Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf.— Pf. 5„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein bleicher Mann in einer abgetragenen, ſchmutzigen und zerriſſenen Uniform wollte in den Hof hineingehen, als ob er hier zu Hauſe wäre. Er blieb ohne zurückzufahren ſtehen, und blickte lächelnd auf die ſtählerne Schranke herab, welche die Soldaten für ihn improviſirt, richtete ſich dann ein wenig auf, legte die Hand nachläſſig an den Tſchako, der faſt in zwei Hälften ge⸗ ſpalten war, und nannte den Namen eines Offiziers in der franzöſiſchen Armee. Wenn Du oder ich, lieber Leſer, wie ein Bettler geklei⸗ det, der vor mehren Jahren eine Uniform geſtohlen und ſie bis zur Civilkleidung abgetragen, dieſe Soldaten mit denſel⸗ ben Worten angeredet hätten, ſo hätten ſich die Bajonnete wahrſcheinlich noch feſter gekreuzt oder ihre Spitzen gegen un⸗ ſere geheiligte aber ſchäbige Perſon gewendet. Es gibt aber eine Freimaurerei des Schwertes. Die leichte gebieteriſche Hand, welche den zerfetzten Tſchako berührte, und der klare ruhige Wer lieben will. III. 1 Commandoton imponirte. Die Soldaten ſchulterten langſam ihre Musketen, verriethen aber durch ihre Mienen immer noch Zweifel und Unruhe. Der Zerlumpte ſah dies und lächelte ſtolz. Er ſtreifte die Aermel auf, zeigte ſeine Handgelenke und richtete ſich noch höher empor. Die Schildwachen ſchulterten nun ſchulgerecht und nah⸗ men dann gleichzeitig Gewehr beim Fuß. »Paſſiren Sie, Capitän!* Der Zerlumpte zog die Klingel. Ein Diener kam und betrachtete ihn mit Entſetzen und Verachtung. Er nannte ſei⸗ nen Namen und verlangte den Gouverneur zu ſprechen. Der Diener ließ ihn in der Hausflur ſtehen und ging hinauf, um es ſeinem Herrn zu melden. Als er den Namen nannte dachte der Gouverneur eine Weile nach, runzelte die Stirn und befahl dann ſeinem Diener, ihm ein gewiſſes Buch herabzulangen. Er ſchlug darin nach. »Ich dachte es mir« ſagte er.„Iſt Jemand bei ihm?6 »Nein, Herr Gouverneur.« „Lade meine Piſtolen, lege ſie auf den Tiſch, ſtelle das Buch wieder an ſeinen Ort, führe den Mann herauf und laß' eine Wache vor die Thür ſtellen.« Der Gouverneur war ein ſtrenger Veteran mit großer breiter Stirn, buſchigen Augenbrauen und durchbohrenden Augen. Er ſtand nicht auf, ſondern ſtützte ſein Kinn auf die Hand und den Ellbogen auf den Tiſch und betrachtere ſo den Eintretenden mit unverwandtem, ſeltſamem Blicke. »Wir erwarteten nicht, Sie wieder diesſeits der Pyre⸗ näen zu ſehen,« hob er an. „Ich hätte dies ſelbſt nicht erwartet, Herr Gouverneur.« »Was wollen Sie von mir?« — 3 „Einen Willkommen, eine neue Uniform und Geld, um nach Paris reiſen zu können.“ »Wie, wenn ich nun aber ſechs Mann im Hofe auf⸗ marſchiren und Sie erſchießen ließe?« »Das wäre der thörichtſte Streich, den Sie begehen könnten,« ſagte der Zerlumpte kaltblütig, verrieth aber doch ein wenig Ueberraſchung. Der Gouverneur holte wieder das Buch herbei, welches er kurz vorher zu Rathe gezogen, ſchlug die betreffende Seite wieder auf, überreichte es dem zerlumpten Offizier und beob⸗ achtete ihn mit ſcharfem Blicke. Der Zerlumpte ward feuerroth und ſeine Lippen zitter⸗ ten, ſein Auge weilte mit ſtrengem, aber doch bekümmertem Ausdrucke auf dem Gouverneur. »Ich habe Ihr Buch geleſen, leſen Sie nun das meine, ſagte er.. Mit dieſen Worten zog er ſeinen Rock aus und zeigte ſeine Handgelenke und Arme, welche blau und mit Schwielen bedeckt waren. »Können Sie dies leſen? fragte er. „Nein.* „Um ſo beſſer für Sie. Es ſind die Spuren von ſpani⸗ ſchen Feſſeln, General.« Er zeigte auf eine weiße Narbe an ſeiner Schulter. »„Können Sie dies leſen, General?“ „Hm! »Das da habe ich herausgeſchnitten,« fuhr der Zer⸗ lumpte fort, und überreichte dem Gouverneur einen kleinen runden Stein von der Größe und auch faſt von der regel⸗ mäßigen Form einer Musketenkugel. ſchen Muskete abgefeuert worden ſehn,« ſagte der Gouverneur. „Können Sie dies da leſen?« fragte der Zerlumpte weiter und zeigte dem Gouverneur eine lange Schramme an ſeinem andern Arm. „Dieſe Wunde rührt wohl von einem Meſſer her?« ent⸗ gegnete der Gouverneur. „Sie haben Recht, Herr General, von einem ſpani⸗ ſchen Meſſer. Können Sie dies da leſen?« und ſein Hemd öff⸗ nend zeigte er eine noch friſche, blutige Wunde in ſeiner Bruſt. „Was Teufel!« rief der General. Der Verwundete zog wieder ſeinen zerlumpten Rock an, und ſtand aufrecht, ſtolz und ſchweigend da. Der General ſah ihn an, und erkannte, daß ein großer Geiſt in dieſem Manne wohne. Je mehr er ihn anſah, deſto weniger waren die Lumpen im Stande, ſeinem geübten Auge den Helden zu verhüllen. „Es muß hier ein Irrthum obwalten,« ſagte er;„ent⸗ weder ſehe ich nicht recht oder bin nicht im Stande einen Sol⸗ daten von einem—* „Sprechen Sie das Wort nicht aus, General; Ihr eigenes Herz würde dadurch verwundet werden.« „Hm! ich muß dieſe Sache ſofort erörtern. Nehmen Sie Platz, Capitän, und erzählen Sie mir, was Sie ſo viele Jahre lang gemacht haben.* „Ich habe gelitten. „Was! dieſe ganze Zeit?« „Ohne Unterbrechung.« „Aber was denn? Was haben Sie gelitten?« „Kälte, Hunger, Finſtermß, Wunden, Einſamkeit, »Hm! dieſe Kugel kann ſchwerlich aus einer franzöſi⸗ — 5 Krankheit, Verzweiflung, Gefängniß— alles, was ein Menſch dulden kann.« „Unmöglich! So viele Leiden würden Jeden, den ſie be⸗ troffen, ſchon längſt getödtet haben.« „Ja, ich wäre auch mehr als zehnmal geſtorben, wenn mich nicht ein einziger Umſtand noch am Leben erhalten hätte.« „So! Und was war dies für ein Umſtand?“ „Ich hatte verſprochen, zu leben. Es trat eine Pauſe ein. Dann ſagte der General in ru⸗ higem Tone: „Zu den Thatſachen, junger Mann— ich höre.« Kaum war eine Stunde vergangen, ſeitdem der zer⸗ lumpte Unbekannte von den Schildwachen am Thore angehal⸗ len worden, als zwei funkelnde Offiziere zu demſelben Thore herauskamen. Ein Diener, der einen Pelzmantel auf dem Arme trug, folgte ihnen. Die Schildwachen präſentirten. Der ältere dieſer beiden Offiziere war der Gouverneur, der jüngere war die vormalige Vogelſcheuche, jetzt in einer na⸗ gelneuen Uniform, welche dem Sohn des Gouverneurs ge⸗ hörte. Nun erſt zeigte er ſich in ſeinem wahren Lichte als das Ideal eines patriziſchen Soldaten. Man hätte ſollen mei⸗ nen, er ſey mit dem Degen an der Seite geboren und von der Natur geſchult worden, ſo gerade und ſtraff und doch leicht und ungezwungen waren alle ſeine Bewegungen, und ſein wunderbar in ſeinem Ausdruck wechſelndes Auge ſchien zu ſa— gen:„Ich kann lieben, ich kann fechten— ich kann fechten, ich kann lieben, wie Wenige von Euch eines von beiden können.« 4 Der General bemühte ſich, ihn zu überreden, in Bayonne zu bleiben, bis ſeine Wunde vollſtändig geheilt wäre. „Nein, General, ich habe noch andere Wunden zu hei⸗ len, die älter ſind als dieſe.« »Paris iſt aber eine weite Reiſe für einen Verwun⸗ deten.* »Sagen Sie für einen höchſt unbedeutend Verwun⸗ deten.* „Wohlan, verſprechen Sie mir, einen Monat in Paris zu bleiben.* »General, ich werde nur eine Stunde in Paris bleiben.* „Eine Stunde!! Nun dann melden Sie ſich wenigſtens im Kriegsminiſterium und übergeben Sie dieſen Brief.« „Das werde ich thun, mein General.“ Noch denſelben Nachmittag lag der junge Offizier in den Pelzmantel des Gouverneurs gewickelt, der Länge lang in dem Coupé der Diligence ausgeſtreckt und rollte Tag und Nacht der Hauptſtadt entgegen. Er erreichte ſie müde und matt und fieberhaft in Folge ſeiner Wunde, ſein Geiſt aber war ſo unbezähmbar wie je. Er begab ſich mit dem Brief des Gouverneurs in das Kriegsminiſterium. Sein Erſcheinen rief einige Senſation her⸗ vor und mehre Beamte kamen nach einander auf ihn zu und ſprachen einige höfliche Worte mit ihm. Endlich ließ zu ſeiner Ueberraſchung der Miniſter ſelbſt ſagen er wünſche ihn zu ſprechen. Der Miniſter richtete mehre Fragen an ihn und' ſchien ſich zu intereſſiren und durch ſeine Erzählung ergriffen zu werden. 7 „Ich glaube, ich werde Sie noch einmal rufen laſſen, Capitän,« ſagte er.»Wo bleiben Sie in Paris?“ „Rirgends. Excellenz. Ich verlaſſe Paris, ſobald ich ein ruhig gehendes Pferd finden kann.« „Aber General Bertaux ſchreibt mir, Sie ſeyen ver⸗ wundet.* „Ein wenig.« „Aber Capitän, handeln Sie dann auch klug und ge⸗ recht gegen ſich ſelbſt und Ihre Freunde?s „Ja, Excellenz, ich bin es denen ſchuldig, welche mich viel⸗ leicht todt glauben.« „Sie können ja an ſie ſchreiben.« „Eine ſo heilige Freude gönne ich einem Briefe nicht. Nein, nach Allem, was ich gelitten, will auch ich es ſehn, der ihr zuerſt ſagt, daß ich mein Wort gehalten. Ich verſprach ihr zu leben und ich lebe.« „Ihr? Nun weiß ich wie die Sache ſteht und ſage kein Wort weiter, Capitän. Nur ſagen Sie mir, welche Straße Sie einſchlagen.* „Die Straße, welche nach der Bretagne führt.« Während der junge Offizier in leichtem Schritt dahin ritt und Paris ungefähr ſchon anderthalb Meilen hinter ſich hatte, hörte er plötzlich raſche Hufſchläge hinter ſich und her⸗ angaloppirte ein Adjutant und zog den Zügel an, ſo daß ſein Pferd ſich beinahe auf die Hanken ſetzte. Er überreichte dem langſamen Reiter ein großes mit dem franzöſiſchen Wappen geſiegeltes Couvert Der Empfän⸗ ger riß es auf— es enthielt ſein Oberſtenpatent. Seine Wange ward dunkelroth und ſeine Augen funkelten vor Freude. Der Adjutant gab ihm hierauf ein zweites Packet. „Dies da enthält Ihre Epaulette, Oberſt,“ ſagte er. »Wie wir hören, befinden Sie ſich auf dem Wege nach einer Wildniß, in welcher keine Epauletten wachſen. Sobald als Ihre Wunde vollſtändig geheilt iſt, ſollen Sie ſich zur Rhein⸗ armee begeben.« „Ich werde überall hingehen, wohin mein Vaterland mich ruft.« »Nun ſo theilen Sie mir noch Ihre Adreſſe mit, Oberſt, damit wir wiſſen, wo wir einen Helden zu ſuchen haben, wenn wir einen brauchen.« »Ich begebe mich nach Beaurepaire.« »Nach Beaurepaire? Dieſen Ort habe ich in meinem Le⸗ ben nicht nennen hören.« »Sie haben noch nichts von Beaurepaire gehört? Beau⸗ repaire liegt in der Bretagne fünfundzwanzig Lieues von Paris und folglich dreiundzwanzig und eine halbe von hier.* »Gut! Viel Glück auf den Weg und baldige Geneſung!« Der neuernannte Oberſt las das koſtbare Document auf dem Halſe ſeines Pferdes und dann wollte er eine der Epauletten auf ſeiner gegenwärtig kahlen rechten Schulter be⸗ feſtigen, aber er überlegte es ſich anders. »Nein,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ich will mich nicht ſelbſt krönen. Sie ſoll mich mit ihrer theuern Hand zum Oberſten machen. Ich will dieſe Zierden in die Taſche ſtecken. Ich will ſie nicht einmal anſehen, bis ſie ſie geſechen hat— ich habe nicht eher ein Recht dazu. O wie glücklich bin ich, daß ich nicht blos lebendig ſondern auch zu ihr höchgeehrt zu⸗ rückkehren kann.« Seine Wunde ſchmerzte, alle Glieder thaten ihm weh, aber kein vergangener oder gegenwärtiger Schmerz konnte ſeinen Geiſt überwältigen. In ſeiner großen Freude dachte er 2 an vergangene Leiden und fühlte gegenwärtigen Schmerz— und lächelte. Nur wünſchte er dann und wann Flügel zu haben. O die lange langweilige Straße! So ritt er ein wenig über den Sattel geneigt langſam im Schritt weiter, als plötzlich ein anderer gutberittener Offi⸗ zier ihm nachgeſprengt kam und nachdem er im Vorüberreiten einen haſtigen Blick auf ſeine Uniform geworfen, weiter ga⸗ loppirte, als ob es Tod und Leben gälte. »War dieſes Geſicht mir nicht bekannt?« ſagte er. Er zerſann ſich faſt den Kopf und endlich fiel ihm ein, daß es das Geſicht eines alten Cameraden war. Sie waren zuſammen Lieutenants geweſen. „Es war Raynal!« ſagte er.»Der Dienſt in irgend einem heißen Lande hat ihn blos tüchtig gebräunt. Kein Wun⸗ der, daß er mich nicht kannte. Ich muß mich noch weit mehr verändert haben als er. Ich wollte, ich hätte ihn angerufen, den alten Cameraden. Vielleicht begegne ich ihm in der näch⸗ ſten Stadt wieder.* Er gab ſeinem Pferde die Sporen und ſetzte es in kur⸗ zen Galopp, denn das Traben erſchütterte ihn ſo, daß er es nicht aushalten konnte. Selbſt wenn er galoppirte, mußte er die Hand auf die Bruſt drücken und oft ſtellte ſich in Folge der Bewegung ein bitterer Schmerz ein als gewöhnlich, ſo daß ihm unwillkürlich das Waſſer aus den Augen rann, aber dennoch lächelte er. Seine Froße Liebe und ſein hoher Muth gaben dieſe Antwort auf die Qualen des Körpers. Und ſeine Augen blickten unverwandt vorwärts wie nach einem Gegenſtand am fernen Horizonte, während er die Hand auf die Bruſt ge⸗ drückt und geduldig lächelnd immer weiter ritt. In Beaurepaire fertigte und änderte man Hochzeits⸗ kleider. Laura war aufgeregt und ſelbſt Joſephine nahm ein ruhiges Intereſſe daran. Die Toilette ſinkt bei dem ſchönen Geſchlechte niemals zu etwas ganz Unbedeutendem herab. Die Stühle und Tiſche waren mit Kleidern bedeckt und der Fuß⸗ boden mit allerhand Stoffen und Aufputz beſtreut. „Ich wünſchte, Du dächteſt mehr an das, was Du an⸗ ziehen willſt,« ſagte Joſephine. „Das thue ich auch,« ſagte Laura,„aber das iſt egoi⸗ ſtiſch von Dir. Du willſt immer deinen Willen haben und eher an alle Andere denken als an Dich ſelbſt. So lange ich aber hier bin, darf das nicht geſchehen, denn ich bin die Herrin.« „Das macht Dir ja auch Niemand ſtreitig.« „Ich möchte es auch Niemanden rathen! Aber auch ein wenig fleißiger mußt Du ſehn. Wir haben jetzt nur noch fün Tage bis zur Hochzeit und ſieh nur, was für eine Menge Ar⸗ beit wir noch da liegen haben.“ Es war drei Uhr Nachmittags. Die Baronin hatte ſich zu ihren Töchtern geſellt und erzählte ihnen, was ſie bei ihrer Vermälung unter Ludwig XV. getragen mit einer für Männer in der That wunderbar ſcheinenden Treue des Gedächtniſſes, als der Commandant Raynal hereingeprallt kam wie ein Kano⸗ nenſchuß und in ſteifer militäriſcher Haltung mitten unter ihnen ſtand. * 11 Alle ſtießen einen Ruf der Ueberraſchung aus und dann folgten freundliche Begrüßungen, beſonders von der Ba⸗ ronin. „Die Zeit iſt uns recht lang geworden ohne Sie, Jean.* „Und ich habe Sie auch ein paarmal ſchmerzlich ver⸗ mißt, Schwiegermutter, das kann ich Ihnen ſagen. Wohlan, ich fürchte, ich werde Sie unangenehm berühren, aber Sie müſſen bedenken, daß wir in einer geſchäſtigen Zeit leben. Morgen breche ich nach Egypten auf.« „Was!« rief Laura. »Morgen ſchon?« rief die Baronin. Joſephine legte ruhig ihre Arbeit nieder. „Ja, die ganze Sache hat ſich geändert. General Bona⸗ parte verläßt Paris übermorgen Früh ſieben Uhr und ich gehe mit ihm. Ich bin ſo ſchnell als möglich hierhergeritten, um die kurze Zeit, die mic noch übrig iſt, bei Ihnen zuzu⸗ bringen.* Die Damen ſahen einander an. »Mein Pferd iſt ein ſehr gutes,« fuhr der Comman⸗ dant fort.„Wenn ich morgen Mittag aufbreche, ſo bin ich gegen fünf Uhr nächſten Morgen in Paris. Halb Sechs muß ich bei dem General ſehn.« Die Baronin ſeufzte tief auf und die Thränen traten ihr in die Augen. „Gerade als wir Alle anfingen, Sie kennen und lieben zu lernen!« ſagte ſie. „O, Sie müſſen deswegen nicht niedergeſchlagen ſeyn, Schwiegermutter,«entgegnete Rahnal.„Es iſt eben ſo wahr⸗ ſcheinlich, daß ich aus Egypten wiederkomme, als daß ich nicht wiederkomme. Die Chancen ſind wenigſtens gleich.« 12 Ditſer Troſtgrund machte die Niedergeſchlagenheit der Baronin vollſtändig. Sie hatte wirklich eine große Zuneigung zu Rahnal gefaßt und ſie konnte die Vermälung der 1 kaum erwarten. „Na, ſo räumt dieſe ganzen Sachen da weg, Mädchen,« ſagte ſie bitterlich;„nun werden Jahre vergehen, ehe wir ſie vrauchen. Ach, mein Freund, ich werde nicht mehr am Leben ſehn, wenn Sie aus Egypten heimkehren. Ich werde niemals einen Sohn haben! „Was wollen Sie damit ſagen?« fragte Raynal ein wenig rauh.„Es wird Ihre eigene Schuld ſeyn, wenn Sie keinen Sohn haben, nicht die meine.« „Eher möchte ich fragen, was Sie meinen? Sie wer⸗ den mein Freund und der Bräutigam meiner Tochter ſeyn. Aber überlegen Sie doch— ohne dieſen widrigen Zufall wür⸗ den Sie binnen wenigen Tagen mir wirklich angehört haben. Dann hätte ich das Recht gehabt, mit dem Finger auf Sie zu zeigen und zu ſagen: Dies iſt mein Sohn. Ach. dieſer Name war mir theuer geworden. Ich hatte niemals einen Sohn ge⸗ habt— nur Töchter— die beſten, die eine Mutter jemals gehabt. Aber ohne einen Sohn iſt das Familienleben nicht vollſtändig und ich werde nun niemals einen erleben.« Raynal ſah ſich verdutzt um. Die jungen Damen räum⸗ ten die Hochzeitskleider hinweg. „Ich haſſe den General Bonaparte,« ſagte Laura är⸗ gerlich. „Sie haſſen meinen General?« rief Raynal, indem er den reizenden Trotzkopf mit einer gewiſſen abergläubiſchen Scheu und Verwunderung betrachtete.„Sie haſſen den beſten Soldaten, den die Welt jemals geſehen?« „Was geht mich ſ Soldatenweisheit an? Er hat 13 unſere Hochzeit hinausgeſchoben— auf wie viele Jahre ſag⸗ ten Sie?« »Nein, er hat ſie beſchleunigt.« »Und nachdem ich mir faſt die Finger zernäht! Beſchleu⸗ nigt— was meinen Sie damit?« „Ich meine, die Hochzeit ſollte in einer Woche ſeyn und nun wird ſie morgen um zehn Uhr ſtattfinden— das nenne ich doch beſchleunigt!« »Wie? morgen?« riefen die drei Damen wie aus einem Munde. »Ja wohl, morgen. Weshalb glauben Sie wohl, daß ich Paris geſtern verlaſſen habe, nicht blos Paris, ſondern auch meine Pflichten?« „Sie? fragte Joſephine ſchüchtern.„Sie haben dieſen weiten Weg gemacht und Ihre FPflichten verlaſſen, blos um mich zu heirathen?“ Und ihre Miene verrieth einen gewiſſen Grad von Freude. »Nun, ich dächte, Ihr Beſitz verlohnte ſich noch einer weit größeren Mühe,« ſagte Raynaleinfach.„Ueberdies hatte ich mein Wort gegeben und mein Wort halte ich ſtets.« »Ich auch,« ſagte Joſephine ein wenig ſtolz.„Ich werde nicht davor zurücktreten, wenn Sie darauf beharren, aber ich bekenne, daß ein ſolcher Vorſchlag mich überraſcht. So plötz⸗ lich— keine Vorbereitungen— keine Zeit zum Ueberlegen — kurz wo ſo viele Schwierigkeiten im Wege ſtehen, daß ich Sie bitten muß, die Sache nochmals zu bedenken.« »Schwierigkeiten!« rief Raynal in heiter verächtlichem Tone.„Es gibt keine, wenn Sie nicht welche machen. Schwie⸗ rigkeiten! ha! ha! ha! Wir vollbringen an jedem Tage unſe⸗ res Lebens weit ſchwierigere Dinge als dieſes. Binnen drei⸗ zehn Minuten überſchritten wir die Brücke von Arcole und hatten daber nicht die Einwilligung des Feindes, wie wir ſie jetzt haben, mein Fräulein. Nicht wahr, wir haben ſie?« »Mein Herr, es iſt unartig von mir, Einwendungen zu erheben, während Sie ſich ſo viel Mühe gegeben haben— aber— Mamals „Ja, meine Tochter. Mein werther Freund erzeugt uns durch dieſe Eile Beiden große Ehre. Aber ich ſehe keine Mög⸗ lichkeit. Es gibt eine Etikette, der wir nicht ganz trotzbieten können— es müſſen gewiſſe Präliminarien vorausgehen, ehe eine Tochter des Barons von Beaurepaire—« »Die Zeiten ſind vorüber!« rief Raynal lachend.„Das geſchah damals, wo Armeen ausrückten, ſich gegenſeitig be⸗ grüßten und dann wieder zurück in die Winterquartiere rück⸗ ten. Damals handelte es ſich darum, wer am langſamſten von der Stelle kam; jetzt aber gilt es, wer der Schnellſte iſt. Die Zeit und General Bonaparte warten auf Niemanden und Damen und andere feſte Plätze werden mit Sturm genom⸗ men, aber nicht einen Fuß breit pro Monat unterminirt, wie unter Noah dem Vierzehnten. Laſſen Sie mich die Sache kurz abſchneiden, denn die Zeit iſt kurz. Mein Fräulein, Sie ſa⸗ gen, Sie ſeyen ein Mädchen von Wort und Sie würden ſich fügen, wenn ich darauf beſtände. Wohlan, ichbeſtehe darauf.« »In dieſem Falle, mein Herr, iſt Alles geſagt. Ich werde Ihnen keinen Widerſtand leiſten. „Es würde auch nichts nützen,« rief Laura in die Hände klatſchend,„dieſer Mann iſt unwiderſtehlich.« „Sie widerſetzen ſich nicht?« entgegnete Rahnal.„Wei⸗ ter verlange ich nichts. Aengſtigen Sie ſich nicht, bilden Sie ſich keine Schwierigkeiten ein, beunruhigen Sie ſich nicht. Ich nehme Alles auf mich. Sie brauchen keinen Finger zu rüh⸗ ren, ausgenommen um den Heirathscontract zu unterzeich⸗ 15 nen. Da die Zeit kurz iſt, ſo ſchneide ich dieſelbe ſchon im Vor⸗ aus in heſtimmte Rationen. Um neun Uhr werden die Wagen hier ſeyn. Dieſe werden uns bis ein Viertel auf Zehn nach dem Hauſe des Maire bringen. Dort treffen wir Picard, den Notar, mit dem Heirathscontract. Nachdem dieſer unterzeich⸗ net iſt, vollzieht der Maire die Vermälung aus Reſpect ge⸗ gen mich und um Zeit zu erſparen ſo ſchnell als möglich— eine halbe Stunde reicht hin— ein Viertel auf Eilf— dann Frühſtück gleich in demſelben Hauſe, fünf Viertelſtunden— ein Hochzeitsfrühſtück darf nicht allzuſehr beeilt werden— dann zehn Minuten ungefähr für die alten Leute, damit ſie die üb⸗ lichen Reden über unſere Tugenden— die Ihrigen und die meinigen— halten können,— meine Antwort zehn Se⸗ cunden— ich ziehe die Uhr heraus— mein Pferd wird vor⸗ geführt— ich erhebe mich vom Tiſche— umarme meine gute Schwiegermutter— küſſe meiner Frau die Hand— ſchwinge mich in den Sattel galoppire nach Paris— rolle nach Toulon— ſegle nach Egypten. Aber dann werde ich doch eine Madame Raynal und eine Mutter zurücklaſſen. Beide werden mir dann ein freundliches Wort ſenden und ich ſchreibe Briefe an SieAlle aus Egypten und wenn ich wieder heimkomme, mache ich mit meiner Frau Bekanntſchaft und wir ſind Alle glücklich miteinander. Falle ich dagegen im Kampfe, ſo grämen Sie ſich deswegen nicht gar zu ſehr— es iſt dies einmal das Loos des Soldaten und es ereilt ihn früher oder ſpäter. Ueberdies werden Sie auch finden, daß ich für Sie geſorgt habe. Jean Raynal's Hand gibt nicht zu, daß ir⸗ gend ein ſchleichender Dieb hierherkomme und Sie aus Ihrem Quartier treibe, wenn auch Jean Rahnal nicht wiederkommen ſollte. Ich habe Picard in Rivisre's Wohnung beſtellt, um dieſe Angelegenheit mit ihm zu beſprechen und muß nun fort.« Und vamit verſchwand er eben ſo raſch, als er gekom⸗ men war. „Meine Mutter! meine Schweſter!« rief Joſephine, „helft mir dieſen Mann lieben.«— „Du bedarfſt keine Hilfe,« rief die Baronin mit Enthu⸗ ſiasmus,—„wer wollte ihn nicht lieben?— Wir müßten ja Ungeheuer ſehn.« Zum Abendeſſen fand Raynal ſich fröhlich und heiter wieder ein. „Heute gibt es nichts mehr zu thun. Es iſt Alles be⸗ ſorgt und ich kann nun den ganzen Abend verplaudern— denken Sie ſich nur!« Unſer Raum geſtattet nicht auch nur den zehnten Theil von dem zu erzählen, was ſie miteinander ſprachen. Ich hebe daher nur das Bemerkenswertheſte aus. Joſephine von Beaurepaire, welche ſchweigſam und ge⸗ dankenvoll geweſen war, ſagte zu Rahnal in einem Tone, der faſt ein Flüſtern genannt werden mußte: »Mein Herr!« „Mein Fräulein?« tönte die Poſaune. „Darf ich nicht nach Egypten gehen?« „Nein,« lautete die kurze Antwort. Joſephine zog ſich zurück wie eine Mimoſe. Nach einer Weile jedoch kehrte ſie zu dem Angriff zurück. „Nichtsdeſtoweniger,« hob ſie wieder an,„ſcheint es, als ſey es die Pflicht des Weibes, an der Seite ihres Gatten zu bleiben— für ſeine Bequemlichkeit zu ſorgen— ihn zu tröſten, wenn Andere ihn ärgern und kränken— ihn zu be⸗ gütigen, wenn er aufgeregt und zornig iſt.« „Ihre erſte Pflicht iſt, ihm zu gehorchen,« entgegnete Raynal. 17 »Allerdings. „Wohlan, wenn ich Ihr Gatte bin, werde ich Ihnen befehlen, bei Ihrer Mutter und Schweſter zu bleiben, wäh⸗ rend ich nach Egypten gehe.« „Wie Sie wünſchen, mein Herr.« »Wenn ich aus Eghpten zurückkomme und Sie mir, nachdem wir eine Weile bei einander gelebt haben, denſelben Vorſchlag machen, ſo werde ich gern darauf eingehen. Dies⸗ mal aber bleiben Sie, wo Sie ſind. Sehen Sie Ihre Schwe⸗ ſter an— noch ein Wort und die Heulerei geht los. Uebri⸗ gens gefällt es mir von Ihnen, daß Sie mir dieſes Anerbie⸗ ten gemacht haben.* * Am nächſtfolgenden Tage Schlag neun Uhr fuhren zwei Wagen an dem Schloſſe vor. Die Damen ließen Raynal war⸗ ten und brachten dadurch ſeine Zeiteintheilung mit einem Male in Unordnung. Er ſtampfte mit den Füßen, drehte ſich den Schnurbart und fluchte. Es war eine für ihn ganz neue Qual, nicht pünktlich ſeyn zu können. Jaeintha ſagte den Damen, wie wüthend er ſey, und dies machte ſie ängſtlich, und ihre Finger irrten krampfhaft unter Hafteln, Schleifen und dergleichen Dingen umher. Erſt halb zehn waren ſie fertig.. Wohl wiſſend, daß ſie ausgeſcholten zu werden verdien⸗ ten, ſchickten ſie Joſephinen zuerſt hinunter. Sie kam dem ehrlichen Soldaten in ihrem ſchneeweißen Kleide, mit dem Perlenſchmuck(ein Erbſtück) und ihrem getheilten Brautſchleier mit der zauberiſchen Röthe bewußter Schönheit auf den Wan⸗ gen ſo ſtrahlend und ſo blendend entgegen, daß er anſtatt ſie auszuſchelten unwillkürlich ausrief: Wer lieben will. III. 2 18 »In der That! beim heiligen Denis! das verlohnte eine halbe Stunde zu warten!« Eine Viertelſtunde brachte er dadurch wieder ein, daß er dem Kutſcher befahl, die Pferde im Galopp laufen zu laſ⸗ ſen. Dann und wann ließ ſich ein Gekreiſch aus dem Wagen hören, in welchem die Baronin ſaß. Die alte Dame fürchtete, daß Alles in Trümmer gehen müſſe. Sie ſtammte nicht aus einem galoppirenden Zeitalter. So raſſelten ſie in die Stadt hinein, fuhren an dem Hauſe des Maire vor, wurden von dieſem Beamten und Pi⸗ card mit großer Ceremonie empfangen und traten in das Haus. Als ihre Wagen von der nördlichen Seite in die kleine Stadt hineinraſſelten, war der verwundete Offizier ſchon von der Südſeite hereingekommen und ritt langſam die Haupt⸗ ſtraße entlang. Die Bewegung ſeines Pferdes erſchütterte ihn jetzt ſo, daß er es faſt nicht aushalten konnte. An einem Gaſthofe, nur wenige Häuſer von der Mairie entfernt, ſtieg er ab und beſchloß den noch übrigen kurzen Theil der Reiſe zu Fuß zurückzulegen. Der Gaſtwirth kam ihm geſchäftig und höflich entgegen. »„Sie ſind ſehr müde, mein Herr,« ſagte er;»Sie ha⸗ ben ſich zu ſehr angeſtrengt. Erlauben Sie mir, Ihnen ein kräftiges Frühſtück zu beſtellen.« »Nein, ich brauche einen Wagen— haben Sie einen?⸗ „Ich habe deren zwei.« „Nun, ſo laſſen Sie einen anſpannen.« „Das iſt mir nicht möglich, denn unglücklicherweiſe ſind ſie beide auf heute verdungen und zwar an vornehme Herr⸗ ſchaften.« 19 „Dann muß ich hier eine halbe Stunde ausruhen und hernach zu Fuße weiter gehen.« Der Wirth führte ihn in ein Zimmer. Es hatte ein gro⸗ ßes Fenſter, welches auf die Straße ging. „Rücken Sie mir ein paar Stühle hierher, damit ich mich darauf niederlegen kann, und öffnen Sie das Fenſter. Es iſt mir wie ohnmächtig.« „Das macht, weil Sie noch nicht gefrühſtückt haben.« »Gut, bringen Sie mir eine Omelette und eine Flaſche Rothwein und öffnen Sie erſt das Fenſter.« Er legte ſich an dem Fenſter nieder. Die friſche Luft be⸗ lebte ihn wieder und er ſchaute hinaus auf die wohlbekannte kleine Gaſſe, die er ſeit Jahren nicht geſehen. Mit großem Intereſſe erwartete er, zu ſehen, welche Geſichter er erkennen würde und welche für ihn neu wären. Der verwundete Held fühlte ſich müde und matt, aber glücklich, ſehr, ſehr glücklich! III. Der Ehecontract war vollzogen und von den Zeugen mit unterſchrieben. »Nun in die Kirche!« rief die Baronin heiter. »In die Kirche! Wozu denn?« fragte Raynal. »Nun, ſoll denn die Trauung nicht heute Morgen ſtatt⸗ finden?« »„Was ſagen Sie?« »Wie ich bemerke,« miſchte der Notar Picard ſich ein, »iſt die Frau Baronin von der Veränderung, die in unſern Geſetzen vorgegangen iſt, nicht unterrichtet. Die Trauungen werden jetzt nicht mehr in der Kirche vollzogen.« „Nicht in der Kirche?« wiederholte die Baronin und glaubte, der Notar erlaube ſich einen unpaſſenden Scherz mit ihr. »Nein. Der Staat vermält jetzt ſeine Bürger, und mit gutem Grund, denn die Ehe iſt ein Civilcontract.« „Die Ehe ein Civilcontract!« wiederholte die Baronin. »Wie, iſt es denn nicht mehr eines der heiligen Sacramente? Welche Läſterung ſteht dann zunächſt bevor? Unglückliches Frankreich! Joſephine, ein ſolcher Contract würde in meinen Augen niemals eine Ehe ſeyn, und was würde aus einem Bündniß werden, welches die Kirche nicht geſegnet hat?« »Madame,« ſagte der Notar,„die Kirche kann es im⸗ mer noch ſegnen, aber nur der Maire kann es auf giltige Weiſe vollziehen.* „Meine Tochter! meine arme Tochter!« Während dieſer ganzen Zeit war Joſephine feuerroth und ſchaute bald da⸗, bald dorthin, wie von dem unwillkür⸗ lichen Wunſche beſeelt, zu fliehen und ſich, gleichviel wo, un⸗ gefähr eine Woche lang zu verbergen. „Ha, ha, ha!“ rief Rahnal lachend,„das iſt eine ſchöne Mutter! Will ihre Tochter auf ungeſetzliche Weiſe in einer Kirche vermälen laſſen, anſtatt auf geſetzliche Weiſe in einem Hauſe. Geben Sie mir das Teſtament.« Picard überreichte ihm das Document. „Schauen Sie her, Schwiegermutter. Ich habe Beaure⸗ paire meinem rechtmäßigen Weibe vermacht.« „Außerdem,« ſchaltete Picard ein,„würde es im Falle ſeines Ablebens auf ſeinen anderweitigen geſetzlichen Erben übergehen.« „Und dieſer würde Euch die Thür weiſen, was aber meiner Abſicht durchaus nicht entſpricht. Hier ſteht der einzige 21 Mann, welcher Mademoiſelle zu meinem rechtmäßigen Weibe machen kann. Alſo vorwärts, Herr Maire, denn die Zeit und der General Bonaparte warten auf Riemanden.« »Warten Sie einen Augenblick,« ſagte der Maire. »Achtbare Vorurtheile muß man beſchwichtigen, aber nicht verachten. Frau Paronin, ich bin wenigſtens eben ſo alt als Sie und habe viele Veränderungen erlebt. Ich verſtehe Ihre Gefühle vollkommen. s „Ach, mein Herr, ach!«, »Beruhigen Sie ſich, werthe Frau; die Sache iſt nicht ſo ſchlimm, als Sie ſich denken. Es iſt vollkommen wahr, doß im republicaniſchen Frankreich nur der Civilmagiſtrat franzöſiſche Bürger rechtmäßig vermälen kann. Dies aber ſchließt die religiöſe Ceremonie nicht aus. Sie können den Se⸗ gen der Kirche über mein Werk ſprechen laſſen und ſeyen Sie verſichert, daß Sie nicht die Einzige ſind, welche an dieſem natürlichen Vorurtheile feſthält. Von zehn Paaren, welche ich vermäle, gehen regelmäßig vier bis fünf ſodann zur Kirche und vollziehen die althergebrachten Cexemonien und ſie thun wohl daran. Denn dort vor dem Altar ſagt ihnen der Prie⸗ ſter das, worüber es mir nicht zukommt, mich des Weitern zu verbreiten, und erinnert ſie an die ernſten moraliſchen und religiöſen Pflichten, welche ſie mit dieſem Vertrag auf ſich genommen haben. Der Staat bindet, aber die Kirche ſegnet noch und ertheilt ihre Zuſtimmung zu dem—6 »Was ſie nicht die Macht hat zu hindern,« bemerkte der Notar. »Herr Picard, halten Sie es für höflich, die erſte Ma⸗ giſtratsperſon des Ortes zu unterbrechen, während ſie den Bürgern das Geſetz erflärt?« entgegnete der Maire. Picard verſtummte ſofort. 22 »Ach, mein Herr, Sie ſind ein würdiger Mann. Haben Sie Töchter?« fragte die Baronin. „Ja wohl— erſt voriges Jahr habe ich eine verhei⸗ rathet.« »Und vermälten Sie dieſelbe auch nach dieſer Weiſe? „Ich vermälte ſie eben ſo, wie ich die Ihrige vermälen werde, wenn Sie mir ſie anvertrauen wollen.« „Das will ich, mein Herr; Sie ſind Vater, Sie ſind ein würdiger Mann— Sie flößen mir Vertrauen ein.« „Und nachdem ich das Paar vermält habe, wird es durch nichts verhindert ſeyn, ſich noch in die Kirche zu be⸗ geben.* „Ich bitte um Verzeihung,« rief Rayhal,„es gibt zwei Dinge, welche es verhindern— Dinge, die auf keinen Men⸗ ſchen warten— die Zeit und General Bonaparte. Kommen Sie, mein Herr— geplaudert iſt nun genug worden— ans Werk!* Der Maire zögerte nun nicht länger. Er forderte Joſe⸗ phinen auf, ſich vor ihn zu ſtellen. Sie zitterte und weinte ein wenig, Laura klammerte ſich an ſie und weinte ebenfalls und der gute Maire vermälte das Paar durch Vorleſung der vorgeſchriebenen geſetzlichen Formel. X „Iſt das Alles?« fragte die Baronin.»Das geht ja fürchterlich ſchnell!« „Aber dennoch auf wirkſame Weiſe,« ſagte der Maire lächelnd.„Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ſelbſt Seine Heiligkeit der Papſt mein Werk nicht für ungiltig erklä⸗ ren kann.« 23 Picard lächelte liſtig und flüſterte Raynal etwas ins Ohr. »Ach lieber gar!« entgegnete Raynal laut und gleich⸗ giltig.»Nun, Madame Raynal, kommen Sie zum Frühſtück; die übrigen Herrſchaften erſuche ich, uns zu folgen.« Man folgte der Braut und dem Bräutigam ins Früh⸗ ſtück,immer. * Die leiſen Worte, welche Picard dem Commandanten ins Ohr flüſterte, waren kaum ſechs oder ſieben an der Zahl. Hätte der Maire nun nicht kurz zuvor Picard auf ſo empfindliche Weiſe zurechtgewieſen, ſo hätte dieſer dieſe ſcherz⸗ haften aber wahren Worte jedenfalls laut geſprochen. Es lag kein beſonderer Grund vor, weshalb er es nicht hätte thun ſollen, und hätte er es gethan— wie fein ſind die Fäden, aus welchen das Gewebe des Lebens zuſammengeſetzt iſt! Das feinſte Baumwollengarn, welches in Mancheſter gewonnen wird— die noch feineren der Spinne ſcheinen drei Zoll dicke Schiffstaue zu ſeyn im Vergleich mit dieſen moraliſchen Spät⸗ ſommerfäden, welche gewöhnliche Augen gar nicht ſehen, je⸗ nem Etwas, jenem Nichts, an welchem große Schickſale hängen. 4 Es war ein heiteres Frühſtück und beſonders Raynal war auf der fröhlichſten Laune und ließ bei Riemanden ein Wort des Trübſinns aufkommen. Seine junge Gemalin ſaß neben ihm und blickte dann und wann mit unſchuldiger Be⸗ wunderung zu ihm auf. Ein fröhliches Hochzeitsfrühſtück war es! 24 O, wenn wir durch die Wände der Häuſer ſehen könnten! Fünf Häuſer weiter ſaß ein verwundeter Soldat allein und ſammelte den kleinen Reſt ſeiner ſchwer auf die Probe geſtellten Kräfte, um dann weiter nach Beaurepaire zu wan⸗ ken und Jahre der Trennung und des Schmerzes, der Gefan⸗ genſchaft, der Angſt, der Unruhe, des Märthrerthums in einem einzigen Wonnenaugenblick unbeſchreiblichen Entzückens zu vergeſſen! IV. Das Hochzeitsfrühſtück war beendet. Die Stunde der Trennung rückte heran. Es trat Schweigen ein. Die junge Gattin unterbrach es. »Mein Herr,« ſagte ſie ein wenig ſchüchtern zu ihrem Gemal,„haben Sie es ſich überlegt?