Etwas von der franzöſiſchen Gräfin aus Weſtindien zu er⸗ fahren wünſchten. Man wußte bereits, daß ſie Wittwe, unermeßlich reich und noch dazu ſchön war. Welche Schätze von Glück, welche ein Jeder mit ihr zu theilen wünſchte! Es wurde zum erſten Contretanz das Zeichen gegeben. Wilhelm näherte ſich Frau von Eſtrier. Als er ihre Hand faßte, begegneten ſich ihre Augen. In denſelben war zu leſen, daß die Erinnerung an den erſten Ball, wo ſie ſich getroffen hatten, ſehr lebhaft vor der Seele von beiden ſtand. 3 108 „Welche Reihe von Jahren ſeitdem!“ flüſterte Wilhelm als Antwort auf dieſe ſtummen Gedanken. Der Ton, womit dieß geſprochen wurde, war von der Art, daß man leicht auf den Schluß gelangen konnte, dieſe Reihe von Jahren habe auf ſeine Ge⸗ fühle nicht einzuwirken vermocht. „Ja, und wie ungleich iſt jetzt nicht Alles gegen damals,“ ſetzte Eſtelle mit beinahe ſchwermüthigem Lächeln hinzu. „Alles, auch Sie Madame?“ „Ja, ich mehr als alles Andere,“ erwiederte Eſtelle ernſt. Der Tanz begann. Der, welcher unter demſelben Wilhelm betrachtete, würde leicht entdeckt haben, daß er wechſelsweiſe von dem Reize des Augenblicks und von Erinnerungen, die etwas Schmerzliches in ſich ſchloſſen, beherrſcht wurde. 3 Plötzlich fragte Eſtelle: „Sind Sie immer noch derſelben Anſicht, daß des Mannes Charakter ſein Schickſal iſt?“ „Ja, Madame, die Ereigniſſe haben bis jetzt nicht vermocht, mir eine andere Ueberzeugung beizu⸗ bringen.“ „Sie haben ſich alſo Ihr Schickſal geſchaffen?“ „Größtentheils. Zum Mindeſten weiß ich, daß die Leiden, welche mich betroffen, alle einen und den⸗ ſelben Urſprung gehabt haben.“ „Und dieſer Urſprung, welches war er?“ „Nachgiebigkeit gegen Eindrücke des Augenblicks. Inſtinktartig mißtraut die Vernunft dem Gefühl. Die Vernunft hat Recht, denn wir leiden allzeit Schiffbruch, wenn wir von dem letztern uns leiten — 109 laſſen. Die Schwachheit in unſerm Charakter wird dann die Urſache zu unſerem Unglück.“ „Ach, ich bemerke, daß Sie ſich in Ihrer Denk⸗ art nicht geändert haben.“ „Iſt dieß nicht das größte Lob, das Sie mir er⸗ theilen können?“ „Gott weiß es; ich bewundere niemals das Sta⸗ tionäre, und was allein meine Verwunderung erregt, iſt der Umſtand, daß Sie vom Leben noch nicht ſo viel gelernt haben, um einzuſehen, wie wenig wir vermögen.“ 3 „Erlauben Sie mir eine Frage, Madame. Ha⸗ ben Sie wohl jemals eine Sache mit Ernſt gewollt?“ „Ja, ſchon ſeit ſieben Jahren habe ich nach Schweden zu reiſen gewünſcht,“ antwortete Eſtelle ganz gleichgültig.. 3 „Nun wohl; Sie ſind jetzt hier.“ „Ja, aber ſieben Jahre haben vergehen müſſen, unter einem beſtändigen Kampf mit Hinderniſſen, welche ſich mir unaufhörlich in den Weg ſtellten.“ „Sie haben dieſelben gleichwohl überwunden.“ „Ich nicht, ſondern der Zufall hat bewirkt, daß ich nun zum Ziel meines Wunſches gelangt bin. Ueberdieß, Herr Baron, wer ſagt Ihnen, daß mein Schickſal nicht eine ganz andere Geſtalt angenommen hätte, im Fall ich vor ſieben Jahren ſo weit Herrin der Ereigniſſe geweſen wäre, um hieher kommen zu können?“. „Die Richtung, welche Sie damals Ihrem Schick⸗ ſal zu geben beabſichtigten, können Sie ſicherlich ihm heute noch geben.“ „Glauben Sie das?“ 110 Jetzt ſah Eſtelle zu ihm auf. Wilhelm wandte den Blick von dieſen Augen ab, die, wie er wußte, einen ſo gefährlichen Einfluß auf ihn ausübten. Er antwortete, ohne ſie anzuſehen, in ſcheinbar gleichgültigem Tone: „Madame, was damals möglich war, kann nicht gut heute möglich ſein.“ „Wenn es aber etwas Unmögliches gibt, ſo kann auch der Menſch nicht wohl ſein Schickſal ſich ſchaffen.“ „Das Unmögliche liegt nur in unſerer Auffaſ⸗ ſung, und das was in jener Form vor unſere Seele tritt, kann auch in dem Bereich unſerer Wünſche keinen Raum finden,“ antwortete Wilhelm lächelnd. „Da ſtellen Sie eine paradoxe Behauptung auf.“ „Ganz und gar nicht. Für Sie, Madame, gibt es nichts Unmögliches. Sie gehören zu jenen Frauen, welche von Gott das Vermögen erhalten haben, ſelbſt das Unmögliche möglich zu machen.“ Das Geſpräch wurde einige Augenblicke unter⸗ brochen. Als man es wieder anknüpfen konnte, be⸗ merkte Eſtelle: „Sie haben vorhin erklärt, alle Leiden gehen von der Nachgiebigkeit gegen die auf uns wirkenden Eindrücke aus. Dieſe Aeußerung überraſcht mich; denn welcher denkende Menſch hält wohl Etwas auf jene ephemeren Aufwallungen, welche wir Gefühl nennen? Nur in den erſten Jugendjahren geben wir uns denſelben hin. Durch das Leben und die Er⸗ eigniſſe lernen wir, wie wenig Werth ſie haben.“ Wilhelm heftete einen verwunderten Blick auf Eſtelle und ſagte beinahe bekümmert: 111 „Sprechen wirklich Sie, Madame, mit Gering⸗ ſchätzung von dem Gefühl?“ „Ich kann Etwas, dem ich alle Exiſtenz abſpreche, nicht geringſchätzen.“ „Sie läugnen alſo deſſen Daſein?“ „Ja, vollkommen!“ Und bei dieſen Worten ließ Eſtelle ihr klingen⸗ des und doch halbleiſes Gelächter hören. „Wenn ich es wagte, würde ich jetzt meinerſeits Ihnen denſelben Vorwurf machen, den Sie mir ge⸗ macht haben.“ „Und der wäre?“ „Daß Sie jetzt auch in Paradoxen ſprechen.“ „Ach, da finde ich es ganz leicht, mich zu ver⸗ theidigen. Das was Sie Paſſion, Leidenſchaft oder Gefühl nennen, das betrachte ich nur als eine Ue⸗ berreizung der Phantaſie. In jungen Jahren legen wir derſelben eine große Bedeutung bei; aber nach genauerer Beobachtung finden wir, daß es blos ein Irrlicht der Phantaſie geweſen iſt, welches keine be⸗ ſtimmte Form oder irgend eine Stütze in der Er⸗ fahrung und dem Verſtand hat.“ „Dann wäre alſo Anhänglichkeit, Vaterlands⸗ liebe, Ehrgeiz, Zärtlichkeit zwiſchen Eltern und Kin⸗ dern, Mitleid, Alles wäre nur eine Ausgeburt un⸗ ſerer Phantaſie?“ „Oder unſeres Egoismus!— Aus der Eigen⸗ liebe entſpringt jede andere Liebe. Der Menſch iſt ja ein denkendes Weſen, und folglich muß das, was wir Gefühl nennen, nur ein Phantom unſerer Ein⸗ bildungskraft ſein.“ 112 Wiederum erlitt das Geſpräch eine kurze Unter⸗ brechung. Wilhelm dachte: „Iſt das dieſelbe Eſtelle, welche ich mit ſo glü⸗ hender Lebhaftigkeit die Sprache der Leidenſchaft füh⸗ ren hörte?“ Sein Blick heftete ſich auf das ſchöne Antlitz. Es kam ihm vor, als ob eben der heiße und leiden⸗ ſchaftliche Schlag des Herzens es wäre, der ihr dieſen gelblichen Farbenton gegeben hätte, und als ob ſie einem verkörperten Bilde der Leidenſchaften unſerer Seele gliche. Wilhelm nahm wieder das Wort: „Madame, darf ich glauben, daß Sie eine Ueber⸗ zeugung ausgeſprochen haben?“ „Ja, ganz gewiß,“ entgegnete Eſtelle lächelnd und ſetzte hinzu:„Der Beweis dafür, daß ich ſo, wie ich geſprochen habe, auch wirklich denke, liegt darin, daß die Erfahrung von jedem Jahr, da wir älter werden, auch der Empfänglichkeit des Gefühls Abbruch thut. Wir lächeln zuletzt über das, was ehemals den Gegenſtand von unſerem höchſten In- tereſſe ausmachte.“ „Wenn es ſich ſo verhält, ſo kommt dieß daher, daß die Natur uns Gefühle, die Erziehung Vorur⸗ theile, und unſer Egoismus Intereſſen ſchafft. Unſer Leben iſt dann nichts als ein Kampf mit dieſen allen. Unter dieſem fortdauernden Kampfe gelangt die Seele zu höherer Entwicklung, und ſie verlangt ein höheres Ziel für ihr Intereſſe, als in der Jugend.“ „Mag ſein, aber was Sie Gefühl, ich dagegen Phantaſie nenne, verſchwindet inzwiſchen und läßt nur den kalten, meditirenden Verſtand als den Be⸗ ———— 8— 113 herrſcher unſerer Seele zurück. Wir werden klug und ſelbſtſüchtig; wir werden glücklich.“ Der Tanz war zu Ende. Eſtelle nahm Wilhelms Arm, um ſich von ihm an ihren Platz zurückführen zu laſſen. Hiebei äußerte er noch: „Ich wage ſelbſt dieſe Behauptung zu beſtreiten. Die Jugend iſt das Alter des Egoismus, und was noch mehr, wir ſind dann gar nicht im Stande, jene ſtarken und tiefen Gefühle zu faſſen, welche in ältern Jahren unſer Herz erfüllen. Wir können weder kräftig haſſen noch lieben.“ „Haß oder Liebe! Ach, Herr Baron, was iſt das anders als ein großer Name für ein kleines Ding?“ entgegnete Eſtelle lachend.„Sie gehören zu. den Zierrathen, womit die Menſchen ſich ſelbſt zu blenden und Andere zu verwirren ſuchen. Die Liebe iſt eine Thorheit, eine Zerſtreuung in dem Alter, wo alles Neue feſſelt, aber die erſte von allen un⸗ ſern Verirrungen, welche die Flucht ergreift und uns in der ſchmählichen Situation zurückläßt, wo wir geſtehen müſſen, vor uns ſelbſt uns lächerlich gemacht zu haben. Hat⸗unn wohl der lächerlich werden, der geliebt at?⸗ „Ja, unermeßlich.“ „Sie glauben alſo nicht einmal an die Liebe?“ „Ach, mein Herr, laſſen Sie mich nicht ſo gering von Ihnen denken, daß Sie dieſer moraliſchen Kin⸗ derkrankheit etwas Anderes, als ein ſpöttiſches Lächeln ſchenken können.“ „Ich bin ſo unglücklich, Madame, Sie in dieſer geringen Vorſtellung von mir laſſen zu müſſen; aber Schwartz, Wilhelm Stiernkrona. II. 8 114 ich glaube nicht nur an dieſes heiligſte aller unſerer Gefühle, ſondern ich hege ſelbſt Achtung davor.“ „’Da beklage ich Sie, Herr Baron!“ ſprach Eſtelle mit einem leichten Achſelzucken.„Sehen Sie, da ha⸗ ben wir den lieben Marquis!“ ſetzte ſie hinzu und wandte ihr bezauberndes Antlitz nach Saint Sue, welcher gerade ihnen ſich näherte. „Können Sie ſich denken, Marquis, der Baron will mich überzeugen, daß er noch an die Liebe glaubt?“ „Madame, Sie müſſen immer von dem, was er ſagt, das Gegentheil annehmen.“ „Verzeihung, Marquis, Sie haben Unrecht! Meine Lippen ſprechen nie Etwas aus, das mit meinen Gedanken in Widerſpruch ſteht, aber ſehr oft bleiben ſie ſtumm,“ antwortete Wilhelm mit einem gewiſſen Nachdruck. Als Eſtelle ihren Platz auf dem Divan wieder eingenommen hatte, trat Wilhelm bei Seite. Unſer Held verſchwand unter der Menſchenmenge. Er fühlte das Bedürfniß, einen Augenblick ungeſtört ſeine Gedanken zu ſammeln. Er, der ſtolze und ehrgeizige Wilhelm, welcher im Laufe der letzten Jahre nur ein Ziel, ein Stre⸗ ben für ſeine Wünſche gehabt hatte, nämlich— Ehre und Auszeichnung— er, der mit vollkommener Gleichgültigkeit die Frauen betrachtete und ſeit ſeiner Rückkehr von Frankreich gefühllos für deren Reize geweſen war, fand jetzt ſeine Seele von allen den Gefühlen ergriffen, welche ſie ehedem beherrſchten. Das Wiederſehen von Eſtelle hatte ihn zu allen jenen Ereigniſſen zurückgeführt, welche vor neun Jah⸗ 115 ren ſich zugetragen hatten. Es war aber auch die Erinnerung an Lucie geweckt, jedoch der Eindruck von ihrem bisher unvergeßlichen Bilde gleichzeitig geſchwächt worden. Wilhelm fühlte, daß Eſtelle's Macht über ihn gefährlich werden konnte, und doch, wie ungleich war ſie gegen früher. Damals hatte Wilhelm blos einen Wunſch, ſie zu ſehen und bei ihr zu ſein. Jetzt rief der In⸗ ſtinkt: fliehe! „Fliehe!“— Gibt es wohl eine Gefahr, die man nicht bekämpfen ſollte? Wilhelms unbeugſame Luſt zum Widerſtande verachtete jede Warnung der Ver⸗ nunft. Der dreißigjährige Kapitän hielt ſich für alt und charakterfeſt genug, um erfolgreich gegen jede Verſuchung und Schwäche anzukämpfen. Wir überlaſſen es inzwiſchen unſerem Helden, auf eigene Fauſt mit ſich ins Reine zu kommen, in⸗ dem er, auf die falſche Auffaſſung von ſeiner eige⸗ nen Perſon bauend, ſich dem Wahne hingab, daß weder Ereigniſſe noch Leidenſchaften im Stande ſeien, ihn weiter zu führen, als er ſelbſt wollte. Das Unglück ſtolzer Menſchen iſt deren Vertrauen auf ihre eigene Kraft, das Unglück anſpruchsloſer ihr Mißtrauen gegen ſich. Wilhelm gehörte nicht zu den letztern. XIV. Als Wilhelm verſchwunden war, ſezte ſich Saint Sue zu Eſtelle und ſagte mit einem feinen Lächeln: „Das habe ich unter allen Dingen am wenigſten 116 erwartet, daß ich in Schweden mit Frau von Eſtrier zuſammentreffen ſollte! Welche ſeltſame Fügung des Schickſals hat Sie hieher geführt?“ Das Bedürfniß der Abwechslung,“ antwortete Eſtelle. „Eine Laune alſo?“ „Ja, Marquis, ich bin reich und unabhängig genug, um launenhaft ſein zu dürfen. Wenn man unter Weſtindiens Himmel geglüht und gebrannt hat, kommt man nach dem Norden, um das Lob des Verſtandes zu ſingen. Dort, auf der andern Seite des Oceans huldigt man dem Genuß und der Liebe, hier beugt man die Knie vor dem Nutzen und der Entſagung.“ „Und in Frankreich, wem huldigt man da?“ „Dem Reiz des Leichtſinns, der Herrſchaft des Augenblicks, der Eingebung der Launen.— Aber, Marquis, erlauben Sie mir eine Frage, was hat Sie hieher geführt?“ „Daſſelbe, wie Sie Madame— eine Laune.“ „Wir folgen alſo einem und demſelben Motiv.“ „Wenn Sie wollen, daß ich auf Ihre Worte eine Erwiederung gebe, dann ſage ich Ja; aber Sie erinnern ſich vielleicht, daß ich weniger auf das zu antworten pflege, was man ſagt, als auf das, was man denkt. Ich habe, Madame, die Kunſt gelernt, mit den Augen zu hören, und darum muß ich mit Nein antworten.“ „Aber Sie geben ja zu, daß eine Laune Sie hieher geführt hat.“ „Und ich habe es jezt gemacht, wie Sie, ich habe mit den Augen gehört.“ 117 „Erlauben Sie mir die Behauptung, daß Sie dieſe Art zu hören nicht recht verſtehen.“ „Die Zukunft wird dies lehren.“ Der Marquis lächelte und machte eine leichte Verbeugung, als wollte er damit ſagen, die Artig⸗ keit verbiete ihm, zu widerſprechen, aber er habe deſſen ungeachtet ſeinen Zweifel. 32„Die Jahre haben keine ſonderliche Verände⸗ rung bei dem Baron Stjernkrona hervorgebracht,“ begann jezt Eſtelle gleichgültig. „Nein, nicht einmal in Bezug auf ſein Aeußeres,“ erwiederte Saint Sue.„Er iſt wo möglich ein noch ſchönerer Mann, als da er vor ſieben Jahren Frankreich verließ.“ „Ich glaube in der That, Sie haben Recht! Aber wer iſt denn die häßliche Geſtalt da, welche uns betrachtet?“ „Ein Lieutenant Cellner.“ „Eine ganz unangenehme Erſcheinung! Da kommt der franzöſiſche Geſandte, mein Couſin.“ „A propos, da wir gerade von Couſinen u. dgl. reden, ſo kann ich Sie von einem Ihrer nahen Ver⸗ mwandten grüßen, Madame.“ Der Marquis heftete ſeine Augen auf Eſtelle. „Wirklich! Ich verließ jedoch Frankreich ſpäter als Sie, und daher— „Sind Sie des Glaubens, ich habe Ihnen keinen Gruß zu überbringen. Madame, ein großer Denker hat geſagt: Der Glaube iſt eine erhabene Unkenntniß!“ „Und dennoch ein Viſſen, ſicherer als jedes andere, denn es beginnt mit dem Glauben, ein An⸗ 118 deres ſchließt mit dem Zweifel.— Laſſen Sie hören, von wem Sie mich grüßen wollen.“ „Von dem Vicomte d'Outrouville.“ „Ach, Marquis, mit dem bin ich nach Ihnen zuſammengetroffen.“ „Das wundert mich.“ „Sie ſcherzen wohl— Ihnen kann ja nichts Verwunderung abgewinnen.“ „Nein, nichts was von Ihnen kommt, Madame.“ „Wir werden daran denken,“ erwiederte Eſtelle lachend.—„Nun, ſtehen der Vicomte und Sie ein⸗ ander noch ſo feindſelig gegenüber?“ „Mehr als je! Sie wiſſen, Madame, daß ich niemals meine Gefühle ändere.“ „Wo haben Sie ihn getroffen?“ „In Finnland.“ „Mein Gott, was ſollte er da zu machen haben?“ „Wenn er es Ihnen nicht geſagt hat, ſo hat er es mir noch weniger anvertraut.“ „Sie wiſſen, Marquis, daß wir, er und ich, nicht Vertrauen gegen Vertrauen tauſchen.“ „Ja, das weiß ich,“ antwortete Saint Sue lä⸗ chelnd.„Darf ich fragen, wo Sie den Vicomte ge⸗ ſehen haben?“ „In Petersburg.“ Jezt wandte ſich Eſtelle zu dem franzöſiſchen Ge⸗ ſandten. Der Marquis verließ ſie, um Wilhelm aufzuſuchen; wurde aber in dieſem ſeinem ſchönen Vorſatz durch Cellner geſtört, welcher mit den Wor⸗ ten auf ihn zukam: „Ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, Marquis.“ 119 „Ha, mein Herr! Sie überraſchen mich!“ ant⸗ wortete Saint Sue beinahe ſpöttiſch,„welche denn, wenn ich fragen darf?“ „Daß Sie mich der Frau Gräfin von Eſtrier vorſtellen.“ „Das iſt ein Wunſch, welchen ich gern erfülle. Wenn das eine Gefälligkeit iſt, ſo iſt ſie gerade von der Art, daß ich ſie mit dem größten Vergnügen erweiſe.“ „Im nächſten Augenblick ſtand Saint Sue wie⸗ der vor Eſtelle, mit Cellner zu Seite. „Madame,“ ſprach er,„geſtatten Sie mir, Ihnen den Lieutenant Cellner vorzuſtellen.“ Eſtelle verneigte ſich mit einem Blick, welcher zu fragen ſchien, warum Saint Sue ihr eine Geſtalt wie dieſe vor Augen bringe. Saint Sue, welcher ſehr wohl die wenig auf⸗ munternde Art und Weiſe merkte, wie Eſtelle Cellners artige Verbeugung erwiederte, fügte noch hinzu: „Lieutenant Cellner iſt ſo glücklich, Sie von dem Vicomte d'Outrouville zu grüßen, mit welchem er in Helſingfors Bekanntſchaft gemacht hat. Der Lieutenant wünſcht Ihnen zu erzählen, wie unendlich angenehm er den Vicomte gefunden hat.“ Cellner wechſelte die Farbe bei dieſen Worten. Saint Sue ſprach dieſelben mit dem ihm eigenen Tone aus, welcher zu erkennen gab, daß in der un⸗ ſchuldigſten Aeußerung von ihm ein verborgener Sinn lag. Der Marquis lächelte über die Wirkung, welche ſeine Worte hervorbrachten, und entfernte ſich, um 120 nach Wilhelm zu ſehen. Endlich bekam er ihn zu Geſicht, als derſelbe eben tanzte. Der Marquis zog ſich in eine Fenſtervertiefung zurück, um von hier aus Alles, was vorging, zu beobachten. Er ſah Wilhelm noch einmal mit Eſtelle tanzen; er bemerkte, daß die ſchöne Indianerin ihr ganzes Benehmen gegen Stiernkrona geändert hatte; aber der Marquis beſaß, wie er ſelbſt ſagte, die große Gabe, zu ſehen, was in der verſchloſſenen Bruſt vorging und er dachte: „Er iſt verloren. Mit ſeinem rechtſchaffenen, argloſen Charakter⸗ wird er ſicherlich in die Falle gerathen, die ſie ihm gelegt hat. Sie iſt zu ſeinem Unglück geſchaffen.— Und jezt iſt auch keine Lucie da, welche gleich einem rettenden Engel in's Mittel tritt, um ihn aus der Gefahr zu reißen. Aber noch lebt Saint Sue!“ 3 In der Nacht, als Wilhelm und der Marquis heimfuhren, äußerte der Leztere: „Nun, mein Lieber, was ſagen Sie zu unſerer Ueberraſchung?“ „Sie iſt betäubender Art,“ entgegnete Wilhelm mit einem halben Lächeln. „Ich meines Theils hatte ganz daſſelbe Gefühl, wie der alte Purvis, als er Sturmkalle an Bord ſeines Schiffes erblickte,“ ſagte der Marquis lachend. „Nun, finden Sie dieſelbe noch gleich einnehmend, wie vormals?“ „Gleich wäre nicht das rechte Wort. Sie iſt es auf eine ganz andere Weiſe, oder vielmehr, ich ſehe ſie nun mit andern Augen an.“. 121 „Mit denen der Vernunft?“ „Nicht gerade. Dieſe iſt ſtets bereit, die Flucht zu ergreifen, wenn Eſtelle von Eſtrier auftritt; aber ich bin nicht mehr zwanzig Jahre alt, Marquis.“ „Nein, Sie ſind dreißig; Sie haben mir das ſchon einmal geſagt.— Deſto ſchlimmer!“ „Deſto beſſer, meinen Sie wohl; denn bei zwanzig Jahren führt die Einbildung das Wort und will gern die Gewaltherrſchaft über die Gedanken, Ge⸗ fühle und Eindrücke führen.“ „Und bei dreißig ſind Einbildung und Vernunft in Streit mit einander gerathen. Es ſind Feinde, und ſie können unmöglich zuſammen beſtehen, ohne auf Koſten von einander zu leben.“ „Mag ſein, aber aus dem Kampfe muß noth⸗ wendig der Sieg für eine von beiden Seiten her⸗ vorgehen.“ „Nicht immer. Es kann geſchehen, daß unter der Zeit eine dritte Kraft heranwächst und die Herrſchaft über die beiden Kämpfenden gewinnt.“ „Und was wäre das für eine Kraft?“ „Eine, welche Ihnen bisher fremd geweſen— die der Leidenſchaft. „Marquis, dieſer habe ich bei meiner erſten Be⸗ gegnung mit Eſtelle ſo viel eingeräumt, um nun—“ „Deren Sclave zu werden!“ Der Wagen hielt vor der Thüre des Matais und er ſagte Wilhelm Lebewohl. XV. Es vergingen ein paar Wochen, während in der höhern Geſellſchaft der Haupſtadt ein Feſt das andere drängte. Auf den glänzenden Ball bei dem Grafen A. folgte eine ganze Reihe von Luſtbarkeiten. Wilhelm und Saint Sue, welche ſowohl durch ihre Geburt, als durch ihre Bildung dieſen Geſell⸗ ſchaftskreiſen angehörten und dabei ein paar ſehr wohlgelittene und geſuchte junge Männer waren, fehlten natürlich nicht dabei. Ueberall, wo ſie erſchienen, trafen ſie mit der Gräfin von Eſtrier zuſammen. Sie bildete den Centralpunct, um welchen ſich nicht nur die ganze Unterhaltung, ſondern auch das ganze Intereſſe drehte. Alles lud ſie ein, Alles fetirte, feierte ſie. Die Herren ſchenkten ihr insge⸗ ſammt ihre ungetheilte Bewunderung. Genug, Eſtelle's Auftreten in Schwedens Haupt⸗ ſtadt war nur eine Fortſetzung der Triumphe, welche ſie überall errungen hatte, wo ſie ſich zeigte. Sie ſelbſt ſchien jedoch an den Huldigungen, welche ſie einerndtete, nicht mehr ſo viel Freude, wie ehemals, zu empfinden. Ihr ganzes Weſen gab zu erkennen, daß ſie kein allzu großes Gewicht auf den Weihrauch legte, den man ihrer Schönheit und Grazie anzündete. Sie hatte genug daran ge⸗ habt, um deſſen Werthloſigkeit kennen zu lernen. Wilhelm erhielt Gelegenheit, ſie immer und immer wieder zu ſehen. Er brachte ganze Stunden 123 im Geſprach mit Eſtelle zu, aber ohne ſich rühmen zu können, daß ſie ihm einen eigentlichen Vorzug einräumte. Zwar behauptete man allgemein, daß er unter allen denen, welche ihr den Hof machten, der am meiſten Begünſtigte ſei, aber dieſe Behaup⸗ tung ging nur von dem Neide derer aus, welche von ihr überſehen wurden. Drei Wochen nach Eſtelle's erſtem Auftreten wollte der franzöſiſche Geſandte eine große Soirée geben. Dazu waren ſowohl Wilhelm als Saint Sue geladen. 3 An demſelben Tage, wo ſie ſtattfinden ſollte, machte Saint Sue ſeinen erſten Beſuch bei Frau von Eſtrier. Sie hatte ein Stockwerk in demſelben Hauſe, wo der franzöſiſche Geſandte wohnte. Als Saint Sue in ein kleines, bezauberndes Gemach, wo Eſtelle ſich befand, eingelaſſen wurde, erhaſchte er noch einen flüchtigen Blick auf die alte Nizama, ſeine frühere Krankenwärterin, welche in dieſem Augenblick das Zimmer verließ. „Sie hat alſo ihre Sklaven von St. Vincent mitgebracht, um ſelbſt hier ihre willigen Werkzeuge zu haben,“ dachte Saint Sue, während er Eſtelle begrüßte. „Ha, Marquis, endlich haben Sie ſich entſchloſſen, mir einen Beſuch zu machen!“ rief Eſtelle. „Was wollen Sie, daß ich thun ſoll, Madame? Wenn das Unglück nicht mich auſſucht, muß ich es aufſuchen.“ 3 „Sie ſagen mir da eine Artigkeit, Marquis, wenn Sie mich Ihr Unglück nennen.“ 124 „Wenn dem ſo iſt, ſo geſchah es gegen meinen Willen,“ erwiederte Saint Sue lächelnd;„denn ich redete nicht von meinem Unglück, ſondern von dem Unglück im Allgemeinen.“ „Sie betrachten mich demnach als ein allgemeines Unglück.“ „Ja, Madame.“ „Erklären Sie ſich!— Ich bin heute in der Laune, an Ihren Sottiſen Unterhaltung zu finden.“ „Welche Güte!“ Der Marquis warf einen ſcheinbar gleichgül⸗ tigen Blick im Zimmer umher. Sein Auge weilte einige Sekunden auf einer Viſitenkarte, welche auf dem Tiſche lag. „Das iſt ſeine Karte,“ dachte er.„Gut, da wird das Scharmüzel um ſo lebhaſter.„ Laut fuhr er fort: „Ich wage jedoch zu verſichern, Sie haben mit Ihrer Behauptung, daß meine Sottiſen Ihnen Un⸗ terhaltung verſchaffen, Unrecht. Ich erlaube mir niemals, dergleichen einer Dame zu ſagen. Uebrigens habe ich heute mir auch vorgenommen, mich auf das Verſtändigſprechen zu legen.“ „Dann geſchieht es nur um der Seltſamkeit willen,“ fiel Eſtelle lachend ein. „Dämon, Du glaubſt zu triumphiren!“ dachte Saint Sue. Laut ſagte er: „Sie verkennen mich, Madame. Sie wiſſen beſſer als irgend Jemand, daß ich mich nicht um den Verſtand bringen laſſe.“ Eſtelle zuckte ein wenig mit den Augenbrauen; ſie antwortete jedoch mit demſelben ſcherzenden Ton: ——— ———— 125 „Mag ſein, daß Sie auf eigene Rechnung Etwas von der Waare haben; aber in Ihrer Rede machen Sie nicht den mindeſten Gebrauch davon. Ich bin darum ſehr neugierig, zu hören, wie Ihr Verſtand ſich im Worte ausnimmt.“ „Ach, Madame, erlauben Sie, daß er im Ge⸗ danken liegen bleiben darf, und das Wort nur dazu dient, ihn zu bemänteln. 4 „Und wenn ich Ihnen dieſe Erlaubniß auch nicht gäbe, würden Sie doch Ihrer Gewohnheit treu blei⸗ ben und in Räthſeln reden.“. Saint Sue verbeugte ſich. „Räumen Sie mir das Recht ein, für unſere räthſelhaft verſtändige Converſation das Thema zu wählen?“ fragte Eſtelle. „Mit größtem Vergnügen.“ „So wollen wir alſo etwas recht Triviales wäh⸗ len, zum Beiſpiel uns auf Verläumdung des Räch⸗ ſten werfen.“ „Ach, Madame, ein Sprichwort ſagt: Wer im Schlafe verleumdet, wacht ſelbſtgeſchmäht auf.' Ich fürchte mich vor dem Morgen.“ „Das iſt ſchade, denn während wir Andere tadel⸗ ten, fänden wir Gelegenheit, einander eine ganze Menge Wahrheiten zu ſagen. „Ich bin allzu vorſichtig, um einer Dame gegen⸗ über die Wahrheit zu reden; ſie würde dann mög⸗ licherweiſe in meinen Gedanken leſen.“ „Marquis, dieſe Kunſt iſt nicht ſo ſchwer, wie Sie ſich einbilden; denn ſo geſchickt Sie auch ſind, iſt es Ihnen doch nicht gelungen, dieſelben vollkom⸗ men zu maskiren.“ 126 „Wenn dem ſo iſt, Madame, ſo begnügen ſich Ihre Augen nicht damit, blos ſchön zu ſein, ſie ſind auch furchtbar. Sie ſind ſomit meine Meiſterin, und ich ſtehe fernerhin davon ab, meine Gedanken zu bemänteln. Ich werde die Aufrichtigkeit ſelbſt ſein.“. „Wirklich!“ erwiederte Eſtelle lachend,„das heißt, Sie wollen annehmen, ich beſize ein ebenſo großes Ahnungsvermögen, wie Sie ſelbſt?“ „Madame ich habe mir niemals zu ahnen oder zu errathen geſtattet. Ich warte immer, bis man eine Sache klar zu machen ſucht, denn da wird ſie erſt recht dunkel.“ „Wiſſen Sie, was Sie jezt eigentlich ſagen?“ fragte Eſtelle.„Nichts weiter als daß Sie der Meinung ſind, Ihr Inneres ſei in ein vollkommenes Dunkel gehüllt.“ „Mein Leben und meine Geſchichte ſind klar wie der Tag.“. „Aber Ihr Gedankengang iſt dunkel, wie die Nacht.— A-propos, werden Sie die Soirée unſe⸗ res Geſandten beſuchen?“ 2 „Sie werden ja dort ſein, Madame, wie wäre es dann für mich möglich, wegzubleiben? Aber das iſt es nicht, was Sie wiſſen wollen; darum füge ich bei: es gibt Andere, welche dieß nicht im Sinn haben.“ „Was hält ſie davon ab?“ „Mangel an Muth, ſich auszuſetzen.“ „Der Geſandte wird alſo den einen oder andern ausgezeichneten Gaſt vermiſſen?“ „Ich ahne es.“ —————— 127 „Ahnungen täuſchen manchmal. Wie befindet ſich Baron Stjernkrona?“ „Ganz wohl, wie ich vermuthe, da er Ihnen heute ſeinen Beſuch gemacht hat. Sie thun Unrecht, ſich für ihn zu intereſſiren, das heißt ſeine Güte an einen Undankbaren verſchwenden.“ „Ich bin vollkommen Ihrer Anſicht und überlaſſe den Baron auch ſeinem Schickſal.“ „Und dieſes Schickſal iſt, in der Erinnerung zu leben. Der Zufall, das Schickſal oder Gott, wie es Ihnen beliebt, führte ihm Lucie d'Outrouville in den Weg. Die Erinnerung an ſie macht ihn für alle Ein⸗ drücke unzugänglich, außer—“ „Den Ehrgeiz,“ fiel Eſtelle ein.„Aber Mar⸗ quis, warum ſagen Sie mir dieſes alles?“ „Ich weiß es wahrhaftig ſelbſt nicht, Madame; vielleicht wiſſen Sie es? Ich denke nur an die Un⸗ möglichkeit, eine Frau wie Lucie d'Outrouville zu vergeſſen.“ Eſtelle ſchüttelte mit einer Miene der Ungeduld den Kopf und ſagte: „Ich erkenne keine Unmöglichkeit an; aber ich weiß außerdem, daß das Menſchenherz eine große Fähigkeit zu vergeſſen hat.— Sie behaupten alſo, Stjernkrona werde dieſen Abend nicht zu dem Ge⸗ ſandten kommen?“ „Ich behaupte nie Etwas; ich ſpreche nur die Ueber⸗ zeugung aus, daß er dort nicht ſichtbar ſein wird.“ „Und woher haben Sie eine ſolche Ueberzeugung erlangt?“ „Von ihm ſelbſt. Er hat beſtimmt erklärt, daß er keine Luſt zu der Soirée habe.“ 128 „Wir werden ja ſehen! Merken Sie wohl, ich wünſche, daß er andern Sinnes wird.“ „Gott und die Frauen ſind allmächtig!“ erwie⸗ derte Saint Sue lächelnd.“ Er ſtand auf, um ſich zu verabſchieden. „Sie ſagen dies in einem Ton, als ob Sie Gott und den Frauen mißtrauten.“ „Madame, wenn ich in dieſem Fall ungläubig bin, ſo hege ich dagegen den Glauben, daß Sie Stjernkrona's unglückliches Schickſal ſind!“ entgeg⸗ nete Saint Sue mit ernſter Stimme.„Mögen Sie von Liebe oder Haß geleitet werden, ſo ſind Sie doch das Werkzeug, deſſen ſich das Schickſal bedient, um ſeinen Frieden zu zerſtören und demſelben eine unheilbringende Richtung zu geben.“ „So—o!“ erwiederte Eſtelle, mit den Spizen ihrer Manſchetten ſpielend.„Aber was wiſſen Sie denn eigentlich von mir und meinem Einfluß auf diejenigen, welche ich haſſe oder liebe?“ „Genug, um klar einzuſehen, daß Ihr Haß eher zu ertragen iſt, als Ihre Liebe. Sie können nicht lieben, Madame!“ „Nicht?“ rief Eſtelle mit blitzenden Augen. „Nein! Ihr Zorn ſoll mich nicht abſchrecken, meine Ueberzeugung auszuſprechen?— Sie ver⸗ ſtehen nicht, daß die Liebe etwas mehr iſt, als der Gewinn des Augenblicks. Daß Derjenige, welcher liebt, nicht gleich einem wilden Sirocco das Leben desjenigen, welcher der Gegenſtand ſeiner Liebe iſt, veröden und zerſtören darf. Sie lieben um Ihrer ſelbſt willen, und Derjenige, welchen Sie lieben, iſt nur ein Mittel zur Befriedigung Ihrer Launen.“ 129 „Marquis, Sie vergeſſen ſich!“ „Ja, Sie haben Recht, Madame. Man vergißt ſich immerdar, wenn man ſich mit der Moral befaßt. Dieſe iſt einfach und naiv wie ein Kindermährchen und kann ſomit nur von Dem begriffen werden, welcher ſie verſtehen will. Gegenüber von Dem, welcher dieß nicht will, verlohnt es ſich nicht der Mühe, ſie zu predigen.“ „Wahr, mein Herr! Man hat zugleich immer Unrecht, ſich zum Richter über Andere aufzuwerfen. Der ſcharfſinnigſte Verſtand läuft Gefahr, einen Miß⸗ griff zu begehen. Jezt, Marquis, müſſen Sie mich verlaſſen. Ich muß für eine Promenade mit der Gräfin A. Toilette machen. Wir treffen uns bei dem Geſandten. Grüßen Sie ihren Freund, den Baron, und melden Sie ihm, daß ich auf ihn heute Abend rechne!“. „Da werden Sie ſich wohl verrechnen, Nadame!’“ entgegnete Saint Sue und verabſchiedete ſich. „Wir werden ja ſehen!