1 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Cduard Oilmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebebingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 5 Pf. 2 W. Pf. 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Aber, gnädiges Fräulein, wo iſt denn die Frau Baronin?« »Meine Mutter iſt auf der Terraſſe, Jaeintha,« ſagte Joſephine. »Ich will ſie ſuchen— nehmen Sie einſtweilen Platz, mein Herr.* Eduard begann einige Entſchuldigungen zu ſtammeln. »Ich kann in der That kaum wagen, die gnädige Frau Ba⸗ ronin und Sie, meine Fräuleins, wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit zu incommodiren.« »O, Sie incommodiren uns durchaus nicht, mein Herr,« ſagte Laura.„Sie ſehen, daß wir ganz ruhig fortarbeiten, als ob gar nichts geſchehen wäre.« »Das iſt ſehr ſchmeichelhaft, Fräulein Laura.« Joſephine warf ihrer Schweſter einen verweiſenden Blick zu und ſagte dann: »Wohlan, mein Herr, ich glaube, ich kann Ihnen im Voraus verſichern, daß unſere Mutter einem Manne, den wir immer als unſern Freund betrachten müſſen, nichts ab⸗ ſchlagen wird.« Wer lieben will. I. 1 2 »Ausgenommen ihre Bekanntſchaft,« ſagte Eduard in zärtlichem, obſchon vorwurfsvollem Tone. »Alſo, mein Herr, Sie können uns nicht eine Zurück⸗ weiſung verzeihen, die uns eben ſo ſchmerzlich berührte als Sie?* Das war eine unerwartete Wendung. Joſephinens ſanfte Augen und bitternder Ton ſchienen anzudeuten, daß ſie ſich vielleicht bewegen ließe, eine Abweiſung zurückzunehmen, um derentwillen ſie ſich beinahe entſchuldigt hätte. »Jacintha hat Recht,« dachte er,„ſie iſt die Schönſte der Schönen.« »Ach, mein Fräulein,« ſagte er mit Wärme, zwie freundlich iſt es von Ihnen, ſo zu mir zu ſprechen!« Die Thür öffnete ſich und die Baronin trat herein. Eduard ſtand auf und verneigte ſich. Die Baronin dankte, winkte ihm, wieder Platz zu nehmen und ſetzte ſich dann ebenfalls. »Wie ich höre, mein Herr, ſteht es in meiner Macht, Ihnen einen kleinen Dienſt zu leiſten.« »Ja, gnädige Frau, aber es iſt eine Kleinigkeit und es thut mir leid, Sie deswegen incommodirt zu haben.* „Das iſt durchaus nicht der Fall, mein Herr. Ich ſtand eben im Begriff hierherzugehen, als Jacintha mich von der Ehre in ſetzte, welche Sie mir erzeigen. Alſo Sie wünſchen— Frau Baronin, ich bin Jagdliebhaber. Ich bin ein Nachbar von Ihnen, obſchon ich nicht die Ehre habe von Ihnen gekannt zu ſeyn.« »Dies, mein Herr, hat ſeinen Grund ohne Zweifel darin, daß ich ſo ſelten in die Welt gehe,« ſagte die Baronin mit höflicher Unaufrichtigkeit. * „ — S e2 3 „Wohlan, gnädige Frau, ich bin Jagdliebhaber und liege der Jagd zuweilen in Ihrer Nachbarſchaft ob, wo es dann häufig geſchieht, daß die Vögel ſich auf Ihr Revier hin⸗ überflüchten. Wenn ich nun ihnen dahin folgen dürfte, ſo würde ich oft gute Beute machen.« »Mein Herr,« ſagte die Baronin lächelnd,„folgen Sie dieſen Vögeln überall hin, wohin ich ein Recht habe Sie ein⸗ zuladen. Gleichzeitig muß ich Ihnen mittheilen, daß, ſeitdem Frankreich reformirt oder vielmehr deformirt worden, man der Herrin von Beaurepaire in Art keine Stimme mehr zuzugeſtehen pflegt.« »Frau Baronin,« ſagte Eduard,„erlauben Sie mir Sie zu bitten, zwiſchen mir und denen, welche dieſe Rückſichts⸗ lofigkeit begehen, einen Unterſchied zu machen.« »Das iſt ſchon geſchehen,« ſagte die Baronin mit der ganzen Grazie des alten Regime. Rivière verneigte ſich tief. Dabei warf er einen verſtoh⸗ lenen Blick um ſich und ſah, daß Joſephine jene Sanftheit der WMiene zeigte, welche man zuweilen an jungen Damen wahr⸗ nimmt, wenn ſie arbeiten und ſich für eine Converſation in⸗ tereſſiren. Auch Laura arbeitete, aber ihr Geſicht war abge⸗ wendet und ſie vermochte kaum das Lachen zu unterdrücken. Riviöre fühlte ſich befangen. »Sie macht ſich über mich luſtig,« dachte er, und den⸗ noch empfand er einen krampfhaften Wunſch mit ihr zu lachen. Deshalb wendete er ſich ſchnell wieder ab. »Mein Herr,« hob die Baronin langſam wieder an, »darf ich, ohne indiscret zu ſehn, fragen, ob es Ihnen viel Vergnügen macht, dieſe Vögel zu ſchießen?« »Nicht ſehr viel, wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, 8 4 gnädige Frau, aber es hat immer einen gewiſſen Reiz, etwas zu verfolgen.* »Ja wohl,« ſagte Laura, faſt ohne es zu wollen. »Sagteſt Du etwas, liebe Tochter?« fragte die Baronin in kaltem Tone. »Nein, liebe Mutter,« entgegnete Laura ein wenig er⸗ ſchrocken, denn trotz ihres Muthwillens wagte ſie eben ſo we⸗ nig ein Wort dazwiſchenzuwerfen, wenn ihre Mutter mit einem Fremden ſprach, als ſie gewagt hätte, zum Fenſter hinauszuſpringen. »Uebrigens,* fuhr Rivisre fort,„ſind dergleichen Er⸗ holungen, wenn man ein beſchwerliches Amt hat, ſehr an⸗ genehm.* »Ah, Sie haben ein beſchwerliches Amt, mein Herr!« ſagte die Baronin, während ihr Auge mit zarter Fronie auf ſeinem roſigen Antlitz ruhte. Er bemerkte es nicht, ſondern antwortete mit einem An⸗ flug von bureaukratiſchem Stolz: »Ja, wir Alle, welche dem Staate dienen.« »Ach, mein Herr, Sie dienen— dem— Staat?« Sie ſchien mit jedem dieſer Worte, ſo wie ſie es ſprach, kälter und eiſiger zu werden. Die jungen Damen wechſelten Blicke bangen Entſetzens. „Ich diene Frankreich,« entgegnete Riviére in ſanftem Tone, und in ſeinem Weſen und in ſeiner Jugend lag etwas, was die alte Dame halb entwaffnete, aber nicht ganz, denn ſie ſagte, indem ſie aufſtand, um der Unterredung ein Ende zu machen: »Wohlan, mein Herr— Sie verzeihen mir, wenn ich es nicht über mich gewinnen kann, Sie Bürger zu nennen.« „———— — 1— 5 Dieſe letzteren Worte ſprach ſie im Tone ironiſcher Höf⸗ lichkeit. »Nennen Sie mich, wie Sie wollen, gnädige Frau, nur nicht Ihren Feind.« Und er ſagte dies mit ſo tiefem Gefühl und dieſe Unter⸗ werfung der ſiegenden Partei unter die beſiegte war ſo ſelbſt⸗ verläugnungsvoll, daß Joſephinen die Thränen in die Augen traten und Laura's Buſen ſich hob und ſenkte, während ihre Nadel immer langſamer ging. „Bürger haben mir zu viel Böſes zugefügt,« ſetzte die Baronin mit einem düſtern Blick hinzu. „Mamals rief Joſephine in bittendem Tone. »Dann können ſie Sie nicht ſo genau gekannt haben, gnädige Frau,« entgegnete Eduard,„wie ich ſelbſt in dieſer kurzen Unterredung— verzeihen Sie mir meine Anmaßung — Sie kennen gelernt zu haben glaube.« »Wenigſtens, mein Herr,« rief die alte Dame freundlich und faſt heiter,„wenigſtens iſt es ein guter Anfang, glaube ich.* Mit dieſen Worten verneigte ſie ſich und dies hieß natür⸗ lich:„Gehen Sie.* Eduard verneigte ſich ebenfalls gegen ſie und die jungen Damen und entfernte ſich ſchüchtern, während Laura ihm ver⸗ ſtohlen einen triumphirenden Blick nachſendete. Die Baronin wendete ſich zu ihren Töchtern. »Wißt Ihr vielleicht, wer dieſer kleine Republicaner iſt, der die Idee erfunden hat, um Erlaubniß zum Schießen der Rebhühner eines Andern zu bitten und welcher, beiläufig ge⸗ ſagt, ein wahres Engelsgeſicht beſitzt?« Die Schweſtern ſahen einander an. Laura ſprach: „ 6 „Ja, Mama, wir wiſſen es. Es iſt der— Du weißt ſchon— die Börſe— Die Baronin erröthete. »Ha! und warum habt Ihr mir dies nicht geſagt, Kinder? »O, Mama, Du wäreſt dadurch ſicherlich in eine unan⸗ genehme Stimmung verſetzt worden.« „Sehr rückſichtsvoll!« »Und wir hätten es Dir leiſe ſagen müſſen, was ſich doch in Gegenwart eines Fremden nicht ſchickt.« »Iſt es vielleicht ſchicklicher zu kichern, wenn ich einen Beſuch empfange?s fragte die Baronin ſpitz. »Nein, Mama,« antwortete Laura demüthig, und im nächſten Augenblick erröthete ſie plötzlich und dann ſah ſie ihre Mutter an und die Thränen traten ihr in die Augen. »Wir wollen uns mit einander vergleichen,« ſagte die Baronin.»Anſtatt zu weinen, weil deine alte Mutter etwas heftiger geſprochen, als ſie eigentlich wollte, was in deinem Alter abgeſchmackt wäre, ſollſt Du mir ſagen, weshalb Du lachteſt.*. »Damit bin ich einverſtanden, Mama,« rief Laura, deren Aprilgeſicht ſich plötzlich wieder aufheiterte;„ich lachte, weil er ſchon ſeit zwei Monaten auf deinem Revier gejagt hat, ohne Erlaubniß dazu zu haben.« „Unmöglich!« »Ja wohl. Ich habe das Schießen gehört und auch ge⸗ ſehen, daß er und Dard auf unſerm Revier herumgeſtrichen ſind. Und jetzt kommt er mit ſeinem Engelsgeſicht, wie Du ſelbſt bemerkteſt, hierher und bittet Dich um Erlaubniß— hal ha! ha!— und Du machteſt ihm ein Compliment über ſeine Artigkeit— ha! ha! ha!— Und er nahm das Lob mit —— — 7 ſo würdevoller Miene hin— ha! ha! ha! Im Grunde ge⸗ nommen hat er jedoch nur die Zeit umgedreht, zu welcher ſolche Geſuche von gewöhnlichen Jägern geſtellt werden, das heißt, er iſt nach der Jagd gekommen anſtatt vorher. Aber was kommt weiter darauf an? Die Zeit flieht ja ſo ſchnell vorüber— ha! ha! ha! ha! hal« »Hm,s ſagte die Baronin und ſchien durchaus nicht amüſirt zu ſehn. Eduard ging frohlockend nach Hauſe— er hatte den erſten Schritt gethan. Er ahnte nicht, daß Laura ihm ein Gelächter geopfert hatte und noch weniger, daß ein Kriegsrath zuſammenberufen worden und ſchon jetzt über ihn zu Gericht ſaß. Hätte er dies gewußt, ſo würde ſich ſein frohlockender Gang ſofort in einen zitternden verwandelt haben, und dies wäre wieder ein Irr⸗ thum von ihm geweſen. Dennoch gibt es zweihunderttauſend Menſchen, welche glauben, eine Zigeunerin könne die Zukunft vorherſagen. Dies kann ſie aber nicht— die Klügſten von uns kön⸗ nen es nicht— Engel können es nicht— ſelbſt der Teufel kann es nicht. Die Baronin ließ Saint⸗Aubin rufen, um ihn um Rath zu fragen, wie man den Bürger auf die beſte Weiſe entfernt halten könne. Der Doctor hörte mit großem Intereſſe zu und lächelte oft, während die Baronin ihre Theile des Räthſels zu ſeinen Theilen desſelben legte und dann die ganze Sache klar war. »Aha,« ſagte er endlich,„der Schalk hat mich bei mei⸗ ner ſchwachen Seite gefaßt, aber ich werde mich dafür rächen.« »Es handelt ſich jetzt nicht um Ihre Rache, ſondern was ich thun ſoll.« »Ah,« ſagte der Doctor,„Sie verlangen meinen Rath, was Sie thun ſollen?« »Allerdings.* »Hm!« ſagte der Doctor, nachdem er eine Weile tief nachgedacht,„mein Rath iſt: Laßt ſie gehen.« »Laßt ſie gehen,« wiederholte die Baronin ärgerlich, »das iſt bald geſagt.« »Und eben ſo bald gethan,« antwortete er ruhig. Die Baronin machte große Augen und eine ſchwache Röthe überzog ihre zarte Wange bei der kaltblütigen Weiſe, auf welche ihr Freund eine Frage zu erledigen ſuchte, die ihr ſo viel Verlegenheit bereitete. »Vertrauen Sie der Natur,« ſagte der Doctor in wohlwollendem Tone. »Ich ſoll der Natur vertrauenls kreiſchte die alte Ariſtokratin mit Schrecken und Entſetzen in ihren Mienen. »Sind Sie von Sinnen?« »Nein, gnädige Frau, eben ſo wenig als die Natur— vertrauen Sie dieſer. Sie wird die junge Dame und den jun⸗ gen Bürger raſch genug zuſammenführen, ohne daß wir ſie erſt durch Widerſtand zu erhitzen brauchen.« „Ich bedaure, mein Herr, daß ich Ihre ernſteren Stu⸗ dien um einer ſo geringfügigen Angelegenheit willen geſtört habe,« lautete die bittere, obſchon im Tone der vollkommen⸗ ſten Höflichkeit gegebene Antwort. »Theuerſte Freundin, wenn Sie allerdings den Rath zu hören wünſchten, welchen politiſche Vorurtheile oder andere blendende Einflüſſe geben, ſo haben Sie in mir freilich nicht den rechten Mann rufen laſſen.* »Aber,« fuhr die Baronin in ſtolsem Tone fort. ohne von dieſer letzten Bemerkung Notiz zu nehmen,„Sie werden — 9 mich hoffentlich bei den Spinnen entſchuldigen, zu welchen und zu deren Werken Sie höchſtwahrſcheinlich jetzt zurück⸗ kehren.« Auf dieſen kaum hoöflich zu nennenden Wink hin erhob ſich der Doctor. »Da Sie mir es erlauben, gnädige Frau, ſo werde ich es thun. Ich werde die Natur in Spinnen finden und ſie be⸗ wundern, aber nicht mehr, als ich ſie an der jungen Dame und dem jungen Bürger bewundere, welche jetzt ihrem ſüßeſten Geſetze gehorchen.« »Genug mein Herr, genug!« »Eben ſo wie ich ſelbſt in früheren Zeiten, als die Jugend—6 »Da dies ſchon ſehr lange her ſeyn muß, und da ſich keine Verehelichung als Reſultat herausgeſtellt hat, ſo wird es vielleicht eben ſo gut ſehn, wenn Sie mir dieſe Mittheilun⸗ gen erſparen,« ſagte die Baronin, die zu aufgebracht war, als daß ſie dieſe Gelegenheit, dem Doctor einen Hieb zu ver⸗ ſetzen, ungenützt hätte vorbeigehen laſſen ſollen. »Sehr wahr, gnädige Frau. Wohlan, ſo wollen wir ein makelloſes Beiſpiel annehmen. Da Sie ſelbſt— die Sie vermält geweſen ſind— es in den Tagen Ihrer Jugend nicht mit Ihrer Würde unverträglich gefunden haben, den Trieben zu folgen, welche die Natur—« »Mein Herr, unſere Conferenz iſt geſchloſſen.« Der Doctor entfernte ſich mit boshaftem Lächeln, denn er machte ſich aus dem hochtrabenden Weſen und der ſchar⸗ fen Zunge ſeiner alten Freundin ſehr wenig. Das einzige Ge⸗ ſchöpf vor welchem er ſich fürchtete, war Jaeintha mit ihrem Kehrbeſen. 10 Es wäre ganz naturwidrig geweſen, wenn Rividre und die beiden Schweſtern einander wieder ſo fremd gewolden wären, als ſie es früher waren. 5 So oft ſie einander im Park begegneten, hatte er ſtets ein Wort für ſie bereit und ſie antworteten. Allerdings waren es nur einige flüchtige Worte, aber ſie glichen kleinen⸗Reiſern, die auf geſchickte Weiſe in die Flamme gelegt werdẽn wenn ein Feuer auflodern ſoll. Das Factotum Dard war auch mit thätig. Sein Schickſal war ein ſo gewaltiges, daß, ſelbſt wäh⸗ rend er verwundet in ſeinem Lehnſtuhl ſaß, eine neue kleine Dienſtverrichtung ihm aufgebürdet ward. Er ward ein Zwi⸗ ſchenträger, obſchon er nicht im Stande war, ſich zu rühren. Die Liebenden begegneten ſich bei ihm— um ihn zu pflegen. Zuerſt kamen gewöhnlich die beiden jungen Damen oder zuweilen blos Laura und dann konnte man ſeltſamerweiſe mit Sicherheit darauf rechnen, daß binnen zehn Minuten auch Eduard da war. Wie ſich dies traf, weiß ich nicht, wie es denn überhaupt ein vergeblicher Verſuch wäre, jedes ſeltſame Zuſammentreffen, welches ſich ereignet, erklären zu wollen. Lieber will ich hier erwähnen, daß der junge Mann in großer Verlegenheit geweſen war, was er mit den zwanzig Gold⸗ ſtücken anfangen ſollte. »Sie ſind heilig,« ſagte er. Endlich aber legte er noch zehn dazu und kaufte dafür ein neues ausgezeichnetes Fernrohr. Die Wiſſenſchaft gab durch ihr Organ, den Doctor Saint⸗Aubin, ihren Beifall mit dieſem Kaufe zu erkennen und verſprach ſich viel von einem jungen Mann, der ſeine Wohnung in ein Obſervatorium ver⸗ wandelte. 11 »Einen Politiker, welcher ſeine Blicke gen Himmel rich⸗ tet, ſieht man nicht alle Tage,« ſagte der Doctor. Eines Tages, als beide junge Damen und Rivieère ſich bei dem Zwiſchenträger Dard trafen, kündigte dieſer würdige Mann, der ſich bis jetzt durch die Tiefe ſeiner ſtillen Betrach⸗ tungen und durch ſein geduldiges Zuhören, wenn Jeſephine ihm aus guten Büchern vorlas, ausgezeichnet hatte, plötzlich ſeinen Wunſch an, einige Fragen zu thun. »Wahrſcheinlich will er noch etwas von der Lebensge⸗ ſchichte der Märthrer wiſſen, von welcher ich ihm vorgeleſen,« dachte Joſephine. »Ich möchte nemlich wiſſen,« hob Dard an,„wie es kommt, daß Sie Ariſtokraten mich ſo oft beſuchen.« »O Dard,« entgegnete Joſephine,„wißt Ihr denn das nicht?* „Nein, ich weiß es nicht.« »Nun ſeht Ihr denn nicht ein, daß dies das Wenigſte iſt, was wir thun können? Bedenkt nur, wie viele kleine Dienſte Ihr uns geleiſtet habt.« »Ja, die habe ich allerdings geleiſtet— das muß wahr ſehn.* »Ich ſelbſt habe geſehen, wie Ihr in dem Garten arbei⸗ tetet, die Kuh füttertet, Holz ſpaltetet, ach leider einmal zu oſt, armer Schelm— und Fiſche aus dem Teiche holtet und—* »Es iſt gut, gnädiges Fräulein! es wäre vergeblich, meine Dienſte zu zählen. Der Himmel hat keinem Menſchen Finger genug gegeben, um Alles aufzuzählen, was ich geleiſtet habe.« »Nun dann ſehd Ihr derſelben Anſicht wie wir. Ihr habt vollen Anſpruch auf unſere Dankbarkeit.« 12 »Dann ſind es alſo meine Dienſtleiſtungen auf dem Schloſſe, welche mir die Ehre dieſer Beſuche verſchaffen?7« »Ja, aber vor allen Dingen das gute Herz, welches Euch dazu bewog.* Dard ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er plötzlich: »O, was das betrifft, ſo gehöre ich allerdings nicht zu den Leuten, welche ſich vor der Arbeit fürchten. Etwas mehr oder weniger macht für mich keinen Unterſchied. Dennoch aber muß ich ausdrücklich bemerken, daß ich alle dieſe Dienſtleiſtun⸗ gen Jacintha zu Gefallen verrichtete, nicht aus Rückſicht für Sie.* »Darnach haben wir weiter nicht zu fragen,« entgegnete Laura.„Wir zogen den Nutzen von eurer Arbeit und ſind nun bemüht, uns dafür dankbar zu beweiſen. Ach, Dard, wenn wir nur ein wenig reicher wären, dann wollten wir noch weit erkenntlicher ſehn.« »Ja, ich wünſchte ſelbſt, daß Sie die reichſten Bürger in Frankreich wären,« ſagte Dard. Eduard begleitete die iungen Damen bis an das Thor der Plaiſance und plauderte unaufhörlich, um ihnen die Mög⸗ lichkeit abzuſchneiden, ihm Lebewohl zu ſagen und ſich auf dieſe Weiſe ſeiner zu entledigen. Sie haßten ihn deswegen nicht. Daneben befreundete er ſich auch immer mehr mit Doc⸗ tor St. Aubin und, wie denn oft das Gegentheil von dem geſchieht, was wir erwarten, er lernte den Doctor liebgewin⸗ nen und in hohem Grade bewundern. Der alte Mann war auch in der That ein wahrer Schacht von Kenntniſſen und ſeine Geſchmacksrichtungen waren beinahe eben ſo umfaſſend als ſeine Gelehrſamkeit. An der Natur fand er vielleicht mehr Genuß als an etwas Anderem, aber er war auch eben ſo ver⸗ 13 traut mit der Poeſie, mit der Geſchichte und— was unſern Freund Eduard beſonders bezauberte— mit der höhern Politik. In ihren ernſtern Geſprächen zeigte er dem jungen Mann, ein wie großes und ſeltenes Weſen ein wahrer Staats⸗ mann, und was für ein gewöhnliches und kleines Geſchöpf der bloße Beamte iſt. Er führte Beiſpiele aus der Geſchichte vieler Nationen und Zeiten an und entwickelte bei dieſen Gelegen⸗ heiten eine Beredſamkeit, welche dem Bürger Rivière tief zu Herzen drang. Mit einem Worte, ſie wurden Freunde und Rivière fühlte nicht ſo bald, daß ſie Freunde waren, ſo rührte ihn ſein Gewiſſen und er ſagte bei ſich ſelbſt:„Ich will ihm Alles erzählen. Er iſt ein guter Mann— ein weiſer Mann — ein gerechter Mann. Ich ſchäme mich meiner Liebe nicht. Ich will ihn bitten, für mich Partei zu nehmen.* »Mein Freund,« begann er,»ich habe Ihnen ein Ge⸗ ſtändniß zu machen.« Der Doctor ſah ihn mit gutmüthig lauerndem Blicke an. »Es iſt möglich, daß Sie vielleicht dadurch nicht ſehr überraſcht werden,« fuhr Eduard fort. »Wir werden ſehen,« ſagte der Doctor. Nun erzählte Eduard ſeine Geſchichte, wie die Menſchen ihre Geſchichten zu erzählen pflegen. Er erzählte, wie er als Republicaner durch und durch in dieſe Gegend gekommen ſey — wie er die beiden jungen Damen ſo ſanft, ſo ruhig und traurig und ſtets ſchwarz gekleidet ſpaziren gehen geſehen— wie ihre Schönheit und Anmuth ſie intereſſant. ihr Unglück aber für ihn heilig gemacht habe— wie nach vielen Begeg⸗ nungen endlich Fräulein Laura ihn angelächelt und wie dieſes Lächeln ihm tief in's Herz gedrungen ſey. 14 Dann erzählte er, ſein Complott mit Jacintha ver⸗ ſchweigend, wie er aus einer ſichern Quelle erfahren, daß die Familie in bitterer Armuth lebe. Der Doctor ſeufzte. Eduard theilte ihm dann ferner mit, wie der innige Wunſch, dieſer Familie beizuſtehen, in Verbindung mit der Schwierigkeit der Ausführung und ihrer Unzugänglichkeit ihm faſt den Verſtand geraubt habe. »Ich ward darüber ganz blaß und elend,« rief er halb ärgerlich. Dann erzählte er die Geſchichte mit der Börſe und wie glücklich, als er ſie hinweggeworfen und ſich hinweggeſtohlen, und wie noch viel glücklicher, als er hörte, daß ſie gefunden worden und wie dennoch dieſer Verſuch zur Unterſtützung fehl⸗ geſchlagen war. »Und nun, mein Herr,« fuhr er fort,„werde ich ab⸗ wechſelnd von Hitze und Kälte gemartert. Ich laure ſtunden⸗ lang auf die Möglichkeit, ein Wort oder einen Blick zu er⸗ haſchen. Wenn es mir nicht gelingt, ſo fühle ich mich dieſen ganzen Tag unglücklich. Gelingt es mir dagegen, ſo bin ich eine halbe Stunde lang der glücklichſte Menſch in Frankreich. Dann kehre ich in mein kleines Zimmer zurück, welches mir nun vorkommt wie ein Gefängniß. Die Sonne ſcheint die Erde verlaſſen und die Hoffnung mitgenommen zu haben. O mein Freund, ſo ſehr ich nun auch Laura liebe, ſo gibt es doch Augenblicke, wo ich wünſche, ſie niemals geſehen zu ha⸗ ben. Sie, die ich liebe, wird mein Verderben ſehn, aber dennoch werde ich ſie lieben, denn es iſt nicht ihre Schuld. Ich bin Tag und Nacht wie in einem Fieber. Meine Amts⸗ pflichten, die mir ſonſt ſo angenehm waren, ſind mir jetzt 1 Sr widerlich. Ach, mein Herr, bemitleiden Sie mich und rathen Sie mir.* »Mein junger Freund,« ſagte der Doctor,„Sie haben wohl daran gethan, ſich mir zu offenbaren. Sie können von zwei Dingen blos eines thun— die Wahl überlaſſe ich Ihnen.* „Ich danke Ihnen, mein Freund.« »Entweder müſſen Sie morgen dieſen Diſtrict verlaſ⸗ ſen—* »Lieber will ich die Erde verlaſſen.« »Oder—“ »Nun?— oder— »Sie müſſen mit mir zur Baronin kommen und durch mich unterſtützt ſie um die Erlaubniß bitten, offen als Bewer⸗ ber um ihre Tochter auftreten zu können.« »Von Ihnen unterſtützt? bin ich wirklich ſo glücklich? Sind Sie auf meiner Seite?« »Feſt wie ein Felſen,« rief der Doctor,„und was noch mehr iſt, ich bin ſchon ſeit drei Wochen Ihr geheimer Ver⸗ bündeter, ein Verräther in dem Lager von Beaurepaire. Eben ſo habe ich Ihre kleinen Manövers mit mir mit nicht weniger Intereſſe und Neugier belauert, als ich einen jungen Vogel beobachte, der ſein erſtes Neſt bauet, oder einen Seidenwurm, der ſeinen erſten Faden ſpinnt. O Sie brauchen nicht Ihre Blicke abzuwenden, Sie Schalk mit dem Madonnengeſichte! Ich erwartete dieſe Offenbarung von Ihnen; ich wußte, daß ſie kommen würde. Ich freue mich, daß ſie ſo bald gekom⸗ men iſt.— Mangel an Aufrichtigkeit iſt unmännlich und in der Jugend ein großer Fehler. Sie ſollen nun erfahren, wie weiſe es iſt, aufrichtig zu ſehn.— Wie ſteht es mit Ihren Eltern? Würden dieſe wohl zugeben, daß Sie eine junge 16 Dame von vornehmem Stande aber ohne Vermögen hei⸗ rathen?« „Mein Herr, ich bin nicht ſo glücklich, noch Eltern zu haben, Sie müßten mir denn erlauben, Sie als meinen Va⸗ ter zu betrachten.* „Recht gern, mein lieber junger Freund!— Wo iſt denn meine Doſe— ah, ich habe ſie zu Hauſe gelaſſen.« »Allerdings habe ich noch einen Onkel, Sie wiſſen aber wohl, daß man nicht verbunden iſt, einem Onkel zu gehor⸗ chen, ausgenommen vielleicht—6 »Wenn ſeine Wünſche das Echo unſerer eigenen ſind— dann ſind wir es.* „Ueberdies liebt mich mein Onkel— wenigſtens glaube ich es.« „O das iſt unmöglich. Sie irren ſich wahrſcheinlich.« »Sie find zu gütig, mein Herr. Ich gefalle nicht Allen, ſo wie ich das Glück habe, Ihnen zu gefallen, mein Freund. In der That aber, hat mein Onkel keinen Widerwillen gegen die Ariſtokratie.« »Um ſo beſſer. Wohlan, mein junger Freund, ich bin zufriedengeſtellt. Der Kampf hat alſo blos in Beaurepaire ſtatt zu finden. Haben Sie Muth?* »Ja— nur iſt es zuweilen der Muth der Hoffnung, zuweilen der Muth der Verzweiflung.« »Nun ſo kommen Sie mit dem Muth der Hoffnung mor⸗ gen zu mir.« »Was? auf's Schloß?« rief der junge Mann in großer Aufregung. »Ja wohl, auf das uneinnehmbare Schloß ſelbſt, wo, ſo ungereimt es auch ſcheinen mag, mir das Recht geſtattet 17 iſt, meine Gäſte zu empfangen. Wäre es mir aber auch nicht geſtattet, ſo würde ich es mir nehmen.* »Es freut mich, Jemanden ſo keck von dieſem Schloſſe ſprechen zu hören.« „Ich werde Sie meiner Freundin, der Baronin, vor⸗ ſtellen.« „O Himmel!s »Sie wird Sie empfangen, wie ein Gletſcher den Po⸗ larſtern.* „Ja, davon bin ich überzeugt. Ich fröſtle ſchon im Voraus.« „Und taub gegen mich, Ihren Vertheidiger, mit an⸗ dern Worten, taub gegen den perſonificirten geſunden Men⸗ ſchenverſtand, wird ſie dagegen Ihnen Gehör ſchenken. Meine Eitelkeit wird dadurch verletzt werden und unſere Freundſchaft ſich in Feindſchaft verwandeln.« Rivière ſchüttelte verzagend den Kopf: „Taub gegen mich— mir Gehör ſchenken— wie wäre dies möglich?« »Weil ſie ein Weib iſt— ein Geſchöpf, welches ſich wohl überreden, aber nicht überzeugen läßt. Vertrauen Sie mir— vertrauen Sie dem ewigen Geſetze der Natur— und kommen Sie morgen um zwölf Uhr zu mir.« Als Saint⸗Aubin das Schloß erreichte ſah er das dicke kleine Pferd an der Thür ſtehen. Er eilte in das Speiſezim⸗ mer und traf hier den Notar und die iungen Damen, Alle, wie es ſchien, in der heiterſten Laune. Das Vorhaben des No⸗ Wer lieben will. II. 2 18 tars war gelungen. Er zeigte dem Doctor, wie er ſchon den Damen gezeigt, den Contract, durch welchen Bonard bei Vermeidung einer Conventionalſtrafe ſich verbindlich machte, die Herrſchaft Beaurepaire weder zum Verkauf bringen zu laſſen, noch ſeine Forderung an irgend Jemanden Andern ab⸗ zutreten. Der Doctor frute ſich nicht wenig, ſchüttelte dem Notar wiederholt die Hand und führte ihn hinauf zur Baronin. »Nun brauchen wir die Sache weiter nicht zu verheim⸗ lichen,«ſagte er,„und es wäre höchſt ungerecht, wenn wir ihr nicht Gelegenheit geben wollten, ſich bei Ihnen zu be⸗ danken.« Die Baronin empfing den Notar ziemlich kalt und förm⸗ lich, doch veränderte ſich ihr Benehmen ſehr bald. Obſchon der Doctor die Gefahr, welcher das Schloß ſo eben entron⸗ nen, unterſchätzte, ſo ward die Baronin doch bei der bloßen Erwähnung bleich wie der Tod. Sowohl ihre Töchter als auch der Doctor bemerkten dies. »Seltſam,« ſagte ſie,»ich hatte eine Ahnung.« Als ſie hörte, daß die Gefahr vorüber ſey, verrieth ein tiefer Seufzer, wie ſchon die bloße Erzählung ihr faſt den Athem geraubt hatte. »Der Himmel belohne Sie, mein Herr!« rief ſie;„das letzte Mal, als Sie hier waren, ertheilten Sie mir einen Rath, der mich beleidigte, wahrſcheinlich, weil es ein kluger Rath war. Nehmen Sie heute meine Entſchuldigung an.* »Dieſer bedarf es nicht. Ich konnte nicht anders, als Ihre Vorurtheile achten, obſchon ich darunter litt.« »Für die Zukunft, mein Herr, rechnen Sie auf größere Aufrichtigkeit und vielleicht mehr Demuth, das heißt, wenn 19 mein Ungeſtüm Sie nicht für immer abſchrecken ſollte, jemals wieder guten Rath an mich zu verſchwenden.« „Im Gegentheil, gnädige Frau, wenn Sie mir morgen vielleicht eine Stunde widmen könnten, ſo würde ich mich freuen, Ihnen ein Mittel zu bezeichnen, durch welches Ihr Be⸗ ſitzthum und das Schloß dem Bereich jeder Gefahr enthoben werden kann, nicht blos der von einem einzigen Gläubiger drohenden, ſondern wenn auch alle zuſammen ſich vorgenom⸗ men hätten, gemeinſchaftlich die feindſeligſten Maßregeln gegen Sie zu ergreifen. »Das läßt ſich hören!« rief der Doctor. „Ich ſtehe zu Dienſten,« entgegnete die Baronin. »Bei dieſer Unterredung aber,« fuhr der Notar fort, „wünſche ich, daß die Erbin von Beaurepaire ebenfalls zuge⸗ gen ſey.« »Wozu?« fragte die Baronin ſtutzend. „Die Einwilligung des nächſten Erben,« warf der Doec⸗ tor ein,„iſt wahrſcheinlich nothwendig, wenn Arrangements zum Vortherle der Nutznießerin getroffen werden ſollen. Doch was ſchwatze ich denn vom nächſten Erben? Joſephine iſt ja die gegenwärtige Beſitzerin.* „Ich!* rief Joſephine mit einem Gemiſch von Erſtau⸗ nen und Schrecken. Der Notar betrachtete mit verächtlichem Blick die kleine Familie, welche ſich nicht einmal gefragt hatte, wem das Be⸗ ſitzthum gehörte. »Fräulein von Beaurepaire wird zugegen ſehn,« ſagte die Baronin. 20 Kurz vor zwöif Uhr ſtand Eduard Rividre am Schloß⸗ thore, während ihm ein eiſiger Schauer den Rücken hinabrie⸗ ſelte. Die Baronin war in ſeinen Augen das furchtbarſte We⸗ ſen, welches die Erde trug. Vor einer Unterredung mit dem erſten Conſul hätte er ſich weit weniger gefürchtet. Jacintha führte ihn lächelnd und blinzelnd nach Saint⸗ Aubin's Studirzimmer. Der Doctor empfing ihn freundlich und empfahl ihm nach einigen ermuthigenden Worten das Studium ſeiner Kä⸗ ferſammlungen, während er ſelbſt ſich zur Baronin begab⸗ um hier ſeine Rolle als Fürſprecher zu beginnen. Die Baronin fiel ihm gleich bei dem erſten Wort in die Rede. »Ach, mein lieber Doctor, verſchonen Sie mich mit die⸗ ſem Thema. Der unangenehmſte Trank hört auf, den Gau⸗ men zu reizen, wenn er drei Wochen lang jeden Tag gereicht wird. Wenn blos Sie und ich dabei betheiligt wären, ſo würde ich ihn nicht länger verordnen, es handelt ſich aber um Perſonen, die uns theuer ſind. Joſephine, liebe Tochter,« rief die Baronin,„liegt Dir wirklich viel daran, den Bürger Riviére mit ſeinem Mädchengeſicht zu heirathen?« »Nein, Mama.* „Laura dürfen wir, glaube ich, gar nicht fragen, denn dieſe iſt für ſolche Sachen noch etwas zu jung.« „O zu jung bin ich nicht mehr, Mama, aber ich ver⸗ ſpüre keine Neigung.* »Alſo mit einem Worte, Ihr könnt beide nicht auf den Freund unſers Doctors reflectiren. Laßt ihn daher gehen. Ja, wenn der Doctor ſelbſt als Freier aufträte, dann würden wir am Ende uns alle Drei um ihn ſtreiten.« 21 Ein Gelächter wie von ſilbernen Glöckchen erſcholl auf Koſten des armen Doctors. Er verzog aber keine Miene. »Erlauben Sie mir, Sie an die hauptſächlichen Gründe zu erinnern, die ich für Geſtattung der Beſuche meines Freun⸗ des, des Herrn Eduard Rivière, in dieſem Hauſe geltend ge⸗ macht habe.« „Dann haben wir wohl jetzt eine ſogenannte Recapitu⸗ lation von Ihnen zu erwarten?« bemerkte die Baronin trocken. „Ja wohl.* »So wie ſie gewöhnlich der endlichen Beſeitigung eines erſchöpften Themas vorausgeht?⸗ »Oder die es dem intelligenten Zuhörer begreif⸗ lich macht.* »Vor allen Dingen iſt dieſer junge Mann gut und tu⸗ gendhaft, und zweitens liebt er mit Zartgefühl— mit ſelte⸗ nem Zartgefühl. Habe ich Recht, meine jungen Damen? Wohlan, ich erwarte Ihre Antwort— o wie feig ſind Sie! — und mit Feuer. Er brennt vor Verlangen, Ihnen Allen Gutes zu erzeigen. Nun wollen wir einmal uns ganz nüch⸗ tern fragen: befindet ſich die Familie in einer ſolchen Lage, daß ſie einen ſo vom Himmel geſandten Freund verſchmähen könnte? Werden wir eines ſchönen Tages, wenn das Schloß über unſern Köpfen verkauft iſt, nicht zu ſpät einſehen, daß Unklugheit ein Verbrechen für jeden iſt, der nicht blos für ſich, ſondern auch für theure Angehörige zu ſorgen hat? Schauen Sie den Thatſachen ins Antlitz gnädige Frau. Begreifen Sie heute, was das ganze übrige Frankreich ſchon längſt begriffen hat, daß es nemlich mit den Bourbons zu Ende iſt. Dieſer Bonaparte beſitzt in ſeinem kleinen Finger mehr Kraft als ſämmtliche Bourbons in allen ihren Fäuſten. Wenn Sie dies * 22 wirklich bezweifeln, nun gut, ſo ſtützen Sie ſich auf Ihr ge⸗ brechliches und zerbrochenes Rohr, aber nicht mit Ihrer gan⸗ zen Laſt. Vermälen Sie eine Ihrer Töchter an einen Roya⸗ liſten, die andere aber an einen Mann, welcher der jetzt auf⸗ blühenden Dynaſtie angehört. Dann ſind wir ſicher, es möge kommen was da wolle, und dieſes alte, aber wankende Haus wird nicht fallen ſo lange wir leben und eben ſo wenig durch unſere Schuld.« »Dies mag klug ſehn,« entgegnete die Baronin,„ich glaube es. Dieſe Klugheit aber iſt ſo hart, ſo eigennützig und ſo niedrig, daß ich dieſes Kind lieber aus dem Zimmer ge⸗ ſchickt haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß unſer Ge⸗ ſpräch eine ſolche Wendung nähme.* Laura warf einen trotzigen Blick auf Joſephinen, weil dieſe nicht auch wie ſie ein Kind genannt ward. Saint⸗Aubin fühlte den Stich, aber blieb gelaſſen. „Nun gut, rief er,„ſo zeigen Sie mir, daß Sie ſich zu etwas weniger Niedrigem und Eigennützigem erheben können, als die Klugheit iſt. Betrachten Sie die Tugend dieſes jun⸗ gen Mannes— ſeinen Charakter.« »Was wiſſen wir von ſeinem Charakter?« »Was wir von ſeinem Charakter wiſſen? Sind wir denn blind, oder können wir die Tugend blos ſehen, wenn ſie auf dem Papiere uns vor die Augen kommt? Lebt nichts in unſe⸗ rer eigenen Seele, was große Tugend ſofort auf den erſten Blick erkennt?⸗ »Ja, ja, ſo etwas lebt in uns!« rief Laura mit fun⸗ kelnden Augen. „Schweig, mein Kind,« bemerkte die Baronin. »Bedarf es wohl einer langen Reihe von Bücherſchrei⸗ bern, um uns zu ſagen, welche Handlungen gut und ſchön 23 ſind und höher ſtehen als das, was der kleine und große Pö⸗ bel thut oder bewundert? Was wir von ſeinem Charakter wiſ⸗ ſen? Sie wiſſen, daß in einer Welt, in welcher faſt ausſchließ⸗ lich der Egoismus herrſcht, dieſer arme Jüngling Sie alle ge⸗ liebt hat wie Engel lieben und wie Sterbliche nicht lieben, und daß er Ihnen, ebenfalls wie Engel, unſichtbar Gutes erzeigt hat. Sie wiſſen, daß er nicht reich iſt und dennoch die Hälfte ſeines Einkommens Ihnen gewidmet hat, ohne auch nur auf Dank zu hoffen. Iſt es ſeine Schuld, wenn man den unſicht⸗ baren Wohlthäter in ihm entdeckte? Nein! Dieſe jungen Da⸗ men waren zu ſchlau für ihn, ſonſt würden ſie ihren helfen⸗ den Engel niemals kennen gelernt haben. Suchen Sie doch in den Werken der großen Dichter Corneille und Racine eine ſo unſchuldige, ſo zartſinnige, ſo engelgleiche Liebe— Sie wer⸗ den keine darin finden! Sind Sie taub gegen das Gefühl, blind gegen Schönheit des Körpers und der Seele? Dann ſeyen Sie wenigſtens klug und ſchlau und befreunden ſich mit dem ſich emporarbeitenden jungen Bürger. Ich habe ihn gemeſſen — er iſt kein Zwerg. Er war in der polhtechniſchen Schule der Erſte— in Frankreich wird er nicht der Letzte ſeyn. Sind Sie zu vornehm, um klug zu ſeyn? Dann ſeyen Sie wenigſtens ſo edel, dem Edlen, Guten und Schönen um ſeiner ſelbſt wil⸗ len die Hand zu bieten.« Die Baronin ſenkte das Haupt, gab aber keine Antwort. »Liebe Mutter,« rief Joſephine in bittendem Tone,„der gute Doctor meint es aufrichtig. Ich fürchte, er wird an un⸗ ſerer Liebe zu ihm zweifeln, wenn Du ihn abweiſeſt. Noch niemals hat er ſo laut geſprochen. Mama— liebe Mama, ich bitte Dich.« 24 »Nun, und was wünſchen Sie, was ich thun ſoll, mein Herr?* »Weiter nichts als meinen Freund empfangen und ihn für ſich ſelbſt ſprechen laſſen.« »Nun gut, ich bin damit einverſtanden,« entgegnete die Baronin.„Ich bin wie Joſephine. Ich liebe es nicht, mich von einem alten Freund anſchreien zu laſſen.« »Ich danke Ihnen, meine Damen, für Ihre Rückſicht auf meine Gefühle und— auf Ihre Ohren,« entgegnete der Doctor ſarkaſtiſch, indem er ſich zugleich anſchickte, das Zim⸗ mer zu verlaſſen. »Wo wollen Sie hin?« fragte die Baronin. »Ich will ihn holen.« »Wie! heute noch?« »Dieſe Minute.* „Meine Töchter, dies war eine Falle, die uns der Doc⸗ tor geſtellt hat. Wo iſt denn der junge Mann? In der Plai⸗ ſance?