Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 von... Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 1. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. füͤr achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——[L———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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I. m Jahr 1778, an einem ſchönen Abend zu Anfang Juni's finden wir einige junge Seeofficiere in der Wohnung eines Kameraden, des Barons Wilhelm Stjernkrona, verſammelt. Stjernkrona ſollte das Vaterland verlaſſen und eine Reiſe Gott weiß auf wie lange unternehmen. Er hatte von der Königlichen Majeſtät die Erlaub⸗ niß erhalten, in franzöſiſche Kriegsdienſte zu treten, und war nunmehr im Begriff, mit einem Kauf⸗ fahrteiſchiffe, welches ſegelfertig in Karlskrona lag, ſich nach Breſt zu begeben. Von Breſt ging die Fahrt weiter nach Nordamerika, um daſelbſt an Bord eines zu dem Geſchwader des Grafen d'Eſtaing gehörigen Schiffes einzuſtehen. Europa hatte ſich um jene Zeit einer kurzen Unterbrechung in den kriegeriſchen Ereigniſſen, wo⸗ durch die Nationen gegen einander in Harniſch ver⸗ ſetzt wurden, zu erfreuen gehabt. Mit dem Frieden von 1763*) legte Preußen ſeine Waffen nieder, .*) In dieſes Jahr fallen der Pariſer und der Hubertsburger Friede. 1 A. b. U. 6 und England, deſſen Bundesgenoſſe, dachte wahr⸗ ſcheinlich, es könne nach der Eroberung von Havanna, gleich dem Adler auf des Felſens Spitze, ſeine Schwingen eine Zeit lang ruhen laſſen und um ſich ſchauen, wo ſich zunächſt ſeine raubgierigen Krallen einſchlagen ließen. Der Hof von Madrid merkte, wie die Blicke des gewaltigen Seeadlers lüſtern nach deſſen mexikaniſchen Beſitzungen gerichtet waren, und erkannte die Un⸗ möglichkeit, dieſelben zu ſchützen, im Fall es Eng⸗ land gelang, ſich in Havanna zu behaupten. So bot denn auch dieſes Land ſeine Hände zum Frieden, und darum waren die Flotten von England und Frankreich ſeit dem Ende des ſiebenjährigen Krieges nicht mehr zuſammengeſtoßen. So vortheilhaft dieſer Friede auch für das ſtolze England geweſen war, hatte der Krieg dennoch demſelben unermeßliche Summen gekoſtet und die Staatsſchuld beträchtlich erhöht. Dies führte Eng⸗ land als Grund für die Beſteuerungen an, welche es den Nordamerikanern auferlegte. Dieſe wider⸗ ſetzten ſich jedoch den willkürlichen Aufbürdungen, und da die von dem Mutterlande eingeſetzte Regie⸗ rung die Flamme des Aufruhrs weder zu erſticken ſuchte, noch einige Nachſicht eintreten ließ, obwohl die Kolonien das Recht auf ihrer Seite hatten, ſo drückte ſie ſich ſelber den Stempel der Untüchtigkeit auf. Was Englands Kato, der alte Staatsmann Lord Chatham, vorausgeſagt hatte, ging in Er⸗ füllung. Den achten April 1775 wurde das erſte Blut in dem achtjährigen amerikaniſchen Freiheitskriege — 7 vergoſſen. Welche wunderbare und unerhörte An⸗ ſtrengungen der Gedanke an Freiheit und Unab⸗ hängigkeit bei einem Volke hervorzubringen vermag, beweiſt am beſten dieſer Krieg, welcher ſowohl wegen der Sache, die er verfocht, als wegen des Eingreifens der dabei auftretenden Großmächte, Reſultate hinter⸗ laſſen ſollte, deren Wirkungen von unberechenbaren Folgen waren. Es gehört jedoch nicht in unſere Erzählung, die Urſachen oder die Folgen des amerikaniſchen Frei⸗ heitskrieges näher ins Auge zu faſſen. Genug, die Kolonien riſſen ſich von England los, und da der Hof von Verſailles nicht blos den Geſandten der neuen Republik mit lächelnder Miené empfing, ſon⸗ dern ſich ſogar auf engliſche Schiffe Beſchlag zu legen erlaubte, ſo war die Maske damit abgeworfen, und ein Seekrieg zwiſchen dieſen beiden Großmächten unvermeidlich. Aus Anlaß dieſer für einen Seeofficier ſo ver⸗ lockenden Gelegenheit geſchah es, daß Wilhelm Stjernkrona bei der franzöſiſchen Flotte Dienſte ſuchte. Sein Vater, Baron Stiernkrona, welcher bei der Staatsumwälzung von 1772 auf ſehr energiſche Weiſe dem Könige Beiſtand geleiſtet hatte, genoß der beſonderen Gunſt bei Guſtav III. und hatte in Folge davon nicht blos die Erlaubniß für ſeinen Sohn, in fremde Dienſte zu treten, ausgewirkt, ſon⸗ dern auch von dem Könige, als beſonderen Beweis der Gewogenheit, ein eigenhändiges Schreiben an den Grafen d'Eſtaing, welcher Guſtav III. perſönlich bekannt war, erhalten. Widrige Winde hatten das Kauffahrteiſchiff, mit welchem Wilhelm abgehen ſollte, einige Tage auf⸗ gehalten; als aber an dem obengenannten Tage ein günſtiger Wind ſich erhob, und im Uebrigen Alles ſegelfertig war, hatte der alte Kapitän, ein ehrlicher, von Wind und Wetter herumgetriebener Nordſee⸗ und Kanalfahrer, beim Einnehmen des Mittags⸗ groggs geäußert: „Hält dieſer Wind bis heute Abend ſechs Uhr an, ſo habe ich mit Gottes Hülfe um Neun die Landſpitze einige Meilen hinter mir.“ Als man noch Siebzehnhundert— zählte, hielt es für junge wie für alte Leute nicht ſo leicht, ſich ſammt all ſeinem Zubehör auf die See zu ſchaffen. Von den Becquemlichkeiten, welche das Reiſen heut⸗ zutage gewährt, hatte man damals noch keine Ahnung. Man vermochte nicht, wie in unſerer Zeit, ſich binnen vierundzwanzig Stunden Alles, was zu einer Reiſe um die Welt erforderlich war, zu ver⸗ ſchaffen. Nein, dazu bedurfte es zum mindeſten eben ſo vieler Tage. War Etwas vergeſſen worden, ſo blieb daſſelbe, befand man ſich einmal draußen auf der See, auch vergeſſen und ein beſtändiger Gegenſtand des Entbehrens. Wilhelm hatte allerdings von ſeinem Vater das Weſentlichſte, nämlich Geld, erhalten; deſſen unge⸗ achtet bedurfte es eines ganzen Monats, bis Alles in gehöriger Ordnung war. Wer fühlte ſich froher als er, da die letzten Artikel ſeines Gepäcks an Bord untergebracht waren und er ſelbſt deren Auf⸗ ſchichtung unter dem Deck mit angeſehen hatte.. Alle häuslichen Verrichtungen, mit Ausnahme von Eſſen und Trinken, ſind nicht nach dem Ge⸗ h Aller Mutter, der Erde, ſich flüchtet und mit Liebe 9 ſchmack junger Seeofficiere. Der Sinn für ein häus⸗ liches Leben und die damit verknüpften Gewohnheiten kommt erſt mit den Jahren,„wenn durch die Un⸗ ruhe der Wogen die Unruhe der Seele neutraliſirt iſt.“ Man findet, daß der Seemann, welcher in jüngeren Jahren gleich„dem jagenden Falken“ weit eerumgetrieben hat, in ſpäteren Tagen zu unſerer zu dem greift, was er in der Jugend verſäumt hat. Dabei hält er jedoch, um mich ſo auszudrücken, noch immer den alten Strich und verräth jederzeit durch das Beharren bei Redensarten, welche an die liebe, nie vergeſſene See erinnern, weß Geiſtes Kind er an Leib und Seele iſt. Ich hörte einmal einen ſolchen alten Seebären, welcher ſich auf ſeinem Landgute zur Ruhe geſetzt hatte, einem Knechte, welcher den Acker pflügte und dabei ſchiefe Furchen zog, zurufen: So hole doch nicht ſo verteufelt die Backbordbraſſe an, Du gierſt dann weniger!“ Aber wir wollen deshalb die Jugend nicht an⸗ klagen, daß ſie den Reiz der Häuslichkeit nicht zu ſchätzen weiß! Es iſt ja ſo natürlich, wenn man bedenkt, daß eben die raſtloſe Unruhe in ihrem In⸗ nern auf die Wahl ihres Berufs einwirkt und ſie von dem häuslichen Herde abwendig macht. Der Frieden, welchen ſie mit ihrer ſtillen und unbemerkten Thätigkeit bietet, iſt nicht für ein Gemüth, wie das ihrige, welches in dem Kampfe mit der Gefahr und in dem Ringen mit den aufrühreriſchen Elementen ſeinen größten Genuß findet. Es liegt in dem Cha⸗ rakter des Seemanns ein eigenthümlicher Hang zu 10 Abenteuern, und dieſer bewirkt, daß das Einerlei des Alltagslebens ihm qualvoll erſcheint. Einige Stunden vor der Abfahrt hatten Wilhelms Freunde ſich in ſeiner, nun bald verlaſſenen Wohnung verſammelt, um ihm noch einmal die Hand zu drücken und bei dem Klang der Gläſer Lebewohl zu ſagen. Wilhelm war bei ſeinen Kameraden ebenſo ſehr wegen ſeiner Fröhlichkeit, ſeines freien und offenen Weſens, als wegen ſeines redlichen Charakters be⸗ liebt, und darum hatte ein Jeder von Ihnen noch ein Glas auf ſein Glück und Wohlergehen zu trinken gewünſcht. Nach mancherlei Geſprächen und Wiederholungen all der luſtigen Streiche, welche ſie auf ihren ge⸗ meinſamen Kadetten⸗Expeditionen mit einander aus⸗ geführt hatten, nach all den„Weißt Du noch,“ und „Erinnerſt Du Dich noch,“ deren Refrain ſtets in einem ſchallenden Gelächter beſtand, wurden die Gläſer zum letzten Male ergriffen. Nachdem man gegen ihn noch den Wunſch ausgeſprochen hatte, daß die Erfahrung, die Auszeichnung, welche er ſich er⸗ werben würde, bei der Rückkehr in ſein Vaterland die erſte Sproſſe auf der Leiter zu den höchſten Würden in der Flotte für ihn werden möchte, be⸗ gleitete man ihn an Bord. Unmittelbar darauf lichtete das Fahrzeug die Anker, und die Hoffnung des alten Kapitäns, in Kurzem die Landſpitze hinter ſich zu ſehen, ging wirklich in Erfüllung. 11 II. Ehe wir in unſerer Erzählung weiter gehen, dürfte es nöthig erſcheinen, einige Worte über un⸗ ſern Helden zu ſagen, ſo wie derſelbe war, als er voll froher und verheißungsreicher Hoffnungen Schwe⸗ den den Rücken kehrte. Der junge kühne Seemann glaubte ſicherlich, Herr ſeines Schickſals zu ſein, und war vollkommen überzeugt, daß er und ſonſt Niemand die Richtung deſſelben zu beſtimmen hätte.— O Jugend, du Zeit des Glaubens, der Hoffnung und der Illuſionen! Das Uebermaß von Lebenskraft läßt uns unſere Stärke viel zu hoch anſchlagen, bis Erfahrung und blaſſe Wirklichkeit uns lehren, daß wir ein Spielball in der Hand des Schickſals ſind, und daß eine Laune des Zufalls über Frieden, Glück und Wohlergehen von uns entſcheidet. Wilhelm war erſt zwanzig Jahre alt. Er hatte ſich jedoch auf ſeinen See⸗Expeditionen als Zögling der damaligen Kadettenſchule zu Karlskrona die Achtung und das Vertrauen ſeiner Chefs und Offi⸗ ciere in beſonderem Grade erworben, denn er zeigte ſich raſch, ſorgfältig und pünktlich bei Ausführung der ihm gegebenen Befehle. Daneben waren ihm ſeine Kameraden in der Kriegsſchule von Herzen zu⸗ gethan. Wilhelm Stjernkrona war hochgewachſen und für ſein Alter ungewöhnlich ſtark gebaut. Sein Gang wie ſeine Bewegung hatten etwas ächt Seemänniſches, das ebenſo ſehr von einer gewiſſen Nachläſſigkeit 1*△ 12 wie von Anmuth zeugte. Der Kopf, ſchön und wohlgeformt, war weder zu groß noch zu klein, ver⸗ rieth aber ungewöhnliche Geiſtesgaben und einen entſchloſſenen Charakter. Die lebhaften, tiefblauen Augen waren in beſtändiger Bewegung; ſie ſchienen Alles, was um ſie herum vorging, zu ſehen und in Acht zu nehmen. Dies Alles gab, im Verein mit dem Lächeln auf den Lippen, ſeinem Geſicht ein eigenes Gepräge von Trotz und Wachſamkeit, worin ſich gewiſſermaßen ſein Temperament abſpiegelte. Den Grundzug darin bildeten Frohſinn und eine bei allen Vorfallenheiten des Lebens ſich kundgebende ſchnelle Auffaſſungsgabe: Eigenſchaften, welche nicht einmal in Noth und Gefahr ihn verließen. Seine friſche Geſichtsfarbe, ſeine vollen Wangen und das Jugendliche in ſeinem ganzen Ausſehen paßten voll⸗ kommen zu dem Frohſinn, der aus ſeiner Miene redete. Fügt man hierzu eine Naſe, welche allerdings untadelhaft und gerade war, aber an ihrer äußerſten Spitze eine impertinente, emporſtrebende Richtung annahm, gleichſam als ob ſie aller Welt Trotz bieten wollte, ſo läßt ſich mit Grund ſagen, daß er ein ſprechendes Aeußere hatte, im Fall das Angeſicht wirklich das Gepräge der Gedanken, welche in dem Hirngewölbe eingeſchloſſen, oder der Gefühle, welche in der Herzenskammer verborgen ſind, annimmt. Die Stirne, hoch und rein, war von auffallend ſchönen, natürlich gelockten Haaren beſchattet und mit einem Paar bogenförmiger, dunkler Augenbraunen geſchmückt.— * 13 So war Wilhelm Stjernkrona's äußere Erſchei⸗ nung, und es läßt ſich kaum etwas Vortheilhafteres von einem zwanzigjährigen Lieutenant verlangen, ehe ein erſter Anflug von Bekümmerniß, ein Schatten von Sorge oder Schmerz, die von froher Zuverſicht und kühnem Muthe leuchtenden Züge verdüſtert hat. Sein Inneres entſprach vollkommen ſeinem Aeußeren. Er fürchtete ſeinen Gott, ehrte ſeinen König und liebte ſein Vaterland; er hatte einen klaren und reinen Begriff von Recht und Unrecht, Gutem und Böſem. Gleichwohl ließ ſich nicht in Abrede ziehen, daß in ſeiner Gemüthsart ein gewiſſer Hang zum Aben⸗ teuerlichen lag; dies war jedoch eine Neigung, die ſich auf die liebenswürdigſte Weiſe von der Welt zu erkennen gab. Seine Lebhaftigkeit bewegte ſich nicht auf jenen von Gewohnheit und Brauch aus⸗ getretenen Stufen, auf welchen man ſich im geſell⸗ ſchaftlichen Leben einander in lauter Gemächlichkeit zu nähern pflegt. Er konnte nicht begreiſen, warum die Menſchen, wenn ſie ſich auf irgend eine Weiſe für einander intereſſirten, immer von Wind und Wetter zu ſprechen anfingen. Ebenſo wenig verſtand er, warum Män⸗ ner, die im gewöhnlichen Leben Alles, nur nicht blöde und fügſam waren, ſich in Gegenwart von Frauen in Schaafskleider hüllten, die ihnen ganz und gar nicht anſtanden, und aus denen gleichwohl der Wolf überall hervorſchaute. Er vermochte ferner nicht zu faſſen, warum man nicht, um es angenehm zu haben, offen ſagen konnte, was man dachte, und hatte ſich oft verwundert ge⸗ 14 fragt, was man eigentlich unter feiner Lebensart verſtände, wenn er die Koryphäen der Geſellſchaft faſt immer albernes Zeug reden, und die holdſeligſten Lippen ganze Litaneien von Unſinn vorbringen und dieſelben mit gleicher Münze bezahlen hörte. Wilhelm hatte auch den Muth gehabt, dieſen von Dummköpfen ausgetretenen Pfad zu verlaſſen. Wenn er ſich in Geſellſchaft von Frauen befand, wählte er darum auch ganz andere Stoffe zur Unter⸗ haltung, als jene abgenützten und trivialen Gegen⸗ ſtände, welche der gewöhnlichen Salonconverſation zu Grunde liegen. Oſft war es geſchehen, daß eine junge Dame, mit welcher er ganz ungenirt ſeine Gedanken ausgetauſcht hatte, hinterher ſich darüber verwunderte, wie es möglich geweſen, daß ſie ſich ein⸗ mal erdreiſtet hatte, über ein vernünftiges Thema Rede und Antwort zu geben. Trotz dieſer Verwunderung konnte ſie aber nicht umhin, zu geſtehen, daß ihr in Geſellſchaft des ſchönen, originellen Stjernkrona die Zeit ſehr ſchnell und angenehm verfloſſen ſei. Wilhelm dagegen bekam von ſeinen Kameraden die Beſchuldigung zu hören, daß er mit jeder Dame, mit welcher er ein Geſpräch anknüpfe, ſich verliebe, und die älteren Frauen erklärten ihn bereits für einen ſehr gefährliſchen Burſchen. Dies war jedoch Etwas, worauf er in ſeiner jugendlichen Unerfahren⸗ heit nicht Acht gab. In ſeinem Gemüthe lag es einmal nicht, ein Alltagsmenſch zu ſein, welcher wiederkäut, was Andere geſagt haben, ein Unglück für ihn ſelbſt, weil er dadurch Neider ins Leben rief. Bis jezt war indeſſen weder auf Seiten der Kameraden, noch der Frauen das Recht geweſen; 15 denn als Wilhelm ſeinem Vaterlande den Rücken kehrte, hatte er weder ſich ſelbſt verliebt, noch ſeines Wiſſens im Lager der Schönen irgend einen Schaden angerichtet. Seine Seele war ſo ausſchließlich von der Liebe für den erwählten Beruf und die ihm damit ſich bietende Gelegenheit, die Welt, die verſchiedenen Völker, deren Sitten und Gebräuche zu ſehen, in An⸗ ſpruch genommen, daß darin kein Raum für irgend ein anderes Intereſſe uͤbrig blieb. Die reichen Schätze von Erfahrung, Kenntniß und Selbſtanſchauung, welche er zu ſammeln gedachte, verlockten und ent⸗ führten ihn nach unbekannten Regionen hinweg. Er konnte nicht verſtehen, warum er in weichlicher Un⸗ thätigkeit daheim verbleiben ſollte, wenn die Welt ihm offen ſtand. Er kannte ſich ſelbſt genugſam, um zu wiſſen, daß jenes Verlangen, das ihn be⸗ herrſchte, etwas weit Beſſeres als nur ein phanta⸗ ſtiſches Gelüſten nach romantiſchen Begebenheiten war. Während eines Lebens, das einem an und für ſich abenteuerlichen Berufe geweiht war, ahnte der zwanzigjährige Jüngling, daß, was er jezt ſah und erfuhr, in Zukunft ihm zu unberechenbarem Nutzen gereichen wuͤrde. Genug, er ſezte ſein Leben aufs Spiel, um Leben dafür zu gewinnen. Er wünſchte Kenntniß und Weisheit aus der Quelle der Erfah⸗ rung zu ſchöpfen, aber er vergaß dabei, daß unſere Leidenſchaften mit unſerem höheren Streben Hand in Hand gehen, und daß ſie ſehr oft Galle in den Kelch träufeln laſſen, welchen unſere Wißbegier zu leeren wünſcht. 16 Ueber Wilhelms Reiſe nach Breſt und über ſein Verweilen an Bord iſt gerade nicht viel zu ſagen. Der Kapitän, ein Mann von altmodiſchen Ge⸗ wohnheiten und Anſichten, lag beſtändig mit ſeinem jungen Paſſagier im Streite und gerieth oft in Feuer und Flammen, wenn Wilhelm von den Fort⸗ ſchritten ſprach, welche die Schifffahrtskunde in den letzten Jahren gemacht hatte. Der Kapitän erklärte dann geradezu, es ſei ihm ganz unausſtehlich, von dergleichen neumodiſchen Ideen, wie er die Anwen⸗ dung der Trigonometrie und Aſtronomie auf das Seeweſen nannte, zu hören, Der Alte wollte von nichts weiter als von Nadelkompaß und ein⸗ oder zweimaligem Loggen jede Woche wiſſen. Allerdings ſuchte er bei außerordentlichen Vor⸗ fällen den alten ungeheuerlichen Oktanten hervor, aber dies geſchah nur, um dadurch dem Steuermann zu imponiren, denn irgend eine Beſprechung kam dabei nicht in Frage, er hatte denſelben einmal an Bord und damit Gott befohlen.. Wenn Wilhelm die Behauptung auſſtellte, es ſei unrecht, von den beſten, jetzt zu Gebot ſtehenden In⸗ ſtrumenten keinen Gebrauch zu machen u. a. m., ſo lautete gewöhnlich ſeine Antwort: „Geht mich nichts an, unnöthiges Zeug, Neue⸗ rungsſucht! Ich habe niemals dergleichen in An⸗ wendung gebracht, und dennoch iſt es ſchon über die zwanzig Jahre her ganz gut gegangen.“ 3 Eines Tags, als Wilhem einen für die damalige Zeit ſeltenen, ſogenannten Borda⸗Zirkel,*) welchen *) Jean Charles Borda 1733— 1799, ein um die praktiſche Mathematik und Aſtronomie ſehr verdienter Mann, machte ſeinen 17 er ſich aus Frankreich verſchrieben hatte, zum Vor⸗ ſchein brachte, ſtieg die Verachtung des Kapitäns auf ihren Höhepunkt und er murmelte Etwas wie: „Die verdammten Bücher, die verdammten Theo⸗ rien u. ſ. w.“ Einige Zeit nachher fing es tüchtig an zu blaſen. Der Klüver ſollte niedergeholt und beſchlagen werden. Dies iſt im Sturm vielleicht eine der wichtigſten Arbeiten und nicht ohne Lebensgefahr zu bewerk⸗ ſtelligen. Mehr als ein entſchloſſener Burſche iſt dabei ſchon in die Tiefe des Meeres geſchleudert worden, ohne daß man je wieder Etwas von ihm zu ſehen bekam.. Der Kapitän wandte ſich jezt zu Wilhelm und ſagte in ſpottendem Ton: „Kann der Herr Lieutenant mit ſeiner Trigono⸗ metrie auch den Klüver bergen?“ Wilhelm gab keine Antwort, ſondern machte ſich mit einigen Matroſen auf und bewies dem alten Seebären, daß er mit und ohne Trigonometrie ein Seemann war. Nach dieſer Probe ließ ſich der Alte nie mehr mit Wilhelm in einen Zank über dergleichen Dinge ein. III. Am Schluß des Monats Juni langte Wilhelm endlich in Breſt an, wohin er ſich mit lebhafter Un⸗ geduld geſehnt hatte. Namen am bekannteſten durch die Verbeſſerung des Spiegel⸗ kreiſes, über welches Inſtrument er ſich in der Description et usage du cercle à réflexion 1781 weiter verbreitete. A. d. U. S chwartz, Wilhelm Stiernkrona. I. 18 Das Geſchwader des Admirals war in emſigſter Ausrüſtung begriffen. Gleich bei ſeiner erſten Unterredung mit dem Admiral wurde Wilhelm über die Unmöglichkeit belehrt, bei den gegenwärtigen Umſtänden mit irgend einem Schiff zu dem Geſchwader des Grafen von Eſtaing in Nordamerika zu ſtoßen. Die engliſche Flotte unter dem Kommando des Admirals Keppel, aus dreißig Linienſchiffen und vier Fregatten beſtehend, war von Portsmouth aus⸗ gelaufen. Ein einziges franzöſiſches Fahrzeug konnte alſo, zu dem Zwecke, die nordamerikaniſche Station zu erreichen, Breſt auf keine Weiſe verlaſſen. Alle Schiffe, groß und klein, waren übrigens jezt nur allzu ſehr von Nöthen, denn Frankreich hatte ſich vorgenommen, den Engländern à tout prix die tödtlichſte Wunde, die ſie nur treffen konnte, beizubringen, das heißt, deren Flotten zu zerſtören; — für's Erſte die Kriegsflotte, mit welcher die Franzoſen es jezt aufnehmen zu können glaubten, und hernach die Handelsflotte, welche um dieſe Jahreszeit ſowohl von Oſt⸗ als von Weſtindien er⸗ wartet wurde. Ganz Breſt wimmelte von Seeleuten aller Grade und Altersſtufen, um nichts von den Tauſenden der Beſucher zu reden, die ſich hier eingefunden hatten, um zum Voraus ſich an der„gloire“ zu erfreuen, welche die franzöſiſche Flotte in dem bevorſtehenden Kampfe einerndten ſollte. Den ganzen Tag ſah man neuausgehobene, bartloſe, junge Seeleute voller Eile um alte, erprobte, bemooste, von der tropiſchen Sonne gebräunte Burſchen herumrennen, welche lang⸗ 19 ſam aber mit Sicherheit die gegebenen Befehle voll⸗ zogen. Alles athmete Leben und Thätigkeit. Man ſah, daß bei Allen, welche zu dem großen Zweck mehr oder minder beizutragen berufen waren, jede Fiber von dem Nationalhaß und von dem Wunſche angeſpannt war, das was für ſie ein Gegenſtand des tiefſten Abſcheus war, zu Grunde richten zu können. In einem großen Lager, den Tag vor einer Schlacht zwiſchen zwei mächtigen Armeen, kann man vielleicht etwas Aehnliches ſehen, aber niemals Etwas, das mit dem Eifer, der Unruhe, dem Ameiſenhaufen⸗ leben eine Vergleichung aushielte, welches da herrſcht, wo eine Flotte von zweiunddreißig Linienſchiffen und zehn Fregatten— ſo ſtark war die franzöſiſche damals— ihre Rüſtungen trifft, um mit einem Gegner, der in materieller Hinſicht gleich ſtark iſt, ſich in einen Kampf auf Leben und Tod einzu⸗ laſſen. Dieſe Theilnahme an der Entwicklung und dem Fortſchritt des großen Ganzen iſt es, was die ſoge⸗ nannte moraliſche Ueberlegenheit ausmacht und alle Zeit ausmachen wird. Das Bewußtſein, daß eine einzige Pflichtverſäumniß ſchwer auf dem Gewiſſen laſten muß, iſt es, was jedes Individuum zu der Einſicht bringt, daß man nicht blos das thun muß, was befohlen wird, ſondern daß man noch mehr thun muß, damit ein Jeder, von dem Höchſten bis zu dem Niedrigſten, das Recht erlangt, gleich einem Gott auf ſein Werk herniederzuſehen und ſagen zu können: „Es iſt Alles gut.“ Ohne von denſelben Beweggründen, wie alle 2*½ 20 dieſe unruhigen und feurigen Franzoſen, welche mit fieberiſchem Eifer ſich an dieſen Arbeiten betheiligten, angetrieben zu werden, hatte Wilhelm gleichwohl ſeine Stellung ſo aufgefaßt, daß er nur allzu deut⸗ lich einſah, er könne an einem Orte, wo rings um ihn herum Alles Eile und Thätigkeit war, nicht ohne Beſchäftigung bleiben. Er hatte deßwegen an den Grafen d'Orvilliers das Anſuchen geſtellt, auf einem ſeiner Fahrzeuge placirt zu werden, und kam dem⸗ zufolge als Lieutenant an Bord ſeines Admiralſchiffs. Die nähere Berührung, in welche Wilhelm da⸗ durch mit dem Grafen d Orvilliers kam, war für ihn von großem Nutzen, nicht allein weil er auf ſolche Weiſe Gelegenheit erhielt, Manches, was ihm in ſeinem Berufe neu und darum bemerkenswerth war, ſich zu eigen zu machen, ſondern auch weil ihm dadurch die Annehmlichkeit zu Theil wurde, ſeine freien Stunden in einer liebenswürdigen und ge⸗ bildeten Familie zuzubringen. So ſchwanden über zwei Wochen dahin, in deren Verlauf man endlich mit der Ausrüſtung der Flotte fertig wurde. IV. Den ſiebzehnten Juli gab der Admiral einen glänzenden Ball für die Offiziere. Alles was Breſt von Schönheit, Reichthum und Adel beſaß, war da⸗ zu eingeladen. Es war ein Meer von Blumen, Reiz und Pracht. Auf allen dieſen Geſichtern ſtrahlten Freude und Sorgloſigkeit; alle Lippen lächelten vor ⏑⏑——=‧*nn 21 Vergnügen; und doch— wie viele von den Tänzern ſollten aus dem bevorſtehenden Kampfe wieder⸗ kehren?— Allein wer dachte in dieſem Augenblick daran, wo Alles nur Entzücken athmete, wo die CGöttin der Luſt ihre Thore geöffnet hatte, und das Auge von ſo viel Anmuth, ſo viel Liebenswürdig⸗ keit berauſcht wurde. Daß Wilhelm auch bei dem Feſte war, verſteht ſich von ſelbſt; und daß er noch mehr als ein Anderer davon geblendet wurde, iſt ebenſo natürlich, wenn man ſich erinnert, daß dies ſein erſter Ausflug in die Welt war. Während ſeines kurzen Aufenthalts in Breſt hatte er mit verſchiedenen Offizieren von der fran⸗ zöſiſchen Flotte, darunter auch mit einem jungen Marquis, Jules de Saint⸗Sue, Bekanntſchaft gemacht. In Geſellſchaft des Marquis war er zu dem Admirals⸗ ball gefahren, und wir finden ihn nun mit demſelben an einem der Fenſter des großen Salons. Von dieſem Fenſter aus hatten ſie eine Ueber⸗ ſicht über die Verſammlung, welche in dem uner⸗ meßlichen Raum durch einander wogte. Während Wilhelm mancherlei Fragen über alle dieſe ihm fremden Perſonen ſtellte, und der Marquis ſie, ſtets einige ſatiriſche Bemerkungen hinzufügend, beantwortete, trat ein ungewöhnlich hochgewachſener Mann, der eine junge Dame am Arm führte, in den Salon. Wilhelms Aufmerkſamkeit wandte ſich alsbald der Dame zu. Ihr Aeußeres war auch von der Art, daß es unwillkürlich das Auge feſſeln mußte, denn es ſtand deutlich darin geſchrieben: Nicht⸗europäiſch. 22 Die großen, ſchwarzen, blitzenden Augen, mit ihrem blau⸗weißen Email; die feinen, ſcharfgezeichneten Augenbraunen, die perlweißen Zähne und der pur⸗ purrothe Mund mit ſeinen ſchwellenden Lippen, im Verein mit der gelblichen Hautfarbe, Alles deutete darauf hin, daß ihr Blut nicht ungemiſchten, euro⸗ päiſchen Urſprungs war, obſchon ihre ganze Toilette, das gepuderte Haar, die geſchmackvolle Robe, Alles der neuen franzöſiſchen Mode entſprach. Ihre Haltung verrieth den feinen Anſtand, welchen eine Weltdame auszeichnet. Von Geſtalt war ſie weder zu klein noch zu groß, weder zu wohlbeleibt noch zu mager, ſondern beſaß jene Weichheit und Fülle der Formen, welche ausſchließlich der erſten Jugend vorbehalten iſt. Hals, Schultern, Arme, Hände waren ſo ſchön, daß ſie einen Künſtler in Entzücken verſetzen konnten. Sie trug das Haupt nicht mit ſteifer Würde, ſondern auf eine Art und Weiſe, als wollte ſie damit ſagen: „Geſteht, daß ich ſchön bin!“ Selbſtgefühl und Bewußtſein ihrer Vorzüge lag in ihrer äußern Erſcheinung, dazu geſellte ſich ein gewiſſes Etwas, welches zu erkennen gab, daß ſie mit vollen Zügen, mit leidenſchaftlicher Luſt des Lebens, ihrer Jugend, ihrer Schönheit, und ihres Reichthums froh zu werden, ſich beſtrebte und nicht einer der Freuden, welche ihr zu Gebot ſtanden, zu entſagen geneigt war. Ihr Anzug war geſchmackvoll und koſtbar. Hätte man gleichwohl Etwas daran ausſetzen wollen, ſo wäre es einzig der Umſtand geweſen, daß ſit vielleicht zu viel Juwelen trug, allein ſelbſt dieſer 23 Eindruck verſchwand bei näherer Prüfung, denn alle dieſe Zierathen waren mit ſolchem Geſchmack ange⸗ bracht, daß die Harmonie des Ganzen geſtört wor⸗ den wäre, wenn man auch nur ein Stück davon hinweggenommen hätte. „Mein beſter Marquis, wiſſen Sie, wer die ſchöne Dame iſt, welche eben eintrat?“ fragte Wil⸗ helm. Er konnte von der auffallenden Erſcheinung kein Auge abwenden. „Diejenige, welche ſich auf den Arm des Rieſen ſtüzt?“ „Eben die.“ „Sie fragen, ob ich ſie kenne? Ja, das Schick⸗ ſal iſt wirklich hart genug geweſen, unſere Wege zu⸗ ſammenzuführen; und ich verabſcheue ſie.“ „Was ſagen Sie?“ „Die Wahrheit.“ „Aber wer iſt ſie denn?“ „Ich vergaß, daß Sie ein Fremdling ſind und jucli nicht wiſſen können, wer, noch weniger, was ie iſt.“ „Aber ich wünſche, es zu erfahren.“ „Ganz natürlich; ſie iſt die Frau von dieſem Kerl.“ „Sehr belehrend,“ entgegnete Wilhelm lachend; „aber er iſt mir ebenſo unbekannt, wie ſeine Frau.“ „Nun wohl, er heißt d'Eſtrier, iſt Graf, im Uebrigen Plantagenbeſizer auf St. Vincent in Weſt⸗ indien, und hat ſich mit dieſer ſafrangelben Dame verheirathet, welche man allgemein„die ſchöne In⸗ dianerin“ nennt. Seit etwas mehr als zwei Jah⸗ ren verweilt dieſes Ehepaar in Frankreich, damit 24 die Anzahl der Narren hiedurch vermehrt wird. Sie müſſen nämlich wiſſen, cher baron, daß Madame Eſtelle d'Eſtrier die zwei leztverfloſſenen Winter zu Paris in der Mode geweſen iſt. Alles, jung und alt, war in ſie vernarrt.“ „Das wundert mich nicht,“ fiel Wilhelm ein, indem er ſie fortwährend betrachtete. Madame d'Eſtrier war mitten im Salon ſtehen geblieben. Eine ganze Schaar von Herren beeilte ſich, ſie zu becomplimentiren. „So, ſo, das wundert Sie nicht,“ nahm der Marquis wieder das Wort;„öSie finden dieſelbe alſo unwiderſtehlich ſchön?“ Saint⸗Sue lächelte ironiſch. „Iſt es wohl anders möglich? Es liegt etwas ſo Warmes, ſo Seelenvolles, ſo Leidenſchaftliches in dieſem Angeſicht, und man vergißt über dem Aus⸗ druck deſſelben—“ „Die Farbe,“ fiel der Marquis ein;„das iſt in der That nothwendig. Ich kenne nichts Abſcheu⸗ licheres, als einen gelben Teint; mir fällt dabei ſo⸗ gleich Gelbſucht, gelbes Fieber, Gallenleiden ein.“ Wilhelm lachte und der Marquis fuhr fort: Sie ſagten, glaube ich, dieſelbe ſehe ſeelenvoll aus. Wenn Sie Etwas wie Seele bei ihr heraus⸗ finden, ſo ſchenke ich Ihnen mein ganzes Vermögen,“ — der Marquis konnte leicht ein ſolches Verſprechen geben, denn er war ruinirt,— und wenn Sie et⸗ was, wie Wärme oder Leidenſchaft bei ihr heraus⸗ bringen können, ſo ſollen Sie mein Leben zum Preiſe für die Entdeckung haben.“ 3 „Wenn ich auch noch ſo großes Verlangen hätte, — 25 Ihr Vermögen oder Ihr Leben mir zu eigen zu machen, ſo geſtattet doch die Zeit nicht, einen ſol⸗ chen Verſuch zu wagen. Wir ſegeln ja in einigen Tagen von Breſt ab, und gewiß iſt es bei Ihnen das lezte, bei mir das erſte und lezte Mal, daß wir Madame d'Eſtrier ſehen.“ „Mir ſchon recht.“ „Sie ſind früher mit ihr zuſammengetroffen?“ „Früher? Ich habe Ihnen ja geſagt, daß ich ſie verabſcheue. Aber was ſehe ich! Sie ſteuert gerade auf uns los.“ Madame d'Eſtrier näherte ſich wirklich dem Orte, wo Wilhelm und der Marquis ſtanden; aber dieß geſchah nur, um ein paar Damen zu begrüßen, welche in deren Nähe ſaßen. Wilhelm fand ſomit Gelegenheit, ſie genauer zu betrachten. Sie redete mit großer Lebhaftigkeit und lachte oft, und es kam Wilhelm vor, als ob ihr ganzes Weſen aus eitel Feuer und Flammen zu⸗ ſammengeſezt wäre. Während ſie ſprach, warf ſie einen Blick nach dem Fenſter. Ein Lächeln feinen Spottes kräuſelte ihre Lippen, als ſie den Marquis gewahrte, welcher alsbald herbei eilte, um ſie und den Grafen zu be⸗ grüßen. Der Leztere glich mehr einem Automaten, als einem lebenden Menſchen. „Ah, Sie ſind es, Marquis,“ ſagte ſie.„Ich dachte, Sie hätten ſich bereits eine Kugel vor die Stirne geſchoſſen.“ „Madame, ich habe es unſern Feinden überlaſ⸗ ſen, ſich damit zu beſchweren,“ antwortete der Mar⸗ quis und verbeugte ſich. 26 „Ich hoffe, die Engländer werden geſcheidter ſein, als daß ſie ihre Kugeln den Weg durch den Kopf von Ihnen nehmen laſſen.“ Sie machte eine leichte Verbeugung und war im Begriff, ihre Promenade fortzuſezen; aber in dieſem Momente fielen ihre Augen auf Wilhelms Angeſicht. Sie wandte ſich wieder zu dem Marquis und ſagte: „Ich vergaß zu fragen, ob wir noch Feinde ſind?“ „Bis in den Tod, Madame.“ Eſtelle's Blicke ruhten unverwandt auf Wil⸗ helm, obwohl ſeine Augen gleichfalls auf ſie ge⸗ richtet waren. „Sie ſind ein Original, mein lieber Marquis, und mich wandelt die Luſt an, Ihre Freundin zu werden.“ „Sie wiſſen, Madame, daß ich ein Weiberfeind bin, und im Fall Sie auf den unglücklichen Einfall kämen, meine Freundin zu werden, ſo—“ „Geſchähe was?“ „Ich würde die Kugeln der Engländer nicht ab⸗ warten, ſondern—“ „In Breſt bleiben.— Marquis, ich gebe Ihnen die erſte Quadrille.“ „Madame, Sie haben im Sinn, Jemand ab⸗ fahren zu laſſen?“ „Den Herzog von—“ antwortete Eſtelle lachend. „Und mir einen Degenſtich einzubringen.“ „Fürchten Sie ſich?“ „Madame!“ „Nun wohl, kein Wort weiter davon; die erite Quadrille!“ Eſtelle entfernte ſich, ihren ſchweigſamen C Gemaßt n ⸗ —— 27 mit fortführend. So lang ſie mit Saint Sue ſprach hatten ihre großen, ſchwarzen Augen auf Wilhelm, geweilt, als ob ſie ſeine Züge einer genauen Prü⸗ fung unterwerfen und dadurch ihrem Gedächtniß ein⸗ prägen wollte. Der Marquis wandte ſich zu Wilhelm mit den Worten: „Haben Sie gehört?— Sie gibt ganz einfach Veranlaſſung zu einem Duell zwiſchen mir und dem Herzog von*s*, und dieß mit lächelnden Lippen, als ob es ſich nur um den Austauſch eines Händedrucks zwiſchen ihm und mir handelte.“ „Manche wünſchten vielleicht, ſich durch ein Duell das Glück eines Tanzes mit Madame d'Eſtrier er⸗ kaufen zu können.“ „Sind Sie etwa einer derſelben?“ fragte der Marquis, indem er einen verſtohlenen und beinahe inquiſitoriſchen Blick auf Wilhelm warf, welcher ge⸗ laſſen erwiederte: „Noch nicht, aber wohl möglich, wenn ich erſt gleich Ihnen dieſelbe längere Zeit kenne.“ „Ah bah, in dieſe Furie verliebt man ſich ent⸗ weder augenblicklich, oder niemals.— Schauen Sie rechts, und Sie werden etwas wirklich Schönes ſehen. Betrachten Sie die Dame in dem hellblauen Kleide.“ Wilhelm gehorchte dieſer Aufforderung. Es war ein junges Mädchen. Daß ſie ein Mäd⸗ chen war, erkannte man an dem keuſchen und jung⸗ fräulichen Ausdruck in ihrem Angeſicht. Sie glich einer verſchämten, aber üppigen Roſenknoſpe, welche halb erfreut, halb zitternd der Königin des Tages 28 entgegenlächelt. Sie war von mehr als mittlerer Groͤße und hatte mehr von einer Juno, als von einer Venus. Sie bewegte ſich noch mit einer ge⸗ wiſſen Unſicherheit, welche Zeugniß gab, daß ſie ſich die Gewohnheit und Zuverſicht einer Salondame noch nicht angeeignet hatte. Ihr ganzes Ausſehen, jede ihrer Bewegungen, und ſogar der Ausdruck in ihrem Antlitz verriethen einen deutlichen Widerſtreit zwiſchen ihrer Schüchternheit und ihrem natürlichen Selbſtgefühl. Der Marquis hatte Wilhelm aufgefordert, ſie anzuſehen, wenn er etwas Schönes ſehen wollte, und der Marquis hatte Recht. Fräulein Lucia d'Outrouville hatte eines von jenen Geſichtern, welche einem aufgeſchlagenen Buche gleichen. Der offene, ehrliche Ausdruck darin brachte den Beſchauer auf den Glauben, man könne darin alle die Gedanken leſen, welche unter der Wölbung ihrer Stirne aufſtiegen, oder die Saiten ihres Her⸗ zens in Bewegung ſezten. Die großen, offenen, dunkelblauen Augen waren wie ein paar helle Spie⸗ gel, welche treulich den geringſten Wechſel in ihrem Innern wiedergaben. Die freie Stirne, die feine, gerade Naſe, der ſchöne, weder zu große, noch zu kleine Mund, mit ſeinen ſtarken, geſunden, blendend weißen Zähnen und ſeinen vollen Lippen, die milch⸗ weiße Hautfarbe mit ihrem warmen Roſenanfluge, und die feine, ovale Geſichtsform, Alles hatte ſich vereint, um ſie ſchön zu machen, und dennoch man⸗ gelte es an Etwas in dieſem regelmäßigen Ge⸗ ſichte. Man fühlte ſich dadurch betroffen, aber der Eindruck wirkte nicht von dem Auge auf das Herz. 29 „Sie iſt ſehr ſchön,“ antwortete Wilhelm,„aber ſie ſieht allzu kalt aus. Ihr Angeſicht kann be⸗ ſtimmt ſeinen Ausdruck nicht ändern,— es bleibt ſich immerdar gleich.“ „Kalt, ſagen Sie?“ erwiederte der Marquis und ſchaute ihn an.„Was wißt Ihr Nordländer von Wärme?“ „So viel, daß wir den Ausdruck davon auf einem Angeſicht unterſcheiden können.“ „Sie ſind göttlich!— So eben ſagten Sie, die Züge von Madame d'öEſtrier laſſen auf Wärme ſchließen, und nun behaupten Sie, diejenigen von Fräulein d'Outrouville kündigen Kälte an. Beob⸗ achten Sie doch einmal, wie die warmen Wellen ihres Blutes auf dem Sammetbette ihrer Wangen kommen und gehen, und ſagen Sie dann, daß ſie kalt ausſieht.“ Der Marquis entfernte ſich von Wilhelm. Der Ball begann. Wilhelm war mehreren Damen und unter denſelben auch Fräulein d'Outrouville vorgeſtellt worden. In der Quadrille, welche der Marquis mit Frau von Eſtrier tanzte, führte Wil⸗ helm Fräulein Lucie; und während des in den Zwiſchenpauſen ſtattfindenden Geſprächs fand der⸗ ſelbe Anlaß genug, ſich über die Verwandlung, welche mit Luciens Miene vorging, zu verwundern. Wenn ſie redete, verſchwand die Kälte darin ganz und gar, und Herz und Seele ſtrahlten aus den Augen. „Wer iſt der junge Mann, welcher mit Lucie, meines Mannes Schweſter, tanzt?“ fragte Eſtelle 30 ihren Cavalier.„Der mit der weißen Binde um den Arm?“ „Ein ſchwediſcher Officier, Namens Stiernkrona,“ antwortete derſelbe;„er wird ſich unſerem Ge⸗ ſchwader anſchließen.“ „Ein Schwede?“ erwiederte Eſtelle und beſann ſich eine Weile, als ob ſie erſt in ihrem Gedächtniß nachforſchen müßte, was für eine Sorte von Barbar ein Schwede eigentlich wäre. Darauf ſezte ſie lä⸗ chelnd hinzu:„Sie werden mir denſelben vorſtellen.“ „Ach, Madame, laſſen Sie den armen Jungen von Breſt abziehen, ohne daß er zuvor unglücklich wird!“ „Unglücklich, weil ich ſeine Bekanntſchaft machen will? rief Eſtelle lachend. „Ich kenne Niemand, welchen Sie mit dieſer Gunſt beehrten, der nicht ſein Glück mit dem Ver⸗ luſt ſeines Herzens und Verſtandes bezahlt hätte. „Er iſt kein Franzoſe, mein Herr, und folglich wird es ihm auch nicht ſo leicht werden, den Ver⸗ ſtand zu verlieren. Uebrigens, Marquis, haben Sie ja den Ihrigen gleichfalls bewahrt.“ „Das iſt richtig.“ 3 „Alſo, Sie werden mir den ſchönen Nordländer vorſtellen. Ich will es.“ „Und ich gehorche.“ Die Tanztour verurſachte eine Unterbrechung des Geſprächs; nach derſelben nahm Saint Sue wieden das Wort:. „Die Verwandte Ihres Gemahls, Fräulein d⸗Ou⸗ trouville iſt ſehr ſchön; betrachten Sie dieſelbe eben jezt, wo ſie mit dem Schweden ſpricht.“ des det Du⸗ ben 31 Madame d'Eſtrier warf einen beinahe funkeln⸗ den Blick auf das junge Mädchen, und ihr Ange⸗ ſicht verfinſterte ſich ein wenig. Wäre die gelbe Haut nicht ſo dick wie Sammet geweſen, man hätte ſie gewiß die Farbe wechſeln ſehen; ſo aber war dieß unmöglich. Die Purpurflammen des Blutes drangen nicht hindurch, ſie vermochten nur derſelben einen dunklern Schatten zu geben. „O ia, nicht übel,“ ſagte ſie;„aber Lucie wird niemals etwas Anderes, als eine Marmorſtatue.“ „Mit einem Feuerherzen.“ 3 „Möglich; aber die Wärme deſſelben wird doch nicht im Stande ſein, den Marmor zu durchbrechen.“ „Gerade wie das Feuer in Ihrem Auge nicht Ihr Herz zu erwärmen vermag.“ „Was wiſſen Sie, Marquis, von meinem Her⸗ zen?“ fiel Eſtelle ein.„Sie, der Sie mir nicht ein⸗ mal Ihre Huldigung dargebracht haben.“ „Madame, ich habe als Zuſchauer Sie beob⸗ achtet und...“ „Und mich unparteiiſch beurtheilt.— Ach, all' das haben Sie mir ſchon geſagt; aber à propos, finden Sie nicht eine auffallende Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen Lucie und Herrn von Eſtrier?“ ſezte Eſtelle lachend hinzu. 4 Wiederum wurde das Geſpräch durch den Tanz unterbrochen; als derſelbe zu Ende war, entfernte ſich der Marquis, um Wilhelm aufzuſuchen und Eſtelle vorzuſtellen. Er fand den jungen Lieutenant in einem lebhaften Geſpräch mit Fräulein d'Outrou⸗ wille begriffen. „Madame deöEſtrier wünſcht Ihre Bekanntſchaft 32 zu machen, Baron,“ ſagte Saint Sue bei der erſten Pauſe, welche in der Unterhaltung zwiſchen Wilhelm und Lucie eintrat. Wilhelm ſah ihn mit einem eigenthümlichen Blick von Verwunderung an, als ob er bereits„die ſchöne Indianerin“ vergeſſen hätte. „Ich ſehe, daß meine Couſine Sie erwartet,“ ſagte Lucie und wandte ſich von Wilhelm zu ein paar in der Nähe befindlichen Damen. Wilhelm folgte dem Marquis, und wenige Au⸗ genblicke hernach finden wir denſelben in ein ebenſo lebhaftes Geſpräch mit Eſtelle verflochten, wie es vor⸗ her mit Lucie der Fall geweſen. Wäre jezt ganz plözlich Jemand herangetreten, um ihn zu der Lez⸗ tern zu berufen, ſo hätte es ohne Zweifel gleich⸗ falls einiger Minuten bei ihm bedurft, um ſich die⸗ felbe ins Gedächtniß zurückzurufen; ſo ganz und gar war er jezt von Eſtelle in Anſpruch genommen. Zur Entſchuldigung für die Leichtigkeit, womit er ſein Intereſſe in Beſchlag nehmen ließ, hätte n Wilhelm ſeine zwanzig Jahre und ſeine große Un⸗ erfahrenheit anführen können. Bedenkt man zugleich, daß er kopfüber in dieſe für ihn bisher unbekannte Welt hineingeworfen worden war, ſo iſt unſchwer einzuſehen, daß alle Eindrücke auf eine ſo lebhafte Seele, wie die ſeinige, mit verdoppelter Stärke wir⸗ ken mußten, um ſo mehr, als dieſelben für ihn völ lig neu waren. 1 Zu allem dieſem kam, daß Eſtelle d'Eſtrier mit ihrer ganz eigenthümlichen Schönheit, ihrem einneh⸗ menden Weſen, ihrem pikanten Uebermuth und ihrem lebhaften Witz Jedermann feſſelte, mit dem ſie ſich b. 9 J mit eh⸗ rem 33 in ein Geſpräch einließ, um wie viel leichter alſo einen zwanzigjährigen Jüngling. Eſtelle fand an Wilhelms höchſt origineller Art und Weiſe, ein Geſpräch zu führen großes Wohlge⸗ fallen, und Etwas wie Mißvergnügen leuchtete aus ihren ſchwarzen Augen, als ihr Kavalier erſchien, um ſie zum Tanze zu geleiten. Am Schluß deſſelben fand ſich Wilhelm, er wußte ſelbſt nicht wie es zugegangen war— abermals an ihrer Seite. 5 „Sie wollen alſo mit unſern Landsleuten zum Kampfe ausziehen?“ begann Eſtelle.„Was konnte Sie hiezu beſtimmen?“ „Mein Thatendurſt, mein Wunſch, mich in mei⸗ nem Berufe praktiſch auszubilden, mein Hang zu Abenteuern.— Ich bin Seeofficier, Madame, und will meine eigene Tüchtigkeit erproben, meine Wiß⸗ begierde befriedigen und wo möglich für meinen Chrgeiz ein Lorbeerblatt erobern. „Sie ſprechen nicht wie ein Nordländer,“ be⸗ „ merkte Eſtelle, ihn betrachtend. „Aber ich denke und fühle wie ein ſolcher, und darum will ich mich zu einem Mann erziehen, der ſeinem Lande Ehre machen kann.“ „Sie wagen ſehr viel dafür.“ „Ja, ich wage das Leben; aber wenn man ſich einmal mit der See vermählt hat, achtet man das⸗ ſelbe nicht ſonderlich hoch. Für uns gilt es nicht blos, zu leben, ſondern für unſeres Vaterlandes Nutzen zu leben.“ „Ein Franzoſe würde nicht vom Leben zum Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 3 34 Nutzen ſeines Vaterlandes, ſondern zur Ehre des⸗ ſelben geſprochen haben.“ „Derjenige, welcher ihm nützlich geweſen iſt, hat auch zu deſſen Ehre beigetragen.“ „Das iſt eine unbeſtreitbare Wahrheit, und gleich⸗ wohl würden wir in Weſtindien weder von Chre noch Nutzen, ſondern davon reden, wie wir zur Freude für uns ſelbſt leben könnten.“ „Geſtatten Sie mir jedoch zu behaupten, daß die Aufgabe, welche Schweden und Franzoſen ihrem Le⸗ ben ſtellen, von weit höherem Werthe iſt.“ „Wie ſo?“ „Weil ſie die Wohlfahrt und das Anſehen der i ganzen Nation zum Zweck hat.“ Glauben Sie denn, daß eine Nation glücklich ſein kann, wenn die Individuen es nicht ſind?“ „Das Glück beſteht nicht darin, daß wir uns ſelbſt Freude ſchaffen, ſondern darin, daß wir ſie Andern bereiten.“ „Bilden Sie ſich ein, daß Sie ſtets ſo denken werden? fragte Eſtelle lachend.„Seien Sie über⸗ zeugt, ſo viel Heroismus ſich auch in uns vorfinden mag, ſo wollen wir doch auch auf eigene Rechnung einiges Wohlſein erndten. Das Glück, in Anderer Glück ſeinen Genuß zu finden, iſt nur ein halbes, und der Kelch der Entſagung ſchmeckt für die Dauet ziemlich bitter. „Und der Becher der Freude birgt auf ſeinen Grunde Sättigung und Ermüdung. „Sie ſind noch allzu jung, um in dieſem Fal eine Regel aufſtellen zu können. Im Uebrigen, wenn Sie ſich für das Nützliche, die Franzoſen für das 1 —.,———, ——„— 4 — & 35 CEhrenvolle, die Weſtindier für das Luſtgewährende aufgeopfert, ſo haben alle zuſammen doch nichts An⸗ deres gethan, als ihr Daſein, wenn auch auf ver⸗ ſchiede Weiſe, zu genießen geſucht.“ „Aber, Madame, dieſe Genüſſe ſind gleichwohl mehr oder minder edel. Derjenige, welcher ein hohes Ziel verfolgt, muß höher ſtehen, als wer nur die Luſt des Augenblicks als Preis in Betracht zieht.“ „Allerdings, wir leben aber Alle in dem Augen⸗ blick und für denſelben.— Fern ſei es jedoch, den Genuß verkleinern zu wollen, welchen eine nützliche Thätigkeit gewährt; ich will blos ſagen, daß es nicht immer genügend iſt, das Verlangen nach Glückſelig⸗ keit, das in jeder Menſchenbruſt verborgen liegt, zu befriedigen. Unter dem Himmel, wo ich geboren bin, muß ein ſolches Verlangen unwillkürlich ſtärker werden, und dieß mag zur Entſchuldigung für das Leben weichlicher Genußſucht dienen, welches die Be⸗ wohner jener Landſtriche kennzeichnet. Alles iſt dazu geeignet, dieſen Fehler hervorzurufen.“ „Sie geben alſo zu, daß es ein Fehler iſt?“ „Weichlichkeit iſt allzeit ein Fehler, ſo wie die kalte Verachtung für die Freuden des Lebens eine angenommene Maske iſt. Selbſt wenn wir zu ent⸗ ſagen glauben, folgen wir nur dem Motive, welches in uns am ſtärkſten iſt.“ „Sie gelangen alſo zu dem Saze, daß wir nur um unſeres Genuſſes willen wirken und handeln. In dieſem Fall haben Sie den Menſchen ungemein tief geſtellt. Der Egoismus iſt alſo der Grundpfei⸗ ler, auf welchem all ſein Thun und Laſſen beruht.“ „Können Sie mir das Gegentheil beweiſen?“ 3*⅔ 36 „Ich könnte es wohl, wenn—“ Hier wurde das Geſpräch durch die Töne der Tanzmuſik unterbrochen. Eſtelle hatte mit einem nicht geringen Grad von Ueberraſchung ſich in ein ſolches Geſpräch verfloch⸗ ten geſehen. Sie war ganz erſtaunt darüber, daß ein junger Mann mit ihr von etwas Anderem als ihr ſelbſt und von der Bewunderung für ihre Perſon ſprechen konnte. Eſtelle war mit einer in gewiſſer Hinſicht reich ausgeſtatteten Seele begabt. Sie beſaß einen leb⸗ haften und raſchen Gedankengang, eine augenblick⸗ liche und klare Auffaſſungsgabe— und einen nicht ſo geringen Grad von Bildung. Die leztere erſchien allerdings in hohem Maaße einſeitig, dieß war Etwas, das aus ihrer Lebens⸗ ſtellung von ſelbſt ſich ergab. Unter Weſtindiens glühender Sonne geboren und erzogen, mit indiani⸗ ſchem Blut in ihren Adern, umgeben von Ueppig⸗ keit und Ueberfluß, ohne ein anderes Ziel für ihre Gedanken, als die Zeit zu tödten, hatte ſie nur ge⸗ leſen, was ihr Vergnügen machte, ſelten oder richti⸗ ger niemals, was wirklich zur Ausbildung ihrer von Natur ſehr ungewöhnlichen Verſtandesgaben beitra⸗ gen konnte. Daher kam es, daß, was nicht ihr eige⸗ nes Selbſt betraf, ſie nicht intereſſirte. Mit bren⸗ nender, glühender Leidenſchaft hatte ſie ſich der Be⸗ friedigung ihrer Eitelkeit und dem Genuß, ſich ver⸗ göttert zu ſehen, hingegeben. Auf der Inſel St. Vincent hatte ſie die Rolle der Herrſcherin geſpielt und ſich nur von Sclaven und Anbetern umringt geſehen. Bei ihrer Ankunft 5 9 k — N 37 in Frankreich kam man ihr mit excentriſcher Huldi⸗ gung entgegen, und ein Hof von Bewunderern ſam⸗ melte ſich um ſie, ſo daß die Triumphe, welche ſie erndtete, ihre kühnſten Träume überſtiegen. Eſtelle hatte niemals ſich die Möglichkeit gedacht, an etwas Anderem, als an den Opfern des Weih⸗ rauchs, der auf dem Altar ihrer Citelkeit angezündet wurde, Wohlgefallen zu finden. Sie hatte ſich daran gewöhnt, die Männer als Spielzeug für ihre bizarren Launen zu betrachten, und es kam ihr niemals in den Sinn, daß ſie etwas Anderes, als die Sclaven der Frau ſeien. Eſtelle hatte die geiſtreichſten Män⸗ ner ihr die albernſten Dinge ſagen hören; ſie hatte die mächtigſten Standesperſonen wie Schulknaben behandelt und in Folge davon eine ſehr niedrige Vorſtellung von der Stärke, der Seelengröße und Ueberlegenheit des Mannes gefaßt. Vor ihr waren Genies, Helden und Staatsmänner lauter arme Wichte geweſen, welche ſie, im Fall es ihr beliebte, um ihren Finger hätte wickeln können. Eſtelle war nicht ehrgeizig, ſie war eitel, und darum benüßzte ſie ihre Macht nur dazu, Sclaven zu gewinnen, welche an ihrem Triumphwagen zogen. Bisher war ihr Intereſſe nur ganz vorübergehend durch ihre Bewunderer geweckt worden. Madame d'Eſtrier hatte keinem von ihnen einen Vorzug ein⸗ geräumt. Auf die gefühlloſeſte Weiſe von der Welt ſpielte ſie mit den Herzen, welche ſie in Flammen geſezt hatte. Wilhelms äußere Erſcheinung frappirte ſie, wie es ſchon bei manchen anderen Männern vor ihm ge⸗ 38 ſchehen war, und ſie war ſogleich auf den Einfall gerathen, ſeine Bekanntſchaft zu machen. Das Geſpräch mit ihm hatte dieſes Intereſſe ge⸗ ſteigert, und zwar mit jener Lebhaftigkeit, welche einem Temperament, wie das ihrige, eigenthümlich war. Der vortheilhafte Eindruck, den ſie gleich beim erſten Blick auf ihn empfand, wurde während der Unterhaltung noch tiefer, und als Eſtelle von ihm hinwegſchwebte, kam es ihr vor, als hätte ſie nie⸗ mals einen Mann von vortheilhafterem Aeußeren, angenehmeren Manieren und ausgezeichneteren Gei⸗ ſtesgaben getroffen. Wilhelms Aufmerkſamkeit war zwiſchen Fräulein d'Outrouville und Eſtelle getheilt. Indeſſen ſchien er doch mehr von der leztern eingenommen, denn ſein Blick war wie durch eine magiſche Kraft an ſie gefeſſelt. Sehr oft begegneten ſich ihre Augen. In dieſem ſtummen Austauſch der Blicke lag ein ſtill⸗ ſchweigendes Anerkenntniß, daß man gegenſeitiges Intereſſe an einander empfand. Als der Tanz zu Ende war, fand Eſtelle aber⸗ mals Wilhelm in ihrer Nähe. Sie hatte ihn nicht ſobald wahrgenommen, als ſie die Unterhaltung mit denjenigen, welche ihr den Hof machten, abbrach, und ſich zu dem jungen Schweden mit den Worten wandte: „Nun, mein Herr, wie wollen Sie mir beweiſen, daß nicht alle Handlungen der Menſchen einen egoi⸗ ſtiſchen Ausgangspunkt haben?“ „Dadurch, daß ich auf die Gewalt hindeute, welche die Pflicht ausübt.“ „Die Pflicht?“ rief Eſtelle. „Ja, die Schuldigkeit gegen unſere Mitmenſchen. n. 39 Meine wärmſten Wünſche, meine theuerſten Hoff⸗ nungen, meine ſchönſten Träume müßte ich zum Opfer bringen, im Fall dieſelben mit meiner Pflicht in Widerſtreit geriethen.