an 1 r ararr „ Leihbibliothek von Eduard in Gießen. 5 Täglicher Leſepreis für ein dutſches Buch 1 Kr. en Das Abonnement beträgt: für wöchentlich ücher: 4 Bücher: 2 Bücher: i Monat 3 fl. 30 Kr. 2 1 Kr. 1 36— Snhandhutt—— S htatutpßhtatatutututanata S ℳ Gegn das Ende des letztvergangenen Jahrhunderts wohnte der Baron von Beaurepaire auf ſeinem in der Bretagne ge⸗ legenen Schloſſe dieſes Namens. Seine Familie war unge⸗ hener alt. Sieben Barone hatten ſchon nach einander auf dieſem Punkte Frankreichs florirt, als ein jüngerer Sohn des Hauſes ſeinen Nachbar, den Herzog der Normandie, auf ſei⸗ nem Einfalle in England begleitete und durch Verleihung eines Stückes Land belohnt ward, auf dem er ſofort einen Gra⸗ ben grub und ein Schloß baute, welches er ebenfalls Beaure⸗ paire nannte. Die würdigen Eingebornen verſtümmelten die⸗ ſen Namen ohne Zögern in„Borreper.* Seit dieſem Tage hatten mehr als zwanzig Barone der⸗ ſelben Abkunft nach der Reihe das Stammſchloß mit den dazu gehörigen Ländereien beſeſſen und es auf den gegenwärtigen Herrn vererbt. So in ſeiner heimiſchen Bretagne wurzelnd, war Henri Lionel Marie St. Quentin von Beaurepaire ſo glücklich, wie irgend ein Menſch geprieſen werden kann, ehe er ſtirbt. Er beſaß Geſundheit, hohen Rang, ein gutes Einkommen, ein ſchönes Gut, ein ſtattliches Haus, ein liebendes Weib und zwei liebenswürdige junge Töchter, die mit inniger Liebe S Verehrung an ihm hingen. Wer lieben will. I. Zwei Monate lang jedes Jahr beſuchte er die Vorſtadt St. Germain und den Hof. In beiden Regionen kannte jeder Edelmann und jeder Lakei ſeinen Namen und ſein Geſicht. Seine Wiederankunft in der Bretagne nach dieſer kurzen Abwe⸗ ſenheit ward allemal durch ein ländliches Feſt gefeiert. Vor allen Dingen aber beſaß Herr von Beaurepaire den höchſten aller Schätze— die Zufriedenheit. Er wird nicht von geheimen Wünſchen gefoltert. Der Ehrgeiz hatte für ihn nichts Verlockendes. Warum ſollte er lange Reden anhören, un⸗ würdigen Perſonen den Hof machen und ſich zu Intriguen er⸗ niedrigen, um einen ſo unſicheren und zweideutigen Preis wie ein Staatsamt iſt, zu erringen, während er ohne Mühe und ohne Verluſt an Selbſtachtung der Baron vou Beaurepaire ſehn konnte? Auch der geſellige Ehrgeiz hatte für ihn nicht viel Ver⸗ führeriſches. Mochten Emporkömmlinge beim Scheine von zweitauſend Lampen und Kerzen ihre Bälle geben und ihr Vermögen vergeuden, um ſich in der faſhionablen Welt her⸗ vorzuthun— er hatte durch ſolche Thorheit nichts zu gewin⸗ nen und durch ein beſcheidenes eingezogenes Leben nichts zu verlieren, denn er war der neunundzwanzigſte Baron von Beaurepaire. So klug, ſo ſtolz, ſo wenig eitel, ſo ſtark an Geſund⸗ heit, Reichthum und Ehren ſtand er da, daß man hätte mei⸗ nen ſollen, nur ein Erdbeben könne dieſen Mann und ſein Haus erſchüttern. Und dennoch wurden beide erſchüttert, ob⸗ ſchon ſie ſeit Jahrhunderten in dem Boden wurzelten. Das Erdbeben war aber auch kein gewöhnliches. Seit Jahren hatte Frankreich ſchweigend zwei ſchwere Bürden getragen— eine egoiſtiſche, corrupte Monarchie und eine zahlreiche, bevorrechtete, träge und drückende Ariſto⸗ Hauptbeſitzer des Bodens iſt, behandelt ward wie ein ruſſi⸗ 3 kratie, von welcher der Bauer, obſchon er in Frankreich der ſcher Leibeigener. Die Geſchichte der franzöſiſchen Revolution iſt allbekannt. Wir wiſſen wie jener ſchwache König weder Weib noch Mann war— wie er weder mit Huld zu gewähren, noch mit Ge⸗ walt zu widerſtehen wußte. Wir wiſſen wie ſein Haupt in einem Augenblicke fiel, wo es ungereimt war zu behaupten, daß die Freiheiten der Nation durch dieſe arme unthätige Rull gefährdet ſeyen. Wir wiſſen, wie die Hefe der Nation oben aufkam, und ſich für»das Volk« ausgab. Wir wiſſen wie Geſetz, Religion, geſunder Menſchenverſtand und Humanität ihr Antlitz verhüllten, wie das Blut der Unſchuldigen von den Schaffoten herabſtrömte und wie nur der Schrecken regierte. Frankreich ward von wilden Beſtien zerfleiſcht, und war dem Tode nahe, als der Himmel einen Mann ſendete, wel⸗ cher die wilden Beſtien hinwegſcheuchte, das niedergeworfene Land mit ſtarker Hand emporrichtete und ihm wieder Geltung verſchaffte unter den Rationen. Che aber dieſer Held kam, verzweifelte mancher ehrliche Mann und guter Franzoſe an Frankreichs Rettung. Zu dieſen Zweiflern gehörte auch Herr von Beaure⸗ paire. Dieſe Republicaner— die Mörder von Königen, Frauen und Kindern— waren in ſeinen Augen die entſetzlichſten Un⸗ geheuer, unter deren Gewalt die Menſchheit jemals geſeufzt Er legte, als der König hingerichtet war, Trauerklei und empfing keine Beſuche. Er brütete in ſeinem Schl ſchrieb und empfing Briefe, und dieſe Briefe kamen und gen alle auf Privatwegen. Er fällte große Maſſen Ba 4 auf. Dann erlauerte er die Gelegenheit und verſchwand unter dem Vorwande einer Reiſe auf einmal aus dem Schloſſe. Drei Monate ſpäter kam ein beſtaubter Reiter in den Hof des Schloſſes Beaurepaire geſprengt und verlangte die Baronin zu ſprechen. Mit geſenkten Blicken überreichte er ihr einen Brief. Dieſer enthielt einige wenige traurige Worte von Herrn von Larochejacquelin. Der Baron hatte vor wenigen Tagen in der Vendée im Kampfe für das i König⸗ thum ſeinen Tod gefunden. Von dieſer Stunde an bis zu ihrem Tode trug die Ba⸗ ronin Trauerkleidung. Die Trauernde wäre verhaftet und vielleicht guillotinirt worden, wenn ſich ihrer nicht ein Freund angenommen hätte, von welchem die Familie am allerwenigſten wirkſame Hilfe er⸗ wartete. Doctor St. Aubin hatte ſeit zwanzig Jahren in dem Schloſſe gelebt. Er war ein Mann der Wiſſenſchaft und das Geld hatte für ihn keinen Werth. Deshalb gab er ſeine ärzt⸗ liche Prafis auf und verfolgte ſeine Forſchungen und Studien mit Muße unter dem Dache des Barons. Alle liebten ihn und lachten in den Tagen des Glückes über ſeine Sonderbarkeiten und Zerſtreutheit, und jetzt auf einmal, in der gewaltigen Krifis, ward der Schützling zum Erſtaunen Aller und zu ſei⸗ nem eigenen der Beſchützer. Der liebenswürdige Theoretiker war einer der älteſten Republicaner in Europa— nemlich mit dem Munde. Es iſt d weniger zu verwundern, als in der Theorie die Re⸗ allerdings die vollkommenſte Regierungsform iſt. Nur Praxis wird ſie in den meiſten Fällen unmöglich. Doctor St. Aubin hatte ſeit Jahren über ſpeculativen anismus geredet und geſchrieben. Die zeitweilige ——— —— entfernt hatten, blieb blos noch eine gewiſſe Jacinth 5 Staatsbehörde hielt ihn daher auch wirklich für einen Repu⸗ blicaner und fragte bei ihm an, ob die Baronin die politiſche Geſinnung ihres Mannes theile. Er antwortete keck, dies ſeh nicht der Fall und ſetzte hinzu:„Sie iſt meine Schülerin.« Auf dieſe Verſicherung hin begnügte man ſich, von der Herr⸗ ſchaft Beaurepaire eine bedeutende Summe als Contribution und Strafe zu erheben. Damals waren Aſſignaten an der Tagesordnung. Gutes Papier— ein weltbekannter Feigling— hatte ſich Flügel gemacht und war ins Ausland geflohen und die klingende Münze verkroch ſich in eiſerne Kaſten wie ein geſcheuchtes Ka⸗ ninchen in ſeine Höhle. Die Geldſtrafe ward bezahlt es mußten aber ſchwere Hy⸗ potheken auf die Beſitzung aufgenommen und hoch verzinſt werden. Nicht ſobald war dies Geſchäft geordnet, als es ſich herausſtellte, daß der Baron kurz vor ſeinem Tode bedeutende Schulden gemacht hatte, wofür ebenfalls mit ſeiner Hinter⸗ laſſenſchaft gehaftet werden mußte. S Die Baronin verkaufte ihren Wagen und ihre Pferde und ſchickte ſich mit ihren Töchtern an, ſich bis auf die noth⸗ wendigſten Lebensbedürfniſſe einzuſchränken, um wo möglich auf dieſe Weiſe ihre Schulden zu bezahlen. Nun blieben Alle weg, die ſonſt ſehr gern auf dem gaſt⸗ lichen Schloſſe verkehrt hatten. Die ſogenannten Freunde wa⸗ ren wie verſchwunden und die arme Witwe und ihre Tö hie lernten nun die Riedrigkeit und Unbeſtändigkeit der gewöhnlichen Schlages kennen. Als die übrigen Diener ihren Lohn eingeſtrichen u und bat um die Erlaubniß, mit der Baronin ſprechen zu dürfen. »Was wünſcheſt Du von mir, mein Kind?« fragte die Baronin mit einem Gemiſch von Ueberraſchung und Neugier. .»Verzeihen Sie, Frau Baronin,« begann Jacintha, »wie aber könnte ich Sie und Mademoiſelle Joſephinen und Mademoiſelle Laura verlaſſen? Bedenken Sie, ich bin in Beaurepaire geboren, meine Mutter ſtarb hier in dieſem Schloſſe, mein Vater ſtarb im Dorfe, aber er bekam ſein Eſſen jeden Tag von dem Tiſche des Herrn Barons und ſein milie Beaurepaire ſegnete. Fräulein Laura, legen Sie doch ein gutes Wort für mich ein. Ach, Sie weinen! Sie ſehen alſo ſelbſt ein, daß ich nicht gehen kann. In der That, Frau Baronin, ich kann nicht gehen. Die Andern ſind fortgegan⸗ gen, weil jetzt kein Reichthum und kein Wohlſtand mehr hier herrſcht. Ich aber frage nicht darnach, ſondern will bleiben, bis die Sonne wieder auf das alte Schloß herniederſcheint und dann ſollen Sie mich fortſchicken, wenn Sie mich einmal nicht mehr haben mögen, aber nur nicht jetzt— nur nicht jetzt!⸗ Und das warmfühlende Mädchen begann zu weinen und zu ſchluchzen. »Liebes Kind,« ſagte die Baronin,„dieſe Geſinnungen machen Dir Ehre und rühren mich. Entferne Dich aber jetzt auf einige Augenblicke, damit ich mich mit meinen Töchtern 2 Die Berathung der Baronin beſtand darin, daß ſie ihre ffnete und ihre Töchter ihr beide zugleich um den Hals Feuerholz aus Ihrem Walde, und ſtarb, indem er die Fa⸗ — 7 »Meine Kinder, es gibt alſo doch Menſchen, die Euch lieben.* »Nein, nicht uns— Dich, Mama! Du biſt es, die wir Alle lieben. Drei Frauen waren jetzt die einzigen Säulen, ein Mann der Wiſſenſchaft und eine Dienerin die äußeren Stützen, die Strebepfeiler des großen alten Hauſes Beaurepaire. So wie ein Monat nach dem andern verging, gewann Laura Aglae Roſa von Beaurepaire trotz Unglück und Armuth ihre natürliche Heiterkeit allmälig wieder— ſo viel vermag Jugend im Bunde mit Geſundheit und angebornem Frohſinn. Ihre ältere Schweſter dagegen trug einen Kummer in ſich, der nur ſie allein anging. Capitän Dujardin, ein wackerer junger Offizier von guter Herkunft und ſein eigener Herr, hatte ihr mit Zuſtim⸗ mung ihrer Eltern den Hof gemacht, und ſelbſt als der Baron den Soldaten der Republik mit mißtrauiſchen Blicken zu be⸗ trachten begann, wollte der junge Dujardin, obſchon er zu ſtols war, um ſich der Ironie und den verächtlichen Blicken des Barons auszuſetzen, ſeine Liebe nicht ſeinem verletzten Stolze opfern. Er kam nicht mehr auf das Schloß wartete aber ſtundenlang auf dem Wege nach der kleinen Capelle im Park, um vielleicht ein flüchtiges Wort oder auch nur einen freundlichen Blick mit Joſep inen wechſeln zu können. Eine ſolche Anhänglichkeit eroberte allmälig ein Herz welches ſie ſchon in glücklichen Zeiten halb geneigt geweſen, ihm zu ſchenken, und als er ſie verließ, weil die Pflicht ihn zu fernen, mit nicht gewöhnlichen Gefahren verknüpften Dienſtleiſtungen hinwegrief, da vermochte ihre weibliche Zu⸗ rückhaltung nicht länger zu widerſtehen und ſie geſtand ihm 8 zum erſten Male, daß ſie ihn mehr liebe, als irgend etwas in der Welt— Pflicht und Ehre ausgenommen. Sie ſchieden tief bekümmert, aber dennoch mit hoff⸗ nungsvollem Herzen. Nach Art der Frauen tröſtete ſie ihn, während noch ihre eigenen Thränen floſſen. »Sey klug um meinet⸗ wenn auch nicht um deinetwil⸗ len. Möge Gott Dich in ſeinen Schutz nehmen! Deine Gefahr iſt unſere einzige Furcht, denn wir ſind eine Familie, die in vollkommener Eintracht lebt. Mein Vater wird meiner Nei⸗ gung niemals Gewalt anthun, dieſe unglücklichen Meinungs⸗ verſchiedenheiten werden hoffentlich bald ein Ende nehmen, und dann wird er Dich wieder lieben. Ich ſage nicht: Bleibe mir treu. Ich will weder mir noch Dir durch einen Zweifel Unrecht thun; verſprich mir aber, dein Leben nicht leichtſinnig auf's Spiel zu ſetzen. O, Camill! Camill!« Er verſprach ihr was ſie von ihm begehrte und e ge⸗ lobten ſich zum Abſchied nochmals Liebe und Treue. Briefe aus dem Feldlager, welche eine faſt an Anbe⸗ tung grenzende Hingebung athmeten, nährten Joſephinens Neigung, und mehr als einmal machte die öffentliche Erwäh⸗ nung ſeines Namens und ſeiner Dienſte ſie ſtolz auf den mu⸗ thigen jungen Soldaten, deſſen Herz ihr gehörte. Noch war die Zeit nicht gekommen, wo ſie ihren Eltern ihr ganzes Herz öffnen konnte. Der Baron war jetzt mit dem Schickſale des Staates viel beſchäftigt, als daß ſie — hätte wagen können, ihn durch ihre Liebesangelegenheiten zu behelligen. Die Baronin betrachtete, wie viele Mütter, ihre Tochter noch als ein Kind, obſchon ſie zwanzig Jahre alt war. Sie gehörte noch der alten Schule an. Eine leidenſchaftliche Liebe in dem Herzen einer Dame vor der Ehe war nach ihrer An⸗ „ 4 —— — — —— ——— , 9 ſicht der Etikette zuwider und deshalb unangemeſſen— ein Begriff, in welchem für ſie zugleich der Begriff des Unmög⸗ lichen lag. Ihre Schweſter liebte Joſephine ſehr zärtlich, aber Laura war drei Jahre jünger als ſie und ſie vermied es mit beſcheide⸗ nem Zartſinn, ihr Gefühle anzuvertrauen„deren bloße Erwähnung das weibliche Herz über die Jahre der Kindheit hinaushebt. Deshalb verſchloß Joſephine ihr Herz und die wonnige erſte Liebe ſchmiegte ſich tief in ihr innerſtes Weſen hinein und durchſchauerte ihre geheimſten Adern und Fibern. Leider kam die Zeit, wo dieſes liebende aber ſtolze Gemüth dem Himmel dankte, daß es die Tiefe ſeiner Anhänglichkeit an Camill Dujardin niemals öffentlich bekannt hatte. Sie hatten einander ſeit nunmehr zwei Jahren nicht ge⸗ ſehen, und er war ſeit ungefähr einem Monate zur Phrenäen⸗ armee verſetzt worden, als plötzlich alle Correſpondenz von ſeiner Seite aufhörte. Ihre raſtloſe Unruhe verwandelte ſich in Angſt, als die⸗ ſes Schweigen andauerte, und ſtündlich erwartete Joſephine die Nachricht vom Tode des Geliebten zu erhalten. Monate gingen ſchweigend vorüber. Dann ſtellte ſich eine neue Qual ein. Da er nicht todt war, ſo mußte er untreu ſeyn. und bei dieſem Gedanken er⸗ wachte der ganze Stolz ihres Geſchlechtes. Der Kampf zwiſchen Liebe und Entrüſtung war faſt zu heftig für ihr ſonſt ſo weiches Gemüth. Launenhaft, bald heiter, bald ſchwermüthig, gab ſie ſowohl ihrer Mutter als auch dem guten Doctor St. Aubin Stoff zu Unruhe und Beſorgniß. Letzterer war, glaube ich, von der Wahrheit nicht ganz ſo ununterrichtet, als es ſchien, doch verordnete er einfach weiter nichts als Veränderung der Luft und des Aufenthaltes. Er rieth ihr, das ungefähr fünf Stunden weit entfernte Seebad Frejus zu beſuchen. Joſephine war damit einverſtanden— ihr war jeder Ort recht. In dieſer ſelben Nacht, nachdem Alles ſich zur Ruhe begeben hatte, ward leiſe an ihre Thür gepocht und unmittel⸗ bar darauf trat Laura in das Zimmer. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſetzte ſie ihr Licht nieder, kam auf ZJoſephinen zu, ſchaute ihr einen Augenblick lang in's Geſicht und ſchlang dann ihre Arme um den Hals der Schweſter. Joſephine erſchrak ein wenig, denn ſie ahnte, daß etwas im Anzuge ſeh. Laura hielt ſie immer noch feſt umſchloſſen. »Was fehlt Dir, liebes Kind?« „Ich bin kein Kind. Darin liegt eben dein Irrthum. Meine Schweſter, warum liebſt Du mich nicht mehr?« „Ich liebte Dich nicht mehr?6 „Nein! Denen, welche wir lieben, verſchließen wir nicht unſer Herz. Wir verſuchen es nicht einmal, denn wir wiſſen, daß es vergeblich ſeyn würde.« Joſephine ſeußzte und entgegnete: »Unſere Familie hat ſchon wirkliche Leiden genug zu tragen. Kommt es mir wohl zu, dieſelben noch durch meinen vielleicht nur eingebildeten Kummer zu vermehren? O meine Schweſter, wenn Du meine Thorheit wirklich entdeckt haſt, ſo ſtelle mich nicht blos zur Rede, ſondern hilf mir lieber etwas verhehlen und unterdrücken, was mich vor Dir erröthen macht, obſchon ich älter bin als Du.« Und die ſtolze Schöne neigte ihre weiße Stirne auf den 11. Sims des Camines und wendete ſich ſanft von ihrer Schwe⸗ ſter hinweg. „Joſephine,« ſagte Laura,„ich bin allerdings noch jung, aber ſchon fühle ich, daß alle Leiden leichter ſind im. Vergleich mit denen des Herzens. Warum aber ſollen wir nicht jedes Leid, das uns trifft, gemeinſchaftlich tragen und einander tröſten? Nur Du biſt die Geizige und mißgönnſt mir mein Recht— meinen Antheil an allen deinen Freuden und allen deinen Kümmerniſſen. Weißt Du aber auch, daß Du in dieſem Schloſſe die einzige Perſon biſt, die mich nicht liebt?« »Ach Laura, was ſagſt Du da! Meine Liebe iſt älter als die deine.« „Nein! nein!* „Ja wohl! deine Joſephine liebte Dich von der Stunde an, wo Du geboren warſt, und hat Dich ſeitdem geliebt, ohne auch nur einen Augenblick lang zu erkalten.« »Ach, meine Schweſter, wenn dem ſo iſt, warum willſt Du mir dann nicht dein Herz offenbaren? Sage mir Alles.« „Ja— morgen.« »Wenigſtens ſchenke mir deine Thränen, Du ſiehſt, daß ich für meinen Theil damit nicht geize.« »Thränen— ach!“ »Na, beruhige Dich nur. Siehe, ich laß Dich los. Du wirſt finden, daß ich vernünftig, ja ſogar nachſichtig bin— beruhige Dich— faſſe Dich, oder vielmehr ſiehe, was ich thue, denn Du biſt dabei intereſſirt.« »Wie mir ſcheint, beabſichtigſt Du, mit in meinem Bett zu ſchlafen.« »Wäre Dir dies unangenehm?« »Nein, im Gegentheil.« 12 „Nun gut!« rief Laura, indem ſie in die weißen Wo⸗ gen hineinſank, wie eine Schneeflocke in das Waſſer.„Ich erwarte Dich.« Joſephine ſah wie die liebende Schweſter durch ihre Thränen ſchalkhaft hindurchlächelte. Sie drückte ſie zärtlich an ihr bekümmertes Herz und ſah zu, wie die hellen Augen ſich endlich ſchloſſen, die Korallenlippen ſich cheilten und die Perlenzähne im halbkindiſchen Schlafe ſichtbar wurden. Am nächſten Morgen fühlte Laura beim Erwachen, daß etwas ihre Wange berührte. Sie hielt die Augen geſchloſſen und Joſephine, welche glaubte, die Schweſter läge noch in feſtem Schlafe, begann ſie zu küſſen, aber nur wie der Süd⸗ wind die Veilchen küßt, und flüſterte:„Kleiner Engel!« und betrachtete ſie mit dankbarem, liebendem Blick. Der kleine Engel, der auch zugleich ein kleiner Schalk war, lag ſtill und that als ob er ſchliefe, denn er fühlte, daß er Zutritt gewann in dem innerſten Herzen der Schweſter. Von dieſem Tage an waren ſie Vertraute und Freun⸗ dinnen und hatten nie einen Gedanken oder ein Gefühl, wel⸗ ches ſie nicht mit einander getheilt hätten. Joſephine fand bald, daß ſie nur ſehr wenige Thatſa⸗ chen zu offenbaren hatte. Laura hatte ſie ſchon ſeit Monaten genau und ſcharf beobachtet. Ihr Vertrauen war es, was die jüngere Schweſter verlangte, nicht ihr Geheimniß, denn dieſes kannte ſie bereits. Von dem ſtillen, nagenden Kummer aber, an welchem Joſephine bis jetzt gelitten, ward ſie durch Laura erlöſt. Sie konnte nun iedem Gefühl, welches in ihr aufſtieg, Luft ma⸗ chen— ihrem Gram, ihrem Zweifel, ihrer Entrüſtung, ihrem Stolz und jener allgewaltigen Liebe, welche zu gewiſſen Zei⸗ ten alles Andere in den Hintergrund drängte. Sie brauchte — 13 nun nicht mehr dieſe mächtigen Gegner in ihre Bruſt zu ver⸗ ſchließen und ſie in dieſer ihren tobenden Kampf führen zu laſſen. Die Schweſtern kehrten von Frejus nach Beaurepaire zurück und auf Joſephinens Wangen glänzte wieder zartes Roth anſtatt der tödtlichen Bläſſe, welche den guten St. Aubin ſo beunruhigt hatte. Sie war nicht mehr launenhaft und reizbar, ſondern eine ſanfte gedankenvolle Stimmung be⸗ feſtigte ſich in ihr und verlieh ihr die Miene und Haltung einer Göttin der Geduld. Sie war unausſprechlich liebens⸗ würdig. Eines Tages ſagte Laura, nachdem ſie ihre Blicke lange auf ſie geheftet: »Ich fürchte, Schweſter, ich werde jenen Wahnſinnigen niemals ſo haſſen lernen wie ich ſollte. Wenn ich an ſein Ver⸗ halten denke, denn allerdings könnte mich faſt die Luſt an⸗ wandeln, ihn in's Geſicht zu ſchlagens— und ſie biß die Perlenzähne zuſammen und machte aus ihrer Hand einen unregelmäßigen kleinen Schneeball.„Wenn ich aber Dich anſehe, dann kann ich dieſen Verblendeten nur bemitleiden. welcher—* »O meine Schweſter« unterbrach ſie Joſephine in bit⸗ tendem Tone,„laß uns nicht Jemand herabwürdigen, den wir einmal durch unſere Achtung geehrt haben— nicht um ſeinet⸗ ſondern um unſertwillen,« ſetzte ſie ſchnell hinzu, indem ſie es vermied Laura ins Geſicht zu ſehen. „Vergib mir meine Heftigkeit. Ich wollte Dir blos ſa⸗ gen, daß ich mehr Mitleid als Zorn gegen ihn empfinde. Will er denn vielleicht ein Mönch werden und der Liebe entſagen? Wenn dies nicht der Fall iſt, ſo weiß ich nicht, womit er eigentlich umgeht. Wo kann er hoffen, ein Mädchen zu finden, — 14 welches er lieben könnte, nachdem er Dich kennen gelernt? Joſephine, je mehr ich Perſonen unſeres Geſchlechtes kennen lerne, deſto mehr überzeuge ich mich, daß Du die ſchönſte junge Dame in Frankreich, folglich in Europa biſt.« Das Lächeln, welches dieſe Bemerkung auf Joſephinens Lippen hervorrief, war ein ſehr mattes. »Wenn dem wirklich ſo wäre,« entgegnete ſie,„ſo hätte ich jedenfalls wenigſtens ein Herz zu feſſeln vermocht.« „Haſt Du denn deinen Lafontaine vergeſſen?“ „Was willſt Du damit ſagen?« »Frinnerſt Du Dich nicht mehr der Fabel von dem Hahn, welcher eine Perle fand und dieſelbe verſchmähte? Und warum? Nicht weil Perlen weniger werth wären als Gerſten⸗ körner, ſondern weil er ſie nicht zu ſchätzen wußte. Deshalb bemitleide ich dieſen Mann, welcher in der Liebe eines Engels hätte ſchwelgen können und ſich derſelben auf ewig verluſtig gemacht hat. Doch Du ſeußzeſt. „Vergib mir.« „Ich ſoll Dir vergeben? daß Du ſeufzeſt? Dann muß ich wirklich ſehr tyranniſch ſeyn.« Eines Tages trat Laura in das Zimmer, wo die Baro⸗ nin, Doctor St. Aubin und Joſephine beiſammenſaßen. Sie nahm unbemerkt Platz. Joſephine jedoch, welche eine Minute ſpäter aufblickte, ſah ſogleich, daß etwas vorgefallen ſey. Laura war, wie ſie bemerkte, trotz ihrer erzwungenen Ruhe in großer Aufregung. Ihre Augen begegneten ſich. Laura gab ihr einen kaum be⸗ merkbaren Wink und ſtand ſodann ſofort auf und verließ das Zimmer. S Joſephine wartete einige Secunden, dann erhob ſie ſich —— 15 ebenfalis, ging hinaus und fand, wie erwartet, Laura auf dem Corridor. »Meine arme Schweſter, ermanne Dich!« ſtammelte Laura leiſe. »Er iſt todt!« rief Joſephine. „»Nein, er lebt. Aber er iſt todt für uns und Frankreich, D, Joſephine, haſt Du Muth?« „Ja,« ſtammelte Joſephine, indem ſie an allen Gliedern itterte. »Du kennſt Dard, welcher aus Liebe zu Jacintha hier in der Nähe arbeitet. Seit mehren Monaten habe ich ihn beauftragt, jeden Soldaten anzureden, der das Dorf paſſirt.« »Aber davon haſt Du mir ja nie etwas geſagt!* »Hätteſt Du meinen Plan gekannt, ſo wäreſt Du in ewiger Spannung geweſen und deine Gemüthsruhe war mir theuer. Es ſollte der erſte Schritt zu deinem Glück ſeyn. Hun⸗ derte von Soldaten ſind durch das Dorf gekommen und kei⸗ ner von ihnen hat ihn auch nur dem Namen nach gekannt. Heute dagegen, Joſephine, ſind zwei gekommen, die Alles wiſſen.« »Alles— o Laura! Laura!« »Die Leute find hier. Komm, willſt Du ſie ſprechen?« »Ich kann nicht. Doch mitkommen will ich— ſprich Du mit ihnen. Ich werde hören.« Sie gingen in die Küche und hier trafen ſie zwei Dra⸗ goner, welchen Jacintha eine Flaſche Wein vorgeſetzt hatte. Sie erhoben ſich und begrüßten die Damen auf militä⸗ riſche Weiſe. „Bleibt ſitzen, Leute,« ſagte Laura,„und ſagt mir, was Ihr Dard von dem Capitän Dujardin erzählt habt.« —————————————— 16 3 „Der Capitän iſt nicht werth, daß eine ſo ſchöne junge Dame von ihm ſpricht. Er iſt ein Verräther.« „Woher wißt Ihr es?« »Marcellus, Mademoiſelle fragt, woher wir wiſſen, daß Capitän Dujardin ein Verräther iſt. Sprich!« Der auf dieſe Weiſe aufgeforderte Marcellus erzählte nun Laura nach ſeiner Weiſe, er kenne den Capitän ganz ge⸗ nau. Eines Tages ſey derſelbe aus dem Lager geritten und nicht wiedergekommen. Anfangs ſey man um ihn ſehr beſorgt ge⸗ weſen, denn man habe ihn ſehr lieb gehabt und ihn allgemein als den wackerſten und tapferſten Offizier der ganzen Diviſion 5 betrachtet. Nach einer Weile ſey dieſe Beſorgniß einem ſehr ſchlim⸗ men Verdachte gewichen, einem Verdachte, der ſich durch 6 ſeine und ſeines Cameraden eigene Erfahrung beſtätigt habe. Ungefähr nach einem Monat ſehen nemlich er, ſein Camerad und noch zwei Andere abgeſendet worden, um ein ſpaniſches Dorf zu recognoseiren. An der Thür eines kleinen Wirths⸗ hauſes hätten ſie eine franzöſiſche Uniform erblickt. Dies hätte ihre Neugier ſo ſehr erregt, daß ſie ſich näher gewagt, als klug geweſen, und ſie hätten ganz deutlich den Capitän Du⸗ jardin erkannt, welcher trinkend zwiſchen zwei Gueril'as an einem Tiſche geſeſſen. Er, der Erzähler, ſey ſogleich zurück⸗ geritten und habe es den Andern geſagt, die ſich dann eben⸗ falls überzeugt hätten, daß er recht geſehen, und hätte auch 1 Einer von ihnen noch einen Zweifel gehabt, ſo ſeh derſelbe auf ziemlich unangenehme Weiſe gehoben worden. Er, Mar⸗ cellus, habe, aufgebracht über den Anblick einer franzöſiſchen Uniform in Geſellſchaft von Spaniern, ſeinen Carabiner zur Hand genommen und ſo weit ſein etwas unruhiges Pferd es ihm geſtattet, einen wohlgezielten Schuß auf die Gruppe ab⸗ 1 ———————— 17 gefeuert, worauf wie auf einen Zauberſchlag ein halbes Schock Guerillas, der Himmel weiß woher, herbeigeſtürzt wären und eine Salve auf die Franzoſen gegeben hätten. Der die Streif⸗ partei commandirende Offizier ſey todt vom Pferde geſtürzt, Jean Jacques ſeh der Arm zerſchoſſen und ſein eigenes Pferd an zwei Stellen verwundet worden, ſo daß es in Folge des Blutverluſtes nur noch wenige Schritte vom franzöſiſchen La⸗ ger geſtürzt ſey, bis in deſſen Nähe die Banditen ſie unter fortwährendem Geheul und wiederholtem Feuern verfolgt hätten. »Indeſſen ich kam noch mit dem Leben davon,* ſchloß Marcellus, der ſich für ſeine eigene Perſon mehr intereſſirte als für den Capitän Dujardin.»Allerdings bin ich auf einige Zeit dienſtuntüchtig, jedenfalls aber nicht für immer, und bald werden wir wieder mit in den Kampf ziehen können.« „Mittlerweile,« ſetzte er hinzu, indem er beide Gläſer füllte,„wollen wir auf das Wohl aller ſchönen Damen und auf den Ruhm Frankreichs trinken— dabei zugleich auch auf den Untergang aller ſeiner Verräther, wie dieſer Capitän Dujardin, welchem der Teufel den Hals umdrehen möge.« Mitten unter dieſem Toaſt ſtieß Joſephine, welche wie angewurzelt dageſtanden, und ihre Blicke unverwandt auf den Sprechenden geheftet hatte, einen matten Schrei aus und ſchlich dann langſam und gebeugt wie eine ſechzigjährige Ma⸗ trone hinaus. Laura's erſter Impuls war, Joſephinen zu folgen, aber dadurch würde ſie die Aufmerkſamkeit Aller auf dieſe gelenkt haben. Sie beſaß daher Tact und Entſchloſſenheit genug, um zu bleiben und einige freundliche Worte mit den beiden Sol⸗ Wer lieben will. I. 2 18 daten zu ſprechen, und dann erſt entfernte 2 ſich und eilte nach Joſephinens Schlafßzimmer. Die Thür war von innen verſchloſſen „Joſephine! Joſephine!« Keine Antwort. „Ich wünſche Dich zu ſprechen. Es iſt mir Angſt um Dich. Bleib nicht allein.« Eine halberſtickte Stimme antwortete: »Ich bin nicht allein— Gott und ſeine Heiligen ſind bei mir! Laß mir nur ein wenig Zeit, um mich zu er⸗ mannen.* Laura ſank an der Thür nieder, ſetzte ſich dicht daneben und lehnte ihr Köpfchen daran und ſchluchzte bitterlich. Das gefühlvolle Mädchen fühlte ſich verletzt, daß ſie, nachdem ſie ſo viel Beweiſe von innigſter Freundſchaft und Aufopferung gegeben nicht eingelaſſen ward, dieſes egoiſtiſche Gefühl war jedoch nur ein kleiner Bruchtheil ihres Kummers und ihrer Beſorgniß. Es war eine gute halbe Stunde verfloſſen, als Joſephine bleich und ernſt, wie noch Niemand ſie bis dieſe Stunde geſe⸗ hen, plötzlich die Thür öffnete. Sie erſchrak, als ſie Laura bekümmert an der Schwelle ſitzen ſah. Ihr finſterer Blick ging in den Ausdruck zarter Liebe und innigen Mitleids über. Sie ſank auf ihre Knie nieder und drückte das Haupt ihrer Schwe⸗ ſter raſch an ihre Bruſt. „O, meine kleine Laura!« rief ſie,„haſt Du denn wäh⸗ rend dieſer ganzen Zeit hier gewartet?s »O, ols weiter konnte die kleine Laura nichts hervor⸗ bringen. und nun ſetzte Joſephine ſich nieder und nahm Laura 19 auf den Schooß und liebkoſte und tröſtete ſie und ſprach Worte der Liebe und Dankbarkeit.* Hand in Hand erhoben ſich die Schweſtern. Plötzlich faßte Laura Joſephinen bei der Hand und ſah ihr lange und unverwandt in die Augen. »Ja,« entgegnete Joſephine,„es iſt aus. Ich kann nicht verachten und zugleich lieben. Ich bin todt für ihn, eben ſo wie er todt iſt für Frankreich.« »Das hoffte ich— das dachte ich, aber ich fürchtete für Dich. Meine herrliche, edle Schweſter, ſollte ich jemals deine Achtung verlieren, ſo müßte ich ſterben. Ach, wie furchtbar und doch wie ſchön iſt dein Zorn! Um Alles in der Welt möchte ich nicht dieſer Cam—6 Joſephine legte Laura gebieteriſch die Hand auf den Mund. „Hinfort werde ich es als eine Beleidigung betrachten. wenn man mir den Namen dieſes Mannes nennt. Ich bin eine Beaurepaire und eine Tochter Frankreichs. Komm, liebe Schweſter, laß uns hinuntergehen zu unſerer Mutter.« Sie gingen hinunter und die ſtille Dulderin, die ſo ſiegreich aus dem Kampfe mit ſich ſelbſt hervorgegangen, nahm ein Buch zur Hand und las zwei lange Stunden ihrer Mutter und dem alten Doctor vor, ohne daß ihre Stimme ein ein⸗ ziges Mal wankend geworden wäre. Zu fühlen, daß das Le⸗ ben geendet iſt— zu wünſchen, daß auch die Exiſtenz enden möchte— und ſich mit dieſem durchbohrenden Gefühle hinzu⸗ ſetzen und Intereſſe an leerem Geſchwätz erheucheln, um An⸗ dern dadurch ein Vergnügen zu machen— das ſind die Hel⸗ denthaten des Weibes. nichtig und werthlos erſcheinen ſie der Welt! 20 Ein Mann würde ſich lieber auf den Puffer einer Loco⸗ motive ſetzen und damit gegen den großen Redan anſauſen. Laura ſaß neben ihrer Schweſter, ein wenig hinter ihr, und wendete ihr die Blätter um und hielt unter irgend einem Vorwand ihre Hand beinahe während des ganzen noch übri⸗ gen Tages in der ihren. Ihre zarten Fibern blieben angeſpannt wie die Sehnen eines edlen Roſſes nach einem Rennen und die feinen blauen Adern ſchimmerten durch die durchſichtige Haut, obſchon ſie ihre Stimme und ihre Augen zu bemeiſtern verſtand. So hart war der Kampf, ſo gleich an Krä ten waren ſich die Gegner, ſo ſchwer war der Sieg. Denn Zorn und Verachtung ſind mächtig. Und edles Blut in einem edlen Herzen iſt ein Held. Und die Liebe iſt ein Rieſe! II. Zu jener Zeit wurden die Provinzen Frankreichs nach einem halb militäriſchen Plan organiſirt, welchem zufolge alle Localautoritäten einer Centralgewalt untergeordnet waren. Dieſe Einrichtung hat ſich auch durch die ſpätern Revolutionen und politiſchen Veränderungen hindurch erhalten. In Zeiten der Veränderungen wird die Jugend immer geſucht, denn obſchon die Erfahrung etwas ſehr Werthvolles iſt, ſo macht doch die Gewöhnung an gewiſſe Ordnung der Dinge die Menſchen untauglich für eine andere. Eine Menge alte Pedanten wurden daher in Ruheſtand verſetzt und den Adern der Provinzialregierung dagegen Jugend und Energie ein⸗ geflößt. 21 So ward zum Beiſpiel der Bürger Eduard Rivieère, welcher ſein Examen in der Nilitärſchule ſo eben erſt auf ganz beſonders glänzende Weiſe beſtanden hatte, eines ſchönen Ta⸗ ges nach der Bretagne geſchickt, um hier unter dem Comman⸗ danten Rahnal einen ziemlich wichtigen Poſten zu bekleiden. Befangenheit iſt die gewöhnliche Begleiterin des Talents in einer neuen Lage und der junge Bürger konnte ſich, als er nach dem Hauptquartier ritt, um ſein Beglaubigungsſchreiben zu überreichen, trotz ſeines Stolzes einer gewiſſen Aengſtlichkeit nicht erwehren, um ſo mehr als ſein neuer Vorgeſetzter ein rauher, geradausgehender Soldat war, der ſich aus niederem Stande emporgearbeitet und weit mehr im Rufe eines thä⸗ tigen und rechtſchaffenen, als dem eines leutſeligen Mannes ſtand. Während der junge Bürger in ſeinen enganliegenden Beinkleidern und engliſchen Stulpenſtiefeln, ſeiner weißen Weſte und Cravate, ſeinem hervorquellenden Buſenſtreif, ſei⸗ nem kurzen blauen Rock mit flachen vergoldeten Knöpfen, ſei⸗ nem Haarzopf, ſeinem ſchönen obſchon bartloſen Geſicht mit den freundlich funkelnden Augen ſich zu dieſer wichtigen Unter⸗ redung begibt und zu errathen ſucht, was man zu ihm ſagen und was er antworten wird, wollen wir mit kurzen Worten die bisherige Lebensgeſchichte des Commandanten erzählen. Er war der Sohn einer Witwe, welche in Paris einen Materialwaarenladen hatte. Sie beſtimmte ihn ebenfalls zu einem Gewürzkrämer, er aber dürſtete nach Ruhm, lief fort⸗ während hinter den Soldaten her und ärgerte dadurch ſeine Mutter. „Soldatenſpielen in Friedenszeiten* ſagte ſie,„iſt Un⸗ ſinn und kommt mir gerade ſo vor, als wenn man auf einem Stubenteppich ſchwimmen wollte.« 4 22 Da kam der Krieg und brach ihrer Spottrede die Spitze ab. Der Knabe war ein entſchloſſener Charakter. Die Mutter gab nun ebenfalls nach, denn ſie war eine eifrige Patriotin. In den Armeen der Republik ſtieg ein guter Soldat mit beiſpielloſer Gewißheit und Schnelligkeit empor denn wenn die Soldaten niedergemähet werden wie Hafer, ſo iſt es eine gute Zeit für die, welche ſtehen bleiben. Raynal machte alle Grade durch, bis er Commandant und einer der Adjutanten des Generals ward und die Ober⸗ ſten⸗Epauletten in nicht weiter Ferne ihm entgegenſchimmer⸗ ten. Während dieſer ganzen Zeit ſchrieb Raynal häufig an ſeine Mutter und erinnerte ſie ſcherzend an ihren Ausſpruch, daß der Soldatenſtand ein elendes Handwerk ſey. Da er nur nach Ruhm, aber nicht nach Geld ſtrebte, ſo lebte er mit ſpar⸗ taniſcher Mäßigkeit und ſparte die Hälfte ſeines Soldes und ſein ganzes Beutegeld für die alte Frau in Paris. Leider mußte der glückliche Soldat von dieſer Seite her eine bittere Täuſchung erleben, denn an demſelben Tage, wo er zum Commandanten ernannt ward, traf ein Brief an ihn im Lager ein. Seine Mutter war nach kurzer Krankheit ge⸗ ſtorben. Dies war ein furchtbarer Schlag für den ſchlichten rau⸗ hen Soldaten, der niemals viel Luſt oder Zeit gehabt hatte, mit Mädchen herumzuliebeln und ſein Herz abzuſtumpfen. Geehrt und reich, aber wehmüthig und niedergeſchlagen, kam er nach Paris zurück. Bei ſeiner Ankunft in der alten bekannten Stadt ſchien dieſe ihm gar nicht mehr ſo auszuſehen wie ſonſt. Ihr An⸗ blick ſtimmte ihn noch wehmüthiger. Um ihn außzuheitern, brachte man ihm eine Menge Geld. Das Geſchäft der Witwe hatte in den letzten wenigen Jahren einen wunderbaren Auf⸗ 23 ſchwung genommen und ſie hatte ganz dasſelbe Spiel geſpielt, wie er, ſparſam gelebt undAlles für ihn geſpart. Dies ſtimmte ihn noch trauriger. „Wozu haben wir Beide nun all dieſe Spreu zuſam⸗ mengeſcharrt? Ich gäbe alle meine Erſparniſſe darum, wenn ich nur eine Stunde lang mit ihrer Hand in der meinen am Camin ſitzen und ſie ſagen hören könnte: Junge, als Du klein warſt, habe ich mich manchmal über Dich geärgert, aber ich habe es doch noch erlebt, daß ich ſtolz auf Dich ſeyn kann.* Er ſuchte die Frau auf, welche ihre Wärterin geweſen, warf ihr mehrFünffrankenſtücke in den Schooß als ſiejemals aufeinem Haufen beiſammen geſehen, bat ſeine Vorgeſetzten, ihn gleich⸗ viel auf welche Weiſe zum activen Dienſt zu verwenden, erhielt ſofort den erwähnten Poſten in der Bretagne und reiſte in dü⸗ ſterer Stimmung von Paris ab, während er zugleich den Ruf eines verſchloſſenen, gefühlloſen Menſchen zurückließ. Allerdings war dieſe einzige gefühlvolle Seite an dieſem Spartaner eine keineswegs romantiſche, wenigſtens iſt mir kein erfolgreicher Roman bekannt, der ſich um Kindesliebe drehte. Dennoch aber war dieſes Gefühl ein dauerndes, wie aus Folgendem hervorgeht. Es war einige Zeit nachdem er Paris verlaſſen und ſo viel ich mich entſinnen kann, ein paar Monate nach der erſten Unterredung, welche der junge Rivisre mit ihm gehabt, als er einmal während eines Geſprächs mit ſeinem Freunde, dem Notar Perrin, ſagte, er glaube, er werde niemals aufhö⸗ ren, den Verluſt ſeiner Mutter zu betrauern. Der Notar lächelte ungläubig, ſagte aber nichts. »Wir waren Narren, daß wir dieſes Geld zuſammen⸗ ſcharrten; ihr nützte es nichts und ich bin überzeugt, daß es auch mir nichts nützen wird.« 24 „Iſt es erlaubt, Ihnen eine fragte ſein Freund. »Sprechen Sie.« »Dieſes ſelbe Geld, welches Ihr hoher Sinn verſchmäht, könnte das Mittel werden, Ihre Wunde zu heilen. Es gibt ſchöne und kluge Damen, welche ſofort capituliren würden, wenn Sie an der Spitze Ihrer zwei- oder dreimalhunderttau⸗ ſend Franes einen ernſten Angriff auf ſie machen— hi! hil hi! Eine dieſer Damen würde durch ihre Jugend und Zunei⸗ gung mit der Zeit die Stelle der Perſon erſetzen, welcher Sie mit einer Anhänglichkeit zugethan ſind, die Ihrem Herzen ſo viel Ehre macht. Dieſe Summe würde Sie auch in den Stand ſetzen, Beſitzer eines Landgutes zu werden, und damit Ihr Geld auf eine ſehr räthliche Weiſe anzulegen, da der Grund⸗ beſitz jetzt in ganz unverhältnißmäßig niedrigem Preiſe ſteht. Wald und Waſſer würde Ihr Auge erfreuen und Ihren Kum⸗ mer durch den Anblick Ihres Reichthums in genießbarer Form beſchwichtigen.* »Halt,« rief der Commandant mit rauher Stimme, „ſagen Sie das noch einmal, aber mit halb ſo viel Worten.« Der Notar that dies. „Sie können mit Ihrem Gelde ſi Weib und ein ſchönes Landgu dann bei ſich ſelbſt hinzu: komme ich ſo viel und für mei ſo viel.« nguten Rath zu geben?« ch ein liebenswürdiges gut kaufen,« ſagte er und ſetzte »für den Heirathscontract be⸗ ne Vermittlung beim Gutskaufe Der Soldat ward von den Vorſchlägen in dieſer condenſirten Weiſe vorgetragen wor betroffen, doch konnte er ſi Hälfte befreunden. »Hab ich wohl Zeit, den Mädchen nachzulaufen?