“ antwortete Eſtelle und verbeugte ſich mit einer entzückenden und ſchelmiſchen iene. Als Saint Sue fort war, warf ſie ſich auf ei⸗ nen Sopha. Die lächelnde Miene war verſchwunden. Eine ganze Welt aufrühreriſcher Gefühle ſpiegelte ſich auf dieſem Antliz wieder, welches den Augenblick zuvor ſo ſorglos und heiter war. Eſtelle drückte beide Hände auf die unruhig keu⸗ chende Bruſt und ſtammelte mit einem Ausdruck des höchſten Grades von Schmerz:— „Mit dem Verluſt von Jugend, Schönheit und Schwartz, Wilhelm Stiernkrona. II. 9 130 — Reichthum möchte ich mich von der Herrſchaft dieſes Gefühls loskaufen, das mein Inneres verzehrt. Ich weiß ſelbſt nicht, ob ich Liebe oder Haß empfinde. Wenn ich ihn nicht ſehe, ſondern nur die Tiefe mei⸗ ner Leiden ermeſſe, die Zahl der Martern berechne, welche in dieſer langen Reihe von Jahren mein Herz zerfleiſcht Und zerriſſen haben, dann——“ Sie griff mit beiden Händen nach dem Kopf und brach in wildes, konvulſiviſches Weinen aus. XVI. Der Marquis war mittlerweile von Eſtelle di⸗ rect zu Wilhelm gegangen. „Es iſt ein Glück, lieber Baron, daß ich Sie zu Hauſe traf, denn ich wünſchte zu wiſſen, ob Sie heute Abend zu dem franzöſiſchen Geſandten zu gehen beabſichtigen.“ „Ich habe Ihnen bereits erklärt, Marquis, daß ich nicht hingehe,“ antwortete Wilhelm. „Allerdings, aber Sie hätten ſich ja anders be⸗ ſinnen können.“ „Ich gehe niemals von dem ab, was ich ein⸗z mal beſchloſſen habe,“ erwiederte Wilhelm lächelnd. Soweit⸗ glaube ich, ſollten Sie meinen Charakter ennen.“ „Bah, was hat der Charakter mit ſolchen Lappa⸗ lien wie eine Soirée zu thun?“ „Wollen Sie mir nicht angeben, Marquis, wa⸗ rum Sie ein gewiſſes Gewicht auf mein Wegbleiben 4 131 legen?“ fragte Wilhelm und heftete ſeine forſchenden Augen auf den Marquis.. „Mit größter Bereitwilligkeit. Daß Sie die Soirée des Geſandten nicht beſuchen, ſezt mich billig in Erſtaunen, da ich Frau von Eſtrier bei Sr. Ex⸗ cellenz K. ſagen hörte, daß ſie darauf rechne, Sie dort zu ſehen.“ „Nun, und dann?“ fragte Wilhelm mit einem feſten Blick auf den Marquis. „Sie dagegen äußerten, als wir von Sr. Ex⸗ cellenz kamen, daß Sie die Soirée nicht beſuchen würden.“ „Allerdings!“ „Und gleichwohl fand ich heute Ihre Karte bei Frau von Eſtrier.“ „Wie gehört dieß hieher?“ „Sehr weſentlich. Sie haben einmal erklärt, Sie gedenken nicht, ihr einen Beſuch zu machen.“ „Da haben Sie Recht; aber ich that dieß in der Hoffnung, Gelegenheit zu finden, ſelbſt ihr zu ſagen, daß ich in Bezug auf die Soirée ihr nicht zu Wil⸗ len ſein könne.“ „Sie vermögen alſo einem Wunſche zu wider⸗ ſtehen, der von ihr ausgeſprochen wird? Und was noch mehr, Sie wagten, ſich ihrer Ueberredungs⸗ gabe auszuſezen? Nun, da haben Sie wirklich ein großes Vertrauen auf Ihre eigene Kraft,“ bemerkte Saint Sue mit einem lächelnden Blick auf Wilhelm, welcher bei dieſen Worten ſich mit der Hand über die Stirne fuhr.„Ihr Benehmen hat mir ſonſt keinen ſehr ſtarken Glauben daran eingeflößt.“ „Sie haben Recht, Saint Sue. Ich habe mich in der That von der Gewalt, die ſie über mich ausübt, ſo beherrſchen laſſen, daß ich Ihnen als ein gehorſamer Sclave meiner Eindrücke vor⸗ kommen muß; aber nun iſt es aus. Der Zauber ſoll gebrochen werden. Ich muß wiſſen, ob jene Frau ein Engel oder ein Dämon iſt.“ „Ah, mein Lieber, es wird Ihnen niemals ge⸗ lingen, ſich davon Kunde zu verſchaffen!“ verſicherte Saint Sue, „Dann bleibt mir nichts Anderes übrig, als ſie zu fliehen. Sie wirkt ſo lähmend auf alle anderen Intereſſen ein und nimmt alle meine Gedanken ſo völlig in Anſpruch, daß ſie mich in einen elenden Weichling verwandelt, der ganz und gar von dieſer ehainnäßpollen und unerklärlichen Gewalt beherrſcht wird.“— „Das iſt Alles, mein Lieber, ſehr ſchön; aber ich fürchte, daß Ihre löblichen Vorſäze bei dem erſten Lächeln von deren Lippen verſchwinden.“ „Ihre Furcht, Saint Sue, iſt unbegründet. Einen Beweis dafür, daß ich nicht ſo ſchwach bin, wie Sie glauben, haben Sie darin, daß ich troz ihres aus⸗ geſprochenen Wunſches dieſen Abend nicht zu dem Geſandten gehe.“ 1 „Sind Sie auch Ihrer ſelbſt ſo gewiß, daß Sie ſich nicht doch noch entſchließen, hinzugehen?“ „Ja, ſo vollkommen, daß ich Ihnen hiemit mein Ehrenwort gebe, mich durch Nichts dazu beſtimmen zu laſſen.“ Mit dieſen Worten reichte Wilhelm dem Mar⸗ quis die Hand und fuhr fort: 3 „Wenn ich jetzt dem Zufall, der mir Eſtelle wie⸗ 133 der in den Weg führte, mich zu beherrſchen geſtattete, ſo wäre es ja nicht mein Charakter, mein Wille, mein eigenes Selbſt, wodurch mein Schickſal be⸗ ſtimmt würde, ſondern die Einwirkung Anderer auf meine Seele, ſo daß ich die Bahn, welche ich be⸗ treten habe und worauf ich des Vaterlandes würdig zu werden und meinen Namen in der Geſchichte be⸗ rühmt zu machen hoffe, völlig aus dem Auge ver⸗ höre. Nein, Saint Sue, ich bin jetzt kein zwanzigjäh⸗ riger Jüngling mehr, der ſich unbedingt durch die Frauen und Leidenſchaften von dem Ziele, welches er ſich geſtellt, oder von der Richtung, welche ſeinem Nor jat⸗ gemäß ſein Schickſal nehmen ſoll, abbringen äßt.“ „Ach, mein Lieber, die meiſten großen Vorſätze haben das gegen ſich, daß ſie auf dem Ocean der Ereigniſſe Schiffbruch leiden. Das Leben macht ſich ein Vergnügen daraus, mit Ihnen und mit uns ſein Spiel zu treiben.“ Ein Diener trat mit einem äußerſt eleganten Billet ein. Viele, viele Jahre waren vergangen, ſeitdem Wil⸗ helm ein Billet von derſelben Hand empfangen hatte; wäre die Zeit auch doppelt ſo lang geweſen, er würde ſie dennoch wieder erkannt haben. Auch flog eine dunkle Röthe über ſeine Stirne, als er das Billet erbrach. Saint Sue trat an das Fenſter und ſchaute auf die Straße hinaus, während er eine moderne Opern⸗ melodie pfiff und eine ganz gleichgültige Miene annahm. 134— Als Wilhelm das Briefchen wieder zuſammenlegte, wandte ſich der Marquis zu ihm und ſagte: „Nun, lieber Baron, wollen Sie vielleicht Ihr Wort bezüglich des Abends wieder zurückhaben?“ „Ich begehre niemals ein Wort zurück, Marquis,“ antwortete Wilhelm. Saint Sue verabſchiedete ſich. Während er die Treppe hinunterging, dachte er: „Der Stolz bringt zuweilen ganz ſchöne Reſul⸗ tate hervor! So zum Beiſpiel hinderte er Stjern⸗ krona, ſein Wort zurückzunehmen, obwohl er von ganzer Seele gewünſcht hätte, es nicht gégeben zu haben. Frau von Eſtrier, Sie werden dieſen Abend erfahren, daß nicht Alles Ihrem Willen ſich fügt!— Werden Sie den Baron noch unglücklich machen, ſo ſoll es zum Mindeſten nicht geſchehen, ohne daß ich Alles gethan habe, ihn zu retten. Ihr Sieg wird theuer erkauft ſein!“ XVII. Das Billet, welches Wilhelm erhielt, war wirk⸗ lich von Eſtelle und lautete:* „Man hat mir geſagt, daß Sie nicht Willens ſeien, die Soirée des Geſandten zu beſuchen. Dieß würde mich ſchmerzen. Eſtelle d'Eſtrier bittet Sie, ihr die Freude nicht zu rauben, dort mit Ihnen zuſammenzutreffen. „Werden Sie mich bitten laſſen? Das wäre ja eine Beleidigung. Es würde mir ſchwer fallen, ſie zu vergeſſen, ſelbſt wenn ich ſie vergeben könnte. 13⁵ Wie wenig, oder wie viel Sie mir von Ihrer Ach⸗ tung ſchenken, das wird der Abend beweiſen. „Eſtelle d'Eſtrier.“ Man muß geſtehen, daß Wilhelms Situation unbehaglich war. Er wollte das Wort, welches er dem Marquis gegeben, nicht brechen und ſich deſſen ſatiriſchem Spott über ſeine Schwäche ausſezen; noch weniger wollte er Eſtelle auch nur einen Schim⸗ mer von Etwas, das wie Geringſchäzung ausſah, zeigen. 3 Nachdem er geraume Zeit in ſeinem Zimmer auf⸗ und abgegangen war und ſich genugſam über den Einfall, von der Soirée wegbleiben zu wollen, ge⸗ ärgert hatte, ſezte er ſich nieder und ſchrieb folgen⸗ den Brief, den erſten, der an ſie gerichtet war: „Madame!“ „Die Kundgebung Ihres Willens wäre für mich genug geweſen, um demſelben alsbald nachzukommen. Nun ſtellen Sie eine Bitte an mich. Verſtehen Sie, was das ſagen will: Sie bitten? Sie be⸗ greifen wohl, Madame, daß ich für dieſes Glück mein Leben aufopfern wollte, und dennoch— kann ich mich nicht bei der Soirée einfinden! Ein Ver⸗ ſprechen bindet mich. Ich breche niemals ein gege⸗ benes Wort. Auf meinen Knieen flehe ich, daß Sie mir mein Wegbleiben von der Soirée ver⸗ geben. „Wenn Ihr Brief mein Herz nicht mit Freude erfüllte, würde ich über meine Lage in völlige Ver⸗ zweiflung gerathen. Nun, Madame, iſt dieß aber 136 nicht möglich, denn vor meiner Seele ſteht nur Eins klar, daß Sie noch„Wohlwollen“ für mich em⸗ pfinden, und meine Gegenwart wünſchen, da wo Sie ſind. „Dieſe Gewißheit könnte mir, und wenn ich im Sterben läge, das Leben wieder geben, könnte mich, und wenn ich der elendeſte Bettler wäre, reicher und beneidenswerther als den mächtigſten Fürſten machen. „Ich hoffe, morgen meine unfreiwillige Sünde abzubitten und Ihnen ſagen zu dürfen, daß ich nicht geglaubt habe, in meiner Bruſt gebe es noch einen Raum für dieſes Gefühl von Glückſeligkeit, wovon ſie jezt erfüllt iſt. Sie haben, Madame, wieder mit einigen Zeilen mein Leben in Roſenroth und Gold gekleidet. „Werde ich vielleicht meine kurze Wonne mit Ihrem Mißvergnügen entgelten müſſen? In dieſem Fall hätte ich dieſelbe mit dem einzigen Unglück, das ich nunmehr fürchte, zu bezahlen.“ „Ihr ehrfurchtsvoller und ergebener Diener „Wilhelm Stjernkrona.“ Der Tag verging wie alle andern Tage; aber in Wilhelms Innerem war eine ganze Revolution vor ſich gegangen. Alle großen und ſchönen Vor⸗ ſätze waren weggeblaſen. Gedanken und Intereſſen drehten ſich ausſchließlich um Eſtelle. Zum erſten Mal, ſeitdem das Schickſal ſie wieder zuſammengeführt hatte, ſtand ſie vor ſeiner Seele frei und unabhängig, mit dem Rechte, Hand und Herz wem ſie wollte zu ſchenken. Wilhelm fragte ſich ſelbſt, warum er eigentlich 137 dem Gefühle entgegenarbeitete, welches ihn mit aller Macht zu Eſtelle zog, da es jezt Niemand gab, welchem er damit zu nahe getreten wäre. Das Glück, ihr Herz zu gewinnen, machte ja nur die höchſte Seligkeit aus, die er ſich wünſchen konnte. Bisher hatte Wilhelm ganz und gar den Reiz von Eſtelle's Gegenwart auf ſich wirken laſſen, und als dieſer, gleich einem Zauber, ſeinen Verſtand um⸗ nebelte, ſuchte er ihm zu entfliehen. Er wollte einer Schwäche ausweichen, welche ſeiner und des Zieles, für das er zu leben beſchloſſen hatte, unwürdig war. Zugleich hatte Wilhelm Eſtelle als ein Weſen betrachtet, zu welchem ſeine Wünſche ſich nicht ver⸗ ſteigen durften. Oft, wenn er ſein Herz von war⸗ men und ſtarken Gefühlen ergriffen fühlte, welche ihn mehr und mehr an Eſtelle feſſelten, war es ihm, als ob Luciens Bild warnend zwiſchen ihn und Eſtelle träte, und in ſeinem Gedächtniß wieder⸗ hallten dann deren Worte: „Du beſtiehlſt einen Andern, wenn Du Eſtelle's Liebe zu gewinnen ſuchſt.“ Ehre und Rechtsgefühl erhoben ſich ſogleich gegen eine Annäherung, welche ſich Wilhelm niemals vor heute erlaubt gedacht hatte. Jezt war ſie frei!— und ſie zu lieben, ihr ſein Herz, ſein Leben und ſeinen Namen zu bieten, war ihm geſtattet. Sich die ſchönſte und bezauberndſte Frau, die er kannte, zu erobern, war Etwas, wozu er jezt volles Recht hatte. Warum alſo alle dieſe Entſagung, dieſe Furcht vor ihrer Macht, da ja eben die Leztere für ihn des Lebens höchſtes Glück einſchloß?. 138 Der Streit zwiſchen Vernunft und Einbildung war zu Ende, und wie Saint Sue vorausgeſagt, hatte eine andere Gewalt ſich der Herrſchaft über ſeine Seele bemächtigt. Wilhelm brachte den Tag eingeſchloſſen in ſei⸗ nem Zimmer zu, indem er eine Unpäßlichkeit vor⸗ ſchüzte, um ungeſtört zu ſein. Der dreißigjährige Kapitän, Kammerherr und Ritter war um dieſe Zeit ein nicht im Mindeſten klügerer Mann, als der zwanzigjährige Jüngling. Der Gedanke an eine Frau verſcheuchte den Ge⸗ danken an die Ehre. Vor ſeinem Wunſche, dieſe Frau zur Herrſcherin über ſich zu machen, mußten alle anderen Wünſche weichen. Das Menſchenherz iſt einer ewigen Ebbe und Fluth von Begierden unterworfen. Eſtelle's Brief glich einem Zauberſtabe, welcher in einem Nu Alles in Wilhelm veränderte, das Leben und deſſen ſämmtliche Verhältniſſe in ein ganz anderes Licht als zuvor ſtellte. Am Abend trat Wilhelms Kammerdiener mit einem Billet ein. Wilhelm ergriff es mit einer Be⸗ wegung, die viel zu ungeduldig war, um nicht er⸗ rathen zu laſſen, daß er ſchon auf den erſten Blick erkannte, von wem es herkam. Er riß den Umſchlag ab und las: „Ich begebe mich jetzt zu der Soirée des Ge⸗ ſandten, aber ich kann nicht recht faſſen, daß ich Sie dort vermiſſen muß. Morgen, Baron Stiernkrona, iſt ein Tag für die Reminiscenzen. Ich erwarte Sie gegen ein Uhr. „Leben Sie wohl bis dahin. Dieß wünſcht „Eſtelle d'Eſtrier.“ . 139 XVIII. Zu der obengenannten Stunde am folgenden Mit⸗ tag klingelte es an der Thüre des Vorzimmers der Gräfin von Eſtrier. Die ſchwarze Dienerin öffnete und ging, Baron Stjernkrona anzumelden. Eſtelle befand ſich in demſelben Kabinet, wo ſie Tags zuvor den. Marquis empfangen hatte. Das Zimmer hatte jedoch ſeitdem eine Veränderung er⸗ litten. 4 Ueber dem Sopha, auf welchem Eſtelle ſaß, hing jezt ein großes Portrait, welches am Tage zuvor nicht da geweſen war. Es ſtellte eine junge Frau vor, ganz weiß ge⸗ kleidet, mit einem Kranze weißer Blumen in dem dunkeln Haar. Das Angeſicht hatte einen ſo ge⸗ winnenden Ausdruck, daß man es nicht vergeſſen konnte, wenn man einmal dieſe jungfräulich holden und keuſchen Züge geſehen hatte. Eſtelle, welche unter dem Gemälde ihren Plaz hatte, ſchien nach Kleidung und Ausſehen das Gegenſtück davon zu bilden; ſie trug ein dunkles, ſeidenes Gewand. Das rabenſchwarze Haar war ohne Puder, und ihre Kleidung zeugte von der größten Einfachheit, das Angeſicht von dem tiefſten Ernſte, um nicht zu ſagen, von Strenge. Gleich⸗ wohl leuchtete dahinter alle die Unruhe hervor, wo⸗ von dieſes lebhafte und bewegliche Gemüth er⸗ griffen war. Als der Diener Wilhelm die Thüre öffnete, holte Eſtelle tief Athem und dachte: 140 „Jezt oder nie wird der Sieg mein werden!“ Wilhelm trat mit jener Haſt ein, welche von einer frohen Ungeduld Zeugniß gibt; aber bei dem Aſten Sehrit in das Kabinet blieb er ſtehen und rief: „Lucie!“ Sein Blick haftete unbeweglich auf dem Gemälde, welches über dem Sopha hing. Wilhelms freudeſtrahlendes Auge verdunkelte ſich; ein Zug unbeſchreiblichen Schmerzes ſpiegelte ſich in ſeinem Angeſicht, das todesbleich war, ab. Einige Sekunden lang betrachtete ihn Eſtelle, als ob ſie mit ihren großen ſchwarzen Augen in das Innerſte ſeiner Seele dringen und darin die Antwort auf die Frage ihres Herzens leſen wollte. Endlich erhob ſie ſich langſam, trat auf Wilhelm zu, deutete auf das Gemälde und ſagte mit einer gelinde zitternden Stimme: „Sie werden ſie treu lieben; Sie werden ſie nie vergeſſen? Sie werden niemals Ihr Herz an eine Andere hängen.“—„Man liebt nur einmal in ſeinem Leben, wenn man Lucie d'Outrouville liebt.“ —„Ha, mein Herr, es ſind jezt neun Jahre, ſeitdem Sie im Fieberwahnſinn dieſe Worte flüſterten; aber dieſe neun Jahre haben ſie mir nicht in Vergeſſen⸗ heit gebracht. Sie ſind hier eingebrannt.“— Eſtelle drückte ihre Hand auf die Bruſt.—„Und weder Zeit noch Ewigkeit vermögen ſie zu tilgen.“ „Eſtelle,“ ſagte er mit Wärme und Schmerz, indem er ihre Hand faßte,„warum das Andenken davon heraufrufen? Warum mit ſo vielen bittern Erinnerungen eine Stunde miſchen, welche—“ „Welche ich Ihnen als eine Gabe aus der Ver⸗ 141 gangenheit ſchenkte,“ fiel Eſtelle ein. Sie zog ihre Hand zurück und ſezte mit blizendem Auge hinzu: „ Dieſer Vergangenheit, an welcher ſo viele gräßliche Erinnerungen haften; dieſer Vergangen⸗ heit, wegen deren Sie in ſo großer Schuld ſtehen; einer Schuld, welche Sie entgelten müſſen, ſo wahr Gott dort oben gerecht iſt.“ Eſtelle deutete auf das Gemälde und fügte mit Anſtrengung hinzu: „Sie iſt es, von welcher Sie zuerſt zu ſprechen wünſchen; iſt es nicht ſo?“ „Ja, von ihr!“ antwortete Wilhelm, indem er wieder auf das Gemälde blickte und ausrief: „O Lucie, Du meiner Jugend ſchönſtes Traum⸗ bild, warum ſollte der Tod Dich hinwegraffen?“ „Darum, weil der Höchſte ihr den Schmerz er⸗ ſparen wollte, ein Spielball Ihrer Unbeſtändigkeit zu ſein,“ fiel Eſtelle ein. Sie legte ihre Hand auf Wilhelms Arm und ſezte hinzu: „Vor der Todten können Sie keine Rechenſchaft mehr ablegen, wohl aber vor der Lebenden. Sprechen Sie, was ſoll ich von Ihnen denken?“ „Daß ich einmal Lucie anbetete, und daß mir ihr Gedächtniß ewig theuer ſein wird,“ antwortete Wilhelm.„Sie war mein guter Genius zu jener Zeit, da jeder menſchliche Wunſch mich an Sie feſſelte. Wäre ſie nicht geweſen, Gott weiß, was aus meiner Ehre und meinem Frieden geworden ſein würde; denn ſie war es, welche mich dem Zauber entrückte, den meine zügelloſen und unbändigen Leidenſchaf⸗ ten ausübten. Sie lehrte mich, die Macht der Tugend zu verehren. Ihr Werk iſt es, Eſtelle, daß 142 ich, ohne Eines von uns beiden zu erniedrigen, hei⸗ lig und ernſt nach einer Trennung von neun Jahren ſagen kann: Eſtelle, ich liebe Dich! Heute begehre ich von Dir die Liebe, welche Du mir ein⸗ mal ſchenken wollteſt. Jezt bin ich deren würdig; aber ich wäre es nicht geweſen, wenn nicht Lucie mich von dem Abgrund errettet hätte, in welchen ich uns beide zu ſtuͤrzen nahe daran war.“ Wilhelm hatte ſich vor Eſtelle auf die Kniee ge⸗ worfen; ihre beiden⸗Hände in die ſeinigen ſchließend, ſah er in ihr ſchönes Angeſicht mit einem Blick empor, ſo warm und doch ſo tief ernſt, daß ſie in ſeinem Herzen zu leſen glaubte. Schon vor zehn Jahren hatte Eſtelle mit Fieber⸗ gluth im Blute und ihre Seele von der heißen Leidenſchaft ihres Stammes erfüllt, ſich dieſen Augen⸗ blick geträumt; aber ohne dieſen Traum ver⸗ wirklicht zu ſehen. Neun Jahre lang hatte ſie zu ſich ſelbſt geſagt: „Mein Leben für die Worte: ich liebe Dich!“ Jezt waren ſie ausgeſprochen worden. Jezt hatte ſein Auge mit ſeinem offenen und ehrlichen Blick dieſelben bekräftigt, und doch— war es nicht, wie Eſtelle ſich dieſe ſelige Stunde gedacht hatte. Es war ihr, als erbebe das Herz gleichzeitig von Wonne und Schmerz. Sie hätte den Herrn des Schickſals fragen mögen: „Iſt es das höchſte Maaß von Glüͤckſeligkeit oder Leid, was meine Bruſt erfüllt? Ich bin zu gleicher Zeit ſo glücklich und doch ſo unglücklich!? Ein leiſes Zittern fuhr durch ihre Glieder. Sie beugte ſich zu Wilhelm hernieder und flüſterte: 143 „Nun will ich ſterben— ich habe nichts mehr zu wünſchen oder zu hoffen!“ Eſtelle weinte.................. Als Wilhelm nach Verfluß von ein paar Stunden Eſtelle verließ, glich er mehr einem Träumenden, als einem Wachen. Man hätte ihn jezt fragen können: „Iſt das Weib nicht des Mannes Schickſal?“ XIX. Mag das Glück ſein Füllhorn ausſchütten, oder der Kummer die Summe ſeiner Qualen berechnen, ſo fliegt doch die beſchwingte Zeit davon, ohne einen Blick rückwärts zu werfen, ohne ſich um Freud oder Leid zu bekümmern. Sie läßt ſich in ihrem raſt⸗ loſen Laufe durch nichts aufhalten. Wochen vergingen ſchnell wie der Gedanke. Wo⸗ chen voll Seligkeit, voll indiſcher Gluth und nor⸗ diſcher Wonne. Eſtelle glich der Sonne ihres Vaterlandes, ſtrah⸗ lend wie dieſes: ein Meer von Feuer und Licht. Man konnte ſagen, daß Glück und Freude aus jeder Fiber ihres Angeſichtes hervorleuchtete. Die ganze Welt konnte dieſes in ihrem jetzt ſo liebenswürdigen und milden Weſen erkennen. Selbſt mit ihrer Art und Weiſe, ſich zu kleiden, war eine Veränderung vorgegangen. Man bemerkte nicht mehr darin jene Ueberladung von Juwelen und Schmuck, worauf ſie ſonſt ſo hohen Werth legte. 144 Sie war glücklich, denn ſie war geliebt. Wel⸗ ches anderen Schmuckes bedurfte ſie jetzt noch? Saint Sue hatte bereits den Tag nach der Er⸗ klärung zwiſchen Eſtelle und Wilhelm das Gepräge des Friedens, welches der Miene von beiden aufge⸗ drückt war, erkannt, aber der ſchlaue Franzoſe hütete ſich wohl, mit einem Worte ſeine Entdeckung zu er⸗ kennen zu geben. Eine andere Perſon, welche man auf Eſtelle's Wege fand, und welche mit großer Hartnäckigkeit alle ihre Bewegungen beobachtete, war Cellner. Er ſuchte Alles, was ſie betraf, auszuſpioniren⸗ Cellner hatte zu verſchiedenen Malen an Wilhelm einige Fragen in Bezug auf Eſtelle und ſeine frühere Bekanntſchaft mit ihr geſtellt, aber die wenig auf⸗ klärende Antwort erhalten, daß Wilhelm Frau von Eſtrier während ſeines Aufenthalts in Breſt kennen gelernt habe. Es war Cellner ganz unmöglich geweſen, etwas Weiteres in Bezug auf dieſe Bekanntſchaft zu er⸗ kunden. Zugleich ſah er ſehr wohl ein, daß es ein vergeblicher Verſuch wäre, ſich deshalb mit Fragen an Saint Sue zu wenden. Er mußte alſo auf eigene Fauſt darnach trachten, das auszuforſchen, was ihm ſo ſehr am Herzen lag. Wir laſſen unentſchieden, ob Cellner für Eſtelle ein wärmeres Intereſſe hegte. Wir wollen ſogar behaupten, daß er eines ſolchen nicht fähig war; aber Eſtelle war reich, gehörte der höheren Geſell⸗ ſchaft an, war bei Hofe und in allen den vornehm⸗ ſten Kreiſen empfangen. Mit einem Wort, ſie war eine Perſon, durch die man ſein Glück machen —— u àa— 145 und alle die Vortheile gewinnen konnte, welche Cellner noch abgingen. Deshalb reizte ſie ſeinen Eigennutz, und er beneidete Jeden, welchen ſie auszeichnete. Cellner ſah vollkommen ein, daß er weder an äußeren noch inneren Vorzügen mit Wilhelm ſich meſſen konnte, daß ein Wetteifer mit ihm oder mit Saint Sue nicht nur fruchtlos, ſondern auch lächer⸗ lich ſein würde. Auch hatte er ſeine Hoffnungen, ſowie die Verwirklichung der Plane, die er ſowohl in Bezug auf Eſtelle, als auf künftige Auszeichnungen hegte, auf ganz andere Grundlagen gebaut. Es wurde ihm nicht ſonderlich ſchwer, die Ver⸗ änderung, welche zwiſchen Eſtelle und Wilhelm vor ſich gegangen, wahrzunehmen, beſonders da der letz⸗ tere beſtändig, und wo ſie auch auftrat, an ihrer Seite war. Er hatte außerdem in Erfahrung ge⸗ bracht, daß Wilhelm täglich bei Frau von Eſtrier Beſuch machte. Eines Vormittags, als Eſtelle Wilhelm erwar⸗ tete, meldete der Bediente den Lieutenant Cellner. Eſtelle runzelte die Stirne und ſagte in unge⸗ duldigem Ton: „Ich kann ihn nicht annehmen.“ „Gnädige Frau, ich habe dem Herrn erklärt, daß Sie ihn wahrſcheinlich nicht annehmen würden; er aber antwortete, Madame würde es ſicherlich thun.“ „Er verrechnete ſich,“ erwiederte Eſtelle.„Welche Unverſchämtheit! Ich kenne den Menſchen kaum.“ Pierre ging, kehrte aber ſogleich wieder mit Cell⸗ ners Karte zurück, worauf geſchrieben ſtand: „Ein Auftrag von dem Vicomte von Outrouville Schwartz, Wilhelm Stiernkrona. II. 10 146 nöthigt mich, zudringlich zu ſein und um eine Unter⸗ redung von einigen Minuten zu bitten.“ „Laß den Lieutenant eintreten,“ befahl Eſtelle mit einer Stimme, welche deutlich zu erkennen gab, daß ſie mißvergnügt war. Nach einer halbſtündigen Unterredung entfernte ſich Cellner. Unter der Thüre des Vorzimmers be⸗ gegnete er Wilhelm, welcher ganz überraſcht war, ſeinen Kameraden hier zu treffen. Cellner ſeinerſeits war ſichtbarlich verlegen über dieſe Begegnung und äußerte wie entſchuldigend: „Du biſt verwundert darüber, mich hier zu fin⸗ den; aber ich habe einzig Frau von Eſtrier meine Aufwartung gemacht.“ Nachdem er dies geſagt hatte, eilte er die Treppe hinunter. Wilhelms Ausſehen war nachdenklich; als er aber die Hand auf das Schloß zu Eſtelle's Thüre gelegt hatte, entfloh jeder Schatten. Mit lächelndem Blich und wolkenloſer Miene trat er zu ihr ein. Er fand Eſtelle im Salon auf⸗ und abgehend. Sie war aufgeregt. Als ſie Wilhelms anſichtig wurde, eilte ſie ihm entgegen und ſagte: „Wie lang haſt Du auf Dich warten laſſen!“ Wilhelm küßte ihr die Hand und antwortete: „Iſt es mein längeres Ausbleiben, was Dich beunruhigt, Eſtelle, oder iſt es ſonſt Etwas, das dieſen Ausdruck von Sturm hervorgerufen hat?“ „Was es iſt?“ wiederholte Eſtelle und zog ihre Hand zurück.„Einmal, wenn ich viel, recht viel, Muth habe, werde ich dies erklären, vielleicht noch ehe Du gehſt; aber zuerſt habe ich ſo viel Kühte deh * 147 das beantwortet, ſo viel Unruhe, die beſchwichtigt werden muß.“ Sie ſetzte ſich auf einen Sopha und zog Wilhelm neben ſich nieder; dann fuhr ſie mit jenem wunder⸗ bar klaren Accent, welchen ſie in ihre Sprache zu legen wußte, fort: „Iſt der Lieutenant Cellner einer von Deinen intimeren Freunden?“ Eſtelle's Auge. weilte forſchend auf Wilhelm, wel⸗ cher bei⸗dieſer Frage ſtutzte. Sein Auge heftete ſich mit einem Ausdruck von Unruhe auf die ſchöne Frau, aber er antwortete ſogleich: „Er war mein Kamerad, ſchon als wir Kadetten waren, und von da an ſind wir Freunde geweſen. Aber warum dieſe Frage, meine Geliebte?“ „Der Menſch behagt mir nicht.“ „Dann iſt er wirklich beklagenswerth,“ ſagte Wil⸗ helm lächelnd.„Und doch hat er Dir heute ſeine Aufwartung gemacht,“ ſetzte er ſcherzhaft hinzu;„ge⸗ wiß, um der Schönheit ſeine Huldigung darzubringen.“ „Eben das verdrießt mich.“ Wieder flog eine Wolke über Wilhelms Stirne. „Iſt der Vicomte von Outrouville in Rußland?“ fragte er plötzlich. Es war zum erſten Male, daß er vor Eſtelle dieſes Namens erwähnte. „Ich vermuthe es,“ ſagte Eſtelle.„Doch ſchwei⸗ gen wir einſtweilen von dem Vicomte und dem Lieutenant,“ ſetzte ſie hinzu,„und laß mich aus der Tiefe meines Herzens zu Dir ſprechen.“ „Ja, Du haſt Recht; was gehen uns dieſe Men⸗ ſchen an. Es ſoll mir eine theure Stunde ſein, die Du mir nun ſchenkſt.“ 10* 148 Sie legte ihre Hand in die ſeinige und ſagte: „Nun wohl, ſo höre! Seitdem Gott mir die Gewißheit von Deiner Liebe ſchenkte, plagt mich ein und derſelbe Gedanke, welcher unaufhörlich wieder⸗ kehrt. Ich mag thun was ich will, ihn zu verban⸗ nen, immer beherrſcht er meine Seele. Wenn ich meine Augen ſchließen will, wenn ich die Sonne be⸗ grüße, wenn ich in feſtlicher Geſellſchaft oder in der Einſamkeit bin, immer und überall iſt er ebenſo unzertrennlich von meiner Seele, wie der Schatten vom Körper.“ 1.. Eſtelle faltete die Hände und drückte ſie heftig an ihre Bruſt, indem ſie mit Leidenſchaft hinzuſetzte: „Er gleicht einem dunkeln Schatten, welcher auf das nun lächelnde und ſonnenbeſchienene Gemälde meines Lebens geworfen wird.“ „Und was iſt das für ein Gedanke, meine Ge⸗ liebte?“ fragte Wilhelm. 1 Er glaubte ſie niemals ſo hinreißend wie in dieſem Augenblick geſehen zu haben. Der Schleier von Milde, Schüchternheit und Unruhe, welcher über dieſes ſonſt ſo kühne und dreiſte Angeſicht geworfen wurde, machte ſie ſchöner als je. Eſtelle erhob ſchnell den geſenkten Kopf und ſah zu Wilhelm mit den Worten empor: „Es iſt mir, als ob ich Deiner Liebe und meines gegenwärtigen Glücks nicht werth wäre.“ „Gibt es wohl ein Glück, noch ſo groß, eine Zärtlichkeit, noch ſo mächtig, um das Glück und die Liebe zu vergelten, welche Du mir ſchenkſt?“ fiel Wilhelm lebhaft ein und bedeckte Eſtelle's Hände mit Küſſen. ——,——o ——,—, 149 Sie lächelte ihn an. Ihr Lächeln glich einer Feuerflamme, die durch die Wolken von Wehmuth brach, welche ihr Angeſicht umhüllten. Langſam zog ſie ihre Hände zurück und ſagte mit einer Stimme, welche von tiefſter Gemüthsbewegung zeugte: „Aber wenn Du entdecken ſollteſt, daß ich nicht den Charakter habe, welchen Deine Phantaſie mir beilegt? Wenn ich Fehler hätte, die Du noch nicht bemerkſt, aber eines Tags entdecken würdeſt; mit einem Wort, wenn die Liebe zu Dir mein einziges wirkliches Verdienſt wäre?“ „Wohlan, wenn dem ſo wäre, Eſtelle, ſo weiß ich, daß nur große, ſtarke und reich ausgeſtattete Seelen ſo wie Du zu lieben vermögen. Welche Fehler Du habeſt, wie Dein Charakter beſchaffen ſei, daran habe ich niemals gedacht. Ich habe blos ge⸗ fühlt, daß es kein Herz mehr gibt, wie das Deinige, welches ſo lieben kann, wie Du.“ Wilhelm wollte wieder ihre Hände faſſen, aber Eſtelle zog ſie haſtig zurück und ſprach mit einer ge⸗ wiſſen Heftigkeit: „Denke ernſtlich darüber nach, ob es Etwas gibt, was eine ſolche Wirkung auf Dich ausüben könnte, daß Du aufhörteſt, mich zu lieben?“ „Nein, Eſtelle, ich werde Dich ewig lieben! Ich kann mir nicht die Möglichkeit vorſtellen, daß Du meiner Liebe, meiner Anbetung und Bewunderung unwerth wäreſt.“ In dem Augenblicke, da Wilhelm dieſe Worte ausſprach, flog ein leichter Schatten über ſein An⸗ geſicht, wie wenn eine peinliche Erinnerung ſich ihm aufdrängte. 150 „Deiner Liebe unwerth!“ wiederholte Eſtelle mit einem Tone bitteren Schmerzes;„das iſt ja eben der Gedanke, welcher mich quält!“ „Und warum, theure, geliebte Eſtelle? Deine hingebende, erhabene Seele macht Dich der Liebe eines Gottes werth. Du biſt dazu geſchaffen, ſelbſt den Abgrund der Hölle in einen Himmel von Glück⸗ ſeligkeit verwandeln zu können!“ „Das ſcheint Dir ſo; aber wenn—“ „Kein Wenn,“ fiel Wilhelm ein.„Du quälſt damit nur Dich ſelbſt und mich. Meine Seele hängt an Dir, ſo wie Du biſt, und ſollte ich auch eines Tags entdecken, daß Deine entzückende Außenſeite ein dämoniſches Innere verbärge, ſo hätteſt Du es mir gleichwohl unmöglich gemacht, eine Andere zu lieben, wenn ich auch Dich nicht mehr lieben ſollte.“ „Wilhelm!“ rief Eſtelle und ſprang auf,„Du kannſt Dir alſo die Möglichkeit denken, daß Du auf⸗ hörteſt, mich zu lieben?“ G. „Immer Feuer und Flammen!“ ſagte Wilhelm lächelnd.„Ich ſetzte das Unmögliche voraus, näm⸗ lich, daß ein Engel ſich in einen Teufel verwandeln könnte.“ „Du weißt nicht, was Liebe iſt, wenn Du ſo reden kannſt. Nein, Dein Herz hat niemals em⸗ pfunden, was ich fühle. Wenn Du Dich aus einem Gott in ſein Gegentheil verwandelteſt, würde ich Dich dennoch lieben. Wenn die ganze Welt Dich haßte, Dich verachtete und verſtöße, würde ich dennoch ſtolz darauf ſein, Deine Erniedrigung zu theilen. Meine Liebe hat einmal Dir gehört, und wäreſt Du auch ein von Verbrechen befleckter Böſewicht, ich könnte —-ͤ— — 151 mich nicht von Dir losreißen. Ich liebe Dich, Gott hat es ſo gewollt. Ob das zu meinem Wohl oder Wehe dient, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß es bis in meinen Tod ſo bleiben, und noch über das Grab hinüber in die Ewigkeit Dir meine Liebe fol⸗ gen wird.“ Eſtelle war vor Wilhelm auf die Knie geſunken und fuhr mit Begeiſterung fort: „So liebe ich Dich. Meine Abgötterei für Dich bewirkt, daß ich die Mutter Gottes zu ſein wünſchte, um Deine Anbetung zu verdienen, und doch verlange ich, daß weder Fehler noch Mängel im Stande ſein ſollen, mir Deine Zärtlichkeit zu rauben. Wilhelm, wenn Du mich verſtanden haſt, dann dürfen weder Zeit noch Ereigniſſe einen Einfluß auf Dich ausüben. Sage mir darum— ich bitte Dich, ich flehe Dich darum an— daß Deine Liebe ſo ſtark wie die meinige iſt.