« »Was denn? »Ob Sie mich mit nach Egypten nehmen wollen?« »Nein, daran habe ich nicht weiter gedacht, ſeitdem ich nein ſagte.« »Aber dennoch geſtatten Sie mir zu ſagen, daß es meine Pflicht iſt, an Ihrer Seite zu ſeyn, mein Gatte?« Und ſie erröthete bei dieſem Worte— es war das erſte Mal, daß ſie es ausſprach. „Nicht, wenn ich Dich davon entbinde.« »Ich würde Ihnen durchaus nicht zur Laſt fallen, ich würde nicht ohne Nutzen ſeyn. Ich könnte mehr zu ſeiner Be⸗ quemlichkeit beitragen, als er mir zutraut, nicht wahr, meine Herren?« Der Maire und der Notar gaben zu erkennen, daß ſie derſelben Anſicht ſehen. „Ja, ich traue Dir zu, daß Du ein Engel biſt, mein gutes Weib, entgegnete Raynal. Er blickte auf und Laura zitterte und die Gabel bebte in ihrer armen kleinen Hand. Sie warf ihm einen mitleidigen Blick zu. »Doch Du darfſt nicht die Großmuth allein auf deiner Seite behalten,« fuhr Rahnal fort.»Das nächſte Mal ſollſt Du⸗mit mir gehen, das iſt abgemacht. Laß uns nicht weiter davon ſprechen.« »Ich füge mich, mein Herr,« ſagte Joſephine,„aber wenigſtens geben Sie mir etwas für Sie zu thun, während Sie nicht da ſind. Sagen Sie mir, was ich für meinen abwe⸗ ſenden Freund thun kann, um meine Dankbarkeit und Achtung zu beweiſen.« »Warten Sie einmal, Madame, ich will mirs überlegen. Wohlan, ich ſah ein ſchlichtes graues Kleid in Beaurepaire.« »Ja, mein Herr. Er meint mein grauſeidenes Kleid, Laura.* „Dieſes Kleid gefällt mir.« »Mein Herr, in dem Augenblick, wo ich, nachdem ich Sie verloren, nach Hauſe komme, werde ich es anziehen und es alle Tage tragen. Ich verſtehe— Sie haben Recht— Grau geziemt einer Frau, deren Gatte nicht todt, wohl aber abwe⸗ ſend iſt und leider in ſtündlicher Gefahr ſchwebt.« »Da ſehen Sie nur!s rief Raynal hocherfreut der übri⸗ gen Geſellſchaft zu.„So iſt ſie ſtets— ſie kann ſechs Bedeu⸗ tungen wahrnehmen, wo ein Anderer kaum eine ſieht. Ich ſchwöre darauf, daß ich mir gar nicht ſo viel dabei gedacht hatte. Ich liebe beſcheidene Farben— weiter nichts. Meine ——— 26 Mutter war auch die Freundin aller beſcheidenen Frauen, die beſcheidene Farben trugen.« »Verlaſſen Sie ſich auf mich, mein Herr.« ſagte Joſe⸗ phine.„G bt es denn nichts Schwierigeres, was Sie mir zu thun geben können?« »Nein, nur noch einen Auftrag habe ich und dieſer wird für eine Frau, wie Du biſt, noch leichter auszuführen ſeyn. Ich vertraue den Namen Raynal deiner Obhut an. Er iſt kein ſo vornehmer Name wie der deine, aber ein eben ſo ehr⸗ licher. Ich bin ſtolz darauf. Ich werde ihn für Dich in Egyp⸗ ten bewahren, behüte Du ihn für mich in Frankreich.« „Mit meinem Leben,« rief Joſephine, indem ſie ihre Augen und ihre Hand gen Himmel hob. Rahnal zog die Klingel und befahl ſein Pferd vorzu⸗ führen. Die Baronin begann zu weinen. »Die jungen Leute können hoffen, Sie wiederzuſehen,« ſagte ſie,„aber ihre arme alte Mutter hat kaum dieſe frohe Ausſicht.“ „Muth, Muth, Mutter!« rief der wackere Soldat. »Nein, nein, einen ſolchen Streich werden Sie mir nicht ſpie⸗ len, dazu iſt es allemal noch Zeit.« »Mein Bruder,« rief Laura,„geh' nicht fort ohne deine kleine Schweſter zu kuſſen, welche Dich liebt und Dir dankt.« Er küßte ſie. »Braver, edelmüthiger Mann!« rief ſie, indem ſie mit ihrem Arm ſeinen Hals umſchlang.„Gott ſchütze Dich und führe Dich geſund wieder zu uns zurück.« »Amen!* riefen alle Anweſenden von einem Impuls getrieben— ſelbſt der kalte Notar. Raynal's Schnurbart zitterte. 27 Er küßte Joſephinen ſchnell auf die Stirn, die Baronin auf beide Wangen, drückte den Männern warm, aber eilig die Hand und ſchritt hinaus, ohne hinter ſich zu blicken. Sie folgten ihm bis an die Thür des Hauſes. Erſchnallte die Gurte ſeines Pferdes feſter. Dann ſchwang er ſich mit der Entſchloſſenheit ſeiner eiſernen Natur in den Sattel, grüßte die thränenreiche Gruppe noch zum letzten Male durch eine Schwenkung mit ſeinem dreieckigen Hute und brach dann auf nach Egypten. V. Die Baronin forderte den Doctor auf, ſie zu begleiten während ſie einige Kaufläden beſuchte. »Ich muß ein grauſeidenes Kleid für Laura kaufen,« ſagte ſie. Während ſie dies that, ſah ſie noch viele andere verlo⸗ ckende Dinge. Ich brauche weiter nichts zu ſagen. Mittlerweile fuhren die jungen Damen in dem andern Wagen nach Beaurepaire, denn Joſephine wünſchte den Gaf⸗ fern der Stadt und nach Hauſe zu kommen und Ruhe zu haben. Der Kutſcher fuhr ſehr ſchnell. Er hatte in dem Hauſe des Maire auf die Geſundheit der Braut, des Bräutigams, der Brautjungfer, des Maire u. ſ. w. u. ſ. w. getrunken, und ein»Sporn im Kopfe iſt beſſer als zwei an der Ferſe,« ſagt das Sprichwort. Die Schweſtern lehnten ſich zurück an die weichen Kiſſen und erfreuten ſich der glatten, raſchen Bewegung, die ihnen ſonſt ein ſo vertrauter, jetzt aber ein ſo ſeltener Genuß war. Dann begann Laura ihrer Schweſter ſanfte Vorwürfe zu machen, daß ſie ſich erboten, nach Egypten zu gehen. »Du dachteſt nicht an mich, Grauſame!s ſagte ſie. »Nein, liebe Schweſter. Bemerkteſt Du nicht, daß ich nicht einmal nach Dir hinzuſehen wagte? Ich liebe Dich mehr als die ganze Welt, aber dies war meine Pflicht. Ich war ſein Weib— ich hatte nicht mehr zwiſchen einer ſchwachen Neigung und einer ſchwachen Abneigung zu entſcheiden, ſon⸗ dern zwiſchen dem Recht auf der einen, dem Unrecht auf der andern Seite.* »O, ich weiß, worin deine Kraft liegt. Die meine liegt in— meinen Neigungen.« »Ja, Laura,« fuhr Joſephine gedankenvoll fort,„die Pflicht iſt ein großer Troſt— ſie iſt greifbar— ſie iſt etwas, woran man ſich im Leben oder im Tode halten kann— ein ſchwacher Thurm für die Schwachen, aber Gutgeſinnten.« »Wie raſch wir dahinrollen, Joſephine— es iſt ganz herrlich. Ich geſtehe, daß ich eine große Freundin von Wa⸗ genfahrten bin. Komm, lehne Dich mit mir zurück und nimm meine Hand, und während wir dahinrollen, mach' die Augen zu und denke— flüſtere mir alle deine Gefühle zu, alle— alle.* „Laura,s ſagte Joſephine, indem ſie halb die Augen ſchloß,„ich fühle eine große Ruhe, eine himmliſche Ruhe!« „Das dachte ich mir,« murmelte Laura. »Mein Schickſal iſt entſchieden. Keine Ungewißheit mehr. Meine Pflichten ſind klar. Ich habe einen Gatten, auf den ich ſtols bin. In ihm wohnt keine Falſchheit, keine Hinterliſt, keine Tücke, kein Schatten. Er iſt eine menſchliche Sonne. Auch nichts Unmännliches iſt an ihm, eben ſo wenig als Schwäche— man kann ſich auf ihn ſtützen. Er wird mich zu 29 einem beſſern, treuern Weibe und ich ihn zu einem glücklicheren Manne machen. Ja, iſt es nicht ſchön, zu denken, daß ſo groß und ſtark er auch iſt, ich ihn doch ein Glück lehren kann, wel⸗ ches er bis jetzt noch nicht kennt?« Und ſie lächelte im Bewußtſeyn ihrer zarten Macht. „Ja, ja, ſprich nur weiter,« murmelte Laura,„es iſt mir, als ſähe ich deine ſchönen kleinen Gedanken aus deinem Herzen emporſteigen wie eine ſprudelnde Quelle— weiter, weiter!« „Ja, liebe Schweſter, und dann Dankbarkeit. Laura, ich habe gehört oder irgendwo geleſen, die Dankbarkeit ſey eine Laſt. Ich verſtehe dieſes Gefühl nicht— für mich iſt Dankbarkeit eine Wonne, eine Leidenſchaft. Es iſt das wärmſte von allen den zärtlichen Gefühlen, die ich für Rahnal hege. Ich fühle es hier glühen— in meinem Herzen.« »Noch ein Wort, liebe Schweſter; glaubſt Du, daß Du ihn lieben wirſt?« „Ja, das glaube ich.« „Aber wann?« »O lange vorher, ehe er wiederkommt.« »Noch vorher?« Joſephine murmelte mit immer noch halb geſchloſſenen Augen weiter: »Seine Tugenden werden mir ſtets gegenwärtig ſeyn. Seine kleinen Fehler in ſeinen Manieren ſind dann nicht ſicht⸗ bar. Der gute Raynal! Das Bild iener großen Eigenſchaften, die ich ſo hoch achte, vielleicht weil ſie mir ſelbſt abgehen, wird mir immer vor Augen ſchweben und ehe er wieder⸗ kommt, werde ich ihn lieben. Glaubſt Du das nicht? Sage mir's. »Ich bin davon überzeugt. Ich liebe ihn ſchon. Ich bin ein egoiſtiſches Mädchen. Meine Mutter durchſchaute mich. Ich bin ihr dafür ſehr verbunden. Aber ich bin kein gottloſes Mädchen und wenn ich unfreundlich gegen ihn geweſen bin, ſo werde ich es wieder gut machen. Fahre fort, Theure, offen⸗ bare mir dein ganges Herz.« „Ja, Ein Grund, weshalb ich ſo bald als möglich nach Hauſe zu kommen wünſchte, war— doch rathe einmal.“ „Weil Du gern dein grauſeidenes Kleid anziehen wollteſt! O ich kenne Dich!* „Ja, Laura, ſo war es! Der liebe, gute Raynal! Ja, ich bin ſtolzer auf ſeinen ehrlichen Namen, als auf unſern edlen. Und ich bin ſo ruhig, meine Schweſter— ſo ruhig— ſo vergnügt, daß das Gemüth meiner Mutter beruhigt iſt,— ſo überzeugt, daß Alles ſo zum Beſten iſt— ſo zufrieden mit meinem eigenen Loos— ſo glück— lich!“ Eine ſanfte Thräne ſtahl ſich unter ihren langen Wim⸗ pern hervor. Laura ſah ſie mit liebendem Blicke an und legte dann ihre Wange an die ihre. So lehnten ſie ſich ſanft und ſchweigend Hand in Hand zurück. Der Wagen rollte ſchnell entlang. Beaurepaire war faſt ſchon ſichtbar. Plötzlich faßte Joſephinens Hand die ihrer Schweſter feſter und ſie ſetzte ſich in dem Wagen in die Höhe, wie Jemand, der plötzlich aus dem Schlafe auffährt. »Was gibt's?« fragte Laura.„Sind wir ſchon zu Hauſe?s „Nein.* Joſephine drehte ſich raſch herum. „Ah⸗ es iſt kein Fenſter in der Rückwand,« ſagte ſie. Laura ſteckte ſogleich den Kopf zum Seitenfenſter hinaus. 31 »Was gibt es denn? Ich ſehe nichts. Was war denn?“ „Ein Mann in Uniform.* „O, weitter nichts?“ „Ich ſah eine Epaulette.« »Alſo ein Offizier. Ich habe Niemanden geſehen. Aller⸗ dings hat die Straße eine Biegung gemacht. Ah, Du glaub⸗ teſt wohl, es wäre ein Bote von Raynal?« »O nein— er war zu Fuße— er ging ſehr lang⸗ ſam. Er folgte demſelben Wege! demſelben Wege! demſelben Wege!« »„Nun, das iſt wh keine ſo große Seltenheit? Man trifft jetzt eine Menge Soldaten auf der Straße.* »Aber keine Offiziere zu Fuße.« Nach einer Pauſe ſetzte Joſephine hinzu: „Er ſchien ſich nur mühſam weiter zu ſchleppen.* »Sol« entgegnete Laura in gleichgiltigem Tone.»Doch, da ſind wir. Wir ſind zu Hauſe. »Ich bin froh, daß wir es ſind,« ſagte Joſephine. „Sehr froh!* * »Willſt Du jetzt gleich hinaufgehen und dein Kleid an⸗ ziehen? fragte Laura ihre Schweſter. „Ja, doch laß uns er ſt eine Minute lang in der Plai⸗ ſance ſpaziren gehen, um friſche Luft zu ſchöpfen.« Sie gingen mit einander in die Plaiſance. »Wie Du doch eiſſt, Joſephine!« riefLaura.„Bleib ein⸗ mal ſtehen und laß mich Dich anſehen.— Was S Dir denn?e »Nichte, nichts.« »Und dieſer Ton! Und wie aufgeregt Du biſt! Du glühſt ja über und über. Na, es iſt kein Wunder. Du kamſt mir ohnedies nach einem ſolchen Ereigniß faſt zu ruhig vor.« „Wer kann es nur geweſen ſehn, Laura?s“ »Wer denn? „Jener Offizier. Ich ſah nur ſeinen Rücken, aber Du ſahſt ihn wohl gar nicht, Laura?“ „Nein.* „Weißt Du auch gewiß, daß Du ihn gar nicht ſahſt?« „Nein, ich glaube auch gar nicht, daß einer auf der Straße geweſen iſt. Doch nein, ich hatte Unrecht, denn da kommt ſein dreieckiger Hut! Ich ſehe ihn dann und wann über der Umzäunung eiporhüpfen.* Joſephine drehte ſich ſehr langſam herum und ſah hin. Sie ſagte nichts. „Komm, liebe Schweſter,« ſagte Laura,„laß uns hinein⸗ gehen. Der einzige dreieckige Hut, der uns intereſſiren kann, iſt auf dem Wege nach Paris. „Ja, Laura, wir wollen hineingehen. Nein, ich kann nicht hineingehen— ich fühle mich matt; ich brauche friſche Luft. Ich werde noch ein wenig bleiben. Sieh nur, Laura, wie ſchändlich! Man ſchüttet allen möglichen Unrath in dieſen lieben alten Baum. Ich werde alles wieder herausräumen laſſen,« und ſie ſchaute mit erheucheltem Intereſſe in den Baum, aber ihre Augen ſchienen nach innen gekehrt zu ſeyn. Laura ließ einen Schrei der Ueberraſchung hören. „Joſephine!« „Was denn? was denn?« „Er winkt mir mit ſeinem Hute. Was ums Himmels willen ſoll das bedeuten?« „Er ſieht Dich für mich an!« ſagte Joſephine. „Wer iſt es denn?« 33 »Er iſt es! Ich erkannte ſeine Geſtalt auf den erſten Blick,« und ſie erröthete und zitterte vor Freuden. Sie ſchoß in den Baum hinein und verſuchte durch die Oeffnungen zu ſchauen, aber ſie konnte nicht in dieſem Winkel ſehen. Als ſie ſich wieder herumdrehte, ſah ſie Laura bleich und finſter hinter ſich ſtehen. »Ach Laura, ich vergaß!« »Biſt Du von Sinnen, Joſephine? In das Haus dieſen Augenblick! Wenn er es iſt, ſo will ich ihn empfangen und ab⸗ fertigen. Fliehe! ſchnell! um Himmels willen!« »Ich kann nicht! ich muß hören. O fürchte nichts. Er ſoll mich nicht ſehen! Ich muß wiſſen, weshalb er heute hier⸗ herkommt und ſeit Jahren nicht. Hier liegt ein Geheimniß zum Grunde. Irgend etwas Furchtbares iſt im Werke! Etwas Schreckliches!— Geh hinaus, laß ihn Dich ſehen. Ols Laura war nicht ſo bald wieder um den Baum herum, als der dreieckige Hut Halt machte. Ein bleiches Geſicht mit Augen, deren loderndes Feuer bis in den Baum drang, tauchte empor und ſchaute unbeweglich über die Umzäunung. Joſephinens Augen waren darauf geheftet. „Ich fühle etwas Furchtbares kommen! etwas Furcht⸗ bares!« »Fluch über ihn, den herzloſen egoiſtiſchen Verräther!« rief Laura.„Er hat Dich ſeit drei Jahren verlaſſen; man hat ihm geſagt, daß Du vermält biſt, deshalb heftet er ſich nun an deine Ferſen, um deinen Frieden zu zerſtören. Ah, ich freue mich, daß Du da biſt, Elender, um zu hören, daß ein beſſerer Mann als Du ſie bekommen hat! Joſephine, Du wirſt zuhören. Ich will ihm ſagen, daß Du einen Gatten haſt, welchen Du liebſt, wie Du ihn niemals liebteſt, und daß, Wer lieben will. III. 3 34 wenn er es wagt, ſich hier ſehen zu laſſen, Du ihn verlachen wirſt, und dein Gemal ihn umbringen oder hinauswerfen wird. O, ich will den Feigen beleidigen— ich will ihn belei⸗ digen, wie Du noch niemals einen Mann beleidigen ſahſt.« »Nein, das wirſt Du nicht thun!« ſagte Joſephine, „denn ich würde Dich haſſen.« »Ach, Joſephine— grauſame Joſephinel Der fluchwür⸗ dige Elende, um ſeinetwillen haſt Du mir das Herz durch⸗ bohrt!« »Und Du mir!* „Entlarve ihn und ich will Dich auf meinen Knien ſeg⸗ nen. Aber ich bitte Dich, beleidige ihn nicht. Wir ſind für immer geſchieden. Seh jetzt klug, Mädchen, ſey ſchlau,« ziſchte Joſephine in einem Tone, deſſen man ſie nicht für fähig ge⸗ halten hätte.„Suche zu erfahren, wer das Weib iſt, die ihn verführt und zwei Ungluckliche ſo weit gebracht hat. Ich ſage Dir, jenes ſchlechte Weib iſt daran Schuld. Er liebte mich einſt.« »Nicht ſo laut. Noch ein Wort!— Du biſt Gattin! Du wirſt Dich nicht vor ihm ſehen laſſen— ſchwöre!« »O niemals! niemals! niemals! Eher will ich ſterben. Wenn Du Alles gehört haſt, dann ſage ihm, ich ſey fort— ich ſey heute nach Egppten abgereiſt mit dem Manne, den ich — Ach, wollte Gott, ich hätte es gethan!« „St! ſt!« Camill ſtand an der kleinen Pforte. Laura ſtand ſtill und raffte ſchweigend Muth und Entſchloſſenheit zuſammen. Joſephine keuchte in ihrem Verſteck. Laura's einziger Gedanke war jetzt, den Verräther vor ihrer Schweſter zu entlarven und ihr jenen ſüßen Frieden des Gemüthes wiederzugeben. Sie wollte Camill nicht eher ſehen, als bis er in ihrer Nähe war. Er kam begierig auf ſie zu, ſein bleiches Antlitz glühte vor unausſprechlicher Freude und ſeine Augen funkelten wie Diamanten. »Joſephine! doch nein, es iſt nicht Joſephine! Ach, das muß Laura ſeyn, die kleine Laura, welche zu einer ſchönen Dame herangewachſen iſt— mein Liebling.« »Was ſuchen Sie hier, mein Herr?« fragte Laura im Tone eiskalter Gleichgiltigkeit. »Was ich hier ſuche? Iſt das die Art und Weiſe wie man mit mir ſpricht? Doch, ich bin zu glücklich, um weiter darauf zu achten. Theures Beaurepaire, endlich ſehe ich dich wieder! Ach, Laura, ich bin nicht zur Verzweiflung geneigt, aber es hat Augenblicke gegeben, wo— doch weg damit, ſie ſind vorüber. Ich bin hier.« »Und Madame?« »Was für eine Madame?«. »Madame Dujardin, oder die es noch werden ſoll.« »Dies iſt das erſte Wort, welches ich von ihr höre,« entgegnete Camill in heiterem Tone. »Das iſt ſeltſam, denn wir haben die ganze Geſchichte erfahren.« S »Scherzen Sie vielleicht?« „Nein!* »Wenn ich Sie recht verſtehe, ſo wollen Sie damit ſagen, daß ich Joſephinen untreu geworden ſey? »Allerdings.* »Dann lügen Sie, Fräulein Laura von Beaurepaire.« „Unverſchämter!« 2 . 6 — „Nein, Sie ſind es, die Sie Ihre Schweſter eben ſo be⸗ leidigt haben als mich. Sie ward nicht geſchaffen, um wegen anderer Frauen verlaſſen zu werden. Für mich hat es ſtets nur einen Gott, nur eine Joſephine gegeben! Beleidigen Sie mich, mein Fräulein, aber mich allein, und Sie ſollen mich geduldiger finden. O, wer hätte geglaubt, daß Beaure⸗ paire mich auf dieſe Weiſe empfangen würde!« „Es iſt Ihre eigene Schuld.« »Wiſſen Sie das gewiß?« »Ganz beſtimmt.« »Aber mein Unglück kennen Sie nicht.« »Sie haben dieſe ganzen drei Jahre keine Zeile an ſie geſchrieben.« »Leider nein, aber wie hätte ich gekonnt?« „So! Wohlan, mein Herr, die Mittheilungen, die Sie uns nicht machten, wurden uns von Andern gemacht.« »„Um ſo beſſer. Aber durch wen oder wie?s „Wir wiſſen aus ſicherer Quelle, daß Sie zu dem Feinde übergegangen ſind.« „Ich! Camill Dujardin— ein Ueberläufer! Joſephine, warum biſt Du nicht hier? Ich weiß, wie ich einem Manne zu antworten habe, der mich beleidigt, aber was kann ich zu einem Weibe ſagen? O Gott, hörſt Du, was man nach Allem was ich ertragen, zu mir ſagt?« »„O mein Herr, Sie ſpielen Ihre Rolle gut,« ſagte Laura, die nun ſelbſt eine angenommene Rolle ſpielte, denn ihr Herz begann zu zittern.„Laſſen Sie uns der Sache kurz ein Ende machen. Man ſah Sie in einem ſpaniſchen Dorfe trinkend zwiſchen zwei Guerillas ſitzen.« „Nun und 7*„ »Ein ehrlicher franzöſiſcher Soldat gab Feuer auf Sie.* „Das iſt wahr.* „Sie geſtehen es alſo?« rief Laura freudig. »Die Kugel ging mir durch die Hand— hier iſt noch die Spur davon— ſchauen Sie her.« »Ja, ja. er und ſein Camerad erzählten uns Alles.« »Alles?* »Alles.“ »Sagte er Ihnen auch, daß ich unter dem Tiſche feſt an den Stuhl gekettet war, auf welchem ich ſaß? Sagte er Ihnen, daß meine Hand an einen Trinkbecher und mein Ellbogen an den Tiſch gebunden war, und daß zwei Kerle mir mit ge⸗ ſpannten Piſtolen gegenüberſaßen, bereit, mich niederzuſchie⸗ ßen, wenn ich einen Laut von mir gäbe? Sagte er Ihnen, daß ich dieſen Laut ausgeſtoßen haben und an dieſem Tiſche geſtorben ſehn würde, wenn mich nicht ein einziger Umſtand davon abgehalten hätte? Ich hatte Joſephinen verſpro⸗ chen, zu leben „Welche eine unwahrſcheinliche Geſchichte!« ſagte Laura, aber ihre Stimme zitterte.»Uebrigens, was haben Sie in dieſen drei Jahren begonnen? Kein Wort— keine Zeile.* »Mein Fräulein,« begann Camill in kaltem Tone, „wenn Sie wirklich die Schweſter meiner Joſephine ſind, ſo werden Sie ſich über dieſe Frage ſelbſt ſo bittere Vorwürfe machen, daß ich es nicht nöt hig habe. Wenn ſie, die ich liebe, dieſen unwürdigen Ver dacht theilte, ſo würde mich dies auf der Stelle tödten. Ich muß mich daher vertheidigen. Ich fühle, wie ich erröthe, aber nicht um meinetwillen, ſondern um ihret⸗ willen. Hören Sie meine Geſchichte. Ich ritt allein aus, um zu S Ich fiel in einen terhalt. 3 ward um⸗ zingelt. Ich ſchoß einen der Fein —— 38 einen zweiten, da mir aber der Arm durch eine Kugel zer⸗ ſchmettert und mein Pferd unter mir getödtet ward, ſo beka⸗ men die Schurken mich in ihre Gewalt. Ich war übrigens bewußtlos, wahrſcheinlich in Folge des Blutverluſtes, denn ich hatte auch einen Säbelhieb in den Schenkel erhalten. Die Spanier führten mich nun mit ſich herum, verſuchten einen Lockvogel aus mir zu machen, wie ich Ihnen ſchon geſagt, und warfen mich zuletzt in einen Kerker— einen feuchten, dunkeln Kerker. Hier beluden ſie mich obendrein mit Keiten, obſchon die Mauern zehn Fuß dick waren und die Thür von Eiſen und mit ſchweren doppelten Riegeln verſehen. Und hier lebte ich monate⸗ und jahrelang, trotz Hunger, Durſt und allen Qualen, welche dieſe Schurken mich dulden ließen, ich lebte, weil ich Jemanden an dieſem Thore hier«— und er drehte ſich plötzlich herum und zeigte darauf—„verſprochen hatte, daß ich lebendig wiederkommen wollte. Endlich kam eines Nachts mein Kerkermeiſter betrunken in meine Zelle. Ich packte ihn bei der Gurgel und ich brachte ihn nicht um, aber ich ſchnürte ihm die Kehle zuſammen, bis er die Beſinnung verlor. Seine Schlüſſel löſten meine Feſſeln, die ich nun ihm anlegte, und dann ſchloß ich ihn in die Zelle ein und kam glücklich hinaus. Hier aber ſah mich eine Schild⸗ wache und gab Feuer auf mich. Sie fehlte mich, kam mir aber nachgeſetzt und holte mich ein— denn meine Glieder waren durch die lange Gefangenſchaft ſteif und ungelenk ge⸗ worden.— Der Soldat verſetzte mir einen Bajonnetſtich, ich ſchlug ihn mit dem ſchweren Schlüſſelbund in's Geſicht, er taumelte, ich entrang ihm ſein Gewehr und machte ihn un⸗ fähig, mich zu verfolgen.« »Ha!* „In der Nacht gelang es mir, über die Grenze zu kom⸗ 3 509 men. Ich gelangte nach Bayonne und von hier reiſte ich Tag und Nacht nach Paris. Hier fand ich einen Lohn für meine Leiden, aber ein noch größerer harret mein. Man verlieh mir den Rang und die Epauletten eines Oberſten. Sehen Sie, hier ſind ſie. An Verräther verſchenkt Frankreich dergleichen Dinge nicht, junge Dame, und von dem Augenblicke an, wo ich das unheimliche Spanien verließ und wieder das ſchöne Frankreich betrat, war Jeder, Mann oder Weib, dem ich auf der Straße begegnete, ſo freundlich und theilnehmend gegen mich. Einige riefen mir nach:»Gott geleite Euch!« Alle fühlten Mitleid mit dem armen leidenden Krieger, der zu ſeiner Liebe zurück⸗ kehrte— Alle, nur Sie nicht, Laura; Sie ſagten mir, ich ſey ein Verräther.« »Verzeihen Sie mir— ich— ich— und ſie dachte: »O Himmel, erleuchte mich— was ſoll ich ſagen— was ſoll ich thun?« »O, wenn Sie bereuen,« rief er,„ſo iſt das etwas Anderes! Ich verzeihe Ihnen. Hier iſt meine Hand. Sie ſind kein Soldat und wußten nicht, was Sie ſprachen. Es thut mir leid, daß ich ſo unfreundlich zu Ihnen ſprach. Aber Sie verſtehen mich. Wie Ihre Züge ſich verändern! Armes Kind, ich vergebe Ihnen. Ich will Ihnen zeigen, wie ich Ihnen ver⸗ gebe. Dieſe Epauletten, liebe Laura— ich habe ſie noch nicht angelegt. Ich ſagte:„Rein, Joſephine ſoll ſie mir anlegen. Ich will nicht blos Glück, ſondern auch Ehre aus ihrer theu⸗ ren Hand empfangen.« Aber Sie ſind ihre Schweſter und was ſind Epauletten im Vergleich mit dem, was ſie mir geben wird? Sie ſollen mir ſie anlegen. Kommen Sie, kommen Sie, dann werden Sie überzeugt ſeyn, daß ich keinen Groll gegen Sie hegte.« Laura, welcher der Muth faſt völlig entſunken war, ——— 40 willigte ſchweigend ein und befeſtigte ihm die Epauletten auf der Schulter. »Ja, Camill,« ſagte ſie,»denken Sie nun an den Ruhm— an nichts als an den Ruhm.« »Niemand denkt mehr daran als ich. Wie aber kann ich heute daran denken? Wie kann ich ihr einen Nebenbuhler ge⸗ ben? Heute bin ich ganz Liebe. Laura, kein Menſch liebte je⸗ mals ein anderes menſchliches Weſen ſo, wie ich Joſephinen liebe! Ihre Mutter iſt doch geſund und wohl, liebe Laura? Es iſt doch Alles wohl in Beaurepaire? O, wo bleibt ſie denn ſo lange? iſt ſie im Hauſe?« Er bewegte ſich raſch auf das Haus zu, aber Laura ſtreckte die Hand aus, um ihn außzuhalten. Er zuckte ein we⸗ nig zuſammen. »Was iſt Ihnen?« rief ſie. „Nichts, liebes Mädchen. Sie berührten mit Ihrer Hand meine Wunde— weiter war es nichts.« „O, Sie ſind verwundet?« „Ja, ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich von einer der Schildwachen einen Bajonnetſtich bekam, als ich aus dem Ker⸗ ker entfloh. Die Wunde hat ſich ein wenig entzündet. Ich will es Ihnen ſagen, aber Sie müſſen mir verſprechen, daß Sie es Joſephinen nicht wieder ſagen wollen— warum ſollten wir auch dieſen Engel beunruhigen? Dieſe Wunde hat mir auf dem ganzen Wege viel zu ſchaffen gemacht. Man wollte mich deswegen in Bayonne nicht fortlaſſen, aber wie hätte ich blei⸗ ben können? Und dann wollte man mich wieder in Paris zu⸗ rückhalten— aber wie hätte ich bleiben können? Man ſagte zu mir:»Du wirſt Dir den Tod holen!«„Nicht, bevor ich nach Beaurepaire gekommen bin,« ſagte ich. Ich konnte die Bewegung des Pferdes nicht länger ertragen. Ich verlangte einen Wagen. Würden Sie es wohl glauben— beide Wagen des Gaſtwirthes waren zu einer Hochzeit verliehen. Ich konnte nicht warten, bis ſie zurückkamen. Ich habe eine Ewigkeit ge⸗ wartet. Ich ging zu Fuß weiter. Ich ſchleppte mich nur ſo entlang. Der Körper war ſchwach, aber das Herz war ſtark. Nicht weit von hier ſchien meine Wunde ſich wieder öffnen zu wollen. Ich preßte ſie mit meiner rechten Hand feſt zuſammen. Sie ſehen ſelbſt ein, daß ich kein Blut weiter verlieren durfte, und ſo mühte ich mich weiter.„Sterben?« ſagte ich,„nicht eher, als vis ich in Beaurepaire bin. Und nun, Laura, wäre ich bereit zu ſterben, zu ihren Füßen,— denn ich bin glück⸗ lich— o, ich bin glücklich! Was habe ich ausgeſtanden! Aber ich habe mein Wort gehalten— und hier iſt Beaurepaice! Hurrahl« und ſeine bleiche Wange röthete ſich und ſein Auge ſchimmerte und er ſchwenkte mit matter Hand den Hut über dem Kopfe:„Hurrah! hurrah! hurrah!« »O thun Sie das nicht! Thun Sie das nicht!« »Wie kann ich anders! Ich bin wie wahnſinnig vor Freude! Hurrah! hurrah! hurrah!* »O, nein! nein! nein!« »Was gibt es denn?« »O, muß ich Sie tödtlicher verwunden, als alle Ihre Feinde Sie verwundet haben?« »Was gibt es? Sie erſchrecken mich! Was gibt es? Jo⸗ ſephine kommt nicht. Mein Herz—* »Camill! mein armer Camill! Es bleibt Ihnen nurEins zu thun übrig. Verlaſſen Sie Beaurepaire augenblicklich— fliehen Sie— es iſt kein Ort für Siel« »Sie iſt todt!« »Nein!* »Sie iſt todt!— ſie kommt nicht zu mir— ſie iſt todt! Sie ſind ganz weiß gekleidet— um Engel wie ſie, die in den Himmel eingehen, um Jungfrauen, trauert man weiß. O ich war blind! Sie hätten mir es gleich ſagen können. Sie ſehen, daß ich es ertragen kann. Was kommt darauf an, wenn man liebt, wie ich liebe? Es geſchieht blos, damit ich ihr noch einen Beweis mehr geben kann, daß ich nur für ſie lebte. Ich wäre hundertmal geſtorben, wenn ich ihr nicht je⸗ nes Verſprechen gegeben hätte. Ja, ich komme, Geliebte, ich kommel« Er ſank auf die Knie nieder, lächelte und flüſterte: „Ich komme, Joſephine— ich komme!« Ein Schluchzen und ein Stöhnen wie von einem ver⸗ zweiflungsvoll ſeinen Geiſt aushauchenden Weſen antwor⸗ tete ihm. Laura kreiſchte vor Entſetzen laut auf, als ſie es hörte. Camill ſprang wild auf ſeine Füße empor. »Ich höre ſie! Sie iſt hinter dem Baum.« »Nein, nein! Ein Raſcheln und ein Rauſchen ließ ſich in dem Baume hören. Camill eilte unaufhaltſam um den Baum herum. Laura folgte im nächſten Augenblicke. Joſephine lag in ſeinen Armen. VI. Joſephine rang furchtbar und lange mit der Natur in jenem alten Eichbaum. Aber wer kann immer ringen und kämpfen? Angſt, Reue, Entſetzen, Verzweiflung und Liebe riſſen ihr Herz hin und her, wie Rieſen, die ſich eine Beute ſtreitig machen und o— geheimnißvolles Menſchenherz!— 43 Blitze einer wahnſinnigen Freude durchzuckten ſie, um dann der deſto ſchwärzeren Verzweiflung zu weichen. Und o, wie wild kämpfte die Seele, ſich hörbar zu ma⸗ chen! Mehr als einmal mußte ſie die Hand auf den Mund drücken, mehr als einmal faßte ſie ſich am Halſe, um nicht laut aufzuſchreien. So wie aber der Kampf andauerte, ward ſie immer ſchwächer und ſchwächer und die Natur immer mäch⸗ tiger und mächtiger. Und als der verwundete Held ſo dicht neben ihr auf ſeine Knie niederſank, als er, der ſo tapfer um ihretwillen ſich gegen den Tod gewehrt, ſich bereit machte, um ihret⸗ willen ruhig das Leben hinzugeben, da vermochte ſie nicht mehr an ſich zu halten und ein durchbohrender Schrei entrang ſich ihrer Bruſt. Dieſer Schrei verrieth ſie. Sie fühlte dies. Sie wollte fliehen. Sie ſchoß aus ihrem Verſteck hervor und wollte dem Hauſe zueilen. Sie rannte ihm gerade entgegen. Er fing ſie in ſeinen Armen auf und hielt ſie mit unwi⸗ derſtehlicher Gewalt feſt. »Ich habe ſie— ich habe ſie!« rief er mit wildem Triumphe.„Nein, ich laß'Dich nicht fort! Nur Gott ſoll Dich mir entreißen und er hat Dich für mich aufgehoben. Du biſt nicht todt— Du haſt dein Wort gehalten eben ſo wie ich. Du biſt am Leben geblieben. Sieh mich an, auch ich lebe— ich bin wohl— ich bin glücklich. Ich erzählte Laura, ich hätte ge⸗ litten. Das war erlogen. Wenn ich gelitten hätte, ſo müßte ich es noch wiſſen, aber alle Erinnerung iſt entſchwunden bei deinem Anblicke, meine ewig geliebte Joſephine! 44 Sein Arm hielt ſie umſchlungen. Seine liebeglühenden Augen ruhten auf ihr— ſie fühlte ſein klopfendes Herz. Was in ihr vorging— welcher Sterbliche könnte dies ſagen? Sie ſchien aus zwei verſchiedenen Theilen zuſammen⸗ geſetzt zu ſehn. Der Theil ihres Weſens welcher ſich nicht von ſeinem ſtarken Arme losmachen konnte, verlor alle Kraft zum Widerſtande— er wich und zitterte unter ſeiner Umarmung und ihr Buſen hob ſich wild und keuchend. Der Theil dage⸗ gen, der von ſeiner Berührung frei war, ſchauderte vor ihm zurück, ihr Geſicht war mit dem Ausdruck des Schreckens ab⸗ gewendet, und ſie hielt beide Hände empor zwiſchen ſeine Augen und die ihren. „Du wendeſt dein Geſicht hinweg! Laura, ſie wendet ſich ab von mir! Sprechen Sie für mich. Schelten Sie ſie aus, denn ich weiß nicht, wie ich ſie ſchelten ſoll. Keine ant⸗ wortet mir. Was hat eure Herzen gegen mich gewendet?« „Camill,« rief Laura, während die Thränen ihre Wan⸗ gen herabſtrömten,„mein armer Camill! Verlaſſen Sie Beaurepaire— o, verlaſſen Sie es ſofort! Er wendete ſich mit fragendem Blick nach ihr herum. In dieſem Augenblicke riß Joſephine wie ein ſchwaches aber behendes wildes Thier, welches die Hand des Jägers ſchlaff werden fühlt, ſich von ihm los und floh. „Leb wohl! leb wohl!« rief ſie. Es ſchien die verkörperte Verzweiflung zu ſeyn, die aus ihr ſprach. Kaum hatte ſie ſechs Schritte zurückgelegt, ſo kam Jacintha ihr plötzlich gerade entgegen. „Madame Raynal,« rief ſie mit einem tiefen Knix,„die Baronin iſt in dem Sommerhauſe und wünſcht Sie zu ſpre⸗ chen. Ah, nun bin ich doch die Erſte geweſen, welche Sie Madame genannt hat,« und Jaeintha, welche ſich nicht träu⸗ 1 45 men ließ, was ſie mit dieſen Worten gethan, ging, nachdem ſie abermals einen Knix gemacht, triumphirend davon. Dieſer Schlag ſchien die drei auf dem Platze Zurückblei⸗ benden in Stein zu verwandeln. Joſephine hatte nicht mehr die Kraft oder den Wunſch, zu fliehen. »Es iſt ſo beſſer,« dachte ſie und blieb ſtehen. Die gewaltigen Leidenſchaften, die ſo lant geſprochen, verſtummten mit einem Male und tiefes Schweigen ſenkte ſich auf den Flatz herab. Madame Rahnal wendete ſich langſam und von der Seite nach Camill hin, machte aber erſchrocken Halt, ehe ſie ihn noch ſehen konnte. Schweigen— Todtenſtille! Die Schweſtern erkannten an dieſer furchtbaren Stille, daß vor Camills Augen die Wahrheit empordämmerte. Joſephine ſenkte allmälig das Haupt. Camill ſprach leiſe flüſternd ein einziges Wort. »Madame?« Todtenſtille. »Weiße Kleider? Beide in weißen Kleidern.« »Camill,« hob Laura an,„wir ſind Schuld. Wir zwan⸗ gen ſie dazu. O ſehen Sie, Camill, wie ſie fürchtet, Ihnen ins Auge zu ſchauen. Rauben Sie ihr nicht das Leben, machen Sie ihr keine Vorwürfe, wenn Sie ein Mann ſind.« Er winkte ihr gebieteriſch, auf die Seite zu treten und näherte ſich Joſephinen. »An Dir iſt es zu ſprechen, meine Verlobte. Biſt Du vermält?« Die Arme dachte ihrer Natur treu mehr an ihn als an ſich ſelbſt. Selbſt in ihrer Verzweiflung durchzuckte ſie der 46 Gedanke:„Wenn er Alles wüßte, ſo wäre auch er auf Le⸗ benszeit unglücklich. Geſtatte ich ihm dagegen, mich zu verach⸗ ten, ſo kann er vielleicht noch einmal glücklich werden.“ So ſtand ſie da wie das Ebenbild des Grams und der ſprachloſen Schuld. „Biſt Du Gattin?“ „Ja.* Er taumelte zurück. „Und ward ich deshalb verdächtigt?« fragte er weiter. „Sie, die ich liebte, war falſch?« „Ja, Camill,« antwortete Joſephine kaum hörbar. „Nein! nein!« rief Laura.„Sie allein hat niemals an Ihnen gezweifelt, Camill; wir haben ſie ſo weit gebracht, wir allein!“ „Schweig, Laura— o ſchweig!« keuchte Joſephine. „Ich lebte für Dich, ich wäre für Dich geſtorben und Du konnteſt nicht einmal auf mich warten?« rief Camill. Joſephine ließ ein leiſes Stöhnen hören, aber kein Wort der Entſchuldigung. „Was kann ich nun für Dich thun?« fragte Camill weiter. „Vergiß mich, Camill.« 1 „Dich vergeſſen? O niemals, niemals! Esgibtnur Eins, was ich thun kann, um Dir zu zeigen, wie ich Dich geliebt habe— Dir verzeihen und dann fliehen. Aber wohin ſoll ich gehen? Wohin ſoll ich nun gehen?« „O, Camill, Ihre Worte zerreißen ihr das Herz; ſie—6 „Schweigen Sie!« rief er.»Hier darf Niemand ſpre⸗ chen als ich— Niemand als ich hat hier ein Recht, zu ſpre⸗ chen. Armer, ſchwacher Engel, welcher liebte, aber nicht war⸗ * 47 ten konnte! Ich vergebe Dir! ſeyglücklich— wenn Du kannſt — Ich befehle Dir, glücklich zu ſeyn.« Die ſanften verzweifelnden Töne verhallten und mit ih⸗ nen ſchien für Joſephinen das Leben zu enden und die Hoff⸗ nung zu verlöſchen. Er wendete ihr ſchnell den Rücken. »Zur Armee! rief erin heiſerem Tone. Er richtete ſich ſtolz und kerzengerade empor und that muthig drei Schritte vor⸗ wärts. Beim vierten aber brach das große Herz und der kraftloſe Körper, den es ſo lange aufrecht gehalten, ſtürzte wie eine wankende ſteinerne Säule mit furchtbarer Wucht zu Boden. VII.„ Die Baronin und Saint⸗Aubin wandelten in heiterſter Gemüthsſtimmung auf der ſüdlichen Terraſſe hin und her, als ſie plötzlich Angſtgeſchrei in der Plaiſance vernahmen. Sie eilten mit zitternden Herzen ſo ſchnell herbei als ihre alten Glie⸗ der ſie zu tragen vermochten. Sie fanden Laura und Joſephine äber den am Boden liegenden Körper eines Mannes— eines Offiziers— gebeugt. Laura war eben beſchäftigt, ihm den Kragen aufzurei⸗ ßen. Dard und Jacintha waren auf das Geſchrei aus der Küche herbeigeeilt. Camill lag bleich und regungslos auf dem Rücken. »Was iſt denn das?