« rief ſobald ſie ihm den, nicht wenig ch vor der Hand blos mit der einen 25 er.„Aber ein Landgut will ich kaufen, weil Sie mir das be⸗ ſorgen können, ohne daß ich mir deshalb ſelbſt den Kopf zu zer⸗ brechen brauche.« „Alſo Sie ertheilen mir beſtimmten Auftrag?« fragte der Notar. »Donnerwetter! Glauben Sie denn, ich rede blos um zu reden?* Kein Menſch beſaß jemals ein reicheres Aſſortiment von Werkzeugen als Bonaparte, oder wußte beſſer, was jedes da⸗ von thun konnte und nicht thun konnte. Raynal war ein voll⸗ endeter Soldat und ward deshalb hoch geſchätzt. Bonaparte hat ihn dazu gemacht und in der Regel ſind wir unſerem eigenen Werke nicht abgeneigt. Raynal beſaß, obſchon er nicht dazu taugte, eine Divi⸗ ſion zu commandiren, doch jenes Gepräge. welches Bonaparte ihm mit ſeiner Meiſterhand unverkennbar aufgeprägt hatte, denn ein Mann von Genie erzeugt Männer von Talent du⸗ tzendweiſe. Jeder von dieſen macht eine oder die andere von den vielen großen Eigenſchaften ſeines Vorbildes zu der ſeinen und baut ſich auf derſelben empor. Ich ſehe wie die Mar⸗ ſchälle des Kaiſerreichs anfangen zu prahlen— jetzt wo alle anderen todt ſind. Wohlan, man ſecire dieſe Marſchälle, die alle Leute von Talent ſind, und ſtelle ihre Vorzüge zu einer einzigen Figur zuſammen, addire ſie und das Facit wird ſehn: Ein kleiner Napoleon! »Wer iſt da? Ich habe nothwendig zu ſchreiben.« »Herr Commandant, ich bin der Bürger Riviere— ich komme, um mich Ihnen vorzuſtellen und—6 ch weiß ſchon— und um Befehle zu empfangen.« „So iſt es, Herr Commandant.s „Hm! Hier iſt ſo eben ein Rapport von dem jungen 26 Ricole eingetroffen, welcher denſelben Poſten wie Sie, nur in den nördlichen Bezirken, bekleidet. Nehmen Sie dieſe Feder und analyſiren Sie einmal dieſen Rapport, ich meine Briefe fertig ſchreibe.« »Ja, Herr Commandant.« „Stellen Sie dann die Hauptpunkte Ihrer Analyſe zu⸗ ſammen.— Gut. Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Mer⸗ ken Sie ſich nur dieſe Hauptpunkte und handeln Sie denſel⸗ ben gemäß. Faſſen Sie auch demnach Ihren Rapport ab und bringen Sie ihn mir nächſten Sonnabend perſönlich.« „Es ſoll geſchehen, Herr Commandant. Wo ſoll ich mein Quartier nehmen?« Der Commandant reichte ihm einen Cirkel und zeigte auf eine Karte, auf welcher Rivioère's Diſtrict mit blauer Tinte markirt war. „Suchen Sie das Centrum Ihres Diſtricts.« »Dieſer Punkt iſt das Centrum, Herr Commandant.« „Nun ſo quartieren Sie ſich auf dieſem Punkte ein. Gu⸗ ten Tag, Bürger.« Dies war die erſte Unterredung des jungen Offiziers mit dem Schüler Bonaparte's. Er war ſehr zufrieden damit. „Dieſer Mann iſt ein Charakter,« ſagte er,„aber ſo wahr ich lebe, ich möchte unter ſeinem Auge keinen Verſtoß gegen die Pflicht begehen.« Eduard Rivière beſaß Dienſteifer und fand bald, daß ſein Vorgeſetzter trotz ſeines brüsken Weſens dieſe Eigenſchaft in hohem Grade zu würdigen verſtand. Seine Inſtructionen waren dabei ſehr klar und präcis. Binnen wenigen Tagen verlor Rivière ſeine Befangenheit und ward vielmehr aufge⸗ bläht von dem Gefühl ſeiner Autorität und ſeines Verdienſtes, 5 V ſo wie von der Schmeichelei, von welcher die erſtere in der Regel ſehr bald begleitet wird. Der Cirkel des Commandanten hatte das Dorf in der Nähe des Schloſſes Beaurepaire als den künftigen Wohnſitz des jungen Offiziers bezeichnet. Das Schloß war von ſeinen Fenſtern aus ſichtbar, und auf Befragen erfuhr er, es gehöre einer royaliſtiſchen Familie — einer Witwe und zwei Töchtern, welche in ſtiller Zuruck⸗ gezogenheit von der Welt lebten. „Ah,« rief der junge Bürger, welcher ganz den neuen Ideen huldigte und vier Jahre lang das alte Regime hatte verhöhnen helfen,„ich merke ſchon. Wenn dieſe Rococobürger etwa dieſes Spiel mit mir verſuchen, ſo wird meine Pflicht verlangen, ſie zu denunciren. Auf dieſe Weiſe ſchwebte eine neue Gefahr über dieſer Familie, deren Herzen und Vermögen ſchon von ſo ſchweren Schlägen heimgeſucht worden. Eines Abends ließ ſich unſer republicaniſcher Offizier nach einem im Dienſte des Vaterlandes verlebten Tage herab. einen kleinen Spazirgang zu machen, um ſich von den Sorgen der Adminiſtration zu erholen. Er ſuchte deshalb ſeinem bart⸗ loſen Geſicht den Ausdruck der Mienen eines ermüdeten Staatsmannes zu geben und ſchlenderte in dieſer Geſtalt durch das bewundernde Dorf. Die Männer heuchelten Reſpect aus Politik. Die Frauen, deren Meinung von dieſem großen Mann eine etwas leichtere aber aufrichtige war, lächelten ihn bei⸗ fällig an. Der junge dünkelhafte Mann that, als wenn er weder von dem Einen noch von dem Andern Notiz nähme. 28 Vor dem Dorfe aber begegnete er plötzlich zwei junge Damen, welche mit Richts, was er bis jetzt in dieſem Diſtrict geſehen, zu vergleichen waren. Sie waren ſchwarz und ſehr einfach gekleidet, ihre anmuthige und doch würdevolle Hal⸗ tung und der Ausdruck ihrer ſanften Züge verrieth auf den erſten Augenblick, daß ſie dem hohen Adel angehörten. Rivière errieth, obſchon er ſie noch niemals geſehen, ſie ſofort an ihrer Kleidung und Miene und als er ſich ihnen nä⸗ herte, nahm er unwillkürlich den Hut ab, anſtatt à la Repu- blique blos mit dem Finger daran zu ſtoßen. Die Damen verneigten ſich ſofort mit einer Majeſtät, welche der junge Mann belacht haben wurde, wenn er davon gehört hätte. Jetzt aber wo er ſie ſelbſt ſah, ward er davon formlich eingeſchüchtert und nahm ſeinen Hut nochmals ab und verbeugte ſich wieder, nachdem er ſchon vorbei war, was doch ganz gewiß höchſt abgeſchmackt war. Mit einem Worte, anſtatt daß ein Mitglied der republi⸗ caniſchen Regierung zwei einer nur noch geduldeten Partei an⸗ gehörige Perſonen gegrüßt hätte, war ein hübſcher, eitler, gut⸗ müthiger junger Mann zwei ihres innern Werthes bewußten Damen von hohem Range begegnet und hatte die bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnliche Figur geſchnitten. Während der nächſten hundert Schritte glühten ſeine Wangen und ſeine Eitelkeit ward ein wenig abgekühlt. Dünkelhaftigkeit iſt aber in Frankreich eben ſo elaſtiſch als in England und unter den Eskimos. »Na, es ſind hübſche Mädchen,« ſagte er bei ſich ſelbſt. „Noch nie habe ich zwei ſo hübſche Mädchen beiſammen geſe⸗ hen— da habe ich doch gleich etwas zu liebeln, ſo lange ich in dieſes Arcadien verbannt bin.« —— 29 Und jetzt wo die ehrfurchtgebietende Schönheit nicht mehr ſichtbar war, beſchloß Eduard mit ihr nach Herzensluſt zu liebeln. Es gibt aber Damen, bei welchen gewiſſe Prälimina⸗ rien vorausgehen müſſen, ehe man mit ihnen liebeln kann. Erſt muß man ihnen vorgeſtellt ſeyn. Wie war dies im vorliegenden Falle zu ermöglichen? »O das wird ſich ſchon thun laſſen,« ſagte er bei ſich ſelbſt.„Ich werde ihnen ja oft genug begegnen. Und in der That, ein Mann, der ſo geplagt iſt und ſo viel arbeiten muß, wie ich, bedarf einer angenehmen Erholung dieſer Art. Er pflegte nun mit einem Fernrohr an ſeinem Fenſter zu lauern und ſo oft die Schweſtern das Schloß verließen, was aber unglücklicherweiſe höchſtens dreimal wöchentlich geſchah, wußte er es einzurichten, daß er Ihnen wie zufällig begegnete und dann zollte er ihnen eine würdevolle höfliche Begrüßung, die er ſich vorher in ſeinem Zimmer vor dem Spiegel ſorgãl tig einſtudirt hatte. Zum Austauſch dafür empfing er zwei Verbeugungen, die mindeſtens eben ſo würdevoll und höflich waren als die ſeinen, obſchon ſie nicht erſt vorher eine ſorgfältige Probe be⸗ ſtanden hatten. So weit war Alles gut. Ein kleiner Umſtand jedoch ſtimmte die Hoffnungen unſeres Adonis, eine flüchtige Be⸗ kanntſchaft in eine nähere und dieſe in eine Liebelei zu ver⸗ wandeln, bedeutend herab. Schon das Fundament dieſer Pyramide von angeneh⸗ men Folgerungen hatte einen Fehler. Wenn er die Züge dieſer höflichen Schönheiten ſtudirte, mußte er nothwendig der Ueberzeugung Raum geben, daß 30 dieſe wiederholten Acte der Höflichkeit durchaus kein Wiederer⸗ kennen ſeiner reizenden Perſönlichkeit zu verrathen ſchienen. Einige ihrer ſchlichteren Nachbarn waren gewohnt, ſie mit der Ehrerbietung zu begrüßen, die ihnen gebührte. Es ge⸗ ſchah dies ſelbſt jetzt noch ſehr oft. Wenn es geſchah, ſo er⸗ wiederten ſie den Gruß auf angemeſſene Weiſe. Sie waren von zu hohem Rang und hoher Bildung, als daß ſie ſich an Höflichkeit hätten übertreffen laſſen. Daß aber ein und derſelbe junge Mann ihnen begegnete, ſo oft ſie ausgingen und daß er hübſch und intereſſant war— von dieſem Phänomen ſchienen dieſe reizenden Damen ihren Mienen nach keine Ahnung zu haben. Bürger Rivière war anfangs ärgerlich hierüber, dann aber begann er über ſeinen Mangel an Muth zu lachen und an einem gewiſſen Tage, wo die Wichtigkeit ſeiner Perſon ihm ganz beſonders gegenwärtig war, that er einen neuen Schritt zur Anbahnung dieſer angenehmen Bekanntſchaft. Er mar⸗ ſchirte nemlich keck in das Schloß Beaurepaire ein und machte der Baronin ſeine Aufwartung. Er ließ ſich nach ſeinem Namen und Titel mit gebühren⸗ dem Pomp anmelden. Jacintha kehrte mit ſchwarzgerändeter Karte zurück. Der Beſuch des Herrn Riviére, ſchrieb die Baronin, ſey ihr allerdings ſehr ſchmeichelhaft, doch könne ſie in dem ge⸗ genwärtigen Trauerſtande der Familie und des Königreiches nur alte Bekannte empfangen. Der junge Rivière fühlte ſich durch dieſe Abweiſung grauſam gedemüthigt. Er verließ zähneknirſchend und mit ſchnellen Schritten das Schloß. »Verwünſchte Ariſtokraten! Ah, wir haben wohl daran gethan Euch von eurer Höhe herunterzuſchleudern und Ihr 31 ſollt noch tiefer herunter. Wieärgereichmich über mich ſelbſt, daß ich Jemanden Gelegenheit gegeben habe mich auf dieſe Weiſe zu beleidigen! Die hochmüthige alte Närrin! Wenn ſie ihr Intereſſe verſtanden hätte, ſo würde ſie dieſe Gelegenheit, ſich einen ein⸗ flußreichen Freund zu erwerben, mit Freuden benutzt haben. Dieſe Royaliſten befinden ſich in einer kitzlichen Lage— das kann ich ihr verſichern. Doch halt— ſie nennt mich von Ri⸗ viöre. Alſo weiß ſie nicht wer ich bin. Sie hält mich für einen jungen Ariſtokraten! Wohlan, dann hat ſie doch— aber nein, das macht die Sache noch ſchlimmer. Sie gibt mir dadurch zu verſtehen, daß Niemand ohne ein Von vor ſeinem Namen ſich erdreiſten würde, einen Beſuch in ihrem alten baufälligen Schloſſe abzuſtatten. Na, es iſt eine Lehre! Ich bin Republicaner und der Staat ehrt mich und ſchenkt mir Vertrauen und dennoch bin ich ſo undankbar, daß ich von dem geraden Wege abweiche, um ſeine Feinde— Rohaliſten — zu becomplimentiren, als ob dieſe alten abgenutzten Ge⸗ ſchöpfe noch Herzen hätten— als ob ſie den Kampf begreifen könnten, der zwiſchen dem Pflichtgefühl und dem Edelmuth in meinem Innern ſtattfand, ehe ich den erſten Schritt zu der Bekanntſchaft mit ihnen thun konnte— als ob ſie die wahre Höflichkeit des Herzens oder ſonſt etwas verſtehen könnten, was edler iſt als Kriechen und Ducken und herzloſe Etikette. Dies iſt das letzte Mal, daß ich von dieſer Familie Notiz ge⸗ nommen— das ſchwöre ich hoch und theuer!« Und er ging mit raſchen Schritten, kochendem Herzen, knirſchenden Zähnen und runzelnder Stirn nach Hauſe in das Dorf. Dicht vor demſelben begegneten ihm Joſephine und Laura von Beaurepaire. Bei dem Anblick ihrer reizenden Züge heiterte ſeine düſtere Stirne ſich ein werigʒ und er konnte nicht 32 umhin, die Damen wie gewöhnlich zu grüßen, nur etwas ſteifer, als, ſiehe da! eine derſelben ihm ein ſo plötzliches, ſo ſüßes und ſo bedeutungsvolles Lächeln ſpendete, daß er fühlte, wie es ihn in die Augen und in das Herz traf. Seine kurz vorher noch knirſchenden Zähne löſten ſich, ſein Entſchluß ward wankend und ein anderer trat an die Stelle desſelben. Nichts ſollte ihn nun abhalten, in jenes befeſtigte Schloß einzudringen, das wenigſtens ein ſanftes Weſen enthielt, welches ihn wieder erkannt und ihm ein ſon⸗ niges Lächeln geſchenkt hatte. Dieſe Nacht ſchlief er faſt gar nicht und erwachte bei⸗ nahe, wo nicht ganz, verliebt. So groß war die Gewalt eines LächAns! Und dennoch hatte dieſer junge Mann ſchon viele lä⸗ chelnde Damen geſehen, freilich aber lächelten die meiſten der⸗ ſelben ohne Wirkung weil ſie fortwährend lächelten. Hier dagegen hatte ſich ein ſchönes gedankenvolles Antlitz aufgeklärt, als es ſeiner anſichtig ward. Ein liebli⸗ ches Geſicht, welchem die Verhältniſſe, nicht die Natur das Gepräge des Ernſtes aufgedrückt, hatte einen Augenblick lang und zwar um ſeinetwillen den angebornen Ausdruck der Hei⸗ terkeit wieder gewonnen. Schwierigkeiten ſind, dafern ſie nicht eine unüberſteig⸗ liche Schranke bieten, ein mächtiger Sporn. Unſer junger Freund ſaß jeden Tag ſtundenlang mit ſeinem Buch und ſeinem Fernrohr am Fenſter. Ach, die iungen Damen verließen drei Tage lang nicht ihre Wohnung! Am vierten aber ward ſeine Ausdauer belohnt. Er be⸗ gegnete ihnen und ſelbſt in Voraus lächelnd, hatte er das . Glück, von der Dame ein köſtlicheres Lächeln, 35 das erſte war, zu erhalten. In Folge dieſes zweiten Lächelns begann ſein Herz ſo heftig zu klopfen, daß er es durch die Weſte hindurch fühlte. Die Schönheit iſt eine Macht und ein Lächeln iſt ihr Schwert. Die zweimalige Anwendung desſelben dämpfte den Zorn des jungen Mannes gegen die Baronin oder verſcheuchte ihn ganz, und erfüllte ſein Herz mit Glut. Ein vorüberge⸗ hender Blick zwei⸗ oder dreimal wöchentlich genügte ſeiner Sehnſucht nicht mehr. Ein kleiner Burſche, Namens Dard, ging in der Eigen⸗ ſchaft als Treiber oft mit Riviere auf die Jagd. Dieſer Dard ſchien die Familie ſehr genau zu kennen. Er erzählte ihm, daß die jungen Damen von Beaurepaire jeden Sonntag in einer kleinen, etwa eine Stunde entfernten Kirche die Meſſe be⸗ ſuchten. Die Baronin ſey ſonſt auch mitgegangen, jetzt aber, wo ſie keine Equipage mehr hätten, bliebe ſie ſtets zu Hauſe. »Sie geht,« ſetzte Dard hinzu,„jetzt weder in die Kirche noch ſonſt wohin, weil ſie nicht großartig vorfahren und ſich von einem goldbetreßten Lakei aus dem Wagen he⸗ ben laſſen kann.* Riviere lächelte über dieſe Kundgebung plebejiſcher Galle. Der nächſte Sonntag erblickte in ihm einen politiſchen Renegaten. Er übertrat das erſte Gebot des republicaniſchen Glaubensbekenntniſſes. Er ging in die Kirche. Die Republik hatte nemlich den Kirchenbeſuch ganz auf⸗ gegeben— ganz beſonders der männliche Theil derſelben. Der Bürger Rivière begab ſich alſo in die Kirche, um den Cupido anzubeten. Er mußte dafür büßen. Die jungen Wer lieben will. I. 3 34 Damen erſchienen aus andern, höhern Beweggründen und nahmen keine Notiz von ihm. Sie ſenkten ihre langen ſeidenen Wimpern über einem und demſelben Gebetbuch und bemerk⸗ ten den ſchönen Bürger kaum. Mittlerweile trank dieſer, ihre fromme Schönheit mit ir⸗ diſchen Augen betrachtend, die berauſchende Leidenſchaft in langen durſtigen Zügen. Und als nach Beendigung, des Gottesdienſtes e eine jede von ihnen ſich an St. Aubin's Arm hing und der gute Doctor mit der Miene eines Admirals, welcher zwei mit Gold beladene Schiffe escortirt, ſeine ſchönen Schutzbefohlenen nach Hauſe führte, da fühlte unſer junger Bürger die Eiferſucht in ſei⸗ nem Herzen erwachen und hätte den würdigen Doctor bei⸗ nahe gehafßt. Eines Tages befand ſich Riviöre von Dard begleitet auf der Jagd. Ein Volk Rebhühner flog auf und flog über die Grenze des Reviers hinaus auf ein Kleefeld. »Das iſt gut, Bürger,« rief derkleine Dard,„nun wer⸗ den wir ſie alle vor den Schuß bekommen.« „Aber dieſes Jagdrevier iſt nicht mein.« »Das hat nichts zu ſagen— es gehört der Familie Beaurepaire.« »Dieſe aber iſt gerade die letzte gegen welche ich mir eine Freiheit herausnehmen möchte.« »Ach, Sie müſſen nicht ſo gewiſſenhaft ſeyn. Die guten Leute haben jetzt keinen Revierjäger, der uns hinderlich ſeyn könnte— ihre Nittel erlauben ihnen nicht, einen zu halten. nicht mehr, wo ihre Tauben unſere Getreidefelder plünderten und wir uns nicht unterſtehen durften, eine zu ſchießen. Jetzt können wir dagegen ſogar auf ihre Faſanen Jagd machen.« Das geſchieht ihnen recht, dieſen Ariſtokraten. Die Zeiten ſind 35 »Deſto ungerechter aber wäre es von uns, wenn wir hiervon Nutzen ziehen wollten.« »Bürger, ich ſage Ihnen, in Beaurepaire ſchießt Jeder, der Luſt hat.* „Ja freilich, wenn Jeder es thut, dann—* Mit einem Worte, Dard drang mit ſeiner Anſicht durch. Ein junger Mann von einundzwanzig Jahren bedarf keiner langen Beweisführung. daß es erlaubt auf fremdem Re⸗ viere zu jagen. Unſer Held hatte allerdings ſeine geniſſen Scrupel, aber das Wild war in Menge vorhanden und kirrer als ſonſt wo. Es iſt blos der erſte Schritt, welcher Ueberwindung ko⸗ ſtet. Das nächſte Mal, wo Rivisre wieder mit ſeinem Beglei⸗ ter auf die Jagd ging, fing er gleich mit dieſem Kleefeld an und erlegte einen Haſen und vier oder fünf Stück Rebhühner auf demſelben. Es war gegen vier Uhr an dieſem Tage, als der Jäger und ſein Begleiter aus den Feldern auf die Landſtraße zwi⸗ ſchen Beaurepaire nach dem Dorfeherauskamen und nach dem letztern zuſchritten. Auf dieſem Wege kamen ſie an Bigot's Herberge vorüber— einem angen niedrigen Hauſe, auf deſ⸗ ſen Vorderſeite mit großen Buchſtaben die von einer Ecke zur andern reichenden Worte geſchrieben ſtanden: „Ioi on 10ge à pied et à cheral.. (Hier logirt man zu Fuß und zu Pferde.) Dieſem Hauſe gegenüber blieb Dard ſtehen, ſah den iungen Bürger mit bedeutſamen Blicken an und legte die Hand auf ſeinen Magen. »Was gibt's? Biſt Du unwohl?« »Ja, ſehr unwohl, Bürger.« 36 »Was fehlt Dir denn7* »Es iſt mir ſo ſonderbar im Leibe,« entgegnete der Schalk,„und riechen Sie nur, Bürger, die Fleiſchbrühe ſcheint eben vom Feuer zu kommen.« Der kleine Dard glich in einer Beziehung dem berühm⸗ ten Cardinal Wolſeh, der uns von den Dichtern und Malern ſeiner Zeit als ein Mann von„ungeheurem Magen« geſchil⸗ dert wird. Er hatte heute ſeine gewöhnliche Eſſenszeit um zwei Stunden überſchritten und konnte es daher kaum aushalten. Rivière lachte und war mit Dard's Wunſche einver⸗ ſtanden. »Wir wollen in der Vorhalle etwas genießen,« ſagte er. Nicht ſobald hatte er dies geſagt, ſo rannte Dard wie ein Beſeſſener in die Küche. Riviöre ſelbſt ergriff nicht ungern dieſen Vorwand, eine Stunde an einem Orte zu verweilen, wo die Damen von Beaurepaire vielleicht vorbeikommen und ihn in ſeinem neuen Coſtüm ſehen konnten, nemlich in ſeinem Jagdanzuge, der eben ſo zweckmäßig als geſchmackvoll war. Das Eſſen ward gebracht und mehre Minuten lang hatte Dard für nichts weiter Sinn als für dieſes. Riviere dagegen war kein Nachahmer des großen Car⸗ dinals, beſonders ſeitdem er ſich verliebt hatte. Er war daher mit ſeiner frugalen Mahlzeit bald fertig, dann ging er in die Küche und holte dem Hund etwas und begann dann das er⸗ legte Wildpret auszupacken und zu zählen. Er leerte ſeine eigene und Dard's Schießtaſche und der Inhalt beider war von der Art, daß er damit zufrieden ſeyn konnte. Der kleine Bürger ward allmälig wieder fähig, ein Wort zu ſprechen. 37 „Ein gutes Tagwerk, Bürger,« ſagte er, indem er ſich behaglich ausſtreckte und ſeine Kugelgeſtalt in ein Oval ver⸗ wandelte,„und den größten Theil dieſes Wildprets haben wir auf dem Revier von Beaurepaire erlegt— um ſo beſſer.« »Du ſcheinſt gerade kein Freund dieſer Familie zu ſehn, Dard.« „Ihrem Scharffinne zhhchi doch nichts, Bürger. Aller⸗ dings bin ich kein Freund dieſer Familie,« entgegnete der Ge⸗ fragte in finſterem Tone. Eduard hatte aus dem ſchon vorhin angedeuteten Grund durchaus keine Eile, den Platz zu verlaſſen und die gegenwär⸗ tige Gelegenheit ſchien ſehr günſtig zu ſeyhn, um Dard auszu⸗ horchen. Deshalb ließ er zwei Pfeifen bringen, that als ob er aus der einen ſelber rauchte und reichte die andere Dard, denn er hatte ſchlauerweiſe ſchon längſt bemerkt, daß die Bauern durch den Einfluß des Tabaks ſehr redſelig und mit⸗ theilſam gemacht wurden. »Apropos, Dard,« hob er nach einer Weile an,„warum ſagteſt Du vorhin, Du wäreſt kein Freund von dieſer Fa⸗ milie?« »Weil— weil ich nicht anders kann. Ich haſſe einmal dieſe Ariſtokraten.« „„Aber warum denn? Warum denn?« »Ah, Sie wollen wiſſen warum?— Weil ſie Jacintha mißbrauchen.« »Ach warum nicht gar!« »Ja— und dieſe mißbraucht wiederum mich.* „Ich verſtehe Dich immer noch nicht. Erkläre Dich deut⸗ licher, Dard.« Auf dieſe Weiſe ward Dard immer ge⸗ ſchwätziger. 38 »Dieſe Ariſtokraten von Beaurepaire,« ſagte er mit ſeinem bäuriſchen geſunden Menſchenverſtand,„ſind weder Eins noch das Andere. Den adeligen Stand können ſie nicht aufrecht halten, denn dazu haben ſie nicht die Mittel— von ihrer Höhe herunterſteigen wollen ſie aber auch nicht, denn dazu ſind ſie nicht klug genug. So klein ſie nun aber jetzt ſind, ſo möchten ſie doch immer noch groß und vornehm thun. Sie können blos eine einzige Dienerin halten und ich glaube, ſie bezahlen dieſe nicht einmal, dennoch aber laſſen ſie ſich noch ſo bedienen, als ob ſie ein ganzes Dutzend hätten, und dies iſt ſehr ſchlimm für uns kleinen Leute, die wir das Unglück ha⸗ ben mit ihnen in Verbindung zu ſtehen.« »Wie ſo ſtehſt Du denn in Verbindung mit ihnen?« »Durch das Band der Zuneigung.* „Ich glaubte, Du haßteſt ſie.« „Das iſt wohl wahr, aber ich habe das Unglück, Ja⸗ eintha zu lieben, und dieſe liebt dieſe Ariſtokraten und zwingt mich, allerlei kleine Dienſtleiſtungen für ſie zu verrichten,« und hier nahmen Dard's Augen plötzlich einen Ausdruck des Ab⸗ ſcheues und Widerwillens an. »Nun, was iſt da weiter dabei?« »Was weiter dabei iſt Bürger? O Sie kennen nicht die inhaltsſchwere Bedeutung dieſer Worte.« »Ich ſollte meinen, dieſelben wären gerade nicht ſehr unverſtändlich. Ich habe noch nie gehört, daß ein Menſch durch kleine Dienſtleiſtungen zu Tode gearbeitet hätte.« „Zu Tode vielleicht nicht, wohl aber von Sinnen, denn es iſt wirklich zum Närriſchwerden. Man ſchickt mich bald da⸗ bald dorthin, und verlangt jeden Tag etwas Neues von mir. Sobald ich mich an eine Arbeit gewöhnt habe, wird ſie mir aus den Händen geriſſen, um einer neuen, die ich noch nicht — 39 verſtehe, Platz zu machen. Wenn ſchönes Wetter iſt, gibt man mir im Hauſe, und wenn es ſchneiet, im Freien zu thun, und dabei iſt ein Treiben und Hetzen, daß man gar nicht zu Ver⸗ ſtande kommt. Melk' die Kuh, Dard, heißt es, aber halte Dich dazu, denn dann mußt Du gleich den Lehnſtuhl der Frau Ba⸗ ronin ausbeſſern. Trag' einmal dieſes Futter in den Schweine⸗ ſtall bleib' aber nicht lange dabei ſtehen, um das Maul auf⸗ zuſperren, denn Du mußt mir dann einen Korb Holz hacken. Wenn ich damit fertig bin, ſo heißt es: Klopfe die Stuben⸗ decke aus— nimm die Vorhänge ab— geh' in die Kirche — beinahe eine Stunde weit— und heize das Betſtübchen — dann komm wieder und ſchneide den Kohl, ſtreich' die Thur an und fahr' die alte Dame in ihrem Räderſtuhl auf der Terraſſe umher, reib den kleinen Hund mit Queckſilber ein, laß Dich aber nicht von ihm beißen. Dann reparire das Sopha, ſtreiche die Kieswege glatt, putze die Keſſel, trage ein halbes Hundert Eimer Waſſer drei Treppen hoch hinauf, ver⸗ ſchneide den Raſen, beſchneide den Weinſtock, ſchlemme den Fiſchteich, und wenn Du einmal dort biſt, ſo ſteige hinein und hole einige Waſſerlilien für Fräulein Joſephine, bei welcher Gelegenheit Du zugleich die jungen Hunde mit erſäufen kannſt. Das ſind ſo ungefähr die kleinen Dienſtverrichtungen, die man von mir verlangt. Möge der Satan dem den Hals inbitien der ſie erfunden hat!“ „Das iſt freilich ſchlimm,« ſte der junge Rivière ſo ernſthaft als er konnte.»Aber wie ſteht es mit der Familie?« „Ich bin Bürger ſo gut als irgend Einer,« fuhr Dard fort, ohne auf Riviore's Frage zu achten.„Wenn ich in die Küche komme, um Jaecintha ein wenig den Hof zu machen, glauben Sie wohl, daß ich dann eine gute Mahlzeit finde, wie doch Jeder, der einer Köchin den Hof macht, verlangen 40 kann? Keine Idee! Wenn ich nicht ſelbſt etwas mitbringe, ſo gibt es für mich eben ſo wenig eine Mahlzeit als für Jacintha, denn einen Teller Salat und eine Käſerinde nenne ich keine Mahlzeit. Bettelleute in Sammt und Seide nenne ich dieſe Menſchen. Jeden Sou, den ſie haben, wenden ſie an ihren Kragen anſtatt an den Magen.« „Du übertreibſt wohl ein wenig, lieber Dard. Ich weiß, was Du eſſen kannſt, aber dennoch wirſt Du dadurch in das Einkommen dieſer altadeligen Familie kein großes Loch machen.* »Ihr Einkommen? Ach, Du lieber Goit! Ich ſage Ih⸗ nen, Bürger, dieſe Familie iſt die ärmſte viele Meilen in der Runde. Freilich könnten ſie ſich Manches verſchaffen, wenn ſie nur ihren Stolz ein wenig dämpfen wollten, aber bei Tiſche zum Beiſpiel thun ſie es einmal nicht anders, jals feines Por⸗ zellan und Silbergeſchirr und die feinſten Tücher und Serviet⸗ ten zu haben. Natürlich aber ſind die koſtbaren Schüſſeln größ⸗ tentheils leer, und es müßte ſonderbar zugehen, wenn die Ser⸗ vietten Wein⸗ oder Fettflecken bekämen. Fragen Sie nur den Fleiſcher, wenn Sie mir nicht glauben wollen, dieſer wird Ihnen ſagen, daß der kleinſte Dorfkrämer dreimal mehr Fleiſch bei ihm kauft, als die Familie Beaurepaire. Die Bauern ſchi⸗ cken den ſtolzen Damen zuweilen ein wenig Mehl und Eier und dann und wann einé Henne, weil ſie müſſen. Ihr großer Garten liefert ihnen eine Menge Obſt und Gemüſe, und Jacintha zwingt mich, umſonſt darin zu graben— und ſo ſchlagen ſie ſich mühſam durch. Die Baronin verlangt dabei auch ihren Kaffeh wie ſonſt; da ſie aber kein Geld haben, um welchen zu kaufen, ſo röſten ſie— ha! ha! ha!— Pferde⸗ bohnen, die nichts koſten, und mahlen ſie und ſerviren ihr 41 dann den Aufguß in einer ſilbernen Kanne auf einem ſilbernen Präſentirteller— ha! hal ha!« „Iſt es möglich!— So weit iſt es mit ihnen ge⸗ kommen?« »Es geſchieht ihnen ſchon recht! Warum verkaufen ſie ihr überflüſſiges Silberzeug nicht und ſchaffen ſich dafür etwas Ordentliches zu eſſen an? Auch begreife ich nicht, warum ſie nicht ihr Haus und den verwünſchten Garten, in welchem cch, ohne einen Pfennig dafür zu bekommen, ſo ſchwitzen muß, vermiethen, und in einem kleinen Hauſe wohnen und ſich mit ſo viel Dienern begnügen, als ſie bezahlen können.« »Dard,« ſagte Riviöre nachdenklich ihn unterbrechend, »iſt das, was Du da von den Bohnen erzählteſt, wirklich wahr?« „Ja wohl. Ich ſelbſt habe von Fräulein Laura dieſes Frühſtück für ihre Mutter bereiten ſehen, denn Fräulein Laura iſt überhaupt die Erfinderin dieſes Auskunftsmittels. Ein Mäd⸗ chen von neunzehn Jahren fängt ſchon an, die Welt zu betrie⸗ gen. Aber ſo ſind dieſe Ariſtokraten alle!« „Dard, Du biſt ein Unmenſch!« »Ich, Bürger?« „Ja, Du. Es gibt edle Armuth ſo gut als edlen Reich⸗ thum. In ihrem Wohlſtand hätte ich dieſe Leute vielleicht ver⸗ achtet, in ihrem Unglück dagegen verehre ich ſie.« „Das können Sie machen wie Sie wollen,« entgegnete Dard,„mir aber werden Sie erlauben zu ſagen, daß ich bei dieſen ſtolzen Habenichtſen, dieſen hochnaſigen Bettelleuten nicht mehr die Dienſte eines Scheuerweibes verrichten will, wenn man mich nicht dafür bezahlt. Ich mag nicht ihr Galee⸗ renſelave ſeyn. Ich habe es ſatt. Entweder verläßt Jaeintha dieſe Ariſtokraten oder ich verlaſſe Ja— Ja— Jaein— 42 hm! hi!— wo kommſt Du denn aufeinmal her, Jacintha?“ fuhr er in plötzlich verändertem Tone fort, gerade ſo wie ein bellender Hund, dem plötzlich ſein Herr einen Peitſchenhieb verſetzt.„Ich ſprach eben von Dir, Jacintha,« ſetzte Dard ſtammelnd hinzu. »Ich habe Dich wohl gehört, Dard,« entgegnete Ja⸗ eintha langſam, ruhig, aber bedeutſam. Dard's bis jetzt ovale Geſtalt ward wieder kugelrund. Die Perſon, deren plötzliches Erſcheinen an der Thür der Herberge den ſich dehnenden und ſtreckenden Dard wie⸗ der in ſeine natürlichem Grenzen— ſowohl in moraliſcher als in körperlicher Beziehung— zurückſchnellen machte, war eine ſtraffe junge Dirne mit einem hübſchen, etwas ſommerſproſſi⸗ gen Bauerngeſicht und großen ſchwarzen Augen, deren kohl⸗ ſchwarze Brauen über der Naſe beinahe zuſammenſtießen. Sie ſtand in kühner Haltung da und hatte ihre ſtarken aber wohl⸗ geformten Arme ſo verſchränkt, daß der Druck derſelben gegen einander ihnen ein wahrhaft gigantiſches Anſehen verlieh. Ihre Wangen waren jetzt bleich vor Zorn und ihre Augen betrachteten den Bürger Dard funkelnd wie die eines Baſilis⸗ ken; hätte ſie gewöhnliche weibiſche Zankſucht verrathen, ſo würde Rivière über Dard's plötzliche Schüchernheit ein lautes Gelächter aufgeſchlagen haben, ein ſchönes Weib aber, deſſen Mienen die in ihrem Herzen kochende unterdrückte Wuth ver⸗ rathen, hat etwas Furchtbares, und Jaeinthens ſchwarze Augen und dräuende Brauen verliehen ihr in dieſem Augen⸗ blick erhabener Entrüſtung ein impoſanteres Anſehen, als ihr ſonſt eigenthümlich war. Sogar Rivière nahm daher ſeine Pfeife aus dem Munde und blickte mit einer gewiſſen Beſorgniß für Dard zu der zür⸗ nenden Schönen empor. 43 Dieſe löſte langſam die verſchränkten Arme, hielt ihr durchdringendes Auge unbeweglich auf Dard geheftet und zeigte mit gebietender Geberde nach Beaurepaire. Bürger Dard war nicht mehr Herr ſeiner eigenen Glie⸗ der. Er glich einem von einer Klapperſchlange bezauberten Vogel, ſtand langſam mit auf ſie gehefteten Blicken auf und wat im Begriff, ſich wie ein ſchlecht eingeölter Automat nach der angedeuteten Richtung fortzubewegen. Nun aber vermochte Riviere kaum noch an ſich zu hal⸗ ten und hüpfte vor unterdrücktem Gelächter auf ſeinem Stuhle hin und her. Dies beeinträchtigte den Zauber, welchen Ja⸗ eintha bis jetzt ausgeübt, und Dard drehte ſich mit bitterer Miene herum. „Da haben Sie's, Bürger,« rief er.»Sehen Sie dieſe gebieteriſche Geberde? Ich will Ihnen ſagen, was dieſelbe bedeutet. Sie bedeutet: Du haſt verſprochen dieſen Nachmittag in dem Garten der Ariſtokraten zu graben, alſo vorwärts, Marſch! Sie ſehen, daß ich für meinen Theil wenigſtens nichts dadurch gewonnen habe, daß man die Könige abgeſchafft hat. Danken Sie dem Himmel, Bürger, daß Sie nicht an meinem Platze ſtehen.* »Dard,« entgegnete Jacintha,»„wenn Dir dein Platz nicht gefällt, ſo kannſt Du ihn verlaſſen. Ich kenne zwei oder drei ſehr hübſche junge Männer, die denſelben ſehr gerne ein⸗ nehmen werden. Alſo nur kein Wort weiter. Jetzt wo ich ein⸗ mal hier bin, will ich in's Dorf zurückkehren und wir wer⸗ den bald ſehen, ob alle jungen Burſche ſich weigern, einige kleine Handreichungen an meiner Seite zu verrichten und ſich dafür durch meine Freundſchaft belohnen zu laſſen.« »Ach ſey doch nicht gleich ſo bös, Jacintha! Ich gehe ja 44 Alſo komm!* »Gehe nur— Du weißt was Du zu wü haſt. »Und Dich ſoll ich hier laſſen?« »Ja, ſagte Jacintha;»ich habe ein Wort mit dieſem Herrn da zu ſprechen— Du heſt es nothwendig gemacht.« Der Unterjochte ſchlich fort nach Beaurepaire, ſchaute ſich aber oft um. Es gefiel ihm gar nicht, daß Jacintha bei dem jungen hübſchen Bürger zurückblieb, beſonders nach ihrer Entdeckung, daß es im Dorfe noch viel gefälligere junge ſchen gebe als ihn. Jacintha drehte ſich nach Riviere herum und redete ihn in ganz anderem, kaltem aber höflichem Tone an. »Sie werden mich für ſehr dreiſt halten, mein Herr, daß ich einen Fremden ſo ohne Weiteres anrede, aber ich darf nicht zugeben, daß Sie ſich täuſchen, und daß die, welchen ich diene, belogen werden.« „Ihr braucht Euch nicht erſt zu entſchuldigen, Bürgerin, ich ſtehe Euch zu Dienſten— nehmt Platz.« „Ich danke, mein Herr. Ich will mich nicht erſt nieder⸗ ſetzen, denn ich muß ſogleich wieder fort.« »Das thut mir leid, Bürgerin. Wie es ſcheint, habt Ihr gehört, was Dard zu mir ſagte. Ich will doch nicht hoffen, daß Ihr gehorcht habt!« »Nein, mein Herr, ich habe nicht gehorcht,« entgegnete Jacintha ſtolz;„ich bin deſſen unfähig, auch war es hier nicht nothwendig. Dard ſchrie ja, daß das ganze Dorf es hätte hören können. Ich ging gerade vorüber und hörte eine be⸗ kannte Stimme ſo laut, daß ich fürchtete, es ſey ein wenig Trunkenheit dabei im Spiele. Deshalb näherte ich mich in 3 ſchon. Du weißt ja, daß ich Alles thue, was Du —+— — 45 der beſten Abſicht. Als ich die Thür erreichte, vernahm ich Worte, welche mich bewogen, ſtehen zu bleiben. Ich ward da⸗ durch in ſolches Erſtaunen geſetzt, daß ich mich nicht von der Stelle rühren konnte. Auf dieſe Weiſe mußte ich wider Willen die Verleumdungen anhören, welche dieſer elende Menſch ausſprach. Sie ſehen, mein Herr, daß ich nicht den Spion machte, denn ſo etwas wäre mir überhaupt zuwider. Ich hörte Ihre Antwort, welche Ihnen ſehr zur Ehre gereicht und beſchloß ſogleich, daß Sie nicht durch Unwahrheiten hintergan⸗ gen werden ſollten.« „Ich bin Euch ſehr verbunden, Bürgerin.« „Weder die Familie, der ich diene, noch ich ſelbſt ſind ſo weit herunter, wie dieſer Narr uns ſchilderte. Ich ſollte eigent⸗ lich nicht lachen ſondern zornig ſehn, aber ich darf nicht vergeſ⸗ ſen, daß blos Dard es iſt, der es geſagt, und Dard iſt ein aner⸗ kannter Narr. Sehen Sie, mein Herr,« fuhr ſie in freundli⸗ cherem Tone fort,„ich will offen ſehn und Ihnen alles ſagen. Es iſt vollkommen wahr, daß der Baron Schulden gemacht hat und daß die Baronin aus Liebe zu ihren Kindern dieſe Schulden ſo ſchnell als möglich abbezahlt, damit die Beſitzung noch vor ihrem Tode wieder frei wird. Eben ſo iſt es auch wahr, daß dieſe ſchweren Schulden nicht ohne große Sparſam-⸗ keit abgezahlt werden können. Aber wir müſſen einen Unter⸗ ſchied machen. Klugheit iſt nicht Armuth, ſondern vielmehr der Dornenpfad welcher zum Reichthum führt. »Das war ſehr gut und treffend ausgedrückt, Bür⸗ gerin.*. »Wenn es Ihnen nichts verſchlägt, mein Herr, ſo nen⸗ nen Sie mich lieber bei meinem Namen, denn der Titel Bür⸗ gerin iſt mir und den meiſten Frauen ſehr verhaßt.« »O recht gern, Mademoiſelle Jacintha; es wird mir 46 dies viel mehr Vergnügen machen, weil es ſonach ſcheint, als würden wir näher mit einander bekannt, Mademoſſelle.« »Mademoiſelle will ich eben ſo wenig genannt ſeyn als Bürgerin. Ich bin keine Demoiſelle oder Dame, ſondern ſchlechtweg Jacintha.« »Nein, nicht ſchlechtweg Jacintha. Glaubt Ihr denn, ich hätte keine Augen, hübſche Jacintha?“ „Laſſen Sie dieſe Complimente, mein Herr— wir wol⸗ len in unſerm Geſpräch weiter fortfahren.« »Nun, ſo ſetzt Euch denn, ſchöne Jacintha.« »Es verlohnt nicht der Mühe, mein Herr, denn ich muß gieich wieder fort. Ich will ganz offen gegen Sie ſeyn. Dard ſagte, er bekäme in dem Schloſſe nichts zu eſſen. Das iſt wahr. Sie ſehen, daß ich offen bin und nichts verhehle. Ich will Ihnen ſogar geſtehen, daß die Baronin, meine Herrin, ſehr ungehalten ſeyn würde, wenn ſie erführe, daß Dard nichts zu eſſen bekommt— mit einem Worte, ich bin der ſchuldige Theil. Und ich thue recht daran. Hören Sie mich an. Dard iſt ein Egoiſt. Sie haben dies vielleicht ſchon ſelbſt an ihm bemerkt.« »Ein wenig allerdings.« »Nein, mein Herr, nicht ein wenig, ſondern er iſt Egoiſt in ſolchem Grade, daß er auf der ganzen Welt keinen Freund hat, als mich. Ich verzeihe es ihm, weil ich den Grund kenne. Er hat in ſeinem ganzen Leben noch nicht erfahren, wie es iſt, wenn einem der Kopf oder das Herz weh thut. „Ich verſtehe Euch nicht, Jacintha.« »Mein Herr, ein junger Mann wie Sie verſteht Vieles noch nicht. Obſchon ich aber auf Dard gebührende Rückſicht nehme, ſo weiß ich doch auch, was ich mir ſelbſt ſchuldig bin. 47 Ja, er iſt ſo egoiſtiſch, daß, wenn ich ihn immer ſatt füttern wollte, ich nicht mehr wiſſen würde, ob er meinet⸗ oder ob er ſeinetwegen nach Beaurepaire käme. Dard iſt durchaus kein ſchöner junger Mann, denn bedenken Sie nur, er iſt zwei Zoll kleiner als ich.« »Ich ſollte meinen, der Unterſchied müßte noch weit mehr betragen.* »Auch hat er durchaus keine Bildung und ich muß mir ſeinetwegen manche Spottrede gefallen laſſen. Bis jetzt aber habe ich doch immer noch darauf entgegnen können, daß die⸗ ſer fünf Fuß und zwei Zoll große Egoiſt mich uneigennützig und um meiner ſelbſt willen liebt. In dem Augenblick jedoch, wo ich dies bezweifeln müßte, würde ich ihm ſofort den Lauf⸗ paß geben. Nicht wahr, nun verſtehen Sie Alles? Sie wer⸗ den zugeben, daß ich ganz vernünftig handle.« »Ich muß geſtehen, ich hätte nicht geglaubt, daß euer Geſchlecht ſo ſcharffinnig wäre.« »Sie ſehen ſelbſt, daß ich ſchon im Begriff ſtand, dem armen kleinen Kerl ſeine Entlaſſung zu geben.« „Ich ſah und bewunderte. Wohlan denn, Bürgerin— ich wollte ſagen Jacintha— die Familie Beaurepaire befin⸗ det ſich alſo nicht in ſo gar beſchränkten Umſtänden, wie Dard vorgibt?« »Mein Herr, ſehe ich wohl aus wie eine Perſon, welche Hunger leidet?« »Nein, beim Jupiter— bei der Ceres wollte ich ſagen.* »Und ſind meine jungen Herrinnen vielleicht hager, ab⸗ gemagert und hohläugig?« »Nein, nein! Bei Venus und Hebe, nein!« 48 Jacintha lächelte theils über dieſen enthuſiaſtiſchen Pro⸗ teſt, theils aber auch, weil die Mädchen gewöhnlich lächeln, wenn Worte geſprochen werden, die ſie nicht verſtehen. Sie hob wieder an: „Wenn ein Becher überfließt, ſo kann er nicht leer ſeyn. Wer Erſparniſſe machen kann, muß nothwendig genug haben, und wie vielmal hat Dard ſelbſt auf Fräulein Laura's eige⸗ nen Befehl einen müden, hungrigen Soldaten in unſere Küche geſchickt oder uns ſelbſt zugeführt.« „Ja, ja, das glaube ich.« „Und wie oft habe ich für ſolche Leute eine Flaſche Me⸗ doc aus dem Keller der Baronin geholt!“ »Da habt Ihr wohl daran gethan. Ich ſehe ſchon, Dard's Egoismus verblendet ihn. Die Damen von Beaure⸗ paire ſind klug, aber weder knauſerig noch arm.« »Um ſo beſſer. Doch noch Eins; wie war es mit dem Kaffeh— den Pferdebohnen?« Jacintha erröthete und ſchien verlegen zu werden, doch dauerte dies nur einen Augenblick. Sie lächelte gutmüthig, ſteckte eine Hand in die Taſche und zog ein Packet heraus. „Was iſt das?