“ „Müßte ich? Wer zwingt mich dazu?“ „Gewiſſen und Ehre, Madame, können ſich gegen Alles, was ich Glück nenne, auflehnen, und mit zer⸗ riſſenem Herzen ſehe ich mich dann gezwungen, ihm zu entſagen. Welchen Egoismus finden Sie in einem ſolchen Begräbniß der Lebensfreude? Ich verur⸗ theile mich ſelbſt zu Kummer und Leid, einzig und allein, um meine Pflichten gegen Andere nicht zu verlezen.“ „Ich verſtehe dieſe Ihre Schlußfolgerung nicht,“ entgegnete Eſtelle, indem ſie den Kopf zurückwarf und Wilhelm anſchaute.„Was ich mir ſchön und glücklich geträumt habe, gehört mir, und ihm zu entſagen, kann keine Pflicht mir auferlegen.“ „Dem Träumen nicht, wohl aber der Ausſicht auf die Verwirklichung Ihrer Träume.“ „Glauben Sie, daß irgend Jemand den Muth habe, um ſeiner Pflicht willen dem Glück des Lebens zu entſagen?“ „Madame, man hört, daß Sie nur eine Seite von der Schaumünze des Lebens kennen, nämlich diejenige, welche das Gepräge des Glücks trägt.“ „Haben Sie ſchon Bekanntſchaft mit einer andern gemacht?“ „Ich habe bis jezt keine andere kennen gelernt, Madame.“ 8 Wiederum wurde das Geſpräch abgebrochen. Der Herzog von*s, welcher ſchon zu Anfang 40 des Balls darüber, daß Eſtelle ihn bei einer Tour zurückgeſezt hatte, in Wuth gerathen war, wurde jezt einer gelinden Raſerei zum Raube, als er ſah, daß ſie den ganzen Abend ſich mit dieſem Fremdling be⸗ ſchäftigte. Er zerbrach ſich den Kopf, um etwas zu erſinnen, was zu einem kleinen Streit zwiſchen Wil⸗ helm und ihm Veranlaſſung geben könnte; aber der Ball nahm ſeinen Fortgang, ohne daß eine ſolche Gelegenheit ſich darbot, bis endlich der Zufall ihm zu Hülfe kam. Madame d'Eſtrier und Lucie ſaßen beiſammen und unterhielten ſich mit Wilhelm. Der Herzog ſtand hinter Eſtelle's Stuhl. Während des Geſprächs ließ Lucie ihr Taſchentuch auf den Boden fallen. Wilhelm bückte ſich, um es aufzuheben, und dabei geſchah es zufällig, daß er dem Herzog auf den Fuß trat. Ohne zu ahnen, daß er die Eiferſucht des vornehmen Mannes erregt hatte, entſchuldigte er ſich wegen ſeiner Ungeſchicklichkeit und ſezte das Geſpräch mit den Damen fort. Als dieſelben aber wieder von dem Tanz hinweggeführt wurden, beeilte ſich auch Wilhelm, ſeine Dame zu holen, wurde jedoch daran von dem Herzog verhindert, welcher ihm mit den Worten in den Weg trat: „Sie haben mich beleidigt, mein Herr, und ich muß Genugthuung haben.“ Wilhelm blickte ganz erſtaunt den erzürnten Edel⸗ mann an. Der Herzog ſezte hinzu: „Morgen werden ein Paar meiner Freunde ſich bei Ihnen einfinden, um Zeit und Stunde zu be⸗ ſtimmen. Sie haben die Wahl der Waffen. Ihre Adreſſe, wenn ich bitten darf.“ 41 Wilhelm gab ihm dieſelbe und eilte dann zu ſeiner Tänzerin, während er bei ſich dachte: „Ein Duell, darum, daß ich einem Menſchen auf die Zehen getreten habe! Sicherlich muß man Fran⸗ zoſe ſein, um ſich über eine ſolche Kleinigkeit zu ärgern, aber es mag ſein. Das iſt alſo mein erſtes Abenteuer.“ Wilhelm tanzte in aller Sorgloſigkeit, ohne wei⸗ tere Reflexionen anzuſtellen; in anderer Lage hätte der kleine Vorfall ihm Stoff zu mehreren dergleichen geben können. Doch in ſeinem Alter iſt man zu philoſophiſchen Betrachtungen über das Leben nicht geneigt. Man hat noch allzu viele Erfahrungen zu machen, als daß man ſich dazu Zeit und Muße neh⸗ men könnte. Der Marquis Saint Sue, welchem gleichfalls von dem erbitterten Herzog eine Herausforderung zugekommen war, hatte unbemerkt ſein Geſprüch mit Wilhelm angehört und dachte dabei: „Dieſer Dummkopf von einem Herzog beſizt keine andere Eigenſchaft, als daß er ſeine Piſtole mit über⸗ legener Geſchicklichkeit abſchießt; deßhalb iſt er auch höchſt liberal mit der Vertheilung von Degenſtichen und Piſtolenkugeln. Mir ſcheint jedoch, ich und Stjernkrona könnten unſer Leben auf eine viel beſſere Weiſe anwenden; darum habe ich gute Luſt, die bei⸗ den Duelle zu vereiteln. Diejenige, welche ſie her⸗ vorgerufen hat, ſoll auch die Sache beizulegen ſuchen.“ Etwas ſpäter näherte der Marquis ſich Eſtelle. „Mein Gott, Marquis, wie ſehen Sie nicht aus! Haben Sie zufälliger Weiſe eine Ahnung davon, welche von den engliſchen Kugeln Ihnen den Kopf 42 zerſchmettern wird, daß Sie eine ſo feierliche Miene angenommen.“. „Madameo, ich habe Sie gebeten, meinen ſchwe⸗ diſchen Freund in Ruhe zu laſſen und ihn nicht ins Unglück zu bringen; aber Sie wollten nicht auf meine Worte hören, und ſo...“ „Sind Sie von Trauer befallen worden. Ach, Marquis, Sie haben noch nie ein ſo mitleidiges Herz gehabt.“ „Der Herzog hat Stjernkrona gefordert, und dies eben auf dem Admiralsball,“ fiel der Marquis ein; „Sie ſind ſchuld daran. Ich ſage nicht ein Wort davon, daß er mir gleichfalls dieſe Ehre angethan hat; aber...“ „Sie denken nur an Ihren Freund, und thun ganz recht. Der Herzog darf ſich weder mit Ihnen, noch mit dem Baron ſchlagen; das muß verhindert werden.“ „Unmöglich!“. 8 Der Marquis ſprach dieſes Wort in einem Ton⸗ als hätte er damit ausdrücken wollen, daß es in kei⸗ nes Menſchen Vermögen ſtände, das Duell abzu⸗ wenden. „Es gibt nichts Unmögliches für mich,“ antwor⸗ tete Eſtelle und verließ ihn. Saint Sue ſah ihr nach und murmelte: „Geh' nur und zwinge Deine elenden Sclaven zum Gehorſam. Eines Tags wirſt Du auch Den finden, der Dich beherrſcht, und dann dürften ſich auch für Deinen Willen Unmöglichkeiten finden.“ 43 V. Der Ball war zu Ende. Wilhelm hatte ſeine Wohnung wieder aufgeſucht. Vergeblich bemühte er ſich, ſeine Gedanken zu ſammeln. Zwei Bilder ſchwebten unaufhörlich vor ſeiner Seele, das von Lucie und das von Eſtelle. So ſehr er auch ſeinen Gedanken eine beſtimmte Richtung zu geben ſuchte, immer war es ihm, als ob zwei ſchwarze Augen ihn anſchauten und ſeinen Verſtand gleichſam in Nebel hüllten, während ſeine Pulſe heftiger ſchlugen. Wollte er dann das faſt berauſchende Gefühl, welches ſeiner Seele ſich bemächtigt hatte, verjagen, ſo glaubte er wieder Luciens klare, blaue Augen mit einem ruhi⸗ gen, milden und lächelnden Ausdruck auf ſich ge⸗ richtet zu ſehen. Ganz unbewußt ſtreckte er ſeine Arme nach dem holden Bilde aus; aber da ſtahl ſich wieder Eſtelle's feuriges Angeſicht zwiſchen ſie und ihn. Unter dieſem Spiel der Phantaſie floh der Schlaf ſeine Augen, und der Morgen fand ihn noch wachend. Das Erſte, deſſen er ſich erinnerte, war der bevor⸗ ſtehende Zweikampf. Er hatte eben ſeine Toilette vollendet, als der Marquis Saint Sue bei ihm eintrat. „Sie haben ja eine Ausforderung erhalten?“ be⸗ merkte derſelbe. „Woher wiſſen Sie das?“ „Ich habe des Herzogs freundliche Aeußerung gegen Sie mit angehört. Der Burſche iſt ſo dumm, daß er verdiente, ausgebälgt und in einem zoolo⸗ 44 giſchen Muſeum aufbewahrt zu werden. Nun, wiſſen Sie, warum er ſich mit Ihnen ſchlagen will?“ „Weil ich ihm auf den Fuß getreten habe.“ „Bei Ihnen zu Lande muß man in wahrhaft patriarchaliſcher Einfalt leben und ganz und gar nicht zwiſchen den Zeilen zu leſen verſtehen, ſonſt ſollten Sie doch einſehen, daß der Tritt auf den Fuß nur ein Vorwand war.“ „Aber der Herzog und ich, wir kennen einander ja gar nicht. Er kann alſo keinen anderen Grund zu der Herausforderung haben. Wir haben geſtern einander zum erſten Mal getroffen.“ „Bedarf es wohl mehr?— Der Herzog iſt ver⸗ liebt, aber wie ein ächter Dummkopf, das will ſagen, ohne Sinn und Verſtand. Nun fügt es ſich ſo un⸗ glücklich, daß der Gegenſtand ſeiner wahnſinnigen Neigung auf einem großen und glänzenden Ball ſich einen ganzen Abend nicht mit ihm, ſondern mit Ihnen, einem Fremdling, beſchäftigt, einem kleinen Baron aus einem barbariſchen Lande. Es darf Sie alſo nicht Wunder nehmen, daß ein Herzog und Pair von Frankreich darüber in üble Laune geräth. Ge⸗ nug, er iſt eiferſüchtig, aber nicht mit der guten Ge⸗ müthsart eines Franzoſen, ſondern wie ein Othello; darum beabſichtigt er, Sie und mich mit ein paar Zoll kalten Stahles zu traktiren. Rechnet man ſeine zärtliche Flamme für Madame d'Eſtrier hinweg, ſo hat er blos eine Leidenſchaft— und dieſe iſt die Duellwuth.“ „Nun, in Gottes Namen, ſo möge er dieſelbe befriedigen.“ „Sie ſind, mein beſter Baron, ein wirkliches 45 Kind, und wenn Sie ſo fortfahren, wie Sie ange⸗ fangen haben, ſo werden Sie ein Spielball des Schickſals bleiben, anſtatt, wie es dem Mann ge⸗ ziemt, daſſelbe zu beherrſchen. Glauben Sie wirklich, daß es angenehm wäre, wenn ein Degenſtich von dem dummen Herzog Sie außer Stand ſezte, dem Geſchwader ſich anzuſchließen?“ „Daran habe ich nicht gedacht, und wenn es auch geſchehen wäre, ſo...“ „So hätte das Sie nicht abhalten können, ſich zu ſchlagen, meinen Sie. Das heißt ja, ſich zum Sclaven des Zufalls machen. Nein, Sie ſollen wie ich das Ruder faſſen und das Fahrzeug Ihres Schickſals ſelbſt ſteuern, ſonſt werden Sie auf des Lebens ſtürmiſchem Ocean untergehen. So habe ich zum Beiſpiel beſchloſſen, daß wir an der Duellklippe vorüberſegeln, und zwar, ohne daß unſere Ehre dabei im Mindeſten zu Schaden kommen ſoll. Mit kurzen Worten, der Herzog ſoll genöthigt werden, für ſeine erſte Leidenſchaft die zweite aufzuopfern, und im vor⸗ liegenden Fall hat der Thor vergeſſen, daß es noch Figuren gleich mir und Ihnen gibt.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Das iſt auch überflüſſig. Madame d'Eſtrier wird vielleicht das Räthſel erklären, wo nicht, ſo...“ Der Marquis wurde durch einen Domeſtiken un⸗ terbrochen, welcher mit einem kleinen roſenfarbenen Billet auf einem Präſentirteller eintrat. Er über⸗ reichte dasſelbe Wilhelm. Als der Diener ſich wieder entfernt hatte, rief Saint Sue: „Was habe ich geſagt? Ich will meine Chre 46 zum Pfand ſezen, daß das Briefchen ‚von der ſchö⸗ nen Indianerin’ kommt.“ 3 „Sind Sie närriſch, Marquis?“ „Ganz und gar nicht; erbrechen Sie es nur, ſo werden Sie ſehen, daß ich Recht habe.“ Wilhelm befolgte dieſe Aufforderung, und der Marquis rief lachend: „Ei nun, verlieren Sie mir nur die Faſſung nicht. In Frankreich darf Sie nichts verwundern. Sie brauchen mir nicht zu bekennen, weſſen Name unterzeichnet iſt; Ihre Ueberraſchung hat mir ſchon geſagt, daß ich recht gerathen habe. Adien!“ Allein geblieben, las Wilhelm Folgendes: „Mein Herr!“ „Sie erwarten heute eine Herausforderung. Sie werden dieſelbe nicht erhalten. Ein Mann, welcher gleich Ihnen hieher gereist iſt, um an ſeiner Aus⸗ bildung als Seeofficier zu arbeiten, kann beim Aus⸗ bruch eines Krieges etwas Beſſeres thun, als ſich duelliren. Der Herzog von*s hat eingeſehen, daß Sie nicht die Abſicht hatten, ihn zu beleidigen, und wünſcht deßhalb, daß Sie die von ihm darüber ge⸗ äußerten Worte vergeſſen mögen. Ich habe ihm dies bereits von Ihrer Seite zugeſagt, und Sie werden ſicherlich mein Verſprechen nicht Lügen ſtrafen.“ „Eſtelle d'Eſtrier.“ VI. Zwei Tage ſpäter, am zwanzigſten Juli, fuhr die Flotte von Breſt ab. or 47 Um wo möglich unbemerkt auf die See zu ge⸗ langen, und das vor Queſſant kreuzende engliſche Geſchwader über den von den Franzoſen eingeſchla⸗ genen Weg in Unkenntniß zu laſſen, beſchloß Graf d'Orvilliers, bei Nacht unter Segel zu gehen. Wie faſt immer an dieſer Küſte bei regelmäßi⸗ gem Wetter und anhaltender Wärme, blies am Vor⸗ mittag der Seewind mit zunehmender Stärke, ſo wie die Sonne höher ſtieg, verminderte er ſich in dem⸗ ſelben Maße, als ſie tiefer ſank, und erſtarb gegen Abend und die Nacht, wo der Landwind ſich erhob. Nicht ſelten geſchieht es, daß der Seemann, wel⸗ cher bei Tag von einem Winde eben ſo günſtig, als ſeine Hoffnung, an der erſehnten Küſte zu landen, feurig war, vorwärts geführt wurde, bei Eintritt des Abends von dieſem Landwind gefaßt wird und dann Sehnſucht und Verlangen auf den morgenden Tag hinausſchieben muß. Man hält dann unter wenig Segeln, um dem Lande nicht allzu nahe zu kommen. Eine ſolche Nacht hat für die Sinne etwas un⸗ beſchreiblich Entzückendes, und Niemand, der Gefühl für das Schöne beſizt, geht dann in ſeine Koje hinab. Die Düfte von den Millionen Wohlgerüchen des Landes kommen mit einem lauen Windhauch nach dem andern über die ruhige See herangeſchwebt und erfüllen das Gemüth mit Bildern von Frieden und Freude. Die Phantaſie wird in jene bluͤhenden Re⸗ gionen hinweggeführt, wo die Natur mit zärtlicher und verſchwenderiſcher Hand Alles, was lebt, zu Liebe und Genuß einladet. In einer ſolchen mährchenhaften Nacht ſchweigt 48 das Wort; man vergißt die Wirklichkeit und wiegt ſich in der Welt der Träume. Jedermann ſizt ſtill am Dahlbord, nur in Geſellſchaft mit ſeinen Ge⸗ danken. Der Blick hängt feſt am dunkeln Rand des Horizontes, als ob derſelbe den Vorhang bildete, welcher für den nach Veränderung ſtrebenden Sterb⸗ lichen neue und blendende Scenen aus des Lebens wechſelvollem Schauſpiele hinter ſich bärge. Hat ſich das Gemüth an dem Wohlbehagen des Augenblicks geſättigt, ſo wenden ſich die Gedanken bei dem Einen oder Andern der Vergangenheit zu, Erinnerungen aus der Heimath treten hervor. Wie Manche, denen das Geſchick oder eigene Luſt die ſchwellende See zur Wohnſtätte angewieſen hat, möch⸗ ten nicht in einem ſolchen Augenblick irgend einen werthen, einen vermißten, einen geliebten Freund zur Seite haben, nicht in Folge eines Bedürfniſſes, ihre Gedanken und Gefühle gegen ihn auszuſprechen, ſondern um, wie Alles Glück auf Erden verlangt, eine Zwillingsſeele zu beſizen, mit welcher man den Ueberfluß theilt, der Aller gemeinſames Eigenthum iſt— Gottes heilige Natur! Gedanken, hoch wie des Himmelsgewölbes Bo⸗ gen, der ſich über dem auf den Wellen ſich wiegen⸗ den Fahrzeug ausſpannt, werden dann in der Seele geboren. Die Harmonie zwiſchen der inneren und äußeren Welt, welche in dem alltäglichen Leben ſo ſelten Zeit hat, ihre einfache aber große Bedeutung zu entwickeln, umfängt unſer Herz mit ihrer ganzen Macht. Man fühlt, daß man ſeinem Schöpfer näher iſt. Ein ſolcher Abend, voll Poeſie, war der am zwan⸗ zigſten Juni. —————— —„— S SoOͤSDCͤS—.,—— ͤ— 2 SSgES 49 Graf d'Orvilliers hatte, wie geſagt, beſchloſſen, bei Nacht in die See zu ſtechen. Außer dem oben erwähnten Grunde ſprach dafür auch der Umſtand, daß der Wechſel von Ebbe und Fluth, welcher an dieſen Küſten ſehr ſtark iſt, ihn begünſtigte. Die Ebbe trat zwei Stunden nach Sonnenuntergang ein. So konnte er alſo mit dieſer und unterſtüzt durch den Landwind noch bei Nacht ein gutes Stück Wegs auf der See zurücklegen. Schon am Nachmittag waren die zum Auslaufen erforderlichen Anſtalten getroffen worden. Graf d'Or⸗ villiers hatte Befehl gegeben, daß die Flotte vor Sonnenuntergang in zwei Colonnen in Richtung von Oſt nach Weſt oder längs der Bucht von Breſt ihre Stellung nehmen ſollte. Wenn von dem Admirals⸗ ſchiff das Signal zum Aufbruch gegeben würde, ſollte das äußerſte, oder das am weiteſten leewärts befindliche Schiff von jeder Colonne zuerſt ſich in Bewegung ſezen, rund abfallen und Segel beiſezen, um ſomit dem nächſtfolgenden Raum zu geben. Jedes Schiff ſollte, nachdem es ſeinen Kurs eingeholt hatte, als Signal für das zunächſt an die Reihe kommende Fahrzeug, und damit dieſes das gleiche Manöver ausführe, zwei Laternen am Hintertheile aufſtecken. Zeitig am Nachmittag waren alle Mann an Bord und mit den Arbeiten, welche erforderlich ſind, wenn ein Schiff nach ſeiner Ausrüſtung unter Segel kehen ſoll, beſchäftigt. Jezt war natürlich der Eifer und die Sorgfalt um ſo größer, da es nun allem Anſchein nach ſich zu vollem Ernſt anließ. Alles mußte daher jeden Augenblick an ſeinem rechten Plaze und in rechtem Zuſtande ſein. Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 4 50 Deck und Batterien zeigten eine Bewegung, wie ſie ſich nur auf einem ſo beſchränkten Raume ent⸗ wickeln kann. Das Rennen nach allen Richtungen, das Stampfen und Commandiren, gefolgt von gellen⸗ den, von Deck zu Deck wiederholten Signalen, dieſer ſcheinbare Wirrwarr hätte von einem Uneingeweihten für eine vollſtändige Auflöſung aller Ordnung und Disciplin gehalten werden können, ja man wäre zu glauben verſucht geweſen, es liege bei der Mann⸗ ſchaft die Abſicht vor, entweder die Maſten nieder⸗ zureißen, oder habe ſich eine völlige Meuterei ihrer Sinne bemächtigt. So eigenthümlich, als eine ſolche Scene dem hieran nicht gewöhnten Auge erſcheint, ſo alltäglich iſt ſie für den Befehlshaber. Er ertheilt ſeine Be⸗ fehle mit vollkommener Ruhe, wohl wiſſend, daß Alles in Kurzem ſich ordnen wird. Ebenſo ſchwer, als man ſich vorſtellen kann, wie dieſer Wirrwarr ſich einmal zu einem ſyſtematiſchen Ganzen geſtalten werde, ebenſo lebhaft würde man erſtaunen, wenn man eine Stunde hernach einen Gang durch das Schiff machte. Alles iſt nun an ſeinem gehörigen Plaze. Die Boote ſind eingezo⸗ gen, das Deck iſt geklärt, und die Matroſen von der Schanze ſind in vollem Zuge, das Halbdeck zu fegen. Auf den Batterien ſtehen die Kanonen befeſtigt. Zwiſchen und über einer jeden ſind die zur Bedie⸗ nung nöthigen Geräthſchaften angebracht. Einer oder der Andere von den Oberkanonieren, welcher ——-——— —— ——————————,—— —-— BBA ͤ— an ſeinem geliebten Vierundzwanzig⸗, oder Sechsund⸗ dreißigpfünder nicht vorbeigehen kann, ohne nachzu⸗ 51 ſehen, wie er ſich eigentlich befindet, legt hier einen Hebel zurecht, bringt dort die Tatjenlauftaue in gleichmäßigeren Gang, oder wiſcht mit ſeiner harten, treuen Hand der ſchwarzpolirten Geliebten mit ihren allezeit feſten und runden Formen einen Schmuz⸗ flecken ab. Die in der Kabuſe beſchäftigten Köche betrachte⸗ ten mit Kennermiene die Vierfüßler verſchiedenen Schlags, welch, ihr bevorſtehendes Schickſal ahnend, mit mancherlei Lauten ihr Mißbehagen zu erkennen geben. Zwei reſpektable Repräſentanten von der Gattung„bos“*), welche zwiſchen den vorderſten Kanonen auf der Batterie angebunden ſind, ſtimmen dann und wann brüllend in das Concert ein. Steigt man hinunter in das Zwiſchendeck, ſo überraſcht hier die Ordnung, womit die Kleider der Mannſchaft aufgeſchichtet, deren Hüte längs der innern Schiffsverkleidung angereiht, die weißen und reinen Speiſetafeln unter den Deckbalken aufgehängt ſind; mit einem Wort, wie auch hier die ſtrengſte Ordnung herrſcht, obwohl man eine oder zwei Stun⸗ den vorher ſich kaum die Möglichkeit davon denken konnte. An Bord des Admiralſchiffs finden wir unſern Helden. Graf d'Orvilliers hatte aus Wohlwollen ihn zu ſeinem Adjutanten ernannt, und in dieſer Eigen⸗ ſchaft hatte Wilhelm ſeinen bemeſſenen Theil an der Arbeit, indem ihm die Ausfertigung der Ordres an die einzelnen Schiffskommandanten oblag. Deſſen ungeachtet hatte er, ſo weit es ſeine Zeit geſtattete, *) Rindvieh. A. d. U. 52 die Operationen, welche bei den verſchiedenen Fahr⸗ zeugen vor ſich gingen, mitangeſehen. Es war Abend; die Sonne untergegangen. Auf den Schiffen waren alle Vorkehrungen für die nächt⸗ liche Fahrt getroffen. Hie und da ſah man ein Licht vom Lande herüberſchimmern. Am Strande und auf den umliegenden Höhen ſah man eine dunkle Maſſe, aus den Bewohnern der Stadt und Umge⸗ gend beſtehend, welche auf die Kunde, daß die Flotte in der kommenden Nacht Breſt verlaſſen würde, ihr bei der Abfahrt die lezten Glückwünſche nachſenden, vielleicht auch mit vielen von der Mannſchaft die lezten Abſchiedsbegrüßungen austauſchen wollte. Auf einer der Höhen finden wir unter der wo⸗ genden Volksmenge ein paar Frauen, in ſpaniſche Mäntel gehüllt, deren Kapuzen tief über den Kopf herabgezogen waren. In ihrer Begleitung befand ſich ein Herr mit wohlgepuderten Haaren, in brau⸗ nem Rock, wie einer von den beſſern Bürgern ge⸗ kleidet. Ddie beiden Damen hielten einander am Arm. Ihr Begleiter war durch das Gedränge des Volks gezwungen worden, ſeinen Standpunkt vor ihnen zu nehmen, um deren Bemühungen, ſich einen Weg zu bahnen, auf ſolche Weiſe zu erleichtern. Mit großer Anſtrengung gelang es ihm, denſelben Plaz zu machen, ſo daß ſie auf die Höhe gelangen konnten. „Von hier aus ſehen wir ganz gut,“ ſprach die kleinere der beiden Damen zu der größern, einer hochgewachſenen und ſtattlichen Frauengeſtalt. „Gewiß,“ fiel der Herr im braunen Rocke ein, „ g L e k n 9 h 3 T T g' 53 „aber Madame, ſich zu Fuß hieher zu begeben und unter das Volk zu miſchen, einzig und allein, um....“ „Um die franzöſiſche Flotte abfahren zu ſehen, finden Sie das ſo ſonderbar?“ „Ich finde es abenteuerlich.“ „Dann muß es nach Ihrem Geſchmack ſein,“ ent⸗ gegnete die hochgewachſene Dame in ſpöttiſchem Ton. „Derjenige, welcher immerdar zur Hand iſt, ſein Leben in einem Zweikampf zu wagen, ſollte ſich vor ein wenig Volksgedränge nicht fürchten,“ meinte die kleinere Dame lachend. „Ich fürchte mich vor Nichts, Madame; und wenn ich von dem Abenteuerlichen in unſerer etwas ſeltſamen Promenade ſprach, dachte ich nur an Sie und an das Fräulein.“ „Lucie hat, wie ich, dieſes eigenthümliche und großartige Schauſpiel mit anzuſehen gewünſcht. Sie haben es ganz ritterlich übernommen, unſer Kavalier zu ſein; und ſo iſt alſo von der Sache Nichts wei⸗ ter zu ſagen.“ Der Herr im braunen Rock verbeugte ſich. Es entſtand eine Pauſe. „Wir haben ſehr viele Freunde und Bekannte bei dem Geſchwader,“ bemerkte Lucie.„Wir wollen ſehen, welche von ihnen wir bei der Heimkehr wie⸗ der begrüßen dürfen.“ „Du haſt Recht.“ Ein raſcher Seufzer hob die Bruſt der jüngern Dame. Nach einigen Augenblicken ſezte ſie in munterem Tone hinzu:„Beſtimmt haſt Du eben an Saint Sue gedacht; bekenne es nur.“ 54 „Das thue ich gern. Ich habe ſeit meinen Kin⸗ derjahren auf Saint Sue viel gehalten. Er war der beſte Freund meines verſtorbenen Bruders.“ „So wünſche ich denn von ganzem Herzen, daß der Marquis, da er Dir ſo theuer iſt, unverſehrt wieder heimkehre.“ 6„Von wem reden denn die Damen?“ fragte der err. „Von Niemand anders, als Ihrem guten Freunde, dem Marquis Saint Sue,“ antwortete die kleine Dame munter. „Ich glaubte, es handle ſich um Ihren lezten Günſtling, Madame.“ „Mein Herr, ich habe niemals einen Günſtling gehabt; das ſollten Sie am beſten wiſſen, da Sie ſchon zwei volle Jahre vergeblich ſeufzen.“ „Leider weiß ich, daß Sie ſtets grauſam gegen mich geweſen ſind.“ „Gegen Sie, wie gegen alle Andern.“ „Nicht gegen alle; den jungen Schweden zum Beiſpiel. Er könnte ſich rühmen, von Ihnen be⸗ günſtigt worden zu ſein.“ „In der That? Sehr möglich. Und wenn dem ſo wäre, ſo müſſen Sie das auf Rechnung des Um⸗ ſtandes ſchreiben, daß er mir nicht ſo einförmig und langweilig, wie die Andern vorkam.“ „Dieſes Lob von Ihren Lippen läßt mich be⸗ reuen....“ „Daß Sie nicht den Engländern zuvorgekomm ſind und....“ „Daß ich ihn nicht mit dem Leben für 2”2Z 5⁵ Intereſſe büßen ließ, das er Ihnen auf einem Ball abgewann.“ „Sie mißgönnen alſo Eſtelle das Wohlgefallen an einer angenehmen Converſation?“ fiel Lucie ein. „Nein, mein Fräulein, es wäre denn, daß die⸗ ſes Wohlgefallen durch einen Andernz als mich her⸗ vorgerufen wird.“ „Sie ſind unerträglich!“ rief Eſtelle, indem ſie eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern machte.„Sie plagen mich, und ich wünſche, daß Sie uns eine Weile in Ruhe laſſen. Wenn der junge Schwede im höchſten Grade die Fähigkeit an⸗ genehm zu ſein, beſaß, ſo haben Sie ein ganz ent⸗ gegengeſeztes Talent.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Madame,“ flüſterte der Kavalier leiſe Eſtelle zu.„Jedes Wort des Lobs, das Sie an ihn verſchwenden, kann....“ „Drohen iſt gefährlich, mein Herr; man wird ſehr oft ſelbſt von der Drohung getroffen.“ Was lag für ein eigenthümlicher Accent in die⸗ ſer Stimme, welcher bewirkte, daß dieſe Worte einen unheilverkündenden Anſtrich erhielten? Wir wiſſen es nicht. Aber es kam Lucie vor, als ob die Stimme ihrer Schwägerin von unterdrücktem Zorn bebte. Lucie richtete Eſtelle's Aufmerkſamkeit auf das Geheimnißvolle des in Dunkel gehüllten Gemäldes vor ihnen und lenkte damit das Geſpräch von dem Gebiete der Perſönlichkeiten ab. Eſtelle warf ſich im Augenblick auf dieſen neuen Gegenſtand. Mit einer gewiſſen glühenden Beredt⸗ ſamkeit ſprach ſie von dem Eindruck des Ganzen. Lucie lauſchte ihren Worten, während ſie gleichzei⸗ 56 tig die mehr und mehr in das Dunkel der Nacht ſich hüllenden Gegenſtände betrachtete. Das Leuchtfeuer am Hafen erglänzte wie ein Wolfsauge über dem dunkeln Strom während wei⸗ terhin der ſtärkere Lichtglanz von dem Leuchtthurm auf Point de Ft. Matthieu wie ein freundlich blicken⸗ der Stern ſich kennbar machte. Von der Brandung draußen war ein fernes Rauſchen in der Luft zu vernehmen. Die Schiffe, dieſe Rieſen des Meeres, lagen wie wilde Thiere in eine Höhle eingeſperrt, da und ſchienen nur die vollſtändige Finſterniß abzuwarten, um auf Raub auszugehen.— Endlich, gegen halb zehn Uhr, ſtiegen zwei ziſchende Raketen von dem Admiralsſchiff in die Höhe. Dieß war das Signal zur Abfahrt für die äußerſten Schiffe.. Ein in der Stille der Nacht wunderbar tönendes und lautſchallendes Hurra von allen Schiffen des Geſchwaders, wo Tauſende von Augen ſchon lang auf dieſes Signal gewartet hatten, war die Ant⸗ wort auf dieſe Art und Weiſe, mit Feuerzungen zu reden. Ein dumpferer, aber länger anhaltender gleichmäßiger Laut ließ ſich wie ein Echo vom Strande, von der Stadt und den dunkeln Höhen verneh⸗ men. Es war die Volksmenge am Lande, welche auf dieſe Art dem Geſchwader ihre Abſchiedsgrüße und Glückwünſche zuſandte. Es war ein eigenthümlicher Anblick, in dieſem „Halbdunkel vom Lande aus jene Koloſſe, welche in der Finſterniß noch größer erſchienen, zu ſehen, wie einer nach dem andern ſich vor dem von dem See⸗ 57 wind geſchwellten Klüver drehte, gleich einem großen Nachtvogel in aller Stille ſeine Schwingen ausbrei⸗ tete und ohne ſcheinbare Bewegung derſelben in der Nacht dahinſchwebte und verſchwand, ſo daß zulezt nur noch die zwei Laternen ſichtbar blieben, deren Schimmer gleichfalls mit zunehmender Entfernung endlich erloſch. Während dieſer ganzen Scene waren Eſtelle und Lucie ſchweigend dageſtanden, beide in die verſchie⸗ denartigen Gedanken, welche ihr Inneres erfüllten, verſunken. Troz mehrfacher Mahnungen von dem Herrn in dem braunen Rock, welcher verſicherte, daß die Da⸗ men ſich einer Erkältung ausſezen würden, verweil⸗ ten ſie ſo lang, als ſie mit dem Blicke den ver⸗ ſchwindenden Laternen folgen konnten. „Heilige Mutter Gottes, wache über Frankreichs Ehre!“ flüſterte Lucie in der Stille. „Madonna, beſchüze den ſchönen Fremdling!“ war Eſtelle's ſtummes Gebet. VII. Im Hotel Outrouville zu Breſt, welches der Graf d'Eſtrier bewohnte, finden wir in der oben erwähn⸗ ten Nacht, als das Geſchwader unter Segel gegan⸗ gen war, Eſtelle und Lucie in einem kleinen Boudoir. Sie waren eben von ihrem nächtlichen Ausflug beimgekehrt. „Eſtelle hatte das Promenadekoſtüme gegen einen leichten Abendanzug vertauſcht— und nunmehr, 58 halb liegend, auf einem Sopha Plaz genommen. Lucie ſaß in einen Fauteuil zurückgelehnt. Auf dem Angeſichte von Beiden weilte ein leich⸗ ter Ausdruck von Wehmuth. Eſtelle's kleine, zarte Finger tändelten an den Spizen, womit ihr Peig⸗ noir beſezt war, während ſie in die Worte aus⸗ rach: „Das Schauſpiel, von welchem wir dieſen Abend —— Zeugen geweſen ſind, hat ein eigenthümliches Ge⸗ 4 fühl von Schwermuth zurückgelaſſen. Mir iſt es ganz eng ums Herz. Als ich da draußen auf dem Berge ſtand, wünſchte ich mir, Flügel zu haben, un auf der Fahrt ihnen folgen zu können.“ Eſtelle ſchüttelte ihren ſchönen Kopf und ſezte mit einem Ausdruck von Schmerz hinzu: „Zuweilen wird es hier innen ſo voll. Mich ergreift dann eine Sehnſucht, ſo unruhig, ſo heftig und ſo brennend, daß ich meinem eigenen Herzen entfliehen möchte. Haſt Du auch jemals Etwas der⸗ gleichen erfahren?“ „Allerdings,“ antwortete Lucie und fuhr dann, den Kopf auf die Hand geſtüzt, fort: „Die Sehnſucht jedoch, welche in die Saiten meines Herzens griff, war nicht heftig, nicht unruhig oder brennend, ſondern bald ſüß, bald ſchmerzhaft. Es war Etwas, das ich vermißte, das ich wünſchte, dem ich aber weder Form noch Namen geben konnte.“ „Willſt Du, daß ich dieß thue?“ fragte Eſtelle mit bebender Stimme. „Ja, wenn Du es kannſt.“ „Liebe iſt es, was Du vermißteſt; Liebe iſt es, was Du wünſchteſt.“ 59 Ueber Luciens Wangen ſlog eine dunkle Röthe. Sie ſtuzte bei Eſtelle's Worten, ſchaute ſie aber dann feſt an und ſagte: „Nein! Du irrſt Dich ſicher; denn das Abſegeln des Geſchwaders hätte den Gedanken daran nicht hervorrufen können.“ „Warum nicht? Es führte vielleicht eine Deinem Herzen theure Perſon hinweg.“ „Nein! daran dachte ich nicht. Als ich ein Schiff hinter dem andern verſchwinden ſah, erinnerte ich mich nur des Einen, daß ſie mit Franzoſen be⸗ mannt waren, und daß dieſe entweder als Sieger oder als Beſiegte heimkehren würden.“ Lucie richtete ſich aus ihrer zurückgebeugten Hal⸗ tung auf und ſezte mit Wärme hinzu: „Frankreichs Ehre beſchäftigte meine Seele. Ich fühlte mein Herz von Wehmuth und Sorge bei dem Gedanken ergriffen, daß ich Nichts thun konnte, um zum Siege meiner Landsleute beizutragen. An dem Ruhme, welcher Frankreichs Waffen zufallen wird, möchte ich einen, wenn auch noch ſo unbedeu⸗ tenden Antheil haben.“ Frau von Eſtrier ſah das junge Mädchen nach⸗ denklich an und ſagte mit freundlichem Lächeln: „Du biſt ein ſeltſames Weſen, das mit Gleich⸗ gültigkeit von der Liebe reden hört, aber bei dem Wort Ehre ſogleich Feuer fängt.“ „Wer ſagt Dir, daß ich gleichgültig gegen die Liebe ſei?“ „Alles! Saint Sue iſt der Mann, den Du Deiner wiederholten Ausſage nach lieb haſt; aber, mein Gott, auf welche Art!“. 60 „Auf dieſelbe Art, wie eine Schweſter ihren Bruder.“ „Das verſtehe ich nicht. Für mich giebt es nur zweierlei: Lieben oder nicht lieben. Derjenige, welchen ich einmal lieben werde, der wird meine Welt, mein Gott, mein Himmel, mein Alles. Der, welchen ich nicht liebe, iſt Nichts. Was ihr unter eurem Liebhaben verſteht, das begreife ich nicht.“ „Haſt Du niemals einen Freund gehabt?“ „Nein, niemals. Ich hatte einmal eine Sclavin. Sie war mit mir aufgewachſen. Ich glaube, daß ſie etwas beſaß, das mich an ſie feſſelte, denn als Herr von Eſtrier eines Morgens mir die Nachricht brachte, daß ſie in der Nacht plötzlich geſtorben ſei, da weinte ich.“ „Aber, beſte Eſtelle, Du haſt doch wohl Deinen Mann lieb?“ Eſtelle ſah Lucie einen Augenblick, an, dann brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus. „Nein, ma chère, das thue ich gewiß nicht; welche Lächerlichkeit wäre das nicht! Er iſt mir ebenſo gleichgültig, wie ich ihm bin. Kannſt Du Dir wirklich die Möglichkeit denken, Zuneigung zu einem Menſchen, wie er, zu fühlen? Im Uebrigen, wäre er auch ein Engel an Güte, er würde mir gleichwohl Nichts ſein, im Fall es ihm nicht gelänge, Liebe zu erwecken.“ „Weißt Du denn, was Liebe iſt?“ fragte Lucie. „Ich ahne es.“ Ueber Eſtelle's Angeſicht flog ein Schimmer leiden⸗ ſchaf tlicher Gluth.„Noch habe ich,“ inhr ſie fort, G n ſ p 1⸗ t 61 „mein Herz nicht von ihrer Allmacht ergriffen ge⸗ fühlt. Aber, wenn es einmal geſchieht, Lucie, dann wird es ſich entſcheiden, ob ich ein Engel oder ein Dämon bin. Alles Gute und alles Böſe, das in mir liegt, wird augenblicklich damit in volle Wirk⸗ ſamkeit treten, das fühle ich.“ Es entſtand eine Pauſe. Dieſe Sprache hatte allzu viel von Indiens brennender Sonne, als daß Lucie, welche erſt kürzlich das Kloſter verlaſſen hatte, einige Sympathie dafür empfinden konnte. Es kam ihr vor, als ob die Luft um ſie herum ſchwüler würde. Nach einem kurzen Stillſchweigen fragte Eſtelle plötzlich: „Wie geſiel Dir der junge Schwede?“ „Recht wohl!“ antwortete Lucie, fühlend, wie ſie erröthete; aber dies entging Eſtelle ganz und gar. „Haſt Du früher ſolch ein Antlitz geſehen?“ rief Eſtelle aufſpringend, ſtellte ſich vor Lucie hin und ſetzte dann hinzu:„Als meine Augen zum erſten Mal auf ihn fielen, war es, als ob ſeine Zuͤge einem dunkeln Bilde in mir Form und Aus⸗ druck gegeben hätten. Ich hätte unbeweglich und lang, lang ſtehen bleiben mögen, um nur dieſes Angeſicht zu betrachten, ſo ſchön kam es mir vor.“ „Schön gerade nicht!“ fiel Lucie ein. „Nicht?“ rief Eſtelle, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend.„Wo und wann iſt Dir wohl etwas Schöneres vor Augen gekommen?— Ich habe ihn nur ein paar Stunden geſehen, aber dennoch iſt ſein Bild unauslöſchlich meiner Erinnerung einge⸗ prägt!“ 62 Sie warf ſich nieder auf den Divan und fuhr fort: „Es gibt Geſichter, deren Umriſſe ſich in das Herz eingraben und unaufhörlich unſerer Vorſtellung ſich vergegenwärtigen. Zu der Zahl derſelben ge⸗ hört auch das ſeinige.“ Wiederum trat ein Stillſchweigen ein, und wiederum war es Eſtelle, welche daſſelbe brach. „Im Ganzen genommen, was für eine Kinderei, an ihn zu denken! Wir ſind einmal mit einander zuſammengetroffen, um uns nie mehr zu begegnen, und wenn es auch geſchähe, was mehr? Er gehört dem kalten Norden an, und ich....“ „Du biſt verheirathet,“ fiel Lucie ein. Eſtelle ſah ſie einen Augenblick an, dann ſagte ſie lächelnd: „Es iſt Zeit, daß wir uns trennen. Morpheus hat bereits mit ſeinen Lippen Deine Stirne berührt⸗ Deine Gedanken ſind dunkel geworden. Sankta Maria beſchütze Dich, mein Kind. Gute Nacht!“ Wir wünſchen den beiden Damen gleichfalls gute Nacht. VIII. Das nächtliche Manöver des Grafen d'Orvilliers war über alle Beſchreibung gut ausgefallen. Nichts hinderte den gleichmäßigen Gang deſſelben. Die Schiffe waren, eines nach dem andern, ganz wie Perlen von einer Schnur, abgefallen. Mit Tages⸗ anbruch ſah der Admiral ſein Geſchwader vollzählig 8 — „—— BͤSecede— ee ₰— 2— — ,e ———,,— ers hts Die wie es⸗ lig 63 in der Paſſage de l'Iroiſe, ſüdlich von der Inſel Queſſant. Die Sonne ging auf. Die Signale zur Be⸗ ſtimmung des Kurſes und der Fahrt wurden ge⸗ wechſelt. Bei der Bewegung eines ſo großen Geſchwaders wie dieſes, hat man gar Vieles, was das Auge feſſelt und Anlaß zu Veränderung gibt. Die Auf⸗ merkſamkeit, welche nicht allein auf das eigene Schiff, ſondern auch auf die anderen gerichtet ſein muß, nimmt alle Gedanken in Anſpruch. Unter ſolchen Umſtänden wird das eigentliche Wiſſen des See⸗ manns erzeugt und entwickelt. Auf einem einzelnen Schiffe hat man mehr freie Zeit, iſt ſomit mehr von der Einförmigkeit geplagt. Die Tage vergehen, ohne daß Etwas, das einem Ereigniß gleichſieht, einträfe; aber dies iſt vielleicht gerade, was für gewiſſe ſtille, träumeriſche Gemüther das Leben an Bord ſo behaglich macht. Dagegen wird es ſolchen Menſchen, welche von der Natur Queckſilber in die Adern bekommen haben und ihre Börſe von den Eltern genugſam mit Silber gefüllt ſehen, allerdings ſchwer fallen, das Angenehme eines Lebens ohne tägliche Vorkommenheiten und ſelbſt⸗ geſchaffene Blitze mit nachfolgendem Donnerwetter ſich vorzuſtellen. „Auf der See kann ſich die Seele von dem täg⸗ lichen Geſumſe in dem überfüllten Bienenkorbe dieſer kümmerlichen Welt emancipiren und weit hinweg— ſo weit als der unermeßliche, blauende Himmelsraum reicht— hinwegſchwärmen und mit vollen Zügen 64 an den verheißungsvollen Blumen der Hoffnung ſich laben. 4 Die Wanderluſt des Schiffes theilt ſich denen, die an Bord ſich befinden, mit. Das freie Leben erzeugt Freiheit und Kraft des Gedankens. Der Sonnenſchein auf der Woge verbreitet ſeinen Glanz auch über das Gemüth. Wenn dies aber von dem Aufenthalt an Bord eines einſamen Schiffes gilt, wie viel mehr wird es bei einem Geſchwader zutreffen! Zwei Tage war die Flotte auf der See geweſen und hatte dabei ihre Exercitien nicht verſäumt. Am Nachmittag des dreiundzwanzigſten Juli, gerade als die Officiere an der Mittagstafel ſaßen, erfolgte der Ruf aus dem Maſtkorbe: „Eine Flotte in Lee!“ Von Sitzenbleiben bei dem Mahle war natürlich keine Rede mehr. Man füllte jedoch erſt die Gläſer mit ſchäumendem Champagner und trank in ächt franzöſiſcher Manier auf das Wohl des würdigen und willkommenen Gegners, deſſen Topſegel immer deutlicher am Horizonte ſichtbar wurden. „Eine ausführliche Beſchreibung des ſofort ſtatt⸗ findenden Treffens kann natürlich hier nicht in Frage kommen. Um gleichwohl eine, wenn auch unvoll⸗ ſtändige Ueberſicht des Ganzen zu geben, ſoll in der Kürze Bericht erſtattet werden, zu welchem Zwecke wir nachfolgende Zeilen aus einem Geſchichtswerke entlehnen: „Es ſchien Anfangs, als ob Graf d'Orvillierz d geneigt wäre, ſich in ein Gefecht einzulaſſen. Als aber die Flotten einander ſo nahe gerückt waren, 65 daß man deren gegenſeitige Stärke zu erkennen ver⸗ mochte, ſtand er von ſeinem Vorhaben ab, und da die Nacht gerade einbrach, konnte auch Admiral Keppel ihn dazu keineswegs nöthigen. „Die beiden Flotten lagen mehrere Tage ein⸗ ander in Sicht, ohne daß es zu einem Zuſammen⸗ ſtoß kam. Die franzöſiſche befand ſich luvwärts, und es war ſomit in ihre Macht gegeben, den erſten Schritt zu thun; aber Graf d'Srvilliers vermied dies ſorgfältig. Die Officiere kannten ihn allzu gut, um einen Augenblick zu argwohnen, dieſe Abneigung rühre von einem Mangel an Muth her. Sie ver⸗ ſtanden, daß er Inſtruktionen hatte, welche ihn be⸗ ſtimmten, einem Kampfe ſo lange als möglich aus⸗ zuweichen. „Graf d'Orvilliers hatte ein ganz anderes Ziel im Auge, nämlich ſich der heimkehrenden Oſt⸗ und Weſtindienfahrer zu bemächtigen, was ſich bei den nun herrſchenden Winden, und bei der Stellung, worin ſich ſeine Flotte befand, mit Leichtigkeit ins Werk ſetzen ließ. „Der engliſche Admiral wollte eben die Aus⸗ führung dieſes Planes verhindern; es mußte ihm alſo ebenſo ſehr daran gelegen ſein, es zu einem reffen zu bringen, als d'Orvilliers Alles that, ihm auszuweichen. „Admiral Keppel fand auch, daß es bei der be⸗ ſtändigen Jagd, wie man das Manövriren dieſer Flotten nennen konnte, eine Unmöglichkeit war, eine reguläre Linie beizubehalten, und brachte deshalb die Sache zum Ausſchlag, indem er das Signal gab. „Allgemeine Bewegung luvwärts!“ Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 5 66 „Die Engländer und Franzoſen ſollten alſo zum erſten Mal in dieſem neuen Krieg ſich mit einander in gleicher Stärke meſſen. „Keppel und d'Orvilliers waren beide Männer, als höchſt verdienſtvolle Officiere bekannt, und die, welche unter ihnen kommandirten, nicht minder aus⸗ gezeichnet. Der Zuſammenſtoß mußte alſo in jeder Hinſicht ſich bemerkenswerth geſtalten. Für die An⸗ nalen der Geſchichte gilt dies allerdings, aber nicht deshalb, weil entſcheidende Folgen ſich daran ge⸗ knüpft hätten. „Am ſiebenundzwanzigſten Juli kam die engliſche Vorhut der franzöſiſchen Flotte ſo nahe, daß ſie deren Centrum und Hinterhut erreichen konnte. Die letztere lag luvwärts vor Backbordshalſen, die eng⸗ liſche leewärts über Steuerbordshalſen. „Das Feuer begann von franzöſiſcher Seite gegen die engliſche Vorhut, welche unter Befehl des Viceadmirals Harland ſtand. Derſelbe ließ es jedoch nicht eher beant⸗ worten, als bis er ganz nahe herangerückt war. Die engliſche Flotte hatte ſich in Folge davon, daß ſie den Feind forcirte, zerſtreut, rückte indeſſen ſchnell in die Schlachtlinie und ins Treffen ein. „Die beiden Flotten zogen in entgegengeſetzten Bogen an einander vorüber. Die Kanonade wurde lebhaft unterhalten und dauerte drei Stunden. Die Franzoſen richteten ihr Feuer meiſtens auf das Takel⸗ werk ihres Gegners, die Engländer hingegen das ihrige auf den Rumpf.. „Als der engliſche Admiral an der franzöſiſchen Hinterhut vorüberfuhr und der Rauch ſich vertheilt hatte, ſo daß es möglich wurde, die Stellung der 67 Flotten zu unterſcheiden, ſah man, daß ein Theil der engliſchen Flotte ſich gewandt hatte und wieder gegen die Franzoſen anhielt, zugleich aber auch, daß die übrigen Schiffe, welche außerhalb des Feuers waren, dieſes Manöver nicht gemacht hatten, ſon⸗ dern leewärts abgefallen waren, augenſcheinlich da⸗ mit beſchäftigt, den Schaden an ihrem Takelwerk auszubeſſern. Keppel ſelbſt fiel es aus demſelben Grunde ſchwer, zu wenden. Endlich brachte er es doch, aber erſt nach Verfluß einiger Zeit, vom Winde ab, zu Stande; aber nur drei oder vier Fahrzeuge vermochten ſich ihm anzuſchließen. In dieſer Lage ſignaliſirte er den anderen Schiffen, eine Schlacht⸗ linie zu formiren. „Graf d'Orvilliers, welcher wieder angegriffen zu werden erwartete, hatte ſich beeilt, die meiſten ſeiner Schiffe, welche durch das Umſpringen des vollen Windes in einige Unordnung gerathen waren, zu ſammeln. Er formirte nun eine Linie vor Steuer⸗ bordhalſen, und als er ſah, daß mehrere von den engliſchen Schiffen leewärts abgefallen waren, hielt „er es für leicht, ſie abzuſchneiden Keppel wurde dadurch genöthigt, vom Winde ab wieder zu wen⸗ een, um jene der drohenden Gefahr zu entziehen. Da d'Orvilliers' Plan, die bedrängten Schiffe weg⸗ zunehmen, durch Keppels Manöver vereitelt wurde, ſo ſtellte er ſeine Flotte in Schlachtlinie, parallel mit den engliſchen Schiffen auf. Der engliſche Be⸗ fehlshaber gab nun das Signal, abzuhalten und das Treffen zu beginnen. „Gegen Abend erfolgte das Signal an jedes einzelne Schiff, ſeinen Poſten in der L⸗ einzu⸗ 68 nehmen; aber ehe dieſes Manöver bewerkſtelligt werden konnte, ſetzte die Dunkelheit jeden weiteren Operationen ein Ziel. „In der Nacht ſegelte die franzöſiſche Flotte dem Lande zu, und da die engliſche nicht in der Lage war, um mit der Verfolgung irgend einen Gewinn zu erzielen, ſo ſtand Admiral Keppel davon ab. Er begab ſich nach Plymouth, um den erlittenen Schaden auszubeſſern. „Graf d'Orvilliers lief den Tag nach der Affaire, das heißt den achtundzwanzigſten Juli, in Breſt ein. IX. Wir verſetzen uns nun an die Seite unſeres Helden und berichten von den Ereigniſſen, welche während des Kampfes an Bord des Admiralſchiffes vorfielen. Wenn es möglich iſt, daß man unter Umſtänden von ſo beſonderer Art, ſo plötzlich und ſo unvor⸗ hergeſehen eintretend, wie diejenigen, welche während einer Seeſchlacht vorkommen, ſich zum Wahlſpruch nehmen kann:„Sein' Sach' auf Nichts ſtellen,“ ſo hatte Wilhelm einen ſolchen ſich gewählt. Es iſt eine ausgemachte Thatſache, daß ſchon das Bewußt⸗ ſein, wie Leben und Tod von einer Lotterie ab⸗ hängen, wo Musketen und Kanonen die ſchwarzen Kugeln einwerfen, auf jeden Militär, welcher Waffen⸗ gattung er auch angehören mag, einen ganz abſon⸗ derlichen Eindruck ausübt, beſonders wenn er zum erſten Mal bei einer ſolchen Affaire betheiligt iſt. 69 Wie viele, welche ſonſt für kaltblütige und prak⸗ tiſche Leute galten, bewahren dann die Ruhe und Geiſtesgegenwart, die ſie bisher ausgezeichnet hatte? Es dürften deren nur ſehr wenige ſein. Daß die Pforten des Todes ſich einmal vor uns aufthun, das wiſſen wir alle; aber wenn dies unter dem Donner ſämmtlicher, auf einmal abge⸗ feuerter Kanonen eines Linienſchiffs geſchieht, dann gehört wirklicher Muth dazu, um„ſein Sach auf Nichts zu ſtellen.“— Wenn Kameraden und Freunde ächzend und unter Todesangſt die verſtümmelten Glieder auf der Schwelle des Jenſeits winden und ringen; wenn keine Berechnung einen Schutz gegen den blinden Senſenmann zu erſinnen vermag, dann wird die wahre Seelenſtärke auf die Probe geſtellt. Eine ſolche Probe mußte jetzt der zwanzigjährige Wilhelm durchmachen, und ſein Wahlſpruch war: „Ich hab' mein Sach auf Nichts geſtellt.“ Was hatte Wilhelm zu gewinnen? Alles und Ehre vor allem Andern. Was hatte er zu ver⸗ lieren? Das Leben. Ein Nichts ohne Ehre, Alles, verloren mit Ehre. Als die engliſche Flotte ſignaliſirt wurde, ent⸗ ſtand eine große Regſamkeit auf jedem Schiffe. Natürlich auch auf dem Admiralſchiff. Es war, als ob man in einen Ameiſenhaufen geſtochen hätte. Obwohl ſich von einem Kriegsſchiff ſagen läßt, daß es jede Stunde bei Tag und bei Nacht zum Kampfe bereit iſt, und in ſo geringem Raume Alles was dazu erforderlich iſt, mit ſich führt, ſo verur⸗ ſacht doch das Signal„Klar zum Treffen“ eine nicht geringe Umwälzung. Die Ordnung, Symmetrie und 70 das beinahe feiertägige Ausſehen, wodurch ſich Ver⸗ deck und Batterien eines Kriegsſchiffs zu allen Zeiten charakteriſiren, wird unwillkürlich geſtört, wenn ein Feind zu Geſicht kommt, der um jeden Preis einen Kampf begehrt. Es gibt Niemand, durchaus Nie⸗ mand an Bord, der bei einer ſolchen Veranlaſſung nichts zu thun hätte. Höchſtens zehn Minuten dauert jedoch dieſe babyloniſche Verwirrung. Nach dieſer kurzen Friſt iſt Alles„klar zum Gefecht.“ Ein Jeder muß wiſſen, was er zu thun hat, da⸗ mit Alles in möglichſt kurzer Zeit gethan werde. Die Kanoniere ſtehen jezt bei ihren Geſchützen auf⸗ geſtellt. Gleich den Athleten der Vorzeit, welche im Begriff ſtehend, in der Arena auf Leben und Tod zu kämpfen, ihre Kleider auszogen, um deſto beſſer von ihrer ganzen Stärke Gebrauch machen zu können, hatten die Meiſten derſelben ihre Jacken abgelegt, zum Theil ſelbſt ihrer blauen Wollhemden ſich entledigt, und ſtanden nun bereit, mit entblößter Bruſt die feindlichen Kugeln zu empfangen. Sie ahnten, daß ein heißer Tag ihnen bevorſtand. Die Pulver⸗ und Kugelfäſſer waren geöffnet; die zum Handdienſt beſtimmte Mannſchaft ſtand auf ihren Poſten; Feuerlöſchrequiſiten und Spritzen waren auf verſchiedenen Punkten aufgeſtellt. Die Aerzte hatten ihre feingeſchliffenen Meſſer und Sägen, mit Haufen von Charpie und Leinen⸗ verbandzeug auf ihrem Martertiſch ausgelegt. Dort ſtanden ſie mit aufgeſchlagenen Hemdärmeln, bereit, denen, welche das Schickſal beſtimmt hatte, mit einem Arm oder einem Bein weniger dieſen denk⸗ 71 würdigen Tag zu überleben, ihre hülfreiche Hand zu leihen. Die Matroſen vom Mars, welche an Schoten, Borgbraſſen und Allem was zur Verſtärkung des Takelwerks gehörte, bisher gearbeitet hatten, ſtan⸗ den jezt in den Maſtkörben und waren eifrigſt damit beſchäftigt, ihre Musketen zu laden, um ſelbſt aus dieſer Höhe Tod und Verderben auf das Verdeck des Schiffes zu ſenden, welches der Gang der Ereigniſſe ihnen in Schußweite bringen ſollte. Die Offiziere waren auf den Batterien bei ihren Kanonen und auf dem Verdeck zum Manöver ver⸗ theilt. Es herrſchte jezt vollkommene Stille an Bord des Schiffes, eine Stille gleich derjenigen, welche dem Ausbruch eines Orkans vorangeht. Der Dämon der Zerſtörung war noch nicht losgelaſſen worden; aber man witterte Blut, wohin man ſeinen Schritt lenken mochte. Es wäre vergeblich, die Gefühle beſchreiben zu wollen, welche Wilhelms Seele durchdrangen, als er von einem beſchleunigten Rundgang in den Bat⸗ terien auf das Verdeck zurückkehrte, nachdem er mit ſeinen neuen Kameraden vielleicht zum lezten Mal einen Händedruck gewechſelt hatte. Mit einem tiefen Ernſt in ſeinen ſchönen Zügen betrachtete er durch das Fernrohr die Manöver der anrückenden Koloſſe. Sie kamen ſämmtlich immer näher und näher. Man ſah, wie ein energiſcher .Wille ſie vorwärts trieb. Es ſchienen mit Leben begabte Weſen zu ſein, welche mit Schaum vor dem Buge, gleich keuchenden Jagdhunden das Wild vor 72 ihnen einzuholen ſuchten. Dieſe Beute war aber nicht ſo leicht zu erreichen. Admiral d'Orvilliers hatte, als er ſpähend auf der Hütte ſtand, deutlich erkannt, daß die Abſicht des engliſchen Admirals dahin ging, die franzöſiſche Flotte in der Hinterhut anzugreifen; er ließ deßhalb durch ein Signal den Befehl an die Flotte ergehen, auf einmal zu wenden. Durch dieſes kühne Manöver, welches durch die vereinigte Bemühung der untergeordneten Be⸗ fehlshaber ausgezeichnet von Statten ging, wurde die Ordnung umgekehrt. Er hatte ohne die mindeſte Störung eine neue Linie formirt und ſomit denſelben Vortheil über den Feind errungen, welchen dieſer über die franzöſiſche Flotte davon tragen zu können ſich eingebildet hatte. Schon jezt bewunderte Wilhelm ſeinen Chef, und wie viel neue Veranlaſſungen ſollten ſich dem jungen Mann noch darbieten, deſſen Klugheit, Ueberlegen⸗ heit und unerſchütterlichen Ruhe den Tribut ſeiner Hochachtung zu zollen! Immerdar, ſelbſt mitten unter dem Kugelregen, blieb d'Orvilliers Gentleman in ſeinem ganzen Benehmen, und der Held bei all ſeinem Thun und dem Erweiſe ſeines Muthes. Mit der liebenswürdigſten Miene von der Welt hatte er Wilhelm, als ſeinem Adjutanten, aufgetragen, das eben erwähnte Signal aufhiſſen zu laſſen. Lächelnd — beobachtete er das Manöver der Flotte, und lächelnd 2 empfing er Wilhelms Rapport, daß der Befehl aus⸗ geführt ſei. Das vorderſte Schiff der engliſchen Flotte war jezt innerhalb Schußweite herangekommen. Das —— ͤ Soͤ==ͤ————, u n. 73 r Feuer wurde auf das franzöſiſche Fahrzeug eröffnet, jedoch nicht beantwortet. f Es war, als ob die herannahenden Koloſſe allzu t ſehr außer Athem wären, um einen einzigen Laut e hervorbringen zu können. Man ſah ihnen das Ver⸗ b langen an, zu ſchlagen, zu zerſtören, in Grund zu , bohren oder in Brand zu ſtecken; aber erſt innerhalb Piſtolenſchußweite donnerte die erſte Breitſeite. 