« fragte ſie ironiſch, indem ſie als gewiß borausſetzte, daß er viel weiter entfernt ſey. »Nein,« antwortete der Doctor„er iſt auf mei⸗ nem Zimmer und zittert vor der Feuerprobe, die ihm be⸗ vorſteht.« »O es iſt ja für ihn durchaus noch nicht zu ſpät, wie⸗ der zurückzutreten,« bemerkte die Baronin.»Beſſer ſo als wenn er mich in die Nothwendigkeit verſetzte, ihn fortzu⸗ ſchicken.* „Ehe eine Minute vergeht, wird er hier ſeyn,« antwor⸗ tete der Doctor.»Brechen Sie ihm das Herz, wenn Sie überzeugt ſind, daß die wirkliche Nothwendigkeit dazu vorhan⸗ den iſt, aber thun Sie es wenigſtens mit ſanfter Hand.* * „Das verſteht ſich. Mein Kind, mache einſtweilen einen Spazirgang auf der Terraſſe,“ ſagte die Baronin. Laura entfernte ſich, nachdem ſie Joſephinen mit ihrer kleinen Fauſt gedroht, weil dieſer erlaubt ward zu bleiben und ihr nicht. „Ach, lieber Freund, ſind Sie endlich da?s rief Eduard dem Doctor entgegen,»wie lange ſind Sie dort geweſen!“ „Ich habe auch einen ſchweren Kampf zu beſtehen ge⸗ habt.* „Und haben Sie geſiegt? Sind Ihre Gründe durchge⸗ drungen?« „Meine Gründe? Nein! Dieſe blieben unbeachtet. Sagte ich Ihnen das nicht gleich?« „O Himmel! „Zum Glück aber ſchrie ich ein wenig, als ich meine Gründe entwickelte, und Joſephine, dieſer ſanfte Engel, ſagte: O, liebe Mutter, wir können das Verlangen des Doctors nicht zurückweiſen— er hat geſchrien— er, der ſonſt niemals ſchreit. Meine Lungenkraft gab älſo den Ausſchlag. Alſo gehen Sie nun und zeigen Sie ihnen Ihr hübſches Geſicht.« „Aber, o mein Freund, was ſoll ich ſagen?« „Was kommt weiter darauf an, was Sie ſagen? Weis⸗ heit wird Ihnen nichts helfen und Thorheit nichts ſchaden. Sehen Sie ſie mit flehenden Blicken an, geſellen Sie die Sprache Ihrer Züge zu der Logik meiner Lunge. Kom⸗ men Sie.« 26 »Enädige Frau, dies iſt Herr Eduard Riviere, mein Freund.« Die Baronin verneigte ſich ſteif. »Möge meine Achtung und ſein eigenes Verdienſt ihm eine günſtige Aufnahme bei Ihnen verſchaffen, und ſollten Sie ihn ſchüchtern und unbeholfen finden, ſo nehmen Sie, wenn ich bitten darf, Rückſicht auf ſeine Jugend, auf die Beſchei⸗ denheit, welche in der Regel die Begleiterin des wahren Ver⸗ dienſtes iſt, und auf die Aufregung ſeines Herzens in einem ſolchen Augenblicke. Ich verlaſſe Sie.« Mit dieſen Worten entfernte ſich der Doctor. Eduard ſtammelte zitternd und verlegen kaum hörbar: »Gnädige Frau, ich fühle, daß ich der ganzen Entſchul⸗ digungen meines Freundes bedürfen werde.« Hier ſchwieg er plötzlich und die Zunge ſchien ihm an etwas feſtzukleben und die Fähigkeit der Bewegung zu ver⸗ lieren. »Beruhigen Sie ſich mein Herr, ich höre Sie,« ſagte die Baronin. »Gnädige Frau, ich perdiene Ihre Tochter nicht— aber ich liebe ſie. Meine Stellung iſt nicht ſo, wie ich ihr ſie bieten möchte— aber ich liebe ſie.« »Wie iſt das möglich, mein Herr, Sie kennen ſie ja nicht?* „Ach ja, gnädige Frau, ich kenne ſie. Es gibt Seelen, die durch das Auge ſprechen. Sagen Sie lieber, daß Sie mich nicht kennen. Und Sie haben das Recht zu zögern, ehe Sie einem Unbekannten geſtatten, ſich einem ſo großen Schatze zu nähern. Hierin liegt, wie ich überzeugt bin, das eigentüche Hinderniß. Wohlan, gnädige Frau, da meine Dienſte gering ſind, ſo ſoll auch meine Bitte eine beſcheidene ſeyn— geſtat⸗ ₰ 27 ten Sie mir eine Probe. Erlauben Sie mir, Sie zu beſuchen. Ich bin noch nicht alt genug, um ein Heuchler zu ſeyn. Ver⸗ diene ich Ihre Gunſt nicht, ſo wird ein Auge wie das Ihre es bald erkennen. Sie werden mich entlaſſen und ich werde ſofort gehen, denn auch ich bin ſtolz, obſchon ich ſo wenig beſitze, worauf ich ſtolz ſehn könnte.“ „Sie ſcheinen hierbei aber zu überſehen, mein Herr, daß dieſes kleine Experiment meine Tochter compromittiren würde.“ „Durchaus nicht, gnädige Frau. Ich verſpreche Ihnen, daß dies nicht der Fall ſeyn ſoll. Ich ſchwöre Ihnen, keine Gelegenheit zu mißbrauchen, welche Ihre Güte mir geben wird. Bedenken Sie, gnädige Frau, daß ich Ihnen nur hier die Möglichkeit gewähren kann, meinen Charakter kennen zu lernen. Sie verlaſſen das Schloß niemals, gnädige Frau. Laſſen Sie mich daher zu Ihnen kommen; ich bitte, geſtatten Sie mir, Ihnen dann und wann einen Beſuch zu machen!“ rief Eduard, indem er ſeine ſchönen bittenden Augen auf ſie heftete. „Hat man wohl je etwas ſo Ungereimtes gehört!« rief die Baronin. „Ach, gnädige Frau, um ſo mehr werde ich Sie ſegnen, wenn Sie ſo großmüthig ſind, es mir nicht zu verweigern.“ „Wenn nun aber meine Fflicht verlangt, es Ihnen zu verweigern?« „Dann werde ich ſterben, gnädige Frau— das iſt Alles.* „Ach, Kinderei!« »Und das wird Ihnen leid thun.* »Glauben Sie wirklich?« „Ja, denn Sie haben ein gutes Herz, gnädige Frau— 28 nur können Sie nicht ſehen und wollen nicht glauben, wie— ich— liebe!s rief er, indem ihm die Thränen in die Augen traten. „Junger Mann,« rief die Baronin,„wenn Sie wei⸗ nen, ſo ſchicke ich Sie ſogleich fort. Man ſollte meinen, ich wäre grauſam, aber ich bin es nicht— ich bin blos bei mei⸗. nen fünf Sinnen, aber dieſer junge Mann iſt es nicht. Vor allen Dingen kann ſo etwas⸗ gar nicht auf dieſe Weiſe abge⸗ macht werden. Die erſte Annäherung hat nicht durch den Bewerber ſelbſt ſondern durch ſeine Eltern zu geſchehen. Dieſe eröffnen die Unterhandlung mit den Eltern der jungen Dame.« »Aber, gnädige Frau, ich bin gar nicht ſo glücklich, Eltern zu haben.« »Wie, Sie haben keinen Vater mehr?« »Nein, gnädige Frau. Ich kann mich nicht einmal auf ihn beſinnen.« „Auch keine Mutter?« »Nein, gnädige Frau, auch dieſe ſtarb vor fünf Jah⸗ ren. Fräulein Joſephine kann Ihnen ſagen, was ich an die⸗ ſem Tage verlor. Wenn ſie noch lebte, ſo wäre ſie ungefähr in Ihrem Alter. Ach, gnädige Frau, Sie können überzeugt ſehn, daß ſie nicht mehr lebt denn ſonſt würde ich nicht ſo allein vor Ihnen knien. Sie würde zu Ihnen kommen und ſagen:„Gnädige Frau, Sie ſind Mutter wie ich. Setzen Sie ſich an meine Stelle— mein Sohn liebt Ihre Tochter— er wird ſterben, wenn Sie ihn zurückweiſen. Haben Sie Mitletd mit meinem Sohn. Ich kenne ihn— er iſt Ihrer Güte nicht unwürdig« O, Fräulein Joſephine, ſprechen Sie ein Wort für mich, für mich, der ich weniger glücklich als Sie keine Mutter mehr habe— für mich, der ich ſo ungeſchickt ſpreche und der ich doch ſo gut ſprechen ſollte. Ich werde zurückgewie⸗ ſen werden— durch meine eigene Schuld— denn mein Herz iſt voll, aber meine Zunge iſt machtlos. Ach, meine Mutter, warum ließeſt Du mich allein auf der Welt!“ Die Baronin erhob ſich von ihrem Sitz und wendete das Geſicht ab. Riviere erwartete vor Aufregung zitternd ſein Urtheil und wünſchte ganz anders geſprochen zu haben, als er geſpro⸗ chen hatte. Er ſah, daß die Baronin ebenfalls zu zittern ſchien, aber er wußte nicht, wie er dies deuten ſollte. „Ihre Worte haben mich in einige Aufregung verſetzt,“ hob ſie endlich an.»Verlaſſen Sie mich jetzt, junger Mann. Ich will Ihnen meine Antwort ſchriftlich ſenden. Dieſe letzten Worte wurden in viel freundlicherem Tone geſprochen, als die früheren, und Eduards Hoffnung ſtieg. „Ja, gnädige Frau,« ſagte er unſchuldig,„ſo iſt es mir auch lieber. Ich danke Ihnen von Grund meines Herzens.* Mitten in ſeiner Dankſagung aber ſtockte er, denn zu ſeiner Ueberraſchung nahmen die Augen der Baronin plötzlich den Ausdruck des Schreckens und Erſtaunens an. Er drehte ſich herum, um zu ſehen, was die Urſache ſey, und erblickte in einiger Entfernung hinter ſich Joſephinen, die ihre Mutter mit flehenden Blicken anſah und mit ſtummer Bitte und naſ⸗ ſen Wangen ihre gefalteten Hände emporhob. Als ſie ſich entdeckt ſah, verſuchte ſie keine fernere Ge⸗ heimhaltung, ſondern kam mit noch immer gefalteten Hän⸗ den näher. »„O nein, meine Mutter!« Dann wendete ſie ſich zu Eduard und ſagte:„Sehen Sie denn nicht ein, daß ſie Ihnen brieflich eine abſchlägige Antwort ertheilen will, weil Sie 30 nicht den Muth hat, Ihnen in Ihr vertrauensvolles Antlitz zu ſehen und den Dolch ins Herz zu ſtoßen?« »Ha, Verrätherin!« rief die Baronin. Eduard ſeußte. Joſephine blieb ihm mit ihrer bittenden Geberde treulich zur Seite. »Da geht mir ein neues Licht auf!« rief die alte Dame, „entſetzlich! Wie, Joſephine— meine Tochter— iſt es mög⸗ lich, daß Du Dich ſo ſehr für ihn intereſſirſt—⸗ Joſephine ſenkte ihr anmuthiges Haupt. »Ja, meine Mutter,« ſagte ſie kaum hörbar. Die Baronin ſtöhnte. Eduard hob, um ſie zu tröſten, an: »Aber, gnädige Frau, es iſt nicht— »Ha, ſchweigen Sie!« rief Joſephine ſchnell und im Tone des Schreckens. Der verblüffte junge Mann ſchwieg. »Sie haben Recht, mein Herr,« ſagte die Baronin kurz. „Laſſen Sie ſie gehen— ſie wird mehr Einfluß auf mich ha⸗ ben als Sie. Mit einem Worte, mein Herr, ich ſtehe im Be⸗ griff mich in dieſer Angelegenheit mit meiner Tochter zu berathen. Haben Sie die Güte, uns auf einige Minuten zu entſchuldigen.* „Zu Befehl, gnädige Frau.« Er nahm ſeinen Hut. »Ich werde Sie rufen laſſen. Mittlerweile gehen Sie und ſpielen Sie mit jenem andern Kind auf der Terraſſe,« ſagte ſie ironiſch, denn das kaum erſt in ihr erwachte Gefühl zu ſeinen Gunſten war nun vollſtändig wieder erloſchen. Eduard verneigte ſich ehrerbietig und that wie ihm befohlen worden. 31 „Nun iſt Alles aus,« ſagte die Baronin.„Die Geſin⸗ nungen, welche die Nation demoralifirt haben, ſind zuletzt auch in meine Familie gedrungen. Meine Tochter wirft ſich weg— und nicht einmal an einen Mann, ſondern an einen Knaben.* Joſephine näherte ſich ihrer Mutter und ſank auf die Knie nieder. „Mutter, haſt Du nicht ein wenig Vertrauen zu deiner Joſephine? Bin ich ſo gar thöricht? Bin ich ſo gar ver⸗ dorben?* Und ſie lehnte ihre Wange an die ihrer Mutter. Die alte Dame küßte ſie. „Du ſollſt ihn haben— Du ſollſt ihn haben, geliebte Tochter. Deine Mutter liebt Dich zu ſehr, um Dir etwas zu verweigern.« Plötzlich aber begann ſie zu ſchluchzen und zu weinen: »Man nimmt mir meine Kinder! man nimmt mir meine Kinder!« Und dem Doctor, der in dieſem Augenblicke neugierig wieder eintrat, rief ſie entgegen: »Ah, ſind Sie wieder da? Nun denn, freuen Sie ſich Ihres Triumphes, denn Sie haben geſiegt.* »Um ſo beſſer,« rief der Doctor in heiterem Tone. »Nichtsdeſtoweniger iſt es ein trauriger Triumph, eine alte Frau, der man Alles genommen bis auf ihre Töchter, auch noch dieſer zu berauben!« Der Doctor ſenkte die Blicke zu Boden, dann aber kam er theilnehmend raſch auf ſie zu und ergriff ihre Hand. »Meine theure, theure Freundinl« rief er,„die Geſetze der Ratur ſind unvermeidlich. Früher oder ſpäter muß der junge Vogel das Reſt der Alten verlaſſen.« 32 »Die Natur iſt ſehr grauſam.« »Dies ſcheint ſie nur zu ſeyn, weil ſie unveränderlich iſt. Es gibt auch noch ein Geſetz, welchem Sie und ich in nicht gar langer Zeit werden gehorchen müſſen.« »Ja, Sie haben Recht, mein Freund.« „Und ſollen wir ſterben und dieſe zarten Geſchöpfe ihre Genoſſen und Beſchützer in einer Welt voll Wölfe in Schafsklei⸗ dern ſelbſt wählen laſſen? Sollen wir ihnen, ſo lange wir noch leben, das Licht unſeres Alters und unſerer Klugheit bei die⸗ ſem Schritte verſagen, von welchem das Wohl oder Wehe ihres ganzen künftigen Lebens abhängt?« »Sie wiſſen ſtets Ihre Anſichten zu vertheidigen. Wohlan laſſen Sie den jungen Mann rufen. Er iſt gut; er wird mir verzeihen, wenn ich wider Willen manchmal unfreundlich ge⸗ gen ihn bin. Er wird begreifen, daß er für meine Tochter ein Liebhaber, für mich aber ein Dieb, ein Räuber iſt. Er hat keine Mutter— wenn ich nicht ſo gottlos wäre, ſo würde ich verſuchen, ihre Stelle zu erſetzen— Sie ſehen, daß ich ganz vernünftig bin. Und nun ſagen Sie mir, wie lange es dauern wird, ehe Sie wiederkommen, um auch Laura von mir zu verlangen. O fürchten Sie nichts— und ich werde ſie ebenfalls gehen laſſen Ich bin nicht geſonnen, dieſen ganzen Auftritt noch einmal durchzumachen— der erſte Kampf iſt es der uns das Herz zerreißt. Und doch wußte ich, daß es eines Tages ſo kommen müßte. Ich erwartete es, aber nicht ſo bald. Doch gleichviel— ich will vernünftig ſeyn— heute iſt der 4. November. An dieſen vierten November werde ich denken! Ich verlange weiter nichts, als daß, wenn Beide fort ſind und das Haus verödet iſt, man mich ruhig ſter⸗ ben laſſe. 2 38 „Herr Perrin, der Rotar, iſt unten und wünſcht die gnädige Frau zu ſprechen,« meldete Jaecintha zur Thür her⸗ einſchauend. »Ach ja, ganz Recht!« rief die Baronin.„Hinweg mit unſern Thränen, meine Freunde. Hier kommt ein Mann, der ſie nicht verſtehen würde. Er würde ſagen:„Wie, haben denn dieſe Leute alle auf einmal Zahnſchmerzen bekommen?“ Saint⸗Aubin entfernte ſich, nachdem er den Notar be⸗ grüßt, und dieſer, die Baronin und Joſephine ſetzten ſich ſo daß ihre Stühle die Form eines Dreiecks bildeten. Der Notar begann damit, daß er erklärte, es habe ihm nicht wenig Mühe gekoſtet, den widerſpenſtigen Gläubiger zu beſiegen, auch habe er ſeither erfahren, daß ein zweiter weit ſtärkerer Gläubiger höchſt wahrſcheinlich auf Bezahlung oder auf den Verkauf der Herrſchaft dringen werde. Die Baronin ward durch dieſe Mittheilung in nicht ge⸗ ringe Aufregung verſetzt. Der Notar blieb ganz kalt und beobachtete ſcharf. „Bonard,« ſagte er,„hat erſt die andern Gläubiger aufgehetzt, ſonſt wäre es ihnen ſicherlich nicht eingefallen.« Er bemerkte weiter, daß dies alles ſeine Gedanken ſeit mehren Tagen unabläſſig beſchäftigt habe. „Es wäre,« fuhr er mit kaltblütiger Offenheit fort, „wirklich Schade, wenn dieſe Beſitzung einer Familie entriſſen werden ſollte, welche dieſelbe ſeit den Tagen Carls des Großen behauptet hat.« „Das verhüte Gott!“ rief die Baronin indem ſie ihre zit⸗ ternden Hände gen Himmel hob. Der Notar huldigte dem republicaniſchen Glaubensbe⸗ kenntniß in allen ſeinen Zweigen. Wer lieben will. II. 34 „Die Vorſehung, gnädige Frau, miſcht ſich nicht in Ge⸗ ſchäftsſochen,« ſagte er.»Nur Geld kann die Beſitzung retten. Laſſen Sie uns daher nach etwas Solidem umſehen. Ha⸗ ben Sie ſich vielleicht auf irgend ein Mittel beſonnen, um Geld zur Bezahlung dieſer Schulden außzutreiben?“ „Nein. Welche Mittel könnte es noch geben? Es haften bereits ſo viel Hypothekenſchulden auf der Beſitzung, als ſie werth iſt— ſo ſagen Alle.« „Und das iſt auch wahr!« bemerkte der Notar raſch. „Aengſtigen Sie ſich nicht, gnädige Frau— ich bin noch da.« „Ach, mein Freund, möge der Himmel Sie belohnen!“ „Gnädige Frau, bis zur gegenwärtigen Zeit habe ich keine Klagen über dieſen Himmel zu führen. Beiläufig erlau⸗ ben Sie mir, Ihnen zu zeigen, daß es ſich mit mir immer beſ⸗ ſer macht. Hier, mein Fräulein, iſt eine Tändelei, welche man mir geſchenkt hat,« und er knöpfte ſeinen Ueberrock auf und zeigte ihnen ein Stück dreifarbiges Band und eine Spange. „Was mich betrifft, ſo gebe ich nicht viel auf dergleichen Dinge,« fuhr er fort, indem er vor befriedigter Eitelkeit bei⸗ nahe barſt,„die Welt aber läßt ſich dadurch blenden. Ich kann Ihnen aber auch noch etwas Beſſeres zeigen.* Er zog einen Brief heraus. „Dieſer Brief iſt von dem Miniſter des Innern an einen meiner Clienten und enthält das Verſprechen, daß ich der nächſte Präfect ſeyn werde, und der gegenwärtige Präfect liegt, wie ich mich freue, Ihnen ſagen zu können, auf dem Sterbebette. Sonach, gnädige Frau, wird Ihr gehorſamer Diener binnen wenigen kurzen Monaten nicht mehr Notar, ſondern Präfect ſehn. Dann werde ich meine Notariatspraxis verkaufen— ſie iſt wenigſtens ihre hunderttauſend Franes 35 werth, und ich ſchmeichle mir, daß Sie, wenn ich Präfect bin, ſich meiner nicht ſchämen werden.“ „Eben ſo wenig als jetzt, mein Herr,« ſagte die Baro⸗ nin höſlich,„wir werden Ihr Verdienſt ſtets anerkennen. Aber—* „Ich verſtehe Sie, gnädige Frau. Sie ſehen eben ſo wie ich auf das, was ſolid und dauernd iſt. Nun denn— ich habe auch Geld.“ „So— nun um ſo beſſer für Sie.« „Ich habe viel Geld. Es iſt jedoch in ſehr vielen klei⸗ nen, obſchon einträglichen Anlagen zerſtreut. Wollte ich plötz⸗ lich alle dieſe kleinen Summen einziehen, ſo würde das mit einigem Verluſt verknüpft ſeyn.« „Das bezweifle ich keineswegs.“ „Aber dennoch, gnädige Frau, wenn Sie und Fräulein Joſephine nur einen geringen Grad jenes freundſchaftlichen Gefühls gegen mich beſitzen, welches ich in ſo hohem Grade für Sie hege, ſo werde ich alle dieſe Capitale einziehen. Sechs Monate werden dazu hinreichend ſehn. Zwei Drittel Ihrer Gläubiger ſollen ſofort abgefunden werden. Ein einziger Mann, auf den ich mich verlaſſen kann, einer meiner Clien⸗ ten, der nicht wagt mir etwas abzuſchlagen, wird das noch übrige Drittel vorſchießen und dann iſt die Beſitzung gerettet. Binnen anderweiten ſechs Monaten wird dann auch ſelbſt dieſe verminderte Schuld liquidirt und das Schloß Beaure⸗ paire mit Park, Wieſen, Feldern und Alleen bis auf die alte Eiche ſo frei ſeyn wie die Luft, und keine Macht der Erde ſoll es Ihnen, mein Fräulein, und Ihren Leibeserben rauben können.* Die Baronin ſchlug in der Extaſe ihrer Freude die Hände zuſammen. 36 „Aber was ſollen wir dafür thun, mein Herr?s fragte Joſephine ruhig,„denn mir ſcheint, als könnte es nur durch große Opfer von Ihrer Seite bewirkt werden.« „Ich danke Ihnen, mein Fräulein, ſür den Scharfſinn, mit welchem Sie ſehen, daß ich Opfer bringen muß. Ich würde es Ihnen nimmermehr geſagt haben, aber Sie haben es ge⸗ ſehen— und ich bedaure nicht, daß Sie es geſehen haben. Gnädige Frau, gnädiges Fräulein, dieſe Opfer erſcheinen mir gering— ſie werden mir wie nichts erſcheinen— ſie ſollen nie erwähnt oder auch nur angedeutet werden, wenn Sie mir Ihrerſeits eine weit ſchwerere Verbindlichkeit auflegen— wenn mit einem Worte—« hier öffnete der Verächter alles Flittertandes wieder ſeinen Rock und ließ ſein dreifarbiges Band ſehen—„wenn Sie, gnädige Frau, mich zu Ihrem Schwiegerſohn, wenn Sie, mein Fräulein, mich zu Ihrem Gatten annehmen wollen.* 3 Die Baronin und ihre Tochter ſahen einander ſchwei⸗ gend an. „Iſt das ein Scherz?« fragte endlich Erſtere die Letztere. „Kannſt Du das glauben, meine Mutter? Antworte Herrn Perrin. Vor allen Dingen, meine Mutter, vergiß nicht, daß er uns ſo eben einen Dienſt geleiſtet hat.« „Ich werde es nicht vergeſſen. Mein Herr, erlauben Sie mir, mein Bedauern auszuſprechen, daß Sie nachdem Sie in der letzten Zeit unſere Dankbarkeit und Achtung gewonnen⸗ dieſen Weg eingeſchlagen haben, durch welchen dieſe Gefühle nothwendig beeinträchtigt werden müſſen. Dennoch aber,sſetzte ſie mit ſanfter Höflichkeit hinzu,„wollen wir Ihre guten 37 Dienſtleiſtungen gegen dieſe— dieſe Verirrung Ihres Ur⸗ theils in Anſchlag bringen. Das Ergebniß iſt daher immer noch zu Ihren Gunſten, vorausgeſetzt, daß Sie niemals auf dieſes Thema zurückkommen. Sind Sie damit einverſtanden?« Das Benehmen der Baronin war ein ſehr tactvolles und ihre letzten Worte wurden mit dem Ausdruck offener Freund⸗ lichkeit geſprochen. Es lag durchaus nichts darin, was Perrin abgehalten hätte, den Gegenſtand fallen zu laſſen und mit der Familie gut Freund zu bleiben. Ein Mann von Ehre oder ein wirklich Liebender würde dies auch gethan haben. Herr Perrin war keines von Beiden, er ſagte daher in faſt drohendem Tone; „Sie weiſen mich alſo ab, Madame?s Der Ton und die Worte waren ſchon jedes für ſichallein mehr. als der Stolz der Baronin vertragen konnte. In kal⸗ tem, aber höflichem Tone antwortete ſie: „Ich weiſe Sie nicht zurück. Ich ziehe eine Beleidigung nicht in Erwägung.« „Beruhige Dich, liebe Mutter, ſagte Trſephie„erhat uns nicht beleidigen wollen.* „Ah, das klingt etwas vernünftiger!« rief Perrin. „Es gibt Menſchen,« fuhr Joſephine fort, ohne auf ihn zu achten,„die nur Eines ins Auge faſſen— ihren Nutzen. Es war ein Anerbieten, welches uns höflich in der Art und Weiſe gemacht ward, wie Geſchäfte gemacht zu werden pfle⸗ gen. Lehne es in demſelben Geiſte ab, hebe Mutter. Dies iſt es, was Du zu thun haſt.* „Mein Herr, Sie hören, was meine Tochter ſagt.« „Ich bin nicht taub, gnädige Frau.« 38 „Sie treibt die Höflichkeit ein wenig zu weit. Im Grunde genommen iſt dies jedoch ein guter Fehler. Wohlan, mein Herr, ich brauche nicht zu antworten, daFräulein von Beaure⸗ paire Ihnen geantwortet hat; ich will Sie aber nicht länger aufhalten.* „Alſo, Sie werfen mich zum Hauſe hinaus?« rief der Notar zähneknirſchend.„Sie verſchmähen einen Mann, den noch Niemand beleidigt hat, ohne es ſchwer zu bereuen! Sie ſind mir Verbindlichkeiten ſchuldig und Sie glauben mir die Thür weiſen zu können! Sie ſind in meiner Gewalt und Sie glauben, ich werde mir dies von Ihnen gefallen laſſen? Sagen Sie noch einmal, ich ſolle gehen, und bei allen Teufeln! in weniger als einem Monat werde ich hier ſtehen und Ihnen die Thür zeigen!« »Ach mein Gott! mein Gott!“ „Dann werde ich ſagen Beaurepaire iſt mein! verlaſſen Sie es augenblicklich!« Während er dieſe furchtbaren Worte ſprach, deren jedes die Baronin wie ein Donnerſchlag traf, ſank dieſe, deren Muth mit ihrem Stolze nicht gleichen Schritt hielt, über die Armlehne ihres Stuhles und rief in kläglichem Tone: „Er drohet mir! Er drohet mir! Ich fürchte mich vor ihm!* Und dabei hielt ſie ihre zitternden Hände empor, als ob ſie phyſiſche Gewalt fürchtete. AAber wie wenn ein Habicht eine zitternde Taube gefaßt hat und plötzlich ein Königsfalke auf ihn herabſtößt, ſo ſchnell und unwiderſtehlich, aber weit ſchrecklicher und majeſtätiſcher warf Joſephine von Beaurepaire ſich zwiſchen ihre Mutter und den Notar, der mit verſchränkten Armen ſich auf brutale, drohende Weiſe ihr näherte. Sie war nicht mehr die Joſe⸗ 80 phine, als welche wir ſie geſehen, die ruhig ſchmachtende Schönheit, ſondern die Erbin von Beaurepaire, todtenbleich vor Zorn, während ihre Augen Blitze ſchoſſen. „Nichtswürdiger! Sie wagen ſie zu beleidigen und vor meinen Augen! Zurück, Elender, oder ich—* Und ſie hob ihre Hand hoch empor, höher als jemals eine Hand gehoben worden zu ſeyn ſchien, und wenn er noch einen Augenblick gezögert hätte, ſo glaube ich, ſie wäre auf ihn herabgeſchmettert, und wenn dies geſchehen wäre, ſo wäre er zu ihren Füßen niedergeſtürzt, nicht unter der Wucht dieſer Hand— der Blitz iſt nicht ſchwer— ſondern von dem elektriſchen Schlage, der ſich dadurch entladen. Er prallte drei Schritte zurück und wäre beinahe rück⸗ lings niedergeſtürzt. Sie folgte ihm auf dem Fuße, ſtark in dieſem Augenblicke wie Herkules, ſchön und ſchrecklich wie der Erzengel Michael den Satan hinwegſcheucht. Er wagte nicht vor ihr Stand zu halten, oder konnte es vielmehr nicht. Er krümmte, drehte und wand ſich das ganze Zimmer entlang, während ſie ihm Schritt für Schritt folgte. „Das ſollt Ihr büßen!« ziſchte die Schlange, als ſie ſich über die Schwelle ringelte.„Ihr ſollt wie ich von hier ausgetrieben werden, aber nicht wie ich auf kurze Zeit, ſon⸗ dern auf immer und ewig— das ſchwör' ich!« Die Baronin lag ſtöhnend, zitternd und einer Ohnmacht nahe in ihrem Lehnſtuhl, die ſtolze Jungfrau ſtand wie ein ſtrafender Engel mit noch hoch erhobener Hand und flammen⸗ dem Blick an der Thür und der elende Perrin entfernte ſich mit ſchlotternden Knien, vor Wuth keuchendem Herzen und knirſchenden Zähnen, während in ſeinen Augen das Feuer der Hölle loderte. 40 II. »Mein Fräulein,« ſagte Eduard, als er Laura's auf der Terraſſe anſichtig ward,»Ihre Mutter ſchickt mich hier⸗ her, um mit Ihnen zu ſpielen.« „»Mein Herr!« „Es iſt ſo. Sie ſagte: Gehen Sie und ſpielen Sie mit dem andern Kinde.« »Unſere Mütter nehmen ſich zuweilen Freiheiten heraus, die wir uns aber von einer fremden Perſon nicht gefallen laſſen.« »Mein Fräulein, es war mir ganz eben ſo zu Muthe wie Ihnen, als dieſer Ausdruck auf mich angewendet ward, aber es iſt ſo ſüß, irgend etwas mit Ihnen zu theilen, wäre es ſelbſt eine Beleidigung— ein Makel.« »Alſo man hat Sie hierhergeſchickt, um mir die Zeit zu vertreiben?« fragte ſie ſtolz. »So ſcheint es.« »Mag ich es nun gern ſehen oder nicht?« »Nein, mein Fräulein. Sobald Sie mir durch ein ein⸗ ziges Wort den Wunſch verriethen, allein zu ſehn, ſollte ich mich entfernen— dies ward vorausgeſetzt.« — „Nun ſo gehen Sie.« »Ich gehe.« Er that einige Schritte, um die Terraſſe zu verlaſſen. * 41 „Herr Rivière,« rief die junge Dame ihm in ruhig freundlichem Tone nach, als ob nichts geſchehen wäre. Er kam wieder zurück. »Wie gedankenlos Sie ſind! Sie gehen fort, ohne mir zu ſagen, was Sie hinter meinem Rücken mit meiner Mutter von mir geſprochen haben.« „Ich habe Sie mit keinem Wort erwähnt!« »O, um ſo beſſer.* Nun erzählte das eine Kind dem andern Alles, was es zur Baronin geſagt und was dieſe darauf geantwortet, und das eine Kind erröthete, indem es dies erzählte, und blickte dann und wann ſchüchtern auf, um zu ſehen wie das launen⸗ hafte Kind es aufnähme und das launenhafte Kind nahm eine ſtolze Miene an, als ob es ſagen wollte:»Ich höre aus bloßer Höflichkeit einen trockenen Bericht über gewiſſe rein theoretiſche Dinge an, an welchen ich kein perſönliches In⸗ tereſſe habe. Ein dann und wann ſich zeigendes Erröthen verlieh die⸗ ſer Leiſtung eine reizende Inconſequenz und würde einen be⸗ jahrten Zuſchauer zum Lachen gereizt haben. Als Riviere auf Joſephinens Einmiſchung zu ſprechen kam und wie ihre Mutter glaubte, ſie ſeh es, die er liebe, und wie Joſephine zu ſeiner großen Neberraſchung dieſe Täuſchung begünſtigte und wie dann die Flut ſich ſogleich zu ſeinen Gunſten gewendet, da rief unſere junge Schauſpielerin, dein ungeſtümen Drange ihres Weſens folgend und einen Augen⸗ blick aus der Rolle fallend: „Ha! Daran erkenne ich Dich, meine gute Joſephine.« Nicht ſo bald aber hatte ſie dies geſagt, ſo ſchlug ſie die Augen nieder und ihre Wangen glühten. Rividre wußte nicht was er denken ſollte. „ 42 »Aber mein Fräulein,« ſagte er,»ich bitte Sie, er⸗ klären Sie mir— irre ich mich vielleicht doch— iſt ſie—« »Was denn?« „Ich meine, thut ſie—« »Was denn?* „Sie wiſſen ſchon was ich meine.« »Nein, ich weiß es nicht. Wie ſollte ich es auch wiſſen? Wie eitel doch dieſe Kinder ſind! Wenn ſie es auch thäte, würde ſie es wohl in Ihrer Gegenwart geſtanden haben?« „In der That, ich erſtaune über Sie, Fräulein Laura. Jacintha hat alſo Recht. Sie bekennen, daß Alles, was Ihr Geſchlecht ſagt, eine Lüge iſt. O pfui!« »Nein, nicht Alles,« entgegnete Laura mit beiſpielloſer Naivetät,„blos gewiſſe Dinge. Quälen Sie mich nicht,« rief ſie mit plötzlicher halb kindiſcher Heftigkeit.„Sehen Sie über⸗ zeugt, daß Joſephine eine gute Freundin von Ihnen war, nicht weil ſie die Kinder liebt, ſondern weil ſie gar nicht iſt wie wir Anderen, ſondern ein Engel, der alle Menſchen liebt — ſogar Sie, mein Herr.« „Das denke ich eben auch,« antwortete Eduard ernſt. »Die Baronin hält Sie für ein Kind— aber Sie ſind er⸗ fahren genug, um mich in Verlegenheit zu bringen, mein Fräulein.« „Das kann wohl ſeyn.« »Und Fräulein Joſephine dachte, es dürfe mir nicht ge⸗ ſtattet werden, überhaupt in das Haus zu kommen, wenn in dieſem kritiſchen Augenblicke ein zweites Vorurtheil in den Weg käme.« „Was für ein Vorurtheil?« »Daß Sie noch zu jung ſind, um zu lieben.« 43 „Das iſt kein Vorurtheil— das iſt Thatſache. Ich mein Herr, bin in der That dazu noch viel zu jung.« „Nein, nein, das wollte ich nicht ſagen. Ich wollte ſagen, zu jung, um geliebt zu werden.« „O, dazu bin ich allerdings nicht zu jung. Richt im mindeſten.« „Und deshalb vermittelte der Engel Joſephine blos aus Mitleid zu mir— das iſt meine Löſung des Räthſels. Möge der Himmel ſie dafür ſegnen!“ „Entſchuldigen Sie, wenn ich Ihnen ſage, daß Ihre Löſung des Räthſels eine ſehr abgeſchmackte iſt.« „Es iſt aber die richtige.« »Wiſſen Sie das gewiß?« „Ganz beſtimmt.* „Dann würde es alſo michts nützen, wenn ich Ihnen widerſpräche?« „Nein, nicht das Mindeſte.« „Dann werde ich Ihnen auch nicht widerſprechen.« „Wohlan, Fräulein Engel, vielleicht komme auch ich an die Reihe,« ſagte der junge Mann mit zitternden Lippen. »Auf ein Wort von Ihnen ließe ich mich in Stücke reißen, weiter ſage ich nichts.* „Wenn Sie ſo ſprechen, gefallen Sie mir viel beſſer.« „Fräulein Laura?s »Herr Eduard?« »Wollen Sie vielleicht mit dahin kommen, wo die große Eiche ſteht?* „Nach der Plaiſance, meinen Sie?s „O, die Plaiſance heißt es? Welche reizende Namen hat doch hier alles! Wohlan, wenn Sie mit nach der Plaiſance 44 kommen wollen, ſo will ich Ihnen eine Zeichnung von dem herrlichen alten Baume machen, den ich ſo liebe.« „Und was für ein Recht haben Sie, ihn zu lieben?— er gehört nicht Ihnen, ſondern unſer. Sie lieben immer etwas, was Sie nichts angeht.⸗ „Ich liebe Dinge, die man nicht umhin kann zu lieben — iſt das ein Verbrechen?* „Er kann nicht umhin einen Baum zu lieben, das zarte Geſchöpfl« „Nein, ich kann nicht umhin einen Baum zu lieben, aus welchem Sie herauskamen, um meine Bekanntſchaft zu machen.* „Unverſchämter! Wohlan, zeichnen Sie ihn mit zwei Damen, welche herausgeeilt kommen, während ein Knabe vor Schrecken wie angewurzelt ſteht.“ „Das iſt nicht nöthig— dieſe Scene iſt mehr als ge⸗ zeichnet— ſie iſt unſer Aller Erinnerung für immer einge⸗ graben.« „Der meinen nicht! der meinen nicht! O wie ängſtlich waren Sie— ha! ha! ha!— und wie ängſtlich würden wir geweſen ſehn, wenn Sie es nicht geweſen wären. Hören Sie mich an. Es war einmal— erſchrecken Sie nur nicht, es war nach Noah's Zeit— es war einmal ein Haſe, welcher, weil er den Jäger fürchtete, an einem Teiche vorüberrannte. Die Fröſche ſprangen erſchrocken in's Waſſer.»Seht,“ rief der Haſe,„hier gibt es alſo Geſchöpfe, die ich meinerſeits er⸗ ſchrecke— ich bin der Donnerkeil des Krieges.« Entſchul⸗ digen Sie, daß ich Lafontaine citire. Bis zu Carl dem Zwölf⸗ ten von Schweden bin ich noch nicht gekommen, ich bin noch ein Kind.* „Und ich freue mich darüber, denn wenn Sie erwachſen ſind, werden Sie für mich viel zu klug ſeyn— das iſt klar.“ 45 „Mein Herr, ſoll ich Ihnen ein Geſtändniß machen? Sie werden nicht boſe darüber ſeyn. Ich könnte Ihr Mißfal⸗ len nicht ertragen.* „O ich fürchte, daß Sie dies könnten— deshalb will ich Sie nicht auf die Probe ſtellen.« „Dann fühle ich mich ſeltſamerweiſe geneigt, auf dieſer Terraſſe auf⸗ und abzugehen, während Sie jenen Baum in der Plaiſance zeichnen.* „Widerſtehen Sie dieſer Neigung, vielleicht flieht ſie von Ihnen.«* „Nein, fliehen Sie von mir und zeichnen Sie. Ich werde Ihnen binnen wenigen Minuten nachkommen.* „Ich danke Ihnen; ſo dumm bin ich nicht. „Zweifeln Sie an meinem Wort, mein Herr?s fragte ſie ſtolz. „Das verhüte der Himmel, mein Fräulein! nur ſah ich nicht ſogleich ein, daß es ein ernſtes Verſprechen war, welches Sie mir die Ehre erzeigen zu geben. Ich gehe.« Er ging und ſtellte ſich auf die weſtliche Seite der Eiche, nahm ſein Skizzenbuch heraus und arbeitete eifrig und raſch. Eben war er mit den Umriſſen des Baumes fertig und führte einen Theil des ungeheuern Stammes im Einzelnen näher aus, als ſeine Augen plötzlich geblendet wurden. In der Mitte der Rinde, die hier und da durch große warzenähnliche Aus⸗ wüchſe entſtellt ward und vor Alter überall riſſig und gebor⸗ ſten war, zeigte ſich ein Stückchen bunte Farbe gleich einem Mohnblatt an einer Kerkerwand und funkelte durch ein großes Loch in der braunen Rinde. Es war Laura's Geſicht, welches hindurchlugte. Wie göttlich erſchien es dem Auge des jungen Liebenden! Der Blei⸗ ſtift ruhte und mit offenem Munde ſtarrte der Zeichner das 46 bezaubernde Antlitz an, welches muthwillig durch die Rinde des alten Baumes herausſchaute. Sagen Sie mir, meine ſchönen Leſerinnen, kannte Laura den Werth dieſes düſtern Rahmens im Gegenſatz zu ihrer Blüthe und Jugendfriſche? O nein, ſie war ja nur noch ein Kind!!! In dem Augenblick, wo ſie ſich entdeckt ſah, hallte der alte hohle Baum wieder von ſchalkhaftem Gelächter und heraus kam die Dryade. »Ich bin ſchon lange hier!« rief ſie.„Was für ein ernſthaftes Geſicht Sie machten— ha! ha! ha! Laſſen Sie doch einmal das Product dieſer gelehrten Studien ſehen.« Er zeigte ihr ſeine Arbeit. Sie ſchlug ſogleich einen an⸗ ⁰ dern Ton an. „O wie ſchön!« rief ſie,„und wie ſchön haben Sie das gezeichnet! Welche Uebung müſſen Sie in dieſer Kunſt haben! Sie ſind ein Künſtler, mein Herr,« ſagte ſie mit ernſter Miene. „Ich werde künftig mehr Reſpect vor Ihnen haben,« und ſie machte ihm einen tiefen Knix.„Vergeſſen Sie nicht, daß Sie mir dieſe Zeichnung verſprochen haben,« ſetzte ſie hinzu. „Sie wollen ſie alſo annehmen?« »Ja wohl. Machen Sie ſie erſt fertig, aber gleich!« rief die gebieteriſche junge Dame. »Erſt muß ich Sie bitten, ſich neben den Baum zu ſtellen.* »Wozu?« Weil ich einen Contraſt brauche. Der Baum iſt ein Bild des Alters und allmäligen Verfalles, deshalb muß ich eine Verkörperung der Jugend und des aufblühenden Liebrei⸗ zes danebenſtellen.* 47 Sie antwortete nicht, ſondern ſchlug eine Art Pirouette, hüpfte nach der ihr angewieſenen Stelle und blieb hier, indem ſie dem Zeichner den Rücken zukehrte, ſtehen. „Aber ſo geht's nicht, mein Fräulein! Sie müſſen ſich herumdrehen.« „Auch das ſoll geſchehen,« rief ſie und als ſie ſich her⸗ umdrehte, ſah er, daß ihre Wangen glühten. Schmeichelei iſt ſüß. Das Raturkind freute ſich darüber und ſchämte ſich doch zugleich, dies zu errathen— und ſo zeichnete er ſie und ſchaute fortwährend von dem Papier und hatte in ſeiner Eigenſchaft als Zeichner das Recht, ihr voll und gerade in's Geſicht zu ſchauen, und er that dies mit langen zögernden Blicken, welche ernſt und handwerksmäßig begonnen und zärtlich endeten, ſo daß das arme Mädchen kaum wußte, wo ſie hinſehen ſollte, um nicht von ſeinem Auge verſengt zu wer⸗ den wie eine zarte Blume, oder aufgeſogen wie der per⸗ lende Thau. O glückliche Stunde! o glückliche Tage der Jugend und Unſchuld und erſten Liebe! „Da kommt meine Schweſter! Es muß etwas vorgefal⸗ len ſehn.« Joſephine kam bleich und keuchend auf ſie zugeeilt. »O meine Kinder!« rief ſie und konnte vor Aufregung einen Augenblick lang nicht ſprechen. Eduard und Laura näherten ſich ihr mit der größten Beſtürzung. 48 »Ein großes Unglück iſt über uns gekommen und ich bin die Urſache davon.“ „O Himmel!* „Wir haben jetzt einen Feind— einen tödtlichen Feind — Perrin, der Notar, iſt es. Mein Herr— Laura— er beleidigte uns— er beleidigte meine Mutter— und ich konnte das nicht ertragen und ich beleidigte ihn wieder. »Du, Joſephine?« „Ja! Wohl magſt Du Dich wundern. Wie wenig ken⸗ nen wir uns ſelbſt. Aber unſere Mutter ſaß zitternd in ihrem Stuhl, ihr edles, ihr geliebtes Antlitz war todtenbleich und ſie hielt ihre Hände vor ihr geheiligtes Haupt, denn der Schurke drohte ihr mit ſeiner Stimme und mit roher Ge⸗ berde.