«— „Erlaubt mir. Es iſt Kaffeh und nach dem Geruch zu urtheilen ganz vortrefflicher. Ihr habt ihn wohl ſoeben im Dorfe gekauft?“ Jacintha nickte. »Aber die Bohnen?« „Die Bohnen— die Bohnen— ha, ha, ha! Sie müſſen nemlich wiſſen, mein Herr, daß wir einen kleinen ſchalkhaften Engel im Hauſe haben, welcher Fräulein Laura heißt. Dieſe hieß mich eines Tages einige Bohnen röſten— der alte Doctor brauchte ſie zu irgend einem albernen Experi⸗ 49 ment. Dard kam zufällig dazu und als er mich etwas röſten ſah, fragte er, was ich mit dieſen Bohnen machen wollte, denn er iſt ungeheuer neugierig. Ich ſtand ſchon im Begriff, es ihm zu ſagen, aber Fräulein Laura winkte mir verſtohlen. »Wir wollen ſie ſtatt des Kaffehs kochen,« ſagte ſie,„und der Narr glaubte es.* Rivière und Jacintha lachten nicht wenig über Dard's Leichtgläubigkeit. »Wohlan, Jacintha, Gott ſey Dank, Dard hat ſich ge⸗ irrt und dennoch ſtehe ich im Begriff, etwas ſehr Albernes zu ſagen: Wißt Ihr, ich bedauere faſt, daß dieſe Damen nicht, wenn auch nicht ganz, doch beinahe, ſo arm ſind, als er ſie ſchilderte, denn—« „Nun warum denn?* »Ihr dürft aber nicht böſe ſeyn.* „Ich, mein Herr? Mit einem jungen Herrn, der ein ſo hübſches Geſicht hat, wie Sie wird ein Mädchen nicht ſo ſchnell böſe.« »Wohlan denn, ich hätt es gern geſehen, wenn ſie ein wenig arm geweſen wären, denn dann hätte ich vielleicht das Vergnügen und die Ehre gehabt, ihnen nützlich zu ſehn.« »Aber wie könnten Sie ihnen denn nützlich ſehn?* „Das weiß ich ſelbſt nicht recht— auf mannigfache Weiſe— beſonders jetzt, wo ich eure Bekanntſchaft gemacht habe— Ihr würdet mir geſagt haben, was ich für ſie hätte thun können. Ich würde Euch nicht ungehorſam geweſen ſeyn, denn Ihr ſeyd ein gutes Mädchen und ich ſehe, daß Ihr eure Herrſchaft aufrichtig liebt. Es iſt eine heilige Sache, es wäre eine geweſen, meine ich, und wir hätten gemeinſchaftlich duh gewirkt.* Wer lieben will. 1. 1 4 50 „Ach ja, das hätte wohl geſchehen können.« „Wir hätten mit einander Mittel ausfindig gemacht, ihnen heimlich Dienſte zu leiſten, ohne ihren Stolz zu verle⸗ tzen. Und übrigens bin ich auch ein Mann, der einen wichti⸗ gen Poſten bekleidet Jacintha.« 5 „Ja, das weiß ich, mein Herr, Dard hat es mir geſagt.“ »Einen ſehr wichtigen Poſten für einen ſo jungen Mann als ich bin. Dieſe Damen ſind Royhaliſten. Mein geheimer Schutz hätte von großem Nutzen für ſie ſeyn können und ich hätte ihnen denſelben gewähren dürfen, ohne meine Pflicht gegen den Staat zu verletzen, denn was hat wohl die Repu⸗ blik im Grunde genommen von Frauen zu fürchten?« Während der junge Mann dies ſagte, ruhten Jacintha's große, ſchwarze Augen mit ruhigem, aber forſchendem Aus⸗ druck auf ihm und die Farbe ihrer Wangen wechſelte. »Dieſe Geſinnungen machen Ihnen wirklich Ehre, mein ſchöner Herr.« „Und die eurigen Euch ebenfalls!« rief der junge Mann. „Wir wollen Freunde ſehn. Obſchon wir verſchiedenen Par⸗ teien angehören, ſo verſtehen wir doch einander. Und übri⸗ gens muß ich Euch ſagen, daß wir Republicaner auch unſere Tugenden haben.« „Um Ihretwillen werde ich das von nun an glauben.“ „Ich will Euch wenigſtens eine davon bezeichnen.« „Ja, thun Sie das.« „Sie beſteht darin, daß wir die Tugend überall, wo wir ſie auch finden mögen, anerkennen und verehren. Des⸗ halb verehre ich auch Euch, Jacintha. Euer Name iſt hinfort für mich gleichbedeutend mit Treue, Redlichkeit und uneigen⸗ nütziger Anhänglichkeit. Solche Gemüther wie Ihr ſind die 51 Zierden beider Geſchlechter. Reicht mir daher eure Hand, da⸗ mit ich Euch eine Huldigung erweiſe, die ich keiner egoiſtiſchen und folglich niedrigdenkenden Herzogin darbringen würde.« Jacintha erröthete ein wenig. reichte ihm jedoch lächelnd und mit jener Anmuth„die allen Frauen angeboren zu ſeyn ſcheint, die Hand.. Rividre ergriff die Hand des lächelnden Landmädchens, neigte ſich darüber und küßte ſie. In dem Augenblick, wo er ſie wieder loslaſſen wollte, begann ſie ſanft die ſeine zu faſſen und ſanft zu drücken. Er blickte auf und ſah ein weibliches Phänomen. Das Lächeln weilte noch auf ihrem Munde, aber die großen ſchwarzen Augen waren trübe und es dauerte nicht lange, ſo entrollte ihnen eine große Thräne und rann die gebräunte Wange hinab. Der junge Mann ſah ſie mit fragendem Blicke an. Sie beantwortete dieſe ſtumme Frage dadurch, daß ſie wieder lächelte, ihm die Hand nochmals drückte, während zu⸗ gleich eine zweite Thräne der erſten folgte. Der unerfahrene junge Mann ſah ſie verwundert an und ſagte endlich mit mitleidigem Tone: »Ihr weinet, Jacintha7« »Nein, mein Herr— daß ich nicht wüßte.« »Ja wohl— ich ſehe es ja— da kommt wieder eine Thräne.* »Wirklich? Iſt es möglich?« »Ich fürchte, daß ich daran Schuld bin. Aber warum weinet Ihr eigentlich?« »Vielleicht haben Sie mich zu ſehr gelobt, mein Herr. Ihre Worte ſind die erſten theilnehmenden Worte, welche in dieſem Dorfe Jemand zu mir geſprochen hat, und vor allen * 52 Dingen die erſten, welche Wohlwollen gegen die Familie ver⸗ rathen, der ich mit ſo inniger Liebe zugethan bin.« „Das iſt auch mit mir der Fall.« „Ich freue mich, dies zu hören.« »Dieſe Damen ſcheinen eine förmliche Zaubergewalt zu beſitzen. Sie machen mich, Euch und ich glaube jedes redliche Herz zu ihren Freunden.* „Ach, mein Herr, nehmen Sie es mir nicht übel, aber glauben Sie mir, es iſt nichts Kleines, eine alte Familie zu ſeyn. Mein Großvater ſchon diente einem Baron von Beaure⸗ paire. Mein Vater war Revierjäger des letztverſtorbenen und. erhielt bis zu ſeinem letzten Augenblicke ſein Eſſen vom Tiſche ſeines Herrn, denn er war in Folge von Gichtleiden ſchon viele Jahre zuvor, ehe er ſtarb, dienſtunfähig. Meine Mutter ſtarb in dem Schloſſe und liegt dicht neben der Familienca⸗ pelle begraben. Ja, ihr Körper liegt noch im Tode neben den Leichen ihrer Herrſchaft, ebenſo wie bei Lebzeiten ihr Herz nur bei dieſer weilte. Darum ſteht aber auch eine Inſchrift auf ih⸗ rem Leichenſteine, welche das Lob ihrer Treue und Rechtſchaf⸗ fenheit enthält. Glauben Sie, ſo etwas mache keinen Eindruck auf die Herzen der Armen? Ach, der Stolz gemeiner Men⸗ chen iſt elende Spreu, der Stolz der Vornehmen aber iſt Gold. Sehen Sie, mein Herr, bei Emporkömmlingen würde ich eine Dienſtmagd und nichts weiter ſeyn. In dieſer ſtolzen Familie dagegen bin ich eine beſcheidene Freundin. Natürlich ſchwatzen ſie nicht fortwährend mit mir, wie gemeine Herren und Herrinnen— denn wenn ſie dies thäten, würde ich ſie weder lieben noch achten; wohl aber lächeln ſie mich alle an, ſo oft ich in das Zimmer trete ſelbſt die Baronin. Ich ge⸗ höre zu ihnen und ſie gehören zu mir, durch zahlloſe Bande, durch die Jahre ſelbſt.— Bedenken Sie wohl, mein Herr, ein 53 ganzes Jahrhundert— durch die vielen freundlichen Worte in vielen Leiden und Bedrängniſſen, durch das eine Dach, welches uns ſeit hundert Jahren geſchirmt, und das Grab, wo unſere Gebeine bei einander liegen bis zum Tage der Auf⸗ erſtehung.* Jacintha faltete die Hände, und ihre ſchwarzen Augen leuchteten durch den Thau ihrer Thränen hindurch Auch Rivière's Augen wurden feucht. »Das iſt ſchön geſagt« rief er,„das iſt herrlich geſagt! Aber erlaubt mir, es gibt Bande, die ihre Kraft den See⸗ len verdanken, welche dadurch gefeſſelt werden. Wie oft ha⸗ ben ſolche Bande um menſchliche Herzen ſich als gänzlich un⸗ haltbar erwieſen. Euch dagegen halten ſie feſt wie Stahl, weil auch euer Gemüth ſo treu und zuverläſſig iſt wie Gold und Stahl. Ich bewundere Euch, Bürgerin— ich wollte ſa⸗ gen, liebe Jacintha. Solche weibliche Weſen wie Ihr haben ietzt in Frankreich eine hohe Aufgabe.« »Iſt das wahr? Was können wir armen Frauen thun?« »Helden zur Welt bringen! die Mütter großer Männer ſeyn— der Catos und der Gracchen der Zukunft!“ Jacintha lächelte. Sie wußte nicht, wer die Gracchen waren und kannte eben ſo wenig ihre politiſche Geſinnung, aber ihr Name klang ſo fremdartig und ſeltſam— ganz ge⸗ wiß waren es ſehr vornehme Leute. »Das wäre für mich wenigſtens zu viel Ehre,« entgeg⸗ nete ſie beſcheiden.„Doch nun muß ich Ihnen Lebewohl ſa⸗ gen, ſetzte ſie hinzu, und bewegte ſich mit unſicherer zögern⸗ der Miene rückwärts, indem ſie zugleich mit ihren großen ſchwarzen Augen rechts und links ſchielte. Riviére dachte ſich weiter nichts dabei. 54 „Nun denn, adieu, wenn es einmal ſo ſehn muß,« ſagte er. Sie erblickte die neben dem jungen Manne liegenden Rebhühner und blieb ſtehen. Sie betrachtete ſie mit ſehnſüchtigem Blicke. Rivière bemerkte dieſen Blick. „Nehmt Euch ein Paar mit,* rief er,„nehmt Euch ein Paar mit.« „Was ſoll ich damit machen?« „Ich meine für das Schloß— für eure Herrinnen.« „O die beſitzen dergleichen in Maſſe.« „Ah, das bezweifle ich nicht. Alle Bauern ſenden Euch welche.* „Ja wohl— verſteht ſich.* „Wie ſchade! Iſt es denn der Wille des Schickſals, daß ich dieſer Familie nicht einmal durch eine ſ Kleinigkeit meine Zuneigung ſoll beweiſen können?« Jacintha drehte ſich plötzlich nach ihm zen ſtand einen Augenblick ſtill, kam dann ganz langſam wieder auf ihn zu, trat wie in Gedanken verſunken in die Vorhalle und ſetzte ſich ruhig nieder. Anfangs ſaß ſie Riviéère gerade gegenüber, gleich dar⸗ auf aber ſchien ihr einzufallen daß ſie von der Straße aus geſehen werden könne und ſie ſchlüpfte raſch in einen Winkel. Rividre machte große Augen und während ſie die Schöße ihres Kleides glatt ſtrich, zerbrach er ſich den Kopf, was dies wohl heißen ſolle. „Sonderbar,« dachte er,„als ich ſie vorhin wiederholt aufforderte, ſich zu ſetzen, ſagte ſie allemal: Rein, ich muß gehen.* 55 „Ja, mein Herr.« ſie an,„Sie haben es er⸗ rathen.« „Was habe ich denn errathen?“ „Daß ich Ihnen die Wahrheit ſagen will. Ihr Geſicht ſowohl als Ihre Worte ſind die Urſache— ja, ich will Ih⸗ nen Alles ſagen.« „Betrifft es Beaurepaire?« „Ja.* »Aber Ihr habt mir ja ſchon Alles geſagt. Dies ſind eure eigenen Worte.« »Das iſt wohl möglich, aber Alles, was ich Ihnen ſagte, war nicht ganz genau.* „Nein, nein, Jaeintha, das kann nicht ſeyn. Jedes eurer Worte trug das Gepräge der Wahrheit.« Weil Sie ſelbſt ein wahrheitliebender, unſchuldiger, wohlwollender junger Mann ſind. Verzeihen Sie mir, daß ich dies nicht gleich auf den Blick errieth. Ich will Ihnen Alles ſagen.* »Ja, thut das, ich bitte Euch.« »Nun, ſo hören Sie, aber ſchwören Sie mir bei dem Andenken Ihrer Mutter, daß Sie das, was ich Ihnen in dieſem Augenblicke offenbaren werde, keinem Menſchen wie⸗ der ſagen wollen.« »Jacintha. ich ſchwöre euer geheimniß zu bewahren.“ »Nun gut— was Dard Ihnen erzählt hat, mein Herr, war nicht“ ganz unwahr.* »Gütiger Himmel, was ſagt Ihr, Jacintha?« »Obſchon es bloße Vermuthungen von ſeiner Seite wa⸗ ren, denn ich habe meinem eigenen Geliebten niemals anver⸗ traut, was ich jetzt einem Fremden anvertraue.« »Aber ſagt, läßt ſich denn nichts thun?« 56 „Laſſen Sie mich ausreden, ehe mir der Muth entſinkt — ja theilen Sie dieſes Geheimniß mit mir, denn es zernagt mir das Herz. Wenn man alle Tage mit anſehen muß, was ich ſehe, ohne es Jemanden mittheilen zu können— o das iſt ſehr hart! Und dennoch, ſehen Sie, wie ſonderbar! Wer hätte mir wohl vor einer Stunde ſagen können, daß ich vor Ihnen mein Herz ausſchütten würde? Ach, lieber Herr. meine theure alte Herrin und meine lieben jungen Fräulein ſind— ach, ich kann das Wort nicht ausſprechen, doch Ihr Blick gibt mir wieder Muth— ſie ſind nicht ſparſam— ſie ſind nicht geizig, ſie bezahlen nicht ihre Schulden— nein, die Ba⸗ ronin von Beaurepaire und ihre Töchter ſind blut⸗ arm und leiden oft Mangel am Unentbehrlichſten!« III. „Blutarm?« „Leider ja.« „Leute von ſo vornehmem Stande blutarm?“ „Ja, denn ihre Schulden ſind größer als ihr Einkom. men: ſie leben nur ſo lange ihre Gläubiger ihnen die Mittel dazu nicht ganz abſchneiden, und von Zeit zu Zeit drohen uns dieſe Ungeheuer, obſchon ſie wiſſen, daß wir alles Mögliche thun, um ihnen zu geben, was ihnen gehört.« „Womit drohen ſie denn?« »Sie drohen bei der Regierung auf den Lerkauf des Schloſſes und der Ländereien anzutragen, damit ſie zu ihrem Gelde kommen, die Elenden!« „Die Unmenſchenl« „Und das Schlimmſte dabei iſt, daß meine Herrſchaft „ 57 ſich durchaus nicht entſchließen kann, zu irgend einem niedri⸗ gen Auskunftsmittel zu greifen. Ich war im Zimmer als Herr Perrin, der Notar, der Baronin den Rath gab, die ſämmt⸗ lichen Waldungen niederzuſchlagen, das Holz zu verkaufen und das Geld für ſich anzulegen. Sie ließ ihn ausreden, und warf ihm dann einen Blick zu, daß er hätte gleich in die Erde ſinken mögen. „Ich ſoll das Beſitzthum meines Gemals und meiner Joſephine ſeiner Schönheit berauben? Ich ſoll die alten Bäume niederſchlagen, welche beweiſen, daß das Schloß nicht ein Ding von geſtern iſt, wie Ihr Directorium, Ihre Republik und ihre Guillotine?« »Um ſie zu beſänftigen, ſagte Herr Perrin:»NRein, nein, Madame, ſo meine ich's nicht. Die alten Eichen, ſo wie überhaupt die ſehr alten Bäume, müßten Sie verſchonen, die anderen aber können Sie verkaufen.« »Die andern? Die Bäume, die mein Gemal ſelbſt ge⸗ pflanzt? Warum ſoll ich denn nicht auch meine kleine Capelle im Park niederreißen laſſen— er hat ſie ja auch gebaut. Die Steine würden, wenn man ſie verkaufte, gut bezahlt werden, eben ſo wie Joſephinens und Laura's Haar, wenn ich es ih⸗ nen abſchnitte. Aber nein, mein Herr, eben ſo wenig als es mir einfallen kann, das Haupt meiner Töchter ſeines Schmuckes zu berauben, eben ſo wenig wird es mir beikom⸗ men, die alten Wälder von Beaurepaire zu vernichten oder von den Steinen des Heiligthums, in welchem ich für das Seelenheil meines Gemals bete, ein republicaniſches Wohn⸗ haus oder ſonſt etwas erbauen zu laſſen.* »Dies waren ihre eigenen Worte. Sie hatte ganz ſtill dageſeſſen, bis der Notar fertig war, dann aber fuhr ſie mit einem Male empor und ihre Worte kamen aus ihrem Munde 58 „ wie Flammenſtöße aus einem Schmelzofen. Niemand, der ſie gehört, könnte ſie vergeſſen undwenn er ſo alt würde wie Me⸗ thuſalem. Der Notar iſt uns ſeit jenem Tage nicht wieder ins Haus gekommen und dies ſind nun bald ſechs Monate her.“ „Das nenne ich aber falſchen Stolz, Jacintha.« „So? ich nenne es nicht ſo,«entgegnete ſie etwas heftig. „Na, es ſoll nichts ausmachen— ſagt mir noch mehr.“ „Ich will Ihnen Alles ſagen— ich habe es Ihnen ein⸗ mal verſprochen.« „Iſt die Geſchichte von dem Bohnenkaffeh wahr?« „Sie iſt nur zu wahr!“ „Aber Ihr zeigtet mir ja vorhin ein Säckchen Kaffeh⸗ welches Ihr ſo eben gekauft hattet.« „Ich habe es nicht gekauft, ſondern gewiſſermaßen ge⸗ ſtohlen. Dann und wann entwende ich nemlich einige Trau⸗ ben aus unſerm Treibhaus und gebe ſie der Frau des Mate⸗ rialwaarenhändlers, die mir ein wenig Kaffeh dafür gibt, und bei ſich ſelbſt ſagt:„Dieſes Mädchen iſt eine Diebin.« „Das wird ſie nicht ſagen.* „Dann miſche ich davon heimlich eine kleine Quantitä in den Morgentrank meiner armen Herrin.* „Heimlich? Habt Ihr denn nicht Fräulein Laura in das Geheimniß eingeweiht?“ „Ach wie unſchuldig ſind Sie, mein Herr! Begreifen Sie denn nicht, daß ſie Bohnen röſtet, damit ihre Mutter noch glauben möge ſie trinke Kaffeh und daß ich dieſen Trank heimlich würze, damit Fräulein Laura glaube, ihre Bohnen hätten wirklich einen Kaffehgeſchmack? Dobei bin ich überzeugt, daß die Baronin uns beide durchſchaut und thut als ob ſie ihren Morgentrank ganz wohlſchmeckend fände um —— uns Alle froh und glücklich zu machen denn die Frauen ſind 4 59 ſchlau, mein junger Herr— Sie haben keinen Begriff davon. wie ſchlau ſie ſind. Ja, ſo iſt es. Wir in Beaurepaire lieben Alle einander und hintergehen einander aus Liebe.« »Was Ihr mir da ſagt, betrübt mich ſehr. Was Ihr von dem Wein erzähltet, war alſo auch nicht wahr?« „O ja, dies war nicht erlogen. Wein haben wir voll⸗ auf. Der Baron hinterließ einen wohlgefüllten Keller. Es iſt mehr da als wir in unſerm ganzen Leben brauchen und ſo lange wir davon haben, werden wir wackern und armen Leu⸗ ten davon zukommen laſſen.* „Und Euch ſelbſt einſchränken. „Ja, und uns ſelbſt einſchrönken?« »Warum vertauſchen ſie den Wein nicht gegen andere Bedürfniſſe?« »Weil ſie einmal nichts Gemeines thun können.« „Wo wäre aber hier etwas Gemeines dabei? Bin ich wohl der Mann, der zu einer Gemeinheit rathen würde?« „Ach nein, mein Herr, aber meine Herrinnen thun ein⸗ mal nichts, was die andern Barone von Beaurepaire auch nicht gethan haben und deshalb ſetzen ſie ſich zu einer guten laſche Wein aus ihrem eigenen Keller nieder ſo wie zu Trau⸗ ben und Pfirſichen aus ihrem eigenen Garten und ſogar Trüf⸗ feln aus ihrer eigenen Buchenwaldung und guter Sahne von ihrer eigenen Kuh, aber dabei genießen ſie für zwei Sous Brot, während Fleiſch und Braten kaum alle vierzehn Tage einmal auf den Tiſch kommt.* „Mit einem Worte— ſie verzehren für fünfzehn Franes Räſchereien und haben nicht zehn Sous, um ſich geſunde Nah⸗ rungsmittel zu kaufen.* »So iſt es, mein Herr.“ „So iſt es, mein Herr? wiederholte Rividre ihr nach⸗ 60 ſpottend,„und Ihr ſeht nichtein, dehbies keine Erſparniß, ſon⸗ dern die größte Verſchwendung iſt? Seht Ihr denn nicht ein, daß Pflicht und Intereſſe von ihnen verlangen, ihren Wein oder wenigſtens einen Theil desſelben zu verkaufen und ſich auf dieſe Weiſe angemeſſene Koſt zu verſchaffen und daneben noch Geld zur Bezahlung ihrer Schulden herauszuſchlagen?« »Das wäre ganz richtig, wenn ſie gemeine Leute wä⸗ ren, aber ſie ſind ja keine Krämer oder Bauern, ſondern ge⸗ hören zu dem älteſten und vornehmſten Adel Frankreichs.« »Narren ſind ſie,« rief der erzürnte Republicaner,„und Ihr ſehd um kein Haar beſſer als ſie.« »Das will ich durchaus nicht beſtreiten.« entgegnete Ja⸗ cintha lächelnd.„Zetzt.« fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort,„gibt unſere Kuh vollauf Milch, und dies iſt eine große Hilfe. Wenn ſie aber trocken ſtehen wird, dann weiß Gott, was mit uns werden ſoll!« und Jacintha ſah Riviöre mit ſo bekümmerten Blicken an, daß er ſich faſt ſchämte, ein heftiges Wort zu ihr geſprochen zu haben. »Und wenn ich nun noch obendrein hören muß, wie mein eigener Geliebter, der auf meiner Seite ſehn ſollte, dieſe herrlichen Leute und frommen Märthrer verleumdet— 6 „Arme Jacintha! »Ach, das Herz iſt mir ſchwer wie ein Klumpen Blei. Nicht ſowohl wegen deſſen, was oben auf dem Schloſſe vor⸗ geht, denn dies iſt, obſchon ſchwer zu tragen, nicht das Schlimmſte. Liebe nährt eben ſo gut als Speiſe und Trank, und wir in Beaurepaire lieben Alle einander. Das Gerücht aber, welches ich ſo eben im Dorfe vernommen, iſt, wenn es ſich beſtätigen ſollte, das furchtbarſte, was uns irffekt »Was ſagt man denn?« 61 »Man ſagt, einer unſerer Gläubiger wolle das Schloß mit allen Ländereien verkaufen laſſen.« »Fluch über ihn!* »Eben ſo gut könnte er nach der Guillotine ſchicken und meine armen Herrinnen gleich hinrichten laſſen. Sie ſehen mich an. Ach, Sie kennen meine Herrin nicht, wie ich ſie kenne. Iſt es alſo wirklich ſo weit gekommen? Die vornehme alte Fa⸗ milie ſoll in die weite Welt hinansgeſtoßen werden? Ach, meine armen jungen Fräuleins, mit denen ich aufgewachſen bin, denn ich war gerade ſechs Jahr alt als Joſephine gebo⸗ ren ward, und ich werde ſie lieben bis zu meinem letzten Le⸗ benshauche.« Und Jaeintha begann, von der Heftigkeit ihrer Gefühle überwältigt, heftig zu ſchluchzen und zu zittern. Der Staatsmann, der ſein ganzes kurzes Leben in der Schule und im Collegium zugebracht, erſchrak nicht wenig und ſtürzte auf ſie zu und faßte ſie am Arm und rief: »O Jacintha, beruhigt Euch— Ihr erſchreckt mich! In ſeiner Angſt wußte er nicht gleich was er thun ſollte und ergriff ein Glas, füllte es zitternd mit Wein, kniete dann vor Jacinthen nieder und ſchob es ihr zwiſchen die Zähne. Sie that weiter nichts, als daß ſie ein Stück Glas herausbiß, ſo rund und rein als ob es mit einem Diamant herausgeſchnit⸗ ten worden wäre. Sonderbarerweiſe ſchien ſie dadurch wieder zur Beſin⸗ nung zu kommen. „Da, nun habe ich Ihr Glas zerbrochen,« rief ſie in plötzlich verändertem Tone. »Das thut nichts. Ihr ſollt Euch nur beruhigen. Trinkt ein wenig von dieſem Wein.« 31 62 Eduard hielt ihr die andere Seite des Glaſes an den Mund und ſie ſchlürfte ungefähr einen Theelöffel voll. Sie that dies blos aus angeborener Höflichkeit, um ein von ihm gebotenes Mittel nicht zu verſchmähen. Dann ſetzte er das Glas hin und ſie zog ſtill ſeinen Kopf ſanft an ihre Bruſt und er fühlte, daß ſie weinte, denn ſeine Theilnahme hatte ſie im innerſten Herzen gerührt. Was ihn ſelbſt betraf ſo ſchämte er ſich ſchon der Schwäche, die er nicht ganz bemeiſtern konnte, und war froh, ſein Geſicht auf ſo angenehme Weiſe verbergen zu können. „Ach, mein Himmel, Jacintha— Ihr dürft nicht etwa glauben, daß ich immer ſo leicht weine. Seit meiner Kindheit habe ich mich nicht wieder ſo vergeſſen.« „Das glaube ich. Verzeihen Sie mir, ich allein bin Schuld daran. Weinen iſt aber keine Schande. Rein, nein, mein Sohn, dieſe Thränen machen Ihnen Ehre, und die arme Jacintha iſt für immer Ihre Freundin.« „Na,« rief er, ſich plötzlich ermannend,„laßt uns lie⸗ ber etwas thun, anſtatt zu heulen wie die alten Weiber.« „Ja, wenn wir nur etwas thun könnten!« rief Ja⸗ eintha. „O warum ſollten wir das nicht? Niemand weiß, was er thun kann, ſo lange er es nicht verſucht hat. Ich werde mir ſchon etwas ausſinnen, darauf verlaßt Euch.« „Und ich muß nun machen, daß ich wieder aufs Schloß komme. Man wird glauben, ich habe mich verirrt.« „Liebe Jacintha!« »„Was wollen Sie?* »Nun werdet Ihr doch einige von den Rebhühnern mit⸗ nehmen?“ „Ja, von Ihnen nehme ich Alles an.« 63 »Ich danke Euch. Raſch— raſch— nehmt hier dieſe vier Stück. So. Steckt eure Schürze in die Höhe, damit Ihr ſie hineinthun könnt.« »Der Haſe, den Sie auch da liegen haben, wäre noch nahrhafter als die Rebhühner,⸗ ſagte Jacintha ſchüchtern. »Ihr ſollt auch den Haſen bekommen. Schickt Dard her; er ſoll ihn Euch nachbringen.« »Nein, nein, mit Dard bin ich heute uneinig und mag ihn um keine Gefälligkeit bitten. Er ſoll mich zuerſt wieder um etwas bitten, ich ihn nicht. Sehen Sie einmal meinen Arm an. Glauben Sie, dieſer fürchtet ſich vor einem Haſen?« »Allerdings iſt euer Arm faſt noch einmal ſo ſtark als der meine, aber dennoch werde ich Euch den Haſen in meiner Taſche bis ans Schloß tragen. Frankreich iſt immer noch Frankreich, möget Ihr davon denken was Ihr wollt, und ein junger Mann darf nicht zugeben, daß ein hübſches Mädchen eine ſchwere Laſt trage.« »„Sie wollen mich doch nicht etwa begleiten, mein Herr?« fragte Jacintha ſchüchtern. »Warum nicht?« »Nun, wenn Sie einmal wollen, ſo nehme ich es dank⸗ bar an. Die Straße iſt ohnedies ietzt ſo einſam, daß man ſel⸗ ten einem Menſchen begegnet— wenn Sie ſich alſo meiner nicht ſchämen, ſo ſchäme ich mich Ihrer auch nicht. Laſſen Sie uns denn gehen.* Sie gingen ſchweigend neben einander her. Riviöre hatte etwas auf dem Herzen und Jacintha merkte dies und wartete darauf daß er mit der Sprache herausgehen würde. Endlich hob er, gleichſam als ob er es unſchicklich fände, neben der ländlichen Hebe einherzugehen, ohne ein Wort mit ihr zu ſpre⸗ chen, in zerſtreutem Tone an: 64 „Euer Weſen iſt von der Art, daß man nicht recht weiß, ob Ihr die Wahrheit ſprecht oder das Se* Keine Antwort. „Ihr verſteht übrigens ſehr gut zu ſprechen.* Keine Antwort. „So glatt und ſo überzeugend.* Keine Antwort. »Nun denn ernſthaft geſprochen. Früher hielt ich das Lügen für ein Verbrechen, für ein ſchmutziges Laſter, jetzt aber ſehe ich ein, daß ſelbſt eine Unwahrheit, wenn ſie aus reinem Herzen kommt, dadurch geläutert und tugendhaft und fromm wird.* »Das ʒlaube ich nicht.« „Und nützlich.* „Was nützten mir denn meine Unwahrheiten? Ich mußte ſie ja ſchon die nächſte Minute wieder zurücknehmen, und glauben Sie, ich ſey nicht feuerroth geworden, als ich ſo mich ſelbſt Lügen ſtrafen mußte?“ „Ich habe nichts davon geſehen.* „Ein Zeichen, daß ich innerlich erroͤthete, und das iſt noch ſchlimmer. Ach, junger Herr,s fuhr Jacintha in ern⸗ ſtem Tone fort,„hören Sie mich an. Eine Lüge iſt ſtets zweierlei— eine Sünde und eine Thorheit. Ja, die Frauen ſind in dieſer Beziehung gewandter als die Männer, aber um ſo ſchlimmer für ſie. Die Männer lügen manchmal um etwas zu erreichen, woran ihnen viel liegt; ihr Inſtinet aber iſt, die Wahrheit zu ſagen, wenn ſie nemlich den Namen eines Man⸗ nes verdienen. Die Frauen aber, beſonders ungebildete wie ich, flüchten ſich faſt allemal zuerſt hinter eine Lüge wie die Ratten in ein Loch. Nun aber geben Sie auf die Folgen Acht. Die Frauen dulden viele große und kleine Uebel. Die vat 3 65 derſelben iſt ihnen durch den Willen Gottes beſchieden, die andere Hälfte aber bereiten ſie ſich ſelbſt durch ihren Mangel an Wahrheit und Aufrichtigkeit.« „Jacintha!« rief der junge Mann erſtaunt,„Ihr ver⸗ ſteht ja eine Predigt zu halten, wie es kein Pfarrer auf der Kanzel beſſer könnte!* »Spotten Sie nicht!« entgegnete Jacintha altklug. „Bedenken Sie, daß ich viele Jahre älter bin als Sie. Sie ſind kaum zwanzig, glaube ich, und ich beinahe fünfundzwan⸗ zig— und ich kenne das Leben zehnmal beſſer als Sie, ob⸗ ſchon ich immer auf dem Dorfe gewohnt habe.« „Na, ſeyd nur nicht gleich böſe Jacintha. Ich höre jedes Wort, welches Ihr ſprecht, mit der größten Andacht. Uebrigens braucht Ihr nicht zu fürchten, daß ich, was das Lügen betrifft, Euch Weibsleuten nachahmen werde.« »Das würde ich Ihnen ſelbſt nicht rathen, denn die Frauen würden ſelbſt die Erſten ſeyn, die Sie dann ver⸗ achteten.« »Ich werde eurer Mahnungen eingedenk ſeyn und mr ſogar einen eurer Ausſprüche notiren.« Mit dieſen Worten zog er ſeine Schreibtafel heraus und ſchrieb auf ein Blatt derſelben Jacintha's Worte: „Eine Lüge iſt zweierlei— eine Sünde und eine Thorheit.« »So iſts recht!« rief Jacintha in wieder heiterem Tone. „Ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr ſchon fünfundzwan⸗ zig Jahre alt wäret.« „Ich bin es aber— glauben Sie mir denn nicht?⸗ »Warum nicht? Wie könnte ich überhaupt, nachdem Wer lieben will. I. 5 66 Ihr mir eine ſolche Predigt gehalten habt, euren Worten nicht glauben?“ »Gut, gut!« ſagte Jacintha mit Würde. Sie war nach Ausweis des Kirchenbuches volle ſieben⸗ undzwanzig Jahre alt. Riviöre verſank wieder in ſeine früheren Betrachtungen. Diesmal war es Jacintha, welche zuerſt wieder ſprach. »Sie verzeihen mir alſo, daß ich Ihr Glas zerbrochen habe, mein Herr?« »Ach, ſprecht doch nicht von dieſer Kleinigkeit.« »Nun ſind wir bald am Ziele,« fuhr ſie fort. »Allerdings haben wir nur noch wenige Schritte bis zum Schloß.«* »Ich komme nicht alle Tage heraus— wenn Sie mir daher noch etwas Wichtiges mitzutheilen haben, ſo thun Sie es jetzt.* »Was meint Ihr?« »Ich meine, daß all dieſes Geſchwätz von Lügen und dergleichen nicht das betrifft, was Sie mir eigentlich zu ſagen wünſchen. Sie haben etwas auf dem Herzen, was Sie mir gern ſagen, aber auch wieder verſchweigen möchten. Glauben Sie, ich verſtehe nicht in Ihrem Geſicht zu leſen? Na alſo, heraus damit!« »Ihr könnt gut ſagen, heraus damit! Ich habe aber nicht den Muth dazu.« „Weil Sie nicht fühlen, daß ich Ihre Freundin bin.« »Sagt nicht das und ſeht mich nicht ſo freundlich an, ſonſt ſage ich es Euch, Jacintha—« »Nun?* „Es muß ein tiefes Geheimniß zwiſchen uns bleiben« »Nun, das wäre ja ganz herrlich!⸗ n 67 »Ja, aber Ihr müßt ebenfalls ſchwören, wie ich vor⸗ hin ſchwur, denn mein Geheimniß iſt eben ſo wichtig als das eure.* »Ich ſchwöre!« „Nun denn, Jacintha— ich liebe!« Und nachdem er erröthend dieſes Geſtändniß gethan, lächelte er ein wenig dünkelhaft, denn er fühlte, daß es ein Schritt war, der ihn zum Manne ſtempelte. Jacintha's Züge verklärten ſich vor heiliger Freude bei der Ausſicht auf einen Liebeshandel, dann lachte ſie über den Dünkel, womit er ſich einbildete, ſeine knabenhafte Liebe könne ein eben ſo wichtiges Geheimniß ſeyn wie das ihre, und endlich ſenkte ſie ihre Stimme zu einem Flüſtern herab, obſchon kein Menſch in der Nähe war. »Wen lieben Sie denn?« fragte ſie mit blinzelndem Auge und geſpitzten Ohren. »Jaecintha, könnt Ihr es nicht errathen?« Und er blickte ſchüchtern zu Boden. „Ich? Wie kann ich wiſſen, wer einen ſo gewaltigen Eindruck auf Sie gemacht hat!« Aber während ſie dieſe Worte noch ſprach, ſchien ihr Auge einen Blitz nach innen zu ſchleudern, und ihr Scharf⸗ ſinn erfaßte die ihr gewordene Andeutung ſofort.. »Bin ich denn mit Blindheit geſchlagen!« rief ſie.„Es iſt meine junge Herrin. Ich fand es gleich ſo ſonderbar, daß Sie um meinetwillen weinten und ein ſolches Intereſſe an mir nahmen— ei Sie Schelm mit dem unſchuldigen Geſicht! Aber wie und wo haben Sie denn die jungen Damen geſehen? Sie ſpeiſen ja niemals außer dem Hauſe. Sie ſelbſt ſind noch nicht zwei Monate hier— deshalb dachte ich gar nicht gleich an ſo etwas. Doch da fällt mir etwas ein— die Heiligen * 68 mögen uns verzeihen— ja, ja— in der Kirche haben Sie ſich in mein Fräulein verliebt.« „Nein, nein, ich bin ihr vielmehr nicht weniger als eilf⸗ mal begegnet, als ſie mit ihrer Schweſter ſpaziren ging, und zweimal lächelte ſie mich an. O, Jaeintha, es war ein Lä⸗ cheln, wie Engel zu lächeln pflegen, ein Lächeln, welches das Herz erwärmt und die Seele läutert und nie wieder aus dem Gedächtniß entſchwindet.« „Na, ich habe wohl ſchon gehört, daß der Mann Feuer und das Weib Werg iſt, aber das geht doch über alle Be⸗ griffe. Ha, ha, ha!«. „O ſcherzet nicht! Ich habe Euch ja auch nicht ausgelacht.* „Nein, ich will auch nicht ſo undankbar und grauſam ſeyn, über ſo etwas zu ſcherzen, aber dennoch— hi, hi, hi!« „Jacintha, es iſt durchaus nichts zu lachen. Ich ver⸗ ehre ſie, wie Sterbliche die Heiligen verehren. Ich liebe ſie ſo innig, daß ich, wenn ich jemals alle Hoffnung auf ſie verlie⸗ ren ſollte, keinen Tag mehr leben möchte. Und nun habt Ihr mir geſagt, daß ſie arm und bekümmert iſt, und ich denke daran, wie ſie ſo ruhig und ſanft dahinwandelt— ſtets ſchwarz gekleidet, Jacintha— und welche freundliche Ver⸗ beugung ſie mir macht, ſo oft wir uns begegnen, und wie ſanft ſie mich anlächelt, obſchon ihr Herz von Trauer erfüllt iſt. Was kann ich für ſie thun? Wie ſoll ich ſie unſichtbar mit meinem Ich umſchweben— wie ſoll ich ſie fühlen laſſen, daß die Liebe eines Mannes jeden Schritt bewacht, den ſie thut? Und, o Jaeintha, wenn ſie ſich eines Tages herablaſſen ſollte, zu fragen: Wer iſt der Mann, den ich bis jetzt nur durch ſeine Hingebung kenne?“ „Dieſe Frage wird ſie viel eher thun, als Sie zu glau⸗ ben ſcheinen, junger Herr.* 69 „Glaubt Ihr das wirklich? Dann ſegne Euch Gott, Ja⸗ cintha, aber es iſt nicht edelmüthig, an den Lohn der Liebe zu denken. Rein, ich will mich nicht von ſelbſtſüchtigen Beweg⸗ gründen leiten laſſen— ich will lieben und meine Liebe be⸗ weiſen, mag nun Hoffnung für mich da ſeyn oder nicht. Liebe Jacintha, glaubt Ihr, daß Hoffnung für mich da ſey? Nun konnte Jacintha nicht umhin zu fürchten, daß ſehr wenig Hoffnung da ſey, ihr Herz aber und ſeine ſie ſo erwar⸗ tungsvoll anblickenden Augen erlaubten ihr nicht es zu ſagen. „Die Hoffnung darf man nie aufgeben,« ſagte ſie,„ich werde Alles für Sie thun, was ich thun kann und Ihnen Alles erzählen was ich ſehe, die Hauptſache aber ruht natürlich in Ihrer eigenen Hand. Der rechte Weg, ſolche Damen wie die meinen zu gewinnen, iſt, wenn man ſich ihrer würdig macht. Unter fünfzig Männern gibt es vielleicht kaum einen, der ein ſolches Herz verdient wie das Ihrige. Sie aber verdienen es, denn es gibt in der ganzen Welt kein weibliches Weſen, wel⸗ ches für Sie zu gut wäre.« „Ach, Jacintha, ſchwatzt doch nicht ſolchen Unſinn! Ich fühle recht wohl meine Mängel.— Ehe ich gehe, bitte ich Euch nochmals, nicht zu vergeſſen, daß Ihr, wenn irgend etwas ge⸗ ſchehen ſollte, einen Freund außer eurem Hauſe habt.« »Und Ihr eine zuverläſſige Freundin in demſelben.« „Jaecintha, ich bin zu glücklich, ich empfinde den Wunſch, allein zu ſeyn mit all den Gedanken, die ſich mir aufdrängen. Lebt wohl, Jacintha,« und mit dieſen Worten rannte er fort wie beſeſſen. »Mein Haſe! mein Haſe! mein Haſe!« kreiſchte Ja⸗ eintha ihm nach. 70 „Ach ja! Ihr Frauenzimmer ſeyd auch der Kleinigkeiten ſtets eingedenk. Meine Gedanken dagegen ſind ganz verwor⸗ ren.— Komm heraus, Haſels „Nein,« ſagte Jarintha,„hier nicht; gehen Sie damit nach der Hinterſeite des Schloſſes und werfen Sie ihn über die Mauer.* Jacintha ertheilte dieſen Befehl in einem neuen Tone. Er klang nicht ſchroff, aber es lag doch etwas Gebieteriſches darin, welches zu ſagen ſchien:„Ich bin nun in dem Beſitz deines Geheimniſſes. Du biſt in meiner Gewalt; Du mußt mir nun gehorchen, oder—* Riviere that wie ihm befohlen und als er zurückkam, ſtand Jacintha eben im Begriff, das Schloßthor zu paſſiren. Sie drehte ſich noch einmal herum und legte den Zeigefinger an den Mund, um dadurch die unverbrüchlichſte Verſchwiegen⸗ heit auf beiden Seiten anzudeuten. Er that dasſelbe und ſo⸗ mit trennten ſich die Verſchwornen. W. Der für unſern jungen Freund ſo verhängnißvolle Tag war im Schloß Beaurepaire ein ſehr trauriger. Es war der Jahrestag des Todes des Barons. Die Baronin blieb den ganzen Vormittag auf ihrem Zimmer und genoß nichts als eine einzige Taſſe verfälſchten Kaffeh, welche Laura ihr brachte. Um ein Uhr Mittags kam ſie endlich herunter. Sie be⸗ trat nicht das Wohnzimmer. In der Halle fand ſie zwei Blu⸗ menkränze, die an dieſem traurigen Tage allemal für ſie hin⸗ 3 gelegt wurden. Sie nahm ſie in ihre Hand und ging damit in den Park. Ihre Töchter ſahen ihr von dem Fenſter aus nach. Sie begab ſich nach der kleinen Capelle, welche in dem Parke ſtand. Hier brannten zwei Wachskerzen und zwei friſche Kränze waren bereits aufgehängt. Ihre Töchter waren ſchon vor ihr dageweſen. Sie kniete nieder und betete ſtundenlang für das See⸗ lenheil ihres Gemals. Dann erhob ſie ſich, hing einen Kranz auf und ging mit dem andern in der Hand langſam wieder fort. An dem Thore des Parkes empfing ſie die kindliche Liebe in der Geſtalt Joſephinens, und die kindliche Liebe in der Ge⸗ ſtalt Laura's ſah ihr vom Fenſter aus entgegen. Joſephine kam mit dem Ausdruck zärtlicher Beſorgniß in ihren blauen Augen auf ſie zu, umarmte ſie und flüſterte halb fragend, halb vorwurfsvoll: „Du haſt ja deine Kinder noch!“ Die Baronin küßte ſie und antwortete in halb ſchuldbe⸗ wußtem Tone: „Nein, Joſephine, ich hahe nicht gebetet, daß mich Gott von Euch hinwegnehmen möge— wenigſtens nicht eher, als bis Ihr gluͤcklich ſeyd.* „Wir ſind nicht unglücklich, ſo lange wir unſere Mutter haben,« entgegnete Joſephine liebevoll, aber ſehr unlogiſch. Sie ſchritten mit einander nach dem Hauſe, während die Baronin ſich ſanft auf den Arm ihrer Tochter ſtützte. Zwiſchen dem Park und der Ecke des Schloſſes befand ſich ein kleiner Raſenplatz, welchen man in Beaurepaire die „Plaiſances nannte— ein Name, der ſich nebſt manchen an⸗ dern Traditionen bis auf die jetzigen Bewohner vererbt hatte — und in der Mitte dieſer Plaiſance ſtand eine wunderſchöne Eiche, welche nicht weniger als vierunddreißig Fuß im Um⸗ fange hielt. 72 Die Baronin näherte ſich mit ihrem Roſenkranz in der Hand dem altehrwürdigen Baume. Dieſer hatte einen ver⸗ ſtümmelten Aſt, welcher nach dem Hauſe zeigte. Die Baronin hing ihren Roſenkranz an dieſen Stumpf. Die Sonne ging roth und ruhig unter. Ein breiter Rubinenſtreif weilte noch auf den dunkelgrünen Blättern der ungeheuren Eiche. Die Baronin betrachtete ſie eine Zeit lang ſchweigend. Dann redete ſie die Eiche leiſe an und ſagte: »Du warſt hier vor uns— Du wirſt noch hier ſeyn, wenn wir nicht mehr ſind.