9 Eine Wolke von Pulverdampf hüllte die Ange⸗ griffenen ein. Ein pfeifendes, ziſchendes Geräuſch e erfüllte die Luft. Ein Krachen im Rumpfe der dop⸗ e zelt ſcharf getroffen worden war, und ein Schrei, n ein furchtbarer, durchdringender Schrei von den r Batterien— dieß war die Antwort auf den erſten n Gruß und deſſen Wirkung. Es war das Geſchrei der Verwundeten, der von d der Hand des Todes Getroffenen, welches ſich mit dem Rachegebrüll derer, die nun an die Reihe kommen ſollten, miſchte und jetzt den Raum erfüllte. Von Erbarmen wat keine Rede mehr. Nicht blos mit ugeln wurden die Kanonen geladen, ſondern jede derſelben noch mit den furchtbarſten Verwünſchungen belaſtet und unter den gräßlichſten Flüchen auf den Feind geſchleudert. Der Dämon der Zerſtörung hatte ſeine Schwingen entfaltet. Das Mitleid war über Bord geworfen, und die Furien der Rachſucht ni hos Haſſes beherrſchten Gedanken, Worte und erke. 4 Der Anblick auf dem Verdeck, wo Wilhelm ſich befand, war entſezlich. Eine Wolke Pulverdampfes r nach der andern wälzte ſich über Blut und Trümmer 3 inweg. Die Boote waren zerſchoſſen, und zwiſchen — ⸗— „. S——— 74 den Rauchwirbeln hindurch gewahrte man im Takel⸗ werk dunkle Geſtalten, welche mit der Geſchwindig⸗ keit von Affen hin und herflogen, helfend und aus⸗ beſſernd, was bis jezt beſchädigt oder zerriſſen worden war. Hier wurde von dem großen Maſt ein Mann herabgeſchoſſen, deſſen eines Bein nur noch an einem Hautſtreifen feſthing; dort war eben einer damit fertig geworden, ein abgeſchoſſenes Stag mittelſt eines Stoppers wieder zurecht zu machen, als er plötzlich ſeine Hand fahren ließ, zu taumeln anfing und mit einem Angſtſchrei, eine lebloſe Maſſe, auf das Verdeck herunterfiel. Der Admiral, jeder Zoll ein franzöſiſcher Edel⸗ mann, verändert unter allen dieſen gräßlichen Auf⸗ tritten weder Miene noch Haltung. Er ſchien ſein Herz geſtählt und ſeinen Gefühlen durch die Kraft des Willens Stillſchweigen auferlegt zu haben. Hin und wieder wirft er einen prüfenden Blick auf Wilhelm, welcher bei dieſen unnatürlichen Scenen ſeine Bewegung nicht vollkommen zu bemeiſtern ver⸗ mocht hatte. 4 D'Orvilliers ſchickte Wilhelm hin und her, bald zu den Batterien, bald zu den Wundärzten, und lächelte immer verbindlich dem jungen Mann zu, wenn er athemlos zurückkehrte, um ſeinen Rapport abzuſtatten. Wahrend einer dieſer Verrichtungen traf Wilhelm im Vorbeigehen mit dem Marquis Saint⸗Sue zuſammen.. „Nun, mon cher, was halten Sie von den Lieb⸗ 1 kü 1 es d ſo t 9 fi b le zu, ort Am ue leb⸗ 75 koſungen der Engländer?“ fragte der Marquis mit ſorgloſer Miene. „Mir dünkt, ſie ſind etwas heiß,“ antwortete Wilhelm. „Parbleu! Sie ſind nicht heißer als die unſrigen. Das Schauſpiel, woran wir Theil nehmen, iſt leb⸗ haft und voll Effekt. Man intereſſirt ſich unwill⸗ kürlich dafür,“ fuhr Saint⸗Sue lachend fort. „Wie, Marquis, Sie können, umgeben von all rdieſer Gräßlichkeit, noch ſcherzen?“ rief Wilhelm. „Wollen Sie vielleicht, daß ich weine? Wenn man einmal wie Sie, den Entſchluß gefaßt hat, ſich zu Kanonenfutter zu machen, muß man lächeln 3 können, ſelbſt wenn man von ſeines beſten Freundes Llut beſpritzt wird. Aber was ſehe ich, Sie ſind ja ganz bleich, ſollten Sie....“ „Noch Gefühl haben, für diejenigen, welche leiden? Ja, Marquis, das habe ich.“ „Dann, mein Freund, werden Sie niemals ein Held. Denken Sie wie ich: Das Schickſal zu fallen oder verſtümmelt zu werden, theile ich mit den Andern. Kommt die Reihe an mich, ſo erlaſſe ich es ihnen, mich zu bemitleiden. Frankreichs Ehre fordert Blut. A la bonne heure, möge ſie dann ihren Durſt löſchen. Ich ſchenke ihm das meinige. Leben Sie wohl! Ich beeile mich, die Kugel aus⸗ findig zu machen, welche die Engländer für mich beſtimmt haben. .Die beiden jungen Männer trennten ſich, Wil⸗ helm mit dem ernſt ſinnenden Ausdruck des Nord⸗ länders in ſeinem Angeſicht, Saint⸗Sue mit der Sorgloſigkeit des Südländers in dem ſeinigen. 76 Die Scenen an Bord wurden immer wilder um wechſelvoller in ihrer gräßlichen Erſcheinung. Det Kampf dauerte unter Ebbe und Fluth fort, aben d die Wogen trieben ſtets mit Blut. Das Feus uc wurde mit großer Lebhaftigkeit von den franzöſiſchen Schiffen, vornehmlich von dem des Admirals unter halten. Das Takelwerk der engliſchen Schiffe ſchien be⸗ ſonders gelitten zu haben; manche derſelben waren außer Standes, die nothwendigſten Manöver aus⸗ de zuführen. Admiral d'Orvilliers bemerkte dieß wohl, konnte aber zufolge ſeiner luvwärts gerichteten Stellung de die Lee⸗Kanonen ſeiner untern Batterien nicht be be nützen, was von den Engländern fortwährend ge ſchehen war. Er dachte nun darauf, ſich dieſen Vor theil gleichfalls zu verſchaffen, und ertheilte ſeinen Manövrirofficier den Befehl, ſobald das blaue, d. h in engliſche Geſchwader, welches das Signal erhaltel de hatte, vor dem Winde zu wenden und über Steue bordhalſen ſich in Schlachtordnung zu ſtellen— dieſ w Bewegung ausgeführt hätte, daſſelbe mit dem Ad ſi miralſchiff ins Werk zu ſetzen. Das Signaliſiren war Wilhelm anvertraut. 6 8 hatte eben rapportirt, daß das Manöver auf der k blauen Geſchwader vollzogen ſei, als ein neuer be klagenswerther Vorfall ſeine Gefühle auf ſchmerz zi hafte Weiſe aufregen und ſeine Seelenſtärke al ſe die Probe ſtellen ſollte. p Der Manöpvrirofſicier ſezte eben das Sprachroh n an den Mund, um daſſelbe Manöver für das Admira ſchiff zu kommandiren, als eine Kanonenkugel, offen 77 l bar mit einer beſondern Miſſion, über die Waſſer⸗ 4 fläche gehüpft kam, etwa fünfzig Ellen vom Schiff 1 ricochettirte, quer durch eines ſeiner Boote ſchlug, 9 dem Officier die Bruſt zerſchmetterte und hinwegfuhr, 1 nachdem ſie dieſen ihren Auftrag vollbracht hatte. Sein Todesſchrei erſtarb in einem Seufzer. Der Admiral, welcher das Auge auf das Ma⸗ be növer der andern Schiffe gerichtet hatte, drehte ſich haſtig um. Selbſt er konnte einen Ausruf des Ent⸗ u ſezens nicht unterdrücken. Einen Augenblick war er dnn Menſch, gleich darauf aber wiederum Befehls⸗ aber. Er rief Wilhelm herbei und forderte ihn mit be derſelben Verbindlichkeit, als ob er ihn zur Tafel bei ſich eingeladen hätte, auf, den Befehl zu über⸗ ör nehmen und das Manöver auszuführen. Der Todte wurde hinweggetragen. Die Gefühle, welche ſich unſeres Helden bemäch⸗ lter tigten, als er die Stelle des Gefallenen, die noch vom Blute ſchlüpfrig war, einnahm, laſſen ſich leichter begreifen, als beſchreiben. Das Sprachrohr, 8 welches von Wilhelm an die Lippen geführt wurde, fühlte ſich noch warm an von der Hand, die es 6 gehalten hatte. den e. Im Bewußtſein, daß des Admirals Aufmerkſam⸗ be keit jezt mehr als je auf ihn gerichtet war, erkannte Wilhelm klar und dentlich, daß ſeine Stimme nicht 1 zittern, oder eine Spur von dem, was er bei die⸗ ſem ſeinem erſten Auftreten in einer Schlacht em⸗ rch pfand, verrathen dürfte, ſo erregend auch die Ereig⸗ niſſe, von welchen er Zeuge war, ſein mochten. 78 Klar und klangvoll ertönte auch ſeine Stimme über Lebende und Todte hin. Mit Sicherheit um Präciſion wurde das Manöver ausgeführt. Wilheln hatte den Beweis geliefert, welche Macht unſer Wile und die ſtrenge Auffaſſung unſerer Pflicht über un⸗ ſere erregten Gefühle auszuüben vermag. Er hatte mit männlicher Kraft alle andern Eindrücke durch den Gedanken an ſeine Schuldigkeit bezwungen. Von demjenigen, welcher ſchon mit zwanzig Jahren ſeine Rolle im Leben ſo vollkommen richtig auffaßt, läft ſich ſagen: er iſt zu etwas Großem beſtimmt. Während der noch übrigen Zeit des Kampfes, welcher im Ganzen drei Stunden dauerte, wal er Manövrirofficier. Der älteſte Schiffsfähndric übernahm ſeine Adjutantenſtelle. Mit einem Ausdruck, der ebenſo verbindlich als herzlich war, ſprach der Admiral zu Wilhelm: „Mein Herr, Sie ſind beſtimmt, ein großer Mamn zu werden; Ihr Vaterland wird eines Tags ſich ſtoh auf Sie fühlen dürfen. Wie Schade, daß Frank⸗ reich ſich nicht der Ehre rühmen darf, Sie unten ſeine Söhne zu rechnen! Sie, ein Jüngling an Jahren, haben eine Kaltblütigkeit und Seelenſtärke gezeigt, deren ſich wenige Männer rühmen können.“ „Herr Admiral, Graf d'Orvilliers iſt ein Mann⸗ gewohnt, Helden um ſich zu ſchaffen. Um würdig zu ſein, ihn zum Chef zu haben, ſucht man, wenn auch vergeblich, Etwas von dem, was man an ihm be⸗ wundert, ſich anzueignen. In dieſem Augenblich möchte ich wünſchen, für meinen Chef zu ſterben. 79 „Leben Sie lieber und machen Sie ihm ſtets gleich große Ehre, wie an dem heutigen Tag. Sie haben mich gelehrt, den ſchwediſchen Muth zu ſchäzen.“ Der Admiral ſprach dieß mit einem Accente, wie ihn nur ein Franzoſe ſeiner Stimme zu geben ver⸗ mochte. Wilhelms Herz ſchlug ſchneller bei dem Lob aus dem Munde eines ſo ausgezeichneten Mannes, und unſer Held hätte in ſeinem Enthuſiasmus gern ſein Leben für d'Orvilliers gegeben. Mittlerweile hatte es angefangen dunkel zu wer⸗ den. Die Sonne ſank im Weſten, eine blutrothe Thräne über dem Schauſpiel, das eben dargeſtellt worden war. Wie viel Jugend hatte nun ausgeblüht. Wie viele reiche Hoffnungen waren von der Hand des Todes vernichtet worden. Wie viele Thränen ſoll⸗ ten nicht vergoſſen werden, wenn eine Mutter, eine Schweſter oder eine Geliebte die Nachricht erhielt, daß ihr Theuerſtes auf Erden nunmehr dem ewigen Schlummer verfallen war. Schmerzliches Seelenlei⸗ den blieb für die zurück, deren theuerſte Schäze da⸗ hingerafft waren. Was ging ſie die Ehre an? Die Ehre, welche das Gedächtniß dem Indivi⸗ duum zollt, fällt auf das Volk zurück, dem es ange⸗ hört. Die Ehre des Einzelnen wird ſchnell von dem Volke vergeſſen, für das er gekämpft hat, während die Ehre des Volkes fortlebt.. So bringt das Kleine dem Großen ſeinen Tri⸗ but dar, und die Ehre bleibt für immer in den An⸗ nalen der Geſchichte aufgezeichnet. Aber der Kum⸗ 80 mer, welcher das Löſegeld für dieſe goldene Erin⸗ nerung war, die Thränen, welche das Erdreich nez⸗ ten, das über ihm ſich wölbte, die Qual und Sehn⸗ ſucht, welche ſchweren und einſamen Schritts über dieſes Erdreich wanderte— die werden vergeſſen. O Menſch, du Geſchöpf der Vorurtheile und Ein⸗ bildungen, der Du ſo groß zu ſein wähnſt, was biſt Du eigentlich? Ja, ein Sclave unter den Begrif⸗ fen Deines Zeitalters. Und ohne dieſelben recht zu verſtehen, kämpfſt Du für dieſelben, von deinem Ehr⸗ geiz angetrieben, Du willſt Deinen Namen in die Tafeln der Geſchichte eingegraben, von Deinen Zeit⸗ genoſſen geprieſen ſehen; aber Du vergiſſeſt, daß der Zeitgeiſt ſich ändert, das was geſtern für groß galt, es heute nicht mehr iſt; daß Dein Name aus den Blättern der Erinnerung vertilgt wird, und der eines Andern an ſeine Stelle tritt, und daß Vergeſſenheit das Loos des Individuums iſt. Aller perſönliche Gewinn gehört dem Augenblick an. Der, welcher dafür lebt, hat ſeinen Beruf vergeſſen, und dieſer iſt, zu arbeiten, nicht für den Erfolg der Individuen, ſondern der Ideen. Dieſe ſind ewig, ſie ſterben niemals. Es fragt ſich, ob wir Gottes Idee mit dem Men⸗ ſchengeſchlecht faſſen können, ob wir ſie in ihrer Ge⸗ ſammtheit faſſen können. Stückweiſe läßt ſie ſich nicht begreifen, und darum, daß wir ſie nicht anders zu verſtehen ſuchen, entſteht Irrthum und Verwir⸗ rung. Krieg, wozu derſelbe? Nationalhaß? Sind wir denn nicht ein einziges Volk, Kinder deſſelben Va⸗ ——-Y——— —O= e e—O=——— — 81 ters? Und dennoch verderben wir einander. War⸗ um? Daher, daß ein Theil ſich zum Beiſpiel Fran⸗ zoſen, ein anderer Engländer nennt. Das iſt uner⸗ klärlich. Liegt vielleicht dieſer ewige Haß, dieſer ewige Neid, welcher wie Roſt am Eiſen frißt und jeden Schein von Menſcllichkeit vernichtet, in Gottes Willen? Was wiſſen wir? Nichts.— Vieleeicht iſt die Abſicht, welche jenem zu Grunde liegt, Verbrüderung und ewiger Friede. Das will ſagen, jene gegenſei⸗ tige Feindſeligkeit ſoll zur Lehrerin werden, welche uns die Kunſt, einander zu lieben, beizubringen be⸗ ſtimmt iſt. Die Menſchen ſollen erſt haſſen und ver⸗ wünſchen, damit ſie einſehen, was für ein elender Genuß darin liegt, gegenüber von dem Lieben und Segnen. 1 Wir verſtehen ſo wenig von dem, was geſchieht, aber wir verſtehen dennoch genug, um einzuſehen, daß ein Jeder ein geringes Glied in der Kette der Creigniſſe und der ganzen Geſchichte iſt, und daß eben die Theile das Ganze ausmachen. Darum keine Gleichgültigkeit in dem, was wir denken oder thun; denn die Gleichgültigkeit hemmt die Freiheit und den Fortſchritt, ſie lähmt unſere Willenskraft und hindert uns dadurch, dem großen Ziele näher zu rücken, das wir wohl ahnen, aber noch nicht klar rs aufzufaſſen vermögen. enn darum eine Nation ſich zum Streit gegen die andere rüſtet, können wir es als einen Kampf zwiſchen abweichenden Ideen und als ein Uebel be⸗ trachten, durch welches die Menſchheit deredelt und Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. 1. 82 auf dem Pfade der Aufklärung einen Hahnenſchritt weiter geführt werden muß. Iſt ſomit die Idee richtig, um welche es bei dem Kampfe ſich handelt, ſo fällt die Ehre davon der Nation, das heißt allen den Individuen zu, welche für dieſelbe geſtritten haben. Gedanken dieſen und ähnlichen Inhalts bewegten, ſich in unſeres Helden Geiſte, als er nach dem Schluß des Gefechtes die Ereigniſſe, von denen er Zeuge geweſen war, ſich noch einmal vergegenwär⸗ tigte. 3 Vielleicht ſchwebten ſeiner Seele folgende Verſe von H-—na vor: „Wie wenn die Wogen an Ufers Saume Sich brechen in eitler Raſerei, Man aus dem aufgeworfenen Schaume Nicht ahnt die verſchwendete Kraft dabei, So wälzen Geſchlechter ſich über Geſchlechter Und ſterben hinweg:— und Niemand erräth Aus dem dunkeln Bilde, wie raſtlos geweſen Der Geiſt, der ſie durch einander geweht. So wird auch meines Namens Gedenken Einſt mit der Zeit, in der ich gelebt, Sammt Allem, was ich gewirkt und erſtrebt In der Vergeſſenheit Nacht verſinken.“ „In der Jahrhunderte ſtillem Gang Hat der Vulkan gewüthet ſo lang, Hat der Länder ſo manche umgeſtaltet, Hat verheerend rings herum gewaltet. Jetzt iſt des Kraters Tiefe ausgebrannt, Jetzt iſt erſtarrt der Lava glühend Band: Von dieſem Feuer war ich ein Funke nur, Kaum angezündet, ſchwand auch deſſen Spur.“ 83 Wilhelm war in dieſem Augenblick ebenſo ſchwach in Gefühl und Gedanken, als er zur Zeit der Schlacht ſich kräftig im Handeln gezeigt hatte. X. Seitdem die Flotte von Breſt abgeſegelt war, hatten Frau von Eſtrier und Fräulein von Outrouville, gefolgt von einem in Livrée gekleideten Neger, Pro⸗ menaden nach dem Hafen hinaus gemacht. Eſtelle's gewöhnliche muntere und lächelnde Ge⸗ müthsſtimmung hatte ſie während der erſten Tage gänzlich verlaſſen. Eine düſtere Wolke weilte auf ihrer Stirne. Es war nicht Wehmuth, nicht Schmerz, ſondern es war, als ob irgend eine Erinnerung, die ſie zu verjagen wünſchte, unaufhörlich zurückkehrte und ſie peinigte. Lucie ſuchte durch ihr Geſpräch die trüben Ge⸗ danken fern zu halten, aber während der zwei erſten Tage liefen dieſe Verſuche ohne allen Erfolg ab. Am dritten gegen Abend finden wir die beiden Damen wieder auf einer Promenade nach dem Hafen begriffen. Eſtelle's Züge waren jetzt etwas heiterer, und ſie ſagte in ſcherzhaftem Tone: „Es iſt eine große Thorheit, ſeine Seele mit dem zu beſchäftigen, was ſich nicht ändern läßt. Meinſt Du nicht auch, Lucie?“ „Ja, ganz gewiß.“ „Darum fort mit all den düſtern Grübeleien! Ich bin nun zwei Tage übler Laune gemeſen und . 84 habe das Leben unerträglich und mich ſelbſt unaus⸗ ſtehlich gefunden.“ Bei dieſen Worten blieb Eſtelle ſtehen und blickte in die See hinaus. „Jetzt, Lucie,“ fuhr ſie fort,„laſſe ich die Sor⸗ gen fahren. Du wirſt den Unglücklichen niemals mehr nennen. Sein bloßer Name verſetzt meine Nerven in einen ſchmerzlichen Aufruhr.“ „Ich möchte wiſſen, wann wir die franzöſiſche Flotte wieder willkommen heißen werden,“ fiel Lucie ein, anſtatt dieſe Aeußerung unmittelbar zu beant⸗ worten. „Die franzöſiſche Flotte; ja, Du haſt Recht,“ erwiederte Eſtelle, indem ſie ſich lächelnd zu Lucie umwandte.„Du denkſt an das ganze Geſchwader, ich nur an ein einziges Individuum unter dieſen Tauſenden von Menſchen. Was gehen mich alle die Anderen an, ob ſie leben oder ſterben, kann ich nur meiner Phantaſie mit der Hoffnung ſchmeicheln, wieder einmal das Angeſicht zu ſehen, das ich nicht vergeſſen kann und nicht vergeſſen will!“ „Du meinſt den Schweden?“ fragte Lucie, während ihre Wangen ſich rötheten. „Ja!“ antwortete Eſtelle, ihren Arm in den Luciens legend, und ſie wandelten langſam weiter⸗ „Es iſt mit dem Eindruck, den er gemacht hat, etwas recht Eigenthümliches,“ nahm Eſtelle wieder das Wort.„Diejenigen, welche ich früher erfahren habe, waren lebhaft, heftig, aber ebenſo ſchnell vorübergehend, als ſie entſtanden waren. Jenet hingegen iſt, je ferner unſer kurzes Zuſammentreffen mir durch die Zeit gerückt wird, um ſo tiefer ge⸗ — 8⁵ worden. Ich könnte mir jedes Wort, das er ſprach, wiederholen. Wenn das Schickſal uns noch einmal zuſammenführt, werde ich ihn entweder mein Leben lang lieben oder verabſcheuen.“ „Gleich unglücklich, das eine wie das andere,“ fiel Lucie ein. „Unglücklich!“ wiederholte Eſtelle,„und warum?“ „Deine Liebe wäre ein Verbrechen gegen Deine Pflichten als Gattin; Dein Abſcheu ein Verbrechen gegen Deine Pflichten als Chriſtin. Du würdeſt in keinem der beiden Fälle paſſiv bleiben.“ 3 Eſtelle warf Lucie einen funkelnden Blick zu. „Laß uns nicht weiter davon reden. Du kommſt direkt aus dem ſtillen Frieden eines Kloſters, ich von Indiens glühendem Himmel. Wir können ein⸗ ander niemals verſtehen.“ „Vielleicht kann ich Dich leichter verſtehen als Du mich,“ fiel Lucie lächelnd ein. „Daran zweifle ich.“ „Ich will es Dir auf der Stelle durch ein Gleich⸗ niß beweiſen. Wir vergleichen Dich zum Beiſpiel mit dem Feuer.“ „Gut!— Von ihm muß ich wirklich ſeinen Ur⸗ ſprung haben. Es gibt Augenblicke, wo ich, wie das Feuer, Alles verzehren möchte, was mir wohl⸗ thut oder mißfällt. Das Erſtere deshalb, damit kein nderer einen Genuß davon haben kann, das Letztere, weil ich nicht will, das es überhaupt exiſtire.“ Ton, Blick, ſelbſt das Beben der Lippen, Alles hatte etwas ſo Leidenſchaftliches, daß Eſtelle voll⸗ kommen dem von Lucie aufgeſtellten Bilde glich. Lucie fuhr ganz ruhig fort: — y— 86 „Ich dagegen bin das Waſſer.“ „Nicht uͤbel!— Du haſt allerdings Etwas, das mir gegenüber ganz heterogener Art iſt. Du wirkſt oft auf meine auflodernden Gefühle, wie Waſſer auf Feuer. Es löſcht daſſelbe; aber es entſtehen daraus ganze Säulen von finſteren, erſtickenden Rauchwolken. Fahre fort, und ich werde hören, wie Du beweiſen willſt, daß das Waſſer von dem Feuer ein beſſeres Verſtändniß hat, als das Feuer von dem Waſſer.“ „Wenn Du Dir ein Feuer neben einem Waſſer denkſt, ſo wird das letztere deſſen Flammen wieder⸗ ſpiegeln, und dies ſo getreulich, daß Du dadurch irre geleitet wirſt. Ueberdies kann das Waſſer von dem Feuer Wärme entlehnen und ſomit einen Theil von dem, was dieſem gehört, ſich aneignen, aber das Feuer kann niemals von dem Waſſer Etwas entlehnen oder ſich zueignen.“ „O doch, den Tod, die Vernichtung ſeines Da⸗ ſeins,“ fiel Eſtelle beinahe bekümmert ein. Darauf ſetzte ſie lächelnd hinzu:„Das will mit anderen Worten ſagen: meine ⸗Gluth. ſpiegelt ſich in Deinem kalten Innern ab und erwärmt daſſelbe.“ „Bisher habe ich mur dieſe Abſpieglung davon gefühlt; und wie die Waſſerfläche dunkler und dü⸗ ſterer wird, wenn der Schein des Feuers darauf fällt, ſo hat die Abſpieglung Deiner heftigen Sin⸗ nesart nur wehmüthige und ſorgenvolle Ahnungen in meinem Herzen hervorgerufen.— Ich habe vor der Zukunft gezittert, denn...“ Lucie ſchwieg. k „Warum redeſt Du nicht aus?“ 3 en vor 87 „Ich weiß nicht, ob ich fortfahren darf.“ „Ganz gewiß ſollſt Du das. Deine Worte ge⸗ währen mir Vergnügen und Unterhaltung.“ Lucie wandte den Kopf etwas um und fand, daß ſie den ſchwarzen Diener dicht auf den Ferſen hatten. Sie blieb ſtehen, ſah ihn mit ſtolzer Miene an und ſprach mit dem ganzen Selbſtgefühl einer Ariſtokratin: „Dein Plaz iſt in der Entfernung. Dieß iſt das zweite Mal heute, daß ich es Dir wiederhole. Zum dritten Male werde ich es nicht mehr thun.“ Lucie wandte ſich darauf zu Eſtelle und ſagte: „Warum wählſt Du beſtändig den da, wenn wir eine Promenade machen?“ „Weil er mir von Weſtindien gefolgt iſt. Er gehört mir; ich kaufte ihn kurz vor unſerer Abreiſe von St. Vincent. Herr von Eſtrier hatte ſeine Frau gekanft; und Etwas wie Mitleid beſtimmte mich, die beiden Cheleute mich begleiten zu laſſen.“ „Seine Frau iſt eine Deiner Zofen?“ „Allerdings. Herr von Eſtrier ſchenkte mir die⸗ ſelbe, nachdem ich ihren Mann gekauft hatte.“ Lucie verſank in Nachſinnen. Nachdem Eſtelle vergeblich gewartet hatte, daß ſie weiter reden werde, fragte ſie: „Nun, Lucie, woran denkſt Du?“ An Deine beiden Sclaven.“ „Mein Gott, was iſt da weiter zu denken!— Auf St. Vincent habe ich deren Hunderte. Und Du kannſt einen Gedanken an ſolche Weſen ver⸗ ſchwenden!“ „Eſtelle, der hier, welcher hinter uns herwan⸗ 88 delt, iſt ein Spion, der all' Dein Reden und Thun beobachtet; und ſeine Frau ebenſo.“ „Biſt Du närriſch? rief Eſtelle.„Für wen ſollte er ſpioniren?“ „Für Herrn von Eſtrier.“ Eſtelle betrachtete Lucie, als fürchtete ſie, die⸗ ſelbe habe den Verſtand verloren. Darauf ſagte ſie lachend: „Du hältſt alſo den Grafen für einen Othello?“ „Wiewohl er und ich Kinder derſelben Mutter ſind, iſt er mir doch völlig unbekannt, das weißt Du. Ich habe alſo ganz und gar keinen Begriff von dem, was er iſt; aber ich wollte deſſen unge⸗ achtet mein Leben darauf verwetten, daß ſeine ſchein⸗ bare Schläfrigkeit und ſeine beinahe blödſinnige Schweigſamkeit etwas ganz Anderes verbirgt, als ſein Benehmen zu erkennen gibt.“ „Möglich, aber gleichwohl glaube ich es nicht. Wir ſind ſeit meinem fünfzehnten Jahre mit ein⸗ ander verheirathet, das heißt ſeit vier Jahren; und dieſe ganze Zeit hindurch iſt er ſich unverändert gleich, eine lebende Maſchine geblieben.“ „Biſt Du vollkommen gewiß, daß er nicht eifer⸗ ſüchtig iſt?“ „Eiferſüchtig? Um dieß zu ſein, müßte er mich lieben. Ma chère, das iſt nicht der Fall geweſen. Er hat ſich mit mir vermählt, weil er dazu ge⸗ zwungen war. Ganz aus demſelben Grunde habe. ich ihm meine Hand gereicht. Wir ſind einander ſeitdem ſo wenig als möglich zur Laſt gefallen. Der Graf verabſcheut farbige Frauen, uud ich kann kei⸗ nen Mann leiden, der ein Koloß iſt.“ au—— 0 8 u 8 ꝙ nR 89 „Unbegreiflich!“ murmelte Lucie.„Ich hatte be⸗ ſtimmt geglaubt, er würde von Eiferſucht beherrſcht.“ „Was beweist dieß?— Nichts Anderes, als daß das Kloſter die Leute nicht ſcharfſinnig macht. Ich kann Dich verſichern, daß es dem Grafen ganz gleich iſt, ob ich ihm eine treue oder untreue Gattin bin. Daß das Erſtere bisher der Fall geweſen, hat ihn ſicherlich in Erſtaunen verſezt, wenn er zufällig einmal daran gedacht hat. Aber, um Gottes wil⸗ len, beſchäftigen wir uns nicht mit ihm! Man hat völlig genug an ſeiner unerträglichen Perſon, wenn man ihn ſehen muß, und kann daher wohl anſpre⸗ chen, daß man der Nothwendigkeit, an ihn zu denken und von ihm zu reden, wenn er uns aus dem Wege iſt, überhoben wird. Beſſer alſo, Du fährſt da fort, wo Du abgebrochen haſt, nämlich bei Deinem Beben vor der Zukunft.“ „Ja, die Zukunft erſchreckt mich, denn bei Dir iſt Alles ſo vulkaniſch. Es kommt mir vor, als ob ein Ausbruch in Deinem Innern eitel Vernichtung mit ſich führen müßte. Glück, Friede und Selig⸗ keit können unmöglich auf einem ſolchen Boden er⸗ blühen.“ „Gerade ein vulkaniſcher Boden bringt die reich⸗ ſten Erndten hervor. Der ſtille, ſtumme Friede, welchen Du Glück nennſt, iſt nicht für mich, und darum vermagſt Du auch nicht zu begreifen, wie ich im Stande ſein ſollte, Etwas dergleichen für mich ſelbſt oder Andere zu ſchaffen.“ „Nein, wahrhaftig nicht.“ M„ Vielleicht haſt Du Recht. Ich reflectire niemals über die Zukunft. Ich halte mich an Tag und 90 Stunde, genieße davon nach beſtem Vermögen und überlaſſe es dem Schichſal, für den morgenden Tag zu ſorgen.“ Eine Weile wanderten ſie ſchweigend neben ein⸗ ander her. Endlich begann Eſtelle wieder: „Wie haſt Du Dir die Liebe vorgeſtellt?“ „Als das höchſte, ſchönſte und edelſte unſerer Gefühle; als dasjenige, welches uns den Muth gibt, Alles zu leiden, Allem zu entſagen, Allem uns zu unterwerfen. Wir vergeſſen uns ſelbſt und haben nur einen Gedanken, nämlich für das Glück deſſen, der uns theuer iſt, zu leben. Unſer eigenes Ich be⸗ deutet nichts; es exiſtirt einzig in dem und durch den, welchen wir lieben.“ „Ja, aber dann mußt Du ſein Glück ſein, ſonſt biſt Du unglücklich.“ „Unglücklich, wenn er glücklich iſt? Unmöglich!“ „Lucie, reize mich nicht mit dieſen frommen Re⸗ densarten!“ rief Eſtelle.„Die Liebe fordert Liebe oder verwandelt ſie in Haß.— Ich weiß nicht, wie ſehr ich einmal lieben werde, aber ich weiß, daß ich Gegenliebe gewinnen muß, ſonſt...“ „Würde was geſchehen?“ „Daſſelbe, wie bei dem Ausbruch eines Vul⸗ kans. Ich begrabe Alles in Feuer.“ Eſtelle ſezte lachend hinzu: „Täuſcht mich die Hoffnung, ſo nehme ich die Vernichtung zur Rächerin. Täuſcht ſie Dich, ſo er⸗ tränkſt Du Deinen Kummer in Thränen. Feuer und Waſſer alſo.— Wir können nicht ſympa⸗ thiſiren.“ „Unmöglich!“ 91 „Und dennoch, ſpreche ich mit Dir wie mit kei⸗ nem andern Menſchen.“ Eſtelle ſah ſie an und fuhr fort:„Ich glaube an den Himmel Deiner Augen, die können nicht trügen. Ich verſtehe nichts von Freundſchaft, von Hingebung; aber ich verſtehe den Ausdruck der Treue, und darum finde ich Wohlge⸗ fallen an Deiner Geſellſchaft.“ „Freundſchaft zwiſchen Dir und mir iſt nicht denkbar. Wir müſſen einander unwillkürlich wie ein paar Bücher in verſchiedenen Sprachen vorkommen. Wir wünſchen ſie zu leſen, darum weil ſie unſere Neugierde reizen; aber es geſchieht mit Schwierig⸗ keit, weil die Sprache uns fremd iſt. Wir verſtehen den Inhalt nicht immerdar, aber das Wenige, was wir verſtehen, intereſſirt und zerſtreut uns.“ A la bonne heure, das iſt auch Alles, deſſen es bedarf, um auf eine angenehme Weiſe zuſammen⸗ zuleben.“ „Für die Länge wird es jedoch ſehr kalt.“ fiel Lucie ſeufzend ein.„Es iſt ein ſo ſüßes Gefühl, binen Freund zu haben, an den man ſich halten ann.“ „Bah! Das ſind nichts als romantiſche Grillen. vom Kloſter aus, ma chdre. Aber, mein Gott, da haben wir Herrn von Eſtrier! Wir gehen nach Hauſe.“ Eſtelle wandte ſich raſch um und ſchlug den Weg nach dem Hotel ein. 4 92 XI. Einige Tage nach der Wiederankunft der Flotte zu Breſt finden wir Wilhelm und Herrn von Saint Sue auf einer Promenade nach dem Hafen be⸗ griffen, ganz auf demſelben Wege, welchen Frau von Eſtrier täglich zu gehen pflegte. „Mein beſter Marquis, was für hochwichtige Dinge haben Sie mir eigentlich zu ſagen, daß wir darum nothwendig einen ſolchen Marſch unterneh⸗ men?“ fragte Wilhelm, während ſie neben einander herwanderten. „Sie haben doch den Herzog von** nicht ver⸗ geſſen, welcher ſich mit Ihnen duelliren wollte?“ hob Saint Sue an. „O nein, es iſt nicht ſo lange her, daß ein Ver⸗ geſſen möglich wäre, obwohl es ganz verzeihlich ſein würde, wenn man bedenkt, daß die jüngſt vergangene Zeit reich genug an Ereigniſſen geweſen iſt, um dergleichen Erinnerungen gänzlich zu verwiſchen.“ „Intereſſirt Sie ſein Schickſal?“ „Nicht ſonderlich.“ „Er iſt todt.“ „Dann hat er ſich wohl duellirt?“ „Ganz und gar nicht. Ein paar Tage nach un⸗ ſerer Abfahrt genießt er etwas Eis, und unmittel⸗ bar darauf ſtürzt er todt nieder. Der Herzog iſt, wie man behauptet, an Gift geſtorben.“ „Wer hat ihn vergiftet?“. „Der Mörder hat ſeinen Namen nicht ange⸗ geben.“ 93 „Hegt man nicht irgend einen Verdacht?“ „Nicht den geringſten.“ Saint Sue blieb ſtehen und betrachtete die See, während er mit gedämpfter Stimme hinzuſezte: „Eſſen Sie niemals Eis in Geſellſchaft von...“ „Madame d'öEſtrier!“ rief Wilhelm, deſſen ganze Aufmerkſamkeit ſich auf zwei elegante Damen ge⸗ richtet hatte, welche ſehr langſam auf ſie zukamen. Sie waren von einem Diener begleitet. „Laſſen Sie uns ſchnell umwenden,“ ſagte der Marquis haſtig. „Was denken Sie? Sie, ein Franzoſe, wollen ſich einer ſolchen Unart ſchuldig machen? Das hieße einen Schatten auf die chevalereske Ritterlichkeit in Ihrem Lande werfen.— Madame d'Eſtrier iſt nicht allein; in ihrer Geſellſchaft iſt...“ „Eine ſtumme Perſon, genannt Ehemann,“ fiel der Marquis ein und drehte ſich auf dem Abſaz um, danit er die Herannahenden in Augenſchein nehmen önnte. 8 „Ha! Fräulein von Outrouville!“ ſezte er ganz. erfreut hinzu. „Der Anblick des Fräuleins ſcheint Sie zur Um⸗ kehr zu beſtimmen,“ ſcherzte Wilhelm. „Ja, Sie ſollen wiſſen, daß ich für Fräulein von Outrouville im höchſten Grade eingenommen in.“ Die Herren gingen den Damen entgegen. „Wir laſſen dahin geſtellt, ob Frau von Eſtrier die beiden Officiere bemerkt hatte, oder nicht; aber als dieſelben ſie begrüßten, ſchaute ſie ganz über⸗ raſcht auf, als ob ſie völlig in tiefes Nachdenken 94 verſunken geweſen wäre und jezt erſt dieſelben ge⸗ wahr würde. „Willkommen bei der Rückkehr aus dem großen Kampfe!“ ſprach ſie mit einem bezaubernden Lä⸗ cheln.„Ich habe in dieſen Tagen geſpannter Er⸗ wartung, wo jeder Gedanke, jede Hoffnung und jedes Gebet auf den Sieg der franzöſiſchen Flotte ge⸗ richtet war, in ſolcher Angſt gelebt, daß es für mich wahrhaft erfreulich iſt, wieder Jemand von denen zu ſehen, welche an dem Kampfe Theil genommen haben.“ Eſtelle's große, ſchwarze Augen hatten einen ſo ernſten, ſeelenvollen Ausdruck, daß Wilhelm ſie mit der tiefſten Bewunderung betrachtete. Sie ſezte lä⸗ chelnd, indem ſie ſich zu dem Marquis wandte, der an Luciens Seite ging, hinzu: „Auch an Sie, Marquis, und an die engliſchen Kugeln habe ich mit Unruhe gedacht.“ „Das will ſagen, ſie hat gänzlich vergeſſen, daß ich überhaupt exiſtire,“ ſchaltete der Marquis in Ge⸗ danken ein. Laut erwiederte er:. 2„Welche Güte, Madame, ſich für einen Feind zu intereſſiren.“ „In den Stunden der Gefahr ſind alle Menſchen meine Freunde.“ „Selbſt die Engländer?“ „Ja, im Fall ich ihre Leiden mitanſähe.“ Eſtelle's Augen benezten ſich mit Thränen. Sie war gefährlicher als je. Wilhelm verlor auch voll⸗ kommen den Kopf. „Doch laſſen wir den Krieg,“ hob ſie wieder an, „deſſen ruhmreiche Folgen uns nur erfreuen können; aber wenn man an den Preis denkt, um den ſie gewonnen wurden, verlieren ſie allen Werth. Die Lorbeeren des Kriegs wachſen aus Blut und Thränen empor.“ „Das iſt wahr,“ fiel Wilhelm ein;„aber nennen Sie mir einen einzigen Erfolg im Leben, welcher nicht Leid und Thränen koſtet.“ „Nicht Alles koſtet jedoch Blut.“ „Madame, die Genien des Fortſchritts, der Ci⸗ viliſation und Freiheit hüllen ſich auch in Trauer, wenn zwei Nationen, welche des Schuzes dieſer Engel ſich zu erfreuen haben, ſich zum Kampfe gegen einander rüſten,“ antwortete Wilhelm. „Warum hüllen ſie ſich in Trauer?“ „Weil die Nothwendigkeit es ſo heiſcht.“ „In dem gegenwärtigen Krieg handelt es ſich nur um die Nothwendigkeit zwiſchen Franzoſen und Engländern, aber nicht Schweden; und dennoch neh⸗ men Sie daran Theil.⸗Sie werfen ſich in die Greuel und die Zerſtörung eines Krieges aus rei⸗ nem Verlangen nach deſſen Gräßlichkeit. Sie wer⸗ den nicht von Nationalhaß oder ſonſt einem Mo⸗ tive, welches für die Streitenden gültig iſt, ange⸗ trieben.“) „Ach, Madame, was wollen Sie, daß ich Ihnen darauf zur Antwort gebe, als was ich Ihnen früher ſchon einmal geſagt habe; daß ich jung, daß ich Militär und daß ich Seemann bin, und daß ich hin⸗ aus und Pulver riechen muß.“ Wilhelm lächelte ganz keck mit jugendlichem Leichtſinn. Er war unleugbar ſehr ſchͤna. „Ich hätte jedoch geglaubt, Ihre Anſichten wür⸗ 96 den ſich geändert haben, ſeitdem Sie die Folgen einer Schlacht in der Nähe geſehen.“ „Ich ändere meine Anſichten niemals, Madame. Die Gefahr hat auch ihr Verführeriſches.“ Eſtelle blieb ſtehen und warf, einen Blick auf den Hafen hinaus, während ſie und Wilhelm lebhaft ihr Geſpräch mit einander fortſezten. Der Marquis und Lucie waren gleichfalls ſtehen geblieben, aber einige Schritte hinter den Andern, welche ihrer ganz vergeſſen zu haben ſchienen. „Sie haben, mein Fräulein, uns nicht mit einem Wort willkommen geheißen,“ ſprach der Marquis und betrachtete aufmerkſam des jungen Mädchens ſchönes Angeſicht, auf welchem ein leichter Schatten von Schwermuth lag. „In meinem Herzen habe ich es gethan. Ach, Frankreich iſt mir allzu theuer, als daß ſeine Erfolge nicht mein Herz erfreuen ſollten. Diejenigen, welche zu denſelben beitragen, werden immerdar ein Gegen⸗ ſtand für mein wärmſtes Intereſſe ſein. Sie wiſſen am beſten, was für eine Amazone ich immer ge⸗ weſen bin,“ ſezte ſie lächelnd hinzu.„Hätte das Schickſal einen Mann aus mir gemacht, ſo wäre es mein höchſter Wunſch geworden, mein Blut für Frankreich zu vergießen.“ „Sie haben alſo nicht daſſelbe Entſetzen vor dem Kriege, wie Madame d'Eſtrier?“ „Nein!“ Luciens Angeſicht, welches ſich ein wenig auf⸗ geklärt hatte, nahm wieder einen bekümmerten Aus⸗ druck an, und ſie ſezte nach einer kurzen Pauſe hinzu: „Glauben Sie an Ahnungen, Marquis?“ 97 „Ich glaube niemals an das, was ich nicht ver⸗ ſtehe, und ich verſtehe nichts von Ahnungen. Wa⸗ rum fragen Sie darnach?“ „Seit einiger Zeit plagt mich eine Ahnung, der ich keine rechte Form zu geben vermag, die aber unaufhörlich wiederkehrt. Ich möchte wünſchen, ſie hinwegzuräſonniren. Es iſt mir immer, als ſähe ich irgend ein Unglück, welches lauernd meinen Schritten folgt, um mich eines Tages zu zermalmen.“ „Das iſt nur eine Ueberreizung Ihrer Phantaſie,“ erwiederte der Marquis und fuhr dann mit ge⸗ dämpfter Stimme und einem Ausdruck brüderlicher Ergebenheit fort:„Gewiß kommt dieß daher, daß Sie ein Fremdling unter Ihren Verwandten zu ſein ſcheinen. Jene und Sie haben nichts mit einander gemein.“. Lucie ſchwieg. Ihr Blick wandte ſich Wilhelm zu, welcher mit ſteigendem Intereſſe das Geſpräch mit Eſtelle fortſezte.. Saint⸗Sue folgte der Richtung dieſes Blicks und bemerkte nach einer Pauſe: „Es iſt für meinen ſchwediſchen Freund ein großes Glück, daß er Breſt ſehr bald wieder ver⸗ läßt, ſonſt fürchte ich, es möchte ihm wie dem Her⸗ zog von** gehen.“ Lucie drehte haſtig den Kopf um und richtete einen erſchrockenen Blick auf den Marquis. „Was meinen Sie damit?“ fragte ſie. „Ich meine, er könnte ſein Herz und ſeinen Verſtand, und wer weiß,“ ſezte der Marquis lachend ſinzu,„auch vielleicht ſein Leben verlieren; Alles für Madame d'Eſtrier.“ Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 7 98 „Um Gottes willen, nennen Sie den Herzog nicht, ſo daß Eſtelle es hört, ſie wird dann ſchwer⸗ müthig.“ „Betrauert ſie ihn denn ſo tief?“ „Nicht dieſes ſpöottiſche Lächeln! Eſtelle hat wirk⸗ lich das unglückliche Ende des Herzogs ſich ſehr zu Herzen genommen. Ich geſtehe aufrichtig, daß es auch auf mich einen peinlichen Eindruck gemacht hat. Es gilt für ausgemacht, daß er ſich ſelbſt ver⸗ giftet hat.“ 4 „Aus Liebe?“ „Er war ruinirt. Er hatte den Abend vor ſeinem Tod ſein Schloß in der Normandie verſpielt.“ „An wen?“ „An Monſieur Rierro.“ „Den Mulatten?“ Jezt wandte ſich Eſtelle zu ihnen um und ſagte einige freundliche Worte zu Lucie, worauf ſie ihren Spaziergang wieder fortſezten. 1 XII. Als Eſtelle ſich von Wilhelm verabſchiedete, hatte! ſie dabei einfließen laſſen, daß ſie täglich eine Pro⸗ menade nach dem Strand zu machen pflegte. Die natürliche Folge dieſer Kunde war, daß unſer Lieute⸗ nant Tags darauf der ſchönen Indianerin und Fräu⸗ lein d'Outrouville begegnete; daß leztere auch da war, hatte Wilhelm ſchon nach den erſten fünf Mi⸗ nuten ſeines Geſprächs mit Eſtelle vergeſſen, ſo voll⸗ kommen beherrſchte ihn Frau von Eſtrier. 1 99 Am Nachmittag machten der Marquis von Saint⸗ Sue und Wilhelm einen Beſuch bei dem Grafen d'Eſtrier. Eſtelle hatte einige Gäſte bei ſich vereint, aber Keiner derſelben vermißte den Herrn des Hauſes, oder fragte nach ihm. Man kam zu Frau von Eſtrier, nicht zu ihrem Gemahl. Das Wetter war regneriſch; man hatte ſich deßwegen in Eſtelle's Ge⸗ mächern verſammelt, anſtatt wie gewöhnlich im Garten zu ſitzen. 2 Mit ihrem gefährlichen Lächeln beantwortete Eſtelle Wilhelms Begrüßung, und Niemand wird ſich darum verwundern, wenn dieß dem armen Lieutenant den Kopf noch mehr verrückte, als es bereits geſchehen. Es war darin zu leſen, daß er ihr willkommen war, daß es ihr Freude machte, ihn zu ſehen u. ſ. w. Frau von Eſtrier war allzu ſehr verwöhnt und vielleicht allzu ſehr Wilde, um etwas Anderes zu ihun, als was ihr Vergnügen bereitete, daher ge⸗ ſchah es, daß ſie ſich jezt faſt allzu viel mit Wilhelm beſchäftigte. Daß er nicht von ihrer Seite wich, verſteht ſich von ſelbſt, um ſo mehr, als ſie unauf⸗ hörlich das Wort an ihn richtete. Man redete natürlich von der lezten Seeſchlacht. Eſtelle hörte dem Geſpräch zu, ohne ſich daran zu betheiligen. Während Wilhelm mit vieler Lebhaf⸗ tigkeit eine Erzählung gab, weilte ihr Blick auf ihm und ſie dachte: „Wenn dieſes Angeſicht von Enthuſiasmus alſo erglühen kann, wie wird es nicht in Liebe aufflammen!“ In dieſem Augenblick wandte ſich Wujlhil ihr 100 zu. Ihre Augen begegneten ſich eine Secunde, wo⸗ rauf Eſtelle die ihrigen ſenkte. „Wann verlaſſen Sie Breſt?“ fragte ſie. „In einer Woche, denke ich,“ antwortete Wilhelm. „So!“ erwiederte Eſtelle, wieder aufſehend,„Sie hoffen alſo recht ſchnell von hier fortzukommen.“ „Madame, mein Ziel iſt das Geſchwader des Grafen d'Eſtaing. Wenn mich mein Weg dahin auch durch das Himmelreich führte, ſo würde ich doch daſſelbe möglichſt ſchnell zu verlaſſen wünſchen, um weiter zu kommen.“ „Und gibt es Nichts, was Sie beſtimmen könnte, Ihre Reiſe aufzuſchieben?“ „Nein, Madame.“ „Da merkt man, daß Sie aus einem harten, barbariſchen Lande ſind,“ neckte Eſtelle lächelnd. „Ganz und gar nicht, nur verabſcheue ich Aufſchub.“ Eſtelle hatte eine ganz andere Antwort erwartet. Sie hatte allzu deutlich in Wilhelms Blick den Ausdruc ſeiner Bewunderung geleſen, als daß ſie nicht für ausgemacht nahm, er werde jezt ſein Bedauern darüber ausſprechen, den Ort, wo ſie weilte, ver⸗ laſſen zu müſſen. Ein Franzoſe würde mit einem großen Wore⸗ ſchwall davon geſprochen haben. Wäre er gerade ſo entzückt geweſen wie Wilhelm, er hätte ſich nicht auf Bedauern, Sehnſucht beſchränkt, ſondern würde mit Verzweiflung u. dgl. m. herausgerückt ſein. So viel iſt indeſſen gewiß, daß wenn Wilheln mit der Leichtigkeit eines Südländers von ſeinen 3 Bewunderung geſprochen und dieſelbe in Alles was er redete, hätte einfließen laſſen, er für Eſtelle 101 minder gefährlich geweſen wäre, weil er damit ſogleich ſich auf das Gewöhnliche eingelaſſen hätte. Jezt lag etwas Verführeriſches und Anreizendes darin, den Eindruck, den ſie machte, zu ſehen und doch nie mit einem einzigen Worte davon zu vernehmen. Eſtelle war noch zu jung, ſonſt würde ſie, wie jede Frau von einiger Intelligenz, die Schmeichelei von den Lippen eines Mannes, der Anſpruch darauf macht, etwas Anderes zu ſein, als ein Narr, an⸗ widernd gefunden haben. Sie hatte indeſſen gerade genug davon, um zu fühlen, daß ſie in eine neue Welt eingeführt worden war. Es gab ohne Zweifel Stunden, wo Eſtelle's unruhige und lebhafte Seele mit brennender Ungeduld irgend eine Aeußerung zu vernehmen wünſchte, welche ihr zu erkennen gab, daß er ſie ſchön fände; aber vergebens. Sie mußte ſich damit begnügen, dieß in ſeinem Blick zu leſen. Jeden Tag ſah man Frau von Eſtrier und Fräu⸗ lein von Outrouville, entweder von Wilhelm allein oder von ihm und Saint⸗Sue begleitet, nach dem Strande ihren Spaziergang machen. Am Abend trafen Wilhelm und Eſtelle entweder in Geſellſchaft zuſammen, oder ſtattete er derſelben in ihrem eigenen Hauſe einen Beſuch ah. Eine ganze Woche, welche auf ſolche Weiſe ver⸗ ſoß, war der Graf d'Eſtrier nicht ſichtbar geweſen. Lielleicht war er auf die Jagd gegangen, wer weiß es?. Man ſprach nicht von ihm; man dachte gar nicht mehr daran, daß er überhaupt exiſtirte. Die Einzige, welche es nicht that, war Lucie; aber ſie 7 redete gleichfalls nicht von ihm, und folglich ſind — 10² wir auch in Unkenntniß darüber, was ihr von ihm bekannt war. Eſtelle hatte ihn vollkommen vergeſſen. Es fiel ihr nicht ein, an ſeine Abweſenheit zu denken, oder ſich darüber zu verwundern. * XIII. Eines Abends, etwas über zwei Wochen nach der Schlacht, war wieder eine kleine Geſellſchaft in dem Garten des Hotels Outrouville verſammelt. Unter den Herren, welche Eſtelle umgaben, finden wir natürlich auch Wilhelm. Der Marquis Saint⸗Sue unterhielt ſich mit Lucie, welche noch immer etwas Schwermüthiges in ihrem Ausſehen beibehalten hatte. Der Graf d'Eſtrier hatte ſich dieſen Abend gleichfalls in dem Cirkel ſeiner Gemahlin eingefunden, und ſaß in einiger Entfernung von der übrigen Geſellſchaft mit einer Zeitung in der Hand. Ob er las oder nicht, war ſchwer zu beſtimmen, denn es ließ ſich unmög⸗ lich unterſcheiden, welche Richtung ſeine halb ge⸗ ſchloſſenen Augen einſchlugen. Niemand in der ⁵ ganzen Geſellſchaft bekümmerte ſich um den Grafen. Man hatte ihn begrüßt, als er kam, einige höfliche Redensarten fallen laſſen, ohne eine Antwort zu er⸗ halten, und ihn hernach ſeinem Schickſal preisge⸗ geben.. Die einzige Perſon, welche den ganzen Abend ihn nicht aus den Augen verlor, war Lucie. Bei jedem bemerkenswerthen Wort, das geſprochen vurde, ——— —— 103 flog ihr Blick zu ihrem Bruder hinüber, als ob ſie in dieſem verſteinerten Antlitz irgend eine Bewegung erſpähen wollte. So zum Beiſpiel glaubte Lucie „wahrzunehmen, daß der Graf das eine Augenlid ganz emporzog, als Eſtelle einmal ſcherzend gegen ihren Hof äußerte: „Aber meine Herren, Sie vernachläſſigen die andern Damen, um ſich gegen die Wirthin artig zu erweiſen. Das kann ich nicht länger zugeben, ſondern ſchmeichle mir, daß Sie dieſe Vergeßlichkeit wieder gut machen werden.“ Die jungen Männer beeilten ſich dieſer Auffor⸗ derung zu gehorchen, ſo daß der Kreis um Eſtelle ſich lichtete; auch Wilhelm wollte ſich zurückziehen, ſie aber ſagte zu ihm mit gewinnendem Lächeln: „Sie, Herr Baron, verurtheile ich, mir noch eine Weile Geſellſchaft zu leiſten.“ Bei dieſer Aeußerung von Eſtelle kam es Lucie vor, als hätte der Graf plötzlich ſeine beiden Augen geöffnet aber ebenſo ſchnell wieder geſchloſſen. Eſtelle begann mit Wilhelm von Schweden zu ſprechen. In der erſten halben Stunde beſtand das Geſpräch nur aus Fragen und Antworten, aber all⸗ mählig nahm es eine räſonnirende Richtung an. Man ſtellte Betrachtungen über die Verſchieden⸗ heit im menſchliſchen Character an, und endlich blieb der Gang der Ereigniſſe im Leben der Gegenſtand, den man diskutirte. 6 „Denken wir mit Ernſt über das Leben eines Menſchen nach, ſo ſtellt ſich eine ganze Reihe eigen⸗ thümlicher Vorfälle dar,“ bemerkte Eſtelle nachdenk⸗ lich.„Es iſt, als ob wir Sterblichen an der Hand 104 einer unſichtbaren Macht nach einem Ziele geführt würden, das wir uns nicht in Ausſicht geſtellt haben.“ „Iſt dieſe Anſicht wohl auch richtig?“ fiel Wil⸗ helm ein.„Iſt es nicht viel eher unſer Character, ſind es nicht unſere Neigungen, unſere Leidenſchaften, welche uns am Gängelbande führen und unſer Schick⸗ ſal geſtalten?“ „Das iſt eine gewagte und etwas zu kühne Be⸗ hauptung. Sie machen den Menſchen dadurch zu einem viel mächtigern Weſen, als er in Wirklich⸗ keit iſt.“ „Ihn mächtiger zu machen, als er iſt, möchte ſchwer halten. Er iſt ja der Herrſcher über alle Kräfte der Natur, welche er zu ſeinem Nutzen ver⸗ wenden kann. Er iſt auch der Schöpfer ſeines eigenen Geſchicks. Das Bewußtſein, die Elemente hiezu in ſich zu tragen, macht ihn ſtark und mächtig. Die Vorſehung hat uns einen freien Willen, beinahe göttliche Seelenkräfte gegeben und damit geſagt: Schaffe Dir nun ſelbſt Dein Geſchick, laß ſehen, ob Du Deine Fähigkeiten richtig anwendeſt.“ „Das lautet wohl ſchön, iſt aber falſch. Ich will Ihnen das ſogleich beweiſen.“ Eſtelle ſenkte ihre Stirne ein wenig, jedoch hin⸗ reichend, um von denen, welche in ihrer Nähe ſaßen nicht gehört zu werden. „Der Zufall führt zwei Menſchenkinder zuſammen, das eine kommt von Weſtindien, das andere aus dem hohen Norden. Sie begegnen ſich, ohne ihr Zuthun auf einem Ball, und dennoch kann dieſe Be⸗ gegnung einen entſcheidenden Einfluß auf deren Zu⸗ kunft ausüben,“ Die Wangen des zwanzigjährigen Lieutenants wurden mit einem warmen Colorit übergoſſen. Sein Herz ſchlug heftig. Mit etwas unſicherer Stimme antwortete er: „Daß Sie Ihre Heimath verließen, war jedoch immer eine Handlung, die von Ihnen ſelbſt aus⸗ ging, und ſomit der Urſprung deſſen, was folgte. Sie, Madame, können zum Beiſpiel das Schickſal für das, was Ihnen in Frankreich widerfährt, ebenſo wenig als ich, verantwortlich machen. Wir haben beide die Heimath verlaſſen, um unſerm Drang, die Welt zu ſehen, Befriedigung zu verſchaffen. Sie wünſchten nach la belle France zu kommen, weil Sie das Leben auf St. Vincent allzu einförmig für Ihren Geiſt fanden. Ich meinerſeits hatte eine ſo unruhige Gemüthsart, daß die Luft des Vaterlandes mir zu ſchwül wurde. Welches nun auch die Folgen hiervon ſein mögen, ſo haben Sie, ſo gut als ich, dieſelben hervorgerufen.“ „Was mich betrifft, ſo geben Sie ſich einem Jrrthum hin, denn ich bin gegen meinen Willen nach Frankreich gekommen.“ 3 „Dann haben Sie es in Folge eines ſchwachen und nachgiebigen Charakters gethan.“ „Wiederum ein Mißgriff; ich bin nicht ſchwach, nicht nachgiebig,“ entgegnete Eſtelle mit blitzenden Augen.„Ich muß mich aber, ſo gut wie Andere, in die Nothwendigkeit fügen; denn wenn ſie gebie⸗ tet, ſo bleibt Nichts übrig, als zu gehorchen. Vor ihr müſſen ſich ſelbſt die ſtärkſten Charaktere beugen.“ „Ich hoffe dennoch, ſie nach meinem Willen zu 106 lenken,“ entgegnete Wilhelm mit der Zuverſicht, welche der Jugend und Unerfahrenheit angehört. „Nehmen Sie ſich in Acht; das Schickſal könnte Sie eines Tages auf eine bittere Weiſe lehren, daß wir alle Sklaven unter dem Scepter der Nothwen⸗ digkeit ſind!“ „Möglich; aber in dieſem Fall habe ich beſtimmt dieſe drückende Nothwendigkeit ſelbſt hervorgerufen. Sie iſt dann eine Folge unkluger oder unbeſonnener Handlungen. Was wir unglückliches Geſchick, grau⸗ ſame Nothwendigkeit u. dergl. nennen, iſt nichts Anderes, als eine Folge unſerer zügelloſen Leiden⸗ ſchaften.“ „Unſerer Leidenſchaften?“ wiederholte Eſtelle. „Ja, dieſe bilden die Quelle aller unſerer Leiden.“ „Und unſerer Freuden,“ fiel Eſtelle haſtig ein, während es ihr Angeſicht wie Feuerſchein überflog. Ein leichter Seufzer hob ihre Bruſt. Mit abgewandtem Kopf ſetzte ſie hinzu: „In einigen Tagen haben Sie Breſt verlaſſen?“ „Ja.“ Mehr vermochte Wilhelm nicht zu antworten. Seine in Wallung gerathenen Gefühle machten ſeine Stimme unſicher. Es entſtand eine Pauſe, während welcher Eſtelle mit ihrem Fächer ſpielte und die Augen zu Boden ſchlug. Saint Sue näherte ſich ihnen. Eſtelle ſah auf, lächelte ihm zu und ſagte ſcherzend: „Wie, mein lieber Feind, denken Sie endlich auch an mich? Den ganzen Abend haben Sie vergeſſen, daß ich nur exiſtire, einzig und allein, um ſich in Luciens ſchönen Augen ſonnen zu können.“ —— — 107 „Wenn ich Sie vergeſſen habe, Madame, ſo ge⸗ ſüah es nur darum, weil ich Ausſchau gehalten habe.“ „Und was haben Sie entdeckt?“ „Zwei gefährliche Klippen, an welchen ich Schiff⸗ bruch zu leiden verurtheilt bin. Ach, Madame, ich bin der unglücklichſte Menſch auf Erden!“ Mit einer Miene von Troſtloſigkeit ſank der Marquis auf einen Stuhl nieder. „In wiefern?“ fragte Eſtelle lachend. Wilhelm lehnte ſich an einen Baum und betrach⸗ tete Eſtelle. Er glaubte ſein Auge nicht von dieſen Zügen abwenden zu können, welche, ſo ſehr ſie auch wechſeln mochten, doch immer ſchön blieben. „In wiefern, fragen Sie,“ nahm der Marquis wieder das Wort.„Ich will es Ihnen ſagen. Hier in dieſem Garten finden ſich zwei bezaubernde Frauen; bie eine habe ich zur Feindin, die andere zur Freun⸗ in.⸗ „Nun wohl, Marquis, Sie ſind der glücklichſte aller Sterblichen! Die Freundſchaft der einen kann Sie über die Feindſchaft der andern tröſten.“ „Sagen Sie lieber das Gegentheil. Ich weiß nichts Niederſchlagenderes für einen Mann, als die Freundſchaft einer Frau. „Was ſagen Sie, Marquis?“ rief Wilhelm. „Die reine Wahrheit. Ich will es beweiſen.“ „Laſſen Sie hören!“ ſagte Eſtelle, ihren Fächer in Bewegung ſetzend. „Wenn eine Frau zu einem Mann ſagt: ich verabſcheue Sie! dann hat er eine ſchwache Hoff⸗ 108 nung, eines Tags geliebt zu werden, im Fall es ihm darum zu thun iſt.“ „Wie, mein Herr?“ fiel Eſtelle ein, indem ſie den Marquis anſah. „Vergebung, Madame, ich ſagte eine ſchwache Hoffnung; aber wenn eine Frau ſagt: ich halte Etwas auf Sie; ich bin Ihnen zugethan; mit einem Wort: ich bin Ihre Freundin, dann kann er ſich niederlegen und ſterben, im Fall er ihr Herz zu ge⸗ winnen wünſcht. Sie wird ihm niemals daſſelbe ſchenken. Haß und Liebe ſind mit einander ver⸗ wandt, aber Freundſchaft und Liebe vollkommen he⸗ terogen. Man hat kein Beiſpiel dafür, daß aus Freundſchaft Liebe geworden wäre. Fräulein d'Ou⸗ trouville hat geſagt, ſie fühle Freundſchaft für mich, v damit iſt alle Hoffnung, geliebt zu werden, dahin.