Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Teſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei eines Leliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe i welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: X— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mr.— 4 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Ausvärtige Khonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das, zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch 6 Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſe Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſiehen will, muh leiden. von Charles Rerde. Deutſch von A. Rretzſchmar. Peſt, Wien und Leipzig, 1858. Hartleben's Verlags⸗Expedition. Eine Sonnabends machte Eduard Riviere es möglich, alle noch rückſtändigen Dienſtſachen aufzuarbeiten und ſich dann auf den Weg nach Beaurepaire zu machen. Er hatte einen ſehr freundlichen Brief von Laura erhalten und ſeine Sehnſucht, ſie zu ſehen, überwältigte ihn. Unterwegs funkel⸗ ten ſeine Augen oft im Vorgefühl der Erwartung und ſeine Wange glühte. Endlich langte er an. Sein Herz klopfte gewaltig, denn vier Monate lang hatte er ſie nicht geſehen. Er eilte hinauf in das Geſellſchaftszimmer und fand die Baronin allein. Sie hieß ihn herzlich willkommen, theilte ihm aber bald mit, daß Laura und ihre Schweſter in Frejus wären. Das war für ihn kein geringer Schrecken. Nach Frejus war es weit. Aber dies war nicht Alles. Laura's Brief war von Beaurepaire datirt und mußte ſonach doch in Frejus geſchrie⸗ ben ſeyn Er ſuchte Jacintha auf und verlangte von ihr eine Erklärung dieſes Widerſpruches. Die allezeit fertige Jacintha ſagte, dies ſähe aus, als ob ſie binnen Kurzem nach Hauſe zurückzukommen beabſichtigte. „Das iſt ein Wink für mich, ihr Zimmer in Stand zu ſetzen,« ſagte Jacintha. Wer lieben will. IV. hergekommen ſeyn,« ſagte Eduard in ernſtem Tone. ſcheinender Gleichgiltigkeit. Eduard ſah ſie an. »Ich werde nach Frejus reiſen.« »Das würde ich auch thun, ſagte Jacintha etwas unſi⸗ cher, aber nicht auffällig.»Vielleicht begegnen Sie ihnen unter⸗ wegs— wenn ſie nemlich auf demſelben Wege kommen— es führen zwei Straßen nach Frejus, wiſſen Sie?« Eduard zögerte, ſchickte aber endlich Dard auf ſeinem eigenen Pferde nach der Stadt mit dem Befehl, es in dem Gaſthofe zu laſſen und ein friſches Pferd zu leihen. »Ich werde gerade Zeit genug haben« ſagte er. So⸗ mit ritt er nach Frejus und erkundigte ſich in allen Gaſthöfen und auf der Poſt nach Fräulein von Beaurepaire. Niemand kannte ſie. Dann fragte er nach Madame Ray⸗ nal. Auch dieſer Name war nicht bekannt. Er ritt ein Stück an der Meeresküſte hin, in der Hoffnung, daß ſie ihn ſehen würden— aber nein. Er paradirte zu Pferde im ganzen Städtchen umher und hoffte jeden Augenblick, daß ein Fenſter ſich öffnen und ein ſchönes Geſicht ſich herausneigen und ihm zurufen würde— aber nein! Endlich war ſeine Zeit um und er mußte mit ſchwerem Herzen wieder nach Beaurepaire zurückreiten. Er erzählte mit einiger ganz natürlichen Gereiztheit der Baronin, was geſchehen war. Sie erſtaunte darüber eben ſo ſehr als er. »Ich ſchreibe an Madame Raynal poste restante Frejus.* „Und Madame Rahnal bekommt Ihre Briefe?« »Höchſt wahrſcheinlich,« entgegnete Jacintha mit an⸗ ——,— 6 3 „ „Ja wohl, denn ſie beantwortet ſie ja. Sie können auf der Poſt nicht gefragt haben.« „O ja— es war dies der erſte Ort, an welchem ich mich erkundigte und man wußte hier weder von einem Fräu⸗ lein von Beaurepaire noch von einer Madame Rahnal.« Beide blieben bei ihren Behauptungen und Jacintha, welche den Schlüſſel zu dem Geheimniß hätte liefern können, ſchien ſelbſt ſo verblüfft, daß man ſie gar nicht einmal fragte. Eduard nahm bekümmert Abſchied von der Baronin und machte ſich wieder auf den Heimweg. O, wie traurig und langweilig war dieſe Reiſe im Ver⸗ gleich zu dem was die Herreiſe geweſen war! Seine getäuſchte Erwartung erbitterte ihn, und ehe er noch die Hälfte des We⸗ ges zurückgelegt, erwachte ein marternder Dämon in ſeinem Herzen. Dieſer Dämon hieß Argwohn— ein unklares, ſchat⸗ tenhaftes aber gigantiſches Phantom, welches den Geiſt furchtbarer niederdrückt und peinigt, als die Gewißheit. In dieſem Zuſtande verharrte er einige Tage, bis end⸗ lich ein freundlicher liebevoller Brief von Laura kam, die nun wirklich nach Hauſe zurückgekehrt war. In dieſem Briefe ſprach ſie ihr Bedauern aus, ihn verfehlt zu haben, machte ſich Selbſtvorwürfe, daß ſie ihn irregeführt, erklärte aber, ihr Aufenthalt in Frejus habe ſich weit über ihre Erwartung hinaus von Tag zu Tag verlängert. Die Dummheit der Poſt⸗ beamten ſeh ihr unbegreiflich, ſetzte ſie hinzu. Was aber Eduard am meiſten tröſtete, war der Umſtand, daß ſie nach dieſem ärgerlichen Vorfall niemals aufhörte, ihn einzuladen, recht bald nach Beaurepaire zu kommen. Früher hatte ſie, obſchon ſie in ihren Briefen manches freundliche und liebevolle Wort ſprach, ihn doch niemals aufgefordert, das Schloß zu beſuchen. Dies hatte er wohl bemerkt. — „Die gute Seele,« dachte er,„es thut ihr um mich. Ich müßte ein Barbar ſehn, wenn ich weite an jene zweckloſe Reiſe denken wollte, aber freilich—* Und ſomit verharſchte dieſe Wunde. Endlich wollte ſein Glücksſtern, wie er es nannte, daß er auf denſelben Poſten verſetzt ward, welchen ſein Comman⸗ dant Raynal früher eingenommen. Er ſuchte und erhielt die Erlaubniß, ſein Quartier in dem kleinen Dorfe bei Beaure⸗ paire zu nehmen, obſchon dies erſt in drei Monaten geſchehen konnte. Die Ausſicht darauf aber war ſchon während dieſer Zeit eine freudenvolle— freudenvoll für beide Liebende. Laura bedurfte dieſen Troſt, denn ſie war ſehr unglück⸗ lich. Ihre geliebte Schweſter war ſeit ihrer Rückkehr von Fre⸗ jus in einen Zuſtand verfallen, der ihr ſtündlich Kummer und Beſorgniß machte. Die Röthe der Geſundheit war von Joſe⸗ phinens Wangen gewichen und eben ſo ihre frühere Energie. Sie verfiel wieder in tiefe Niedergeſchlagenheit und Er⸗ ſchlaffung, die dann und wann durch Anfälle von ſonderbarer Nervengereiztheit unterbrochen ward. Oft ſaß ſie ſtundenlang an einem und demſelben Fenſter. Erräth der Leſer vielleicht, wohin dieſes Fenſter ging? Laura zitterte für Zweierlei— für ihr Leben und ihren Verſtand. Eduard aber verſprach zu kommen. Joſephine hatte ihn gern und ganz gewiß half er ihre Aufmerkſamkeit von jenen Leiden ablenken, die nur eine Reihe von Jahren heilen konnte. Man ſah daher Eduards Beſuch in jeder Beziehung mit Hoffnung und Freude entgegen. Er kam. Er ward mit offenen Armen empfangen. Er nahm ſein Quartier in ſeiner alten Wohnung, brachte aber ſeine Abende und jede Mußeſtunde auf dem Schloſſe zu. 1 5 e war ganz Liebe und bewies es auch. Er hing an ſeiner Laura wie ein Blutegel und folgte ihr überall hin wie ein kleiner Hund, und war allemal ſchon glücklich, wenn er ſie nur ſah. Dies würde ſie nun glücklich gemacht haben, wenn ſie ſonſt nichts gehabt hätte, was ihre Aufmerkſamkeit und ihr Herz in Anſpruch nahm, aber ſie hatte Joſephinen, deren tiefe NRiedergeſchlagenheit und Anwandlungen von Bangigkeit und Aufreizung ſie mit Beſorgniß erfüllten, und Eduard war deshalb dann und wann im Wege. Bei dieſen Gelegenheiten war er zu eitel, um das zu ſehen, was ſie zu höflich war, um ihm auf beleidigende Weiſe zu zeigen. Endlich ward ſie ärgerlich über ſeinen Mangel an Scharf⸗ blick. „Denkt er denn, ich könne ſtets ſeinem Winke und Rufe folgen?« ſagte ſie. „Sie iſt fortwährend umihre Schweſter herum, sſagte er. Eben fing er ſchon an auf Joſephinen eiferſüchtig zu werden, als ein Vorfall ſich ereignete. Laura und der Doctor ſprachen über Joſephinen. Eduard that, als ob er in einem Buche läſe, lauſchte aber auf jedes Wort. Doctor Saint⸗Aubin ſprach ſeine Meinung endlich dahin aus, daß Madame Raynal an Blutmangel leide. „O, wenn ich das wüßte!« rief Laura. „Ja, ich kann Ihnen verſichern, daß dem ſo iſt. Die Urſache davon kenne ich nicht.« „Doctor,« ſagte Laura,„erinnern Sie ſich noch, daß Sie eines Tages ſagten, man könne Blut aus jungen Adern ziehen und in alte übertragen?« »Ich kann mich nicht entſinnen, dies geſagt zu haben, aber es iſt dies eine wohlbekannte Thatſache. Patienten geſundes Blut eingeflößt werden?« „Allerdings.« „Das glaube ich nicht.“ „Dann ziehen Sie der Wiſſenſchaft eine ſehr enge Grenze,« ſagte der Doctor kurz. „Haben Sie es denn jemals machen ſehen?“« fragte Laura. „Ich habe es nicht blos machen ſehen, ſondern es auch ſelbſt gemacht.« „Nun, ſo machen Sie es doch hier auch. Hier iſt mein Arm— ziehen Sie aus demſelben Blut für meine theure Joſephine.* Und ſie hielt ihm ihren Arm unter die Augen mit einer ſo kühnen Bewegung und einem ſolchen Blick von Feuer und Liebe, wie er niemals aus gewöhnlichen Augen ſtrahlte. Eduard Riviére fuhr ein ſcharfer, kalter Stich durch's Herz. Der Doctor fuhr zuſammen und ſah ſie mit Bewunde⸗ rung an. Dann ſenkte er den Kopf. „Ich könnte es nicht thun. Ich habe Sie Beide zu lieb, als daß ich Einer von Ihnen Beiden den Strom des Lebens entziehen möchte.* Laura verſchleierte ihr Feuer und begann zu ſchmeicheln. „Einmal wöchentlich— blos einmal wöchentlich, lieber Doctor. Sie wiſſen, daß ich ſo viel recht gut entbehren kann. Ich bin erfüllt von jener Geſundheit, welche der Himmel mei⸗ ner geliebten Schweſter verſagt.« „Laſſen Sie uns er mildere Mittel verſuchen,« ſagte der Doctor.„Ich ſetze mein größtes Vertrauen auf die Zeit.⸗ * 6„Wie wäre es wenn ich mit ihr nach Frejus ginge? Zeit⸗ her hat das Seebad ihr allemal wunderbare Dienſte geleiſtet. »Ja wohl, nach Frejus,« ſagte Eduard, indem er ſich plötzlich mit in das Geſpräch miſchte,»und diesmal werde ich Sie begleiten und dann ermitteln, wo Sie früher wohnten und weshalb jene Gimpel ſagten, ſie kennten Sie nicht.* Laura biß ſich auf die Lippe. Sie dachte daran, wie ſehr Eduard ihr und Joſephinen im Wege war. Denen, welche Ge⸗ heimniſſe haben, ſind oft ihre beſten Freunde im Wege. Es dauerte nicht lange, ſo begab ſich der Doctor auf ſein Studirzimmer. Eduard begann, wie mit ſich ſelbſt ſprechend: „Ich möchte wiſſen, ob Jemand mich jemals ſo lieb ha⸗ ben wird, daß er auch nur einen Tropfen Blut für mich hingibt?* „Wenn Sie krank und in Gefahr wären— wer weiß ob es nicht Jemand thäte.* „Ich würde ſehr bald krank und in Gefahr ſeyn, wenn ich dies dächte.“ „Scherzen Sie nicht mit ſolchen Dingen, mein Herr.“ „Ich ſcherze nicht. Ich wünſche, ich wäre ſo krank, wie Madame Raynal iſt, um eben ſo geliebt zu werden, wie ſie geliebt wird.« „Sie müſſen ihr auch in andern Dingen gleichen, um ſo geliebt zu werden wie ſie. „Das haben Sie mich in der letzten Zeit oft fühlen laſ⸗ ſen, liebe Laura.« Dies rührte ſie. Sie kämpſte aber das freundliche Ge⸗ fühl nieder. „Das freut mich, ſagte ſie muthwillig. Dann ſetzte ſie — — nach einer Weile hinzu:„Eduard, Sie haben Anlage zu Eiferſucht.*„ „Nicht im mindeſten, Laura, das verſichere ich Ihnen. Ich habe viele Fehler, aber eiferſüchtig bin ich nicht.“ „Ja, Sie ſind es und auch argwöhniſch ſind Sie. Es liegt etwas in Ihrem Charakter, was mich um Ihr Glück be⸗ ſorgt mocht.* „Es gibt Dinge in Ihrer Handlungsweiſe, Laura, die ich erklärt zu ſehen wünſchte.« „Da haben wir's! Sagte ich es nicht? Sie haben kein Vertrauen zu mir.« „O, ſagen Sie das nicht, liebe Laura, ich habe alles nur mögliche Vertrauen zu Ihnen. Nur verlangen Sie nicht von mir, daß ich mich meiner Sinne und meines Verſtandes entſchlagen ſolle.« „Ich verlange keineswegs, daß Sie dies oder irgend et⸗ was Anderes für mich thun ſollen— ganz nach Ihrem Be⸗ lieben.* „Was das nun wieder für Reden ſind! Kann ich denn niemals ein Wort in Frieden mit Ihnen ſprechen?“ „Ich werde jetzt hinaufgehen zu meiner Schweſter.* „Die arme Madame Rahnal, ſie macht es mir ſehr hart, ihr nicht gram zu ſeyn.« „Gram? meiner Joſephine?« rief Laura die Stirn runzelnd. „Sie iſt ein Engel, aber ich würde ſelbſt einen Engel haſſen, wenn er ſich fortwährend zwiſchen Sie und mich ſtellte.« „Entſchuldigen Sie, ſie war eher da als Sie. Sie ſind es, der ſich jetzt zwiſchen ſie und mich ſtellt.« „Ich bin gekommen, weil man mir ſagte, ich würde „ willkommen ſeyn,“ ſagte Eduard bitter; dann ſetzte er hinzu: „übrigens kann ich ja auch gehen, wenn man mir ſagt, daß ich im Wege bin.“ „Trotzkopf! wer ſagt denn, daß Sie hier im Wege ſehen? Sie machen aber in der That zu viel Anſprüche, mein Herr. Sie wollen ſchon den Eheherrn ſpielen und mich quä⸗ len. Das iſt egoiſtiſch. Sehen Sie denn nicht, daß ich das Herz voll Sorgen habe? Sie ſollten freundlich gegen mich ſehn, und mich beruhigen. Das iſt es, was ich von Ihnen erwarte, aber ſtatt deſſen ſind Sie ein niemals endender Quälgeiſt.* „Das würde ich nicht ſeyn, wenn Sie mich ſo liebten, wie ich Sie liebe. Ich gebe Ihnen keine Nebenbuhlerin. Soll ich Ihnen die Urſache von all dieſem ſagen?— Sie haben Geheimniſſe.* „Was für Geheimniſſe?“ „Mich wollen Sie darnach fragen? Hat man mir die⸗ ſelben vielleicht anvertraut? Geheimniſſe ſind eine Feſſel, die ſich durch nichts löſen läßt. Um von den Geheimniſſen zu ſprechen, laufen Sie immer von mir fort zu Madame Raynal.« „Sol« ſagte Laura kaltblütig.»Und wer hätte mich denn unterrichtet?“ „Oberſt Dujardin.“ Laura erſchrak. Einen Augenblick lang faßte ſie die Richtung von Eduards Eiferſucht falſch auf. Er betrachtete ſie mit immer ſteigendem Argwohn. Sie ließ ihn eine Weile auf dieſer falſchen Fährte weiter gehen. Nach einer Pauſe ſagte ſie: „Alſo Oberſt Dujardin hat mich Zurückhaltung und Schweigen gelehrt? Ich dachte, Sie wären es ſelbſt geweſen.“ 10 »Verdiene ich dieſen Spott? Die Verſchwiegenheit, welche ihren Grund in Zuneigung hat, iſt etwas ganz anderes als die, welche aus dem Mangel daran hervorgeht. W wohnten Sie in Frejus, Fräulein Geheimnißkrämerin?“ »In einer Grotte, die bei niedrigem Waſſerſtand tro⸗ cken war, Herr Neugieriger.« »Gut, gut, da Sie mir es nicht ſagen wollen, ſo werde ich es ſelbſt ermitteln, ehe ich noch eine Woche älter bin.« »Mein Herr, ich bin Ihnen ſehr verbunden, daß Sie ſchon vor der Zeit den Thrannen zu ſpielen ſuchen. Es liegt darin eine Warnung für mich. Wir wollen uns lieber trennen. Wir paſſen nicht für einander.« »Uns trennen, Laura? Das iſt ein furchtbares Wort, wenn es zwiſchen uns geſprochen wird! Verzeihen Sie mir; ich glaube, ich bin eiferſüchtig.« „Ja, das ſind Sie. Sie ſind eiferſüchtig auf meine Schweſter. Wohlan, ich will Ihnen gerade herausſagen: Ich liebe Sie, aber meine Schweſter liebe ich noch mehr. Ich könnte nie einen Mann ſo lieben wie ſie— es iſt lächerlich, ſo etwas zu erwarten.« — »„Und Sie glauben, ich könnte es ertragen, ihr mein ganzes Leben lang nachzuſtehen? „Das verlange ich ja auch nicht. Gehen Sie zu einer andern Dame und nehmen Sie bei dieſer den erſten Rang— ein.« „Sie ſprechen Ihre Wünſche jetzt ſo deutlich aus, daß mir nichts übrig bleibt als zu gehorchen.« Er küßte ihr die Hand und ging troſtlos hinweg. Laura ſetzte ſich, anſtatt zu Joſephinen zu gehen, wie ſie 1. erſt doch beabſichtigt und wodurch der ganze Zwiſt herbeige⸗ ————— — * — geführt worden, traurig nieder und ſtützte den Kopf auf die Hand. „Ich bin grauſam! Ich bin undankbar! Er iſt mit ge⸗ brochenem Herzen fortgegangen und was ſoll ich ohne ihn be⸗ ginnen? Der kleine Narr! Ich liebe ihn ja mehr als mich. Er wird mir niemals verzeihen. Ich habe ſeine Eitelkeit verletzt und die Männer ſind eitler als wir. Wenn wir uns bei Tiſche wie⸗ der treffen, ſo will ich ſo freundlich gegen ihn ſehn, daß er Alles vergeſſen ſoll. Doch nein, er wird nicht zu Tiſche kom⸗ men. Er iſt kein Hündchen, welches man ſchlagen und dann wieder herbeipfeifen kann. Eine innere Stimme ſagt mir, daß ich ihn verloren habe und wenn dies der Fall iſt, was ſoll ich dann thun? Ich will ihm ein Briefchen ſchreiben. Ich will ihn bitten, mir zu verzeihen.« Sie ſetzte ſich an den Tiſch, nahm einen Bogen Brief⸗ papier zur Hand und begann einige verſöhnliche Worte zu ſchreiben. Sie war ſo eifrig beſchäftigt, ſolche Worte zu wäh⸗ len, die freundlich genug und doch nicht zu freundlich wären, daß ſie nicht hörte, wie ein leichter Tritt ſich näherte. Sie blickte auf und Eduard ſtand vor ihr. Sie raffte das Papier raſch vom Tiſche hinweg. Ein krampfhafter Schimmer von Argwohn zuckte über Eduards Geſicht. Laura bemerkte dies. „Nun?s ſagte ſie. „Liebe Laura, ich komme wieder um Sie zu bitten, daß Sie vergeſſen mögen, was ſo eben zwiſchen uns vorfiel.“ Laura's Augen funkelten. Seine Rückkehr bewies ihr ihre Macht. Sie mißbrauchte dieſelbe ſofort. „Wie kann ich es vergeſſen, wenn Sie kommen um wich daran zu erinnern.“ 12 „Liebe Laura, ſehen Sie jetzt nicht ſo unfreundlich, ſo grauſam. Ich bin nicht wiedergekommen, um Sie zu quälen ich komme um zu hören, was ich thun kann, um Sie zufrie⸗ den zu ſtellen, um Sie zu bewegen, daß Sie mich wieder lieben.« „Das will ich Ihnen ſagen.— Kommen Sie mir einen Monat lang nicht zu nahe.« Eduard fuhr leichenblaß von ſeinen Knien empor und der Ausdruck ſeines Geſichts verrieth Kränkung und verwun⸗ deten Stolz. „Alſo auf dieſe Weiſe begegnen Sie mir, wenn ich mich demüthige, und während doch Sie es ſind, die um Verzeihung bitten ſollte.« »Warum ſoll ich um etwas bitten, woran mir nichts liegt 76 „Ja, woran läge auch Ihnen etwas— ausgenommen an Ihrer Schweſter. Sie haben kein Herz. Und an dieſes kaltblütige Weſen habe ich eine Liebe verſchwendet, auf welche eine Kaiſerin hätte ſtolz ſeyhn können, ſie eingeflößt zu haben. Ich bitte Gott, daß ein Mann mit Ihren Neigungen ſpiele, Sie herzloſes Weſen, ſo wie Sie mit dem meinen geſpielt ha⸗ ben und daß er Sie erdulden laſſe, was ich jetzt erdulde!« Und unartikulirte Ausdrücke des Schmetzes und des Zornes murmelnd, entfernte er ſich eiligſt aus dem Zimmer. Laura ſank zitternd eine kleine Weile auf das Sopha, dann erhob ſie ſich mit gewaltiger Anſtrengung und ging ihre Schweſter zu tröſten. Eduard kam nicht wieder nach Beaurepaire. 4 „ 13 6s gibt ein altes franzöſiſches Sprichwort und zwar ein ſehr weiſes, welches ſagt: Rien n'est certain que l'imprévu. Dies bedeutet, daß der Menſch nichts gewiß wiſſen kann als das: daß die Dinge nicht ſo verlaufen, wie man vermuthet und aus dieſem Grunde bitten wir Dich, der Du mit Selbſt⸗ mordgedanken umgehſt, weil die Geſchäfte ſchlecht gehen, Spe⸗ culationen mißglücken, Bankerott bevorſteht oder dein Leben höchſt wahrſcheinlich durch unerwiederte Liebe erbittert werden wird— es nicht zu thun! Magſt Du nun ein Engländer, ein Americaner, ein Franzoſe oder ein Deutſcher ſehn, ſo höre auf den Rath eines Mannes, welcher Erfahrung beſitzt, und thue es nicht. Und warum nicht? Weil keines dieſer Schreck⸗ niſſe Dich ſo berühren wird, wie Du fürchteſt. Die Freuden, die wir erwarten, ſind nicht ſo ſchön, noch die Leiden ſo ſchwer, wie unſere Phantaſie ſie uns malt. Ein drohender Bankerott iſt etwas ganz Anderes, als ein Bankerott, welcher da iſt und kein Herz und kein Leben kann wirklich verbittert werden, wenn es erſt zwanzig Jahre alt iſt. Die liebeskranken Mäd⸗ chen, welche noch lebendig aus dem Canal gefiſcht werden, heirathen einen andern Mann, bekommen acht Rangen und lachen laut auf, wenn ſie an ihren Liebhaber und wahrſchein⸗ lich Dummkopf Nr. 1 denken, um deſſentwillen ſie ſo thöricht waren, ſich naß zu machen geſchweige denn um's Leben zu bringen. Dies geſchieht unabänderlich. Die liebeskranken Mäd⸗ chen dagegen, welche todt aus dem Canal geſchifft werden, ſind einer kurzen Erinnerung und einer Schuld, welche die Zeit niemals verfehlt zu heilen, entflohen, um ewigem Jammer und unheilbarem Schmerze anheim zu fallen. In dieſer Welt „rien n'est certain que Timprévu.* Eduard und Laura waren zärtlich Liebende— von weitem; wie viel glücklicher und zärtlicher glaubten ſie unter 14 einem und demſelben Dache zu ſeyn. Sie kamen zuſammen. Die hervorragenden Fehler ihres Charakters berührten ſich— das Geheimniß, welches im Hauſe war, that ebenfalls das Seine und als es um und um kam, zankten ſie ſich. Dard hatte ſchon ſeit langer Zeit zu Jaeintha geſagt: „Wenn meine Großmutter ſtirbt, ſo heirathe ich Dich.« Die Großmutter ſtarb. Dard nahm Beſitz von ihrem kleinen Eigenthum. Es dauerte nicht lange, ſo kam ein Ge⸗ richtsdiener und trieb ihn hinaus. Er war nicht ihr Erbe. Perrin der Notar, war ihr Erbe. Er hatte die Erbſchaft von ihren beiden Söhnen gekauft, die ſchon lange todt waren. Dard hatte nicht blos das Haus und die Kuh als ſein Eigenthum betrachtet, ſondern auch lange Jahre davon ge⸗ ſprochen. Die getäuſchte Erwartung und der Spott ſeiner Ca⸗ meraden nagte an ihm. „Ich bleibe nicht an dieſem verwünſchten Orte,« ſagte er. Joſephine ließ ihn ſofort nach Beaurepaire rufen. Er kam und ward Factotum mit einem feſten Gehalt, was für ihn etwas ganz Neues war. Jacintha wußte noch einige Nebenbeſchäftigungen für ihn ausfindig zu machen. Sie ſchnallte ihm eine Bürſte auf ſeinen rechten Fuß und ließ ihn damit auf dem eichenen Fußboden herumtanzen und nach einigen Proben ließ ſie ihn auch bei Tiſche aufwarten. Wie ſchob er die Teller hin und her! und wenn er einer Dame ein Gericht brachte und ſie nicht ſogleich auf ihn achtete, ſo ſtieß er ſie an den Ellbogen, um ihre Aufmerkſamkeit zu erwecken. Dann erſchrak ſie und quickte und er lachte über ihre doppelte Ab⸗ geſchmacktheit, ob einer ſo gelinden Berührung zu erſchrecken und ſich nicht um die eigentliche Aufgabe bei Tiſche zu be⸗ kümmern. Das ihm widerfahrene Unrecht nagte aber immerfort an ihm und er erging ſich in allerhand alterthümlichen Re⸗ — densarten, wie zum Beiſpiel: „Ich ſehne mich nach Veränderung— dieſes Dorf iſt der letzte Ort, den der Allmächtige geſchaffen« zc. Gleichzeitig ward er von einer moraliſchen Krankheit be⸗ fallen, das heißt: er fand Geſallen an dem Umgange mit Sol⸗ daten. Dieſe hatten die Welt geſehen. Er verthat ſeinen Wo⸗ chenlohn in Zechgelagen mit Militärs, einer Claſſe Menſchen, die ſo brillant ſind, daß man von ihnen nicht die Bezahlung ihres Antheils an dem Getränk erwarten kann. Sie liefern vielmehr die Anekdoten und die vertraulichen Anrufungen des ¹ Himmels. Durch das Anhören vieler Berichte, deren Helden da⸗ durch, daß ſie ihre eigenen Hiſtoriker waren, durchaus nichts einbüßten, lernte Dard Geſchmack an militäriſchen Abenteuern finden. Sogar ſeine zeither ſo ſchlichte Redeweiſe begann jetzt mit hochtrabenden der Armee entlehnten Worten übertüncht zu werden. Ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß dieſe bombaſtiſchen Redensarten ſeinen allgemeinen Dialekt nicht veredelten. Sie lagen deutlich auf der Oberfläche wie Mergelklumpen auf einem unfruchtbaren Boden und beläſtigten den Boden, den ſie nicht fruchtbar machen konnten. Jacintha erinnerte ihn an einen Umſtand, der vom Kriege faſt unzertrennlich war— an Wunden. „Weißt Du noch, wie Dir zu Muthe war, als Du Dich nur in den Fuß gehackt hatteſt? Das iſt bei den Solda⸗ ten noch gar nichts. Die gehen niemals in den Kampf, ohne würde Dir dies gefallen?« Dieſe Anſicht vom Kriege kühlte Dard's neuerwachte Neigung anfangs ein wenig ab. Die kampfluſtige Hälfte ſei⸗ nes Herzens erhielt jedoch einen Verbündeten in einem gewiſſen Sergent La Croir, was für einen aufſtrebenden Militär gar kein ſchlechter Name war. Dieſer Sergent befand ſich auf kurzem Urlaub im Dorfe und wartete jetzt blos darauf, die neuen Recruten nach Paris zu führen und dann zur Rheinar⸗ mee zu ſtoßen. Sergent La Croix war ein Mann, der durch die Kraft ſeiner Beredſamkeit das Soldatenhandwerk als den herrlich⸗ ſten und erhabenſten Beruf des Menſchen darzuſtellen wußte. Seine Zunge flößte der unerfahrenen Seele Liebe zu den Waf⸗ fen ein, gerade ſo wie Trommeln und Trompeten, und der feſte gemeſſene Tritt der Soldaten, die unter fliegenden Fahnen einhermarſchiren, und im Sonnenſcheine funkelnde Bajonnete zu thun pflegen. In England, wo man durch prahleriſche Redensarten Soldaten anwirbt, wäre er unſchätzbar geweſen. In Frankreich dagegen, wo der Recrutirungszwang geſetzlich iſt, war er überflüſſig, gereichte aber doch zur Zierde und wußte Dard und noch Andere zu begeiſtern. Sergent La Croix beſaß ein ſoiches Bewußtſeyn von mi⸗ litäriſchem Ruhm, daß er es unter ſeiner Würde erachtete, ſich zu jener blos mündlichen Ehre herabzulaſſen, welche von den Angehörigen des Civilſtandes Wahrheitsliebe genannt wird. Rund herausgeſagt— der Sergent war ein fließen⸗ der, furchtbarer, intereſſanter, ſonorer, ſtets bereiter, kecker Lügner und ſein Erfolg ein ſo großer, daß Dard und noch einige andere Burſche des Dorfes gleichſam Berieſelungsröh⸗ daß einige ohne Arme, andere ohne Beine und noch andere ohne Köpfe, ja manche gar nicht wiederkommen— wie ren wurden, welche einen kleinen ländlichen Diſtrict mit aus jener unerſchöpflichen Quelle geſchöpften falſchen Anſichten vom Soldatenleben bewäſſerten. Endlich fand die lang angedrohte Aushebung ſtatt. Jeder waffenfähige junge Mann, der nicht unter eine der feſtbe⸗ ſtimmten Ausnahmskategorien gehörte, bekam eine Nummer und zu einer gewiſſen Stunde wurden eine gleiche Anzahl Nummern in eine Urne gethan und ein Drittel davon in Ge⸗ genwart der Behörde gezogen. Dieienigen, deren Nummern gezogen wurden, mußten Soldaten werden. Jacintha erwartete das Reſultat mit großer Bangigkeit. Sie hatte zu Hauſe keine Ruhe. Sie verließ das Schloß und ging die Straße hinunter Dard entgegen, welcher verſprochen hatte, zu ihr zu kommen und ihr das Reſultat, ſobald es be⸗ kannt wäre, zu berichten. Endlich ſah ſie ihn ganz niederge⸗ ſchlagen auf ſie zukommen. »O Dard, ſprich, ſind wir unglücklich? Biſt Du ein Kind des Todes?“ rief ſie ihm entgegen. »Was meinſt Du?« »Haſt Du müſſen Soldat werden?« »Nein, ſo glücklich bin ich nicht geweſen— ich werde als elender Handarbeiter ſterben.« »Und darüber biſt Du betrübt? Du unnatürliches klei⸗ nes Ungeheuer! Haſt Du denn gar kein Gefühl für mich?« »O ja, aber der Ruhm iſt jetzt für mich das Höchſte. Bürgerin!* »Wie laut doch gerade die kleinſten Hähne krähen! Laß Du doch den Ruhm ſolchen, die ihre ſechs Fuß meſſen Dard.« „General Bonaparte iſt nicht viel größer als ich und Wer lieben will. IV. 2 18 der Ruhm ſteht ihm auf der Stirn geſchrieben, warum ſollte er nicht auch auf der meinen ruhen?“ „Weil er Dich niederdrücken und erſticken wütte Du kleiner Narr.« „Ach wir wiſſen ſchon, daß Ihr Mädchen du aus dem Rufe nichts macht.« „Wirklich nicht?“ „Wohl aber liebt Ihr das Geld.« „Das gebe ich zu.* „Nun denn, die Soldaten ſind die Leute, welche Geld verdienen.* „Was! das iſt mir etwas ganz Neues.« „Nemlich im Kriege, mußt Du wiſſen— durch Plün⸗ dern und dergleichen— natürlich nicht zu Hauſe von drei Sous den Tag. Ich ſage Dir, Jaeintha,« ſagte Dard, in⸗ dem er ſeine Stimme geheimnißvoll ſenkte,»es gibt in der ganzen Armee kaum einen Soldaten, der nicht ſeine tauſend Franes im Torniſter verſteckt hätte.« „Was Du nicht ſagſt! Aber was nützt ihm denn das Geld, wenn er in der nächſten Minute erſchoſſen wird?« „Das will ich Dir ſagen. Wenn der Soldat todt iſt—* „Ja, Dard.* „Dann verwandelt der General es in Papiergeld und ſendet es an den Kriegsminiſter ein.* „Ja, ja, das iſt ſehr wahrſcheinlich.« „Dieſer nimmt es und legt aus dem Staatsſchatze noch einmal ſo viel dazu und ſchickt es dann an die Frau des todten Soldaten, oder wenn er keine Frau hat, an ſein Lieb⸗ chen. Dann kann ſie damit den Wicht heirathen, mit dem ſie ſich abgegeben hat, während ihr erſter Liebhaber ſich den 19 Schädel einſchlagen ließ. O, ich kenne ſchon den ganzen Schwindel!s »Aber, Dard, Du mußt wiſſen, daß es durchaus nicht mein Wunſch iſt, Dich todt zu wiſſen.« »Der meine iſt es auch nicht,« war die freimüthige Ant⸗ wort,„aber ich glaube auch nicht, daß es für mich Gefahr hätte. Die Feinde ſchießen allemal zu hoch und zwar aus Angſt, weil wir ſie ſchon ſo oſt durchgebläut haben. Die mei⸗ ſten Kugeln fliegen über die ganze Armee hinweg in die Bäume, welche um das Schlachtfeld herumſtehen. Die Kerle, welche getroffen werden, ſind gerade die langen Schlagtodte, von welchen Du vorhin ſprachſt, denn ihre dummen Köpfe ſind überall im Wege, mußt Du wiſſen. Ich bin alſo ganz niedergeſchlagen, muß ich Dir ſagen— hier iſt meine Nummer — Neunundneunzig.* »Und Du weißt gewiß, daß ſie nicht gezogen ward?« »Nein, ſie ward nicht gezogen— ich habe die andern alle ziehen ſehen. Die letzte Nummer war ſechzig und ſo und ſo viel. Deshalb komme ich, um Dir es zu ſagen, weil— weil—* »Weil Du darüber eben ſo froh biſt als ich. Ich glaube, eine Kugel kann einen kleinen Soldaten eben ſo gut treffen wie einen großen. Sey froh, daß Du ſo weggekommen biſt, Dard. Komm und hilf mir Waſſer holen.* »Na, da einmal heute kein unſterblicher Ruhm zu holen iſt, ſo muß ich mich wohl wieder an mein Tagewerk machen.* »So iſt's recht, Dard. Dazu paſſeſt Du auch am beſten.« Während ſie mit einander Waſſer aus dem Brunnen ſcchöpften, hörten ſie plötzlich eine laute Stimme. Dard blickte auf und gewahrte eine ſteife militäriſche Geſtalt mit fürchter⸗ lichem Schnurbart, die ſich überall umſchaute. * 20 Dard war außer ſich vor Freuden. „Das iſt mein Freund, mein Zechcamerad, Jacinthat Kommt her, alter Junge. Ich freue mich. Euch zu ſehen!“ La Croix kam auf die Beiden losmarſchirt. „Nun, was treibſt Du Dich hier herum, Recrut Num⸗ mer Neunundneunzig?“ fragte er in ſtrengem Tone, der nur noch den Sergenten, aber durchaus nicht mehr den Zechge⸗ noſſen verrieth.»Die Andern ſind ſchon unterwegs.“ „Die Andern, alter Junge? Was meint Ihr? Meine Nummer iſt ja nicht gezogen worden.“ „Ja wohl ward ſie gezogen.* „Nein doch!« „Himmelſakerment, ich ſage, ſie ward gezogen. Deine Nummer war die letzte.“ „Ach, ich habe ja ſelbſt die letzte Nummer ziehen ſehen. Schaut doch her,« und er ſuchte in ſeiner Taſche herum und zog ſeine Nummer heraus. La Croix nahm ſofort eine entſprechende Nummer aus ſeiner Bruſttaſche. „Na— ſagte ich's nicht? Dies iſt die letzte Nummer, welche gezogen ward.“ Dard ſchlug ein lautes Gelächter auf. „Na ja!« rief er;»es iſt ia aber ſechsundſechzig— ſeht Ihr denn das nicht?« „Sechsundſechzigl« ſchrie der Sergent,„dieſe Num⸗ mer iſt eben ſo wenig ſechsundſechzig als die deine. Natürlich⸗ wenn Du ſie verkehrt hältſt, dann ſind ſie beide ſechsund⸗ ſechzig. Richtig gehalten aber ſind ſie beide neunundneunzig.“ Dard kratzte ſich im Kopfe. „Na, mach' nur keine langen Umſtände,« rief der Ser⸗ 21 gent.»Packt ihm ſeine Sachen zuſammen, Mädchen, damit wir fortkommen. Wir marſchiren ſogleich an den Rhein.* »Und glaubt Ihr denn, ich werde ihn gehen laſſen? kreiſchte Jacintha.„Nein! ich brauche nur ein einziges Wort mit Madame Raynal zu ſprechen und ſie kauft ihm ſofort einen Stellvertreter.« Dard fiel ihr grimmig in's Wort. »Nein! Ich habe allen Leuten im Dorfe erzählt, daß ich bei der erſten Gelegenheit fortgehen werde— die Gele⸗ genheit iſt da und ich gehe. Ich werde nicht hier bleiben und mich auslachen laſſen. Und wenn ich wüßte, daß ich in Stü⸗ cken gehauen würde, ſo würde ich dennoch gehen. Höre alſo nur auf zu weinen, mein gutes Mädchen. Hole uns lieber eine Flaſche vom beſten Wein, und während der Sergent und ich dieſelbe trinken, wirſt Du meine Sachen zuſammen⸗ packen. Hier wird einmal nichts aus mir!« Jacintha kannte die Hartnäckigkeit ihres Geliebten. Sie that, wie ihr geheißen ward, und bald war das kleine Bün⸗ del fertig und die beiden Männer tranken ihren Wein— La Croix ſtrahlend und kriegeriſch— Dard ein wenig entmu⸗ thigt, aber doch feſt entſchloſſen, denn es ſtak wirklich etwas echt Franzöſiſches in ihm— während Jacintha die Schürze vor die Augen hielt und laut weinte und ſchluchzte. »Ich will eine Geſundheit ausbringen,« rief La Croix. „Das Schießpulver ſoll leben!« »Ololols ſtöhnte Jacintha. »Na ſo weine doch nicht ſo!« rief Dard zornig.»Denkſt Du denn, Du machſt mir dadurch Muth? Sergent, ich habe dieſem armen Mädchen da, ehe Ihr kamet, Alles geſagt, was ſich vom Soldatenruhm erzählen läßt, aber ſie war noch nicht 22 reif dazu— ſprecht etwas, was ſie ein wenig aufheitert, denn ich kann nicht.« „Aber ich kann!« rief der Sergent ſein Glus leerend. »Achtung, Mädchen!« „Ach! ach! ach!« ſtöhnte Jacintha. „Ein franzöſiſcher Soldat iſt ein Mann, der Frankreich in ſeinem Herzen trägt.“ „Wenn ihn nun aber die grauſamen fremden Soldaten todtſchießen?6 „Na, wenn das geſchieht, ſo macht er ſich weiter nichts daraus. Sterben muß jeder Menſch— und Pferde und Hunde und Eſel gleichfalls, wenn ſie das Ende ihrer mühe⸗ vollen Laufbahn erreichen. Hunde und Eſel und Kerls in Leinwandkitteln aber können nicht ruhmvoll ſterben, wie Dard ſterben kann, wenn er Glück hat. Von dieſer Stunde an daher ſeyhd— und wenn er noch einmal ſo klein wäre— ſtolz auf ihn, denn von dieſer Zeit an iſt er ein Theil Frank⸗ reichs und ſeines Ruhmes. Komm, Recrut Neunundneunzig, nimm deine Sachen und laß uns abmarſchiren. Achtung! Ge⸗ ſchwindſchritt, vorwärts Marſch! Himmelkreuztauſendſaker⸗ ment! Habe ich Dich ſo marſchiren gelehrt? Habe ich Dir nicht zehnmal geſagt, daß man den linken Fuß zuerſt vor⸗ ſetzt? Na, alſo noch einmal. Geſchwindſchritt— vorwärts Marſch! links, rechts— links, rechts— links, rechts. So biſt Du im richtigen Schritt— immer fort— links, rechts— links, rechts!« 5 Und ſomit marſchirte der Sergent mit ſeinem kleinen Recruten in den Krieg. I »Laura,« ſagte Joſephine,„der Doctor iſt recht kalt gegen mich.« „Gegen mich auch,« antwortete Laura. »Ich habe dies bemerkt, ſeitdem wir von Frejus zurück ſind, Laura.« »Jo, und ich bin ſehr ungehalten auf ihn. Natürlich weißt Du, weshalb er ſo iſt.« »Nein, nicht im Mindeſten weiß ich es.« »Es iſt Eiferſucht. Dieſe Männer ſind doppelt ſo eifer⸗ ſüchtig, als wir ſind, und wagen doppelt ſo viele Dinge. Wir hatten in Frejus einen andern Arzt.* »Aber wie konnte ich anders? Rein, es muß mehr ſeyn als das. O, wenn er vielleicht argwohntel« »Ach nein! Beunruhige Dich doch nicht. Ich ſah ſein Geſicht, als er ſagte Ich befaſſe mich nicht mit den Patienten eines andern Arztes. Den Patienten eines andern Arztes! was dies für ein Ausdruck iſt!« »Gebe Gott, daß Du Recht haſt. Er iſt ſehr kalt gegen uns— beſonders gegen mich. Doch laß uns von etwas An⸗ derem ſprechen. Was haſt Du denn Eduard gethan?« »Das iſt eine Frage, die ich wenigſtens ſchon zwölfmal beantwortet habe.« »Ja, Laura, aber deine Antworten waren gar keine Antworten und ich will die Wahrheit wiſſen.« »Er iſt ein kleiner, übellauniger, eiferſüchtiger, thranni⸗ ſcher Wicht.« F »Auf wen iſt er denn eiferſüchtig?« 6 Laura zog ein Geſicht und begann an den Fingern zu zählen. »Erſtens auf Camill Dujardin—« »Ols rief Joſephine. »Zweitens auf Joſephinen von Beaurepaire.« „Ach!* »Drittens auf die ganze Welt.« „Ich muß hören, was er ſeinerſeits zu ſagen hat und Euch wieder mit einander ausſöhnen.« Laura öffnete den Mund, um zu proteſtiren, aber Joſe⸗ phine bat, ihr ihren Willen zu laſſen. »Ich habe nicht viele Freuden, Laura, aber eine können wir Alle haben, nemlich die, Frieden zwiſchen unſern Freun⸗ den zu ſtiften, die einander mißverſtehen.« »Meine arme Schweſter,« rief Laura,»wann wirſt Du endlich einmal an Dich ſelbſt denken und Rarren und Egoiſten ihre Zwiſtigkeiten allein ausmachen laſſen?« »Du geſtatteſt mir alſo zu interveniren?“ Keine Antwort. In dem Augenblicke, wo Eduards Aufregung ſich ab⸗ kühlte, ward er ſehr traurig. Er wünſchte ſich mit Laura wieder auszuſöhnen, wußte aber nicht, wie er es anfangen ſollte. Sein eigener Stolz hielt ihn zurück, eben ſo wie die Furcht, daß er zu weit gegangen ſey, und daß ſeine beleidigte Geliebte einem Verſöhnungsanerbieten von ihm kein Gehör ſchenken werde. Welch eine Veränderung! Er ſetzte ſich nun ganz allein zu ſeinen kleien Mahlzeiten nieder. Keine ſüßen, weichen Stimmen ſchlugen nach den Anſtrengungen des Tages an ſein Ohr. Seine Wirthin brachte ihm einen Brief von Damenhand geſchrieben. Sein Herz hüpfte; als er die Schrift aber ge⸗ nauer anſah, ſah er ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht. Die Hand hatte viel Aehnlichkeit mit Laura's, aber es war nicht die ihre. Es waren, wie ſich ergab, drei Zeilen von Joſephine, die ihn erſuchte zu ihr zu kommen, weil ſie mit ihm zu ſpre⸗ chen wünſche. Er machte ſich ſofort auf den Weg. Joſephine war in der Plaiſance. »Was hat ſie Ihnen denn gethan, lieber Freund?“ be⸗ gann ſie in freundlichem Tone. »Hat ſie es Ihnen nicht erzählt, Madame Raynal?« »Nein.* »Aber ganz gewiß hat ſie Ihnen geſagt, was ich zu ihr ſagte,« fragte Eduard mit unruhigem Blick. »Nein, ſie iſt widerſpenſtig. Sie will mir nichts ſagen und deshalb fürchte ich, daß ſie Schuld ſey.« »O wenn ſie ſich nicht ſelbſt anklagt, ſo werde ich ſie ganz gewiß nicht anklagen. Ich glaube, ich bin zu tadeln, denn es iſt nicht ihre Schuld, wenn ich ſie nicht bewegen kann, mich zu lieben.« „Aber Sie können es, denn ſie liebt Sie.« „Ja, aber Andere liebt ſie mehr und ſie macht mir auch keine Hoffnung, daß es jemals anders ſeyn werde. Sie ſind ein Engel, Joſephine, aber wie kann ich gerade in dieſem 26 Punkte auf Ihre Sympathie hoffen? Sie ſind ja ſelbſt meine gefährlichſte Rebenbuhlerin.