* »O meine arme Mutter!« rief Laura. »Dieſer Schurke! Und ich war nicht zur Stelle! knirſchte Rivière. »Aber augenblicklich, ich weiß ſelbſt nicht wie, warf ich mich ihm entgegen und rief: Zurück, Elender!« „Das war recht!« »Ich hob die geballte Fauſt empor. O, wenn er nur einen Augenblick lang Miene gemacht hätte, mir Widerſtand zu leiſten, ſo hätte ich ihn ins Geſicht geſchlagen. Ich hätte ihn ermordet. Ich war ſtärker als ein Löwe und eben ſo grimmig Ich war nicht mehr ich ſelbſt. Ich kannte keine Furcht, ich, die ich jetzt wieder ganz Furcht bin. Ach Kinder, es war ein einzelner Feigling. Wäre es ein Regiment von Tapfern geweſen, ſo würde ich mich ihm entgegengeworfen haben— um meiner Mutter willen. Wahnſinnige, die ich war!« 49 „Sie edles Weſen— Sie Göttin— ich liebte undehrte Sie blos— aber nun bete ich Sie an!« rief Eduard. »Ach, mein Herr, Sie wiſſen nicht, was meine Heftig⸗ keit zur Folge gehabt hat. Ach, ich, die ich meine Schweſter ſo liebe, habe ſie ins Verderben geſtürzt. Ich habe die Mutter ins Verderben geſtürzt, die ich zu ſchützen ſuchte. Ich habe dem Hauſe Beaurepaire den Untergang bereitet. Denn jener feige Böſewicht beſitzt das Herz eines Teufels. Er ſagte uns, er habe niemals eine Beleidigung verziehen und unſer Schick⸗ ſal ruht in ſeiner Hand.»Das ſollt Ihr büßen! rief er, als ich ihn über die Schwelle trieb.»Ihr ſollt wie ich von hier aus getrieben werden, aber nicht wie ich auf kurze Zeit, ſondern auf immer und ewig. Es ſoll nicht lange dauern, ſo werde ich wieder hier ſtehen und zu Euch ſagen: Marſch hin⸗ aus!« Und das wird er thun. Es ſteht in meinem Herzen geſchrieben, welches noch vor einem Augenblick vor Wuth glühte und jetzt von eiſigem Schreck erfüllt iſt. Er wird es thun— er wird kommen, bewaffnet mit dem Geſetz— dem eiſernen Geſetz— und zu uns armen Schuldnern ſagen: Marſch hinaus!« »Und wenn er dies thut,“ ſagte Eduard in feſtem, nach⸗ drücklichem Tone,»ſo will ich Ihnen ſagen was geſchieht. Ich haue ihn mit meiner Reitveitſche, daß er liegen bleibt, und Sie bleiben in Ihrem Hauſe.« »Das nenne ich geſprochen wie ein Mann!« rief Laura mit Wärme. „Du ſprichſt wie ein Kind,« ſagte Joſephine.„Dennoch können Sie vielleicht etwas für mich thun?“ »Haben Sie vielleicht heute für mich nichts gethan, daß Sie dieſe Frage thun können 7 Wer lieben will. II. 4 50 „Davon wollen wir nicht weiter ſprechen, mein Freund.« „Nein,« rief der junge Mann vor Bewegung zitternd, „wir wollen nicht davon ſprechen. Es ſind dies Dinge, von welchen man nicht ſpricht, ſondern—“ Und aus Mangel an Worten faßte er ihre beiden Hände und küßte ſie heftig und dann erfaßte er ihr Kleid und küßte dasſelbe. „Sie kennen Bonard, den Pächter— er wohnt unge⸗ fähr eine Stunde von hier.“ „Ja, ja.* „Nun ſo eilen Sie über die Wieſen nach ſeinem Hauſe und erkundigen Sie ſich, ob Perrin bei ihm geweſen iſt, ſeit⸗ dem er das Schloß verlaſſen hat. Er hat nur wenige Minu⸗ ten Vorſprung. Vielleicht kommen Sie hin, ehe er wieder fort iſt.“ „Ehe er wieder fort iſt! Ich werde eher dort ſehn als er! Glauben Sie denn, ein kleines dickes Pferd könne einen Schurken ſeiner Schurkerei ſo ſchnell entgegentragen, als ich laufen kann, wenn ein Engel es mir befiehlt?“ „Und dann werden Sie wieder nach Beaurepaire tou men und es mir ſagen.« „Ja! ja!s rief er und eilte davon. Die Schweſtern folgten langſam bis ans Thor, und ſahen dem ungeſtümen jungen Manne nach, als er quer durch den Park rannte. „Er bleibt gar nicht auf dem richtigen Wege,« ſagte Joſephine. „O, ſagte Laura,„was ſind für ihn Wege! Er hat kein Vorurtheil zu Gunſten gebahnter Straßen. Er begibt ſich auf dem kürzeſten Wege zu Bonard, darauf können wir uns verlaſſen.« 51 »Wie wacker er läuft, Laura! Wie ſtolz er den Kopf trägt! Wie leicht und ungezwungen ſind ſeine Bewegungen und dennoch, wie ſchnell kommt er vorwärts— ſchon iſt er am Rande des Parkes.« „Ja, aber Joſephine, die Dornhecke— dort iſt kein Durchgang— kein Steg. Was wird er thun? Ahl« Eduard hatte das Räthſel der Hecke gelöſt. Durch ein ihm geläufiges Manöver, welches aber den jungen Damen bis dieſen Augenblick unbekannt geblieben, ſteigerte er die Schnelligkeit ſeines Laufes und that einen Sprung gerade auf die Hecke los, traf aber, da er ſich in der Luft umdrehte, mit dem Rücken anſtatt mit dem Geſicht dagegen an und brach durch die Wucht dieſes Sprunges hindurch, ſo daß er einen Augenblick ſpäter ſchon weit über das Hinderniß hinweg war. Die Mädchen ſahen einander an. Joſephine lächelte wehmüthig. Laura blickte hoffnungsvoll auf. „Unſer ganzes Leben lang haben wir dieſe Hecke für eine Schranke gehalten, die kein Sterblicher paſſiren könne — aber er machte keine langen Umſtände damit.« »Darum faſſe Muth, meine Schweſter. Geh hinein, Laura, und tröſte unſere Mutter.« »Ja, meine Schweſter— aber allein? Wo gehſt Du hin?* »In die Capelle.« »Ah, Du thuſt wohl daran!« »Ja, Laura, Gott, der Beſchützer der Witwen und Waiſen, iſt ſtärker als böſe Menſchen. Ach meine Schweſter, wir gehen einer ſchweren Zeit entgegen!« Or bꝰ III. Laura verſuchte ihre Mutter zu tröſten. Das Thema, welches ſie zu dieſem Zwecke wählte, war der junge Rivière. Sie ſchilderte ſeinen Eifer, ſeinen Entſchluß, die Abſicht des Feindes zu vereiteln— wie, das wußte ſie nicht, aber ſie war überzeugt, daß er es thun würde. Seinen Sprung durch die Hecke verſchwieg ſie natürlich ebenfalls nicht. Die Baronin hörte ſie an wie ein verwundetes Thier, welches von einer Fliege umſummt wird. Der Notar war ihre Wunde, der junge Staatsbeamte die ſie beläſtigende Fliege. Als ihre Geduld erſchöpft war, ſchüttete ſie die Schale ihres Zornes über ihn aus. Launenhafte Weſen wie Laura, welche einen Anbeter ſelbſt gern necken und ſich ſogar mit ihm ſtreiten, ſind ge⸗ wöhnlich im Gegenſatze hierzu geneigt, ihn hinter ſeinem Rücken zu vertheidigen und zwar auf muthigere Weiſe als die, deren Gemüth ein liebenderes iſt. Vielleicht fühlen ſie, daß ſie ihm dieſe Schadloshaltung ſchuldig ſind. Vielleicht auch betrachten ſie jeden Tadel, den Andere über ihn ausſpre⸗ chen, als einen Eingriff in ihr Monopol, den ſie ſich nicht ge⸗ fallen laſſen. Laura vertheidigte Eduard mit ſo viel Wärme, daß ihre Mutter ſehr bald errieth, daß ſie die junge De me war, wegen welcher Eduard nach Beaurepaire gekommen war. 53 Die Baronin war über dieſe Entdeckung ſo empört, daß Laura ihre unvorſichtigen Worte bitter bereute. „O, Mama, ſieh mich nicht ſo an! Ich bitte Dich, ſeh lieber wieder zornig, aber ſieh deine Laura nicht mit dieſem Blicke an. Ich kann doch nicht dafür, daß ich herangewachſen und Dir ähnlich bin. Ich kann nicht dafür, daß man mich hübſch findet und mir läſtig fällt. Aber, liebe Mama, ich bin ja gar nicht verbunden, ihn zu lieben. Ich mache mir nicht das Mindeſte aus ihm— Dich und Joſephinen liebe ich weit, weit mehr— und wenn er Uneinigkeit zwiſchen uns ver⸗ anlaßt, ſo werde ich ihn haſſen. Ja, ja, Du kannſt mich ganz leicht dahinbringen, daß ich ihn haſſe— den armen Knaben.* „Ich bin ſelbſt Schuld daran,« ſagte die Baronin.»Es iſt eine Schwäche der Eltern, niemals einzuſehen, daß ihre Kinder keine Kinder mehr ſind.« „Ich bin neunzehn und ein halbes Jahr, liebe Mutter, und er iſt erſt einundzwanzig. Du ſiehſt alſo, es iſt ſehr na⸗ türlich.* „Ja, es iſt ſehr natürlich. Geh nun, und erzähle dem Doctor Alles, was an dem heutigen unglücklichen Tage ge⸗ ſchehen iſt. Ich bin ganz erſchöpft. Ich ſehne mich nach einer Perſon meines eigenen Alters, um mich ausſprechen zu kön⸗ nen. Ach, wie unglücklich bin ich!« Niemals ſeit Beginn unſerer Erzählung ſaß eine trau⸗ rigere Geſellſchaft um den kleinen Tiſch und das einzige Licht in der Ecke jenes umfangreichen Zimmers. Joſephine war von düſteren Befürchtungen erfüllt und maß ſich die Schuld an dem drohenden Untergange ihrer Fa⸗ milie bei. O1 — Der Doctor theilte ihre Beſorgniſſe und ärgerte ſich im Stillen nicht wenig, daß er ſich durch den Wolf im Schafs⸗ kleide hatte täuſchen laſſen. Laura war traurig, denn jetzt zum erſten Male war die Eintracht des kleinen Kreiſes geſtört und ſie ſelbſt war die Ur⸗ ſache davon. Die Baronin blickte düſter vor ſich hin und ſchien ſeit dem Morgen um viele Jahre älter geworden zu ſehn. »Sie ſind müde, gnädige Frau,« ſagte der gute Doctor. »Laſſen Sie mich Ihnen rathen, ſich heute ein wenig früher als gewöhnlich zur Ruhe zu begeben.« »Nein, mein Freund, ich wünſche vielmehr ein wenig länger da zu bleiben und Euch alle anzuſehen. Wer weiß wie lange wir noch beiſammen ſind.« Es trat wieder drückendes Schweigen ein. Laura flüſterte Joſephinen zu: »Sage der Mutter, ſie könne ihn fortſchicken, ſobald es ihr beliebt. Mir iſt es ganz einerlei.« »Nein, nein,« ſagte Joſephine,„das iſt es nicht, woran ſie denkt. Sie hat Recht— ich habe Euch Alle ins Verderben geſtürzt.* Die Thür öffnete ſich. „Herr Riviére!« rief Jacintha und einen Augenblick ſpäter ward der junge Mann unter der Thür ſichtbar. „Iſt dies wohl eine Stunde—« begann die Baronin. »Er kommt auf meinen Wunſch,« ſagte Joſephine haſtig. »Das iſt etwas Anderes.« Eduard nahte mit raſchem Schritte und trat vor die dü⸗ ſtere Gruppe wie ein Sonnenſtrahl, der de Er verneigte ſich der Reihe nach. 55 „Fräulein Joſephine, er war dort,« begann er dann ſeinen Rapport.»Als ich über den letzten Zaun ſprang, trabte ſein kleines dickes Pferd eben in Bonard's Hof hinein. Er muß es tüchtig geſpornt haben.* Joſephine, welche ſich in ihrer Aufregung von ihrem Stuhle erhoben hatte, um den Bericht des jungen Mannes anzuhören, ſetzte ſich mit der Miene getäuſchter Erwartung wieder nieder. „Ich lauerte, um zu ſehen, was aus ihm würde. Er blieb eine gute Stunde bei dem Pächter— dann ritt er wie⸗ der nach Hauſe. Ich folgte ihm, that aber nichts— Sie ver⸗ ſtehen mich— weil ich keinen ausdrücklichen Befehl von Ih⸗ nen hatte. Wohl aber ging ich nach Hauſe und holte meine Reitpeitſche— hier iſt ſie. Sobald Sie ein Wort ſprechen, oder mit dem kleinen Finger das Zeichen geben, ſoll ſie in Anwendung gebracht werden und zwar tüchtig.« Und der junge Mann hob ſeine Peitſche, um ein wenig damit zu knallen, aber der Knall ging los wie ein Piſto⸗ lenſchuß. „Mein Himmel!« rief die Baronin erſchrocken und ſprang beinahe von ihrem Sitze auf. Eduard bat verlegen um Entſchuldigung. „Sie Hitkopfl« rief Laura, lächelte ihn aber bei⸗ fällig an. „Jetzt handelt es ſich nicht um Reitpeitſchen,« ſagte Saint⸗Aubin mit Würde. „Und der Mann iſt uns ſchon feindſelig genug geſinnt, ohne daß wir ihm noch wirklichen Grund zu geben brauchen, uns zu haſſen,« bemerkte Joſephine. „Wir werden nun nicht lange mehr hier ſeyn,« mur⸗ melte die Baronin. 56 »Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen zu widerſprechen wage, gnädige Frau.« »Wir ſind ruinirt und keine Macht kann uns retten.« »O ja, gnädige Frau, es gibt Jemanden, der es kann.* »Wer könnte mich jetzt retten?« fragte die Baronin im Tone tiefer Niedergeſchlagenheit. „Ich!* „Sie, junger Mann?« „Ja, ich, wenn Sie es mir erlauben.« Dieſe faſt wahnſinnig klingende Behauptung überraſchte Alle in ſolchem Grade, daß ſie nicht einmal die Geiſtesgegen⸗ wart beſaßen, ſie für abgeſchmackt zu erklären, ſondern ein⸗ ander verwundert anſahen. Der junge Staatsbeamte benutzte dieſes Verſtummen ſeiner Zuhörer und fuhr in etwas pomphaftem Tone fort: »Frau Baronin und Sie, mein Herr, der Sie mich mit Ihrer Achtung beehren, und Sie, Fräulein von Beaurepaire, die ich anbete, und Sie, Fräulein Laura, welche ich— viel⸗ leicht wird es mir noch einmal erlaubt— welche ich— kurz, hören Sie mich ſämmtlich an. Sie haben mir die Ehre er⸗ zeigt, n Zutritt zu Ihnen zu gönnen, den ich ſo lange vergebens geſucht. Laſſen Sie mich daher auch heute verſuchen, mich Ihnen dafür einigermaßen dankbar zu beweiſen und die Meinung des Herrn Saint⸗Aubin, meines gütigen Vertheidi⸗ gers, einigermaßen zu rechtfertigen. Gnädige Frau, nur Ihre gänzliche Geſchäftsunkenntniß und die gänzliche Vernachläſſ⸗ gung Ihres Beſitzthums iſt Schuld, daß Sie ſich gänzlich rui⸗ nirt glauben.* Die Baronin lächelte ungläubig, ſagte aber nichts. 57 „Kommen wir zur Sache,« fuhr der junge Mann fort. „Sie leben jetzt von ungefähr zwölfhundert Franes jährlich, dem Ueberſchuſſe der Renten nach Bezahlung der Zinſen für die auf der Beſitzung laſtenden Forderungen.« Die Baronin und ihre Töchter erſchraken und erſtaun⸗ ten über die Kenntniß, die Riviere von ihrem Geheimniſſe hatte, und errötheten ſchweigend über ihre Armuth. »Der wirkliche Ueberſchuß nach Bezahlung Ihrer Hypo⸗ thekenzinſen aber beträgt fünftauſend zweihundert Francs, oder ſollte doch wenigſtens ſo viel betragen. Ihre Pachtgüter ſind um wenigſtens vierzig Procent unter ihrem wahren Wer⸗ the verpachtet. Ihre Pächter zerfallen in zwei Claſſen— in ſolche, welche niemals Pachtcontracte gehabt haben, und in ſolche, deren Contracte ſchon längſt abgelaufen ſind. Die Pächter ſind daher in Ihrer Macht und ſobald Sie ſich ent⸗ ſchließen können, Ihr wirkliches Einkommen haben zu wollen, ſo brauchen Sie nur ein Wort zu ſprechen und ich werde es Ihnen verſchaffen.« Die Baronin lächelte immer noch ungläubig. »Mein Herr,« ſagte ſie,„Sie können Recht haben. Ich verſtehe von Geſchäften ſehr wenig, aber ſo viel weiß ich, daß die Pachtgüter eher zu hoch verpachtet ſind und keineswegs zu niedrig. Das ſagen Alle.« »Wer ſagt es denn, gnädige Frau?« »Die Leute, welche es am beſten wiſſen müſſen— die Pächter ſelbſt. Zwei ihrer Weiber waren vorige Woche hier und beklagten ſich über die ſchweren Zeiten.« »Wie! Dieſe Lügner, in deren Intereſſe es liegt, dieſes Lied zu ſingen! Nennen Sie mir beſſere Gewährsleute.« »Nun jener Mann, der Rotar, ſagte es auch, und in 58 dieſem Punkte wenigſtens ſehe ich wohl nicht ein, welches Intereſſe—« „Sie ſehen nicht ein, welches Intereſſe er hat?« rief Eduard. „Laſſen Sie mich wenigſtens ausreden,« ſagte die Ba⸗ ronin mit dem Ausdrucke verletzten Stolzes. »Verzeihen Sie, gnädige Frau, mein Eifer für Sie wallte über. Iſt es aber wirklich möglich, daß Sie nicht ein⸗ ſehen, welches Intereſſe dieſer elende Rabuliſt dabei hat?« rief Eduard.„Ich bitte Sie, gnädige Frau, ſehen Sie die Sa⸗ che an, wie ſie iſt. Beaurepaire iſt gleichſam ein verendendes Edelwild, von welchem alle die kleinen Raben hier herum ſich mäſten und welches die größeren Geier oder Perrins lieber ganz in ihr Neſt tragen möchten. Die Herrſchaft Beaurepaire iſt die ſchönſte im ganzen Bezirke. Der erſte Baron verſtand ſich recht wohl darauf, den beſten Boden zu wählen. Es iſt fetter Thon von einem halben Dutzend Bächen bewäſſert. Ach, wenn Sie dieſe Beſitzung ſelbſt bewirthſchaften könnten, wie mein Onkel die ſeine, dann könnten Sie trotz der darauf ru⸗ henden Laſten noch reich werden.« „Selbſt bewirthſchaften! Iſt er toll?« „Nein, gnädige Frau, ich bin nicht toll. Es bedarf kei⸗ ner großen Geſchicklichkeit, um Wieſenland zu behandeln, be⸗ ſonders ſolches wie das Ihrige, wo das Gras von ſelbſt wächſt. Ich ſtehe dafür, daß Jacintha dies beſorgen könnte, wenn Sie ſich nicht ſelbſt damit befaſſen wollen, und ohne daß ſie deswegen ihre Küche zu vernachläſſigen brauchte. Sie beſitzt mehr Intelligenz, als Wieſenland erfordert. In dieſem Falle würde Ihr Einkommen zwölftauſend Francs jährlich betragen. Sie erſchrecken vor dieſem Gedanken. Wohlan, ich nehme ihn zurück und ſage ſiebentauſend Franes jährlich, die 59 dreitauſend Francs aber dringe ich Ihnen um der jungen Damen und um der Gerechtigkeit und des geſunden Menſchen⸗ verſtandes willen auf— ſind Sie damit einverſtanden? Aber lieber Doctor, die Baronin ſcheint unwohl zu ſeyn— ſie antwortet mir nicht! Ihre Lippen ſind farblos! O was habe ich gethan! ich habe unbedachtſam und voreilig geſprochen.“ »Es iſt nichts, junger Freund!« ſagte die Baronin mit matter Stimme;„die Aufregung— der Kummer war zu groß—« und ſie ſank wieder zurück in ihren Stuhl, aber Laura's Arm ſtützte ſie bereits und Joſephine holte ein Fla⸗ con herbei. »Es iſt weiter nichts als Erſchöpfung,« ſagte der Doc⸗ tor.„Die Baronin hätte ſich nach einem ſo aufregenden Tage eher zur Ruhe begeben ſollen. »Er hat Recht, liebe Kinder,« ſagte die Baronin;»in meinem Alter bietet man ſeinem ärztlichen Rathgeber nicht ungeſtraft Trotz. Reiche mir deinen Arm, Laura,s ſagte ſie und entfernte ſich langſam, ſich auf ihre Tochter ſtützend. Dieſe kleine Bevorzugung war nach den kurzen Differen⸗ zen des Tages ein Troſt für Laura, und Joſephine ſchien den⸗ ſelben nicht für ganz zufällig zu halten, denn ſie widerſtand ihrem Wunſche, ihre Mutter auf der andern Seite zu ſtützen, und ging blos langſam mit dem Licht vor ihnen her. Als die jungen Damen zurückkehrten, wurden ſie von Eduard mit einer Flut von ängſtlichen Fragen beſtürmt. Saint-Aubin unterbrach ſie. »Sie werden Ihnen nicht die Wahrheit ſagen,« bemerkte er,„vielleicht wiſſen ſie ſie ſelbſt nicht. Es iſt theils Ermü⸗ dung, theils Aufregung, woran die gute Baronin leidet. Dies aber würde ihre Kräfte nicht ſo ſchnell untergraben, als es 60 geſchieht, wenn— wenn— ihre Koſt zuſagender ooer mit einem Wort nahrhafter wäre.« »O, lieber Doctor,« rief Laura,»wir geben ihr ja das Beſte, was wir haben.« »Das weiß ich, mein lieber Engel, aber Sie geben ihr bloße Leckerbiſſen, die keinen kräftigen Nahrungsſtoff enthal⸗ ten. Was ſind Trauben und Aepfel und Birnen und Pfir⸗ ſiche? Weiter nichts als Waſſer. Was ſind Compots? Waſſer und Kleber, aber keine Faſer. Was iſt Salat? Nichts als Waſſer. Was ſind beinahe alle Vegetabilien? Sechsundneun⸗ zig Procent Waſſer, wie kürzlich durch die Analyſe eines mei⸗ ner Freunde in Paris bewieſen worden. Die Natur iſt ſehr ſchlau. Sie verſteckt das Waſſer hinter hundert köſtliche Düfte und Gerüche und wir nennen es dann Nahrung. Mehl und Fleiſch— dieſe ſind die eigentliche Rahrung— alles Uebrige iſt Waſſer, Luft, nichts. Die Baronin ſteht in dem Alter, wo der Menſch nicht viel auf einmal, aber oft eſſen und nur das Nahrhafteſte genießen muß.* „Von dieſem Tage an ſoll ſie es haben,« rief Eduard. „Wir wollen uns zu dieſem Zwecke verſchwören.« „Ja, ja,« rief Laura,„wir wollen uns werſchwören.« „Wir wollen ihr nützlicher ſeyn, als ſie ſich ſelbſt jemals ſeyn wird. Sie ſahen wie raſch ſie ſich meinen Plänen, die Abſichten ihrer Feinde zu vereiteln, widerſetzte? Wir wollen handeln, ohne ſie erſt zu fragen und ohne daß ſie etwas da⸗ von weiß.* »Wie aber?“ „Ich werde mir's überlegen. Vor allen Dingen laſſen Sie uns an ihre Geſundheit denken.« „Ja wohl, an dieſe vor allem Andern.« 61 „O, ich danke Ihnen, Eduardl« rief Joſephine mit Wärme. „Wohlan denn, wir müſſen auf folgende Weiſe begin⸗ nen. Eine von Ihnen, meine jungen Damen, muß um die Erlaubniß bitten, der Hauswirthſchaft vorzuſtehen. Sie kön⸗ nen ja ſagen, Sie wünſchten ſich auf die Zeit vorzubereiten, wo Sie ſelbſt Herrin eines Haushaltes ſehn werden. Vielleicht machen Sie zuerſt dieſen Vorſchlag, Fräulein Laura?“ „Ich? ich werde niemals Herrin eines Haushaltes ſeyn!“ rief Laura.„Es iſt auch gar nicht meine Abſicht. Um Alles in der Welt willen möchte ich es nicht ſeyn.« „Na, na, nur nicht ſo heftig,s ſagte Joſephine.„Es wird am beſten ſehn, wenn ich den Vorſchlag mache. Ich werde dem Scheine nach Herrin des Haushaltes ſehn, da aber Laura mich in allen Dingen beherrſcht, ſo wird ſie die eigent⸗ liche Herrin ſehn. Stimmt das mit Ihren Anſichten überein, mein Herr?« „Dafern ſie ſich dazu verſteht, mir zu gehorchen,« ant⸗ wortete Eduard.»Darf ich noch um ein Licht bitten?« Joſephine klingelte. „Noch ein Licht, Jacintha.« Mittlerweile zog Eduard, der viel zu eifrig war, um lange auf etwas zu warten, eine Karte aus der Taſche und breitete ſie auf dem Tiſche aus. Jacintha kam mit dem Lichte, brauchte aber, von ihrer Neugier gequält, ziemlich lange, ehe ſie es anzündete, während ſie ſich zugleich bemühte, höchſt gleichgiltig auszuſehen. »Nun, nicht wahr, Sie Alle wiſſen, was für eine Karte dies iſt?« »Nein,* ſagte Laura;„die Karte von Frankreich iſt es 62 nicht, aber ich kann auch nicht ſagen, was für ein anderes Land es iſt.“ „Ei, ei, ſchämen Sie ſich! Ich ſtehe dafür, daß Jacin⸗ tha es weiß. Was für eine Karte iſt das, Jacintha?« »„Es iſt die Karte von Italien,« entgegnete Jacintha feſt und ohne jenes Zögern, welches bei manchen Menſchen von gänzlicher Unbekanntſchaft mit einem Gegenſtande unzertrenn⸗ lich iſt. Eduard ſeußte. »Wirklich, ich hätte geglaubt, ſie wenigſtens würde Beaurepaire kennen, wenn ſie es ſähe.« Jacintha warf ungläubig den Kopf empor. „Wie kann es denn Beaurepaire ſeyn? Beaurepaire liegt in der Bretagne, und dieſes Land da iſt ja viel größer als die Bretagne. Und die Karte von der Bretagne hängt unten.* „Ah!« rief Laura,„wirklich, hier iſt das Schloß!« „Alle Heiligen ſtehen uns bei! Ja, es iſt wirklich ſo! und hier iſt der Park, in welchem zwei Damen ſpaziren gehen. Ich ſehe aber Herrn Rivière nicht, der doch faſt eben ſo oft darin iſt als Sie, gnädige Fräuleins,« bemerkte Jacintha ſchüchtern. „Welch ein unglücklicher Mangel!« rief Laura. „Ich freue mich, daß Sie ihn ſo nennen— er läßt ſich aber ſehr leicht ergänzen,« entgegnete Riviere und zeichnete mit ſeinem Bleiſtift raſch einen jungen Mann, der neben den Damen einherſchritt und ſeiner Geberde und Haltung nach zu urtheilen, ihnen die ausgeſuchteſten Schmeicheleien zu ſa⸗ gen ſchien. Jacintha entfernte ſich ſchmunzelnd. Die Karte ward auf das Wärmſte bewundert. 63 „O im Kartenzeichnen habe ich etwas los,« bemerkte Riviére,„und erhielt in der polytechniſchen Schule faſt bei jeder Prüfung die darauf geſetzte Prämie. „Und wie ſchön colorirt ſie iſt! Aber was ſind denn das für eine Menge Namen? fragte Joſephine.»Der Jung⸗ fernbuſch! Davon habe ich ja noch nie etwas gehört!“ „Wie, Sie haben noch nichts von dem Jungfernbuſch gehört?« rief Eduard.„Sie wollen wiſſen, was es iſt? Es iſt eine Art Moorland— ich habe neulich eir paar Schne⸗ pfen darauf geſchoſſen.« „Aber Sie haben ja keine Bäume darauf gemalt, wor⸗ an man ſehen könnte, daß es ein Wald oder Buſch iſt.« „Bäume? Es ſteht kein Baum darauf und hat ſchon ſeit zwei⸗ oder dreihundert Jahren keiner daraufgeſtanden.« „Aber warum nennen Sie es dann einen Buſch?« „Das weiß ich ſelbſt nicht. Ich weiß weiter nichts da⸗ von, als daß es Schnepfen darauf gibt— was nach meiner Anſicht kein kleiner Vorzug iſt.« „Da ſteht ferner geſchrieben: der Hirſchpark,« ſagte Laura.„Von dieſem habe ich auch noch nie gehört.« Eduard faltete die Hände und rief: „Sie kennen Ihre eigenen Felder nicht! Der Hirſchpark iſt jetzt ein großes Stück Ackerland, nicht weit von Dard's Hauſe, welches Sie hier ſehen. Jetzt paſſen Sie einmal auf.« Der junge Mann zeigte ihnen nun die Gehöfte der ver⸗ ſchiedenen Pächter und die Felder, welche zu jedem Gehöfte gehörten, und ſogar die Beſchaffenheit des Bodens eines jeden Feldes. Sie ſahen ihn verwundert und verblüfft an und erſtaunten über den Umfang und die Genauigkeit ſeiner Kenntniſſe über einen Gegenſtand, über welchen ſie nicht blos völlig ununter⸗ 64⁴ richtet waren, ſondern von welchem ſie auch geglaubt hatten, es ſey für ſie gar nicht möglich, ihn kennen zu lernen. Riviére ſchloß mit der Verſicherung, daß er ſorgfältig jedes einzelne Feld vermeſſen und abgeſchätzt habe, und daß ſämmtliche Pachtgüter um volle vierzig Procent unter Werthe verpachtet ſehen. „Ihre Frau Mutter,« ſetzte er dann hinzu,„hat An⸗ ſpruch auf einen Theil der Einkünfte, Sie aber ſind die eigent⸗ lichen Beſitzer der Herrſchaft.“ »Wir?* „O gütiger Himmel, Sie wiſſen nicht einmal, wem Ihr Beſitzthum gehört! Wohlan, ertheilen Sie mir Vollmacht, als Ihr Agent aufzutreten, denn ſonſt bekommen wir unſere vierzig Procent niemals. Weder Sie noch Ihre Mutter wiſſen mit dieſen ſcheinheiligen Blutigeln umzuſpringen, die Ihnen ſeit fünfzig Jahren das Blut ausgeſogen haben— dieſen Hyänen, welche geſtöhnt und gewinſelt haben, weil ſie Ihnen nicht auch noch das Mark ausnagen konnten.« „Lieber Freund,« ſagte Joſephine,„ich würde Ihr Be⸗ gehren mit dem größten Vergnügen erfüllen, aber unſere Mama würde ſich dadurch ſehr verletzt fühlen— es iſt un⸗ möglich.* „Fräulein Joſephine, Sie haben geſehen, wie Ihre Mut⸗ ter meine Vorſchläge zu Ihrer Aller Beſten aufnahm. Erwä⸗ gen Sie, daß ich ſtark genug bin, um Ihre Feinde zu beſiegen — dafern ich nemlich blos Feinde zu bekämpfen habe. Soll ich aber die Baronin und Ihr Vorurtheil und obendrein auch noch Perrin und die Pächter bekämpfen, dann iſt die Rieder⸗ lage gewiß und ich waſche meine Hände in Unſchuld.« „Aber bedenken Sie doch, Ungeſtümer— unſerer Mut⸗ ter, die wir ſo lieben, können wir unmöglich trotzbieten.“ 65 „Ihr trotzbieten? Davon ſoll gar nicht die Rede ſeyn. Sie brauchen ihr ja nicht Alles zu erzählen, was Sie thun.* »Allerdings nicht. Sie wiſſen, Doctor, wir verſchwie⸗ gen ihr Bonard's Drohung, bis die Gefahr vorüber zu ſehn ſchien.* »Und wir thaten wohl daran,« ſetzte Laura hinzu. »Ach wenn ſie gewußt hätte, was während dieſer ganzen Zeit über ihr ſchwebte.« „Was meinen Sie dazu, Doctor?« fragte Joſephine. „Ich weiß es nicht recht, liebes Kind. Es iſt eine ſchlimme Alternative. Dem Principe nach bin ich kein Freund vom Betrug.« »Ich verlange ja keinen Betrug,« bemerkte der junge Mann erröthend,„ſondern nur weiſe Verſchwiegenheit, denn ohne dieſe Verſchwiegenheit, ohne dieſe Zurückhaltung müßte ſelbſt mein Plan, der Baronin beſſere und kräftigere Koſt zu verſchaffen, ſcheitern.« »In dieſem Falle nehme ich die Sünde auf mich und bin die Erſte, welche ſich dazu bereit erklärt,« rief Laura in großer Aufregung und mit funkelnden Augen. »Auch ich bin damit einverſtanden!« rief Joſephine. »Dieſes ſo junge, ſo reine Kind kann nicht unrecht thun.« »Ich weiß weiter nichts,« ſagte der Doctor,»als: je mehr Braten die Baronin zu eſſen bekommt und je weniger ſie von Sorgen gepeinigt wird, deſto länger wird ſie leben.« „Geben Sie das Papier her, Eduard,« rief Joſephine. »Wir wollen es Beide ſofort unterſchreiben.« „Ja, ja, wir wollen Alles thun, was er uns räth!«rief Laura. Wer lieben will. II. 5 66 „Ach, Doctor, s ſetzte Joſephine hinzu,„welch ein Troſt iſt es, Jemanden um uns zu haben, der Energie und Entſchie⸗ denheit beſitzt und vor allen Dingen das Commando über⸗ nimmt!“ Den nächſtfolgenden Tag kam Eduard in die Küche und weihte auch Jacintha in die Verſchwörung mit ein. Zugleich berieth er ſich mit ihr, wie man die Diät der Baronin verbeſ⸗ ſern und ſämmtlichen Pächtern den Zutritt zu ihr eine Zeit⸗ lang verwehren könne. Er ſagte ihr natürlich warum. „Dieſes niederträchtige Geſindel!« rief Jacintha entrü⸗ ſtet,„alſo darauf iſt es ſeit Jahren ausgegangen? Gut, gut, dem nächſten dieſer ſcheinheiligen Krokodile, welches ſich hier ſehen läßt, werde ich meine Meinung ſagen.« „NRein, nein, alles, nur nicht das,« entgegnete Eduard. „Dieſe Leute würden ſagen: Es iſt Jacintha, welche uns den Zutritt zu der Baronin verwehrt, und dann würden ſie an ſie ſchreiben oder tauſend andere Künſte verſuchen, um ihr Ohr zu erreichen.* „Sie haben Recht, junger Herr. Ich war dumm. Rein, ich will ihnen mit ganz freundlichem Geſicht entgegenkommen und ſagen— was ſoll ich zu dem Geſindel ſagen?« „Sagt, die Baronin könne in ihrem leidenden Zuſtande Niemanden empfangen. Sagt auch, ſie habe alle Geſchäfts⸗ angelegenheiten ihren Töchtern und deren Bevollmächtigten übertragen. Ihr könnt auch hinzuſetzen— hm!— hm!— ſie ſey dem Tode nahe.« „Ja, das iſt das Beſte. Doch nein, das bringt Unglück. — 67 Wenn wir dies ſagten, ſo könnte ſie wirklich ſterben und dann wären wir Schuld daran.« »Ach, dummes Zeug! Die Leute ſterben nicht, um das wahr zu machen, was andere Leute geſagt haben— das wäre zu dumm. Schneidet mir jetzt einmal vierzig Trau⸗ ben ab.* Jacintha ſah ihn zögernd an. „Lieber junger Herr, ich kann Ihnen nicht gut etwas abſchlagen.« „Ich verlange auch von Euch nicht, daß Ihr mir etwas abſchlagen ſollt.« »„Ja, aber ich bitte Sie— vierzig Trauben!“ »Hier iſt Befehl von der Herrin!« ſagte der junge Mann, indem er mit ſtolzer Miene ein Papier hervorzog. Es ſtanden darauf die Worte: »Jacintha, thue Alles, was Herr Rivière Dir heißen wird. Joſephine von Beaurepaire.« »Na, das muß ich ſagen!« rief Jacintha.„Wirklich, Sie haben Ihre Zeit gut angewendet, junger Herr. Wenig⸗ ſtens aber ſagen Sie mir, wozu Sie vierzig Trauben ge⸗ brauchen?« Ehe er noch antworten konnte, hörte man etwas klap⸗ pern, und es dauerte nicht lange, ſo kam eine Geſtalt auf eine Krücke geſtützt herbeigehumpelt. »Was, Dard, Du biſt es! Wer hätte gedacht, daß Du ſchon ſo weit wieder gehen könnteſt?« rief Jacintha. »O, ich werde noch weiter gehen,« entgegnete er.„Ich bin auf dem Wege nach der Stadt, um deine Trauben und 68 dergleichen Näſchereien zu verkaufen und für das erlöſte Geld Fleiſch mitzubringen.« „Wenn aber die Baronin das erfährt, ſo geht es uns Allen nicht gut.* „Nun, wie ſoll ſie es denn erfahren, wenn Ihr es ihr nicht ſelbſt ſagt, Jacintha?« fragte Riviéère. „O, ich werde es ihr natürlich nicht ſagen. Sie fiele auf der Stelle in Ohnmacht. Die Erzeugniſſe unſeres Gartens ſollen auf öffentlichem Markte verkauft werden! Ach, wie weit iſt es doch mit uns gekommen!« „Na, werdet Ihr denn nun endlich gehen und die Trau⸗ ben abſchneiden oder nicht?“ rief Rividre vor Ungeduld mit dem Fuße ſtampfend. „Ja, ja, ich gehe ja ſchon!« antwortete Jacintha und eilte fort. Dard hatte einen kleinen Karren draußen ſtehen, der mit dem Eſel ſeiner Großmutter beſpannt war. „Bürger,« ſagte er,»wenn Sie die Körbe aus meinem Karren in den Garten bringen wollen, ſo will ich Jacintha die Trauben abſchneiden helfen. Mehr kann ich gegenwärtig nicht helfen. Ach, lieber Gott, daß ich ſo herumhüpfen muß wie ein Rothkehlchen!“ „Dahier!« rief Jacintha, als ſie nach einer Weile zu⸗ rückkam.„Hier ſind die Trauben und auch einige Dutzend Pfirſiche habe ich mit abgepflückt. Sie wären auf dem Baume verfault. Das ſage ich Dir aber, Dard, daß Du keinem Men⸗ ſchen verräthſt, aus welchem Garten ſie ſind!“ „Seyd ohne Sorge,« bemerkte Eduard,»ich habe ihn ſchon inſtruirt.“ „Dann iſt's gut,« entgegnete Jacintha wieder beruhigt. „Ach, was wür den die Leute ſagen, wenn ſie es erführen! 69 Sie müßten glauben, es ſtünde mit uns Matthäi am letten. Es iſt aber auch wirklich entſetzlich, daß wir unſere Früchte vom Spalier weg verkaufen.« Und ſie drückte den Zipfel ihrer Schürze an das Auge. „Na,« rief Eduard,„ſeht Ihr denn nicht ein, daß dies der Anfang einer richtigen Wirthſchaftsmethode iſt, die zu Wohlſtand und Reichthum führen muß?“ Dard zuckte die Achſeln. „Laſſen Sie ſie doch ſchwatzen, Bürger, ſagte er;„mit vernünftigen Worten iſt bei ihr einmal nicht viel auszu⸗ richten.* „Alſo, Dard,« rief Jacintha in plötzlich verändertem Tone,„das Nothwendigſte, was ich brauche und was Du von dem erlöſten Gelde mitbringen wirſt, iſt etwas Speck, Butter, Mehl, ein paar Pfund Kalbfleiſch, eine kleine Ham⸗ melkeule und ein Stück Rindfleiſch zur Bouillon. Auch ein wenig Chocolade könnte ich gebrauchen. Unſere Kartoffeln gehen ebenfalls zur Neige und auch weiße Bohnen kannſt Du mitbringen, wenn Du recht gute ſiehſt.“ „Weiter nichts?« fragte Dard. „O ja— bin ich denn ganz von Sinnen! Kaffeh iſt ja das Allernothwendigſte, was wir brauchen.* „Den kaufſt Du nicht, Dard,« rief Rivière,„dafür werde ich ſchon ſelbſt ſorgen.« „Aber,« wendete Jacintha wieder ein,„die Leute in der Stadt werden Dard kennen und dann ſich auch gleich den⸗ ken, aus welchem Garten ſeine Waaren kommen.« „Auch dafür iſt geſorgt,« ſagte Eduard.»Dard, lege deinen Schmuck an!s Dard zog einen Bart aus der Taſche und legte ihn an. „ 70 „Sieht er nun wohl noch aus wie Dard?s fragte Riviére. „Nein! Wie doch ſo ein Bart der Menſchen verſtellen kann!* rief Jacintha erſtaunt.»Ha! ha! ha! das muß man ſagen, es herrſcht ein ganz anderes Leben in Beaurepaire ſeit⸗ dem Sie hier ſind, junger Herr.« „Ja, aber,« ſagte Dard,„wenn ich dieſes kleine Ge⸗ ſchäft heute noch beſorgen ſoll, ſo iſt es die höchſte Zeit, daß ich mich auf den Weg mache.* „Nun, wer hält Dich denn auf?s entgegnete Jacintha ſchnippiſch. Eduard hatte Dard nicht ſobald ſich mit ſeinem Fuhr⸗ werk in Bewegung ſetzen ſehen, ſo begann er in Begleitung des Doctors Saint⸗Aubin bei ſämmtlichen Pächtern die Runde zu machen. Er zeigte ihnen ſeine Vollmacht und erbot ſich ihre Pachtcontracte gegen vierzig Procent Erhöhung der bis jetzt bezahlten Pachtſumme zu erneuern. Sie weigerten ſich ſämmtlich, auf dieſes Verlangen einzu⸗ gehen. Sie erklärten, die meiſten von ihnen hätten ſich ſchon längſt vorgenommen gehabt, um eine Herabſetzung des Pachtzinſes zu bitten, aber aus Rückſicht für die Baronin damit bis jetzt Anſtand genommen. Dieſelbe Rückſicht würde ſie vielleicht be⸗ wegen, die Laſt in der zeitherigen Weiſe noch ein paar Jahre zu tragen, von einer Erhöhung der Pachtſumme aber könne keine Rede ſeyn. Einige Andere waren gar nicht zu bewegen, dieſes An⸗ ſinnen als ein ernſtgemeintes zu betrachten. Sie hörten es mit höhniſchem Gelächter an und wunderten ſich nur, wie Jemand auf den ſpaßhaften Einfall kommen könne, die Einkünfte der Herrſchaft Beaurepaire auf dieſe Weiſe vermehren zu wollen. 71 Gegen die Einen aber wie gegen die Andern erklärte Ri⸗ viore ſich kurz und bündig. „Hier iſt meine Karte. Die Contracte erwarten Euch in meiner Wohnung. Binnen drei Tagen müßt Ihr kommen und unterzeichnen.« „Und wenn ich nun weder käme, noch unterſchriebe, was würde denn dann werden, mein junger Herr?“ fragte einer. „In dieſem Falle wird Euch noch vor Sonnenuntergang des dritten Tages der gerichtliche Befehl zur ſofortigen Räu⸗ mung des Pachthofes eingehändigt werden. „Deſto beſſer für michl« bemerkte der Pächter höhniſch. Dem Doctor ſchien ſehr bange zu werden. „Dieſe allgemeine Uebereinſtimmung beweiſt jeden⸗ falls—* hob er an. „Daß dieſe Leute ein gemeinſames Intereſſe daran ha⸗ ben, uns zu betriegen.* „Aber junger Mann, wie können Sie ſo ſchlecht von den Menſchen denken!« rief der Doctor in tadelndem Tone. „O ich habe längere Zeit in einem Staatsbureau ge⸗ arbeitet!« entgegnete Eduard.»Ich habe die Menſchen ſo ziemlich genau kennen gelernt. Als ich die polytechniſche Schule verließ, trug ich mich auch noch mit allerhand Illuſionen in Bezug auf Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der Menſchen, aber die Erfahrung zerſtreute dieſe irrigen Vorſtellungen ſehr bald.“ „Wirklich?« rief der Doctor.„»Nun dann verwünſche ich die Stunde, in welcher Sie jemals ein Staatsbureau ſahen.