« rief der Doctor, ſobald er zur Stelle war. Er ſchüttelte den Kopf.„Das iſt ein ſchlimmer Fall! Treten Sie beiſeite, meine Damen. Laſſen Sie mich ihm an den Puls fühlen.« Während der alte Mann ſich mühſam auf ein Knie nie⸗ derließ, ſtieß Jacintha einen Schreckensruf aus. „Sehen Sie!« rief ſie;„ſehen Sie ſein Hemd! Dieſer rothe Streifen! Ach er wird immer breiter und breiter!« Und die ſonſt ſo ſtarke kräftige Dirne wäre ohnmächtig niedergeſunken, wenn Dard ſie nicht gehalten hätte. Der Doctor ſah hin. „Um ſo beſſer,« ſagte er in feſtem Tone,»ich glaubte, er wäre todt! Sein Blut fließt ja noch. Dann werde ich ihn retten. Faſſen Sie mich nicht ſo an, Joſephine— klammern Sie ſich nicht ſo an mich. Jetzt iſt der rechte Augenblick, wo Sie zeigen können, daß meine Lehren etwas gefruchtet haben. Sie werden doch bei dem Anblick von ein wenig Blut nicht auch ohnmächtig werden wollen, wie dieſes thörichte Geſchöpf? Helfen Sie mir den armen Mann retten.« „Schafft ihn hinein!« rief die Baronin. „In unſer Haus, Mama?« keuchte Laura. „Der Blitz würde es zerſchmettern, wenn wir dies nicht thäten,« rief die Baronin.„Was, ein verwundeter Soldat, der für Frankreich gefochten, ſollte vor meiner Thür liegen bleiben und ſterben? Nimmermehr! Was würde mein Sohn ſagen! Der iſt ja auch Soldat!« Laura warf Joſephinen einen raſchen Blick zu. Joſephi⸗ nens Augen waren auf den Boden geheftet und ihre Hände krampfhaft gefaltet. „Mach, daß Du fortkommſt, Jacintha,« rief der Doc⸗ tor.„Ich kann hier keine Feiglinge um ihn herum laſſen, die Andern auch mit Angſt machen. Geh und dämpfe ein gutes Stück Rindfleiſch für ihn.« „Das will ich thun— der arme Mann!« rief Jacintha und eilte fort in die Küche. —— 49 Jest erkannte die Baronin den Verwundeten. »Den Mann kenne ich ja!« rief ſie.„Es iſt ein alter Bekannter von uns, der junge Dujardin— Du entſinnſt Dich wohl, Joſephine? Ich hatte ihn immer im Verdacht, daß er ein Auge auf Dich habe, der arme junge Mann! Wahrſchein⸗ lich iſt er hierhergekommen, um uns zu beſuchen— der arme junge Mann!« „Gleichviel wer es iſt,« rief der Doctor.»es iſt ein Menſch und damit gut. Nun, meine jungen Damen, beſitzen Sie Muth? beſitzen Sie Menſchenliebe? Dann treten ſie Eine rechts, die Andere links neben ihn und faſſen Sie ſich unter ſeinem Rücken bei den Händen, während ich ihm den Kopf trage und Dard ihn bei den Beinen faßt.* Dard war ſogleich bereit. »Faſſen Sie ihn ja behutſam an,« ſagte er,„ich weiß, was es zu bedeuten hat. Ich bin auch verwundet geweſen.* Die Vier trugen die lebloſe Bürde langſam und behut⸗ ſam quer durch die Plaiſance nach dem Hauſe und dann mit weit mehr Mühe und Vorſicht die Treppe hinauf. Auf dieſem ganzen Wege faßten die Hände der Schwe⸗ ſtern einander feſt unter der bewußtloſen Laſt und ſprachen miteinander. Und Joſephinens Arm ſtützte zärtlich, aber nicht ſchwach den Helden, den ſie zu Boden geworfen. Sie mied Latra's Auge, das Auge ihrer Mutter und ſelbſt das des Doctors. Ein ſchluchzender Seufzer entrang ſich ihr, während ſie ſo mit halb abgewendetem Geſicht, ſtieren Blicken und ihrem Opfer auf dem ſtützenden Arm einherſchritt. Man brachte ihn in das tapezirte Zimmer. „Ich muß ein luftiges, großes Zimmer für ihn haben,« ſagte der Doctor.»Nun fort mit Ihnen, meinejungen Damen! Dard, hilf mir ihn auskleiden.« Wer lieben will. III. 4 — 50 Laura ergriff Joſephinens Hand. „Setz Dich auf die Treppe,« ſagte ſie.„Wenn dann Dard herauskommt, werden wir hören.« Joſephine gehorchte mechaniſch. In düſterem Schweigen ſetzte ſie ſich nieder und heftete die Augen auf den Boden, wie ein Verurtheilter, welcher den Todesſtreich erwartet. Laura verhielt ſich ebenfalls ſchweigend. Endlich ſagte ſie leiſe: „Haben wir recht gethan?“ „Ich weiß es nicht,« ſagte Joſephine tonlos. Ihre Augen hoben ſich nicht vom Boden empor.»Wir konnten ihn doch nicht aus Mangel an Hilfe und Pflege ſterben laſſen! Aber er wird uns nicht dafür danken, meine Schweſter. Ihm wäre es lieber geweſen zu ſterben als zu leben.« In dieſem Augenblicke kam Dard die Treppe herunter. »Gute Nachrichten, meine Damen, gute Nachrichten! Die Wunde fließt und iſt lange nicht ſo tief, wie die meine war. Er hat die Augen geöffnet und wieder geſchloſſen. Der gute, liebe Doctor ſtillte das Blut augenblicklich. Der Doctor ſagt, er ſtehe dafür, daß er ihn retten werde. Ich muß nun gleich laufen und es Jacintha ſagen. Joſephine, die ſich begierig aus ihrer n Lage emporgerichtet hatte, ſchlug die Hände zuſammen, erhob dann ihre Stimme weinend: »Er wird leben! Er wird leben! Als ſie eine lange Weile geweint hatte, ſagte ſie zu Laura: »Komm, meine Schweſter, hilf deiner armen Joſe⸗ phine.«„ „Ja, liebe Schweſter, was denn?« »Meine Pflicht thun!« ſtammelte Joſephine.„Meine 51 Pflicht thun, die noch vor einer Stunde ſo ſüß zu ſeyn ſchien,« und ſie fing wieder an zu weinen. Sie gingen mit einander auf Joſephinens Zimmer. Lang⸗ ſam ſchlich ſie zu einem Schranke und nahm ein grauſeidenes Kleid heraus. »O, wenn Du das heute auch nicht thuſtls rief Laura. »Hilf mir, meine Schweſter, es geſchieht auch um mei⸗ netwillen.* »Um deinetwillen?6 »Ja, um mich jeden Augenblick daran zu erinnern, daß ich Rahnal's Weib bin.« Und ſie zog das graue Kleid an und Beide weinten ge⸗ duldig und ſtill. Erſt an jenem Tage wird es bekannt werden, was recht⸗ ſchaffene Frauen gelitten haben, die ſtill und geduldig in die⸗ ſer geräuſchvollen Welt weinten. Camill erlangte bald ſeine Beſinnung und einen Theil ſeiner Kräfte wieder, dann aber führte die Entzündung ſeiner Wunde ein heftiges Fieber herbei. Dieſes wich ſeinerſeits vor den Mitteln des Doctors und einer geſunden Conſtitution, aber es ließ große Schwäche und allgemeine Mattigkeit zurück. In dieſem Zuſtande hängt das Schickſal des Körpers in hohem Grade von dem Geiſte ab. Die Baronin und der Doctor beſuchten ihn häufig und ſprachen ihm tröſtend zu. Er lächelte und dankte ihnen, aber ſeine ſehnſüchtigen Augen ſchauten nach der Thür, um die ein⸗ treten zu ſehen, welche nicht kam. Als er wieder ſo weit war, daß er das Bett verlaſſen konnte, ward ihm das größte und breiteſte Sopha aus dem Salon hinaufgeſchafft. Eine freundliche Hand fütterte den 6 * 32 ſeidenen Schlafrock des Barons für ihn warm und weich und ſauber, und er ſaß oder lag auf ſeinem Sopha oder ging auf Laura's Schulter geſtützt einige Mal im Zimmer auf und ab. Und o, wie bittend ſchaute er ihr in die Augen, wenn ſie kam und wenn ſie ging! Laura ſenkte ihre Augen vor den ſeinen— ſie konnte nichts thun— ſie konnte nichts ſagen. Sie ſah, daß Camill mit ſeinen Kräften auch einen Theil ſeines Stolzes verloren hatte, daß er ſich nach dem An⸗ blick der Perſon ſehnte, die er nicht mehr achtete, daß er nach ihr dürſtete, wie die Wanderer in der Sahara nach Waſſer. Endlich eines Tages ſprach er: »Wie gütig Sie gegen mich ſind, Laura! Wie gütig ſie Alle ſind, bis auf Eine!« Er wartete in der Hoffnung, daß ſie etwas ſagen werde, aber ſie ſchwieg. »Wenigſtens ſagen Sie mir, warum ſie nicht kommt. Schämt ſie ſich vor mir? Fürchtet ſie ſich vor mir?« »Keines von beiden.« »Sie haßt mich wohl? Iſt es denn alſo wahr, daß der Menſch den haßt, den er verwundet hat? Grauſame, grau⸗ ſame Joſephine! O Marmorherz, an welchem das meine für immer zerſchellt iſt!« »Ach, ſie iſt nicht grauſam— aber ſie iſt Rahnald's Gattin.« »Ha!— ich dachte nicht daran. Aber habe ich denn keinen Anſpruch an ſie? Beinahe vier Jahre lang iſt ſie meine Verlobte geweſen. Was habe ich gethan? War ich ihr jemals untreu? Ich könnte ihr verzeihen, was ſie mir gethan hat, aber ſie kann mir nicht vergeben. Will ſie denn niemals wiederſehen?⸗ 00 »Was könnte Gutes daraus kommen?“ »Gut, gut,“ ſagte Camill mit boshaftem Lächeln.„Ich bin ihr im Wege— ich begreife, was ſie will— ſie ſoll es haben.* Laura theilte dieſe Worte Joſephinen mit. Sie gingen ihr durch und durch. Laura bemitleidete ſie. »Laß uns zu ihm gehen, Alles iſt beſſer als dies,« ſagte Laura.. „Ich wage es nicht,« entgegnete Joſephine. Am nächſtfolgenden Tage Früh führte Joſephine ihre Schweſter nach einer Thür außerhalb des Hauſes— einer Thür, die lange nicht im Gebrauch geweſen. Neſſeln wuchſen davor. Sie zog einen Schlüſſel hervor und öffnete dieſe Thür mit großer Mühe. »Es iſt viele Jahre her, daß ich das letzte Mal hier war,“ ſagte Laura.„Aber, Joſephine, dieſe Thür führt zu dem tapezirten Zimmer.« »Ja.* »Was ſoll ich thun?s »Ihn belauern. Du weißt noch, wo wir verſtohlen in das Zimmer zu lugen pflegten.« „Ja; ach, wie glücklich waren wir damals!« »Bewache ihn, wie eine Mutter ihr Kind. O, wenn ihm etwas zuſtößt, während er in meiner Pflege iſt—« »Seh ruhig, Liebe, fürchte nichts, ich will ihn bewa⸗ chen; ich theile deine bangen Ahnungen, deine Befürchtungen. Ich theile Alles mit Dirl« »Meine Schweſter! Meine Laura! Mein Schutzengel! O wenn ich Dich nicht hätte, Dich, denn Du weißt, was für ein unglückliches Weſen ich bin— ich müßte den Verſtand verlieren!« 8 54 Als Joſephine ſomit Camill unter dieſe ſeltſame Ueber⸗ wachung geſtellt hatte, fühlte ſie ſich ein wenig, ein klein we⸗ nig ruhiger. Sie wußte ſelbſt kaum warum, denn es war in der That ein ſehr unſicherer Schutz gegen eine eben ſo unbe⸗ kannte Gefahr. So groß war Joſephinens Beſorgtheit, ſo unerſchütterlich ihr Entſchluß, daß ſie auch nicht ein einziges Mal vermocht werden konnte, dieſe Treppe zu erſteigen und ſelbſt verſtohlen nach Camill zu ſehen. „Ich muß mein Herz aushungern— ich darf ihm keine Nahrung geben,« ſagte ſie, und ward mit jedem Tage blei⸗ cher und hohläugiger. Und dennoch war dies dasſelbe Weſen, welches ſo viel Schwäche und Unentſchloſſenheit verrieth, als Raynal in ſie drang ihn zu heirathen. Damals aber ward ſie von ſchwachen Zwergen hin⸗ und hergezerrt. Jetzt kämpften Rieſen um ſie. Zwiſchen einer ſchwa⸗ chen Neigung und einer ſchwachen Abneigung trieb damals ihr todtes Herz hin und her. Jetzt aber riſſen Ehre, Pflicht, Dankbarkeit, die bei ihr eine Leidenſchaft war, ſie nach der einen Richtung— Liebe, Mitleid und Reue nach der andern. Keiner von dieſen Rieſen wollte ſie loslaſſen und nichts gab nach als ihre Lebenskraft. Dort lag der Mann, den ſie liebte, und ſehnte ſich nach ihr. Er fluchte ihr um ihrer Grauſamkeit willen— er betete zum Himmel, ihr zu verzeihen und ſie zu ſegnen! Zuweilen ſeußzte er den ganzen Tag ſo laut, ſo tief, als ob jeder Seufzer ihm das Herz bräche und zuweilen, denn er ahnte nicht, daß ein menſchliches Auge ihn beobachtete, warf er in ſeiner Verzweiflung ſeine Mannheit auf die Seite und wälzte ſich auf dem Fußboden und verhüllte Haupt und ſchlüchzte— er, ein Held!« 55 Und ſie ſehnte ſich heimlich nach ihm, der ſich nach ihr ſehnte. „Ich habe gar kein weibliches Herz!« rief ſie, die durch und durch weiblich war.»Ich bin grauſamer gegen ihn als ein Tieger oder als irgend ein wildes Geſchöpf gegen das Opfer iſt, welches es zerreißt. Ich darf Dich nicht in Verſu⸗ chung führen. Mich jetzt zu lieben iſt ein Verbrechen. Ich muß Dich von deiner Liebe zu mir heilen und dann ſterben, denn wofür ſollte ich nun noch leben? Er weint, er ſeufzt nach Joſephinen.« Dieſe erzwungene Grauſamkeit war für die Natur ſo⸗ wohl als das Herz Joſephinens ein ſchrofferer Gegenſatz als Schwarz zu Weiß oder Hitze zu Kälte iſt; die Natur empörte ſich mit ihrer ganzen Kraft. So wie wenn ein Felsſtück einen Strom außzuhalten ſucht, das Waſſer ſich nach mehren Seiten einen Weg zu bahnen weiß, ſo verfuhr auch die beleidigte Natur mit Joſe⸗ phinen. Nicht blos ihr Körper ſiechte, auch ihre Nerven ge⸗ riethen in einen abnormen Zuſtand. Zuweilen ward ſie von plötzlichen Zuckungen befallen, die ſie faſt nöthigten, laut auf⸗ zukreiſchen. Ihr permanenter Zuſtand war gänzliche Nieder⸗ geſchlagenheit, aber dieſe ward dann und wann von Anwand⸗ lungen von Reizbarkeit unterbrochen und dann war ſie kaum Herrin ihrer ſelbſt. Auf dieſe Anwandlungen folgte allemal unverhältniß⸗ mäßige Reue und das auffallendſte Bemühen, gütig und freundlich gegen die zu ſeyn, welche ſie verletzt und die ſie auf's Schwerſte beleidigt zu haben glaubte. ſchon ſie nun gegen die Baronin mehr auf ihrer Hut als gegen Laura, oder den Doctor, oder Jarintha, ſo war, * 56 konnte doch ihr Zuſtand dem wachſamen Auge der Mutter nicht ganz entgehen. Die Baronin aber beſaß zu dieſem Räthſel nicht den Schlüſſel, den wir beſitzen. »Lieber Doctor,« ſagte ſie eines Tages zu Saint⸗Aubin, »Sie ſind um ihren Patienten ſo beſorgt, daß Sie uns alle Anderen vernachläſſigen. Sehen Sie nur einmal Joſephinen an! Sie iſt krank!« »Nein, gnädige Frau, Sie würde es mir geſagt haben.* »Nun, dann iſt ſie wenigſtens auf dem Wege, krank zu werden. Sie iſt ſo bleich und ſo reizbar und ärgerlich, was ſonſt gar nicht in ihrer Natur liegt. Nur erſt heute Morgen antwortete ſie mir in einem ſo mürriſchen Tone, wie ſie ſich noch niemals gegen mich erlaubt hat, blos weil ich ſie drin⸗ gend aufforderte, zu unſerm Patienten zu gehen und ihn zu tröſten. Doch ſtill, da kommt ſie! Liebes Kind, ich bin eben beſchäftigt, Dich bei dem Doctor anzuklagen. Ich erzählte ihm eben, daß Du ſeinen Patienten vernachläſſigſt.« »Ich, Mama? „Ja, Du beſuchſt ihn gar nicht. »Nun, ich werde ihn nächſter Tage ſchon einmal beſu⸗ chen, ſagte Joſephine in gleichgiltigem Tone. „Nächſter Tage einmall« wiederholte die Baronin; „das iſt ſehr unbeſtimmt. Früher warſt Du nicht ſo harther⸗ zig. Ein Soldat, ein Camerad deines Gemals, liegt verwun⸗ det und krank in unſerem Hauſe und Du allein kommſt ihm niemals ſo nahe, um ihn durch ein Wort der Theilnahme oder der Ermuthigung zu tröſten.« Joſephine betrachtete ihre Mutter mit ſonderbarem, un⸗ gläubigem, ſtierem Blick. —— S —— 57 »Du biſt ganz anders geworden,« fuhr die Baronin fort.„Du warſt ſonſt ſo theilnehmend und mitleidig, aber von verwundeten Soldaten ſcheinſt Du nichts wiſſen zu wollen.* Joſephine lächelte bitter. Dann nach einem Kampfe ent⸗ gegnete ſie in einem ſo eiskalten Tone, daß ſelbſt wir, die wir ſie kennen, dadurch getäuſcht worden wären, wenn wir ſie gehört hätten: »Er hat vollauf Wärterinnen, auch ohne mich. Mein Gatte,« ſetzte ſie in faſt heftigem Tone hinzu,„hätte wenn er verwundet wäre, nicht ſo viele, vielleicht nicht einmal eine einzige.* Mit dieſen Worten erhob ſie ſich und ging hinaus, wäh⸗ rend die Baronin und der Dector ihr verwundert nach⸗ ſchauten. Draußen auf dem Gange ſetzte ſie ſich in eine Fenſter⸗ brüſtung und brach in ein hyſteriſches Gelächter aus. Laura hörte ſie und eilte auf ſie zu. Joſephine erzählte ihr, was ihre Mutter zu ihr geſagt. Laura ſuchte ſie zu be⸗ ſchwichtigen. »Laß das gut ſeyn. Du haſt deine Schweſter, die Dich verſteht. Geh' nicht eher wieder hinein, als bis ſie auf ein anderes Thema zu ſprechen gekommen ſind.« Laura ging aus Neugier hinein und fand, daß eine Dis⸗ euſſion im Gange war. Sie betraf Joſephine. »Es iſt weiter nichts als weibliche Eiferſucht,« ſagte der Doctor,„und zwar von einer ſehr unſchuldigen Art. Wir ſind ſo ſehr mit dieſem armen Verwundeten beſchäftigt, daß ſie glaubt, ihr Gatte werde darüber von uns vergeſſen.« »Ach, Doctor, entgegnete die Baronin,»ſo unbillig, ſo ungerecht würde unſere Joſephine nicht ſehn. 58 „Sie gehört einem Geſchlecht an, bei welchem— Sie dürfen mir das nicht übel nehmen, gnädige Frau— die Ge⸗ rechtigkeit unter ſeinen ſonſt zahlloſen Tugenden gerade keinen hervorragenden Platz einnimmt.« Die Baronin ſchüttelte den Kopf. „Das iſt es nicht. Es iſt Prüderie. Dieſer junge Mann war früher eine Art Anbeter von ihr, obſchon ſie, ſo viel ich mich entſinnen kann, keinen ſonderlichen Gefallen an ihm fand. Das ſind nun aber vier Jahre her und ſie iſt nun an einen Mann vermält, den ſie liebt, oder den ſie lieben wird.⸗ „Ja, aber Mama, ein kleines Uebermaß von Delica⸗ teſſe iſt ſicherlich zu entſchuldigen,« warf Laura ein. „Ach, es iſt nicht Delicateſſe, es iſt Prüderie,« entgeg⸗ nete die Baronin.»Wenn ein Menſch krank und leidend iſt, dann muß eine rechtſchaffene Frau ihre Menſchenliebe anziehen und ihre Prüderie oder Coketterie ablegen— zwei Dinge, die nach meiner Meinung eins und dasſelbe in verſchiedenen Ge⸗ ſtalten ſind.« Hier trat Jacintha ein. „Gnädiges Fräulein,« ſagte ſie,„hier iſt die Brüh⸗ ſuppe für den Oberſten. Madame Raynal hat ſie gewürzt und Sie ſollen ſie hinauftragen und ihm Geſellſchaft leiſten, wäh⸗ rend er ſie ißt.« „Da ſehen Sie,« rief die Baronin,»meine Mahnung iſt nicht ganz fruchtlos geblieben.* Laura folgte Jacintha die Treppe hinauf. Laura war mit Kopf und Herz auf Raynal's Seite. Sie hatte ihn in Bezug auf Joſephinens früheres Liebesverhältniß getäuſcht und wünſchte deshalb nur um ſo mehr, ihn gegen alle übeln Folgen desſelben zu ſchützen. Und dann war er ſo großmüthig gegen ſie geweſen! Er hatte ihr ihre Schweſter 59 gelaſſen, die ohne ſie ihm nach Egypten gefolgt und dieſem Jammer entgangen wäre. Andererſeits aber war ihr Herz auch von dem innigſten Mitleid erfüllt. Dieſes Belauern Camills machte ſie höchſt elend. Wenn ſie bei ihm war, dann hielt ſein Stolz ihn aufrecht; wenn er aber, wie er glaubte, allein war, dann war ſein Seelenſchmerz und ſeine Verzweiflung furchtbar und kam auf ſo mannigfache Weiſe zum Ausbruch, daß Laura erſchreckt von der Oeffnung in der Tapete, durch welche ſie ihn belauerte, zurückbebte. Sie wagte nicht, Joſephinen nur die Hälfte von dem zu erzählen, was ſie ſah, denn ſchon das, was ſie ihr ſagte, regte ſie fürchterlich auf, und oft war Laura nahe daran zu ſagen: »Ich bitte Dich, gehe ſelbſt zu ihm und ſieh, ob Du etwas zu ihm ſagen kannſt, was ihm wohlthut.« Aber ſie kämpfte dieſen Impuls wieder nieder. Dieſer Kampf der Gefühle war, obſchon weniger heftig als der ihrer Schweſter, doch nur ein unterbrochener. Er zer⸗ ſtörte ihre Heiterkeit. Sie, deren heiteres Gelächter wie ein Glockenſpiel durch das Haus zu hallen pflegte, lachte jetzt nie⸗ mals, lächelte nur ſelten und ſeufzte oft, und das ganze Haus ſchien immer düſterer zu werden. Eines Abends ſaßen die Baronin, Joſephine und Saint⸗ Aubin ſchweigend in dem Salon beiſammen. Doctor Saint⸗Avbin war der Letzte geweſen, der ſich der tiefen Riedergeſchlagenheit unterworfen hatte, ſeit einigen Ta⸗ gen aber war er eben ſo ernſt und traurig wie die Uebrigen. Jetzt brach er das Schweigen. »Es iſt mir lieb, daß Laura nicht im Zimmer iſt,ſagte er nachdenklich.„Ich wünſche Sie Zwei zu Rathe zu ziehen.“ 60 „Wir hören, mein Freund,« ſagte die Baronin auf⸗ merkſam. »Es iſt,« begann der Doctor wieder, Seihin für mich, daß ich nach all meiner Erfahrung genöthigt bin, Laien meiner Wiſſenſchaft um Rath zu fragen. Vor vierzig Jahren wäre ich zu klug geweſen, dies zu thun. Seit jener Zeit aber habe ich ſehr oft geſehen, wie die Wiſſenſchaft irren kann und wie oft ſelbſt ein ungeſchulter Verſtand Licht über ſchwierige Fragen verbreitet. Ihr Geſchlecht beſonders beſitzt ſcharfblickende Inſtincte und lieſt Dinge mit Blitzesſchnelle, die wir Männer mit einem Mikroſkop nicht außzufinden vermö⸗ gen. Unſere liebe Madame Rahnal durchſchaute jenen Notar, und ich glaube, noch bis auf den heutigen Tag könnte ſie uns nicht ſagen, wie.« „Ich weiß ſehr gut, wie ich ihn durchſchaue, lieber Freund.*. „Nun, wie denn?* »O, ſagen kann ich es nicht.* »Da ſehen Sie! Wohlan denn, Sie müſſen mir in die⸗ ſer Sache behilflich ſehn. Ich verſpreche auch diesmal, Ihrer Kunſt mit mehr Reſpect zu begegnen.* »Und wen ſoll ſie denn jetzt durſchauen? fragte die Baronin. Joſephine ſagte nichts, aber zitterte und war heimlich aber ſcharf auf ihrer Hut. »Nun, wen ſonſt als meinen armen Patienten,« fragte der Doctor.»Ich weiß nicht, was ich von ihm denken ſoll. Noch niemals iſt mir ein ſo muthloſer Patient vorgekommen.« „Ein Soldat muthlos!« rief die Baronin.„Allerdings, dieſe Männer, welche Feſtungen ſtürmen und Geſchütze don⸗ nern laſſen und einander mit ſolcher Wuth niedermetzeln, ſind 61 im Vergleich mit uns armſelige Geſchöpfe, wenn ſie ruhig liegen und dulden ſollen.« „Joſephine,« ſagte der Doctor, ohne auf die Baronin zu achten,„kennen Sie den Charakter des Oberſten Dujardin?« »Nein— ja— aus den Bulletins der Armee— es iſt aber ſchon lange her.« »Kennen Sie ſeine Geſchichte?« »Nein— ja, er erzählte ſie Laura und dieſe erzählte ſie mir. Er ward in Spanien gefangen genommen. Die Nichts⸗ würdigen marterten ihn auf das Furchtbarſte. O Doctor, es iſt ein Wunder, daß er noch am Leben iſt. Ich kann nicht glauben, daß der Himmel ihn jetzt verlaſſen wird. Laſſen Sie Laura rufen, Sie wird Ihnen beſſer als ich ſagen können, was er alles durchgemacht hat.« »Nein,« ſagte Saint⸗Aubin,„Sie verſtehen mich nicht recht. Das iſt es nicht, was ich wiſſen will. Nicht die Ver⸗ gangenheit, ſondern die Gegenwart iſt es, die mir ſo viel zu denken gibt. Vergangene Gefahren ſind gegenwärtige Freuden!« „Aber was meinen Sie denn, Doctor?« „Ich meine, daß er wieder geſund werden ſollte und es gleichwohl nicht wird. Meine Schuld iſt es nicht. Kein Kran⸗ ker kann geheilt werden, wenn er nicht ſelbſt mithilft und er will keinen Finger rühren. Die Patienten beklagen ſich oft über die Gleichgiltigkeit der Aerzte. Hier iſt es nicht ſo. Ich bin ganz Beſorgniß und Eifer und mein Patient ſieht ſeinem Zuſtande ſo gleichgiltig zu, als ob es ihn gar nicht anginge.« Der Doctor ging in großer Aufregung im Zimmer hin und her. »Meine Damen ich bitte Sie helfen Sie mir,« hob er wieder an.„Suchen Sie ſeine Geſchichte zu erfahren und erzählen Sie — 62 ſie mir. Sie, Joſephine, mit Ihrem feinen Inſtinet, helfen Sie mir, ich bitte Sie dringend darum. Entäußern Sie ſich der ſtolzen Gleichgiltigkeit, welche Sie bis jetzt in Bezug auf das Schickſal dieſes Mannes kund gegeben.« „Nein, das hat ſie nicht,“ rief die Baronin faſt heftig. „Sie hat ihm den Schlafrock wattirt und beaufſichtigt die Bereitung jeder Speiſe, die er genießt. Iſt es nicht ſo?* „Ja, meine Mutter.* „Nun ſehen Sie,« fuhr die Baronin fort,„haben Sie nur Geduld, lieber Freund. Die Zeit wird Ihren Patienten heilen und zwar die Zeit allein.« „Die Zeit! Sie reden, als wenn die Zeit eine Eigen⸗ ſchaft wäre. Die Zeit iſt blos ein Maß für Freigniſſe, gün⸗ ſtige ſowohl als ungünſtige. Die Zeit tödtet eben ſo Viele, als ſie heilt. „Aber, lieber Doctor, Sie wollen doch damit nicht an⸗ deuten, daß ſein Leben in Gefahr ſchwebe?s „Würde ich wohl alles dies ſagen, wenn dies nicht der Fall wäre? Muß ich denn mich ganz klar ausſprechen? Wohlan denn, ſo will ich es thun! Wenn nicht bald eine Ver⸗ änderung mit ihm vorgeht ſo iſt er, ehe noch vierzehn Tage vergehen, ein Kind des Todes. Das iſt Alles, was die Zeit für ihn thun wird. Nun wiſſen Sie es.« Die Baronin ſtieß einen Ruf des Mitleids und Erſchre⸗ ckens aus. Joſephine drückte die Hand aufs Herz und ein eiskalter Schauer durchrieſelte ſie und dann ward es ihr, als müßte ſie umſinken. Sie erhob ſich ſchnell und eilte aus dem Zim⸗ mer hinaus. In dem Corridor begegnete ſie Laura, welche lachend auf den Salon zugeeilt kam. Es war ſeit vielen Tagen das 63 erſte Mal, daß ſie wieder lachte. O welch ein Contraſt zwi⸗ ſchen den beiden Geſichtern, die ſich hier begegneten— das eine bleich und von Entſetzen erfüllt, das andere roſig und lachend. „Ach, liebe Schweſter, endlich bin ich für all meine Mühe belohnt. Ich habe ihn ertappt. Was glaubſt Du wohl was er thut?— Was fehlt Dir denn?« „Nichts! nichts! erzähle! erzähle!« „Du biſt aufgeregt, Joſephine. Meine Schweſter— meine gute Schweſter! was hat man Dir denn gethan? Doch Du willſt meine Geſchichte erſt hören. Gut. Ach, der Doctor würde ſchön wüthend werden, wenn er ſie erführe.« „Der Doctor?« „Ja, ſie iſt bald erzählt: Camill nimmt nemlich niemals einen Tropfen ſeiner Medicin, ſondern gießt ſie in die Aſche des Camins. Ich ſah mit eigenen Augen wie er dies that, ha! ha! ha!« Joſephine ſtierte Laura mit wilden Blicken an, als ſie ſie lachen hörte. „Ach, ich vergaß— Du weißt es nicht— komm.« »Wohin?« »Zu ihm.« * 6 Auf dem erſten Treppenabſatz blieb Joſephine ſtehen. »Verſprich mit keinem Wort zu widerſprechen, welches ich zu ihm ſagen werde,« hob ſie leiſe an.»Ich muß mein Herz verbergen vor ihm, den ich liebe— ja, den ich liebe, den ich anbete. Ach, ich habe Dich, der ich die Wahrheit ſagen kann, ſonſt wäre es nicht möglich, noch lange die wandelnde Lüge zu ſeyn, die ich bin. Ich liebe ihn, ich bete ihn an, ich 64 will ihn täuſchen, und ihn retten und dann will ich mich nie⸗ derlegen und ſterben.* „Sey ruhig, ich bitte Dich, ſey ruhig,« ſagte Laura. „O daß er nie geboren wäre! Sage, was Du willſt, ich werde nichts dazu ſagen. Soll ich ihm erſt melden, daß Du kommen willſt?“ „Nein, laß mich jeden Vortheil haben. Laß mich jedes Wort, welches ich ihm ſagen will, vorher überlegen, aber ihn dann überraſchen als feige, doppelzüngige Verrätherin, die ich bin.« Die Schweſtern ſtanden vor der Thür. Joſephinens Herz pochte hörbar. Sie klopfte an; eine matte Stimme ſagte: „Herein!« Die beiden Schweſtern traten in das Zimmer. Camill ſaß auf dem Sopha, den Kopf in die Hände ſtützend. Ein Blick zeigte Joſephinen daß er ſich hartnäckig und entſchloſſen dem Tode geweiht hatte. In der Meinung, es ſey blos Laura, denn er hatte nun. alle Hoffnung aufgegeben, Joſephine jemals hereinkommen zu ſehen, rührte er ſich nicht. Jemand rauſchte ſanft aber ſchnell an ihm hervor. Er blickte auf. Joſephine lag auf ihren Knien vor ihm. Er fuhr raſch mit dem Kopf in die Höhe und zitterte an allen Gliedern. „Camill,« hob Joſephine an,»ich komme um Dich um dein Mitleid anzuflehen, an deine Großmuth zu appelli⸗ ren, Dich um eine Gunſt zu bitten— ich, die ich dieſe von Dir ſo wenig verdiene.« „Du haſt lange gewartet,« ſagte Camill in größter Aufregung;„und ich auch,« ſetzte er bitter hinzu. 65 »Camill, Du raubſt einer Perſon das Leben, die Dich einſt liebte und die ſehr ſchwach und treulos, aber nicht ſo ſchlecht geweſen iſt, als ſie ſcheint.« „In wie fern raube ich Dir das Leben?« »Durch den Schmerz, Dich in das Grab ſinken zu ſe⸗ hen. O Camill, iſt dies großmüthig von Dir? Leide ich nicht ſchon genug? willſt Du auch noch eine Mörderin aus mir machen?« »Aber warum biſt Du mir niemals zu nahe gekommen? Ich könnte deine Schwäche verzeihen, aber nicht deine Herzlo⸗ ſigkeit.« »Meine Pflicht verlangt es ſo. Ich habe nicht das Recht, deine Geſellſchaft zu ſuchen. Wenn Du wirklich die meine wünſchteſt, ſo würdeſt Du geſund werden und Dich auf einige Wochen unſerem häuslichen Kreiſe anſchließen, ehe Du uns verläſſeſt.« »Aber wie ſoll ich geſund werden? Mein Herz iſt ge⸗ brochen.« »Sey ein Mann, Camill! Wirf nicht das Leben eines Kriegers weg, weil ein unbeſtändiges, unwürdiges Weib nicht auf Dich warten konnte. Vergib wie ein Mann oder räche Dich wie ein Mann. Wenn Du mir nicht vergeben kannſt, ſo tödte mich. Siehe, ich knie zu deinen Füßen, ich werde kei⸗ nen Widerſtand leiſten! Tödte mich!« »„Ich wollte, ich könnte es. O, daß ich Dich mit einem Blick und mich mit einem Wunſch tödten könnte! Dann ſollte Niemand Dich mir jemals rauben. Wir wären noch dieſe Stunde mit einander im Tode vereint. Führe mich nicht in Verſuchung, ſage ich.« Wer lieben will. III. 5 „ 66 Und er betrachtete ſie mit einem furchtbaren Blick der Liebe, des Haſſes und der Verzweiflung. Ihr ſanftes Auge zuckte nicht, ſondern gab nur Zärtlich⸗ keit und Liebe zurück. Er ſah es und wendete ſich ſtöhnend ab und ſtreckte ihr ſeine Hand entgegen. Sie ergriff ſie und küßte ſie. „Du biſt groß, Du biſt edelmüthig. Du willſt mich nicht ſchlagen, wie ein Weib ſchlägt— Du willſt mich nicht zur Verzweiflung treiben.« „Ha, Du liebſt mich noch!« „Nein, nein, nein! mein Herz iſt todt. Aber ich lebte Dich einſt, als ich ein Recht hatte, Dich zu lieben. Ein Weib kann nicht Alles vergeſſen. Kannſt Du es? Ja, Du kannſt es, um Dich an der armen thörichten Joſephine zu rächen.« „Ich ſehe— die Liebe iſt verſchwunden, aber das Mit⸗ leid iſt noch da. Ich glaubte, auch dieſes wäre nicht mehr.* „Ja, Camill,« ſagte Joſephine in flüſterndem Tone, „das Mitleid iſt noch da und Reue und Entſetzen über das, was ich einem Mann gethan, deſſen ich niemals wür⸗ dig war.“ „Wohlan, Madame, da Sie endlich zu mir gekommen ſind und mir ſogar die Ehre erzeigen, mich um eine Gunſt zu bitten, ſo werde ich verſuchen, ob ich— wenn auch nur aus Artigkeit— ach Joſephine! Joſephine! wann hätte ich Dir wohl etwas verweigert?« Joſephine ſank auf einen Stuhl nieder und brach in Thränen aus. Camill begann ebenfalls zu weinen und die beiden armen Weſen ſaßen weit von einander und ſchluchzten bitterlich. Der junge Mann erlangte, ſo geſchwächt er auch war, ſeine ruhige Verzweiflung zuerſt wieder. 67 „Weine nicht ſo, meine arme Seele!« ſagte er.»Sage mir lieber, was dein Wille iſt und ich werde Dir gehorchen, wie ich Dir zu gehorchen pflegte, ehe ſich Jemand zwiſchen uns drängte.« »Dann lebe, Camill, ich flehe Dich an, zu leben.« »Wohlan, Joſephine, da Dir etwas daran liegt, ſo will ich leben!« »Da mir etwas daran liegt! O der Himmel ſegne Dich, Camill! Wie gut Du biſt— wie edelmüthig Du biſt! Du haſt verſprochen— Du hältſt, was Du verſprochen haſt — Du biſt nicht wie ich. »Warum biſt Du nicht eher gekommen und haſt es mir geheißen? Ich glaubte, ich wäre Dir im Wege. Ich glaubte, Du wünſchteſt mich todt.« Joſephine warf einen Blick der Verwunderung und des Schmerzes auf Camill, ſagte aber nichts. Sie zog die Klingel und als Jaecintha eintrat, ſchickte ſie dieſelbe zu Doctor Saint⸗Aubin, um die Medicin für den Kranken zu holen. »Sage dem Doctor, Oberſt Dujardin habe das Glas fallen laſſen.* Während Jacintha fort war, ſchalt ſie Camill mit ſanf⸗ ten Worten aus. »Wie konnteſt Du ſo unfreundlich gegen den armen Doctor ſehn, der Dich ſo liebt?« »Was hab ich ihm denn gethan?« fragte Camill er⸗ röthend. »Du ſchütteſt ſeine Arzeneien weg. Glaubſt Du, ich ſey blind? Sieh' doch die Aſche an. Sie iſt naß. Camill, wirſt auch Du falſch und unwahr?“ 68 „Er gibt mir ſtärkende Mittel, welche zu gut anſchla⸗ gen. Ich konnte nicht ſchnell genug ſterben. Doch vergib mir — ich habe verſprochen zu leben— ich will leben.« 2 Jacintha kam mit der friſchen Medicin, ſetzte ſie auf den Tiſch und entfernte ſich wieder. Joſephine reichte Camill das Glas. „Trinke denn mit mir,« ſagte er,„oder ich rühre kei⸗ nen Tropfen an.“ Joſephine nahm das Glas. „Ich trinke auf deine Geſundheit, Camill, und auf dei⸗ nen Ruhm; Lorbeeren ſollen deine Stirn umkränzen und ein treues Weib dein Herz erfreuen, ein Weib, welches Dich dieſe Thorheit vergeſſen macht. Für ſie rette ich Dich.« Sie ſetzte das Glas mit gut erheucheltem Muth an die Lippen, aber indem ſie es that, ward ſie von einem Krampf der Halsmuskeln ergriffen, der ſie faſt erſtickte. Sie neigte den Kopf, damit Camill nicht ihr Geſicht ſehen ſollte, und ver⸗ ſuchte es nochmals, aber die Thränen brachen ihr aus den Augen und rannen in dieFlüſſigkeit, und ihre Lippen zitterten an der Mündung des Glaſes und konnten nicht trinken. „Ha, gib her,« rief er,„es iſt eine Thräne von Dir darin!« Und er trank die bittere Arzenei, als ob es Nektar ge⸗ weſen wäre. Joſephine erröthete. „Wenn Du wünſchteſt, daß ich leben ſollte, warum biſt Du nicht ſchon eher zu mir gekommen?“ „Ich glaubte nicht, daß Du ſo thöricht, ſo gottlos und ſo grauſam ſehn würdeſt, zu thun, was Du gethan haſt.« „Joſephine, komm jeden Tag zu mir, damit ich mich in dem Blick deiner Augen ſonne und Du ſollſt keine Klage wie⸗ * 69 der über mich haben. Es gibt Pflanzen, die nur im Sonnen⸗ ſcheine gedeihen, und im Finſtern ſterben. Laura, es iſt als ob die Sonne in mein Gefängniß gekommen wäre! Du biſt bleich, aber Du biſt ſchön wie je!— Schöner noch. Welch ein reizendes Kleid— ſo anſpruchlos, ſo beſcheiden! Es hebt deine Schönheit, anſtatt daß es vergebens verſuchte, damit zu wetteifern.« Er ſtreckte ſeine Hand aus, faßte ihr grauſeidenes Kleid und begann es zu küſſen, wie ein fanatiſcher Beter die Altar⸗ ſtufen küßt. Sie entriß es ihm ſchaudernd und mit heftiger Geberde. »Ja, Du haſt Recht,« rief ſie.„Ich danke, daß Du mich auf mein Kleid aufmerkſam machſt— es iſt ein ſchönes Kleid, ha! ha! ha! ein Kleid, welches ich ſtolz bin zu tragen und es immer ſehn werde, hoffe ich. Ich gedenke mich darin begraben zu laſſen. Komm, Laura! Ich danke Dir, Camill. Du biſt ſehr gut, Du haſt noch einmal verſprochen, zu leben. Werde geſund, komm hinunter zu uns dann wirſt Du mich jeden Tag ſehen, weißt Du? Welche Verſuchung! Leb wohl, Camill!— Nun, kommſt Du, Laura? Worauf warteſt Du noch? Gott ſegne Dich, Camill, und tröſte Dich und helfe Dir vergeſſen, was es Wahnſinn wäre nicht vergeſſen zu wollen.* Sie war fort. Das Zimmer ſchien ſich vor Camills Augen zu umnach⸗ ten. Draußen vor der Thür faßte Joſephine mit faſt wilder Geberde ihre Schweſter. »Habe ich mich verrathen?« fragte ſie. „Ach, mehr als einmal. Doch, ſieh Dich nicht ſo furcht⸗ ſam um!— Ich meine mir, aber nicht ihm. O welch ein Thor iſt er! Und wie viel beſſer mußt Du ihn kennen als ich * 70 ihn kenne, daß Du einen ſo durchſichtigen Betrug mit ihm wagſt! Er glaubt Alles, was Du ihm ſagſt. Er iſt ganz Ohr und ſcheint kein Auge zu haben. Ja, liebe Schweſter, ich beobachtete ihn unausgeſetzt. Er glaubt wirklich, es ſey Mit⸗ leid und Reue, weiter nichts. Meine arme Schweſter, Dir iſt ein ſchweres Leben beſchieden— Du haſt ein gefährliches Spiel zu ſpielen, aber bis jetzt iſt es Dir gelungen. Du könn⸗ teſt dem armen Raynal in die Augen ſchauen und wenn er heute wiederkämel* „Dann ſey Gott geprieſen!« rief Joſephine.»Ich bin heute ſo glücklich, wie ich jemals hoffen kann zu ſeyn. Nun laß uns zum Poſſenſpiel der Toilette ſchreiten. Es iſt nicht mehr weit bis zum Diner und dann kommt die Poſſe der Converſation und— die ſchwerſte von allen— die Poſſe des Lebens.