« „Ich verſtehe Sie nicht.« »Nun, ſie ſagte mir geradezu, ſie könne mich niemals ſo lieben, wie ſie Sie liebt.« „Und Sie glaubten ihr?« »Ich ſah keinen Grund, ihr nicht zu glauben.« „Thörichter Knabe! Lieber Eduard, Sie müſſen nicht auf jedes Wort, welches wir ſprechen, ſo viel Gewicht legen. Weiß wohl meine Schweſter in ihrem Alter etwas? Iſt ſie eine Prophetin? Vielleicht bildet ſie ſich auch wirklich ein, daß ſie ihre Schweſter ſtets ſo heben werde, wie ſie dieſelbe jetzt liebt. Sie aber ſind ein verſtändiger Mann; Sie ſollten lächeln und ſie ſchwatzen laſſen. Wenn Sie ſie heirathen, ſo werden Sie ſie in Ihr eigenes Haus nehmen. Sie wird mich blos dann und wann ſehen. Sie wird Sie und Ihre Zuneigung ſtets gegenwärtig haben Jeder Tag wird ein neues Band zwiſchen Ihnen und ihr mit ſich bringen. Sie werden jede Freude, jeden Kummer mit einander theilen. Ihre zu Ihren Füßen ſpielenden und die Züge beider Eltern zurückſpiegelnden Kinder werden aus Ihnen Eins machen. Ihre Herzen werden in jener ſeligen Vereinigung zuſammenſchmelzen, welche die Erde zum Himmel emporhebt, und dann werden Sie ſich wundern, wie Sie jemals eiferſüchtig ſeyn konnten auf die arme Joſephine, die niemals hoffen darf— ach, wehe mir! Eduard, der nur an ſich dachte, deutete Joſephinens Bewegung bei dem Bilde, welches ſie von der ehelichen Liebe entwarf, nicht richtig. Er beſänftigte ſie und ſchwur bei ſeiner Ehre, Laura niemals von ihr trennen zu wollen. „Meine theure Schweſter,« rief er,„Sie ſind ein En⸗ . 27 gel und ich bin ein Teufel. Die Eiferſucht iſt ganz gewiß das niedrigſte aller Gefühle. Ich will niemals wieder eiferſüchtig ſeyn— am allerwenigſten auf Sie, mein Engel. Im Grunde genommen ſind Sie ja meine Schweſter eben ſo gut, als die ihrige, und ſie hat ein Recht Sie zu lieben, weil ich Sie liebe.« „Sie machen mich ſehr glücklich, wenn Sie ſo ſprechen,« ſagte Joſephine.„Alſo der Friede iſt hergeſtellt?« »„Um niemals wieder gebrochen zu werden. Ich will gehen und Laura um Verzeihung bitten. Was gibt es denn?« Jacintha plapperte nemlich ſehr laut und wies ein paar Bettelleuten in ziemlich harten Worten die Wege. Jacintha war die perſonificirte Thätigkeit und hatte mit der Bettelei durchaus kein Mitleid. Vergebens betheuerten die beiden armen Leute— der Himmel weiß mit welchem Grade von Wahrheit— daß ſie keine Bettler, ſondern Handwerks⸗ leute ohne Arbeit ſeyen. »Marſchirt, daß Ihr fortkommt!« rief Jacintha, und ſetzte, ihrer Phantaſie den Zügel ſchießen laſſend, hinzu: »Sonſt laß' ich den Hund los!« Der Mann ging einige Schritte fort, die Frau wendete ſich mit bittendem Blicke an Eduard. Er näherte ſich mit Jo⸗ ſephinen der Gruppe. Die Frau hatte eine Art Mantel um und trug in der Capuze desſelben ein Kind auf den Schultern. »Das arme Kind ſieht kränklich aus,« bemerkte Jo⸗ ſephine. »Wie kann es auch anders ſeyn, meine gute junge Dame? Die Mutter mußte aufſtehen und dem lieben Brot nachgehen, während ſie noch hätte im Bett liegen bleiben ſollen, und nun iſt ſie nicht im Stande, ihm genug Nahrung zu geben.* 28 »Ach, mein Himmells rief Joſephine.„Jacintha,« fuhr ſie fort,„gib dieſen Leuten ſogleich etwas zu eſſen und eine gute Flaſche Wein.«„ „Ja, recht gern,« rief Jacintha in plötzlich veränder⸗ tem Tone.„Ich hatte nicht geſehen, daß ſie ein Kind an der Bruſt hat.* Joſephine gab dem Kinde ein Franeſtäck in die Hand und die kleinen Finger faßten es mit jenem Aneignungsinſtinct, welcher unſer erſter und auch oft unſer letzter Trieb iſt. Joſe⸗ phine lächelte das Kind an und das Kind ſah dies und gab einen freudigen Laut von ſich. »Gott behüte es,« ſagte Joſephine und hob ihre Hand und legte ſie auf das Kind und dann küßte ſie es. Dies rührte das Herz der Mutter mehr, als durch die Geſchenke geſchehen war. »Der Himmel ſegne Sie, meine gnädigen jungen Da⸗ men!s rief ſie.„Gott ſchenke Ihnen dafür ſeinen Beiſtand, wenn Sie ſeiner einmal bedürfen. Mein Kind iſt klein, aber durchaus nicht ungeſund. Sehen Sie es nur einmal an.« Die angebotene Beſichtigung ward⸗ begierig angenom⸗ men und bewirkt. Eduard ſtand in einiger Entfernung und ſah mit einem Gemiſch von Erſtaunen und Widerwillen zu. »Pfui,« ſagte er, als Joſephine wieder zu ihm kam, »wie konnten Sie nur dieſen ſchmutzigen kleinen Balg küſſen?* „Lieber Eduard, ſprechen Sie nicht ſo von einem armen unſchuldigen kleinen Weſen. Wer würde wohl Mitleiden mit ihnen haben, wenn die Frauen es nicht thäten? das Kind hatte ſehr hübſche Augen.* 3. „Ein wenig groß,« dächte ich. † „Ja.* »Es iſt aber kein Compliment, wenn Sie gegen alle 29 Leute liebreich ſind. Sie fließen über von Wohlwollen gegen die ganze Schöpfung, gleich der Roſe, die dem Erſten Beſten, der ſich ihr nähert, ihren Wohlgeruch ſpendet.« »Ich glaube gar, er wird nächſtens auch noch auf mich eiferſüchtig!« ſagte Joſephine bei ſich ſelbſt. Sie führte ihn zu Laura und ſagte: »Da— wenn gute Freunde ſich entzweien, ſo nimmt man an, daß ſie beide Unrecht hatten. Was geſchehen iſt, iſt vorbei, und wenn Ihr es Euch wieder einfallen laßt, Euch zu veruneinigen, ſo bitte ich Euch, mich erſt zu Rathe zu ziehen, weil Ihr mich betrübt.« Sie ließ die Beiden allein und ging und pochte ſchüchtern an die Thür des Studirzimmers des Doctors. Saint⸗Aubin empfing ſie durchaus nicht mit jener Kälte, welche ſie bisher an ihm wahrgenommen. Er ſchien überraſcht und erfreut zu ſehn, daß ſie ihn in ſeinem kleinen Heiligthum beſuchte. Er verrieth ſogar eine Aufregung, welche Joſephine ſich nicht zu erklären wußte, die aber während der Unterre⸗ dung allmälig wieder in den Hintergrund trat. »Lieber Freund,« ſagte ſie„ich komme um Sie wegen Laura und Eduard zu Rathe zu ziehen.* Hierauf erzählte ſie ihm, was vorgefallen war, und deu⸗ tete auf Eduards einzigen Fehler hin. Der Doctor lächelte. »Es iſt ſonderbar,« ſagte er,„Sie kommen, um meine Aufmerkſamkeit auf einen Punkt zu lenken, dem ſie ſchon ſeit mehren Tagen zugewendet iſt. Ich bereite eben eine Cur für dieſe beiden jungen Narren, ein hartes, aber für dieſen Fall ſicheres Mittel.«* Hierauf zeigte er ihr eine Urkunde, worin er Laura und ihren Kindern ſechzigtauſend Franes übermachte. 30 „Eduard hat eine gute Stellung. Er iſt thätig un ſtrebſam und mit meinen ſechzigtauſend Francs und einer klei⸗ nen Zugabe von noch zehntauſend zu Hausrath und derglei⸗ chen Dingen können ſie, wenn ſie ſonſt wollen, nächſte Woche heirathen. Ja, die Heirath iſt eine Medicin, welche auf gute MWänner und gute Frauen ganz verſchieden wirkt. Sie liebt ihn nicht genug. Die beſte Cur iſt dann— heirathen. Er dagegen liebt ſie ein wenig zu ſehr und die beſte Cur iſt dann — ebenfalls heirathen.* »O Doctor!* „Ich kann es nicht ändern. Ich habe nicht Männer und Frauen geſchaffen. Wir müſſen die menſchliche Natur nehmen, wie wir ſie finden und Gott dafür danfen. Haben Sie mir nichts Weiteres anzuvertrauen, mein Kind?« »Nein, Doctor.« „Gewiß nicht, liebes Kind?* »Nein, lieber Freund.“ „Dies iſt alſo das Einzige, wobei ich Ihnen meine Mit⸗ wirkung leihen kann?“ „Aber es liegt mir ſehr am Herzen,« ſtammelte Jo⸗ ſephine. Der Doctor ſeufzte. Dann ſagte er in ſanftem Tone: „Sie ſollen glücklich ſeyn— ſo glücklich wie Sie ſie zu ſehen wünſchen.“ Mittlerweile fand in einem andern Zimmer eine Verſöh⸗ nungsſcene ſtatt und zwei ungeſtüme aber edle Gemüther machten ſich gegenſeitig Zugeſtändniſſe. Die großmüthige Freigebigkeit des Doctors ward in dem Hauſe ruchbar und man nahm allgemein an, daß nun bald Hochzeit ſeyn werde. Laura verlangte weiter nichts als erſt mehr Farbe auf Joſephinens Wangen zu ſehen. 31 wie ſie jetzt iſt, könnte ich ſie nicht verlaſſen und werde es auch nicht.« »Aber warum wollen Sie ſie überhaupt verlaſſen?« ſagte Eduard.»Wir können ja bei ihr bleiben und ſie pflegen, bis mein lieber Commandant wieder zu ihr zurückkommt.« Die Augen der Baronin waren ſeit einigen Monaten ſehr ſchwach geworden, die Veränderung in Joſephinens äuße⸗ rer Erſcheinung aber war zu auffällig, als daß ſie ihr hätte entgehen können. Oft fragte ſie Laura, was ihrer Schweſter wohl fehle. »Wahrſcheinlich leidet ſie an einem vorübergehenden Unwohlſehn.* »An einem vorübergehenden Unwohlſeyn? Es iſt ſchon lange her, daß ſie ſo leidend iſt— bald mehr bald weniger.« »Der Doctor iſt überzeugt, daß es wieder vergehen werde.« »Das gebe Gott! Sie macht mich ſehr beſorgt.« Laura that gegen ihre Mutter, als ob ſie die Sache ſehr leicht nähme, in ihrem eigenen Herzen aber ward ſie täglich beſorgter. Sie hielt geheime Conferenzen mit Jacintha. Dieſe ſcharfſinnige Perſon hatte einen Plan, Joſephinen aus ihrer tödtlichen Erſchlaffung zu wecken und ſogar ihre Nerven zu beruhigen und jenen Anwandlungen von Gereiztheit Einhalt zu thun, welchen ſie ſeit einiger Zeit unterworfen war. Un⸗ glücklicherweiſe aber war Jacintha's Plan ſo ſchwierig und ſo gefährlich, daß anfangs ſelbſt die muthige Laura davor zurück⸗ bebte. Es gibt indeſſen Gefahren, die ſich vermindern, wenn man ihnen lange ins Antlit ſchaut. * 32 Die ganze Geſellſchaft ſaß in dem tapezirten Zimmer. Jacintha war auch da und nähte in ehrerbietiger Entfernung von der Herrſchaft. Sie arbeitete fleißig, ſpitzte aber beide Ohren. Der Doctor hatte die Brille aufgeſetzt und ſoeben begon⸗ nen, den„Moniteurs vorzuleſen. Die Baronin ſaß dicht neben ihm, Eduard gegenüber, und die jungen Damen jede in ihrer Ecke eines großen weichen Sophas in einiger Entfernung. »Die Oeſterreicher ließen ſiebzig Kanonen, achttauſend Mann und drei Fahnen auf dem Platze. Nordarmee! General Menard ſchlug den Feind nach einem hitzigen Kampfe, nahm ihm dreißig Stück Geſchütz und einige Munition ab.— Die militäriſchen Neuigkeiten ſollten größer anſtatt kleiner gedruckt ſehn als der übrige Text.« »Es ſteht jetzt gar nichts mehr in dem»Moniteur,* ſagte die Baronin. »Ja, das iſt wahr,« entgegnete der Doctor. »Es iſt ſtets dasſelbe, nur die Zahlen verändern ſich. So und ſo viele Kanonen genommen, ſo und ſo viele Feſtun⸗ gen, ſo und ſo viele Fahnen. Von Eghpten, dem einzigen Thema, welches das Publicum intereſſirt, lieſt man nichts.« „Rheinarmee,« las Saint⸗Aubin weiter.„Wenn ich ein König wäre, ſo unterſagte ich ſolche kleine Lettern; ſie ſind der größte Feind, den die Wiſſenſchaft hat. Ein blutiges Tref⸗ fen— achttauſend Mann vom Feinde getödtet und verwun⸗ det. Wir haben auch einige Verluſte zu beklagen. Der Oberſt Dujardin—* »Ha!l« rief Joſephine. »Doch wohl nur verwundet, hoffe ich,« bemerkte die Baronin. er Oberſt Dujardin machte an der Spitzs der zwei⸗ undzwarzigſten Brigade einen glänzenden Angriff auf die Flanke des Feindes und entſchied dadurch, wie in dem Gene⸗ ralbefehle ſteht, das Schickſal der Schlacht. Bravo, mein lie⸗ ber Camill!« „Wie ſchlecht Sie doch leſen, lieber Doctor,« ſagte die Baronin.„Ich dachte er wäre getödtet oder verwundet! Statt deſſen hat er ſich mit Ruhm bedeckt. Das hat er uns zu verdanken, nicht wahr, meine jungen Damen? Wir rette⸗ ten ihm das Leben.« »Allerdings haben wir Alle dazu beigetragen,« entgeg⸗ nete der Doctor. »Was gibt es denn, Laura?“ fragte Eduard plötzlich. »Nichts, nichts!« rief Laura.„Geben Sie mir raſch das Riechfläſchchen— raſch! raſch!« Sie fuhr ſich damit gleichſam blos unter der Naſe hin⸗ weg und reichte es dann Joſephinen, welche, wie man jetzt bemerkte, an allen Gliedern zitterte. Laura gab ſich Mühe, dies ſcheinen zu laſſen, als wäre es blos Sympathie von Jo⸗ ſephinens Seite. „Seyd doch nicht ſo einfältig, Ihr Mädchen!« rief die Baronin in heiterem Tone.„Es hat ja Niemand, für den wir uns intereſſiren, den Tod gefunden.« »Darf ich mir erlauben, zu fragen, Herr Doctor,« bemerkte Jacintha,„ob von Dard etwas darin ſteht?« „Von dem wird nicht eher etwas darin ſtehen, als bis er ins Gras gebiſſen hat.* »Dann mag ich lieber gar nichts von ihm hören,« ſagte Jacintha. Wer lieben will. IV. In dieſem Augenblicke brachte die neue Dienerin Fan⸗ miethet, den lange erwarteten Brief aus Egypten. »Na, da kommt etwas Beſſeres für Euch, als ein Riechfläſchchen!« ſagte die Baronin hoch erfreut.»Es iſt ein langer Brief, Joſephine, und blos von ſeiner eigenen Hand geſchrieben. Alſo iſt er gut, Gott ſey Dank! Ich begann ſchon wieder beſorgt um ihn zu werden. Ihr machtet mir Angſt um dieſes armen Camill willen, dieſer Mann aber iſt ein Dutzend Camills werth. Dieſer iſt mein Sohn und ich würde mein altes Leben für ihn geben.« Rahnal's Brief lautete: »Meine theure Mutter!«(Gott ſegne ihn!)„mein theures Weib und meine Schweſter—(Na, Ihr ſitzt ja da wie von Stein!)— Wir haben eine Schlacht gewonnen— fünßzig Fahnen(Nun, was ſagt Ihr dazu²) Die ſämmtliche Bagage und Munition befindet ſich in unſern Händen.(Das nenne ich eine Schlacht!) Der Paſcha von Natolien ebenfalls.(Ah, der Paſcha von Natolien— ohne Zweifel eine wichtige Perſon, obſchon ich niemals die Ehre gehabt, von ihm zu hören. Hört Ihr's denn dort auf dem Sopha? Mein Sohn hat den Paſcha von Natolien gefangen genommen, er iſt tapfer wie ein Cä⸗ ſar.) Dieſer Erfolg iſt aber nicht einer von denen, welche zu wichtigen Reſultaten führen—(thut nichts— ein Sieg iſt ein Sieg) und ich glaube wir werden noch lange in dieſem verwünſchten Lande bleiben müſſen.« Hier wechſelten Joſephine und Laura mit Blitzesſchnelle einen Blick. „Haben Sie Nachrichten von Ihrem Patienten, meinem alten Waffengefährten Dujardin? Ich ſprach neulich mit Bo⸗ naparte von ihm. Ein Soldat durch und durch.«(Ja, das ½ 7 chette, welche die Baronin zu Jacintha's großem Aerger ge⸗ —— i er auch, und ein liebenswürdiger junger Mann— komm her, Joſephine.) Sie las Joſephinen in etwas leiſerem Tone vor: „Sagen Sie meiner Frau, daß ich ſie mit jedem Tage mehr liebe— ich erwarte nicht dasſelbe von ihr, aber ſie wird mich ſehr glücklich machen, wenn ſie einmal ſo viel Ge⸗ fallen an mir finden lernt, wie ihre Familie.—« O das hat keine Gefahr. Welcher Mann verdiente wohl ſo geliebt zu wer⸗ den, wie dieſer? Ich ſehne mich nach ſeiner Rückkehr, damit ſeine Gattin, ſeine Mutter und ſeine Schweſter ſich Alle ver⸗ eint bemühen können, dieſem armen Soldaten zu zeigen, was das Gluck eigentlich zu bedeuten hat. Wir haben ihm Alles zu verdanken, Joſephine, und wenn wir ihn nicht liebten und ihn nicht glücklich machten, ſo wären wir Ungeheuer— meinſt Du das nicht auch?* „Ja wohl,« ſagte Joſephine. »Nun könnt Ihr ſeinen Brief Alle leſen— Jacintha und Alle« ſagte die Baronin gnädig. Der Brief machte die Runde. Mittlerweile unterhielt ſich die Baronin in gedämpftem Tone mit Saint⸗Aubin. »Sehen Sie nur das Kind an, lieber Freund.« „Was für ein Kind?« „Joſephinen. Sehen Sie nur, wie bleich ſie iſt. Ich be⸗ merkte es in dem Augenblicke, wo ſie in meine Nähe kam.« »Ihre Nerven ſind ſchwach und ich erſchreckte ſie.« „Nein, nein, es iſt mehr als das. Sie hat keinen Ap⸗ petit mehr. Sie lacht niemals. Sie ſeufzt. Dieſes Mädchen iſt krank, oder auf dem Wege, es zu werden.« „Weder das Eine noch das Andere iſt ſie, gnädige Frau, ſagte Saint⸗Aubin, indem er ihr ruhig in's Geſicht ſchaute. * 36 „Aber ich ſage, ſie iſt es. zi das Auge eines N wohl ſchärfer, als das einer Mutter?« »Ja wohl, bedeutend,«entgegnete der Doctor mit kalt⸗ blütiger, beneidenswerther Keckheit. Die Baronin erhob ſich. »Kommt, Kinder, zu unſerem Abendſpazirgange. Nun wird er uns Freude machen.« »Das hoffe ich. Dennoch aber muß ich Einer von der Geſellſchaft— Madame Rahnal— die Abendluft verbieten.« Die Baronin kam auf ihn zu und flüſterte: »Das iſt recht. Ich danke Ihnen. Sehen Sie, was ihr fehlt, und erzählen Sie es mir wieder.« Und damit entfernte ſie ſich in Begleitung der übri⸗ gen Geſellſchaft. Gleichzeitig bat Jacintha um Erlaubniß, den Reſt des Abends bei ihren Verwandten im Dorfe zuzubringen. Warum aber jener raſche zitternde Blick heimlichen Einverſtändniſſes zwiſchen Jacintha und Laura von Beaurepaire, als die Ba⸗ ronin ſagte:„Ja wohl, recht gern.« Joſephine und der Doctor waren nun mit einander allein. Joſephine hatte die alten Leute mit einander flüſtern und ihre Mutter nach ihr hinſchauen ſehen und ſie war auf ihrer Hut. Sie nahm eine ſchmachtend freundliche Miene an, und zugleich für den Nothfall als Schild eine Arbeit zur Hand, welcher ſie ihre Augen und anſcheinend auch ihre Aufmerkſam⸗ keit widmete. Der Doctor ſchwieg und fühlte ſich unbehaglich. Sie ſah, daß er etwas Wichtiges auf dem Herzen hatte und daß es herauskommen würde, wenn ſie es nicht verhin⸗ derte und ablenkte. Eine unklare Furcht drängte ſie, alle * * 37 wichtigen Themata zu vermeiden. Deshalb ſagte ſie in ruhi⸗ gem Tone: „Die Luft würde mir nichts geſchadet haben.“ „Und einige Worte mit mir werden Ihnen auch nichts ſchaden.« „O nein, theurer Freund. Ich hätte aber heute Abend gern einen kleinen Spazirgang gemacht.“ „Ich ſpielte den Tyrannen. Ein Freund iſt zuweilen ein Tyrann.* „Ich verzeihe Ihnen. Mein Spazirgang iſt nicht verlo⸗ ren, da ich dafür ein Téte-àntéte mit Ihnen gewinne.* Der Doctor nahm von dieſer etwas hohlen Redensart keine Notiz. Es trat abermals Schweigen ein und zwar ein ſehr langes. „Joſephine,« ſagte der Doctor endlich ruhig,»als Sie noch ein Kind waren, rettete ich Ihnen das Leben.« »Ich habe meine Mutter oft davon erzählen hören. Die Bräune drohte mich zu erſticken, und Sie hatten den Muth, mir die Luftröhre zu durchſtechen. „Ganz recht,« ſagte der Doctor lächelnd. Dann ſetzte er ernſt hinzu:»Wie es ſcheint, iſt Grauſamſeyn eine Wohl⸗ that. Joſephine, man liebt die Perſonen, denen man das Leben gerettet hat.« »Und man wird von ihnen wieder geliebt.« „Wie viele Beweiſe von ſüßer heiliger Zuneigung ſind ſeit jenem Tage zwiſchen uns geſchehen, Joſephine! Mancher Vater und manche Tochter hätten ſich eine Lehre an uns neh⸗ men können.* »An Ihnen, mein zweiter Vater, nicht an mir.« »Und dennoch habe ich Ihnen oder mir Vorwürfe zu 38 machen, denn trotz ſo langer Jahre iſt es mir nicht gelungen Ihnen Vertrauen einzuflößen.« Die Stimme des Doctors war traurig, und Joſephi⸗ nens Athemzug keuchte. »O ſagen Sie nicht das!« rief ſie.„Ich würde Ihnen mein Leben anvertrauen.« »Aber nicht, wie es ſcheint, Ihr Geheimniß.« »Mein Geheimniß? Was für ein Geheimniß? Ich habe keine Geheimniſſe.« »Joſephine, Sie haben nun volle zwölf Monate lang an Körper und Geiſt gelitten, ſind aber noch nicht ein einzi⸗ ges Mal zu mir gekommen, um ſich Rath, Troſt, die Erfahrung eines alten Mannes oder auch nur ſeine ärztliche Hilfe zu erbitten.* „Aber, lieber Freund, ich verſichere Ihnen—* »Seinen Freund täuſcht man nicht und ſeinen Arzt kann man nicht täuſchen.« Joſephine zitterte, aber Frauen laſſen ſich nicht ſo leicht aushorchen wie Männer. Sie vertheidigte nach Art ihres Ge⸗ ſchlechts ihr Terrain jeden Fußbreit. „Lieber Doctor,« ſagte ſie,»ich liebe Sie deswegen nur um ſo mehr. Ihre Theilnahme an mir hat wenigſtens dieſes eine Mal Ihre Wiſſenſchaft geblendet. Allerdings bin ich nicht ſo rüſtig, wie Sie mich früher gekannt haben, aber ich leide durchaus nicht an einem ernſthaften Uebelbefinden. Laſſen Sie uns von etwas Anderem ſprechen. Ueberdies iſt es durchaus nicht intereſſant, immer von ſich ſelbſt zu reden.« »Sehr ſchön. Da Ihr Fall durchaus nichts Ernſtes oder Intereſſantes hat, ſo wollen wir von etwas ſprechen, was ſo⸗ wohl ernſt als intereſſant iſt.« 39 „Herzlich gern,“rief ſie und lächelte zufrieden, daß ſie die Kritik von ſich ſelbſt abgewendet hatte. „Wir wollen von Ihrem Kinde ſprechen.“ Die Arbeit entſank Joſephinens Händen. Sie wendete ihr Antlitz mit ſcheuem Blick auf Saint⸗Aubin und ſtammelte: „Von mei— nem Kinde?“ „Meine Worte ſind deutlich,« entgegnete er ernſt.»Von Ihrem Kinde.“ III. „Rien n'est certain que Fimprévu.* „Unſer Erfolg führt zu keinen großen Reſultaten und ich fürchte, wir werden noch lange in dieſem verwünſchten Lande bleiben müſſen.* So ſchrieb Raynal. Achtundvierzig Stunden ſpäter war er unter Segel nach Frankreich mit General Bonaparte. Dieſer große Mann ver⸗ ließ Egypten plotzlich, ſehr plötzlich für die, welche den Tag einer That mit dem Tage des geheimen Entſchluſſes verwech⸗ ſeln, der ihr aber wer weiß wie lange vorangegangen iſt. Er verließ Egypten nicht, wie ſeine kleinen Kritiker glauben, weil Frankreich und er nicht eine Ecke von dieſem Egypten bis auf den heutigen Tag hätte behaupten können, ſondern weil er entdeckt haite, daß er aus dem kleinen Egypten nicht die große Brücke machen konnte, die er brauchte. Was bei einem gewöhnlichen Genie der Zweck iſt, das war bei Napoleon I. nur das Mittel oder die Brücke, um zu etwas Weiterem zu gelangen. Als er nach Egypten ging, hatte er es wenigſtens auf Syrien und Aſſyrien abgeſehen. Wenn Moskau glaubt, er 40 ſey um Moskau's willen nach Moskau gekommen, ſo macht es ſich ein zu großes Compliment und ihm ein zu kleines. Er ging nach Moskau um Delhi's und Cantons willen. Und wenn ich dieſen Charakterzug mit allen ſeinen in⸗ nern Folgen bedenke, ſo komme ich mit Bedauern zu dem Schluß, daß Napoleon I. zu keiner Zeit ſeiner Laufbahn ein glücklicher Mann, noch mit ſeinem gigantiſchen Maßſtabe des Erfolgs das war, was er einen erfolgreichen Mann genannt haben würde. Die Erfolge, welche die ganze übrige Welt blen⸗ deten, waren für ihn ſchaal und ungenügend. In der Größe ſeiner Pläne ſteht Napoleon allein unter allen Söhnen der Erde bis zum Poſaunenſchalle des jüngſten Gerichts. Eine Eigenſchaft aber theilte er mit jedem erfolg⸗ reichen Genius, ſey es nun des Schwertes, oder der Feder, oder des Pinſels— er hütete ſie, ſeine Kräfte zu vergeuden. Napoleon war viel zu politiſch, um ſie lange an Egypten zu verſchwenden. Er verzichtete nicht aus Verzweiflung auf das kleine Land der großen Phramiden, ſondern warf es aus Be⸗ rechnung von ſich Der Erdball bot größere Beute und der Erdball war ſein Bereich. Er kam raſch zutück nach Paris, und Raynal, der zu ſeinem Stabe gehörte, kam mit ihm, aber nicht um zu blei⸗ ben. Er ſollte ohne einen Tag Verzug mit Depeſchen und als Commandant einer Brigade zu der Rheinarmee abgehen. IV. »Von Ihrem Kinde.« Als der Doctor dieſe Worte wiederholte, als Joſephine ihm ins Geſicht blickte und ſah, daß er aus gewiſſer Kenntniß ſprach— mochte er dieſelbe nun erlangt habenwie er wollte, 5 41 da glitt ſie langſam von dem Sopha herunter und umſchlang ſeine Knie, während er vor ihr ſtand, und verbarg ihr Ge⸗ ſicht, von Scham und Angſt gefoltert, auf ſeinen Knien. In dieſer Stellung wurden ſie von Laura überraſcht, welche unter dem Vorwand, ihre Handſchuhe zu holen, zu⸗ rückgeſchlüpft war, um zu ſehen, was Saint⸗Aubin mit Joſe⸗ phinen zu ſprechen hätte. Laura öffnete die Thür ganz leiſe. Sie kam nicht zeitig genug, um die entſetzlichen Worte zu hören aber ſie ſah ihre Schweſter zu den Füßen des Doctors zittern und ſie blieb ent⸗ ſetzt und erbleichend ſtehen. Was konnte dies bedeuten? „Verzeihen Sie mir!« rief Joſephine mit faſt erſtickter Stimme.„Verzeihen Sie mir! O ſtellen Sie mich nicht bloß! Vernichten Sie mich nicht!« Laura ſenkte den Kopf und ſchlüpfte hinter einen in dem Zimmer ſtehenden großen Schirm, ohne von dem Doctor, der ihr mit dem Rücken zugewendet ſtand, oder von ihrer Schwe⸗ ſter geſehen zu werden welche ihre Augen in den Knien des Doctors verbarg. Der Doctor hob Madame Raynal gegen ihren Willen vom Boden auf. Sie ſchämte ſich ſo ſehr, daß ſie es nicht ertragen konnte, ſich von ihm ins Geſicht ſehen zu laſſen. Er hieß ſie aber niederſetzen und hielt ſie bei der einen Hand und beſchwichtigte ihre Angſt, während ſie ſich von ihm abwendete und ihr Geſicht auf ihrer Hand und ihre Hand auf einer Ecke des Sopha's verbarg. »Wie können Sie glauben, thörichtes Kind, daß ich Sie bloßſtellen oder verletzen würde? Meine Abſicht iſt ja gerade, Sie abzuhalten, ſich bloßzuſtellen und in's Verderben zu ſtür⸗ zen. Unglückliches Kind, glaubten Sie, Sie hätten mich ge⸗ täuſcht oder daß Sie im Stande ſehen, Jemanden Anderen als 42 die Blinden zu täuſchen? Ihr Geſicht, Ihre Angſt nach Oberſt Dujardin's Abreiſe— Ihre Ermattung und dann Ihre plötz⸗ liche Rüſtigkeit, Ihr Appetit, Ihre ſonderbaren Gelüſte, Ihr ſeltſames Verweilen in Frejus, Ihr verändertes Ausſehen und der Verluſt Ihrer Geſundheit nach Ihrer Rückkehr! Joſe⸗ phine, Ihr alter Freund hat manche Stunde an Sie gedacht, Ihre Thorheit errathen und iſt Ihnen in Ihrer Noth Schritt um Schritt gefolgt, ohne daß er aufgefordert worden wäre, Ihnen zu helfen, ohne daß er ſich fähig gefühlt hätte, Sie zu verrathen.« Als er dieſe letzten Worte ſprach, kam Laura mit thrä⸗ nenden Augen auf ihn zugeeilt und ſchlang ihre Arme beide um ſeinen Hals. »Ach, mein armes Kind,« ſagte er,„dies iſt kein Ge⸗ heimniß für eine Perſon Ihres Alters.« „Joſephine hat es mir nicht geſagt,« lautete die raſche Antwort.„Seltſam daß Niemand mich für eine Perſon ange⸗ ſehen hat, der man Vertrauen ſchenken könnte.* »Lieber Doctor, wenn ich Sie weniger geachtet hätte, ſo hätte ich mich vielleicht überwunden, es Ihnen zu geſtehen.« »Nein! nein! Sie fürchteten ſich vor mir. Und dennoch hatten Sie keine Urſache dazu. Sie trauten mir nicht und hatten dazu doch jeden Grund. Ich will Ihnen zeigen, daß ich des Vertrauens, welches Sie mir verſagten, nicht ganz un⸗ würdig war. Erſtens war ich desſelben würdig, weil ich nie⸗ mals mein Vertrauen zu Ihnen verlor, Joſephine. Es waren alle Anzeichen eines unerlaubten Verhältniſſes vorhanden. Und was ſagte ich? Ich ſagte: ich kenne meine Joſephine. Ich be⸗ gab mich unter einem ganz andern Vorwande auf die Mairie in Frejus. Ich verſchaffte mir Einblick in die Bücher und fand darin ſofort Camill's Namen und den Ihren. So groß 43 war mein Vertrauen zu Ihnen, die Sie keines zu mir hatten! Ich ſagte, es müſſe auf irgend eine Weiſe eine Vermälung ſtattgefunden haben.« Der Doctor ſchaute ſich frohlockend über ſeinen eigenen Scharfſinn rings um. Ach leider vermißte er den erwarteten Beifall. Joſephine ſah ihn verblüfft an. „Lieber Freund,“ ſagte ſie zögernd,„ich verſtehe Sie nicht recht. Ich kenne Ihren Scharfſinn, aber da Sie entdeckt hatten, daß ich— daß ich— Mutter war, ſo wußten Sie natürlich auch, daß ich vermält ſeyn mußte. Wie hätte ich Mut⸗ ter werden können, wenn ich nicht erſt vermält worden wäre?“ Der Doctor ſah ſie mit halb ſathriſchem, halb zärtlichem Blicke an und nahm eine Priſe. „Das iſt ſehr wahr,« ſagte er kutz.„Wohlan, ich nehme meinen Anſpruch auf Erfahrung in dieſer Beziehung zurück. Laſſen Sie uns weiter ſprechen. Mivart ſchickte Ihnen nach meinem Beſuche in Frejus einige Arzneien, denen Sie wahrſcheinlich Zauberkraft zuſchrieben. Ich hatte ſie ver⸗ ordnet.“ „Iſt es möglich! Theuerſter, beſter Freund, ach, ich habe mich an Ihnen ſchwer vergangen!“ „Weiter. Vor vierzehn Tagen war ich zwei Tage ab⸗ weſend.« „Ja und Sie ſagten uns nicht wo Sie geweſen waren.“ „Ich war in Frejus. Jene bösartige Krankheit, die Blattern, graſſirte dort.“ »O Himmel!“ rief Joſephine und ſchlug erſchrocken die Hände zuſammen. „Die Gefahr iſt vorüber. Ich hörte davon. Sogleich ließ ich mir etwas Lymphe von Paris kommen und fuhr hin⸗ üver nach Frejus, denn ich ſagte bei mir ſelbſt—“ 44 Der Doctor ſagte es Niemanden als ſich ſelbſt, denn ehe er noch ausreden konnte, ward er von den Umarmungen und Küſſen der jungen Mutter faſt erſtickt und mitten unter dieſen ſtürmiſchen Liebkoſungen ſagte ſie ſelbſt, was er hatte ſagen wollyn. »Sie ſagten: Ich habe Joſephine das Leben gerettet, ich will auch ihren Knaben retten.« „Wir fangen an einander zu verſtehen« ſagte der Doc⸗ tor, dem es ganz weich um's Herz ward, ſo daß er als Gegen⸗ mittel eine Priſe nahm.„Nun, liebe Kinder, will ich Ihnen ſagen, was ich errathen habe und Sie ſollen mir das Uebrige ſagen und dann werden wir gemeinſchaftlich handeln. Wir erhielten die Nachricht, daß Rahnal todt ſey. Sie glaubten ſich frei, das verſtehe ich. Aber warum vermälten Sie ſich ſo bald wieder und warum vermälten Sie ſich nicht öffentlich?« »Er war Schuld daran,« ſagte Laura haſtig. »Wer denn?« »Nein, nein,« rief Joſephine,„er war nicht Schuld daran— ach wälze die Schuld nicht auf den Abweſenden und Unglücklichen.« »Ich will ja keine große Schuld auf ihn wälzen. Er war ein Mann, Doctor, und verlangte, was, glaube ich, alle jungen Männer verlangen— er verlangte, daß ſie ihm je⸗ des Gefühl opfern ſollte. Er ſagte: Wenn Du mich liebſt, ſo wirſt Du Dich vor dem Prieſter mit mir vermälen und lene andere Heirath aus unſerer Erinnerung vertilgen. Sie wei⸗ gerte ſich.« »Sage vielmehr, ich zögerte.« »Wohlan, ſie lehnte es ab. Dann machte er ihr Vor⸗ würfe.* 45 „Niemals, Doctor, lieber Doctor! Camill machte mir niemals Vorwürfe. Er härmle ſich blos ab und zweifelte an meiner Liebe. Meine Standhaftigkeit ward wankend; ich wollte gern alle glücklich machen— ich erbot mich, mich heim⸗ lich mit ihm zu vermälen, um meine Mutter nicht zu be⸗ trüben.“ „Sie erbot ſich!« rief Laura ungeduldig;»ich war es, welche ſie zu dieſem verhängnißvollen Schritte nöthigte. Ich allein trage die Schuld und ſie allein trägt das Leiden.« „O Heimlichkeit! O Heimlichkeit!« rief der Doctor. „Sie ſind aber härter geſtraft, als Sie verdienen. Ich verſtehe nun Alles zu gut. Ihre Geſchichte iſt blos die Geſchichte Ihres Geſchlechtes— Selbſtverleugnung. Ich glaube, Sie opferten Ihr Hetz Ihrer Mutter, als Sie ſich mit Oberſt Raynal ver⸗ mälten.* „Das that ſie— das that ſie.« „Und dann opferten Sie jedes Gefühl bis auf das Mit⸗ leid gegen Ihren Anbeter. Und nun wollen Sie Alles Ihrem Gatten opfern.« „Und er iſt eines jeden Opfers, welches ich bringen kann, in vollem Grade würdig,« ſagte Joſephine.»Aber, o Freund, wenn Sie wüßten, wie ſchwer es mir wird zu leben!« „Ich hoffe es Ihnen binnen Kurzem weniger ſchwer zu machen,« ſagte der Doctor ruhig. Dann wünſchte er ſich ſelbſt Glück, daß er Joſephinen gezwungen ihm zu vertrauen, „denn,“ ſagte er,„Sie bedurften eines erfahrenen Freundes niemals mehr als in dieſem Augenblicke. Ihre Mutter wird nicht immer ſo blind ſeyn, wie in der letzten Zeit. Eduard iſt argwöhniſch. Jacintha iſt ein ſchlaues Mädchen und ſehr neu⸗ gierig.* Hier wechſelten die jungen Damen einen Blick, ſchämten 46 ſich aber zu geſtehen, daß ſie Jacintha in ihr Vertrauen ein⸗ geweiht hatten. „Ich will nicht lange bei dem furchtbaren Ereigniß einer ſofortigen Rückkehr Raynal's verweilen, denn der heutige Brief macht eine ſolche unwahrſcheinlich. Unwahrſcheinlich aber iſt nicht unmöglich und da wo Alles möglich und wo Alles Gefahr iſt, da iſt auch die ſtrengſte Vorſicht nöthig. Alſo vor allen Dingen, wie ſind Ihre eigenen Pläne?« »Ich weiß es nicht,« ſagte Joſephine hilflos. »Sie wiſſen es nicht?« rief der Doctor, indem er ſie „ mit förmlichem Entſetzen anſah. »Es iſt die Antwort einer Wahnſinnigen, nicht wahr? Ich bin auch wenig beſſer, als eine ſolche. Mein Fuß ſtrau⸗ chelt am Rande eines Abgrundes. Ich ſchließe meine Augen und laſſe mich in denſelben hinabgleiten. Was wird aus mir werden?« »Alles wird gut werden, wenn Sie jenen Mann nicht immer noch lieben.« »Ich werde ihn lieben bis zu meinem letzten Athemzuge. Wie kann ich anders als ihn lieben? Er hat mich vier Jahre lang geliebt. Ich war ſeine Verlobte. Ich hatte ihn in unge⸗ rechtem Verdacht. Krieg, Gefängniß, Schmerz und Folter⸗ qual konnte ihn nicht tödten— er liebte mich zu ſehr. Blu⸗ tend ſchleppte er ſich bis zu meinen Füßen— konnte ich ihn wohl ſterben laſſen? Konnte ich grauſamer ſeyn, als Folter, Gefängniß und Verzweiflung?« Der Doctor ſeußzte tief, doch waffnete er ſich mit der nöthigen Entſchloſſenheit und ſagte in ſtrengem Tone: »Joſephine, eine Frau von Ihrem Namen kann nicht ſchwanken zwiſchen Liebe und Ehre, ſolche Schwankungen ha⸗ 3 hen nur ein Ende. Ich will Sie nicht als ein moraliſches 47 Wrack zwiſchen Leidenſchaft und Tugend hin⸗ und hertreiben laſſen und das wird Ihr Los ſeyn, wenn Sie jetzt zögern.* „Zögern! Wer wagt zu ſagen ich hätte gezögert, wo meine Ehre auf dem Spiele ſteht? Sie können alſo in unſern Körpern leſen, aber nicht in unſern Herzen! Wie, Sie ſehen mich ſo bleich, ſo verlaſſen, ſo todt und dies ſagt Ihnen nicht, daß ich Camill auf ewig Lebewohl geſagt habe?“ „Iſt es möglich? Geben Sie mir Ihre Hand. Es war gut und weiſe und edel gehandelt. Und wer weiß, vielleicht auch freundlich und wohlthätig.« Joſephine fuhr fort: »Damit wir noch ſicherer ſeyen, habe ich ihm nicht ein⸗ mal geſagt, daß er Vater iſt. War wohl je ein Weib ſo grau⸗ ſam wie ich? Ich habe nur eien einzigen Brief an ihn ge⸗ ſchrieben und in dieſem mußte ich ihn täuſchen. Ich ſagte, ich glaubte, ich könne einſt noch glücklich ſeyn, wenn ich hörte. daß er nicht der Verzweiflung Raum gäbe— ich ſagte ihm, daß wir uns in dieſer Welt nie wiederſehen dürften. Alſo ver⸗ fügen Sie jetzt über mich. Zeigen Sie mir meine Pflicht und ich werde ſie thun. Dieſe Lüge zernagt mir das Herz. Soll ich meinem Gatten die Wahrheit ſagen?“ „O nein, nein!« rief Laura,»erlauben Sie ihr dies nicht, Oberſt Raynal würde ſie umbringen.« „Wenn ich das dächte, ſo ſollte mich nichts abhalten, ihm die Wahrheit zu ſagen.« „Wie?“ ſagte der Doctor.»Während er noch in Egyp⸗ en iſt? Während ſeine Rückkehr ungewiß iſt? Das wäre tnutzloſe Grauſamkeit!« »„Und dann meine Mutter,“ ſeufzte Joſephine,„meine arme Mutter. Sie würde es hören und es würde ihr das 48 Herz brechen. Ich würde ſie zum Tode verwunden und ich liebe ſie ſo! ich liebte ſie von jeher, aber nicht wie ich ſie liebe ſeitdem— jetzt, wo ich weiß, was ſie um meinetwillen gelit⸗ ten hat, ſehnt ſich mein innerſtes Herz unaufhörlich nach dem Anblick ihrer theuren Züge. Ich muß ſie dereinſt verlieren, dies weiß ich, wenn aber meine Handlungsweiſe dieſen Tag beſchleunigen ſollte— o es iſt zu entſetzlich! Meine Hoffnung iſt, daß der arme Rahnal lange abweſend ſey und daß, ehe er zurückkehrt meine Mutter geſichert gegen Kummer und Schande in der kleinen Capelle ruht. Dotor, wenn ein Weib von meinem Alter ſolche Wünſche faßt wie dieſe, dann glaube ich, müſſen Sie ihr Mitleid ſchenken und ihr unrichtiges Verhalten gegen Sie verzeihen, denn ſie kann nie wieder glücklich wer⸗ den. Ach! ach!« »Muth! Muth! arme Seele! Alles liegt jetzt in meinen Händen und ich werde Sie retten,« ſagte der Doctor, deſſen Stimme wider Willen zitterte.»Die Sünde liegt in der Ab⸗ ſicht. Ein unſchuldigeres Weſen als Sie uthmet nicht. Es ſtanden Ihnen zwei Wege offen— entweder dieſes Haus mit Camill Dujardin zu verlaſſen oder ihn fortzuſchicken und für Ihre harte Pflicht zu leben, bis es dem Himmel gefal⸗ len wird, dieſe Pflicht leicht zu machen. Ein Mittelweg war nicht möglich. Von dieſen beiden Wegen wählten Sie den rich⸗ tigen und nachdem Sie vieſen gewählt, ſind Sie nicht beru⸗ fen, Ihr Unglück zu offenbaren und Perſonen unglücklich zu machen, für deren Glück Sie Ihr eigenes auf Jahre hinaus geopfert haben.* —,— »Auf immer!“ ſagte Joſephine ruhig. »Die Jugend iſt mit dieſem Worte ſchnell bei der Hand,* entgegnete der Doctor.„Alte Perſonen haben faſt aufgehört,— 49 ſich ſeiner zu bedienen. Sie haben geſehen, wie wenig urdiſche Dinge die Zeit beſiegen können. Nach einer Pauſe fuhr er fort: »Sie denken nur an Andere, Joſephine, aber ich werde nicht zugeben, daß Ihr Leben in einem nutzloſen Kampſfe ge⸗ gen die Natur vergeudet werde.« Laura ſah ihn verwundert und fragend an, deshalb er⸗ klärte er ſich näher. „Joſephinens Leiden waren eben ſo zahlreich,« ſagte er, vehe ihr Kind geboren ward, aber ihre Geſundheit ſtand feſt. Warum? Weil die Natur auf ihrer Seite war. Zetzt welkt ſie dem Grabe entgegen. Warum? Weil ſie der Natur Trotz bie⸗ tet. Die Natur verlangt, daß ſie ihr Kind Tag und Nacht an ihre Bruſt drücken ſoll, ſtatt deſſen aber wartet ein Bauern⸗ weib in Frejus das Kind und die Mutter härmt ſich in Beau⸗ repaire ab.« Während der Doctor dies ſagte, lehnte Joſephine ihr Geſicht auf ihre Hände und dieſe auf die Schulter des Doe⸗ tors. In dieſer Stellung murmelte ſie: „Ich habe es ein einziges Mal geſehen, ſeitdem ich von Frejus abgereiſt bin.« „Armes Kindl« »Da Sie aber erlauben, ſo will ich morgen wieder hin⸗ reiſen.* »Nein, das werden Sie nicht thun. Wollen Sie eine zweite Reiſe dorthin machen, wenn ſchon die erſte Eduards Verdacht erweckt hat? Ich verbiete es Ihnen.« Joſephine war von einer ihrer Anwandlungen von Ge⸗ reiztheit ergriffen. „Hüten Sie ſich,« rief ſie, indem ſie wie eine erzürnte Wer lieben will. Iv. 4 50 . Taube auf den Doctor gleichſam loshackte,„ſehen Sie nicht zu grauſam gegen mich! Sie ſehen, daß ich gehorſam und re⸗ ſignirt bin. Ich habe auf Alles verzichtet, wofür ich lebte, wenn ich aber niemals die kleinen Arme meines Kindes um⸗ ſchlingen kann, um mich zu tröſten, warum wollen Sie mich länger quälen? Warum ſagen Sie nicht gleich zu mir: Joſe⸗ phine, Du haſt den Himmel beleidigt— bitte ihn um Ver⸗ zeihung und ſtirb?“ „Es iſt gut,« ſagte der Doctor kaltblütig;»warum wollen Sie mich nicht auch ſchlagen, wenn Sie mich einmal ſo mißverſtehen?“ „Vergeben Sie mir.“ „Laſſen Sie uns die Sache wieder aufnehmen. Meine Abſicht iſt, daß Sie nicht Stunden, ſondern Monate bei Ih⸗ rem Kinde zubringen ſollen.