* »Rein, nein, thun Sie das nicht! Ohne meine in jener Stellung geſammelten Erfahrungen wäre ich nicht ſo gewitzigt 72 und wenn ich nicht ſo gewitzigt wäre, ſo könnte ich unſerer heiligen Sache nicht dienen.« »Aber doch bleibt es immer entſetzlich, wenn ein junger Mann in Ihrem Alter ſchon alles Vertrauen zu den Menſchen verloren hat.* „O nein, dies iſt nicht der Fall. Ich verſtehe einen Unter⸗ ſchied zu machen. Jetzt jedoch habe ich keine Zeit zu weitläu⸗ figen Deductionen über dieſes Capitel. Ich muß in die Stadt eilen, um Pachtcontracte, Moccakaffeh und Kündigungsfor⸗ mulare zu holen.* Es gab in der fraglichen Stadt zwei Notare, Perrin und Picard, die äußerlich mit einander in gutem Einverneh⸗ men ſtanden. Obſchon jung und ungeſtüm und nicht frei von Eitelkeit war Eduard doch nicht ſo leichtſinnig, daß er einen Feind ver⸗ achtet hätte, von welchem er weiter nichts wußte, als daß er ein Advocat war. Er ſagte vielmehr bei ſich ſelbſt:„Wir haben einen Advocaten gegen uns und müſſen ihm daher auch einen ſolchen entgegenſtellen.* Demgemäß begab er ſich zu Picard und erſuchte ihn zu⸗ vörderſt, ihm ſieben Pachtcontracte und drei oder vier Kün⸗ digungsformulare aufzuſetzen. Nachdem er ſich auf dieſe Weiſe den Rotar dadurch ge⸗ neigt gemacht, daß er ein wirkliches Geſchäft mit ihm machte, begann er vorſichtig auf die Feindſchaft des andern Notars gegen Beaurepaire anzuſpielen. „Sie überraſchen mich,« ſagte Picard.»Ich glaube wirklich, Sie irren ſich. Herr Perrin hat ja dieſer Familie Alles zu verdanken. Es war der Baron, der ſeine Exiſtenz be⸗ gründete. Wie oft habe ich ihn als Knaben das Pferd des Ba⸗ rons halten ſehen, wofür ihm dieſer dann eine kleine Silber⸗ . 73 münze ſchenkte. O nein, Herr Perrin iſt ein Mann, von dem ich ſo etwas nicht glauben kann.« Eduard wußte ſchon, was er von dieſer Vertheidigung eines Concurrenten zu halten hatte. Deshalb zögerte er nicht länger, ſondern ſchilderte ihm den Fall in allgemeinen Um⸗ riſſen und gerieth dabei allmälig in Hitze. Picard ermahnte ihn, möglichſt kaltblütig zu bleiben. „Ich kann,« ſagte er,„mich an Ihrer Fehde gegen Perrin nicht betheiligen und zwar aus dem erſten aller Gründe: Ich mache Geſchäfte mit ihm. Eduard ſah ihn verblüfft an. „Er iſt auch ein achtbarer Mann,« fuhr Picard fort. Eduards Miene ward eine noch verblüfftere. „Andererſeits aber,« ſagte Picard,»ſind Sie jetzt mein Client, mein Herr, und er iſt nicht mein Client. Ver⸗ ſtehen Sie mich?* „Vollkommen!« rief Eduard.„Sie ſind ein ehrlicher Mann,« rief er ſchnell, ohne erſt lange nach einem andern Prädicat zu ſuchen und ergriff die Hand des Notars und ſchüttelte ſie. Der Notar forderte ihn auf, ihm die ganze Geſchichte zu erzählen. „Sie dürfen Ihrem Anwalt nichts verſchweigen,« ſagte er in ernſtem Tone.»Gewöhnlich begehen die Clienten dieſen großen Fehler und dann kommen ſie und machen uns Vor⸗ würfe, wenn wir einen Fehlgriff begehen. Sie bedenken nicht, daß ſie ſelbſt es ſind, die uns irreführen.« Nun folgte eine lange vertrauliche Beſprechung und Eduard fand, welch einen Vortheil die Kaltblütigkeit und Selbſtbeherrſchung ſeines neuen Freundes ihm gab und nahm ſich im Stillen vor, ſeine eigene Energie mit der Kaltblütig⸗ keit des Notars einen feſten Bund ſchließen zu laſſen. 74½ Als Eduard fort war, begab ſich Picard in das Zim⸗ mer ſeines Schreibers und befahl ihm, die geforderte An⸗ zahl von Pachtcontracten zu ſchreiben und darin Platz für die Namen zu laſſen. Dann ſetzte er hinzu: „Was glaubt Ihr wohl? jener Schurke geht mit dem Plane um, die Herrſchaft Beaurepaire in ſeine Gewalt zu bekommen?* „Iſt es möglich?s rief der„Ja, ja, das ſieht ihm ähnlich⸗« »Aber ich will ihm ſchon einen Strich durch die nung machen,« ſagte Picard. Joſephine war jetzt die Königin des Haushaltes in Beaurepaire, Laura aber führte den eigentlichen Befehl. Dieſe junge Dame war überhaupt zum Befehlen geboren und die Natur trug über das Alter den Sieg davon. Dafür ward aber auch die Natur durch den Beifall, den warmen Beifall des Herrn Eduard Rivière belohnt. Dieſer junge Staatsbeamte ernannte ſich ſelbſt zum Premierminiſter der Vicekönigin und ſo groß war ſeine Unter⸗ würfigkeit unter ihr Urtheil, ſelbſt in Punkten, von denen ſie * nicht das Mindeſte verſtand, daß er fortwährend ernſte Con⸗ ferenzen mit ihr ſuchte. Die leitende Maxime hierbei war, daß die Baronin un⸗ ter keiner Bedingung beläſtigt oder beunruhigt oder in ihrem Vorurtheile verletzt werden dürfe. Sobald dieſe ihrem eigenen Wohlbefinden und den Plänen ihrer Freunde im Wege ſtan⸗ den, machten die Regierungsgewalten einen kleinen Umweg und vermieden dadurch alle Colliſionen mit ihnen. So würde die Baronin z. B. niemals darein gewilligt haben, daß eine Traube aus dem Garten von Beaurepaire 75 verkauft würde. Lieber wäre ſie verhungert oder hätte von den Trauben gelebt, wenn ein ſolcher Genuß, der nur zu oft ſehr bedenkliche Störungen in den Verdauungsorganen her⸗ beiführt, Leben genannt werden kann. Als ſie daher die Kö⸗ nigin Joſephine befragte, woher auf einmal dieſer Zufluß von Rind⸗ Hammel⸗ und Kalbfleiſch komme, antwortete die Vice⸗ königin Laura, Eduard habe Joſephinen erſucht, ihm einige Früchte zu ſchenken, die an den Spalieren verfaulten und ſie habe ſeine Bitte bewilligt. „Wie es ſcheint, Mama,« ſetzte ſie hinzu,„ſo tauſchen dieſe Regierungsbeamten mit den Handwerksleuten allerlei Artigkeiten aus. Deshalb macht er denen, mit welchen er zu thun hat, Früchte zum Geſchenke und ſie ſchicken ihm dafür wieder etwas Anderes. Auch ſpeiſt er jetzt niemals mehr zu Hauſe, ſondern ſtets hier. Deshalb ſchickt er das Fleiſch gleich hierher und das iſt auch ſehr gut, denn dieſer junge Menſch ißt wie ein Wolf, nicht wahr Joſephine?« „Ja, liebe Laura,« ſagte Joſephine.„Was ſagteſt Du gleich? Ich war eben mit meinen Gedanken, mit meinen Ahnungen beſchäftigt.« »Nun, wie konnteſt Du denn da ſo ohne Weiteres Ja ſagen? »Weil Du es warſt, die ſich auf mich berief, liebe Schweſter.* »Nein, nein, nein! Der Grund iſt, weil es einmal in deiner Natur liegt, dieſes einfältigſte aller Wörter zu ſagen.« Die Baronin nahm von dieſem Nebengeſpräch keine Notiz. Mit einem Worte, die kleinen Apotheker Laura und Joſe⸗ 76 phine wußten die Fleiſchpillen ſo zu vergolden, daß die Baro⸗ nin ſie verſchluckte und ſich wohl bekommen ließ. Ihre Geſundheit war demzufolge auch mit jedem Tage wieder beſſer und ihre Kräfte nahmen zu. MW. Am dritten Tage fand einer der Pächter ſich bei Rivibre ein und begann weit ausholend von der Unmöglichkeit einer Erhöhung der Pachtſumme zu ſprechen. Rividre ſchnitt ihm kurz das Wort ab. „Ich bin öffentlicher Beamter,« ſagte er,»und habe keine Zeit zu langem Geſchwätz. Hier liegt ein neuer Pacht⸗ contract auf ſieben Jahre. Ihr könnt ihn unterzeichnen, wenn Ihr vierzig Procent mehr Pachtzinſen oder eine Prämie von tauſend Francs bezahlt, in welchem letztern Falle dann die Pachtſumme nur um dreißig Procent erhöht werden ſoll.« Der Mann wollte wieder allerhand Einwendungen er⸗ heben. Rivière befahl ihm zu ſchweigen. Der Pächter ſenkte hierauf ſeine Stimme und ſagte: „Ich habe tauſend Francs mit.* „Ah, Ihr wollt alſo lieber dreißig Procent und die Prämie bezahlen? Sehr gut!« „Nein, ſo meine ich's nicht. Wir können ja die Sache anders und noch beſſer machen. Von einer Prämie darf keine Rede ſehn. Sie erhöhen die Pachtſumme um zehn Procent⸗ damit die Beſitzer ſehen, daß wir bereit ſind, unſer Möglich⸗ ſtes zu thun und dieſe tauſend Francs hier gehören Ihnen allein, junger Herr.« — 77 Rivière hatte erſt große Luſt, den Verſucher zur Thüre hinauszuwerfen, aber gleich darauf fiel ihm die komiſche Seite der Sache in die Augen und er lachte laut auf. „Lieber Frennd,« ſagte er,„Ihr ſcheint mir nicht der Redlichſte zu ſeyn. Merkt auf, was ich Euch ſage. Wenn ich in Beaurepaire erzähle, welchen Antrag Ihr mir gemacht habt, ſo bekommt Ihr unter keiner Bedingung eine Erneuerung eures Contractes.« „Aber Sie werden es doch nicht wieder erzählen?« „Ganz gewiß thue ich es, wenn Ihr nicht binnen fünf Minuten unterſchreibt.« „Geſtatten Sie mir zehn Minuten und ich will mir's überlegen.* „Hm! ich ſehe nicht ein, wozu Ihr zehn Minuten braucht — ſie ſollen Euch indeß geſtattet ſehn.« Der Pächter entfernte ſich und nicht lange darauf hörte man Stimmen und ſchwere Fußtritte und es traten nach einan⸗ der vier Pächter herein. Rivière lächelte. Der erſte war heimlicherweiſe eine De⸗ putation geweſen. Die andern hatten unter dem Fenſter ge⸗ wartet, bis der Bevollmächtigte die Beſtechung angenommen haben würde. Als aber der Deputirte mit vor Entſetzen zu Berge ſtehendem Haar wieder herauskam, um ſeinen Camera⸗ den zu ſagen, ſie hätten es hier mit einem Ungeheuer, einem unbekannten, fabelhaften, unglaublichen Weſen, nemlich mit einem Agenten zu thun, der ſeinen Auftraggeber nicht be⸗ triegen wolle, da fügten ſie ſich, wie auch die tapferſten Ge⸗ müther müſſen, in das Uebernatürliche und Unvermeidliche. Sie kamen herauf und der Deputirte ſprach die Hoff⸗ nung aus, daß man ſie nicht härter behandeln werde, als die, welche gar nicht zu ihm gekommen wären. „Durchaus nicht,« ſagte Rivière. „Es ſind nemlich zwei oder drei auf das Schloß gegan⸗ gen,“ fuhr der Pächter fort. „Das wird ihnen nichts helfen,« ſagte Riviöre. „Wir ſagten auch gleich: warum ſollen wir erſt die Baronin quälen— ſie iſt alt und dem Tode nahe. Sie hat ja jetzt einen guten rechtſchaffenen Agenten— gehen wir lie⸗ ber zu dieſem.« Die gleisneriſchen Schurken waren aber alle erſt auf dem Schloſſe geweſen von Jacinthen jedoch nicht vorgelaſſen worden. Riviere öffnete die Thür des Nebenzimmers und winkte Herrn Picard's Schreiber herein. „Haben Sie die Kündigungen mitgebracht?« fragte Riviére. „Ja wohl, ſieben Stück, mein Herr,« antwortete der Schreiber. Die Pächter ſahen einander an. „Sobald wir mit dieſen Pachtcontracten in Ordnung ſind,“ fuhr Rividre zu dem Schreiber fort,„ſo gehen Sie ſogleich hinauf nach dem Schloſſe und händigen Sie den ſich etwa dort noch herumtreibenden Pächtern die Kündigungen ein. Alſo nun vorwärts, liebe Freundel« Die Pergamente raſchelten— die Pächter bemühten ſich einer nach dem andern zu entziffern, was darauf ſtand— ſetzten ſich dann und hingen die Zungen heraus, um ihre Na⸗ men recht ſchön zu ſchreiben, betrachteten ihr Werk, nachdem ſie damit fertig waren— zogen ſeufzend mit Silber gefüllte Beutel aus den Hoſentaſchen— verneigten ſich— klapperten ſchwerfällig die Treppe hinunter und nichts blieb zurück als 79 die vier Beutel Geld, welche der Staatsmann in gleichen Entfernungen auf die Diele niederlegte, um zwiſchen ihnen hindurch und um ſie herum eine Sarabande zu tanzen. W. Ehe noch fünf Minuten vergingen, war Eduard auf dem Wege nach dem Schloſſe. Er nahm den kürzeſten Weg durch den Park und als er ſich dem kleinen Thor näherte, ſah er, daß eine Menge Leute in der Plaiſance waren. Es dauerte nicht lange, ſo ſtand er unter ihnen. Außer dem Doctor und den beiden jungen Damen waren drei Pächter und zwei Pächterinnen anweſend. Da es ihnen nicht gelungen war, die Baronin zu ſprechen, denn Jacintha hatte ihnen geſagt, ſie verließe ihr Zimmer niemals und bete fortwährend, um ſich auf ihren nahen Tod vorzubereiten, ſo hatten ſie nicht gewußt, was ſie thun ſollten. Plötzlich aber hatten ſie die jungen Damen erblickt, welche im Begriffe ſtan⸗ den, einen Spazirgang anzutreten. Keck eilten ſie ihnen bis in die Plaiſance entgegen und ſchilderten ihnen das ihnen nach ihrer Meinung widerfahrene Unrecht mit ſo herzzerbre⸗ chenden Worten und Geberden, daß ſowohl die jungen Damen als auch der Doctor ſich geneigt fühlten, ihnen Glauben zu ſchenken. »Wir wollen mit Herrn Rividre darüber ſprechen,« ſagte Joſephine in freundlichem Tone.»Ah, da kommt er!« »Ja, da bin ich,« entgegnete er.„Ich dachte mir ſchon, daß ich Euch hier antreffen würde, gute Leute. Nun, ſeyd Ihr fertig mit eurem Klagelied? Müßt Ihr nicht ſchon allzuviel Pacht bezahlen? Sind eure Felder nicht von kalter, ſaurer 80 Bodenbeſchaffenheit— liegen ſie nicht höchſt ungünſtig u. ſ. w. n ſw ſw „Ja,« ſagte Laura,„ſo ſagen ſie Alle.« „Und es iſt nur zu wahr!« rief der ganze Chor der Pächter und Pächterinnen. „Jacques Pirot,« rief Eduard in ernſtem Tone,»am letzten Markttag trankt Ihr mit dem Mann, der eure Kälber kaufte, eine Flaſche Wein.« „Nun, mein Herr, iſt denn das eine Sünde?“ „Als Ihr dieſe getrunken hattet, ließet Ihr noch eine kommen.« „Aha, nun weiß ich, weshalb Du allemal mit rothem Geſicht und ſtammelnder Zunge heimkehrſt,« ſchrie Pirot's Weib, welches mit zugegen war. „Ruhe hier!« rief Eduard.„Wenn der Wein hinein iſt, kommt die Wahrheit heraus. Ihr prahltet, Grapinet habe Euch fünfzehnhundert Francs geboten, wenn Ihr mit ihm tauſchen wolltet, aber Ihr hättet ihn ausgelacht.“ „Glauben Sie das nicht, gnädiges Fräulein, es iſt nicht wahr!« rief der Pächter. „Lügner!« rief Eduard.„Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, was Ihr ſagtet. Ihr wart auch dort, Renna⸗ con— betrunken und wahrheitliebend— zwei Eigenſchaften, die alle Wochen nur einmal an Euch wahrzunehmen ſind. Ihr rühmtet Euch, Braconnier habe ſich erboten, mit Euch zu tau⸗ ſchen und Euch zweitauſend Francs zu geben.* „Das war eine Lüge! das war eine Lüge von mir!“ rief Rennacon eifrig. „Seyd doch nicht ungerecht gegen Euch. Es war in den halben Stunde, wo Ihr die Wahrheit redet.— Nun, mein Fräulein, haben Sie die Güte, einen Blick auf dieſe Perga⸗ 81 mente zu werfen. Grapinet, Pepin und Braconnier haben ſoeben unterſchrieben. Ihr Pachtzins iſt um dreißig Procent erhöht.* Der Doctor, die jungen Damen, die Pächter und Päch⸗ terinnen ſtießen einen Ruf des Erſtaunens und der Ueberra⸗ ſchung aus. »Für dieſe Begünſtigung,« fuhr Eduard fort,„— denn es iſt wirklich eine Begünſtigung— haben ſie überdies noch Jeder eintauſend Francs Prämie bezahlt. Ihr könnt nach eurer eigenen Erklärung zweitauſendfünfhundert Franes an⸗ ſtatt tauſend bezahlen. Ich will Euch aber einen Vorſchlag machen. Unterzeichnet ähnliche Contracte binnen drei Minuten und ich laß' Euch Jeden mit eintauſend Francs durch. Zögert Ihr dagegen, ſo müßt Ihr Jeder zweitauſend bezahlen.* »Ich unterſchreibe nicht,« ſagte der eine Pächter. »Ich auch nicht,« bemerkte der zweite. »Und ich auch nicht,« ſetzte der dritte hinzu. »Lieber wollen wir ſonſt etwas thun!« riefen die Päch⸗ terinnen. »Jacintha, Jacintha!« rief Eduard. Jacintha erſchien mit einer Schnelligkeit, die, wenn man die Entfernung von der Küche bis nach der Plaiſance erwog, ungemein verdächtig erſchien. »Holt mir eine gute Feder und ein Tintenfaß,« ſagte Eduard. »Aber die Leute ſagen ja, ſie wollten nicht unterſchrei⸗ ben,« bemerkte Laura. »Sie werden aber unterſchreiben, mein Fräulein« ent⸗ gegnete Rividre.„Sie, Herr Dings da, treten Sie näher und infinuiren Sie dieſen Leuten die Kündigungen.« Wer lieben will. II. 6 82 Der Advocatenſchreiber, welcher Riviöre auf dem Fuße gefolgt war, zog drei geſtempelte Blätter heraus und that drei Schritte vorwärts. Die Wirkung hiervon war, als wenn er jedem der Pächter eine geladene Piſtole vor die Stirn gehalten hätte. „Um's Himmels willen, wartet einen Augenblick!s rie fen ſie wild durch einander.„Gnädiges Fräulein, Ihnen kommt es zu, zu ſprechen. Dieſer junge Mann maßt ſich zu viel an. Laſſen Sie nicht auf dieſe Weiſe ehrliche Leute unter⸗ drücken, die Ihnen in guten und ſchlechten Zeiten, bei guten und ſchlechten Ernten ihren Pachtzins immer redlich bezahlt haben.* „Lieben Freunde,« entgegnete Joſephine,„Herr Rivière hat ſich einmal dazu verſtanden, unſer Bevollmächtigter zu ſeyn. Es wäre daher ſehr unrecht von mir, wenn ich, nach⸗ dem er dieſe Mühe auf ſich genommen, mich nun in ſeine Verfahrungsweiſe miſchen wollte. Macht daher dieſe Angele⸗ genheit mit ihm ab, denn er ſcheint Euch und eure Geſinnun⸗ gen zu verſtehen, während meine Schweſter und ich damit ganz unbekannt ſind.« Mit dieſen Worten trat ſie einige Schritte zurück. „Na, rief Rividre,»ſeyd Ihr nun überzeugt? Sind alle Thüren geſchloſſen? Da kommt Jacintha mit dem Schreib⸗ zeug. Mit einem Worte: Wollt Ihr unterſchreiben oder nicht?* Jacintha nahm mit characteriſtiſcher Präciſion Rivières Partei, ohne zu wiſſen, um was es ſich eigentlich handelte. „O ſie werden ſchon unterſchreiben!« rief ſie.»Vor⸗ wärts, vorwärts, Leutchen!« rief ſie in ermuthigendem Tone, die eingetauchte Feder darbietend. 83 »Mein Gott, wo ſollen wir denn tauſend Francs her⸗ nehmen?« rief einer der Pächter. »Mein Gott, aus eurer linken Hoſentaſche!s rief Ri⸗ vière lachend. „Ich ſehe, wie ſie bauſchen!« rief Jacintha. Drei Hände fuhren gleichzeitig mechaniſch in drei Hoſen⸗ taſchen, um das Bauſchen zu beſeitigen. Es war aber ſchon zu ſpät. »Vorwärts!« rief Jacintha wie ein luſtiger Trompeter, „kommt heraus, ihr Fünffrankenſtücke.« »Der junge Mann iſt ein Hexenmeiſter!« rief eines der Weiber. „Nein, gute Frau,« entgegnete Riviere,„ich bin weiter nichts als ein Beobachter. Ihr hattet Euch die Sache ſehr gut überlegt. Euer Plan war, zuerſt hierherzugehen und den gnädigen Fräulein Sand in die Augen zu ſtreuen. Wäre Euch dies nicht gelungen, ſo wolltet Ihr mich mit den tauſend Franecs beſtechen.* »Ja, wahrlich, dieſer junge Mann iſt ein Hexenmeiſter!« rief einer der Pächter.„Sagen Sie nichts weiter, wir unter⸗ ſchreiben.* „Sie unterſchreiben!« rief der Doctor;„es iſt un⸗ glaublich!« Und er geſellte ſich zu den Damen, welche in der Plai⸗ ſance langſam auf⸗ und abſchritten und ſich aus Zartgefühl aller Einmiſchung in Eduards Verfahren enthielten, obſchon ſie, wie man ſich leicht denken kann, dem ganzen Vorgang die geſpannteſte Aufmerkſamkeit widmeten. Als die Pächter unterſchrieben hatten, unterzeichnete Ri⸗ vidre die Duplicate. * 84 „Werden Sie nicht auch Ihren Namen mit darunter ſchreiben, gnädiges Fräulein?« fragte einer der Pächter. Joſephine näherte ſich Riviére in der Meinung, daß er ſie vielleicht brauche. „Nein!« rief er in ſtolzem Tone.„Ich habe den Namen des Fräuleins auf dieſer Vollmacht, für Euch aber iſt mein Name gut genug. Sie ſoll nicht unterſchreiben und Ihr ſollt nicht mit ihr ſprechen. Anſehen könnt Ihr ſie— das iſt ſchon genug. Gut, nun habt Ihr ſie angeſehen. Jetzt macht, daß Ihr fortkommt.« Murrend entfernten ſich die Pächter. „Verwünſcht ſey dieſer hergelaufene junge Wicht!“ rief Rennacon, als ſie weit genug fort waren, um nicht gehört zu werden.„In ein paar Jahren hätte ich ſo viel zuſammen⸗ gehabt, daß ich mir das Pachtgut hätte kaufen können. Nun aber brauche ich wenigſtens zehn Jahre, ehe ich es ſo weit bringe.“ „Kommt, Jacintha, haltet die Schürze auf, ich will Euch dieſe Beutel hineinwerfen,« ſagte Riviere.»Verſchließt ſie in einem eurer Schränke. Fort mit Euch!“ Nun ſah ſich Eduard auf einmal von ſeinen Freunden umringt, die ihm mit Wärme die Hände drückten und mit thränenfeuchten Augen dankten. Es war eine Eigenheit dieſes jungen Mannes, daß, wenn Jemand ſein Verdienſt nicht anerkannte, er ſich auf⸗ blähte wie ein Pfauhahn. Lobte ihn dagegen Jemand zu ſehr, ſo verglich er ſich ſtracks mit ſeinem Ideal, ſeinem Vorbild, vielleicht dem Ritter Bahard, und ward beſcheiden und ſchüch⸗ 85 tern. Deshalb hing er jetzt den Kopf und ſtammelte, während man ihn mit Lob und Bewunderung überſchüttete. „Wir wollen keine Worte weiter machen,« ſagte Joſe⸗ phine.„Er erröthet darüber. Ich will ihn lieber krönen. Geh, Laura, und hole mir einige Lorbeerblätter.« »Nein, meine Damen, nein. Es gibt noch mehr zu thun, ehe ich glauben darf, geſiegt zu haben. Ich muß Ihr Geld in die Stadt tragen und damit die Forderung jenes Gläubigers löſchen. Dann iſt mein Herz beruhigt in Bezug auf Sie Alle, und dann möchte ich allerdings gern eine Krone tragen— wenn auch nur auf eine halbe Stunde.« »Kommen Sie bis zum Abendeſſen wieder zurück, Eduard, und tragen Sie ſie dann.« „O, ich danke Ihnen.* »Nun will er gehen, ohne ſich erſt das Maß nehmen zu laſſen, der Leichtſinnige. Nehmen Sie Ihren Hut ab, mein Herr.« Weiche Hände und zarte Finger glitten auf geheimniß⸗ volle Weiſe um ſeine Stirn herum. Ach wie gut wäre es, wenn Jedem erſt Maß genommen würde, ehe man ihn bekränzt oder krönt! »Die Außenſeite können Sie allenfalls meſſen,« ſagte der Doctor ſpöttiſch.»So weit geht Ihre Kunſt.« Eduard eilte fort. „Er verläßt uns jede Minute,« ſagte Laura zu Joſephi⸗ nen,„deshalb verabſcheue ich ihn.« »O Sie verabſcheuen ihn nicht,« wendete der Doctor ſo ernſthaft ein, als ob er eine phyſikaliſche Thatſache ver⸗ kündete. »Nun wohl, ſo bin ich ihm deswegen gut,« antwortete die Muthwillige. 86 Eduard eilte zu Jacintha, um zwei der Geldbeutel zu holen, trug ſie nach Hauſe, verwandelte die ſechstauſend Franes in Bankpapiere— keine Aſſignaten— und begab ſich dann damit nach der Stadt. Hier ging er ſofort zu ſeinem Notar, um ihn zu fragen, welche Formalitäten bei Bezahlung des Gläubigers zu beob⸗ achten ſeyen. Auf dieſe in eifrigem, aufgeregtem Tone geſtellte Frage antwortete der Notar mit vollkommener Kaltblütigkeit: „Jetzt haben Sie zu dieſem Zwecke nichts zu thun, als das Geld zu dem Maire zu tragen. Vielleicht iſt es gut, wenn Sie ſich ſogleich zu ihm verfügen. Wenn Sie wiederkommen, habe ich Ihnen etwas zu ſagen.* Eduard eilte nach der Mairie. Vor derſelben traf er vierzig bis fünfzig Gaffer beiſammenſtehen, welche einen Maueranſchlag laſen. Eduards Auge folgte dem ihren und plötzlich ward ihm zu Muthe, als ob ihm das Blut in den Adern erſtarrte. Eine mit großen in die Augen fallenden Buchſtaben gedruckte Be⸗ kanntmachung, hinter welcher der Kleiſter kaum trocken war, glotzte ihm entgegen. „Nothwendiger Verkauf. Die Herrſchaft Beau⸗ repaire mit Schloß, Wirthſchaftsgebäuden und allem übrigen Zubehör. Auf Antrag des Gläubi⸗ gers Jacques Bonard. Auf Befehl des Directoriums. Armand, Maire.“ —— Si 87 Es war der ſchönſte Nachmittag, den Beaurepaire ſeit Jahren geſehen. Die jungen Damen, deren Leben ihnen ſo wenig Freuden bot, verſagten ſich den Hochgenuß, ihrer Mut⸗ ter den Triumph ihrer Familie zu erzählen. Unſchuldig und ſelbſtverläugnungsvoll hoben ſie dieſes heilige Vergnügen ihrem Freunde auf. Obſchon ſie aber nichts ſagten, ſo verrieth ſich doch die Freude ihres Herzens durch ihre Blicke und Geberden. und ſie ſchienen förmlich Heiterkeit und Hoffnung zu athmen. Und auch der Baronin war es, als ob ſie eine reinere, leichtere Luft athmete. „Sind uns vielleicht wirklich noch einmal beſſere Tage beſchieden meine Kinder?« fragte ſie.„Ich weiß ſelbſt nicht warum, aber heute ſcheint die Wolke unſeres Unglücks weni⸗ ger ſchwer auf uns Allen zu laſten.“ „Das iſt auch der Fall, Mama, rief Laura.„Ich lächle Joſephinen an und Joſephine lächelt mich an, und keine von uns Beiden weiß weshalb. Da kommt auch dein Kaffeh, liebe Mama.* „Gut. Was für ein Aroma auch dieſer heute hat! Und welch einen Wohlgeſchmack! Wenn dieſer aus Arabien kommt, ſo muß das, was ich ſeit mehren Monaten getrunken, nicht ganz ſo weit her geweſen ſeyn. glaube ich.* „Laß mich einmal koſten, Mama,« ſagte Laura. Sie koſtete und war wie vom Donner gerührt. Wenige Augen⸗ blicke ſpäter nahm ſie Gelegenheit, Joſephinen in den dunklern Theil des Zimmers zu ziehen. „Es hat Jemand etwas in meinen Kaffeh gemiſcht— er ſchmeckt nach Mokka— biſt Du es geweſen, liebe— Ver⸗ rätherin wollte ich ſagen.* „Nein. Rathe emmal.“ 88 »Genug, genug— ich weiß nun ſchon, wer es gewe⸗ ſen iſt.* »Ganz recht!« entgegnete Joſephine.„Er ſagte zu mir: Fräulein Laura täuſcht ihre Mutter, wir wollen ſie wiederum täuſchen. Ich ſagte ihm aber ſogleich daß ich ihn verrathen würde, und ich habe mein Wort gehalten.« »Ja, nachdem Du mich hintergangen, doppelte Verrä⸗ therin. Küſſe mich, aber raſch!« Das Souper war bereit, aber noch kein Eduard da. Sein Lorbeerkranz lag auf dem Tiſche. Man begann ſchon zu fürchten, er werde gar nicht kommen, als er plötz⸗ lich eintrat und theils von ſeinem ſchweren Tagewerk, theils von den beſtandenen Gemüthsbewegungen erſchöpft, auf einen Stuhl ſank. Trotzdem aber ſchimmerte auf ſeinem Antlitz der Ausdruck der Selbſtzufriedenheit. »Entſchuldigen Sie, gnädige Frau— es iſt ein langer Tag geweſen.* »Ruhen Sie aus, mein Herr,« ſagte die Baronin cere⸗ moniös. Sie ſah es gerade nicht gern, daß er ſich ſo heimiſch machte.„Oder geſtatten Sie uns eher, Ihnen etwas zur Stärkung anzubieten.* „Ich bitte blos um ein Glas Wein mit ein wenig Waſ⸗ ſer, weiter mag ich nichts,« entgegnete er.»Meine Damen, es haben große Freigniſſe ſtattgefunden, ſeitdem ich Sie verließ. „O erzählen Sie, erzählen Siel« Herz und Augen hell wie Schwertklingen im Sonnenſchein hefteten ſich mit Span⸗ nung und Neugier auf ihn. Er ſchaute ſich mit geheimer Befriedigung um, ergötzte ſich an der Neugier ſeiner Zuhörerinnen und begann dann ſeine Geſchichte. * 89 Er erzählte ihnen, wie er in die Stadt ritt und zu ſei⸗ nem Notar gegangen war. Er ſchaltete hier ein, daß er, weil er mit einem Notar Krieg führe, gezwungen geweſen ſey, ebenfalls einen ſolchen in ſeinen Dienſt zu nehmen. Sein No⸗ tar, erzählte er dann weiter, habe ihn nach der Mairie ge⸗ ſchickt und hier habe er einen öffentlichen Anſchlag geleſen, welchem zufolge das Schloß und die Herrſchaft Beaurepaire zum Verkauf ausgeboten worden ſeh. »O Himmel! O Eduard!« »Beruhigen Sie ſich. Ich hatte allerdings die Abſicht, Sie einige Augenblicke lang in Ungewißheit zu laſſen, ich kann es aber nicht über's Herz bringen. Ich ging in die Mairie hinein und ſprach mit dem Maire. Der Antrag war von Bo⸗ nard ausgegangen, der natürlich von Perrin dazu beſtimmt ward. Ich bezahlte Ihre ſechstauſend Francs in die Hände des Maire, damit er ſie Bonard zuſtelle. Hier, meine Damen, iſt die Quittung des Maire. Von dieſem Augenblick an ge⸗ hört Beaurepaire wieder Ihnen und jenes verwünſchte Pla⸗ cat mit. Ich riß es vor den Augen der Menge vonder Wand und Alle, die es ſahen, ſchrien mir Beifall zu.« »Der Himmel vergelte es ihnen!« rief der Doctor. „Dard war mit ſeinem Eſelskarren auch da. Er ſteckte ſeine Mütze auf ſeine Krücke, ſchwenkte ſiein der Luftund rief: „Die Baronin und die jungen Fräuleins von Beaurepaire ſollen leben— hoch und abermals hoch!« Und das ganze verſammelte Volk ſtimmte ein und als ichmir durch die Menge den Weg bahnte, rannte ich auf einmal gegen Perrin an.« »Der Elende!« „Ich hatte die Fetzen von dem abgeriſſenen Zettelnoch in der Hand und warf ſie ihm mit aller Kraft ins Geſicht.« »Das war recht!« rief Laura. ⸗ 90 „Nein, es war jugendliche Uebereilung,“ ſagte der Doctor. „Sie haben Recht, mein Herr,“ ſagte Eduard,»es thut mir faſt leid, daß ich es that.“ „Herr Eduard,« rief die Baronin, indem ſie ſich mit Thränen in den Augen erhob,„ich verſtehe kaum Alles was Sie für uns thunund gethanhaben, ſoviel aber verſteheich, daß Sie ein würdiger junger Mann ſind und daß ich bis jetzt nicht ſcharf⸗ ſinnig genug geweſen bin, Ihren ganzen Werth zu erkennen.« „O gnädige Frau, ſagen Sie nicht das! Sie beſchämen mich— laſſen Sie mich lieber in meiner Erzählung fort⸗ fahren.* „Ja, aber erſt ſagen Sie mir, dieſe ſechstauſend Francs — o wie klopft mir das Herz! O meine Kinder wie nahe ſind wir dem Verderben geweſen!« „Zittere nicht, liebe Mama. Es war, Dank unſerm Schutzengel, unſer Eigenthum,“ ſagte Joſephine.„Eduard, ich glaube, unſere Mutter wünſcht zu erfahren, wie wir zu ſo vielem Gelde gekommen waren.“ „Wie, haben Sie es ihr nicht erzählt?“ „Nein, Laura ſagte, dieſes Vergnügen müſſe Ihnen vor⸗ behalten bleiben— Sie hätten ein Recht darauf.* „Ah, ich danke Ihnen, Fräulein Laura,“ rief der junge Mann.„Gnädige Frau, die Pächter haben Ihnen heute ſieben⸗ tauſend Fraues dafür bezahlt, daß ihre Contracte mit dreißig Procent Erhöhung der Pachtſumme erneuert worden ſind.* „Ermäßigung wollen Sie wohl ſagen, junger Mann.“ „Nein, das wäre noch beſſer!— Erhöhung! Er⸗ höhung!* „Iſt es möglich— die guten Leute!“ „Wie?— hm— hm— jal“ 91 „Aber iſt es auch wirklich wahr? kann es wahr ſeyn?« Jacintha hat noch tauſend Franes zu Ihrer Dispoſition in Verwahrung, gnädige Frau, dieſe Quittung iſt der Aus⸗ weis für die andern ſechstauſend. Die unterzeichneten neuen Contracte ſind im Hauſe.“ „Und dies ſind die Leute, von welchen Sie ſo ungünſtig dachten!* „Sie ſehen, wie ungerecht ich war.* „Erboten ſie ſich denn ganz freiwillig dazu?“ „Das gerade nicht. Es war ihnen vorgeſchlagen und ehe drei Tage vergingen—* „Erklärten Sie ſich damit einverſtanden?“ „Ja, ſie erklärten ſich damit einverſtanden.« „Möge der Himmel ſie dafür belohnen!“ »Hm! hml* „Wie ſie es verdienen.« „Amen! Amen!* »Ach! im Grunde genommen, iſt die Welt nicht ſo ſchlimm, wie ſie ſcheint,« fuhr die Baronin fort.»Es iſt mir, als ſähe ich mich in die Tage meiner Kindheit zurückverſetzt, wo dergleichen Dinge häufig vorkamen. Ach, wie glücklich ich bin und wie ſehr danke ich Ihnen dafür, meinjunger Freund!“ Rividre ſenkte den Blick zu Boden. „Darf ich in meiner Geſchichte weiter fortfahren?“ fragte er. „Ja wohl,« rief Laura,„ich bitte, fahren Sie fort. Ich errathe ſchon, daß Sie nun zu dem ehrlichen Notar gingen.“ „Zu welchem 7« „Zu dem, der auf unſerer Seite iſt.“ „Allerdings, und was glauben Sie wohl, was er mir 92 Neues mitzutheilen hatte? Daß ſeit zwei Tagen Perrin ihn angegangen hatte, ihm Geld auf Beaurepaire zu leihen.« „Und er warf ihn nicht zur Thüre hinaus?“ »Nein, er ſprach ganz vernünftig mit ihm.« „Aber ich glaubte, er wäre unſer Freund.“ „Davon iſt nicht die Rede. Er iſt unſer Rotar. Viel⸗ leicht iſt er ein um ſo beſſerer Diener, weil er kein Herz und deshalb auch kein Temperament hat. Er war gegen Perrin ſehr höflich geweſen, hatte ihm verſprochen zu ſehen, ob er ihm das Geld verſchaffen könne, und hielt ihn dadurch ab, anders⸗ wohin zu gehen. O, dieſer Eisgletſcher gab mir einen viel weiſern Rath, als Fleiſch und Blut hätten geben können. Ich bin niemals fünf Minuten bei Picard, ohne abgekühlt und klüger von ihm fortzugehen.« »Aber auch gottloſer,« ſetzte Laura ſchalkhaft hinzu. „Das iſt vielleicht auch wahr,« entgegnete Eduard mit erhabener Gleichgiltigkeit»Picard ſagte: Ich habe hundert⸗ zwanzigtauſend Francs daliegen. Dieſe will ich Ihnen auf die Herrſchaft Beaurepaire leihen. Gehen Sie zu einem andern Capitaliſten und leihen Sie bei dieſem eine gleiche Summe. Mit beiden zuſammen können wir ſämmtliche Schulden abma⸗ chen. Die Capitaliſten werden ſich nicht weigern, Ihnen das Geld zu geben, denn dieſe Erhöhung der Pachtzinſen in Ver⸗ bindung mit den ſechstauſend Francs, die Sie bereits abge⸗ zahlt, gibt der Sicherheit eine andere und zuverläſſigere Ge⸗ ſtalt und läßt auch noch einen ziemlichen Ueberſchuß. Ver⸗ ſchaffen Sie ſich das Geld, während ich Perrin mit falſchen Hoffnungen hintanhalte. Dies war ein Streich, wie ihn der arme kleine Eduard Riviöre nicht erſonnen haben würde. Morgen werde ich demgemäß zu dem Commandanten Rahnal hinüberreiten, um ihn um eine Woche Urlaub zu bitten und ² 93 dann reiſe ich zu meinem Onkel und bitte ihn, hundertzwanzig⸗ tauſend Franes auf die Herrſchaft Beaurepaire vorzuſtrecken. Er kann es thun, wenn er ſonſt will. Und dennoch iſt ſeine Beſitzung kaum halb ſo groß wie die Ihrige und nicht halb ſo fruchtbar, aber er hat niemals geſtattet, daß Jemand ſie mit ihm theile.„Ich will,« ſagt er,„keinen Zwiſchenträger haben, der uns Beide arm macht.« „Wie ſo denn Beide?« „Seine Perſon und den Boden— ha! ha! ha! Der Boden iſt ſtets dankbar, ſagt mein Onkel. Er gewährt ſeinen Ertrag genau in dem Verhältniß, in welchem man ihn düngt und bearbeitet und das thut man am beſten ſelbſt! Mein On⸗ kel iſt übrigens ein ehrlicher, aber ſchlauer Mann und dabei ein wenig Misanthrop.* „Aber wenn er Misanthrop iſt, Eduard, dann wird er keine Sympathie für uns haben,« bemerkte Joſephine.„Wird er uns nicht verachten, weil wir Beaurepaire auf ſo ungenü⸗ gende Weiſe verwirthſchaftet haben?« „Erlauben Sie mir, Joſephine,« ſagte der Doctor. »Hier kommt die Naturgeſchichte in's Spiel und lehrt durch mich, der ich ihr Organ bin. Ein Misanthrop haßt die ganze Menſchheit, iſt aber freundlich und gütig gegen jeden Einzel⸗ nen— in der Regel zu gütig. Ein Philanthrop dagegen liebt das ganze Menſchengeſchlecht, haßt aber ſein Weib, ſeine Mut⸗ ter, ſeinen Bruder und ſeine Freunde und Bekannten. Der Misanthrop gleicht der Kartoffel— rauh und abſtoßend aus⸗ wendig, aber gut im Innern. Der Philanthrop dagegen iſt eine Pfirſiche— ſein Weſen iſt weich und ſammtartig und ſeine Worte ſind ſüßer Saft; ſein innerſtes Herz aber iſt ein Stein.* „Er hat Recht, meine Damen,* fuhr Eduard fort. in Onkel wird es nicht an beißenden Worten fehlen laſ⸗ die aber, beiläufig geſagt, nicht Sie treffen werden, da Sie dieſelben ja nicht hören, ſondern blos mich. Er wird uns durchhecheln und uns das Geld leihen und Beaurepaire wird frei ſeyn!* Nun ſchlug eine Wonneſtunde für Eduard Rivière. Jung und Alt ergoß ſich in glühendem Dank und Lobſprüchen, bis ihm die Wangen brannten wie Feuer.»Und überdies,« bemerkte Joſephine,„mußt Du nicht ſelbſt ſagen, liebe Mut⸗ ter, daß er uns ganz andern Sinnes macht? Iſt unſer Haus gegen ſonſt nicht wie umgewandelt, Doctor? Ich appellire an Sie.* „Die Erklärung, welche ich gebe, iſt eine wiſſenſchaft⸗ liche und folglich etwas ſteife,s entgegnete Saint⸗Aubin.„Zu den neueren Erfindungen der Wiſſenſchaft gehört die Infuſion von Blut. Ich habe ſie bewirken ſehen. Wallendes warmes Blut wird aus den Adern eines jungen und geſunden Indi⸗ viduums in alte oder ſchlaffgewordene Gefäße eingeſpritzt. Die Wirkung iſt eine magiſche. Auch Beaurepaire war alt und matt geworden. Mit Eduard kam ein warmer Lebensſtrom herein. Die ſchlaffen Pulſe ſchlagen wieder, das Herz iſt wie⸗ der warm geworden und klopft und tanzt in dem Sonnen⸗ ſchein der Hoffnung. Ich bin auch wieder jung wie alle An⸗ dern und wäre faſt im Stande, ein Gavotte zu tanzen.« „Ha! ha! ha!« lachte Joſephine.»Doch was plaudern wir denn? Hatten wir nicht die Abſicht, unſern Helden zu krönen** „Rein, thun Sie das nicht,« rief Eduard;„es gibt in Frankreich keine Könige mehr.