“ „SIch habe immer gehört, daß Freundſchaft zwi⸗ ſchen einer Frau und einem jungen Mann etwas ſehr Gefährliches ſei,“ meinte Eſtelle. „Der, welcher ſo Etwas behauptet hat, iſt ein Dummkopf geweſen. Wenn eine Frau liebt, liegt über ihrem ganzen Weſen eine Schüchternheit, welche es ihr unmöglich macht, mit lächelnden Lippen von ihrer Zuneigung zu ſprechen. Sie fürchtet ſich, ihre Gefühle bloßzuſtellen. Sie wagt kaum, dergleichen ſich ſelbſt zuzuflüſtern. Die Verwirrung, die heftige Gemüthserregung, Alles bewirkt, daß ſie von dem, was ſie empfindet, nicht ſprechen kann. Es iſt der Mann, welcher erſt das Bekenntniß der heiligſten und zugleich heimlichſten aller Gefühle hervorlocken muß. Um zu lieben, iſt nöthig, daß ein gewiſſer Schleier von Poeſie und Myſticismus das Innere der Frau decke. Dieſer wird aber gänzlich zerpiſſen, wenn ſie ganz offen und unerſchrocken zu einem Mann ſagt: ich bin Ihre Freundin. Das bedeutet ſo viel als: Sie ſind meiner Ruhe nicht im Min⸗ deſten gefährlich.“ „Nach einer ſolchen Definition, beſter Marquis, verſichere ich Sie meiner Freundſchaft,“ ſagte Eſtelle lächelnd. „Madame, haben Sie die Gnade, meinen Freund, Baron Stjernkrona, damit zu beehren.“ „Unmöglich!“ Eſtelle erhob ſich und ſetzte, einen raſchen Blick auf Wilhelm werfend, hinzu:„Der Baron und ich, wir können niemals Freunde werden.“ Sie war im Begriff, die beiden Herren zu ver⸗ laſſen. „Ja, das iſt wahr,“ bemerkte der Marquis. „Der Baron verläßt Breſt und wird ſicherlich Sie nicht wiederſehen. Etwas Anderes iſt es mit Ihnen und mir, Madame.“ „Wer ſagt Ihnen, daß der Baron und ich ein⸗ ander nicht mehr ſehen werden?“ fragte Eſtelle. „Mein Verſtand. Sein Weg geht zuerſt nach dem Kriegsſchauplatz, und dann nach ſeinem Hei⸗ mathlande, und Sie....“ „Ich gehe, wohin das Schickſal will,“ fiel ihm Eſtelle ins Wort, warf einen eigenthümlichen Blick auf Wilhelm und entfernte ſich. „Hängt es von mir ab, ſo ſoll das Schickſal Dich nicht dahin führen, wohin Du willſt,“ dachte Saint Sue. Als Eſtelle die beiden jungen Männer verlaſſen 110 hatte, erhob ſich Graf d'Eſtrier und ſchritt auf Wil⸗ helm zu. Lucie folgte ihm mit Aufmerkſamkeit. Bei Wilhelm angekommen, öffnete der Graf ſeine halbgeſchloſſenen Augen ein wenig, betrachtete den jungen Mann und ſprach mit Etwas, das einem Lächeln gleichen ſollte: „Ich ſehe morgen einige Officiere von der fran⸗ zöſiſchen Flotte zu Mittag bei mir; wollen Sie, Herr Baron, mir nicht gleichfalls die Ehre anthun, das Diner bei mir einzunehmen?“ „Sagen Sie Nein,“ flüſterte eine Stimme ganz leiſe hinter Wilhelm. Er nahm für ausgemacht, daß es diejenige des Marquis war, und legte darum kein weiteres Gewicht darauf, ſondern antwortete dem Grafen verbindlich, er würde die Ehre haben ſich einzufinden. Der Graf entfernte ſich, und Wilhelm war ganz glücklich bei dem Gedanken, den folgenden Tag in Eſtelle's Geſellſchaft zuzubringen. b Er wandte ſich lächelnd zu Saint Sue und ſagte: „ Warum haben Sie mich aufgefordert, auf die Einladung des Grafen mit Nein zu antworten?“ „Ich!“ fragte der Marquis, indem er ihn ver⸗ wundert anblickte.„Sie irren ſich; ich habe Ihnen weder mit Nein, noch mit Ja zu antworten ge⸗ rathen.“ „Nicht!“ erwiederte Wilhelm, und die Reihe der Ueberraſchung war jetzt an ihm.„Gewiß waren Sie es, ein Anderer konnte es nicht ſein.“ „Konnte es nicht ſein?“ rief der Marquis lachend. 111 „Aà la bonne heure! So wird es wohl ſo ſein, ob⸗ gleich ich Nichts davon weiß.“ XIV. Am folgenden Morgen fand ſich der Marquis bei Wilhelm ein. „Sie ſagten geſtern,“ begann Saint Sue,„ich habe Ihnen gerathen, die Einladung des Grafen abzulehnen; wiewohl das meinerſeits nicht geſchehen iſt, komme ich doch jetzt, um dies zu thun und Sie zurückzuhalten.“ „Und der Grund?“ „Ich kann ihn nicht angeben.“ „In dieſem Fall, Marquis, werden Sie mich entſchuldigen, wenn ich mich nicht abhalten laſſe.“ „Weshalb gehen Sie hin?“ „Weil es mir Vergnügen macht.“ „Sie gehen Madame d'Eſtrier zulieb hin; Sie ſind im höchſten Grad von ihr eingenommen.“ „Nun wohl, ſo iſt es bei mir, wie bei allen Anderen. Sie werden doch nicht glauben, daß ich von ihrem Mann eingenommen ſei?“ „Sie wollen alſo von dem Diner nicht weg⸗ bleiben?“.. „Unter keiner Bedingung.“ „Nicht einmal, wenn eine Dame Sie darum bäte?“ Wilhelm ſah den Marquis an und rief heftig: „Hat Frau von Eſtrier Ihnen den Auftrag ge⸗ geben, mich davon abzuhalten?“ 112 Saint Sue bedachte ſich einen Augenblick und gab dann zur Antwort: „Nein, ſie nicht.“ „In dieſem Fall bin ich unbeweglich.“ Alles, was Saint Sue vorbrachte, um ihn zu beſtimmen, die Einladung nachträglich abzulehnen, war vergeblich. Endlich überreichte der Marquis ihm ein Billet, indem er ſagte: „Leſen Sie ſelbſt! Vielleicht hat dieß mehr Wirkung als meine Worte.“ 3 Wilhelm ergriff das Billet und las folgende Zeilen: „Marquis!“ „Wenn Sie wirklich einige Freundſchaft für den ſchwediſchen Baron hegen, ſo halten Sie ihn davon ab, bei dem Grafen d'Eſtrier zu diniren. Ein großes Unglück bedroht ihn. Sie kennen mich und wiſſen, daß es eines mächtigen Grundes bedurfte, um mich zu dieſem Schritt zu beſtimmen. Sie müſſen folg⸗ lich um jeden Preis dahin wirken, daß er nicht zu Herrn von Eſtrier geht.“ Wilhelm drehte das Briefchen um, begierig zu ſehen, ob irgend ein Name ſich dabei fände; aber da er Nichts der Art zu entdecken vermochte, gab er es dem Marquis zurück, indem er in munterem Tone bemerkte: „Und Sie glauben, daß ein Brief ohne Unter⸗ ſchrift irgend eine Wirkung auf mich hervorbringen kann. Ich kenne ja die Perſon nicht, welche ihn geſchrieben hat. Das Ganze kann auch eine Myſti⸗ fikation ſein.“ „Ganz und gar nicht; ich kenne die Schreiberin.“ 113 „Das iſt ein Glück für Sie, Marquis.“ „Es iſt eine Dame von ſolchem Zartgefühl und ſolcher Gewiſſenhaftigkeit, daß es nur etwas ganz Außerordentliches ſein mußte, was ſie beſtimmen konnte, dieſe Zeilen an mich zu ſchreiben—“ „Das iſt alles ſehr möglich, hindert mich aber nicht, bei dem Grafen zu diniren.“ Wilhelm legte ſeine Hand auf die Schulter des Marquis und ſetzte lachend hinzu: „Wenn man mir auch ſagte, ich würde dadurch, daß ich hinginge, mich in den Abgrund des Ver⸗ derbens ſtürzen, ſo könnte ich auch darum nicht auf das Vergnügen, Frau von Eſtrier zu ſehen, Verzicht leiſten. Verſtehen Sie jetzt, Marquis, daß jedes Wort, das Sie in dieſer Sache noch gebrauchen, hinausgeworfen iſt?“ „Ich verſtehe es vollkommen, und da ich es mir durchaus nicht zur Aufgabe geſtellt habe, Narren zu kuriren, ſo thun Sie in Gottes Namen, was Ihnen beliebt! Ich waſche meine Hände in Unſchuld.“ „Iſt die unbekannte Beſchützerin um meine Ge⸗ müthsruhe beſorgt, oder was fürchtet ſie ſonſt?“ „Was weiß ich? Vielleicht iſt ſie beſorgt, Sie möchten ſich mit dem Genuß von Eis verderben. Leben Sie wohl! Wir treffen uns bei Herrn d'Eſtrier.“ „Gehen Sie auch hin?“ 4 „Ganz gewiß. Mir hat man nicht zugemuthet, wegzubleiben..“) 2* Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 8 XV. Das Mittagsmahl bei dem Grafen d'Eſtrier hatte begonnen. An der vollbeſetzten Tafel prangten Damen in Seide und Juwelen, Herren in glänzenden Uni⸗ formen. 1 Wilhelms ganzes Ausſehen gab zu erkennen, daß er in aufgeräumteſter Stimmung war. Es war ihm auch bei der Begrüßung von Madame d'Eſtrier ein Blick zu Theil geworden, welcher deutlicher als je ihm ſagte, daß er ihr nichts weniger als gleichgül⸗ tig ſei. Er hätte ſich ihr zu Füßen werfen können, um der Himmel weiß was zu ſagen. Statt deſſen mußte er ſich damit begnügen, den ſprechenden Blick mit einem gleich ausdrucksvollen zu beantworten. Eine Feuerflamme flog über Eſtelle's Angeſicht, und ſie wandte ſich ſchnell von ihm ab. Bei der Mittagstafel ſaß Wilhelm zwiſchen zwei Damen, welchen er möglichſt geringe Aufmerkſamkeit ſchenkte, denn er hatte Eſtelle ſich gegenüber. V Als das Serviren der Gerichte begann, nahm ein ſchwarzer Diener ſeinen Platz hinter Wilhelms Stuhl ein. Eben als Wilhelm von der erſten Schüſſel ſich vorgelegt hatte, berührte eine kleine Hand ſeinen Arm und eine bebende Stimme flüſterte ihm zu: „Eſſen Sie nicht!“ Wilhelm drehte haſtig den Kopf um, wandte ſeine Augen von der Zauberin hinweg und heftete ſie auf diejenige, welche die warnenden Worte geſprochen hatte. Es war Lucie, ſeine Nachbarin zur Linken. 115 Man ſpricht von der Macht der Augen; aber was man damit eigentlich meinte, ſollte Wilhelm erſt erfahren, als er denen von Lucie begegnete. Sie wiederholten gleichſam die Warnung, welche ihre Lippen geflüſtert hatten. Unwillkürlich legte Viillhhelm Meſſer und Gabel bei Seite. „Warum?“ fragte er und blickte tief in die ſchö⸗ nen Spiegel einer reinen und unſchuldigen Seele. 1„Fragen Sie mich nicht, ſondern gehorchen Sie!“ 1 Nicht zu gehorchen, war unmöglich. . Bei jeder Schüſſel, welche herumgereicht wurde, 3 fühlte Wilhelm die kleine Hand an ſeinem Arm, . und dieſelbe Warnung wiederholte ſich. 1 Als man von der Tafel aufſtand, zog Lucie ſich k in eine Fenſtervertiefung des Salons zurück. Wil⸗ helm näherte ſich ihr. „Ich habe Ihnen gehorcht, mein Fräulein,“ ſagte er;„geſtatten Sie mir nun, Sie um eine Aufklärung zu erſuchen.“ „Ich kann eine ſolche Ihnen nicht geben,“ ant⸗ wortete Lucie;„aber ich habe eine Bitte an Sie. Sie ſchaute zu ihm auf. „Eine Bitte?“ „Ja.“ Ein ſchwaches Lächeln glitt über Luciens Züge.„Und Sie werden dieſelbe erfüllen?“ „Ja, ich verſpreche es Ihnen bei meiner Ehre.“ „Ohne zu wiſſen, um was es ſich handelt?“ „Wenn Sie bitten, mein Fräulein, bleibt mir keine andere Wahl. Die bloße Ritterlichkeit verbie⸗ tet mir, dieſelbe abzuſchlagen.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte Lucie, indem ſie 8* 116 einen forſchenden Blick im Saale herumwarf und ſezte dann mit geſenkter Stimme hinzu: „Wenn Sie noch einige Zeit in Breſt verweilen, ſo meiden ſie jede Berührung mit der Familie d'Eſtrier.“ „Mein Fräulein!“ rief Wilhelm beinahe erblei⸗ chend. „Ich weiß, was ich von Ihnen begehre, iſt ein großes Opfer,“ entgegnete Lucie;„aber Sie haben verſprochen, es mir zu bringen, und Sie werden Wort halten, beſonders wenn ich hinzuſeze, daß es ſich dabei um das Wohl eines Menſchen handelt.“ „Ach, mein Fräulein, Sie wiſſen nicht, was Sie fordern!“ 1 „Ja, ich weiß es,“ antwortete Lucie ſchwer auf⸗ athmend,—„und dennoch kann ich nicht anders⸗ handeln. Ich habe nur noch einen Wunſch, daß das Schickſal Sie niemals wieder auf Ihrem Wege mit Jemand, der meiner Familie angehört, zuſammen⸗ führen möge.“. „Sie wünſchen alſo....“ „Daß wir einander niemals mehr begegnen.. „Sie erlauben wohl, daß....“ „Daß Sie Eſtelle Lebewohl ſagen,“ fiel Lu⸗ cie ein. „Ja, aber Sie müſſen ihren Abſchiedsbeſuch ganz kurz machen.“ Lucie neigte das Haupt mit einem Blick ſo freundlich und ſo ſeelengut, daß der Eindruck davon Wilhelm durch alle Kämpfe, welche er auszufechten hatte, begleitete. 8 117 Als ſie ſich entfernt hatte, ſchlich Wilhelm davon, ohne erſt Eſtelle zuvor aufgeſucht zu haben. XVI. Mit langſamen Schritten zog er vom Hotel Ou⸗ trouville ab. Er überdachte, was geſchehen war. Er ſuchte ſich, wiewohl vergeblich, Luciens Benehmen zu erklären. Warum hatte ſie gewollt, daß er nicht eſſen ſollte? Es konnte dafür nur ein Grund vorhanden ſein, und gerade dieſer war undenkbar, denn wem konnte Et⸗ was daran liegen, ihn um's Leben zu bringen? Eſtelle's Mann? Unmöglich! dann müßte er ja eiferſüchtig ſein; aber in ſeinem ganzen Verhal⸗ ten lag Nichts, was zu einer ſolchen Vermuthung Anlaß gab. Eſtelle war im Beſiz aller möglichen Freiheit. Warum ſollte des Grafen Eiſerſucht ge⸗ rade gegen Wilhelm gerichtet ſein, welcher, wie man auch die Dinge betrachten mochte, der mindeſt Ge⸗ fährliche ihrer Anbeter war, da er unverzüglich Breſt verlaſſen ſollte und aller Wahrſcheinlichkeit nach nie mehr mit ihr zuſammentraf. Vergeblich grübelte Wilhelm über die Löſung die⸗ ſes Räthſels. Während er ſich damit förmlich den Kopf zerbrach, erhielt er einen leichten Schlag auf die Schulter, und eine muntere Stimme rief: „Nun, mon cher, haben Sie die Behauſung der Sirene bereits verlaſſen? Was konnte Sie dazu beſtimmen?“ 118 „Vermuthlich daſſelbe, Marquis, was Sie 94. anlaßte, ein Gleiches zu thun,“ antwortete Wilhelm. Saint Sue nahm ſeinen Arm und ſagte lachend: „Nicht wahrſcheinlich. Sie ſind wahnſinnig in die kleine gelbe Hexe verſchoſſen; ich dagegen kann dieſelbe nicht ausſtehen. Somit können wir nicht von denſelben Motiven geleitet werden.“ „Wer weiß? Sie haben ſich dort nicht unter⸗ halten, und traten deßhalb den Rückzug an; ich... „Sie ſind allzu ſehr begünſtigt, um ſich nicht un⸗ terhalten zu haben,“ fiel der Marquis ein. „Das iſt ein Irrthum, ich bin nicht im Minde⸗ ſten begünſtigt.“ „Nicht!“ rief Saint Sue aus vollem Halſe la⸗ chend.„Mein Freund, Sie ſind viel zu jung, und ich viel zu alt, als daß Sie mir eine Finte vorma⸗ chen könnten; darum ſage ich Ihnen ganz aufrich⸗ tig, daß Sie in großer Gunſt bei Madame d'Eſtrier ſtehen, daß.... „Ihr Mann eiferſüchtig geworden iſt,“ fiel ihm Wilhelm in's Wort, vor lauter Ungeduld, durch Saint Sue einiges Licht in der Finſterniß zu erhal⸗ ten, wovon die Ereigniſſe des Mittags für ihn um⸗ geben waren. „Sind Sie verrückt!“ rief Saint Sue.„Dieſe Fleiſchmaſſe eiferſüchtig!“ „Iſt es dieß nicht, was Sie ſagen wollten?“ „Ganz und gar nicht. Hätten Sie mich ausreden laſſen, ſo würden Sie etwas ganz Anderes gehört haben.“ „Verzeihung, Marquis, in bin ganz Ohr.“ „Das glaube ich wohl, beſonders wenn das, was — — 119 ich zu ſagen habe, auf eine angenehme Weiſe Ihrer Eigenliebe ſchmeicheln muß. Nun wohl, mein jun⸗ ger Freund, Madame d'Eſtrier hat ein ſo lebhaftes Intereſſe für Ihre Perſon, daß Keiner von deren Anbetern ſich ſolcher Gunſt rühmen könnte. Das hat zur Folge gehabt, daß ihre Schwägerin, Fräu⸗ lein d'⸗Outrouville, mit ihren ſtrengen Begriffen vom Kloſter her, unruhig geworden iſt und....“ Der Marquis brach ab und ſezte mit gleichgül⸗ tigem Tone hinzu:„Wir machen eine Promenade nach dem Hafen.“ 3 Und damit begann er, eine moderne Melodie zu trällern. „Warum haben Sie Ihren Saz nicht vollendet?“ fragte Wilhelm. „Weil Sie das ſelbſt thun können.“ Eine geraume Weile wandelten ſie ſchweigend neben einander her. Endlich bemerkte Wilhelm: „„Ich ſuche vergebens zu errathen, womit Sie dhhren abgebrochenen Gedanken zu ſchließen gedach⸗ en.“ „Wirklich! In ihrem Lande muß man viel Herz, viel Muth, aber ungeheuer wenig von dem beſizen, was wir presence d'esprit*) nennen, ſonſt würden Sie wohl begriffen haben, daß der Bitte von Fräu⸗ lein dOutrouville an Sie, die Familie d'Eſtrier nicht mehr zu beſuchen, irgend eine Urſache zu Grunde liegen mußte.“ „Wie, Marquis, Sie wiſſen alſo....“ 6„Ich weiß Alles, denn ich ſehe und höre mehr *) Geiſtesgegenwart. 120 als Andere; und ſo iſt mir auch bekannt, daß Lucie Ihnen das Verſprechen abgenommen hat, allen An⸗ gehörigen der Familie d'Eſtrier auszuweichen, und darum geſchah es auch, daß Sie ſo eilig ſich ent⸗ fernten,— Sie ſind allzu ritterlich geſinnt, um nicht die Bitte einer jungen Dame zu erfüllen.“ Wiederum entſtand eine Pauſe. Der Marquis hatte dem Gedankengang Wilhelms eine neue Richtung gegeben. Sollte Alles zuſam⸗ men, die warnende Stimme bei der Einladung, bei der Tafel, die Bitte nach dem Mahle nur eine Finte geweſen ſein, deren ſich Lucie bediente, um ihn von Eſtelle zu entfernen? Während Wilhelm ſich dieſe Fragen vorlegte, ohne ſie beantworten zu können, begann der Mar⸗ quis wieder: „Fräulein d'Outrouville wünſcht ihren Bruder vor dem Spielen einer Rolle zu bewahren, welche ihm ganz unwillkürlich zufallen müßte. Sie will, gleich einem ſchüzenden Engel, Alles entfernen, was ſein Debut in derſelben möglicher Weiſe beſchleunigen könnte. Sie ſieht nicht ein, das arme Kind, daß das Schickſal den Grafen zu dem beſtimmt, was er werden ſoll. „Marquis, Sie äußern ſich da ſehr unbedchatſam und ohne einen annehmbaren Grund für Ihre Be⸗ hauptung zu haben, daß Frau von Eſtrier ſich für meine geringe Perſon intereſſire, darum....“ „Wiſſen Sie doch, daß es ſich ſo verhält, wenn Sie aus Zartgefühl es nicht zugeben wollen.“ „Sie beleidigen Frau von Eſtrier.“ „Gewiß nicht, cher baron; ich geſtehe ihr bloß 121 4α guten Geſchmack zu. Es ehrt ſie, daß Sie Ihnen den Vorzug gegeben hat. d „Sie ſind allzu artig, Marquis; aber wenn dem ſo wäre, verſtehe ich nicht....“ „Warum Fräulein d'Outrouville mich zuerſt in einem Briefe erſuchte, Sie von dem Diner zurück⸗ zuhalten, und hernach durch ein Verſprechen von Ihnen ſelbſt jeder Berührung zwiſchen Ihnen und Madame d'Eſtrier ein Ziel ſezte. Ich glaube, dieß Alles bedarf, um es begreiflich zu finden, keiner wei⸗ tern Erklärung.“ „Die Einmiſchung des Fräuleins ſcheint mir aber im höchſten Grade ungebührlich.“ Wilhelms Ausſehen bewies, wie mißvergnügt er war. Saint Sue warf einen ſchnellen Blick auf ihn und ſagte ſcherzend. „Im Ganzen denke ich gerade ſo wie Sie, und ſehe auch ein, daß es für Sie verdrießlich ſein muß, nicht mehr die Geſellſchaft der Zauberin zu genießen, ſondern ſtatt deſſen genöthigt zu ſein, mit mir her⸗ umzuziehen. Doch Scherz bei Seite! Madame d'Eſtrier lieben, heißt ſich in's Unglück verlieben; darum müſſen Sie dem Fräulein d'Outrouville, welche Sie davon erretten wollte, dankbar ſein und den Dämon vergeſſen, welcher früher oder ſpäter Sie in's Ver⸗ derben gelockt hätte. „Das Erſtere iſt vielleicht möglich, aber das lez⸗ tere unausführbar. Frau von Eſtrier vergißt man niemals.“ „Sind ſie ſchon ſo bedenklich ergriffen? Das würde mir leid thun. Doch, ein Sturm auf der 122 See, und die Kugeln der Engländer werden den Eindruck, welchen ſie hervorgebracht hat, verjagen.“ „Warum ſind Sie denn ſo erbittert auf die⸗ ſelbe?“. „Darum, weil ich niemals für den Böſen und ſeinen Anhang eine Vorliebe gehabt habe. Sie müſſen doch ſehen, daß ſie mit dem Fürſten der Hölle verwandt iſt.“ „Marquis!“ fiel Wilhelm mißbilligend ein. „Ah bah, es verlohnt ſich nicht der Mühe, deß⸗ halb in Zorn zu gerathen. Glauben Sie mir, ich kenne dieſelbe, und es liegt Wahrheit in meiner Be⸗ hauptung. Wiſſen Sie, womit dieſe Frau Aehnlich⸗ keit hat? Mit einer üppig reizenden, aber giftigen Frucht. Man ſieht ſie; man wird von einem hefti⸗ gen und leidenſchaftlichen Wunſch ergriffen, ſie zu beſizen; aber ſtreckt man die Hand darnach aus, ſo trifft man auf Unglück oder Tod.“ „Wollen Sie damit ſagen, daß Frau von Eſt⸗ rier's ſchönes Aeußere ein ſchlechtes Herz verberge?“ „Gewiß nicht; ſie hat gar kein Herz, weder ein gutes noch ein ſchlechtes.“ „In ſolchem Fall ſind aber die Befürchtungen von Fräulein d'Outrouville überflüſſig.“— „Sie haben Recht; aber Fräulein Lucie denkt ſo: Dieſes Herz, welches bisher ſo kalt erſchien, kann zu Leben und Wärme erwachen, kann in Feuer und Flammen gerathen. Was werden die Folgen davon ſein? Ein Unglück, dem ich vorbeugen muß.— Vielleicht hat ſie Recht, denn wenn ich mir dieſe Frau verliebt denke, faßt mich ein Schwindel an.“ 123 Der Marquis blieb ſtehen und ſah auf die See hinaus. „Eine thörichte Vorſtellung,“ ſezte er hinzu, ſich wieder in Marſch ſezend.„Sie weiß nicht, was Liebe iſt, und wird es niemals verſtehen.“ „Sie thun ihr wiederum Unrecht,“ fiel Wilhelm ein.„Ich glaube....“ „Tralala, lala.... ich glaube auch, daß wir hdeinent oder zwei Tagen wieder von Breſt fort ſind.“ Und damit begann der Marquis von etwas An⸗ derem zu reden. Es iſt ungewiß, wie weit Wilhelm auf das hörte, was ſein Freund ſprach. Unſer Held wanderte ſchweigend und nachdenklich an ſeiner Seite dahin. Er war erbittert auf ſich ſelbſt und das Verſprechen, das er gegeben hatte; auf Lucie, welche es ihm ab⸗ gelockt hatte, auf den Marquis, welcher ſo leicht⸗ ſinnig redete. Bisher hatte Wilhelm nicht gewußt, was ein heftiger, ein gewaltſamer Wunſch ſagen will; nun aber empfand er einen ſolchen. Gern hätte er alles Mögliche geopfert, um Eſtelle noch einmal zu treffen. in verworrenes Chaos wogte in ſeinem Innern. 1 Er glaubte ihre ausdrucksvollen Blicke auf ſich ge⸗ richtet zu ſehen. Im Gedächtniß rief er ſich Alles zurück, was Saint Sue's Behauptung, daß er ein Günſtling der ſchönen Frau ſei, bekräftigen konnte, und verdammte jezt ſeine Unbedachtſamkeit, durch ein Verſprechen ſich von ihr getrennt zu haben. Ohne dieſes hätte er ſie täglich ſehen und in ihren Augen 124 Alles leſen können, was er jezt daraus zu erfahren wünſchte. Dieſe Gedanken waren ganz und gar nicht dazu geeignet, Wilhelm zu einem angenehmen Geſellſchaf⸗ ter zu machen. So trennte ſich alſo Saint Sue bald von ihm, und Wilhelm begab ſich an Bord ſei⸗ nes Schiffs, um nach beſtem Vermögen ſein zwan⸗ zigjähriges Herz zu quälen. Eſtelle war die erſte Frau, welche auf ihn einen tiefern Eindruck gemacht hatte; die erſte, welche ſeine Gedanken anzog und ſeine Phantaſie beſchäftigte. Es darf darum nicht Wunder nehmen, wenn er ſich von Etwas, wie Fieberwahnſinn ergriffen fühlte, beſonders wenn man erwägt, daß der Gegen⸗ ſtand ſeines Wohlgefallens von ſo eigenthümlicher Schönheit und in jeder Hinſicht ungewöhnlich war. Die Gefühle der Jugend ſind im Allgemeinen heftig, trozig und unbändig. Sie dulden keinen Widerſtand. Sie wollen von Hinderniſſen für ihre Wünſche Nichts wiſſen; Nichts von dem reden hö⸗ ren, was ſtörend auf deren Freude wirkt. Wilhelms fiebernder Enthuſiasmus für Eſtelle hatte bis jezt eitel Behagen in ſich geſchloſſen. Er hatte einen Genuß darin gefunden, ſie zu ſehen und zu hören, Gedanken und Blicke mit ihr auszutauſchen, ſich von dem Ausdruck in den leztern geſchmeichelt zu fühlen, für die erſtern ſich zu intereſſiren. Mit einem Wort, ihre kurze Bekanntſchaft war ſo angenehm geweſen, daß ſie weder für Reflexionen, noch für Wünſche Raum gelaſſen hatte. Die Zukunft war Etwas, was für ihn nicht exiſtirte, und der Augenblick allzu ver⸗ „ G 88————— 88— 2 125 führeriſch, um eine Beſchäftigung mit etwas Ande⸗ rem zuzulaſſen. Nun aber kamen die Ereigniſſe vom Mittag, kam Luciens Einmiſchung in die Sache, um ſtörend auf dieſe Harmonie zu wirken. So lang er glaubte, das junge Mädchen wünſche einer Unannehmlichkeit für ihn vorzubeugen, hatte er nicht an das von ihm gebrachte Opfer gedacht; aber jezt, da er die ſchö⸗ nen blauen Augen nicht mehr den ſeinigen begegnen ſah, da ihm nur die Erinnerung an das, was ſie von ihm gefordert hatte, und die Ueberzeugung ge⸗ blieben war, daß er ein Spielball für Luciens Scheinbeſorgniſſe geweſen, da ſah er ſich den ange⸗ nehmen, den entzückenden Gefühlen, die er bisher empfunden hatte, entrückt und in einen Wirbel ganz anderer geworfen. Eſtelle nicht mehr wie früher täglich ſchauen zu können, erbitterte ihn und gab ſeinem Sinn eine ganz andere Stimmung, als er bisher gehabt hatte. In Wilhelms Innerem erwachten fremdartige und ſtarke Gefühle, welche vorher geſchlummert hatten. Es war eine Ahnung, daß auch ſeine Seele eines Tages der Tummelplaz wilder und heftiger Kämpfe werden ſollte.— XVII. Der Abend hatte den Tag abgelöst und ſtand auf der Schwelle der Nacht, und wir finden im Hotel Outrouville Lucie in einem der Gemächer des 126 Grafen d'Eſtrier, welche über denen von Eſtelle ge⸗ legen waren. Eine Alabaſterlampe erhellte nur ſchwach das Kabinet, worin die beiden Halbgeſchwiſter ſich be⸗ fanden. Lucie lehnte ſich an den Kamin, der Graf ſaß in einem Fauteuil. Das Ausſehen der jungen Dame bewies, daß ſie in heftiger Aufregung ſich befand, obwohl ſie ihren Kopf mit edler Würde trug. Ein tiefer Ernſt weilte auf ihrer Stirne. Sie hatte eben ausgeredet. „Iſt das Alles, was Du mir zu ſagen haſt?“ fragte der Graf kurz und kalt. „Ja, Alles.“ „In dieſem Fall iſt Nichts weiter hinzuzuſezen. Wir können uns trennen.“ Der Graf machte eine Bewegung, als ob er ſich erheben wollte. Er gähnte. 1„Du haſt mich nicht verſtanden. Charles, da Du ſo reden kannſt, wie Du eben thuſt. Ich habe ge⸗ ſagt, daß ich nicht eher von hier weggehe, als bis Du mir verſprochen haſt, was ich begehre.“ „Das iſt überflüſſig. Ich verabſcheue Ver⸗ ſprechungen.“ „Bedenke Dich! Treibe mich nicht zum Aeußer⸗ ſten!“ Der Graf erhob ſich langſam, gähnte wiederum, und ſagte dann: „Zu Ende dieſer Woche ſegeln wir nach Weſt⸗ indien. Gute Nacht!“. Er war im Begriff das Zimmer zu verlaſſen, 127 aber Lucie ſprang vor, ergriff ſeinen Arm und rief mit beinahe befehlender Stimme: „Halt! Dein Wort oder....“ Der Graf ſchaute auf ſie mit derſelben Miene herab, womit die überlegene Stärke immer auf die Schwachheit ſieht, wenn ſie ſich zum Widerſtand er⸗ heben will. „Aus dem Wege, Kind; ich gebe kein Verſprechen.“ Der Graf legte die Hand auf das Schloß. „Dann, Graf d'Eſtrier,“ ſagte Lucie kalt, werde ich ausführen, was ich geſagt habe.“ Lucie ging nach der entgegengeſezten Thüre, um das Zimmer zu verlaſſen. Als ſie dieſelbe erreicht hatte, fühlte ſie ſich von zwei ſtarken Händen um den Leib gefaßt und in das Kabinet zurückgehoben. Der Graf murmelte: „Wurm, ich könnte Dich zertreten!“ „Nein, das könnteſt Du nicht, denn wir ſind Kin⸗ der derſelben Mutter,“ erwiederte Lucie und wandte ihm ihr ſchönes und edles Angeſicht zu. Der Graf kreuzte die Arme über der Bruſt und betrachtete ſie mit einem ſeelenloſen Blick. „Warum haſt Du mich gehindert, fortzugehen?“ fragte Lucie und ſah ihm feſt in die Augen. „Darum, weil Du drohteſt.“ „Ich drohe nicht; ich werde nur den Streich führen, wenn Du Dich beharrlich weigerſt, mir das Verſprechen zu geben, das Du mir ſchuldig biſt.“ Schweigend reichte ihr der Graf die Hand. „Dein Handſchlag genügt mir kici⸗ „Du haſt mein Ehrenwort darauf, daß ich Dein eegehren erfüllen werde.“ 128 „Gut! Ich will darauf vertrauen.“ „Das kannſt Du. Ich habe noch nie ein Wort gebrochen.“ Etwas, das einem Lächeln glich, kräu⸗ ſelte ſeine Lippen, als er hinzuſezte:„die Ver⸗ ſuchung, dieſes zu brechen, iſt nicht ſo gar groß. Das Schickſal hat dießmal einen Bund mit mir ge⸗ ſchloſſen.— Gute Nacht!“ Der Graf verließ das Zimmer. Lucie blieb un⸗ beweglich ſtehen und ſah ihm nach, indem ſie unwill⸗ kürlich flüſterte: 5 „Wo oder wie werde ich die Löſung dieſes un⸗ heimlichen Räthſels finden?“ Sie faltete die Hände und ſezte hinzu:„Gott ſteh' mir bei! Vielleicht werde ich ſelbſt als Opfer davon fallen. Dein Wille geſchehe, Vater dort oben!“ XVIII. Am folgenden Morgen, als Wilhelm noch im Schlafe lag, kam ein Bote vom Admiral, welcher ſich ans Land begeben hatte, und überbrachte ihm die Aufforderung, noch Vormittags bei demſelben ſich einzufinden. Unſer Held wurde auf ſolche Art aus dem ſüßen Schlummer geweckt, in den er verſenkt geweſen war, und der ihm Eſtelle's bezauberndes Bild im Far⸗ benſpiel der Phantaſie noch verführeriſcher gezeigt hatte, als da ſein waches Auge in ihr Angeſicht ſchaute. Er ſtieg um zehn Uhr ans Land, um dem Ruf des Admirals Folge zu leiſten. Graf dOrvilliers 129 empfing ihn aufs Herzlichſte und theilte ihm mit, daß eine Fregatte ſchon in ein paar Tagen nach der nordamerikaniſchen Station abgehen würde. Zu⸗ gleich ſchlug er ihm vor, an Bord derſelben die Ueberfahrt zu machen, da es einmal in ſeinem Plane gelegen wäre, dorthin zu gelangen. Graf d'Orvilliers drückte ſofort ſein großes Be⸗ dauern aus, daß es ihm nicht vergönnt wäre, einen jungen Mann, der in ſo hohem Grad, wie Wilhelm ſeine ungetheilte Achtung erworben hätte, bei ſich zu behalten. Er erſuchte Wilhelm, bei der Ankunft an ſeinem Beſtimmungsort dem Grafen d'Eſtaing einen Brief zu übergeben, den er ihm bei dieſen Worten zuſtellte. Wenn eine Bombe zu Wilhelms Füßen geplazt wäre, hätte er nicht in größere Beſtürzung gerathen können, als es jezt der Fall war, da er dieſe Mit⸗ theilung erhielt. Er hatte allerdings an ſeine Ab⸗ reiſe von Breſt gedacht und davon auch geredet, aber dieß war ganz flüchtig geſchehen, denn ſein Hauptintereſſe war ausſchließlich Eſtelle zugewendet. Alles, was ſich ſeit ſeiner Ankunft in Breſt zu⸗ getragen hatte, war auch ganz dazu geeignet ge⸗ weſen, ſeine Gedanken an die Abfahrt nach Nord⸗ amerika in den Hintergrund zu drängen, obwohl dieſelbe das Hauptziel ſeiner Reiſe geweſen war. Jeder Tag, welcher verging, hatte mit dem Reiz der Neuheit ſeine Seele gefeſſelt, ſo daß die Zeit, welche kommen ſollte, ihm ganz aus dem Sinne chwand. Die Theilnahme an der Schlacht, die glückliche Gabe der Jugend, ſich in die Verhältniſſe, worein Schwartz, Wilhelm Stiernkrona, I. 9 13⁰ ſie verſezt wird, ſchnell hineinzuleben, hatte bewirkt, daß der Augenblick ſein ganzes Dichten und Trachten in Anſpruch nahm. Vielleicht hatte jene Kraft, welche des Lebens Licht und Seele, die Schöpferin des Heiligthums iſt, worin der Menſch mit gebeugtem Knie die Inſpiration für das, was ſchön und edel iſt, empfängt, die Liebe ihn am meiſten vergeſſen laſſen, daß ſein Platz nicht in Breſt, ſondern auf der andern Seite des Oceans war. Darum fühlte er ſich auch ganz beklemmt ums Herz, als der Admiral ſagte: „In zwei Tagen ſegelt die Fregatte ab.“ In zwei Tagen ſollte er nicht allein von Eſtelle, von der Ausſicht, eine Antwort auf ſeines Herzens unruhige Frage zu erhalten, ſondern auch von der Möglichkeit getrennt ſein, ſich eine Löſung des Räth⸗ ſels, welches Luciens Benehmen in ſich ſchloß, zu verſchaffen. In zwei Tagen ſollte er alſo von dem Hauptgegen⸗ b ſtand des Gemäldes geſchieden ſein, welches ſeine Phantaſie ſo voll Sonnenlicht, Freude und Glück⸗ ſeligkeit ausgemalt hatte. In zwei Tagen ſollte die Nothwendigkeit, die Pflicht, oder wie die unerbittlichen Zerſtörerinnen unſerer Jugendträume auch heißen mögen, ſein Phantaſiegebilde verwiſchen und mit einem„Taugt nichts“ alle ſeine Illuſionen niederſchlagen. Die Farben waren allzu roſenroth und himmelblau ge⸗ weſen, als daß nicht hohnlächelnd die Wirklichkeit ihnen das Verdammungsurtheil ſprach. 1 Hat der Künſtler— der Menſch— bei ſolchen Vorfällen den Muth, den Klagen des Miß⸗ 131 vergnügens ſein Ohr zu verſchließen, und ein neues Gemälde anzufangen, dann iſt Hoffnung, daß mit der Zeit noch Etwas aus ihm werden kann. Niedergeſchlagenen Herzens kehrte Wilhelm an Bord zurück und begab ſich in ſeine Kajüte, ohne mit Jemand zu reden. Erſt als das Mittagsmahl aufgetragen wurde, fand er ſich im Geſchüzraum ein. Jeder ſeiner Kameraden erkannte, daß irgend eine unangenehme Vorſtellung ſeine Seele beſchäf⸗ tigte. Auf dem lächelnden Angeſichte lag ein Schat⸗ ten. Die offenen und lebhaften Augen ſchauten ge⸗ dankenvoll und ernſt vor ſich hin. Man fragte ſogleich, ob er eine mißliebige Kunde bei ſeinem Beſuch bei dem Admiral erhalten hätte. Wilhelm verſicherte, das was ihm zu wiſſen ge⸗ than worden, ſei gerade das Gegentheil. In zwei Tagen werde die Fregatte abgehen, welche nach Nordamerika beſtimmt wäre, und an deren Bord er ſich einſchiffen ſollte. Da gebe es für ihn wieder Gelegenheit, die Wechſelfälle der See und des Kriegs zu erproben.— In wenigen aber warmen Worten dankte er ſeinen gegenwärtigen Kameraden für die Freund⸗ ſchaft, welche ſie ihm während ſeines kurzen Be⸗ ſuchs an Bord erwieſen hätten. Die Erinnerung daran, verſicherte er, werde er als eines der hei⸗ ligſten Beſitzthümer ſeines Lebens bewahren. Seine Stimme bebte ein wenig bei dem Ge⸗ danken an das, was er eigentlich verließ. Mit franzöſiſcher Lebhaftigkeit wünſchte man ihm Glück zu der Ausſicht, zu dem Grafen dang zu 132 kommen, welcher dafür Sorge tragen würde, daß er nicht unthätig bliebe. Saint Sue betrachtete ſeinen neuen Freund mit Aufmerkſamkeit und erkannte ſehr richtig, daß die Vorſpiegelung künftiger Ehre ihn jezt über den Verluſt der Frau, welche ſein Herz ſo völlig be⸗ herrſchte, nicht zu tröſten vermochte. Deſſen unge⸗ achtet war er einer der Beredteſten, als er nicht blos Wilhelm, ſondern auch ſich ſelbſt Glück wünſchte, Breſt verlaſſen zu können. Obwohl Wilhelm den Tag gern einſam mit ſeinem eigenen Ich zugebracht hätte, ließ ſich das doch nicht machen. Saint Sue und Alle, welche mit der Fregatte abgehen ſollten, mußten an einem Ab⸗ ſchiedsmahle Theil nehmen, welches ihnen zu Ehren gegeben wurde. XIX. Am nächſten Morgen hatte Wilhelm ſo Mancherlei zu beſorgen, was den ganzen Vormittag ſeine Zeit in Anſpruch nahm, namentlich auch ſeine Habſelig⸗ keit an Bord ſeiner neuen Behauſung, der Fregatte, zu ſchaffen. Eſtelle war den Tag über ſehr unruhiger und gereizter Laune. Gegen Mittag machte ſie mit Lucie die gewöhnliche Promenade, jedoch ohne Je⸗ mand zu begegnen. So kehrte ſie wieder heim, in noch ſchlimmerer Stimmung, als ſie ausgegangen war. Wilhelms Name wurde von den beiden jungen Frauen nicht genannt; aber es lag Etwas in Eſtelle's 0 133 dunklen Augen, was den deutlichen Beweis lieferte, daß Gefühle von nicht gerade mildem Charakter ſie beherrſchten. Am Nachmittag ſaßen Lucie und ſie im Garten. Eſtelle war zu der Marquiſe von D. eingeladen, hatte aber beſchloſſen, daheim zu bleiben. Die Ka⸗ valiere, die ſonſt ihren Hofſtaat ausmachten, und ſämmtlich auch zu dem Geſellſchaftskreiſe der Mar⸗ quiſe gehörten, waren dorthin geeilt, um der Herrſcherin aufzuwarten. Sie war demnach ganz allein mit Lucie. „Die Fregatte, welche nach der nordamerika⸗ niſchen Station beſtimmt iſt, ſoll ſchon morgen unter Segel gehen,“ begann Lucie, ohne von ihrer Stickerei aufzuſehen. Morgen!“ rief Eſtelle und warf ihr Buch von ſich. a 44 S 7 △ „Ja. „Wer hat es Dir geſagt?“ „Saint Sue, welcher auch mitgeht.“ Eſtelle riß einige Blätter von einem Strauch neben ihr ab und zerzupfte ſie zwiſchen den Fingern. „Lucie, warum hat Baron Stjernkrona uns geſtern ſo plötzlich verlaſſen?“ fragte Eſtelle mit er⸗ regter Stimme.„Du weißt es, denn er iſt ſogleich, nachdem er mit Dir geſprochen hatte, verſchwunden.“ Eſtelle's Augen funkelten. „Ich habe ihn gebeten, ſich zu entfernen,“ ant⸗ wortete Lucie ruhig, obwohl ihr Angeſicht eine höhere Färbung annahm. „Du haſt ihn gebeten!“ rief Eſtelle aufſpringend. 6„Den Grund, den Grund, ſage mir ihn aber n — ell! Wußteſt Du denn nicht, daß ſein Anblick 134 für mich daſſelbe war, was die Strahlen des Tages für die Erde ſind?“ „Ja, ich wußte es, und da haſt Du den Grund für meine Handlungsweiſe. Gſtelle, ich habe an ihn die Forderung geſtellt, Jedermann, der zur Familie d'Eſtrier gehört, auszuweichen.“ Bei dieſen Worten ſah Lucie von ihrer Arbeit auf und ſezte, ihre Augen auf Eſtelle richtend, hin- zu:„ich hätte das ſchon viel früher thun ſollen.“ „Und warum, warum?“ rief Eſtelle, indem ſie Luciens beide Hände faßte und krampfhaft drückte. „Der Marquis Saint Sue! Baron Stjernkrona 17 meldete man in dieſem Augenblick. Eſtelle ließ Luciens Hände los und wandte ſich gegen die Ankömmlinge. Der Ausdruck in ihrem Angeſicht war verändert. Es flammte vor Freude, während ihre Lippen noch von der Gemüthserregung zitterten. Der Blick, womit Wilhelm ſie heute begrüßte, verkündigte allzu laut und ehrlich, was ſein Herz empfand, um nicht Eſtelle darüber aufzuklären, daß er kam, um Lebewohl zu ſagen. „Welch' ein Glück, Madame, daß Sie dieſen Abend nicht die Marquiſin D. beſucht haben,“ nahm Saint Sue das Wort.„Es wäre uns ſonſt nicht vergönnt geweſen, unſere Verzweiflung zu Ihren Füßen niederzulegen. Wir haben Ordre erhalten, ſchon morgen von Breſt abzuſegeln.“ „Sie kommen alſo, mein beſter Marquis, um Abſchied zu nehmen?“ erwiederte Eſtelle, indem ſie Saint Sue zulächelte und hinter dieſem Lächeln den 135 ſchmerzlichen Eindruck ſeiner Worte zu verbergen ſuchte. „Ja, Madame.“ „Marquis, wir ſcheiden doch wohl als Freunde?“ fragte Eſtelle, ihm die Hand reichend. Die verwöhnte Frau war von einer ſolchen Unruhe beherrſcht, daß ſie ein lebhaftes Verlangen empfand, freundlich zu ſein. „Madame, nahe oder ferne, bin ich immer der⸗ ſelbe,“ erwiederte Saint Sue und ergriff die darge⸗ botene Hand, welche er artig küßte. Dann ſezte er mit Nachdruck hinzu:„Wir können nicht als Freunde ſcheiden, weil wir bis zum Grabe Feinde bleiben müſſen.“ Der Marquis wandte ſich darauf zu Lucie, und Eſtelle ſagte zu Wilhelm, ohne die Augen zu ihm zu erheben: „Sie reiſen,— reiſen weit, weit fort von hier?“ „Ja, Madame,“ antwortete Wilhelm, indem er ſich an ihre Seite ſezte.„Daß der Abgang von Breſt mir ſo bitter werden ſollte, habe ich nicht ge⸗ ahnt, als ich hier ankam.“ „Wenn er ſo bitter iſt, warum reiſen Sie dann?“ fiel Eſtelle haſtig ein, jedoch ohne aufzuſehen. „Die Pflicht zwingt mich, Madame,“ antwortete Wilhelm und ſezte dann mit gedämpfter Stimme hinzu:„Einmal, es war am erſten Abend, da ich das Glück hatte, mit Ihnen zu ſprechen, ſagten Sie, wir ſchwache Sterbliche laſſen uns mehr oder weniger von unſerem Egoismus leiten und wenden uns all⸗ zeit dem zu, was uns die größte Freude verſpreche. Ich ſuchte Ihnen damals mit Worten das Gegen⸗ 136 theil zu beweiſen. Jezt, Madame, ſtehe ich im Be⸗ griff dieſen Beweis durch die That zu führen. Ich reiſe, und ich werde Sie nie wiederſehen...“ „Nie!“ wiederholte Eſtelle mit einer Stimme, bei welcher Wilhelm das Herz erbebte. Sie ſah ihn jezt zum erſten Mal an. Der Gott der Liebe weiß, was der Blick ſagte; was wir wiſſen, iſt, daß der Wiederſchein davon gleich einer dunkelrothen Flamme auf Wilhelms Stirne ſichtbar wurde. Der Anſtifter aller Thorheiten, der kleine be⸗ flügelte Schelm, flüſterte Wilhelm in dieſer Sekunde etwas recht Wahnwitziges zu, welches eben auf ſeinen Lippen ſchwebte, als, zum Glück für Wilhelm, Saint Sue ſich umwandte und erklärte, ſie müßten nun, ſo ſchmerzlich es ihnen auch fiele, den Damen das lezte Lebewohl ſagen, da ſie mit dem beſtimmten Glockenſchlag an Bord ſein wollten. Wie Wilhelm Abſchied nahm, was er dabei ſagte, ſtand ſpäterhin, wenn er es ſich ins Gedächt⸗ niß zurückzurufen ſuchte, nicht klar vor ihm. Er war allzu verwirrt und aufgeregt, um eine deutliche Erinnerung davon bewahren zu können. Was er dagegen niemals vergeſſen ſollte, war Eſtelle's Ge⸗ ſichtsausdruck, als er ihre Hand an ſeine Lippen führte, und die Stimme, womit ſie flüſterte: „Leben Sie wohl; wir ſehen uns— niemals wieder!“ Ebenſo unauslöſchlich war der Ausdruck von Luciens Blick, als ſie mit milder, lauter und klarer Stimme ſagte: „Möge Gott Ihr Beſchützer ſein!“ * 137 Frühe am folgenden Morgen lichtete die Fregatte die Anker, und neuen unbekannten Schickſalen ſchaukelte Wilhelm entgegen. Der friſche Seewind verwehte den glühenden Schwindel, welcher den Jüngling ergriffen hatte, und als er am erſten Abend an den Dahlbord ge⸗ lehnt in die dunkeln Wogen blickte, kam es ihm vor, als ſehe er Luciens Auge voll Milde und Freund⸗ lichkeit ihm entgegenſchauen. Nur eine Minute lang entzückte ihn das freundliche Bild, denn an ſeiner Seite ſtand immerdar eines, welches für ſeine Phantaſie und ſein Herz weit gefährlicher war. Doch ſollte die Erinnerung ſowohl an die Zau⸗ berin als an Lucie durch die Fluth der Ereigniſſe, welche ihn mit ſich fortriſſen, verdrängt werden. Wilhelm gehörte nicht zu der Zahl derer, welche in einer ſchwächlichen Empfindelei ihre Kräfte ver⸗ zehren. Es war ſehr wahrſcheinlich, daß auch er einmal heftig und tief lieben würde, ohne ſich jedoch dabei zum Sclaven ſeiner Leidenſchaften zu machen, ſo daß dieſe mit lähmender Gewalt auf ſeine Hand⸗ lungen einwirken würden. Nein, mit energiſcher Spannkraft ſollte Wilhelm den Kampf mit ſeinen (Leidenſchaften, Qualen, Unglücksfällen und Schmerzen beſtehen, und dabei ſeinen feſten Glauben, ſeinen friſchen Muth und ſeine warme Liebe zu Pflicht und Chre ſammt ſeiner unerſchütterlichen Ueberzeugung, daß er ſelbſt der Schöpfer ſeines Geſchicks ſei, bewahren.. Die Ereigniſſe mochten vielleicht das Gegentheil beweiſen, dieß war jedoch Etwas, das die Zukunft ſich vorbehalten hatte. 138 Als Eſtelle aus dem unruhigen, fieberhaften Schlummer erwachte, in welchen ſie nach dem Ab⸗ ſchied von Wilhelm verſunken, war die Fregatte und er ſchon weit draußen auf dem Atlantiſchen Ocean, und die ſchöne Frau die Beute einer Trauer, glei heftig, gleich wild und gleich unbezähmbar, wie alle ihre Gefühle. War Eſtelle's Leben bisher unter einem glück⸗ lichen und gedankenloſen Spiel mit den Gefühlen Anderer verfloſſen, ſo ſchien es nun, als ob alle Furien des Menſchenherzens auf den Einfall gekom⸗ men wären, mit ihr Kurzweil zu treiben. Doch heftiger Schmerz und heftige Freude gehen ja leicht vorüber. Vielleicht ſollte Eſtelle’s Trauer ebenſo ſchnell verſchwinden, als ihre Neigung für Wilhelm entſtanden war. Neue Gegenſtäͤnde und neue Intereſſen vermögen ſo viel. Nichts iſt ewig, was aus menſchlichen Leidenſchaften hervorgeht. XX. Unſer Held war alſo wieder auf der See, der unendlichen See. Hinter ſich hatte er die Hälfte ſeines beſſern Ich gelaſſen; ſo bildete er ſich wenig⸗ ſtens ein. Ueberſpanntheit in der Auffaſſung, in Gedanken und Gefühlen gehören der Jugend an. Die plözliche Trennung von Eſtelle kam ihm als ein Stillſtand in ſeinem Leben vor. Und in Wahrheit eine längere Seereiſe läßt ſich im Allgemeinen damit vergleichen. Man geht an Bord, man verläßt eine Stadt, 139 wo Menſchen in raſtloſer Arbeit verſammelt ſind und verſchiedenen Intereſſen leben. Sie drängen ſich durch einander, ſpringen um einander herum, ſtoßen ſich, ſchwazen, weinen und lachen, Alles unter Aus⸗ übung ihres täglichen Berufs. Gewinnſucht, Ehr⸗ geiz, Bedürfniß oder Armuth ſind die Motive, welche 38 Ameiſenhaufen in unaufhörliche Rührigkeit ezen. Man geht an Bord, die Segel ſchwellen, man gleitet ſachte dahin. Das Geräuſch vermindert ſich. Noch hört man gleichſam ein dumpfes Gemurmel, welches allmälig ſchwächer und ſchwächer wird. All⸗ mälig ſtirbt es hinweg. Man hört es nicht mehr. Die Umriſſe des Strandes werden undeut⸗ lich, verſchwimmen immer mehr in einander. Das Land nimmt eine dunkelgraue Färbung an, und zeigt ſich ſchließlich nur noch wie ein ſchmaler Streifen. Die Anhöhen verſchwinden in dem Azur des Him⸗ mels, und zulezt ſieht man nichts mehr. Alles iſt nun ſo ſtill und einſam. Warum ſagen wir nicht friedvoll? Alles, was geweſen, iſt ja wie ein Traum, man iſt auf der Seel Nach einiger Zeit erſcheint wieder ein dunkler Streifen. Man kommt näher und näher;— man unterſcheidet die Gegenſtände;— man hört ein un⸗ ruhiges Geſumſe, und in Kurzem befindet man ſich mitten unter denſelben Scenen, wie man ſie verlaſſen hat. Es iſt ein anderes Land, es ſind andere Sitten und andere Menſchen; aber daſſelbe Gelärm, daſſelbe Drängen und Arbeiten. Die See iſt eine Pauſe in dem Gewimmel des Lebens. Das Daſein, welches man an Bord eines 140 Schiffes auf einer längeren Reiſe führt, iſt in ſeiner Art und Weiſe ein Miniaturleben. Alle Gewohn⸗ heiten, welche früher die Hälfte unſeres Weſens ge⸗ bildet haben, werden abgelegt und getödtet; neue, einfachere und natürlichere werden angenommen. Wenn die Form, in welche man ſie gießen muß, diejenige iſt, welche die Lebensweiſe auf einem Kriegs⸗ ſchiff darbietet, ſo kann man völlig zufrieden ſein. Die See bietet demjenigen, welcher Sinn für das Großartige hat, ſo viel, was dem Nachdenken ſeine Richtung geben und Stoff zu Betrachtungen liefern kann. Wenn ſie ihre ebenmäßige, ruhige Fläche lächelnd und ſonnebeſchienen zeigt, gleicht ſie einem jugendlichen, noch nicht von Sorge oder wech⸗ ſelndem Geſchick beſchatteten Antliz. Wenn ſie im Sturm ihre Wogen rollt, ſtellt ſie ein Bild des in Todesqual ſich krümmenden, von Leidenſchaften und menſchlichem Elend gequälten Verbrechers dar. Das Leben auf einem Kriegsſchiff hat außerdem noch eine eigenthümliche Abwechslung, welche die Zeit nicht lang werden läßt. Die tägliche Dienſt⸗ verrichtung, der Umgang mit gebildeten Perſonen, welche aus verſchiedenen Weltgegenden Erfahrung und Erinnerung mit ſich bringen, Alles trägt dazu bei, das Leben nicht nur angenehm, ſondern auch nüzlich zu machen. Die Tage gehen ihren gleichmäßigen, gemüth⸗ lichen Gang. Das Meer rollt ſeine Wogen dahin, und der Schaum ziſcht am Bug. In der Ferne taucht ein koloſſaler Walfiſch aus der Tiefe auf, gleich einem alten, in der Abgezogenheit lebenden Philoſophen. Hie und da zwiſchen den ſich wälzen⸗ —————————4—.——— ——-——— 141 den Wogen, dicht deren Steigen und Fallen nach⸗ folgend, erſcheinen zahlreiche kleine Vögel, ohne Raſt und Ruhe, und jagen auf dem unermeßlichen Waſſer⸗ felde umher. Sie kommen hier ebenſo gut fort, wie die Lerche auf dem grünen Zweige. Dann und wann kommt ein Segel am Rande des Horizontes zum Vorſchein, nicht größer als das Staubkörnchen, das in den Strahlen der Sonne vor dem Auge ſchwebt, und dennoch eine kleine Welt für ſich bildend. Eines Abends, als im Weſten an dem geröthe⸗ ten Himmel die Sonne verſank, und Luna neidiſch und zornesbleich ihr kaltes Angeſicht über der blauen Tiefe erhob, ſaß Wilhelm und einige ſeiner Kamera⸗ den auf der Batterie, deren Pforten geöffnet waren. Der Mond warf durch dieſelben einige matte Strah⸗ len, welche ein myſtiſches Halbdunkel über den Raum verbreiteten. Einer der Officiere, in der ſchönen Provence, der Heimath des Geſangs geboren, hatte eben eines jener Lieder beendet, von welchen jeder Ton Liebe und Sehnſucht athmet. Ein Jeder, der ihn gehört hatte, fühlte ſein Herz von einer gewiſſen Trauer vibriren. Ein Gefühl von Wehmuth hatte ſich bei dem Laut von Tönen, welche das wiedergaben, was ſie ſelbſt in Worte zu kleiden nicht die Fähigkeit oder den Willen beſaßen, der jungen und kraftvollen Männer bemächtigt. Die Stimmung der Geſellſchaft war eine feierliche geworden. Dies war jedoch nicht in ihrer Meinung gelegen. Man wollte ſich noch eine Stunde die Zeit vertrei⸗ ben, ehe man in ſeine Koje ging. Mit dieſer Stim⸗ 142 mung in Moll konnte man ſich nicht trennen. Das ging nicht an. 3 Derſelbe Officier, der gegen ſeinen Willen dieſe Gefühle bei ſeinen Kameraden geweckt hatte, ſchlug darum vor, einen alten Oberkanonier, mit welchem er ſchon einige Mal die Wogen gepflügt hatte, in ihre Mitte zu berufen. Der Alte war als ein vor⸗ trefflicher Erzähler bekannt; vollgepfropft, wie man von ihm ſagen konnte, mit Geſchichten und Aben⸗ teuern, die er theils ſelbſt mitgemacht, theils von Andern erzählen gehört hatte. Der Vorſchlag wurde mit Entzücken aufgenommen und der Oberkanonier herbeigeholt. Es war ein Mann von fünfzig Jahren, breit⸗ ſchulterig und unterſezt, mit Armen wie Pfeiler und Fingern wie Schraubſtöcke. Sein Geſicht ſah aus wie gebeizte Birkenmaſer, gefurcht und ſtreifig von Wind und Wetter. Sein Blick glich dem Funkeln eines Solitärs, aber das Feuer in ſeinem Auge war ſchwarz. Das Weiße des Auges zeigte ſich niemals. Das Haar, wovon ein Büſchel über ſeine Stirne niederhing, war noch dunkel, obwohl hie und da kaum merklich mit Grau gemiſcht. Der Mund, un⸗ gewöhnlich klein und mit dünnen Lippen verſehen, hatte ein gutmüthiges Lächeln. Die ſcharfgekrümmte Naſe verlieh dem ganzen Geſicht etwas Vogelähn⸗ liches. Der Backenbart, welcher daſſelbe einfaßte, erinnerte an einen Berguhu; aber da es nicht ſehr voll war, ließ es ſich am beſten mit dem eines Fal⸗ ken vergleichen. Er war nach gewöhnlicher See⸗ mannsweiſe gekleidet. Weit umher auf vielen Meeren war er gefahren 143 und hatte Verſchiedenes geſehen, um das ihn Man⸗ cher, der Hang zum Romantiſchen hatte, beneidet haben würde. Von ſeinem achtzehnten Jahre an war die Meereswoge ſeine Heimath geweſen. Lebhaft in allen ſeinen Bewegungen, behend und ſtark, ſchienen ſeine Kräfte noch unvermindert. Ganz ungenirt ließ er ſich auf dem ihm darge⸗ botenen Stuhle nieder. An der Sicherheit, womit er das ihm gereichte große Glas Wein leerte und ſich dann unter den jungen Officieren umſah, konnte man wahrnehmen, daß er ſich nicht zum erſten Mal im Kreiſe derſelben befand. Er begann ſeine Erzählung wie folgt: „Was ich jezt erzählen will, kann ich nicht gut als wahr verbürgen, denn ich bin nicht ſelbſt Zeuge. davon geweſen, ſondern habe die Geſchichte von mei⸗ nem Vater gehört, als ich unter Herrn de la Jon⸗ quidre an Bord des Invincible war. Ich zählte damals zwanzig Jahre, und auf dem Schiffe war mein Vater und ich einregiſtrirt, er als Conſtabler, ich als friſcher Matroſe vom Vordermaſt. Es war die lezte Geſchichte, die ich von den Lippen des Alten hörte, denn er wurde den dritten Mai 1747, als wir durch den engliſchen Teufel Anſon auf der Höhe von Kap Finisterre genommen wurden, von einem Vierundzwanzigpfünder getroffen, und jählings zu der großen Muſterung da oben abgerufen. Mehr davon, wenn ich mit meiner Geſchichte zu Ende bin. „Friede inzwiſchen dem Alten, der jezt in der ſpa⸗ niſchen See liegt! Mein Vater hatte die Geſchichte von einem alten Seemann gehört, dem ſie ſeinerſeits in Weſtindien mitgetheilt worden war.