“ „Sie iſt ſtärker,“ antwortete Wilhelm und hob Eſtelle auf, indem er ſeine Lippen auf ihre Stirne drückte,„denn ſie iſt—“ „Der Marquis Saint Sue wünſcht der gnädigen Frau aufzuwarten!“ lautete Pierre's Stimme an der Thüre. Eſtelle wandte ſich heftig um und wollte eben erklären, daß ſie ihn nicht empfangen könne; aber anſtatt des Negers ſchwarzer Phyſiognomie lächelte ihr Saint Sue's Angeſicht entgegen. „Vergeben Sie mir, Madame, wenn ich ſtöre, aber der Grund iſt der, daß ich Ihnen meine Auf⸗ wartung zu machen wünſchte und zugleich unſerem ge⸗ meinſchaftlichen Freunde Stjernkrona eine erfreuliche 152 Botſchaft bringen wollte. Ich komme direkt von Sr. Majeſtät dem König.“ Saint Sue führte Eſtelle's Hand unterthänig an ſeine Lippen. Er las nur allzu deutlich in ihrer Miene, daß ſie höchlich erzürnt war, und verdoppelte deshalb ſeine Artigkeit. „Bei Ihnen, Marquis, muß man Vieles ent⸗ ſchuldigen, was man Anderen nicht vergeben würde,“ antwortete Eſtelle, bemüht, ihren Verdruß über die verurſachte Störung zu verbergen. d. Sie nahm wieder ihren Platz auf dem Sopha und ſetzte mit einer gewiſſen Ironie hinzu: „Nun laſſen Sie die frohe Botſchaft hören, welche Sie zu melden haben. Ich weiß ſchon voraus, daß ſie angenehmer Natur ſein wird. Sie pflegen mich immer mit dergleichen zu überraſchen. Ihre Unge⸗ duld ſagt mir, daß Sie mir große Freude machen werden.“ „Dies, Madame, beweist, daß Sie mich vollkom⸗ men richtig beurtheilen. Ich ändere, wie Sie wiſſen, niemals meine Gewohnheiten,“ ſagte der Marquis lachend.„Daß ich Sie ebenſo richtig beurtheile, davon will ich Ihnen gleich eine Probe geben. Es iſt doch wahr, Madame, daß diejenigen, welche ſich ſchmeicheln dürfen, Ihre Freunde zu ſein, darauf rechnen können, ſich durch großes Intereſſe von Ihnen ausgezeichnet zu ſehen?“ „Ich habe keine Freunde, Marquis,“ entgegnete Eſtelle beſtimmt und entſchieden. „Nicht! Und der Baron hier?“ 153 „Er kann ein ſo vollkommenes Nichts wie ein Freund für meine Seele weder ſein noch werden.“ „Ich beklage ihn, vermuthe aber dennoch, daß das, was ihn angeht, Ihre Theilnahme erweckt, und darum—“ „Sind Sie hieher gekommen?“ „Allerdings,“ erwiederte der Marquis mit einer Verbeugung. „Ich danke Ihnen, Marquis, und werde Ihre Artigkeit nicht vergeſſen.“ „Welche Gunſt, Madame, meiner gedenken zu wollen!“ Saint Sue wandte ſich jezt zu Wilhelm. „Aber, mein Lieber, Sie ſchweigen, als ob die Sache Sie gar nicht berührte! Sind Sie nicht neugierig?“ „Nein, Marquis. Ueber Alles, was ich zu wiſſen wünſchte, habe ich nun Gewißheit,“ antwor⸗ tete Wilhelm mit einem bedeutungsvollen Lächeln. „Alles Andere iſt mir gleichgültig.“ „Selbſt die Vaterlandsliebe, der Ausgang des Kriegs und Ihr eigener Ehrgeiz?“ „Den Ehrgeiz opfere ich gern für das Glück; aber weder Glück noch Ehre können mich meine Pflichten gegen das Vaterland vergeſſen machen. Das wiſſen Sie nur allzu wohl, Marquis.“ „Das freut mich zu vernehmen, beſonders da Se. Majeſtät der König Sie zum Ueberbringer ſei⸗ ner Befehle bezüglich der Ausrüſtung der Flotte auserſehen hat. Schon in einigen Tagen werden Sie alſo nach Carlskrona abreiſen müſſen. Sie werden demnach auf einmal wieder in die Wirkſam⸗ 154 keit verſezt, welche Ihnen ſo werth iſt, und welche Sie eine Zeit lang vermißten. Es iſt ſomit eine frohe Botſchaft, welche ich Ihnen überbringe, nicht wahr?“ Eſtelle ſaß eine Weile ſtumm und unbeweglich da. Wilhelm hatte gleichfalls ſchweigend den Mar⸗ quis angehört. Wenn die Nachricht eine erfreuliche war, ſo gab ſich dieſes wenigſtens nicht auf Wil⸗ helms Angeſicht kund. Vielmehr ſah er ganz ſo aus, als hätte er eine Hiobspoſt empfangen. End⸗ lich ſagte er, um das entſtandene Stillſchweigen zu unterbrechen: „Es wundert mich, daß der Herzog mir nicht ein Wort davon geſagt hat.“ „Der Herzog!“ wiederholte Saint Sue.„Wie hätte er Ihnen Etwas ſagen können, da der König erſt heute beſchloſſen hat, daß Sie reiſen ſollen. Se. Majeſtät iſt Ihnen ſehr gewogen, lieber Baron.“ Wilhelm verbeugte ſich ſtumm. Eſtelle fiel ein: „Sie haben uns wirklich eine im höchſten Grade angenehme Mittheilung gemacht.“ Ihre ſchwarzen Augen hefteten ſich mit einem finſtern Ausdruck auf Saint Sue. Dann erhob ſie ſich, warf einen Blick auf die Uhr und rief: „Ach, was ſehe ich, die Zeit zur Promenade iſt bereits da, und ich habe der Frau des franzöſiſchen Geſandten verſprochen, mit ihr auszufahren.“ Saint Sue und Stjernkrona nahmen ſchnell Ab- ſchied. Als Wilhelm ihr die Hand küßte, ſagte Eſtelle mit etwas unſicherer Stimme: „Sie werden alſo abreiſen?“ „Ja, ich bin wiederum genöthigt, mein Glück 155 der Pflicht zu opfern; aber wohin dieſelbe auch mich zu gehen zwingt, ſo wird doch ein Bild, eine Erinnerung, ein Gefühl mir folgen und meine Seele mit Sehnſucht nach dem erfüllen, was ich hier zurück⸗ laſſe,“ antwortete Wilhelm. Eſtelle lächelte ſchmerzlich. Ahnte ſie vielleicht in dieſem Augenblick alle die bittern Leiden, welche kommen ſollten? War es ein dunkles Vorgefühl, daß das Schickſal den Gang der Ereigniſſe umge⸗ ſtalten würde, daß alle ihre ſchönen Hoffnungen da⸗ mit zerſplittert würden? Wir können die Frage nicht beantworten. Was wir wiſſen iſt, daß Eſtelle ſich von einer ſchrecklichen Angſt ergriffen fühlte, als ſie den letzten warmen und liebevollen Blick aus Wilhelms klaren, tiefblauen Augen auffing. XX. Als Saint Sue und Wilhelm ſich auf der Straße befanden, bemerkte der Erſtere: „Heute iſt es gerade ein Monat, mein Lieber, daß Sie Frau von Eſtrier wiederſahen.„Geſtehen Sie, daß Sie weit gekommen ſind auf— „Auf dem Pfade des Glücks,“ fiel Wilhelm ein. „Ja, Marquis, das geſtehe ich. Es gibt wohl wenige, welche gl mir ſagen können: ich würde meine Glückſeligkeit nicht gegen ein ganzes König⸗ reich und gegen alle Ehren der Welt vertauſchen.“ „Sie würden alſo Eſtelle nicht gegen Lucie ver⸗ tauſchen: 27 „Welche ſeltſame Frage, Marquis.“ 156 „Sie iſt ſo gut, wie irgend eine andere. Sie haben alſo Ihre ewige Liebe zu Fräulein d'Outrou⸗ ville vergeſſen?“ „Vergeſſen? Nein! wenn Lucie noch am Leben wäre, würde mein Herz ſich niemals einer Andern zugewendet haben. Lucie iſt eine Heilige, vor wel⸗ cher ich in meinen Gedanken das Knie beuge; aber das Herz, welches ſie anbetete, kann nicht ewig eine Erinnerung lieben.“ „Wenn ſie noch am Leben wäre!“ ſagte Saint Sue mit Nachdruck;„halten Sie es denn für ſo gewiß, daß ſie todt ſei? Ich für meinen Theil habe mich niemals mit dieſem Gedanken befreunden kön⸗ nen. Ich erwarte gewiſſermaßen, ſie noch einmal auftreten zu ſehen.“ Der Marquis ſchwieg. Wilhelm war ſtehen ge⸗ blieben. Er ſchaute Saint Sue beſtürzt an. „Was ſagen Sie? Lucie wäre nicht todt?“ „Das behaupte ich nicht; aber eine auf ſo ge⸗ heimnißvolle Weiſe verſchwundene Perſon kann ebenſo leicht noch leben, als todt ſein. Ich ſetze immer das Gegentheil von dem voraus, was Andere für aus⸗ gemacht annehmen. Ich brauche dann von dem, was eintrifft, nicht überraſcht zu werden.“ „Der Vicomte von Outrouville ſagte doch,“ fiel Wilhelm ein,„daß—“ „Seine Schweſter todt ſei. Wahr! Aber der gute Vicomte ſprach nur ſeine Ueberzeugung aus, was mich nicht hindert, eine entgegengeſetzte zu ha⸗ ben, doch laſſen Sie uns nicht mehr davon reden! Der Gedanke an Lucie tauchte unwillkürlich vor mir auf, als ich fand, daß Sie ſich über ihren Verluſt 157 getröſtet hatten. Sie ſind, mein Lieber, tapfer und unbeſtändig, ganz wie ein Franzoſe.“ „Iſt das erſte Compliment ſo wenig verdient, als das lezte, ſo—“ „Brauchen Sie nicht ſonderlich dankbar zu ſein,“ meinte Saint Sue.„Nun, lieber Baron, Sie haben ſich alſo in allem Ernſt entſchloſſen, Sturmkalle's kleinen gelben Abkömmling zum Steuermann auf Ihres Lebens Schifflein zu nehmen? Hüten Sie ſich; ſie wird Sturm heraufbeſchwören! Ich habe nun zwei ganze Wochen darauf gewartet, daß Sie mir von dieſem Umſchwung Ihres Schickſals Mitthei⸗ lung machen würden; Sie haben aber ſtillgeſchwie⸗ gen. Doch, ich bin ja, Gottlob! nicht Ihr Beicht⸗ vater.“ „Saint Sue,“ ſagte Wilhelm,„laſſen Sie auf einen Augenblick Ihren Scherz bei Seite und hören Sie mich an, ohne über das, was ich ſage, zu ſpotten.“ 4 „Ich ſpotte niemals, mein Lieber, aber ich ver⸗ abſcheue den geſpreizten Ernſt in Worten und Mie⸗ nen; denn je weniger man von dieſer Waare an Bord hat, deſto feierlicher ſieht man aus. Darum, lieber Baron, welche Miene ich auch annehme, oder welches Gepräge ich auch meinen Worten gebe, ſo können Sie doch verſichert ſein, daß ich mit wirk⸗ licher Theilnahme Sie anhöre, jedoch mit dem Vor⸗ behalt, daß ich den Erguß Ihres Vertrauens nicht hier unter freiem Himmel, wo die Vorübergehenden auf uns blicken, in Empfang zu nehmen brauche. Wollen Sie nicht mit mir herauf kommen?“ 158 Wilhelm war es zufrieden. Einige Augenblicke hernach trat der letztere in die Wohnung des Marquis. „Sie diniren bei mir,“ ſagte Saint Sue und gab ſeinem Diener einige Befehle. Nachdem dieß geſchehen war, nahmen ſie, jeder in einer Sophaecke, Platz, und Wilhelm begann: „Schon ſeit einigen Tagen wünſchte ich Ihnen ein Entdeckung über das, was vorgefallen iſt, zu geben.“ „Ich danke Ihnen für Ihre gute Abſicht, lieber Baron,“ ſagte Saint Sue und reichte Wilhelm die Hand.„Aber bevor Sie Etwas in Bezug auf das Geſchehene ſagen, geſtatten Sie mir einige Worte darüber. Vielleicht haben Sie dann nicht ſo viel mehr hinzuzuſetzen.“ Saint Sue legte ſeine Hand auf Wilhelms Schul⸗ ter und fuhr fort: 6 „Es ſind ſieben Jahre, ſeitdem Sie beim Ab⸗ ſchied von mir äußerten:„Ich kehre jezt in mein Vaterland zurück, viel ärmer, als ich es verlaſſen habe; denn das Andenken an Lucie wird mich gleich⸗ gültig gegen all das Glück machen, welches die Liebe zu bieten hat.“. „Marquis, ich ſprach damals eine Wahrheit aus, obwohl Sie nicht daran glaubten.“ „Die Wahrheit iſt oft ſehr problematiſch,“ ent⸗ gegnete Saint Sue und lehnte ſich in die Sopha⸗ ecke zurück.“ Sie waren überdieß noch allzu jung, um zum Voraus über Ihre Gefühle für die Zukunft beſtimmen zu können. Der Mann, welcher unwider⸗ ruflich ſein Herz verloren hat, ſchweigt darüber. Er fühlt ſeinen Verluſt; das iſt genug. Er hat kein 4 159 Bedürfniß, ihn einem Andern anzuvertrauen. In Ihren eigenen Worten liegt ſomit ein Proteſt gegen deren Bedeutung.— Sie haben das Vaterland ver⸗ laſſen, um ſich in den Strom der Ereigniſſe zu wer⸗ fen. Mit einem brennenden Durſt nach lauter großen, ungewöhnlichen und romantiſchen Begebenheiten ver⸗ einigten Sie eine vollkommene Unerfahrenheit. Sie bildeten ſich ein, Sie ſeien Herr über Ihr Schickſal, und Ihr Charakter habe einzig und allein darüber zu beſtimmen. Das Schickſal, der Zufall oder die Vorſehung, wie es Ihnen beliebt, lächelte zu dieſem Ihrem Selbſtvertrauen und warf Ihnen gleich beim Beginn Ihrer Laufbahn zwei Frauen in den Weg, welche in Ihr Schickſal eingreifen ſollten. Das Romantiſche bei der einen, das Südländiſche und Originelle bei der andern nahm Sie ein, bezauberte Sie. Sie waren zwanzig Jahre alt und liebten beide. Sie gaben ſich allerdings keine Rechenſchaft darüber, das iſt wahr; aber ebenſo wahr iſt es, daß Ihr Herz einer doppelten Liebe Raum gab. Eſtelle mit ihrem energiſchen Charakter, ihrem kecken Weſen und ihrer ſcheinbaren Gluth beherrſchte und feſſelte Sie. Sie gaben ſich dem Rauſche hin, ohne jedoch ihre Gedanken von Lucie als einem Geſchöpfe höherer und edlerer Offenbarung losreißen zu können. Sie bemächtigte ſich der beſſern Gefühle Ihres Her⸗ zens— während Ihre Sinne ſammt Ihrer Phan⸗ taſie Eſtelle angehörten. Die beiden Frauen reprä⸗ ſentirten, wenn Sie ſo wollen, zwei verſchiedene Charaktere der Liebe: Eſtelle den der Leidenſchaft und Verſuchung, Sie mit allen jenen berauſchenden Freuden lockend, hinter welchen ſo viel Erniedrigung, 2 160 Reue und manchmal Verbrechen ſich bergen; Lucie hingegen das Bild der reinen, heiligen, tiefen und ernſten Zärtlichkeit, welche von einem höhern Ur⸗ ſprung als unſern niedrigen, irdiſchen Begierden ausgeht. Sie gewann allerdings den erſten Sieg über Ihr junges, unerfahrnes Herz, aber dieſer Sieg war ſehr unvollſtändig. Ihr Herz betete Lucie an und vergötterte ſie; aber Ihre Phantaſie und Ihr menſchliches Ich vermochte ſich von der Verſuche⸗ rin nicht loszureißen. Wäre Eſtelle damals, wie jezt, frei geweſen, der Sieg wäre ihr, nicht Lucie geblieben. Das Schauerliche und Geheimnißvolle in Luciens Verſchwinden gleich nach Ihrer erſten Er⸗ klärung erfüllte Ihre Seele mit unermeßlicher Sehn⸗ ſucht und ſtellte ſie in ein wo möglich ſchöneres und poetiſcher anziehendes Licht als zuvor. Denn Küm⸗ merniß blieb ein ſchwacher Schild gegen Eſtelle's Macht. Aber auch er würde alle ſchützende Kraft verloren haben, wenn nicht das Schickſal es ſo ge⸗ fügt hätte, daß Sie wieder in die Kriegshändel ge⸗ worfen und ſomit von ihr getrennt wurden, wäh⸗ rend das Andenken an Lucie noch ungeſchwächt vor Ihrer Seele ſtand. Sie glaubten Lucie ſo tief und innig geliebt zu haben, daß ſie von keiner Andern verdrängt werden könnte.— Sie täuſchten ſich, mein Lieber. Es war ebenſo ſehr die Erinnerung an Eſtelle, wie das Andenken an Lucie, was dieſen Kaltſinn nährte. Sie hatten ſich, als Sie Frank⸗ reich verließen, mit Ihrem Herzen noch an keine von beiden angeſchloſſen. Sie wußten nicht, was Lieben heißen wollte. Mit dem Enthuſiasmus der Jugend hatten Sie ſich dem erſten Eindruck, den die Frauen 161 auf Sie machten, hingegeben. Der Zufall ſollte ent⸗ ſcheiden, welcher von beiden Sie Ihre Zuneigung ſchenken würden.— Diejenige, welche Ihnen zuerſt wieder in den Weg kam, ſollten Sie lieben, und zwar für Ihr ganzes Leben.— Eine höhere Macht hatte beſchloſſen, daß Eſtelle es ſei. Und wenn man jezt Lucie aus dem Todtenreiche zurückrufen könnte, Sie würden für dieſelbe jezt Nichts als das Anden⸗ ken an das, was Sie geweſen, haben, denn Sie lieben Eſtelle.“ Wilhelm hatte, während er dem Marquis zu⸗ hörte, die Stirne auf die Hand geſtüzt. Als dieſer ſchwieg, erhob er den geſenkten Kopf und ſagte: „Sie haben Recht, Saint Sue. Ich liebe Eſtelle nicht nur, ich bete ſie an. Und wenn ich auch wollte, ich wäre nicht im Stande, die Bande zu zerreißen, welche mich an ſie feſſeln. Es iſt, als ob ihr Bild nicht einmal dem Gedanken geſtattete, zu der Ver⸗ gangenheit ſich zurückzuwenden.“ „Mein Lieber, dann ſind alle weitern Erklärun⸗ gen überflüſſig. Sie haben Ihren Frieden und Ihre Zukunft in deren Gewalt gegeben. Sie müſſen Abſchied von beiden nehmen.— Sie iſt eine von jenen Frauen, welche Bewohner für das Irrenhaus ſchaffen. Sie ſind nicht mehr zu retten. Ueber dieſe Sache iſt alſo nichts mehr zu ſagen.“ Saint Sue begann auch von andern Dingen zu ſprechen. Er war ſo unterhaltend und angenehm in ſeiner Art und Weiſe, daß Wilhelm die Zeit, die er von Eſtelle getrennt war, unmöglich auf eine behaglichere Weiſe hätte zubringen können. Am Nachmittag trennten ſie ſich. Wilhelm kehrte Schwartz, Wilhelm Stiernkrona. II. 11 162 nach Hauſe zurück, um Toilette für ein Souper bei dem Grafen M. zu machen, wo er gewiß war, Eſtelle zu treffen. XXI. Alle Gedanken ſorglicher Beſchaffenheit waren aus Wilhelms Seele verbannt, als er ſeine Wohnung betrat. „Zwei Briefe, welche angekommen ſind, liegen auf dem Schreibtiſche des Herrn Baron,“ meldete der Bediente, als er Stjernkrona den Ueberrock ab⸗ nahm. Wilhelm ging in ſein Arbeitszimmer. Er warf einen gleichgültigen Blick auf die Briefe. Die Ueber⸗ ſchrift des einen fiel ihm auf. Er erbrach ihn mit einer Miene der Neugierde und des Mißvergnügens, während er bei ſich ſagte: „Das iſt dieſelbe Handſchrift, von welcher ich geſtern das anonyme Billet erhielt.“ Er ſchlug den Brief aus einander. Der Inhalt war nicht ſehr lang. Er lautete: „Wenn Sie die Frau kennen wollen, der Sie auf Treu und Glauben Ihre Liebe ſchenken, ſo laſſen Sie ſich von ihr erklären, in welchem Verhältniß ſie zu dem Vicomte von Outrouville ſteht.“ „Sonderbar!“ dachte Wilhelm und betrachtete das Briefchen von allen Seiten.„Derſelbe Inhalt, wie in dem geſtrigen Geſchreibſel. Was ſoll das bedeuten? Wer hat es gewagt, mit dieſer geheim⸗ nißvollen und eben darum ſo niedrigen Anſpielung aufzutreten?“ 163 Wilhelm verſank in Nachſinnen. Er ſuchte zu errathen, welche Intrigue das Billet eigentlich ver⸗ barg. Jede Anklage gegen Eſtelle war natürlich falſch und ungerecht, davon hielt ſich Wilhelm feſt und vollkommen überzeugt. Nicht die Idee eines Zweifels ſtieg in ſeiner Seele auf. Nachdem er lange und unbeweglich da geſeſſen war, ſtreckte er die Hand aus und ergriff den an⸗ dern Brief. Die Ueberſchrift zeugte von einer der Feder ungewohnten Hand und trug alle Spuren, daß er von einer Perſon herrührte, die in ihrer geiſtigen Ausbildung ziemlich zurückgeblieben ſein mußte. „Vermuthlich ein Bettelbrief,“ dachte Wilhelm und erbrach denſelben. Der Brief war franzöſiſch geſchrieben. Schon während er die erſten Zeilen las, wich alle Farbe von Wilhelms Wangen zurück. Auf ſeiner Stirn lagerte ſich eine tödtliche Bläſſe. Als er bis zur Hälfte des Briefes gekommen, war ſeine Bewegung ſo heftig, daß die Hand zitterte, welche das Papier hielt. Die Schrift war mit dem Namen Nigama un⸗ terzeichnet. Was war wohl der Inhalt, welcher auf den ſtarken Mann eine ſolche Wirkung hervorbrachte? Es wäre allzu weitläufig, die ganze Epiſtel wie⸗ derzugeben. Der eigentliche Inhalt läßt ſich in Folgendem zuſammenfaſſen: „Frau von Eſtrier hatte nicht allein ihren Mann, ſondern auch Lucie aus dem Wege geſchafft; die leztere aus Eiferſucht darüber, daß Eſtelle ihre Zu⸗ ſammenkunft mit Wilhelm im japaneſüſche Tempel 164 4 ausſpionirt hatte und Zeuge davon geweſen war;— ihren Mann deßhalb, weil er ein Hinderniß für die Befriedigung der Liebe war, welche ſie für Wilhelm empfand.“ Dieſe Anklagen waren mit all jener Kenntniß der Details geſchrieben, wie ſie nur einem Augen⸗ zeugen des Geſchehenen eigen ſein kann. Es war ihnen ein Siegel der Wahrheit aufgedrückt, das auf Wilhelm einen beinahe verzweifelten Eindruck her⸗ vorbrachte.. Nigama ſchloß ihren Brief damit, daß ſie auf Wilhelms Verlangen bereit wäre, das was ſie ge⸗ ſchrieben, vor ihrer Gebieterin zu wiederholen. Sie fügte bei, die einzige ihrem Verbrechen entſprechende Strafe für Luciens Mörderin ſei die, daß ſie die Liebe des Mannes verlöre, für welchen ſie daſſelbe begangen habe. Stundenlang wanderte Wilhelm im Zimmer auf und ab, ein Raub des bitterſten innern Kampfes. Seine Liebe verwarf jeden Gedanken an Eſtelle's Schuld; aber die eiskalte Vernunft brachte wieder ſo Vieles vor, was ihr Wahrſcheinlichkeit verlieh. Eſtelle's Aeußerungen gegen ihn am Vormittag; ihre heftige Unruhe darüber, daß ſie ſeiner Liebe nicht werth ſei; ihr Wunſch, ſich davon zu über⸗ zeugen, daß er unter allen Verhältniſſen ſie lieben würde,— Alles ſchien Nigama's Anklage zu be⸗ ſtärken und gab derſelben einen äußerlichen Schein von Wahrheit. Es kam Wilhelm vor, als ob eine ganze Hölle von Zweifeln in ſeinem Innern losgelaſſen wäre. Zulezt, als ihm dieß unerträglich wurde, beſchloß 165 er, ſo ſpät es auch war, ſich zu dem Souper des Grafen M. zu begeben, um dort mit Eſtelle zu⸗ ſammenzutreffen. Er kleidete ſich alſo an und fuhr zu dem Grafen M. Als er in die reichbeleuchteten Räume trat, fiel Jedermann ſeine ungewöhnliche Bläſſe und die Wolke von Düſterheit auf, welche trotz aller ſeiner Be⸗ mühungen noch immer auf ſeiner Stirne weilte. In einem der großen Nebenzimmer ſaß Eſtelle und unterhielt ſich ganz heiter mit Saint Sue und ein paar andern Franzoſen. Sie bemerkte Wilhelm bei ſeinem Eintritt nicht, und er zog ſich ſchweigend in eine Fenſtervertiefung zurück, um ſie ganz unbemerkt betrachten zu können. Während ſein Auge auf Eſtelle weilte, ſtellte er die Frage an ſich ſelbſt: „Kann wirklich dieſe Stirne, ſo klar und wolkenlos, eine ſo finſtere und gräßliche Erinnerung wie an einen begangenen Doppelmord bergen? Unmöglich! Könnte wirklich dieſes ſtrahlende Auge ſo furchtlos andern begegnen, wenn ihre Seele von Gewiſſens⸗ qual niedergedrückt wäre? Nein! und tauſend Mal Nein! Sie war unſchuldig, ſie mußte es ſein!“ Und dennoch erhoben ſich jezt vor Wilhelms Erinnerung alle die Ausfälle Saint Sue's, alle die ſpottenden und warnenden Aeußerungen und alle die Hinweiſungen darauf, daß es ihr an Herz gebrach. Eſtelle ſelbſt ſchien Wilhelm laut zuzurufen: „Ich bin unſchuldig!“ Aber Alles, was geſchehen war, ſchien wider ſie den Urtheilsſpruch: ſchuldig zu fällen. 166 Wilhelm fühlte ſich noch unglücklicher, als bevor er zu dem Grafen M. gefahren war. Er gehörte jedoch nicht zu denjenigen, welche ſich unbedingt der Unge⸗ wißheit und dem Zweifel überlaſſen, ohne daß ſie verſuchen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Er mußte ſich um jeden Preis Gewißheit verſchaffen. Er verließ alſo ſeinen Verſteck und ging gerade auf Frau von Eſtrier zu, welche bei ſeinem Anblick ihm entgegenlächelte. Das warme Lächeln verſchwand jedoch augenblicklich, als ſie ſein bleiches, verändertes Ausſehen entdeckte. „Was fehlt Ihnen, Herr Baron?“ fragte ſie, ihn unruhig anblickend.„Sie ſehen krank aus.“ „Ach, ich bitte, kehren Sie ſich nicht an mein Ausſehen, Madame,“ antwortete Wilhelm und ſetzte ſich auf einen Stuhl neben ihr nieder.„Die Wolke auf meiner Stirne wird ganz gewiß verſchwinden, ſobald Sie mir einen freundlichen Blick ſchenken.“ „Können Sie ſich wirklich darüber wundern, Madame,“ fiel Saint Sue ein,„daß des Barons Seele in eitel Finſterniß gehüllt iſt? Beſinnen Sie ſich, daß er in ein paar Tagen Stockholm verlaſſen wird.“ Bei ſich ſelbſt aber dachte Saint Sue: „Welcher Vorfall hat dieſe Düſterheit in Stjern⸗ krona's Ausſehen hervorgebracht? Es iſt Etwas ge⸗ ſchehen, das auf ſehr heftige Weiſe in die Saiten ſeiner Seele eingegriffen hat. Ich muß Achtung auf ihn geben.“ Saint Sue ſprach noch eine Weile mit Eſtelle; —— dann zog er ſich zurück. Die beiden Franzoſen, welche er in das Geſpräch gezogen hatte, folgten ihm. 167 „Wilhelm,“ ſagte Eſtelle mit leiſer, unruhiger Stimme, als die Andern ſich entfernt hatten,„ſeien Sie aufrichtig. Sind Sie krank oder hat irgend etwas Unangenehmes Sie betroffen?“ „Alles iſt noch ſo wie heute, da ich Dich ver⸗ ließ; nur in meinem Innern iſt eine Veränderung vorgegangen,“ antwortete Wilhelm und ſah ſie mit einem Ausdruck unermeßlichen Kummers und unbe⸗ gränzter Hingebung an. „Iſt Dein Inneres verändert,“ flüſterte Eſtelle? „Ja! Das Himmelreich, das ſich dort fand, iſt zu einem Abgrund der Hölle geworden,“ antwortete Wilhelm, indem er ſich mit der Hand über die Stirne fuhr, und ſezte dann in kurzem, kaltem Ton hinzu: „Eſtelle, an welcher Krankheit iſt Dein Mann geſtorben?“ Eſtelle ſah ihn an. Ihr Blick zeugte von Ver⸗ wunderung, aber keine Spur von FJurcht oder Schrecken war darin zu leſen; nicht die leiſeſte Angſt, als hätte er einen gefährlichen Gegenſtand berührt, kam in ihrer Miene zum Vorſchein, ſondern nur ein Ausdruck des Erſtaunens. Sie antwortete ganz ruhig: 3 „Man ſagte, daß er vom Schlag gerührt wor⸗ den. Aber wozu dieſe ſeltſame Frage, mein Ge⸗ liebter?“ Obwohl das Zimmer von Leuten erfüllt war, ſoſie Wilhelm doch Eſtelle's Hand und ſtammelte ewegt: „„Dank Dir, Eſtelle! Deine Ruhe und Zuverſicht haben mir Alles geſagt, was ich zu wiſſen wünſchte. Morgen ſollſt Du eine Erklärung haben.“ 168 Damit erhob er ſich und verließ ſie. Eſtelle ſchaute ihm mit einer Miene nach, als ob ſie fürchtete, er wäre nicht recht bei Sinnen. Saint Sue trat auf Wilhelm zu, und Eſtelle ſah ſie geraume Zeit mit einander ſprechen; hernach verſchwand Wilhelm und ließ ſich den Reſt des Abends nicht mehr ſehen. XXII. „Morgen werde ich mich erklären,“ hatte Wil⸗ helm geſagt. Wir armen Menſchenkinder, die wir kaum Herr über mehr als eine Stunde ſind, in welcher wir leben, ſollten niemals Etwas auf die nächſte Stunde aufſchieben, denn wir wiſſen nicht, was dieſelbe mit ſich bringen kann. Dieſe Wahrheit ſollte auch Wil⸗ helm erfahren. ½ Bei der Heimkehr von dem Grafen M., bei dem er ſich nur kurze Zeit aufgehalten hatte, traf ihn ein königlicher Befehl, ſogleich nach Carlskrona mit einer Ordre für den Befehlshaber der Flotte daſelbſt abzureiſen. Wilhelm mußte alſo bei Sonnenaufgang am nächſten Tag längſt ſchon unterwegs ſein. Er mußte reiſen, ohne Eſtelle wieder zu ſehen, ohne ihr nur ein Wort zum Abſchied ſagen zu können, ohne von ihren Lippen eine Widerlegung der von Nigama gegen ſie geſchleuderten Anklage zu hören. Nie war Wilhelm die Pflicht ſo drückend, wie in dieſem Augenblick erſchienen. Nie war ihm ſein 169 Dienſt ſo bitter geweſen; aber deſſen ungeachtet gab er ſogleich ſeine Befehle zur Reiſe. Nachdem dies geſchehen war, ſezte er ſich nieder, einen Abſchiedsbrief an Eſtelle zu ſchreiben. Er bat ſie, ihm ſein ſeltſames Benehmen bei dem Grafen M. zu vergeben. Er ſprach von ſeinem Glauben an ſie und von ſeiner Liebe in leidenſchaft⸗ lichern Worten als jemals, und dennoch athmete jeder Buchſtabe in dem Briefe ein Gemiſch all der Zweifel und Schmerzen, welche ſeine Seele erfüllten. Es bedurfte keines großen Scharfſinns, um zu ent⸗ decken, daß dieſes Schreiben voll Zärtlichkeit eine Unruhe ausdrückte, welche nicht allein von dem Ge⸗ danken an die Trennung herkam, ſondern ihren Ur⸗ ſprung in einem bittern Gefühl hatte. Wilhelm war jedoch, als er die Feder ergriff, entſchloſſen geweſen, kein Wort ſich entfallen zu laſſen, welches den peinlichen und qualvollen Eindruck, den Nigama erregt hatte, verrathen ſollte. Eſtelle's Ruhe in Ton und Miene, als er ſich nach der Todesart des Grafen von Eſtrier erkundigte, hatte ihn wirklich auf den Gedanken gebracht, daß die Handlungsweiſe der Sklavin nur eine Folge der Bosheit wäre. Er wollte alſo Eſtelle nicht durch einen Schatten von Argwohn verwunden oder ihr wehe thun, und dennoch leuchtete ſo viel Zweifel und ſo viel Mißtrauen in die Zukunft aus jeder Zeile hervor. Nicht minder kamen manche unmerk⸗ liche Hindeutungen auf die Vergangenheit darin vor, ſo daß Wilhelm, ohne es ſelbſt zu wiſſen, alle die kitzeligen Punkte, die er umgehen wollte, wirklich berührte. 170 Es iſt ungewiß, ob jemals dieſer Brief in Eſtelle's Hände gekommen wäre, wenn Wilhelm Zeit gehabt hätte, ihn noch einmal zu leſen. So konnte er den⸗ ſelben blos ſiegeln und Befehl zu deſſen Ueberlie⸗ ferung geben. Einen Augenblick hernach flog der Schlitten mit Wilhelm davon, welcher, in ſeinen Pelz gehüllt, ſich ungehindert allen den peinlichen Gedanken überließ, die durch dieſe Abreiſe unwillkürlich hervorgerufen werden mußten. In größter Eile hatte er noch folgende Zeilen an Saint Sue geſchrieben: „Marquis!“ „Sie ſind mein Freund, ich weiß es, und ebenſo, daß Sie einen nicht gewöhnlichen Scharfſinn beſizen. Wohlan, benützen Sie den lezteren, mir zu dienen! Geben Sie auf Eſtelle's alte erin Acht. Ich habe, ohne mich näher darüber tklären zu können, allen Grund zu argwöhnen, daß Nigama gegen ihre Gebieterin feindſelig geſinnt iſt. „Leben Sie wohl, Marquis! Wenn Sie dieß leſen, befinde ich mich ſammt den königlichen Be⸗ fehlen ſchon eine gute Strecke auf dem Wege nach Carlskrona. „Wachen Sie über Eſtelle. Vergeſſen Sie rit⸗ terlich Ihren Groll gegen ſie, wenn Sie einige Freundſchaft hegen für „Wilhelm Stjernkrona.“ 171 XXIII. Das Erſte, was Saint Sue am folgenden Mor⸗ gen zu Geſicht bekam, war Wilhelms Billet. Nach⸗ dem der Marquis es geleſen hatte, ſprach er bei ſich, indem ein Lächeln ſeine Lippen kräuſelte: „Gut, Se. Majeſtät der König füͤhrte meine Be⸗ fehle ſehr ſchnell aus. Ich werde ihm Rechnung dafür tragen. Stjernkrona iſt alſo bis auf Weiteres außer Gefahr. In Kurzem wird er wieder in Fein⸗ des Feuer ſein und die Flamme aus ihren Augen vergeſſen müſſen.“ Saint Sue ging einige Mal im Zimmer auf und ab; darauf ergriff er Wilhelms Billet und las es noch einmal. „Was kann er mit ſeinem Mißtrauen gegen Nigama meinen? Sellte ſie es geweſen ſein, welche ihn in ſo düſtere Stimmung verſetzt hat?— Das iſt nicht unmöglich. Er hat an meine Freundſchaft appellirt. A la bonne heure, ich werde ſein Ver⸗ trauen nicht täuſchen. Aber jetzt muß ich vor allen Dingen der ſchönen Eſtelle meine Aufwartung ma⸗ chen. Ha, Frau von Eſtrier, noch ſind Sie nicht Siegerin, und es iſt ungewiß, ob Sie es jemals werden!“. Saint Sue ging an ſeine Toilette. Als der Marquis ſich bei Eſtelle einfand, erhielt er zur Antwort, Madame ſei unpäßlich und könne ihn nicht empfangen. Er mußte alſo wieder abzie⸗ hen, ohne ſie geſehen zu haben. Auf der Treppe begegnete er Cellner. 172 „Wenn Sie, Herr Lieutenant, zu Frau von Eſtrier wollen, ſo haben Sie einen vergeblichen Gang gemacht; ſie nimmt Niemand an,“ ſagte Saint Sue. „Iſt die Frau Gräfin unpäßlich?“ entgegnete Cellner, ohne auf die Frage des Marquis nach ſeiner etwaigen Abſicht eine Antwort“ zu geben. „Ja, ſie iſt nicht gut disponirt,“ erwiederte Saint Sue.„Sie wiſſen wohl, daß Stjernkrona heute mor⸗ gen nach Carlskrona abgereist iſt.“ Bei dieſen Worten, welche der Marquis ganz gleichgültig hinwarf, nahmen Cellners lauernde Au⸗ gen einen Ausdruck des Erſtaunens an. Er rief: „Stiernkrona iſt abgereist, ohne daß ich, ſein alter Freund, Etwas davon erfahren habe?“ „Sie müſſen gleich mir ihn entſchuldigen, denn eine königliche Ordre veranlaßte ſeine plötzliche Ab⸗ reiſe. Se. Königliche Majeſtät hat, wie Sie vielleicht wiſſen, großes Vertrauen zu Stjernkrona's Eifer und Thätigkeit, wenn es ſich um den Dienſt handelt. Und ſo iſt er mit Ueberbringung der königlichen Befehle beauftragt worden. Ihr Freund kann ſich rühmen, in hoher Gnade zu ſtehen. Er wird gewiß auf der Bahn der Ehre und Auszeichnung raſch vorwärts kommen.