« „Entſchuldigen Sie,« bemerkte Joſephine,»den Coeur⸗ König, den König der Herzen, gibt es noch. Und wir ſtehen 95 8 6 2 im Begriff, ihn zu krönen. Komm, Laura. Wäre es vht va der junge Herr ſchüchtern geworden iſt, ſehr unrecht von uns, wenn wir ihm ein wenig Gewalt liebe Mama?s »Nein, vorausgeſetzt, daß der Herr es geſtattet,“ ſagte die Baronin. Liebliches Gelächter gleich einem Glockenſpiele folgte die⸗ ſen Worten und unter dieſer füßen Muſik ward Rivière trotz ſeines verſtellten Sträubens gekrönt und die Schönheit des jungen Apollo glänzte in dem magiſchen Reifen hell wie ein Stern. Der grüne Kranz ließ das ſchöne kaſtanienbraune Haar, den wohlgeformten Kopf, die ſchön geröthete Wange und die zarte Stirn hervortreten. Triumph und Freude ſtrahlten aus ſeinem feurigen Auge und er ſchmückte ſeine Krone eben ſo wie dieſe ihn. „Iſt es wohl erlaubt ſo ſchön zu ſeyn?« fragte die Ba⸗ ronin mit Erſtaunen. „Und eben ſo gut als ſchön!« rief Joſephine. Während er ſo von Allen bewundert und geprieſen da⸗ ſaß, trat Jacintha ein und überreichte ihm einen Brief. „Dard hat ihn aus der Stadt mitgebracht,“ ſagte ſie. Eduard öffnete, nachdem er um Erlaubniß gebeten, den Brief und die Farbe wich von ſeiner Wange. „Doch keine ſchlimme Nachricht, hoffe ich?“ ſagte die Baronin theilnehmend;„es iſt doch nicht etwa ein Ver⸗ wandter oder ein Freund von Ihnen—« „Nein, gnädige Frau,“ ſagte der junge Mann.»Es iſt nichts Ernſthaftes, ſondern blos ein vorübergehender Uebel⸗ ſtand. Laſſen Sie ſich dadurch in Ihrer heitern Laune keinen Augenblick lang ſtören.« 96 Und mit dieſen Worten ſprach er nicht weiter von der Sache, ſondern war wieder ſehr heiter und lauter als zuvor. Bald nachher nahm er Abſchied. Er ging in die Küche und nachdem er einige Worte mit Jaeintha gewechſelt, in den Stall und fütterte ſein Pferd. Die Baronin begab ſich zur Ruhe. Als ſie Abſchied nah⸗ men, küßte ſie Laura mit mehr als gewöhnlicher Wärme, hielt ſie, um ſie beſſer anſehen zu können, ein wenig von ſich ab und küßte ſie dann wieder. „Bleiben Sie, Doctor,« ſagte Joſephine, welche eben⸗ falls im Begriff ſtand, ſich zu entfernen.»Was kann dieſer Brief für Nachrichten enthalten haben?“ „Wahrſcheinlich betrifft er Familienangelegenheiten,« entgegnete der Doctor. „Nein, nein,« entgegnete Joſephine;»bemerkten Sie nicht, welch' einen Kampf der arme junge Mann von dem Augenblick an beſtand, wo er dieſen Brief geleſen hatte? Auch nahm er ſeinen Kranz ab und ſeufzte, ach und wie traurig! während er ihn niederlegte.« „Fräulein,« ſagte Jacintha, indem ſie vorſichtig zur Thür hereinſchaute,„darf er hereinkommen?“ „Ja wohl! ja wohl!« Eduard trat traurig ein. „Iſt ſie in heiterer Stimmung zu Bett gegangen?“ fragte er. „Ja, Dank Ihren Bemühungen, und wir werden feſt ſeyn. Verſchweigen Sie uns nichts.« Eduard reichte ihr blos den Brief und ſtützte dann den Kopf bekümmert auf die Hand. — — 97 Sie laſen den Brief. Er war von Picard. Perrin hatte, wie darin gemeldet ward, bereits eine der Forderungen an Beaurepaire, im Betrage von ſechzigtauſend Francs, gekauft und verlangte nun in ſeinem Namen den Verkauf des Beſitz⸗ thums auf Grund des Generalbefehls des Directoriums. Der Maire hatte ſeine Einwilligung dazu gegeben und der öffent⸗ liche Anſchlag befand ſich bereits in den Händen des Buch⸗ druckers. »Es iſt zu bedauern,« hieß es in dem Briefe weiter,“ »daß Sie gerade in dieſem Stadium der Angelegenheit Perrin beleidigt haben. Hätten Sie uns in dieſer Beziehung zu Rathe gezogen, ſo würden wir Ihnen empfohlen haben, keinen Schritt dieſer Art eher zu thun, als bis das Beſitzthum abſo⸗ lut gerettet wäre. Wir vermuthen daß er Ihnen bis an un⸗ ſere Wohnung nachgeſchlichen iſt und auf dieſe Weiſe erfahren hat, daß Sie unſer Client in dieſer Sache ſind, denn er hat uns ein Billet geſchrieben, in welchem er ſagt, wir ſollten uns nicht weiter bemühen, denn er könne das Geld anderwärts bekommen.* „Das iſt es, was mir das Herz durchbohrt!s rief Eduard.»Ich bin es, der Sie ins Verderben ſtürzt. O wie ſchwer iſt es für die Jugend, weiſe zu ſeyn!« Die Schweſtern näherten ſich ihm, ſetzten ſich neben ihn und faßten ihn, ohne ein Wort zu ſprechen, bei der Hand. Der Doctor las den Brief zu Ende. „Wenn Sie mir die neu abgeſchloſſenen Pachtcontracte zuſenden wollen, ſo ſind wir vielleicht dennoch im Stande, ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen. Mittlerweile rathen wir Ihnen, keine Zeit zu verlieren, um die hundertund⸗ zwanzigtguſend Francs aufzutreiben. Wir erneuern unſer An⸗ Wer lieben will. II. 7 98 erbieten einer ähnlichen Summe, doch müſſen Sie uns drei Tage vorher Nachricht geben.« »Nun ſo leben Sie wohl,« ſagte Eduard. »Bleiben Sie noch ein wenig,« ſagte Joſephine. „Nein, ich kann mich nicht eher zufrieden geben, als bis ich meinen thörichten Streich wieder gutgemacht habe,« ſagte Eduard. „Wir wollen Sie tröſten,« ſagte Laura. „Nichts kann mich tröſten, als Wiedergutmachung des Böſen, was ich gethan.« „Des Böſen, was Sie gethan!* rief Joſephine.„Ohne Sie wäre ja ſchon längſt alles vorbei!« „Dank Ihnen, daß Sie dies ſagen! O, Dank Ihnen! Wollen Sie mir vielleicht das Geleite geben? Ich fühle mich ein wenig muthlos— für den Augenblick.« „Ja, armer Freund, wir wollen Ihnen das Geleite ge⸗ ben!« riefen die Schweſtern. Sie gingen mit ihm hinunter. Er zog ſein Pferd aus dem Stalle und ſie gingen mit einander ſchweigend nach dem Gartenthore. Als er den Fuß in den Bügel ſetzte, murmelte Joſe⸗ phine: „Aengſtigen Sie ſich nicht, lieber Freund. Schlafen Sie nach allen ausgeſtandenen Beſchwerden dieſe Nacht noch recht wohl und kommen Sie morgen Früh zeitig wieder zu uns.« Eduard hielt ſein Pferd an, welches gern fort wollte, drehte ſich in dem Sattel herum und rief verwundert:„Wo glauben Sie denn, daß ich hinreite?« „Nun nach Hauſe!« Nach Hauſel während Beaurepaire in Gefahr ſchwebt? Ich könnte ſchlafen, während Beaurepaire Gefahr drohet? 99 Setzten Sie denn nicht ſogleich voraus, daß ich mich zu mei⸗ nem Onkel begeben würde, welcher zwanzig Lieues von hier wohnt?* „Ja, aber doch nicht in dieſer Nacht?« „Warum nicht? Soll ich einen halben Tag wegwerfen? Nein, nicht eine Stunde, nicht eine Minute— der Feind iſt zu ſchlau und thätig, der Gegenſtand des Kampfes ein zu wichtiger.« „Aber bedenken Sie doch, E— Herr Eduard,“ ſagte Laura.„Sie ſind ſo müde!« „Ich war es, bin es aber jetzt nicht mehr.« „Aber mein Gott, Sie können den Tod davon haben— in einer ſo finſtern Nacht unternimmt man keine Reiſe zu Pferde.« „Ach, mein Fräulein Laura, Tag und Nacht ſind einem Manne, wenn er denen dienen kann, die er liebt, ganz gleich.* Und während er dies noch ſprach, ſpornte er ſein unge⸗ duldiges Pferd, welches ſofort, Funken aus den Steinen ſchla⸗ gend, die Straße hinabgaloppirte. Die Zurückbleibenden blieben ſtehen und horchten auf die verhallenden Hufſchläge. Als ſie endlich nichts mehr hörten, kehrten ſie langſam und niedergeſchlagen nach dem Schloſſe zurück. Laura weinte. 100 VI. Als Eduard ungefähr den dritten Theil ſeines Weges zurück⸗ gelegt hatte, fütterte und tränkte er ſein Pferd und ritt dann die übrigen zwei Drittheile nicht zu ſchnell, aber ohne wieder Halt zu machen. Es war drei Uhr Morgens, als er die Wohnung ſeines Onkels erreichte. Er zog ſein Pferd in den Stall und kroch, um die Bewohner nicht zu ſtören, zum Küchenfenſter hinein, welches er wie im goldenen Zeitalter offenſtehend fand. Das Feuer auf dem Herde glimmte noch; er ſchürte es zuſammen, ſchlief auf einem Stuhle ein, der ſo hart war— ſo hart wie das Herz eines Philanthropen. Er hatte nach ſeiner Meinung kaum eine halbe Minute geſchlafen, als eine Horde laut heulender rother Indianer ihn aufweckten und ſiehe da! die Haushälterin ſeines Onkels ſtand vor ihm und kreiſchte nochmals, als er in die Höhe ſprang. Ihr Gekreiſch ging jedoch ſofort in ein unſicheres, verlegenes Stammeln über, welches ſich nach und nach zu einem war⸗ men Willkommen anſchickte. „Aber alle Heiligen, wie haben Sie mich erſchreckt!« rief ſie. „Na, Ihr ſeyd dafür gerächt worden,« entgegnete Eduard.»Ich glaubte eine Legion Teufel mir in die Ohren heulen zu hören. Iſt mein Onkel ſchon aufgeſtanden?“ „Ihr Onkel? Wiſſen Sie es denn nicht?« . . ————————— ——— —— 101 „Nein, woher ſoll ich denn etwas wiſſen? Was gibt es denn? O Himmel, er iſt doch nicht todt?“ „Todt? Nein. Er würde doch nicht ſterben, ohne ſeine Angelegenheiten in Ordnung gebracht zu haben. Nein, aber er iſt verreiſt.« „Wohin denn?“ „Das wiſſen wir nicht. Er packte ein Hemd, ein Raſir⸗ meſſer und einen Kamm zuſammen und reiſte fort ohne weiter ein Wort zu ſagen. Sie wiſſen ja, wie er's zu machen pflegt.* Eduard ſtöhnte. „Wann iſt er denn fort?« „Geſtern Mittag.“ Eduard fluchte. „O ärgern Sie ſich nur nicht darüber!« rief die alte Haushälterin. „Aber, liebe Martha, es hängt ja Leben und Tod da⸗ von ab. Ich werde den Verſtand daräber verlieren.« „Na, na! Das werden Sie doch nicht thun! Er wird vermuthlich nicht lange ausbleiben!« „Da habt Ihr Recht, Martha, er muß heute noch wie⸗ derkommen— er hat ja nur ein Hemd mitgenommen, wie Ihr ſagt.* „Hmls ſagte Martha nachdenklich,„das folgt gerade nicht daraus. Ich hab ihn oft ein Hemd weit länger als einen Tag tragen ſehen.“ Eduard ging in großer Aufregung die Küche auf und ab. Für Gemüther ſeiner Art iſt es die größte Marter ſich paſſiv verhalten und auf Andere warten zu müſſen. Die gute Frau ſuchte ihn zu beſchwichtigen und redete ihm begütigend zu. 102 „Trinken Sie eine Taſſe Kaffeh, lieber Eduard,“ ſagte ſie.„Sehen Sie— ich hab' ihn ſchon gewärmt und die Milch dazu.« „Ich danke Euch, meine gute Martha. Ich habe wirk⸗ lich Hunger wie ein Wolf.« „Nun gut, ſo trinken Sie und eſſen Sie und gehen dann zu Bett. Sobald Ihr Onkel kommt, wecke ich Sie.« „Ah, ich danke Euch, gute Martha. Ja, ich will zu Bette gehen. Es iſt beſſer man ſchläft, als wenn man wa⸗ chend unthätig die Daumen wirbeln läßt.« Und ſomit brachte Martha ihn zu Bett und als er ein⸗ mal hier war, behauptete die Natur ihr Recht und er ſchlief zwölf Stunden in einem Strich. Gerade als die Sonne unterging, erwachte er und glaubte, ſie ginge auf. Er kleidete ſich ſchnell an und ging hinunter. Sein Onkel war noch nicht da. Er wußte nun nicht was er anfangen ſollte. Eine heim⸗ liche Ahnung ſagte ihm, daß, während ihm die Hände gebun⸗ den waren, der Feind thätig ſeh. „Und iſt er das auch nicht,« ſagte er bei ſich ſelbſt, „dann beraubt mich der Zufall des Vortheils, den mein Eifer mir erringen ſollte.« „Warten Sie bis morgen,« ſagte Martha.»Wenner nicht kommt, ſo bekomme ich einen Brief.« Eduard ſetzte ſich nieder und ſchrieb einen Brief an Doctor Saint⸗Aubin, erzählte ihm ſein Mißgeſchick und bat ihn, die Pachtcontracte an Picard zu ſenden, wie dieſer ver⸗ langt hatte. „Picard iſt klüger als ich,« ſagte er. Der Morgen kam, aber kein Brief. Nun tauchte eine andere Beſorgniß in Eduard auf— er war nicht auf ſeinem — . ———————FÜ—ÜFYF§GÜYÜÜ ————— —— ———— ———— —,—————————————— ————— —————————— — 103 Poſten. Commandant Rahnal war ſehr ſtreng. Beſſer war es daher, wenn er zu ihm ritt und ihn um eine Woche urlaub erſuchte. Jetzt war die beſte Zeit, es zu thun. Bei ſeiner Rück⸗ kehr war ſein Onkel vielleicht zu Hauſe. „Ja, ich will Mirabeau ſatteln und hinüberreiten. Dann brauche ich doch nicht den ganzen Tag hier zu ſitzen und mit den Daumen zu quirlen.* Commandant Raynal wohnie in einem Hauſe ungefähr auf der Hälfte des Weges zwiſchen der Beſitzung von Rivière's Onkel und Beaurepaire. Als Eduard des Hauſes anſichtig ward, ſah er ein klei⸗ nes dickes Pferd ganz allein vor der Thür ſtehen und gleich darauf kam der Notar heraus, ſchwang ſich in den Sattel und kam auf Eduard zugeritten. Eduard fühlte ſich von einem kalten Schauer durchrie⸗ ſelt, unmittelbar auf dieſen aber folgte glühende Hitze und das brennende Verlangen, ſich wie ein Sturm dem Feinde entge⸗ genzuwerfen und ihn mit ſammt ſeinem Thiere über den Hau⸗ fen zu reiten. Aber er mußte bei ſich ſelbſt ſagen:»Warte nur noch ein paar Tage— warte nur noch ein paar Tage!« und er getraute ſich nicht, den Mann anzuſehen, als ſie aneinander vorbeiritten. Der Advocat aber warf ihm durch ſeine halb⸗ geöffneten Augenlider einen boshaften, bittern Blick zu. Eduard ward übrigens nicht wenig betroffen, ſeinem Feinde ſo plötzlich und am Hauſe ſeines Commandanten zu begegnen. „Können denn dieſe Advocaten die Pläne Anderer erra⸗ then, ehe dieſelben noch entworfen ſind?« ſagte er bei ſich ſelbſt.„Können dieſe geübten Schurken dies wirklich? Rein, er iſt einfach hierher gekommen, um mir im Allgemeinen einen 104 Poſſen zu ſpielen, meinen Commandanten gegen mich aufzu⸗ hetzen. Die Zeit zu ſeinem Angriff hat er gut gewählt, jetzt, wo ich dieſen Mann, der in Dienſtſachen ſo ſtreng iſt, um eine Gunſt bitten will.« Eduard erſchien ziemlich muthlos vor Rahynal und ſagte nach der gewöhnlichen Begrüßung: »Ich wollte Sie um eine Gunſt bitten, Herr Com⸗ mandant. „Was wünſchen Sie? rief der Commandant in ſeinem gewohnten barſchen Tone. »Einen kurzen Urlaub.« „Hmls »In dringenden Angelegenheiten. O, mein Herr, ſchla⸗ gen Sie mir meine Bitte nicht ab!“ „Wer ſagt Ihnen denn, daß ich Ihnen Ihre Bitte ab⸗ ſchlagen will?« fragte der Commandant. »Niemand, Herr Commandant, aber ich habe Feinde und fürchtete, daß einer derſelben mich vielleicht hinter meinem Rücken verleumdet hätte.« »Bürger Rivière,« entgegnete Rahnal in ſtrengem Tone,»wenn Jemand zu mir kommt, um einen meiner Offi⸗ ziere hinter ſeinem Rücken anzuklagen, ſo würde ich dieſen Offizier rufen laſſen und zu ſeinem Ankläger ſagen: Nun, hier ſteht der Mann, ſehen Sie ihm ins Geſicht und ſagen Sie, was Sie zu ſagen haben.* „Ich war ein Thor,« rief der junge Mann,„mein ed⸗ ler Commandant—* „Genug!« ſagte der Commandant ungeduldig.„Nie⸗ mand hat je in meiner Gegenwart ein Wort zu Ihrem Rach⸗ theile geſprochen— überhaupt,« ſetzte er faſt ſpöttiſch hinzu, „überhaupt habe ich Ihren Namen nur wenig nennen hören.« —— 105 »Mein Name iſt heute hier vor Ihnen nicht erwähnt worden, Commandant?« „Nein— doch halt!« rief der ſtreng wahrheitliebende Soldat,„ausgenommen von dem Diener, der Sie anmeldete. Leſen Sie dieſe Depeſche, während ich einen Befehl draußen ertheile.« Eduard las die Depeſche und erröthete bis hinauf in die Stirn, als er auf eine Stelle ſtieß, an der es hieß: »Eduard Rivière iſt thätig, eifrig und pünktlich. In etwa ſechs Monaten können Sie ihn recht wohl avanciren laſſen.« Dies war Alles, aber außer ihm ward kein Menſch weiter gelobt. Der Commandant trat wieder ein. „O, Herr Commandant, welche Güte!« rief Eduard. »Bürger,« entgegnete Raynal,»ich habe mich vom ge⸗ meinen Soldaten bis zu meinem gegenwärtigen Range empor⸗ gearbeitet— errathen Sie vielleicht wodurch?« »Durch Tapferkeit— durch Ritterlichkeit— durch ſpar⸗ taniſche—« »Ach, dummes Zeug— dadurch, daß ich ſtreng meine Dienſtpflichten erfüllte— darin liegt der Schlüſſel zum Räth⸗ ſel und deshalb iſt auch mein Augenmerk auf Jeden ge⸗ richtet, der ſeine Dienſtpflichten pünktlich erfüllt. Sie ſind ein ſolcher und deswegen habe ich Sie gelobt. Alſo wie viele Tage wünſchen Sie zu vergeuden? Sprechen Sie.* »Nur wenige, ſehr wenige.** „Haben Sie ein Liebchen? Gut, gut— ich ſehe ſchon — Sie haben eines— thöricht genug. Alſo um zu ihr zu ge⸗ hen, wollen Sie Ihren Dienſt hintanſetzen?« „Nein, durchaus nicht, Herr Commandant.“ »Sehen Sie mir ins Geſicht. Es gibt blos zwei Men⸗ 106 ſchen auf der Welt— den, welcher ſein Wort hält, und den, welcher es bricht. Der erſte iſt ein ehrlicher Mann, der zweite ein Lügner und ſpäter vielleicht ein Dieb. Wenn Sie Urlaub haben wollen, um einem Mäbchen nachzulaufen, ſo gebe ich Ihnen eine Woche. Geſchieht es in anderer Abſicht, ſo gebe ich Ihnen vierzehn Tage. Nein, nein! Nur keinen Dank, ich habe keine Zeit zu verplaudern. Vorwärts, marſch!“ Eduard ritt triumphirend wieder fort. „Hoch lebe der Commandant Raynal!s rief er.„Er iſt nicht von Fleiſch und Blut. Er iſt von Metall— er klingt laut und echt. Seine Worte ſind nicht Worte, ſondern Töne einer goldenen Trompete, und wenn man fünf Minuten bei ihm geweſen, iſt es einem zu Muthe, als könnte man es mit allen Notaren der Welt aufnehmen.“ Er erreichte wieder das Haus ſeines Onkels. „Er iſt noch nicht da, Herr Eduard!« rief ihm die alte Haushälterin entgegen. Ein kalter Schauer durchrieſelte ihn. Den nächſten Morgen kam ein Brief von ſeinem Onkel, aus Paris datirt. Eduard war nahe daran, ſich das Haar auszuraufen. „Nach Paris mit einem einzigen Hemd. Wer konnte vorausſehen, daß ein menſchliches Geſchöpf von irgend einem andern Orte als Bicötre mit nur einem einzigen Hemd nach der Hahptſtadt der Welt gehen würde! Laßt mein Pferd brin⸗ gen, Martha. Wahrſcheinlich wird er kaum eine Woche dort bleiben. Das iſt ein Compliment für die Hauptſtadt— zehn⸗ tauſend Teufel! Ich komme noch von Sinnen. Laßt mein Pferd bringen.“ „Wo wollen Sie denn hin, junger Herr?s 107 „Nach Paris. Leihet mir ein Hemd. Er hat doch noch eines dagelaſſen, wie?« Martha nahm von dieſem verſteckten Hieb keine Notiz. »Er kommt ja aber nach Hauſel Er kommt ja nach Hauſe!« rief ſie.„Sie haben den Brief gar nicht ordentlich geleſen.* „Sehr richtig— er kommt heute oder morgen nach Hauſe. Gerechter Himmel, wie doch dieſe alten Leute ſchwa⸗ tzen! Als ob Heute und Morgen eins und dasſelbe oder doch ſo ziemlich eins und dasſelbe wäre! Ich werde nach Paris reiten.« „Dann werden Sie ihn unterwegs verfehlen. „Gebt Papier und Schreibzeug, Martha, ich will den ganzen Tag Briefe ſchreiben. Ach, wie unglücklich bin ich!« Er ſchrieb einen langen Brief an Saint⸗Aubin und er⸗ zählte ihm Alles, was er gethan und gelitten. Ebenſo ſchrieb er auch an den Notar und beſchwor ihn, in ſeiner Abweſen⸗ heit die Intereſſen von Beaurepaire auf's Genaueſte zu über⸗ wachen. Dann zog er ſein Pferd aus dem Stalle und galop⸗ pirte wild auf den Feldern umher und litt die Martern, welche träge Geiſter weder fühlen, noch ſich denken können. Den nächſtfolgenden Nachmittag kam— o Freude!— die behäbige Geſtalt ſeines Onkels zum Vorſchein und hieß ihn herzlich willkommen. Der arme junge Mann wollte mit ſeinem Anliegen ſo⸗ fort herausrücken, aber er ſah, daß er keine Ausſicht hätte eher Gehör zu finden, als bis eine Menge landwirthſchaftliche Fragen geſtellt und beantwortet waren. Am Abend war es ihm endlich vergönnt, ſeine Geſchichte zu erzählen und ſeinen Onkel zu bitten, die zweihundertundvierzigtauſend Franes auf Hypothek zu leihen. 108 Der Onkel hörte den Antrag kaltblütig an. „Ich glaube nicht, daß mir dies möglich iſt, Eduard,« ſagte er dann.„Ich müßte erſt mein Geld aus den öffentli⸗ chen Fonds ziehen und dieſe ſind im raſchen Steigen begriffen. Nein, ich kann es nicht thun.« Eduard bat ſeinen Onkel, die Sache nicht von dieſer Seite, ſondern als eine wohlthätige Handlung zu betrachten, die von weniger Verluſt begleitet ſeyn würde, als Handlun⸗ gen von dieſem Verdienſt gewöhnlich ſind. „Aber warum ſoll ich um dieſer Ariſtokraten willen auch nur einen Sous verlieren?« fragte der Onkel mürriſch. „Wenn Du ſie kennteſt— doch Du kennſt ſie nicht, lie⸗ ber Onkel! Thu es daher um meinetwillen— um meinetwil⸗ len, deſſen Herz auf immer und ewig an ſie gefeſſelt iſt!« „Aha!« rief der Onkel.»Wohlan, ich will Dir etwas ſagen, Eduard. Wenn Du wirklich thöricht geweſen biſt, Dich in eine dieſer Perſonen zu verlieben und Luſt haſt, den George Dandin zu ſpielen, ſo will ich Dir eine Summe verſchaffen; aber ſo viel als Du verlangſt kann ich nicht entbehren.« „Gut, gut, lieber Onkel. Ich habe alſo keinen Freund auf der Welt weiter, als die, welche Du Ariſtokraten nennſt.« „Du biſt ein undankbarer Knabe. Ich bin es, der kei⸗ nen Freund hat. Ich dachte, Du kämſt, um mich zu beſuchen, und ſiehe da! Du kamſt blos, weil Du Geld haben willſt.« »„Du beleidigſt mich, lieber Onkel, aber Du haſt das Recht dazu. Ich will weiter nichts ſagen. Ich will gehen.“ „Ja, meinetwegen gehe zum Teufel! Eduard befand ſich bereits auf dem Wege nach dem Stalle, als die alte Martha ihn einholte. »Ach, junger Herr,« rief ſie,„verlaſſen Sie uns doch nicht ſo!“ 109 „Er hat mich beleidigt Martha.« „Ach, was da! Er beleidigt mich alle Woche dreimal und ich ihn wieder, aber deswegen laufen wir nicht von ein⸗ ander fort. Er ſoll es Ihnen abbitten und— vor allen Din⸗ gen— er ſoll Ihren Ariſtokraten das Geld borgen. Das rui⸗ nirt uns noch nicht.« „Aber, Martha, Ihr müßt gehorcht haben?« »„Na, das wollte ich meinen! Verhalten Sie ſich nur ruhig. Sie werden ſehen, er hat nun gebellt und beißen kann er nicht ſehr, der gute Mann, obſchon er es ſich einbildet.“ „Ach, meine gute Martha, ich kenne ſeinen Charakter und weiß, daß er von Herzen ganz gut iſt, aber hierher zu kommen und zu warten und Tage zu verlieren, während jede Stunde Gold iſt und dann eine abſchlägige Antwort zu erhalten! Mein Gott, wo ſoll ich denn anders Hilfe ſuchen, als bei dem Bruder meiner Mutter! Ich habe ja keine andern Verwandten.« Martha vermochte ihn endlich zu bleiben. Nachdem ſie dies erreicht, eröffnete ſie den Angriff auf ihren Herrn. „Wiſſen Sie es ſchon,« fragte ſie ruhig, indem ſie einen Stuhl abſtäubte oder wenigſtens ſo that,»er weint.* „Wer weint denn?* „Unſer Gaſt— unſer Neffe— unſer lieber Sohn.« „Er hat auch Grund dazu. Wahrſcheinlich wißt Ihr nicht, daß er mich beleidigt hat.* »Wem ſagen Sie denn das? Ich horchte ja am Schlüſ⸗ ſelloch!⸗ „Schämt Euch.« „No, wir wollen vor der Hand weiter nicht erörtern, 110 wer ſich zu ſchämen hat. Sie waren es, der ihn auf grau⸗ ſame Weiſe behandelte. Er weint und will fort.« „Er will fort? Wohin denn?“ „Weiß ich es? Wahrſcheinlich dahin, wohin Sie ihm befahlen zu gehen.*“ „Es iſt mir nicht recht, daß er ſo von hier fort will.« „Das wußte ich gleich und deshalb bewog ich ihn noch zu bleiben, obſchon er durchaus fort wollte.«. „Daran habt Ihr wohlgethan und dafür ein neues Kleid verdient. Was ſagtet Ihr denn zu ihm? „Ich ſagte: Ihr müßt Euch die Sache nicht gleich ſo zu Herzen nehmen. Unſer Herr iſt manchmal auf ſchlechter Laune—« „Welche Lügel« „Aber er hat ein gutes Herz.“ „Da habt Ihr die Wahrheit geſprochen; ich bin ge⸗ wöhnlich viel zu gut.« „Es iſt Ihrer Mutter Bruderl« ſagte ich,»und obſchon er manchmal mürriſch iſt, ſo iſt er Ihnen doch im Herzen durchaus nicht abgeneigt. Bleiben Sie da und ſprechen Sie nicht von Geld,« ſagte ich,„das ärgert ihn.“ Dennoch aber, lieber Herr, konnte ich nicht umhin, bei mir ſelbſt zu beden⸗ ken, daß wir alt ſind und unſer Geld doch nicht mitnehmen können. Unſere Zeit wird bald kommen wo wir ſo nackt und bloß aus der Welt gehen müſſen, wie wir in dieſelbe gekom⸗ men ſind.« „Das iſt leider wahr.« „Was mein Geld betrifft— und ich habe mir in Ih⸗ rem Dienſte ein hübſches Sümmchen geſpart, denn Sie daß Sie gegen mich niemals geizig waren— 411 »Weil ich weiß, daß Ihr mich weder betrogen noch be⸗ ſtohlen habt.« „Alſo mein Geld ſoll er auf jeden Fall bekommen.« „Wenn Ihr Euch unterſteht, ihm davon etwas zu ſagen, ſo drehe ich Euch den Hals um! Wie könnt Ihr es wagen, mit euren drei Hellern zwiſchen den Sohn meiner Schweſter und mich zu treten! Gleich marſch fort in die Küchel« „Ich bin ſchon fort!« Onkel und Neffe ſahen ſich bei Tiſche und der Neffe ſprach der von Martha erhaltenen Inſtruction gemäß von Allem, nur nicht von Geld. Nach dem Diner, welches Martha ganz nach dem Geſchmack des Onkels bereitet, lehnte dieſer ſich in ſeinen Stuhl zurück und fragte in der freundlichſten Laune: „Nun, Neffe, wie ſteht es mit deiner kleinen Angelegen⸗ heit? Jetzt iſt die Zeit, wo man Jemanden um Geld anreden muß. Nach Tiſche bin ich aufgelegt, den allerdümmſten Streich zu begehen, um alle Menſchen glücklich zu machen, bevor ich ſterbe.* Da Eduard ihn auf dieſer Laune ſah, ſo erzählte er die Geſchichte von Beaurepaire ausfühglicher und offenbarte ſeine eigenen Gefühle einem Zuhörer, welcher theils aus Gutmü⸗ thigkeit, theils aus Reue einen faſt lächerlichen Grad von Theilnahme— mochte nun echt oder erkünſtelt ſeyn — entwickelte. Als Eduard fertig war, erklärte der Onkel, er wolle das Geld ſchaffen, wenn die Bürgſchaft gut ſey. „Und ſie muß es ſehn,« ſagte er,„da die Pachtzinſen erhöht worden ſind und Du eine der Hypothekenforderungen abgezahlt haſt. Wie lange gibſt Du mir Zeit?« 112 „Ach, lieber Onkel, wir haben einen tödtlichen Feind. Die Zeit iſt auch Gold.« »Wie iſt es denn? Morgen iſt Markttag und übermor⸗ gen iſt Jahrmarkt.« Eduard ſeußte. »Den nächſtfolgenden Tag wollen wir die Sache be⸗ ſorgen.« Eduard ſtöhnte. „Ich meine, wir wollen in meinem Cabriolet nach der Mairie fahren.« „Ah!* »Und das Geld in unſerer Taſche mitnehmen! „Ha, laß Dich umarmen, mein lieber Onkel!« Auf dieſe Weiſe ward Eduards Angſt und Sorge ein Ende gemacht. Binnen drei Tagen ſollte ſein Onkel der ein⸗ zige Gläubiger von Beaurepaire ſeyn. Dennoch konnte er nicht umhin, die Stunden zu zählen und fühlte ſich nicht eher wirklich beruhigt, als bis der Donnerſtag Abend kam und ſein Onkel ihm eine gefüllte dicke Brieftaſche zeigte und Befehl gab, daß das große normänniſche Pferd, ein Thier von merk⸗ würdiger Kraft und Ausdauer, zeitig gefüttert werden ſoll. Der Jüngling ſchwamm in wonnigen Träumen, der alte Mann rauchte ruhig ſeine Pfeife, als Martha einen Brief brachte, den der Briefträger ſoeben abgegeben. Er war von der Hand einer Dame geſchrieben. Eduards Herz klopfte ge⸗ waltig. Martha beobachtete ihn lächelnd und fand einen Vor⸗ wand, im Zimmer zu bleiben. Er öffnete den Brief und ſein Auge ſah mit Blitzes⸗ ſchnelle nach der Unterſchrift—„Laura Aglae Roſa von Beaurepaire.« Der ſüße Name war bereits auf dem Wege, von ſeinen ————— 113 begierigen Lippen ausgeſprochen zu werden, als ihm oberhalb desſelben ein paar Worte in die Augen fielen, die ihm durch und durch gingen wie ein eiſiger Dolch. Er las und die Farbe wich ſogar von ſeinen Lippen. Er ſaß mit dem Briefe da und war wie in Stein verwandelt bis auf die bebenden Lippen und die zitternden Hände, welche die theure Handſchrift hielten. VII. Die Fetzen jenes abgeriſſenen Placats, welches Eduard dem Notar Perrin in's Geſicht warf, waren für dieſen nicht blos eine Beleidigung, ſondern auch eine Offenbarung. Er zog Erkundigungen ein und erfuhr bald, daß der junge Staatsbeamte ein Vorkämpfer von Beaurepaire und ein Client von Picard ſey. Dies zuſammenreimend argwohnte er ſogleich, daß ſein Concurrent ihn hinters Licht geführt. „Picard ſteht im Solde dieſes iungen Wichtes,« ſagte er bei ſich ſelbſt.„Vielleicht gedenkt er ihm das Geld zu leihen, an⸗ ſtatt mir.“ Weiter ging ſein Argwohn vor der Hand nicht. Den nächſtfolgenden Tag aber erzählte ihm Jemand, daß die Pächter von Beaurepaire um dreißig Procent hinauf⸗ geſchraubt worden ſeyen. Er ſah ſofort, welche Folgen dies für die Beſitzung ha⸗ ben mußte. Seine Rache drohte ihm eben ſo zu entſchlüpfen, wie ſeine Beute. Er faßte einen raſchen Entſchluß und handelte dem⸗ gemäß. Er ritt zum Commandanten Raynal. Dieſer Offizier Wer lieben will. II. 8 114 hatte ihm, wie der Leſer ſich erinnern wird, vor mehren Mo⸗ naten Auftrag gegeben, ihm ein Landgut zu kaufen. Er hatte ſich auch ſeit jener Zeit fortwährend nach einem umgeſehen, war aber unglücklicherweiſe nicht im Stande geweſen, eins zu finden, welches ſo ſchlecht geweſen wäre, wie er es wünſchte. Ein Agent ſieht in der Regel nicht auf das Intereſſe ſeines Auftraggebers, ſondern auf ſein eigenes. Perrin hatte, als Raynal ihm zuerſt den Auftrag er⸗ theilte, ſchon ſein Augenmerk auf Beaurepaire gerichtet, dabei aber fiel ihm nicht im entfernteſten ein, ſeinem Auftraggeber einen ſo guten Handel zuzuweiſen. Er wartete, bis Jemand ein Gut im Werthe von hundertundachtzigtauſend Franecs zu ver⸗ kaufen haben würde. Dann wäre er zu dieſem Manne ge⸗ gangen und hätte geſagt:»Wenn ich Euch einen Käufer mit baarem Gelde verſchaffe, ſo gebühren mir natürlich fünf Procent.* Nachdem der Verkäufer dies bewilligt, würde er ſich eine Weile ruhig verhalten haben, dann wäre er wiedergekom⸗ men und hätte geſagt:»Ich kann Euch einen Käufer ver⸗ ſchaffen, aber Ihr müßt zweihundertundfünfzigtauſend Francs verlangen; die überſchießenden ſiebzigtauſend ſind für mich.« Leider aber hatten die Verhältniſſe ſich ſo geſtaltet, daß er von dieſem Plan abgehen mußte Wir ſehen ihn daher jetzt auf ſeinem dicken kleinen Pferde entlang reiten, um ſeinem Auftraggeber den beſten Handel vorzuſchlagen, der ſich weit und breit machen ließ. Es kam ihm ſauer an, aber er blieb feſt bei ſeinem Entſchluſſe. Zum Glück für ſich ſelbſt beherrſchte ihn nicht nur ein Laſter. Er war nicht blos habſüchtig, ſondern auch rache⸗ ſüchtig und deshalb im Stande, der Rache wenn auch nicht ſein ganzes Intereſſe, aber doch wenigſtens gewiſſe Prorente — 115 von demſelben zu opfern. Wenn man ſich einmal vorgenom⸗ men hat, etwas zu thun, ſo findet man Gründe aller Art. Er ſagte bei ſich ſelbſt:„Ich werde ſein Verwalter, ſein Agent ſehn. Er iſt Soldat— niemals da— bleibt vielleicht in einem Treffen— ſtirbt ohne Teſtament, ha!«— mit einem Worte, er erblickte eine lange Fernſicht von möglichen Folgen. Raynal ſchnitt die begeiſterte Schilderung von dem un⸗ vergleichlichen Handel, den er ihm mit beiſpielloſem Eifer ver⸗ ſchafft, kurz ab. „Wos iſt in der Sache zu thun?* fragte der Comman⸗ dant. „Wir müſſen mit einander zu dem Maite in Santenoy gehen,* antwortete der Notar. „Gut.* „Wie viel Tage brauchen Sie, um Ihr Geld bei Ihren Bankiers erheben zu können?“ „Bei meinen Bankiers? Ich habe es in meinem Man⸗ telſack!«. „Ah, dann können wir das Geſchäft ſofort ab⸗ machen!* „Nein, das können wir nicht. Der Dienſt geht vor, dann kommen erſt Privatſachen.“ Er zog ein Notizbuch zu Rathe.„Morgen nach ein Uhr bin ich frei. Um drei kann ich in Santenoy ſeyn— iſt das Zeit genug?“ „Ja, Herr Commandant.“ „Nun ſo halten Sie Alles in Bereitſchaft. Um drei Uhr werde ich dort ſeyn. Wie viel Geld?“ „Ungefähr zweihundert und fünßzigtauſend Francs.« 116 „Ich habe Sie nicht gefragt, wie viel ungefähr,« ent⸗ gegnete der Mann der Präciſion.»Ich fragte wie viel? Doch gleichviel. Ich werde auf jeden Fall genug mitbringen. Guten Tag! Den nächſtfolgenden Tag eine Viertelſtunde vor drei Uhr paradirte Perrin in geſpannter Erwartung vor der Mai⸗ rie hin und her. Mit dem Schlage drei Uhr kam der Com⸗ mandant in voller Uniform herangetrabt, ſprang vom Pferde und gab es einem Knaben zu halten. Er übergab Perrin zweihundertundfünfzigtauſend Francs und ſchickte ihn in die Mairie, um die Herrſchaft Beaurepaire zu kaufen, während er eine kleine Caſerne inſpiciren ging, welche eben in der Stadt Santenoy gebaut ward. Perrin ging hinein, ſprach mit dem Maire und meldete einen Käufer für die Herrſchaft Beaurepaire an.. Der Maire ſchien Verlegenheit zu verrathen. Er ging aus einem Zimmer in das andere, ſuchte lange nach den be⸗ treffenden Documenten herum und ſagte endlich: „Haben Sie das Geld ſchon mit?« »Jo,« ſagte der Notar. ieeſe Franes. Hier ſind ſie.« Der Maire ſuchte wieder in ſeinen Papieren hin und her, nahm eines davon zur Hand und ſetzte ſeine Brille auf. »Das iſt nicht der Preis,« ſagte er.„Die Beſitzung iſt zweihundertundfünfundneunzigtauſend Franes werth. »Wie iſt das möglich, mein Herr? Zweihundertund⸗ fünfzigtauſend iſt der auf Ihrem Placat angegebene Preis.« »Allerdings,« ſagte der Maire im Tone der Entſchuldi⸗ 117 gung.„Ich hätte das Placat abändern ſollen. In dem Be⸗ fehl von dem Directorium iſt keine beſtimmte Summe erwähnt. Er iſt in allgemeinen Ausdrücken abgefaßt. Die Herrſchaft ſoll für eine gewiſſe Summe außer dem Capital und Renten auf ſiebenundzwanzig Jahre verkauft werden. Seitdem ich jenes Placat habe anſchlagen laſſen, ſind die Pachtzinſen er⸗ höht und zum Beweis dafür die Pachtcontracte an mich ein⸗ geſendet worden. Hier ſind ſie. Da Sie die Abſicht haben, die Beſitzung zu kaufen, ſo ſteht es Ihnen frei, die Contracte in Augenſchein zu nehmen. Für zweihundertfünfundneunzig⸗ tauſendeinhundertundvierzig Francs gehören Schloß und Herrſchaft Ihnen.* „Da ſteckt Picard dahinter! ſagte Perrin hämiſch. Der Maire that als wenn er ihn nicht hörte. Perrin entfernte ſich, um Raynal zu rapportiren, wie er in ſeiner Erwartung getäuſcht worden. Er fand ihn mit Inſpection der Caſerne beſchäftigt. Er ſetzte ihm die Sache auseinander und entſchuldigte ſich, indem er die Schuld a den Maire wälzte, welcher den für einen Geſchäftsmann un⸗ verzeihlichen Fehler begangen, ein Placat mit falſchen Zahlen⸗ angaben an der Wand zu laſſen. „Gut,« ſagte Rahnal,„da die Herrſchaft zweihundert⸗ undfünfundneunzigtauſendeinhundertundvierzig Franes anſtatt zweihundertundfünfzigtauſend Franes werth iſt, ſo iſt dies um ſo beſſer für mich. Ich brauche dann blos ſo viel mehr zu bezahlen.* „Morgen könnte ich es Ihnen leihen, aber morgen iſt es vielleicht ſchon zu ſpät.« „O, ich habe noch fünfzigtauſend Franes in der Taſche,« entgegnete der Commandant kaltblütig;»ich habe alles mit⸗ 118 gebracht, was ich hatte, denn es ſchienen Ihnen ſelbſt nicht ſehr klar zu ſeyn, wie viel wir brauchen würden.“ »Nun ſo kommen Sie ſofort mit zu dem Maire,« rief der frohlockende Notar;„machen Sie ſchnell oder er wird ſagen, die Bureauſtunden ſeyen vorüber.« Als der Commandant in voller Uniform und mit klir⸗ rendem Säbel in die Mairie trat und die ganze verlangte Kaufſumme aufzählte, verſuchte der Maire natürlich nicht weitern Widerſtand zu leiſten. Er war mit Rahnal perſönlich bekannt, bewunderte ihn und reſpectirte ihn und die Militär⸗ gewalt, die er repräſentirte. Was Rahnal betraf, ſo kaufte er die Herrſchaft, die er niemals geſehen wie man beim Bäcker eine warme Semmel kauft. Von dieſem Augenblicke an gehörten die alten Län⸗ dereien, Waldungen, Schloß, Fiſchteiche, Wirthſchaftsgebäude und die Eiche, welche noch älter war, als die Familie ſelbſt, einem Soldaten, der von der Pike an gedient, und den zukünf⸗ tigen Erben ſeines plebejiſchen Leibes. ** * »Ich kann wohl ſchon heute dort übernachten, wie?“ fragte Rahnal. Der Notar machte große Augen und lächelte dann. Er ſah hier einen Mann vor ſich, der ſelbſt ſeiner Rache noch vorauseilte. Er erklärte ihm, daß er in ſeiner neuen Beſitzung nicht eher übernachten könne, als bis er die dermaligen Be⸗ wohner derſelben ausgetrieben habe.« »Das Geſetz verlangt, daß wir ihnen eine Kündigung zufertigen,« bemerkte Perrin. —,— —,— 119 „Nun ſo wollen wir ihnen eine zufertigen.“ „Aber ſie iſt noch nicht einmal ahgefaßt.“ „Nun ſo faſſen Sie ſie ab.“ „Und dann muß ſie mundirt werden.“ „Nun, ſo mundiren Sie ſie. Ich will hier warten.“ „Aber ſie muß noch Vormittags eingehändigt werden, wenn ſie für denſelben Tag giltig ſeyn ſoll.