* Von dieſer Stunde an begann Camill ſehr langſam, aber merklich beſſer zu werden. Der Doctor, welcher fürchtete, daß er ſich irre, ſagte einige Tage lang nichts, endlich aber verkündete er bei Tiſche die frohe Rachricht. Für keine der Schweſtern war ſie etwas Neues. Laura hatte jedes Symptom überwacht und Joſephinen darüber be⸗ richtet. „In drei Tagen wird er zu uns herunterkommen,“ ſetzte der Doctor hinzu. „Dem Himmel ſey Dank!« ſagte die Baronin.»Und nun da dieſe Beſorgniß gehoben iſt, hoffe ich, daß Ihre Zeit, lieber Doctor, es Ihnen geſtatten wird, auch die Perſon zu heilen, welche uns theurer iſt als die ganze Welt.« „Ach, liebe Mutter,« rief Joſephine,„mir fehlt durch⸗ aus nichts.* »Warum antworteſt Du denn da?« fragte die Baronin. „Ich habe ja Niemanden genannt.* Joſephine war verlegen. Der Doctor lächelte, ſagte aber in freundlichem Tone:. »Sie ſehen wirklich blaß und etwas abgemagert aus.« »Abgemagert?“ rief die Baronin.„Iſt das wohl ein Wunder, wenn ſie nichts ißt*« „Iſt das wahr? fragte der Doctor.„Sie eſſen nichts?« „Ich eſſe ſo viel als ich bedarf,« antwortete Joſephine. »Ich habe Sie oft ſagen hören, lieber Doctor, daß man nicht mehr eſſen ſoll, als man Appetit hat.« »Da hat ſie Recht,« bemerkte Saint⸗Aubin.„Vielleicht diniren wir Ihnen zu zeitig. Ich bemerke, daß Ihnen das Eſſen nicht zu ſchmecken ſcheint— daß Sie keinen rechten Ge⸗ nuß daran finden.* »Genuß?“ fragte Joſephine,„am Eſſen?« »Warum nicht? entgegnete der Doctor.„Sie ſind nicht ein Engel an Körper, obſchon an Geiſt, und wenn Sie keinen Genuß am Eſſen finden, ſo iſt es auch nicht ganz rich⸗ tig mit Ihnen. Indeſſen, vielleicht gibt Jacintha uns nicht die Gerichte, die Sie gern eſſen.“ »Nein! nein! das iſt es nicht!« rief Joſephine.„Alle Gerichte ſchmecken mir eins wie das andere.« »Und wie ſchmecken ſie Ihnen dennes fragte Saint⸗ Aubin. »Wie?s entgegnete Joſephine;„wie ſie mir ſchmecken? Eins wie das andere— eins iſt für mich ſo geſchmacklos als das andere. Aber quälen Sie mich nicht mit ſolchen Fragen. Was kommt weiter darauf an?« „Da haben Sie's, Doctor,« warf die Baronin ein,„da 72 haben Sie's! Sehen Sie nur, wie reizbar das arme Kind jetzt wird.* „Ja, ich ſehe es, gnädige Frau,« entgegnete Saint⸗ Aubin,„und errathe die Urſache. Wohlan, Madame Ray⸗ nal, laſſen Sie uns die Sache ernſthaft beſprechen. Sie ſag⸗ ten oder Sie wollen ſagen, ein Stück von dieſem Hammel⸗ fleiſche oder von dieſem Huhne ſchmecke Ihnen einerlei oder Sie hätten mit andern Worten keinen Geſchmack.« »Nein, gar keinen,« ſagte Joſephine. »Na, da weiß ich gleich, was Ihnen fehlt,« ſagte der Doctor;„»Sie leiden an der Gallels Camill gab ſich, angeſtachelt durch die Hoffnung, Joſe⸗ phinen alle Tage zu ſehen, wirklich ſo zu ſagen Mühe, geſund zu werden, und da ſeine Krankheit eigentlich nur Lethargie und Lebensüberdruß geweſen, ſo beſſerte es ſich mit ihm ſehr raſch. So aber wie ſein Körper wieder zu Kräſten kam, er⸗ wachten einige der ſchlimmſten Leidenſchaften der menſchlichen Natur auch wieder in ihm. Wilde Ausbrüche von Haß und Liebe überwältigten ver⸗ eint das hohe Ehrgefühl und den ſonſt ſo ſtrengen Gerechtig⸗ keitsſinn dieſes Mannes und er knirſchte mit den Zähnen und ſchwur, Beaurepaire nimmermehr ohne Joſephinen zu ver⸗ laſſen. Sie war vier Jahre lang die Seine geweſen, ehe ſie Raynal jemals geſehen, und ſie ſollte ſein werden auf immer. Ihre Liebe, dachte er, würde bald wieder erwachen, wenn ſie einander alle Tage ſähen und—. Dann ſtrafte ihn das Gewiſſen und erinnerte ihn, wie und weshalb Raynal ſie geheirathet, denn Laura hatte ihm 73 Alles erzählt. Sollte er einen abweſenden Krieger, deſſen ganze Handlungsweiſe in dieſer Sache ſo rein, ſo edelmüthig, ſo uneigennützig geweſen, zu verdrängen ſuchen? Aber dies war noch nicht Alles. Seltſamerweiſe hatte er gegen dieſen ehemaligen Came⸗ raden Raynal auch eine hohe perſönliche Verpflichtung, worüber wir ſpäter mehr mittheilen werden. So oſt die Erinnerung an dieſe Verpflichtung lebhaft in ihm erwachte, ſchrak er zuſammen und er rief ſchmerzer⸗ füllt aus:* »O daß ein Engel käme und mich mit Gewalt von dieſem Orte hinwegführte!“ Aber den nächſten Augenblick überflutete ihn wieder die Leidenſchaft und riß alle ſeine tugendhaften Entſchlüſſe mit ſich fort. Seine Seele war wie in tiefen Waſſern und unge⸗ heure Wogen trieben ſie hin und her. Ein gefährlicher Zu⸗ ſtand, der ſelten ein gutes Ende nimmt. Camill war ein Mann, dem die Ehre über Alles ging. In keinem andern irdiſchen Verhältniß hätte er auch nur einen Augenblick lang zwiſchen Recht und Unrecht ſchwan⸗ ken können, und dennoch ſind ſolche Naturen, die für jede andere Verſuchung unzugänglich ſind, oft gefallen und werden fallen, wenn die Sünde die engelgleiche Geſtalt der Perſon annimmt, welche ſie lieben. Mehr als alle andern Menſchen aber ſollten dieſe um den Beiſtand des Himmels beten. Denn wenn ſie fallen, behalten ſie etwas, was ſie von gewöhnlichen Sündern unterſcheidet— die Reue, dieſen Rieſen, welcher die großen Herzen zerfleiſcht, die der Furcht ſpotten. VIII. Der Tag kam, an welchem, wie der Doctor verſpro⸗ chen, ſein Patient in das Geſellſchaftszimmer herunterkomien ſollte. Vorher ward ſein bequemes Sopha in den Salon Sheruntergeſchafft und dann kam der Patient ſelbſt, auf den Arm des Doctors geſtützt, während ſein Herz bei dem Gedan⸗ ken an das Wiederſehen ſtürmiſch klopfte. Er trat in das Zimmer. Die Baronin war allein. Sie begrüßte ihn freundlich und hieß ihn willkommen. Bald nach⸗ her trat auch Laura ein und that dasſelbe. Joſephine aber ließ ſich nicht ſehen. Camill ward ungeduldig. Endlich ward das Diner an⸗ gemeldet. „Ganz gewiß werde ich ſie bei Tiſche ſehen« dachte er. Er ließ ſeine Augen ängſtlich umherſchweifen. Der Tiſch war nur für vier Perſonen gedeckt. Die Baronin erklärte ihm dies in gleichgiltigem Tone, während ſie ſich niederſetzten. „Madame Raynal ſpeiſt auf ihrem Zimmer. Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß ſie unwohl iſt. Camill murmelte einige höfliche Worte des Bedauerns. Die Wuth der getäuſchten Erwartung ſchlug ihre Krallen in ſein Herz, und dann kam der hohle Schmerz der Hoffnung, welche ſich verzieht. Den nächſtfolgenden Tag ſah er ſie, konnte aber kein einziges Wort mit ihr allein ſprechen. Die Baronin marterte Scc 75 ihn auf eine andere Weiſe. Sie ſprach von nichts als von Raynal. Sie liebte ihn. Sie nannte ihn ihren Sohn und ward nie müde, Camill von ſeinen Tugenden zu erzählen. Kein Tag verging, wo ſie Camill nicht mit dem Anſinnen quälte, die wahrſcheinliche Zeit ſeiner Rückkehr zu berechnen, und er ſah ſich genöthigt, ihr zu antworten. Sie erzählte ihm in Joſephinens und Laura's Gegenwart, wie dieſer ehrliche Soldat gleich einem Schutzengel zu ihnen gekommen ſeh und die ganze Familie gerertet habe. Vergebens murmelte er, daß Laura ihm dies Alles ſchon erzählt habe. „O geſtatten Sie mir das Vergnügen, es Ihnen nach meiner Weiſe zu erzählen« rief ſie, und ſetzte die ganze Sache mit der redſeligſten Weitſchweifigkert auseinander. Das nächſte Mal erzählte ſie, daß Joſephine dieſen Mo⸗ nat keinen Brief von ihm erhalten hatte. Es war dies der erſte Monat, daß er nicht geſchrieben. Vergebens machte Laura darauf aufmerkſam, daß erſt wenige Tage über die Zeit ſeyen. Die Baronin ward ängſtlich, theilte unter andern auch Ca⸗ mill ihre Beſorgniſſe mit und zwang ihn durch ein quälendes Verhör, ihr in Gegenwart Aller zu erklären, daß die Schiffe nicht allemal pünktlich auf den Tag abſegeln, ſondern zuwei⸗ len längere Zeit aufgehalten werden. Der Name des Mannes brannte ihm wie Feuer auf der Zunge, ſo oft er ihn ausſprechen wollte und Laura bemerkte, daß er ihn nie nannte und überhaupt die Exiſtenz eines Men⸗ ſchen, der Joſephinens Gatte ſey, nur dann anerkannte, wenn Andere ihn dazu nöthigten. Und dennoch waren ſie mit einander bekannt und Laura wunderte ſich, daß er nicht zuweilen verächtliche oder höhniſche Bemerkungen über ihn machte. 8 76 „Ich würde es thun,« ſagte ſie;„ich weiß, daß ich es thun würde.« „Er iſt zu edel,« ſagte Joſephine,„und zu klug. Wenn er es thäte, ſo würde ich ihn weniger achten und meinen Ge⸗ mal deſto mehr— wenn dies möglich wäre.« Allerdings lag es auch nicht in Camills Natur, ſich über Andere auf verleumderiſche oder geringſchätzende Weiſe aus⸗ zuſprechen, der Grund aber, aus welchem er es vermied, Raynal's Namen zu nennen, war einfach der, daß ſein gan⸗ zer Kampf darauf gerichtet war, zu vergeſſen, daß ein ſolcher Mann exiſtirte. Aus dieſem Traum ward er mit rauher Hand jede Stunde aufgerüttelt, ſeitdem er den Familienkreis be⸗ ſuchte, und die Wunde, welche ſein ſich ſelbſt täuſchendes Herz ſo gern hätte verharſchen laſſen, fortwährend wieder aufge⸗ riſſen. Schlimmer aber war die Qual, ſo oft in Joſephinens Nähe, aber niemals mit ihr allein zu ſeyn. Selbſt wenn ſie das Zimmer auf einen Augenblick verließ, begleitete Laura ſie und kehrte mit ihr wieder zurück. Camill begann nun zu begreifen, daß Joſephine beſchloſſen hatte, keine Unterredun⸗ gen unter vier Augen mit ihm ſtattfinden zu laſſen. Auf dieſe Weiſe ſtand nicht blos der Schatten des ab⸗ weſenden Raynal, ſondern auch ihre Mutter und ihre Schwe⸗ ſter in eigener Perſon und— was das Schlimmſte war— ihr eigener Wille zwiſchen ihnen. »Kaltblütiger Dämon!« rief er in ſeiner Wuth,„Du haſt mich niemals geliebt— Du wirſt niemals einen Mann wirklich lieben.* Aber dann erwachte wieder der Gedanke an all ihre Zärtlichkeit und Herzensgüte in ihm und machte ihm Vor⸗ 77 würfe, die ihm wiederum ihrerſeits den Verſtand zu rauben drohten. „Ja,“ rief er,„ihr innerſtes Weſen iſt Liebe, da ſie aber ihr Herz nach jeder Richtung hinwenden kann, welche die Ehre ihr vorzeichnet, ſo wird ſie ihren Gatten lieben. Jetzt thut ſie es noch nicht, aber früher oder ſpäter wird ſie es. Dann wird ſie Kinder haben.* 2 Er zuckte bei dieſem Gedanken vor Schmerz und Wuth zuſammen. „Liebende Bande werden entſtehen zwiſchen ihm und ihr. Er hat alles auf ſeiner Seite. Ich weiter nichts als Erinnerun⸗ gen, die ſie aus ihrem Herzen verwiſchen wird. Verwiſchen wird? Sie muß ſie ſchon verwiſcht haben, ſonſt hätte ſie ihn nicht heirathen können.« Er ſtand auf und ging hinaus in die Plaiſance. Es war ihm, als wenn Alle den furchtbaren Sturm ſehen müß⸗ ten, der in ſeinem Herzen tobte. Er ging in den Park und irrte darin umher. Er befand ſich in jenem Zuſtand, in welchem die Men⸗ ſchen Thaten begehen, auf welche ſie den nächſten Augenblick nicht blos mit Verwunderung, ſondern auch mit Entſetzen zurückblicken. Er irrte und irrte an dem Ufer eines Baches hin und her und bei jeder Biegung, wo die ſtillſtehende Strömung eine ungewöhnliche tiefe Stelle verrieth, blieb er ſtehen und ſchaute hinein und dachte:„Wie ruhig und friedlich muß es da unten ſehn!⸗ Endlich ſetzte er ſich neben dem Waſſer nieder und hef⸗ tete ſeine Augen auf einen ruhigen, grünen Tümpel. »Du biſt ſehr ruhig und friedlich,« murmelte er,„und Du könnteſt mir deinen Frieden geben. Keine Wuth mehr— 78 keine Eiferſucht— keine Verzweiflung. Es iſt aber ein ſchmutziger Tod für einen Soldaten, der donnernde Schlach⸗ ten geſehen. Als ich ein Knabe war— ach, warum kann ich nicht wieder ein Knabe ſeyn?— las ich von einem ſpartaniſchen Krieger, der ſich auf einem ſinkenden Schiffe befand. Es war keine Hoffnung mehr— eben ſo wenig als jetzt für mich. Er zog ſein Schwert und ſtürzte ſich hinein, ehe das Schiff noch unterſank. Ich begreife das Herz dieſes Mannes. Ich bin ſeiner Meinung. Aber dennoch muß man das Beſte thun, was man thun kann. Ha! was iſt das? Meine Piſtolen— das Geſchenk, welches meine Cameraden mir ſendeten, während ich zwiſchen Leben und Tod ſchwebte. Warum ſtarb ich nicht damals!— Gleichviel; ich freue mich, daß ich meine Piſtolen habe. Wie ſeltſam, daß ich ſie in die⸗ ſen Rock ſteckte und dieſen Rock anzog, ohne es zu wiſſen. Alles iſt höhere Fügung.— Aber ſoll ich aus dem Leben ſcheiden, ohne noch ein Wort— ein Wort des Abſchiedes mit ihr geſprochen zu haben? Ja, es iſt am beſten ſo, denn ich würde ſie mit mir ſogleich in den Abgrund des Todes hinab⸗ reißen. „Hören Sie, Oberſt!« rief eine rauhe trockene Stimme dicht hinter ihm. Camill erſchrak. In ſeiner verzweifelten Stimmung klang ihm dieſe Stimme unnatürlich laut und wie plötzlicher heiſerer Trompe⸗ tenton aus der Welt kleinlicher Dinge. Picard, der Notar ſtand hinter ihm. „Können Sie mir nicht ſagen, wo Madame Rahnal iſt?« fragte er. Rein. Wahrſcheinlich im Schloſſe.* 79 „Nein, da iſt ſie nicht. Ich fragte die Dienerin. Sie iſt ausgegangen. Sie haben ſie alſo nicht geſehen, Oberſt?« „Ich? Nein.« „Dann wird es vielleicht am beſten ſehn, wenn ich in das Schloß zurückkehre und auf ſie warte. Doch Sie ſind ja ein Freund der Familie, Oberſt. Wie wäre es, wenn ich es Ihnen ſagte und Sie bäte, es an Madame Raynal oder noch beſſer an die Baronin oder Fräulein Laura auszurichten.« „Mein Herr,s ſagte Camill in kaltem Tone,„ertheilen Sie mir keine Aufträge, denn ich könnte ſie nicht ausrichten. Ich ſtehe im Begriff einen andern Weg zu gehen.« „In dieſem Falle, mein Herr, werde ich mich ſofort wieder nach dem Schloſſe begeben.* „Thun Sie das.« Picard ging und wunderte ſich über das ſeltſame Beneh⸗ men des Oberſten. Camill wunderte ſich, daß ein Menſch ſo wahnſinnig ſeyn konnte mit ihm über Bagatellen zu ſchwa⸗ tzen— mit ihm, einem Manne, der am Rand der Ewig⸗ keit ſtand. Der Arme! er war es, der wahnſinnig und unglücklich war. Er hätte anhören ſollen, was Picard zu ſagen hatte. Advocaten ſind nicht ohne Grund verlegen, wenn ſie anre⸗ den ſollen. Er ſah Picard's ſich entfernender Geſtalt nach. Als ſie nicht mehr ſichtbar war, drehte er ſich wieder herum und nahm ſeine Gedanken wieder auf, als ob Picard weiter nichts geweſen wäre, als eine Fliege, die ihn umſummt und dann das Weite geſucht hätte. „Ja, ich hätte ſie mitgenommen.« ſagte er. Er ſaß düſter und ſtarr vor ſich hinblickend da, wie ein gewöhnlicher Tollhäusler in ſeiner Zelle und rührte ſich län⸗ 80 ger als eine halbe Stunde lang nicht, ja dachte kaum, aber ſein tödtlicher Vorſatz ward in ihm immer feſter. Plötzlich ſchrak er zuſammen. Eine Dame ſtand unge⸗ fähr hundert Schritte entfernt an dem ſchmalen Stege, der über den Bach führte. Es war Joſephine. Sie kam langſam auf ihn zu, mit in tiefen Gedanken auf den Boden gerichteten Blicken. Ungefähr einen Steinwurf weit von ihm blieb ſie ſtehen und ſah lange und gedankenvoll in den Bach hinein. Dann ſchaute ſie ſich um und erblickte Camill. Er beobachtete ſie mit grimmigem Blick. Er ſah, daß ſie ein wenig zuſammenzuckte und ſich halb umdrehte; wenn dies aber ein Impuls war, ſich zurückzuziehen, ſo unterdrückte ſie ihn ſofort, denn im nächſten Augenblicke ſetzte ſie ihren Weg weiter fort. Camill ſtand düſter und bitter da und erwartete ſie ſchweigend. Er pflanzte ſich ihr mitten in den Weg. Sie betrachtete ihn vom Kopf bis zum Fuße und ward bald roth, bald bleich. .„So weit haſt Du Dich herausgewagt, Camill?« fragte ſie in freundlichem Tone.„Das haſt Du recht gemacht; aber wo iſt deine Mütze?« Er fuhr ſich mit der Hand nach dem Kopf und bemerkte, daß er barhäuptig war. »„Du wirſt Dich zu Tode erkälten,« fuhr Joſephine fort. »Komm, laß uns hineingehen und deine Mütze holen.« Sie that, als ob ſie an ihm vorbeigehen wollte. Er pflanzte ſich ihr noch dichter und gerader in den Weg. »Nein,« ſagte er kurz. „Aber Camill1⸗ 81 »Du meideſt mich.« „Nein, ich meide Dich nicht, Camill.« »Ja, Du meideſt mich.« „Ich habe Geſpräche vermieden, die zu nichts Gutem führen können— das iſt meine Pflicht.« »Du biſt ſehr klug— kaltherzige Leute können klug ſeyn.« „Bin ich kaltherzig, Camill?« „Wie Marmor.« Sie ſah ihm ins Geſicht. Das Waſſer trat ihr in die Augen. Nach einer Weile flüſterte ſie: „Wohlan, Camill, ich bin es.« »Aber mit all deiner Klugheit und all deiner Kälte haſt Du einen Fehlgriff gethan. Du haſt mich zur Verzweiflung getrieben. „Das verhüte der Himmel!“ „Dein Gebet kommt zu ſpät— Du haſt es gethan.« „Camill, laß mich in die Capelle gehen und für Dich beten. Du erſchreckſt mich.« »Es nützt nichts. Der Himmel hat kein Erbarmen mit mir. Befolge meinen Rath, bleibe wo Du biſt— beeile Dich nicht, denn das, was Dir vom Leben noch übrig iſt, ſollſt Du mit mir zubringen. Verſtehſt Du das?« »„Hal« »Iſt Dir mein Räthſel klar?« „Ich kann in deinen Augen leſen und weiß, daß Du mich liebſt. Ich glaube, Du haſt die Abſicht, mich umzubrin⸗ gen. Die Männer bringen das um, was ſie lieben.* »Ja wohl, ehe ſie es einen Andern beſitzen laſſen, brin⸗ gen ſie es um— ja, ſie bringen es um!« Wer lieben will. III. 6 82 „Gott hat ihnen nicht die Geduld verliehen, wie uns Frauen— armer Camill!« „Die Geduld ſtirbt, wenn die Hoffnung ſtirbt. Alſo, Madame Raynal, knien Sie nieder und beten Sie, denn Sie müſſen ſterben.« „Gott ſegne Dich, Camill!« ſtammelte die Arme und faltete die Hände. Camill neigte das Haupt, ſpornte ſich aber plötzlich ſelbſt zur Wuth an und rief: „Du biſt meine Braut, Du ſprichſt von Pflicht— aber Du vergißt deine Pflicht gegen mich. Biſt Du nicht ſeit vier Jahren meine Braut? Antworte mir auf dieſe Frage!« „Ja, Camill.*. „Habe ich nicht hundertmal für Dich den Tod gelitten, um Dir mein Wort zu halten, Du kaltblütige Verrätherin mit dem Engelsantlitz?“ „O Camill, warum ſprichſt Du ſo bitter zu mir? Habe ich dein Recht beſtritten, mir das Leben zu nehmen? Du ſollſt mich nicht entehren, aber Du ſollſt mich tödten, wenn es dein Wille iſt. Ich leiſte keinen Widerſtand. Warum ſprichſt Du dann ſo? Müſſen denn die letzten Worte, die ich aus deinem Munde höre, Worte des Zornes ſeyn, grauſamer Camill?« „Ich hatte Unrecht. Aber es iſt ſchwer, die, welche ich liebe, mit kaltem Blute zu tödten. Ich brauche Zorn ſowohl als Verzweiflung, um meiner Abſicht treu zu bleiben. Alſo, wende dein Geſicht ab von mir.« »O nein, Camill, laß mich Dich anſehen! Dann wirſt Du das Letzte ſeyn, was ich auf Erden ſehe.« Er zögerte einen Augenblick, dann ſtampfte er wüthend über ſeine eigene Schwäche wild mit dem Fuße und richtete eines der Piſtolen auf ſie. Sie hob erſchrocken und bittend die Hände empor. „O, nicht in's Geſicht, Camill!« rief ſie.„Ich bitte Dich, verſtümmle mir nicht das Geſicht. Hier— hier tödte mich— in die Bruſt— in mein Herz, welches Dich ſo innig liebte, als es noch keine Sünde war, Dich zu lieben.« „Ich kann Dich nicht erſchießen— ich kann dein Blut nicht vergießen, Joſephine.« „Armer Camill!« „Sieh hier den Bach. Dieſer wird allem auch ein Ende machen und deine Schönheit nicht entſtellen, die mich zum Wahnſinn getrieben und Dir, arme Unglückliche, das Leben koſtet.« „Ich danke Dir, lieber Camill. Das Waſſer ſchreckt mich nicht, wie ein Piſtol— es wird mich nicht verletzen— es wird mich blos tödten.« „Ganz recht— es gilt einen einzigen Sprung und Du haſt Ruhe auf immer— und ich auch— komm! Reichen Sie mir Ihre Hand, Madame Raynal— Madame Rahnal — Madame Rahynal!« „Was, Du auch?« rief ſie erſchrocken zurückfahrend. „O Camill, meine arme Mutter! Und Laura, die mich ſo liebt!* „Ha, an die hatte ich nicht gedacht!“ Er ſchwieg einen Augenblick lang, dann kreiſchte er plötzlich: „Flieh, Joſephine, flieh! Flieh in dieſem Augenblick, wo mein beſſerer Engel mir zuflüſtert. Hörſt Du? Flieh! eile! ſo lange es Zeit iſt.« „Nein, ich verlaſſe Dich nicht, Camill.« „Ich ſage, Du ſollſt. Geh zu deiner Mutter, zu Laura — geh zu denen, die Du liebſt und die ich Dir zu lieben ge⸗ ſtatten kann. Geh in die Capelle und danke dem Himmel für deine Rettung.« „Ich gehe nicht ohne Dich. Camill. Ich fürchte mich, Dich allein zu laſſen.« „Du haſt mehr zu fürchten, wenn Du bleibſt. Wohlan, ich kann nicht länger warten. So bleibe denn und lerne von mir, wie man lieben muß.« Er ſetzte ſich das Piſtol an die Stirn. Joſephine warf ſich mit einem lauten Schrei auf ihn und faßte ſeinen Arm. Sie rangen wild mit einander. Erſt nach einer langen und gewaltigen Anſtrengung ſchleuderte er ſie von ſich. Dann ſetzte er das Piſtol ſich raſch wieder an die Stirn. Diesmal aber und ehe noch die tödtliche Waffe ihre Wir⸗ kung äußern konnte, lähmte ſie ſeine ſelbſtmörderiſche Hand durch ein Wort: »Halt ein! ich liebe Dichl« X. Da liegen die Leichen dieſer Worte auf dem Papier, aber o, meine Kunſt iſt machtlos, lieber Leſer, Dir zu ſagen, wie ſie ausgeſprochen wurden— dieſe Worte, mächtig wie die eines Königs, welche ein Leben retteten. Sie waren ein Schrei des Entſetzens. Sie waren ein Schrei des Vorwurfs. Sie waren ein Schrei unergründlicher Liebe. Die Waffe zitterte in ſeiner Hand. Er ſah die Geliebte mit wachſender Verwunderung und Freude an. Sie betrachtete ihn mit unruhigem, unverwandtem Blicke und faltete bittend die Hände. — »Aber nicht wie Du mich ſonſt liebteſt?“ »Mehr, weit mehr! Gib mir die Waffe. Ich liebe Dich, Theuerſter, ich liebe Dich!« Bei dieſen entzückenden Worten verlor er alle Kraft zum Widerſtand, ihre weiche, geſchmeidige Hand umſchloß die ſeine, entwand ihr ſanft die Waffe und warf ſie in das Waſſer. „Guter Camill, nun gib mir auch die andere.« „Woher weißt Du, daß ich noch eine habe?« »Du liebſt mich, Camill— Du hatteſt nicht die Abſicht, mir das Leben zu nehmen und das deine zu behalten. Komm — gib ſie mir!« „Joſephine, ich bin ſo unglücklich— täuſche mich nicht — ich bitte Dich, nimm mir nicht dieſe eine, wenn Du mich wirklich liebſt.« „Ich liebe Dich— ich bete Dich an!“ Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter, aber mit ihrer Hand ſuchte ſie die ſeine und während ſie noch dieſe liebenden Worte ſprach, wand ſie ſchmeichelnd das tödtliche Rohr aus ſeiner jetzt widerſtandsloſen Hand. »Da nun iſt es weg— Du biſt vom Tode gerettet — von etwas noch Schlimmerem— vom Verbrechen.* Jetzt erſt, nachdem die Gefahr vorüber war, begann ſie zu zittern und fing an krampfhaft zu ſchluchzen. Er ſank ihr zu Füßen und umarmte ihre Knie und bat ſie um Verzeihung unter wilden Ausbrüchen der Reue und Selbſtanklage. Sie blickte mit zärtlichem Mitleid auf ihn herab und hörte ſein Jammern der Reue und Scham. „Ich denke blos an das, was Du nun zu leiden haſt,« ſagte ſie. 86 „Laß es kommen!« rief er,„nun wird mir es leicht werden. Ich glaubte, ich hätte deine Liebe verloren.« »Nein, es wird weder Dich noch mich leicht berühren. Steh auf, Camill, und geh mit mir nach Hauſe,« ſagte ſie mit ſchwacher Stimme. „Ja, Joſephine.« Sie gingen langſam und ſchweigend. Camill war zu be⸗ ſchämt und zu reuig, um zu ſprechen— überdies auch zu entſetzt über den Abgrund von Verbrechen, vor welchem er bewahrt worden. Die alten Dichter ſagten, eine Jungfrau könne eine Löwen bändigen. Damit meinten ſie, eine reine ſanfte Natur könne eine wilde aber großmüthige Natur be⸗ zähmen. Der löwengleiche Camill wandelte an Joſephinens Seite mit auf den Boden gehefteten Blicken wie die verkör⸗ perte Demuth und Buße. »Camill, dies iſt der letzte Gang, den wir mit einander machen.* „Ich weiß es. Ich habe alles Recht verwirkt an deiner Seite zu weilen.« »Mein armer Freund, wirſt Du mich niemals verſtehen? Du ſtandeſt in meiner Achtung nie höher, als Du in dieſem Augenblick ſtehſt. Das Geſtändniß, welches Du mir entriſſen, iſt es, was uns trennt. Der Mann, zu welchem ich geſagt habe: Ich darf nicht unter dem Dache meines Gatten weilen. Stimmt dein Gefühl für Ehre nicht mit dem meinen überein?« „Ja, Joſephine,« ſtammelte Camill,„es ſtimmt damit überein.« »Morgen mußt Du das Schloß verlaſſen.« »Muß ich wirklich, Joſephine?« »Du wirſt Dich doch nicht weigern? Du wirſt mir doch nicht durch Klagen und Vorwürfe das Herz brechen wollen?« — 87 „Nein, Joſephine, nun iſt alles anders. Ich hielt Dich für gefühllos. Ich dachte, Du wollteſt mit einem Andern glücklich ſeyn— das war es, was mir den Verſtand raubte.* „Camill, ich bete täglich, daß Du glücklich werden mö⸗ geſt, gleichviel wie. Aber wir ſind nicht Eins wie das Andere, ſo theuer wir auch einander ſind. Wohlan fürchte nichts— ich werde niemals glücklich ſeyn— kann Dich das beruhigen, Camill?* „Ja, Joſephine, nun iſt alles anders. Die Worte, welche Du geſprochen, haben die Teufel aus meinem Herzen getrieben. Ich habe jetzt nichts weiter zu thun als zu gehorchen, Du zu befehlen— das iſt dein Recht. Da Du mich liebſt, ſo verfüge über mich. Heiß mich leben, heiß' mich ſter⸗ ben, heiß mich bleiben, heiß' mich gehen. Niemals werde ich dem Engel ungehorſam ſeyn, der mich liebt— meiner einzi⸗ gen Freundin auf Erden.“ Ein einziger tiefer ſchluchzender Seufzer von Joſephinen war die ganze Antwort. „Warum trauteſt Du mir nicht Geliebte?“ hob er wieder an.»Warum ſagteſt Du mir nicht ſchon lange: Ich liebe Dich, aber ich bin Gattin, mein Gemal iſt ein ehrlicher Soldat, abweſend im Kampfe für Frankreich— ich bin die Hüterin ſeiner Ehre und meiner eigenen; ſey gerecht, ſey edel⸗ müthig, ſey ſelbſtverläugnend— darum gehe und liebe mich nur, wie Engel lieben! Du gabſt mir keine Gelegenheit, zu zeigen, daß auch ich weiß was Ehre heißt.« „Ich that Unrecht Camill,« entgegnete Joſephine,»ich glaube, ich hätte mehr Vertrauen zu Dir haben ſollen. Aber wer würde geglaubt haben, daß Du wirklich an meiner Liebe zweifeln konnteſt? Du warſt krank. Ich wollte Dich nicht eher 88 gehen laſſen, als bis Du geſund, ganz wieder geſund wäreſt. Ich ſah keinen andern Weg, Dich zurückzuhalten, als dieſen — Dir mit erheuchelter Kälte zu begegnen. Du ſaheſt dieſe Kälte, aber nicht was es mich koſtete, ſie zu behaupten. Ja, ich war ungerecht und unüberlegt, denn ich hatte viele heim⸗ liche Freuden, die mich aufrecht hielten. Ich hatte Dich in meinem„Hauſe unter meiner Obhut— dieſer Gedanke war ſtets ſüß— ich hatte die Hand im Spiele bei Allem, was zu deinem Beſten, zu deiner Bequemlichkeit diente. Ich half Ja⸗ eintha alle Tage deine Chocolade bereiten, nähte warmes Futter in deinen Schlafrock, ich hatte immer eine Kleinigkeit für Dich zu thun. Dies hielt mich aufrecht. Ich vergaß in meinem Egoismus, daß Du keine von dieſen Stützen hatteſt und daß ich Dich zur Verzweiflung trieb. Ich bin ein thörichtes, unüberlegtes Weib. Ich bin ſehr ſtrafbar geweſen. Vergib mir.« »Ich ſoll Dir vergeben, Du Engel der Reinheit und Güte? Ich allein trage die Schuld. Welches Recht hatte ich, an deinem Herzen zu zweifeln? Ich kannte die ganze Geſchichte deiner Heirath— ich ſah dein ſchönes bleiches Ant⸗ litz, aber ich war nicht rein genug, um engelgleiche Tugend und Selbſtverläugnung zu verſtehen. Wohlan, nun bin ich wieder bei Sinnen. Gott iſt heute ſehr gütig gegen mich ge⸗ weſen. Er hat mich bewahrt vor—. Es bleibt mir nur noch Eins zu thun übrig. Du befahlſt mir, Dich morgen zu ver⸗ laſſen.« »Ich war ſehr grauſam. »Nein, nicht grauſam, blos weiſe. Aber ich will noch klüger ſeyn. Ich werde ſchon heute Abend gehen.* »Heute Abend, Camill?« rief Joſephine bleich werdend. »Ja, denn heute Abend bin ich ſtark— morgen bin ich vielleicht ſchwach. Heute Abend drängt mich Alles auf den 89 rechten Weg. Morgen wird mich Alles wieder davon hinweg⸗ ziehen. Weine nicht, Geliebte— wir haben einen ſchweren Kampf gekämpft. Wir müſſen echte Bundesgenoſſen ſeyn— ſo oft der eine ſchwach iſt iſt es für den andern Zeit, ſtark zu ſehn. Ich bin ſchwächer geweſen als Du— zu meiner Schande ſey es geſagt— jetzt aber iſt die Stunde meiner Kraft. Ein Licht vom Himmel zeigt mir meinen Pfad. Ich bin erfüllt von Leidenſchaft, aber eben ſo wie Du beſitze ich auch Ehre. Du biſt Rahnal's Weib und— Raynal rettete mir das Leben.* »Wie? Iſt es möglich? Wann? wo?— möge der Himmel ihn dafür ſegnen!« „Du ſiehſt alſo, daß Du Recht hatteſt— es iſt hier kein Ortfür einen Menſchen, der ſich ſo wenig beherrſchen kann wie ich. Ich werde noch heute Abend gehen.« »Es iſt aber ſo ſpät— zu ſpät, um einen Wagen zu bekommen.* »Ich brauche keinen, um meinen Degen, meine Epaulet⸗ ten und meine Liebe zu Dir zu tragen. Ich werde zu Fuße gehen.* Joſephine erhob keine weiteren Einwendungen. Sie ging langſamer und langſamer. „Ich danke Dir, Geliebte,« ſagte Camill. Und ſo ſchlich das unglückliche Paar langſam mit ge⸗ ſenkten Blicken dem Thore der Plaiſance entgegen. Hier mußte ihr letzter Gang auf dieſer Welt enden. Mancher iſt mit einem weniger ſchweren und hoffnungsvolleren Herzen als das ihrige zum Schaffot gegangen. »Trockne deine Thränen, Joſephine. Die ganze Geſell⸗ ſchaft iſt in der Plaiſance.« 90 »Nein, ich trockne meine Thränen nicht,« rief Joſephine faſt heſtig.„Ich frage jetzt nach nichts mehr.« Die Baronin, der Doctor und Laura waren alle in der Plaiſance, und als die Beiden eintraten, richteten ſich Aller Augen auf Joſephinen. Sie fühlte dies und zu jeder andern Zeit würde ſie dies verlegen gemacht haben, aber jetzt war ſie erfüllt von der kal⸗ ten, rückſichtsloſen Gleichgiltigkeit der Verzweiflung. Camill da⸗ gegen fühlte trotz ſeines tiefen Jammers einen a Schauer. „Sie ſcheinen uns zu erwarten,« ſagte er bei ſich ſelbſt. Er empfand eine unklare Furcht, daß man Verdacht ge⸗ gen ihn habe, daß man Joſephinen in ſeiner Geſellſchaft nicht ſicher glaube. Mit niedergeſchlagenen en ſtand er da. Niemand nahm Notiz von ihm. Die Baronin ſagte mit zitternder Stimme zu Joſephinen: »Komm mit mir, mein armes Kind,« und führte ſie auf die Seite. Laura folgte ihnen mit auf den Boden gerichteten Bli⸗ cken. Der Doctor ſchritt mit trauriger, unruhiger Miene auf und ab. Selbſt er nahm keine Notiz von Camill. Dieſer ging daher endlich auf ihn zu und ſagte: »Lieber Doctor, die Zeit iſt da, wo ich Ihnen noch ein⸗ mal für alle Ihre mir bewieſene Güte danken und Ihnen Lebe⸗ wohl ſagen muß.« „»Was, wollen Sie fort, ehe Ihre Kräfte vollſtändig wiederhergeſtellt ſind?« fragte der Doctor. »Ich bin ja, Dank Ihrer Geſchicklichkeit, nun außer aller Gefahr.« d 91 „Oberſt, zu jeder andern Zeit würde ich darauf beſtehen, daß Sie noch einige Tage länger hier bleiben, jetzt aber— ach, Oberſt, Sie kamen in ein glückliches Haus, aber Sie verlaſſen ein Trauerhaus. Die arme Madame Raynal—“ „Was gibt's?“ „Sie ſahen doch, daß die Baronin ſie beiſeite nahm?“ „Ja! ja!« „Sie weiß nun ſchon Alles.* „Mein Herr, Sie ſpannen mich auf die Folter. Ins Himmels Namen, was meinen Sie?« „Ach, ich vergaß ganz. Sie kennen ja noch nicht das unglück, welches unſere geliebte Joſephine— den Liebling des Hauſes— betroffen hat.“ Camill fühlte, wie ihm vor Schrecken das Blut in den Adern gerann. Aber er ſagte mit ſchwacher Stimme: „Nein— ich weiß es nicht. Sagen Sie mir's— ums Himmels willen ſagen Sie mir's!“ „Mein armer Freund,“ ſagte der Doctor feierlich,»ihr Gemal iſt todt!“ X. Camill war anfangs keines Gedankens fähig. Er ſchaute dem Doctor mit irrem Blick ins Geſicht und ſchwieg. Nach einer Weile erſt ſagte er: „Was? Wer? Todt?« „Rahnal iſt im Kampfe gefallen.« Camills Antlitz ward wie in feurige Glut getaucht und ſeine Blicke ſenkten ſich dicht vor ſeine Füße auf den Boden, 92 und er wagte nicht, ſie nur ein einziges Mal zu erheben, wäh⸗ rend der Doctor ihm erzählte, auf welche Weiſe die traurige Nachricht eingegangen war. „Picard, der Notar,« ſagte er,„brachte uns den„Mo⸗ niteur« und in ihm ſtand der arme Rahnal unter den in einem Cavallerieſcharmützel Gefallenen aufgeführt. Und würden Sie es wohl glauben, mein Freund— es war auch noch ein Rahnal in demſelben Gefecht mit thätig geweſen— ein Oberſt Rahnal. Dieſer aber ward blos verwundet, Commandant Rahnal dagegen— unſer Rahnal, unſer Held, unſer Wohl⸗ thäter, unſere Stütze mußte den Tod finden. Ach, wir ſind ſehr unglücklich! Sie theilen unſern Schmerz, nicht wahr, Oberſt? Er war ein alter Camerad von Ihnen, der arme, arme Rahnal!« »Er rettete mir das Leben.« Camills Augen wurzelten noch fortwährend an ſeinen Fußſpitzen. »Entſchuldigen Sie, Oberſt.« ſagte der Doctor,„ich muß zu meiner armen Freundin, der Baronin, gehen. Sie hegte die Liebe einer Mutter zu dem Manne, der nicht mehr iſt, und hatte auch vollen Grund dazu.« Saint⸗Aubin entfernte ſich und Dujardin blieb ſtehen wie eine Bildſäule, während ſeine Augen noch am Boden hafteten. Nicht ſobald jedoch war der Doctor nicht mehr ſichtbar, ſo hob Camill die Augen auf, wie ein Schuldbewußter und „ ſchaute unentſchloſſen bald rechts, bald links. Endlich ging er 2 in das Haus hinein und holte ſeine Mütze, dann kam er wie⸗ der heraus und kehrte nach dem Platze zurück, wo er Selbſt⸗ mord und Mord beabſichtigt hatte, betrachtete die Stelle lang und mit unverwandtem Blicke, blickte dann zum Himmel empor, fiel plötzlich auf die Knie nieder und blieb ſo bis es Abend ward. Dann kehrte er nach dem Schloſſe zurück. Er ſagte bei ſich ſelbſt: »Nun iſt es zu ſpät, um heute Abend noch fortgehen zu können.* Er begab ſich mit leiſem Tritte in den Salon. Es war Niemand hier als Laura und Saint⸗Aubin. Bei ſeinem An⸗ blick ſtand Laura auf und verließ das Zimmer. Nach wenigen Minuten kehrte ſie zurück und zog die Klingel und befahl, daß dem Oberſten Dujardin etwas zum Souper aufgetragen werde. „Sie haben nicht dinirt.« ſagte ſie kalt. „Ich fürchtete ſchon, Sie wären ganz fort,« ſagte der Doctor.„Der Oberſt ſagte mir nemlich, er wolle heute Abend abreiſen, Laura. Sie werden wohlthun, noch ein paar Tage hier in Ruhe zu bleiben,« ſetzte er freundlich hinzu. »Glauben Sie?s fragte Camill ſchüchtern. Die Baronin nahm Joſephinen beiſeite und verſuchte, ihr die traurige Neuigkeit behutſam beizubringen. Ihr eigener Kummer aber überwältigte ſie und in Thränen ausbrechend bejammerte ſie den Verluſt ihres Sohnes. Joſephine ward in hohem Grade erſchüttert. Todt!