“ Saint Sue warf einen raſchen Blick auf Cellners Angeſicht, welches zu erkennen gab, daß dieſer Ge⸗ genſtand des Geſprächs ihm nicht ſehr angenehm war. Er antwortete auch mit einem Ton, welcher nur allzuſehr ſein Mißbehagen verrieth: „Stjernkrona ſteht nicht in derſelben Gnade bei 173 dem Herzog. Man ſieht deutlich, daß Se. König⸗ liche Hoheit ihn nicht ſonderlich leiden mag.“ „Das hat wenig zu bedeuten, wenn man die Gewogenheit des Königs beſitzt. Was den Herzog betrifft, ſo muß ich darüber wirklich erſtaunen, denn nach der Schlacht bei Hogland war Stjernkrona einer von ſeinen Günſtlingen.“ „Möglich, aber daß er es nicht mehr iſt, läßt ſich deutlich bemerken. Vermuthlich hat Stjernkrona irgend eine Dienſtnachläſſigkeit ſich zu Schulden kom⸗ men laſſen, und dieſe iſt zu des Herzogs Ohren ge⸗ angt.“ „Glauben Sie?“ entgegnete Saint Sue, indem er Cellner mit ſpöttiſcher Miene betrachtete, und fuhr dann fort:„ich meinestheils bin vollkommen über⸗ zeugt, daß Stjernkrona keine Nachläſſigkeit zur Laſt gelegt werden kann. O nein, die ungünſtige Ge⸗ ſinnung des Herzogs hat ihren Grund in andern Dingen.“— „In welchen denn?“ fragte Cellner mit einem mißtrauiſchen Blick auf den Franzoſen. „Was weiß ich? Stjernkrona kann ja irgend einen Freund haben, welcher ihm ſo innig wohl will, daß er aus Rückſicht für deſſen moraliſches Heil be⸗ fürchtet, das Glück könnte ihn verderben, und welcher deßhalb ein gutes Wort bei dem Herzog einlegte, ſo daß dieſer minder freundlich geſtimmt worden iſt. A-propos, mein Herr, Sie würden ſicherlich ſchlecht wegkommen, wenn ich auf den Einfall geriethe, erzäh⸗ len zu wollen, daß Sie es waren, der dem Vicomte von Outrouville alle die Aufklärungen gegeben hat, 174 die man auf meine Rechnung zu ſchreiben mir die Ehre anthut.“ 9 Cellner erbleichte, und Saint Sue ſetzte lachend inzu: „Leben Sie wohl, mein Herr! Ihre Wege ſind nicht meine Wege; darum müſſen ſie ſich jetzt tren⸗ nen. In Ihrem eigenen Intereſſe wünſche ich aber, daß dieſelben ſich niemals durchkreuzen; denn in die⸗ ſem Fall könnte es wohl geſchehen, daß Sie in Ihrer Rechnung zu kurz kämen und alle Ihre Hoffnungen auf die Zukunft zunichte würden.“ Der Marquis nahm den Hut ab und entfernte ſich. Cellner machte eine Schreckensmiene, wie ſie nur ein Ränkeſchmied machen kann, welcher ſieht, daß man ihn durchſchaut hat. XXIV. Am nächſten Tag wurde Saint Sue durch einen Diener zu Frau von Eſtrier entboten. Eſſtlle ſtand mitten im Salon, als der Marquis eintrat. Sie hielt einen Brief in der Hand. Auf ihren Zügen weilte eine dunkle Wolke. Ihre Augen flammten von unterdrücktem Zorn und Schmerz. Sie knitterte den Brief zuſammen, als ſie Saint Sue's anſichtig wurde, und ſprach mit einer Stimme, die gelinde zitterte: „Marquis, Sie glauben jetzt, triumphiren zu kkhnnen, da es Ihnen gelungen iſt, Stjernkrona zu entfernen!“ „Es kann mir niemals einfallen, über die Nie⸗ —— —— 175 derlage einer Dame zu triumphiren,“ antwortete Saint Gue. „Nicht!“ entgegnete Eſtelle mit bitterm Lächeln. „Geſtehen Sie, daß Sie Ihre Karten gut geſpielt zu haben meinen.“ „Ich wäre untröſtlich, wenn Sie fänden, daß ich's ſchlecht gemacht hätte.“ Eſtelle preßte die Lippen zuſammen, um all den Grimm, der in ihr kochte, zurückzuhalten. Sie reichte Saint Sue den Brief mit den Worten: „Mein Herr, der iſt ein ſchlechter Spieler, wel⸗ cher Andere in ſeine Karten ſehen läßt. Ich habe es gethan; der Beweis iſt hier.“ „Sie haben meine Karten nicht geſehen, ehe ſie ausgeſpielt wurden, ſonſt hätten Sie wohl alle meine Trümpfe überſtochen,“ ſagte Saint Sue und nahm den Brief mit einer Verbeugung. Er überlas ihn ſchnell und gab ihn mit den Worten zurück: „Es iſt alſo dem guten Gefandten gelungen, ſich die gewiſſe Kunde davon zu verſchaffen, daß ich es geweſen, welcher Sr. Majeſtät dem König den Ge⸗ danken eingegeben hat, Stjernkrona mit den Depe⸗ ſchen abzuſenden. Das macht wirklich ſeinen diplo⸗ matiſchen Talenten alle Ehre. Ich habe Achtung vor ſeinem Scharfſinn bekommen, obwohl er zu ei⸗ nem eigentlichen Reſultate nicht gelangt iſt, ſondern nur ſagt: ‚Alle Wahrſcheinlichkeit ſpricht dafür, daß Saint Sue bei ſeiner Unterredung mit dem König die Gedanken des Monarchen auf Baron Stjernkrona gerichtet hat u. ſ. w.: Sie würden, Madame, viel gewiſſere Aufklärung erhalten haben, wenn Sie ſich an mich gewendet hätten.“ 176 „Würden Sie wirklich zu geſtehen gewagt haben, daß Sie gegen mich intriguirten.“ „Die Furcht iſt, wie Sie ſich vielleicht erinnern, allen Franzoſen fremd. Wie viel ich wage, das wiſſen Sie auch.— Mich erſchreckt Nichts, nicht ein⸗ mal Ihr Zorn, obwohl es mich zur Verzweiflung brächte, wenn ich ihn weckte.“ „Ich bitte, Marquis, verſchonen Sie mich mit Ihrer Heuchelei,“ fiel Eſtelle ungeduldig ein;„Sie ſind niemals glücklicher, als wenn es Ihnen gelingt, meinen Zorn zu wecken.“ „Pardon, Madame, das iſt ein Irrthum! Ich thue niemals etwas Böſes um des Böſen willen, ſondern nur, um dem entgegenzuarbeiten, was ſchäd⸗ lich iſt. Aber gewiß nicht, um darüber zu ſprechen, haben Sie mich rufen laſſen?“ „Nein, da haben Sie Recht, ſondern über Ihre Einmiſchung in Angelegenheiten, welche mich betref⸗ fen, wünſchte ich Aufklärung zu erhalten. Können Sie ſagen, mit welchem Rechte Sie ſich mit meinen Privatverhältniſſen beſchäftigen?“ „Ich beſchäftige mich nicht mit denſelben,“ ant⸗ wortete der Marquis. „Das heißt keck geſprochen, mein Herr! Sind Sie es, oder ſind Sie es nicht, welcher Stjernkro⸗ na's Abreiſe verurſacht hat? Antworten Sie mir ehrlich, im Fall es Ihnen möglich iſt!“ „Sie müſſen ſich erinnern, daß ich immer ehrlich antworte, ſelbſt auf die Gefahr hin, eine ſchöne Frau zur Feindin zu bekommen.“. „Iſt dieß eine Antwort auf meine Frage?“ rief Eſtelle mit flammenden Augen. 177 „Ich begann mit dem Letzten und Erſten ſchließen. Da muß ich denn g ſagen, daß es mir gelungen iſt, ganz u König auf die Idee zu bringen, Stjern königlichen Ordre abzuſenden. Des Bar ter Dienſteifer ließ erwarten, daß er die ſchleuniger als jeder Andere an Ort und S gen würde. Ich handelte zu Schwedens V Eſtelle hatte ihn ſtillſchweigend angehört. zu Ende war, ſagte ſie mit Bitterkeit: „Wollen Sie wirklich behaupten, daß Sie e dieſer Intrigue auf Schwedens Nutzen abgeſt hatten?“ „Nein, Madame, das will ich nicht ſagen.“ „In weſſen Intereſſe geſchah es alſo? In Ih⸗ rem eigenen?“ fragte Eſtelle, indem ſie Saint Sue mit durchdringendem Auge anſah. „Ich habe keine eigenen Intereſſen.“ „Nun wohl, mein Herr!“ rief Eſtelle jetzt mit einer Heftigkeit, die ſie nicht länger bemeiſtern konnte, „wie wagen Sie es alſo, ſtörend zwiſchen mich und mein Glück zu treten? Was berechtigt Sie zu einer ſo unedeln Rolle?“ „Was mich dazu berechtigt?“ wiederholte Saint Sue langſam,„meine Freundſchaft für Stjernkrona.“ „Ihre Freundſchaft!“ rief Eſtelle mit ironiſchem achen. „Ja, meine Freundſchaft. Sie glauben nicht an eine ſolche, Sie verſtehen nur die Laune des Augen⸗ blicks, und lächeln alſo dazu; aber es iſt dennoch wahr, daß die Freundſchaft für den Baron mich nach Schweden führte; daß dieſelbe Freundſchaft mich Schwarz, Wilhelm Stiernkrona. II. 12 178 Harniſch gebracht und zu dem Entſchlu „um jeden Preis ihn vor dem Unglüct ſeine Hoffnungen auf die Zukunft an en. Und ehe ich davon Zeuge bin, daß Braut zum Altar führt, jage ich ihm l durch den Kopf.— Nun, Madame, bin ich geweſen. Sie haben es ſo gewollt. Es mein Fehler, wenn ich die Artigkeit bei etzen muß.“ Karquis, Ihr Widerwille gegen eine Verbin⸗ zwiſchen mir und dem Baron ſieht verdächtig . Er kann nicht einzig von dem Gedanken an. in Wohl ausgehen.“ „Auch darin haben Sie Recht; aber geſtatten Sit mir, von dieſem Thema abzugehen.“ Saint Sue machte Miene, als wollte er ſich verabſchieden; aber Eſtelle äußerte ernſt und be⸗ ſtimmt:. 4 „Es ſind jetzt eilf Jahre, daß wir zum erſten Mal zuſammentrafen. In dieſen eilf Jahren ſind Sie unaufhörlich auf die eine oder die andere Art mir in den Weg getreten, und allzeit, um meinen! Wünſchen entgegenzuarbeiten. Jetzt dürfte es Zeit ſein, mich den Grund wiſſen zu laſſen, warum Sie immer mein Widerſacher waren.“— „Wollen Sie das beſtimmt?“ fragte der Marquis mit einem Blick auf ſeine Hemdkrauſe, die er ſorg⸗ fältig zurechtzulegen ſuchte. „Ja, mein Herr, ich fordere es. Ich bin des Spieles müde. Es gab eine Zeit, wo es mir Un terhaltung gewährte; aber nun will ich es nicht wei ter fortſetzen.“ 1 1 179 Eſtelle fuhr mit der Hand nach ihrer Bruſt, drückte ſie feſt auf das Herz und fügte in halb bit⸗ terem, halb kummervollem Tone beig „So lang ich einer Gemüthserregung bedurfte, war der Streit mit Ihnen mir eine Luſt; nun aber verabſcheue ich ihn als Etwas, das den ſchlimmern Menſchen in mir zu voller Thätigkeit weckt. Ich möchte wünſchen, daß das Schickſal Sie auf immer von meinem Lebensweg entfernte. Sie und meine Vergangenheit ſtehen in allzu nahem Zuſammenhang mit einander, als daß Ihr Anblick mir nicht pein⸗ lich ſein ſollte. Ich hoffe, Sie ſehen nach dieſer Er⸗ klärung ein, daß unſerem Streit ein Ende gemacht werden muß.“ „Ein Ende davon kann nur dann eintreten, wenn Eines von uns zu leben aufhört. Sie haben ge⸗ wünſcht, daß ich aufrichtig reden ſoll. Es mag ge⸗ ſchehen, obſchon man ſtets unklug handelt, wenn man ehrlich iſt! Sie ſagen, daß ich ſeit eilf Jahren Ihre Wünſche durchkreuzt habe. Das iſt ein Irrthum. Ich bin Ihr Widerſacher ierſt ſeit Ihrer Bekannt⸗ ſchaft mit Stjernkrona. Er war allzu gut und edel, um einer in Ihrem unruhigen Gehirn entſprungenen Laune geopfert zu werden.“ „Einer Laune!“ rief Eſtelle.„Marquis, wiſſen Sie wohl, was Sie ſagen?“ „Ja, Madame, ich habe eine Wahrheit ausge⸗ ſprochen; denn von Anfang an war Ihre Liebe nichts Anderes. Das was ſie wurde, ſollte nach Ihrer damaligen Abſicht nie daraus werden.“ „Wenn Sie aber dieß verſtanden haben, ſo hätten Sie auch einſehen ſollen, daß—“. „ 12 180 „Ihre Leidenſchaft zu all dem Elend führen würde, das ſie angerichtet hat? Das habe ich wirk⸗ lich vorausgeſehen, und deßhalb beſtrebte ich mich, den jungen Fremdling davor zu bewahren, daß er in dieſen Wirbel der Leidenſchaften hineingezogen würde und—“ Saint Sue ſchwieg. „Sie ſcheinen Bedenken zu tragen, Ihre Gedan⸗ ken auszuſprechen,“ fiel Eſtelle ein.„Dieſelben ſind demnach von der Art, daß es Ihnen an Muth fehlt, ſie in Worte zu kleiden.“ „Meine Gedanken, Madame, würden Sie zittern machen, wenn ich ſie ausſpräche. Geſtatten Sie alſo, daß ich ſchweige. Ich will nur beifügen: Stijern⸗ krona ſoll niemals Ihr Gatte werden; das habe ich geſchworen. Dieſen Eid legte ich ab, als Lucie d'Ou⸗ trouville verſchwand. Sie war die einzige Frau, der ich ein wärmeres Intereſſe ſchenkte. Für ihr Glück vergaß ich mein eigenes. Der Mann, den ſie liebte, darf ſich nicht in Ihrer Liebe berauſchen. Das wäre mehr als ein Verbrechen, das wäre eine Gottes⸗ läſterung!“ „Sie liebten alſo Lucie?“ Eſtelle ſchaute zu ihm auf. Ihre Augen begeg⸗ neten ſich. Saint Sue beantwortete den forſchenden Blick damit, daß er ruhig und feſt in dieſelben ſah. „Ja, Madame, ſie war mir theuer,“ ſagte der Marquis. „Sie wiſſen alſo, was Lieben heißt?“ „Madame, ich habe vergeſſen, was es hieß.“ Saint Sue ſtand auf, um zu gehen. Eſtelle faltete die Hände und begann wieder 181 mit einer Stimme, deren warmer, ſchmeichelnder und bittender Ton den Gefühlloſeſten hätte rühren können: „Marquis, Sie haben mich bis jetzt nur als ein launenhaftes, herrſchſüchtiges Weſen gekannt, ſtolz auf ſeine Schönheit und blind auf die Macht der⸗ ſelben, unbedachtſam und in keckem Trotze mit Allem und Jedem ſpielend. So war ich, ehe mein Herz erwachte. Jezt bin ich dagegen ganz einfach— eine Frau, welche liebt. Für mich gibt es kein anderes Intereſſe. Die Liebe iſt mir Alles; der Beſitz ſeiner Zärtlichkeit mein Leben, der Verluſt davon mein Tod. Ich vermag darum nicht das Spiel um das Heiligſte, das ich beſitze, mit Ihnen fortzuſetzen. Ihre Beſtrebungen, mich meines Glücks zu berau⸗ ben, erfüllen meine Seele mit Angſt und Beben. Ich wäre im Stande, zu Ihren Füßen auf meinen Knieen Sie zu bitten, ſich nicht mehr zwiſchen ihn und mich zu werfen!“ So rührend Eſtelle wirklich in dieſem Augenblick war, ſo blieb doch das Aeußere von Saint Sue unver⸗ ändert, und man konnte daraus abnehmen, daß ihre Bitte keinen Eindruck auf ihn gemacht hatte. In artigem aber kaltem Tone antwortete er. „Wenn Rußland Schweden um Frieden bäte, ſo würde letzteres dieſe Bitte abſchlagen, ungeachtet der Ausgang des Kampfes ungewiß iſt. So thue auch ich. Sie beſitzen die größere Macht von uns bei⸗ den. Es wäre eine Feigheit von mir, Frieden zu ſchließen. Der Streit muß fortgehen.“ Wieder blickten ſie einander an. Eſtelle's Aeußeres bewies, daß ſie in einem harten Kampf begriffen war. Endlich ſtammelte ſie: 182 „Gibt es denn Nichts, was Sie erweichen kann?“ „Nein, Madame, Nichts!— Einmal hatten Sie es in Ihrer Macht, eine Bitte von mir zu erfüllen; Sie haben dieſelbe abgeſchlagen. Nun iſt die Reihe des Abſchlagens an mir.“ „Aber, Marquis, wenn ich Ihnen ſagte, was Sie damals zu wiſſen wünſchten?“ „So würde ich antworten: Luciens Schickſal iſt mir jetzt bekannt.“ Ein Schauer ging durch Eſtelle's Körper; es blitzte in ihren Augen, und ſie ſagte in dumpfem Ton: „Marquis, es gibt Geheimniſſe, die nur das Grab bergen darf.“ „In ſolchem Fall mag es auch dieſes bergen. Es hängt ganz von Ihnen ab, Madame. Der Mar⸗ auis iſt Schlaganfällen ebenſo ausgeſetzt, wie der Graf d'Eſtrier.“ 1 Bei dieſen Worten ſprang Eſtelle auf. Ihre Augen erweiterten ſich; ihr Hände ballten ſich krampf⸗ haft. Sie rief heftig aus: „Worauf wagen Sie, mein Herr, hinzudeuten?“ — Sie faßte mit beiden Händen ſeinen Arm.— „Ja, jetzt verſtehe ich. Sie waren es— Sie— der ritterliche franzöſiſche Edelmann, welcher dieſen gräßlichen Argwohn in ſeiner Seele geweckt hat!“ Sie drückte beide Hände an ihre Stirne und murmelte dann in ſchmerzlichem Tone: „Man hat alſo mit dem Verdacht eines Ver⸗ brechens mich vor ihhm belaſtet!“ So verharrte ſie einige Minuten, darauf warf 183 ſie den Kopf mit einer entſchloſſenen Bewegung zurück und nahm wieder das Wort: „Wenn ich im Stande wäre, einem Menſchen das Leben zu nehmen, ſo wären Sie in dieſem Au⸗ genblick nicht mehr im Stande, mich zu verleumden. Daß Sie noch leben, beweist am beſten, wie ſehr es mir an Muth gebricht, den, der mir im Wege ſteht, aus dem Wege zu räumen. Sie hatten mich im Verdacht, das wußte ich; aber ich hielt Sie für Gentleman genug, daß Sie keinen unſichern Ver⸗ dacht ausſprechen würden. Daß ſie es gethan haben, iſt ein unauslöſchlicher Flecken an Ihrer Ritterlichkeit.“ „Madame,“ antwortete Saint Sue,„ich habe niemals meine Ehre damit beſudelt, daß ich ſie andern raubte. Was ich auch ſelbſt von dem Tode des Grafen d'Eſtrier gedacht haben mochte, es iſt ein Geheimniß zwiſchen mir und Ihnen geblieben. Hat Stjernkrona gewiſſe Gedanken in dieſer Richtung, ſo ſind ſie von einem Andern geweckt worden. Sie können ja in Ihrer Nähe einen Feind haben, der minder ehrlich iſt, als ich.“ Eſtelle betrachtete ihn lange, ſehr lange, darauf ſprach ſie bedächtig, wie zu ſich ſelbſt: „Nigama; ich hatte ſie vergeſſen!“ Saint Sue ſchwieg. Ein tiefer, qualvoller Seufzer hob Eſtelle's Bruſt. Sie bewegte ſchnell den Kopf, als ob ſie ihren Schmerz von ſich abſchütteln wollte. Darauf ſagte ſie ruhig: „Sie ſehen mich alſo dafür an, daß ich meinen Mann vergiftet hätte?“ Eſtelle blickte Saint Sue mit ſo klaren Augen 184 und ſo ernſter und offener Miene an, daß darin die vollkommenſte Unſchuld zu leſen war. Die Augen des Marquis weilten einige Sekun⸗ den auf ihr. „Madamo, ich glaube es nicht mehr. Die Wahr⸗ heit trägt ihr unverkennbares Gepräge, worin man ſich nicht irren kann,“ entgegnete er und küßte haſtig ihre Hand.— Im nächſten Augenblick war Eſtelle allein. Sie faltete die Hände und flüſterte mit gebeug⸗ tem Haupte ein ſtilles und demüthiges Gebet. Betete ſie um Vergebung? oder war es ein Seufzer der Dankbarkeit, der über dieſe Lippen ging? „Nur Der dort oben kann dieſe Frage beant⸗ worten.“ XXV. Zu Anfang des März gingen Saint Sue und die übrigen Flottenoffiziere, welche ſich bisher in der Hauptſtadt aufgehalten hatten, nach Carlskrona ab. Nur noch einige Mal nach der oben beſchriebe⸗ nen Unterredung war der Marquis mit Eſtelle zu⸗ ſammengetroffen, das eine Mal am Hofe, das andere Mal, als er ſeinen Abſchiedsbeſuch machte. Dieſer Beſuch war jedoch ganz kurz geweſen. Frau von Eſtrier erklärte ſogleich bei ſeinem Anblick, daß ſie im Begriff ſtehe, ſich zu der Gemahlin des franzöſiſchen Geſandten zu begeben. Während der wenigen Minuten, da Saint Sue mit ihr redete, ſchien ſie ſich vollkommen gleich zu 185 bleiben. Mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit und Ironie ſcherzte ſie über ihre beiderſeitige Feindſchaft. Nicht ein Wort deutete auf Wilhelm, oder irgend Etwas, das auf ihn Bezug hatte, hin. Der Marquis äußerte ſein Bedauern darüber, daß die Geſellſchaft in den drei letztverfloſſenen Wo⸗ chen auf Frau von Eſtrier, die gänzlich unſichtbar geblieben war, hatte verzichten müſſen. Eſtelle ant⸗ wortete ganz munter, es ſei eine Laune geweſen, die ſie beſtimmt hätte, der Einſamkeit den Vorzug zu geben. Als Saint Sue Abſchied nahm, äußerte Eſtelle mit ihrem bezauberndſten Lächeln: „Ich wünſche, daß wir uns bald wieder treffen, und daß Sie ohne ſchlimme Folgen aus dem Kampfe zurückkehren.“ „Madamo, ſoll ich Ihre Worte recht deuten, ſo heißt das ſo viel, als: Sie wünſchen, daß ich von der längſt geſuchten Kugel erreicht werde,“ ant⸗ wortete Saint Sue. 3 „Ganz und gar nicht, mein Herr! ich habe blos zwei Feinde, und dieſe behandle ich, als ob ſie meine Freunde wären. Der eine ſind Sie, der andere— Nigama. Sie haben beide ſich gegen mein Glück nnd meinen Frieden verſchworen. Ich beſitze jedoch ein Lächeln und einen freundlichen Wunſch des Wohlergehens für Sie. Gegen Ni⸗ gama bin ich mit meiner Güte verſchwenderiſch. Geſtehen Sie, daß, wenn ich ein Dämon bin, ich wenigſtens von der gutmüthigen Art bin.“ „Oder, richtiger, von großer Klugheit,“ fiel der 186 Marquis lächelnd ein.„Wir ſind ein viel geſchickte⸗ rer Diplomat, als unſer Freund, der Geſandte.“ Saint Sue verbeugte ſich und ſagte Frau von Eſtrier Lebewohl. Wann und wo ſollten ſie ſich wieder begegnen? das wußte keines von beiden. Den Tag nach ſeinem Abſchiedsbeſuch war Saint 3 Sue auf dem Wege nach Carlskrona. Hier ſah es ſehr bedenklich aus, denn die Krank⸗ heiten, welche ſchon in Sweaborg unter der Mann⸗ ſchaft ausgebrochen waren, hatten den ganzen Win⸗ ter über auf ſchreckliche Weiſe fortgedauert und ſich vermehrt. Um die zur Bemannung der Flotte noth⸗ wendigen Seeleute zu bekommen, mußte man an die Matroſen auf der Handelsflotte die Aufforderung richten, ſich für den Kriegsdienſt anwerben zu laſſen. Somit begannen unter ganz bedenklichen Um⸗ ſtänden die Rüſtungen für den Feldzug vom Jahr 1789, und die Ausſichten auf Erfolg waren bedeu⸗ tend geringer, als das Jahr zuvor. Allerdings war es richtig, daß Schweden jetzt größere Streitkräfte beſaß; daß der König, auf die neue Verfaſſung geſtützt, ſich im Stande ſah, den Krieg mit großerem Nachdruck fortzuſetzen; aber ebenſo gewiß war, daß der Feind jetzt auch mehre Monate Zeit gehabt hatte, ſeine Streitkräfte zu ſammeln. Dieſe waren auch von der Art, daß wenn die Schweden ihnen auch Widerſtand leiſten konnten, ſie doch keine wahrſcheinliche Ausſicht auf vollſtän⸗ digen Sieg gewährten. 4 Reechnet man jetzt den Mangel an Mannſchaft in Folge der großen Sterblichkeit hinzu, ſo muß man wohl 187 zugeben, daß bei denen, welche ſich Zeit nahmen, den wirklichen Stand der Dinge in Betracht zu ziehen, ſich mit Recht Beſorgniſſe einſtellten. Der Winter war ungewöhnlich ſtreng geweſen, ſo daß die See erſt zu Ende Aprils frei von Eis wurde. Den vierten Juni kam Se. Königliche Hoheit der Großadmiral in Carlskrona an. Am Schluß deſſel⸗ ben Monats verließ die feindliche Flotte Kronſtadt, und in den erſten Tagen des Juli wurden alle Vor⸗ bereitungen auf der ſchwediſchen Flotte gemacht, von Carlskrona auszulaufen, obwohl die Mannſchaft auf derſelben nicht vollzählig war. Um auch nur der ſchwächſten Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang Raum zu geben, bedurfte es wirklich des Eiſers und der Begeiſterung, wodurch ſich zu jener Zeit Alle, hohe wie niedere, auszeichneten. Erſt am ſiebenten Juli ging die Flotte unter Segel. Gegenwinde hatten die Abfahrt ſo lange verzögert. Sie kreuzte einige Zeit zwiſchen der ſchwediſchen, däniſchen und preußiſchen Küſte. 4 Am vierundzwanzigſten Juli ſignaliſirte das Wach⸗ ſchiff der ſchwediſchen Flotte die ruſſiſche. Man hatte ſomit Ausſicht, ſehr ſchnell mit derſelben zuſammenzu⸗ treffen. Es war ein ſchöner Sommerabend am fünfundzwan⸗ zigſten. Der Wind war friſch. Die Stimmung, welche unbewußt von Wetter und Wind beeinflußt wird, war lebhafter als gewöhnlich. Die Rührigkeit war in Folge der Ueberzeugung, daß der Feind ſich in der Nähe befand, größer als ſonſt um dieſe Tageszeit, wo man der Ordnung der Natur gemäß die Ruhe 188 ſucht. Aber die Ordnung der Natur läßt ſich nicht gut auf die Ungeheuer anwenden, welche auf der See herumfahren, um einander Tod und Verderben zu bringen. Die Strahlen des untergehenden Tagesgeſtirns fielen auf die ſonnverbrannten Geſichter der Matro⸗ ſen. Es war als ob ein Wiederſchein der rothen Kriegsfackel auf Wangen und Stirne flammte. Man murmelte, man ſchwatzte, man ſprach ſeine Ver⸗ muthungen darüber aus, was der morgende Tag mit ſich bringen würde. Die Sonne geht unter; der Tag verſchwindet, und die Sommernacht breitet ihr geheimnißvolles Dunkel aus. Das Geräuſch ſtirbt dahin. Die Er⸗ müdung tritt in ihre Rechte. Bald ſind die Männer eingeſchlafen, von denen man ſagen kann, daß ſie der Ewigkeit näher als Andere ſtehen. Sie ſchlummern ganz unbekümmert um die bevorſtehenden Gefahren. Auf der blauen Tiefe liegen beide Flotten auf⸗ gebraßt, eine im Angeſicht der andern. Im Halb⸗ dunkel der Nacht gleichen ſie ſchwebenden Adlern, welche, ohne eine Schwinge zu rühren, ihren Platz unverrückt behaupten. Endlich graut der Tag. Wilhelm und Saint Sue begrüßten denſelben von dem Admiralſchiff Guſtav III., an deſſen Bord ſie ſich befanden. Ueber öden Flächen die Sonne erſcheint, Eine Zähre, roth wie Blut, Welche der Morgen weint In die nächtliche Fluth. 189 Mit Tagesanbruch hielt die ſchwediſche Flotte gegen den Feind an. Die ruſſiſche Flotte ſtellte ſich in Schlachtlinie über Backbordshalſen und lag nordwärts über. Die ſchwediſche Flotte war gleichfalls ſchlagfertig, ſtand aber in umgekehrter Ordnung. Ein großer Theil des Vormittags verging, ehe die ſchwediſche Vorhut unter dem Contreadmiral Liljehorn in die Linie einrückte. Wilhelm verwunderte ſich ſammt Allen, die an Bord des Admiralſchiffs ſich befanden, nicht wenig über die Nachläſſigkeit, welche die Diviſion des Ad⸗ mirals Liljehorn in Ausführung der Signale an den Tag legte. Um zwei Uhr Nachmittags hatte ſie noch keine ſichtbare Miene gemacht, den übrigen zwei Diviſionen zu folgen. Wilhelm ſtand mit einem ſeiner Kameraden, dem Kapitän Höckenflygt, auf dem Hintertheil des Schiffs, mit ihren Ferngläſern vor den Augen. Sie ſuchten, obwohl vergeblich, einen vernünftigen Grund für den bewieſenen Ungehorſam zu entdecken. Wilhelm war eben leewärts um den Beſanmaſt gegangen, als eine Kugel dahergeſaust kam und in ihrem unaufhaltſamen Fluge den Kameraden tödtete, an deſſen Seite er eben geſtanden war. Die Kugel ſtreifte den Beſanmaſt und riß einen mächtigen Split⸗ ter davon ab, welcher Wilhelm zu Boden ſchlug und ſo ſchwer am Bein traf, daß er bewußtlos und blu⸗ tend in den Raum hinabgetragen wurde. Während Wilhelm der Obhut der Aerzte über⸗ laſſen blieb, dauerte der Kampf bis acht Uhr Abends 190 fort. Die Ruſſen hatten die ganze Zeit über nicht Wind gehalten, ſondern ſchienen einem Treffen aus⸗ weichen zu wollen. Der Verluſt der Schweden in dieſem Gefecht, welches die Schlacht bei Oeland genannt wurde, war nicht ſehr groß. Man konnte ſich damit trö⸗ ſten, daß, wenn auch für die Entſcheidung des Kriegs damit Nichts gewonnen worden, doch auch die Opfer nicht ſo fühlbar waren. Die Anzahl der Verwundeten und Toödten war höchſt unbe⸗ deutend. Die mit jedem Tag zunehmenden Krankheiten an Bord der ſchwediſchen Flotte beſtimmten Se. König⸗ liche Hoheit den Großadmiral, nach Carlskrona zu⸗ rückzukehren, wo das Geſchwader am einunddreißig⸗ ſten Juli Nachmittags eintraf. Man kann ſagen, daß die eigentlichen Operatio⸗ nen der großen Flotte mit dieſem Schlag zu Ende waren, denn die Krankheiten machten ſie beinahe unbrauchbar. Eine Menge ungewohntes Volk vom Lande mußte angeworben werden; aber deſſen ungeachtet blieb die Bemannung der Schiffe unvollzählig. Die Flotte ſtach allerdings wieder am vierzehnten October in die See; aber da man mit dem Kreuzen Nichts ausrichten konnte und die Sterblichkeit noch fortdauerte, kehrte ſie am einundzwanzigſten October nach Carlskrona zurück. Die Hoffnungen wendeten ſich nun dem kommen⸗ den Jahre zu. * 191 XXVI. Als die Flotte am einunddreißigſten Juli nach der Schlacht bei Oeland wieder nach Carlskrona zu⸗ rückkehrte, mußte Wilhelm vom Schiff in ſeine Woh⸗ nung getragen werden.. Er war ſo ſchwer am Bein verwundet, daß die Aerzte die Frage aufgeworfen hatten, ob nicht eine Amputation nothwendig wäre. Unſer Held befand ſich ſomit in ſehr elendem Zuſtande. Die Schmerzen und die peinlichen, durch die Einſamkeit hervorgerufenen Gedanken erhöhten noch die Heftigkeit des Fiebers. Saint Sue, welcher ſeine Wohnung theilte, ſuchte, ſo viel ihm ſeine Zeit erlaubte, durch ſeine Geſell⸗ ſchaft dem armen Patienten die langen Stunden zu verkürzen. Der Marquis erkannte jedoch ſehr bald, daß nicht durch körperliche Leiden allein, ſondern vielmehr durch irgend eine Idee, um welche ſich die Gedanken in ewigem Kreislaufe drehten, das heftige Fieber er⸗ zeugt wurde. Alle Bemühungen, ſie auf einen an⸗ dern Gegenſtand zu lenken, blieben fruchtlos. Anfänglich hatte Saint Sue es vermieden, von Eſtelle zu reden. Stjernkrona brachte das Geſpräch niemals auf ſie. Aber. eines Abends, zu Ende des Auguſts, ließ Saint Sue einige Worte über ſie fal⸗ len, um die Wirkung davon zu beobachten. Wilhelm ſchwieg und nahm das Thema nicht auf. Deſſen ungeachtet fuhr der Marquis fort, bis es ihm gelang, Wilhelm zum Sprechen zu bringen. 192 Dieß geſchah jedoch mit dem ſichtbaren Vorſatz, ſich auf kein Raiſonnement in der Sache einzulaſſen. Saint Sue wechſelte deßhalb das Geſpräch und brachte es auf die Kriegsereigniſſe. Alles was den Krieg betraf, pflegte Wilhelm mit beſonderem Inte⸗ reſſe zu umfaſſen. Mehrmals war es Saint Sue gelungen, ihm dadurch auf Augenblicke ſeine Leiden in Vergeſſenheit zu bringen; aber jezt ſchwieg er. Die zerſtreute Miene bewies, daß ſeine Gedanken anderswo weilten. Mitten in einer der lebhafteſten Reden des Mar⸗ quis, als er Wilhelm klar zu machen ſuchte, wie die Operationen zur See eigentlich hätten ausfallen ſollen, unterbrach ihn Wilhelm mit der Frage: „Haben Sie niemals Ihre Gedanken ſich mit einem und demſelben Ding ſo beſchäftigen ſehen, daß ſie endlich die Form einer fixen Idee annah⸗ men, welche Sie Tag und Nacht verfolgte und quälte?“ „Seit vielen Jahren nicht mehr— aber bald nach dem Schluß des amerikaniſchen Krieges, als ich nach Frankreich zurückkehrte, verfolgte mich unauf⸗ hörlich ein und derſelbe Gedanke. Ich hatte vor demſelben keine Ruhe. Es war Etwas, worüber ich in Ungewißheit lebte.“ „Nun wohl, es iſt auch eine ſolche Ungewißheit, welche mich quält.“ „Vielleicht iſt es dieſelbe?“ ſagte Saint Sue lächelnd. Der Diener kam mit einigen Briefen herein. Saütt Sue erkannte unter ihnen einen von Eſtelle's and. 193 Wilhlm legte die Briefe bei Seite auf den Nachttiſch und warf den Kopf unruhig auf den Kiſ⸗ ſen hin und her. 6„Er wünſcht meiner los zu ſein,“ dachte Saint Sue. Einige Minuten ſpäter entfernte ſich der Leztere“ Als der Marquis nach Haus in ſeine Wohnung kam, blieb er überraſcht auf der Schwelle des Vor⸗ zimmers ſtehen. Auf dem Sopha ſaß ein elegant gekleideter junger Mann. Er ſtüzte den Kopf auf die Hand und ſchien in ſeine innere Welt ſo verſunken, daß er den Eintritt von Saint Sue nicht bemerkte. Als er ſich von ſeinem erſten Erſtaunen Etwas erholt hatte, trat er näher und äußerte in ſeinem artigen und ſcherzenden Ton: „Vicomte, ich muß geſtehen, daß Sie mich wirk⸗ lich überraſcht haben. Von allen Menſchen, die ich jezt zu ſehen erwarten konnte, wären Sie der lezte geweſen.“. Der Vicomte erhob mit einer ſchnellen Bewegung den Kopf. „Ah, Sie ſind es, Marquis! Ich habe ſchon eine ganze Stunde auf Sie gewartet!“ Bei dieſen Worten machte er ſeine Manſchetten zurecht und ſezte gleichgültig hinzu: „So, meine Gegenwart hat Sie wirklich über⸗ raſcht? Das freut mich.“ „Aber wiſſen Sie auch wirklich, Vicomte, was Sie mit Ihrem Auftreten auf ſchwediſchem Boden riskiren?“ „Nein, davon habe ich in der That keine Kunde. Schwartz, Wilhelm Stjernkrong. II. 194 Monſieur Lecouffe, der ehemalige Sekretär des fran⸗ zöſiſchen Geſandten, und jezt auf der Rückreiſe nach Frankreich begriffen, muß ſich doch wohl ohne Ge⸗ fahr in Carlskrona aufhalten können?“ „Sie haben alſo Ihren Namen gewechſelt? Wer iſt Ihnen bei dieſer Maskerade behülflich geweſen?“ Der Marquis nahm neben dem Vicomte Platz. „Frau von Eſtrier und deren Couſin, der fran⸗ zöſiſche Miniſter,“ 3 „Ah, ich vergaß ja ganz und gar, daß Sie die ſchöne Frau völlig in Ihrer Gewalt haben. Daß ſie Meiſterin in der Kunſt iſt, die Männer zu Allem was ſie will zu verleiten, iſt eine bekannte Sache, mögen dieſelben im Uebrigen Helden oder Diploma⸗ ten ſein.“ „Wenn Sie von ihr mit mir ſprechen, ſind Sie ſehr beredt. „Ich bin es immer, Vicomte, wenn es ſich um Abweſende handelt, und dieß nur, um im Gegenſatz von dem zu handeln, was Andere thun. Erlauben Sie mir die Frage: Was hat Ihr Auftreten hier zu bedeuten? Wollen Sie Ihr Spiel fortſezen?