« »O!* „Durch Ihr Kind gedenke ich Ihr Leben zu retten, das für uns Alle ſo koſtbar iſt. Jenes kleine hilfloſe Weſen iſt Ihr Schutzengel und wird für einige Zeit Ihre einzige Quelle der Hoffnung und des Troſtes ſeyn. Aber nicht in Frejus ſollen Sie ſich wiederſehen, nicht in einem ſchwatzhaften Dorfe, wo⸗ hin Eduard innerhalb eines Tages gelangen kann, ſondern in jener großen Stadt, wo Riemand weiß oder fragt, was im nächſten Hauſe vorgeht.“ „In Paris?« rief Laura. „Allerdings. Ich werde morgen Ihnen voranreiſen. Ich werde ein Häus miethen, worin ich Sie Beide empfangen kann und vor der Barridre, wo die Luft am reinſten iſt, ſoll er und Frau Jouvenel von dem Fett des Bodens leben und Sie ſollen Ihre Tage bei ihnen zubringen. Im Grunde ge⸗ nommen war mein Neffe gar kein ſolcher Narr, wie die Leute 51 8 6 ſagen. Er errieth, welchen guten Gebrauch ſein Erbe von einem Theile ſeines Geldes machen würde.« Joſephinens Dankbarkeit und Freude wurden etwas ge⸗ dämpft, als der Doctor ihr ſagte, daß zu Allem dieſen drei Wochen Zeit gehören und daß er nicht nach Paris gehen würde, wenn ſie ihm nicht auf ihre Ehre verſpräche, wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit nicht nach Frejus zu reiſen. Sie zögerte. »Verſprich, liebe Schweſter,« ſagte Laura mit einer ſo feinen Betonung, daß Joſephinens Aufmerkſamkeit, aber nicht die des Doctors dadurch erweckt ward. Es folgte ein eben ſo ſchlauer Blick darauf. „Ich verſpreche es,« ſagte Joſephine, während ſie ihr Auge fragend auf ihre Schweſter heftete. Diesmal war ſie nicht im Stande die Bedeutung des Telegraphen zu enträth⸗ ſeln, aber ſie ſah, daß derſelbe ſpielte, und dies war genug. Sie that, was Laura ſie hieß. „Ich verſpreche es. Ach, verzeihen Sie mir!« »Verzeihen? Was ſoll ich Ihnen denn verzeihen?« „Ich ſeufzte, ich war undankbar.« »Ich verzeihe Ihnen, Sie ſchwaches Herz,« ſagte der Doctor lächelnd,„aber nur unter Bedingungen. Sie müſſen in Bezug auf Frejus Ihr Wort halten und mir auch verſpre⸗ chen, nicht jedes Kind zu küſſen, welches Sie ſehen. Eduard hat mir erzählt, er hätte geſehen, wie Sie ein Bettelkind küß⸗ ten. Der junge Schalk wollte Sie deswegen bei Tiſche aufzie⸗ hen, zum Glück aber theilte er mir ſeine Abſicht mit und ich verbot es ihm. Ich ſagte, die Baronin würde ungehalten auf Sie ſeyn, daß Sie auf dieſe Weiſe Ihre Würde vergeſſen und ein hochadeliges Haus der Gefahr ausgeſetzt haben, Flöhe zu bekommen. Still— da iſt er.« 52 „Wie langweilig!« murmelte Laura, gerade als Eduard mit halbärgerlichem Geſicht ſich näherte. 3 Er gab der ache jedoch eine ſcherzhafte Wendung. „Der Doctor will Ihnen wohl Ihre Handſchuhe nicht geben?* „Schelten Sie ihn lieber aus, daß er ſo intereſſant zu ſprechen weiß, denn dies hat mich aufgehalten.* „Was haben Sie ihr denn erzählt, Doctor, daß Sie ſie auf dieſe Weiſe zu intereſſiren gewußt haben? Schenken Sie mir ein Blatt aus Ihrem Buche, ich bedarf es.« Der Doctor war einen Augenblick lang verlegen Endlich aber ſagte er mit ſchlauer Miene: „Ich ſagte ihr nichts, was ſie nicht von Ihren Lippen eben ſo ſehr intereſſiren wird. Ich habe ihr vorgeſchlagen, den Tag ihrer Vermälung zu beſtimmen und ſie ſagt, ſie müſſe 2 ſich darüber mit Ihnen berathen, ehe ſie entſcheiden könne.“ „O Sie Gottloſer!« rief Laura;„wie könnte es mir einfallen, ihn zu Rathe zu ziehen!« „Na, alſo machen Sie mit einander, daß Sie fortkom⸗ men,« rief der Doctor,»und laſſen Sie ſich nicht eher wieder blicken, als bis Sie ſich geeinigt haben.« „Kommen Sie, Laura,s ſagte Eduard,„wir ſind hier im Wege.“ Eduards Augen funkelten und Laura entfernte ſich mit feuerrothem Geſicht. Es war ein balſamiſcher Abend. Eduard ſollte ſie den„ nächſten Tag auf eine Woche verlaſſen. Sie waren allein. Laura hatte ſich vorgenommen, daß er ganz glücklich fortge⸗ hen ſolle. Alles war zu Eduards Gunſten. Er führte ſeine Sache mit Wärme, er hörte zärtlich zu, dieſer glückliche Abend, ihre Schelmerei und Schlauheit ſchien ſich in Zärtlich⸗ 1 keit aufzulöſen, während ſie und Eduard Hand in Hand im Mondſchein auf⸗ und abwandelten, eine Zärtlichkeit, die für ihren Geliebten um ſo himmliſcher war, als ſie nicht immer von jenen Engeln war, welche den Menſchen durch unabän⸗ derliche Süßigkeiten ermüden. Eine kleine Weile lang vergaß ſie über ihrem Begleiter alles Andere. In dieſer ſanften Stunde überredete er ſie, den Tag zu beſtimmen. „Joſephine reiſt in ungefähr drei Wochen mit dem Doe⸗ tor nach Paris,« murmelte ſie. „Und Sie werden ganz allein zu Hauſe bleiben?“ „Allein? Das wird von Ihnen abhängen, mein Herr.« Auf dieſe Antwort hin faßte Eduard ſie zum erſten Mal in ſeine Arme. Sie leiſtete nur ſchwachen Widerſtand. »Beſiegle mir dieſes Verſprechen, meine Traute.« „Nein, nein, da!s Er drückte einen wonnevollen erſten Kuß auf zwei Sammtlippen, welche in ihrer Unſchuld kaum den ſüßen An⸗ griffen auswichen. Dennoch aber war der Bund auf dieſe Weiſe nicht ſobald beſiegelt, als die Wange der jungen Dame zu glühen begann. Sie war überrumpelt worden. »Wollen wir nun nicht hineingehen?s ſagte ſie kurz. »Ach nein, noch nicht!« „Aber es iſt ſchon ſpät, lieber Eduard.« Und mit dieſen Worten kehrte etwas mit voller Kraft in ihre Erinnerung zurück, etwas, was Eduard ſie über eine Stunde lang hatte vergeſſen laſſen. Wie ſollte ſie ſich nun ſei⸗ ner entledigen, ohne ſeine Gefühle zu verletzen? „Eduard,« ſagte ſie,„können Sie recht frühzeitig auf⸗ ſtehen? Wenn Sie dies können, ſo treffen Sie mich morgen Früh wieder hier, ehe noch die Andern wach ſind. Dann kön⸗ nen wir ohne Störung mit einander ſprechen.* Eduard war entzückt. 6 „Um acht Uhr?« „Noch eher, wenn Sie wollen. Meine Mutter hat mir befohlen, ihr heute Abend in ihrem Zimmer vorzuleſen. Sie wird ſchon auf mich warten. Iſt es nicht langweilig?“ „Ja, allerdings.* „Na, wir dürfen uns nichts daraus machen. In drei Wochen werden wir einander zu viel haben anſtatt zu wenig.* „Zu viel! Ich werde Dich niemals genug haben kön⸗ nen, ich werde die Nacht haſſen, welche mir auf ſo viele Stunden deinen Anblick entzieht.« „Wenn Du mich nicht ſehen kannſt, ſo hörſt Du mich doch vielleicht, denn meine Zunge iſt in der eben ſo in Bewegung als am Tage.“ „Nun, das iſt ein Troſt,« ſagte Eduard.„Du kleiner Schelm, Dich will ich lieber ſchelten als einen Engel ſingen hören. Denke Dir daher, was für eine Muſik es iſt, wenn Du mir ſagſt, daß Du mich liebſt.« „Ich liebe Dich, Eduard.“ Eduard küßte ihr warm die Hand und ſah ihr dann ins Geſicht. „Nein, nein!« rief ſie lachend und erröthend.„Seh nicht unbegehrlich! Das nächſte Mal, wo wir uns ſehen.* „Gut, es gilt, aber ich gehe nicht eher, als bis Du mir noch einmal ſagſt, daß Du mich liebſt.“ „Eduard, ſeh nicht einfältig. Ich ſchäme mich, ein und dasſelbe Ding ſo oft zu ſagen ich ſage es nicht wieder. Was nützt es denn auch? Du weißt ja, daß ich Dich liebe. Da habe ich es doch geſagt!— wie albern!« —J, — 6— „— Laura hörte wieder auf zu necken und war ganz Zärtlichkeit. 55 Und nun gingen ſie ſehr langſam auf das Haus zu und „Willſt Du nicht mit hineinkommen und gute Nacht nehmen?* »Nein, ich 55 im Himmel. Alltägliche Geſichter— all⸗ tägliche Stimmen würden mich wieder auf die Erde herabzie⸗ hen. Laß mich allein— deine ſüßen Worte hallen in meinem Ohr. Sieh, wie die Sterne am Himmel ſcheinen, aber keiner ſcheint ſo hell, wie Du in meinem Herzen.« „Lieber Eduard, Du ſchmeichelſt mir— Du verwöhnſt mich. Ach, warum bin ich deiner Liebe nicht würdiger?« „Würdiger? Wie wäre dies möglich?“ Laura ſeußzte. „Aber ich will Alles wieder gut machen. Ich will Dir ein beſſeres«— hier ließ ſie durch eine Pauſe die Stelle des Subſtantives vertreten—„ſeyn, als Du erwarteſt. Du wirſt es ſehen.* Sie verweilten an der Thür— ein Beweis, daß, wenn Eduard in dieſem Augenblick ihr noch einen Kuß geraubt hätte, kein heftiger Widerſtand entgegengeſetzt worden wäre. Aber er war nicht ſo unverſchämt wie Manche. Man hatte ihm geſagt, damit zu warten bis zur nächſten Zuſam⸗ menkunft. Darum bat er den Himmel, die Geliebte zu ſegnen, und ſo trennten ſich die Verlobten für die Nacht. Es war gegen neun Uhr. Eduard machte ſich, anſtatt nach ſeiner Wohnung zurückzukehren, auf den Weg nach der Stadt, um mit dem Gaſtwirth einen Handel wegen einer eng⸗ liſchen Stute abzuſchließen, die er zu kaufen wünſchte. Er brauchte ſie für das morgende Tagwerk und das beſtimmte ihn zu dem Hondel. Bei dergleichen Dingen aber gibt, eben ſo wie bei andern, oſt eine Feder, welche in die Wagſchale fällt, den Ausſchlag. Er ſchlenderte gemächlich entlang. Es war eine ſehr helle Nacht— der Mond voll und die Sterne ſchienen ſilbern und lebhaft. Eduards Herz ſchwoll vor Freude. Er ward geliebt, innig geliebt, und in drei kurzen Wochen ſollte er wirklich Laura's Gatte, ihr Herr und Meiſter ſehn! Wie ſchien doch alles einem himm liſchen Traum zu gleichen— die erſte hoff⸗ nungsloſe Bewerbung und nun der feſtbeſtimmte Vermälungs⸗ tag! Aber es war kein Traum; er fühlte ihre ſanften Worte wie Muſik an ſeinem Herzen murmeln, und der Schatten ihrer Sammtlippen ruhte auf den ſeinen. So war er ungefähr eine Stunde weit gegangen, als er den Schall von Pferdehufen hörte, womit ſich ein klir⸗ rendes Geräuſch miſchte. Es kam näher und näher, bis es endlich einen Hügel erreichte, der nicht weit vor Eduard lag, dann hörte das Geräuſch auf, denn der Reiter führte ſein Pferd den Berg herauf. Mit einem Male tauchte wie aus der Erde emporſtei⸗ gend zwiſchen Eduard und dem Himmel erſt ein dreieckiger Hut auf, der in dieſer Beleuchtung mit einem Raſirmeſſer aus Kieſel geſchnitten zu ſeyn ſchien, und dann der Träger, hier und da wie Phosphor leuchtend, ſo hell ſpielte das Mond⸗ licht auf ſeinen Epauletten und ſeiner ſtählernen Säbelſcheide. Noch ein paar Schritte und Eduard that einen lauten Schrei— es war Oberſt Rahnal. Nach der erſten warmen Begrüßung und vielen Fragen und Antworten erzählte ihm Raynal, er ſey mit Depeſchen auf dem Wege nach dem Rhein. »Nach dem Rhein?s Raynal lachte. — ——— ——— — 57 »Ich habe ſechs Tage Zeit, um dorthin zu gelangen. Ich machte meine Berechnung und fand, daß ich einen halben Tag in Beaurepaire verweilen könnte. Dieſe wenigen Stun⸗ den muß ich dann durch tüchtiges Reiten wieder einbringen. Sie kennen mich. Stets in Eile. Diesmal aber iſt Bonaparte daran Schuld, denn er iſt auch immer in Eile.“ „Aber Oberſt,« ſagte Eduard,„dann laſſen Sie uns ſchnell machen. Sie wiſſen daß man auf dem Schloſſe zeitig zu Bett geht.« »Aber Ihr Weg iſt doch nicht der meine, junger Freund?« »Ihr Weg nicht der meine? Ja wohl! Verſteht ſich! Ihr Geſicht, Oberſt, iſt eines, das ich nicht alle Tage ſehe, und überdies möchte ich auch noch einige andere Geſichter bei Ihrem unerwarteten Anblick ſehen, beſonders das der Baro⸗ nin und Ihrer Gemalin und überdies«— und der junge Schalk lachte in ſich hinein und dachte:—„Das nächſte Mah wo wir uns wiederſehen— alſo das iſt nun das nächſte Mal. Darf ich mich mit aufſetzen?« Oberſt Rahnal nickte bejahend. Eduard nahm einen Anlauf und ſprang wie ein Affe auf die Croupe des Pferdes. Es bäumte ein wenig bei dieſem unerwarteten Zuwachs, da ihm aber ſofort die Sporen in die Flanken geſtoßen wurden, ſo ſprang es fort mit einem Schnauben, welches mehr Er⸗ ſtaunen als Freude verrieth, und ſo galoppirten ſie fort nach Beaurepaire, ohne den Zügel anzuziehen. »Da,« ſagte Eduard,„ich fürchtete gleich, daß ſie zu Bett ſeyn würden, und ſie ſind es auch. Das Haus ſelbſt ſcheint mit zu ſchlafen— denken Sie nur— um halb eilf.* »Das iſt Schade,« ſagte Raynal,„denn dieſes Schloß iſt das Bollwerk der Etikette. Die guten Leutchen werden zwei 58 Stunden lang Toilette machen, ehe ſie herauskommen und mir die Hand reichen. Ich muß mein Pferd in den Stall bringen. Gehen Sie und ſchlagen Sie einſtweilen Lärm.« »Das will ich thun, Oberſt. Erſt will ich aber doch ſehen, ob gar Niemand mehr wach iſt.« Und Eduard ging um das Schloß herum und entdeckte gar bald Licht an einem Fenſter— dem Fenſter des tapezir⸗ ten Zimmers. Nach der andern Seite herumlaufend ſtieß er plötzlich auf ein zweites Licht— dies war dem Boden näher. Eine ſchmale aber maſſive Thür, die er ſtets nicht blos ver⸗ ſchloſſen ſondern zugeſchraubt geſehen, ſtand weit geoffngt, und durch die Oeffnung fiel der Schein eines Lichtes heraus und begegnete dem hineinſtrömenden Mondlicht. „Holla!« rief Eduard. Er blieb ſtehen, drehte ſich um und ſchaute hinein. »Holla!« rief er noch einmal viel lauter. Ein junges Frauenzimmer ſchlief, mit den Füßen in dem ſilbernen Mondlicht und dem Kopfe in dem orangefarbenen Schein eines Talglichtes, welches auf der nächſten Stufe einer ſchönen ſteinernen Treppe ſtand, deren Exiſtenz ſich dem neu⸗ gierigen Eduard erſt jetzt offenbarte. Alles dies bot ſich ihm ſo unerwartet dar, daß er förm⸗ lich zurückfuhr. „Das iſt ja Jacintha!«* Er berührte ſie an der Schulter um ſie aufzuwecken. Jacintha aber ſchlief, wie nur müde Dienſtboten ſchlafen kön⸗ nen. Er hätte das Licht nehmen und ihr damit das Kleid vom Leibe brennen können. Sie hatte eine Stufe gefunden, die in ihr Rückgrat paßte, und eine zweite, die ihr den Kopf 2 ſtützte, und ſo ſchlief ſie wie ein Hamſter. —————— 59 In dieſem Augenblicke ließ ſich Raynal's Stimme ver⸗ nehmen. „Sind Sie da 7 Eduard ging ihm entgegen. »Es iſt Licht in jenem Schlafzimmer.« »Das iſt kein Schlafzimmer, Oberſt— es iſt jetzt unſer Wohnzimmer. Wir werden ſie dort Alle finden oder wenigſtens die jungen Damen und vielleicht den Doctor. Die Baronin geht ſehr zeitlich zu Bette. Mittlerweile kann ich Ihnen eine unſerer Perſonen und zwar eine ſehr wichtige zeigen, denn ſie beherrſcht die Küche.« Er führte ihn geheimnißvoll einige Schritte weiter und zeigte ihm Jacintha. »Oho!s rief Raynal.»Die kann nicht viel auf ihrem Gewiſſen haben.« Mondſchein an und für ſich ſcheint weiß und Kerzenlicht an und für ſich gelb zu ſeyn wenn aber beide des Nachts in enge Berührung kommen, ſo bekommt das Kerzenlicht eine blutrothe Flamme und der Mondſchein einen bläulichen Schim⸗ mer. Man kann ſich daher denken, daß Jocintha ſich in die⸗ ſer doppelten Beleuchtung gar ſeltſam ausnahm. »Die macht eine gute Schildwache,« ſagte Rahnal. »Zum Beiſpiel ein vorgeſchobenes Picket auf coupirtem Ter⸗ rain, den feindlichen Scharfſchützen gegenüber. Ha! ha! ha!« »Oberſt, laſſen Sie uns doch einmal ſehen, wohin dieſe Treppe führt. Ich denke mir, daß ſie einen kurzen Nebenweg bildet. »Aber wohin 8 Nach dem Salon oder ſonſt wo oder nach irgend einem Schlupfwinkel Jacintha's. Das geſchähe ihr aber ſchon recht— warum ſchläft ſie an der Mündung ihrer Höhle.« 60 »Nun denn vorwärts— doch nein, Halt! Wenn die Treppe nun in die Schlafzimmer führte! Wir würden ſofort aus der Caſerne hinausgetrommelt, wenn wir die Etikette nicht beobachten.« Während ſie noch zögerten, erhob ſich plötzlich ein ſanf⸗ ter melodiſcher Geſang von weiblichen Stimmen und ſchien die Mauern zu umſchweben. Die beiden Männer ſahen einan⸗ der erſtaunt an, denn die Wirkung war eine magiſche. Da die Treppe auf allen Seiten mit ſteinernen Mauern umſchloſ⸗ ſen und mit Steinen gepflaſtert war, ſo waren die Töne wie Fliegen in einem Violoncell, und die Stimmen klangen oben, unten und auf allen Seiten der vibrirenden Mauern. In ge⸗ wiſſen Zeitaltern wären Gemüther eben ſo kühn wie Raynal's und Witzköpfe ſo gewandt wie Rivioère, ſofort in das nächſte Wirthshaus geeilt und hätten hier bei einem vollen Becher er⸗* zählt, wie ſie die Ahnfrauen von Beaurepatre ihre nächtliche Zuſammenkunft halten und das alte Teufelsneſt von Schloß von einem geſpenſtiſchen Geſange hätten erzittern hören. Das damalige Zeitalter aber war ein ungläubiges. Sie horchten und horchten und kamen endlich zu dem Schluß, daß der Geſang von oben herunter käme. „Wir wollen hinaufgehen und dieſe ſingenden Hexen überraſchen,« ſagte Eduard. „Meberraſchen? Wozu?— Wir haben es ja hier nicht mit dem Feinde zu thun. Was kann es nützen, unſere Freunde zu überraſchen?“ Erſtürmungen und Ueberrumplungen waren für Raynal nichts Neues und folglich auch kein Genuß. „Es wird ſo herrlich ſehn, zu ſehen, was ſie für Ge⸗ ſichter machen, wenn ſie Ihrer anſichtig werden. O Oberſt, thun Sie es um meinetwillen! Verderben Sie nicht den gan⸗ 61 zen Witz dadurch, daß Sie zahm zur Vorderthür hineingehen, nachdem Sie in der Nacht auf eine halbe Stunde aus Egyp⸗ ten herbeigekommen ſind.* »Auf einen halben Tag! Es iſt ein kindiſcher Streich. Wohlan, leuchten Sie, damit wir nicht die Hälſe brechen, wenn wir uns auf ein unbekanntes Terrain wagen, um die Eingebornen zu überrumpein. Unſere Tirailleurs kamen in Egypten zuweilen bei ſolchen Unternehmungen ſehr ſchlecht weg.* „Ganz recht, Oberſt. Ich werde mit Jacintha's Licht vorangehen.« Eduard ging auf den Zehen die Treppe hinauf. Rahnal folgte. Die feſten ſteinernen Stufen kniſterten nicht. Die bei⸗ den Männer waren ſchon ziemlich weit hinauf, als plötzlich ein Windſtoß durch eine Oeffnung kam und Eduards Licht ausblies. Er wendete ſich herum zu Rahnal. »Teufel!« rief er leiſe. Der Oberſt aber legte die Hand auf ſeine Schulter und flüſterte:„Schaut nach der Front.« Er ſchaute hin, und da jetzt ſein eigenes Licht verlöſcht war, ſah er weiter vorwärts einen Schimmer. Er ſchlich auf denſelben zu. Es war eine Kerze, welche ein ſchwaches Licht durch eine kleine Oeffnung warf. Sie erblickten einen Schimmer von dem, was ein kleines Zimmer zu ſeyn ſchien. Und doch er⸗ kannte Eduard den Teppich des tapezirten Zimmers, welches ein ſehr großes war. Noch einen Schritt weiter ſchleichend überzeugte er ſich, daß es auch wirklich das tapezirte Zimmer, und das, was die entgegengeſetzte Wand zu ſeyn ſchien, blos der Schirm war, hin⸗ 62 ter welchem Lichter ſtanden, und Joſephine und Laura ein Duett ſangen. Er flüſterte Raynal zu: „Wir ſind in dem tapezirten Zimmer.« „Iſt das ein Wohnzimmer?s flüſterte Raynal. „Ja wohl, ja wohl! Nehmen Sie ſich in Acht, damit Sie mit dem Fuße nicht an das Holz ſtoßen.« „Was, ſoll ich denn nun vorangehen?« »Verſteht ſich.* „Aber warum denn?« »Nun, Sie ſind ja der aus Egypten Angekommene.« »Gut— vorwärts denn.« Raynal ging leiſe hinauf und ſetzte den Fuß geräuſchlos durch die Oeffnung, welche, wie er jetzt ſah, dadurch entſtan⸗ den war, daß man ein Feld des Wandgetäfels auf die Seite geſchoben, und ſtand in dem tapezirten Zimmer. Der Fuß⸗ boden war ſehr dick, die Stimmen der Damen begünſtigten die verſtohlene Annäherung, der Fußboden des alten Hauſes war wie ein Felſen und Eduard ſteckte ſein Geſicht durch die Oeffnung und glühte im Vorgefühl des Freudenſchreies, der ſeinen ſo plötzlich und auf ſo merkwürdige Weiſe aus Egypten zum Vorſchein kommenden Freund begrüßen würde. Dieſes Gefühl ward noch pikanter durch die brennende Neugier gemacht, welche ſich ſeit einigen Minuten ſeiner be⸗ mächtigt hatte. Denn warum war dieſer geheime Gang heute geöffnet? Er hatte ihn ja niemals früher geöffnet geſehen. Und warum lag Jacintha am Fuße der Treppe Schildwache? Aber dies war noch nicht Alles. Jetzt, wo ſie im Zimmer ſtanden, vernahmen die Männer auch noch einen andern Ton außer dem der ſingenden Stimmen— einen ſehr eigenthüm⸗ lichen Ton. Er kam ebenfalls hinter der ſpaniſchen Wand her⸗ 8 vor. Sie hörten ihn Beide und verriethen durch die verblüff⸗ ten Blicke, die ſie einander zuwarfen, daß keiner von Beiden ſich ihn erklären konnte. Er beſtand aus einer Reihenfolge von Geraſchel, wobei zugleich leiſe auf den Fußboden gepocht ward. Sonderbarerweiſe aber hielt dieſes Raſcheln und Pochen ganz genau Tact mit dem Geſange, ſo daß dieſer ſich entwe⸗ der nach jenem oder jenes ſich nach dieſem richtete. Eduards Neugier und Ungeduld ward dadurch aufs Höchſte angeſtachelt, und er zeigte begierig und luſtig auf die Ecke der ſpaniſchen Wand. Raynal gehorchte und ſchlich lang⸗ ſam und vorſichtig darauf zu. Das Raſcheln und Pochen der harmoniſchen Stimmen— alles blieb noch dasſelbe. Eduard bewegte ſich mit Kopf und Fuß in das Zimmer hinein, ohne ein Auge von Raynal zu verwenden. Rahnal ſtand jetzt in der Ecke des Schirmes, hielt ſich mit der Hand daran und lugte dahinter hervor. Eduard konnte ſich vor Neugier und Erwartung nicht mehr halten. Es blieb Alles ſtill. Was iſt das? Warum ſpricht er nicht von ihnen? Er ſcheint wie an den Boden ge⸗ wurzelt. Das Raſcheln und Pochen dauerte fort, ward jetzt aber nur noch von einer einzigen Stimme, der Laura's, be⸗ gleitet. Plötzlich entfuhr Joſephinen ein Gekreiſch, ſo laut und furchtbar, daß Rahnal, ſich immer noch an den Schirm hal⸗ tend, einen Schritt zurückfuhr. Dann kam ein zweites Ge⸗ kreiſch der Furcht und des Entſetzens von Laura. Dann folgte ein ſchwächerer Ruf und der ſchwere hilfloſe Fall eines menſch⸗ lichen Körpers. Rahnal ſprang vorwärts und warf in ſeiner furchtba⸗ ren Aufregung die ſpaniſche Wand über den Haufen und 64 Eduard ſprang, während ſie zu ſeinen Füßen niederfiel, dar⸗ über hinweg. Er that keinen zweiten Schritt. Der Anblick, der ſich ſeinem Auge darbot, betäubte und lähmte ihn, ſo daß er vor Erſtaunen und von ſeltſamen Ahnungen beſtürmt wie angewurzelt ſtehen blieb. V. Als Eduard von Laura ſchied, gingen ſie zu der Vor⸗ derthür hinein. Einen Augenblick darauf öffnete ſie dieſelbe aber leiſe wieder und ſchaute ungeſehen ihrem Geliebten nach. „Lieber guter Eduard!« murmelte ſie. Und dann dachte ſie:„Wie traurig iſt es, daß ich ihn ſelbſt heute Abend täu⸗ ſchen muß, daß ich einen Vorwand erfinden muß, um ihn von mir zu entfernen, während wir ſo glücklich zuſammen waren! Ach, er ahnt nicht, wie ich unſern Vermälungstag werde willkommen heißen! Dann ſehe ich meine arme Märtyrerin auf dem Wege zum Frieden und zur Zufriedenheit unter der Obhut des guten Doctors. Und o welches Glück, dann keine Geheimniſſe mehr vor dem Manne zu haben, den ich liebe! Theurer Eduard, wenn wir einmal verheirathet ſind, dann will ich auch niemals, niemals ein Geheimniß wieder vor Dir haben— ich ſchwöre es.« Und zugleich trat ſie vorſichtig zu der Thür hinaus und ſchaute ſich nach allen Richtungen um. „Bſt! bſt!« flüſterte ſie. Es erfolgte keine Antwort auf dieſes Signal. Laura kehrte in das Haus zurück und verriegelte die Thür von innen. Dann kehrte ſie in das Haus zurück, ging hinauf und fand den Doctor im Begriff, Joſephinen gute * 65 Nacht zu wünſchen. Die durch ihren Spazirgang ein wenig ermüdete Baronin war nicht höher als in ihr Schlafzimmer hinaufgegangen, welches ſich in der erſten Etage gerade unter dem tapezirten Zimmer befand. Laura begleitete den Doc⸗ tor hinaus. „Lieber Freund, noch ein Wort. Joſephine ſprach da⸗ von, Raynal Alles zu geſtehen. Sie haben ſie doch nicht etwa ermuthigt, dies zu thun?« »Ganz gewiß nicht, ſo lange er in Egypten iſt.« »Und nach ſeiner Rückkehr noch weniger. Doctor, Sie kennen dieſen Mann nicht. Joſephine kennt ihn auch nicht. Ich aber kenne ihn. Er würde ſie umbringen, wenn er es er⸗ führe. Er würde ſie auf der Stelle umbringen. Er würde nicht warten; er würde nicht auf Entſchuldigungen hören, er iſt ein Mann von Eiſen. Oder wenn er ſie am Leben ließe, ſo würde er Camill umbringen und das hieße ſie dem aller⸗ grauſamſten Tode weihen. Ach, mein Freund, ich bin ein bö⸗ ſes elendes Geſchöpf! Ich bin die Urſache an all' dieſem Jammer.« Und nun erzählte ſie Saint⸗Aubin die ganze Geſchichte von dem anonymen Briefe und was Raynal zu ihr geſagt. »Er würde ſie niemals geheirathet haben, wenn er gewußt hätte, daß ſie einen Andern liebte. Er fragte mich, ob dem ſo wäre. Ich ſagte ihm eine Lüge. Wenigſtens drückte ich mich unbeſtimmt und zweideutig aus und dies war einem ſo recht⸗ ſchaffenen und ſchlichten Mann gegenüber ein Betrug. Ich bin die einzige Verbrecherin und jener ſüße Engel iſt die einzige Leidende. Iſt dies die Gerechtigkeit des Himmels? Doctor, meine Reue iſt groß. Riemand weiß, was ich fühle, wenn ich mein Werk anſehe. Eduard glaubt, ich liebe ſie weit mehr, Wer lieben will. IV. 5 2 66 als ich ihn liebe. Er irrt ſich. Es iſt nicht blos Liebe, ſondern auch Mitleid. Es iſt Reue über den Jammer, den ich über ſie gebracht, und das Unrecht, welches ich an dem armen Raynal begangen.* Das edelſinnige Mädchen war ſehr aufgeregt und Saint⸗Aubin ſuchte ſie zu beſchwichtigen und zu entſchuldigen, obſchon er ſie nicht von aller Schuld freiſprach. „Man darf nicht immer nach dem Ausgange urtheilen,« ſagte er.»Die Sache nahm eine unglückliche Wendung. Sie meinten es gut— ich für meinen Theil vergebe Ihnen. Das heißt, ich werde Ihnen vergeben, wenn Sie mir verſprechen, nicht wieder ohne meinen Rath zu handeln.« „O niemals! niemals!« „Und vor allen Dingen begehen Sie keine Unklugheit mit dieſem Kind. In drei kurzen Wochen werden ſie ohne Ge⸗ fahr vor Entdeckung bei einander ſeyn. Run, Sie antworten mir ja nicht?« Laura's Blut ſchien ihr in den Adern zu erſtarren. „Lieber Freund,« ſtammelte ſie,»ich bin ganz einver⸗ ſtanden mit Ihnen.* „Sie verſprechen es mir alſo?“ „Joſephinen nicht nach Frejus zu laſſen?« ſagte Laura heſtig.„Ja wohl, das verſpreche ich.« „Sie ſind ein gutes Kindl« rief Saint⸗Aubin.»Sie ſind zuweilen etwas eigenwillig, aber Sie fügen ſich auch den Mahnungen des Alters und der Erfahrung.« Der Doctor küßte ſie und ſagte ihr Lebewohl. „Um ſechs Uhr morgen Früh reiſe ich ab nach Paris. Ich werde weder Ihre noch Joſephinens Geduld unnöthig auf die Probe ſtellen. Vielleicht dauert es nicht einmal drei Wochen.« 67 In dem Augenblick, wo Laura ſich allein ſah, ſetzte ſie ſich nieder und ſeufzte bitterlich. „Es nimmt kein Ende,« ſchluchzte ſie verzweifelnd. „Ach, niemals werde ich darüber hinauskommen. Es iſt wie ein Spinnengewebe. Jede Anſtrengung mich daraus zu be⸗ freien, vervielfältigt blos die feinen aber unwiderſtehlichen Fäden, welche mich zu umſtricken ſcheinen. Und heute Abend glaubte ich ſo glücklich zu ſehn, anſtatt daß er mir kaum den Muth gelaſſen hat, zu thun, was ich zu thun habe.* Sie kehrte in das Zimmer zurück, öffnete ein Fenſter, hing ein weißes Tuch hinaus und machte dann das Fenſter wieder zu. Hierauf ging ſie an die Thür von Joſephinens Schlaf⸗ zimmer, in welches man aus dem tapezirten Zimmer gelangte. „Joſephine!« rief ſie,»geh jetzt noch nicht zu Bett.* „Nein, liebe Lanra. Was machſt Du jetzt?⸗ »O, nichts Beſonderes. Ich wünſche jetzt mit Dir zu ſprechen.« „Soll ich zu Dir hinauskommen, Laura?s „Nein, bleib wo Du biſt.« Laura ſetzte ſich und nahm ein Buch zur Hand. Sie konnte aber nicht leſen. Dann griff ſie zu einer Arbeit und legte ſie wieder weg. Dann ging ſie an ein Fenſter, aber nicht an das, wo ſie das Tuch gelaſſen. Sie ſchaute hinaus in die Nacht. Dann ging ſie unruhig im Zimmer auf und ab. Dann ſchlich ſie hinaus auf den Corridor an dem Zimmer ihrer Mutter und dem des Doctors vorbei und horchte, um zu ſe⸗ hen, ob Alles ruhig ſey. Während ſie fort war, öffnete Jo⸗ * 68 ſephine ihre Thür, zog ſich aber, als ſie Laura nicht ſah, wie⸗ der zurück. Laura trat leiſe wieder ein, ſetzte ſich nieder und ſtützte den Kopf in die Hand, und nahm eine ruhige Haltung an, die durch ihr unſtät blickendes Auge und das raſche Pochen der andern Hand auf den Tiſche Lügen geſtraft ward. Es dauerte nicht lange, ſo richtete ſie den Kopf raſch empor. Ein Geräuſch hatte ihr Ohr berührt, ein ſo leiſes Geräuſch, daß nur ein im höchſten Grade geſpanntes Ohr es erhaſchen konnte. Es war, als wenn eine Maus ein ganz klein wenig an einer ſteinernen Wand kratzte. Laura huſtete ein wenig. Hierauf ließ ſich ein deutlicheres Geräuſch vernehmen, wie wenn ein Menſch mit dem Fingernagel auf Holz kratzte. Laura eilte an die eine Wand des Zimmers, drückte daran, und legte gleichzeitig die andere Hand an den Rand eines Ge⸗ täfels und ſchob es ſeitwärts zurück. Es wich, und an der Oeffnung ſtand Jacintha mit Hut und Mantel. »Da,« ſagte Jacintha,„unter meinem Mantel— ſchauen Sie!« »Ah!— Haſt Du die Sachen auf der Treppe ge⸗ funden?* „Ja, ich wäre beinahe darüber hinweggefallen.— Ha⸗ ben Sie dort die Thür verſchloſſen, Fräulein Laura?« „Nein, aber ich werde es thun.« Und Laura eilte nach der Thür und verſchloß ſie. Dann zog ſie den Schirm zwiſchen Joſephinens Zimmer und das geöffnete Getäfel, und dann war ſie mit Jacintha auf der anderen Seite des Schirmes ganz wunderbar geſchäf⸗ tig. Es dauerte aber nicht lange, ſo ſagte Laura: »Das iſt unklug. Du mußt hinunter gehen an den Fuß der Treppe, und warten bis ich Dich rufe.« 69 Jacintha wehrte ſich gegen dieſe Anordnung. »Wer ſollte wohl zu dieſer Stunde hierher kommen?* rief ſie. »Gleichviel! ich will von allen Seiten bewacht ſeyn.« »Darf ich denn nicht bleiben, und Sie wenigſtens ein⸗ mal glücklich ſehen?« rief ſie. »Nein, meine arme Jacintha, Du mußt es von meinen Lippen hören.* Jaecintha entfernte ſich, um befohlenermaßen Wache zu halten. Laura ging in Joſephinens Zimmer und ſchlug ihren Arm um ihren Hals und küßte ſie heftig. Joſephine erwiederte ihre Umarmung, hielt ſie dann ein wenig von ſich ab und ſah ſie an. »Deine Augen ſind roth und dennoch ſtrahlt dein Ge⸗ ſicht vor Freude. Du lächelſt ſogar.« „Ich habe meine Gründe.« »Das freut mich— kommſt Du nun zu Bett?« »Noch nicht, ich lade Dich vielmehr ein, erſt einen klei⸗ nen Spazirgang mit mir zu machen. Komm'ls und ſie ging langſam voran, indem ſie mit ſchelmiſch zärtlichem Blicke zu⸗ rückſchaute. »Du erſchreckſt mich faſt,« ſagte Joſephine.»Es iſt gar nicht deine Art, ſo heiter zu ſeyn, wenn ich traurig bin. Noch drei ganze Wochen!« »Das iſt es eben! Warum biſt Du traurig? Weil der Doctor Dich nicht nach Frejus laſſen wollte. Und warum bin ich nicht traurig? Weil ich mich ſchon auf ein Mittel beſon⸗ nen hatte, Dir deinen Eduard zu zeigen, ohne daß Du ſo weit zu gehen brauchteſt.« »O Laura! o Laura! o Laura!“ »Hierher— komm!l“ 7⁰ Und ſie lächelte und winkte mit dem Finger, während Joſephine wie bezaubert folgte, und ihr Buſen ſich hob, und ihr Auge nach allen Seiten blickte, und ſie auf eine ſeltſame Freude hoffte und doch kaum zu hoffen wagte. Laura zog den Schirm zurück und da ſtand eine kleine Wiege, in welcher einſt Joſephine ſelbſt geruht, und in der Wiege, tief in ſchneeweißen Battiſt hineingeſunken, lag ein ſchlafendes Kind, wie eine Roſe auf friſchgefallenem Schnee. Bei dieſem Anblicke ſtieß Joſephine einen Schrei aus, der nicht laut, aber tief war, einen Schrei, welcher dem Auge des Hörers Thränen auspreßt, und ſie ſtand vom Kopf bis zum Fuße zitternd da, und faltete die Hände, und heftete ihre Blicke unverwandt auf die Wiege. „Mein Kind unter dieſem Dache! Was haſt Du gethan?« rief ſie, aber chr Auge wich, wie durch Zauberei gefeſſelt, nicht von der Wiege. »Ich ſah Dich aus Sehnſucht darnach ſchmachten und ſterben.« „O, wenn nun Jemand käme?« Aber ihr Auge wich auch nicht um einen Zoll von der Wiege. „Nein! nein!« rief Laura.„Die Thür iſt verſchloſſen; unten wacht Jacintha. Es iſt keine Gefahr— Ach, endlich! arme Frau!« Dann während Laura noch ſprach, warf ſich die junge Mutter ſchweigend über ihr Kind her. Man hätte glauben mögen, ſie wolle es tödten. Ihr Kopf hob ſich wiederholt em⸗ por, wie der einer Schlange, und immer und immer wieder warf ſie ſich auf das Kind nieder, und küßte ſeinen kleinen Körper vom Kopf bis zum Fuße mit ſanfter Gewalt und mur⸗ melte durch ihre hervorbrechenden Thränen: 71 „Mein Kind! Mein Liebling! Mein Engel! O mein armer Knabe! Mein Kind! Mein Kind!“ * 3 Ich bitte meine Leſerinnen jedes Standes, ihren Brü⸗ dern und Gatten Alles zu erzählen, was die junge Mutter that, wie ſie auf der Diele ſaß und ihr Kind an die Bruſt legte; wie ſie durch ihre Thränen hindurch über ihm lächelte; wie ſie, die ſonſt ſo Ernſte, mit ihm lallte und ſchwatzte und wie dadurch neues Leben in ihr Herz ſtrömte. Ehe ſie noch den Knaben fünf Minuten lang in ihren Armen hatte, war ihre bleiche Wange ſo roth wie eine Roſe und ihre Augen funkelten heller als Diamanten. „Gott ſegne Dich, Laura, Gott ſegne Dich! In einem einzigen Augenblicke haſt Du mich Alles vergeſſen machen, was ich in meinem Leben erduldet.— Es zieht!« rief ſie mit mütterlicher Beſorgniß;„ſchieb das Wandgetäfel wieder zu, Laura.* „Nein, das kann ich nicht thun, liebe Schweſter, weil ich dann weder Jacinthen, noch dieſe mir zurufen könnte. Wohl aber will ich den Schirm ein wenig anders rücken, ſo daß der Luftzug nicht auf das Kind fällt. Na, nun gib es einmal ſeiner Tante!« Und nun ſetzte Laura ſich ebenfalls auf die Diele und Joſephine gab ihr den Knaben auf den Schooß und ſah ſich ihn von ferne an. Aber eine ſo ungeheuer weite Trennung konnte ſie nicht lange ertragen. Sie mußte ihn wieder an ihre Bruſt drücken. 72 »Er wird erwachen! Sieh nur, ſieh! Er beginnt ſchon ſeine lieblichen Aeuglein zu öffnen.« »Aber das darf er nicht, liebe Schweſter,« ſagte Laura. »Leg ihn wieder in die Wiege— raſch.« Dies geſchah jedoch nicht auf ſehr geſchickte Weiſe und der junge Herr erwachte und begann ziemlich laut zu ſchreien. Laura ſetzte die Wiege raſch in Bewegung. »Sing, Joſephine,« ſagte ſie, und begann ein altmo⸗ diſches bretagniſches Wiegenlied. Joſephine ſang mit ihr und ſah mit Wonne zu, wie ihr Knabe in Folge der ſanften Bewegung und des beſchwichti⸗ genden Geſanges allmälig wieder einſchlief. Sie ſangen und wiegten, bis die Augenlider ſich herabſenkten und die großen blauen Augen verdeckten. Aber immer noch ſangen ſie und wiegten und erfreuten dadurch ihre eigenen Herzen, denn das altmodiſche bretagniſche Wiegenlied war ein höchſt melodiſches, und die Worte ſo einfach und mütterlich, daß eine ganze Na⸗ tion ſie in ihr Gedächtniß geſchloſſen hatte. Solche Lieder knü⸗ pfen Jahrhunderte aneinander und machen Hohe und Riedere verwandt durch die gewaltigen Bande der Muſik und des Herzens. * Während die Schweſtern ſo neben der Wiege eine auf jeder Seite knieten und ſie hin⸗ und herbewegten und dieſes alte Lied ſangen, richtete Joſephine, die dem Schirme gegen⸗ über kniete, zufällig die Augen empor und ſah eine ſeltſame Erſcheinung. Es war das Geſicht eines Mannes, welches dicht am Rande des Schirmes aus dem Dunkel hervorlugte. 73 Der Schein ihres Lichtes fiel voll auf dieſes Geſicht, welches bleich und mit großen verwunderten Augen ſie an⸗ ſchaute. O Entſetzen! es war das Antlitz ihres Gatten! Anfangs war ſie ganz betäubt und ſah es mit erſtarrten Sinnen. Dann begann ſie zu zittern und legte ihre Hand an die Augen, denn ſie hielt es für ein Phantom oder eine Täu⸗ ſchung der Phantaſie. Nein, es ſchaute noch immer auf ſie her. Dann zitterte ſie heftig und ſtreckte ihre linke Hand,wäh⸗ rend ihre Finger ſich krampfhaft bewegten, gegen Laura aus, die immer noch ſang. Beinahe aber in demſelben Augenblick öffnete ſich der Mund dieſes Geſichts plötzlich zu einem tiefen Athemzuge. Joſephine ſtieß einen heftigen Schrei aus und ſprang auf ihre Füße, während ſie mit ihrer zitternden Hand nach dem bleichen, aus der Finſterniß hervorſchauenden Geſichte zeigte. Laura ſprang auf, drehte den Kopf herum und ſah Ray⸗ nal's düſteres Geſicht über ihre Schultern blicken. Sie ſtürzte kreiſchend auf die Knie nieder und begann wie von Sinnen in unzuſammenhängenden kläglichen Worten um Gnade und Er⸗ barmen zu bitten. Joſephine ſtieß noch einen Schrei aus, dieſer aber war der ſchwache Ruf der Natur, welche der Gewalt des Spre⸗ chens erlag. Sie ſank in Ohnmacht und fiel beſinnungslos auf Fußboden, ehe Raynal ſich des Schirmes entledigen und zu ihr gelangen konnte. Dies war alſo die Scene, welche ſich Eduards Augen darbot Seine Geliebte lag weiß wie ein Geſpenſt. zitternd und mehr kreiſchend als weinend auf den Knien. Und Rahnal ſtand neben ſeinem auf der Diele ausgeſtreckten Weibe und 74 verrieth durch das Zucken ſeiner eiſernen Züge, daß er zwei⸗ felte, ob ſie würdig ſey, von ihm aufgehoben zu werden. Man hätte glauben ſollen, das Furchtbare dieſes Auf⸗ tritts könne durch nichts mehr geſteigert werden. Und dennoch ward es geſteigert. Die Baronin läutete in dem Zimmer un⸗ ten heftig ihre Handklingel. Sie hatte Joſephinens Gekreiſch und Fall gehört. „O, ſie auch!s rief Laura und rutſchte auf ihren Knien bis zu Rahnal und umſchlang ſeine Knie und flehte ihn um Erbarmen und Mitleid. „O, bringen Sie uns um! Wir haben es verdient.« „Klinglinglinglingling!« läutete die Klingel der Baronin. „Aber ſagen Sie es unſerer Mutter nicht! O, wenn Sie ein Mann ſind, ſo ſagen Sie es ihr nicht! Erbarmen Sie ſich unſer! Wir ſind ſchwache Frauen. Gnade! Gnade! Gnade!“ „Nun ſo reden Sie doch,s ſtöhnte Raynal,„was hat das alles zu bedeuten? „Wie? was?« ſtammelte Laura. „Warum iſt mein Weib bei meinem Anblick in Ohnmacht geſunken? Wem gehört dieſes Kind?“ „Wem?« ſtammelte Laura. Als er dies ſagte, hatte ſie noch gar nicht daran gedacht, daß Jemand zweifeln könne, wem das Kind gehöre. Klinglinglinglingling! „O, mein Gottl« rief das arme Mädchen und ihre Augen ſchauten nach allen Richtungen hin, wie die eines ge⸗ hetzten Thieres, welches ſich nach einer, wenn auch noch ſo kleinen Oeffnung umſchaut, die ihm das Entrinnen möglich macht. Eduard, der ihr Zögern und Schwanken ſah, näherte ſich ihr von der andern Seite. — 75 „Wem gehört dieſes Kind, Laura?