« Eiine krampfhafte Bewegung zuckte über Joſephinens Geſicht, aber ſie ſagte nichts. Sie gingen mit einander in das Haus. Wir wollen ihnen folgen. Zuvor aber, lieber Leſer, ver⸗ weile noch einen Augenblick, ehe die Sonne untergegangen iſt und betrachte die Eiche von Beaurepaire, während ich Dir ſage, daß die Menſchen nicht den tauſendſten Theil von dem wußten, was ſie hätte erzählen können, wenn die Bäume eben ſo gut athmen als ſprechen könnten. Die Baronin hatte nicht übertrieben. Der Baum war wirklich noch älter als ſelbſt dieſe alte Familie. Es waren noch viele alte Familiendocumente vorhanden, in denen einige Vorfälle erzählt wurden, worin dieſer Baum eine Rolle ſpielte. Das älteſte dieſer Manuſeripte war von einem Mönch, einem jüngeren Sohn des Hauſes, vor ungefähr fünfhundert Jahren vor unſerer Geſchichte geſchrieben. Dies würde uns nicht viel geholfen haben, glücklicherweiſe aber nahm ſich der gute Mönch die Mühe, alle mündlichen Ueberlieferungen in Betreff dieſes Baumes zu ſammeln, welche ſich aus noch weit älterer Zeit herſchrieben, und gab ihnen als verſtändiger Mann 73 durch ſeine Feder eine beſtimmte und dauernde Form. Er beſaß eine abergläubiſche Ehrfurcht vor dieſem Baum und dieſe hatte er wahrſcheinlich auch von ſeinen Ahnen geerbt, eben ſo wie ſie von ihm auf die ihm nachfolgenden Chroniſten überliefert ward. Die Quinteſſenz von all dieſem war mit kurzen Worten folgende. Der erſte Baron von Beaurepaire hatte ſein Zelt unter einer ſchönen Eiche aufgeſchlagen, welche in der Nähe eines Baches ſtand. Später baute er dicht daneben einen vierecki⸗ gen Thurm und legte einen Graben an, welcher ſowohl den Baum als auch den Thurm einſchloß und durch das Woſſer des genannten Baches gefüllt ward. Dieſe Einzelnheiten ſtimmten mit der gegenwärtigen Geſtalt der Dinge und den dazwiſchenliegenden Nachrichten zu genau überein, als daß man hätte bezweifeln können, ob es noch derſelbe Baum ſeh. In jener frühen Zeit ſcheint ſein Umfang kein auffälliger geweſen zu ſeyn und dies beweiſt, daß er noch in die Länge wuchs. Anderthalbhundert Jahre aber, ehe der Mönch ſchrieb, war der Baum in der ganzen Umgegend wegen der Stärke ſeines Stammes berühmt geworden und in der Zeit des Mön⸗ ches hatte er aufgehört an Höhe zuzunehmen, verrieth aber durchaus noch keine Spur von Hinfälligkeit. Der vorhin er⸗ wähnte verſtümmelte Arm war früher ein langer ſtarker Aſt geweſen, der an einer Stelle in Folge einer ſeltſamen Urſache ſo glatt geworden war wie Sammt. Er befand ſich nemlich in der Höhe eines ausgewachſenen Pferdes über dem Boden und die Ritter und Knappen pflegten, die erſtern in voller Rüſtung, ſich darauf in ihren Voltigirkünſten zu üben. Der Mönch hatte dies als Knabe wohl tauſendmal mit angeſehen. Das Mark des Baumes begann allmälig zu ſchwinden 74 und der ſchwere Aſt fing nun an bedenklich zu knarren. Zu iener Zeit war man nicht gewohnt, einen heiligen Aſt durch eine Reihe eiſerner Pfähle zu ſtützen, wie jetzt. Man löſte viel⸗ mehr die Schwierigkeit dadurch, daß man ihn bis auf unge⸗ fähr ſechs Fuß von dem Stamme abhieb. Zweihundert Jahre ſpäter als der Baum beinahe hohl geworden, nagelte man eine plumpe eiſerne Klammer in den Stamm hinein, welche drei Fuß weit herausragend den„Ritteraſt« ſtützte, denn ſo ward das verſtümmelte Glied auch jetzt noch genannt. Was hatte dieſer Baum nicht alles mit angeſehen, ſeit⸗ dem er zuerſt grün und zart wie eine Kohlſtaude aus dem Boden hervorſproßte und der Gnade des erſten Haſen oder Kaninchens preisgegeben war, welches ſeiner wehrloſen Exi⸗ ſtenz ſofort hätte ein Ende machen können. Seitdem hatten Adler ſich auf ſeinem Wipfel gewiegt und wilde Eber ſich ohne Furcht vor den Menſchen mit ſeinen Eicheln gemäſtet. Trou⸗. badoure hatten in ſeinem Schatten den Rittern und Frauen vorgeſungen, welche ringsumher ſaßen oder auf dem Graſe luſtwandelten und liebende Blicke austauſchend die Lieder des Minneſängers bekritelten. Er hatte geſehen, wie ein normänniſcher Herzog Eng⸗ land eroberte und wie engliſche Könige in Frankreich einfielen und in Paris gekrönt wurden. Er hatte geſehen, wie ein Weib gewappnete Ritter in die Flucht ſchlug und wie die krie⸗ geriſche Jungfrau dann mit Zuſtimmung der Elenden, die ſie vertheidigt, und der Flenden, die ſie geſchlagen, von neidi⸗ ſchen Prieſtern verbrannt ward. Die Bildhauer des Mittelal⸗ ters hatten ſich ſeine Blätter zum Muſter genommen und treu die Natur nachahmend ſo manche Kirche damit geſchmückt. Schon war er hochbejahrt, als die Buchdruckerkunſt er⸗ funden ward und die Civiliſation der Völker langſam über ——— 75 Europa aufzudämmern begann. Er blühte und verwelkte in Frankreich, keimte und wuchs aber in Gallien. Und noch merk⸗ würdiger— obſchon er allem Vermuthen nach das Ende der Welt erleben wird, ſo war er doch auch ein Baum, welcher der alten Geſchichte angehörte. Sein Greiſenalter erwartet das tauſendjährige Reich, ſeine erſte Jugend aber gehörte jener großen Epoche an, welche die Geburt Chriſti, die Er⸗ bauung Roms und die Belagerung von Troja in ſich ein⸗ ſchließt. Der Baum hatte auch in den Schickſalswechſeln der Fa⸗ milie eine Rolle geſpielt. Er hatte mehren ihrer Angehörigen das Leben gerettet und andern es genommen. Einer der Herren von Beaure⸗ paire, der von ſeinen Feinden dicht verfolgt ward, ſuchte raſch den Baum zu erreichen und verſteckte ſich ihn erkletternd theils hinter einem großen Aſt, theils hinter dem dichten Schirm der Blätter. Der Feind rannte in der feſten Vorausſetzung, der Fliehende ſey in das Schloß geeilt, hintendrein durchſuchte dasſelbe und gerieth bei dieſer Gelegenheit auch in den Keller, wo ſich glücklicherweiſe ein Vorrath von gutem Malvaſier be⸗ fand. Auf dieſe Weiſe retteten die Eiche und der Wein dem zitternden Baron das Leben. Ein anderer Baron von Beaurepaire ward in ſeinem Schloſſe belagert und als er auf dem Walle ſtand, von einem Armbruſtſchützen erſchoſſen, welcher ſich kurz zuvor, ehe es Tag ward, unbemerkt auf dieſem Baume verſteckt hatte. Ein junger Erbe von Beaurepaire kletterte, um zu einein Rabenneſte zu gelangen, auf den Gipfel dieſes Baumes, der damals viel höher war als jetzt, glitt aus, ſtürzte herab und ſtarb am Fuße des Baumes. Seine Mutter verlangte in ihrem verzweiflungsvollen Schmerze, man ſolle dieſen Baum 76 umhauen, der ihrem Sohne das Leben gekoſtet. Der Baron aber, ihr Gemal, weigerte ſich und ſagte:»Es iſt genug, daß ich meinen Sohn verloren habe, ich will nicht auch noch mei⸗ nen Baum verlieren.« Das Gefühl des Beſitzes war ſtärker als die zeitweilige ſchmerzliche Erbitterung des Vaters. Nun kaufte die Mutter, wie die Chronik erzählt, fünfzehn Ellen ſchwarzen Sammt und ſpannte ein Leichentuch von dem Rit⸗ teraſt querüber nach der weſtlichen Seite bis zu einem andern Aſt und verfluchte die Hand, welche es wieder entfernen würde, auch ging ſie niemals wieder an dem Baume vorüber, ſon⸗ dern machte ſtets einen großen Umweg. Und als ſie ſtarb und man ſie in ihrem Sarge an dem Baume vorbei nach dem Parke tragen wollte, rief ihre Toch⸗ ter aus dem Fenſter herab, den Trägern zu:»Macht einen Umweg! Macht einen Umweg!« Und die Träger und das Gefolge machten einen Umweg. Und mit der Zeit verfaulte und vermoderte das Sammttuch und ward von den Winden zerriſſen und hinweggeführt, und als die Hand der Natur aber keine menſchliche, auf dieſe Weiſe das Symbol des müt⸗ terlichen Grames beinahe vernichtet hatte, wurden noch zwei Stücke aufgehoben und unter den Familienreliquien aufbewahrt und der ſchwarze Sammt war ſchmutzigroth geworden. Die Baronin that deshalb nichts Neues in dieſer Fa⸗ milie, als ſie ihren Roſenkranz an dem Ritteraſt aufhing, und in der That moderte auf der weſtlichen Seite ungefähr acht⸗ zehn Fuß hoch über dem Boden noch eine Ecke von einem Wappenſchild, welches ein Erbe von Beaurepaire hier vor zweihundert Jahren angenagelt, als ſein Vorfahr ſtarb; „denn,« ſagte er,„das Schloß iſt von geſtern der Baum aber hat uns Alle kommen und gehen ſehen.« Der Kern des Baumes war rund und rein hinweg. Er war hohl wie —— 77 eine Trommel und an keiner Stelle über acht Zoll dick, wäh⸗ rend auf der öſtlichen Seite ein Spalt gähnte, ſo hoch wie ein Mann und ſo breit wie eine Hausthür. Dard pflegte auch in vollem Trabe ſeinen Schubkarren in den Baum hineinzufahren und darin ſtehen zu laſſen. Trotz dieſer Aushöhlung und Verſtümmlung wohnte aber nicht blos noch Leben, ſondern auch noch Kraft in dieſer hölzernen Schale. Die äußerſten Enden der längeren Aeſte waren mürbes Zunderholz, in der Mitte aber, wo der unver⸗ wüſtliche Stamm noch Saft aus der Erde ziehen konnte, ſproßten die grünen Blätter jeden Sommer zahllos wie Sand immer wieder von Neuem hervor. Die Blätter, die vor Jahr⸗ hunderten nach dieſen Modellen in Stein gehauen worden, waren größtentheils zerbröckelt und entſtellt, die zarten Vor⸗ bilder aber kamen jeden Sommer vollkommen und lieblich wieder zum Vorſchein, als ob der Baum nur ihr älterer Bru⸗ der wäre. Dabei waren dieſe Blätter aus einer Urſache, die nur der Natur bekannt iſt, weit dunkler und ſchöner als irgend ein anderer Baum hundert Meilen in der Runde aufzuweiſen hatte, und ſtanden ſo dicht, daß man, wenn man unter dem Baume nahe am Stamme ſtand, kaum den Himmel durch⸗ ſchimmern ſah, und bildeten einen Dom von duftigen Smarag⸗ den, der in der goldenen Luft zitterte. 8 Und nun geht die Sonne unter— die grünen Blätter ſind ſchwarz— der Mond geht auf und ſein kaltes Licht beleuchtet die eine Hälfte des rieſigen Stammes. Wie feierlich und ruhig ſteht der große, runde Thurm von lebendigem Holze da, halb Ebenholz halb Silber, mit ſei⸗ 78 * ner mächtigen Wolke von kohlſchwarzen Blättern mit ihrem kaltleuchtenden Saumel Jetzt iſt die Stunde, wo es an der Zeit iſt, die Worte der Burgfrau von Beaurepaire zu wiederholen:„Du warſt hier vor uns— Du wirſt noch hier ſehn, wenn wir nicht mehr ſind!« Verlaſſen wir den ehrwürdigen König der Bäume, der ſo ruhig im Mondſcheine daſteht und der Zeit trotzbietet, und folgen wir den Geſchöpfen eines Tages, denn was ſie waren, ſind wir. Wir treten in einen geräumigen getäfelten Saal. Die Wände ſind ſchneeweiß mit ſparſamen Goldverzierungen. Einige der Wandfelder zeigen ſchön in Holz geſchnitzte Blu⸗ menguirlanden. Auch dieſe ſind nicht mit Vergoldung überla⸗ den, denn nur hier und da zeigt ſich von dieſer eine Spur, gleich feurigen Zungen, welche durch unſchmelzbaren Schnee hindurchzucken. Längs der Wände ſtanden Sopha's und Stühle mit koſt⸗ baren aber durch den Gebrauch ziemlich abgenützten Stoffen überzogen.* In einem kleinen entfernten Winkel des langen Gemachs ſaßen ein grauköpfiger Mann und zwei junge Damen auf Rohrſtühlen um einen kleinen einfachen Tiſch herum, auf wel⸗ chem ein einſames Licht brannte. Nicht weit davon in dem Dämmerſchein dieſes Lichtes ſaß eine alte Dame in einem Lehn⸗ ſtuhl in tiefe Betrachtungen verſunken. Sie dachte an die Vergangenheit und wagte die Zukunft kaum in's Auge zu faſſen. 79 Joſephine und Laura waren mit einer Näharbeit be⸗ ſchäftigt, der Doctor St. Aubin ſchrieb. Zu wiederholten Malen ſchob er das Licht näher zu den Mädchen hin. Sie erhoben keinen Einwand dagegen, aber we⸗ nige Minuten darauf kam eine weiße Hand gekrochen wie eine Schlange und näherte das Licht wieder dem Manuſcript des Doctors. „Iſt noch nicht Zeit zum Abendeſſen⸗ fragte der Doc⸗ tor endlich. »Wahrſcheinlich noch nicht. Jacintha iſt ſehr pünktlich.« »Das mag wohl ſehn, aber ich habe einen innern Mah⸗ ner, meine jungen Damen, und beiläufig geſagt, unſer Diner war heute ätheriſcher als gewöhnlich. „Still! ſtill!« ſagte Joſephine und warf einen unruhi⸗ gen Blick auf ihre Mutter. Dann ſetzte ſie flüſternd hinzu: »Das Wachs iſt ſo theuer.« „Das Wachs— ah, entſchuldigen Sie,« und der Doc⸗ tor wendete ſich ſchnell wieder ſeiner Arbeit zu. Nach einigen Minuten blickte Laura auf und ſagte: »Ich wundere mich, daß Jacintha noch nicht kommt— die Stunde muß vorüber ſeyn.« Und ſie ſchaute in den dunkeln Raum des Zimmers hin⸗ ein, als ob ſie Jacintha kommen zu ſehen erwartete. Sie ſah aber ſehr wenig, denn das geräumige Zimmer war für ihr Auge undurchdringlich. Auf der Hälfte des Weges von dem Lichte bis zur fernen Thür ward das Zwielicht dunkler und Alles war formlos und düſter. Stand man dagegen an der Thür, ſo ſhe durch einen vierzig Fuß langen ſchwarzen Raum hindurch und die kleine Ecke ſchien in Feuer zu ſtehen, und die ſchönen Köpfe um 80 das Licht herum glänzend wie die Köpfe von heiligen Cäcilien oder Madonnen auf einer alterthümlichen Glasmalerei. Endlich bemerkte Laura, daß die Thür ſich öffnete und ein zweites Licht ſchien auf Jacinthens hübſches Bauerngeſicht unter der Thür. Sie ſetzte ihr Licht draußen vor der Thür nie⸗ der, ward dann in dem finſtern Theile des Zimmers unſicht⸗ bar, bis ſie endlich dicht an dem Tiſche mit Servietten auf dem Arm wieder ins Licht heraustrat. Ehrerbietig nahm ſie das Arbeitskäſtchen der jungen Damen, das Manuſeript des Doctors dagegen ohne viele Umſtände weg und begann den Tiſch zu decken, wobei ſie Joſephinen einen Blick der Bewun⸗ derung zuwarf. Dann legte ſie die Serviette auf und warf da⸗ bei wieder einen ſeltſamen Blick der Theilnahme und Bewun⸗ derung auf Joſephinen. Diesmal bemerkte es die junge Dame und ſah die Die⸗ nerin fragend an, als ob ſie eine Mittheilung erwartete. Jacintha aber ſchlug die Augen nieder und fuhr in ihren Dienſtverrichtungen weiter fort. Nun aber redete Joſephine ſie mit einem gewiſſen In⸗ ſtinct der Neugier an, um dieſem Blick Gelegenheit zu geben, ſich in Worten auszuſprechen. „Ich dächte, Du brächteſt uns das Abendeſſen R ein wenig ſpät— iſt es nicht ſo, Jacintha?« „Ja, gnädiges Fräulein, ich habe mehr als gewöhnlich zu thun gehabt,« und indem ſie dies ſagte, betrachtete ſie Joſephinen abermals mit ganz ſonderbarem Blicke, verſchwand in der Finſterniß und ward erſt im Lichtſchimmer der offenſte⸗ henden Thür wieder ſichtbar. „Bemerkteſt Du das?« fragte Joſephine ihre Schweſter. „Was denn?« fragte Laura. „Den Blick, den ſie mir zuwarf.“ 81 „Nein. Was denn für einen Blick?“ „Es war ein eigenthümlicher Blick— ein Blick der Neu⸗ gier, oder man möchte faſt ſagen der Bewunderung— doch nein es wäre unmöglich.« „Ja wohl,« miſchte St. Aubin ſich ein. Dann ſetzte er nach einer Pauſe hinzu: „Und dennoch iſt es das hübſcheſte Geſicht im Zimmer.« „Doctor!* rief Laura mit komiſcher Entrüſtung. „Entſchuldigen Sie, liebes Kind. Ich dachte nicht gleich an Sie.* „Wie können Sie ſich unterſtehen, meine Joſephine hübſch zu nennen? Die Madonna hübſch! Iſt das wohl ein Ausdruck, der für ſie paßt? In der That, ich bin ganz ent⸗ rüſtet.“ „Fräulein Laura,s hob der Doctor wieder an,„erlau⸗ ben Sie mir zu bemerken, daß Sie, wenn Sie Fräulein Joſe⸗ phine Ihre Joſephine nennen, dadurch ein Monopol bean⸗ ſpruchen, welches Ihnen durchaus nicht zugeſtanden werden kann.* „Aber, fragte Laura in ſtolzem Tone„wem gehörte Joſephine ſonſt als mir?“ Der Doctor nahm kaltblütig eine Priſe, ſchien ein we⸗ nig nachzudenken und ſagte dann:»Mir.* „Vor zwanzig Jahren,« miſchte eine Stimme vom Ca⸗ min her ſich ruhig ein,„vor zwanzig Jahren war Laura noch nicht geboren und unſer guter Freund hier hatte Beaurepaire noch nicht geſehen. Wem gehörte Joſephine denn damals, Ihr guten Leute?« »Meiner guten Mama, der ſie auch jetzt noch gehört,« Wer lieben will. I. 6 82 rief Joſephine und lag im nächſten Augenblick ihrer Mutter zu Füßen. „So iſt's recht,« ſagte der Doctor zu Laura,„da ſehen Sie die Folgen unſeres unklugen Wettſtreites. Eine dritte Per⸗ ſon hat den Sieg davongetragen. Kommt denn das Abend⸗ eſſen heute gar nicht? Sind Sie nicht hungrig, mein Kind?“ „Ach ja— doch nein, nicht ſehr.« Ach leider waren ſie, die Wahrheit zu ſagen, alle hung⸗ rig. Die Sparſamkeit in dieſem verarmten aber ehrenwerthen Hauſe war ſo groß, daß die heute in der Capelle verbrannten Wachslichter das ohnehin frugale Mittagsmahl noch mehr beeinträchtigt hatten. „Ah, da kommt ſiel« rief der Doctor. Die Thür öffnete ſich, Jacintha zeigte ſich mit einem Prä⸗ ſentirteller in beiden Händen einen Augenblick lang im Scheine ihres Lichtes und ward dann, indem ſie näher kam, un⸗ ſichtbar. Ehe ſie wieder in den hellen Raum heraustrat, ging ihr ein ſeltſamer würziger Duft voran. Aller Augen wendeten ſich neugierig dem ungewohnten Dufte zu, bis Jacintha mit drei gebratenen Rebhühnern in einer Schüſſel hervortrat. Man wußte nicht, was man denken ſollte. Jacinthens Geſicht war feuerroth theils vom Braten, theils vom gehei⸗ men Stolz und Glück, aber ſie verbarg dies wie überhaupt jeden Anſchein von Gefühl hinter erheuchelter Apathie. Sie mied die Augen ihrer Herrſchaft und entfernte aus dem Aus⸗ druck ihres Geſichtes Alles, was darauf ſchließen laſſen konnte, daß ſie nicht jeden Abend ihres Lebens Rebhühner zum Souper ſervire. Die jungen Damen blickten von den Rebhühnern auf Jacinthen und von Jacinthen auf die Rebhühner mit einer 83 ſtummen Verwunderung, welche durch das gleichgiltige Geſicht der Dienerin nicht vermindert ward. „Das Abendeſſen iſt aufgetragen, Frau Baronin,« ſagte Jacintha mit einer ehrerbietigen Verbeugung und in mechani⸗ ſchem Tone, tauchte dann in das Dunkel, ward im Scheine ihres eigenen Lichtes wieder ſichtbar, ſchloß die Thür und that nun dem Ausdruck ihrer Züge nicht länger Gewalt an. Von Frohlocken und Freude ſtrahlend ging ſie hinunter in ihre Küche und fing an zu weinen, während ſie zugleich ihre kupfernen Pfannen mit einer unerhörten Schnelligkeit und Energie zu ſcheuern und zu putzen begann. „Rebhühner, Mama!« rief Laura,„was wird denn unſer nächſtes Gericht ſeyn?“ „Faſane, hoffe ich,« rief der Doctor heiter.„Und dann werden Haſen kommen, bis königliches Wildpret den Beſchluß macht. Erlauben Sie mir, meine Damen.« Und er begann eifrig die Rebhühner zu tranchiren. Natur bleibt Natur und zwei Paar blaue Augen verklär⸗ ten ſich und weilten mit ſchüchternem Verlangen auf dem duf⸗ tigen, zarten Gericht. Dennoch aber als St. Aubin Joſephinen einen Flügel präſentirte, lehnte ſie ihn ab. »Kein Rebhuhn?« rief der Gelehrte vor Erſtaunen außer ſich. »Heute nicht, lieber Freund— es iſt heute kein Feſttag.« »Ach ja! Wo hatte ich denn die Gedanken?« ſagte der arme Doctor. „Aber Sie ſollen deswegen nicht zu kurz kommen,« ſetzte Joſephine ſogleich hinzu.„Wir wollen uns wenigſtens das Vergnügen machen, Sie davon eſſen zu ſehen.« * 84 „Was, entgegnete St. Aubin,„bin ich nicht Einer von den Ihren?* Die Baronin hatte kein Wort von dieſem Zwiege⸗ ſpräch verloren. Sie erhob ſich von ihrem Stuhl und ſagte ruhig: „Sowohl Sie, lieber Doctor als auch Joſephine und Laura werden mir das Vergnügen machen, mich zuſehen zu laſſen, während Sie dieſe Rebhühner ſchmauſen.“ „Aber Mamal« riefen Joſephine und Laura wie aus einem Munde. „Ich will es,« entgegnete die Baronin kalt. Es waren dies Worte, welche die Baronin ſo ſelten ausſprach, daß in der Regel Niemand etwas darauf zu ent⸗ gegnen wagte. Der Doctor tranchirte demgemäß und legte den jungen Damen und ſich vor. Als ſie alle ein wenig gegeſſen hatten, entſpann ſich eine leiſe Discuſſion zwiſchen Laura und ihrer Schweſter. Endlich verſtand St. Aubin die Worte: „Es iſt vergebens— ſelbſt Du beſitzeſt nicht Einfluß genug dazu, Laura.* „Wir werden ſehen,« entgegnete Laura, indem ſie zu⸗ gleich den Flügel eines Rebhuhnes auf einen Teller legte und ſich ruhig von ihrem Sitz erhob. Sie nahm den Teller und ſetzte ihn auf den kleinen Arbeitstiſch, der neben ihrer Mutter ſtand. Die Andern thaten, als ob ſie an weiter nichts däch⸗ ten, als an's Eſſen während ſie doch mit geſpitzten Ohren lauſchten. Die Baronin ſah Laura mit einer verwunderten Miene an, die gerade nicht ſehr ermuthigend war, und da Laura nichts ſagte, ſo erhob ſie endlich ihre ariſtokratiſche Hand mit 85 nicht gerade ſchroffer, aber doch entſchiedener abweiſender Ge⸗ berde. Die unerſchrockene kleine Laura legte ihre Hand ſanft auf die Schultern der Baronin und ſagte zu ihr in demſelben feſten Tone, in welchem vorhin die Baronin geſprochen: „Er will es, meine Mutter!« Die Baronin betrachtete einige Augenblicke lang unver⸗ wandt und ſchweigend das ſchöne junge Antliz— dann dachte ſie nach. Endlich ſagte ſie: „Wohlan, es iſt ſeine Tochter, welche mir ſagt: Er will es! Ich gehorche.* Laura kehrte wie ein ſiegreicher Ritter aus den Schranken frohlockend und mit nur einer naſſen Augenwimper zu ihren Tiſchgenoſſen zurück die ſie mit freudeſtrahlendem Blicken em⸗ pfingen. So liebten ſie einander in dieſem großen zuſammenbre⸗ chenden Hauſe. Ihre Vertraulichkeit hatte nichts Unzartes. Als eine Form nicht der Gewohnheit, ſondern der Zuneigung ging ſie unabänderlich mit dem rückſichtsvollſten Zartgefühl Hand in Hand. Die Baronin begab ſich an dieſem Abend ziemlich früh zur Ruhe. Nicht ſobald war ſie fort, als zwiſchen den beiden Schweſtern ein eifriges Geſpräch begann. Es ward anfangs in leiſem Tone geführt, um St. Aubin bei ſeiner gelehrten Arbeit nicht zu ſtören. „Hat ſie denn etwas gehört?« hob Joſephine an. „Von unſerem hartherzigen Gläubiger? Von dem an⸗ gedrohten Verkauf des Schloſſes meinſt Du wohl?s entgeg⸗ nete Laura.»Ich weiß es nicht.* 86 „Laura, ſie ſagte heute einige Worte zu mir, welche mich ſehr beunruhigen, obſchon ich ihr nicht darauf antwor⸗ tete. Sie ſagte— wir ſtanden gerade bei der großen Eiche— Du warſt hier vor uns— Du wirſt auch nach uns noch hier ſeyn.* „O, mein Himmel, wer hat es ihr denn geſagt? Iſt vielleicht Jacintha ſo wahnſinnig geweſen?“ „Dieſes treue Geſchöpf? O nein! Als ſie es mir erzählte, war ihre größte Beſorgniß die, daß die Mutter es erfahren könnte.* „Möge,« fiel St. Aubin hier ein,„der Himmel ſie ſegnen, daß ſie eben ſo viel Verſtand als Treue beſitzt. Die Baronin darf dies nicht eher erfahren, als bis die Ge⸗ fahr vorüber iſt. Die arme Frau! Die fortwährende Angſt würde ſie furchtbar erſchüttern.« „Sie haben alſo gehört, was wir ſo eben ſprachen?“ fragte Joſephine. „Jedes Wort,« entgegnete der Doctor.„Ich will dieſe Schmiererei weglegen, für welche ſich blos mein Kopf, aber nicht mein Herz intereſſirt, und mich lieber mit Ihnen bera⸗ then, ob ſich dieſes neue Unglück nicht abwenden läßt. Wer hat denn gedroht, Beaurepaire zu verkaufen?« „Ein einziger Gläubiger,« antwortete Joſephine.„Sei⸗ nen Namen aber konnte mir Jacintha nicht nennen.« „O. der wird ſich leicht ermitteln laſſen, bemerkte St. Aubin.„Was nun jene Worte Ihrer Frau Mutter betrifft, ſo laſſen Sie ſich dadurch weiter nicht beunruhigen. Sie haben denſelben eine etwas forcirte Auslegung liebe Freundin.« „Meinen Sie wirklich, Doctor?“ * 87 „Ihre Frau Mutter iſt eine alte Dame, welche fühlt, daß ihre Kräfte immer mehr abnehmen.* „Was ſagen Sie, Doctor!“ rief „wir wollen doch nicht hoffen, daß— „Sie ſtand einem alten Baume gegenüber und dabei drängte ſich ihr ungefähr der Gedanke auf: Auch Du biſt alt— viel älter als ich, aber dennoch wirſt Du mich überleben.* „Aber,« bemerkte Laura,„ſie ſagte ja„unss und nicht „mich.* „Darauf kommt nicht viel an,« entgegnete der Doctor. „Damen drücken ſich nicht aa ganz präcis aus.« „Was Sie da ſagen, lieber Freund, iſt ſehr ſcharfſin⸗ nig,« bemerkte Joſephine,„aber dennoch glaube ich nicht, daß es das iſt, was meine Mutter meinte.“ „Aber dennoch iſt es die einfachſte Deutung ihrer Worte.* „Das gebe ich zu.« „Nun, können Sie mir einen haltbaren Grund ange⸗ ben, aus welchem dieſe faſt ſich von ſelbſt verſtehende Inter⸗ pretation zu verwerfen iſt?“ „Nein. Wenn man aber die Züge und die Stimme eines Menſchen ſo genau kennt wie ich die meiner lieben Mama, ſo lieſt man darin oft Dinge, welche ein Anderer aus den blo⸗ ßen geſprochenen Worten nicht herauszuhören vermag.“ „Das iſt wohl leere Einbildung. Ich fühle, daß es ſo ſcheinen kann.* „Mir nicht,« miſchte Laura ſich wieder ein.»Mir iſt die Sache ſo einfach und klar wie der Tag.« „Ja, Ihnen vielleicht, kleine Enthuſiaſtin,« entgegnete St. Aubin.„Ich dagegen habe die unglückliche Angewohn⸗ — * 88 heit, einen haltbaren Grund zu verlangen, wenn ich zu irgend einer aufgeſtellten Behauptung meine Zuſtimmung geben ſoll.« „Das iſt allerdings eine ſehr unglückliche Angewohn⸗ heit,« ſagte Laura.„Aber liebe Joſephine, ſage mir, von welcher Art war das Gefühl, welches unſere Mutter durch die Art und Weiſe, wie ſie dieſe Worte ſprach, in dir an⸗ regte?“ „Ja, dies will ich Dir ſagen,« entgegnete Joſephine, indem ſie leicht ihre glatte Stirne runzelte und dann die Au⸗ gen unverwandt auf einen Punkt heftend langſam fortfuhr: „Unſere Mutter hatte nicht die Abſicht, die Dauer des irdiſchen Lebens mit dem eines Baumes zu vergleichen.« »Petitio principii,« ſagte der Doctor ruhig. „Andererſeits,« fuhr Joſephine fort, ohne auf die ihr unverſtändliche Bemerkung des Doctors zu achten,„würde ſie, wenn ſie von dem uns drohenden Unglücke gehört hätte, ſich nicht weniger allgemein ausgedrückt haben? Hätte ſie dann nicht lieber mich als den Baum angeredet? Ich glaube daher, daß unſere liebe Mutter nur im Allgemeinen eine Ahnung hatte, daß wir von dieſem geliebten Orte vertrieben werden ſollen, und dieſer Anblick fand beim alten Genoſſen unſerer Schickſale Worte. Selbſt aber wenn dies die rechte Auslegung iſt, kann ich nicht ohne Zittern ſie der wirklichen Wahrheit ſo nahe kommen ſehen, denn ich kenne ihren Scharf⸗ ſinn, und wenn es jemals ihr zu Ohren kommen ſollte, daß — meine arme, arme Mutter!« „Es wird niemals geſchehen, meine liebe junge Freun⸗ din— es wird niemals geſchehen. Beaurepaire zu verlaſſen wäre für die Baronin eben ſo ſchlimm, als in den Tod zu gehen.* »Sagen Sie das nicht, Doctor!« rief Joſephine. 89 „Wir wollen,« bemerkte Laura,„gegen unſer Unglück ankämpfen, es uns aber nicht ſchwerer vorſtellen, als es iſt. Unſere Mama würde dann immer noch die Liebe ihrer Töch⸗ ter beſitzen. 5 „Es wäre vergeblich uns ſelbſt täuſchen zu wollen,“ ent⸗ gegnete St. Aubin.„Von Beaurepaire getrennt, würde die Baronin keinen Monat mehr leben. In ihrem Alter hängt der Menſch, Mann oder Weib, nur noch durch ſeine Gewohn⸗ heiten am Leben. Man führe ſie hinweg aus dieſem Schloſſe, von der kleinen Capelle, wo ſie jeden Tag für die ewige Ruhe ihres Gemals betet, von ihrem Platze auf der ſonnenhellen Terraſſe und von allen Erinnerungen, die ſie hier umgeben, und es wird nicht lange dauern, ſo neigt ſie ihr Haurt und ſtirbt.“ Der gelehrte Mediciner, der, indem er dieſe Worte ſprach, eines ſeiner Steckenpferde in der Nähe erblickte, er⸗ griff es ſofort und ſchwang ſich darauf. Er begann nemlich ſofort eine wunderbar gelehrte ſcharfſinnige, aber ſehr unzei⸗ tige Abhandlung über die menſchliche Lebenskraft und Lebens⸗ dauer, durch welche er endlich bewies. daß es der Geiſt iſt, welcher den Körper des Menſchen bisweilen bis in das acht⸗ zigſte Jahr oder noch länger am Leben erhält. Er theilte ſei⸗ nen Zuhörerinnen mit, er habe während ſeiner frühern Stu⸗ dien eine Menge Geſchöpfe— Fröſche, Kaninchen, Hunde, Männer, Weiber, Pferde, Schafe, Eichhörnchen, Füchſe, Katzen u. ſ. w. ſorgfältig ſecirt und in den Organen des WMenſchen keine andere Eigenthümlichkeit, durch welche ſich dieſe auffallende lange Lebensdauer erklären ließe, entdeckt, als in dem Gehirn oder den Organen des Geiſtes. Von hier ging er auf die lange Lebensdauer der Menſchen von zufriede⸗ ner ruhiger Gemüthsart, und die Hinfälligkeit der von Sor⸗ 90 gen oder heftigen Begierden gequälten über. Er ſetzte dieſen jungen Damen ſogar auseinander, warum kein unverheira⸗ theter Mann jemals das volle Menſchenalter erreicht hat, wel⸗ ches er gefällig genug war auf hundert und zehn Jahre feſt⸗ zuſetzen.* »Eine Frau,« ſetzte er erläuternd hinzu,„iſt für ein langes Leben weſentlich nothwendig. Sie iſt der Ableiter für die Hälfte der Sorgen eines Mannes und für zwei Drittheile ſeiner üblen Laune.« Nach vielen dergleichen Sſwerfungen die vor einem ganz andern Auditorium am rechten Ort geweſen wären, kam er wieder auf die Baronin zurück. Nun gewann ſein Herz wieder das verlorene Uebergewicht über ſeinen Kopf und er ſchloß ſeinen ziemlich froſtigen Vortrag mit einem tiefen Seußzer. „Ach, Doctor,« rief Laura,„was ſollen wir be⸗ ginnen?* „Ich habe ſchon meinen Entſchluß gefaßt,s entgegnete er.„Ich werde mit Perrin, dem Notar, ſprechen.“ „Aber den haben wir ja beleidigt!“ „O, nicht erheblich. Ueberdies hatte die Baronin un. recht.* „Mama hätte Unrecht gehabt?“ „Ja, ihr Unrecht war allerdings zu entſchuldigen, aber es kann kein Zweifel obwalten, daß ſie wirklich Unrecht hatte. Sie war ohne hinreichenden Grund ungeſtüm und hitzig. Herr Perrin ertheilte ihr den Rath allerdings nicht eines zartfüh⸗ lenden Geiſtes, wohl aber eines Freundes, dem ihr Intereſſe am Herzen lag. Er hat Ihrer Familie viel zu verdanken. Jetzt kann er dieſe Danköarkeit beweiſen, ohne ſich ſelbſt ein Opfer aufzulegen und dies, glaube ich, iſt ein Aufſchwung des 91 Dankgefühls, deſſen ſelbſt ein Notar fähig iſt. Sind Sie nicht auch meiner Meinung, Fräulein Joſephine?“ Joſephinens Antwort war mehr weiblich als treffend. „Ich bin ſchon einmal ſo unglücklich geweſen, von der Anſicht meines beſten Freundes abzuweichen,« antwortete ſie und ſchlug, ihren Urtheilsſpruch erwartend, die Augen zu Boden. „Sie fürchtet ſich mit der Sprache herauszugehen, rief Laura;„ſo ſprich doch!« „Wohlan, lieber Freund,« hob ſie wieder an,»Herr Perrin flößt mir kein großes Vertrauen ein.* „Hm, haben Sie denn etwas zu ſeinem Nachtheile ge⸗ hört?« fragte der Doctor. „Nein,« antwortete ſie;„meine Vermuthungen gründen ſich blos auf das was ich geſehen habe. Wir wollen hoffen, daß ich mich irre. Du mußt bemerkt haben, Laura, daß das Geſicht dieſes Mannes einen ganz andern Ausdruck hat, wenn er auf ſeiner Hut iſt, als wenn er dies nicht iſt. Auch ſeine Stimme iſt nicht offen. Sie iſt nicht ein echter Theil ſeines Ich, wie die Ihrige, lieber Doctor, und zweitens iſt es auch nicht blos eine.« „Was der Teufel! Hat er denn zwei Stimmen?“ „Ja und vielleicht noch mehr. Wenn er in dieſem Zim⸗ mer iſt, dann iſt ſeine Stimme— wie ich denn gleich ſa⸗ gen— künſtlicher Honig.* „Sage lieber Syrup,« unterbrach ſie Laura. „Du haſt das rechte Wort ausgeſprochen, Laura— das war es, worauf ich mich nicht ſogleich beſinnen konnte. Außerhalb unſeres Hauſes aber habe ich ihn ganz anders in gebieteriſchem, zornmüthigem, ich hätte faſt geſagt brutalem * 92 Tone ſprechen hören, ja und das Schlimmſte iſt, dieſe böſe Stimme war ſeine eigentliche.« „Woher wiſſen Sie das?« „Woran ich dies hörte, kann ich Ihnen nicht ſagen, lieber Freund. Ein gewiſſes Etwas verrieth es mir.« „Aber dennoch werden Sie einen haltbaren Grund da⸗ für anführen können,« ſagte der Doctor hinterliſtig. „Nein, lieber Freund,« ſagte Joſephine,„Gründe an⸗ führen iſt nicht meine ſtarke Seite. Bedenken Sie, daß ich kein Gelehrter, ſondern nur ein einfältiges Mädchen bin. Meine Meinung von dieſem Menſchen beruht auf einem Inſtinct, nicht auf Gründen.* Das Geſicht des Doctors nahm einen faſt herausfor⸗ dernden Ausdruck an. Joſephine ſah dies, aber ſie ließ ſich nicht ſo ſchnell rei⸗ zen. Sie lächelte blos wehmüthig. Laura dagegen warf ſich ſofort zu ihrer Vertheidige⸗ rin auf. „Lieber wollte ich mich auf Joſephinens Inſtinct verlaſ⸗ ſen, als auf alle Gründe ſämmtlicher Gelehrten in Frank⸗ reich!« rief ſie. „Laura!« rief Joſephine in verweiſendem Tone, indem ſie die Augen wieder emporrichtete. „Was ſind Gründe? So viel als nichts!« rief Laura in verächtlichem Tone. „Oho, das wäre doch ein wenig zu ſtark!“ rief Saint⸗ Aubin lächelnd. „Ja wohl, ich bleibe bei dem, was ich geſagt habe!« rief die kleine vorwitzige Laura.»Es laſſen ſich für die Wahr⸗ heit ſtets eben ſo viele Gründe anführen, als dagegen. Die Janſeniſten haben Bücher voll Gründe. Die Jeſuiten wiſſen 93 eben ſo viele dagegen geltend zu machen. Die Calviniſten und alle Ketzer haben dicke Bände voll Gründe. Joſephine hat da⸗ her Recht und Sie haben Unrecht, lieber Doctor.“ „Ein trefflich durchgeführter Schluß. Leider kann mich derſelbe blos einſchüchtern, aber nicht überzeugen.“ „Ihr Fehler, lieber Doctor liegt darin, daß Sie ihr antworten,« bemerkte Joſephine,„das ermuthigt ſie, dieſe kleine Tyrannin, die uns alle mit eiſerner Ruthe beherrſcht. Komm her, mein Kind. ich will Dir für deine Keckheit einen Kuß geben aber dann ſchweige. Theilen Sie uns Ihren Plan mit, Doctor, und Sie können auf Laura's Mitwirkung eben ſo beſtimmt rechnen, als auf die meine. Ich bin es, die Ihnen dies ſagt.* „Damit hat ſie wieder Recht, Doctor,s bemerkte Laura, indem ſie ihn über die Schulter ihrer Schweſter hinweg anſah. Auf dieſe Weiſe ermuthigt, theilte Saint⸗Aubin den Schweſtern mit, daß er, ohne die Baronin zu compromitti⸗ ren, an Herrn Perrin ſchreiben und ihn zu einer Unterredung einladen wolle. „Der Erfolg iſt faſt mit Gewißheit vorauszuſehen,« ſetzte er hinzu.„Der hartherzige Gläubiger wird durch Ueber⸗ tragung der Anleihe bezahlt und Alles iſt dann gut. Mittler⸗ weile liegt auch gar kein Grund vor, zu verzagen, denn es iſt ja nicht als wenn mehre Gläubiger mit einander übereinge⸗ kommen wären, den Verkauf zu erzwingen. Jetzt haben wir es blos mit einem zu thun, und zwar mit dem unbedeutendſten von allen.* „Wirklich? Ich hoffe, daß dem ſo ſey. Was veranlaßte Sie zu dieſer Vorausſetzung?« fragte Joſephine. „Ich weiß es,« entgegnete der Doctor. Die Mädchen ſahen einander an. 94 „O, Sie haben durchaus keinen Concurrenten in mir zu fürchten, welcher ſich einbildete, einen eben ſo untrüglichen Inſtinct zu beſitzen, wie Sie, meine ſchönen Freundinnen,« antwortete Saint⸗Aubin.»Mein Inſtinct iſt ſo ſchwach, daß ich zu jenem verächtlichen Bundesgenoſſen, dem Verſtand, welcher Gründe aufſucht, meine Zuflucht nehmen muß. Die Sache verhält ſich ſo. Unſere großen Gläubiger ſind reiche Leute und ſolche laſſen ihre Gelder, dafern ſie ſonſt ſicher an⸗ gelegt ſind, ruhig ſtehen, ſo lange ſie nicht gezwungen ſind, ſie anders zu placiren. Der kleine Hypothekeninhaber dage⸗ gen, der vielleicht kein Capital weiter zu überwachen hat, als ein einziges kleines Darlehen, um welches er auf eben ſo ge⸗ räuſchvolle Weiſe beſorgt iſt wie eine Henne mit einem einzigen Küchlein— dieſer iſt der lärmſüchtige Gläubiger, der uner⸗ bittliche kleine Egoiſt, welcher bei der erſten Möglichkeit einen Kronthaler zu verlieren, ſelbſt das Paradies zur Subhaſta⸗ tion bringen möchte. Gehen Sie daher zu Bett, meine Kinder, und ſchlafen ſie ruhig. Der Himmel wacht über Ihnen und mein grauer Kopf entſagt ſeinen Chimären, wenn Ihr Lebens⸗ glück in Gefahr iſt.« Die jungen Damen begaben ſich, durch die Zuverſicht ihres Freundes in hohem Grade wieder beruhigt und getröſtet, zu Bett, er aber ging mit plötzlich ganz verändertem Weſen bis ein Uhr Morgens im Zimmer auf und ab. Seine Stirn war gerunzelt und ſeine Miene traurig, und wenn ſein Ver⸗ trauen kein erheucheltes geweſen war, ſo ſchwand es doch ſofort hinweg, als er Niemanden mehr zu tröſten oder zu wi⸗ derlegen hatte. Um ein Uhr Morgens ſetzte er ſich endlich nieder und ſchrieb an den Notar. Sein Brief, das Ergebniß vielen Nach⸗ denkens, war ziemlich gewandt. 95 Er beklagte die Empfindlichkeit der Baronin, gab zu verſtehen, oaß ſie dieſelbe wahrſcheinlich ſchon bereut habe und erelärte, er für ſeine Perſon ſey gleich von Anfang an der Meinung geweſen, daß er, der Notar, Recht habe. Wenn er daher ſein Bedauern über dieſes eingetretene geſpannte Ver hältniß theile, ſo böte ſich ihm jetzt Gelegenheit dar, mit Eh⸗ ren wieder ſeinen frühern Platz als Freund der Familie ein⸗ zunehmen. Schließlich bat der Schreiber des Briefes um eine mündliche Unterredung. Wir wollen dieſem Briefe folgen. Am nächſten Nachmittag ward er dem Notar ein⸗ gehändigt. Als dieſer ihn las, entſchlüpfte ſeinen Lippen ein einzi⸗ ges Wort. „Sonderbar!« ſagte er. Sofort ſchrieb er eine Antwort. Saint ⸗Aubin freute ſich über dieſe Antwort und die Schnelligkeit, womit ſie erfolgte, nicht wenig. Er rief die Mädchen beiſeite und las ihnen den erhaltenen Brief vor. Sie horchten mit geſpannter Erwartung. Herr Perrin ſchrieb, er habe das Ungeſtüm der Baronin, wofür ſich ſo viele Entſchul⸗ digungsgründe anführen ließen, durchaus nicht übel genom⸗ men. Er ſey vielleicht durch ſeinen eigenen indiscreten Eifer ihrem Intereſſe zu dienen, an dem eingetretenen Zerwürfniß Schuld geweſen. Deshalb hoffe er, Doctor Saint⸗Aubin werde ihm einen Weg bezeichnen, auf welchem er dieſe Intereſſen auch ferner fördern könne, ohne der Baronin läſtig zu fallen. Uebrigens ſey er bereit, ſowohl dieſer als auch dem Doctor zu jeder beliebigen Stunde, die man ihm nennen würde, ſeine Aufwartung zu machen. »Dal rief Saint⸗Aubin,„iſt das nicht der Brief eines 96 Freundes und eines ehrlichen Mannes oder auf alle Fälle eines ehrlichen Advocaten?“ „Ach ja, aber iſt er nicht ein wenig zu unſchuldig?“ bemerkte Joſephine.„Iſt eine ſolche totale Selbſtverläugnung wohl natürlich— beſonders bei einem Advocaten?“ „Kinderei!« entgegnete der Doctor halb ärgerlich. „Dieſe Antwort iſt nicht blos ein freundſchaftlicher, ſondern auch ein höflicher Brief. Die Höflichkeit redet ſtets eine Sprache, welche dem Egoismus entgegengeſetzt und folglich aufrichtig iſt. Es muß doch auch einem Advocaten erlaubt ſeyn, ſich höflich auszudrücken.* „Das iſt wahr— darf ich den Brief einmal ſelbſt leſen?« Joſephine las den Brief aufmerkſam, als ob ſie die ver⸗ ſteckte Bedeutung einer jeden einzelnen Sylbe yerausfinden wollte. Mit einem halben Seußzer gab ſie ihn zurück. „Ich wollte, er hätte eine Stimme und Augen, dann könnte ich vielleicht eher eine beſtimmte Meinung darüber ſaſ⸗ ſen— wir wollen indeß das Beſte hoffen.* „Das iſt auch meine Anſicht!« rief der Doctor in heite⸗ rem Tone.„Binnen achtundvierzig Stunden wird der Mann ſelbſt hier ſeyn. Ich werde ihm ſchreiben, daß er nicht vergeſ⸗ ſen ſoll, ſeine Stimme und ſeine Augen mitzubringen. Uebri⸗ gens kommt er höchſt wahrſcheinlich auf ſeinem kleinen kugel⸗ runden Pferdchen, welches eben ſo unzertrennlich von ihm zu ſeyn ſcheint.« Und auf dieſe Weiſe ſuchte der gutmüthige Doctor den Muth ſeiner jungen Freundin aufrecht zu erhalten und ent lockte ihren beſorgten Mienen ein Lächeln. „Sonderbar!« ſagte der Notar. 97 Eine räthſelhafte Bemerkung, doch glaube ich, die Be⸗ deutung derſelben faſt errathen zu können. Sicherlich bezog ſich dieſelbe auf den nachſtehend erzählten kleinen Auftritt, der fünf Tage zuvor ſtattfand, ehe der Notar den Brief des Doc⸗ tors erhielt. Vor einem kleinen Gehöftes, zwei Meilen von Beaure⸗ paire, ſtand ein kleines braunes dickes Pferd mit weißer Mähne und Schweif. Es war an ein ſpiralförmiges Stück Eiſen angebunden, welches in der Mauer des Hauſes zu die⸗ ſem Zwecke befeſtigt war. Der Beſitzer dieſes Gehöfte war ein Mann, der allge⸗ mein gefürchtet ward, denn er war einer von den Menſchen, welche ſchmeicheln oder drohen können, je nachdem es ihrem Zwecke entſpricht. Jetzt jedoch befand er ſich eben in Händen, die mit ihm umzugehen wußten. Der Beſitzer dieſes kleinen dicken Pferdes ſprach mit ihm in ſeiner eigenen Küche, ſo wie Vor⸗ geſetzte mit Untergebenen zu ſprechen pflegen, oder vielmehr wie ſelbſt ein Vorgeſetzter nur ſelten mit irgend Jemanden zu ſprechen pflegt. Der Beſitzer des Gehöftes— ſein Name war Bonard — wartete ſeinerſeits den Augenblick ab, wo er ſeinen Beſu⸗ cher mit einer Flut von Flüchen und Schimpfreden überhäu⸗ fen und ihn zum Hauſe hinauswerfen konnte. Mittlerweile aber ſuchte er erſt zu erfahren, wo der Notar eigentlich hin⸗ auswolle. „Alſo Ihr ſprecht davon, meiner Freundin, der Baro⸗ nin, ihr Schloß verkaufen zu laſſen?