“ 144 Der Oberkanonier leerte ein Glas Wein und fuhr dann fort: „Daß die Geiſter der Verſtorbenen auf der Erde umherwandern und auch ſogar über die See fahren, iſt Etwas, das ich durchaus nicht beſtreiten will. Ich ſelbſt habe zwar nichts dergleichen geſehen, aber glaubwürdige Seeleute und ernſte und nüchterne Burſche haben mir Dinge erzählt, bei welchen mir das Mark in den Knochen gerann und die Haare zu Berge ſtiegen; aber nun zur Geſchichte. „Der Mann, welcher dieſe Ereigniſſe erlebte, war ein engliſcher Seemann, mit Namen Ned Purvis. Er war kaum Matroſe geworden, und ſegelte auf einem Kauffahrer nach der Guineaküſte. Erſt ein Jahr war er auf der See geweſen. Dies war ſeine erſte größere Reiſe, und er machte ſie mit ſeinem Oheim, einem alten Mann von ſanfter Gemüthsart und ſehr beliebt bei der Mannſchaft. „Was Ned Purvis betraf, ſo war er ein leicht⸗ ſinniger, munterer Burſche, welcher, wenn ihm das Blut in Wallung kam, ſich weder vor Menſchen, noch dem Teufel fürchtete. Wenn er in einen Zank gerieth, ſo legte er auf das Blinken eines Meſſers, oder den Knall einer Piſtole kein ſonderliches Ge⸗ wicht. „Aber, wie eben geſagt, der alte Kapitän war mild von Wort und Herz, hatte ſeinen Brudersſohn lieb, und gab ſich über deſſen Feuer und Lebhaftig⸗ keit ſeinen eigenen Gedanken hin. „Sie ſegelten ſüdweſtlich, denn ſie ſollten Gewürze, koſtbare Oele und Gold einhandeln. „Als ſie England aus dem Geſicht verloren, be⸗ 145 kamen ſie günſtigen Wind und gutes Wetter bis zum ſiebenten Tage. Das Schiff hatte eine ſo gleich⸗ mäßige Fahrt, daß es wie über die Waſſerfläche dahin glitt. Die Briſe erſtarb allmälig; die Sonne war im Untergehen begriffen, als ſie plözlich ein Boot mit einem Mann darin gewahr wurden. Er war ſo nahe, daß ſie ihm einen Schiffszwieback hätten zuwerfen können. Alle, die auf dem Verdeck waren, erblickten ihn zu gleicher Zeit, und dies ganz in der Nähe, und doch hatte ihn Niemand bemerkt, wie er herangekommen war. „So ſonderbar dies auch erſcheinen mochte, ſo war das Boot, worin er ſaß, noch viel ſonderbarer, und am ſonderbarſten der Mann ſelbſt. Vorder⸗ und Hinterſteven des Bootes waren ſehr hoch und liefen in krummlinige Verzierungen aus, gerade wie diejenigen, welche man an Beichtſtühlen ſindet. „Ned Purvis ſiel es ſpäter ein, als er ein Ge⸗ mälde ſah, auf welchem Chriſtoph Columbus darge⸗ ſtellt war, wie er auf ſeiner zweiten Reiſe auf Hi⸗ ſpaniola landete, daß der Admiral in einem Boote ſuhr, welches genau ſo ausgerüſtet war, wie das⸗ jenige, wovon ich jezt rede. „Der Mann, welcher in dem Boote ſaß, ſah ebenſo alt aus, wie ſein Fahrzeug. Er trug einen großen, zugeſpizten Hut mit einer Feder, ein Wamms von altmodiſcher Facon, mit Puffärmeln und Blu⸗ menſtickereien, einen ſteifen Ringkragen, rothe Strümpfe und große Bandroſen an den Schuhen. Seine Miene war düſter. Er hatte keinen Schnurrbart, nur einen dünnen Spizbart, welcher über die Halskrauſe nie⸗ Schwartz, Wilhelm Stijernkrona. 1. 10 146 derfiel. Mitunter lächelte er höhniſch. Sein Auge hatte einen kalten, funkelnden Ausdruck, was be⸗ wirkte, daß man ſich inſtinktmäßig davon abwandte. „Als der Kapitäu den ſeltſamen Kreuzer ſah, wurde. er wie von einem Zauber ergriffen, und er betrach⸗ tete ihn auf dieſelbe Art, wie die Herren vielleicht ſchon bei kleinen Vögeln geſehen haben, wenn das funkelnde Auge einer Schlange auf ſie trifft. „Der Mann im Boot winkte mit der Hand, was als Signal dienen ſollte, ihn an Bord zu nehmen. Niemand rührte ſich vom Fleck, außer Ned Purvis, welcher, ehe der Kapitän ihn zurückhalten konnte, dem Fremdling ein Tauende zuwarf, welches dieſer haſtig ergriff, und mit deſſen Hülfe auf das Verdeck ſtieg. „Wo iſt der Kapitän?“ fragte er mit hohler Stimme. „Der alte Mann trat vor, war aber leichenblaß⸗ „Was in Gottes Namen wollt Ihr an Bord mei⸗ nes Schiffes?“ fragte er. „Ned glaubte zu bemerken, daß der ſonderbare Gaſt bei dem Namen Gottes ſtuzte. Ohne zu ant⸗ worten, nahm der Mann den Kapitän bei der Hand, und deutete auf das Boot, welches er hinterher ſchleppte. „Jungen,“ ſprach der Kapitän mit ſchwacher Stimme, ‚nehmt ſein Boot an Bord; ich kann es ihm nicht abſchlagen.” „Die Leute drängten ſich zuſammen und flüſterten einander zu, aber keiner legte ſeine Hand an Tau oder Takel. Ned faßte ſich indeſſen ein Herz, trat vor und ſagte zu dem Fremdling: 4 147 „Wer ſeid Ihr? Warum ſollen wir Euch und Euer Boot an Bord nehmen?“ „Darum, weil Ihr mir ein Seil zugeworfen habt,“ antwortete der Mann, ‚ſonſt hätte ich vorbeigetrieben.“ „Ned kam ſich in ſeinem Herzen wie ein großer Hander vor; dennoch faßte er wieder Muth und agte: „Das iſt allerdings wahr; ich habe Euch ein Tau⸗ ende zugeworfen, aber kein Seemann, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, kann einen Mann auf dem Ocean herumtreiben ſehen, ohne ihm zu Hülfe zu kommen. Es geht mich eigentlich nichts an, wer Ihr ſeid. Seid Ihr unſeresgleichen, ſo haben wir nur unſere Schuldigkeit gethan; ſeid Ihr es nicht, deſto ſchlimmer für Euch; denn wir ſind lauter ehr⸗ liche und rechtſchaffene Seeleute, welche ſich weder vor dem Teufel, noch ſeinem ganzen Anhange fürch⸗ ten.— Kommt, Kameraden, ſezte er zu dieſen ge⸗ wendet hinzu, zund geht mir an die Hand, ſo neh⸗ men wir das Boot des alten Herrn an Bord. Es iſt des Kapitäns Befehl, und der Ordre muß gehorcht werden.”— „Nach einigem Knurren und Brummen war das Boot an Bord gebracht und zwiſchen die Maſten ge⸗ ſtellt. Keine Spur von Etwas, das zum Eſſen oder Trinken dienen konnte, war darin zu entdecken. Da⸗ gegen war das Boot von Schnecken und Seetang ſo voll, als ob es ſchon zehnmal die Fahrt um die Welt gemacht hätte. „Der Kapitän und der Fremdling ſtiegen hinab, die Mannſchaft ſammelte ſich dagegen auf der Hütte, konnte aber unmöglich etwas von dem dethehnien, 148 was drunten vorging. Sie kehrte alſo bald auf ihren gewöhnlichen Poſten zurück. 4 „Ned hatte die erſte Wache. Als es dunkel wurde, lehnte er ſich an die Bruſtwehr und dachte über die Ereigniſſe des Tages nach, als der Kapitän ihm mit den Worten auf die Schulter klopfte: „Weißt Du, wen Du an Bord des Schiffes ge⸗ nommen haſt? „Nein, das weiß ich nicht, und die Sache kann mir auch einerlei ſein; denn es iſt ja unſere Schul⸗ digkeit, Oheim, den Menſchen zu helfen, wenn ſie in Noth ſind. „Ja wohl, Menſchen, aber nicht Spukgeiſtern! Du mußt wiſſen, mein Junge, daß es über hundert Jahre her ſind, ſeit der Paſſagier, dem Du an Bord geholfen haſt, ein Menſch war.⸗ „Kennſt Du ihn, Oheim?“ fragte Ned. ‚Haſt Du ihn vielleicht früher ſchon geſehen?“ „Ja, ja, ich habe ihn geſehen. Einmal, als ich noch ein ſolcher Gelbſchnabel war, wie Du, kam er an Bord des Schiffes, auf dem ich mich befand, gerade ſo, wie er es heute mit dem meinigen ge⸗ macht hat. „Und was iſt dann geſchehen?“ fragte Ned mit klopfendem Herzen. „Er rief Sturm und Unwetter auf,“ ſprach der alte Seemann in feierlichem Tone, ‚und zwar einen Sturm, wie ich weder zuvor noch ſpäter jemals ihn erlebt habe.“ „Dann, bei Gott,“ rief Ned mit geballter Fauſt, will ich ihn auch wieder fortſchaffen, wie er durch 149 mich hereingekommen iſt. Ich will mit dem Boot beginnen.” „Indem er dies ſagte, hieb er das Tau an dem einen Steven des Bootes ab. „Halt! gebot der Kapitän und hielt Ned zu⸗ rück. ‚Er muß aus freiem Willen von hier fort⸗ gehen, oder er geht gar nicht. „Er iſt ein friedloſes Geſpenſt, ein unruhiger, umherwandernder Geiſt, begann der alte Seemann mit zitternder Stimme. ‚Zu ſeinen Lebzeiten war er ein ſpaniſcher Kapitän, welcher, einen hohen Poſten auf iſpaniola einnehmend, ſich große Grauſamkeit ſo⸗ wohl gegen die Eingebornen, wie gegen ſeine eigene Mannſchaft zu Schulden kommen ließ. Er häufte auf ſolche Art große Schäze an, welche er auf einem kleinen, unbewohnten Eilande in Weſtindien vergrub, bis ſich eine paſſende Gelegenheit fände, ſie nach Spanien zu bringen. Eine ſolche bot ſich endlich dar, und mit einem ſtattlichen Schiffe fuhr er nach der Inſel, wo die Schäze aufbewahrt waren. Unter⸗ wegs erkrankte er an einem ſchweren Fieber. Als es ſich wieder mit ihm beſſerte, hatte er das Ge⸗ dächtniß dermaßen verloren, daß er ſich weder des Erkennungszeichens in Bezug auf die Inſel, noch auf die Stelle, wo der Schaz vergraben war, erin⸗ nerte. Wochen lang fuhr er unter der Maſſe von Eilanden, welche die Jungferninſeln heißen und öſt⸗ lich von Portoriko gelegen ſind, herum, und ſuchte an allen Ecken und Enden. Ohne nur einen Augen⸗ blick zu ſchlafen, ſaß er immerdar auf der höchſten Rage und ſpähte nach der Inſel hinaus. Die Be⸗ ſazung verlor endlich die Geduld und beſtand darauf, 8 150 nach Hiſpaniola zurückzukehren. Darüber verfiel er in die furchtbarſte Raſerei und that einen feierlichen Schwur, daß er lebend oder todt auf der See herum⸗ fahren wolle, bis ſein Schaz endlich gefunden, oder für andere Menſchen unzugänglich gemacht worden wäre. Darauf befahl er, ein Boot auf der See auszuſezen. Als dies geſchehen war, ſprang er hinein und wurde auf ſolche Art vor hundert Jahren ſich ſelbſt überlaſſen, ſo wie wir ihn heute gefunden haben.“ „Aber man hat ihn ſeit dieſer Zeit wohl ge⸗ ſehen? wagte Ned nach kurzem Stillſchweigen zu fragen. Er wußte nicht recht, was er von der Ge⸗ ſchichte glauben ſollte. „Zweimal, ſo viel ich weiß,“ antwortete ſein Oheim.„Einmal, da ich ihn ſah und er Sturm erregte. Man nennt ihn auch Sturmkalle. Gelehrte Leute behaupten, er müſſe nun ſeinen Eid als Spuk⸗ geiſt halten, da er es im Leben nicht vermocht habe. Er wird auch nicht eher Ruhe finden, als bis der⸗ ſelbe wörtlich in Erfüllung gegangen iſt.“ „Er bringt alſo Unwetter mit ſich!’ ſagte Ned nachdenklich. 1 „Drei Wochen, ſo lang er an Bord war, legt ſich der Sturm nicht, und die See ging höher, als die große Raa. „Was wurde inzwiſchen aus ihm?“ „Er ſaß in der großen Kajüte, an die Ruder⸗ trommel gelehnt, ohne ein Wort zu ſprechen, oder das Mindeſte zu eſſen.“ „Auf welche Weiſe hat er ſich dann wieder von Bord entfernt?⸗ 151 „Eines Abends, während der Dämmerung, erhob er ſich und gebot dem Kapitän, das Boot auszuſezen, obſchon Niemand von uns glaubte, daß er ſich auf einer ſolchen See halten könnte. Sicherlich wäre es auch einem von Menſchenhand gebauten Boote nicht möglich geweſen, aber dieſes hier— der Kapitän deutete auf das elende Fahrzeug— ſchwamm wie eine Wildente auf den brauſenden Wogen. Mit einer ernſten und vornehmen Abſchiedsbegrüßung klet⸗ terte Sturmkalle über Dahlbord und in ſeine Nuß⸗ ſchale. Wir ſahen ihn noch ein oder zweimal auf der Spize der ſchäumenden Wogen. Da ſtand er mit hoch erhobenen Händen, wie wenn er betete. Von da verſchwand das Boot und wir ſahen es nicht mehr. Eine Stunde darauf beruhigte ſich der Sturm, die See legte ſich, und wir wurden wieder Menſchen, die richtigen Curs ſteuern konnten.“ „Was kann er wohl jezt in der Kajüte machen?“ „Er ſizt mit dem Rücken an die Rudertrommel gelehnt; antwortete der Kapitän, zaber ſieh'— ſieh' da, fuhr er fort und deutete nach dem öſtlichen Ho⸗ rizont, ‚ſieh' die Wolkenbank, welche ſich aus dem Ocean erhebt. Noch vor Mitternacht hat Sturmkalle ſeine ganze blaſende Geſellſchaft losgelaſſen. Wir bekommen Sturm.: „Als Ned dieß hörte, ging er vor und blieb lang in tiefem Nachſinnen ſtehen. Die übrige Mann⸗ ſchaft beſprach ſich leiſe in Gruppen, die da und dort auf dem Vorderkaſtell ſich zuſammengefunden hatten. „Hierauf wechſelte Ned einige Worte mit Zwei oder Drei von der Mannſchaft, welche ihm dann die Hand ſchüttelten und beizuſtehen verſprachen. Als⸗ 152 dann ſtieg er in ſeine Koje hinab, holte eine große Piſtole hervor, beſah ſie genau und puzte ſie ſauber. Sofort öffnete er ſeine Seekiſte, nahm einen blan⸗ ken ſpaniſchen Thaler, hämmerte ihn zu einer Kugel und lud dieſelbe ſtatt einer bleiernen in die Piſtole. Alſo bewaffnet kehrte er, begleitet von der Mann⸗ ſchaft, auf das Verdeck zurück, und ſteuerte geradezu auf die Kajütenthüre zu. Hier begegnete ihm der Kapitän. „Was willſt Du?“ fragte er.„Folge meinem Rath und laß' ihn in Ruhe.“ „Nein,“ antwortete Ned,„ich habe ihn hieher gebracht, und es iſt deßhalb meine Schuldigkeit, ihn uns auch wieder vom Halſe zu ſchaffen.“ „Damit ſchob Ned ſeinen Oheim bei Seite und drückte ſich in die Kajüte hinein. Es war ſchon ziem⸗ lich finſter; aber das Licht, welches von der Lampe im Compaßhäuschen hereinfiel, zeigte ihm den wun— derlichen Fremdling, welcher mit dem Rücken an die Wand gelehnt, daſaß. „Ned ging dreiſt auf ihn zu. Das Geſpenſt er⸗ hob den Kopf und ſah ihn ſcharf an. So dauerte es eine geraume Weile. Die Matroſen ſtanden draußen und warteten, einer dem andern über die Schultern blickend. „Sturmkalle!“ begann Ned mit feſter Stimme, „ich möchte Euch eher ein Lebewohl als ein Will⸗ kommen bieten!“ Das Geſpenſt ſtellte ſich, als hätte es Nichts gehört. 4 „Als ich Euch ein Tau zuwarf,“ fuhr Ned fort, „glaubte ich, Ihr wäret ein Menſch; nun aber habe u 153 ich gehört, daß kein lebendiges Blut in Euren Adern ſließt. Ich habe beſchloſſen, mich zu überzeugen, ob das ſeine Richtigkeit hat oder nicht.“ „Zu gleicher Zeit ſpannte Ned den Hahn an ſeiner großen Piſtole und zielte auf den ſonderbaren Mann. Nicht eine Muskel rührte ſich in dem blei⸗ chen Antliz. „Da nehmt meinen Segen,“ rief Ned und feuerte ab. „Der Schuß knallte. Einig Augenblicke war die Kajüte ſo voll Rauch, daß man nicht ſehen konnte, was die Wirkung davon geweſen war. „Als der Rauch verflogen war, ſah man Sturm⸗ kalle aufrecht ſtehen. Die ſtarren Augen funkelten ſchrecklicher als je. „Ihr gabt mir Euren Segen,“ ziſchte er.„Ich gebe Euch zum Austauſch meinen Fluch. Die Voll⸗ ſtrecker und Zeugen davon ſollen Euch Tag und Nacht folgen, bis entweder Euer oder mein Schick⸗ ſal ſich erfüllt hat.— Wenn Ihr mir nicht glaubt, ſo geht hinauf auf das Verdeck, ſchaut über Bord, und Ihr werdet finden, daß ich die Wahrheit ge⸗ ſagt habe. „Dieß waren die Worte von Sturmkalle. Ich weiß von dem, was das Geſpräch betrifft, jede Sylbe noch auswendig. „Ned ſtürzte hinauf auf das Verdeck. Alle ſeine Kameraden folgten ihm nach. Das Erſte, was ſie thaten, war, in die See hinauszuſchauen, wo ſie, wie der Geiſt geſagt hatte, die Vollſtrecker ſeines Fluches finden ſollten. Sie ſahen dort auch die Floſſen zweier blauer Haifiſche von ungeheurer Größe, welche dicht 154 hinter dem Fahrzeug herſchwammen. Gerade als Ned auf das Verdeck kam, plätſcherten ſie im Waſ⸗ ſer, wie wenn ſie ſagen wollten: „Da biſt Du; das iſt ſchön; wir ſind auch da.“— „Um es mit meiner Erzählung kurz zu machen, will ich blos bemerken, daß noch vor Mitternacht ein Sturm ausbrach, welcher keine andere Wahl ließ, als abzuhalten. Nicht nur den Tag über, ſon⸗ dern die ganze Woche und drei Wochen dauerte der Orkan fort, denn ein ſolcher war es, ſo daß das Schiff von ſeinem Kurs abfiel. Der Kapitän und die Matroſen glaubten, ſie könnten von der afrika⸗ niſchen Küſte wohl bis an die Küſte von Amerika verſchlagen ſein. Wenn der Sturm ſich nicht legte, müßten ſie geradezu entweder auf dem Continent, oder auf einer der Inſeln an dem Lande anrennen. „Mittlerweile war Sturmkalle, wie ehedem, un⸗ beweglich ſizen geblieben, ohne einen Biſſen zu ſich zu nehmen, oder ein Wort zu reden. Und wahrlich, wenn er auch noch ſo geſprächig geweſen wäre, er hätte mit Niemand als ſich ſelbſt der Unterhaltung pflegen können, denn der Kapitän, der Steuermann und die ganze Mannſchaft hielt ſich im Vordertheil des Schiffs auf und hatte die Kajüte dem geſpenſti⸗ ſchen Paſſagier überlaſſen. „Aber Sturmkalle war nicht der Einzige, welcher mit dem Schiff ging. Die Haifiſche hielten eben⸗ falls gleichen Schritt mit demſelben, wie wenn der heulende Sturm nur eine leichte Briſe für ſie geweſen wäre. Man konnte ſie ganz deutlich, einen auf jeder Seite des Schiffs ſehen, gerade als ob ſie bugſirt worden wären. — 155 „Nun kurz! Jedermann auf dem Schiff wurde verſtimmt und niedergeſchlagen. Der alte Kapitän war erſchöpft. Ned Purvis begann gleichfalls, ſo ausdauernd er auch war, den Muth ſinken zu laſſen. „Endlich fand man nach der Berechnung und dem Ausſehen des Horizonts bei Sonnenuntergang, daß man ſich dem Lande näherte und das Schickſal des Schiffs ſich auf die eine oder andere Weiſe entſchei⸗ den müßte. „So ſtanden ſie eines Abends in Gruppen bei⸗ ſammen, beobachteten die Zeichen am Himmel und wieſen einander die rothe Wolke gerade vor ihnen, welche, ſo weit ein Seemann beurtheilen konnte, gerade über dem Lande hing. „Das Wetter war nicht mehr ſo ungeſtüm wie bisher. Die nunmehr zerriſſenen Wolken flogen mit den Wogen unten um die Wette dahin. Das Schiff ſah ſchrecklich aus. Der Dahlbord war ſchon längſt hinweggeriſſen. Von allen Booten, welche das Schiff mit ſich führte, war nur noch eines da, weil man es mit Tauen auf dem Verdeck feſt angebunden hatte, während Sturmkalle's Nußſchale, ohne nur ſo viel als von einem Kabel feſtgehalten zu werden, troz der gewaltigen Sturmwellen, welche Woge um Woge über das Verdeck mit ſolcher Gewalt herein⸗ rollten, daß die Mannſchaft an Ringbolzen und Maſten ſich feſtbinden mußte,— ſich nicht von der Stelle gerührt hatte. Die ganze Zeit über war es nicht möglich geweſen, ein Feuer anzuzünden, oder einen trockenen Faden auf dem Leibe zu behalten. „Man hielt aus, ſo gut man konnte, und fragte 156 ſich neugierig, wo das Schiff ſammt der Mannſchaft morgen um dieſe Zeit ſein würde. „Plözlich ſtießen die beiden Mann, welche ihren Plaz unweit des Steuerruders hatten, einen lauten Schrei aus. Die Uebrigen drehten ſich um und gewahrten Sturmkalle auf dem Verdeck. „Nun geht er,“ flüſterte der alte Kapitän.„Gott ſei uns gnädig in ſeiner großen Güte!“ „Sturmkalle warf zuerſt einen prüfenden Blick um ſich, als ob er ſeine Inſel mit dem Schaze ſuchte, dann ſchaute er lang und aufmerkſam von dem großen Topp nach Wind und Wetter aus. Die Mannſchaft ſtand athemlos da und ſah ihm zu. Endlich machte er gleichſam eine Geberde der Ver⸗ zweiflung, ſtieg wieder auf das Deck herab und rang die Hände. Hierauf wandte er ſich haſtig an den Kapitän und befahl, ſein Boot auf die See zu ſezen. „In einer Minute waren die Takel zerhauen, und die Matroſen ließen das Boot ſo jählings auf die See hinunter ſtürzen, daß jedes andere Fahrzeug der Art in tauſend Trümmer zerſchellt wäre; aber dieſes hätte der Teufel nicht entzweibrechen können. Es ſchwamm zur Seite des Schiffes dahin, ſo leicht wie eine gutverkorkte Flaſche. „Nun könnt Ihr wieder bei Wind legen, wenn die Elemente es erlauben!“ ſprach Sturmkalle in feierlichem Ton. „Der Teufel dank' Dir das!“ brummte Ned. „Wir ſind wohl dazu gezwungen, da Ihr uns wider unſern Willen quer über den Ocean hinweggeführt habt.“ „Das Geſpenſt gab keine Antwort. Er ſchien 157 über die Schiffswand in das Boot hinab mehr zu gleiten als zu klettern. Als er völlig unten war, rief Ned: „Nehmt Eure Haifiſche auch mit; ſie paſſen beſſer für Euch, als für Chriſtenmenſchen!“ „Auch jezt erhielt er keine Antwort. In einer Minute war des Geſpenſt mit ſeinem Boot von dem Schiffe abgekommen. Endlich verſchwand es wie ein ſchwarzer Punkt mitten auf der kochenden See. Gerade als dieß geſchah und Jedermann an Bord freier zu athmen begann, hörte man den Ruf: „Land!“ „Das nächſte Mal, als ſie auf dem Rücken einer Welle emporgehoben wurden, erblickten ſie im Scheine der untergehenden Sonne die dunkeln Um⸗ riſſe einer Inſel. In einer Stunde legte ſich der Sturm, ſo daß das Schiff noch vor Mitternacht ſei⸗ nen Kurs bei Wind oſtwärts nehmen konnte. „Sie wiſſen, meine Herrn, daß es in den heißen Himmelsſtrichen heißt: Sturm auf, See auf— ruhi⸗ ges Wetter, ruhiges Waſſer. So geſchah es denn auch, daß, als am nächſten Morgen die Sonne auf⸗ ging, nur noch der lange, lange matte Wellenſchlag von dem Sturm Zeugniß gab, welcher eben über dem Atlantiſchen Ocean getobt hatte. 4 Das Erſte, was Ned that, als er auf das Ver⸗ deck kam, um die Tagwache zu übernehmen, war, über das Hintertheil des Schiffs hinauszuſchauen. Er erzählte ſpäter, es wäre ihm ganz ängſtlich ums Herz geworden, als er dort die beiden blauen Hai⸗ fiſche noch dicht unter dem Waſſerſpiegel hätte ſchwim⸗ 158 men ſehen. Die andern Leute von der Mannſchaft ſahen ſie gleichfalls und ziſchelten unter einander, während ſie Ned ſchielende Blicke zuwarfen. „Nach einem ſolchen Wettrennen, wie das Schiff quer über den Atlantiſchen Ocean gemacht hatte, war eine Reparatur hochnöthig. Die Mannſchaft bedurfte gleichfalls friſcher Lebensmittel und der Erholung. Als demnach die gewöhnlichen Paſſat⸗ winde zu wehen anfingen, und man von einigen fiſchenden Negern erfuhr, daß man ſich unter den nördlichſten der luvwärts gelegenen Inſeln befand, kreuzte man umher, um einen paſſenden Strand zum Landen zu finden. „Mittlerweile hielten die Haifiſche ebenſo treulich auf ihrem Poſten aus, wie die Maſten auf dem Schiffe. „Umſonſt verſuchte Ned ſeine Angelhaken für ſie auszulegen. Er ſteckte an dieſelben die beſten Biſſen von Speck und Fleiſch, die es noch auf dem Schiff gab; aber ſie rochen nicht einmal daran. „Ja, ja, ſagten die Matroſen, welche es mitan⸗ ſahen, die Thiere haben ihre Befehle, und denen gehorchen ſie. „Ned griff nun zur Harpune; ſchon manches Mal hatte er Tümmler und Delphine geſpießt, aber die Haifiſche vermochte er nicht zu treffen. Entwe⸗ der war die Bewegung des Schiffes ihm hinderlich, oder gab das Waſſer der Harpune eine andere Rich⸗ tung, genug, Ned mußte bekennen, daß er außer Standes war, ihnen auch nur den braunen Rücken zu ſtreifen. „Unter ſolchen Umſtänden dauerten die finſtern Blicke und das Gemurmel auf dem Schiffe fort. 159 Der alte Kapitän hatte völlig den Kopf verloren, und obwohl die Matroſen allzeit Ned hatten wohl leiden mögen, fing man doch jezt an, ihn als einen lingeütsvogel zu betrachten. So dachte er auch elbſt. 4 „Der Fluch verfolgt uns in ſichtbarer Geſtalt!“ ſprachen die Leute.„Nie kann das Schiff, oder die Mannſchaft, oder die Ladung wieder Glück haben, 5 lang ein paar ſolcher Beſtien hinter ihnen her iind!“ „Allerdings verſuchte Ned dergleichen Gerede durch Spott niederzuſchlagen, aber es gelang ihm nicht. Seine Beweisgründe blieben ohne alle Wirkung. „Jungen,“ ſprach er,„die Geſtalten da können ja nicht an Bord ſpringen. Der Ocean gehört ihnen ſo gut wie uns, und darf die Katze den König an⸗ ſehen, ſo muß auch wohl ein Haifiſch ein Schiff an⸗ ſehen dürfen.“ „Uebrigens war es ihm, obgleich er in dieſem Tone redete, nicht wohl ums Herz. „Drei Tage verfloſſen auf ſolche Weiſe. Inzwi⸗ ſchen kreuzten ſie, einen Ankerplaz ſuchend, zwiſchen den Inſeln herum. Am dritten, als das Fahrzeug ungefähr noch eine Meile von einer Inſel entfernt war, bemerkten die Matroſen, daß die Haifiſche dem Schiffe näher als zuvor rückten, als ob ſie über ihrer Beute mit größerer Aufmerkſamkeit wachen wollten. Dieß hatte endlich zur Folge, daß der Topf überlief, wie man zu ſagen pflegt. „Der zweite Steuermann und drei Viertheile der Mannſchaft begaben ſich en corps zum Kapitän und ſtellten das Anſinnen an ihn, Ned ſolle unmittelbar 160 das Siff verlaſſen, denn ſie haben nun klar erkannt, daß das Unglück mit ihm ſei, und ein ſolcher Mann bringe auch Unglück über das Schiff. „Das Land haben wir ganz in der Nähe,“ ſag⸗ ten ſie.„Waſſer und Proviant ſoll er vollauf ha⸗ ben, und ſomit kann er leicht bei einem andern Schiff Aufnahme ⸗finden. Er mag wollen oder nicht, er muß an's Land!“ „Der alte Kapitän verſuchte wohl, ſie zu be⸗ ruhigen, aber ſie wollten nicht auf ihn hören. „Während dieſes Wortwechſels trat Ned vor und ſagte freimüthig und offen: „Kameraden, ich habe Unglück über das Schiff gebracht und die ganze Reiſe verdorben; alſo iſt es b gerecht, daß ich auch dafür leide.— Ich bin bereit, an's Land zu gehen!“ „Als der alte Purvis das hörte, ſprach er ſei⸗ nen Entſchluß aus, ſeinem Neffen zu folgen, aber dieß wurde nicht zugegeben, denn er war, wenn Ned das Fahrzeug verließ, der Einzige, welcher es ſteuern konnte. „Das einzige Boot, welches noch übrig war, wurde nun in die See gelaſſen; Fleiſch, Brod und Waſſer, für zwei Monate zureichend, hineingebracht, ſammt einer Flinte, Munition und einem Spaten, daniit Ned erforderlichen Falls nach Waſſer graben önnte. „Als das Boot abſtieß, folgten die Haifiſche hinterher. Ned rief nun ſeinem Oheim, indem er auf dieſelben deutete, zu: Jetzt iſt das Schiff von ſeinem Unglück befreit; fahrt alſo guten Muthes weiter, wir treffen uns wieder.“ ———— ——e—: 161 „Das Boot fuhr in eine kleine Bai ein, und Ned ſprang mit ſeiner Büchſe ans Land. Die Matroſen brachten ihm Proviſion und Spaten nach und reichten ihm die Hand zum Abſchied. Als ſie von der Inſel abfuhren, brachten ſie ihm zum Lohn für ſeine redliche Geſinnung noch ein Hurrah. „Allein geblieben, ſah Ned ſich auf dem Platze um, wo er ſich befand. „Er war wirklich ganz einſam auf einer unbe⸗ wohnten Inſel. Der größte Theil derſelben ſchien aus Sand zu beſtehen, auf welchem da und dort Büſchel von Bakomagras hervorſchoſſen. Weiterhin eeigte ſich ein kleiner Hügel, mit Gebüſch bewachſen, und auf der Höhe deſſelben ſtand ein alter Baum. „Alſo auf der Inſel zurückgelaſſen, verfloſſen Ned die erſten vierzehn Tage. Seine Schlafſtätte hatte er in einer Felſengrotte. Vergeblich bemühte er ſich, irgend ein Fahrzeug zu entdecken; nicht das kleinſte Segel kam zum Vorſchein. „Eines Tages, als er nach dem Hügel hinauf⸗ gegangen war und unter dem alten Baume ſaß, machte er eine ganz auffallende Wahrnehmung. Der Baum, welcher ſicherlich ſchon vor hundert Jahren abgeſtorben, war ganz und gar mit Moos bedeckt und hatte verſchiedene dürre Aeſte, an welchen kleine Holzſtückchen und zwar auf ſolche Art befeſtigt waren, daß, wenn man nicht genau darauf Acht gab, man hätte glauben können, der Baum ſei von Natur alſo geſtaltet geweſen. „Um zwei Uhr oder ſo, jeden Mittag, warfen dieſe Aeſte einen ſolchen Schatten auf den Boden, daß er ſechs Kreuze, alle in einem Kreiſe, bildete. Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 11 162 „Erſt als Ned dieſe Beobachtung gemacht hatte, erkletterte er den Baum und fand nun, daß die Kreuze dort angeſetzt waren. Nun kam ihm in den Sinn, das könnte wohl ein Merkmal bilden und am Fuß des Baumes irgend Etwas vergraben ſein. „Er ergriff alſo ſeinen Spaten und begann zu graben. Es war eine ſchwere Arbeit unter dieſem Klima, aber in Kurzem ſtieß er auf das Schloß einer großen, metallbeſchlagenen Kiſte. „Bei allen Sternen!“ rief Ned,„ich glaube, das iſt Sturmkalle's Geldkiſte!“ „So war es auch. Ned ſprengte das Schloß. Die Kiſte enthielt große Goldklumpen und eine Maſſe Edelſteine, gerade ſo wie die Indianer den Spaniern aus den Minen von Kuba und Hiſpaniola zu Tage förderten. Sie waren nun ihre hundert Jahre da⸗ gelegen. „Aha!“ ſagte Ned,„ich möchte alle dieſe Herr⸗ lichkeit in England haben; aber was ſoll ich hier mit denſelben anfangen?“ „Mittlerweile trug er ſeine Schätze, Stück für Stück, in ſeine Grotte an der See. Zuletzt ſchleppte er auch die Kiſte dorthin, packte das Gold, wie zu⸗ vor, wieder hinein und bedeckte Alles mit Sand. „Am Morgen darauf ſah Ned eine kleine Barke — von welcher Nation wußte er nicht— ganz ſtill eine Meile vom Lande liegen und auf die Seebriſe warten. Er ſtieg alſo auf die Klippe hinauf, ſchoß ſeine Büchſe ab, winkte und rief. Ein Boot ſtieß von der Barke ab, und Ned ging hinunter nach der V Bucht, demſelben entgegen.. „Zwei Männer ſaßen in dem Boot. Das Schiff, —— =—S— d fi li liche Thiere geſehen!“ 163 wozu ſie gehörten, war ein Schildkrötenfänger von Martinique, glaube ich. „Ned erzählte ihnen, er ſei ans Land geſetzt worden, weil er auf dem Schiff, zu dem er gehört, den zweiten Steuermann geſchlagen hätte. Er fragte, ob ſie ihn nicht an Bord nehmen und ihm behülflich ſein möchten, nach irgend einem Hafen zu gelangen, von wo es ihm England zu erreichen, möglich wäre. „Sie berathſchlagten ſich eine Weile und fragten dann, ob er auch Etwas hätte, um die Reiſe zu bezahlen. „Ned, dem im Ganzen an dem Schatze nicht viel gelegen war, zeigte ihnen die Kiſte. Beim Anblick derſelben ſtanden die beiden Männer mit Erſtaunen geſchlagen da, wozu ſie in Wahrheit auch Grund genug hatten. Sie gingen bereitwillig auf ſeinen Vorſchlag ein, ihn und ſein Gold an Bord zu nehmen. „Alle Drei machten ſich alſo ans Werk und das Boot wurde bis an den Rand mit den gefundenen Schätzen belaſtet. 3 „Die Schildkrötenfänger benahmen ſich, als ob ſie anter der Wirkung eines Rauſches ſtänden, und erſt als ſie mit dem Boot eine Strecke weit hinausge⸗ rudert waren, erwachten ſich aus demſelben in Folge der Entdeckung, daß das Boot zu ſchwer belaſtet war und zu befürchten ſtand, es möchte bei den hohen Wellen umſchlagen. „Jeſus Maria!“ rief Einer von ihnen,„ſeht dort! Denkt Euch, wenn das Boot ſich mit Waſſer füllte und unterginge! Noch nie habe ich ſo ſchreck⸗ 11* 164 „Und wirklich ſchwammen Ned's alte Freunde zu beiden Seiten des Bootes dahin, als ob ſie den Auftrag hätten, die Schätze zu bewachen. „Es geſchah indeſſen Nichts, und als ſie an die Seite der Barke kamen, ſchrieen die Leute im Boot denen an Bord zu, ſie hätten Schätze, welche groß genug wären, um ein Königreich zu kaufen. „Die Herren können ſich leicht vorſtellen, wie die Mannſchaft an Bord der Barke dieſe Ladung auf⸗ nahm.— Ned erzählte ganz einfach und aufrichtig, wie er zu derſelben gekommen war; und ſobald die Seebriſe eintrat, ſchlug man den Kurs nach Mar⸗ tinique ein, während das Schiff gleichmäßig von den Haien eskortirt wurde. „Gold iſt ein Ding, meine Herren, welches die Menſchen zu Teufeln macht! Die große Kiſte ſtand auf dem Verdeck, und die Mannſchaft umringte die⸗ ſelbe und wollte nicht arbeiten. Sie begannen, die großen Goldklumpen herauszunehmen, in den Händen zu wägen und über deren Werth zu disputiren. „Ned ſah, daß es in den Gemüthern gährte, und daß er allen Grund zur Beſorgniß hatte, als einziger Eigenthümer des Schatzes entweder niedergeſtoßen oder ganz einfach über Bord den Haien zugeworfen zu werden; er trat alſo vor und erklärte, ſie hätten Alle gleiches Recht daran, wie er. Obſchon er ihn gefunden, ſo hätten ſie ihm doch die Möglichkeit ver⸗ ſchafft, denſelben in Sicherheit zu bringen, und darum gehörte er auch ihnen. „Bei dieſen Worten legten ſie große Zufrieden⸗ heit an den Tag und ſchwuren darauf, Ned ſei ein 1 ——— 165 ehrlicher Kerl und ein guter Kamerade. Aber es war ſichtbar, daß ſie einander ſelbſt mißtrauten. Vind Acht gab, gefiel das Ausſehen des erſteren „Ned ſah ſie mit einander flüſtern und hörte, wie ſie ſich zankten. Ein oder zwei Mal bemerkte er ſogar, wie Einige ihre Meſſer in dem Gürtel zurechtſteckten, um ſogleich von denſelben Gebrauch machen zu können. „Dieſe ganze Zeit hindurch folgten die Haifiſche getreulich im Kielwaſſer. „Ned, dem Einzigen, welcher auf Wetter und nicht, denn große ſchwarze Wolken ſtiegen rund am Horizonte auf. Die Mannſchaft bemerkte davon Nichts, ſondern warf ſich immer grimmigere Blicke zu. So theilte ſie ſich allmälig in zwei Parteien, eine auf jeder Seite der Kiſte, und ſich gegenſeitig genau im Auge behaltend. „Ned verſuchte, ſie zur Beſinnung zu bringen, und erklärte ihnen die Nothwendigkeit, die Segel ein⸗ zuziehen, da das Wetter drohend ausſähe. Sie ent⸗ gegneten ihm aber, er möchte ſeines Weges gehen und für ſich ſelbſt ſorgen— ſie hätten ihn nicht an Band genommen, um auf der Barke den Kapitän zu pielen. „Ned ſetzte ſich alſo auf die Luvſeite des Schiffes und ſchaute ängſtlich zum Himmel auf. „ Die Herren ſind gewiß alle ſchon einmal unter jenen Breitengraden geweſen und wiſſen alſo, wie es dort zu kommen pflegt. Der Himmel ſah finſter aus. Die Mannſchaft, welche in zwei Gruppen ge⸗ theilt daſtand, machte ſich gegenſeitig ein Zeichen. Plötzlich, wie wenn ſie den Verſtand verloren hätten, 166 ſtürzten ſie mit gellendem Geſchrei auf die Kiſte zu. Sie zogen ihre Meſſer und ſtachen im Getümmel rund um das Gold auf einander los, ſo daß dieſes ſich mit Blut färbte. „Ned rief ihnen zu: „Ihr Thoren!— ſeht zuerſt auf den Windſtoß und ſchlagt Euch hernach!“ „Aber zu ſpät. Mit einem dumpfen Rauſchen kam er heran, riß die See vor ſich auf, und mitten in dem fliegenden Schaume gewahrte Ned den Sturm⸗ kalle mit ausgeſtreckten Armen und triumphirender Miene. „Im Augenblick ſchoſſen die Segel rückwärts und das Fahrzeug legte ſich ſtark auf die Seite. So geſchah es, daß die Goldkiſte ſich leewärts ſchob, die dünne Schanzverkleidung zerſchlug und plumps! auf den Grund des Oceans verſank, um dort zu bleiben, bis das Meer ſeine Todten wiedergibt. „Alles dies geſchah in einer Sekunde— in der nächſten richtete ſich das Fahrzeug mit heftigem Rollen wieder auf, als ob es ſich erleichtert gefühlt hätte, da es der verwünſchten Kiſte losgeworden war. Die Matroſen wurden mit ihren noch hoch geſchwungenen Meſſern und blutigen Schrammen im Geſicht und an den Gliedern, kreuz und quer über das Verdeck hingeworfen. „Der Windſtoß war vorüber und die Sonne ſchien wieder klar. „Ned ſtürzte leewärts und erblickte gerade da, wo das Gold über Bord gegangen war, ein umge⸗ ſchlagenes, dicht mit Schnecken und Seetang bedecktes Boot. Es war ihm allzu gut bekannt, als daß er 1 167 es nicht hätte wieder erkennen ſollen. Das Fahr⸗ zeug ſchien jetzt verfault und vom Waſſer zerfreſſen. Während Ned's Auge darauf weilte, verſank es immer tiefer und tiefer in die See, und mit ihm verſchwan⸗ den auch die Haifiſche.— „Ned war es, als ob ihm eine ſchwere Laſt vom Herzen fiele. Der Fluch war von ihm genommen, und mit erſtaunten Blicken betrachteten ihn die an⸗ deren Seeleute, welche wie Träumende daſtanden, als er in ſeiner Freude auf dem Verdeck herum⸗ hüpfte. „Das Erſte, was die Matroſen thaten, war, das Loth auszuwerfen, aber die Leine lief bis auf den letzten Faden ab, ohne auf den Grund zu gelangen; mit jedem Seilſtumpen an Bord verlängerte man dieſelbe, aber ohne Erfolg; das Meer ſchien keinen Boden zu haben, das Gold war in ſolche Tiefe ver⸗ ſunken, daß keine menſchliche Macht es erreichen konnte. „Als die Matroſen das ſahen, zankten und fluch⸗ ten ſie eine Weile durch einander; dann wandten ſie wieder um, ihren Schildkrötenfang fortzuſetzen. „Von dieſer Zeit an hat man Sturmkalle nie wieder geſehen. Ned Purvis gelangte glücklich nach England, und er hat dort erzählt, was ich Ihnen eben vorzutragen die Ehre gehabt habe.“ „In Bezug auf die Wahrheit deſſen, was wir gehört haben, ſind wir wohl Alle derſelben Meinung,“ bemerkte Saint Sue.„Die Geſchichte iſt jedoch ganz gut ausgedacht, und man kann, wenn es beliebt, auch eine gewiſſe Moral daraus ziehen.“ „O ja, die alte gewöhnliche Lehre, daß das Gold Unheil anrichtet,“ ſagte einer der Officiere;„aber 168 das iſt abgenutzt und albern— denn trotz alles Uebels, das man dem Golde nachſagt....“ „Iſt es ganz gut, ſolches zu haben,“ fiel Saint Sue lachend ein.„Niemand weiß das beſſer, als ich, der ich das Glück habe— ruinirt zu ſein. Es Wman auch etwas ganz Anderes, was ich in Gedanken atte.“ 3 „Und was denn?“ „Daß man allen Kleinodien von Inſeln aus⸗ weichen muß. Irgend ein Geiſt der Hölle hat ſie gewiß dorthin verſetzt, um uns ſchwache Sterbliche ins Verderben zu locken.— Ich habe auch nie der⸗ gleichen leiden können! ſie mögen ſich in der Geſtalt von Gold und Cdelſteinen, oder von ſchwarzen Augen und gelber Haut offenbart haben, ſie ſind in meinen Augen gleich verabſcheuenswerth. „Nimm Dich in Acht, Saint Sue!“ rief einer der Kameraden ſcherzend;„das Schickſal kann Dich dadurch ſtrafen, daß Du in Feuer und Flammen geräthſt für eine Schönheit von....“ „St. Vincent,“ fiel ein Anderer ein;„erinnere Dich nur der bezaubernden Frau von E..... 4 „Mon cher,“ fiel ihm Saint Sue ins Wort,„den Namen einer Hexe ſoll man, wenn es auf Mitter⸗ nacht geht, niemals ausſprechen, man läuft ſonſt Ge⸗ fahr, Alpdrücken zu bekommen. Du weißt übrigens, daß ich niemals für dieſes ſchöne Ungeheuer eine Schwäche gezeigt habe, und ich möchte wohl der Nothwendigkeit überhoben ſein, ihren Namen hier auf dem Ocean ertönen zu hören. Ich hatte, auf Ehre, genug davon, als ich am Lande war!“ 8 B— 169 Wilhelm warf einen finſteren und mißbilligenden Blick auf Saint Sue, welcher hinzuſetzte: „Ich möchte eine Wette darauf wagen, daß ſie von Sturmkalle herſtammt, denn gleich ihm und ſeinem Schatze bringt ſie eitel Verderben mit ſich. Eh bien, mir iſt es einerlei, wenn ich nur nicht Steuermann auf dem Schiff ſein muß, an deſſen Bord ſie ſich befindet.“ „Hätte man die ſchöne Indianerin auf dem Schiff,“ rief einer der jüngſten Officiere,„ſo....“ „So ginge es Ihnen, wie der Mannſchaft, als ſie Sturmkalle's Schatz in Beſitz hatte; Sie würden Vind und Wetter, Kurs und Schiff für ein Lächeln dder einen Blick von ihr vergeſſen,“ verſicherte Saint Sue ſcherzend.„Der einzige Kluge an Bord bliebe wohl meine geringe Perſon, denn ich würde es wie Ned machen und jedem Anſpruch auf den Schatz entſagen.“ Die Officiere lachten, und der Oberkanonier ſtand auf, um ſich zurückzuziehen, aber Saint Sue wandte ſich mit den Worten an ihn: „Trinken Sie noch ein Glas und erzählen Sie uns dann, wie es Ihnen am dritten Mai 1747 bei Cap Finisterre erging. Woher kam Ihre Bewegung, als Sie von Ihrem Vater redeten.“ „Ach, meine Herren, das iſt eine wahre aber traurige Geſchichte, denn an jenem Tage empfingen wir manchen Streich von dem Engländer. Ein Teufel var Anſon, welcher die engliſche Flotte commandirte; aber auch ein tapferer Burſche, das kann ich nicht läugnen, wie ſeine Unterbefehlshaber, welche ordent⸗ 170 lich in ihrem Wetteifer, mit uns anzubinden, ein⸗ ander ſelbſt in die Haare kamen.“ „Erſt am Nachmittag des dritten Mai ſtießen die vorderſten engliſchen Schiffe auf unſere hinter⸗ ſten. Wir waren eigentlich nicht mehr als ſechs Schiffe, hatten aber zugleich drei Oſtindienfahrer, welche auch ihre Zähne weiſen konnten. Im Uebrigen war es ein Convoi von einigen dreißig Segeln. „Wie geſagt, am Mittag ſtießen ſie mit uns zuſammen, gaben ihre Lagen, empfingen die unſ⸗ rigen, hielten ſich aber nicht auf, ſondern fuhren weiter, indem ſie es den nachfolgenden Schiffen überließen, zu vollenden, was die erſten begonnen hatten. „Die Engländer hatten allerdings dreizehn Schiffe, und wir konnten ihnen, Alles zuſammengenommen, nur neun entgegenſtellen; aber wir hatten Herrn de la Jonquière zum Befehlshaber dieſer neun, und er war allein ſo gut wie ein paar Schiffe. „Wir ſchlugen uns recht, und ſchlecht für die Chre, denn wir waren dem Feinde nicht gewachſen; aber wir ſchlugen uns darum doch wie Helden, dieß kann ich den Herren verſichern. „Mein Vater und ich, wir waren auf demſelben Schiff, das heißt auf dem„Invincible“. Um meine Bewegung zu erklären, brauche ich nur zu ſagen, daß er beide Beine verlor, verblutete und in meinen Armen ſtarb.. „Er hatte mich gelehrt, was ich von der Schiff⸗ fahrtskunde verſtand. Während der langen, ſtillen Wachen hatte er mich über meinen Beruf, meine 171 Pflicht und meinen Gott unterrichtet. Er hatte mich gelehrt, daß ein Franzoſe für Frankreich leben und 3 die Ehre ſterben muß. Doch das gehört nicht ieher. „Nun wohl, das Ende der Affaire war, daß unſer Schiff und alle die andern die Flagge ſtreichen mußten. „Ich wurde berufen, in das Boot zu gehen, welches meinen Schiffscommandanten als Gefan⸗ genen zu dem engliſchen Admiral führen ſollte. Herrn de la Jonquidre's Schaluppe hatte eben angelegt, als mein Chef anlangte, und ſie betraten daher gleichzeitig das Verdeck des engliſchen Schiffs. Mehrere von der Bootsmannſchaft, darunter auch ich, drängten uns hinauf, um uns umzuſehen. „Die Zerſtörung hatte auch an Bord der Eng⸗ länder ihr Werk gethan, und an meinen Vater den⸗ kend, freute es mich im Herzen, wahrzunehmen, wie wir dieſelben zugerichtet hatten. „Als der Admiral de la Jonquidre auf den eng⸗ liſchen Admiral zuging, ſah er aus wie ein Löwe, lerdings wie ein gefangener, aber doch wie ein öwe. „Als er ſeinen Degen abgab, ſtand ich daneben und hörte ihn folgende Worte ſagen: „Monsieur, vous avez vaincu l'Invincible et la Gloire vous suit,“*) und dabei deutete er auf zwei unſerer Schiffe, welche genommen worden waren. „Ich wurde darauf wieder an Bord geſchickt. *) Sie haben den Unbeſiegbaren beſiegt und der Ruhm folgt Ihnen. A. d. U. 172 Die Todten ſollten begraben werden, wie man zu ſagen pflegt. Ich legte meines Vaters Leiche in ſeine Hängmatte, und er ſtieg mit den Andern in das gemeinſame Grab nieder. „Das ſind die Erinnerungen, welche vor mir ſtanden, als ich vom dritten Mai 1747 redete. Viele Jahre ſind ſeitdem verfloſſen. Ich habe viele ver⸗ ſchiedene Häfen und Länder geſehen, aber ich habe doch niemals unter dem Gewimmel der Ereigniſſe den Urheber meiner Tage vergeſſen. Dieſe Erinne⸗ rung iſt das Einzige, was mir gewiſſermaßen eine Heimath vergegenwärtigt. „Und jezt will ich den Herren meinen Dank da⸗ für abſtatten, daß ſie auch ein Bischen aus meiner Geſchichte zu hören ſich gefallen ließen. Der Alte erhob ſich, verließ langſam die Batterie und verſchwand in einer Lucke. Der Mond ſchien durch die Stückpforten; die Wogen ſangen ihr eintöniges, brauſendes Lied, und das Schiff rollte mit jener gleichmäßigen Bewegung dahin, welche zu ſagen ſchien, daß es Zeit ſei, in die Kojen zu gehen. In verſchiedener Gemüthsſtimmung brach man auf. Saint Sue bemerkte, indem er ſeinen Kame⸗ raden die Hand reichte: „So viel iſt gewiß, daß ich auf Geſchichten nicht ſonderlich verſeſſen bin; man wird dabei immer ſo feierlich geſtimmt. Es ärgert mich, zu denken, daß das Schickſal uns nur wie Schachfiguren behandelt, ohne daß wir vor der Hand die Züge davon er⸗ rathen können. Doch, was mehr, die Zukunft hat immer noch den Vorzug, daß ſie noch nicht paſſirt —— 173 iſt, und wir noch zeitig genug merken, was ſie im Schilde führt. Jezt leben und ſterben wir für die Ehre; ein feiner Name für eine große Dummheit. Gute Nacht, meine Herren!“ Saint Sue entfernte ſich. Auch die Andern zogen ſich zurück, und bald war Niemand mehr wach an Bord, als die Wache auf dem Deck und der Officier, welcher nächſt Gott die Wohlfahrt Aller in ſeiner Obhut hatte. XXI. Die Zeit verging ſo mit all' dem Wechſel, wel⸗ cher an Bord eines Kriegsſchiffs zu Gebot ſteht. Das Wetter war ſchön und angenehm. Man hielt inzwiſchen ſcharfe Ausſchau, um nicht mit einem eng⸗ liſchen Schiff zuſammenzuſtoßen. Graf d'Eſtaing lag mit dem franzöſiſchen Ge⸗ ſchwader, wie man vermuthete, bei Rhode Island, jener ſo unendlich angenehmen Inſel an der Küſte von Maſſachuſetts, welche in Folge ihres blühenden Zuſtandes von Allen, die ſie beſucht haben, das Pa⸗ radies Amerika's genannt wird. Schon ehe man des Landes anſichtig wurde, er⸗ hielt die Fregatte durch eines der Fiſcherboote, welche auf den Bänken an der Küſte liegen, die Kunde, daß die franzöſiſche Flotte nach Boſton ge⸗ ſegelt war, um ſich daſelbſt zu verproviantiren. Die Fregatte ſezte nun alle Segel bei und be⸗ mühte ſich, jenen Ankerplaz zu erreichen, und dieß um ſo mehr, als das engliſche Geſchwader nach der 174 Ausſage derſelben Fiſcher, gegen Ende Auguſts ſich . c0 hatte ſehen laſſen. Dieß ſtimmte allerdings mit dem wahren Sach⸗ verhalt überein; dagegen aber war die Beſorgniß, des Fregattencommandanten, auf dem Wege zu dem franzöſiſchen Geſchwader auf die engliſche Flotte zu ſtoßen, ganz überflüſſig; denn Lord Howe, welcher den Oberbefehl über die leztere führte, lag jezt auf ſeinem alten Ankerplaz, Sandy Hook vor Newyork. Ebenſo wenig bemerkte man Etwas von Spähern, welche, wie man mit Grund vermuthete, die Be⸗ wegungen der franzöſiſchen Flotte beobachteten, um ſie Lord Howe zu hinterbringen. Die Fregatte gelangte alſo nach Boſton, ohne ein engliſches Fahrzeug geſehen zu haben oder einem ſolchen in Sicht gekommen zu ſein, und traf das geſammte franzöſiſche Geſchwader, welches dort, theils um ſich zu verproviantiren, theils um nothwendige Reparaturen vorzunehmen, lag. Der Raum geſtattet uns nicht, die exaltirte Freude zu ſchildern, welche die Herzen dieſer Söhne des lebhafteſten Volkes auf Erden bei der Erzäh⸗ lung von der Schlacht am ſiebenundzwanzigſten Juli erfüllte; und ebenſo wenig, die Fragen alle wieder⸗ zugeben, womit beſonders Saint Sue und Wilhelm überhäuft wurden. Wir müſſen uns auf das be⸗ ſchränken, was unſere Helden zunächſt berührte. Wilhelm gab ſeine Briefe an den Grafen d'Eſtaing ab und wurde von ihm mit dem größten Wohlwollen aufgenommen. Der Admiral bot ihm einen Plaz auf dem Languedoc, ſeinem eigenen Schiff, —— ⏑&— 175 an; aber Wilhelm wollte auf der Fregatte bleiben, an deren Bord er die Ueberfahrt gemacht hatte. Vielleicht zog er die Fregatte deßhalb vor, weil die leichten Schiffe mehr in Thätigkeit waren, als der eigentliche Kern der Flotte, das heißt die Li⸗ nienſchiffe; vielleicht auch deßhalb, weil er und Saint Sue inzwiſchen ſich ſehr befreundet worden waren. Der Aufenthalt in Boſton war nichts weniger als angenehm. Es gab Schyierigkeiten mit der Verproviantirung, und der Beiſtand der Behörden am Lande war lahm. Dieß hätte, im Verein mit manchen andern Verdrießlichkeiten, das Geſchwader aufgehalten, und die Zeit wäre unbenüßzt verſtrichen, wenn nicht die amerikaniſchen Kaper, zum Glück für d'eſtaing, eine Menge engliſcher Proviantſchiffe auf⸗ gebracht hätten, wodurch die Flotte endlich das, was ſie bedurfte, erhielt und ſofort nach Weſtindien unter Segel ging. Am Schluß des Jahres folgte die Fregatte, an deren Bord Wilhelm diente, dem Geſchwader des Grafen d'Eſtaing. Wilhelm war dabei, als am fünfzehnten De⸗ cember die franzöſiſche Flotte bei St. Lucia einen Angriff auf die engliſche machte. Die Inſel, auf welche es Admiral Barrington abgeſehen hatte, wurde von demſelben auch genommen, obſchon neſaing zweimal die engliſche Linie zu durchbrechen uchte. Das Jahr darauf hatte Wilhelm das Glück, mit bei der Einnahme von Granada zu ſein. Es war den zweiten Juli 1779, fünf Uhr Nach⸗ * 176 mittags, als Graf d'Eſtaing mit ſeinem Geſchwader von fünfundzwanzig Linienſchiffen auf der Höhe der Inſel anlegte, während er fünfzehnhundert Mann Landtruppen an Bord hatte. Ungeachtet der Tag ſchon weit vorgerückt va. wurden die Truppen dennoch ſchnell ausgeſchifft. In drei Colonnen getheilt, marſchirten ſie die ganze Nacht. Ein großer Theil der Flottenofficiere hatte ſich angeſchloſſen. Graf d'Eſtaing übernahm ſelbſt das Commando von einer der Colonnen ſeiner kleinen —— ——-— Armee. Wilhelm und Saint Sue hatten ſich zu l derſelben Abtheilung geſellt. Der Leztere fragke, während ſie wie Gemſen über Abgründe ſprangen: „Wie behagt Ihnen unſere Promenade? Sie iſt ganz originell, und wenn wir das Ziel davon er⸗ reicht haben, was erwartet uns dann? b „Kampf und Sieg!“ rief Wilhelm freudig. „Der erſtere iſt allerdings ſicher, der leztere ganz ungewiß; aber was weiter, wir haben uns eine heilſame Motion gemacht, das iſt immer ein Gewinn.“ „Das Fort St. Lukas wird ja von den Eng⸗ ländern als uneinnehmbar betrachtet.“ „Gerade darum rücken wir mit fünfzehnhundert Mann aus, um daſſelbe zu nehmen. Wären ſie ihrer Sache nicht ſo gewiß geweſen, es würde ſich parbleu nicht der Mühe verlohnt haben, einen Ver⸗ ſuch zu machen.“ „Die Ehre iſt um ſo größer, wenn wir es ge⸗ nommen haben,“ meinte Wilhelm. „Wenn, ja; aber dieß iſt noch nicht geſchehen.“ 1 , i e 2 SD welcher...“ 177 „Nun, und dann? Wenn es uns auch nicht glücken ſollte, ſo haben die Franzoſen bewieſen, daß ſie vor nichts zurückſchrecken. Verachtung von Schwie⸗ rigkeiten, Gefahren und Tod macht die Ehre des Lebens aus.“ „Eh bien, mon cher! Wir werden eine treff⸗ liche Gelegenheit ſinden, dieſen ſchönen Saz zur An⸗ wendung zu bringen; denn Schwierigkeiten, Gefahr und Tod werden uns rings umgeben. Da gibt es wieder Scenen von großem tragiſchem Effect.“ „Und von viel Heldenmuth und Tapferkeit Ich brenne vor Ungeduld, daran Theil zu nehmen.“ „Ich auch— aber ich möchte wiſſen, woran ich denken würde, wenn eine Kanonenkugel käme und mir den Kopf wegnähme,“ ſagte Saint Sue lachend. „Ich würde gewiß dadurch ſo überraſcht, daß ich im erſten Augenblick an nichts denken könnte.“ „Und im zweiten an noch weniger,“ meinte Wil⸗ helm lächelnd.„Denn obſchon kopfloſe Gedanken etwas ganz Gewöhnliches ſind, ſo gehören doch Ge⸗ danken ohne Kopf in das Gebiet des Ungewöhnlichen. „Deßhalb hoffe ich, der Erſte zu werden, „Ohne Kopf denkt,“ fiel Wilhelm lachend ein. „Aber, Marquis, warum ſezen Sie den Verluſt Ihres Kopfes, und nicht ebenſo gern den eines Bei⸗ nes, oder eines Armes voraus?“ „Arme und Beine ſchießt man Soldaten ab, aber wenn es Officieren gilt, hat man die Artigkeit, höher zu zielen.— Im Uebrigen iſt es infam ordi⸗ när, einen Arm oder ein Bein zu verlieren; aber eine Kugel vor den Kopf, das iſt nobel. Ich hoffe Schwartz, Wilhelm Stiernkrona. I. 12— 178 darum, daß die engliſchen Kugeln Etwas von nem Gentleman an ſich haben werden, wenn ſie der Ab⸗ ſicht ſind, den Marquis Saint Sue oder den Baron Stjernkrona, beide gute Edelleute, zu begrüßen.“ „Mir gleich,“ verſicherte Wilhelm lachend,„jedes beliebige Andenken ihnen zurückzulaſſen, wenn ich nur die Freude habe, die franzöſiſche Flagge auf dem Fort flattern zu ſehen, ehe ich meinen Degen an den Tod abgebe.“ „Nun ja, wir werden unſer Beſtes thun, um ein wenig Leben in John Bull zu bringen,“ entgegnete Saint Sue, pfiff dann eine bekannte Melodie, und unter ſolchen muntern Scherzen über den ernſteſten Augenblick im Leben, nämlich den, wo wir vielleicht unſern lezten Seufzer aushauchen ſollen, wurde der Marſch fortgeſezt. Die Stimmung bei dem kleinen Armeecorps war munter, wie es immer bei den Franzoſen der Fall iſt, wenn ſie einen Angriff zu machen im Begriff ſi Man wäre wirklich verſucht, mit Dumas zu agen: „Franzoſe und Held ſind daſſelbe.