« fragte er in ſtren⸗ gem Tone. „Auch Du! Warum wurden wir geboren! O, Gnade! Erbarmen! Laßt mich zu meiner Schweſter!« Klinglinglinglingling! Die Männer wurden durch Laura's Zögern zur Wuth gereizt. Sie faßten ſie Jeder bei einem Arm und riſſen ſie, während ſie vor Angſt über dieſe Gewaltthätigkeit kreiſchte, mit einem einzigen Ruck auf ihre Füße empor. „Du thuſt mir wehe!« ſagte ſie bitterlich zu Eduard, und hörte auf zu weinen und ward mit einem Male furchtbar ruhig und verſtockt. „Wem gehört dieſes Kind?« ſchrien Eduard und Rahynal wüthend und wie aus einem Munde—»wem gehört dieſes Kind?s „Es iſt mein!* Dies waren keine Worte— es waren elektriſche Schläge. Die beiden Hände, welche Laura's Arme gepackt hielten, wur⸗ den plötzlich wie gelähmt und ließen ſie los, und es trat Schweigen ein. Und nun erſt begann der Gedanke an Alles, was ſiemit dieſen drei Worten gethan, in ihr aufzuſteigen und ſich empor⸗ zuthürmen und wie eine ungeheure Waſſerflut über ſie hinabzu⸗ ſchlagen. Und ſo ſtand ſie da, die Augen, die vor Entſetzen im⸗ mer größer wurden, abwärts und doch nach innen gewendet. Schweigen. S Und nun legte ſich ein Nebel über ihre Augen und in demſelben ſah ſie undeutlich die Geſtalt Raynal's, welcher auf ſeine Gattin zueilte und ihren Kopf emporrichtete. Nach der andern Seite herum wagte ſie nicht zu blicken. 76 Sie hörte Füße auf dem Boden taumeln. Sie hörte auch ein Stöhnen, aber nicht ein Wort. Entſetzliches Schweigen! Mit bis zum Wahnſinn angeſpannten Nerven und lau⸗ ſchendem Ohr wartete ſie auf einen Vorwurf— einen Fluch! Eins von beiden wäre eine gewiſſe Erleichterung geweſen. Aber nein! Nur weit entſetzlicheres Schweigen herrſchte. Dann wankte ein Tritt über das Zimmer. Ihre Seele war in ihrem Ohr. Sie konnte den Tritt wanken hören und er erſchütterte ſie, während er ſich entfernte. Jeder Laut ſchlug dreimal ſo ſtark als ſonſt an ihr Ohr. Dann berührte der Tritt die ſteinerne Stufe der Treppe, nicht wie ein Tritt, ſon⸗ dern wie ein lautes zermalmendes Grabgeläute— noch eine Stufe, dann noch eine und noch eine— bis hinunter. Jeder einzelne langſame Tritt dröhnte in ihrem Gehirn wieder und* erkältete ihr das Herz zu Eis. Endlich hörte ſie nichts weiter. Ein Gekreiſch der Angſt und des Zurückrufens ſtieg auf ihre Lippen. Sie kämpfte es nieder— um Joſephinens und Rahnal's willen. Eduard war fort. Sie hatte nun nur noch ihre Schwe⸗ ſter— die Schweſter, welche ſie mehr liebte, als ſich ſelbſt, die Schweſter, für deren Leben und Ehre ſie in dieſem Augen⸗ blick ihre eigene und Alles geopfert, wofür ein Weib lebt. Sie wendete ſich mit einem wilden Schrei der Liebe und des Mitleids nach dieſer Schweſter, um ihr beizuſtehen, aber als ſie neben ihr niederknie e, ſtreckte ſich plötzlich ein eiſerner Arm zwiſchen die Geliebte und ſie. „Dies iſt meine Sorge!l« ſagte Raynal kalt. Es war unmöglich, ſein Benehmen falſch zu deuten. Die Gefallene ſollte ſein Weib nicht berühren. 77 Sie ſah ihn ſcheu und erſtaunt über ſeine Undank⸗ barkeit an. „Es iſt gut,« ſagte ſie.»Es iſt gerecht. Ich verdiene dies von Ihnen.* Weiter ſagte ſie nichts, ſondern ſank langſam neben der Wiege nieder und verbarg ihre Stirn in den Betten neben dem Kinde, welches all dieſen Jammer veranlaßt, und ſchluchzte bitterlich. Der ehrliche Raynal begann wider Willen Mitleid mit ihr zu faſſen. Aber es war jetzt keine Zeit dazu. Joſephine bewegte ſich und in demſelben Augenblicke ließ ſich ein heftiges Pochen an der Thür des Zimmers und die Stimme der neuen Dienerin hören, welche rief: „O, meine jungen Damen, um's Himmels willen, was geht denn bei Ihnen vor? Die Baronin hörte einen Fall— ſie ſteht auf— ſie will heraufkommen. Was ſoll ich ihr denn ſagen? Was iſt denn paſſirt?«* Raynal wollte antworten, Laura aber, die bei dem Po⸗ chen aufgeſprungen war, hielt ihm ſofort die Hand vor den Mund. Sie eilte nach der Thür. „Es iſt gar nichts vorgefallen. Sage meiner Mutter, ich würde ſogleich zu ihr hinunterkommen.« Dann eilte ſie zurück zu Raynal in einer Aufregung, die an Wahnſinn grenzte. „Helfen Sie mir ſie in ihr Zimmer bringen,« rief ſie gebieteriſch. Raynal gehorchte mechaniſch, denn Laura ſprach wie ein General, der im Angeſicht des Feindes das Commando⸗ wort gibt. „Nun bringen Sie es hinweg— nehmen Sie dies— raſch, Mann, raſch!« Rahnal ging nach der Wiege. „Ach,« ſagte er, während er ſie in ſeine Arme aufhob, „das iſt ſehr ſchlimm, daß Sie Ihr eigenes Kind vor Ihrer eigenen Mutter verbergen müſſen.« „Oberſt Raynal,« ſagte Laura,„beleidigen Sie nicht eine arme Verzweifelnde— das iſt feig!“ „Ich ſchweigels ſagte Raynal ernſt,„was iſt zu thun?* „Tragen Sie es zur Treppe hinunter und geben Sie es Jaeintha. Warten Sie, hier iſt ein Licht. Ich will gehen und meiner Mutter ſagen, daß Sie gekommen ſind, und, Oberſt Rahnal, Ihnen habe ich nie etwas zu Leide gethanl! Wenn Sie meiner Mutter verrathen, was Sie geſehen haben, ſo durchbohren Sie ihr und mir das Herz und der Fluch eines feigen Verräthers treffe Sie dann— der Fluch!“ „Genug,s rief Rahnal wild.„Halten Sie mich für ein plauderſüchtiges Mädchen? Ich liebe Ihre Mutter mehr, als Sie ſie lieben, ſonſt wäre dies da nicht hier. Ich werde ihr graues Haar nicht mit Kummer in die Grube bringen. Ich werde über dieſe Schurkerei nur mit einem Menſchen ſprechen, aber nicht mit der müßigen Zunge, ſondern hiermit.« Und er ſchlug mit einem düſteren furchtbar bedeutſamen Blicke an ſeinen Säbel. Er trug die Wiege hinaus. Das Kind ſchlief während des ganzen Auftritts ruhig und feſt. Laura eilte in Joſephinens Zimmer, zog den Schlüſſel von innen ab, ſteckte ihn außen an, verſchloß die Thür, ſteckte den Schlüſſel dann in ihre Taſche und eilte hinunter in das 79 Zimmer ihrer Mutter, während ihre Knie unter ihr zu bre⸗ chen drohten. ** * Die ruhig ſchlafende Jacintha fühlte ſich plötzlich an der Kehle gepackt und hörte eine laute Stimme an ihr Ohr ſchla⸗ gen. Dann ward ſie in die Höhe gehoben, herumgedreht und follen gelaſſen. Sie lag nun am Fuße der Treppe im hellen Mondſchein, ihr Kopf da, wo früher ihre Füße geweſen wa⸗ ren, und ihr Licht war verlöſcht. Sie ſtieß einen Schrei nach dem andern aus und war ſo erſchrocken, daß ſie das Aufſtehen vergaß. Sie glaubte es ginge nicht mit rechten Dingen zu und irgend ein alter Ritter von Beaurepaire habe ſie auf dieſe Weiſe tractirt, weil ſie auf ihrem Poſten geſchlafen. Es fand ein Kampf ſtatt zwiſchen ihrer Treue und ihrer abergläubiſchen Furcht. Die Treue behielt die Oberhand. An allen Gliedern zitternd, taſtete ſie die Treppe hinauf nach ihrem Licht. Es war weg. Nun bemächtigte ſich ihrer eine noch weit größere Furcht. „Wie wenn dies nun nicht das Werk eines Geſpenſtes geweſen war, ſondern das eines menſchlichen Armes— eines ſtarken— eines Mannes.* Ihr erſter Impuls war, die Treppe hinaufzueilen und ſich zu überzeugen, daß durch ihre unzeitige Schläfrigkeit kein Unglück herbeigeführt worden. Als ſie es aber verſuchte, erwachte wieder ihre Furcht vor dem Uebernatürlichen. Ohne Licht konnte ſie ſich nicht auf die Treppe wagen, auf welcher es vielleicht von erzürnten 80 Geiſtern wimmelte. Sie eilte daher in die Küche, ſuchte das Feuerzeug und ſchlug mit zitternden Händen Licht an. Mit dieſem kam ſie, die Hand davorhaltend, zurück, empfahl ihre Seele der Barmherzigkeit des Himmels und ſchlich zitternd die Treppe hinauf. Dann hörte ſie Stimmen oben und dies machte ihr wieder Muth, ſie ſtieg nun mit ſichererem Tritt weiter hinauf. Plötzlich blieb ſie ſtehen, denn ein ſchwerer Tritt kam die Treppe herunter. Er klang nicht wie der eines weiblichen Weſens. Er kam immer weiter herab— ſie drehte ſich um und wollte die Flucht ergreifen. „Jacintha! rief eine tiefe Stimme, welche in dieſem ſteinernen Cylinder klang wie Donner aus einem Grabe. „O ſchützt mich, Ihr Heiligen des Himmelsl« ſchrie Jacintha und fiel auf die Knie nieder und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen, während ihr Leuchter klirrend auf den Stein niederfiel. „Na, ſey keine Närrin,« rief die eiſerne Stimme über ihrem Kopfe.„Steh auf und nimm das da.“ Allmälig richtete ſie ſchaudernd den Kopf empor. Ein Mann hielt ihr ein Licht entgegen und dieſes Licht beleuchtete ſein Geſicht. „Oberſt Raynal!« „Nun, was knieſt Du denn da und gaffſt mich an? Nimm das da, ſage ich Dir, und ſchaff' es aus dem Hauſe.“ Damit drehte er ſich auf dem Abſatz herum, ohne weiter ein Wort hinzuzufügen. Jacintha ſank mit der Wiege auf der Treppe zuſammen. Alle Kraft war aus ihrem Körper entſchwunden. Sie konnte kaum ihr eigenes Gewicht ertragen, weit weniger die Wiege. „O, was iſt das, was iſt das?« ſtöhnte ſie. Kalter Schweiß brach an ihrem ganzen Körper hervor. 81 »„O was ſoll das bedeuten? Was iſt geſchehen?« Sie hob das Licht auf, welches brennend und ſprudelnd auf der Treppe lag, kratzte den Talg mit der Lichtputze zu⸗ ſammen und verſuchte den Leuchter mit einem Stück Papier, welcher zwiſchen ihren Fingern zitterte, rein zu putzen. Dann nahm ſie das Kind aus der Wiege, wickelte es ſorgfältig in ihr Umſchlagtuch ein, ging dann langſam die Treppe hinunter, drückte es feſt an ihre Bruſt mit funkelndem Auge und verworrenem Hirn und einem Herzen wie Blei. So ſtahl ſie ſich hinweg aus dem einſamen Häuschen, in welchem Frau Jouvenel ſie erwartete. Laura fand ihre Mutter bleich und aufgeregt. »Was gibt es? was geht da oben vor?« „Liebe Mutter, es hat ſich etwas ereignet, was dein Herz erfreuen wird. Es iſt Jemand heimgekehrt.« »Mein Sohn? O nein, das iſt unmöglich! So glücklich können wir nicht ſeyn.« »Er wird gleich bei Dir ſehn.« Die alte Dame zitterte nun vor freudiger Aufregung. »In fünf Minuten will ich ihn zu Dir bringen. Wirſt Du bis dahin angekleidet ſeyn? Ich will das Mädchen rufen, daß ſie Dir helfe.« »Aber, Laura, der Schrei und jener furchtbare Fall! Wo iſt denn Joſephine?« »Kannſt Du das nicht errathen, Mama? O, der Fall war der Fall des Schirmes, und ſie ſtolperten im Finſtern darüber.« »Sie? Wer denn?« »Oberſt Raynal und— Eduard. Ich will Dir es ſa⸗ gen, Mama, aber ſey nicht böſe und erwähne es auch ni lieben will. IV. 6 wieder. Sie wollten uns äberraſchen. Sie ſahen ein Licht brennen und ſchlichen ſich auf den Zehen nach dem tapezirten gimmer hinauf, wo Joſephine und ich waren, und bereiteten uns keinen kleinen Schrecken.“ „Welch ein Wahnſinn!“ rief die Baronin zornig,„und in Joſephinens ſchwachem Zuſtande! Eine ſolche Ueberraſchung hätte ihr ja die heftigſten Krämpfe zuziehen können!“ „Ja, es war thöricht, aber laß es gut ſeyn, Mama. Sprich nicht davon. Es thut ihm ſchon leid.* Laura ſchlüpfte hinaus, ließ Feuer in dem Salon, aber nicht in dem tapezirten Zimmer anzünden, und war eine Mi⸗ nute ſpäter an der Thür ihrer Schweſter. Hier fand ſie Rahnal, welcher anpochte und Joſephinen fragte, wie ſie ſich befände. „Ich bitte Sie, laſſen Sie ſie einen Augenblick allein,« ſagte Laura.„Ich werde ſie zu Ihnen hinunterbringen. Mama erwartet Sie in dem Salon.* Rahynal ging hinunter. Laura ſchloß die Thür des Schlafzimmers auf, ging hinein und fand zu ihrem Entſetzen Joſephinen auf der Diele liegen. Sie ſprengte ihr Waſſer ins Geſicht und wendete jedes mögliche Mittel an. Endlich erwachte Joſephine wieder zum Leben und zu ſeinen Schreckniſſen. „Rette mich, Laura! Rette mich— er kommt, um mich umzubringen. Ich hörte ihn an der Thür« Und ſie klam⸗ merte ſich zitternd an Laura. Und Laura ſah ihre Angſt und war nun froh über die ſelbſtmörderiſche Unwahrheit, welche ſie geſagt. Sie tröſtete und ermuthigte Joſephinen, das heißt, ſie— täuſchte ſiet „Er iſt Alles gut, meine arme Furchtſame,« rief ſie. „Deine Befürchtungen ſind ohne Grund. Eine Andere hat das Kind als das ihre anerkannt und die Geſchichte wird geglaubt.* „½ „Eine Andere? unmöglich! Er würde es nicht glauben.* „Er glaubt es aber— er wird es glauben.* Und Laura, welche ſich keineswegs überzeugt fühlte, daß Joſephine trotz ihrer Angſt ſich dazu verſtehen würde, daß ihre Schweſter, um ſie zu decken, die Schande auf ſich nähme, erzählte ihr keck, Jacintha habe ſich als Mutter des Kindes bekannt und Raynal's einziges Gefühl gegen ſie, Joſephinen, ſey Mitleid und Bedauern, daß er ſie in ihren ſchwachen Geſundheitsumſtänden auf ſo thörichte Weiſe erſchreckte. „Ich ſagte ihm. Du wäreſt krank geweſen, liebe Schwe⸗ ſter; aber wie kam es, daß Du auf dem Boden lagſt?“ „Laura, ich war wieder zu mir gekommen. Ich lag auf den Knien und betete. Er pochte an. Ich hörte ſeine Stimme. Weiter weiß ich nichts mehr. Ich muß ſofort wieder in Ohn⸗ macht geſunken ſehn.* Laura koſtete es viel Mühe. ihr glauben zu machen, daß ihr Verbrechen, wie ſie es nannte, nicht entdeckt worden ſeh und ſelbſt dann konnte ſie ſie nicht bewegen, mit hinunterzu⸗ kommen, bis ſie endlich ſagte: „Wenn Du nicht mit herunterkommſt, ſo kommt er wie⸗ der zu Dir herauf.« Nun willigte Joſephine ſofort ein und begann mit zit⸗ ternden Händen ihr Haar und ihre Kleidung in Ordnung zu bringen. Während dieſer ganzen furchtbaren Nacht kämpfte Laura für ihre Schweſter. Sie führte ſie hinunter in den Salon. Sie ſetzte ſie auf das Sopha. Sie nahm neben ihr Platz und drückte ihr fortwährend die Hand, um ihr Muth zu machen. Sie erzählte die Geſchichte von der Ueberraſchung nach ihrer eigenen Weiſe vor der ganzen Geſellſchaft mit Eiſchluß des Doctors, damit Raynal nicht aufgefordert würde, ſie nach * 84 ſeiner Weiſe zu erzählen. Sie lachte über Joſephinens Angſt und Aufregung, entſchuldigte ſie aber auf Grund ihrer ſchwächlichen Geſundheit und ſtreute mit einem Worte Allen zuſammen mehr oder weniger Sand in die Augen. Als aber die aufgehende Sonne allmälig die noch wa⸗ chende Geſellſchaft beleuchtete, in welcher die Betrogenen glück⸗ lich und die Betrieger unglücklich waren, da war die überna⸗ türliche Kraft, welche dieſes junge Mädchen entwickelt, bei⸗ nahe erſchöpft. Sie fühlte einen krampfhaften Drang, zu krei⸗ ſchen und zu weinen, der mit jeder Minute heftiger ward. Plötzlich aber trat eine unerwartete Wendung ein. Ray⸗ nal ſah nach einer langen und langweiligen Unterredung mit ſeiner Mutter, wie er ſie nannte, nach ſeiner Uhr, und ver⸗ kündete nach ſeiner charakteriſtiſchen Art und Weiſe kaltblütig ſeine ſofortige Wiederabreiſe. Es war dies die erſte Andeu⸗ tung, die er ihnen gab, daß er nicht auf längere Zeit zurück⸗ gekommen ſeh. Die Baronin war wie vom Donner gerührt. Laura und Joſephine drückten einander die Hand und mußten an ſich halten, um nicht einen lauten Freudenſchrei auszuſtoßen. Raynal ſetzte die Sache auseinander. Er hatte blos ſechs Tage Zeit, um ſeine Depeſchen an den Rhein zu bringen. Er hatte berechnet, daß er es von Paris aus in vier Tagen thun könne. „Somit ſtahl ich einen Tag, um Sie und meine Frau zu ſehen. Nun aber muß ich wieder fort— ich habe keine Stunde zu verlieren. Aengſtigen Sie ſich nicht, Mutter, ich werde bald wieder da ſeyn, wenn man mir nemlich nicht auf dem Schlachtfelde den Garaus macht.« Raynal nahm jovialen Abſchied von Allen. Als Laura 85 an die Reihe kam, führte er ſie ein wenig auf die Seite und flüſterte ihr ins Ohr: »Wer iſt der Mann?« Sie ſchrak zuſammen. „Niemand, den Sie kennen,« flüſterte ſie endlich. „Sagen Sie mir's oder ich frage meine Frau.« »Sie hat verſprochen, mich nicht zu verrathen. Ich ließ ſie es beſchwören. Schonen Sie mich jetzt, Schwager. Wenn Sie wiederkommen, will ich Ihnen Alles erzählen.« »Gut, damit bin ich einverſtanden, aber auch ich ſchwöre, er ſoll ſie heirathen oder von meiner Hand ſterben.« Und er beſtärkte ſeine Worte durch einen furchtba⸗ ren Eid. Laura ſchauderte, ſagte aber nichts, ſondern dachte blos bei ſich ſelbſt: »Nun bin ich gewarnt. Niemals ſollſt Du erfahren, wer der Vater dieſes Kindes iſt.« Er war fort. »Was hatte er denn ſo angelegentlich mit Dir zu ſpre⸗ chen, Laura?s fragte die Baronin.»Deine arme Mutter iſt eiferſüchtig.« »Er ſagte mir blos,« entgegnete Laura,„was ich thun ſollte, um deinen und Joſephinens Muth aufrecht zu erhalten, bis er wiederkommt, um bei uns zu bleiben.« »Ach, gebe der Himmel, daß dies recht bald geſchehe!« ſeufzte die Baronin. Dies war die letzte Lüge, welche die in ihren eigenen Netzen Umgarnte an dieſem Morgen zu ſagen hatte. Eine Mi⸗ nute ſpäter gingen die Schweſtern von ihrem furchtbaren Kampfe erſchöpft mit wankenden Schritten und niedergeſchla⸗ genen Augen den Corridor entlang und die Treppe hinauf 86 nach Joſephinens Zimmer. Sie gingen Hand in Hand. An⸗ gekleidet wie ſie waren ſanken ſie auf Joſephinens Bett und klammerten ſich aneinander und zitterten, bis ihre erſchöpfte Natur in einen unruhigen Schlummer ſank, aus welchem bald die Eine bald die Andere krampfhaft zuckend erwachte und dann die Schweſter noch feſter an ihre Bruſt ſchloß. Ihre Liebe war eine wunderbare. Selbſt eine Reihe von Täuſchungen hatte nicht vermocht, ihre ſchweſterlichen Herzen zu trennen oder zu erkälten. Aber ſelbſt in dieſer tiefen und wunderbaren Liebe gab es Abſtufungen. Die Eine ging einen Grad tiefer als die Andere— ja, ſeit der letzten Nacht. Und welche? Nun die, welche ſich für die Andere geopfert und ihr nichts davon zu ſagen wagte— aus Furcht, daß das Opfer zurückgewieſen werden könne. * Der Morgen war grau und neblig, als Raynal, nach⸗ dem er Abſchied genommen, nach dem Stalle ging, um ſein Pferd zu holen. An der Stallthür ſtieß er auf einen Mann, der zuſammengekauert auf dem Pflaſter des Hofes ſaß und den Kopf auf ſeinen Knien ruhen ließ. Dieſe Geſtalt hob den Kopf empor und zeigte ihm das Geſicht Eduard Riviére's. Er war todtenbleich. Sein Haar hing, von dem naſſen Nebel be⸗ feuchtet, glatt herab und ſeine Zähne klapperten vor Kälte und Jammer. Der arme Unglückliche war die ganze Nacht wie wahnſinnig um das Schloß herumgeirrt und hatte gewar⸗ tet, bis Rahnal herauskommen würde. Er ſagte ihm das. »Aber warum kamen Sie nicht hinein? Doch, ich ver⸗ ſtehe. Nein, nach dieſem Auftritt konnten Sie nicht wieder in das Haus kommen. Sehen Sie ein Mann! Es bleibt Ihnen 87 nur noch Eißs zu thun übrig. Wenden Sie ihr den Rücken und rergeſſen Sie, daß ſie jemals gelebt hat. Sie iſttodt für Sie.* „Aber außerdem gibt es noch etwas zu thun,“ ſagte Eduard düſter. „Was denn?“ „Rache zu nehmen.* „Das iſt meine Sache, junger Mann. Wenn ich vom Rheine zurückkomme, wird ſie mir ſagen, wer ihr Verführer iſt. Sie hat es mir verſprochen.“ „Sie wird es Ihnen niemals ſagen. Sie iſt jung an Jahren, aber alt an Lüge und Verrath. Danken wir dem Himmel, daß wir ſie nicht brauchen. Ich kenne den Schurken.* „Ah! dann nennen Sie ihn mir dieſen Augenblick.« „Es iſt jener Schurke Dujardin.* „Dujardin? was meinen Sie?« „Ich meine, daß während Sie in Egypten für Frank⸗ reich fochten, Ihr Haus in ein Hoſpital für verwundete Sol⸗ daten verwandelt ward.« „Um ſo beſſer.“ „Dieſer Dujardin wohnte in Ihrem Hauſe, ward von Ihrem Weibe und der ganzen Familie gepflegt und hat nun zum Danke dafür Ihre Schwägerin, meine Verlobte, ver⸗ führt!« „Das kann ich nicht glauben! Camill Dujardin war ſtets ein Mann von Ehre und ein guter Soldat.« „Oberſt, es iſt kein Mann dieſem Hauſe zu nahe ge⸗ kommen, als dieſer Dujardin. Ich ſage Ihnen, er iſt es. Zwingen Sie mich nicht, mir mein blutendes Herz auszurei⸗ ßen. Soll ich Ihnen erzählen, wie oft ich ſie beiſammen er⸗ tappte, wie ich argwohnte und wie ſie mich verblendeten Tho⸗ 88 ren zu betriegen wußte, ſo daß ich den Worten eines Weibes mehr glaubte als meinen eigenen Augen? Die einzige Frage iſt, wer von uns Beiden ihn umbringen ſoll.« »Wo iſt er jetzt?« »Er iſt bei der Rheinarmee.« »Ha, um ſo beſſer!« »Bedeckt mit Ruhm und Ehre. Fluch über ihn! Fluch über ihn!« »Das trifft ſich ganz glücklich. Ich bin ja eben auf dem Wege nach dem Rhein.* »„Ich weiß es. Deshalb warteteich hier dieſe ganze jam⸗ mervolle Nacht hindurch. Ja, Sie ſind glücklich. Aber Sie werden mir eine Zeile ſchreiben, wenn Sie ihn umgebracht haben, nicht wahr? Dann werde ich wieder wiſſen, was Freude heißt. Sollte er Ihnen auch entrinnen, ſo ſoll er doch nicht mir entrinnen!« „Junger Mann,« ſagte Rahnal in ſtrengem Tone, „dieſe Wuth iſt unmännlich. Wir haben ia noch nicht gehört, wie er die Geſchichte erzählt. Er iſt ein guter Soldat. Viel⸗ leicht hat er gar keine Schuld, oder vielleicht hat die Leiden⸗ ſchaft ihn zu einem Verbrechen hingeriſſen, welches ſein Ge⸗ wiſſen und ſeine Ehre mißbilligen. Wenn dem ſo wäre, dann darf er nicht ſterben. Sie denken blos an die Ihnen wider⸗ fahrene Kränkung und das iſt ganz natürlich. Ich aber bin der Schwager des Mädchens— der Hüter ihrer Ehre und der meinigen. Sein Leben iſt koſtbar wie Gold. Ich werde ihn zwingen, ſie zu heirathen.« »„Was! Sie wollen ihn für ſeine Schurkerei noch beloh⸗ nen?s rief Eduard außer ſich. »Ich ſehe nicht, worin die gewaltige Belohnung liegtls entgegnete Rahnal mit ſpöttiſchem Lächeln. — 89 »Sie überſehen bei Ihrer Berechnung einen Umſtand,« rief Eduard vor Wuth zitternd,„den Umſtand, daß ich Ih⸗ ren Schwager am Altare vor den Augen der Ungetreuen er⸗ morden werde.« »Und Sie laſſen wiederum den Umſtand außer Acht, daß Sie ſich dann erſt vor dem Altare mit mir ſchlagen müſſen.* »So ſeh es. Ich werde nicht den Degen gegen meinen früheren Commandanten ziehen. Das könnte ich nicht. Aber verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich ihn eines Tages allein er⸗ tappen werde und die Braut ſoll noch in den Flitterwochen Witwe werden.« »Wie Ihnen beliebt,« ſagte Rahnal kaltblütig,„das iſt Alles in Ordnung. Ich werde ſie zu einem ehrlichen Weibe, und Sie werden ſie zu einer ehrlichen Witwe machen. Das nennen die Menſchen Liebe und verlachen mich, weil ich mich fern davon halte. Aber weder er noch Sie ſollen meine Schwä⸗ gerin das bleiben laſſen, was ſie jetzt iſt, nemlich eine—,« und er gebrauchte ein Wort aus dem Feldlager. Eduard zuckte zuſammen und ſtöhnte. »O nennen Sie ſie nicht bei einem ſolchen Namen! Es ſteckt hier ein Geheimniß dahinter. Einſt liebte ſie mich. Es muß hier eine ſeltſame Verführung ſtattgefunden haben.« »Warum?“ rief Raynal.„Ich habe nie ein Mädchen geſehen, welches ſeine Rolle ſo gut zu ſpielen verſtanden hätte. Sie hat in Bezug auf Charakter mit ihrer Schweſter durchaus keine Aehnlichkeit. Richt als ob ich den Mann entſchuldigen wollte. Es war eine unehrenhafte Handlung— eine uneh⸗ renhafte That an meinem Weibe und an meiner Mutter.« »Und an Ihnen.« „In vier Tagen werde ich vor ihm ſtehen. Ich werde mich nicht hintergehen laſſen wie Sie. Ich nehme die Sache 90 ernſt. Ich werde blos zu ihm jagen:»Dujardin, ich weiß Alles.« Wenn er ſchuldig iſt, ſo wird ſein Geſicht dies ſofort verrathen. Dann werde ich zu ihm ſagen:„Camerad, Sie müſſen die Perſon heirathen, welche Sie entehrt haben!« »Das wird er nicht. Er iſt ein Wüſtling— ein Schurke.« „Sie ſprechen von einem Mann, den Sie nicht kennen. Er wird ſie heirathen und ſein Unrecht gutmachen.« „Und wenn er ſich nun weigert?« „Warum ſollte er ſich weigern? Das Mädchen iſt ja weder häßlich noch alt und wenn ſie einen dummen Streich begangen hat, ſo hat er ja ſelbſt daran theilgenommen!« „Aber geſetzt, er weigerte ſich dennoch?« Rahnal knirſchte mit den Zähnen. „Nun dann renne ich ihm auf der Stelle meinen Säbel durch den Leib und das Mädchen muß in ein Kloſter.« VI. Die franzöſiſche Armee lag vor einer befeſtigten Stadt am Rhein, die wir Philippsburg nennen wollen. Dieſe Ar⸗ mee kannte Bonaparte blos dem Namen nach. Sie ward von Generalen aus der alten Schule commandirt. Philippsburg ward auf drei Seiten von der Beſchaffenheit des Terrains vertheidigt, auf der Seite aber, welche der franzöſiſchen Marſchlinie gegenüberlag, befand ſich blos eine zickzackförmige Mauer mit Schießſcharten und ein paar niedrigen Thürmen an den hervorſpringenden Winkeln. Es waren Beweiſe vorhanden, daß man noch ſpät dieſe Befeſtigungen zu verſtärken verſucht hatte. Ganz beſonders war 91 eine große runde Baſtion da, ungefähr dreimal ſo hoch als die Mauer. Das Mauerwerk war neu und ſogar die Schieß⸗ ſcharten waren noch nicht behauen. Das junge Blut wollte dieſe zweideutigen Befeſtigungen noch am Ende des Tagemarſches ſtürmen, welcher die fran⸗ zöſiſche Avantgarde in Angeſicht des Platzes brachte. Die alten Generale aber wollten davon nichts hören. Das Leben der Soldaten durfte nicht durch die Erſtürmung eines Platzes weggeworfen werden, der in einundzwanzig Tagen mit mathe⸗ matiſcher Gewißheit genommen werden konnte. Denn damals ward eine Belagerung als ein Prozeß mit ſicherem Ausgang betrachtet. Die einzige Frage war, in wie viel Tagen der Platz genommen werden könnte, und ſelbſt die Beantwortung dieſer Frage pflegte man bis auf ein oder zwei Tage auf dem Papier auszurechnen: So und ſo viel Fuß Mauer und ſo und ſo viele Kanonen auf der einen Seite, ſo und ſo viel Kanonen, ſo und ſo viel Leute und ſo und ſo viel Ellen Laufgräben auf der andern Seite— Facit eine Zahl, die von vierzehn bis vierzig variirte. Dieſe Zahl drückte die Dauer der Belagerung aus. Dennoch aber iſt die Belagerungsarithmetik, obſchon ſie im Allgemeinen richtig iſt, doch ſtets auf fürchterliche Weiſe durch einen einzigen kleinen Zwiſchenfall geſtört worden, der ſich dann und wann ereignet, nemlich durch ein geniales Ver⸗ theidigungsſyſtem. Die franzöſiſchen Generale ſetzten ſich vierzehnhundert Schritte weit von den Mauern entfernt nieder und entwarfen einen ſchulgerechten Plan zur Anlegung von Laufgräben, ver⸗ mittelſt deren man der dem Untergang geweihten Stadt im⸗ mer näher ſchleichen wollte. Die Preußen, welchen bei dem erſten Anblick der franzöſiſchen Tſchakos der Muth entſunken war, rafften ſich wieder zuſammen und verwandelten ſich— nicht blos die Garniſon, ſondern auch die Einwohner der Stadt — in Ingenieure und Maurer, ſo daß ihre Befeſtigungen faſt eben ſo ſtark wurden als die franzöſiſchen Laufgräben. Am erſten Tage der Belagerung ritt ein junger aber ausgezeichneter Brigadier der franzöſiſchen Armee nach dem Quartier des Generals Raimbaut, welcher ſeine Diviſion commandirte und ſein perſönlicher Freund war, und bat den General in ehrerbietigen aber feſten Worten, dem Comman⸗ danten vorſtellig zu machen, daß es rathſam ſeh, dieſe neue Baſtion zu ſtürmen, ehe ſie gefährlich würde. »Meine Brigade wird ſie in fünßzehn Minuten nehmen, General.« »Was? Die eine Hälfte Ihrer Brigade würde die Ba⸗ ſtion gar nicht erreichen.« „Aber die andere Hälfte würde ſie nehmen, General.« „Das iſt ſehr zweifelhaft.« »Und den nächſtfolgenden Tag würden Sie die Stadt haben.« General Raimbaut weigerte ſich, den Vorſchlag des jungen Oberſten nach dem Hauptquartier zu befördern. »Ich will Sie nicht der Gefahr ausſetzen, in einer und derſelben Angelegenheit zwei abſchlägige Antworten zu bekom⸗ men,« ſagte er freundlich. Der junge Oberſt verweilte noch und ſagte ehrerbietig: »Noch eine Frage, General. Wenn dieſe Baſtion erſt ihre Zähne bekommen hat, wird ſie dann leichter zu nehmen ſeyn, als jetzt?« „Ja wohl; es wird ſtets leichter ſeyn, ſie von der Sappe aus zu nehmen als unter ihrem offenen Feuer. Kommen Sie, Oberſt, in Ihre Laufgräben, und wenn Ihr Freund Zähne 93 bekommen ſollte, ſo werden Sie dafür bei Ihrem Angriff eine Batterie haben, die ihm die Zähne abſtumpft— ha, ha, hals Der junge Oberſt ſtimmte nicht in das Gelächter ſeines Vorgeſetzten ein, ſondern grüßte ihn ernſt und kehrte in die Laufgräben zurück. Am nächſten Morgen grinſten drei neue Reihen von Schießſcharten übereinander die Belagerer an. Die Belagerten waren die ganze Nacht wach und nicht müßig geweſen. In der Hälfte der Reihen zeigten ſich ſchwarze Mündungen. Die Baſtion hatte ihre Vorderzähne bekommen. Dies war am dreizehnten Tage der Belagerung. Die Laufgräben waren nun den feindlichen Geſchützen bis auf vier⸗ hundert Schritte nahegerückt und die Arbeit in dieſen Laufgrä⸗ ben war kein Zuckerlecken. Der Feind hatte drei Reihen Ge⸗ ſchütze in der runden Baſtion und oben darauf eine achtund⸗ vierzigpfündige Drehkanone, welche jeden Theil der franzöſi⸗ ſchen Linie mit ihrem donnernden Hagel beſtreichen konnte. Was den Obercommandanten und ſeine Generale betraf, ſo lagen ſie ſo weit entfernt, ſc daß kein Schuß ſie erreichen konnte, in den Laufgräben aber begannen die Leute jetzt immer raſcher zu fallen beſonders auf der linken Seite, welche ſich der runden Baſtion gegenüber befand. Unſer junger Oberſt hatte ſeine ſchwere Batterie bekommen und dann und wann lenkte er die allgemeinen Bemühungen der Baſtion ab und zwang ſie, ihre Aufmerkſamkeit auf ihn zu concentriren, indem er darauf losfeuerte, bis ſie über und über wund ward. Aber damit war er noch nicht zufrieden. Da er ſie im⸗ mer noch wie früher als den Schlüſſel zu Philippsburg be⸗ trachtete, ſo ließ er durch eine bedeutende Anzahl Ingenieure eine Mine anlegen, auf welche er mehr Vertrauen ſetzte als auf das Breſcheſchießen, denn die größeren Löcher, welche er 94 während des Tages darein machte, wurden in der Nacht von den Einwohnern der Stadt wieder ausgebeſſert. Dieſer Oberſt war in der Diviſion, zu welcher ſeine Brigade gehörte, nicht beliebt. Er war ein guter Soldat, aber ein langweiliger Geſellſchafter. Auch beſchuldigte man ihn des Stolzes und einer uncameradſchaftlichen Zurückhal⸗ tung gegen die anderen Offüiere. Einige Vorlaute nannten ihn einen Betbruder, weil man ihn ſich fortwährend mit dem Feldprediger unterhalten ſah, der doch mit rechtſchaffenen Soldaten gar nichts zu ſpre⸗ chen hatte. Andere ſagten:»Rein, er iſt kein Betbruder, ſondern ein erprobter Soldat, aber trotzdem ein mürriſcher Sauer⸗ topf.* Die unter ſeinem unmittelbaren Commando Stehenden waren in ihrer Meinung über ihn getheilt. Er hatte etwas an ſich, was ſie nicht verſtehen konnten. Warum war ſein fahles Geſicht ſo ernſt, ſo traurig, und trotzdem ſeine Stimme ſo ſanft! Die wenigen Worte, welche ſeinem Munde entfielen, wurden hoch aufgenommen. Ein gewiſſer alter Soldat pflegte zu ſagen:»Ein Wort von unſerm Brigadier iſt mir lieber als zehn von dem Obercommandanten.* Andere glaubten, er müſſe früher einmal eine Kirche geplündert, das Altargemälde geraubt und an einen Bilder⸗ händler in Paris verkauft oder der Madonna die Ohrringe ausgeriſſen, oder ein ähnliches Verbrechen begangen haben, welchem arme Soldaten ſo leicht ausgeſetzt ſind und wofür er nun durch Reue und Zerknirſchung büße.»Seht, da geht er ſchon wieder mit dem Feldeaplan!« hieß es. Dieſer kalte ſchweigende Mann hatte das Herz des red⸗ lichſten Sergenten in der franzöſiſchen Armee gewonnen. Ser⸗ 95 gent La Croir betheuerte mit vielen Eiden, daß die ſämmtli⸗ chen beſten Generale des Tages ihn nach der Reihe comman⸗ dirt hätten, aber daß ſein gegenwärtiger Oberſt der Erſte ſey, dem es gelungen wäre, ihm unbedingtes Vertrauen einzu⸗ flößen. „Er verſteht ſich auf die Kriegführung in allen Bezie⸗ hungen,« ſagte La Croix.»Ich hörte, wie er um Erlaubniß bat, dieſe verwünſchte Baſtion zu ſtürmen, ehe ſie armirt ward. Aber nein, die alten Knaſterbärte wollten klüger ſeyn als unſer Oberſt. So werden wir nun von einem Platze in Schach gehalten, den Julius Cäſar oder Hannibal auf einen einzigen Biſſen verſchluckt hätten, eben ſo wie ich thäte, wenn ich der alte Knabe dort hinter dem Hügel wäre.« Auf ſolche Weiſe tituliren Sergenten ihre Obercomman⸗ danten von weitem. Ein redſeliger Sergent hat mehr Ein⸗ fluß auf die Leute, als der Kriegsminiſter vielleicht ahnt, und die vierundzwanzigſte Brigade wäre ihrem düſtern Oberſt in den Rachen des Todes und noch ein paar Schritte weiter gefolgt. Ein gewiſſer Umſtand flößte überdies dieſen Leuten eine gewiſſe abergläubiſche Ehrfurcht gegen ihren Comman⸗ danten ein. Er ſchien ihnen nemlich von phyſiſcher Schwäche ganz frei zu ſeyn. Er ſetzte ſich niemals ordentlich zu einer Mahlzeit nieder und ſchien niemals zu ſchlafen. Zu keiner Stunde des Tages oder der Nacht waren die Schildwachen vor ſeinen Beſuchen ſicher. Anfangs war dies ſehr ſtörend. Nach einer Weile aber führte es zu der äußerſten Wachſam⸗ keit, um ſo mehr, als der traurige düſtere Oberſt durch ſein Benehmen zeigte, daß er ſie zu würdigen wußte. In einer Nacht öffnete er ſogar einmal ſeine marmornen Kinnladen und ſagte zum Sergenten La Croir, eine wachſame Schild⸗ wache ſey ein wichtiger Soldat, nicht blos für ſeine Brigade. 96 ſondern für die ganze Armee. Man kann ſich leicht denken, daß dieſe Maxime und der darinliegende Lobſpruch den näch⸗ ſten Morgen unter allerlei Zuſätzen in der ganzen Brigade circulirte. Es war der ſechzehnte Tag der Belagerung. Die runde Baſtion eröffnete ihr Feuer um acht Uhr, nicht auf die gegen⸗ überliegende Batterie, ſondern auf die rechte Seite des fran⸗ zöſiſchen Angriffes. Ihre vorgerückte Stellung ſetzte einen Theil ihrer Geſchütze in den Stand, dieſe Laufgräben ſchräg zu beſtreichen, und indem man die Geſchütze niederwärts rich⸗ tete, ließ man die Kugeln erſt auf dem Boden aufſchlagen und dann ricochettiren. Als unſer Oberſt dies ſah, legte er mit allen ſeinen Ge⸗ ſchützen gegen die Baſtion los. Eine davon bediente er ſelbſt. Zu ſeinen vielen kriegeriſchen Fertigkeiten gehörte auch die, daß er ein vollkommener Artilleriſt war. Dies bewies er auch an dieſem Morgen. Er ſchlug zwei Schießſcharten zu einer zu⸗ ſammen und ungefähr eine Tonne Mauerwerk von der Bruſt⸗ wehr herunter. Dieſen Umſtand benutzend lud er zwei ſeiner Geſchütze mit Kartätſchen und fegte den Feind von dem Rande der Baſtion und hielt dieſen rein. Er heizte den Feinden auf dieſe Weiſe ſo ein, daß ſie die oberen Geſchütze nicht bedienen konnten. Dann richteten ſie die beiden andern Reihen auf ihn und unterhielten aus dieſen ein gut erwiedertes Feuer, bis die Geſchütze zu heiß wurden und für den Augenblick nicht weiter gebraucht werden konnten. Nun guckte Sergent La Croix aus der Batterie hervor und zeigte dem Feinde einen großen weißen Teller. Dies ſollte 97 eine Einladung heißen, mit der franzöſiſchen Armee zu ſpeiſen — natürlich auf der andern Seite der Tafel. Zur Ehre der preußiſchen Intelligenz müſſen wir erwäh⸗ nen, daß dieſer pantomimiſche Wink ſofort verſtanden ward und beide Theile gingen zum Mittagseſſen. Der kampfluſtige Oberſt jedoch blieb in der Batterie und ließ von einer Abthei⸗ lung Artilleriſten die Geſchütze abkühlen und wieder laden und die Zündlöcher ausbeſſern. Dabei ließ er ſich zwei Cotelettes und ein Glas Waſſer in die Batterie bringen. Mittlerweile feuerte der Feind in langen Zwiſchenräu⸗ men eine einzige Kanone ab, wie um zu ſagen:»Wir hatten doch das letzte Wort.« Die Laufgräben mögen noch ſo künſtlich angelegt ſeyn, ſo iſt doch immer noch hie und da an den Winkeln ein kleiner Raum bloßgeſtellt. Dieſe Räume erhielten die Soldaten Be⸗ fehl zu meiden oder raſch über ſie hinwegzueilen und ſich unter Deckung zu begeben. Nun konnte der Feind gerade einen dieſer Plätze mit einer ſeiner Kononen beſtreichen und hatte auch ſchon ein paar Kugeln darauf abgefeuert. Ein Marketender mit einem Prä⸗ ſentirbrete, zwei Cotelettes und einem Glas Waſſer erreichte die⸗ ſen Raum gerade als ein weißes Rauchwölkchen von der Ba⸗ ſtion aufwirbelte. Anſtatt ſofort Schutz zu ſuchen, bis die Ku⸗ gel eingeſchlagen wäre, glaubte er in ſeiner Unerfahrenheit, die Kugel müſſe ſchon eingeſchlagen haben und alle Gefahr vorbei ſeyn. Deshalb blieb er ſtehen und die achtzehnpfündige Kugel traf ihn mitten auf die Bruſt, riß ihn in Stücke und ſchleuderte die Coteletts hoch in die Luft. Die menſchlichen Glieder lagen zehn Schritte weit ruhig und zuckten nicht mehr. Ein Soldat aber, der gerade ſein Mittagsmahl verzehrte, Wer lieben will. IV. 7 98 warf die Schüſſel um, ſprang neben dem„Todtengäßchens, wie es in der nächſten Minute getauft ward, in die Höhe und tanzte und heulte vor Schmerz. „Ha! ha! hal« lachte ein Soldat von der andern Seite des Gäßchens. „Was iſt das?“ rief Sergent La Croix,»was lachſt Du denn, Cadel?« rief er in ſtrengem Tone, denn obſchon er viel zu weit in dem Laufgraben war, um etwas zu ſehen, ſo hatte er doch jenen furchtbaren Ton vernommen, welchen ein Soldat von jedem andern zu unterſcheiden weiß, den klat⸗ ſchenden Schlag einer Vollkugel, welcher Mann oder Pferd trifft. „Sergent,« ſagte Cadel ehrerbietig,»ich lache, daß der Gemeine Dard, der nur von dem Luftdrucke der Kugel berührt worden iſt, ſo tanzt und heult, während der Mann, den die Kugel ſelbſt getroffen, kein Wort ſagt.“ „Der Luftdruck der Kugel? Du Narr!« ſchrie Dard. „Schau doch einmal her!« und er zeigte das Blut, welches ihm das Geſicht herabrann. Der Schuß hatte in der That einen Knochenſplitter aus dem Marketender herausgeſchlagen und in Dard's Schläfe getrieben. „Ich bin der unglücklichſte Kerl in der ganzen Armee!« rief Dard und ſtampfte immer noch mit den Füßen. „Wie mir ſcheint, biſt Du diesmal blos der zweite Un⸗ glückliche,« ſagte ein junger Soldat auf beiden Backen kauend, und mit einem gewiſſen trocknen Humor zeigte er mit der Gabel über ſeine Schulter hinweg nach dem Leichnam. Die Soldaten in den Laufgräben lachten und ſtimmten bei. Dieſer Mangel an Sympathie und Gerechtigkeit erbit⸗ terte Dard. „Ihr verwünſchten Narren,« rief er,„der iſt dahin, wo 99 wir Alle hin müſſen— ohne weitere Mühe. Aber ſehet doch mich an Ich komme immer ſchlecht weg. Hunde von Preu⸗ ßen! Unter Tauſenden haben ſie es gerade auf mich ge⸗ münzt. Nun habe ich den ganzen Tag Kopſweh.