“ „ Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ antwortete der Vicomte, indem er ſeinen Kopf wieder auf die Hand ſtüzte.. „In ſolchem Fall ſind Ihnen ſeit der Zeit un⸗ ſeres lezten Zuges gar viele Figuren verloren ge⸗ gangen, und ſtatt eines einzigen Gegenſpielers haben Sie deren zwei.“ „Wirklich!— Wer iſt der Andere?“ „Ihr früherer Bundesgenoſſe— Cellner.“ „Marquis, dieſer Menſch wäre verloren, noch ehe —ͦᷣᷣ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ᷣ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ e ———— 195 er das Spiel anfinge, im Fall er ſich in ein ſolches einließe. Laſſen Sie uns darum nicht von ihm reden. Was hingegen Sie angeht, ſo bin ich gekommen, einen Dienſt von Ihnen zu begehren.“ „Dergleichen leiſte ich meinen Feinden am mei⸗ ſten. Dieß geſchieht einzig und allein deshalb, weil Andere den ihrigen alle möglichen Verdrießlichkeiten anthun.“. Der Vicomte neigte ſich zu dem Marquis hin und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr. „Das hätten Sie mir nicht zu ſagen gebraucht,“ antwortete Saint Sue.„Sobald ich Sie ſah, wußte ich, was Ihr Begehren war.“ „Wenn es ſich ſo verhält, welche Antwort geben Sie mir?“ „Ich werde Ihren Wunſch erfüllen. Aber Sie gerathen dadurch in ſo große Schuld bei mir, daß die Folge davon ſein wird— Schach und matt!“ „Es geht aber unſer Spiel gar nichts an.“ „Es wirkt jedoch darauf zurück.“ Ein paar Stunden ſpäter befand ſich Saint Sue wieder bei Wilhelm. Er warf ſich in einen Fauteuil neben Wilhelms Lager mit den Worten: 3 „Nun, was ſagt der Doctor? Ich hörte von Ih⸗ rem Diener, daß er da geweſen iſt.“ „Er fluchte über das Fieber,“ antwortete Wilhelm. „Das wundert mich ganz und gar nicht. Ich wäre geneigt, ſeinem Beiſpiel zu folgen.“ 196 „Wie Ihnen beliebt; doch ſehen wir von ihm und von mir vor der Hand ab. Ich habe eine Frage an Sie zu machen, deren Beantwortung wohl kräftiger als Medikamente der Doctoren wirken wird.“ „Eh bien, laſſen Sie hören, wie dieſelbe lautet.“ „Wiſſen Sie, wie Lucie geſtorben iſt?“ „Mein Lieber, ich weiß, um damit anzufangen, ganz und gar nicht, ob ſie geſtorben iſt,“ er⸗ wiederte Saint Sue mit ſeinem gewöhnlichen leicht⸗ ſinnigen Ton. „Saint Sue!“ rief Wilhelm heftig,„ich fordere b von Ihnen, daß Sie ernſt ſprechen!“. „Und ich, daß Sie ruhig bleiben, ſonſt gehe ich ſogleich meines Weges.“ Es entſtand eine augenblickliche Pauſe. Wilhelm trank ein Glas Zuckerwaſſer. Darauf nahm er wie⸗ der ruhiger das Wort: „Es iſt der Gedanke an Luciens Todesart, was mich gleich einem Fluch peinigt und mein Blut in Flammen ſezt. Mit jedem noch ſo großen Opfer möchte ich mir eine beſtimmte Kunde davon ver⸗ ſchaffen.“ „Und dieß erſt nach Verfluß von neun Jahren? Sie haben doch Frankreich verlaſſen, ohne irgend eine Erkundigung darüber einzuziehen.“ „Ja, das iſt wahr; aber ich nahm damals für gewiß an, daß ſie durch irgend einen Unglücksfall umgekommen ſei.“ „Was hat Ihnen dieſe Ueberzeugung geraubt?“ „Das kann und will ich nicht ſagen; aber in meinem Innern wird es nicht ruhig, bevor die Fin⸗ 197 ſterniß, welche über dieſem Ereigniß ruht, aufgeklärt iſt. Wiſſen Sie etwas, ſo—“ „Wünſchen Sie, daß ich es Ihnen mittheile? Wie iſt es möglich, mein Lieber, daß die Gedanken an ſie Ihre Seele beſchäftigen, während Sie—“ „Während ich doch für nichts Anderes Sinn ha⸗ ben ſollte, als für mein Glück,“ fiel Wilhelm ein. „Saint Sue, man hat Galle in den Kelch meiner Glückſeligkeit geträufelt!“ „Und dieſe Galle heißt Zweifel.“ „Nein, ich zweifle nicht; ich wünſche blos etwas Beſtimmtes in Bezug auf Luciens Tod zu wiſſen.“ „Warum nehmen Sie aber für ausgemacht an, daß dieſelbe todt iſt?— Sie kann ja noch am Le⸗ ben ſein.“ Wilhelm machte eine heftige Bewegung, wie wenn er ſich aufrichten wollte. Saint Sue faßte ihn am Arm und zwang ihn, liegen zu bleiben. „Ich verſichere Sie, lieber Baron, daß ich mich ſogleich entferne, wenn Sie nicht mit kaltem Blute reden können.“ Wilhelm holte einen tiefen Seufzer und ſagte mit erzwungener Ruhe: „Zum zweiten Mal werfen Sie ſo hin, Lucie ſei nicht todt. Haben Sie irgend einen Grund zu einer ſolchen Vermuthung?“ „Sie hätten doch verſtehen ſollen, daß ich mir über einen ſolchen Gegenſtand keinen Scherz erlaube.“ „So reden Sie; ſagen Sie Alles; Sie ahnen nicht, wie viel davon abhängt, daß—“ „Daß Sie wiſſen, ob ſie noch am Leben iſt,“ fiel Saint Sue ein. 198 1 „Wo iſt ſie, Saint Sue? Wie ſoll ich ſie wieder⸗ finden?“ rief Wilhelm lebhaft. „Dieſe Frage, mein Freund, vermag ich nicht zu I beantworten, denn ich weiß nur, daß ſie nicht todt iſt. Im Uebrigen lieben Sie ja Eſtelle. Wel⸗ ches Intereſſe hat alſo Lucie für Sie?“ 1 „Daß ich Eſtelle liebe, iſt wahr; aber ebenſo wahr, daß es nicht eher Friede in mir wird, als bis ich weiß, was Lucie zu jener ſpurloſen Flucht gerade in dem Augenblick zwang, wo ich ihr die heiligſten Verſicherungen meiner Liebe gegeben hatte. Ach, Saint Sue, ich könnte, ohne zu ermüden, die ganze Welt durchwandern, wenn ich nur hoffen dürfte, ſie wiederzufinden. Ich fühle ein heftiges Verlangen, von ihren Lippen eine Erklärung darüber zu erhalten, was jetzt wie eine dunkle Wolke meine Zukunft ver⸗ hüllt. Wenn ich zu ihren Füßen Verzeihung dafür erfleht habe, daß ich mit wilder Leidenſchaft meine Seele einer Andern zuwandte, dann erſt werde ich es wagen, mein Glück zu genießen.“ Wilhelm fuhr ſich mit der Hand über die Stirne und fuhr fort: „Ich würde ihr ſagen, daß ich nicht aufhören kann, Eſtelle zu lieben, ſelbſt wenn göttliche und menſchliche Mächte mir davon abzulaſſen geböten.“ Der Marquis ſah, daß der Gegenſtand Wilhelm allzu ſehr aufregte, und erklärte deshalb beſtimmt, daß er nicht weiter darauf eingehen würde. Als Wilhelm deſſen ungeachtet mit Hartnäckigkeit darauf beſtand, daß Saint Sue Alles ſage, was er wüßte, antwortete derſelbe, er würde den Gegenſtand wieder aufnehmen, ſobald es mit Wilhelm beſſer würe. 199 Saint Sue verließ Stjernkrona, ohne auf deſſen Bitten zu achten. In Wilhelms äußerem Zimmer fand er den Vicomte an den Thürpfoſten gelehnt. Das Angeſicht des jungen Mannes trug das Gepräge feſter Entſchloſſenheit. Seine Augen begegneten denen des Marquis. Keiner von Ihnen ſagte ein Wort. Sie gingen hinaus in den Saal, welcher zwiſchen den Zimmern Wilhelms und denen des Marquis lag. Dort an⸗ gelangt, wandte ſich der Vicomte zu Saint Sue mit den Worten: „Sie würden weit klüger gehandelt haben, wenn Sie den Namen von Lucie d'Outrouville gar nicht ausgeſprochen hätten. Sie haben damit einen ſchlech⸗ ten Zug in Ihrem Spiel gethan. Sie wiſſen, daß ſie todt ſein m uß.“ „Das iſt Ihr Wille, Vicomte, aber nicht der meinige. Der Augenblick dürfte wirklich da ſein, wo man die Decke, welche über der Vergangenheit liegt, etwas lüften kann.“ „Möglich, daß Sie nach Ihrer Auffaſſung Recht haben. Die Zukunft wird es lehren.“ Der Vicomte machte eine Abſchiedsgeberde mit der Hand. Der Marquis beantwortete dieſelbe und ſie trennten ſich. XXVII. Einige Tage verfloſſen, an welchen weder Wilhelm dich Saint Sue über andere als gleichgültige Dinge redeten. 200 Eines Abends, als Saint Sue ſich bei ihm be⸗ fand, äußerte dieſer plötzlich: „Kam es Ihnen nicht auffallend vor, daß Graf d'Eſtrier ſo plötzlich ſtarb?“ „Auffallend? Nein, mein Lieber. Im Allge⸗ meinen fällt es mir viel mehr auf, daß die Menſchen leben, als daß ſie ſterben.“ „Aber der Graf ſtarb ohne vorhergegangene Krankheit.“ 1. „Um dieſes Glück iſt er zu beneiden. Er war ja für einen Schlaganfall ſo ganz geſchaffen.“ „Sie nehmen es alſo für ausgemacht, daß er am Schlage ſtarb?“ „Ich habe keinen Grund, es zu bezweifeln. Vielleicht ſind Sie einer anderen Ueberzeugung.“ „Ich habe gar keine,“ ſagte der Marquis. Wilhelm ſchwieg. Saint Sue blätterte in einem Buche. Nach einer Pauſe nahm Wilhelm wieder das Wort: „Glauben Sie es noch nicht an der Zeit, zu er⸗ klären, woher Sie wiſſen, daß Lucie noch am Leben iſt 2 „O ja, warum nicht?“ antwortete Saint Sue mit einem Blick auf Wilhelm.„Sie ſcheinen mir jetzt ſo weit bei kaltem Blute zu ſein, daß man es ſchon wagen darf, mit Ihnen zu reden, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, Ihr ganzes Innere in Aufruhr zu bringen. Sie ſind ſonſt ſo leicht erregbar, wie eine Frau, mein lieber Baron.— Wohlan! An demſelben Tage, wo Lucie verſchwand, und Sie gleich den Andern umherſtreiften, um ſie aufzuſuchen, blieb ich daheim. Eine Ahnung ſagte mir, daß ich zur 1 8.——* 4 201 Löſung des Räthſels gelangen würde. Meine Ahnung betrog mich nicht. Auf meinem Tiſche fand ich wirk⸗ lich einen an mich adreſſirten Brief.“ Der Marquis fuhr mit der Hand in die Bruſt⸗ taſche. Er zog ein zuſammengefaltetes Stück Papier heraus und reichte es Wilhelm mit den Worten: „Was der Brief enthielt, davon können Sie ſich ſelbſt überzeugen.“ Wilhelm erkannte ſogleich Luciens Hand. Er las: „Marquis, Sie ſind von meinen Kinderjahren an mein Freund geweſen, und ich halte es ſomit für meine Pflicht, Sie nicht in völliger Unkenntniß über mein Geſchick zu laſſen, beſonders da ich fürchte, daß Sie ſonſt Eſtelle eine Schuld daran aufbürden würden. Ich wünſche, Ihnen zu beichten.“ „Von dem erſten Augenblicke an, da ich mit dem Baron Stjernkrona zuſammentraf, faßte ich für den⸗ ſelben ein Intereſſe ſo lebhafter Art, daß es, ſo oft ich ihn wieder ſah, an Stärke gewann. Ich liebte ihn mit einem Gefühl, das ſo fanatiſch war, daß Alles, was ihn berührte, mir mehr galt, als mein eigenes Leben. Die Gefahren, welchen er ausgeſetzt wurde, mußte ich abwenden, und hätte es mich auch mein ewiges Heil koſten ſollen. Es gab Nichts, wovor ich zurückgebebt wäre.“ „Mein ruhiges und, wie Sie ſagten, ſanftes Aeußere barg ein Herz, das von den ſtärkſten Leiden⸗ ſchaften erfüllt und der grenzenloſeſten Entſagung fähig war.“ „Dies, Marquis, erklärt, warum ich, die ſelbſt ihn liebte, es mit äußerlicher Ruhe anzuſehen ver⸗ mochte, wie eine andere Frau ſich das Herz gewann, 20² für deſſen Beſitz ich gern mein zeitliches und ewiges Wohl dahin gegeben hätte.“ „Der Inſtinkt hatte mir gleichwohl geſagt, daß ſeine Seele nicht ganz von Eſtelle's Bilde eingenom⸗ men war, ſondern daß auch das meinige daneben Raum hatte. Ich wußte, ohne es mir erklären zu können, daß ſeine Gefühle zwiſchen mir und ihr ge⸗ theilt waren. Ich hielt mich deſſen ungeachtet zuruck, bis eine Gefahr ihn bedrohte. Dieſe veränderte mein Benehmen ganz und gar. Welcher Art die Gefahr geweſen, muß mein Geheimniß bleiben. „Man gab mir einen Monat Zeit, um ihn dem Haſſe meines Bruders und Eſtelle's Liebe zu ent⸗ ziehen. Ich mußte ſeine Liebe gewinnen, ſonſt war er verloren. „Aber wie ſollte mir das gelingen, da er ganz und gar ſich Eſtelle's Einfluß überließ? Ich bebte vor Furcht, daß ſie ſiegen würde. „Ich entſchloß mich zu einer Unterredung. Am Morgen des Tages, da er und Eſtelle ſich treffen wolkien erſuchte ich den Baron um eine Zuſammen⸗ unft. „Nach einem harten Kampf mit mir ſelbſt war mein Entſchluß gefaßt. Ich wollte ihm unverholen ſagen, wie theuer er meinem Herzen war. Ich wollte ihm zeigen, daß ſeine Liebe zu Eſtelle unausbleiblich mir den Tod, ihr Schande und uns Allen Unglück bringen mußte. „Ach, ich weiß nicht, wie ich meine Worte ſetzte. Ich weiß blos, daß ich die Wahrheit redete, und daß ich den gewünſchten Sieg errang. „Ich bat ihn, ſich einige Zeit mir nicht zu nähern, 203 ſondern mit Ernſt ſeine Gefühle zu prüfen, und wenn dieſelben zu meinen Gunſten ſprächen, wollten wir nach Verfluß von drei Wochen an dem gleichen Tage in dem Japaniſchen Tempel uns treffen. „Geſtern Morgen fand dieſe Zuſammenkunft ſtatt. Ich bin nun diejenige, welche er allein liebt. „Marquis! Ich war einige Stunden ſehr glück⸗ lich. Ich muß aber jetzt meinen kurzen Wonnetraum entgelten. „Wenn Sie dieſe Zeilen leſen, bin ich verſchwun⸗ den. Ich bin todt für die Welt und werde es immer bleiben. Daß ich lebe, muß, ſofern Sie ein Mann von Ehre ſind, welcher ein heiliges Vertrauen zu bewahren weiß, ein Geheimniß zwiſchen Gott, Ihnen und mir bleiben. In demſelben Augenblick, wo Sie die Wahrheit verriethen, begingen Sie eine Treuloſigkeit gegen die Frau, welche blindlings auf Ihre Ritterlichkeit ſich verließ. „Einſt, wenn Jahre über den jetzigen Ereigniſſen dahin gerollt ſind, haben Sie, im Fall das Schick⸗ ſal Sie mit ihm zuſammenführen und das Andenken an mich ſein Glück oder ſeinen Frieden ſtören ſollte, das Recht, ihm zu ſagen, daß Lucie nicht auf Saint Vincent geſtorben iſt. „Jetzt, Marquis, dürfen Sie ſich durch Nichts bewegen laſſen, das, was ich Ihnen mittheile, zu verrathen. Sie würden dadurch endloſe Leiden ſchaffen, denn ſuchte er mich auch überall, ſo würde ich mich eher tödten, als ihn wiederſehen. Thun Sie darum Nichts, um die Spur von mir außzufinden. „Sie ſind der Einzige, deſſen Scharfſinn ich bei den Nachforſchungen fürchte, welche ſtattfinden wer⸗ 204 den. Gelängen ſie, ſo bliebe mir Nichts übrig, als Hand an mein Leben zu legen. „Ach, ich habe ſo viel zu ſühnen, daß ich Sie anflehe: vergrößern Sie nicht mein Sündenregiſter durch einen Selbſtmord! „Leben Sie wohl und haben Sie Dank für alle die Freundſchaft, die Sie mir ſtets bewieſen haben. Uebertragen Sie dieſelbe auf meinen jüngeren Bru⸗ der, Philipp von Outrouville.“ „Sollte der Lenker des Schickſals auf irgend eine mir unerklärliche Art einmal die Urſache meiner Handlungsweiſe an den Tag kommen laſſen, ſo be⸗ mühen Sie ſich, mich ſo ſchonend als möglich zu beurtheilen! „Meine einzige Entſchuldigung liegt darin, daß ich liebte;— daß er Alles war, und daß Alles, was er nicht war, Nichts galt. „Bewahren Sie mir ein freundliches Andenken. „Lucie.“ Als Wilhelm mit dem Leſen des Briefes zu Ende war, blieb er lange bewegungslos liegen und ſtarrte auf die verblaßten Schriftzüge. Endlich wandte er ſich zu Saint Sue mit den Worten: „Und dies iſt Alles, was Ihnen bekannt iſt, Marquis?“ „Ja, Alles!“ Wilhelm ſtieß einen tiefen Seufzer der Erleich⸗ terung aus. Die dunkle Wolke, welche auf ſeiner Stirne geweilt hatte, lichtete ſich und verſchwand. Es war, als ob ſeine Seele von irgend einem ſehr . peinlichen Gefühl befreit worden wäre. „Aber, mein beſter Marquis,“ fuhr er fort, „haben Sie wirklich im Laufe von neun Jahren Nichts gethan, um ſich zu überzeugen, was Lucie damals für einen Weg eingeſchlagen hat. Vermochte Ihre raſtlos unruhige Seele in Unthätigkeit zu bleiben, wenn es ſich um das Schickſal einer Frau handelte, welche Sie ſo hoch verehrten?“ „Sie vergeſſen, mein Lieber, daß in dem Briefe ausdrücklich ſtand, ich ſollte keine Nachforſchungen anſtellen.“ „Haben Sie für Ihre Perſon dieſer Aufforderung wirklich Folge geleiſtet?“ „Warum hätte ich es nicht thun ſollen, da meine Vernunft mir ſchon bei dem Durchleſen des Briefes geſagt hatte, daß Lucie in ein Kloſter ging?— Sie iſt ja todt für die Welt.“ „Und nicht gemordet!“ ſtammelte Wilhelm. Er reichte dem Marquis die Hand ſagte:„Haben Sie Dank dafür, daß Sie meine Seele von der Hölle befreiten, die ich darin herumgetragen. Ich darf nun wieder wagen, mich dem Glauben an die Zu⸗ kunft und das Glück hinzugeben, welches mir ſo be⸗ zaubernd entgegenlächelt.“ „Lieber Baron, mißtrauen Sie der Zukunft und dem Glück, gerade wenn ſie am meiſten verſprechen. Sie ſind beide gleich treulos.“ XXVIII. Die Heilung der Wunde an dem Bein hatte nun, da der Patient im Gemüthe ruhiger geworden war, einen ſchnelleren Fortgang. 206 Nach einigen weiteren Wochen war er ſo weit hergeſtellt, daß er, auf einen Stab geſtützt, im Zim⸗ mer herumgehen konnte. Die Correſpondenz zwiſchen ihm und Eſtelle wurde ſeit der Unterredung mit Saint Sue ſehr lebhaft geführt. Alles ſchien wieder hell und lächelnd. Seine Seele war wieder von Liebe und Ehrgeiz erfüllt. Er träumte von Auszeichnung und Glückſeligkeit. Mit der gewöhnlichen Leichtigkeit, ſich dem hin⸗ zugeben, was ſeiner Einbildung ſchmeichelte, überließ ſich Wilhelm ohne Widerſtand dem Gaukelſpiel der Illuſionen. Seine kecke Zuverſicht zu ſich ſelbſt und zu der Mackt, ſein Lebensſchiff zu ſteuern, bewirkte, daß er an der Verwirklichung deſſen, was ſeine Phan⸗ taſie ihm vorſpiegelte, keinen Zweifel hegte. Sein Schickſal war ſein Charakter, und ſein Cha⸗ rakter war ja von der Art, daß er ihn niemals zu einer ſchlechten oder unedeln Handlung beſtimmen konnte. Alſo mußte ſein Schickſal reich an Glück und Erfolg ſein. Alle die dunkeln Wolken, welche Nigama hervor⸗ gerufen hatte, waren zerſtreut. Er glaubte nun zu wiſſen, daß ſie Eſtelle eine abſcheuliche Lüge ange⸗ hängt hatte. Lucie lebte, Lucie, welche als Opfer ihrer wilden Eiferſucht gefallen ſein ſollte. Eſtelle war ſomit nicht der bezaubernde Dämon, welcher durch ſeine Anmuth und Schönheit berauſchte, aber durch ſein Verbrechen Leid und Entſetzen um ſich herum verbreitete. Daß Eſtelle an dem Tode ihres Mannes keine Schuld hatte, davon war Wilhelm jetzt feſt überzeugt. 207 Da Luciens Ermordung eine Fiction war, ſo konnte die des Grafen auch nichts Anderes ſein. Genug, das lebensfriſche Vertrauen unſeres Hel⸗ den auf Zukunft und Glück war wieder eingekehrt. Das Einzige, was ihn plagte, war, daß er unthätig bleiben mußte. Den vierzehnten October, als die Flotte endlich nach mehrmals wiederholten Befehlen vom König in See ging, hatte Wilhelm ſeinen Platz an Bord des Admiralſchiffes Guſtav III. wieder eingenommen. Er hatte ſchon zuvor dem Herzog ſeine Auf⸗ wartung gemacht; dieſer aber empfing ihn kalt und ungnädig. Dagegen war Cellner zum Cavalier bei Sr. königlichen Hoheit dem Großadmiral ernannt wor⸗ den und ſonnte ſich in den Strahlen der fürſtlichen Gnade. Auch Saint Sue begegnete der Herzog mit einer Zurückhaltung, welche deutlich bewies, daß er Vor⸗ urthelle gegen ihn hegte. Der Franzoſe ſeinerſeits verdoppelte nur ſeine Aufmerkſamkeit und Pünktlichkeit. Er ſchien die ungünſtige Stimmung des Großadmirals gar nicht zu bemerken; ein Benehmen, das auch Stjernkrona nachahmte. Am einundzwanzigſten October kehrte das Ge⸗ ſchwader nach Carlskrona zurück. Als im November die Flotte desarmirt wurde, erhielten ſowohl Saint Sue als Wilhelm Befehl, den Herzog nach der Haupt⸗ ſtadt zu begleiten. Den neunzehnten November erfolgte dir Abreie 208 XXIXH Der erſte Beſuch, den Wilhelm bei ſeiner An⸗ kunft in der Hauptſtadt machte, war natürlich bei Eſtelle. Dieſes Wiederſehen nach einer Trennung von ſo vielen Monaten und nach allen den Wolken, welche Wilhelms Inneres verdüſtert hatten, war ein Augenblick ſchwindelnden Jubels und Glücks. Ihr kurzes Wiederſehen gehörte zu denjenigen Stunden im Leben, wo der Menſch ſich einen Theil von der Seligkeit des Himmels erobert zu haben ſcheint. Als Wilhelm endlich genöthigt war, Eſtelle Le⸗ bewohl zu ſagen, um dahin zu gehen, wohin Pflicht und Dienſt ihn riefen, hatte er von ihr das Ver⸗ ſprechen erlangt, in einigen Tagen ſie ſeinen Eltern als ſeine Verlobte vorſtellen zu dürfen. Welche Welt voll Seligkeit verbarg nicht die Zukunft. Deſſen ungeachtet wurde Eſtelle in ihrem Innern von einer heftigen Angſt befallen, als Wilhelm die Hand auf das Schloß legte, um zu gehen. Als er den lezten liebenden Blick ihr zuwarf, war es ihr, als ob Jemand ihr zuflüſterte: „Den Wilhelm, der Dich jezt verläßt, wirſt Du niemals wiederfinden.“ Eſtelle wollte ihn zurückrufen, aber ſie faßte ſich wieder und lächelte im nächſten Augenblick ſelbſt über ihre kindiſche Einbildung. Als Wilhelm nach mancherlei Geſchäften, die er zu beſorgen hatte, am Abend in ſeine Wohnung 209 zurückkehrte, meldete ihm der Diener, die Kammerfrau der Gräfin von Eſtrier wünſche den Herrn Baron zu ſprechen. 4 Wilhelm nahm für ausgemacht an, daß ſie eine Botſchaft von Eſtelle habe und befahl, ſie herein⸗ zulaſſen. Eſtelle hatte, außer Nigama, eine franzöſiſche Kammerfrau und Wilhelm erwartete daher, dieſe zu finden. Er war deßhalb ſehr überraſcht, als Ni⸗ gama vor ihm ſtand. Der Anblick der Negerin machte einen peinlichen Eindruck auf ihn. Er rief ihm die Beſchuldigung deben Eſtelle in's Gedächtniß zurück und weckte ſeinen orn. „Was haſt Du mir von Deiner Gebieterin zu melden?“ fragte Wilhelm kurz und ſah die alte Negerin mit Augen an, ſo finſter wie die ihrigen. „Nichts,“ antwortete ſie. „So! Dann kommſt Du gewiß, um die abſcheu⸗ liche Anklage, welche Du Dir gegen Deine Gebie⸗ terin erlaubt haſt, bei mir abzubitten.“ „Nein, mein Herr! Ich habe mich eingefunden, um ſie zu bekräftigen; dann kann ich ſterben. Ich habe dann meine Sendung hier auf Erden erfüllt. Ich habe darum ſo lange gelebt, weil Gott will, daß das Verbrechen nicht ungeſtraft bleiben ſoll.“ Wilhelm erbleichte. „Gib Acht auf Deine Worte,“ ſagte er,„ſonſt könnteſt Du dafür büßen müſſen! Merke Dir wohl, Du unterſtehſt Dich, dem Weſen, welches mir auf Erden das theuerſte iſt, Handlungen ſo ſchwarz wie die Nacht zur Laſt zu legen!“ Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. II. 14 210 „Ich weiß es. Hier iſt der Beweis, daß ich die Wahrheit ſage. Nigama reichte Wilhelm ein zuſammengelegtes Blatt Papier. Er ſtieß ihre Hand mit den Worten zurück: „Welchen Beweis Du auch vorbringen möchteſt, ich würde nicht daran glauben. Du haſt auf Deine Gebieterin gelogen; ich weiß es. Ich wünſche Nichts durch Dich zu erfahren.— Geh' alſo!—“ „Herr Baron, ich gehe nicht eher, als bis Sie das geleſen haben. Weigern Sie ſich, ſo werde ich es Ihnen vorleſen.“ „Ich laſſe Dich hinausweiſen,“ ſagte Wilhelm kurz und beſtimmt.„Du haſt Dich zu behaupten erdreiſtet, Frau von Eſtrier habe nicht blos ihren Mann, ſondern auch ihre Schwägerin vergiftet.“ „Und ich habe die Wahrheit geſagt.“ „Wagſt Du vielleicht zu ſagen, daß Fräulein Lucie an Gift geſtorben iſt?“ 3 „Das weiß ich nicht; aber ich weiß, daß ſie durch Madame aus dem Wege geräumt wurde.“ „Beweiſe dies, wenn Du kannſt,“ rief Wilhelm heftig. „Wenn Sie dieſe Zeilen geleſen haben, werde ich es thun.“ Sie reichte Wilhelm abermals das Papier; aber er blieb unbeweglich. „Nigama ſchlug es jezt langſam aus einander und las: „Ich ſterbe, nachdem ich ein Glas Limonade vergiftet von meiner Frau, Eſtelle d'Eſtrier, ge⸗ trunken.„Charles d'Eſtrier.“ 211 Wilhelm riß Nigama buchſtäblich das Papier aus der Hand und rief bebend vor Zorn: „Das iſt eine niedrige Intrigue; dieſe Zeilen ſind gefälſcht!“ „Herr Baron, der Marquis Saint Sue kennt die Handſchrift des Grafen; Sie können ſich durch ihn oder Madame ſelbſt überzeugen, ob eine Fäl⸗ ſchung ſtattfindet,“ antwortete Nigama. Wilhelm ſtarrte die Zeilen von ſo entſezlichem Inhalt an. Unter dem Namen des Grafen prunkte das gräfliche Wappen, gleichſam um deſſen Aecht⸗ heit zu bekräftigen. Es folgten einige Augenblicke unheimlichen Still⸗ ſchweigens. Darauf nahm Wilhelm mit dumpfer Stimme das Wort: „Wie iſt das in Deine Hände gekommen?“ „Ich werde Ihnen ſogleich Aufklärung darüber geben. An demſelben Tage, da Sie und Fräulein Lucie eine Unterredung in dem Japaniſchen Tempel hatten, hieß es, der Herr Graf und deſſen Gemahlin ſeien verreist. Dem war aber nicht ſo. Sie befan⸗ den ſich in den Gemächern des Grafen eingeſchloſſen. Was da zwiſchen ihnen vorfiel, weiß ich nicht. Ge⸗ gen Abend klingelte Madame. Sie war wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt. Als ich hineinkam, war ſie ſehr aufgeregt und ging im Zimmer auf und ab. Sobald ich eintrat, gab ſie mir ein Billet, mit dem Befehl, es ſogleich dem Fräulein zu überbringen. Einige Augenblicke ſpäter ſah ich die leztere ſich zu Madame begeben.“ 4 „Ich war in dieſem Mazulip von ſo mancherlei Dingen Zeugin geweſen, daß ich nun n Angſt * mit einer Stimme, die mich zittern machte.„Was 212 und Schrecken ergriffen wurde. Ich fürchtete Gefahr für die Tochter meiner verſtorbenen theuren Herrin. Meine Unruhe bewirkte, daß ich mich in Madame’s Salon und von da bis an die Thüre ſchlich, hinter welcher ſie und das Fräulein ſich befanden. Ich legte mein Ohr an das Schlüſſelloch. Madame re⸗ dete, aber ſo leiſe, daß ich nicht unterſcheiden konnte, was ſie ſagte. Von Zeit zu Zeit wurde ſie durch Schluchzen unterbrochen. Endlich hörte ich das Fräu⸗ lein rufen: „O mein Gott, ſo iſt Alles vergeblich!“ „Ja, ſo vergeblich, daß wenn die Mutter Got⸗ tes von ihrem Himmel niederſtiege, ſie ihn nicht retten könnte!“ antwortete Madame. „Jetzt redete das Fräulein lang und ernſt, aber ohne daß ich ein einziges Wort vernehmen konnte. Nur einmal hörte ich zur Antwort auf Etwas, das Madame ſagte, äußern: „Eſtelle, aus Gnade, aus Mitleid ſchone mich!“ „Sprich nicht von Schonung!“ rief Madame iſt der Tod gegen die Hölle, die Du mir bereitet haſt!“ In dieſem Augenblick klirrte Etwas, gerade wie wenn ein Glas zerſchlagen worden wäre. Fräu⸗ lein Lucie ſagte mit bebender Stimme: „Schenke mir nur noch dieſe Nacht! Morgen ſoll es Dir freiſtehen, dieſes Leben zu nehmen, wel⸗ chem Du ein Ziel ſetzen willſt, wenn Du noch darauf beharrſt, ein ſolches Verbrechen zu begehen. Ich werde Dich nicht daran hindern.“. Einige Minuten darauf verließ das Fräulein G ( 1 — C 4 213 Madame's Zimmer. Als ſie an mir vorbeiging, — ich hatte mich hinter einer Gardine verſteckt— erſchrack ich über ihr blaſſes Ausſehen. „Ich wollte mich ſogleich zu dem Marquis be⸗ geben, um ihm zu ſagen, was ich gehört hatte, aber alle Ausgänge von dem Hintergebäude waren verſchloſſen, ſelbſt die Läden im untern Stockwerk gegen ſonſtige Gewohnheit zugeſchlagen. In den Flügel zu gelangen, wo der Marquis wohnte, war demnach eine Unmöglichkeit. „Am Morgen darauf war das Fräulein ver⸗ ſchwunden und der Graf todt— Was folgte, wiſ⸗ ſen Sie.“ „Nach Ihrer Abreiſe von St. Vincent gab Ma⸗ dame Befehl, Alles für ihre Abreiſe von der Inſel, die bei der erſten ſchicklichen Gelegenheit erfolgen ſollte, in Ordnung zu bringen. Kaum war dieſer Befehl ertheilt, als der Kam⸗ merdiener und Favoritneger des Grafen, Aſthon, welcher ihn und Madame nach Europa begleitet hatte, ſich bei unſerer Gebieterin einfand und mit ihr insgeheim zu ſprechen begehrte. „Nach dieſer Unterredung wurden die Vorkehrun⸗ gen zur Reiſe wieder abbeſtellt, und Madame blieb in Mazulip. Zwei Jahre darauf ſtarb Aſthon. „ ls er in den letzten Zügen lag, rief er mich zu ſich. Er übergab mir das in den letzten Augen⸗ blicken des Grafen geſchriebene Papier und nahm mir zugleich das heilige Verſprechen ab, daſſelbe Ihren Händen zu übergeben, im Fall Madame nach ſeinem Tode St. Vincent verließe und Sie auf⸗ ſuchte.. 214 „Er ſagte mir auch, der Graf ſei ſogleich, nach⸗ dem er das auf ſeinem Nachttiſch ſtehende Glas Li⸗ monade getrunken hatte, unwohl geworden. „Er hatte nur noch die Zeilen hier ſchreiben kön⸗ nen und Aſthon einige Befehle ertheilt, welche dieſer mit einem heiligen Eide zu vollziehen verſprechen mußte. Dann ſtarb er. Die Befehle lauteten da⸗ hin, daß Madame weder die Inſel verlaſſen noch ſich mit Ihnen verheirathen dürfe. In beiden Fällen ſollte Aſthon die von dem Grafen zu Papier ge⸗ brachte Anklage vorzeigen und drohen, dieſelbe ent⸗ weder in Ihre oder in die Hände des Geſetzes ab⸗ zuliefern. Aſthon fügte noch mit ſterbender Stimme hinzu, es ſei ihm auch bekannt, daß Madame Fräu⸗ lein Lucie aus dem Wege geräumt habe.“ „Nun, Herr Baron, mögen Sie dieſes Papier behalten. Sie werden nicht wagen, eine Mörderin zu heirathen.“. Nigama ſchwieg. Wilhelm hatte ſich auf einen Sopha gemorfen Dort ſaß er, den Kopf auf die Hände geſtützt, ein Bild der Verzweiflung. Als Nigama ſchloß, ſagte er, ohne ſeine Stellung zu verändern: „Geh, verlaß mich!“ Die Negerin gehorchte. XXX. Am folgenden Tag wurde Wilhelm zum König ge⸗ rufen. Er hatte die Nacht, ohne ein Auge zu ſchließen, auf⸗ und abgehend in ſeinem Zimmer zugebracht. 215 Während er bei dem Monarchen ſich befand, zählte Eſtelle die Minuten, bis die Stunde ſchlagen würde, wo ſie den Geliebten erwarten durfte. Froh wie die lächelnde Hoffnung hatte ſie den Tag begrüßt. Sie ſollte Wilhelm wiederſehen. Alle un⸗ ruhige Beſorgniß und Angſt vor der Zukunft, wo⸗ von ſie bisher geplagt worden war verſchwunden. Endlich meldete der Diener Baron Stjernkrona. Den Augenblick darauf ſtand Wilhelm in voller Uniform vor Eſtelle. Er kam vom König. Er war bleich wie der Tod, und ſein Blick düſter. Ohne die ihm dargereichte Hand zu faſſen, ſprach er, mit einer Stimme, ſo kalt, daß ſie ihren friſchen Klang ganz verloren hatte: „Ich bitte Sie, Madame, mich zu entſchuldigen, wenn mein Ausſehen und Benehmen heute verändert iſt. Die Urſache davon iſt folgende.“ Er reichte Eſtelle die von dem Grafen d'Eſtrier unterzeichneten Zeilen. „Kennen Sie dieſe Handſchrift?“ ſezte er hinzu. Kaum hatte Eſtelle einen Blick darauf geworfen, ſo ſprang ſie auf und faßte mit einem durchdrin⸗ genden Schrei Wilhelms Arm. „Heilige Mutter Gottes, erbarme dich über mich Unglückliche!“ murmelte ſie und ſank auf die Kniee, indem ſie ihr Angeſicht in den Händen verbarg. Einen Augenblick ſah Wilhelm zu ihr nieder; dann ſtammelte er mit gewaltſamer Aufregung: „Behalten Sie dieſen Beweis Ihres Verbrechens. Möge der Höchſte Ihnen vergeben. Ich will ver⸗ ſuchen das Böſe, das Sie gethan haben, zu ver⸗ geſſen.“. 216 Er ſtürzte nach der Thüre; aber gerade, da er ſie hinter ſich ſchließen wollte, ſprang Eſtelle auf und rief: „Bleiben Sie— ich bin unſchuldig!“ Wilhelm drehte den Kopf herum. Er warf einen Blick— einen Blick des Mitleids auf ſie und ſagte nur: „Zu ſpät.