« „Verdammt ſeyen dieſe Juriſten, die nicht die einfachſte Sache ausführen können, ohne ein halbes Dutzend Formali⸗ täten zu beobachten. Da lob ich' mir das Bajonnet. Doch da fällt mir ein. Einer meiner Offiziere wohnt hier in der Nähe. Er iſt jetzt auf Urlaub abweſend. Kennen Sie ihn? Er heißt Rivière.“ „Ich kenne ihn von Anſehen.* „Ich werde für die nächſte Nacht Beſitz von ſeinem Quartier nehmen. Seine Wirthin kennt mich.« „Ja, ja,« rief der Notar, während ſeine Augen vom Ausdruck befriedigter Bosheit funkelten.„Er wohnt ganz in der Rähe des Schloſſes.« „Nun gut, dann können wir morgen unſern Angriff auf dieſes beginnen.* „Ja! Commandant— ja! Sie haben herrliche Ideen! Das iſt der rechte Ort, von welchem aus wir den Angriff machen müſſen,« rief er und lachte teufliſch in ſich hinein. „Um zehn Uhr morgen Vormittag komme ich zu Ihnen und wir nehmen dann Beſitz von Ihrem Eigenthum.* „So ſey es. Um zehn Uhr. Guten Tag! Ich muß nun wieder in die Caſerne und die Arbeiter antreiben.* Während der Commandant ſich wieder nach der Ca⸗ ſerne begab, dachte er bei ſich ſelbſt: „Mein Beſitzthum! Dieſe Worte haben einen ſchönen 120 Klang. Das müſſen ſie aber auch, denn ſie koſten jedes ein⸗ hundertundfünfzigtauſend Franes. Beim St. Denis, ich bin ein glücklicher Mann! Es gibt nicht viele Soldaten von mei⸗ nem Alter, welche ſagen können:„Mein Beſitzthum,« beſon⸗ ders Soldaten, welche den Tourniſter getragen haben. Wie ſtolz würde meine arme alte Mutter ſehn! Ach, das verdirbt mir den ganzen Genuß. Sie wird nicht mir an dem Herde gegenüberſitzen. Es wäre ihr neues Haus oder vielmehr unſer neues Haus. So aber iſt es blos mein. Doch ich bin undankbar, wenn ich murre. Der Menſch kann nicht Alles haben. Ich bin nicht der Erſte, dem das Glück ein paar Jahre zu ſpät in die Hände kommt. Ich werde auch nicht der Letzte ſehn. Ein Landhaus in der Provinz war das Paradies, welches die arme alte Frau ſich träumte. Doch der Dienſt vor allem andern.« Und ſein Säbel klirrte auf dem Pflaſter, während er mit raſchen Schritten nach der Caſerne ging, um die Arbeiter anzutreiben, ehe er ſich in ſein Nachtquartier begab. VIII. Nach Eduards Weggange war Joſephine von Beaure⸗ paire traurig und von bangen Ahnungen erfüllt. »Mein Freund,« ſagte ſie zu Saint⸗Aubin,„mir iſt zu Muthe, wie es Soldaten zu Muthe ſehn muß, welche wiſ⸗ ſen, daß der Feind ſie unterminirt. Auf der Oberfläche zeigt ſich keine Gefahr— nichts, was man ſehen, bekämpfen, an⸗ greifen oder vermeiden könnte. In täglicher Gefahr, die um ſo entſetzlicher iſt, als ſie vollkommene Ruhe nachahmt, er⸗ warten ſie den verhängnißvollen Augenblick, wo die Lunte an die Mine gelegt wird.« 121 „Sie übertreiben,« entgegnete Saint⸗Aubin beſchwichtt⸗ gend.»Wir haben einen Freund, der noch eifriger und thä⸗ tiger iſt als unſer Feind. Glauben Sie mir, Ihre Niederge⸗ ſchlagenheit hat ihren Grund nur in ſeiner Abweſenheit. Wir alle vermiſſen die Berührung mit dieſem jungen heldenmüthi⸗ gen Geiſte— wir ſind ein Körper und er die Seele desſelben.* Joſephine ſchwieg, denn ſie ſagte bei ſich ſelbſt: „Warum ſollte ich die heitere Stimmung meiner Freunde trüben? Sie fühlen ſich ſo glücklich und vertrauensvoll.« Von nun an ſtand ſie daher mit ihren ſtillen Betrachtun⸗ gen allein. Eduard hatte Laura und Saint⸗Aubin mit einem Muthe erfüllt, welcher der Furcht widerſtand, die durch den letzten Streich des Notars erweckt worden. Was die Baronin betraf, ſo glich dieſe einer welkenden Pflanze, die durch milden Regen und Sonnenſchein wieder zum Leben erweckt worden iſt. Das Syſtem, welches man mit ihr verfolgte und welches Eduard Verſchwiegenheit nannte, machte ſie zu einer glücklichen alten Frau. Man ließ ſie den letzten Zug ihres Kämpfers ſehen und dann fiel der Vorhang. Dies war für ſie die ganze Geſtalt der Angelegen⸗ heiten. Ihre Einkünfte waren vermehrt, der einzige feind⸗ ſelige Gläubiger, den ſie kannte, abgefunden, tauſend Francs bares Geld im Hauſe und ein feuriger Jüngling mit dem Antlitz eines Engels in ihre Familie und ihr Herz eingezogen. Soll ich geſtehen, daß ſogar ſaftiges Fleiſch und arabi⸗ ſcher Kaffeh mit edleren Umſtänden zuſammenwirkten, um ſie zu erheitern und ihren Muth aufrecht zu erhalten? 122 Es war ein balſamiſcher Morgen, obſchon ſpät im Jahre. Joſephine und Laura hatten gefrühſtückt und gingen auf Ver⸗ ordnung des Arztes langſam auf der ſüdlichen Terraſſe ſpa⸗ ziren. Die in der letzten Zeit ſtattgehabten Ereigniſſe hatten Saint⸗Aubin gänzlich aus den Wolken herabgeholt. Nachdem ſeine Aufmerkſamkeit einmal für irdiſche Angelegenheiten er⸗ weckt worden, überwachte er nun die Geſundheit der ganzen Familie mit außerordentlicher Strenge. Da er kein Apotheker war welcher Arzeneien zu ver⸗ kaufen hatte, und eben ſo wenig ein Arzt, der mit einem Arze⸗ neiverkäufer im Bunde geſtanden hätte, ſo verordnete er jeder dieſer drei Damen an jedem trockenen Tage und den jüngeren an jedem Tage ohne Unterſchied einen Schluck Morgenluft. Jetzt ſtand er in der Halle und wartete, um der Baronin ſei⸗ nen Arm zu geben, ſobald ſie herunterkommen würde. »Welch ein herrlicher Morgen, Joſephine!« ſagte Laura. »Der gute Doctor hat Recht. Der Morgen iſt wirklich eine gute Zeit zum Luſtwandeln— die Luft ſcheint förmlich von Wohlgerüchen durchhaucht zu ſeyn.« „Ja, Laura, laß uns unſere Heimat noch ſo viel ge⸗ nießen, als uns möglich iſt, da wir ſie jeden Tag verlieren können.“ „Fängſt Du ſchon wieder an? Solche eitle Befürchtun⸗ gen! Das Schloß iſt allerdings zum Verkauf ausgeboten, aber das Geld iſt jetzt ſehr rar. Wer könnte gleich augenblick⸗ lich eine ſolche Summe auftreiben? Ganz gewiß müßte es Je⸗ mand ſehn, der uns liebt— oder Jemand, der uns haßt.“ „O, die Liebe iſt ſtärker als der Haß.« „Bei Dir.“ „Bei jedem Menſchen. Hier kommt die Mutter.“ ——————— —, 123 Und— wie würde die jetzige junge Generation darüber lachen! Die Fräuleins von Beaurepaire neigten, da dies das erſte Erſcheinen ihrer Mutter an dieſem Tage war, gleichzeitig ihre ſchönen Häupter wie junge Pappeln, die ſich vor dem Winde beugen, und warteten in dieſer Haltung ehrerbietig, bis die Baronin leicht die Hände emporgehoben und geſagt hatte: „Gott ſegne Euch, meine Kinder!“ „Wie iſt heute dein Befinden, liebe Mutter?« fragte Joſephine. „Da mußt Du den Doctor fragen,« entgegnete die Ba⸗ ronin.»Er iſt tyranniſch geworden und verbietet mir, in die⸗ ſer Beziehung eine Meinung zu haben.* „Die Baronin befindet ſich wohl, meine jungen Da⸗ men,« ſagte Saint⸗Aubin;„aber wird ſich noch beſſer befin⸗ den, wenn ſie meinen Verordnungen immer treulich nach⸗ kommt.* „Da Sie Alles zu wiſſen ſcheinen, lieber Doctor, ſo können Sie mir vielleicht auch ſagen, wie Madame geſchlafen hat?s fragte Laura ein wenig ſchnippiſch. „Wenn ſie das Mittel genommen hat, welches ich ihr gab, ſo hat ſie gut geſchlafen.* „Aber hat ſie denn auch genommen, was Sie ihr ga⸗ ben?— Ha, ha, ha! Das wiſſen Sie nicht.“ „Um dies zu ermitteln, muß ich ihr erſt an den Puls fühlen.« „Ja, Laura, ich habe geſchlafen,« ſagte die Baronin, „und ich bedauere daß ich geſchlafen habe.« „Undankbarels rief der Doctor. „Ich träumte nemlich, Doctor, und es war ein häßli⸗ cher Traum,« fuhr die Baronin fort.»Ich war mit Euch 5 124 allein im Garten— hier an dieſer Stelle oder doch nicht weit davon. Es war jedoch nicht zu der jetzigen Jahreszeit, denn ich bewunderte meine Blumen und meine alten Freunde, die Bäume, und die Vögel zwitſcherten und ſangen. Plötzlich vernahm ich laute Glockenſchläge. Ich weiß nicht, wie viel Uhr es ſchlug, aber es ſchlug ſehr viele Mal. In einem Augen⸗ blick waren Blumen, Bäume, Himmel und das Licht des Ta⸗ ges entſchwunden. Ich ſah mich um, erblickte aber nichts mehr von meiner geliebten Wohnung, und eben ſo wenig die Augen meiner Kinder. Soll ich Euch ſagen, was dieſer Traum bedeutet?« fragte die alte Dame in ernſtem Tone.„Wäre es vor einem Monat geſchehen, dann hätte ich mir weiter nichts daraus gemacht, aber jetzt, wo ſich Alles ſo ſchön und hoff⸗ nungsvoll geſtaltet hat, wünſche ich meine Lieblinge doch noch nicht zu verlaſſen.« »Es war ja nur ein Traum, liebe Mutter,« rief Joſe⸗ phine in heiterem Tone.„Sieh, hier iſt deine Terraſſe und dein Schloß.« »Und hier ſind deine Töchter« ſagte Laura, und beide traten dicht vor ihre Mutter hin, um ſie außer Zweifel zu ſtellen. »Und hier ſteht Ihr treuer, obſchon nutzloſer alter Freund!“ ſetzte Saint⸗Aubin hinzu. »Das Frühſtück iſt aufgetragen, gnädige Frau!« mel⸗ dete Jacintha. »Jacintha hat dem Geſpräch eine angenehme Wendung gegeben,« bemerkte die Baronin.„Ich ſtand im Begriff, Euch Allen die gute Laune zu verderben.« »Ich verordne nun Frühſtück und Vergeſſenheit eitler Träume!« rief Saint⸗Aubin.„Sie, meine jungen Damen, werden noch eine halbe Stunde ſpaziren gehen.« —— — 125 Die Schweſtern gingen mehrmals ſchweigend auf und ab. Laura war die Erſte, welche ſprach. „Wie abergläubiſch Du biſt, liebe Schweſter!“ „Ich, ich habe ja gar nichts geſagt!“ entgegnete Jo⸗ ſephine. „Nein, mit dem Munde allerdings nicht, aber um ſo lebhafter ſprechen deine Augen. Ich glaube an unſern jungen Wahnſinnigen mehr als an die Träume unſerer armen Mutter.“ „Er wird Alles thun, was er kann!« „Ja, ja, ich denke eben ſo wie Du. Seine Energie, ſein Muth werden unſern Feind ſchlagen.* „Ganz gewiß, Joſephine. Ich freue mich, daß Du die Dinge ſo zu ſehen beginnſt, wie ſie wirklich ſind. Sieh nur, wie es ſich mit der Geſundheit und Gemüthsſtimmung unſerer Mutter beſſert! Es iſt das auch kein Wunder, da der Hori⸗ zont ſich aufgeklärt hat.— Da kommt Jacintha auf uns zu⸗ geeilt. Wahrſcheinlich läßt die Mama uns rufen. Sieh nur, wie bleich ſie iſt— es muß etwas vorgefallen ſeyn— Mama iſt krank geworden— ihr Traum—“ „Still, ſtilll« rief Jacintha, indem ſie die Hände rin⸗ gend auf die Schweſtern zukam.»Ach, meine gnädigen Fräu⸗ leins— das Schloß— o, laſſen Sie der Frau Baronin nichts davon wiſſen— es wäre ihr Tod. O was ſollen wir anfangen? was ſollen wir anfangen?“ „Sey ruhig, Laura— ſey ruhig, Jacintha,« ſagte Joſephine, die an allen Gliedern zitterte, obſchon ihre Stimme feſt war.»Ein einziges Wort— o meine Ahnungen!— Beaurepaire!“ Jacintha ſchlug die Hände zuſammen und fing an laut zu ſchluchzen. 126 »Es iſt verkauft!« ſagte Joſephine.„Der Himmel ſchenke mir Weisheit! Was ſoll ich thun? Raſch, ſage mir, Jacintha, an wen? An jenen Menſchen— an Perrin?« „Nein, an einen Fremden, an einen Offizier. Dard nannte mir ſogar ſeinen Namen— Fluch über ihn!« »Ein Bonapartiſt! Dann ſind wir in der That verlo⸗ ren!« rief Joſephine immer heftiger zitternd. „Ermanne Dich, meine Schweſter!« rief Laura erſchro⸗ cken,„Du wirſt ohnmächtig.« „Nein, Laura, es iſt jetzt keine Zeit, um der Schwäche nachzugeben. Kommt mit nach der Plaiſance. Dort iſt Waſſer.« Wit wankenden Füßen lenkte ſie ihre Schritte nach dem Waſſerbehälter in der Plaiſance; als ſie aber um die Ecke bog, fuhr ſie mit einem krampfhaften Schrei zurück und ihre augenblickliche Schwäche verließ ſie ſofort. Sie duckte ſich an die Wand und klammerte ſich mit ihrer zarten Hand an den Eckſtein und ſchaute mit ſtierem Blick nach der Plaiſance, während Laura und Jacintha keuchend hinter ihr ſtanden. Zwei Männer ſtanden mit dem Rücken nach ihr gewen⸗ det und ſahen die Eiche an. Der Eine war ein Offizier in voller Uniform, der Andere der elende Perrin. Obſchon das Geſicht des Soldaten nicht zu ſehen war, ſo verrieth doch ſein ungenirtes gebieteriſches Weſen, daß er den Platz als Herr desſelben in Augenſchein nahm. „Die Baronin! die Baronin!« rief Jacintha im Tone⸗ des Entſetzens. Die Schweſtern ſahen ſich um und die Baronin ſtand dicht hinter ihnen. »Was gibt es?« fragte ſie in heiterem Tone. —— ——r 127 „Nichts, Mama.“ „Laßt mich dieſes Nichts ſehen.« Die Schweſtern ſahen einander an, und ſo vergeblich auch der Verſuch war. ſo behielt doch die Gewohnheit, ſie zu ſchonen, die Oberhand, und ſie warfen ſich zwiſchen ſie und den drohenden Streich. „Joſephine iſt nicht wohl, liebe Mutter,« ſagte Laura; „ſie will hineingehen.« Beide Mädchen ſtanden der Baronin gegenüber. „Ja, wenn Du mich begleiten willſt, liebe Mutter,“ ſagte Joſephine. „Jacintha,« ſagte die Baronin,„hole den Doctor. So, nun habe ich ſie fortgeſchickt. Nun ſagt mir auch, warum Ihr mir auf dieſe Wiſe den Weg vertretet?“ „Haben wir das gethan, liebe Mutter?“ ſagte Joſe⸗ phine.»Dann habe ich es ſelbſt nicht bemerkt.« „Kinder, es iſt etwas vorgefallen,* ſagte die Baronin, und ſah ihre Töchter abwechſelnd mit forſchenden Blicken an. „O Mama geh nicht dorthin,* rief Laura.„Es ſind Fremde in der Plaiſance.« „Laßt mich ſie ſehen— ich ſage Euch, ich will ſie ſehen. Alſo Fremde ſind da, ohne erſt bei mir angefragt zu ha⸗ pen. Ruft Jacintha, damit ich dieſen Leuten befehlen kann. ſich von meinem Grund und Boden zu entfernen.* „Mutter, ich bitte Dich um's Himmels willen, ſey ru⸗ hig!* rief Joſephine. „Ich ſoll ruhig ſeyn, wenn verwegene Eindringlinge in meinen Garten kommen?“ „Mutter, es ſind keine Eindringlinge.* „Was meinſt Du?« „Sie haben das Recht, in unſerer Plaiſance zu ſehn.* 128 »Joſephine, Laura, o mein Herz!« rief die Baronin ahnungsvoll. „Ja, Mutter! Dieſer Offizier hat das Schloß ge⸗ kauft.«. »Es iſt unmöglich! Er ſollte es ja für uns kaufen. Es iſt ein Irrthum— welcher Mann würde eine arme alte Frau, wie ich bin, um's Leben bringen wollen! Ich will mit dieſem Herrn ſprechen. Er trägt einen Degen. Soldaten treten kein Weib mit Füßen. Aha, dieſer Mannl« Der durch ihre Stimme aufmerkſam gemachte Notar kam mit einem Papier in der Hand auf ſie zu. Raynal betrachtete kaltblütig den Baum, pochte mit ſeiner Säbelſcheide daran und überließ es Perrin, die ſchmu⸗ tzige Arbeit zu beſorgen. Der Notar nahm den Hut ab und überreichte mit bos⸗ haft erheuchelter Ehrfurcht der Baronin das Papier. Die arme alte Frau empfing es ihrer alten Gewohnheit treu mit einer Verbeugung und las es ihren Töchtern vor, ſo gut als ihre Aufregung und der Kanzleiſtyl geſtattete, in welchem es abgefaßt war. Es enthielt die an die Baronin und ihre Töchter gerich⸗ tete Aufforderung, das Schloß Beaurepaire, welches von dem Commandanten Jean Raynal erkauft worden, bei Vermei⸗ dung gewaltſamer Ausweiſung binnen vierundzwanzig Stun⸗ den zu räumen. »Meine Herren,« begann die Baronin mit matter Stimme, nachdem ſie die Schrift geleſen,„ich bitte Sie, wen⸗ den Sie keine Gewalt an! Ich wohne ſeit dreißig Jahren in dieſem Schloſſe. Da es aber verkauft iſt, ſo begreife ich voll⸗ kommen, oaß ich es verlaſſen muß. Es iſt das nicht mehr als gerecht. Ich werde gehen, meine Herren. Aber wohin —.————————————————— ————— ——————— 129 ſollen wir gehen, meine Kinder? Das Haus, in welchem Ihr mir geboren wurdet, iſt nicht mehr unſer. Ach mein Herr, Sie haben ſich an zwei ſchwachen Frauen bitter gerächt— möge Gott Ihnen verzeihen! In vierundzwanzig Stunden! Ja. in vierundzwanzig Stunden wird die Baronin von Beau⸗ repaire Niemanden auf dieſer Welt mehr läſtig fallen. Der Notar drehte ſich auf dem Abſatze herum. Die arme Baronin, deren Stolz durch die eiſerne Fauſt des Geſetzes zermalmt ward, richtete ihr Wort nochmals an ihn. „Mein Herr, verbannen Sie mich aus dem Hauſe, aber nicht von dem Boden, in welchem mein Henri ruht. Gibt es auf dieſem ganzen großen Beſitzthume keinen Winkel, wo ſie, welche die Herrin desſelben war, ſich niederlegen und ſterben kann? Wo iſt der neue Baron, damit ich ihn auf meinen Knien um dieſe Gunſt bitte?“ Sie wendete ſich gegen Raynal und wollte mit ausge⸗ ſtreckten Armen auf ihn zugehen. Laura aber hielt ſie zurück. „O Mama, erniedrige Dich nicht! Bitte dieſe Elen⸗ den um nichts! Laß uns Alles verlieren. aber nicht uns ſelbſt vergeſſen!* Die Baronin beſaß nicht den Muth ihrer Tochter. Sie taumelte förmlich unter dem Schlage, der ſie ſo unerwartet. getroffen. Joſephine unterſtützte ſie, und im nächſten Augen⸗ blicke kam auch Saint⸗Aubin herbeigeeilt. Ihr Haupt neigte ſich rückwärts und ihre noch übrigen wenigen Kräfte verließen ſie. So ward ſie halb in das Haus getragen, halb geführt. Commandant Raynal ſah dieſem Auftritte mit erſtaun⸗ tem Blicke zu. „Was zum Teufel iſt denn das?“ fragte er. Wer lieben will. I. 9 130 „O, ſagte der Notar,„wir in unſerem Geſchäfte ſind an dergleichen Scenen ſchon gewöhnt.« „Ich aber nicht,« entgegnete der Soldat;„Sie haben mir kein Wort davon geſagt, daß ſo ein Scandal bevor⸗ ſtehe! „Was kann das Ihnen verſchlagen, Herr Commandant? das Haus gehört Ihnen. Morgen um dieſe Zeit werde ich Sie hier wieder treffen und dann wollen wir förmlichen Beſitz nehmen. Adieu!« »Guten Tag!* Der Soldat ſchritt in der Plaiſance auf und ab, drehte ſich den Schnurbart, murmelte unverſtändliche Worte vor ſich hin und ſchien ſich durchaus nicht behaglich zu fühlen. Ge⸗ wohnt mit klingendem Spiele in eine Stadt ein⸗ oder auszu⸗ marſchiren und alle Vierteljahre wenigſtens zweimal das Quartier zu wechſeln, war er auf einen ſolchen Auftritt wie dieſen durchaus nicht vorbereitet. Allerdings hörte er nicht, was die Baronin ſagte, aber ihre Geberden waren ſo aus⸗ drucksvoll, daß es der Worte eigentlich gar nicht bedurfte. Er ſah wie die Kündigung eingehändigt ward— welchen Schrecken dieſelbe verurſachte, wie die alte Dame ſich mit fle⸗ hender Geberde nach ihm wendete und wie ſie dann bleich und halb ohnmächtig hinweggeführt ward. Er war nicht ein Mann von raſcher Faſſungsgabe und deshalb ward ihm Alles erſt nach und nach klar. „Verwünſcht,« dachte er bei ſich ſelbſt,„ich bin der Be⸗ ſitzer dieſes Schloſſes— das ſagen Alle. Anſtatt deſſen aber komme ich mir vor wie ein Dieb, wie ein Eindringling. Wer hätte gedacht, daß Jemand mit ſolcher Liebe an einem Orte hängen könnte, wie bei dieſer alten Dame der Fall zu ſeyn ſcheint.« Gleich darauf fiel ihm ein, daß die Kürze der Kündi⸗ gungsfriſt wahrſcheinlich ein Hauptgrund des Schreckens der jetzigen Bewohner geweſen ſeh. „Was für ein Eſel dieſer Perrin iſt, mir nicht zu ſagen, daß das Haus voll Weibsleute ſteckt! Dieſe Advocaten verſtehen aber einmal nichts weiter als ihr Jus. Zu Weibern kann man nicht ſagen:»Rechts um, Geſchwindſchritt, vorwärts marſch!« Sie haben ſtets ſolche Maſſen von Bagage, daß ſie niemals ihre Zelte abbrechen können, wenn der Befehl ein⸗ trifft. Wie wäre es, wenn ich ihnen vierundzwanzig Tage Zeit geſtattete anſtatt vierundzwanzig Stunden?« Und der Commandant verſank in tiefes Nachdenken, was bei ihm, der ſo wenig Zeit und ſo viel zu thun hatte, nur ſelten der Fall war. Nun hat jeder Menſch ſeine beſondere Attitüͤde, wenn er in beſondere Betrachtungen verſinkt. Der Eine rennt dabei im Zummer hin und her wie eine wilde Hyäne in ihrem Käfig, ein Anderer ſteht ſtolz mit verſchränkten Armen da, ein Drit⸗ ter ſitzt mit gekreuzten Beinen, ein Vierter muß den Kopf in die Hand ſtützen, ein Fünfter muß dabei mit einem Stückchen Bindfaden oder mit einem Schlüſſel ſpielen und ein Sechſter und Siebenter machen es noch anders. Unſer Commandant richtete ſich ganz gerade in die Höhe und ging ſehr langſam ſechs Schritte hin und her, bis das Problem gelöſt war. Er hatte ſich das, unter uns geſagt, vom früheren Schildwachſtehen angewöhnt und ſobald er nichts zu thun hatte, ſondern blos nachdachte, verfiel der Kör⸗ per allemal in dieſe alte Gewohnheit. Während er ſo die alte Eiche bewachte, als ob ſie das Thor der Tuilerien oder der Caſerne geweſen wäre, kam Jo⸗ ſephine von Beaurepaire plötzlich aus dem Hauſe heraus und 132 * — eilte über die Plaiſance. Ihr Haar war in Unordnung, ihr Weſen wild und aufgeregt. So eilte ſie raſch in den Park hinein. Nun zerſann ſich Raynal den Kopf, wie er der Familie zu wiſſen thun ſollte, daß ſie ihre Siebenſachen nicht in vier⸗ undzwanzig Stunden einzupacken brauche. Der Notar war fort und ſelbſt wollte er nicht gern in das Haus gehen. „Es iſt noch vierundzwanzig Stunden lang das ihre,« ſagte er bei ſich ſelbſt,„und man würde mir ſchöne Augen machen, wenn ich hineinkäme!« Als er daher Joſephinen er⸗ blickte, ſagte er: „Ah, ſo wird es ſich machen. Da iſt Eine von ihnen— ich werde es dieſer ſagen.« Demgemäß folgte er ihr in den Park nach, aber es war nicht ſo leicht, ſie einzuholen, denn ſie flog förmlich. „Ich muß mich in einen Cavalleriſten verwandeln, um dieſem Flüchtling nachzukommen!“ murmelte er, nahm ſeinen Säbel in die linke Hand und fing an zu laufen, ſo ſchnell er konnte. Dennoch aber war ſie ihm noch um viele Schritte voraus, als ſie plötzlich in ein kleines Gebäude ſchlüpfte, welches uns nicht neu iſt, obſchon es Rahnal nicht kannte. Er erreichte es ebenfalls und hatte ſeinen Fuß ſchon auf die Schwelle geſetzt, um hinein zu gehen, als er durch das, was er im Innern hörte, bewogen ward, ſtehen zu bleiben. Joſephine betete laut. Sie betete mit Seußen und Schluch⸗ zen und von ganzer Seele zur heiligen Jungfrau. Sie rang im Gebete mit einer todten Heiligen wie in Folge einer ſeltſa⸗ men Verkehrtheit die Menſchen nicht mit Ihm ringen können oder wollen, der allein Millionen Gebete gleichzeitig von einer Million verſchiedener Orte vernehmen und erhören kann, der unaufgefordert die Geſetze der Natur ſtillſtehen hieß, welche — „ 133 der Witwe den einzigen Sohn geraubt, der menſchlichen Jam⸗ mer beweinte, während die Augen all der großen Heiligen, die rings umher ſtanden, trocken blieben. Der Soldat ſtand mit dem rechten Fuße auf der Schwelle, ſeinen Säbel noch in der linken Hand haltend, wie angewur⸗ zelt, und hörte aufmerkſam auf das krampfhaft flehende Gebet, in welchem ſich das gefolterte Herz des unſchuldigen jungen Weſens ergoß. „O Mutter Gottes, erhöre mich!“ rief ſie.»Ich bete für das Leben meiner Mutter. Sie wird ſterben— ſie wird ſterben! Du weißt, ſie kann nicht leben, wenn ſie dieſes Haus und dieſen heiligen Ort verlaſſen muß, wo ſie ſeit ſo vielen Jahren zu Dir gebetet. O Königin des Himmels, ſtrecke deine Hand aus nach uns Unglucklichen! Unſer Freund ſagt, ſie könne die Trennung von dieſem Orte nicht erleben. Sie iſt zu alt, um noch in der weiten Welt umherzuwandern. Möge man uns hinaustreiben— wir ſind jung, aber nicht meine Mutter, nur nicht meine Mutter! Vergib den grauſamen Menſchen, die dies thun— ſie gleichen denen, welche deinen Sohn kreuzigten. Sie wiſſen nicht, was ſie thun. Aber Du, Königin des Himmels, Du weißt Alles, und wenn Du mir, deiner armen Joſephine, geneigt biſt, ſo zeige es jetzt. Du weißt, daß ich es war, die jenen ſchändlichen Menſchen, den Notar beleidigte, und daß er aus Haß gegen mich unſer ge⸗ liebtes Haus einem hartherzigen Fremden verkauft hat. Schau gnädig herab auf mich— eine Tochter, die ihre Mutter ſo innig liebt und ſie dennoch tödten wird, wenn Du Dich mei⸗ ner nicht erbarmſt und mir hilſſt. O, mein Gott, was ſoll ich ſagen? Was ſoll ich thun? Gnade, Gnade für meine arme Mutter und für mich!“ Hier ward ihr Gebet durch Schluchzen unterbrochen. 134 Der Soldat zog ſeinen Fuß ſtill zurück. „Es ſchickt ſich,« dachte er bei ſich ſelbſt,„für einen Mann nicht recht, dieſes arme Mädchen zu behorchen. Ueberdies habe ich genug gehört. Ihre Worte ſind mir tief ins Herz ge⸗ drungen. Ich muß mir die Sache überlegen.« Und er marſchirte langſam und ſchildwachtmäßig vor der Capelle hin und her. Joſephinens betende Stimme ließ ſich abermals ver⸗ nehmen. Rahnal blickte auf ſeine Uhr. »Sie hört aber auch gar nicht auf!« ſagte er mit komi⸗ ſchem Ausdruck. Joſephine ahnte nicht, wer ihre Schildwache vor der Capelle war. Endlich kam ſie an die Thür, vor welcher er immer noch kerzengerade und ſteif hin⸗ und hermarſchirte. Sie that einen leiſen Schrei und zog ſich ſchaudernd zurück. Raynal, der im Dolmetſchen von Herzensbewegungen keine große Erfahrung beſaß, bemerkte wohl ihren Schrecken, aber nicht ihren Wi⸗ derwillen. Er begrüßte ſie mit militäriſcher Präciſion, indem er ſeinen Hut berührte, wie nur ein Soldat es kann. „Ich wünſche ein Wort mit Ihnen zu ſprechen, mein Fräulein,« hob er an. „Mit mir, mein Herr? Was können Sie mir zu ſagen haben?« fragte ſie und begann zu zittern. „Fürchten Sie ſich nicht!« ſagte Raynal.„Ich bean⸗ trage einen Waffenſtillſtand— eine Conferenz.“ „Ich ſtehe zu Ihrer Verfügung, mein Herr,« ſagte Joſephine, indem ſie eine Ruhe heuchelte, welche durch das unruhige Pochen ihres wogenden Buſens Lügen geſtraft ward. ————— — ———— — 135 „Sie müſſen ſich nicht vor mir fürchten, mein Fräu⸗ lein, ich wüßte nicht warum Sie ſich fürchten ſollten.“ „Nun, mein Herr, ich fürchte mich auch nicht— aber Sie ſind mir fremd— und—* „Und ein Feind, wollen Sie ſagen.“ „Nein, wir haben kein Recht, Sie zu haſſen, Sir, Sie kannten uns nicht. Sie wünſchten wahrſcheinlich weiter nichts als ein Landgut zu kaufen und—“ „Laſſen Sie uns ſofort zur Sache kommen— ich bin ein Mann, der nicht gern viele Worte macht.* „Wie Sie wollen. Mir wird das ſelbſt erwünſcht ſeyn, denn meine Mutter möchte mich vermiſſen.* „Ich hatte mich auf der Flanke poſtirt, als der Notar das Feuer eröffnete.* „Ganz recht.* „Ich ſah den Schrecken der alte Dame.“ „Ach, mein Herr—* „Und ich ſagte bei mir ſelbſt: Dieſer Feldzug von Beaure⸗ paire nimmt einen unglücklichen Anfang.“ „Es war freundlich von Ihnen, ſchon dieſe Rückſicht auf unſere Gefühle zu nehmen.* „Als Sie dus dem Hauſe geeilt kamen, folgte ich Ih⸗ nen, um ein Wort mit Ihnen zu ſprechen. Ich konnie Sie nicht einholen. Ich horchte, während Sie zu der heiligen Jungfrau beteten. Das war nicht ſoldatiſch gehandelt, werden Sie ſa⸗ gen, und ich muß geſtehen, daß Sie Recht haben.* „Ich nehme es Ihnen nicht übel, mein Herr, und übri⸗ gens haben Sie auch nichts gehört⸗ worüber ich zu erröthen hätte.* „Nein— ganz das Gegentheil. Wohlan— zur Sache. Mein Fräulein, Sie lieben Ihre Mutter. 136 »Was hat ſie auf Erden weiter als die Liebe ihrer Kinder?« „Mein Fräulein, ich hatte auch eine Mutter, ich liebte „ſie auch. Sie verſprach mir, nicht eher zu ſterben, als bis ich Oberſt wäre— und dennoch ſtarb ſie ehe ich noch Comman⸗ dant war— kurz zuvor obendrein.« »Dann bemitleide ich Sie,« murmelte Joſephine. »Sie bemitleidet mich! Was für ein wunderbares Ding doch ein Wort iſt! Niemand iſt bis heute im Stande geweſen, das rechte Wort zu mir zu ſagen. Ach, was dal ſagt der Eine. Alle Menſchen müſſen ſterben, ſagt ein Anderer.« »O!* »Nimm Dir eine junge Frau und vergiß die alte! Das iſt das beliebte Geſchrei Aller, mein Fräulein.« „Ganz gewiß kann es einem Manne von Ihrer Stel⸗ lung, mein Herr, nicht fehlen, wenn er ſeine Neigung ver⸗ ſchenken will. Doch das iſt etwas ganz Anderes. Es iſt gott⸗ los, ſo etwas zu ſagen.« „Ja, Sie ſind die erſte und einzige Perſon, die zu mir geſagt hat: Ich bemitleide Sie.* »Ja, ich bemitleide Sie,« wiederholte Joſephine, wäh⸗ rend ihr ſanft feuchtes Auge auf ihm zu verweilen begann, an⸗ ſtatt ſich von ihm abzuwenden. „Soll ich Ihnen etwas von meiner Mutter und mir er⸗ zählen? fragte Rahnal begierig. »Ich werde mich dadurch ſehr geehrt fühlen,« entgeg⸗ nete Joſephine höflich. Nun erzählte er ihr die ganze Geſchichte, wie er ſeine Mutter geärgert, als er noch ein Knabe war und Soldat wer⸗ den wollte, während ſie doch gern einen Kaufmann aus ihm gemacht hätte, und wie er eben um deswillen ſo innig ge⸗ 137 wünſcht, daß ſie ihn im Genuß ſeiner Ehren und ſeines Erfol⸗ ges ſehen möchte. „Und, mein Fräulein,« ſetzte er in bewegtem Tone hin⸗ zu,„an demſelben Tage, wo ich in Italien meine Schultern zum erſten Male mit dieſen Epauletten ſchmückte, ſtarb ſie in Paris. Ach, wie konnteſt Du mir ſo etwas anthun, alte Frau!“ Sein Schnurbart zitterte und er wendete ſich raſch hin⸗ weg und that einige Schritte. Dann kam er wieder zu Joſe⸗ phinen zurück. „Mein Herr,« ſagte ſie in mitfühlendem Tone,„ſie würde ganz gewiß am Leben geblieben ſehn, wenn ſie gekonnt hätte— nicht ſich, ſondern Ihnen zu Liebe— glauben Sie mir, wenn ich Ihnen dies ſage.“ „Ich glaube es!s rief Raynal, dem plötzlich ein Licht aufzugehen ſchien.»Aber wie können Sie um Herzen meiner Mutter leſen? Sie haben ſie ja niemals geſehen.* „Weil ich ſie in dem Sohne ſehe.* Ihre feuchten Augen waren während des Geſprächs nicht müßig geweſen. „Sie beſitzen einen wunderbaren Scharfblick,« ſagte Raynal, indem er ſie mit immer größerer Ueberraſchung an⸗ ſah.»Aber was fehlt Ihnen denn?* Joſephinens Augen füllten ſich mit Thränen. „Wie?« fuhr er fort,„Sie wollen wohl am Ende gar meine Mutter beweinen— Sie, die Sie jetzt mit Ihrem eige⸗ nen Kummer zu kämpfen haben.“ „Mein Herr, unſere Situationen ſind einander ſo ähn⸗ lich, daß ich wohl einen gewiſſen Grad von Sympathie für Ihr Mißgeſchick übrig habe.“ „Ich danke Ihnen, mein junges Fräulein. Wohlan denn, 138 Während Sie zur heiligen Jungfrau beteten, ſprach ich einige Worte zu ihr, die nicht mehr iſt.« »Ahl« »Es war durchaus nichts ſo Schönes, wie Sie da drin ſagten. Ich kann keine ſchönen Worte machen. Ich ſah meine Mutter hinter ihrem Ladentiſch in der Rue Quincampoix, denn ſie war ein Weib aus dem Volke. Mich ſah ich auf der andern Seite des Ladentiſches und ich ſagte: Schau her, Mutter. Hier iſt eine ſchlimme Geſchichte wegen dieſem neuen Hauſe. Die alte Frau ſpricht vom Sterben, wenn wir ſie aus ihrem Hauſe treiben und das junge Mädchen weint und betet zu allen Heiligen im Paradieſe. Was ſollen wir thun, wie? Und meine alte Mutter ſagte zu mir:„Jean, Du biſt Sol⸗ dat, eine Art Vagabund, obſchon nicht mit meinem Willen. Wenigſtens aber ſey was Du biſt. Wozu brauchſt Du ein Haus in Frankreich? Du, der Du fortwährend in Italien oder in Oeſterreich oder Gott weiß ſonſt wo in einem Zelt liegſt? Haſt Du den Muth, ehrlichen Leuten um einer Laune willen ſo viel Schmerz zu bereiten? Dein ſchönes Schloß iſt das nicht werth, mein Sohn. Ich bin es, die Dir dies ſagt. Die alte Dame, welche bis jetzt in jenem Hauſe gewohnt hat, ſteht in meinem Alter, ſagſt Du, und ich kann dein ſchönes Haus nicht hüten, weil Gott es anders gewollt hat. Räume ihr da⸗ her meine Stelle ein. Dann kannſt Du Dir einbilden, ich ſey es, die Du an deinem Herde haſt Platz nehmen laſſen. Das wird Dir ein wenig das Herz erwärmen, Du klei⸗ ner Vagabund,« ſagte meine alte Mutter in ihrer rauhen Weiſe. Sie hatte nemlich nicht die Bildung, welche Sie beſi⸗ tzen, mein Fräulein. Sie war ein Weib aus dem Volke— Rue Quincampoix.* 139 „Sie war ein Weib, wie es Gott geſchaffen,« rief Jo⸗ ſephine, deren Thränen nun die Wangen herabrannen. „Ja, das war ſie. Alſo zwiſchen ihr und mir iſt die Sache abgemacht. Was weinen Sie denn daher noch? Sie haben ja den Sieg errungen. Das Feld gehört Ihnen— Ihre Mutter und Sie bleiben, ich dagegen ziehe mich zurück.* Indem er dies ſagte, hob er mit ſeiner linken Hand ſei⸗ nen Säbel noch mehr in die Höhe und wäre wahrſcheiulich auf Jahre, vielleicht auf immer verſchwunden, wenn Joſephine ihn nicht aufgehalten hätte. „Aber, mein Herr, was ſoll ich denken? Was ſoll ich hoffen? Es iſt unmöglich, daß während dieſer kurzen Unter⸗ redung— und wir dürfen nicht vergeſſen was Ihnen ge⸗ bührt. Sie haben dieſe Beſitzung gekauft.“ „Das iſt wohl wahr. Wir wollen morgen davon prechen.* „Ja, aber mein Herr—* „Ruhe im Gliedel« rief er barſch.»„Vergeſſen Sie nicht, daß ich in dieſem Diſtrict mehr daran gewöhnt bin zu befehlen, als zu hören, was andere Leute ſagen.“ „Mein Herr ich werde Ihnen gehorchen,“ ſagte Joſe⸗ phine ein wenig ängſtlich. Raynal beruhigte ſie wieder. „Mein Befehl lautet dahin, daß Sie ſofort in's Haus hineingehen und das Herz der alten Dame ſeiner Unruhe entreißen. Sagen Sie ihr, daß Jean Raynal nichts dage⸗ gen habe, wenn ſie hier leben und ſterben wolle. Vor allen Dingen erzählen Sie ihr auch von der alten Frau in der Rue Quincampoir, nur ſchmücken Sie die Geſchichte ein wenig nach Ihrer Weiſe aus— ich weiß nun ſchon, daß Sie ſich darauf verſtehen.“ ——— ——— 140 „Das verhüte der Himmel! Ich gehe. Gott ſegne Sie, Herr Rahynal.“ „Werden Sie nun gleich gehen?“ rief er gebieteriſch. „Ja wohl, ja wohl,« entgegnete ſie, und eilte nach dem Schloſſe. Als ſie ungefähr drei Schritte gethan hatte, blieb ſie ſtehen und ſchien unentſchloſſen zu ſeyn. Plötzlich drehte ſie ſich wieder herum, näherte ſich Raynal, ergriff, ehe er es hin⸗ dern konnte, ſeine Hand und drückte zwei ſammtne Lippen darauf und eilte dann wieder fort, feuerroth über das, was ſie gethan, während ihre feuchten Augen vorFreude ſtrahlten. Sie hüpfte über das Gras hinweg wie Virgils Camilla. An dem Thore drehte ſie ſich noch einen Augenblick um und fal⸗ tete die Hände, um Raynal zu zeigen, daß ſie ihn nochmals ſegnete, dann ſchoß ſie in das Haus hinein. „Aha, Schelmin,« ſagte er, während er ihr nachſah, „Du haſt Dich gegen vorhin ein wenig verändert.« Es dauerte nicht lange, ſo befand er ſich auf der nach der Stadt führenden Heerſtraße, auf welcher er ſchnell dahin⸗ ſchritt, während ſein Säbel hinter ihm her klirrte. „Das thut einem wirklich gut,« dachte er bei ſich ſelbſt. „Du hatteſt Recht, meine alte Mutter. Es iſt mir ſo warm und wohl ums Herz, wie mir faſt noch nie geweſen. Es leben die Fünffrankenſtücke! Und man behauptet, das Geld könne den Menſchen nicht glücklich machen! Wer das ſagt, der lügt — nur den macht es nicht glüͤcklich, der es nicht anzuwen⸗ den weiß. Mein Himmel, da ſchlägt es ſchon Eins. So einen ganzen Vormittag zu verſchwatzen!* ** 141 Nittlerweile trat, wie dies in ſchwierigen Fällen und Prüfungen ſtets der Fall iſt, in dem Schloſſe der ſtärkſte Geiſt hervor und nahm den ihm gebührenden Platz ein. Laura war jetzt die Herrin von Beaurepaire. Sie befahl Jacintha, Dard und dem Doctor alles Werthvolle im Hauſe zuſammenzupacken. „Thut es dieſen Augenblick,« rief ſie.„Wenn jener No⸗ tar einmal erſt Beſitz von dem Hauſe genommen hat, dann iſt es zu ſpät.“ „Aber haben wir denn auch das Recht dazu?“ fragte Saint⸗Aubin. „Thun Sie es,« entgegnete Laura heftig.»Ich dachte, wir hätten uns durch unſere Thorheit und Hilfloſigkeit ſchon genug geſchadet. Wr haben uns Haus und Hof nehmen laſſen— wenigſtens wollen wir unſer bewegliches Eigen⸗ thum retten.* Nachdem ſie auf dieſe Weiſe den Andern ihre Arbeit an⸗ gewieſen, ſchrieb ſie ſchnell einige Zeilen an Rividre, um ihm zu melden, daß vas Schloß verkauft ſeh, und mit dieſem Briefe eilte ſie ſelbſt nach Bigot's Wirthhaus, dem nächſten Poſtbu⸗ reau, und dann wieder zurück, um chre Mutter zu tröſten. Die Baronin ſaß ſtöhnend und die Hände ringend in ihrem Lehnſtuhl und Laura redete ihr zu und be⸗ netzte ihre Schläfe mit ihren letzten Tropfen Eau de Cologne und bemühte ſich vergebens, ihren Muth wieder anzufachen, als Joſephine plötzlich mit freudeſtrahlendem Antlitz hereintrat und ihre ſeltſame Geſchichte ziemlich ſo erzählte, wie ich ſie er⸗ zählt habe, nur mit der Ausnahme, daß ſie ihren eigenen An⸗ theil daran kurz und kalt erwähnte und in Bezug auf die Herzensgüte des ſeltſamen Soldaten und das Intereſſe, wel⸗ ches ſeine Mutter in ihrem Herzen erweckt, beredter war als 142 ich. Und dann erzählte ſie von der alten Frau in der Rue Quincampoix, ihren kernigen Redensarten und ihrem edlen zärtlichen Herzen und brachte dies Alles auf Rechnung ihres Gebetes zur heiligen Jungfrau. „Der Himmel hat ſich für uns erklärt, liebe Mutter. Muth! Muth! meine Mutter!