— Raynal todt— ihr treuer gütiger Freund todt— ihr Wohlthäter todt! Sie fiel ihrer Mutter um den Hals und ſchluchzte mit ihr. Gleich darauf aber fuhr ſie wieder zurück und bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen. Sie richtete ſich auf, — 94 küßte ihre Mutter und begab ſich auf ihr Zimmer und hier — obſchon Niemand zugegen war, der ſie geſehen hätte, be⸗ deckte ſie wieder ihre naſſen aber glühenden Wangen mit den Händen. Mehre Tage lang verließ Joſephine ihr Zimmer blos um ſich in die Capelle im Park zu begeben, wo ſie Stunden im Gebet für den Verſtorbenen und in Selbſtdemüthigung zu⸗ brachte. Ihr zartes Gewiſſen klagte ſie bitter an, daß ſie die⸗ ſen wackern, hochherzigen Mann nicht mehr geliebt hatte, als es der Fall geweſen. Auch Camill war nicht frei von Selbſtvorwürfen. Er ſagte bei ſich ſelbſt: „Habe ich ihm den Tod gewünſcht? Ich hoffe, daß nie⸗ mals ein ſolcher Gedanke in mir aufgeſtiegen iſt. Ich entſinne mich nicht, ihm je den Tod gewünſcht zu haben.« Und er ging täglich zweimal nach jenem Orte am Bache und dachte darüber nach, wie furchtbar die ungezügelte Leidenſchaft iſt und bereute— nicht mit beredten Worten, aber ſtumm und aufrichtig. Bald jedoch begann ſein unruhiges Gemüth ihn wieder zu foltern. Warum mied Joſephine ihn jetzt? Ha, ſie liebte Rahnal nun, wo er todt war! Die Frauen lieben, was ſie verloren haben— dies hatte er oft ſagen hören. In dieſem Falle mußte ſchon ſein Anblick ihr verhaßt ſeyn, das begriff er. Das unbedingte Vertrauen, welches er einſt zu ihr hatte, war durch chre Vermälung mit Raynal ſo erſchüttert worden, daß er jetzt blos glauben konnte was er ſah, und er ſah, daß ſie ihn mied. Nach einer Weile bemerkte er allmälig, daß er unter einer gewiſſen Aufſicht ſtand. Laura, welche ſo freundlich ge⸗ gen ihn geweſen, als er ſein Zimmer hüten mußte, dann aber, 95— ſeitdem er das Zimmer verließ, wenig Notiz von ihm genom⸗ men begann wieder ſich mit ihm zu beſchäftigen, und machte es ſich offenbar zur Aufgabe, ſeinen Muth außurichten. Sie begegnete ihm oft in geheimnißvoller Weiſe auf ſeinen Spa⸗ zirgängen und bemühte ſich fortwährend ihn außzuheitern, wiewohl mit nur theilweiſem Erfolg. KI. Eduard Rivière verzögerte ſeine Geneſung durch ſein ungeduldiges Gemüth. Endlich jedoch war er wieder herge⸗ ſtellt und ſein Onkel fuhr ihn in ſeinem Cabriolet nach ſeinem Quartier. Er hatte einen Brief von Laura, einen von der Baronin und zwei von Saint⸗Aubin erhalten, und in dieſen Briefen waren ihm die Neuigkeiten der Familie mitgetheilt worden, natürlich aber auf ſo unbeſtimmte und allgemeine Weiſe, daß er, während er glaubte, Alles zu wiſſen, in der That nichts wußte. Joſephine hatte ſich mit Raynal vermält. Dieſe Vermä⸗ lung war eine etwas ſchnelle, ohne Zweifel aber fand gegen⸗ ſeitige Zuneigung ſtatt. Er glaubte an ſich ſchnell entwickelnde Zuneigung— er hatte Grund, dies zu glauben. Oberſt Dujardin, ein alter Bekannter, war verwundet nach Frankreich zurückgekehrt und der gute Doctor hatte ſeine Herſtellung unternommen. Dieſer Vorfall ſchien weder ein ſelt⸗ ſamer, noch in irgend einer Beziehung ein wichtiger zu ſeyn. Das, was ihn am meiſten ergriff, war der Tod Ray⸗ nal's, ſeines perſönlichen Freundes und Gönners. Als aber ſeine Tyrannen, wie er den Chirurg und ſei⸗ nen Onkel nannte, ihm Erlaubniß gaben, wieder nach Hauſe 96 zurückzukehren, da wurden durch ſeine Freude über die Aus⸗ ſicht, Laura wiederzuſehen, alle anderen Gefühle in den Hin⸗ tergrund gedrängt. Er ging, den Arm noch in der Schlinge tragend, mit hochklopfendem Herzen hinüber nach Beaurepaire. Er kam, um den Lohn für Alles zu empfangen, was er gethan und was er zu thun verſucht. „Ich will ſie überraſchen,“ dachte er.»Ich werde ihr Angeſicht erblicken, wenn ich zur Thür hineintrete— o glück⸗ liche Stunde— dies belohnt mich für Alles!« Er trat in das Haus, ohne ſich anzumelden. Er ging leiſe in den Salon hinauf. Zu ſeiner großen Enttäuſchung fand er hier Niemanden als die Baronin. Sie empfing ihn freundlich, aber nicht mit der Wärme, die er erwartet hatte. Sie ward zu ſehr durch ihren neuen Kummer in Anſpruch genommen. Er erkundigte ſich ſchüchtern nach ihren Töchtern. „Madame Raynal ſucht um Anderer willen ſo ſtandhaft und gefaßt zu ſeyn als möglich. Sie werden ſie jedoch nicht ſprechen können, denn ſie verläßt ihr Zimmer noch nicht. Meine Tochter Laura iſt, glaube ich, ein wenig ſpaziren ge⸗ gangen.** t Nach einigen wemgen Fragen und Worten der Theil⸗ nahme mit ſeinem Unfall zog ſich die Baronin zurück, um ungeſtört ihrer Trauer nuchhängen zu können und Eduard, der auf dieſe Weiſe frei ward, eilte hinaus, um die Geliebte außuſuchen. Er brauchte nicht weit zu gehen. Er begegnete ihr an dem Thore der Plaiſance, aber nicht allein. Sie ſchritt an der Seite eines Offiziers einher— eines ſchönen, impoſanten, ſtolzen, glänzenden Offiziers. Sie ſchritt neben ihm her und ſprach angelegentlich und eifrig mit ihm. 9 Riviere's Herz ſchien von einem eiſigen Pfeil durchbohrt zu werden und dann erwachte ein Gefühl des Todes in ſeinem Herzen— ein neues Symptom in ſeinem jungen Leben. Den nächſten Augenblick ward Laura ſeiner anſichtig. Sie ward feuerroth, ſtieß einen kurzen Ruf aus und kam auf ihn zugeſprungen, wie eine kleine Antilope, und ſtreckte ihm beide Hände zugleich entgegen. Er konnte ihr nur eine geben. „Ha!« rief ſie im Tone innigen Mitleids, und ergriff dann ſeine Hand mit ihren beiden. Es war als wenn die Mittagsſonne plötzlich über einer kalten ſchneebedeckten Gegend hervorbräche. Seine bangen Ahnungen vermochten nicht, dagegen Stand zu halten. Als Joſephine hörte, daß er da ſey, begannen ihre Augen wieder zu leuchten und ſie ſagte raſch: „Ich will hinunterkommen, um ihn zu bewillkommen, den guten Eduard!« Die Schweſtern ſahen einander an. Joſephine erröthete. Laura lächelte und küßte ſie. Joſephine erröthete noch mehr. Als die Zeit kam, zögerte ſie. „Ich ſchäme mich hinungigehen⸗ S ſagte ſie. »Warum?« fragte Laura. »Sieh doch mein Geſicht an!« »Ich ſehe nichts Unrechtes darin, ausgenommen viel⸗ leicht, daß es das anderer Leute in den Schatten ſtellt. Dieſer Uebelſtand iſt allerdings vorhanden.« »Ach, ſieh doch, Laura, wie roth ich ausſehe, und vor vierzehn Tagen war ich todtenbleich.« »Nun, Du erwarteſt doch nicht etwa, daß mich das betrüben ſoll?« »Ach, Laura, ich bin ſehr 6 Wer lieben will. III. — 98 „Wirklich?“ „Ja, Laura. Zuweilen aber glaube ich, Du würdeſt mir vergeben, wenn Du wüßteſt, wie eifrig ich bete, beſſer zu werden. Laura, ich bemühe mich, mich ſo unglücklich zu fühlen, als ich mich fühlen ſollte. Aber ich kann nicht— ich kann nicht! Mein Herz ſcheint für die Trauer eben ſo todt zu ſeyn, als es einſt für die Freude war. Bin ich denn im Grunde genommen wirklich ein herzloſes Geſchöpf?« „Nicht ganz,« ſagte Laura kurz.»Stecke mir einmal meinen Kragen feſt und quäle Dich nicht ſelbſt. Du haſt viel und edel gelitten. Es war der Wille des Himmels— Du beugteſt Dich ihm. Es war aber nicht der Wille des Himmels, daß Du gebeugt bleiben ſollteſt. Auch darein füge Dich. Nimm die Dinge wie ſie kommen und höre auf, Gefühle mit einan⸗ der ausſöhnen zu wollen, welche einander zu entgegengeſetzt ſind, als daß ſie nebeneinander leben könnten.« „O, dies ſind troſtreiche Worte, Laura, aber Mama wird dieſe ſchreckliche Farbe auf meiner Wange ſehen und was kann ich zu ihr ſagen?“ „Ich wette zehn gegen eins, daß deine Farbe gar nicht bemerkt wird, und ſollte ſie es werden, ſo will ich ſagen, es ſey die Freude, Eduard zu ſehen. Ueberlaß nur Alles mir.“ Joſephine begrüßte Eduard auf die liebreichſte Weiſe, fragte ihm ſeine ganze Geſchichte ab und bemitleidete ihn und machte ihn zum Helden des Abends. Camill, der von Natur kein eiferſüchtiges Gemüth beſaß, nahm dieſes anfangs ziemlich arglos hin, endlich aber gab er durch ſeine Blicke einen ſo bittern Schmerz über Joſephinens Vernachläſſigung ſeiner Perſon zu erkennen. daß Laura ihn beiſeite nahm, um ihn zu beſchwichtigen. Eduard, der nun die Zuhörerin vermißte, auf welche er 99 den meiſten Werth legte, und ſie in geheimer Conferenz mit dem impoſanten Oberſt ſah, fühlte eine Rückkehr der eiferſüch⸗ tigen Anwandlungnn, die ihn beim erſten Anblick dieſes Man⸗ nes ergriffen, und ſo trieb die ſchwarze Leidenſchaft ihr Wi⸗ derſpiel. Später am Abend ward die Converſation allgemeiner und Eduard fand Mißfallen an dem Oberſten Dujardin. Ein junger Mann von achtundzwanzig Jahren betrachtet faſt ſtets einen Jüngling von einundzwanzig Jahren mit der Miene eines ihm weit Ueberlegenen, und dieſe Anmaßung wird, ohne daß ihr eine feindliche Geſinnung zu Grunde liegt, leicht von der Art, daß der jüngere Mann kaum weiß wie er ſie rügen oder wie er ihr Widerſtand leiſten ſoll. Eduard aber war, wie wir wiſſen ein wenig eitel und der Oberſt war ihm fürchterlich im Wege. Sein raſchblicken⸗ des ſtolzes Auge war ihm zuwider, ſeine Uniform war ihm zuwider, ſein Schnurbart war ihm zuwider, und mehr als Alles ſeine kaltblütige Vertraulichkeit mit Laura, welche mehr ihm den Hof zu machen ſchien als er ihr. Dieſes Benehmen Lauras legte er, der Gewohnheit der Liebenden gemäß, dem Oberſten zur Laſt und rächte ſich auf kleinliche Weiſe dadurch, daß er Joſephinen in's Ohr ſagte, der Oberſt komme ihm vor wie ein Geck. Joſephine erröthete und ſah ihn mit augenblicklicher Ueberraſchung an, dann aber, um ſich nichts merken zu laſ⸗ ſen, ſagte ſie in ruhigem Tone: »Militärs geben ſich allerdings zuweilen ein Air, aber vom Herzen iſt er ſehr liebenswürdig— wenigſtens ſagt dies Laura— aber auch alle Andern ſagen es. Sie müſſen ſich mit ihm bekannt machen, Eduard, und dann werden Sie ſeine edleren Eigenſchaften würdigen lernen.« 100 „O, ich trage kein beſonderes Verlangen darnach,ent⸗ ge gnete Eduard in hämiſchem Tone. Joſephine ſagte nichts, bald darauf aber überließ ſie Eduard in aller Ruhe dem Doctor, während ſie ſich zu Laura geſellte und von dieſer gedeckt, einige ſüße ſchüchterne Worte mit dem falſch angeklagten Geliebten plauderte. Dies beſchäftigte die Drei ſo ausſchließlich, daß Rivière von der Baronin Abſchied nahm und mürriſch'und aufge⸗ bracht ſich unbemerkt entfernte. Laura vermißte ihn zuerſt, ſagte aber nichts. Als Joſephine ſah, daß er fort war, ſtieß ſie einen lei⸗ ſen Ruf aus und ſah Laura an. Laura nahm eine Miene ſtol⸗ zer Gleichgiltigkeit an, aber die Thränen ſtanden ihr in den Augen. Joſephine blickte bekümmert um ſich her. Als die Schweſtern ſpäter in der Nacht die Vorgänge des Abends beſprachen, machte Joſephine ſich Vorwürfe. „Wir haben uns gegen den armen Eduard nicht gut benommen,* ſagte ſie.„Ich fürchte, wir vernachläſſigten ihn.* „Er iſt ein kleiner übelnehmiſcher Murrkopf« ſagte. Laura ärgerlich. „O nein, nein!⸗ „Und eitel wie ein Pfau.“ „Laura, hat er in dieſem Hauſe nicht ein gewiſſes Recht, eitel zu ſeyn?“ „Ja! Nein! Ich bin ſehr böſe auf ihn. Ich mag kein Wort zu ſeinen Gunſten hören,« ſagte Laura ſchmollend. Dann gab ſie ſeiner Vertheidigerin einen Kuß. Ja, liebe Laura,“ ſagte Joſephine, indem ſie den Kuß erwiederte und die Worte ignorirte.»Er iſt wirklich ein guter junger Mann und nicht murrköpfig oder übertrieben eitel.. Siehſt Du denn nicht ein, was der Grund war?* 101 „Nein.* „O ja, Du weißt es. Du biſt viel zu ſchlau, als daß Du nicht Alles ſehen ſollteſt.« »Nein, ich weiß es wirklich nicht. Sag' es mir, Joſe⸗ phine, laß mich nicht warten. Ich kann es nicht ertragen.* »Nun gut denn, ich will Dir es ſagen— er iſt eifer⸗ ſüchtig.« „Eiferſüchtig! Ach, wie drollig! auf wen denn?« „Auf Camill. „Ha! ha! ha! der kleine Narr!* „Und, Laura, ich glaube beinahe, er würde auf jeden Mann eiferſüchtig ſeyn, der deine Aufmerkſamkeit beſchäftigte. Ich beobachtete ihn.* »Um ſo beſſer— dann werde ich ihn martern.« »Der Himmel bewahre Dich vor ſolcher Grauſamkeit!« »O, ich werde ihn nicht zur Verzweiflung reizen! Ich will ihn blos ein wenig necken. Die Gelegenheit iſt zu un⸗ widerſtehlich.« Laura war, nachdem ſie dieſe ſchwache Seite einmal an ihrem Geliebten entdeckt, ſehr heiter über die Ausſicht auf Amüſement, die ſich ihr dadurch eröffnete. Und ich glaube, ich habe viele Leſer, welche in dieſem Augenblick ungetrübte Freude und Heiterkeit aus derſelben Quelle erwarten. Ach! Den nächſtfolgenden Tag kam Eduard wieder. Seine Miene war düſter. Laura zeigte dagegen eine ganz beſonders heitere. Eduards Antlitz klärte ſich nun ebenfalls auf und er 102 ward wieder der Alte. So liebenswürdig dies auch war, ſo fühlte ſich Laura doch ein wenig getäuſcht. „Ich fürchte, daß er im Grunde genommen doch nicht eiferſüchtig iſt,« dachte ſie. Joſephine verließ an dieſem Tage ihr Zimmer und miſchte ſich wieder unter die Familie. Schon ihr Anblick war anfangs genug für Camill, nach einer Weile aber begehrte er mehr. Er wünſchte mit ihr oft allein zu ſeyn, mehre Urſachen aber wirkten zuſammen und bewogen ſie, es zu vermeiden, ihm viele ſolche Gelegenheiten zu geben. Die erſte dieſer Urſachen war ihr angebornes Zartgefühl in Verbindung mit ihrer gewohn⸗ ten Selbſtverläugnung; die zweite ihre Furcht, chre Mutter zu verletzen, und drittens ihre Furcht vor ihrem eigenen Herzen und vor Camill, deſſen Gewalt über ſie ihr bekannt war. Denn Camill ſchien, ſo oft er ein ſüßes Wort allein mit ihr ſprechen konnte, Alles zu vergeſſen, als daß ſie ſeine Ver⸗ lobte war, und daß er lebendig zurückgekommen, um ſich mit ihr zu vermälen. Er ſprach mit ihr von ſeiner Liebe mit einem Feuer und einer Dringlichkeit, die ſie wie ein Wonneſchauer durchrieſelte. während ſie gleichzeitig von einer gewiſſen Furcht und Selbſtvorwürfen erfüllt zurückbebte. Von einem Gefühl beherrſcht, welches nicht ſtärker als s ihre, aber allein vorherrſchend war, begriff er nicht den Tumult, den furchtbaren täglichen Kampf der Gefühle in ih⸗ rem Herzen. Der Wind ſchien ihm fortwährend von einer an⸗ n Richtung herzukommen, und in einer und derſelben Sn⸗ heiß und kalt zu ſeyn. Da er nicht einmal ſah. daß ſie in ſtündlicher Furcht vor dem Auge ihrer Mutter ihre Rolle ſpielte, ſo vermochte er noch viel weniger ihre verborgenen Gedanken zu durchdringen, und ihre Haupteigenſchaft— ihre Selbſtverleugnung— zu durchſchauen. 103 Die Frauen beſitzen Selbſtverleugnung, ſind aber nicht aufrichtig. Die Männer dagegen ſind egoiſtiſch, gehen aber mit der Sprache heraus. Und dies iſt der Schlüſſel zu tauſend doppelten Mißverſtändniſſen, denn gute Frauen wiſſen eben ſo wenig die Männer zu verſtehen, wie gute Männer die Frauen. Camill hielt Joſephinens Schwanken, ihre Freude, ihr Zittern, ihre Angſt, ihre Schüchternheit für nichts weiter als Laune. Die einzelnen Elemente ſah er nicht und dieſe ver⸗ meinte Laune folterte ihn faſt zum Wahnſinn. Zu reuig, um wieder der heftigen Leidenſchaft Raum zu geben, marterte er ſich durch Ungeduld und verhaltenen Grimm. Seine Ge⸗ ſundheit macht ieder Rückſchritte und ſeine Stimmung ward immer bitterer. Das Auge üchternen Liebe, welches ihn mit müt⸗ terlicher Beſorgniß unter den langen Wimpern hervor beob⸗ achtete, ſah dies mit Entſetzen, und Laura, welche im Herzen ihrer Schweſter las, widmete ſich wiederum der Aufgabe, ihn zu beſchwichtigen, ohne Joſephinens Zartgefühl zu gefährden. Hieraus aber ergab ſich eine dritte Myſtification: Ri⸗ viére's einmal erwachte Eiferſucht fand in der Aufmerkſamkeit, welche Laura dem Oberſt erwies, fortwährende Rahrung. Die faiſche Stellung ſämmtlicher Parteien hatte ganz eigen⸗ thumliche Wendungen zur Folge. Ich theile aus der Zahl derſelben eine mit, welche ein Glied, obſchon ein kleines, in meiner Erzählung bildet. Eines Tages traf Eduard die jüngere Schweſter allein in der Plaiſance. Sie empfing ihn mit ſtrahlendem Lächeln und ſie plauderten auf die bezauberndſte Weiſe, denn das ganze Ge⸗ ſpräch drehte ſich ausſchließlich um ihn, was die Familie ihm zu verdanken habe u. ſ. w. u. ſ. w. Seine kürzliche Eiferſucht und das Gefühl des Beleidigtſeyns ſchien ihm in dieſem Augen⸗ blicke etwas zu ſeyn, was drei Jahre hinter ihm lag und nie⸗ mals wiederkehren könne. Plötzlich kam Jacintha mit einem Auftrage von Oberſten, indem ſie fragte, ob es Fräulein Laura genehm ſey, mit ihm zur gewöhnlichen Stunde ſpaziren zu gehen. „Ja wohl,« entgegnete Laura. Als Jacintha ſich wieder entfernte, rief Eduard ihr nach und hieß ſie an der Stelle, wo ſie ſich jetzt befand, einen Augenblick warten. »Darf ich Sie bitten dieſen Entſchluß in nochmalige Er⸗ wägung zu ziehen?« ſagte er höflich zu Laura. »Welchen Entſchluß?« »Mich dieſem Oberſten Dujardin er immer noch höflich, aber mit ſichtba altenem Groll. Laura ſah ihn mit großen Augen an. „Sind Sie von Sinnen? fragte ſie mit ruhigem Stolze. „Ich bin weder von Sinnen noch ein Narr!s antwor⸗ tete er.„Ich liebe Sie zu ſehr, als daß ich Ihre Beachtung mit irgend Jemanden unter einer Bedingung theilen möchte, am allerwenigſten aber unter der, daß es einen Mann in der Welt gibt, deſſen Wink und Ruf Sie zu Gebote ſtehen und auf deſſen Befehl Sie eine Unterredung mit mir abbrechen müſſen.* »Welche Thorheit, Eduard! Haben Sie mich im Ver⸗ dacht nicht blos der Unhöflichkeit, ſondern auch von ich weiß nicht was? Oberſt Dujardin will ſich zu uns geſellen, weiter nichts, und wir werden mit ihm einen kleinen Spazirgang machen.* »Ich nicht. Ich lehne dieſe Zudringlichkeit ab. Sie ſpre⸗ chen jetzt mit mir und ich habe Ihnen Dinge zu ſagen, die ſich ₰ S ——— 105 für das Ohr dieſes Gecken nicht eignen. Wählen Sie daher zwiſchen mir und ihm und wählen Sie für immer.« Laura erröthete, aber lächelte. „Es ſollte mir ſehr leid thun, einen von Ihnen Beiden für immer zu wählen, für dieſen Nachmittag aber wähle ich — Sie.* „O ich danke Ihnen! Mein ganzes Leben ſoll meinen Dank für dieſe Bevorzugung beweiſen.* Laura winkte Jacinthen und trug ihr auf, ſie beim Oberſten Dujardin zu entſchuldigen. Dann wendete ſie ſich mit der Miene ironiſcher Unterwürfigkeit zu Eduard und ſagte: Ihren Befehlen, mein Herr.« ſtrahlend von Triumph und in ſeiner angebornen Gutmi wiederholt dafür, daß ſie ſich herab⸗ gelaſſen, ſein Herz zu beruhigen. Er ſchlug einen Spazirgang vor, weil ſein Dazwiſchenkommen ſie um einen gebracht. Sie erklärte ſich im kalten Tone damit einverſtanden. Dies ärgerte ihn, doch nahm er es als gewiß an, daß dieſe Stimmung noch vor Beendigung des Spazirganges weichen würde. Eduards Herz frohlockte, aber er liebte ſie zu aufrichtig, als däß er ſich hätte glücklich fühlen können, wenn er ſie nicht auch glücklich ſehen konnte. Die Boshafte ſah dies oder vielleicht ſagte es ihr Inſtinct, und vermittelſt dieſes feine guten Gefühls rächte ſie ſich für ſeine Thrannei. Sie quälte ihn, wie nur ein Weib quälen kann, und wie ſie nur einen würdigen Mann und einen, der ſie liebt, quälen kann. Im Verlaufe dieſes kurzen Spazirganges wußte dieſes unerfahrne Mädchen mit der angebornen Liſt ihres Geſchlechtes das Herz ihres Geliebten mit Stecknadelſtichen zu zerfleiſchen. Sie war nach der Reihe Alles— nur nicht freundlich 106 — und nichts lange. Sie war verdrießlich— ſie war an⸗ ſcheinend geduldig und unterwürfig— ſie war zerſtreut und unaufmerkſam gegen ihren Begleiter und anſcheinend in die Betrachtung abweſender Dinge und Perſonen verſunken.— Sie war hartnäckig, abſtoßend und kalt wie Eis. So kehrten ſie nach dem Thore der Plaiſance zurück. „Wirklich, mein Fräulein,« ſagte Rivière ſehr traurig, „jener Eindringling hätte eben ſo gut bei uns ſeyn können.“ „Das meine ich auch und Sie würden nichts dabei ver⸗ loren haben, wenn Sie mir erlaubt hätten, gegen einen Gaſt und Reconvalescenten artig zu ſeyn. Hätten Sie nicht den Tyrannen geſpielt und die Sache in eigene Hand ge⸗ nommen, ſo würde ich ein Mittel gef aben, Ihre Eifer⸗ ſucht,— Ihre Eitelkeit zu beſchwichtigen. Sie haben es aber vorgezogen, Ihrem eigenen Willen zu folgen. Wohlan, Sie ſind ihm gefolgt.« „Ja, mein Fräulein, Sie haben mir eine Lehre gege⸗ ben. Sie haben mir gezeigt, wie vergeblich es iſt der Nei⸗ gung einer jungen Dame in irgend etwas Gewalt anthun zu wollen. Ich werde Sie jedoch nicht wieder beleidigen, denn ich ſtehe im Begriffe fortzugehen.« „Wirklich?« Sie glaubte ihm nicht. „Ja mein Fräulein. Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, daß ich befördert worden bin.« „Es thut Ihnen leid, daß Sie befördert worden ſind?“ „Ich meine, es that mir heute Morgen ſehr leid, weil mein neuer Stationsort zehn Lieues von Beaurepaire entfernt iſt. Jetzt aber thut es mir nicht leid, denn wenn ich hier bliebe, ſo ſähe ich voraus, daß Sie das freundſchaftliche Gefühl, welches Sie für mich haben, ſehr bald verlieren würden.“ 107 „Bin ich denn ſo veränderlich? Man hält mich nicht da⸗ für,«entgegnete Laura ſanft. Rivière erklärte ſich nun umſtändlicher. „Ich bin nicht eitel,« begann er,„kein Mann kann es weniger ſehn als ich, auch bin ich nicht eiferſüchtig, aber ich achte mich ſelbſt, und ich könnte mich niemals dazu verſtehen, Ihre Zeit und Ihre Beachtung mit dieſem Oberſten Dujardin oder auch mit einem viel beſſern Manne zu theilen.* „Mein Herr,« hob Laura in zornigem Tone an, ſchien ſich aber gleich darauf eines Beſſeren zu beſinnen.»Herr Eduard,« ſagte ſie freundlicher,„wenn Sie nicht un Begriffe ſtünden uns zu verlaſſen.— hoffentlich nur auf einige Zeit, ſo würde ich zornig ſeyn und Ihnen freiſtellen, ſich irgend welchen Unſinn zu denken und ſich auf dieſe Weiſe ſelbſt zu pei⸗ nigen und mich zu beleidigen. Die Zeit erlaubt nicht, Sie zu necken, mein Freund. Seyen Sie daher vernünftig,— ſeyen Sie gerecht gegen ſich ſelbſt und mich— geben Sie nicht lä⸗ cherlichen Grillen Raum. Legen Sie dieſem armen Manne, der, wie ich Ihnen auf meine Ehre verſichere, mich eben ſo wenig angeht, als Sie, keine falſche Wichtigkeit bei.« „Fräulein Laura,« ſagte Eduard,„ſehen Sie nur, was dieſer Mann, der, wie ich nach Ihren eigenen Worten ver⸗ bunden bin zu glauben, Ihnen gleichgiltig iſt, gethan hat. Er hat mich anmaßend und gebieteriſch gegen Sie ge⸗ macht— war ich dies wohl früher?« »Nein! nein! nein! Und ich verzeihe Ihnen nun, mein armer Freund.« »Er hat Sie gegen mich kalt wie Eis gemacht.« „Nein, das war mein eigener Trotz und Starrſinn.« »Trotz? Starrſinn? Das liegt nicht in Ihrer Natur. Niemand iſt daran Schuld als dieſer Elende.« 108 Laura ſeufzte, aber ſie ſagte nichts, denn ſie begriff, daß ſie, wenn ſie Camill entſchuldigte, den Eiferſüchtigen nur noch mehr gegen ihn erbittern würde. „Werden Sie mir die Gunſt erzeigen, mir auf meinem neuen Stationsorte meine Briefe jeden Monat einmal zu beantworten?* „Ja, mein Freund. Ganz gewiß aber werden Sie uns zuweilen beſuchen.« „Ja wohl, nur werde ich es in der nächſten Zeit nicht im Stande ſeyn. Die Pflichten eines neuen Poſtens—* „Ich verſtehe— wohlan denn, vielleicht in vierzehn Tagen, oder ſo?“ „Vielleicht eher— in dem Augenblicke, wo dieſer Mann aus dem Hauſe iſt.«* Xl. „Liebe Laura,« ſagte Joſephine,»Du biſt heute den ganzen Tag nicht mit ihm ſpaziren gegangen.“ „Nein,«entgegnete Laura,„heute mußt Du ihn ſelbſt hätſcheln. Sein Antlitz iſt mir verhaßt.* „Was hat er denn gethan?« „Er hat nichts gethan, aber meine Aufmerkſamkeit ge⸗ gen ihn hat Unheil zwiſchen Eduard und mir herbeigeführt. Eduard iſt eiferſüchtig und ich kann mich nicht darüber wun⸗ dern. Was habe ich mir auch im Grunde ein Recht genom⸗ men, den Mann zu myſtificiren, der mich durch ſeine Zunei⸗ gung ehrt?* Nun erzählte ſie, durch Joſephinens Fragen gedrängt, Wort für Wort Alles, was zwiſchen Eduard und ihr vorge⸗ fallen war. 109 „Der arme Camill!« ſagte Joſephine. „Ja wohl, der arme Camill!« wiederholte Laura iro⸗ niſch,„der arme Camill, der es in ſeiner Macht hat, uns Alle elend zu machen, und es auch thut, und thun wird, bis er ſelbſt glücklich iſt.« „Ach, wollte der Himmel, ich könnte ihn ſo glücklich machen, als er zu ſehn verdient!“ „Das könnteſt Du ja ſehr leicht, warum willſt Du es nicht thun?« „Laura, Du weißt ſehr wohl welche geheiligte Gefühle mich davon zurückhalten. Laura, ſage mir, glaubſt Du es in der That möglich, daß Camill mein Herz und alle Gefühle, welche darin kämpfen, nicht wirklich kennt?“ „Meine Schweſter, die Männer ſind zuweilen abge⸗ ſchmackte Geſchöpfe. Sie glauben nur, was ſie ſehen. Ich habe für Dich und Camill gethan, was ich konnte, aber es iſt ver⸗ geblich. Wenn Du ihn glauben machen willſt, daß Du ihn liebſt, ſo mußt Du ſelbſt freundlich gegen ihn ſeyn, und dies wäre eine menſchenfreundliche That. Du würdeſt vier unglück⸗ liche Menſchen glücklich machen, oder ſie wenigſtens auf den Weg dazu bringen. Jetzt ſind ſie vom Wege abgekommen und nach dem, was ich heute geſehen, glaube ich, daß, wenn wir es noch ein wenig länger ſo treiben, es zu ſpät ſeyn wird die Umkehr zu verſuchen. Thue es, Joſephine, um meinetwillen.* „Ach, Du ſagſt es aus Güte gegen mich— und gegen mich allein!« „Nein, nein! ich denke dabei auch an mich ſelbſt. Er wird uns Alle lebenslang elend machen, wenn er nicht ſoſort glücklich gemacht wird.« „Wenn ich das glaubte, ſo könnte ich faſt einwilligen.“ „Selbſt glücklich zu ſeyn?« 110 „Ich will ihm vorſtellig machen, daß es unfreundlich von ihm gegen mich iſt, wenn er ſich elend fühlt.« „Joſephine, ich will gehen und ihm mittheilen, was Du ſagſt.“ „Warte, Laura.* „Nein, ich will nicht warten. Das Verbrechen iſt mein.* Eine Minute ſpäter kam Laura zurück. „Da,« rief ſie,„er geht fort!« Joſephine erſchrak. „Er geht fort? Unmöglich!« „Ja, er iſt in ſeinem Zimmer und packt ſeine Sachen zuſammen. Ich belauſchte ihn durch das bekannte Guckloch. Er ſeufzte wie ein Schmelzofen, während er ſeinen Mantelſack zuſammenſchnallte. Ich haſſe ihn, aber er that mir doch leid. Ich konnte nicht anders, als ihn bedauern.« Joſephine ward bleich und hob erſtaunt und entſetzt die Hände empor. „Verlaß Dich darauf, Joſephine, wir handeln unrecht,« ſagte Laura in feſtem Tone.»Dieſe Elenden wollen unſern Unſinn nicht über eine gewiſſe Zeit hinaus ſich gefallen laſſen, und ſie haben Recht. Meine Schweſter, wir handeln nicht ſo, wie es in der Ordnung wäre. Der Eine iſt fort— der An⸗ dere ſteht im Begriffe zu gehen— Beide verlieren das Ver⸗ trauen zu uns.* Joſephinens Farbe kehrte in ihre Wange zurück und ſtieg bis in ihre Stirn hinauf. Gleich darauf lächelte ſie— es war ein Lächeln voll ſelbſtbewußter Macht und heimlicher Zufrie⸗ denheit. „Er wird nicht gehen.« Laura war erfreut, aber nicht überraſcht, ihre Schwe⸗ 111 ſter ſo zuverſichtlich ſprechen zu hören, denn ſie kannte ihre Macht über Camill. „Das iſt recht,« ſagte ſie.„Geh zu ihm und ſage ihm zwei Worte: Ich befehle Dir zu bleiben.« „O nein, Laural« „Feigling! Du weißt, er würde auf ſeine Knie nieder⸗ fallen und ſofort bleiben.« „Nein, ich würde mein ganzes Leben lang vor Dir und vor ihm darüber erröthen. Ich könnte es nicht ſagen. Lieber wurde ich ihn beinahe gehen laſſen. O nein, ich werde niemals einen Mann, der mich zu verlaſſen wünſcht, auffor⸗ dern zu bleiben.« „Wohlan, aber Du ſagteſt ja eben erſt—« „Liebe Laura, geh zu ihm und ſage, Madame Raynal ſtehe im Begriff, einen kleinen Spazirgang zu machen und laſſe ihn fragen, ob er ihr die Ehre ſeiner Begleitung ſchenken wolle. Kein Wort weiter, wenn Du mich lieb haſt.* „Ich gehe, Heuchlerin!« Joſephine empfing Camill mit heiterem Lächeln. Sie war in ungewöhnlich guter Stimmung und wallte über von Freundlichkeit und unſchuldiger Zuneigung. Seine umwölkte Stirn glättete ſich ſofort und alle ſeine Ausſichten klärten ſich auf wie durch einen Zauberſchlag. Hierauf theilte ſie ihm eine Menge kleiner Pläne für die nächſte und die darauf folgende Woche mit. Unter andern ſollte er auch mit ihr und Laura nach dem Seebade Frejus gehen. Es iſt dies ein herrlicher Ort, Camill,« ſagte ſie,„ich muß ihn Dir zeigen. Wirſt Du mitkommen?« Er zögerte einen Augenblick— einen Augenblick der ge⸗ ſpannteſten Erwartung für die lächelnde Joſephine. „Ja,« entgegnete er,»ich werde mitgehen— die Ver⸗ ſuchung iſt groß— ich bekomme Dich ohnehin ſo wenig zu ſehen.* „Von nun an wirſt Du mich häufiger ſehen, Camill!“ „Werde ich Dich jeden Tag ſehen?— allein, meine ich.“ „O ja, wenn Du es wünſcheſt,“ entgegnete Joſephine in ruhig gleichgiltigem Tone. Er ergriff ihre Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. „Thörichter Camill!« murmelte ſie, indem ſie mit un⸗ ausſprechlicher Zärtlichkeit auf ihn herabblickte.„Würde ich nicht ſtets bei Dir ſeyn, wenn ich nur meine Neigung zu Rathe zöge? Laß mich gehen.« „Nein! Ziehe deine Neigung noch ein wenig länger zu Rathe.* „Muß ich?“ „Ja, das ſoll deine Strafe ſeyn für— hm!* „Nun wofür? Was habe ich gethan?« fragte ſie mit einer Miene großer Unſchuld. „Du haſt mich glücklich gemacht, mich, der ich Dich anbete.“ Joſephine kehrte mit hochrothen Wangen und ſtrahlen⸗ den Augen von ihrem Spazirgange zurück. „Lauf, Laura!« rief ſie. Auf dieſe bündige, für uns aber nicht ſehr klare Weiſung hin eilte Laura die geheime Treppe hinauf. Sie ſah Camill in ſein Zimmer treten, ernſt und gemächlich ſeinen kleinen Koffer auspacken und ſeine Sachen mit ſoldatiſcher Nettigkeit in die Schubfächer legen, während er einen Lieblingsmarſch dazu ſummte. 113 Laura eilte wieder fort und erzählte es Joſephinen. „Ach!« ſagte Joſephine mit einem leiſen Seufzer des Vergnügens und ſanftem Triumph in ihren Augen. Sie hatte nicht blos ihren Wunſch erreicht, ſondern war dazu auch auf ihrem Wege— dem Wege der Frauen— einem Umwege gelangt. Dieſes geſchickte Wohlwollen führte zu mehr, als ſie begehrt hatte. Sie und Camill waren jetzt jeden Tag beiſammen und ihre Herzen, die im Beiſeyn Anderer ſich Zwang auflegen mußten, ſchmolzen bei dieſen verſtohlenen Unterredungen um ſo ſchneller. Vieles, was zwiſchen dieſen wahrhaft Liebenden geſprochen ward, kann der Phantaſie des Leſers anheimgeſtellt bleiben. Bei der dritten dieſer wonnevollen Unterredungen bat Camill Dujardin die ihm ſchon längſt Verlobte mit directen Worten, ſein Weib zu werden. Haſt Du, lieber Leſer, jene halbzahmen Rehe bemerkt, welche in einem Park ſo zutraulich mit großen zärtlichen Au⸗ gen auf Dich zukommen, dann aber, wenn Du ſie faſt er⸗ reichen kannſt, plötzlich ſtehen bleiben wie eine Statue auf ihrem Piedeſtale, während ſie blos die ſchlanken Hälſe vor⸗ wärts ſtrecken, um Zucker oder Brot oder eine Kaſtanie oder ein Taſchentuch zu holen? Mochſt Du nur Miene, ſie anzuta⸗ ſten, ſo ſpringen ſie in dieſem Augenblick zwanzig Schritte weit davon und bleiben dann wieder ſtehen und ſehen deine Hand und Dich mit großen, forſchenden, zärtlichen, argwöhniſchen Augen an. So ſtutzte auch Joſephine bei Camills kühnem Antrage. »Erwähne mir ſo etwas nie wieder oder— oder ich gehe nie mehr mit Dir ſpaziren!s rief ſie und dann durch⸗ Wer lieben will. IMI. 8 rieſelte ſie ein Schauer der Freude über den anſtößigen Ge⸗ danken: Sie, Camills Weib!— und dann erröthete ſie bis in die Stirn hinauf— vor Zorn, dachte Camill. Er ver⸗. ſprach in unterwürfigem Tone, nicht wieder auf dieſes Thema zurückzukommen und that es auch nicht eher, als bis näch⸗ ſten Tag. Joſephine hatte die Zwiſchenzeit benutzt, um darüber nachzudenken. Deshalb war ſie auch vorbereitet, ihn durch ruhige Gründe zu widerlegen. Sie begann dies zu thun— in ſanfter, aber feſter Weiſe. Und ſiehe da, er ſetzt ihr eben ſo viele und eben ſo ruhige Gründe entgegen und macht dieſelben in ſanfter, aber feſter Weiſe geltend. Der Himmel wäre gegen ſie ſehr gütig geweſen ſagte er; warum ſollte ſie es nicht gegen ſich ſelbſt ſeyn? Sie wären einem großen Unglück entronnen, warum ſollten ſie nun nicht auch das Glück hinnehmen? Und ſo führte er noch viele andere Gründe an, die ver⸗ ſchiedenen andern Rückſichten galten, aber alle darin überein⸗ ſtimmten, daß ſie ſämmtlich ernſt, beſonnen und verſtändig waren. Als Joſephine ſah, daß er in Bezug auf Gründe nicht wehrlos wac, ſo wechſelte ſie das Terrain und appellirte an ſein Zartgefühl. Er dagegen appellirte nun an ihre Liebe und die ruhige Vernunft ward von dem Kampfplatze hinwegge⸗ drängt, und Leidenſchaft und Gefühl kämpften an ihrer Stelle. Bei dieſen ſich Tag für Tag Kämpfen hatte Camill viele Vortheile. Laura hatte jetzt, obſchon ſie ihm nicht gut war, ſich für ihn erklärt. Sie weigerte ſich, ihm die mindeſte Aufmerkſamkeit zu erzeigen. Dadurch bekam Joſe⸗ — 115 phiné allein es mit ihm zu thun, und wenn dieſe ihre jüngere Schweſter bat, ihr Camill zu Verſtande bringen zu helfen, erhielt. ſie gewöhnlich die Antwort: »Nein, Du Heuchlerin! Das werde ich nicht thun. Ich bin ſelbſt auf ſeiner Seite. Thue ihm ſeinen Willen, oder er macht uns alle Vier elend.« Und auf dieſe Weiſe ging Joſephinens Verbündete zum Feinde über. Und nun begann auch die eigene Widerſtandskraft der ſchüchternen jungen Dame zu weichen. Sie hatte nun ſeit Mo⸗ naten gegen ihr eigenes Herz gekämpft, erſt um ihrer Mutter willen, dann in einem weit ſchrecklicheren Kampfe um Ray⸗ nal's, um der Ehre und Reinheit willen und in der letzten Zeit immer noch gegen ihr eigenes Herz um des Zartgefühls und der Etikette willen— Dinge, die ihr ſehr theuer waren, aber doch nicht ſo groß, ſo heilig wie Ehre und Keuſchheit, die ihre Hausgötter waren, ſo daß gerade, als die Beweg⸗ gründe zum Widerſtande ſchwächer wurden, die Länge dieſes Widerſtandes ſie zu ermatten begann. Denn nichts iſt für das weibliche Herz ſchwerer als ein langer, anhaltender Kampf. Auch in phyſiſchen Dingen iſt er das, was die Muskeln der Schönen nicht auszuhalten vermögen. „Ich bin es müde, fortwährend nein! nein! nein! nein! zu dem Manne zu ſagen, den ich liebe!« ſagte Joſephine eines Tages zu Laura. Dann ſetzte ſie, zwei leitende Gedan⸗ ken in eine Redensart zuſammenfaſſend, wie dies dem rohen logiſchen Männergeſchlecht gar nicht möglich iſt, hinzu: »Ich bin dieſer ganzen Grauſamkeit überdrüſſig. Aber dies war noch nicht Alles. Sie war noch nicht frei von Selbſtvorwürfen. Camills Vertrauen auf ſie hatte feſtgeſtanden, das ihrige auf ihn nicht. Sie hatte ihm Unrecht * gethan, erſtens dadurch, daß ſie ihn falſch glaubte und zwei⸗ tens dadurch, daß ſie einen Andern heirathete. Eines Tages bat ſie ihn deswegen um Verzeihung. Er antwortete: „Ich habe das verziehen, Joſephine, aber warum willſt Do mich es nicht vergeſſen machen?