« Manchem würde der Kopf in dieſem Falle nie wieder weh gethan haben, aber Dard hatte einen guten, dicken Schädel. Dard riß ſich mit wilder Geberde den Knochenſplitter aus der Wunde. „Ich werde ihn in Papier wickeln und für Jacintha aufheben,« ſagte er,„das wird ihr beweiſen, was ein armer Soldat durchzumachen hat.« Aber ſelbſt dieſer Troſt war Dard verſagt. Corporal Coriolan Gand eine Art Freigeiſt aus Lhon, der ſich zuweilen an dem Aberglauben des Bretagners ergötzte, ſagte ihm mit ernſter Miene, der Knochenſplitter gehöre nicht ihm, ſondern dem Marketender und ſeh, obſchon klein, doch ein nöthiger Theil ſeines Körpers. Denn ein zerbrochenes Glied iſt eine zerbrochene Kette. »Es wird ein Streitobject zwiſchen Euch Beiden ſehn,* ſagte er,„beſonders um Mitternacht, denn er wird fortwäh⸗ rend wiederkommen, um den Splitter ſich zu holen.« »Da nimm ihn,* rief der Bretagner haſtig,„und begrab ihn mit dem armen Kerl.« Sergent la Croir erſchien mit betrübtem Geſicht vor dem Oberſt, grüßte ihn und ſagte: »Oberſt, Ihr Mittagmahl iſt verdorben worden— durch einen Schuß der Baſtion.« »Hat nichts zu ſagen,« entgegnete der Oberſt.»Bringt mir ſtatt deſſen ein Stück Brot.« Als La Croir wieder zurückkam, fand er Cadel auf der *5 100 einen Seite des Todtengäßchens und Dard mit verbundenem Kopf auf der andern ſitzend. Sie hatten eine Flaſche, welche ſie abwechſelnd jeder dahin ſetzten, wo er glaubte, daß die nächſte Kugel einſchlagen würde und ſie wetteten um ihre Nachmitlagsrationen, wer von ihnen die Flaſche ſo ſetzte, daß ſie von den Preußen getroffen würde. La Croix zupfte ſie ſcherzend bei den Ohren. „Jetzt iſt keine Zeit zu ſolchem Kinderſpiel,« ſagte er uud ſchickte ſie in die Batterie. ** * Es war eine Stunde nach Mitternacht— eine trübe Nacht. Der Mond war aufgegangen, aber nur auf wenige Augenblicke zu ſehen. Rings herrſchte ruhiges, friedliches Schweigen. Dard ſtand in der Batterie Schildwache. Ein Offiier, der die Runde machte, fand die genannte Schildwache hori⸗ zontal anſtatt vertical. Er ſtieß ihn mit der Säbelſcheide und Dard ſprang in die Höhe. „Alles in Ordnung, Sergent. Ach, mein Gott, es iſt der Oberſt. Ich habe nicht geſchlafen, Oberſt.* „Ich habe Dich auch nicht beſchuldigt. Aber Du wirſt mir ſagen, was Du machteſt.“ „Oberſt,« ſagte Dard in großer Aufregung,»ich ver⸗ ſuchte dort hinüber zu ſchielen, weil ich etwas bemerke.« „Was denn?« „Oberſt, die Halunken bauen eine Mauer.“ „Wo denn?“ „Zwiſchen uns und der Baſtion.“ „Zeige mir ſie.« 101 »Das kann ich nicht, Oberſt. Der Mond ſcheint jetzt nicht, aber ich habe ſie wirklich geſehen.« »Wie lang war ſie? „Ungefähr hundert Schritte.« »Und wie hoch?s »Wenigſtens zehn Fuß, Oberſt.« „Haſt Du gute Augen?« „Ja, Oberſt, ich war ja ein Stück Wildſchütz, ehe ich die Muskete auf die Schulter nahm.* »Gut. Bedenke aber wohl, wenn Du bei deiner Behaup⸗ tung bleibſt, ſo laß ich darauf hin die Brigade ausrücken.« »Sie ſollen mich bei Tagesanbruch erſchießen laſſen, wenn ich mich irre,« ſagte Dard. Der Oberſt ſchlich ſich fort, rief ſeinen Capitän und ſei⸗ nen erſten Lieutenant und ſagte jedem zwei Worte ins Ohr, worauf ſie ſich ſofort wieder entfernten. Dard, welcher mit ſeiner Muskete auf der Schulter hin⸗ und hermarſchirte, ſah ſich plötzlich von ſchweigenden, aber tödtlich begierigen Soldaten umringt, welche wie Bienen in den offenen Raum hinter den Batterien geſtrömt kamen. Die Offiziere umringten den Oberſt. »Faſſen Sie ganz vorzüglich Zweierlei ins Auge, ſagte er zu den Capitänen.„Laſſen Sie nicht eher Feuer geben, als bis die Feinde bis auf zehn Schritte heran ſind und ver⸗ folgen Sie dieſelben nicht, wenn ich Sie nicht ſelbſt anführe.« Die Leute wurden hierauf in Compagnien abgetheilt und einige nach der Batterie, einige in die Laufgräben comman⸗ dirt, während einige zu beiden Seiten des Todtengäßchens zu einem ſofortigen Angriff bereit gehalten wurden. Sie waren noch nicht alle an Ort und Stelle, als die hinter der Bruſtwehr ſahen, wie etwas ungefähr achtzig 102 Schritte vor der Front das Dunkel der Nacht gleichſam noch dunkler machte. Es war als ob über einen mit Tuſche über⸗ ſtrichenen Bogen Papier plötzlich eine Linie mit ſchwarzer Tinte gezogen würde. Sie ſchien unbeweglich zu ſeyn. Die Reulinge konnten ſich gar nicht denken, was es wäre. Die Veteranen mur⸗ melten: „Drei Mann hoch.* Obſchon ſie aber unbeweglich zu ſeyn ſchien, ſo ward ſie doch immer ſchwärzer und ſchwärzer. Die Soldaten von der vierundzwanzigſten Brigade packten ihre Musketen feſter und biſſen die Zähne zuſammen, und die Unteroffiziere hatten viele Mühe, ſie ruhig zu erhalten. Plötzlich erhob ſich ein lautes Geheul rechts von der Brigade, auf zwei oder drei einzelne Schüſſe aus den Laufgräben in oieſer Richtung folgte eine Salve, dann das Geſchrei von Verwundeten und das wilde Hurrah einer Angriffscolonne. Unſer Oberſt kannte dieſes Getöſe nur zu gut. Die nächſte Parallele war überrumpelt worden und das preußiſche Bajon⸗ net verrichtete jetzt ſeine ſtumme Arbeit. Bei dem erſten Schuſſe hörte man eine Stimme in Front von Dujardin's Leuten ein Commandowort rufen. Man hörte ein lautes Geraſſel und in einem Augenblick bekam die ſchwarze Linie oben einen ſtählernen, blinkenden Rand. Mit lautem Gebrüll rückte die preußiſche Linie drei Mann hoch, wüthend wie eine ungeheure Woge, gegen die franzöſiſchen Linien an. Eine furchtbare Feuerwoge rauſchte dieſer ſtähler⸗ nen Woge entgegen. Zweihundert Musketen krachten und Alles war ſtill. Dann konnte man in der ſchwarzen Linie durch hun⸗ dert fürchterliche Lücken hindurchſehen, der Boden war mit 103 Bajonneten beſäet und die Luft hallte wieder von dem Geſchrei der Verwundeten. Ein weithin hallender Hurrahruf von der Brigade und der Oberſt ſtürzte an der Spitze ſeiner Colonne aus dem Tod⸗ tengäßchen hervor. Die geſprengte Mauer zerfloß gleichſam in Racht. Der Oberſt ließ ſeine Leute rechts ſchwenken, und eine Compagnie, von dem ungeſtümen jungen Capitän Jullien angeführt, ver⸗ folgte den fliehenden Feind. Der erſte Angriff der Feinde war nur zu erfolgreich geweſen. Sie ſchoſſen die Schildwachen nie⸗ der und erſtachen viele der Soldaten in ihren Zelten. Andere entrannen dadurch, daß ſie ſich in die nächſten Parallelen warfen. Einige rafften halb angekleidet ihre Musketen auf, töd⸗ teten einen Preußen und fielen dann durchlöchert wie Siebe. Ein tapferer Offizier brachte eine Compagnie zuſammen und formirte ſie. Die Hälfte der preußiſchen Streitmacht rückte gegen ſie, die übrigen beſtrichen die Laufgräben. Die franzöſi⸗ ſche Compagnie gab eine tödtliche Salve und den nächſten Augenblick wurden die Bajonnete gekreuzt und ein ſtummer tödtlicher Kampf fand ſtatt, deſſen Ausgang unvermeidlich war. Die Preußen waren an Zahl fünfmal überlegen. Der tapfere Offizier und die armen Soldaten, die ihre Pflicht ſo entſchloſſen thaten, dachten an nichts mehr, als ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen, als plötzlich ein lauter ermu⸗ thigender Zuruf von der hinterſten Reihe des Feindes zu kom⸗ men ſchien. Frankreich! Frankreich!« Die vierundzwanzigſte Brigade ſprang über die Lauf⸗ gräben hinter dem Rücken der Preußen. Die Preußen ſchwank⸗ ten.»Frankreich!s rief die kleine Schaar, welche im Begriff ſtand, überwältigt zu werden, und griff nun ihrerſeits mit ſol⸗ 104 cher Wuth an, daß in zwei Secunden die beiden franzöſiſchen Corps das Centrum des Feindes durchbrachen und ihre Bajon⸗ nete in mehr als einem preußiſchen Leichnam zuſammen⸗ klirrten. So in zwei Hälften zerriſſen hörte das preußiſche Corps auf, als eine militäriſche Streitmacht zu exiſtiren. Die Solda⸗ ten flohen jeder ſeinen eigenen Weg nach dem Fort zurück und viele warfen ihre Musketen weg, denn die Franzoſen kamen von allen Seiten herbeigeſchwärmt. In dieſem Augenblick krachten plötzlich mehre Schüſſe von der Baſtion. „Man ſchießt auf meine Brigade!« rief unſer Oberſt. „Wer hat ſeine Compagnie gegen meinen Befehl dorthin ge⸗ führt? Capitän Noville, raſch in die Batterie und thun Sie zwanzig Schüſſe nach der Baſtion. Zielen Sie auf die Blitze, die aus der mittelſten Reihe hervorleuchten.« „Zu Befehl, Oberſt.« Die Batterie eröffnete ihr Feuer aus allen Geſchützen gegen die Baſtion. Die Stadt antwortete und eine wüthende Kanonade blitzte und krachte auf beiden Linien bis Tagesan⸗ bruch. Die Hölle ſchien losgelaſſen. Capitän Jullien war dem fliehenden Feinde gefolgt, konnte ihn aber nicht einholen, und da der Feind ſich auf jeden Fall gefaßt gemacht hatte, ſo ließ die verhängnißvolle Baſtion, nachdem ſie erſt einige Raketen geworfen, um die Poſition des Feindes zu ermitteln, einen Kartätſchenhagel darauf niederſchmettern, tödtete viele und würde noch mehre getödtet haben, wenn nicht Capitän Neville und ſeine Artil⸗ leriſten zufällig eine der Kanonen demontirt, und an der an⸗ dern ein paar Artilleriſten getödtet hätten. Dies verſchaffte dem noch übrigen Theile der Compagnie Zeit, ſich zu zer⸗ ſtreuen und zurückzueilen. Pulverwagen geſchlagen und hatte ihn in die Luft geſprengt, 105 Als die Leute verleſen wurden, antworteten Capitän Jullien und fünfundzwanzig Mann von ſeiner Compagnie nicht auf ihren Namensaufruf. Bei Tagesanbruch ſah mun ſie von den Laufgräben aus alle innerhalb achtzig Schritte von der Baſtion liegen. Das Fort ſteckte eine Waffenſtillſtandsfahne auf. Die Todten wurden auf beiden Seiten weggeſchafft und begraben. Einige preußiſche Offiziere kamen bis in die franzöſiſchen Linien. Man tauſchte Complimente und Cigarren aus, und dann ging das Krachen hüben und drüben wieder los. 3 Um zwölf Uhr erſchien ein Reiter auf dem Gipfel eines Hügels mit zwei bunten Fähnchen in den Händen und machte Signale. „Was iſt denn jetzt los?« fragte Dard. „Du wirſt es ſogleich ſehen,« ſagte La Croir mit ge⸗ heimnißvoller Miene, obſchon er es eben ſo wenig wußte als der Andere. Gleich darauf krachte die lange Drehkanone oben auf der Baſtion und die Kugel ſauſte über den Köpfen der Sprechenden hinweg. Die Fähnchen wurden gewechſelt und die Drehkanone krachte wieder; diesmal aber flog die Kugel viel höher. Kaum waren zehn Secunden verſtrichen, als auf dem rechten Flügel der Franzoſen eine furchtbare Exploſion ſtatt⸗ fand. Die Drehkanone ſchoß glühende Kugeln. Eine war in einen und zwei Soldaten und ein Pferd getödtet und einen Artilleriſten in einiger Entfernung in einen Neger verwandelt, ihm ſonſt 106 aber keinen großenSchaden gethan. Nur brauchte er drei Tage, um das Pulver mit Pfeifenthon wieder aus ſeinen Kleidern, und mit roher Kartoffelſchale aus ſeinem Geſicht zu bringen. Als der Munitionskarren explodirte, hörte man die Preußen ein lautes Hurrahgeſchrei anſtimmen, und ſie began⸗ nen aus ſo viel Geſchützen zu feuern, als ſie nur hatten. Die Drehkanone war den ganzen Tag thätig. Man pflanzte ſie in eine Ecke, wo die Kanonen der Batterie ſie nicht treffen konnten, und ihre lange Mündung ſchaute gen Himmel und ſpie von Zeit zu Zeit einen halben Centner Eiſen in die Wolken hinauf, der dann eine halbe Stunde weit unter die franzöſiſchen Linien hineinſchlug. Und bei jedem Schuß gab der Reiter Signale, um die Artilleriſten wiſſen zu laſſen, wohin ihr Schuß gefallen war. Endlich ungefähr vier Uhr Rachmittags flog ein preu⸗ ßiſcher Achtundvierzigpfünder gar in das Zelt des Obercomman⸗ danten, beinahe eine halbe Meile weit hinter den Laufgräben. Es dauerte nicht lange, ſo kam ein funkelnder Adjutant herangaloppirt. „Oberſt Dujardin, was zum Teufel machen Sie denn? Ihre Baſtion hat eine Kugel in das Zelt des Obercom⸗ mandanten gefeuert.« Der Oberſt ſchien darüber nicht ſo ſehr zu erſchrecken, wie der Adjutant erwartete. „So, ſol« ſagte er ruhig.»Ich bemerkte wohl, daß ſie“ die Diſtanzen verſuchten.« „Das darf aber nicht wieder paſſiren, Oberſt. Sie müſ⸗ ſen die Feinde von der Kanone hinwegtreiben.« »Aber wie denn7« „Worin liegt denn die Schwierigkeit?“ 107 „Wenn Sie die Güte haben wollen, mit in die Batterie zu kommen, ſo will ich ſie Ihnen zeigen,« ſagte der Oberſt. „Ich bin begierig,« ſagte der Adjutant. Oberſt Dujardin führte ihn an die Bruſtwehr und be⸗ gann ihm ausführlich zu zeigen, wie und warum keine ſeiner Kanonen auf die feindliche Drehkanone gerichtet werden könne. Mitten in dieſer Auseinanderſetzung hörte man plötzlich einen melodiſchen Klang oben in der Luft wie von einem Schwarm rieſiger Bienen. „Was iſt das?« fragte der Adjutant. „Was denn? Ich ſehe ja nichts.« „Dieſes Summen!« »Dieſes Summen? O, das ſind preußiſche Kugeln. Bei⸗ läufig geſagt iſt dies ein Compliment gegen Ihre Uniform, Herr Adjutant. Man hält Sie für eine wichtige Perſönlich⸗ keit. Wohlan, wie ich eben bemerken wollte—* „Ihre Erkeärung iſt hinreichend, Oberſt; wir wollen uns von hier entfernen. Ha!l ha! ha! Sie ſind ein kaltblüti⸗ ger Soldat, Oberſt, das muß ich ſagen. Ihre Batterie aber iſt ein ziemlich warmer Ort. Ich werde das im Hauptquartier berichten.* Der Oberſt ſchien ein wenig freundlicher zu werden. „Capitän,« ſagte er höflich,„Sie ſollen nicht vergebens hierher geritten ſeyn. Wollen Sie mir auf zehn Minuten Ihr Pferd leihen?« „Ja wohl, und ich will mittlerweile Ihre Laufgräben in Augenſchein nehmen.« »„Thun Sie das und vermeiden Sie dabei ſen Winkel. Derſelbe iſt exponirt und der Feind kennt die Schußweite auf den Zoll.« „ 108 Oberſt Dujardin eilte in ſein Zelt, warf ſeine Interims⸗ jacke und ſeine ſchmutzigen Stiefel von ſich und kam gleich darauf in blanker Galauniform mit einem franzöſiſchen und zwei fremden Orden wieder heraus, ſchwang ſich auf das Pferd des Adjutanten und ſprengte in geſtrecktem Galopp davon. Nach einem kleinen Aufenthalt in das Zelt des Gene⸗ raliſſimus vorgelaſſen, fand Dujardin den alten Herrn von ſeinem Stab umgeben und ſehr zornig; auch war die Gefahr, der er ausgeſetzt geweſen, nicht die einzige Urſache ſeiner Ent⸗ rüſtung. Die Kugel war durch die Leinwand des Zeltes geſchla⸗ gen, hatte einen Tiſch getroffen, auf dem ein großes Schreib⸗ zeug ſtand und den ganzen Inhalt desſelben auf die Depe⸗ ſchen geſpritzt, die er eben nach Paris ſchrieb. Nun war dieſer alte Herr ſehr ſtolz auf die Sauberkeit ſeiner Depeſchen. Ein Klecks auf ſeinem Papier verfinſterte ſeine ganze Seele. Oberſt Dujardin gab ihm ſein inniges Bedauern zu er⸗ kennen. „Ich habe,« entgegnete der Obercommandant,„ſehr viel zu ſchreiben, wie Sie wiſſen werden, und wenn ich ſchreibe, ſo laſſe ich mich nicht gern ſtören.« Oberſt Dujardin erklärte hierauf ausführlich, warum er durch kein Geſchütz ſeiner Batterie im Stande ſey, die lange Drehkanone zum Schweigen zu bringen, und bat ruhig um Erlaubniß, eine Kanone aus den Laufgräben heraus⸗ ziehen und einen Schuß nach dem Störenfried thun zu dürfen. »Die Entfernung iſt nicht zu groß und ich habe ein neues Geſchütz, womit ein guter Artilleriſt auf dreihundert Schritte ſeine eigene Kugel treffen muß. —— 109 Der Commandant zögerte. „Ich kann die Leute nicht auf dieſe Weiſe bloßſtellen laſſen.* „Ich mache mich verbindlich, keinen Mann zu verlieren, mit Ausnahme deſſen, der die Kanone abfeuert. Dieſer muß es freilich darauf ankommen laſſen.« „Gut, Oberſt, dann muß es durch Freiwillige geſchehen. Die Leute dürfen nicht zu einem ſolchen Dienſte comman⸗ dirt werden.« Oberſt Dujardin verneigte ſich und verließ das Zelt. „Freiwillige aus den Laufgräben!« rief Sergent La Croix mit Stentorſtimme, kerzengerad daſtehend und ſich nicht wenig aufblähend. Fünfzig Mann erboten ſich in weniger als eben ſo vielen Secunden. »Nur zwölf dürfen gehen,« ſagte der Sergent,»und von dieſen bin ich einer,« ſetzte er hinzu, indem er ſich auf geſchickte Weiſe eindrängte. Es ward nun eine Kanone aus der Batterie genommen, und in der Nähe des Todtengäß⸗ chens, aber außerhalb der Schußlinie, aufgepflanzt. Der Oberſt beaufſichtigte das Laden der Kanone ſelbſt und ließ zur Verwunderung der Leute erſt die Kugel wiegen und wog dann das Pulver ſelbſt. Dann wartete er ruhig ſo lange, bis die Baſtion einen ihrer periodiſchen Schüſſe in das Todtengäßchen feuerte; nicht ſobald aber war die Kugel eingeſchlagen und hatte den Sand an den zwei Reihen neugieriger Naſen vorbeigefegt, als Oberſt Dujardin auf die Kanone ſprang und ſeinen Hut 110 ſchwenkte. Auf dieſes im Voraus verabredete Signal hin er⸗ öffnete ſeine Batterie das Feuer auf die Baſtion, und die Batterie zu ſeiner Rechten auf die ihr gegenüberſtehende Mauer, und der Oberſt gab Befehl, die Kanonen aus den Laufgräben herauszuziehen. Man zog ſie in die Rauchwolke hinein, welche die andern Kanonen ausſpien, und ohne daß der Feind etwas davon ſehen konnte. Nicht ſobald aber befand ſie ſich in der Schußlinie der langen Drehkanone, als der Rauch verflog und nun Alle dem Feuer des Feindes preisgegeben waren. »Raſch in die Laufgräben zurück bis auf Einen!« ſchrie Dujardin. Und ſie rannten hinein wie Kaninchen in ihren Bau. »Raſch die Elevation!« Oberſt Dujardin und La Croix richteten die Mündung nach dem Elevationsbogen—»hu! hu! hu! ping! ping! ping!« pfiffen ihnen die Kugeln um die Ohren. »Fort mit Euch!« rief der Oberſt, indem er dem Ser⸗ genten die Lunte aus der Hand riß. Und nun zeigte Oberſt Dujardin, fünfzehn Schritte vor den Laufgräben ſtehend, in voller blanker Uniform, zwei Armeen, was ein einziger unerſchrockener Soldat thun kann. Er kniete nieder und richtete ſeine Kanone gerade, als wenn er auf dem Exercierplatze geweſen wäre. Er hatte einen wich⸗ tigen Schuß zu thun und wollte ihn thun. Er nahm keine Notiz von den dreihundert Musketen, die auf ihn gerichtet waren. Er ſchaute ſeiner Kanone entlang und richtete ſie auf's Haar. Die Kugeln des Feindes hagelten darauf, aber er rich⸗ tete ſie auf's Genaueſte. Seine Leute ſtöhnten über ſeine Ge⸗ fahr und rauften ſich das Haar aus. Endlich war die Kanone ſo gerichtet, wie er wollte, und 111 — ſeine Bewegungen waren nun eben ſo raſch, als ſie bis jetzt langſam geweſen waren. In einem Augenblick ſtand er aufrecht da in der halben Fechterſtellung eines Artilleriſten und legte die Lunte an das Zundloch. Eine ungeheure Flammenzunge, eine Rauchwolke, ein Krachen und der eiſerne Donnerkeil war unterwegs, und der Oberſt ging ſtolz aber raſch zurück in die Laufgräben, denn bei all dieſem war keine eitle Prahlerei im Spiele. Er war hier, um einen Schuß zu thun, aber nicht, ſein Leben damit zu riskiren, daß er die Wirkung desſelben beobachtete. Zehntauſend Augen thaten dies an ſeiner Stelle. So⸗ wohl Franzoſen als Preußen riskirten ihr eigenes Leben, in⸗ dem ſie hervorkrochen, um zu ſehen, was ein Oberſt in voller Uniform unter dem Feuer einer ganzen Reihe von Forts ma⸗ chen, und was ſein Schickſal ſeyn würde. Als er aber die Kanone abfeuerte, wendete die Neugier ſich von dem Manne hinweg und folgte dem eiſernen Donnerkeil. Zwei Secunden lang war Alles ungewiß und die Kugel unterwegs. Plötzlich bäumte die Drehkanone ſich in die Höhe wie ein wildes Pferd. Ihre hervorragende Mündung flog bis an den Himmel hinauf und ward dann nicht mehr geſehen, wäh⸗ rend man ein Klirren von altem Eiſen und von allerhand Bruchſtücken auf dem oberſten Rande der Baſtion hörte. Die lange Drehkanone war demontirt. Ha! welch ein ſchallendes triumphirendes Gelächter von einem Ende der Laufgräben bis zum andern, während vierzigtauſend Hände volle fünf Minu⸗ ten lang in einander klatſchten. Dann klatſchten die Preußen entweder aus Bewunderung der ritterlichen und glänzenden That, oder weil ſie ſich nicht übertäuben laſſen wollten, eben ſo laut in ihre zehntauſend Hände, und ſo antwortete eine 112 Beifallsſalve der andern auf beiden Seiten der furchtbaren Armee. * An dieſem Abend kam eine höfliche und ſchmeichelhafte Botſchaft von dem Obercommandanten an den Oberſten Du⸗ jardin und mehre Offiziere erſchienen in ſeinem Zelt, um ihn anzuſehen. Sehr getäuſcht in ihrer Erwartung kehrten ſie wieder zurück.„Was für ein ſchwermüthiger, erbärmlicher Tropf!« riefen ſie.„Wir hatten einen flotten, lebensluſtigen Kauz zu ſehen erwartet!« ** Die Laufgräben rückten der Stadt immer näher. Oberſt Dujardin's Mine war weit vorgerückt. Das Ende der Kam⸗ mer befand ſich nur wenige Schritte von der Baſtion entfernt. Der Oberſt hatte in der letzten Zeit dieſe Mine oft in eigener Perſon beſucht. Er ſchien in dieſer Beziehung eine gewiſſe Un⸗ ruhe zu hegen, aber Niemand wußte, was es war— er ſprach ſich nicht darüber aus. Am dritten Abend nachdem er die Drehkanone demon⸗ tirt, erhielt er auf Privatwegen die Notiz, daß von dem Ober⸗ commandanten der Befehl zur Erſtürmung der Baſtion zu er⸗ warten ſtehe.. Er zuckte die Achſeln, ſagte aber nichts. In derſelben Nacht ſtahlen ſich der Oberſt und einer ſeiner Lieutenants aus den Laufgräben, gekangten, von einer ſtockfinſtern, ſtürmiſchen Nacht begünſtigt, unbemerkt bis unter die Baſtion, ſchlichen um dieſelbe herum, machten ihre Beob⸗ achtungen und gelangten unverſehrt wieder zurück. 113 Gegen Mittag erſchien General Raimbaut. „Na, Oberſt, Sie ſollen nun endlich Ihren Willen ha⸗ ben. Ihre Baſtion ſoll heute Nachmittag beſtürmt werden, ehe der allgemeine Sturm unternommen wird. Aber was muß ich ſehen? Sie ſcheinen durchaus nicht entzückt davon zu ſehn.* „Das bin ich auch nicht.* „Und dennoch waren Sie es, der ſo ſehr auf die Er⸗ ſtürmung drang.* »Aber zur rechten Zeit, General, nicht zur unrechten. In fünf Tagen mache ich mich anheiſchig, dieſe Baſtion in die Luft zu ſprengen. Ein Sturm darauf wäre jetzt blos eine nutzloſe Vergeudung unſerer Leute.« General Raimbaut hielt dieſe übertriebene Vorſicht blos für einen Beweis von Hartnäckigkeit. Sie waren allein und er ſagte daher verdrießlich: „Aber heißt das nicht heiß und kalt auf ein und die⸗ ſelbe Sache blaſen?« »Nein, General,“ lautete die ruhige Antwort.„Ich blaſe heiß auf furchtſame Rathſchläge und ich blaſe kalt auf übereilte. General, vorige Nacht war ich mit dem Lieutenant Flemming unter jener Baſtion und machte die Runde um dieſelbe.* „Ja ja, mein kluger Oberſt, ich dachte mir gleich, daß wir nicht lange ſprechen würden, ohne daß Sie ſich in Ihrem wahren Lichtezeigten. Wenn jemals ein Menſch einen geheimen Genuß daran fand, ſein Leben aufs Spiel zu ſetzen, ſo ſind Sie es.* 3 »Nein, General,« ſagte Dujardin, indem er düſter vor ſich hinblickte,„ich finde weder hieran Genuß, noch an etwas Wer lieben will. IV. 8 114 Anderem. Leben oder Sterben iſt mir ganz gleich, aber gegen das Leben meiner Soldaten bin ich nicht gleichgiltig und werde es auch nicht ſeyn, ſo lange ich lebe. Meine anſcheinende Vor⸗ eiligkeit in voriger Nacht war reine Klugheit. In Raimbaut's Auge lauerte der Ausdruck heimlicher Ironie. »„Ohne Zweifel!« ſagte er,»ohne Zweifel!« Der gleichgiltige Oberſt nahm keine Notiz hiervon, ſon⸗ dern fuhr ruhig fort: »Ich argwohnte etwas und ging hin, um dieſen Arg⸗ wohn widerlegt oder beſtätigt zu ſehen. Ich ſah ihn beſtätigt In dieſem Augenblick ward zum Ablöſen der Wache in der Mine getrommelt. Oberſt Dujardin unterbrach ſich. »Das kommt gerade gelegen,« ſagte er.»„Ich erwarte noch einen einzigen Beweis von dieſer Seite. Sergent, ſchickt mir die Schildwache her, welche ſoeben abgelöſt wird.« Sergent La Croix kam bald darauf wieder zurück auf⸗ geblaſen wie eine Henne mit einem Küchlein, nemlich mit einem kleinen drolligen Kerl zur Seite, welcher vor Kälte klapperte und die Muskete in ſeinen mit großen Fauſthandſchuhen ver⸗ ſehenen Händen hielt. La Croir ließ ihn aufmarſchiren wie eine ganze Com⸗ pagnie und ihn dann auch wie eine ſolche Halt und Front machen. Der von Froſt Geſchüttelte erkannte den Rang des weiß⸗ köpfigen Offiziers und ſtammelte: »„Oberſt— General— Oberſtl« „Na, ſeh nur nicht ängſtlich, mein Sohn,« ſagte der Oberſt,»ſieh aber den General an.« „Ja, General! Oberſt!« und er richtete ſein Auge ſtarr 115 auf den General, wie er ein Bajonnet auf einen Feind gerich⸗ tet haben würde, denn es war einmal ſo commandirt.« „Nun, antworte in ſo wenig Shlben als Du kannſt.“ „Ja, General— Oberſt.* »Du haſt in der Mine Wache geſtanden, nicht wahr? fragte Oberſt Dujardin. „Ja, General.« »Was haſt Du dort geſehen?« „Nichts, denn es war finſter darin.“ „Was fühlteſt Du denn?« „Kalt war es. Ich ſtand im Waſſer— hul« „Hörteſt Du denn nichts?“ »O ja.* »Was denn?* »„Es ging immer bum! bum! bum!“ „Weißt Du auch gewiß, daß Du nicht am Ende des Laufgrabens Erde bröckeln hörteſt?« „Ja wohl hörte ich das und die Erde zitterte.« „So7* »Ja, nicht ſtark, aber doch ſo, daß mein Gewehr fort⸗ während klirrte.« »Gut— Du haſt gut geantwortet— Du kannſt gehen.* „Sergent, ich habe kein Wort verfehlt,« rief Dard frohlockend. Er glaubte, er habe eine Art Univerſitätsexamen be⸗ ſtanden. Der Sergent erſchrak über die Vertraulichkeit, mit welcher Dard ſich erlaubte, in Gegenwart ſeiner Vorgeſetzten mit ihm zu ſprechen, und ſchickte ihn ſofort ſeinen Weg. »Sie glauben alſo, daß man Ihnen eine Contremine legt?« fragte General Raimbaut. „Das glaube ich nicht, General, aber wohl iſt die ganze Baſtion unterminirt. Wir fanden nemlich daß ſie auf der Rückſeite geöffnet worden und in der letzten Zeit ein halbes Dutzend breite Straßen burih das Mauerwerk gebrochen wor⸗ den ſind.* „Um Verſtärkungen einzulaſſen?6 „Oder um der Beſatzung im Falle eines Sturmes einen Ausweg zu bahnen. Ich habe gleich von Anfang an einen fähigen, gewandten Kopf hinter dieſem Theile der Vertheidi⸗ gungsanſtalten vermuthet. Wenn wir dieſe Baſtion ſtürmen, ſo werden die Feinde mit ihren Musketen ſo viele von uns niederſchießen als ſie können. Dann werden ſie Reißaus neh⸗ men und uns mit ſammt der Baſtion in die Luft ſprengen.« „Oberſt, das iſt eine ernſthafte Geſchichte. Sind Sie bereit, dieſe Erklärung vor dem ercn zu wie⸗ derholen?“ „Ja wohl, und ich thue es hiermit durch Sie, den Ge⸗ neral meiner Diviſion. Ich erlaube mir ſogar, zu erklären, daß ein Sturm weiter nichts ſeyn wird, als ein blutiger und nutzloſer Selbſtmord.* 1 10 „Ich will ſogleich zu ihm gehen, denn der ſollte in ein paar Stunden gegeben werden.“ General Raimbaut begab ſich, volſtündig zu Oberſt Dujardin's Meinung bekehrt, eiligſt in das Hauptquartier. Der Oberſt ſchickte eine ſtarke Abtheilung Genietruppen in die Mine und ging langſam in ſein Zelt⸗ An dem Eingange desſelben ſtand ein Corporal, der zu⸗ gleich ſein Leibdiener war, und fragte ehrerbietig, er fehle zu ertheilen habe. uz mj n „Ich wünſche einige Minuten Ruhe, Frangois, weiter nichts. Laß mich eine Viertelſtunde lang nicht ſtören.* 117 »Achtung! rief Frangois,„der Oberſt will ſchlafen!“, »Wir werden uns ruhig verhalten, wie die Mäuschen,* antwortete einer der Soldaten. Es ward eine Schildwache vor das Zelt geſtellt, und Dujardin war nun mit der Vergangenheit allein⸗ Hätten doch die Narren, welche— wie Narren ſtets zu thun pflegen— tiefen Kummer für Stumpfſinn halten, geſehen, wie der muthige Soldat zuſammenſank, wie ſein fahles Geſicht noch bleicher zu werden ſchien, wie ſeine mar⸗ tialiſche Geſtalt ſich beugte und wie ſein tapferes Herz ſeußte. Er zog einen Brief aus dem Buſen. Das Papier war faſt in Stücke geriſſen. Er hatte ihn ſchon tauſendmal geleſen, aber er las ihn immer wieder. Ein Theil der ſüßen traurigen Worte lautete: »Wir müſſen uns beugen! Wir können niemals auf Erden mit einander glücklich ſeyn. Laß uns da⸗ her den Himmel zu unſerem Freunde machen. Es bleibt uns nichts übrig als über unſere Liebe nicht zu erröthen, unſere Pflicht zu thun und zu ſterbenls »Wie zärtlich, wie feſt!« dachte Camill.„Ich könnte ſie aufregen und kränken, aber ich würde ſie nicht wankend ma⸗ chen. Nein! Gott und die Heiligen mögen mir beiſtehen! Sie bewahrten mich vor einem Verbrechen, vor welchem ich jetzt zurückſchaudere, und jetzt haben Sie mir den guten Caplan zugeführt. Er betet mit mir— er beweint mich. Sein Gebet beſchwichtigt mein klopfendes Herz. Ich wollte, er wäre jetzt hier! Ja, armer, duldender Engel! Ich leſe deinen Willen in dieſen zärtlichen aber bitteren Worten.— Du ſtellſt die Pflicht höher als die Liebe. Und mit der Zeit wirſt Du mich vergeſſen— jetzt noch nicht, aber es wird ſo ſehn. Es ver⸗ wundet mich tief, wenn ich daran denke, aber ich muß mich 118 beugen. Dein Wille iſt heilig. Ich muß mich zu derſelben Höhe erheben wie Du— ich darf Dich nicht zu mir herabziehen.« Und nun nahm der Soldat, der zwiſchen zwei Armeen im Kugelregen geſtanden und einen Meiſterſchuß gethan, ein kleines Gebetbuch in die eine Hand— der Caplan hatte es ihm gegeben— und heftete ſeine Augen auf die frommen Worte und klammerte ſich wie ein Kind an die theuern Schriftzüge, und küßte den Brief ſeines verlorenen Weibes und bemühte ſich, ihr zu gleichen, die er liebte und geduldig, ſehr geduldig zu ſehn, bis das Ende käme. »Wer da!« rief die Schildwache draußen. „Frankreich!« war die Antwort. Dann fragte dieſelbe Stimme: Wo iſt der Oberſt, der die Brigade commandirt?« Die Schildwache antwortete in gedämpftem Tone: Er ſchläft, mein Offizier—« denn der neue Ankömm⸗ ling trug zwei Epauletten. »Nun ſo weckt ihn!« ſagte der Offizier in dem Tone eines Mannes, welcher gewohnt iſt, nach großem Maßſtabe zu commandiren. Dujardin hörte es und wollte nicht, daß ein ſolcher Mann glauben ſolle, er ſchliefe am hellen lichten Tage. Raſch trat er daher mit Joſephinens Brief noch in der Hand aus dem Zelt und während er im Begriffe ſtand, ihn zu verber⸗ gen, ſah er ſich dem Oberſt Raynal gegenüber. VII. Haſt Du, lieber Leſer, jemals zwei geübte Fechter ſich mit einander verſuchen ſehen? Wie glatt ſind die blanken Klingen! Sie berühren einander. Sie ſind polirt und ſchlüpfrig und dennoch halten ſie an einander. So begegneten ſich auch die Augen dieſer beiden Män⸗ ner, und hafteten auf einander. Keiner ſprach wohl aber ſchaute einer dem andern forſchend in's Geſicht. Rahnal's Ge⸗ ſicht glich— denn er war auf dieſe Begegnung vorbereitet— dem einer Bildſäule. Das bleiche Geſicht des Andern erröthete, und ſein Herz wendete ſich um bei dem Anblicke des Mannes, der, einſt ſein Freund und Wohlthäter, jetzt Beſitzer des Wei⸗ bes war, welches er liebte. Aber die Geſtalten Beider ſtanden eine ſo ſtolz aufrecht und unbeweglich da wie die andere— Auge in Auge. Oberſt Raynal grüßte Oberſt Dujardin. Oberſt Dujar⸗ din erwiederte den Gruß. »Sie glaubten, ich wäre in Egypten?« ſagte Raynal mit einer Bedeutſamkeit, welche Dujardin's Aufmerkſamkeit erregte obſchon er nicht recht wußte, wie er ſie deuten ſollte. Mechaniſch antwortete er: „Ja.* „Ich bin vom General Bonaparte hierher geſchickt, um ein Commando zu übernehmen.« „Sie ſind willkommen. Welches Commando?“ »Das Ihrige.* 120 »Das meinige?« rief Dujardin und ſeine Stirn errö⸗ thete vor Kränkung und Zorn.»War es nicht genug, daß Sie mir meine— hm!* »Na, Oberſt,« ſagte der Andere ruhig,„ſeyen Sie nicht ungerecht gegen einen alten Cameraden. Ich übernehme Ihre Halbbrigade und Sie ſollen Raimbaut's ganze Brigade übernehmen.* 6 »Rahnal, ich hatte Unrecht,“« ſagte der feurige Camilt, indem er zum erſten Male in dieſem Feldzuge die Augen nie⸗ derſchlug. »Der Tauſch ſoll morgen ſtattfinden,«fuhr der Andere in geſchäftsmäßigem Tone fort. „Alſo um mir mein Avancement zu melden, haben Sie mich aufgeſucht?« ſagte Camill und betrachtete ſeinen alten Cameraden mit einem ſeltſamen Gemiſch von Gefühlen. »Das war das Erſte.« „Das Erſte?* „Ja wohl das Erſte, denn es geht den Dienſt an.* „Wie, haben Sie mir auch ſonſt noch etwas zu ſagen?« „Allerdings.« »Iſt es wichtig? Denn mein eigener Dienſt wird mich hald in Anſpruch nehmen.* „Es iſt ſo wichtig, daß ich commandirt oder nicht, noch weiter als bis an den Rhein gekommen wäre, um es Ihnen zu ſagen.« Möge der Menſch muthig ſeyn wie ein Löwe, ſo hat er ſtets eine gewiſſe Scheu vor Zweifel und Geheimniſſen und ein gewiſſer Grad dieſer unbeſtimmten Scheu beſchlich Camill Dujardin bei Raynal's geheimnißvollen Worten und bei ſei⸗ nem ruhigen, ernſten, bedeutſamen Weſen. 121 Hatte er etwas entdeckt?— und was? Um Joſephinens, nicht um ſeinetwillen war Camill ſofort auf ſeiner Hut. Raynal ſah ihn einen Augenblick ſchweigend an. »Wie? ſagte er mit einem Anfluge von Spott,„iſt es Ihnen nie eingefallen, daß icheinernſthaftes Wort mit Ihnenzu ſprechen haben muß?« »Sprechen Sie, Oberſt Raynal. Ich ſtehe zu Dienſten.* „Erſt laſſen Sie mich Ihnen eine Frage vorlegen. Sind Sie in meinem Hauſe gut behandelt worden?“ „In Ihrem Hauſe? „Ich meine, im Schloß Beaurepaire.* „Ja,« ſtammelte Camill. »Sie erfuhren, hoffe ich, alle Güteund Sorgfalt, welche einem verwundeten Soldaten und einem verdienſtvollen Offi⸗ zier gebührt. Es wäte mir ſehr unangenehm, wenn ich glau⸗ ben müßte, daß Sie in meinem Hauſe nicht wie ein Bruder verpflegt worden wären.* Oberſt Dujardin zuckte innerlich zuſammen bei dieſer Anſicht von der Sache. Er konnte nicht in wenig Worten ent⸗ gegnen. Er zögerte. Raynal wartete, da er aber keine Antwort erhielt, ſo fuhr er fort: „Wohlan, Oberſt, haben Sie das Gefühl von Dank⸗ barkeit bewieſen. 38, wir ein Recht hatten zu erwarten? mit einem Worte— als Sie Beaurepaire verließen, hatte da Ihr Gewiſſen Ihnen nichts vorzuwerfen?« Dujardin zögerte immer noch. Er wußte kaum, was er denken oder was er ſagen ſollte. Er dachte aber bei ſich ſbſt: 122 „Wer hat es ihm denn geſagt? Weiß er auch Alles?“ „Oberſt Dujardin,« hob Rahnal wieder an,„ich bin Joſephinens Gatte, der Sohn der Baronin von Beaurepaire, und Laura's Schwager oder Bruder! Sie wiſſen, was mich hierherführt, antworten Sie.* „Oberſt Rahnal, zwiſchen Männern von Ehre in unſe⸗ rer Stellung dürfen nicht lange Worte gewechſelt werden, denn Worte ſind eitel. Sie würden mir niemals beweiſen, daß ich Sie beleidigt, und ich würde Sie niemals überzeugen, daß ich Sie nicht beleidigt. Laſſen Sie uns daher dieſe peinliche Un⸗ terredung ſofort auf die Art und Weiſe ſchließen, wie ſie ganz gewiß ſchließen wird. Oberſt Rahnal, verfügen Sie über mich. Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten zu jeder Stunde und an jedem Orte, welcher Ihnen beliebt.« »Und iſt das die ganze Antwort, die Sie mir zu geben wiſſen?« fragte Raynal in etwas verächtlichem Tone. „Welche andere Antwort könnte ich Ihnen geben?« »Eine verſtändigere, eine ehrlichere und eine weniger kindiſche. Wer zweifelt daran, daß Sie fechten können, Sie thörichter Menſch? Kenne ich Sie vielleicht nicht? Ich wünſche, daß Sie mir eine weit höhere Gattung von Muth zeigen, den Muth, ein Unrecht wieder gut zu machen— nicht den erbärm⸗ lichen Muth, ein Unrecht zu vertheidigen.“ „Ich verſtehe Sie wirklich nicht. Wie kann ich, was geſchehen iſt, ungeſchehen machen?« „Das können Sie freilich nicht.« „Nun denn?« »Deshalb ſtehe ich hier, bereit, Alles zu verzeihen, was der Vergangenheit angehört— nicht ohne einen Kampf, den Sie nicht zu würdigen ſcheinen.« Camill war nun vollſtändig mhſtificirt. „Unter der Bedingung, daß Sie ſich dazu verſtehen, die Wunde zu heilen, die Sie geſchlagen haben. Wenn Sie ſich weigern— hm! aber Sie werden ſich nicht weigern.* „Zur Sache, mein Herr, was verlangen Sie von mir?“ „Weiter nichts als ein wenig alltägliche Ehrlichkeit. Die Sache iſt die: Sie haben eine junge Dame verführt.« „Mein Herr!« rief Dujardin zornig. „Was wollen Sie? das Wort iſt nicht ſo ſchlecht als das Verbrechen, meine ich. Sie haben ſie verführt und unter Umſtänden— aber wir wollen nicht davon ſprechen, weil ich kaltblütig bleiben will. Wohlan, mein Herr, wie Sie eben ſagten, es nützt nichts, geſchehene Dinge zu bejammern— Sie können die verführte kleine Rärrin nicht wieder unſchul⸗ dig machen, Sie müſſen ſie heirathen.« „Sie hei— hei— heirathen?« rief Dujardin über und über erröthend und ſein Herz pochte und er ſtierte Ray⸗ nald unverwandt an. »Nun, was gibt's ſchon wieder? Wenn ſie dumme Streiche gemacht hat, ſo hat ſie dieſelben mit Ihnen gemacht und mit keinem andern Mann— es iſt nicht als wenn ſie überhaupt unmoraliſch wäre. Alſo, lieber Freund, ſehen Sie ein wenig großmüthig, nehmen Sie die Folgen Ihrer eigenen That— oder wenigſtens Ihren Theil davon auf ſich— bür⸗ den Sie nicht Alles dem armen ſchwachen Weſen auf. Wenn ſie zu viel Liebe zu Ihnen gehabt hat, ſo ſind Sie vor allen andern Männern der, welcher ihr verzeihen muß; alſo was ſagen Sie dazu?« »Bin ich auch bei Sinnen? Sind Sie es, Jean Raynal, der hier ſteht und mir ſagt, ich ſolle ſie heirathen?“ „Ja wohl ſage ich das. Und im Grunde genommen, iſt es denn ein ſo großes Unglück, Laura von Beaurepaire zu 124 heirathen? Sie iſt jung, ſie iſt hübſch, ſie hat gute Eigen⸗ ſchaften und ſie wäre ihr Leben lang nicht auf Abwege gera⸗ then, wenn Sie nicht geweſen wären.« „Laura von Beaurepaire?« „Ja, Laura von Beaurepaire— die eigentlich jett Laura Dujardin heißen ſollte und auch ſo heißen wird, wenn es Ihnen beliebt.