“ Am folgenden Nachmittag erſtürmte Graf d'Eſtaing die Batterie vom Fort St. Lukas. Drei Verſchan⸗ zungen wurden mit dem Bajonet genommen. In weniger als einer Stunde war der Feind daraus vertrieben. Wilhelm und Saint Sue kämpften wie Löwen. Einmal während des heißeſten Streites rief Lezterer dem Erſtern ganz heiter zu: „Bis jezt habe ich noch nicht nöthig gehabt, ohne Kopf zu denken.“ —————— S S ui 9 l f u 179 Ein andermal rief er: „Bravo, Baron, Sie machen der Uniform, welche Sie tragen, Ehre. Beflecken Sie dieſelbe nur nicht zu viel mit Ihrem eigenen Blut.“ Das Fort, welches die Engländer wirklich für uneinnehmbar gehalten hatten, war nun in der Ge⸗ walt der Franzoſen, und die Kanonen, welche zur — Bedeckung deſſelben gehörten, wurden gegen die Engländer gerichtet. e Die Franzoſen jubelten vor Entzücken über ihren Sieg. Lord Macartney, der engliſche Gouverneur, ge⸗ rieth über die Kühnheit und den Erfolg der Fran⸗ zoſen in ſolche Beſtürzung, daß er ſich genöthigt ſah, einen Parlamentär abzuſenden, weil er das Seuer, welches nun gegen ihn gerichtet wurde, un⸗ möglich aushalten konnte. Graf d'Eſtaing empfing den engliſchen Officier, welcher in der Eigenſchaft eines Parlamentärs auf⸗ trat, ſelbſt. Anſtatt auf irgend eine Unterhandlung einzugehen, wies d'Eſtaing nur auf ſeine Uhr und erklärte, er bewillige dem Lord eine Stunde Bedenk⸗ eit. Jezt ſei es drei Uhr. Um vier Uhr müſſe er ſich auf Gnade oder Ungnade ergeben haben. Mit dem Glockenſchlag Vier ergab ſich der Gou⸗ verneur. 4 Nach dem Kampfe wandte ſich Wilhelm zu Saint ue. 3 „Nun, was ſagen Sie jezt von unſerm Siege?“ „So viel als nichts. Als Schlächter haben wir unſere Sache gut gemacht. Sie haben ſich aus⸗ gezeichnet.“ 180 „Ah, Marquis, was für eine abſcheuliche Be⸗ d nennung!“ 4 „Wirklich? Es iſt dennoch wahr. Haben Sie ſich nicht mit der größten Luſt in Blut getaucht, 0 ganz wie es ſich für...“ „Einen Mann vom Schwerdte und von Chre ſchickt und ziemt.“ „Mag ſein; Schwerdt und Ehre trinken ebenſo gern Blut wie das Henkerbeil und der Richtblock. „Aber, Marquis, wie können Sie ſo reden, Sie ſind ja ſelbſt...“ „Ein in Uniform gekleideter Henker, wenn Sie ſo wollen; aber mon Dieu, ich bin Edelmann und mußte mich alſo für eine Chimäre opfern.— Außer⸗ dem behagt es mir, Gerade oder Ungerade mit dem Leben zu ſpielen. Es liegt etwas Pikantes darin, jeden Augenblick eine Umarmung des Todes zu er⸗ warten und doch zu ſeiner eigenen Ueberraſchung ſich noch am Leben zu finden. Das Leben hat nur. einen Werth, nämlich den, daß man es auf's Spiel ſetzen kann.“ ⸗ 5 XXII. 1 Am ſechsten Juli war Wilhelm auch dabei, als 1 Admiral Byron, welcher das engliſche Geſchwader t in Weſtindien befehligte, die franzöſiſche Flotte an⸗ 1 griff, welche unter Segel ging, als die engliſche in f Sicht kam. 4 Obwohl Wilhelm dießmal nicht im heißeſten Feuer war, ſo erlebte er dennoch einige jener Scenen 181 von Elend und Vernichtung, welche eine Geſchützlage auf einem Schiffe anrichten kann. Als Admiral Byron nach St. Chriſtoph geſegelt war, ohne die Schlacht, welche ihm Graf d'Eſtaing angeboten hatte, anzunehmen, wurde die Fregatte, an deren Bord Wilhelm diente, auf geheime Expe⸗ dition nach dem Golf von Mexiko abgeſandt. Sie wäre auch ſicher glücklich davon zurückge⸗ kehrt, hätte ſie nicht auf der Heimkehr nördlich von Curacçao eine engliſche Fregatte getroffen. Es war damals für Franzoſen und Engländer ebenſo unmöglich, auf der See ſich zu begegnen und nicht den Verſuch zu machen einander die Hälſe zu brechen, als für Hund und Katze, ſich nicht herum⸗ zubeißen. Die beiden Fregatten hatten ſich auch ganz tüchtig mit einander herumgetummelt, und jede war nach beſtem Vermögen bemüht, die andere un⸗ ſchädlich zu machen. Es war eines Morgens, kurz nach Sonnenauf⸗ gang, als die Wache im Maſtkorb ein großes Segel luvwärts entdeckte. Das Wetter war ganz ruhig. Der Himmel ſah jedoch verdächtig aus. Die Sonne n n n hatte ſich glühend roth erhoben, und über den Ocean wälzten ſich große Wolkenmaſſen. Das Schiff wäre wahrſcheinlich früher zu ent⸗ decken geweſen, wenn nicht der hin und herwogende Morgennebel die ſonſt ſo aufmerkſame Wache ge⸗ täuſcht hätte. Erſt als der Nebel ſich lichtete, konnte man an der Segelmaſſe, wie ſie nur ein Kriegsſchiff führt, erkennen, daß es ein feindliches Schiff war. „Klar zum Gefecht!“ war das erſte Signal, welches auf dieſe Entdeckung folgte; ihm reihte ſich 182 der innige Wunſch in jeder Bruſt an, daß der gute Gott eine Briſe ſenden möchte. Allmälig begannen auch die ſchlaff herunter⸗ hängenden Segel an Maſten und Stengen anzu⸗ ſchlagen, ein leichter Luftzug ſtrich über das Waſſer und die Fregatte konnte ſteuern. Es war, als ob Mannſchaft und Schiff ein neues Leben bekommen hätte. Die Briſe wurde immer ſtärker; man ſezte alle Segel bei und mit ſcharfem Beiwind, während der Schaum am Bug emporziſchte, ging es auf das unbekannte Fahrzeug los. Wie zwei Rennpferde, gleich ſtark im Laufen, ſtürzten die beiden Fregatten vor, die engliſche luv⸗ wärts, die franzöſiſche leewärts, und feuerten be⸗ ſtändig auf einander. Mit dem Mittag nahm der Wind zu und ge⸗ ſtaltete ſich nun zu einem Sturm, als man um eilf Uhr einen ſtarken Rauch von der engliſchen Fregatte aufſteigen ſah.. Es war Feuer an Bord ausgebrochen, und dieß mußte der Mannſchaft vollauf zu thun geben. Aber ehe ſie an ſich ſelbſt zu denken begann, gab ſie den Franzoſen die lezte Breitſeite, und dieß mit einer ſolchen Wirkung, daß Vorderſtenge und Beſanmaſt über Bord gingen. Da der Sturm immer heftiger tobte und die See hoch ging, ſiel die franzöſiſche Fregatte vor dem Wind. Die engliſche Fregatte war beinahe noch ſchlimmer zugerichtet und hatte überdieß das Feuer an Bord zu löſchen. Am Abend, wo der Sturm ſich noch nicht ge⸗ ———,———— ———.,— 183 legt hatte, war die leztere noch in Sicht, aber von Rauch zeigte ſich nichts mehr. Man war alſo Meiſter über das Feuer geworden. Die franzöſiſche Fregatte legte deßhalb bei, um den Britten zu er⸗ warten, nachdem ſie, ſo gut es ſich thun ließ, ihren verſtümmelten Beſanmaſt wieder hergerichtet hatte. Die Nacht verfloß, und am Morgen war die engliſche Fregatte außer Sicht. Sie hatte wahr⸗ ſcheinlich zur Nachtzeit einen entgegengeſezten Kurs eingeſchlagen und war ſomit der franzöſiſchen ent⸗ kommen. An Bord ſehen wir Wilhelm beſinnungslos in ſeiner Kajüte liegen; ein ſtarker Holzſplitter hatte ihn getroffen und ihm die Hälfte der linken Schulter weggeriſſen. Auch Saint Sue lag ausgeſtreckt auf dem Sopha in ſeiner Kajüte, in der Hüfte ſchwer verwundet. Mit der lezten Salve hatten beide dieſes Andenken von der engliſchen Fregatte erhalten. Saint Sue hatte im Augenblick, da er getroffen wurde. ausgerufen: „Eine ſo plebejiſche Kugel, die nicht einmal den Weg durch meinen Kopf nehmen konnte!“ Einige Minuten darauf raubten ihm Schmerz und Blutverluſt gleichfalls die Beſinnung. Zwanzig Mann von der Fregatte waren mehr oder minder ſchlimm zugerichtet. Dieß und Anderes beſtimmte den Kommandanten, einen Hafen aufzu⸗ ſuchen, und er beſchloß, nach St. Vincent ſich zu wenden. ———„..—— 184 XXIII. Die Menſchen, dieſe Kinder der Unruhe, welche Kampf und Sturm lieben, welche alte Reiche um⸗ ſtürzen und neue errichten, und eine beinahe göttliche Macht über den Gang der ECreigniſſe zu beſitzen glauben, ſind gleichwohl nur Sclaven der Zeit. Die Zeit, dieſer beſchwingte Engel, führt ſie in ihrem ewigen Fluge mit ſich fort, ohne an die Kämpfe zu denken, von denen ſie Zeuge geweſen, an das Glück, das zertrümmert worden, an das Leid, das ſie in ihrem Mantel getragen, an die Wonne, die zu ihren Füßen aufgeblüht. Ein Jahr, was iſt das auch? Ein einziger Athem⸗ zug aus der mächtigen Bruſt der Zeit, ein einziges Tippen ihres Uhrwerks. Ein Jahr dauert ſeine dreihundert fünfundſechzig Tage und verſchwindet dann in dem bodenloſen Grab der Vergangenheit. Glühend heiß fielen die Sonnenſtrahlen auf St. Vincents fruchtbaren Boden, welches jezt den Fran⸗ zoſen gehörte, mit ſeinen Zucker⸗- und Baumwollen⸗ Plantagen, ſeinen ſechsundzwanzigtauſend Einwohnern, worunter zweiundzwanzigtauſend Sclaven waren. Wir führen nun den Leſer in die Wohnung des Grafen d'Eſtrier unter Weſtindiens glühendem Himmel ein. Wir wollen das Beſizthum mit den dazu ge⸗ hörigen Plantagen Mazulip nennen, weil wir den rechten Namen gänzlich vergeſſen haben. Es hatte eine wirklich wunderſchöne Lage mit der Ausſicht auf die Karaibiſche See. 185 Das Wohngebäude erregte einen hohen Begriff von dem Reichthum des Eigenthümers. Es war in einem geſchmackvollen und gefälligen Styl ausge⸗ führt, mit Bildhauerarbeit und luftigen Balkons, mit Baluſtraden von Sandelholz geſchmückt. Alle Stockwerke waren durch eine Art Schirmdächer oder Marquiſen vor den brennenden Strahlen der Sonne geſchüzt. Die Einrichtung verrieth ein überwiegendes Wohl⸗ gefallen an Pracht und Gemächlichkeit. Jedes Zimmer, jedes Möbel lud dazu ein, ſich einer weichlichen Ruhe zu überlaſſen, in welcher man entweder vegetirte oder auch ganz ſorglos eine leichte Converſation führte. Die ſpielenden Fontänen, die grünen Jalouſien auf den Balkons, das üppige Laubwerk der Bäume, Alles war dazu geeignet, eine beſtändige Kühlung und ein entzückendes Halbdunkel zu unterhalten. Mazulip mit ſeiner Umgebung ſchien nur auf Ge⸗ nuß, Freude und Glück berechnet. Gewiß hatte ſich noch kein Kummer über deſſen Schwelle gewagt, der Schmerz war verblaßt und verſchwunden, das Leid hatte die Flucht ergriffen und der Kummer war weggeſtorben; dagegen hatten Liebe, Freude, Wonne und Glück ihre Wohnſtätte daſelbſt aufgeſchlagen und dieſelbe mit Allem geſchmückt, was das Auge des Genußſüchtigen entzücken und ſeinen Sinn be⸗ rauſchen kann. Auf dieſes Bild ſtrömte eine Fluth von Licht herab, eund die Natur ſchien gleichſam zu zittern unter den glühenden Liebkoſungen der Sonnenſtrahlen, jener Liebkoſungen, welche zugleich Mattigkeit und 186 Kraft bewirken, welche Liebe ins Herz und Wolluſt ins Blut gießen, welche den Gedanken tödten und die Sehnſucht hervorrufen. Auf einem von Bäumen umgebenen Altan lag eine Matte ausgebreitet, auf welcher eine junge Frau ruhte. Sie glich einer ſchönen Marmorſtatue, umgeben von Allem, was Leben und Wärme einzu⸗ flößen im Stande war. Sie ſtüzte ihr entzückendes Haupt auf einen alabaſterweißen Arm, der von Wogen reichen, dunkelbraunen und ſeidenartigen Haares überfluthet war. Ihre ganze Haltung verrieth Träumerei. Zu ihren Füßen ſaß eine alte Negerin. Sie hatte das Kinn auf die Hand geſtüzt und ſchaute gerade vor ſich hin. Eine lange Weile verharrten beide unbeweglich. Die alte Schwarze glich der Nacht, welche wartet, daß der ſchöne, holde und herrliche Tag ſeinen Platz verlaſſe und der dunkeln Hexe einräume. Endlich fuhr die junge Dame lebhaft mit dem Kopf auf, wie wenn ſie die Träume, welche ſie be⸗ herrſchten, von ſich abſchütteln wollte. Sie wandte ihr Geſicht nach der Sclavin herum und ſagte mit mildem Lächeln in franzöſiſcher Sprache: „Nun, Nizama, Du wolleeſt mir ja eine Geſchichte erzählen! Ich habe ſchon eine gute Weile gewartet, ſie zu hören.“ „Ich harrte nur des Augenblicks, da Sie mit Ihren Gedanken fertig wären,“ erwiederte Nizama. „Auf Ihrer Stirne las ich es, daß Sie weit von hier weg waren.“. „Du haſt Recht, ich befand mich in Frankreich,“ — 99— 8— 187 antwortete die junge Dame ſeufzend.„Es iſt nun etwa ein Jahr, daß ich mein ſchönes Vaterland verlaſſen habe, und noch konnte ich meine Sehnſucht, dahin zurückzukehren, nicht erſticken. Alles iſt und bleibt mir fremd hier. „So dachte ich auch, als ich St. Vincent verließ und mit Ihrer Mutter nach Frankreich ging,“ er⸗ wiederte Nizama ſeufzend.„Allein was ſollte ich machen? Die Gräfin war mir über Alles theuer, und obwohl ſie mir die Wahl ließ, entweder zu bleiben oder ihr zu folgen, that ich doch das Leztere. „Meine Mutter!“ wiederholte die junge Dame mit bewegter Stimme.„Sprich von ihr, erkläre mir Alles, was ich nicht verſtehe. Du weißt, Ni⸗ zama, Dinge, die ſonſt Niemand bekannt ſind.“ „Das iſt wahr; die alte Nizama hat mehr als Andere gehört und geſehen. Vielleicht hat ſie auch mehr gelitten, aber dieß iſt nun vergeſſen.“ Die Negerin ſeufzte abermals. „Sie müſſen entſchuldigen, Fräulein, wenn ich umſtändlich werde; denn ich muß ein wenig in der Zeit zurückgehen, wenn ich erklären ſoll, warum der gnädige Herr Graf ſich mit Mademoiſelle Eſtelle vermählt hat. Als der Vater des Grafen ſeine junge, ſchöne Frau von Frankreich brachte, gehörte ich ſchon ſeit mehreren Jahren zu ſeinem Beſizthum. Der alte Graf war damals ein ſehr ſchöner Mann. Er hatte als der Beſizer von ein paar tauſend Sclaven allzu ſehr den Herrſcher geſpielt, als daß ſein Herz ſich ebenſo ſchön wie ſein Aueßeres zu bewahren vermocht hätte. Man wußte von ihm, daß er feindſelig und rachgierig war.“ 188 V „Der Graf hatte einen natürlichen Bruder, den Sohn einer Karaibin, welchem ihr gemeinſamer Vater noch zu ſeinen Lebzeiten die angrenzende Plantage geſchenkt hatte,— Etwas, worüber ſich der junge Graf niemals zufrieden geben konnte.“ „Herr Martin, des Grafen Halbbruder, war in Folge davon der Gegenſtand ſeines Neides und Uebelwollens. Der Graf konnte es nicht verzeihen, daß jener, ein Baſtard, eine gleich große Plantage, wie er ſelbſt beſizen ſollte. Hiezu kam, daß Martin die ſeinige gut bewirthſchaftete und ſomit einen größern Ertrag erzielte, während diejenige des Grafen von Jahr zu Jahr weniger abwarf. „Das Schickſal wollte, daß die Plantagen der beiden Brüder an einander grenzten, daß ſomit der Graf unaufhörlich Anlaß zu neuen Streitigkeiten erhielt. Er that alles Mögliche, um ſeinem Bruder Aerger und Verdruß zu bereiten. „So ſtanden die Dinge, als der Graf die Inſel verließ und ſich nach Frankreich begab. Zwei Jahre war er fort. Die Plantage wurde von Inſpektoren und Verwaltern auf eine ſehr nachläſſige Art be⸗ wirthſchaftet, ſo daß der Graf, als er mit ſeiner jungen Frau zurückkehrte, ſie in einem ſchlimmen Zuſtande fand. „Ihre Mutter, Fräulein Lucie, that alles Mög⸗ liche, um das Verhältniß zwiſchen den Brüdern zu beſſern. Es gelang ihr auch, eine ſcheinbare Ver⸗ ſöhnung zu Stande zu bringen, obwohl der Graf in ſeinem Innern ſich niemals mit dem Gedanken aus⸗ ſöhnen konnte, daß der Sohn einer Sclavin im Beſiz der Hälfte des Vermögens ſein ſollte, welches ſeiner Meinung nach ihm allein zugehörte. 1 V 189 „Ueberdieß konnte der Graf es Herrn Martin r ebenſo wenig verzeihen, daß er zugleich ein gelehrter 2 1 V und bildſchöner Mann war und wegen der Milde und Menſchlichkeit, womit er ſeine Sclaven behandelte, ſich allgemeine Liebe und Verehrung erworben hatte. „Ein Jahr nach der Vermählung des Grafen wurde Ihr Bruder, Graf Charles, geboren. Die Freude war ſehr groß, und Herr Martin bemerkte dabei: „Wir wollen hoffen, daß die Plantagen endlich vereinigt werden und dem Jungen da zufallen.“ Dieſe Aeußerung ſchien den Grafen zu beruhigen, und einige Jahre verfloſſen, ohne ſichtbare Anzeichen von Zwieſpalt, als der Graf plözlich auf ſeinen Bruder eiferſüchtig wurde. Man behauptet auch, daß Herr Martin wirkliche Liebe zu Ihrer Mutter hegte, und daß dieſes Gefühl an Stärke mit den Jahren zunahm. Wie es ſich eigentlich damit ver⸗ hielt, kann ich nicht beſtimmt angeben. Daß er ſie überall Alles werth hielt, iſt jedoch eben ſo gewiß, als daß ſie ihren Mann von ganzem Herzen liebte. „Des Grafen Eiferſucht bewirkte, daß der alte Haß wieder mit doppelter Stärke aufflammte und ſo viel wilde Auftritte und ſo viel häusliches Elend hervorrief, daß ſchon an der Hälfte genug geweſen wäre. Der Graf behandelte ſeine Frau ſchlecht, trachtete ſeinem Bruder nach dem Leben und war wie von einem böſen Geiſt beherrſcht.— Ach! mein Gott, wie viel mußte Ihre Mutter damals leiden!“ Sah der Graf Herrn Martin mit einem der Sclaven von Mazulip ſprechen, ſo ſchöpfte er ſo⸗ gleich Argwohn und nahm für ausgemacht an, daß es nur geſchah, um an Ihre Mutter eine Bot⸗ 190 ſchaft zu überbringen. Der arme Sclave wurde dann ein Opfer ſeiner Wildheit. V So verging ein Jahr, als Herr Martin ſich ver⸗ heirathete, um allem Jammer ein Ende zu machen. Madame Martin war von karaibiſcher Abkunft, ſchön, leidenſchaftlich und heftig. Es dauerte nicht lang, als ſie durch eine geſchäftige Zunge erfuhr, daß ihr Gatte in die Gräfin verliebt geweſen ſei und ſich nur verheirathet habe, um die Eiferſucht des Mannes derſelben einzuſchläfern. Madame Mar⸗ tin gerieth in Feuer und Flammen.— Der eine Irrthum wurde nun ſchlimmer als der andere. „Das Haus von Herrn Martin wurde jezt der Schauplaz noch ſtürmiſcherer Auftritte, als jenes des Grafen. Aller Umgang zwiſchen den Brüdern mußte nun abgebrochen werden, allein auch dieſes führte noch nicht zum Frieden. „Etwas über ein Jahr nach Herrn Martins Verheirathung fand man ihn eines Tags ermordet auf dem Wege zwiſchen zweien ſeiner Pflanzungen. Ein ſtarker Verdacht fiel auf den Grafen, obwohl derſelbe nicht ausgeſprochen wurde und Niemand ihn als den Thäter bezeichnete. „Einige Wochen nach dem Mord kam Mademoi⸗ ſelle Eſtelle zur Welt. Als die Wittwe ſich wieder erholt hatte, ſchien ſie nur für Eins Sinn zu haben, nämlich an dem Mörder Rache zu nehmen, der ſie ihres Gatten, den ſie bis zum Wahnſinn liebte, be⸗ raubt hatte. Daneben wünſchte ſie, Ihrer Mutter, welche, wie ſie ſich einbildete, ihres Mannes Liebe beſeſſen hatte, einen Schmerz, gleich groß und bitter, wie ihren eigenen, anzuthun. —„ —2— s— 1 S=A 2= ⅓½=— 191 „Der Graf war ſeit ſeines Bruders Tod düſter und verſchloſſen geblieben. Er ſuchte die Einſam⸗ keit und wich ſo viel als möglich der Berührung mit andern Menſchen aus. So verging einige Zeit. Nizama ſchwieg. 2 Lucie hatte ſich auf dem Elnbogen emporgerich⸗ tet, wie um beſſer hören zu können. Als die alte Negerin beharrlich ſchwieg, ſagte ſie endlich: „Nizama, warum fährſt Du nicht fort?“ „Ich ſuchte meine Erinnerungen zu ſammeln, denn ich habe vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß der Vater des Grafen und des Herrn Martin ein ver⸗ ſiegeltes Teſtament hinterlaſſen hatte, welches erſt drei Monate nach dem Tode von einem der Brüder, oder, im Fall einer von ihnen Kinder hätte, bei er⸗ folgter Mündigkeit des älteſten Sohnes eröffnet wer⸗ den ſollte. „Als nun Madame Mariin ſich wieder vollkom⸗ men wohl befand, ſollten die verſiegelten Dokumente erbrochen werden. Dieß geſchah hier in Mazulip.— gch werde den Tag niemals vergeſſen. Graf Char⸗ les war ſieben Jahre alt, Ihre Mutter einige zwan⸗ zig, der Graf gerade volle dreißig. „Die Papiere wurden verleſen. Darin ſtand ge⸗ ſchrieben, daß im Fall der Eine der Brüder einen Sohn, der Andere eine Tochter hätte, dieſe einander eirathen, und die Plantagen deren gemeinſames Eigenthum werden ſollten. Hätten ſie dagegen mehre Kinder, ſo ſollte der älteſte Sohn des Einen ſich mit der älteſten Tochter des Andern verehlichen, und dieſe beiden die beſte Plantage bekommen, die andern Kindern hingegen in die geringere ſich thei⸗ 192 len. Würde endlich zwiſchen den Geſchwiſterkinder keine Heirath zu Stande kommen, ſo ſollte der äl⸗ teſte Sohn und die älteſte Tochter von dem Erbe ganz ausgeſchloſſen werden, und die übrigen Kinder nur die Befugniß haben, die Einkünfte der Planta⸗ gen zu beziehen, dagegen jedes Eigenthumsrecht auf dieſelben verlieren, und ſolches erſt deren Kindern wieder zufallen. „Madame Martin hörte dem Verleſen aufmerk⸗ ſam zu; darauf äußerte ſie beinahe düſter: „Charles und meine Tochter ſollen ſomit ein Paar werden? Aber bevor dieß geſchehen kann, muß erſt meines Kindes Vater gerächt werden! „Das iſt billig,“ antwortete der Graf. „Kurz darauf befahl er, einige Erfriſchungen zu ſerviren. Der Graf trank ein Glas Limonade, wel⸗ ches Frau Martin miſchte. Als er es empfing, ſprach er mit einem düſtern Lächeln. „Je eher, deſto beſſer.“. Er leerte das Glas, erhob ſich dann, nahm ſeine Frau am Arm und verließ das Zimmer. 4 „Madame Martin begab ſich nach Hauſe. Zwei Stunden nach ihrer Abfahrt von Mazulip war der Graf todt. „Ihre Mutter verließ St. Vincent ſo bald als möglich und begab ſich mit ihrem Sohn, mit mir und einigen Dienern nach Frankreich. „Die Aufſicht der Plantage vertraute man einem Engländer an, welcher der Anordnung des Grafen gemäß auch zum Vormund über deſſen. Sohn er⸗ nannt wurde. 4 „Ein paar Jahre ſpäter vermählte ſich Ihre — — — 193 Mutter mit dem Grafen d'Outrouville. Als Graf Charles ſiebzehn Jahre alt war, kehrte er auf ſeine Plantage zurück. Er hatte ſich niemals in Frank⸗ reich recht wohl gefühlt, ſondern ſehnte ſich beſtän⸗ dig nach unſerer Inſel.— Ich folgte ihm. „Sein Vormund, Herr Harland, war ein ſtren⸗ ger und gewiſſenhafter Mann. Seiner Obhut wurde nunmehr Charles anvertraut, welcher damals ein ſehr hübſcher Junge war, beſonders nach ſeiner An⸗ kunft auf St. Vincent. In Frankreich war ſeine Gemüthsart immer gedrückt und düſter geweſen. „Herr Harland hatte eine Tochter, ein paar Jahre jünger als Charles, ein ſchönes, munteres Mädchen. Charles, welcher im Hauſe ſeines Vormunds wohnte und mit Miß Alice täglich zuſammen war, ſchloß ſich ihr ſchnell an, und dieß mit ſo tiefer Zuneigung, daß dieſe, als er älter wurde, den Charakter der Liebe annahm. Sie müſſen wiſſen, daß man hier anders, als bei Ihnen liebt. Auch vergaß Charles die Verordnung ſeines Großvaters, ſeine Couſine und Alles außer Alice. „Eines Tages— er zählte damals einundzwan⸗ zig Jahre— theilte ihm Harland mit, daß es für Charles nunmehr Zeit ſei, die Plantage zu über⸗ nehmen und ſich mit Mademoiſelle Eſtelle Martin zu vermählen. „Charles wollte Nichts davon hören. Er wollte Alice und keine Andere zur Frau haben. Mr. Har⸗ land erklärte ihm, die Anordnungen des Teſtaments — müſſen heilig gehalten werden, und er habe, um einer Uebertretung derſelben von Seiten Charles vorzubeugen, bereits über Alicens Hand verfügt. Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 3 194 „Einige Wochen darauf verheirathete ſich Alice mit einem reichen Plantagenbeſizer von Martinique, und ein Jahr ſpäter, als es Graf Charles gelun⸗ gen war, ſeinen Schmerz einigermaßen zu überwin⸗ den, führte er Mademoiſelle Eſtelle Martin als ſeine Gattin in Mazulip ein. Er war jezt der alleinige Eigenthümer beider Plantagen. Madame Martin war ein Jahr vor ſeiner Vermählung geſtorben. Die Alte ſchwieg. Lucie war eine Weile in tiefe Gedanken verſunken. Es entſtand eine lange Pauſe. „Wie iſt der Graf als Chemann geweſen?“ fragte endlich Lucie. „Ach, ſehr ſonderbar; ſchon ſeit Miß Alicens Verheirathung war er gleichſam ein todter Menſch, ganz ſo, wie Sie ihn jezt ſehen. Er ſpricht mit Niemand, bekümmert ſich um Niemand, intereſſirt ſich für Nichts, ausgenommen, daß er den größt⸗ möglichen Gewinn von der Plantage zu beziehen. ſucht. Das Schickſal ſeiner Sclaven iſt ihm voll⸗ kommen gleichgültig, wenn ſie nur arbeiten können. Für Madame hat er niemals Mitgefühl oder Zärt⸗ lichkeit an den Tag gelegt. Sie hat vollkommene Freiheit, zu thun, was ihr beliebt, erhält Alles, was ſie wünſcht, und kann ſich beluſtigen, ſo viel es möglich iſt. Er beläſtigt ſie höchſt ſelten, widerſezt ſich keinem Begehren von ihr und überläßt ſie ganz und gar ſich ſelbſt.“ „Ja, ſo ſtanden die Verhältniſſe wirklich, ſeitdem wir hier ſind, aber.... Lucie ſchwieg.. „Sie meinen, Madame habe doch gegen ihren Willen nach Frankreich reiſen müſſen?“ fiel Nizama 195 zu und heftete ihre klugen, ſchwarzen Augen auf -ucie. „Ja, Eſtelle hat mir geſagt, dieſe Reiſe ſei ihr ſehr zuwider geweſen, aber ſie ſei zu derſelben ge⸗ zwungen worden.“ „Das iſt richtig! Aber es war auch das erſte Mal, daß der Graf von ſeiner ehelichen Gewalt Ge⸗ brauch machte. Er ſah ſich in Folge von Ihrer Mutter Tod genöthigt, nach Frankreich zu reiſen, und wollte durchaus, daß Madame ihn begleite. „Und der Grund?“ fragte Lucie mit einem forſchenden Blick auf die Negerin. „Den hat er nicht angegeben!“ „Haſt Du ihn nicht errathen können?“ „Nein! Ich habe es mir, ſo lang ſie fort wa⸗ ren, zu erklären geſucht, aber Nichts herausgebracht.“ „Iſt er vielleicht eiferſüchtig?“ Lucie ſuchte die Antwort in dem ſchwarzen runzeli⸗ gen Angeſicht zu leſen. Nizama ſchüttelte ihren ottigen Kopf und antwortete mit einem Grinſen, velches ein Lächeln vorſtellen ſollte: „Nein, das iſt er gewiß nicht! Er bekümmert ſich Nichts um Madame. Sie könnte Gefallen fin⸗ den, an wem ſie wollte, er würde Nichts darnach fragen!“ „Unbegreiflich!“ murmelte Lucie bei ſich und ver⸗ ſank wieder in Nachdenken.. 8 18* ——— 196 XXIV. Graf d'Eſtrier war ſeit einigen Wochen von St⸗ Vincent abweſend. Er hatte ſich nach Martinique begeben, um eine daſelbſt erkaufte Pflanzung in Augenſchein zu nehmen. Vielleicht lag ein mächtigerer Beweggrund vor, welcher dieſen Auto⸗ maten von einem Menſchen vermochte, die Fahrt da⸗ hin zu unternehmen. Nur Er, welcher in unſeren Herzen lieſt, konnte dieſe Frage beantworten. Eſtelle dagegen, von einer inneren, raſtloſen Un⸗ ruhe getrieben, welche es ihr unmöglich machte, lang an einem und demſelben Orte zu verweilen, hatte einen Ausflug zu einem ihrer Nachbarn unternom⸗ men und verweilte dort einige Tage. Lucie war ſomit allein gelaſſen und hatte dieſe Gelegenheit benutzt, um durch Nizama, welche ſich ſchon bei ihrer Ankunft in St. Vincent mit großer Ergebenheit an ſie angeſchloſſen hatte, ſich einige Aufklärungen über das, was ihre Verwandten be⸗ traf, zu verſchaffen. Die etwas unheimliche Geſchichte, welche Nizama erzählte, bewies nur allzu deutlich, daß man auf dieſem kleinen Fleck Erde auf ein Menſchenleben kein großes Gewicht legte, ſondern denjenigen, der gerade hinderlich war oder zum Zorn Anlaß gab, aus dem Wege räumte. Alle die dunkeln und traurigen Ahnungen, welche ihre Bruſt während des Aufenthalts in Breſt erfültt hatten, erwachten von Neuem. Zu Anfang, da ſie in St. Vincent verweilte, hatte ſie Alles ſo neu 197 gefunden, daß ſie ſich genöthigt ſah, den Blick von innen nach außen zu wenden. Jetzt hatten Zeit und Angewöhnung an die neuen Verhältniſſe bewirkt, daß ſie einwärts zu ſchauen begann, und da traten Erinnerungen hervor, welche die ganze ehemalige Unruhe in Bezug auf die Zukunft wieder ins Leben riefen. 4 Lucie fragte ſich ſelbſt:„Warum haſt Du das Vaterland verlaſſen und Dich in ſo weite, weite Ferne begeben?“ Sie ſtreckte mit einem ſehnſüchtigen Seufzer die Arme aus und wünſchte, daß der Wind ſie auf ſeine Fittiche nehmen und mit ſich nach der ſo ſchwer ver⸗ mißten und heiß begehrten Küſte von Frankreich führen möchte. Gegen Abend, an demſelben Tage, da Lucie Nizama's Erzählung gehört hatte, kehrte Eſtelle von ihrem Ausflug zurück. ** * In einem jener Tempel des Luxus und der Be⸗ quemlichkeit, wie man die Zimmer in Mazulip nennen könnte, finden wir am Abend die beiden jungen Damen. Unter jenem Himmel weiß man Nichts von einem Uebergang von Hell zu Dunkel oder von Finſterniß zu Tag. Die Sonne entzündet und verlöſcht ihre Fackel mit einem Male, ohne erſt ihre Hofdamen, die Morgenröthe und die Abenddämmerung, vor ihrer Ankunft oder ihrem Abgang auszuſchicken. Wir finden darum das Zimmer reich erleuchtet. 198 Die milden, balſamiſchen Nachtwinde ziehen ſeufzend durch die geöffneten, bis auf den Boden gehenden Fenſter. Es lag Etwas in deren Hauche, was das Herz mit einer eigenthümlich ſüßen, aber doch krank⸗ haften Sehnſucht erfüllte. Lucie ſaß auch in eine Ecke des Sopha's zurück⸗ gelehnt, verſunken in jene chaotiſchen Träumereien, welche vorzugsweiſe der Jugend angehören. Eſtelle wandelte mit leichten, beinahe lautloſen Schritten im Salon auf und ab. Das in Breſt gepuderte Haar war jetzt frei von allem Zwang und wogte wie eine nachtſchwarze Wolke um das Haupt hernieder, welches in dieſer Einfaſſung ſchöner als je erſchien. Ein dünnes, leichtes, ſchneeweißes Mouſſelingewand umſchloß, wie eine leichte Wolke, dieſen Körper mit ſeinen ſchönen Formen, und man mußte wirklich ſein Herz gut ge⸗ ſtählt haben, um von ſo viel Reiz nicht gefeſſelt zu werden. Eſtelle beſaß, was Wenigen zu Theil wird, die drei Haupttugenden weiblicher Anmuth: Schönheit, Liebenswürdigkeit und Witz. In dieſem Augenblick weilte ein Zug heftigen Schmerzes auf ihrem Angeſicht. Sie preßte ein Mal nach dem andern ihre Hände an die Bruſt, als ob ſie die unruhigen Wogen hemmen wollte, welche den leichten Mouſſelin hoben und ſenkten. Endlich, nach⸗ dem ſie lang hin und her gewandert, blieb ſie vor Lucie ſtehen und rief: „O, wer nur auf eine einzige Minute ſich dieſe Deine Ruhe und die Gelaſſenheit Deiner Gefühle erkaufen könnte! Mein ganzes Innere gleicht einem =ͤSͤeV e —. 199 Abgrund von Qual. So iſt es nun geweſen, ſeit⸗ dem er Breſt verließ. Vergeblich ſuche ich den Ge⸗ danken an ihn zu verjagen; er kehrt unaufhörlich wieder, und in meinen Ohren ertönen beſtändig jene Worte: Wir ſehen uns nie wieder!— Lucie, ich bin unglücklich!“ Sie warf ſich auf einen Sopha, legte die Hände über der Stirne zuſammen und fuhr fort: „Für eine einzige Minute des Wiederſehens gäbe ich gern mein Leben, wenn ich es nur zu ſeinen Füßen, ihm in die Augen blickend und meine Lippen auf ſeine Hand drückend, aushauchen dürfte!“ „Dann iſt es beſſer, daß Du ihn nie wieder ſiehſt!“ fiel Lucie heftig ein. „Beſſer, ſagſt Du! Hältſt Du es für beſſer, ohne ein Wiederſehen zu leben, als in der Glück⸗ ſeligkeit deſſelben zu ſterben?“ „Nein, das nicht!“ antwortete Lucie, und eine warme Röthe zog ihren Purpurſchleier über Luciens Angeſicht.„Aber Du biſt nicht diejenige, welche in einem ſolchen Augenblick ſterben möchte.“ „Nicht!“ rief Eſtelle und erhob ſich heftig.„Bin ich vielleicht diejenige, welche eher dieſes elende Leben, das ich nun fortſchleppe, tragen kann?“ „Das ebenſo wenig!“ „Lucie!“ rief Eſtelle und warf ihrer Schwägerin einen ungeduldigen Blick zu. Dieſe reichte ihr lächelnd die Hand mit den Worten: „Sei ſtill, kleine Wilde; ich werde Dir beweiſen, daß ich Recht habe! Laß uns die Sache nur ruhig betrachten, ſo wirſt Du genöthigt ſein, dies ſelbſt anzuerkennen.“ 200 In dieſem Augenblick ſah das Mädchen wie eine junge Mutter aus, welche mit milden Worten ein unbändiges Kind zu beſchwichtigen ſucht. Es war auch etwas ganz Eigenthümliches, daß Eſtelle, welche Anhänglichkeit weder ſonderlich achtete, noch daran glaubte, in damaliger Zeit dennoch ein unbegrenztes Vertrauen auf Lucie ſetzte. Dieſe, in Allem das Gegentheil von ihr, übte über Eſtelle's aufbrauſende und heftige Gefühle eine Gewalt aus, welche wahrhaft erſtaunlich war. Selbſt jetzt machte ſich die Gewalt geltend, und Eſtelle ſetzte ſich an Luciens Seite, indem ſie ſagte: „Du haſt Recht; Deine Worte haben im Laufe dieſer hölliſchen Monate mich ſchon oft zerſtreut und auf einige Minuten, während ich auf dieſelben horchte, die Unruhe in meinem Herzen vergeſſen gemacht. Wie willſt Du aber beweiſen, was Du ſo eben ſag⸗ teſt?“ Eſtelle lehnte ſich in die andere Ecke des Sopha''s zurück. Lucie nahm wieder das Wort: „Wenn ich liebte, wäre ich im Stande, für die Freude des Wiederſehens mein Leben zu opfern; aber mit Dir verhält es ſich nicht ſo. In demſelben Augenblick, da Du ihn wieder ſäheſt, würdeſt Du erſt recht heftig zu leben begehren und mit Ver⸗ zweiflung im Herzen aus dem Leben ſcheiden, wenn es Dir nicht vergönnt wäre, Deinen Geliebten mit ins Grab zu nehmen.“ „Ja!“ rief Eſtelle,„ſterben und ihn hier laſſen müſſen, wäre ſchrecklich; ſterben mit dem Gedanken, daß er hernach wieder eine Andere lieben könnte, würde ſelbſt den Tod zu einer Unmöglichkeit machen!“ ————— — ◻ 202———— 201 „Nun wohl, hatte ich nicht Recht, als ich ſagte: es iſt am beſten, daß Du ihn nicht wieder ſiehſt?“ „Lucie, ich werde, ich muß ihn wieder ſehen!“ Mit dieſen Worten ſprang Eſtelle von Neuem auf, und begann abermals im Zimmer auf⸗ und abzugehen.„Gott kann nicht die Abſicht gehabt haben, dieſes Feuer in meiner Bruſt zu entzünden, nur um dadurch die Qualen der Hölle in meiner Seele zu nähren. Nein, und tauſendmal Nein, ſo kann es nicht geſchehen. Dieſes Gefühl, welches ein Himmelreich und eine Hölle in ſich ſchließt, muß mich zur Glückſeligkeit führen und nicht blos in ſeinem Schooße Marter und Entſagung für mich bergen.“ „Aber ſo muß es dennoch bleiben!“ fiel Lucie mit Heftigkeit ein.„Du biſt verheirathet, Eſtelle, und Deine Liebe iſt....“ „Sprich dieſen Unſinn nicht aus,“ entgegnete Eſtelle.„Du weißt, was ich darauf zu antworten habe.“ Es entſtand eine Pauſe. Eſtelle nahm zuerſt wie⸗ der das Wort: „So oft ein franzöſiſches Schiff auf unſerer Rhede ſich ſehen ließ, habe ich erwartet, daß er an Bord ſein werde. Als St. Lukas von den Franzoſen ge⸗ nommen wurde, erfüllte meine Seele ſich mit der Hoffnung, daß ich den ſchönen Schweden wieder ſehen würde; aber es waren lauter Illuſionen, welche mit meinem Herzen ihren Spott trieben. Ich habe heute Stunden lang ein Schiff betrachtet, welches„ ſich St. Vincent zu nähern ſchien; ich täuſchte mich, es fuhr vorüber.“ 202 Hier wurde Eſtelle von einem eintretenden Diener unterbrochen. „Was willſt Du?“ fragte ſie ungeduldig. „Der Intendant wünſcht mit Madame zu ſprechen. — Es handelt ſich um einige kranke Franzoſen, welche ans Land geſetzt worden ſind, und....“ „Laß den Intendanten ſogleich hereinkommen,“ unterbrach ihn Eſtelle. Im nächſten Augenblick ſtand ein ältlicher Mann von farbigem Teint vor ihr. Gegen Abend war ein Boot von einem franzö⸗ ſiſchen Kriegsſchiff auf St. Vincent gelandet. Das Schiff gehörte zu denjenigen, welche nach dem mexikaniſchen Meerbuſen detachirt worden waren, und auf dieſer Expedition hatten einige Officiere ſo ſchwere Wunden davon getragen, daß man ſie ans Land ſetzen mußte, um ihnen beſſere Pflege zu Theil werden zu laſſen. Der Kommandant des Schiffes hatte nun bei dem Grafen d'Eſtrier angefragt, ob er nicht als Franzoſe ſeine verwundeten Landsleute aufnehmen möchte. Ehe der Intendant zum Schluß gekommen war, hatte Eſtelle ſchon ihre Antwort ertheilt und war ſelbſt hinweggeeilt, um Anſtalten zu dem Empfang der Kranken zu treffen. Drei Kranke wurden in Mazulip, und zwar im Hauptgebäude ſelbſt einquartiert. Eſtelle hatte be⸗ queme, geräumige Zimmer für ſie angewieſen. Als ſie und Lucie nach allen dieſen Anordnungen ſich wieder allein befanden, rief Eſtelle, indem ſie auf Lucie zueilte: 1 Grafen d'Eſtrier anvertraut werden, bitte ich um 203 „Ich muß dieſe Kranken ſehen, ich muß wiſſen, ob ich ſie kenne!“ Lucie war ſo bleich, daß ſie mehr einer Todten, als Lebenden glich. „Haſt Du nicht mit dem Officier, welcher am Land war, geredet?“ fragte Lucie mit bebender Stimme. 5 „Nein, nein, ich habe mir nicht die Zeit dazu genommen!“ „Aber ich habe es gethan,“ flüſterte das junge Mädchen.„Er hatte einen Brief an mich.“ „Lucie!“ rief Eſtelle und faßte heftig ihre Hände. „Sieh' hier!“ ſagte Lucie und reichte ihr ein Blatt Papier. Eſtelle riß es ihr aus der Hand und las: —ᷣ—ÿ;y— „Liebe Couſine! „Für Baron Stjernkrona, Marquis Saint Sue und Vicomte D., welche hiermit der Pflege des die Theilnahme von Couſine Lucie. Mögeſt Du bei Deiner bekannten Güte ihnen Schutz und Schirm gewähren! Sie gehören zu der Zahl der Kameraden, welche ich beſonders hoch ſchätze und ehre. Es wäre mir lieb geweſen, dieſelben Dir mündlich zu em⸗ pfehlen, aber eine Schramme am Fuß hat mich genöthigt, an Bord zu bleiben. Ich hoffe, bei unſerer Rückkehr nach St. Vincent ſie geneſen zu finden.“ „Dein ergebener Couſin „Arthur d'Outrouville.“ 204 Eſtelle hatte kaum die Aügen auf die erſten Zeilen geworfen, ſo ſank ſie auf die Kniee nieder, faltete die Hände und rief mit der leidenſchaftlichſten Freude: „Heilige Mutter Gottes, ich danke Dir, daß Du ihn verwundet werden ließeſt!“ „Du vergiſſeſt, Eſtelle, daß die Verwundeten lei⸗ den, daß ſie ſterben können!“ fiel Lucie heftig ein. „Ja, ich vergeſſe Alles— nur nicht die Ge⸗ wißheit, daß er hier iſt; hier unter meinem Dache, unter meiner Pflege! O, ich trotze dem Tode, ob er ihn nun von mir reißen kann!“ Eſtelle eilte aus dem Zimmer, ohne einen Blick auf Lucie zu werfen. Allein geblieben, richtete ſich Lucie zu ihrer vollen Höhe auf und flüſterte, ihre Augen auf die Thüre gerichtet, durch welche Eſtelle verſchwunden war, mit beſtimmter und feſter Stimme: „Nun, meine finſteren Ahnungen, werdet ihr vielleicht in Erfüllung gehen? Aber Kampf, ehe dies geſchieht! Er muß gerettet werden, und ſollte es mein Herzblut koſten.— Auch ich weiß, was und wohin ich will.— Eine von uns, ſie oder 10 muß ſiegen oder untergehen!“ Lucie trat an eines der geöffneten Fenſter, warf einen Blick zu dem dunkeln Himmel empor, woran Tauſende von Sternen, glänzend und lächelnd, auf ſie niederſchauten. Sie faltete die Hände und flüſterte ein ſtilles Gebet. Es war ein Gebet, in welchem ſie ſich ſelbſt gänzlich vergaß; ſo warm lautete es für den, wel chen ſie liebte. —·,——. Was iſt eine Krankheit?— Ein Gedankenſtrich im Leben des Menſchen. Unſere Wirkſamkeit iſt unterbrochen, unſere Plane ſind vernichtet, unſere kühnen Hoffnungen zerſtört; und wir liegen da, ge⸗ martert von Schmerzen, gepeinigt vom Fieber, mit Feuer im Gehirn, Angſt in der Seele und einer unleidlichen Unruhe im Blut. Wir ſind aus unſerer Lebensbahn, mitten im Laufe derſelben, heraus- geriſſen. Wie ſie fernerhin ſich geſtalten wird, wiſſen wir nicht, ehe der Gedankenſtrich geſchloſſen iſt und entweder das Leben den Satz weiter ausſpinnt, oder der Tod ihn mit einem Punkt abſchließt. Drei Tage, nachdem die Kranken in Mazulip un⸗ tergebracht worden waren, gab es nur noch zwei zu pflegen. Den Vicomte hatte der Tod abberufen. Es war eine traurige Vorbedeutung, meinten die abergläubiſchen Sclavinnen. Man konnte für ausgemacht annehmen, daß ehe die andern Zwei Mazulip verließen, noch zwei meitere Menſchenkinder in die Arme des Todes fallen würden. Daß dieß die Kameraden des Verſtorbenen ſein würden, das zog Niemand in Zweifel; aber die menſchlichen Berechnungen wurden dießmal, wie ſo oft, zu Schanden. Ein Tag, endlich eine Woche nach der andern verfloß, ohne daß der Tod Etwas von ſich hören ließ. Im Gegentheil, ſowohl Stjernkrona als Saint Sue ſchritten der Geneſung entgegen. Lucie und Eſtelle hatten die Pflege derſelben 206 übernommen. Während die Patienten durch das heftige Fieber aller Beſinnung beraubt waren, wach⸗ ten Eſtelle und Lucie wechſelsweiſe an deren Lager, aus Beſorgniß, die Domeſtiken würden ihre Oblie⸗ genheit nicht erfüllen. Es war ſichtbar, daß beide von ganz andern Motiven, als dem bloßen Mitleid angetrieben wurden. Die alte Nizama, welchen wegen ihrer außer⸗ ordentlichen Geſchicklichkeit in der Behandlung der Kranken bekannt war, reſidirte faſt beſtändig in dem Krankenzimmer. Der Raum unſerer Erzählung geſtattet uns nicht länger bei den mancherlei kleinern und größern Vor⸗ fällen zu verweilen, welche Eſtelle und Lucie Ver⸗ anlaſſung gaben, ihre ungleiche Gemüthsart an den Tag zu legen. Wir verſezen uns alſo in eine etwas ſpätere Zeit. Mit den Kranken iſt es ſo weit gekommen, daß ſie für Reconvalescenten gelten können. Sie haben das Krankenbett verlaſſen, um auf der Ter⸗ raſſe friſche Luft einzuathmen. Saint Sue, welcher bei weitem nicht ſo ſchwer verwundet war, wie Wilhelm, hatte ſich auch früher erholt, und während dieſer noch auf die Terraſſe getragen werden mußte, konnte der Marquis, auf einen Stab geſtüzt, hinauswandern und ſich ſelbſt eine kleine Promenade geſtatten. Im Laufe der ſechs Wochen, welche auf ſolche Weiſe verfloſſen, war Graf d'Eſtrier nicht heimge⸗ kehrte, ſondern verweilte immer noch auf Martinique. Eſtelle war ſomit Alleinherrſcherin in Mazulip. Sie hatte ganz vergeſſen, daß es ein Weſen auf 5 1 207 der Welt gab, welches ſich ihren Mann nannte. Für ſie gab es nur einen Menſchen, und was nicht er war, entſchwand der Erinnerung, als ob es gar nicht exiſtirte. Zwei Monate waren Wilhelm und Saint Sue unter Eſtelle's Dach geweſen. Zwei Monate hatte Wilhelm täglich die ſchöne Frau geſehen, war von ihr gepflegt worden und hatte in den dunkeln Au⸗ gen geleſen, welche Schäze von Zärtlichkeit ihr Herz für ihn barg. Sowohl in dem Irrſinn des Fiebers, als jezt, da er mit geſunden Augen um ſich ſchauen konnte, hatte dasſelbe entzückende Bild ihm liebevoll ent⸗ gegengelächelt. Mit jedem Tag, da ſeine Geneſung fortſchritt, hatte auch ihre Zuneigung einen ſtärkern und beſtimmtern Charakter angenommen, ſo daß die⸗ ſelbe ganz und gar ihre Seele beherrſchte. Der Schmerz der Wunden, der marternde Gedanke, auf ſolche Weiſe dem Schauplaz ſeiner Wirkſamkeit und Ehre entrückt zu ſein, Alles wurde vergeſſen, und Wilhelm überließ ſich bloß dem Augenblick und der immer ſtärkern und ſtärkern Gewalt, welche Eſtelle über ihn ausübte. Wilhelm ſah, daß er geliebt wurde. Er las es in ihren Blicken, in allen ihren Bewegungen, in jedem Lächeln von ihr; aber noch war kein Wort geſpro⸗ chen worden, welches das rein Poetiſche, das in einer noch unausgeſprochenen Liebe gelegen iſt, profaniren konnte. Sicherlich iſt dieß das ſchönſte Stadium in der Regierung des kleinen Gottes über ein Men⸗ ſchenherz. Eſtelle erkannte und ſah, daß ſie Wilhelm theuer 208 war, Alles an ihm ſprach es aus. Aber für eine Seele wie die ihrige lag in dieſem Stillſtand etwas Kleinliches, Etwas, das ſie reizte und marterte. Sie fühlte das Bedürfniß, das Geſtändniß ſeiner Liebe zu hören, damit ſie hernach ihr Herz öffnen und ihm zeigen könnte, welche Schäze es barg. Mit innerem Beben und glühender Leidenſchaft wartete ſie auf dieſen Augenblick; aber Wilhelm zögerte beharrlich, den ſchwachen Schild, welchen das Stillſchweigen gewährte, zu zerbrechen. Eſtelle's Feuerſeele konnte dieſes ſein Benehmen, oder den romantiſchen Zauber, der in dieſem ſtum⸗ men Austauſch von Gefühlen lag, nicht faſſen. Sie verſtand Wilhelms Zartgefühl nicht, nicht das ſchüch⸗ terne Bedenken, ſich der Geliebten zu nähern. Sie vermochte nicht zu begreifen, daß er glücklich ſein konnte, ſo wie es jezt war, ohne ſich es anders zu wünſchen Wilhelm hingegen, welcher ſie täglich zu ſehen bekam, den Laut ihrer Stimme hörte und in ihren Augen las, fühlte ſich zufrieden mit dieſer Glück⸗ ſeligkeit. Er war noch nicht ſo weit hergeſtellt, daß er ſein Ruhebett verlaſſen konnte, ſondern mußte auf die Terraſſe oder in den Salon getragen wer⸗ den, wenn er den Nachmittag in Geſellſchaft der beiden Damen zubringen wollte. ◻ 8 209. XXVI. An einem hellen und glühenden Tage trugen, als die Mahlzeit vorüber war, die Diener Wilhelm auf die von Bäumen dichtbeſchattete Veranda hinaus. Eſtelle hatte ſich halb liegend, auf einer weichen Matte ausgeſtreckt, welche für ſie ausgebreitet wor⸗ den war. Lucie ſaß auf einem bequemen Rohrſtuhle der Veranda, ganz nahe dem Sopha, auf welchem Wil⸗ helm lag. Der Marquis hatte auf einer der Stufen Plaz genommen und ſagte mit ſeinem ſcherzhaften und zugleich bedeutungsvollen Lächeln. „Von hier aus präſentirt ſich die Veranda wie ein Gemälde, in einem Rahmen von Laubwerk ein⸗ gefaßt. Wahrhaftig, machen Sie drei nicht eine Gruppe aus, welche gemalt zu werden verdiente. Sie, Madame, hier ſo halb liegend, gerade gegen⸗ über meinem nordiſchen Freunde, gleichen einer Ge⸗ ſtalt aus der orientaliſchen Mährchenwelt. Es iſt, als wären Sie durch irgend eine Laune des Schick⸗ ſals auf die Erde herabgeſandt worden, um in den Falten Ihres ſchwarzen Haarmantels die Glückſelig⸗ keit des Himmels und die Qual der Hölle mit ſich zu führen. Man liest auf Ihrer Stirne, daß Sie über den Himmel von Martern nachdenken, welchen Sie unter uns Sterbliche auszutheilen be⸗ abſichtigen; und man fühlt ſich verſucht, den Lenker der Ereigniſſe zu bitten, daß Sis in eine Statue Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 14 210 von ſich ſelbſt verwandelt würden, ehe es dahin kommt, daß man in Ihr Himmelreich eingeführt wird. „Ach, Marquis!“ rief Eſtelle lachend.„Begin⸗ nen Sie jezt wieder Ihre alten Feindſeligkeiten, und das, obwohl ich Sie mit ſo vieler Sorgfalt gepflegt abe?“ 3„Was Sie da ſagen, Madame, iſt ein Irrthum, Sie haben uns nicht gepflegt, Sie haben blos— über Fräulein Lucie gewacht.“ „Bravo! Sie ſind undankbar!“ „Das iſt ein Fehler, den ich, wie Sie ſich ganz gewiß erinnern werden, immerdar gehabt habe,“ antwortete Saint Sue mit Nachdruck. Ein leichtes Zucken in Eſtelle's beweglicher Miene gab zu erkennen, daß er ihr etwas Unangenehmes in's Gedächtniß zurückgerufen hatte. Sie lächelte jedoch gleich darauf wieder. „Wer war es denn, der Sie gepflegt hat, wenn Sie nicht anerkennen wollen, daß ich es geweſen bin?“ fragte ſie. „Madamo, ich habe es Ihnen ja bereits geſagt, damit daß ich erklärte, Sie hätten Fräulein Lucie bewacht. Fräulein d'Outrouville ſind wir für un⸗ ſere Rückkehr in dieſes Leben zur Dankbarkeit ver⸗ pflichtet, im Fall dasſelbe wirklich Etwas iſt, wofür man zu danken hat. „Haben Sie die Güte, Marquis, mir dieſe Ehre nicht aufzudrängen;“ fiel Lucie ein;„ich habe ganz einfach Eſtelle Beiſtand geleiſtet.“ „Mein Fräulein, ich beabſichtige nicht, Ihnen zu danken,“ verſicherte der Marquis,„denn die Wahr⸗ heit zu ſagen, glaube ich, Sie würden uns einen — n— 211 viel größern Dienſt geleiſtet haben, wenn Sie uns gütigſt unſerem Schichſal überlaſſen hätten. Ich habe niemals eine ſonderliche Paſſion für das Leben ge⸗ habt und mich immerdar unangenehm überraſcht ge⸗ funden, wenn ich in daſſelbe zurückkehrte.— Das Beſte für mich und meinen Freund wäre geweſen, zu ſterben. „Ich bin in der That Ihrer Meinung, Marquis,“ ſagte Lucie mit einem ſo eigenthümlichen Accente, daß Wilhelm ſchnell ſich nach ihr umſchaute. Fräulein d'Outrouville ſaß in ihren Stuhl zu⸗ rückgelehnt. Sie trug, gleich Eſtelle, ein dünnes, weißes Muſſelingewand. Ihr Haar, frei von allem Puder, wogte auf ihre alabaſterweißen Schultern nieder. Dieß, im Verein mit de r leichten, rückwärts⸗ gehenden Bewegung ihres Hauptes, gab ihrem Aus⸗ ſehen wirklich etwas Edles. Ihr Angeſicht war von einer warmen Roſenfarbe überhaucht, und auf ihren Lippen weilte ein wehmüthiges Lächeln. Sie war in dieſem Augenblick ſo ſchön, daß Wilhelms Augen mit unwillkürlicher Bewunderung auf ihrer Perſon weilten. „Warum ſind Sie mit de Meinung?“ fragt er. m Marquis gleicher Es geſchah höchſt ſelten, daß Wilhelm Lucie an⸗ redete. Warum? Wahrſcheinlich kam es daher, daß Etwas vorlag, das ihn von einer Annäherung an Lucie abhielt. Er bildete ſich ſelbſt ein, er zürne ihr wegen des Verſprechens, das ſie ihm zu Breſt abgenommen. Hätte Wilhelm jedoch genauer in ſei⸗ nem Innern geforſcht, ſo würd daß dem nicht ſo war, ſondern e er gefunden haben, daß der Sache etwas 14* 212 ganz Anderes zu Grunde lag. Wilhelm ſcheute ſich ein wenig vor dem jungen Mädchen, und es peinigte ihn beinahe, daß ihr Bild ſich zwiſchen ihn und Eſtelle oft ſo plötzlich ſtahl.. Doch kehren wir zu dem Geſpräche zurück. „Darum, mein Herr, weil der Tod des Lebens höchſter Gewinn iſt,“ entgegnete Lucie und heftete ihre großen, blauen Augen auf Wilhelm.„Niemand weiß, welche Leiden ihm beſchieden ſind, und es könnte ja wohl geſchehen, daß Sie eines Tags mit Verzweiflung im Herzen wünſchen, Sie wären jezt geſtorben.“ „Gott weiß, ob das eintreffen kann,“ ſagte Wil⸗ helm mit ſeinem heitern Lächeln.„Der Tod iſt ja — im Ganzen genommen Nichts als ein feiges Ausreißen vor den Beſchwerden des Lebens. Das heißt, man läßt ſich von dem Feinde gefangen nehmen.“ „Aber dieſer Feind hält doch beſtändig Jagd hinter uns her, und wir wiſſen zum Voraus, daß wir in ſein Kielwaſſer hineingeriſſen werden,“ fiel der Marquis ein;„deßhalb iſt es einerlei, wenn es geſchieht.“ „Ganz und gar nicht,“ fiel Eſtelle ein.„Ehe wir die Flagge vor dem Tode ſtreichen, müſſen wir von dem Leben Etwas gewonnen haben, wofür es ſich überhaupt der Mühe zu leben verlohnt hat.“ Wilhelms Blick heftete ſich auf Eſtelle. Ihre Augen begegneten ſich. „Und was wäre das?“ fragte der Marquis. „Was?“ wiederholte ſie, zu Boden ſchauend, und nachdenklich mit einer Blume, die ſie gepflückt hatte, 213 ſpielend.„Was anders, als die Liebe?“ ſezte ſie nach einer kurzen Pauſe hinzu. Die einfachſten Worte können durch den Accent, womit ſie geſprochen werden, eine ganz eigenthüm⸗ liche Bedeutung erhalten. So war es auch jezt. Es lag etwas in Eſtelle's Stimme, welches bewirkte, daß ihre drei Zuhörer, als wären ſie von einem elektriſchen Schlage getroffen, zuſammenfuhren, und doch hatte Jeder ſich auf dieſe Antwort gefaßt ge⸗ macht. Eſtelle warf den Kopf empor und ſezte lachend hinzu: „Mein Gott, ich glaube, meine Worte haben Sie erſchreckt!“ „Nicht die Worte,“ fiel der Marquis ein,„wohl aber die Lippen, welche ſie ausſprachen.“ „Sind dieſe ſo häßlich, oder haben Sie die Ab⸗ ſicht, wieder ein Scharmüzel mit mir anzufangen? In ſolchem Fall ſchlage ich vor, daß wir für heute Frieden ſchließen, und daß Sie ſtatt deſſen die Schil⸗ derung des Gemäldes wieder aufnehmen, auf wel⸗ chem Sie bis jezt blos mein Bild beſprochen haben.“ „Gern,“ erwiederte der Marquis, indem er die Augen auf Wilhelm heftete.