« „Ich wollte, ich könnte es.« „Du kannſt es. Heirathe mich, dann wird deine Bezie⸗ hung zu jenem Manne nur noch ein widerwärtiger Traum zu ſehn ſcheinen. Ich werde, wenn ich Dich anſehe, ſagen können: Ich war treu— ich litt etwas um ihretwillen— ich kam nach Hauſe— ſie kKebte mich noch— und der Beweis davon iſt, daß ſie innerhalb dreier Monate nach meiner Rückkehr mein Weib ward.« Wäre, als er ihr dies in der Plaiſance ſagte, gerade ein Prieſter zur Hand geweſen— mit einem Wort, Joſephine ſehnte ſich, ihm ihre Liebe zu zeigen, wünſchte aber auch, we⸗ der ihrer Mutter Anſtoß zu geben, noch auch ihr eigenes Zart⸗ gefühl zu beleidigen. Camill kümmerte ſich um nichts als um ſeine Liebe. Glück und Liebe, wenn auch nur auf einige Zeit, der Etikette zu opfern, ſchien ihm ein Frevel an großen Dingen um des Schattens kleinlicher Dinge willen und er ſagte dies— zuwei⸗ len in traurigem zuweilen in bitterem Tone. Man ſah demnach hier eine belagerte Feſtung die ein⸗ müthig angegriffen, und von Truppen vertheidigt ward, von welchen ein Drittel ſehnlichſt zum Feinde überzugehen wünſchte. Ein gegen ſich ſelbſt getheiltes Herz ward von einem un⸗ getheilten Herzen angegriffen. Wo aber Einheit einen Angriff auf Getheiltheit macht, da kennt man das Ergebniß im Vor⸗ aus. Warum ſoll ich daher lange Worte machen und einen ſo ungleichen Kampf in allen ſeinen Phaſen und Stadien ſchil⸗ dern? Lieber will ich eilen, eine ganz beſondere Eigenthüm⸗ lichkeit zu erzählen, welche aus dieſem ſo oft dageweſenen Kampfe hervorging. Als Joſephine fühlte, daß ihr Widerſtand immer ſchwä⸗ cher ward, retirirte ſie ſich hinter eine andere Perſon. Sie ſagte in Laura's Gegenwart zu Camill: „Wenn ich mich auch überwinden könnte, auf dieſe un⸗ zarte Weiſe nach dem Glücke zu haſchen— kaum einen Monat nach— o—6 Hier unterbrach ſie ſich und hielt ſich die Hand vor ihr liebliches Antlitz, um es zu verbergen. Etwa zwei Minu⸗ ten ſpäter jedoch vollendete ſie den Satz in der Form und in dem Tone einer deutlichen Bemerkung, indem ſie hinzufügte: „So würde meine Mutter ihre Zuſtimmung doch nie⸗ mals geben.« „O ja, das würde ſie, wenn Du Dich nur dazu verſte⸗ hen wollteſt, ſie ſo innig zu bitten, wie ich Dich bitte.« „Würde ſie das wirklich?« fragte Joſephine, indem ſie ſich raſch zu ihrer Schweſter wendete. „Nein, niemals! Unſere Mutter würde einen ſolchen Vorſchlag mit Abſcheu betrachten. Nie würde ſie geſtatten, daß ihre Tochter noch vor Ablauf des erſten Witwenjahres ſich wieder vermälte.* „Da ſiehſt Du, Camill.« »Aber abgeſehen davon liebte ſie Raynal auch. Ja, ſie hat ihn nicht vergeſſen, wie wir ihn beinahe vergeſſen haben.« »Welch ein undankbares Geſchöpfbinichl« ſeufzte Joſephine. »Sie betrauert ihn jeden Tag. Oft ſehe ich, wie ihr plötzlich die Thränen in die Augen treten, dies geſchieht um ſeinetwillen. Joſephinens Einfluß auf unſere Mutter iſt ſchr 118 groß, noch einmal ſo groß als der meine, aber wenn wir alle ſammt dem Doctor vor ihr auf die Knie niederfielen, ſo würde ſie doch niemals einwilligen.« „Da ſiehſt Du, Camill— und meiner Mutter könnte ich nicht Trotz bieten— auch nicht um deinetwillen.« Camill ſeufzte. „Ich ſehe daß Alles gegen mich iſt, ſogar meine Liebe, denn dieſe Liebe iſt mit der Verehrung zu nahe verwandt, als daß ich Dir eine heimliche Vermälung vorſchlagen könnte.« »Gott ſegne Dich, daß Du mich nicht blos liebſt, ſon⸗ dern auch achteſt, lieber Camill!« Dieſe mit ſanfter Wärme geſprochenen Worte waren einiger Troſt für Camill und beſtärkten ihn auch, wie dies ihre Abſicht war, in ſeinem guten Vorſatze. Er lächelte. »Wie ungeſchickt!« rief Laura. „Ungeſchickt?« fragte Camill und machte große Augen. »Wir wollen von etwas Anderem ſprechen,« entgegnete Laura gleichgiltig. Camill ward roth. Er begriff, daß eretwas ſehr Dum⸗ mes gethan, aber er konnte ſich nicht denken, was es war. Er ſchaute abwechſelnd bald die eine, bald die andere Schweſter an. Laura lächelte ironiſch. Joſephine hielt ihre Augen ſchüchtern auf ein Tuch geheftet, welches ſie eben ſtickte. An dieſem Abend nahm Camill die jüngere Schweſter beiſeite. „Wollen Sie nicht die Güte haben, mir zu erklären, warum Sie mich ungeſchickt nannten?« „Sie waren es wirklich,« entgegnete Laura faſt heftig. Da die Sache jedoch dadurch nicht klarer ward, ſo bat Camill um einige fernere Aufklärungen. „ 119 »War es wohl an Ihnen, Schwierigkeiten zu machen?« »Nein, gewiß nicht.« „Kam es Ihnen zu, ihr zu ſagen, daß eine heimliche Vermälung das Zartgefühl verletzen würde? Glauben Sie, daß Sie Ihnen an Zartgefühl wird nachſtehen wollen? oder daß eine Liebe ohne Achtung ſie befriedigen wird? Und den⸗ noch fühlten Sie ſich veranlaßt, ihr zu ſagen, daß Sie ſie zu ſehr achteten, um ſie zu bitten, ſich heimlich mit Ihnen zu ver⸗ mälen. Mit andern Worten, in der Lage, worin ſie ſich be⸗ ſindet, forderten Sie ſie auf, gar nicht zu heirathen und da⸗ mit war ſie ſofort einverſtanden. Was konnten Sie anders erwarten?« „Ja, das war in der That ungeſchickt von mir.« ſagte Camill,„aber ich wollte es nicht ſagen, ich dachte blos— 6 „Sie dachten, nichts werde ſie bewegen, ſich heimlich zu vermälen und deshalb ſagren Sie zu ſich ſelbſt: Ich will mir eine Tugend beilegen— ich will ein wohlfeiles Beiſpiel von Selbſtverleugnung geben. Ich will mit Trompetenſchall etwas ablehnen, was ein Anderer mir ganz gewiß verweigern wird, wennich es nicht verweigere. Ha! ha! ha! Ich muß Ihnenzu Ih⸗ rem Troſte ſagen: ich bin keineswegs ſo feſt überzeugt, daß ſie ſich nicht hätte überreden laſſen, irgend etwas für Sie zu thun, nur nicht meiner Mutter offenen Trotz bieten— nun aber natürlich—* Hier ſchwieg diejunge Dame, denn esbeſtandzwiſchen den beiden Schweſtern eine auffallende grammatikaliſche Aehnlichkeit. Camill war über das, was er gethan, ſo aus der Faſ⸗ ſung gebracht und niedergeſchlagen, daß Laura ihn zu bemit⸗ leiden begann. Deshalb neckte ſie ihn trotz ihres Mitleids noch ein wenig und reichte ihm dann plötzlich die Hand und ſagte, ſie wolle verſuchen ob ſieden Schaden wieder gut machen könne. 120 Er bebeckte ihre Hand mit Küſſen. »O,“ ſagte ſie,„das verdiene ich nicht. Ich habe einen beſonderen Beweggrund. Ihre unglücklichen Worte werden mir mehr als zehnmal wiederholt werden— doch laſſen wir das.* * „Joſephine, Du wirſt nicht eher froh und glücklich wer⸗ den, als bis Du es thuſt, und er eben ſo wenig.* Joſephine ſeufzte. »Du hörteſt, was er ſagte.« »O, das ſagte er blos Dir zu Gefallen. Er glaubte, nichts werde Dich verlocken, ſo viel für ihn zu thun.« „Ich würde ſonſt etwas für ihn thun, ſobald ich dadurch nicht ſeine Achtung verliere und meine Mutter nicht betrübe.« »Wohlan Schweſter, Du ſollſt keins von beiden thun,« ſagte Laura.»Du ſollſt Dich in der ganzen Sache kaum rüh⸗ ren, nur widerſetze Dich mir nicht ſehr heftig und Alles wird gut werden.« »Ach Laura, ich weiß, wie ſehr Du mich liebſt— bin ich nicht glücklich, eine Schweſter zu haben, die mich liebt und die ſo ſchlau iſt! Es iſt herrlich— ſchrecklich wollte ich ſagen, ein kleines Geſchöpf um ſich zu haben, welches ſo die erſten Gedanken eines Andern zu leſen verſteht. Was ſoll ich thun? Was ſoll ich thun?« »Ja, Joſephine. Es iſt ſehr klar, was wir thun müſ⸗ ſen. Wir müſſen es unſerer Mutter verſchweigen.« »Was, ich ſoll mich vermälen und meine Vermälung ihr verſchweigen, die mich unter ihrem Herzen getragen*⸗ »Wir haben ihr viele Dinge verſchwiegen, liebe Schwe⸗ ſter, um ihr keinen Schmerz zu bereiten.« 121 »Ja, aber nicht ſo etwas. Ich weiß nicht, was ich thun ſoll.« »Wir müſſen das Beſte thun was wir unter allen Um⸗ ſtänden thun können. Ueberlege Dir die Sache. Seine Wunde iſt geheilt. Er muß zur Armee zurückkehren. Ihr habt Beide das Aeußerſte erduldet, was ein Sterblicher erdulden kann. Soll er unglücklich, in Zweifel am deiner Liebe fortgehen? Sollſt Du da bleiben mit einem Herzen voll Selbſtvorwürfen? Ueber⸗ lege Dir's!« „Liebe Laura! Gib mir einen Entſchu'digungsgrund an die Hand, wenn ich meine Mutter betriege.« »Sprich nicht von betriegen— das iſt ein abſcheuli⸗ ches Wort.« Laura erinnerte Joſephinen hierauf an den Tag, wo Eduard ihnen zuerſt geſagt, daß kluge Zurückhaltung nicht dasſelbe ſey wie unmoraliſcher Betrug. Sie erinnerte ſie auch, wie ſie ſpäter ſeinem Rathe gemäß gehandelt und zwar ſtets mit gutem Erfolg— wie vielen Kummer, wie viele Sorgen ſie ihrer Mutter erſpart— durch Zurückhalten und Schweigen. Joſephine mußte dies zugeſtehen. War nicht Grund vorhanden, zu glauben, daß ſie durch dieſes Verſchweigen ihrer Mutter ſogar das Leben gerettet? Auch dies mußte Joſephine zugeben.. »Und, Joſephine,« fuhr Laura fort,„Du biſt mündig, Du biſt deine eigene Herrin. Du haſt das Recht, zu heirathen, wenn Du Luſt haſt, und früher oder ſpäter wirſt Du ſicherlich Camill heirathen. Ich zweifle, ob ſelbſt unſere Mutter Dich be⸗ wegen könnte, ihm ganz zu entſagen. Es iſt daher blos eine Frage der Zeit und ob wir unſerer Mutter Schmerz bereiten oder Schmerzerſparen wollen. Sie iſtalt, unſere liebe Mutter. 122 Sie hat Vorurtheile— warum ſollen wir ihre Vorurtheile verletzen? Sie wäre doch nicht im Stande, den Fall richtig zu verſtehen, denn dergleichen Dinge fielen zu ihrer Zeit gar nicht vor. Damals ſcheint Alles nach Regeln gegangen zu ſeyn. Laß uns nichts thun, was ſie während der kurzen Zeit, die ſie noch zu leben hat, bekümmern und quälen könnte. Wir wollen einen Weg einſchlagen, auf welchem wir es vermeiden, ihr Schmerz zu bereiten und an Dir und Camill Grauſamkeit zu üben.* Dieſe Argumente trugen viel dazu bei, Joſephinen zu überzeugen, denn ihr eigenes Herz unterſtützte dieſelben. Und dann gab auch Camill ſein Wort mit dazu. Er ſchlug den Schweſtern vor, erſt die Baronin zu bitten und wenn ſie un⸗ erbittlich wäre, ſo ſollte Joſephine ſich heimlich mit ihm ver⸗ mälen. »Nein, nein!« rief Joſephine,„Du kannſt ſie bitten, wenn Du willſt, wenn ſie aber nein ſagt— und ſie wird nein ſagen— dann iſt Alles aus. Es iſt viel, einen ſolchen Schritt ohne ihre Billigung zu thun. Ihr trotzbieten werde ich nie.* „Wäre es nicht beſſer, wenn Sie ſchwiegen, Oberſt Ungeſchickt?“ rief Laura in ſtrengem Tone. »„Ja, viel beſſer!« rief der tapfere Oberſt plötzlich mit tödtlichem Schrecken. Nachdem Laura auf dieſe Weiſe den Oberſt zum Schwei⸗ gen gebracht, führte ſie ſeine Sache ſo geſchickt, daß Joſe⸗ phine von ihren gegründeten Einwürfen auf unhaltbare über⸗ ging; damit war ſchon viel gewonnen. Sie ſprach von der Schwierigkeit, der Unmöglichkeit einer heimlichen Vermälung. Hier miſchte ſich Camill wieder in das Geſpräch und übernahm es, dieſe eingebildeten Schwierigkeiten zu beſeitigen. ——— 123 »Wir wollen uns zehn Meilen von hier vermälen.« »Du wirſt keinen Prieſter finden, der ſich dazu verſteht, uns ohne Vorwiſſen meiner Mutter zu vermälen.« „O was das betrifft, Laura, ſo weißt Du ja, daß ict der Maire die Leute vermält.« »Ich werde mich ohne Prieſter nicht vermälen,« ſagte Joſephine mit Beſtimmtheit. »Ich auch nicht,« ſagte Camill.»Ich kenne einen Maire, welcher den Civilact vollziehen, und einen Prieſter, der mich vor dem Antlitz des Himmels vermälen wird, und Beide werden aus Liebe zu mir die Sache geheim halten, bis es Joſephinen gefallen wird, dieſes Geheimniß nicht länger zu beobachten.« »Und wer iſt dieſer Prieſter, Camill?« fragte Jo⸗ ſephine. »Es iſt ein alter Pfarrer in der Nähe von Frejus. Er war mein Lehrer und der Maire iſt der Maire von Frejus, ebenfalls ein alter Freund von mir.« »Aber was um's Himmels willen willſt Du u ihnen ſagen?« »Das iſt meine Sache.« „Ich muß ihnen einige Gründe angeben, welche mich zwingen, meine Vermälung geheim zu halten. Natürlich werde ich ihnen einige Flauſen vormachen müſſen.« »O Camill, das will ich nicht, Du würdigſt Dich da⸗ durch herab.* »Das iſt allerdings wahr, aber ein Geheimniß läßt ſich einmal nicht auf andere Weiſe bewahren.“ »Nur müſſen es ſolche ſeyn, die Riemanden etwas ſcha⸗ den,« ſagte Laura gravitätiſch. 124 Von dieſem Tage an begann Camill nicht blos zu ſprechen, ſondern auch zu handeln. Er kaufte eine leichte Ca⸗ leſche und ein kräftiges Pferd und nahm das Factotum Dard zu ſeinem Groom an. Dann fuhr Camill nach Frejus und erzählte dem alten Pfarrer und dem Mire eine erſonnene Geſchichte und dieſe ſeine alten Freunde glaubten jedes Wort, was er ſagte, und verſprachen ihm bereitwillig ihre Dienſte und ſtrenge Verſchwiegenheit. Er erzählte den jungen Damen, was er gethan. Laura billigte es. Joſephine ſchüttelte den Kopf und als ſie ſah, daß die Sachen gingen, wie ihr Herz wünſchte und ihr Gewiſſen nicht ganz mißbilligte that ſie plötzlich als ob die ganze An⸗ gelegenheit ſie faſt gar nichts anginge und verhielt ſich paſſiv und ließ ſich von Laura und Camill ſo zu ſagen überrumpeln, ohne ſelbſt wirklichen Antheil an den Schritten dieſer Beiden zu nehmen. Endlich brach der große Tag an, an welchem Camill und Joſephine in Frejus vermält werden ſollten. Der Maire erwartete ſie um eilf Uhr. Der Pfarrer um zwölf. Die Fa⸗ milie war auf dieſen Ausflug durch mehre kleinere vorbereitet worden. Laura verkündete ihre Abſicht über Nacht. »Mama,“ ſagte ſie ein wenig erröthend,„Oberſt Du⸗ jardin will die Güte haben, mit uns morgen nach Frejus zu fahren. Es iſt ein wenig weit und wir müſſen zeitig frühſtü⸗ cken, ſonſt ſind wir zum Diner nicht wieder da.« „Ja, das wollen wir thun, mein Kind. Ich hoffe, Ihr werdet ſchönes Wetter haben, nehmt aber deſſenungeachtet einige große Tücher mit, im Fall es doch regnen ſollte.« »Wir werden es nicht vergeſſen, Mama.« * 125 Um ſieben Uhr am nächſten Morgen tranken Camill und die beiden jungen Damen ſchnell einige Taſſen Kaffeh, anſtatt eigentlich zu frühſtücken, und dann kam Dard mit der Caleſche vorgefahren. Die Damen ſtiegen ein und Camill hatte eben die Zügel in die Hand genommen, als Jacintha ihnen von der Haus⸗ flur aus zuſchrie: »Warten Sie noch einen Augenblick, Oberſt— warten Sie einen Augenblick— der Doctor! Vergeſſen Sie doch den Doctor nicht!« und im nächſten Augenblick erſchien Saint⸗ Aubin mit ſeinem Mantel auf dem Arm, grüßte die Damen höflich und ſetzte ſich ruhig in den Wagen, ehe noch die Ge⸗ ſellſchaft ſich von ihrer Ueberraſchung erholt hatte. »Wohin werden wir das Vergnügen haben, Sie zu bringen?“ fragte Camill und biß ſich auf die Lippe. „Nach Frejus,« antwortete er. Joſephine erſchrak. Camill vermochte ſeine geheime Wuth kaum zu un⸗ terdrücken. Er peitſchte auf das Pferd los und die Reiſe ging fort. Es war eine wortkarge Fahrt. Der Doctor ſchien in Hinbrüten verſunken zu ſeyn. Die Andern wußten nicht, was ſie denken, noch viel weniger, was ſie ſagen ſollten. Saint⸗ Aubin ſaß neben Camill und dieſer konnte daher mit keiner der beiden Damen heimlich ein Wort ſprechen. Nun war der Doctor durchaus nicht gewohnt ſo früh⸗ zeitig aufzuſtehen, und dennoch fuhr er jetzt uneingeladen mit ihnen nach Frejus. Joſephine war außer ſich. War vielleicht durch irgend eine Unklugheit von Camill ihre Abſicht verrathen worden? 126 Camill war furchtbar unruhig. Er vermuthete, daß das Geheimniß durch weibliche Indiscretion verrathen worden ſeh. Dann zerſannen ſich Alle den Kopf über die Abſicht des alten Mannes. War es nicht höchſt wahrſcheinlich, daß er ſich zu ihnen geſellt hatte um eine heimliche Vermälung durch ſeine bloße Gegenwart zu verhindern, ohne eine Scene herbeizufüh⸗ ren und Joſephinens Stolz zu verletzen? Und wenn dem ſo war, war er dann auf ſeinen eigenen Antrieb hier? Rein, es ſtand eher zu fürchten, daß Alles dies auf Befehl der Baronin geſchehen ſey. Die ganze Sache verrieth eine Fineſſe, welche ganz aus⸗ ſah wie die eines Weibes, und die Baronin war ſehr wohl im Stande, von einem ſolchen Mittel Gebrauch zu machen, um dadurch ihren Stolz und den ihrer Lieblingstochter zu ſchonen. Heimlichkeiten ſind keine Zuckerlecken und nie befand ſich eine unglücklichere Geſellſchaft auf dem Wege zu einer Hochzeit. Nachdem ſie lange gewartet, daß der Doctor ſich ſelbſt erklären werde, wurden ſie endlich desparat und begannen eine Menge gleichgiltige Dinge zu ſchwatzen. Dies äußerte eine gute Wirkung. Saint⸗Aubin ward dadurch aus ſeinem Hinbrüten aufgerüttelt und es dauerte nicht lange, ſo gab er ihnen zu ihrer großen Ueberraſchung den folgenden Aufſchluß. „Ich erzählte Ihnen neulich, daß ein Reffe von mir ge⸗ ſtorben ſey, ein Reffe, den ich ſeit vielen Jahren nicht geſe⸗ hen. Geſtern Abend erhielt ich plötzlich eine Einladung, ſeinem Begräbniß beizuwohnen.« „In Frejus?* »Nein, in Paris. Die Einladung war ſo dringend, daß . ich mich genöthigt ſah, ihr Folge zu leiſten. Der Brief theilte mir zugleich mit, daß in Frejus uin eilf Uhr eine Diligence nach Paris durchgeht. Zum Glück fuhren Sie nach Frejus. Ich packte ſofort etwas Wäſche und mein Manuſcript, mein Werk über die Entomologie, zuſammen, welches bei meinem letzten Be⸗ ſuche in der Hauptſtadt alle Buchhändler ſo wahnſinnig wa⸗ ren, nicht kaufen zu wollen. Da iſt es. Apropos, hat denn Jacintha meinen Reiſeſack in den Wagen gelegt?« Sofort ward mit den Füßen wüthende Rachforſchung angeſtellt und der Sack gefunden. Mittlerweile lehnte ſich Joſephine mit einem dankbaren Seufzer auf ihren Platz zurück. Ihr lag mehr daran, nicht entlarvt, als vermält zu werden, Camill aber, dem mehr daran lag, vermält als nicht entlarvt zu werden, fragte ſich wüthend, wie ſie um's Himmels willen ſich zeitig genug des Doctors entledigen würden. Wie dies unter ſolchen Umſtänden gewöhnlich iſt, kam der Poſtwagen nicht zur rechten Zeit an, ſondern erſt lange nachher, und während ſie darauf warteten, verfehlten ſie ihr Stelldichein bei dem Maire und mochten ihr Stelldichein bei dem Pfarrer unmöglich. Mehr als alles Andere aber ſtand zu fürchten„daß Einer oder der Andere dieſer Freunde ſie aufſuchte und in der Meinung, der Doctor ſey in das Geheimniß eingeweiht, mit der ganzen Geſchichte herausplatzte. Endlich um halb Zwölf kam zu ihrer großen Herzens⸗ erleichterung die Diligence. Der Doctor ſchickte ſich an, im Innern ſeinen Platz einzunehmen, als der Conducteur ihm höflich mittheilte, daß die Diligence hier eine Viertelſtunde Halt mache. 128 »In dieſem Falle bleib ich noch bei meinen Freunden,« ſagte der Doctor liebreich. Einer ſeiner Freunde knirſchte über dieſen Beweis von Zuneigung die Zähne. Joſephine lächelte. Endlich war er fort, aber es fehlten nur noch zehn Mi⸗ nuten zu zwölf. Joſephine fragte liebenswürdig, ob es nicht beſſer ſeyn würde, die Sache bis auf einen andern Tag— das heißt auf immer zu verſchieben. Camill antwortete dadurch, daß er Beide ſo raſch als möglich zum Maire ſchleppte. Dieſer würdige Mann empfing ſie mit tiefer, obſchon etwas ſchüchterner Ehrerbietung und lud ſie ein, an einem reichlich beſetzten Tiſche Platz zu nehmen. Die Damen ſtanden aus Höflichkeit im Begriff, dieſer Aufforderung zu gehorchen, Camill aber bat, das Diner bis nach der Ceremonie zu ver⸗ ſchieben. Endlich waren ſie zu ihrer eigenen größten Verwunde⸗ rung vermält. Dann begaben ſie ſich mit dem Verſprechen, zurückzukommen und mit dem Maire zu ſpeiſen, zu dem Pfar⸗ rer. Aber ſiehe, dieſer war ausgegangen, um einen Kranken zu beſuchen. „Er hat ſehr lange auf Sie gewartet, ſagte die Magd. Joſephine war ſehr aufgeregt und verrieth Luſt, zu wei⸗ nen. Die Magd, ein gutmüthiges Mädchen, witterte eine Heirath und erbot ſich ſogleich, zu laufen, um den hochwür⸗ digen Herrn binnen wenigen Augenblicken zurückzubringen. Er dauerte auch nicht lange, ſo erſchien ein alter ſilber⸗ haariger Greis, der ſie Alle als ſeine Kinder anredete und dies auch ſo zu meinen ſchien. Er führte ſie in die Kirche und ſegnete ihr en Bund, und nun erſt war es Joſephinen, als 129 wenn der Himmel ſeine Einwilligung gäbe. Sie nahmen dann freundlich Abſchied von dem Geiſtlichen und kehrten zurück zum Maire, um bei dieſem zu ſpeiſen, und unterwegs brachen Laura und Joſephine gleichzeitig in Thränen aus. Dies erfriſchte ſie und ſie glühten am Tiſche des Matre wie Roſen in Thau gebadet. Aber wie freudigen Herzens fühlten ſich Alle, als ſie wieder im Wagen ſaßen, um nach Beaurepaire zurückzufahren! Laura und Joſephine ſaßen, ſich umſchlungen haltend, auf dem Rückſitz. Camill drehte, die Zügel in der rechten Hand haltend, dem Pferde faſt den Rücken zu und lehnte ſich zu ihnen hinüber, ſprach mit Laura und ſah mit unausſprech⸗ licher triumphirender Zärtlichkeit ſein Weib an. Die Liebenden waren im Elyſium und Laura war nicht wenig ſtolz, daß ſie die ganze Sache ſo glücklich durchzuſetzen und zu Ende zu führen gewußt. Ihre Mutter empfing ſie bei ihrer Rückkehr mit großer und wie ihnen ſchien, ganz beſonderer Freundlichkeit. Sie hatte angefangen, um ſie beſorgt zu ſehn, ſagte ſie. Ihre Freund⸗ lichkeit gab ihren glücklichen Herzen einen Stich, den ſie nie zuvor empfunden. 3* Es waren ſeit dem vorſtehend erzählten Ereigniſſe ka um vierzehn Tage verfloſſen, aber welch eine Veränderung hatte ſtattgefunden! Camill war geſund und erfüllt von Liebe und Vertrauen; Joſephine ſtrahlte von ſtillem Glück und war ſchöner, als ſelbſt Laura ſich jemals erinnern konnte, ſie geſe⸗ hen zu haben. Eine milde Glorie von Liebe und Glück um⸗ glänzte ihr Haupt, ein neuer unbeſchreiblicher Reiz erblühte Wer lieben will. UI. 9 130 auf chrem Antlitz. Sie war nun Weib. Ihr Auge, welches frü⸗ her verſtohlen nach Camill zu blicken pflegte, verweilte jetzt ſchüchtern auf ihm— verweilte auf ihm mit einer gewiſſen Verwunderung, Ueberraſchung und Liebe, und wenn er in ihre Nähe kam oder an ihr vorüberging, ſo hätte ein ſcharfer Beobachter ſehen können, daß ſie von einem Wonneſchauer durchrieſelt ward. Ihrer Mutter ging ſie ſo viel als möglich aus dem Wege, denn ſie fühlte in ihrem Innern, daß ihr Antlitz zu glücklich ſeyn müſſe. Sie fürchtete dadurch den Kummer ihrer Mutter zu verletzen. Sie ſchämte ſich, ungetrübte Himmelswonne zu fühlen. Aber die Flut geheimen Glückes, in welcher ſie ſchwamm, trug alle bangen Ahnungen hinweg. Die beiden jungen Gat⸗ ten ſtahlen ſich fortwährend ſtundenlang hinweg, und bei die⸗ ſen Gelegenheiten hielt ſich Laura ebenfalls von ihrer Mutter entfernt, bis ſie wieder zurückkehrten. So wanderten die jungen Gatten Hand in Hand durch die Wälder von Beaurepaire, deren friſches Grün jetzt gerade hervorſproßte, und hörten den fernen Kuckuck, ſetzten ſich auf Moosbänke und flüſterten einander Worte der Liebe ins Ohr und entwarfen Pläne für eine ewige glückliche Zukunft und murmelten ihre tiefe Leidenſchaft und ihre faſt mehr als menſchliche Wonne. Alles dies und noch mehr konnten ſie thun, ohne den Anſtand zu verletzen. Dieſe ſüßen Duette wurden für Terzette gehalten, denn ſo oft die jungen Gatten zurückkamen, ſchaute Laura nach ih⸗ nen aus oder ging ihnen eine Strecke weit entgegen, und dann kamen ſie alle Drei wie von einem gemeinſchaftlichen Ausfluge zu der Baronin zurück. Und wenn ſie dann in ihr Schlafzim⸗ —————— 131 mer hinaufgingen, ſchlang Joſephine ihren Arm um den Hals ihrer Schweſter und ſeufzte. »Das iſt nicht Glück— das iſt Glückſeligkeit!« Mittlerweile trauerte die Baronin immer noch um Rah⸗ nal. Ihr Kummer ſchien ſich nicht mindern zu wollen. Laura kam es zuweilen ſogar vor, als ob ſie nicht blos bekümmert, ſondern auch unzufrieden ausſähe; wenn ſie ſich die Sache jedoch reiflicher überlegte, ſo brachte ſie dies auf Rechnung ih⸗ rer eigenen Phantaſie oder des Contraſtes, der jetzt ſich durch die ſtrahlende ſtille Heiterkeit ihrer Schweſter herausgeſtellt hatte. Laura ſelbſt war, wenn ſie ſich Tag für Tag Stunden lang allein ſah, traurig und dachte an Eduard. Und dieſes Gefühl ward mit jedem Tage ſtärker. Endlich eines Nachmittags ſchloß ſie ſich in ihr Zimmer ein und nach einem langen Kampfe mit ihrem Stolze, der, wenn auch nicht unbezähmbar, doch dies beinahe war, ſttzte ſie ſich nieder, um einen kleinen Brief an Eduard zu ſchreiben. In dieſem Briefe ließ ſie an der Stelle, welche die Män⸗ ner den Gedanken widmen, welche ihnen ſpäter nocheinfallen, die Frauen aber denen, welche ſie für die ihnen ſpäter eingefalle⸗ nen Gedanken ausgeben möchten, das heißt für die, mit wel⸗ chen ſie während des ganzen Briefes beſchäftigt geweſen ſind, einen gleichgiltigen Wink fallen, daß die ganze Familie ihn ſehr vermiſſe— ſelbſt der Ihnen widerwärtigeOberſt, welcher, beiläufig geſagt, ſeine Dienſte jetzt einer andern Fahne widmet. Ich habe ihm dies verzie⸗ hen, weil er ſehr freundlich und artig von Ihnen geſprochen hat.« Laura las ihren Brief noch einmal durch um ſich zu überzeugen, daß alle hauptſächlichen Ausdrücke unklar ſeyen 132 und der ganze Brief mit Ausnahme der Nachſchrift einem del⸗ phiſchen Orakel gliche, als plötzlich ſchnelle Tritte nahten und an ihre Thür gepocht ward. „Herein!* rief ſie, und herein trat Jacintha in großer Aufregung. „Er iſt da, Fräulein Laura!« rief ſie und nickte mit dem Kopf wie eine chineſiſche Pagode, nur etwas ſchlauer. Dann ſetzte ſie hinzu:„Sie können daher den Brief immer verbrennen.« Denn ihr raſches Auge hatte den Tiſch über⸗ flogen. „Wer iſt denn da?« fragte Laura begierig. „Nun, Ihrer!« „Meiner? fragte die junge Dame erröthend,„was ſoll das heißen? „Nun der Kleine— Eduard— Herr Riviére.* „Herr Rividre!s rief Laura, indem ſie ſich angenehm überraſcht ſtellte,»das freut mich. Warum ſagſt Du das nicht gleich? Du ſprichſt in Ausdrücken, aus welchen ſich unmöglich abnehmen läßt, was Du meinſt. Ich werde ſogleich zu Herrn Rividre kommen. Meine Mama wird ſich ſehr freuen, ihn zu ſehen.* Als Jacintha fort war, zerriß Laura den Brief und ſchloß die Stücke ein. Dann eilte ſie vor den Spiegel. Eduard fühlte ſich ſo unglücklich, daß er es nicht länger aushalten konnte. Trotz ſeines Entſchluſſes, nicht wieder nach Beaurepaire zu gehen, ſo lange ein Nebenbuhler ſich dort be⸗ fand, machte er ſich doch auf den Weg dorthin, um zu ſehen, ob er ſich nicht ohne Grund gequält, vor allen Dingen, um das geliebte Antlitz zu ſehen. Jacintha führte ihn in das Speiſezimmer. St S 133 »Hier können Sie ſie gleich allein ſprechen,« ſagte die ſchlaue Jacintha. Er ſetzte ſich mit Hut und Reitgerte in der Hand nieder und war neugierig, wie er empfangen werden würde. Es dauerte nicht lange, ſo kam Laura in der freundlichſten Laune herbeigeſchwebt und reichte ihm die Hand, welche er mit Küſſen bedeckte. „Wie konnte ich nur ſo lange wegbleiben!« fragte er, wie über ſich ſelbſt ſich wundernd. „Ja wohl! Und wie haben wir Sie während dieſer Zeit vermißt 1* „Haben Sie mich auch vermißt?« fragte er begierig. „Ich? O nein,« entgegnete Laura ſchelmiſch,„aber die andern alle.* Plötzlich ſchien ſie ſich auf etwas zu beſinnen. „Ach, und was ich für eine Neuigkeit für Sie habe! Sie erinnern ſich doch noch des Oberſt Dujardin— des Ihnen ſo widerwärtigen Menſchen?« Eduard gab keine Antwort. „Denken Sie ſich nur, er hat ſeine Aufmerkſamkeiten auf Jemand Andern übertragen!s „Auf wen denn?* „Auf Joſephinen und Mama. Aber ſo ſind die Solda⸗ ten. Er wollte ſich blos Ihrer entledigen. Nachdem er dies in Folge Ihres Mangels an Muth glücklich durchgeſetzt, ver⸗ ſchmäht er die reiche Beute. Nun aber verſchmähe ich ihn ebenfalls— wollen Sie einen Spazirgang mit mir machen?8 „Ja wohl, recht gern. »Kommen Sie, wir wollen gehen und uns nach mei⸗ nem Deſerteur umſehen. Aber ſagen Sie mir einmal: Kann ich mich eigentlich nicht beim Obergeneral darüber beſchweren? Ein Soldat hat doch nicht das Recht, ein Deſerteur zu wer⸗ 134 den— wie? Sagen Sie mir das einmal, denn Sie ſind ja auch Diplomat und wiſſen Alles— ausgenommen— ha! ha! ha!“ „Iſt es nicht ſehr unrecht von Ihnen, mich heute zu necken?* „Ja allerdings, aber laſſen Sie mich nur machen. Ich finde einmal Gefallen daran. Ich habe in der letzten Zeit ohne⸗ hin wenig Amüſement gehabt.« „Nun gut, ja, Sie ſollen mich necken. Ich fühle, daß ich keine Barmherzigkeit verdiene.« Sobald ſie in aller Form Erlaubniß erhalten, ihn zu necken und zu quälen, verfiel ſie augenblicklich in das entge⸗ genſetzte Extrem und begann ihm zu erzählen, wie ſehr ſie ihn vermißt und wie leid es ihr gethan, daß etwas vorgefallen ſey, was ihren guten Freund unangenehm berührt habe. Kurz Eduard verlebte einen herrlichen Tag, denn Laura führte ihn einen Weg, anf welchem ſie Joſephinen begegnen mußten. Als die ganze Geſellſchaft beiſammen war, erloſchen auch die letz⸗ ten Funken der Eiferſucht, denn Joſephine war jetzt Weib und hatte ſchon angefangen, Camill alle ihre kleinen Ge⸗ heimniſſe mitzutheilen und ihm die ganze Geſchichte von Eduard und Laura erzählt und ihm die Inſtructionen ertheilt. Des⸗ halb begegnete er Laura in Eduards Gegenwart mit Ehrer⸗ bietung, erwies ihr aber keine beſondere Aufmerkſamkeit. Ge⸗ gen Rivière war er freundlich und geſprächig und dieſer, der nun keinen Argwohn mehr gegen ihn fühlte, begann Gefallen an ihm zu finden. Im Laufe des Abends theilte der Oberſt der Baronin mit, daß er jeden Tag Befehl erwarte, ſich zur Rheinarmee zu begeben. Eduard ſpitzte die Ohren. 135 Die Baronin ſagte richt mehr, als die Höflichkeit vor⸗ ſchrieb. Sie nöthigte ihn nicht zu bleiben, ſondern betrachtete ſeine Abreiſe als etwas, was ſich von ſelbſt verſtünde. Spät am Abend ritt Riviére in der beſten Laune nach Hauſe. Den nächſtfolgenden Tag zeigte Laura ein ganz anderes Benehmen als in der letzten Zeir. Sie ſang und trällerte und ging im Hauſe herum wie ein zwitſcherndes Vögelchen. Mitten in einem ihrer Liedchen miſchte Jacintha ſich ein. „Still! ſtill! gnädiges Fräuleinl Ihre Mama, ſie kommt den Corridor herauf.* „Ach, wo habe ich denn die Gedanken!« rief Laura in vorwurfsvollem Tone.»Gar zu ſingen!« „O, werden ſchon wiſſen, wo Sie Ihre Gedanken ha ben, gnädiges Fräulein, Sentgegnete die bevorrechtete Dienerin. „Es iſt ein Brief mit guten Nachrichten von Saint⸗Au⸗ bin eingetroffen. Jene Einladung zu dem Begräbniß ſeines Neffen war nicht ohne Grund.« Der genannte Reffe war ein reicher Mann und ein Son⸗ derling geweſen, einer von den Menſchen, die gern Andere überraſchen und es nicht leiden können, wenn man ihre Schritte vorausſieht und darauf rechnet. Ueberdies hatte er keine Kinder und bemerkte, daß ſeine Reffen und Nichten plötz⸗ lich höflich und aufmerkſam gegen ihn wurden.„Die denken mich einmal zu beerben!« dachte er und machte ein Teſtament und bot dadurch ſo viel ihm möglich war den Geſetzen der Natur Trotz. Denn er richtete es ſo ein, daß ſein Reichthum rück⸗ wärts floß anſtatt vorwärts. Er vermachte ſeine Beſitzthü⸗ mer einem Vorfahrer anſtatt einem Nachkommen. Alles dies erzählte der Doctor mit einem Humor und 136 mit jener Ruhe, womit ein echter Philoſoph das Glück eben hinnimmt wie das Unglück. Nur einen einzigen Umſtand bedauerte er— daß nem⸗ lich dieſer Reichthum, da er ihm einmal beſchieden geweſen, nicht ein halbes Jahr eher in ſeine Hände gelegt ward. In Beaurepaire wußten ſogleich Alle, was ihr lieber alter Freund damit meinte. Er fügte hinzu, die Sache müſſe durch die Gerichtsbe⸗ hörden und Advocaten abgewickelt werden und es würden darüber wenigſtens zwölf Monate vergehen. Deshalb ſey er vor der Hand frei und ſie könnten ihn jeden nach ſeinem Briefe erwarten. Somit war hier abermals ein Grund zur Freude. „Ich freue mich ſehr,« ſagte Joſephine.»Nun iſt er vielleicht in den Stand geſetzt, ſeine arme gute Entomologie herauszugeben, welche die albernen Buchhändler nicht kau⸗ ſen wollten.« XIII. Es war ein ſchöner Junimorgen. Der Himmel war hei⸗ ter und fleckenlos blau. Die Blumen und Gebüſche ſtrömten Wohlgerüche aus und die Vögel erfüllten die Luft mit ihrem balſamiſchen Sang. An einem ſolchen Tage— ſo ruhig, ſo warm, ſo hell, ſo duftig, ſo harmoniſch— zu leben und jung zu ſehn, heißt glücklich ſeyn. Mit ſanfter Hand wiſcht er alle anderen Tage aus der Erinnerung hinweg, er lacht und Wolken und Regen und kalter Wind ſcheinen ſo weit entfernt und ſo unmöglich zu ſehn, wie Kummer und Noth. Camill und Joſephine hatten ſich fortgeſtohlen, ſchlen⸗ derten langſam vor dem Hauſe hin und her und athmeten die herrliche Luft, welche von Wohlgeruch und Melodie duftete, den blauen Himmel und ſüße Liebe. Laura war im Hauſe. Sie hatte die beiden iungen Gat⸗ ten allerdings vermißt, glaubte aber, ſie müßten in der Nähe ſeyn, denn früh am Tage machten ſie ſelten lange Spazir⸗ gänge. Als ſie Jacintha auf dem Platze vor der großen Treppe begegnete, fragte ſie dieſelbe, wo ihre Schweſter ſey. »Madame Raynal iſt ſpaziren gegangen, Fräulein Laura.* „Allein?« »O nein. Sie nahm den Oberſten mit. Sie wiſſen ja, daß ſie jetzt ſtets den Oberſten mitnimmt. »Es iſt gut. Du kannſt deine Arbeit fertig machen.« Jacintha ging in Camills Zimmer. Laura, welche, ſo lange Jacintha zugegen war, ein ganz ernſtes Geſicht gemacht hatte, fing nun an zu lachen. Sie wiederholte ſogar Jacintha's Worte und kicherte darüber: »Sie wiſſen, daß ſie jetzt allemal den Oberſten mitnimmt— ha! ha! ha!« „Laura!« rief eine ferne Stimme. Laura ſah ſich um und ſah die Baronin langſam und mit auf den Boden gehefteten Augen den Corridor herauf auf ſie zukommen. Laura machte ſogleich wieder ein ernſthaftes Geſicht und ging ihr entgegen. »Ich wünſche mit Dir zu ſprechen, meine Tochter.« „Ja, Mama.« »Wir wollen uns niederſetzen. Es iſt hier ſchön kühl.« Laura eilte fort und holte einen Seſſel ohne Lehne, aber gut gepolſtert, und ſtellte ihn an die Wand. Die alte Dame 138 nahm Platz und lehnte ſich zurück und ſah Laura ſchweigend eine gute Weile an. Dann ſagte ſie: »Es iſt noch Platz für Dich— ſetze Dich mit her, liebe Tochter.