* „Ein einziges Wort, mein Herr! Iſt es wirklich Laura von Beaurepaire, von welcher wir dieſe ganze Zeit geſpro⸗ chen haben?6 Rahnal war faſt ungeduldig über dieſe Frage und den kalten verächtlichen Ton, in welchem ſie geſtellt ward. Er ver⸗ ſchluckte jedoch ſeinen Zorn. „Allerdings,« ſagte er. „Noch eine einzige Frage. Sagte Laura von Beaure⸗ paire Ihnen, ich hätte— ich hätte— „Na was das betrifft, ſo war ſie nicht in der Lage, zu leugnen, daß ſie gefallen war, das arme Mädchen— der Beweis war zu ſtark. Sie geſtand den Namen ihres Verfüh⸗ rers nicht, aber ich brauchte nicht weit zu gehen, um ihn zu erfahren.* Dieſe Worte Raynal's bewogen Dujardin zu glauben, daß der ſeltſame Antrag von Joſephine ausgehe. Sie hinter⸗ ging ihren Gatten alſo auf eine andere Weiſe und nicht aus Liebe zu ihm, da ſie vorſchlug, ihn mit Laura zu vermälen. Er zuckte zuſammen bei dieſer kaltblütigen Beleidigung, die ſeiner Liebe angethan ward. kam eine Anwandlung von eiferſüchtiger Wuth. „Alſo, man will mich mit Laura von Beaurepaire ver⸗ mälen, wiet Ich lehne es ab,« ſagte er in kaltem, bitterem Tone. 125 „Sie lehnen es ab! Dies überſteigt allen Glauben. Eine ſolche Herzloſigkeit ſteht weder in Ihren Handlungen noch in Ihrem Geſicht geſchrieben.« »Ich weigere mich aber.« »Und ich verlange es in Joſephinens Namen.« „Ich will aber nicht.* „Ich verlange es im Namen der ganzen Familie.« „Ich weigere mich.* „Sie wollen ſie alſo nicht heirathen?« »Nun und nimmermehr, auf meine Ehrels »Auf Ihre Ehre? Sie haben keine. Sie wollen ſie nicht heirathen? Würden Sie lieber ſterben wollen? ziſchte Raynal. »O, piel lieber!s lautete die kalte, herausfordernde Antwort. „Dann ſollen Sie auch ſterben.« „Na, ſagte ich Ihnen nicht, daß wir blos die Zeit ver⸗ ſchwendeten, mein Herr?« »Allerdings ſagten Sie dies. Wir wollen keine mehr verſchwenden. Wann und wo?« »Hinter dem Zelt des Commandanten, ſobald es Ihnen beliebt. „Nun denn heute Nachmittag— um fünf.« „Gut, um fünf.* „Secundanten?« »Wozu?“ „Sie haben Recht. Die ſind nur im Wege und je weni⸗ ger geſchwatzt wird, deſto beſſer. Alſo Adieu! Auf Wieder⸗ ſehen um fünf Uhr!« und die beiden Offiziere grüßten einander mit grimmiger Ceremonie und Raynal drehte ſich auf dem Abſatz herum. 126 Camill ſtand wie angewurzelt. Eine wilde, verbreche⸗ riſche Freude klopfte in ſeinem Herzen. Sein Nebenbuhler hatte ſich mit ihm entzweit ihn beleidigt, ihn gefordert. Es war nicht ſeine Schuld. Die Sonne ſchien nun hell auf ſeine Verzweiflung herab. Noch eine Stunde vorher bot das Leben nichts. Nun dagegen noch wenige Stunden und dann über⸗ ſchwengliche Freude oder ein Ende von Allem. Tod oder Jo⸗ ſephine. Sein Wohlthäter! Bei dieſem Gedanken durchzuckte ein kalter tödtlicher Schauer ſein ſchon aufjauchzendes Herz. Trab! trab! trab! trab!— der gemeſſene Schritt einer marſchirenden Mannſchaft. Dujardin blickte auf und ſah mehre Offiziere mit einer kleinen Escorte am Rande des Laufgra⸗ bens herkommen. Er ging ihnen einige Schritte entgegen. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen überreichte ihm einer der drei Oberſten ein großes verſiegeltes Papier. Er las es den Capitänen und Lieutenants, die ſich bei dem An⸗ blick der hohen Offiziere ſofort verſammelten, laut vor. „Angriff von der ganzen Armee morgen auf allen Linien. Sturm auf die Baſtion St. Andreas heute Abend. Die 22.. 24. und 12. Brigade wer⸗ den die Contingente ſtellen. Die Operation wird von einem der Oberſten der zweiten Diviſion, welchen General Raimbaut zu beſtimmen hat, an⸗ geführt werden.* „Aha,« tönte eine Stimme wie eine Poſaune dicht ne⸗ ben dem Leſenden,„da bin ich gerade zur rechten Zeit gekom⸗ men. Wann, Oberſt, wann?* „Heute Abend um Fünf, Oberſt Raynal.« „Um Fünf.* „Ja, um Fünf.« 127 „Konnte man denn keine andere Stunde wählen? ſagte Raynal leiſe. 5 »Sehen Sie unbeſorgt,« entgegnete Camill in demſelben Tone. Dann ſetzte er laut hinzu: »Der Sturm wird nicht ſtattfinden, meine Herren— die Baſtion iſt unterminirt.« »Was thut das? Die Hälfte der ganzen Feſtungswerke iſt unterminirt. Wir nehmen unſere Ingenienre mit.« „Ein ſolcher Sturm wäre ein nutzloſes Blutvergießen,« fuhr Dujardin über Rahnal's Unterbrechung erröthend fort. „Ich recognoscirte die Baſtion in voriger Nacht und ſah die Anſtalten des Feindes, uns in die Luft zu ſprengen. General Raimbaut ſteht eben jetzt auf mein Anſuchen im Begriff, den Obercommandanten von meinen Wahrnehmungen in Kenntniß zu ſetzen und dicſelben zu unterſtätzen. Es wird kein Sturm ſtatt⸗ finden. In ein paar Tagen werden wir die Baſtion, die Mi⸗ nen und Alles in die Luft ſprengen.« In dieſem Angenblick erblickte Raynal einen weißhaari⸗ gen Offizier, der von weitem herannahte. »Da kommt General Raimbaut ſelbſt,« ſagte er.»Ich will gehen und ihm meine Ehrerbietung bezeigen.« General Raimbaut drückte ihm freundlich die Hand und hieß ihn bei der Armee willkommen. Sie waren alte und in⸗ time Freunde. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit,« ſagte er.„Es wird bald hier eben ſo warm werden wie in Egypten.« Raynal lachte. „Um ſo beſſer.« »Guten Tag, meine Herren. Oberſt Dujardin, ich ſetzte den Obercommandanten von Ihren Beobachtungen in Kennt⸗ niß. Er ſchenkte denſelben die größte Aufmerkſamkeit. Sie wer⸗ 128 den aber von gebieteriſchen Umſtänden überſtimmt, von wel⸗ chen er einige nicht näher bezeichnete, ſondern für ſich behielt. Indeſſen, am Vorabend eines allgemeinen Angriffs, den er nicht verſchieben kann, muß zunächſt dieſe Baſtion desarmirt werden, weil ſie ſonſt den Stürmenden zu viel Schaden zu fü⸗ gen würde. Es iſt eine bedauerliche Nothwendigkeit. Sagen Sie Oberſt Dujardin* ſetzte er hinzu,„daß ich in hohem Grade auf den Muth und die Disciplin ſeiner Brigade und auf ſeine eigenen weiſen Maßregeln rechne.« Oberſt Dujardin verneigte ſich. Dann flüſterte er: „Es wird Eines eben ſo vergeudet werden wie das Andere.“ Die anderen Oberſten ſchwenkten triumphirend die Hüte und freuten ſich über die Entſcheidung des Obercommandan⸗ ten, und Raynal's Geſicht verrieth, daß er Dujardin gluckli⸗ cherweiſe als einen in ſeinen Abſichten getäuſchten Spaßver⸗ derber betrachtete. „Wohlan denn, meine Herren,« ſagte General Raim⸗ baut„wir wollen damit anfangen, daß wir die Contingente beſtimmen, welche die verſchiedenen Brigaden zu ſtellen haben. Wir wollen von jeder eine gleiche Anzahl nehmen. Die Ge⸗ ſammtzahl ſoll von Oberſt Dujardin beſtimmt werden, wel⸗ cher die Baſtion ſo lange und auf ſo geſchickte Weiſe im Schach gehalten hat.“ Oberſt Duiardin verneigte ſich ſteif und nicht ſehr freund⸗ lich. In ſeinem Herzen verachtete er dieſe alten Perrücken⸗ ſtöcke, die aus einem Gemiſch von Furchtſamkeit und Tollkühn⸗ heit zuſammengeſetzt zu ſehn ſchienen. „Alſo wie viel Mann im Ganzen, Oberſt?“ „Ze weniger deſto beſſer,« entgegnete der Andere ernſt, aber die Subordination verſchloß ihm den Mund. 129 „Ich verſtehe Sie,« ſagte der alte Mann.„Wie wäre es mit achthundert Mann?* »Ich würde lieber blos dreihundert nehmen. Die Feinde haben eine Hinterthür an der Baſtion angebracht, und da die Mittel zur Flucht ſonach bei der Hand ſind, ſo werden ſie auch davon Gebrauch machen. Sie werden einige unſerer Leute niederſchießen, ehe wir hingelangen. Sobald die Ueberleben⸗ den hineinſtürzen, ſtürzen jene hinaus.« Er ſchwieg. »Der weiß ja im voraus wie die ganze Sache kommen wird!« rief einer der Oberſten halb ſpöttiſch. »Allerdings weiß ich es. Ich ſehe die ganze Operation und den Ausgang derſelben vor mir, wie ich dieſe Hand ſehe. Dreihundert Mann ſind genug.« »Aber General,« warf Rahnal ein,„Sie beginnen nicht mit dem Anfange. Das Erſte bei dergleichen Dingen iſt die Wahl des Offiziers, welcher den Sturm commandiren ſoll.* »Allerdings, Raynal, das iſt ſehr rich“o, aber Sie werden einſehen, daß dies ein ſchmerzlicher und ſchwieriger Theil meiner Pflicht iſt, beſonders nach Oberſt Dujardin's Bemerkungen.* „Ach was da!« rief Raynal.„Der Oberſt hat Vorur⸗ theile. Er hat hier eine fürchterlich lange Mine gegraben und nun ſtehen Sie im Begriff, ſein Kind überflüſſig zu machen. Das würde Keinem von uns gefallen. Wenn er aber die Fahne in ſeiner Hand und die Sturmeolonne hinter ſich hat, dann werden ſeine Befürchtungen alle in den Wind gehen und der Feind hinterdrein, er müßte denn ein Verbrechen began⸗ gen haben und ganz anders geworden ſeyn, als ich ihn vor vier Jahren kannte.« Wer lieben will. IV. 130 „Oberſt Raynal,“ ſagte einer der andern Oberſten in höflichem aber feſtem Tone,„präſumiren Sie nicht, daß Oberſt Dujardin die Colonne anführen müſſe, da ja nochdrei Andere da ſind, welche auf dieſe Ehre Anſpruch haben. Gene⸗ ral Raimbaut ſoll unter uns Vieren wählen.“ „Ja meine Herren, und bei einem Dienſte dieſer Art wäre ich Ihnen allen dankbar, wenn Sie mich dieſer ſchmerz⸗ lichen Pflicht überheben wollten.“ „Meine Herren,“ ſagte Dujardin mit kaum bemerkbarer Ironie,„der General wünſcht zu ſagen: Die Operation iſt ſo ruhmreich und das Gelingen derſelben ſo ſicher, daß er kaum ohne Parteilichkect einem von uns vier Bewerbern das Com⸗ mando übertragen kann. Wohlan denn, laſſen Sie uns des⸗ halb darum loſen!« Dieſer Vorſchlag ward beifällig aufgenommen. „Der General wird das eine Los mit einem ſchwarzen Die jungen Oberſten ſchnitten ihre Loſe mit faſt kindi⸗ ſcher Begier. Dieſe Feuergeiſter waren es zum Tobe über⸗ drüſſig, in den Laufgräben zu liegen oder herumzuſchleichen. Sie warfen ihre Loſe in den Hut. Kaum war dies geſche⸗ hen, ſo näherte ſich Raynal ebenfalls mit einem Loſe in der Hand. Dujardin legte ſich ſofort in's Mittel und faßte Raynal am Arme, als er im Begriff ſtand, ſein Los mit hineinzu⸗ werfen. „Was ſoll das heißen?« rief Raynal heftig. „Das iſt unſere Sache, Oberſt Rahnal.« „Wie, trage ich vielleicht keine Epauletten?“ 131 „Ja, Sie tragen Epauletten, aber Sie haben keine Sol⸗ daten bei dieſer Armee.* „Ich bite um Verzeihung, mein Herr— ich habe die Ihrigen. »Erſt morgen.« „Aber eines ſo kleinlichen Vortheils werden Sie ſich doch nicht gegen einen alten Cameraden bedienen wollen?“ »Sagen Sie ihm, daß der Tag um zwölf Uhr endet,« ſagte einer der Oberſten, der ſich für dieſen ſeltſamen Streit intereſſirte. „Hals rief Rahnal triumphirend.»Doch nein,« ſetzte er in verändertem Tone hinzu,„laſſen wir dieſe Beweisfüh⸗ rung den Juriſten. Ich bin ſo viele Meilen weit hergekommen, um mit Ihnen zu fechten, General, und nun müſſen Sie ent⸗ ſcheiden, ob Sie bei meiner Ankunft dieſes kleine Compliment machen oder mir eine bittere Beleidigung zufügen wollen— wählen Sie.* Während der alte General noch zögerte, antwortete Camill: „Wenn Sie in dieſem Tone ſprechen, kann es nur eine Antwort darauf geben. Sie ſind eine zu große Zierde der franzöſiſchen Armee, als daß Ihnen hier eine wenn auch nur ſcheinbare Zurückſetzung widerfahren dürfte. Die Regel, glaube ich, iſt, daß ein gemeiner Soldat den Hut hält. Heda! Dard — komm einmal her— halte dieſen Hut.* „Zu Befehl, Oberſt—* „J der Tauſend, das iſt ja der Gemal meiner jungen Herrin!« »„Ruhe!⸗ Und ſie begannen zu ziehen und erſt während des Zie⸗ 132 hens war eine Aenderung des Benehmens dieſer muthigen Männer ſichtbar. „Ich bin es nicht,s ſagte der eine, nachdem er ſein Los gezogen. „Ich auch nicht.* „Ich bin es,« ſagte Rahnal ruhig.„Das Glück iſt mein.⸗ „Und ich habe Ihnen den Hut gehalten, Oberſt,“ ſagte Dard mit einfältig triumphirender Miene. „Ach, Raynal, lieber Freund,“ ſagte General Raimbaut bekümmert,„es veriohnte nicht der Mühe deswegen von Egypten hierherzukommen.* „Zu welcher Stunde?s fragte Raynal. „Um fünf Uhr,« entgegnete Dujardin. Raynal zog ſeine Uhr heraus und ſagte; „Dann habe ich keine Zeit zu verlieren. Ich muß die Detachements inſpiciren, die ich commandiren ſoll. Vorher aber habe ich einige kleine Anordnungen zu treffen. Bis jetzt, General, war ich bei dergleichen Gelegenheiten Junggeſell. Jetzt bin ich verheirathet.«. „Verheirathet? Das thut mir leid, Raynal.« „Es iſt eine drollige Heirath, alter Freund— ich werde Ihnen die ganze Geſchichte erzählen, wenn ich jemals Zeit dazu gewinne. Sie begann mit einem Kaufe, General, und endet mit— mit einem Teſtament, welches ich wohlthun werde, gleich jetzt niederzuſchreiben, damit ich dann an weiter nichts zu denken habe als an den Dienſt. Wo kann ich ſchreiben?* „Oberſt Dujardin wird Ihnen dies gern in ſeinem Zelte geſtatten, nicht wahr?« „Ja wohl, ja wohl.“ 133 »Und, meine Herren,« ſagte Rahnal,„wenn ich die Zuit vergeude, ſo brauchen Sie es doch nicht zu thun. Sie können mir einſtweilen meine Leute aus Ihrer Brigade auswählen. Geben Sie mir nicht lauter Recruten, ſondern ſ einige alte verſuchte Burſche mit.« Die Oberſten entfernten ſich und General Raimbaut ſchritt nachdenklich und niedergeſchlagen nach der Batterie. Dujardin und Rahnal blieben mit einander allein. „Unſere Angelegenheit wird dadurch hinausgeſchoben.* „Ja, Rahnal.* „Vielleicht auf immer. Haben Sie die Schreibmateria⸗ lien in Ihrem Zelt?« „Ja, auf dem Tiſche.« »Wiſſen Sie ganz beſtimmt, daß die Baſtion untermi⸗ nirt iſt?“ „Ungläcklicherweiſe bin ich nur zu feſt davon Raynal drehte ſich um und ging nach dem Zelt. Dujar⸗ din's Großmuth erwachte. Er ging begierig auf ihn zu. „Rahnal, um's Himmels willen, verzichten S auf die⸗ ſes Commando.* „Erlauben Sie mir, an meine Frau zu ſchreiben, Oberſt,« lautete die eiskalte Antwort. Er ging hinein ſetzte ſich nieder und begann zu ſchreiben. Dujardin verſchränkte die Arme und ſah ihm zu. Was er ſchrieb, lautete folgendermaßen: »„Um fünf Uhr ſoll eine Baſtion angegriffen werden. Ich führe das Commando. Oberſt Dujardin ſchlug vor, daß wir loſen ſollten und ich verlor. Der Dienſt iſt ein ehrenvoller, aber der Ausgang wird, glaube ich, Dir einigen Schmerz be⸗ reiten. Mein theures Weib— es iſt unſer Schickſal. Es ſollte mir einmal nicht Zeit vergönnt ſeyn Dir Gelegenheit zu 134 geben, mich kennen und vielleicht lieben zu lernen. Gott ſegne Dich!“ Während Raynal dieſe einfachen Worte ſchrieb, malte ſich ein ſchwerer Kampf in ſeinen ſtrengen Zügen und ſein Schnurbart zitterte und einmal mußte er, der Mann von Eiſen, ſich mit der Hand über die Augen fahren, um weiter ſchreiben zu können. Der welcher mit verſchränkten Armen ſeitwärts hinter ihm ſtand, ſah dies und es erweckte Alles, was in ſeinem großen obſchon leidenſchaftlichen Herzen edel und gut war. „Armer Rahnal,“ dachte er,»ſo warſt Du früher nicht, wenn Du in den Kampf gingſt. Er mag nicht gern ſterben. Ja, und es iſt ein feiger Streich, ihn ſterben zu laſſen. Ich werde Joſephinen beſitzen, aber werde ich auch ihre Achtung beſitzen? Was wird die Arme ſagen? Was wird mein Gewiſ⸗ ſen ſagen? O, ich fühle ſchon, daß es mein Herz zu Tode nagen wird. Der Geiſt dieſes wackern Mannes, der einſt mein theurer Freund war und jetzt ohne ſeine Schuld mein Nebenbuhler iſt— wird zwiſchen ihr und mir auftauchen und mir mein blutiges Erbtheil zum Vorwurf machen. Das Herz trügt niemals. Ich fühle, wie es jetzt in mein Ohr flüſtert: Elender Feigling, der Du hinter einer Bruſtwehr ſtehſt, wäh⸗ rend ein beſſerer Mann als Du deine Arbeit verrichtet! Du mordeſt den Gatten, aber der Rebenbuhler beſiegt Dich. Da. jetzt fährt er mit der Hand über die Augen! Ich muß mit ihm ſprechen! Ich will mit ihm ſprechen!“ „Oberſt,« ſagte eine leiſe Stimme und gleichzeitig legte ſich eine Hand auf ſeine Schulter. Es war General Raimbaut. Der General ſah bleich und aufgeregt aus. „Um's Himmels willen kommen Sie auf die Seite, 135 Oberſt! Ein einziges Wort, während er ſchreibt. Ach, Oberſt, das war ein unglücklicher Einfall von Ihnen! „Von mir, General?“ „Nun ja, Sie ſchlugen ja vor zu loſen.* „Gerechter Gott! ſo war es. Ich dachte natürlich, es ſollte ſo eingerichtet werden, daß Raynal nicht von dem Loſe getroffen würde. Unter uns geſagt, welche ehrenwerthe Ent⸗ ſchuldigung können wir vorbringen?« „Keine, General.« „Oberſt, die ganze Diviſion wird dadurch geſchändet und vergeben Sie mir, wenn ich ſage, daß ein großer Theil der Schande auf Sie fallen wird.« „Nun ſo helfen Sie mir dieſe Schande abwendenl« rief Camill begierig. „Recht gern will ich das thun, aber wie kann es ge⸗ ſchehen?« „Nehmen Sie Ihren Bleiſtift zur Hand und ſchreiben Sie: Ich ermächtige den Oberſten Dujardin, die Ehre der Oberſten der zweiten Diviſion zu retten.“ Der General zögerte. Noch niemals hatte er einen in ſolchen Worten abgefaßten Befehl geſehen. Er zögerte einen Augenblick lang, endlich aber nahm er ſeinen Bleiſtift zur Hand und ſchrieb den verlangten Befehl nach ſeiner eigenen Weiſe, das heißt mit Milch und Waſſer: „In Rückſicht auf die ganz beſondere Geſchicklichkeit und den großen Muth, womit Oberſt Dujardin den Angriff gegen die Baſtion St. Andreas geleitet hat, wird demſelben discre⸗ tionäre Gewalt ertheilt, im Augenblick des Sturmes die Maß⸗ regeln in's Werk zu ſetzen, welche, ohne den Befehlen des Obercommandanten zuwiderzulaufen, geeignet ſind, ſeine 136 eigene Ehre und die der andern Oberſten der zweiten Diviſion aufrecht zu erhalten. »Raimbaut, Diviſionsgeneral.« Camill ſteckte das Papier in ſeinen Buſen. »Nun, General, überlaſſen Sie Alles mir. Ich ſchwöre Ihnen, daß Rahnal nicht ſterben, daß er dieſen Sturm nicht anführen ſoll.« »Ihre Hand darauf, Oberſt. Sie ſind eine Zierde der franzöſiſchen Armee. Wie wollen Sie es aber machen? »Ueberlaſſen Sie das mir, General; es ſoll geſchehen.« „Ich bin überzeugt, daß es geſchehen wird, mein hoch⸗ herziger Freund, aber wahrſcheinlich nicht, ohne ein anderes werthvolles Leben, höchſtwahrſcheinlich das Ihre, auf's Spiel zu ſetzen. Sagen Sie mir's.« »Ich bleibe Ihnen die Antwort hierauf ſchuldig.« „Sie wollen mir nicht antworten?« „Ihr eigener Befehl verleiht mir discretionäre Gewalt. Ich will den Befehl zurückgeben, wenn Sie es durchaus haben wollen, aber daran ändern kann ich nichts. Sie alten Gene⸗ rale ſind übrigens ungerecht gegen mich geweſen, und haben mir während dieſer ganzen Belagerung zu wenig Gehör ge⸗ ſchenkt, endlich aber haben Sie mich doch erhört. Dieſer Be⸗ fehl iſt die größte Ehre, die mir je erzeigt worden, ich den Degen trage.« »Mein armer Oberſt!« „Laſſen Sie mich ihn unbefleckt tragen und ſo mit in's Grab nehmen.« „Es iſt gut. Noch ein einziges Wort. Gibt es irgend etwas auf Erden, was ich für Sie thun kann, mein wackerer Soldat?* „Ja, General. Haben Sie die Güte, ſich in Ihr Quar⸗ 137 tier zurückzuziehen. Es ſind Gründe vorhanden, weshalb Sie binnen einer halben Stunde nicht hier in der Nähe ſehn dürfen.* „Ich gehe. Gibt es ſonſt nichts weiter?“ „Wohlan, General, bitten Sie den guten Caplan Am⸗ broſius, für alle die zu beten, welche dieſen Nachmittag in Ausübung ihrer Pflicht gegen ihr Vaterland ſterben werden.« Sie ſchieden. General Raimbaut ſchaute mehr als ein⸗ mal zurück auf die feſte, unerſchrockene Geſtalt, welche mit ver⸗ ſchränkten Armen und ohne zu wanken daſtand— am Rande des Grabes. Dujardin verwendete kein Auge von Raynal. Eine Minute ſpäter war Rahnal's trauriger Brief been⸗ det und er verließ das Zelt und trat dem Manne gegenüber, den er zum Zweikampf herausgefordert. Ich habe ſchon anderwärts erwähnt, daß Oberſt Du⸗ jardin Augen hatte, deren Ausdruck ein ſeltſames Gemiſch von Kampf und Liebe, von Taube und Adler war. Und dieſe von einer edlen That, die er beabſichtigte, gemilderten Augen ruhten jetzt auf Raynal mit einem ſeltſamen Ausdruck von Wärme und Güte. Dieſer ſeltſame Blick machte Raynal betroffen, wenig⸗ ſtens in ſo weit, daß er ſah, es ſey kein feindſeliges Auge. Er freute ſich darüber, denn ſein eigenes Herz ward durch die feierliche Ausſicht, die ſich ihm eröffnete, ruhiger geſtimmt. „Auch wir haben eine kleine Rechnung auszugleichen, ehe ich die Leute ausrücken laſſe,« ſagte er ruhig,„und ich kann Ihnen nicht lange Credit geben. Die Zeit drängt.“ Während dieſer wenigen Worte beſchloß Camill, Ray⸗ nal's Willen zu thun. Was um aller Welt willen konnte es ihm, Camill, verſchlagen? Und er fühlte ein plötzliches und natürliches Verlangen, die Hand dieſes Mannes zu faſſen, * 5— 138 nicht weil Rahnal einmal ſein Wohlthäter geweſen, ſondern weil er im Begriffe ſtand, Rahnal's Wohlthäter zu werden. „Uebrigens haben die Umſtände ſich geändert, Dujar⸗ din,« fuhr Raynal fort.»Wenn die Pflicht zum Rückzuge bläſt, ſo vergißt das Herz des Soldaten perſönliche Streitig⸗ keiten. Sehen Sie, ich komme jetzt ohne Groll und Zorn zu Ihnen. Vor wenigen Minuten war meine Stimme laut, mein Benehmen, glaube ich, beleidigend und ſogar drohend, und dies verlockt einen tapfern Mann, wie Sie ſind, allemal zum Widerſtande. Jetzt aber, ſehen Ste, bin ich harmlos wie ein Weib. Wir ſind allein. Weg mit aller Großſprecherei. Ich weiß, daß Sie der einzige Mann ſind, welcher dazu taugt, eine Diviſion in dieſer Armee zu commandiren. Ich weiß, daß, wenn Sie ſagen, die Erſtürmung dieſer Baſtion iſt ſiche⸗ rer Tod, dem auch ſo iſt. Kommen wir zur Sache. Jetzt, wo mein Weſen nicht mehr herausfordernd iſt, jetzt, wo ich ſterben werde, Oberſt Dujardin, mein alter Camerad, haben Sie jetzt noch den Muth, mir meine Bitte abzuſchlagen? Soll ich unglücklich ſterben?“ „Ich bin bereit, Alles zu thun, was Sie wollen.“ „Sie werden alſo jenes arme Mädchen heirathen?“ „Na, ſagte ich nicht immer, er ſey ein guter Kerl“ Aber machen wir die Sache auch gleich feſt. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort.* „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort ſie zu wenn ich am Leben bleibe.“ „Sie nehmen mir eine ſchwere Laſt vom Herzen. Der Himmel wird Sie dafür belohnen. Binnen einer Stunde wer⸗ den dieſe armen Weſen, deren Stütze ich zu ſehn verſprochen, ihren Beſchützer verlieren, aber ich gebe ihnen einen andern 139 in Ihnen. Wir werden dieſe Familie nicht in Thränen⸗ Laura in der Schande und Ihr Kind nicht ohne Namen laſſen.* „Mein Kind?— Raynal?s und er ſah ihn erſtaunt an. Welch neue Täuſchung war dies? „Der arme kleine Schelm! Ich überraſchte ihn in ſeiner Wiege. Seine Mutter und Joſephine wiegten ihn und ſangen ihn in Schlummer. O, es war ein herrliches Bild, das kann ich Ihnen ſagen. Mein armes Weib war ſeit einiger Zeit erank geweſen und davon noch ſo matt, daß ſie vor Schrecken in Ohnmacht ſank, als ich ſie auf dieſe Weiſe beſchlich und überraſchte. Vielleicht war es recht gut, daß ſie ohnmächtig ward, denn ich— ich wußte nicht ſogleich was ich denken ſollte. Es ſah ſonderbar aus. Während aber Joſephine beſin⸗ nungslos zu unſern Füßen lag, preßte ich Laura die Wahr⸗ heit aus und ſie geſtand mir, daß der Knabe ihr Kind ſey.“ Während Raynal dieſe ſeltſameGeſchichte erzählte, ward es Camill bald heiß, bald kalt. Zuerſt kam ein Schauer glü⸗ hender Freude. Er hatte nun den Schlüſſel zu Allem. Er war Vater. Dieſes Kind gehörte Joſephinen und ihm. Den näch⸗ ſten Augenblick aber erſtarrte ihm das Herz wieder zu Eis. Joſephine hatte alſo nicht blos ihren Gatten hintergangen, ſondern auch ihn. Sie hatte ihm den wehmüthigen Troſt ver⸗ ſagt, zu wiſſen, daß er ein Kind hatte. Welch eine beiſpiel⸗ loſe Grauſamkeit, Berechnung und Verworfenheit! Hier ſtand ein Mann, welcher bereit war, Alles und Jedes ihrer Ruhe, ihrem Frieden, der niedrigen Behaglichkeit ihres häuslichen Lebens zu widmen. Sie ſtand zwiſchen zwei Männern wie ein ſeelenloſes Weſen. Sie ſtand zwiſchen zwei Wahrheiten— eine doppelte Lüge. Sein Herz verwandelte ſich in einem Augenblick in einen Stein gegen ſie. Eine Musketenkugel in die Bruſt verwandelt 140 das Leben nicht ſchneller in Tod, als Raynal die Liebe ſeines Nebenbuhlers in Haß und Verachtung verwandelte— jene Liebe, welche weder Wunden, noch Trennung, noch ſogar Mangel an Beſtändigkeit zu erſchüttern vermocht hatten. „Aus meinem Herzen!« rief er,„aus meinem Herzen, — in dieſer Welt und in jener!« Er vergaß in ſeinem ſtolzen Zorne, wer neen ihm ſtand⸗ »Wie? was7 „Nichts, nichts! Reichen Sie mir Ihre Hand, Camerad. Da! ich achte Sie, Rahnal. Sie ſind die Wahrheit— Sie ſind ein Mann und verdienen ein beſſeres Los.* »Sagen Sie das nicht,« entgegnete Raynal, ihn völ⸗ lig mißverſtehend.„Das iſt einmal das Ende eines Soldaten. Ich wünſchte und hoffte nie ein beſſeres— natürlich aber geht es mir doch ein wenig nahe. Sie ſind ein glücklicher Mann. Sie haben ein Kind und werden leben und es ſehen und die Mutter auch.« „Ja, ich bin ſehr ch„ entgegnete der Arme mit zitternder Lippe. „Nehmen Sie dieſe armen Frauen in Ihren Schutz, Camerad, und ſprechen Sie zuweilen mit ihnen von mir. Es iſt thöricht, aber wir ſehen es einmal gern, wenn man unſer gedenkt.* „Ja, aber ſprechen wir nicht davon. Raynal, wir waren zuſammen Lieutenants. Entſinnen Sie ſich 1h wie Sie mir im Arno das Leben retteten? „Ja, jetzt, wo Sie es erwähnen, fällt es mir wieder ein.* »Nun, wenn Sie am Leben bleiben ſollten, ſo verſpre⸗ chen Sie mir, nicht unſeres heutigen Zwiſtes noch ſonſt etwas 141 eingedenk zu ſeyn, ſondern blos jener frühern Tage und des heutigen Nachmittags.* „Ich verſpreche es.* „Ihre Hand, lieber Raynal.« „Da, alter Camerad, da!“ Sie drückten einander die Hände und wendeten ſich von einander ab und verbargen ihr Wi vor einander, denn ihre Augen waren feucht. „Na, das hilft nun Alles nichts, Camerad. Ich muß gehen. Ich werde von Ihrer Poſition aus angreifen. Des⸗ halb werde ich die Linie hinabgehen und die Leute ausrücken laſſen. Mittlerweile wählen Sie mir Ihr Detachement. Ver⸗ geſſen Sie nicht mir eine Anzahl alter, erprobter Leute mitzu⸗ geben. Ich werde ein Wort mit ihnen ſprechen, ehe wir aus⸗ rücken. Gott behüte Sie!“ „Gott behüte Sie, Raynal!“ In dem Augenblicke, wo Raynal fort war, winkte Ca⸗ mill einen Lieutenant zu ſich und befahl, die halbe Brigade in einer ſtarken Colonne zu beiden Seiten des Todtengäßchens aufmarſchiren zu laſſen. Sein Auge fiel auf Dard. „Komm einmal her,« ſagte er. Dard kam und ſalutirte. „Haſt Du Jemanden in Beaurepaire, der betrübt ſehn würde, wenn Du nicht wiederkämſt? „Ja, Oberſt— Jacintha, die Ihnen Ihre Suppen zu kochen pflegte.* „Nun ſo überbringe einmal dieſe Zeilen an Oberſt Ray⸗ nal. Du wirſt ihn bei der zwölften Brigade finden.« Er ſchrieb einige Zeilen mit Bleiſtift, faltete ſie zuſam⸗ 142 men und Dard ging damit fort, ohne zu ahnen, daß der Oberſt ſeiner Brigade ſich die Mühe nahm, ihm das Leben zu retten, weil er von Beaurepaire war. Oberſt Dujardin ging hierauf in ſein Zelt und ſchloß den Eingang und nahm das Buch zur Hand, welches der gute Ambroſius ihm gegeben, und betete demüthig und ver⸗ zieh Allen, die ihn jemals beleidigt. Dann ſetzte er ſich wieder, ſtützte den Kopf in die Hände und dachte an ſein Kind und wie ſchwer es ſey, daß er ſter⸗ ben müſſe, ohne es jemals geſehen zu haben. Ihm weihte er eine Thräne— nur Eine. Dann zündete er ein Licht an, ſiegelte ſeine werthvollen Orden ein und ſchrieb ein paar Zeilen, in welchen er bat, ſie an ſeine Schweſter zu ſenden. Dann ſiegelte er auch ſeine Börſe ein und ließ eine Notiz zurück, daß der Inhalt unter invalid gewordene Soldaten ſeiner Brigade vertheilt werden ſolle. Dann ſuchte er Joſephinens Brief hervor. „Armes feiges Herz,« ſagte er,„ich will nicht un⸗ freundlich gegen Dich ſehn. Sieh, ich verbrenne deinen Brief, damit er nicht gefunden werde und den Frieden ſtöre, den Du ſo hoch ſchätzeſt. Auch ich werde bald Frieden haben. Gott ſey Dankl« Er zündete den Brief an und ließ ihn auf den Boden fallen. Er verbrannte langſam. Verzweifelnd betrachtete er ihn. „Ja, Du verſchwindeſt, letztes Denkzeichen einer unglück⸗ lichen Liebe, und ſo wie Du dahingehſt, ſo gehe auch ich— meine Seele zu ihrem Schöpfer, mein Körper zum Staube zurück. Ach, armer Brief, ſo wird auch mein Leben vernichtet — durch Generale, die nicht fähig ſind, eine Compagnie zu 143 commandiren— meine Hoffnungen auf Ruhm, meine Liebes⸗ träume— Alles geht mir heute zu Ende und ich bin erſt neunundzwanzig Jahre alt.« Er drückte ſein weißes Taſchentuch an die Augen. Joſe⸗ phine hatte es ihm gegeben. Er weinte ein wenig, nicht daß er ſterben mußte, ſondern daß er ſein Leben ſo weggewor⸗ fen ſah. Als er ſich ausgeweint hatte, ſteckte er ſein weißes Ta⸗ ſchentuch wieder ein und der ganze Mann war auf einmal wie umgewandelt. Er erhob ſich mit Blitzesſchnelle und ver⸗ ließ das Zelt. Einen Augenblick ſpäter ſchritt er zwiſchen den Reihen der ſtarken Colonne im Todtengäßchen hinab. „Achtung!« riefen die Unteroffiziere.»Der Oberſt.* Es trat Todtenſtille ein, denn ſchon der Anblick dieſer aufrechten und begeiſterten Geſtalt erfüllte die Herzen der Soldaten mit der Gewißheit bevorſtehender großer Thaten — das Licht der Schlacht leuchtete in ſeinem Auge. Er war jetzt nicht mehr der düſtere in ſich verſchloſſene Oberſt, ſondern ein Donnerkeil des Krieges, glühend und nur der Hand har⸗ rend, welche ihn ſchleudern ſollte. „Offiziere, Sergenten und Soldaten, ich habe ein Wort mit Euch zu ſprechen!« „Achtung!s rief La Croix. „Wißt Ihr, was vor fünf Minuten hier vorging?“ „Der Angriff auf die Baſtion ward beſchloſſen!« rief ein Capitän. „Ganz recht— und wer ſoll den Angriff commandi⸗ ren?— Wißt Ihr das auch?“ „Nein. „Ein Oberſt aus Eghpten.* 144 Die Leute murrten. „Mit Abtheilungen von den andern Brigaden.* „Was?* rief man zornig.“ Oberſt Dujardin ging raſch zwiſchen den beiden Reihen hinab und ſchaute mit ſeinem feurigen Auge in die Augen der Soldaten auf ſeiner Rechten. Dann kehrte er auf der andern Seite zurück und entzündete die Augen dieſer Leute mit ſeinen eigenen. Es war als wenn eine Fackel an einer Reihe ſich ſo⸗ fort entzündender Gasflammen hinfährt. „Die Arbeit ſollen alſo wir haben,« rief er mit lauter Stimme— ſie entzündete die Herzen, wie ſein Auge die Augen entflammt hatte—„den Ruhm aber ſollen Fremde haben! Unſere Mühen und unſere Verluſte haben der Brigade nicht die Ehre gewonnen, den Sturm auf die Feinde zu unterneh⸗ men, der ſo viele von unſeren Cameraden getödtet hat.« Die Soldaten murrten immer lauter. „Wie, ſoll die Fahne einer andern Brigade und nicht die unſere heute Nachmittag von jener Baſtion wehen?“ „Nein, nein!« ſchrien die Soldaten. „Ah, Ihr ſeyd derſelben Meinung wie ich. Achtung! Der Angriff iſt auf fünf Uhr feſtgeſetzt. Wie wäre es nun, wenn wir die Baſtion zehn Minuten früher nähmen als der Oberſt aus Egypten ſeine Leute zur Stelle bringen ſoll?« Ein wildes Gelächter erſcholl— das ſeltſame Gelächter von Veteranen und geborenen unbeſiegbaren Helden. „Dies war eine Frage, die ich an eure Herzen ſtelle. Wie lautet eure Antwort?“ Die Antwort war ein Geheul frohlockender Zuſtimmung, aber es ward betäubt durch eine andere Antwort, das Rollen ungeduldiger Trommeln und das Geklirre der aufgepflanzt werdenden Bajonnete. 145 Der Oberſt theilte ein Detachement für die Batterie ab. „Richtet die Geſchütze nach der oberſten Reihe. Feuert, ſobald ich das Signal dazu gebe, und feuert dann immer fort über unſere Köpfe hinweg, bis Ihr unſere Fahne oben flat⸗ tern ſeht.* Dann eilte er an die Spitze der Colonne, die ſich ſofort in dem Centrum des Todtengäßchens hinter ihm formirte. „Die Fahne! Keine andere Hand als die meine ſoll ſie heute führen.* Die Fahne ward ihm ſofort gebracht und ſeine linke Hand ſchüttelte ſie im Nachmittagsſonnenglanz auseinander. Ein freudiges Murmeln erhob ſich bei dem ungewohnten Anblick. Er zog den Degen und gab der Batterie damit das Signal. »Krach! krach! krach! krach!« donnerten die Geſchütze und der Rauch wälzte ſich über die Laufgräben hin. In dem⸗ ſelben Augenblick flatterte die Fahne hoch empor und die Po⸗ ſaunenſtimme des Oberſten rief Alles übertäubend: „Vierundzwanzigſte Halbbrigade— vorwärts marſch!* Die Franzoſen rückten ſo raſch aus den Laufgräben her⸗ aus, daß ſie vor ihrem eigenen Rauch nicht geſehen wurden, bis ſie ungefähr ſechzig Schritte zurückgelegt hatten. Nicht ſo bald aber ſah man ſie wie Teufel durch ihren Rauch hindurch⸗ kommen, als zweitauſend Musketen von der ganzen preußiſchen Linie auf ſie gerichtet wurden. Es war nicht das Geknatter des Kleingewehrfeuers— es war ein einziges Krachen und viele Franzoſen ſtürzten, aber binnen wenigen Secunden ſah man ſie ſich ausbreiten wie ein Fächer, ſo daß ſie weniger ſichere Zielpunkte darboten, und als der Fächer ſich wieder ſchloß, ſchloß er die Hälfte der Baſtion ein. Wer lieben will. IV. 10 146 Es war ein franzöſiſcher Angriff. Ein Theil der Trup⸗ pen umſchwärmte die Baſtion vorne wie Bienen, ein anderer Theil eilte um das Glacis herum. Man ſah ſie maſſenweiſe ſtürzen, aber die Lebenden traten an die Stelle der Todten und der Kampf dauerte immer weiter fort. Wo iſt die Fahne? Dort im Hintergrunde! Der Oberſt und etwa hundert Mann ſind handge nein mit den Preußen geworden, welche aus den hinteren Thoren der Baſtion einen Ausfall machen. Wird hier der Sieg errungen, ſo muß die Baſtion fallen— dies wiſſen beide Theile. Plötzlich, in einem Augenblick, verſchwand die Fahne. Ein lautes Wehgeheul ſtieg von den franzöſiſchen Linien auf. Nein, da war ſie wieder, und dicht unter der Baſtion. Und nun war auf der Frontſeite der Angriff ſo heiß, daß oft die preußiſchen Artilleriſten von ihrem Standpunkt getrieben herunterſprangen, und im nächſten Augenblick ver⸗ kündete ein lautes Hurrah von der Rückſeite, daß die Fran⸗ zoſen dort einen großen Vortheil errungen hatten. Das mat⸗ ter werdende Feuer verkündete etwas Aehnliches, und gleich darauf ſtürzte die preußiſche Fahne herunter. Dies konnte je⸗ doch auch nur ein Zufall ſeyn. Einige Augenblicke dürſtender Erwartung und ſtolz flatterte die Fahne der vierundzwanzig⸗ ſten Brigade auf der Baſtion St. Andreas. Die ganze franzöſiſche Armee erhob ein Jubelgeſchrei, welches die Wolken ſpaltete, und ihr Geſchütz begann auf die preußiſchen Linien und zwiſchen die Baſtion und das nächſte Fort zu ſpielen, um die Wiedereroberung der Baſtion zu ver⸗ hindern. Plötzlich ſchoß von der Erde, an der Stelle, wo man zuletzt die Baſtion geſehen, ein Kubikacker Feuer empor, mit einem ſchweren Gebirg von rothem und ſchwarzem Rauch, 147 welcher maſſiv ausſah wie Marmor. Es war eine furchtbare Exploſion, welche das Krachen des Geſchützes übertäubte, und die Hände der franzöſiſchen und preußiſchen Artilleriſten lähmte und den Schlag ihrer Herzen hemmte. Dreißigtauſend Pfund Pulver waren zu dieſer entſetzlichen Exploſion verwen⸗ det worden. Der Krieg ſelbſt hielt den Athem an und beide Armeen ſchienen ſich auf einmal in von Furcht und Grauen gepackte friedliche Zuſchauer verwandelt zu haben. Die Hölle ſchien durch die Erdrinde heraufgeborſten zu ſeyn und den Himmel ſtürmen zu wollen. Ungeheure Steine, Geſchütze, Lei⸗ chen und einzelne Gliedmaßen flogen in dem Rauche umher. Einige der letzteren flogen ſogar weit von den Trümmern der Baſtion hinweg zwiſchen die franzöſiſchen und preußiſchen Li⸗ nien, ſo daß ſelbſt die Veteranen die Hände vor die Augen hielten. Raynal fühlte etwas auf ſich herabregnen. Es war Blut, vielleicht das eines Cameraden! O Krieg! Krieg! * Der Rauch verzog ſich. Da wo noch einen Augenblick zuvor die hohe Baſtion ſtand und kämpfte, ſah man jetzt blos noch einen ungeheuerlichen Trümmerhaufen von geſchwärzten blutigen Steinen und Balken, aus welchen hier und da von ihren Laffeten geriſſene Geſchütze herausragten. Und zerriſſen und in Atome zermalmt unter der dampfenden Maſſe lagen der Reſt der tapfern Brigade und ihre ſiegreiche Fahne. 148 VIII. Einige wenige Verwundete der Brigade blieben ſtill lie⸗ gen und ſtellten ſich todt, bis die Abenddämmerung eintrat. Dann krochen ſie zurſck nach den Laufgräben. Sie waren alle kurz vor der Baſtion niedergeſtreckt worden. Von denen, welche den Platz genommen, kam kein Einziger zurück. Raynal drang, nachdem die erſte Beſtürzung vorüber war, eifrig und ſogar zornig auf einen unmittelbaren Angriff gegen die ganze preußiſche Linie. Aber ſeine Vorgeſetzten wa⸗ ren anderer Meinung. Es ſtand einmal geſchrieben, daß der Sturm den nächſten Morgen bei Tagesanbruch ſtattfinden ſollte. Litera scripta manet. Dergleichen Anführer ſind nicht im Stande zu improviſiren. Mit Wuth und Schmerz im Herzen wartete Raynal bis fünf Minuten nach Mitternacht. Nun war er Commandant der Brigade, ertheilte ſeine Befehle und nahm dreißig Mann, um ſich mit ihnen nach den Trümmern der Baſtion zu ſchlei⸗ chen und die Leiche ſeines Freundes zu ſuchen. Während er dieſen frommen Vorſatz ausführte, ward er durch eine wichtige Entdeckung belohnt. Die ganzen preu⸗ ßiſchen Linien waren ſeit Sonnenuntergang verlaſſen worden, und als Raynal vorſichtig auf die Wälle hinaufſtieg, ſah er, daß auch die Stadt geräumt war und Lichter und andere Anzeichen auf einer Anhöhe dahinter überzeugten ihn, daß die Preußen im vollen Rückzuge begriffen waren, wahrſcheinlich um die Vereinigung mit andern Streitkräften zu bewirken, welche der Sturm, den er angerathen, unmöglich gemacht haben würde. Nun zündete man Laternen an und ſuchte um die ganze Baſtion herum nach dem armen Oberſten. Hinter der Baſtion fand man viels franzöſiſche Soldaten, von welchen die meiſten durch das Bajonnet gefallen waren. Die preußiſchen Todten waren alle hinweggeſchafft. Hier fand man auch den ſonſt ſo redſeligen Sergenten La Ervix. Der arme Kerl war nun ſehr ſtill denn er hatte einen furchtbaren Säbelhieb über den Schä⸗ del bekommen. Der Oberſt aber war nicht da. Raynal ſeufzte und ging weiter nach der Baſtion. Die Trümmer rauchten noch. Sieben oder acht Leichen wurden dadurch entdeckt, daß ein Arm oder ein Fuß aus dem Schutte hervorragte. Einige davon waren Preußen— ein Beweis, daß eine dem Untergange geweihte Hand»die Mine angezün⸗ det und Freund und Feind vernichtet hatte. Man fand das Rohr der langen Drehkanone noch em⸗ vorragend, gerade wie man es an jenem ruhmvollen Tag oben auf der Baſtion geſehen, nur mit der Ausnahme, daß ein großes Stück von dem vordern Rande abgeſchlagen war und ein breiter Sprung ſich das ganze Rohr entlang zog. Die Soldaten betrachteten es. „Das iſt das Werk unſerer Kugeln,« ſagten ſie. Und ein alter Veteran trat hervor, griff ſalutirend an den Hut und ſagte zu Raynal in ernſtem Tone, er wiſſe, wo ihr geliebter Oberſt läge. „Laſſen Sie hier nachſuchen,s ſagte er.»Ex liegt un⸗ ter ſeinem Werk.