« ſagte Perrin in ſtolzem Tone. „Ich habe meine halbjährigen Intereſſen noch nicht be⸗ Wer lieben will. I. 7 ——————— 98 zahlt erhalten,« entgegnete Bonard ruhig.„Sie waren ſchon vor zwei Monaten fällig.« »Habt Ihr ſchon Schritte in dieſer Beziehung gethan?« »Noch nicht, ich werde aber heute Nachmittag zum Maire gehen,— wenn Sie nemlich nichts dagegen haben.* Dieſe letzten Worte wurden in unverkennbar ironiſchem Tone geſprochen. »Dann wäre es beſſer für Euch, wenn Ihr ein Bein brächet und zu Hauſe bleiben müßtet.* »Wie ſo?s »Weil Ihr verloren ſehd, wenn Ihr es thut.« „Darauf will ich es ankommen laſſen. Hal ha! ha! Ihre Freunde haben jetzt außer Ihnen Niemand, der Ihre Partie gegen mich nähme und Sie ſind nicht der Mann, der für an⸗ dere Leute Schulden bezahlt.« „Ich ſage Euch, ſie haben einen Freund, der Euch ver⸗ nichten wird, wenn Ihr die Gemeinheit begeht, das Schloß Beaurepaire wegen eurer erbärmlichen ſechstauſend Francs zur Subhaſtation bringen zu wollen.« „Und wer iſt dieſer Freund, wenn ich fragen darf?« „Das werdet Ihr erfahren, ſobald es Zeit iſt. Jetzt wollen wir von etwas Anderem ſprechen. Ihr ſehd eurem Vetter Frangois zwölftauſend Francs ſchuldig.« Bonard wechſelte die Farbe. „Woher wiſſen Sie das? Er verſprach mir doch, keiner Seele etwas davon zu ſagen.“ „Als er es verſprach, wußte er nicht, daß Ihr die Ab⸗ ſicht hattet, Euch zu betrinken und auf ſeine Frau zu ſchimpfen.* „Ich habe mich niemals betrunken und eben K wenig ſeine Frau geſchimpft.« 99 „Da lügt Ihr, lieber Freund.“ „Na, wenn ich es nun auch gethan hätte— ein Wort iſt kein Pfeil. Er braucht ſich darüber gar nicht aufzuhalten, denn er ſelbſt behandelt ſeine Frau noch viel ſchlimmer— er prügelt ſie.« „Sie ſagi nichts davon. Dies gehört aber auch weiter nicht hierher. Es gibt Frauen, welche ſich gern prügeln laſſen, aber ich zweifle, ob es eine einzige gibt, welche ſich Schimpf⸗ reden gefallen ließe. Frau Brocard hat Euch daher eine Lehre gegeben, die Schwachen nicht zu beleidigen— ganz be⸗ ſonders nicht die Schwachen, welche ſtark ſind, nemlich Frauen. Die hier in Frage befangene war ſo ſtark, daß ſie Frangois bewog, ſeine Forderung an einen ehrlichen Mann zu verkau⸗ fen, welcher ſofort bezahlt ſeyn will.“ „Sie ſcherzen wohl, Herr Notar? Wie kann ich gleich auf der Stelle zwölftauſend Franes bezahlen? Er möge mir Zeit laſſen und Jacques Bonard wird wegen zwölftauſend Franecs noch nicht in Verlegenheit gerathen, das wiſſen Sie, Herr Notar.« „Ich weiß, daß Ihr, um dieſe Summe zu bezahlen, eure Getreidevorräthe, eure Pferde, eure Stühle und Tiſche, ja fogar das Bett verkaufen müßtet, auf welchem Ihr ſchlaft.« „Nein, nein, ich kann ſchon bezahlen, beſonders wenn Sie ein gutes Wort für mich einlegen, Herr Notar, und ich weiß, daß Sie dies thun werden, denn ich will zehn gegen eins wetten, daß mein neuer Gläubiger, den der Teufel holen möge, Ihnen bekannt iſt.« »Allerdings.* 1 „Na, dann iſt es ſchon gut. Sie ſind in dem ganzen Departement geachtet und angeſehen, Herr Notar, und ich * 100 ſtehe dafür, daß Sie ihn um den Finger wickeln können, mag er ſehn, wer er wolle.* „Das kann ich auch.* »Nun da iſt mir eine große Laſt vom Herzen. Wohlan, Herr Notar, vor allen Dingen, wer iſt der Mann, wenn ich fragen darf?“ „Ich bin es.“ „Sie7* „Ja, ich.*„ „O weh, was iſt denn da zu thun?“ „Könnt Ihr mich bezahlen?« „Das kann ich, aber Sie müſſen mir Zeit laſſen.« »Wenn Ihr mir Sicherheit gebt, ſonſt nicht.« »Das will ich recht gern. Welche Sicherheit verlan⸗ gen Sie?« Der Notar beantwortete dieſe Frage durch die That. Er fuhr mit der Hand in die Taſche und zog ein Perga⸗ ment heraus. Bonard machte große Augen. „Dies iſt eine Schrift, durch welche Ihr mir Anſpruch auf eure Forderung an dem Schloſſe Beaurepaire zugeſteht.“ „Doch nicht etwa eine Ceſſion?« fragte Bonard. „Nein, durchaus keine Ceſſion, ſondern vielmehr ein Document, durch welches Ihr Euch bei Vermeidung einer Conventionalſtrafe von zwanzigtauſend Francs verbindlich macht, eure Forderung weder zu cediren noch zu verkaufen, noch auf Subhaſtation des Schloſſes anzutragen.* Bonard ſtöhnte. S „Ruft einen Zeugen herbei und unterſchreibt.« Bonard ging nach dem Fenſter, öffnete es und rief einem Mann, der auf dem Hofe arbeitete, zu: — ——————— — 2 101 „Heda, Georgl! Komm einmal herein.« Als er ſich von dem Fenſter wieder herumdrehte, ſah er, daß der Notar ein zweites Document aus ſeiner andern Taſche zog. Es war aber diesmalkein Papier, ſondern Per⸗ gament. Bonard erſchrak. „Was! noch eins!« rief er. „Es betrifft blos die Feſtſtellung der Zinſen— weiter nichts.* „Welcher Zinſen denn? Der unſern? Die ſind ja ſchon auf drei Procent feſtgeſetzt.« „Sie waren es, ich bin aber nicht ſo einfältig, mein Geld zu drei Procent zu verborgen. Ihr verborgt das eure auch nicht ſo wohlfeil, ſondern nehmt der Baronin volle ſechs Procent ab.« „Aber was hat das hiermit zu ſchaffen? Ich nehme, was ich bekommen kann, bezahlen aber kann ich ſechs Pro⸗ cent nicht.« „So viel verlangt man auch nicht von Euch. Ich bin kein Wucherer. Ich verleihe das wenige Geld, was ich verlei⸗ hen kann, zu fünf Procent, und bitte Euch demgemäß zu un⸗ terſchreiben.* „Nein, nein,« rief Bonard,„das können Sie nicht thun. Drei Procent ſind die Bedingung, unter welcher dieſe Anleihe gemacht ward, und was einmal abgemacht iſt, dabei muß es auch bleiben.« Der Notar fuhr plötzlich in die Höhe. „Bezahlt mir zwölftauſend Francs!« rief er wild,»oder ich leere eure Scheuern und vertreibe Euch aus dem Hauſe, ehe Ihr Euch umſeht. Beaurepaire könnt Ihr in nicht kürze⸗ „ 102. rer Zeit als einem Monat verkaufen, Euch dagegen mache ich binnen achtundvierzig Stunden den Garaus.« „Setzen Sie ſich, Herr Notar, ums Himmels willen, ſetzen Sie ſich, mein guter Herr Notar, und ſprechen Sie nicht ſo. Zanken Sie ſich nicht ſo mit einem ehrlichen Manne um eines unüberlegten Wortes willen. Da kommt Georg. Komm herein. Georg, und ſieh, wie ich mit einem einzigen Feder⸗ ſtriche Leib und Leben opfere.« Fünf Minuten ſpäter hielt der hartherzige Gläubiger, vor dem ſich das ganze Kirchſpiel fürchtete, ganz beſcheiden und demüthig dem Notar den Steigbügel. Der Notar ſchwang ſich auf ſein dickes Pferd und galoppirte, mit dem pergament⸗ nen Schwert und dem papiernen Wurfſpieß in der Taſche, davon.. V. Acht Tage nach dem in dem vorigen Capitel erzählten Auftritt und drei Tage nachdem der Notar St. Aubin's Brief erhaiten und»ſonderbar!s geſagt hatte, kam ein Herbſttag, erfriſchend für die Spätrüben, aber kalt und niederdrückend für Menſchenherzen. Ein anhaltender, ſtätiger Regen goß herab und ſcharfe Windſtöße riſſen die letzten roth⸗ und orangefar⸗ benen Blätter von den Bäumen. Dunkle, feſtgelagerte Wolken ließen unter vierundzwan⸗ zig Stunden kein Aufhören des Regens hoffen, und was die Sonne betraf, ſo konnte man nicht anders errathen, auf wel⸗ cher Seite des Hauſes ſie ſtand, als wenn man erſt die Uhr und dann den Kalender zu Rathe zog. Selbſt die Sorgen und Kümmerniſſe des zuſammenbre⸗ * f. 5 103 chenden Hauſes Beaurepaire wurden dieſen Tag ſchwärzer undſchwerer. Sogar Laura. die Heiterſte, Fröhlichſte und Hoff⸗ nungsvollſte von Allen. ſaß am Fenſter, drückte ihr ſchönes, jugendliches Antliß auf die kalten Scheiben und fühlte eine bleierne Laſt auf dem Herzen. Während ſie ſo traurig und hoffnungslos daſaß und das künftige Loos derer, die ſie liebte, in jenen düſtern Wolken⸗ maſſen las, ward ihr Auge plötzlich durch eine eigenthümliche Erſcheinung angezogen. Ein Mann von rieſigem Wuchſe kam auf der Landſtraße einher, und die eine Hälfte ſeiner langen Geſtalt ragte über die hohe Umzäunung hervor. Er lenkte nach dem großen Thor von Beaurepaire herum, und ſiehe da, der Rieſe war weiter nichts als ein Reiter auf einem verhüllten Roſſe. Als er die Umzäunung hinter ſich hatte, war es, wie ſich ergab, ein ungeheurer Reitermantel, eine Py⸗ ramide von braunem Tuch, mit einem Hut auf der Spitze, während an der Baſis auf der einen Seite die Naſe eines Pferdes und auf der andern der Schweif eines ſolchen hervor⸗ ragte. Das Geſicht des Reiters war nicht ſichtbar, denn es be⸗ fand ſich der obere Theil des Kegels ganz und gar inner⸗ halb desſelben. Beim Anblick dieſer Erſcheinung vermochte Laura kaum einen Freudenſchrei zu unterdrücken. Nie war ein von den Kreuzzügen zurückkehrender Ritter willkommener, als dieſes Dreieck von grobem Tuch ihr war. Sie winkte heimlich St. Aubin herbei. Er kam undging, nachdem er die Erſcheinung geſehen, ſchnell hinunter und ließ in dem jetzt wenig gebrauchten Speiſezimmer ein tüchtiges Feuer anmachen. Dann ging er dem Notar bis an die Thür der Halle entgegen und forderte ihn höflich auf einzutreten. 104 — »Doch wie ſteht's mit Ihrem Pferde? Was ſollen wir mit dieſem beginnen?« »O, in dieſer Beziehung bemühen Sie ſich weiter nicht, lieber Doctor. Es wird nicht von der weichen— es iſt die perſonificirte Treue.« ⸗ St. Aubin entſchuldigte ſich, daß er ſeinen Gaſt nicht zur Baronin hinaufführte. »Das Geſchäft, welches ich mit Ihnen zu beſprechen habe,“ ſagte er,»iſt vonder Art, daß es vor ihr verſchwiegen bleiben muß.« In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, und Joſe⸗ phine trat ein. St. Aubin hatte ſie nicht erwartet, wußte aber ſie ſogleich auf geſchickte Weiſe zu verwenden. Wier aber,« fuhr er fort,„iſt Fräulein von Beaure⸗ pate elche kommt, um Sie in einem Hauſe willkommen zu heißen, von welchem Sie ſich nur zu lange entfernt gehalten haben. Nun, Fräulein Joſephine, nachdem Sie unſern ſo lange ausgebliebenen Freund bewillkommet haben, werden Sie die Güte haben, ihm das Gerücht zu erzählen, welches ich blos von Ihnen weiß.« Joſephine erzählte kurz, was ſie von Jacintha gehört, nemlich daß ein grauſamer Gläubiger vorhanden ſey, welcher das Schloß und die Ländereien von Beaurepaire zum Ver⸗ kauf zu bringen drohe. »Mein Fräulein!« ſagte der Notar ernſt,„dieſes Ge⸗ rücht iſt allerdings wahr. Jener Mann prahlte mit ſeiner Abſicht vor länger als einer Woche ganz öffentlich.« „Ach, wir leben ſo eingezogen— Sie hören Alles eher als wir. Wohlan, Herr Notar, es gab eine Zeit, wo Sie ſich für das Schickſal dieſer Familie intereſſirten—« 105 „Aber gewiß nicht mehr als jetzt,« unterbrach ihn der Roiar⸗ indem er zugleich Joſephinen anſah. „Um ſo mehr gereicht Ihnen dies zur Ehre,« ſagte ſie. „Wiſſen Sie vielleicht, wie groß die Summe iſt, welche jener Gläubiger zu fordern hat?s fragte der Doctor. „Ja, ich weiß es. Sechstauſend Francs.* St. Aubin warf Joſephinen einen triumphirenden Blick zu. „Dann iſt er alſo einer der allerkleinſten Gläubiger?“ „Der kleinſte von allen,«entgegnete der Notar. St. Aubin ſah ſich veranlaßt, Joſephinen abermals einen triumphirenden Blick zuzuwerfen. „Dennoch aber, ſagte der Notar nachdrücklich„wünſchte ich, es wäre ein größerer Gläubiger und ein weniger uulenk⸗ ſamer Mann geweſen. Die andern Gläubiger würden, ſich vielleicht durch Vernunft, durch Nachſicht und Gutmüthigkeit beſtimmen laſſen, dieſer Mann aber iſt von Eiſen. Darf ich mir vielleicht einen guten Rath erlauben?« „Wir werden ihn als eine große Gunſt aufnehmen.“ »Nun dann bezahlen Sie dieſen Mann ſofort und haben Sie nichts weiter mit ihm zu thun.« St. Aubin und Joſephine machten große Augen. „Wo ſollen wir ſechstauſend Francs hernehmen?« fragte Letztere. Der Notar dachte nach. „Sechstauſend Francs habe ich in dieſem Augenblicke auch nicht disponibel, wohl aber könnte ich zweitauſend ſchaffen.*. »Wir danken Ihnen aufrichtig, aber—« „Run dann muß ich es möglich zu machen ſuchen, daß ich dreitauſend zuſammenbringe. 106 St. Aubin ſchüttelte den Kopf. „Die dann noch nöthigen dreitauſend Franes könnten wir auch nicht ſchaffen.* „Nun, dann muß ich ſehen, daß ich Bonard bewege, vor der Hand keine weitern Schritte zu thun und in der Zwi⸗ ſchenzeit müſſen wir einen andern Darleiher ausfindig machen und die Forderung auf dieſen übertragen.* „Ach, beſter Herr Notar, können Sie wirklich das für uns thun? „Ich kann es wenigſtens verſuchen und Sie wiſſen, Eifer und guter Wille kann im Geſchäftsleben viel thun. Ich will ganz offen gegen Sie ſehn. Der Charakter dieſes Gläubigers macht mir einige Unruhe, aber nur Muth! Alle dieſe Leute haben geheime Geſchichten, geheime Wuͤnſche, geheime Inter⸗ eſſen. welche wir Rotare durchdringen können, dafern wir nemſich genügenden Beweggrund haben, uns um d rgleichen Dinge zu bekümmern. Da es indeſſen nicht eine Sache iſt, welche man auf die leichte Achſel nehmen darf, ſo entſchuldi⸗ gen Sie wenn ich Ihnen, lieber Doctor, und Ihnen, Fräu⸗ lein Joſephine, ohne weitere Umſtände wieder Lebewohl ſage.* Mit dieſen Worten erhob er ſich eiligſt. „Aber daß Sie ſich bei dieſem Wetter um unſertwillen auf den Weg gemacht haben!“ rief Joſephine und hob die Hände empor. „Und wenn es nicht blos regnete, ſondern auch hagelte und ſchneite, ſo würde ich mir nichts daraus machen, ſobald es gilt, Ihnen einen Dienſt zu leiſten, mein Fräulein!“ rief der ritterliche Notar, ergriff dann eine von Joſephinens wei⸗ ßen Händen, küßte dieſelbe mit der tieſſten Ehrerbietung und verließ ſchnell das Zimmer. 107 St. Aubin folgte ihm bis an die Thür, und ſiehe da, die„perſonificirte Treues war verſchwunden. Der Notar wunderte ſich ein wenig hierüber, that aber einen gellenden Pfiff und erwartete das Ergebniß. Da es lange ausblieb, ſo that er einen zweiten Pfiff und diesmal kam ein langer Schweif langſam aus der alten Eiche heraus. Das Hintertheil des Pferdes folgte, als es aber bis auf den Wi⸗ derriſt heraus war, ſchlugen ihm der kalte Wind und der Re⸗ gen an die Hüften und das Pferd ging langſam wieder in ſeinen improviſirten Stall hinein. Der Schweif blieb noch außerhalb desſelben, aber das Haar iſt bekanntlich etwas Ve⸗ getabiliſches und Vegetabilien lieben den Regen. Der Notar ſchritt auf den Baum zu, ging in denſelben hinein und zog die perſonificirte Treue heraus. Die Tuchpy⸗ ramide ſetzte ſich wieder darauf, Mann und Thier ſetzten ſich wieder in Bewegung. Laura konnte ſich trotz ihrer gedrückten Stimmung eines leiſen Kicherns nicht enthalten, denn da die kurzen Vorder⸗ beine des Thieres durch die weiten Falten des Regenman⸗ tels verdeckt wurden, ſo ſchienen die hellfarbigen Hinterbeine die Beine des Reiters zu ſehn. Mittlerweile war St. Aubin mit Joſephinen, in der Halle ſtehend, in einem eifrigen Geſpräche begriffen. „Na, ſagte er,„der Mann ſcheint es ganz apfrichtig zu meinen.« „Ach, ſahen Sie nicht den Wink, den ich Ihnen gab?« fragte Joſephine. „Nein; was für einen Wink? waru n7* „Sein Auge haftete auf Ihnen, wie das eines Falken, als er ſich erbot, von den ſechstauſend Francs die Hälfte zu ſchaffen. Ach, Doctor, er wollte blos unſere Hilfsquellen er⸗ 3 108 forſchen. Ich wollte, daß Sie nicht den ganzen Umfang un⸗ ſerer Armuth und Hilffloſigkeit offenbaren ſollten. O dieſes Auge! er ſagte es blos um Sie auszuforſchen.* „Wenn Sie aber das glaubten,“ fragte St. Aubin, „warum thaten Sie mir nicht Einhalt?“ „Ich that Alles, was ich thun konnte. Ich gab Ihnen zweimal einen Wink.* „Ich habe nichts davon bemerkt.“ „Ach, Laura würde mich ſogleich verſtanden haben.“ „Aber, liebe Joſephine, ſehen Sie aufrichtig. Welchen verdächtigen Beweggrund konnte dieſer arme Mann wohl haben?“ „Das weiß ich allerdings nicht. Vergeben Sie mir mei⸗ nen liebloſen Inſtinet und laſſen Sie uns Ihren Scharfſinn bewundern. Es war in der That unſer kleinſter Gläubiger. Laura ſoll Sie auf den Knien um Verzeihung bitten. Theurer Freund, ſie will unſere Mutter nicht allein laſſen. Haben Sie die Güte, in den Salon zu gehen, dann wird Laura zu mir herauskommen.« Der Doctor that, wie ihm geheißen und in der That ſchlüpfte Laura, ſobald ihre Mutter einen andern Geſellſchaf⸗ ter hatte, hinaus, und ſuchte eiligſt ihre Schweſter auf, um von dieſer zu hören, was geſchehen ſey. Auf dieſe Weiſe bildete ſich ein Geheimniß in der Familie Beaurepaire, ein Geheimniß, von welchem eine Perſon, die Herrin des Hauſes, ausgeſchloſſen war. Es war dies keine gemeine Geheimhaltung, denn kein unlauterer, kein egoiſtiſcher. ja nicht einmal ein zweifelhafter Beweggrund miſchte ſich da⸗ mit. Die Umſtände ſchienen der zärtlichen, wachſamen Liebe dieſes Verfahren vorzuſchreiben. 109 Rach drei Tagen kam der Notar wieder. Er ſchien ein wenig niedergeſchlagen zu ſeyn. Er war bei Bonard geweſen und hatte keinen Eindruck auf ihn gemacht, ja er war ſogar von ihm beleidigt worden. Dieſe Nachricht äußerte auf Alle eine ſehr entmuthigende Wirkung. Der Notar ermannte ſich zuerſt wieder, und ward plötzlich ganz heiter. 7 „Ich habe eine Idee,« ſagte er.„Wir werden vielleicht doch noch unſer Ziel erreichen und vielleicht ſämmtliche Forde⸗ rungen auf einen mäßigen ginsfuß herabbringen; mittler⸗ weile—« und er zögerte. Die Andern ſahen ihn fragend an. „Ich wünſchte,« fuhr er fort,„Sie ließen einen alten Freund Ihren Banquier ſeyn und ſich von ihm die kleinen Summen vorſchießen, deren Sie vielleicht zur Beſtreitung von allerlei Bedürfniſſen brauchen.“ Laura's Augen dankten ihm, zu ihrer Ueberraſchung aber ſprach Joſephine eine raſche und feſte, obſchon höfliche Verneinung aus. Der Notar entſchuldigte ſich wegen ſeiner Dienſtfertigkeit und ſagte: „Ich will Ihnen mein geringfügiges Dienſtanerbieten durchaus nicht aufdringen, bitte Sie aber, es als ein per⸗ manentes zu betrachten, durch deſſen Annahme Sie mir je⸗ derzeit eine Ehre erweiſen werden.« Er ſagte dies zu Joſephinen mit der Miene eines Un⸗ terthans, welcher ſeinem Monarchen eine einzige kleine Ei⸗ chel aus allen ſeinen Wäldern und Forſten anbietet. Während der offene Freund der Familie Beaurepaire auf dieſe Weiſe ſeinen Eifer zur Schau trug, machte ihr heim⸗ licher Freund die unangenehme Entdeckung, welche Jugend 110 und romantiſche Geſinnung auf dem Wege zum Alter zu ma⸗ chen haben, nemlich wie weit leichter es iſt, viele Pläne zu ent⸗ werfen, als einen einzigen auszuführen. Das überwallende junge Herz hatte im Begriff geſtanden, für die Angebetete und ihre Angehörigen förmliche Wunder zu thun. Eduard Rivière wollte die Regierung für ihr Unglück intereſſiren, aber wie ſollte dies geſchehen?»Na, auf die eine oder die andere Weiſe,« hatte er gedacht. Als er jedoch die eine Weiſes näher anſah, fand er, daß dieſelbe unthunlich und die„andere« geradezu unmöglich ſey. Dabei aber hatte er ſich nicht blos leeren Träumereien hingegeben. Er hatte die ganze Herrſchaft Beaurepaire genau in Augenſchein genommen und ſeine Eigenſchaft als Regie⸗ rungsbeamter zum Vorwand benutzend zwei oder drei der Pachtgüter vermeſſen und abgeſchätzt. Dabei hatte er zu ſeiner großen Freude entdeckt, daß ſämmtliche Pachtgüter unter ih⸗ rem wahren Werthe verpachtet, daß früher beſtandene Con⸗ tracte ſämmtlich abgelaufen waren und daß daher ein fä⸗ higer und eifriger Agent das Einkommen der Baronin binnen wenigen Monaten um dreißig Procent vermehren konnte. Was aber half ihm oder ihnen dieſe werthvolle Entde⸗ ckung, als er ſie gemacht hatte? Um ihnen zu zeigen, daß ſie nicht ſo arm ſeyen, als ſie in ihrer ariſtokratiſchen Unfähig⸗ keit zu Geſchäften ſich glaubten, mußte er erſt ihr Ohr gewin⸗ nen und wie war ihm dies möglich? Wollte er ſich ſelbſt wie⸗ der nach Beaurepaire begeben, ſo ward ihm ſicherlich auf ſeine Anmeldung der Beſcheid, man ſeh für Fremde nicht eher zu Hauſe, als bis die Bourbons zurückgekehrt ſeyen. Schrieb er, ſo lautete die Antwort wahrſcheinlich: „Mein Herr, ich verſtehe von Geſchäften durchaus nichts, ha⸗ ben Sie daher die Güte. Ihre Mittheilung an unſern Ge⸗ 111 ſchäftsagenten zu richten,«— der, wie der junge Rivièdre folgerte, entweder ein unfähiger oder ein unredlicher Mann ſeyn mußte, weil er ſonſt die Angelegenheiten der Familie nicht auf ſo ſchmachvolle Weiſe vernachläſſigt haben würde. Es ſtand nach Rividre's Meinung zehn gegen eins zu wetten, daß er von den Pächtern heimlich Geſchenke annahm, damit die Pachtſummen nicht geſteigert würden. Es konnte daher nichts nützen, wenn er ſich an dieſen wendete. Engel auf Erden kommen faſt nur in ſchlechten Romanen vor und unſer armer junger Freund ſchrieb keinen ſchlechten Roman, ſondern ſpielte ſeine kleine Rolle in der wirklichen Welt. „Nein,« ſagte er,»ich habe dieſe Entdeckung gemacht. Vielleicht wird die Stolze mich niemals lieben, aber wenigſtens werde ich mir ihren Dank erwerben und Niemand ſoll mich des Stolzes und des Ruhmes berauben, ihr und den Ihrigen einen großen Dienſt geleiſtet zu haben.“ Und nun zeigte ſich eben die Schwierigkeit. Die Ausſicht auf eine förmliche Bekanntſchaft trat eher zurück, als daß ſie ſich genähert hätte. Erſtens legte ſein eigenes Herz ein neues Hinderniß dazwiſchen. Je höher ſeine Liebe ſtieg, deſto mehr ſchwand ſeine Dreiſtigkeit und ſeitdem er erfahren, daß ſie ſo arm waren, ward er noch ſchüchterner und ſie erſchienen ihm noch heiliger und unzugänglicher, denn er fühlte in ſeinem eigenen Herzen, wie kalt und zurückhaltend er ſeyn würde, wenn er ein Armer wäre. Ein fernerer Uebelſtand war der, daß die jungen Da⸗ men jetzt gar nicht mehr ausgingen. Seltſamerweiſe hatte er ſeine Liebe und ſeine Hoffnungen nicht ſodald Jacinthen an⸗ vertraut, als die, welche er hebte, mit grauſamer Hartnä⸗ ckigkeit das Haus hütete. War Jacintha ſo wahnſinnig geweſen, trotz des von gegebenen Verſprechens zu plaudern? War das Zartgefühl der jungen Dame erſchreckt worden? Legte ſie ſich ſelbſt Haus⸗ arreſt auf, um nicht einem Manne zu begegnen, deſſen Be⸗ wunderung ihr läſtig war? Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn ſo oft er ſich dieſe Fragen eine nach der andern vorlegte. Ein Armer kann Vieles nicht entbehren, was der Reiche wegwerfen kann. Der Anblick jenes ſchönen Antlitzes dreimal wöchentlich auf einen Augenblick war nicht viel, aber dennoch ſein Alles — ſeine einzige Freude, ſein Troſt, ſein Sonnenſchein und ſeine Hoffnung, und nun mußte er ihn entbehren. Dieſer Verluſt verſetzte ihn ein paar Stunden vor und nach der Zeit, wo die Damen gewöhnlich das Schloß zu ver⸗ laſſen pflegten, in Fieberhitze und den übrigen Tag hindurch in bitteren, herzerkältenden Kummer. Er verlor Farbe und Appetit und ſehnte ſich nach dieſem einen Blick drei Mal wö⸗ chentlich. Und ſie, welche dieſe Wunde durch einen einzigen Blick ihres blauen Auges und durch ein⸗ oder zweimaliges Lächeln wöchentlich hätte heilen, ſie, welche ohne ſich zu compromit⸗ tiren oder ſich im mindeſten für ihn zu intereſſiren, ſeinen jun⸗ gen Wangen die Farbe und ſeinem erkälteten Herzen die Wärme hätte zurückgeben können, wenn ſie ſich blos dann und wann einmal außerhalb gezeigt hätte, ſaß mit beiſpiello⸗ ſer Barbarei und Hartnäckigkeit daheim! Endlich eines Tages verlor er alle Geduld. „Ich muß Jacintha ſprechen,« ſagte er,„und wenn ihre junge Gebieterin wirklich ſich deshalb einkerkert, weil ſie mich zu meiden wünſcht, dann verlaſſe ich das Land. Ich gehe „ 113 zur Armee. Es iſt nicht recht, daß ſie ihrer Geſundheit und ihres Spazirganges beraubt werde, weil ich ſie liebe.“ Und während der arme junge Mann dieſen hochherzigen Entſchluß faßte, fühlte er zugleich ein ſonderbares, erſticken⸗ des Gefühl in der Bruſt, bis er in Thränen ausbrach, welche ihm das Herz ein wenig erleichterten. Verzeihet ihm, ſchöne Leſerinnen; obſchon Staatsmann, war er doch noch ein Jüngling und Jünglinge weinen nach den Gegenſtänden ihrer Liebe wie Kinder nach ihrem Spiel⸗ zeug. Wahrſcheinlich habt Ihr dies ſchon ſelbſt bemerkt. Er machte ſich eiligſt auf den Weg nach dem Schloſſe und fragte ſich, wie er eine Unterredung mit Jacintha herbei⸗ führen könnte. Als er am Schloſſe ankam und einen Blick über die Um⸗ zäunung warf, ſah er zu ſeinem Erſtaunen die beiden jungen Damen, welche in ziemlicher Entfernung vom Hauſe im Park ſpaziren gingen Das Herz hüpfte ihm vor Freuden bei die⸗ ſem Anblicke. Ein plötzlicher Gedanke kam ihm ein. Der Park war nicht ſtreng dem Publicum verſchloſſen, wenigſtens micht ſeit der Revolution. Dennoch aber war er dies inſoweit, daß an⸗ ſtändige Leute ihn nicht als einen gewöhnlichen Durchgang benutzten. „Ich will thun, als begegnete ich ihnen unerwarteter⸗ weiſe,« dachte der junge Rivibre,„und wenn ſie lächelt, ſo werde ich mich entſchuldigen, daß ich durch den Park gehe. Dann habe ich doch mit ihr geſprochen. Der Anfang iſt ge⸗ macht.“ Er begegnete ihnen. Sie ſahen beide ſo erhaben traurig aus, daß er nicht den Muth hatte, ſie anzureden. Er verneigte Wer lieben will. I. 8 114 ſich ehrerbietig, ſie dankten ihm durch eine leichte Verbeugung und er ging weiter und verwünſchte ſeine Feigheit. „Ich muß Jaecintha ſprechen, ſagte er bei ſich ſelbſt. Er machte einen langen Umweg, denn ſein Zweck war, an eine Stelle zu gelangen, wo er von der Küche aus geſehen werden könnte. Mittlerweile fand zwiſchen den beiden Schweſtern das folgende kurze Zwiegeſpräch ſtatt: „Er iſt ganz blaß geworden,« hob Laura an.»Wie ſchade!* „Wer denn?“ fragte Joſephine. „Der junge Mann, welcher ſo eben an uns vorüber⸗ ging. Bemerkteſt Du nicht, wie blaß er geworden? Er iſt krank geweſen. Er thut mir wirklich leid.« „Wer iſt er denn?“ „Wer er iſt, weiß ich nicht, aber was er iſt, das weiß ich.* „Und was iſt er denn?“ „Er iſt ſehr hübſch und begegnet uns öfter, als mir na⸗ türlich zu ſeyn ſcheint. Und nun fällt mir ein,« ſagte Laura mit ſchelmiſchem Ausdruck,„daß ich eine ſchöne Schweſter habe, und daß ich, wenn ich ſie nicht einſperre, vielleicht einen Nebenbuhler in ihrer Zuneigung bekomme.« „Was ſchwatzeſt Du da, Kind!« rief Joſephine.„Ueber⸗ dies ſchien ja dieſer junge Mann noch ein pures Kind zu ſehn!* Laura warf den Kopf empor und einen argwöhniſchen Blick auf Joſephinen. „O mein Fräulein, es gibt ſowohl frühreife Kinder als auch ſpätreife. Mittlerweile werde ich Euch Beide jedenfalls ſcharf im Auge behalten.* 115 Joſephine lächelte kaum bemerkbar. Ihr Herz war von ſo vielen Sorgen bedrückt, daß ſie an dem, was ſie für einen bloßen Scherz von Laura hielt, kaum Geſchmack fand, ſo daß ſich das Geſpräch ſehr bald wieder den gewöhnlichen Gegen⸗ ſtänden zuwendete. Eduard gelangte auf die andere Seite des Schloſſes und ſchlenderte außerhalb der Umzäunung etwa dreißig Schritte von der Küchenthür entfernt hin und her. So ging er lang⸗ ſam auf und ab und hoffte jeden Augenblick die Küchenthür ſich öffnen und Jacinthen herauskommen zu ſehen. Dieſe Er⸗ wartung aber ward getäuſcht, und nachdem er ſich ungefähr eine Stunde lang umhergetrieben, wollte er ſich eben ver⸗ zweiflungsvoll wieder entfernen, als ſich plötzlich ein Dach⸗ fenſter öffnete und Jacintha ihm mit der Hand ein raſches Zeichen gab, daß er ſich mehr der Straße nähern ſollte. Er gehorchte und ſie ließ ihn warten, bis auch ſein zwei⸗ ter Vorrath an Geduld beinahe erſchöpft war. Endlich jedoch hörte er ein Raſcheln und gleich darauf erblickte er ihr hüb⸗ ſches Geſicht zwiſchen zwei jungen Acacien. Er eilte auf ſie zu. Sie empfing ihn mit einem Ver⸗ weiſe. „Ei, ei!« rief ſie.»Schickt es ſich wohl für Sie, ſich um das Haus herumzuſchleichen wie ein Dieb?“ „Hat mich denn Jemand geſehen?« „Ja, Fräulein Laura ſah Sie und redete mich an und fragte mich, wer Sie wären. Natürlich ſagte ich, ich wüßte es nicht.* „Wirklich?« „Dann fragte ſie mich, ob Sie nicht der junge Herr wären, der ihnen das Wildpret geſchickt hätte. Ach, das hätte ich Ihnen gleich zuerſt erzählen ſollen. Als meine jungen Her⸗ — 116 rinnen mich wegen des Wildprets befragten, ſagte ich: Es iſt von einem jungen Herrn, welcher Dard zuweilen mit auf die Jagd nimmt. Er hat es auf dem Revier der gnädigen Frau Baronin geſchoſſen. Natürlich mußte ich ſo ſagen, wiſſen Sie.“ „Ihr habt blos die Wahrheit geſprochen.* „Was Sie nicht ſagen! Das iſt ſonderbar, aber der Zufall fügt es manchmal ſo. Und er hatte einen Theil davon Dard gegeben, damit er ihn hierher trüge, ſagte ich. Wenn Sie mich aber wieder zu ſprechen wünſchen, ſo patrouilliren Sie nicht etwa wieder wie eine Schildwache hin und her, damit alle Leute Sie ſehen können. Geben Sie mir ein Sig⸗ nal, ſchlüpfen Sie dann hier herein und ich werde zu Ihnen kommen.* »Ein Signal?* Jacintha fuhr mit der Hand unter die Schürze und brachte ein Wiſchtuch hervor. »„Hängen Sie dieſes an jenen Baum dort. Dann werde ich es von der Küche aus ſehen und ſogleich wiſſen, etwas los iſt. Apropos, was iſt denn jetzt los?* „Ich bin ſehr unglücklich— das iſt es, was los iſt.* „Ja, auf das kalte Fieber müſſen Sie ſich eben ſo ge⸗ faßt machen, als auf das hitzige, wenn Sie ſich einmal ver⸗ lieben,« bemerkte Jacintha mit ruhigem Lächeln.„Warum ſind Sie nicht ſchon früher zu mir gekommen, um ſich aufhei⸗ tern zu laſſen? Was fehlt Ihnen?“ „Liebe Jacintha, ſie kommt jetzt gar nicht mehr aus dem Schloſſe. Was ſoll aus mir werden, wenn ich ſogar ihren Anblick entbehren muß? Ihr ſeyd doch nicht etwa ſo unvorſichtig geweſen, ihnen zu erzählen—* „Was das fuͤr eine Frage iſt! Sehe ich denn etwa ſo gar jung und unerfahren aus, mein Herr?« 117 „Nun was iſt dann ſonſt der Grund? Irgend ein Grund muß vorhanden ſeyn. Die Schweſtern pflegten doch ſonſt aus⸗ zugehen. Bitte, bitte, ſagt mir den Grund, weshalb ſie es nicht mehr thun.« Jacintha's heiteres Geſicht verdüſterte ſich. „Mein armer junger Herr,* ſagte ſie,„quälen Sie ſich nicht und glauben Sie nicht etwa, ich ſey ſo falſch gegen Sie geweſen, meine jungen Herrinnen vor Ihnen zu warnen. Nein, es iſt die alte Geſchichte— Mangel an Geld.« „Der ſie verhindert auszugehen? Wie kann das ſeyn?“ „Wohlan,« ſagte Jacintha,„es iſt gut, daß Sie heute gekommen ſind, denn wenn Sie geſtern um dieſe Stunde ge⸗ kommen wären, ſo hätte ich es Ihnen nicht ſagen können, weil ich es ſelbſt erſt geſtern Abends gehört habe. Mein lieber junger Herr, die Damen können ausgehen, weil es ihnen an Kleidern fehlt.“ Rivière ſah ſie erſchrocken an. „O ſehen Sie mich nicht ſo an,« rief die treue Diene⸗ rin,„ſehen Sie mich nicht ſo an, ſonſt muß ich wieder wei⸗ nen. Auch dürfen Sie mich nicht falſch verſtehen. Meine Her⸗ rinnen haben eine Menge bunter Kleider, die zwar alt aber noch ſehr gut ſind. Ihre ſchwarzen Kleider dagegen ſind ſehr abgenutzt und neue können ſie nicht kaufen. Alle ihre andern Anzüge ſind bunt und es widerſtrebt ihrem Herzen, dieſe zu tragen. Sie weinten geſtern Abends, daß ſie nicht einmal die Mittel hätten, um ihren Vater zu trauern, ſondern am Ende noch aus Mangel an Geld in bunten Kleidern gehen müßten.* „Jacintha, eure Worte zerreißen mir das Herz.* „Deshalb haben ſie, wie es ſcheint, ſich vorgenommen, gar nicht außerhalb des Parkes ſpaziren zu gehen. Inner⸗ — 118 halb desſelben begegnen ſie nur ſelten Jemanden und können ihre Trauerkleider tragen, bis dieſelben ganz fadenſcheinig geworden ſind. Ach mein lieber junger Herr, wie ganz anders ſind da die meiſten andern Frauen, welche die Todten nicht raſch genug vergeſſen können, um ſich ſobald als möglich wie⸗ der bunt herauszuputzen! Und morgen iſt Fräulein Joſephi⸗ nens Geburtstag. Ich entſinne mich noch recht wohl der Zeit, wo ihr an dieſem Tage wenigſtens ein neues Kleid beſchert ward; manchmal bekam ſie ſogar zwei. Die Zeiten haben ſich bei uns auf traurige Weiſe geändert.“ „Morgen iſt ihr Geburtstag?“ „Ja.* „Lebt wohl, Jacintha— mein Herz iſt voll! Da! lebt wohl Ihr gutes treues Herz!« Und er küßte ſie ſchnell mit zitternden Lippen. „Armer junger Herr!— Verlieren Sie nur mein Wiſchtuch nicht.“ Dieſe Mahnung rief ſie ihm ſehr ängſtlich und ſo laut ſie konnte nach, während er in ſeltſamer Aufregung davon⸗ eilte. Den nächſtfolgenden Tag fand ſich der Notar mit heite⸗ rer Miene ein. Er konnte ſich gar nicht lange aufhalten, ſon⸗ dern ſprach blos im Vorbeireiten auf einen Augenblick ein, um zu melden, daß nach ſeiner Meinung die Sache gut ginge und daß er im Stande zu ſehn hoffe, Bonard im Zaume zu halten. Nach dieſer kurzen Unterredung, die blos mit den jun⸗ gen Damen ſtattfand, denn der Doctor war ausgegangen, entfernte Perrin ſich wieder. Es war ungefähr eine Stunde vergangen. Joſephine 119 las der Baronin vor und dieſe und Laura arbeiteten, als Jacintha eintrat und einen tiefen Knix machte. „Der Baum iſt da,« meldete ſie. „Was für ein Baum?« fragte die Baronin. „Der, welchen dem Gebrauche zufolge das Fräulein pflanzen ſoll. Es iſt heute ihr Geburtstag. Dard hat ihn ge⸗ bracht. Es iſt diesmal eine Acacie.* „Das treue Geſchöpfl« rief die Baronin.„Sie hatte daran gedacht und wir haben es vergeſſen. Bringt mir mei⸗ nen Hut und Shawl. Ich will von dieſer Feierlichkeit nicht wegbleiben.* „Aber liebe Mama,« bemerkte Joſephine,„wäre es nicht beſſer, wenn Du uns vom Fenſter aus zuſäheſt? Es geht heute eine ſo kalte Luft draußen.* „O, ſie iſt nicht ſo kalt, daß die Liebe einer Mutter dadurch ertödtet würde. Meine Erſtgeborne,« rief die alte Dame mit plötzlich uberwallendem Gefühl.„Ich ſehe ſie jetzt noch in ihrer Wiege liegen— den ſüßen kleinen Engel.* Binnen wenigen Minuten waren Alle draußen im Garten. Joſephine ſollte entſcheiden, wo ſie ihren Baum hin⸗ pflanzen wollte. „Vergeſſen Sie nicht, gnädiges Fräulein,« ſagte Ja⸗ eintha,„daß er nicht immer ſo klein bleiben wird, wie er jetzt iſt. Sie dürfen ihn daher nicht an eine Stelle ſetzen, wo er ſich nicht vortheilhaft ausnimmt, wenn er einmal groß ſehn wird.“. „O nein, Jacintha,« rief Laura.„Wir wollen ihn ſo vortheilhaft als möglich pflanzen.“ Die Eine rieth hierauf Joſephinen, ihn auf der ſüdlichen Terraſſe zu pflanzen, eine Andere gab dem ovalen Raſenplatz — 120 zwiſchen dem großen Thore und dem nördlichen Theile des Schloſſes den Vorzug. Als Alle ihre Meinung ausgeſprochen hatten, ſagte zu ihrem Erſtaunen Joſephine etwas ſchüchtern „Am liebſten möchte ich ihn in die Plaiſance pflanzen.“ »In die Plaiſance? Warum, Joſephine?« „Das Pflanzen wird nicht ſo ſchnell gehen,« bemerkte Joſephine. „Aber es wird anderwärts auch nicht mehr Zeit in An⸗ ſpruch nehmen als in der Plaiſance,« rief Laura halb ärgerlich. »Aber Laura, die Plaiſance iſt gegen den Wind ge⸗ ſchützt,« ſagte Joſephine. Dard verzog ſeinen breiten Mund zu einem höhniſchen Lächeln. „Sie iſt blos heute geſchützt, weil zufällig das Schloß zwiſchen dem Wind und ihr ſteht. Aber er wird nicht immer von dieſer Richtung herkommen und die Plaiſance iſt mehr Winden ausgeſetzt, als irgend ein anderer Theil des Gartens.« „Nun, darf ich ihn nicht in die Plaiſance pflanzen, liehe Mama?* „Ja wohl, mein Kind, es kommt ganz auf deinen Wil⸗ len an.“ „Und wer hat Dich denn um deine Meinung gefragt“« rief Jacintha, indem ſie ihren unſchönen Freier mit drohen⸗ der Miene anſah.»Du haſt blos deinen Spaten zu nehmen und das Loch da zu graben, wo das gnädige Fräulein Dir be⸗ fehlen wird. Deswegen biſt Du hier, aber nicht um in Alles hineinzureden.« „Laura, ich bewundere die Energie, welche in dem Charakter dieſes Mädchens liegt,⸗ bemerkte Joſephine, wäh⸗ rend ſie ſich Alle auf den Weg nach der Plaiſance machten. 121 „Nun, wo wollen Sie ihn denn hin haben?“ fragte Dard in ziemlich mürriſchem Tone. „Hierher, denke ich, Dard,« ſagte Joſephine freundlich. Dard grinſte boshaft und ſtieß ſeinen Spaten in die Erde. „Der Baum wird nie höher werden als eine Brenn⸗ neſſel.« dachte er,»denn die Wurzeln der Eiche haben die ganze Kraft aus dem Boden geſogen,« und ſeine ſchwarze Seele frohlockte heimlich. „Es friert Dich doch nicht, Mama?s fragte Joſephine beſorgt, während man Dard zuſah⸗ „Nein, neinl« antwortete die Baronin.»Es geht ja kein Wind auf dieſer Seite des Hauſes. Du biſt ein gutes Mädchen, Joſephine, aber ich glaube, in der Gärtnerei wirſt Du nie viel leiſten.« Jacintha ſtand neben Dard beaufſichtigte ſeine Arbeit. Die drei Damen ſtanden in einer Entfernung von einigen Schritten und ſahen ihm ebenfalls zu. Zu ihrer Rech⸗ ten, aber ein wenig hinter ihnen, ſtand die große Eiche. Dicht hinter ihnen befand ſich ein Citronenbaum in einem ungeheuern Kübel, der an den Seiten zu faulen anfing und hier und da mit ein wenig Moos bedeckt war. Beim Beginne des Geſchäftes hatte die Aufregung des Geſpräches, die Wahl des Ortes und ſo weiter die Baronin ſowohl als ihre Töchter beſchäftigt. Jetzt dagegen hatte Dard eine Zeit lang die Aufregung für ſich ſe allein und die Uebrigen ſahen ihm blos zu, während er arbeitete. „Mein Gott!« rief Laura plötzlich.»Die Mama weint! Joſephine, unſere Mama weint!* „Das fürchtete ich!« entgegnete Joſephine— — 122 „Ich wollte gleich nicht, daß ſie mit herauskäme. O meine Mutter, meine Mutter!« „Lieben Kinder,« ſchluchzte die Baronin,„es iſt ganz natürlich. Ich kann nicht umhin zu bedenken, wie oft wir einen Baum gepflanzt und den Geburtstag des armen Kindes gefeiert haben, aber nicht wie heute. Damals weilten noch Viele auf Erden, welche uns ſeitdem verlaſſen haben und zu Gott gegangen ſind. Viele Freunde ſtanden um uns herum — wie warm war ihr Händedruck— wie freundlich ihre Stimmen, wie innig ihre Blicke! Und dennoch haben ſie uns verlaſſen. Das Unglück hat ſie verſcheucht, wie der Froſt jetzt die Blätter der alten Eiche abſtreift. Dieſe Thränen gel⸗ ten nicht mir! Nein, Gott und der heiligen Jungfrau ſey Dank, ich weiß wohin ich gehe und wen ich wiederſehen werde, mag es geſchehen, wann es wolle. Wohl aber kann ich meine Thränen nicht zurückhalten, wenn ich bedenke, daß ich meine Kinder ohne Freund in dieſer ſo gefahrvollen Welt zurücklaſ⸗ ſen muß.« „Liebe Mutter, wir haben Freunde! Wir haben ja un⸗ ſern lieben Doctor.« „Der iſt ein Gelehrter, Laura, ein Geſchöpf, welches weibiſcher iſt als ein Weib. Ihr werdet für ihn zu ſorgen hah anſtatt er für Euch.