* »„Ja, Mama.* »Ich wünſche ernſthaft mit Dir zu ſprechen.« „Ja, liebe Mutter. Was gibt es?« »Drehe Dich einmal herum und laß mich dein Geſicht ſehen.* »Da, Mama!s »Vielleicht kannſt Du errathen, was ich im Begriff ſtehe, zu ſagen.“ „Nein, es gibt ja ſo viele Dinge.« »Nun denn, ich möchte eine Frage an Dich richten.« „Ja, Mama.* „Ich bitte Dich, mir den ſonderbarſten und unbegreif⸗ lichſten Umſtand zu erklären, der mir jemals vorgekommen iſt. Willſt Du dies deiner Mutter zu Gefallen thun?« „»O Mama, natürlich werde ich Dir Alles zu Gefallen thun, was ich kann, aber ich weiß wirklich nicht, worauf Du anſpielſt.* „Ich ſtehe im Begriff, es Dir zu ſagen.« Die alte Dame ſchwieg. Die junge fühlte ſich von einem Schauer unklarer Befürchtung durchrieſelt. „Laura,« ſagte die alte Dame in ſanftem, aber feſtem Tone, und indem ſie jedes ihrer Worte auf eigenthümliche Weiſe hervorhob, während ihr Auge wie ein eiskalter Bohrer auf dem Geſicht ihrer Tochter ruhte,„vor nicht langer Zeit, als mein armer Raynal— unſer Wohlthäter— noch lebte — und ich glücklich war— verbittertet Ihr Alle meine frohe Stimmung durch eure Riedergeſchlagenheit. Das ganze Haus 139 ſchien ein Trauerhaus zu ſeyn— ſage mir: Warum war dies ſo? »Mama,* ſagte Laura, nachdem ſie einen Augenblick lang gezögert,„wir hätten ſchwerlich heiter ſeyn können. Wir hatten ja einen Patienten im Hauſe. Und wenn Oberſt Ray⸗ nal auch lebte, ſo war er doch abweſend und in Gefahr.« »Alſo aus Rückſicht für ihn waren wir Alle nieder⸗ geſchlagen?« »Warum nicht?« ſagte Laura mit unſicherer Stimme. Sie wünſchte ſich Glück, daß der Argwohn ihrer Mutter ſich auf vergangene Ereigniſſe beſchränkte. »Gut,* ſagte die Baronin,„in dieſem Falle aber ſage mir, wie es kommt, daß ſeit jenem Unglückstage, an welchem die Nachricht von ſeinem Tode bei uns eintraf, das ganze Haus ſchwarze Kleidung angelegt hat, und dennoch die Trauer abgelegt zu haben ſcheint?« »Mama, ſtammelte Laura»was meinſt Du eigentlich?« „Selbſt der arme Camill, der ſo bleich und abgezehrt iſt wie durch einen Zauberſchlag geneſen.« »O Mama, iſt das nicht blos Einbildung von Dir?“ »Hm! Es kann ſeyn— oder es kann nicht ſehn, aber das Uebrige iſt doch wahr. Ich habe die Veränderung geſe⸗ hen. Anfangs traute ich meinen Sinnen nicht und deshalb ſagte ich nichts. Ich wartete, um mich zu überzeugen und nun bin ich überzeugt. Alſo ſage mir's! Du zögerſt? Iſt es dahin gekommen? Hat mein jüngſtes Kind Geheimniſſe vor mir?* »O Mama, ich bitte Dich, ſchilt mich nicht aus! Du brichſt mir das Herz! Was glaubſt Du von mir? Kannſt Du glauben, ich ſey gefühllos oder undankbar? Dann wäre ich nicht deine Tochter.« war 140 »Mein Kind,« ſagte die Baronin,„ich habe Dich nicht ausgeſcholten; im Gegentheile, ich ſehe, daß Du mit deinem Trauerkleide auch eine bekümmerte Miene anzunehmen ſuchſt. Meine Laura beſitzt zu viel richtigen Sinn, als daß ſie das nicht thun ſollte.« „Ich danke Dir, Mama,« ſagte Laura demüthig. „Aber, mein armes Kind, Du thuſt dies auf ſo unge⸗ ſchickte Weiſe, daß ich fortwährend eine entſetzliche Heiterkeit durch dieſe dünne Verkleidung hindurchbrechen ſehe. Ihr ſeyd keine echten Leidtragenden. Ihr gleicht den bezahlten Klage⸗ weibern bei Begräbniſſen mit erzwungener Trauer auf euern Geſichtern und furchtbarer Freude in eurem Innern.* „Trala! lalla, la! Trallallera, trallarallera!s trällerte Jacintha dicht daneben in dem Zimmer des Oberſten. Die Damen ſahen einander an. Laura gerieth in große Verwirrung. „Trallallera! Trallallera!« „Jacintha!« rief Laura in zornigem Tone. „Still! ſage ihr kein Wort,s entgegnete die Baronin, und als Jacintha in Gemäßheit des Rufes auf der Schwelle erſchien, trug ſie ihr auf, ihr eigenes Zimmer aufzuräumen. „Warum ſollen wir ſie zur Rede ſetzen? Dienſtleute haben die Natur des Chamäleons und nehmen den Ton derer an, welchen ſie dienen. Weine nicht! Ich ſuche dein Vertrauen, aber nicht deine Thränen, liebes Kind Alſo, ich will Dich nicht zweimal in einem Tage um dein Herz bitten. Die Mut⸗ ter würde ſich dadurch erniedrigen und der Tochter den Schmerz bereiten, es zu verweigern, ſo wie die ſicherlich der⸗ einſt kommende Reue, es verweigert zu haben. Ich will ſelbſt hinter die ganze Sache zu kommen ſuchen. Küſſe mich, mein Kind.* 141 „O Mama, Mama!«* „Na, trockne deine Thränen und gehe hinaus in den Garten— der Tag iſt gar ſo ſchön. Ich werde die Sache ſchon ermitteln, ohne Dich weiter zu quälen, mein liebes Kind. Doch noch Eins! Du kannſt Allen, welche mich achten, ſagen, es werde nicht unangemeſſen ſeyn, wenn ſie wenigſtens verſuchen, den Tod meines theuern Sohnes zu betrauern.« ** „Ja, Camill,« ſagte Joſephine,„Alles iſt herrlich, Alles iſt glücklich, aber dennoch drängt ſich mir fortwährend ein trauriger Gedanke auf— Du wirſt mich verlaſſen.« „Heute aber noch nicht.« „Das iſt ſo eine Redensart der Soldaten.« „Allerdings,« ſagte Camill.»Wir ſind einmal ſelten eines Tages ſicher— ich meine, wenn wir unter den Waffen ſtehen.* „Mußt Du denn überhaupt fort? Mußt Du denn wie⸗ der das Leben riskiren, von welchem auch das meine ab⸗ hängt?* „Liebe Joſephine, der Brief, den ich vor zwei Tagen aus dem Hauptquartier erhielt, jene Frage, ob meine Wunde geheilt ſey— war ein zu verſtändlicher Wink, als daß ein Soldat ihn nicht hätte verſtehen ſollen.* „Camill, Du biſt ſehr ſtolz,« ſagte Joſephine im Tone des Vorwurfes, aber zugleich mit einem Blick des Beifalles. „Ich muß wohl. Bin ich nicht der Gatte der ſtolzeſten Frau in Frankreich?“ „Still, ſtill, nicht ſo laut!— dort t iß Dard auf dem Grasplatze.« 142 „Dard!« murmelte der Soldat in bedeutungsvollem Tone. Es trat plötzliches Schweigen zwiſchen den jungen Gat⸗ ten ein. Camill brach es. „Joſephine, ſagte er ein wenig ärgerlich,„wie lange ſollen wir noch unſere Stimmen dämpfen und unſere Blicke von einander abwenden und uns unſeres Glückes ſchämen?“ „Noch fünf Monate, nicht wahr?s antwortete Joſephine ruhig. „Noch fünf Monate!“ „Iſt dies auch recht, Camill? denke an die Zeit vor zwei Monaten, ja, ja— vor zwei Monaten warſt Du noch dem Tode nahe. Du zweifelteſt an meiner Liebe, weil ſie meine Tugend und meine Dankbarkeit nicht beſiegen konnte, und dennoch hätteſt Du ſehen können, daß ſie an meinem Leben nagte. Der arme Raynal, mein armer Gatte, mein Wohl⸗ thäter, ſtarb. Nun konnte ich mehr für Dich thun, wenn auch nicht mit Zartgefühl, doch mit Ehren, aber nein, Worte und Blicke und zarte Liebesdienſte waren nicht genug— ich mußte ſtärkere Beweiſe geben. Lieber Camill, ich bin in einer ſtren⸗ gen Schule erzogen und vielleicht kann Keiner von deinem Ge⸗ ſchlecht wiſſen, welche Ueberwindung es mir an jenem Tage koſtete, mit dem Manne, den ich liebte, nach Frejus zu fahren.« „Meine Joſephine!« „Ich ſtellte dabei eine einzige Bedingung, daß Du mir nicht die Achtung meiner Mutter raubteſt, denn ihr würde eine ſolche Vermälung als etwas Ungeheuerliches, als etwas Herzloſes erſcheinen. Du willigteſt ein, ſechs Monate lang im Stillen glücklich zu ſeyn. Jetzt ſind erſt vierzehn Tage vergan⸗ gen und Du biſt ſchon unzufrieden.« 2 143 »O nein, glaube das nicht. Es iſt wahr, ich bin ein un⸗ dankbarer Böſewicht.« »Du, Camill? Wie kannſt Du ſo etwas ſagen? Und zu mir! Rein! ich habe nachgedacht und den Grund von allem dieſen entdeckt. Du biſt ein Mann!!!« »Das hat man mir allerdings geſagt, aber mein Ver⸗ halten gegen Dich iſt nicht immer das eines Mannes geweſen. Und dennoch könnte ich lächelnd für Dich ſterben. Wenn ich aber bedenke, daß ich einmal dieſe frevelnde Hand gegen dein Leben erhob— ol« „Ach, ſchweig doch davon, Camill! Ich liebe Dich nur um ſo mehr, weil Du mir aus Liebe das Leben nehmen wollteſt.« »Um deſto ſchmachvoller iſt es von mir, wenn ich, der ich jetzt dein Gatte bin—* »Still!«— »Unzufriedenheit blicken laſſe. Es iſt dies ein Verbrechen von mir!« „Ich ſage Dir aber, thörichter Menſch, Du biſt ein Mann. Du gehörſt zu dem ſtolzen Geſchlecht, welches gewohnt iſt, ſtets ſeinen Willen zu haben. In einer Welt voll Leiden ſte⸗ hen hier zwei Perſonen, welche verurtheilt ſind, noch einige wenige Monate im Stillen glücklich zu ſeyn. Dies ſcheint für Dich als Mann ein hartes Los zu ſehn, aber im Gegenſatz zu dem, welches mir früher beſchieden war, iſt es ſo ſüß, daß ich deine Unzufriedenheit nicht theilen kann,« und ſie lächelte heiter. »Dann theile mein Glück, theures Weib!« »Still, ſtill, nicht ſo laut.« »„Nun, Dard iſt ja fort und wir ſind außerhalb des Hauſes. Die Vögel werden uns nicht verrathen.« 144 „Aber die untern Fenſter ſtehen offen und ich ſah Jacin⸗ tha in einem der Fenſter.“ „Jacintha? Müſſen wir uns denn ſogar vor den Die⸗ nern fürchten? Wohlan, wenn ich es nicht laut ſagen darf, ſo will ich es wenigſtens recht oft ſagen,« und er legte ſeinen Mund an ihr Ohr und flüſterte:»Meine Liebe! mein Engel! mein Weib! mein Weib! mein Weib!* Sie richtete ihre ſchwimmenden Augen auf ihn. „Mein Gatte!« flüſterte ſie zur Erwiederung. Laura kam heraus und fand ſie faſt buchſtäblich girrend und ſich ſchnäbelnd. Sie ſchaute ihnen in die freudeſtrahlen⸗ den Augen und ſagte verdrießlich: „Ihr dürft nicht ſo glücklich ſeyn, Ihr Beiden! „Wir können aber einmal nicht anders.« „Ihr müßt aber anders können. Joſephine unſere Mut⸗ ter hat mir Vorwürfe über die Freude gemacht, welche ſie um ſich her ſieht. Sie argwohnt.“ „Sie hat mit Dir geſprochen? Deine Augen ſind roth. Hat ſie mein Geheimniß entdeckt?“ „Nein, ſo ſchlimm iſt es nicht. Kommt ein wenig von dem Hauſe mit hinweg und ich will es Euch erzählen.« „Im Grunde genommen,« ſagte Laura, ſobald ſie den Park betreten hatten,„ſollten wir ihr eigentlich die Wahrheit nicht länger verhehlen. Sie wird uns verzeihen. „Nehmen Sie ſich in Acht, Laura,« ſagte Camill ſchel⸗ miſch,„eben habe ich ſie durch ein ſolches Wort beleidigt.« „Wie kann ich meiner Mutter ein ſolches Geſtändniß machen, ehe noch ſechs Wochen nach dem Tode meines Gatten verfloſſen ſind?« „Sage nicht deines Gatten,« warf Camill zuſammenzu⸗ ckend ein.»Der Prieſter hat jenen Bund nicht beſtätigt. Worte 145 von einer weltlichen Behörde geſprochen, machen vor den Augen des Himmels keine Ehe.« Joſephine unterbrach ihn. „Unter ehrenwerthen Männern und Frauen iſt ein Eid ſo heilig wie der andere und das Auge des Himmels ſcheinte in das Zimmer einer weltlichen Behörde eben ſo wie in eine Kirche. Eine Tochter aus dem Hauſe Beaurepaire ſchenkt dem Capitän Raynal ihre Hand und nannte ſich ſein Weib. Des⸗ halb war ſie ſein Weib und iſt ſeine Witwe. Sie verdankt ihm Alles, unter andern auch das Haus, in welchem Ihr Alle wohnt. Sie ſollte ſtolz ſeyn auf ihren kurzen Bund mit dieſem reinen heldenmüthigen Geiſte, und wenn ſie ſo unedel iſt, ihn zu verleugnen, dann ſind Dankbaxkeit und Gerechtigkeit von der Erde verſchwunden.« »„Komm in die Capelle,« ſagte Camill in einem Tone, welcher verrieth, daß er ſich verletzt fühlte. Sie traten in die Capelle und ſahen hier etwas, was ſie nicht wenig überraſchte, nemlich ein marmornes Monumentzu Raynal's Andenken. Es lehnte jetzt noch an der Mauer un⸗ terhalb der Stelle, welche beſtimmt war, es aufzunehmen. Die kurze, aber bündige und gefühlvolle Inſchrift erzählte von den Schlachten, in welchen er gekämpft, mit Einſchluß des letzten unheilvollen Scharmützels, und ſeine Vermälung mit der Erbin von Beaurepaire, und in wenigen ſoldatiſchen Worten die Bie⸗ derkeit, Einfachheit und Großmuth ſeines Charakters. Die Schweſtern waren durch dieſen unerwarteten Zug von Camill ſo gerührt, daß ſie beide, wie von einem Im⸗ puls getrieben, ihre Arme um ſeinen Hals ſchlangen. »Habe ich vielleicht Unrecht, wenn ich ſtolz auf ihn Wer lieben will. III. 10 146 bin?« ſagte Joſephine triumphirend.»Hier haſt Du Dich ſelbſt überwunden, mein wackerer Soldat!* „Lobe mich nicht,« ſagte Camill, indem er ſeine Blicke verlegen zu Boden ſchlug.»Man bemüht ſich, gut zu ſeyn, aber es iſt ſehr ſchwer für Einige von uns, für Dich nicht, Jo⸗ ſephine, und im Grunde genommen iſt es doch nur die Wahr⸗ heit, was wir auf dieſen Stein geſchrieben haben. Der arme Raynal, er war mein alter Camerad, er rettete mich vom Tode und zwar nicht von einem Soldatentode, ſondern vor dem Ertrinken, und er war ein beſſerer Mann als ich bin oder jemals ſeyn werde. Jetzt, wo er todt iſt, kann ich das ſagen. Wenn ich es geſagt hätte, als er noch lebte, ſo würde mir dies mehr zur Ehre gereicht haben.« Alle weiteren Bemerkungen wurden durch zwei Arbeits⸗ leute abgeſchnitten, die mit einem Eimer voll flüſſigem Mörtel hereinkamen, um die Marmorplatte an der Wand zu befeſti⸗ gen. Camill und die Damen kehrten nach dem Hauſe zurück und dann, da das Lob Camill unbehaglich zu machen ſchien, kamen ſie natürlich auf etwas Anderes zu ſprechen. Laura erzählte ihnen nun alles, was zwiſchen der Ba⸗ ronin und ihr geſprochen worden. Als Laura auf die wirkli⸗ chen Einzelnheiten dieſer Converſation, auf die Worte und Blicke und den Ton zu ſprechen kam, erreichte Joſephinens Unruhe einen überwältigenden Grad. „Wir haben den Scharfblick meiner Mutter nicht genug gewürdigt. Was ſoll ich thun?“ „Es iſt beſſer, wir ſagen es ihr, als daß wir ſie ſelbſt dahinterkommen laſſen,« ſagte Laura.»Einmal müſſen wir es ihr doch ſagen.« Endlich nach einer langen und aufgeregten Discuſſion ree 147 willigte Joſephine ein, doch mußte Laura ſich anheiſchig ma⸗ chen, dieſe ſchwierige Miſſion zu übernehmen. „Auf dieſe Weiſe wirſt Du Dich wenigſtens mit Mama ausſöhnen,« machte Joſephine vorſtellig,„und nun wollen wir hineingehen und es thun, ehe uns der Muth wieder entſinkt. 3 Außerdem wird es auch gleich anfangenzu regnen und es iſt kalt 1 geworden. Wo ſind nur auf einmal alle dieſe Wolken herge⸗ kommen? Vor einer Stunde noch war auch nicht eine einzige ² zu ſehen.* Sie gingen mit zögernden Schritten und ſchuldbewußten Blicken in den Salon. Ihre Mutter war nicht da. Dies war 6 eine Friſt. Laura hatte eine Idee. »Nein,« ſagte ſie,„hier will ich es ihr nicht ſagen. Ich will ſie bitten, mit mir einen Spazirgang zu machen und dann werde ich ſie in die Capelle führen und ihr das Monument zeigen und dann wird ſie ſich über den armen Camill ſehr 5 freuen und dann will ich es ihr ſagen. Wenn ihr Herz weich ge⸗ worden iſt, werde ich damit anfangen, ihr das Elend zu ſchil⸗ dern, welches Ihr Beide zu ertragen gehabt, und wenn ſie dann Euch bemitleidet, dann werde ich ihr beweiſen, daß nur durch meine Schuld eurem Elende durch eine geheime Vermälung ein Ende gemacht ward.« »Ach, Laura, Du biſt mein Schutzengel. Ich ſchaudere vor dem, was uns bevorſteht. Es iſt ſehr gut von Dir, daß Du den Sprung für uns in die kalte Flut thuſt. Indeſſen, der morgende Tag muß kommen. Morgen werden wir dann keine angenommene Rollen mehr ſpielen oder unſer Herz 1 vor unſerer Mutter verbergen. Es wird wie eine Rückkehr zur Natur ſeyn, wenn wir wieder ganz offen gegen ſie ſind, wie Gcheeiheht wir bis voriges Jahr zu ſeyn pflegten.« * 148 Laura war hiemit einverſtanden und die Verſchworenen ſaßen da und warteten auf die Baronin. Endlich als ſie nicht kam, erhob ſich Laura, um zu ihr zu gehen. „Wenn man einmal einen Entſchluß gefaßt hat, ſo nützt es nichts, die Ausführung desſelben feig zu verſchieben,« ſagte ſie mit feſter Stimme. Dennoch aber war die Röthe faſt voll⸗ ſtändig von ihrer Wange weggewichen, als ſie mit dieſem Ent⸗ ſchluß ſich von ihrem Stuhle erhob.„ Als Laura den langen Salon hinabſchritt, um den ver⸗ einten Entſchluß auszuführen, traf es ſich, daß Jacintha zur Thür hereinſchaute. Nachdem ſie ſich ſchnell umgeſchaut um zu ſehen, wer zugegen wäre, wartete ſie, bis Laura auf ſie zukam und dann zog ſie einen Brief unter ihrer Schürze her⸗ vor und gab ihn ihr. „Ein Brief an die gnädige Frau Baronin,« ſagte ſie mit geheimnißvoller Miene. „Nun, warum trägſt Du ihn dann nicht zu ihr?“ „Ich dachte, Sie würden ihn erſt ſehen wollen, Fräu⸗ lein,« ſagte ſie mit ruhiger Bedeutſamkeit. „Es iſt ein Brief an unſere Mutter. Joſephine,« ſagte Laura,„weiter nichts.* „Iſt er von dem guten Doctor?« fragte Joſephine. „Nein, gnädiges Fräulein,« ſagte Jacintha.„Wiſſen Sie denn noch nicht, daß der Doctor wieder da iſt? Er iſt ſchon ſeit ziemlich einer Stunde im Hauſe. Er iſt bei der gnä⸗ digen Frau.« In dieſem Augenblick trat der Doctor herein. 149 Laura legte den Brief weg und begann eben ſo wie die Andern den Doctor freundlich willkommen zu heißen. Als ſie ihm Alle die Hand gedrückt und ihn wiederholt begrüßt hatten, beſann ſich Laura wieder auf den Brief und nahm ihn vom Tiſche, um ihn zu ihrer Mutter zu tragen. Zu⸗ gleich ſah ſie ihn genauer an, ſtieß einen Ruf der Ueberra⸗ ſchung aus und winkte eilig dem Doctor. Er näherte ſich ihr und ſie gab ihm den Brief in die Hand. Er ſetzte ſeine Brille auf und betrachtete ihn. »Jals flüſterte er;»er iſt von ihm.« Joſephine und Camill ſahen, daß etwas vorging und näherten ſich daher mit Neugier in ihren Zügen. Laura legte ihre Hand auf einen kleinen Tiſch in ihrer Nähe und ſtützte ſich einen Augenblick lang darauf. Es ward ihr ſo ſonderbar zu Muthe bei dem Anblick eines Briefes, der von einem Todten kam. „Laura, liebe Schweſter,« rief Joſephine beſtürzt,»was gibt es?« „Meine armen Freunde,« ſagte der Doctor feierlich, „dies iſt eines jener furchtbaren Dinge, die Sie in Ihrem kur⸗ zen Leben noch nicht geſehen, die ich aber ſchon mehr als ein⸗ mal erlebt habe. Die Schiffe, welche Briefe aus fernen Län⸗ dern bringen, ſegeln bald ſchneller, bald langſamer und ſind Zufällen unterworfen, durch welche ſie zuweilen aufgehalten werden. Ja, es iſt das dritte Mal, daß ich einen Brief an⸗ kommen ſehe, der von einer Hand geſchrieben iſt, von der man ſchon weiß, daß der Tod ſie auf immer gelähmt hat. Die Baronin iſt heute ein wenig aufgeregt, ich weiß ſelbſt nicht weshalb. Wenn Sie damit einverſtanden ſind, Madame Ray⸗ nal, ſo will ich dieſen Brief leſen, ehe ich ihn ihr ehen laſſe.« — — 150 „Ja, leſen Sie ihn, Doctor.“ „Soll ich ihn laut ſleſen?« „Ja wohl. Vielleicht iſt irgend ein Wunſch darin aus⸗ geſprochen und die letzten Wünſche eines Helden ſind heilig.« Camill zog ſich aus Zartgefühl einige Schritte zu⸗ rück und der Doctor las den Brief in leiſem, feierlichem Tone: »Meine theure Mutter,— ich hoffe, daß Alle in Beaurepaire ſo wohl auf ſind wie ich, oder wie ich vielmehr bald zu ſeyn hoffe. In unſerm letzten Scharmützel bekam ich eine Wunde, keine ſehr ge⸗ fährliche, obſchon ſie mir eine Zeitlang das Schrei⸗ ben unmöglich machte.« „Der arme Mann! Es war ſeine Todeswunde. Aber, wann iſt denn dieſer Brief geſchrieben?« Und der Doctor hielt inne und ſchien plötzlich höchlich betroffen zu werden.»Liebe Freunde, habe ich denn kein Ge⸗ dächtniß mehr, oder—« und er heftete ſeine Augen wieder auf den Brief.„Um Gottes willen, an welchem Tage fand denn das Treffen ſtatt, in welchem er ſeinen Tod fand,— dieſer Brief iſt vom fünfzehnten Mai datirt. Iſt es ein Traum? Rein, dieſer Brief iſt nach dem Tode des Schreibers geſchrieben.« „Nein, Doctor,« ſagte Camill eilig,»Sie irren ſich.« „Aber von welchem Tage war denn die Nummer des Moniteur?« fragte Saint⸗Aubin in großer Aufregung. „Von einem bedeutend ſpäteren als dieſem,« ſagte Camill. „Aberwenn auch— ſehen Sie denn nicht?— Wo iſtdas Blatt?* „Meine Mutter hat es eingeſchloſſen. Ich werde es ſo⸗ gleich holen.« „Nein, Laura, überlaſſen Sie das mir. Joſephine, 151 geben Sie nicht Hoffnungen Raum welche vielleicht in nichts zerrinnen. Ich ſage Ihnen aber offen, es iſt Hoffnung da. Ich muß ſogleich nach jenem Blatte ſehen. Bleiben Sie, wo Sie ſind, ich will zur Baronin gehen.“ Er eilte hinaus. Kaum war er fort, als ein Schrei des Entſetzens das Zimmer erfüllte— ein Schrei wie des Wahn⸗ ſinns, der wie ein Blitz auf einen menſchlichen Geiſt herab⸗ ſchmettert. Es war Joſephine, welche bis dieſen Augenblick noch kein Wort geſprochen. Sie ſtand, weiß wie eine Leiche, in der Mitte des Zimmers und rang die Hände. „Was habe ich gethan? Was ſoll ich thun? Es war der dritte Mai! Ich ſehe es mit feurigen Buchſtaben vor mir— der dritte Mai! der dritte Mai! Und er ſchreibt unterm fünf⸗ zehnten.* „Rein! nein!« rief Camill außer ſich.»Es war lange, lange nach dem Dritten.* „Es war der dritte Mai,« wiederholte Joſephine mit einer heiſern Stimme, die Niemand als die ihrige wieder er⸗ kannt haben würde. Camill eilte mit Worten des Troſtes und der Hoffnung auf ſie zu. Er theilte ihre Befürchtungen nicht. Er beſann ſich ungefähr, wann der Moniteur gekommen war, obſchon nicht genau auf den Tag. Er ſchlang ſeinen Arm liebend um ſie, wie um ſie gegen dieſe geſpenſtiſchen Schrecken zu ſchützen. Ihre ſich erweiternden Augen ſchienen auf etwas in Zeit oder Raum Entferntes geheftet zu ſeyn— auf etwas Entſetz⸗ liches, welches langſam auf ſie zukam. Sie ſah nicht, wie Camill ſich ihr näherte, in dem Augenblicke aber, wo ſie ihn fühlte, drehte ſie ſich raſch gegen ihn herum. 152 »Liebſt Du mich— Du?s fragte ſie immer noch in dem heiſern Tone, der ſo wenig von Joſephinen in ſich hatte. „O Joſephine!* »Miſcht ſich auch nur ein einziger Tropfen Achtung oder Tugend in deine Liebe zu mir?« »Was ſind das für Worte, mein Weib?« »Dann verlaß' Rahnal's Haus augenblicklich. Du wun⸗ derſt Dich, daß ich ſo grauſam ſeyn kann. Auch ich wundere mich, und daß ich in einem einzigen kurzen Augenblicke meine Pflicht ſo klar ſehen kann. Aber, Camill, ich habe zwanzig Jahre gelebt, ſeitdem dieſer Brief gekommen iſt. O, mein Hirn iſt durch tauſend Folterqualen hindurchgewirbelt, aber tauſendmal bin ich wieder auf ein und dasſelbe zurückgekom⸗ men— wir dürfen Keins des Andern Antlitz je wieder ſehen.« Camill warf ſich auf ſeine Knie nieder und flehte ſie an, dieſe Worte zurückzunehmen. »Nimm Dich in Acht!« kreiſchte ſie wie von Sinnen, »ich ſtehe am Rande des Wahnſinns. Kommt es Dir wohl zu, mich in den Abgrund hineinzuſtoßen? Wenn Du ein Mann von Ehre biſt, wenn ein Funken von Dankbarkeit gegen die Aermſte in Dir lebt, welche Dir Alles gegeben, nur nicht ihren makelloſen Namen— dieſen wird ſie Euch Allen zum Trotz mit ins Grab nehmen— dann verſprich mir, daß Du Raynal's Haus, wenn er noch am Leben iſt, augenblicklich verlaſſen und mich in Ehren ſterben laſſen willſt, wie ich ge⸗ lebt habe.« »Nein, nein« rief Camill,„das kann nicht ſeyn. Der Himmel iſt barmherzig und der Himmel ſieht, wie glücklich wir ſind. Seh ruhig— es ſind dies eitle Befürchtungen— ſey ruhig, ſage ich. Wohlan denn, meine arme Heilige, wenn es einmal ſo iſt, ſo will ich Dir gehorchen. Ich will bleiben, 153 ich will gehen, ich will ſterben, ich will leben. Alles, was Du mich thun heißeſt, will ich thun, meine arme Joſephine.« »Schwöre es mir bei dem, was Dir das Heiligſte iſt!« „Ich ſchwöre es bei meiner Liebe zu Dir.« Aufgeregte Stimmen ließen ſich an der Thür hören und die Baronin trat herein, und dicht hinter ihr der Doctor, welcher ſich vergebens bemühte, ihre Aufregung und ihre Hoff⸗ nungen zu zügeln. »O meine Kinder! meine Kinder!« rief ſie heftig zit⸗ ternd.„Hier, Laura, meine Hände zittern ſo! Nimm dieſe Schlüſſel, öffne dieſes Schränkchen. Darin liegt der Moni⸗ teur. Von welchem Tage iſt er?« »Vom zwanzigſten Mai.« »Da!* rief Camill,»ich ſagte es Euch gleich.« Die Baronin ließ ein mattes Stöhnen hören. Ihre Hoff⸗ nungen ſtarben wieder ſo ſchnell, als ſie geboren worden, und ſie ſank mit einem ſchmerzlichen Seufzer auf einen Stuhl nieder. Camill warf verſtohlen einen freudigen Blick auf Joſe⸗ phinen. Sie ſtand noch in derſelben Stellung da und ſtierte unverwandt vor ſich hin wie auf ein nahendes Schreckniß, Gleich darauf ſtieß Laura einen matten Schrei aus. »Das Treffen war vor dieſem Tage.* „Verſteht ſich,« rief der Doctor.»Sie vergeſſen, daß es nicht das Datum des Blattes iſt, worauf es hier ankommt, ſondern das des Kampfes. Um Gottes willen, wann war der Kampf?« »Am dritten Mails ſagte Joſephine mit einer Stimme, die aus dem Grabe zu kommen ſchien. Laura's Hände, welche das Blatt gefaßt hielten, fielen wie todte Gewichte auf ihre Knie herab. Sie flüſterte: 154 „Ja, am dritten Mail« »Ha!s rief die Baronin auffahrend.„Dann kann er noch leben. Er muß leben. Der Himmel iſt barmherzig! Der Himmel würde mir nicht meinen Sohn rauben— einer armen alten Frau, die nicht lange mehr zu leben hat. Es war doch ein Brief da! Wo iſt der Brief?« »Ja, der Briefl« rief der Doctor.»Ich hatte ihn. Er iſt meinen Fingern entſunken. Ich dachte an nichts als an das Zeitungsblatt.« Nach kurzem Suchen fand man den Brief zerknittert an der Thür liegen. Camill hob ihn auf und gab ihn der Ba⸗ ronin. „Leſen Sie— leſen Sie, alter Freund! Wir ſind aber Beide alt. Unſere Hände zittern und unſere Augen ſind trübe. Dieſer junge Herr da wird ihn uns vorleſen, ſeine Augen ſind nicht düſter und trübe. O, eine innere Stimme ſagt mir, daß ich, wenn ich dieſen Brief höre, erfahren werde, ob mein Sohn lebt. Warum leſen Sie ihn mir nicht vor, Camill?“ rief ſie faſt heftig. Camill gehorchte auf dieſe Weiſe gedrängt mechaniſch, und begann Raynal's Brief laut vorzuleſen, faſt ohne zu wiſſen was er that. „Meine theure Mutter!— ich hoffe, daß Alle in Beaurepaire ſo wohl auf ſind wie ich, oder wie ich vielmehr bald zu ſehn hoffe. In unſerm letzten Scharmützel bekam ich eine Wunde, keine ſehr ge⸗ fährliche, obſchon ſie mir eine Zeitlang das Schrei⸗ ben unmöglich machte. s „Weiter, lieber Camille, weiter!« „Die Seite iſt hier zu Ende, gnädige Frau.« Das Papier war dünn und Camill, deſſen Hand zitterte, 6 155 hatte Mühe, die Blätter von einander zu löſen. Endlich je⸗ doch gelang es ihm und er fuhr fort zu zittern und zu leſen: „Beiläufig erwähne ich, daß Sie Ihren näch⸗ ſten Brief an mich an den Oberſt Raynaladreſſiren müſſen. Ich ward kurz vor dem letzten Treffen be⸗ fördert, hatte aber nicht Zeit, es Ihnen zu melden.« »Da, dal« rief die Baronin.»Er war Oberſt Ray⸗ nal, und Oberſt Raynal ward nicht getödtet.« »Unterbrechen Sie mich nicht,« ſagte der Doctor. „Nein, mein Freund; leſen Sie weiter, Camill— warum zögern Sie? Was gibt's? Um's Himmels willen, leſen Sie weiter.« Camill warf einen verzweiflungsvollen Blick im Zimmer umher und legte ſeine Hand auf die Stirn, auf welcher große Schweißtropfen wie der Thau des Todes zu perlen begannen; von allen Seiten aber dem Scheiterhaufen entgegengetrieben, keuchte er mehr als er las, denn ſein Auge hatte die Zeilen ſchon bis an das Ende der Seite überflogen. „Ein Namensvetter von mir— „Commandant Rahynal— ha!« »Iſt nicht ſo glücklich geweſen; er—« „Weiter! weiter!« Der Unglückliche konnte kaum Rahnal's Worte hervor⸗ ſtottern, ſie entrangen ſich ihm nur wie ein halberſticktes Stöhnen. „— er fand ſeinen Tod, der arme Mann, wäh⸗ rend er einen tapfern Angriff auf die Flanke des Feindes ausführte.« Der Brief ward krampfhaft zuſammengeknittert und fiel auf die Diele nieder. „Gott ſegne Sie, Camill!« rief die Baronin,»Gott — 156 ſegne Sie! Ich habe noch einen Sohn! Geben Sie mir den koſtbaren Briefl« Sie bückte ſich begierig, hob ihn auf und küßte ihn wie⸗ derholt. »Dein Gatte lebt! Mein Sohn lebt! Unſer Wohlthä⸗ ter lebt!« Dann ſank ſie auf die Diele nieder und dankte dem Him⸗ mel laut vor allen Anweſenden. Heerauf erhob ſie ſich und ging ſchnell hinaus und man hörte ſie ſehr laut rufen: „Jacintha! Jacintha!« Der Doctor folgte ihr, denn er fürchtete die Wirkung dieſer heftigen Freude auf eine ſo bejahrte Perſon. Die Drei blieben zurück, keuchend, bleich wie die, vor welchen der todte Lazarus das Grab ſprengte und in einem Augenblick auf ein Wort hervortrat. Dann ſank Camill zu Joſephinens Füßen nieder und bat ſie mit vor Schluchzen kaum hörbarer Stimme, ihm zu ſagen was er thun ſolle. Sie wendete das Geſicht hinweg. »Sprich nicht mit mir; ſieh mich nicht an. Wenn wir einander anſehen, ſo ſind wir verloren. Geh und ſtirb auf deinem Poſten, wie ich auf dem meinen.« Er neigte ſein Haupt und küßte den Saum ihres Klei⸗ des, dann erhob er ſich ruhig wie die Verzweiflung und bleich wie der Tod und ſchwankte mit ſchlotternden Knien hinaus wie eine Leiche, die ſich noch bewegt. Heiter und triumphirend kehrte die Baronin zurück. „Ich habe Jacintha fortgeſchickt, damit man in dem Dorfe die Glocken läute. Die Armen ſollen geſpeiſt werden— 157 Alle ſollen unſere Freude theilen— mein Sohn war todt und iſt wiedergefunden und lebt— o Freude! Freude! Freude!* „Mutter!« kreiſchte Joſephine. »Wahnſinnige, die ich war! Ich bin zu geräuſchvoll in meinem Jubel!« rief die Baronin.„Hilf mir, Laura, ſie wird ohnmächtig— ihre Lippen ſind ſchon ganz weiß!« Man brachte einen Stuhl, man drückte Joſephinen dar⸗ auf nieder. Sie war nicht im mindeſten ohnmächtig, aber ihr Körper gehorchte den hilfreichen Händen gerade ſo wie ein todter Körper. Die Baronin brach in Thränen aus und Thränen ſtröm⸗ ten aus Laura's Augen. Joſephinens Augen waren trocken, und ſteinern und ſtarr auf das nahende Schreckniß geheftet. Die Baronin machte ſich ſelbſt Vorwürfe. „Ich unüberlegte alte Frau! Es war zu plötzlich! es iſt zu viel für mein theures Kind! Auch ich bin jetzt ganz kraft⸗ los,* und ſie kniete nieder und legte ihr altes Haupt an die Bruſt ihrer Tochter, indem ſie mit matter Stimme ihre Thrä⸗ nen hindurch murmelte:„Zu viel Freude— zu viel Freude!« Joſephine nahm keine Notiz von ihr. Sie ſaß da wie in Stein verwandelt und ſchaute weit hinweg über das Haupt ihrer Mutter mit ſtarren Augen auf die Luft und nahende Schreckniſſe geheftet. Laura fühlte, daß Jemand ſie am Arme faßte. Es war Saint⸗Aubin. Auch er war jetzt bleich, obſchon nicht vorher. Er ſprach in ſchrecklichem Geflüſter zu Laura, indem er ſein Auge auf die ſteinerne Geſtalt heftete: »Iſt das Freude?s 158 XV. Joſephine Raynal iſt Euch nicht fremd, lieber Leſer. Die meiſten von Euch wiſſen von ihr mehr, als von irgend einem andern weiblichen Weſen ihrer Bekanntſchaft. Kommt mir mit eurer Kenntniß zu Hilfe. Denkt Euch, während die lan⸗ gen Stunden und Tage und Wochen über ihrem Haupte da⸗ hinrollen, was dieſes liebende Weib für den Mann fühlt, den ſie von ſich geſtoßen— was dieſes dankbare Weib für den Wohlthäter empfindet, den ſie, ohne es zu wiſſen, beleidigt, aber niemals mit offenen Augen beleidigen wird— was die⸗ ſes Weib, rein wie Schnee und ſtolz wie Feuer, bei dem An⸗ blick der Schwäche fühlt, zu welcher die Umſtände ſie verlei⸗ tet haben. Legt das Buch einen Augenblick lang nieder— ſchließt die Augen und denkt Euch dieſe ſeltſame Form des menſchli⸗ chen Leidens. ** * Eines Tages erhielt Doctor Saint⸗Aubin einen Brief von einem Buchhändler, worin dieſer ihn fragte, ob er noch geſonnen ſeh, ſein werthvolles Werk über die Inſecten zu ver⸗ öffentlichen. Der Doctor war ganz erſtaunt. »Mein werthvolles Werk! Denken Sie nur, Laura; Niemand wollte früher etwas davon wiſſen, und beſonders dieſer Verleger trat ſcheu vor mir zurück, als ob meine Inſec⸗ ten auf dem Buche ſtechen könnten.« 159 Der Buchhändler ſchrieb weiter: »Studien dieſer Art gewinnen jetzt immer mehr Boden und ich glaube, wir könnten uns damit vor das Publicum wagen.« Dies führte zu einem Briefwechſel, in welchem der zum Inſectenſtudium Bekehrte erklärte, daß das Werk auf Koſten des Autors erſcheinen müſſe und der Verleger ſich mit dem Gewinn begnügen werde. Der nach dem Publicum dürſtende Autor war damit einverſtanden. Dann ſchrieb der Verleger nochmals, das Werk bedürfe noch einiger Würze. Es müſſe etwas Politik mit hin⸗ eingemiſcht werden, ſonſt fände es keinen Anklang. Der Autor antwortete faſt heftig, er werde ewige Dinge nicht durch die vergänglichen Themata des Tages verdünnen, noch die Wiſ⸗ ſenſchaft durch Politik beſudeln. Der Verleger begütigte ihn und verachtete heimlich einen Menſchen, welcher nicht begreifen wollte, daß ein Buch ein Handelsartikel iſt und nichts weiter. Das Ende vom Lied war, daß Saint⸗Aubin nach Paris reiſte, um ſeinen Phönix auszubrüten. Er war noch nicht ganz eine Woche hier, als eine kleine Deputation bei ihm erſchien und ihm meldete, daß er zum Ehrenmitglied einer gewiſſen gelehrten Geſellſchaft gewählt worden. »Oho!* dachte er und verneigte ſich wie ein Tanzmei⸗ ſter. Es wurden einige Reden von beiden Seiten gewechſelt und die Deputation entfernte ſich wieder. Nun kamen eine Menge Einladungen. Er nahm ſie an. Er glänzte in Geſellſchaften. Die Wiſſenſchaft ſchien wirklich Mode zu werden. Als aber einige liebenswürdige junge Da⸗ men mit der Geſchmeidigkeit ihres Geſchlechtes zu finden be⸗ 160 gannen, daß ſie ſchon ſeit mehren Jahren ein warmes Inter⸗ eſſe an Schmetterlingen— abgeſehen von denen ihrer eigenen Gattung— gefunden, da begann der Naturforſcher Lunte zu riechen. „Ich begreife nun,« ſagte er,»die Entomologie gilt bei einem armen Manne für eine Art Blödſinn, bei einem reichen dagegen für eine liebenswürdige Verirrung des Geiſtes.“ Als Philoſoph ohne Galle durchſchaute er dies und es amüſirte ihn, ohne ihn anzuwidern. Die Geſellſchaft hatte noch etwas Anderes für ihn in petto. Er gab ſich ungeheure Mühe, die Umſtände der Neffen und Richten ſeines verſtorbenen Neffen kennen zu lernen und dann traf er Anordnung, um einen großen Theil ſeiner Erb⸗ ſchaft unter ſie zu vertheilen. Seine Abſichten und das Maß ſeiner Großmuth ward bekannt. Bis jetzt waren Alle ſtill geweſen, aber nun fielen ſie mit lauten Schmähungen über ihn her. Jeder faßte nur den Betrag ſeines perſönlichen Anſehens in's Auge und nicht die ganze Summe, welche der Doctor unter ſeine undankbare Sippſchaft vertheilte. Dem Geber machte die Sache Spaß und er notirte dieſen Umſtand und einige der Bemerkungen in ſeinem Tagebuch unter dem Capitel„die Menſchen.