“ Die Thüre ſchloß ſich. Wilhelm hörte einen durchdringenden Schrei— einen Schrei, der einen ſo hohen Grad von Schmerz und Verzweiflung aus⸗ drückte, daß er durch Mark und Bein ging. Er entfloh aus dem Zimmer und aus dem Hauſe, wo all ſein Glaube und alle ſeine Hoffnungen auf eine ſo gräßliche Weiſe Schiffbruch gelitten hatten. Eſtelle hatte bei Wilhelms Worten:„Zu ſpät“ einen ſo gewaltigen Schmerz empfunden, daß es ihr vorkam, als ob er ihr Herz brechen müßte. Der Schrei namenloſer Verzweiflung, welcher über ihre Lippen kam, war auch der einzige Ausbruch, welcher folgte. Sie vermochte nicht ihm nachzueilen, ſondern blieb unbeweglich ſtehen, wie vom Donner gerührt, mehr einem lebloſen, als einem lebenden Weſen gleichend. Eſtelle konnte nicht weinen, nicht klagen. Dazu war ſie durch den unerwarteten Schlag, welcher ſie in dem Augenblick traf, da das Glück ihr am ver⸗ heißungsreichſten zulächelte, viel zu ſehr erſchüttert und niedergebeugt. Eſtelle hatte jedoch einen ſtarken Körper und ſtarke Nerven. Sie verlor weder Beſinnung noch Vernunft. 217 Sie hatte die Hände auf die Bruſt gedrückt, als wollte ſie verhindern, daß noch ein Angſtruf aus der Hölle von Qualen, die ihr Inneres erfüllten, ſich Bahn breche. Bei jenem durchdringenden Schrei kam Nigama in das Zimmer geſtürzt und fragte, ob Madame krank ſei. Bei dem Laut von der Stimme der Negerin zuckte ſie zuſammen. In einem Ton, der etwas Be⸗ bendes hatte, antwortete ſie mit einem einzigen Nein und machte mit der Hand eine abweiſende Bewe⸗ gung. Wieder allein, nahm ſie das unheilvolle Papier von dem Tiſch, auf welchen Wilhelm es gelegt hatte, und murmelte: „So gibt es alſo keine Ecke in der Welt, wohin der Haß und die Rache mich nicht verfolgten. Nun hat Gottes Hand mich auf eine ſchreckliche Weiſe getroffen.“ Ein Seufzer, eine ganze Welt von Leiden in ſich faſſend, hob ihre Bruſt. Es war ein Seufzer, aus⸗ drucksvoller als eine gänze Fluth von Thränen. Er erzählte davon, daß es Unglücksfälle gibt, für welche die Thränenquelle verſiegt iſt und bleibt, denn es folgt keine Linderung davon. Wahnwitz wäre ein Glück für den, welcher dadurch betroffen wird. Eſtelle legte das Papier zögernd wieder zuſam⸗ men, als wollte ſie ſich überzeugen, daß es kein ent⸗ ſetzlicher Traum war, der ſie marterte, ſondern Wahrheit; daß dieſe Anklage von dem einzigen We⸗ ſen, das ihr auf Erden theuer war, auf ſie gewälzt worden. 3 218 Von dem einzigen Menſchen, an den ſie ihre Seele mit all dem Guten und Böſen, woraus ſie zuſammengeſetzt war, gehängt hatte; dem einzigen, für den ſie ein Engel an Liebe und Güte hätte werden mögen; zu deſſen Füßen ſie ohne Klage ih⸗ ren letzten Seufzer ausgeſtoßen hätte; von deſſen Hand ſie gern geſtorben wäre, wenn ſie nur mit ihrem brechenden Auge noch einen Blick der Liebe von ihm hätte auffangen können. Die Erde barg keine Leiden, keine Entſagungen, keine Opfer, denen ſie ſich nicht mit Freuden un⸗ terworfen hätte, nur um das Glück zu erkaufen, von ihm geliebt zu werden. Und nun— nun ſeand ſie da, verachtet, verſto⸗ ßen und gebrandmarkt wie eine Verbrecherin— und das von ihm! Beraubt ſeiner Liebe, ſeines Erbar⸗ mens! Preisgegeben dem einzigen Unglück, das Eſtelle kannte— dem Verluſt ſeiner Zärtlichkeit! Ihr Unglück war ſo groß, daß es das größte Verbrechen hätte ſühnen können; ſo dachte ſie. Als ſie endlich das Blatt, das ihres Mannes gräßliches Teſtament enthielt, wieder zuſammenfaltete, meldete der Diener den Marquis Saint Sue. Ein Strahl von Hoffnung flog über Eſtelle's An⸗ geſicht. „Heilige Mutter Gottes! Sendeſt Du mir die⸗ ſen Mann zur Rettung!“ flüſterte ſie. „Jetzt Muth, mein Herz!“ ſetzte ſie in Gedanken hinzu.„Das iſt der letzte verzweifelte Kampf, den ich zu beſtehen habe. Sieg oder Vernichtung iſt mein Loos!“ Sie fuhr mit beiden Händen über die Stirne, 219 um die äußern Zeichen des innern Elends zu ver⸗ bannen; aber vergebens. Die weichſte und ſchönſte Hand vermag nicht das Brandmal zu verwiſchen, welches der Kummer unſern Zügen aufdrückt. Eſtelle war nicht im Stande, ihren Lippen nur das matteſte Lächeln abzuzwingen. Trotz aller Bemühungen ſtand auf Eſtelle's An⸗ geſicht zu leſen, daß jede Fiber in ihrer Seele von Schmerz erbebte. Auch waren Saint Sue's erſte Worte: „Sind Sie krank, Madame?“ „Nein, Margauis, ich bin nicht ſo glücklich, un⸗ wohl zu ſein! Ich bin geſund— ich bin unglück⸗ lich!— Unſer Streit iſt zu Ende. Die Ueberwun⸗ dene benachrichtigt Sie davon. Sie haben geſiegt.— Ich bin vernichtet!“ Es gibt Worte, kalt und ruhig ausgeſprochen, welche gleichwohl mehr Kummer und Verzweiflung verrathen, als die wildeſte Klage. Das war der Fall bei Eſtelle. Das Lächeln verſchwand von den Lippen des Marquis. Er blickte die ſchöne Frau mit Verwun⸗ derung an. Sie fuhr fort: „Sie haben geſagt: Ehe Stjernkrona Frau von Eſtrier als ſeine Braut zum Altar führt, jage ich ihm eine Kugel durch den Kopf.— Nun wohl, Mar⸗ quis! Sie haben dieſe Handlung überflüſſig ge⸗ macht. Stiernkrona hat Frau von Eſtrier verſtoßen! Sind Sie jetzt zufrieden?“ Ihre Lippen bebten. „Madame, ich begreife den Sinn Ihrer Worte 220 nicht!“ erwiderte Saint Sue mit einer Miene der Ueberraſchung. „Nicht!“ rief Eſtelle leidenſchaftlich und hob das Papier, welches ſie in der Hand hielt, empor.„Wie viel haben Sie bezahlt, um dieſen Fetzen in Ihre Hände zu bekommen? Sie haben ihn meinen elen⸗ den Sclaven abgekauft, um damit einen Sieg zu gewinnen, gräßlicher als alle, denen Sie in der Eigen⸗ ſchaft des Kriegers angewohnt haben!“ „Sie ſprechen in Räthſeln! Meine einzige Ant⸗ wort lautet: Ich habe niemals Etwas gekauft, nie⸗ mals mit Etwas Wucher getrieben, um Ihnen zu ſchaden. Ich habe nur gewünſcht, Ihrem unheilvol⸗ len Einfluß auf einen Mann, den ich hochſchätze, entgegenzuarbeiten.“ „Marquis, hören Sie auf, den Ritterlichen zu ſpielen, da Alles Sie des Gegentheils anklagt! Sie haben mir allzu oft zu verſtehen gegeben, was Sie von mir denken, als daß ich nicht Ihre Hand in dem, was geſchehen iſt, erkennen ſollte. Sie haben kein Bedenken getragen, mich zu beſchuldigen, als hätte ich den Mann, deſſen Namen ich trage, um's Leben gebracht. Nun wohl, ſo ſind Sie es, welcher Nigama oder Pierre das abgekauft hat?“ Saint Sue ſtreckte die Hand aus, um das Pa⸗ pier zu ergreifen, und ſagte: „Ich bin mit Nigama in gar keine Berührung gekommen; und was dieſes Papier anbelangt, ſo iſt deſſen Inhalt mir gänzlich unbekannt.“ Eſtelle zog die Hand zurück. „Schwören Sie mir darauf bei Ihrer Ehre?“ „Ich ſchwöre es bei meiner Ehre als Edelmann.“ 221 „Können Sie auch darauf ſchwören, daß Sie nicht wiſſen, was zwiſchen mir und Stjernkrona vor⸗ gefallen iſt?“ „Das kann ich.— Geſtern, als ich ihn traf, war er ſo glücklich, daß die Erde keinen Glücklichern zu tragen ſchien.“ Eſtelle ſchauderte. Mit gewaltſamer Anſtrengung nahm ſie wieder das Wort: „Wenn es wahr iſt, daß Sie unſchuldig an dem Geſchehenen ſind, ſo beweiſen Sie mir es dadurch, diß Sie ein einziges Mal als mein Freund han⸗ eln!“ „Was Sie begehren, Madame iſt unmöglich!— Sie glauben nicht an Freundſchaft, und ich kann nicht Ihr Freund ſein. Als Feind werde ich jedoch Ihre Wünſche mit dem größten Vergnügen erfüllen, wenn es nämlich in meiner Macht ſteht.“ „Marquis, ich haßte Sie, weil Sie mich einmal gedemüthigt haben. Ich wünſchte Sie dafür zu ſtrafen, aber es iſt mir nicht gelungen. Es gibt da⸗ her keinen Menſchen, an den eine Bitte zu richten für mich kränkender ſein muß— und dennoch ſehen Sie mich jetzt zu Ihren Füßen,—“ Eſtelle warf ſich bei dieſen Worten auf die Kniee—„um Ihren Beiſtand bittend. Ich will mich an Sie hängen und im Staube betteln, bis Sie mich erhören!“ Saint Sue beugte ſich nieder, um ſie aufzurich⸗ ten, und ſagte:. „Um Gottes Willen, Madame, nicht ſo!— Kann ich Ihre Bitte erfüllen, ſo bedarf es dieſes Thuns nicht; im entgegengeſetzten Fall—“ Eſtelle ſtieß ſeine Hand zurück und rief ſchmerzlich: 222 „Sie können es; ſonſt würde ich nicht darum bitten!“ „Wer weiß?“ Wiederum verſuchte der Marquis, ſie ihrer knieen⸗ den Stellung zu entziehen. „Laſſen Sie mich!“ ſagte Eſtelle.„Ich werde zu Ihren Füßen bleiben, bis Sie mir das Verſprechen geben, mir die Gelegenheit zu verſchaffen, ein ein⸗ ziges Mal Stjernkrona wieder zu ſehen und mit ihm zu reden. Marquis, es iſt mehr, als mein Le⸗ ben, was ich von Ihnen begehre!“ „Und das Einzige, um das Sie nich vergeb⸗ lich bitten!“ antwortete Saint Sue.„Ohne meine Einmiſchung ſind Sie und Stjernkrona von einander geſchieden— durch meine Einmiſchung ſollen Sie nicht wieder zuſammentreffen. Merken Sie wohl, Madame, und wenn Sie Ihr Leben lang darum bäten, ſo würde meine Antwort nur eine Weigerung ſein!— Ich beſchwöre Sie darum, ſtehen Sie auf!“ Langſam richtete ſich Eſtelle auf. Sie faßte ſich heftig am Kopf und ſtöhnte: „Es gibt alſo Niemand, der Erbarmen mit mir hat!“ „Ich wäre ohne Erbarmen mit Ihnen und dem Baron, wenn ich Ihrer Bitte Genüge leiſtete. Der Schlag, den Sie erlitten, hätte eines Tags, früher oder ſpäter, Sie treffen müſſen. Da er Sie nun einmal erreicht hat, ſo wäre es vergeblich, das was geſchehen iſt, ändern zu wollen. Unſer Schickſal iſt, die Strafe für unſere Fehler zu leiden.“ 223 Eſtelle heftete Ihre Augen auf Saint Sue und ſagte mit beinahe lautloſer Stimme: „In dieſem Augenblick bin ich ſo unglücllich, daß ich nicht einmal die Stärke oder den Muth be⸗ ſitze, Ihrer Grauſamkeit zu fluchen. Gehen Sie, ver⸗ laſſen Sie mich! Eines Tags, Marquis, werden Sie es bereuen; aber zu ſpät!— Sie haben eine unglückliche Frau zu Ihren Füßen geſehen und die Bitte derſelben nicht erhört! Sie ſind ein Mann ohne Herz!“ „Aber ein Mann von Ehre, Madame!“ Saint Sue verbeugte ſich und ging. XXXI. 2 Eine Stunde nach Saint Sue's Entfernung ſetzte ſich Eſtelle nieder und ſchrieb. Der Brief war an Wilhelm. Er war lang. Sie redete aus der Tiefe ihres Herzens, ohne Vorbehalt und ohne auf irgend eine Weiſe ihre Handlungen be⸗ ſchönigen zu wollen. Es war ein Selbſtbekenntniß, wie es aus einem Herzen hervorgehen kann, welches nur ein Bedürfniß hat, nämlich die Wahrheit zu ſagen. Als ſie den langen Brief vollendet hatte, ſandte ſie ihn ab. Kaum eine halbe Stunde darauf kam der Bote mit der Antwort zurück. Ihre Hand zitterte vor haſtiger Ungeduld, als Eſtelle den Umſchlag erbrach. Aus demſelben fiel ihr eigener Brief heraus. Er war von einigen Zei⸗ len nachſtehenden Inhalts begleitet: 224 „Madame!“ „Ich bitte, erſparen Sie uns beiden die Demü⸗ thigung eines Briefwechſels. Zwingen Sie mich nicht, dergleichen zurückzuſenden! Ich kann von der Wittwe des Grafen von Eſtrier nichts Geſchriebenes annehmen. Sie iſt für mich eine fremde Perſon, mit welcher ich in keiner Berührung mehr ſtehen will. Ihr Verbrechen hat Eſtelle getödtet. „Wenn Sie dieſe Zeilen empfangen, habe ich die Hauptſtadt verlaſſen.— Getrennt von Allem, was mich an die Vergangenheit erinnert, werde ich Sie auch aus meinem Gedächtniß zu vertilgen ſuchen.— Sie haben auf eine furchtbare Weiſe in mein Schick⸗ ſal eingegriffen. Begnügen Sie ſich darum mit der Gewißheit, daß Sie mir auf immer Glück und Frie⸗ den geraubt haben. „Leben Sie wohl, wenn es Ihnen möglich iſt. Dieß wünſcht „Wilhelm Stjernkrona.“ Wenn Du, mein Leſer, im Stande geweſen biſt, Dich in einen Charakter, wie den Eſtelle's, zu ver⸗ ſetzen, ſo kannſt Du Dir eine wenn auch ſchwache Vorſtellung von dem Eindruck machen, welchen dieſer Brief hervorbrachte. Vermagſt Du es nicht, ſo iſt es auch überflüſſig, davon zu reden. Eſtelle war nach dem Leſen dieſer Zeilen, welche ihr den letzten Schimmer von Hoffnung raubten, noch nicht wieder zu Athem gekommen, als der Die⸗ ner mit einem zweiten Brief eintrat. Er war von Saint Sue und lautete: 225 „Madame! „Sie haben jetzt Gelegenheit, die Aechtheit Ihrer Liebe zu Stjernkrona zu beweiſen. „Iſt dieſelbe, wofür ich ſie immer angeſehen habe, eine wilde, ungezügelte Leidenſchaft, welche nur ſo lang, als ihr Genüge geſchieht, Kraft und Beſtand hat, aber ſobald ſie auf Widerſtand ſtößt, ſich in Haß verwandelt, ſo werden Sie dieſe Gelegenheit unbenützt laſſen. Lieben Sie aber mit des Herzens edlern Inſtinkten, uneingedenk Ihrer ſelbſt und Ihrer Leiden, ſo habe ich Ihnen die Möglichkeit gegeben, dieß an den Tag zu legen. „Die Sache verhält ſich einfach ſo. Das geheim⸗ nißvolle, unter einem andern Namen erfolgte Auf⸗ treten des Vicomte von Outrouville in Carlskrona, hat die Unannehmlichkeit mit ſich gebracht, daß nicht allein auf mich, ſondern auch auf Stjernkrona der Verdacht einer minder ehrenhaften Denkart geworfen woorden iſt. „In einer Zeit, wo ſo viel Verrätherei ans Licht kommt, darf man ſich nicht wundern, daß auch der König mißtrauiſch wird, beſonders wenn eine ſo ſcheinbare Veranlaſſung ſich vorfindet, wie es der Fall mit dem Vicomte iſt. „Vergangenes Jahr fiel der Argwohn blos auf mich. Se. Majeſtät ſchenkte ihm aber keine beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit. „In dieſem Jahre trägt er einen andern Charak⸗ ter. Man hat gewagt, einen Schatten auf Stiern⸗ krona zu werfen. „Geſtern iſt der Baron zum König berufen wor⸗ den. Er erhielt eine ernſte Zurechtweiſung und iſt Schwartz, Wilhelm Stiernkrona. II. 15 226 bis auf Weiteres ſeines Dienſtes bei dem Herzog enthoben worden. „Vor einer Stunde iſt Stjernkrona aus der V Hauptſtadt abgereist. Morgen wird man bei Hof und überall ſich ehrenkränkende Zuflüſterungen ge⸗ V ſtatten, wofern nicht der König über den wahren Sachverhalt aufgeklärt wird. „Ich bin, wie Sie wiſſen, durch ein Verſprechen gebunden und muß darum ſchweigen. Etwas Weite⸗ res füge ich nicht bei, ſondern unterzeichne als „Ihr unterthäniger „Jules Saint Sue.“ Am Abend war Eſtelle im Cirkel der Königin ſichtbar. Sie hatte eine längere Unterredung mit dem König. Das Reſultat dieſes Geſprächs zeigte ſich ſchon am folgenden Tag, wo Saint Sue zu dem Monarchen berufen wurde, welcher in ſeinem ſcherzhaften Tone dem Franzoſen mittheilte, es ſei ihm nunmehr ge⸗ lungen, die vollſtändigſte Aufklärung über die politi⸗ ſchen Umtriebe des Vicomte von Outrouville zu erhalten.. Einige Zeit darauf erhielt der Marquis den Schwerdtorden. Se. Majeſtät ſprach bei jeder Veranlaſſung mit großem Lobe von dem abweſenden Stiernkrona, ſo daß Niemand, mochte er noch ſo übelwollend und neidiſch ſein, auch nur einen Schatten von Veran⸗ laſſung finden konnte, von einer Ungnade, in die jener gerathen ſein ſollte, zu flüſtern. V Einige Tage, nachdem Eſtelle bei Hofe ſichtbar 227 geweſen, verbreitete ſich das Gerücht, Frau von Eſtrier ſei gefährlich erkrankt. Das Gerücht war begründet. Zum erſten Mal in ihrem Leben wurde ſie von körperlichen Schmer⸗ zen heimgeſucht. Der Tod hatte ſeine Arme nach der ſchönen Frau ausgeſtreckt und ſchien geneigt, allen den Leiden, welche ſie erduldete, ein Ende zu machen; aber Ju⸗ gend und Kraft gedachten nicht freiwillig dem Kno⸗ chenmann die ſchöne Beute zu überlaſſen, ohne einen b lebhaften Kampf mit ihm zu beſtehen. XXXII. Im Januar 1790 trafen Wilhelm und Saint Sue wieder in Carlskrona zuſammen. Kaum ſechs Wochen waren verfloſſen, ſeitdem der Marquis Wilhelm in der Hauptſtadt Lebewohl geſagt hatte, und dennoch war dieſe kurze Zeit aus⸗ reichend geweſen, in ſeinem Aeußern eine völlige Veränderung hervorzubringen. Hätte Wilhelm eine ſchwere und gefährliche Krank⸗ heit durchgemacht, ſie wäre nicht im Stande gewe⸗ ſen, größere Verheerungen zurückzulaſſen. Der Marquis mit ſeinem feinen Takt und ſeiner ſichern Auffaſſung geſtattete ſich keine Anmerkungen darüber, ſondern ſtellte ſich, als ob es nichts wäre; ein Beiſpiel, das Wilhelms Kameraden keineswegs nachahmten. Dieſe wurden gar nicht müde, ihr Er⸗ ſtaunen darüber auszudrücken, wie abgezehrt er aus⸗ ſehe und dergleichen. 15. 228 Die große Thätigkeit, welche auf den Schiffs⸗ werften und überall in Carlskrona herrſchte, riß Wil⸗ helm ſo mit ſich fort, daß ihm keine Zeit zum Grübeln übrig blieb. Er hatte ſich immer durch großen Fleiß und Eifer in Allem, was ihm oblag, ausgezeichnet; aber jetzt konnte man ſagen, daß er ſowohl für ſich als für Andere arbeitete. Er fürchtete ſich gewiſſerma⸗ ßen, nur eine Stunde Ruhe zu haben. Die Armirung der Flotte wurde mit unglaub⸗ licher Eile betrieben. Schon im März begann man mit dem Auftakeln der Schiffe. Die Auslegung derſelben wurde vom vierzehnten März bis zum zehnten April zu Stande gebracht. Den vierund⸗ zwanzigſten deſſelben Monats wurde die Mannſchaft gemuſtert. Einige Tage zuvor war Se. Königliche Hoheit der Großadmiral angelangt und hatte ſeine Flagge an Bord von Guſtav III. aufgehißt.. Am Abend deſſelben Tags erhielt Saint Sue einen Brief mit der Poſt von Frau von Eſtrier. Der Inhalt lautete wie folgt: „Marquis! „Noch kämpfen Leben und Tod um mich. Wem ich angehören werde, iſt noch nicht ausgemacht. Ich ſende Ihnen deßhalb inliegenden Brief. Er kann von Nutzen ſein, im Fall ein Angriff auf Baron Stjernkrona's Ehre von dem gemacht wird, welcher die Zeilen geſchrieben hat. „Leben Sie wohl, Marquis! Sie ſind als Sie⸗ ger aus unſerem Streite hervorgegangen; wir wer⸗ 229 den uns im Leben nie wieder begegnen.— Mögen Sie auch als Sieger aus dem Kampfe zurückkehren, der nun bevorſteht. Dieß wünſcht Eſtelle d'Eſtrier.“ Lang ſaß der Marquis da und blickte ge⸗ dankenvoll auf dieſe Zeilen; dann ſprang er auf und rief munter: „Du haſt Recht, wir werden uns nicht mehr be⸗ gegnen. Nachdem der Streit zwiſchen uns geendet iſt, werde ich ganz gewiß die Kugel finden, welche ich ſo lang vergebens geſucht habe.“ Er warf einen Blick auf den Brief, der dem von Eſtelle beigeſchloſſen war. Als er ihn durch⸗ leſen hatte, ſagte er lachend: „Ah, Lieutenant Cellner, jetzt ſollen Sie von mir Geſetze erhalten. Es wäre ſchlimm, wenn ich nicht Ihren Intriguen ein ſchmähliches Ziel ſetzen könnte.“ Am nächſten Morgen begegneten Cellner und Saint Sue einander im Geſchützraum. Letzterer grüßte den Günſtling des. Großadmirals höflich und ſagte mit ſeinem verbindlichen Lächeln: „Schenken Sie mir ein paar Minuten, mein Herr; ich wünſchte Ihnen einige Worte zu ſagen. 4 Cellner, welcher den Franzoſen gleichzeitig haßte und fürchtete, war immerdar, wenn der Zufall ſie zuſammenführte, ſehr zuvorkommend gegen ihn und antwortete daher, daß er, wenn ſeine Zeit auch noch ſo knapp zugemeſſen wäre, es deſſen Berhges als ein Glück anſehe,, dem„Marquis Saint Sue“ einige Augenblicke opfern zu können. „Ich danke Ihnen,“ antwortete Saint Sue.„Es 230 ſind eigentlich nur ein paar Fragen, die ich an Sie zu machen wünſche. Sind Sie noch immer Stiern⸗ krona's Freund?“ „Eine Antwort darauf, Marquis, iſt, hoffe ich, überflüſſig. Sie ſollten mich ſo weit kennen, um einzuſehen, daß ich von einem dem Freunde treuer⸗ gebenen Charakter bin.“ „Sie können mir alſo wohl als Stiernkrona's alter Freund Aufſchluß darüber geben, wer dieß ge⸗ ſchrieben hat?“ Der Marquis zeigte Cellner die erſten Zeilen des durch Eſtelle überſandten Briefes. Beim An⸗ blick deſſelben erblaßte der Lieutenant. Saint Sue lachte, legte das Blatt wieder zuſammen und fuhr in ſcherzhaftem Tone fort: „Mein Herr, Sie werden ſich künftig in Acht nehmen, aus Freundſchaft Intriguen gegen Stjernkrona anzuzetteln. Bei dem erſten Verſuch dieſer Art lege ich ganz unterthänig dieſe erbauliche Epiſtel in die Hände Sr. Majeſtät des Königs nie⸗ der. Nun will ich Sie nicht länger aufhalten.“ Saint Sue entfernte ſich von dem beſtürzten Cellner. Vier Tage ſpäter, den achtundzwanzigſten April, war die Kriegsflotte bereit in See zu gehen, wurde aber durch Gegenwinde am Auslaufen verhindert. Den dreißigſten ſprang der Wind oſtwärts um. Als die Flotte ſich auf der Höhe von Ragervick befand, erhielten alle Schiffskommandanten Mitthei⸗ lung vom Großadmiral, daß bei dem erſten günſti⸗ gen Winde ein Angriff auf die ruſſiſche Flotte, welche bei Reval lag, gemacht werden ſollte. 231 Es ſah jedoch aus, als ob eine ſolche Gelegen⸗ heit ſich nicht ſo bald darbieten würde, denn eine Todtenſtille lagerte auf der See und machte bei⸗ nahe jedes Manöver unmöglich. Nur ein matter Wellenſchlag aus Weſten bewirkte zuweilen, daß die ſchlaff herabhängenden Segel, wenn die Schiffe ſich ein wenig hoben oder ſenkten, leicht an die Stengen anſchlugen. Flaggen und Wimpel hingen träge herun⸗ ter und ſahen faſt traurig aus. Am Bord des Admiralſchiffs ſaß die Mannſchaft nach der Mahlzeit theils zwiſchen den Kanonen des Bugs, theils auf dem Vorderkaſtell und ruhte von den Exercitien des Vormittags aus. Der wachhabende Offizier ging ungeduldig, wie es gewöhnlich bei ſolchen geiſttödtenden Windſtillen der Fall iſt, hin und her, indem er bald einen Blick auf das Takelwerk hinauf richtete, bald ſtehen blieb und mit dem Fernglas vor den Augen nach dem weſtlichen Horizont ausſchaute, um irgend einen dunk⸗ lern Streifen zu entdecken, der wenigſtens ſo viel Wind verhieße, daß das, Schiff ſteuern könnte. Ein anderes Mal betrachtete er, wahrſcheinlich um ſich über ſeine hilfloſe Lage zu tröſten, die übrigen Schiffe der Flotte, welche nicht beſſer daran waren. Auf der Hütte ſtanden die Flaggenzieher mit dem Fernrohr unter dem Arm, über das Geländer gebeugt und damit beſchäftigt, in die Tiefe zu ſtarren, denn es konnte kein Signal gegeben oder befolgt werden. Selbſt in ihrem Kopfe war Windſtille ein⸗ getreten. Auf der obern Batterie finden wir die Offſiciere, die keinen Dienſt hatten, im Geſpräche über die be⸗ — 232 vorſtehenden Ereigniſſe begriffen. Unter ihnen be⸗ fanden ſich auch Saint Sue und Wilhelm. Der Letztere, der jetzt nicht durch eine raſtloſe Thätigkeit ſo zu ſagen ſich ſelber entrückt war, ſchaute ſorgenvoll auf die ruhige Fläche der See hinaus. Saint Sue ſah lebhafter und leichtſinniger als gewöhnlich aus. „Es ahnt mir, mein Lieber,“ ſagte er,„daß Ei⸗ ner von uns in dem bevorſtehenden Kampfe den letzten Einſatz im Leben bezahlen wird. Ich habe ein Vorgefühl, daß wir nicht beide aus demſelben zurückkehren. Sie ſind nun vorbereitet darauf und dürfen ſich alſo nicht überraſchen laſſen.“ „In ſolchem Fall hoffe ich, daß der Tod ſo viel Unterſcheidungsgabe hat, um das Loos auf mich fal⸗ len zu laſſen,“ antwortete Wilhelm düſter.„Ihnen, Marquis, lächelt das Leben noch voll glänzender Verheißungen; für mich hat es keinen Werth mehr.“ „Bah! So glauben Sie.— Aber nicht die Lei⸗ den ſind die tiefſten, welche in unſerem Aeußern zu leſen ſind, ſondern vielmehr diejenigen, welche ſich vor allen Blicken verbergen. Deßhalb, lieber Baron, kann mein Leichtſinn ebenſo viel zerſtörte Hoffnungen und erlittene Schiffbrüche auf dem Ocean des Glücks verbergen, wie Ihre düſtere Miene.“ „Möglich, obwohl ich es bezweifle. Nicht immer ſind wir Sterblichen im Stande, die Spuren der Leiden, wovon wir bedrückt werden, zu verwiſchen. Sie dringen durch die lügende Maske hindurch.“ „Sie alſo, der Mann, derſelbſt ſein Schick⸗ ſalſich ſchafft, Sie reden ſo? Wie ſollen Sie die Kraft haben, die Ereigniſſe zu beherrſchen, wenn Sie 233 nicht einmal ſtark genug ſind, den Kummer zu be⸗ kämpfen? Merken Sie wohl: wir vermögen ſo viel oder ſo wenig auf den Gang des Geſchicks einzu⸗ wirken, als wir Macht haben, unſere Gefühle zu zügeln. Der Einfluß, den unſere Handlungen auf unſere Exiſtenz ausüben, beruht auf uns ſelbſt, und damit dieſe den rechten Kurs einhalten, iſt erforder⸗ lich, daß wir niemals die Schwachheit über Vernunft und Willen herrſchen laſſen.— A⸗propos, wiſſen Sie, daß Frau von Eſtrier ſehr krank geweſen iſt und der Tod ein lüſternes Auge auf ſie geheftet hat?“ Es war das erſte Mal, daß Eſtelle's Name zwiſchen ihnen ausgeſprochen wurde, ſeitdem ſie in Carlskrona wieder zuſammengetroffen waren. Bei Saint Sue's Worten zuckte Wilhelm zuſammen, als ob der Marquis eine ſchmerzhafte Wunde berührt hätte. „Ich habe davon gehört,“ antwortete Wilhelm mit einem tiefen Seufzer, und ſetzte nicht ohne An⸗ ſtrengung hinzu: „Nennen Sie dieſen Namen nicht, Saint Sue, wenn Sie einige Freundſchaft für mich haben!“ Es entſtand ein Pauſe. Der Marquis unter⸗ brach dieſelbe mit den Worten: „Sind Sie vielleicht hinfort der Anſicht, daß wir einem unvermeidlichen Schickſal verfallen ſind?“ „Nein, Saint Sue! Unſere Leidenſchaften machen ganz allein unſer unvermeidliches Schickſal aus.“ „Wenn Sie dieß einſehen, warum machen Sie ſich zu einem kläglichen Sclaven derſelben?“ 234 „Es gibt ſolche, gegen die ſelbſt Charakterſtärke Nichts vermag.“ „Und das Unglück, welches daraus entſteht und oft genug dem Gang des Menſchenlebens eine ganz andere Richtung gibt, iſt das nicht von einer höhern Macht ausgegangen?“ „Es iſt gewöhnlich nichts Anderes, als die Nach⸗ wirkung von den Mängeln unſeres Charakters,“ ant⸗ wortete Wilhelm ernſt.. „Bravo! Jetzt gefallen Sie mir, denn Sie wäl⸗ zen die Schuld ihrer Leiden nicht der Vorſehung zu, ſondern erkennen an, daß Sie der Schöpfer davon ſind, Sie ſelbſt. Ihre Gemüthsart und Ihr Cha⸗ rakter führen Sie in Allem zum Extrem. Sie ha⸗ ben ſich ſtets ohne Widerſtand Ihren Eindrücken über⸗ laſſen. So kann zum Beiſpiel das, was jetzt Ihr Leben verdüſtert, nur eine finſtere Einbildung Ihrer Seele ſein.— Sie haben Unrecht anzunehmen, daß Frau von Eſtrier ihren Mann vergiftet hat. Ge⸗ rade das Wahrſcheinlichſte iſt oft das am mindeſten Wahre. Die Lüge treibt gern mit unſerer Leicht⸗ gläubigkeit ihr Geſpötte.“ Wilhelm ſchwieg und betrachtete Saint Sue mit einem finſteren Blicke. Er wollte ihm nicht wider⸗ ſprechen.— Einige ihrer Kameraden kamen auf ſie zu. Das Geſpräch wurde dadurch unterbrochen, um nie wieder angeknüpft zu werden. Um drei Uhr Nachmittags begann eine leichte Briſe die Segel zu füllen. Mit lächelnder Miene ſah der wachhabende Officier ſie kommen. Alle Un⸗ geduld verſchwand. Seine Stimme ließ ſich jezt 235⁵ kraftvoll hören; die Pfeifen gellten, die Braſſen wurden angeholt, die Signale flogen von dem Top ſämmtlicher Schiffe. Die blaugelbe Flagge entfaltete ſich langſam vor der ſchwachen Briſe. Am Morgen darauf, den dreizehnten Mai, blies ein ſchwacher Weſtwind. Die Schiffe glitten eines nach dem andern vorwärts. Es war, als ob ſie ſich nur unentſchloſſen dem Lande näherten; aber je höher die Sonne ſtieg, deſto mehr verſchwand dieſes Zögern in deren Bewegungen, und eine zunehmende Briſe führte ſie raſch weiter. Das Land und die im Hafen vertauten Schiffe wurden völlig ſichtbar; ſie lagen mit ihrer Breitſeite nach außen und wieſen die Zähne. Se. Königliche Hoheit der Großadmiral hatte, dem ausdrücklichen Befehl des Königs, ſein Leben nicht auszuſetzen, gehorchend, das Admiralſchiff ver⸗ laſſen und ſich an Bord der Fregatte Ulla Ferſen begeben, welche ſich außer Schußweite hielt. Als der Herzog von Guſtav III. abging, wandte er ſich zu Wilhelm mit den Worten: „Nun, Stiernkrona, iſt vielleicht Ihre Ergeben⸗ heit für meine Perſon ſo groß, daß Sie es vor⸗ ziehen, mir zu ſolgen und ſich außerhalb des Be⸗ reichs der ruſſiſchen Kugeln zu halten?“ „Eure Königliche Hoheit, ich glaube bewieſen zu haben, daß meine Ergebenheit für den König, mei⸗ nen Chef und das Vaterland groß genug iſt, um mir bei allen Gelegenheiten zu gebieten, Blut und Leben dafür aufzuopfern. Ich bitte mir deshalb die Gnade aus, für Guſtav III. und auf demſelben kämpfen, ſiegen oder fallen zu dürfen.“ 236 Der Herzog, welcher die Augen auf Wilhelm ge⸗ heftet hatte, lächelte ihm gnädig zu; denn es lag in ſeinem redlichen und offenen Angeſicht Etwas, das für den Augenblick allen Argwohn aus der Seele des Prinzen entfernte. „Ich hoffe auch, daß Ihr Muth und Ihre Ge⸗ ſchicklichkeit ſich nicht verleugnen werden, Stjernkrona,“ ſagte der Herzog.„Leben Sie wohl!“ Ein wenig ſpäter ſchiffte der Leztere an Bord der Ulla Ferſen ſich ein. 7 Seit dem vorhergehenden Tage hatten die Ruſſen Zeit gehabt, ihre Vertheidigungsanſtalten zu treffen, welche ſich jedoch darauf beſchränkten, daß die Linie geordnet und die Kanonen ſchußfertig gemacht wurden. Um eilf Uhr war die„Dreiſtigkeit“, das vor⸗ derſte Schiff in der ſchwediſchen Flotte, ſo nahe ge⸗ kommen, daß ſie vor den Wind fiel und im Vor⸗ überfahren an den ruſſiſchen Schiffen ihre Steuer⸗ bordſeite gab. Auf dieſes Schiff folgten die andern Fahrzeuge mit Lage um Lage. Was die Geſchichte für ein Urtheil über dieſen Angriff einer vor Anker liegenden Flotte gefällt hat, gehört nicht hieher. Die ſchwediſche„Dreiſtig⸗ keit“ bewies indeſſen, daß ſie am weiteſten ging. Der Angriff mißglückte; ſo war es der Wille des Windes. Die Unerſchrockenheit und Geiſtesgegenwart, welche unter den ſchwediſchen Befehlshabern herrſchte, war bewundernswerth. Ihr Muth nnd ihr Vertrauen waren nicht erſchüttert, als ſie ſich aus dieſem Kampfe zurückzogen, ſondern das Leztere geſchah unter dem 237 brennenden Verlangen, ihn wieder aufzunehmen und die erlittenen Verluſte zu rächen. Unter allen den Schiffen, welche am Kampfe Theil nahmen, fand ſich keines, das allen möglichen Unfällen ſo ſehr ausgeſetzt war, wie dasjenige, deſſen Planken unſer Held beſchritt. Wenn man das Unglück, in die Luft zu fliegen, ausnimmt, war kein anderes denkbar, auf das ſich nicht die Mannſchaft bei dieſem kurzen Angriff ge⸗ faßt machen mußte. Dem Umſchlagen nahe, beinahe rettungslos zuſammengeſchoſſen, während die Stengen völlig über Bord zu gehen drohten und das Tackel⸗ werk furchtbar zugerichtet worden, war das Schiff jeden Augenblick der Gefahr ausgeſetzt, auf das Land zu treiben. Gegen zwölf Uhr war das Schiff den feindlichen Linien ſo nahe gekommen, daß jetzt die Reihe an ihm war, längs denſelben hiuzulaufen. Der Wind war ſo ſtark geworden, daß er einem halben Sturm glich. In Folge davon und wegen des geringen Raumes, der ihm verblieb, mußte es laviren, um nur im Fahrwaſſer ſich halten zu können. Wilhelm hatte während dieſer heißen Stunden ſeinen Platz auf dem Vorderkaſtell. Gerade während des Umbraſſens wurden die Fockbraſſen unklar. Die Urſache war, daß ein Mann, der von dem großen Maſt heruntergeſchoſſen wurde, herabſtürzte und beim Fallen ein Stück von. ſeinem Kleide in der Block⸗ rolle hängen blieb. Dieſe Braſſe konnte demnach nicht angeholt wer⸗ den. Die Lage des Schiffes war höchſt bedenklich, 238 denn Alles hing von der Schnelligkeit der auszufüh⸗ renden Befehle ab. Wilhelm kommandirte ſogleich Leute zum Gegen⸗ braſſen. Das Manöver würde auch gelungen ſein, wenn nicht die damit beſchäftigten Matro⸗ ſen alle von einer Kugel getroffen und augenblicklich getödtet worden wären. Gleich einem wilden Roſſe, das ſich bäumt, wenn das Gebiß nicht richtig an⸗ gelegt iſt, hob ſich das Schiff in die Höhe und war nahe daran, ſich zum Feinde hinüber zu wenden. Keine Rettung ſchien möglich zu ſein. Endlich ſackte es doch und fiel wieder in Kurs, aber den ruſſiſchen Linien ſo nahe, daß der Luftdruck von den gelösten Geſchützen mehrere Mann an Bord von Guſtav III. zu Boden warf. Tauſtücke ſtürzten aus dem Tackelwerk herab, Feuer und Flammen umhüllten das Fahrzeug, Un⸗ ordnung herrſchte unter der Mannſchaft; Geſchrei ertönte von allen Seiten, als, um das Maaß des Unglücks noch zu vergrößern, die große Stenge, deren Wanten und Pardunen ſämmtlich abgeſchoſſen waren, über Bord zu gehen drohte. Sie ſtand wie ein Flitzbogen. Alles kam nun darauf an, die Segel herunterzubekommen. Aber jetzt wurde, um das Maaß des Mißgeſchicks voll zu machen, luvwärts die Braſſe des großen Maſtes, durch deren Anholen man die große Stenge zu ſtützen ſuchte, auch abgeſchoſſen. Als Wilhelm dies ſah, verließ er ſogleich ſeinen Poſten, ſprang nach dem Marsfall, warf ihn ab, rief alle Mann, die er ſammeln konnte, herbei, ließ das Geitau niederholen, während er ſelbſt den gro⸗ ßen Maſt hinauf und auf die Raa ſtieg. 