“ * Die Baronin, welche Laura's Worten ein taubes Ohr geliehen, hörte Joſephinens Mittheilung mit der freudigſten Ueberraſchung an, Laura aber dämpfte die Freude Beider ſo⸗ fort wieder. „Es iſt ein großmüthiges Anerbieten,« ſagte ſie,„aber wir können es nicht annehmen.* „Wir können es nicht annehmen?«rief die Baronin entſetz. „Wir können nicht eine ſo große Verbindlichkeit auf uns nehmen. Soll denn der ganze Edelſinn auf der Seite dieſes Bonapartiſten ſeyn— ſind wir blos dem Namen nach edel? Was würde wohl unſer Vater zu einem ſolchen Vorſchlage geſagt haben?* Joſephine ließ den Kopf hängen. Die Baronin ſtöhnte. „Nein, meine Mutter,« fuhr Laura fort,„mögen Haus und Hof verloren gehen, Ehre und wahrer Adel bleiben uns doch.* „Aber was ſoll ich thun?« rief die Baronin.»Du biſt grauſam gegen mich und meine Tochter.* „Mama,« rief die enthuſiaſtiſche Laura,»wir brauchen von Niemanden abhängig zu ſeyn. Joſephine und ich beſitzen Muth und Jugend und Du haſt Geld.« „Wir haben kein Geld! Wir ſind Bettler.* „Wir haben ja hunderttauſend Francs.« „Hunderttauſend Franes? Biſt Du von Sinnen?“ 143 „Nein, Mama. Unſere Schulden betrugen zweihundert⸗ fünfundzwanzigtauſend Franes. Die Beſitzung aber iſt in Folge der Erhöhung der Einkünfte für zweihundertfünfund⸗ neunzigtauſend Franes verkauft worden.“ „Wie kannſt Du wiſſen, wie theuer ſie verkauft wor⸗ den iſt.“ „Eduard'sBrief meldete uns, daß ſein Notar ſie nicht für weniger weglaſſen würde. Siebzigtauſend Franes ſind daher von dem Kaufgelde unſer und wir haben Mobilien, die auch ihre dreißigtauſend Francs werth ſind. Mit einem Theile dieſes Geldes werde ich ein Pachtgut übernehmen, wenn Du es mir erlaubſt. Uebrigens haben wir auch noch tauſend Francs baa⸗ res Geld im Hauſe.« „Ein Pachtgut!“ kreiſchte die Baronin. „Eduards Onkel hat eins und wir haben ſeine Hilfe in Anſpruch genommen.* „Da haben wir die Löſung des Räthſels!« rief die Ba⸗ ronin ſathriſch.»„Ihr Liebhaber hat während dieſer ganzen Zeit mit uns geſprochen, nicht ſie ſelbſt. Ein Pachtgut! Lieber will ich ins Grab ſteigen! „Beſſer ein Bauernhaus als ein Armenhaus,« rief Laura,„und wenn dieſes Armenhaus ein Palaſt wäre, an⸗ ſtatt eines Schloſſes! Joſephine zuckte zuſammen und hielt bittend die Hand * empor. Die Baronin ward bleich. Es war ein furchtbarer Aus⸗ ſpruch, den ſie aus dem Munde ihrer Tochter vernahm. In ſtrengem Tone ſagte ſie: „Darauf gibt es keine Antwort. Wir ſind als Edelleute geboren, wir wollen als Bauern ſterben— nur erlaubt mir, zuerſt zu ſterben.* 144 „Vergib mir, meine Mutter,« ſagte Laura auf die Knie niederſinkend,»ich hatte Unrecht— mir kommt es zu, Dir zu gehorchen— nicht Vorſchriften zu geben, ich ſage nichts mehr.« Und nachdem ſie ihre Mutter und Joſephinen geküßt, ſchlich ſie demüthig auf die Seite. „Von dem Augenblick an, wo dieſes Mädchen einen Ge⸗ liebten hat, wendet ſie ihr Herz von ihrer armen alten Mut⸗ ter ab. Sie iſt für mich nicht mehr, was mir jetzt meine Jo⸗ ſephine iſt.“ „O nein, Mama, ſie ſteht höher als ich. Dies ſehe ich mit jedem Tage mehr ein. Sie iſt ſtolz; ſie iſt gerecht. Sie betrachtet Alles von beiden Seiten. Deine arme Joſephine iſt nur zu geneigt, blos die zu ſehen, die ſie liebt.* „Und das iſt die Tochter, wie ich ſie gern habe!s rief die Baronin, indem ſie ihr die Arme entgegenbreitete. Joſephine ſchmiegte ſich an ſie und redete ihr den ganzen Tag tröſtend zu und machte ſie aufmerkſam, daß der Himmel auf ihrer Seite ſey und daß ſie ganz gewiß nicht nöthig haben werde, Beaurepaire zu verlaſſen.»Ich will temporiſiren,« dachte Joſephine,»und ſie in heiterer Stimmung zu erhalten ſuchen. Das iſt die erſte Rückſicht, die ich zu nehmen habe.« Am nächſtfolgenden Morgen, als ſie beim Frühſtück ſa⸗ ßen, trat Jacintha in's Zimmer und meldete, der Offizier ſey im Speiſezimmer und wünſche mit der jungen Dame zu ſpre⸗ chen, mit welcher er geſtern geſprochen. Joſephine ſtand auf und ging zu ihm. „Wohlan, mein Fräulein,« ſagte er in heiterem Tone, „die alte Frau hatte Recht. Eben habe ich Marſchordre er⸗ halten— in einem Monat verlaſſe ich Frankreich. Eine ſchöne Geſchichte wäre es geweſen, wenn ich Ihre Mutter aus dem 145 Hauſe getrieben hätte. Sie ſehen demnach, daß nichts Sie hindert, hier wohnen zu bleiben.“ „In Ihrem Hauſe, mein Herr?“ „Warum nicht? Sind Sie zu ſtolz dazu?« „Verzeihen Sie uns. Es iſt allerdings ein Fehler, der unſern Wohlſtand nicht hätte überleben ſollen.* „Ja, aber— geſtern—* „Ich habe mir die Sache überlegt. Ich hatte Unrecht.« „Wenn meiner Mutter ein ſolches Anerbieten gemacht worden wäre anſtatt der Ihrigen, ſo wäre ich nicht zu ſtolz geweſen es anzunehmen, wie es aber ſcheint, gehören Sie dem Adelſtande an. Ich dagegen habe von der Pike an ge⸗ dient und deshalb kein Recht ſtolz zu ſeyn.« Raynal ſagte dies ohne ſchlimme Abſicht, Joſephine aber fand Sathre und Ironie darin. Sie erröthete. „Entſchuldigen Sie mein Herr, wenn ich Sie beleidigt habe. Es war dies eben ſo fern von meiner Abſicht als von Ihrem Verdienſt.* Es trat eine Pauſe ein. „O Ihr Zartgefühl überraſcht mich eben ſo wenig. Ich verſtehe es.* „Davon bin ich überzeugt.“ Abermals Pauſe. „Verwünſcht ſey der ganse Handell« ſchrie Raynal plötzlich.„Warum habe ich das Haus nur gekauft? Ich brauche es ja gar nicht!« „Dann würde es Jemand Anderer gekauft haben, der ſtrenger und weniger rückſichtsvoll geweſen wäre als Sie, mein Herr. Ich bitte Sie zu glauben, daß es uns ſchon ein Wer lieben will. II. 10 146 großer Troſt iſt, nicht mit rauher Hand von einem ſo gelieb⸗ ten Platze entfernt zu werden.“ Es trat abermals Schweigen ein. Raynal wußte nicht, was er ſagen ſollte, und marſchirte wieder als Schildwache vor einer an der Wand hängenden Karte der Bretagne hin und her. Joſephine ſah ihn verſtohlen und mit heimlicher Be⸗ ſorgniß an. Sie hatte geſagt, was ſie ihrem Gefühle nach ſagen mußte, aber in der Hoffnung, daß er ſie damit zurückweiſen und ſeine Pläne zu ihrem Wohl dennoch ausführen werde. Raynal aber war dieſer weiblichen Tactik fremd. Er war ein Mann— das heißt ein Weſen, welches nicht gewöhnt war, ſeine Wünſche zu verhehlen und aus dieſem Grunde ſehr leicht geneigt, diejenigen, welche dies thun, falſch zu verſtehen. Vor allen Dingen war er ein ehrlicher Mann. Ein Wort von ihm war eine Sache und zwar genau die Sache, welche er meinte. Deshalb nahm er es als etwas Ausgemachtes an, daß auch Joſephine gerade das ſage, was ſie meine, und dadurch brachte ſie ihn in Verlegenheit. Als ſie ihren Erfolg ſah, wünſchte ſie, daß ſie weniger energiſch abgelehnt hätte und das Geſpräch ſtand im Begriff, ſich wieder zu entſpinnen. Hätte es wieder begonnen, ſo würde ſie gerade dasſelbe noch einmal gethan haben, denn es lag einmal nicht in chrem Weſen, etwas Anderes zu thun. Zum Glück war ein neuer Gedanke das Reſultat von Raynal's ſtummen Betrach⸗ tungen. „Ich weiß es,« rief er.„Dieſe Sache muß durch eine dritte Perſon, einen beiderſeitigen Freund, geſchlichtet werden, Jemanden, der geſchickter iſt als ich und der dieſe Kleinigkeit 147 ſo zu arrangiren verſteht, daß Ihr Zartgefühl dadurch nicht verletzt wird. Ich bin einmal kein Diplomat.“ Raynal unterbrach ſich ſelbſt, indem er plötzlich ein Fen⸗ ſter öffnete und hinausſchrie „Heda! hierher! Sie werden gebraucht!« Joſephine kreiſchte beinahe. „Was thun Sie, mein Herr?« rief ſie.»Dies iſt ja unſer Feind— unſer bitterſter Feind! Er verkaufte die Herr⸗ ſchaft nur aus Haß gegen uns, nicht aus Liebe zu Ihnen. Ich hatte— er hatte— wir hatten ſeine Eitelkeit beleidigt Es war nicht unſere Schuld— er iſt eine Natter. O, mein Herr, ſeyen Sie auf Ihrer Hut gegen ſeine Rathſchläge!“ Dieſe mit großem Feuer und Ernſte geſprochenen Worte waren überzeugend und als der Notar eintrat, war der Con⸗ traſt zwiſchen der Einladung, die ihn herbeigerufen, und dem Empfang, der ihm zwanzig Minuten ſpäter zu Theil ward, ein wahrhaft drolliger. Perrin ſtutzte, als er Joſephinen erblickte, und Raynal wußte nicht recht was er zu ihm ſagen ſollte. Während er noch zögerte, hob der Notar, der keine Ahnung von dem hatte, was vorgegangen, an: „Alſo Sie haben Beſitz genommen, mein Herr? Dieſe Herren Militärs ſind ſehr raſch, meinen Sie nicht auch, mein Fräulein?« „Sprechen Sie nicht mit mir, mein Herr!“ ſagte Joſe⸗ phine ruhig. „Warum nicht? Seine Gäſte muß man unterhalten.“ „Fräulein Joſephine iſt hier zu Hauſe,« ſagte Rahnal in ſtrengem Tone.„Vergeſſen Sie nicht die Ehrerbietung, welche Sie ihr ſchuldig ſind, damit ſie Ihnen nicht befiehlt, das Zimmer zu verlaſſen.“ * 148 „O, das wäre ſie allerdings im Stande, mein Herr,“ entgegnete der Notar.„Zum Glück aber hat ſie hier nichts zu befehlen.* „Darauf verlaßt Euch nicht allzu gewiß,« ſagte Rahnal. Der Notar ſah ſich unruhig um und erwartete den jungen Rividre zu ſehen. Dann gab er dem Geſpräch eine andere Wendung. »Mein Fräulein,« ſagte er in trockenem, geſchäftsmäßi⸗ gem Tone,»als Agent des Commandanten Raynal iſt es meine Pflicht, Ihnen mitzutheilen, daß die Mobilien, welche Sie bereits fortgeſchafft haben, Ihnen gehören, die dagegen, welche wir bei unſerem Einzuge noch darin finden, ſind unſer,« ſetzte er boshaft ſchmunzelnd hinzu. „Und da wir erſt in einigen Wochen, ja vielleicht gar nicht einziehen, ſo werden Sie vollauf Zeit haben, Ihre Tiſche und Stühle fortzuſchaffen,« bemerkte Raynal. „Mein Herr,« ſagte der Notar,„ich verſtehe Sie wirk⸗ lich nicht. Habe ich etwas gethan, was dieſe Zurückſetzung verdient? Habe ich Ihnen ſo übel gedient, daß Sie mir Ihr Vertrauen entziehen?« „Nein,« ſagte Rahnal,»aber Sie überſchreiten Ihre Befugniß, mein Freund. Ich befehle— Sie gehorchen.« „So ſey es, Herr Commandant. Wie aber lauten denn Ihre Befehle und was um's Himmels willen ſoll dies Alles be⸗ deuten?* „Es hat Folgendes zu bedeuten: Ich wünſche, daß Ma⸗ demoiſelle und ihre Familie hier bleiben, während ich mit dem erſten Conſul nach Eghypten gehe. Mademoiſelle macht Schwie⸗ rigkeiten— es beleidigt ihr Zartgefühl.« „Komödie!“ 149 „Obſchon das Leben ihrer Mutter davon abhängt, daß dieſelbe hier bleibt.* „Komödie!* „Ihr Stolz tritt ihrer Kindesliebe in den Weg.“ „Dummes Zeug!“ „Und nun dachte ich, Sie wären der rechte Mann, dieſe Widerſprüche auszugleichen.“ „Da haben Sie ſich aber an den Unrechten gewendet,“ ſagte Perrin gerade heraus. Gleich darauf aber ſetzte er in geſchmeidigerem Tone hinzus„Ich bin zu ſehr Ihr Freund.“ Raynal runzelte die Stirn. „Ich kann Sie unmöglich in einem ſolchen Vorhaben beſtärken,« fuhr der Notar fort.»Ohne Zweifel ſind Sie von ihr überredet worden, aber Sie haben einen Freund, einen Ulyſſes, der taub iſt gegen die Stimme der Syrene. Ich mag mit dieſem Uebereinkommen nichts zu thun haben. Ich will nicht meinen Freund hinters Licht führen und ihn ſeiner Rechte berauben helfen.* „Nun dann ſcheren Sie ſich Ihrer Wege und ſchicken Sie mir einen fügſameren Advocaten.“ „Einen fügſameren Advocaten l« ſchrie Perrin durch dieſen Vorwurf aufs Aeußerſte erbittert. FIn ganz Europa gibt es keinen fügſameren Advocaten, als ich bin! Undankba⸗ rer! Alſo dies iſt der Lohn für meinen Eifer, meine Uneigen⸗ nützigkeit, meine Aufopferung? Gibt es wohl noch einen Agen⸗ ten in der Welt, der einen ſolchen Kauf wie Beaurepaire Ih⸗ nen in die Hände hätte fallen laſſen? Doch es geſchieht mir ſchon recht. Warum bin ich von den Regeln des Geſchäftes abge⸗ wichen. Und nun ſoll ich einen andern Agenten herſchicken! Dh 18 Der ehrliche Soldat war verlegen. Die Beredſam keit 150 des Juriſten überwältigte ihn. Er fühlte ſich ſchuldig. Joſe⸗ phine ſah ſeine Einfalt und führte einen Hieb mit dem zwei⸗ ſchneidigen Schwert des Frauenwitzes. „Mein Herr,« ſagte ſie kalt zu Rahnal,„ſehen Sie nicht, daß es blos eine Geldangelegenheit iſt? Es iſt dies blos eine andere Art und Weiſe zu ſagen: Bezahlen Sie mir die gewöhnlichen Gebühren doppelt.« „Und ich will ihn doppelt bezahlen!« rief Rahnal dieſe Idee feſthaltend.„Fürchten Sie nichts— Ich werde Sie gut bezahlen.« „Und meinen Eifer— meine Aufopferung—« „Drücken Sie dieſelbe in Zahlen aus.* »Und meine Rechtſchaffenheit—« »Die addiren Sie dazu!“ „Und meine Uneigennützigkeit—* „Rechnen Sie alles zuſammen und beläſtigen Sie mich weiter nicht.“ „Ich ſehe ſchon, ich ſehe ſchon, mein armer Herr Com⸗ mandant, Sie ſind der Zunge eines Weibes nicht gewachſen.« „Eben ſo wenig als der ſeines Advocaten. Gehen Sie zum Teufel und ſchicken Sie Ihre Rechnung!« ſchrie der Sol⸗ dat wüthend.„Alſo wollen Sie gehen oder ſoll ich— Und er marſchirte auf ihn los. Der Notar ſtieß einen ſonderbaren Ton, der wie ein WMittelding zwiſchen Knurren und Quicken klang, aus und verließ ſchnell das Zimmer. Joſephine bedeckte das Geſicht mit den Händen. „Was fehlt Ihnen denn?« fragte Raynal beſorgt.„Sie weinen ja wieder?« »Ich, mein Herr? nein, ich weine nicht. Ich hielt mir blos die Hände vors Geſicht, weil ich das Lachen nicht hal⸗ 151 ten konnte. Zugleich aber erſchreckten Sie mich auch, mein Herr,“ ſetzte ſie plötzlich eine vorwurfsvolle Miene anneh⸗ mend hinzu.»Ich fürchtete, Sie wollten ihn ſchlagen. „O nein, ein guter Soldat vergreift ſich nie an einem Civiliſten, wenn er es einigermaßen umgehen kann. Es ſieht ſchlecht aus— und nun vollends in Gegenwart einer Dame! Sie müſſen nicht glauben, daß ich keine Lebensart habe.“ „O, ich würde es Ihnen verziehen haben, mein Herr,* ſagte Joſephine in wohlwollendem Tone, während zugleich ein muthwilliger Ausdruck in ihren Augen ſpielte. „Nun, mein Fräulein, da mein Freund ſich als ein Unwürdiger erwieſen hat, ſo ſind Sie an der Reihe. Wählen Sie einen Freund.“ „Wir haben blos einen, der ſich zu ſo etwas eignete und dieſer iſt noch ſehr jung. Doch wie unvernünftig bin ich! Sie kennen ihn ja. Ohne Zweifel ſind Sie der Commandant, von welchem ich ihn einmal mit ſolcher Bewunderung habe ſprechen hören— ſein Name iſt Riviere— Eduard Riviére.* „Ob ich ihn kenne! Er iſt mein beſter Offizier.* „Ah ich freue mich dies zu hören. Würden Sie aber wohl einen ſo jungen Mann, der noch dazu Ihr Unterge⸗ bener iſt, als Vermittler anerkennen?“ „O warum nicht?“ „Ich bin ja nicht die Partei, welche Schwierigkeiten macht, ſondern Sie ſind es.* „Gut, Rividre ſey der Vermittler. Aber wo iſt er denn? Ich habe ihm nemlich Urlaub gegeben.“ „Er befindet ſich auf einem ſeinem Onkel gehörigen Landgute in der Nähe von Rennes.* „Gut, ich werde mich nach Hauſe begeben und ihm ſchreiben, daß er zu mir kommen ſoll. Wir wollen uns mit⸗ 152 einander berathen und dieſe gewaltige Angelegenheit in Ord⸗ nung bringen. Mein General würde in der Zeit, die wir brauchen, mit einem Königreich fertig werden. Mittlerweile ſagen Sie Ihrer Frau Mutter, ſie ſolle Muth faſſen. Meine Mutter pflegte zu ſagen: Ein verzagtes Herz ſchafft ſich ſeine eigene Noth!« »O, welch ein weiſer Ausſpruch!« »Sagen Sie ihr, wir wären alle noch nicht todt und ſähen auch nicht darnach aus. Laſſen Sie mich einmal hö⸗ ren, mein Fräulein, ob Sie das Wort Muth ausſprechen können.« »Muth!« rief Joſephine. »So iſt's recht, nur noch ſechsmal lauter und kräf⸗ tiger.* »Nun wohl: Muth!« rief Joſephine ſo laut ſie konnte. »So iſts ſchön!« entgegnete Rahnal;„nun will ich gehen.* Und damit klirrte er davon. Joſephine kehrte mit freudeſtrahlendem Antlitz in den Salon zurück. »Nun? nun?s rief man ihr entgegen. »Mama,“ antwortete ſie,„er bot uns das Haus noch⸗ mals an. Ich lehnte es ab, Laura— ja, ich lehnte es ent⸗ ſchieden ab.« »Biſt Du von Sinnen, meine arme Joſephine?« rief die Baronin entſetzt. »Nein, Mama, dann ſchlug er vor, die ganze Sache der Entſcheidung einer dritten Perſon anheim zu geben, und verſuchte es zunächſt mit Herrn Perrin. Dieſer kam gerade zeitlich genug, um ſeine wahre Natur zu offenbaren und mit Schimpf hinausgewieſen zu werden.« — 153 Alle frohlockten. „Dann war er ſo gut, mich ſelbſt einen Schiedsrichter, wählen zu laſſen, und ich wählte Eduard Rivibre.* Dieſe Mittheilung rief große Senſation hervor. „Er iſt noch ſehr jung,« bemerkte die Baronin,„aber Ihr kennt ihn beſſer als ich.« „Wenigſtens weiß ich ſo viel,« ſagte Joſephine,„daß er Dich nicht von hier vertreiben laſſen wird. „Dann werde ich ihm für immer gewogen ſeyn,« ſagte die Baronin. „Iſt das ein Verſprechen, liebe Mutter?“ „Ja. „Ein Verſprechen, welches Du deiner Joſephine vor die⸗ ſen Zeugen gibſt?« „Ein Verſprechen, welches ich meiner Joſephine gebe,« ſagte ſie und ſah dabei Laura an. Dieſe hielt ihre Augen un⸗ verwandt auf ihre Arbeit geheftet. ** Der Notar ging zähneknirſchend nach Hauſe. Seine ſämmtlichen zahlreichen Erfolge waren auf einmal in Wer⸗ muth verwandelt. Die Weiſungen, welche ihm Raynal beim Scheiden ertheilt, klangen ihm noch in den Ohren. In dieſer bittern Stimmung ärgerte er ſich über den Mangel an logi⸗ ſcher Conſequenz in den beiden Befehlen. Er kehrte ſich daher um, ſchickte ſchon den nächſtfolgen⸗ den Morgen eine kräftig gepfefferte Liquidation und verſchob die Ausführung des andern Auftrages bis zu ſeinem Ster⸗ betage. * 154 Eduard Rividre ward nur mit Mühe vermocht, den noch übrigen Abend bei ſeinem Onkel zu verweilen. Der Kum⸗ mer und die Sorge um ſeine Freunde und der Aerger über ſeine eigene Niederlage drückten ihn nieder. Er drückte ſeinem Onkel die Hand und ſchwang ſich aufs Pferd. Das ungeduldige Thier wollte, wie er den Sattel be⸗ rührte, ſogleich mit ihm fort. Ein unachtſamer Menſch hatte einen Schiebkarren auf dem Wege ſtehen laſſen und gerade als Eduard den Fuß in den andern Steigbügel ſetzte ſcheute das Pferd heftig und warf Eduard auf die Steine des Hofes. Er ſprang ſogleich wieder auf und lachte über Martha's Schrecken. Ein Knecht fing mittlerweile das Pferd und führte es wieder herbei. Als aber Eduard die Hand auf den Sattel legen wollte, fand er, daß ſie ihm nicht gehorchte. „Wartet einen Augenblick, mein Arm iſt ein wenig ge⸗ lähmt.« „Laß mich einmal ſehen,« ſagte ſein Onkel.»Gelähmt meinſt Du?« „Ja.* „Und das iſt auch kein Wunder, armer Schelm! Jac⸗ ques, ſetze Dich auf's Pferd und hole den Arzt.« „Biſt Du von Sinnen, Onkel?« rief Eduard.»„Ich kann mein Pferd nicht entbehren und brauche keinen Arzt. Es wird Alles gleich wieder gut ſeyn.* „Es wird aber erſt noch ſchlimmer werden, ehe es beſſer wird, armer Innge.* „Ich weiß nicht, was Du meinſt, Onkel. Der Arm iſt blos gelähmt. Au! er thut weh, wenn ich ihn reibe.« „Er iſt ſchlimmer als gelähmt Eduard— er iſt ge⸗ brochen.* —— 155 „Gebrochen, Onkel?“ und er ſah den Arm mit erſchro⸗ ckenem und verlegenem Blicke an.„Wie kann er gebrochen ſeyn? Er thut ja blos weh, wenn ich ihn berühre.“ „Er wird ſchon noch mehr wehthun. Ich kenne das aus Erfahrung. Vor fünfzehn Jahren fiel ich von einem Heuſchober und brach den Arm.“ „O wie unglücklich ich bin! Aber dennoch muß ich nach Beaurepaire! Dort kann ich mich eben ſo gut curiren laſſen als hier.* „In's Bett wirſt Du gehen und ſonſt nirgends hin.* „Lieber in die Hölle.« Der alte Mann gab ſeinen Leuten, welche auf Martha's Schreckensruf herbeigeeilt waren, ein Zeichen und vier hand⸗ feſte Knechte faßten Eduard bei den Beinen und bei der linken Schulter und trugen ihn, während er um ſich ſchlug und ſtrampelte, hinauf und legten ihn auf ein Bett. Es dauerte nicht lange, ſo begann er ſich ſehr matt zu fühlen, und dies machte ihn vernünftiger. Man ſchnitt ihm den Rock herunter und hüllte ihn in eine weite Decke und nach ziemlich langem Verzug kam der Chirurg und richtete den Arm wieder ein und nun ſah ſich der Feuergeiſt in gefangenen Händen. Er tobte und ſchäumte und verzögerte ſeine Cur. Paſſive Tapferkeit— was dieſe zu bedeuten hat, das wußte er frei⸗ lich nicht. Es war zwei Tage nach ſeinem Unfall. Er lag auf dem Rücken und verwünſchte ſein widriges Schickſal, als er plötz⸗ lich eine kräftige ſonore Stimme drei Worte zu Martha ſagen hörte, dann kam etwas die Treppe heraufgeklirrt und Martha öffnete dem Commandanten die Thür des Krankenzimmers. 156 Eduard richtete ſich überraſcht und erfreut im Bett auf. „O, Herr Commandant, wie gütig ſind Sie, daß Sie kommen und Ihren armen kranken Offizier beſuchen!« „Na,« rief Raynal,„Sie müſſen wiſſen, daß ich der⸗ gleichen Dinge aus Erfahrung kenne. Ich habe nicht blos an Arm⸗, ſondern auch an Beinbrüchen darniedergelegen und weiß, wie langweilig das iſt.* »Langweilig! Ah, es iſt— es iſt— o Herr Comman⸗ dant, der Himmel ſegne Sie, daß Sie gekommen ſind!« „Na, laſſen Sie das gut ſeyn. Uebrigens komme ich auch in Geſchäften.* „Um ſo beſſer. Ich habe nichts zu thun— das iſt es eben, was mich umbringt. Ich muß an meinem eigenen Her⸗ zen zehren.* »Sie Canmbale! Wohlan, ich bringe Ihnen eine Nuß zu knacken und zwar eine ſehr harte— ich wenigſtens bin damit nicht fertig geworden.« „Was meinen Sie, Herr Commandant, was meinen Sie?* „Nun, kennen Sie ein Haus und eine Familie Namens Beaurepaire?« „Ob ich Beaurepaire kenne?* 2 157 IX. „Ein Brief an Sie, Fräulein!“ »Ah!* „Nein, nicht an Sie, Fräulein Laura, ſondern an Fräu⸗ lein Joſephine.“ Der Brief lautete: „Mein Fräulein!— Ehe ich noch Zeit hatte, an unſern gewählten Schiedsrichter zu ſchreiben, ward mir gemeldet, daß er den Arm gebrochen habe. Deshalb—* „O mein Himmel! unſer guter— unſer armer Eduard!“ Und wenn der arme Eduard die bleichen Wangen geſe⸗ hen und die ſtammelnden Worte gehört hätte, ſo würde ihn dies mit ſeinem gebrochenen Arm faſt ausgeſöhnt haben. Die Handgranate, welche der Commandant ſo kaltblü⸗ tig in den ſtillen Familienkreis hineinwarf, rief einen ſolchen Schrecken hervor, daß es ziemlich lange dauerte, ehe man den Brief zu Ende leſen konnte. „Deshalb ritt ich zu ihm hinüber und fand ihn auf dem Rücken liegend und von Aerger und Langeweile geplagt, weil er nichts zu thun hatte. Ich erzählte ihm die ganze Geſchichte. Er übernahm die Sache. Ich habe ſeine geheimen Inſtructio⸗ nen empfangen und werde nächſte Woche in ſeinem Quartier eintreffen, um ſeine rückſtändigen Geſchäfte abzumachen und 158 Ihre ganze Familie kennen zu lernen, wenn dieſe mir es erlaubt. Raynal.* Da die letzten Worte dieſes Briefes eine Antwort nöthig zu machen ſchienen, ſo ſchrieb die Baronin ein höfliches Billet und Jacintha übergab es Dard, damit es dieſer in Riviére's Wohnung für den Commandanten abgebe. Zuerſt aber ſetzten ſie ſich Alle nieder und ſchrieben freundliche, theilnehmende und tröſtliche Briefe an Eduard. Brauche ich wohl erſt zu ſagen, daß dieſe Briefe eine ungemein wohlthuende Wirkung auf ſeinen Zuſtand äußerten? Die nächſtfolgende Woche ließ Raynal ſich bei der Ba⸗ ronin anmelden. Sie empfing ihn allein. Sie ſprachen von ſeiner Mutter. Den nächſtfolgenden Tag ſpeiſte er mit der Fa⸗ milie. Seine Manieren waren oft das Gegentheil von dem, was die Baronin als die eigentliche feine Lebensart betrach⸗ tete, aber dennoch ward ſie zu ſeinen Gunſten eingenommen und bewunderte eben ſo wie ihre Töchter ſein offenes, biede⸗ res, männliches Weſen. Eine Woche lang kam er alle Tage, plauderte mit der Baronin, ging mit den jungen Damen ſpaziren und wenn er nach Beendigung ſeiner Arbeiten Abends wiederkam, pflegte Laura ihn auszufragen und es kam nun eine ſolche Menge Schilderungen von Schlachten und Belagerungen ein ſolches Gemiſch von Heldenmuth und Herzenseinfalt zu Tage, daß der Abend auf die angenehmſte Weiſe verging. Die jungen Damen hefteten bei dieſen Gelegenheiten ihre funkelnden Augen auf ihn und hörten mit dem größten Inter⸗ eſſe ſeine Erzählungen an, in welchen weit weniger Ichs vor⸗ kamen, als man von redſeligen alten Soldaten ſonſt zu hö⸗ ren pflegt. 159 So machten ſie ſeine Bekanntſchaft und lernten ihn ken⸗ nen und achten. „Sage mir, Mama* hob Joſephine einmal zu ihrer Mutter an,„»gibt es noch viel ſolche Männer in der Welt?“ „Es iſt wirklich ein herrlicher Mann,« entgegnete die alte Dame in etwas unbeſtimmtem Tone. „Er iſt ein Mann von Kryſtall. Er ſagt niemals ein Wort, welches er nicht meint.« „Wie, Joſephine?« rief Laura,„haſt Du nicht bemerkt, daß er allemal mehr meint als er ſagt und auch mehr thut?* „Ich wollte, ich wäre wie er!« ſeufzte Joſephine. „Nein, dafür müßte ich danken,« entgegnete die Baro⸗ nin ſchnell.»Er iſt ein Mann— ein Mann durch und durch, aber ganz gewiß wäre er ein unerträgliches Weib. Ein ſchö⸗ nes Leben wäre es, wenn man eine Anzahl ſolcher Frauen um ſich hätte, die jeden Augenblick mit Allem, was ſie den⸗ ken, herausplatzen und nichts Feines und Geglättetes in ihren Manieren haben.* „Welch ein entſetzliches Bild, Mamals rief Laura. „Joſephine,« ſagte die Baronin,„ich glaube, Du biſt ſein Liebling.* „O nein, Mama, Du weißt recht wohl, daß Du es biſt.* „Nun, das iſt auch möglich,“ entgegnete die Baronin und lächelte, vaber er hat doch mit Dir ſchon über weit mehr geſprochen als mit mir.« In dieſem Augenblick trat Jaeintha ein und unterbrach die Converſation. „Fräulein Joſephine, der Commandant iſt in der Plai⸗ ſance.* * 160 »„Nun, und7* „Und wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Ich werde ſogleich kommen.* „Wie drollig er iſt!« ſagte Laura,„man denke, daß er auf dieſe Weiſe eine junge Dame zu ſich rufen läßt! Er iſt . aber einmal ganz anders als andere Leute. Geh nicht Joſe⸗ phine; er würde ſich am Ende ſelbſt wundern, wenn Du kämeſt.« „O nein, liebe Schweſter; ich wage eben ſo wenig ihm ungehorſam zu ſehn, als wenn ich einer ſeiner Soldaten wäre.* „Na, ſo gehe zu deinem Commandanten.« „Er kommt gerade zur gelegenen Zeit,“ bemerkte die Baronin.»Eben wollte ich Dir ſagen, Du ſollteſt ihn fragen, was Eduard in Bezug auf Beaurepaire vorgeſchlagen hat.« „Ich will es verſuchen, Mama,« entgegnete Joſephine; „ich hoffe aber, er wird ſelbſt davon anfangen, denn weshalb ließe er mich ſonſt rufen?“ In Rahnal's Weſen lag heute, nachdem die erſte Be⸗ grüßung vorüber war, ein gewiſſes unſicheres Zögern, wovon FJoſephine früher nie eine Spur an ihm bemerkt hatte. Um ihm dieſe Befangenheit zu benehmen und gleichzeitig den Wunſch ihrer Mutter zu erfüllen, begann ſie daher: 1„Nun, Herr Commandant, iſt denn unſer Freund Eduard im Stande geweſen, etwas vorzuſchlagen?“ „Wie?« rief Rahnal,„wiſſen Sie denn nicht, daß ich fortwährend ſeinen Inſtructionen gemäß gehandelt habe?6 „Nein, das weiß ich nicht. Sie haben uns ja gar nicht geſagt, was er Ihnen gerathen hat.“ „Geſagt? Ratürlich habe ich es Ihnen nicht ſagen kön⸗ nen, denn es ſind ja geheime Inſtructionen!“ „ 161 „Und gedenken Sie denſelben zu gehorchen?“ „Ja wohl, buchſtäblich. Dem erſten Paragraphen habe ich ſchon gehorcht und komme nun zum zweiten. Hier liegt aber die Schwierigkeit.“ 3 „Aber heißt es nicht die Ordnung der Dinge umkehren, wenn Sie dieſem jungen Menſchen gehorchen?“ „Ein Soldat muß eben ſo gut gehorchen können als be⸗ fehlen und in allen Dingen muß es Jemanden geben, der das Commando führt. Dieſer junge Menſch iſt in dergleichen Din⸗ gen ſehr ſchlau und meine einzige Furcht iſt, daß ich ſeinen Befehlen nicht gehörig nachkommen werde— nicht aus Man⸗ gel an gutem Willen, ſondern aus Mangel an Geſchicklichkeit und Erfahrung.* Joſephinens Blicke verriethen, daß ſie ſich dieſe Worte durchaus nicht erklären konnte. „Sie ſehen, mein Fräulein, es iſt dies eine Art der Kriegführung, von der ich nichts verſtehe.“ „Dann iſt es wahrſcheinlich eine Kriegführung, wie ſie bei den Wilden üblich iſt.* „Nein, das iſt nicht der Fall. Ich weiß nicht, wie ich anfangen ſoll. Bei allen Teufeln, ich fürchte mich!« Und er machte vor Verwunderung über ſich ſelbſt große Augen. „Das muß ein ganz neues Gefühl für Sie ſeyn, mein Herr! Ich glaube, ich verſtehe Sie. Sie fürchten eine Nie⸗ derlage. Sie gehen mit irgend einem Schritt von ganz beſon⸗ derer Delicateſſe um?“ „O nein, eher das Gegentheil.“ „Der Großmuth denn?“ „Nein, auch nicht! Verwünſcht ſey der junge Schelm — warum iſt er nicht hier, um mir beizuſtehen?“ Wer lieben will. II. 1¹. 162 „Aber Sie haben doch weiter nichts zu thun, als ſeine Inſtructionen auszuführen.« „Das iſt wohl wahr! Das iſt wohl wahr! Aber wenn man nun einmal ein Feigling, eine Memme iſt?« Dieſe Verſicherung von Feigheit ſeitens der lebendigen Damascenerklinge, welche kerzengerade vor Joſephine ſtand, kam dieſer ſo drollig vor, daß ſie in ein heiteres Gelächter ausbrach. „Denken Sie ſich, es wäre blos eine Feſtung, die Sie angreifen wollten, anſtatt meines ſchrecklichen Ich— hal ha! hals „Ich danke Ihnen,« rief Raynal mit Wärme,„es iſt ſehr gütig von Ihnen, ein ſolches ermuthigendes Wort zu ſprechen,« und er faßte ſichtlich Muth.»Wohlan!« rief er, „es iſt weiter nichts als eine Feſtung, mein Fräulein! Wollen Sie mir einen Augenblick Ihre Hand geben?“ „Meine Hand? Wozu?— Da iſt ſie,« und ſie ſtreckte ſie ihm langſam entgegen. Er ergriff ſie. „Eine reizende Hand! Die Hand eines tugendhaften Mädchens, nicht wahr?“ „Ja,« entgegnete Joſephine in ihrer Unſchuld, die zu erhaben war, um auch nur zu erröthen. „Gehört ſie noch Ihnen?“ „Mein Herr!— Jetzt erröthete ſie allerdings. „Ich wollte Sie nemlich erſuchen, ſie mir zu ſchenken. — Nun iſt es heraus!“ Joſephine zog ihre Hand raſch von der ſeinen zurück, auf der ſie lag, wie auf einem Tiſche verſchüttete Sahne. 163 „Aha, ich verſtehe! Sie ſind nicht mehr frei— Sie haben einen Geliebten.« „Nein! nein!“ rief Joſephine in plötzlicher Aufregung; „ich liebe Niemanden, als meine Mutter und meine Schwe⸗ ſter und werde nie Jemanden Anderen lieben.* „Ah, Ihre Mutter— da fällt mir etwas ein. Er ſagte mir, ich ſollte dieſe fragen— ſo wahr ich lebe, ich glaube, er ſagte mir, ich müßte dieſe zuerſt fragen,« und damit raffte er ſeinen Säbel in die Höhe und wollte forteilen. Joſephine bat ihn, es nicht zu thun. „Ich kann Ihnen dieſe Mühe erſparen,« ſagte ſie. „O. aus ein wenig Mühe mache ich mir nichts. Meine Inſtructionen! meine Inſtructionen!s und er eilte in das Haus. Nur wenige Augenblicke ſpäter kam Laura heraus, denn der Soldat hatte ſofort eine Unterredung unter vier Augen verlangt. Sie ſah ihre Schweſter gedankenvoll hin⸗ und hergehen und eilte auf ſie zu. „O Laura, er hat—* begann Joſephine und ver⸗ mochte nicht auszureden. „Das verhüte der Himmel!“ „Es iſt nicht ſeine Schuld; dein Eduard hat es ihm geheißen.* „Mein Eduard! Rede nicht ſo abſcheulich! Ich habe kei⸗ nen Eduard. Du ſagteſt natürlich Nein!« „Wenigſtens etwas der Art. „Etwas der Art? Was, Du ſagteſt nicht rund heraus Nein?* „Ich ſagte es nicht auf rauhe Weiſe, liebe Schweſter.“ „Joſephine, Du erſchreckſt mich. Ich weiß ſchon, daß 164 Du zu Niemanden Nein ſagen kannſt und wenn man zu einem Manne wie dieſem nicht rund heraus Nein ſagt, ſo kann man eben ſo gut gleich Ja ſagen.« „Aber ich habe durchaus nichts geſagt, was als eine Einwilligung gedeutet werden könne.“ Auch dies ſtellte Laura noch nicht ganz zufrieden und ſie erging ſich in einem längern Vortrage über die Vorzüge einer entſchiedenen Verneinung und ſchalt Joſephinen aus, daß ſie noch nicht gelernt habe, zu irgend Jemanden geradezu Nein zu ſagen. „Wohlan, liebe Schweſter,« ſagte Joſephine,„unſere Mutter wird mir heraushelfen. Welch ein Troſt, eine Mutter zu haben!« „Ja, aber warum ſollen wir uns auf ſie ſtützen? Du willſt Dich immer auf ſie ſtützen.* „Nun, darf ich mich denn nicht auf meine Mutter ſtützen?“ „Nein, Du mußt lernen, Dich auf Niemand Anderen zu ſtützen als auf mich.« In dieſem Augenblicke trat Rahnal wieder aus dem Hauſe und kam auf die Schweſtern zu. Laura faßte Joſephi⸗ nen an der Hand und hielt ſie feſt und warf feindſelige Blicke um ſich. „Jetzt ſchweig, Joſephine— Du kannſt nicht gerade heraus Nein ſagen— überlaß es mir. „Von Herzen gern,« ſagte Joſephine. „Mein Herr,« ſagte Laura, ehe er noch ſprechen konnte, „ſelbſt wenn ſie ſich nicht geweigert hätte, ſo könnten wir doch nicht einwilligen— deshalb ſehen Sie.* „Ich habe durchaus keine Inſtruction, Sie um Ihre Einwilligung zu erſuchen,« entgegnete Raynal in rauhem Tone. 165 Laura ward feuerroth. „Nun, bedarf es vielleicht auch nicht einmal der Ein⸗ willigung meiner Schweſter?“ fragte ſie.„Hat ſie die Ehre nicht abgelehnt?“ „Allerdings,« entgegnete der Commandant;„meine Inſtruction lautet aber dahin, daß ich mich an die erſten zwei oder drei abſchläglichen Antworten nicht kehren ſoll.« „O Joſephine, es iſt der unverſchämte junge Menſch, der ihm das ſo geheißen hat!“ „Ein unverſchämter junger Menſch!* rief Raynal zor⸗ nig.»Es iſt ja der von Ihnen ſelbſt gewählte Schiedsrichter und ein ſo manierlicher junger Mann, wie ich jemals einen geſehen.* „Liebe Freunde,« warf Joſephine in ſanftem Tone ein, „ich kann nicht zugeben, daß Ihr Euch um einen Strohhalm ſtreitet.“ „Sie ſind kein Strohhalm, mein Fräulein,« ſagte Raynal. „Ich danke Ihnen für dieſes Compliment,“ entgegnete Joſephine.„Liebe Schweſter, iſt es möglich, daß Du, die Du ſonſt ſo ſchlau biſt, Herrn Raynals ſeltſamen Antrag nicht in ſeinem wahren Lichte ſiehſt? Dieſer großmüthige Mann hat an dieſem excentriſchen Vorgange kein perſönliches In⸗ tereſſe. Er wünſcht uns alle glücklich zu machen, beſonders meine Mutter, ohne daß es den Anſchein habe, als legte er uns eine zu große Verbindlichkeit auf. Ganz gewiß iſt die Gutmüthigkeit noch nie ſo weit getrieben worden. Wohlan, mein Herr, ich will Sie, wenn Sie mir erlauben, mit meiner ewigen Freundſchaft beläſtigen, aber noch weiter will ich Ihre Großmuth nicht mißhrauchen.“ „Schauen Sie her, Mademoiſelle« begann Raynal wie⸗ 166 der in ſeiner ſchlichten Weiſe.»Ich ging allerdings von einem guten Beweggrunde aus, das geſtehe ich. Seitdem ich mich aber jeden Tag in Ihrer Geſellſchaft befunden und geſehen habe, wie gut und freundlich Sie gegen Ihre ganze Umge⸗ bung ſind, bin ich egoiſtiſch geworden und ich ſage bei mir ſelbſt: Welch ein Glück müßte ein Weib wie Sie für einen Soldaten ſehn! Schon der Umſtand, daß man Briefe an Sie nach Hauſe ſchreiben könnte, wäre die halbe Gage werth⸗ Wiſſen Sie, manchmal wenn ich meine Kerle ihre Briefe ſchreiben ſehe, gibt es mir hier einen Stich, wenn ich bedenke, daß ich gar Niemanden habe, an den ich ſchreiben könnte.« »Ah!