« So unwahrſcheinlich und abergläubiſch das auch war, ſo ſtimmten die Herzen der Soldaten doch bei. Plötzlich erhob ſich ein Freudenruf draußen vor der Ba⸗ 150 ſtion. Man erte hin. Es war aber, wie ſich ergab, weiter Niemand als Dard, welcher entdeckt hatte, daß Sergent La Croir's Herz noch ſchlug. Man hob ihnſorgfältig auf und trug ihn in das Lager. Zu Dard's Freude erklärte der Chirurg ihn für heilbar. Dennoch aber blieb er noch drei Tage ohne Be⸗ ſinnung und war dann unfähig, wieder zu dienen. Deshalb ſchickte man ihn als Invaliden nach Hauſe und ſchenkte ihm hundert Franes aus der Börſe des armen Oberſten. Raynal rapportirte die Räumung des Platzes und daß Oberſt Dujardin unter der Baſtion begraben ſey. Dann band er eine ſchwarze Schärpe über ſein krankes Herz und ritt zum Lager hinaus. Und wie kam es, daß Jean Raynal dem Kriege den Rücken kehrte? Sein Nebenbuhler war die Urſache. Die Worte, welche Camill mit Bleiſtift gekritzelt und ihm vom Rande des Grabes zugeſendet hatte, waren wenig an der Zahl, aber groß. »Ein Todter nimmt Sie zum letzten Male bei der Hand. Mein letzter Gedanke iſt, Gott ſey Dank, Frankreich. Um Frankreich und um meinetwillen, Rahnal, begeben Sie ſich zu dem General Bonaparte. Sagen Sie ihm im Auf⸗ trage eines ſterbenden Soldaten: Der Rhein iſt für dieſe Ge⸗ nerale weiter nichts als ein Fluß, für ihn aber ein Feld des Ruhmes. Er wird unſer Leben nutzbar verwenden, aber nicht vergeuden. Gehen Sie!« Die ſchon durch ſchweren Dienſt bedeutend gelichtete 24. Brigade ward durch den Sturm auf die Baſtion St. An⸗ dreas auf nur noch wenige Mann reducirt. Dieſe wurden der 12. Brigade einverleibt und Raynal ritt mit ſchwerem Herzen nach Paris. 15¹ IX. „Was macht meine arme Joſephine heute, Doctor?“ fragte die Baronin. „Es geht heute viel beſſer. Sie ſagt wir, daß ſie vorige Nacht ohne Opium geſchlafen— das erſte Mal ſeit zehn Ta⸗ gen. Die Natur wird den Sieg gewinnen— mit meiner Hilfe.« „Nein, Doctor, nicht, wenn Sie Joſephinen nicht von dem heilen können, was ſie krank gemacht hat.* „Sonne, Luft und Bewegung müſſen das Werk ver⸗ vollſtändigen,« ſagte der Doctor ausweichend. „Können dieſe wohl ihren Kummer heilen?“ „Welchen Kummer?« fragte der Doctor, „Ja, ſie hat einen geheimen Kummer, und Du haſt auch einen, Laura,« ſagte die Baronin. „Ich? ich, Mama?“ „O, ich weiß, Ihr haltet mich für ſehr blind, aber es geht hier etwas Geheimnißvolles vor, was durch alle eure Vorſicht hindurchſchimmert.* „Was meinſt Du aber, Mama?“ „Ich meine, Laura, daß meine Geduld zu Ende iſt. Ich bin es müde, die Rolle einer Bildſäule unter Euch zu ſpie⸗ len. Raynal's düſtere Miene, als er uns verließ, Joſephi⸗ nens Krankheit ſeit jener Zeit, deine Bläſſe, Laura, während Du unter einem erzwungenen Lächeln unerklärliche Nieder⸗ geſchlagenheit verbirgſt— unterbrich mich nicht, Laura— 152 Eduard, der faſt wie ein Sohn war, iſt ohne ein Wort zu ſagen fortgegangen und kommt uns nichtwieder zu nahe—* »Er iſt verreiſt, Mama.« »Und noch nicht wieder da?« „Nein.* »Iſt das ſo, Doctor?“ „Ich glaube es,« entgegnete der Doctor.»Ich wollte ihn geſtern beſuchen, aber die Magd ſagte, er ſey nicht da.« »Gut,« ſagte die Baronin,„es iſt klar, daß ich von Euch Beiden nichts erfahren werde, aber daraus folgt noch nicht, daß ich es nicht von Jemanden Andern erfahren werde.« Der Doctor und Laura wechſelten einen unruhigen Blick. »Dieſes erzwungene Lächeln und unerklärliche Weinen, dieſes Erſcheinen der Abweſenden und das Verſchwinden der Anweſenden—* »Verſchwinden der Anweſenden, Mama? Was willſt Du damit ſagen?* »Gleichviel. Alle dieſe Geheimniſſe von Beaurepaire werden zu ihrer Enthüllung vielleicht weniger Zeit bedürfen als die Udolpho's.« »In der That,« ſagte Aubin ruhig,„ich hätte nicht geglaubt, daß meine gute alte Freundin ſich ſo gut darauf verſtünde, Hirngeſpinnſte zu ſchaffen und ſich ſelbſt zu quälen.« »Es iſt ſehr leicht zu verſtehen,« entgegnete die Baro⸗ nin,„ich bin eine alte Frau, ich habe nicht richtig geſehen. Ich höre verkehrt. Ich verſtehe nicht gut Dennoch aber, mein Herr, werde ich, wenn Sie mir erlauben, ein paar Worte mit meiner Tochter ſprechen.« „Ich gehe, gnädige Frau.* Laura machte ſich gefaßt auf das, was kommen würde. Die Prüfung aber, welche ihrer harrte, war ganz anders als 153 ſie erwartete. Sie glaubte ein ſtrenges Verhör beſtehen zu müſſen. Statt deſſen aber ſetzte ihre Mutter ſich nieder und brach in Thränen aus. „O Mama! Meine gute Mama!s rief Laura und lag im nächſten Augenblick zu den Füßen ihrer Mutter auf den Knien. „Meine Tochter,« ſchluchzte die alte Frau,»mögeſt Du nie erfahren, was eine Mutter fühlt, die ſich von den Herzen ihrer Töchter ausgeſchloſſen ſieht.“ „O, Mama, biſt Du nicht in meinem Herzen?“ „Nein, denn ſonſt wäre ich auch in deinem Vertrauen. Zuweilen glaube ich, ich ſey ſelbſt Schuld daran. Das Zeit⸗ alter, in welchem ich geboren ward, war ſtreng. Heutzutage ſcheint eine Mutter blos eine Art ältere Schweſter zu ſeyn. Zu meiner Zeit war ſie etwas mehr. Und doch liebte ich meine Mutter eben ſo oder noch mehr als meine Schweſtern. Mit Denen aber, die ich unter meinem Herzen getragen und die ich auf meinen Knien geſchaukelt, iſt es nicht ſo.« Laura's Schluchzen ward ſo heſtig und vongſungs voll, daß die Baronin ſich ſcheuete zu viel zu ſagen, obſchon ihr Herz zu voll war von lange verhaltenem Kummer. Die arme alte Frau, ihr Herz war ſchon lange wund, aber der Stolz hatte ihr den Mund verſchloſſen. „Na, Laura,« ſagte ſie,„weine nicht ſo. Es iſt nicht zu ſpät, deine arme alte Mutter in dein Vertrauen aufzuneh⸗ men. Warum bieſes Geheimniß und dieſer Kummer? Wie kommt es, daß ich jede Minute Blicke erhaſche, die nicht für mich beſtimmt ſind? Sogar die Luft iſt erfüllt von geheimniß⸗ vollen Tönen. Was hat dieſes alles zu bedeuten?« Es erfolgte weiter keine Antwort als Schluchzen. „Geht denn irgend ein Betrug vor?“ 154 Keine Antwort als Schluchzen. „Ich will Dich noch einmal fragen— ich laſſe mich dann nicht wieder herab, Dich zu fragen— gib mir eine beſſere Antwort, als dieſes ſtumme Schluchzen. Du willſt nicht? Wohlan, da Du mir nichts ſagen willſt—« „Ich kann nicht, ich habe nichts zu ſagen.« „Nun, willſt Du vielleicht etwas für mich thun?“ „Ja, Mama— Alles was Du willſt. „Ich werde nicht viel verlangen. Ich ſcheue mich jetzt, deine Liebe allzuſehr in Anſpruch zu nehmen. Du ſollſt blos einen Brief ſchreiben.« Laura ſprang ſofort auf, holte begierig Schreibmateria⸗ lien herbei und fühlte ſich erfüllt von Dank gegen ihre Mutter, daß ſie ihr befahl, etwas zu thun. „Nun ſchreibe.* Laura ergriff raſch die Feder. „Lieber Herr Rividre—« „Ach, Mama— an ihn?« „Haben Ste die Güte, ſobald es Ihnen mög⸗ lich iſt, hierher zu kommen.— Iſt es geſchrieben?“ „Ja, ſtammelte Laura zitternd. „Dann unterzeichne meinen Namen.« „O, ich danke Dir, Mama.* „Brich den Brief zuſammen— und adreſſire ihn an ſeine Wohnung.* „Ja.— So. Soll ich Jacintha damit fortſchicken?6 „Nein, Du wirſt Jacintha nicht damit fortſchicken. Ich traue weder ihr noch Dir. Gib den Brief mir. Ich traue we⸗ der dem zwanzigjährigen Freunde, noch der Dienerin, die im Mißgeſchick bei mir ausharrte, noch der Tochter, die ich ge⸗ boren und erzogen. Und warum traue ich Euch nicht? Ihr . 155 habt mich belogen! Ich ſah Eduard Riviere vor zwei Ta⸗ gen im Park! Ich ſah ihn. Meine alten Augen ſind ſchwach, aber keine Lügner. Ich ſah ihn. Schickt mir mein Frühſtück auf mein Zimmer. Ich ſtamme aus einem alten ehrenhaften Geſchlecht— ich mag nicht mit Lügnern an einem Tiſche ſitzen. Ich könnte die Höflichkeit vergeſſen— Ihr würdet mir alle an den Augen abſehen, daß ich Euch verachte.« Sie ging mit dem Brief in der Hand hinaus und ver⸗ ließ Laura erſchrocken und außer ſich über dieſe harten Worte von ſo geliebten Lippen. ** * Eduard Riviére ſtürzte in einer einzigen Nacht aus ſeinem Glück, welches ſtumpfſinnige Seelen ſich nicht denken können, in tiefes hoffnungsloſes Elend. Er verlor, was für jedes der Liebe fähige Herz das größte irdiſche Gut iſt, das Weib. welches er anbetete, und mit ihr verlor er jene erhabenen Schätze der Seele— den Glauben an menſchliche Güte und an weibliche Reinheit. Für ihn konnte es nun kein offenes ehrliches Auge, keine tugend⸗ haft erröthende Wange mehr geben. Verbrechen und Verrath hatte dieſe Anzeichen der Tugend und des Seelen⸗ adels vernichtet— ſein Herz war gebrochen und ſein Glaube dahin. Denn wem konnte er nun noch trauen oder glauben? Er hat ein Weſen gekannt deſſen Tugenden jede Abweichung vom Pfade der Unſchuld unmöglich und den Verrath dop⸗ peit unmöglich zu machen ſchien— ein Weſen, deſſen Fehler — denn Fehler hatte es— dem Verrath eben ſo entgegenge⸗ ſetzt zu ſeyn geſchienen hatten, als ſeine Tugenden es waren. Und dennoch war dieſes Weſen nichts als Verbrechen und Lüge. 156 Er ward in dieſer einen Nacht des Schmerzes und der Qual gleichſam ein alter Mann. Er verrichtete mechaniſch und halb gedankenlos ſeinen Dienſt. Was er genoß, war ge⸗ ſchmacklos. Sein Leben ſchien zu Ende zu ſeyn, nichts ſchien mehr ſo wie es geweſen. Dann und wann ward das ſchwere Herz von dem Gefühl der Wuth und Kränkung durchzuckt, denn ſeine Eitelkeit war eben ſo tief verwundet worden, als ſeine Liebe. »Georg Dandin,« rief er,»Du hatteſt Recht, alter Mann. Ich wunderte mich damals über dein Wort. Georg Dandin, Fluch ihr! Fluch ihr!« Aber Liebe und Schmerz überwältigten wieder dieſe An⸗ wandlungen von heißblütiger Entrüſtung und ließen ihn wie⸗ der zu Stein gefrieren. Der junge arme Mann härmte ſich ab. Seine Kleider hingen locker um ihn herum und ſein Geſicht hatte ſich ſo verändert, daß man ihn kaum wieder erkannte. Die Geſellſchaft der Men⸗ ſchen haßte er. Was hätte er mit ſeinem zermalmten Herzen auch ſagen können? Er konnte nicht ſprechen, er wollte nicht ſprechen. Er mied die ganze Welt und ging allein umher wie ein verwundetes Reh Der gute Doctor ſprach bei ſeiner Rück⸗ kehr von Paris bei ihm vor, um zu ſehen, ob er krank wäre, weil er ſeit mehren Tagen nicht ins Schloß gekommen war. Er ſah den Doctor kommen und befahl der Magd zu ſagen, er ſey nicht im Dorfe. Er zog den Fenſtervorhang herunter, um das Schloß nie wieder zu ſehen. Er zog ihn wieder in die Höhe— er konnte nicht exiſtiren, ohne es zu ſehen. „Auch ſie wird ſich elend fühlen,« rief er mit den Zäh⸗ nen knirſchend.»Sie wird ſehen, ob ſie gut gewählt hat.* Zu andern Zeiten ging ſein ganzer Muth und ſein Haß 157 und ſeine verwundete Eitelkeit in ſeiner Liebe und deren Ver⸗ zweiflung unter, und dann beugte er ſein Haupt undſchluchzte und weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte. Gerade an dieſem Tage lag er ſchluchzend mit dem Ko⸗ pfe auf dem Tiſche als ſeine Wirthin an die Thür pochte. Er fuhr in die Höhe und wendete das Geſicht von der Thür hinweg. »Es iſt ein Mädchen von Beaurepaire da.« „Von Beaurepaire?s Es war als wenn ihm ein glühender Dolch durch's Herz führe. „Sie ſoll hereinkommen.« Er wiſchte ſich die Augen, ſetzte ſich an einen Tiſch und ſuchte ſich ſo gut als möglich zu faſſen. Es war nicht Jacintha, wie er erwartet hatte, ſondern die andere Dienerin. Sie begrüßte ihn höflich, warf einen ver⸗ wundernden Blick auf ihn und gab ihm einen Brief. Sein Auge ſchoß einen Blick darauf und ſeine Hand zitterte, wäh⸗ rend er ihn in Empfang nahm. Er wendete ſich ab, um ihn zu öffnen. Er zwang ſich in ziemlich ruhigem Tone zu ſagen: „Ich werde Antwort ſchicken.* Nach der erſten hefligen Gemüthsbewegung folgte ein großer Kampf. „Ihre Handſchrift. Ein Brief im Namen ihrer Mutter. Ha, ich begreife! Die alte Frau ſoll auch mit hineingezogen werden. Sie ſoll einen Georg Dandin aus mir machen hel⸗ fen. Ich werde hingehen. Ich will Allem trotzbieten. Ich will dieſen Schlupfwinkel der Verworfenheit enthüllen, wo man Etikette und Anſtand heuchelt, um Wolluſt und Verrath da⸗ hinter zu verbergen. Gott, wer hätte geglaubt, daß dieſes Geſchöpf mich niemals liebte! Aber Keines von ihnen Allen ſoll 158 meine Schwäche ſehen. Ihr Wohlthäter ſoll immer noch über ihnen ſtehen. Sie ſodlen mich ſehen, kalt wie Eis und bitter wie Galle.* Er machte ſorgfältig Toilette, nahm ſeinen Hut und ging eben ſo langſam nach Beaurepaire, als er ſonſt ſchnell dahin zu gehen pflegte. ** 6 Bei dieſem gegenwärtigen Zuſtande der Dinge in Beaure⸗ paire müſſen wir einen Schritt zurückgehen. Als Joſephine und Laura aus jenem unruhigen Schlum⸗ mer erwachten, welcher auf die Erſchöpfung jener Schreckens⸗ nacht folgte, war Laura die bei weitem Unglücklichere von Beiden. Sie hatte ſich nicht blos entehrt, ſondern auch den Mann, den ſie liebte, tödtlich verwundet. Joſephine andererſeits war erſchöpft, aber ruhig. Die * furchtbare Gefahr, der ſie entronnen, hatte durch den Gegen⸗ ſatz ihre entfernteren Schreckniſſe gemildert. Sie begann wie⸗ der ihre Augen zu ſchließen und ſich von der Strömung trei⸗ ben zu laſſen. Vor allen Dingen tröſtete ſie der Anblick ihres Kindes und der Gedanke, daß ſie es in drei Wochen in Paris bei ſich haben würde. Dieſe trügeriſche Ruhe des Herzens dauerte blos drei Tage. Von Laura ſorgfältig unterſtützt, ward ſie durch Jaeintha vernichtet. Jacintha, welche wohl wußte, daß ſie ihre Pflicht ver⸗ nachläſſigt, gerieth faſt in Verzweiflung. Sie ſchämte ſich, vor chrer jungen Herrin zu erſcheinen und wollte, wie Feiglinge, gar nicht einmal wiſſen, wie vielen Schaden ſie angerichtet. Sie ſchützte Zahnweh vor, band ſich das Geſicht ein und kam 159 nicht aus der Küche. Aber ſo ſollte ſie nicht wegkommen. Die andere Dienerin kam mit der Botſchaft, daß Madame Raynal ſie augenblicklich zu ſprechen wünſche. Sie kam zitternd und traf Joſephinen ganz allein. Joſephine ſtand auf, ging ihr entgegen, warf erſt einen verſtohlenen Blick im Zimmer umher, ſchlang ihre Arme um Jacintha's Hals und umarmte ſie unter vielen Thränen. „War wohl je eine Treue wie die deine? Wie konnteſt Du nur ſo etwas ausführen? Und wie kann ich es jemals vergelten? Du biſt beſſer als ich. Es iſt nicht recht von mir, daß ich ein ſolches Opfer von irgend einem weiblichen Weſen annehme.* Jacintha war ſo verlegen, daß ſie nicht wußte, was ſie ſagen ſollte. Aber es war eine Myhſtification, die nicht lange zwiſchen zwei Frauen dauern konnte, die beide durch eine dritte hintergangen worden. Bald entdeckten ſie, daß es Laura geweſen ſehn müſſe, die ſich geopfert hatte. »Und Eduard iſt ſeitdem nicht wieder hier geweſen?“ »Und wird auch nicht wiederkommen, Madame.“ »O ja, er ſoll wiederkommen. Selbſt meine Schwäche und die Hingebung meiner Schweſter muß eine Grenze haben, Du wirſt ihm einen Brief von mir überbringen. Ich will ihn dieſen Augenblick ſchreiben.« Der Brief ward geſchrieben, aber er ward nicht abge⸗ ſendet. Laura überraſchte Joſephinen und Jacintha beiſam⸗ men, ſah, daß ein Brief geſchrieben ward, verlangte ihn zu ſehen, und als Joſephine zögerte, riß ſie ihn ihr aus der Hand und in Stücken, und befahl Jacintha, das Zimmer zu verlaſſen. Sie haßte den Anblick der armen Jacintha, welche in dem Augenblick geſchlafen. wo Alles von ihrer Wachſamkeit abhing. 160 „Du wollteſt ohne mein Vorwiſſen an ihn ſchreiben?“ „Vergib mir, Laura.“ „O Joſephine, iſt es ſo weit gekommen? Willſt Du mich hintergehen?“ „Du haſt mich hintergangen! Ja, ſo weit iſt es gekommen. Ich weiß Alles. Ich werde aber nicht in das Verderben Aller willigen, die ich liebe.« Dann bat ſie inſtändig um die Erlaubniß, den Brief abſen⸗ den zu dürfen. Laura weigerte ſich ungeſtüm. „Was kannſt Du ihm denn ſagen, Närrin? Kenne ich ihn und ſeine Eitelkeit vielleicht nicht? Wenn Du Dich ihm bloßſtelleſt und ihm beweiſeſt, daß ich nichts Schlimmeres bin als eine Lügnerin, die ihn beleidigt hat, glaubſt Du, daß er mir dann verzeihen würde? Nein, dadurch würdeſt Du blos meine Liebe gering anſchlagen und das Opfer wegwerfen, wel⸗ ches ich gebracht habe. Ich fühle dieſes Opfer eben ſo als Du, vielleicht noch mehr, und lieber wollte ich in einem Klo⸗ ſter ſterben, als dieſe Nacht der Schmach und Qual vergeu⸗ den. Komm, verſprich mir, daß Du keine derartigen Verſuche wieder machen willſt, oder wir ſind nicht mehr Schweſtern, nicht mehr Freundinnen, nicht mehr ein Herz und ein Blut.“ Die durch Krankheit und Kummer noch mehr geſchwächte ſchwächere Natur ward zur Unterwerfung gezwungen oder ſuchte vielmehr Zeit zu gewinnen. „Nun, ſo gib mir einen Kuß,“ ſagte Joſephine,„und bleibe meine liebe Schweſter.« Laura küßte ſie unter vielen Seufzern, Joſephine aber lächelte. Laura ſah ſie argwöhniſch an. 161 Dieſes ſchlaue Lächeln! Was bedeutet es? Sie hatte einen Entſchluß gefaßt. »Sie will mich auf eine oder die andere Weiſe hinter⸗ gehen,« dachte ſie. Von dieſem Tage an überwachte Laura ſie wie ein Spion Das Vertrauen war zwiſchen ihnen dahin, und Arg⸗ wohn trat an deſſen Stelle. Laura hatte Recht. In dem Augenblicke, wo Joſephine ſah, daß Eduards und Laura's Glück ihr geopfert werden ſollte, die durch nichts mehr glücklich gemacht werden konnte, ſagte das arme Weſen zu ſich ſelbſt:»Ich kann ja ſterben!« Deshalb lächelte ſie. Der Doctor gab ihr Opium. Er fand, daß ſie nicht ſchlafen konnte, und er hielt es für höchſt wichtig, daß ſie ſchliefe. Joſephine hob, anſtatt dieſe kleinen Doſen zu nehmen. ſie alle auf, goß ſie in ein Glas und ſammelte ſo von dem Schlafe eines Dutzend Nächte den ewigen Schlaf. Und nun war ſie ſehr ruhig. Dieſes iunge Weſen, welches ſich nicht überwinden konnte, irgend Jemanden Schmerz zu bereiten, bereitete ſeinen eigenen Tod mit einer ruhigen Entſchloſſenheit, welche die Helden des männlichen Geſchlechtes nicht oft erreicht haben. Der Tod ſchien ihr ſo willkommen. Er rettete ihre Ehre, überhob ſie der furchtbaren Alternative, ihren Gatten zu täuſchen, oder ihm zu ſagen, daß ſie einem Andern gehöre. »Der arme Raynal,« ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„es iſt zu grauſam, ihn an ein Weib zu feſſeln, welches ihm niemals ſeyn kann, was er verdient. Laura wird dann Eduard ihre Unſchuld beweiſen. Einige Thränen um eine ſchwache liebende Seele und dann werden Alle glücklich ſeyn und mich vergeſſen.« Während ſie ſich in dieſer Gemüthsſtimmung befand, Wer lieben will. 1V. 11 162 ſchrieb Raynal von Paris, daß er jeden Augenblick erwartet werden könne, und diesmal ſetzte er hinzu: „Ich bleibe einen ganzen Monat.“ Joſephine ward von einem Schauer überrieſelt, den meine Leſerinnen verſtehen werden. Dieſer Brief war das letzte Wort ihres Todesurtheils. Da ihre Tage nun gezählt und ſogar ihre Stunden un⸗ ſicher waren, ſo konnte das Mutterherz die Welt nicht ver⸗ laſſen, ohne wenigſtens ihr armes Kind in eine liebende Hand gelegt und ihm Fürſorge und Pflege geſichert zu haben, und ſo traf es ſich, daß ſie gerade nachdem die Baronin mit jenen bitteren Worten fortgegangen war, aus ihrem Zimmer kam, um vor Laura ihr Herz auszuſchütten. Wenn ich ſage,„ihr Herz ausſchütten,« ſo iſt dieſer Ausdruck nicht richtig. Ihr Schickſal war immer noch, Alles oder einen Theil davon zu verſchweigen. Laura war ſcharf⸗ blickend und argwöhniſch. Laura würde niemals in ihren Tod gewilligt haben. Sie durfte jetzt weiter nichts ſagen als etwas, was darauf berechnet war, daß die arme Laura chren Tod, wenn ſie nicht mehr wäre, begreifen und ſagen ſollte:»Dies war der letzte Wunſch meiner armen und verlorenen Schweſter.« Laura ſaß alſo von den Worten ihrer Mutter in dem in⸗ nerſten Herzen verwundet, weinend in dem tapezirten Zim⸗ mer als Joſephine zu ihr kam und ſich mit zärtlichem Lä⸗ cheln neben ſie ſetzte und ſie an ihre Bruſt zog. „Ich freue mich, daß ich Dich allein finde. Aber Du weinſt ja?« „Mama hat mich ausgeſcholten und an Eduard geſchrie⸗ ben. Doch Du haſt mir wohl etwas zu ſagen?* „Allerdings, aber jetzt nicht. Es iſt jetzt keine Zeit, deinen Muth auf die Probe zu ſtellen, armes Mädchen. Du weinſt ja.“ 163 »Dich zu vertheidigen, Joſephine, habe ich ſtets Muth,« entgegnete ſie und trocknete ſofort ihre Augen. „Dieſe Art von Muth meine ich nicht, Schweſter. Ach, bin ich denn nur geboren, um Schmerzen zu bereiten?“ »Sprich, Joſephine.« »Reiche mir deine Hand. Seh ſtandhaft, meine arme Laura. Ich bin ſchlimmer als ich ſcheine. Ich habe hier etwas auf meinem Herzen, was die Geſchicklichkeit des armen Doc⸗ tors auf die Probe ſtellen wird. Und Du weißt, Liebe, das Leben iſt im beſten Falle nur ein kleines Licht, welches ein Hauch verlöſchen kann.* Laura ſagte nichts, aber zitterte und betrachtete ihre Schweſter mit ſcharf beobachtendem Blicke. »Was ich ſagen will, betrifft meinen kleinen Eduard. Was würdeſt Du wohl mit ihm machen, wenn mir etwas zuſtoßen ſollte?« »Was ich mit ihm machen würde? Er iſt ja mein. Ich würde ſeine Mutter ſeyn. O, was ſind das für Worte! Mein Herz! mein Herz!⸗ »Nein, Laura, früher oder ſpäter wirſt Du Dich ver⸗ mälen und deine ganze Mutterliebe deinen eigenen Kindern ſchuldig ſeyn, und Eduard iſt nicht allein unſer. Er gehört noch Jemanden, gegen den ich unfreundlich geweſen bin. Vielleicht hält er mich für herzlos. Denn ich bin ein thörich⸗ tes Weib. Ich weiß nicht, wie ich tugendhaft ſeyn und doch einem Manne mein Herz zeigen kann. Dann aber wird er mich verſtehen und mir verzeihen. Liebe Laura, Du wirſt an ihn ſchreiben. Er wird zu Dir kommen. Ihr werdet mit ein⸗ ander den Platz beſuchen, wo ich ſchlafen werde. Du wirſt ihm mein Herz zeigen. Du wirſt ihm meine lange Liebe er⸗ zählen, welche dauerte bis an's Ende. Du brauchſt nicht zu * 2 164 erröthen, ihm Alles zu erzählen. Ich habe kein Recht dazu. Dann wirſt Du ihm das Kind ſeiner armen Joſephine geben und zu ihm ſagen:„Sie liebte nie einen andern Mann als Dich; ſie gibt Dir Alles, was noch von ihr übrig iſt— ihr Kind. Sie bittet Dich, ihm keine böſe Mutter zu geben.“ Die arme Seele! Dies war ihr einziger Funken von klei⸗ ner, ſanfter Eiferſucht, aber dennoch machte er ihre Augen überfließen. Sie würde ihre Hand aus dem Grabe geſtreckt haben, um den Vater ihres Kindes zu bewegen, ſein ganzes Leben lang unvermält zu bleiben. „O meine Joſephine— meine geliebte Schweſter!s rief Laura,„warum ſprichſt Du vom Tode? Beabſichtigſt Du ein Verbrechen?* „Nein, aber es lag mir auf dem Herzen, es zu ſagen. Ich fühle mich nun erleichtert.“ „Dann drücke mich wenigſtens an dein Herz, meine Ge⸗ liebte, damit ich deine Thränen nicht ſehe.* „Thränen? Nein Du haſt mir das Herz erleichtert. Gott ſegne Dich! Gott ſegne Dich!« Die Schweſtern umſchlangen ſich. Sie glichen zwei En⸗ geln, welche in einer einzigen Liebe ineinanderfließen. Sie ſchwiegen mehre Minuten lang. Dann gingen ſie auf Joſephinens Zimmer. Es dauerte jedoch nicht lange ſo ward Laura zu ihrer Mutter gerufen. Sie begab ſich von bangen Ahnungen erfüllt zu ihr; die Gemüthsſtimmung der Baronin hatte ſich aber geändert. Ein verſtecktes Wohlwollen lauerte jetzt in ihren Zügen. „Setze Dich neben mir auf das Sopha. Nun aber beichten Sie, Mademoiſelle! Es hat ein kleiner Zwiſt zwiſchen Dir und Eduard ſtattgefunden, nicht wahr?* „Ja— ja, Mama, antwortete Laura zögernd. 165 „Und wenn ich Euch nun wieder mit einander ausſöhne?s „Nicht um Alles in der Welt willen— nicht um Alles in der Welt willen!* „Unſinn, Kind!« „Herr Rividrels meldete die neue Dienerin. Laura fuhr auf, um zu fliehen. „Bleib ſitzen,«ſagte die Baronin gebieteriſch. Eduard trat ein. Er war bleich und aufgeregt. Die Baronin winkte ihm Platz zu nehmen und ſetzte ſich ſelbſt auf einen Stuhl, wäh⸗ rend Laura auf dem Sopha blieb. Die Keckheit Laura's, womit ſie ihm in Gegenwart ih⸗ rer Mutter gegenüber trat, erfüllte Eduard mit Zorn und Widerwillen. „Sie ſoll es bereuen,« ſagte er bei ſich ſelbſt. „Sie ſehen wohl Laura gar nicht, ſagte die Baroninruhig. Er hatte durchaus keine Notiz von ihr genommen. Eduard ſtammelte eine Entſchuldigung, ſtand auf und verneigte ſich gegen Laura. Während er dieſe kalte Begrüßung ausführte, ſah er ihr in's Geſicht. Sie war bleich und ihre Augen waren roth. Sie war alſo unglücklich. „Herr Rivière,« ſagte die Baronin ceremoniös und langſam,»Sie haben uns ſeit längerer Zeit nicht mehr mit Ihren Beſuchen beehrt.« „Ich bitte um Entſchuldigung, gnädige Frau, ich habe ſehr viel zu thun gehabt.« »So bekannt wie Sie in unſerem Hauſe und ſo geach⸗ tet, wie Sie von Allen waren, müſſen Sie durchaus einen Beweggrund gehabt haben, uns ſo plötzlich zu vernachläſſi⸗ 166 gen. Machen Sie mich zu Ihrer Vertrauten. Was war Ihr Beweggrund? Iſt es Laura's Schuld?« „Ja, gnädige Frau.* „Ja, Mama es iſt meine Schuld. Dukennſtja mein Tempe⸗ rament!« und ſie warfEduard einen demüthigflehenden Blickzu. „Miſche Dich nicht ein, Laura; laß mich Herrn Rivière hören* „Ja, gnädige Frau, meine Gemüthsart und die Fräu⸗ lein Laura's konnten ſich nicht mit einander vertragen.“ „Aber Ihre Gemüthsart iſt ja ganz liebenswürdig— ſie iſt heiter, gleichmäßig und ſanft.“ „Sie verſtehen mich nicht recht, gnädige Frau; ich mache Fräulein Laura keinen Vorwurf. Ich bin es, der die Schuld trägt.“ „Woran?s fragte die Baronin kurz. „Daran, daß ich nicht fähig bin, ihr Liebe gegen mich einzuflößen.* „O, iſt es das? Alſo ſie liebte Sie nicht?“ „Fragen Sie ſie ſelbſt, gnädige Frau.« „Laura, ſagte die Baronin, deren Auge nun zu funkeln begann,»haſt Du Dich wirklich eines ſolchen Mangels anrich⸗ tigem Urtheil ſchuldig gemacht? Liebteſt Du den Herrn nicht?“ „Nein, Mama, ich liebte Herrn Eduard nicht.“ Eduard ſeußte. „Das ſagſt Du mir und weinſt dazu?« „Sie weint, gnädige Frau?!* „Nun, ſehen Sie es nicht ſelbſt? Doch kommen Sie, ich weiß ſchon wie das enden wird.* „Wo willſt Du hin, Mama?* „Zu meiner andern Tochter. Ach, ihr Fall iſt weit ſchlimmer als der deine. Herr Eduard, verzeihen Sie mir, 167 wenn ich Sie einen Augenblick mit dem Feinde allein laſſe. Ich hoffe trotz dem, Sie bei meiner Rückkehr noch unter den Lebenden zu finden.* Und ſie ging mit ſchlauem Kopfnicken fort nach Joſephi⸗ nens Zimmer. Todtenſtille. „Mein Herr!« begann Laura flüſternd. „Mein Fräulein!« „Ich danke Ihnen inſtändig für Ihre Großmuth. Aber Sie waren ſtets großmüthig. Ich fühlte, daß Sie mich nicht verrathen würden.“ „Mein Fräulein, Ihr Geheimniß gehört Ihnen an, nicht Anderen. Ich— Fluch über meine Schwäche! Leben Sie wohl!* Er machte eine Bewegung um zu gehen. Sie neigte mit verzweifeltem Stöhnen ihr Haupt. Dies ging ihm zu Herzen und hielt ihn zurück. Er zögerte und kam dann auf ſie zu. „Ich ſehe, daß es Ihnen leid thut, mir ſo etwas ange⸗ than zu haben— mir, der ich Sie ſo liebte— der von Ih⸗ nen geliebt ward. Ja, leugnen Sie es nicht, Laura; es gab eine Zeit, wo Sie mich liebten. Und das macht die Sache noch ſchlimmer. Wie konnten Sie mir ſo ſüße Hoffnungen machen, blos um dieſe und mich zu zermalmen! Und iſt dies nicht grauſam von Ihnen? Jetzt ſo zu weinen und mich Ihre Reue ſehen zu laſſen— wo es zu ſpät iſt?« „Ach, wie kann ich meine Reue unterdrücken? Ich habe einen ſo guten Freund beleidigt.« Es trat ein trauriges Schweigen ein. Und dann, als ſie ihn anſah, widerſprachen ihre Blicke der Anklage, welche ihre eigenen Lippen gegen ſich vorgebracht hatten. 168 Plötzlich ſchien aus dieſem edlen kummervollen Antlitz ein Licht für Eduard hervorzublitzen. »Sagen Sie mir, daß es nicht wahr iſt,« rief er. Sie bedeckte das Geſicht mit den Händen. Ihr weiblicher Inſtinct ſagte ihr, daß ihre Mienen ſie verrathen würden. »Sagen Sie mir, daß Sie verleitet, umgarnt wurden, aber daß Ihr Herz zu mir zurückkehrte. Reinigen Sie ſich von dem Verdacht vorſätzlichen Betrugs und ich will Ihnen glau⸗ ben und Ihnen auf meinen Knien danken.“ „Gott, habe Erbarmen mit uns!« rief die arme Laura. »Mit uns! Ich danke Ihnen dafür, daß Sie ſagen: mit uns. Sehen Sie, Sie haben nicht Ihr Glück dadurch ge⸗ wonnen, daß Sie das meine vernichteten. Noch ein einziges Wort— lieben Sie jenen Mann, jenen Dujardin?« »Sie wiſſen, daß ich ihn nicht liebe.« »Das freut mich, denn ſein Leben iſt verwirkt. Wenn er mei⸗ nem Freund Rahnalentrinnt, ſo ſoll er doch nicht mirentrinnen.« Laura ſtieß einen Ruf des Entſetzens aus. »Still! ſtill! nicht ſo laut— Camills Leben!— O, wenn er ſterben ſollte, was ſollte denn aus— Bitte, bitte, reden Sie nicht ſo laut!« „Nun, dann geſtehen Sie, daß Sie ihn doch lieben!« rief Eduard.„Geben Sie mir die Wahrheit, wenn Sie keine Liebe zu geben haben. Geſtehen Sie daß Sie ihn lieben, und er ſoll nichts zu fürchten haben. Dann will ich mich ſelbſtumbrin⸗ gen, weil ich ein ſolcher Sclave bin, Sie immer noch zu lieben.« Laura's Standhaftigkeit ward gewaltig erſchüttert. „Ich kann es nicht ertragen!« rief ſie verzweifelnd. „Es geht über meine Kräfte! Eduard, wollen Sie mir ſchwö⸗ ren, das, was ich Ihnen ſagen werde, verſchwiegen zu hal⸗ ten wie das Grab? Doch ſtill— da kommen ſie!“ 169 Die Baronin trat lächelnd ein und Joſephinens bleiches vekümmertes Antlitz ward hinter ihr ſichtbar. „Nun,« ſagte die Baronin,„iſt der Krieg beendet? Was, wir ſchweigen immer noch? Nun, ſo laßt mich denn verſuchen, was ich thun kann. Eduard, reichen Sie mir Ihre Hand.« Während Eduard noch zögerte, faltete Joſephine die Hände und flehte ihn mit ſtummem Blick an, einzuwilligen. Ihr kummervolles Antlitz und die Erinnerung, wie oft ſie ihm als Freundin zur Seite geſtanden, erſchütterte ſeinen Entſchluß. Er ſtreckte langſam und widerſtrebend die Hand aus, denn was nützte es, ſich die Hände zu reichen, wenn die Herzen entfremdet waren? „Hier iſt meine Hand!“ murmelte er. „Und hier die meine, Mama,« ſagte Laura, ihr zu Ge⸗ fallen lächelnd. O welch widerſtreitende Gefühle, als ihre weiche warme Hand die ſeine drückte! Wie machte dieſes wonnige Gefühl das kalte Urtheil wankend! Joſephine lächelte. Es war eine Friſt. Während die jungen Liebenden bei dieſer Berührung noch von Wonneſchauern durchrieſelt wurden, aber einander nicht ins Geſicht ſehen konnten, ließen ſich plötzlich lautſchal⸗ lende Hufſchläge hören. „Das iſt Oberſt Raynal,« ſagte Joſephine mit unna⸗ türlicher Ruhe;„ich erwartete ihn heute.« Die Baronin war im nächſten Augenblick an dem Sei⸗ tenfenſter. „Er iſt es!— er iſt es!« Und ſie eilte hinunter, um ihren Sohn zu umarmen. Jo⸗ ſephine ging, ohne ein Wort zu ſagen, in ihr Zimmer. Laura * — 170 folgte ihr im nächſten Augenblick. Aber in dieſem einen Augen⸗ blick wirkte ſie Wunder. Sie näherte ſich Eduard und ſchaute ihm voll ins Geſicht. Sie war nicht mehr die traurige, nie⸗ dergeſchlagene, wie ſchuldbewußt vor ſich hinblickende demü⸗ thige Laura von einem Augenblick früher, ſondern das mu⸗ thige, hochherzige und etwas gebieteriſche Mädchen wie ſonſt. „Sie haben ſich heute edel gezeigt. Ich ſtehe im Begriff, Ihnen ein Vertrauen zu ſchenken, wie man es nur einem edlen Herzen ſchenkt. Bleiben Sie in dem Hauſe, bis ich mit Ihnen ſprechen kann.« Sie eilte fort und Eduards Herz war plötzlich umge⸗ wandelt und eine Flut von Licht ſchien über ihn hereinzubre⸗ chen. Und doch ſah er keinen Gegenſtand deutlich, aber er ſah Licht. Joſephine ging in ihr Zimmer, öffnete ein Schubfach und nahm ein kleines Fläſchchen heraus. Sie kniete nieder und ſtand im Begriff, das Fläſchchen an ihre Lippen zu ſetzen, als der Griff des Thürſchloſſes umgedreht ward und da der Inſtinet der Verheimlichung ſtärker war, als der Drang zum Sterben, ſo verbarg ſie das Fläſchchen in ihrem Buſen und erhob ſich ſchnell von ihren Knien. Bei dieſer letztern Bewegung ward ſie burt von Laura überraſcht. „Was machſt Du da, Joſephine? Du knieteſt ja!“ „Ich habe heute eine große Prüfung zu beſtehen,« lau⸗ tete die zögernde Antwort. Laura ſagte nichts. Sie ward bleicher.»Sie hintergeht mich ſchon wieder,« dachte ſie, und Laura ſetzte ſich von Bit⸗ terkeit und Angſt erfüllt nieder. Sie that als ob ſie Joſephi⸗ nen nicht beobachtete, ließ ſie aber nicht aus den Augen. „Geh und ſag ihnen, ich käme gleich, Laura.« „Nein, Joſephine, ich verlaſſe Dich nicht eher, als bis dieſes furchtbare Wiederſehen vorüber iſt.« „Nun ſo komm denn,« ſagte Joſephine,»wir wollen ihm ſofort entgegengehen.* „Ja, Joſephine, Hand in Hand, wie wir zu gehen pflegten, als unſere Herzen noch eins waren.“ Joſephine ordnete ihr Haar vor dem Spiegel, denn das Weib bleibt Weib bis zum letzten Lebenshauche. Jetzt ließ ſich eine tiefe Stimme in dem Wohnzimmer hören. Joſephine und Laura gingen nach der Thür, blieben unentſchloſſen einen Augenblick lang ſtehen und traten dann in das tapezirte Zimmer. Raynal ſaß auf dem Sopha und hielt die Hand der Baronin in der ſeinen. Eduard war nicht da. Oberſt Raynal hatte ihm einen ſeltſamen Blick zugewor⸗ fen und ſagte:„Was, Sie hierls in einem Tone, der uner⸗ träglich war. Raynal kam den Schweſtern entgegen. Er küßte Joſe⸗ phinen auf die Stirn. „Du biſt bleich, mein Weib— wie kalt deine Hand iſt!“ „Sie iſt den ganzen letzten Monat krank geweſen,«ſagte Laura. „Auch Sie ſehen unwohl aus, Fräulein Laura.« „O das thut nichts,« rief die Baronin freudig,„Sie werden ſie Alle aufheitern.“ „Ja,« ſagte Rahnal tonlos. „Wie lange bleiben Sie denn diesmal da— einen Tag?* 1 „Nein, einen Monat, Mutter.« 172 In dieſem Augenblick trat der Doctor ein und begrüßte Rahnal freundlichſt. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo wurden ſich Alle be⸗ wußt, daß dies kein freudiges Wiederſehen war. Die Baronin konnte nicht allein die Converſation in lebhaftem Gange er⸗ halten und bald begann ſie ſogar zu bemerken, daß Raynal's Antworten kurz waren und ſein ganzes Weſen zerſtreut und düſter. Auch die Schweſtern ſahen dies und zitterten vor dem, was kommen würde. Die Düſterheit nahm immer mehr zu. Endlich flüſterte Rahnal: „Joſephine, ich wünſche mit Dir allein zu ſprechen.« Die Baronin hörte es nicht, errieth aber an ſeinem Flü⸗ ſtern, daß er mit ſeiner Gattin unter vier Augen zu ſprechen wünſchte. Sie warf dem Doctor einen Blick zu und ging unter einem Vorwand hinunter in ihr eigenes Zimmer. Als ſie das Zimmer verlaſſen wollte, kam Joſephine auf ſie zu. „Mutter, Du haſt mich heute noch nicht geküßt.« „Da! Gott ſegne Dich, mein liebes Kind!« Raynal ſah Laura an. Sie ſah, daß ſie gehen mußte, aber ſie zögerte noch und ſuchte dem Auge ihrer Schweſter zu begegnen. Es mied ſie.„Sie hintergeht mich wieder,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt und eilte auf den Doctor zu, der ſoeben zur Thür hinausgehen wollte. „O, Doctor,« flüſterte ſie zitternd,„gehen Sie nicht fort! Ich traf ſie betend. Es ahnt mir ſchweres Unheil. „Was will ſie denn thun?« „Sie wird ihrem Gatten Alles geſtehen— oder viel⸗ leicht noch etwas Schlimmeres thun.« „Was denn? Reden Sie— was fürchten Sie?s 173 „Ich ſcheue mich, Alles zu ſagen, was ich fürchte. Sie könnte nicht ſo ruhig ſeyn, wenn ſie noch länger leben wollte. Bleiben Sie in der Nähe— ich werde auch dableiben.« Sie verließ den alten zitternden Mann und kehrte zurück zu Raynal. Sie unterbrach die Beiden gerade, als er zu Jo⸗ ſephinen ſagte: „Dein Empfang überraſchte mich ein wenig, aber ich war ſelbſt ſchuld.« „Entſchuldigen Sie,« ſagte Laura,»ich komme blos um Joſephinen zu fragen, ob ſie etwas braucht.« „Nein— ja— ein Glas Zuckerwaſſer.« Laura miſchte es ihr. Während ſie dies that, bemerkte ſie, daß Joſephine ihr Auge mied. Rahnal aber betrachtete ſie mit ſanftem Blick und einem Ausdruck von Mitleid. Sie zog ſich langſam in Joſephinens Schlafzimmer zurück. „Wohlan,« ſagte Rahnal mit einem ſchweren Seufzer, „zuerſt laß uns von deiner Geſundheit ſprechen— ſie beun⸗ ruhigt mich— und von deiner anſcheinenden Niedergeſchla⸗ genheit, die ich nicht verſtehe. Du haſt wohl keine Nachrichten vom Rheine erhalten?“ „Mein Herr!« „Nenne mich nicht mein Herr, und ſieh mich nicht ſo furchtſam an. Nenne mich deinen Freund. Ich bin dein auf⸗ richtiger Freund.“ „Ja, das waren Sie ſtets.« „Ich danke Dir, Du wirſt mir noch einen liebevolleren Namen geben, ehe wir uns dieſes Mal trennen.* „Ja,« ſagte Joſephine leiſe flüſternd. Und ſie zog das Fläſchchen aus ihrem Buſen und goß den Inhalt in das Glas Zuckerwaſſer. 174 „Was iſt das?« fragte Raynal. „Ein niederſchlagender Trank. Ich bin leidend, mein Herr.* „Nenne mich Jean.