« „uUnd dann haben wir noch unſere eigene Liebe. Hat wohl je eine die andere ſo geliebt, wie ich Joſephi⸗ nen liebe?« „Nein,* se ine,„ich liebe Dich eben ſo ſehr.“ „Ja, das weiß ich. Ihr würdet Arm in Arm für ein⸗ ander in den Tod gehen,« ſagte die Baronin.»Ach, ich thue ſehr Unrecht daran, daß ich an dieſem Tage weine, meine Kinder! Laßt mir Zeit, um mich zu faſſen.« 123 Und die Baronin drehte ſich herum und drückte ihr Tuch an die Augen. Ihre Töchter entfernten ſich ein paar Schritte nach der entgegengeſetzten Richtung hin, denn zu jener Zeit behaupteten die Eltern, ſelbſt die liebreichſten, eine entſchiedene Autorität, und die letzten Worte der Baronin waren ein Wink⸗ daß ſie einen Augenblick lang allein ſehn wollte. Die jungen Damen warteten ehrerbietig, bis ihre Mut⸗ ter ſie wieder zu ſich winken würde. Dieſer Wink erfolgte und zwar in einem Ton lcher ſie überraſchte. „Kommt her, e Kinder— alle beide! Die Baronin ſtach mit der Krückenſpitze von Ebenholz in dem Mooſe des Citronenbaumkübels herum. „Hier liegt eine Börſe« ſagte ſie,»und wie mir ſcheint. iſt es weder die deine, Laura, noch die deine, Joſephine.* Die beiden Mädchen ſchauten hin und allerdings lag in dem Mooſe des Kübels eine grünſeidene Börſe. Sie betrachtete ſie ſtutzend einen Augenblick lang, dann ſchoß Laura darauf zu und hob ſie auf. „O wie ſchwer!« rief ſie. Jacintha und Dard kamen herbeigeeilt. Laura ſchüttete den Inhalt in ihre Hand. Es waren zehn Goldſtücke, iedes von zwanzig Franes— neue blanke Goldſtücke. a ſtieß einen Freudenſchrei aus. „Das Glück lächelt uus wieder!« rief ſie mit freudigem Aberglauben. Laura ſtand mit rweißen Hand funkelnden Goldſtücken und nllitz da, und ihre Augen blitzten vor Aufregun e. Das Erſtau⸗ nen Aller war groß. „Und hier liegt ein Blatt Papier!“ rief Joſephine eifrig, indem ſie ſich über das Moos beugte und ein kleines zuſam⸗ — 124 mengefaltetes Blatt aufhob. Sie öffnete es raſch und zeigte es Allen. Es ſtanden in einer Hand wie Kupferſtich die Worte darauf geſchrieben: »Von einem Freund— zur theilweiſen Abzah⸗ lung einer großen Schuld.«— Und nun begann plötzlich Joſephine zu erröthen und allmälig glühte nicht blos ihr Geſicht, ſondern auch ihr Hals über und über, und ſelbſt ihre weiße Stirn glänzte wie eine Roſe. »Von wem kann das ſeyn?7* F. Dies war die Frage, welche vo Seiten aufgewor⸗ fen ward. Die Baronin löſte ſie. »Es iſt von Saint⸗Aubin.* »Ach, Mama,« rief Laura,„der hat nicht zehn Gold⸗ ſtücke?« ⸗ F, „Wer weiß?« entgegnete die Baronin;„vielleicht hat er einen Buchhändler gefunden, der ihm ſein Werk über die Inſecten abgekauft hat.« „Nein, Mama,« ſagte Laura,»ich kann nicht glauben, daß dieſes Geld von unſerm guten Doctor herrührt. Aller⸗ dings iſt es ſonderbar, daß er zu dieſer Stunde nicht da iſt, denn ſonſt ſitzt er allemal bis Schlag zwei Uhr über ſeinen Büchern. Doch ſtill, da kommt er. Wir wollen ihn ſogleich aushorchen— das wird Spaß machen.« „Gebt mir die Börſe,« ſagte die Baronin,„und Ihr, Jacintha und D in eurer Arbeit fort.« Als der fand er Dard bei ſeiner Ar⸗ beit, während ihm ſtand und die Damen ihm aufmerkſam zuzuſehen ienen. Die Baronin erklärte ihm, was im Werke ſeh. Er gab ſein Sezeſe daran zu er⸗ kennen. ½ 125 Gleich darauf fuhr die Baronin mit der Hand in die Taſche und warf ihren Töchtern einen Blick zu. Sofort hefte⸗ ten ſich vier Augen auf das Geſicht des Doctors. Steh feſt, alter Doctor; wenn dein Panzer die mindeſte Blöße gibt, ſo werden dieſe Augen ihn durchdringen. „Apropos,“ ſagte die Baronin in vollkommen gleichgil⸗ tigem Tone,„Sie haben Ihre Börſe hier verloren; wir ha⸗ ben ſie ſpeben gefunden,« und mit dieſen Worten überreichte ſie ſie ihm. „Ich danke J nädige Frau,« ſagte er, indem er die Börſe nachläſſig ergriff.„Dieſe iſt nicht mein— ſie iſt zu ſchwer— und eben fällt mir ein,« fuhr der Gelehrte mit be⸗ neidenswerther Naivetät fort,„daß ich ſeit zwanzig Jahren keine Börſe mehr führe. Ich ſtecke mein Silber in die rechte Weſtentaſche und mein Gold in die linke, das heißt, 6 ſollte es thun, aber ich habe keines.* „Doctor, ich frage Sie auf Ihre Ehre, haben Sie nicht dieſe viz und dieſes Papier hierhergelegt?« Der Doctor las das Papier und Laura erzählte ihm mittlerweile, was geſchehen war. „Frau Baronin,* ſagte er,»ich bin ſeit beinahe zwan⸗ zig Jahren Ihr Freund und Penſionär. Wenn mir durch ir⸗ gend einen ſeltſamen Zufall Geld in die Hände kommen ſollte, ſo würde ich Ihnen nicht den kindiſchen Streich ſpielen, mit welchem Sie mich im Verdacht inen. Ich hätte das Recht, offen vor Sie hin agen: Theure Freundin, hier bringe ich Ihnen Theil von dem zurück, was ich Ihnen ſchulde.« „Ja, Sie haben Recht, Doctor; es war einfältig von mir, ſo etwas zu vermuthen. Aber nun ſagen Sie mir, wer 4 — 126 ſonſt unſer geheimer Freund iſt— möge der Himmel ihn ſegnenl« „Laſſen Sie uns nachdenken,« entgegnete der Doctor. „Ach, jetzt weiß ich es— ich wollte mein Leben verwetten, daß er es iſt!« „Wer denn?* „Ein ſehr rechtſchaffener Mann, den Sie unfreundlich behandelt haben, gnädige Frau. Es iſt Perrin, der Notar.* Nun war die Reihe des Ueberraſchtſeyns an der Baronin. „Ich will Ihnen nur geſtehen hr der Doctor fort, „daß ich in der letzten Zeit meh eine Unterredung mit Perrin gehabt habe, und daß, obſchon er natürlich durch die Strenge, womit Sie ihn behandelt haben, ſich verletzt fühlt, doch ſeine Achtung gegen Sie unvermindert iſt.« „Ich bin ſo dankbar als möglich,« ſagte die Baronin mit einem feinen und kaum bemerkbaren ironiſchen Lächeln. „Laura,« ſagte Joſephine,„es iſt ſonderbar, aber Herr Perrin war heute auf einige Minuten hier und ſchien wirklich nichts Beſonderes zu ſagen zu haben.« „Da haben wir's!« rief der Doctor,»da haben wir's! Er iſt blos hierhergekommen, um die Börſe dazulaſſen. Und indem er dies that, führte er blos eine Abſicht aus, welche er bereits erklärt hatte.* „Wirklich?« ſagte die Baronin. in kleinen Summen vorzuſchießen atürlich abgelehnt ward. Da⸗ on dieſem Manöver Gebrauch zu noch ehrliche Herzen unter den Ad⸗ durch ſah er ſi machen. Es gibt wir vocaten.* Während der Doctor der Baronin ſo ſeine Anſichten „ 127 aufnöthigte, entſchlüpften Joſephine und Laura um die Ecke des Hauſes. „Von wem rührt das Geld her?“ fragte Laura.„Von dem Doctor nicht und von Perrin natürlich auch nicht— aber von wem ſonſt?s „Laura, glaubſt Du nicht, daß es von Jemanden iſt, der auf alle Fälle Zartgefühl beſitzt?* „Sicherlich,« entgegnete Laura,„und deshalb tann pon einem Advocaten nicht die Rede ſehn.« „Liebe Laura, kann es vielleicht nicht von Jemanden herrühren, der uns Unrecht gethan, welches er vielleicht bereuet?« „Das iſt wohl möglich« entgegnete Laura.»Ein ſol⸗ cher will vielleicht Erſatz leiſten, einer unſerer Pächter oder Gläubiger, meinſt Du wahrſcheinlich. Aber es ſteht ja auf dem Papiere:„Von einem Freunde!“ Doch halt, er ſpricht auch von Abtragung einer Schuld! Wer wäre uns etwas ſchuldig? Das ſind Räthſel über Räthſel!* „Laura, kannſt Du Dich nicht auf Jemanden beſinnen, welcher—* „Nein, ich weiß nichts— ich kann mir gar Niemanden denken.* „Da es aber nicht der Doctor und auch nicht Herr Per⸗ rin iſt, könnte es dann nicht— dann natürlich würde er ſich ſchämen, mir vor die Augen zu kommen—“ „Dir?« „Ja wohl, Laura, es nncs d das Geld von „Von wem denn?« fragte Laura in größter Spannung, denn ſie begann zu ahnen, wen ihre Schweſter meinte. „Von ihm, welcher einſt vorgab mich zu lieben.“ — 128 „Von Camille Dujardin.* „Ich bin es nicht, die ſeinen Namen genannt hat,“ rief Joſephine. Laura ward bleich. „O mein Gott! mein Gott!“ rief ſie;„ſie liebt dieſen Mann immer noch!“ „Nein! nein! nein!* „Ja, Du liebſt ihn noch eben ſo wie früher. O, es iſt wunderbar— es iſt entſetzlich, welche Gewalt dieſer Menſch über Dich hat— über dein Urtheil ſowohl als über dein Herz!* „Nein, denn ich glaube, er weiß nicht einmal meinen Namen mehr. Glaubſt Du das nicht auch?“ „Liebe Joſephine, kannſt Du noch zweifeln?« „Vergib mir!* „Ja, Du bezweifelſt es.* „Allerdings.* „Warum? Aus welchem Grunde?* „Weil die Worte, die er zu mir ſprach, als wir uns an jenem Thore trennten, noch in meinem Herzen hallen, und o, meine Schweſter, die Stimme, welche wir lieben, ſcheint die Stimme der Wahrheit ſelbſt zu ſeyn. Er ſagte: Ich ſtehe im Begriff zur Pyrenäenarmee abzugehen, bei welcher ſo viele unſerer Truppen den Tod finden, aber ſprich zu mir, was Du bis jetzt noch nicht geſagt haſt: Camill, ich liebe Dich!— und ich ſchwöre, daß ich lebend wiederkehren werde! und dann ſagte ich zu ihm: Ich liebe Dich! aber er iſt nie wiedergekommen.* „Wie hätte er auch wieder hierherkommen können, da er ein Deſerteur und Verräther geworden iſt?“ 129 „Das iſt nicht wahr! Es liegt nicht in ſeiner Natur. Unbeſtändigkeit mag darin liegen. Sage mir, daß er mich niemals wirklich geliebt habe, und ich will Dir glauben, aber nicht, daß er ein Feigling iſt. Laß mich meine entſchwundene Liebe beweinen, aber nicht darüber erröthen.“ „Deine entſchwundene Liebe? Du liebſt ihn heute noch eben ſo wie vor drei Jahren.« „Nein, ich ſage Dir, daß dies nicht der Fall iſt. Ich liebe Niemanden mehr. Ich werde nie wieder einen Mann lieben.* „Ausgenommen dieſen. Eben dieſe Liebe iſt es, welche dein Herz gegen Andere einnimmt. Du liebſt ihn, theure Schweſter, denn warum würdeſt Du ſonſt glauben daß Ca⸗ mill unſer verborgener Wohlthäter ſeyn könne?“ „Warum? Weil ich von Sinnen war, weil es unmög⸗ lich iſt. Laß uns hineingehen, meine Schweſter.« „Geh, ich werde Dir folgen, aber liegt Dir denn nichts daran, zu wiſſen, wer nach meiner Meinung die Börſe für uns hingelegt hat?« „Rein,« ſagte Joſephine traurig, dann ſetzte ſie in kal⸗ tem, gleichgiltigem Tone hinzu:»Die Zeit wird es lehrens und dann ging ſie, die Stirn auf die Hand ſtützend, langſam in das Haus hinein. Das war ihr Geburtstag. Wer lieben will. I. 9 130 VI. „Ich will ihren Baum pflanzen laſſen,«“ dachte Laura, „denn ſie hat dies und alles Andere vergeſſen.« Und ſie kehrte wieder um zu den Uebrigen. Als ſie raſch um die Ecke bog, ſtieß ſie auf Jacinthen, die ſich in verdäch⸗ tiger Nähe befand und auf den Baum zuſchritt. Laura warf ihr im Vorübereilen einen Blick zu, der ihr das Blut in die Wangen emportrieb, und am Abend als Laura ihr plötzlich winkte und in bedeutſamem Tone ſagte: „Ich wünſche ein paar Worte mit Dir zu ſprechen, Jacintha,« war es der treuen Dienerin, als müßte ſie auf die Knie nieder⸗ ſinken, während ſie ſich äußerlich möglichſt unbefangen zu ſtellen ſuchte. „Wer hat die Börſe dorthin gelegt?“ fragte Laura in halb drohendem Tone.. „Fräulein Laura, ich weiß es nicht, ich habe aber mei⸗ nen Verdacht und wenn Sie mir einige Tage Zeit laſſen wol⸗ len, ſo glaube ich es ermitteln zu können.« „Wie viele Tage? ich kann es kaum erwarten.« »Wir wollen ſagen vierzehn Tage, Fräulein Laura.« „Das iſt eine lange Zeit; doch gut, ich bin damit eix⸗ verſtanden. Und ſo trennten ſie ſich wieder, ohne daß Eine von Bei⸗ den ein Wort von dem geſprochen hätte, was in ihren Ge⸗ danken oben auf ſchwamm. 18¹ „Na,« dachte Jacintha,»ich habe mich gut herausge⸗ wickelt. Wenn ich es erfahren kann, ſo wird ſie mich weiter nicht ausſchelten, daß ich gehorcht habe, und der Handel iſt gut, beſonders für mich, denn ich weiß wer die Börſe hinge⸗ legt hat, natürlich aber werde ich es ihr nicht ſogleich ſagen.* Nun aber wußte Jacintha es ſelbſt nicht, obſchon ſie den jungen Rivière in ſtarkem Verdacht hatte, daß er der Verbre⸗ cher ſey, welcher dieſe neue Art von Einbruch erfunden habe, ſich in der Nacht bei ehrlichen Leuten einzuſchleichen und ſie ihrer Armuth zu berauben anſtatt ihres Reichthums wie die guten altmodiſchen Diebe. Sie wartete daher ruhig und hoffte jeden Tag, ihr Wiſchtuch an dem Baum auf der Hinterſeite des Hauſes hän⸗ gen zu ſehen und ihn ihr freiwillig ſagen zu hören, wie ge⸗ ſchickt er die Sache angefangen. Aber es verging ein Tag nach dem andern und kein Wiſchtuch zeigte ſich. Die vierzehn Tag nahten ihrem Ende und Jacintha's Geduld ebenfalls. Nun faßte ſie einen Entſchluß und eines Morgens ſchnitt ſie zwei große Trauben ab und pflückte einige Nectarinen, legte ſie in einen Korb, deckte ſie mit einer Serviette zu und ſuchte Herrn Eduard Riviére in ſeiner Wohnung auf. Sie trat in das Zimmer des jungen Regierungsbeamten und ſprach ſo lange, als die Dienerin, welche ſie eingelaſſen, zugegen war, von nichts als von den Frächten, welche ſie für ihn gebracht, um ſich für ſein Wildpretgeſchenk abzufinden. Sobald die Die⸗ nerin hinaus war, ließ ſie die Maske fallen. „Na, es iſt Alles in Ordnung,“ ſagte ſie, indem ſie. chelte und mit den Augen blinzelte. 3 »Was iſt in Ordnung?“ »Sie haben die Börſe gefunden.« »Was für eine S Ich weiß nicht was Ihr meint.* „Natürlich wiſſen Sie das nicht, Sie Kind der Un⸗ ſchuld! Sie haben keine mit Gold gefüllte Börſe in den Gar⸗ ten von Beaurepaire hingeworfen.« „Das habe ich auch nicht geſagt. Du lieber Gott, mit Gold gefüllte Börſen ſind Luxusartikel, mit denen ich zur Zeit nur wenig Bekanntſchaft habe.« »So!« ſagte Jacintha ſich auf die Lippe beißend; »dann ſind wir Freunde geweſen, weiter ſage ich nichts.« »O, die werden wir ſchon auch noch bleiben.* »Nein, wenn Sie mir kein Vertrauen ſchenken, ſo ſind Sie auch mein Freund nicht. Sie Undankbarer, wie können Sie mich hintergehen wollen! Ich weiß, daß Sie es gewe⸗ ſen ſind.« »Nun, wenn Ihr es wißt, was fragt Ihr mich dann?« entgegnete Eduard. „Na, na, nur nicht ſo heftig!« rief Jacintha i in verwei⸗ ſendem Tone.»Geſtehen Sie nur, daß es ſeltſam iſt, wenn Sie nicht mehr Neugier verrathen. Es ſieht gerade ſo aus, als ob Sie die ganze Geſchichte ſchon kennten.« „Aber ich bin ja neugierig und wünſche ſehnlich, daß Ihr mir ſagt, was das eigentlich für eine Geſchichte iſt, an⸗ ſtatt Euch in den Kopf zu ſetzen, daß ich ſie ſchon wiſſe.« »Nun gut, ich will's Ihnen erzählen. Und Jacintha erzählte ihm nun den ganzeg Vorgang, wie die Baronin die Börſe gefunden, und auf wen dabei ihr Verdacht gefallen war. 133 „Ich wollte ich wäre der geweſen, der das Geſchenk hin⸗ gelegt hat,« ſagte Eduard.»Aber ſagt mir, liebe Freundin, hat es auch etwas genützt? Hat es dieſen Damen die Mittel zur Befriedigung einiger ihrer Wünſche gewährt? Das iſt die Hauptſache— nicht von wem es herrührt.« Jacintha dachte nach und heftete ihr graues Auge auf den jungen Mann, während ſie antwortete: „Unglücklicherweiſe waren es zwei Goldſtücke zu wenig.« »Wie ſchadel« „Keine meiner Herrinnen kauft ſich jemals ein neues Kleid, ohne daß die andere auch eins bekommen. Nun fand ſie, daß noch zwei Goldſtücke mehr nöthig ſeyn würden, um für ſämmtliche drei Damen neue Traueranzüge anzuſchaffen. Deshalb haben ſie das Geld aufgehoben, bis ſie das noch feh⸗ lende zuſammenbringen können.« „Wasl« rief Eduard;„alſo kann ich trotz dieſes Gel⸗ des immer noch nicht hoffen, die jungen Damen außerhalb des Schloſſes zu ſehen?« „Nein! Sie ſehen, es war nicht genug.« Riviére's Züge verfinſterten ſich. „Wohlan, s ſagte Jacintha, indem ſie einen aufrichtigen Ton annahm, vich ſehe wohl, daß Sie es nicht geweſen ſind, aber wirklich anfangs hatte ich Sie im Verdacht.“ „Nun, es iſt ja nichts, deſſen ich mich zu ſchämen brauchte, wenn ich es gethan hätte.“ „Nein, gewiß nicht. Aber wie thöricht war es von mir, Sie in Verdacht zu haben, nicht wahr? Na, deswegen ſollen Sie die Trauben dennoch bekommen.* „O ich danke Euch— ſie ſind von Beaurepaire?“ „Ja. Leben Sie wohl. Sehen Sie nicht traurig. Meine jungen Damen werden wieder zum Vorſchein kommen, ſobald — 134 ſie die Mittel zur Anſchaffung von neuen Trauerkleidern haben.* Dann ſetzte ſie mit plötzlichem Eifer hinzu: „Sie haben doch mein nicht verloren?“ „Nein! nein!“ „Es wird beſſer ſeyn, wenn Sie mir es wiedergeben; dann bin ich beruhigt.“ „Nein, ich bitte um Entſchuldigung— ich werde es be⸗ halten, denn es iſt das einzige Mittel ein Wort mit Euch zu ſprechen.* „Aber Sie haben ja noch keinen Gebrauch davon ge⸗ macht?* „Das kann noch alle Tage geſchehen.* Jacintha runzelte, während ſie mit dem leeren Korbe wieder nach Hauſe ging, ihre ſchwarzen Augenbrauen und überdachte die ganze Unterredung. „Ich weiß nicht warum er es mir gegenüber läugnen ſollte wenn er es geweſen iſt. Aber dennoch wäre er gans gewiß eiferſüchtig und weit neugieriger geweſen, wenn er es nicht geweſen wäre. Na, auf jeden Fall habe ich ihn nun dreiſt gemacht und werde ihn belauern. Wenn er es ge⸗ weſen iſt, ſo werde ich ihn ſchon lehren mich zu hintergehen, während ich ihm bis jetzt als treue Freundin zur Seite ge⸗ ſtanden!« Der Zufall war dieſen böswilligen Abſichten günſtig. Noch denſelben Abend erklärte ſich Dard— das heißt, nach⸗ dem er ſich ſchon ſeit ſieben Jahren indirect als Bewerber gerirt, machte er ein directes Anerbieten ſeiner Hand und ſei⸗ ner Verdauungsorgane. Jacintha freute ſich darüber ſehr und hätte den kleinen Kerl auf der Stelle abküſſen können. 135 „Wohlan, Dard,“ ſagte ſie,„wenn ich überhaupt einen Mann nehmen wollte, ſo wäreſt Du es und kein anderer; ich habe mir aber ſo ziemlich feſt vorgenommen, gar nicht zu hei⸗ rathen, auf alle Fälle nicht eher, als bis meine Herrin mich entbehren kann.* „Ach, dummes Zeug!“ rief Dard⸗„ſo ſagen Alle.« „Nun, was Alle ſagen, muß wohl wahr ſeyn,« entgeg⸗ nete Jacintha. „Aber blos dann, wenn ſie auch dabei bleiben,“ wen⸗ dete Dard ein.„Es iſt das ein Lied, welches alle Mädchen an der Kirchthür verſtummen laſſen, ſobald ſie überhaupt Ge⸗ legenheit dazu bekommen.“ „Wohlan, ich habe durchaus keine Eile, eine ſolche eleine Gelegenheit zu erhaſchen,« entgegnete Jacintha. indem ſie den Kopf emporwarf.„Doch— wohlan, Dard,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„eine Liebe iſt der andern werth. Wenn ich Dich nun heirathe, was wirſt Du dann für mich thun?* Dard entwarf eine glühende Schilderung von dem, was er für ſie thun würde, ſobald ſie ſein Weib wäre. Sie bedeutete ihn, daß es ſich nicht hierum handle, ſon⸗ dern um das, was er vorher für ſie thun wolle. Er erklärte ſich bereit, Alles zu thun. Dies brachte die contrahirenden Parteien zu einer Ver⸗ ſtändigung. Erſtens erzählte Jacintha ihm unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, daß der junge Rividre Fräulein Joſephinen liebe und daß ſie ſeine Vertraute ſey. Zweitens erzählte ſie ihm, der iunge Mann habe ſie dadurch beleidigt, daß er ſie hinſichtlich der Börſe zu hintergehen verſuchte, und drittens 136 befahl ſie Dard, die Schritte des jungen Mannes Tag und Nacht zu überwachen, damit ſie ihn durch ihre gemeinſchaftli⸗ chen Bemühungen endlich ertappten. Dard zog ein ſchiefes Geſicht und während er gelobte, Alles zu thun, war er durchaus nicht von der Abſicht beſeelt, etwas Specielles zu thun. Dennoch aber hatte er einmal ſich bereit erklärt und zu ſeinen übrigen ſchon ſo mannigfaltigen Dienſtleiſtungen kamen nun auch noch die einer Se und eines Spions. Zu der letztern Eigenſchaft befähigte ihn ſeine anſchei⸗ nende Stumpfheit eben ſo wie ſeine kleinliche, aber dennoch wirkliche Verſchmitztheit. Ueberdies ward er auch täglich von Jacintha inſtruirt. Doctor Saint⸗Aubin blieb mittlerweile bei ſeiner Be⸗ hauptung, daß Perrin der heimliche Wohlthäter ſey, und machte Alle darauf aufmerkſam, daß ſeit jenem Tage der No⸗ tar ſich nicht wieder auf dem Schloſſe hatte ſehen laſſen. Der Geber, mochte er ſeyn wer er wollte, ahnte nicht den Schmerz, den er dieſer herabgekommenen aber ſtolzen Fa⸗ milie zufügte, eben ſo wenig als den ſchweren Kampf, der zwiſchen ihrer Bedrängniß und ihrem Zartgefühl ſtattfand. Die zehn Goldſtücke waren eine priwährend Verſuchung, ein täglicher Conflict. Die Worte, welche das Geſchenk begleiteten, enthielten eine Entſchuldigung und die Armuth der Empfänger zwang ſie, es anzunehmen. Ihr Stolz und ihre Würde wider⸗ ſetzten ſich, aber dieſe blanken kleinen koſteten ihnen manche bittere Qual. Die Berechnung, welche Jacintha dem jungen Manne vorgelegt, war eine rein maginäre. Schon ein hundert Franes würde die armen Mädchen in den Stand ge⸗ — 137 ſetzt haben, vor der Welt ſich zeigen zu können und dabei auch ihren Vater zu betrauern. Die Baronin wußte das und dennoch durfte ſie nicht ſagen:»Nehmt Euch von dieſen Goldſtäcken und kauft Euch, was Ihr braucht.* Endlich aber wurden ſie hierin wie in allen andern Din⸗ gen eines Sinnes. Sie kämpften, ſie ſträubten ſich und end⸗ lich ſchloſſen ſie den Verſucher ein und ſahen ihn nichtmehr an. Dem kleinen Stück Papier war jedoch ein freundlicheres Schickſal beſchieden. Laura machte einen kleinen Rahmen dazu und verwahrte es in dem Schubfache eines in dem Salon ſte⸗ henden Meubles. Ihre Mutter war an menſchlicher Freund⸗ ſchaft verzweifelt und mit Verzagtheit und Wehmuth auf den Lippen hatte ſie dieſes Papier mit dem heiligen Wort»Freund« darauf gefunden. Sie konnte nicht ſagen, woher es kam— dieſes geſeg⸗ nete Wort. Aber wer kann ſagen, woher der Thau kommt? Die Wiſſenſchaft ſtellt zweierlei Theorien darüber auf. Darum will ich mich zu den Dichtern halten, welche ſa⸗ gen, er komme vom Himmel. Ueberhaupt werden wir nicht ſehr irregehen, wenn wir alles Gute auf dieſe Quelle zurückführen. Und ſomit fiel auch dieſes ſüße Wort»Freund“ wie Thau vom Himmel auf dieſe betrübten Herzen herab. Sie verſchloſſen demnach das mächtige Gold vor ſichſelbſt und verwahrten das freundliche Stück Papier in ihrem Herzen. Die vierzehn Tage vergingen und Jacintha wußte im⸗ mer noch nichts. Sie mußte um eine Verlängerung der Friſt bitten. Laura gewährte dieſelbe mit finſterer Miene, lächelte aber im Stillen. Mittlerweile wußte Dard, Jacintha's kleiner Spion, 138 Gärtner, Liebhaber und was ſonſt noch, mit plumper Schlau⸗ heit das Vertrauen des jungen Staatsmannes zu gewinnen. Der Verrath fand aber ſeinen Lohn. Der junge Staats⸗ mann machte Dard zu ſeinem Factotum, das heißt, er mußte noch eine Menge kleine Verrichtungen auf ſich nehmen. Schon früher hatte er eine Vermehrung derſelben kaum noch für möglich gehalten, jetzt aber zwang ihm das, was er leiſten mußte, eine förmliche Bewunderung ſeiner ſelbſt ab. In der einen Stunde hielt er eine lange Kette in den Händen, während Riviére die Felder des Schloſſes Beaure⸗ paire vermaß, die nächſtfolgende ward ihm aufgetragen, einen Pächter auszuhorchen. Dann hieß es auf einmal:„Bücke Dich, Dardl« Dieſe Worte bedeuteten, daß er eine halbmondförmige Geſtalt annehmen ſollte, während Eduard, um ſeine Berech⸗ nungen oder Skizzen zu entwerfen ſeinen breiten Rücken als Schreibepult benutzte. Und dann, was das Allerdrolligſte war, er, das faulſte aller Menſchenkinder, obſchon die Tücke des Schickſals ihnzum geplagteſten gemacht, mußte den Bürger Riviöre frühmorgens wecken. Abends, nachdem er mit all ſeiner Arbeit fertig war, konnte er darauf rechnen, daß Jacintha ihn zum Lohn dafür ausſchalt, weil er nicht die rechte Nachricht mit vach Hauſe brachte und nicht Talent genug beſaß, ſich die, welche man zu hören wünſchte, auszuſinnen. Zweimal rapportirte er aber doch zu Danke. Das erſte Mal war, als er ihr ſagte daß Rivibre eine genaue Vermeſ⸗ ſung der Grundſtücke von Beaurepaire begonnen habe, und das zweite Mal, als er erfahren wie viel der Beſitz des jun⸗ 139 gen Bürgers betrug— vierhundert Francs monatlich, die allemal am Erſten des Monats ausgezahlt wurden. „Dieſer junge Menſch bekommt vierhundert Francs mo⸗ natlich!« rief Jacintha.»Dard, heute ſollſt Du ein gutes Abendeſſen bekommen.* Dard ſchmunzelte. „Und während ich es bereite,«fuhr ſie fort,„iſt hier eine kleine Arbeit für Dich— damit Dir die Zeit nicht lange wird.* „O wehl“ Jacintha hatte zwanzig Ellen Schnüre ſchwarz gefärbt und ein halbes Dutzend Klingeln abgeſchnitten, die jetzt nicht mehr gebraucht wurden. „Du wirſt ſie wieder an ihren alten Plätzen befeſtigen, wenn die Zeiten beſſer werden,« ſagte ſie. Dard's Aufgabe beſtand nun darin, einen weiten magi⸗ ſchen Kreis um den Citronenbaum zu ziehen und die Klingeln ſo zu befeſtigen, daß ſie nicht ſichtbar waren, aber ſogleich er⸗ tönten, wenn ein Fuß mit der unſichtbaren Schnur in Berüh⸗ rung kam. Auch dieſer Dienſt ward von dieſem Tage an Dard's Tagewerk einverleibt. Jeden Abend bei Einbruch der Dämme⸗ rung mußte er die Falle ſtellen, und von dieſem Augenblicke an bis zum Schlafengehen waren Jacintha's Gedanken zur Hälfte nach außen gerichtet und ihre Ohren lauſchten auf das mindeſte Geräuſch. Eines Tages begegnete St. Aubin dem Notar. Er hielt ihn an, hob muthwillig drohend den Finger empor und ſagte: „Sie ſind entlarvt.“ Der Notar ward bleich. „Na,« rief der Doctor,»Sie treiben das Zartgefühl ein wenig zu weit.“ 140 Der Notar ſtammelte einige unverſtändliche Worte. „Eine im Verborgenen geübte gute That iſt nichtsdeſto⸗ weniger eine gute That.« Dieſe Erklärung machte die des tars vollſtändig. „Sie ſind ein wtiger Mann,« rief St. Aubin mit Wärme. 5 Der Notar verneigte ſich. „Die armen Damen können von Ihrer Freigebigkeit kei⸗ nen Gebrauch machen, aber ſie fühlen dieſelbe tief und Sie werden einmal in einer beſſern Welt Ihren Lohn dafür erhal⸗ ten. Das ſage ich Ihnen.« Der Notar murmelte wieder einige unverſtändliche Worte. Er war ein Mann von mäßigen Wünſchen und wäre ganz da⸗ mit zufrieden geweſen, wenn auch keine andere Welt in Aus⸗ ſicht geſtanden hätte. Er hatte die irdiſche ſtudirt und wußte ſie zu verwerthen. Er wünſchte durchaus keine beſſere, fürch⸗ tete aber zuweilen eine ſchlimmere. „Ja, ja,« ſagte Doctor St. Aubin,„ich ſehe ſchon, wie die Sache ſteht. Wir hören uns nicht gern loben, nicht wahr? Wann werden wir Sie einmal auf dem Schloſſe ſehen?7* „Sobald als ich gute Nachrichten zu bringen habe.« Und Perrin, der einem ſolchen Hagel von unerklärlichen Complimenten gern aus dem Wege gehen wollte, gab ſeinem Pferde die Sporen und galoppirte davon. u VII. „Fräulein Laural« »Wer iſt da?“ „Ich bin es. „Und wer iſt dieſes Ich?« „Jacintha.— Sind ſie ſchläfrig, Fräulein Laura?“ „Ach ja!“ „Dann ermuntern Sie ſich! Sie müſſen ſogleich auf⸗ ſtehen.“ »Aufſtehen! Warum denn? Das Schloß brennt wohl?s „Nein, nein. Ich bringe eine wichtige Nachricht. Es iſt möglich, daß ich mich irre, aber ich glaube es nicht— doch ganz gewiß bin ich auch nicht.“ „Ho, die Börſe— die Börſe!« „Ja wohl. Hören Sie mich an, Fräulein Laura. Dard hat auf meinen Befehl ſeit einem Monate einen gewiſſen Je⸗ mand belauert. Wohlan, Mademoiſelle, geſtern Abend bekam dieſer Jemand ſeine Beſoldung— vierhundert Francs— und was glauben Sie wohl? Er befahl Dard, ihn eine Stunde vor Tagesanbruch zu wecken. Ganz gewiß iſt wieder etwas im Werke.* „Aber wann haſt Du denn alles das erfahren?« „Erſt geſtern Abend.“ „Warum ſagteſt Du es mir denn nicht geſtern Abend ſchon?« „Weil ich zu klug dazu war. Sie hätten dann die ganze Nacht kein Auge zugethan. Ich habe auch nicht ſchlafen kön⸗ nen. Jeßzt iſt keine Zeit mehr zu verlieren— binnen wenigen Minuten wird die Sonne aufgehen. Wie ſchnell könnten Sie ſich wohl ankleiden, wenn es gälte, Ihr Leben zu retten?« fragte Jacintha ein wenig ſchnippiſch.»In einer halben Stunde?s „In einer halben Minute!“ rief Laura.„Geh und wecke Joſephine.« Laura kleidete ſich raſch an und eilte dann in Joſephi⸗ nens Zimmer. Dieſe warf ſich eben nach ihrer gewohnten Weiſe langſam in die Kleider. Laura half ihr, während Joſephine lächelte und gähnte. Während die muntere Hebe auf dieſe Weiſe die ſchmach⸗ tende Venus expedirte, ließ ſich über ihnen plötzliches Fußge⸗ trappel hören, und Jacintha kam einige Augenblicke ſpäter feuerroth in das Zimmer geſtürzt. „Ach, meine gnädigen Fräuleins! Ich bin oben auf dem Dachboden geweſen. Es kommt Jemand vom Dorfe her— ich lugte hinter dem Schornſtein hervor. Es iſt kein Augen⸗ blick zu verlieren— die Sonne iſt auch ſchon aufgegangen.* „Aber ich bin ja noch nicht fertig, liebe Jacintha!« „Dann müſſen Sie unangekleidet mitkommen,« rief Ja⸗ cintha ungeſtüm. n 3 „Es iſt mir wirklich, als ob ich nicht angekleidet wäre,« ſagte Joſephine ruhig.»Du haſt mich gar nicht ordentlich eingeſchnürt, Laura. Ich will Euch nicht aufhalten— geht immer ohne mich.« „Da höre man nur!« rief Jacintha,»und ſie iſt es, um derentwillen der junge Mann Alles thut.* „Um ihretwillen?« rief Laura. „Um meinetwillen?« rief Joſephine. „Ja, gnädiges Fräulein, um Ihretwillen. Iſt das wohl zu verwundern? Sehen Sie nur einmal in den Spiegel— dieſer wird Ihnen Alles erklären. Nein, ſehen Sie nicht hin⸗ ein— wir kommen ſonſt zu ſpät. Kommen Sie! kommen Sie nach unſerm Verſteckls „Was, wir ſollen uns verſtecken?« „Nun, Sie glauben doch nicht, daß er es thun wird, wenn er Sie ſieht, Fräulein? Und überdies, wie wollen Sie ihn ertappen, wenn ich Sie nicht in den Hinterhalt lege?« „Du biſt ein gutes Mädchen,s rief Laura;»Du haſt wirklich originelle Gedanken.* „Ich kann mich aber mit dieſem originellen Project nicht recht befreunden,« bemerkte Joſephine;„was ſoll ich zu einem Menſchen ſagen, den ich nicht kenne, ſelbſt wenn ich ihn ertappe— was, wie ich hoffe nicht der Fall ſehn wird.« „O wir haben ihn auch noch gar nicht,« ſagte Jacintha, »und wenn Sie ihn auch nicht ertappen, ſo wird es doch nicht heißen»ichs ſondern„wirs. Sie werden muthig ſeyn wie Löwen, wenn Sie ſich zwei Einem gegenüber ſehen und zwar auf Ihrem eigenen Grund und Boden. Eins und eins macht fünfzehn.* „Eins und eins macht fünfzehn? Laura, Du biſt ange⸗ pleidet, laß Dir einmal die Sache erklären und leihe mir eine Stecknadel!« „Ich meine, eine junge Dame an der Seite einer zwei⸗ ten hat ſo viel Muth wie fünfzehn einzelne.« Jacintha übernahm nun die Leitung der Expedition und führte ihre jungen Herrinnen raſch nach der großen Eiche. „Hier hinein mit Ihnen und verhalten Sie ſich ſtill wie die Mäuschen.* Die beiden Mädchen warfen einander einen komiſchen Blick zu und gehorchten dem General. „Nun,« ſagte Jacintha,»wenn Ales in Ordnung iſt, ſo werde ich mich nicht rühren— iſt dies nicht der Fall ſo komme ich und ſage es Ihnen. Gütiger Himmel, der Vorhang Ihres Fenſters iſt ja aufgezogen. Wenn er das ſieht, ſo weiß er gleich, daß Sie wach ſind. Ich eile, 6 wieder ziehen. Leben Sie wohl.« „Wird ſie wiederkommen, Joſephine?« »Nein, liebe Schweſter.“ „Dann klopft mir das Herz. Denke Dir nur, daß wir hier einen Fremden belauern ſollen!“ „Ehe wir an etwas Anderes denken, wirſt Du ſo gut ſeyn, mir einmal dieſe Haftel erſt ordentlich zuzumachen. Soll⸗ ten wir uns wirklich zu einem Angriff auf dern Feind entſchlie⸗ ßen, ſo wird es gut ſeyn, wenn wir in unſeren 5 ſo we⸗ nig Unordnung als möglich haben.* Und Joſephine verzog den Mund zu einem Schmollen, welches ganz allerliebſt war. Laura gehorchte. Während ſie that, was Joſephine ihr geheißen, ſagte dieſe: „Sieh nur, wie ſauer es unſerm Geſchlecht ankommt. der Energie Widerſtand zu leiſten. Jacintha iſt unſere Diene⸗ rin, aber ſie beſitzt Energie und Entſchloſſenheit. Dieſes Mäd⸗ chen, das eigentlich Befehle von mir zu empfangen hat, wollte, daß ich mich in eine abſurde Poſition begeben ſollte, und was iſt die Folge? Vor einer Minute lag ich noch im Bett— jetzt ſteh' ich hier und nicht was ich iteitih begin⸗ nen ſoll.* „Joſephine,« ſagte Laura in ernſtem Tone,„wie kannſt * 145 Du in einem Augenblicke ſo furchtbarer Aufregung wie der gegenwärtige von ſo gleichgiltigen Dingen ſchwatzen?6 »Ach, beruhige Dich doch und ſey vernünftig. Es wird Niemand kommen. Welchen Grund haben wir, zu vermuthen, daß Jemand heute Morgen hierherkommen werde?« „Joſephine,« rieß Laura begierig,„dieſes Mädchen weiß mehr, als ſie uns geſagt hat. Verlaß Dich darauf, es iſt etwas im Werke.* Still, ſtill!« rief Joſephine plötzlich in leiſem, aufge⸗ regtem Tone und hielt ihre zitternde Hand empor. Zugleich zeigte ſie mehrmals raſch nach einander weſtlich durch den Baum. Laura legte ihr Auge ſofort an ein kleines in dem Baume befindliches Loch. Joſephine hatte ſich unwillkürlich von einer weit größeren Oeffnung zurückgezogen, durch welche ſie geſehen zu werden fürchtete. „Ja,* rief Laura flüſternd und zitternd. Ein Mann ſtand in dem Park und ſchaute über das kleine Thor in die Plaiſance herein. Joſephine hielt ſich von der größern Oeffnung entfernt, durch welche ſie ihn zuerſt erblickt. Laura ſchaute bald durch das kleine Loch, bald zurück auf Joſephinen. Die Geſtalt rührte ſich nicht. Dieſe Ungewißheit dauerte mehre Minuten. Plötzlich machte Laura eine ſchnelie Bewegung und fuhr von dem Guckloch zurück, und in demſelben Augenblick hoͤrte Joſephine das Thor öffnen. Die Mädchen drängten ſich unwillkürlich in der Mitte des Baumes an einander, wagten aber nicht zu ſprechen, kaum zu athmen. Wer lieben will. I. 10 146 Nach einer Weile lugte Laura vorſichtig wieder hinaus, prallte aber wie von einem Schuß getroffen zurück, denn der Mann kam gerade auf die Eiche zu. Laura gab dies Joſephinen durch eine ängſtliche Geberde zu verſtehen. Er ging langſam weiter und als Laura das nächſte Mal hinaus⸗ ſah, konnte ſie nicht mehr ſagen, wo er war. Nun horchte die vorſichtige Joſephine an der öſtlichen Seite, wo der große Riß in dem Baume war, und Laura ſchielte durch das kleine Loch, im Fall er wieder ſichtbar würde. Während ſie ſo beſchäftigt war, fühlte ſie c auf ein⸗ mal heftig geknippen und Joſephine faßte ſie bei der Schulter und zerrte ſie in eine Ecke neben der Spalte. Eben ſtanden ſie im Begriff, ſich jede in ihrem Winkel zuſammenzuducken, als der Schatten eines Mannes zwiſchen ſie und den Baum fiel und liegen blieb. Jede der beiden Mädchen drückte ſich die Hand ſchnell und ſcharf auf den Mund, ſonſt hätten ſie Eine wie die Andere laut aufgeſchrien, als der Schatten zwiſchen ſie fiel, in welchem ſie den Vorläu⸗ fer des Mannes ſelbſt zu ſehen glaubten. Sie hefteten ihre erſchrockenen Blicke darauf und duckten ſich zuſammen und zitterten. So war der Handel eigentlich nicht geweſen. Sie hatten ſich verſteckt, um zu nicht um ertappt zu werden. Endlich erlangten ſie wieder hinreichende Faſſung, um zu bemerken, daß dieſer Schatten, von welchem die eine Hälfte auf dem Boden lag, während der Kopf und die Schultern ein wenig die Wand des Baumes hinaufragten, das Profil eines Mannes, aber nicht ſein Geſicht en face vorſtellte. Mit einem Worte, die Geſtalt ſtand zwiſchen ihnen und der Sonne und betrachtete das Schloß, nicht den Baum. 147 Dennoch aber hätte, als der Schatten vor Joſephinen den Hut abnahm, dieſe laut aufgekreiſcht, wenn ſie nicht die Geiſtesgegenwart gehabt hätte, ſtatt zu ſchreien, ſich in ihre kleine feiſte Hand zu beißen. Der Schatten wiſchte ſich mit dem Tuche die Stirn. Er war ſehr ſchnell gelaufen, das arme Weſen! Einen Augenblick ſpäter war er verſchwunden. Sic transit gloria mundi. Die Schweſtern ſahen einander an und athmeten ein wenig auf. Vorher hatten ſie es nicht gewagt. Laura legte die eine Hand auf ihren wogenden Buſen und ſchüttelte die andere kleine weiße Fauſt boshaft nach der Richtung hin, wo die Geſtalt ſich befinden mußte, und ihre Neugier ward viel⸗ leicht durch einen komiſchen Wunſch nach Rache angeſtachelt. Sie ſchlüpfte nun durch den Spalt wie ein vorſichtiger Panther aus ſeiner Höhle und begann ſich geräuſchlos und geſchmeidig wie eine Schlange langſam um den Baum zu winden. Bald kam ſie an einen großen hervorragenden Aus⸗ wuchs des Baumes. Ihr helles Auge ſchaute um denſelben herum, während ihr ſchlanker Körper für den, der ſie be⸗ lauerte, unſichtbar war. Joſephine, die einen Schritt hinter ihr herkam, klammerte ſich ebenfalls an die Eiche und war⸗ tete mit funkelnden Augen und glühenden Wangen auf Signale. Der vorſichtige Eindringling hatte das Terrain recog⸗ noscirt, war mit erheuchelter Gleichgiltigkeit langſam um die Eiche herumſpazirt und befand ſich nun wohlbehalten am Ziele. Die Mädchen ſahen, wie er mit der Hand in die Taſche fuhr, etwas aus derſelben herauszog und unter den Citro⸗ 148 nenbaum fallen ließ. Nachdem dies geſchehen, hörten ſie⸗ wie er zufrieden in ſich hineinlachte. Dieſes Lachen aber war von kurzer Dauer, denn in dem Augenblick, wo Laura die Börſe aus der Hand fallen ſah, gab ſie Joſephinen raſch ein Zeichen, um die andere Seite des Baumes zu ſchwenken und mit wunderbarer Präciſion kamen beide Töchter von Beaurepaire plötzlich von entgegengeſetzten Seiten auf den Eindringling zugeeilt. Seine Sinne waren zu ſcharf und viel zu ſehr auf ihrer Hut, als daß er nicht das Raſcheln der Kleider ſofort beim Beginne des Laufes hätte hören ſollen, aber nun war es zu ſpät. Sie gingen nicht auf ihn zu, ſondern kamen ſo raſch, daß es ſchien als wollten ſie die Flucht ergreifen, anſtatt einen Angriff zu machen. Von ihrer ausgeſtandenen Angſt wußte er natürlich nichts. Er ſah und hörte weiter nichts als ein Raſcheln und Klatſchen wie von großen Flügeln auf beiden Seiten, und dann ſtanden auf einmal zwei reizende jugendliche Geſtalten mit engelgleicher Schnelligkeit neben ihm. „Ahals rief er vor Schrecken zuſammenfahrend und ſchaute von ſeiner erſten Angreiferin, Laura, nach dem Park. Sein erſter Gedanke war, nach dieſem hin zu flüchten. Auf dieſer Seite aber ſtand bereits Joſephine, bemerkte den Blick und hielt die Hand empor, wie um zu ſagen:»Hier paſſirt man nicht.« In ſolchen Lagen ſind die Gedanken ſchneller als der Blitz. Der junge Mann nahm ſeinen Hut ab und ſtammelte eine Entſchuldigung. „Ich wollte mir blos die alte ehrwürdige Eiche an⸗ ſehen.