„Mein Freund, der Baron, welcher dort auf dem Sopha ruht, die Augen auf Sie gerichtet, iſt ein Bild der Stärke und Ver⸗ nunft in der Gefangenſchaft der Thorheit. Man ſieht, daß er aus dem Gebirge ſtammt; daß ſeine Seele mehr Aehnlichkeit mit Eiſenerz, als mit vul⸗ kaniſcher Lava hat; daß ſeine Lebhaftigkeit ihren Glanz von dem Nordlicht und nicht von der Sonne entlehnt hat. In Folge irgend eines Zaubers iſt 214 ſeine Seele von ſo heißen Elementen umſchloſſen wor⸗ den, daß ſie das Erz ſchmelzen und es in einen Feuer⸗ ſtrom verwandeln, welcher— nachdem er erkaltet iſt, — hartes Eiſen wird, woraus man Waffen ſchmie⸗ det. Sie beide gehören zwei verſchiedenen Zonen an und paſſen zuſammen gerade wie der Nord⸗ und der Südpol.“ „Das will mit andern Worten ſagen, daß in Ihrem Gemälde der Nord⸗ und der Südpol einan⸗ der gegenüber geſtellt ſind, um...“ „Begreiflich zu machen, daß ſie nicht zuſammen⸗ paſſen.“ „Ah, Marquis, Sie erſchrecken mich wirklich!“ rief Eſtelle lachend.„Uebrigens bin ich der Mei⸗ nung, dieſelben ſollten bei einem ſolchen Rendez⸗vous zu der Einſicht kommen, daß ſie einzig und allein für einander da ſind. Nun, welche Rolle theilen Sie denn Lucia auf Ihrem famoſen Gemälde zu, wo ich und der Baron ſchon die unſrige bekommen haben?“ „Dem Fräulein gebe ich gar keine.— Sie iſt die Einzige, welche ſtets ſie ſelbſt bleibt und an den Himmel erinnert.“ Wieder zuckte es in Eſtelle's Angeſicht. Es zog ein Schatten darüber, ſo dunkel wie die Wogen ihres Haares, als ſie zu gleicher Zeit bemerkte, daß Wil⸗ helms Augen auf Lucie weilten. Es war zum zwei⸗ ten Mal, daß dies im Laufe einer Stunde geſchah. Bei dem Gedanken daran gerieth Eſtelle's Blut in Wallung. „Lucie iſt ſchön,“ dachte ſie;„ich kann es nicht ertragen, daß er ſie anſieht.“ 215 „Beſter Marquis,“ bemerkte Lucie lächelnd,„Sie wollen doch nicht eine ſolche Plattheit ausſprechen, wie daß ich einem Engel gleiche. In ſolchem Fall wäre ich Ihnen für das Compliment nicht ſonderlich dankbar. Engel in Menſchengeſtalt ſind niemals meine Liebhaberei geweſen.“ „Nicht!“ rief Eſtelle.„Und Du mit Deinen Kloſtergewohnheiten ſollteſt doch dafür ſchwärmen.“ „Es gibt ſo Vieles, was wir thun ſollten, und doch nicht thun,“ antwortete Lucie munter,„und Du wirſt entſchuldigen, daß ich nicht von der Regel abweiche.“ Lucie erhob ſich und ging auf die Terraſſe hin⸗ aus. Saint Sue folgte ihr, auf ſeinen Stab geſtüzt. „Erlauben Sie,. Fräulein Lucie, daß ich Sie be⸗ gleite?“ ſagte er. „Und wenn ich es nicht thäte?“ „So folgte ich Ihnen dennoch.“ „In einem ſolchen Fall iſt meine Erlaubniß überflüſſig.“ Sie wanderten den breiten Gang hinab. Eſtelle und Wilhelm befanden ſich allein. „Glauben Sie immer noch, daß unſer Charakter nicht ohne eine unſer Schickſal iſt?“ fragte Eſtelle, gewiſſe Unſicherheit in der Stimme. Nur einige Mal hatte es ſich während der Zeit, da Wilhelm in Ma⸗ zulip weilte, getroffen, daß er und ſie mit einander allein waren. „Feſter als je,“ antwortete Wilhelm und blickte ſie mit einem Ausdruck an, worin ſeine ganze Seele lag. 216 „Und trotz Allem dem, was Ihnen das Gegen⸗ theil beweiſen ſollte?“ „Was meinen Sie, Madame, mit dieſem Allem?“ „Die Begebenheiten, welche ſeit unſerer Trennung in Breſt ſich zugetragen haben,“ antwortete Eſtelle, während ihr Herz klopfte, als wollte es die Bruſt zerſprengen. „Sie machen nur eine Folge davon aus, daß ich mich in den Wirbel der Ereigniſſe warf und dabei mein Leben und meinen Körper ſtets auf das Glücks⸗ ſpiel der feindlichen Kugeln ſezte.— Daß ich ver⸗ wundet wurde, war Etwas, dem ich nicht ausweichen konnte, da mein eigener Wunſch und Wille mich dem Krieg in die Arme geführt hatte.“ „Gewiß, aber erinnern Sie ſich noch Ihrer Worte gegen mich in Breſt, welche ich wiederholte, als Sie mir zum Abſchied die Hand küßten““ „Ob ich mich ihrer erinnere, Madame? Sie zu vergeſſen, wäre unmöglich.“ „Wir werden uns nie wiederſehen,“ flüſterte Eſtelle,„und dennoch ſind wir jezt hier, auf derſelben Veranda. Wir brauchen blos die Hände auszu⸗ ſtrecken, um ſie einander zu reichen, und dies nach Verſluß eines Jahres, ſeitdem jenes Nie ausgeſpro⸗ chen wurde.“ Sie lächelte, während ſie eine Bewegung mit der Hand machte, als wollte ſie ihm dieſelbe reichen. Wilhelm richtete ſich heftig auf, um ſie zu ergreifen und mit einigen Worten, welche längſt ſchon auf ſeinen Lippen geſchwebt hatten, als er ihrem, von Zärtlichkeit ſtrahlenden Blick begegnete, das was ſie ——— 217 gſſagt hatte, zu erwiedern, als in demſelben Augen⸗ blick Jemand ganz in der Nähe rief: „Keine ſo heftige Bewegungen!“ Sein ausgeſtreckter Arm wurde von etwas Schwar⸗ zem und Knochigem gefaßt. Eſtelle's erhobene Hand ſank nieder, und ſie iichtete einen funkelnden Blick auf die unwillkom⸗ mene Störerin. Es war die alte Nizama, welche unbemerkt von Allen ſich hinter dem Rohrſopha niedergekauert hatte. „Was machſt Du hier?“ fragte ſie ungeduldig. „Ich wache über meinen Patienten, Madame,“ antwortete Nizama mit einem grinſenden Lächeln. „So lang ſeine Wunden nicht geheilt ſind, möchte es ſehr nothwendig ſein, daß man Wache hält, merke ich.“ Eſtelle erhob ſich raſch und ging an das entge⸗ gengeſezte Ende der Veranda. Sie drückte die Hand an die Bruſt, um ihren Zorn zurückzuhalten. Eine lange Weile blieb ſie ſo ſtehen, dann kehrte ſie zu Wilhelm zurück, ſezte ſich auf den Stuhl, welchen Lucie verlaſſen hatte und begann wieder: „Nun, was ſagen Sie zu dieſem Spiel des Schickſals?— War es Ihr Wille, oder ihr Cha⸗ rakter, welcher Sie nach St. Vincent führte? War es nicht vielmehr der Zufall?“ „Sie ſind Fataliſtin, Madame?“ „Ja, und das bleibe ich, bis man mir den Be⸗ weis beizubringen vermag, daß wir nicht einem un⸗ ausweichlichen Geſchick unterworfen ſind. So zum Beiſpiel war es meiner Anſicht nach ſchon zum Voraus im Buch des Schickſals aufgezeichnet, daß 218 .. 4 wir uns hier begegnen ſollten. Als wir uns trenn ten, hielt ich es für ausgemacht, daß mein Aufene halt in Frankreich noch ein paar Jahre dauen würde. Statt deſſen verließen wir Breſt ſchon ein, Woche nach Ihnen. Sie und ich, wir hatten da nicht vorausgeſehen.“ „Wahr, Madame; aber dieſer Zufall iſt nicht anderes als eine Folge unſerer Charaktere und daſ i dadurch hervorgerufenen Handlungen. Wäre ich nich auf den Kriegsſchauplatz geeilt, ſo hätte ich Sie nich getroffen, wäre nicht verwundet worden und ſomit Ihnen auch nicht wieder in den Weg gekommen.“ „Nein, es war unſer Schickſal, daß wir uns be⸗ gegneten. Hätten wir auch müßig die Hände in der Schooß gelegt, ſo wären wir doch von der Flucht der Ereigniſſe dahin geführt worden, wohin ſie es haben wollten. „Nicht ſie, ſondern unſere Leidenſchaften würden es gethan haben.“ „Es wird Ihnen niemals gelingen, mich von der Wahrheit Ihrer Behauptung zu überzeugen.“ . Eſtelle wandte ſich jezt zu Nizama mit den Worten; „Schaffe mir Limonade her, ich ſterbe vor Durſt.“ Die alte Sclavin erhob ſich aus ihrem Verſtech und beeilte ſich, dem Befehl nachzukommen. „Ich habe irgendwo geleſen,“ nahm Eſtelle wie⸗ der das Wort,„ich weiß nicht wo, daß die Liebe unſer eigentliches Schickſal ſei. Was halten Sie von dieſem Saze?“ „Es liegt eine große Wahrheit darin,“ erwie⸗ derte Wilhelm und ſah ſie an. Ein friſches Lächeln den ſt.“ tech vie⸗ ebe Sie vie⸗ eln 219 kräuſelte ſeine Lippen.„Die Liebe iſt ja Etwas, was von uns ſelbſt ausgeht. Die Stärke oder Tiefe unſerer Gefühle beſtimmt ja unſern Charakter, und ſomit iſt es immerdar dieſer, welcher unſerem Schickſale Form und Richtung gibt.“ „Die Stärke des Gefühls hängt nicht von uns ſelbſt ab, ſondern von demjenigen, welcher daſſelbe in uns weckt.— Wir bedürfen des Feuers, um Feuer anzuzünden, merken Sie dieß wohl!“ „Das iſt unläugbar; aber, Madame, wir lieben nur denjenigen, der im Stande iſt, die Saiten an⸗ zuſchlagen, die in unſerm Herzen wiederzuklingen vermögen, das heißt, einem geahnten, früher nicht gefundenen Bilde, von dem uns träumte, Form zu geben. Die Gabe, von dem Schönen entzückt zu werden, iſt Etwas, das nur gewiſſen Charakteren angehört, und darum lieben ſie... „Die See und den Krieg!“ rief Saint Sue und ſtieg zu der Veranda herauf.„Ich kann Sie ver⸗ ſichern, Madame, daß es für meinen Freund beſſer paßt, an Bord eines Kriegsſchiffs, als hier ſo in deſchliche Ruhe auf einem indiſchen Balkon zu iegen.“ Eſtelle warf einen finſtern, einen blitzenden Blick auf Saint Sue. „Sie glauben mir nicht,“ rief er;„Sie haben Unrecht. Ich will es Ihnen beweiſen.“ Auch Wilhelms Blick verrieth Mißvergnügen über die erfolgte Störung. „Sie brauchen ſich dieſe Mühe nicht zu machen, Marquis,“ erwiederte Eſtelle, verließ die Veranda und ging in das Haus. 220 Saint Sue warf ſich auf die Matte von Ma⸗ dame d'Eſtrier nieder und ſagte lachend: „Parbleu! Ich glaube, mein Erſcheinen iſt hier minder angenehm geweſen. Ich kann den Reſt meines zerſchoſſenen Beines darauf wetten, daß ich wie eine Bombe hier einſchlug, gerade als Sie, mon eher, im Begriff waren, Madame d'Eſtrier aus⸗ einanderzuſetzen, wen Sie liebten, wie Sie liebten, was Sie liebten. Dergleichen trauliche Geſtändniſſe muß man niemals einer Frau machen.“ „Sie verlangen doch wohl nicht, daß ich ſie einem Mann mache!“ fiel Wilhelm nicht ohne eine gewiſſe Ungeduld ein. „Warum nicht? Sie riskiren weniger, das ver⸗ ſichere ich Sie bei meiner Ehre.“ „Das iſt möglich, aber ich gewinne auch weniger,“ antwortete Wilhelm lächelnd. „Wiſſen Sie, was Sie gewonnen haben würden, wenn Sie Madame d'Eſtrier dieſes vertrauliche Ge⸗ ſtändniß gemacht hätten?“ „Marquis!“ rief Wilhelm feuerroth. „Mon cher baron, es iſt eine Lächerlichkeit, wenn Sie ſich ärgern. Wir können einander doch nicht, in der Freundſchaft Namen, den Degen in den Leib rennen, ſo lange ich mit meinem Stock ver⸗ mählt bin, Sie an das Sopha hier gefeſſelt ſind. Deßhalb iſt es am beſten, ohne Hitze das Thema zu diskutiren.“ 3 Saint Sue warf einen ſpähenden Blick auf die Gardinen vor den Thüren der Veranda. „Sie horcht,“ dachte er und fuhr dann laut fort: „Ja, der Gewinn wäre geweſen, daß Sie ſich ed vi .221 über Hals und Kopf in den Abgrund geſtürzt hätten. Solchen Frauen, wie unſere liebenswürdige Wirthin, vertraut man dergleichen niemals an. Sie machen allzeit Mißbrauch davon und man endet mit einem vollſtändigen Bankerott.— Lieben Sie, ſo viel Ihnen beliebt, aber behalten Sie das Geheim⸗ niß für ſich ſelbſt und nehmen Sie ſich in Acht, die lleine, gelbe Sammtpfote mit Ihrem Herzen ſpielen zu laſſen. Es geht Ihnen dann gerade ſo wie der Maus, welche in die Klauen der Katze gerathen iſt.“ „Wahrhaftig, Marquis, machen Sie ſich nicht ſdes Anſpruchs auf Ritterlichkeit verluſtig, wenn Sie alſo von einer Frau reden, von welcher Sie ſo biele Güte zu einer Zeit erfahren haben, da...“ „Da ich mich derſelben nicht erwehren konnte,“ unterbrach ihn der Marquis.„Hätte man es in meine Wahl geſtellt, mich von einem Haifiſch verſchlingen, lder von Madame d'Eſtrier pflegen zu laſſen, ich vürde das Erſtere vorgezogen haben. Ihre Sorg⸗ ſalt iſt Etwas, um das ich nicht angeſucht habe, und die Wahrheit geſprochen, hat ſie mir ſolche auch nicht zukommen laſſen.— Uebrigens, beſter Baron, iind Sie ſo dankbar, daß es für uns beide aus⸗ richt, und Sie befreien mich alſo von der Ver⸗ fflichtung es gleichfalls zu ſein.“ Er wurde von Eſtelle unterbrochen, welche wie⸗ jer, begleitet von Lucie, auf die Veranda trat. der Marquis erhob ſich ſchnell, aber Eſtelle ſagte, undem ſie ihn nöthigte, ſeinen Platz zu behalten: „Bleiben Sie, Marquis, Sie legten eben eine olche Beredſamkeit dar, daß ich Sie der Situation 1 1 1 222 nicht berauben möchte, welche Sie dermaßen zu be⸗ geiſtern vermochte.“ „Ich wußte nicht, Madame, daß Sie horchten,“ erwiederte der Marquis mit gut geſpielter Be⸗ ſtürzung. „Ich habe nicht gehorcht, mein Herr; ich habe blos den Laut Ihrer Stimme vernommen, und dieſe butte einen Accent, daß es ganz wie eine Vorleſung klang.“ „Dieß war auch der Fall, und ich kann Sie ver⸗ ſichern, Madame, daß, was ich ſagte, im höchſten Grad erbaulich war, denn ich redete die Sprache der Klugheit.“ 6 „Und der Baron?“ fragte Eſtelle, ſich zu Wil⸗ helm wendend. 8c „Hörte mir mit Intereſſe zu,“ fiel Saint Sue ein. ſü „Ich bitte, Madame, glauben Sie ihm nicht, denn wenn das, was er ſagte, klug iſt, ſo will ich lieber ein Thor ſein,“ verſicherte Wilhelm lachend. „Der Herr Graf iſt eben angelangt,“ meldete in dieſem Augenblick ein Diener. „Der Graf?“ wiederholten unſere vier Perſonen. aber mit verſchiedenem Ausdruck, wie wenn jede ſich erſt hätte erinnern müſſen, wer der Graf war. Eine Weile hernach hörte man einen ſchweren Schritt im Salon, und bald darauf trat der Graf auf die Veranda. Bei ſeinem Namen war Lucie erbleicht. Eſtelle zuckte die Achſeln, als wollte ſie damit ſagen: „Was geht das mich an!“ Saint Sue warf zuerſt einen prüfenden Blick auf Lucie, und hernach auf Eſtelle. Wilhelms Ausſehen — 223 pverrieth einen nichts weniger als angenehmen Ein⸗ druck. Auf ſolche Art wurde der reiche Beſitzer von Mazulip nach einer Abweſenheit von drei Monaten in ſeinem eigenen Hauſe empfangen. XXVII. Die tjauſend Augen der Nacht blickten auf Ma⸗ zulip nieder. Alles war ſtumm und ſtill. Der Engel des Schlafes hatte mit ſeinem Frieden alle die Unruhe abgelöst, welche der Tag in ſeinem Schooße mitgebracht, und das Menſchenherz in einen ſſüßen Schlummer gewiegt. Allerdings war da und dort noch ein Fenſter erhellt, aber dieß rührte ohne Zweifel von der . Nachtlampe in den verſchiedenen Schlafzimmern her, denn im ganzen Hauſe herrſchte vollkommene Stille. Mit ganz verſchiedenen Gefühlen begab ſich Jedermann zur Ruhe. Des Grafen plötzliche Heimkehr hatte bei Allen, mit Ausnahme von Eſtelle, Gedanken erweckt, welche mehr oder minder ſich um den ſchweigſamen Eigen⸗ thümer von Mazulip drehten. Vor Wilhelms Seele trat unwillkürlich das lezte Mittagsmahl im Hotel Outrouville. Saint Sue dagegen dachte: „Jezt werden wir ſehen, was geſchieht.“ Was Lucie empfand, wiſſen wir nicht; aber bleich wurde ihre Wange und unruhig ihr Auge. 224 Eſtelle's einziger Gedanke war: „Mein Gott, wie unerträglich, das Geſicht jezt ſehen zu müſſen!“ Alles war in das tiefſte Schweigen verſenkt, als eine weißgekleidete Geſtalt ſich die Treppe nach dem obern Stochwerk hinaufſchlich und mit lautloſem Schritt den Weg nach den Privatgemächern des Grafen d'Eſtrier einſchlug. Ohne alles Geräuſch wurde die Thüre geöffnet, welche von dem Korridor nach denſelben führte. Jene ſchritt ſchweigend durch das erſte Zimmer, ſchlug ganz behutſam den weichen, ſeidenen Vorhang von der nächſten Thüre zurück und trat über die Schwelle. Ausgeſtreckt auf einem dunkelroth ſeidenen Di⸗ van lag der Graf d'Eſtrier und rauchte. Die ſonſt halbgeſchloſſenen Augen waren jezt geöffnet, und er blickte mit einem lebhaften und blitzenden Ausdruck gerade vor ſich hin. Die ſonſt ſo ſchlaffen Geſichts⸗ muskeln verriethen in dieſem Augenblick Energie und Claſticität. Sein ganzes Ausſehen war voll⸗ kommen verändert. Es war offenbar, daß das Innere des Grafen von ganz anderen Elementen, als Gleichgültigkeit und Trägheit beherrſcht wurde. Seine Bruſt hob ſich unruhig, und die zur Seite auf dem Divan niedergeſunkene geballte Hand be⸗ wies, daß ein heftiger Zorn das ſonſt ſo träge Blut in mächtige Wallung verſezt hatte. Die weiße Geſtalt blieb eine lange Weile auf der Schwelle ſtehen und betrachtete ihn. Wie er ſo, im Lichte der von der Decke nieder⸗ hängenden Lampe dalag, präſentirte ſich ſein äußerer 225 Menſch ſehr vortheilhaft. Sein Angeſicht war be⸗ lebt, und man ſah, daß eine Seele in dieſem Koloß wohnte. „Charles!“ rief die Geſtalt mit leiſer Stimme. Der Graf drehte den Kopf um und warf einen Blick nach der Thüre. „Ah, Lucie! ich erwartete Dich,“ ſagte er und fuhr mit der eben noch geballten Hand über die Stirne. „Du erwarteteſt mich?“ fragte Lucie näher tretend. „Jal ich war überzeugt, daß Du nicht zur Ruhe gehen würdeſt, ehe Du mit mir geſprochen hätteſt. Nun, was iſt Dein Begehren?“ „Das Schickſal hat unglücklicher Weiſe Dir den Mann wieder in den Weg geführt, und...“ „Du kommſt in der Hoffnung, mir Geſeze vor⸗ ſchreiben zu können, nicht wahr?“ ſagte der Graf, indem er ſich erhob und in ſeiner ganzen Länge vor ſie hinſtellte. Mit dumpfer Stimme ſezte er hinzu:„Wir ſind jezt nicht in Breſt, Fräulein d'Outrouville.“ „Nein, wir ſind in Mazulip; das weiß ich. Hier gehören Mord und Verbrechen zur Tagesordnung. Charles, es iſt genug an denen, welche bereits be⸗ gangen worden ſind; mehr dürfen nicht verübt werden!“ „Glaubſt Du?“ entgegnete der Graf mit einem düſtern Blick auf ſie. „Ich glaube es nicht, ich bin davon überzeugt, und darum folgte ich Dir hieher. Du haſt einmal geſagt, mein Ausſehen erinnere Dich an unſere Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 15 226 Mutter. Wenn dem ſo iſt, ſtehe ich nun vor Dir und....“ „Bitteſt, daß ich dieſen Schweden ſchone?“ „Jc⸗ Lucie faßte ſeine Hand und fuhr mit bittender Stimme fort: „Du wirſt und darfſt ihm nichts zu Leide thun. Charles, mit meinem Leben würde ich ihn retten, wenn ich es vermöchte.“ Der Graf betrachtete ſie mit einem langen Blick. „Du liebſt ihn?“ Lucie ſchwieg. Ein Blitz wilder Freude flog über des Grafen Angeſicht. Er faßte heftig Lu⸗ ciens Arm. „Antworte mir, liebſt Du dieſen Mann?“ Lucie brach in Thränen aus. „Und wenn es ſo wäre?“ ſtammelte ſie. „Würde ich ihn vielleicht ſchonen!“ antwortete der Graf, indem er ihren Arm losließ und mur⸗ melte:„Einen Todten beweinen iſt bitter, aber den Verluſt eines Herzens zu beweinen, das man einſt zu eigen beſeſſen. Selbſt die Hölle hat keine gräß⸗ lichere Qual zu bieten!“ Er warf ſich wieder auf den Divan und fuhr mit klarer Stimme fort: „Ich weiß, daß Eſtelle dieſen Mann liebt.“ Lucie machte eine Bewegung, als ob ſie ihn unterbrechen wollte. „Es hilft zu Nichts, wenn Du mir miderſprichſt. Ich weiß es. Sie liebt ihn, wild, heftig und ſo wie nur ſie lieben kann. Seine Liebe iſt das Leben für ſie, der Verluſt derſelben diel bitterer, als der r 227 Tod.— Nun wohl Lucie, willſt Du ſein Leben retten?“ „Ja, ich will es retten, und müßte ich ſelbſt meinen eigenen Bruder denunciren.“ „Bah! Das hälfe zu Nichts. Weder Richtblock noch Schmach würde mich von dem abhalten, was ich einmal beſchloſſen habe. Verſtehe wohl, Deine Drohungen ſind auf dieſer Inſel ohnmächtig. Ich werde ihn tödten und dieß vor ihren Augen.“ „Charles,“ rief Lucie und faßte mit einem Aus⸗ druck von Verzweiflung ſeinen Arm. „Schweig und höre mich an. Du liebſt dieſen Mann, welcher für Eſtelle Alles iſt. Es gibt nur ein Mittel ihn zu retten.“ „Und dieſes iſt?“ fragte Lucie mit bleichen Lippen. „Daß Du ſeine Liebe für Dich gewinnſt!“ Mit einer Geberde der hoffnungsloſeſten Ver⸗ zweiflung warf ſich Lucie in einen Fauteuil und barg ihr Angeſicht in den Händen. Der Graf fuhr fort: „Ich wünſche, daß Eſtelle mit jeder Stunde, mit jedem Tage ihn höher und leidenſchaftlicher liebe, aber wehe ihm, wenn er mit einem einzigen Wort dieſe Liebe erwiedert. Und hätte er tauſend Leben, ich würde ſie ihm alle nehmen. Es gibt Nichts, was ihn in ſolchem Fall noch retten kann!“ Der Graf ſchwieg. Es entſtand eine lange Pauſe. Endlich erhob Lucie den Kopf und ſprach mit An⸗ ſtrengung: 189 228 „Wie lang giebſt Du mir Zeit dazu, ſeine Liebe zu gewinnen?“ „Ich gebe Dir vier Wochen. Wenn nach Ver⸗ fluß dieſer Zeit ſein Auge noch mit demſelben Aus⸗ druck, den es heut Abend hatte, auf Eſtelle weilt, wenn er während dieſer Zeit ihr ſeine Liebe erklärt hat, dann ſoll er ſterben. Und nun, gute Nacht, Schweſter! Ich bin in der That edelmüthig geweſen. Ich habe Dir einen ganzen Monat gegeben, um Dich geliebt zu machen, um Dein Glück zu ſchaffen und ſein Leben zu retten. Mehr kannſt Du nicht begehren. Als Franzöſin ſollteſt Du kaum den achten Theil jener Zeit brauchen, um einen Mann zu feſſeln.“ Der Graf ging in ſein Schlafzimmer. Lucie blieb unbeweglich ſizen. „Einen Monat!“ ſtammelte ſie und faltete die Hände.„O, wenn ich ihn nur von hier fortbringen könnte!“ XXVIII. Als die Sonne den folgenden Morgen am Himmel auftauchte und mit ihren lächelnden Strahlen Ma⸗ zulip umſpielte, trat Lucie auf die Veranda. Alles ruhte noch. Ihr mattes Auge verrieth deutlich, daß ſie die Nacht ſchlecht geſchlafen hatte. Sie war von Nizama begleitet. „Wie befindet ſich Dein Patient?“ fragte Lucie. „O, ziemlich gut. Er ſchläft noch.“ „Glaubſt Du nicht, daß er in Bälde Mazulip verlaſſen kann?“ 229 „Damit hat es noch Geduld, denn die Wunde bricht bei der geringſten Unvorſichtigkeit wieder auf. Uebrigens kann er wohl auch nicht davon fliegen, und es iſt ſchon lang her, daß wir ein franzöſiſches Fahr⸗ zeug geſehen haben. In ſechs bis acht Wochen wollen wir hoffen, iſt es mit ihm ſo weit, daß er von hier abgehen kann, im Fall ſich eine Gelegen⸗ heit dazu bietet.“ „Erſt in ſechs Wochen!“— Ach mein Gott, in dieſer Zeit kann noch viel geſchehen!“ ſeufzte Lucie. „Allerdings; aber das Fräulein kann doch nicht erwarten, daß er früher fortkomme: denn wenn er ſelbſt es auch wollte, ſo würde doch weder Madame, noch der Herr zugeben, daß er Mazulip eher ver⸗ laſſe, als bis er ganz hergeſtellt iſt. Der Herr Graf hat eben Befehl gegeben, daß Niemand ohne ſein Vorwiſſen Mazulip verlaſſe, daß die Fremdlinge mit der größten Sorgfalt gepflegt und mit aller Aufmerkſamkeit behandelt werden.“ „Gut!“ ſagte Lucie, verabſchiedete die Negerin und blieb dann in tiefen Gedanken ſitzen. Das junge Mädchen überlegte, wie unmöglich es wäre, mit Eſtelle ſich in einen Wettſtreit einzulaſſen, beſonders da Alles an Wilhelm zu erkennen gab, daß ſein Herz feſt an ihr hing. Man konnte ſagen, daß ſeine Gefühle nun auf der Mittagshöhe der Gluth angelangt waren. Doch, Lucie war eine Franzöſin, und dazu eine edle, hochgeſinnte Fran⸗ zöſin, mit einem muthigen und ſtarken Herzen. Es konnte alſo von keinen Schwierigkeiten die Rede ſein, wenn es ſich um ein gutes Werk handelte. Während Lucie ihre und des Feindes Stärke zu —— 230 berechnen ſuchte, waren Mazulips übrige Bewohner erwacht, und auf die kühle Veranda trat zuerſt Saint Sue, und hernach Eſtelle heraus. ** * „Wie geht es heute mit Ihrem Freunde?“ fragte Eſtelle Saint⸗Sue. „Seine Wunde läßt ſich nicht zum beſten an und der arme Junge iſt, in Folge davon, nicht ſonderlich gut geſtimmt.“ 5„Was ſagen Sie, Marquis, iſt es ſchlimmer mit ihm?“ „Ja Madame. Die Luft iſt hier viel zu heiß, als daß ſie, wenn es ſich um die Heilung einer Wunde handelt, von wohlthätigem Einfluß ſein könnte.— Das Blut treibt hier zu hohe Wellen“, ſezte er mit einem feinen Lächeln hinzu. „Ich glaubte im Gegentheil, daß die gemächliche Ruhe, welcher man ſich hier überläßt, eine ſolche Wirkung nicht haben könnte,“ erwiederte Eſtelle. „Ruhe in Ihrer Nähe, Madamo, iſt ſchädlicher als die ſtrengſte Strapaze in einem Kampfe.“ Eſtelle ſchleuderte dem Marquis einen Blick zu, ſo drohend, daß er einem Blitzſtrahl glich. Der Graf trat auf die Veranda; in ſeinem An⸗ geſicht gab Nichts zu erkennen, daß während der Nacht ſtarke Gemüthsbewegungen demſelben ihr Ge⸗ präge aufgedrückt hatten. Man nahm ein leichtes Frühſtück ein, wobei der Graf ſtumm wie das Grab verharrte. Er ſchwieg und aß. Als das Mahl zu Ende war, verließ er 231 die Geſellſchaft. Lucie zog ſich auf ihr Zimmer zu⸗ rück, und Saint Sue näherte ſich der Thüre, um zu Wilhelm zurückzukehren; aber Eſtelle hielt ihn mit den Worten zurück: „Bleiben Sie, Marquis, ich bitte!“ „Unendlich gern, Madame,“ antwortete er, um⸗ kehrend und auf ſie zutretend.— Eſtelle hatte ſich auf ein Sophä geworfen. Mit zurückgelehntem Haupte, halb liegend in etwas leicht⸗ fertiger und doch graziöſer Haltung, betrachtete ſie das ſchöne Angeſicht des jungen Franzoſen mit einem höchſt eigenthümlichen Blick. „Sehen Sie nicht ein, mein Herr, daß zwiſchen uns eine Erklärung ſtattfinden muß?“ begann Eſtelle. „Nein, Madame, das ſehe ich nicht ein,“ ver⸗ ſicherte Saint Sue lächelnd, trug einen Stuhl zu dem Sopha und ſezte ſich.„Ich habe Ihnen eine ſolche nicht zu machen und vermuthe auch, daß Sie nicht die Abſicht haben, mich durch eine ſolche von Ihren Lippen bloßzuſtellen.“ „Marquis, laſſen Sie den Scherz. Ich habe Sie heute nicht gebeten, da zu bleiben, um eine Stunde mit Ihnen zu verplaudern, ſondern um ernſtlich zu reden.“ „Ernſtlich zu reden! Mein Gott, Madame, wie konnten Sie auf eine ſolche Idee gerathen? Ernſt und ich, wir paſſen nicht zuſammen.“ „Aber nun verlange ich, daß Sie mich nicht blos anhören, ſondern auch meine Fragen ehrlich beant⸗ worten,“ fiel Eſtelle heftig ein. Der Marquis verbeugte ſich und Eſtelle mäßigte Saint Sue anſehend hinzu: „Ihre Ritterlichkeit verbietet Ihnen ſicherlich, einer Dame einen Wunſch abzuſchlagen.“ „Bezaubernde Schlange!“ dachte Saint Sue und wandte die Augen von der Sirene ab und nach der Decke. „Ich bin Ihr Sclave, Madame, ſofern es ſich nur um Chrlichkeit bei Beantwortung einer Frage handelt; aber begehren Sie nicht, daß ich von ernſten Dingen mit einer jungen, liebenswürdigen Dame ſpreche.“ „Sie ſagten liebenswürdig?“ „Ja, Madame, und ich nehme mein Wort nicht zurück.“ „Warum nannten Sie mich ſo?“ „Deßhalb, weil Alle Sie lieben.“ „Alle, alſo auch Sie?“ „Ich thue ſtets das Gegentheil von Dem, was Andere thun.“ Eſtelle fuhr auf. Ihre Miene veränderte ſich. Der verführeriſche Ausdruck, welchen Sie ihren Zügen gegeben hatte, verſchwand, und eine Flamme des Zorns fuhr darüber. „Schön, Marquis, wir ſind nun da, wohin ich kommen wollte. Antworten Sie mir, was war Ihre Abſicht bei dem, was Sie geſtern zu Ihrem Freunde ſagten? Hoffen Sie vielleicht damit auf die Möglichkeit...“ „Ihn zu Vernunft zu bringen? Nein, aber ich wünſchte ihm nur den Abgrund zu zeigen, in welchen er ſich zu ſtürzen im Begriff war. Mein Zweck war nicht, ihn der Macht zu entziehen, welche Sie ihre Aufregung und ſezte mit ſanfter Stimme und 233 ausüben, ſondern nur, ihn vor einem Feinde zu warnen.“ „Einem Feinde, ſagten Sie. Bin ich die Fein⸗ din Ihres Freundes?“. „Mehr als irgend Jemand, denn Sie zerſtören ſeinen Frieden.“ „Geben Sie Acht, was Sie ſagen!“ „Ehrlichkeit war es ja, was Sie wünſchten.“ „Ja, und ich werde dieſelbe nun in Wahrheit erproben. Antworten Sie mir: ſind Sie in vollem Ernſte mein Feind?“ „Ja, Madame, in vollem Ernſt,“ verſicherte Saint Sue mit einer artigen Verbeugung.„Ich hatte mir geſchmeichelt, Sie würden nicht glauben, daß ich Scherz treibe, als ich mich ſo nannte. Es iſt mir deßhalb unmöglich geweſen, es mitanzuſehen, wie mein Freund ſich gänzlich entwaffnen ließ, ohne ſeine Aufmerkſamkeit auf das unglückliche Schickſal, welches ſeiner wartete, zu lenken.“ „Hüten Sie ſich, Marquis, Sie wiſſen nicht, im Fall es ſich um ernſte Dinge handelte, mit welchem Feinde Sie ſich einlaſſen!“ rief Eſtelle. „Pardon, das eben weiß ich,“ entgegnete Saint Sue lächelnd. Eſtelle legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte: „Glauben Sie mir, Sie thäten beſſer, mein Freund zu ſein, anſtatt mir entgegenzuarbeiten.“ „Unmöglich, dann erſt wäre ich verloren!“ „Als wirkliche Feindin bin ich furchtbar!“ „Furchtbar ſind Sie immerdar, Madame, aber wie Sie wiſſen, laſſe ich mich nicht ſo leicht er⸗ ſchrecken.“ 234 „Wir haben einander alſo den Krieg erklärt,“ ſprach Eſtelle, bei dieſen Worten mit Nachdruck verweilend. „Mit Ihrer Erlaubniß, ja, Madame!“ Saint Sue faßte ihre Hand, welche auf ſeinem Arm ruhte, und küßte ſie mit einer Miene, als hätte er ihr die verbindlichſten Dinge von der Welt geſagt. „Aber ehe der Streit ausbricht, müſſen Sie, der Sie die Feindſeligkeiten eröffnet haben, auch er⸗ klären, was ſie hervorgerufen hat,“ nahm Eſtelle wieder das Wort. Nur mit großer Anſtrengung vermochte ſie ihre äußere Ruhe beizubehalten. „Wenn zwei Großmächte mit einander in Fehde gerathen, ſo pflegt dazu keine vernünftige Urſache vorzuliegen. So kann es ja auch bei uns der Fall ſein. Wir ſind Feinde, weil wir es wahrſcheinlich ſein müſſen; vielleicht auch darum, weil wir nie et⸗ was Anderes geweſen ſind.“ „Ah, Marquis, Sie wollen doch nicht behaupten, daß wir allzeit Gegner geweſen ſind?“ bemerkte Eſtelle, indem ſie auf eine ganz eigenthümliche Weiſe lächelte. „Ja, Madame, wir ſind immerdar im Streit mit einander gelegen.“ „Das iſt mehr, als ich mich zu entſinnen ver⸗ mag.“ Bgn dieſem Fall will ich Ihrem Gedächtniß nachhelfen,“ entgegnete der Marquis und fuhr, auf die Sophaecke ſich lehnend, fort:— ——,—— — — 8 eeen — —— 235 „Sie erinnern ſich wahrſcheinlich, daß wir zuerſt in Paris zuſammengetroffen ſind?“ „Ganz wohl. Ich intereſſirte mich damals ſehr für Sie.“ „Sie belieben zu ſchmeicheln, Madame. Er⸗ lauben Sie mir, fortzufahren. Man hatte viel von Ihnen geſprochen. Ich war neugierig, diejenige zu ſehen, welche ſo großes Aufſehen erregte, und hatte zum Voraus beſchloſſen, mich niemals der Zahl ihrer Bewunderer beizugeſellen. Ich ſah Sie— ich fand Sie ſchön; aber nichts weiter. Alle beteten Sie an, außer mir. Daher datirt ſich unſer Streit, Ma⸗ dame, Sie wiſſen es.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte Eſtelle, als er ſchwieg. Ihre Lippen bebten. „Erlauben Sie mir, das Gegentheil zu behaupten. Sie verſtehen mich nur allzu wohl. Es hat eine Zeit gegeben, da Sie mich haßten.— Es war, als ich Paris verließ. Sie erinnern ſich wohl nicht mehr, was ich beim Abſchied Ihnen ſagte, als Sie mich überreden wollten, zu bleiben?“ Der Marquis ſah Eſtelle mit einem höchſt eigen⸗ thümlichen Lächeln an und fuhr fort: „Meine Worte waren: Das Glück, welches Sie mir bieten, fürchte ich; ſolche Wonne paßt nicht für mich. Ich ziehe es vor, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn ich ihm nicht auf andere Weiſe zu entrinnen vermag!“ „Sie haben ein gutes Gedächtniß,“ fiel Eſtelle ein. Ihre Bruſt hob ſich unruhig; die dunkeln, wun⸗ derbaren Feuerflammen auf ihrer Stirne verriethen, daß ſie heftig erregt war. 3 236 „Das macht meine Stärke aus, Madame.— In Breſt ſahen wir uns wieder, und Sie vergaßen Ihren Haß, um der Laune willen, welche Sie an den Schweden feſſelte. Nun, Madame, hoffe ich, daß er wieder, und zwar mit verdoppelter Stärke erwacht iſt.“ „Vergeſſen Sie nicht, daß Sie es ſelbſt ſo ge⸗ wollt haben,“ ſagte Eſtelle. „Ich habe eben Ihnen zu bemerken die Ehre ge⸗ habt, daß ich niemals vergeſſe,“ erwiederte der Marquis lachend, ſtand auf und ging auf die geöff⸗ nete Glasthüre zu, indem er mit gleichgültigem Tone ſagte: „Das iſt eine drückende Hize hier; ich habe immer geglaubt, der Tod würde mich unter Weſt⸗ indiens Himmel treſſen. Was halten Sie davon, Madame?“ „Sollten Sie vielleicht an der Wärme ſterben?“ fragte Eſtelle in ſpöttiſchem Tone. „Was weiß ich; vielleicht von einer Limonade!“ Damit drehte ſich Saint Sue um, ſah Eſtelle an und fügte munter hinzu: „In dieſem Fall wird mein Freund der Voll⸗ ſtrecker meines Teſtamentes werden. Ich beabſichtige es verſiegelt ſeiner Obhut anzuvertrauen, mit dem Auftrage, es zu eröffnen, wenn ich meinen lezten Seufzer ausgehaucht habe.“ „Und wen ernennen Sie zu Ihrem Univerſal⸗ erben?“ fragte Eſtelle. „Stjernkrona. Wiſſen Sie, was er erben wird?“ „Ihr Vermögen.“ „Das iſt dahin.“ 237 „Irgend ein Familienkleinod?“. „Nein, Madame; den Namen der Perſon, welche meinen lezten Trank gemiſcht hat.“ Er verbeugte ſich vor der ſchönen Frau und ver⸗ ließ das Zimmer. Mit einem langen, unerklärlichen Blick folgte ihm Eſtelle. Es lag weder Haß noch Beſtürzung in dieſem Blick, ſondern eher ein Ausdruck von Milde. Sie lächelte, als er verſchwand, fuhr auf dem Sopha empor und ſchüttelte ihr ſchönes Haupt. „Ha, mein lieber Marquis, Deine Macht iſt viel zu unbedeutend, um mit der meinigen die Verglei⸗ chung auszuhalten. Lebe Du immerhin! Ich bin es nicht, welche Dir Deinen lezten Trank miſcht:— Aber wenn er mich verriethe?— Wenn er Wilhelm ſagte, was zwiſchen und mir vorgefallen iſt?“ Eſtelle blieb mitten im Zimmer ſtehen und preßte die Hände zuſammen;„dann— aber nein, er wird es nicht thun. Er iſt dazu wirklich allzu ſehr Edel⸗ mann. Er wird ſchweigen, und er ſoll leben blei⸗ ben.— Wenn man ſo liebt, wie ich, da hat man nur einen Gedanken, einen Wunſch, nur Eins, wo⸗ für man lebt und athmet.“ XXIX. Nach dem Mahle finden wir die Bewohner von Mazulip, mit Ausnahme des Grafen, wieder auf der großen, von Laubwerk beſchatteten Veranda ver⸗ ſammelt.. Der Marquis und Lucie ſaßen an einem kleinen 83 238 Tiſch, auf welchem eine Menge Muſtkalien ausge⸗ breitet waren Man war im Begriff, einige Lieder auszuwäh⸗ len, welche Lucie zu ſingen verſprochen hatte. Wäh⸗ rend ſie damit beſchäftigt waren, hatten ſie auf der entgegengeſezten Seite von derjenigen Plaz genom⸗ men, wo Wilhelm und Eſtelle ſich befanden, und waren ſo weit entfernt, daß dieſe von dem, was zwiſchen ihnen geſprochen wurde, nichts auffangen konnten. „Marquis, kann ich darauf rechnen, daß Sie mein Freund ſind?“ begann Lucie. „Welche Frage; ich halte es für überflüſſig, die⸗ ſelbe zu beantworten. Fräulein d'Outrouville ſollte mich kennen.“ 8 „Sie haben Recht; ich weiß ja, daß Sie nicht nur ein Freund, ſondern daß Sie auch ein treuer Freund ſind, und darum müſſen Sie ſich mit mir verbinden.“ „Gegen wen?“ „Gegen Eſtelle.“ „Ah! Und gegen was?“ „Gegen eine Erklärung zwiſchen ihr und dem Baron.“ „Was Sie da begehren, iſt ja beinahe eine Un⸗ möglichkeit.“ „Es gibt nichts Unmögliches.z“ „Aber dieß dürfte doch dazu gerechnet werden. Wie wollen Sie ein paar Verliebte vom Sprechen abhalten; das iſt ja ebenſo unmöglich, wie dem Sturme Stillſchweigen zu gebieten. Und was beab⸗ ſichtigen Sie damit? Ihre Schwägerin zu retten. —=2 Zðᷣ S 78 SCÄC- ——— 239 Sie will ſich nicht retten laſſen. Erlauben Sie mir darum, zu bemerken: Sie ſind noch ſehr jung, Sie kommen vom Kloſter, und Sie kennen weder die Welt noch die Menſchen. Sie glauben dem Böſen vorbeugen zu können, aber riskiren nur, daß Sie Ihren eigenen Frieden aufopfern, ohne Etwas zu gewinnen. Was in Ihren Augen ein Verbrechen iſt, wird von denen nicht ſo betrachtet, zu deren Schuz⸗ engel Sie ſich machen wollen. Merken Sie wohl, wir leben in einer Zeit, wo man allzu liberal iſt, um ſittlich zu ſein.“ „Sind Sie zu Ende?“ „Ja, eine Abhandlung über dieſes Thema will ich Ihnen erſparen.“ Und ich bin Ihnen verbunden dafür. Sie ſchlagen mir alſo nicht ab, mein Bundesgenoſſe zu werden.“ „Gewiß nicht; aber es iſt ein ganz unnüzes Bündniß, denn der Feind iſt ſo überlegen, daß es ſich nicht der Mühe verlohnt, einen Angriff zu wagen.“ „Wer weiß?“ erwiederte Lucie mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln. 4 „A la bonne heure, haben Sie einige Ausſicht, zu ſiegen, dann ſchweige ich. Der Streit wird mir jedenfalls Genuß verſchaffen. Es macht mir Ver⸗ gnügen, mit einer ſolchen Gegnerin, wie Madame d'Eſtrier, zu ſpielen. Sie im Schach zu halten und am Ende matt zu machen, wäre, meiner Seele, ebenſo viel werth, als ein Kriegsſchiff in Grund ge⸗ bohrt zu haben.“ „Alſo mein Herr, Sie wollen mir beiſtehen?“ „Ich verſpreche es,“ antwortete der Marquis, ihr die Hand reichend. „Dank!“. „Welche Rolle ſoll ich ſpielen?“ „Die eines Störenfrieds im Kleinen. Sie müſſen ſo manövriren, daß Sie einer Erklärung vorbeugen, welche jeden Augenblick auf Ihres Freundes Lippen ſchwebt.“ 3 „Es ſoll geſchehen; aber wenn es mir auch einige Tage gelingen ſollte, wird es am Ende doch mißglücken.“ „Es wird Ihnen nicht mißglücken; Zeit gewon⸗ nen, Alles gewonnen.“ „Glauben Sie wirklich, Fräulein d'Outrouville, der Liebe zwiſchen dem Baron und Madame d'Eſtrier entgegenarbeiten zu können?“ „Ja, ich hoffe es. Merken Sie wohl, Marquis, daß es nicht Eſtelle iſt, ſondern Ihr Freund, den ich retten will vor...“ „Einer directen Verſezung ins Himmelreich,“ fiel der Marquis lachend ein. „Dahin, hoffe ich, ſoll er dennoch gelangen, ohne das Schickſal des Herzogs von*r theiſen zu müſ⸗ ſen,“ entgegnete Lucie ernſt. Der Marquis ſah ſie eine Weile an; dann ſagte er mit ſeinem gewöhnlichen leichten Ton: „Ich theile Ihre Hoffnungen; aber es kann ja geſchehen, daß, während wir plaudern, der Feind den Plaz, den wir zu behaupten ſuchen, ſchon ge⸗ nommen hat.“ „O nein,“ antwortete Lucie,„ich habe darauf Acht gegeben.“ 3 , —— ——— 241 „Sie?“ „Wundert Sie das?“ „Ich geſtehe es. Es iſt nur Liebe oder Haß, was bei Ihrem Geſchlecht die Aufmerkſamkeit ſchärft.“ „Möglich. Sie glauben vielleicht, daß ich die einzige Perſon bin, welche ſie beobachtet?“ „Ja, denn ich bin es mindeſtens. nicht.“ „Haben Sie gute Augen, Marquis?“ fragte Lucie gleichgültig und blätterte in den Noten. „Ja, und wenn ich will, ſehe ich mehr, als man wünſcht, daß ich ſehen ſoll.“ „Und was Sie nicht ſehen, errathen Sie, nicht wahr?“ „Vollkommen.“ „So bemühen Sie ſich einmal, zu ſehen, nicht bloß mit den Augen, ſondern auch mit Ihrem Muth⸗ maßungsvermögen.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Betrachten Sie die dichte Laubwand, wovon die Terraſſe umgeben iſt; aber thun Sie es ohne ein ſichtbares Intereſſe.“ Der Marquis lehnte ſich in ſeinen Rohrſtuhl zu⸗ rück und warf den gleichgültigſten Blick auf die be⸗ zeichnete Stelle. „Nun, mein Fräulein, was folgt weiter?“ „Beobachten Sie genau das Laub, gerade der Fontaine gegenüber.“ Lucie reichte ihm ein Notenheft. Saint Sue nahm es und richtete über daſſelbe hinweg einen ſcharfen Blick nach dem angewieſenen Orte. Er be⸗ merkte, daß das undurchdringliche Laubwerk an die⸗ ſem Punkte getrennt war, obgleich ganz unbedeu⸗ Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 16 242 tend. Ein dunkler Körper, welcher ſich dahinter befand, bewirkte, daß der Tag nicht durch die Oeff⸗ nung drang. 3 „Aha, da findet ſich ein Späher,“ ſprach der Marquis lächelnd und reichte Lucie ein Heft.„Das beginnt intereſſant zu werden,“ ſezte er dann hinzu und ſah Lucie an. „Das iſt ſehr betrübend,“ entgegnete Lucie mit einem Seufzer. Sie erhob ſich und ging in den Salon. Saint Sue trat nun zu Wilhelm und Eſtelle, während er dachte: „Die Fäden verwirren ſich. Um ſo beſſer. Abei nun iſt es nöthig, nach allen Seiten gute Ausſchau zu halten, damit man weiß, welchen Kurs man ein⸗ ſchlagen ſoll.“ Während Lucie und Saint Sue ſich zuſammen beriethen, hatten Eſtelle und Wilhelm über Ehre und Ehrgeiz mit einander geredet. Eſtelle hatte ſelbſt das Geſpräch eingeleitet, in der Hoffnung⸗ es von hier auf ein anderes Gebiet überſpielen zu können. 3 Mit jugendlicher Wärme zeichnets Wilhelm dieſe mächtige Leidenſchaft, welche bewirkt, daß der Menſch, um Lorbeeren zu erringen, ſein Leben tauſendmal aufs Spiel ſezt. Vor Wilhelms enthuſiaſtiſchem Ge müth erhob ſie ſich als ein erhabenes und edles Gefühl, ohne daß er dabei all' des Nichtswürdigen und Elenden gedachte, welches der Ehrgeiz in ſeinen Schooße birgt. Eſtelle hörte ihm mit großer Aufmerkſamkeit zu⸗ Ja, ihr Herz klopfte heftig bei ſeinen Worten, aben 243 nicht darum, daß ſie ſein Gefühl entweder theilte f. oder verſtand, ſondern deßhalb, daß ſie, mit der ge⸗ wöhnlichen Einſeitigkeit bei Frauen, Alles auf das Einzige hinführte, was für ſie Intereſſe hatte. Wilhelm, ganz und gar von dem Gegenſtand, über den discutirt wurde, in Anſpruch genommen, glaubte in Eſtelle's ſtrahlenden Augen zu leſen, daß ſie ſeine Begeiſterung theilte. Er bemerkte endlich:„Ohne den Ehrgeiz wäre die Schöpfung todt, und alles Geſchaffene gefühllos. Das Bedürfniß des Beifalls von Seiten unſerer Mitmenſchen iſt der Urſprung aller Künſte, alles Heldenruhms und aller Größe; ohne daſſelbe wäre nichts Schönes und Edles zu finden. Der Mann, der ſeine Seele nicht von Ehrgeiz ergriffen fühlt, iſt der Unglücklichſte, denn er weiß nichts von der Kraft, welche aus uns mehr als Menſchen macht und uns der Gottheit nahe bringt.“ „Theilen Sie dem Ehrgeiz nicht eine allzu große Rolle zu? Wenn er wirklich einen ſolchen Einfluß ausübte, ſo bedürften wir keiner anderen Gefühle, uns durch das Leben zu leiten,“ fiel Eſtelle ein. „Wir leben nicht allein von der Größe, wir be⸗ dürfen auch des Glücks. Der Chrgeiz führt die Herrſchaft über den Geiſt, die Liebe über das Herz. Jener beſtimmt unſere Rolle in der Geſellſchaft, dieſe im Privatleben. Oft genug, Madame, laſſen wir die leztere ſich der Herrſchergewalt ſo ganz und gar bemächtigen, daß der erſtere der Vergeſſenheit an⸗ heimfällt.“ „Und es wäre ſonſt auch ſchlimm genug,“ meinte Eſtelle, der es jezt gelungen war, die Unerhaltung 244 auf den Gegenſtand zu leiten, wo ſie ihn haben wollte. Der Menſch bedarf der Liebe, um das Leben zu verſtehen. „Ach, Madame, welch ein bezauberndes Bild von ſich ſelbſt ſind Sie nicht in dieſem Augenblick!“ rief Saint Sue, indem er auf ſie zutrat. Eſtelle fuhr auf. Ihr Auge blizte, und ein eigenthümliches Beben des Zorns ging durch ihren ganzen Körper. „Ein Bild?“ wiederholte ſie. „Ja, denn Sie ſind in dieſem Augenblick nicht Sie ſelbſt.“ Eſtelle biß ſich auf die Lippe. XXX. „Iſt die Wahl der Lieder getroffen?“ fragte Wilhelm, welcher durch Saint Sue's Dazwiſchenkunft auch nicht ſonderlich erbaut ſchien, aber dennoch dem Geſpräch eine andere Richtung geben wollte. 3 „Ja, Fräulein d'Outrouville wird uns ſogleich mit dem Vortrage derſelben erfreuen,“ antwortete der Marquis und ließ ſich auf einen Stuhl nieder. „Es iſt ſehr ſonderbar, daß wir nicht früher das Fräulein ſingen gehört haben,“ bemerkte Wilhelm, blos um Etwas zu ſagen. „Allerdings, aber Fräulein Lucie gehört nicht zu der Zahl derjenigen, welche mit ihren Schäzen glänzen wollen. Nicht wahr, Madame, ſie iſt ebenſo anſpruchslos und talentvoll, als ſchön?“ „Die Vergleichung hinkt, mein Herr,“ antwor⸗ iete ſchh den abe ihe en 245 iete Eſtelle.„Schönheit iſt Etwas, das auf dem Ge⸗ ſchmack beruht; aber ſo verhält es ſich nicht mit den Talenten. Sie zum Beiſpiel finden Lucie ſchön, ber es iſt ungewiß, ob der Baron Ihren Geſchmack heilt.“ Eſtelle wandte ſich zu Wilhelm und ſagte mit einem Blick, der ſie ſelbſt mehr als ſchön machte. „Wie finden Sie ma belle soeur? Iſt ſie ſchön?“ „In dieſem Augenblick, Madame, wäre zs für mich unmöglich, dieß zu beſtimmen,“ erwie⸗ derte Wilhelm, ganz bethört von dieſem Blick. „Begehren Sie nichts ſo Ungereimtes!“ fiel Saint Sue ſcherzend ein.„Mein Freund iſt jezt eben in der beſten Arbeit, das Leben zu verſtehen, und hat darum das Leben ſelbſt ganz vergeſſen.“ und warf Saint Sue einen herausfordernden Blick zu. „Nein, ich habe blos im Fluge Ihre lezten Worte erhaſcht, und hatte große Luſt, ſie mit Pirons Worten: Die Liebe iſt ein Räthſel, der Tod deſſen Löſung' zu beantworten.“ „Piron war beſtimmt übler Laune, als er die⸗ ſen paradoxen Saz niederſchrieb,“ meinte Wilhelm lächelnd;„ſonſt würde er geſchrieben haben: das Leben iſt ein Räthſel, die Liebe deſſen Löſung.“ „Beweiſen Sie das, wenn Sie können!“ rief Saint Sue.— „Beweiſen?“ rief Wilhelm lachend.„Wir haben kein mathematiſches Problem vor uns, ſondern eine Gefühlsſache. Derjenige, welcher nicht in ſeinem eigenen Innern für das, was ich geſagt habe, den „Sie haben gehorcht, glaube ich?“ ſagte Eſtelle 246 Beweis trägt, wird mich niemals verſtehen, was ich auch vorbringen möchte. Darum ſage ich nur, daß alles Schöne, alles Heilige und alles Poetiſche im Leben verklärt vor der Seele ſteht, wenn das Herz voll von Liebe iſt, und der kann weder Gott, noch das Vaterland lieben, wer nicht zuerſt leidenſchaft⸗ lich eine Frau geliebt hat.“ Wilhelms Augen weilten auf Eſtelle. „Bravo, mon cher! Man hört wohl, daß Sie jung, unerfahren und erſt einundzwanzig Jahre alt ſind, denn da ſind dieſe Ideen ganz richtig, das heißt, Gefühl und Neigung ſind noch nicht durch Verſtand und Erfahrung aufgeklärt; ſonſt würden Sie vielleicht wiſſen, daß es nichts ſo Niedriges, ſo Strafbares, ſo Verabſcheuungswerthes oder ſo Treu⸗ loſes gibt, was nicht im Liebesrauſche begangen worden wäre, um dieſe wahnwizige Leidenſchaft zu befriedigen.“ „Marquis, was wagen Sie nicht zu behaupten!“ fiel Eſtelle ein. „Die Wahrheit, Madame.“ „Beweiſen Sie, daß es ſo iſt, ſage ich meiner⸗ ſeits!“ rief Wilhelm. „Wovon reden Sie?“ fragte Lucie, mit einer Laute in der Hand auf die Veranda tretend. „Wovon anders, als von der Liebe?“ antwor⸗ tete Saint Sue;„das iſt ein Thema, das man zu vwariiren niemals müde wird, wo man auch weilen mag.“ „Nun, laſſen Sie hören, Marquis, was Sie Schlimmes davon zu ſagen haben!“ entgegnete Lucie —. — ͦ%-f-—-——,—:—,—— 247 lächelnd.„Etwas Gutes wird es doch wohl nicht ſein.“ „Schwerlich, nachdem ich aber dieſes Götterge⸗ fühl verleumdet habe, räume ich Ihnen allen das Recht ein, es zu verfechten.“ „Sein Sie überzeugt, daß wir es thun werden,“ verſicherte Eſtelle. „Daran zweifle ich nicht; aber, Madame, es kann ja möglicher Weiſe in meiner Verleumdung ſo viel Wahrheit liegen, daß es ſchwer hält, ſie zu beſtrei⸗ ten. Im Allgemeinen ſind alle Diskuſſionen zwecklos; ſie dienen zu Nichts, als die Zeit hinzubringen, ohne daß es einander zu überzeugen gelingt. Wir können aber mehrfache Beiſpiele von dieſen oder jenen Tha⸗ ten der Schlechtigkeit anführen, welche unter dem Einfluß dieſes ſo poetiſch beſungenen Gefühls began⸗ gen worden ſind. Wir haben auf der einen Seite eine junge Frau, ſchön wie Sie, Madame; ſie iſt verheirathet.“— Saint Sue's Blick heftete ſich auf Eſtelle.—„In ihres Mannes Hauſe weilt ein junger Mann; er iſt Gaſt daſelbſt, er genießt alle mögliche Hoſpitalität von Seiten des Mannes. Was geſchieht? Nun, die Liebe, dieſer kleine Dämon der Hölle, gewinnt Macht über ihn. Er verliebt ſich in die Gattin deſſen, bei welchem er Gaſt iſt. Die Frau theilt ſeine Gefühle, und er verräth das Ver⸗ trauen des Mannes, unter deſſen Dach er weilt, deſſen Brod er ißt. Er befleckt ſeine eigene Ehre, indem er ihn um die Treue beſtiehlt, welche die Frau dem Manne ſchuldig iſt, und die Gaſtfreund⸗ ſchaft belohnt er mit Schimpf!— Dieß iſt ja Etwas, das alle Tage geſchieht,“ fuhr Saint Sue in ſeinem 248 leichten Tone fort,„und wir alle mehr oder minder haben uns deſſen ſchuldig gemacht; aber wir können deßhalb doch nicht ſagen, daß etwas Edles, Schönes oder Poetiſches darin liegt, ſondern im Gegentheil z etwas im höchſten Grade Schlechtes, Strafbares und Erniedrigendes. Was bedeutet es, wenn wir im Rauſche glauben, der Himmel ſei blauer, der Mond heller, und der Weſtwind ſchmeichelnder, wenn wir uns Handlungen geſtatten, welche uns ſelbſt vor un⸗ ſerem beſſern Ich erniedrigen..... 5 „Und nun ſchließen wir,“ ſagte Eſtelle mit einer Miene der Ermüdung.„Sie habe auf eine ſo un⸗ poetiſche Weiſe die Liebe verleumdet, daß das Thema langweilig geworden iſt. Sonſt würde ich Ihnen auf Ihre Predigt geantwortet haben, daß ein ſtarkes und mächtiges Gefühl über die kleinlichen Begriffe des Vorurtheils erhaben iſt und ſich nicht nach dem ge⸗ wöhnlichen Maaßſtab bemeſſen läßt. Die Allmacht der Liebe iſt uns von Gott gegeben, und er hat ge⸗ ſagt:„Je mehr Du liebſt, deſto mehr haſt Du meine Abſicht in Bezug auf Dein Daſein erkannt.“ „Hat Gott Ihnen dieſes geſagt, Frau Gräfin?“ fragte Saint Sue im ſpöttiſchem Tone. „Ja, Marquis, er hat es in mein Herz nieder⸗ geſchrieben,“ antwortete Eſtelle, „Dann ſchweige ich,“ erwiederte Saint Sue mit einer Verbeugung. Es entſtand eine Pauſe. Wilhelm ſah nachdenk⸗ lich aus. Zum erſten Mal überlegte er ſich, daß, wie man auch die Dinge betrachtete, Eſtelle die Gattin eines Andern war, mit Pflichten gegen den, deſſen Namen ſie trug.. —n ————— 249 Zu dieſem Gedanken geſellten ſich andere, noch minder angenehm, und die Worte des Marquis wie⸗ derhallten in ſeinem Innern; als ob ein Echo ſie zurückgäbe. Das Stillſchweigen wurde nach einer Weile von einigen Akkorden auf der Laute unterbrochen, und gleich darauf ſang Lucie mit ſchmeichelnder Stimme folgendes Liedchen:*) 3 Sie: Komm'! lieber Heinrich, nimm den Siz An meiner Seite ein, Und ſag' mir, welcher Unterſchied Iſt zwiſchen Mein und Dein. Er: Das Auge, das mir lächelt zu, Das blaue, das iſt Dein, Das Lächeln, das ich drinnen ſich Abſpiegeln ſeh', iſt Mein. Und dieſer Lippen Schweſterpaar, Die Zwillingsbeer' iſt Dein, Und was ich davon ſchöpfen darf, Der ſüße Rauſch iſt Mein. Doch, Emy, räumſt Du freien Lauf Nur dem Gefühle ein, So findet nie ein Unterſchied Sich zwiſchen Mein und Dein. Luciens Stimme war weder von beſonderem Um⸗ fang, noch beſonderer Stärke; aber es lag Etwas darin, das zum Herzen ging und das Ohr entzückte: 2 i entſe J ins S iſche übertragen. ) Nach einer deutſchen Idee ins Schwediſche if R B 250 Bei den erſten Tönen davon hatte Wilhelms Auge ſich auf ſie gerichtet. Er vermochte den Blick nicht von dieſen Zuͤgen abzuwenden, welche einen ſo gefühlvollen und ernſten Ausdruck angenommen hatten, daß man ſich einbilden konnte, man ſehe den ſtarken und vollen Schlag des Herzens durch dieſe ſo weiße und ſo reine Haut, und jeder Gedanke, jede Empfin⸗ dung ſeze die Wellen des Blutes in Bewegung. „Wie ſchön ſie iſt!