239 Saint Sue, welcher ſogleich ſah, daß Wilhelm ſeinen Poſten verließ, folgte ihm ſchweigend. Ohne ein Wort zu ſagen, betrachteten ſie einander. In den Augen des Marquis ſtand zu leſen: „Hier bin ich, um die Gefahren zu theilen.“ Mehr als Wort und Verſicherung, ſagte der Blick, den ſie wechſelten. 1 Einige Secunden überlegte Wilhelm, ob das, was er beabſichtigte, in Wirklichkeit durchaus noth⸗ wendig wäre: da knallte es an der Stenge. Ging dieſelbe über Bord, ſo war es für ſie die lezte Fahrt.. Das Segel ſtand ſchwellend wie ein Ballon. Noch einige Augenblicke und Alles war verloren. Wilhelm zog ſein Meſſer, beugte ſich über das Segel nieder, ſtreckte den Arm aus und machte mit dem ſcharfen Stahl einen großen Riß in das Tuch. Mit einem Knall gleich einem Kanonenſchuß vollendete der Sturm das Begonnene. Die Kraft des Windes in dem Segel war vernichtet; die Stenge richtete ſich wieder. Die Raa ging mit Hülfe deſſen, der das Geitau anholte, niederwärts und fiel geräuſch⸗ voll auf das Eſelshaupt nieder. Wilhelm, welcher quer über der Raa lag, wäre ſicherlich auf das Deck herabgeſtürzt, wenn nicht Saint Sue, der ſich mit einer Hand feſt an dem Drehreep hielt, mit der andern unſern Held gefaßt hätte. Ihn feſtzuhalten, dazu fehlte ihm die Kraft; aber mit einer Kaltblütigkeit, welche nur vertraute Bekanntſchaft mit Gefahren und waghalſigen Unter⸗ nehmungen gewähren kann, gab er Wilhelms Sturz eine ſolche Richtung, daß er in den Maſtkorb fiel. 240 Gerade als Wilhelm dort geborgen wurde, hörte er Saint Sue mit klarer Stimme rufen: „Leben Sie wohl, lieber Baron; nun hat die Kugel mich gefunden, welche ich ſo lang ſuchte.“ In demſelben Augenblick ſtürzte der Marquis auf das Deck. Er war von einer feindlichen Kugel in die Bruſt getroffen worden. Als die Sonne nach dieſem blutigen Tage wie⸗ der ihr von dem Kampf und Streit der Menſchen ermüdetes Auge ſchloß, ſtand Wilhelm da und ſchaute düſter auf Saint Sue's lebloſen Körper. Er war alſo todt, dieſer unvergleichliche Kamerade mit ſeinem ritterlichen Herzen, ſeiner chevaleresken Denkart, ſeinem verwegenen Muthe und ſeinem ſorg⸗ loſen Frohſinn. Dieſer Tag, welcher ein ſo merkwürdiges Blatt in den Annalen der Geſchichte bildete, ſollte für Wil⸗ helm insbeſondere die Erinnerung an den ſchmerz⸗ lichen Hingang eines Freundes in ſich ſchließen, welcher ſein Leben in demſelben Augenblick, da er das von Wilhelm rettete, verloren hatte. Stjernkrona faßte die kalte, lebloſe Hand und flüſterte:— 6„Friede über dem Grabe, das Du nun gefun⸗ en.“ Den vierzehnten Auguſt wurde der Friede zwiſchen Schweden und Rußland unterzeichnet. Der dreijäh⸗ rige Kampf war zu Ende. Schweden hatte einen Namen gewonnen und, wenn auch keine materielle Vortheile geerndtet wor⸗ den waren, doch auch nichts von ſeinem Umfang eingebüßt. 241 Der Friedensſchluß wurde mit froher Feſtlichkeit gefeiert. Bei demſelben wurden die Beförderungen und Gnadenbeweiſe, womit der König verſchiedene Perſonen bei der Flotte belohnte, bekannt gemacht. Der Kapitän, Baron Wilhelm Stjernkrona, wurde zum Oberſten ernannt. 3 Cellner dagegen war nach ſeiner Rückkehr in die Hauptſtadt zum König berufen worden und hatte von demſelben den Befehl erhalten, um ſeinen Abſchied anzuſuchen. Die Urſache dazu gab, wie man glaubte, ein Brief, den man unter Saint Sue's hinterlaſſenen Papieren gefunden hatte, und der an den König adreſſirt geweſen war. Dieſer Brief war kein anderer, als derjenige, welchen Eſtelle an den Marquis geſandt hatte. Der alte Baron Stiernkrona war geſtorben, wäh⸗ rend Wilhelm bei Reval und Wiborg die härteſten Kämpfe beſtand. Er hinterließ ſeinem Sohn als behe eine Mutter und ein ſchuldenbelaſtetes Beſitz⸗ thum. Wilhelm erkannte ſogleich die Nothwendigkeit, den daran ſich knüpfenden Geſchäften beſondere Auf⸗ merkſamkeit zu widmen, damit ſeine Mutter nicht außer dem Kummer über den Dahingeſchiedenen auch noch ökonomiſcher Bedrückung ausgeſetzt würde. Mit Ehre bedeckt, in vollem Genuß der Gnade, welche die königliche Macht ſchenken kann, zog Wil⸗ helm ſich auf einige Zeit von dem Schauplatz des öffentlichen Lebens zurück. Schwartz, Wilhelm Stiernkrona. II. 16 242 XXXIII. An einem klaren, friſchen Frühlingstag des Jahres 1791 ritt Wilhelm, als er von ſeinen Gütern zu⸗ rückkehrte, gegen ſeine Gewohnheit langſam nach dem Meeresſtrande hinaus. Es ging ein ziemlich ſtarker Wind. Die ſchäumenden Wogen brachen ſich mit unterdrückter Stärke am Strande. Die See ſang ihr brauſendes, eintöniges Lied. In Wilhelms Bruſt erwachte die niemals ſchlum⸗ mernde Sehnſucht, die Wogen wieder zu pflügen. „Ich muß hinaus,“ dachte er.„Die Thätigkeit hier auf dem Lande genügt mir nicht. Ich habe nun Alles geordnet, ſo daß meine Mutter ohne Sorge in ungeſtörtem Genuſſe alles deſſen, woran ſie gewöhnt iſt, dahinleben kann. Mich würde die Sehnſucht und Erinnerung tödten, wenn ich länger hier zögerte. Draußen auf den freien Wogen bringe ich es vielleicht eher dahin, zu vergeſſen.— Zu ver⸗ geſſen! Nein, man vergißt eine ſolche Frau nicht; man liebt ſie, ſelbſt wenn man bei ihrem Namen einen Fluch ausſprechen müßte. O, Eſtelle, alle ge⸗ wonnene Ehre, alle zeitlichen Vortheile wollte ich aufopfern, wenn ich Dein Bild aus meiner Seele reißen könnte!“ Er gab ſeinem Pferde die Sporen, und davon eilte das edle Thier. Als er auf dem Hofe Halt machte, war Wilhelms Entſchluß gefaßt. Schon in den nächſten Tagen wollte er Broby verlaſſen und ſich auf die unruhige See begeben. Er hatte kaum ſein Zimmer betreten, als dr 6 —=——=—O— ᷣ 243 Diener die inzwiſchen eingelaufenen Briefe über⸗ reichte. Der erſte, auf den ſein Auge, nachdem er ſie in Empfang genommen, traf, war ein Brief mit einem ausländiſchen Poſtſtempel. Er kam aus Frankreich und war ſchwarz geſiegelt. Wilhelms Hand zitterte, als er den Umſchlag er⸗ brach. Im Augenblick war der Gedanke aufgetaucht: „Wenn ſie todt wäre— wenn—“ Der Brief war jetzt aus einander geſchlagen. Die Handſchrift, die ſeinem Blick begegnete, bewog ihn zu dem Ausruf: „Sehe ich recht— von Lucie!“ Luciens Brief lautete: „Wilhelm Stjernkrona! „Zwölf Jahre ſind verfloſſen, ſeitdem Lucie von Outrouville verſchwand und hinging, ſich in einem Kloſter zu begraben. Nachdem ſie ſo lange Zeit todt geweſen, ergreift ſie die Feder, um aus ihrem Grabe zu Ihnen zu reden. „Viel habe ich im Laufe dieſer Jahre gebetet, viel gekämpft, viel geweint und bin nun bereit, in die Gruft hinabzuſteigen, aus welcher keine Stimme mehr ſich vernehmen läßt. „Eſtelle— ſie iſt die Urſache, weshalb ich mich veranlaßt finde, mich noch einmal mit weltlichen Dingen zu beſchäftigen und meine Gedanken auf ir⸗ diſche Gegenſtände zu lenken. „Gott und Gewiſſen gebieten mir, eine ungerecht Angeklagte von der Beſchuldigung, ein Verbrechen begangen zu haben, zu befreien. 16 244 „Sie iſt unſchuldig— die Schuldige bin ich! „Als ich noch ſehr jung das Kloſter verließ, wo ich erzogen worden, waren meine Eltern in eine beſſere Welt eingegangen, und mein Halbbruder, der Graf d'Eſtrier, war derjenige, welcher mir ihren Ver⸗ luſt erſetzen ſollte. „Charles und Eſtelle waren ein Jahr in Frank⸗ reich geweſen, als ich, ein frommes, unerfahrenes ſechszehnjähriges Kind, den Frieden des Kloſters mit dem glänzenden Hotel vertauſchte. Alles, was ich hier ſah, war mir fremd. Der einzige Bekannte den ich traf, war meines verſtorbenen Bruders Ka⸗ merade, der Marquis Jules Saint Sue. Er wurde auch mein Freund und Vertrauter. „Eſtelle war, wie Sie vielleicht gehört haben, die gefeiertſte Frau der Zeit. Unter Allen, welche ſie umgaben, zeichneten ſich der Herzog** und der Graf D. durch die Beharrlichkeit ihrer Huldigungen aus. 3 „Ungewöhnt an das Salonleben und alle die daſelbſt geſtatteten Koketterien, ſah ich in dem Herzog und dem Grafen D. zwei Feinde von der Ehre des Grafen d'Eſtrier. Ich ſprach mich eines Tags gegen Charles dahin aus, daß es mir ſcheine, als handle er unrecht, indem er ſeine Gattin vernachläßige. Er fragte mich in ſeinem trägen, gleichgültigen Ton, ob es Etwas gäbe, wodurch Eſtelle ſich bemerklich mache. Ich antwortete ihm ehrlich, es komme mir vor, als ob der ſchöne und liebenswürdige Graf D. ſie allzu ſehr intereſſire.. „Den Tag darauf war ein großes Diner bei meinem Bruder. Graf D., jung, ſchön, witzig und 245 geiſtreich, eignete ſich ausſchließlich Eſtelle's Auf⸗ merkſamkeit zu. Zu Anfang des Mahles bemerkte ich zum erſten Mal, daß meines Bruders Blick ihr unaufhörlich folgte. „Hinter Charles' Stuhl ſtand wie gewöhnlich ſein ſchwarzer Diener Aſthon. Als die Vorgerichte ſer⸗ virt waren, ſah ich Aſthon hinter dem Stuhl des Grafen D. ſtehen. Dieß überraſchte mich. Er pflegte ſonſt nie ſeinen Platz zu meines Bruders ſpecieller Bedienung zu verlaſſen. „Der ſchwarze Sclave hatte von dem erſten Au⸗ genblick an, da ich ihn ſah, meinen Abſcheu erregt. Ich konnte nicht ſagen, warum. Wenn ich ihn ſah, war es immer, als ob eine unwiderſtehliche Macht mein Auge an ihn feſſelte. Ich empfand Widerwil⸗ len und Verdruß bei ſeinem Anblick, aber ich konnte es nicht unterlaſſen, ihm mit meinen Blicken zu fol⸗ gen. So auch jetzt. „Es ärgerte mich, daß er jeden Teller, welchen er dem Grafen D. hinſetzte, zuvor an ſeiner Hand rieb: Etwas das mir ſehr eckelerregend vorkam. Vor und nach einem jeden dieſer Manöver fuhr er mit ſeiner Hand in die Bruſttaſche. „Das Mittagsmahl war zu Ende. Als Graf D. ſich erhob und Eſtelle den Arm bieten wollte, wurde er plötzlich ſehr bleich, ſtammelte einige Worte von einem heftigen Unwohlſein und entfernte ſich. „Tags darauf war der Graf todt. Man flüſterte davon, als ob er vergiftet worden wäre; aber ein ſolches Gerücht ermangelte aller Wahrſcheinlichkeit, und ſeine Verwandten beerbten ihn, ohne ſich weiter darum zu bekümmern, wie er geſtorben war. 246 „Nach dieſem Ereigniß wurde ich beſtändig von der Vorſtellung gequält, daß der Graf durch meines Bruders Sclaven Aſthon vergiftet worden ſei. Vor meinem Gedächtniß ſtand unaufhörlich ſeühe ſchwarze Hand, welche an des Grafen Teller rieb. „Auf Eſtelle machte der Tod des Grafen einen ſehr ſchmerzlichen Eindruck. Sie verfiel einige Zeit in tiefe Schwermuth. Eines Tags äußerte ſie ge⸗ gen mich:. „Lucie, ich habe Luſt, in ein Kloſter zu gehen! Dort muß ich wohl nicht mehr davon reden hören, daß Leute an Gift ſterben.“ „Einige Zeit darauf verließ Saint Sue Paris. Er begab ſich nach Breſt. Im Frühjahr reisten wir eben dahin. Es war meines Vaters Geburtsſtadt. Der Herzog** folgte uns. Die Aufmerkſamkeiten deſſelben fuͤr Eſtelle wurden von Tag zu Tag em⸗ ſiger. „Wir hatten uns erſt einige Monate in Breſt aufgehalten, als wir Sie zum erſten Mal auf dem Ball des Grafen von Orvilliers ſahen. Dieſer Abend entſchied über das zukünftige Schickſal von Eſtelle und von mir. „Ein paar Tage nach der Abfahrt des Geſchwa⸗ ders, welche wir in Begleitung des Herzogs mit an⸗ ſahen, ſtarb der Letztere. „Eſtelle nahm dieſen Todesfall wo möglich noch ſchwerer auf, als den des Grafen. Auch über mein Gemüth legte ſich ein düſterer Schleier. Ein Arg⸗ wohn, gräßlich und marternd, verfolgte mich immer⸗ dar. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, 247 daß mein Bruder bei dieſen Ereigniſſen die Hand im Spiel hatte. „Tag und Nacht grübelte ich vergeblich über ein Mittel nach, mir einige Gewißheit zu verſchaffen. Der Zufall ſollte mir hiebei förderlich ſein. „Etwas, worüber ich mich oft verwunderte, war, daß Aſthon, den mein Bruder Eſtelle geſchenkt hatte, und der ſomit eigentlich ihr Diener ſein ſollte, den⸗ noch bei Charles in der Eigenſchaft eines Kammer⸗ dieners fungirte. Von Eſtelle wurde er niemals zu etwas Anderes verwendet, als daß er ſie auf ihren Promenaden begleiten mußte. Ich äußerte einmal meine Verwunderung darüber. Eſtelle antwortete in ſcherzhaftem Tone, ſie habe Aſthon dem Grafen wie⸗ der abgetreten, da er dieſem ſo unentbehrlich gewor⸗ den wäre. „Eines Abends kurz nach des Herzogs Tod, als ich Eſtelle verließ, nahm ich meinen Weg durch die große Gemäldegallerie. Ich blieb anf einer der auf den Balkon führenden offenen Thüren ſtehen, um von da auf das Brauſen der See zu horchen. Da trafen Stimmen an mein Ohr, welche ganz leiſe ſich be⸗ ſprachen. Es war dunkel. Ich konnte Nichts unter⸗ ſcheiden. Die Sprechenden befanden ſich auf dem Balkon. Ich lauſchte mit zurückgehaltenem Athem, denn das Erſte, was ich auffing, war der Name des Herzogs. „Es war Aſthon und ſeine Frau Lola, Zofe bei Eſtelle, die ſich hier niedergelaſſen hatten, um ihr Ver⸗ trauen gegen einander auszutauſchen. „Aſthon erzählte ihr, wie er auf meines Bruders Befehl nicht nur den Grafen D., ſondern auch den 248 Herzog aus dem Wege geräumt habe, und daß daſ⸗ ſelbe Schickſal einen Jeden erwarte, der von Eſtelle geliebt würde. „Lola ſchien durch die abſcheulichen Mittheilungen ihres Mannes nicht im Mindeſten betroffen, ſondern das Chepaar war vollkommen darin einig, meinem Bruder als Werkzeug für ſeine verruchten Rache⸗ plane zu dienen. Sie berechneten blos die Vortheile, welche ihnen daraus erwuchſen, wozu denn auch die Möglichkeit gehörte, aus der Sclaverei befreit zu werden. „LCola legte vollſtändige Rechenſchaft von Allem ab, was Eſtelle im Laufe des Tages geſagt oder ge⸗ than hatte; Etwas, das Aſthon ſeinerſeits dem Gra⸗ fen mittheilen ſollte. „Ich hatte ſomit die gräßliche Gewißheit davon, daß meiner Mutter Sohn ein Geſchöpf war, das auf die herzloſeſte Weiſe mit Menſchenleben ſpielte und Verbrechen als eine Lappalie betrachtete.— Von dieſem Augenblick an ſetzte ſich in meiner Seele eine tiefe Erbitterung gegen ihn und die ängſtliche Beſorgniß feſt, er würde früher oder ſpäter durch irgend einen Frevel den Namen, welchen er trug, beſchimpfen. „Als Sie von Ihrer erſten Expedition nach Breſt zurückkehrten, laſtete dieſes Alles auf meinem Her⸗ zen. Ich bewachte alle Bewegungen von Charles; ich belauerte Aſthon und Lola, welche ſich jeden Aben auf dem Balkon trafen. „Auf dieſe Weiſe hatte ich herausgebracht, daß die Einladung zum Diner, welche mein Bruder an Sie ergehen ließ, nur zum Zweck hatte, Sie aus 249 dem Wege zu räumen. Der Grund zu der Hand⸗ lungsweiſe von Charles war, wie ich glaubte, Ei⸗ ferſucht. „Sie verließen wieder Breſt.— Wir ſchieden— um uns niemals wieder zu ſehen— ſo dachte ich. Aber mein Herz und meine ganze Seele folgten Ih⸗ nen. Ich liebte Sie mit derſelben Stärke wie Eſtelle that; aber während deren Gefühle gleich einer Feuerflamme einen Wiederſchein über ihr ganzes Weſen warfen, lagen die meinigen ſtumm und ver⸗ ſchloſſen in meiner Bruſt. „Sie kamen nach St. Vincent. Um Sie vor meines Bruders Haß zu retten, mußte ich Ihre Liebe mir zueignen. Sie wiſſen, wie das zuging. „Am Abend deſſelben Tags, wo wir eine Zu⸗ ſammenkunft mit einander gehabt hatten, rief mich Eſtelle zu ſich. Ich fand ſie beinahe wahnſinnig vor Verzweiflung. Mit feurigen Worten und Blicken ſchilderte ſie ihre Verzweiflung. Mein Herz ſtand mir ſtill. Es bebte vor all der Liebe und dem Schmerz zurück, wovon ihr Herz erfüllt war. „Nachdem ſie mit lebhaften Farben all das Schöne, wovon ſie geträumt, all das Bittere, das ſie erlitten, geſchildert hatte, theilte ſie mir mit, was zwiſchen ihr und Charles vorgefallen war. „Mein Bruder hatte ihr Erklärungen gemacht, über denen ihr das Blut zu Eis erſtarrt war. „Charles, der durch das Teſtament ſeines Vaters von Alice Harland, der einzigen Frau, die er je ge⸗ liebt hatte, getrennt worden war und überdieß in Erfahrung gebracht hatte, daß Eſtelle's Mutter als an meines Vaters Tod ſchuldig angeſehen wurde, 250 hegte gegen Eſtelle einen eingewurzelten Haß, vergaß aber dabei vollkommen, daß Eſtelle gleich viele Gründe hatte, Charles zu haſſen, wenn nämlich die Verbrechen der Eltern dergleichen Gefühle hervorru⸗ fen dürften, denn der verſtorbene Graf von Eſtrier wurde allgemein beſchuldigt, Herrn Martin ermordet zu haben. Dieß war jedoch Etwas, an das Charles gar nicht zu denken ſchien, ſondern er ſchwur, Eſtelle ſollte ihm mit ihrem ganzen Leben für den Verluſt von Alice und den Tod ſeines Vaters bezahlen. Er wußte, daß ſie ſich blos deßhalb mit ihm vermählt hatte, weil das Teſtament es ſo vorſchrieb. Er ſah ſomit voraus, daß in ihrem Herzen einmal Neigung zu einem Andern erwachen würde.— Genug, in dem Augenblick, da ihre Schickſale für immer vereinigt wurden, verurtheilte Charles ſeine damals fünfzehn⸗ jährige Braut dazu, ihr Leben lang einen Jeden zu beweinen, zu welchem ſie ſich mit Etwas, das Zu⸗ neigung oder Liebe gliche, hingezogen fühlen würde. „Das erſte Opfer ſeines Racheplanes war eine Sclavin, welche Eſtelle ſehr werth hielt. Dann folgte Jedermann, von welchem er argwöhnte, daß er ihrem Herzen einigermaßen theuer war. Alle diejenigen, welche er auf ſolche Weiſe des Todes ſterben ließ, waren indeſſen Perſonen geweſen, die im Ganzen ge⸗ nommen Eſtelle nicht ſonderlich intereſſirten, aber mit welchen ſie unbedachter Weiſe ſich mehr als mit andern beſchäftigte. Deren Tod verurſachte ihr darum auch nur einen vorübergehenden Schmerz. „Sie waren der Erſte, der Einzige, den ſie liebte. „Als Charles ſie wie vernichtet traf, während ſie die Liebesworte, welche von Ihnen an mich gerichtet 251 wurden, belauſchte, führte er ſie in ſein Zimmer. Hier ließ er die Maske der Indolenz, hinter welcher er bisher ſeinen Haß verborgen hatte, fallen und ſie einen Blick in ſein grauſames, abſcheuliches Innere werfen. Mit höhniſcher Schadenfreude erklärte er ihr, daß ihr Leben nunmehr allem Elend und der Qual, womit er Jahre lang gekämpft hätte, ver⸗ fallen wäre. „Von Schmerz beinahe zur Raſerei getrieben, hatte Eſtelle, während Charles ihrer Thränen ſpottete, ausgerufen: „Nun wohl, es iſt wahr, Sie haben mich ſo un⸗ glücklich gemacht, daß ich nicht unglücklicher werden kann; aber Sie haben mir doch einen Troſt gelaſſen, den, daß ſein Leben gerettet iſt.— Ach, ich weiß ja, daß er nur eine freie Frau lieben kann. Möge er darum glücklich werden!— Mir bleibt Nichts übrig, als zu ſterben!“ „Wiſſen Sie, Madame, welche Botſchaft man mir von Martinique gebracht hat?“ fragte Charles in finſterem Ton. „Das iſt mir gleichgültig!“ antwortete Eſtelle. „Nicht ſo ganz! Sie ſollen auch daſſelbe Schick⸗ ſal haben.— Merken Sie wohl, es gibt ein Un⸗ glück, welches größer iſt, als alles Andere, wel⸗ ches der Tod verurſacht. So lang das Leben währt, hofft man— hofft, ſelbſt wenn alle Hoffnung erlo⸗ ſchen zu ſein ſcheint. Man wartet— man weiß ſelbſt nicht auf was.— Man macht lange, lange Reiſen, um das Weſen zu ſehen, an welches man ſeine ganze Seele gehängt hat, und iſt nicht ganz unglücklich. Aber wenn man von dem Worte Tod 25² getroffen wird, dann iſt es aus. Wohlan, Alice Harland iſt todt. Heute iſt mir die Nachricht davon zugekommen.— Verſtehen Sie, Eſtelle, nachdem Sie heute den Verluſt ſeiner Liebe beweint haben, ſollen Sie morgen den Verluſt ſeines Lebens beweinen. Er darf nicht leben, dieſer Mann. In demſelben Augen⸗ blicke, da Sie es als einen Troſt anſahen, daß Sie mit dem Verluſt Ihres Friedens ihn gerettet hätten, war ſein Todesurtheil geſchrieben. Es gibt Nichts, was ihn dem Schickſal entreißen kann, das ich ihm beſtimmt habe. Selbſt die Bitten meiner Mutter, wenn ſie aus ihrem Grabe hervorſtiege, würden fruchtlos ſein. Ihre Tochter hat kein größeres Recht, glücklich zu ſein, als ich, ihr Sohn. „Die Scene, welche jetzt folgte, muß gräßlich ge⸗ weſen ſein. Zehnmal hätte Eſtelle Leben und Frie⸗ den darum gegeben, um Sie dem Tode zu entreißen. Sie bettelte, ſie raste, ſie beſchwor ihn, aber ver⸗ gebens. Charles' einzige Antwort auf alle dieſe Ausbrüche war ein Hohngelächter. Endlich verließ er ſie mit den Worten: „Beruhigen Sie ſich, Madame! Ich habe für ihn allein dieſelbe Sorte Gift aufgeſpart, womit Ihre Mutter meinen Vater tödtete! „Eſtelle wollte, als ſie allein war, zu Saint Sue eilen, um Sie durch ihn warnen zu laſſen; aber alle Ausgänge des Hauſes waren verſchloſſen, ſo daß Eſtelle, ich und alle zu unſerer beſondern Bewachung beſtimmten Sclaven eingeſchloſſen waren. In den Flügel zu gelangen, wo Sie und der Marquis wohn⸗ ten, blieb alſo unmöglich. „Als Eſtelle ihre gräßliche Erzählung geſchloſſen 253 2 hatte, wurde mein Herz mit Erbitterung gegen die⸗ ſes Ungeheuer von Bruder, deſſen Leben ich als ei⸗ nen Schandfleck für die Erde betrachtete, erfüllt. „Aus dem beinahe betäubenden Gefühl, das mich beherrſchte, wurde ich durch die Worte geriſſen, welche Eſtelle mit Verzweiflung ausrief: „Keine menſchliche Macht kann ſein Leben retten!“ „Dann ſtürzte ſie nach einem Secretär, nahm ein Fläſchchen heraus und ſetzte mit beſinnungsloſem Schmerz hinzu: „Ich will all dieſes Elend nicht überleben! was iſt auch der Tod für mich? Eine Erlöſung! der Tod iſt Nichts gegen all dieſe Qual, welche Du bereits über mein Haupt gebracht haſt, und welche Dein Bruder noch verdoppeln wird!“ „Ich erinnere mich nicht mehr recht, was ich that; aber im nächſten Augenblick war das Giftfläſchchen in meiner Hand. Während des kurzen Ringens, um mich deſſelben zu bemächtigen, zerbrach ich ein Glas mit Limonade, welches auf Eſtelle's Nachttiſch ſtand. „Der Anblick deſſelben in demſelben Momente, da ich das Giftfläſchchen in meiner Hand hielt, gab mir einen jener Gedanken ein, welchen der Fürſt der Hölle das Gepräge einer edeln Selbſtaufopferung aufdrückt, um zu entſprechenden Handlungen zu ver⸗ leiten. „Charles todt, und Alles wäre gerettet. Wies war das Einzige, das klar vor meiner Seele ſtand. „Ich bat Eſtelle, mir ihr Leben nur bis zum nächſten Morgen zu ſchenken. Es waren nur einige Stunden, die ich begehrte. 254 „Wenn die Sonne ihre Strahlen auf St. Vin⸗ cent warf, ſtand ihr frei, zu thun, was ihr beliebte. „Eine Stunde ſpäter ſtand ich in meines Bru⸗ ders Zimmer. Ich kam zu ihm, um die Erlaubniß zu bitten, St. Vincent zu verlaſſen und mit demſel⸗ ben Fahrzeug, das von Martinique angelangt war, mich dorthin zu begeben. „Er ſchien durch dieſes mein Begehren freudig überraſcht, und ohne irgend nach der Urſache meines Wunſches zu fragen, willigte er ein, jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß Aſthons Bruder, der Neger Zamore, mich begleiten ſollte. Ich bat hier⸗ auf Charles, Niemand, nicht einmal Aſthon eher Etwas von meiner Abreiſe wiſſen zu laſſen, als bis ich fort wäre. Er verſprach mir auch dieſes. „Während unſeres kurzen Geſpräches lag Char⸗ les auf dem Sopha in ſeinem Schlafzimmer und rauchte. Auf ſeinem Nachttiſch ſtand ein großes Glas Limonade, ſein gewöhnliches Getränke, ehe er ſich zur Ruhe begab. Ich war im Zimmer auf und ab gegangen, und es gelang mir einmal bei einer Drehung, die ich machte, den Inhalt des Giftfläſch⸗ chens, das ich Eſtelle entriſſen hatte, in meines Bru⸗ ders Nachttrunk zu gießen. Ehe ich ging, rief er Zamore her und gab ihm einige Inſtruktionen. In demſelben Augenblick, da ich Charles Lebewohl ſagte, befahl er Zamore, ihm das Glas Limonade zu rei⸗ chen, und ich ſah ihn noch die Hälfte davon leeren. „Ein paar Stunden ſpäter, nachdem ich an Saint Sue und Eſtelle geſchrieben, verließ ich mit Zamore St. Vincent. „In meinem Briefe an Eſtelle ſagte ich ihr, 25⁵ durch welches Verbrechen wir gerettet worden waren. Ich hatte Ihr Leben auf Koſten meines zeitlichen und ewigen Friedens erkauft. Zugleich theilte ich ihr meine Abſicht, von Martinique aus mich nach Frank⸗ reich zu begeben und dort als Nonne in ein um ſeiner Strenge willen bekanntes Carmeliterkloſter zu treten. Ich ſetzte hinzu, wenn Eſtelle nicht wolle, daß ich aus Schaam und Erniedrigung einem Leben ein Ende mache, welches jetzt durch Kaſteiung und Gebet zum Sühnopfer für mein Verbrechen werden ſollte, ſo möchte ſie mein Geheimniß treulich bewahren. „Sie wollte ich niemals wiederſehen, nachdem ich mich Ihrer Liebe unwürdig gemacht hatte. „Wir ſegelten von St. Vincent mit demſelben Fahrzeug ab, welches Tags zuvor mit der Nachricht von Alice Harlands Tod von Martinique angekom⸗ men war. „Als wir abſtießen, warf ich einige mir ange⸗ hörige Kleidungsſtücke in die See, mit der Hoffnung, ſie würden ans Land treiben und ſomit den Schein erregen, als wäre ich auf irgend eine gewaltſame Weiſe um's Leben gekommen. „Als der Tag graute, war ich mit ſchuldbelaſte⸗ tem Gewiſſen, zerriſſenem Herzen und von Reue ge⸗ martertem Gewiſſen auf dem Weg nach Martinique. „Die Umſtände hatten mich zu Etwas gemacht, vazi mein Charakter mich ſicherlich niemals beſtimmt atte. „Ich habe Nichts mehr hinzuzufügen, als: Eſtelle iſt vollkommen unſchuldig an dem Tode von Charles d'Eſtrier. An ihrem Leben haf⸗ tet keine verbrecheriſche That. 256 „Jetzt, nachdem ich dieſelbe von einer falſchen Anklage befreit habe, bin ich bereit, in meine Gruft niederzuſteigen. Wenn Sie dieſe Zeilen leſen, Wil⸗ helm, ſtehe ich vor dem Richterſtuhl des Höchſten. Mögen Sie in Ihrem Urtheil über mich gleich nach⸗ luhnis ſein, wie ich dies von dem höchſten Richter offe. „Leben Sie wohl; machen Sie Eſtelle glücklich, ſie verdient es, und beten Sie für „Lucie d'Outrouville. XXXIV. Wir unterlaſſen alle Betrachtungen über den Eindruck dieſes Briefs. Sie machen ſich von ſelbſt. Der erſte klare Gedanke, der Wilhelm kam, war, Eſtelle aufzuſuchen und ihr das grauſame Unrecht, V das er ihr angethan hatte, abzubitten. Aber wo, wo ſollte er ſie ſuchen? Er mußte nach Frankreich. Dorthin hatte ſie ſich begeben, und dort konnte er auch ihre Spur auffinden. Noch an demſelben Abend gab er Befehl in Be⸗ zug auf ſeine für den nächſten Tag beſtimmte Ab⸗ reiſe von Broby. Der Morgen kam nach einer fieberhaft durch⸗ wachten Nacht. Die Sonne begrüßte mit ihren Strahlen Broby, deſſen Beſitzer heute ſeine Ent⸗ deckungsreiſe anzutreten beabſichtigte; aber es war nicht des Schickſals Wille, daß er ſie unternehme. Die Freifrau, Wilhelms Mutter, war in der 257 Nacht erkrankt, und das Erſte, was ihm zu Ohren kam, als der Tag graute, war die Nachricht davon. Tage und Wochen hielten ihn kindliche Liebe und Pflicht an dem Krankenbett der Mutter zurück, und erſt einen Monat nach Empfang von Luciens Brief war die Freifrau ſo weit wieder hergeſtellt, daß Wilhelm an die aufgeſchobene Reiſe denken konnte. An einem ſchönen Abend im Mai ſagte er auch ſeiner Mutter, welche nun völlig geneſen war, Lebe⸗ wohl— und ſtieg in den Reiſewagen, der ihn an der Treppe erwartete. Nachdem er der Mutter, welche an einem der hohen Fenſter ſtand, noch einen letzten Abſchiedsblick zugeworfen hatte, eilten die muthigen Roſſe mit ihm davon. Am Ende der Allee, welche auf die Landſtraße führte, ſtolperte eines der Pferde und ſtürzte. Das edle Thier hatte ein Bein gebrochen. Wilhelm mußte aus dem Wagen ſteigen und nach dem Hofe zurückkehren, wo er Befehl gab, ein paar andere Pferde vorzuſpannen. Der Inſpektor wagte die Bitte, der gnädige Herr Baron möchte die Reiſe auf den folgenden Tag verſchieben, da der Unfall mit dem Pferde ein böſes Vorzeichen wäre; aber Wilhelm achtete nicht auf die Worte des Alten. Eine halbe Stunde ſpäter, nachdem die Sonne ihr Auge geſchloſſen hatte, rollte der Wagen des Barons wieder die Allee hinab und bog in die Landſtraße ein. Er war jedoch nicht viel weiter als eine halbe Stunde gekommen, als der Kutſcher plötzlich die Pferde anhielt. Wilhelm, welcher wünſchte, daß ſie Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. II. 17 258 lieber Flügel hätten, warf einen ungeduldigen Blick durch das Wagenfenſter, um zu ſehen, was dieſen Aufenthalt verurſachte. Es war ein umgeſtürzter Reiſewagen, welcher mitten auf der Straße lag. Neben demſelben ſtan⸗ den ein Diener und ein Vorſpannbauer. Etwas weiter hinweg ſaß ein ſchmächtiger junger Mann auf einem Stein. Er hatte den Kopf auf die Hand geſtützt. Eine weiße, hie und da mit Blut befleckte Binde umſchloß ſeine Stirne. Wilhelm rief ſogleich ſeinem Diener zu, die Wa⸗ genthüre zu öffnen; aber ehe dieſer damit fertig wurde, eilte derjenige, welcher neben dem zertrüm⸗ merten Wagen ſtand, auf Wilhelm zu und ſagte, indem er den Hut abnahm, in ſchlechtem Schwediſch: „Euer Gnaden, unſere Pferde ſind ſcheu gewor⸗ den, unſer Wagen iſt zerbrochen, und mein Herr ſo übel zugerichtet, daß er ärztlicher Hülfe bedarf. Wollten Sie nicht die Güte haben, ihm einen Platz in Ihrem Wagen bis zum nächſten Gaſthauſe, das nur eine halbe Stunde Wegs von hier entfernt iſt, einzuräumen? Wir ſind kaum vor einer Viertel⸗ ſtunde von dort abgegangen.“ Bei dem erſten Blick auf das Geſicht des Die⸗ nedn ſchien Wilhelm überraſcht; er murmelte bei ſich elbſt: „Der Diener des Vicomte von Outrouville! Dem intriguanten Franzoſen ſoll ich alſo Beiſtand leiſten. Um ſo beſſer! Ich finde ſomit Gelegenheit, ſeinen Betrug durch einen Dienſt zu lohnen.