“ „ 149 3 Laura aber ſchoß auf die Börſe zu und hielt ſie vor Jo⸗ ſephinens Augen empor. Er war gefangen. Seine einzige Vgüchtei zum Ent⸗ rinnen wäre geweſen, wenn er das große Thor zu erreichen geſucht hätte, aber er war nicht der Notar, ſondern ein armer iunger Mann, der die Geiſtesgegenwart verloren hatte, oder es vielleicht unartig fand, davonzulaufen, wenn eine Dame zu ihm ſagte, er ſolle ſtehen bleiben. Er that daher weiter nichts, als daß er das Geſicht mit beiden Händen bedeckte, denn ſeine Wangen wurden blutroth bis an die Wurzeln ſeines jugendlich vollen glatten Haares hinauf. VIII. In dem Augenblick, wo unſere Heldinnen, die mit jener Verzweiflung, welche eine der zeitweiligen Formen der Feig⸗ heit iſt, ſich dem Feinde entgegenwarfen, ſahen, daß ſie einen Chineſen und keinen Tartaren gefangen, wechſelten ſie einen raſchen Blick über das geſenkte Haupt des jungen Mannes hinweg und verwandelten ſich binnen weniger als einem hal⸗ ben Augenblick in zwei Löwinnen an Tapferkeit und Würde. Nit der ruhigen Faſſung eines hohen, gewaltigen Gemüthes redete Joſephine ihn an. Er zuckte ein wenig zuſammen, als der erſte Ton ihres ſchönen wohltönenden Sprachorganes an ſein Ohr ſchlug. „Faſſen Sie ſich, mein Herr,« begann ſie,„und haben Sie die Güte, uns zu ſagen, wer Sie ſind.« Eduard mußte antworten. Durch die Hände bin konnte er nicht ſprechen und eben ſo wenig konnte er einem — 150 Paar Löwinnen ins Geſicht ſchauen. Deshalb ſchlug er einen Mittelweg ein, nahm die eine Hand weg, ſchirmte ſich mit der andern vor Joſephinen und ſtammelte: „Ich bin— mein Name iſt Riviére und ich— ich— meine Damen!— ich—* „Fürchten Sie ſich nicht,« ſagte Laura mit dem Aus⸗ drucke königlicher Huld,„wir ſind nicht ſehr zornig.* »Ich danke Ihnen, mein Fräulein.« „Alſo,« hob Joſephine wieder an,»Sie eche uns nun ſagen, welches Intereſſe Sie an dem Schickſal der Baro⸗ nin von Beaurepaire haben.* „Ach, ich bin ſo verworren und verlegen, ſonſt könnte ich vielleicht antworten. Verzeihen Sie mir, mein Fräulein, ich weiß nicht, wie es kommt, aber es iſt mir als wäre ich keines Gedankens fähig. Erlauben Sie mir daher, daß ich mit der Verſicherung meiner größten Ehrerbietung mich em⸗ pfehle,« und er wollte die Flucht ergreifen. „Noch nicht, mein Herr,« ſagte Joſephine.„Laura!« Laura entfernte ſich, indem ſie wiederholt hinter ſich ſchaute. Nach langem Schweigen murmelte Gwuatd: „Verzeihen Sie mir, mein Fräulein.« „Ja,« antwortete Joſephine erröthend, indem ſie zu⸗ gleich ein wenig von ihrer majeſtätiſchen Haltung verlor. Dann ſetzte ſie hinzu: »Vir würden in der That ſtrenge Richter cn mein Herr, wenn wir— doch da kommt Laura mit der andern Börſe. Nehmen Sie dieſe zwanzig Louisd'or, welche Sie ſo weſen ſind hier zu laſſen.* Und ihre milchweiße Hand bot ihm die beiden Börſen. * 151 Der junge Mann fuhr zurück und hob bittend die Hände empor. „O nein, meine Damen— ich bitte Sie. thun Sie das nicht. Laſſen Sie mich mit Ihnen ſprechen. Meine Gedanken ſtellen ſich wieder ein; ich glaube, ich kann nur ein paar Worte ſagen, obſchon nicht ſo wie ich vielleicht wünſche. Wei⸗ ſen Sie meine Freundſchaft nicht zurück. Sie ſtehen allein in der Welt— Ihr Vater iſt todt— Ihre Mutter hat weiter keine Stütze als Sie. Ich bin Ihr Nachbar, und Nachbarn ſollen Freunde ſeyn. Und ich bin Ihr Schuldner— ich habe Ihnen mehr zu verdanken, als Sie jemals mir zu verdanken haben können, denn von dem Augenblicke an, wo ich in dieſe Gegend gekommen, bin ich glücklich geweſen. Ach, noch nie war ein Menſch ſo glücklich wie ich ſeit jenem Tage, wo ich Ihnen auf Ihrem Spazirgange begegnete. Ein einziger Blick, ein einziges Lächeln von einem Engel bewirkte das. All meine guten Gedanken, wenn ich deren habe, verdanke ich dieſem Weſen. Ehe ich dieſes ſah, vegetirte ich blos— jetzt lebe ich. Und Sie ſprechen von zwanzig Louisd or— wohlan denn! ich will Ihnen gehorchen— ich will ſie zurücknehmen. Da Sie mich in dieſer Hinſicht kränken. ſo werden Sie wenig⸗ ſtens dagegen gewähren, was Sie gewähren können, ohne Ihren Stolz zu verletzen— Sie werden meine Dienſte, meine Hingebung annehmen. Sie haben keinen Bruder— ich habe keine Schweſter. Laſſen Sie mich Ihren Bruder ſeyn— und Ihr Diener auf immerdar.“ „Herr Rivière,« ſagte Joſephine beſcheiden und doch ſtolz das Haupt emporrichtend,»Sie bieten uns zu viel und wir haben zu wenig Ihnen dafür zu bieten. Unſer Haus droht den Einſturz und—“ „Rein, nein, mein Fräulein, Sie irren ſich— man 152 hintergeht Sie. Sie glauben arm zu ſeyn— Andere, denen Ihr Wohl nicht am Herzen liegt, ſagen dasſelbe, ich aber, der ich Ihnen ſo viel verdanke, ich habe mich um Ihr In⸗ tereſſe genauer bekümmert. Ihr Beſitzung wird auf die un⸗ verantwortlichſte Weiſe ſchlecht bewirthſchaftet— verzeihen Sie mir, daß ich dies ſage. Sie ſind noch in dieſem Augen⸗ blicke reich, wenn Sie nur einen Freund hätten— einen Geſchäftsmann, der Ihr Intereſſe treulich wahrnähme. Sie werden fortwährend betrogen— es iſt abſcheulich— aber man kann ſich nicht darüber wundern, Sie ſind Frauen und verſtehen nichts von Geſchäften— Sie ſind Ariſtokraten und glauben ſich nicht ſo weit erniedrigen zu dürfen.« »Er ſpricht nicht ganz thöricht,« ſagte Laura naiv. »Und Sie verbannen mich, der ich doch Ihnen und Ihrer Mutter, der Frau Baronin, von ſo großem Nutzen ſeyn könnte. Dennoch ſagen Sie, Sie verzeihen mir meine Zudringlichkeit, ich fürchte aber, daß dies nicht der Fall iſt. O nein, dieſes elende Geld hat mich Ihrer guten Meinung beraubt.* »Nein, mein Herr, nein!— Sie haben unſere Ach⸗ tung erworben und mit Recht verdient.« „Aber nicht Ihre Bekanntſchaft, wie?« Die beiden jungen Damen ſchlugen die Blicke ein wenig beſchämt zu Boden. »Sehen Sie,« ſagte der junge Mann in bitterem Tone, „wie vernünftig die Etikette iſt. Hätte ich zufällig in irgend einem Hauſe geſpeiſt, wo auch Sie ſpeiſten, und Jemand, den wir beide nicht achteten, hätte zu Ihnen geſagt: Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Rivièrs vorzuſtellen, ſo würde ich dann das Glück Ihrer Bekanntſchaft gehabt haben. Dies wäre eine 153 Vorſtellung geweſen— aber alle dieſe Vorgänge ſind keine und Sie werden daher niemals wieder mit mir ſprechen.« „Er ſpricht wirklich gar nicht thöricht,« ſagte Laura. Eduard warf ihr einen Blick inniger Dankbarkeit zu. „Er iſt noch ſehr jung,« ſagte Joſephine,„und glaubt, der Geſellſchaft neue Geſetze geben zu können. Die Geſellſchaft iſt aber zu ſtark, als daß ſie ſich von ihm oder von Dir Vor⸗ ſchriften machen ließe. Doch wollen wir ernſthaft ſeyn. Tre⸗ ten Sie näher, mein Herr.« Eduard trat ein wenig näher und heftete eine Secunde lang zwei bittende Augen auf ſie, dann ſenkte er ſie zu 5 Boden. „Ehe wir ſcheiden— und ſcheiden müſſen wir, denn Ihr Weg führt nach einer und unſerer nach einer andern Richtung— hören Sie mich, die ich in dem Namen unſeres alten Hauſes ſpreche. Ihr Name iſt mir nicht ganz neu— ich glaube, Sie ſind ein Beamter im Dienſte der Republik, mein Herr, aber Sie haben gehandelt wie ein Edelmann.“ „Mein Fräulein—« „Möge Ihre Laufbahn eine glänzende ſeyn, Herr Eduard Rivibre. Mögen die, welchen Sie zu dienen gelehrt worden, und denen Sie durch Ihren Dienſt eine große Ehre erzeigen, dankbarer gegen Sie ſehn, als die Umſtände unſerer Familie zu ſehn erlauben. Wir, die wir ſchon an menſchlicher Güte zu verzwerfeln begannen, danken Ihnen, mein Herr, denn Sie haben uns gezeigt, daß die Welt noch durch Herzen wie das Ihre verſchönt wird.* Und ſie bot ihm plötzlich ihre Hand wie eine mitleidige Göttin und ihr herrliches Auge blickte ihn an wie ein offener Himmel. Er neigte ſich über ihre Hand und küßte wie⸗ derholt. 154 „Du wirſt ihn noch zum Weinen bringen,« ſagte Laura, welche ſchon die eigenen Augen feucht werden fühlte. „Nein, nein!« rief Joſephine„er iſt zu ſehr Mann, als daß er weinen ſollte.« „Nein, nein, mein Fräulein, ich werde ſtandhaft zu ſehn wiſſen.* „Und ſehen Sie,« fuhr Joſephine in mütterlichem Tone fort,„obſchon wir Ihr armſeliges Gold zurückgeben, ſo be⸗ halten wir doch Ihre beiden Börſen. Laura nimmt dieſe und meine Mutter und ich behalten dieſe. Sie werden uns ſtets an einen Mann erinnern, der uns zu helfen wünſchte, ohne uns zu demüthigen.* „Und ich glaube,« ſagte Laura,„da ſein Gold ſo un⸗ ſtät iſt, ſo werde ich am beſten thun, wenn ich es in dieſe von mir ſelbſt kürzlich gefertigte Börſe einkerkere. Da hier— es wäre unhöflich, wenn wir ihm ſein Geld ohne Behältniß zurückgeben wollten.“ »Ach, mein Fräulein, welche Gütel! Seyen Sie ver⸗ ſichert, daß ich dieſes Geſchenk nicht zu einem ſo niedrigen Gebrauche verwenden werde.« „Nun ſo leben Sie wohl, Herr Riviére!s Die beiden Schweſtern ſtanden jetzt dicht neben einan⸗ der und hielten ſich mit ihren Armen umſchlungen. „Fräulein Laura, Fräulein Joſephine, machen Sie ſich, wenn Sie können, einen Begriff von meinem Glück— von meiner getäuſchten Erwartung— leben Sie wohl! leben Sie wohl!— leben Sie wohl!« Er entfernte ſich ſo langſam und zögernd als möglich. „Unzugänglich!« ſagte er traurig bei ſich ſelbſt, wäh⸗ rend er langſam nach Hauſe ging„völlig unzugänglich! Und dennoch trat nach der erſten Ueberraſchung ein Augenblick 155 ein, wo ich glaubte— doch nein. Ich trage die ganze Schmach einer ſolchen Ueberraſchung und dennoch bin ich ihnen nicht näher gekommen, als zuvor. Ich bin ſehr unglück⸗ lich! Doch nein, ich bin es nicht. Ich bin der glücklichſte Menſch in Frankreich.« Dann machte er den ganzen Auftritt nochmals durch, nur weit geſchickter, und erröthete nochmals über ſeinen Man⸗ gel an Geiſtesgegenwart und erſann Reden, von welchen er doch nun keinen Gebrauch machen konnte und ward abwech⸗ ſelnd heiß und kalt. „Armer Knabe,« ſagte Joſephine,„er iſt traurig fort⸗ gegangen und das hat auch mich traurig geſtimmt. Ich habe jedoch meine Pflicht gethan und er wird es mir noch einmal danken, daß ich ſofort in ihm eine Zuneigung unterdrückt habe, die ich doch niemals hätte erwidern können.* „Biſt Du mit deinen Bemerkungen fertig, liebe Schwe⸗ ſter?« fragte Laura trocken. „Ja, Laura.* „Nun denn— an's Werk.* »An's Werk?* „Ja— nein— gehe noch nicht hinein. In Folge die⸗ ſes Vorfalles iſt nothwendig eine kleine Verabredung zwiſchen uns nöthig— wie der Notar ſagen würde— und wir wer⸗ den wohlthun, uns darüber ſofort zu verſtändigen, weil es, wie Du weißt, in ein paar Tagen zu ſpät ſeyn könnte.« „Aber worüber ſollen wir uns denn verſtändigen?“ „Nun darüber, welche von uns beiden ihn nimmt— weiter nichts.“ „Wen denn?* „Nun, Eduard!* entgegnete Laura ſchüchtern, indem ſie ihre Blicke zu Boden ſenkte. 156 Joſephine betrachtete ihre Schweſter mit Verwunderung und komiſchem Entſetzen. Nach einem langen Blick, der mehr ſagte, als Worte auszudrücken vermögen, entgegnete ſie: „Sagte Jacintha nicht, ich ſeh S von welcher der arme junge Mann träume?« „O, Du ſollſt ihn auch haben, Schweſter,« antwortete die ſchlaue Kleine,„wenn Du nemlich darauf beſtehſt.« „Was ſind das für Worte! Ich werde noch ganz bös auf Dich werden!“ „Na, ich weiß wohl, daß ich Dir nicht durch zu große Zudringlichkeit läſtig werden darf. Du brauchſt ja blos zu ſagen, daß Du ihn ablehnſt.« „Daß ich ihn ablehne? Der arme junge Mann! Er hat mich ja noch gar nicht verlangt!“ „Alſo mit einem Worte, mag nun der Vorwand ſeyn, welcher er wolle, Du lehnſt es ab ihn abzulehnen.« „Wie kannſt Du wagen, ſo etwas zu ſagen, Laura! Natürlich lehne ich ihn ab.* „Ich danke Dir, meine Schweſter,« rief Laura ſchnell und küßte Joſephinen.„Das iſt das herrlichſte Geſchenk, wel⸗ ches Du mir jemals gemacht— deine Liebe ausgenommen. Ha, was iſt das auf deiner Hand? Sie iſt naß— es ſieht aus wie der Thau auf einer Lilie. Es iſt eine Thräne aus ſeinem Auge— Du Grauſamels „Nein, es geſchah, als ich freundlich zu ihm ſprach. Ich beſinne mich jetzt, daß ich etwas fühlte! Der arme junge Mannl* „Kieſelherz, welches eine Stunde darnach Mitleid heu⸗ chelt. Doch halt, unſerm Uebereinkommen zu Folge gehört dieſe Thräne mir,« und ſie zog den Kamm aus ihrem vollen braunen Haar, welches in einer dicht ſeidenen Maſſe herab⸗ 157 fiel. Damit entfernte ſie den Thau von der Lilie, rollte es dann ſchnell wieder zuſammen und ſteckte es feſt. Joſephine ſeufzte tief auf. „Meine Schweſter, Du erſchreckſt mich. Eile nicht ſo muthwillig an den Rand eines Abgrundes. Laß Dich von mir warnen. O warum ſind wir hierher gegangen! Jacintha was haſt Du gethan!« „Dieſe gute Joſephine mit ihren bangen Ahnungen! Ge⸗ ſtehe nur, Du hältſt mich für eine Närrin.« „Ich halte Dich für ein Kind, welches mit Seuer ſpielt, wenn man es ihm nicht wehrt.“ „Mit neunzehn und einem halben Jahre iſt man kein Kind mehr. Ach, wie ſind doch manche Menſchen mit Blind⸗ heit geſchlagen! Dich, Joſephine, kenne ich auswendig, aber mich kennſt Du nur ein ganz klein wenig. Du haſt blos die Seite beobachtet, die ich Dir zuwende, Dir, welche ich mehr liebe, als ich jemals einen Mann lieben werde. Bewahre dein Mitleid für Herrn Rividre, wenn er mir jemals in die Hände fällt, nicht für mich. Mit einem Worte, Joſephine, die Stunde iſt gekommen, wo ich Dir etwas offenbaren muß. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin eine erwachſene Jungfrau!“ „Ach, um ſo ſchlimmer!“ „Aber ich bin nicht ein ſolches weibliches Weſen, wie Du biſt, und dem Himmel ſey um unſer beider willen Dank⸗ daß ich es nicht bin! Joſephine ſah ſie verwundert an. „So hat ſie noch nie mit mir geſprochen,« dachte ſie bei ſich ſelbſt.„Das iſt Ihr Werk, Herr Rivière!— Unglück⸗ lichel« ſetzte ſie darauf laut hinzu,„was biſt Du denn, wenn Du mir nicht ähnlich biſt, die ich Dich ſo innig iebel 158 „Nein, meine Schweſter, ich habe die Ehre, das Ge⸗ gentheil von Dir zu ſeyn.« „Das Gegentheil!« rief Joſephine verwundert. „Ja, denn Du biſt ein Engel, ich aber ein Teufel!!“ rief Laura mit geheimnißvollem Flüſtern, aber im ernſten Tone der vollkommenſten Ueberzeugung, indem ſie zugleich Joſephinen den Zeigefinger ihrer rechten Hand entgegenſtreckte, wie um ihren Worten eine deſto ſchärfere Pointe zu geben. Sie ließ einige Secunden verſtreichen, um der wichtigen Nittheilung Zeit zu laſſen, ſich dem Herzen ihrer Schweſter einzuprägen, und dann begann ſie gleich einer muthwilligen Elfe um Joſephinen herumzutanzen, während dieſe langſam und nachdenklich über den Raſenplatz nach dem Schloſſe ging. Man kann ſich leicht denken, was der Gegenſtand der Unterhaltung beim Frühſtück und überhaupt den ganzen Tag über war. Die jungen Damen zeichneten jedoch die Geſchichte ihrer ſeltſamen Begegnung nur mit den gröberen Umriſſen und enthielten ſich jeder directen Andeutung, daß ſie glaubten, Herr Rividre habe ſich in eine von ihnen beiden verliebt. Sie ſtellten ihren Zuhörern frei, dies zu vermuthen oder nicht. Die Baronin ihrerſeits war durchaus nicht geneigt, ihren Töchtern Liebesgedanken in die Köpfe zu ſetzen. Des⸗ halb verſchwieg ſie, obſchon ſie zu ſchlau war, um nicht Cu⸗ pido's Haͤnd in dieſem ganzen Vorgange zu argwöhnen, ihren Verdacht, und ſprach von Rivière's Handlung, als ob ſie dieſelbe blos von ihrer zartſinnigen, edelmüthigen und unei⸗ gennützigen Seite betrachtete. Der männliche Scharfſinn in der Perſon des guten Doc⸗ tors St. Aubin bildete ſich nicht wenig auf ſeine überlegene Schlauheit ein und führte dieſelbe Sprache wie die Andern, 159 lächelte aber dabei im Stillen über die weibliche Leichtgläu⸗ bigkeit. Kaum waren drei Tage verfloſſen, drei lange, ermü⸗ dende Tage für einen gewiſſen Freund von uns, als Jacintha, indem ſie durch die Küchenfenſter blickte, das Nothſignal von einem Baume im Parke wehen ſah. Sie ſchlüpfte hinaus und Eduard Riviere war rich⸗ tig da. Ihre Zunge ſetzte ſich ſofort in Bewegung. Zuerſt fragte ſie ihn frohlockend, ob es ihm wohl etwas geholfen habe, ihr etwas verſchweigen zu wollen, und dann erzählte ſie ihm ih⸗ ren eigenen Scharfſinn und dabei, wie ſolche Charaktere zu thun pflegen, die halbe Geſchichte. Dard's Antheil an derſel⸗ ben verſchwieg ſie, denn ſie bedurfte vielleicht wieder einen ähnlichen Dienſt von ihm— wer konnte das wiſſen? Dennoch aber erzählte ſie, daß ſie es geweſen, welche die jungen Da⸗ men bewogen, ſich an jenem Morgen Hinterhalt zu legen. Rivisre hob, als er dies hörte, die Hände empor und betrachtete ſie wie ein moraliſches Krokodil. Sie ſetzte dieſem Blicke die größte Gelaſſenheit entgegen, lächelte keck und ſtemmte die Arme in die Seite. „O, Jacintha, Ihr könnt Euch hier herſtellen und mir dies ſagen! Welche Bosheit! Blos weil ich aus Zartgefühl, welches vielleicht gar nicht am rechten Orte war, es Euch nicht gern ſagen wollte.“ „Sie ſehen alſo nicht ein, daß ich trotz Ihrer Undank⸗ barkeit Ihre beſte Freundin geweſen bin?“ „Nein, Jocintha, das ſehe ich nicht ein— Ihr habt mich ins Verderben geſtürzt. Urtheilt ſelbſt!« 160 Nun erzählte er ihr Alles, was in der Plaiſance ge⸗ ſchehen war. Es war dies für ſie nur wenig Neues. Den⸗ noch aber intereſſirte es ſie, die ganze Geſchichte im Zuſam⸗ menhange und von ſeinem Standpunkte aus erzählen zu hören. n„Ihr ſehet alſo, liebe Jacintha, daß ich in Folge eures Manövers den Abſchied bekommen habe— freundlich, aber o, wie kalt und beſtimmt! Nun iſt alle Hoffnung zu Ende.“ „Ha! ha! ha!« Wie, Jacintha, Ihr könnt über den Untergang mei⸗ ner Hoffnungen noch lachen?“ „Ha! ha! ha! Alſo ſie hat Ihnen den Abſchied ge⸗ geben!* „Ja, und es bleibt mir weiter nichts übrig—* „Als denſelben nicht anzunehmen,«ſagte Jacintha. „O nein,«entgegnete Rividre in wehmüthigem, aber feſtem Tone;„ ich auch ihrer Liebe entſagen muß, ſo will ich wenigſtens ihre Achtung genießen.“ „Ihre Achtung? Wie kann ſie einen Mann achten, der ihr beim erſten Worte den Rücken zukehrt?“ „Aber dieſes Wort hat ſie geſprochen, ſie, deren leiſe⸗ ſtem Worte ein wahrer Anbeter gehorchen muß und wenn ihm auch das Herz darüber brechen ſollte. Darf ich denn eine Dame nicht bei ihrem Worte halten?“ „Ach lieber gar, Sie kleiner Narr!— Doch ich muß wieder fort— ich muß Kaffeh kochen.« „Verwünſcht wäre der Kafſeh! Wie könnt Ihr es über Euch gewinnen, in einem Augenblicke wie dieſer an Kaffeh zu denken, liebe Jacintha?“ „Ich bitte Euch, erklärt Euch näher!* 161 „Was könnte das nützen, wenn Sie ſich beharrlich ein⸗ bilden, eine Dame ſeh ein Mann?« „Nein, nein, ich will mir nichts einbilden. Sprecht mit mir von den Frauen, wenn Ihr glaubt, daß Ihr ſie verſteht.“ »Nun gut, es ſoll geſchehen. Mehr als alles Andere verachten die Frauen einen Mann, der ihnen gegenüber kei⸗ nen Muth hat. Sie ſehen ſich nach etwas um, was ſtärker iſt, als ſie ſelbſt ſind. Ein Weib haßt es, die erſten Schritte khun zu müſſen. Sie zieht ſich gern fortwährend zurück, ohne jedoch vollſtändig die Flucht zu ergreifen. Sie begnügt ſich nicht da⸗ mit, zu nehmen, was ſie braucht, und Gott dafür zu dan⸗ ken— dieſes Etwas iſt nemlich ein Mann. Sie will auch da⸗ mit ſpielen, wie die Katze mit der Maus. Sie muß Schwie⸗ rigkeiten machen und der Mann ſoll dieſelben beſiegen Blos zu dieſem Zwecke macht ſie ſie überhaupt. Wenn er ein ſolcher Narr iſt von den Schwierigkeiten ſich beſiegen zu laſſen, nun dann ſey ihm der Himmel gnädig, denn ſie iſt es nicht. Ihr größtes Vergnügen beſteht darin, ein halbes Dutzendmal »Nein“ und endlich„Jas zu ſagen. Wenn man ſie gleich bei dem erſten Nein beim Worte hält, ſo verurſacht man ihr ſechs bittere Täuſchungen, denn dann kann ſie nicht die ande⸗ ren Nein ſagen, und, was das Schlimmſte iſt ſie kann auch das Ja nicht ſagen, welchem ſie entgegenſah und welches ſchon fortwährend in ihrem Herzen klang. Meine junge Herrin iſt halb Engel halb Weib. Wenn Sie daher ſie aufgeben, weil ſie es Ihnen befiehlt, ſo wird Sie ſie blos verachten— wäre es dagegen meine andere junge Herrin, oder ich, ſo würden wir Sie auch noch haſſen.« „Mich haſſen? Um meiner Selbſtwerläugnung und mei⸗ nes Gehorſams willen?« Wer lieben will. I. 11 162 „Nein, deswegen nicht, wohl aber würden wir Sie haſſen, weil Sie ein Narr wären. Und haſſen würden wir Sie mit einer Bitterkeit, von der Sie keinen Begriff haben!* „Das kann ich nicht glauben! Welche furchtbare Unge⸗ rechtigkeit* „Ungerechtigkeit! Wer erwartet denn Gerechtigkeit von uns? Wir ſind gute Geſchöpfe, aber um Gerechtigkeit beküm⸗ mokh wir uns nicht. Es iſt das ein Wort welches Sie nie⸗ mals von einer Frau hören werden, ausgenommen, wenn ſie zufällig gerade in demſelben Augenblicke eine furchtbare Ungerechtigkeit verübt. Das iſt unſer Geſetz in Bezug auf Gerechtigkeit.“ „Jacintha, eure Anſichten von eurem Geſchlechte ſind hart und ſchroff. Die Frauen ſind edler und beſſer als die Männer.* „Ja, ja, Sie ſehen ſie in weiter Entfernung, ich aber ſehe ſie in der Nähe und da ſieht Manches anders aus.« „Das kann ich kaum glauben. Uebrigens waret Ihr ja auch nicht zugegen, und habt nicht gehört, in wie freundli⸗ chem, aber auch wie feſtem Tone ſie mir dankte, und mir dabei Lebewohl ſagte.« „Ich ſage Ihnen, ein Wort iſt in dem Munde eines Mannes eine Sache, in dem einer Frau aber blos ein Wort. Uebrigens,« ſetzte ſie in plötzlich heſigem Tone hinzu,»wenn Sie die Sache beſſer verſtehen als ich, ſo thun Sie was Sie Luſt haben. Wir wollen nicht weiter davon ſprechen.« „Grauſame Jacintha, wie könnt Ihr Cuch mit mir zanfen, der ich keinen Freund habe als Euch. Ich will Euch ja gern Gehör ſchenken, denn euer Scharfſinn iſt wirklich groß. Rathet mir wie eine Schweſter— ich höre.« 163 »Wie eine Schweſter! Ach, mein lieber junger Herr, ſagen Sie nicht das.« »Warum nicht?« »Nein; guter Rath iſt ſelten willkommen.« »Nein, bei mir nicht Ich bitte Euch, ſprecht, Ja⸗ cintha!« „Ja, ich werde es thun, aber wenn ich geſprochen habe, dann werde ich Ihr hübſches Geſicht niemals wieder ſo nahe bei dem meinen ſehen. Sie ſehen, wie uneigennützig ich bin— o wie haſſe ich es, die Wahrheit zu ſagen!« rief ſie mit frommer Inbrunſt.»Die Wahrheit macht die Menſchen nur unglücklich.« „Jacintha, bedenkt was Ihr zu Gunſten der Wahr⸗ heit ſagtet, als wir uns das erſte Mal trafen.* »Das weiß ich nicht mehr und was kommt auch weiter darauf an was ich geſagt habe? Wohlan, mein armer Sohn, ich will Ihnen mit gutem Rath an die Hand gehen wie eine Mutter— entſagen Sie ihr.« „Ich ſoll ihr entſagen?« „Ja, denken Sie nicht mehr an ſie, denn es ſteht Ihnen etwas im Wege, was eben ſo ſchwer zu überwinden iſt als die albernen Worte, welche meine junge Herrin geſprochen, n zu überwinden ſeyn würden.* „O was iſt das? Ich zittere vor Angſt.« »Es iſt ein Mann.* »Ha!* „Es ſteht Ihnen ein anderer Mann im Wege.* »Aber wer? Der elende alte Doctor?6 „O wenn es blos der wäre! Nein, es iſt ein junger Mann. Sie kennen ihn nicht— er iſt ſeit Jahren nicht hier geweſen, aber was macht dies weiter aus, wenn ſein Bild in — 164 ihrem Herzen thront? Und dies iſt der Fall. Ich belauſchte ſie neulich und ich hörte etwas, was mir die Augen öffnete. Ich bin grauſam gegen Sie, mein Sohn— verzeihen Sie mir.* Jacintha wagte kaum ihren ſchüchternen Novizen anzu⸗ ſehen. Sie wollte den Streich nicht fallen und ihn unter dem⸗ ſelben taumeln und bleich werden ſehen. Als ſie aber auf⸗ blickte, ſiehe! da war er nicht bleich, ſondern roth. „Was iſt er?“ fragte er in ſtrengem Tone. „Er iſt Soldat.« „Das freut mich. Dann wird er ſich mit mir ſchlagen und ich werde ihn tödten.“ „Wie? was?* „Und Ihr glaubt, ich würde nun nachgeben? ich würde ſie einem unwürdigen Nebenbuhler überlaſſen?“ „Wer hat denn geſagt, daß er unwürdig ſey?“ „Ich ſage es.* »Weshalb glauben Sie das?* „Weil er niemals hierher kommt, weil er vernachläſſigt, was nur ein Schurke vernachläſſigen könnte, den größten Schatz, den die Welt beſitzt. Nein, er verdient ihn zu verlie⸗ ren— und er ſoll ihn verlieren. Ich danke Euch, Jacintha, Ihr zeigt mir meine Thorheit. Nun nehme ich den von ihr ge⸗ gebenen Abſchied nicht an— darauf verlaßt Euch. Nein, nein! Wenn ſie mir irgend etwas Anderes befähle, ſo würde ich es thun und wenn ich mir den Weg durch Feuer. Waſſer und Blut bahnen müßte. Wenn ſie mich aber auffordert einem Nebenbuhler Platz zu machen, dann antworte ich: nie⸗ mals! niemals! niemals!« „Aber wenn ſie ihn nun liebt?“ „Das iſt eine vorübergehende Phantaſie, denn der Ge⸗ genſtand iſt ein unwürdiger. Es iſt meine Pflicht, ſie von * 165 einer übelangewandten Neigung zu heilen, die ſie niemals glücklich machen kann. Sie wird es mir noch danken— ſie wird mich dafür ſegnen. Ich frage Euch— auf weſſen Seite ſeyd Ihr— auf der ſeinen oder auf der meinen*« „Können Sie noch fragen?« „Gehen die jungen Damen im Park ſpaziren?« „Jeden Tag eine halbe Stunde.* „Zu welcher Stunde?« »Das iſt unbeſtimmt.« „Und ich kann wegen jener verwünſchten großen Ulme nicht in den Park ſehen! Sie verſperrt mir gerade die Aus⸗ ſicht von meinem Fenſter aus. Ihr verrathet mich doch nicht, wenn ich ſie einmal in der Nacht umhaue?« „Ganz gewiß nicht. Aber würden Sie wirklich den Muth haben, einen von dieſen geheiligten Bäumen umzuhauen?“ „Seht Euch morgen darnach um,« antwortete er grim⸗ mig.„Schaut aber ſehr tief, ſonſt ſeht Ihr ihn nicht. Ich haue jede eurer Ulmen mit ſo wenig Gewiſſensſcrupel um, als ich ein halbes Dutzend Nebenbuhler niederſtrecken würde.« „Sie ſcheinen mir wirklich nicht recht bei Sinnen zu ſeyn. Indeſſen, ich brauche Feuerholz und vor allen Dingen Reiſigholz für meinen Backofen, denn Sie müſſen wiſſen, mein Freund, daß einige Pächter eine Quantität Mehl abge⸗ liefert haben und deshalb—* „So iſt's recht. Denkt an weiter nichts als an eure Küche. Sprecht von weiter nichts, als von eurer Küche. Ich frage Euch lebt eure Seele nicht eben ſo ausſchließlich in eurer Küche wie euer Körper? »Mein Herr!« „Entſchuldigt, daß ich mich ein wenig ereiferte. Indeſſen ich werde euern Rath befolgen. Ihr ſollt niemals wieder nö⸗ 166 thig haben, mich anzuſpornen. Es iſt klar, daß Ihr das weibliche Geſchlecht am beſten kennt— ſie ſoll ſo viel Schwie⸗ rigkeiten machen, als ihr beliebt, ſie ſoll zwölfmal„Neins ſa⸗ gen anſtatt ſechsmal, wenn ſieLuſt hat. Ich werde ſie belagern. Ich will um ſie gegen alle Soldaten der Welt und mit allen Teufeln der Hölle kämpfen.* Und mit dieſen Worten eilte er davon. Jacintha ſchaute ihm nach, ſo lange ſeine ſchlanke an⸗ muthige Geſtalt ſichtbar war. Dann verſank ſie in Gedanken, was bei dieſer rührigen Perſon nicht oft der Fall war. Ein Romanſchreiber pflegt ſonſt nicht auf die ſtillen Be⸗ trachtungen einer Köchin einzugehen, aber eben deswegen wollen wir es thun. „Hm! hi!« ſagte ſie im Stillen,„ich gedachte dem jungen Mann eine Lehre zu geben und habe von ihm eine er⸗ halten. Ich glaubte etwas zu verſtehen, aber es war nichts damit. Wie unerklärlich! Meine junge Herrin legte blos einen Strohhalm zwiſchen ihn und er prallte zurück, als ob es Go⸗ liath's Speer wäre. Ich dagegen zeigte ihm die eiſerne Thür, die ſie von einander trennt, und er ſtürmt dagegen an, als ob es ein Bogen Papier wäre. Doch was ſtehe ich denn da? Mein Topf! mein Topf!« Und ſie eilte, ſo ſchnell ſie konnte, wieder zurück in ihre IX. „Ach, gnädige Frau, der Wind hat einen Baum im Park umgeriſſen.“ „Unmöglich, Kind, es iſt vorige Nacht ja gar kein Wind geweſen.* „Nein, das nicht, aber wohl vor einigen Tagen.“ Laura kicherte. „Ja, ja, Fräulein, er kann nach und nach locker ge⸗ worden ſeyn.* Laura lachte, die Baronin aber war ernſt. „Wir wollen Alle hinuntergehen und ihn anſehen, ſagte ſie in traurigem Tone. Ein Baum war für ſie ein alter Freund. Da lag der gewaltige Rieſe auf der Erde, die er mit ſeinen hundert Armen und tauſend Fingern durchwühlt. Seine gigantiſchen Verhältniſſe zeigten ſich nun erſt durch die Bo⸗ denfläche, welche er bedeckte, und die furchtbare Lücke, welche ſein Fall in der Luft und in der Ausſicht bewirkte. Der Doctor beſichtigte den Baum genauer, beſonders den Stumpf, und ſagte»Hm! hm!* Die Baronin betrachtete nur die Maſſe und den Ruin. „Ein böſes Omen, meine Kinder!“ ſagte ſie.„Den Sturm hielt er aus und in einer einzigen ruhigen Nacht ſtürzte er. So wird es mit dem Hauſe Beaurepaire auch einmal kommen.* 168 »Na, ſagte Jacintha in tröſtendem Tone,»„jetzt, da er einmal daliegt, müſſen wir das Beſte thun, was wir damit thun können. Es fehlte mir ohnedies an Feuerholz, ganz be⸗ ſonders an Reiſig.* Die Barönin zuckte die Achſeln über dieſe Küchenphiloſo⸗ phie und ging mit Joſephinen weiter. Der Doctor hielt Laura zurück. „Ihrer Frau Mutter wollte ich es nicht ſagen, um ihr keinen Verdruß zu machen; aber ich bin überzeugt, daß dieſer Baum umgehauen worden iſt.« „Unmöglich!« „Es iſt aber ſo. Kommen Sie nur einmal und ſehen Sie ſich den Stumpf an. O, ich habe Tauſende von Bäumen fäl⸗ len ſehen— es iſt das ein intereſſantes Schauſpiel— faſt wie wenn man einem Menſchen den Kopf— doch das gehört weiter nicht hierher. Sehen Sie nur, wie glatt drei Viertheile des Holzes abgebrochen ſind! Auch iſt man ſo ſchlau geweſen, den Baum drei Fuß hoch über dem Boden durchzuſchneiden. Das iſt nicht das Werk der Ratur, ſondern des Menſchen. Laura, das fehlte nur noch! Sie haben einen Feind— einen heimlichen Feind.« „Hal rief Laura mit blitzenden Augem, indem ſie ihre Hand zu einem eckigen Schneeball formte,»ha! wenn ich ihn nur hier hätte! Ich wollte ihn— Dieſe Drohung endete mit einem plötzlichen Gekreiſch, denn ein junger Mann ſprang von der Straße über die Hecke und blieb dicht vor ihnen ſtehen. Er nahm den Hut ab, ward feuerroth und ergoß ſich in einen Strom von Entſchuldigungen. „Mein Fräulein— mein Herr, ich ſah, daß ein großer Baum umgeſtürzt iſt und meine Neugier— vergeben Sie mir 169 meine Zudringlichkeit—* und er that als wollte er ſich ent⸗ fernen, warf aber einen ben Blick auf den gefallenen Baum.. „Bleiben Sie, mein Herr,« ſagte St. Aubin höflich, „und da Ihre Augen jünger ſind als die meinen, ſo erſuche ich Sie, den Stumpf und auch den Baum in Augenſchein zu neh⸗ men und mir dann zu ſagen, ob mein Verdacht gegründet iſt. Iſt dieſer Baum zufällig oder durch Menſchenhand gefallen? Soagen Sie mir Ihre Meinung, mein Herr.* Rivière eilte mit dem Ausdruck der lebhafteſten Neugier auf den Stumpf des Baumes zu und betrachtete ihn genau. Er ſpielte gar nicht ſchlecht Komödie. „Dieſer Baum,*erklärte er,„iſt gefällt worden. Sehen Sie, mein Fräulein,« rief der junge Schalk, in der Abſicht, ſie ebenfalls mit in das Geſpräch zu ziehen,„ſehen Sie hier dieſen Axthieb im Holze und hier die Spuren von den Zähnen einer Säge.* Laura ſand ſich dadurch bewogen, ſich zu nähern, und er begann eine weitläufige Erklärung, um ſie in ſeiner Nähe zu behalten, und fragte ſie, ob ſie dies ſähe und ob ſie jenes ſähe, und ſie ſah ſich dadurch genöthigt, mit ihm zu ſprechen. Er bewies ihr zu ihrer vollſtändigen Ueberzeugung, ßn die Ulme umgehauen habe. „Welch ein Schurkenſtreich!« rief St. Aubin. „Welch eine Schandthat!“ rief Laura. Rivibre ſchlug den Blick zu Boden und begann den Stumpf noch einmal zu beſichtigen. „O, wenn ich ihn in meine Gewalt bekäme!s rief Laura im Feuer ihrer Entrüſtung. „Ja, das wünſchte ich auch, mein Fräulein,« ſagte Cduard mit einem drolligen Blick, dann ſetzte er mit imponi⸗ 170 rendem Ernſte hinzu:„Mein Herr, ich habe die Ehre, Diener der Staatsregierung für dieſen Diſtrict zu ſeyn, wie Ihnen vielleicht ſchon bekannt iſt. St. Aubin ſah Laura mit fragendem Blicke an. Laura konnte ihm jedoch keine Erklärung geben, weil ſie, wenn ſie den Namen des jungen Mannes genannt, zugleich St. Aubin in den Stand geſetzt hätte, die Börſe und dieſen Sprung über die Hecke zuſammenzureimen. Sie erröthete ſchon bei dem bloßen Gedanken, ſagte aber nichts. Riviére fuhr fort: „Wenn Sie wirklich glauben, daß dies aus Bosheit ge⸗ ſchehen ſey, ſo will ich eine Unterſuchung einleiten.* „Sie ſind ſehr gütig, mein Herr. Es iſt allerdings eine geheimnißvolle Geſchichte.« „Mit einem Worte, machen Sie ſich darüber weiter keine Sorge. Ich nehme die Sache in meine Hände, und erfülle, in⸗ dem ich dies thue, blos meine Pflicht. Brauche ich wohl hinzu⸗ zufügen, mein Fräulein, daß die Pflicht in dieſem Falle zum Vergnügen wird? Wenn einer Ihrer Nachbarn dieſes Verbre⸗ chen begangen hat, ſo wird es an den Tag kommen, wo nicht, ſo iſt doch die gegenwärtige Staatsregiecung, wie ich Ihnen verſichern kann, ein hunderthändiger Briareus, und eine ſei⸗ ner Hände wird früher oder ſpäter den faſſen, welcher es ge⸗ wagt hat, Ihnen etwas zu Leide zu thun, mein Fräulein.* Und nachdem er dieſe Worte geſprochen, zog er, um ih⸗ nen noch mehr Nachdruck zu geben, mit einer Amtsmiene ſein Notizbuch heraus, ſchrieb ein paar Zeilen hinein und ſteckte es dann wieder in die Taſche. „Mein Herr, mein Fräulein, empfangen Sie noch ein⸗ mal meine Entſchuldigungen wegen meiner unbeſcheidenen Neugier, welche ich niemals Urſache haben werde zu bedauern, 171 dafern ſie nicht zur Entdeckung deſſen führen ſollte, was Sie auf dem Herzen haben,s und mit einer tiefen Verbeugung ent⸗ fernte er ſich. „Ein allerliebſter junger Mann, Fräulein Laura,« hob der Doctor an. „Wer? Dieſer vorwitzige Gelbſchnabel? Was Sie denn Allerliebſtes an ihm?“ „Einen Gelbſchnabel nennen Sie ihn7 In meinen Augen iſt er ein junger Apollo, deſſen Züge nicht blos Verſtand und Scharfſinn, ſondern auch Herzensgüte verrathen.* „O, o, Doctor, was ſagen Sie da!* „Ich habe ſeit langer Zeit kein ſolches Geſicht geſehen,* rief der Doctor und ward beinahe zornig. „Und ich wünſche kein ſolches wieder zu ſehen.* „Geſtehen Sie wenigſtens, daß ſeine Manieren ſehr gewinnend und angenehm ſind.« „Republicaniſche Dreiſtigkeit, Doctor! Die möge be⸗ wundern wer kann.* „O nein— es war die ehrerbietige Ungezwungenheit eines jungen Mannes, der nicht die Aufmerkſamkeit auf ſeine eigenen Vorzüge zu lenken, ſondern einfach höflich zu ſehn wünſchte.* „Nach meiner Anſicht war dieſer Sprung über unſern Zaun und dieſes vorſchnelle Erbieten, unſere Angelegenheit zu der ſeinen zu machen, ein ſtarker Beweis von Frechheit.“ „Wenn es nicht mit eben ſo viel Beſcheidenheit als Ar⸗ tigkeit geſchehen wäre,« entgegnete Saint⸗Aubin;„der arme Knabe iſt aber Republicaner. Aus dieſem Grunde können Sie nicht gerecht ſeyn. O Politik! Politik! du verdrehſt die Köpfe— du feſſelſt das Urtheil— du verdirbſt das Herz — laſſen Sie uns ſehen, ob es Ihnen nicht ſogar die Augen 172 verblendet hat. Bemerkten Sie die Farbe ſeiner Wangen— Lilien und Roſen? Wie?« »Es iſt die gewöhnliche Geſichtsfarbe eines Knaben— roth und weiß.« „Und ſeine ſeelenvollen Augen!“ „Ja, er hat ſehr kecke Augen. Wenn Sie wünſchen ſich angaffen zu laſſen, bis Sie vor Verlegenheit nicht mehr wiſ⸗ ſen, wohin Sie blicken ſollen, ſo ſchicken Sie nur nach Herrn Riv— hm!— wie ſagte er, wie er hieße?« »Ich habe es vergeſſen. Wirklich, ſeine Geſtalt iſt die eines Antinous mit der elaſtiſchen Anmuth einer Diana.“ „Allerdings, hoch genug ſpringen kann er, um die Leute zu erſchrecken— eine ſehr ſchöne Eigenſchaft!« „Wohlan, Fräulein Laura, ich werde ihn nicht dadurch, daß ich ihn lobe Ihrer fernern Sathre preisgeben. Er dient Frankreich und nicht den Bourbons, und deshalb iſt er ein häßliches und ſogar altes Ungeheuer. Laſſen Sie uns von wichtigeren Dingen reden.“ „Wie es Ihnen beliebt,« ſagte Laura trocken. Und ſie thaten es. Die Folge von der neuen Wendung, die man dem Ge⸗ ſpräche gab, war, daß Laura zerſtreut ward und unaufmerk⸗ ſam zuhörte. Fortwährend kam ſie auf das aufgegebene Thema zurück und machte nach einander eine Anzahl Geſtänd⸗ niſſe zu Gunſten des Ausſehens, des Benehmens und der gan⸗ zen Art und Weiſe des jungen Republicaners, Alles dem Doctor zu gefallen, ſo daß endlich ſie und dieſer in ihrem Urtheil über den jungen Mann gar nicht ſo weit auseinan⸗ der waren. Als ſie das in die Plaiſance führende Parkthor erreich⸗ ten, drehte ſie ſich plötzlich um, erröthete vor Freuden, ſchlang 173 plötzlich ihre Arme um den Hals des ganz verblüfften Doc⸗ tors und küßte ihn, um dann in wilden Sätzen wie ein Ka⸗ ninchen ihrer Schweſter nachzueilen, die ſich auf der ſüdlichen Terraſſe befand. ** „Dard, ich habe ein kleines Stück Arbeit für Dich!“ rief Jacintha in ermunterndem Tone. „Wirklich? Was gibts denn ſchon wieder?« „Du mußt den Schleifſtein aufſtellen. Halt, geh noch nicht fort— das iſt noch nicht Alles! Stecke einen Drehling daran und ſchleife dann die große Axt— das Beil taugt nichts. „Noch etwas?« Jä. Morgen mußt Du mit deinem Schiebkarren in den Parf fahren und mir Scheitholz und Reiſig hacken.* Der vielgeplagte Mann machte ſich an dieſe neue Arbeit. Als die beiden Schweſtern von Baurepaire auf ihrem Nachmittagsſpazirgange in den Park kamen, ſahen ſie eine Geſtalt an dem gefällten Baume herumhacken. Sie gingen nahe genug hin, um Dard zu erkennen, und drehien ſich dann wieder um, um ihren gewohnten Spaziergang weiter fortzu⸗ ſetzen. Sie waren überzeugt, daß Jacintha es ihm befoh⸗ len habe. Kaum waren ſie ſeit einigen Minuten in dem Park. als auch ſchon ein Fernrohr aus einem Fenſter auf ſie gerichtet ward und nach wenigen Minuten Herr von Rivière die Straße nach Beaurepaire hinaufeilte. Als er in die Nähe des gefällten Baumes kam, hörte er lauten Hilferuf mit ſchmerzlichem Stöhnen untermiſcht. 174 Er ſprang über die Hecke und ſah Dard bleich und wim⸗ mernd auf ſeine Axt geſtützt ſtehen. „Was gibt es denn? was gibt es denn?“ rief Eduard auf ihn zueilend. „O, o!— ich habe mich in den Fuß gehackt.“ Eduard ſah hin und erſchrak, denn der Hieb war durch Dard's Schuh gegangen, ſo daß das Blut aus einer breiten Wunde hervorquoll. Schnell faßte er ſich jedoch wieder und rief: „Muth, Muth, lieber Freund! Glucklicherweiſe iſt keine Arterie getroffen. Aber dennoch iſt es eine furchtbare Wunde! Vor allen Dingen müſſen wir Dich nach Hauſe ſchaffen. Kannſt Du gehen?“ „Ach lieber Gott, nein! ich kann nicht einmal allein ſtehen.“ Eduard cilte nach dem Schiebkarren, ſtürzte ihn um und warf eine Menge bereits gehackter Scheite heraus. „O thun Sie das nicht!