* „Sie ſehen alſo, daß ich nicht ſo uneigennützig bin. Jetzt, mein Fräulein, ſprechen Sie ſo reizend, daß ich nicht weiß, was Sie meinen. Ich weiß nicht, ob ſie Nein ſagen⸗ weil Sie mir niemals gut ſeyn könnten, oder ob es aus Schuchternheit geſchieht und Sie blos noch mehr genöthigt ſehn wollen. Deshalb ſage ich nichts weiter. Ich habe meinen Antrag gemacht. Nehmen Sie einen Tag Bedenkzeit. Nehmen Sie zwei, wenn Sie wollen. Ich muß jetzt in die Caſerne. Bald hätte ich vergeſſen es zu erwähnen— Ihre Mutter hat ihre Einwilligung ertheilt. Guten Tag!“ Er war fort, ehe ſich noch die Schweſtern von ihrem Erſtaunen erholen konnten, welches ſeine letzten Worte ihnen verurſacht hatten. „Dieſer Sache muß ſofort ein Ende gemacht 7 Joſephine,« hob Laura endlich an. „Allerdings— wo möglich.“ „Willſt Du mit unſerer Mutter ſprechen, oder ich es thun?* „Ich bitte Dich, es zu thun.« 167 „Feigling!* „Nein, liebe Laura, aber Du beſitzeſt Energie und Wil⸗ lenskraft. Ich kann mich wohl im Drange der Umſtände auf⸗ raffen, aber nicht fortwährend kämpfen.* „Nun, ſind denn die Umſtände nicht dringend genug?“ „O ja, das ſehe ich ein, aber ich kann nicht thun, was Du verlangſt.“ „Nun dann kann ich es.* „Das iſt ein Glück. Du biſt alſo die, welche handeln wird. Du beſprichſt die Sache mit unſerer Mutter.* „Ja, ich bin dazu bereit. Wo willſt Du aber denn hin?* „Ich will in mein Zimmer gehen.“ „Unglückliche, glaubſt Du denn, ich würde dieſe Ange⸗ legenheit mit unſerer Mutter beſprechen, ohne daß Du dabei zugegen biſt?“ „Nun, wie Du willſt.« Sie traten in das Zimmer der Baronin und Laura fragte ſich mit einiger Aufregung, wie ſie anfangen ſolle. Zu ihrer Ueberraſchung ſahen die beiden Schweſtern ihre Mutter mit ungewöhnlicher Lebendigkeit im Zimmer auf⸗ und abgehen. Nicht ſo bald erblickte ſie Joſephinen ſo breitete ſie ihr mit freudiger Lebendigkeit die Arme entgegen und küßte ſie. „Meine Joſephine,« rief ſie,„Du biſt es, die uns ret⸗ tet! Ich bin eine glückliche alte Frau. Wenn ich in ganz Frankreich wählen könnte, ſo hätte ich keinen würdigeren Mann für meine Joſephine finden können. Er iſt brav, er iſt ſchön, er iſt ein Mann, der es noch weit bringen wird, er iſt ein guter Sohn und gute Söhne ſind auch allemal gute Ehegatten— und ich— ich werde nun in Beaurepaire ſter⸗ ben, nicht wahr, Frau Commandantin?“ 168 Joſephine hielt ihre Mutter umſchloſſen, ſagte aber nichts. Nach einer kurzen Pauſe drückte ſie ſie noch feſter an ſich und weinte ein wenig. »„Was gibt's?« fragte die Baronin die jüngere Schwe⸗ ſter, ohne jedoch große Beſtürzung zu verrathen. »Ach, Mama,« rief Laura,„ſie liebt ihn nicht.* „Sie liebt ihn nicht! das wolle auch der Himmel ver⸗ hüten! Sie wäre nicht meine Tochter, wenn ſie einen Mann gleich auf den erſten Blick liebte. Ein beſcheidenes ſittliches Weib liebt blos ihren Gatten.« „Aber ſie kennt ja Herrn Rahnal kaum.« »„Sie kennt ihn ſchon genauer, als ich euern Vater kannte, als ich ihn heirathete. Sie kennt ſeine Tugend und weiß ſie zu ſchätzen. Ich habe ſie dies ſelbſt ſagen hören— nicht wahr Du haſt es geſagt, Joſephine? Achtung aber reift bald zur Liebe, wenn ſie erſt einmal vermält ſind.« „Aber, liebe Mutter« hob Laura wieder an,»ſagt Joſephinens Schweigen Dir nichts? Ihre Thränen— laſſen dieſe Dich ungerührt?“ „Thörichtes Kind,« entgegnete die Baronin,„das ſind Thränen, die dem Herzen nicht wehe thun! Die gute Seele weint, weil ſie jetzt zum erſten Male ſieht, daß ſie ihre Mutter wird verlaſſen müſſen. Ach, liebe Joſephine, dies iſt ja unver⸗ meidlich. Es iſt der Wille der Natur. Früher oder ſpäter müſ⸗ ſen die jungen Vögel das Neſt der alten verlaſſen. Mütter find nicht unſterblich. So lange ſie noch leben, iſt es ihre Pflicht, ihren Töchtern gute Ehegatten zu wählen. Du, liebe Laura, haſt ſelbſt gewählt und ich war damit einverſtanden. Für meine Erſtgeborne aber wähle ich. Wir werden ſehen, wer die beſte Wahl getroffen hat. Mittlerweile bleiben wir in Beaure⸗ paire— Dank meinem lieben Kinde hier!« 3 169 „Joſephine! Joſephine! Du ſagſt ja gar nichts!“ rief Laura entſetzt. „Mein Gott, was ſoll ich ſagen?“ rief Joſephine mit thränenden Augen.„Ich liebe meine Mutter und ich liebe Dich. Ihr ziehet mich nach verſchiedenen Richtungen hin. Ich wünſche, Euch Beide glücklich zu ſehen.« „Nun denn, wenn Du nicht mit der Sprache heraus⸗ gehſt,« ſagte Laura,„ſo muß ich es thun. Meine Mutter, täuſche Dich nicht. Nur das Pflichtgefühl iſt es, was Joſe⸗ phinen den Mund verſchließt. Dieſe Heirath iſt ihr wider⸗ wärtig.* „Dann ſind wir verloren!« rief die Baronin.„Joſe⸗ phine, iſt dieſer Mann Dir wirklich zuwider?“ „Nicht gerade zuwider, Mutter, aber ſehr, ſehr gleich⸗ giltig.* „Da haben wir'sl« rief Laura triumphirend. „Allerdings, da haben wir's!“ rief die Baronin eben⸗ falls triumphirend. Sie achtet ſeinen Charakter, aber ſeine Perſon iſt ihr gleichgiltig, mit andern Worten, ſie iſt ein be⸗ ſcheidenes Mädchen und meine Tochter, und laß mich Dir ſa⸗ gen, Laura, daß ohne die Unglücksfälle, welche unſer Haus betroffen haben, meine Töchter beide eben ſo verheirathet wür⸗ den, wie ich, das heißt ohne von ihren Männern nur halb ſo viel zu wiſſen, als Joſephine von dieſem wackern, ehrlichen, edelmüthigen Manne weiß.* „Wohlan denn, Mutter, da Joſephine nicht ſprechen will, ſo will ich es thun,“ ſagte Laura.„Zürne mir nicht— ich liebe ſie zu innig. Wenn dieſer fremde Mann, den ſie nicht liebt, Mama, ſie von uns hinwegführt, ſo iſt er Schuld an meinem Tode. Ich werde ſterben— 9 ½ k 17⁰ Joſephine ließ ihre Mutter los und näherte ſich Laura, um dieſe zu tröſten. Dieſer letzte Beweis von Oppoſition raubte der Baro⸗ nin endlich die Geduld. »Ah!s rief ſie,„jetzt kommt die Wahrheit zu Tage, Laura! Aus Egoismus willſt Du dieſe Heirath nicht zugeben. Täuſche Dich doch nicht über Dich ſelbſt— aus Egoismus willſt Du nichts davon wiſſen!« „Mamal« rief Laura. „Du ſelbſt warteſt blos darauf mich zu verlaſſen, aber deine ältere Schweſter ſoll um deinetwillen dableiben! Laß mich,« rief die Baronin und ſetzte dann in ſanfterem Tone hinzu,„Dir rathen, Dich auf dein Zimmer zu begeben und dort dein Herz richtig zu prüfen.« „Ja, Mama,« entgegnete Laura. „Du wirſt dann finden, daß, wie ich geſagt habe, dein ganzer Widerſtand eine ungebührlich ſtarke Beimiſchung von Egoismus hat,« fuhr die Baronin fort. „Wenn ich das finde—* „Dann wirſt Du aufhören, Dich mir zu widerſetzen?“ „Mein Herz wird es nicht zugeben, aber ich werde mich ſelbſt verachten und ſchweigen.« Und die junge Dame, welche in dem Augenblicke, wo ſie des Cgoismus beſchuldigt ward, ihre Augen getrocknet hatte, verließ mit ſtolz emporgerichtetem Haupte das Zimmer. Joſephine warf einen bittenden Blick auf ihre Mutter. „Ja, mein Engel,« ſagte dieſe,»ich war hart. Aber wir ſind einmal nicht mehr eines Sinnes und werden es auch, glaube ich, niemals wieder ſeyn.* „O ja, wir werden es ſeyn! Habe Geduld!« rief Joſe⸗ 171 phine.»Meine gute Mutter— Du ſollſt Beaurepaire nicht verlaſſen!“ Die Baronin erröthete ein wenig bei dieſen letzten Wor⸗ ten ihrer Tochter und ſenkte das Haupt. Joſephine ſah dies, eilte auf ſie zu und bedeckte ſie mit Küſſen. ** „Was haben Sie denn mit Ihrer Mutter vorgehabt?“ fragte Doctor Saint⸗Aubin die Schweſtern.»Ihr Puls geht ungemein raſch.“ „Wir hatten eine kleine Discuſſion mit ihr.« „Dann laſſen Sie dergleichen Discuſſionen künftig ſehn. Wir haben ihr durch unſere Discuſſion in der letzten Zeit ſchon genug zu ſchaffen gemacht. Noch ein wenig mehr von dieſer Aufregung und ich ſehe ein Herzleiden voraus.“ „O, laſſen Sie mich zu ihr gehen!“ rief Laura. „Nein, im Gegentheile! Ich bitte Sie, laſſen Sie ſie in Ruhe,« entgegnete der Doctor.„Ich habe ihr befohlen, ſich bis zum Diner niederzulegen. Sie müſſen wirklich ein beſtimm⸗ tes Syſtem in Bezug auf ſie annehmen und demſelben treu bleiben.* „Das wollen wir, das wollen wir. Was ſollen wir denn thun?« fragten die beiden Schweſtern wie aus einem Munde. „Laſſen Sie ſie ihren eigenen Weg gehen. Sie wird nicht ſo gar lange mehr hier ſeyn, daß wir ihrem Willen entgegenarbeiten ſollten. Ich bereue den Antheil, den ich daran genommen. Ich muß Ihnen geſtehen, daß die Symptome ihres Beſindens mir durchaus nicht gefallen.« „O lieber Doctor! meine gute Mutter!“ rief Laura. 172 „Verlaſſen Sie ſich darauf, ihr Gemüth iſt nicht ruhig. Sie kann Beaurepaire noch nicht aus den Gedanken brin⸗ gen. In ihrem Herzen glaubt ſie, ſie werde doch noch einmal in die weite Welt hinausgetrieben werden und zwar ſo plötz⸗ lich, wie jener Satan von Notar es gern gethan hätte. Je⸗ ner Morgen hat ſie tief erſchüttert.« Laura ſeufzte, Joſephine lächelte. Der Commandant kam nicht wie gewöhnlich zum Diner. Der Abend verging langweilig und unerfreulich— ihre Her⸗ zen waren von Ungewißheit erfüllt. „Unſer heiterer Geſellſchafter fehlt uns,s ſagte die Baronin, indem ſie Laura einen finſtern Blick zuwarf. Beide junge Damen beeilten ſich auf faſt komiſche Weiſe ihre Zu⸗ ſtimmung hiermit zu erkennen zu geben. Dieſe Nacht ſchlief Laura wieder bei Joſephinen und mehr. als einmal fuhr ſie erſchrocken aus dem Schlafe auf und faßte Joſephinen krampfhaft und hielt ſie feſt. Der Commandant kam am nächſten Tage nicht, um ſeine Antwort zu holen, ſondern ſchickte ſtatt ſeiner einen Brief, worin er meldete, daß er ſich auf zwei Tage in das Hauptquartier begeben müſſe, dann aber werde er wieder⸗ kommen und die Feſtung nochmals angreifen, bis ſie capi⸗ tulirte. Zwiſchen jener Discuſſion mit ihrer Mutter und dem Em⸗ 1 pfang dieſes Briefes war Laura ſehr niedergeſchlagen und nachdenklich geweſen. Des Egoismus beſchuldigt zu werden! Anfangs empörte ſich ihre ganze Natur gegen dieſe Beſchuldi⸗ gung, nach einer Weile aber ward ſie, da dieſe Anklage von einer ſo verehrten Perſon ausging, dadurch zu ernſter Selbſt⸗ prüfung genöthigt. Das arme Mädchen ſagte bei ſich ſelbſt: „Meine Mutter beſitzt viel Scharfblick. Täuſche ich mich 173 wirklich über mich ſelbſt? Würde ſie glücklich ſeyn und ſtehe ich ihr im Wege?⸗ Sie bat ihre Schweſter, mit ihr einen Spozirgang im Park zu machen, um gegen alle Unterbrechung geſichert zu ſeyn. „Ich weiß nicht, was ich denken ſoll,“ hob ſie an.»Ich verſtehe meine eigene Schweſter nicht. Warum biſt Du ſo ru⸗ hig und kalt, während ich von der martervollſten Ungeduld gequält werde? Haſt Du einen Entſchluß gefaßt, ohne ihn dei⸗ ner Laura anzuvertrauen.“ „Nein, liebe Laura,“ entgegnete Joſephine,»ich bin kaum eines Entſchluſſes fähig. Ich laſſe mich von der Strö⸗ mung treiben.“ „Aber was ſoll daraus werden?“ „Das weiß ich nicht.“ „Wirſt Du denn Herrn Rahnal heirathen? Beantworte mir dieſe Frage.* „Ich würde mich nicht wundern, wenn er mich hei⸗ rathete.* „Aber Du haſt ja nein geſagt.“ „Ja, einmal hab' ich nein geſagt.“ „Und biſt Du nicht geſonnen, es nochmals zu ſagen?* „Was würde es nützen? Du hörteſt ihn ſelbſt ſagen, daß er ſich dadurch nicht abweiſen laſſen würde. und er iſt mir zu gleichgiltig, als daß ich auf meinem Worte beharren ſollte.* „Aber wenn er Dich nun unaufhörlich beläſtigt?“ „Ja, er iſt wie Du— ganz Energie, zu allen Stun⸗ den. Ich habe ſo wenig, wo mein Herz betheiligt iſt. Er ſcheint einen Wunſch zu haben. Ich habe nach keiner Richtung hin einen Wunſch und mein Gewiſſen ſagt: Heirathe ihn.“ 174 „Dein Gewiſſen ſagt: Heirathe dieſen Mann, während Du einen Andern liebſt?“ „Das verhüte der Himmel! Ich liebe keinen Mann. Ich habe geliebt, aber jetzt iſt mein Herz todt und ſagt nichts, und mein Gewiſſen ſagt: Du biſt die Urſache von allen Leiden deiner Mutter— Du biſt die Urſache, daß Beaurepaire ver⸗ kauft ward. Jetzt kannſt Du dieſes Unheil wieder gut und gleichzeitig einen braven Mann, unſern Wohlthäter, glücklich machen. Es iſt eine große Verſuchung. Ich weiß gar nicht einmal, weshalb ich überhaupt nein ſagte— vielleicht ge⸗ ſchah es aus Ueberraſchung— vielleicht Dir zu gefallen, liebe Schweſter.* Laura ſtöhnte. „Aber biſt Du denn ſo wenig werth, daß Du Dich an einen Mann wegwerfen willſt, der Dich nicht liebt?“ „O er wird mich lieben— das ſehe ich.« „Er braucht Dich aber nicht; er iſt ſchon ſo vollkommen glücklich.* „Nein, Laura, glücklich iſt er nicht. Er iſt blos wacker und gut und deshalb zufrieden und er iſt ein Charakter, den man leicht— kurz, ich fühle hier meine Macht. Ich könnte dieſen Mann glücklich machen. Er hat nicht einmal Jeman⸗ den, an den er ſchreiben kann, wenn er fern von ſeiner Hei⸗ math iſt— der arme, gute Mann!“ „Du raubſt mir alle Geduld, Joſephine. Du verfällſt wieder in deine alte Gewohnheit, an alle Leute zu denken, nur nicht an Dich ſelbſt. So lange es ſich um Kleinigkeiten handelte, habe ich Dich gewähren laſſen, aber ich liebe Dich zu ſehr, um ſo etwas zu geſtatten, wenn dein ganzes Lebens⸗ glück auf dem Spiele ſteht. In einer Beziehung muß ich zu⸗ friedengeſtellt werden, oder dieſe Heirath ſoll niemals ſtattfin⸗ 175 den. Ich werde dann blos drei Worte zu dieſem Raynal ſa⸗ gen, die der Sache ſofort ein Ende machen. Ich überlaſſe Dir, zu errathen, was für drei Worte es ſeyn werden.« „Meine arme Laura,«entgegnete Joſephine,„Du wirſt nichts ſagen, denn wenn Du es thuſt, ſo werden meine ter und Herr Raynal darunter leiden. Was mich betrifft, ſchmerzt es mich, ihn abzuweiſen, aber ich hätte nichts dagegen, von ihm abgewieſen zu werden.“ „O dieſe ungeheuerliche, dieſe ſteinharte Gleichgiltigkeit! Ich drohe nun nicht mehr, ich bitte. Meine Schweſter, ſey offen gegen mich, wenn ich nicht etwa deine Liebe verloren habe.* „Ich will mit Dir ſprechen, Laura, wie mit einem Engel.* „Dann laß mich das Innerſte deines Herzens ſehen.* „Wie kann ich das?“ „Wie meinſt Du es7* „Ich kann mein eigenes Herz nicht ergründen.“ „Joſephinels „Deine Liebe oder die unſerer Mutter oder die Herrn Raynal's oder ſonſt eines Menſchen kann ich ergründen, aber nicht meine eigene. Kannſt Du es mit der deinen thun?* „Wohlan denn, beantworte mir blos eine Frage, und ich will in deinem Herzen leſen: Wenn Camill Dujardin auf der einen und Herr Raynal auf der andern Seite ſtünde und Beide deine Hand verlangten, welchen würdeſt Du nehmen? „Das wird niemals geſchehen. Weſſen Hand ich ergrei⸗ fen würde, fragſt Du? Sicherlich nicht die des Mannes, den ich verachte. Achtung kann zur Liebe reifen, aber womit müßte Verachtung enden?“ 176 „Ich bin zufriedengeſtellt. Nur noch eine einzige Frage und ich bin fertig. Geſetzt, es ſolle ſich herausſtellen, daß Camill nicht ganz— wie ſoll ich ſagen— nicht ganz zu verdammen wäre?s „Dann ſoll die ganze Welt mich nicht von ihm trennen. Aber warum marterſt Du mich durch eine ſolche Frage? Ha, ich ſehe— o Himmel, Du haſt etwas gehört— ich war blind. Deshalb willſt Du mich von dieſer unnatürlichen Ver⸗ bindung retten! Du willſt mir die gute Rachricht allmälig beibringen. Dies iſt nicht nöthig. Raſch— raſch— theile ſie mir ganz mit. Ich habe drei Jahre gewartet. Ich bin des Wartens müde. Warum ſprichſt Du nicht? Warum ſagſt Du mir es nicht? Dann will ich Dir's ſagen: Er lebt— er iſt wohl— er kommt! Er war nicht der, welchen jene Soldaten ſahen— ſie waren zu weit entfernt. Wie konnten ſie mit ſol⸗ cher Gewißheit ſprechen! Sie ſahen eine Uniform, aber kein Geſicht. Vielleicht iſt er gefangen geweſen und hat nicht ſchrei⸗ ben, eben ſo wenig als kommen können. Aber jetzt kommt er. Warum ſtöhnſt Du? warum wirſt Du bleich?— Ach, ich ſehe, ich habe mich abermals getäuſcht. Ich war von Sinnen. Er, den ich liebe, iſt immer noch ein Verräther an Frank⸗ reich und an mir und ich bin elend für immer. O, daß ich todt wäre l o, daß ich todt wäre! Nein, ſprich nicht mit mir — achte nicht auf mich. Dieſer Wahnſinn wird vorübergehen, wie er früher vorübergegangen iſt, und ich werde wieder da⸗ ſtehen, wie eine Todte unter den Lebenden— und ſo iſt es auch am beſten. O, meine Schweſter, warum erweckteſt Du mich aus meinem Traum? Ich trieb ſo friedlich, ſo ruhig und ſo ſchmerzlos über das todte Meer des Herzens nach den lebendigen Waſſern der Dankbarkeit und⸗ Pflicht. Ich ſtand im Begriff, mehr als eine würdige Seele glücklich zu machen, 177 und indem ich ſie glücklich geſehen, wäre ich zufrieden und nützlich geweſen. Was bin ich nun? Ich hätte andere Herzen getröſtet und wäre freudenvoll und jung geſtorben, denn Gott iſt gut. Er erlöſt die Guten und S lbigen bald von ihrer Bürde!“ Und ſtille Thränen begannen 32 Armen das Herz leich⸗ ter zu machen. Der kurze Sturm legte ſich und die Geduld begann langſam wieder ihren Sitz in dieſem großen Herzen einzunehmen. „Fluch über den Namen dieſes Mannes und Fluch mir, wenn ich ihn jemals wieder vor Dir nenne!« rief Laura. „Du biſt klüger als ich und in jeder Beziehung beſſer. O, Joſephine, trockne deine Thränen. Da kommt er, ſchau, da kommt er durch den Park geritten.« „Laura« rief Joſephine haſtig,»ich überlaſſe Alles Dir. Empfange Herrn Raynal und lehne ſein Anerbieten ab, wenn Du es für recht hältſt. Du biſt es, die mich am meiſten liebt. Meine Mutter möchte mich für ein Haus— für ein Beſitzthum dahingeben, die arme, gute Frau!« „Ich aber würde Dich nicht für die ganze Welt hin⸗ geben.* „Das weiß ich. Ich überlaſſe vertrauensvoll Alles Dir. Wie Du entſcheideſt, ſo werde ich handeln,« und mit dieſen Worten nahm ſie den Weg nach dem Hauſe. „Ja aber geh nicht fort, bleib und höre was ich ſage.* „O nein. Das Antlitz dieſes armen Mannes iſt mir jetzt unerträglich; laß mich an ſeine Tugenden denken.« Laura blieb allein und hatte das Schickſal ihrer Schwe⸗ ſter nun in ihren Händen. Sie ſtützte den Kopf auf die Hände und dachte mit ihrer ganzen Seele:„Was ſoll ich thun?“ Laura fühlte ſich jetzt von etwas beherrſcht, was auf Wer lieben will. I. 12 178 gleiche Weiſe ſo Manchen überraſcht hat, der kein Thor iſt— ich meine den Zweifel. So lange als die Entſcheidung nicht in ihren Händen ruhte, war ſie entſchloſſen. Es iſt leicht, in einer ungewiſſen Sache als Vertheidiger aufzutreten, aber ſchwer, Richter zu ſeyn. So lange als Laura opponirte, hatte ſie blos das geſe⸗ hen, was ſich gegen die Sache geltend machen ließ, jetzt aber gingen ihr auch über die Vortheile des Projects die Augen auf. „Welch eine furchtbare Gewalt hat doch der Mann über das weibliche Herz!“ dachte ſie bei ſich ſelbſt„Ich werde meine Schweſter niemals von dieſer verhängnißvollen Leidenſchaft heilen Ein Gatte könnte es. Und es gibt kein Glück für ſie, wenn ſie nicht davon geheilt wird. Unſere Mutter betet dar⸗ um— ſie wünſcht es. Joſephine war gleichgiltig, oder nicht abgeneigt, ehe ich ſo wahnſinnig war, ihr Urtheil durch jenen Schurken zu trüben, deſſen Namen ſie niemals wieder hören ſoll, und in einigen Tagen wird ſie dieſen Zuſtand der Ge⸗ müthsruhe wiedergewonnen haben. Wohlan denn! Soll ſie mich um eines Mannes willen verlieren, den ſie nicht liebt, eben ſo wenig als er ſie! Wie kann ich entſcheiden? Ha, da iſt er ſchon— der Himmel erleuchte mich!« „Nun, mein Fräulein,« rief der Commandant mit ſei⸗ ner ſtarken, heiteren, trompetenähnlichen Stimme,„wie be⸗ finden Sie ſich? und was macht meine Schwiegermutter in spe oder nicht in Spe, je nachdem es Ihrer Schweſter gefallen wird? Und wie befindet ſich dieſe? Habe ich ſie hinwegge⸗ ſcheucht? Es waren doch zwei Damen hier und nun ſehe ich nur noch eine.* „Rein, mein Herr, ſie verließ mich blos, um Ihnen zu antworten.“ „Um ſo ſchlimmer für mich. Ich bin nicht nach Ihrem Geſchmack.* „Sagen Sie das nicht, mein Herr.“ „O es iſt kein Verbrechen, mich nicht leiden zu können. Von Fünßzigen gefalle ich vielleicht kaum Einer. Ha, ha, hal Wir können nicht Alle guten Geſchmack haben.« „Aber mir gefallen Sie, Herr Raynal.* „Nun, warum wollen Sie dann nicht zugeben, daß ich Ihre Schweſter heirathe?“ „Ich habe noch nicht feſt beſchloſſen, daß Sie ſie nicht heirathen ſollen.« „Um ſo beſſer.“ „Ich glaube, Sie werden mich für ſehr unft lich, für ſehr egoiſtiſch halten und Sie ſind nicht der Einzige. der mich ſo nennt.* „Egoiſtiſch? Ich weiß nicht, was Sie meinen. „O ja, Sie wiſſen es. Sie wiſſen nicht, was ich fühlen muß, ich, die ich meine Schweſter liebe wie kein Mann ſie jemals lieben kann, ich, deren Herz mein ganzes Leben lang mit ihr eins geweſen iſt. Und nun kommt ein Fremder und nimmt ſie mir weg, als ob ſie nichts wäre.* „Na, das iſt zu toll!s rief Raynal gutmüthig.»Aller⸗ dings bin ich, wie Sie ſagen, verhältnißmäßig ein Fremder, aber doch nicht ſo, als wenn ich die Abſicht hätte, Sie von einander zu trennen.“ „Sie wollen uns nicht trennen— wenn Sie ſie mit nach Egypten nehmen?« „Ich werde ſie nicht mit nach Egypten nehmen.* „Ja, Sie werden es, Sie wiſſen auch, daß Sie es thun werden.“ „Was, halten Sie mich denn für einen ſolchen Barba⸗ * 180 ren, daß ich dieſes zarte Geſchöpf mit in den Krieg nehmen wollte? Doch es wird gar nicht einmal ein wirklicher Krieg ſeyn— es wird eine Hetze auf Egypter und Araber— der heiße Sand würde ſie ja gleich den erſten Tag erſticken.« „Ach, mein guter Herr Raynal, Sie wollen ſie alſo nicht von unſerer Seite reißen?« „Nein, Sie verſtehen mein Manöver nicht. Ich habe keine Familie. Ich bewerbe mich daher um eine Frau, die mir auch gleich eine Mutter und eine Schweſter zubringt. Sie werden beiſammenleben, ganz wie zeither, nur müſſen Sie mir geſtatten, einer der Ihrigen zu ſeyn, wenn ich zu Hauſe bin.* „Und wie oft wird das geſchehen?« „Das kann ich nicht wiſſen. Ueberdies iſt es eben ſo wahrſcheinlich, daß ich in Egypten meinen Tod finde als nicht. Sie ängſtigen ſich daher ganz umſonſt, meine kleine Dame.« Raynal ſprach dieſen letzten Troſtgrund in einem ſo lauten und heitern Tone, als wenn er eine frohe Rachricht verkündete. „Das verhüte der Himmell« rief Laura.»Und er wird es verhüten, denn nun werde auch ich für Sie beten. Ach, mein Herr, verzeihen Sie mir.« „Ja, ich verzeihe Ihnen— doch halt; was ſoll ich Ih⸗ nen denn verzeihen?“ „Was Sie mir verzeihen ſollen? Daß ich Ihren Werth nicht ſogleich in ſeinem ganzen Umfange erkannt habe. Sie ſind der rechte Mann für meine Schweſter. Sie liebt zu ge⸗ horchen— und Sie ſind geboren, um zu befehlen. Uebrigens denkt ſie auch niemals an ſich ſelbſt. Jeder andere Mann als Sie würde ihre Gutmüthigkeit mißbrauchen, aber Sie ſind zu großmüthig, um dies zu thun. Ferner ſtehen Sie bei ihr in der höchſten Achtung.“ 181 „Mit einem Worte Sie ſind ihr Bevollmächtigter und Sie ſagen ja, nicht wahr?“ „Warum ſollte ich nein ſagen? Sie werden einander mit der Zeit glücklich machen— Sie ſind beide ſo gut. Jeder andere Mann als Sie würde ſie von meiner Seite reißen aber Sie ſind zu gerecht, zu gütig, um ſo etwas zu thun. Der Himmel wird Sie belohnen. Rein, ich will es thun. Ich will Ihnen Joſe⸗ phinen geben; ach, mein theurer Schwager, ich gebe Ihnen damit das Koſtbarſte, was ich auf der Welt habe.“ „Ich danke Ihnen. Alſo das wäre abgemacht. Hm, nein, noch nicht ganz. Ich vergaß, daß ich Ihnen etwas vor⸗ zuleſen habe— einen anonhmen Brief. Ich bekam ihn dieſen Morgen— es ſteht darin, Ihre Schweſter hätte einen Ge⸗ liebten— leſen Sie ſelbſt.“ Der Inhalt des Briefes war folgender: Ein Freund⸗ welcher die häufigen Beſuche des Commandanten in Beaure⸗ paire bemerkt hatte, ſchrieb ihm, um ihn vor Hinterliſt zuwar⸗ nen. Ohne Zweifel ſtünde dem neuen Beſitzer von Beaure⸗ paire die Wahl von beiden jungen Damen frei. Beide aber hätten bereits einen Geliebten, und obſchon dieſe Anbeter Be⸗ fehl hätten, ſich entfernt zu halten, bis der Commandant an⸗ gebiſſen hätte, ſo könne er doch überzeugt ſeyn, daß wenn er eine oder die andere von den jungen Damen heirathete, der Anbeter bald darauf zum Vorſchein kommen, vielleicht bei der Hochzeit zugegen ſeyn würde. Es war mit einem Worte einer jener vergifteten Pfeile, die ein gemeiner rachſüchtiger Feigling abzuſchließen pflegt. Es war der erſte anonyme Brief, den Laura jemals ge⸗ ſehen. Sie kam darüber von Sinnen. Raynal that es leid, daß er ihn ihr gezeigt. 182 Sie ward abwechſelnd roth und blaß und der Athem verſagte ihr. „O, warum bin ich nicht ein Mann? Warum trage ich nicht einen Degen? Ich würde ihn dieſem feigen Schurken durch's Herz ſtoßen, dieſem Teufel, denn nur ein Teufel kann einen Engel, wie meine Joſephine, verleumden! O, ſie wird niemals ſich mit Ihnen vermälen, wenn ſie dieſen Brief ſieht.« »Dann zeigen Sie ihr ihn ja nicht etwa und nehmen Sie ſich die Sache doch nicht ſo zu Herzen. Das Wort eines Die⸗ bes, welcher ſelbſt geſteht, daß ſeine Geſchichte ein Ding iſt, welches er nicht mit ſeinem Namen zu unterzeichnen wagt, gilt in meinen Augen nichts— auf alle Fälle werde ich nicht ſein Wort gegen das Ihre in die Wagſchale legen. Deshalb aber ſtelle ich eben die Frage an Sie. Ich bin ein ehrlicher Mann, aber kein complaiſanter. Ich würde nicht ein ſo unbe⸗ ſorgter Ehemann ſehn, wie viele, welche ich kennen gelernt. Ich würde meinen Honig nicht von Weſpen umſummen laſ⸗ ſen. Wenn mein Weib einen Anbeter hätte, ſo würde ich ihr keine Vorleſung halten— was könnte das auch nützen? Ich würde ihn auf der Stelle umbringen. Nähme ſie dann einen andern, ſo würde ich ihn dem erſten nachſenden, und ſo im⸗ mer weiter, bis einer mich umbrächte.“ „Und das wäre den Elenden ganz recht.« „Ja, aber auch um meiner ſelbſt willen mag ich keine F au heirathen, die einen andern Mann liebt. Alſo ſagen Sie mir die reine Wahrheit.« „Mein Herr, dieſer Brief iſt eine niederträchtige Ver⸗ leumdung. Ich habe keinen Geliebten. Ich habe einen jungen Narren, der zuweilen hierher kommt und mich neckt, aber das iſt kein Geheimniß. Er iſt nicht hier.« »Aber warum?“ 1 183 „Weil er auf dem Krankenbette liegt, der arme junge Mann!* „Und Ihre Schweſter?“ „Meine Schweſter? Fragen Sie meine Mutter, ob ſie einen Liebhaber hat.“ „Wozu ſoll ich Ihre Mutter fragen? Ich frage Sie. Sie könnte keinen Geliebten haben, ohne daß Sie es wüßten.« „Das ſollte ich auch meinen. Wohlan, mein Herr, ich habe ſie ſeit drei Jahren außer mit Herrn Riviere mit keinem jungen Manne auch nur drei Worte ſprechen ſehen. „Das iſt genug,entgegnete er und riß den Brief ruhig in tauſend Stücke. Laura ſah nun, daß ſie ein wenig aufrichtiger ſeyn könnte und fuhr fort: „Verſtehen Sie mich wohl, ich kann nicht von dem ſpre⸗ chen, was geſchehen iſt, als ich noch Kind war, wenn ſie aber jemals ein derartiges Verhältniß gehabt hat, ſo hat ſie es wenigſtens nicht weiter verfolgt, denn ſonſt hätte ich den Ge⸗ genſtand im Laufe der Jahre doch zu ſehen bekommen müſſen.* „O, was flüchtige Liebeleien betrifſt, ſo ſpreche ich nicht davon. Ein liebenswürdiges Mädchen wächſt nicht auf, ohne daß Einer oder der Andere ihr einigen Unſinn ins Ohr flü⸗ ſterte Ich ſelbſt ürde oft auf dieſe Weiſe geliebelt haben⸗ aber ich hatte niemals die Zeit dazu. General Bonaparte läßt einem wohl Zeit zum Eſſen und Trinken, aber nicht zum Schla⸗ fen oder Liebeln, und das erinnert mich daran, daß ich noch einen tüchtigen Weg zurückzulegen habe. Somit leben Sie wohl, Schwägerin, nicht wahr?“ „Ja, leben Sie wohl, Schwager.* Als Laura allein war, ſtiegen einige bange Ahnungen in ihr auf. Sie hatte ſich nicht ganz unzweideutig gegen einen 184 Mann ausgeſprochen, deſſen biederes, aufrichtiges Gemüth ihn hätte ſchützen ſollen. Aber ein Feind hatte Joſephinen an⸗ geklagt, und es war daher für Laura ganz natürlich, doß ſie ihre Schweſter zu vertheidigen ſuchte. „Glaubte er denn wirklich, daß ich meine eigene Schwe⸗ ſter bloßſtellen würde?s ſagte ſie ärgerlich bei ſich ſelbſt. War dieſer Aerger nicht eine geheime Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt? Laura hatte ſich ſchon vor dieſer lebhaften Unterredung mit Rahnal gegen die beantragte Verheirathung Joſephinens immer wenig abgeneigt gefühlt. Sein Verſprechen, ſie nicht mit nach Egypten zu nehmen, gab den Ausſchlag. Auch der anonyme Brief entzündete in ihr das Feuer des Zornes und des Widerſtandes. „Alſo,s ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„wir haben einen Feind, welcher ſich bemüht, dieſes Bündniß zu vereiteln. Unentſchloſſenheit war, wie wir wiſſen, keine Eigenſchaft dieſer jungen Dame. Sie entſchied nicht blindlings in einer ſo wichtigen Sache, aber nachdem ihre Entſcheidung einmal ge⸗ geben war verbannte ſie alle weiteren Einwendungen und Befürchtungen. Die Zeit dazu war vorüber; ſie waren ge⸗ hört worden. Sie begab ſich zu Joſephinen. „Nun, liebe Schweſter,« ſagte Joſephine,„haſt Du ihn fortgeſchickt?“ „Nein.“ Joſephine lächelte. „Es iſt leicht zu ſagen: Sprich nein, aber es iſt nicht ſo leicht, dieſes Rein auszuſprechen, beſonders wenn man fühlt daß man ja ſagen ſollte und ouch keinen andern Wunſch hat, als Andern eine Frende zu bereiten.* 185 „So zaghaft bin ich aber nicht,« entgegnete Laura. „Ich empfinde da, wo es Dir und deinem Lebensglück gilt, ſtets einen ſtarken Wunſch. So lange ich in Zweifel war, zö⸗ gerte ich, jetzt aber zweifle ich nicht mehr. Ich habe eine lange Unterredung mit ihm gehabt. Er hat mir ſein ganzes Herz geoffenbaret. Er iſt der beſte Menſch— von Kleinlichkeit oder Gemeinheit iſt keine Spur. Und dabei iſt er ein Mann durch und durch. Ich erkenne das daran, daß er in ſeiner ganzen Art und Weiſe das Gegentheil von einem Weibe iſt, und Ihr werdet ganz ausgezeichnet zuſammenpaſſen. Ich habe entſchie⸗ den, Joſephine— keinen Zweifel mehr, liebe Schweſter; keine Thränen, keinen Streit mehr. Wir ſind Alle eines Sinnes.* „Um ſo beſſer!“ „Umarme mich, ich liebe Dich! O niemals liebt eine Schweſter die andere, wie ich Dich liebe. Ich habe dein Glück begründet.* „Denke nicht añ mein Glück, denke blos an unſere Mut⸗ ter, denke an—* „Dein Glück geht vor allem Andern. Es wird kom⸗ men, vielleicht nicht ſogleich, aber es wird kommen. Alſo in viel⸗ leicht vierzehn Tagen vermälſt Du Dich mit Herrn 6 „Du haſt es alſo abgemacht?“ „Ja.* „Wie— ſchließlich?“ „Ja. „Aber weißt Du auch gewiß, daß ich ihn ſo glücklich machen kann, wie er verdient?“ „Ganz gewiß.* „Ich glaube es auch, dennoch— „Es iſt abgemacht, Theure,« 8 Laura beſchwich⸗ tigend. Wer lieben will. II. 13 186 „O welch ein Troſt!— welch eine Laſt haſt Du mir vom Herzen genommen!“ „Es iſt entſchieden, liebe Schweſter, und durch mich.“ „Dann bin ich beruhigt. Du biſt meine beſte Freundin. Ich werde Pflichten zu erfüllen haben. Ich werde Gutes thun können. Alle waren auch ſchon dafür, nur Du nicht.“ „Und nun bin ich mehr dafür als irgend Jemand. Es iſt abgemacht.“ „Der Himmel ſegne Dich, liebe Laura,— Du haſt deine Schweſter gerettet. D, Camill— Camill! Warum haſt Du mich verlaſſen!« Sie begann fürchterlich zu weinen und zu ſchluchzen. Laura weinte an ihrem Halſe, ſagte aber nichts. Auch ſie war ein Weib und fühlte, daß dieſe verzweifelnden Worte die Einwilligung waren, ſich einem Manne zu vermälen, den ſie achtete, aber nicht liebte. Es war der letzte verzweifelnde Schrei der Liebe, welche einen hoffnungsloſen Kampf aufgab. Und in der That waren dies die letzten Worte, die über dieſen Gegenſtand zwiſchen den Schweſtern gewechſelt wurden. Es war entſchieden. Und nun trat Jacintha ein, um zu melden, daß die Stunde des Diners nahe ſeh. Sie beeilten ſich ihre Thränen zu trocknen und ihre ro⸗ then Augen zu waſchen, damit ihre Mutter nicht ſehen möge, daß ſie geweint hatten. ** * „Nun, mein Fräulein,« ſagte Raynal zu Joſephinen, „Ihre Mutter und Ihre Schweſter willigen ein, aber was ſagen Sie denn, denn ich bewerbe mich ja um Sie und nicht um dieſe. Haben Sie den Muth, ſich einem rauhen Soldaten anzuvertrauen, wie ich bin?« * 187 „Sprich, Joſephine,« ſagte die Baronin. Denn die delicate Frage ward offen und gerade heraus in Gegenwart der drei Damen gethan. „Mein Herr,“ ſagte Joſephine ſchüchtern,»ich will eben ſo offen und frei mit der Sprache herausgehen wie Sie. Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir erzeigen.« Raynal ſah verblüfft eine der Damen nach der andern an. „Schwiegermutter, heißt das ja oder nein?« „Das Wort nein habe ich nicht gehört— hörten Sie es vielleicht?« entgegnete die Baronin. „Nein, geradezu nein hat ſie nicht geſagt.* „Dann hat Sie ja ſagen wollen.« „Dann bin ich ihr ſehr verbunden.* „Sie haben wenig Urſache dazu, mein Herr.“ „O ja, die hat er!« rief die Baronin.„Und ſomit neh⸗ men Sie mein geliebtes Kind, Sie wackerer Mann, den ich aus der ganzen Nation zu meinem Sohne gewählt haben würde.* „Auch ich habe noch nie eine alte Dame kennen gelernt, die ich, ausgenommen meine leibliche, ſo gern meine Mutter hätte nennen mögen wie Sie. „Sie haben einen einzigen Fehler— Sie können nie⸗ mals ruhig ſitzen bleiben und plaudern.“ „Daran iſt der General Bonaparte Schuld. Morgen muß ich zu ihm nach Paris.« „So bald ſchon? Heute Abend aber bleiben Sie bei uns — darauf beſtehe ich. Ich würde es übel nehmen, wenn Sie nns jetzt verlaſſen wollten.* „Nein, nein, ich werde den ganzen Abend da bleiben. Und nun möchte ich Ihnen etwas ſagen, was ich aber dieſe beiden jungen Damen nicht hören laſſen möchte, liebe Schwie⸗ germutter.« 188 „Das iſt ein Wink für Euch, meine Töchter,* ſagte die Baronin. „Und ein ziemlich deutlicher,« ſagte Laura den Kopf emporwerfend. Ueber den Gegenſtand dieſer geheimen Unterredung zwi⸗ ſchen der Baronin und Raynal verlautete nichts, die Baro⸗ nin ſchien aber dadurch in die glücklichſte und gleichzeitig liebe⸗ vollſte Gemüthsſtimmung verſetzt worden zu ſehn. „Dieſer Mann iſt ein Engel, liebe Töchter!« rief ſie, „er denkt an Alles. Ich werde von nun alle ſo geradausge⸗ hende Leute lieben, während ich früher einen förmlichen Ab⸗ ſcheu vor ihnen hatte. Du biſt ein glückliches Mädchen, Joſe⸗ phine, und ich bin eine glückliche alte Frau.« Joſephinens Antlitz verklärte ſich durch die Freude ihrer Mutter, dann drehte ſie ſich raſch herum und ſah Laura an, deren Geſicht ebenfalls von ungeheuchelter Freude ſtrahlte. „Ach!« rief Joſephine,„welch ein Troſt iſt es, daß wir Alle wieder eines Sinnes ſind!« Die Hochzeit ward auf den vierzehnten Tag feſtgeſetzt. Den nächſtfolgenden Morgen wurden die Garderoben durchwühlt. Die ſeidenen Muſſelin⸗ und Spitzenkleider ihrer glücklichen Tage wurden hervorgeſucht und über jedes dieſer Kunſtwerke ernſte Discuſſionen gehalten. Laura war thätig und geſchäftig. Die Baronin warf das Gewicht ihres Urtheils und ihrer Erfahrung in die Wagſchale. Joſephine lächelte, ſo oft Laura oder die Baronin ſie anſahen. So glitten die friedlichen Tage vorüber, und ſo ließ Jo⸗ ſephine ſich von der Strömung dem Hafen der Ehe entgegen⸗ tragen. Ende des zweiten Theiles. Druck und Papier von Levp. Sommer in Wien. 6 4*——————— 8 ſſſſiſſſ 6 S 8 9 10 11 12 13 ſ 14 1 ſſſſim 8 16 17