“ Ohne dem Bedienten eine Antwort zu geben, ſprang Wilhelm aus dem Wagen und ſtand im A§—— 259 nächſten Augenblick vor dem Vicomte, welcher unbe⸗ weglich, das Geſicht in ſein blutbeflecktes Taſchen⸗ tuch verborgen, daſaß. „Erlauben Sie, Vicomte, daß ich Ihnen beiſtehe. Mein Wagen wird Sie in wenigen Augenblicken an einen Ort bringen, wo Sie ärztliche Pflege erhalten können,“ ſagte Wilhelm. Bei dem Ton dieſer Stimme zuckte der Vicomte zuſammen, aber ohne ſein Geſicht aus dem Taſchen⸗ tuch zu erheben. Wilhelm bemerkte dieſe Bewegung und ſetzte hinzu: „Seien Sie verſichert, daß ich es als eine hei⸗ lige Pflicht anſehen werde, Ihnen ſchleunige Hülfe zu verſchaffen.“ Mit dieſen Worten und ohne eine Erwiederung abzuwarten, hob Wilhelm den Vicomte von der Stelle, wo er ſaß, auf und trug ihn zum Wagen. Es war zum zweiten Mal, daß er den kleinen Fran⸗ zoſen in ſeinen Armen hielt. Ein ſchmerzlicher Seuf⸗ zer entſchlüpfte dem Vicomte. Das Geſicht hatte er immer noch mit dem Taſchentuch bedeckt. Nachdem Wilhelm ihn behutſam in eine Wagen⸗ ecke geſetzt hatte, ſprang er ſelbſt in den Wagen und befahl dem Kutſcher, nach Broby zurückzufahren. „Nein, nicht dahin!“ murmelte der Vicomte. Der Kutſcher knallte mit der Peitſche, und der Wagen rollte davon. Bei der Bewegung, die da⸗ durch verurſacht wurde, ließ der junge Mann einen halberſtickten Klageton vernehmen. Dann fielen die Hände nieder, welche das Taſchentuch hielten. Der Kopf ſenkte ſich auf die Bruſt. 175 * 260 Der Vicomte war, ohne Zweifel in Folge des Schmerzes, ohnmächtig geworden. Wilhelm ergriff eine der herabgefallenen Hände; ſie war kalt. Er beugte ſich über den Ohnmächti⸗ gen nieder, nahm ihm den Hut ab, welcher über das Geſicht hereinhing, und löste die Binde ab, welche über das Auge hereingedrückt war. Als Wilhelm ſie ſachte abgenommen hat und auf die bisher dahinter verborgenen Züge ſchaute, ſtieß er einen Ruf der Beſtürzung aus. Wurde er von einer Sinnentäuſchung geneckt, oder gab es zwei Weſen mit denſelben Geſichts⸗ zügen. Wilhelm faßte mit beiden Händen den Kopf des Vicomte und ſtarrte dieſes unvergeßliche Geſicht an, während er mit einer Miſchung von Schmerz und Freude murmelte: „O, mein Gott, Eſtelle!“ XXXV. Die Zeit hatte den holden Mai und einen Theil des lächelnden Juni mit ſich hinweggeführt, ehe Eſtelle von Eſtrier das Schmerzenslager verließ, das ihr in Broby angewieſen worden war. Die Verletzungen am Kopfe waren von ſehr geſährlicher Beſchaffenheit geweſen. Wie eine glückliche, liebevolle Mutter war die Freifrau an ihrem Krankenbette geſeſſen und hatte ſie mit unermüdlicher Theilnahme gewartet und ge⸗ pflegt, wohl wiſſend, daß dieſe aus heißern Zonen — 261 herſtammende Frau für ihren Sohn den Inbegriff des ſchönſten Traumes ſeines Lebens ausmachte. Während der erſten Tage hatte Eſtelle kein Be⸗ wußtſein von ſich ſelbſt. Das Einzige, was vor ihrer Erinnerung ſtand, war, daß Wilhelm ſie in ſein eigenes Haus gebracht hatte. Als das Fieber ihr mit Heftigkeit das Blut durch die Adern jagte, nahmen ihre Gedanken eine verworrene Geſtalt an, und in ihrem Delirium pflegte ſie mit gefalteten Händen und verzweifeltem Schmerze auszurufen: „Wilhelm, ich bin unſchuldig, vollkommen un⸗ ſchuldig!“ Darauf verfiel ſie in heftiges Schluchzen, welches nur dadurch ſich ſtillen ließ, daß Wilhelm mit ſanf⸗ ter und zärtlicher Stimme ihr zuflüſterte: „Ich weiß es, theure, geliebte Eſtelle!“ „Dank! nun kann ich ſterben!“ ſtammelte ſie und wurde auf einige Augenblicke ruhig, bis ein neuer Anfall von Fieberwahnſinn denſelben Ruf der Ver⸗ zweiflung wieder mit ſich brachte. Allmälig verminderte ſich das Fieber; an die Stelle des wirren Phantaſirens trat Ermattung, und endlich konnte Eſtelle mit klaren Sinnen allen den milden, freundlichen und zärtlichen Worten zuhören, welche Wilhelms Mutter an ſie richtete.— Indiens prächtige Roſe gelangte wieder zu Leben und Ge⸗ ſundheit. Als Sommers Mitte mit ſeinen Kränzen, ſeinen blühenden Auen, ſeinem klarblauen Himmel und ſeiner ſtrahlenden Sonne eintrat, war Eſtelle bei⸗ nahe völlig hergeſtellt; nur eine zurückgebliebene 262 Schwäche erinnerte noch an die Leiden, die ſie über⸗ ſtanden hatte. Es war am Johannisabend. Eſtelle befand ſich halb liegend auf einem Sopha in dem großen Sa⸗ lon. Das weiche ſchwarze Haar wogte auf ihre Schultern herab, einem mattſchwarzen Schleier glei⸗ chend. Die großen ſchwarzen Augen blitzten nicht mehr von Feuer und Leben, ſondern leuchteten nun in mildem Glanze. Neben ihr ſaß in einem Fauteuil die Freifrau Stjernkrona. Die alte Dame hielt eine von Eſtelle's Händen mit den ihrigen umſchloſſen. Es ſchien, als hätte ſie eben eine herzliche und mütterliche Anſprache ge⸗ endigt. Eſtelle lächelte wehmüthig ihr zu und ant⸗ wortete in Erwiederung darauf: „Madame, nur Wilhelms Mutter vermag einer Fremden ſo viel Nachſicht und Güte zu beweiſen, als Sie gethan haben.“ Sie zog die Hand der Freifrau an ihre Lippen und fuhr fort: „Sie kennen nun durch mich ſelbſt alle meine Verirrungen und wünſchen deſſen ungeachtet, daß ich Ihre Tochter werden ſoll. O, warum habe ich nicht eines Engels Herz, um Ihrer und ſeiner würdig zu ſeyn!“ Wilhelm trat ein, gerade als Eſtelle dieſe letzten Worte ausſprach. Er ging auf ſie zu und ſagte mit Wärme. „Beſäßeſt Du ein anderes Herz, als Du wirk⸗ lich haſt, ſo wäreſt Du nicht die Eſtelle, die ich an⸗ bete!“ Eſtelle drehte den Kopf um. Ein Lächeln der 263 Liebe und Schwermuth kräuſelte ihre Lippen, als ſie ſeinem Blick begegnete. „Haſt Du wirklich genau überlegt, ob Du mir auch die Fehler und Treuloſigkeiten des Vicomte von Outrouville vergeben kannſt?“ fragte ſie. Ein leichter, flüchtiger Schatten zog über Wil⸗ helms Stirne, während er antwortete: „Ich habe den Vicomte vergeſſen; Eſtelle allein gegen das Land Deiner Geburt zu handeln.“ Wilhelm hatte ſich neben Eſtelle geſetzt und ſagte: „Ich begehre nichts zu wiſſen. Meine Mutter, welche während dieſer angſtvollen Wochen in meiner Seele geleſen hat, kann Dir ſagen, daß Du ſo wie Du biſt— mein Glück ausmachſt.“ 520' weiß, daß ſie ſo glaubt,“ antwortete Eſtelle, „aber—“ 28 1 „Kein weiteres Aber,“ fiel die Freifrau ein. „Meines Sohnes Glück heißt Eſtelle.— Mag es Ihnen, mein Kind, noch ſo mangelhaft vorkommen, ſo iſt es doch das ſeine, und es wäre grauſam, ihm haſſlbe verſagen zu wollen,“ ſetzte ſie lächelnd inzu. „Ach, Madame, ich vermag mich wohl zu ſolcher Hochherzigkeit nicht zu erheben; aber Krankheit und Prüfungen haben mich gelehrt, daß wir uns nicht auf die Gefühle, wenn ſie in Aufwallung ſind, ver⸗ laſſen dürfen. Es gab eine Zeit, wo ich fürchtete, 264 Wilhelm werde meine Fehltritte erfahren. Jetzt hingegen würde ich keine Ruhe finden, ehe ich ſie gebeichtet habe.“ „Das billige ich vollkommen,“ ſagte die Frei⸗ frau,„und da ich weiß, daß der Beichtvater nicht ſehr ſtreng ſein wird, ſo hoffe ich, daß der Johannis⸗ tag Eſtelle als die Verlobte meines Sohnes begrüßt. Ich verlaſſe Euch alſo, damit Ihr Beichte ablegen und Abſolution ertheilen könnet.“ 3 Die Freifrau drückte einen leichten Kuß auf die Stirne ihres Sohnes und dann auf die Eſtelle's und zog ſich hernach in ihr Zimmer zurück. „Eſtelle,“ ſagte Wilhelm,„habe ich durch die Anklage, welche ich gegen Dich ſchleuderte, Dich wirklich ſo unheilbar verwundet, daß Du an die Unveränderlichkeit meiner Liebe nicht mehr glauben kannſt?“ „Wilhelm, Du haſt mir ein Verbrechen zuge⸗ traut; indem Du es thateſt, war der Beweis gege⸗ ben, daß Du mich niemals ſo gekannt haſt, wie ich bin. Als Du ohne weitere Prüfung den Stab über mich bracheſt, beugte ſich mein wildes Gemüth und wurde ebenſo demüthig, als es vorher ſtolz und trotzig geweſen war. Saint Sue hatte Recht, als er ſagte, daß— ich Dein unglückliches Schickſal ſei. Mein Gemüth, meine Leidenſchaften und meine ganze Seele ſind von Natur der Art geweſen, daß das Glück nicht aus ihnen erblühen konnte.“ „Eſtelle, Eſtelle—“ „Höre mich an und unterbrich mich nicht. Soll ich Dir auch nur einen Schimmer von Glückſeligkeit zu gewähren im Stande ſein, ſo mußt Du alle 265 meine begangenen Fehler und die Beweggründe dazu erfahren, ſonſt möchteſt Du in Zukunft mich leicht verkennen. Dieß, Wilhelm, wäre mein Tod. Nicht noch einmal vermag ich unverdiente Verachtung von Dir zu ertragen. Meine erſte Beichte betrifft daher Saint Sue, dieſen ungewöhnlichen und ritterlichen Kavalier, welcher niemals ſeine hohen und edeln Begriffe von Ehre verleugnete, ſelbſt gegen diejeni⸗ gen, von welchen er glaubte, er könne ihnen ſeine Achtung nicht ſchenken. „Bei meinem Auftreten in Paris war er der Einzige, welcher ſich vollkommen kaltſinnig gegen meine Schönheit und meine Anmuth bewies. Ge⸗ reizt durch dieſe Kälte von Seiten eines Mannes, that ich Alles, ihn zu meinem Sklaven zu machen. — Doch vergebens!— Eines Tags theilte er mir mit, daß er Paris verlaſſen werde. Dieß verdroß mich. Ich gab ihm zu verſtehen, daß er der Ein⸗ zige wäre, für welchen ich Intereſſe fühlte, und bat ihn, zu bleiben. Zu meiner Beſchimpfung mußte ich erkennen, daß die Gefallſucht mit antrieb, alle die Mittel, welche die Koketterie einer ſchönen Frau an die Hand gibt, in Anwendung zu bringen. Ich redete von Glück, welches die Liebe gewährt, und ließ ihn verſtehen, daß mein Herz ſich ihm ergeben könnte. Gefühllos für alle meine Verſuche antwor⸗ tete er blos: „Madame, ich würde mir eher eine Kugel vor den Kopf ſchießen, als in Paris bleiben, um das Glück Ihrer Liebe zu genießen.“ „Er reiste ab. Von dieſer Stunde an glaubte ich Abſcheu gegen ihn zu empfinden. 266 „Ich ſage glaubte, denn ich habe niemals dieſen Mann zu haſſen vermocht, obwohl er mich gedemüthigt hatte. In meinem innerſten Herzen achtete ich ihn, obwohl meine verwundete Eitelkeit niemals geſtattete, das für mich ſelbſt anzuerkennen. „Wir, die verzogenen Zierpuppen der Welt, welche im Rauſche der Schmeichelei ein thörichtes Leben verſchleudern und unſere edelſten Gefühle hinmorden, bleiben gleichwohl Frauen, und des⸗ halb gibt es wahrſcheinlich nicht eine unter dieſen Damen, welche, ſo verwöhnt ſie auch ſein mag, innerlich nicht den Mann achtet, der den Sklaven ihrer Gefallſucht zu machen ſich weigert. „Was mich insbeſondere betraf, ſo behielt ich mitten unter den Lüſten von Paris noch zu viel von meinen angebornen wilden und unzähmbaren Gefühlen, als daß nicht jede edle Handlung unwill⸗ kürlich hätte Eindruck auf mich machen müſſen. „Meine verwundete Eitelkeit empörte ſich aller⸗ dings über den Widerſtand, den ich erfuhr, aber als ich zur Beſinnung kam, zwang mich mein beſſeres Ich, Saint Sue zu achten, obwohl ich da⸗ mals mir von dem, was ich empfand, keine Rechen⸗ ſchaft gab. „In Breſt ſah ich ihn wieder, und an demſel⸗ ben Abend führte das Schickſal Dich mir in den Weg. Die Triumphe der Eitelkeit, die Siege der Eroberungsſucht, die Berauſchungen der Schmeichelei, — Alles verlor ſeinen Werth von der erſten Stunde an, da ich Dich ſah und liebte. Ich erwachte da⸗ mals zum Bewußtſein anderer Freuden und höherer und edlerer Genüſſe, als ich bisher gekannt hatte. 267 Eſtelle ſchwieg, nahm aber nach einer kurzen Pauſe wieder das Wort: „Gleich einer ſchweren Demüthigung laſtete das Andenken an die durch Saint Sue erlittene Nieder⸗ lage meiner Eitelkeit auf meiner Seele. Ich fürch⸗ tete unaufhörlich, die Kenntniß von dieſer kläglichen Schwäche könnte mich Deiner Achtung berauben. „Ja, Eſtelle, ſo wäre es wohl gekommen, wenn ich es von einer andern Perſon, als von Dir ſelbſt erfahren hätte,“ ſagte Wilhelm freundlich.„Nun aber bin ich dankbar, daß Du den Muth einer ſtar⸗ ken Seele beſitzeſt, wahr zu ſein, während Dich nichts Anderes als Dein eigenes Herz dazu zwingt.“ „Habe Dank für dieſe Worte!“ ſagte Eſtelle und fuhr dann fort: „Meine Liebe zu Dir war ein wildes, leiden⸗ ſchaftliches und gewaltſames Gefühl. Die ganze Welt war mir gleichgültig. Pflicht, Ehre und alle für andere Menſchen heiligen Begriffe exiſtirten für mich nicht. Das wilde Blut in meinen Adern ver⸗ ſtand die Opfer nicht, welche Moral und Sittlichkeit erheiſchen. Ich erkannte damals nicht, daß das Glück, welches man auf Koſten derſelben erkauft, nur Reue mit ſich bringt. „Man hatte mich von Kindheit an nicht gelehrt, auf etwas Anderes als meine eigenen Wünſche zu achten. Rückhaltlos meinen Launen zu folgen, war eine Gewohnheit, der ich mich hingab, ſoweit ich zurückdenken konnte. Aber während ich niemals irgend Rückſicht auf meine Pflichten gegen Andere nahm; während ich nur ein Geſetz kannte, dem ich unterthan war, meinen Willen— würde ich dennoch 268 eher Alles gelitten, als mein Glück und die Ver⸗ wirklichung meiner Wünſche durch einen Mord er⸗ kauft haben, und gleichwohl traute man mir gerade zu, daß ich deſſen fähig ſei. „Als ich vor dem Japaneſiſchen Tempel lauſchte und Dich Lucie Deine Liebe erklären hörte, war mein Herz zermalmt. Ich hatte nur einen klaren, deutlichen Gedanken, daß Du einmal geſagt hatteſt, Du könnteſt nur eine Frau, die frei wäre, lieben.— Somit war mir alle Hoffnung geraubt. Ich wünſchte nur zu ſterben. Eſtelle ſchwieg. Sie drückte ihre Hände an die Bruſt, als ob die Erinnerung daran ihre Seele mit Schmerz erfüllte. Sie holte tief Athem und fuhr dann fort: „Ich weiß nicht, wie ich hinwegkam, ſondern nur, daß wir, mein Mann und ich, einige Augen⸗ blicke ſpäter uns allein in ſeinem Zimmer befanden. „Die nächſten Ereigniſſe, Deine Krankheit, Deine Abreiſe— Alles erfolgte ſo dicht auf einander, daß ich nicht eher zum vollen Bewußtſein deſſen, was ſich zugetragen hatte, gelangte, als bis Du fort wareſt. „Gebunden durch jene gräßliche Anklage, welche Aſthon anvertraut worden war, verlebte ich eine ganze Reihe von Jahren auf St. Vincent. „In dieſer Zeit eines unaufhörlichen Nachgrü⸗ belns über das Geſchehene wurde meine Seele ver⸗ bittert. Mein geraubter Friede, mein verſcherztes Glück, meine verzehrende Sehnſucht, meine unver⸗ minderte Leidenſchaft— Alles dies zuſammengefaßt, machte mich unglücklich. Meine Leiden reizten mich, und es gelang mir, mich ſelbſt zu überzeugen, daß — meine Liebe ſich in Haß verwandelt habe. Die Sehnſucht, Dich wieder zu ſehen, welche ungeſchwächt meine Seele beherrſchte, nahm ich für Durſt nach Rache an dem, welcher alle meine Qualen geſchaffen hatte. „Als Aſthons Tod meiner unfreiwilligen Gefan⸗ genſchaft ein Ziel ſetzte, begab ich mich unmittelbar nach Frankreich. Hier traf ich mit Saint Sue wie⸗ der zuſammen. Alle meine Bemühungen, von ihm einige Aufklärungen uͤber Dich zu erhalten, blieben fruchtlos. Wir lieferten einander manches heiße Gefecht. Ich erklärte ihm, und wenn ich genöthigt wäre, ganz Europa zu durchſuchen, würde ich Dich am Ende doch finden. Seine einzige Antwort war: „Wohl möglich, Madame, aber mit meiner Bei⸗ hülfe ſoll es nicht geſchehen.“ „Einige Tage hernach kam er mit einer Bitte an mich. Er wollte wiſſen, wo Lucie ſich befand. Da erwiederte ich mit denſelben Worten: „Durch mich werden Sie es nicht erfahren.“ „Ein Gefühl von Zorn erfüllte mein Inneres und wuchs bei allen den Ausfällen, welche Saint Sue ſich gegen mich erlaubte. Ich betrachtete ihn zuletzt als eine Haupturſache aller meiner Leiden. Ich wünſchte, daß ich ihn zermalmen, oder alle die Martern, denen ich unterworfen war, über ihn ver⸗ hängen könnte. „Eines Tags beſuchte mich Saint Sue. Er kam, um mir Lebewohl zu ſagen. Er beabſichtigte nach Schweden zu reiſen und dort Kriegsdienſte zu nehmen. 3„Ich theilte ihm mit, daß wir uns dort treffen würden, daß ich aber zugleich von ſeiner Ritterlichkeit — 270 hoffe, Frau von Eſtrier würde, im Fall ſie dort in einer andern Geſtalt aufträte, von ihm nicht wie⸗ der erkannt werden.. „Saint Sue antwortete mit ſeinem ironiſchen Lächeln: „Madame, welche Verwandlung Sie auch mit ſich vorzunehmen belieben, ich werde mich in dieſelbe hineinzuleben ſuchen. Sie haben mein Ehrenwort darauf, ich werde Sie weder verrathen, noch durch meine Worte andeuten, daß Sie etwas Anderes ſind, als das, wofür Sie gelten wollen.“ „Philipp von Outrouville, Luciens Bruder und ich, wir reisten kurz darauf nach Rußland ab— der Vicomte, um in ruſſiſche Kriegsdienſte zu treten. Gegen das Verſprechen, den Ruſſen einige Aufklä⸗ rungen über die ſchwediſchen Transportſchiffe, die man erwartete, zu verſchaffen, ſchmuggelte man mich nach Finnland hinüber, wo ich ſicher war, Dich und Saint Sue zu treffen. Was kümmerte mich Schwe⸗ den, Rußland oder die ganze Welt. Ich hatte nur einen Gedanken, den, Dich wiederzuſehen. „Ich ſagte mir ſelbſt, dieſer Wunſch werde von dem Verlangen dictirt, für alle die Leiden, welche ich durch Dich erduldet hatte, Rache zu nehmen. „Man hatte mich an einen Deutſchen, der durch ſeine ruſſiſchen Sympathien bekannt war, empfohlen. Ich hatte des Vicomte's Paß und Diener bei mir. „Ich ſah Dich wieder. Ich wurde von Dir feſt⸗ genommen. Ich hatte den Laut Deiner Stimme gehört, und mein Schickſal war wieder entſchieden. Alle meine unbefriedigte Sehnſucht, alle hoffnungs⸗ loſe Verzweiflung, alle rückhaltloſe Erbitterung löste 271 ſich in ein einziges Geſühl auf— in unermeß⸗ liche Liebe. „Ich liebte— liebte höher, beſſer, heiliger als jemals. Ich ſchämte mich meiner Fehler; ich ſchauderte über die Gedankenloſigkeit in meinen Hand⸗ lungen und bat die heilige Jungfrau, mich in einen Engel von Güte und Tugend zu verwandeln. „Du gabſt mir endlich Deine Liebe— dieſe Liebe, nach der ich ſo leidenſchaftlich geſtrebt hatte. Ich wollte ſterbeu aus Furcht, den Tag zu erleben, da Du mir dieſelbe wieder entreißen würdeſt. Eine Ahnung ſagte mir, ich habe bis jetzt nicht ſo geliebt, daß Gott meines Glückes mich werth fände. „Während dieſe Seeligkeit und Unruhe mein Herz erfüllten, trat Cellner auf. In Finnland hatte ich Bekanntſchaft mit ihm gemacht. Er hatte mich wie⸗ der erkannt. Er redete mir von ſeiner Abſicht, Dich über die Doppelrolle, die ich ſpielte aufzuklären, im Fall ich ihn nicht für ſein Stillſchweigen be⸗ lohnte. „Tags darauf warſt Du nach Carlskrona abge⸗ reist, nachdem Du mir einen von Verzweiflung und Kummer erfüllten Brief geſandt hatteſt. „Cellners Stillſchweigen erkaufte ich;— es kam mir theuer, ſehr theuer zu ſtehen. Aber was fragte ich nach dem Verluſt von Gold, wenn es ſich um Deine Achtung handelte. Ich hatte noch nicht den Muth, zu geſtehen, daß ich die Rolle des Spions einzig und allein geſpielt hatte, um Dich wieder zu ſehen. Der Beſitz Deiner Liebe hatte die Fehler der Vergangenheit mir verhaßt gemacht. „Die Nachricht, daß Du verwundet in Carlskrona 272 lägeſt, beſtimmte mich, als Mann verkleidet, Dich aufzuſuchen und mich durch den Laut Deiner Stimme zu überzeugen, daß Deinem Leben keine Gefahr drohte. Saint Sue war mir hiebei behülflich, ſo daß ich jeden Tag einige Augenblicke in Deinem Vorzimmer verweilen und auf das, was Du ſagteſt, lauſchen konnte. „Sobald Du außer Gefahr wareſt, kehrte ich nach Stockholm zurück. Was von da an geſchah, weißt Du. Das Einzige, was Du nicht weißt, iſt, daß ich, auf eine Mittheilung von Saint Sue, man habe mich während meines Aufenthaltes in Carls⸗ krona für einen ruſſiſchen Spion gehalten und ſowoh! auf Dich als Saint Sue den Verdacht einer Verbin⸗ dung mit demſelben geworfen, dem König Alles ent⸗ deckte. Während meiner Krankheit ſchickte ich Saint Sue einen Brief, welchen Cellner an mich geſchrieben hatte, und worin er ſein Stillſchweigen verhandelte, welches auch die Folgen für ihn ſein mochten, im Fall dieſer Brief dem König vorgezeigt wurde, ich hatte ja ſein Stillſchweigen ſo bezahlt, daß er ein reicher Mann geworden war. „Nach meiner Geneſung im Frühjahr begab ich mich nach Frankreich und ſuchte Lucie im Kar⸗ meliterkloſter auf. „Ich kam niedergebeugt und zermalmt von Ver⸗ zweiflung, um dort Rettung zu ſuchen und an Lucie die Bitte zu ſtellen, das Brandmal einer Giftmiſcherin, welches mein Mann mir aufgedrückt hatte, von mir zu nehmen. „Es geſchah dieß— nicht weil ich noch Deine Gattin zu werden wünſchte; es geſchah nicht einmal, 273 weil ich Deine Liebe damit wieder zu gewinnen wünſchte; ſondern nur, weil ich der gräßlichen Vor⸗ ſtellung, daß Du mich als eine Verbrecherin an⸗ ſäheſt, los ſein wollte. „Ich fand Lucie als ein Bild verzehrender Ge⸗ wiſſensqual, einen Schatten, nicht von dem, was ſie einſt war, ſondern von einem menſchlichen Weſen überhaupt. „Ihre Bewegung war ſehr groß, als ſie mich ſah; aber ſie hörte meine Klagen mit Grabesruhe an. Als ich geſchloſſen hatte, ſagte ſie, während ein paar Thränen ihr über die Wangen rannen: 3„Ach, Du Arme, wie viele Leiden ſind durch „meinen Bruder und durch mich auf Dein Haupt ge⸗ häuft worden!— Aber es ſoll wieder gut gemacht werden.— Kehre nach Schweden zurück. Du ſollſt von dem Schatten, den man auf Dich geworfen hat, befreit werden. „Darauf küßte ſie mich, indem ſie beifügte: „Geh nun, aber komm' bald wieder! „Ich kam Tags darauf, und mehre Tage, aber ohne Lucie ſprechen zu können. Endlich, nach man⸗ chen fruchtloſen Verſuchen, geſtattete man mir Zu⸗ tritt zu ihr. Sie lag in den letzten Zügen und vermochte kaum noch meinen Namen und die Worte zu flüſtern: „Fluche meinem Andenken nicht! „Der Tod hatte ſie in ſeine Arme geſchloſſen. „Einige Tage darauf verſchaffte mir der Mar⸗ quis von Outrouville einen Paß und gab mir ſeinen Diener zum Geleite. Ich kehrte hieher zurück. Warum?— Das wußte ich ſelbſt nicht. 136 ge⸗ Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 274 horchte blos einer unwiderſtehlichen Macht, die mich vorwärts trieb. Ich mußte Dich wiederſehen, ob⸗ wohl ich feſt überzeugt war, daß Lucie ihr trauri⸗ ges Geheimniß mit ins Grab genommen hatte. Zu Deinen Füßen wollte ich ſterben, aber zuvor ſollte es meiner ſterbenden Stimme gelingen, Dich von meiner Unſchuld zu überzeugen. Wenn Saint Sue die Wahrheit davon in meinem Blicke leſen konnte, er, der an allem Guten und Edeln in mir zweifelte, da mußteſt auch Du es thun. So dachte ich. „Das Schickſal wollte, daß meine Pferde ſcheu wurden, gerade als ich dem Ziel meiner Reiſe nahe war. Du fandeſt mich wieder in demſelben Augen⸗ blick, da Du auszogeſt, mich zu ſuchen. XXXVI. Die Zeit verging ſchnell, und das Leben lächelte wieder in roſiger Pracht für den jungen Oberſt und ſeine ſüdländiſche Braut. Die Vergangenheit war vergeſſen, alle Fehler und Verirrungen waren ver⸗ ziehen. Der Frühſommer war wie ein Traum verfloſſen, Der Monat Auguſt mit ſeiner glühenden Sonne und ſeinen dunkeln Nächten war eingetreten und man konnte in Broby ſich ein Weſtindien träumen. Wilhelm und Eſtelle waren ſchon zweimal auf⸗ geboten worden, und man wartete nur noch auf den külaui des nächſten Sonntags, um die Hochzeit zu eiern. Es war ein ſchöner und drückend heißer Tag. 275 Gegen zwölf Uhr verfinſterte ſich der Himmel. Schwarze, dicke Wolken ſtiegen auf allen Seiten am Horizonte auf. 8 Die Freifrau war am Morgen zu einem der Nachbarn gefahren. Die beiden Verlobten befanden ſich allein im großen Salon. „Wir werden ein Gewitter bekommen,“ ſagte Wilhelm und blickte nach dem wolkenſchweren Himmel. Eine Weile darauf begann der Donner wirklich zu grollen. Wenige Minuten ſpäter wurde der Him⸗ melsraum von einem leuchtenden Blitz durchſchnitten und das Unwetter brach los. Der Diener war mit der Poſteaſche eingetreten, und Wilhelm öffnete dieſelbe, indem er ſcherzend be⸗ hauptete, Eſtelle bedürfe der Zerſtreuung durch die angelangten Neuigkeiten, um das Unwetter zu ver⸗ geſſen, welches ſie einigermaßen zu erſchrecken ſchien. Unter den Briefen befand ſich einer mit amt⸗ lichem Siegel. Er wurde ſogleich erbrochen. Eſtelle war ungeduldig, ſeinen Inhalt zu erfahren. In dieſem Augenblick fuhr ein furchtbarer Blitz ziſchend durch die Luft. Unwillkürlich warf ſich Eſtelle an Wilhelms Bruſt. Ein mächtiges Krachen er⸗ ſchütterte die Mauern. Als es erſtorben war, ſuchte Wilhelm durch ſeine Liebkoſungen Eſtelle's aufge⸗ regtes Gemüth zu beruhigen. Nachdem es ihm gelungen war, wandte er ſeine Aufmerkſamkeit wieder dem amtlichen Schreiben zu. Es enthielt Wilhelms Ernennung zum Generaladju⸗ tanten. In der Freude darüber vergaß Eſtelle ganz und gar ihren Schrecken. Der nächſte Brief, nach welchem Wilhelm die 276 Hand ausſtreckte, war für Eſtelle. Er wollte ihr denſelben überreichen, aber ſie ſagte lächelnd: „Erbrich und lies Du ihn; ich habe kein Ge⸗ heimniß mehr vor Dir.“ Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. Wil⸗ helm erbrach das Siegel; in demſelben Augenblick f leuchtete wieder ein flammender Blitz und alsbald erfolgte ein Donnerſchlag. Das große Gebäude er⸗ zitterte, als ob die koloſſalen Steinmaſſen zuſammen⸗ zuſtürzen drohten. Es hatte eingeſchlagen. Die Diener ſtürzten in den Salon. Auf dem Sopha lagen der Baron und ſeine Braut leblos.— Einige Tage ſpäter, gerade da ſie zum dritten Mal aufgeboten werden ſollte, lag Eſtelle im Sarge. Der Blitz hatte ſie getödtet, bei Wilhelm ſich damit begnügt, deſſen linken Arm lahmzuſchlagen. In demſelben Augenblick, da Stjernkrona ſein lang geträumtes, nun gefundenes Glück verlor, war er für ſeine Lebenszeit in einen Krüppel verwan⸗ delt; er, welcher aus ſo manchen Kämpfen, in welche ihn Gemüthsart und Charakter geworfen hatten, unverſehrt hervorgegangen war, wurde in ſeindwe eigenen Hauſe, während er Eſtelle's Brief öffnete, verſtümmelt. Das war ſicherlich eine Fügung des Shinſuls an der ſein Charakter keinen Antheil atte. 1 Eſtelle, dieſes Kind der Verirrungen, welches aus Liebe zu einem Mann ſo viel gelitten und gefehlt hatte, wurde von dieſem hinweggeriſſen, gerade da das Leben voll Glück ihr entgegenlächelte, in dem 8. 277 Augenblick, da ſie der Verwirklichung deſſelben am ſicherſten zu ſein glaubte. Wie unmächtig ſind nicht wir Sterblichen! XXXVII. Ein ganzes Jahr verweilte Wilhelm auf Broby. — Endlos lange Monate waren ſeit dem Tage ver⸗ floſſen, da er des Theuerſten, was er beſaß, beraubt worden. Düſter und verſchloſſen klagte er niemals über den erlittenen Verluſt. Er überließ ſich der vollſtändigſten Hoffnungs⸗ loſigkeit. Gleichgültig dagegen, daß er den Arm verloren hatte, ſchien er in ſeinem Innern ſo ver⸗ ſtört zu ſein, daß Nichts von ſeinem frühern Men⸗ ſchen übrig blieb. Im März 1792 langte die für das ganze Land betrübende Nachricht von der Ermordung des Königs in Broby an. Bei dieſer Botſchaft flammte es in Wilhelms Augen. Etwas von dem ehmaligen Feuer leuchtete wieder darin auf, und er wandte ſich zu der Freifrau mit den Worten: „Mutter, nun iſt das letzte Band, das mich noch an das Vaterland knüpft, gelöst.“ „Noch nicht. Deine Mutter lebt noch, mein Sohn!“ ſagte die Freifrau und ſah ihn kummer⸗ voll an. „Verzeih! Ich vergaß, daß wir, Du und ich, Eins ſind,“ ſagte Wilhelm und küßte ihre Hand. Zwei Monate darauf war auch wirklich dieſes 278 letzte Band gelöst. Wilhelm ſtand am Sterbebette ſeiner Mutter. Als der Mittſommer mit ſeinem lächelnden Him⸗ mel wiederkehrte, war Broby von ſeinem Beſitzer verlaſſen. Beim Ordnen ſeiner Papiere vor der Abreiſe hatte er unter denſelben den Brief gefunden, in deſſen Eröffnung er eben begriffen war, als Eſtelle vom Tode getroffen wurde. Unter dem UÜmſchlag befanden ſich zwei Schrei⸗ ben; das eine, mit dem Siegel von Saint Sue ver⸗ ſchloſſen; das andere von einem Verwandten des Marquis, des Inhalts, daß man unter der Hinter⸗ laſſenſchaft des Verſtorbenen beiliegenden Brief ſammt einem daran befeſtigten Zettel gefunden habe, wor⸗ nach der Marquis ausdrücklich verordnete, daß be⸗ zeichneter Brief nach ſeinem Tode an Frau von Eſtrier geſendet werden ſollte. Nachdem Wilhelm dieſe Erklärung geleſen hatte, legte er den noch unerbrochenen Brief des Marquis zu ſeinen wichtigſten Papieren und beſchloß, erſt nach ſeiner Ankunft in Paris dieſen Gruß von dem heim⸗ gegangenen Saint Sue an Eſtelle zu leſen. Am erſten Abend, den er in Paris zubrachte,* nahm er den Brief hervor und betrachtete ihn eine lange Weile, unſchlüſſig ob er ihn vernichten oder öffnen ſollte. Endlich glaubte er Eſtelle's letzte Worte an ihn zu hören:„Ich habe kein Geheimniß mehr vor Dir.“ Dieß beſtimmte ihn. „» Er erbrach das Wappenſiegel. Der Brief war deen Tag vor der Abreiſe Saint Sue's von Breſt, 279 als er und Wilhelm nach Nordamerika abſegelten, geſchrieben. Sein Inhalt war nicht lang. Er lautete: „Madame! „Unſere Feindſchaft iſt nun zu Ende.— Die Erklärung derſelben finden Sie in den Worten: ich habe Sie geliebt! „Ich hatte geſchworen, es Ihnen niemals zu ſagen. Ich habe meinen Schwur gehalten. „Ihr Sclave wollte ich nicht ſein; Ihr Beherr⸗ ſcher konnte ich nicht werden, und ich hatte keine Luſt, mich zum Diener einer unvernünftigen Leiden⸗ ſchaft zu machen. „Mein Schickſal war es nicht, mich von der Frau, die ich liebte, beſiegen zu laſſen; darum wurde ich Ihr Feind. Sie wollten ſich meines Friedens bemächtigen, um damit zu ſpielen. Madame, wenn Sie wirklich mir Ihr Herz geſchenkt hätten, dann wäre ich verloren geweſen. Nun werde ich ſterben, wie ich gelebt habe, Ihr Bild unauslöſchlich mei⸗ nem Herzen eingeprägt, ohne Sie oder Andere ahnen zu laſſen, daß Eſtelle d'Eſtrier geliebt worden von Jules Saint Sue.“ Ein höherer Wille hatte beſchloſſen, daß Eſtelle den Inhalt dieſes Briefs niemals erfahren ſollte. — Wilhelm erhielt als ausgezeichneter Seeoffizier Anſtellung bei der Flotte— und nahm von da an allen Kämpfen derſelben Theil. Gleichwohl wurde ihm nicht die Genugthuung, durch eine feindliche 280 Kugel zu fallen. Er ſtarb in einem Alter von einigen fünfzig Jahren, in Folge einer heftigen Er⸗ kältung. Nun, mein lieber Leſer, magſt Du ſelbſt ent⸗ ſcheiden, ob es Wilhelms Charakter oder die Ereig⸗ niſſe waren, wodurch der Gang ſeines Schickſals be⸗ ſtimmt wurde.. Ende. ———————jy—