* „Ja, wenn Sie wollen. Ich bin leidend, Jean. Ich bin leidender, als ich es ertragen kann. Dies lindert meinen Schmerz.* „Arme Seele! Doch ſetze Dich und beruhige Dich, denn ich habe Dir etwas ſehr Ernſtes zu ſagen.« Joſephine nahm zögernd Platz. Sie betrachtete das Glas mit ſehnſüchtigem Blick. Sie konnte es in jedem Augen⸗ blick ergreifen. Raynal zögerte. „Erſtens: Haſt Du mir verziehen, daß ich Dich in jener Nacht ſo erſchreckte?s »Ja.* „Es war auch eine Erſchütterung für mich— ich bin dem Knaben gut. Sie geſtand, daß ſie ihn liebte und die Wahrheit zu geſtehen, ich haſſe alle Verrätherei und Lüge. Und wenn ich einen Mord begangen hätte, ſo würde ich es geſtehen. Eine Lüge verdoppelt jedes Verbrechen. Aber ich faßte Muth— wir Männer ſind alle egviſtiſch. Von den bei⸗ den Schweſtern war eine die reinſte Unſchuld und Aufrichtig⸗ keit und ſie war die, welche ich erwählt.« Bei dieſen Worten erhob ſich Joſephine wie eine ſich be⸗ wegende Bildſäule, ſtreckte die Hand nach dem Glaſe aus und würde es im nächſten Augenblicke getrunken und dann ruhig dageſeſſen und Rahnal angehört haben, während der Tod ſich allmälig durch alle ihre Adern ergoſſen hätte. Aber zwiſchen ihr und dem König der Schrecken, in de⸗ 175 ſen Arme ſie im Begriffe ſtand zu ſinken, ſtand eine Gefahr, welcher ſie nicht zu trotzen wagte. Eine Weſpe ſchwebte gerade über dem mit Zucker ge⸗ miſchten Tode. Sie fuhr mit entſetztem Blicke zurück. Raynal griff raſch nach einem Papiermeſſer. „O, tödten Sie es nicht das arme Geſchöpf! Das Fen⸗ ſter ſteht offen, laſſen Sie es hinausfliegen.« Rahnal ſcheuchte mit ſeinem Taſchentuche die Weſpe hin⸗ weg und Joſephine ſtreckte ihre Hand nach dem Glaſe aus, und indem ſie ihr Auge auf Raynal heftete, um zu ſehen, ob er ſie nicht hindern würde, hob ſie es langſam an ihre Lippen. Mittlerweile ſagte Raynal, die Augen düſter auf den Boden heftend. in ſeltſam feierlichem Tone: „Ich ging zur Rheinarmee.« Joſephine ſetzte das Glas ſogleich wieder hin, ohne jedoch die Hand davon wegzunehmen.* „Ich ſehe, Du verſtehſt mich und ſchenkſt mir Beifall. Ja, ich machte es mir zur Aufgabe, deine Schweſter nicht entehren zu laſſen und ging zur Armee und ſprach Dujardin.« „Und was ſagten Sie ihm?* „Ich ſagte ihm Alles.* „Sie— ſagten ihm Alles?« „Still, Joſephine— ſprich nicht ſo laut und komme hierher. Spiele nicht mit dieſem Glas, armes Kind. Trinke es, oder laß es ſtehen, denn ich bedarf deine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit, deinen ganzen Beiſtand und alle deine Entſchul⸗ digungen.* Er nahm ihr das Glas aus der geduldigen Hand und führte ſie, einen verſtohlenen Blick nach der Thür des Schlaf⸗ zimmers werfend, fort nach dem andern Ende des Zimmers. 176 „Ich warf Dujardin vor, ſie verführt zu haben. Ich ſagte ihm, er müſſe ſie heirathen.« „Ja.* »„Er weigerte ſich. Ich forderte ihn heraus. Er nahm die Herausforderung an.« oſephine ſchauderte und bebte vor Raynal zurück. „Erſchrick nicht. Der Zweikampf fand nicht ſtatt.« „Ha! Dank ſey dem Himmel!« „Dieſe Sünde ward mir erſpart; ja, ehe wir uns trennten willigte der arme Mann in mein Verlangen. Nun fühlte ich mich glücklich! Ich war der Meinung, daß ich die Ehre der Familie gerettet. Mein Weib, ich habe Dich um eine Gunſt zu bitten. Ich bin bekümmert und verlegen. Du aber kannſt es thun, denn Dir war er verhältnißmäßig gleich⸗ giltig. Und ich habe nicht den Muth— o, ich würde mir wie ein Dieb, wie ein Feigling vorkommen, wenn ich vor ihr ſtünde. Willſt Du es thun?« Was denn?“ keuchte Joſephine.„Sie erſchrecken, Sie verwirren mich. Was hat dieſe furchtbare Einleitung zu be⸗ deuten?“ „Sie bedeutet, daß ich/ die Ehre unſeres Hauſes nun niemals retten werde.“ „O, iſt das Alles? Dank ſey dem Himmel!“ Sie wußte nicht was ſie ſagte. „Er wird Laura miemals heirathen, er wird ſie niemals wiederſehen.* „Ich verſtehe! Er ſagte Ihnen, er würde niemals wie⸗ der nach Beaurepaire kommen; er that wohl daran.* „Ach leider nein, das iſt es nicht. Ich ſage Dir, er willigte ein.“ „Worein, in's Himmels Namen?“ 177 »„Sie zu heirathen. Er gab mir mit thränenden Augen die Hand darauf. Ach, jetzt verſtehe ich die Thränen in jenen Löwenaugen, jetzt wo es zu ſpät iſt.« Raynal ſtöhnte. »Weib, ich ſollte den Angriff auf die Baſtion comman⸗ diren. Er wußte, daß ſie unterminirt war. Er benützte meine zeitweilige Abweſenheit, führte ſeine Leute aus den Laufgräben heraus und ſtürmte die Baſtion an der Spitze ſeiner Brigade. Er nahm ſie. »Ha! Das war groß!s „Die von dem Feind unterminirte Baſtion ward in die Luft geſprengt und Dujardin iſt todt.« „Todt!“ „Stili, ich höre Laura an der Thür. Still! Er vertrat meine Stelle und iſt todt— von den Flammen verſchlungen und unter den Trümmern zermalmt.* »O!— o!— o!— ol* Joſephine ſchwankte und neigte ſich wie ein Baum, der unter den Streichen der Axt fällt. Sie ſank langſam auf die Knie nieder und ließ ein leiſes, unterbrochenes, qualvolles Stöhnen hören. „Iſt es nicht ſchrecklich?« rief er. Sie hörte ihn nicht und ſah ihn nicht. „Todt!— todt!— todt!— todt!« „O Krieg! Rie fühlte ich dich wie in dieſer Stundel« „Todt— ach— Mitleid— das Glas!« Sie ſtreckte mit wilder Geberde die Hände aus. Raynal eilte mit beſorgter Miene nach dem Tiſch und holte das Glas. Sie rutſchte ihm auf den Knien entgegen, er rührte es um und gab es ihr dann raſch in die Hand. Wer lieben will. IV. 12 178 „Da, meine arme Seele!« In dem Augenblicke aber, wo ihre Hände ſich begegne⸗ ten, warf Laura ſich dezwiſchen und entriß ihnen das Glas.. Sie war aſchenbleich, und ihre übernatürlich großen Augen blickten Rahnal mit Entſetzen an. „Wahnſinniger!« Er gab ihren entſetzten Blick zurück. Was ſollte dies be⸗ deuten? Ihre Augen waren auf einander geheſtet wie die zweier Gegner, die um Leben und Tod kämpfen. Sie ſahen nicht, daß das Zimmer ſich mit Menſchen füllte, daß blos der Doctor auf der andern Seite des Zimmers ſtand, und daß die Baronin und Eduard an der Thür waren und Alle er⸗ ſtaunt das ſeltſame Schauſpiel betrachteten— Joſephine auf den Knien und die Beiden einander gegenüber, leichenblaß mit entſetzlich rollenden Augen und das Glas zwiſchen ihnen. Aber was war dies alles gegen das Entſetzen, als im nächſten Augenblicke die ſonſt ſo geduldige Joſephine auf⸗ ſprang, und mitten in ihrer Umgebung ſtehend ſich mit wilder Verzweiflung das Haar ausraufte. „Ha! Ihr raubt mir den wohlthätigen Gifttrankl« »Gift!⸗ „Gift!!“ „Gift!!1« „Ha, Ihr wollt mich nicht ſterben laſſen— Fluch über Euch Alle— ich fluche Euch! Niemals habe ich meinem Wil⸗ len folgen können. Ich war ſtets eine Sclavin und eine Thörin. Ich habe den Mann gemordet, den ich liebe— den ich liebe! Ja, mein Gemal, hören Sie, den Mann, den ich liebe.“ „Still, Tochter— ſchone mein graues Haupt.* 179 „Dein graues Haupt! Du biſt nicht ſo alt an Jahren, als ich an Schmerzen und Qualen. Alſo dies iſt deine Liebe, Laura? Ha, Du wilſt mich nicht ſterben laſſen— wie? Nun gut— dann werde ich etwas noch Schlimmeres thun— ich werde Alles geſtehen!!“ XI. „Genug mit Lug und Trug! Von dieſem Augenblicke an Ehre dem Ehre gebührt, Schande dem Schande gebührt. Ha! da iſt auch Eduard! Das freut mich. Der Mann, wel⸗ cher todt iſt— und ich will ihm nachfolgen— ich will— ich will!— er war mein Verlobter. Verwundet und blutend ſchleppte er ſich bis zu meinen Füßen— er fand mich ver⸗ mält. Wir erhalten Nachricht von dem Tode meines Gatten — ich vermälte mich mit meinem Verlobten.* „Du vermälteſt Dich mit ihm, meine Tochter?“ „Ha, da ſteht meine arme Mutter. Und ſie küßte mich eben jetzt ſo gütig und freundlich— ſie wird mich nie wieder küſſen. O, ich ſchäme mich nicht, daß ich mich mit ihm ver⸗ mälte. Ich ſchäme mich blos der Feigheit, welche nicht wagte, es im Angeſicht der ganzen Welt zu thun. Wir waren kaum vierzehn Tage glücklich geweſen, als ein Brief von Oberſt Raynal eintraf. Er lebte noch. Ich Elende verbannte mei⸗ nen wahren Gatten. Ich verſuchte gegen meinen geſetzlichen Gatten meine Pflicht zu thun, er war mein Wohlthäter. Ich glaubte⸗ es ſey meine Pflicht— war ſie es? Ich weiß es nicht. Ich habe das Gefühl für Recht und Unrecht verloren. Aus einem liebenden Weſen verwandelte ich mich in eine Lüge. 180 Er, der mich und dieſes ganze Haus mit Wohlthaten über⸗ 1 häuft, er, für den keine Liebe groß genug war, er, der An⸗ betung verdiente er kam eines Nachts ſtolz freudig, mit warmem Herzen hierher zu ſeinem Weibe. Er fand eine Wiege und zwei Frauen an derſelben. Run, Eduard, nun, mein Herr, ſehen Sie nun ein, daß das Leben mir unmöglich iſt? Die eine klagte muthig ſich ſelbſt an. Sie war unſchuldig. Die andere ſank in Ohnmacht wie eine feige Verbrecherin.« „Hals „Ja Eduard, Sie ſollen nicht elend werden wie ich! Sie war unſchuldig! Du verſtehſt mich noch nicht, meine arme Mutter— und ſie war dieſen Morgen ſo glücklich— ich war die Lügnerin, das falſche Weib, die erbärmliche Mutter, welche ihr Kind verleugnete. Run, wollt Ihr mich nun ſter⸗ ben laſſen? Run ſeht Ihr wohl, daß ich in Schande und Ver⸗ zweiflung nicht leben kann. Ha, Herr Raynal, mein theurer Freund, Sie waren ſtets großmüthig— Sie werden Mitleid mit mir haben und mich umbringen. Ich habe den Namen geſchändet, den Sie meiner Obhut anvertraut— ich bin we⸗ der eine Beaurepaire noch eine Raynal! Bringen Sie mich um, mein Herr— Jean, ich bitte Dich, erlöſe mich von dem Leben!* Und ſie rutſchte auf den Knien zu ihm hin und um⸗ ſchlang die ſeinen und küßte ſeine Hand und bettelte kläglicher um den Tod, als Andere um das Leben gebeten haben. Raynal ſtand da wie ein Felſen. Er war bleich und athmete hörbar, ſprach aber kein Wort. Dann kam ein Anblick, der kaum ſchreklicher n war als Joſephinens Verzweiflung. Die Baronin, die ihrem Ausſehen und ihren Bewegungen nach in einer Stunde um zwanzig 181 Jahre älter geworden zu ſeyn ſchien, taumelte quer über das Zimmer auf Rahynal zu. „O Herr, den ich meinen Sohn genannt, den ich aber nie wieder ſo zu nennen mich erdreiſten werde, ich glaubte, ich hätte lange genug gelebt, um nie wieder erröthen zu müſſen. Ich liebte Sie, mein Herr. Ich betete alle Tage für Sie. Aber ſie, die meine Tochter war, ſie war nicht meines Sin⸗ nes. Mein Herr, ich habe bis jetzt nur vor Gott und meinem König gekniet, aber jetzt knie ich auch vor Ihnen— verzeihen Sie uns, Herr, verzeihen Sie unsl« Sie verſuchte auf die Knie niederzuſinken. Er hob ſie mit ſeinem ſtarken Arm empor, aber er konnte nicht ſprechen. Sie wendete ſich zu den Anderen. „Alſo dies iſt das Geheimniß, welches Ihr vor mir ver⸗ bargt? dieſes Geheimniß hat Euch nicht Alle getödtet? O, ich werde unter der Schmach desſelben nicht ſo lange leben, wie Ihr gelebt habt. Schloß Beaurepaire, Schlupfwinkel des Verraths, der Undankbarkeit und der Lüge, ich verabſcheue Dich jetzt eben ſo ſehr, als ich Dich einſt liebte! Ich will gehen und mein Haupt verhüllen und anderswo ſterben.« Endlich ſprach Rahnal. „Bleiben Siels ſagte er in einem Tone, deſſen Tiefe und Würde von der Art war, daß es unmöglich ſchien, ihm nicht zu gehorchen.»Es kam Alles ſo plötzlich— ich war er⸗ ſchüttert— jetzt bin ich wieder gefaßt. Nun durchſchaue ich Alles.* „O, ſehen Sie barmherzig!s rief Laura. „Ich werde gerecht ſeyn. Es trat ein langes zitterndes Schweigen ein, und wäh⸗ 182 rend dieſes Schweigens und der furchtbaren Aufregung ſtand eine einzige Geſtalt feſt unter dieſen zitternden klopfenden Her⸗ zen wie ein Felſen, an welchem ſich die Wogen brechen— der Mann von Grundſätzen unter den Geſchöpfen der Eingebung des Augenblicks. „Stehen Sie auf, Madame Dujardin. Setzen Sie ſich hierher.« Er ſetzte ſie mehr todt als lebendig in einen großen Armſtuhl. „Mutter!“ „Wie, Sie nennen mich noch Mutter?“ „Sie ſind ein wenig zu hart gegen die Schwachen. Ich darf weder hart noch ſchwach ſeyn— ich muß gerecht ſehn. — Madame Dujardin, Sie ſind ein rechtſchaffenes Weib, aber Sie ſind nicht offen. Ihr Fehler iſt Feigheit und Mangel an Wahrheit geweſen. Sie hätten mir dies Alles ſchon längſt ſagen ſollen. Was hatten Sie zu fürchten? Ich war Ihr Freund und kein egoiſtiſcher Freund. Ich war nicht ſo wahn⸗ ſinnig in Sie verliebt, daß ich Ihnen den Dolch in die Bruſt geſtoßen hätte. Von dieſer Art Liebe halte ich nichts. Wenn Sie Vertrauen zu mir gehabt hätten, ſo hätte ich Ihnen Alles dies erſpart. Sie zweifelten an mir, ohne Urſache dazu zu haben. Ich bin unwillig auf Sie, aber 36 verzeihe Ihnen. Sie hört mich nicht einmal!« 4 „O ja, mein Herr,« rief Laura,„meine Schweſter hört Sie. Sehen Sie nur, wie die ihren armen Augen entſtrömen!« „Das arme Weſen! Na, ich habe einigen Troſt für ſie. Erſtens kann dieſe unſere unglückliche Ehe wieder aufgelöſt werden.* 183 Man hörte einen allgemeinen Ausruf ſchmerzlicher und zugleich freudiger Ueberraſchung, ausgenommen von Joſe⸗ phinen. „Wir brauchen blos beiderſeits unſere Einwilligung dazu zu geben. Der Notar ſagte mir es an unſerm Vermälungs⸗ tage in's Ohr und das iſt es eben, was mich ſchmerzt, wenn ich bedenke, daß ſie blos offen gegen mich hätte zu ſehn brau⸗ chen. Zum Teufel! Dieſe Vermälung ſoll morgen ſchon annul⸗ lirt werden. Aber dabei darf ich nicht ſtehen bleiben. Ich habe auch noch gegen Andere gerecht zu ſeyn. Wenn ich jetzt leben⸗ dig hier ſtehe, wem habe ich dies zu verdanken? Dem Ober⸗ ſten Dujardin, der ſein Leben für mich opferte. Das Leben für einen Cameraden auf's Spiel ſetzen, iſt nichts, es aber ohne Hoffnung opfern, wie er für mich that, dies iſt etwas ganz Anderes. Während er blos die Arme zu verſchränken und mich ſterben zu laſſen brauchte, um durch meinen Tod das Weib zu bekommen, welches er liebte, verzichtete er um mei⸗ net⸗ und um ſeines eigenen heldenmüthigen Ehrgefühles willen auf Leben und Liebe.« Bei dieſen Worten brach Joſephine in ein wildes Schluchzen aus. „Ich habe mit Helden gelebt,« fuhr Rahnal wärmer werdend fort,»ich habe mit Tapfern gegen Tapfere gefochten und ich ſage, dies war ein göttlicher Kampf. Die Welt hat nie einen größeren geſehen. Wenn er hier ſtünde und mir den letzten Blutstropfen abverlangte, ich würde ihn ihm geben, ohne ein Wort zu verlieren. Er iſt todt— ſeine Witwe aber und ſein Kind ſind meine Sorge und keines andern Menſchen. Morgen werde ich in Paris ſeyn und Ihre Vermälung mit Dujardin ſoll beſtätigt werden. Ha, ſchwaches aber ſtolzes 184 Geſchöpfl Ich ſehe Ihnen an den Augen an, daß dies ſelbſt Ihre Verzweiflung erhellt. Sie glaubten, es ſey Alles verloren Joſephine, wenn die Ehre gerettet iſt, dann iſt nie⸗ mals Alles verloren.« „Der Himmel ſegne Sie— mein Kind ſegnet Sie durch den Mund ſeiner armen Mutter; Gott—« Sie ſank matt in ihren Stuhl zurück, während ſie ſich vergebens bemühte, ihm mitten in ihrer Verzweiflung zu danken. »Wie, Sie ſind mir dankbar? Dann thun Sie mir etwas zu Gefallen— Worte haben bei mir geringen Werth.* Die arme Seele lebte wieder ein wenig auf, als er ihr ſagte, ſie könne etwas für ihn thun. „Verſprechen Sie mir etwas.« „Ja.* »Verſuchen Sie niemals wieder, Ihrem Leben gewalt⸗ ſam ein Ende zu machen. Verſprechen Sie mir das auf Ihre Ehre!«* „Ich verſpreche es.« ſeufzte Joſephine. »Nun, Mutter, und Sie, Eduard, wollen wir ſie dem Doctor und ihrer Schweſter überlaſſen. Kommen Sie,« und er führte ſie ohne Weiteres aus dem Zimmer heraus. Als er ſich umſah erblickte er Eduards Geſicht. Es ſtrahlte vor Freude. Raynal ſtutzte bei dieſem Anblick— dann dachte er nach und murmelte: „Ja, ja; ich verſtehe— ſo iſt das Leben.« Ich laſſe den Vorhang über den traurigen Auftritt fal⸗ len, der nun in dem Zimmer ſtattfand, welches Rahnal ver⸗ ließ. Keine Worte wären im Stande, einen Begriff von Jo⸗ 185 ſephinens Schmerz zu geben. Furcht und bange Ahnungen und das glühende Gefühl der Heuchelei welche bis jetzt an einem ehrenwerthen Herzen genagt, waren verſchwunden. Rur der Kummer herrſchte noch darin! Die Ehe ward vor dem Maire annullirt und drei Tage ſpäter wirkte Raynal durch ſeinen Einfluß die geſetzliche Aner⸗ kennung der wirklich vollzogenen Ehe bei der Oberbehörde in Paris aus. Mit einem Zartgefühl, welches man ihm kaum zuge⸗ traut hätte, ließ er ſich nicht eher wieder in Beaurepaire ſehen, als bis alles dies abgemacht war. Dann brachte er das Document von Paris, welches Joſephinen zur Witwe Dujardin und ihren Sohn zum Erben von Beaurepaire machte und von dem Augenblicke an, wo ſie Madame Du⸗ jardin war, mied er ſie nicht länger, ſondern ward ein Troſt für ſie anſtatt ein Schreckniß. Die Auflöſung ihrer Ehe ward ein feſtes Band zwiſchen ihnen, ſo daß der Doctor, als er ſah, mit welcher Achtung und mit welchem Vertrauen Joſephine dem biedern Rahnal begegnete, eines Tages zu der Baronin ſagte: „Wenn ich etwas vom menſchlichen Herzen verſtehe, ſo werden dieſe Beiden ſich nochmals mit einander vermälen, vorausgeſetzt, daß Niemand Joſephinen einen Wink darüber gibt, wohin ihr Hetz ſich wendet.« Wer ſich daran gewöhnt hat, für Andere zu leben, kann diel leiden, aber auch viel thun. Joſephine blieb am Leben. 186 Eine egoiſtiſche Natur wäre durch eine ſolche Leidenſchaft, wie die ihre war, nothwendig getödtet worden. Aber auch ſo ſagte ſie oft:»Das Leben iſt eine ſchwere Bürde.« Dann pflegte man allemal mit ihr von ihrem Kinde zu ſprechen und man fragte ſie, ob ſie wohl dieſes, Camills Sohn, ohne Mutter auf der Welt zurücklaſſen möchte? Dieſe Worte waren niemals vergebens zu ihr geſprochen. Ihre Mutter vergab ihr und liebte ſie wie zuvor. Wer hätte auch lange unwillig auf ſie ſeyn können? Die Luft war nun nicht mehr ſchwer von Lügen. So elend Joſephine ſich auch fühlte, ſo athmete ſie doch leichter. Freude und Hoffnung waren dahin, aber wehmüthiger Frieden nahte. Wenn das Herz in dieſen Zuſtand eintritt, dann kann nur die Zeit eine heilende Kraft äußern— aber was thut nicht die Zeit! O⸗ welche Wunden hat ſie ſchon geheilt! Ihre Heilkraft iſt un⸗ glaublich. Und dennoch gibt es einige wenige Herzen, die ſo treu ſind, daß ſie ihre frühen Wunden mit in das ſpäte Grab neh⸗ men. Wer kann Joſephinens, dieſes treueſten Herzens, Schick⸗ ſal vorausſagen? Es waren ungefähr vierzehn Tage vergangen. Die kleine Geſellſchaft ſaß eines Tages friedlich ſtll, aber wehmüthig in der Plaiſance unter der großen Eiche. Zwei Soldaten kamen zum Thore herein. Sie gingen langſam, denn der eine war lahm und ſtützte ſich auf den an⸗ 187 dern, der bleich und ſchwach war und ſich auf einen Stock ſtützte. „Da kommen ein Paar Soldaten« ſagte Raynal,„es ſind Invaliden.« „Gib ihnen zu eſſen und zu trinken,« ſagte Joſephine, Laura ging auf ſie zu, hatte aber kaum drei Schritte gethan, ſo rief ſie: „Es iſt Dard! Es iſt der arme Dard! Komm her, Dard— gehe zu meiner Schweſter!“ Dard kam, ſich an den Sergent La Croix haltend, auf ſie zugehinkt. Es war ihm ein Stück von der Ferſe wegge⸗ ſchoſſen. Laura eilte nach der Küche. „Jacintha,« rief ſie,„bring' einen Tiſch in die Plaiſance heraus und etwas zu eſſen für zwei Gäſte.* Die Soldaten kamen langſam in die Plaiſance herein und wurden willkommen geheißen und aufgefordert, Platz zu nehmen und mit Achtung empfangen, dennFrankreich iſt nicht wie England— es ehrt die beſcheidenſten ſeiner Tapfern. Es dauerte nicht lange, ſo kam Jaecintha mit einem klei⸗ nen runden Tiſch in den Händen heraus. Bei Dard's Anblick ließ ſie den Tiſch fallen, ſtieß einen Freudenruf aus und heu⸗ chelte gleich darauf eine Gelaſſenheit, welche durch ihre zittern⸗ den Hände und glühenden Wangen Lügen geſtraft ward. Nach einigen ſchlichten, nicht beredten, aber aufrichtig gemeinten Worten des Willkommens ging ſie die Schürze an die Augen drückend wieder fort. Bald erſchien ſie wieder mit allerlei Lebensmitteln und bediente die beiden Soldaten mit dem freundlichſten Eifer. 188 „Von welchem Regiment?s fragte Rahnal. Dard ſtand im Begriff zu antworten, ſein Vorgeſetzter aber gebot ihm Schweigen, griff mit der Hand ſalutirend an die Mütze und antwortete mit Stolz: „Von der vierundzwanzigſten Brigade, zweite Compagnie. Wir wurden bei Philippsburg aufgelöſt und der zwölften Bri⸗ gade einverleibt.« Rahnal bereute ſeine Frage, denn Joſephinens Auge heftete ſich ſofort mit einem Ausdruck, den Worte nicht zu ſchildern vermögen, auf Sergent La Cyoix. Und dennoch ver⸗ rieth ſie mehr wirkliche oder erzwungene Faſſung, als er er⸗ wartete. „Der Himmel ſendet ihn,« ſagte ſie.»Mein Freund, ſagt mir, waret Ihr—* Oberſt Raynal mengte ſich raſch ein. „Bedenken Sie, was Sie thun, meine arme Freundin. Er kann Ihnen nichts erzählen, als was wir bereits wiſſen, ja nicht einmal ſo viel, als wir wiſſen, denn jetzt, wo ich ihn recht anſehe, glaube ich in ihm den Sergenten zu erkennen, den wir ohne Beſinnung unter der Baſtion liegend fanden. Er muß niedergeſtreckt worden ſeyn, ehe noch die Baſtion ge⸗ nommen ward.* „So iſt es, Oberſt. Ich weiß weiter nichts, als daß ich die Beſinnung verlor und mir die Fahne aus der Hand fiel.* „Da ſehen Sie, er weiß nichts.* „Cs war ein heißes Stück Arbeit, Oberſt, unter jener Ba⸗ ſtion, aber noch heißer war es für die armen Teufel, welche wirklich hineinkamen. Der Gemeine Dard hier hat mir die ganze Geſchichte erzählt.“ — 189 »Alſo, Ihr waret es, der die Fahne trug?« »Ja, ich waro mit der Brigadefahne in meiner Hand niedergeſtreckt,« rief La Croix.. »Nun ſeht doch, wie über Alles Lügen erzählt werden — mir ſagte man, der Oberſt habe die Fahne getragen.« „Das that er auch allerdings. Sie werden doch nicht glauben, daß unſer Oberſt, der tapfere Oberſt, mich, ſo lange. er lebte, die Fahne hätte tragen laſſen? Rein, er ward von einer preußiſchen Kugel getroffen und hatte gerade noch Zeit die Fahne mir einzuhändigen und mit dem Degen nach der Baſtion zu zeigen, dant ſtürzte er nieder. Es war ein heißes Stück Arbeit, das kann ich Ihnen ſagen. Ich hielt die Fahne nicht lange— nicht dreißig Secunden— und wenn wir ihre Geſchichte hören könnten, ſo würden wir erfahren, daß ſie noch durch viele Hände ging, ehe unſere Leute die preußiſche Fahne herunterriſſen.« Raynal erhob ſich plötzlich und ging mit den Händen auf dem Rücken raſch hin und her. »Der arme Oberſt!« fuhr La Croix fort,„ich hoffe, daß er ſtarb wie ein Soldat und nicht einige wie meiner Cameraden, die in tauſend Stücke zerriſſen wurden. Ich hoffe, daß man einen Stein auf ſein Grab gelegt hat, denn er war der beſte Soldat und der beſte Offizier in der ganzen Armee.« »Ach, lieber Freund,* rief Joſephine, v„es iſt nicht ein⸗ mal ein Stein vorhanden, der die Stelle bezeichnete, wo er fiells und ſie brach in verzweifelndes Schluchzen aus. »Wie, was ſoll das heißen, Dard?« fragte La Croix. Dard entſchuldigte den Sergenten. Seitdem er verwun⸗ det worden, ward ihm das Gedächtniß zuweilen untreu. „Habe ich Euch denn nicht geſagt, Sergent, daß der Oberſt ſich von ſeiner Wunde wieder ermannt habe und in die Batterie zurückgelangt ſeyn muß?“ „Das iſt eine Lüge, Dard, da kenne ich unſern Oberſten beſſer! Würde er wohl jemals die Fahne aus der Hand ge⸗ laſſen haben, wenn noch ein Funken Leben in ihm übrig geweſen wäre? Er ſtarb am Fuße der Batterie, ſage ich— warum hätte man ihn ſonſt nicht gefunden?“ Hier warf Jacintha ehrerbietig ein Wort mit ein. „Ich habe,« ſagte ſie,„noch von Niemanden gehört, daß man die Leiche des Oberſten geſehen Kitte.“ „Man fand ihn nicht, weil man ihn nicht ſuchte,« ſagte der Sergent. „Gott verzeihe Euch dieſes Wort, Sergent,“ ſagte Dard mit Wärme.»Wir hätten unſern Oberſten nicht geſucht? Wir wendeten jeden einzelnen Mann um, der dort lag— es wa⸗ ren ihrer nicht weniger als dreißig, und Ihr waret ſelbſt einer davon.* „Blos dreißig! Wir haben ja da mehr Preußen den Garaus gemacht, darauf wollte ich ſchwören.* „Das kann wohl ſeyn, aber ich begreife nicht, warum ſie unſern Oberſt hätten fortſchleppen ſollen. Seine Epauletten waren alles, was den Dieben etwas hätte nützen können.* „Schweig, Dard, ich habe einen furchtbaren Verdacht. Rein, es iſt kein Verdacht— es iſt Gewißheit. Donner und tauſend⸗Teufel, begreifſt Du es denn nicht? Die Hunde von Preußen haben unſern Oberſten— ſie haben ihn gefangen ge⸗ nommen.“ „Ha, Gott ſegne ſie! Gott ſegne den Mund, der mir dies ſagt! O lieber Freund, ich bin ſein Weib, ſein armes, 191 niedergebeugtes Weib! Ihr werdet nicht ſo grauſam ſeyn, meiner Verzweiflung zu ſpotten. Saget noch einmal, daß er vielleicht noch am Leben iſt— ich bitte Euch, ſagt es noch einmal.* »Sein Weib? Dard, warum haſt Du mir das nicht ge⸗ ſagt? Ja meine ſchöne Dame, ich ſage es nochmals und will es beweiſen. Der Feind war in vollem Rückzuge begriffen— würde er ſich wohl mit dem Oberſten beſchwert haben? Wenn dieſer todt geweſen wäre, ſo hätte man ihm die Cpauletten abgeriſſen und ihn liegen laſſen. Sie fragen, ob er noch am Leben ſeyn könne? Warum nicht? Sehen Sie doch mich an. Ich lebe auch noch und ich war ſchwerer verwundet als er. Man hielt mich auch für todt, wie Sie gehört haben. Muth, Muth, ſchöne Dame! Sie werden ihn wiederſehen— nehmen Sie das Wort eines alten Soldaten darauf. Dard, Achtung! Dies iſt die Gemalin des Oberſten.« Sie ſtarrte den Sprecher an wie erſtarrt und betäubt. Jedes Auge und jede Seele war ſo auf Sergent La Croir gerichtet geweſen, daß man erſt jetzt bemerkte, daß Raynal ſich entfernt hatte. Eine Stunde ſpäter kam er aus dem Stallhof heraus geritten und jagte in geſtrecktem Galopp die Straße hinab. „Hal⸗ rief Laura mit plötzlich erwachender Hoffnung. »Er glaubt es auch! Er hat Hoffnung. Er reitet irgend wo⸗ hin, um Erkundigung einzuziehen. Vielleicht nach Paris.« Joſephinens Aufregung und die Abwechslung von Hoff⸗ nung und Furcht ward jetzt beunruhigend. Laura faßte ihre Hand und bat ſie, möglichſt ruhig und gefaßt zu ſeyn, bis ſie Raynal wiederſehen würden. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam er wieder wie 192 raſend herangeſprengt. Joſephine flog die Treppe hinab. Raynal vergaß bei ihrem Anblick lle ſeine ſonſtige Vorſicht. Er ſchwenkte ſeinen Hut in der Luft. Sie ſank auf die Knie nieder und dankte Gott. „Gefangen! gegen zwei preußiſche Lieutenants ausge⸗ wechſelt— nach Hauſe geſchickt— man ſagt, er ſeh bereits in Frankreich.« Die Freudenthränen rannen in Strömen aus Joſephi⸗ nens Augen. Einige Tage vergingen in Hoffnung und unausſprechli⸗ cher Freude, aber der gute Doctor war beſorgt um Joſephi⸗ nen. Sie horchte, immer mit übernatürlicher Spannung und fuhr von ihrem Stuhle auf und jede Fiber ihres Körpers ſchien zu zittern. Auch Laura war nicht ohne ernſte Beſorgniſſe. Stand zu erwarten, daß Gatte und Gattin ſich jemals ſehen wür⸗ den? Er betrachtete ſie augenſcheinlich als Madame Ray⸗ nal, und machte es ſicherlich zu einem Ehrenpunkte, ſich von Beaurepaire entfernt zu halten. Man nahm Zuflucht zu jenem ſtets beſchwichtigenden Einfluſſe— ihrem Kind. Dreimal wöchentlich fuhr ſie nach Frejus und kam allemal heiterer und ruhiger wieder zurück. Eines Tages begab ſie ſich mit Laura zu Fuße zu Frau Jou⸗ venel. Sie traten ohne weitere Umſtände in das Haus und fanden, daß die Amme ausgegangen war und Niemand bei dem Kinde wachte. „Wie nachläſſig!« rief Laura. 2 3 193 Joſephine bückte ſich begierig, um den Knaben zu küſſen. Anſtatt aber dieſes zu thun, ſtieß ſie einen lauten Schrei aus. Es hing ein kleines Medaillon an ſeinem Halſe. Dieſes Me⸗ daillon enthielt Haare von Joſephinen und von Camill. Sie hatte es ihm in den glücklichen Tagen gegeben, welche auf ihre Vermälung folgten. Sie blieb keuchend mitten in dem Zimmer ſtehen. In dieſem Augenblick kam Frau Jouvenel herbeigeeilt. Joſephine fragte ſie mit wunderbarer Selbſtüberwindung ru⸗ hig und ſchlau: »Wo iſt der Mann, der meinem Kinde dieſes Medaillon umgehängt hat? Ich wünſche mit ihm zu ſprechen.« Frau Jouvenel ſtammelte und zeigte eine verlegene Miene. »War es nicht ein Soldat— Offizier? Kommen Sie— ſagen Sie mir's!« »Weib!* rief Laura,„warum zögern Sie— es iſt ja ihr Gatte.« »Das dachte ich mir wohl, aber ich habe— und wenn Mabame den armen Herrn nicht liebt— „NRicht liebt!« rief Laura.„Sie liebt ihn, wie noch nie ein Weib geliebt hat! Sie ſtirbt vor Sehnſucht nach ihm.* Bei dieſen Worten Laura's öffnete ſich die Thür eines kleinen Hinterzimmers und da ſtand Camill mit dem Arm in der Schlinge, bleich und erſtaunt, während hohe Freude in ſeinen Zügen aufdämmerte. Joſephine that einen lauten Schrei und im nächſten Augenblick ſchluchzten ſie Eines an des Andern Halſe. Wer lieben will. 1V 13 5 Hinweg ſchwand Kummer, Zweifel, Angſt und Alles, was ſie erduldet. Dieſer eine Angenblick wog Alles auf. Und in dieſem Augenblick der Freude und Ueberraſchung— einer Freude, die ſo groß war, daß ſie beinahe gefährlich ward— war es für Joſephinen vielleicht gut, daß der von ſeiner Wunde noch ſehr geſchwächte Camill beinahe ohnmächtig ward. Sie ſelbſt ward ſchon beinahe von Krämpfen ergriffen, als ſie aber Camills Zuſtand gewahrte, beſiegte ſie ſofort die eigene Anwandlung und ſuchte ihn zu beſchwichtigen und zu ermu⸗ thigen. Und dann ſetzten ſie ſich Hand in Hand neben einander. Ihr Glück war ſo groß, daß ihnen bei dem Gedanken daran faſt der Athem ſtockte. Sie konnten nicht ſprechen. Deshalb erzählte Laura ihm Alles. Er bekannte ihnen nicht, weshalb er hinweggeſchlüpft war, als er ſie kommen geſehen. Er wußte es nicht mehr. Er vergaß alle unfreundlichen Gedanken, die er in Bezug auf ſie gehabt. Man nahm ihn in dem Wagen mit nach Hauſe. Seine Gattin wollte ihn nicht aus den Augen laſſen. Noch Jahre lang nachher konnte ſie ſich kaum überwinden, ſich auch nur eine Stunde lang von ihm zu trennen. Die Welt iſt groß. Vielleicht gibt es einen Mann in ihr, welcher die plötzliche Wonne ſchildern kann ie ſich auf dieſe 195 beiden ſchwergeprüften Herzen herabſenkte, aber ich bin nicht dieſer Mann. Es geht über meine Kräfte. Es war nicht blos der Himmel, ſondern der Himmel nach der Hölle. Laſſen wir auf einen Augenblick das Unbeſchreibliche und Unausſprechliche und gehen wir auf ein leichteres Thema über. An dem Tage, wo Laura's Ehre und Charakter auf ſo unerwartete Weiſe gerechtfertigt ward, hatte Eduard keine Gelegenheit mit ihr zu ſprechen, ſonſt würde die Verſöhnung ſo⸗ fort ſtattgefunden haben. Wenigſtens aber ging er überſchweng⸗ lich glücklich nach Hauſe. Dennoch aber nahm er ſeine Beſuche in dem Schloſſe nicht wieder auf. Als er ſich die Sache ru⸗ higer überlegte, fühlte ſeine Eitelkeit ſich auf das grauſamſte gekränkt. An dem größeren Verbrechen war Laura unſchuldig, aber wie rückſichtslos hatte ſie ihn, ſeine Liebe und ſeine Ach⸗ tung dem Intereſſe einer Anderen geopfert! Allmälig gewannen eiferſüchtigere Gedanken die Ober⸗ hand und eines Tages, als ihr bleiches Antlitz, ihre Thränen“ und ihre Reue ſeinen beleidigten Stolz überwanden, fühlte er, daß er ihr verzeihen könne, und war überzeugt, daß er nie⸗ mals glücklich werden könne, wenn er es nicht thäte. Er begab ſich zu ihr und ſie empfing ihn. Aber wie? Nicht auf den Knien, wie er erwartete, ſondern mit einem Stolz und einer kalten Zurückhaltung, die ihm in Bezug auf die Widerſprüche des weiblichen Charakters ein neues Licht gewährte. Mitten in einer ernſten Ermahnung, welche er da⸗ mit zu ſchließen gedachte, daß er ihr verzeihe, ſagte ſie ihm, ſie habe es ſich hin und her überlegt, ob ſie ihm verzeihen könne, und ſie ſeh überzeugt, daß ſie es könne, aber nicht in ſolchem Grade, um jemals ſein Weib zu werden. * 196 »Sie wollen mir verzeihen?« rief er erſtaunt und gerieth in ſolche Aufregung, daß er kaum ſprechen konnte. Dies gab ihr einen Vottheil. Sie blieb kalt und geſam⸗ melt. Sie ſagte ihm, er habe ſie durch ſein eiferſüchtiges, argwöhniſches Weſen ſo tief verwundet. »Nun, ſollte ich denn nicht einmal Ihren eigenen Worten trauen? Bin ich vielleicht der Einzige, der Ihnen glaubte? Sollte ich vielleicht ſagen: Sie iſt eine Lügnerin?« »Ich verzeihe Oberſt Raynal, daß er mir glaubte— er kannte mich nicht; aber Sie hätten mich kennen ſollen. Es iſt nicht, als wenn wir allein geweſen wären. Sie waren mein Geliebter. Sie hätten ſehen ſollen, daß ich gezwungen war, den armen Rahnal zu täuſchen, und Sie hatten nicht das Recht, meiner Wahrheit entgegen Ihren Augen, viel weniger Ihren Ohren zu trauen.« Eduard ſtutzte. »Von dieſer Seite habe ich die Sache nicht betrachtet,« ſagte er. »Ich aber betrachte ſie von dieſer Seite.« Und laſſen Sie für mich keine Entſchuldigung gelten, für mich der ich ſo viele für Sie habe gelten laſſen?“ fragte Eduard demüthig. »Ich weiß nicht, was für Entſchuldigungen ich für Sie gelten laſſen könnte, wenn Sie aber beſcheiden ſind und mich um Verzeihung bitten, ſo werde ich ſehen, ob ich Ihnen ver⸗ zeihen kann— das heißt mit der Zeit.« »Nun ſo verzeihen Sie mir, Laura, Ihr Geſchlecht iſt ſchwer zu verſtehen. Verzeihen Sie mir.« „Ol ol ols „Was gibt es? Warum weinen Sie? —— 197 »O, wie thöricht ſind Sie, nicht einzuſehen, daß ich es bin, welcher keine Entſchuldigung zur Seite ſteht. Sie ſind mein Verlobter— Ihnen war ich Pflichten ſchuldig— nicht meiner Schweſter, Ihnen— dem beſten Freund, den ich je gehabt. O Eduard, ich bin gottlos— ich bin unglücklich! Ich darf mich nicht wundern, daß Sie mir nicht verzeihen können.« „Ich verzeihe Dir aber!« Er ſchloß ſie in ſeine Arme.„So— ſprechen wir nicht mehr von Verzeihung. Meine Verlobte— mein Weib! Unſer einziger Streit ſey fortan, wer das Andere am meiſten liebt.* »O, das weiß ich, wie das ſehn wird,« ſagte Laura vor Freude lächelnd und ein tiefes Schluchzen unterdrückend. »Du wirſt mich am meiſten lieben, bis Du mich haſt, und dann werde ich Dich am meiſten lieben,« rief ſie muthwillig und ſchalkhaft. Dieſe Beiden waren ein glückliches Paar. Dieſes eigen⸗ ſinnige aber edelmüthige Herz vergaß nie, daß es gefehlt und daß ihm verziehen worden. Sie ſchenkte ſich dem Verlobten am Altar mit Herz und Seele und hielt ihr Gelübde. Er ſtteg hoch in der politiſchen Welt und bezahlte die Buße für dieſen Ehrgeiz. Sein Herz war oft wund und leidend. Aber an ſei⸗ nem Herd ſaß trauliche Behaglichkeit und ſtets bereites Mitleid. In langen dreißig Jahren quälte ſie ihn nicht ein ein⸗ ziges Mal mit Klagen über die Dienſtleute. Ewige Ehre kröne ihren Namen! ** * Es war nur ein kleines Stück Ferſe, was Dard in Preußen gelaſſen. Glücklicher als ſein Vorgänger Achilles 198 kam er mit einem leichten, aber unheilbaren Hinken davon. Und auf dieſe Weiſe büßte die Amnee ihn ein. Er heirathete Jacintha und Joſephine gab ihnen die Mittel, das Wirthshaus des verſtorbenen Byot zu überneh⸗ men. Jacintha glänzte als Wirthin und erwarb dem Hauſe zahlreiche Kunden. Dennoch aber zog es ſie fortwährend nach Beaurepaire. Ihr Lieblingsſpazirgang war nach der Küche des Schloſſes und bei allen Feſtivitäten und großartigen Ge⸗ legenheiten ſpielte ſie ſtolz herausgeputzt eine hervorragende Rolle als Vaſallin des Hauſes. Der letzte Beweis von ihrem hausbackenen Scharfſinn, den ich die Ehre haben werde dem Leſer mitzutheilen, iſt eine Kritik ihres Mannes, welche ſie ſechs Jahre nach ihrer Ver⸗ heirathung von ſich gab. „Mein Dard,“ ſagte ſie,„iſt ſo weit ganz gut. Für Dinge, die er ſelbſt gefühlt, hat er Einſicht. Wer mit leerem Magen voder zerſchlagenem Kopfe, oder blutend, oder braun und blau zu ihm kommt, der wird an ihm einen Freund fin⸗ den. Hat aber Einer Kummer oder ſonſt ein Leiden, ohne daß er zugleich ein Loch an ſeinem Körper aufweiſen kann, ſo thut er beſſer, wenn er zu mir kommt, denn dann könnte er ſein Leid einer ſteinernen Mauer eben ſo gut klagen als meinem Manne.* * Die Baronin führte ihren Sohn Raynal nach Paris und wählte ihm hier mit ſcharfumſichtigem Auge eine Frau. Dieſe erwies ſich als eine ganz vortreffliche und es konnte auch kaum anders ſeyn, denn die Baronin hatte mit dem ſtrengen Scharfſinn ihres Alters und Geſchlechtes ein paar Dutzend 199 ſcheinbare Engel als untauglich verworfen, ehe ſie eine ihr zu⸗ ſagende Schwiegertochter fand. Anfangs hielt ſich Rahnal von den Dujardins auf ganz angemeſſene Weiſe entfernt, als aber Beide einige Jahre lang vermält waren, da trat die Erinnerung an jene flüchtige und nur nominelle Verbindung in den Hintergrund, während das Andenken an große auf beiden Seiten erwieſene Wohltha⸗ ten ſo lebhaft wie je in großen Herzen zurückblieb, und es be⸗ ſtand eine warme, eine heilige Freundſchaft zwiſchen den bei⸗ den Familien, eine Freundſchaft der alten Griechen, nicht der modernen Caſinogeſellſchaften. Camill und Joſephine waren faſt glücklicher, als es je⸗ mals einem Menſchenpaare beſchieden geweſen iſt, zu ſeyn. In der That kann auch nur der den Sonnenſchein gebührend würdigen, welcher aus der kälten Finſterniß heraustritt. So iſt es auch mit dem Glück. Jahrelang konnte man von ihnen kaum ſagen, daß ſie lebten wie Sterbliche— ſie ſchwammen in Glückſeligkeit und Wonne— und dennoch wären ſie Beide beinahe lebenslang elend geworden, die kalte Hand des Todes hatte Beide ſchon berührt und trotz ihres gegenwärtigen hohen Glücks hatte Riemand beſſer als ſie die Wahrheit des alten Spruches kennen gelernt:»Wer lieben will, muß leiden!“ Druck und Papier von Levp. Sommer in Wien. 6 16 17 18 7 8 9 10 11 2 13 14 15