“ ſprach er bei ſich ſelbſt. Der Geſang ſchwieg. Luciens Augen ſielen auf ihn. Eine Secunde begegneten ſie ſich, und es wurde ihm ganz wunderlich zu Muthe. Des jungen Mädchens Blick machte einen Ein⸗ druck, ſo tief, daß es ihm vorkam, als würde er ihm unauslöſchlich im Gedächtniß bleiben, als könnte weder Zeit noch Raum demſelben Abbruch thun. Wie ganz anders war das, was er empfand, wenn Eſtelle's Feuerblick auf ihm weilte. Dieſer ſezte das Blut in Brand und beſchleunigte den Pulsſchlag. Lucie weckte ganz andere Gefühle von viel ernſterer Natur. 3 Wilhelm kam es vor, als müßte der, welcher ein⸗ mal von Lucie geliebt wurde, ſie unwillkürlich als etwas Höheres und Edleres, als er ſelbſt wäre, anbeten. Eſtelle war dagegen geſchaffen, heftige, aber vorübergehende Leidenſchaften hervorzurufen. Was Eſtelle von dem Geſang hielt, wäre ſchwer zu beſtimmen. Als er zu Ende war, ſtand ſie ha⸗ ſtig auf und ging die Terraſſe hinunter. Saint Sue folgte ihr. Lucie und Wilhelm waren allein. „Warum haben Sie uns nie vorher Ihren Ge⸗ ſang hören laſſen?“ fragte Wilhelm. —4 251 „Ach, einzig darum, weil Niemand mich dazu aufgefordert hat,“ antwortete Lucie und war im Be⸗ griff, die Laute niederzulegen. Wilhelm ſtreckte die Hand aus und hielt ſie mit den Worten zurück: „Ich bitte, laſſen Sie mich das Mein und Dein noch einmal hören.“ „Heute Abend?“ „Ach ja, jezt gleich!“ Lucie lächelte. „Brauchen Sie es wirklich noch einmal zu hören, um es zu lernen?“ „Nicht um es zu lernen, ſondern um das Schmei⸗ chelnde, das in der Stimme und dem Worte liegt, noch einmal zu vernehmen.“ Lucie ſang das Liedchen noch einmal. Eſtelle ſtand auf der Terraſſe und horchte. Dann kehrte ſie langſam wieder zu den Andern zurück. Mit zerſtreuter Miene hörte ſie auf das, was Saint Sue ſagte. Bei der lezten Strophe, welche Lucie ſang, ſtand Eſtelle hinter der Veranda, ohne daß Wilhelm es bemerkte. Die Töne erſtarben. Eſtelle wiederholte mit ihrer eigenen unvergleichlichen Stimme: „So findet nie ein Unterſchied Sich zwiſchen Mein und Dein.“ Wilhelm fuhr zuſammen, als ob er aus einem ſüßen Traum erwacht wäre. Luciens Wangen wur⸗ den lilienweiß. „Nun, Baron, wie gefällt Ihnen dieſe Definition von Mein und Dein?“ fragte Eſtelle und warf ſich auf ein Sopha. 3 25² „Sehr gut!“ „Mir auch! Die Idee iſt nett und hat das große Verdienſt, daß ſie nicht in die gewöhnliche Form gepreßt iſt.“. „Und dennoch behandelt ſie den gewöhnlichſten aller Gegenſtände,“ bemerkte Wilhelm, welcher ſich wieder in dem Zauberkreiſe von Eſtelle's Einfluß befand. „Sie meinen die Liebe,“ erwiederte Eſtelle, in⸗ dem ſie ſich wieder in den Sopha zurücklehnte und Wilhelm anſah,„von der man ſagen kann: ewig wechſelnd und ewig einerlei.“ „Niemals einerlei,“ fiel Wilhelm ein.„Es gibt wahrſcheinlich keine zwei Menſchen, welche gleich lieben, und ebenſo wenig können mir annehmen, daß wir zweimal in unſerm Leben auf dieſelbe Weiſe lieben können.“ „Wie, Baron, Sie nehmen alſo an, daß wir mehrmals lieben können?“ fragte Eſtelle mit blitzen⸗ dem Auge. „Ja, Madame, und das beweist ſich auch aus der Erfahrung.“ Wilhelm blickte ſie dabei mit ſo friſcher, heiterer Miene an, daß Eſtelle ihn niemals ſchöner geſehen zu haben glaubte, deſſen ungeachtet war ihr Blick düſter, als ſie antwortete: „Sie ſetzen alſo voraus, daß man denjenigen, welchen man einmal geliebt, vergeſſen könne.“ „Nein, aber ich ſetze voraus, daß, wenn das Schickſal Liebende trennt, und Länder und Meere zwiſchen ihnen liegen, ſie dann beiderſeitig einen Erſatz für das Verlorne ſuchen können.“ 253 „Und warum ſollte Land und Meer ſie trennen, Sie, der Sie der Anſicht ſind, daß wir den Gang der Ereigniſſe ſelbſt beſtimmen können, Sie ſollten am wenigſten davon reden, daß das Schickſal ſie trennen kann.“ „Mit dem Wort Schickſal meine ich die verſchie⸗ denen Umſtände, in welchem ſie ſich ihrem Charakter zufolge befinden. Ich kann ja eine Frau lieben, anbeten, vergöttern, welche...“ „Sie gar nicht lieben ſollten,“ fiel Saint Sue lachend ein.„Das wäre ein Fehler von Ihnen, lieber Baron, und durchaus nicht vom Schickſal, darin haben Sie Recht.“ „Und dieß beweist, daß unſer Unglück darin liegt, wenn wir ganz willenlos uns vom Strom der Ereigniſſe fortreißen laſſen,“ bemerkte Lucie. „Möglich, aber unſer Glück liegt auch darin,“ rief Eſtelle. „Mag die Qual der ganzen Welt folgen, wenn man nur der Ewigkeit einen einzigen Augenblick des Glücks zu ſtehlen vermocht hat. Die Erinnerung davon wird dem Unglück ſeinen Stachel nehmen und...“ „Und uns ewiger Trauer weihen,“ fiel Lucie ein.„Geſtohlene Freuden ſind von keiner Dauer. Unſer Glück wird nicht auf dem gebrechlichen Grunde der Leidenſchaften, ſondern auf einem viel edlern erbaut. Der, welcher auf Glückſeligkeit hoffen will, muß es über ſich vermögen, der Freude des Augenblicks zu entſagen.“ „Entſagen!“ wiederholte Eſtelle.„Dieſes Wort kenne ich nicht, aber ich fühle, mein Herz iſt ſo 254 reich, ſo mächtig, daß das Gefühl, welches einmal daſſelbe erfüllen wird, hoch über allen dieſen klein⸗ lichen, kläglichen Begriffen ſtehen muß, welche alles Brdſe und Schöne in uns verſtümmeln. Ich werde den Muth haben, zu lieben.“ „Dieſen Muth, Madame, haben wir wohl alle,“ fiel Wilhelm ein. Luciesund Alles, außer Eſtelle, war nun für ihn verſchwunden. „Nein, es gibt im Gegentheil ſehr wenige, welche ihn beſitzen,“ entgegnete Eſtelle. „Ach, Madame, was wollen Sie damit ſagen?“ rief Wilhelm, welcher in Eſtelle's Blicke las, daß dieſe Worte direct an ihn gerichtet waren. Es kam dem jungen Baron vor, als hätte er in dieſem Augenblick gern ſein Leben auf's Spiel geſezt, um ſich das Recht zu erkaufen, Eſtelle zu ſagen, wie ſehr er ſie liebte.. „Was ich damit ſagen will?“ erwiederte Eſtelle in die Höhe ſchauend, und fuhr mit einem träume⸗ riſchen Ausdruck in Stimme und Blick fort:„Be⸗ dürfen meine Worte wirklich noch einer Erklärung? Ich ſezte voraus, daß Sie gleich mir erkennen, nur derjenige beſitze den Muth zu lieben, welcher ſich nicht elenden Vorurtheilen aufopfert, ſondern durch die Stärke ſeines Gefühls das Herz zu gewinnen ſucht, welches ihm theuer iſt. Feig iſt dagegen der⸗ jenige, welcher weiß, daß er liebt, und dennoch von andern Gedanken und Eindrücken ſo weit beherrſcht wird, um die Stimme ſeines Herzens zum Schwei⸗ gen bringen zu laſſen. Derjenige, welcher das thut, ——, a———— 8Suu n/ 255 hat niemals verſtanden, was Liebe iſt, und verdient nicht, geliebt zu werden.“ „Sind Sie jezt nicht zu ſtreng, Madame?“ fragte Wilhelm mit erregter Stimme. „Ich glaube nicht. Wäre ich ein Mann und liebte eine Frau, ich würde mich ihres Herzens ver⸗ ſiber— oder ſchöſſe ich mir eine Kugel vor den opf.“ „Und als Frau, was würden Sie da thun?“ fiel Saint Sue mit ſpottendem, ironiſchem Tone ein. „Im Fall ich liebte, würde ich warten, bis der Mann, welchem ich meine Liebe geſchenkt habe, mir den Beweis lieferte, daß die ſeinige gleich ſtark wie die meinige iſt. Ich könnte ihm nicht die Zärtlich⸗ keit bieten, welche vor allen Dingen erforderte, daß er derſelben würdig wäre. An ihn hätte ich den Anſpruch, daß er darum bäte. Die Almoſen der Launen, Marquis, ſind das, was man wegwirft oder ausbietet, aber den wirklichen Schatz verbirgt man, und er läßt ſich nur gegen einen von gleichem Werthe austauſchen.“ „Wie verſchieden iſt doch die Auffaſſung von einem und demſelben Ding,“ bemerkte Lucie.„Ich glaube vielmehr, daß die Liebe, welche Gleiches um Gleiches fordert, im höchſten Grade egoiſtiſcher Na⸗ tur iſt, und daß dagegen derjenige, welcher, ohne an ſich ſelbſt zu denken, ſein eigenes Glück opfert, ſeinem göttlichen Ideal näher kommt. Lieben heißt ſein eigenes Ich vergeſſen und nur in dem Mann und für den Mann leben, der uns theuer iſt.“ „Lucie, das verſtehſt Du nicht,“ rief Eſtelle bei⸗ nahe ungeduldig,„ſonſt könnteſt Du nicht ſo reden, 256 wie Du eben thuſt. Wir lieben nicht wie Engel, ſondern wie Menſchen, und ich, ich werde es einmal thun als Menſch und als Frau, das heißt, ich werde meine Liebe als Etwas betrachten, das ich niemals verſchenke, ſondern nur austauſche.“ „Dann biſt Du alſo Kaufmann in der Auffaͤſſung Deines ſchönſten Gefühles,“ meinte Lucie. „Mag ſein, das beweist blos, daß ich den Werth von dem, was mein Herz birgt, kenne. Liebte ich auch einen Mann bis zur Abgötterei, und er wollte Nichts thun, um mich von ſeiner Liebe zu überzeugen, ſo würde ich ſein Bild als eine meiner unwürdige Schwachheit aus dem Herzen reißen.“ „Aber wenn dieſer Mann Dich nicht liebte?“ „Sollte der Mann, den ich liebe, mich nicht lieben?“ fragte Eſtelle, indem ſie Lucie anſah. „Das wäre ebenſo unmöglich, als Weſtindiens Sonne verhindern, zu brennen,“ fiel Wilhelm mit einer Stimme ein, welche nur allzu deutlich verrieth, was er dachte und fühlte. Graf d'Eſtrier geſellte ſich jezt den Sprechenden bei und brachte ein paar Gäſte, einen Plantagen⸗ beſitzer und deſſen Sohn, welche ſeine Nachbarn waren, mit. Die Unterhaltung wurde jezt allgemeiner, und die beiden Fremden, Engländer von Geburt, leiteten ſie auf das Gebiet der Politik hinüber. Eſtelle nahm wenig oder keinen Theil daran. Während des Soupers äußerte Wilhelm, welcher, auf den Arm des Marquis geſtüzt, dieſen Abend zum erſten Mal im Speiſeſaal erſchien, gegen Eſtelle, als ſie ihm vorlegte: 257 „Madame, Sie ſind heute ſehr ſtreng geweſen.“ „Ich!“ flüſterte Eſtelle, indem ſie ihn mit einem bezaubernden Lächeln anſah. „Ja, Sie haben den Stab über mich gebrochen, und dennoch wie ungerecht! Wann und wie werde ich Gelegenheit finden, Ihnen zu beweiſen, daß Sie mir Unrecht gethan haben?“ 4 Eſtelle blickte ihn ſchweigend an. Wilhelms Phantaſie, durch das Geſpräch auf⸗ geregt, flößte ihm Kühnheit an. Eſtelle hatte mit ihren ebenſo ſtolzen, als glühenden Worten ſeine Gefühle ſo ſehr geſteigert, daß er in dieſem Augenblick nur Eines klar vor ſich ſah, nämlich die Nothwen⸗ digkeit, ihr um jeden Preis zu zeigen, daß er den Muth zu lieben hatte, den ſie forderte. „Schenken Sie mir nur einen Augenblick, ſo kurz, ſo flüchtig er auch ſein mag, nur damit es ein einziges Mal in meinem Leben mir geſtattet aus der Tiefe meines Herzens mit Ihnen zu reden.“ „Und wenn ich Ihre Bitte bewilligte, was weiter? Sie iſt ja nur durch meine Worte her⸗ vorgerufen und ganz und gar nicht aus Ihrem eigenen Herzen entſprungen.“ „Ah, Madame, Sie denken nicht ſo! Sie wiſ⸗ ſen das Gegentheil. Ihre Worte haben mir nur den Muth eingegeben, mit einer Bitte vorzutreten, die ich früher nicht zu ſtellen mich erkühnte.“ „Und was lag in meinen Worten, das....“ „Eſtelle, der junge Herr H. ſpricht mit Dir,“ ſagte Lucie, zu ihnen tretend. Schwartz, Wilhelm Stijernkrona. I. 17 258 „Ich werde dieſe Lucie noch verabſcheuen,“ dachte Eſtelle, während ſie ſich zu dem Engländer wandte. Als man auseinander ging, um ſich zur Ruhe zu begeben, und ſich gegenſeitig gute Nacht ſagte, flüſterte Wilhelm Eſtelle zu: „Werden Sie mich von ſich gehen laſſen, ohne meine Bitte erhört zu haben?“ „Nein, treffen Sie mich morgen nach dem Früh⸗ ſtück im Salon,“ antwortete Eſtelle mit etwas un⸗ ſicherer Stimme. Als ſie einige Augenblicke nachher ſich allein in ihrem Schlafzimmer befand, rief ſie mit wilder Freude: „Endlich wird er mir ſagen, wie ſehr ich ge⸗ liebt bin!“*) XXXI. Am Abend, als Wilhelm ſich von Eſtelle getrennt hatte und in ſein Zimmer trat, fand er Nizama hier. Sie reichte ihm einen kleinen, zuſamengefal⸗ teten Papierſtreifen mit den Worten: „Das Fräulein wünſcht durch mich Antwort zu erhalten.“. „Das Fräulein!“ wiederholte Wilhelm und öff⸗ nete das Billet. Luciens ſchönes und edles Bild trat ſehr lebhaft vor ſeine Seele. *) Im Text muß hier ein Druckfehler ſein und ſtatt han(er) bon(ſie) ſtehen; denn dieſe Worte können nach dem Zuſammen⸗ hang und nach den erſten Zeilen des nächſten Kapitels ſich nur auf Eſtelle und nicht auf Wilhelm beziehen.. A. d. U. 259 Das Billet lautete: „Lucie d'Outrouville wünſcht mit dem Baron Stjernkrona morgen in aller Frühe, ehe es noch in Mazulip lebendig geworden iſt, zu ſprechen. Sie erwartet ihn auf dem Balkon zur Linken.“ „Empfiehl' mich dem Fräulein und melde, daß ich dem Rufe Folge leiſten werde,“ ſagte Wilhelm⸗ Als unſer Held allein war, warf er ſich auf f einen Divan, und die verſchiedenartigſten Gedanken und Empfindungen erfüllten ſeine Seele. Eine Minute ſchlug das Herz in ſtürmiſchem Entzücken bei der Vorſtellung von der bevorſtehenden. Zuſammenkunft mit Eſtelle; die andere bemächtigte ſich ein eigenthümlich ſüßes, ernſtes und beinahe heiliges Gefühl ſeines Herzens bei der Erinnerung an Lucie und des Stelldichein, das ſie von ihm be⸗ gehrte. Eine reine, wahrhafte Freude regte ſich dann in ſeinem Innern. Es kam ihm vor, als ob ſie ſeinem Herzen unbeſchreiblich theuer wäre, aber im nächſten Augenblick verſchwand wiederum der Gedanke an dieſelbe, und Eſtelle beherrſchte von Neuem ſeine Phantaſie. Nachdem Wilhelm geraume Zeit ſich den un⸗ gleichen Eindrücken, welche dieſe beiden ſo verſchie⸗ denen Frauen auf ihn ausübten, überlaſſen hatte, ſchüttelte er den ſchönen Kopf, um ſich von dieſem Gaukelſpiel, an welchem Gefübl und Phantaſie ſich ergötzten, zu befreien. 1 „Bei Gott, iſt es mir nicht, als ob ich ſie beide liebte!“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„obwohl auf ver⸗ ſchiedene Weiſe.“ 172 260 Er ſtrich ſich mit beiden Händen über die Stirne und fuhr dann in ſeinen Gedanken fort: „Wenn dem ſo wäre, ſo hätte ich mich ja ganz und gar von der Allmacht der Leidenſchaften fort⸗ reißen laſſen. Aber nimmermehr, es kann nicht ſein. Eſtelle, Eſtelle allein liebe ich!— Lucie iſt ſchön, Lucie iſt liebenswürdig, aber es iſt nur ein hoher Grad von Achtung und Bewunderung, welcher Ge⸗ danken und Einbildungskraft an ſie feſſelt. Neben Eſtelle verſchwindet ſie ganz. Man vergißt dann, daß ſie überhaupt exiſtirt. Man lebt und athmet blos für Eſtelle, in der ſich auf entzückende Weiſe Alles vereinigt, was Herz und Verſtand feſſeln kann. O, Eſtelle, wie ſehr liebe und bete ich Dich an!“ Während er noch ſo dachte, ſtahl ſich Luciens Bild wieder zwiſchen ihn und Eſtelle. Er fühlte ſich wie erzürnt darüber, und um dieſem Spuck ſeiner Phantaſie zu entgehen, ſuchte er Zuflucht in den Armen des Schlafes. Die gefiederten Sänger der Luft ſtimmten ihren Chor an, um den Tag zu begrüßen, und die Morgen⸗ ſonne warf ihre goldene Fluth über Mazulip, als Wilhelm mit langſamen Schritt ſich nach dem Bal⸗ kon zur Linken begab. Alles ſchlief noch in dem prachtvollen Gebäude, nur einige Sklavinnen waren in Bewegung, um in dieſer Behauſung der Weichlichkeit innerlich und äußerlich die gehörige Ordnung wieder herzuſtellen. Der Balkon zur Linken befand ſich auf der See⸗ ſeite und wurde von den Bewohnern Mazulips Morgens und Vormittags niemals beſucht. Wahr⸗ ——— ——— 80 261 ſcheinlich hatte ihn Lucie aus dieſem Grunde zum Ort der Zuſammenkunft gewählt. Man gelangte dahin durch eine Gallerie, welche gleichfalls nicht viel betreten wurde. Als Wilhelm auf dem Balkon erſchien, fand er Lucie ſchon daſelbſt. Sie war ungewohnlich bleich, aber ihr ganzes Aeußere zeugte von einer Ruhe, wie nur ein feſter Entſchluß ſie dem Menſchen ver⸗ leiht, welcher fühlt, daß die Motive, welche ihm zu Grunde liegen, gut und edel ſind. Ihr Lächeln war mild und ernſt, als ſie den Baron begrüßte, und er erkannte ſogleich, daß, was auch zwiſchen ihnen zur Sprache kommen möchte, der Gegenſtand nicht von einer Beſchaffenheit wäre, um ſeinem Eigendünkel zu ſchmeicheln. Wilhelm war, wie der Leſer genugſam bemerkt hat, kein Heiliger, und darum hatte er mit einem hohen Grade von Neugierde und unter allerlei eigen⸗ liebigen Hoffnungen ſich an den Ort des Stelldich⸗ eins begeben. Lucie war Franzöſin.— Nun wohl, Wilhelm hatte viel von ihnen geleſen, was ihn auf den Glauben brachte, er werde nun Gelegenheit erhalten, ſich von der Wahrheit deſſen, was er geleſen, ſich durch die Erfahrung zu überzeugen. Das Gerücht iſt, wie ein Schriftſteller ſehr wahr bemerkt, nur da, um das Urtheil irre zu leiten, und dieß ſollte Wilhelm auch bei ſeinem Geſpräche mit Lucie zur Erkenntniß kommen. Die junge Franzöſin ſollte ihm ein Beiſpiel von ſo viel Seelenadel und Erhaben⸗ heit der Geſinnung geben, daß er einſehen mußte, wie kleinlich er in dieſer Beziehung vor ihr ſtand. Da Wilhelms erſter Blick auf Lucie ihm ſagte, daß ſehr ernſte Dinge zur Verhandlung kommen würden, ſo dachte er:„Will ſie wieder als Wäch⸗ terin von Eſtelle's Herzen auftreten? In dieſem Fall iſt es zu ſpät, und Nichts kann mich beſtimmen, von dem abzuſtehen, was ich bereits mein eigen nenne, nicht einmal Lucie.“ Nach dieſer Wendung in Wilhelms Gedanken, machte er ſich auf einige Redensarten gefaßt, wie: es müſſe ihm ſonderbar vorkommen u. ſ. w., u. ſ. w. daß Lucie eine ſolche Zuſammenkunft gewünſcht hätte; aber er täuſchte ſich. Von Allem, was er zu hören geglaubt hatte, erfolgte nicht ein einziges Wort. Das Erſte, was Lucie äußerte, war von ſolcher Natur, daß Wilhelm eine lange Weile wie ver⸗ ſteinert daſtand. Dann hörte er auf die Fortſetzung mit einem Gefühle ſo tiefer Bewunderung, daß er ſich ihr gern zu Füßen geworfen und Alles, was er empfand, geſagt hätte, wäre er nicht durchEhrer⸗ bietung an ſeine Stelle gefeſſelt worden. Eine Stunde hernach kehrte Wilhelm in ſein Zimmer zurück. Sein lebhaftes und energiſches Angeſicht verrieth dſe Spuren ſtarker Gemüthsbe⸗ wegung. Um die ſonſt lächelnden Lippen ſpielte ein Zug von Wehmuth. 3 XXXII. Beim Frühſtück waren alle verſammelt. Der Graf, ſchweigſam und theilnahmlos wie gewöhnlich, Eſtelle lächelnd und bezaubernder als je, Saint Sue zum Scherz aufgelegt und unverbeſſerlich. —.N———— u— — AN G—ü 8 8 er , 263 Wilhelm, der für niemand als Eſtelle hätte Augen und Sinn haben ſollen, wich ihr aus und ſchien ſo in Gedanken verſunken, daß er einige Mal auf die Fragen, welche Eſtelle an ihn richtete, ganz verkehrte Antworten gab. Einmal heftete er ſein Auge auf Lucie, und es lag Etwas darin, das, hätte Eſtelle es wahrgenommen, Eiferſucht und Wuth in ihrer Seele erweckt haben würde. 1 Luciens Weſen hatte etwas Schüchternes und faſt Bebendes. Sie nahm durchaus nicht am Ge⸗ ſpräch Antheil, und ſuchte ſich den Blicken der An⸗ dern zu entziehen. Saint Sue warf dann und wann einen forſchenden Blick auf Wilhelm und Lucie. Er ſuchte zu errathen, was vorgefallen wäre, und dachte dabei: „Irgend etwas iſt zwiſchen Lucie und Stjern⸗ krona geſchehen; aber was? Das vermag ich nicht herauszubringen. Etwas ſehr Eigenthümliches muß es geweſen ſein, denn mein junger Freund iſt dem Zauber, welchen Eſtelle über ihn ausübte, völlig entrückt. Lucie ſieht ihrerſeits aus, als wäre ſie zu gleicher Zeit glücklich und unglücklich. Was hat dieß Alles zu bedeuten? Doch, es verlohnt ſich nicht, darüber nachzugrübeln, denn es wird nicht lang dauern, ſo habe ich den richtigen Zuſammenhang errathen.“ Hätte man der Richtung der halb geſchloſſenen Augen des Grafen folgen können, ſo würde man gefunden haben, daß ſie mit einem forſchenden Aus⸗ druck auf Lucie und Wilhelm geheftet waren. Nach dem Frühſtück entfernte ſich der Graf ſo⸗ 264 gleich, und Eſtelle äußerte mit ihrem bezaubernden Lächeln: „Marquis, Sie begleiten wohl Lucie in die Bi⸗ bliothek hinauf und helfen ihr bei den Kupferſtich⸗ werken, welche ſie ſelbſt zu ordnen ſich vorgenommen hat;— und Sie, Baron,“ fügte ſie, an Wilhelm ſich wendend, hinzu,„müſſen unterdeſſen ſich mit meiner Geſellſchaft begnügen.“ Sie nickte Saint Sue und Lucie zu, und begab ſich dann in den großen Salon, welcher in der Mitte des Hauſes lag und eine angenehme Kühlung bot. Wilhelm folgte ihr mit jener Langſamkeit in ſeinen Bewegungen, welche ihm noch fortwährend blieb und den deutlichen Beweis lieferte, daß ſeine Wunde noch lange nicht vollſtändig geheilt war. „Soll ich bei Ihnen oder bei jenen bleiben?“ fragte Saint Sue mit gedämpfter Stimme, indem er ſich zu Lucie wandte. „Bei mir,“ antwortete ſie lächelnd. „Wie geht es dann mit dem Auftrag, den Sie mir gegeben haben?“ „Der iſt überflüſſig,“ ſagte Lucie.„Er wird der Gattin meines Bruders niemals ſeine Liebe er⸗ klären!— Ihren Arm, Marquis!“. „Und das ſagen Sie in vollem Ernſt?“ „, „Sie halten ihn alſo für ſehr ſtark?“ „Ich halte ihn für einen ehrlichen Mann, nichts weiter. Das Uebrige überlaſſe ich dem Schickſal.“ „Das will ſagen, ſeinem Charakter. Dann fürchte ich, daß Sie„das Uebrige“ auf einen un⸗ ſichern Wurf ſezen, denn wenn die Leidenſchaft das — ᷣ◻⏑ — S2Z8 — — —— onm. 8 265 Wort führt, dann verleugnet der Menſch ſehr oft ſowohl Vernunft als Ehre.“ „Möglich, ich habe jedoch von einem großen Denker Etwas geleſen, was ſich hier anwenden läßt, nämlich daß ein lebhaftes und heftiges Gefühl nur voon einem tiefern und ſtärkern beherrſcht oder un⸗ terdrückt werden kann.— Mein Sieg beruht ganz und gar auf dieſer Wahrheit.“ „Hoffen Sie, die kalte Achtung vor den Pflich⸗ ten, welche Madame d'Eſtrier gegen ihren Mann hat, werde auf einen einundzwanzigjährigen, excentriſchen Mann die Wirkung ausüben, daß er dafür Gefühle, wie Ihre Schwägerin erweckt, aufopfert?“ „Wer ſpricht von Achtung? Ich mindeſtens nicht, aber laſſen wir das. Später gebe ich Ihnen vielleicht einmal den Namen des Amulets an, wel⸗ ches jezt Ihren Freund beſchüzt, aber nicht in dieſem Augenblick, und darum laſſen Sie uns von etwas Anderem reden.“ XXXIII. Als Eſtelle und Wilhelm allein waren, begann er gegen die junge Frau mit ernſter Stimme: „Madame, als ich geſtern dringend um dieſe Unterredung bat, befanden ſich meine Gefühle in einem ſo heftigen Aufruhr, daß ich nicht deutlich wußte, was ich that. Nacht und Ueberlegung haben ihre kühlende Hand auf mein Herz gelegt, und ich muß jezt um Vergebung für das bitten, was ich verbrochen 266 habe, als ich eine einzige Minute meine Blicke und Wünſche zu Ihnen zu erheben wagte.“ Wilhelm betrachtete, während er alſo ſprach, mit feſtem Blick die kleine bezaubernde Sirene, welche ſich auf einen Sopha geworfen hatte und, das Haupt auf die Hand ſtüzend, ihre großen, wunderbaren Augen auf ihn heftete. Welche Willensanſtrengung es erforderte, wenigſtens eine ſcheinbare Ruhe bei⸗ zubehalten, das zeigte der heftige Wechſel der Farbe in ihrem Angeſicht. Eſtelle, im Beſiz einer ſcharfen und feinen Auf⸗ faſſungsgabe, erkannte ſogleich, daß irgend Jemand oder irgend Etwas dieſe Veränderung in Wilhelm hervorgebracht haben mußte, und faßte auch alsbald die Rolle auf, die ſie für den Augenblick zu ſpielen atte. Eſtelle beſaß große Aehnlichkeit mit der Kaze, das heißt, ſie vermochte unter der Maske der Hleich⸗ gültigkeit ihre eigenen Gefühle zu verbergen und den Bewegungen bei demjenigen zu folgen, auf deſſen Beſiegung ſie es abgeſehen hatte, ſo daß ſie hernach. die Gelegenheit hiezu abpaßte. Wie die Kaze, wäh⸗ rend ſie auf der Lauer liegt, ihre Raubluſt voll⸗ kommen zu beherrſchen im Stande iſt, ſo konnte Eſtelle, wenn ſie ernſtlich ein Ziel zu erreichen wünſchte, jeden Ausbruch der Leidenſchaft unter⸗ drücken, ſo wild auch ihr Blut kochte. Mit einem milden Lächeln antwortete ſie auch ſogleich: „Ich weiß in der That nicht, weßhalb Sie mich jezt um Vergebung bitten. Sie haben mit mir ganz ungezwungen aus der Tiefe Ihres Herzens zu ſprechen gewünſcht, wie Sie ſagten; ich habe Ihnen —— 2 8188SSREESARRg 267 * dieſe Unterredung bewilligt, und darin liegt ja nichts Böſes, wenn Ihr Begehren durch meine Worte her⸗ vorgerufen wurde.“ Eſtelle reichte ihm die Hand und ſezte lachend hinzu:„ich ſchenke Ihnen ſomit meine Vergebung für das, was Sie zu ſagen beabſichtigten, und danke Ihnen dafür, daß Sie mir es zu thun erſparten, nachdem Sie etwas geſagt hätten, was Sie ſchon gedacht zu haben bereuten.“ Wilhelm faßte die kleine Hand und küßte, ſie, indem er mit Anſtrengung weiter redete: „In dieſem Augenblick, Madame, danke ich mei⸗ nem guten Engel, welcher mich vor der Unbedacht⸗ ſamkeit gerettet hat, Ihre Achtung und Freundſchaft auf's Spiel zu ſezen.“ „Freundſchaft!“ wiederholte Eſtelle und zog ihre Hand zurück. Ihr dunkles Auge wurde noch dunk⸗ ler und ſie warf den Kopf mit einer ſtolzen Bewe⸗ gung zurück. 5„Wer hat geſagt, daß ich Freundſchaft für Sie ege?“ „Ihre Güte, Madame,“ fiel Wilhelm lebhaft ein. „Dann hat dieſe Sie irre geleitet. Ich habe niemals Freundſchaft für ein lebendiges Weſen ge⸗ fühlt, denn die Freundſchaft iſt das Alter des Her⸗ zens. Das Meinige iſt noch zu jung, um ergraute Eindrücke zu hegen.“ „Wie ſoll ich dann das Wohlwollen benennen, welches Sie mir zu Theil werden ließen?“ ſagte Wilhelm und fühlte ſich wieder von der Macht er⸗ griffen, welche Eſtelle über ihn ausübte. Eſtelle hatte ihren Blick nicht mehr auf den jun⸗ — 268 gen Mann gerichtet, aber ſie hörte an ſeiner Stimme, daß ihr Einfluß ſich wieder bei ihm geltend machte. „Bedarf es wirklich eines andern Namens, als Wohlwollen?“ fragte Eſtelle.„Meine Theilnahme hat allerdings ein anderes Gepräge, als bei andern Menſchen, denn ich fühle nicht ſo wie ſie; aber dieß verändert die Natur davon nicht. Bei mir findet ſich nicht die geiſtige Erlahmung in Gefühlen, Ge⸗ danken und Eindrücken, welche die Ihrigen kenn⸗ zeichnet. Wenn ich Theilnahme ſchenke, ſo geſchieht dieß von ganzer Seele, und ſollte ich einmal meine Liebe verſchenken, dann....“ Eſtelle fuhr mit der Hand über die Stirne und ſchwieg. „Dann!“ rief Wilhelm mit erregter Stimme. „Ach, mein Herr!“ rief Eſtelle und ſchüttelte ihr ſchönes Haupt;„Ihnen werde ich nicht ſagen, wie ich dann handeln werde. Nein, das gehört nur für den Mann, welcher liebt und von mir geliebt wird.“ „Und dieſer Mann müßte ein Gott ſein, um V ſein Glück zu verdienen,“ fiel Wilhelm ein, beherrſcht von dem Augenblick. „Sie wiſſen, daß ich große Anſprüche mache,“ fuhr Eſtelle fort, ohne das, was er geſagt hatte, zu beobachten,„und der, welcher mein Herz gewinnt, muß in ſeinem Innern reicher ſein, als andere Männer. Freilich werde ich niemals in der Wirk⸗ lichkeit das Gegenbild finden, wovon ich geträumt habe, und vielleicht ſterben, ohne zu lernen, was Liebe iſt.“ Es trat eine Pauſe von einigen Secunden ein. Wilhelms Bruſt hob ſich unruhig. Ein kurzer und ————— 269 heftiger Streit ging darin vor. Als er ausgekämpft war, äußerte er: „Es gibt wohl keinen Menſchen, welcher in Un⸗ kunde von dem, was Liebe iſt, bliebe. Bei einem CTheil der Menſchen ſcheint es jedoch, als ſollten ſie nur mit deren Sorgen und Entſagungen Bekannt⸗ ſchaft machen. Man kann bis zur Abgötterei lieben, aber Ehre und Pflicht können ſich gegen dieſe Liebe erheben, und es iſt nur der Schmerz, den man davon trägt.“ „Können Pflicht und Begriff von Ehre das Herz beſiegen?“ fragte Eſtelle. „Madame, dieſe Frage wird Ihnen am beſten Ihr eigenes Innere beantworten. Reue iſt wohl das bitterſte Leid, das wir erfahren können, und es gibt wohl nur Wenige, welche den Gewinn des Glücks mit dem Frieden ihres Gewiſſens erkaufen möchten.“ „Es kann nur Eines von Beiden ſtattfinden, entweder verſtehe ich nicht, was Liebe iſt, oder ver⸗ ſtehen Sie es nicht, denn unſere Auffaſſung davon iſt allzu verſchieden. Wenn man liebt, vergißt man alles Andere,“ 4 ,Sie ſprechen von der Leidenſchaft, nicht von der iebe.“ „Dieſe Definition verſtehe ich nicht. Haben Sie geliebt? Wiſſen Sie, was Liebe iſt, da Sie ſo bheeched wie Sie jezt thun?“ fragte Eſtelle und ſah ihn an. „Ja, Madame, heute weiß ich es, geſtern noch verſtand ich nur die Gewalt der Leidenſchaft.“ Wilhelm ſagte dieß mit ſo ernſter Miene, daß 270 Eſtelle einige Augenblicke ſtill ſchwieg. Darauf be gann ſie wieder langſam: „Und unter dem Einfluß der leztern begehrten Sie wohl mit mir aus der Tiefe Ihres Herzens zu ſprechen?“ Ja, Madameo, der Einfluß der Liebe bewirkt nun, daß ich ſchweige.—“ Wilhelm erhob ſich und trat an das Fenſter. Er fühlte, daß die Gefahr mit jedem Augenblick größer und größer wurde. Die Augen der jungen Frau folgten ihm. Ihr ganzes Weſen drückte einige Minuten die heftigſte Leidenſchaft aus. Sie öffnete die Lippen, um zu ſprechen, aber ſchloß ſie wieder und drückte die Hand auf die Bruſt. Darauf richtete ſie ſich ſchnell vom Sopha auf und folgte Wilhelm. Sie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und flüſterte: „Einmal werden Sie vielleicht verſtehen, daß der⸗ jenige, welcher vor der Stärke ſeiner eigenen Ge⸗ fühle zurückbebt, niemals verdient hat, geliebt zu werden; aber dann iſt es zu ſpät. Was Sie ge⸗ erndtet haben, iſt dann nur— Reue. Wenn dann die Trauer über das, was Sie verloren haben, an Ihrem Herzen nagt, können Sie allerdings ſich ſagen: ich habe mir mein Unglück ſelbſt geſchaffen, aber das iſt ein geringer Troſt.“ Wilhelm faßte lebhaft Eſtelles beide Hände, aber ließ ſie ſogleich wieder los und wandte ſich mit den Worten ab: „Immer noch beſſer, als darüber erröthen zu müſſen, daß ich mir ein Glück geſtohlen habe, wel⸗ ches einem Andern gehört. Ach, Madame, die —(0 ð— 271 Frau, welche ein Mann von ganzer Seele ſoll lieben können, muß frei ſein und das Recht beſizen, ſich ihm zu ſchenken.“ Willhelm verließ Eſtelle haſtig, und dieſe blieb unbeweglich ſtehen. „Sie muß frei ſein und das Recht beſizen, ſich ihm zu ſchenken,“ dachte ſie. Dann warf ſie ſich auf ein Sopha und rief, von gewaltſamem Schmerz ergriffen und die Hände ringend: „Ich werde, ich muß wiſſen, ob ich ſeine Liebe beſize, und müßte ich auch ihn und mich unter den Lapvaſtrömen meiner Gefühle begraben!— Wie ver⸗ ändert war er nicht, und ich, ich träumte mich ſo glücklich!... Wenn er mich nicht liebte! Wenn Alles, was dafür ſprach, nur ein höhnender Irrthum wäre!“ Bei dieſem Gedanken ſtieß Eſtelle einen halb er⸗ ſtickten Schmerzensſchrei aus. „O, mein Gott, dann wäre ich ein Dämon!“ murmelte ſie und fuhr mit den Händen durch das ſchwarze, wogende Haar. In dieſem Augenblick ſah ſie auf. Vor ihr ſtand, die Arme über der Bruſt ge⸗ kreuzt, Graf d'Eſtrier. Seine Augen waren nicht halbgeſchloſſen, ſondern weilten auf Eſtelle mit einem glänzenden Ausdruck, und um ſeine Lippen ſpielte ein Lächeln, ſo voll Hohns, daß Eſtelle dabei ſchauderte. „Sind Sie krank, Madame?“ fragte er. „Ich bin nicht ganz wohl,“ entwortete Eſtelle und richtete ſich auf. „Nicht gefährlich, vermuthe ich.“ V b b 1 -— —— e Jezt ſchloß der Graf wieder die Augen. Er nahm neben Eſtelle Plaz und fuhr fort: „Wir werden heute Abend einige Gäſte hier haben, und Ihr Uebelbefinden wird Sie gewiß nicht hindern, liebenswürdig zu ſein.“ „Wenigſtens werde ich es in ebenſo hohem Grad ſein, als Sie,“ antwortete Eſtelle und erhob ſich. „Bleiben Sie, Eſtelle,“ ſagte der Graf und faßte ihren Arm.„Wie gefällt Ihnen der junge Schwede?“— „Warum fragen Sie darnach?“ Eſtelle ſah ihn an, ganz überraſcht darüber, daß er ſo viel redete. Sie konnte ſich nicht erinnern, daß er mehr als zweimal während ihres ganzen Eheſtandes ſo mittheilſam geweſen. Das eine Mal war es, da ihre Lieblingsſclavin geſtorben war und der Graf ſie davon unterrichtete; das andere Mal, als der Herzog von** ſo plözlich verſchied. „Wenn Sie erſt meine Frage beantworten, nerde ich Ihnen dann ſagen, warum ich ſie gemacht abe.“ „Nun wohl, der Baron gefällt mir.“ Eſtelle betrachtete das Bronzegeſicht ihres Man⸗ nes, das wieder ſo ſeelenlos war, wie gewöhnlich. „Sehr?“ „Ja wohl, ſehr.“ „Dann werden Sie ſicherlich mit Freuden ſehen, daß er ſich immer enger an Lucie anſchließt.“ Der Graf erhob ſich und ſezte in ſchleppendem Tone hinzu:„Wie, Madame, Ihre Hand zittert; Sie müſſen ſehr unwohl ſein, und 1 will Sie 273 nicht länger beläſtigen, ſonſt wäre meine Abſicht ge⸗ weſen, Ihnen noch Etwas zu ſagen, das...“ „Ein Unglück in ſich ſchließt,“ fiel Eſtelle ein. „Sie ſprechen nur dann, menn Ihren Worten die Kraft beiwohnt, einen ſchmerzlichen Stich zu ver⸗ ſezen.“ „In dieſem Fall thue ich ja Recht daran, zu ſchweigen, ſelbſt wenn es ſich um den Schweden handelt.“ „Was wiſſen Sie von ihm?“ rief Eſtelle. „Nichts;— außer daß er heute morgen eine längere Unterredung mit Lucie hatte; aber das kann Sie nicht intereſſiren.“ Der Graf öffnete ſeine Augenlider ein wenig. Eſtelle faßte ihn heftig am Arm und rief: „Sind Sie deſſen, was Sie behaupten, auch gewiß?“ „Sonſt würde ich es nicht ſagen.“ Sie ließ ſeinen Arm los und warf ſich in einen Fauteuil. Der Graf klingelte. Nizama erſchien, und er ſagte zu der Sclavin: „Ein Glas Zuckerwaſſer für Madame!“ Dann verließ er das Zimmer. „O, nun verſtehe ich Alles!“ rief Eſtelle.„Sie iſt es, ſie, welche ihn verändert hat. Jezt ebenſo, wie in Breſt, will ſie zwiſchen mich und ſeine Liebe treten, aber dazu iſt ihre Macht zu gering.“ Schwartz, Wilhelm Stjernkrona. I. 18 274 XXXIV. Mit dem bei lebhafter Gemüthsart ſo raſch ein⸗ tretenden Wechſel von Ideen und Vorſtellungen hatte Eſtelle ſich an dem Gedanken feſtgehalten, daß Lucie mit ihren„klöſterlichen Grundſäzen“ auf Wilhelm einzuwirken ſuchte. In demſelben Augenblick, da dieſer Gedanke Wurzel bei ihr ſchlug, erwachte auch wieder der frühere Glaube an ihren Sieg. Wäre Eſtelle's eigenes Gefühl weniger gewaltſam geweſen, ſo hätte ſie es auch vielleicht dahin gebracht; nun aber beſaßen bei ihr die Leidenſchaften zu viel Macht über den Verſtand, und ſomit gebrach es ihr an der Kraft, nach einem beſtimmten Plane zu handeln. Eines war ihr klar, daß ſie, und ſollte dabei Alles ohne Anſehen der Perſon und der Sache zu Grunde gehen, das Bekenntniß von dem, was Wil⸗ helms ganze Aufführung zu erkennen gegeben hatte, herbeiführen und damit jene„elenden Vorurtheile“, wie ſie Luciens moraliſche Begriffe nannte, zer⸗ malmen müſſe. Eſtelle bezweifelte nicht einen Augenblick ihren Sieg, denn ſie kannte allzu gut die Macht, welche ihr zu Gebot ſtand. Wilhelms plözliche Entfernung bewies übri⸗ gens, wie wenig er an die Stärke ſeiner Grundſäze glaubte. Deſſen ungeachtet verfloß eine Woche nach der andern, ohne daß Wilhelm ſeine Gefühle in Worte kleidete. Er ſaß nicht mehr träumeriſch da und be⸗ — 275 trachtete Eſtelle, und ebenſo wenig gab er der Un⸗ terhaltung jenes weiche Gepräge, wie vordem, wo in jedem Worte ein Doppelſinn lag. Nein er ſchien wie von dem Zauber erlöst, welchen Eſtelle auf ſeine Seele ausgeübt hatte. Es kam allerdings noch vor, daß er ſich dem⸗ ſelben überließ, aber dann geſchah es ganz frei⸗ willig und mit einer verwegenen Sorgloſigkeit, als ob es ihm ein Vergnügen gewährte, ſeine Einbil⸗ dungskraft und ſeinen Verſtand von dem Reiz eines Augenblicks in Beſchlag nehmen zu laſſen. In ſol⸗ chen Momenten ſah es wirklich aus, als ob ſein Gefühl für Eſtelle noch daſſelbe wäre, gleich heftig und glühend, wie vor dem Geſpräch mit Lucie, aber es war doch nur, um mich ſo auszudrücken, der Wie⸗ derſchein von dem, was es geweſen. Mit ſeinen von Tag zu Tag mehr wiederkeh⸗ renden Kräften wurde auch ſein Gemüth friſcher, ſein Sinn froher und freier. Eſtelle, welche dunkel erkannte, daß Wilhelm nicht mehr derſelbe war, bewachte mit den Argus⸗ augen der Eiferſucht nicht allein ihn, ſondern auch Lucie, aber vergeblich. Nicht ein Blick, nicht eine Miene oder Bewegung gab irgend ein lebhafteres Intereſſe zu erkennen. Im Gegentheil wichen Beide einander aus, und dieß mit einer Sorgfalt, welche deutlich bewies, daß ſie keine Annäherung wünſchten. Eins entdeckte jedoch Eſtelle, nämlich daß, wenn Wilhelm eintrat, Lucie immerdar die Farbe wech⸗ ſelte, und daß er immerdar heiterer und ungezwun⸗ gener war, wenn ſie ſich nicht in der Nähe befand. 276 Dieß war Etwas, das unaufhörlich einen ſtillen und geheimen Argwohn in Eſtelle's Herzen nährte. Vermuthlich geſchah es, um bei ihrer Schwägerin deſto leichter ſpioniren zu können, daß Eſtelle der⸗ ſelben nichts von dem mittheilte, was ihr Graf d'Eſtrier in Bezug auf Wilhelms und Luciens Un⸗ terredung geſagt hatte. Genug, die Zeit verging, und bald waren die vier Wochen, welche der Graf Lucien, um ſich Liebe zu gewinnen, gegeben hatte, abgelaufen. Nur noch ein paar Tage waren übrig. Eines Morgens, lächelnd und ſchön, wie unſere goldenen Hoffnungen, wanderte Lucie die Terraſſe hinunter und ſchlug den Weg nach einer Art von Pavillon ein, welcher auf der andern Seite des Gar⸗ tens ſtand und der Japaniſche Tempel genannt wurde. Sie ging langſam und mit zögerndem Schritt und machte von Zeit zu Zeit Halt. Man ſah wohl, daß das junge Mädchen innerlich aufgeregt war und daß ihre ganze Seele von der Unruhe der Unge⸗ wißheit beherrſcht wurde. An die Seite des Gangs geſchmiegt und in dem hohen Graſe fortkriechend, folgte ihr in einigem Ab⸗ ſtand Eſtelle's ſchwarze Zofe. Als Lucie den ſogenannten Tempel erreicht hatte und die wenigen Stufen hinaufſtieg, welche in einen achteckigen Salon führten, ging ſie etwas raſcher, blieb aber dennoch auf der Treppe ſtehen, als ſie Wilhelm vor ſich in demſelben erblickte. Bei Luciens Anblick eilte unſer Held auf ſie zu und rief lebhaft aus: 3 4 277 „Erſchreckt Sie meine Gegenwart? Sie konnten doch vollkommen ſicher ſein, mich hier zu treffen!“ Er faßte ihre Hand und führte ſie zu einem Sopha, indem er mit Wärme hinzuſezte: „Hat Lucie d'Outrouville während der verfloſ⸗ ſenen drei Wochen, welche zwiſchen dieſer und un⸗ ſerer erſten Unterredung liegen, ein einziges Mal gezweifelt? Nein, das war Ihnen nicht möglich“ Während Wilhelm und Lucie mit einander ſpre⸗ chen, wollen wir ſehen, was aus der ſchwarzen Spionin geworden. Sobald Lucie in den Tempel eintrat, ſchlich ſich die Negerin an eines der bis auf den Boden rei⸗ chenden Fenſter und warf, hinter den halb aufge⸗ ſchlagenen Rollläden verborgen, einen ſpähenden Blick in das achteckige Gemach, wo ſie Wilhelm und Lucie neben einander ſizen ſah. Bei dieſem Anblick ſchlich ſie ebenſo ſchnell wieder zurück und eilte mit beflügelten Schritten nach dem Wohnhauſe. Einige Minuten ſpäter ſtand ſie vor Eſtelle, welche noch nicht aufgeſtanden war. „Das Fräulein und der ſchwediſche Herr haben eine Zuſammenkunft in dem Japaniſchen Tempel,“ rief ſie mit haſtiger Stimme. In einer Minute war Eſtelle aufgeſtanden, warf ſich in die Kleider und eilte durch den Garten nach dem Ort des Stelldicheins. Ihr Blut brannte, ihre Pulſe flogen, und der ſtürmiſche Schlag des Herzens drohte die Bruſt zu zerſprengen. Es lag eine ganze Hölle von Qual in ihrem Innern. 278 Bei dem Tempel angekommen, drückte ſie ſich an eines der Fenſter, welches offen ſtand, und blieb, hinter den grünen Jalouſien verborgen, dort ſtehen. um zu horchen. Der Laut von Wilhelms Stimme traf ihr Ohr. „Ich liebe Sie, Lucie!“ ſagte eben Wilhelm mit jenem Accente, von welchem Eſtelle ſo oft geträumt, den ſie aber nie zu hören bekommen hatte.„Wie hoch und heilig,“ fuhr er fort,„können Sie daraus abnehmen, daß die Liebe zu Ihnen ſtärker geweſen iſt, als meine Alles verzehrende Leidenſchaft für Eſtelle.— Ich hätte Blut und Leben für ein Lä⸗ cheln von derſelben opfern können, und nun— nun opfere ich ſie für einen Blick von Ihnen...“ Eſtelle hörte nicht weiter. Es ſchwindelte ihr vor den Augen, es brauste ihr vor den Ohren, und ſie hätte gern durch einen gräßlichen Angſtſchrei der Verzweiflung, wovon ihr Herz ergriffen war, Luft gemacht, wenn ſie es vermocht hätte. Sie fiel auf die Kniee nieder, drückte die Nägel in das Fleiſch, um durch einen äußern Schmerz der Raſerei und Pein der Eiferſucht, wovon ſie überwältigt wurde, ein Gegengewicht zu geben. Mitten in dem wilden Orkan von Höllenqualen, welcher in ihrem Innern tobte, ſchlug eine Stimme an ihr Ohr: „Komm, folge mir!“ 4 Sie blickte erſchrocken auf. Graf d'Eſtrier ſtand vor ihr. Bei ſeinem Anblick ſchoß ein Bliz aus Eſtelle's Augen, und eine Stimme wiederholte in ihrem In⸗ nern jene ſo oft nachklingenden Worte, welche Wil⸗ 279 helm ausgeſprochen hatte:„Die Frau, welche ein Mann von ganzer Seele lieben ſoll, muß frei ſein und das Recht beſizen, ſich ihm zu ſchenken.“ Ohne alles Geräuſch richtete Eſtelle ſich auf und nahm ſchweigend den Arm, welchen der Graf ihr bot. Am Frühſtücktiſche meldete der Hofmeiſter, der Graf und Madame ſeien weggefahren und werden erſt ſpät am Abend wieder zurückkehren. XXXV. Am nächſten Morgen, als Wilhelm noch in tiefen Schlaf verſunken war, kam Nizama zu ihm hereingeſtürzt und rief mit wildem Schmerze aus: „Das Fräulein iſt verſchwunden, und der Graf iſt dieſe Nacht tödtlich vom Schlage gerührt worden!“ Die Beſtürzung, welche durch dieſe Nachricht hervor⸗ gerufen wurde, läßt ſich leicht denken. Eſtelle war durch ihres Mannes plötzlichen Tod, aber noch mehr durch Luciens Verſchwinden heftig erſchüttert. Mit einem Ausdruck von Verzweiflung und Angſt ſchickte ſie nach allen Seiten Boten aus, um von Lucie Kunde einzuziehen, oder wenigſtens eine Spur ausfindig zu machen, welchen Weg ſie eingeſchlagen haben konnte; aber alle Nachforſchungen blieben fruchtlos; Eſtelle's Bekümmerniß und Sorge ſteigerte ſich mit jedem Tag, der verging, ohne über das Schickſal ihrer Schwägerin Aufklärung zu bringen; und der Schmerz, den ſie an den Tag legte, fand 280 nur ein Gegenbild in demjenigen, welcher Wilhelm verzehrte. Uneingedenk ſeiner Wunden und ſeiner ſchwachen Kräfte, gleichgültig gegen alle Warnungen, nahm derſelbe an den Nachforſchungen mit einem ſo ver⸗ zweifelten Eifer Theil, daß man wohl daraus ab⸗ nehmen konnte, wie tief und innig er die Verſchwun⸗ dene liebte. Am vierten Abend kehrten einige Neger, welche ſie aufzuſuchen ausgeſandt waren, mit einem von Luciens Schuhen zurück, den ſie am Meeresſtrande gefunden hatten. Augenſcheinlich war er am Waſſer gelegen, und von den Wellen ans Land geworfen worden. 3 Alles Suchen war jezt überflüſſig, beſonders als ein paar Negerknaben ausſagten, ſie hätten dieſelbe an dem Abend, bevor ſie verſchwand, ſich nach dem Strande hinunter begeben ſehen. Man nahm für ausgemacht an, daß ſie ihr Grab in den Wellen gefunden hatte. Eſtelle wurde bei dem Anblick des gefundenen Schuhes viel ruhiger, aber auf Wilhelm hatte der⸗ ſelbe eine ganz andere Wirkung. Die Spannkraft, welche die Angſt ihm verliehen hatte, verlor ſich, und dieß im Verein mit dem Um⸗ ſtand, daß ſeine Wunde durch die bisherigen An⸗ ſtrengungen wieder aufgegangen war, warf ihn von Neuem auf das Krankenbett. Treu wie das Grab, unermüdlich und umſichtig wie die Liebe, ſaß Eſtelle an ſeinem Krankenlager, auf jede Ruhe und Erholung verzichtend, nur um bei ihm zu wachen und ihn zu pflegen. — 281 Zum zweiten Mal kehrte Wilhelm ins Leben zu⸗ rück, aber auf ſeiner Seele lag eine dichte Wolke von Schwermuth, durch welche nicht einmal die Strahlen aus Eſtelle's Augen zu dringen ver⸗ mochten, und doch lag in dem Ausdruck derſelben ein ſo hoher Grad von Liebe und Hingebung. Saint Sue hatte bei allen dieſen Ereigniſſen eine Ruhe und Gleichgültigkeit bewahrt, welche für ſeine Theilnahme kein ſehr vortheilhaftes Zeugniß ablegte. XXXVI. Eines Morgens, nachdem Wilhelm wieder her⸗ geſtellt war, machte er mit Saint Sue einen Spa⸗ ziergang in der Umgegend von Mazulip, ehe daſſelbe der glühenden Umarmung der tropiſchen Sonne ver⸗ fallen war. Die Seebriſe ſandte ihren erfriſchenden Hauch auf das Land herein und flüſterte in den Kronen der Bäume. Der kühlende Wind wirkte auf die vertrocknete Natur, wie milde Worte auf den von Fieberträumen Gemarterten. Saint Sue ſchwazte und Wilhelm ging ſchwei⸗ gend an ſeiner Seite einher, ſie wanderten langſam eine weitgeſtreckte Schlucht hinauf, von deren Höhe man eine freie Ausſicht über die See hatte. Gerade als ſie auf die kleine Bergebene heraus⸗ traten, erhob ſich wenige Schritte vor ihnen eine männliche Geſtalt. Von dem Platze, den der Mann eingenommen hatte, war es ihm ein Leichtes geweſen, 282 ſie beim Heraufſteigen zu beobachten. Jezt grüßte er mit einem:. „Bon jour, messieurs!“ 4 Die beiden jungen Männer blieben ſtehen und ſahen ihn an. Saint Sue rief: „Was ſehe ich, iſt das nicht unſer alter Ober⸗ kanonier! Wie kommen Sie hieher?“ „Ich komme von der Fregatte, welche die Herren, wenn Sie noch hundert Schritte weiter gehen wollen, dort außen unter Segel liegen ſehen.“ „Gut, ich werde die Fregatte mit Freuden be⸗ grüßen,“ bemerkte Saint Sue.„Aber ſagen Sie, wie kommen Sie hierher in das grüne Gras zu liegen?“ „O, ganz einfach deßwegen, weil ich Briefe in Mazulip abzugeben habe,“ erwiederte er und über⸗ reichte die Briefe Saint Sue;„und nachdem dieß abgemacht iſt, kann ich noch eine Weile hier im Graſe ausruhen.“ Darauf erzählte er, das Boot der Fregatte, welches ihn auf der Luvſeite an das Land geſezt habe, ſei leewärts abgegangen, um dort die Fre⸗ gatte zu erwarten, welche gegen Mittag auch daſelbſt anlegen werde. Dieß war, im Verein mit der Uebergabe der Briefſchaften, Alles, was er über ſeine Miſſion wußte. Saint Sue ſagte lachend zu Wilhelm: „Der Oberkanonier kommt recht à-propos, wie Sturmkalle an Bord des Schiffs, und es ſoll mich durchaus nicht wundern, wenn wir nun eine ebenſo 283 ſchnelle Fahrt über das Atlantiſche Meer wie Ned Purvis, nur in entgegengeſezter Richtung, machen. „Mir eben recht,“ antwortete Wilhelm.„Ich ſehne mich hinaus auf die See, um wieder einmal zu werden, was ich war, ehe ich auf dieſe Inſel kam. Laß ſehen, was dieſe Briefe enthalten. Einer iſt an Sie und einer an mich.“ Sie enthielten die Abſchrift einer Ordre von dem kommandirenden Admiral auf der weſtindiſchen Station an Wilhelm und Saint Sue, das heißt die Aufforderung, im Fall ſie von ihren Wunden ſo weit hergeſtellt wären, daß ſie wieder Dienſt thun könnten, ſich an Bord der Fregatte zu begeben, welche ſie gegen Mittag an der Leeſeite der Inſel erwarten würde. Das Boot werde zu dieſem Zweck ans Land kommen und ſie abholen. Der ſelbſt auf der Fregatte befindliche Chef meldete ihnen noch in einem beſondern Schreiben, daß ſie zu Rittern des Ordens pour le mérite militaire ernannt worden ſeien, und wünſchte ihnen ein herzliches Willkommen an Bord. Ende des erſten Bandes. 4 In unſerm Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Allgemeine Geſchichte der Literatur. Ein Handbuch Johannes Scherr. Zweite, umgearbeitete und erweiterte Auflage. 37 Bogen Lex.⸗So. broch. Thlr. 2. 6 Sgr.— fl. 3. 36 kr. Der Herr Verfaſſer ſagt in der Vorrede zu dieſer Auflage:„Mein vfuß erſcheint in ſeiner zweiten Auf⸗ lage weſentlich umgeſtaltet. Nur wenige Seiten dürften ganz unverändert geblieben ſein. Manche Abſchnitte ſind neu geſchrieben, das Ganze iſt erweitert und ver⸗ vollſtändigt, überall wurde nachgebeſſert, durchgehends der Ton zu objectiv⸗ruhigem Vortrag geſtimmt und in Folge deſſen alles nicht zur Sache Gehörige ſtrengſtens ausgemerzt. Auch iſt die zweckdienliche Verbeſſerung eines Regiſters angebracht worden.“ Der ungewöhnliche Anklang, den dieſes Buch in ſeiner erſten Auflage gefunden hat, läßt uns erwarten, daß das Publikum dieſe zweite, in angedeuteter Weiſe verbeſſerte Auflage gleich günſtig aufnehmen werde. Stuttgart. * Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Biographien berühmter Erfinder und Entdecker der Neuzeit. Erſter Band: Georg Stephenſon, 2. Auflage. 8⁰. 32 Bogen mit einem Holzſchnitt. Zweiter Band: James Watt, 21 Bogen mit 8 Holzſchnitten. Preis in engliſchem Einband mit Goldſtempeln jeder Band Thlr. 1— fl. 1. 45 kr. Sicherlich ſind die Anfänge und Endziele der jetzigen Induſtrie⸗Epoche nie großartiger aufgefaßt worden, als in beiden vorſtehenden Biographien. Wo ließe ſich auch dem Scharfſinne und der Beharrlichkeit eines James Watt, eines Georg Stephenſon gleich Großes an die Seite ſtellen! So unwiderſtehlich iſt der eigenthüm⸗ liche Reiz, welcher dieſe Lebensbeſchreibungen umgibt, daß jeder Roman daneben erblaßt. Der Geiſt, ſtets in die Schranken des wirklichen Lebens gebannt, gewinnt an innerer Spannkraft, der Charakter des Jünglings wird geſtählt durch ſo edle Beiſpiele; und endlich ſind über das innere und äußere Leben der beiden großen Männer ſo viele und intereſſante Aufſchlüſſe gegeben, daß dieſe Biographien als endgültige angeſehen werden können. Nicht leicht wird es ein Buch geben, das geeigneter wäre, die ſtrebſame Jugend unſeres deutſchen Vater⸗ — 4 landes auf der Bahn praktiſcher Bildung zu befeuern und zu edlem Nacheifer anzuſpornen, als obige Bio⸗ graphien. Erzählungen Hermann Kurz,. Verfaſſer von„Schiller's Heimathjahre.“ Neue vermehrte Sammlung. 3 Bände eleg. broch. à Band Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr. Inhalt: Eine reichsſtädtiſche Glockengießerfamilie. — Wie der Großvater die Großmutter nahm.— Das Wittwenſtüblein.— Bergmärchen.— Das weiße Hemd. — Den Galgenl ſagt der Eichele.— Die Zaubernacht. — Das Schattengericht.— Das Arkanum.— Die blaſſe Apollonia.— Neun Bücher Denk⸗ und Glaubwürdig⸗ keiten.— Wiederfinden.— Ein Herzensſtreich.— Das Horoſcop.— Das gepaarte Heirathsgeſuch.— Der Feu⸗ dalbauer.— An der Wiege.— Ein Donnerwetter im Hornung.— Jugenderinnerungen. Jeder Band bildet ein ſelbſtſtändiges Ganzes und wird einzeln verkauft. 6 Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlage ſind ferner erſchienen und in allen Buchhandlungen und Leihbiblio⸗ theken vorräthig: George Gliot, Adam Bede. 3 Bde. eleg. broch. Thlr. 1. 18 Sgr.— fl. 2. 24 kr. Silas Marner, „ Eleg. broch. 16 Sgr.— 8 kr. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung 6 der Weber von Ravelde. * 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16