* Paris bietet viele Verführungen und darunter auch einige unſchuldige. Es umſtrickte den Doctor und hielt ihn feſt. Von Zeit zu Zeit ward er durch ſchlimme Nachrichten über Joſephinens Geſundheit geſtört, und wenn er nicht mit der Baronin geglaubt hätte, daß ihre Krankheit keine Krank⸗ heit des Körpers ſey, ſo wäre er ſofort zu ihr geeilt. So aber hoffte er von der Zeit mehr als von Arzeneien, und da er 161 einen unbeſtimmten Verdacht hegte, von dem er nicht wünſchte, daß die Baronin ihn theilen möchte, ſo lag ihm eher daran, ſich von ihr entfernt zu halten.. Deshalb ſchrieb er kurz und zurückhaltend, indem er der Baronin verſicherte, Madame Raynal habe keine organiſche Krankheit und werde dieſe Schwankungen mit der Zeit über⸗ winden. Zugleich verſchrieb er einige gelind nervenſtärkende Mittel. Die Verzweiflung, welche Joſephinens ſich bemächtigt hatte, war ſo ſtark, daß Laura anſtatt derſelben gern eine körperliche Krankheit geſehen hätte. Sie fürchtete für den Ver⸗ ſtand ihrer Schweſter und obſchon ihre Beſorgniß geſteigert ward, ſo erſchrak ſie doch kaum, als ſie entdeckte, daß Symp⸗ tome, welche auf ein Gallenleiden ſchließen ließen, häufig zum Vorſchein kamen. „Ich werde mit unſerer Mutter darüber ſprechen.* „Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ſo würde ich kein Wort davon ſagen,« bemerkte Jacintha ruhig. Sie war zu⸗ fällig zugegen. „Warum nicht? Sie hat ja ſchon bemerkt, wie krank meine Schweſter iſt!« »Fräulein Laura, befolgen Sie meinen Rath und ma⸗ chen Sie ihr nicht Angſt. Es kann ja nichts nützen.« Jacintha ſprach ſo feſt und ſchien ihrer Sache ſo gewiß zu ſeyn, daß Laura ſie beiſeite nahm. »Jacintha, ich bin ſo beſorgt um ſie, und vielleicht kennt unſere Mutter ein Mittel. Sie iſt erfahrener als wir.“ „Es bedarf keines Mittels. Sie machen viel Lärmen um nichts, Fräulein.* Wer lieben wiil. III. 11 162 „Woher weißt Du das, Jacintha? Haſt Du jemals Je⸗ manden leiden ſehen, wie ſie leidet?“ „O Viele!* „O Jacintha! Seh offen gegen mich— ſtarben ſie?« „Nein.* »Keines von ihnen?“ »Nicht Eines.* „Alſo Du glaubſt, es ſey keine Gefahr vorhanden? „Keine Idee!⸗ „Gott ſegne Dich, daß Du mir dies ſagſt gute Jacintha. Und wie zuverſichtlich Du ſprichſt— dein Ton und Weſen beruhigt mich wieder. Aber dennoch, liebe Jacintha, biſt Du kein Arzt!« „Nein, mein Fräulein, aber Dienſtboten ſehen Vieles und hören Vieles, wovon eine junge Dame, wie Sie ſind, nichts erfährt.* »Wirklich?“ Die vorhin erwähnten Symptome verſchwanden, aber ein ernſterer Grund zu Befürchtungen blieb in Joſephinens gänzlicher Gleichgiltigkeit und furchtbarer Apathie zurück. Sie ſchien ein Weſen zu ſehn, welches Zoll für Zoll ins Grab hinabſtieg. Sie mied alle Geſellſchaft— zuweilen ſogar die Laura's. Sie ſprach ſelten. Eines Tages ſagte ſie:„Noch nicht todt!« halb zu ſich ſelbſt und in einem Tone, daß es Laura das Herz zerriß. Das Haus verſank in Schweigen und Düſterheit. Jacintha, die von Natur ſo munter und heiter war, ward ſchweigend, nachdenklich und verſchloſſen. Die frühern Drangſale der Familie hatten niemals einen ſolchen Eindruck auf ſie gemacht. Zuweilen bemerkte Laura, wie ihr Auge mit 163 eigenthümlich mitleidigem und theilnehmendem Ausdruck auf Joſephinen weilte. »Gutes Weſen!« dachte Laura,„ſie ſieht, daß meine Schweſter unglücklich iſt und dies macht ſie gegen ſie aufmerk⸗ ſamer und ergebener als je.« Eines Tages waren ſie alle Drei in Joſephinens Zimmer beiſammen. Joſephine kämmte ſich mechaniſch ihr langes Haar, als ſie plötzlich die Hand ausſtreckte und in barſchem Tone rief:„Laura!« Laura eilte auf ſie zu und ſah, da ſie hinter ihr ſtand, im Spiegel, daß ihre Lippen farblos waren. Sie rief Ja⸗ eintha herbei und Beide trugen Joſephinen auf's Bett. Kaum hatte ſie dieſes berührt, als ſie in Ohnmacht ſank. »Mama! Mamals rief Laura in ihrer Angſt. »Still!« rief Jacintha,„ſchweigen Sie doch! Es iſt ja weiter nichts als eine Ohnmacht. Helfen Sie mir ihr die Fleider locker machen und verhalten Sie ſich ruhig.« Man ſchnürte ſie auf und wendete die gewöhnlichen Mittel an; es dauerte aber einige Zeit, ehe ſie wieder zu ſich kam. Endlich kehrte die Farbe wieder auf ihre Lippen, dann in ihre Wangen und das Licht in ihr Auge zurück. Sie lä⸗ chelte Jacintha und Laura matt an. „Ich hatte wohl die Beſinnung verloren, nicht wahr?« »Ja, liebe Schweſter, und Du hoſt uns erſchreckt— ein wenig— nicht viel— o mein Gott!« »Seh nicht ängſtlich, liebe Schweſter— es iſt mir wie⸗ der beſſer.« »Kann ich nun gehen und es unſerer Mama ſagen?« fragte Laura. »Nein, nein!« rief Jacintha faſt heftig,„warum ſind Sie nur ſo erpicht darauf die gute gnädige Frau zu quälen?« 164 „Aber, Jacintha, ich bin ſo erſchrocken! Meine Schwe⸗ ſter iſt ſonſt nicht zu dergleichen Anwandlungen geneigt. In meinem ganzen Leben habe ich ſie, außer heute, erſt ein einzi⸗ ges Mal ohnmächtig werden ſehen.« „Und ich will es auch nicht wieder thun, da es Dich ſo erſchreckt,« ſagte Joſephine leiſe zu ihrer Schweſter und ſetzte dann in italieniſcher Sprache hinzu:»Ich hoffte, es würde mein Tod ſeyn, liebe Schweſter, aber dieſer kommt nicht zu den Unglücklichen.* „Wenn Du das gehofft haſt,« entgegnete Laura in der⸗ ſelben Sprache,„ſo liebſt Du deine arme Schweſter nicht ſo, wie ſie Dich liebt.“ Während dieſes italieniſchen Dialogs hafteten Jacintha's ſchwarze Augen mißtrauiſch bald auf dieſer, bald auf jener der beiden Schweſtern. Ihr Mißtrauen aber ſchoß weit von dem Ziele vorbei. „Nun kann ich aber wohl gehen und es der Mama ſagen?* „Nein doch, Mademoiſelle! Madame Raynal, helfen Sie mir doch und verbieten Sie es ihr.« „Aber was geht es denn Dich an? fragte Laura heftig. „Würde ich Ihnen wohl widerſprechen, wenn es mich nichts anginge?* „Nein, und ich will Dir auch deinen Willen thun, ſo⸗ bald Du Dich herabläſſeſt, mir einen Grund anzuführen.« Einigen von uns würde dies ganz vernünftig erſcheinen, aber Jacinthen erſchien es nicht ſo. Sie fühlte ſich dadurch ſogar verletzt. „Fräulein Laura,« ſagte ſie,»als Sie klein waren und dann und wann etwas von mir verlangten, habe ich da je⸗ mals zu Ihnen geſagt: Gib mir erſt einen Grund an?* 165 „Sie hat Recht, Laura. Mit erprobten Freunden muß man keine Bedingungen ſtellen. Komm, wir wollen chrer treuen Hingebung dieſes Compliment machen. Es iſt eine ſo kleine Kunſt.« „Und ich werde es als eine große betrachten.« „Genug, wir wollen unſerer Mutter nichts ſagen.“ Laura gab nur ſeufzend ihre Zuſtimmung hierzu. „Ich hoffte ſo innig. daß alle unſere Geheimnißkräme⸗ rei ihr gegenüber zu Ende ſey; jetzt aber, wo wir einmal an⸗ gefangen hahen, ihr etwas zu verſchweigen, geſchieht fort⸗ während etwas, was uns zwingt, es auch ferner ſo zu machen.« »Na, ein Troſt iſt wenigſtens, daß Doctor Saint⸗Aubin nächſten Monat hier ſeyn wird und dann werde ich es ihm ſagen. Dagegen iſt wohl hoffentlich nichts einzuwenden?« „Welchen Tag kommt denn der Doctor?« war Jacin⸗ tha's ganze Antwort. „Das wiſſen wir noch nicht— er wird erſt noch ein⸗ mal ſchreiben.« 3 Ungefähr um dieſe Zeit ſchien eine Beſſerung in Joſe⸗ phinens Geſundheitsumſtänden einzutreten. Eine leichte Röthe kehrte auf ihre Wange und eine ſchwache, wechſelnde Wärme in ihr Herz zuruck. Ihre Lebenskraft erhielt eine neue Stütze — ſie wurde ſich deſſen bewußt. Eines Tages ſagte ſie zu Laura: „Meine Schweſter, jetzt wünſche ich nicht mehr zu ſter⸗ ben— iſt das nicht ſeltſam? Eine innere Stimme ſcheint mich leben zu heißen. Gibt der Himmel mir Kraft, um noch mehr zu dulden?6 166 »Nein, meine Schweſter,« ſagte Laura.»Die Zeit ſtumpft deinen Schmerz ab. Und um meinetwillen wünſcheſt Du zu leben— um meinetwillen, die ich Dir in's Grab nach⸗ folgen würde, meine geliebte Schweſter!« »Ja, Laura, Du liebſt deine arme Schweſter zu ſehr. Ich fürchte, Du liebſt mich mehr als Eduard.« „Er hat keine Leiden zu ertragen. Ja, meine arme ge⸗ duldige Heilige, mein Leben ſcheint mir zu klein und zu unbe⸗ deutend zu ſeyn, als daß ich es Dir ſchenken könnte.« »Es iſt ein großer Troſt ſo geliebt zu werden,« ſchluchzte Joſephine.»„O, daß doch Niemand ſonſt als Du mich geliebt hätte! Ich habe ein Weſen, welches mich auch zu innig liebte, zur Verzweiflung getrieben. O, meine Schweſter— meine Schweſter!* Dies war das erſte Mal, daß ſie ſeit Monaten auf Ca⸗ mill anſpielte. Sie bewachte die Zugänge zu ihrem Herzen, die arme Seele. Sie kämpfte für ihre Reinheit eben ſo mu⸗ thig, wie Helden jemals für Ruhm oder Märthrer für die Wahrheit kämpften. Joſephinens Ausſehen beſſerte ſich immer mehr. Ihre hohlen Wangen erlangten wieder ihre friſche Rundung und ihre Schönheit ihre Blüthe und ihre Geſtait ward edler und ſtattlicher und in ihrem Innern fühlte ſie ein Gefühl von un⸗ bezähmbarer Lebenskraft. Ihre Eßluſt war ſeit einigen Mo⸗ naten außerordentlich gering und unſicher, ſeit einiger Zeit aber in Folge einer vermeinten Reaction, ſo wie ſie in der Jugend nach einer langwierigen Krankheit oft vorkommt, nicht blos geſund, ſondern auffallend ſtark geweſen. 167 Die Baronin bemerkte dies und ward dadurch von einem großen Theil ihrer Angſt befreit. Eines Tages bei Tiſche freute ſich ihr mütterliches Herz über Joſephinens Leiſtungen ſo ſehr, daß ſie dieſelben faſt wie eine ihr erwieſene Gefällig⸗ keit betrachtete. „Das iſt recht meine Tochter. Wie freut ſich deine Mutter, Dich wieder eſſen zu ſehen! Du haſt eine reichliche Portion Suppe gegeſſen und Dir zweimal von dieſer Paſtete geben laſſen, welche Jacintha ſo zur Ehre gereicht.« Joſephine erröthete tief über dieſes Compliment. „Das iſt wahr,« ſagte ſie,„ich eſſe faſt zu viel, und mit einem verſtohlenen Blick nach der erwähnten Paſtete legte ſie ihr Meſſer und ihre Gabel nieder und aß nichts mehr. „Der Doctor wird böſe auf mich ſeyn,« ſagte die Ba⸗ ronin.„Ich habe ihn von Paris hinweggequält und wenn er nun zurückkommt, ſo wird er finden, daß Du ſo geſund biſt wie früher.« „Frau Baronin,« ſagte Jacintha haſtig,»„darf ich mir erlauben zu fragen, wann der Doctor kommen wird, damit ich ſein Zimmer in Bereitſchaft ſetze? »Du haſt Recht, Jacintha. Er kommt übermorgen Nachmittags.“ Als die jungen Damen Abends auf ihre Zimmer kamen, fanden ſie einen kleinen Tiſch in Joſephinens Zimmer gedeckt und din Reſt der Paſtete darauf, der ihr ſo gut geſchmeckt hatte. Laura lachte laut auf. „Sieh nur dieſe gute Jacintha! Die Schmeichelei un⸗ ſerer Mutter hat Eindruck auf ſie gemacht. Sie glaubt, wir 168 können von ihrer Paſtete zu jeder Stunde des Tages und der Nacht eſſen. Soll ich ſie fortſchicken?« »Nein,« ſagte Joſephine,„dies würde ihren Stolz als Köchin verletzen. Decke das Gericht nur zu, denn jetzt bin ich nicht bei Laune— es iſt mir eher zuwider.« Die Paſtete ward zugedeckt und die Schweſtern begaben ſich zur Ruhe. Mitten in der Racht aber, im Stockfinſtern ſtand Joſephine auf, taſtete ſich bis zu der Paſtete, ſchmauſte ſie bis auf den letzten Biſſen, polirte den Teller und legte ſich dann beruhigt wieder zu Bett. Das große tapezirte Zimmer, in welchem früher Camill Dujardin gewohnt, war jetzt wegen der ſchönen Ausſicht, die man von dieſen Fenſtern aus hier hatte ein Lieblings⸗ aufenthalt der Familie. Es hatte auch ein großes Seitenfenſter nach Weſten zu und vier Fenſter nach Süden. Dies ſagte der Baronin zu, denn ihre Augen waren nicht mehr ſonderlich ſcharf. Eines Tages ſaß Joſephine hier allein mit einer Arbeit in der Hand. Die Radel pauſirte jedoch oft und das ſchöne Haupt ſenkte ſich. Sie ſeufzte tief auf. Zu ihrer Ueberraſchung ward dieſer Seufzer durch einen zweiten beantwortet, der ebenſo wie der ihrige aus einem be⸗ kümmerten Herzen außuſteigen ſchien. Sie drehte ſich ſchnell herum— es war Jacintha. Joſephine beſaß, wie wir wiſſen, einen Scharfblick, der ſie befähigte, in den Zügen Anderer zu leſen und es fiel ihr ſo⸗ fort Zweierlei auf— ein gewiſſer Ernſt in Jacintha's Blick und eine Aufregung, welche das Mädchen mit ziemlichem, aber nicht vollſtändigem Erfolg zu unterdrücken ſuchte. 169 Die Unruhe, welche dieſe Entdeckung ihr verurſachte, verhehlend, ſah ſie Jacintha voll ins Geſicht und ſagte ſanft, aber ein wenig kalt: „Nun, Jacintha?“ Jacintha ſchlug die Augen nieder und murmelte langſam: „Der Doctor— kommt heute.« Dann ſchlug ſie ihre Augen ſchnell auf, um Joſephinen ſo zu ſagen, zu überrumpeln— aber das ruhige Geſicht war undurchdringlich. Jacintha ſetzte daher hinzu: „Zu unſerem Unglück,« und nahm dabei einen noch bedeutſameren Ton an. „Zu unſerem Unglück? Dieſer alte Freund— wie meinſt Du das?« „Es iſt nicht ſo leicht zu ſagen, was ich meine.« „Und mir iſt es unmöglich zu errathen, liebe Jacintha.« „Madame,« ſagte Jacintha in feſtem Tone,„ſcherzen Sie nicht, ich bitte Sie, die Sache iſt zu ernſt. Dieſer alte Mann macht mir bange. Man weiß nie, woran man mit ihm iſt. So lange er mit dem Kopfe in den Wolken ſteckt, könnte man ihm die Schuhe ausziehen, und er würde, ohne etwas zu merken, immer weiter gehen, dann und wann aber ſtürzt er augenblicklich aus den Wolken herunter, ohne erſt ein Wort davon zu ſagen und wenn er dies thut, ſo iſt ſein Auge wie das eines Vogels auf Alles gerichtet. Dann iſt er auch ſo alt. Er hat Vieles erlebt. Nehmen Sie mein Wort darauf, die Alten ſind ſchlauer als die jungen Leute, mögen dieſe noch ſo liſtig ſeyn. Die Alten haben Alles geſehen. Wir haben von den meiſten Dingen nur ſprechen hören und hier und da ein wenig geſehen. Um das Leben gründlich kennen zu lernen, muß man es durchlebt haben, von der Suppe bis zum Deſ⸗ 170 ſert. Das hat der Doctor gethan und nun kommt er hierher.* »Nun und was folgt denn daraus?« „Mademoiſelle Laura wird ihm Alles erzählen, und wenn ſie ihm nur die Hälfte von dem erzählt, was es zu er⸗ zählen gibt, ſo iſt Ihr Geheimniß dann kein Geheimniß mehr.« »Mein Geheimniß!s keuchte Joſephine und ward bleich. „Erſchrecken Sie doch nicht über Ihre arme Jacintha, Madame. Früher oder ſpäter müſſen Sie ſich außer Ihrer Schweſter doch Jemanden anvertrauen.« Joſephine ſah ſie mit fragenden erſchrockenen Augen an. »Liebes Fräulein— ich bitte um Verzeihung, ich wollte ſagen Madame— ich trug Sie auf meinen Armen, als ich ſelbſt noch ein Kind war. Als ich etwas größer war, ver⸗ ſuchten Sie ſich an mein Kleid haltend zu gehen und liſpelten meinen Namen, und dann ſchlangen Sie Ihre kleinen Arme um meinen Hals und küßten mich. Ach, ich wollte, dieſe Tage könnten wiederkehren!“ „Ach, ich wünſchte es auch, ich wünſchte es auch!« „Und wenn ich nur den mindeſten Schmerz, das leiſeſte Unwohlſehn verſpürte, ſo bekümmerte ſich Ihr liebes kleines Antlitz und ward bleich vor Angſt um Ihre Jacintha. Und nun ſind Sie in Noth, in großer Noth, aber Sie wenden ſich ab von mir! Sie wagen nicht, ſich mir anzuvertrauen, die ich mich doch eher in Stücke reißen ließe, ehe ich Sie ver⸗ riethe. Ach, Sie thun Unrecht daran! Arme Leute haben auch Gefühl. Sie haben dies und jenes zu ertragen gehabt und eine ſchlichte Magd iſt oft die beſte Freundin ihrer Herrin. Ach, Madame, wenden Sie ſich nicht ab von der, welche Sie ſo oft auf ihren Armen getragen und an deren Bruſt Sie ſo manche Stunde gecuht haben.« Joſephine athmete hörbar. Sie ſtreckte beredt ihre Hand nach Jacintha aus, wendete aber das Geſicht hinweg und zitterte. Jacintha warf einen eiligen Blick im Zimmer umher. Dann zitterte ſie auch im Voraus vor dem, was ſie im Be⸗ griffe ſtand zu ſagen, und vor der Wirkung, die es auf die junge Dame äußern konnte. Was Joſephinen betraf, ſo machte ſie, ſo furchtbar auch die Unterredung geworden war, keinen Verſuch, derſelben auszuweichen, denn ſie mußte erfahren, wie weit Jacintha ihr Geheimniß durchdrungen hatte. Jacintha ziſchte mit haſti⸗ ger zitternder Stimme Joſephinen die Worte in's Ohr: »Als die Nachricht von Oberſt Raynal's Tod eintraf, weinten Sie, aber die Farbe kehrte auf Ihre Wangen zurück. Als die Nachricht kam, daß er noch lebe, waren Sie wie in Stein verwandelt. Ach, meine arme junge Herrin, es iſt zwi⸗ ſchen Ihnen und jenem Mann mehr vorgegangen, als hätte vorgehen ſollen. Seit dem Tage, wo ſie Alle zuſammen nach Frejus fuhren, ſind Sie ganz verändert. Ich habe bemerkt, daß Sie ihn anſahen, wie— wie eine Frau ihren Mann an⸗ ſieht. Ich habe bemerkt, daß er— 6* »Still, Jacintha. Sage mir nicht, was Du geſehen haſt — o erinnere mich nicht an Freuden, wegen deren ich zu Gott bete, daß er ſie mir vergeſſen helfe. Er war ja mein Gatte!— O grauſame Jacintha, warum erinnerſt Du mich an das, was ich geweſen— an das, was ich bin— och, wehe mir!“ »Ihr Gatte!« murmelte Jacintha mit dem größten Er⸗ ſtaunen. Und nun ließ Joſephine ihren Kopf auf den Schooß der 172 treuen Dienerin ſinken und erzählte ihr unter vielem Schluch⸗ zen die Geſchichte, die ich meinen Leſern bereits erzählt habe. Sie erzählte ſie ſehr kurz, denn ſie erzählte ſie einem Mädchen, welches, obſchon nur geringe Bildung, doch einen hohen Grad von Gefühl und Scharfſinn beſaß und nur die nackten Thatſachen bedurfte. Alles Uebrige konnte ſie aus ihrem eigenen Herzen und ihrer eigenen Erfahrung hinzufü⸗ gen. Sie konnte ſich den Sturm von Gefühlen denken, wel⸗ chen dieſe beiden unglücklich Liebenden durchgemacht haben mußten. Ihre häufigen, Mitleid und Theilnahme verrathenden Seußzer bewogen Joſephinen, ihr ganzes Herz auszuſchütten. Als ſie mit ihrer Geſchichte zu Ende war, athmete ſie wie aus erleichtertem Herzen auf. »Es hätte noch ſchlimmer ſeyn können,« ſagte Jacintha. „Ich dachte auch, es wäre ſchlimmér— ich Rärrin— ich verdiente, daß man mir den Kopf abhackte.« Nun war die Reihe des Erſtaunens an Joſephinen. „Es hätte noch ſchlimmer ſeyn können?« ſagte ſie.„Aber wie denn? Sage mir doch das!« ſetzte ſie in bitterem Tone hinzu.»Es wäre ein Troſt für mich, wenn ich dies einſehen könnte.⸗ Jacintha erröthete und umging die Frage und bat Jo⸗ ſephinen weiter zu erzählen— ihr nichts zu verſchweigen. Jo⸗ ſephine verſicherte ihr, ſie habe ihr Alles offenbart. Jacintha ſah ſie einen Augenblick lang ſchweigend an. „Iſt es denn alſo, wie ich halb vermuthete?« „Was?* „Sie wiſſen alſo nicht, was Ihnen alles bevorſteht? Sie ſehen nicht ein, warum ich jenen alten Mann fürchte? „Nein.* 173 »„Sie begreiſen auch nicht, weshalb ich wünſche, daß Fräulein Laura nicht zu viel mit ihm ſprechen möge?« iſt klug— klüger als ich bin.« „Sie ſind Beide nicht ſehr klug. Sie wiſſen nichts. Ach, meine arme junge Herrin, Sie ſind noch ein pures Kind. Sie haben ein tiefes Waſſer zu durchwaten,« ſagte Jacintha ſo feierlich, daß Joſephine zitterte,„ein tiefes Waſſer und ich ſehe nicht einmal— Sie haben mir erzählt, was vergangen iſt. Ich muß Ihnen nun erzählen, was kommen wird Der Him⸗ mel ſtehe mir bei!« Joſephine zitterte. „Reichen Sie mir Ihre gute liebe Hand, mein theures Fräulein, wenn Sie glauben, daß ich Sie liebe.« »Hier, meine gute Jacintha.“ Sie zitterte. „Haben Sie keine Ahnung?« „Ach, wohl ahnt mir Schlimmes, wenn ich deine Worte höre, wenn ich—* „Aber haben Sie keine beſtimmte Ahnung?« „Nein.* „Nun, ſo wenden Sie Ihr Geſicht ein wenig von mir hinweg, meine gute, junge Herrin. Ich bin ein rechtſchaffenes Mädchen, obſchon ich nicht ſo unſchuldig bin wie Sie, und ich bin gegen meinen Willen gezwungen, deutlicher zu ſprechen, als ich gewohnt bin. Nun folgte ein Geſpräch, deſſen Mittheilung unſerer Ge⸗ ſchichte vorgreifen würde. Es genüge daher, wenn wir ſagen, daß Joſephine dadurch eine zweite Vertraute gewann. 174 Als Laura unvermuthet in's Zimmer trat, fand ſie ihre Schweſter an Jacintha's Bruſt weinend, während Jacintha über ihr ſchluchzte. XVI. Doctor Saint⸗Aubin ward bei ſeiner Ankunft durch Madame Raynal's äußere Erſcheinung ſehr angenehm über⸗ raſcht. »Sie ſieht ja wieder ſo gut aus wie ſonſt,« ſagte er. „Sie iſt ſogar ein wenig gewachſen. Wie ſteht es denn mit Ihrem Appetit, mein Kind?« „Der iſt ſehr gut, Doctor.« „O, was ihren Appetit betrifft,« rief die Baronin,»ſo iſt dieſer ungeheuer.« »Wirklich?“ „Er war es, ſetzte Joſephine erläuternd hinzu,„als es wieder mit mir beſſer zu gehen anfing. Jetzt jedoch iſt er ziem⸗ lich wie gewöhnlich.* Dieſe Antwort war ihr ſchon vorher von Jacintha ein⸗ gegeben worden. Sie ſetzte hinzu: „Wir wollten Sie nemlich gern wiederſehen, Doctor, und meine lächerlich unbedeutende Krankheit war ein guter Vorwand, um Sie von Paris wegzulocken.« »Und nun da uns dies gelungen iſt,« ſagte Laura, „wollen wir die Maske abwerfen und von andern Dingen ſprechen— vor allen Dingen von Paris und von Ihrem Eclat. »Dennoch aber,« bemerkte die Baronin hartnäckig, „war ſie krank, als ich zuerſt ſchrieb und zwar ſehr krank.« 175 »Madame Raynal,« ſagte der Doctor in feierlichem Tone,„Ihr Verhalten iſt gelind geſprochen, unregelmäßig ge⸗ weſen. Sobald Sie einmal krank waren und Ihr ärztlicher Rathgeber von Ihrer Krankheit in Kenntniß geſetzt worden, hatten Sie kein Recht, anders als mit ſeiner Hilfe geſund zu werden. Da Sie ſonach ſich untauglich bewieſen haben, eine Krankheit richtig zu ertragen, ſo verlangt es meine Pflicht von mir, Ihnen nicht zu geſtatten, jemals wieder krank zu werden, dafern Sie nicht meine ſchriftliche Erlaubniß dazu erlangt haben.* Laura nahm dieſen Scherz mit großem Beifall auf, nicht ſo aber die Baronin. Der Doctor blieb einen Monat in Beaurepaire und reiſte dann wieder nach Paris, und da er jetzt ein reicher Mann und noch nicht zu alt war, um an unſchuldigen Vergnügun⸗ gen Genuß zu finden, ſo reiſte er fortwährend zwiſchen den beiden Plätzen hin und her und brachte abwechſelnd ungefähr einen Monat an jedem zu. So verging die Zeit. Joſephine verfiel in einen Zuſtand, der ſich faſt nicht beſchreiben läßt. Ihr Herz war voll von tödtlichen Wunden, und dennoch ſchien es in Folge eines geheimnißvollen halb hei⸗ lenden Balſams zu pulſiren und zu ſchmerzen, aber nicht mehr zu bluten. Strahlen einer ſeltſamen faſt wahnſinnigen Freude durchzuckten ſie— den nächſten Augenblick gewann das Nach⸗ denken wieder die Oberhand, ſie ließ den Kopf hängen und ſeufzte bitterlich. Dann verſank wieder Alles in einer wilden Furcht vor Entdeckung. Sie ſchien am Rande eines Stromes der Wonne zu ſte⸗ hen— einer neuen göttlichen, unerſchöpflichen Wonne, und 176 auf dem andern Ufer ſtanden boshafte höhnende Feinde und drohten in dieſen himmliſchen Strom einzudringen. Die Natur war ſtark in dieſer jungen Frau und die Natur warf ſich in dieſem Stadium ihrer verhängnißvollen Laufbahn mit Rieſenkraft in die Wagſchale des Lebens. Die Vergangenheit war für ſie ein Gegenſtand der Reue, die Zu⸗ kunft erfüllt von Schreckniſſen und leer an Hoffnung. Und doch erlag ſie nicht, konnte ſie nicht erliegen. Anſtatt der Stumpfheit und Ermattung, worin ſie vor einigen Monaten befangen geweſen, beſaß ſie jetzt mehr Energie als je— eine Energie, die zuweilen in Gereiztheit ausartete. Ein Drang nach Thätigkeit bemächtigte ſich ihrer und gab ſich auf man⸗ nigfache Weiſe kund. So ward ſie zum Beiſpiel von einer Manie zum Nähen ergriffen. Ihre Finger mußten fortwährend die Nadel füh⸗ ren und wie fromme Gemüther ſich in die Einſamkeit zurück⸗ ziehen, um zu beten, ſo that ſie dies, um zu nähen. Bei regneriſchem Wetter ſchlüpfte ſie oft in die Küche und führte neben Jacintha die Nadel. Bei trockenem Wetter ver⸗ ſteckte ſie ſich in der alten Eiche und ſaß ſtill wie ein Mäus⸗ chen und führte die Werkzeuge ihres Handwerks und machte Dinge, die keinem Menſchen etwas nützen zu können ſchienen, und probirte kleine Muſſelinfalbeln auf ihrer weißen Hand und hielt ſie dann vor die Augen und lächelte und ſeufzte dann. Es war Winter und Laura pflegtezuweilen einen dicken Shawl heraus zu bringen, wenn ſie in der alten Eiche ſaß und nähete. Joſephine aber lehnte ihn faſt allemal ab. Sie war undurchdringlich gegen die Kälte. Dann, da ihre Börſe jetzt beſſer gefüllt war als früher, beſuchte ſie die Armen mehr als je und ganz beſonders junge Ehepaare und nahm großes Intereſſe an ihren häuslichen An⸗ — gelegenheiten und ſchenkte ihnen ſelbſtgefertigte Gegenſtände und beroch zuweilen die Suppe in dem Topfe einer jungen Hausfrau und behauptete, ſie müſſe gut ſchmecken, und wenn ſie dann aufgefordert ward, ſie zu koſten, ſo aß ſie einen tüchtigen Teller voll davon und ſagte, es ſey eine beſſere Suppe als ſie auf dem Schloſſe hätten, und dachte dies auch, und ſo oft ein ungezogener kleiner Range in ſeiner Wiege zu ſchreien anfing und der Vater dem Störenfried mit der Fauſt drohte, gab Madame Rahnals liebliches Antlitz große Angſt, nicht für den Geſtörten, ſondern für den Schreier zu erkennen, und ſie eilte auf ihn zu und ſetzte die Wiege in Bewegung und redete ihm freundlich zu und die junge Hausfrau lächelte und ſtopfte ihm den Mund auf andere Weiſe. Und außer den Fünffranesſtücken, welche ſie den Kin⸗ dern in die Händchen gab, folgte auf dieſe Beſuche von Ma⸗ dame Rahnal ſtets einer von Jacintha mit einem Korbe voll Lebensmitteln an ihrem ſtarken Arm, während der Hals einer Flaſche Wein aus der Ecke des Korbes hervorlugte. So freundlich und wohlthätig Joſephine aber auch war, ſo minderte ſich doch ihre ſonſt ſo gutmüthige Laune und war jetzt nur menſchlich, während ſie früher engelgleich geweſen. Laura und Jacintha wurden von dieſer Veränderung nicht wenig betroffen, ſtimmten jedoch Allem, was ſie ſagte, bei und ermuthigten ſie zu Allem, worauf ihre oftmals wun⸗ derliche Laune verfiel. Mittlerweile lebte die Baronin von den Briefen ihres Sohnes Raynal, welche regeimäßig zweimal des Monats eintrafen. Auch Laura hatte eine Correſpondenz, die eine fortwäh⸗ rende Quelle der Freude für ſie war. Eduard war jetzt in Wer lieben will. III. 12* 178 ziemlicher Entfernung ſtationirt und konnte ſie nicht beſuchen, ihre Liebe aber machte nichtsdeſtoweniger raſche Fortſchritte. Jeden Tag ſchrieb er für ſeine Laura die Begebenheiten des Tages nieder und zweimal wöchentlich ſendete er dieſe Be⸗ richte an ſein Liebchen und erzählte ihr gleichzeitig jedes Ge⸗ fühl ſeines Herzens. Sie war weniger glücklich als er. Sie hatte ein ſchwe⸗ res Geheimniß zu tragen, fand aber immer noch vollauf Stoff, ihm zu erzählen und auch zärtliche Gefühle, welchen ſie nach der ihr eigenthümlichen ſchelmiſchen, ſchüchternen und kaunen⸗ haften Weiſe gegen ihn Luft machte. Briefe können Herzen feſ⸗ ſeln und Briefe waren es, durch welche dieſe beiden Herzen unmerkbar an einander gekettet wurden. Ihre Vereinigung ward als gewiß und zwar in nicht ſehr ferner Zeit betrachtet. Mittlerweile war es ſtets ein Troſt und eine Freude, ſich von Andern hinwegſchleichen und mit dem Geliebten auf dem Papier plaudern zu können. Nach die⸗ ſer Seite hin war wenigſtens alles hell und klar. Eines Tages fand Doctor Saint⸗Aubin, als er wieder einmal ziemlich unvermuthet von Paris nach Beaurepaire zu⸗ rückkam, Niemanden weiter zu Hauſe als die Baronin. Laura und Joſephine waren nach Frejus gefahren— ſchon ſeit län⸗ ger als einer Woche. Joſephine war wieder leidend und da Frejus ihr früher zugeſagt hatte, ſo hatte Laura geglaubt, es werde dies wieder der Fall ſeyn. »Ich will, da Sie gekommen ſind, ſie zurückholen laſſen.* »Nein, nein,« ſagte der Doctor,„warum das? Ich werde ſelbſt hinreiſen und ſie beſuchen.« Demgemäß miethete am zweiten oder dritten Tage nach ———,— 179 dieſer Zeit Saint⸗Aubin einen Wagen undfuhrzeitig am Mor⸗ gen nach Frejus. An einem ſo kleinen Orte erwartete er, die jungen Damen ſofort ausfindig machen zu können. Zu ſei⸗ ner Ueberraſchung aber kannte ſie kein Menſch und hatte eben ſo wenig von ihnen gehört. Er war darüber ganz ver⸗ blüfft und ſtand eben im Begriff, nach Hauſe zurückzukehren und mit der Baronin über ſeine Reiſe ins Blaue zu lachen, als er einem Geſicht begegnete, welches er kannte. Es gehörte einem gewiſſen Mivart, einem jungen talentvollen Arzte, deſſen Bekanntſchaft er in Paris gemacht. Mivart redete ihn ſehr zuvorkommend und ehrerbietig an und theilte ihm nach den erſten Complimenten mit, daß er ſich ſeit einigen Monaten in dieſer kleinen Stadt niedergelaſſen habe und ziemlich gute Ge⸗ ſchäfte mache. »Sie morden einige Kranke und laſſen andere von der Natur curiren, nicht wahr mein Herr?s« ſagte der Doctor. Mivart lachte. Hierauf erwähnte der Doctor in allge⸗ meinen Ausdrücken die Veranlaſſung, die ihn nach Frejus geführt. „Sind Ihre Freundinnen hübſch? Ich glaube, ich kenne alle hübſchen Frauen der Umgegend,« ſagte Mivart in leicht⸗ ſertigem Tone. »Nein, hübſch ſind ſie nicht,« entgegnete Saint⸗Aubin. Mivart's Intereſſe an den betreffenden Damen ſchwand ſichtbar aus ſeinen Mienen. „Aber ſchön ſind ſie. Die ältere könnte für Venus und die jüngere für Hebe gelten.« »Die kenne ich!« rief der junge Arzt.„Das ſind Pa⸗ tienten von mir.* Der Doctor erröthete.„Wirklich?« rief er. 180 „Nemlich in Ermanglung und Abweſenheit Ihrer grö⸗ ßeren Geſchicklichkeit, lieber Doctor,« ſagte Mivart hoöflich. »Es iſt Madame Saint⸗Aubin und ihre Schweſter, die Sie ſuchen, nicht wahr?« „Madame Saint⸗Aubin?« „Ja wohl! Wie dumm von mir, daß ich nicht gleich an dem Namen errieth, nach wem Sie ſich erkundigten.« »Dies iſt allerdings ein ſeltſames Zuſammentreffen, zufäl⸗ lig aber iſt es eine Madame Rahynal, die ich ſuche, und nicht eine Madame Saint⸗Aubin.* »Madame Rahynal? Die kenne ich nicht.« Mivart gab hierauf dem Doctor ſein Bedauern zu erken⸗ nen, daß Madame Saint⸗Aubin nicht die Freundin ſey welche er ſuche. »Sie und ihre Schweſter,« ſagte er,„ſind ſo ſchön, daß es Einem allemal ganz anders wird, wenn man ſie an⸗ ſieht. Sie haben Beide die ſchönſten blauen Augen, die ich jemals geſehen— hohe Stirnen, Zähne wie Elfenbein mit Perlen gemiſcht, ariſtokratiſch kleine Füße und Hände und Arme— o!s und der junge Arzt küßte ſich die Fingerſpitzen und ſchwieg, als ob er keine Worte mehr finden könne, um das begonnene Bild auf würdige Weiſe weiter auszuführen. Der Doctor lächelte. »Wenn Sie eine Stunde eher gekommen wären, ſo hät⸗ ten Sie Fräulein Laura ſehen können— ſie war in der Stadt.* „Fräulein Laura, was iſt das?« »Nun, Madame Saint⸗Aubin's Schweſter.« »Hm! Wo wohnen denn dieſe unvergleichlichen Schön⸗ heiten?« 181 „Sie wohnen in einem kleinen Bauernhauſe. Es gehört einer Witwe Namens Roth.* Sie ſchieden. Doctor Saint⸗Aubin ging langſam mit den Händen auf dem Rücken und die Blicke auf den Boden heftend, nach ſei⸗ nem Wagen. Er befahl dem Kutſcher, ſich zu erkundigen, wo die Witwe Roth wohne und erfuhr, daß es ungefähr eine halbe Stunde vor der Stadt ſey. Er fuhr nach dem Bauern⸗ hauſe. Als ſein Wagen vor demſelben Halt machte, ſchaute eine junge Dame aus dem Fenſter im erſten Stock. Es war Laura von Beaurepaire. Sie begegnete dem Auge des Doc⸗ tors und er dem ihrigen. Sie kam herunter und hieß ihn will⸗ kommen. Sie war in großer Aufregung. »Wie haben Sie uns denn ausgekundſchaftet?« „Ihr Arzt ſagte mir's,« entgegnete der Doctor kurz. Laura ſah ihn ſcharf an. »Er ſagte, er habe zwei unvergleichliche Schönheiten mit blauen Augen, weißen Zähnen und Armen zu Patien⸗ tinnen.* »Und darnach ermittelten Sie unſere Wohnung?« fragte Laura, indem ſie ihn noch ſchärfer anſah. »Mit Mühe. Es war aber die einzige Möglichkeit, Sie zu finden und deshalb fuhr ich hierher. Wo iſt denn Madame Rahnal?« „Kommen Sie mit in dieſes Zimmer, lieber Freund. Ich will gehen und ſie holen.« Volle zwanzig Minuten lang mußte der Doctor warten und dann kam Laura wieder und rief in heiterem Tone: »Ich habe ſie im ganzen Hauſe unten und oben geſucht 182 und wo glauben Sie, wo ſie iſt? Draußen im Gatten ſitzt ſie. Kommen Sie.« Und allerdings fanden ſie Joſephinen im Garten auf einem niedrigen Stuhle ſitzend. Sie lächelte, als der Doctor auf ſie zukam und fragte nach ihrer Mutter. Ihr ganzes Aus⸗ ſehen hatte einen Anſtrich von Erſchöpfung und Erſchlaffung, ihre Farbe aber war klar, zart und ſchön. »Sie ſind unwohl geweſen, mein Kind?« fragte der Doctor. »Ein wenig, lieber Freund. Sie kennen mich ja. Es fehlt mir bald dies bald das und ich quäle nur meine Freunde.« »Na, na,“ ſagte Laura,„ſo ſchlimm iſt es nicht. Uebri⸗ gens mußt Du ſelbſt ſagen, Joſephine, daß dieſer Ort und die friſche Luft Dich allemal wieder herſtellt. Sehen Sie ſie nur an, Doctor; können Sie ſich erinnern, daß ſie jemals beſſer ausgeſehen hat?« „Ja.* »Wie können Sie ſo etwas ſagen? Sehen Sie nur dieſe Farbe! niemals habe ich ſie lieblicher geſehen.* »So lieblich habe ich ſie auch nie geſehen, wohl aber geſünder. Laſſen Sie mich einmal ein wenig Ihren Puls füh⸗ len liebes Kind. Ein wenig matt?« »Ja, das bin ich allerdings ein wenig.« „Bleiben Sie in Beaurepaire?« fragte Laura.„Wenn Sie dort bleiben, ſo kommen wir unverweilt nach Hauſe.« „Nein, Sie werden noch vierzehn Tage hier bleiben,« ſagte der Doctor in gebieteriſchem Tone. »Wollen Sie mir nicht eines Ihrer ſo trefflichen Stär⸗ — 183 kungsmittel verſchreiben, Doctor?« fragte Joſephine ſchmei⸗ chelnd. »Nein, das kann ich nicht. Sie ſind jetzt in den Händen eines andern Arztes.* „»Aber was macht das weiter aus? Sie waren ja in Paris?“ »Es iſt nicht Styl in unſerem Fache, ſich mit den Pa⸗ tienten eines Andern zu befaſſen.« »Ach, mein Himmel, das thut mir ſehr leid,« ſagte Joſephine. »Ich ſehe hier aber nichts, was mein guter Freund Mi⸗ vart nicht eben ſo gut beſorgen könnte als ich,« ſagte der Doctor ſie unterbrechend. Hierauf folgte eine allgemeine Converſation, nach deren Beendung der Doctor den jungen Damen nochmals einſchärfte, noch vierzehn Tage zu bleiben, wo ſie wären, worauf er dann Abſchied von ihnen nahm. Als er fort war, ging Laura an die Thür der Küche und rief: »„Madame Jouvenel! Madame Jouvenel! Sie können nun wieder in den Garten kommen.« ** 4 Der Doctor fuhr fort, anſtatt aber direct nach Beaure⸗ paire, befahl er dem Kutſcher, nach der Stadt zurückzukehren. Hier ſuchte er Mivart's Wohnung auf. * * Mit dieſem hatte er eine Unterredung, die beinahe zwei Stunden dauerte, bei verſchloſſenen Thüren. Ende des dritten Theiles. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. ſ 7 8 0 10 11 12 3 1 15 1 18