« rief Dard mit aller Energie, deren er in ſeinem gegenw iigen Zuſtande fähig war;„das iſt ja Jacintha's Holz!« „Der Teufel hole Jacintha mit ſammt ihrem Holzel« rief Eduard.»Ein Menſch wird doch wohl mehr werth ſehn, als ein Bündel Reisholz? Komm, Dard, ich will Dich nach Hauſe fahren. Es iſt ja blos quer durch den Park.* Mit einiger Mühe hob er ihn in den Schiebkarren. „Wie glücklich trifft es ſich, daß ich meinen Jagdrock anhabe!« rief er.»Hier iſt meine Branntweinflaſche. Thu einen Schluck daraus, alter Burſche, und ſeh gutes Muthes.« Dard ſtreckte ſofort die Hand nach der Flaſche aus und ſetzte ſie an den Mund. Die noch auf ihrem Spazirgange begriffenen jungen 175 Damen ſahen plötzlich einen Mann mit einem Schiebkarren durch den Park fahren, nahmen aber keine heſondere Notiz davon. Da aber Rividre nach demſelben Punkte hinfuhr, ſo kam bald darauf der Schiebkarren ſo nahe daß ſie den Kopf und die Arme eines Mannes darin ſehen konnten. Laura war die Erſte, die dies bemerkte. „Schau, ſchau, Joſephine, ſagte ſie, vjetzt fährt er gar Dard in dem Schiebkarren!« „Wer denn?«„ „Du fragſt noch wer? Wer ſorgt für alle unſere Amüſe⸗ ments?* „Laura, ich fürchte, daß etwas Schlimmes paſſirt iſt. Ueberlege Dir doch— um eines Amüſements willen würde Herr Rivisre unſern Freund Dard nicht quer durch den gan⸗ zen Park fahren.“ „O, laß uns hinzueilen und ſehen!s rief Laura. Rivibre hatte durchaus nicht die Abſicht, ſich von ihnen ſehen zu laſſen, ſondern vielmehr darauf gerechnet, die Ecke beträchtliche Zeit vor den Spazirgängerinnen zu erreichen. Dieſe aber beſchleunigten ihre Schritte und vereitelten ſeine Abſicht. Er hatte ſeinen Rock ausgezogen und ba alle Kräfte auf, um ihnen zuvorzukommen. „Dard,“ ſagte er,„da kommen die iungen Damen. Hier, wirf meinen Rock über deinen Fuß.* „Weshalb denn?« entgegnete Dard mürriſch.»Nein, nein, ſie mögen ſehen, was ich mir bei der vielen Arbeit für ſie zugezogen habe. Nun wird die Plackerei wohl eine Weile aufhören, denn ich glaube nicht, daß ich dieſes Jahr wieder auf zwei Beinen ſtehen kann.« In dieſem Augenblick kamen die jungen Damen zur Stelle. 176 „Ach, mein Herr,« rief Joſephine,„was iſt denn ge⸗ ſchehen?“ „Wir haben einen kleinen Unfail gehabt, Fräulein, wei⸗ ter nichts. Dard hat ſich den Fuß beſchädigt— es iſt nicht der Rede werth, aber ich glaubte, es wäre am beſten, wenn er zu Hauſe wäre.« Laura hob den Rock in die Höhe, welchen Rivière trotz Dard's über den Fuß* und nahm ihn weg. „O mein Gott, er blutet! Dard bluter! Ach, mein ar⸗ mer Dard!“ „Still, Laura, ſtill!« rief Joſephine. „Machen Sie ihm nicht Angſt, mein Fräulein,« ſagte Rividre.„Hier, Dard, trinkt noch einen Schluck. Wenn Sie erlauben, meine Damen, ſo will ich ihn ohne Verzug nach Hauſe ſchaffen.« „Jo, ja, aber er braucht auch einen Arzt,« rief Joſe⸗ phine.»Ach, warum ſind wir ſo arm und haben weder Pferde noch Leute, um Hilfe herbeizuholen wie ſonſt?« „Fürchten Sie nichts, mein Fräulein. Dard ſoll binnen weniger als einer Stunde den beſten Wundarzt aus dem gan⸗ zen Diſtrict an ſeinem Bett ſehen. Die Stadt iſt ja nicht gar ſo weit.“ „Haben Sie denn ein Pferd?“ „Nein, aber ich bin ein ſo guter Läufer, wie es mei⸗ lenweit in der Runde keinen beſſern geben kann. Binnen einer halben Stunde bin ich in der Stadt und ſchicke den in vollem Galopp heraus.* „Ach, der Himmel ſegne Sie, mein Herr— Sie haben ein gutes Herz!« rief Joſephine. „Ja, der Himmel ſegne ihn!« wiederholte Laura. 177 Er war ſchon fort, aber die ſüßen Worte klangen in ſei⸗ nen Ohren und erfüllten ſein Herz, während er ſeine Arme ausſtreckte und den Schiebkarren weiter fuhr. Fünf Minuten ſpäter befand ſich Dard zu Hauſe in der Obhut ſeiner Großmutter. Sein Schuh war herunter und ſein Fuß in naſſe leinene Lappen gewickelt, während der Staatsmann mit dem Rock loſe um den Hals gehangen nach der Stadt eilte. Dieſe war zwar zwei kleine Stunden entfernt, aber er legte ſie in fünfunddreißig Minuten zurück, traf den Wundarzt zu Hauſe, erzählte ihm den Vorfall, begnügte ſich nicht mit dem Verſprechen des würdigen Mannes, daß er ſich ſogleich zu dem Patienten begeben wolle, ſondern eilte in den Stall, ſattelte das Pferd, führte es vor, hielt dem Wundarzt den Bügel, ſah ihn fortgaloppiren, ſpeiſte bei einem Reſtau⸗ rateur, machte ſich dann langſam auf den Rückweg und kam noch zeitig genug, um das Schloß Begurepaire noch einmal zu ſehen, ehe die Sonne unterging. X. Jacintha beſuchte an dieſem Abend Dard in ſeiner Wohnung. Sie ſuchte ihn ſo gut als möglich zu tröſten und zu er⸗ muthigen und fragte ihn nach den näheren Umſtänden ſeines Unfalles. Die jungen Damen hatten ihr erzählt, was ſie ge⸗ ſehen, und obſchon Dard viel zu ausſchließlich an ſich ſelbſt dachte, als daß er lange ber Evuards Eifer und Humanität hätte verweilen ſollen, ſo beſtätigte er doch, was die Thatſa⸗ chen betraf, die Ausſage der jungen Damen. Wer lieben will. I. 12 178 Jacintha's Herz ward erfüllt von dem innigſten Danke gegen den jungen Mann. Den nächſtfolgenden Tag war ſie in der Stadt, um einige Einkäufe zu machen, und beſuchte ihn auf dieſem Wege mit. „Ich komme blos auf einen Sprung zu Ihnen herein,* ſagte ſie,„um Sie um etwas zu fragen. Möchten Sie viel⸗ leicht ein Wort mit ihr allein ſprechen?“ „O Jacintha!« „Still, ſtilll! reden Sie nicht zu laut. Sie iſt nemlich zuweilen allein, obſchon nicht ſehr oft. Sie lieben einander gar ſo ſehr, die beiden Schweſtern.“ Jacintha entwickelte nun ihren Plan. Eben ſo wie das Wiſchtuch ſein Signal war, eben ſo mußte auch ſie ein Signal haben, wenn ſie mit ihm zu ſpre⸗ chen wünſchte und dieſes Signal ſollte ein Taſchentuch ſeyn, welches ſie wie eine Fahne auf den Zinnen des Schloſſes Beau⸗ repaire aufpflanzen wollte. „Wenn Sie ein langes weißes Tuch hängen ſehen, ſo kommen Sie zu mir— je ſchneller deſto beſſer.« »Gutes Mädchen!* „O es iſt dies das Wenigſte, was ich jetzt thun kann. Sie wiſſen, was ich meine. Ich mag nicht davon ſprechen. Aber wo iſt mein Wiſchtuch?« ſetzte ſie plötzlich hinzu.»Sie haben es doch nicht etwa an dem Baume hängen laſſen?« Und ſie ſah ihn mit ſtrenger Miene an. „Jacintha, auf meinen Knien bitte ich um Verzeihung meiner unglücklichen Achtloſigkeit.« Jacintha fuhr mit der Hand unter ihre Schürze und zog das Wiſchtuch hervor. 179 „Da,? ſagte ſie und warf es ihm hin.»Wenn Sie nun mich hätten ſprechen wollen?— doch, der Menſch kann nicht Alles haben. Sie haben ein gutes Herz, aber keinen ſehr klugen Kopf. Dard s Großmutter beſaß ein kleines Haus, ein kleines Grundſtück, ein kleines Vermögen und eine kleine Kuh. Sie konnte gerade Dard und ſich ſelbſt ernähren und ihre Hilfs⸗ quellen ſetzten Dard in den Stand, ſo viele kleine Arbeiten um⸗ ſonſt und aus Liebe zu verrichten und dabei doch ſein Lieb⸗ lingsorgan in immer leidlich gefülltem Zuſtande zu erhalten. „Geh zu Bette, lieber Sohn, da Du Dich verwundet haſt,« ſagte Dard's Großmutter. „Verwünſcht wäre das Bett!? rief er.»Wus ſoll denn das Bett nützen? Es iſt das auch eine ſo alte alberne Ge⸗ wohnheit, welche abgeſchafft werden ſollte. Das Bett macht den Menſchen kraftlos Es iſt der Freund des Arztes und der Feind des Kranken. Mancher hat den Tod davon, daß er ſich in's Bett legt, während er doch ſein Leiden überſtanden ha⸗ ben würde, wenn er ſich wie ein Mann auf den Füßen ge⸗ halten hätte. Nein, man muß ſitzen bleiben und in ſeinen Kleidern ſterben, wie man gelebt hat. Ich ziehe mich nicht aus. Freilich alte Weiber thun nichts lieber als den Menſchen ausziehen und auf die Bahre legen. Gebt mir den großen Lehnſtuhl, in dieſen wiül ich mich ſetzen und wenn. ich Freunde habe, ſo werden ſie es jetzt zeigen. Sie werden kommen und mir erzählen, was in dem Dorfe vorgeht, denn ich kann nicht aus⸗ gehen, um es zu ſehen oder zu hören— das wiſſen ſie.« Und ſo ſtolz im Lehnſtuhl ſeiner Großmutter, die, nach⸗ 180 dem ſie ſelbſt dreißig Jahre lang davon Gebrauch gemacht, nur ungern darauf verzichtete, ſitzend erwartete Dard ſeine Freunde. Seine Freunde kamen aber nicht. Der Regen dagegen kam und ſtrömte den ganzen Nach⸗ mittag herab. Auch die Nacht kam und die Einſamkeit. Dard ward im höchſten Grade unmuthig. „Es ſind nichtsnutzige Schlingel, alle dieſe Zechcamera⸗ den, mit denen ich ſo oft getrunken. Nieder mit allen Freun⸗ den, die nur bei gutem Wetter zum Vorſchein kommen.« Den nächſtfolgenden Tag ſchien die Sonne, die Luft war hell und der Himmel blau. „Na, nun wollen wir ſehen!« rief Dard. Ach auch an dieſem Tage kamen keine Trinkcameraden oder Tabaksbrüder, um ihren verwundeten Freund zu trö⸗ ſten. Und Dard, der geſtern unmuthig und ungeduldig gewe⸗ ſen, ward nun traurig und niedergeſchlagen. „Verwünſcht ſeyen die Egoiſten!« ſtöhnte er. Endlich jedoch gegen drei Uhr Nachmittags ward an die Thür gepocht. „Na, da kommen ſie enblich,« rief Dard;„herein!“ Die Thür öffnete ſich langſam und zwei liebliche Geſich⸗ ter erſchienen auf der Schwelle. Die jungen Damen von Beaurepaire gaben Theilnahme und Mitleid zu erkennen als ſie Dard erblickten, und als die alte Frau ihnen einen Knir machte, ward ſie nebſt Dard von ih⸗ nen auf dieſelbe Weiſe begrüßt. Als aber Dard ſeine Hände auf die Armlehnen des Stuhles ſtemmte umaußzuſtehen, hielt Laura den Finger empor und befahl ihm, ſiben zu bleiben. Im nächſten Augenblick waren ſie dicht neben ihm, die Eine rechts, die Andere links und erkundigten ſich, wie er ſich be⸗ fände, wie er geſchlafen, ob er viel Schmetzen hätte, ob er 181 vielleicht etwas Beſonderes zu eſſen oder zu trinken wünſche. Jaeintha ſolle es bereiten und es ihm bringen, wenn ihre Mit⸗ tel es irgend geſtatteten. Er blickte dankbar und verwundert zu ihnen auf und von Einer zur Andern. Laura lachte ihn an, Joſephine lä⸗ chelte. Laura bückte ſich und nahm das Maß des verwundeten Fußes. Als ſie ſich demſelben zuerſt näherte, zuckte er zuſammen, den nächſten Augenblick lächelte er. Auf dieſe Weiſe war er noch nie berührt worden— es war eine Berührung und doch auch keine— ſie behandelte ſeinen Fuß wie der Zephyr die Veilchen. Nur mit Hilfe ſeines Auges bemerkte er, daß ſie ihn berührte. „So, nun habe ich Euch das Maß zu einem wattirten Tuchſchuh genommen,« ſagte Laura, als ſie fertig war. „Und ich werde ihn Euch machen, Dard,« ſagte Joſe⸗ phine. „Glaubt ihr nur nicht, Dard. Ich werde ihn machen. Sie iſt viel zu langſam.« „Nun, dann wollen wir ihn Beide machen,“ ſagte Jo⸗ ſephine. Dard gab durch ein freundliches Grinſen ſeinen Dank zu erkennen. An der Thür drehten ſie ſich noch einmal herum und ließen ihm ein freundliches, hoffnungsvolles Lächeln zu⸗ rück, damit es ihm bis zu ihrem nächſten Beſuche Geſell⸗ ſchaft leiſte. Dard kratzte ſich im Kopfe und dachte ungefähr eine halbe Stunde lang nach. Seine Großmutter war im Stall geweſen, um die Kuh zu melken. Jetzt trat ſie wieder in die Küche. Dard rief ihr in heiterem Tone zu: 182 „Großmutter, es geht auf einmal viel beſſer. Nur Muth gefaßt, diesmal ſterben wir noch nicht. Es wird nicht lange dauern, ſo kann ich wieder allerlei Dienſte verrichten,« ſetzte er mit einem plötzlichen Anfluge von Bitterkeit hinzu. Es dauerte nicht lange ſo kam Jacintha weinend mit einem Korbe. „Ich kann keine Minute dableiben, Dard— hier ſchi⸗ cken Dir meine jungen Damen zwei Flaſchen alten Burgun⸗ der— er wird Dir ſchmecken, und hier haſt Du auch einen Kuchen, den ich Dir ſelbſt gebacken habe. Nun muß ich aber gleich wieder fort,« und ſie blieb drei Viertelſtunden lang und redete ihm freundlich zu. In der Abenddämmerung ritt Rividre vorbei, band ſein Pferd an und kam herein. „Nun, was macht der Patient, Alte?« fragte er die Großmutter. „Es geht ziemlich gut mit ihm, mein Herr. Anfangs war er ſehr mißlaunig, jetzt aber iſt er ein wenig heiterer ge⸗ worden. Er hat ſehr vornehmen Beſuch gehabt— die Fräu⸗ leins von Beaurepaire.“ „Ja, ja,— das dachte ich mir.“ „Na, mein Enkel iſt überhaupt ein angeſehener junger Mann,« ſagte die Alte ſich aufblähend, und da die Dankbar⸗ keit in Geſellſchaft des Dünkels keinen Augenblick lang leben kann, ſo fuhr ſie fort:„Im Grunde genommen war dies auch das Wenigſte, was ſie thun konnten, denn er iſt ſtets ein guter Freund von ihnen geweſen und hat niemals einen rothen Heller von ihnen bekommen. Uebrigens hat er ſich ja auch die Wunde in ihrem Dienſte zugezogen— ein zerhackter Fuß— das iſt alles, was er von Beaurepaire mit wegge⸗ bracht h.* 183 „Ach ſchweigt doch!« rief Dard inziemlich grobem Tone. „Wenn ich mich nicht beklage, was geht es dann Euch an? Ich hatte die Axt in den Händen und war blos ungeſchickt— man muß vor allen Dingen gerecht ſeyn.« Der Staatsmann ſaß beim Frühſtück, aß gebratene Nie⸗ ren mit ein wenig zerlaſſener Butter und Peterſilie und trank ein Glas mit Waſſer verdünntem alten Medoc— ein beſchei⸗ denes Mahl, wie es ſeinem Alter und ſeinem Gemüthszuſtande zukam. Auf ſeinem Schreibtiſch lagen eine Menge Tabellen. Er warf über ſein Glas hinweg einen Blick darauf. „Ach,« dachte er,„den heutigen Tag muß ich ausſchließ⸗ lich dem Dienſte widmen. Selbſt Du darfſt mich nicht von dieſen mrockenen Berechnungen abhalten, geliebtes Schloß Beaurepaire.— Ha! wo iſt mein Fernrohr— ja, ich habe mich nicht getäuſcht.* Die weiße Fahne wehte von den Zinnen und der pflicht⸗ vergeſſene Staatsbeamte verließ eiligſt ſein Zimmer. Als er ſich auf der Hälfte des Weges nach Beaurepaire befand, beſann er ſich zu ſeinem Schrecken, daß er das un⸗ glückliche Wiſchtuch vergeſſen hatte. Indeſſen umkehren wollte er nicht und vertraute auf Jaeintha's Scharfſinn. Dieſer täuſchte ihn auch nicht. Sie erwartete ihn bereits. „Sie iſt ganz allein nach Dard's Wohnung gegan⸗ gen. Die Andere wird ihr bald nachfolgen, alſo raſch vor⸗ wärts!« Er flog mehr als er ging. Mit klopfendem Herzen pochte er an Dard's Thür. Zu jeder andern Zeit wäre er ſo⸗ 184 gleich hineingegangen ohne erſt auf eine Aufforderung dazu zu warten. „Herein!« rief Dard's Stentorſtimme. Er trat ein und auf einem Stuhle mit einem Buche in der Hand ſaß— Fräulein Joſephine von Beaurepaire. Sie erhob ſich lächelnd, verneigte ſich und ſetzte ſich wie⸗ der. Sie war eben ſo ruhig und gefaßt, als er verblüfft und verlegen. Dennoch ſammelte er ſich ein wenig und erkundigte ſich mit auffallender Beſorgniß nach Dard's Befinden. Plötzlich fiel ihm ein, daß die andere junge Dame er⸗ wartet ward, und er ſagte: „Ich laſſe Dich in guten Händen; Beſuch von Engeln genießt man am beſten ollein,« und mit dieſen Worten ver⸗ neigte er ſich tief und verließ langſam das Zimmer. Sobald er aber die Thür hinter ſich hatte, verſchwand die bis jetzt behauptete Würde und er eilte nach dem Park und lief ſo ſchnell er konnte auf das Schloß zu. Kaum war er noch fünfzig Schritte von dem kleinen Thor entfernt, als Laura wirklich aus demſelben heraustrat. Sie begegneten ſich und ſein Herz klopfte gewaltig. „Ach mein Fräulein— „Ach, Sie ſind es, Herr Riviöre?« entgegnete Laura in kaltem Tone, obſchon ſie über und über erröthete. „Ja, mein Fräulein, ich bin ganz außer Athem. Man ſchickt mich nach Ihnen. Fräulein Joſephine erwartet Sie in Dard's Hauſe.* „Sie ſchickt nach mir?« fragte Laura, indem ſie miß⸗ trauiſch die Augenbrauen zuſammenzog. „Nun das gerade nicht, Fräulein Laura.« „Wie geläufig ihm unſere Namen ſind!« 185 „Aber ich merkte, daß es ihr lieb wäre, wenn ich Sie holte— ich glaube, es laufen wilde Stiere umher.« „Wie? Dann hat ſie allerdings wohlgethan, Sie herzu⸗ ſchicken. Laſſen Sie uns eilen.“ „Aber ich bin ein wenig außer Athem.« „O, achten Sie weiter nicht darauf; ich fürchte mich vor wilden Stieren.* „Aber, mein Fräulein, wir ſind noch nicht bis zu den⸗ ſelben, und je ſchneller wir jetzt gehen, je eher wird es ge⸗ ſchehen.« „Ja, aber ich liebe es ſtets unangenehme Dinge ſo ſchnell als möglich zu erledigen,« ſagte Laura liſtig. „So, ſo! entgegnete Eduard traurig.»In dieſem Falle laſſen Sie uns ſchnell machen.« Nach einigen raſchen Schritten ließ Laura von ſelbſt wieder nach und ging ſogar langſamer als zuvor. Es trat ein beklommenes und beklemmendes Schweigen ein. Eduard ſah die Grenze des Parkes und dachte:„Was ich zu ſagen habe, muß ich ſagen, ehe ich bis dorthin komme,« und ſo von der Nothwendigk t ſofortigen Handelns durchdrungen, ver⸗ wandelte er ſich in Blei. Laura heftete unter ihren langen Wimpern hervor ihre Bicke abwechſelnd auf ihn und den Boden. Endlich begann er zu erröthen und unruhig zu wer⸗ den. Sie ſah, daß etwas im Anzuge war und panzerte ſich mit ihrer ganzen Vorſicht und Schlauheit. „Mein Fräulein!« »Mein Herr!* „Iſt es denn feſt beſchloſſen, daß Ihre Familie meine Bekanntſchaft und meine Dienſte zurückweiſt, die ich— ver⸗ zeihen Sie mir— Ihnen immer noch aufdränge? Ach, Fräulein 186 Laura, ſoll ich niemals das Glück haben, auch nur— auch nur mit Ihnen zu ſprechen?« „Es ſcheint ſo,« entgegnete Laura trocken. „Haben Sie ſich denn auch gegen mich gewendet? An jenem glücklichen Tage war es blos Ihre Schweſter, welche meine Hoffnungen vernichtete. „Ich?« fragte Laura.„Was habe ich denn damit zu thun 7* „Können Sie noch fragen? Sehen Sie nicht, daß nicht Fräulein Joſephine es iſt, ſondern daß Sie es ſind, welche ich— was ſage ich? Ach Sie verſtehen mich nur zu gut!* »Nein, mein Herr,« entgegnete Laura mit verlegener Miene,„ich verſtehe Sie nicht. Ich verſtehe kein Wort von Allem, was Sie da ſagen Ich bin überzeugt, daß es Jo⸗ ſephine war und nicht ich, welcher Ihre Aufmerkſamkeiten zul⸗ ten, denn ich bin ja nur noch ein Kind.« »Sie ein Kind— ein Engel wie Sie? »Fragen Sie wen Sie wollen.« ſagte ſie ſchmollend. „Man wird Ihnen ſagen, daß ich ein Kind bin und dieſem Umſtande verdanke ich ohne Zweifel dieſe Rnterredung. Wenn Sie mich nicht für ein Kind anſähen, ſo würden Sie nicht wagen, ſich dieſe Freiheit mit mir zu nehmen.« „Ach, mein Fräulein ſeyen Sie nicht ungehalten. Ich habe Unrecht gethan.* „O laſſen Sie das gut ſeyn. Kinder ſind kleine rückhalt⸗ loſe Weſen und werden demgemäß behandelt. Sie müſſen es ſich für eine Ehre ſchätzen, wenn man Notiz von ihnen nimmt.« „Dann leben Sie wohl, mein Fräulein. Verſuchen Sie zu glauben, daß Niemand Sie mehr achtet, als ich.« 187 „Ja, laſſen Sie uns ſcheiden denn hier iſt Dard's Haus und ich beginne zu argwohnen, daß Joſephine Sie gar nicht nach mir geſchickt hat.« „Ich geſtehe es.« „Da— er geſteht es! Ich dachte mir es gleich! Ich bin alſo belogen worden!« „Ich will es nicht wieder thun,« ſagte Rivière de⸗ müthig. „Wir werden ſehen.« „Leben Sie wohl, mein Fräulein. Mögen Sie Freunde finden, die eben ſo aufrichtig ſind als ich und mehr nach Ih⸗ rem Geſchmack.* „Der Himmel erhöre Ihr Gebet,« entgegnete die Bos⸗ hafte, indem ſie mit erheuchelt tragiſchem Ausdruck die Augen gegen Himmel richtete. Eduard ſeufzte. Die eiſige Ueberzeugung, daß ſie nicht blos flatterhaft, ſondern auch herzlos ſey, bemächtigte ſich ſeiner. Er wendete ſich ab, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Plötzlich rief ſie ihn in heiterem Tone zurück. „Warten Sie einmal, mein Herr! Ich vergaß ganz, daß ich Ihnen etwas zu ſagen habe.« Höchſt neugierig kam er zurück. „Und auch um eine Gefälligkeit habe ich zu bitten.“ „Reden Sie, mein Fräulein.« „Sie haben eine Eroberung gemacht.* „Das kann ich unmöglich glauben, mein Fräulein.“ „O, eine Dame iſt es nicht!« entgegnete ſie boshaft. „Dann iſt es allerdings möglich,« entgegnete Eduard ſchmerzlich getäuſcht. „Sondern etwas viel Beſſeres— etwas weniger Irdi⸗ 188 ſches, wiſſen Sie— ein Gelehrter. Der Doctor Saint⸗Aubin iſt es nemlich, den Sie erobert haben. Was glauben Sie wohl, was er ſagt?« „Das kann ich mir unmöglich denken.* „Er ſagt, Sie ſeyen ein ſchöner junger Mann,“ fuhr ſie in ironiſchem Tone fort.„Er ſagt, Sie beſäßen Anmuth und Gewandtheit— und allerdings war Ihr Sprung über den Zaun gar kein ſchlechter. Aber, Herr Rivibre, er ſagt auch, Sie ſehen beſcheiden!! Denken Sie ſich nur!“ »Sagte er dies alles in Ihrer Gegenwart?s „Ja.* „Dann möge der Himmel ihn dafür belohnen!“ „Sie ſind eben ſo wie ich der Anſicht, daß es ſonderbar von ihm war, dieſe Meinung in meiner Gegenwart auszu⸗ ſprechen, aber Sie müſſen wiſſen, daß es dieſen Gelehrten auf den heftigſten Widerſpruch weiter nicht ankommt.« „Sie erzeigten mir alſo die Ehre, ihm zu wider⸗ ſprechen?* „Das verſteht ſich.« „Ich danke Ihnen, mein Fräulein.“ „So iſt's recht. Nein, mein Herr, unläugbares Ver⸗ dienſt zu ſchmälern, war nicht meine Abſicht, da ich aber nicht mehr ſo ganz Kind bin, wie manche Leute glauben, ſo widerſprach ich ihMm— um— um ihn in dieſer guten Mei⸗ nung zu befeſtigen und es gelang mir. Der Beweis davon iſt, daß der Doctor Ihre Bekanntſchaft zu machen wünſcht, mein Herr, und nun komme ich auf die Gefälligkeit, welche ich von Ihnen erbitten möchte.« „Ach ja— die Gefälligkeit.“ „Haben Sie die Güte Herrn Doctor Saint⸗Aubin die Ehre Ihrer Bekanntſchaft zu gönnen,« ſagte Laura, indem ſie * 189 ihren bis jetzt muthwilligen Ton mit der Schüchternheit eines Bittenden vertauſchte. „Er wird meiner Empfehlung keine Schande machen. Vor allen Dingen wird er keine Schwierigkeiten machen, wie wir Damen zu thun pflegen, denn er verdient wirklich, daß man ihn kennen lerne. Mit einem Worte, glauben Sie mir, es wird eine vortreffliche Bekanntſchaft für Sie ſeyn und auch für ihn. Was ſagen Sie dazu, mein Herr?« Rivière fühlte ſich gekränkt bis in das innerſte Herz hinein. „Sie weigert ſich mit mir ſelbſt Bekanntſchaft zu ma⸗ chen,« dachte er,„aber ſie will meine Liebe benutzen, um aus mir einen Zeitvertreib für dieſen alten Mann zu machen.“ Sein Herz empörte ſich gegen ihre Ungerechtigkeit und Undankbarkeit und zermalmte Eitelkeit verwandelte ſich in tödt⸗ liches Gift. „Mein Fräulein,«entgegnete er mit einem Gemiſch von Groll und Wehmuth,„wäre ich ſo glücklich, Ihre Achtung zu beſitzen, ſo würde mein Herz überfließen, nicht blos für den würdigen Mann, den Sie eben nannten, ſondern für alle guten Menſchen, die Ihre Umgebung bilden. Wenn ich aber nicht die Bekanntſchaft genießen ſoll, die ich höher achte als das Leben, dann erlauben Sie mir, allein zu bleiben in der Welt und— wenn ich es umgehen kann— kein Wort weder mit dem Doctor Saint⸗Aubin noch ſonſt mit einem menſchlichen Weſen zu ſprechen.* Die gebieteriſche junge Schönheit richtete ſich empor. „So ſeh es, mein Herr. Sie lehren mich wie man einem Kinde antworten muß, welches ſich vergißt, und einen fremden Menſchen— einen ganz fremden Menſchen,s wiederholte ſie mit Nachdruck,„um eine Gefälligkeit bittet.“ 190 Könnte einer der Hundstage ſich binnen einer Secunde in einen ſtrengen Wintertag verwandeln, ſo würde er kaum ſo kalt zu ſeyn ſcheinen als Laura's Geſicht, auf welchem noch wenige Augenblicke zuvor Muthwillen und Laune ihr Spiel getrieben hatten. Eduard war es zu Muthe, als ob eine Zugbrücke von Eis plötzlich zwiſchen ihnen niederfiele. Laura verneigte ſich und ſchwebte fort. Er verneigte ſich und blieb wie angewurzelt ſtehen. Es war ihm ſo einſam und bitter zu Muthe, daß ergu cinthen rufen mußte, um ſich auf ſie ſtützen und ſie ausſchelten zu können. Er knüpfte ſein Taſchentuch an einen Aſt des Baumes und Jacintha kam ſofort neugierig herbei. „Ich wollte darauf wetten, daß Sie das Wiſchtuch zu Hauſe gelaſſen haben. Nun was gibt es?« „Einen ſchönen Irrthum habt Ihr begangen, Jacintha. Es war ja Fräulein Joſephine, die ich bei Dard trafl« „Und das nennen Sie einen Irrthum, Undankbarer?“ „Ja wohl! Es iſt ja nicht Joſephine, die ich liebe.* „Freilich iſt ſie es,« entgegnete Jacintha. „Nein, nein!* „Dann hat ſich alſo ſeit geſtern der Wind geändert?“ „Nein doch! Wie könnt Ihr nur ſo albern ſehn, nicht zu ſehen, daß es Fräulein Laura iſt.« „Fräulein Laura! dieſes Kind?“ „Sie iſt kein Kind, ſie iſt ganz das Gegentheil. Nennt ſie kein Kind— ſie kann es nicht leiden— ſie wird da⸗ durch erzürnt.“ „Sie haben mich getäuſcht,« ſagte Jacintha ſtreng. „Nimmermehr.* 191 »Allerdings haben Sie mich getäuſcht. Sie haben Laura's Namen nicht ein einziges Mal erwähnt.« »Aber eben ſo wenig Joſephinens.* „Wirklich nicht? Wiſſen Sie das auch gewiß? Wohlan. wenn Sie es auch nicht gethan haben, ſo iſt das doch einerlei. Sie thaten doch als ob ſie meine junge Herrin liebten.« „Nein, eine von ihnen ſagte ich.« Nun, wie ſollte ich denn darnach errathen, daß es xuuhr⸗ »Nun, und wie konntet Ihr denn errathen, daß es Jo⸗ ſephine ſey? »Von Rathen kann hier nicht die Rede ſeyn, denn wenn es nicht Joſephine war, ſo mußte es Laura ſeyn. Wer aber würde Laura anſehen, wenn Joſephine dabei iſt? Fräulein Laura iſt allerdings gar nicht übel und hat ein ganz hübſches Geſichtchen, aber mit Fräulein Joſephine iſt ſie doch nicht zu vergleichen.* »Wirklich, Jacintha, Ihr ſehd blind, aber es iſt ge⸗ wöhnlich ſo. Ihr Frauenzimmer ſeyd keine Kennerinnen von weiblicher Schönheit. Beide jungen Damen ſind liebenswür⸗ dig, aber Laura iſt die anmuthigſte, die heiterſte— o ihr Lä⸗ cheln! Jetzt erſcheint es mir freundlicher als je, denn ich habe ſie zürnen ſehen, Jacintha. Denkt Euch das und bemitleidet mich. Ich habe ſie zürnen ſehen.« »Und wenn Sie nach dieſer Richtung hinſchauen, ſo können Sie mich zürnen ſehen.« »Aber was fehlt Euch denn?« »Ich mag nun mit der ganzen Sache nichts mehr zu haben. Es iſt eine Schande.« Hierauf ſetzte ſie ihm weitläufig auseinander, daß ſo entſetzliche Unregelmäßigkeiten in einer alten Familie, wo Ge⸗ ſetz und Anſtand ſeit Jahrhunderten geherrſcht, nicht vorkom⸗ men dürften. „Die ältere Tochter,« ſagte ſie„muß zuerſt fort, dann erſt kommt die zweite daran. Sehen Sie übrigens doch ver⸗ nünftiger und vor allen Dingen weniger blind, junger Freund. Laura iſt ein ganz nettes Mädchen, aber mit Joſephinen, der Schönſten der Schönen, nicht zu vergleichen.« Eduard that, weil ihm viel daran lag, die Gunſt ſeiner einzigen Freundin nicht zu verſcherzen, als ob er die Palme der Schönheit allerdings der älteren Schweſter zuerkenne, meinte aber, Laura ſey allenfalls auch hübſch genug, um ſich in ſie verlieben zu können, und ſtehe übrigens ſeinem eigenen Alter weit näher als Joſephine. Eben wollte er noch weiter vorſtellig machen, daß ſein Standpunkt in der Geſellſchaft kaum hoch genug ſey, um ihm zu erlauben, Anſprüche auf die Erbin von Beaurepaire zu machen, und daß er ſeine Blicke nicht über den jüngern Zweig dieſes alten Stammes erheben dürfe, als Jacintha, die auf Alles, was er ſagte, gar nicht gehört, ſondern ihr Erſtaunen überwunden und ſich durch ihre eigenen Erwägungen zu ſeiner Anſicht bekehrt hatte, ihn unterbrach. „Nun ja, es mag ſehn,« ſagte ſie.»Uebrigens könnte ich Ihnen auch Joſephinen nicht verſprechen, Laura aber ſollen Sie haben, wenn Sie ſich mit ihr begnügen wollen.* Der junge Mann umarmte ſie vor Freude. „Ja wohl begnüge ich mich mit Laura,« rief er.»Herz⸗ lich gern begnüge ich mich mit ihr, liebe Jacintha.« Plötzlich aber umdüſterten ſich ſeine Züge. „In der Hitze unſeres Geſprächs habe ich indeß etwas vergeſſen. „Was denn?« fragte Jacintha unruhig. 193 „Ich habe ſie ſo eben auf immer verloren.« Jacintha ſtemmte die beiden Hände in die Seiten. „Aber,“ ſagte ſie mit einem Gemiſch von Mitleid und Schadenfreude,„was haben Sie denn gemacht?“ Er erzählte ſeine Unterredung bis auf die letzten Worte. Jacintha gratulirte ihm. „Na, das macht ſich ja ganz ſchön! Sie haben wirklich Gläck. Ich wundere mich, daß ſie ſo ganz allein unter freiem Himmel mit Ihnen geſprochen hat. In Dard's Hauſe weiß ich würde ſie es gethan haben, weil ſie nicht anders ge⸗ konnt hätte. Nun weiter.« Hierauf erzählte er ihr Laura's Abſchiedsworte. „Ei, ei, mein Fräulein,« rief Jacintha,„als Reuling machen Sie Ihre Sache gar nicht ſchlecht! Ja, ja, ſie hat einen klugen Kopf. Und Sie, mein Herr, bedankten ſich wohl bei ihr? „Nein, das that ich nicht. Ich lehnte es ab, aber ganz ehrerbietig.“ „Ganz ehrerbietig,« wiederholte Jaeintha in verächtli⸗ chem Tone;„man kann Sie wirklich nicht ſich ſelbſt überlaſ⸗ ſen. Und dennoch kann ich auch nicht immer bei Ihnen ſeyn. Wiſſen Sie, was Sie gethan haben?“ »Nein.* „Sie haben ſich ihren Haß zugezogen, weiter nichts.« Riviére vertheidigte ſich. „Es war ſo ungerecht von ihr, mir ihre Bekanntſchaft zu verweigern und mich dann aufzufordern, jenem al⸗ ten Manne die Zeit zu vertreiben.“ Jgeintha ſah ihn mit höhniſchem Blicke an. „Ich will Ihnen ein Gleichniß erzählen, Sie armer Wer lieben will. I. 13 194 Blinder,« ſagte ſie.»Es war einmal ein kleiner Knabe, der ſich ſterblich in Himbeercompot verliebt hatte.« „Das iſt nicht mein Lieblingsgericht.« „Das iſt nicht wahr, mein Herr! Himbeercompot ißt Jeder gern. Alſo, der kleine Knabe kam an die Speiſekammer, in welcher, wie er wußte, ein ganzes Dutzend Krüge mit der beliebten Süßigkeit ſtanden, aber, o Jammer! die Thür war verſchloſſen. Er ſtieß mit den Füßen daran und weinte bit⸗ terlich.* »Der arme Knabe, ſein Kummer rührt mich!« „Ganz natürlich, mein Herr— denn es ging ihm ge⸗ rade ſo wie Ihnen. Endlich kam ſeine Mama und ſagte: „Hier iſt der Schlüſſel,« und gab ihm den Schlüſſel. Aber was that der alberne Knabe? Er ſchrie immer noch fort und weinte und ſtieß mit den Füßen an die Thür. Den Schlü— Schlü— Schlüſſel mag ich nicht! Ich will die Hi— Hi— Hi— Himbeexen— hu! hu! hu!s Und Jacintha ahmte das Geſchrei und die Geberden des naſchhaften Knaben auf die drolligſte Weiſe nach. Eduard ſchaute verblüfft vor ſich hin, aber nur einen Augenblick lang. Den nächſten bedeckte er das Geſicht mit den Händen und rief: „Narr, Narr, Narr, der ich bin!« „Ich werde Ihnen nicht widerſprechen,« ſagte der weib⸗ liche Mentor mit affectirter Höflichkeit. „Sie war meine beſte Freundin.* „Wer zweifelt daran?« „Sobald ich einmal mit dem Doctor bekannt bin, kann ich dann das Schloß keſuchen?« »Das wollte ich meinen.« — 195 »Sie hatte ein Mittel erſonnen, um meine Wünſche mit der furchtbaren Etikette zu vereinigen, welche hier herrſcht.« »Sie ſieht weiter als Sie— ſo viel iſt klar.« 8 »Es bleibt mir weiter nichts übrig, als ſie um Verzei⸗ hung zu bitten und meine Zuſtimmung zu geben— ich will ihr ſogleich nacheilen.« F »Nein, das werden Sie nicht,« rief Jacintha und fa ihn mit ihrer ſtarken Hand am Arme.„Wollen Sie ſich ru⸗ hig verhalten? Iſt ein dummer Streich an einem Tage nicht 8 genug? Wenn Sie ihr jetzt zu nahe kommen, ſo wird ſie Sie beleidigen und dem Doctor befehlen, nicht mit Ihnen zu ſprechen.« »„O Jacintha, wie groß iſt weibliche Bosheit!« »So lange ſie dauert. Zum Glück dauert bei uns nichts lange. Empfangen Sie daher ihre Befehle von mir.« »Ja, General,« ſagte der junge Mann, indem er mit militäriſcher Geberde den Hut berührte. »Kommen Sie ihr nicht eher wieder zu nahe, als bis Sie die Bekanntſchaft des Doctors gemacht haben, was ſich ſehr leicht thun laſſen wird. Er geht jeden Tag zwei Stunden lang auf der öſtlichen Landſtraße ſpaziren— mit den Füßen in den Waſſerpfützen und mit dem Kopfe in den Wolken.« »Aber wie ſoll ich ihn denn aus den Wolken herunter⸗ holen?« »Mittelſt des erſten beſten ſchwarzen Käfers, den Sie finden.« »Mittelſt eines Käfers?« »Ja wohl. Sobald Sie einen ſehen, ſo haſchen Sie ihn. Tragen Sie ihn, um ihn gleich bei der Hand zu haben, im⸗ mer mit ſich im Taſchentuche herum, und wenn Sie dann dem Doctor begegnen, ſo machen Sie ein ernſthaftes Geſicht und 196 ſagen Entſchuldigen Sie mein Herr, ich bin ſo unglücklich, nnicht zu wiſſen, wie dieſes Thier da auf Griechiſch heißt. Wei⸗ 4 ter brauchen Sie nichts zu ſagen. Er wird Ihnen ſofort mit⸗ theilen, wie der Name des Thieres auf Hebräiſch, Lateiniſch und Griechiſch lautet, und Ihnen die Geſchichte desſelben von der Sündflut an erzählen. Dann wird er Sie bitten, es ihm 6 zu ſchenken, und einen Kork und eine Stecknadel herausziehen n es ſofort ſpießen. Auf dieſe Weiſe zeigt der Menſch ſeine Liebe zu Käfern. Er hat dergleichen Thiere— Käfer, Schmet⸗ terlinge und dergleichen— ſchon zu Tauſenden geſammelt. Wenn ich ihnen beim Auskehren mit meinem Beſen zu nahe komme, ſo zittert er wie ein Eſpenlaub. Ich thue, als ob ich abſtauben wollte, aber es liegt mir blos daran zu ſehen, was er für ein Geſicht macht, denn auch ein armer Dienſtbote will manchmal lachen.“ „Kommen wir wieder auf unſern Käfer zurück— was kann mir die gelehrte Vorleſung des Doctors über ein ſolches Thier nützen?« „Nun, begreifen Sie das nicht? Mit einem Käfer fängt man an, aber der Himmel weiß womit man endet.« Plötzlich ward ſie ernſt. „Aber ich vergeſſe ganz, daß ich ein paar Töpfe am Feuer ſtehen habe!« Und nun, wo ihre Aufmerkſamkeit ſich einmal der Küche zuwendete, wußte Rividre, daß es nutzlos ſeyn würde, ſie noch länger aufhalten zu wollen. Indem er ihr daher mit kurzen Worten ſeinen Dank ausſprach, machte er ſich ſogleich 2uf den Weg nach der öſtli⸗ chen Straße. Es dauerte nicht lange, ſo begegnete er hier dem Doctor wirklich; da er aber noch mit keinem Inſect bewaffnet war, 197 ſo mußte er ſeine Zuflucht zu einem Vegetabilium— der gefäll⸗ ten Ulme— nehmen. Er theilte Saint⸗Aubin mit, er habe Jemanden beauftragt, in den Wirthshäuſern herum zu hor⸗ chen und wenn er etwas erlauſchte, es ihm ſofort zu melden. S „Das haben Sie recht gemacht, mein Herr,« ſagte der Arzt.»Wenn der Wein in den Menſchen hinein iſt, ſo ſickern die Geheimniſſe heraus.« Das nächſte Mal, als ſie einander begegneten, war vidre mit einer ungeheueren eingepuppten Raupe verſehen. Er hatte ſie in einer Hecke gefunden und war von ihrer wirklich auffallenden Größe betroffen. Er brachte ſie zum Vorſchein und bat den Doctor mit augenſcheilicher Schüchternheit um Belehrung. Die Augen des Gelehrten begannen zu funkeln. „Das iſt der Todtenkopfl« rief er mit Begeiſterung. „Der Todtenkopf! Eine große Seltenheit in unſerer Gegend. Wo haben Sie dieſes Exemplar gefunden?6 Rividre erbot ſich, ihm den Ort zu zeigen. Er war eine halbe Stunde entfernt. Auf dem Hin⸗ und Berwege hatte er Zeit, ſich mit Saint⸗Aubin zu befreunden, und dies war um ſo leichter, als der alte Herr, der das Stu⸗ vium menſchlicher Phyſiognomien nicht weniger liebte als das der Inſectenwelt, in Eduards Geſicht Herzensgüte und Ver⸗ ſtand zu leſen glaubte. Als ſie am Ziele ihres Weges waren, bat Eduard den Doctor, die Raupe zu behalten. Der Doctor weigerte ſich be⸗ ſcheiden. „Das wäre ja ein förmlicher Raub. Sie intereſſiren ſich ſelbſt für dergleichen Dinge— wenigſtens hoffe ich es. Der junge Schalk geſtand beſcheiden, daß er allerdings an der Entomologie viel Geſchmack fände, ſetzte aber in be⸗ 198 kümmertem Tone hinzu, ſeine Dienſtarbeiten nähmen ihn ſo ſehr in Anſpruch, daß er nicht hoffen könne, ſich in einer ſo ſchwierigen Wiſſenſchaft auszuzeichnen. Der Doctor bemitleidete ihn. „Wie ſchade,« ſagte er,„daß ein junger Mann von Ihren Talenten durch die vergängliche Politik des Tages, in welcher ſo ſelten ein großes Princip zu Tage tritt, abgehalten rd, die ewigen Geheimniſſe der Natur zu ſtudiren!« Reviére zuckte die Achſeln. »Irgend Jemand muß die ſchmutzige Arbeit verrichten,« ſagte er im Stillen lachend. Kurz, die Raupe wanderte in der Taſche eines Dank⸗ baren nach dem Schloſſe Beaurepaire. „O kluge Jacintha,« ſagte der Liebende,»ich glaubte, Du wollteſt mich zum Beſten haben, aber das Herz dieſes Mannes iſt wirklich auf dieſe Dinge verſeſſen. Wir ſind heute einander um eine ganze Meile näher als geſtern.* Der Doctor erzählte ſeine Unterredung mit dem jungen Riviere, dem er hohe Lobſprüche ſpendete, und zielte damit auf Laura, die ſein Verdienſt geſchmälert, als ob er ihr de⸗ mit eben ſo viele tödtliche Streiche verſetzte. Ihre muthwilli⸗ gen Augen funkelten vor Schalkhaftigkeit und hätten eine Pul⸗ vermine zur Exploſion bringen können, aber ihr Mund ſprach keine Sylbe. * Die weiße Fahne wehte von den Zinnen des Schloſſes Beaurepaire. Der Staatsbeamte warf ſofort ſeine Tabellen hin, ergriff ſeinen Hut und eilte hinaus. ** 9 „Ich will Ihnen blos ſagen, daß Sie in hoher Gunſt ſtehen und daß ich glaube, Sie können einen Beſuch wagen,« ſagte Jacintha. »Wie? Bei der Baronin?“ „Warum nicht? Wir werden ihr früher oder ſpäter doch auch eine Rolle mit zutheilen müſſen.« »Aber ich wollte ihr ſchon einmal meine Aufwartung machen und ward mit Verachtung zurückgewieſen. »Ha, ha, ha! Ich weiß recht wohl, wie Sie kamen, um uns Ihre Gunſt anzubieten. Wohlan, ich will Ihnen nun ſagen, daß Sie in Beaurepaire eine weit beſſere Rolle ſpielen können als dieſe. Verlangen Sie lieber eine Gunſt von uns und kommen Sie mit dem Hute in der Hand. Wir lieben es. Bitten zu gewähren— wir ſind daran gewöhnt, pflegen aber nichts von Andern anzunehmen.* — »Aber was ſollte ich mir erbitten?« »O was Sie wollen! Es kommt blos darauf an, daß es klingt wie eine Bitte.« . — „Ich weiß es— ich werde um die Erlaubniß bitten, auf dem Reviere von Beaurepaire jagen zu dürfen.« »Sehr gut. Und dadurch erhalten Sie zugleich einen Vorwand, mir manchmal wieder ein Rebhuhn zu ſchenken,« ſagte ſie, denn ſie verlor ihr Küchendepartement niemals aus den Augen.»Alſo kommen Sie— vorwärts!« »Was? jetzt?— dieſen Augenblick? Darauf bin ich nicht vorbereitet. Das Herz pocht mir gewaltig, wenn ich nur daran denke.« »Ach dummes Zeug! Die Baronin und der Doctor ſind jetzt mit einander auf der füdlichen Terraſſe. Ich aber weiß das nicht. Ich werde Sie in das Zimmer der Baronin hin⸗ aufführen und ſie wird nicht da ſeyn— Sie verſtehen mich. Gehen Sie jetzt nach dem Hauptthore, pochen Ste an und ich„ werde Sie einlaſſen.« Ende des erſten Theiies. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. . fſſſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 ₰ N 5